X Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und d2 kangiſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens * Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 9 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den. angenommen. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eimes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 R Bücher: 6 6 Bücher: 1 Ir.—— auf 1 Monat: 1 Mt— Pf. 1 N 50 Pf. 2 N Pf. „ 4—„ 5. Auswuürtige Aoregenten haben für Hin’und Zurückſendung der(Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlrene und deftet⸗ Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir r geliehen⸗ auch dafür 3u lichen haben. — ——-—-———y— Der Neue Don Qnixote. — vierter Band. Der von — F. Hackländer. Vvierter Band. K Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1858. Ueue Don Quirote Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. — Inhalt des vierten Bandes. Achtunddreißigſtes Kapitel. Baron Fremont Ueununddreißigſtes Kapitel. Eine Leidenſchaft Vierzigſtes Kapitel. Der Waldweg. Einundvierzigſtes Kapitel. Eugeniens Mutter Zweiundvierzigſtes Kapitel. Kirche und Wirthshaus. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Entenpforte Numero Vier. Vierundvierzigſtes Kapitel. Guitarrenklänge Seite 23 40 58 119 Inhalt des vierten Bandes. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Mörder! Mörder! Sechsundvierzigſtes Kapitel. Auf der Polizei: Siebenundvierzigſtes Kapitel. Die Unſchuld ſiegt Achtundvierzigſtes Kapitel. Das entwendete Concept.... Ueunundvierzigſtes Kapitel. Eugenie und die Freunde Fünßigſtes Kapitel. Selbſtquälereien Achtunddreißigſtes Kapitel. Baron Fremont. 9 Die Baronin ſaß bei dem Frühſtückstiſche; neben ihrem Seſſel auf einem Tabouret lag ein aufgeſchlagenes Buch, in das ſie noch einen flüchtigen Blick warf und dann den Kopf herum wandte, den Beiden entgegen, die Hand in Hand in das Zimmer traten. „Es iſt ein Glück,“ ſagte Frau von Breda lächelnd,„daß du zur Zeit nach Hauſe gekommen biſt. Ich glaube, Eugenie hätte dich heftig gezankt; ſie muß einen abſonderlichen Ap⸗ petit verſpürt haben, und das ſchon vor einer Stunde, denn damals meinte ſie ſchon, du könnteſt wohl nach Hauſe kommen.“ „Habe ich das geſagt, meine liebe Tante?“ fragte das j junge Mädchen mit dem Ausdrucke der Ueberraſchung. „Gerade nicht mit denſelben Worten,“ entgegnete die Ba⸗ ronin,„aber du fragteſt mich, ob Onkel George häufig vor dem Frühſtück in die Stadt gehe, ob er lange auszubleiben Hackländer, Don Quixote. IV. 1 2—————————— 2 Achtunddreißigſtes Kapitel. pflege, und dann ſahſt du auf die Uhr und meinteſt, es müſſe unbedingt ſpäter ſein, als dieſe anzeige.“ „O welche Ungeduld!“ ſprach Baron von Breda, laut und unbefangen lachend. Doch warf er mit der Schnelligkeit zdes Blitzes einen Blick auf ſeine Frau, welche aber ſo gleich⸗ gültig wie immer, ohne alle Erregung daſaß und in dieſem Augenblicke ihr Papiermeſſer zwiſchen die Blätter des Buches legte, um die Stelle nicht zu verlieren, wo ſie in ihrer Lecture ſtehen gebieben. Dabei ſagte ſie: „Eugenie iſt ein lieber wilder Vogel, der drückend die Mauern des Hauſes fühlt, beſonders da es ſich dem Früh⸗ jahr nähert, deſſen Vorboten, die warmen Winde, ſchon den Schnee weggeſchmolzen und die Bäche vom Eiſe befreit haben. Ich glaube, Kind, du beneideſt jeden, der draußen im Freien iſt.— Wahrhaftig, George,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher das junge Mädchen ſich zu ihr hinab gebeugt und der Baronin mit der vollen Hand über das Haar ge⸗ ſtrichen hatte,„wenn es einmal draußen grün iſt, ſo müſſen wir an einen Aufenthalt auf dem Lande denken. Dann thut uns unſer Wildfang hier nicht mehr gut.“ „Nein, nein, liebe Tante,“ erwiderte Eugenie,„Sie thun mir wirklich Unrecht; wo könnte es mir angenehmer ſein, als bei Ihnen! Unſer Haus wird ja mitten im Grünen ſtehen, und wenn ich noch mehr will, ſo kann ich von meinem Fenſter nach den Bergen drüben ſehen und mir ganz gut einbilden, ich ſei dort und eile unter den dichtbelaubten Bäumen hinweg auf dem weichen Mooſe dahin über Berg und Thal.“ Die Zwei hatten unterdeſſen Platz genommen und der Baron ſagte:„Ich fürchte faſt, wenn du zu häufig mit dei⸗ — Baron Fremont. 4 3 ner regen Phantaſie nach den Bergen hinaus blickſt, ſo wirſt du Heimweh nach ihnen bekommen, und wenn das iſt, ſo müſſen wir allerdings ein bischen mit dir hinaus gehen, damit du auch die Welt zu ſehen bekommſt. Nicht wahr, Julie?“— „O ja,“ entgegnete Frau von Breda.„Und davon werde ich alsdann auch profitiren. Onkel George iſt ſchwer zu irgend einer Reiſe zu bewegen, und du kannſt dir was darauf ein⸗ bilden, daß er dir eine verſpricht.“ Sie ſagte das mit dem beſten Humor, und ohne irgend einen anderen Ton in ihre Stimme zu legen. Während deſſen ſervirte der Kammerdiener die einfachen Schüſſeln, aus denen das Frühſtück beſtand, und Friedrich ſtand an der Thür, die ins Haus führte, um die überflüſſigen Teller wegzutragen. Eugenie wandte ſich nach ihm um, winkte ihm, näher zu kommen, und fragte ihn nach dem Teller mit den Orangen⸗ blüthen. Der kleine Reitknecht hatte denſelben auf ein Nebentiſch⸗ chen geſtellt und brachte ihn jetzt eilig herbei. „Siehſt du,“ ſagte der Baron zu ſeiner Frau,„was Eugenie für Sachen macht! Da bricht ſie mir meine koſtba⸗ ren Blüthen ab, und weiß doch, wie ſehr ich mich darüber freue, wenn ſie an den Bäumen bleiben.“ Ein plötzlicher Schatten fuhr über die ſo heiteren und glücklichen Züge des jungen Mädchens, blieb aber keine Se⸗ kunde dort, und dann ſprach ſie fröhlich wie zuvor:„O, Onkel George, du machſt nur Scherz. Nicht wahr, es war nicht dein Ernſt? Wie ſollte ich etwas thun, was dir unangenehm wäre? Gewiß nicht, gewiß nicht! Nein, die Sache iſt ſo: 4 Achtunddreißigſtes Kapitel. der Gärtner wollte mir dieſe Blüthen geben, und da rief ich Friedrich, er möchte ſie für die Tante auf den Frühſtückstiſch beſorgen.“ Der Groom hatte nicht übel Luſt, ſich ſo weit zu ver⸗ geſſen, die Ausſage der jungen Dame zu bekräftigen. Doch begegnete er glücklicherweiſe einem Blicke des Herrn, der zu⸗ fällig aufſchaute, weßhalb er ſich beeilte, den ſchon aufgeſperr⸗ ten Mund ſchleunigſt wieder zufallen zu laſſen. „Ich war im Wintergarten,“ fuhr Eugenie fort,„und ſprach mit Herrn Brenner; ich erinnerte ihn daran, daß wir uns häufig draußen geſehen, vor Jahren, und daß er mich bei Papa verklagt, als ich einmal die Hunde losgelaſſen und mit ihnen in den Wald gegangen war, um zu jagen; ich denke noch gerne daran.“ „Und das hat dir damals Freude gemacht, mein Kind?“ fragte Frau von Breda.„Sieh, das begreife ich nun nicht. Ich leſe gern von den Jagden fremder Länder und kann mich dabei für dieſes oder jenes Abenteuer intereſſiren; auch amuſirt es mich, eine gut geſchriebene Streiferei durch unſere Wälder in einem Buche zu finden; aber ſelbſt dergleichen mitzumachen— ich weiß wohl, es gibt Damen genug, die das gern thun— das wäre mir unmöglich. Ja, wenn ich einmal im Frühjahr oder Sommer, was zuweilen vorkommt, durch den Wald fahre oder eine intereſſante Gegend bereiſe, ſo macht es mir das größte Vergnügen, dabei aus einer Lecture zu erfahren, was ein Anderer ſich beim Betrachten dieſes Waldes, dieſer Ge⸗ gend gedacht.“ „Du biſt ſehr genügſam, Julie,“ meinte der Baron,„und glücklich in deiner Genügſamkeit.“ — — d —₰ — ——,,— 2 Baron Fremont. 5 „Ja, glücklich, weil ich im Grunde wenig Bedürfniſſe habe; darin beſteht das wahre Glück.“ „Wir dagegen,“ wandte ſich Herr von Breda an Eugenie, möchten lieber mit eigenen Augen erfahren, wie es in der Welt ausſieht, und wollen dann meinetwegen ſpäter etwas Geſcheidtes darüber leſen, um uns dadurch wiederholt alle ſchönen Momente ins Gedächtniß zurückzurufen.“ „Es iſt ſchade,“ nahm die Baronin nach einer Pauſe das Wort,„daß du vergangenen Herbſt deine Jagden nicht ſelbſt abgehalten haſt, wie du das ja ſonſt zu thun pflegteſt. Du hätteſt ja ein paar Bekannte einladen können, und es würde Eugenie gewiß ſehr amuſirt haben, einige Zeit da draußen in dem romantiſch gelegenen Jägerhauſe all das Getümmel mit 6 zu erleben.“ Der Baron ſchaute lächelnd auf das junge Mädchen, und als er ſah, wie ſie ihn fragend anblickte, zuckte er mit ☛ den Achſeln und antwortete ſeiner Frau:„Ja, wenn du eine Freude daran gehabt hätteſt, Julie, ſo würde mich das aller⸗ dings ſehr amuſirt haben.“ „Ich?“ meinte Frau von Breda.„Gott ſoll mich be⸗ 8 wahren! Du weißt wohl, daß das vollkommen gegen meinen Geſchmack iſt. Dazu muß man Neigung haben wie Eungenie. Ich verſichere dich, Kind,“ wandte ſie ſich an dieſe,„ein paar 1 Tage lang habe ich es einmal probirt, als hier gebaut wurde 6 und George mich bat; da waren wir draußen auf dem Jäger⸗ hauſe.“ George von Breda ſpielte mit ſeinem Meſſer auf dem 1 Teller und verſank, während ſeine Frau ſprach, in tiefes Nach⸗ ſinnen. „Es war ein kaltes, unheimliches Wetter, fußhoch lag 6 Achtunddreißigſtes Kapitel. der Schnee auf dem Boden, ſowie dick auf den Zweigen der Bäume und drückte ſie ordentlich tief herab. Dazu war die Kälte ſo ſtark, daß die Fenſterſcheiben faſt den ganzen Tag gefroren waren. Nun denke dir dazu das alte ſteinerne Haus, in welchem ſo lange keine Feuer gebrannt hatten— es war unbehaglich über alle Beſchreibung. In dem weiten Kamine des großen Salons lagen in Einem fort den Tag über und den Abend die dickſten Baumklötze und flammten und praſſel⸗ ten wie ein Wachtfeuer, und Alles fand ſich da ſchon Mor⸗ gens früh, namentlich aber bis in die ſpäte Nacht zuſammen. Und nicht bloß die Herren Jäger, nein, auch die Hunde hatten da freie Entree.“ Der Baron blickte einen Moment in die Höhe und ſah, wie die Augen des jungen Mädchens vor Vergnügen leuch⸗ teten, als die Tante dieſes für ſie ſo abſchreckende Bild entwarf. „Ich mußte die Wirthin machen,“ fuhr Frau von Breda fort,„und mich auch zuweilen den Gäſten zeigen. Dabei danke ich nur meinem Schöpfer, daß ich mich nicht überreden ließ, mit der wilden Jagd hinaus zu ziehen. Weißt du noch, George, wie du und Helfenberg mich mit aller Gewalt über⸗ reden wolltet, an jenem Morgen mit euch zu reiten?“ Der Baron nickte mit dem Kopfe. „Ich ſage dir, Kind,“ waͤndte ſich Frau von Breda aber⸗ mals an Eugenie,„das hätte dich von all dergleichen Liebha⸗ bereien für Zeitlebens curirt. Der Lärm vom frühen Mor⸗ gen an! Ich war herzlich froh, wenn ſie endlich in den Wald hinaus gezogen waren, und war dann erſt vergnügt, als ich nach ein paar Tagen die Erlaubniß erhielt, nach Hauſe zu fahren.— Habe ich übertrieben?“ fragte ſie den Baron. Baron Fremont. 7 Dieſer zuckte mit den Achſeln und entgegnete:„Jedes 5 nach ſeinem Geſchmack; vielleicht, daß enie doch Freude daran gefunden hätte.“ Während ſeine Frau vorhin dem jungen Mädchen von dem Förſterhauſe erzählt, hatte ſich George träumend mit demſelben Gegenſtande, nur ganz anders, beſchäftigt. Auch er hatte ſich in Gedanken nach dem alten Jagdſchloſſe verſetzt 9⁹ und ſah den großen Saal vor ſich mit ſeinem weiten Kamine, in welchem die mächtigen Holzblöcke praſſelten und flammten; auch die Hunde, welche ſeine Frau ſo ſehr verabſcheute, lagen auf dem Boden, den Kopf auf die Vorderpfoten gedrückt, und in ihren großen, glänzenden Augen ſtrahlte der Wiederſchein 1 der Flamme. Eungenie hätte mich begleiten ſollen, dachte er 1 dabei.— Und nun ſah er das ſchöne Mädchen auf dem alten Stuhle von geſchnitztem Eichenholze ruhen, den Kopf in die Hand gelehnt, mit den lebhaften Augen vor ſich hinſchauend und gern anhörend, was von der heutigen Jagd erzählt wurde. Und dann trat der andere Morgen vor ſeine Phantaſie. Der Himmel war klar und die Luft kalt; aber ſie erſchien lachend mit ſanftgeröthetem Geſichte auf der Treppe des Schloſſes und ſchwang ſich mit ſeiner Hülfe in den Sattel. Dann zogen ſie dahin, aber er war an dem Tage ein ſchlech⸗ 3 ter Jäger; ſie plauderte ſo vergnügt und ritt auch ſo dicht ' neben ihm, daß es ihr gar keine Mühe machte, ihre kleine Hand auf die Mähne ſeines Pferdes zu legen; er drückte zu⸗ weilen die ſeinige darauf, um ſie vor der Kälte zu ſchützen, und ſo ritten ſie einen einſamen Waldpfad, plaudernd, lachend, Eins das Andere anſchauend. So träumte er. Und dann krachte es im Gebüſche, ſo — d . 4 ———yö———————— 8 Achtunddreißigſtes Kapitel. daß ſie ſich erſch an ihn ſchmiegte, wo er dann nicht an⸗ ders thun konnte, als ſeinen Arm ſchützend um ihre ſchlanke Geſtalt zu legen. Da ſprang dereweiße Hirſch vorbei und ſchreckte ihn aus ſeinen Träumereien empor.— „Nächſten Herbſt,“ ſagte Frau von Breda, indem ſie ſich von ihrem Stuhle erhob,„mußt du unbedingt die Sache ein⸗ mal mitmachen.“ „Und dann werden Sie mich begleiten?“ fragte ſchüchtern das junge Mädchen. „Ich? Nein, Gott ſoll mich bewahren! Wie ſchon vor⸗ hin geſagt, habe ich an einem Mal vollkommen genug gehabt.“ Sie griff mit der Hand in die Orangenblüthen, nahm ein paar und roch daran. „Ein wunderbarer Duft,“ meinte ſie.„Wenn man das riecht und die Augen ſchließt, ſo iſt es gerade, als wenn man in Italien wäre, ruhend am Meere unter einem der pracht⸗ vollen Bäume, die dort im Freien wachſen und ihre weiten Aeſte über uns hinſtrecken. Ich leſe ſehr gern darüber.“ „Und ich möchte das gar zu gern ſelbſt erleben,“ ſagte Eugenie, indem ſie ebenfalls eine der Blüthen nahm, ſie zwiſchen ihren Fingern rieb und dann zu Boden fallen ließ. „Wer weiß,“ meinte der Baron, der an den Kamin ge⸗ treten war und eine Cigarre anzündete,„ob du das nicht noch alles zu ſehen bekommſt! Du biſt jung, dir ſteht unter ge⸗ wiſſen Verhältniſſen die Welt offen; wahrhaftig, ich würde mich freuen,“ ſetzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu, „wenn wir uns ſpäter einmal wiederſehen und du mir als⸗ Baron Fremont. 9 dann von all dem Schönen erzählen würdeſt, was du erlebt— was dich gefreut.“ „Ich danke, Onkel George, für deinen guten Wunſch,“ verſetzte Eugenie,„aber am ſchönſten wäre es, wenn wir alles das zuſammen erleben könnten. Ich bin überzeugt, die Tante wird ſich auch noch einmal zum Reiſen entſchließen, und, nicht wahr, dann nehmt ihr mich mit?“ Sie warf dabei einen freundlichen Blick auf Onkel George und beugte ſich dann nieder, um ihre Tante auf die Stirn zu küſſen, die ſich in ihren Fauteuil niedergelaſſen und das Buch wieder ergriffen hatte. Der kleine Reitknecht hatte unterdeſſen den Moment wahr⸗ genommen, wo alle Drei dem Frühſtückstiſche den Rücken wandten, ſich raſch gebückt und die Blüthe vom Boden auf⸗ gehoben, welche die junge Dame ſo eben zwiſchen ihren Fin⸗ gern zerdrückt. Daran wäre nichts Auffallendes geweſen; daß er ſich aber dabei ſcheu umſah und ſie alsdann haſtig in die Taſche ſteckte, hätte beinahe die Aufmerkſamkeit des Barons erregt, der unabſichtlich in dem Spiegel über dem Kamine die Bewegung des Grooms ſah, während er ſich ſeine Cigarre anzündete. Doch dachte er begreiflicherweiſe nicht weiter daran, um ſo weniger, da in dieſem Augenblicke der Kammerdiener eintrat und den Baron von Fremont meldete, der den Damen ſeine Aufwartung zu machen wünſche. Frau von Breda blickte fragend auf den Hausherrn, der die Achſeln zuckte und dann dem Kammerdiener antwortete: „Es wird uns angenehm ſein.“ Ein paar Minuten darauf wurde die Thür geöffnet, und der Gemeldete trat herein. 10 Achtunddreißigſtes Kapitel. Er ſchien ſich den Rath ſeines Freundes, des Herrn von Tondern, zu Nutze gemacht zu haben, denn er trug eine an⸗ dere Weſte mit weniger auffallenden Knöpfen; auch waren ſeine Bewegungen äußerſt ruhig und ſein Geſicht faſt ernſt, als er ſich nach dem Befinden der Frau von Breda erkundigte. Nur während er Eungenien eine tiefe Verbeugung machte, blitzte es ſo freundlich auf ſeinem Geſichte, daß ſeine weißen Zähne ſichtbar wurden. Dem Baron reichte er die Hand und ließ ſich auf einen Fauteuil nieder, den ihm der kleine Reitknecht auf einen Wink des Herrn von Breda hinſchob. Nachdem Baron Fremont erfahren, daß ſich ſämmtliche Anweſende des beſtens Wohlſeins erfreuten, auch dagegen ver⸗ ſichert, daß er ſelbſt durchaus keinen Grund zu irgend einer Klage habe, ſagte er:„Beinahe wäre ich vor Ihrem Hauſe wieder umgekehrt, denn ich zog meine Uhr hervor und be⸗ merkte, daß es eben erſt Elf vorbei ſei; ich fürchtete, Sie beim Frühſtück zu überraſchen.“ Er hatte bei dieſen Worten ſchon angefangen, die gol⸗ dene Kette um ſeinen Finger zu wickeln, ließ ſie aber augen⸗ blicklich wieder fahren, da er ſich noch zur rechten Zeit des Geſprächs von heute Morgen erinnerte. Die Baronin gab auf Fremont's Bemerkung zur Ant⸗ wort:„Und wenn Sie uns wirklich beim Frühſtück überraſcht hätten, ſo ſähe ich darin gerade kein Unglück. Sie hätten vielleicht ein Couvert acceptirt oder ſich nichts daraus ge⸗ macht, ſo zu aſſiſtiren. Wir hätten auf jeden Fall dabei ge⸗ wonnen.“ „Gnädige Frau ſind zu freundlich für mich geſinnt,“ verſetzte Fremont geſchmeichelt.„Doch hätte ich heute auf kei⸗ nen Fall ein Couvert acceptiren können, da ich noch vor Kurz könnt mach freun und mandh auf das mene einer ſchüc Tan Häu ange Baron Fremont. 11 Kurzem bei Ihnen auf ähnliche Art zum Diner kam. Man könnte ja wahrhaftig glauben,“ ſetzte er lachend hinzu,„ich mache abſichtlich zu gewiſſen Zeiten meine Beſuche.“ 3 „Und wenn dem ſo wäre,“ ſagte George von Breda in freundlichem Tone,„was läge daran? Auch ich war Gargon und weiß mich aus jenen Zeiten zu erinnern, daß ich bei manchen Bekannten lieber à la fortune du pot ſpeiste, als auf eine förmliche Einladung; vorausgeſetzt nämlich, daß mir das Haus angenehm war.“ „Dieſe Vorausſetzung kann für mich nirgendwo vollkom⸗ mener eintreffen, als hier bei Ihnen,“ ſagte der Baron mit einer Verbeugung gegen Frau von Breda und indem er einen ſchüchternen Blick auf Eugenie wagte, die an der Seite ihrer Tante ſaß und deren Buch in der Hand hielt.„Von allen Häuſern, die ich kenne, gibt es gewiß keines, wo ich mich angenehmer und behaglicher finde, als hier bei Ihnen.“ „So beweiſen Sie das durch die That,“ verſetzte Frau von Breda,„und kommen häufiger als bisher.“ Nachdem ſich Fremont abermals und ſehr freundlich ver⸗ beugt, wandte er ſich an die junge Dame und ſprach:„Mein verehrtes Fräulein, Sie ſcheinen ja eine eifrige Leſerin zu ſein; kaum vom Frühſtücktiſch aufgeſtanden, haben Sie das Buch ſchon wieder in der Hand! Das gute Beiſpiel Ihrer 1 Frau Tante muß ſehr auf Sie eingewirkt haben.“ „Ich darf dieſes Lob nicht annehmen,“ erwiderte das junge Mädchen;„es iſt das Buch, in welchem meine Tante geleſen, das ich hier in der Hand halte. Ich möchte aber in der That,“ ſetzte ſie launig hinzu,„daß deren vortreff⸗ 1 liches Beiſpiel wirklich mehr auf mich eingewirkt hätte, als — —— 12 Achtunddreißigſtes Kapitel. es der Fall iſt. Nicht wahr,“ wandte ſie ſich an Frau von Breda,„darin muß ich mich noch recht ändern?“ „Das iſt Sache des Geſchmacks, liebes Kind,“ ſagte dieſe.„Es iſt nicht Jedermann gegeben, ſich ſo anhaltend und unaufhörlich mit Lectüre zu beſchäftigen. Ich bin ſogar weit entfernt davon, dies als allzu vortheilhaft für uns ſelbſt, noch weniger aber als angenehm für die Umgebung zu be⸗ zeichnen. George hat mich früher oft darüber gezankt.“ „Das iſt wahr, mein Kind,“ miſchte ſich der Hausherr ins Geſpräch;„aber bei den vielen vortrefflichen Eigenſchaften, die du haſt, kann man dir den kleinen Fehler der Leſewuth allenfalls zu Gute halten. Und doch hat es mich anfänglich einigermaßen genirt.“ „O, er ſagt: anfänglich, dieſer gute George!“ lachte Baron Fremont,„das glaube ich wohl. Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber es muß auch für einen jungen Ehemann ziemlich fatal ſein, wenn er ſieht, daß ſich ſein beſſeres Ich den Büchern mehr zuwendet, als ſeiner eigenen liebenswür⸗ digen Perſönlichkeit. Hahaha! das würde mich ſehr ver⸗ drießen!“ Er ließ bei dieſem Lachen alle Zähne ſehen, wickelte ſeine Uhrkette auf und ab, ohne ſich des Wortes des Herrn von Tondern zu erinnern, und ſetzte luſtig hinzu:„Alſo, Baron, das kann einen anfänglich recht geniren?“ Herr von Breda zuckte mit den Achſeln und entgegnete in etwas, trockenem Tone:„Das kommt eigentlich alles darauf an, ob man mit ſehr viel Anforderungen in die Ehe tritt.“ „Nun, das ſollte ich doch meinen,“ ſagte Baron Fre⸗ mont;„ich für meinen Theil würde, glaube ich, mit ziemlich Baron Fremont. 13 vielen auftreten, dagegen aber auch die meiner zukünftigen Frau auf ehrliche und redliche Weiſe zu erfüllen ſuchen.“ „Ja, lieber Fremont,“ verſetzte lachend der Hausherr, 1„du biſt auch ein ganz vortrefflicher Charakter, eine Aus⸗ nahme von jeder Regel, und wie ich dich kenne, könnte dich auch nur die heftigſte Liebe dazu bewegen, eine Frau zu nehmen, obgleich du beinahe alt genug wäreſt, um dieſen vernünftigen Gedanken auch unter etwas weniger Leidenſchaft zu faſſen.“ 1 ☛ Der Baron ſeufzte ein klein wenig und blickte zu Boden, doch wagte er es nicht, die junge Dame anzuſchauen; denn er fühlte wohl, daß das Auge ſeines Freundes forſchend auf ihm ruhte. „Bei alle dem bin ich überzeugt,“ nahm Frau von Breda mit ſehr gutmüthigem Tone das Wort,„daß der Baron ein vortrefflicher Ehemann werden wird; er iſt häus⸗ lich, er führt als Gargon ein ſehr geregeltes Hausweſen, und ſeine Aufmerkſamkeit gegen die Damen iſt genugſam bekannt. Wahrhaftig, Herr von Fremont, wenn ich noch viel in die Welt ginge, ſo würde ich mich damit beſchäftigen, für Sie eine Frau zu ſuchen. Ich glaube, man kann Sie mit gutem Gewiſſen empfehlen.“ „Und ich bin überzeugt,“ antwortete ſchnell der Baron, „daß Ihre Hand glückbringend iſt und es für mich vom größten Segen wäre, wenn Sie ſich meiner in der That an⸗ nehmen wollten.“ Er lächelte dabei verbindlich, ſchaute aber die Ba⸗ ronin mit einem ſo eigenthümlichen Blicke an, daß die kluge 1 Frau alsbald verſtand, hinter ſeinen Worten ſtecke etwas mehr als gewöhnliche Galanterie. 14 Achtunddreißigſtes Kapitel. „Das brauchſt du ihr nicht ernſtlicher zu ſagen,“ be⸗ merkte heiter George von Breda;„ich verſichere dir, eine Heirath zu Stande zu bringen, iſt für jede Dame eine der liebſten Beſchäftigungen, und wenn du dir meine Frau zur Unterhändlerin erbitteſt, ſo läßt ſie, wenigſtens für eine Zeit lang, ſelbſt ihre Bücher im Stich und begibt ſich ſogar wieder in die Geſellſchaft.“„ „Das würde ich auch thun,“ meinke die Frau vom Hauſe.„Vertrauen Sie mir ganz, Baron,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu, indem ſie ſich in ihren Fauteuil zurücklehnte und die Hände über einander legte. Eugenie hatte das Buch ihrer Tante geöffnet und las mit großer Aufmerkſamkeit darin. „Es ſcheint,“ ſprach Baron Fremont etwas verwirrt, „Sie nehmen meine leichte Aeußerung von vorhin für Ernſt. Ja, wenn ich ſo die Sache recht betrachte,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er vergeblich verſucht, in das Auge des jungen Mädchens zu blicken,„ſo iſt es doch ſo allein in der Welt ein zweckloſes Leben. Gewiß, gnädige Frau, ich will dieſe Angelegenheit recht aufmerkſam überlegen, bin aber verſichert, wenn ich eines Tages vor Sie hinträte und Sie um Ihre Hülfe bäte, da würden Sie ſich Ihres halben Verſprechens gar nicht mehr erinnern wollen.“ George von Breda, den dieſes Geſpräch etwas Weniges langweilen mochte, ging an die Thür des Wintergartens, um ſeine ausgebrannte Cigarre in einen auf der Terraſſe ſtehen⸗ den Kübel zu werfen. Das junge Mädchen, bisher ſehr vertieft in ihre Lectüre, hob den Kopf etwas in die Höhe und blickte Onkel George nach, was aber Baron Fremont nicht zu bemerken ſchien; denn 4 Baron Fremont. 15 er hatte ſich bei den letzten Worten, die er ſprach, gegen die Baronin gewandt, welche ihm jetzt zur Antwort gab: „An meinem guten Willen ſoll es gewiß nicht fehlen, beſter Baron. Aber ich bemerkte vorhin, daß ich gar nicht mehr in die Welt gehe und deßhalb aus allen Connexionen bin, ſonſt—“ „Dieſes Sonſt,“ unterbrach Baron Fremont die Dame etwas auffallend lächelnd,„iſt mir genug, und nehme ich es als ein Verſprechen Ihrer Hülfe an. Alſo wenn ich einſtens um Ihre Vermittlung nachſuche, und Sie können mir Ihre Hülfe leihen trotz Ihrer wenigen Connexionen, ſo wollen Sie bereit dazu ſein?“ 4 „Mit größtem Vergnügen,“ entgegnete Frau von Breda, „und möchten Sie nur recht bald kommen!“ Obgleich dieſes Geſpräch im Tone ſcherzhafter Conver⸗ ſation geführt worden, ſo war es doch der Frau vom Hauſe, als klinge durch dieſen Scherz etwas Ernſtes, und nach dem letzten Worte, das ſie geſprochen, blickte ſie forſchend auf den Baron, der den Kopf erhoben hatte und augenſcheinlich mit großem Intereſſe nach Eugenien hinblickte, die jetzt, wo die Unterhaltung der Beiden einen Moment ſtockte, das Buch ſinken ließ und zu ihrer Tante ſagte: „Sie müſſen mir dieſen Band ſpäter einmal erlauben; ich habe da eine wirklich intereſſante Schilderung einer Be⸗ ſteigung des Aetna angefangen.“ „Alſo laſen Sie dennoch?“ fragte der Baron, und man hätte glauben können, einen etwas pikirten Ton zu vernehmen, wenn ſeine Frage nicht mit einem freundlichen Lachen begleitet geweſen wäre. 81 „Ich vergaß wahrhaftig, dir eine Cigarre anzubieten,“ Achtunddreißigſtes Kapitel. ſagte der Hausherr, von der Terraſſe zurückkommend.„Ver⸗ zeihe mir und mache meinen Fehler wieder gut, indem du ſo ſchnell wie möglich eine nimmſt.“ „Hier bei den Damen nie,“ erwiderte galant der Andere; „wenn du mir aber erlaubſt, einen Blick in deinen Winter⸗ garten zu werfen, ſo acceptire ich mit großem Danke.“ Dabei hatte er ſich erhoben und nahm eine Cigarre, die ihm George von Breda augenblicklich reichte, indem dieſer dabei ſprach:„Das verſteht ſich von ſelbſt, wenn es dir Ver⸗ gnügen macht; der Garten fängt an, ſich wieder zu beleben, die warme Sonne bricht ſchon mächtig herein und zaubert uns hier einen Vorfrühling.“ „Gib mir mein Buch, liebe Eugenie,“ ſagte die Tante. „Der Baron wird mich entſchuldigen. Du kannſt auch mit den Herren gehen, wenn du willſt.“ Das junge Mädchen ſchaute einen Moment in die Höhe, und ihre Augen trafen zufällig einen Blick von Onkel George, worauf ſie der Frau von Breda das Buch reichte, ſie auf die Stirn küßte und dann an der Seite des Hausherrn, der den Baron Fremont voranließ, der Terraſſe zuging. Dabei legte ſie leicht ihre Hand auf ſeine Schulter. Die Drei traten in den Wintergarten, und Baron Fre⸗ mont ließ ſich mit einer bewundernswürdigen Geduld wieder einmal die ganze Einrichtung deſſelben, ſo wie jede neue Pflanze und alles, was in den letzten Tagen empor geblüht war, zeigen. Es gehört in der That viel Freundſchaft und guter Wille dazu, einem Gartenliebhaber in ſeinem Enthuſiasmus nur halbwegs zu folgen; denn alles das, was dieſer mit dem größten Intereſſe betrachtet und uns zeigt, ſehen wir für Baron Fremont. 17 etwas ſehr Gewöhnliches und ſchon oft Dageweſenes an. Für uns iſt die Hyacinthe oder die Roſe eines fremden Gar⸗ tens eben nur eine Blume wie jede andere; wir kennen ja nicht die Geſchichte ihres Lebens, daß zum Beiſpiel das Tiefe, Dunkelblaue der Hyacinthe etwas ganz Abnormes iſt, und daß der Roſenſtock, der jetzt ſo freundlich blüht, kaum von einer langwierigen Krankheit erſtanden iſt, und daß ihm nur durch die ſorgfältigſte Pflege das Leben gerettet wurde. Für den Gartenliebhaber iſt das aber von nicht minderem Intereſſe, als daß jetzt die großen Fenſter des Gewächshauſes hermetiſch ſchließen, und daß der Springbrunnen, deſſen Röhren auf unbegreifliche Art hartnäckig verſtopft waren, nun wieder ſei⸗ nen klaren vollen Strahl luſtig in die Höhe wirft. Für uns aber iſt das ebenſo gleichgültig, als wenn wir erfahren, daß der Sand unter unſeren Füßen außerordentlich weit hergeholt werden mußte, und daß die Tulpen nicht recht gediehen ſind, weil der Gärtner ſie nachläſſiger Weiſe in ein Beet geſteckt, deſſen Erde ſauer geworden. Der gute Baron Fremont hatte es aber bei ſeinem Spa⸗ ziergang durch den Wintergarten mit zwei Enthuſiaſten zu thun; denn an all die Sachen, auf die ihn der Hausherr nicht aufmerkſam machte, vergaß Eugenie nicht, dieſen zu er⸗ innern. Und da kamen ganze Geſchichten über eine kränkliche Roſe, über die Farbe der Hyacinthen, über nicht ſchließende Fenſter und alles, was wir vorhin erwähnt, zum Vorſchein. Dabei war es indeſſen ſonderbar, daß ſich Baron Fremont heute all der unbekannten Sachen lebhafter erinnerte, als er je zuvor gethan. Das junge ſchöne Mädchen war aber auch gar zu reizend Hackländer, Don Quixote. IV. 2 2 — —— 18 Achtunddreißigſtes Kapitel. in ihrer Natürlichkeit, in ihrer kindlichen Freude über irgend ein Pflänzchen, zu welchem ſie ſich niederbeugte, über eine frühe Roſe, die ſie, Gott mochte wiſſen, zum wie vielten Male, mit der größten Bewunderung betrachtete und mit ihren friſchen Lippen faſt berührte, über das klare Waſſer des Springbrunnens, in das ſie leicht ihre weißen Finger tauchte, kurz, über alles, was ſie ſah und worauf ſie nur irgend die leuchtenden Blicke ihrer ſchönen glänzenden Augen warf. Und wie anmuthig und elaſtiſch ſchwebte ſie jetzt mit ihrer feinen und doch wieder ſo vollen Geſtalt vor den Beiden dahin; wie war Alles an dieſem wunderbaren Weſen ſo voll Sym⸗ metrie! Welch ein Duft der Friſche, Lieblichkeit und Unſchuld lag um ihre Geſtalt, glänzte von ihren Lippen, aus ihren Augen, aus ihrem vollen dunklen Haare! Als Baron Fremont ſie ſo betrachtete, ſich innig über ihr Weſen freute und dabei dachte, warum er eigentlich am heu⸗ tigen Morgen den Beſuch gemacht, da begriff er nicht, wie ihm früher alle dieſe Vorzüge, die ganze Lieblichkeit des jun⸗ gen Mädchens entgangen waren. Wahrhaftig, es verurſachte ihm ein gewiſſes bitteres Gefühl, wenn er an ſeine Verhand⸗ lungen mit Tondern dachte und ſich jenes Teſtamentes er⸗ innerte, durch welches er ſich erſt veranlaßt geſehen hatte, ſich Eugenien zu nähern. Er ſchämte ſich faſt bei dieſem Ge⸗ danken, und zuweilen ſtieg, wenn auch ſehr leiſe, der Wunſch in ihm auf, er möchte lieber gar keine Kenntniß haben von dem Vermächtniſſe des Grafen.— Und gleich darauf machte ihm eben das Vermächtniß wieder zu ſchaffen, ja, er konnte ſich nicht verhehlen, daß er eine kleine eiferſüchtige Regung fühlte. Was konnte Helfenberg veranlaßt haben, einer jungen ☚ * Baron Fremont. 19 Dame, die er ſo wenig kannte, den größten Theil des Be⸗ ſitzhums, worüber er disponiren konnte, zu hinterlaſſen? Als er ſo dachte, betrachtete er anſcheinend mit großer Aufmerkſamkeit einen rieſenhaften Camelienbaum, den ihm George gezeigt und der, mit Hunderten roth geſchwellter Knospen bedeckt, faſt bis an das Dach des Glashauſes ſtieß; in Wahrheit aber ſchaute er bei den Zweigen vorbei auf Eu⸗ genie, die ſich an der anderen Seite befand, ihre Hände zu⸗ ſammengelegt hatte und mit dem Ausrufe:„Das iſt doch in der That wunderbar ſchön!“ das Geſicht erhob und, von ein⸗ zelnen Lichtern der durch die Blätter hereinbrechenden Sonne übergoſſen, wie verklärt daſtand, wie eine himmliſche Er⸗ ſcheinung, wie ein Weſen aus einer anderen, glücklicheren, reineren und beſſeren Welt. Bei dieſem Anblick beantwortete er ſich ſelbſt die Frage, mit der er ſich vorhin beſchäftigt, und ſprach zu ſich: Beim Himmel! wenn ich ein ſo trauriges Loos hätte, wie der arme Graf Helfenberg, und dieſes Mädchen einmal ſo ſähe wie jetzt, da würde ich ihr am Ende auch mein bischen Vermögen hinterlaſſen, um ihr eine ſorgenfreie Exiſtenz zu bereiten. Auch George von Breda hatte Eugenie einen Augenblick lächelnd betrachtet, und bei dieſem Lächeln erinnerte ſich Fre⸗ mont an die Vermuthungen Tondern's, die dieſer neulich bei Helfenberg ausgeſprochen.. Bah! ſprach er zu ſich ſelber, Tondern iſt ein exal⸗ tirter Menſch wie immer, ein Narr. Ich möchte ſeine Augen ſehen, wenn er ein ſo prachtvolles Mädchen im Hauſe hätte. Daß man die mit Wohlgefallen anblicken muß, verſteht ſich doch von ſelbſt, und daß da Einem das Herz warm wird, wenn man ſie anſchaut, nicht minder. Ja, wahrhaftig, ich 1 —— 20 Achtunddreißigſtes Kapitel. traute Keinem in der ganzen Welt, als gerade George von Breda, dieſem kalten, theilnahmloſen Menſchen.— Was das andere Geſchlecht anbelangt, ſetzte er hinzu, da war er immer ein Klotz, ein Eiszapfen, der wilde George. Ja, wenn man ihn ſo hoch zu Pferde dahinfegen ſah, oder wenn er in eine Geſellſchaft trat mit der ritterlichen prachtvollen Geſtalt, dem ſchönen Kopfe mit der hohen ernſten Stirn, da mußte man unwillkürlich denken: das iſt ein vollkommener Eroberer, ein ganz gefährlicher Kerl.— Und was hat es ihm genützt? Freilich ging er auch kalt und ſtolz bei den ſchönſten Mädchen vorüber und gab ſich nicht einmal die Mühe, die bezeich— nendſten Blicke der prächtigſten Weiber freundlich zu beant⸗ worten.— Es war ſeine Schuld.— Was hat der Eroberer erobert? Eine Frau, die ziemlich älter iſt als er.— Aller⸗ dings eine brave, charmante Frau— ſehr reich, aber ernſt und unerquicklich.— Und wenn der wilde George in der That nicht ſo ein gefühlloſer Kerl wäre und hier Feuer ge⸗ fangen hätte, da brauchte man nur das ruhige, ſinnige Auge jenes Mädchens zu betrachten, um aller Beſorgniß enthoben zu ſein.— Nein, Tondern, du haſt eine ſchlimme Zunge, du biſt und bleibſt ein boshafter Kerl. Das iſt ein herrliches, liebenswürdiges, wunderbar prächtiges Mädchen.— O meine zweitauſend Thaler! ſeufzte er nach einem vollkommen ver⸗ ſtändlichen Ideengange. 1 Wenn auch Baron Fremont in ſolche Gedanken vertieft neben George von Breda und Eugenien ging, ſo verhinderte ihn das doch nicht, der jungen Dame von Zeit zu Zeit ein galantes, liebenswürdiges Wort zu ſagen und die Bemer⸗ kungen des Hausherrn mit:„charmant! ſuperb! magnifique!“ zu beantworten und dieſen ſo auf den Gedanken zu bringen, Baron Fremont. 21 als intereſſire er ſich in der That für Roſen, Hyacinthen, Gewächshaus⸗Fenſter, ſpringende Waſſer, Sand im Wege und ſaure Erde, was Breda gar nicht erwartet. Endlich traten die Drei wieder über die Terraſſe in den kleinen Eßſalon zurück, wo Baron von Breda überraſcht war, ſeine Frau noch immer leſend am Kamine zu finden. Gewöhnlich zog ſie ſich gleich nach dem Frühſtück in ihr Zimmer zuruck, ſelbſt wenn der Hausherr Beſuch von irgend einem ſeiner Freunde hatte. Baron Fremont ergoß ſich in Lobeserhebungen über den prachtvollen Wintergarten, über den magnifiquen kleinen Eß⸗ ſalon, über das ganze Haus, wo man immer etwas Neues und Schönes finde, und ſagte am Schluſſe ſeiner zahlreichen Complimente, während er hartnäckig die goldene Kette um den Zeigefinger herum wickelte und zugleich ſeine Zähne wie die eines Negers blitzten:„Es hat mir aufs Neue wieder ſo wohl bei Ihnen gefallen, gnädige Frau, daß ich, vielleicht nicht zu Ihrer angenehmen Ueberraſchung, recht bald wieder erſcheinen werde. Und dann,“ ſetzte er ſüß lächelnd hinzu, „werde ich vielleicht in der vorhin erwähnten Angelegenheit von Ihnen Rath, vielleicht auch Hülfe verlangen.“ Die Baronin verbeugte ſich ſehr freundlich, und George von Breda ſagte:„Wenn das dein Ernſt ſein ſollte, lieber Freund, ſo thu mir die Liebe und wähle eine Stunde, wo ich nicht zu Hauſe bin, denn du weißt—“ „O, ich weiß vollkommen,“ fiel ihm der Andere ins Wort.„Dieſe Erinnerung hätteſt du dir ſparen können, ich werde mir alsdann eine Audienz bei deiner Frau erbitten.“ „So iſt es recht, Fremont, ganz allein,“ antwortete der Hausherr. —y— —— 22 Achtunddreißigſtes Kapitel.— Baron Fremont. „Ganz allein,“ ſprach die Baronin. Und da Baron Fremont zu ſeinem Erſtaunen zu finden glaubte, daß etwas wie eine Frage in ihren Worten lag, ſo verſetzte er mit einem Blick auf Eugenie, welcher der Frau des Hauſes nicht entging: „Auf keinen Fall darf George bei unſerer wichtigen Un⸗ terredung zugegen ſein.“ Herr von Breda ſchüttelte ihm lachend die Hand, und Fremont ging fort, nachdem er ſich beſtens bei den Damen empfohlen. . Neununddreißigſtes Kapitel. Eine Leidenſchaft. Eugenie hatte das Zimmer verlaſſen, und da die Baro⸗ nin noch keine Miene machte, ſich in ihre Appartements zu⸗ rückzuziehen, ſo nahm George von Breda eine neue Cigarre und ließ ſich ſeiner Frau gegenüber nieder. Dieſe hatte ihr Buch auf den Schooß gelegt und blickte gedankenvoll vor ſich hin. „Es iſt ein guter Kerl, dieſer Fremont,“ ſagte der Baron nach einer Pauſe. „ Ich halte ihn auch für einen zuverläßigen und geordne⸗ ten Mann,“ gab ſeine Frau zur Antwort.„Auch hat er Vermögen?“ fragte ſie. „Er hat ſein anſtändiges Auskommen, das er durch Spar⸗ ſamkeit zu vermehren trachtet.— Was um ſo lobenswerther bei ihm iſt,“ fuhr Herr von Breda nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort,„da er häufig einen guten Freund um ſich ———— — — 24 Nennunddreißigſtes Kapitel. * hat, der gerade das Gegentheil von dem iſt, was man Ord⸗ nung und Sparſamkeit nennt.“ „Du meinſt den Herrn von Tondern? Hoffentlich nimmt er dieſen zum abſchreckenden Beiſpiel. Ich halte dieſen Ton⸗ dern für keinen guten Charakter.“ George von Breda zuckte leicht mit den Achſeln und ſagte. „Tondern iſt einer von den Leuten, die man um ſich duldet, weil ihre Unarten mit der Politur der ſogenannten eleganten Geſellſchaft bedeckt ſind, weil ihr Betragen wohl unangenehme Schärfen, aber keine Ecken hat, weil ſie, wenn auch ver⸗ wunden, doch nirgendwo anſtoßen, Leute, die Jener erträgt als pikante Säure der Unterhaltung, Dieſer, weil er ſie fürchtet.“ „Und du meinſt nicht, daß er mit dieſen wenig empfeh⸗ lenswerthen Eigenſchaften einen Einfluß auf den Baron übt?“ „Wenn er auf irgend etwas von dem Baron Einfluß aus⸗ übt, ſo iſt es hauptſächlich deſſen Börſe, und ſelbſt da wird dieſer Einfluß ein mäßiger ſein, denn Fremont iſt in der That, wie du vorhin bemerkteſt, ſparſam. Er hat überhaupt ganz gute Eigenſchaften.“ „So wird er alſo,“ meinte Frau von Breda nach einem kleinen Nachdenken,„keinen ſo üblen Ehemann abgeben? Ab⸗ gerechnet etwas Geckenhaftes hier und da, was ihm eine kluge Frau abgewöhnen kann, iſt ſein Aeußeres nicht übel, und ſein Benehmen in der Geſellſchaft läßt auch nichts zu wün⸗ ſchen übrig.“ Der Baron warf die Aſche ſeiner Cigarre in den Kamin und antwortete:„Es wäre für Fremont allerdings paſſend, wenn er eine convenable Partie fände, er würde alsdann auch aus den Händen Tonderns kommen. Doch hat er, fürchte ich, Eine Leidenſchaft. 25 zu lange ein unabhängiges Junggeſellen⸗Leben geführt, um Ketten, wenn auch Roſenketten, zu tragen. Aber immerhin wäre es ein vernünftiger Gedanke, wenn er wirklich einen ſolchen hätte. Aber ich glaube nicht daran. Auch wäre es ſchwer, eine paſſende Partie für ihn zu finden.“ „Hat er viel Vermögen?“ „Er iſt, wie geſagt, nicht übermäßig reich, aber er wird ſo viel haben, daß er ſogar mit einer Frau, die ihm wenig oder nichts zubringt, anſtändig leben kann.“ „Nun, da hätten wir eine große Auswahl,“ ſprach die Baronin.—„Du haſt wahrhaftig Recht, George,“ unterbrach ſie ſich lachend,„daß ſo eine Partie zu arrangiren für jede Frau ein wahres Vergnügen iſt. Da wäre zum Beiſpiel eine der Töchter des Finanzminiſters; zu jung wären ſie nicht mehr für Fremont.“ „Nein, wahrhaftig, zu jung wären die nicht,“ verſetzte George kopfſchüttelnd,„und auch nicht zu hübſch. Mit dieſer Propoſition würdeſt du ihm wenig Vergnügen machen. Fre⸗ mont iſt in gewiſſer Beziehung ein Geſchäftsmann und ein Kenner, er würde ſich am Ende durch ein immenſes Vermö⸗ gen einnehmen laſſen; im anderen Falle müßte aber die, welche man ihm vorſchlägt, ein untadelhaft ſchönes Mädchen ſein.“ „Was meinſt du zu Fräulein von S.?“ „Die wäre nicht ſo unrecht, aber denke an die Wittwe⸗ Mutter, die müßte er nolens, volens mitheirathen, und das kann man dem guten Fremont wahrhaftig nicht zumuthen. Du mußt ſchon andere Candidaten vorſchlagen.— Ich glaube,“ fuhr er heiter fort,„daß dieſe Paſſion, Heirathen zu ſtiften, anſteckend iſt; ich fände mich am Ende auch darein. Bleibt es doch obendrein auch etwas Anerkennenswerthes, das —— ——ÿÿ— 26 Neununddreißigſtes Kapitel. Glück ſeiner Mitmenſchen zu beſorgen. Laß alſo weiter hören.“ „Emma von W.“ Der Baron zog die Augenbrauen in die Höhe, nahm die Cigarre aus dem Munde und pfiff den Anfang eines Parade⸗ marſches. „Nein, nein,“ ſagte er alsdann,„Fremont iſt Civiliſt und hat durchaus keine militäriſche Neigung.“ „Seht, wie ihr Männer boshaft ſeid! Jetzt hat das arme Mädchen eine leichte Liaiſon ohne Reſultat mit einem eurer guten Freunde gehabt—“ „Mit Cavallerie⸗Offizieren ohne Vermögen,“ ſagte Herr von Breda mit ſcharfer Betonung;„auch keine leichte Liaiſon, ſondern ein paar ſehr ſchwere Leidenſchaften. Und was die Chronique scandaleuse anbelangt, ſo kennt die Niemand beſſer als Fremont und ſein guter Freund Tondern. Nein, Julie, damit mußt du uns nicht kommen. Blättere um, blät⸗ tere um.“ „Dürfte es keine Wittwe ſein?“ „Das iſt Geſchmacksſache. Wittwen ſind gefährlich. Der Selige einer Wittwe, ſo ſchlimm er auch geweſen ſein mag, iſt in der zweiten Ehe immer ein Engel, und es iſt ſehr un⸗ angenehm, hören zu müſſen: Ja, damals war es doch ganz anders!“ Frau von Breda nickte mit dem Kopfe, und ihre Züge überflog ein ſchalkhaftes Lächeln. „Gut denn,“ ſagte ſie,„ich will zugeben, daß deins Ab⸗ lehnungsgründe bis jetzt richtig waren. Nun will ich dir aber eine Partie für Fremont vorſchlagen, an welcher du durchaus —— ð ͦ——mm.— Eine Leidenſchaft. 27 nichts zu mäkeln haben wirſt, vorausgeſetzt, daß du Mangel an Vermögen nicht als Hinderniß betrachteſt.“ „Das wäre Fremonts Sache.“ „Ich nenne dir ein junges Mädchen von ſeltener Schön⸗ heit, gut erzogen, rein wie ein Engel.“ „Wie alt iſt deine Schönheit?“ fragte der Baron. „Bald neunzehn Jahre.“ „Du verſprichſt ungeheuer viel.“ „Pfui, George! für das Mädchen ſtehe ich ein. Ich ſage dir: jung, ſchön, vortrefflich erzogen, herzensgut, hat noch nie eine Liaiſon gehabt.“ „Neunzehn Jahre alt?— So nenne mir dieſes Wunder.“ „Eugenie,“ ſprach die Baronin und blickte ihren Mann lächelnd an. Kam die Nennung dieſes Namens dem Baron ſo uner⸗ wartet oder hatte er ſich die Finger verbrannt— genug, er ließ ſeine Cigarre zu Boden fallen und ſtieß ſie dann, wie erzürnt über ſein Ungeſchick, in die Aſche des Kamins. „Eugenie?“ wiederholte er fragend und verſuchte dabei zu lächeln; doch wollten ſeine Lippen nicht recht aus einander, vielmehr preßten ſie ſich heftig zuſammen, nachdem er kopf⸗ ſchüttelnd wiederholt:„Eugenie?— Welche Idee!“ „Iſt ſie nicht jung und ſchön?“ Herr von Breda blickte ſtarr in die Gluth und nickte faſt unmerklich mit dem Kopfe. Er hatte ſich gewaltſam gefaßt, und als er nun abermals den Verſuch machte, zu lächeln, ge⸗ lang ihm das wirklich nicht ganz ſchlecht. „Herzensgut und gebildet?“ „O gewiß, o gewiß!“ ——³—— —— 28 Neununddreißigſtes Kapitel. „Rein wie ein Engel und hat noch nie eine Liaiſon ge⸗ habt,“ fuhr die Baronin fort. „Ich wollte den ſehen, der anders ſpräche!“ murmelte Herr von Breda zwiſchen den Zähnen. „Nun denn!“ Nahm der Baron dieſes: nun denn? nicht als Frage auf, oder hatte er es nicht gehört— genug, er ſtarrte vor ſich nieder, nagte an der Unterlippe, und ſeine Augenbrauen zogen ſich finſter zuſammen.„Das kann dein Ernſt nicht ſein, Julie,“ ſagte er auf einmal mit herber Stimme.„Dieſer Fremont, ein alter, verlebter Junggeſelle, ah! du treibſt deinen Spaß mit mir!— Es war ein Vorſchlag, um mich lachen zu machen, nicht wahr, Julie?“ Damit ſah er ſeine Frau fragend, faſt bittend an, wäh⸗ rend er mit der rechten Hand durch ſein Haar fuhr und einen tiefen Athemzug that. „Eugenie ſich verheirathen! Welche Idee!“ „Nun, dieſe Idee,“ verſetzte Frau von Breda mit großer Freundlichkeit,„liegt doch bei einem Mädchen von ihrem Alter recht nahe. Ich würde mich wahrhaftig freuen, wenn ſie eine gute Partie machte. Und du gewiß nicht minder, George, du, der ſo vielen und gerechten Antheil an ihr nimmt.“ „Ja— ich— der ich ſo vielen und gerechten Antheil an ihr nehme,“ wiederholte der Baron mechaniſch.„Eugenie ſich verheirathen?— Unſer Haus verlaſſen?— Ich muß dir ge⸗ ſtehen, Julie,“ fuhr er gefaßter fort und mit einem außeror⸗ dentlich weichen Tone,„daß ich daran noch nie gedacht habe. Dieſe Idee iſt mir neu, deßhalb hat ſie mich überraſcht— ſehr— ſehr überraſcht.“ Frau von Breda nahm ihr Buch, welches neben ihr auf⸗ * i4 M eir Eine Leidenſchaft. 29 geſchlagen auf dem Stuhle lag, legte ihr Papiermeſſer hinein und ſchloß es leiſe. Dann ſagte ſie mit einem herzlichen, freundlichen Blick auf ihren Mann:„Ich weiß wohl, George, du haſt dich an das gute Mädchen gewöhnt; ich gewiß nicht minder, und als ich ihren Namen nannte, that ich es nicht, um etwas zu ſagen, was dir unangenehm wäre. Dabei bleibt es aber immer doch natürlich, auch in der Art von Eugeniens Zukunft zu ſprechen.— Du haſt vorhin alles Mögliche zum Lobe Fremonts geſagt; du haſt ihn ſelbſt für eine gute Partie erklärt.“ „Aber mit Eugenien?“ „Warum nicht mit ihr? Sie hat leider kein Vermögen und wird dankbar dafür ſein, wenn man ihr eine gute Ver⸗ ſorgung arrangirt.“ „Arrangirt, arrangirt! Eine gute Verſorgung!“ mur⸗ melte der Baron zwiſchen den Zähnen und ſetzte dann heftig hinzu:„Ob aber Eugenie Fremont lieben kann, danach fragt ihr bei euren Arrangements natürlicherweiſe nicht.“ „Weißt du denn, daß ſie ihn nicht lieben kann?“. fragte die Baronin heiter.„Geh, George! Es war ja ein Vorſchlag wie ein anderer; wie kannſt du das ſo ſchwer nehmen?“ „Ein ſolcher Vorſchlag, von Jemand gemacht, der ſich vorgenommen hat, eine Partie zu arrangiren,“ entgegnete der Baron mit leiſer Stimme,„kann ernſt werden, gefährlich. Wenn du dir das in den Kopf geſetzt haſt, ſo wirſt du Fre⸗ mont encouragiren— du wirſt gegen Eugenie hier und da ein Wort davon fallen laſſen. Du wirſt ihr beweiſen,“ fuhr er lauter fort,„daß dieſer Fremont eine vortreffliche Partie für ſie iſt; er hat Vermögen, ſie iſt arm, ſehr arm.— Man ———— ——— 0cCe—— 30 Neununddreißigſtes Kapitel. muß ihr das Letztere gehörig begreiflich machen; man muß ihr dabei ſagen, es ſei ihre Schuldigkeit, für ſich ſelbſt zu ſorgen und ihren Verwandten nicht immer zur Laſt zu fallen. Das arme Geſchöpf wird das begreifen und am Ende alles thun, was man von ihr verlangt, um gegen uns, ihre Verwandten, nicht gar zu anſpruchsvoll zu erſcheinen. O, ich kenne das!“ „Aber du kennſt mich nicht,“ ſagte die Baronin mit ſanf⸗ ter Stimme, während ſie aufſtand, zu ihrem Manne trat und ihm ihre Hand leicht auf die Schulter legte.„Du kennſt mich nicht, George; nein, gewiß nicht, wenn du mir zutrauſt, ich ſei im Stande, ſo mit Eugenien zu ſprechen.— Blicke auf, blicke auf! Sage mir, alles das ſei Scherz geweſen, und ich will dir entgegnen, daß ich im Ernſte nicht daran ge⸗ dacht habe. Glaubſt du denn, es würde mir ſo leicht, das gute Kind zu verlieren? Nur bin ich ruhiger als du und denke mir oft, es iſt beſſer, ſich nach und nach an etwas Un⸗ angenehmes zu gewöhnen, das doch wahrſcheinlich einſtens ein⸗ treten muß.“ George von Breda machte eine gewaltige Anſtrengung, um einigermaßen heiter in die Höhe zu blicken; der Athem ſtockte in ſeiner Bruſt, er mußte ihn mühſam an ſich ziehen; doch that er das gewaltſam, damit ſein Herz momentan etwas erleichtert würde. „Du haſt Recht, Julie,“ ſagte er nach einer Pauſe; „dein Vorſchlag hat mich allerdings überraſcht; und doch iſt es, wie du geſagt: es wird einſtens ſo kommen, man muß ſich daran zu gewöhnen ſuchen.— Aber Fremont,“ ſetzte er lebhafter hinzu,„Fremont neunſt du mir in dieſer Be⸗ ziehung nicht wieder. Wenigſtens nicht ſo bald wieder,“ — Eine Leidenſchaft. 31 ſprach er, ſich bezwingend;„man muß das doch vorher genau überlegen.“ „Ueberlege du dir das, George,“ gab Frau von Breda mitt einem herzlichen Blicke zur Antwort;„es ſoll deine Sache 4 . ſein, und ich erwarte von dir darüber das erſte Wort.“ Sie reichte dem Baron ihre Hand, die dieſer an ſeine Lippen drückte, und verließ darauf den Eßſalon, indem ſie zu⸗ rückſchauend mit ihrem gewöhnlichen ruhigen Tone ſprach: „Du wirſt ausreiten, nicht wahr, Georg? Ich wollte mit Eugenien ſpazieren fahren.— Aber wir ſpeiſen zuſammen?“ „Um fünf Uhr,“ erwiderte der Baron, während er vor dem Kamine ſitzen blieb. Lange ſaß der Baron da, unbeweglich, und blickte in die ſpielenden Flammen. Zuweilen flog ein unheimliches Lächeln 1 über ſeine Züge, das aber mit einem Male wieder verſchwand, um einem finſteren Ausdruck Platz zu machen, der, ein Wie⸗ derſchein ſeiner Gedanken, ſich plötzlich über ſein Geſicht ergoß. Dann biß er die Zähne zuſammen, ſeufzte aus voller Bruſt, und während dies geſchah, neigte ſich ſein Haupt langſam herab, und da er zu gleicher Zeit die Hände erhob, ſo ver⸗ barg er gleich darauf ſein Geſicht in denſelben und blieb ſo ziemlich lange, ohne ſich zu rühren, ſitzen. Es mußten gewaltige, ja, ſchreckliche Gedanken ſein, die . ihn während dieſer Zeit quälten; denn zuweilen zuckte der ſonſt ſo harte Mann zuſammen, wie ein Anderer mit weichem Gemüth wohl zu thun pflegt, wenn er die Thränen nicht mehr zurückhalten kann, die ihm furchtbare Seelenleiden aus⸗ preſſen. Aber das Auge des Barons von Breda war vollkommen 32 Neunnnddreißigſtes Kapitel. trocken, als er nach längerer Zeit wieder den Kopf erhob und har abermals ſtarr vor ſich niederblickte. 54 V ſ„So iſt es denn wahr,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, ent 1 nſo iſt denn das nicht mehr zu leugnen, was ich mir ſelbſt ber 1 6 ſchon häufig wegzuſcherzen ſuchte, was ich zuweilen lachend zuſe verwarf:— ich liebe dieſes Mädchen, nicht wie ein gewöhn⸗ mich 1 licher Menſch liebt, ſondern mit einer Raſerei, mit einer Lei⸗ zuſ G denſchaft, vor der ich ſelbſt zurückſchaudere.— Ja, ich liebe den ſie, und da mir das nun einmal klar geworden iſt, da ich den ohne irgend eine Täuſchung den Abgrund vor mir ſchaue, Ich 3 den ich mir mühſam ſelbſt zugedeckt, ſo iſt es trotz allem W. Elend, das mich erfüllt, als ſei mir eine Centnerlaſt vom— all Herzen gerollt.— Ja, ich ſehe klar, furchtbar klar, und bin ſet glücklich, daß ich klar ſehe, denn ich haſſe alle Täuſchung.— 4 gel Eugenie, Eugenie!“ Wieder verſank er in düſteres Nachſinnen, und auf ſeinem wa Geſichte wurden abermals ein trübes Lächeln und finſtere we Schatten ſichtbar.. N 3 Es iſt etwas Zauberhaftes dabei, ſprach er zu ſich ſelber he nach einer langen, langen Pauſe. Das arme Mädchen iſt, g ohne es zu wollen, eine böſe Zauberin. Und gegen dieſen g Zauber, fuhr er ſchaudernd fort, kann nicht Himmel noch Hölle helfen. Das fühle ich jetzt, wo ich vollkommen klar ſ — ſehe. Es iſt eine Liebe, die mich nach und nach überſchlichen 1; und die mich um ſo gewaltſamer gefaßt, da ich, nicht an ſie e1 8 glaubend, ihr nicht gleich kräftig entgegen trat; es iſt ein u * Funke, den ich nicht beachtete, den ich mit der Aſche der Ver⸗ 1 1 nunft zudeckte, und von dem ich glaubte, er glimme nicht mehr 5 1 4 fort, da ich mir ſelbſt vorſpiegelte, die Gluth ſei erſtickt, weil 1 G— ich ihren Schein nicht mehr ſah, oder es ſei ein ganz anderes,— 1 * Eine Leidenſchaft. 33 harmloſes Gefühl geweſen.— Ein harmloſes Gefühl?— ich Thor, der ich doch ſchon ſeit langer, langer Zeit froh und entzückt aufathmete, wenn ich ihre wunderbare Geſtalt ſah, wenn ich in ihr göttliches Auge blickte; der ich doch ſo ſeltſam zuſammenzuckte, wenn mich ihre warme Hand berührte, wenn mich der ſüße Hauch ihres Mundes traf!— Ja, ich zuckte zuſammen; ich, dem die kleinſte Hand gleichgültig war, der den ſchönſten weiblichen Körper für eben nichts weiter anſah, dem viele, o ſehr viele glänzende Augen vergeblich gelächelt!— Ich, der ich nie mit irgend einer Innigkeit an ein weibliches Weſen dachte, finde jetzt auf einmal, daß all mein Denken, all mein Thun bei dieſem Mädchen verweilt. Ah, das iſt ent⸗ ſetzlich! Das iſt ein fürchterliches Leiden, und nirgend, nir⸗ gend Heilung dafür! Und doch eine Heilung, fuhr er nach einiger Zeit fort, während welcher er in ſich zuſammen geſunken da geſeſſen, wenigſtens der Verſuch einer Heilung— wie man auch eine Wunde, die der giftige Biß einer Schlange erzeugt, mit glü⸗ hendem Eiſen ausbrennt. Man hat alsdann das Seinige gethan und erwartet ruhig den Ausgang; ſchlägt das Mittel an— gut, ſo vegetiren wir weiter, hat es nicht gewirkt, ſo fühlen wir nach einiger Zeit, daß wir verloren ſind. Wir ſpüren das Gift ſtärker als zuvor in unſerem wild ſchäumen⸗ den Blute, wir machen eine kleine Raſerei durch, um dann endlich, vielleicht nach namenloſen Leiden, in der That gänzlich kurirt zu ſein. O Eugenie, Eugenie! Und dieſes Mittel hat mir Julie gezeigt, arglos wie ſie iſt.— Und warum ſollte ſie nicht arglos ſein? War ich es nicht ſelbſt bis auf dieſen Augenblick? ſagte ich es mir nicht vor einer Stunde noch, als das herrliche Mädchen mir ſo lieb Hackländer, Don Quixote. IV. 3 34 Neununddreißigſtes Kapitel. in die Augen ſchaute, als ich ihre beiden Hände ergriff, als ich— thöricht genug war, ſie mit meinen Lippen berühren zu wollen?— Ja, geſagt habe ich es mir freilich, aber ge⸗ dacht habe ich anders; ich will und kann das nicht leugnen. O, ganz anders!— War mir doch zu Muth, fuhr er nach einem tiefen Seufzer fort, als müßte ich vor ihr niederſinken und ſähe dann, wie ſie, indem ſie auf mich mild herabblickte, immer höher aufwärts ſchwebte, hoch, hoch, weit und uner⸗ reichbar, wo wir die himmliſchen Engel zu ſehen wähnen, die mild und verſöhnlich auf unſere namenloſen Leiden niederſchauen. Ja, das Mittel, welches Julie vorſchlug, hat mir endlich die Augen geöffnet, hat mich gezwungen, klar zu ſehen. Aber dieſes Mittel, für mich qualvoller als alle Leiden— nie nie— nie— nie! Der Baron fuhr mit der Hand über das Geſicht, ſchaute einen Augenblick um ſich, ſtützte dann den Kopf auf die rechte Hand, wobei er im wachen Zuſtande fortfuhr zu träumen: Ja, ich liebe ſie, ich liebe ſie unendlich, bis zur Raſerei.— Ein Wort, worüber ich oft gelacht habe, und das ich jetzt in dieſer Anwendung ſo ſehr richtig finde.— Sie iſt mir Alles: ich wüßte nicht, wie es mir möglich wäre, ihren Anblick zu entbehren! Meine ſüße Zauberin!— meine Heilige!— Und während ich fühle, wie dieſe Leidenſchaft, dieſe unglückliche Leiden⸗ ſchaft, dieſe raſende Leidenſchaft mir langſam das Herz zerdrückt und ich doch nicht von ihr laſſen kann und mich wie ein Verbre⸗ cher nahen ſoll, einen Blick aus dieſem göttlichen Auge zu er⸗ haſchen, die Berührung ihrer warmen Hand, den duftigen Hauch ihres Mundes,— während alles das für mich ſüße Genüſſe ſind, die ich liſtig ſtehlen und vor aller Welt verbergen muß, ſoll ein Anderer, ein Fremont, mit dem Rechte des Beſitzes Eine Leidenſchaft. 35 ihre Hand ergreifen, ſie vertraulich an ſich ziehen, ihre Stirn, 5 ihren Mund zu küſſen!— O, dieſe wunderbare Stirn, dieſen friſchen, unausſprechlich ſchönen Mund! „ Bei dieſen Gedanken vergrub Herr von Breda ſeine Fin⸗ ger in die Haare, er ſtarrte nicht mehr finſter, ſondern mit einer furchtbaren Wildheit vor ſich nieder, wobei ſeine Augen flammten, ſeine Lippen krampfhaft zuckten; dann ſprang er von ſeinem Sitze in die Höhe, heftig ausrufend:„Nein, nie! Bei allen Teufeln, nein! Nicht dieſer Fremont— nicht er— o Gott, Keiner, Keiner!“ Ein tiefer Seufzer rang ſich aus ſeiner Bruſt los, und man hätte deutlich ſehen können, welche Mühe ſich dieſer harte, gewaltige Mann gab, um die entſetzlichen Gedanken, die ihn quälten, zu verbannen und ſeine gewöhnliche Ruhe wieder zu gewinnen. Er verbarg die rechte Hand auf der Bruſt und ging mit großen Schritten in dem Zimmer auf und ab. Nach und nach wurde er weicher und dann auch ruhiger; ſeine Züge glätteten ſich wieder; doch konnte man an dem matten Strahl ſeines Auges, ſowie an ſeinen blei⸗ chen Lippen ſehen, wie er gekämpft und gerungen, wie er gelitten. Und ſein Kampf war vergeblich geweſen; er hatte nicht geſiegt. Jetzt trat er an den Kamin zurück, legte den rechten 1n Arm auf das Geſimſe deſſelben und dachte mit einem trüben Lächeln weiter: Wie oft habe ich in früheren Zeiten geſpottet, Se wenn mir Dieſer oder Jener ſprach von den wunderbaren Augen eikes Mädchens, von threm Blick, der ihn bezaubert und be⸗ thört; von dem Ton ihrer Stimme, deren verwirrenden Klang er nicht im Wachen und nicht im Träumen los werden könne! Wie habe ich faſt verächtlich mit den Achſeln gezuckt, wenn 36 Neununddreißigſtes Kapitel. mir irgend Einer mit bebenden Lippen verſicherte, all ſein Glück, all ſein Denken und Fühlen liege nur in ihr, nur in dem Mädchen, das er liebe, das er anbete!— Und dieſes Wort anbeten, wie lächerlich erſchien es mir! o, wie ſo lächer⸗ lich damals! Und mit welch ſchrecklicher Wahrheit fühle ich jetzt den Begriff dieſes Wortes! Ja, anbeten, feiernd hinauf ſchauen zu ihr, das iſt der richtige Ausdruck. Süß zuſammen fahren beim Klang ihrer Stimme, ohnmächtig ſein wie ein Knabe, wenn ſich ihre Lippen öffnen und ſie weich deinen Namen nennt. Erſchrecken vor dem Blitz ihrer Augen, die eigenen ſchließen, wie um den himmliſchen Glanz länger feſt zu halten.— Ja, anbeten— anbeten! ihr reines Herz, ihr liebendes Gemüth!— Seligkeit, Seligkeit, zu ihren Füßen liegen zu dürfen, lange, lange in ihre Augen zu blicken, fort und fort, unverwandt. Dann ihre Hände zu ergreifen und ſich langſam euipor heben zu laſſen an ihr klopfendes Herz, wäh⸗ rend ihre Blicke ſich in die meinigen verſenken, unſer Denken aund Fühlen Eins iſt, unſer Herzſchlag derſelbe, ſich mit jeder Sekunde ſteigernd, bis zu jenem ſeligen Augenblicke, wo ſie ſchamerröthend flüſtert: Ja, ich liebe dich.— Das iſt Anbe⸗ tung, die zum Himmel führt. So könnte es ſein, fuhr er fort, indem er ſich aufrichtete und die rechte Hand weit von ſich abſtreckte. Aber es iſt nicht ſo und wird nie ſo werden. Es ſind Träume, denen ich nicht einmal nachhängen darf. O, es iſt doch ſo entzückend, ange⸗ nehm träumen zu dürfen!— Als ich noch ein junger Menſch war und in die Schwadron trat, di hatte ich auch meine Träume, und deren Endpunkt war, ſpäter einmal an der Spitze eines ſchönen Reiterregiments gegen den Feind fliegen zu dürfen. O, wie glücklich war ich in jenen Träumen! wie H- — 1n Eine Leidenſchaft. malte ich mir mit aller Phantaſie jeden Schritt aus, der mich dem erſehnten Ziele näher führte! Und ich durfte das thun, ich durfte Tage lang daran denken; ich hatte das Recht, mir jedes Mittel zu vergegenwärtigen, das mich meinem Glücke näher bringen könne. Und jetzt, wo mir etwas Anderes vor⸗ ſchwebt, das ich noch weniger erreichen kann, als das, wovon ich in der Jugend geträumt, jetzt habe ich nicht einmal das Recht, daran zu denken.— Ah, wie würden ſie lachen, wenn ſie erführen, der wilde George, der ſo oft über ſie geſpottet, fühle nun ſelbſt ſchaudernd, daß auch ſeine Stunde geſchlagen! er denke fort und fort an ein ſchönes Mädchen, er würde ſich glücklich ſchätzen— was! glücklich ſchätzen?— er würde ſelig ſein, wenn ein wohl reizendes, aber— würden ſie achſelzuckend hinzuſetzen— an ſich unbedeutendes Geſchöpf ihm die Hand reichte und zu ihm ſpräche: Ich liebe dich!— Wie ſich die Zeiten ändern!— „Hahaha, wie ſich die Zeiten ändern!“ wiederholte er wild und krampfhaft lachend.„Ja, ſie ändern ſich ſehr; und es iſt mir doch, als ſei nicht nur mein Geiſt verſtört, ſondern als habe das Gift auch meinen Körper ekgriffen. Wahrhaftig, ich wanke, ſtatt feſt aufzutreten.“ Dabei fuhr der Baron trübe lächelnd ein paar Mal mit der Hand über die Stirn und nahm ſich alsdann gewaltig zuſammen, um mit feſtem Schritt durch das Zimmer zu gehen und auf die Eſtrade hinaus zu treten. Da lag der Wintergarten vor ihm mit ſeinem ſaftigen Grün, mit ſeinen Hunderten von Blumen und Blüthen. Aber Alles erſchien ihm anders, beinahe farblos, beinahe grau; es war ihm, als hätte die Hand eines Zauberers den glänzenden Schmelz von all den duftigen Blumen weggewiſcht. Das 4 38 Neununddreißigſtes Kapitel. Grün der Bäume erſchien ihm ſo tief dunkel und ſchwarz, und der Waſſerſtrahl der Fontaine, der bisher ſo luſtig und vergnügt geplätſchert, ſchien jetzt im Niederfallen ein melancho⸗ liſches Lied zu ſingen. Baron Breda ging durch das Gewächshaus hindurch, und Andreas, der Gärtner, der ihn kommen ſah, öffnete die Sei⸗ tenthür, welche nach dem Platz vor dem Hauſe führte, wohin ſich der Baron in tiefe Gedanken verſunken begab. Dort führte der Jockey das große geſattelte Pferd umher, und näherte ſich augenblicklich ſeinem Herrn, ſobald er ihn gewahr wurde. Dieſer trat dicht an Lord hin, fuhr mit der linken Hand ſanft über den glatten Hals, nahm dann mechaniſch die Zügel und erhob den Fuß, um ihn in den Bügel zu ſetzen. 2 1 „Gnädiger Herr,“ wagte der Groom zu ſagen, indem er ſich ſtatt an den rechten Steigbügel zu hängen, wie er in ſeinem Dienſteifer ſonſt wohl zu thun pflegte, zögernd auf der linken Seite des Pferdes ſtehen blieb;„gnädiger Herr haben Hut und Reitpeitſche vergeſſen.“ George von Breda fuhr aus ſeinen Träumereien empor und nickte leicht mit dem Kopfe, worauf Friedrich dem Kam⸗ merdiener winkte, der unter dem Hauſe ſtand und eilig hinein ſtürzte und nicht nur das Vergeſſene, ſondern auch Handſchuhe und Paletot ſeines Herrn brachte. Dieſer wies den Letzteren zurück, und nachdem er den Hut aufgeſetzt und die Handſchuhe angezogen hatte, ſchwang er ſich in den Sattel des Pferdes und lenkte dann daſſelbe dem Hofthore zu. 41 1 Eine Leidenſchaft. „Onkel George, Onkel George!“ rief hinter ihm eine fröh⸗ liche, wohlklingende Stimme. War es zufällig, daß der Baron in dieſem Augenblicke Lord in Galopp ſetzte und zum Hofe hinaus jagte, oder that er es vielleicht abſichtlich, um jene Stimme nicht zu verneh⸗ men— genug, es geſchah, und in der nächſten Sekunde waren Pferd und Reiter in der Biegung des Weges ver⸗ ſchwunden. Vierzigſtes Kapitel. Der Waldweg. Der Baron George von Breda ließ ſein Pferd nicht lange galoppiren; nach einigen Minuten zog er die Zügel an, und da er Lord ſcheinbar gehen ließ, wohin dieſer wollte, ſo wandte ſich das Thier einem ihm ſehr bekannten Wege zu und ſchritt die Landſtraße hinauf, von deren Höhe man die Stadt überblicken konnte. Wie es hier faſt immer, ſonſt aber auf eine Bewegung des Reiters, geſchah, ſtand Lord auch dieſes Mal aus Gewohnheit ſtill und wandte ſich halb rück⸗ wärts. Der Baron ſchaute auf; da lag die Stadt im hellen Sonnenglanze, der aber nicht kräftig genug war, um die kalten Dünſte, die überall auf den Straßen aufgeſtiegen waren, niederzudrücken, ſo daß es ausſah, als leuchteten einzelne Dächer und verſchiedene höhere Gebäude aus einem trüben Waſſerſpiegel empor, was um ſo eigenthümlicher erſchien, da die Höhen rings umher, namentlich die fernen Berge, mit Der Waldweg. 41 Tannen bewachſen, ſich ſo ſcharf und klar von dem hellen Himmel abzeichneten.— Dort lag auch ſein Haus, er ſah aber nichts als die Spitze des Daches, auf derſelben eine hohe Stange, an der eine rothe Fahne flatterte. Das Wrack eines Schiffes, das eben von den gefräßigen Wellen ver⸗ ſchlungen wird! ſo dachte er, als er das ſah, und murmelte in ſich hinein:„Dann wäre Alles, Alles vergeſſen, und wir hätten Ruhe.“ Lord ſchritt weiter, dem Thale zu, das wir bereits kennen, und unten im Grunde bog er von der großen Straße links ab, in den verwahrlosten Waldweg, wo ſich Ruheplätze befan⸗ den, die keine Ruheplätze mehr waren, und wo die Regenfluten ſich andere Straßen gewühlt hatten; in dieſen Waldweg, der einſtens eine breite Paſſage geweſen, dem aber jetzt nach und nach die Sträucher rechts und links neugierig näher gerückt waren, gewiß in der Abſicht, ſo bald als möglich das ganze Terrain zu überziehen, und ſo den zudringlichen Menſchen dieſen Raum wieder abzugewinnen. Oft hatte ſich der Baron über dieſen ſchrecklich verwahr⸗ losten Weg geärgert, und hatte zuweilen ſeinem Schwager, dem Herrn von Braachen, darüber Vorſtellungen gemacht, ja, ſich angeboten, für ihn die Straße wieder herſtellen zu laſſen. Doch hatte der alte Herr jedes Mal freundlich mit dem Kopfe geſchüttelt und ſtill lächelnd geſagt:„Laſſen wir den Weg, wie er iſt, beſter Freund; das iſt wie ſo Vieles in der Welt, unverhofft nach und nach gekommen; aber wir haben uns daran gewöhnt, und jetzt iſt mir die Wildniß ſo⸗ gar lieb geworden. Betrachte ich ſie doch in meiner Einſamkeit wie eine Art Schutz; denn wenn zudringliche Leute von der großen Chauſſee auf dieſen Seitenpfad blicken, da denken ſie ——-— 6 42 Vierzigſtes Kapitel. * achſelzuckend und mit vollem Rechte: Bei den Leuten da drinnen muß nicht viel zu holen ſein. So bleiben ſie mir vom Halſe.“— „Man könnte ja das Ganze mit einem feſten Thore ab⸗ ſchließen,“ hatte darauf der Baron entgegnet, der alte Herr ſich aber alsdann mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit auch gegen die⸗ ſen Vorſchlag geſträubt.—„Es paßt ſo zum Ganzen,“ hatte er faſt bittend geantwortet, und dann hinzugeſetzt:„ich glaube auch nicht, daß es Eugenien großes Vergnügen machen würde, wenn wir den Weg wieder herſtellten. Seit ſie da iſt, iſt er ſo langſam verfallen, und es war ihr immer ein lieber Spiel⸗ platz, ſo lange ich denken kann.“ Daran dachte heute George von Breda, als er im lang⸗ ſamſten Gange des Pferdes, dem er vollkommen die Zügel ließ, durch den vernachläßigten Waldweg ritt. „Es iſt ein ſeltſames Mädchen,“ hatte der alte Herr, der ſein Kind über Alles liebte, weiter geſprochen.„So ſehr ſie auf Ordnung in ihren Zimmern ſieht und bei meinen koſt⸗ baren Töpfen— denn die hält ſie in Ordnung wie der beſte Gallerie⸗Inſpektor— ſo macht ihr die Wildniß des Weges Vergnügen. Habe ich ſie doch ſchon ſelbſt wie einen kleinen Kobold lachen ſehen, wenn ſie am Eingang auf die Chauſſee, hinter einem Gebüſche verborgen, zuſchaute, wie Beſucher, die kamen, zweifelhaft waren, ob der Weg auch wirklich zu uns führe. Und dann hat ſie hier ihre Lieblings⸗ plätze, wo ſie halbe Tage mit ihren Büchern war, bald las, bald träumte.“ Auch daran dachte der einſame Reiter, als er bei den zu⸗ ſammengeſtürzten Ruheplätzen vorüber kam. „Ich verſichere Sie, Schwager,“ hatte Herr von Braachen 8— Der Waldweg. 43 oftmals geſagt, der es außerordentlich liebte, von ſeiner Tochter zu reden,„das iſt ein ganz ſonderbares Kind; wenn rechts oder links am Wege ein neues Reis aufſchießt, das pflegt ſie, als wenn es ein koſtbarer Baum wäre.“ George von Breda betrachtete dahin reitend alle Stauden an der Straße mit dem größten Nachſinnen. War es ihm doch, als ſähe er ihre leichte elaſtiſche Geſtalt durch die Stämme ſchlüpfen und bemerkte, wie ihre feinen Finger durch die Zweige führen. Namentlich hatte Herr von Braachen durchaus nichts von einer Wiederherſtellung der beiden Pfeiler an der kleinen Brücke wiſſen wollen, die am Ende des Waldweges lagen, wo dieſer auf den ehemaligen Park mündete. „Das hat Eugenie,“ ſagte er lachend,„geradezu verboten; da darf man keinen Stein anrühren, den Platz liebt ſie über alle Maßen. Sie ſagt, es ſei ihr Thurm, ihr Luginsland, wo ſie nach den Freunden ausſchaue, die zum Beſuche kommen. Und das werden Sie ſelbſt am beſten wiſſen,“ hatte er hinzuge⸗ ſetzt,„denn unter zehn Mal, wo Sie kommen, lieber Schwager, ſitzt das Mädchen neun Mal auf der Steinbank an dem Waſſer⸗ graben und wartet auf Sie; ſie freut ſich ungeheuer, wenn ſie Ihr Pferd von Weitem galoppiren hört.“ An der kleinen Brücke bei den beiden verfallenen Stein⸗ pfeilern hielt der Reiter ſein Pferd an und dachte am leb⸗ hafteſten an das, was ihm der alte Herr ſo oft über den verfallenen Waldweg geſagt und was er ſelbſt erlebt. Ja, wenn er in ſeinen Erinnerungen Jahre zurückging, und ſich ſeine vielen Ritte hieher vergegenwärtigte, ſo dachte er wie⸗ der, was er auch damals immer gedacht: Ob das Kind wohl auf der kleinen Steinbank ſitzen wird? Und darauf Vierzigſtes Kapitel. ließ er ſein Pferd in vollem Laufe gehen und freute ſich jedes Mal, wenn er ein helles Gewand durch die Zweige ſchimmern ſah. Das war anfänglich die kleine Eugenie, die in die Hände ſchlug und ihm entgegen jubelte, und wie ſie auch nach und nach empor wuchs und ein ſchönes blühendes Mädchen wurde, ſo ſaß ſie nicht minder auf der kalten Steinbank und rief ihm faſt jedes Mal entgegen:„Onkel George, du warſt lange nicht da!“ oder:„Onkel George, du kommſt heute recht ſpät!“ Das Kind hatte er alsdann vor ſich aufs Pferd genommen, und wie hatte ſie ſich gefreut, wenn er dann über die hallende Brücke hinweg durch den verwilderten Park im vollen Galopp mit ihr bis vors Haus ſprengte! Endlich war Eugenie zu groß geworden, um ſie vor ſich aufs Pferd zu nehmen, und da machte er ihr häufig das Vergnügen und ließ auf ihre Bitten den Reitknecht ab⸗ ſteigen, ſaß aber häufiger ſelbſt ab, und dann ritt ſie auf ſeinem Sattel oft ſo wild davon, daß ihm Angſt und bange wurde. Während der Baron alles dieſes vor ſeinem Geiſte vorüber gehen ließ, war er auch heute wieder von ſeinem Pferde abgeſtiegen, und wie in gänzlicher Vergeſſenheit ſchaute er um ſich her, ob ſie nicht hervortreten würde, den Hals des Pferdes ſtreicheln, und, wie das ſchöne Mädchen in der letzten Zeit oft zu thun pflegte, ihren Arm in den ſeinigen ſchieben, um fröhlich plaudernd mit ihm nach dem Schloſſe zu gehen. Aber ſie konnte ja nicht da ſein; hatte er doch ihren Ruf vernommen, als er vom Hauſe weggeritten, und geſtand ſich jetzt, daß er abſichtlich davon geſprengt war, ohne ſich umzu⸗ ———— Der Waldweg. 45 ſchauen. Er ſetzte ſich auf die kleine Steinbank, genau auf denſelben Platz, wo ſie gewöhnlich geſeſſen, und da es ihm warm geworden, nahm er ſeinen Hut ab und lehnte die heiße Stirn an die kühlen Steine des Pfeilers.— Ahl ſie mußten wohl feucht ſein, dieſe kalten Steine, denn als ſich George von Breda nach längerem Hinträumen mit einem Male wieder auf⸗ richtete, war ſein Geſicht naß geworden— natürlicher Weiſe von den naſſen Steinen.— So ſchien er ſelbſt zu glauben, denn er faßte unwillkürlich mit der Hand dorthin, ſagte aber darauf plötzlich, wie ſich beſinnend, mit einem ſehr ſchmerzlichen Ausdruck in den Zügen:„Es iſt das keine Schande; hat doch der harte Stein, an den ſie ſo oft ihr Haupt gelehnt, eben⸗ falls geweint. Gewiß mit vollem Rechte; denn ſie iſt lange, lange nicht hier geweſen, und wer kann ihre Abweſenheit ruhig ertragen?“ Hierauf ſtand er langſam auf, hängte den Zügel von Lord über den Arm und trat über die Brücke in den ver⸗ wilderten Park. Die Fläche mit einzelnen Partien alter, rie⸗ ſenhafter Bäume kam ihm heute ausgedehnter vor als ſonſt, was natürlich war, da auch das Unterholz nun ſeine kahlen Aeſte zeigte und ſo eine weitere Ausſicht geſtattete. Die Natur ſchien ſtill zu ſtehen und ſich zu beſinnen, ob es jetzt genug mit dem Winter und ob man jetzt ſo weit auf das Frühjahr hoffen könne, um die zarten Gräſer und Knospen aus ihrem Gefängniß zu entlaſſen. Der Sonnenſchein der letzten warmen Tage war verführeriſch geweſen, weßhalb man hier und da ſchon ein vorwitziges Gras ſah und ſelbſt in der Entfernung an den Bäumen zu bemerken glaubte, wie ein eigener Schimmer, ein Duft ſich um die nackten Aeſte gewoben 4 * 46 8 Vierzigſtes Kapitel. hatte und anfing, deren ſcharfen Contouren ihre Härte zu nehmen. Dieſer Duft des Vorfrühlings hat etwas unausſprechlich Angenehmes, ja, Rührendes— das unmerkliche Oeffnen dieſer Tauſende von Knospen, ein Blinzeln der Blätter durch die ſchützende Umhüllung, eine Frage an den Wind, der vorüber⸗ ſtreicht, ob es jetzt nicht bald genug ſei mit Schnee und Eis. — Und dieſer Flor, dieſer Duft wechſelt bei gnädigem Früh⸗ jahr von Tag zu Tag aus leichtem Grau ins Bräunliche, dann in Dunkelviolet, das täglich maſſiger wird und zulebt einen ſanften, Anfangs unbeſtimmten grünen Schimmer zeigt. Bis hierhin reichen die erſten ſchüchternen Verſuche der kind⸗ lichen Blätter; haben ſie das erſt glücklich überwunden, dann können ſie ſich vor Freude nicht mehr halten, reißen gewalt⸗ ſam die Knospen aus einander und purzeln ſo vergnügt heraus, daß man oft, namentlich nach öhreſtnernen Regen, in der That glauben möchte, man könne ein fröhliches Juch⸗ hei hören. Der Baron von Breda hatte ſchon oft hier auf dieſem Platze den Winter ſchwinden, den Frühling kommen ſehen. Und jedes Mal hatte er mit der ganzen Natur ſo gern das behag⸗ liche Gefühl getheilt, welches durch alles, was da lebt und webt, hindurch zu ſtrömen ſcheint. Heute dagegen war es ihm zu Muth, als ſollte der Herbſt kommen, und das rührte wohl daher, weil er ſich gern eines Tages des letztvergangenen prachtvollen Herbſtes erinnerte, wo er ſich auf derſelben Stelle befunden, wo die Sonne gerade ſo am Himmel ge— ſtanden wie jetzt; wo ſie auch drüben ihre goldenen Lichter auf die mächtigen Stämme der Bäume gezeichnet, wo ſie das gelbe Laub am Boden erglühen ließ wie heute, wo ein ebenſo * Der Waldweg. 47 leiſer Wind die vetrockneten Blätter vor ſich hinflattern ließ und mit den Gräſern ſpielte, deren glatte Fläche dann ſo eigenthümlich im Sonnenlichte glänzte. Ja, die ganze gelb⸗ graue Färbung war an jenem Herbſttage geweſen wie heute, und doch hatte George von Breda damals, wenn auch ſin⸗ nend, doch freudig, faſt glücklich den langen Winter mit ſeinen Nebeln, ſeinem Schnee und Eis entgegengeſehen, während er heute, wo ſich Alles zu einem fröhlichen Erwachen anſchickte, tief betrübt und unglücklich dem kommenden Frühjahr ent⸗ gegen ſah. O, warum tragen wir in unſerem armen Herzen die Trauer überall hin und nehmen den Frieden von Wald und Thal durch unſexe kleinen und großen Leiden! Indem George von Breda langſam weiter ſchritt, ſann er darüber nachttfthaſuchte vergeblich zu ergründen, ob die Un⸗ terredung mit ſeiner Frau heute Morgen, Eugenie und den Baron Fremont betreffend, ſo ohne allen Grund aus deren Kopf entſprungen ſei, ob Fremont über dieſes Projekt noch gar nicht nachgedacht oder ob er durch ein Wort, einen Blick, den Frau von Breda aufgefaßt, dazu Veranlaſſung gegeben habe. Er hatte nichts bemerkt und ſagte ſich kopfſchüttelnd: Was mich beruhigt, iſt, daß Fremont ein vortrefflicher Rechner iſt und mir ſchon oft geſagt hat, es würde für ihn nicht angehen, eine Frau ohne Vermögen zu heirathen.— Spekulirt er viel— leicht, weit vorausſehend, auf das Geld meiner Frau und denkt, ich würde den gutmüthigen Onkel machen und mich bei Lebzeiten ſchon beerben laſſen?— Für Eugeniens Glück?—— Ah, das iſt ein Gedanke, der mich beim erſten Ergreifen toll machen könnte und doch wieder etwas Tröſtliches hat.— Ich habe von meiner Frau nie etwas erbeten, ſetzte er düſter nach⸗ 48 Vierzigſtes Kapitel. ſinnend hinzu, aber wenn eine Heirath mit Fremont das Glück des Mädchens ausmachen könnte, da würde ich ſie auf meinen Knieen anflehen, als Mutter für ſie zu ſorgen.— Ja, wenn Eugenie Fremont liebte!— Bah, Unſinn! ſie kennt ihn nicht.— Das heißt, ſie ſah ihn oft genug, und wer vermag das Herz eines Mädchens zu ergründen!— Dieſer Fremont! weg, weg mit dieſen hölliſchen Gedanken! Denke ich ſo oder denke ich ſo, es iſt für mich Alles gleich entſetzlich.— Wohin ich blicke, finſtere Nacht. Der Baron hatte bei dieſen Gedanken ſeine Hände erhoben und drückte ſie feſt an ſeine Schläfe, als er mit einem Male, obgleich durch den weichen Grasboden gedämpft, den Galopp⸗ ſchlag der Hufe eines ihm entgegen kommenden Pferdes ver⸗ nahm. Raſch blickte er auf und ſah in de Augenblicke auch ſchon einen Reiter einige Schritte pariren und hörte eine luſtige Stimme, die ihm zu „Da kann man Jemand ſehen ſeine Zeit nach allen Richtungen zu genießen verſteht. Es iſt bei Gott eine vortreffliche Idee, an dieſem herrlichen Tage im milden Son⸗ nenſchein, nachdem man ſich müde geritten, zu Fuß zu gehen. Man kann immer von dir lernen.“ Es war Herr von Tondern, der alſo ſprach und dabei, ungenirt aus dem Sattel rückend, den rechten Steigbügel vom Fuße fallen ließ. „Es wird Einem faſt zu warm,“ fuhr er fort, indem er ſeinen Hut abnahm;„wenn man ſcharf reitet, ſo ſpürt man wahrhaftig ſchon die Kraft der Sonne.— Aber wo willſt du hin?— doch ich brauche das eigentlich nicht zu fragen,“ meinte er lächelnd;„du biſt im Begriff, deiner liebenswürdi⸗ gen Schwägerin einen Beſuch zu machen.“ *. — 1 de Der Waldweg. 49 George von Breda nahm ſich zuſammen, nickte mit dem Kopfe und entgegnete:„Um das zu wiſſen, brauchſt du aller⸗ dings nicht viel von deinem gewöhnlichen Scharfſinn aufzu⸗ wenden. Du ſiehſt mich in den Grenzen des Gutes; dort zwiſchen den Bäumen blickt das rothe Gebäude hervor.“ „Es iſt wahrhaftig ſchade,“ gab Tondern zur Antwort, „daß du nicht früher geritten biſt; wir hätten die kleine Tour zuſammen machen können.“ Er ſchlug dabei, außerordentlich gleichgültig ausſehend, mit der Reitpeitſche nach einem welken Blatte, das den Win⸗ ter überdauert hatte und nun vor dem Hauche des Frühlings herabflatterte. „Du warſt auch dort?“ fragte Gehige von Breda. „Ja, ich habe einen Beſuch gemacht,“ entgegnete Ton⸗ dern,„was ſehlleider nur in großen Zwiſchenräumen thue. Und ich ſage zedes Mal: leider! ſo oft ich von dort komme. Deine Schwägerin iſt und bleibt doch eine höchſt intereſſante, eine geiſtreiche Frau. Schade, daß ſie ſich von der Welt zurückzieht. Ich bitte, ihr zu bemerken,“ fuhr er luſtig fort, „daß ich mit Entzücken von ihr geſprochen. Es iſt das ein Freundſchaftsdienſt, den du mir erzeigen kannſt, und ſtehe ich zu allem Gleichen gern bereit.“ „Und wenn ich es thue, was kann es dir nützen?“ ſagte der Baron mit einem ernſten Blicke. „Nützen? nützen?“ fuhr der Andere lachend fort.„Den Teufel! du kennſt meine Schwäche, guter George, mit der ganzen Welt auf gutem Fuße zu ſtehen. Und dann, Scherz bei Seite, ich verehre deine Schwägerin!“ „Seit wann?“ fragte der Baron von Breda ziemlich kurz, da ihn ein unangenehmes Gefühl bei der Begegnung Ton⸗ Hackländer, Don Quixote. IV. 4 50 Vierzigſtes Kapitel. dern's, des vertrauten Freundes vom Baron Fremont, gerade auf dieſem Terrain überſchlichen. „Seit wann? komiſche Frage! Haſt du je aus meinen Reden oder aus ſonſt etwas entnehmen können, daß ich Frau von Braachen nicht nach Verdienſt verehre?— Aber, Teufel! lieber George, du ſiehſt verdrießlich aus, du biſt ſchlechter Laune— was fehlt dir?“ „Mir? ganz und gar nichts,“ gab der Baron zur Ant⸗ wort, indem er mit ſeinem gewöhnlichen, ruhigen Geſichts⸗ ausdruck den Andern feſt anſchaute.„Meine Laune bleibt ſich, Gott ſei Dank! immer gleich. Ich ſpazierte langſam dahin und dachte an Di Das.“ 3 Als er dies g ärgerte er ſich über ſich ſelbſt, weil ſeine Worte wie eine Entſchuldigung klange ie er Tondern gegenüber am allerwenigſten nothwendi „Ja, nachdenkend warſt du 7 ſern;„ich ſah dich ſchon lange, ehe du mich beme du gingſt ſehr ge⸗ bückt und berührteſt mit den Händen deine Stirn. Du haſt vielleicht Kopfweh?“ „Auch ein wenig.— Alſo ich finde meine Schwägerin zu Hauſe?“ fragte er nach einer kleinen Pauſe. Herr von Tondern hatte mit dem rechten Fuß nach ſei⸗ nem Steigbügel geangelt und antwortete, indem er ſich darauf wieder in den Sattel zurecht ſetzte:„Alles zu Hauſe; ich habe den alten Herrn mit einem Scherben glücklich gemacht, wo⸗ durch ich zweien Menſchen eine freilich ganz verſchiedene Emo⸗ tion verurſacht, deinem Schwager, der ſich darüber gefreut, glaubte. und unſerm unruhigen Legationsrath, der ſich ärgern wird, da ich ihm das Geſchirr entwendet.— Man muß ſich in der Welt zu helfen wiſſen,“ ſetzte er laut lachend hinzu. 2 —— — Der Waldweg. 51 „Jeder nach ſeinem Geſchmack,“ meinte George von Breda.—„Behüte dich Gott!“ Damit grüßte er mit der Hand und ſchritt neben ſeinem Pferde dem Hauſe zu. Herr von Tondern blieb noch einen Augenblick halten, um dem Baron kopfſchüttelnd nachzuſchauen, dann galoppirte er davon, indem er zu ſich ſelber ſprach: Was Teufel iſt dem George in die Krone gefahren? Sollte Fremont ein ver⸗ fluchter Kerl geweſen ſein, ſollte er vielleicht allzu bemerkbar gegen Eugenie den Niedlichen geſpielt haben? Es ſähe ſeiner Dummheit ähnlich. Und wenn dem ſo iſt, hat er vielleicht in aller Einfalt klug gehandelt.“ iſt zuweilen ſtark in den Schwachen. Er ließ ſein Pferd ſo viel wie möglich ausgreifen, um den für ihn ſo langweiligen Waldweg recht bald hinter ſich zu haben. Als George von Breda dem Hauſe näher kam, blieb er einen Augenblick ſtehen, wandte ſich um und dachte ſeiner⸗ ſeits: Was hatte Tondern hier zu ſchaffen? Mir ſcheint es wahrhaftig, als wenn Iulie nicht ohne Einwirkung von jener Heirath geſprochen. Sollte da nicht am Ende ein kleines Complot beſtehen?— Ah, wir wollen das bald erfahren. Kurze Zeit darauf hatte er den Hof erreicht und fand Frangois, der ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit eilfertig herbeigekommen war, um dem Baron das Pferd abzuneh⸗ men. Doch dankte ihm dieſer mit einer kurzen Handbewe⸗ gung, und da er nicht Luſt hatte, den edlen Lord der Pflege des Italieners zu überlaſſen, ſo brachte er das Thier ſelbſt nach dem Stalle und ſorgte dort für daſſelbe, ehe er in das Haus eintrat. 52 Vierzigſtes Kapitel. Der Beſuch war indeſſen ſchon von droben bemerkt wor⸗ den, und Herr von Braachen bewillkommte ſeinen Schwager an der Hausthür. 4 Das Aeußere des alten Herrn war nach dem Winter ge⸗ rade ſo, wie es vor demſelben, als wir ſeine Bekanntſchaft gemacht, geweſen war; nur ſchien ſein ziemlich nachläſſiger Anzug noch etwas mehr von der Farbe des Roſtes ange⸗ nommen zu haben, und ſein Geſicht war faſt noch grünſpan⸗ artiger geworden; doch glänzten ſeine Augen in der bekannten Herzlichkeit und Güte. Er hatte ſich gerade mit ſeinem roth carrirten baumwollenen Schnupftuche beſchäftigt, das er nun eilig in eine der Taſch ines Rockes zurückbrachte, um beide Hände dem Gaſte darr u können. „Freut mich außerordentlich, freut mich recht ſehr, daß Sie wieder einmal kommen, nach uns zu ſehen. Das ſoll aber kein Vorwurf ſein, denn Sie waren v ige Woche noch hier, ſondern ich will Ihnen damit nur unfen wie ange⸗ nehm für uns es immer iſt, ſobald Eins von euch kommt, vor allen Sie.— Was macht denn Eugenie?u fragte er darauf mit großer Herzlichkeit, beantwortete ſich aber gleich darauf dieſe Frage ſelbſt, indem er hinzuſetzte:„Sie wird vollkommen wohl ſein; war ſie es doch vorgeſtern, als ſie mit Ihrer Frau da war. Nun, habt ihr noch nicht genug an dem Wildfang? Daß ſie in dem Hauſe, wo ſie iſt, einen gehörigen Lärm macht“— das ſprach er faſt traurig, obgleich er dabei lä⸗ chelte—„weiß ich am beſten; denn ſeit ſie nicht mehr da iſt, iſt es bei uns ſehr ſtill geworden, feierlich wie in einer Kirche. — Das macht aber auch der Winter,“ meinte er gutmüthig; „jetzt wird es ja Frühjahr, da kommen mehr Leute zu Beſuch, und dann ſingen die Vögel wieder, das belebt.“ — Der Waldweg. 53 Damit waren die Beiden durch das verfallene Haus die Treppe hinauf geſtiegen und hatten ſich dem Zimmer der Frau von Braachen genähert, die ihrem Schwager entgegen kam, ihm die Hand reichte und ebenfalls ihre Freude aus⸗ ſprach, ihn zu ſehen. 1/ Dem alten Herrn hatte der Baron auf ſeiltte Fragen und Reden nicht viele Antworten gegeben, höchſtens dazu mit dem Kopfe genickt, und erwartete derſelbe auch nicht viel Anderes; er liebte es, das, was er dachte, oft ohne gar zu viel Zuſammenhang, in Worten von ſich zu geben, und Eu⸗ genie hatte ihn in dieſer, einigermaßen üblen Gewohnheit noch beſtärkt, da ſie ſich in ihrer Liebe und Güte alle Mühe gab, die laut ausgeſprochenen Gedanken ihres Vaters durch ihre Bemerkungen im Zuſammenhange zu erhalten. Alle Drei, der Baron, der alte Herr und Frau von Braachen, traten nun in das uns bekannte Zimmer mit dem einzigen großen Fenſter, welches auf die ſchöne Waldpartie und den ſtillen, dunklen See ging. Sowohl im Zimmer ſelbſt, als draußen in der Landſchaft war Alles beinahe ebenſo, wie wir es damals geſehen: die entlaubten Bäume, heute im gleichen Lichte, mit denſelben phantaſtiſchen Zeichnungen auf ihren weißgefleckten Rinden, die gewundenen Fußpfade, ſich geheimnißvoll in dem Dickicht verlierend, der Nachen, unbeweglich an derſelben Stelle, ſich in dem klaren Waſſer ſpiegelnd,— nur Eines fehlte heute: ihr liebes Auge, ihre ſchöne Geſtalt, ihre helle, klare Stimme mit dem vergnügten Lachen, kurz, das Leben, welches ſie, wie der alte Herr ganz richtig ſagte, in das Haus zu bringen pflegte, wo ſie ſich befand. Es war allerdings ein wenig ſtill und feierlich in dem alten Gebäude. 54 Vierzigſtes Kapitel. Frau von Braachen ſetzte ſich vor ihren Kamin, und Baron Breda ließ ſich ihr gegenüber nieder. Sie ſah nicht ſo aus, wie das letzte Mal, wo er da geweſen; ihr Teint war noch durchſichtiger, der Blick müder und der krankhafte Reif um die Augen hatte ſich noch dunkler gefärbt; auch huſtete ſie leicht in das Sacktuch hinein. George von Breda wandte ſeinen Kopf gegen den alten Herrn, der ſich im Hintergrunde des Zimmers befand, dort aufmerkſam etwas betrachtend, und ſagte:„Was machen die Sammlungen, Schwager? Haben Sie was neues Intereſſan⸗ tes gefunden?“ „Bis heute nicht,“ gab dieſer zur Antwort.„Sie wiſſen ja, es geht mir wie den Kindern, Sommers ſuchen ſie Steine, aber wenn der Boden zugefroren iſt, müſſen ſie es bleiben laſſen; ich kann mit ihnen ſingen: Winterzeit— harte Zeit, Schnee, der liegt da weit und breit. Aber heute,“ fuhr er triumphirend fort,„bin ich für langes Darben entſchädigt worden. Schauen Sie her.“ Er kam aus ſeinem Winkel hervor und hielt in der Hand einen kleinen irdenen Krug von äußerſt zierlicher Arbeit. „Das iſt echt,“ ſagte er mit ſtrahlenden Blicken,„ein etruskiſches Gefäß, mit wunderbaren Verzierungen; Herr von Tondern hat es mir gebracht— ein charmanter, angenehmer Mann.“ Baron Breda ſchaute nicht ohne Abſicht fragend auf ſeine Schwägerin, die mit einem ſehr gleichgültigen Blicke bemerkte:„Tondern war vor wenigen Augenblicken hier; Sie —ùꝑ — Der Waldweg. 55 müſſen ihm ja begegnet ſein. Er hat das kleine Gefäß mit⸗ gebracht.“ „In der That etwas Koſtbares,“ ſagte der alte Herr mit beſtimmtem Tone, indem er ſeinen Schatz mit großer Auf⸗ merkſamkeit in den Händen drehte und von allen Seiten be⸗ trachtete. ‚Aber das Merkwürdigſte und für mich Intereſſan⸗ teſte an der Sache iſt die ſeltſame Art und Weiſe, wie Herr von Tondern zu dieſer kleinen Vaſe gekommen.“ Der Baron, welcher die ſeltſame Art und Weiſe genau kannte, konnte ſich nicht enthalten, über die Worte ſeines Schwagers zu lächeln. „Wiſſen Sie,“ fuhr dieſer fort, wobei er leicht mit dem gekrümmten Finger auf das Gefäß klopfte und ſich an dem Klange deſſelben erfreute,„wenn man das von Italien daher ſchickt, ſo hat es am Ende für uns kein übermäßig großes Intereſſe. Aber was glauben Sie wohl?— es iſt hier ge— funden.“ „Hier gefunden?“ fragte Herr von Breda. „Hier gefunden!“ wiederholte triumphirend der alte Mann. „Herr von Tondern hat mir das ausführlich erzählt; es war ein reiner Zufall, welcher ihm die kleine Vaſe in die Hände ſpielte. Er iſt nämlich den Weg durch den Wald hieher ge⸗ ritten; man kommt da bei einer Niederung vorbei, wo ich ſchon oft die untrüglichſten Spuren einer Römerſtraße ge⸗ ſehen. Da, in dieſer Niederung, befindet ſich eine Lehm⸗ grube, wo gerade Arbeiter beſchäftigt waren, welche dieſes kleine Gefäß ausgruben im Augenblicke, als Herr von Ton⸗ dern vorbei ritt. Iſt das nicht merkwürdig?“ „Höchſt merkwürdig!“ „Daher iſt mir die Vaſe auch von ſo großem Werth, 56 Vierzigſtes Kapitel. denn wo ſich das fand, da ſteckt noch viel mehr verborgen, und ich habe mir feſt vorgenommen, nächſtes Frühjahr, ſoweit meine Mittel reichen, dort Nachgrabungen anzuſtellen. Viel⸗ leicht ſtößt man auf eine römiſche Niederlaſſung, eine Villa, ein Bad oder etwas dergleichen. Denken Sie ſich nur, wenn ich das Glück hätte, etwas Ordentliches zu finden, einige Statuen, einen prachtvollen Moſaikboden oder ſo etwas.“ Baron von Breda ſchüttelte mit dem Kopfe und antwor⸗ tete, nicht ohne Beziehung, dem alten Herrn, wobei er aber Frau von Braachen von der Seite anblickte:„Nehmen Sie ſich vor dem Tondern in Acht, beſter Schwager, das iſt ein Schalk; wer weiß, ob das Gefäß echt iſt!“ „Was das anbelangt,“ verſetzte der alte Herr mit einem mitleidigen Lächeln,„ſo bin ich ſehr competent; es iſt echt, wie nur irgend etwas echt ſein kann.“ „Zugegeben; aber ich glaube nimmermehr, daß Tondern es in der angegebenen Lehmgrube gefunden hat; der hat ſich einen Spaß machen wollen und Sie zu Nachgrabungen ver⸗ anlaſſen, an einem Orte, wo Sie in Ihrem ganzen Leben nichts finden. Er hat nun einmal die üble Angewohnheit, überall ſeine Späße zu treiben und die Leute irre zu führen.“ Die Dame des Hauſes erhob ihren Blick und ließ ihn eine Sekunde über das Geſicht des Barons ſchweifen; dann nahm ſie ihr Taſchentuch vor den Mund und huſtete leicht hinein. George von Breda war die Unterhaltung über das kleine Gefäß recht willkommen geweſen; es gewährte ihm Zeit, ſich zu ſammeln, ſeine Emotion zu verbergen, ruhig zu ſchei⸗ nen und auch wirklich ruhiger zu ſein; er fühlte, daß das ſeiner Schwägerin gegenüber nothwendig war. —— Der Waldweg. 57 Der alte Herr hatte ſeine Vaſe hoch empor gehoben, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Daß die echt iſt, darauf will ich mein Leben laſſen. Was das Andere anbelangt, ſo kann es ſein, kann aber auch nicht ſein.— Ich glaubte,“ ſetzte er zögernd und mit einem faſt bittenden Blick auf ſeine Frau hinzu,„man ſollte im Frühjahr doch einmal in der Lehm⸗ grube nachgraben laſſen.“ „Das würde ich auch thun,“ meinte dieſe in ſehr ruhi⸗ gem Tone.„Vielleicht findeſt du doch etwas Intereſſantes.“ Auf das hin verließ der Hausherr, eine alte, ſehr un⸗ bekannte Melodie ſummend, das Zimmer, um ſeinen Schatz zu anderen ähnlichen Dingen zu bringen, worunter ſich aber ziemlich viele werthloſe Scherben befanden. Einundvierzigſtes Kapitel. Eugeniens Mutter. Frau von Braachen beugte ſich gegen das Kaminfeuer, um einen Holzklotz, der auf einer Seite verkohlt war, umzu⸗ wenden. Der Baron nahm ihr die Zange aus der Hand und brachte das Feuer wieder in Ordnung. „Zu Hauſe ſteht wohl Alles gut?“ fragte ſie, nachdem ſie ſich in den Fauteuil zurückgelehnt hatte. „Alles gut,— Eugenie iſt wohl.“ „Und Julie?“ „Befindet ſich ebenfalls vortrefflich; ſchreibt, liest viel—“ „Ja, ja,“ unterbrach ihn die Baronin,„iſt mit ihren Gedanken immer auswärts und kennt deßhalb Indien, oder was weiß ich ſonſt, beſſer als den Fleck Erde, auf dem ſie ſteht und geht.“ „Das würde Ihnen Julie nicht glauben, wenn Sie ihr das ſagten,“ meinte lächelnd Herr von Breda;„ſie behauptet, gerade mit Hülfe ihrer Bücher lerne ſie das Leben und Treiben, 11* —, Eugeniens Mutter. 59 das ſie umgibt, am beſten kennen; ſie ſagt, eine gute Lecture ſei wie ein richtig geſchliffenes Glas oder wie ein vortrefflicher Spiegel, der uns alle krummen Linien des wirklichen Lebens augenblicklich zeige.“ „Mir ſind meine eigenen Augen lieber,“ ſagte die Dame. „Eugenie war mit meiner Schweſter vorgeſtern da.“ „Ich weiß es.— Hatten ſie etwas Wichtiges?“ fragte er nach einer Pauſe, während welcher er einen. lauernden Blick auf das ſich vollkommen gleich bleibende Geſicht ſeines Ge⸗ genübers geworfen. „Was uns ſehr wichtig iſt,“ entgegnete Frau von Braa⸗ chen mit einem ganz kleinen Lächeln,„darüber zuckt ihr Männer häufig die Achſeln.“ „Nicht immer; Sie kennen mich genug, um zu wiſſen, daß, was Ihnen, beſte Schwägerin, in Betreff Eugeniens wich⸗ tig erſcheint, mir nicht unwichtig ſein kann.“ „Habe ich denn wirklich geſagt,“ gab Frau von Braachen nach einem kurzen Stillſchweigen zur Antwort,„daß wir etwas Wichtiges verhandelt?“ George von Breda fühlte wohl, daß er lange nicht ſo vollkommen Herr über ſich ſelbſt ſei wie ſonſt, ja, daß er ſehr unruhig ſei, daß ſein Herz, von einem heftigen Leiden bewegt, bald langſamer, bald ſchneller ſchlage; ja, er glaubte gewiß zu ſein, daß zuweilen eine flammende Röthe über ſein Geſicht fahre. Er holte hier und da mühſam Athem und preßte jetzt, ärgerlich über ſich ſelber, ſeine Lippen feſt auf einander, indem er dachte: Warum bin ich eigentlich heute hieher gegangen? In der friſchen, kalten Luft würde mir wohler ſein. Durch dieſes Nachdenken, in welches er verſunken war, 60 Einundvierzigſtes Kapitel. hatte er die Frage der Baronin nicht beantwortet, was ſie als abſichtlich geſchehen anſah und vielleicht gerade deßhalb fort⸗ fuhr:„Uebrigens, beſter George, iſt es ja immer von größerer oder minderer Wichtigkeit, was eine Mutter ihrer Tochter zu ſagen hat, namentlich wenn ſie, wie ich, dieſe Tochter ſelten ſieht und in der Zwiſchenzeit Muße genug hat, über die Zu⸗ kunft ihrer Tochter nachzudenken.“ Sie hatte das mit einem viel herzlicheren und wärmeren Tone geſagt, als alles, was ſie vorher geſprochen, und ſich dabei in ihrem Lehnſtuhl aufgerichtet, wobei ſie ihrem Schwa⸗ ger feſt, doch nicht unfreundlich in die Augen blickte. „Daß Ihnen die Zukunft Eugeniens vor Allem wichtig i*ſt, begreife ich vollkommen, und i*ſt es ja bei mir gerade auch ſo der Fall.“ „Davon bin ich überzeugt,“ erwiderte Frau von Braachen mit weicher Stimme,„und deßhalb—— will ich etwas mit Ihnen ſprechen, George.“ Der Baron fühlte, wie ſich bei dieſen Worten ſein Herz krampfhaft zuſammenzog, wie all das Leid, mit dem er heute ſchon ſeit langen Stunden gekämpft, wieder mit erneuter Gewalt über ihn herzufallen drohte. Er beugte ſich zu dem Kaminfeuer hinab und machte ſich dort etwas ſehr Unnöthiges mit der Zange und dem Schüreiſen zu ſchaffen.— Ja, dachte er, Tondern war nicht ohne Abſicht hier. Die Sache iſt furchtbar gut eingefädelt, man hat mich umſtellt, man zwingt mich, ich brauche nur noch Ja zu ſagen. Und ſollte auch Eugenie darum wiſſen und mir verſchwiegen haben?— Ent⸗ ſetzlich, ah! Er biß ſich die Lippen faſt blutig, und doch mußte das ſchmerzerfüllte Ah! ſeinem Gegenüber hörbar ſein, denn Frau von Gec Pau ſpre mac — — Eugeniens Mutter. 61 von Braachen ſagte plötzlich:„Sie haben ſich gebrannt, George?“— —„O nein, es iſt nichts,“ gab der Baron nach einer Pauſe zur Antwort.„Unbedeutend.— Sie wollten mit mir ſprechen? Laſſen Sie hören?“ Bei dieſen Worten lehnte er ſich in ſeinen Stuhl zurück, machte eine furchtbare Anſtrengung, ruhig zu ſcheinen, was ihm auch ziemlich gelang. Er ſchlug langſam ſeine Arme über einander. „Sie wiſſen, George,“ ſagte Frau von Braachen mit einer leicht zitternden Stimme,„daß ich von jeher Ihre gute und treue Freundin war. Könnte es auch anders ſein nach den vielen Beweiſen von Herzlichkeit und Freundſchaft, die Sie uns gegeben, mir und meiner Schweſter, noch ehe wir Eine Familie bildeten?— Daß Sie mich,“ fuhr ſie mit einem trüben Lächeln fort,„für unzuverläſſig, vielleicht für leichtfertig hielten und deßhalb eine gewiſſe Scheu vor mir hatten, weiß ich wohl, kann es Ihnen auch nicht übel nehmen. Dagegen aber glauben Sie mir, George,— glau⸗ ben Sie es mir um Gottes willen!— daß ich mich nie mehr zu einem Manne hingezogen fühlte als zu Ihnen. Ich, eine alte verlebte Frau,“ ſagte ſie achſelzuckend,„kann Ihnen ohne alle Nebenanſichten wohl etwas wiederholen, was Sie ja längſt ſchon wiſſen, und ich thue es nur aus dem Grunde, um Sie zu überzeugen, daß ich Sie immer noch herzlich verehre, daß ich wahr, offen und ehrlich für Sie denke, daß ich bei jedem Schritte, den ich thue, nur für Ihr Wohl be⸗ ſorgt bin.“ „Das wollten Sie mir ſagen?“ fragte der Baron.„Ge⸗ A 4„ 5 Ppp 8 4 S 1 62 Einundvierzigſtes Kapitel. wiß, daran habe ich nie gezweifelt; ich bin Ihnen dankbar dafür.“ 4 Sie ſchüttelte mit dem Kopfe, indem ſie erwiderte:„Das war nur eine Einleitung.“ „Ich dachte es mir,“ ſprach er kaum hörbar. „Was ich Ihnen ſagen wollte,“ fuhr die Frau fort,„be⸗ trifft die Zukunft Eugeniens.“ „Und dazu hielten Sie die Einleitung von eben für nöthig?“ „Ja, ich hielt ſie für nöthig,“ verſetzte ſie mit einem feſten Blicke. „Aha.— So bitte ich, fahren Sie fort.“ Die Dame that einen tiefen Athemzug, huſtete darauf leiſe in ihr Tuch und ſprach:„Eugenie iſt kein Kind mehr; ſie iſt in den Jahren, wo man an ihre Zukunft denken muß; und wenn ich mich dabei meiner ſchwachen Kräfte erinnere, ſo fühle ich wohl, daß es eben nur bei dem Denken bleiben wird.“ Ein bitteres Lächeln flog bei dieſen Worten über ihre bleichen Züge. „Ganz richtig,“ bemerkte der Baron, als ſie einen Augen⸗ blick ſchwieg;„und wo unſere Kräfte nicht ausreichen, bedie⸗ nen wir uns der Kraft unſerer Freunde. Ich hoffe, Sie rechnen mich dazu.“ „Ja wohl; allein ich habe ſonſt keine Freunde.“ — Die Baronin hatte nach dieſen Worten ihr Tuch leicht an den Mund gedrückt, ſich in den Stuhl zurückgelehnt, und. es ſchien ihr ſchwer zu werden, das zu ſagen, was ſie ſagen wollte. George von Breda hatte ſeine Arme, die er bisher auf Engeniens Mutter. 63 der Bruſt gekreuzt hatte, langſam niederſinken laſſen, ſeine Finger drückten die weiche Lehne des Fauteuils zuſammen, und es war ihm lieb, daß er das thun konnte, denn es beruhigte ihn, und er brauchte die Beruhigung, da er an dem Schlage ſeines Herzens fühlte, was die Frau ihm gegenüber im näch⸗ ſten Augenblicke ſagen würde. „Eugenie— ſollte ſich verheirathen.“— —„Allerdings, ſie ſollte ſich verheirathen,“ gab er mit leiſer Stimme zur Antwort.—„Ich finde das vollkommen richtig,“ hatte er die Kraft, mit einer außerordentlichen Ruhe hinzuzuſetzen;„aber—“ „Wo eine paſſende Partie für ſie finden, meinen Sie 2** „Sprechen wir ehrlich und offen zuſammen,“ entgegnete der Baron nach einer längeren Pauſe.„Wir ſind ja alte gute Freunde,“ fügte er ſeltſam lächelnd hinzu.„Warum ſollten wir uns alſo falſch behandeln?— Die Partie wird ja bereits gefunden ſein.“ Seine Stimme zitterte hörbar, als er das ſagte, und zu gleicher Zeit fühlte er wohl, daß alles Blut aus ſeinem Kopfe zurück nach ſeinem Herzen ſtrömte. Frau von Braachen legte, wie es ſchien, abſichtlich den Kopf in ihre rechte Hand und blickte vor ſich nieder, als ſie verſetzte:„Niemand kennt unſere Verhältniſſe beſſer als Sie, George. Sie wiſſen, daß ich nur durch die Hülfe meiner Schweſter eine etwas geſicherte Exiſtenz habe. Wenn ich Ihnen das ſo anſcheinend ruhig ſage, ſo wollte ich, ich könnte Sie dabei einen Blick in mein Herz thun laſſen und Ihnen zeigen, wie es zerriſſen iſt von gerechten Vorwürfen über mein ver⸗ gangenes Leben. Doch was hülfe es, wenn ich verzweifeln —— 64 Einundvierzigſtes Kapitel. wollte? Was hinter uns liegt, bringt ja kein Schmerz, keine Reue mehr zurück.— Alſo genug davon, ich bin arm; Eu⸗ genie iſt ein armes Mädchen, ſie wird zufrieden ſein, eine nur halbwegs erträgliche Exiſtenz zu finden.“ „uUnd iſt Eugenie ſchuld daran,“ fragte Herr von Breda in kaltem, ſchneidendem Tone,„daß ſie nun ſo in der Welt daſteht, um mit einer halbwegs erträglichen Exiſtenz zufrieden ſein zu müſſen? Hat dieſes arme Geſchöpf nicht auch vielleicht ein klein wenig Recht, zu verlangen, daß man nicht nur für ihre Exiſtenz ſorge, ſondern auch für ihr Glück?— Und kann es dieſes herrliche Mädchen, kann es Eugenie, Ihre Eugenie, unſere Eugenie, mit ihrem warmen Herzen glücklich machen, wenn Sie, die Mutter, eine Partie für ſie finden, die Ihnen annehmbar erſcheint, da ſie Ihrer Tochter eine halbwegs er⸗ trägliche Exiſtenz ſichert?— Sie ſollten ja am beſten wiſſen, welches Unglück es bringt, wenn man eine Verbindung eingeht, ohne daß das Herz zuſtimmt. Sie ſollten das wiſſen!“ „Ja ich weiß es,“ entgegnete ſie, und ihre Worte waren klanglos. „Und obgleich Sie es wiſſen,“ fuhr er heftiger fort, „wollen Sie in Ihrer Tochter Ihr eigenes Leben und vielleicht noch ſchlimmer wiederholen?“ „Eugenie iſt gut und feſt.“ „O, das iſt ſie! Bei Gott, das iſt ſie!“ rief er faſt leidenſchaftlich aus.„Aber es gibt Herzen, die, was Feſtigkeit anbelangt, von ſich glauben, daß ſie zu den außerordentlichen gehören, und deren Stunde ebenfalls kommt, die doch in Verhältniſſe gerathen können, in Lagen, wo ihr feſter Charakter vor dem Hauch eines Mundes dahin 22 Eugeniens Mutter. 65 ſchmilzt,— wo ihr ſtarkes Herz nachgeben oder brechen muß.“ Er hatte zu viel geſagt, aber er konnte ſeine Worte nicht mehr zurück rufen.—— „Ja, es gibt ſolche Herzen,“ verſetzte die Baronin mit ruhiger, aber ebenſo klangloſer Stimme wie vorhin, „ja, es gibt dergleichen, George, welche nachgeben oder brechen müſſen, welche die Liebe zu ſpät kennen lernten, und als ſie ſie erkannten, ſich ſchaudernd in Ketten und Banden fühlten, an die ſie früher nicht gedacht, deren Druck ſie nicht empfunden.“ Sprach die Frau ihm gegenüber, die Frau mit dem glü⸗ henden Herzen und dem oft ſo eiskalten Aeußeren, ſprach ſie mit Beziehung auf ſich ſelbſt oder vielleicht mit Beziehung auf ihn? Es überfuhr Herrn von Breda ein ſeltſamer Froſt, als er das dachte, und er grub ſeine Finger in die Lehne des Fauteuils, er machte eine faſt übermenſchliche Anſtrengung, um wieder etwas Ruhe zu gewinnen, nur ein wenig, um es möglich zu machen, ihr in das ſehr bleiche Geſicht zu ſchauen und ſie mit ſtockendem Athem zu fragen:„Wozu die Reflexionen, Henriette? Wozu das Hervorrufen von Gefühlen, die jedem, der ſie begreift, ſchrecklich ſein müſſen?— Bah!“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen mit einem erzwunge⸗ nen und doch ſehr trüben Lächeln fort,„laſſen wir Phantaſie und Gefühl aus dem Spiel; bleiben wir bei der Sache— bei dem Geſchäft.“ Frau von Braachen ließ den Kopf auf die Bruſt herab⸗ ſinken und antwortete nicht. Es folgte eine lange Pauſe, welche beide Theile dazu an⸗ wandten, ſich möglichſt wieder zu ſammeln. Hackländer, Don Quixote. IV. 5 66 Einundvierzigſtes Kapitel. „Sie ſprachen vorhin,“ ſagte alsdann George von Breda, „von der Nothwendigkeit, für Eugenie eine Exiſtenz zu grün⸗ den; nun, ich meine doch, die hätte ſie vorderhand und viel⸗ leicht auch ziemlich angenehm und ſorgenfrei im Hauſe Ihrer Schweſter gefunden. Betrachten wir ferner Eugeniens Alter, ſo meine ich doch, es ſei durchaus nicht dringend, ſo mit großer Sorge an ihre— Verheirathung zu denken, beſonders nicht an eine Verheirathung, die ihr, wie Sie vorhin ſelbſt ſagten, nur eine halbwegs erträgliche Exiſtenz ſichert. Warum denn eine ſolche überſtürzte Heirath? Ich weiß wohl, man ſagt, es ſei das die Beſtimmung eines jeden Mädchens.— Nun ja, halten wir dieſe Beſtimmung meinetwegen im Auge. Warum aber— um im Geſchäftsſtyl fortzufahren,“ ſetzte er mit einem ſehr ernſten, faſt feindſeligen Blicke hinzu—„heute Zehn nehmen, wenn ich vielleicht morgen Hundert bekommen kann? Sie ſehen, Frau Schwägerin, auch ich verſtehe zu rechnen. Warum,“ fragte er heftiger,„einem jungen Mädchen, deſſen Herz noch an nichts dergleichen denkt, ſo früh, ſo ſehr früh die harmloſen Freuden der Jugend nehmen und ſie ihr ſchönes Daſein mit einem Leben vertauſchen laſſen, das uns oft neben wenig Freuden eine Menge von Täuſchungen bietet? Täuſchungen, die wir für Wirklichkeit halten, zu denen wir hoffend und freudig aufblicken, wie das Kind zur bunten Sei⸗ fenblaſe, um uns, wenn eine in leeres Nichts zerſpringt, wieder vertrauensvoll einer anderen zuzuwenden, wobei aber unſer Herz vertrocknet und wir alt werden.“ Der Baron ſagte dieſe Worte eben ſo ſehr, um die Mutter Eugeniens zu überzeugen, als auch, um ſich mehr und mehr zu ſammeln, während er alſo ſprach. Er hatte auch wirklich einen ziemlichen Theil ſeiner ſonſt ſo unverwüſtlichen * ⸗ Eugeniens Mutter. 67 Ruhe wieder erlangt, als dieſelbe abermals durch die Entgeg⸗ nung ſeiner Schwägerin gänzlich zerſprengt wurde. „Wer zweifelt,“ ſagte ſie,„an der angenehmen Exiſtenz, die Eugenie in Ihrem Hauſe hat? Ich bin feſt überzeugt, ſie wird ſich dort in jeder Hinſicht wohl fühlen, nur zu wohl. Aber halten Sie es nicht für billig, daß man ſich auch nach ihren Anſichten erkundigt? Wiſſen Sie denn, George, ob ſie den Plan einer Verheirathung ſo weit von ſich werfen wird?“ „Ja, das iſt— etwas Anderes,“ brachte George von Breda nach einem tiefen Athemzuge mühſam hervor.„Daran habe ich freilich nicht gedacht. Ah! Baronin, Sie manövriren klug mit mir, Sie führen Ihre beſten Truppen zuletzt ins Feld, um mich vollkommen aufs Haupt zu ſchlagen.“ Dabei biß er die Zähne krampfhaft auf einander und ſprang ſo heftig von ſeinem Sitze in die Höhe, daß der leichte Fauteuil hinter ihm eine Strecke zurück rollte. Frau von Braachen blickte empor, und da ſich bei der heftigen Bewegung ihres Schwagers keine allzugroße Ueber⸗ raſchung auf ihrem Geſichte malte, vielmehr ſich dort Schmerz und Kummer zeigte, ſo konnte man annehmen, ſie habe wohl gewußt, daß der letzte Streich, den ſie geführt, ihn ſo heftig treffen müſſe. Sie huſtete leicht in ihr Tuch und ſagte nach einer Pauſe:„Es iſt das nur eine Vorausſetzung, George, aber—. „Aber— aber,“ entgegnete er in leidenſchaftlichem Tone, „es iſt das eine Sache, die vielleicht heute noch eine Phan⸗ taſie, Sie und Julie aber morgen, übermorgen zur Wahrheit machen werden. O, es iſt nicht ſo ſchwer, das Herz eines armen Mädchens, das— ja, in gewiſſer Beziehung allein in 68 Einundvierzigſtes Kapitel. der Welt zu ſtehen glaubt, wenn auch nicht umzuſtimmen, doch für etwas zu gewinnen. Man muß das nur klug und umſichtig und mit einer gewiſſen Feinheit anfangen; und darin ſind Sie Meiſterin, Henriette.— Sagen Sie mir um Gottes willen,“ fuhr er heftiger fort, indem er ſeine Hände über ein⸗ ander ſchlug und ſeine Schwägerin mit einem flammenden Blicke anſah,„glauben Sie denn in der That, daß es möglich ſein wird, Eugenie dahin zu bringen, daß ſie dieſen Fremont liebt?— Nie, nie, nie, nie!“ „Ich ſprach den Namen nicht aus,“ ſagte die Frau vom Hauſe; njetzt aber, da Sie ihn genannt, muß ich Ihnen ge⸗ ſtehen, daß ich eine Verbindung meiner Tochter mit Baron Fremont für ein Glück halten würde.“ Sie ſagte das in ſehr kaltem und ruhigem Tone, doch zitterte dabei ihre Stimme, obgleich faſt unmerklich. „Ja, für ein Glück für uns, für das Mädchen,—— für Sie, George.“ Die letzten Worte, welche die Dame ſprach, trafen den Baron mit furchtbarer Gewalt; er ſtarrte ſie einen Moment mit weit aufgeriſſenen Augen an, dann wandte er ſich mit einem Male um, trat haſtig ans Fenſter, lehnte den Arm auf eine der Kreuzſtangen deſſelben, drückte den Kopf gegen die kalten Scheiben und blickte, von entſetzlichen Empfindungen zerriſſen, auf die ſtille Landſchaft hinaus, auf den dunklen, unbeweglichen See. Schon war die Sonne tief hinab geſunken, und wie ſie ſich dem Horizonte zuneigte, hatten ihre Strahlen ſcheinbar an Kraft zugenommen. Das am Mittag ſo hell glänzende Licht war tiefer gefärbt, goldig, glühend; ja, die leuchtende Kugel, die man jetzt von dem Fenſter aus in weiter Ferne Eugeniens Mutter. 69 zwiſchen den Bäumen hervorblitzen ſah, erſchien wie eine tief⸗ rothe Flamme; das liebe, glühende Weltauge blitzte noch ein⸗ mal mit verdoppelter Herrlichkeit und Kraft über die Erde dahin, ehe es für heute verſchwand, um der kalten, dunkeln Nacht Platz zu machen. In dieſen Ausdruck innigſter Zärtlichkeit miſchte ſich etwas wie Trauer, wie Wehmuth des Abſchiedes. Und das ſchien auch die ganze Landſchaft zu empfinden, denn es war, als beeiferte ſich jeder Baum, jeder Strauch, das ſtille Waſſer des See's,— nicht zu vergeſſen ein menſchliches Augenpaar, in dem Thränen funkelten,— ſich dieſem letzten, glühenden Blicke noch einmal zuzuwenden, den letzten Kuß der unter⸗ gehenden Sonne zu empfangen. Und ſo glänzte es denn ringsum wie Gold und wieder Gold; es funkelten die Zweige; es war der Boden mit einem prachtvollen Schimmer bedeckt; das Waſſer des See's ſchien röthlich angeſtrahlt, und an den Wänden des vor wenigen Augenblicken noch ziemlich dunkeln Gemaches, auf den Zügen eines ſo ergreifend düſteren Geſichtes ſtieg es mit einem Male auf, leuchtend und ſtrahlend wie eine neue Morgenröthe.— Und doch wollte es Abend werden. Nicht nur draußen in der Natur, nicht nur in dem Zimmer des ſtillen Hauſes, ſondern auch in dem Herzen des Mannes, der am Fenſter lehnte und ſtill und gedankenvoll in die ruhige Landſchaft hinaus⸗ blickte.— Aber ſie that ihm wohl, dieſe Ruhe, ſie erweichte ſein hartes, trotziges Herz, ſie überzog es mit tiefer Wehmuth; ſie ließ ihn denken, daß, wenn es auch jetzt Abend werde und dem ſtrahlenden Tage eine kalte, dunkle Nacht folge, auch dieſe ja ihre ſtillen, geheimnißvollen Sternbilder habe, die mit ihrem 70 Einnndvierzigſtes Kapitel. ſanften Lichte ſo geeignet ſind, das Toben in der Menſchen⸗ bruſt zu beruhigen. Und dann— glänzte ihm aus dem gol⸗ denen Strahl da unten auch wieder etwas wie Hoffnung ent⸗ gegen, daß der Nacht abermals ein Tag folgen würde, wenn auch nicht ſo heiter und glückſelig wie der letztvergangene, aber doch wieder mit neuem Lichte, bekannte Gegenſtände er⸗ hellend und mitleidig erzählend von geſtern, daß es nicht ſo habe ſein können und daß man eigentlich froh ſein müſſe, wenn die Nacht erſcheine, um mit ihrem dunkeln, Alles aus⸗ gleichenden Schleier unter lieblichen Träumen ein allmäliges Vergeſſen zu bringen. Das alles dachte George von Breda, als er an dem Fenſter lehnte und ſeine brennende Stirn gegen die kühlenden Scheiben drückte.— Er fühlte, wie ſich eine Hand ſanft auf ſeine Schulter legte, wandte aber deßhalb den Blick nicht ins Zimmer zurück; er vernahm eine leiſe Stimme, welche zu ihm. ſprach, aber ſein Kopf blieb an dem Fenſter lehnen. „George,“ ſagte Frau von Braachen, die an ſeine Seite getreten war,„es iſt ſchon eine Reihe von Jahren, daß Sie in unſer Haus kommen; damals ein wilder, glänzender Offizier, hielten Sie es für überflüſſig, ſich das Thor öffnen zu laſſen, Sie ſetzten lachend über die Barriere hinweg und erſchreckten mich ein wenig, mich, die ich damals mit der kleinen Eugenie vor der Thür ſaß, die freudig in ihre Händchen ſchlug über den kecken Reiter, welcher, nachdem er abgeſtiegen war, mit einem Male ſanft und freundlich wurde wie das Kind ſelber, und dann mit ihm ſpielte, fröhlich und unverdroſſen alle ſeine kindiſchen Launen ertragend, der ſich ſo in Kurzem die Gunſt des ziemlich verlaſſenen Mädchens errang, der der Abgott des zuweilen recht wilden Kindes wurde.“ — 2* . Eugeniens atten. 71 Er machte eine kleine Bewegung, blickte aber nicht um. „Wir ſprachen damals viel von Ihnen,“ fuhr die Frau mit noch leiſerer Stimme fort,„das Kind und— ich, ſehr viel, ſehr viel. Es war uns ein Feſttag, wenn Sie kamen, und ſo ging das fort, mehrere Jahre lang.— Da fingen Sie an, wie ein treuer Freund ſich um die traurigen Angele⸗ genheiten unſeres Hauſes zu bekümmern; Sie gaben mir gute Rathſchläge, Sie halfen meiner Schweſter ihre Sachen ord⸗ nen, Sie arbeiteten für uns ebenſo unverdroſſen, ebenſo lieb⸗ reich in ernſten Stunden, wie Sie ſich in anderen mit Eugeniens beſchäftigten.— Hätten Sie das nicht gethan, George, es wäre vielleicht beſſer geweſen.— Aber ich ſah es gern, es freute mich, wenn ich Sie ſo ſah, jetzt unermüdlich mit dem Kinde ſpielend, jetzt ihm ſeine kleinen Unarten ver⸗ weiſend; hörte ſie doch auf Niemand ſo wie auf Sie, und wenn ich ihr oft ſagte: es freut mich, Eugenie, daß du das und das nicht mehr thuſt, ſo antwortete ſie mit leuchtenden Blicken: George hat es mir ja verboten; jetzt thu' ich es gewiß nicht mehr.“ Ein tiefer Seufzer, der ſich ſeiner Bruſt entrang, war das einzige Zeichen, daß er ihre Worte vernahm, daß er ſie tief fühlte. „Ich möchte Ihnen noch mehr ſagen, George,“ fuhr Frau von Braachen nach einer längeren Pauſe fort,„aber ich wage es kaum. Und doch, warum ſollte ich nicht ehrlich gegen Sie ſein?— Da kam die Zeit, wo durch Ihre Hülfe unſere An⸗ gelegenheiten geordnet waren; Sie hatten ſich an uns gewöhnt, Sie ſchätzten meine Schweſter, Sie betrachteten unſer Haus als das Ihrige, es war Ihnen nicht unangenehm, in eine nähere Verbindung mit uns zu treten.— Als ich das erſte 72² Einundvierzigſtes Kapitel. Mal davon vernahm, war die Sache ſo gut wie abgemacht; Julie war zufrieden. Ich, George— ja, warum ſollte ich es verſchweigen?— ich bebte, als ich die Nachricht erfuhr, mich bewegten Kummer und Schrecken. Dabei brauche ich Ihnen wohl nicht zu wiederholen,“ ſetzte ſie mit ſtärkerem Tone hinzu,„wie ich Sie ſchätzte, wie ich Sie verehrte.— Aber— ich hatte alles das mit anderen Augen angeſehen.— Ich hatte Unrecht, das weiß ich jetzt ganz genau; aber es war doch ſo. — Ich habe mich ni leicht über irgend etwas in der Welt getäuſcht. Da aber habe ich mich getäuſcht, o, entſetzlich ge⸗ täuſcht!— Julie,“ ſprach ſie kaum hörbar,„hätte nicht heirathen ſollen. Warum auch? Sie iſt ziemlich älter als Sie, ſie lebt für ihre Papiere, ihre Bücher. Das hätte ſie alles noch mit viel größerer Ruhe gekonnt.“ Der Baron wehrte mit der Hand von ſich, als wollte er nichts mehr hören. „Damals,“ fuhr Frau von Braachen fort, ſprach aber ſo leiſe, daß es wie ein kaum hörbares Flüſtern klang, und es er⸗ ſchien, als rede ſie zu ſich ſelber,„damals war Eugenie ſchon vierzehn Jahre. Sie vielleicht dreißig.“ 2 „Henriette!“ rief der Baron mit lautem, ſchneidendem Tone,„halten Sie ein mit Ihrem entſetzlichen Reden! Halten Sie um Gottes willen ein! ich könnte wahnſinnig werden! Wenn Sie denn— ins Teufels Namen!— die entſetzliche Wunde in meinem Herzen ſehen, warum wühlen Sie mit ſo grauſamer Luſt darin herum?“ „Man ſchneidet zuweilen tief, wenn man heilen will,“ ſagte ſie in ruhigem Tone. „Mich heilen?“ rief er mit wildem Lachen;„mich wollen Sie heilen? O, Sie überaus kluger und verſtändiger Arzt! +☛ d Eugeniens Mutter. 73 Sie wußten, daß ich mir ſelbſt Jahre lang das Gift tropfen⸗ weiſe einflößte, Sie ſahen, wie es ſich meinem ganzen Körper mittheilte. Sie fühlen wohl, Henriette, wie ich davon ergrif⸗ fen bin, unrettbar ergriffen— und Sie wollen mich mit Wor⸗ ten heilen!“ „Mit Wort und That,“ ſagte ſie in entſchloſſenem Tone, und dabei ließ ſie langſam ihre Rechte von ſeiner Schulter herabſinken und faßte ſeine Hand, die ſie lange und herzlich drückte.„Ja, George, mit einer raſchen That. Und deßhalb muß Eugenie, und muß— dieſen Fremont heirathen.“ Er wollte ſeine Hand gewaltſam losreißen, ſich gegen die Baronin wenden, doch hielt ihn die ſchwache Frau kräftiger, als man es von ihr hätte glauben ſollen. „Ach,“ rief er aus,„Sie ſind ein kaltes, hartherziges Weib! Es iſt bei Gott gefährlich, wenn man mit Ihnen zu thun henr⸗ Dabei knirſchte er wild mit den Zähnen. Frau von Braachen trat einen Schritt zurück, ließ ſeinen Arm los und faltete ihre Hände. Ihr Blick war unendlich kummervoll, als ſie zur Antwort gab:„Ich bin nicht kalt, noch hartherzig, George.— Sie ſagen das, weil ich Eugenie aus Ihrem Hauſe fortnehmen will. Iſt ſie denn mit meinem Willen dorthin gegangen? Habe ich ſie freiwillig ziehen laſſen?— Nein, nein, tauſend Mal nein! Ich war klüger als Sie, George, ich ſah heller; ich wußte wohl, daß es ſo kommen mußte; Sie hatten freilich keine Ahnung davon.“ „Wovon? beim allmächtigen Gott, Henriette?“ rief er außer ſich. „... Daß Sie damals ſchon das arme Mädchen liebten, 74 Einundvierzigſtes Kapitel. ohne es ſelbſt zu wiſſen. Aber ich, George, ſah das ganz deutlich. Und deßhalb wollte ich ſie nicht von mir laſſen; deßhalb ließ ich mich ſchon damals von Ihnen hartherzig und egoiſtiſch nennen.— O, wenn ich Beides doch damals mehr geweſen wäre!“ 1 Das rief ſie mit ſchmerzvollen Tönen und preßte beide Hände vor das Geſicht. Es dauerte einige Sekunden, ehe ſich die Baronin wieder ſo weit gefaßt, um fu aufs Neue an George von Breda zu wenden, der abermals am Fenſter lehnte und wieder in die punkler werdende Gegend hinausblickte. Drüben zwiſchen den Bäumen ſah man noch einen einzigen leuchtenden Streifen, der keine Wirkung mehr auf die Farbe der Landſchaft aus⸗ übte. Dieſe war kalt und grau geworden. Die Dame ließ ihre Hände von dem Geſichte herab⸗ ſinken, und man ſah auf ihren bleichen, eingefallenen Zügen deutliche Thränenſpuren. Frau von Braachen hatte wohl viel Unglück, viel Jammer erlebt, aber ſie hatte äußerſt ſelten geweint. 3 „... Das Unglück iſt noch größer, als wir Beide es wiſſen wollen,— der Abgrund, an dem Sie, George, und das arme Mädchen auf ſchlüpfrigem Wege wandeln, tiefer und gefährlicher, als Sie glauben.“ Der Baron hatte ſich mit einem heftigen Ruck aufgerich⸗ tet und ſtarrte ſie dann mit blitzenden Augen an, wobei der Ausdruck eines jähen Schreckens über ſeine Züge flog, und er ſich raſch nach dem Innern des Zimmers wandte. „Denn auch Eugenie— ¹“ rief ſie ſchmerzlich aus. Doch ließ George von Breda ſie ihren Satz nicht been⸗ digen; er ſtürzte zur Thür hin, riß ſie auf und eilte die — .„ ₰ℳ.* 2 en u nen na, ,, 5 2 2 9 5 3, 5 v nnnnn 2. Sweuedeee . 85 7»/— Eugenieus Mutter.( 2 75/ N — n 4æ 5 Treppen hinab nach dem unteren Veſtibül, wo er, ſtatt ins Freie zu gehen, tief athmend ſtehen blieb, denn er wollte den Leuten des Hauſes ſeine Emotion nicht zeigen, und ſah noch zur rechten Zeit, daß Frangois, der Kammerdiener, mit ſeinem glatten Lächeln im Geſicht an der Hausthür lehnte und jetzt auffallend ehrerbietig zurücktrat, als er Jemand kommen ſah, den er an der hohen Geſtalt wohl für den Baron von Breda erkannte. Glücklicherweiſe war es in dem Veſtibül ſo dunkel, daß man keine Geſichtszüge mehr unterſcheiden konnte. „Der gnädige Herr befehlen Ihr Pferd?“ ſagte der Italiener ehrerbietiger, als man es ſonſt an ihm gewohnt war. „Darf ich nach dem Stalle gehen, es zu holen?“ „Ich danke Ihnen,“ erwiderte George von Breda, der ſich gewaltſam gefaßt;„ich will das ſelbſt beſorgen. Wenn Sie mir aber droben Hut und Reitpeitſche holen wollen, die ich vergaß, wird es mir angenehm ſein.“ Francois flog nach einer tiefen Verbeugung die Treppen hinan, holte das Verlangte und erſchien gerade vor der Stall⸗ thür, als Herr von Breda die Zügel Lords, der in die kalte Abendluft hinaus wieherte, ordnete, um aufzuſteigen. Der alte Herr droben trat wenige Augenblicke nachher in das Zimmer der Baronin und traf ſie vor dem Kamine ſitzend. Sie hatte den Kopf tief auf die Bruſt herabgeſenkt und hielt ihre Hände gefaltet. „Iſt George ſchon fort?“ fragte er. Sie erhob ihren Kopf und ließ ihn langſam wieder ſinken. „Das iſt ſchade,“ fuhr der alte Herr heiter fort,„denn 5 3 5 82 12 ko S 4o e, M, 3 2 u—, Nr an C We C 2 7— 2 2 f. 2 3 3 4 e S 2, /A a ee m 2 mn,, 5 22 8 76 Einundvierzigſtes Kapitel. unzweifelhaft Lehm aus unſerer Gegend iſt.“ Er trat ans Fenſter und ſchaute in den Abend hinaus.„Mich freut das außerordentlich,“ meinte er händereibend,„da will ich, ſobald es die Witterung erlaubt, in der Lehmgrube ſorgfältigt nach⸗ graben laſſen.— Es wird dir auch Vergnügen machen, nicht wahr, liebe Henriette?“ „O ja,“ gab dieſe zur Antwort; aber es klang wie ein tiefer Seufzer. 6. „Dann kommt auch Eugenie häufiger hieher,“ ſprach er vergnügt,„und das iſt mir ſehr lieb, denn Niemand kann die Sachen, die wir finden werden, ſo aufſtellen wie ſie.“ Hierauf lehnte er ſich an dieſelbe Scheibe, vor welcher auch George von Breda wenige Augenblicke vorher geſtanden, und indem er an eine Menge koſtbarer Krüge dachte, die er zuverſichtlich finden, ſowie an ſeine geliebte Tochter, die ihm beim Aufſtellen und Putzen helfen würde, ſang er mit leiſer, zitternder Stimme: Où peut-on être mieux Qu'en sein de sa famille! George von Breda jagte in den dunkeln Abend hinaus über den weiten Raſenplatz vor dem Hauſe, bei den weißen Göttern und Thiergeſtalten vorbei, die ihn ſo geheimnißvoll anzublicken ſchienen. Sein Pferd ſprengte über die kleine Brücke bei der Bank an den Steinpfeilern vorüber, in immer tollerem Laufe. Er dachte nicht daran, die Zügel anzuziehen; er ſah auch nicht die herabgeſtürzten Figuren rechts und links, und bemerkte nicht die Brücke, nicht den Steinpfeiler, an welchen er vor ein paar Stunden ſein Haupt gelehnt, nicht die Raſenbank, wo ſie ſo oft geſeſſen. Sein ganzes Denken und Fühlen war durch zwei Worte ausgefüllt, die er oft halblaut vor ſich F 4* Eugeniens Mutter. 77 hinſprach, und, wenn er ſie dann ſelbſt vernahm, davor ſchau⸗ derte und die Hand auf das wild klopfende Herz drückte. Er bog, ohne es zu wiſſen, in den Waldweg ein, er ließ die zerſtörten Ruheplätze hinter ſich— er dachte nur an die beiden Worte, und wenn er zuweilen an den Himmel empor blickte, auf deſſen dunkler Fläche Tauſende von Sternen her⸗ vorſprangen, immer andere, immer neue, ſo war es ihm, als zeigten ihm all die leuchtenden Punkte in Flammenſchrift die beiden Worte.— Er verließ den Waldweg, erreichte die Höhe der Chauſſee; da lag die Stadt vor ihm, mit einem ſilbernen Schleier bedeckt, auf dem ſich leuchtende Stickerei— die Lichter an den Häuſern und auf der Straße— zeigte. Lord drängte heftig nach Hauſe, und ſein Herr ließ ihn gewähren; dachte er doch nur an die beiden Worte.— Roß und Reiter erreichten den Hof; jetzt ſah der Letztere das Ge⸗ wächshaus matt erhellt von dem Lichterſchein, der aus dem Eßzimmer hervordrang. Der Baron ſtieg langſam vom Pferde, warf dem kleinen Groom die Zügel zu und ſchritt, ohne den Wintergarten zu berühren, nach dem Haupteingange des Hauſes, gebückt, tief nachſinnend, ſchmerzlich bewegt und doch mit klopfendem Herzen. — Auch Eugenie!— Wenige Augenblicke darauf meldete der Kammerdiener der Frau von Breda, der gnädige Herr ſei mit heftigem Kopf⸗ weh nach Hauſe gekommen und laſſe ſich beim Diner entſchul⸗ digen; es ſei aber durchaus nichts Schlimmes, er bedürfe nur etwas Stille und Ruhe. 0 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Kirche und Wirthshaus. Für uns gibt es Sonntag⸗Nachmittage, die wirklich etwas ſehr Langweiliges, ja, Trauriges haben. Worin das liegt, können wir nicht genau ſagen; machen es die ge⸗ ſchloſſenen Läden und in Folge hiervon die Ruhe und Stille auf den Straßen; machen es die Schaaren geputzter Leute, die mit allen Fortbewegungsmitteln— auf ihren eigenen Füßen, zu Wagen, per Ciſenbahn, eben dieſe Straßen ſo eilig zu verlaſſen trachten, als müſſe ihnen irgendwo ein Unglück paſſiren, wenn ſie dablieben; kommt es, weil in dieſen Stun⸗ den nirgendwo Muſik und Geſang erſchallt, ſo daß ſelbſt die unermüdliche Klavierſpielerin uns gegenüber keinen Ton hören läßt und wir in dieſen Feierſtunden nichts von dem eben er⸗ wähnten vernehmen, als vielleicht vom Hinterhauſe her ein⸗ 1 zelne quiekende Töne einer Flöte, was um ſo weniger zu unſerer Erheiterung beiträgt, als wir uns wider Willen be⸗ mühen müſſen, dieſe einzelnen Töne an einander zu reihen, * Kirche und Wirthshaus. 79 um ſchaudernd zu erfahren, daß der junge Menſch da im Hinterhauſe— wir kennen ihn wohl, er hat flachsblonde Haare, eine rothe Raſe, nicht vom Trinken, ſondern von einem hartnäckigen Stockſchnupfen, und ſeine zehn bläulichen, dick aufgelaufenen Finger ſind eben ſo viele Exemplare von Froſtbeulen— die Melodie ſpielt: Mich fliehen alle Freuden. Ja, und wir glauben, dieſe Melodie kommt aus ſeines Herzens tiefunterſtem Grunde; zweimal in die Kirche gehen an einem Sonntag und Abends noch eine Betſtunde beſuchen, das iſt zu viel für einen jungen Menſchen, der ſich die ganze Woche auf den Sonntag gefreut, für ein Gemüth udem die Verführung ſchon nahe trat, indem ſie ihm zuflüſtette von harmloſen Spaziergängen zur Zeit der Betſtunde!— Ihn. fliehen alle Freuden; er hat ſich in das kalte Magazin zurück⸗ gezogen, wo ihn der Prinzipal, der über der Straße wohnt, nicht hören kann, unter der Angabe, ſein Herz an dem Aeußeren ſüßer Zucker⸗ und Roſinenfäſſer ſowie träumeriſcher Kaffeeſäcke zu erfreuen. Wir finden den Sonntag⸗Nachmittag vielleicht langweilig, weil wir ſehen, wie er ſo wahrhaft auffällig gefeiert wird, weil wir ſo manchem unterdrückten Gähnen begegnen, wäh⸗ rend der Mund ſpricht: Ach, wie ſind dieſe Feierſtunden ſo köſtlich! Wir finden ihn langweilig, weil man ſich bemüht, ſelbſt die unſchuldigen Freuden der anderen Tage aus ihm zu verbannen, und weil es Leute gibt, die ſich ein Vergnü⸗ gen daraus machen, an dieſem Tage alle die freundlichen Blüthen niederzutreten, die ſonſt unſer Leben ſchmücken; weil man will, daß der Sonntag nicht mehr ſein ſoll ein Feiertag, 80 Zweiundvierzigſtes Kapitel. an dem wir uns freuen dürfen, wenn wir ſechs Tage ehrlich und rechtſchaffen gearbeitet, ſondern ein Trauertag, an dem wir in uns gehen und mit Schrecken all der Sünden ge⸗ denken ſollen, deren wir uns in der ganzen Woche ſchuldig 1 gemacht. „Ja, ſo ein Sonntag⸗Nachmittag iſt unſinnig langweilig,“ ſagte auch der Jäger Brenner, der in ſehr aufrechter Haltung und ſtattlich angethan mit ſeinem dunkelgrünen Jagdrocke an der Seite eines viel kleineren Mannes durch die Straßen ſchritt.„Wahrhaftig, über alle Maßen langweilig, und nicht nur hier in der Stadt, ſondern auch draußen auf dem Lande hat der Tag für unſer einen etwas Melancholiſches. Wenn ich ½ durch den Wald gehe, da iſt doch die Stille, die mich trättrig machen kann, zuweilen von irgend etwas unter⸗ 9 brochen; ich höre das Knarren eines Holzwagens, das Knallen 3 Peitſche, auch zuweilen einen Schuß— bumms dich! und dasgfinde ich angenehm und behaglich.“ Der kleine Mann, der neben dem Jäger fortſchritt, hatte ein einigermaßen eingefallenes Geſicht, eine ſehr lange und ſpitze Naſe, und trug den Kopf gebückt, wobei er aber nicht unterließ, mit ſeinen lebhaften Augen ſcharf nach den ihm Begegnenden zu blinzeln, worauf er ſich zuweilen veranlaßt ſah, ſein Haupt noch tiefer herab zu neigen oder ganz auf die Seite zu wenden. Auch eilte er raſcher und unaufhalt⸗ B ſamer vorwärts als der Jäger trotz ſeiner viel längeren 2 Beine, der hier und da ſtehen blieb, ein Haus betrachtete und alsdann verdrießlich murmelte: „Auch wieder geſchloſſen! Ja, das muß wahr ſein,. ſie gönnen einem Chriſtenmenſchen, der doch ſeine Pflicht . gethan hat, auch nicht das geringſte Vergnügen. Aber Ihr, Kirche und Wirthshaus. 81 Schwörer, ſcheint Euch wahrhaftig darüber zu freuen, daß ſämmtliche Wirthshäuſer verſchloſſen ſind, und Ihr thut daran ſehr unrecht, denn ich habe meinen Theil des Con⸗ traktes mit beſtem Willen erfüllt und auch mit redlichem Herzen, und es iſt Eure Schuldigkeit, das nun Eurerſeits auch zu thun.“ „Es ſollte mich freuen, wenn Ihr die Wahrheit ſprächet, Herr Brenner, und Ihr in der That mit beſtem Willen und mit redlichem Herzen mich in die Kirche begleitet hättet.“ „Darauf könnte ich ſchwören,“ entgegnete der Jäger in beſtimmtem Tone;„und es hat mir wohl gethan.“ „Nun, das freut mich,“ ſagte Meiſter Schwörer, wobei er den Kopf etwas ſchief auf die Seite neigte, um auf dem Geſichte des neben ihm Gehenden zu leſen, ob dieſer wohl die Wahrheit ſpreche. Und in der That waren die Züge des Jägers offen wie immer und ohne eine Spur von Ironie. „Doch habt Ihr den Vertrag nicht ganz richtig einge⸗ halten,“ ſagte der Schneidermeiſter mit einem feinen Lächeln. „Wie ſo?“ „Nun, Ihr ſolltet mich begleiten, und ich habe Euch be⸗ gleitet.“ Ja, in die Kirche, die Ihr vorgeſchlagen, dahin gehe ich nicht. Was T——.“ Zum „Ah ſo!“ lachte der Jäger.—„ Troſte des Schneidermeiſters verſchluckte er das Wort noch zur rechten Zeit.„Könnt Ihr mir zumuthen, eine Predigt anzuhören, wo ich, ſtatt gute Lehren zu vernehmen, von A bis Z mit Grobheiten bedient werde, von denen ich mir an anderem Orte nicht den hundertſten Theil ruhig gefallen Hackländer, Don Quixote. III. 6 ———— 82 Zweiundvierzigſtes Kapitel. ließe? Ich weiß wohl, daß ich kein Lamm bin und meine tüchtigen Fehler habe, will auch verſuchen, mich zu beſſern; aber ſo läßt man ſich das doch nicht ins Geſicht werfen. Einmal war ich eine Viertelſtunde lang da und hatte mehr als genug. Was habe ich da alles hören müſſen!“ Meiſter Schwörer ſchaute erſtaunt in die Höhe. „Wenn Ihr wirklich,“ fuhr der Jäger erboßt fort,„Eure Sünden auf dem Gewiſſen habt— es iſt ja wohl Niemand rein davon— nützt es Euch da etwas, wenn Ihr nun ſtill halten müßt und Euch ſagen laſſen, daß Ihr das nieder⸗ trächtigſte und ſchlechteſte Geſchöpf ſeid, das da auf Erden kriecht und fliegt? Daß ein Affe nicht ſo boshaft iſt, ein Eſel nicht ſosfan⸗ ein Ochs nicht ſo dumm und ein Bock nicht ſo unanſtändig? Ja, das ſagen ſie Euch; aber, wohlgemerkt, ohne Einem Troſt dabei zu geben. Wenn ich einen Jägerburſchen hinter die Ohren ſchlage und ihm ſage: Himmelſakr—“ „O, Herr Brenner!“ bat der Schneider. „Und ihm alſo fage: Biſt du ein rechter Kerl, deſſen Gewehr nicht losgeht? ſo ſetze ich gleich darauf auch hinzu: An der und der Schraube wird's fehlen, und da kann der Sache abgeholfen werden.— Aber hört Ihr je von ſo Einem ſagen, an welcher Schraube es Euch eigentlich fehlt?— Gott bewahre! da wird das Kind mit dem Bade ausgegoſſen. Was ſoll ich mir da ſagen laſſen: wenn ich ſpreche, ſpreche der Satan aus mir, und meine Zunge ſei von der Hölle entzündet, und ſoll mir vormalen laſſen, wie die Teufel ausſehen, groß wie ein Berg, blutroth angeſtrichen, mit einem langen Schweif verſehen, deſſen Ende mir von Jugend auf vertraulich oberhalb der Schulter liegt, wie der Strick um den Hals des Gehenkten.— Nein, Meiſter Schwörer, Hoff⸗ 4 Kirche und Wirthshaus. 83 nung ſoll man Euch laſſen und Troſt ſollen ſie Euch geben; ſagen ſoll man: Ihr habt freilich das und das gethan, aber wir wollen Manches auf die Umſtände rechnen, unter denen es geſchehen; wer ein rechter Mann iſt und kein altes Weib, läßt's in Zukunft bleiben, und damit baſta!“ Meiſter Schwörer ſah ſeinen Nachbar zuweilen mit ängſt⸗ lichen Blicken an, wagte aber keine Gegenrede, denn er fürch⸗ tete, und wohl nicht mit Unrecht, daß der Jäger ſich durch einen Widerſpruch veranlaßt ſehen könnte, noch lauter zu ſprechen, als er jetzt ſchon that. So gingen ſie mit einander fort, und es ſtellten die Beiden im Allgemeinen ein komiſches Paar dar; ja, von den gewiſſen gläubigen Seelen hätte irgend eine ſagen können, es ſei etwas Unheimliches dabei; die dürftige Geſtalt des ängſtlich um ſich blickenden Schneiders, der dem Anderen wie durch moraliſchen Zwang folgte; und dieſer Andere, eine lange, ſtarke Figur im grünen Jagdrock mit dem gewaltigen Bart und den blitzenden Augen, jetzt ſchadenfroh lächelnd, jetzt verächt⸗ lich auf die Seite blickend oder gar ausſpuckend, wenn ihm irgend Jemand begegnete, von dem er wußte, er gehöre auch zur früheren Partei ſeines Begleiters. Von dieſen waren es aber welche, die das Paar mit Schrecken vorübergehen ahen ufel im Waidmannskleid, wie er ja gern zu gehen pflege, den es und nicht anders dachten, als der lange Mann ſei der Teu nach der armen Schneiderſeele gelüſte. „Da habe ich neulich in einer Zeitung was geleſen,“ ſprach Herr Brenner, nachdem er eine Zeit lang ſchweigend dahin gegangen,„was mich ganz fuchsteufelswild gemacht hat. Doch muß ich das Ding nicht recht verſtanden haben. Es war da von der Taufe die Rede und hieß, das kleine Kind 84 Zweiundvierzigſtes Kapitel. das weder etwas verſtehen noch ſprechen kann, ſoll gefragt werden, ob es dem Satan und ſeinen Werken entſage.— Da würde ich ja zugeben, daß mein armes kleines unſchuldiges Kind ſchon von der Geburt an den Teufel im Leib hätte. Denn man kann nur dem entſagen, was man beſitzt.— Wie ſagt doch unſer Herr und die Schrift?“ fuhr der Jäger er— boßt fort:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Und das widerſpricht doch dem Anderen ſchnurgerade, denn der Herr würde ſich ſchon ge— hütet haben, kleine Teufelsbraten einzuladen, wozu ſie unſere neugeborenen Kinder ſtempet wollen. Seht, das kann mich ganz wild machen.“ „Sie haben die Sache wahrſcheinlich falſch aufgefaßt, lieber Herr Brenner,“ entgegnete Meiſter Schwörer mit ſanfter Stimme.„Das iſt nur ſo eine Formel, wiſſen Sie.“ „Formel hin und Formel her!“ rief der Jäger heftig.— „Was mich aber am meiſten ärgert, iſt, daß die da die Worte unſeres Herrn in der heiligen Schrift nicht mehr wollen gel⸗ ten laſſen und ſie geradezu läugnen. Wißt Ihr, Schwörer,“ unterbrach er ſich mit einem Male, indem er wieder ſtehen blieb,„was mir ſchon oft eingefallen iſt? Wenn unſer Herr heute wieder auf die Welt käme und lehrte, was er damals gelehrt, da fände ſich ſchon eine Partie, die ſchlimmer mit ihm umgehen würde, als damals die Judenſchaft von Jeru⸗ ſalem.“ „Laſſen wir das, lieber Herr Brenner!“ bat ängſtlich der Schneider,„ſprechen wir von was Anderem.“ „Meinetwegen denn,“ entgegnete der Jäger,„aber das müßt Ihr mir doch zugeben, daß wir heute Morgens was recht Gutes gehört haben. Der Mann verſteht's; er hielt uns — — Kirche und Wirthshaus. 85 auch einen gehörigen Spiegel» vor, aber indem er ſagt: ſo werdet ihr nicht ſein und auch nicht werden, ſo macht er, daß der, welcher Dreck am Stecken hat, zu ſich ſelber ſpricht: Blitz auch! da muß ich mich in Acht nehmen; denn wenn ich das Ding nicht ablege, ſo könnte es doch am Ende ſchief gehen.— Und dabei blickte er Einem ſo frei und feſt in die Augen, daß, als er davon ſprach, wie durch den Mißbrauch deſſen, was der liebe Gott wachſen ließ— damit meinte er den Wein, Schwörer, das habe ich wohl verſtanden— der Menſch ſich verſündige, daß ich meine Augen niederſchlug, und es war mir gerade, als habe er den Brenner ganz beſonders angeſehen. Ja, ich ſage Euch, der Mann ſpricht wie ein Wald.“ „Wie— was?“ fragte der Schneidermeiſter verwundert. „Wie ein Wald,“ wiederholte der Jäger mit großer Ent⸗ ſchiedenheit;„friſch und fromm, wie es ihm vom Herzen kommt, klingend und wohlthuend, mit einem hallenden Echo, und ſo packt es Euch auch und ſchüttelt Euch mit, wie unter den grünen Bäumen, wenn der Sturmwind durch die hun⸗ dertjährigen Eichen fährt.— Habt Ihr nie einen Wald pre⸗ digen hören, Schwörer?“ Der Schneider ſah faſt verwundert in die Höhe und lächelte, als wollte er ſagen: wie kann denn ein Wald pre⸗ digen? „Der Wald predigt,“ fuhr Herr Brenner fort;„das weiß Niemand beſſer, als wir Jägersleute. Nun, Schwörer, Ihr ſollt das genießen, ſobald es einmal ein bischen grün iſt, und dann will ich ein Uebriges für Euch thun, und Nach⸗ mittags ſtatt ins Wirthshaus mit Euch in den Wald hinaus gehen. Wir können Frau und Kinder mitnehmen und auch ein paar Flaſchen guten Getränkes.— Alles darf luſtig ſein, ——— 86 Zweiundvierzigſtes Kapitel. und je luſtiger wir da eben ſind, um ſo beſſer predigt der Wald.“ „Es gehört aber doch wohl viel Phantaſie dazu, den Wald predigen zu hören,“ meinte Meiſter Schwörer mit ſei⸗ nem vorigen ungläubigen Lächeln. „Das könnt Ihr freilich nicht begreifen, armer Schneider⸗ meiſter. Sechs Tage zuſchneiden, bügeln und am ſiebenten von der Kirche in die Betſtunde laufen— für ſolche Leute predigt freilich der Wald nicht. Ueberhaupt,“ ſetzte er hinzu, während er ſtehen blieb,„ich glaube, Ihr wißt nicht einmal, wie ein Wald ausſieht.“ „O doch,“ verſetzte der Andere, indem er weiter ſchritt und ſeinen Freund durch einen kleinen Stoß des Armes ver⸗ anlaßte, ihm zu folgen. Er fürchtete nämlich, zu viel Auf⸗ ſehen zu erregen, wenn er mitten in der Straße bei dem langen Jäger halten bliebe.„O ja,“ wiederholte er danach, „wir ſind auch zuweilen in den Wald hinausgegangen, früher — an Sonntag⸗Nachmittagen.“ „Ach ſo, früher!“ bemerkte Herr Brenner geringſchätzend. „An Sonntag⸗Nachmittagen— ich verſtehe; Ihr mit den Gläubigen, Lieder eurer Gattung mit lauter Stimme auf dem Wege plärrend, zum Aergerniß aller ordentlichen Chri⸗ ſtenleute. Ja, ich bin auch einmal früher ſo einer ſauberen Sippſchaft begegnet, und die war ſchuld, daß ich eine große Sünde begangen, denn ich habe an dem Sonntage geflucht, wie lange nicht mehr.— Berr, ſchrieen die Kerls! ſie hatten mir das Wild auf ſtundenweit weggeſcheucht.— Aber wohin gerathen wir denn eigentlich?“ ſagte er, abermals ſtehenbleibend.„Ich glaube, Schwörer, Ihr habt mich im Eifer des Geſpräches aus den belebten Stadttheilen hinaus⸗ 4 — Kirche und Wirthshaus. 87 geführt, um Euch nicht mit mir vor den Leuten ſehen zu laſſen.“ „Wie könnt Ihr ſo was denken?“ fragte der Schneider⸗ meiſter, wagte es aber nicht, aufzublicken, denn er fühlte wohl, daß der Jäger Recht hatte in dem, was er ſagte. „Das wäre nicht klug von Euch gehandelt,“ fuhr dieſer fort,„denn wenn die Leute Euch bei mir ſehen, ſo kann das Eurem Kredit nur nützen. Sie werden ſagen: Der Schwörer muß ſich geändert haben, denn wenn er noch eine Fleder⸗ maus wäre, wie früher, ſo würde doch der Jäger des Barons — Breda nicht mit ihm über die Straße gehen.— Apropos, von meinem Herrn zu reden, ich habe Euch alſo warm recom⸗ mandirt und hätte beim Teufel beinahe vergeſſen, Euch zu ſagen, daß Ihr Euch morgen früh um zehn Uhr beim Kam⸗ merdiener einfinden ſollt, Ihr werdet was zu thun bekommen.“ „Das lohne Euch Gott!“ ſprach der Schneider mit einem dankenden Blicke.„Es iſt nothwendig, daß wieder ein bis⸗ chen Leben in die Werfſtatt kommt, ich fange bei der Leere dort an, ganz melancholiſch zu werden.“ „Aber ſagt mir, Schwörer, wo ſind wir eigentlich?“ fragte abermals Herr Brenner.„Ah, richtig! da iſt der Burgplatz; da ſind wir in ein ſchönes Viertel hinein gerathen! Nun, hier iſt auch gut ſein, und da wir einmal da ſind, wollen wir uns nach einer ſtillen Gelegenheit umſehen. Richtig, da erinnere ich mich einer kleinen Kneipe— es muß dort hinten im dritten oder vierten Hauſe links ſein— die heißt„zum Reibſtein“ und da haben allerhand luſtige Brüder, Maler und ſolches Zeug, ihre Auflage. Ein guter Wirth,“ ſetzte er launig hinzu,„lehnt die Hausthür nur an und hat in den Hof hinaus eine kleine Stube, aus der man draußen weder 88 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Gläſerklang hört, noch ein luſtiges Lied.— Kommt, da iſt der Reibſtein.“ Meiſter Schwörer blickte mißtrauiſch an dem alten, dü⸗ ſteren Hauſe empor, das ihm nun der Jäger zeigte, und wollte Einwendungen machen: es ſei doch eigentlich zu früh, jetzt ſchon ins Wirthshaus zu gehen, das ſei auch gegen die Ab⸗ rede, und was dergleichen mehr war. Doch hatte der Jäger ſchon die Hausthür erreicht, trat eilig ein, winkte ſeinem Begleiter, ihm zu folgen, verſchwand im dunklen Gange, und da er hier genau Beſcheid zu wiſſen ſchien, ſo befanden ſich die Beiden bald an der Thür des kleinen Zimmers, das wir bereits kennen. Herr Brenner er⸗ ſuchte den Schneider, einzutreten, während er ſelbſt vorn in die Schenkſtube gehen wollte, um ein Glas Guten zu be⸗ ſtellen. Der Schneider, der ſich allein gelaſſen ſah, blieb un⸗ ſchlüſſig ſtehen; das düſtere Haus und der finſtere Gang miß⸗ fielen ihm, und er konnte ſich überhaupt eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren, da er im Begriffe war, Sonntag⸗ Nachmittags ins Wirthshaus zu gehen und ſich ſo eines ſträf⸗ lichen und gottloſen Benehmens ſchuldig zu machen. Da er aber anderntheils den Spott ſeines Freundes fürchtete, öff⸗ nete er langſam die Thür des Zimmers, wollte jedoch im nächſten Augenblicke wieder zurücktreten, da er ſah, daß ſich hier ſchon ein Gaſt befand. Dieſer Gaſt ſaß an dem Tiſche, hatte den Kopf in die Hand geſtützt und blickte vor ſich nieder, ſo daß man ſein Geſicht nicht ſehen konnte. Beim Geräuſch der Thür hob er aber den Kopf in die Höhe und ſchaute den Eintretenden an, der nun eine Selunde wie er⸗ —— — Kirche und Wirthshaus. 89 ſtarrt ſtehen blieb und dann mit einem Ausdrucke des Schreckens wieder zurücktrat. Er eilte in den dunklen Gang zurück und ſtieß hier an Herrn Brenner, der aus der Schenkſtube kam. „Wohin? wohin?“ fragte dieſer. Worauf Meiſter Schwörer mit allen Zeichen der Angſt zur Antwort gab:„Laßt mich aus dem Haus hinaus; es iſt da nicht geheuer; ich habe ja voraus geſagt, daß es nicht gut iſt, an dieſem Tage und zu dieſer Stunde ins Wirths⸗ haus zu gehen.— Da drinnen—!“ Während er das ſprach, verſuchte er bei dem Jäger vor⸗ bei zu kommen, deſſen große und breite Geſtalt aber die enge Paſſage ſo vollkommen verſchloß, daß ſelbſt für einen dün⸗ nen Schneider kein Ausweg blieb. „Rappelt's bei Euch wieder einmal?“ rief verwundert Herr Brenner aus, als er ſah, daß der Andere mit ſichtbaren Zeichen der Angſt bei ihm vorbei zu kommen ſtrebte.„Was iſt denn da drinnen? Kommt, Schwörer, ſeid kein Narr! Sitzt vielleicht auf dem Tiſche eine ſchwarze Katze und hat Euch mit feurigen Augen angeſehen? Wer wird ſo furchtſam ſein! Und obendrein am hellen Tage!“ Bei dieſen Worten ſchritt er vorwärts, und ſo ſehr auch Meiſter Schwörer widerſtrebte, ſo mußte er doch mit: es war rechts und links kein Ausweg. Aber zuerſt hinein wollte er um keinen Preis. Er machte eine letzte krampfhafte Anſtren⸗ gung, und wäre wahrſcheinlicher Weiſe entwiſcht, wenn ihn nicht der Jäger gefaßt und nun hinein in das Zimmer ge⸗ zogen hätte. Als der Letztere ſo mit dem zappelnden Schneider eintrat und den Mann ſah, der dieſen ſo erſchreckt, brach er in ein 90 Zweiundvierzigſtes Kapitel. wahrhaft brüllendes Lachen aus, wobei er rief:„Kann doch der Schwörer ſeine albernen Narrenspoſſen nicht laſſen! Hat Sie, Herr Larioz, wieder einmal für den Teufel angeſehen!“ Der Angeredete ſchaute einigermaßen verdrießlich in die Höhe; als er aber Herrn Brenner erkannte, glättete ſich ſein Geſicht ſo weit, daß nur ein würdevoller Ernſt übrig blieb. „Nehmen Sie es dem da nicht übel,“ ſagte Herr Bren⸗ ner, indem er auf ſeinen Begleiter wies,„aber er hat wahr⸗ haftig geglaubt— doch ſprechen wir lieber nicht mehr dar— über,“ unterbrach er ſich ſelber.—„O Schneidermeiſter, wie kann man ſo närriſch ſein! Das iſt Herr Don Larioz, ein ſehr braver Mann, und ich ſchmeichle mir, ein guter Be⸗ kannter.— Verzeihen Sie es nur dem Meiſter Schwörer, daß ihm alte Erinnerungen ſo lebhaft in den Kopf geſtiegen ſind. Es iſt ſonſt ein guter Kerl, dieſer Schwörer, hat auch, als er noch nicht frömmer war als andere Menſchen, ſeinen guten Stich genäht und einen vortrefflichen Rock gemacht. Dann kam freilich eine für ihn ſehr betrübte Zeit; jetzt aber ſehen Sie ſelbſt, Herr Larioz, daß er anfängt, ſich zu beſſern. Es hat mir nicht einmal allzu große Mühe gekoſtet, ihn an einem Sonntag⸗Nachmittage ins Wirthshaus zu bringen.“ „Das könnt Ihr eigentlich nicht ſagen, Herr Brenner,“ antwortete der Schneider etwas kleinlaut, wobei er den langen Spanier immer noch mit ſcheuem Blick von der Seite anſah. „Es iſt ein gut Ding, was ſich beſſert,“ ſagte dieſer mit Würde. Herr Brenner, als ein höflicher Mann, bat um die Er⸗ laubniß, ſich an den Tiſch ſetzen zu dürfen, worauf er einen Stuhl herbeizog und ſeinem Begleiter winkte, ein Gleiches zu thun, was denn auch geſchah, doch nahm Herr Schwörer — Kirche und Wirthshaus. 91 ſeinen Platz ſo nahe wie möglich an der Thür und ſo weit wie möglich von dem langen Manne entfernt. Windſpiel, der den guten Wein herein trug, machte ein einigermaßen ernſtes, faſt verdrießliches Geſicht, als er die beiden eben Gekommenen in dem kleinen Zimmer ſah. Doch ſchien er ſich zu beruhigen, als er bemerkte, daß der Eine von ihnen mit Herrn Larioz verkehrte, als ſei er ſchon länger mit ihm bekannt. „Sie werden mich für undankbar halten, Herr Brenner,“ nahm Don Larioz nach einer Pauſe das Wort,„daß ich in den letzten Tagen nicht bei Ihnen war, um Ihnen meinen ſchuldigen Dank zu wiederholen für die liebreiche Art, mit der man ſich in Ihrem Hauſe meiner bei meinem Unwohl⸗ ſein erinnert. Ich habe das tief empfunden, und Sie müſſen nicht glauben, daß ich mich Ihnen nicht außerordentlich ver⸗ pflichtet fühle.“ „O, davon ſprechen Sie nicht!“ erwiderte der Jäger; „das war nicht der Mühe werth. Es hat Margarethen ein großes Vergnügen gemacht, hier und da etwas für Sie be⸗ ſorgen zu können.“ „Die Suppen waren vortrefflich,“ verſetzte der lange Mann mit ernſter Stimme, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog;„ſehr vortrefflich und ſchmackhaft.“ Meiſter Schwörer hatte angſtvoll gelauſcht, worüber ſich Jener wohl unterhalten würde, und es fiel ihm eine Centner⸗ laſt von der Bruſt, als er ihn von Unwohlſein und ſchmack⸗ haften Suppen reden hörte.— Es kann doch nichts Ver⸗ fängliches dabei ſein, dachte er, denn ſo viel ich weiß, nähren ſich böſe Geiſter nicht von ſchmackhaften Suppen.“— Wir können hierbei nicht verſchweigen, daß der Schneider ——— 92 Zweiundvierzigſtes Kapitel. einen Augenblick vorher vorſichtig unter den Tiſch geſchaut hatte. „Der Grund übrigens,“ nahm Herr Larioz abermals das Wort,„warum ich nicht ſchon bei Ihnen war, iſt doch für mich ernſterer Natur. Ich hatte Urſachen halber, die nicht hieher gehören, Differenzen mit dem Herrn Doktor Plager, in deren Folge ich meine Entlaſſung einreichte.“ „Oh!“ machte Herr Brenner mit einem verwunderten Geſichte. „Und da mein Weggehen von dem Bureau vielleicht auch auf die Stellung Gottſchalk's Einfluß haben könnte, ſo wollte ich nicht eher darüber ſprechen, als bis die Sache vollkommen geordnet wäre. Herr Doktor Plager will meine Entlaſſung vorderhand nicht annehmen, ich aber nicht bleiben, und ſo befinden wir uns in einer Zwiſchenzeit, die aber in den nächſten Tagen zu Ende gehen muß. Was nun Gottſchalk anbelangt, ſo habe ich, wie Sie wohl wiſſen, den Knaben lieb gewonnen und werde, ſo Gott will, auch ferner für ihn ſorgen können.“ „Es iſt das eigentlich ein guter Bube, der Gottſchalk,“ wagte Meiſter Schwörer ſich in, das Geſpräch zu miſchen, fuhr aber doch beinahe zuſammen, als ihm hierauf der Spa⸗ nier ſeine ſcharfen Augen zuwandte. „Ja, und hat Glück gehabt,“ lachte der Jäger,„als Ihr ihn an jenem Abend ſo erbarmungslos ausgeſperrt.“ „Sprechen wir nicht davon,“ bat der Schneider. „Und warum nicht?“ meinte der Andere.„Glaubt mir, Schwörer, das war auch in Eurem Leben ein wichtiger Wende⸗ punkt. Wo wäre es mit Euch hingekommen!— Sie müſſen nämlich wiſſen,“ wandte er ſich an Herrn Larioz,„daß unſer Kirche und Wirthshaus. 93 Freund da ſeit jenem Tage reinen Tiſch gemacht hat; er hat ſeine Werkſtatt von all den ſcheinheiligen Lappen rein kehren laſſen, hat ein neues Leben angefangen und wartet nun auf eine friſche Kundſchaft.“ „Aber ich warte ſchon recht lange und ziemlich vergebens,“ entgegnete Meiſter Schwörer mit betrübter Stimme.„Habe auch keine rechte Hoffnung mehr, daß das Ding ſich machen werde.“ „Ich glaube das Gegentheil,“ ſagte heiter der Jäger. „Und darauf hin wollen wir unſer Glas austrinken. Ich fürchte, bei Euch will die Gnade noch nicht recht zum Durch⸗ bruche kommen, denn ſtatt einen ordentlichen Zug zu thun, ſchmeckt Ihr da nur ſo herum, wie ein verſchämtes Frauen⸗ zimmer. Und der Wein iſt gut, das muß man ſagen; ich werde mir den Reibſtein merken.— Alſo auf neues Leben und gute Kundſchaft!“ Meiſter Schwörer hob bei dieſer Aufforderung ſchwer⸗ müthig lächelnd ſein Glas, ſtieß mit dem Jäger an und that darauf einen Zug, worüber ſich dieſer halb zufrieden erklärte. Unterdeſſen hatte ſich Windſpiel über die Schultern des langen Spaniers gebeugt und ihm etwas zugeflüſtert, worauf dieſer mit dem Kopfe nickte und ſich langſam erhob. Der Jäger blickte in die Höhe und ſagte mit einem Tone des Bedauerns:„Sie wollen uns doch nicht ſchon verlaſſen? Es iſt das wahrhaftig ſchade, denn Sie hätten mit anſehen können, wie mein Freund Schwörer nach und nach auf⸗ thauen wird. Ich will jede Wette machen, er verläßt das Haus heiterer, als er hinein gegangen.“ „Das zu erfahren, würde mich ſehr freuen,“ gab Don Larioz ernſt zur Antwort;„doch habe ich in der That noch 94 Zweiundvierzigſtes Kapitel.— Kirche und Wirthshaus. etwas Dringendes zu thun, weßhalb ich mich für dieſes Mal Ihrer angenehmen Geſellſchaft entziehen muß.“ Zwingen muß man Niemand, dachte der Jäger, indem er mit gewaltigem Zuge ſein Glas leer trank und ſich als⸗ dann halb von ſeinem Stuhle erhob, um die Begrüßung des Schreibers zu erwidern. Dieſer nahm ſeinen Mantel und Hut und auch das lange ſpaniſche Rohr, und verließ, von Windſpiel gefolgt, das kleine Gemach. Hierbei können wir nicht unterlaſſen, zu erwähnen, daß Herr Brenner Recht hatte, als er geſagt, Meiſter Schwörer würde das Haus heiterer verlaſſen, als er hinein gegangen. Es war übrigens ſpät am Abend, als dies geſchah, und dabei hatte ſich der kleine Schneider an den Arm des Jägers ge⸗ hängt, und verſicherte ein Mal über das andere Mal mit ziemlich ſchwerer Zunge, es ſei und bleibe nothwendig für jeden gläubigen Chriſtenmenſchen, jeden Sonntag ein Mal in die Kirche zu gehen; dann aber auch ein gutes Glas Wein im Wirthshauſe zu trinken, ſei wahrhaftig keine Sünde. —.,—y,.,— Dreiundvierzigſtes Kapitel. Entenpforte Numero Vier. Don Larioz und der kleine Kellner— L tzterer hatte von dem Wirthe einen Urlaub erhalten, da die Künſtler, zu deren Bedienung er hauptſächlich da war, erſt ſpät zu kommen pflegten— gingen mit einander fort, und als ſie auf die Straße gekommen waren, ſchielte der Spanier über die höl⸗ zerne Thür hinweg an dem Nachbarhauſe hinauf, wo die Fenſter des Ateliers der Gebrüder Breiberg wie immer dicht verhängt und mit dem Carton geblendet waren. Dabei war es ihm, als bemerkte er im oberen Stocke den Kopf des Herrn Clemens, der höhniſch auf ihn herablächelte, aber gleich darauf wieder verſchwand. Dann betrachtete er im Weiter⸗ ſchreiten all die finſteren Häuſer des Burgplatzes und ſeufzte halblaut: „Ja, die Liebe iſt allgewaltig. Als ich zum erſten Male in dieſe Gegend kam, hatte ſie für mich etwas Abſtoßendes; 96 Dreiundvierzigſtes Kapitel. ich beeilte mich, meine Geſchäfte abzumachen, um die holperige Straße und die in der That unheimlichen Häuſer ſo bald als möglich wieder zu verlaſſen; und jetzt kommt mir alles das ſo ganz anders vor. Ich meine, es gebe keine Stelle auf der ganzen weiten Welt, die ſchöner wäre als der Burgplatz.“ „Ja, das thut die Liebe,“ ſagte ſchwärmeriſch der Kellner. „Ich finde ſogar eine Aehnlichkeit,“ fuhr Don Larioz fort,„wenn ich den alten Thurm dort betrachte und dabei an den goldenen Thurm in Sevilla denke.“ „Eine allgewaltige Liebe!“ ſeufzte Windſpiel. „Nur iſt es dort etwas heiterer,“ ſprach der Andere; doch zog er ſtatt bei dieſen Worten freundlich auszuſehen, das Ge⸗ ſicht finſter zuſammen und nahm das Meerrohr, das er in der Rechten trug, leicht und gewandt wie einen Stoßdegen in die Höhe.„Spanien,“ ſagte er,„iſt ein heiteres Land, ein ſchönes, glückliches Land, ein ritterliches Land. Da würden die Gebrüder Breiberg ſchlechte Geſchäfte machen, da kann man nicht ungeſtraft arme, unglückliche Mädchen mißhandeln, die ſich einen Retter erkoren haben.“ „Einen Retter!“ ſprach Windſpiel leiſe vor ſich hin. „Da nimmt dieſer Retter einen Freund mit ſich und macht ohne viel Bedenken einen Entführungsverſuch.“ „Einen Entführungsverſuch!“ flüſterte der Kellner, und es ſchauerte ihn beinahe vor Wonne. „Man wirft eine Strickleiter hinauf bei finſterer Nacht.“ „Eine Strickleiter bei finſterer Nacht!“ „Und nun gleitet ſie ſanft hinab beim Klange der Man⸗ doline, die der Freund unten ſpielt, wenn es ihr nämlich möglich iſt, droben allein zu ſein und das Fenſter zu öffnen. Im anderen Falle ſteigt man beherzt hinauf, drückt eine Scheibe —— Entenpforte Numero Vier. 97 ein, öffnet den Riegel und ſpringt auf den Fußboden des Gemachs, indem man ausruft: San Jago!— Hier bin ich! Gott und meine Dame!“ „Gott und meine Dame!“ „Ein ſpaniſcher Breiberg würde ſich uns mit dem Degen in der Fauſt entgegenwerfen; man ſticht ihn nieder und be⸗ freit Dolores.“ Bei dieſen Worten zuckte Larioz die Achſeln, warf die Ecke ſeines Radmantels über die Schulter und ſenkte den Stock mit einem Ausdrucke tiefer Verachtung in den Zügen. „Hier in Deutſchland iſt wenig Poeſie,“ fuhr er ſeufzend fort.„Wenn ich auch glaube, daß Dolores geneigt wäre, die Strickleiter feſtzuknüpfen und mit mir zu entfliehen, ſo würde ſich doch dieſer ſchurkiſche Breiberg unbedingt nicht wie ein Cavalier benehmen, er würde die Polizei zu Hülfe rufen, und mit der habe ich nicht gern zu thun. O Dolores! wann wird es' mir möglich ſein, thakräftig für deine Rettung zu wirken?“ „Sie iſt Ihre erſte Liebe?“ wagte ſchüchtern der kleine Kellner zu fragen. „Sie iſt meine erſte Liebe,“ entgegnete Don Larioz mit Beſtimmtheit,„und ich glaube, eine wahre Liebe. Ich habe das gefühlt bei ihrem erſten Anblicke, will aber dabei geſtehen, daß eigenthümliche Umſtände, welche zuſammen wirkten, mein Herz ſo empfänglich machten für dieſe Liebe. Das finſtere Haus hatte mich ſeltſam geſtimmt, ich ſah da Geräthſchaften, die mich an die alte Ritterzeit erinnerten, ich fühlte eine Atmoſphäre, die mich ſanft einführte in die ſüßen Schauer jenes Ateliers. Sie haben ſie nie geſehen, die göttliche Do⸗ lores?“ wandte er ſich fragend an ſeinen Begleiter. Hackländer, Don Quixote. IV. 7 98 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Nie,“ entgegnete dieſer.„Auch von allen denen, welche ich natürlicherweiſe aufs geheimnißvollſte fragte, wollte Keiner noch ihr Antlitz geſchaut haben.“ „Das ſind die hölliſchen Künſte dieſer Gebrüder Brei⸗ berg,“ ſagte der Spanier, indem er einen Augenblick ſtehen blieb und ſeine Hand auf die Schulter Windſpiels legte. „Das iſt gerade das Entſetzliche, daß ſie das unglückliche Mädchen ſo vor den Augen aller Welt vollkommen verborgen zu halten wiſſen. Und glauben Sie mir, auch das tiefe Mitleid für die arme Dolores iſt ſchuld daran, daß es mich ſo mächtig und unwiderſtehlich zu ihr hinzieht. Es iſt viel⸗ leicht viel Unglück in dieſer Liebe, aber ich fühle mich erhaben in all dieſem Unglücke.“ Der Kellner ſchaute mit Bewunderung zu dem großen Manne empor. „Es iſt eine Liebe,“ ſprach dieſer weiter,„wie ich ſie brauche, wie ich mich ſchon lange geſehnt, daß ſie mich erfaſſen möge.— Glauben Sie mir, ich bin nun einmal nicht ge⸗ macht für das alltägliche Treiben der Menge. Dabei will ich nicht leugnen, daß ſchon manches glänzende Augenpaar nach mir geſchielt, daß ich auch ſchon zuweilen in der Nähe des Herzens ein Gefühl empfunden, mit dem, wie man ſagt, die Liebe anfangen ſoll. Aber ich konnte es nicht über mich ge⸗ winnen, in ſolchen Augenlicken das alltägliche Leben zu er⸗ greifen, wie es nothwendig iſt. Ich konnte nicht ſprechen: Mein Fräulein, wie geht es Ihnen? Sie werden finden, daß es heute ein außerordentlich ſchönes Wetter iſt.— Und dann, die Umgebung war ſo über alle Beſchreibung poeſielos; eine lächelnde Mutter, ein zufrieden blickender Vater; Schweſtern, auf deren Geſichtern Freude und Neid beſtändig wechſelten, Entenpforte Numero Vier. 99 ein immer gleich freundlicher Empfang, eine ſtets offene Thür, ſo gar keine Schwierigkeiten, ſo gar keine Hinderniſſe.“ „Und auch das haben Sie erlebt?“ fragte Windſpiel. „Auch das habe ich erlebt,“ gab der lange Mann zur Antwort.„Es ſind freilich ſchon Jahre her, ich gab damals noch mehr auf ein geſchniegeltes Aeußere; ich trat als Spa⸗ nier auf, ich nannte mich mit vollem Rechte Don Larioz, meine Zukunft ſchien ſich gut geſtalten zu wollen, ich fand überall eine gar gute Aufnahme; ich ſeufzte ordentlich nach etwas Schwierigkeit, nach einem finſteren Empfange, zum Bei⸗ ſpiel nach einem ſtreng blickenden Vater, nach einer Mutter, die ihre Hausthür nur handbreit öffnete, nach einem Mädchen endlich, das mich mit trotzig aufgeworfener Lippe empfing.“ „Und das fanden Sie nie?“ „Niemals. Und war das auch mit die Urſache, warum die Liebe, die ich mir erkämpfen wollte, fern von mir blieb. Zwei Fälle waren es, wie ich mir beſtändig dachte, die ent⸗ zückend ſein müßten, wenn uns in ihnen die Liebe naht. Und in einem bin ich in ihre Nähe getreten— ein ſchönes, un⸗ glückliches Mädchen zu befreien, die in Ketten und Banden ſeufzte und deren erſter Blick mir ebenſo ſagte, daß ſie mich für ihren Retter erkannt, wie ich mich tief getroffen fühlte, als ich zum erſten Mal in ihr glänzendes Auge ſah— Dolores. Der andere Fall wäre mir freilich noch lieber ge⸗ weſen. Ich träumte nämlich oft von wildem Kampfe, von dem ſeligen Gefühl, nach errungenem Sieg niederzuſinken, mit halb gebrochenem Auge noch meine wehende Fahne zu ſehen.— Eine tiefe Ohnmacht umfängt meine Sinne—“ Windſpiel ſchritt neben dem Spanier her, indem er ihm aus lauter Ehrfurcht faſt die ganze vordere Seite ſeines Kör⸗ 100 Dreiundvierzigſtes Kapitel. pers zuwandte, wodurch der Gang der kleinen, dürren Geſtalt mit den carrirten Höschen und dem kurzen Mäntelchen etwas gar Seltſames erhielt. „Man hebt mich auf und trägt mich fort,“ ſprach Don Larioz weiter.„Aus tiefer Beſinnungsloſigkeit erwache ich end⸗ lich auf einem reinlichen Lager, ich öffne die Augen, ſie ſitzt vor mir.“ „Sie?“ fragte Windſpiel. „Ja ſie, die ich meine, die ich in meinen Träumen oft ſah. Sie legt mir mit zarten Händen den Verband an, ein Blick ihrer ſchönen Augen bittet mich, ruhig zu ſein, und ich entſchlummere endlich mit einem unnennbar beſeligenden Ge⸗ fühl im Herzen.— Das muß ein herrlicher Anfang der Liebe ſein.“ „In der That herrlich,“ ſagte der Kellner begeiſtert, und dabei blickte er herausfordernd nach allen Seiten, ob ſich nicht vielleicht Jemand finden würde, der ſo gefällig geweſen wäre, ihn vor den Kopf zu ſchlagen, damit man ihn vielleicht in jenes Haus dort trage, wo ein paar hübſche blühende Mäd⸗ chengeſichter lachend zum Fenſter heraus ſchauten. Dieſe Mäd⸗ chen blickten in der That lachend auf die beiden Spaziergän⸗ ger herab, welche in der Mitte der Straße hielten und ſowohl in ihrem Gange wie in Anzug und Bewegungen etwas Komi⸗ ſches hatten. Die lange Geſtalt des Spaniers bewegte ſich ſteif und gravitätiſch dahin, und obgleich er lebhaft ſprach, wandte ſich doch ſein hoch erhobener Kopf weder rechts noch links; die linke Hand hatte er in die Seite geſtemmt, der Mantel fiel über den Arm, wodurch ſich ſeine Figur ſehr ſeltſam ausnahm; die Rechte mit dem langen ſpaniſchen Rohr bewegte er taktmäßig bei jedem Schritte auf und ab. Neben ſtalt was Entenpforte Numero Vier. 101 ihm ſchritt Windſpiel, der ſich vergeblich bemühte, die ernſten und würdevollen Bewegungen des Anderen nachzumachen, und da er dabei nach ſeiner Gewohnheit leicht und hüpfend dahin⸗ ſchwebte, immer zwei Schritte machend, wo der Andere einen that, ſo ſah es aus, als wenn ein altes Schlachtpferd mit einem Fohlen gleicher Race ſpazieren geht. Als ſie ſo mit einander durch mehrere Straßen gewan⸗ delt waren, unter den angenehmen und lehrreichen Geſprächen, wie wir ſie vorhin zu erwähnen uns veranlaßt ſahen, und als Don Larioz darauf eine Zeit lang ſtill ſchwieg, erlaubte ſich der Kellner die ſchüchterne Frage an ihn, wohin er eigentlich ſeine Schritte richte. Der Spanier ſchaute einigermaßen verwundert auf Wind⸗ ſpiel herab und gab ihm zur Antwort:„Ich erinnere mich nicht genau, ob ich Sie damals in Kenntniß geſetzt von dem Schreiben, deſſen mich die göttliche Dolores gewürdigt.“ Der Andere nickte mit dem Kopfe und verſicherte, er ſei ſo glücklich geweſen, zu erfahren, welche Mittheilung die Dame aus ihrer Gefangenſchaft gemacht. .„So werden Sie ſich auch erinnern, daß Dolores einer Freundin erwähnt, die in hieſiger Stadt lebt und welche im Stande und geneigt wäre, uns Nachricht von der Gefangenen zu geben, Kathinka Schneller iſt der Name dieſer Freundin, und ich habe ſie ſchon geſehen.“ „So, Sie haben ſie ſchon geſehen?“ verſetzte Windſpiel. „Ah, wahrſcheinlich an dem Tage, als Sie zum erſten Mal auf dem Burgplatze waren. Ja, ja, ich meine, ſie damals auf der Straße erblickt zu haben.“ „Iſt ſie viel auf der Straße?“ fragte Don Larioz ſehr ernſt. 102 Dreinndvierzigſtes Kapitel. „So— ſo!“ entgegnete der Kellner nach einigem Beſin⸗ nen.„In unſerer Gegend ſieht man ſie häufig, denn ſie hat dort, wie Sie wiſſen werden, ihre Geſchäfte.— Aber,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„wollen wir, ehe wir in ihre Woh⸗ nung gehen, nicht lieber vorher warten, bis es etwas dunkler geworden iſt?“ „Und warum das?“ fragte der Spanier.„Wir ſind einmal auf dem Wege dahin; ich denke, wir gehen ruhig fort; es drängt mich, je eher je lieber Nachricht von Dolores zu erhalten.“ Windſpiel kratzte ſich gelind am Kopfe und blickte ſchüch⸗ tern hinter ſich, hielt ſich auch näher als bisher an dem lan⸗ gen Mann, als ſuche er dort ein Verſteck und ſei es ihm vielleicht nicht angenehm, geſehen zu werden, da Beide nun zu ihrer Rechten in ein Labyrinth von engen Gäßchen ein⸗ bogen. „Warum ſollten wir auch warten, bis es dunkel iſt?“ meinte der lange Schreiber, nachdem ſie einige weitere Schritte gemacht.„Sagen Sie mir das aufrichtig, ich habe keine Idee davon, lieber Freund, was Sie zu dieſem Verlangen bewegen konnte.“ Der Kellner blickte zu dem Geſichte ſeines Begleiters empor, um zu ſehen, ob ſich dort nicht irgend eine Spur von Schalkheit bemerken laſſe. Aber die Züge des großen Mannes waren ernſt und würdevoll wie immer. „Die Entenpforte,“ begann Windſpiel ſchüchtern,„wo wir jetzt hingehen, ſteht gerade nicht in einem außerordent⸗ lich guten Ruf; man genirt ſich, dort aus und ein zu gehen, namentlich ordentliche Leute. Es wohnt da allerlei verdächti⸗ ges Volk.“ Entenpforte Numero Vier. 103 „Sagen Sie: muthloſe, feige Leute geniren ſich, dorthin zu gehen,“ erwiderte Don Larioz mit Entſchiedenheit.„Ich fürchte mich vor keinem verdächtigen Geſindel, auch ſind wir unſer Zwei und nehmen es, hoffe ich, mit Einigen auf, die an uns wollten, um uns zu berauben.“ „Was das Berauben anbelangt,“ verſetzte Windſpiel mit leiſer Stimme,„damit hat's wohl ſeine guten Wege; aber— aber— kennen Sie die Kathinka Schneller nicht genauer? Oder den Stöpſel?“ „Erſtere habe ich, wie geſagt, geſehen, aber von der jungen Dame, welche Stöpſel heißt, weiß ich nicht das Mindeſte.“ „Es ſind zwei gute Freundinnen,“ ſagte Windſpiel klein⸗ laut, indem er nicht mehr ſo große Anſtrengungen machte, um genau neben Don Larioz zu bleiben.„Auch wohnen ſie bei⸗ ſammen.— Haben Sie wohl eine Idee davon, womit ſie ſich beſchäftigen?“ „Wenn ich die Kathinka Schneller ihrem Aeußeren nach auch für keine wohlhabende junge Dame halten kann, ſo ſcheint ſie mir doch guter Leute Kind zu ſein. Der alte wür⸗ dige Mann, der damals bei ihr war— er ſah aus wie ein Harfner— möchte wohl ihr Vater geweſen ſein. Wenn ſie kein Vermögen haben, ſo mögen ſie ſich vielleicht von weib⸗ lichen Handarbeiten nähren.“ Windſpiel ſchüttelte mit dem Kopfe, und nachdem ſie noch ein paar Schritte gemacht, ſagte er:„Allerdings haben ſie kein Vermögen, beſchäftigen ſich aber auch nicht mit weib⸗ lichen Handarbeiten, ſondern die Schneller und der Stöpſel dienen den Malern auf dem Burgplatze als Modelle.“ Er ſprach dieſe Worte ziemlich laut, wobei er hoffte, ſie 104 Dreiundvierzigſtes Kapitel. würden eine große Wirkung auf ſeinen Begleiter nicht ver⸗ fehlen, worin er ſich aber irrte; denn Don Larioz nickte äußerſt ruhig mit dem Kopfe und erwiderte: „Ich habe von dieſem Geſchäfte gehört, es hat etwas Poetiſches für ſich, ſo mit einem ſchönen Kopfe oder einer ſchönen Hand der Kunſt dienen zu können.“ „J— a— a wohl!“ ſagte Windſpiel,„aber—“ „Ich weiß ſehr genau, was Ihr Aber bedeutet,“ fuhr der Spanier fort.„Die Verleumdung, ein großes Laſter, welches leider in der Welt herrſcht, pflegt dergleichen jungen Mädchen, wie den ebengenannten, viel Uebeles nachzuſagen, und ich kann Sie verſichern, man irrt ſich darin. Ich habe einen alten Mann gekannt mit langem weißem Barte, der diente auch den Malern als Modell und war die Rechtſchaffenheit ſelber. Glauben Sie mir, lieber Freund, man muß nicht nach dem Scheine urtheilen. Oder haben Sie vielleicht Beweiſe, daß Kathinka Schneller oder Fräulein Stöpſel einigermaßen leichte Perſonen ſind?“ „Beweiſe habe ich eigentlich keine dafür, aber man ſagt es.“ „Man ſagt viel in der Welt,“ verſetzte Don Larioz, in⸗ dem er ſeinen Schritt mäßigte, um neben Windſpiel zu kom⸗ men, der augenſcheinlich zurückblieb.„Man ſagt von Dieſem Böſes, von Jenem Gutes, oft ohne Gründe angeben zu kön⸗ nen, warum man Das oder Das ſagt. Der Schein iſt es, der uns meiſtens beſticht. Es gibt Leute, denen Alles zu thun erlaubt ſcheint, von denen man Alles charmant findet, ja, für welche man eine Bemäntelung der gröbſten Vergehen immer bereit hat. Andere aber brauchen nur mit einem Schein von Zweideutigkeit zu handeln, ſo ſind ſie mit allen er an Entenpforte Numero Vier. 105 Vergehen, allen Laſtern befleckt. Das iſt auch bei vielen jungen Damen der Fall. Ich habe ſchon die lehrreichſten Beiſpiele erlebt, wo Töchter aus guten Familien, Honoratioren⸗ Töchter, welche man für die Unſchuld ſelbſt anſah, jungen Leuten, die ſie kaum kannten, ſträfliche Zuſammenkünfte bewil⸗ ligten; ich habe das erlebt und mit eigenen Augen geſehen, und trotzdem wagte man es, mich der Verleumdung zu be⸗ züchtigen, mich für einen Lügner zu erklären. „Ja, man hat noch mehr gewagt,“ ſetzte er nach einer Pauſe mit dumpfer Stimme hinzu,„natürlich eine Weiber⸗ hand, von der ich nicht erwarten kann, daß ſie ſich mit dem Degen oder der Piſtole bewaffnen wird. Dagegen habe ich auch wieder Andere gekannt, arme dürftige Geſchöpfe, die, weil ſie in Armuth lebten, weil keine mächtige Verwandtſchaft mit hoch erhobener Naſe für ihre Tugend und Unſchuld gut ſagte, bei der geringſten Veranlaſſung achſelzuckend betrachtet wurden, und von denen man bei einem kleinen falſchen Scheine ſagte: Das war ja nicht anders zu erwarten.— Auch Ihre Aeußerung, mein junger Freund, als Sie vorhin des Ge⸗ ſchäftes der Kathinka Schneller und des Fräulein Stöpſel er⸗ wähnten, Ihr Aber hatte einen ſeltſamen Klang und war mit einer Anklage nahe verwandt. Doch muß man nicht nach dem Scheine urtheilen. Glauben Sie mir, die Tugend iſt in jedem Stande, unter jedem Gewerbe zu finden, und daß Kathinka Schneller ein tugendhaftes Mädchen iſt, dafür will ich mich verbürgen. Würde Dolores ſie ſonſt für ihre Freundin er⸗ klärt haben?“ Die Worte des Herrn Larioz, namentlich der letzte Grund, den dieſer angab, verfehlten in der That ihre Wirkung auf Windſpiel nicht. Er kannte die Entenpforte, ſowie auch die 106 Dreinndvierzigſtes Kapitel. Lebensweiſe der beiden Modelle nur vom Hörenſagen; er hatte allerdings von keiner derſelben je etwas Unrechtes ge⸗ ſehen. Kathinka war ihm immer ſehr ſtill und ruhig erſchie⸗ nen, und daß der Stöpſel gegen jüngere Maler, die ſich einen Scherz mit ihr erlauben wollten, ungeheuer energiſch verfah⸗ ren konnte, hatte er ſelbſt ſchon erlebt. Dann war es ja auch wahr, daß Dolores die Erſtere für ihre Freundin erklärt hatte, und den geringſten Verdacht auf die Geliebte ſeines Gönners zu werfen, hätte er um Alles in der Welt nicht gewagt. So ging er denn etwas beruhigter durch das Labyrinth der Gäßchen der Entenpforte zu. Dies war eine Sackgaſſe, welche vorn, wo ſie nahe an eine Straße mündete, einen Steinbogen zeigte, der hier von einem Hauſe zum anderen geſprengt war und auf deſſen Schlußſtein in roher Arbeit etwas erhaben gemeißelt war, das man mit einiger Phantaſie für einen Vogel, vielleicht für eine Ente halten konnte, woher denn wahrſcheinlich der Bogen ſelbſt, ſowie die dahinter liegende Sackgaſſe die Entenpforte genannt wurde. Die Häuſer, die hier ſtanden, ſahen nicht ſehr freundlich und einladend aus; es waren kleine und dürftige Bauweſen, theils mit ſchief ſtehenden Giebeln, theils mit Dächern, die keine gerade Linie mehr zeigten und lange Jahre dem Ge⸗ bäude, das ſie bedeckten, treu zum Schutze gedient hatten, ſich aber, alt und gebrechlich geworden und hier und da eingeſun⸗ ken, müde auf die Mauern lehnten. Jemand, dem die gleich⸗ mäßigen, geradlinigen Häuſer, Hunderte von Fenſtern in einer ununterbrochenen Linie kalt und nüchtern erſcheinen, konnte es hier in der Entenpforte gefallen, denn da ſah keine Entenpforte Numero Vier. 107 Oeffnung der anderen gleich, es war hier außerordentlich viel maleriſche Verſchiedenheit zu finden. Und wo ſelbſt die Fen⸗ ſter eines Gebäudes gleich weit von einander ſtanden, da hatte Zeit und Zufall dafür geſorgt, daß ſie ſich nicht mehr glichen, wie vielleicht damals im erſten glücklichen Jugendalter. Hier waren die Läden feſt verſchloſſen, dort hingen ſie ſchief in den Angeln, die nachgegeben hatten; in einigen ſah man noch die urſprünglichen Scheiben, in anderen an demſelben Gebäude hatte man kleinere eingeſetzt, auch wohl hier und da ein Vier⸗ tel des Ganzen mit gutem, feſtem Papier verklebt. Von dem Pflaſter konnte man beinahe nur ſagen, daß es ſehr unregel⸗ mäßig war, in der Mitte eine Senkung hatte, wo ſich Schnee und Regenwaſſer, mit Kehricht und allerlei ſonſtigem Unrath vermiſcht, gemüthlich anſammelten. Daß die Entenpforte bewohnt war, ſah man an Grup⸗ pen ärmlich gekleideter Kinder, die vor den Hausthüren ſpielten oder ſich ein Vergnügen daraus machten, über die Waſſer⸗ lachen in der Mitte der Gaſſe zu ſpringen, was gerade nicht zur Erhaltung ihrer Toilette beitrug. Hier und da an einer Fenſterſcheibe erblickte man das Geſicht eines weiblichen We⸗ ſens, neugierig herabſchauend; auch waren in anderen Häu⸗ ſern ſchon Lichter angezündet, was in der engen Gaſſe bei der vorgerückten Nachmittagsſtunde und der ſich hier ſchon bemerk⸗ lich machenden Dämmerung ſehr erklärlich ſchien. „Hier wären wir alſo in der Entenpforte,“ ſagte Don Larioz, der jetzt wieder um mehrere Schritte vorausging und an den Häuſern hinaufſah, um die Nummer Vier zu finden. Es dauerte übrigens ein paar Minuten, ehe er die gewünſchte Nummer entdeckt hatte, die ſich ganz am Ende der Sackgaſſe auf der linken Seite befand. Das Haus war etwas zurück⸗ 108 Dreiundvierzigſtes Kapitel. gezogen, und wenn man an der Thür ſtand, ſo konnte man weder den Eingang der Gaſſe ſehen, noch von dort geſehen werden. Windſpiel hatte dies ſogleich bemerkt, und es gereichte ihm das— er wollte ſich ſelbſt nicht klar machen, warum— zu einiger Beruhigung; auch drückte er ſich feſt an die Thür⸗ einfaſſung, wogegen Don Larioz mit ſeiner langen Figur faſt inmitten der Straße hielt, um das Gebäude— es ſah am anſtändigſten von allen aus— genau zu betrachten. Es herrſchte hier auch eine Gleichförmigkeit in den Fenſterläden, indem alle feſt verſchloſſen waren und aus einem rechts neben der Thür durch einen Spalt nicht nur ſchwacher Lich⸗ terſchein hervordrang, ſondern auch der Klang einer Guitarre, zu welcher eine Mädchenſtimme ſang: „Wer will unter die Soldaten, Der muß haben ein Gewehr; Das muß er mit Pulver laden Und mit einer Kugel ſchwer.“ Der Spanier freute ſich ausnehmend über den Lichter⸗ ſchein, über den Klang des Saitenſpiels, über den Geſang; er dachte an Sevilla, wo die letzten Häuſer ſtehen, an die Bogengänge ſchattiger Paläſte dort, wo man auch nächtlicher Weile den Klang der Mandolinen vernimmt, und er ſagte deßhalb vergnügt zu dem kleinen Kellner: „Wo man ſingt, da laß dich ruhig nieder, Böſe Menſchen haben keine Lieder. Thun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie an der Klingel.“ Windſpiel that alſo, und nachdem er ziemlich ſchüchtern geläutet, verſtummte der Geſang, und gleich darauf hörte Entenpforte Numero Vier. 109 man ſchlurfende Tritte; die Thür wurde nur ein wenig ge⸗ öffnet, und eine ſchnarrende Weiberſtimme rief:„Was ſoll's denn?“ Der Kellner ſah ſich nach ſeinem Begleiter um, der ſich ihm nun näherte und mit großer Ruhe ſagte: „Es iſt am beſten, Sie nennen Ihren Namen, der meinige wird gänzlich unbekannt ſein, und fragen, ob Fräulein Ka⸗ thinka Schneller zu ſprechen ſei.“ „Nun?“ wiederholte die Stimme hinter der Thür.„Was ſoll's? wer iſt's denn?“ „Der Kellner vom Reibſtein,“ verſetzte dieſer mit ſehr leiſer Stimme,„und wünſcht Mamſell Schneller zu ſprechen.“ Die an der Thür ſchien dieſe Worte ins Zimmer hinein leiſe wiederholt zu haben, denn gleich darauf hörte man eine Mädchenſtimme ausrufen: „So, es iſt Windſpiel? den laßt nur herein kommen.“ „Man ſcheint Sie zu kennen,“ ſagte Don Larioz.„Sehen Sie, wie gut es war, daß Sie ſich genannt.“ „Sind Sie allein?“ fragte die Stimme an der Thür. „Nein, ich bin in Begleitung eines Bekannten,“ entgegnete der kleine Kellner. „Er ſoll ſagen, wer das iſt,“ hörte man die Stimme aus dem Zimmer ſprechen. Und als Windſpiel hierauf, ohne die Frage der Pfört⸗ nerin abzuwarten, den Namen des Spaniers zum Beſten gab, lachte es drinnen fröhlich, und man hörte das Mädchen rufen: „Nur herein! nur herein!“ Darauf hin betraten Beide das Haus und kamen aus dem dunkeln Gange in das Zimmer rechts, von dem man Lichterglanz geſehn und Saitenſpiel vernommen. 110 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Es war das ein mäßig großes Zimmer, ſehr ſchmal, dafür aber ziemlich lang. Wie weit es noch rückwärts ging, konnte man nicht genau ſehen, denn dort wies ein Vorhang von dunklem Zeuge den Blick zurück. Dabei war das Gemach anſtändig möblirt: rechts von der Thür ſtand ein Sopha, davor ein Tiſch und an der anderen Seite ein paar gepol⸗ ſterte Stühle, auf welchen zwei junge Damen ſaßen. Die Eine davon, welche die Guitarre noch auf dem Schooß hatte, war dem Spanier bekannt; es war Kathinka Schneller, dieſelbe, welche er damals vor der Hausthür der Gebrüder Breiberg mit dem würdigen alten Manne geſehen, daſſelbe hübſche, etwas ſchmachtende Geſicht; nur war der An⸗ zug verſchieden; denn ſtatt des einfachen Kleides und des großen Tuches trug ſie heute, obgleich es Winterzeit war, ein Gewand von hellem Mouſſelin, zierlich mit allerlei Bändern aufgeputzt. Die andere junge Dame war eine ſtarke, faſt dicke Per⸗ ſönlichkeit; trotz des ſchwarzen Seidenkleides, welches ſie trug, ſah man ſehr ihre vollen Formen, die hervorgehoben wurden durch eine künſtlich hervorgebrachte ziemlich ſchlanke Taille. Sie hatte den Kopf auf die Hand geſtützt, ſo daß ihre dun⸗ keln Locken über die Finger herab fielen und ihre ſehr lebhaf⸗ ten Augen halb verdeckten. Die ſchnarrende Stimme gehörte einer ſehr corpulenten Frau, die in einem ſchwarzen Sammtſpenſer prangte, unter welchem man einen Rock von grünem Seidenzeug ſah. Sie hatte eine Haube mit bunten Bändern auf, und an ihrem Halſe eine goldene Kette, an welcher eine übermäßig große Lorgnette hing. Die dicke Dame ſetzte ſich ſehr breit auf das Sopha. — Entenpforte Numero Vier. 111 Windſpiel blieb ſchüchtern vor der Thür ſtehen und wäre wahrſcheinlich nicht vorgetreten, wenn ihn nicht Don Larioz in einem ruhigen, gemeſſenen Tone erſucht hätte, ihn den Damen vorzuſtellen. Ehe aber derſelbe dieſes Geſchäft verſehen konnte, be⸗ grüßte Fräulein Schneller den langen Mann beſtens, indem ſie ihr Vergnügen ausſprach, ſeine Bekanntſchaft zu erneuern, und ihn bat, auf dem Sopha neben der dicken Frau Platz zu nehmen. Don Larioz wandte ſich jedoch, ehe er dies that, förmlich gegen dieſelbe, machte eine angemeſſene Verbeugung und ſagte: „Wahrſcheinlich habe ich die Ehre, Ihre Frau Mutter zu ſehen— Madame Schneller?“ „J— a— a j— a— a,“ entgegnete dieſe in etwas gelang⸗ weiltem Tone,„ſo wird's ſchon ſein. Hab' ich die Ehre und freu' mich recht ſehr.— Setzen Sie ſich, wenn's beliebt.“ Aber der höfliche Spanier that dies noch lange nicht, er gab durch eine nochmalige Verbeugung ſeinen Wunſch zu er⸗ kennen, auch der Dame im ſchwarzen Seidenkleid vorgeſtellt zu werden, wobei er mit einer zierlichen Handbewegung ſagte: „Vielleicht habe ich das Vergnügen, der Fräulein Stöpſel vor⸗ geſtellt zu werden?“ Windſpiel zuckte bei dieſem Worte zuſammen, Fräulein Schneller biß ſich auf die Lippen, die dicke Frau fragte: „wa— as?“ nur Fräulein Stöpſel ſelbſt lachte ſo unbändig, daß ſie ſich noch längere Zeit nachher nicht beruhigen konnte und einen förmlichen Lachkrampf nur mühſam unterdrückte. Der kleine Kellner hatte auf einen Wink der jungen Dame mit der Guitarre auch Platz genommen, ſich aber ſo entfernt wie möglich von der Gruppe geſetzt. Die im ſchwar⸗ 112 Dreiundvierzigſtes Kapitel. zen Seidenkleide warf ihm lachend einen Blick zu, ſchien ihn aber keiner weiteren Beachtung werth zu halten, denn ſie gähnte nach einiger. Zeit und zog ein Buch vor ſich hin, das aufgeſchlagen auf dem Tiſche lag. Don Larioz, der wohl einſah, daß es in Gegenwart der beiden Anderen nicht möglich ſei, von dem eigentlichen Zwecke ſeines Beſuches, etwas über das Schickſal der unglücklichen Dolores zu erfahren, anzufangen, hielt es deſſen ungeachtet für nothwendig, ein Geſpräch zu eröffnen, und ſagte deßhalb: „Vor unſerem Eintritt, mein verehrtes Fräulein, hörten wir Sie auf Ihrem Inſtrumente ſpielen. Es würde mir außerordentlich leid ſein, wenn meine Anweſenheit Ihren vor⸗ trefflichen Geſang gänzlich unterbrochen hätte. Es war, wie ich glaube, ein Lied, welches Begeiſterung für das Soldatenleben ausdrückt— eine ſchöne Melodie.“ „Ja, man ſingt es jetzt überall; es iſt nicht ſchwer zu lernen.“ „Würden Sie uns nicht vielleicht noch eine Strophe zum Beſten geben?“ fuhr der Spanier höflich fort,„im Falle es nämlich Ihrer Frau Mutter nicht unangenehm wäre.“ Die junge Dame mit dem ſchwarzen Seidenkleide blickte bei dieſen Worten in die Höhe, und wieder zuckte ein Lachen wie früher auf ihrem Geſichte, doch bezwang ſie ſich, als ſie bemerkte, daß die dicke Frau auf dem Sopha ein verdrießliches Geſicht machte, auch auf eine gewiſſe unbeſchreibliche Art mit ihren fetten Schultern zuckte und dann ſagte: „Ach! wozu das Geklimper? Es macht die Leute nur aufmerkſam, und die haben in hieſiger Stadt böſe Mäuler genug, denen braucht man ſie nicht noch apart aufzureißen.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Don Larioz;„ich muß der ————. ihn Entenpforte Numero Vier. 113 Madame Schneller eigentlich darin Recht geben; die Verleum⸗ dung wird ins Großartige betrieben, und man kann ſogar gute Freunde und genaue Bekannte nicht davor ſchützen.“ Er warf bei dieſen Worten einen Seitenblick auf Wind⸗ ſpiel, der, um uns eines trivialen Ausdrucks zu bedienen, wie auf Kohlen ſaß und immer fürchtete, ſein Freund und Gönner, deſſen Offenherzigkeit zuweilen allzu groß war, möchte wieder⸗ holen, was er von der Entenpforte im Allgemeinen und von Kathinka Schneller und Fräulein Stöpſel insbeſondere geſagt. „Ihnen aber,“ wandte ſich der lange Schreiber mit einer ehrfurchtsvollen Handbewegung gegen die dicke Frau,„Ihnen könnte doch gewiß die bösartigſte Verleumdung nichts anhaben. Sie ſcheinen mir ein ſehr ſtilles und behagliches Familienleben zu führen, halten Ihre Fräulein Tochter hübſch zu Hauſe, wie das alle ehrbaren Mütter thun, gönnen ihr den Umgang einer liebenswürdigen Freundin, und ſind für den guten Ruf derſelben ſo beſorgt, daß Sie es nicht einmal leiden wollen, wenn eine an ſich unſchuldige Muſik in Ihrem Hauſe die Aufmerkſamkeit der Nachbarn auf ſich zieht. Und daran haben Sie doppelt Recht; denn die Beſchäftigung Ihrer Fräulein Tochter, ſowie deren ſchöner Freundin, wird von der Welt nur zu oft falſch gedeutet werden.— Ich mache Ihnen dafür mein Compliment. Schade, daß ich keine weiblichen Anver⸗ wandten oder ſo etwas beſitze, es würde mir ein großes Ver⸗ gnügen machen, ſie in Ihr Haus zu bringen.“ Windſpiel blickte ängſtlich vor ſich nieder, unterdrückte ge⸗ waltſam einen tiefen Seufzer, als er hierauf ſah, wie ſich die Frau vom Sopha aufrichtete, ihre dicke Hand auf den Tiſch legte und in ſehr gedehntem Tone fragte:„Was ſoll denn Hackländer, Don Quixote. IV. 8 114 Dreiundvierzigſtes Kapitel. das eigentlich heißen?“ wobei ſie bald Fräulein Schneller, bald Fräulein Stöpſel anſah. Letztere ſtieß ſie übrigens unter dem Tiſche ein wenig mit dem Fuße an und machte ihr ein Zeichen, worauf ſie ſich brummend wieder in ihr Sopha zurücklehnte. Larioz hatte von allem dem nichts bemerkt, glaubte ſich vielmehr auf dem beſten Wege, die Gunſt der Madame Schneller zu erwerben, was ihm wünſchenswerth erſchien, da er alle Hoffnung auf deren Tochter Kathinka geſetzt hatte, um ihm in ſeiner Angelegenheit bei der ſchönen und unglücklichen Dolores behülflich zu ſein. Um denn auch die Unterhaltung nicht ins Stocken gera⸗ then zu laſſen, nahm er den Faden derſelben wieder auf und bemerkte, ſich an Kathinka wendend:„Ihr Herr Vater iſt wahrſcheinlich ausgegangen?“ „Mein Vater?“ fragte das Mädchen im Tone der Ver⸗ wunderung.„Wen meinen Sie?“ „Verzeihen Sie, wenn ich mich irre,“ antwortete der Spanier in ſeiner unverwüſtlichen Ruhe;„ich dachte, jener würdige, alte Herr, in deſſen Begleitung ich Sie damals auf dem Burgplatz ſah, wäre vielleicht Ihr Herr Vater. Er hat in der That etwas Chrfurchtgebietendes, dieſer Greis. Ich würde mich ſehr freuen, ſeine nähere Bekanntſchaft machen zu können.“ Madame Schneller warf vom Sopha herüben einen fin⸗ ſteren und zugleich fragenden Blick auf Fräulein Stöpſel; da dieſe aber ihre dicken weißen Schultern auffallend aus dem ſchwarzen Kleide hervorhob und damit anzeigen wollte, ſie habe keine Ahnung von dem würdigen Greiſe, ſo fragte die r, nit Entenpforte Numero Vier. 115 Frau:„Wen meint er denn eigentlich? Was will er denn mit ſeinem Vater?“ Kathinka Schneller machte ein Zeichen mit den Augen, ehe ſie zur Antwort gab:„Ach, der Herr meint den Andreas. Wir ſtanden damals zuſammen bei dem Maler Breiberg; er malt ein neues Bild: Der Harfner mit ſeinem Kinde.“ „Richtig,“ ſagte Don Larioz,„wie ein Harfner erſchien mir der alte Herr auch, wie ein ehrwürdiger Barde längſt vergangener Zeiten, der vor dem lodernden Kaminfeuer in der Trinkhalle eines mächtigen Fürſten von den Thaten der Ahnen ſingt, belauſcht von bärtigen Kriegsleuten, die, auf ihre Schwerter geſtützt, ihn mit funkelnden Augen anſchauen.“ Während er das ſprach, blickte er ſinnend vor ſich nieder und ſchien ſich in jene alte, längſt vergangene Zeit zurückver⸗ ſetzt zu fühlen, als Kathinka auf ihrer Guitarre einen Accord leicht anſchlug. Windſpiel blickte begeiſtert in die Höhe, und in ihm ſtieg der Wunſch auf, auch ſo als alter Barde bei dem flackernden Kaminfeuer zu ſitzen, das aber ziemlich weit von der Enten⸗ pforte entfernt ſein möchte. Die dicke Frau hatte ſich bei den Worten des Spaniers raſch von ihrem Sopha erhoben, wobei ſie:„Oha!“ ſagte, was wie ein tiefer Seufzer der Langenweile klang, und dann mit den Fingern auf ihre Stirn zeigte, wie man zu machen pflegt, wenn man ausdrücken will, man halte Jemand für nicht ganz richtig im Kopfe. Es war Don Larioz nicht unlieb, als er ſah, wie ſich Madame Schneller erhob; denn er hoffte, ſie würde vielleicht auf eine kurze Zeit das Zimmer verlaſſen und er alsdann im Stande ſein, über die Angelegenheit, welche ihn hieher geführt, 1 1 116 Dreiundvierzigſtes Kapitel. und die ihm ſehr am Herzen lag, einige vertrauliche Worte mit Kathinka Schneller zu wechſeln. Aus dieſem Grunde war es ihm denn auch höchſt angenehm, zu ſehen, daß auch Fräu⸗ lein Stöpſel ihr Buch zuſchlug und ſich erhob. Dabei gähnte ſie ziemlich laut und warf einen Blick auf Windſpiel, der davor— er wußte ſelbſt nicht, warum— einigermaßen zu⸗ ſammen ſchauerte. Als ein höflicher und umſichtiger Mann hatte ſich Don Larioz ebenfalls erhoben, um den beiden Damen, die nach dem Hintergrunde des Zimmers gingen, eine tiefe Verbeugung zu machen, zu gleicher Zeit aber auch, um Fräulein Schneller leiſe zu fragen, ob der kleine Kellner ſie in dem vertraulichen Geſpräche, das er mit ihr zu führen gedenke, genire. Da nun das Mädchen kurz darauf geantwortet:„Ja, er genirt mich,“ ſo trat Larioz zu Windſpiel hin und bat ihn um die Freundſchaft, den beiden Damen einen Augenblick zu fol⸗ gen, da er fürchte, Fräulein Schneller würde ihm in Anwe⸗ ſenheit eines Dritten nicht gern Mittheilungen machen. „Wenn es Ihnen gleich wäre,“ meinte hierauf der etwas ängſtliche Kellner,„ſo könnte ich auch wohl das Haus ver⸗ laſſen und käme in einer halben Stunde wieder, um Sie ab⸗ zuholen.“ „Warum das?“ fragte der Spanier mit ſeinem offenen und ehrlichen Blicke.„Warum ſollten Sie in der Nacht her⸗ umwandeln, mein lieber Freund, wo Sie ſich jedenfalls mit Madame Schneller, die mir in jeder Hinſicht eine reſpektable Dame zu ſein ſcheint, ſowie mit Fräulein Stöpſel angenehm unterhalten können? Glauben Sie mir, ein junger Mann, der ſich bilden will, muß den Umgang mit gebildeten Damen aufſuchen, wo es ihm möglich iſt; das ſchleift außerordentlich 2 4 Entenpforte Numero Vier. 117 ab und benimmt alle rauhen Ecken. Leider hatte ich dazu in meinem Leben ſehr wenig Gelegenheit.“ „Aber ich möchte mich nach Ihnen bilden,“ ſagte der kleine Kellner mit leiſer Stimme. „Im Guten, was ich allenfalls beſitze, haben Sie Recht, das zu thun; wenn man aber ſein Vorbild zu übertreffen im Stande iſt, ſo muß man das keinen Falls unterlaſſen.“ Ein tiefer Seufzer war die ganze Antwort, welche Wind⸗ ſpiel gab. Unterdeſſen war Kathinka Schneller ebenfalls von ihrem Stuhle aufgeſtanden und zu den beiden Damen getreten, die eben hinter dem Vorhang verſchwinden wollten. „Das iſt ein langweiliger Narr!“ ſagte die dicke Frau. „Ich weiß nicht, wie ihr euch mit ſolchen Leuten einlaſſen könnt.“ „Nun, Sie wiſſen's ja ſelbſt,“ flüſterte Kathinka;„die Breibergs haben uns gebeten, und auch Herr Wurzel; man varf den Leuten ihren Spaß nicht verderben. Und denen müſſen wir ſchon was zu Gefallen thun. Aber du,“ wandte ſie ſich an den Stöpſel,„nimm Windſpiel mit, es iſt ein ganz ordentlicher Menſch; plaudere noch eine Zeit lang mit ihm und laß ihn dann, wie wir verabredet, zum Hauſe hin⸗ aus. Vergiß mir auch nichts, wenn ich einen Ton auf der Guitarre angebe; es iſt ja ein Spaß, warum ſollte man das nicht thun?“ „Der lange, dürre Menſch da,“ ſprach die Frau mürriſch, „ſieht mir aber gar nicht aus, als ob er viel Spaß vertragen könnte. Auch hat er einen tüchtigen Stock bei ſich. Nehmt euch nur in Acht, daß es da nichts gibt.“ „Das iſt denn Breibergs Sache; die ſollen alsdann 118 Dreiundvierzigſtes Kapitel. ſehen, wie ſie mit ihm zurecht kommen.— Wollen Sie nicht ſo gut ſein,“ wandte ſich hierauf Fräulein Schneller an den kleinen Kellner,„mit den beiden Damen ein bischen ins Neben⸗ zimmer zu gehen? Ich habe mit dem Herrn da zu ſprechen. Nur eine Viertelſtunde.“ Windſpiel warf einen beſorgten Blick auf ſeinen Herrn und Meiſter, und dann folgte er der jungen Dame im ſchwar⸗ zen Seidenkleide mit denſelben Gefühlen, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt werden ſoll, ſeinem Leiter. Vierundvierzigſtes Kapitel. Guitarrenklänge. Der Spanier hatte ſich wieder auf ſeinen Stuhl nieder⸗ gelaſſen, und Kathinka Schneller, die nun zurückkam, ſetzte ſich auf das Sopha ziemlich nahe an ſeine Seite. Sie hatte die Guitarre neben ſich gelegt, ſo daß ſie mit den Fingern die Saiten erreichen konnte. „Sie werden mir verzeihen, mein verehrtes Fräulein,“ ſagte Don Larioz nach einer Pauſe,„daß ich es gewagt habe, Sie in Ihrem Hauſe aufzuſuchen; aber es geſchah das nur auf Veranlaſſung einiger freundlichen Zeilen, die ich von lieber Hand erhalten.“ „Ach ja! von der armen Dolores,“ erwiderte das Mäd⸗ chen mit einem Seufzer, wobei ſie den Kopf auf die Seite neigte und ihren Nachbar ſchmachtend anſah.—„Die arme Dolores!“ „Dolores,“ ſprach der lange Mann mit großem Ernſte, „iſt ein ſehr unglückliches Weſen, oder alle Zeichen müßten 1 3 — 120 Vierundvierzigſtes Kapitel. mich trügen. Ja, ſo unglücklich, daß, wenn ſie auch nicht Ihre Freundin wäre, doch in Ihrer Bruſt, mein Fräulein, das regſte Mitgefühl für dieſelbe auftauchen müßte.“ Kathinka wollte antworten, doch berührte der Spanier mit den Fingerſpitzen leicht und reſpektvoll ihren Arm und fuhr fort:„Verzeihen Sie, mein Fräulein! Ehe Sie mir Ihre ſchätzbaren Mittheilungen machen, werden Sie mir ein paar Fragen erlauben.— Iſt es ſchon lange her, daß Sie Dolores kennen?“ „So lange ſie dort iſt.“ „Bei dieſen Gebrüdern Breiberg?“ Sie nickte mit dem Kopfe. „Und auf welche Weiſe kam die unglückliche Spanierin ins Haus?“ Das junge Mädchen blickte ihn verwundert an. „Die unglückliche Spanierin!“ wiederholte er;„ſie iſt doch eine Spanierin?“ „Ganz genau kann ich das nicht ſagen,“ erwiderte Ka⸗ thinka nach einigem Beſinnen.„Ich habe Dolores immer für eine Franzöſin gehalten; daß ſie wenigſtens von Paris hieher kam, weiß ich ganz genau.“ „Und ſie wurde ſehr heimlich ins Haus der Gebrüder Breiberg gebracht? Wenigſtens ſcheint das ſo der Fall zu ſein, denn es hat ſie wohl Niemand ankommen ſehen; auch würde ſie ſich wohl nicht ſo in ihr hartes Schickſal gefügt haben, wenn ſie Gelegenheit gehabt hätte, die Hülfe guter Menſchen anzuſprechen.“ „Ja, jetzt fällt es mir ein,“ verſetzte Kathinka mit einem leichten Lächeln auf ihren Zügen;„Sie haben vollkommen Recht, ſie wurde aufs allerheimlichſte ins Haus gebracht, 4 ſt Guitarrenklänge. 121 es ſah Niemand auch nur ihre Naſenſpitze; ich glaube, man brachte ſie in ſo einer Art von Kaſten.“ „In einem Kaſten!“ rief Don Larioz mit Entrüſtung, wobei ſich ſeine Augenbrauen hoch empor hoben.„Sie meinen vielleicht in einer Sänfte?“ „Ja, es wird wohl eine Sänfte geweſen ſein; aber ich weiß das nicht ſo genau, da ja Niemand außer den Gebrü⸗ dern Breiberg bei ihrer Ankunft zugegen war.“ „Dieſes ſcheue Weſen ſieht den Menſchen ähnlich. Und wann ſahen Sie dieſelbe zum erſten Male?“ „Laſſen Sie mich nachrechnen,“ entgegnete Kathinka, die auf ſo detaillirte Fragen nicht gefaßt ſchien.—„Richtig, es kann jetzt ein halbes Jahr ſein, da kam ich ins Atelier und blickte neugierig hinter die ſpaniſche Wand—“ „Gerade wie ich!“ ſeufzte der Spanier. „Und ſah etwas mit einem grauen Schleier umhüllt. Auf meine Frage an Herrn Jean Baptiſt Breiberg, was das ſei, gab er mir in ſeiner groben Manier zur Antwort, das ſei ein neumodiſcher Kleiderſtänder. Ich glaubte ihm aber nicht, denn es war mir, als habe ich etwas unter dem grauen Schleier ſich bewegen ſehen. Nun war, wie Sie ſich wohl denken können, meine Neugierde rege, und als ich eines Tages allein im Atelier war, ſchlich ich mich hinter die ſpaniſche Wand und ſah zu meiner größten Ueberraſchung—“ „Die unglückliche Dolores!“ rief Don Larioz ſchmerzlich aus.„Gerade ſo iſt es mir ergangen.— Im reichen ſpani⸗ ſchen Coſtüm, den flammenden Blick auf Sie gerichtet—“ „Ja, es war ſo, ihr Coſtüm war ſehr ſchön.“ „Das hat Sie am meiſten intereſſirt?“ ſprach der lange Spanier mit einem ſchmerzlichen Lächeln.„Ich ſah nur das 122 Vierundvierzigſtes Kapitel. glänzende Auge und das wunderbar ſchwarze Haar. O Do⸗ lores! Du trägſt deinen Namen nicht mit Unrecht, armes, gefoltertes Mädchen!— Doch weiter!“ fuhr er nach einem augenblicklichen Hinbrüten fort, indem er ſich männlich wieder zuſammenraffte.„Und darauf ſprach ſie mit Ihnen?“ „Wenig, ſo gut wie gar nichts. Sie mußte mich für eine Freundin der Breibergs halten und war längere Zeit vollkommen ſtumm. Namentlich,“ ſetzte das ſchlaue Mädchen hinzu,„um alle weiteren Fragen darüber abzubrechen, was ihre Herkunft und ihre früheren Schickſale anbelangt.“ „Und ſie war ſehr traurig?“ „Natürlich, und nicht ohne Urſache. So immer einge⸗ ſperrt zu ſein, Niemand zu ſehen, als dieſe Breibergs, und— ich kann es Ihnen wohl geſtehen— Mißhandlungen aller Art ſtandhaft zu ertragen—!“ Die Augen des Spaniers funkelten. „Ja, ſtandhaft, denn Dolores iſt das bravſte und recht⸗ ſchaffenſte Geſchöpf, welches ich je in meinem Leben geſehen. Weder Drohungen noch Bitten, weder Mißhandlungen noch Verſprechen vermochten ſie bis jetzt zu erſchüttern. Das weiß ich ganz genau. Ihr Herz iſt rein wie das eines Engels; und welches Herz das ſein muß, welche Standhaftigkeit ſie beſitzt, können Sie ſich ſelbſt denken. So ein armes, wehr⸗ loſes Geſchöpf, von zwei gewaltthätigen Brüdern gefangen gehalten, und doch nicht nachgeben, dazu gehört mehr, als jede Andere zu leiſten im Stande wäre.“ Fräulein Schneller ſchaute Don Larioz abermals mit einem ſchmachtenden Blicke an, den dieſer aber durchaus nicht bemerkte; denn unfähig, bei dieſen entſetzlichen Mittheilungen ruhig zu bleiben, war er aufgeſprungen und durchmaß das Guitarrenklänge. 123 Zimmer mit raſchen Schritten. Doch ſetzte er ſich bald wieder an die Seite des jungen Mädchens, legte dieſes Mal ſeine ganze Hand auf ihren Arm drückte ihn leicht und ſagte dann mit bewegter Stimme: 1 „Wie danke ich Ihnen, mein Fräulein, für Ihre gütigen Mittheilungen! Seien Sie aber verſichert, Sie, die Dolores lieben und jedenfalls wieder von ihr geliebt werden, daß Sie Ihr Vertrauen Jemand geſchenkt, der Alles aufbieten wird, um das unglückliche Mädchen aus den Klauen jener Barbaren zu retten.“ „Darauf hofft ſie,“ erwiderte Kathinka Schneller, indem ſie, ungeſehen von ihrem Nachbar, ein leichtes Gähnen unter⸗ drückte. „Unglückliches Mädchen!“ ſprach Don Larioz düſter vor ſich hin. „Und doch wieder glücklich,“ verſetzte Fräulein Schneller mit einem leichten Seufzer, indem ſie näher zu dem Spanier hinrückte.„O, ſo geliebt zu werden, wie Dolores es von Ihnen iſt,— was ertrüge man nicht dafür in dieſer verdorbenen Welt, wo ſo wenig wahre Liebe zu finden iſt!“ „Und denkt ſie meiner mit einigem Intereſſe?“ fragte der Spanier, und in ſeinem Auge blitzte es lebhaft auf. „Mit Intereſſe?“ verſetzte das junge Mädchen;„nur mit Intereſſe? O, ich will es nicht vergeſſen! Als ich ſie zum letzten Male ſah, da lehnte ſie den Kopf an meine Bruſt— ſo ungefähr—“ Während Kathinka das ſprach, drängte ſie ſich dicht an ihren Nachbar, drückte ihr blondes Haar an ſeine Schulter und ſchaute ihm von unten herauf lächelnd in die Augen; 124 Vierundvierzigſtes Kapitel. ihre ſonſt etwas bleichen Züge waren ſanft geröthet, und ihre Blicke glänzten. „Ja,“ fuhr ſie mit weicher Stimme fort,„Sie haben einen unauslöſchlichen Eindruck auf das Herz der armen Do⸗ lores gemacht; und ich finde das begreiflich, ſehr begreiflich. Erinnern Sie ſich noch des Tages,“ ſprach ſie mit einem ſchalkhaften Lächeln, wobei ſie ihre Hand erhob und leicht damit über das ſtruppige Haar des Spaniers fuhr,„erinnern Sie ſich noch jenes Tages, als ich Ihnen an der Thür der Wohnung der Gebrüder Breiberg begegnete? Damals hatten Sie Dolores noch nicht geſehen,“ ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu;„damals betrachtete ich Sie aufmerkſam, und es war mir ſonderbar zu Muth; ich ſagte zum Andreas:— aber was bin ich kindiſch,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„ſolches Zeug vor Ihnen zu ſprechen! Nein, nein, was werden Sie von mir denken? ich muß mich wahrhaftig von Ihnen ent⸗ fernen.“ Das that ſie denn auch, indem ſie den Oberkörper von Larioz wegbog, aber nur eine Selunde lang, denn gleich dar⸗ auf ſchnellte ſie noch dichter zu ihm hin, lehnte ſich ſanft an ſeine Bruſt und ſprach mit einem verführeriſchen Lächeln: „Und warum ſoll ich es nicht ſagen? Es iſt ja keine Gefahr dabei, Sie lieben ja doch eine Andere.“ „Ja, ich liebe eine Andere,“ entgegnete ernſt Don Larioz, wobei freilich ſein Blick etwas Starres hatte, er aber dennoch verſuchte, ein wenig auf die Seite zu rücken, da es ihm eine ſeltſame Empfindung verurſachte, den warmen Körper des jungen Mädchens an ſeiner Bruſt zu fühlen.„Ja, ich liebe eine Andere,“ wiederholte er,„feſt, treu, unerſchütterlich, wie es einem ſpaniſchen Edelmanne geziemt.“ Guitarrenklänge. 125 „Ach, er liebt eine Andere!“ ſagte traurig Kathinka Schnel⸗ ler, indem ſie den Kopf einen Moment abwandte und zu gleicher Zeit mit der Hand an ihre Augen fuhr. „Ich liebe eine Ihrer Freundinnen,“ ſagte der Spanier, und während er das letzte Wort ſtark betonte, machte er einen abermaligen Verſuch, ſich etwas aus ihrer gefährlichen Nähe zu entfernen. Doch hatte ſich Kathinka zu feſt an ihn hingedrängt und er befürchtete nicht mit Unrecht, daß, wenn er ſich etwas zu gewaltſam erheben würde, ihm das Mädchen noch näher käme, wenn er ſie nicht vielleicht unſanft von ſich abſchütteln wollte. Und Letzteres hatte er doch nicht Luſt zu thun. Wohl ſah er mit Schrecken, daß ſie offenbar ein etwas allzu warmes Intereſſe an ihm nehme. Sollte er deßhalb hart gegen ſie ſein? Nein, ihn dauerte der Zuſtand des jungen, gewiß ſo unſchuldigen Mädchens, und während er ſich mit Ernſt und Würde in ſeiner muſterhaften Haltung behauptete, blickte er zuweilen verſtohlen nach dem Vorhange, ob ſich dort nicht vielleicht die Mutter dieſes unvorſichtigen Kindes ſehen laſſe, was ihm, obgleich er vollkommen ohne Tadel war, doch nicht angenehm ge⸗ weſen wäre. „Und doch, ich will Ihnen ſagen, was ich dachte,“ ſprach Kathinka Schneller, indem ſie ſeine langen, dürren Finger er⸗ griff und ſie betrachtete.„Wiſſen Sie, wenn man, wie wir, ſo viel mit der Kunſt umgeht, ſo wird man ſelbſt für die Poeſie empfänglich und denkt auch oft im wirklichen Leben daran. Im Atelier der Herren Breiberg hatte ich viele ſchöne Bilder geſehen, Ritter in Kampf und Sieg, oder auch zu den Füßen ihrer Damen, hohe Heldengeſtalten mit aufwärts ge⸗ drehten Bärten und glänzenden Augen— ach, ſo feurige 4 —— 126 Vierundvierzigſtes Kapitel. Augen,“ fuhr ſie fort und hielt ihre Hand zwiſchen ihm und ſich, die ſeinigen verdeckend,„die man nicht ertragen kann. Und als ich noch daran dachte und mit Andreas darüber ſprach, wie es ſo ſchade ſei, daß das Geſchlecht der Helden ſo gänzlich anfange bei uns zu fehlen, da erſchienen Sie, und Andreas kann mir bezeugen, wie ich zuſammen fuhr und zu ihm ſagte: Schaut, das iſt ein Ritter! Gebt ihm Schild und Lanze in die Hand, und er wird ſo ſchön ſein, wie man in Bildern, ſelbſt auf dem Theater nichts Schöneres ſehen kann.— Ach, wie glücklich Dolores iſt!“ „Nennen wir Dolores nicht glücklich,“ ſprach Don Larioz mit ſanfter Stimme. Und dabei betrachtete er mit einem un⸗ verkennbaren freundſchaftlichen Intereſſe das junge Mädchen, welches jetzt die Augen niederſchlug und ſich ihrer Worte zu ſchämen ſchien.„Nennen wir ſie nicht glücklich, denn ſie iſt gefeſſelt, von der Willkür roher Menſchen bedroht, während wir uns der goldenen Freiheit freuen.“ „O, ſie iſt glücklich!“ rief Kathinka Schneller mit einem Anflug von Begeiſterung,„ſie liebt und wird wieder geliebt; ſie liebt eine intereſſante und ritterliche Perſönlichkeit, und dieſe ritterliche Perſönlichkeit will das Leben daran ſetzen, ſie zu be⸗ freien. Kann man ein glücklicheres Loos haben als ſie?“ „Ich will allerdings zugeben,“ entgegnete der Spanier, „daß es Dolores vielleicht ein nicht unangenehmes Gefühl ver⸗ urſacht, wenn ſie erfährt, daß ein Mann, der ſie liebt, die feſte Abſicht hat, für ſie nicht nur in den Kampf zu gehen, ſondern auch, wenn es nöthig wäre, den Tod für ſie zu er⸗ leiden.“ „Und alles das für ſie, für ſie allein!“ rief ſchmerzlich das junge Mädchen an der Seite des langen Mannes.„O, Guitarrenklänge. 127 Himmel! nur für ſie allein! Glückliche Dolores!— Wie kann man ſo edel ſein und doch ein ſo hartes Herz beſitzen?“ ſagte ſie nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, wobei ſie den Kopf etwas zurückbog, um ſein Geſicht in gehöriger Ent⸗ fernung zu betrachten. Und dieſes Geſicht zeigte vollkommen die Größe und Ruhe ſeiner erhabenen Seele. Sein Mund war etwas zuſammen⸗ gezogen, wodurch die Spitzen des Schnurrbartes ſich einander näherten; dabei hing ſeine Unterlippe, wenn auch unbedeutend, herab, und ſeine Augenbrauen waren wie vor Verwunderung hoch emporgezogen. „Ja,“ fuhr Kathinka heftig fort,„ſie ſoll Alles haben, für ſie ſoll Alles geſchehen. O, grauſamer Ritter meiner Träume! Was würde für mich gethan, wenn ich in Ketten und Banden ſchmachtete? wenn auch ich der Willkür böſer Menſchen Preis gegeben wäre? Ja, für mich gethan?— Für mich, welche dich— o, welche Sie, wollte ich ſagen, in⸗ niger liebt als jene Dolores, die Sie ja nur ein einziges Mal ſah, die nie das Glück hatte, Sie zu ſprechen. Nicht wahr, an meinem Elend würde man kalt vorüber gehen? Für mich würde man nicht das Schwert ziehen, für mich nicht in den Kampf gehen, noch viel weniger den Tod erleiden wollen?— O, ich Unglückliche! warum habe ich alles das geſagt?“ Während ſie dieſe Worte ſprach, hatte ſie ſich langſam erhoben und machte eine Bewegung, als wolle ſie dem gefähr⸗ lichen Manne an ihrer Seite entfliehen. Doch ſchien die Lei⸗ denſchaft ſie zu überwältigen, ſie verließ ihren Sitz auf dem Sopha und ſank mit einem leiſen Ach! noch inniger an ſeine Bruſt als früher. Don Larioz war in Wahrheit aufs tiefſte gerührt von 128 Vierundvierzigſtes Kapitel. dem offenherzigen und leidenſchaftlichen Bekenntniſſe des jungen Mädchens. Wohl hatte er bemerkt, daß ſie ihn damals an der Thür mit einem forſchenden Blick angeſchaut, aber er hatte nicht im Entfernteſten glauben können, daß ſein Anblick einen ſolchen Eindruck auf ihr unſchuldiges Herz machen würde. Er fühlte ſich von Mitleid bewegt, aufs tiefſte ergriffen, und konnte es kaum über ſich gewinnen, ihre Hände zu löſen und ihre Arme ſanft von ſeinem Halſe zu entfernen, an welchem ſie ſich, wie einer Ohnmacht nahe, feſtgeklammert hielt. Kathinka öffnete die halb geſchloſſenen Augen und ſagte mit einem leiſen Seufzer, wobei ihre Stimme außerordentlich weich, ja, ſchmelzend klang:„Nicht wahr, für mich würde nicht der hundertſte Theil von dem geſchehen, was man für Dolores thun wird?“ „Glauben Sie das nicht, hochgeehrtes Fräulein,“ ver⸗ ſicherte eifrig Don Larioz.„Verfügen Sie über meine Dienſte, wenn Sie ſolche brauchen können, und Sie werden ſehen, daß ein edler Spanier nie gezögert hat, einer Hülfloſen, einer Be⸗ drängten beizuſtehen. Aber—“ „O, ich verſtehe dieſes Aber!“ rief ſie ſchmerzvoll aus. „Nur Ihr Edelmuth würde Sie zu meiner Hülfe herbei zie⸗ hen; Ihr Herz bliebe kalt bei meinem Jammer, und wenn Sie mich zu Ihren Füßen ſterben ſähen, ſo würde doch das Wort Liebe nie von Ihren Lippen tönen.“ Der lange Mann kämpfte einen ſchweren Kampf; er blickte mit dem innigſten Mitgefühl auf das arme, unſchuldige Mädchen herab, das jetzt, wie ſich ſeiner eigenen Bekenntniſſe ſchämend, das ſanft geröthete Geſicht in den Händen verbarg. — Aber er dachte an Dolores, die unglückliche Gefangene, die er liebte, die er zu ſeiner Dame erkoren, für die er ſich ſelbſt Guitarrenklänge. 129 ſein ritterliches Wort gegeben, ihr unerſchütterlich treu anzu⸗ gehören; er ſah vor ſich die bleichen Züge der Sypanierin, das ſeelenvolle, glänzende Auge; ſeiner Bruſt entrang ſich ein tiefer Seufzer, und er machte den Verſuch, Kathinka Schneller ſanft von ſich zu ſchieben. Sie erhob den Kopf aus ihren Händen, ſie ſchaute ihn mit einem flehenden Blicke an, ſie ſagte mit bebender Stimme: „So iſt denn nichts im Stande, dein Herz zu rühren, du harter Mann? Du ſiehſt meine Liebe und ſtößeſt mich den⸗ noch zurück?— Wehe, wehe!“ Larioz war groß in dieſem Augenblicke; er raffte ſich ernſt und ſtreng zuſammen, ſeine Bruſt war von einem tiefen Athemzuge geſchwellt, er ſchob das ſchluchzende Mädchen nun wirklich ſanft bei Seite, dann blickte er in die Höhe und ſprach: „Vermögen wir es, unſerem Herzen zu gebieten? Nein, gewiß nicht; wir können einer Zweiten Liebe heucheln, aber dieſelbe doch nicht wahr empfinden. Laſſen Sie von mir ab, gutes Mädchen; Sie werden mir anſehen, wie ſehr mich Ihr Jam⸗ mer rührt; aber glauben Sie meiner Verſicherung, daß er nicht mein Herz umwandeln kann. Ich will ihr dienen, ich will ihr Retter ſein; ich will den Verſuch machen, ſie aus Ketten und Banden zu erlöſen, hoffend auf einen ſüßen Lohn, wenn es mir gelingt, will aber auch im anderen Falle ohne Murren untergehen, und ſollte mich bei dieſem Wageſtück der Tod ereilen, ſo ſeien Sie überzeugt, daß mein letztes Wort ſein wird: Sie war meine erſte und einzige Liebe— Do⸗ lores, das ſchönſte Weib der Erde!“ „Ha, Barbar!“ rief das ſchrecklich enttäuſchte Mädchen aus und ſtürzte zurück auf das Sopha, wobei ihre Finger Hackländer, Don Quixote. IV. 9 8 1 130 Vierundvierzigſtes Kapitel. krampfhaft die Saiten der Guitarre erfaßten und denſelben einige ſchrille Töne entlockten. Gleich darauf fuhr ſie empor, ſtrich ihr blondes Haar von den Schläfen zurück und ſchien angſtvoll zu lauſchen. Der Spanier, mit ſich ſelbſt zufrieden, konnte nicht darauf achten, da ſeine leuchtenden Blicke ſich nach oben gerichtet hatten und er angelegentlich die Zimmerdecke betrachtete, in deren Mitte ein ziemlich ſchlecht gemalter Amor beſtändig im Begriffe war, auf jeden ſeinen Pfeil loszulaſſen, der ihn zufällig anſchaute. Jetzt ergriff ihn Kathinka Schneller haſtig beim Arm, rüttelte ihn, bis er aus ſeiner Verzückung wieder zu ſich kam, und ſagte dann, indem ſie mit ängſtlicher Geberde nach der Thür wies:„Horch, haben Sie gehört 29 Obgleich Don Larioz in der That bis jetzt nichts ver⸗ nommen, blickte er doch ebenfalls nach der Thür, von welcher her er nun auf einmal eine polternde Männerſtimme hörte, die ziemlich deutlich ſagte:„Mir macht man nichts weis, ſie iſt da drinnen; ich habe ihre Stimme gehört. Hölle und Teufel! Ich möchte darauf ſchwören, daß ich mich nicht irre, wenn ich ſage, ſie hat dort ſo eben mit einem Manne ge⸗ ſprochen.— Ah, die Verrätherin!“ Jetzt vernahm man auch die Stimme der Fräulein Stöp⸗ ſel, welche antwortete:„Wo denken Sie hin? Kathinka iſt hin⸗ auf gegangen; es iſt gewiß Niemand im Zimmer; nicht ein⸗ mal Licht, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Und Lichterſchein habe ich doch geſehen,“ fuhr die Stimme fort.„Sie vergeſſen, daß draußen ein Spalt im Laden iſt. Ah, ich werde keine Schonung kennen. Sterben muß die Treuloſe und mit ihr der Verräther! Rache, Rache!“ bben Guitarrenklänge. 131 Kathinka hatte ſich bei den letzten Worten, welche man von draußen gehört, vom Sopha erhoben, ohne den Arm des Spaniers los zu laſſen, und zu gleicher Zeit das Licht ausge⸗ löſcht. Geräuſchlos wandte ſie ſich um den Tiſch herum und zog dann den langen Mann, der nicht wußte, was das alles bedeuten ſollte, ſo kräftig ſie konnte, mit ſich fort. Er folgte ihr, obgleich widerſtrebend, und wagte nicht zu ſprechen, denn bei dem erſten Verſuche, den er hierzu gemacht, hatte ſie ihm die Hand auf den Mund gedrückt. Halb zog ſie ihn, halb folgte er ihr freiwillig, mit der einen Hand um ſich tappend, und fühlte nach kurzer Zeit, daß ſie den Vorhang erreicht, der ſich im Hintergrunde des Zimmers befand. Dahinter öffnete das Mädchen leiſe eine Thür, zog ihn hindurch, und erſt als er vernahm, daß das Schloß hinter ihm wieder einſchnappte, that ſie einen tiefen Athemzug und ſagte:„Der Gefahr wären wir jetzt entflohen.“ Worauf Don Larioz mit großem Ernſte erwiderte:„Es iſt das erſte Mal, mein Fräulein, daß ich vor einer Gefahr fliehe; auch muß ich um eine Erklärung bitten, wenn ich mich nicht veranlaßt ſehen ſoll, augenblicklich in jenes Zimmer zu⸗ rückzukehren.“ „Beruhigen Sie ſich,“ antwortete ſie mit einer Stimme, die noch immer vor Aengſtlichkeit zu zittern ſchien.„Daß Sie geflohen, geſchah ja in meinem Intereſſe, und ich danke Ihnen herzlich dafür. Sie haben doch jene ſchreckliche Stimme gehört?“ „Allerdings habe ich ſie gehört, und wer iſt jener Mann?“ „O Gott, es iſt mein Verlobter!“ jammerte das unglück⸗ liche Geſchöpf.„Es iſt ein Menſch, dem meine Hand zu 4 —— 132 Vierundvierzigſtes Kapitel. reichen man mich zwingen will; ein Mann, der mir früher gleichgültig war, der mir aber ſeit jenem unglücklichen Tage— o, ich brauche Ihnen dieſen Tag nicht näher zu bezeichnen!— verhaßter geworden iſt, als irgend etwas auf dieſer Welt.“ „Und Sie ließen ſich ſeine Bewerbungen gefallen? Sie erklärten nicht offen Ihre Abneigung und Ihren Haß?“ „Konnte ich das, da er mir früher nur gleichgültig war? O, Sie machen mich grenzenlos unglücklich. Meine Mutter wünſcht dieſe Verbindung, mein Verlobter iſt entſetzlich eifer⸗ ſüchtig, und wenn er wirklich Ihre Stimme gehört, ſo könnte es ein großes Unglück geben. Sie ſehen deßhalb wohl, daß Sie mir zu Liebe fliehen mußten; er würde Sie ermordet haben, wenn er Sie geſehen hätte.“ „Ich ſtelle meinen Mann,“ verſetzte ruhig der Spanier, „und wenn das Ihr einziges Bedenken iſt, ſo laſſen Sie uns getroſt zurückkehren, und was mich hieher geführt, will ich ihm alsdann ſagen. Natürlicherweiſe, ſoweit ich das thun kann, ohne Dolores zu compromittiren.“ „Und Sie meinen, er würde Ihnen glauben?“ ſagte ſie mit einem krampfhaften Lachen.„O, da kennen Sie dieſen wilden Menſchen nicht! Aber,“ ſetzte ſie ſchluchzend hinzu, „ich weiß ja wohl, daß Ihnen an mir nichts gelegen iſt. So gehen Sie denn hinein, meſſen Sie Ihre Kraft mit der ſeinigen, und wenn Sie unterliegen oder ihn bewältigen,— ich werde unglücklich ſein; denn morgen wird er wieder kommen, und ich bin dann ohne Schutz und Hülfe ſeiner Willkür Preis gegeben.—— Horchen Sie!“ Und wieder vernahm man die polternde Stimme, dies⸗ mal aber im anſtoßenden Zimmer. „Da will ich ein Narr werden,“ tönte ſie,„wenn hier auf 3 Guitarrentlänge. 133 dem Sopha nicht Jemand geſeſſen. Die Stelle iſt noch warm, hol' mich der Teufel! Und auch auf dem Stuhl war Jemand. Ach, Kathinka! du kannſt dich freuen, wenn ich finde, daß du mich wirklich verrathen!“ „Seien Sie doch nicht ſo thöricht!“ hörte man Fräulein Stöpſel ſagen;„ich verſichere Sie, Kathinka iſt oben und wird gleich herunter kommen.“ „Wie habe ich dieſes Mädchen geliebt!“ klagte nun die polternde Stimme.„Wie hätte ich auf ihre Tugend und Un⸗ ſchuld geſchworen! Einer von den verruchten Malern wird bei ihr ſein. Oder am Ende gar jener lange Kerl, der wie eine Vogelſcheuche ausſieht und ſich in neuerer Zeit in der Nähe des Burgplatzes herum treibt.— Ja, jetzt erinnere ich mich, den man heute Abends in der Entenpforte geſehen haben will. Laſſen Sie mich! Blut muß fließen, ihr Blut! ha! die Falſche ſoll erbleichen!— Erblei— chen— chen— chen!“ Es war, als knirſche der Sprecher mit den Zähnen. Als derſelbe von dem langen Kerl geſprochen und ſogar von der Vogelſcheuche, hatte es den Spanier durchzuckt, und er wäre vielleicht umgekehrt, wenn ihn Kathinka nicht kräftig am Arme gehalten hätte. „So ſoll ich vollkommen unglücklich werden?“ klagte ſie. „Und doch iſt es am Ende ja gleichgültig; zerriſſen iſt mein Herz ohnedies, ſo mag es in Gottes Namen brechen.“ „Nein, es ſoll nicht brechen,“ ſagte ernſt Don Larioz. „Fern ſei es von mir, das Unglück einer Dame herbeiführen zu wollen. So will ich mich denn erniedrigen, ich will zum erſten Male in meinem Leben fliehen.“ „Die Hausthür habe ich verſchloſſen,“ brüllte die Stimme, „und alle Zimmer will ich durchſuchen.“ 134 Vierundvierzigſtes Kapitel. „Hören Sie?“ flüſterte das Mädchen in höchſter Angſt; „an Entfliehen iſt nicht mehr zu denken; ich muß Sie ver⸗ ſtecken.— Aber es gibt noch ein Mittel, mich zu retten,“ fuhr ſie fort, indem ſie Larioz von der Thür, wo ſie ſtanden, hin⸗ wegzog.„Entſagen Sie Dolores, erwiedern Sie meine Liebe, und ich will vor jenen Wüthenden hintreten, will ihm das ohne Furcht erklären, und damit entreißen Sie ihm ſeine Rechte auf mich; es iſt dann Ihnen gegeben, mich zu verthei⸗ digen, mich vor ſeiner Rache in Schutz zu nehmen.“ „Laſſen Sie ab von mir, Kathinka,“ gab Larioz traurig zur Antwort;„ich will fliehen, um Sie zu retten, und thue damit, was ich für keinen Menſchen thun würde. Aber ſoll ich es Ihnen noch hundert Mal wiederholen, daß mein Herz nur ihr gehört, ſoll ich Ihnen nochmals wehe thun, indem ich Ihnen ſage, daß Dolores, das ſchönſte Weib der Erde, meine Liebe beſitzt? O, glauben Sie mir, ſchonen Sie mich!“ Sie ſtanden jetzt in einem engen, dunkeln und kalten Gange; vor ſich in der Höhe bemerkte der Spanier etwas wie eine Fenſteröffnung; er ſah dort einen ungewiſſen Schein. Man hörte die Stimme des Wüthenden im Zimmer brüllen, auch polterte es dort, als werfe er Stühle durch einander.. „So muß ich Sie denn an einem ſicheren Orte ver⸗ ſtecken,“ ſagte Kathinka Schneller,„bis er ſich entfernt hat. O, grauſamer Mann! ſo iſt alſo nichts im Stande, Ihr Herz zu rühren?“ Das einzige Wort, welches Don Larioz hierauf zur Ant⸗ wort gab, war:„Dolores!“ worauf er einen wahrhaft herzbre⸗ chenden Seufzer vernahm und ſich alsdann bis zum Ende des Ganges fortgezogen fühlte. ſl Guitarrenklänge. 135 Um das junge Mädchen zu retten, ſchien es jetzt die höchſte Zeit zu ſein, denn ſchon hörte man, wie die Thür hinter dem Vorhange geöffnet wurde, bemerkte auch ſogar einen ſchwachen Lichterſchein. „Geſchwind! geſchwind! um des Himmels willen!“ flehte ſie. Das Ende des Ganges war erreicht, und links von der Mauer befand ſich eine kaum vier Fuß hohe Thür, die das Mädchen haſtig öffnete und den langen Mann bat, dort ein⸗ zutreten. „Sie müſſen ſich etwas bücken,“flüſterte ſie kaum hör⸗ bar mit angſtvoller Stimme.„Sobald der Wüthende fort iſt, komme ich, um Sie augenblicklich in Kenntniß zu ſetzen. O, möchten ſich doch während der Zeit Ihre Geſinnungen ändern!“ Nie! dachte der treue Spanier. Und nun tappte er mit den Händen vor ſich hin, um die Oeffnung des Ver⸗ ſteckes zu finden; doch fand er die Thür zu demſelben ſo niedrig, daß er ſich bedeutend bücken mußte, um hinein zu gelangen. „Schieben Sie von innen den Riegel vor,“ ſagte Ka⸗ thinka,„und laſſen Sie Niemand hinein, man mag klopfen, ſo arg man will. Wenn ich ſelbſt komme, will ich mich durch den Namen der verhaßten Nebenbuhlerin ankündigen.“ Das alles ſprach ſie, zu ſeinem Ohr hinabgebeugt, aus Furcht vor dem Wüthenden im Zimmer ſo leiſe, daß Jemand, der nur wenige Schritte davon geſtanden, gewiß nichts ver⸗ nommen hüätte. Der lange Schreiber kroch hinein; die Thür fiel hinter ihm zu, und gehorſam dem erhaltenen Befehle ſchob er von 4 1 136 Vierundvierzigſtes Kapitel.— Guitarrenklänge. innen einen hölzernen Riegel vor, weßhalb er nicht bemerkte, daß draußen ein Gleiches geſchah. Ein ſtiller Seufzer ent⸗ rang ſich ſeiner Bruſt, doch ſtärkte ihn das Bewußtſein einer guten That. Alles für Gott und die Damen! dachte er, der Einzigen meine Liebe, den Anderen Schutz und Hülfe!— O Dolores! Fünfundvierzigſtes Kapitel. Mörder! Mörder! Wir glauben ſchon berichtet zu haben, daß Don Larioz, als er in ſein Verſteck hinein kroch— den Ausdruck gehen oder ſchreiten können wir hier unmöglich gebrauchen, da hierzu die Oeffnung viel zu klein war— ſich ſehr bücken mußte, um mit ſeinem Kopfe nicht an der Thüreinfaſſung an⸗ zuſtoßen. Als er nun an dem Orte war, den ihm Kathinka Schneller angewieſen, fand er dieſen ſo dunkel, daß man buchſtäblich nicht die Hand vor den Augen ſehen konnte. Da er immer noch außerordentlich gebückt daſtand und ihm dieſe Stellung ſehr unbequem ſchien, ſo machte er einen äußerſt vorſichtigen Verſuch, ſein Haupt zu erheben, was ihm auch gelang, aber nicht ſo ſehr, daß er hätte aufrecht ſtehen können; vielmehr fand er die Decke des Gemaches, wo er war, ſo nied⸗ rig, daß er wohl einſah, er müſſe bis zur Zeit, wo ſich jener Wüthende drinnen im Zimmer entfernt haben würde, in einer ſehr unbequemen Stellung verharren. ————————————————— 138 Fünfundvierzigſtes Kapitel. 2 2* Welches Gemach des Hauſes man ihm zum Aufenhalte angewieſen, war er nicht im Stande zu ſagen, doch da er ſich von jeher daran gewöhnt hatte und auch Muth genug beſaß, jedem Außergewöhnlichen keck ins Auge zu blicken, ſo beſchloß er auch jetzt, mit den Händen vorſichtig umhertap⸗ pend, zu unterſuchen, wo er ſich eigentlich befinde. Er ſetzte behutſam einen Fuß vor den anderen, und fühlte dabei, daß er auf einen eigenthümlich weichen Boden trete; auch war es ihm als ſei derſelbe feucht, und um ſich deſſen zu ver⸗ gewiſſern, fühlte er mit einer Hand hinab, zog aber die Finger ſchnell zurück, als er mit einigem Befremden entdeckt, daß er in naſſes, zertretenes und durchaus nicht reinliches Stroh gefaßt. Bei dem nächſten Schritte, den Larioz nun mit größter Vorſicht machte, befand er ſich an einer Mauer des Gemaches, ging langſam daran hin, fand eine Ecke des Verſteckes und darauf eine andere Wand, die aus Holzwerk zu beſtehen ſchien, und wo ein kleiner Vorſprung war, an dem er empfindlich mit dem Schienbeine anſtieß. Mauerwerk und Holzwand aber und nicht minder die niedere Decke über ſeinem Haupte waren mit einer Feuchtigkeit überzogen, die durchaus nicht angenehm roch, was man indeſſen auch von dem ganzen Gemache nicht ſagen konnte; es herrſchte eine ſonderbar ſäuerliche Atmoſphäre hier, welche die Naſe unangenehm berührte, ohne daß man es gerade einen beſtimmt ausgeſprochenen Geruch hätte nennen können. Der tapfere Spanier, vielleicht in der Befürchtung, noch Schlimmeres zu finden, beſchloß, ſeine Unterſuchungen nicht weiter fortzuſetzen, und tappte bei der feuchten Mauer vorbei an den Eingang zurück, um dort an der Thür in das Haus Mörder! Mörder! 139 zu lauſchen, indem er hoffte, Kathinka Schneller müſſe jetzt jeden Augenblick erſcheinen, um ihn aus ſeinem Verſtecke zu erlöſen. Aber er vernahm nicht das Geringſte von ſich nähern⸗ den Tritten, alles, was er hörte, war zuweilen ein ſchallen⸗ des Gelächter, das durch mehrere Thüren gedämpft an ſein Ohr ſchlug. Ahl dachte er, das kluge Mädchen wird jetzt die Treppe herab gekommen ſein, um den Wüthenden zu überzeugen, daß ſie in der That nicht im Zimmer geweſen ſei. O Weiber! Weiber! ſeufzte er, es iſt doch viel Lug und Trug in eurem Thun und Laſſen. Es wäre entſetzlich, wenn ich denken müßte, daß Dolores mir es einſtens auch ſo machen könnte!— Aber nein, gewiß nicht! Aus deren ſeelenvollen Augen ſpricht ein treues Herz. Die gebückte Haltung, zu der er genöthigt war, fing in⸗ deſſen an, ihn außerordentlich zu beläſtigen; er hatte ſchon, um einen kleinen Stützpunkt zu finden, und doch nicht ſein Haar mit der ſchmierigen Decke in Berührung zu bringen, zuerſt die eine Hand, dann beide auf ſein Haupt gelegt und ſich gegen oben geſtemmt— eine Haltung, die aber auch in kurzer Zeit ſehr ermüdend wurde; auch waren die gebogenen Kniee ſchuld daran, daß er ſeine Stellung häufig veränderte. Einige Erholung fand er alsdann, wenn er ſeine Handfläche auf die Kniee legte und dadurch dem ſehr gebückten Oberkörper einen Stützpunkt gab. Wenn ich leide, dachte er bei ſich ſelber— und daß ich in dieſem ſeltſamen Gemache einigermaßen leide, iſt wohl nicht zu läugnen— ſo geſchieht es um Dolores willen; und ich finde einige Erquickung in dieſem Gedanken. Iſt es doch ebenſo verdienſtlich, für die, welche man liebt, körperlich, ja, 140 Fünfundvierzigſtes Kapitel. ſelbſt geiſtig zu dulden und zu leiden, als thatkräftig für ſie zu wirken mit Schild und Lanze, wenn das möglich wäre. — Die alten Ritter, denen es eine Spielerei war, ja, ein Ver⸗ gnügen, Rieſen niederzuwerfen, Drachen zu tödten und edle Jungfrauen zu befreien, ſie fanden es ſchwerer, ſich in Demuth zu beugen, und es wurde ihnen als größtes Verdienſt ange⸗ rechnet, wenn ſie, vom Schlachtroß ſteigend, ſolches thaten.— Auch ich könnte von mir ſagen, daß ich hier in Demuth ge⸗ beugt ſtehe; auch mir wird man dieſes zu größerem Verdienſt anrechnen, als wenn ich, nicht achtend die Bitten jenes un⸗ ſchuldigen Mädchens, zurück in das Zimmer geſtürmt wäre, um den Wüthenden zu beſiegen und niederzuwerfen.— Ja, ich finde es, dachte er nach einer Pauſe mit einem unter⸗ drückten Seufzer, in der That ſchwerer und deßhalb auch glorreicher, ſich ſo in Demuth zu beugen, als mit leuchtendem Schwerte drein zu ſchlagen. Aber wenn dieſe Prüfung in der Demuth ſehr lange dauert, ſo könnte ſie doch am Ende etwas unangenehm werden. Er veränderte ſeine Stellung abermals, und indem er mit der Hand vorſichtig um ſich her fühlte, wandte er ſich wieder gegen die Mauer, wo er zufällig an einen eiſernen Ring ſtreifte, in dem ein naſſer Strick befeſtigt war.— Selt⸗ ſam! dachte er, daß man in den Häuſern der Entenpforte ſo ſonderbare Gemächer findet! Wenn man in tiefer Dunkelheit in einer gebückten Stel⸗ lung wie Don Larioz aushalten muß an einem unbekannten Orte, von dem man nicht weiß und nicht errathen kann, was es eigentlich für ein Ort iſt, wenn man eine ſäuerliche Atmo⸗ ſphäre einathmet, wenn man mit der Hand an feuchte Mauern ſtreift und dabei eiſerne Ringe und Stricke berührt, ſo kann — QQQQ—.—ͤ— Mörder! Mörder! 141 ſchon eine mittelmäßige Phantaſie veranlaßt werden, allerlei außergewöhnliche Bilder zu gebären. Da nun aber der lange Schreiber eine mehr als mittel⸗ mäßige Phantaſie hatte und dieſe ſich gern mit unheimlichen Häuſern, alten Schlöſſern, düſteren Ritterburgen, Verließen und dergleichen beſchäftigte, ſo war es nicht unnatürlich, daß ihm der Gedanke kam, wie der Theil der Stadt, in dem ſich die Entenpforte befand, mit zum älteſten gehörte und wie die Häuſer hier noch meiſtens aus jenen Tagen ſtammten, wo die harten Zeiten des Mittelalters jedes Haus als eine kleine Burg entſtehen ließen, ebenſo fähig, ſich nach außen zu vertheidigen, als unglückliche Gefangene hinter Schloß und Riegel zu halten. Ja, es konnte nicht anders ſein: das Gemach, in welchem er ſich befand, mußte einmal ein Gefängniß geweſen ſein; die niedere Decke war eine weitere Qual für die armen Eingeker⸗ kerten, der Strick an der Mauer hatte vielleicht ſchon manches arme Schlachtopfer gehalten, und der hölzerne Vorſprung, an den er vorhin geſtoßen, war vielleicht der Sitz, deſſen ſich jene Unglücklichen bedienten. Daß ihm dieſer letzte Gedanke nicht ſchon früher gekom⸗ men, hätte er eigentlich belächeln können, wenn ſeine Situation nicht ſo furchtbar ernſt geweſen wäre. Doch beſchloß er, ſich dieſes Sitzes zu bedienen, da er nahe daran war, durch ſeine höchſt unbehagliche, tief gebückte Stellung Krämpfe in allen Gliedern zu verſpüren. Er tappte nach dem Sitze hin, fand ihn, ließ ſich darauf nieder und konnte nun ſeine Beine wenig⸗ ſtens ausſtrecken, ſtieß auch mit dem Kopfe nicht mehr an die Decke des Gemaches, da er nachſinnend ſein Haupt auf die Bruſt herabſinken ließ. Ja, die Entenpforte war der älteſte Theil der Stadt, und ————— 142 Fünfundvierzigſtes Kapitel. jetzt erinnerte er ſich wohl, daß er oft davon gehört, wie hier Leute wohnen ſollten, deren Treiben das Licht des Tages ſcheue. Hatte nicht auch der treue Windſpiel ähnlicher Maßen geſprochen, hatte er ihn nicht gewarnt vor dem Gange hieher, hatte deſſen Fuß nicht ſichtbar ſchüchtern die Schwelle des Hauſes Numero Vier übertreten?— Aber nein, die Veran⸗ laſſung, weßhalb er ſich in dem dunkeln Gemache befand, war ja ſo natürlich, und es hatten ſich die Ereigniſſe ſo richtig vor ſeinem Blicke an einander gereiht. Das Schreiben der unglücklichen Dolores hatte ihn an Kathinka Schneller gewie⸗ ſen, dieſe ihn freundſchaftlich aufgenommen und liebreich be⸗ handelt, bis jener Wüthende kam.— So dachte Larioz, aber mit einem Male trat das Bild des hohnlachenden Clemens Breiberg vor ſeine Seele und er fühlte ein gelindes Fröſteln. Wie, wenn dieſes Ungeheuer er⸗ fahren hätte, daß die unglückliche Dolores ihm geſchrieben? Wie, wenn er gewußt, daß Kathinka Schneller ſich dazu hergeben würde, zur Befreiung der Spanierin mitzuwirken? Wie, wenn die Breibergs dagegen gearbeitet und vielleicht Kathinka Schneller vermocht hätten, ihn in dieſen finſteren Kerker zu verlocken? Gräßlich! An dieſen Gedanken reihten ſich andere ſo fin⸗ ſterer und wilder Art, daß er unmöglich ruhig ſitzen bleiben konnte, ſondern erregt wie er war, ohne der niedrigen Decke zu gedenken, aufſprang, mit dem Kopfe oben polternd anſtieß, dann auf dem feuchten Stroh ausglitſchte und der Länge nach ———————— auf den Boden hinpatſchte. Er fühlte einen heftigen Schmerz am Kopfe und bemerkte zu gleicher Zeit auch, wie klein der Kerker war, in dem er ſich befand; denn während ſein Haupt t Mörder! Mörder! 143 an den Sitz der Gefangenen ſtieß, berührten ſeine Füße die Eingangsthür. Mühſam raffte er ſich empor, und die ſäuerliche Atmo⸗ ſphäre drang ſtärker als bisher in ſeine Naſe; es war ein ſeltſamer Geruch, etwas wie vom Dunſte der Verweſung dabei. Schaudernd dachte er an gräßliche Urſachen, die den⸗ ſelben hervorgerufen haben könnten, an Unglückliche, die man vielleicht hier gefeſſelt hielt, bis der Tod ſie von den Qualen des Hungers und Durſtes erlöste,— und dieſer Schauder ſtieg zu einem wahrhaften Grauſen, als er nun mit einem Male neben ſich einen tiefen Seufzer hörte. Nun iſt es aber in der That etwas Entſetzliches, an einem unheimlichen Orte, wo man ſich allein glaubt, plötzlich ein ſolches Geſeufze zu hören. Es war kein Wunder, daß Don Larioz zu fühlen glaubte, wie ſich die Wurzeln jedes ſeiner Haare bewegten.— In einem ähnlichen Falle wie in dem, wo er ſich befand, pflegen uns zwei Empfindungen zu beſtürmen: die einer furchtbaren Angſt, welche ſich dadurch äußert, daß wir uns krampfhaft, lautlos in uns ſelbſt und in die nächſte Ecke zurückziehen, keines Lautes, keines Gedan⸗ kens mächtig und mit ſcharfem Ohr hinlauſchend, ob ſich der furchtbare Seufzer nicht wieder hören laſſe— oder ein un— natürlicher Muth, der uns vorwärts ſtreben läßt, dem Orte des Grauſens entgegen, bereit, über das, was wir dort finden, herzufallen, um es, wenn es etwas Feindliches iſt, mit unſeren Händen zu erwürgen. Von der letzteren Empfindung war der tapfere Spanier beſeelt. So raſch es ihm möglich, tappte er an der Wand hin, fühlte aber mit Schrecken, daß er ſchon beim erſten —— — — 144 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Schritte an einen menſchlichen Körper ſtieß, neben dem er, ohne es zu wiſſen, ſchon eine Zeit lang geſeſſen. War es ein lebend Eingekerkerter wie er, oder war es bloß eine Leiche? — Nein, das Letztere war nicht der Fall, denn als Don Larioz mit ſeinen langen Fingern zugriff und den Hals des menſchlichen Körpers neben ihm umkrallte, ſtieß dieſer nicht nur abermals einen tiefen kläglichen Seufzer aus, ſondern ſagte auch mit einer Stimme, die den langen Schreiber er⸗ beben machte:„O du mein Gott! was habe ich denn gethan, daß ich hier elend zu Grunde gehen ſoll? Hat man mich doch in meiner Jugend gelehrt, daß treue Anhänglichkeit und Tugend ſchon dieſſeits zuweilen Belohnung finden. O guter Himmel! und ich bin treu und anhänglich geweſen einem Freunde, den ich ſehr achte, und ich habe meine Tugend be⸗ wahren wollen, und deßhalb hat man mich in dieſes ſcheußliche Loch geſteckt.“ Don Larioz fuhr zurück, ſo weit es ihm die Mauern des kalten und feuchten Kerkers geſtatteten, dann hob er die Hände empor und ſagte mit einem Tone unbeſchreiblicher Rührung:„Auch du, mein Sohn?— Auch du mußt meinet⸗ wegen ſo entſetzlich leiden?“— Er hätte um Alles in der Welt in dieſem wahrhaft ergreifenden Augenblicke nicht das kalte und förmliche Sie anwenden können.—„So ſind Sie es wirk⸗ lich?“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, nachdem er ſich einiger⸗ maßen geſammelt. „Ja, ich bin es,“ erwiderte Windſpiel mit einer Stimme, welche vor Freude zitterte;„ich bin es, o mein Gott! Man hat mich ſchmählich behandelt, man hat mich unter dem Vorwande hier eingeſperrt, ich müſſe durch eine Hinterthür das Haus verlaſſen, um ſchlechten Feinden, die Sie und mich bedrohten, Mörder! Mörder! 145 zu entfliehen. Ich wußte nicht, was man mit mir vorhatte; es waren ſchreckliche Gedanken, die mich beſchäftigten; aber jetzt wird Alles gut werden; Sie ſind ja auch da.“ „Allerdings bin ich auch da, mein Freund,“ gab der Spanier jetzt mit einer Ruhe zur Antwort, welche ſeiner Faſ⸗ ſung und ſeinem Verſtande alle Ehre machte.„Leider, möchte ich ſagen, bin ich auch da; aber nun ich weiß, daß ich vielleicht zu Ihrer Rettung mitwirken kann, fühle ich eine Art von Be⸗ ruhigung darin, daß auch ich in dieſen ſcheußlichen Kerker gerathen.“ „Ein ſchöner Kerker!“ jammerte Windſpiel.„Ja, wenn es nur ein Gefängniß wäre! Aber ſo, wenn das Jemand erfährt, ſo bin ich Zeit meines Lebens blamirt.“ „Gegen Gewalt und Liſt iſt nichts auszurichten,“ ſprach ruhig der Spanier;„auch helfen da keine Klagen. Vor der Hand muß uns alles daran gelegen ſein, daß wir uns unſere Lage klar machen, daß wir zu entdecken ſuchen, wo wir uns eigentlich befinden.“ „Nun, dazu braucht es nicht viel Nachdenken,“ gab der Kellner kleinlaut zur Antwort;„wer das nicht riechen kann, wo wir uns befinden, der muß eine ſchlechte Nafe haben.“ „Sollten wir uns nicht in einem Kerker befinden?“ fragte der tapfere Spanier angſtvoll, dem jetzt erſt die ſäuerliche At⸗ moſphäre anfing verdächtig zu werden, und in dem plötzlich eine Vermuthung aufſtieg, die für ihn über alle Maßen verletzend war.„Sollte der hölzerne Block, auf dem Sie ſitzen— auf einem ähnlichen ſaß auch ich vorhin— nicht die Bank eines Gefangenen ſein? Sollte der feuchte Strick, den ich gefühlt, Hackländer, Don Quixote. IV. 10 4 1 146 Fünfundvierzigſtes Kapitel. nicht dazu gedient haben, arme Schlachtopfer menſchlicher Grauſamkeit feſt zu halten?“ „O mein Gott, nein! Das iſt alles nicht ſo, wie Sie es ſagen.“ „Und wo ſind wir denn?“ fragte Don Larioz mit ſteigender Angſt.„Ich beſchwöre Sie, theilen Sie mir Ihre Anſicht mit! Wenn dies kein Kerker iſt, was iſt es denn?“ „Ein Schweineſtall iſt es!“ jammerte Windſpiel kläglich. „Man hat uns in einen Schweineſtall geſperrt, und das iſt eine Schande, die ich nicht überlebe.“ Eine Zeit lang gab der Spanier keine Antwort. Wenn es aber hell geweſen wäre, hätte man ſehen müſſen, wie er beide Hände vor das Geſicht preßte und noch mehr zuſam⸗ men ſank, als es die niedrige Decke bedingte. Dann ſeufzte er:„Ein Schweineſtall?—— eingeſperrt?— O, es ſind das ſchrecllche Worte, die Sie ausſprechen!— Aber ich ſetze den Fall. es wäre wirklich ein ſolcher Ort, wie Sie ihn ge⸗ nannt— „Woran nicht zu zweifeln iſt,“ unterbrach ihn Windſpiel mit heftiger Stimme.„Ich ſitze auf dem Trog, aus dem die Schweine fraßen, und der Strick an der Wand dient dazu, eins dieſer unartigen Thiere feſtzuhalten.“ „Entſetzlich! Aber Sie ſprechen von eingeſperrt. So ſollte das ein teufliſ cher Verrath ſein, der uns hieher ge⸗ bracht?“ „Was Sie hieuts gebracht, das kann ich ja nicht wiſſen,“ fuhr der Kellner kläglich fort,„aber mich hat meine Tugend in den Schweineſtall geführt, von meiner Anhäng⸗ lichkeit an Sie gar nicht zu reden. Der Stöpſel iſt ein leib⸗ Mörder! Mörder! 147 haftiger Teufel. O, das hätte ich Tag meines Lebens nicht gedacht!“ „Was Fräulein Stöpſel mit dieſer Angelegenheit zu ſchaffen hat, weiß ich nicht, aber ſo viel iſt gewiß, wenn ein weibliches Herz im Stande wäre, unſeren Edelmuth auf ſo niederträchtige Art auszubeuten, ſo müßte ihr Blut fließen.“ „Das würde uns nichts nützen, lieber Herr Don Larioz,“ verſetzte der Kellner.„Aber glauben Sie mir, es iſt fürchter⸗ lich!— Weder die Schneller noch der Stöpſel werden ihr Maul halten, und dann bin ich vor der ganzen Künſtlerſchaft auf ewig blamirt.“ „Ruhig, mein Freund,“ ſagte Larioz ſo ſanft, wie es die fürchterliche Erregung, in der er ſich befand, zuließ.„Mag die Urſache, welche uns hieher geführt, ſein, welche ſie will, wir müſſen jedenfalls verſuchen, dieſen Ort zu verlaſſen. Ich werde den Riegel zurückziehen und ſehen, ob ſich die Thür nicht öffnen läßt.“ Er that alſo, fand aber, daß die Thür deßhalb doch nicht aufging. „Das habe ich erwartet,“ ſagte Windſpiel;„der einzige Weg, hier heraus zu kommen, iſt, wenn es uns gelingt, den Deckel des Troges aufzuheben, der doch irgendwo ins Freie führen muß.“ „Und ein Fenſter ſcheint nicht da zu ſein?“ „Schweineſtälle haben keine Fenſter.“ „Ja ſo, daran dachte ich nicht,“ gab der Spanier mit einem leiſen Seufzer zur Antwort.„Verſuchen wir alſo, den Trog zu öffnen, wie Sie vorhin ſagten.“ Dies ging aber nicht ſo leicht, als ſich Windſpiel vielleicht 148 Fünfundvierzigſtes Kapitel. vorgeſtellt, und Beide bemühten ſich einige Zeit vergeblich, den Deckel zu heben, der von außen durch einen Holzriegel gehalten zu ſein ſchien. Glücklicher Weiſe fand der Kellner beim Umhertappen einen ſtarken Holzprügel, den ſie gegen den Trog ſtemmten, kräftig als Hebel gebrauchten und da⸗ mit nach längeren vergeblichen Bemühungen endlich den Deckel aufbrachen. Wenn ſich auch dieſe Oeffnung zu klein erwies, als daß ſelbſt der dürre Windſpiel hätte hinaus kriechen können, ſo zeigte ſich den Beiden doch bei einem geringen Schimmer, den die hellere Nacht draußen hereinſandte, eine viereckige Thür zwiſchen den Trögen, die ſie bis jetzt überſehen, welche ſich von außen öffnen ließ und die dazu angebracht war, um den Schweineſtall reinigen zu können. Der Kellner bog ſich mit einer verzweifelten Anſtrengung zur Oeffnung hinaus, und es gelang ihm, dieſe Thür zu öffnen. Es war für Beide ein wohlthuendes Gefühl, als nun zugleich mit etwas Helle eine friſchere, wenngleich kältere At⸗ moſphäre in das Gemach drang, wo ſie ſich befanden. Don Larioz hatte es nicht über ſich gewinnen können, den Schweineſtall mit ſeinem wahren Namen zu bezeichnen; er vermied das ſtets, nannte ihn Verſteck, Ort, war überhaupt ſeit der ſchrecklichen Entdeckung, wo er eigentlich war, ziemlich ſtill und nachdenkend geworden. Aber es war begreiflicher Weiſe keine gemüthliche Ruhe, die ihn beherrſchte, es war eine gewaltſam unterdrückte Wuth, die ihn ſo geduldig er⸗ ſcheinen ließ, ein mühſam verhaltener Ingrimm, der ſich nur manchmal durch einen tiefen Seufzer kund gab— die Stille vor dem Sturm. Man mußte nur ſehen, mit welcher Mörder! Mörder! 149 Energie er die viereckige Thür öffnete, nachdem der Riegel von außen gelöst war, und wie er alsdann trotz ſeiner Länge hindurch ſchlüpfte und darauf Windſpiel mik einem Rucke nach ſich zog. Beide Abenteurer befanden ſich nun in einem mit einer hohen Mauer umſchloſſenen Hofe an der Rückſeite des Hauſes. Die viereckige Oeffnung ging auf einen Düngerhaufen, der ſich an der Seite des Gebäudes hinzog bis zu einer kleinen Thür, die neben der Front des Hauſes auf die Straße führte. An dieſer Seite bemerkte Don Larioz nach einigem Umher⸗ ſchauen einen ſchwachen Lichtglanz, der durch einen Spalt im Fenſterladen herausdrang. Er ſchritt längs der Einfaſſung des Düngerhaufens vorſichtig hin und kam ſo an den Fenſter⸗ laden, von dem wir eben geſprochen und der ſeiner Berechnung nach in das Zimmer führen mußte, aus dem er vor dem Wüthenden entwichen war. Von dort her klangen Stimmen und Gelächter. Einen Augenblick beſann ſich der lange Spanier, ob es ſeiner würdig ſei, zu lauſchen; als er aber an den Ort dachte, von dem er eben herkam, biß er die Zähne heftig auf einan⸗ der und beugte das Ohr zu dem Laden nieder. Da hörte er denn drinnen ſprechen—— „Ich würde die Geſchichte nicht für eine Million geben,“ ſagte der Mann mit der polternden Stimme. Doch hatte dieſe Stimme jetzt einen gutmüthigen, man könnte faſt ſagen: luſtigen Ton.—„Und ein Königreich gäbe ich dahin, wenn ich ſolches beſäße, um zu ſehen, was ſie für Geſichter machen. Ritter und Knappe im Schweineſtall! Dieſe Idee iſt erha⸗ ben. Komm, Kathinka, dafür muß ich dir noch einen Kuß geben.“ 150 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Aber Mühe hat es gekoſtet,“ hörte der Lauſcher jetzt eine weibliche Stimme, welche offenbar dem Fräulein Stöpſel an⸗ gehörte.„Ich ſage euch, der kleine Kellner witterte die Ge⸗ ſchichte und wollte gar nicht hinein.“ „Nun, es iſt kein Wunder, daß er ſie witterte,“ lachte der ehemalige Wüthende,„denn euer Schweineſtall wird nicht nach Roſen duften.“ „Sollten wir ſie jetzt nicht bald herauslaſſen?“ hörte man Kathinka Schneller fragen. „Nur nicht ſo eilig, ihr Mädchen! Zuerſt bleibe ich noch eine Viertelſtunde da, dann laßt mich eine andere Viertelſtunde fort ſein, und hierauf könnt ihr das Burgverließ öffnen. Ich verſichere euch, der Spaß iſt mit tauſend Thalern nicht be⸗ zahlt. Wenn ich das meinem Bruder erzähle, ſo wird er be⸗ dauern, nicht dabei geweſen zu ſein.“ Don Larioz horchte faſt athemlos; jetzt, wo die Stimme des Wüthenden ruhiger klang, glaubte er ſie zu erkennen. Ja, hier war ein entſetzlicher Verrath gegen ihn verübt worden; es konnte keine Täuſchung möglich ſein: es war die Stimme des verruchten Clemens Breiberg. Dieſer hatte erfahren, daß ſich die unglückliche Dolores ſchriftlich an ihn, den Spa⸗ nier, gewandt; derſelbe hatte es durch ſeine Ränke dahin gebracht, daß er an den fürchterlichen Ort geſperrt wurde, um ihn vor der Geliebten lächerlich zu machen. Rache! Rache! Kathinka Schneller ſchien unſchuldig zu ſein; ſie war ge⸗ wiß durch entſetzliche Drohungen dazu gezwungen worden, ihn zu verrathen; ſie allein hatte von ſeiner Erlöſung geſprochen; ihre Stimme klang ſanft und milde, während die des ſchänd⸗ Mörder! Mörder! 151 lichen Breiberg und des Fräulein Stöpſel höhniſch und luſtig war. Der lange Schreiber hatte genug gehört, er ſchlich ſich hinter das Haus zurück und fand dort Windſpiel an der Mauer lehnend, die Hände gefaltet und betrübt zu den Ster⸗ nen aufblickend. Das Gemüth des jungen Menſchen ſchien ſehr ergriffen zu ſein, und doch vermochte es Larioz nicht, ihm einen gediegenen Troſt zu ſpenden. Wohl hätte er ihm aus— der Geſchichte Beiſpiele großer Männer anführen können, denen es auch nicht viel beſſer ergangen war, aber ihm fehlte die Sammlung dazu; er war in den Tiefen ſeines Gefühls beleidigt, empört wie nie, keines ruhigen Gedankens mächtig; er krallte die Finger auf und zu, und ſeine Augenbrauen waren tief herabgezogen, ſeine Lippen bebten, er war furcht⸗ bar anzuſchauen. Schweigend tappte er in dem kleinen Hofe hinter dem Hauſe umher, und als er nach einigen Augenblicken zum Kell⸗ ner zurückkehrte, fragte er mit dumpfer Stimme:„Es iſt doch auch Ihre Anſicht, jene Schändlichen zu züchtigen? Sie wer⸗ den mir muthig folgen?“ „Wie Gott will!“ ſeufzte Windſpiel, und es ſchauderte ihn einigermaßen, als ihm nun der Spanier eine Miſtgabel mit zwei langen Zinken in die Hände drückte und ihm dabei ſagte:„Keine Schonung!“ Der Kellner fühlte zagend die lan⸗ gen kalten Spitzen an, und er wurde faſt wehmüthig geſtimmt, daß er, mit ſeinem harmloſen, weichen Herzen, vielleicht in der nächſten halben Stunde ein Mörder ſein werde. Er trug die Miſtgabel nicht ſo feſt in ſeinen Händen, wie es ſich wohl für einen tapferen Kämpen geſchickt haben würde. Was die Waffe des langen Schreibers anbetraf, ſo 152 Fünfundvierzigſtes Kapitel. beſtand dieſe in einem nicht ſehr langen, aber biegſamen Prügel von feſtem Holze, den er geſenkt in der rechten Hand trug. So gingen ſie nach der Hofthür des Hauſes, die unver⸗ ſchloſſen war und einem leichten Drucke nachgab, und traten in den dunkeln Gang, wo die ſäuerliche Atmoſphäre abermals ihre Naſen traf und eine Erinnerung hervorrief, welche nicht dazu geeignet war, ihren Rachedurſt zu löſchen. Don Larioz ſchritt behutſam vorwärts, Windſpiel folgte ihm herzklopfend. Dort mußte die Thür ſein, welche hinter den gewiſſen Vorhang führte, doch verſchmähte der tapfere Spanier, den Feind ſo zu ſagen von hinten zu überfallen, weßhalb er ge⸗ räuſchlos durch den Hausgang vordrang und ſich wenige Augen⸗ blicke nachher jener Thür gegenüber befand, wo er zuerſt ein⸗ getreten. Ein paar Sekunden brauchte er, um ſich zu ſammeln, aber nur ein paar Sekunden. Das Gelächter im Zimmer, ſowie auch die Spöttereien, die er jetzt wieder vernahm, trieben ihn zu raſchem Handeln an. Er öffnete die Thür, trat auf die Schwelle, den geſchwungenen Prügel in der Hand, furcht⸗ bar anzuſehen, mit einem wilden Blicke das Ganze über⸗ ſchauend. Da ſaß Madame Schneller auf dem Sopha, Fräulein Stöpſel neben ihr, gegenüber, etwas zurückgezogen, Kathinka, und behaglich die Hände auf den Tiſch geſtützt, der verruchte Clemens Breiberg, der gerade im Begriffe war, ein Glas duftenden Punſches an die Lippen zu führen. Man kann ſich denken, daß der Schrecken der Geſellſchaft kein kleiner war. Der vorhin ſo Wüthende ſetzte behende — Mörder! Mörder! 153 ſein Glas nieder, und ſeine Züge dehnten ſich etwas in die Länge. Doch ſprang er im nächſten Augenblicke von ſeinem Stuhle auf, offenbar in der Abſicht, hinter dem Vorhange zu verſchwinden. Mehr ſah Don Larioz nicht, denn Fräulein Stöpſel, die ſich ebenfalls raſch erhoben hatte, blies das Licht aus, wodurch ſogleich Alles in tiefe Finſterniß gehüllt wurde. Doch hatte der lange Schreiber genug geſehen. Auf dem geradeſten Wege drang er gegen Clemens Breiberg vor und ſtieß deßhalb ſo heftig an den Tiſch, daß die Punſch⸗ gläſer klirrend durch einander flogen, war aber auch ſo glücklich, den Verräther am Kragen zu erwiſchen, worauf er dann nicht ſäumte, den Prügel mit kräftiger Hand an ihm zu probiren. Doch hatte er erſt ein paar Mal herzhaft zu⸗ geſchlagen, als er fühlte, daß ſich ein paar dicke Hände in ſein Haar feſtkrallten und ein ſchwerer Körper ſich ſo kräftig an ihn hängte, daß er auf die Seite gezogen wurde. Freilich raffte er ſich im nächſten Augenblicke wieder auf, doch war mittlerweile der Rockkragen, den er krampfhaft hielt, ſeinen Fingern entſchlüpft, und ehe er denſelben wieder er⸗ greifen konnte, erhielt er einen ſo furchtbaren Schlag mit einer geballten Fauſt auf die Naſe, daß ihm das Feuer aus den Augen fuhr und er ſich ſchütteln mußte, wie der tapfere Stier ſeiner Heimat, der zufälliger Weiſe gegen die Bretter⸗ wand gerannt. Es war ein ſehr unangenehmer Augenblick, der ſich faſt zu einem ſchrecklichen geſtaltete, als Don Larioz nun mit einem Male fühlte, daß zwei ſcharfe Spitzen einen unnenn⸗ baren Theil ſeines Körpers unſanft berührten: der tapfere Windſpiel nämlich war, ſeinem Freunde folgend, ebenfalls in —— 4 — 154 Fünfundvierzigſtes Kapitel. das Zimmer vorgedrungen, die Miſtgabel vor ſich hingeſtreckt, in der Idee, ſeinem Herrn und Meiſter den Rücken zu decken, brachte aber, ſtatt dieſes zu thun, den Spanier in eine höchſt unangenehme Lage. Glücklicher Weiſe erſchien jetzt im Gange der Schim⸗ mer eines Lichtes, weßhalb der kleine Kellner, ſeinen Irrthum einſehend, alsbald ſeine Miſtgabel zurückzog und ſich raſch gegen die Thür umwandte, um dort einem neuen Feinde zu begegnen, der in Geſtalt einer handfeſten Magd, mit der Schnelligkeit des Gedankens, mit den Nägeln über ihn her⸗ ſiel und ihm zehn tüchtige Male zur Erinnerung an dieſen verhängnißvollen Abend verehrte. Es war ein Glück für die⸗ ſes muthige Frauenzimmer, daß ſie im nächſten Augenblicke wieder in den Gang zurückfuhr, denn Windſpiel erhob ſeine Miſtgabel zu einem neuen Stoße, deſſen Wirkung ſehr traurig hätte werden können. Wie aber ſchon geſagt: die Perſon, welcher dieſer Stoß galt, ſprang behende zurück, warf die Thür zu, worauf die beiden eiſernen Zinken tief in das Holz eindrangen. Durch dieſen Stoß aber war das ſanfte Windſpiel zu einem wahren Tiger geworden, ſtampfte mit den Füßen und brüllte wie beſeſſen:„Blut! Blut!“ Es iſt aber ungewiß, ob der Kellner wirklichen Blutdurſt beſaß oder ob er ſein eigenes Blut meinte, welches ſanft von ſeiner Naſe und ſeinen Backen herabrieſelte. Der Spanier, nachdem er ſich von ſeiner Betäubung er⸗ holt, griff nach den beiden dicken Händen, die ſein Haar gepackt hatten, von denen eine ihm unterſchiedliche Maſchen ausgeriſſen, während die andere ſich auf unangenehme Art mit ſeinem Ohre zu ſchaffen gemacht hatte. Doch entſchlüpf⸗ d ſt Mörder! Mörder! 155 ten ihm die Hände, und ſtatt ihrer faßte er ein Stück leichten Zeuges, welches ihm nach einem kräftigen Rucke, den die Beſitzerin that, in den Fingern zurückblieb. „Ahl ſchmähliche Flucht!“ konnte er ſich nicht enthalten auszurufen, wobei er indeſſen den verruchten Breiberg meinte, welcher ſich durch die Thür hinter den Vorhang gerettet hatte. „Ja, Flucht! ſie fliehen!“ ſchrie nun Windſpiel mit einer faſt heiſeren Stimme, und dabei hörte man, wie dieſes ſonſt ſo ſanftmüthige Geſchöpf mit einer Berſerkerwuth mit gleichen Füßen auf⸗ und niederſprang.„Aber ſie ſollen nicht fliehen!“ kreiſchte er, wobei ihm die Stimme überſchlug.„Eins muß ich haben, Eins muß ich umbringen! Ha! da fühle ich noch etwas Weiches. Stirb, Verräther!“ Damit hob er ſeine Miſtgabel und ſtieß auf den weichen Gegenſtand, einmal, zweimal, dreimal. Und jedes Mal fühlte er, wie die mörderiſchen Spitzen der Gabel tief in den weichen Gegenſtand eindrangen. Aber ſchon nach dem zweiten Stoße trat ihm der Schweiß auf die Stirn; ſeine Wuth kühlte ſich raſch ab, und nach dem dritten ſagte er mit be⸗ bender Stimme: „Es rührt ſich nicht mehr, ich habe es umgebracht.— Windſpiel, du biſt nun wirklich ein Mörder geworden!“ Danach hörte man, wie das blutige Inſtrument ſeinen Händen entfiel, und vernahm ein leiſes Stöhnen, hierauf einen tieſen Seufzer, dann war Alles ringsum todtenſtill. Aller dieſe Stille dauerte nur ein paar Sekunden, dann vernahm man, wie die Hausthür geöffnet wurde, wie ſich ſchwere Tritte näherten; die Stubenthür wurde aufgeriſſen. Don Larioz, der ſich umwandte, ſah zu ſeiner Ueberraſchung Lichterglanz in das Zimmer dringen und inmitten dieſes — 156 Fünfundvierzigſtes Kapitel. hellen Scheines die Geſtalt eines Polizeidieners, der kopf⸗ nickend auf der Schwelle ſtehen blieb. Hinter ihm drängte ſich Madame Schneller mit ſehr zerzaustem Haar, und weiter rückwärts ſah man Fräulein Stöpſel und die handfeſte Magd, welche das unglückliche Windſpiel in ſo unbändige Wuth verſetzt. „Das ſind mir ſaubere Geſellen!“ ſagte der Polizeiſoldat mit jener herausfordernden barſchen Stimme und dem außer⸗ ordentlichen Muthe, welcher dieſen Leuten eigen iſt, wenn ſie mit geübtem Blicke ſehen, daß kein Widerſtand mehr zu er⸗ warten.„Ihr habt da ein ſchönes Stück Arbeit gemacht!“ „Mein Kleid haben ſie mir zerriſſen!“ ſchrie die dicke Frau mit gellendem Tone;„mein Haar zerzaust und einen guten Bekannten, der ruhig bei uns ſaß, geprügelt. O, wenn die nicht ins Zuchthaus kommen, dann kommt kein Menſch mehr hinein!“ Damit drängte ſie ſich vor, warf einen Blick in das Zimmer und ſchlug die Hände zuſammen, indem ſie kreiſchend ausrief:„Und ſehen Sie nur, was dieſer Lump da mit ſeiner Miſtgabel angerichtet hat! das iſt ja entſetzlich!“ Windſpiel war auf einen Stuhl niedergeſunken und drückte die Hände vor das Geſicht; er wagte nicht, ſich um⸗ zuſchauen, murmelte aber mit bebenden Lippen:„Ja, ich bin ein Mörder.“ Auch der Polizeiſoldat war jetzt näher getreten, doch als er Don Larioz genauer betrachtete, ſagte er mit freudiger Stimme:„Den Vogel da kenn' ich; er hat ſich neulich in den Reibſtein eingeſchlichen, und das unter ſehr erſchwerenden Umſtänden; er war ſtark im Verdacht, als wolle er dort das Haus anzünden. Ah, Vogel! diesmal werden wir dich ———— ——QOQp/—V——ꝭ—/QCQ—ꝑQ—˖/Q˖P— — Mörder! Mörder! 157 feſthalten! Ruft mir die Anderen herein!“ befahl er ſehr würdevoll. Don Larioz hatte ſein Taſchentuch hervorgezogen; er be⸗ mühte ſich, das Blut ſeiner Naſe zu ſtillen, würdigte aber den Mann der öffentlichen Gewalt keines Blickes, keines weiteren Wortes, als daß er ſagte: „Gut, wir gehen mit Ihnen, es wird wohl noch irgend⸗ wo für uns Gerechtigkeit zu finden ſein.“ „Ja, Gerechtigkeit!“ ſchrie die dicke Frau;„das hoffen wir auch; und zahlen müßt ihr, zahlen, bis ihr ſchwarz werdet.“ „Alſo ihr wollt gutmüthig mit gehen?“ ſagte der Polizei⸗ ſoldat. Der Spanier wandte ſich ſtumm nach dem Stuhle, wo er vor ungefähr einer Stunde Mantel, Hut und Stock ge⸗ laſſen, brachte dieſe Sachen an ſich und trat in den Haus⸗ gang. Windſpiel folgte ihm mit ſchlotternden Knieen, er ließ den Kopf herabſinken, und als der Polizeidiener ihm das bewußte Mäntelchen überwarf, auch den Hut auf den Kopf drückte, zuckte er zuſammen, hatte aber doch noch die Kraft, an der Thür einen ſcheuen Blick rückwärts zu werfen. Da lag das Mordinſtrument, die Miſtgabel, am Boden, und neben den Zinken derſelben bemerkte er ein paar große Blutstropfen. Schaudernd wandte er das Geſicht weg und lispelte abermals:„Ich bin ein Mörder, ein ſchrecklicher Mörder!“ Sechsundvierzigſtes Kapitel. Auf der Polizei. Es war ſchon vollkommen Nacht geworden, obgleich noch nicht ſo ſpät, daß nicht noch hier und da ſich Leute auf der Straße gezeigt hätten. In der Entenpforte war dies freilich nicht der Fall; hier begab man ſich früh zur Ruhe, um auch wieder früh aufſtehen zu können. Es war dies, wie ſchon bemerkt, ein ziemlich abgelegenes Quartier, und wenn man hier Jemand begegnete, ſo huſchte er eilfertig vorüber, wie ſich vor ſich ſelber fürchtend; auch ſah man an den Fen⸗ ſtern nur ausnahmsweiſe, ein Licht: die meiſten Bewohner ſchienen ſich ſchon dem ſüßen Schlafe zu überlaſſen. Als der Polizeiſoldat vorhin zur Thür hinaus befohlen hatte:„Ruft mir die Anderen herein!“ machte er es ungefähr wie jener Corporal mit zwei Mann, der Angeſichts einer ſtarken feindlichen Patrouille mit lauter Stimme kommandirte: Das ſechste Bataillon vor! Die Anderen, die übrigens ge⸗ horſam jenem Rufe hereinkamen, reducirten ſich auf einen Auf der Polizei. 159 alten Stadtſoldaten, der manchmal zur Aushülfe gebraucht wurde, und der es verſtand, von Weitem durch ein großes Maulwerk einen ungeheuren Muth zu entwickeln, welcher Muth aber beim Näherkommen zuſammenſchrumpfte und ſich, nachdem die lärmenden Parteien auf der Straße waren, häufig in ein ſanftes:„Ja, was iſt denn das, ihr Männer?“ auf⸗ löste. Der Stadtſoldat hatte denn auch anfänglich, zurückge⸗ ſchreckt vom wilden Geſchrei, nur ſchüchtern das Haus betre⸗ ten und ſand ſich jetzt wieder ermuthigt und zum finſteren Stirnrunzeln bereit, als er ſah, wie der lange Mann, ohne Widerſtand zu verſuchen, mit dem Polizeiſoldaten ging, und wie die kleine dürre Geſtalt ſchwankend vor Angſt hinter ihm drein ſchritt. „Das,“ ſagte er, indem er die Fauſt drohend erhob, „das iſt euer Glück, ihr Lumpen, daß ihr gutwillig mit geht, denn ich verſichere euch, Himmelſakermenter, wir hätten euch krumm geſchloſſen wie einen Fidelbogen. So eine Bande!“ Der kleine Kellner war gewiß nicht in der Verfaſſung, auf dieſe einſchüchternden Worte irgend eine Widerrede zu wagen. Doch ſchnauzte ihn der Stadtſoldat auf der Straße an: „Will Er Sein Maul halten, Er—? Glaube Er mir, mit ſo Einem macht man wenig Federleſens.“ So ſchritten ſie dahin, Don Larioz im Gefühle der Un⸗ ſchuld mit aufrechtem Haupte, der Andere dagegen gebeugt unter dem Bewußtſein, ein ſchrecklicher Mörder zu ſein. Bei dem Bogen angekommen, der den Eingang zur Enten⸗ pforte bildete, blickte der Spanier in die Höhe und dachte: Welcher Unterſchied, als ich vor einiger Zeit hier vorbeiging, und jetzt! Dann verſank er in tiefes Nachſinnen.— Es iſt lehrreich, mit der Polizei einen Gang durch die 160 Sechsundvierzigſtes Kapitel. nächtlich finſteren Straßen der Stadt zu machen; man kann da ſehen, wie die öffentliche Gewalt gehandhabt wird, mit welcher Unfparteilichkeit und aufopfernden Tapferkeit die Diener dieſer öffentlichen Gewalt zu Werke gehen. Wehe dem Hand⸗ werksburſchen, der, aus dem Wirhshauſe kommend, in der Freude ſeines Herzens vielleicht ſingt: Es kann ja nicht immer ſo bleiben Hier unter dem wechſelnden Mond! Nein, Unglücklicher, es wird nicht immer ſo bleiben, das lehrt dich die nächſte Minute, wo du von der ſtill lauernden Gerechtigkeit heldenmüthig gepackt und wegen nächtlicher Ruhe⸗ ſtörung die Nacht über eingeſperrt wirſt. Es iſt dabei rüh⸗ rend anzuſehen, wie die Polizei unter Entfaltung all ihrer Schreckmittel, mit klirrendem Säbel, lautem Ruf ꝛc., den ruchloſen Handwerksburſchen ergreift. Und nicht minder lehrreich iſt es, zu bemerken, wie an manchen Orten die Diener der öffentlichen Gewalt ein den Umſtänden angemeſſenes ganz anderes Verfahren beobachten— dort zum Beiſpiel, wo es in einer dunkeln Gaſſe unter toben⸗ dem Geſchrei tüchtige Hiebe ſetzt und wo die Handhaber der Ordnung ſtill vorbei ſchleichen, um den Tumult nicht noch unnöthigerweiſe zu vergrößern. Es mochte eine kleine Viertelſtunde vergangen ſein, als die Geſellſchaft ſich der Polizeidirection näherte, um dort ſür die Nacht in ſicheren Gewahrſam gebracht zu werden. Wenn es Tag geweſen wäre, hätte man bemerken können, wie über die Züge des tapferen Spaniers ein leichtes Lächeln flog, als er unter einem maſſiven Thorbogen in einen von hohen Ge⸗ bäuden gebildeten Hof geführt wurde, der ſparſam von einer Auf der Polizei. 161 Gaslaterne erhellt war. Windſpiel folgte ſchaudernd; was ſich von ſeinen Sinnen allein in reger Thätigkeit befand, das war das Gehör, und er lauſchte angeſtrengt in der Furcht, jetzt plötzlich das Klirren von Ketten zu vernehmen. Doch hörte er nichts von dieſen Tönen des Grauſens, vielmehr ſchien es im Polizeiarreſt recht luſtig zuzugehen, denn aus den vergitterten Fenſtern auf der anderen Seite des Hofes hörte er eine Stimme herausſchallen, welche in etwas rauhen Tö⸗ nen ſang: „So leben wir, ſo leben wir, So leben wir alle Tage.“ Nach dieſem Orte hin richteten auch die neu Angekomme⸗ nen ihre Schritte, und als ein herbeigerufener Schließer die betreffende Thür öffnete, verſtummte der Geſang, und Don Larioz ſagte mit leiſer Stimme zu ſeinem Unglücksgefährten: „Das iſt das Leben, mein lieber Freund; immer wechſel⸗ voll ſchwingt es ſich herum: bald ſind wir oben auf der Höhe der Situation, bald tief unten im ſehr gewöhnlichen Treiben der Menge. Erinnern Sie ſich, daß wir auch dort vor dem Hauſe Geſang vernahmen.— Welcher Unterſchied!“ „Ja, welch ſchrecklicher Unterſchied!“ ſeufzte Windſpiel. „O, du mein Gott! womit habe ich dieſes furchtbare Schickſal verdient?“ Mittlerweile hatte das Polizeiarreſtlokal den Beiden ſeine gaſtlichen Hallen geöffnet, ſie traten ein, wobei ſich der muthige Stadtſoldat nicht enthalten konnte, dem kleinen Kellner noch einen Puff in den Nacken zu verſetzen. Dann ſchloß er die Thür hinter ihnen zu, und ſie befanden ſich in einem Gemache, das durch eine gewaltige Oellampe, die hoch an der Decke hing, aufs ſpärlichſte beleuchtet wurde. Hackländer, Don Quixote. IV 11 162 Sechsundvierzigſtes Kapitel. So viel ihnen dieſes Licht zu ſehen geſtattete, bemerkten Fe eine breite hölzerne Pritſche, die ſich an drei Wänden her⸗ umzog,*m da ſie dieſelbe in der Gegend der Thür, zu wel⸗ cher ſie an gekommen waren, noch unbeſetzt fanden, ſo ließen ſie ſich dort nieder mit jenem ſchüchternen Gefühle, das uns jedesmal beſchleicht, ſo oft wir einen für uns bisher un⸗ gewöhnlichen Ort betreten, mag dieſer Ort ein fürſtlicher Saal ſein oder ein Polizeigefängniß. Der kleine Kellner rückte ſo nahe an ſeinen Freund und Gönner hin, als es ihm thunlich erſchien, und Don Larioz, der mit Recht darin ein Zeichen großer Angſt erblickte, fühlte ſich verpflichtet, dem, welchen er, obgleich unfreiwillig, hieher gebracht, einigen Troſt zu ſpenden. „Sie müſſen das nicht ſo ſchwer nehmen,“ ſagte der lange, hochherzige Mann;„wir haben freilich eine unangenehme Nacht vor uns, aber morgen früh, wenn man uns, hoffe ich, ein Verhör geſtatten wird, werden wir uns ausweiſen, wer wir ſind, und darauf ſogleich in Freiheit geſetzt. Es iſt aller⸗ dings nicht angenehm, auf ſolche Weiſe mit einer hochlöblichen Polizei in Berührung zu gerathen, aber glauben Sie mir, man ſollte eigentlich in der Welt Alles kennen lernen.“ „Sie wird man wohl morgen früh in Freiheit ſetzen,“ gab Windſpiel mit kläglicher Stimme zur Antwort,„aber ich— o, du mein Gott! ich komme von hier aus wahrſcheinlich auf das Criminalamt und dann zeitlebens in Ketten und Bande, wenn nicht gar—“ Hier ſchauderte er. „Sie führen abſonderliche Reden, mein Freund,“ verſetzte Larioz erſtaunt.„Ich glaube, was mich trifft, wird auch Sie treffen. Im Gegentheil,“ fuhr er würdevoll fort,„Sie wer⸗ den mir zutrauen, daß ich den größten Theil der Schuld, ja, und rioz, ühlte jeher Auf der Polizei. 163 wenn es möglich iſt, das Ganze auf mich nehme und der Wahrheit gemäß ſage, daß Sie faſt unfreiwillig mitgegan⸗ gen ſind.“ „Sie wiſſen alſo nicht,“ fragte ſtockend der Andere,„daß ich— o, mein Gott!— mit der Miſtgabel—“ „Was ſollte ich wiſſen?“ erwiderte der Spanier;„ich weiß nur, daß Sie mich in einem Uebermaße von Muth faſt mit Ihrer Miſtgabel verletzt hätten. Zum großen Glück aber hat nur mein Beinkleid einigen Schaden gelitten.“ „Das iſt es nicht, das iſt es nicht; ich wurde von hinten angefallen,“ ſprach der kleine Kellner mit einer ſchauerlich klingenden Stimme,„und wurde heftig im Geſichte gekratzt, und da konnte ich mich nicht mehr halten, ſondern bohrte meine Miſtgabel tief in etwas Weiches, das ich neben mir fühlte.“ „Das wäre allerdings entſetzlich.“ „Ich glaube, es hat geſtöhnt und geſeufzt, und dabei war ich Barbar genug, dreimal zuzuſtoßen. Auch ſah ich ſpäter am Boden Blutflecken.“ „Das würde unſere Sache allerdings bedeutend verſchlim⸗ mern,“ flüſterte kaum hörbar der Spanier, indem er ſich ſchen umſah.„Könnte es die im ſchwarzen Seidenkleide geweſen ſein?“ „Das wäre noch mein Troſt,“ fuhr der Andere fort, „wenn ich dem Stöpſel einen tüchtigen Stoß verſetzt hätte, denn der iſt doch an meinem ganzen Unglücke ſchuld. Mich hat meine Tugend ins Verderben geführt. O Gott! wer mir das vorhergeſagt hätte!—— Jetzt wäre ich,“ ſprach er mit weinerlicher Stimme,„ſtill und harmlos im Reibſtein; ich hätte meine Lampen hergerichtet, die geputzten Gläſer auf den Tiſch — 44 — 164 Sechsundvierzigſtes Kapitel. geſtellt, und nun kämen ſie an, der gute Herr Wurzel und die Anderen, ſie ſagten mir freundlich guten Abend, ſie klopften mir auf die Schulter, ſie tränken am Tiſche ihr Bier, ich das meinige hinter dem Ofen, ich wäre in Freiheit, ich wäre kein Mörder!“ Bei den letzten Worten ſchluchzte er laut auf und ließ ſeinen Kopf in die Hände niederſinken. „Man muß nicht gleich das Schlimmſte denken,“ ſagte Don Larioz nach einer Pauſe mit ſanfter Stimme.„Ich ſetze den Fall, Fräulein Stöpſel hätte ſich wirklich auf dem Sopha befunden, was mir aber unglaublich erſcheint— denn wenn mich nicht Alles getäuſcht, ſo fuhr ſie behend hinter den Vorhang.— Wenn es aber wirklich ſo geweſen wäre, wie Sie vorhin ſagten, und Sie hätten mit der Miſtgabel nach dem Mädchen geſtochen, ſo iſt es damit noch nicht ausgemacht, daß Sie ſie getödtet haben, wenn auch ſogar Blut gefloſſen. Ge⸗ wiß, mein Freund, tröſten Sie ſich, Fräulein Stöpſel ſcheint mir von einer guten Conſtitution zu ſein, die ſchon etwas er⸗ tragen kann, ohne gleich daran zu ſterben. Dabei müſſen Sie nicht vergeſſen, wie man uns behandelt, daß es in dem Zim⸗ mer dunkel war, lauter Milderungsgründe; vor allen Dingen, daß ich den größten Theil der Schuld auf mich nehmen werde.— Sie wundern ſich vielleicht, mich über dieſe Sache ſo ruhig, ja, man könnte faſt ſagen: heiter ſprechen zu hören. Auf dem Gange hieher bin ich ruhiger geworden und ſehe nun das, was uns paſſirt iſt, mit anderen Augen an. Glau⸗ ben Sie mir, junger Freund, man iſt ſo oft leicht geneigt, die Mitmenſchen ungerechterweiſe anzuklagen, und es will mich faſt bedünken, als hätten wir an dieſem Abend der guten Kathinka Schneller, vielleicht ſogar ihrer würdigen Mutter Auf der Polizei. 165 und nicht minder Fräulein Stöpſel, ein großes Unrecht abzu⸗ bitten.“ Windſpiel ſchaute nun ſeinerſeits verwundert in die Höhe, denn das, was ſein Freund und Gönner ſagte, kam ihm ſo merkwürdig vor, daß er ſogar auf Augenblicke den Mord vergaß, der auf ſeinem Gewiſſen laſtete. „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſprach er nach einem momenta⸗ nen Stillſchweigen. „Ich glaubte wirklich, als ich in das Zimmer trat,“ fuhr Larioz fort, wobei er nachſinnend auf den Boden blickte, „daß es der verruchte Breiberg geweſen, der am Tiſche ſaß, der höhniſche Reden ausſtieß, lachte und Punſch dazu trank.“ „Und der war es auch,“ ſagte eifrig der kleine Kellner, „darauf könnte ich ſchwören.“ „Urtheilen wir nicht zu vorſchnell,“ bemerkte der edle Spa⸗ nier mit weicher Stimme.„Clemens Breiberg iſt der Feind der unglücklichen Dolores;— der am Tiſche könnte aber auch ein Freund jenes armen Mädchens geweſen ſein.“ „Ein Freund von ihr?“ rief Windſpiel im höchſten Er⸗ ſtaunen.„Ein Freund, der es duldet und ſich darüber luſtig macht, daß man uns in einen Schweineſtall ſperrt, der lachend Punſch trinkt, während wir im Elende ſitzen, der Sie mit der Fauſt auf die Naſe ſchlägt, daß ſie dick angeſchwollen iſt und ſo geblutet hat, daß Sie im Geſichte ganz dunkelroth gefärbt ſind? Wie Sie mir das erklären wollen, das wäre ich wirk⸗ lich begierig, zu erfahren.“ Der lange Schreiber hob ſeinen Kopf in die Höhe, blickte in das Licht der qualmenden Oellampe, und der Kellner, der ihn anſah, bemerkte, daß ſeine Augen glänzten, daß er 166 Sechsundvierzigſtes Kapitel. wohlgefällig lächelte, daß Zufriedenheit ſich auf ſeinen Zügen zeigte. „Es iſt wahr, was Sie vorhin ſagten,“ ſprach Don La⸗ rioz nach einer Pauſe;„man hat uns an einen Ort verlockt, den Sie für einen Schweineſtall halten; man hat über uns gelacht und geſpottet; man hat mich mit der Fauſt auf die Naſe geſchlagen, ſogar ſehr bedeutend, denn ich bin noch halb betänbt davon. Aber kann das nicht alles mit Abſicht ge⸗ ſchehen ſein?“ „Mit Abſicht allerdings!“ „Mit guter Abſicht,“ fuhr der Spanier in unerſchütter⸗ licher Ruhe fort.„Glauben Sie mir,“ ſagte er alsdann mit einem freundlichen Blick auf Windſpiel, der ihn zweifelnd an⸗mm ſchaute,„ich bin älter als Sie und deßhalb ruhiger in meinem Urtheile. Die Jugend iſt ſchnell und behandelt eine Sache nur unter dem Einfluſſe des Augenblicks. Je mehr ich über die Begebenheiten des heutigen Abends nachdenke, um ſo kla⸗ rer wird es mir, daß wir, wie ich ſchon vorhin ſagte, jenen guten Leuten, Entenpforte Numero Vier, großes Unrecht ge⸗ than haben, daß dieſe aber trotzdem mit uns ſehr zufrieden ſein werden.“ Dieſe Rede ſeines Freundes und Gönners erſchien dem kleinen Kellner ſo voller Widerſprüche, daß er mit Beſorgniß dachte, der Fauſtſchlag des Mannes im Zimmer könnte etwas zu hart getroffen haben, und darauf malte er ſich mit ſeiner aufgeregten Phantaſie in aller Geſchwindigkeit die für ihn ſo jammervolle Situation aus, wenn der lange Schreiber plötz⸗ lich verrückt würde, und der Himmel mochte es wiſſen, was für Schreckliches alles dann beginnen würde. Er rückte leiſe enen ge⸗ jeden dem gniß was einer n ſo plötz was leiſe Auf der Polizei. 167 ein klein wenig auf die Seite, indem er ſeinen Nachbar ſcheu anblickte. Dieſer ſprach aber in ſehr ruhigem, durchaus nicht exal⸗ tirtem Tone alſo:„Sie werden ſich erinnern, daß ich die göttliche Dolores nur ein einziges Mal ſah, und ich habe Ihnen ſchon geſagt, welchen Eindruck das herrliche Mädchen auf mich gemacht. Daß auch ſie mich nicht mit ganz gleich⸗ gültigen Augen betrachtet, glaube ich aus der Bereitwillig⸗ keit entnehmen zu können, mit der ſie mich zu ihrem Retter erkoren, mit der ſie mir ihre geliebten Zeilen zukommen ließ, mit der ſie mich an ihre gute Freundin Kathinka Schneller verwies.“ „Eine ſchöne Freundin!“ ſagte Windſpiel mit einem tiefen Seufzer.„O Entenpforte! an dich will ich denken.“ „Sollte aber die ſchöne Dolores mir ſo gänzlich ver⸗ trauen, ohne Beweiſe zu haben für die Feſtigkeit meiner Ge⸗ ſinnungen, für meinen Willen, ihr zu dienen? Sollte dieſes kluge Mädchen geneigt ſein, mir, einem gänzlich Unbekannten, zu folgen, wenn es auch gelingt, ſie aus den Klauen der Breibergs zu befreien, ohne von meiner Redlichkeit überzeugt zu ſein? Gewiß nicht. Und deßhalb unterwarf ſie mich einer Probe, wie es auch in früheren Zeiten alle edlen Damen mit ihren Rittern zu machen pflegten.“ Windſpiel blickte wiederholt fragend in die Höhe, und ſeine Züge ſahen recht beſorgt aus. Der lange Spanier achtete aber nicht darauf und ſchaute immer noch mit einem ſchwärmeriſchen Blicke in das Licht der Oellampe; man hätte glauben können, er ſei, unempfind⸗ lich für die Gegenwart, mit ſeinen Gedanken gänzlich in an⸗ ——yö Sechsundvierzigſtes Kapitel. deren Regionen, wenn man nicht bemerkte, daß er zu⸗ weilen leicht mit den Fingern die Stelle über ſeiner Naſe berührt hätte, wohin der Schlag jenes Mannes getrof⸗ fen.— „Ja, es war eine Probe,“ ſprach er endlich,„alles was uns in jenem Hauſe widerfahren; aber ich fürchte, ich habe ſie nicht vollkommen zur Zufriedenheit meiner Dame beſtanden. Es würde ihr lieber geweſen ſein, wenn ich in meinem Kerker geduldiger ausgeharrt hätte, wenn wir uns nicht gewaltſam befreit, wenn wir darauf nicht in jenes Zimmer gedrungen wären.“ „So hätten wir alſo ruhig in jenem Schweineſtall ſitzen bleiben ſollen?“ fragte der Kellner in höchſter Ver⸗ wunderung. „Nach reiflicherer und ruhigerer Ueberlegung würde ich' das allerdings gethan haben.“ „Bis es der Schneller oder dem Stöpſel gefallen hätte, uns heraus zu laſſen?“ „Ja, mein Freund.“ „Und dann hätten wir ruhig abziehen ſollen und Sie nicht jenen Breiberg prügeln, der ſo höhniſch über Sie gelacht?“ „Gewiß nicht, mein Freund, ſelbſt wenn es in der That der Breiberg geweſen wäre.“ „O!“ rief der Kellner ſchmerzlich aus. Und darauf dachte er: Es kann nicht anders ſein, jener Fauſtſchlag iſt zu heftig geweſen. Der edle Spanier ſchüttelte in Gedanken verſunken den Kopf, auch zog er die Augenbrauen zuſammen, wie Jemand, der ſich ſelber grollt. ich Auf der Polizei. 169 „Dolores wird nicht mit mir zufrieden ſein,“ flüſterte er leiſe;„ich hätte ſtandhafter die Probe beſtehen ſollen, die ſie mir auferlegte; ich kann mein Vergehen nur dadurch wieder gut machen, daß ich nicht ein Wort von jenen Unbilden ſpreche, die uns widerfahren, und indem ich alles, was kommen mag, geduldig hinnehme zum Preis und zur Ehre meiner Dame.“ „Und für wen ſoll ich alles das hinnehmen?“ fragte Windſpiel mit einem etwas verdrießlichen Tone.„Soll auch ich vielleicht dulden für eine unbekannte Dame, von der ich nicht einmal glaube, daß ſie Freude an unſerer Duldung hat?" „Sie ſollen durchaus nicht dulden, mein Freund,“ ſprach Larioz mit ſehr ernſter Stimme.„Denken wir der alten Zeiten, wo der Knappe bei allen ernſtlichen Verwicklungen aus dem Spiele blieb, und wo der Ritter für ihn einſtand und alles, was geſchehen war, auf ſeine ſtarken Schultern nahm.“ „Ja, aber jene Zeiten der Knappenſchaft ſind vorüber, und wenn wir morgen früh vor dem Polizei⸗Commiſſär ſtehen, ſo wird er ſich wenig darum bekümmern, wenn Sie, hochver⸗ ehrter Herr Don Larioz, die Sache auf ſich nehmen wollen. Da heißt es: mitgefangen, mitgehangen. Ja, in früheren Zeiten, da war ſo ein glücklicher Knappe, ſo ein Edelpage nur ein willenloſes Werkzeug in der Hand des Ritters oder— der ſchönen Dame, die hoch auf dem Zelter ſaß, und der er gern folgte.“ Dabei ſeufzte der kleine Kellner tief auf und dachte an die gemalte Fenſterſcheibe im Künſtlerzimmer der Kneipe zum Reibſtein. 170 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Hierauf ſchwiegen Beide ſtill, Jeder ſeinen Gedanken nachhängend, und je mehr ſie ſich in Betrachtung der jüngſten Vergangenheit verſenkten, um ſo verſchiedenartiger geſtalteten ſich ihre Gefühle. Ja, es kann nicht anders ſein, dachte Windſpiel mit tief betrübtem Herzen, morgen früh, wenn die Sonne erſcheint, werde ich wegen Mords angeklagt, wegen Mords unter erſchwerenden Umſtänden, denn ich habe mich einer Miſtgabel ſtatt eines ordentlichen ſchneidenden Inſtrumentes, wie das ſonſt wohl der Brauch zu ſein pflegt, bedient. Don Larioz aber lächelte in ſich hinein und dachte: Es i*ſt nicht anders möglich, es war eine Probe, die ſie mich be⸗ ſtehen ließ. Und wenn ſie auch erfährt, daß ich den mir zum Verſteck angewieſenen Schweineſtall auf gewaltſame Art verlaſſen, ſo kann ſie mir deßhalb doch nicht zürnen, denn ſie wird es ſelbſt finden, daß es mit meiner ritterlichen Ehre un⸗ verträglich iſt, an einem ſolchen Orte länger zu verweilen. „Wäre es ein ehrlicher Kerker geweſen,“ ſprach er ſchwärme⸗ riſch vor ſich hin,„ſo würde ich unbedingt den Tod vorgezogen haben, ſtatt dieſen Kerker gegen den Willen meiner Gebieterin zu verlaſſen.“ Daß Keiner von Beiden, ſo gewaltig von ihren Gefühlen bewegt, auf ſeine Nachbarſchaft achtete, i*ſt leicht begreiflich. Dieſe Nachbarſchaft beſtand in zwei Individuen, von deren eines vorhin jenen Geſang angeſtimmt, jetzt aber in tiefen, ſehr hörbaren Schlaf verſunken war; das andere war auf der Pritſche langſam, aber unbemerkt näher gerückt, und ob⸗ gleich er ſich jetzt mit leiſer Stimme an die Neuangekommenen wandte, ſo fühlte ſich Don Larioz unangenehm aus ſeinen Träumereien erweckt. —᷑—᷑—;;——QCQCQQ— Auf der Polizei. 171 „O mein Gott!“ ſeufzte die heiſere Stimme des Mitge⸗ fangenen,„es iſt ein troſtloſer Aufenthalt, ſo ein Polizei⸗Ge⸗ fängniß.— Sie ſind wohl zum erſten Male hier?“ Der lange Schreiber beſah ſich den Fragenden etwas ge⸗ nauer, ſoweit das trübe Licht der Oellampe dies zuließ, und bemerkte einen langen, ſchmächtigen Menſchen in einem dun⸗ keln, einfachen Anzuge, mit außerordentlich langem und dür⸗ rem Halſe, der zwiſchen etwas, das wie zerknitterte Wäſche ausſah, hervorſtand, und den er mit der Gelenkigkeit eines Vogels hin und her bewegte, wodurch es ihm möglich war, daß er dem Spanier von unten herauf in die Augen ſehen konnte, obgleich er Hals und Kopf tief auf die Bruſt herab⸗ geſenkt hatte. Dazu hielt er die Hände gefaltet auf dem Schooße, und es befremdete Don Larioz einiger Maßen, die⸗ ſelben mit hellen baumwollenen Handſchuhen bedeckt zu ſehen. —„Ja,“ wiederholte dieſes Individuum,„es iſt ein entſetzlicher Aufenthalt, namentlich für den, der ihn das erſte Mal und gänzlich unverſchuldet kennen lernt. So iſt es Ihnen auch wohl ergangen?“ „Allerdings,“ erwiderte der Gefragte,„ſehe ich heute zum erſten Mal das Innere dieſes Gemachs, und wenn auch vielleicht nicht ganz unverſchuldet, ſo doch jedenfalls unſchuldiger Weiſe.“ „Es iſt hart,“ ſprach der Andere, nachdem er einen Seufzer ausgeſtoßen,„daß die Polizei ſo gar keine Unter⸗ ſchiede macht. Man ſollte Leute von ordentlicher Erziehung doch nicht mit Trunkenbolden und allerlei verdächtigem Ge⸗ ſindel einſperren.“ Dabei wies er nach der Ecke des Gefängniſſes, wo der Sänger von früher tüchtig ſchnarchte.„Mir war es deßhalb 172 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ein Troſt, als ich Sie vorhin eintreten ſah und an Ihrem geſetzten Weſen bemerkte, daß auch noch andere anſtändige und gebildete Leute hieher gebracht werden. Sie haben viel⸗ leicht auf der Straße ein bischen randalirt? O mein Gott! das kann leicht vorkommen an einem Sonntag⸗Abend, wenn man jung iſt und einiges Geld beſitzt.“ „Ich weiß nicht, was Sie unter Randaliren verſtehen,“ erwiderte ernſt der Spanier;„deßhalb kann ich mich dieſes Vergehens auch nicht ſchuldig erklären.“ „O lieber Himmel! man kann ſehr unſchuldig randaliren; man kann ausrutſchen und ein Fenſter einſtoßen; man kann ſeinen Stock etwas zu heftig ſchwingen und ſo eine Gas⸗ laterne zerbrechen; man kann ſtolpern und über Jemand fallen, der uns gerade im Wege iſt; man kann ſich gedrun⸗ gen fühlen, ein Lied etwas laut vor ſich hinzuſingen. Das alles begreift eine wohllöbliche Polizei unter dem Namen randaliren.“ „Und haben Sie vielleicht auf eine der eben genannten Arten randalirt?“ „Ich? Gott ſoll mich in Gnaden bewahren! Ich bin ein armer Familienvater, ich bin gänzlich unverſchuldet hier.“ — Er ſtieß bei dieſen Worten einen ſo tiefen Seufzer aus, daß es Larioz ordentlich in das weiche Herz einſchnitt. „Ein Familienvater?“ fragte er beſorgt.„Und da wiſſen wohl die Ihrigen zu Haus gar nicht, wo Sie heute Abend geblieben ſind?“ „Wegen meiner,“ verſetzte der Andere mit dumpfer Stimme, „befinden ſich in dieſem Augenblicke ſechs arme, hungrige Wür⸗ mer in troſtloſer Ungewißheit.“ Auf der Polizei. 173 „Das iſt hart. Aber Ihre Frau wird ihnen Troſt geben.“ „Meine Frau?— Ja ſo, meine Frau, richtig!— Aber nein, mein lieber Herr, ſie iſt nicht im Stande, dieſen armen Geſchöpfen Troſt zu ſpenden, denn ſie lebt nicht mehr.— Es ſind jetzt in meiner armen Stube ſechs vater⸗ und ſechs mutter⸗ loſe Waiſen.“ „Und was hat Sie hieher gebracht?“ fragte der Spanier mit dem Gefühle des regſten Mitleids. „Die Noth, mein lieber Herr; ja, die Noth wollte mich zum Verbrechen verführen, vor dem mich die Hand der Polizei eigentlich rettete und hier einſperrte, damit ich wieder zum Bewußtſein meines beſſeren Selbſt, meiner Menſchenwürde komme.— Ich danke eigentlich der Polizei dafür. O mein lieber Herr— Sie kennen wahrſcheinlich die Gefühle eines Vaters?“ „Ich bin unverheirathet.“ „Danken Sie Gott, daß Sie unverheirathet ſind! Vater⸗ gefühle ſind etwas Schönes, etwas Erhebendes, wenn man auf geſunde, blühende, geſättigte Kinder blickt. Aber Ent⸗ ſetzliches bewegt den Buſen eines Vaters, wenn er blaſſe, hohläugige, hungrige Geſchöpfe um ſich ſieht, wenn er Brod! Brod! ſchreien hört und nicht im Stande iſt, welches an zuſchaffen.“ „Das iſt allerdings ein entſetzlicher Zuſtand, und ich be⸗ daure Sie aufrichtig. Aber—“ „Sie wollen fragen, wie ich hieher komme? O Himmel! wenn Sie den verzweifelten Zuſtand meiner ſechs Würmer recht ins Auge faſſen, auf die einfachſte Art von der Welt. Ich wankte in halber Verzweiflung durch die Straßen, das 174 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Geſchrei meiner Kinder nach Brod tönte in meinen Ohren, alle guten Regungen, die ich mir mühſam bewahrt, fielen zuſammen, und ich ſtreckte die Hand aus, um an einem Bäckerladen ein Brod mitzunehmen, als ich von der Polizei gefaßt wurde.— O, dieſer Augenblick war der ſchrecklichſte meines Lebens. Sie müſſen wiſſen, es macht ſich Mancher nichts daraus, von der Polizei aufgegriffen zu werden; aber ich habe Grundſätze, mein lieber Herr; ich bin von ordent⸗ licher Familie; ich habe trotz meiner Armuth mein Aeußeres ſo ziemlich anſtändig zu bewahren gewußt. Und nun ſo zu enden!“ Bei den letzten Worten zog er ſeinen Rock etwas in die Taille, betrachtete ſeine baumwollenen Handſchuhe und preßte die Hände alsdann mit einem abermaligen Seufzer vor das Geſicht. Doch hätte ein Unbefangener dabei bemerken können, daß er zwiſchen den Fingern hindurch nach ſeinem Nachbar ſchielte, um zu ſehen, welche Wirkung ſeine Worte auf dieſen gemacht. Wir müſſen nun der Wahrheit gemäß ſagen, daß ſich Don Larioz bei jeder Schilderung menſchlichen Clends aufs tiefſte gerührt fühlte, und daß er nie unterließ, nach beſten Kräften Gutes zu thun, auch daß er hierzu einen ziemlichen Theil ſeines Einkommens verwandte. Es lag in dieſem außer⸗ ordentlichen Charafter ein Edelmuth und eine Herzensgüte ſeltener Art; ſein Beſtreben, den Menſchen zu helfen, äußerte ſich freilich oftmals in einer ſolchen Richtung, wie ſie mit unſeren beſtehenden Verhältniſſen nicht immer vereinbarlich war; wie er aber auch dies im beſten Glauben that, ſo kam auch das wirkliche und zahlreiche Gute, welches er ausübte, ſo aus edlem Herzen, daß ſchon die Art, wie er gab oder über⸗ Auf der Polizei. 175 haupt Hülfe leiſtete, den Werth der Gabe ſelbſt vielfach überſtieg. Er hatte dem unglücklichen Familienvater neben ſich das Geſicht zugekehrt, und ein inniges Bedauern malte ſich auf ſeinen Zügen, als dieſer nun ſagte:„Und wenn ich aus dem Gefängniß entlaſſen werde, ſo habe ich nichts mehr, gar nichts, um den Hunger meiner armen Kinder zu ſtillen.“ Worauf er in Vorempfindung der ſchrecklichen Stunden, die ſeiner alsdann harrten, vollſtändig zuſammen knickte. Der lange Schreiber griff in ſeine Taſche, holte ſeine kleine Börſe hervor und nahm einige Geldſtücke, die er mit einer faſt ſchüchternen Bewegung ſeinem Nachbar in die Hand drückte. Anfänglich war es, als zucke derſelbe bei dieſer Berührung zurück, doch faßte er gleich mit ſeinen beiden Händen die Linke des Spaniers, in welcher ſich das Geld befand, drückte ſie innig zwiſchen ſeinen baumwolle⸗ nen Handſchuhen und ließ zu gleicher Zeit die Silberſtücke mit einer außerordentlichen Geſchwindigkeit in ſeine Finger gleiten. „Dank, edler Mann!“ ſagte er mit ſolchem Uebermaß von Rührung, daß ſeine Worte wie ein leiſes Schluchzen erſchienen.„Dank Ihnen, Sie haben ſieben Weſen glücklich gemacht!“ Er wollte noch mehr hinzuſetzen, doch wehrte ihm der lange Mann mit der Hand, worauf Jener, achtend das groß⸗ müthige Gefühl des Gebers, der ſogar den Dank verſchmähte, leiſe etwas auf die Seite rückte. Der Spanier fühlte ſein Herz erhoben, daß es ihm mög⸗ lich geweſen, an dem heutigen verhängnißvollen Abend etwas Gutes zu thun, und dieſes Bewußtſein machte ihm die harte 176 Sechsundvierzigſtes Kapitel.— Auf der Polizei. Pritſche weich. Nachdem er noch dem kleinen Kellner einigen Troſt geſpendet, legte er ſeinen biegſamen Hut unter den Kopf, band ſein Schuupftuch um die Stirn, deckte ſich mit dem Mantel und ſeinem Bewußtſein zu, und bald verkündeten regelmäßige lange und tiefe Athemzüge, daß er ſanft ent⸗ ſchlafen war. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Die Unſchuld ſiegt. Uicht ſo freundlich, wie Don Larioz, nahm der Schlaf das unglückliche Windſpiel in ſeine Arme. Dieſer fühlte recht die Wahrheit des Spruches, den er in ſeiner Kindheit ge⸗ lernt, daß nämlich ein gutes Gewiſſen ein ſanftes Ruhekiſſen iſt. Ach, er hatte kein gutes Gewiſſen, und wenn er ſich auch zuweilen überreden wollte, er habe vielleicht Niemand mit ſeiner Miſtgabel verletzt, ſo mußte er ſich doch gleich darauf ſagen:„Doch, doch, ich habe zu mörderiſch zugeſtoßen, ich habe Blut vergoſſen, ich bin ein niederträchtiger Todt⸗ ſchläger!“ In ſolchen Augenblicken war ihm das Weinen recht nahe, und da ihn hier im Polizei⸗Arreſtlokal Niemand ſah, ſo ließ er endlich ſeinen Thränen freien Lauf. Da dies aber ein gutes Mittel iſt, um gewaltigen Schmerz zu dämpfen, ja, unſere Nerven zu beruhigen, ſo fühlte ſich auch Windſpiel hiedurch ſo erleichtert, daß er ſeine bren⸗ nenden Augen ſchließen konnte, worauf denn auch ihn der Hackländer, Don Quixote. IV. 12 178 Siebenundvierzigſtes Kapitel. langerſehnte Schlaf überfiel. Aber es war nicht der Schlaf des Gerechten, der Leib und Seele erquickt, es war ein unruhiger, oft unterbrochener Schlummer, voll ſchrecklicher Träume und blutiger Bilder. Mehrmals ſah er den Teufel in leibhaftiger Geſtalt vor ſich herum tanzen, die verhäng⸗ nißvolle Miſtgabel in der Hand, von deren Zinken aber— o Schauder! die Fetzen eines blutbefleckten ſchwarzen Sei⸗ denkleides herab hingen. Ein ander Mal ging ein noch viel fürchterlicheres Gebild durch ſeine Seele: er war in einen Stier verwandelt, hatte ſtatt der Hörner große eiſerne Zinken auf dem Kopfe und verfolgte wüthend eine arme ſchwarze Kuh, die ihm irgend ein Leides gethan und die er zu ermor⸗ den trachtete. Wenn er ſie aber faſt erreicht hatte, ſo fuhr aus dem Boden herauf eine ungeheure Rieſenfauſt, hielt ihn zurück, und dazu hörte er eine feine Kinderſtimme ſagen— es war aber die Stimme ſeines Schutzgeiſtes—: Quäle nie ein Thier zum Scherz, Denn es fühlt wie du den Schmerz. Es war eine furchtbare Nacht, und das unglückliche Wind⸗ ſpiel wälzte ſich ſtöhnend, müde und fröſtelnd auf der harten Pritſche umher.— Endlich dämmerte der mitleidige Tag herauf, drang aber erſt mit ungewiſſem Schein durch die ſtark vergitterten Fen⸗ ſter des Arreſtlokals zu den armen Gefangenen, nachdem ſich draußen die freien Menſchen ſchon lange ſeines ſüßen Lichtes erfreut. Auch der Spanier hatte geträumt, und es war ein Traum, der ihn ſanft erquickte. Nachdem er mit Leichtigkeit, natürlich im Traum, eine Menge Drachen und Rieſen überwunden, Die unſchuld ſiegt. 179 that ſich ein Saal vor ihm auf, deſſen Decke von weißen, mit Roſenkränzen umwundenen Säulen getragen war. Im Hintergrunde ertönten zwei Flöten, ausnahmsweiſe nicht langweilig, und ein rothes bengaliſches Feuer beleuchtete die ſchöne Dolores, die im reichen ſpaniſchen Coſtüm vor einem doppelten Throne ſtand und mit zauberhaft ſüß klingender Stimme ſagte:„Die Zeit der Prüfung iſt vorüber, komm an meine Seite, Geliebter, zu theilen mit mir das gewaltige Reich, welches mir mein Vater, der große Sparafandeleros, hinterlaſſen, und ſieh hier deinen erſten Miniſter, den berühm⸗ ten mauriſchen Weiſen Carabanzeros, der dir mit ſeinem Ver⸗ ſtande helfen wird, wo der deinige nicht mehr ausreichen ſollte.“ Hierauf trat er wonneſchauernd näher, umarmte die göttliche Dolores und blickte dabei gerührt in die Höhe zum erſten Miniſter und mauriſchen Weiſen Carabanzeros, der, hinter dem Throne auf einer Eſtrade ſtehend, die Hände ausſtreckte und ſprach:„Trau, treue Trine, trügeriſch trüben Träumen nicht.“ Ja, der Spanier hatte ihn gehört, den verhängnißvollen Spruch, jede Sylbe laut und deutlich. Darauf war freilich das Traumbild zerronnen, und als er gleich darauf auf⸗ wachte und ängſtlich nach den eben gehörten Worten haſchte, waren ſie ihm wieder davon geflattert in alle Weiten. Er ſchüttelte ſein Haupt, und es betrübte ihn das eigentlich; denn da er etwas auf Träume hielt, ſo war er mehr als je überzeugt, daß der Spruch des großen mauriſchen Weiſen Carabanzeros zur glücklichen Errettung und Befreiung der unglücklichen Dolores das Meiſte beitragen müßte. Glücklicher Weiſe entriß ihn das Klirren der Riegel 180 Siebenundvierzigſtes Kapitel. ſeinen finſteren Gedanken, denen er nachzuhängen im Begriffe war. Es trat ein Polizeiſoldat in das Gefängniß und weckte den Schläfer in der Ecke, der geſtern Abends ſo luſtig ge⸗ ſungen und darauf ruhig fortgeſchnarcht hatte. Er rüttelte den Menſchen nun heftig an der Schulter und ſagte:„Er kann jetzt nach Hauſe gehen, aber ich rathe Ihm, ſuch' Er bei allen Wirthshäuſern vorbei zu kommen und geh' Er direkt zu ſeinem Meiſter in die Boudique. Ich werde in einer Stunde kommen und nach Ihm ſehen. Merke Er ſich auch für die Zukunft, daß es Ihm jedes Mal eine Nacht auf der Wache einträgt, wenn Er ſich am Abend beſauft und dann ruhige Leute mit ſeinem Gebrüll aus dem Schlafe weckt. Jetzt geh' Er— aber direkt nach Hauſe.“ Der Angeredete erhob ſich ſchwerfällig von der Pritſche, ſtreckte ſeine Glieder, kratzte ſich im Haar und ſchien ſich zu beſinnen, was denn eigentlich zwiſchen geſtern und heute mit ihm vorgefallen ſei. Als aber der Schließer auf die eben beſchriebene Art ſeinem Gedächtniſſe nachgeholfen, zog er ein langes Geſicht, ſtrich ſich am Kinn und ſprach mit einer rauhen, übernächtigen Stimme:„Ich werde es mir merken, Herr Polizei, werde auch direkt zum Meiſter Schwörer gehen; doch wird die Staatsbehörde nichts entgegen haben, wenn ich mir unterwegs einen Frühſtückstrunk kaufe; es war hier ſehr kalt und trocken.“ „Thu Er, was Er will,“ lautete die Antwort,„aber in einer Stunde ſehe ich nach Ihm, und wenn Er nicht fleißig bei der Nadel iſt, ſondern einen Blauen macht, ſo wird Er ausgewieſen. Verſtanden?“ Auch Windſpiel war bei dem Klirren der eiſernen Riegel aus ſeinem unruhigen Schlummer aufgeſchreckt worden; er griffe veckte 3 N⸗ den jetzt allen t zu unde —die 8 S 5 einer erken, ehen, n ich ſehr er in leißig Die unſchuld ſiegt. 181 griff mit den Händen um ſich her, und als er die hölzerne Pritſche mit den Fingern berührte, trat die ganze ſchreckliche Gegenwart wieder vor ſeine bekümmerte Seele. Er blickte troſtlos in den falben Lichtſtrahl, der von außen hereindrang, und ſprach ſeufzend vor ſich hin:„Der Tag des Gerichtes!“ Als der luftige Schneider das Lokal verlaſſen, wandte ſich der Polizeiſoldat an den armen Familienvater, der an⸗ ſcheinend feſt ſchlief, und ſagte:„Er, Sträuber, kommt mit hinauf zum Herrn Polizeicommiſſär.— Ich fürchte faſt, wir werden eine längere Bekanntſchaft zuſammen machen; bei Ihm trifft das Sprüchwort ein: Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht.— Nun, nach Waſſer iſt Er gerade nicht gegangen, aber—“ „Hier bin ich, Herr Polizeiwachtmeiſter,“ erwiderte der Mann mit den baumwollenen Handſchuhen, indem er aus dem tiefen Schlafe merkwürdiger Weiſe ſogleich zum vollen Be⸗ wußtſein erwachte, auf ſeine Beine ſprang, den Rock in die Taille zog und dann that, als betrachte er aufmerſam ſeine Handſchuhe; in Wahrheit aber ſchielte er zu ſeinem Nachbar hinüber und ſchritt zu gleicher Zeit den Thür zu, wobei er einen alten Hut, der dort an einem Nagel hing, haſtig herab langte, mit der Handfläche, wie um ihn zu ſäubern, darüber hin fuhr und dann mit einer tiefen Verbeugung zu den Zu⸗ rückbleibenden ſagte:„Meine Herren, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ „Ich habe ſchon oft davon geleſen,“ ſprach nach einem ſorgenvollen Stillſchweigen der kleine Kellner,„welch ſchreck⸗ liches Gefühl es ſein muß, und wie entſetzlich es da den Letzten iſt, wenn ſie einen nach dem anderen ihrer Unglücks⸗ gefährten verſchwinden ſehen, um dann endlich ſchaudernd 4 8 182 Siebenundvierzigſtes Kapitel. allein zurückzubleiben. Iſt mir doch jetzt faſt ebenſo zu Muthe, und ich kann den Gedanken nicht unterdrücken, für wie glücklich ich mich halten würde, wenn ich jener verſoffene Mann wäre, den man zuerſt entließ, ja ſelbſt, wenn ich mich an die Stelle des unglücklichen Familienvaters mit ſechs hung⸗ rigen Kindern verſetzen könnte. O, das Warten in der Angſt möchte einen zur Verzweiflung bringen!“ Don Larioz hatte ſich auf die Pritſche geſetzt und war damit beſchäftigt, ſein buntes Taſchentuch vom Kopfe loszu⸗ knüpfen, als er zur Antwort gab:„Es mag ſein, daß es ein unangenehmes Gefühl hervorruft, als der Letzte auf einem Richtplatze übrig zu bleiben. Anderntheils aber behält man auch hierdurch die Hoffnung auf irgend ein glückliches Er⸗ eigniß, das uns die Freiheit wieder geben kann. Die Richter können in dem Prozeſſe etwas gefunden haben, das uns der Gnade empfiehlt, und während wir langſam dem Schaffot entgegen gehen, während wir zögernd hinauf ſchreiten— dort blickt ſchon das Richtſchwert—“ „O mein Gott jal entſetzlich!“ jammerte Windſpiel und verbarg den Kopf abermals in beide Hände. „Blicken wir nach allen Seiten,“ fuhr der Spanier fort, „und gewahren auf einmal in der Ferne ein weißes Tuch. Gnade! Gnade!— Ein Reiter auf ſchaumbedecktem Roſſe — der Gaul iſt in ſolchen Fällen immer ſchaumbedeckt— ſprengt heran, um, wie das nie anders vorkommt, am Fuße des Gerüſtes niederzuſtürzen. Der Erſchöpfte ſchwingt noch einmal ſein Tuch und fällt dann ohnmächtig in die Arme von einem halben Dutzend Umherſtehender, und— Sie ſind ge⸗ rettet.“ Der Spanier ſchob ſein Tuch langſam in die Taſche, var zu⸗ ein nem man. Die unſchuld ſiegt. 183 ſtrich dann durch ſein heute ſehr ſtruppiges Haar, machte den Verſuch, die Spitzen ſeines Schnurrbartes in die Höhe zu drehen, und fuhr darauf mit einem ſanften Lächeln fort: „Es kann auch bei ähnlichen Gelegenheiten vorkommen, daß ſich gerade in dem Moment, wo man Ihnen die Binde um die Augen legt, eine eigenthümliche Bewegung in dem unermeßlichen Volksgedränge kund gibt. Kommt Gnade? fragen Einige.— Nein, antworten Andere mit beſorgten Mienen, aber man hört Schwerter klirren und ſieht Helle⸗ barden blitzen. Es ſind die Freunde des unglücklichen Rit⸗ ters. Ihr lauter Schlachtruf ertönt, Sie reißen dem Henker die Binde aus den Händen, Sie ſchreien: Noch iſt es Zeit, hier bin ich! und ein ſchwer geharniſchter Ritter auf kohl⸗ ſchwarzem Schlachtroß macht ſich mit wüthenden Streichen Bahn, und als er, noch auf zwanzig bis dreißig Pferde⸗ längen entfernt, bemerkt, daß der Henker abermals nach Ihnen greift, ſchwirrt ſeine gewaltige Streitaxt durch die Luft, und jener ſinkt blutend zu Ihren Füßen.— Sehen Sie, lieber Freund, das iſt der Vortheil, wenn man bis zuletzt wartet, und ich rathe Jedem, in einem ähnlichen Falle meine Worte zu beachten.“ „Ja, mein Gott!“ ſeufzte der kleine Kellner,„um ſo gerettet zu werden, bedarf es guter und mächtiger Freunde, und die habe ich nicht.“ „O ja, die haben Sie auch,“ erwiderte der lange Schrei⸗ ber mit Wärme.„Und ſollten Sie je in einen ſolchen Fall kommen, ſo glauben Sie, bei San Jago! daß ich meine Freunde nicht im Stiche laſſe.— Es wäre eigentlich inter⸗ eſſant,“ meinte er nach einer kleinen Pauſe,„wenn ich in den Fall käme, Ihre Ketten und Bande zu brechen, natür⸗ — 8 2 ————V————— —————OOO—Q—’—ÿ—ÿ—x—xxx————————————— 184 Siebenundvierzigſtes Kapitel. licher Weiſe, nachdem die ſchöne Dolores befreit iſt. Wie Sie wiſſen, gebietet die Galanterie, die Damen vor uns gehen zu laſſen.“ In dieſem Augenblicke klirrten die Riegel abermals, und derſelbe Polizeiſoldat trat herein, wandte ſich an unſere bei⸗ den Abenteurer und ſagte:„Jetzt kommt die Reihe an euch. Wenn ich euch einen guten Rath geben ſoll, ſo macht eure Sache durch Läugnen nicht ſchlimmer, ſprecht friſch von der Leber weg, ihr wäret ein bischen betrunken geweſen, dann in das verdächtige Haus der Entenpforte Numero vier ge⸗ rathen—“ „Um Vergebung, mein Freund,“ unterbrach ihn der Spanier,„Numero vier in der Entenpforte iſt durchaus kein verdächtiges Haus: es wohnen dort ſehr anſtändige Leute, die mir befreundet ſind.“ „J— a ſo—o!“ verſetzte der Polizeiſoldat mit einem ſon⸗ derbaren Blicke und einem leichten Achſelzucken.„So paßt alſo auf euch das Sprichwort: Pack verträgt ſich, Pack ſchlägt ſich. Na, mir kann's ſchon recht ſein, kommt nur mit hinauf.“ Und die Beiden folgten, nachdem der Spanier ſeinen. Mantel und Windſpiel ſein Mäntelchen auf den Arm ge⸗ nommen und beide ihre Hüte aufgeſetzt hatten. Was das ſpa⸗ niſche Rohr anbelangt, ſo war es geſtern Abend confiszirt worden. Sie ſchritten über den Hof nach dem Thorbogen, der ſich ihnen geſtern ſo gaſtlich geöffnet und unter welchem eine Treppe mündete, die ſie jetzt hinaufſtiegen in den erſten Stock und dann in einen Corridor gelangten, wo Polizeiſoldaten aten Die unſchuld ſiegt. 185 auf hölzernen Bänken ſaßen und verdächtige Individuen beiderlei Geſchlechts umher ſtanden. Windſpiel ſchauderte, als er das Klirren von Ketten vernahm und zwei Gensd'armen bemerkte, die einem Manne die Eiſen angelegt hatten und mit ihm fortgingen, wahr⸗ ſcheinlich dem Zuchthauſe zu. Dabei warf der unglückliche Kellner einen Blick auf den Hof, wo der freundliche Strahl der Morgenſonne auf den oberen Fenſtern eines hohen Gie⸗ bels funkelte, und dachte dabei: Wer weiß, ob ich nicht in einer halben Stunde auch ſo zuſammengeſchloſſen von zwei Gensd'armen fortgeführt werde! Unterdeſſen hatte der Polizeiſoldat, der ſie heraufgebracht, eine Thür geöffnet und ließ ſie in ein Zimmer eintreten, wo ſie einen Herren fanden, der ſich vor einem Stehpulte befand und in einem großen Buche blätterte. „Nummer drei und vier aus dem Arreſtlokal B,“ meldete der Polizeidiener, worauf der Herr an dem Stehpulte ſeine Brille etwas näher an die Augen rückte, die Beiden ſcharf betrachtete und dann Nummer drei zu ſich befahl. Auf einen Wink des Begleiters trat der lange Schreiber vor, mußte Namen, Stand und Wohnort angeben, worauf Windſpiel vorgerufen und von ihm das Gleiche verlangt wurde. Die Angaben ſchrieb der Herr am Stehpulte auf einen Zettel, welchen der Polizeidiener in das Nebenzimmer trug. Da er hierbei die Thür zu dieſem Nebenzimmer offen ſtehen ließ, ſo vernahmen die Beiden Stimmen von Perſonen, welche mit einander ſprachen. Eine ernſte und ſehr laute Stimme ſagte:„Ich habe Ihn ſchon oft gewarnt, Sträuber, aber es ſcheint da keine Ermahnung zu fruchten. Es muß wahrhaftig in der Familie liegen, und ſtatt Euch ein Beiſpiel an Eurem 186 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Bruder zu nehmen, der wohl Zeit ſeines Lebens keine Ver⸗ anlaſſung mehr haben wird, ſchlechte Streiche zu machen, be⸗ müht Ihr Euch, in ſeine Fußſtapfen zu treten. Und dabei ſeid Ihr ein eben ſo feiger Geſell, wie es Euer Bruder ge⸗ weſen. Erwieſen wäre alſo, daß Ihr dem kleinen zehnjährigen Buben mit Gewalt die Geldſtücke abgenommen habt.“ „Wenn das alſo erwieſen iſt, Herr Ober⸗Polizeicommiſſär,“ entgegnete eine andere Stimme in ſehr demüthigem Tone,„ſo kann ich nichts thun, als mich in Geduld fügen. Ich be⸗ haupte, daß der kleine junge Menſch lügt, daß er geſtolpert iſt, und ſeine Geldſtücke verloren hat, die ich alsdann zu⸗ fällig gefunden.“ Der Ton dieſer Stimme erregte im höchſten Grade die Aufmerkſamkeit des Spaniers. Ja, er konnte ſich nicht irren, der, welcher dort ſprach, war der unglückliche Familienvater, der ihm erzählt, er ſei in dem Augenblicke ergriffen worden, wo er für ſeine hungernden Kinder ein Brod habe nehmen wollen. „O Welt, o Welt!“ ſeufzte Don Larioz,„ſtößt man denn bei dir auf Schritt und Tritt auf Heuchelei und Lüge?“ „Es iſt gut ſo,“ hörte man die Stimme des Polizeicom⸗ miſſärs. Und dann ſchien er abzuleſen:„Verhandelt den und den, Jonathan Sträuber, vierundzwanzig Jahre alt, ledig, Schuſtergeſelle.“ „Ledig!“ wiederholte der lange Schreiber mit Schrecken. „Schon vier Mal wegen Diebſtahls beſtraft, wurde ge⸗ ſtern Abends eingeliefert.“ Hier las der Beamtes ſchneller, ſo daß ſeine Worte für Larioz gänzlich unverſtändlich blieben. Darauf dauerte es noch einige Minuten, und aus dem Nebenzimmer trat der angebliche Familienvater Jonathan Die unſchuld ſiegt. 187 Sträuber heraus mit einem verächtlichen Lächeln auf ſeinen Lippen. Als er die Beiden im Vorzimmer ſtehen ſah, machte er ihnen eine höfliche Verbeugung und verließ darauf ſo ſchnell wie möglich die Stube. Don Larioz wandte ſich ab, und wenn ihn auch das reichliche Almoſen, welches er Jenem gegeben, ſeines Werthes halber nicht ſchmerzte, ſo fühlte er ſich doch tief verletzt, und es bekümmerte ihn, in einer Welt leben zu müſſen, wo ſo wenig Wahrheit zu finden. Dabei griff er mechaniſch an ſeine Taſche, wo er gewöhnlich ſeine Börſe verwahrt trug— dieſelbe war verſchwunden und fand ſich auch trotz emſigen Suchens in keinem Theile ſeiner Kleidungsſtücke. Schon war er Willens, mit dem Herrn am Stehpulte über dieſe Ange⸗ legenheit zu ſprechen, als im Nebenzimmer abermals eine Stimme laut wurde, die ſeine Aufmerkſamkeit in weit höherem Grade in Anſpruch nahm, als ein Dutzend Sträuber mit ebenſo vielen geſtohlenen Börſen vermocht hätten. Der Polizeicommiſſär hatte nämlich die Frage geſtellt: „Und Sie haben ſich an Ort und Stelle von dem Thatbeſtand überzeugt und die Verwundung genau unterſucht?“ „Aufs allergenaueſte,“ gab die für den Spanier ſo be⸗ merkenswerthe Stimme zur Antwort.„Sie werden mir zu⸗ geben, wenn ich einmal als Arzt zu einer Legalinſpection be⸗ ordert werde, daß es meine Pflicht und Schuldigkeit iſt, die⸗ ſelbe gründlich vorzunehmen. Sie können ſich darauf ver⸗ laſſen, daß das geſchehen; denn die Verwundung iſt da und höchſt gefährlich.“ „Die Verwundung iſt da und höchſt gefährlich,“ flüſterte Windſpiel, indem er ſeine Hände faltete. „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen bemerke,“ fuhr die 1 11 1 1 188 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Stimme im Nebenzimmer fort,„wie der Stoß von einer ra⸗ biaten Perſon mit großer Kraft von oben nach unten geführt worden ſein muß.“ Des Spaniers Geſicht hatte ſich einiger Maßen ver⸗ längert, als er das hörte, und er konnte ſich nicht enthalten, ſeinen Gefährten ſcheu von der Seite anzublicken. „Und die Verwundung iſt gefährlich?“ hörte man den Polizeicommiſſär fragen. „Ah, mein Beſter!“ verſetzte die andere Stimme,„Sie werden mir zugeben, wenn man Jemand mit voller Kraft ein blankes Eiſen wiederholt in den Leib ſtößt, daß da wohl von Gefahr die Rede ſein kann.“ „Glauben Sie, daß es ein Meſſer geweſen iſt?“ Windſpiel konnte ſich kaum auf den Beinen halten, er blickte gegen oben und ſprach kläglich zu ſich ſelber:„Es war kein Meſſer, o, mein Gott! es war ja eine Miſtgabel! Der Stöpſel iſt bedeutend verletzt, ich bin alſo jedenfalls ein— Mörder— ein Mörder— ein Mörder!“ Jetzt öffnete der Polizeidiener abermals die Thür, winkte den Beiden mit ſehr ernſter Miene und ſagte nur ein einziges Wort, welches aber dem armen Kellner tief in die Seele ſchnitt:—„Eintreten!“ „Ja eintreten!“ ſeufzte dieſer,„um als kettenbeladener Verbrecher wieder hinaus zu gehen! O, Herr Don Larioz, ich bin ſehr unglücklich.“ „Faſſung, mein Freund!“ gab der edle Spanier zur Antwort, indem er voranſchritt;„Faſſung! Sie haben mich an Ihrer Seite. Sammeln Sie ſich, es iſt gefährlich, dem Gerichte zerſtreut oder niedergeſchlagen gegenüber zu treten.“ Damit gingen Beide in das Bureau des Polizeicommiſ⸗ Die unſchuld ſiegt.. 189 ſärs und ſahen dieſen würdigen Beamten jenes Papier in der Hand halten, welches der Herr am Stehpulte geſchrieben und hinein geſandt hatte. Neben dem Polizeicommiſſär aber befand ſich jemand Anderes, Jemand, deſſen Stimme vorhin den langen Schrei⸗ ber ſo ſehr überraſcht, Jemand, den auch der geneigte Leſer genau kennt, Jemand, der nun vor Verwunderung die Hände zuſammenſchlug und trotz des ernſten Ortes, wo ſie ſich be— fanden, in ein lautes Gelächter ausbrach. Auch um die Mundwinkel des Commiſſärs zuckte etwas wie der Glanz einer ſtillen Freude, und ſelbſt der alte Schrei⸗ ber am Tiſche riß den Mund auf und vergaß, wie er thun wollte, die Fahne der Feder hinein zu ſchieben. Die beiden Eintretenden hatten aber auch in der That ein außergewöhnliches Ausſehen. Wenn ſich auch das würde⸗ volle Auftreten des Spaniers gleichgeblieben war, ſo contra⸗ ſtirte es doch gar zu komiſch mit ſeinem beſchmutzten und zer⸗ zausten Anzuge. Er hatte es in ſeinem dunklen Kerker nicht bemerkt, daß der rechte Aermel ſeines Rockes nur noch durch ein paar ſchwache Fäden mit der Schulter verbunden war, daß die Beinkleider mit Stroh und Miſt beklebt waren; vor allen Dingen aber hatte er keine Ahnung davon, daß ſein emporgedrehter Schnurrbart, der in ſonſtigen Zeiten ſeinem ernſten Geſichte wirklich etwas Impoſantes verlieh, jetzt äußerſt komiſch ausſah unter einer Naſe, die zur Dicke einer mäßigen Birne angeſchwollen war und einzelne Stellen von traurig grüner Färbung zeigte. Dabei waren ſeine Wangen, ſein Kinn, ſowie ſein geſtern ſehr rein geweſenes Hemd mit dun⸗ keln Blutflecken beſprengt. Kläglich war neben ihm die Erſcheinung Windſpiels zu ſ —öööö——ÿ ——— 190 Siebenundvierzigſtes Kapitel. nennen. Dieſer hüpfte nicht mehr, wie er ſonſt wohl zu thun pflegte, er ſchlich matt in das Zimmer, wie eine halbtodte Fliege; er ſchaute ſcheu um ſich, und ſeine wirren Blicke nah⸗ men ſich faſt unheimlich aus auf ſeinem Geſichte mit den blutigen Nägelmalen, welches überdies durch die Thränen, die darauf gefloſſen und die er mit den Händen überall hinge⸗ wiſcht, ein blaßröthliches, ſehr ſtreifiges Colorit angenommen hatte. „Herr Polizeicommiſſär,“ rief Doktor Flecker luſtig,„Sie werden mir zu Gnadenghalten, daß ich ſo unanſtändig gelacht habe, müſſen mir aber zugeben, daß, wenn man einen ver⸗ ehrten Freund und Gönner, den man ehrbar an ſeinem Schreibpulte glaubt, in dieſem Aufzuge auf der Polizei findet, man von Stein ſein müßte, um nicht in ein homeriſches Ge⸗ lächter auszubrechen.— Was um des Himmels willen hat Sie hieher geführt?“ „Das wollen wir gleich erfahren,“ nahm der Polizeicom⸗ miſſär, der ſeinen vollſtändigen Ernſt wieder gefunden hatte, das Wort, indem er ein anderes Papier von dem Tiſche nahm an dem er ſtand, und von demſelben ablas:„Larioz, Schreiber bei dem Rechtsconſulenten Doktor Plager.— Das ſind Sie?“ Der lange Mann neigte würdevoll ſein Haupt. „Und Joſeph Käſer,“ fuhr der Beamte fort,„Kellner im Wirthshaus zum Reibſtein. Das iſt wohl der Andere?“ „Ja, ich bin's,“ hauchte Windſpiel. „Die Sache iſt einfach,“ ſprach der Beamte achſelzuckend, nachdem er ſein Papier durchflogen.„Die Beiden wurden ergriffen Entenpforte Numero vier.“ „Oh— oh!“ machte der Armenarzt, worauf er mühſam Die unſchuld ſiegt. 191 ein abermaliges Lachen unterdrückte.„Den Teufel auch, Freund! wie kommen Sie in die Entenpforte?“ „Sie wurden ergriffen,“ las der Polizeicommiſſär weiter, „in dem Augenblicke, wo ſie mit Stöcken und gefährlichen Inſtrumenten die Wirthin des Hauſes, ein paar junge Frauen⸗ zimmer und einen anweſenden Herrn bedrohten und mißhan⸗ delten.“ „Iſt das möglich?“ fragte Doktor Flecker, indem er die Hände zuſammen ſchlug.„Sie werden mir erlauben, Herr Polizeicommiſſär, daß ich darüber meine Verwunderung an den Tag lege.“ „Es kommt noch ärger,“ fuhr ſtreng der Beamte fort. „Dieſe Bedrohungen und Mißhandlungen entſtanden nicht aus einem Streit oder dergleichen, ſondern dieſe beiden Leute über⸗ fielen aus unbekannter Urſache die harmlos da Sitzenden, in⸗ dem ſie in das Zimmer drangen, bewaffnet mit einem Stock und einer Miſtgabel“ Windſpiel fühlte ſeine Kniee einknicken, es wurde ihm dunkel vor den Augen. „Mit dieſer Miſtgabel nun,“ ſprach der unerbitllche Mann des Geſetzes,„hat der Eine von ihnen eine gewaltige Verheerung angerichtet.“ Bei dieſen Worten richtete der Beamte ſeinen Blick über das Papier hinweg auf die Beiden, und ſchon wollte der un⸗ erſchrockene Spanier, von Edelmuth bewegt, ſich für ſeinen Freund opfern, als Windſpiel mit ſchwankenden Schritten, aber haſtig vortrat, um der furchtbar quälenden Ungewißheit endlich einmal entledigt zu ſein; er patſchte mit der rechten Hand auf die Stelle, wo er ſein Herz vermuthete, er räu⸗ ſperte ſich, er ſchluckte wiederholt und heftig, er verdrehte ge⸗ „ 1 1 192 Siebenundvierzigſtes Kapitel. linde die Augen, während er mehrere Athemzüge that. Dann ſagte er mit einer Stimme, die ihm häufig umſchlug, und während er bedeutende Pauſen machte:„Ja— es iſt wahr — da hilft kein Läugnen— wir ſind gegangen— geſtern Abends in die— Entenpforte— Numero vier— um die Eine— wegen der Anderen— zu ſprechen.“ „Mein Freund!“ bat Don Larioz mit ernſter Stimme. „Die Eine wegen der Anderen; mehr ſag' ich nicht— und wenn man mich gleich— in Ketten legt. Wir haben ſie auch geſprochen— vielmehr der Herr Don Larioz— während mich der Stöpſel— in ein— anderes— Zimmer führte.“ „Halten Sie einen Augenblick,“ ſagte der Polizeicommiſſär zu dem ſehr aufgeregten jungen Menſchen. Doch ſchien er ſich auf ein leichtes Kopfnicken ſeines Schreibers eines An⸗ deren zu beſinnen und ſprach demnach:„Fahren Sie nur fort.“ 4 „Ja, der Stöpſel,“ ſprach Windſpiel, nachdem er ein paar Mak wieder heftig geſchluckt hatte.„Darauf wollten ſie mich hinaus laſſen— aber nicht vorn— ſondern hinten— aber ſtatt daß ſie mich wirklich hinaus ließen— ſperrten ſie mich— in— den Schweineſtall.“ „Bedenken Sie, mein Freund“— unterbrach ihn hier abermals der Spanier. Aber der Andere warf ihm einen rührenden Blick zu und verſetzte:„O, laſſen Sie mich nur reden, Herr Don Larioz.— Was thut's, wenn ich Armer, Unglücklicher, der auf dieſer Welt— nicht viel mehr— zu ſuchen hat— auch im— Schweineſtall ge⸗ ſeſſen habe!— Sie waren ja— nicht darin,— nein, Sie waren gewiß nicht darin— darauf können ſich die Herren verlaſſen.— Die unſchuld ſiegt. 193 Aber nachdem Sie mit der Anderen über— die Andere geſprochen hatten, ſuchten Sie mich,— fanden mich— ließen mich heraus, und dann nahmen Sie einen Stock und ich die— Niſtgabel.— O, Herr Polizeicommiſſär,“ fuhr er nach einer Pauſe mit lau⸗ tem Schluchzen fort,„wenn Sie— in einen Schweineſtall ge⸗ ſperrt worden wären— und darauf eine— Miſtgabel ge⸗ funden hätten— ſo hätten Sie auch— zugeſtoßen— und ich habe— zugeſtoßen— ich kann und will es nicht läugnen, aber erſt— nachdem man mich gekratzt—„wie Sie— hier ſehen können— und das iſt— Alles— Gott ſei mir gnädig!“ Während der kleine Kellner ſo ſprach und die Feder des Schreibers über das Papier hinflog, hatte Doktor Flecker mit dem Beamten eifrig geflüſtert, deſſen Mienen nach und nach von ihrer Strenge verloren, ja, faſt wohlwollend wurden und der dann einige Male mit dem Kopfe nickte, ehe er ſagte: „Die Sache ſcheint mir ziemlich klar zu ſein. Das Volk in der Entenpforte wird wohl auch ſeine dummen Streiche ge⸗ macht haben; man muß denen ſcharf auf die Finger ſehen.— Notiren Sie mir einmal die Alte,“ wandte er ſich an ſeinen Schrei⸗ ber,„und citiren mir auch gelegentlich die Schneller ſowie den Stöpſel. Das ſind ein paar durch und durch nichtsnutzige Frauenzimmer.“ Als der edle Spanier dieſe Worte vernahm, räuſperte er ſich gelinde, trat einen halben Schritt vor und ſagte mit ſei⸗ ner gewöhnlichen ernſten Stimme:„Erlauben Sie mir, Herr Polizeicommiſſär, eine der eben genannten Damen habe ich die Ehre, genau zu kennen. Ich glaube dafür bürgen zu kön⸗ nen, daß dieſelbe keiner nichtsnutzigen Handlung fähig iſt. Dabei muß ich noch ſagen, daß in der Erzählung meines Begleiters einige Lücken auszufüllen ſind.“ Hackländer, Don Quixote. IV. 13 194 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Der Beamte hatte bei dem erſten Satze, den der lange Mann ſprach, verwundert auf den Armenarzt geblickt, der die Oberlippe aufwarf und den Sprecher unterbrach, indem er bemerkte:„Laſſen Sie ums Himmels willen das jetzt auf ſich beruhen! Sie werden mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß der Herr Polizeicommiſſär gewiß ſeine Leute kennt, item, ſchweigen Sie einen Augenblick ſtill, damit jener würdige junge Mann, der noch ſprechen will, endlich auch fertig wird.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ meinte der Beamte, wor⸗ auf er ſich an den kleinen Kellner wandte und ihn fragte: „Alſo die Miſtgabel hatten Sie?“ „Ich hatte ſie, Herr Polizeicommiſſär,“ antwortete Jener mit einem heftigen Schluchzen, während er ſeine Thränen ver⸗ gebens zurückzuhalten verſuchte.„Ich hatte ſie, und nachdem ich gekratzt worden— war ich ganz wüthend— und ſtieß vor mich hin— o mein Gott!— ohne zu wiſſen, worauf ich ſtieß.—— Daß aber das— Eiſen tief eindrang— fühlte ich wohl,“ ſetzte er ſchaudernd hinzu. „Haben Sie alles das aufgeſchrieben?“ fragte der Com⸗ miſſär ſeinen Schreiber mit einer entſetzlichen Ruhe.„So kön⸗ nen es die Beiden unterzeichnen und wären fertig.“ Windſpiel hatte ſeine Hände gefaltet und erhob ſie flehend zu dem Beamten.„Wollen Sie nicht auch,“ bat er in kläg⸗ lich rührenden Tönen,„noch beſonders anführen laſſen, wie ſehr ich gereizt worden— daß man mich in einen— Schwei⸗ neſtall geſperrt“— hier ſchlug ihm die Stimme abermals um —„daß man mich gekratzt— daß das wohl mildernde Um⸗ ſtände wären?“ Der Commiſſär zuckte die Achſeln, dann ſagte er:„Da Sie einmal geſtändig ſind, ſo iſt da nicht viel zu machen. fem, Die unſchuld ſiegt. 195 Wir wollen das Geſetz ſo gnädig wie möglich anwenden, aber den Sophaüberzug müſſen Sie wahrſcheinlich bezahlen.“ „Und dann?“ fragte der kleine Kellner in namenloſer Angſt. „Wollen wir Ihnen Beiden die Nacht im Arreſtlokal als Strafe anrechnen.“ „Zur ganzen Strafe?“ rief Windſpiel,„zur ganzen Strafe?— Und ich käme nicht in's Zuchthaus?— o mein Gott! wache oder träume ich?— So hätte ich den Stöpſel nicht lebensgefährlich verletzt?“ Jetzt konnte ſich der Polizeicommiſſär nicht enthalten, mit dem Dobktor zu lachen, und ſelbſt auf dem grämlichen Geſichte des Schreibers wetterleuchtete es ein wenig. Don Larioz legte dem kleinen Manne die Hand auf die Schulter und ſchaute ihn mit einem unbeſchreiblichen Blicke an. Windſpiel aber hüpfte auf den Polizeicommiſſär zu und rief freudig aus, indem er deſſen Hand zu faſſen ſuchte: „So werde ich alſo nicht da behalten?— So bin ich kein Verbrecher?— kein Mörder?— ſo habe ich den Stöpſel wirklich nicht verletzt?“ Während ſich der Beamte heftig die Naſe ſchnäuzte, um ſein eigentlich unziemliches Lachen zu unterbrechen, rief der Doktor, der ſich weniger genirte, launig aus: „Sie werden mir erlauben, zu bemerken, Herr Commiſ⸗ ſär, daß der junge Mann in einem großen Irrthum befangen zu ſein ſcheint.— Was den Stöpſel anbelangt,“ wandte er ſich an den vor Freude Strahlenden,„ſo iſt von einer Ver⸗ letzung deſſelben, welche vor die Gerichte gehörte, hierorts durchaus nichts bekannt. Der Stöpſel hat nicht geklagt, und müſſen Sie, was demſelben allenfalls geſchehen ſein könnte, 4 — —.—. 196 Siebenundvierzigſtes Kapitel. mit Ihrem eigenen Gewiſſen abmachen.— Der Herr Com⸗ miſſär iſt ſo freundlich, meine Bürgſchaft für die beiden Her⸗ ren anzunehmen, und ſo wollen wir uns denn mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung nach Hauſe begeben, wo ich nach Erfund der Umſtände Umſchläge, vielleicht auch einen Aderlaß anordnen werde.“ Dabei kniff er ſein rechtes Auge gegen den Beamten zu, ſchüttelte ihm die Hand und verließ mit den beiden Verbre⸗ chern das Zimmer, nachdem er vorher noch dem alten Schrei⸗ ber auf die Schulter geklopft und ihn ermahnt, ſich möglichſt viel Bewegung in freier Luft zu machen. Draußen erhielt Don Larioz ſein ſpaniſches Rohr wieder eingehändigt, und nachdem er mit ſeiner dicken blauen Naſe aufrecht und würdevoll wie immer an der Seite des Doktors vorüber geſchritten war, ſagte der Polizeiſoldat, der die Bei⸗ den geſtern Abends eingeliefert, zu einem anderen, der neben ihm ſtand, indem er mit dem Finger auf die Stirn tippte: „Der muß ſchwach auf der Bruſt ſein, ſonſt hätten ſie ihn diesmal feſt gehalten. Ich habe ihn ſchon einmal erwiſcht, da wollte er ein Haus anzünden; es iſt eigentlich gefährlich, ſolche Leute allein herumgehen zu laſſen.“ Edler Don Larioz, hätteſt du dieſe Aeußerung gehört, du würdeſt deinem großen Herzen gemäß keinen Zorn gefühlt haben; du hätteſt nur mitleidig gelächelt über eine Welt, die dich nicht zu begreifen im Stande iſt, die deine uneigennützi⸗ gen Bemühungen für das Wohl dieſer undankbaren Menſchen für Beweiſe von Narrheit erklärt. Windſpiel hüpfte ſelig die Treppen hinab; er ſprach zu ſich ſelber, als ihm ein Geksd'arme begegnete:„Du wirſt allein gehen, lieber Freund, ich bin frei!“ Er blickte aber⸗ Die Unſchuld ſiegt. 197 mals den Sonnenſtrahl im Hofe an und flüſterte:„Ich bin kein Mörder, ich habe den Stöpſel nicht verwundet. Frei bin ich!“ Unten vor der Thür winkte der Armenarzt einen Fiaker herbei, um den langen Schreiber, der gar zu ſonderbar aus⸗ ſah, nach Hauſe zu fahren. Windſpiel aber, in der tollen Freude ſeines Herzens, verſchmähte das Fuhrwerk, und nach⸗ dem er ſich herzlich bei Don Larioz verabſchiedet, auch dem Doktor beſtens gedankt, flog er, diesmal ſeines Beinamens vollkommen würdig, in ſo großen Sätzen dem Reibſteine zu, daß das Mäntelchen im Winde flatterte und die Leute ihm erſtaunt nachblickten. Als Don Larioz mit dem Doktor zu Hauſe und auf ſeinem Zimmer angekommen war, ſagte Letzterer:„ Sie werden mir zugeben, mein verehrter Herr, daß es von mir das Klügſte iſt, wenn ich Sie jetzt Ihrem Schickſale überlaſſe. Heute Abends werden Sie mir, hoffe ich, Ihre Fahrten er⸗ zählen. Nehmen Sie jetzt ein Brauſepulver, machen Sie kalte Umſchläge um Ihre dicke Naſe und ruhen alsdann auf dem Bette aus.“— Damit eilte er hinweg, wandte ſich aber unter der Thür nochmals um und rief zurück:„Apropos, ehe ich's vergeſſe, Seine Erlaucht der Graf Helfenberg will Sie ſprechen. Gehen Sie zu ihm, ſobald Sie wieder menſchlich ausſehen.— Adieu!“ Don Larioz, einigermaßen betäubt von den Vorfällen edes geſtrigen Abends und des heutigen Morgens, nickte ſchwei⸗ gend mit dem Kopfe, dann trat er vor den Spiegel, that beim Anblick ſeines entſtellten Geſichtes einen tiefen Athemzug und murmelte:„Ich ſehe in der That kaum menſchlich aus.— O, nich habe bedeutend gelitten, und faſt möchte es mich be⸗ 198 Siebenundvierzigſtes Kapitel.— Die unſchuld ſiegt. dünken, als müſſe ich mit Trauer auf jene Ereigniſſe in dem Hauſe der Entenpforte blicken.—— Und doch— was iſt eine blaue Naſe, wenn ich ſie dem Bewußtſein gegenüber ſtelle, dieſelbe für dich empfangen zu haben, für dich, Dolores, die du wohl das unglücklichſte, aber auch das ſchönſte Weib auf Erden biſt!“ Achtundvierzigſtes Kapitel. Das entwendete Concept. Wer nur von einem kleinen Theile der Nadelſtiche Kennt⸗ niß hatte, mit denen der Rechtsconſulent Doktor Plager von ſeiner Frau Schwiegermutter, häufig auch ſogar von ſeiner Schwägerin bedacht wurde, der hätte glauben müſſen, der arme Geplagte ſchleiche nur trübſelig durch das Leben dahin mit gebogenem Rücken, tiefgeſenktem Kopfe, die Steine betrach⸗ tend, hier und da in gänzlicher Selbſtvergeſſenheit ſtolpernd und dann tief aufſeufzend, um mit einem ſchüchternen Blicke gen Himmel weiter zu ſchreiten. Das war aber nicht der Fall, und glücklicher Weiſe war Doktor Plager eines von jenen elaſtiſchen Weſen, die ſich momentan leicht in eine andere Form drücken laſſen, um aber, ſobald der Druck, der auf ſie ausgeübt wird, aufhört, gleich wieder die alte Geſtalt anzu⸗ nehmen. Sein Geſicht war wie das jener kleinen Gummi⸗ elaſticum⸗Männer, die durch Auseinanderziehen unkenntlich ge⸗ 14 200 Achtundvierzigſtes Kapitel. macht werden, im nächſten Augenblicke aber das alte gemüthliche Antlitz wieder zeigen, das bekannte harmloſe Lächeln, die ver⸗ gnügt glänzenden Aeuglein. Der Rechtsconſulent hatte ein glattes Gemüth, er konnte Zorn und Gram davon abſchütteln, wie der Hund den Regen von ſeinem Felle; ja wenn er mit bebenden Lippen und krampf⸗ haft zuckenden Fingern das Zimmer der geliebten Schwieger⸗ mutter verließ, ſo trennte ihn kaum die zufallende Thür von deren nicht immer ſehr angenehmen Geſicht, und er that als⸗ bald einen tiefen Athemzug, und während er langſam die Treppe hinabſtieg, klärten ſich ſeine Züge auf, und die Lippen, die auf der oberſten Stufe noch feſt und ſtramm auf einander gepreßt waren, kräuſelten ſich auf der unterſten ſchon zu einem freundlichen Lächeln. Wohl warf er dann, vor dem Hauſe angekommen, noch einen zweifelhaften Blick nach ſeiner Wohnung empor, aber in dieſem Blicke war deutlich zu leſen: ich bin euch glücklich entronnen, jetzt plagt, wen ihr wollt; ich werde mich den Henker drum ſcheeren. Merkwürdiger Weiſe aber waren in den letzten Tagen der Zeit, worin unſere Geſchichte ſpielt, weit weniger Nadel⸗ ſtiche von dem weiblichen Theile des Plagenſchen Hauſes, Babette einbegriffen, dem Dulder ertheilt worden, als dies früher wehl der Fall war. Madame Weibel befand ſich in einer roſenfarbenen Laune, ſie zankte wenig mit ihrem Schwie⸗ gerſohn, ſie war ſehr friedfertig geſtimmt und behauptete nur höchſt ſelten, daß ein runder Tiſch vier Ecken habe. Die Rechtsconſulentin war ſogar ſanft geworden und ſo entgegen⸗ kommend, daß ſie ihrem Manne geſtand, man müſſe Babette in der That zu etwas mehr Ordnung anhalten, und es könne Manches noch anders gehen, als es bisher gegangen; Das entwendete Concept. 201 ja, ſie that das Uebermenſchliche und gab zu, daß die Er⸗ ziehung von Fritzchen und Louiſe allerdings noch eines wei⸗ teren Schliffes bedürfe, um vorzüglich genannt werden zu können. Was nun Clementine Weibel anbelangt, ſo war ſie weich und ſentimental geworden; ſie hatte ſeit einiger Zeit einen etwas blaſſen Teint; ihre Augen hatten einen Ausdruck, den man im gewöhnlichen Leben himmelnd zu nennen pflegt; ſie ſeufzte zuweilen und liebte es, wenn ſie allein war, allerlei ſchöne Lieder ſchwärmeriſcher deutſcher Dichter vor ſich hin zu declamiren. Sie war es zumeiſt, die ihr Betragen gegen den Schwager vollkommen geändert hatte, ſie nahm ſich, nach allen⸗ falls noch, vorkommenden kleinen häuslichen Scenen, ſogar ſeiner an, ſie hatte in letzter Zeit ein Cigarren⸗Etui für ihn geſtickt, ſie war weich und nachgiebig bei Meinungs⸗Verſchie⸗ denheiten, kurz, ſie war mit Einem Worte ein Engel, wie ihre würdige Mutter in gerührten Augenblicken zu ſagen pflegte, ein Seraph— das war bei ihr das Engeliſche noch in höherer Potenz— der Stolz der Familie, die künftige Trägerin einer Grafenkrone. Von den neun Zacken dieſer verheißenen Grafenkrone ſtrahlte denn auch all das gute Wetter aus, welches den Rechts⸗ conſulenten zu Hauſe beglückte. Wir müſſen dabei geſtehen, daß er der lebendigen Urſache dieſes heiteren Himmels durch⸗ aus nicht mehr abhold war, ja, daß es Augenblicke gab, wo er, die Hände reibend, ſchmunzelte und zu ſich ſelber und auch wohl zu anderen Leuten ſprach:„Mein künftiger Schwager, der Graf.“ Mochte aber auch Czrabowski ſein, wie er wollte, das mußte man ihm laſſen, Stolz und Hochmuth gegen ſeine ——————————:;;;nyrn 202 Achtundvierzigſtes Kapitel. künftigen Verwandten kannte er nicht, und nachdem dieſe von des Grafen naher Verwandtſchaft mit dem Fürſten Ponia⸗ towski erfahren, von den ungeheuren Gütern bei Lublin, vom Stammſchloſſe Rachow mit ſeinen reichen Waldungen und Bärenjagden, waren ſie in der That tief gerührt von der un⸗ gekünſtelten Herablaſſung ihres künftigen Familien⸗Angehörigen. Czrabowski war wie zu Hauſe bei Plagers und ebenſo bei dem Banquier Springer, er genirte ſich durchaus nicht, des Letzteren Kaſſe in Anſpruch zu nehmen— natürlicher Weiſe die Kaſſe des Geſchäfts— wo er ſich durch ſein leutſeliges Weſen ſogar die Gunſt des alten, mürriſchen Kaſſirers erwor⸗ ben hatte; er dinirte mit der Familie; er war ſo freundlich geweſen, dem Schneider des Banquiers ſeine Kundſchaft zuzu⸗ wenden; er verſchmähte nicht die Cigarren des Herrn Springer; er hatte dieſen ſogar veranlaßt, ein Reitpferd zu kaufen, wel⸗ ches enun der Graf zuritt; er fuhr mit Madame Springer und Clementinen in der Equipage des Banquierhauſes ſpazieren, zum koloſſalen Aerger eines Dutzends Regierungs⸗, Hof⸗, Kanzlei⸗ und Steuer⸗Räthinnen mit wenigſtens zwei Dutzend unverſorgten Töchtern, nicht zu erwähnen der blaſſen Kauf⸗ manns⸗Wittwe, dem Plager'ſchen Hauſe gegenüber, die zuweilen tief aufſeufzend empor blickte und ſprach:„Wenn der Himmel in den Hochmuth kein Einſehen hat, ſo gibt es keine Ge⸗ rechtigkeit mehr auf Erden.“ Arme unverſorgte Töchter verſchiedener Räthinnen! un⸗ glückliche Kaufmanns⸗Wittwe! ihr hattet wohl Urſache, tief ergriffen zu ſein, waren doch viele von euch an jenem Abend zugegen; hätte doch Jede ſtatt Clementinens den pol⸗ niſchen Punſch mit helfen brauen können; und Jede würde das gern gethan haben,— ein zündendes Wort, etwas = Das entwendete Concept. 203 mehr ſüße Augen— ihr habt den Augenblick des Glücks verpaßt. Der Rechtsconſulent hatte Kaffee getrunken, wie er jeden Morgen zu thun pflegte, und Alles war nett und eben vor⸗ übergegangen. Die gute Schwiegermutter hatte ſich ſo ge⸗ ändert, daß ſie es ſogar über ſich vermocht, von Herrn La⸗ rioz zu reden, und hatte geſagt, ſie ſehe wohl ein, wie ſchwer es für dieſen armen Teufel ſein müſſe, ein ebenſo gutes Brod wieder zu finden, wie er bis jetzt auf dem Bureau des Rechtsconſulenten genoſſen, und es ſei fern von ihr, Jemand plötzlich auf die Straße werfen zu wollen. Daß es für die Dauer mit dem Schreiber nicht gehen würde, ver⸗ ſtände ſich freilich von ſelbſt; denn ihr Schwiegerſohn, der Graf, würde bei aller Großmuth doch wohl nicht im Stande ſein, die ihm angethane Beleidigung zu vergeſſen und das Geſicht eines Menſchen wieder zu ſehen, der ſich ſo gröblich gegen ihn vergangen. „Was mich betrifft,“ ſetzte ſie hinzu,„ſo könnte ich ihm Alles verzeihen, wogegen es mir aber immer verdächtig bleiben wird, was Ihr Schreiber, Herr Sohn, ſpät am Abend allein auf Ihrem Bureau zu ſchaffen hatte. Man ſieht ſo etwas nicht gern.— Aber das ſind ja Ihre Sachen, die mich eigent⸗ lich durchaus nichts angehen.— Wir meinen nur ſo, nicht wahr, Emilie?“ hatte ſie mit einem Blick auf ihre Tochter hinzugeſetzt, die mit einem Kopfnicken zuſtimmend verſetzte:— „Verdächtig bleibt das immer.“— Madame Weibel hatte dies alles in einem ſo ſanften Tone geſagt, daß es dem Rechtsconſulenten augenblicklich zu Her⸗ zen ging und er ſich einredete, diesmal habe die Schwiegermutter 204 Achtundvierzigſtes Kapitel. in der That nicht ſo ganz Unrecht, und man könnte es dem guten Czrabowski nicht verargen, wenn er grollend an den langen Spanier dächte. Mit dieſen Gefühlen hatte Doktor Plager ſein Frühſtück beendigt und ſtieg die Treppe ſeiner Wohnung hinunter und dann dem Bureau zu, wobei er im Geiſte die guten Eigen⸗ ſchaften ſeines Schreibers gegen deſſen unangenehme Seiten, namentlich gegen deſſen oft ſehr ſchroffe und einſeitige An⸗ ſichten abwog, und darauf kam er zu dem Reſultate, daß man ja einen Diener doch nicht ewig behalten könne, und daß, wenn Larioz nun einmal feſt enſchloſſen ſei, das Bureau zu verlaſſen, er ihn am Ende nicht lange überreden wolle, dazubleiben. So betrat der Rechtsconſulent ſeine Schreibſtube, und als er einen Blick in das Nebenzimmer warf, ſah er den kleinen Gottſchalk an ſeinem Pulte ſitzen; der erſte Schreiber aber war nicht da. „Iſt Herr Larioz vielleicht auf ſein Zimmer gegangen?“ fragte der Prinzipal, und er wiederholte dieſe Frage, als Gottſchalk weder von ſeiner Arbeit aufblickte, noch eine Ant⸗ wort gab. „Herr Larioz?“ ſagte der junge Menſch alsdann, als der Rechtsconſulent zum zweiten Male mit ſehr lauter Stimme ſprach.„Ja, er wird wohl auf ſeine Stube ge⸗ gangen ſein.“ „Ich möchte eine beſtimmte Antwort darüber haben. Hat er etwas geſagt, als er ging?“ „Nein, geſagt hat er eigentlich nichts.“ „Aber Sie haben ihn doch eben geſehen?“ „Hier auf dem Bureau?“ fragte Gottſchalk—„Herr 0 Das entwendete Concept. 205 Doktor meinen, ob ich ihn hier auf dem Bureau geſehen habe?“ Er ſprach das ſehr langſam, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, denn er wußte in Wahrheit nicht, was er eigentlich antworten ſollte; hatte er doch Larioz weder geſtern Abend noch heute früh geſehen, da derſelbe, wie wir aus dem vorigen Kapitel wiſſen, nicht nach Hauſe gekommen war. Da Jaber Gottſchalk einigermaßen verlegen ausſah, ſo blickte der Principal, dem dies nicht entging, auf das leere Pult ſeines erſten Schreibers und bemerkte, daß dort noch Alles ſtand und lag, wie er es am vergangenen Samstag verlaſſen. Er griff an ſein Kinn, ſchüttelte mit dem Kopfe und zog die Halsbinde etwas in die Höhe, worauf er ſagte: „Nach alle dem ſcheint mir, Herr Larioz iſt heute Morgens noch gar nicht da geweſen. Suchen Sie ihn auf ſeinem Zimmer.“ Gottſchalk ſpritzte bedächtig ſeine Feder aus, erhob ſich zögernd und ging mit großer Langſamkeit nach der Thür. „Iſt Herr Larioz vielleicht krank geworden?“ fragte der Rechtsconſulent.„In dem Falle laſſen Sie ihn ruhig dro⸗ ben.— Iſt er krank geworden?“ wiederholte er und legte auf das iſt einen ſolchen Nachdruck, daß der junge Menſch unſchlüſſig an der Thür ſtehen blieb und, ohne eine Antwort zu geben, ſeine Fingerſpitzen betrachtete.—„Was ſoll das alles bedeuten?“ ſagte der Prinzipal nach einer Pauſe.„Sie ſcheinen mir da etwas zu wiſſen und nicht mit der Sprache heraus zu wollen. Glauben Sie wohl, junger Menſch, daß ich das vollkommenſte Recht habe, mich nach dem Thun und Laſſen meiner Leute zu erkundigen?— Wo iſt Herr Larioz?“ „Ich weiß es nicht.“ 206 Achtundvierzigſtes Kapitel. „Sol haben Sie ihn heute Morgen noch nicht ge⸗ ſehen?“ „Nicht, daß ich wüßte. Es könnte aber auch ſein, daß er da geweſen wäre und ich ihn überſehen hätte. Ich war ſehr fleißig, Herr Doktor.— Wenn Sie vielleicht meine Arbeit anſchauen wollten.“ Damit ſchritt er eiliger, als er fortgegangen war, wieder ſeinem Schreibtiſche zu. „Mit Ihrem Ueberſehen!“ ſagte faſt ärgerlich der Rechts⸗ conſulent.„Bleiben Sie bei dem, was ich frage. Sie ſchlafen ja in demſelben Zimmer mit Herrn Larioz.“ „Das thue ich allerdings gewöhnlich.“ „Nun, da müſſen Sie ihn auch heute Morgen geſehen haben.“ Der junge Menſch ſchüttelte mit dem Kopfe und ſprach kleinlaut:„Heute Morgen habe ich ihn nicht geſehenz. er iſt vielleicht aufgeſtanden, als ich noch ſchlief.“ „Und geſtern Abend hörten Sie ihn nach Hauſe kommen?“ „Ich habe wohl ein Geräuſch vernommen, aber ich weiß nicht genau, ob es Herr Larioz war, denn ich bin gleich darauf eingeſchlafen.“ „So, ſo, es iſt ſchon gut,“ entgegnete der Prinzipal, wobei er den Mund ſpitzte, die Augenbrauen hoch empor zog und eine große Ruhe annahm.„Gehen Sie hinauf, ſehen Sie, ob Herr Larioz da iſt, und ſagen Sie mir dann die Antwort geradezu ohne viele Weitläufigkeiten— verſtanden?— den Teufel auch!“ Damit warf der Rechtsconſulent die Hände heftig auf den Rücken zuſammen, wie er nur zu thun pflegte, wenn er in Zorn gerieth, und ſchritt haſtig auf und ab. Das entwendete Concept. 207 Gottſchalk ſchielte nach ihm hinüber, ehe er zur Thür hin⸗ aus ging, und ſprach, während er ſich am Kopfa kratzte, leiſe vor ſich hin:„Die Woche fängt gut an, ſagte der arme Sün⸗ der, als er Montags zum Galgen geführt wurde.“ Doktor Plager blieb noch einige Augenblicke in der großen Schreibſtube, trat dann in ſein Zimmer und ſprach zu ſich: „Bah, was iſt's weiter? unſer Schreiber wird geſtern Abend ein wenig länger aufgeblieben ſein und heute deſto ſpäter auf⸗ ſtehen. Es iſt eigen, wie man dazu gebracht werden kann, ſeine Anſicht üher einen Menſchen zu ändern. Ich würde das früher gar nicht beachtet haben. Aber dieſe Weiber geben keine Ruhe und flößen uns das Gift des Mißtrauens gegen Jemand, den ſie nicht leiden können, tropfenweiſe, aber ſicher ein.“— Er ſetzte ſich vor ſein Pult.—„Was habe ich doch heute nicht vergeſſen wollen?“ fuhr er nach einem längeren Nachdenken fort, während deſſen er an die Decke des Zimmers geſehen.„Da auf meinem Notizbogen ſteht ein Notabene mit einem H. Was kann das ſein?— Ja ſo,“ ſprach er endlich mit dem Ausdruck der Befriedigung auf ſeinem Geſichte, den man annimmt, wenn man ſich einer Sache wieder erinnert, die man vergeſſen zu haben glaubte.—„So iſt es: H— Helfenberg. Graf Helfenberg. Die Vernichtung des Teſta⸗ ments⸗Entwurfs, den ich in meine Mappe gelegt. Wir wollen aber jetzt Helfenberg ausſchreiben und ein T. dazu machen, daß uns die Sache nicht wieder entfällt. Oder beſſer, zer⸗ reißen wir das fragliche Papier ſogleich.“ Der Rechtsconſulent nahm eine Mappe zur Hand, die auf der rechten Seite ſeines Pultes lag und mit einem Stück Mar⸗ mor beſchwert war; er ſchlug dieſe Mappe auf und. wandte 208 Achtundvierzigſtes Kapitel. die erſten Blätter in derſelben mit der größten Gleichgültigkeit um. Als er aber über die Hälfte der vorhandenen Papiere durch⸗ geſehen, zogen ſich ſeine Augenbrauen langſam zuſammen, ſeine Blicke drückten Erſtaunen aus, und als er nun mit der Durch⸗ ſicht der ganzen Mappe zu Ende war, ohne das gefunden zu haben, was er ſuchte, ſank ſeine Unterlippe ſchlaff herab, und er ſtarrte vor ſich hin wie Jemand, der erſchreckt iſt und zu gleicher Zeit eifrig über etwas nachgrübelt. Das dauerte ein paar Sekunden, dann ſchlug er die Blätter eifrig von hinten nach vorn um, nahm jedes einzeln heraus, betrachtete es von allen Seiten, und während er immer und immer vergeblich ſuchte, fing er an, ſehr unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her zu rücken. „Das iſt doch ſonderbar!“ murmelte er;„ich bin ſicher, das Concept da hinein gelegt zu haben; ja, ich erinnere mich ganz genau, Larioz ſtand neben mir, und ich ſprach noch einige Worte mit ihm darüber. Wenn er nur käme! Er muß ſich deſſen genau erinnern.“ Herr Doktor Plager blickte unruhig nach der Thür, wo ſich aber nicht das Geringſte ſehen ließ. „Hm, hm!“ machte er nach einem abermaligen vergeblichen Verſuche, in der Mappe das Gewünſchte zu finden;„in das Bureau habe ich es doch auf alle Fälle gebracht; hier kommt ja niemand Fremdes herein, und wenn auch— wen könnte es intereſſiren, Einſicht in das Papier zu erhalten? das heißt— Leute intereſſiren, denen es allenfalls möglich wäre, hieher zu gelangen?— Bah! Vielleicht habe ich es in die große Brieftaſche gelegt.“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch wurde die große Brieftaſche, die im Pulte lag, hervorgeholt, und ebenſo genau mit dem gleich richte ſeinen hinau TWhür ſpran ſehen nun Wan wied ſicht könn weiß lichen mdas ommt önnte Das entwendete Concept. 209 gleichen Reſultate unterſucht, wie vorhin die Mappe. Jetzt richtete ſich Herr Plager in die Höhe, ließ die Hände auf ſeinen Beinen ruhen und blickte gedankenvoll zum Fenſter hinaus. In dieſem Augenblicke vernahm man auch Tritte unter der Thür der äußeren Schreibſtube, und der Rechtsconſulent ſprang lebhaft in die Höhe, um nach dem Eintretenden zu ſehen. Es war Don Larioz, der von ſeiner Stube kam und ſich nun den mit Recht erſtaunten Blicken ſeines Chefs präſentirte. Waren auch Kleidung, Haar und Bart des langen Mannes wieder in Ordnung gebracht, ſo hatte er doch von ſeinem Ge⸗ ſichte die Spuren des geſtern Erlebten unmöglich verwiſchen können, und dieſe Spuren waren, wie der geneigte Leſer bereits weiß, gräulich genug anzuſchauen. Herr Doktor Plager trat, bei dieſem Anblicke die Hände vor großer Verwunderung zuſammen ſchlagend, einen Schritt zurück und rief aus:„Aber ſagen Sie mir um Gottes willen, in welche Mörderhände ſind Sie gefallen? Oder haben Sie Händel im Wirthshauſe gehabt?“ Der lange Schreiber zuckte mit den Achſeln und erwiderte mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe:„Das zu erzählen, würde etwas umſtändlich ſein. Es iſt allerdings wahr, ich ſehe heute Mor⸗ gen nicht beſonders vortheilhaft aus, doch kann von Händeln im Wirthshaus bei mir keine Rede ſein; ich glaube, der Herr Doktor kennen in dieſer Richtung meinen Charakter voll⸗ kommen.“ Der Rechtsconſulent hob die Naſe in die Höhe, und mochte ihm der kalte Ton nicht gefallen, mit dem ſein Hackländer, Don Quixote. IV. 14 —— ——:——— 210 Achtundvierzigſtes Kapitel. Schreiber zu ihm ſprach, dachte er vielleicht an die Worte von Frau und Schwiegermutter, oder an das verlorene Con⸗ cept,— genug, er legte die Hände auf den Rücken, ſtreckte ſich ſo ſtark als möglich und ſagte mit ſcharfer Stimme, wie er zu thun pflegte, wenn er auf ſeinem Bureau Verweiſe ertheilte: „Sie werden mir aber erlauben, Herr Larioz, daß ich als Ihr Chef wohl fragen darf, in welchem Wein⸗ oder Bier⸗ gefecht Sie ſo zugerichtet worden ſind, wie Sie ſich mir dar⸗ ſtellen, wie Sie auf das Bureau kommen, und zwar gegen halb elf Uhr, trotzdem, daß die Kanzleiſtunden um acht Uhr anzufangen pflegen!“ „Ich bin nicht in der Stellung, Herr Doktor Plager,“ antwortete der Spanier, ohne eine Miene ſeines Geſichts zu verziehen,„Ihnen als meinem Chef überhaupt etwas erlauben zu dürfen. Mir aber werden Sie vielleicht dagegen erlauben, über Ereigniſſe zu ſchweigen, die— das kann ich Sie ver⸗ ſichern— weder Sie noch die Schreibſtube betreffen, und die meinem Geſichte einen Anſtrich verleihen, der Ihrer Anſicht nach aus einem Wein⸗ oder Biergefecht herrühren muß, was übrigens durchaus nicht der Fall iſt. Im Gegentheil, Sie dürfen mir glauben, daß ich mich meiner Verletzung durchaus nicht zu ſchämen habe.“ „Ich muß geſtehen,“ rief der Rechtsconſulent aus, indem er mit affektirtem Erſtaunen die Hände zuſammenſchlug,„Sie führen mit mir eine ganz eigene Sprache, die ich als Prin⸗ zipal—“ „Nur ſo lange zu hören brauchen,“ unterbrach ihn der Spanier ſehr kaltblütig,„wie Sie es für gut finden. Erin⸗ nern Sie ſich vielleicht meines Schreibens vor weniger Zeit, Anſicht , was „Sie rchaus indem „Sie Prin⸗ on der Erin⸗ Zeit, Das entwendete Concept. 211 in welchem ich einen Wunſch ausſprach, den Sie zu be⸗ willigen bis jetzt nicht für nothwendig gefunden? Sie wer⸗ den mich mit allem einverſtanden ſehen, was Sie beſchließen mögen.“ Wenn auch Doktor Plager von Natur aus nicht beſon⸗ ders mißtrauiſch war, ſo hatten doch die ewigen Anſpielungen über die Bosheit und Schlechtigkeit der Menſchen, die er zu Hauſe tagtäglich verſchlucken mußte, ſein Vertrauen im Allge⸗ meinen ſehr wankend gemacht, und er war endlich dahin ge⸗ kommen, den Thaten ſeiner Nebenmenſchen gern zweideutige Motive unterzulegen. So ſiel es ihm auch jetzt durchaus nicht ein, zu glauben, daß der Schreiber der unwürdigen Behand⸗ lung wegen, die ihm zu Theil geworden, ſeine gute Stellung im Bureau aufgeben würde, und da dieſer doch zuletzt ſo ent⸗ ſchloſſen ſchien, ſo mußte ihn ein anderer, gewiß unlauterer Beweggrund dazu treiben. Ihm fiel das fehlende Teſtaments⸗ Concept ein, er fragte ſich mit den Worten der Schwieger⸗ mutter, was Larioz an jenem Abend allein hier zu ſchaffen gehabt, und darauf war er der feſten Anſicht, derſelbe müſſe aus irgend einer Urſache wünſchen, baldigſt die Schreibſtube zu verlaſſen. Der Prinzipal tauchte ſo tief als möglich in die Hals⸗ binde hinein, zog die Augenbrauen zuſammen und ſagte, da er nun die Gedanken ſeines Schreibers vollkommen zu verſtehen glaubte, mit einem ſarkaſtiſch ſein ſollenden Lächeln:„Es werden ſich dem Herrn Larioz wahrſcheinlich glänzende Aus⸗ ſichten eröffnet haben, und es ſei fern von mir, dieſen entgegen treten zu wollen, weßhalb ich denn auch gegen eine Trennung nichts weiter einwenden werde, begreiflicher Weiſe, nachdem die laufenden Geſchäfte unter Ihren Händen abgewickelt ſind. 4 3 212 Achtundvierzigſtes Kapitel. Sollte übrigens,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, während welcher er das Geſicht des Anderen aufmerkſam betrachtete, „Ihr körperlicher Zuſtand es Ihnen nicht geſtatten, mit fri⸗ ſchem Geiſte an die Arbeit zu gehen, ſo habe ich nichts da⸗ gegen, wenn Sie ſich für heute auf Ihr Zimmer zurückziehen, was vielleicht ſogar wünſchenswerth wäre, da unſere Clienten bei Ihrem Anblicke wohl auf die Vermuthung kämen, als habe es hier in meinem Bureau unterſchiedliche und ſehr ſtarke Prügel geſetzt.“ Der lange Schreiber machte ſtillſchweigend eine Verbeu⸗ gung und wollte ſich aus dem Zimmer entfernen. „Ehe Sie gehen, noch Eins,“ ſagte der Rechtsconſulent, indem er den Kopf abermals und ſehr affektirt in die Höhe warf und mit der Hand nach ſeinem Privatzimmer zeigte. „Bitte, einen Augenblick einzutreten.“ Er ging voraus, der Schreiber folgte. Der Prinzipal ließ ſich vor ſeinem Pulte nieder, zog die bewußte Mappe vor ſich hin, öffnete ſie, und während er mit zwei Fingern der rechten Hand auf die Papiere patſchte, ſagte er in anſcheinend ſehr ruhigem Tone:„Erinnern Sie ſich vielleicht noch, daß ich mit Ihnen vor einiger Zeit über das Teſtament Seiner Erlaucht des Herrn Grafen Helfenberg ſprach?“ „Sehr genau,“ entgegnete Don Larioz mit feſter Stimme „Es war an dem und dem Tage, ich werde ihn nicht vergeſ⸗ ſen. Sie ſandten mich zu Seiner Erlaucht, um ihm anzuzei⸗ gen, daß Sie ihn Abends um ſieben Uhr beſuchen würden.“ Doktor Plager nickte mit dem Kopfe. „So iſt es,“ ſagte er.„Und vielleicht erinnern Sie ſich ebenſo genau, daß ich Ihnen den Tag darauf ein Concept Das entwendete Concept. 213 zeigte, oder vielmehr mit Ihnen über ein Concept zu jenem Teſtamente ſprach, das ich etwas früher bei Seiner Erlaucht entworfen?“ Larioz dachte einen Augenblick nach, dann gab er zur Antwort:„Es iſt ſo, ich beſinne mich darauf. Sie zeigten mir ein Papier und ſagten, es ſei das Concept zu einem Theile des Helfenberg'ſchen Teſtamentes. Von dem Inhalte deſſelben, welcher mich ja auch nicht intereſſiren konnte, theil⸗ ten Sie mir jedoch nur Weniges mit.“ „Richtig, ich theilte Ihnen nur Weniges davon mit,“ ver⸗ ſetzte der Prinzipal mit einem eigenthümlichen Lächeln.„Es konnte Sie allerdings nicht intereſſiren. Nun aber ſahen Sie wohl, daß ich jenes Papier hier in dieſe Mappe legte, wo mehr dergleichen zu finden iſt.— Sahen Sie nicht, wie ich es hinein legte?“ „Ich glaube mich deſſen zu erinnern.“ „O, es iſt ſicher, ich irre mich nicht! Ich könnte be⸗ ſchwören, daß ich es in der Mappe oben auf legte.— Und jenes Papier— ich ſuche es vergebens.“ „Wenn Sie es hinein legten,“ entgegnete der Schreiber mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe,„ſo muß es zu finden ſein. Es hat ſich vielleicht zwiſchen anderen Papieren verſchoben.“ „So ſehen Sie ſelbſt nach,“ ſagte Doktor Plager mit großer Befriedigung.„Sehen Sie genau nach; es ſollte mir äußerſt lieb ſein, wenn Sie das Concept fänden.“ Er erhob ſich von ſeinem Stuhle, und wenn er auch an— ſcheinend in tiefen Gedanken im Zimmer auf und ab ſchritt, ſo ſchielte er doch bei jeder Wendung nach dem Schreiber hin, der Blatt für Blatt des Inhaltes der Mappe umwandte, ohne das Gewünſchte zu finden. Achtundvierzigſtes Kapitel. „Es iſt nicht da,“ ſagte Larioz;„vielleicht aber liegt es bei den Helfenberg'ſchen Papieren.“ Der Andere zuckte mit den Achſeln und bemerkte ungläu⸗ big lächelnd:„So ſehen Sie nach; es wird aber auch dort nicht ſein.“ Und daß es Larioz trotz emſigen Suchens auch dort nicht fand, brauchen wir dem geneigten Leſer wohl nicht zu ſagen. „Sie ſehen,“ ſprach der Rechtsconſulent, als ihn der Schreiber fragend anſah,„das Concept iſt verſchwunden.“ „Und wo könnte es ſein, wenn Sie es in der That dort hineingelegt haben?“ „Darauf könnte ich einen körperlichen Eid ablegen; hier in dieſer Mappe“— Doktor Plager ſchlug m der Hand darauf—„hatte ich es aufbewahrt. Wo es ſein kann?— Verſchwunden entwendet— „O, aus dem Bureau?“ entgegnete Larioz mit einem un⸗ gläubigen Lächeln.„Wer würde ein Intereſſe daran haben, gerade jenes Papier zu entwenden?“ „Wer?“ rief der Prinzipal, indem er ſeinem Schreiber näher trat.„Nur Jemand, Herr Larioz, der vom Geſchäfte iſt, der den Werth dieſes Papieres kennt, der zu berechnen verſteht, was es ihm eintragen müßte, wenn er Perſonen in Kenntniß ſetzen könnte, daß ſie nach dem Ableben Seiner Er⸗ laucht mit dieſem und jenem Legate bedacht ſind.“ „Das iſt allerdings richtig; aber Jemand, der es unter⸗ nähme, das Papier auf die Seite zu bringen, müßte doch von dem Inhalte deſſelben Kenntniß haben. Und das haben mei⸗ nes Erachtens nur—“ der un⸗ bben, eiber häfte hnen n in Er⸗ nter⸗ von mei⸗ Das entwendete Concept. 215 „Sie und ich,“ unterbrach ihn Doktor Plager, indem er ſich in die Bruſt warf. „Ganz richtig,“ fuhr der Schreiber treuherzig fort.„Und darin liegt ja nach meinem Dafürhalten der beſte Beweis da⸗ für, daß das Papier nicht von Jemand auf die Seite gebracht wurde.“ „Von mir allerdings nicht,“ ſprach der Rechtsconſulent. Doch bereute er vielleicht dieſes raſche Wort, als er ſah, wie bei demſelben ein finſterer, drohender Schatten über die Züge des Spaniers flog.—„Ich will damit auch nicht geſagt ha⸗ ben,“ ſetzte er einlenkend hinzu,„daß Sie— Gott bewahre! — aber—“ „Dieſes Aber iſt mir genug,“ erwiderte Larioz wie immer mit großer Ruhe, aber mit ſeltſam gepreßter Stimme.—„Ich kann mir nach Ihren Reden bei meinem Eintritt wohl den⸗ ken,“ ſprach er nach einer kleinen Pauſe weiter, während wel⸗ cher er ſeinen Prinzipal ſcharf betrachtete,„daß Sie eine Ur⸗ ſache ſuchen, um ſich das Scheiden von einem Manne, der Ihnen Jahre lang treu gedient, leicht zu machen. Aber er⸗ lauben Sie mir, zu bemerken, daß dieſe Urſache ſo ſchlecht wie möglich gewählt, ja, an den Haaren herbeigezogen iſt, und daß ich vor allen Dingen dieſes Motiv durchaus nicht werde gelten laſſen.“ „Sie ſind Rechtskundiger genug,“ gab Doktor Plager zur Antwort, indem er durch eine anſcheinend ganz zwangloſe Bewegung hinter das Pult getreten war,„um zu wiſſen, daß, um eine Beſchuldigung aufrecht zu erhalten, Beweiſe noth⸗ wendig ſind, und begreife ich deßhalb vollkommen, daß Sie in ſolch hohem Tone zu mir reden. Kann aber das Factum geläugnet werden? Sie geben zu: Das Concept war vor⸗ 4 4 . 4 1 —— 216 Achtundvierzigſtes Kapitel. handen und wurde in dieſe Mappe gelegt. Niemand betritt dieſe Zimmer, der den Werth eines ſolchen Papiers kennt, als Sie und ich. Oder,“ ſetzte er mit einer verächtlichen Miene hinzu,„würden Sie vielleicht auf den kleinen Gottſchalk oder die alte Magd Verdacht haben?“ „Auf Keins von Beiden,“ erwiderte der Schreiber, der ſich unterdeſſen wieder vollkommen geſammelt hatte.„Was ſollte dem armen Knaben oder jener alten Perſon, überhaupt irgend Jemand, an dem Beſitze des an ſich werthloſen Pa⸗ pieres liegen?— Das war mein erſter Gedanke, als Sie mir ſagten, das Concept ſei nicht mehr zu finden. Wenn Sie aber,“ fuhr er mit feſterem Tone fort,„ſo ſcharf hervorheben, daß nur Sie und ich in dieſe Zimmer kommen, ſo muß ich Ihnen dagegen ins Gedächtniß zurückrufen, daß, ſo lange ich krank in meinem Zimmer war, der ſogenannte Herr Graf v. Czrabowski, ſowie Ihre Fräulein Schwägerin hier an verſchiedenen Abenden ihre Zuſammenkünfte hatten.— Ich hätte dieſer Geſchichte nicht erwähnt, wenn Sie mich nicht durch Ihre unverblümte Beſchuldigung dazu gezwungen hätten.“ Doktor Plager fuhr empor; er wollte heftig, ja, drohend antworten, doch beſann er ſich eines Anderen und brach in ein lautes, etwas erkünſteltes Lachen aus. „O, ich kenne dieſe Geſchichte!“ rief er;„Sie hätten wahrlich nicht Urſache, mich daran zu erinnern. Nehmen Sie mir nicht übel, gerade die Begebenheit jenes Abends iſt es, die meinen Verdacht gegen Sie begründet. Ich hätte das in meinem ganzen Leben nicht von Ihnen erwartet. Wer war an jenem Abend allein hier im Bureau?— Sie!— ja, Sie, nicht ungen ohend in ein hätten Sie ſt es, as in war Sie, Das entwendete Concept. 217 Herr! Und was Sie damals hier machten, darüber hätte ich wohl das Recht, eine Erklärung zu fordern.“ Der Spanier blickte lächelnd auf den Rechtsconſulenten, welcher mit der Wuth eines gereizten Hahnes in poſſirlichen Sprüngen hinter dem Tiſche herum hüpfte. „Verlangen Sie darüber eine Erklärung von den wer⸗ then Ihrigen; ich habe mich damals ſchon brieflich ausge⸗ ſprochen und halte es unter meiner Würde, die Erzählungen Ihrer Verwandten zu berichtigen. Was Ihr verloren ge⸗ gangenes Concept betrifft, ſo ſammeln Sie Beweiſe gegen mich und treten dann auf, wo und wie Sie wollen; ich werde auch nicht müßig ſein, denn Ihre Worte, daß Jemand durch den Beſitz deſſelben irgend etwas gewinnen könne, haben einen ſeltſamen Verdacht in mein Herz geworfen. Wahrhaftig, Sie können Recht haben. Das Papier muß entwendet worden ſein. Geben wir uns beiderſeitig Mühe, Herr Doktor Plager, den Thäter ausfindig zu machen und, wenn wir ihn gefunden, ihn ohne Schonung zu nennen.“ „Ohne Schonung— ja, ohne Schonung, ohne jede Scho⸗ nung!“ ſchrie der Rechtsconſulent mit kreiſchender Stimme, aufgeſtachelt durch die unerſchütterliche Ruhe ſeines Gegen⸗ übers. „So ſei es,“ bekräftigte der Spanier mit einem wahrhaft großartigen Anſtande in Wort und Haltung.—„Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“ Larioz machte ſeinem bisherigen Prinzipal eine tiefe Ver⸗ beugung und verließ dann mit hoch erhobenem Kopfe das Zimmer. In der anderen Schreibſtube angekommen, klopfte er dem kleinen Gottſchalk, der wie betäubt da ſaß, da ihm begreiflicher Weiſe von der Scene in der Nebenſtube nicht 4 7 Achtundvierzigſtes Kapitel. ein Wort entgangen war, ſanft auf den Kopf und ſagte ihm: „Nach beendigter Arbeitsſtunde kommſt du zu mir, ich habe alsdann mit dir zu reden.“ Hierauf trat der lange Mann in den Gang hinaus und ſchritt feſten Fußes und ohne die geringſte Bewegung auf ſeinem kalten Geſichte zu zeigen, die Treppen hinauf bei ſei⸗ ner eigenen Wohnung vorbei nach der ſeines Freundes des Doktor Flecker. Er klopfte an, und es war ihm hierauf ein angenehmes Gefühl, die bekannte Stimme: Herein! rufen zu hören. Der Armenarzt hatte ſeinen rothearrirten Schlafrock an, rauchte wie gewöhnlich aus einer langen Pfeife und ſtand in der Mitte des Zimmers, ſeine Peitſche gegen die kleinen Hunde ſchüttelnd, die ſich wahrſcheinlich eines Verbrechens. ſchuldig gemacht hatten. Sie ſaßen neben einander unter des Doktors Bettſtelle und blickten mit den klugen Augen unverwandt auf ihren Herrn hin; man hiütte ſie für leblos halten können, ſo ruhig hielten ſie ſich, wenn man nicht von Zeit zu Zeit, wo gerade die Peitſche minder heftig geſchüttelt wurde, ein leiſes Anklopfen ihrer wedelnden Schweife an das Holz der Bettlade gehört hätte. „Item!“ rief der Doktor, nachdem er den Eintretenden freundlich begrüßt,„ihr müßt mir zugeben, ihr Rackers, daß ich von jeher bei euch auf Ordnung gehalten habe, und könnt mir nicht vorwerfen, ich habe eure Erziehung vernachläßigt. Jeder hat ſeine Stunde, wo er zur Thür hinaus gelaſſen wird, und wer ſich danach nicht richtet, iſt ein unordentlicher Kerl oder, in höherer Potenz, ein Schweinemichel. Du, Nero, haſt deine Prügel verdient, und daß deine Strafe die Anderen mit erſchreckt hat, iſt heilſam für eure Erziehung.— Sie werden Spani jungen bin de Ordnu freund Sie S auf i ſei⸗ 3 des ff ein en zu ck an, nd in zunde uldig pktors Das entwendete Concept. 219 werden mir zugeben, lieber Freund,“ wandte er ſich an den Spanier,„daß ich nicht zu ſtreng bin, denn ich habe dieſen jungen Leuten da unten eine vortreffliche Erziehung gegeben, bin demnach berechtigt, etwas von ihnen zu verlangen. Und Ordnung muß ſein.— Freue mich recht ſehr,“ unterbrach er freundlich den ſtrengen Ton, mit dem er eben geſprochen, „Sie bei mir zu ſehen.“ Damit warf er die Peitſche auf das Sopha, ſetzte ſich auf die Lehne deſſelben und bat den langen Schreiber, den ihm wohlbekannten Armſeſſel einzunehmen. Don Larioz that alſo, doch ſtatt ein Geſpräch zu eröff⸗ nen, faltete er die Hände zuſammen und blickte gedankenvoll vor ſich nieder. Der Armenarzt, nachdem er den Andern eine Zeit lang betrachtet, ſchüttelte lachend mit dem Kopfe und ſagte als⸗ dann: „Sie müſſen die Vorfälle des geſtrigen Abends nicht ſo ſchwer nehmen. Zum Henker! es kann jedem ehrlichen Manne paſſiren, daß er einmal eine Nacht auf der Polizei eingeſperrt wird. Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß auch ich ein Lied davon zu ſingen vermag, und Sie werden mir zu⸗ geben, daß ich darum nicht beſſer noch ſchlechter gewor⸗ den bin. Item: den Kopf in die Höhe, und wenn Sie was zu beichten haben, friſch weg gebeichtet!— Schön zugerichtet ſind Sie,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, da Larioz die Ach⸗ ſeln zuckte und ſchwieg.„Aber das hat nichts auf ſich. Haut und Fleiſch erhält man umſonſt wieder, ſagte jener Raufbold, und daß Sie Ihr Blut wie ein biderber alter Ritter für ir⸗ gend eine außergewöhnliche Unſchuld vergoſſen haben, davon — 4 — ʃ —— 220 Achtundvierzigſtes Kapitel. bin ich überzeugt. Aber wie zum Henker geriethen Sie denn nach Numero vier der Entenpforte?“ „Das iſt eine lange Geſchichte, lieber Doktor, und ich bin jetzt nicht in der Verfaſſung, ſie Ihnen genau zu erzählen. Glauben Sie mir aber, daß ich treu dem alten bekannten Spruche blieb: Arm und Herz der Dame!“ „Ja, aber dieſe Dame!“ lachte der Arzt;„es geht Ihnen wie in dem neuen, aber ebenſo bekannten Liede: Die Dame, die ich liebe, nenn' ich nicht. Und Sie mögen wohl Ihre Urſache haben, ſie nicht zu nen⸗ nen. Freund! Freund! nehmen Sie mir es nicht übel, aber die ſämmtlichen Geſchichten der letzten Zeit, die Sie mir brockenweiſe mitgetheilt, der Bund zum Dolche Rubens, die geheimnißvolle Schöne, jetzt Entenpforte Numero vier, das alles kommt mir einigermaßen verdächtig vor, und wenn Sie auch mit gutem Glauben da hinein gehen, ſo fürchte ich doch, Sie ſind in das Netz falſcher Menſchen gerathen, die Ihren, ich möchte faſt ſagen: kindlichen Sinn, Ihren Edelmuth miß⸗ brauchen, wo ſie können.“ „Es gibt allerdings in dieſer Welt falſche und treuloſe Menſchen genug,“ gab Don Larioz nach einem tiefen Seufzer zur Antwort.„Doch glauben Sie mir, Doktor, ich halte die Augen offen, habe aber in der letzten Zeit nur einiges Un⸗ glück gehabt.“— Er faltete abermals ſeine Hände und ließ den Kopf auf die Bruſt herabſinken, während er mit leiſer Stimme wiederholte:„Ja, recht viel Unglück gehabt.“ Der Armenarzt betrachtete ſeinen Freund mit einem faſt ſorgenvollen Blicke, doch klärte ſich ſein Geſicht zu einem Lä⸗ cheln auf, als er mit Beziehung ſagte:„So gewiß Sie aber der un Weih „ Epan bes A jamme Dulci licher über ſagte gut ie denn ich bin zählen. kannten Ihnen u nen⸗ l, aber ie mir 8, die :, das n Sie doch, Ihren, miß⸗ reuloſe heufzer lte die s Un⸗ d ließ leiſer n faſt m Li⸗ aber Das entwendete Concept. 221 der unglücklichſte Ritter ſind, ſo gewiß iſt Dulcinea das ſchönſte Weib auf Erden.“ „Das iſt ſie, Doktor! bei Gott, das iſt ſie!“ gab der Spanier zur Antwort, indem er den Kopf erhob und ſein trü⸗ bes Auge aufflammte.„Sie iſt das ſchönſte, aber auch das jammervollſte Weib auf Erden, wenn ſie auch nicht gerade Dulcinea heißt.“ Als er das Letztere ſprach, ſpielte ein unendlich glück⸗ licher Zug um ſeinen Mund. Darauf fuhr er mit der Hand über die Stirn, ſtrich ſein ſtruppiges Haar in die Höhe und ſagte dann mit hellerem Tone:„Aber laſſen wir das jetzt gut ſein, mein lieber Freund! Es ſind nicht die Vorfälle des geſtrigen Abends, welche mich hieher geführt und die mir Kummer verurſachen; es ſind vielmehr die Vorfälle des heu⸗ tigen Morgens.“— Doktor Flecker blickte den langen Schreiber erſtaunt und fragend an. „Ich erzählte Ihnen,“ fuhr dieſer mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe fort,„von dem Briefe, den ich mich veranlaßt ſah, vor einiger Zeit an meinen bisherigen Prinzipal zu ſchreiben; er wollte indeſſen meine Entlaſſung nicht annehmen, und ſo blieb ich denn in ſeinen Dienſten bis vor einer halben Stunde.“ „Und jetzt haben Sie Ihre Schreibſtube wirklich verlaſ⸗ ſen?“ fragte der Armenarzt mit ernſtem Blicke. „Für immer,— nachdem ich aufs gröblichſte beleidigt worden;— nachdem man mich wie einen Buben behandelt, nachdem man eine entſetzliche Beſchuldigung gegen mich aus⸗ geſprochen.“— Bei dieſen letzten Worten zitterte ſeine Stimme, und er drückte mit den Händen faſt die Lehnen des Armſeſſels zu⸗ 222 Achtundvierzigſtes Kapitel. ſammen, auf welchem er ſaß.„Eine Beſchuldigung gegen mich — Don Larioz, gegen einen Spanier von edler Famillie, ge⸗ gen zeinen Mann, der— ich kann es mit gerechtem Stolze ſagen— die Treue ſelbſt war, der ſeinem Herrn gedient mit beſten Kräften, mit redlichem Willen, freilich nur mit der Feder, aber ohne Furcht und Tadel.“ Der Doktor ließ ſich langſam von der Lehne des So⸗ pha's auf den Sitz hinab gleiten; ja er ſtellte ſeine Pfeife in die Ecke, ehe er ſagte:„Sie ſehen mich aufs höchſte über⸗ raſcht, erſtaunt. Ich verſtehe in der That nicht, von welcher Art von Beſchuldigung Sie eigentlich reden.“ „Mein ehemaliger Prinzipal, Doktor Plager,“ verſetzte der Spanier ſehr gemeſſen und langſam,„vermißt ein Pa⸗ pier, das allerdings auf unerklärliche Weiſe verſchwunden iſt, ein Papier, in gewiſſen Händen von Wichtigkeit, mit Einem Worte: das Concept zum Teſtament des Grafen von Helfen⸗ berg.“ „Ah!“ machte der Armenarzt. „Was könnte mir an dieſem Concepte liegen?“ fuhr Don Larioz faſt heftig fort.„Und doch beſchuldigte er mich mit einfachen Worten, von dem Verſchwinden dieſes Papieres Kenntniß zu haben. Iſt das nicht unerhört?“ „Das iſt allerdings unerklärlich und tief verletzend für Sie. Aber Sie werden ihn mißverſtanden haben; er ſprach wohl im Eifer Dies und Das, und Sie, aufgeregt, wie Sie nun einmal waren, entnahmen aus ſeinen Worten das Schlimmſte für ſich.“ „Seine Worte waren klar und deutlich,“ ſprach Larioz, indem er die Augenbrauen finſter zuſammen zog;„ſo deutlich, daß, wenn er bei jener Scene nicht noch mein Prinzipal ge⸗ weſen ich d ihm mir, ſam. Auge en mich ie, ge⸗ Stolze ent mit nit der über⸗ welcher verſetzte in Pa⸗ een iſt, Einem eelfen⸗ r Don h mit pieres d für ſprach e Sie das Das entwendete Concept. 223 weſen wäre, der überhaupt nur die Feder zu führen verſteht, ich auf anderem Wege Rechenſchaft und Genugthuung von ihm verlangt hätte.— Doch davon ſpäter. Glauben Sie mir, lieber Freund, ich war weder aufgeregt noch unaufmerk⸗ ſam. Er beſchuldigte mich mit deutlichen Worten; in ſeinen, Augen bin ich ein gewöhnlicher, ganz gemeiner Dieb.“ Der Spanier ſprang ſo haſtig in die Höhe, daß die klei⸗ nen Hunde, welche ſchmeichelnd näher geſchlichen waren, voll Schreck unter das Bett zurückfuhren und von dort her ihren Unmuth durch lautes Gebell kund gaben; dann trat er ans Fenſter, legte die Stirn an die Scheiben und blickte in den ſonnigen Tag hinaus. „Wollt ihr ſchweigen, verdammte Beſtien 1“ rief der Ar⸗ menarzt, der innerlich froh über dieſe kleine Unterbrechung war, den Thieren zu.„Wollt ihr euer Gekläffe laſſen, unge— regeltes Volk!— Ja, das iſt allerdings über alle Beſchrei⸗ bung,“ wandte er ſich hierauf an den langen Mann.„Da kann ich Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie die Schreibſtube au⸗ genblicklich verließen. Aber was denken Sie von der ganzen Geſchichte? Sollte das Papier in der That nicht verlegt worden ſein?“ „Das iſt unwahrſcheinlich; wir haben auch alle Orte, wo. es ſein könnte, aufs Genaueſte unterſucht.— Daß er es in jene Mappe gelegt, und ſogar in meinem Beiſein, das muß ich zugeben.“ „Und kannten Sie den Inhalt des Conceptes?“ „Er theilte mir Einiges daraus mit, was aber für mich ohne alles Intereſſe war.“ „Waren es Legate?“ „Ich glaube ſo.“ 224 Achtundvierzigſtes Kapitel. „Nannte er Namen?“ „Wenn ich nicht irre, ja. Da jedoch, wie ſchon bemerkt, die ganze Sache für mich ohne alles Intereſſe war, ſo achtete ich nicht darauf und habe die Namen, die er mir genannt, völlig vergeſſen.“ Der Doktor war dicht vor ſeinen Freund hingetreten, hatte einen der Knöpfe von deſſen Rock gefaßt und drehte ihn zwiſchen den Fingern, wie er zu thun pflegte, wenn er etwas ſprach, wofür er große Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen wollte. „Wenn das verlorene Concept,“ ſagte er,„wie Sie vor⸗ hin bemerkten, für Jemand von Intereſſe ſein kann, ſo iſt es nur für eine Perſon, die in dem Teſtamente bedacht war, und deßhalb wäre es von großer Wichtigkeit, wenn Sie im Stande wären, ſich des Namens einer ſolchen Perſon zu entſinnen. Strengen Sie Ihr Gedächtniß an und erinnern Sie ſich ir⸗ gend einiger Worte des Advokaten, mit denen er Ihnen von dem Concepte redete.“ Don Larioz legte nachſinnend die Hand an die Stirn, während ihm der Doktor mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu⸗ ſchaute und dabei ſagte:„Sprach er vielleicht von lachenden Erben, von einem entfernten Verwandten oder ſo etwas? Beſinnen Sie ſich, es iſt viel daran gelegen.“ „Das Einzige, was mir erinnerlich,“ verſetzte der Schrei⸗ ber nach längerem Nachdenken,„iſt, daß er von Freunden des Grafen ſprach, namentlich von einem, bei dem das ausgeſetzte Legat wie ein Tropfen Waſſer auf den heißen Stein ſeiner Schulden fallen werde.— Ja, das waren ſeine Worte. Auch meinte er, die Legatarien würden viel darum geben, wenn ſie von den Legaten Kenntniß erhalten könnten.“ haſti die e G2 emerk, achtete enannt, treten, te ihn etwas hehmen te vor⸗ iſt es r, und Stande innen. ich ir⸗ n von Stirn, it zu⸗ henden twas? ſchrei⸗ n des eſetzte ſeiner Auch un ſie Das entwendete Concept. 225 „Nannte er die Namen Fremont oder Tondern?“ fragte haſtig der Armenarzt. „Ich glaube wahrhaftig, das waren die beiden Namen, die er genannt,“ gab der Andere eifrig zur Antwort. „Oh, oh,“ rief der Doktor, indem er den Knopf ſeines Freundes losließ, haſtig im Zimmer auf und ab ſchritt und mit den Händen geſtikulirte wie Jemand, der ſeine Augen zu Hülfe nimmt, um ſich eine Sache, über welche er nachdenkt, zurecht zu legen und klar zu machen.„Ja, ja, Tondern und Fremont,“ murmelte er;„die Beiden waren an jenem Abende auch da; ich ſah wohl ihre ſeltſamen Geſichter, als ſich das Teſtament als ein myſtiſches erwies.— Dieſer Tondern, ein lockerer Geſelle, ein anrüchiger Charakter, das weiß Niemand beſſer als ich. Wo habe ich ihn doch neulich geſehen 2— Richtig! bei einem Polen, zu dem man mich rief. Ja, bei jenem Polen, der ein ebenſo verdächtiger Kerl iſt wie der Herr von Tondern.— Gleich und gleich geſellt ſich gern; das kann mir Niemand abſtreiten.— Apropos,“ wandte er ſich an Don Larioz, indem er plötzlich vor demſelben ſtehen blieb,„Sie haben doch gewiß von einem Grafen Czrabowski gehört?“ „Ob ich von ihm gehört habe!“ antwortete lächelnd der Spanier. „Dieſer ſogenannte Graf iſt ein Bekannter des Herrn von Tondern und ſoll ja, wie man hört, die Schwägerin Ihres früheren Prinzipals heirathen. Sie werden mir zugeben, lieber Freund, daß das ein kleiner Lichtſtrahl iſt.“ „Eine ganze Illuminatiön,“ ſagte feierlich der lange Schreiber, während er ſeine Hand gewichtig auf den Arm des kleinen Arztes legte.„Dieſer Czrabowski iſt es, auf den mein Hackländer, Don Quixote. IV 15 4 4 4 1 5 8 1 Achtundvierzigſtes Kapitel. Verdacht fiel, ehe ich noch wußte, daß er mit Leuten wie Herr von Tondern, die im Teſtamente bedacht ſind, in Verbindung ſtehe. Sie wiſſen, unſere Bureaux ſind gut verſchloſſen, ein Einbruch hätte bemerkt werden müſſen, und was ſoll auch ein gewöhnlicher Dieb mit den Papieren machen? Dieſer Czra⸗ bowski aber,“ ſagte er in ſehr langſamem und gewichtigem Tone,„war an mehreren Abenden in der Schreibſtube des Doktor Plager unter Umſtänden, welche ihm geſtatteten, ein ganzes Dutzend Concepte mit gehöriger Ruhe auszuſuchen und zu ſich zu ſtecken.“ „Der Teufel!“ ſagte erſtaunt der Armenarzt.„Woher wiſſen Sie das?“ „Ich weiß es und kann es nöthigenfalls beweiſen,“ er⸗ widerte Larioz mit einem Ausdrucke, der dem Anderen deutlich ſagte, er könne oder wolle ſich jetzt nicht näher erklären. „Sie werden mir zugeben, lieber Freund!“ rief der Dok⸗ tor händereibend aus,„daß uns das in dieſem Labyrinthe vor uns einen feſten Faden in die Hand gibt. Laſſen Sie mich ihn ergreifen, und ich getraue mir faſt einen Ausweg zu fin⸗ den. Nicht wahr, Sie wollen mich gewähren laſſen?“ Der Spanier nickte mit dem Kopfe. „Was Ihre anderen Sachen anbelangt,“ fuhr der kleine Doktor launig fort,„ſo folgen Sie meinem Rath und be⸗ mühen ſich, die Dinge um ſich her mit nüchternen Blicken zu betrachten. Ihr Streben, den Unglücklichen zu helfen, den Bedrängten beizuſtehen, iſt jedenfalls ſehr lobenswerth; doch beherzigen Sie die alten vortrefflichen Sprichwörter: Was dich nicht brennt, das blaſe nicht— kehre vor deiner eigenen Thür, und wo es dich nicht juckt, da kratze auch nicht. Es gibt viele Menſchen, die wollen gar nicht, daß man ihnen vie Herr bindung ſen, ein auch ein 1 Czra⸗ ſichtigem ibe des en, ein ſen und „Voher n,“ er⸗ deutlich r Dok⸗ the vor die mich zu fin⸗ r kleine und be⸗ Blickn n, den ; doch Was eigenen t. Es ihnen Das entwendete Concept. 227 hilft; auch iſt die Zeit vorüber, wo Sie auf das Geſchrei einer Jungfrau, die eingeſchloſſen in ihrem Kämmerlein ſitzt, mit Schild und Schwert herbeieilen können, um ihre Verfolger zu Boden zu werfen. Leider gibt es in unſeren verderbten Tagen bedrängte Damen genug, denen es gar nicht lieb iſt, wenn man ſie aus ihrer Bedrängniß errettet, und die dem Helfer des Teufels Dank dafür wiſſen. Geben Sie mir zu, daß ich in dieſen Punkten Recht habe, und laſſen Sie ſich auch nicht ſo tief mit jener Rotte Korah ein, die im Reib⸗ ſtein ihr Weſen treibt.“ Don Larioz ſchaute mit einem ſchwärmeriſchen Blicke zum Fenſter hinaus, und ein mitleidiges Lächeln ſpielte über ſeine Lippen, als der Andere ſo ſprach.—„Sie ſind eine andere Natur, lieber Doktor,“ gab er alsdann zur Antwort,„und verſtehen den Drang nicht, der in der Bruſt eines ritter⸗ lichen Mannes liegt, den Bedrängten und Hülfloſen beizu⸗ ſtehen, wo es möglich iſt— oder, um mich anders auszu⸗ drücken, Sie verſtehen dieſen Drang wohl, wenden ihn aber auf Ihre eigene Art an. Auch Sie ſuchen ja Nothleidende und Kranke auf, pflegen ſie, lindern ihre Leiden und thun daſſelbe, was auch ich mir zum Lebensziel vorgeſteckt, nur mit andern Mitteln. Sie heilen mit zarten Salben und milden Latwergen, Sie bekümmern ſich um die Wirkungen — ich habe es mit den niederträchtigen Urſachen zu thun; Sie ſpenden den Bedrängten Troſt, ich ſuche den Bedränger ſelbſt zu vernichten, und dabei iſt Ihr Streben gewiß nicht minder groß und edel als das meinige. Ich habe ſchon oft gedacht,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„ob es nicht beſſer wäre, in Ihre Fußſtapfen zu treten und, über Ihr Wirken noch hinaus gehend, mich als büßender Bruder und Kranken⸗ —— ——— — ——, y— —— 228 Achtundvierzigſtes Kapitel. wärter in irgend ein Lazareth aufnehmen zu laſſen. Auch das wäre eine herrliche Beſtimmung, ein ſchöner Beruf, in dem man viel Gutes ſtiften könnte.“— Als der Spanier ſo ſprach, blitzte ſein Auge, und er blickte mit einem unbeſchreiblich gutmüthigen Ausdrucke über Dächer und Schornſteine hinweg in die weite blaue Ferne, wobei er dann nicht bemerkte, daß ihn der Doktor faſt wehmüthig anſah und mitleidig den Kopf ſchüttelte.—„Lei⸗ der kann ich ja nicht zu Pferde,“ fuhr er fort,„wie ich wohl möchte, mit Schild und Lanze, tapfer zerhauen all die Ket⸗ ten und Bande, womit ein Menſch den anderen zu knechten ſucht.“ „Das können Sie in der That nicht,“ entgegnete der Armenarzt.„Darum iſt es vor der Hand beſſer, Alles beim Alten zu laſſen, und wenn Sie mir wohl erlauben, zu bemer⸗ ken, daß es überhaupt thunlich iſt, die Träumereien zu laſſen und uns mit der reellen Gegenwart zu beſchäftigen, ſo werden Sie mir auch Recht geben, wenn ich Ihnen als Arzt ſage, daß es nicht übel wäre, Ihr zerſchundenes Geſicht hier und da mit Bleiwaſſer anzufeuchten. Auch wird ein fleiſchfarbenes engliſches Pflaſter auf Ihrer bläulichen Naſe von ſehr gutem Effekt ſein. Was die Geſchichte mit dem verlorenen Concept anbe⸗ langt, ſo macht es mir Freude, dieſelbe in die Hand zu neh⸗ men; es iſt mir gerade, als kämen wir da an ein ganzes Neſt von Schlechtigkeiten. Ich will es aufſuchen und, wenn ich es gefunden, Sie zur Beſtrafung der Schuldigen herbei⸗ rufen.“ „Ohne Schonung!“ murmelte der Spanier, und darauf biß er die Zähne feſt auf einander. „Wer weiß,“ ſagte der Doktor,„ob Sie im Verlaufe dieſer beim hemer⸗ a mit liſches Effett anbe⸗ neh⸗ anzes wenn erbei⸗ rrauf dieſer Das entwendete Concept. 229 Geſchichte nicht ſogar Ihren langen Stoßdegen gebrauchen können!“. „Das bewillige mir Gott und San Jago!“ Beide ſchüttelten ſich die Hände und Don Larioz verließ das Zimmer. ——„ 8 6—— ö— — — ————— — Neunundvierzigſtes Kapitel. Eugenie und die Freunde. In den Gärten der Stadt, in welcher unſere wahr⸗ haftige Geſchichte ſpielt, fing man an, die winterlichen Hüllen, womit zahlreiche weiche Pflanzen und ſehr viele Bäume vor dem Froſte geſchützt wurden, nach und nach aufzulockern und wegzunehmen. Rhododendron und Achilleen, auch Magnolien ſtreckten zwiſchen den halb entfernten Strohdecken ihre ſchwel⸗ lenden Knospen in die ſchon recht warme Luft hinaus und ſchienen nach langem Schlafe friſch und munter aufzuathmen. Die Fenſter der Frühbeete und Glashäuſer wurden, wenig⸗ ſtens für die Tagesſtunden, überall entfernt, und wo nun der Sonnenſtrahl zwiſchen die grünen Blätter der Geranien, He⸗ liotropen, Betunien und wie all die Pflanzen heißen mögen, behende durchſchlüpfte, um auch im hinterſten Winkel der Häuſer nach ſeinen Kindern zu ſehen, da brachte er zugleich mit einem ſanften, angenehmen Luftzuge ein behagliches Flü⸗ ſtern hervor, und die älteren Pflanzen erzählten dem Nach⸗ wuche Leber und hinau farbi es ol erzäh kühle wahr⸗ üllen, ne vor en und gnolien ſchwel⸗ s und thmen. wenig⸗ un der 1, He⸗ mögen, kel der zugleich e Flü⸗ 1 Nach⸗ Eugenie und die Freunde. 231 wuchs, daß jetzt bald die Zeit komme, wo ſie ihr junges Leben genießen würden, wo man ſie nicht mehr hinter Glas und Strohdecken hielte, wo ſie in die duftende freie Erde hinaus kämen, um ihre Wurzeln auszubreiten und ſchöne, farbige Blüthen hervor zu zaubern. Den Jungen ſchauerte es ordentlich vor Vergnügen, als ſie von all dem Herrlichen erzählen hörten, von warmer, würziger Luft und von friſchem, kühlendem Regen, vom Himmel herab oder aus der Gieß⸗ kanne, und ſie lauſchten dabei aufs aufmerkſamſte all dieſen Wundern, von denen die Alten erzählten, und hofften auch ſo glücklich zu ſein, wie dieſe, und von ihren farbigen Blüthen abgeben zu dürfen, um den Buſen eines ſchönen Menſchen⸗ kindes damit zu ſchmücken. Aber nicht nur Pflanzen und Bäume warfen ihre Glas⸗ und Strohmäntel ab, auch die Menſchen ſchälten ſich aus den dicken Pelzen und Paletots heraus und waren ordentlich froh, endlich wieder einmal von der natürlich gewärmten Luft gefächelt zu werden. Mit beſonderer Luſt erfreute ſich der Portier des gräflich Helfenberg'ſchen Hauſes, Meiſter Jonathan, des außerordent⸗ lich angenehmen Wetters, das als Vorbote des Frühlings gekommen zu ſein ſchien, die Menſchheit auf künftige beſſere Tage vorzubereiten. Der dicke Mann hatte ſeine ſchwere, mit Pelz verbrämte Umhüllung an den Nagel gehängt und ſtand im leichten, einfachen Livreerock an ſeiner Glasthür, wo er die große Treppe des Hauſes und zugleich den Thor⸗ bogen im Auge hatte. Er zog die Luft in vollen Athemzügen an ſich und behauptete gegen den Bereiter Seiner Erlaucht, der neben ihm am Eingange lehnte, er fühle ordentlich, wie ihm das ſtärkend bis ans Herz dringe. 232 Nennundvierzigſtes Kapitel. „Begreife einer die Menſchen!“ ſagte er;„da laſſen ſie ſich den Leib vollpfropfen mit allerhand Pulvern, Latwergen, mit des Teufels Mixturen und haben doch die beſten Heil⸗ mittel für alle ihre Leiden umſonſt und ungemiſcht, wo ſie nur die Naſe hinſtrecken mögen. Ich kann Sie verſichern, Luft und Waſſer ſollten eigentlich die einzige Medicin ſein, die ein vernünftiger Menſch zu ſich nimmt.“ „Ich für meinen Theil,“ antwortete der Bereiter, indem er behaglich an ſich nieder ſah, dann auf ſeine hochgewölbte Bruſt klopfte,„brauche auch bei einem allenfallſigen Unwohl⸗ ſein nie etwas Anderes als kaltes Waſſer und friſche Luft. Ein Bad im Fluſſe und darauf ein Bad in freier Luft, das iſt außerordentlich ſtärkend. Sie aber, Meiſter Jonathan, nehmen doch ſchon zu anderen Mitteln Ihre Zuflucht, denn häufig habe ich den Winter die Camillen⸗Theekanne auf Ihrem Ofen ſtehen ſehen, und dem Boonecamp of Maag-Bitter ſind Sie auch nicht abhold.“. „Das thut unſere verderbte Natur,“ verſetzte der dicke Portier, indem er die Unterlippe vorſchob,„beſonders aber, daß wir in der Jugend unſeren Magen an dergleichen Ge⸗ tränk gewöhnt. Hätte ich Kinder, ich ließe alle ihre Krank⸗ heiten mit Luft und Waſſer kuriren; darauf können Sie ſich verlaſſen. Am Ende iſt Camillenthee und Maag-Bitter auch etwas ganz Ungekünſteltes und unter die Hausmittel zu rech⸗ nen, und da mir, wie geſagt, Waſſer und Luft leider nicht mehr recht dienen wollen, ſo kann ich dagegen mit Stolz ſagen, daß ich von allem Gebräu der Apotheke gänzlich fern geblieben bin und an mir und an Bekannten ſchon die glän⸗ zendſten Kuren mit Hausmitteln gemacht habe. Ich ſage Ihnen, es geht nichts über Hausmittel.“— Er dämpfte ſeine Stimr Freun wenn Wund Man tärte mittel than nger fach unge Capi ande ſei von mäf blich ſſen ſie wergen, n Heil⸗ wo ſie ſichern, ſein, indem ewölbte nwohl⸗ e Luft. t, das nathan, , denn Ihrem er ſind er dicke aber, en Ge⸗ Krank⸗ Sie ſich er auch Ij rech⸗ r nicht Stolz ch fern e glän⸗ h ſoge te ſeine Eugenie und die Freunde. 233 Stimme und legte die rechte Hand an den Mund.„Ja, Freund, ich habe Kuren gemacht und bei Kuren mitgeholfen, wenn ich davon ſprechen wollte, Sie würden Ihr blaues Wunder hören. O Hausmittel, nichts über Hausmittel!— Man ſollte dem Manne, der das erſte Hausmittel angewandt hat, ein Denkmal ſetzen; ich zahlte gern meinen Thaler dazu. — Was bringt unſeren guten Herrn, den Gott erhalten und ſtärken möge, ſo wunderbar wieder auf die Beine? mittel.“ „Wozu Sie auch wohl gerathen haben, Meiſter Jona⸗ than?“ ſagte der Bereiter mit einem pfiffigen Lächeln. „Davon ſpricht man nicht,“ entgegnete der Portier; „genug, das Reſultat iſt da und durch Anwendung der ein⸗ fachſten Hausmittel erreicht. Glauben Sie mir, ich habe einen ungeheuren Reſpekt vor dieſem kleinen Doktor Flecker. Ein Capitalkerl, und gibt ſich gar nicht ſo das Anſehen wie die anderen, als habe er den Verſtand üöffelweiſe gegeſſen und ſei es ihm deßhalb ein Leichtes, ihn auch löffelweiſe wieder von ſich zu geben. Der behandelt Sie ſpielend, ohne über⸗ mäßig viel an den Puls zu greifen oder Sie jeden Augen— blick zur Fratze zu machen, indem er Sie die Zunge heraus⸗ ſtrecken läßt. Er ſagt: Bon jour Meiſter Jonathan, wie geht's? wir ſchlafen nicht ordentlich?— Ja wohl, Herr Doktor, ſage ich. Wir haben keinen Appetit.— Uebelkeiten? — So iſt's.— Pumps dich! habe ich einen Camillenthee, höchſtens etwas Senfteig unter die Füße. Das iſt gerade ſo wie der Weck auf dem Laden; ich ſage Ihnen, der Mann tappt niemals an Einem herum.“ Damit ſtieß Jonathan den Bereiter mit dem Knöchel ſeiner rechten Hand freundſchaftlich auf die Bruſt, wahrſchein⸗ 234 Neunundvierzigſtes Kapitel. lich um denſelben zu einer Anerkennung der Verdienſte des Doktor Flecker zu vermögen, die auch nicht ausblieb, denn der Bereiter gab kopfnickend zur Antwort:„Ja, ein vortreff⸗ licher Arzt, das iſt nicht zu läugnen. Wenn es bei mir einmal etwas zu flicken geben ſollte, ſo wende ich mich an keinen anderen.“ Der dicke Portier hatte ſeine Hände auf dem Rücken vereinigt, ſchob ſeine Unterlippe vor und wiegte den ſchweren Kopf auf und nieder. „Mit dem gnädigen Herrn,“ ſagte er alsdann,„war es Matthäi am Letzten; ich ſage Ihnen, man konnte ſehen, wie ſein Lebenslicht immer ſchwächer brannte, und ich dachte oft daran, daß es endlich ganz erlöſchen müſſe. Und was hat der arme Herr nicht alles gebraucht! Welche Medicinen, Bäder, von allen möglichen Aerzten verſchrieben! Und gerade, daß wir damals mit dieſen Aerzten verkehren mußten, iſt wohl daran ſchuld, daß ich das ganze Geſchlecht derſelben haſſen gelernt.“ Er ballte bei dieſen Worten ſeine Fauſt und drohte ſtill vor ſich hin.—„Zu Zweien und Dreien waren ſie oftmals droben und hielten für des Herrn Grafen ſchweres Geld Conſultationen. Glauben Sie aber, daß ſie die Wahrheit ſagten, um die Seine Erlaucht ſie dringend bat? Nicht ein Einziger, das kann ich Sie verſichern. Oben in den Zim⸗ mern ſprachen ſie voll Hoffnung und voll Ueberzeugung vom Gelingen einer neuen Kur; auf der Treppe aber, da zuckten ſie mit den Achſeln und meinten: natürlicher Weiſe kann da Alles nicht mehr helfen; da geht ſo ein junger Herr her, vergeudet ſeine Lebenskraft— ſo ſprachen ſie— und meint dann, das ließe ſich alles wieder herſtellen. So waren Alle eir lächelten Frage geärgert hoch er ander darin u ſich doc 7 mit der TT Portie aber ſo iſt men! bewlt 1 Wa tere. wie wenn nühr wie wied 1 Au fre Un ſte des , denn vortreff⸗ deii mir nich an Rücken hweren war es en, wie chte oft das hat dicinen, gerade, en, iſt erſelben hte ſtil oftmals Geld gahrheit iicht ein n Zim⸗ g vom zucken ann da rr her, b meint waren Eugenie und die Freunde. 235 Alle einig über den Grund der Krankheit Seiner Erlaucht, lächelten hochmüthig, wenn unſer eins ſich eine ſchüchterne Frage oder Einrede erlaubte. Wiſſen Sie, das hat mich oft geärgert, wenn ſie ſo händereibend vor mir ſtanden, mit hoch erhobener Naſe, und mit dem gewiſſen Lächeln zu ein⸗ ander ſagten: es iſt das und das Uebel, wir können uns darin nicht irren.— Ja, proſit die Mahlzeit! und ſie haben ſich doch geirrt.“ „Nicht wahr,“ meinte der Bereiter beiſtimmend, indem er mit dem Kopfe nickte,„man ſpricht von einer Vergiftung?“ „Man denkt nur ſo etwas,“ verſetzte wichtig der alte Portier;„aber man ſpricht nicht gern darüber. Wenn das Uebel aber da liegt, was ich, unter uns geſagt, zuverſichtlich glaube, ſo iſt dem der kleine Armenarzt zuerſt auf die Spur gekom⸗ men und hat die Krankheit da angegriffen, wo ſie allein zu bewältigen iſt.“ „Durch Hausmittel?“ fragte lächelnd der Bereiter. „Durch Hausmittel!“ erwiderte beſtimmt der Andere, „Waſſertrinken, friſche Luft, Kräuterbäder, namentlich das Letz⸗ tere. Ich ſage Ihnen, oft duftet es droben in den Zimmern, wie in einem Walde zur Zeit des geſegneten Monats Mai, wenn es geregnet hat.“ „Dem mag nun ſein, wie ihm will, ſo iſt das nicht ab⸗ zuſprechen, daß Seine Erlaucht ſich ſeit den letzten Monaten wie durch Zauberkraft geändert hat. Iſt, er doch geſtern wieder im Reithauſe zu Pferde geſtiegen! Meiſter Jonathan, ich bin ein alter Soldat, aber mir trat das Waſſer in die Augen, als mir Seine Erlaucht mit einem ſo unausſprechlich freudigen Blicke ſagte: Ich glaube wahrhaftig, es geht wieder. Und es ging in der That wieder ſo, daß die Stallleute, die 236 Neunundvierzigſtes Kapitel. dabei ſtanden, Maul und Naſe aufſperrten. Natürlich fehlte noch viel gegen früher, doch muß ich Ihnen geſtehen, daß ich erſt beim Anblicke des Herrn zu Pferde wieder wirkliche Hoffnung gefaßt habe.“ „Und wie er die Treppen ſteigt!“ meinte der Portier mit leuchtendem Blick;„ja, das iſt was ganz Anderes als im vergangenen Herbſt. Seht, wenn mir unſer Herrgott in meinen alten Tagen noch einmal die Freude gäbe, das erlauchte Haus im alten Glanz und in der alten ſo nothwendigen Pracht erſtehen zu ſehen, nur auf kurze Zeit die Freude ließe, dann wollte ich meinen Amtsſtab mit Freuden für immer in die Ecke ſtellen.— Jetzt aber,“ unterbrach er ſich plötzlich, indem er ſich lauſchend in den Thorweg vorbeugte,„wollen wir ihn zur Hand nehmen, denn mein geübtes Ohr ſagt mir, daß Beſuch kommt.“ Bei dieſen Worten griff er nach ſeinem Stocke, der hinter ihm am Treppengeländer lehnte und der heute ein viel leich⸗ terer war als noch vor kurzer Zeit, wo Jonathan bei dem dicken Pelzüberwurfe eine förmliche ſilberne Keule zu tragen pflegte. Er verſtand es, Unterſchiede zu machen. In Betreff des ankommenden Beſuches hatte er ſich nicht geirrt; denn ſchon nach wenigen Augenblicken ſchoſſen ein paar flüchtige Pferde unter den Thorbogen, und der Kutſcher auf dem Bock des kleinen Broughams, der herein rollte, ließ ſeine Thiere im ſcharfen Trabe gehen bis an die Treppe, um dieſelben dort kurz und elegant zu pariren, wobei er freundlich lächelte, und ſowie der Wagen ſtand, den Knopf ſeiner Peitſche auf den rechten Schenkel aufſtützend, regungs⸗ los ſitzen blieb und nur ſein gekniffenes rechtes Auge Meiſter Fonathau ſpendete. Ba Zurücktt ihm ohn ſi.. Che den Ber hauſe ab W Freunde fierübe erſtatte wir de um ein kabinett ich fehlte ſeen, daß virlice Portier Hals im rgott in erlauchte vendigen de ließe, rinmer plützich, ollen wir agt mir, r hinter el leich⸗ bei dem tragen ſch nicht ſſen ein Kutſcher ſe, ließ Treppe, obei er Knopf egungs⸗ Meiſter Eugenie und die Freunde. 237 Jonathan, ſowie dem Bereiter einen freundlichen Gruß ſpendete. Baron von Breda ſprang aus dem Wagen, und das Zurücktreten des Portiers, ſowie deſſen tiefe Verbeugung ſagten ihm ohne Frage und Antwort, daß Graf Helfenberg zu Hauſe ſei. Ehe er aber die Treppen hinanſtieg, wandte er ſich an den Bereiter mit der Frage, wie die geſtrige Tour im Reit⸗ hauſe abgelaufen ſei. Während der Stallmeiſter Seiner Erlaucht dem genauen Freunde deſſelben und trefflichen Reiter und Pferdekenner hierüber einen weit genaueren und umſtändlicheren Bericht erſtattete, als er vorhin Meiſter Jonathan gegeben, erſuchen wir den geneigten Leſer, mit uns die Treppen hinan zu eilen, um einen Augenblick vor dem Baron von Breda im Schreib⸗ kabinette des Hausherrn anzukommen. Hier war das große Fenſter weit geöffnet, und Sonnen⸗ glanz drang mit angenehmer warmer Luft in das Zimmer. Graf Helfenberg ſtand an ſeinem Schreibtiſche, auf welchen er leicht die rechte Hand geſtützt hatte, und ſeine ganze Hal⸗ tung zeigte an, daß es ihm ungleich weniger Mühe mache, ſelbſt ohne Stock ſogar längere Zeit aufrecht zu ſtehen, als noch vor wenigen Wochen. Auch hatte ſein Geſicht einen ganz anderen Ausdruck angenommen; ſeine immer noch etwas ſchlaffen, bleichen Züge drückten nicht mehr gänzliche Hoff⸗ nungsloſigkeit aus, ſie ſprachen nicht mehr von dem Ende eines gewaltſam zerſtörten Lebens, ſie zeigten nicht mehr jenes erſchreckende unheimliche Muskelſpiel, deſſen Eindruck noch erhöht wurde durch die fieberhaft leuchtenden Augen— nein, dieſe Züge waren ruhiger geworden, ſie gaben das Bild eines Mannes, der lange an einer ſchweren Krankheit 238 Neunundvierzigſtes Kapitel. darnieder gelegen, gänzlich aufgegeben, der nun aber auf einmal wieder empfindet, daß doch noch eine Heilung für ihn möglich ſei, und auf deſſen Geſicht ſich dieſes wonnige Ge⸗ fühl in neu erwachter Hoffnung rührend ausſpricht. Seine 3 Lippen zuckten nicht mehr, wie ſie das früher gethan, ſier 41 waren leicht geöffnet, hatten ſich wieder ſanft geröthet und waß, zeigten, was ihm allein noch von der Friſche und dem Glanze ünnn genann der Jugend übrig geblieben war— ſeine herrlichen Zähne. Auch die Augen hatten, wie ſchon bemerkt, jenen Glanz ver⸗ 3 loren, der, ein Beweis von fieberhafter Aufregung, erſchreckte das G und faſt unerträglich wurde, wenn der Graf längere Zeit über etwas mit Intereſſe ſprach. Daß der Stock, auf den thue, er ſich bis jetzt bei jedem Schritte geſtützt, nicht mehr neben alle dem Tiſche, ſondern in einer entfernten Ecke lehnte, war ebenfalls ein gutes Zeichen. ſo ei Der Jäger Klaus ſtand vor ſeinem Herrn und ſchien Baro ihm gerade etwas berichtet zu haben, was dieſem wichtig ſichd genug erſchien, um in geſpannter Aufmerkſamkeit einen Schritt näher zu treten. „Nun,“ ſagte er,„wie ich aus Erfahrung weiß, hat es gen immer etwas ganz Beſonderes zu bedeuten, wenn ſich Herr heit Fraucois bei dir ſehen läßt. Iſt's nicht ſo?“ „Ja, Erlaucht, es war immer ſo— und auch dieſes Mal wieder,“ ſetzte Klaus zögernd hinzu. ſid „So laß hören. Viel Gutes wird es nicht geweſen ſein;— denn wenn der Italiener redſelig wird, wie du mir ſagſt, daß Nera er geweſen, ſo hat er eine Abſicht dabei. Sonſt iſt dieſer pfle Kerl verſchloſſen wie ein Grab.“ „Er kam alſo zu mir,“ berichtete der Jäger,„erkundigte ſetz ſich nach dem Befinden Eurer Erlaucht, ſprach über Dies und aber auf für ihn nige Ge⸗ . Seine han, ſie thet und Glange Zähne. lanz ver⸗ erſchreckte gere Zeit auf den ehr neben ite, war d ſchien wichtig n Schritt ch dieſes ſen ſein; gſt, daß ſt dieſer rkundigte dies und Eugenie und die Freunde. 239 Das, erwähnte auch des Hauſes des Barons von Breda, und dabei des gnädigen Fräulein Eugenie.“ Die Stirn des Grafen verfinſterte ſich, als er kurz fragte:„Und was wußte er über ſie?“ „Es war eigenthümlich,“ gab Klaus lächelnd zur Antwort, „daß, ſo redſelig auch Francois vorher war, er nun mit einem Male zurückhaltend wurde, ſo wie er die junge Dame genannt hatte.“ „Maske!“ ſagte der Graf.„Und alsdann nahmſt du das Geſpräch auf?“ „Allerdings nahm ich es auf; ich ſagte, wie leid es mir thue, das liebe Fräulein nicht mehr zuweilen zu ſehen; wie alle ſo dächten, die das Glück hätten, in ihrer Nähe verweilen zu dürfen, wie es jetzt bei den Eltern des Fräulein Eugenie ſo einſam ſein müſſe und wie das ſtille Haus des Herrn Baron von Breda jetzt gewiß nicht mehr zu kennen ſei, ſeit ſich das gnädige Fräulein dort befinde.“ „Nun?“ ſprach faſt ungeduldig der Graf. „Francois gab alles das zu, er war des Lobes der jun⸗ gen Dame voll, und ſagte: Man könnte den Mann in Wahr⸗ heit glücklich ſchätzen, der ihre Hand erhalten würde.“ „So, ſo? Und darauf gingſt du ein?“ „Natürlicher Weiſe. Ich meinte, das gnädige Fräulein ſei doch noch zu jung, um ſchon ans Heirathen zu denken. — CEuer Erlaucht werden mir verzeihen, aber ich erzähle gerade ſo, wie es war und wie wir unter uns zu ſprechen pflegen.“ „Das hoffe ich,“ gab Graf Helfenberg zur Antwort und ſetzte dann haſtig und augenſcheinlich mit großem Intereſſe —— 240 Reunundvierzigſtes Kapitel. hinzu:„Du ſagteſt alſo, Eugenie ſei noch zu jung zum Hei⸗ rathen; nun—?“ „Darauf lächelte Frangois auf ſeine ſeltſame Weiſe und meinte, das fänden gewiſſe andere Leute durchaus nicht.“ „Gewiſſe andere Leute— wen meinte er damit?“ „Die Namen ließ er mich lange vergeblich errathen.“ „Du wirſt ſie mir aber hoffentlich in kürzerer Zeit ſagen!“ „Er nannte den Herrn von Tondern, der—“ „Bah! was will der Tondern!“ rief der Graf mit Ge⸗ ringſchätzung. „Verzeihen Erlaucht, er nannte den Herrn von Tondern, der im Auftrage des Herrn Baron von Fremont bei der gnädigen Frau von Braachen geweſen ſei und—“ „Ah! Fremont, das iſt ſchon etwas mehr, aber auch nicht viel.“— Der Graf ſchlug die Arme über einander und wandte ſich dem Fenſter zu, wo er eine Zeit lang tief nach⸗ denkend in die Gegend hinausblickte, dann ſchüttelte er mit dem Kopfe und ſagte, indem er ſich an den Jäger wandte: „Freund Klaus, mir ſcheint, der liſtige Italiener hat dir ein Märchen aufgebunden; ich glaube von der ganzen Geſchichte nicht ein Wort. Verſtehe mich wohl,“ ſetzte er haſtig hinzu, als er bemerkte, wie ihn der alte Diener erſtaunt, faſt betrübt anſchaute,„ich meine, daß Francois dir, zu Gott weiß wel⸗ chem Zwecke, dieſe gewiß falſchen Neuigkeiten mitgetheilt.— Glaubſt du nicht auch,“ fragte er dringend,„daß der Kam merdiener ſeine Gründe haben könnte, von einer derartigen Verbindung zu fabeln?“ „Dazu könnte er vielleicht ſeine Gründe haben,“ er⸗ widerte der Jäger nach einer Pauſe;„aber ebenſo gut könnte etwas könnte denke dend zuzu zu lich, irgen einen nit Ge⸗ ondern, bei der er auch der und e nach⸗ er mit wandte: dir ein zeſchichte g hinzu, betrübt eiß wel⸗ eilt.— r Kam⸗ rartigen n,“ er⸗ t könnte Eugenie und die Freunde. 241 er einen Zweck damit verbinden, mir von einer wirklichen Thatſache zu ſprechen. Was er in dieſem Falle erreichen will, kann ich nicht errathen; daß aber Frangois mich nicht ohne Abſicht in ſein Vertrauen zog, wiſſen Euer Erlaucht beſſer als ich.“ 5 „Das iſt richtig,“ verſetzte Graf Helfenberg, nachdem er einen Augenblick nachgedacht.„Dieſer Menſch hat noch nie etwas ohne Abſicht gethan.— Du haſt Recht, Klaus, etwas könnte da vorgefallen ſein. Aber Fremont, was ſollte er denken? Meint denn dieſer Fremont,“ fuhr er heftiger wer⸗ dend fort, aber wie mit ſich ſelber ſprechend,„er brauche nur zuzugreifen, um dieſe wunderbare Blüthe an ſeine leere Bruſt zu ſtecken?— Und Tondern ſei da geweſen?— Wahrſchein⸗ lich, um das Terrain zu recognosciren.— Dahinter ſteckt irgend eine Schelmerei.—— Gott ſei Dank!“ ſprach er mit einem Blicke, den er durch das Fenſter an den blauen Him⸗ mel emporſandte,„ich fühle wieder Kraft in mir, um das arme Mädchen noch bei meinen Lebzeiten ſchützen zu können.“ Der Graf verbarg die rechte Hand auf ſeiner Bruſt und ging mit ſo raſchen und feſten Schritten im Zimmer auf und ab, daß der alte Jäger die Hände faltete, ihm mit frohem Blicke und einem unendlich glücklichen Lächeln nachſchaute und dann mit der Hand über ſein Geſicht und ſeinen Bart fuhr. „Die Sache hat bei alle dem keinen rechten Verſtand,“ ſprach Graf Helfenberg mit halblauter Stimme, als er wie⸗ der an das Fenſter getreten war.„Dieſer Fremont— im Grunde ein guter Kerl— iſt ſparſam, in gewiſſen Fällen geizig, dabei ein ſpeculativer Kopf. Wie oft haben wir ihn im Scherze ermahnt, endlich einmal ſeine Junggeſellenwirth⸗ Hackländer, Don Quixote. IV. 16 242 Neunundvierzigſtes Kapitel. ſchaft aufzugeben, und beſtändig die Antwort erhalten: Sucht Bergen mir ein ſchönes, vor allen Dingen aber ein reiches Mädchen! die ihm Und die letzte Bedingung mußte er ſtellen, denn er hat nicht bliche ſo ſo viel, um von dem Seinigen allein mit einer Frau an⸗„ ſtändig leben zu können.— Wenn ich todt wäre,“ fuhr er und wa mit einem trüben Lächeln fort,„ſo begriffe ich wohl, daß er Stunde und vielleicht noch mancher Andere ſich um die herrliche, glaubſt ſchöne und reiche Beſitzerin der Stromberg'ſchen Güter be⸗ noch ni werben würde.“ er leiſe Der junge Mann verſank in tiefes Nachſinnen, in ein Dankbe 1 Nachſinnen, das wohl Anfangs peinliche Gefühle in ihm T a erweckte, denn ſein Blick verfinſterte ſich, er preßte die Lippen und de ₰ auf einander und drückte die zuſammengeballte rechte Hand von T feſt auf die Ecke des Schreibtiſches; dann aber klärten ſich ſeine Züge wieder auf, er athmete tief, und um ſeinen zier⸗ Klaus lichen hübſchen Mund ſpielte ein, wenngleich wehmüthiges, blitlih Lächeln, als er nach einem leichten Seufzer ſagte:„Und 6 wenn auch! Iſt es nicht meine Abſicht geweſen, ſie, die ich gllaſe ſo innig, die ich ſo herzlich liebe, glücklich zu machen? Soll Breda ich Neid und Eiferſucht bis über das Grab hinaus tragen,— und ſoll ich es ihr nicht gönnen, wenn ſie mit ihrem warmen ſinen Herzen an der Seite eines Gatten glücklich lebt, nachdem ſonſt mein Herz, das nur für ſie ſchlägt, erkaltet iſt und ſtille aff ſteht?— Ah, ich bin doch ein ſchwacher Menſch mit wider⸗ die ſtreitenden Gefühlen! Fort mit dem Ausmalen von Gedanken, Siim gegen die meine innige, uneigennützige Liebe am Ende doch nicht ſiegreich ankämpfen könnte! Eugenie, Eugenie! Wie Gri kann man Jemand ſo lieben, wie ich dich liebe!“ mit Graf Helfenberg legte beide Hände an ſeine Stirn, warf a dann einen langen, langen Blick hinüber nach den fernen Surnht dädchen! at nicht au an⸗ fuhr er daß er errlich, ter be⸗ in ein in ihm Lippen : Hand en ſich en ziet⸗ tthiges, „Und die ich ) Soll tragen, varmen achdem d ſtille wider⸗ danken, e doch Wie 1 warf fernen Eugenie und die Freunde. 243 Bergen, wo ein dunkles Tannenholz die Stelle bezeichnete, die ihm die ſüßeſten Augenblicke ſeines Lebens bei jedem An⸗ blicke ſo wahr und lebendig ins Gedächtniß zurückrief. „— Für deine Nachricht danke ich dir beſtens, Klaus, und was das Andere anbelangt, ſo vergiß nicht, mir die Stunde genau und ſo früh als möglich anzugeben. Du glaubſt alſo wirklich, daß ſie kommen wird? Ich kann mir's noch nicht denken. Es würde mich zu glücklich machen,“ ſetzte er leiſe hinzu.—„Aber ſpare keine Mühe und ſei meiner Dankbarkeit gewiß.“ Die Thür zum Schreibzimmer wurde geräuſchlos geöffnet, und der Kammerdiener des Grafen meldete den Herrn Baron von Breda, der ſchon auf der Treppe ſei. „Sehr willkommen!“ ſagte der Hausherr und machte gegen Klaus eine freundliche Handbewegung, worauf dieſer augen⸗ blicklich verſchwand. Graf Helfenberg hatte ſich eben in den Seſſel nieder⸗ gelaſſen, der vor dem Schreibtiſche ſtand, als George von Breda ins Zimmer trat. Dieſer ſah etwas bleicher aus als gewöhnlich, und auf ſeinem Geſichte war ein gewiſſer Ernſt zu leſen, den man ſonſt nicht an ihm gewohnt war. Doch klärte ſich ſeine Stirn auf, als er ſah, wie ihm ſein Freund ſo heiter, faſt fröhlich die Hand entgegenſtreckte und ihm mit friſch klingender Stimme einen guten Tag wünſchte. „Gott ſei Dank!“ ſagte der Baron, nachdem er den Grafen einen Augenblick aufmerkſam betrachtete,„dein Bereiter, mit dem ich drunten ſo eben ſprach, ſcheint nicht übertrieben zu haben. Es geſchehen wahrhaftig Wunder. Du haſt dich 244 Neunnndvierzigſtes Kapitel. in den paar Tagen, in welchen ich dich nicht geſehen, wieder auf merkwürdige Art verändert.“ „Ja, der Himmel ſei gelobt, ich fühle mich in der That wohler. Und wenn das nicht einzig und allein der belebende Hauch des Frühlings iſt oder der Anfang des Endes, wo die Lebensgeiſter, wie man ſagt, ſich noch einmal zum letzten Aufflackern zuſammenraffen, ſo könnte ich in den für mich unerhörten Fall kommen, wieder ein klein wenig Hoffnung zu ſchöpfen.“ „Nicht ein klein wenig,“ gab der Baron mit Wärme zur Antwort,„eine große Hoffnung. Für deine Freunde, die dich lieben, ſpricht ſie aus deinem vollkommen veränderten Blicke, aus deinen wieder gerötheten Lippen. Dein Arzt muß ein Wunderthäter ſein.“ „Das gerade nicht,“ entgegnete lächelnd Graf Helfenberg, „er hat ſich nur die Mühe gegeben, meinen Zuſtand von einer anderen Seite zu betrachten, als es ſeine vornehmeren Collegen bis jetzt gethan.“ „Entgegen deren Anſicht,“ fiel ihm George von Breda ins Wort,„ſchreibt er deine Krankheit einer Vergiftung zu, wie man hört. Haſt du denn deinen früheren Aerzten nie auf eine ähnliche Spur geholfen?“ „Ich habe ihnen vom Anfange meiner Krankheit,“ ſprach ruhig der Hausherr,„nicht weniger erzählt als dem Doktor Flecker, habe aber wohl ihre Blicke verſtanden, mit welchen ſie einander anſchauten, ihr leichtes Achſelzucken, und daraus, wie auch aus den Mitteln, welche man bei mir hartnäckig anwandte, kam es, daß ich am Ende ihrer Anſicht beipflichtete.“ „Nun, dieſer Arzt kam noch zur rechten Zeit,“ ſprach der Baron und legte dabei ſeine Rechte mit einem herzlichen Drucke das Ur 5 dann Augen druce feinſte beabſt währe dort Geſt raſch gero Land die jahr vieder er That eelebende des, wo n letzten ür mich ung zu tme zur die dich Blick, nuß ein fenberg, nd von ehmeren Breda ung zu, zten nie a ſprach Doktor welchen daraus, armäciig lichtete.“ rach der erzlichen Eugenie und die Freunde. 245 Drucke auf die feine Hand des Grafen;„der Himmel ſei für das Ungefähr geprieſen, welches ihn dir zugeführt.“ „Amen!“ ſagte Graf Helfenberg mit weicher Stimme; dann hielt er ſeine Hand ein paar Sekunden lang vor die Augen und ſchaute, als er ſie wieder entfernte, mit einem Aus⸗ drucke ſtiller Freude abermals nach den fernen Bergen hin. Der Anblick derſelben brachte ihm mit einem Male wieder das Geſpräch lebhaft vor die Seele, welches er vorhin mit dem Jäger Klaus geführt und das ihn faſt noch ſtärker be⸗ ſchäftigte als ſein eigenes Leiden mitſammt den Hoffnungen, zu denen er wohl berechtigt war. Wenn die Sache von Francois nicht erfunden war, ſo mußte George darum wiſſen; George aber war als ſehr ſchweigſam bekannt und der ge⸗ wandteſte ſeiner Freunde nicht im Stande, ihm mit den feinſten Redekünſten etwas zu entlocken, das er nicht zu ſagen beabſichtigte.— Sprechen wir ihn darüber, dachte der Graf, während ſein Freund vor den Kamin getreten war und ſich dort eine Cigarre anzündete. Sagen wir ihm gerade ins Geſicht, was ich gehört, vielleicht geſteht er in der Ueber⸗ raſchung mehr als bei einem leiſe fühlenden Geſpräch. Der Baron hatte ſich einen Fauteuil an den Schreibtiſch gerollt, ließ ſich darauf nieder und blickte in die ſonnbeglänzte Landſchaft hinaus. „Das ſind prachtvolle Tage,“ ſagte er,„und wenn uns die nicht betrügen, ſo werden wir ein unvergleichliches Früh⸗ jahr haben.“ „Gewiß unvergleichlich,“ gab der Graf zur Antwort; dann aber richtete er ſich etwas in die Höhe, ſchaute ſeinen Freund mit einem Lächeln an und ſprach, indem er demſelben ſeine Hand darreichte:„Du haſt mir zu meinem veränderten 4 246 Neunundvierzigſtes Kapitel. Ausſehen Glück gewünſcht, es iſt nicht mehr als billig, daß ich 1 dir Gleiches mit Gleichem vergelte. Eine Gratulation aber herver über deine vortreffliche Geſundheit wirſt du nicht von mir er⸗ 16 warten; ich habe dieſe nie, anders gekannt, und deßhalb gilt wchen mein Glückwunſch einem frohen Ereigniß, welches nächſtens für 8 deinem Hauſe bevorſteht.“ 4A Seine Stimme ſchwankte ein wenig, als er ſo ſprach,. auch blickte er mit großer Spannung auf die Züge ſeines teglit Freundes, die keine kleine Erwartung zeigten.„Wie man warf vernimmt,“ fuhr Graf Helfenberg in langſamem Tone fort, mit! „iſt ja deine ſchöne und liebenswürdige Nichte im Begriff, Geſch eine Verbindung mit unſerem gemeinſchaftlichen Freunde, dem tulire Baron Fremont, einzugehen.“— Er hatte es nicht über ſich gewinnen können, das Wort Heirath auszuſprechen. Seine Doch Worte aber machten einen gewaltigen Eindruck auf Herrn wünd von Breda. Unde Mit einem ſtarren Blicke ſchaute dieſer den Grafen an; hinz er zuckte ordentlich zuſammen, worauf er vergeblich zu lächeln verſuchte; er brachte auch kaum mühſam hervor:„Wer ſagt ſaß, das? Woher haſt du dieſen Unſinn?“ ſchle Graf Helfenberg fühlte einen plötzlichen Schmerz in der die! Bruſt, als er die Erſchütterung ſeines Freundes bemerkte. Ja, nenn es war etwas daran, ſonſt hätte ihm George von Breda un⸗ vich befangen geantwortet und ruhig lächelnd die Achſeln gezuckt, Aus wie er in ähnlichen Fällen zu thun pflegte. bere „Verzeihe mir, wenn ich vielleicht indiscret war und eine drir Sache zur Sprache brachte, die noch geheim gehalten werden ſoll. Ich kann dir aber verſichern, daß die Quelle, aus welcher ern ich meine Nachricht habe, ebenſowenig eine ſchlechte iſt, wie ſie get auch nicht für mich allein fließt.“ daß ich in aber nir er⸗ alb gil ichſtens ſprach ſeines man e fort, Begriff e, dem ber ſich Seine Herrn en an; lächeln er ſagt in der te Ja, da un⸗ gezuck, nd eine werden welcher wie ſie Eugenie und die Freunde. 247 „Und dieſe Quelle?“ brachte George von Breda mühſam hervor. „Thut ja nichts zur Sache,“ antwortete der Graf aus⸗ weichend.„Mir ſchien das Ereigniß wichtig genug, um dir für die ſchöne junge Dame meine beſten Wünſche zu übergeben. — Willſt und kannſt du ſie annehmen?“ Dieſe letzten Worte waren von einem ängſtlichen Blicke begleitet, den aber der Baron nicht zu bemerken ſchien. Er warf den Kopf unmuthig auf und ſagte nach einer Pauſe mit rauhem Tone:„Und wenn etwas Wahres an dieſer Geſchichte ſein könnte, würdeſt du mir und Eugenien gra⸗ tuliren?“ Ah, es iſt ſo! dachte der Graf mit tiefem Schmerz. Doch zwang er ſich zu einem Lächeln, als er verſetzte:„Ich würde dir in der That meinen Glückwunſch lieber für etwas Anderes dargebracht haben. Aber,“ ſetzte er kaum hörbar hinzu,„des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich.“ George von Breda hatte den Fauteuil, in welchem er ſaß, mit einem kräftigen Ruck auf die Seite gedreht und ſchleuderte die Aſche ſeiner Cigarre weit von ſich.„Thu mir die Liebe, Hugo,“ ſprach er alsdann mit ſtarker Stimme,„und nenne mir deine Quelle; ich müßte mich ſehr irren, wenn es nicht Leute gäbe, die ſich ein Geſchäft daraus machen, durch Ausbreiten von dergleichen Nachrichten die Betreffenden vorzu⸗ bereiten, wenn nicht gar zu compromittiren. Ich bitte dich dringend, ſage mir, woher haſt du dieſe Nachricht?“ „Ich will— dir daraus— kein Geheimniß machen,“ erwiderte der Andere, wobei ſeine Worte durch tiefe Athemzüge getrennt wurden.„Vorher aber erkläre mir, wie ein ſo wun⸗ —— 248 Nennundvierzigſtes Kapitel. derbares Mädchen, wie Eugenie ſein ſoll, mit einem Fremont bugen fürlieb nehmen kann.“ Mhüli „Das wäre am Ende zu erklären,“ gab Baron von hinzu, Breda mit einem finſteren Blicke zur Antwort;„unerforſchlich du ſei ſind die Launen der Weiber; nicht zu berechnen ihr Geſchmack. Doch ſtehen hier die Sachen anders. Ich will dir nicht läug⸗ ¹ nen, daß es mir ſcheint, als wenn Fremont ſich in der That 8 ric um die Hand Eugeniens bemühen möchte.— Aber deine hüren. Quelle!“ „Alſo von einer von beiden Seiten projektirten Verbin⸗ dung,“ gab der Graf, die Frage ſeines Freundes überhörend, regun zur Antwort,„iſt noch nicht die Rede?“ Arm „Glaube meiner Verſicherung,“ verſetzte George von niele Breda unmuthig,„was ich ſelbſt weiß, kommt aus einer dieſer dritten Hand, welche ſich für dieſe Verbindung leider zu in⸗ Vorb tereſſiren ſcheint. Aber jetzt ſage mir, woher haſt du deine Geſch Nachricht?“ eine „Auch aus einer dritten, vielleicht einer vierten Hand,“ er erwiderte Graf Helfenberg mit einem Lächeln, welches Beru⸗ Seit higung ausdrückte.„Mittelbar von dem Kammerdiener der muß Baronin von Braachen.“ wer „Ah, dieſer Schurke!“ rief Herr von Breda aus. ſcha „Siehſt du, wie wahr es iſt, daß es Leute gibt, welche von hoch einer ſolchen Verbindung ſprechen, um die Betreffenden zu mei compromittiren!“ „Alſo Alles in Allem genommen, hat Fremont um die Er Hand deiner Nichte angehalten?“ inn „Gott ſoll mich bewahren! So weit ſind wir noch nicht,“ wit ſagte der Baron erſchrocken.„Die Sache liegt einfach ſo: Fre⸗ Au mont hat durch Tondern anfühlen laſſen, was die Mutter remont in von rſchich chmad läug⸗ That deine erbin⸗ örend, e von einer au in⸗ deine and,“ Beru⸗ Eugenie und die Freunde. 249 Eu eniens von dieſer Verbindung halten würde, und die Mutter Eugeniens,“ ſetzte er mit einem unheimlichen Lachen hinzu,„ſcheint dieſer vortheilhaften Verbindung nicht abgeneigt zu ſein.“ „Und deine Frau?“ Der Andere zuckte mit den Achſeln.„Auch ihr ſcheint es nicht unpaſſend, Eugenie— Baronin Fremont nennen zu hören.“ „Und du?“ fragte Graf Helfenberg mit ſteigender Angſt. „Ich?“ rief George von Breda, indem er in großer Er⸗ regung aufſprang,„nie! nie!“ Dabei warf er ſeinen kräftigen Arm wie abwehrend von ſich, um gleich darauf ſein„nie! nie!“ mit weicherer Stimme zu wiederholen.„Was will dieſer Fremont? Was fällt ihm ein, ſo plötzlich, ohne alle Vorbereitung ſeine Hand zu öffnen, um dieſes wunderbare Geſchöpf an ſich zu ziehen, ſie zu nehmen, wie man irgend eine Waare kauft?— Ich habe mir immer gedacht,“ ſprach er mit bewegtem Tone,„wer ein Mädchen wie Eugenie die Seinige nennen will, der muß ſie leidenſchaftlich lieben, der muß ſich ihr demüthig nahen, innig und herzlich um ſie werben, der muß in namenloſer Spannung auf ihre Augen ſchauen, zuſammen ſchauern bei einem kalten Blick, himmel⸗ hoch aufjauchzen, wenn ſie ihn liebend anſieht.— So meine ich.“ „Ja, das müßte er,“ pflichtete der Graf träumeriſch bei. Er war den Worten ſeines Freundes gefolgt; dieſelben aufs innigſte mit empfindend, hatte er die Aufregung nicht bemerkt, mit der George von Breda ſprach, nicht deſſen flammendes Auge, nicht die ganze wilde Gluth, die in eben dieſen Worten 250 Neunundvierzigſtes Kapitel. lag, namentlich in dem Tone, mit dem der ſonſt ſo ruhige Mann ſie hervorſtieß. „Und ſo ein Fremont,“ fuhr der Baron gemäßigter fort, „der ſeit Jahren dieſes Mädchen ſah, ohne ſo viel dabei zu denken, als ich beim Betrachten dieſes herrlichen Frühlings⸗ tages, kommt nun daher, um eine Roſe an ſeine Bruſt zu ziehen, die doch wahrlich nicht für ihn erblüht.— Findeſt du das begreiflich?“— Er ſchlug heftig die Arme über einander. „Bei jedem Anderen wohl,“ ſagte Helfenberg, vor ſich niederblickend,„bei Fremont nicht, der ruhig, kalt und berech⸗ nend iſt.“ „Das iſt auch meine Idee.— Du wirſt dich erinnern, Hugo, wie oft wir dieſem Fremont in Scherz und Ernſt zu⸗ ſprachen, ſich zu verheirathen. Was war ſeine beſtändige Ant⸗ wort? Sucht mir eine Partie, meine Zukünftige— dieſer triviale Ausdruck tritt mir immer wieder vor die Seele— muß ſchön und reich ſein.“ „Schön iſt Eugenie,“ meinte der Graf. „Aber reich iſt ſie nicht,“ ſprach der Andere.„Hätte ihn ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit gewonnen, ſo müßte er, wie ich vorhin ſagte, ſchon lange demüthig— im Staube um ſie geworben haben.— Wahrhaftig, Hugo,“ fuhr er nach längerem Nachſinnen fort,„wenn ich mir die Sache recht überlege, ſo iſt es mir gerade, als ſei dieſem Mädchen unverhofft ein ungeheures Vermögen zugefallen, von dem Fremont plötzlich Kenntniß erhalten. Dann ließe ſich ſeine Handlungsweiſe, wie wir ihn kennen, allenfalls er⸗ klären.“ Die letzten Worte George von Breda's hatten einen ge⸗ waltige beide plötzli Jeman überle ſeine nieder. gemac er:, uns Eug das trotz kein Heff kome leite hätt weſ mer ſell ruhige fout bei zu lings⸗ iſt zu indeſt über r ſich erech⸗ mern, ſt zu⸗ Am⸗ dieſer le— Eugenie und die Freunde. 251 waltigen Eindruck auf den Grafen hervorgebracht. Er drückte beide Hände auf die Lehne ſeines Stuhles und wollte ſich plötzlich erheben, ſank aber wieder auf den Sitz zurück, wie Jemand, der, ſtatt zu handeln, eine Sache tief und lange überlegen will; er beugte ſich vornübkr, ſtützte den Kopf in ſeine Rechte und blickte gedankenvoll ſchweigend vor ſich nieder. Der Baron hatte einen haſtigen Gang durchs Zimmer gemacht, und als er nun wieder an den Schreibtiſch trat, fragte er:„Biſt du nicht auch meiner Anſicht, daß Fremont einen uns unbekannten Beweggrund haben muß, ſich um die Hand Eugeniens zu bewerben? Ich für meinen Theil laſſe mir nun das einmal nicht nehmen, vermag aber dieſen Beweggrund trotz emſigen Nachdenkens nicht aufzufinden.— Eugenie hat kein Vermögen.“ „Wie man ſagt, hat ſie kein Vermögen,“ bemerkte Graf Helfenberg, und während er das ſprach, war es ihm voll⸗ kommen klar, welcher Beweggrund den Baron von Fremont leitete, wenn er ſich um die Hand Eugeniens bewarb. Er hätte lächeln können, wenn er nicht zu ſchmerzlich bewegt ge— weſen wäre. Es hatte Jemand von dem Inhalte ſeines Teſta— ments Kunde erhalten, und vielleicht, daß der Advokat ſogar ſelbſt geplaudert. „Daß, wenn es von mir allein abhinge,“ nahm George von Breda das Wort wieder auf,„ich Fremont eine ſehr kurze Antwort geben würde, brauche ich dir wohl nicht zu ſagen. Aber wenn ich auch ſonſt Herr in meinem Hauſe bin, ſo iſt dies doch ein Punkt, wo ich durchaus nicht frei zu handeln vermag.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Helfenberg mit leiſer Stimme, und 252 Neunundvierzigſtes Kapitel. obgleich er es glaubte, verſtand er doch die Situation ſeines Freundes nicht. „Da iſt meine Frau,“ fuhr dieſer fort,„die ſich, wie alle Weiber für dergleichen, auch für dieſe Heirath zu intereſſiren ſcheint, nicht, weil ſie beſonders viel auf Fremont hält, ſon⸗ dern, weil es gerade der Erſte, der ſich gemeldet, und weil es ihr ganz anſtändig erſchien, das junge Mädchen Baronin Fremont nennen zu hören. Daſſelbe iſt bei der Mutter Eu⸗ geniens in viel höherem Maße noch der Fall; man hat ihr Fremont als ziemlich wohlhabend, als anſtändig, ſparſam— was weiß ich!— geſchildert.“ „Dieſe Eigenſchaften beſitzt er auch alle,“ ſagte düſter der Graf. „Meinetwegen!“ rief George;„aber das ſind doch, bei Gott, keine Eigenſchaften, die ihn berechtigen, gerade die Hand dieſes Mädchens zu verlangen. Ich werde einen ſchweren Stand haben.“ „Aber du wirſt doch einen Widerſtand verſuchen?“ fragte ängſtlich der junge Mann. Ein unbeſchreiblich wildes Lächeln fuhr über die Züge des Barons, dann preßte er die Hand vor die Stirn und ſprach:„Ob ich ihn verſuchen werde! Man hat mir noch nie etwas mit Gewalt entriſſen; ich bin in gleichgültigen Dingen feſt geblieben, und hier, wo es ſich um das Wohl und Wehe —— eines armen, guten und liebenswürdigen Mädchens handelt, ſollte ich ſchwach genug ſein, nachzugeben?“ „Was meinſt du, George?“ fragte der Graf nach einer kleinen Pauſe, indem er wie zerſtreut zum Fenſter hinaus⸗ blickte,„wenn ſich vielleicht eine andere, beſſere, das heißt reichere Engenie und die Freunde. 253 Partie zeigte, da würden deine Frau und Schwägerin vielleicht nicht mehr an Fremont denken?“ Der Baron wandte ſeinem Freunde mit einem Ausdrucke des Schreckens das Geſicht zu, und entgegnete dann:„Da müßte ſich ja die ganze Welt verſchworen haben, gerade die Hand dieſes einen Mädchens zu verlangen. Wie kommt dir dieſe Idee?— Zum Glück,“ ſetzte er ſich vergeſſend hinzu, „ſind die guten und reichen Partieen nicht ſo häufig, als ihr alle wohl glaubt.“ „Ah!“ machte Helfenberg lächelnd,„mir ſcheint, guter George, du biſt ebenſoſehr dagegen, daß Eugenie Fremont heirathet, als daß ſie überhaupt Jemand ihre Hand reiche.“ „Habe ich das geſagt?“ fragte der Andere überraſcht. „Oder ſuchſt du als umſichtiger Pflegevater lange und prüfend, um für Eugenie einen vollkommen Würdigen zu fin⸗ den? Darin haſt du Recht, aber Alles läßt ſich nicht leicht in Einer Perſon vereinigen.“ „Muß denn überhaupt ein junges Mädchen, ſobald es die Kinderſchuhe ausgetreten hat, ſchon gleich aus allen ihren Illuſionen geriſſen werden, um in die graue Wirllichkeit ein⸗ zutreten?“ „So nennſt du das in die graue Wirklichkeit treten, wenn man ſich mit Jemand, den man liebt, verheirathet?“ „Mit Jemand, den man liebt, das iſt etwas ganz Anderes. Aber Eugenie kennt dieſen Fremont kaum und denkt gewiß nicht daran, nur das geringſte Intereſſe für ihn zu empfinden.“ „Sie liebt überhaupt nicht?“ fragte zögernd Graf Hel⸗ fenberg.„Das heißt, ich wollte ſagen,“ ſetzte er ſich verbeſſernd hinzu,„ſie ſcheint etwas kalt und unempfänglich zu ſein?“ „Das glaube ich nicht. Das Mädchen hat eine ſtarke und Neunundvierzigſtes Kapitel. empfängliche Seele, und wenn ſie einmal etwas angreift, ſo wird ſie es mit Gluth und Leidenſchaft feſthalten. Jetzt aber i*ſt ihr Herz noch eine feſt verſchloſſene Blumenknospe.“ „Glücklich der, dem ſie ſich einſt erſchließt,“ ſprach der Graf ſo leiſe vor ſich hin, daß George von Breda, der obendrein nachſinnend zum Fenſter hinausſah, nichts davon verſtand. Der Kammerdiener hatte ſchon vor ein paar Sekunden geräuſchlos die Thür geöffnet, und da keiner der beiden Herren im Eifer des Geſpräches auf ihn zu achten ſchien, ſo huſtete er leicht, worauf ihm der Hausherr den Kopf zuwandte und ihn fragend anſah. „Herr Doktor Flecker,“ ſagte der Diener,„laſſen fragen, ob Euer Erlaucht für ihn zu ſprechen ſeien.“ „Doktor Flecker,“ gab der Graf zur Antwort,„braucht ſich nie melden zu laſſen; wenn ich mich zu Hauſe befinde, weiß er wohl, daß ich immer für ihn ſichtbar bin.“ „Es iſt keine ſeiner gewöhnlichen Stunden,“ erlaubte ſich der Kammerdiener zu bemerken. „Ich weiß es und bitte ihn, augenblicklich zu kommen.— Du verzeihſt mir, George, wandte ſich Graf Helfenberg an ſeinen Freund;„ſei ſo gut und gehe einen Augenblick in meinen kleinen Salon; ich bin gleich wieder für dich.“ „Ich ziehe mich lieber ganz zurück,“ antwortete Herr von Breda, indem er ſeinen Hut nahm und dem Hausherrn die Hand reichte.„Ich habe noch einige Gänge zu machen und wäre auch nicht aufgelegt, mit einem Fremden eine Unterhaltung zu führen.“ „Sehe ich dich bald wieder?“ fragte dringend der Graf. „Es intereſſirt mich, über die eben verhandelte Angelegenheit etwas discre 1 ſprech ſhiht Eugenie und die Freunde. 255 ſt, ſo etwas Näheres zu erfahren, wenn mein Verlangen keine In⸗ taber discretion iſt.“ „Gewiß nicht, und obgleich ich ſonſt mit Niemand darüber ch der ſpreche, will ich dich doch benachrichtigen, was ſich in der Ge⸗ „ der ſchichte Neues begeben.“ davon„Morgen vielleicht?“ „So wie ich etwas erfahre.“ unden George von Breda verließ das Zimmer, und wenige Hverren Sekunden nachher trat der Armenarzt Doktor Flecker herein. huſtete„Ich freue mich recht ſehr, lieber Doktor,“ rief der Graf te und dem Arzte freundlich entgegen,„daß Sie einmal von Ihrer Gewohnheit abgehen und mich auch zu anderen Stunden be⸗ ragen, ſuchen. Sie waren bis jetzt wie eine richtig gehende Uhr: Morgens mit dem Schlage Acht und Abends mit dem Schlage raucht Neun öffnete ſich die Thür, und mein lieber Freund und Arzt finde, trat herein.“ „Euer Erlaucht werden mir erlauben, Ihnen meinen beſten te ſich Dank zu ſagen für Ihre höchſt ſchmeichelhaften Worte, mir aber auch gewiß beipflichten, wenn ich hinzufüge, daß Pünkt⸗ lichkeit nicht nur die Höflichkeit der Könige, ſondern auch die een.— Schuldigkeit der Aerzte iſt. Dieſes Mal komme ich aber nicht erg an meinen als Arzt, ſondern als Menſch.“ „Als ſolcher kommen Sie immer, beſter Freund,“ erwiderte r vuß Graf Helfenberg, indem er dem Anderen freundlich die Hand m die ſchüttelte und ihn bat, ſich auf den Fauteuil niederzulaſſen, u id den George von Breda eben verlaſſen. alung„Die außergewöhnliche Stunde, in der ich jetzt hier er⸗ 4 ſcheine,“ begann der Doktor ohne Umſchweife,„wird Euer uf Erlaucht ſagen, daß mich etwas Außergewöhnliches hieher ge⸗ 4 3 trieben.“ genheit Neunnndvierzigſtes Kapitel. „Und ich wäre glücklich,“ unterbrach ihn der Hausherr verbindlich,„wenn dieſes Außergewöhnliche ein Wunſch wäre, den ich zu erfüllen im Stande bin. Aber Doktor Flecker gibt nur, er verlangt leider nie.“ „Das kann noch ſo ſtark kommen,“ lachte der Armenarzt, „daß es ſelbſt für die bekannte Großmuth Eurer Erlaucht zu viel werden könnte.— Doch zur Sache! Euer Erlaucht wer⸗ den ſich eines langen, ſonderbaren Menſchen erinnern, der vor einiger Zeit das Glück hatte, Sie in Aufträgen ſeines Prin⸗ cipals, des Rechtsconſulenten Doktor Plager, ſehen und ſprechen zu dürfen?“ „Mein Don, mein Spanier!“ rief luſtig der Graf.„Ob ich mich ſeiner erinnere! Sein eigenthümliches, aber treuherziges Weſen hat mir außerordentlich gefallen. Warum kam er nicht wieder zu mir? Ich hatte ihn darum gebeten und letzthin auch Sie erſucht, ihn mir zu ſchicken. Wahrhaftig, ich mag ihn leiden.“ „Er wäre heute ſelbſt mit mir gekommen,“ lachte der kleine Arzt,„aber er hat ſich bei einem Accident eine blaue Naſe geholt, die ihn hindert, ſich vor Eurer Erlaucht ſehen zu laſſen.“ „Er muß recht komiſch mit ſeiner blauen Naſe ausſehen,“ ſagte der Graf.„Ich weiß nicht, dieſer Mann kommt mir vor wie der verkörperte Don Quixote.“ „Und hat auch Vieles von dem ſcharfſinnigen Edlen der Mancha; er iſt voll komiſcher Einzelheiten, die ein vollkommen nobles, treues und in jeder Hinſicht zuverläſſiges Gemüth be⸗ decken,“ bemerkte Doktor Flecker ernſt.—„Er hatte in den letzten Tagen eine Differenz mit ſeinem Principal, die ſich heute Morgen zu einem förmlichen Bruch geſteigert, als näm⸗ zugab, Att ver Euer C un und ih Verdac weit n loren, betriff 6 „Ein auch!“ „ſollte 1 7 ganger meiner Stron 1 den C ein E da .—— 2— Eugenie und die Freunde. 257 zusherr lich Doktor Plager beim Durchſehen ſeiner Papiere ein Con⸗ wäre, cept vermißte, das ihm von Wichtigkeit war und das entwen⸗ er gibt det zu haben, er Grauſamkeit und Taktloſigkeit genug hatte, ſeinen Schreiber zu beſchuldigen.“ enart„Das iſt ſtark!— Und Don Larioz?“ ucht zu„Suchte mich auf, erzählte mir die Geſchichte, wobei er zt wer⸗ zugab, daß dieſes wichtige Concept wirklich auf unerklärliche der vor Art verſchwunden ſei, weßhalb ich mich veranlaßt ſah, mit Prin⸗ Euer Erlaucht darüber zu ſprechen.“ prechen„Und da werde ich den Doktor Plager kommen laſſen und ihn freundlich erſuchen, ſeinem Schreiber den ungerechten „Ob Verdacht abzubitten?— Mit Vergnügen.“ heriges„Erlaucht werden mir erlauben, zu bemerken, daß wir ſo errict weit noch nicht ſind; es handelt ſich vorderhand um ein ver⸗ and loren gegangenes Concept, welches die Geſchäfte Euer Erlaucht 1 ihn betrifft.“ „Meine Geſchäfte?“ fragte Graf Helfenberg erſtaunt. üit der„Ein Concept in den Händen des Doktor Plager?— Teufel 1 llaue auch!“ ſetzte er auf einmal mit der größten Lebhaftigkeit hinzu, ennt„ſollte es ein Concept meines Teſtamentes ſein?“ ehen„So iſt es,“ antwortete ruhig der Arzt. een„Das Concept meines Teſtaments wäre verloren ge⸗ gſehen gangen! daſſelbe Concept, welches Doktor Plager hier in rir we meiner Gegenwart entworfen, in welchem ich die Güter von Stromberg—“ len der„Ich kenne den Inhalt nicht,“ unterbrach Doktor Flecker kommen den Grafen ſchnell und mit Beziehung. nith be„Ahl dann wird mir Vieles klar. Dieſer Fremont iſt ein dal ein Speculant! Saubere Freunde das! Ich verſichere Sie, die ſich Hackländer, Don Quixrote. IV. 17 ls näm⸗ 258 Neunundvierzigſtes Kapitel. Doktor, mich intereſſirt dieſe Sache aufs höchſte. Bitte, fahren Sie fort, wenn Sie noch mehr zu berichten haben.“ „Vorderhand nicht mehr viel,“ gab der Armenarzt achſel⸗ zuckend zur Antwort.„Das Concept iſt, wie geſagt, ver⸗ ſchwunden, und auch Herr Larioz meint, daß es aus der Schreibſtube entwendet worden ſei.“ „Aber wie? auf welche Art? von wem? Es muß noth⸗ wendig dabei Jemand die Hand im Spiele haben, den eine Clauſel meines Teſtaments intereſſiren kann.“ „Das iſt auch unſere Anſicht.“ „Und Sie haben keinen Verdacht?“ „Don Larioz wohl; er hat eines Abends unter ſeltſamen Umſtänden einen Mann in der Schreibſtube getroffen, der durch eben dieſe Umſtände Zeit und Gelegenheit hatte, nach einem Papiere, von deſſen Exiſtenz er vielleicht Kenntniß hatte, zu ſuchen.“ „Und wer iſt das?“ fragte Graf Helfenberg in großer Spannung. „Ein gewiſſer Graf Czrabowski! Ob er Euer Erlaucht bekannt iſt, weiß ich nicht.“ „Czrabowski!“ rief der Graf aus.„Ob er mir bekannt iſt!“ ſetzte er mit einem bitteren Lächeln hinzu. Dann warf er ungeſtüm eine Mappe auf, die neben ihm lag, und reichte dem Doktor einen Brief, worin Czrabowski für eine reiche Unterſtützung dankte, die er vor einiger Zeit von Graf Hel⸗ fenberg empfangen. Während der Armenarzt dieſes Papier durchlas, warf der Graf einen faſt triumphirenden Blick auf die fernen Berge und ſprach zu ſich ſelber: Nichts kann klarer ſein; dieſer Czrabowski iſt mir von Tondern empfohlen; Tondern iſt die rechte dieſe nomi Papi Graf ſeine Conſ Herr nü te, fahren eit achſel⸗ jagt, ver⸗ aus der nuß noth⸗ den eine ſeltſamen uffen, der gatte, nach tniß hatte, in großer r Erlaucht ir bekannt Dann warf und reichte eine reiche Graf Hel hlas, warf ernen Berge fen; diſer dern iſt die Eugenie und die Freunde. rechte Hand Fremonts, ſein vertrauter Rathgeber; mir ſcheint, dieſe Herren haben da einen hübſchen Spitzbubenſtreich unter⸗ nommen.“ „Ich ſehe,“ ſagte lächelnd Doktor Flecker, indem er das Papier zurückgab,„Euer Erlaucht kennen dieſen ſogenannten Grafen Czrabowski von ſeiner wahren Seite. Ich machtenn ſeine Bekanntſchaft, weil er mir die Ehre anthat, mich zu einer H Conſultation rufen zu laſſen. Ich traf dort einen gewiſſen 5 Herrn von Tondern.“ Dieſe letzten Worte ſprach er abſichtlich mit großer Lang⸗ ſamkeit und ſcharfer Betonung; doch wäre dies nicht nothwen⸗ dig geweſen, um die Aufmerkſamkeit des Grafen zu erregen, der dem Doktor geſpannt in die Augen blickte und nun aus⸗ rief:„Tondern! nicht wahr, Tondern? Er und Baron Fre⸗ mont haben dieſen Czrabowski veranlaßt, das Concept aus der Schreibſtube des Rechtsconſulenten zu entwenden. Ich verſichere Sie, nichts kann richtiger ſein.“ „So glaubt auch Larioz; wie er mir im Vertrauen ſagte, wäre es für die eben genannten Herren von Wich⸗ tigkeit, von dem Inhalt des Teſtaments Euer Erlaucht zu 4* — erfahren.“ „Eine Erfahrung, die ihnen, bei Gott im Himmel, nichts nützen ſoll,“ ſprach bitter der Graf. „Mein Freund, Don Larioz,“ fuhr lächelnd der Arzt fort,„iſt begreiflicher Weiſe aufs tiefſte verletzt durch die Be⸗ ſchuldigung ſeines ehemaligen Principals. Denken ſich Euer Exlaucht dieſen erregbaren Kopf, mit ſeinem Gefühle als ſpa⸗ niſcher Edelmann, der er in der That iſt, edel, großmüthig, uneigennützig, voll des romantiſchen Dranges, den Unterdrück⸗ ten dieſer Welt zu helfen, Trug und Heuchelei, wo er ſie 260 Neunundvierzigſtes Kapitel. findet, aufzudecken und zu beſtrafen, und nun auf einmal be⸗ ſchuldigt zu werden, ſeinem Herrn, dem er mit ſeltener Treue anhing, ein werthvolles Papier entwendet zu haben!— Und ein ſolches Papier iſt in den Augen dieſer Leute eine koſtbarere Sache als ein Sack voll Gold. Aus allen dieſen Gründen will nun Larioz nicht ruhen, bis es ihm gelungen, den Ent⸗ wender des Conceptes zu erforſchen, um ſo ſeine Unſchuld zu beweiſen. Natürlicher Weiſe iſt aber wohl ſeine Kraft zu ſchwach, um gegen die Intriguen der Herren Czrabowski und Conſorten etwas zu vermögen. Und deßhalb habe ich mir erlaubt, die Sache Euer Erlaucht vorzutragen, um von Ihnen für meinen langen Kranken Schutz und Hülfe zu er⸗ bitten.“ V „Die ihm im reichen Maße, nach allen meinen Kräften zu Theil werden ſoll,“ ſprach der Herr des Hauſes, wobei er ſich lebhaft von ſeinem Seſſel erhob.„Sagen Sie das unſerem theuren Spanier und erſuchen ihn, ſich trotz ſeiner blauen Naſe ſo bald wie möglich bei mir ſehen zu laſſen. Ich muß noch mehr von den näheren Umſtänden erfahren, worauf ich mich dann dieſer Sache mit allen mir zu Gebot ſtehenden Mitteln— und mir ſtehen einige zu Gebot— an— nehmen werde.“ Der Doktor hatte ſich ebenfalls erhoben und erlaubte ſich, dem jungen Manne, der nun nahe vor ihn hintrat und den er liebte und verehrte, treuherzig ſeine Rechte zu reichen, die dieſer innig zwiſchen ſeinen Händen drückte, dann wieder los ließ und nun mit ſeinen Fingern leicht an dem Arme des Doktors hinauf fuhr, bis er ſeine rechte Hand auf der Schulter des kleinen Mannes ruhen ließ. Mehrere Sekunden lang ſprach Keiner von Beiden, und der A des ji Augen blicken 1 weiche wie ig Sie war zu er nicht wort nich Freu geht. ſtrebe Frag ſchw Eugenie und die Freunde. 261 der Armenarzt ſchaute faſt verſtohlen in das offene Geſicht des jungen Grafen, der dem eigenthümlichen Ausdrucke der Augen nach neben ihm hinaus in weite, weite Fernen zu blicken ſchien. „Doktor,“ ſprach er nach einer längeren Pauſe mit ſehr weicher Stimme,„Sie werden mir das Zeugniß geben, daß, wie ich aufs vertrauenvollſte Ihren Rathſchlägen folgte, ich Sie auch nie mit unnöthigen Fragen beläſtigte. Vielleicht war es die Furcht, die mich bisher abhielt, etwas Trauriges zu erfahren; vielleicht auch hatte ich bis vor wenigen Stunden nicht das große Intereſſe, eine Frage mit Wahrheit beant⸗ wortet zu wiſſen, wie ich es nun habe. Erlaſſen Sie mir, mich jetzt näher zu erklären; ſpäter werde ich dem treuen Freunde nicht vorenthalten, was jetzt in meinem Herzen vor⸗ geht. Aber das iſt ſo gewaltig, daß ich mir, wenn auch wider⸗ ſtrebend, erlauben muß, eine Frage an Sie zu ſtellen, eine Frage, die ich Sie aber bei allem, was Ihnen heilig iſt, be⸗ ſchwöre, mir aufrichtig und ehrlich zu beantworten.“ Der kleine Arzt, der wohl wußte, um was es ſich bei dieſer Frage handle, blickte dem Grafen offen in das Geſicht und nickte ſchweigend mit dem Kopfe. „Ich ſetze keine Allwiſſenheit bei Ihnen voraus,“ fuhr Graf Helfenberg nach einem tiefen Athemzuge fort,„aber Sie ſollen mir offen und ehrlich ſagen, ob nach menſchlicher Be⸗ rechnung mein Leiden gehoben werden kann, ob Sie glauben, daß ich meine vollkommene Geſundheit wieder erlange.“ Der Blick, mit welchem bei dieſen Worten der junge Mann das Geſicht des Arztes ſtreifte,— nur ſtreifte, war ein unbe⸗ ſchreiblich banger und rührender; er ſandte ihn auch gleich darauf wieder in die Landſchaft hinaus und bemühte ſich darauf, 1 — 262 Neunundvierzigſtes Kapitel. gleichgültig auszuſehen, während ſein Ohr mit aller Span⸗ nung, mit aller Aufmerkſamkeit, deren es fähig war, dem Munde des Arztes ſich zuwandte. Ueber die Züge des Doktor Flecker flog ein Lächeln, doch war er ſchon im Begriffe, ebenſo ernſt zu antworten, wie ihn der Graf gefragt, als er, ſich eines Anderen beſinnend, heiter den Kopf aufwarf und, ſein vergnügtes Lächeln wieder aufnehmend, freilich mit etwas gerührter Stimme ſagte: „Wozu dieſe feierliche Frage, beſter Herr Graf? Kann ich ſie Ihnen beſſer beantworten als Ihr eigenes Gefühl, als die wieder erwachende Lebensluſt, die aus Ihrem Auge ſtrahlt? — Sie haben Recht; wir ſind nicht allwiſſend, Gott iſt das allein, und unſer Wiſſen und Können iſt weniger als Stück⸗ werk. Aber,“ ſetzte er mit ſeltſam zitternder Stimme hinzu, weil er in die erwartungsvollen Augen des jungen Mannes blickte,„wenn ſich nach finſterer Nacht unſer Horizont mit roſigem Lichte bezieht, ſo haben wir einen klaren und glänzen⸗ den Tag zu erwarten. Das roſige Licht Ihres Lebenstages ſehe ich deutlich wieder erſcheinen auf Ihren Lippen, die nicht mehr krankhaft zucken wie vor Monaten, auf Ihrem Geſichte, das eine andere Form anzunehmen beginnt. Ja, ich bin feſt überzeugt, Sie haben noch einen langen und heiteren Lebens⸗ tag vor ſich; das iſt meine wahre Anſicht: ich ſchwöre es Ihnen feierlich.“ Bei dieſen Worten ſtieg ein unnennbar ſüßes Lächeln auf den edeln und nun wieder ſchön erſcheinenden Zügen des jungen Grafen auf. „Dank, Dank!“ flüſterte er;„ich fühle, wie mich Ihre guten Worte gekräftigt. Laſſen Sie mich jetzt, lieber Freund, ich bin in dieſem Augenblicke nur Eines Gedankens fähig— Dank, dort ob gegen( tauſend 70 das G. D Hände Bliker zonte Liebe lich! Eugenie und die Freunde. 263 pan⸗ Dank, Dank und tauſend Mal Dank gegen ein gütiges Weſen dem dort oben, das mir Sie, einen freundlichen Boten, geſandt, gegen Sie, der mir Troſt und Hülfe gebracht. Dank, Dank, tauſend Mal Dankl“ 1„Amen!“ ſagte der Arzt und verließ mit leiſen Schritten tend, 64 das Gemach. ieder Der junge Mann blieb am Fenſter ſtehen, ſtreckte beide agte: Hände weit von ſich, und während er mit ſeinen innigen ſie 65 6 Blicken unverwandt das dunkle Tannenholz am fernen Hori⸗ 3 die zonte betrachtete, ſprach er mit dem Ausdrucke der glühendſten ahlt⸗ Liebe: das„So könnte ich vielleicht in dieſem Leben doch noch glück⸗ btüc⸗ lich werden!“ ſinzu, nnes* wit. nzen⸗ 111“ tages richt ſiche, Jfeſt bens⸗ cheln ndes Ihrt eund, Fünßzigſtes Kapitel. Selbſtquälereien. „ Es gibt in der Welt nichts Schrecklicheres, nichts Grau⸗ ſameres als Selbſtquälerei; nichts wird ſchonungsloſer be⸗ trieben, als in vielen Fällen das Wüthen auf dieſe Art ge⸗ gen ſeine eigene Perſon. Und dabei wird es uns ſo leicht, die ſchwächſten Seiten unſeres Opfers aufzufinden, da wir eben dieſes Opfer ſelbſt ſind und deßhalb auch unſere ſchwäch⸗ ſten Seiten, unſere verwundbarſten Stellen am beſten kennen; und der Selbſtquäler treibt dieſes Geſchäft meiſt ohne Ruhe und Raſt, ohne Aufhören. Ein anderer Peiniger hat doch Augenblicke, wo er von ſeinem Schlachtopfer ablaſſen muß; er kann ſich nicht immer bei ſeinen Quälereien aufhalten, er muß doch ſich und dem unglücklichen Geſchöpfe, das er quält, zuweilen einige Ruhe gönnen, wäre es auch nur zur Zeit des Schlafes. Nicht ſo der Selbſtquäler. Läßt dieſer ſich doch während des langen Tages und während eines großen Theiles der Nacht, wenn er ſich eine S Krallen lichen; des A Qual Gehirn Keulen kennt ihm g legung harml Neber freun Mund Und meilen du ſch 6 triebe Gatt leider wweig einmo kleine trage letze bei⸗ due lich Grau⸗ be⸗ t ge⸗ leicht wir wäch⸗ nnen; Ruhe von nmer dem Ruhe ht ſo ngen wenn Selbſtquälereien. 265 er ſich ruhelos auf ſeinem Lager hin und her wirft, nicht eine Sekunde lang aus ſeinen herz⸗ und gemüth⸗zerfleiſchenden Krallen; iſt doch ſein Ohr auch zugleich das des Unglück⸗ lichen; ja, noch mehr, ſind doch ſeine Gedanken auch die des Anderen, und jeder, den er im Kopfe ſich ſelbſt zur Qual gebiert, macht den Kreislauf durch ſein aufgeregtes Gehirn, durch ſein erhitztes Blut, um wie ein immer neuer Keulenſchlag auf den armen Kopf zurück zu fallen. Und er kennt dabei keine Schonung; für alles, was andere Menſchen ihm gethan oder zu ihm geſagt, hat er die giftigſten Aus⸗ legungen; er bemerkt ſogleich die Schlange, die hinter jedem harmloſen Worte lauert; er fühlt, daß das Lächeln ſeines Nebenmenſchen nur Maske iſt, und ſieht als Fortſetzung eines freundlichen Grußes, eines lieblichen Lächelns von ſchönem Munde hämiſches Naſerümpfen, verächtliches Achſelzucken. Und wie ſieht und hört der Selbſtquäler! Sein Ohr reich meilenweit, und es iſt für ihn eine Kleinigkeit, um die Ecke zu ſchauen. Nach dieſer unſerer Schilderung, die gewiß nicht über⸗ trieben iſt, ſollte man glauben oder wenigſtens hoffen, die Gattung der Selbſtquäler ſei wenig zahlreich. Aber dem iſt leider nicht ſo; die Selbſtquäler ſind ein zahlloſes, weitver⸗ zweigtes Geſchlecht, zu ihnen gehört mancher, der es ſich nicht einmal bewußt iſt, ſie finden ſich in jedem Alter, von jenen kleinen Geſchöpfen an, welche mit Stolz die erſten Höschen tragen, bis zu jenen verlebten Geſtalten, die ohne Stolz die letzten anziehen; dazu in jedem Stande, bei Arm und Reich, bei Vornehm und Gering. Glaube nicht, geliebter Leſer, daß du eine Ausnahme macheſt; auch du biſt Selbſtquäler, wiſſent⸗ lich oder unbewußt, vielleicht in dieſem Augenblicke, wenn du 1 4 2 — 266 Fünfzigſtes Kapitel. anfängſt, dieſes Kapitel zu leſen, und dabei den Gedanken hegſt, es nehme dir einen Theil deiner koſtbaren Zeit und gehöre doch eigentlich nicht zu der Geſchichte, die wir dir er⸗ zählen wollten. Auch wir ſind Selbſtquäler, ſehr Selbſtquä⸗ ler; doch gehört das nicht hieher; wir wollen vielleicht ein ander Mal darüber ſprechen. Ja, Tauſende und aber Tauſende von uns haben ſich ſelbſt gequält von jener glückſeligen Zeit an, wo ſie noch in die Schule gingen, bis heute, wo, Gott mag es wiſſen, wel⸗ cher Grund ſie zu ihren Selbſtquälereien veranlaßt. Damals betrachteten wir das Röckchen unſeres Nachbars oder deſſen Tafel, ſein Federmeſſer, oder was es ſonſt war, fanden das alles viel ſchöner und fragten uns, ohne ihn gerade zu be⸗ neiden: Warum ſind meine Sachen nicht ſo neu oder reich? Daran ſchloß ſich eine ganze Kette von Selbſtquälereien, und ſteigerten ſich dieſe bis zum Unerträglichen, wenn wir, auf morgen ein ſtrenges Strafgericht vorherſehend, während des Abends und vor dem Einſchlafen Zahl und Geſchmack der Prügel mit einer ſehr lebhaften Knaben⸗Phantaſie uns aufs furchtbarſte vergegenwärtigten— Prügel, die vielleicht am anderen Tage gar nicht erſchienen. Oder wenn ſie, für die wir ſchon damals ſchwärmten, an uns vorüber ging, ohne uns eines Grußes zu würdigen, unſere Veilchen verſchmähte und dafür die Vergißmeinnicht jenes langen tölpelhaften Schlingels nahm, der mit uns in der gleichen Bank ſaß und beſtändig ein impertinentes Lächeln bereit hatte, wenn wir eine Frage nicht beantworten konnten, die ihm eine leichte war. O ſchreckliche Stunden, die darauf folgten, wo wir uns die Werth⸗ loſigkeit der eigenen Perſon mit ſo ſchrecklichen Farben auf feuchten Kiſſen vormalten, wo wir es uns erklären konnten, nachdem daß ſie überzeugt OQuadrat drat der nie etwa die Wah uns unſ Vo nur in welche thümlic wenn Da er ebenſo erfährt lachend deln Natur wir u ſo iſt hertre unſer Schat frühe er w um und wele Selbſtqnälereien. 267 nachdem wir einen ſchüchternen Blick in den Spiegel geworfen, daß ſie die Vergißmeinnicht dem Veilchen vorzog, wo wir überzeugt waren, es nie zu begreifen, warum das verfluchte Quadrat der Hypothenuſe gleich ſei mit jenem dummen Qua⸗ im drat der beiden Katheten, wo wir ſelbſt einſahen, daß wir n ſih nie etwas Rechtes lernen würden und uns alſo wirklich nur 30 t die Wahl blieb zwiſchen Tambour und Schneiderlehrling, wie ur uns unſer Vater prophezeite! ann Vorbei!— Die Tage folgen einander, aber gleichen ſich deſen nur in den Selbſtquälereien, die wir nicht laſſen können und welche mit jedem Tage ſtärker werden. Dabei iſt es eigen⸗ u thümlich, wie ſehr ſie ſich bei manchen Unglücklichen ſteigern, 1 wenn jene Zeit herannaht, wo man in der That verliebt iſt. mih⸗ Da entwickelt ſich aus der gewöhnlichen Selbſtquälerei eine m ebenſo furchtbare Schweſter, die Eiferſucht, und was die eine auj erfährt, oder auch nur erdenkt, das flüſtert die andere hohn⸗ Id des lachend in unſer Ohr. Die Beiden zuſammen aber verwan⸗ iü d deln uns vollkommen, und ſind wir ſchon vorher aufgeregter 3 au Natur geweſen, ſo werden wir jetzt förmliche Narren; haben ht am wir uns aber bis dahin ein ruhiges Temperament bewahrt, für die ſo iſt alsdann die Zeit gekommen, wo wir uns ruhelos um⸗ „ohne hertreiben, wie das perſonificirte ſchlechte Gewiſſen, wo ſich hmähte unſer heiterer Blick trübt und wir ſelbſt am hellen Mittage lhaften Schatten und Geſpenſter zu ſehen glauben. 4 aß und George von Breda war einer von den Glücklichen, die iir eine früher wenig oder gar nicht unter Selbſtquälereien gelitten; 4 der. O er war eine ruhige harmoniſche Natur, mit Philoſophie genug, Werth⸗ um das Leben gerade ſo zu nehmen, wie es ſich ihm darbot, en auf b und mit der Kraft eines vollkommen geſunden Gemüthes, 1 konnten, welches ſich allen Einflüſterungen heiter entgegenwarf und Fünfzigſtes Kapitel. nicht an Schlangen dachte, wenn es Roſen vor ſich ſah. Auch er hatte ſich in letzter Zeit geändert, auch ihn hatte der Dämon der Selbſtquälerei heimgeſucht. Wie hatte er bis hieher ſo ruhig, ſo vollkommen glücklich das liebliche Mädchen betrachtet, das um ihn ſpielte wie ein heiterer Sonnenſtrahl, das ſein Herz, ſeinen Geiſt erfreute wie ein friſcher Früh⸗ lingstag, an dem ja auch er ſeinen Antheil hatte, und den für ſich allein beſitzen zu wollen ja wohl keinem Sterblichen einfallen wird! Wie war ihm alles ſo wunderbar erſchienen, was ihr Blick getroffen, was ihre Hand berührt, eigenthüm⸗ lich verſchönert, faſt wie geweiht! Die Roſe, deren Duft das junge Mädchen genoſſen, erſchien ihm von einer eigenen, beſonders ſchönen Art; das Waſſer, welches von dem Spring⸗ brunnen auf ihre weiße Hand fiel, wenn ſie dieſelbe neckiſch darunter hielt, war für ihn klarer und reiner als alles, was er bis jetzt geſehen; Regentropfen, die ſich in ihrem dunklen Haare feſthängten, erſchienen ihm wie Perlen und Brillanten, und wenn er mit den Fingern leicht darüber fuhr, ſo konnte er ſich ordentlich kindiſch wundern, daß ſie vergingen und nichts davon zurückblieb. O, er war ſehr glücklich geweſen, ſo glücklich, daß er keine Grenzen ſeines Glücks ahnte. Und als dieſe ſich ihm endlich zeigten, waren ſie ſo ſchroffer und drohender Art, daß er förmlich davor zurückſchauderte und nur noch die ſchwarzen Schatten ſah, welche ſie auf das bisher unabſehbare Gefilde ſeiner Glückſeligkeit warfen— finſtere, unheimliche Schatten, die ſich um ſein ſchönes, großes Herz legten, es zuſammen⸗ drückend, die ſein ſonſt ſo klares Auge mit trüben, garſtigen Schleiern bedeckten. Und durch dieſe Schleier erſchienen ihm begreiflie licer F Als heirathur einen Ie lcch geh welches und mi chen ge Schmer gerunge — ver un dri zu drit die M Cugen auf ſchien umga und gleich dem Selbſtquälereien. 269 ich ſah begreiflicher Weiſe alle Gegenſtände entſtellt und in unnatür⸗ atte licher Färbung. er bis Als die Baronin ihm zum erſten Male von einer Ver⸗ Nädchen heirathung Eugeniens ſprach, bebte er zuſammen, weil er einen Verluſt vor ſich ſah, den er bis dahin nicht für mög⸗ 17 lich gehalten, und weil er durch das entſetzliche Gefühl, nid den welches ihm dieſer drohende Verluſt verurſachte, erſt recht rblihen und mit Schrecken einſah, wie er ſein Herz an jenes Mäd⸗ dſermn chen gekettet, wie er es liebte, grenzenlos, unausſprechlich. nthün⸗ Schmerzlich hatte er nach dieſem Geſtändniſſe mit ſich ſelbſt difß gerungen, hatte es verſucht, ſeine Vernunft walten zu laſſen grum— vergeblich! Es gelang keinem Grunde mehr, in ſein Herz un zu dringen, das ganz von ihrem Bilde angefüllt war. mi Die bis jetzt ſo ruhige, eiſerne Natur George's hatte gewaltig gekämpft; der heitere Tag ſeines Lebens hatte ſich t, la mit ſchwarzen, drohenden Wolken bezogen, böſe Wetter ſtiegen voniſe vor ſeiner Seele auf, deren dumpfen, rollenden Donner er ünin zu hören vermeinte und deren endlicher Ausbruch alles das bnnte zu zerſtören drohte, was ihm bisher lieb und theuer geweſen. are uih Zuweilen leuchtete auch ein Blitz durch die Nacht ſeiner Seele, . ein Blitz, der in Flammenſchrift die Worte ſchrieb, welche dn die Mutter des jungen Mädchens zu ihm geſprochen:— Auch ih ihn Eugenie! Ach, und wenn dieſe auflodernde Flamme ihn auch t, daß auf Sekunden klar ſehen ließ, ihn vielleicht erfreute, ſo er⸗ warzen ſchien ihm doch gleich darauf wieder die Finſterniß, welche ihn Geflld umgab, um ſo drückender, um ſo troſtloſer.— Auch Eugenie! catten, Doch hielt auch dieſes tiefe Leiden nicht an; Stunden ummen⸗ und Tage milderten es, und als er ſah, wie ſich Eugenie ſo urſiggen gleich blieb, wie ſie nach wie vor unbefangen und heiter in en ihm dem Hauſe ſchaltete, ſo kehrte— nicht der ſüße Friede, der 270 Fünfzigſtes Kapitel. ihn bis jetzt ſo glücklich gemacht, in ſein Herz zurück, wohl aber eine Ruhe, wenn auch keine erquickende Ruhe; es war jene nicht mehr, die ihn ſtundenlang heiter und zufrieden an Eugenie denken ließ, wenn ſie abweſend war, oder die ihm beim Anblicke des lieblichen Mädchens ein inneres reines Ver⸗ gnügen gewährte;— es war vielmehr die Ruhe, die wir uns gewaltſam aneignen, um Körper und Seele zu ſtärken für unabweisbare Kämpfe, jene Ruhe, die eigentlich keine Ruhe iſt, ſondern nur ein fieberhaftes Hinträumen, in wel⸗ chem wir angſtvoll jede äußere Erſcheinung betrachten, jede Wolke am klaren Himmel argwöhniſch beobachten, ob ſie nicht auf uns einen zerſchmetternden Blitzſtrahl herabſenden werde.— Auch Eugenie! O, dieſes ſchreckliche Wort konnte ſein Herz jetzt freudig erbeben machen, um ihm gleich darauf das tiefſte Weh zu bereiten. So ging es George von Breda, wenn er ſich bei Eu⸗ genien im Zimmer befand und mit düſterem Blicke ihre wun⸗ derbare Geſtalt betrachtete, doch dabei nur mit halbem Ohr ihren Worten lauſchend. Der Galoppſchlag eines Pferdes, das Raſſeln eines Wagens ſchreckte ihn empor; es konnte ja Fremont ſein oder die Mutter Eugeniens, oder ſonſt ein Feind, der kam, um ihm ſein Glück zu entreißen. Wie hatte es ihn ſonſt ſo erfreut, dem jungen Mädchen zuzuſchauen, wenn ſie im Wintergarten ſaß, den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, und nachſinnend dem aufſteigenden Waſſerſtrahle zu⸗ ſchaute.— Jetzt beunruhigte ihn ein ſolches Nachſinnen.— Was ging durch ihre Seele? Hatte ſie ihre Mutter geſpro⸗ chen, hatte ſie Briefe von dieſer erhalten, hatte vielleicht Fre⸗ mont Mittel gefunden, ſich auf irgend eine Art dem Mädchen zu nähern? Dachte ſie vielleicht ſelbſt an eine veränderte Stellu gleiche 3 Wore gab:, Landh Blum werde diene unr ſich; im ick, wohl z es war rieden an die ihm die wir u ſtärken lich keine in wel⸗ ten, jede „ob ſie rabſenden art konnte Pferdes, s konnte ſonſt ein Wie hatte zolſchauen, Hand ge⸗ nnen.— er geſpro⸗ iict Fre⸗ Mädchen eränderte Selbſtauälereien. 271 Stellung im Leben?— Entſetzlich! Machte ſie vielleicht Ver⸗ gleiche zwiſchen ſeinem Hauſe und einem eigenen? In ſolchen Momenten konnte er ſie faſt zitternd fragen: „Woran dachteſt du, Eugenie?“ Und wenn ſie zur Antwort gab:„Ich dachte an das kommende Frühjahr, an unſer kleines Landhaus, an den herrlichen grünen Wald, an all die tauſend Blumen, und an die ſchönen Tage, wo wir dort Beſuch machen werden,“— dann durchſchauerte es ihn einen Augenblick freu⸗ dig, im anderen aber biß er die Zähne zuſammen, ballte krampfhaft die Hand und murmelte vor ſich hin:„Ahl wohl mag ſie daran denken, aber dabei gewiß auch an einen an⸗ deren Begleiter, der ihr zur Seite reitet!“ Ein Wort, eine Anſpielung, der Eintritt des Kammer⸗ dieners, um einen Beſuch anzumelden, konnten den Baron unruhig machen; er haßte die ganze Welt, denn Alles ſchien ſich zu beſtreben, Eugeniens Aufmerkſamkeit zu erregen. Früher im unbeſtrittenenen, wenngleich vollkommen harmloſen Beſitze des jungen Mädchens, war er glücklich darüber, wenn alle Menſchen ſie bewunderten; jetzt, wo damit ein Verluſt für ihn in Gefahr ſtand, fürchtete er ein bezeichnendes Wort, einen freudig erſtaunten Blick.— O, er war ſehr, ſehr un⸗ glücklich! Wenn in ſolchen Augenblicken die Vernunft wieder in ihre Rechte trat, ſo konnte er mit einem tiefen Seufzer den Wunſch hegen, ſie, die jetzt ſein ganzes Herz erfüllte, nie ge⸗ ſehen zu haben. Wer ſucht, der findet, und wer mit Eifer ſucht, um ſo gewiſſer. Je ängſtlicher ſich der Baron vielleicht bedeutungs⸗ loſe Worte und Blicke Eugeniens aus ihrem Zuſammenhange riß und willkürlich an einander kettete, um ſo eher glaubte er zu der Gewißheit zu gelangen, ſie habe irgendwoher von der — —11 2 272 Fünfzigſtes Kapitel. Werbung des Baron Fremont Kunde erhalten, und ihr Weſen ſei ſeither verändert. Daß er ſelbſt anders geworden war und manchmal ſchroff gegen ſie ſein konnte, einen ihrer aufrichtigſten Blicke finſter erwiderte, ein Wort, das ihm außergewöhnlich erſchien, barſch beantwortete, fiel ihm nicht ein; er dachte nicht an die Urſache— ſondern nur an die Wirkung, und er hatte nicht Unrecht, als er endlich mit Schrecken zu bemerken glaubte, daß das junge Mädchen in ſeiner Gegenwart befangen wurde, daß ſie ihre Augen nicht mehr ſo offen und frei gegen ihn aufſchlug, wie früher, daß ſie ſich mit ihrem zartfühlenden Herzen ſcheu in ſich zuſammenzog, wie gewiſſe Pflanzen und Blüthen bei rauher Berührung. Wenig verminderte es ſeinen erwachten Argwohn, daß weder die Baronin, noch ſeine Schwägerin, noch ſonſt Jemand ſeit jenem erſten Male über die Verbindung Eugeniens mit dem Baron Fremont weiter mit ihm ſprach. Man intriguirt im Geheimen gegen mich, dachte er; man wird nächſtens mit der fertigen Sache vor mich hintreten; ich habe alsdann nur noch Ja zu ſagen. Es war dem Baron früher nie eingefallen, ſich darnach zu erkundigen, wohin ſeine Frau und Eugenie ihre Spazier⸗ fahrten richteten, welche Beſuche ſie machten, was ſie überhaupt in dieſer Richtung in ſeiner Abweſenheit thaten. Wie oft war Eugenie in dem kleinen Phaeton allein ausgefahren, hatte eine Bekannte aufgeſucht, oder war in den Umgebungen der Stadt geweſen! Damals hatte es ihn nur gefreut, wenn ſie überhaupt ſeinen kleinen Phaeton benutzte, er war ihm da⸗ durch nur um ſo lieber geworden. Jetzt fand er es nicht mehr ſo recht paſſend, daß ein junges Mädchen allein aus⸗ fahre, und er hatte ſchon mit der Baronin darüber geſprochen, Weſen dr und tigſten öhnlich 2 nicht hatte aubte, vurde, n ihn enden n und Selbſtquälereien. 275 mit ihren Fingern leicht über die feinen, rothen, duftigen Blättchen. Andreas, der Gärtner, der in der Nähe ſtand, öffnete ehrerbietig die Thür des Glashauſes, und dahin ſchritt das ſchöne Mädchen mit dem raſchen elaſtiſchen Gange. Gewöhn⸗ lich ſchaute ſie ſich um, ehe ſie das Thor erreichte, um noch einmal freundlich zurück zu grüßen.— George von Breda wartete mit Spannung darauf. Heute that ſie es nicht; da⸗ gegen ſchritt ſie zögernder, als ſie dem Ausgange nahe war, und ein paar Mal ſchien es, als wolle ſie ſtehen bleiben, um⸗ kehren, wie wenn ſie ſich auf etwas beſänne, das ſie noch im Hauſe ſagen müſſe, oder als wolle ſie eine vergeſſene Sache holen. Dann aber erhob ſie plötzlich den Kopf, den ſie etwas geſenkt hatte, nahm ihren raſchen Schritt wieder auf und war gleich darauf in der Biegung des Weges vor dem Thore ver⸗ ſchwunden. Der Baron wußte nicht, warum ſich ſein Herz auf ein⸗ mal ſchmerzlich zuſammenzog, warum er nur mühſam athmen konnte. War es ihm doch gerade, als verlaſſe Eugenie in dieſer Stunde ſein Haus für immer; ja, wenn er auch über dieſen Gedanken lächeln mußte, ſo konnte er ihn doch nicht ganz verbannen. Voll dieſer ſonderbaren Phantaſie, blickte er im Wintergarten umher, und obgleich hier hunderte von Blumen und Blüthen ihre bunten Farben zeigten, ſchien ihm Alles öde, leer, erſtorben. Das war kein friſches Grün mehr, was ihn von allen Seiten umgab; es ſchien kein Früh⸗ ling werden zu wollen, es kam ihm vor wie ein ſpäter Herbſt⸗ tag, wie beginnender Winter, ja, es fröſtelte ihn, wie es wohl zu geſchehen pflegt, wenn wir draußen die erſten Schneeflocken herabwirbeln ſehen. 276 Fünfzigſtes Kapitel. Das iſt ein eigenes Gefühl, ſprach er zu ſich ſelber und verſuchte zu lächeln. Ah, dumme Träumereien! Eugenie wird nach einer Stunde, oder noch früher, dort gerade ſo wieder in den Hof treten, wie ſie ihn verlaſſen hat.— Und doch, ſollten meine finſteren Gedanken von ſo eben eine Be⸗ deutung haben? Obgleich ich dieſen Augenblick gewiß nicht vergeſſen werde, will ich mir doch ein Zeichen machen, das ihn mir noch lebhafter zurückrufen ſoll. Bei dieſen Worten brach der Baron die Roſenknoſpe ab, über welche Eugenie vorher mit der Hand geſtreift, und legte ſie in ſein Taſchentuch.—„Kleine Blumenleiche,“ murmelte er,„ſollteſt du mir doch etwas Fürchterliches erzählen, wenn ich dich wiederſehe?—— Hinaus, hinaus! ich muß ins Freie!“ Damit ſchritt er eilig durch den Wintergarten in das Haus zurück, wogegen Andreas, ſobald ihm der Herr aus dem Geſichtskreis entſchwunden war, deſſen Stelle an der Thür des Wintergartens einnahm. Er verhalf ſich mit großer Um⸗ ſtändlichkeit zu einer Priſe, rieb darauf die Achſel an der eiſernen Einfaſſung der Thür und lächelte vergnügt in ſich hinein. Das macht ſich, ſprach er alsdann zu ſich ſelber; das macht ſich; ich ſehe es deutlich, obgleich ich nur meine Kübel begieße und die Blumen aufbinde. Den Teufel auch! ſolche Geſchichten führen nie zu einem guten Ende; ich hätte es der gnädigen Frau damals ſchon prophezeihen können, ehe ſie noch gnädige Frau war, und wo ich mit der einzigen Beſchäf⸗ tigung, ihre zwölf Blumenſcherben in Ordnung zu halten, ein Leben hatte wie Gott in Frankreich, wenn mich nicht der Reſpekt daran gehindert hätte. Der verdammte Reſpekt! Selbſtquälereien. 277 Na, wenn die Sachen einmal zum Klappen kommen, da werden ihr wohl die Augen aufgehen. Der Geſtrenge wird etwas klein beigeben, und dann kann es ſich auch noch machen.— Er rieb behaglich ſeine Hände.— Auf alle Fälle aber, fuhr er nach einer Pauſe fort, werden wir die Prinzeſſin los, und das iſt mir vorderhand die Hauptſache.— Hochmuth und Armſeligkeit!— Als wenn es nothwendig wäre, daß ich mich deßhalb vor aller Welt müßte ſchuhriegeln laſſen, weil ich in der Wohnſtube geboren bin und kein ſo glattes Geſicht beſitze oder eine gedrechſelte Figur. Wie ich aber immer ſagte: Ausdauer.— Er vollendete den Satz nicht, ſondern prallte von der Glasthür zurück hinter einen der Orangen⸗ kübel, weil er den Baron von Breda ſo eben aus dem Hauſe kommen ſah. Dieſer richtetete ſeine Schritte nach dem Ausgange des Hofes und verſchwand nach eben der Seite, wohin auch Eu⸗ genie gegangen war. Andreas hatte dies durch die Zweige des Orangenbaumes bemerkt; er lächelte abermals vergnügt in ſich hinein und war im Begriff, ſein Selhſtgeſpräch wieder aufzunehmen, als er fühlte, daß ihm Jemand leiſe auf die Schulter tippte. Raſch wandte er ſich um und machte ein ſehr gleichgültiges Geſicht, als er den kleinen Reitknecht bemerkte, der hinter ihn geſchlichen war und ihn auf die eben beſchriebene Art in ſeinen Betrach⸗ tungen ſtörte. „Ich dachte, es ſei was Rechtes,“ ſprach der Gärtner achſelzuckend,„das mich da in meiner Arbeit unterbricht. So du biſt es? Ich meine, du hätteſt doch genug in deinem Stall zu thun, um den Miſt auszukehren; zu ſonſt etwas Fünfzigſtes Kapitel.. biſt du doch nicht zu gebrauchen.— Was willſt du eigent⸗ lich?“ G „Bſt!“ machte der Groom und legte mit einem ungemein wichtigen Geſicht den Finger an den Mund, wobei er ſich etwas affektirt nach allen Seiten umſchaute. „Was haſt du denn da zu gaffen? Das möchte ich wiſſen,“ fuhr Andreas fort, der ſich nun aufrichtete und, ohne den Anderen weiter anzuſchauen, einen kleinen dürren Zweig des Orangenbaumes behutſam wegſchnitt.„Fürchteſt du dich, überraſcht zu werden, armer Kerl? Ja, deine Thaten ſind freilich ſo ungeheurer Art, daß du dich in Acht nehmen mußt, um nicht entdeckt zu werden. Laß mich zufrieden und geh in deinen Stall.“ Ohne ſich durch dieſe unfreundlichen Reden verſcheuchen zu laſſen, flüſterte der Reitknecht:„Iſt Niemand mehr in der Nähe?“ „Das weißt du ſo gut wie ich,“ entgegnete der Andere barſch;„denn wenn Jemand in der Nähe wäre, würdeſt du es ja gar nicht gewagt haben, hieher zu kommen. Thut dieſer Kerl doch, als wiſſe er nicht, daß das gnädige Fräulein und der Herr ausgegangen ſind.“ „Aber Beide allein,“ ſagte Friedrich mit Beziehung. „Allerdings Beide allein. Das geſchieht ſo oft, wie ſie auch mit einander gusgehen.“ „Heute aber wären ſie nicht mit einander ausgegangen,“ ſprach der kleine Groom mit einem pfiffigen Lächeln.„Darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, Andreas. Das gnädige Fräulein hat allein ausgehen wollen; ich weiß das ganz genau.— Ja, leider weiß ich es,“ ſetzte er hinzu, indem er affektirt ſeufzte. „O du lieber Himmell ich bin wirklich ſehr dumm geweſen.“ — Selbſtquälereien. „Nun, das unterſchreib' ich dir vor Zeugen,“ gab der Gärtner, der anfing, auf die Worte des Reitknechts auf⸗ merlſam zu werden, kopfnickend zur Antwort.„Dumm warſt du von jeher, dumm wie— wie— ich weiß wahrhaftig nichts ſo Dummes.“ Dabei ſetzte er ſich auf den Kübel des Orangenbaumes, nahm ſeinen einen Fuß auf das Knie und ſcharrte mit ſeinem Gartenmeſſer die Erde vom Stiefel. „Ich darf mich nicht beklagen,“ ſprach nun wirklich ſeuf⸗ zend der Groom,„habt Ihr mir doch oft gerathen, und, wie ich wohl ſagen darf, gut gerathen. Aber jetzt wird wohl Alles aus ſein.“ „Du ſprichſt ja wie ein Todtenkopf,“ erwiderte der Gärt⸗ ner.„Wer lebt, hat noch nicht verloren. Entweder haſt du heute Morgen einen ſtarken Schnaps getrunken, Bürſchlein, oder-dir iſt etwas Abſonderliches begegnet, he!“ „Mir iſt freilich etwas Abſonderliches begegnet,“ verſetzte der Andere, wobei er melancholiſch den Kopf hängen ließ. „Ach! das hätte ich nimmer gedacht. Nein, nein, das hätte ich nimmer gedacht!“ „Was du denkſt, iſt mir ſehr gleichgültig,“ ſagte barſch der Gärtner,„denn das iſt nie etwas Geſcheidtes. Wenn ich aber erfahren ſoll, was dir Abſonderliches begegnet iſt, ſo thu gefälligſt dein Maul auf und ſprich. Aus dem Gefaſel könnte ſogar ein Geſcheidter nicht klug werden.“ Friedrich ſchluckte ein paar Mal heftig, blickte wiederholt ſcheu um ſich und ſetzte ſich alsdann neben Andreas auf den Rand des Kübels. „Ihr habt mir anempfohlen,“ flüſterte er,„genau aufzu⸗ paſſen, wenn der Jäger Klaus wieder komme, um, wenn es ——ͤͤſſ““ 280 Fünfzigſtes Kapitel. möglich ſei, zu erfahren, was er mit dem gnädigen Fräulein verhandle.— Heute früh iſt er da geweſen.“ „So?“ „Ja ich war glücklicher Weiſe auf dem Heuboden und konnte ihn alſo ſehen, wie er um die Hofmauer herum ſchlich. Er ging zu der kleinen Thür herein, die nach den Stallungen führt und die nur angelehnt war, dann verlor er ſich in die Ecke des Gartens hinter dem Gebüſch von immergrünen Bäumen. „Oho!“ machte Andreas,„das iſt der einzige Platz, um Jemandem insgeheim zu ſprechen. Und du?“ „Ich that, wie Ihr mich geheißen, ging längs der Mauer auf dem weichen Sandwege; Ihr hättet mich ſehen ſollen, wie ich das geſchickt machte.“ „Ja, ſchleichen kannſt du; aber ſprich weiter.“ „Und kroch dann hinter die Strohdecken, die Ihr dort aufgeſtellt.“ „Siehſt du nun, daß ich immer Recht habe,“ unterbrach der Gärtner den Groom mit einem finſteren Stirnrunzeln. „Dahin mußte der kommen. O, wenn du Kerl nur meinem Rath folgen wollteſt!— Nun?“ „Ich brauchte nicht lange zu warten,“ fuhr Fried⸗ rich fort,„da hörte ich leiſe Tritte und ſah das gnädige Fräulein daher kommen. Sie reichte dem Klaus ſo freund⸗ lich ihre beiden Hände, daß es mir einen Stich ins Herz gab.“— „Ja, der Klaus iſt auch ein tüchtiger Kerl, der hat Cou⸗ rage; der fürchtet ſich nicht. Aber erzähle weiter, wer weiß, ob nicht bald Jemand kommt und uns ſtört.“ ſo llein Selbſtquälereien. 281 „Zuerſt ſprachen ſie Dies und Das, was mich nicht be⸗ ſonders intereſſirte.“ „Da iſt Alles intereſſant.“ „Von einer armen Familie, der es nun wieder etwas beſſer geht, von dem kleinen Kinde des Tagelöhners, das nicht mehr krank ſei, und dergleichen.“ Andreas zuckte verächtlich mit den Achſeln. „Dann aber ging's los,“ ſagte triumphirend der kleine Reitknecht.„Klaus ſprach von Jemand, der, wie das gnä⸗ dige Fräulein wohl wiſſe, ſich ſo ſehr darauf freue, ſie wieder zu ſehen; er ſagte auch bittend, ſie habe ſchon ſo oft verſpro⸗ chen, der alten Frau einen Beſuch zu machen.“ „Der alten Frau?“ fragte der Gärtner. „Nun, eine alte Frau kann auch da ſein. Das ver⸗ ſteht ſich am Ende von ſelbſt. Aber auch von ihm war die Rede.“ „Von wem?“ „Von Jemand, der das gnädige Fräulein früher geſehen, der ſehr leidend geweſen, dem es jetzt aber etwas beſſer gehe und der ſeine einzige Hoffnung darauf geſetzt habe, das freundliche Geſicht des gnädigen Fräuleins wieder einmal zu ſehen.— Es iſt ja bei der alten Frau, ſagte Klaus, nachdem er eindringlich gebeten.“ „Das iſt allerdings nicht unwichtig,“ ſprach Andreas, nachdem er eine, kurze Weile nachgedacht.„Und die Gnä⸗ dige?“— „O mein lieber Himmel!“ antwortete Friedrich wehmüthig, „ſie ſagte endlich Ja, ſie werde kommen.“ „Und wann?“ forſchte eifrig der Gärtner. „Heute noch, um elf Uhr.“ 282 Fünfzigſtes Kapitel. „Das geſchieht dir ſchon recht, Schafskopf,“ ſagte ſchein⸗ bar ärgerlich der Gärtner. „Was geſchieht denn mir wieder einmal recht?“ fragte verwundert der Andere. „Nun, wenn du das nicht begreifſt— daß dir da Je⸗ mand zuvorgekommen iſt! Wie oft habe ich dir geſagt und bewieſen, daß ſie nach dir hinſieht! Wie oft habe ich dich ermahnt, dein Glück zu verſuchen! Ja, dazu gehört Courage, und was das iſt, weißt du gar nicht.— Siehſt du nun ein, wie Recht ich gehabt?“ „Ja, ich glaube, daß ich es einſehe,“ erwiderte traurig der kleine Reitknecht und kratzte ſich am Kopfe. „Da hilft kein Kopfkratzen mehr, und wenn ich die Sache bei Licht betrachte, ſo könnteſt du immer noch was unternehmen, wenn du ein rechter Kerl wäreſt. Wer weiß, was es mit Klaus für eine Geſchichte iſt! Du biſt ein junger Menſch, Friedrich, der ſich ſchon kann ſehen laſſen; ich kann dir verſichern, wenn mir das Glück ſo lächelte wie dir, ich würde mich keinen Augenblick beſinnen, es zu ergreifen. Wenn ſie auch irgend wohin gegangen iſt, wo es Niemand wiſſen ſoll, was ſchadet's dir? Biſt du durch deine Hartherzigkeit nicht im Grunde ſelbſt ſchuld daran?— Ja, du biſt es,“ fuhr er fort, indem er ſich gegen den Groom umwandte und ihn durch einen Blick bannte, wie die liſtige Schlange den armen Vogel.„Dich kann ſie bei alle dem doch nicht vergeſſen. Was war doch vorhin wieder, ehe ſie wegging?“— Er that, als wenn er ſich beſänne.—„Ja, richtig! der Herr Baron ſagte zu ihr: Laß doch den Friedrich mit dir gehen, er kann Selbſtquälereien. dir deine Sachen tragen, worauf ſie antwortete, und mit einem leichten Seufzer antwortete: Ach nein, ich mag den Friedrich nicht ſo als Diener hinter mir drein gehen laſſen. — Aha! dachte ich, nicht ſo als Diener! Verſtehſt du das, Burſche?“ „Ich glaube, daß ich es verſtehe,“ antwortete der Groom mit einem ziemlich dummen Lächeln. „Nun, Gott ſei Dank, wenn du es verſtehſt. Ich habe es verſtanden. Nicht als Diener— ja, gehorſamer Diener! Nun,“ unterbrach er ſich, indem er ſeine Schnupftabaksdoſe hervorzog,„was ſoll ich da weiter an dich hin reden? mir kann es egal ſein.“ „Aber mir iſt es nicht egal, Andreas,“ ſagte energiſch der Reitknecht und fuhr ſich mit der Hand über ſein ſtrup⸗ piges Haar.„Ich verſichere Euch, ich habe an allen Gliedern gebebt, als ich das hörte und dabei das gnädige Fräulein anſah, wie ſie ſo außergewöhnlich ſchön iſt.— Ach! ich hätte jetzt auch vielleicht ſo weit ſein können, wis der Jemand, der gewiß nicht beſſer iſt als ich. Wozu ſonſt dieſe Heim⸗ lichkeiten?“ „Das ſind die erſten vernünftigen Worte, die ich von dir höre.“ „Aber was denkt Ihr denn von der Geſchichte ſelbſt?“ forſchte eifrig der Groom.„Sollte denn wirklich etwas daran ſein?“ „Wenn du recht gehört haſt,“ erwiderte der Gärtner mit ernſter Miene, wobei er ſeine Achſeln ungewöhnlich hoch er⸗ hob,„ſo will ich für nichts einſtehen. Aber wenn du ein ordentlicher Kerl biſt, ſo iſt jetzt für dich die Zeit da, um zu ——— Füufzigſtes Kapitel. handeln.— Wohin ſie auch gegangen ſein mag,— das kannſt du mir glauben, ehe ſie wegging, dachte ſie an dich und ſprach von dir.— Das wäre mir genug.“ „Mir iſt es auch genug,“ gab Friedrich entſchloſſen zur Antwort, wobei er ſein Röckchen feſt in die Taille zog und dann ſeine Haare mit beiden Händen pätſchelte.„Ihr habt Recht, Andreas; ich bin wahrhaftig ſo gut wie der Jemand des Jägers Klaus, und nach den vielen Beweiſen von— Wohlwollen, die ſie mir gegeben, kann ich mir ſchon etwas erlauben.— Andreas, Ihr ſollt von mir hören.“ Der Blick, womit nach dieſen Worten der Gärtner ſeinen kleinen Nachbar von der Seite betrachtete, den dieſer aber nicht ſah, da er, in tiefe Gedanken verſunken, den Kopf in ſeiner Hand ruhen ließ, war ein Gemiſch von Bosheit und Schadenfreude. Nach einigen Sekunden ſprach er, indem er dem Groom leicht auf die Schulter tippte: „Das haſt du freilich ſchon oft geſagt, mein guter Freund, aber wir wollen ſehen, ob man allen Glauben an dich verlieren muß, oder ob du wirklich noch zu etwas Beſ⸗ ſerem auf der Welt biſt, als Pferde zu nben und den Stall auszumiſten.“ „Laßt dieſe Reden jetzt ſein,“ entgegnete Friedrich ge⸗ kränkt;„man muß Einem die ſüßen Gedanken, die man hat, nicht mit ſo proſaiſchen Aeußerungen verderben.— Aus⸗ miſten!“ fügte er verächtlich bei,„das iſt überhaupt nicht meine Beſchäftigung; ich bin Reitknecht, Jockey; mein Bruder, der Kellner, würde ſagen, er ſei Leibpage, wenn er in meinen Stiefeln ſtäke.“ „Ja, dein Bruder, der Kellner, iſt ein anderer Kerl,“ Selbſtqnälereien. 285 gab Andreas kopfnickend zur Antwort;„der hat Poeſie im Leibe, das will ich meinen. Der hätte nicht ſo lange ge⸗ fackelt. Nun, ein gut Ding, das ſich beſſert,“ fügte er bei, während er ſich erhob und alsdann dem Anderen auf die Achſeln klopfte.„Laß mich was von dir hören, Bürſchlein, und meine volle Achtung ſoll dir nicht fehlen.“ Der kleine Groom machte eine Bewegung mit dem Kopfe und erhob die rechte Hand, wodurch er ausdrücken zu wollen ſchien: Wir wollen nicht weiter darüber reden, Ihr werdet ſchon ſehen. Dann ſtand er auf, klopfte ſorg⸗ fältig die Erde von ſeinen Reithoſen ab und begab ſich in den Stall. Als der Gärtner allein war, ſtützte er den Arm auf einen Stamm des Orangenbaumes, legte den Kopf varauf und ſagte:„Ei, ei, ſo weit wären wir alſo! Nun, wenn ich jetzt nicht gewonnenes Spiel habe und nicht Eins ums Andere in die Luft ſpringt, da will ich doch Scheerenſchleifer werden. Das geht über alle meine Erwartungen. O, wenn der Geſtrenge, der dort eben hinter der Gnädigen drein ſchoß, ſie erreichte oder ſie irgend wohin gehen ſähe, wo ſie nicht hin gehört— das wäre nicht mit Geld zu bezahlen. Auf jeden Fall muß es Mittel und Wege geben, es ihm beizubringen. Dazu iſt Francois auf der Welt. Wenn der es weiß, ſo weiß es auch die gnädige Frau Mutter, und dann wird es auch uns hier im Hauſe nicht lange mehr verſchwiegen bleiben.— Was aber jene dumme Beſtie anbe⸗ langt“— damit wandte er die Augen nach der Richtung, in welcher der kleine Reitknecht verſchwunden war—„ſo glaube ich, iſt ihm genug eingeheizt und der Kerl wirklich —3Eſ“ 286 Fünfzigſtes Kapitel.— Selbſtquälereien. im„Stande, den heilloſeſten Streich zu machen, den ſich je— ein Reitknecht zu Schulden kommen ließ. Na, viel Glück! Es iſt mir gerade,“ ſetzte er händereibend und mit dem uns bekannten freundlichen Lächeln hinzu,„als wenn die Luft doch noch einmal hier rein werden könnte.— Friſch ausgeſpielt, Herzen iſt Trumpf!“