* ————-— —————— —— „ —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E ntgegennah me eines Buches, eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 2 1 6. 22 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinuhte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage fe ſtgeſetzt und wird beſonteu darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ee haben. d 4 F. W. Hackländer. Dritter Band. e Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1858. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. „ vierundzwanzigſtes Kapitel. Nadelſtiche... Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Ritter und ſein Knappe.. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Das geheimnißvolle Licht....... Kampf und Niederlage. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Eine Mappe voller Pläne. Gute Freunde. Dreißigſtes Kapitel. Geſpräch zwiſchen guten Freunden Inhalt des dritten Bandes. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Seite 25 4⁵5 74 113 4——— — 1 8 1 IV Inhalt des dritten Bandes. Einunddreißigſtes Kapitel. Graf Czrabowski. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Im Reibſtein Dreiunddreißigſtes Kapitel. Poeſie und Proſa...... Ein Abenteuer Vierunddreißigſtes Kapitel. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Rubens Dolch.. Sechsunddreißigſtes Kanitel Die Czrabowski'ſchen Güter Siebenunddreißigſtes Kaptal Ecarté und Orangenblüthen Seite 149 174 187 267 —— ——— 3 1 1. — — — —,/ — — — ◻ Z — —. 5 4. 4 — — —— ——* —— S G * Vierundzwanzigſtes Kapitel. Nadelſtiche. Ehe der Doktor das Zimmer noch verlaſſen konnte, kam Gottſchalk eilfertig hereingelaufen und meldete faſt athemlos, der Herr Rechtsconſulent Plager ſteige eben die Treppe her⸗ auf, um dem Herrn Larioz einen Beſuch zu machen. Das geſchah heute zum erſten Mal, doch war es nicht Mangel an Theilnahme, was den Prinzipal bisher vom Bette ſeines Ge⸗ hülfen fern gehalten, vielmehr wirkte hierin der ſtrenge Befehl der Frau Doktorin, eigentlich der der Schwiegermutter, nur durch den Mund ihrer Tochter kund gethan, welche von Schleim⸗ und Nervenfieber und allen möglichen Arten von anſteckenden Krankheiten faſelte und verſicherte, das Haus augenblicklich verlaſſen zu wollen, ſobald ſie erführe, daß der Rechtsconſu⸗ lent vor völliger Beſſerung auch nur einen Schritt in das Zimmer des Herrn Larioz gethan. Ach, der gute Doktor Plager wußte, daß das mit dem Davongehen nur eine leere Hackländer, Don Quixote. III. 2 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Drohung war, und er hatte ſchon einmal den kannibaliſchen Gedanken gehabt, in ein Leintuch ſeines Schreibers gewickelt, im Zimmer erſcheinen zu wollen und zu ſprechen: Seht, das habe ich gethan, um meine werthe Schwiegermutter los zu werden.— Aber es wäre vergeblich geweſen.— Am aller— tollſten hatte ſich Clementine Weibel gegen einen Beſuch bei dem Schreiber ausgeſprochen und hatte ihren Schwager beſchworen, die Sache nicht leicht zu nehmen.„Wenigſtens vierzehn Tage lang,“ hatte ſie geſagt,„dürfte mir Herr Larioz, ſelbſt nach vollſtändiger Beſſerung, nicht das Zimmer verlaſſen und noch weniger ins Bureau kommen.“ Darin hatten Mutter und Schweſter, wie in allen Dingen, dem gefühlvollen Mädchen beigeſtimmt, das noch hinzuſetzte:„Wie mir unſer Arzt geſagt, ſind Rückfälle leicht möglich und am allergefähr⸗ lichſten.“ „Ja, Rückfälle ſind entſetzlich,“ hatte der Rechtsconſulent mit tiefem Seufzer zu ſich ſelbſt geſprochen. Und daß er nach alle dem ſeinen Gehülfen dennoch vor Ablauf der ihm als Friſt geſtellten vierzehn Tage beſuchte, ſollten wir faſt als Be⸗ weis ſeiner hochherzigen Geſinnung anführen. Der Doktor verſchwand aus dem Krankenzimmer mit einer freundlichen Handbewegung, und der Rechtsconſulent Plager trat herein. Als ſich die Beiden vor der Thür begegneten, fragte der Rechtsconſulent:„Keine Gefahr mehr, beſter Doktor?“¹ Worauf dieſer entgegnete:„Nicht die geringſte.“ Herr Larioz erhob ſich begreiflicherweiſe von ſeinem Stuhle, um dem Chef einige Schritte entgegen zu gehen. Doch ſchritt dieſer mit wohlwollender Miene auf ihn zu, und obgleich der Schreiber den Rechtsconſulenten in ſeinen 8 9 —— Nadelſtiche. 3 Lehnſtuhl nöthigen wollte, ſo ließ ſich doch derſelbe durchaus nicht dazu bewegen. Ihm ſchwebte dabei das Bild ſeiner guten Schwiegermutter vor Augen, und er dachte: Was würde ſie ſagen, wenn ſie zufällig erfahren ſollte— und bei Gott iſt Alles möglich— daß ich nicht nur gegen ihren Be⸗ fehl den Kranken beſucht, ſondern ſogar in deſſen durchwärm⸗ tem Stuhle Platz genommen? 3 Dabei dürfen wir dem geneigten Leſer mit einiger Be⸗ ſchämung nicht verſchweigen, daß Gottſchalk unten an der Treppe aufgeſtellt worden war, um im Falle irgend ein zu⸗ dringlicher— Client erſcheinen ſollte, den Prinzipal im Augen⸗ blicke benachrichtigen zu können. Wenn auch auf der Stirn deſſelben Wohlwollen für den Kranken, den er mit ſeinem Beſuche beehrte, zu leſen war, ſo ſchien ſich Herr Doktor Plager doch anderntheils wie ſo oft in einer etwas gedrückten Stimmung zu befinden; man ſah das an nicht zu mißkennenden Symptomen; er ſeufzte zuweilen ſtill in ſich hinein, ſpitzte auch häufig den Mund, während er die Augenbrauen finſter zuſammenzog, und verſenkte nicht ſelten ſein Kinn erſchreckend tief in die Hals⸗ binde. „Freue mich recht ſehr,“ ſagte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen,„daß ich erfahre, Sie befänden ſich wieder auf dem Wege der Beſſerung. Aber Schonung, Schonung! Ein Reconvalescent muß ſich ſehr in Acht nehmen, daß er keinen Rückfall erleidet; Rückfälle ſind ſehr gefährlich.“— Dabei ſeufzte er abermals und fuhr dann fort:„Es hat auch gar keine Eile, daß Sie in den nächſten Tagen wieder aufs Bu⸗ reau kommen; wir haben eine ſtille Zeit, es iſt nicht beſon⸗ ders viel zu thun.“ 4 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Heerrr Larioz dankte für die freundlichen Geſinnungen, ſo⸗ wie beſonders für die Ehre des Beſuchs, und verſetzte: Gottſchalk habe ihn davon in Kenntniß geſetzt, wie häufig ſich der Herr Doktor nach ſeinem Befinden erkundigt. „Das iſt meine Schuldigkeit,“ entgegnete dieſer;„ich wünſchte nur mehr für Sie thun zu können.— Apropos; jetzt bei der Geneſung wird ſich auch der Appetit wieder einſtellen; ich werde mit meiner Frau darüber ſprechen, daß ſie Ihnen zuweilen eine angenehme Speiſe kocht und herſendet.“ Er fürchtete ſehr, der arme Rechtsconſulent, der Schreiber möchte dieſes Anerbieten annehmen; doch dankte ihm dieſer beſtens dafür, indem er ſagte, er habe ſich einmal in die Hand des Doktors gegeben, und dieſer beſorge ihm alles, was für ſeinen Zuſtand erträglich und nothwendig. Der Suppen⸗ ſpenden von Gottſchalks Schweſter erwähnte er abſichtlich nicht. „Und wie ſteht's mit der übrigen Pflege?“ forſchte der Prinzipal, indem er ſich im Zimmer umſchaute.„Nun, die alte Frau ſcheint ihre Sachen gut zu beſorgen; es iſt recht wohnlich bei Ihnen, wenn auch kein Luxus und Ueber⸗ fluß an Möbeln, doch Alles ordentlich und reinlich. Dafür ſchwärme ich.“ Er ſeufzte bei dieſen Worten abermals. „Was die Bedienung der alten Frau anbelangt, ſo kann ich darüber durchaus nicht klagen,“ ſprach Herr Larioz;„über⸗ haupt beſorgt ſie meine Junggeſellen⸗Wirthſchaft ſo gut, wie ich es nur verlangen kann. Auch bei dieſem leichten Unwohl⸗ ſein habe ich wohl nichts zu klagen gehabt. Wie es freilich bei einer längeren Krankheit gehen würde, das weiß ich nicht. 2 6 * Nadelſtiche. 5 In einem ſolchen Falle, ſollte ich denken, müßte ein lediger Menſch doch Manches entbehren.“ „Mit einer tüchtigen Bedienung gewiß nicht, Herr Larioz,“ verſetzte eifrig der Rechtsconſulent.„Ich kann Sie verſichern, man iſt da in manchen Fällen beſſer verſehen, als mit einer ganzen Haushaltung, die um einen herumſchwirrt. Ich habe alles das erlebt; ich bin in Krankheiten von meinem Bedienten verpflegt worden und ſpäter von meiner Frau und Schwiegermutter. Glauben Sie mir, ich gebe in vielen, ſehr vielen Beziehungen einem guten Bedienten den Vorzug.“ Dabei tauchte er erſchrecklich tief in die Halsbinde hinab, und ſeine Augen waren kaum ſichtbar vor den zuſammen⸗ gezogenen Brauen; auch ſpielte etwas Melancholie um ſeine Naſenflügel. „Aber die ſorgſame Pflege einer weiblichen Hand,“ ſagte faſt ſchwärmeriſch der lange Schreiber,„muß doch unendlich wohlthuend wirken auf unſer Gemüth und die Heilung be⸗ fördern.“ „O ja, die ſorgſame Pflege einer weiblichen Hand, wenn ſie von Sanftmuth und Nachgiebigkeit geleitet wird,“ antwortete der Rechtsconſulent.„Wiſſen Sie auch, mein lieber Herr Larioz, was bei Krankheiten eines der beſten Heilmittel iſt?— Gemüthsruhe. O, was die wohlthätig auf uns einwirkt, davon haben Sie gar keine Idee. Aber es gibt,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„gewiſſe weibliche Hände, unter denen einmal gar keine Gemüthsruhe gedeihen kann. Ein weiblicher Dienſtbote, ein Bedienter läßt Ihnen Ihren ſtillen Frieden und iſt bei Pünktlichkeit, die ich verlange, wie eine Uhr, wie eine Maſchine, was auch wieder für das 2 L b 6 Vierundzwanzigſtes Kapitel. 33 erregte Gemüth eines Kranken von außerordentlich wohl⸗ thuender Wirkung iſt.“ „Aber im anderen Falle,“ meinte Herr Larioz,„kann auch ein nachläßiger Bedienter von großem Uebel ſein.“ eij „Einen nachläßigen Bedienten,“ rief der Doktor, wäh⸗ rend ſeine Finger zuckten und etwas wie Wildheit aus ſeinen Augen hervorbrach,„den ſchicke ich fort, augenblicklich fort, und ſchicke zehn nach einander fort, bis ich einen einzigen guten finde. Können Sie auch zehn nachläßige Frauen fort⸗ ſchicken, bis Sie am Ende eine finden, die Sie ſorgſam verpflegt?— O nein,“ ſetzte er wehmüthig lächelnd, faſt ab⸗ geſpannt hinzu,„das können Sie nicht, ſelbſt nicht eine Schwiegermutter, die ſich bemüht, Ihre Tage durch ſüße Pflege zu verlängern.— Oh! oh!“ 4 Er tauchte wieder ſo gewaltig unter, daß ſeine Ohren auf den nicht hohen Vatermördern ruhten, worauf er fort⸗ fuhr: „Sie ſehen mich zweifelhaft lächelnd an, und doch iſt es ſo, wie ich Ihnen ſage. Ein guter Bedienter ſtellt Ihre Medizin vor das Fenſter, den Löffel in kaltes Waſſer, und er würde glauben, eine wahre Sünde zu begehen, wenn er Ihnen den Trank nicht auf die Sekunde hin alle zwei Stun⸗ den darreichte. Dazu hat eine Frau oft keine Zeit; Gott! zehn Minuten früher oder ſpäter, das kann Ihnen unmöglich 4 was ſchaden.— Es würde Ihnen vielleicht auch nichts ſcha⸗ den, Herr Larioz, aber der Aerger, den Sie mit jeder Se⸗ kunde ſchlucken, wenn der Zeiger über die Stunde hinaus⸗ rückt, wenn der Perpendikel wie hohnlachend ſagt: ſie kommt — nicht— ſie kommt— nicht, warte nur— warte nur— 's iſt Alles Eins—'s iſt Alles Eins!— Nehmen wir — Nadelſtiche. 4 8 einen anderen Fall. Der Arzt verordnet Ihnen Apfel⸗Comp wiſſen Sie, fein zu Brei verkocht, ſehr kühlend und ange⸗ nehm. Sie ſollen davon haben, Mittags und Abends; dazu genügt bei einem guten Bedienten der einfache Befehl, in mancher Haushaltung nicht der zwei⸗, drei- und vierfache; Mittags konnten Sie unmöglich Apfel⸗Compot haben, es waren keine Aepfel im Hauſe. Ich frage Sie, ob Sie ſich nicht ärgern, daß Sie ſchwarz werden? Nun Abends. End⸗ lich kommt das erſehnte Geraht, aber die Aepfel ſind nicht zu Brei verkocht, ſondern ſchwimmen als ungenießbare Brocken in einer ſauerſüßen Brühe.— Wie Gott will; ſtatt des guten Apfel⸗Compottes haben Sie einen tüchtigen Aerger im Leibe, und der hat vielleicht auch ſeine Wirkung gethan. Hoffen wir auf morgen, da ſoll es gewiß nicht fehlen. Das Mittag kommt, mit ihm die Schüſſel; es iſt ein breiartiger Compot darin, ſieht auch nicht ſo übel aus, Sie verſuchen es—— es ſind Birnen, gekochte Birnen, ſcheußliche Bir⸗ nen, und wer kann Ihnen übel nehmen, daß Sie den Löffel etwas gewaltſam von ſich werfen?“ Hier ſchwieg der Rechtsconſulent einen Augenblick, um tief Athem zu holen; dann legte er die Hand auf den Arm ſeines Schreibers und ſagte wehmüthig:„Hat Ihnen das ein Bedienter gethan— es kann auch bei einem ſolchen vor— kommen, ich will es nicht läugnen,— ſo wird er ſich am Kopfe kratzen und wird tauſendmal um Verzeihung bitten; er wird einſehen, daß er gefehlt hat, und dabei ſchmilzt Ihr Aerger, und Sie ſagen: So mach es morgen anders.— Manche Frau aber, Herr—“ das ſchrie der Rechtscon⸗ ſulent lauter, als gerade nothwendig war,„wird nicht um Entſchuldigung bitten, oder zugeben, daß ſie ſich geirrt hat, ——— 8 Vierundzwanzigſtes Kapitel. namentlich wenn ſie eine Schwiegermutter zur Seite hat. Ja, Herr, ſie wird pikirt ſein, ſie wird die Achſeln zucken, ſie wird mit einem Blick auf die Andere pantomimiſch aus⸗ drücken: Kann man dem Ungeheuer von Mann etwas recht machen? Bin ich nicht ein armes, geſchlagenes, un⸗ glückliches Weib?— O, Herr Larioz, man hat in ſolchen Augen⸗ blicken oftmals die Geduld eines Engels, hoffend, einen Sturm, der hereinbrechen muß, zu beſchwichtigen. Umſonſt; je mehr Sie nachgeben, je mehr ſind Sie im Unrecht. Halten Sie es für möglich, daß eine Frau in einem ſol⸗ chen Augenblicke zu der anderen, die neben ihr ſteht, ge⸗ wendet, ſagen kann: Du biſt mein Zeuge, daß ihm geſtern Abend das Apfel⸗Compot auch nicht recht war.— Als wenn Brocken mit Brühe Apfel⸗Compot wäre!— Jetzt bringe ich ihm die vortrefflichſten Birnen; ich weiß nicht, wie ich's anders machen ſoll. „Sehen Sie, Herr Larioz, da verläßt Sie alle Ver⸗ nunft, Sie ſpringen auf, Sie toben und ſchreien vielleicht mehr, als Sie hätten thun ſollen, und wenn Sie nachher todesmüde in Ihren Stuhl oder in Ihr Bett zurückfallen, da hören Sie vielleicht von fern her die Stimme der Schwieger⸗ mutter, welche ſpricht: So ſind ſie alle; man muß ſich nur nichts daraus machen, und nebenbei bin ich feſt überzeugt, daß Compot von Birnen viel geſunder iſt als von ⸗Aepfeln.— Ohl oh! oh! oh!“ Bei den letzten Worten war der Rechtsconſulent aufge⸗ ſprungen, hatte die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt, ſo daß ſeine Finger zwiſchen den Rockſchößen hervorſchauten, und lief eilig im Zimmer auf und ab. Herr Larioz blickte ihm nach, und da er die aufgeregte ——— Nadelſtiche. 9 4 ½ Gemüthsſtimmung ſah, in welcher ſich ſein Prinzipal befand, ſo wußte er nicht, was er ſagen ſollte. Als er aber endlich etwas ſprach, war es vielleicht die mindeſt gute Bemerkung, 1 die er machen konnte. Er meinte nämlich:„Da ſollte ich mich ja vielleicht glücklich ſchätzen, bis jetzt noch zu keiner Frau gekommen zu ſein.“ Auf das hin blieb Herr Plager, mit einem förmlichen Rucke ſeinen Spaziergang unterbrechend, vor Larioz ſtehen, ſtreckte wie beſchwörend die Hand aus und verſetzte:„Wiſſen Sie, was Paulus ſagt: Heirathen iſt gut, nicht heirathen aber beſſer. Wozu wollen Sie heirathen? Um zu Hauſe mit Frau und Kindern ein behaglich friedliches und ver⸗ 4 gnügtes Leben zu führen. Wenn Ihnen das aber nicht ge⸗ lingt, wenn jeder Schritt, den Sie zu Hauſe thun, jedes . Wort, das Sie ſprechen, von Zank und Widerwärtigkeiten begleitet iſt, da wäre es doch wahrhaftig beſſer, Sie hätten nach Paulus gehandelt. Sie werden mir einwenden, als lediger Menſch habe ich auch Aerger und Unangenehmes in meinem Geſchäft oder mit meinem Bedienten.— Richtig,— aber nach den Geſchäftsſtunden können Sie alles Unange⸗ nehme hinter der verſchloſſenen Thür laſſen; und dann, einem Bedienten, der Sie ärgert, ſagen Sie die Wahrheit und zeigen ihm, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen hat. Dann haben Sie wenigſtens für den Augenblick Ruhe.— Kommt dann die Nacht, die ſüße, heilige Nacht,“ fuhr er mit weicher, ſchwärmeriſcher Stimme fort, wobei er ſeine Hände faltete und an die Zimmerdecke blickte,„ſo legen Sie ſich in Ihr ſtilles Bett, leſen Ihre Zeitung und ſchlafen trotz Widerwärtigkeiten im Geſchäfte, trotz nachläßiger und unverſchämter Bedienten. Aber, Herr—“ dabei zitterte d —— — 10 Vierundzwanzigſtes Kapitel. ſeine Stimme—„eine böſe Frau läßt Sie nicht einſchlafen. O, Sie können mich nicht verſtehen. Sie wiſſen nicht, was eine Gardinen⸗Predigt iſt. Sie halten das für eine Phan⸗ taſie, für eine Chimäre, von boshaften Schriftſtellern erfun⸗ den. Nein, Herr, das iſt Wirllichkeit, ſchreckliche Wirklichkeit, raſende Wirklichkeit!— Gott der Herr hat jedem Geſchöpfe ſeine Nachtruhe gegeben; der Kanarienvogel ſteckt ſeinen Kopf unbeläſtigt unter die Flügel, Storch und Gans ziehen ihr Bein an ſich und ſchlafen in Frieden, ebenſo der Hund in ſeinem Stalle, der Wurm im Boden, der Goldkäfer in der Roſe; jeder Creatur iſt nächtliche Ruhe vergönnt, nur einem armen Ehemann nicht; er allein weiß, was eine Gardinen⸗ Predigt zu bedeuten hat.— Und ich ſage Ihnen, mein lieber Herr Larioz, dann nicht entfliehen zu können, iſt der ſchreck⸗ lichſte aller Schrecken auf Erden.— Wäre ich ein Richter geworden, und hätte ich eine Frau zu verurtheilen, ſo wäre meine erſte Frage: Predigt ſie Gardinen oder nicht?—— Ja, ſie hält Gardinen⸗Predigten.— Wohlan denn, ſie iſt zu Allem fähig.“. Herr Larioz hatte bei der außerordentlich langen und heftigen Rede ſeines Chefs nichts Beſſeres zu thun gewußt, als ſehr bemerkbar den Kopf zu ſchütteln, auch die Achſeln zu zucken und jetzt beim Schluſſe zu ſagen:„Das iſt er⸗ ſtaunlich, gewiß ganz erſtaunlich. Obgleich ich auch ſchon Einiges vom Eheſtand gehört, ſo habe ich ihn doch nie ſo ſcharf von der Seite der Gardinen⸗Predigten her auffaſſen ſehen. Es muß außerordentlich viel Wahres in Ihren Be⸗ merkungen ſein, geehrteſter Herr Doktor.“ „Viel Wahrheit?“ fragte dieſer mit einem Blick des Zweifels auf ſeinen Untergebenen, wobei ſein Kopf aus ſeiner — Nadelſtiche. 11 alsbinde hervortauchte.„Ich ſage Ihnen, meine Bemerkungen . g g ſind vollgeſogen von Wahrheit, ſie ſind ganz Wahrheit. O, glauben Sie mir, ich habe genugſam ſchaudernd das ſelbſt erlebt, wovon ich Ihnen ſprach.“ Er ließ ſich auf ſeinen Stuhl nieder, wie erſchöpft in Erinnerung an entſetzliche Dinge, die er erlebt. „Und das iſt eine Krankheit,“ fuhr Herr Doktor Plager nach einer Pauſe fort,„die nicht zu heilen iſt, die ſich ſteigert und immer ſteigert durch alle Stadien der menſchlichen Rede⸗ kunſt hindurch bis zu einem Paroxysmus, bis zum Ausbruch völligen Wahnſinns, der im Stande iſt, Sie anzuſtecken, ſo daß Sie ſich unter der Laſt der Beſchuldigungen, die man auf Sie wälzt, erſtaunt ſelbſt betrachten, ob Sie denn wirklich das moraliſche Ungeheuer ſind, als das Sie Ihre beſſere Hälfte Nacht um Nacht kennzeichnet.“ „Das ſind freilich vortreffliche und höchſt nützliche Lehren, und man ſollte ſie allen heirathsluſtigen Männern der gan⸗ : zen Welt mittheilen,“ meinte der lange Schreiber.„Es gäbe das eine neue Clauſel in einem Ehevertrag: Keine Gardinen⸗ Predigten.“ „O ja,“ ſeufzte der Rechtsconſulent aus tiefſter Bruſt, wobei ſein Kopf herabſank wie die Blume einer geknickten Lilie.„Keine Gardinen⸗Predigten mehr! Wenn ich dafür ein Mittel wüßte! Wer das mit Wahrheit anpreiſen könnte, wie man zum Beiſpiel liest: Keine Hühneraugen mehr! oder: Fort mit Cravatten! ich ſage Ihnen, der Mann müßte in einem Jahre Millionär ſein.“ Als Herr Larioz die wirklich zerknirſchte Miene ſeines Prinzipals ſah, dehnte er ſich behaglich im Lehnſtuhl aus, be⸗ trachtete die kahlen Wände ſeines Zimmers, ſeine einfachen 12 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Möbel, die Medizin, im Glaſe vor dem Fenſter ſtehend, den ſilbernen Löffel dabei im kalten Waſſer, den Verſchlag, wo ſein Bett war und wo nächtlich die Stille und der Friede des Paradieſes herrſchte, wenn er nicht zufälliger Weiſe ſchnarchte. Das alles ſchaute er an und drehte darauf freundlich lächelnd ſeinen Schnurrbart in die Höhe, erhob auch friſch ſeine Naſe, während die des Doktor Plager ſchlaff herabhing, ja, während der ganze Mann mit dem Zweige einer Trauerweide zu ver⸗ gleichen war. Doch ſchien nicht die Ruhe in ihm zu ſein, welche wir bei dieſem melancholiſchen Baume vorausſetzen, oder fuhr ein neuer Wind ſchmerzlicher Erinnerung durch ſeine Blätter? Denn nachdem er ein paar Mal tief aufgeſeufzt, ſtrich er ſeine Haare in die Höhe, ſchlug die Arme über einander nnd ſagte mit höhniſchem Lächeln:„Und wenn Sie denn doch je⸗ mals die Abſicht haben, ſich zu vermählen, ſo heirathen Sie um Gottes willen in keine Familie, deren Mitglieder, wohl⸗ verſtanden ihren Worten nach, wahre Engel ſind; es gibt ſolche Familien, die weder Fehler haben— von Laſtern iſt gar keine Rede— noch auch nur eine Ungeſchicklichkeit be⸗ gehen, und die alles Unglück, alle Widerwärtigkeiten, die ſie betreffen— und darunter gehört der Mann in erſter Linie — gänzlich unverſchuldet tragen, wie das Lamm Gottes der Welt Sünden.— Ich, Herr Larioz, ich habe es ſo getroffen; meine Schwiegermutter, meine Frau, meine Schwägerinnen gehören zu einer gegenſeitigen Tugend⸗Verſicherung; es gibt keine edle That, keine Güte und Liebe, deren nicht Eines das Andere für fähig hält, indem es mich dabei ſtets als den grimmigen Sünder betrachtet, der immer Unheil ſchwitzt, das der liebe Gott nur in ſeiner Huld und Gnade für jene reinen Nadelſtiche. 13 Engel nicht zum Ausbruch kommen läßt. Sie kennen meine Frau Schwiegermutter; an ihrer himmliſchen Güte, ihrer Sanftmuth, ihrer Unparteilichkeit zu zweifeln, wäre ein Haupt⸗ verbrechen. Sie kennen auch Madame. Es gibt keine Tugend, welche dieſes von mir unterdrückte unglückliche Weib nicht be⸗ ſitzt. Sie kennen auch meine Schwägerin, Clementine Weibel, einen Engel der Unſchuld, ein fleckenloſes Weſen. Und zwiſchen dieſer lichten Familie muß ich, deſſen Fehler und Untugenden mir jeden Tag vorgeworfen werden, mir am Ende ſelbſt wie ein wahres Ungethüm erſcheinen. Ja, ich fühle es, Herr Larioz, bei ſo viel Tugend, bei einem ſolchen Unterſchied der Charaktere, könnte man am Ende wirklich ein ſchlechter Kerl werden.“ Der Rechtsconſulent legte die Hände auf die Kniee und ließ den Kopf abermals tief herabſinken. Wohl hatte Herr Larioz dergleichen Anwandlungen auch früher ſchon an ſeinem Prinzipal bemerkt, doch meiſtens nach einer der heftigen Fa⸗ milienſcenen, an denen im Plager'ſchen Hauſe kein Mangel war. Auch heute oder geſtern mußte etwas dergleichen vor⸗ gefallen ſein, doch war der Schreiber viel zu diskret, ſeinen Prinzipal darum zu befragen, auch wußte er wohl, daß, wenn derſelbe einmal anfing, ſich Luft zu machen, er nicht mehr viel auf dem Herzen behielt. Herr Larioz hatte ſich auch nicht getäuſcht, und nachdem ſein Chef ein paar Minuten lang ruhig und nachdenkend ge⸗ ſeſſen, ſchien er ſich zu ermannen, fuhr abermals durch das Haar, zog ſeinen Hemdkragen in die Höhe und ſpitzte den Mund, worauf er ſagte:„Es war geſtern Freitag, wie Sie wiſſen. An ſolchen Tagen gehört es zum Tone, eine kleine Spazierfahrt zu machen, welche jetzt, im Winter, in dem Glas⸗ 14 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Salon des öffentlichen Gartens endigt, wo neben langweili⸗ ger Muſik ſehr ſchlechter Kaffee bei unendlichem Tabaksdampf genoſſen wird, wo man ſieht und ſich ſehen läßt. Es iſt noch ein Glück, daß an ſolchen Tagen die Frau Schwiegermutter es vorzieht, mit irgend einer guten Freundin zu Hauſe in ſtiller Beſchaulichkeit einen weit beſſeren Kaffee zu genießen. Da aber keine Roſe ohne Dornen iſt,“ lachte er giftig,„ſo erfahre ich ſchon beim Frühſtück, welch ungeheures Opfer Mama mir bringt, daß ſie von der Partie zu Hauſe bleibt, wie man es aber noch nie genug gewürdigt hat, was man alles für mich und mein Haus thut, kurz, wie ich auch in dieſem Punkte wieder das gewöhnliche verabſcheuungswürdige Un⸗ geheuer bin. Glücklicher Weiſe aber lief an dem Morgen das alles von mir ab, wie der Regen vom Fell des Hundes; auch beſänftigte man ſich raſcher, als ich gedacht, da ich meine liebe Schwägerin Clementine eingeladen, mit uns zu fahren, mit uns Kaffee zu trinken, mit uns zu ſehen und ſich ſehen zu laſſen.— Sie werden ſich,“ fuhr Herr Plager nach einer Pauſe fort,„einer unvergeßlichen Soiree bei mir vor einiger Zeit erinnern.“ „O ja,“ erwiderte Herr Larioz mit eigenthümlichem Augenzwinkern;„derſelben Soiree, wo jener polniſche Punſch gebraut wurde, den ich auf ſo ſeltſame Art zu koſten be⸗ kam.“ „Ja, jener Soiree,“ ſagte der Rechtsconſulent etwas klein⸗ laut,„wo Sie die unſchuldige Urſache waren, daß endlich die Verlobung meiner Schwägerin Clementine mit jenem vortreff⸗ lichen Herrn Schilder der Geſellſchaft proclamirt werden konnte, worunter ſich einige Damen befanden, die den andern Tag Sorge dafür trugen, daß das freudige Ereigniß in der Nadelſtiche. 15 ganzen Stadt bekannt wurde.— Und man kann ſagen, es war ein freudiges Ereigniß für mich und mein Haus. Wie ſich Herr Schilder ſpäter dabei befinden wird,“ ſetzte er achſel⸗ zuckend hinzu,„das iſt ſeine Sache. Aber für ein Mädchen, wie Clementine Weibel, mit wenigem Vermögen, iſt der junge Schilder eine Partie, wie man ſie nur wünſchen kann. Glau⸗ ben Sie aber, Herr, daß das dieſe Familie einſieht? daß man mir dankbar wäre, weil ich dazu kräftig das Meinige beige⸗ tragen?— Im Gegentheil, Clementine ſieht ſich als ein Opfer an; ich habe beim Arrangement dieſer Partie Gott weiß welche Nebenanſichten gehabt; ſie iſt ein Werk meines Eigen⸗ nutzes; ich habe das arme junge Mädchen ſchändlich verkauft. Ja, ſehen Sie, darüber ſollte man eigentlich den Verſtand ver⸗ lieren; aber ich verlor den meinigen nicht,“ ſagte er lächelnd, nich ſchmiedete das heiße Eiſen mit tüchtigen Schlägen, ich veranlaßte meinen Schwager Banquier, dem jungen Manne bereitwillig ſein Haus zu öffnen, und wenn ich wirklich voll⸗ kommen ehrlich ſein will, ſo habe ich, Ihnen im Vertrauen geſtanden, allerdings bei dieſer Heirath meine Nebenanſichten. Wäre es nicht möglich,“ fuhr er händereibend fort,„daß meine gute Schwiegermutter, welcher der Aufenthalt in meinem Hauſe ſo äußerſt unangenehm iſt, es nicht einmal bei ihrer jüngeren Tochter probirte?— „Doch das wird die Zukunft lehren; bleiben wir beim geſtrigen Tage. Sie können ſich denken, daß ich Herrn Schil⸗ der in Kenntniß ſetzte, wohin wir unſere Fahrt richten würden, und daß ich das den Meinigen auch nicht vorenthielt, natür⸗ lich aber erſt, als wir im Wagen ſaßen. Ich verſichere, es war anfänglich, als wenn Clementine mit einem Kübel Eis⸗ waſſer begoſſen worden wäre; ſie biß die Lippen auf einander, — —,·⅓·— — —— 16 Bierundzwanzigſtes Kapitel. ſah ihre Schweſter achſelzuckend an, ſummte einige Takte eines mir unbekannten Liedes und begann ihre kleine Scene mit mir:„Jetzt hätte ich gerade Luſt, auszuſteigen und direkt nach Hauſe zu gehen.„Wie gewöhnlich gab ein Wort das andere, und wenn wir nicht glücklicher Weiſe raſſelnd auf dem Pflaſter gefahren wären, ſo würde der Kutſcher allerlei erbauliche Sachen zu hören bekommen haben. Dabei kennen Sie meine Geiſtesgegenwart. Wenn ich den beiden auch tüchtig meine Meinung ſagte— ein Glück war es dabei, daß die Schwie⸗ germutter zu Hauſe geblieben,— ſo that ich das doch wegen der Vorübergehenden äußerlich auf die freundlichſte und liebevollſte Art von der Welt. Wiſſen Sie, lieber Herr Larioz, man gewöhnt ſich an dergleichen, und da auch meine Frau und Fräulein Clementine gute Miene zum böſen Spiel mach⸗ ten, ſo erſchienen wir den Begegnenden, während wir uns die bitterſten Dinge ſagten, doch wie eine Familie, die voll Liebe und Eintracht einem harmloſen Vergnügen ent⸗ gegen fährt. Es iſt das ſehr traurig, aber ich kann es nicht ändern. „Wir kommen alſo an, wir nehmen einen Tiſch, wir trinken Kaffee. Der Friede iſt ſo weit wieder hergeſtellt, daß meine Frau wenigſtens mit mir ſpricht, wobei ſie aber ſtatt meiner irgend ein Fenſter oder auch vielleicht die große Baßgeige anblickt. Fräulein Clementine horcht anſcheinend aufmerkſam auf die Muſik, ſpäht aber dabei im ganzen Saale umher und weiß auch durch allerlei künſtliche Ma⸗ növer, indem ſie ſich mit den Kindern beſchäftigt, oder ihr Taſchentuch fallen läßt, das zu bemerken, was hinter ihrem Rücken vorgeht. Ich bin ſo glücklich, alles das zu ſehen, thue 2 Nadelſtiche. 17 aber nicht dergleichen, fühle jedoch wohl, daß die Luft noch rein iſt. „Sie ſehen mich einiger Maßen erſtaunt an; aha! ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß Herr Czrabowski, der ſogenannte e Graf, weit davon entfernt iſt, ſeit jener für ihn ſo unangenehmen Punſchgeſchichte meine gute Schwägerin in Ruhe zu laſſen. Das heißt, wenn ſie ihm keine Veranlaſſung gäbe, würde er ſchon längſt aufgehört haben, ihr Aufmerk⸗ ſamkeiten zu erweiſen, von denen er dann wüßte, daß ſie durchaus zu keinem Reſultate führen können. Mir hat die Sache ſchon Kummer genug gemacht; glauben Sie mir, die⸗ ſer Menſch iſt ein ganz verwahrlostes Subject. Aber können Sie ſich denken, daß ich, wenn ich in Betreff 1* nur die geringſte wohlgemeinte Warnung ergehen laſſe, die Lunte ans Pulverfaß lege? O, ich habe darüber ſchon ſchreckliche Auf⸗ tritte erlebt!“ Dabei ſeufzte er wieder einmal, blickte an die Zimmer⸗ decke empor und fuhr alsdann fort:„Wie geſagt, anfänglich war die Luft rein; bald aber bemerkte ich, daß die Blicke Clementinens nicht mehr im Saale umherſchweiften, ſondern ſich nach einer gewiſſen Stelle richteten. Dieſe Stelle aber be⸗ fand ſich hinter meinem Rücken, ſo daß ich, ohne Aufſehen zu erregen, nicht ſehen konnte, was ſich da begab. Aber ich wußte es ganz genau; fing doch das mir wohl bekannte Spiel an. Clementine lächelte ſanft in ſich hinein, fuhr mit ihrem Schnupftuch an den Mund, roch an einem Blumen⸗Bouquet viel länger, als nothwendig war, und wenn ſie den Kopf wenden mußte, um mit ihrer Schweſter zu ſprechen, ſo blie⸗ ben doch ihre Augen wie feſtgebannt an jener gewiſſen Stelle haften. Hackländer, Don Quixote. III. 2 18 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Endlich fand ich Veranlaſſung, mich herum zu drehen. Richtig! vielleicht zwanzig Schritte hinter mir an einer Säule lehnte der edle Graf Czrabowski mit einer unbeſchreiblich ſchmachtenden Attitude; er hatte einen Fuß über den anderen 4 gelegt, hielt die rechte Hand aufs Herz und ſtrich ſich mit den Fingern der Linken ſeinen dünnen Schnurrbart. Als ch mich aber umwandte, drehte er mir plötzlich den Rücken zu.“ „Und was ſollte alles das heißen?“ fragte Herr Larioz mit größter Unſchuld. Der Rechtsconſulent blickte ihn einigermaßen erſtaunt an, dann lächelte er und ſagte:„Ja, ja, wie ſollten Sie das auch wiſſen! Sie beſuchen weder Theater noch Bälle, noch öffer lick⸗ Gärten, haben alſo auch kein auber die faden Geſchichten zu beobachten, mit denen ſich dort ein großer Theil junger unſchuldiger Mädchen und nichtsthuender Elegants amuſirt. Wären Sie aber verheirathet oder hätten ₰ℳ e daran, alle eine Tochter oder dergleichen zu bewachen, ſo würden Sie dieſe Zeichenſprache wie das Alphabet kennen lernen. Ich kenne ſie durch alle Nuancen und habe leider eine ſolche genaue Kennt⸗ niß erlangt, daß ich aus einem Lächeln, aus der Art, wie das Schnupftuch an den Mund geführt wird, mit Gewißheit ſagen kann, ob es nur ein vorübergehendes Spiel, ob es eine Neigung, ob es eine Liebſchaft iſt,— im letzten Falle ſogar, in welches Stadium dieſe Liebſchaft bereits getreten. „Zu meinem Schrecken ſah ich nun, mit dieſem unheil⸗ vollen Wiſſen ausgerüſtet, daß das Lächeln Clementinens, daß die Art, wie ſie ihre Blicke hinüber warf, wie ſie die Augen niederſchlug, ſchon eine ziemlich weit vorgeſchrittene Liebſchaft anzeigten. Ich ſah das und ſchwieg vorderhand. Später kam auch Herr Schilder, ſetzte ſich mit dem Rechte, das er b * Nadelſtiche. 19 als Verlobter hatte, neben Clementine und ſprach wie immer verſtändig und angenehm. Daß er vielleicht ſeine Worte nicht ſo zu ſetzen weiß wie jener Andere, daran habe ich nie ge⸗ zweifelt; aber, du lieber Gott! man ſollte doch denken, ein ruhiges und vernünftiges Geſpräch müßte ſo einem Mädchen 13 gefallen, als die überſchwänglichen Redensarten voll ſo⸗ genannter Poeſie und beſtändig geſpickt mit Anſpielungen über dieſes oder jenes Zuſammentreffen, dieſen oder jenen Blick, den man genoſſen. Meine Frau war ſo verſtändig, Herrn Schilder freundlich zu empfangen, auch Clementine nicht ſo froſtig, als ich erwartet, und deßhalb ſchien Herr Schilder mit der Aufnahme recht zufrieden. Es iſt das wirklich ein genüg⸗ ſamer junger Mann; aber ſo arglos und unbefangin yr auch das Leben nimmt, ſo entging es ihm doch nicht, daß Clemen⸗ tine einigermaßen zerſtreut war; ja, er mußte bemerkt haben, daß ſie häufig neben ihm vorbei ſah; und dann kam jenes fatale, gefährliche Lächeln zum Vorſchein. „Wir fuhren zurück,“ erzählte Herr Doktor Plager nach einem tiefen Athemzuge weiter,„und als wir zu Hauſe ange⸗ kommen waren, ſprach man von dem verlebten Nachmittag, ein Wort gab das andere, und ich hatte, wenn Sie wollen, die Unklugheit, Clementine vor dem ſogenannten polniſchen Gra⸗ fen zu warnen, indem ich ihr lächelnd meine Bemerkungen mittheilte. Aber, du lieber Gott, welche Scene hatte ich mir bereitet! Clementine brach ohne alle vernünftigen Gründe in ein lautes Weinen aus, meine Frau zuckte die Achſeln mit jenem nur mir verſtändlichen unbeſchreiblichen Kopfnicken, die Schwiegermutter affektirte einen Augenblick eine völlige Erſtarrung, worauf ſie ihre Naſe erhob und triumphirend ſagte:„Das iſt die alte Geſchichte! Der Mann in ⸗ſeinem Haß — 20 Vierundzwanzigſtes Kapitel. gegen uns iſt nicht im Stande, uns nur das kleinſte, harm⸗ loſeſte Vergnügen zu gönnen.— Ob ich etwas darauf ent⸗ gegnete, weiß ich nicht genau, ich glaube aber faſt, daß ich mich zu ein paar pikanten Worten hinreißen ließ, wor⸗ auf denn Clementine etwas furienhaft auf mich losſtürzte, mit einer Leidenſchaft, wie ich ſie nie geſehen, und mit einer Zungengeläufigkeit, vor der ich förmlich erſchrak, die exorbi⸗ tanteſten Dinge ſagte, unter Anderem, ich haſſe ſie und ihre ganze Familie, ich ſuche jedes Mitglied derſelben zu unter⸗ drücken und ihm zu ſchaden, wo es mir möglich ſei; ich fände eine Freude daran, dergleichen Dinge, wie die von dem polniſchen Grafen, den Gott verdammen möge, zu er⸗ finden, um ihr einen ſchlechten Namen zu machen, um Sachen unter das Publikum zu bringen, von denen ihre reine Seele durchaus nichts wiſſe, ja, vor denen ſie förmlich zurück⸗ ſchaudere. „Ich ſage Ihnen, Herr Larioz, der Moment war einiger⸗ maßen unangenehm für mich. Sie hätten dieſe Tugend ſehen ſollen, neben Mutter und Schweſter ſtehend, ſich mit lautem Aufſchrei an mich wendend, dann wieder mit erſterbendem Hauch jeden Augenblick bereit, ohnmächtig in die Arme meiner guten Schwiegermutter zu fallen, dabei Unſchuld, ganz Unſchuld, voll⸗ kommene Unſchuld, jeder Zoll eine Unſchuld; und ich daneben ein Ungeheuer, das dieſen fleckenloſen Engel über etwas an⸗ klagte, von dem ſelbiger Engel ſchon damals bei der Soiree die vollgültigſten Beweiſe gegeben. „Daß ich auch nichts weniger als ruhig blieb, brauche ich wohl nicht zu ſagen; ich hätte jeden Anderen in dieſem Feuer ſehen mögen: Clementine mich wie eine wilde Flamme um⸗ ſpielend, Madame ſich mit wenigen, aber höchſt ſcharfen Be⸗ —.———H⏑—— Nadelſtiche. 21 merkungen immer mehr ſteigernd, und die gute Schwiegermut⸗ ter mit jedem Worte, das ſie ſprach, einen Tropfen ſiedenden Oels auf mich träufelnd. g2 „Endlich entſprang ich. Der Teufel iſt gemacht, es ſo auf die Länge auszuhalten. O, Herr Larioz, wäre ich nur damals ſtatt Ihrer oder des guten Schilder in die Küche ge⸗ treten, wo der polniſche Punſch gebraut wurde, es wäre wahr⸗ lich beſſer!— Aber wer weiß!“ ſetzte er nach einer Pauſe achſelzuckend hinzu;„ich ſage Ihnen, dieſe drei Frauenzimmer ſind im Stande, Sie glauben zu machen, die Sonne ſei ſchwarz und ein Rhinozeros ſehe einem Kanarienvogel voll⸗ kommen ähnlich. Ohl! oh! „Aber ich mußte hieher kommen, ich mußte mich erleich⸗ tern; ich glaube, Zorn und Wuth hätten mir langſam die Kehle zugeſchnürt, hätten mich zu einem ſtillen Manne gemacht; und den Gefallen kann ich ihnen unmöglich jetzt ſchon thun. — Du lieber Gott!“ ſetzte er melancholiſch hinzu,„dieſen ihren Lebenszweck werden ſie doch endlich erreichen; aber jetzt hielt ich es wirklich noch für zu früh. Ach, glauben Sie mir, ich fühle wohl, daß man von Eiſen ſein müßte, um alles das zu ertragen; ich kann Ihnen verſichern, mich beherrſchen oft ganz traurige Phantaſieen, und manchmal, wenn ich ſo allein ſitze und ſchreibe, ertappe ich mich mit Schrecken beim Summen alter Kirchenlieder, z. B. Im Grab iſt Ruh, oder: Das Grab iſt tief und ſtille.“ Bei dieſen Worten ließ der Rechtsconſulent den Kopf wie⸗ der tief auf die Bruſt herabſinken und faltete dabei die Hände, ſo daß er ein gar klägliches Bild der Zerknirſchung bot. Der lange Spanier betrachtete Herrn Plager mit wirkli⸗ cher Theilnahme, denn er hatte oft die Leiden mit angeſehen, 22 Vierundzwanzigſtes Kapitel. die derſelbe zu erdulden hatte. War er doch ſelbſt ſchon, wie der geneigte Leſer weiß, in Mitleidenſchaft gezogen worden; an ſeinem ſchwarzen Frack waren längere Zeit die Spuren davon ſichtbar geweſen,— Spuren, die, dem ſpäter gemachten Vertrag zum Hohne, Babette doch nicht vertilgt hatte. Er hielt es deshalb auch für ſeine Pflicht, dem Prinzipal einigen Troſt zuzuſprechen, und ſagte ihm daher: „Ei, ei, Herr Doktor, Sie wollen anfangen, den Muth zu verlieren, und wer das thut, gibt ſich ſchon halb verloren. Daß die Verhältniſſe dorten wohl eigener Art ſind, das wird niemand läugnen, der ſie kennt; aber wenn man es am we⸗ nigſten erwartet, tritt oft eine Aenderung ein.“ „O ja,“ ſeufzte Doktor Plager;„im Grab iſt Ruh'.“ „Ach was! daran denken wir nicht. Laſſen Sie vor der Hand die Sachen laufen, wie ſie wollen; bekümmern Sie ſich nicht mehr um den polniſchen Grafen. Fräulein Clementine i*ſt alt genug, um zu wiſſen, was ſie thut, und glauben Sie mir, was ſie möglicher Weiſe thun könnte, wird ſie vor Ihnen wohl verſteckt halten.“ „Leider, leider! Und doch gäbe ich eine Million, den beiden Anderen beweiſen zu können, wie Recht ich habe.“ „Da Sie mich einmal in Ihr Vertrauen zogen,“ fuhr Don Larioz fort,„ſo kann ich mir wohl erlauben, Ihnen einen Rath zu geben. Pouſſiren Sie die Sache mit dem Herrn Schilder; auch ich glaube, daß im Falle einer Verheirathung Fräulein Clementinens die verehrte Madame Weibel vielleicht in der That vorziehen würde, es einmal bei ihrer jüngeren Tochter zu probiren.“ 4„O, wenn dem ſo wäre!“ ſeufzte der Rechtsconſulent mit aufgehobenen Händen. —, —,—— —,— ——— Nadelſtiche. 23 „Bei alle dem,“ ſprach der Schreiber mit einem Tone der Mißbilligung, welche dem Prinzipal gegenüber freilich etwas ſchüchtern durchklang,„ſind Sie doch am Ende der Herr in Ihrem Hauſe, und wenn ich eine Schwiegermutter beſäße, die mir das Leben ſo ſauer machte, ſo—“ „O, daran habe ich auch ſchon gedacht,“ verſetzte der Andere, indem er ſich ſchüchtern umſah.„Aber, lieber Herr Larioz, es iſt nicht Jedermann Luſt und Muth gegeben, den Kampf mit dem Drachen zu beginnen. Ich weiß wohl, Sie haben ein eigenes Naturel darin; bis jetzt zwar iſt es Ihnen eine Luſt, gegen widerwärtige Verhältniſſe anzukämpfen. Und doch,“ ſetzte er betrübt hinzu,„mußten auch Sie ſich damals vor dem Punſchglaſe zu einem haſtigen Rückzuge bequemen.“ „Das allerdings,“ ſagte Herr Larioz, indem er die Augen⸗ brauen hoch emporzog und ſeinen Schnurrbart drehte.„Aber ich hatte damals nicht das Recht, als Kämpfer aufzutreten, ſonſt—“ „O, ſie kommt vielleicht noch, dieſe Zeit,“ meinte kleinlaut der Rechtsconſulent,„wo ich Sie bitten werde, handelnd auf⸗ zutreten, und wo Sie bei mir den Anfang machen können, Ihre Lieblings⸗Theorie, den Unterdrückten beizuſtehen, in Aus⸗ führung zu bringen.— Was wir aber hier geſprochen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er ſich ſcheu um⸗ geſehen,„bleibt natürlicher Weiſe unter uns. Sie können mir glauben, man darf vorderhand nicht einmal wiſſen, daß ich hier bei Ihnen war. O, ich finde mich recht gedrückt, recht in Ketten und Banden.“ Damit hatte Herr Plager ſich erhoben, ermahnte den Schreiber nochmals, ſich recht zu pflegen und ja nicht zu früh in das Bureau zu gehen, und ihm es vor allen Dingen ſagen 24 Bierundzwanzigſtes Kapitel.— Nadelſtiche. zu laſſen, wann er ſich wieder zur Arbeit einſtellen wolle. So verließ er das Zimmer in ziemlich gebeugter Haltung; ehe er aber die Treppe hinabſtieg, blickte er vorſichtig in dem Gange umher, ob dort nicht vielleicht ein unbequemer Lauſcher ſichtbar wäre. — ————,—— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Ritter und ſein Knappe. Don Larioz blieb allein in dem Zimmer, nachdem er begreiflicherweiſe ſeinen Chef bis zur Thür begleitet. Auch begab er ſich, als dieſer verſchwunden war, nicht wieder zu ſeinem Lehnſeſſel zurück, ſondern ſchritt, in Gedanken ver⸗ ſunken, im Gemache auf und nieder. Wenn auch dieſe Ge⸗ danken anfänglich bei dem verweilten, was Herr Doktor Plager mit ihm beſprochen, ſo fand er doch im Nachſinnen darüber baldigſt Abſchweifungen in andere Phantaſieen. Wohl bedauerte er ſeinen Chef, konnte ihm aber nicht in allem, was derſelbe geſagt, unbedingt Recht geben. Daß mancher Eheſtand mit Unannehmlichkeiten der verſchiedenſten Art ver⸗ knüpft iſt, daran war eben ſo wenig zu zweifeln, als daß es weibliche Weſen genug gebe, die einem Manne das Leben ſchon ſauer machen können. Aber es konnte doch unmöglich der größte Theil ſo ſein; es mußten ſich doch auch Charaktere unter ihnen finden, die, mit Liebe, Sanftmuth, Herzlichkeit 26 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. und Güte angethan, alsdann unfehlbar das Glück eines Menſchen zu begründen im Stande ſein würden. Den klei⸗ nen ſcharfen Augen der Madame Weibel war allerdings nicht viel Gutes zuzutrauen, ebenſo wenig denen der Rechts⸗ conſulentin, die, von unbeſtimmtem Ausdruck, in allen mög— lichen Farben ſchillerten.„Ja, auf das Auge muß man gehen,“ ſprach der Spanier zu ſich;„in den Augen liegt das Herz.“ Und als er dabei an ein paar ſchwarze, wirklich ſchöne Augen dachte, fühlte er, wie ſich ſein Herz ſanft erwärmte und wie es heftiger ſchlug, als einen Moment vorher.— Dieſe Augen konnten nicht trügen; die Blicke in ihrer glän⸗ zenden Klarheit waren wie das durchſichtige Waſſer eines tiefen, wunderbaren See's: ſie ließen den Grund deſ⸗ ſelben vollkommen überblicken; man ſah deutlich, daß da unten weder Klippen noch Untiefen waren.— Trau treue Trine—! N Herr Larioz machte zwei Schritte gegen einen kleinen Tiſch, auf dem ein Käſtchen ſtand; doch nur zwei Schritte, dann wandte er ſeinen Fuß wieder nach der entgegengeſetzten Seite des Gemachs, wobei er ſeufzend dachte: Warum den Pfeil noch tiefer in dieſes arme Herz drücken? Und dennoch blieb er nicht lange in der eben angegebenen Richtung; ſchon die nächſte Minute brachte ihn dem Tiſche und dem Käſtchen näher.„Warum auch nicht?“ ſprach er zu ſich ſelber.„Ver⸗ leihe ich ihr doch in meiner Phantaſie noch tauſend andere Reize, die ſie in der Wirklichkeit vielleicht nicht beſitzt, und die auch das Bild nicht zeigt. Betrachten wir es darum getroſt; die kalte Malerei wird wie eine Abkühlung auf meine heißen Träume wirken.“ Bei dieſen Worten ſtand er auch ſchon an dem Käſtchen, ———— —— Der Ritter und ſein Knappe. 27 öffnete den Deckel deſſelben und nahm das Bild heraus, welches er von den Gebrüdern Breiberg gekauft.— Ja, ſie war ſchön, ſchöner als das ſchönſte Weib auf Erden. Und was war dieſes Bild immerhin gegen ſie ſelbſt, wie ſie in ſeinem Gedächtniſſe brannte! Es war ſo wenig Zeit zwiſchen jenem ſeligen Augenblicke verſtrichen, als er ſie zum erſten Male geſehen, und doch kam ihm dieſes glänzende Auge ſo bekannt vor. Hatte er ein ähnliches früher in Spanien erſchaut? Hier im kalten Deutſchland konnten doch unmöglich Blicke zu finden ſein, die der Gluth dieſer ähnlich waren. Und doch, was ihm heute früh ſchon aufgefallen war, daran dachte er jetzt wieder und mußte ſagen, daß er ſich nicht getäuſcht. Margarethe hatte etwas von dieſem Blicke, ja, Margarethe, Gottſchalks Schweſter. Er bedauerte faſt, vor⸗ hin das Bild nicht angeſchaut zu haben, als das junge Mäd⸗ chen noch im Zimmer war; er ließ die Hand mit dem Portrait ſinken und ſah eine Minute in die Höhe, ja, er bedeckte nachdenkend die Augen mit ſeiner Rechten; doch ſo viel er auch nachſann, er mußte ſich geſtehen, daß hier eine Aehnlichkeit obwalte. Da klopfte es leiſe und beſcheiden an die Stubenthür. Herr Larioz, mit dem Portrait in der Hand, fuhr zu⸗ ſammen, als habe er etwas Unrechtes begangen, und be⸗ eilte ſich auch, das Bild wieder einzuſchließen, ehe er Herein! rief. Es klopfte abermals und wieder mit gleicher Schüch⸗ ternheit. Der lange Schreiber ſtützte ſeine Hand auf den Tiſch, hob den Kopf empor und nahm, aus welchem Grunde, war —— 28 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ihm ſelbſt nicht recht klar, eine impoſante Haltung an, ehe er ſein Herein! ertönen ließ. 4 Die Thür öffnete ſich mit großer Schüchternheit, weßhalb es eine Zeit lang dauerte, ehe der Eintretende völlig ſichtbar wurde. Dies war eine kleine, ſchmächtige Figur mit Beinen, die um ſo waghalſiger erſchienen, als ſie mit eng anliegenden Hoſen von einem auffallend carrirten Stoffe in grau und grüner Farbe bekleidet waren. Den Oberkörper bis eine Handbreit über das Knie bedeckte ein Radmäntelchen von dunklem Stoff, welches die kleine Figur auf eine leichte Art übergeworfen hatte, ſo daß man ſah, der Beſitzer dieſes Radmäntelchens ſehe mehr auf maleriſche Formen, als auf Schutz gegen die Kälte. Dazu trug er einen grauen Filz⸗ hut in der rechten Hand und hielt ſein Spazierſtöckchen, den Knopf im Obergewand verborgen, ſo, daß es wie eine Degen⸗ ſcheide ausſah. Schon an der Thür machte er eine tiefe Verbeugung und näherte ſich erſt, als der Spanier freundlich ſeinen Kopf neigte und ihn mit lauter Stimme erſuchte, näher zu treten. Wie er aber näher trat, geſchah dies in ſo eigenthümlich hüpfender oder ſchwebender Bewegung, daß ſich Don Larioz wohl erinnerte, dieſe Geſtalt ſchon geſehen zu haben. Auch das Geſicht kam ihm bekannt vor, der Mund mit dem freund⸗ lich ſüßen Lächeln, die ſtruppigen Haare emporſtehend wie die Stacheln eines Igels. „Euer Gnaden kennen mich vielleicht nicht mehr,“ ſagte die kleine Geſtalt, als ſie ziemlich nahe gekommen war und noch eine tiefe Verbeugung vor dem ernſt ausſehenden langen Manne gemacht hatte. Wir können hierbei nicht umhin, zu bemerken, daß der 4 —— — 4 Der Ritter und ſein Knappe. 29 Fremde im Radmäntelchen vielleicht eine Hand höher war, als der freilich überaus lange Stoßdegen des Spaniers, deſſen Knopf dieſem bis gegen die Mitte der Bruſt reichte. Da Herr Larioz ſich im erſten Augenblicke vergeblich zu erinnern verſuchte, wo er den kleinen, ſchmächtigen Mann ſchon geſehen, ſo erwiderte er, daß er ſich allerdings nicht recht beſinnen könne, wen er die Ehre habe vor ſich zu ſehen. „Du lieber Gott! das iſt ja ſo begreiflich,“ ſprach der Andere mit Wärme.„Euer Gnaden, ſo außerordentlich be⸗ ſchäftigt, ſo wichtig beſchäftigt und gewiß häufig ſo poetiſch beſchäftigt, werden ſich wahrhaftig nicht damit befaſſen können, ſich eines ſo unbedeutenden Menſchen, wie ich bin, zu er⸗ innern.“ Damit legte der kleine Mann ſeine Finger, in welchen er Hut und Stock hielt, zierlich zuſammen, neigte ſich vorn⸗ über, ſenkte den Kopf etwas nach der linken Seite und liſpelte, während er auf die freundlichſte Art den Mund ſpitzte:„Windſpiel, Euer Gnaden; ja, es iſt Wind⸗ ſpiel, der Kellner aus dem Reibſtein, der ſich die Ehre gibt, Euer Gnaden mit ſeiner geringen Gegenwart zu be⸗ läſtigen.“ 4 Ja, ja, es war der kleine tänzelnde Kellner. Jetzt er⸗ innerte ſich Larioz vollkommen deſſelben, welcher ihn in der Stube empfangen und ſpäter bis an die Thür geleitet hatte. Ihm trat lebendig wieder der ganze Nachmittag vor die Seele, er meinte die tiefe Stimme des Kupferſtechers zu vernehmen, er ſah wieder vor ſich den feuchten Verſchlag, wo er ſeine Proben beſtanden, die nothwendig waren zur Aufnahme in den Bund zum Dolche Rubens. Ja, es war 30 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ihm deutlich, als hörte er jenen Unſichtbaren wieder ſprechen, und durch alles das hindurch klang ihm der Anfang jenes räthſelhaften Spruches: Trau, treue Trine— ohne daß er aber auch jetzt im Stande geweſen wäre, zu fragen, worauf die treue Trine eigentlich trauen ſoll. Hatten ſich die Züge des Herrn Larioz bei dieſem Nach⸗ denken vielleicht finſter zuſammengezogen, der leichtfüßige Kellner tänzelte einen Schritt zurück und ſagte erſchrocken: „Ja, ich fühle, es iſt von mir unbeſcheiden, in die Gemächer Euer Gnaden zu dringen. Tauſend Mal bitte ich um Ver⸗ zeihung; ich will mich ſchleunig zurückziehen. O, ich war doch ſo glücklich, zu ſehen, wo Euer Gnaden wohnen.“ Der lange Schreiber war bei dieſen Worten aus ſeinen Träumereien erwacht, und der Schluß der Rede des kleinen Kellners veranlaßte ihn, nachdem er Windſpiel freundlich er⸗ ſucht, zu bleiben, zu der Frage, woher er denn eigentlich ſeine Wohnung erfahren? Bei dieſer Frage machte der Andere ein Geſicht, als nehme er ſie für Scherz; dann antwortete er:„Euer Gnaden nannten Ihren Namen und bezeichneten auch Ihre Woh⸗ nung ſelbſt in dem ſchönen Augenblicke, als Sie um den Tiſch ſchritten, um mit jedem der Künſtlerſchaft ein Glas zu trinken. Ich,“ ſetzte er mit Stolz hinzu,„war dabei dicht hinter Euer Gnaden und hatte das Glück, Ihnen die leeren Gläſer abzunehmen und die gefüllten dafür zu be⸗ händigen.“ „Was Sie häufiger thaten, als nothwendig war,“ ſagte Larioz lächelnd.„Doch laſſen wir das; ſagen Sie mir lieber, was verſchafft mir die Freude Ihres Beſuchs?“ „Ja, wenn ich das nur mit kurzen Worten ausdrücken könnte!“ entgegnete Windſpiel in Eſſtaſe. erſte Mal, Euer Gnaden, gen, daß ich ängſtlich die Trep ich geſtehe es— mit Herzklopf daß ich ſchon den Finger gekrümmt hatte, und doch wieder ſchüchtern zurückwich, Antrieb, ein anderes Mal, dem Gemache kam, die mir und ſchlafen.“ geſprochen 9 Der Ritter und ſein Knappe. 31 „O, es iſt nicht das daß ich es wagte, hier vorzudrin⸗ pe heraufſchlich, daß ich— en zu dieſer Thür gelangte, um anzuklopfen, ein Mal aus freiem weil gerade eine alte Frau aus ſagte, Euer Gnaden ſeien krank Dies alles hatte der kleine Kellner mit außerordentlicher Geſchwindigkeit, ja, wie man zu ſagen pflegt, in Einem Athem weßhalb er einige Mal heftig ſchlucken mußte, um fortfahren zu können:„Ach, Herr von Larioz, Herr Don Larioz, verzeihen Sie mir meine Zudringlichkeit, denn ich bin r unbedeutender Kellner; kann ich doch für ur Entſchuldigung anführen, Mann— verzeihen Sie ſehen, der von ſich ja nur ein arme meine Verwegenheit bloß das z daß es mich gedrängt hatte, den den trivialen Ausdruck— wieder zu ſagen kann: Weit von hier das ſchöne Spanien, Spanien iſt mein Heimathland. „Sehen Sie, Herr Don Larioz, ich habe den Tag über ein ſehr anſtrengendes Geſchäft; die Künſtler, die ſich bei uns verſammeln, treiben mich oft gewaltig umher; ich muß vom Keller in die Küche, aus der Küche in das allgemeine Schenk⸗ zimmer, von da wieder in den Club der Künſtler, und kann das, um gehörig herum zu kommen, nur in ſchnellen Sätzen thun, weßhalb man mir auch den Namen Windſpiel zugelegt. Ich bin den ganzen Tag eine ſehr proſaiſche, höchſt nüchterne Q—-— —— —— —— 1 4 ————— —— — — Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Perſon, aber Abends, Herr Don Larioz, geht es mir, wie ſoll ich ſagen? wie der Eule, die den ganzen Tag geſchlafen, nein, ſagen wir mit Ihrer gütigen Erlaubniß, wie dem Schmetterling, der von einer Ecke in die andere gekrochen und mit dem Eintritt der ſtillen Nacht ſeine bunten Schwingen entfaltet.“ Hierbei hatte der kleine Kellner mit beiden Armen ſein Radmäntelchen etwas aus einander gelüpft, als wollte er auffliegen, was, verbunden mit der Begeiſterung, in welcher er ſeine Reden vorbrachte, einen nicht ungünſtigen Eindruck auf den langen Schreiber machte, weßhalb dieſer ihn wohl⸗ wollend anblickte und freundlich erſuchte, Hut, Stock und Mantel abzulegen und ſich zu ſetzen. Nach mehreren Complimenten und nachdem er ſich nicht um eine Million früher geſetzt, als bis ſich Herr Larioz in ſeinen Lehnſtuhl niedergelaſſen, kam endlich auch Windſpiel zum Sitzen und fuhr nach einem auffordernden„Alſo!“ des langen Mannes fort, indem er einen ſchwärmeriſchen Blick an die Decke warf:„Abends, Herr Don Larioz, Abends, wenn die Nacht eintritt mit ihrem dunklen Schleier, dann zieht es auch mich aufwärts, geiſtig und körperlich zu reden. Iſt das Schenkzimmer einmal verſchloſſen, hat ſich der letzte duſelige, Gaſt entfernt, ſo darf auch ich aufwärts ſteigen, in eine kleine Stube, hoch, hoch über dem Treiben der Menſchheit, unter dem Dach gelegen, etwas klein und eng zwar, aber mit einer entzückenden Ausſicht. Und da ich dieſe Ausſicht meiſtens nur beim Mondſchein genießen kann— denn nur Abends bin ich für ihre Schönheit empfänglich, Morgens, Herr Don Larioz, kommt mir dagegen das Leben mit ſeiner Schenkſtube und ſeinem Bier gar zu nüchtern und Der Ritter und ſein Knappe. 33 proſaiſch vor— ſo finde ich alles, was ich ſehe, poetiſch und ſchön in den weißſchimmerſilbernſanftglänzendenmelancholiſch⸗ dasherzergreifendentraurigſtimmenden Strahlen der keuſchen Luna. Erſcheinen doch, ſo geſehen, ſelbſt die alten Schorn⸗ ſteine, die Blitzableiter und Wetterfahnen wie verklärt. Blicke ich doch über die Stadt hinweg, bei den Kirchthürmen vor⸗ über, wo im Glanze eben deſſelben Mondenſchimmers die ſchwarzen Tannenwälder nicken.“ 2 2 Wenn auch Herr Larioz fand, daß Windſpiel etwas 1 confus ſprach, ſo lag doch für ihn in ſeinen Reden, nament⸗ lich aber in dem aufwärts gerichteten Auge, ein gewiſſes Etwas, das ihn nachſichtig machte für den allenfallſigen Un⸗ ſinn, der in den Worten des Kellners mit unterlief. Auch hatte er ſeine eigenen Gedanken, als Windſpiel von ſeiner Dachkammer erzählte, und er fragte deßhalb nicht ohne Grund: „Von dem Fenſter Ihres Zimmers ſehen Sie alſo auch in die Nachbarſchaft?“— 4 4 „O, ich ſehe ſehr in die Nachbarſchaft,“ entgegnete kopf⸗ 1 nickend der Kellner;„und das iſt es ja gerade, Herr Don — Larioz, was mich am meiſten hieher trieb und mich veranlaßte, Ihnen von Ihrer koſtbaren Zeit zu ſtehlen. O, Euer Gna⸗ den,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, nachdem er die Hände bewundernd zuſammengeſchlagen,„als Sie damals ſagten, Sie ſeien ein Spanier, ein wirklicher und echter Spanier, da ging es in mir auf— wie— wie— nun ich kann eigentlich nicht ſagen, wie— aber es ging in mir auf, das fühlte ich an meines Herzens lauteren Schlägen. Auch— verzeihen Sie mir, ich will Ihnen wahrhaftig keine Schmeicheleien ſagen— Ihr ganzes Weſen, mit dem Sie eintraten, wie Sie Ihren Stock hielten, der Bart— Don Alonſo's—“ Hackländer, Don Quixrote. III. 3 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Weſſen Bart?“ fragte der lange Schreiber. „Verzeihen Sie meinen Ausdruck,“ fuhr Windſpiel fort, nich dachte an ein Bild, welches ich bei mir draußen geſehen,— Don Alonſo vor dem Fenſter ſeiner Laura Mandoline ſpie⸗ lend,— ein ſchönes Bild, wo der ritterliche Kopf des jungen Spaniers auch mit einem ſolchen Barte geziert iſt.— Alſo— was wollte ich doch ſagen? Ja, richtig, als ich Sie, Herr Don Larioz, ſo vor mir ſah, da faßte mich eine grenzenloſe Verehrung, und ich wäre ſchon vom erſten Augenblicke an für Sie durch das Feuer gelaufen.“ Obgleich ſich der lange Schreiber durch dieſe echte Zu⸗ neigung— denn daß ſie echt war, bezeugte die unverkennbare Begeiſterung, mit welcher der Kellner ſprach, ſowie das Leuch⸗ ten ſeiner Blicke— geſchmeichelt fühlte, ſo ſuchte er doch das Feuer des jungen Mannes zu dämpſen, indem er ihn bat, ruhiger zu ſein und nicht Sachen zu ſagen, die er in der Art, wie ſie vorgetragen würden, doch wö füglich nicht für Ernſt nehmen könnte. Windſpiel legte die Hand aufs Herz, ließ ſein Köpfchen wie betrübt ſinken und hob dabei die Augen etwas forcirt in die Höhe, die er dann mit einem ſchmelzenden Ausdruck auf dem Spanier ruhen ließ. Das war ſeine ganze Entgeg⸗ nung, welche ihre Wirkung auf Larioz nicht verfehlte. Dann ſeufzte der Kellner tief auf und fuhr fort:„Als aber Euer Gnaden ſprachen von da drüben, von den Gebrüdern Brei⸗ berg und jener jungen Dame— verzeihen Sie mir, Herr Don Larioz, daß ich dieſen delikaten Punkt berühre, aber es muß ſein, wenn ſich auch mein Herz dagegen ſträubt— da ſah ich gleich die ganze Lage jenes unglücklichen Geſchöpfes ein, denn dieſe Gebrüder Breiberg ſind zu Allem fähig;— —— Der Ritter und ſein Knappe. 35 es kommt ihnen auf eine körperliche Mißhandlung nicht an, ſogar bei denjenigen, die ſich um unterdrückte weibliche Weſen in ihrem Hauſe bekümmern,“ ſetzte Windſpiel nach einer Pauſe wie mit ſich ſelbſt redend hinzu;„und obgleich ich das wußte,“ ſagte er mit lauter Stimme,„ſo beſchloß ich doch, Alles an⸗ zuwenden, um jenem furchtbaren Geheimniſſe auf die Spur zu kommen,— ja, Herr Don Larioz, einem furchtbaren Ge⸗ heimniſſe, wie Sie ſpäter hören werden, einem verbrecheriſchen Geheimniſſe, welches auch ſchon daraus hervorgeht, daß die Gebrüder Breiberg jenes unglückliche Mädchen vor aller Welt ſo verborgen zu halten wiſſen, daß Niemand im Hauſe und in der Nachbarſchaft überhaupt auch nur eine Idee von ihrer Exiſtenz hat.“ „Alſo doch!“ rief der Spanier.„O, ich las damals ſchon etwas Kummervolles, etwas tief Unglückliches in dem einigermaßen ſtarren Blicke der wunderſchönen Dame. Ich hatte mich alſo nicht geirrt! Doch fahren Sie fort, geehrte⸗ ſter Herr. Wenn die Nachrichten, die Sie mir geben, auch mein Herz betrüben, ſo intereſſiren ſie mich doch wieder in hohem Grade.— So viel ich mich erinnere, wohnen Sie in nächſter Nachbarſchaft der Gebrüder Breiberg.“ „Das Hintergebäude, auf deſſen luftiger Zinne meine Dachkammer liegt,“ fuhr Windſpiel fort,„ſtößt faſt an jenes Haus und iſt ſo gelegen, daß ich von dort in die Fenſter des Breiberg'ſchen Ateliers ſehen kann.“ „Und da erblickten Sie—?“ „Mehrere Tage ſah ich gar nichts, denn jene Fenſter ſind von unten auf verſtellt, um, wie die Künſtler ſich ausdrücken, das Licht zu ſpannen. Wenn ich aber ſo 36 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. betrachtend in meinem Zimmer war, ſo hörte ich zu⸗ weilen—“ „Sie hörten alſo—?“ fragte begierig Don Larioz, als der Andere wie nachſinnend einen Augenblick ſchwieg. „Ich hörte zuweilen,“ ſprach Windſpiel weiter,„Man⸗ dolinenklänge,— traurige, melancholiſche Klänge.“ „Wie man ſie an den Ufern des Guadalquivir ver⸗ nimmt,“ meinte nachdenkend der Spanier,„oder unter den blühenden Orangen des herrlichen Granada.“ „O mein Gott, ja,“ wiederholte ſchwärmeriſch der Kell⸗ ner,„wie man ſie am Ufer des Guadalquivir vernehmen mag oder unter den blühenden Granaten herrlicher Lorbeer⸗ gebüſche.“ „Und Sie hörten dabei nicht den ſüßen Geſang einer weiblichen Stimme?“ „Zuweilen war es mir ſo, doch dann hörte ich deutlicher polternde, harte Worte des groben Jean Baptiſt, und darauf war plötzlich Alles ſtill.“ „Dieſer Barbar!“ rief entrüſtet Don Larioz.„Sogar die kleine Freude, ſich an den ſüßen Klängen der Heimath zu ergötzen, gönnt er dieſem unglücklichen Weſen nicht! Doch fahren Sie fort. Was Sie mir ſagen, intereſſirt mich in hohem Grade.— Und Sie ſahen ſie nie?“ „O ja, ich ſah ſie,“ ſprach Windſpiel mit einem tiefen Seufzer.„Es war am Samstag⸗Nachmittag,“ fuhr er mit finſterem Stirnrunzeln fort,„als ich von unten entdeckte, daß die Fenſter des Ateliers der Gebrüder Breiberg nicht nur von ihrer Verhüllung befreit waren, ſondern weit offen ſtan⸗ den. Einen günſtigeren Moment gab es nicht für mich. Ich eilte in meine Dachkammer und ſah dort, wenn ich — — „ Der Ritter und ſein Knappe. 37 mich ſtark hinaus beugte, daß drüben in den Zimmern ge⸗ putzt wurde. Jean Baptiſt handhabte ſelbſt den Flederwiſch, womit er Möbel und Bilder abſtaubte, und ich hörte ihn fluchen und ſagen: Was man nicht ſelbſt thut, das iſt doch nur halb geſchehen; all dies faule Weibsbildergezeug taugt doch nichts; ſie ſind nicht werth, daß ſie das Leben haben. Fort! eilt euch!— So polterte er immer zu, und zuweilen ſah ich ihn erboßt ſeinen Flederwiſch aufheben und dann ins Innere des Zimmers eilen.“ „Ich will aber doch nicht hoffen,“ fuhr Don Larioz mit tiefſter Entrüſtung auf,„daß Sie den aufgehobenen Flederwiſch und das Zurückeilen ins Zimmer mit jenem zar⸗ ten Weſen in Verbindung bringen wollen! O, eine ſolche Abſcheulichkeit wäre doch ſogar bei einem Breiberg nicht möglich!“. „Die ſind zu Allem fähig,“ fuhr Windſpiel fort, indem er ſich durch den Schmerz des Spaniers ſichtlich geſteigert fühlte.„Und ich bin noch nicht zu Ende,“ ſagte er mit dumpfer Stimme.„Ob dieſer Unmenſch zuſchlug— nein, ich habe es nicht geſehen, aber daß er ſchlug, hörte ich.“ „Ich möchte lieber weiter nichts vernehmen,“ ſprach der lange Schreiber in tiefem Schmerze.„Ja,“ ſetzte er heftig hinzu,„wenn ich alsdann aus der Ecke dort meinen Stoßdegen nehmen dürfte—“ „Gott, einen Stoßdegen!“ ſagte Windſpiel mit bewegter Stimme. „Hineilen, um dieſes Ungeheuer zur Rechenſchaft zu ziehen! Aber ſo bin ich hier rath⸗ und thatlos und vermag nichts zu thun, als mir das heilige Verſprechen zu wieder⸗ holen, daß jede Mißhandlung, welche dieſem wunderbaren — —— — 38. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Geſchößfe angethan wurde, furchtbar gerächt werden ſoll. Das ſchwöre ich bei meinem Namen, der einen guten Klang hat in Spanien.— Doch jetzt laſſen Sie mich Alles Hören.“ Windſpiel ſchüttelte ſich. War es das Entſetzen vor dem feierlichen Schwur, den Larioz gethan, oder die Erinnerung an das, was er geſehen? Doch gehorſam der Weiſung, die er erhalten, ſagte er kopfnickend:„Das Schimpfen und das Schlagen— ja, den Tönen nach muß ich das ver⸗ muthen— dauerte eine Zeit lang fort, dann bemerkte ich, daß Clemens Breiberg, der ſchleichende, boshafte Clemens — er iſt der Schlimmſte von Beiden— bei dem Fenſter vorüber kam, ſie, jenes unglückliche Mädchen, gewaltſam nach ſich ſchleppend.“ „Das ſahen Sie?“ rief Don Larioz mit blitzenden Augen.„O, entſetzlich!“. „Ja, er ſchleppte ſie in die andere Ecke des Zimmers, und ſie folgte ihm mit herabhängendem Kopfe, wie aufgelöst vor Schmerz, ein armes, wehrloſes Schlachtopfer menſch⸗ licher Grauſamkeit.— So ſah ich ihn bei beiden Fenſtern vorüber kommen, und daß ich aufs angeſtrengteſte lauſchte, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Deßhalb hörte ich denn auch noch einen ſchweren Fall, wie wenn Jemand eine Laſt auf den Boden wirft, und dann vernahm ich die teufliſche, höhnende Stimme von Clemens Breiberg, welcher ſagte: Jetzt wird die auch für heute genug haben; worauf Jean Baptiſt hinzuſetzte— o, ich vermag das Wort kaum zu wiederholen— aber er ſetzte hinzu: Genug wird ſie frei⸗ lich haben; die haſt du heute wieder einmal tüchtig aus⸗ geklopft.“ — Der Ritter und ſein Knappe. Dies ſprach Windſpiel mit leiſer, ſchüchterner Stimme und erhob darauf mit bittendem Geſichtsausdruck ſeine Hände flehend zu dem Spanier, als wollte er damit den Ausbruch wilden Zornes, der nun folgen mußte, beſchwichtigen. Doch hatte ſich Larioz männlich gefaßt; das einzige Zeichen der Erregung, welches man an ihm bemerkte, war, daß er ſeine Lippen feſt auf einander biß und ſeine Finger ſich wie krampfhaft öffneten und wieder ſchloſſen. Ja, er erhob ſich ziemlich ruhig von ſeinem Sitze und ſchritt mehrmals, die Hände auf dem Rücken, in dem Gemache auf und ab, wobei er nur den Kopf bedeutend tiefer ſinken ließ, als man das je an ihm geſehen. Der Kellner folgte ihm aufmerkſam mit den Blicken, und ſo oft der lange Spanier in die Nähe des Stoßdegens kam, glaubte Windſpiel, jetzt müſſe ſeine künſtliche Ruhe ſchwinden, er werde auf die Waffe zueilen, ſie ſchwingen, und vielleicht San Jago! rufend, davonſtürzen. Glücklicher Weiſe aber geſchah nichts von alle dem. Wohl ſeufzte Don Larioz einige Mal tief auf, ſchluckte auch wiederholt und heftig, wenn er an dem Tiſche vorüber kam, auf dem das kleine Käſtchen ſtand, aber er ſchien ſeine Partie genommen zu haben und von Sekunde zu Sekunde ruhiger geworden zu ſein. Jetzt fuhr er ſich mit der Hand über ſeine Augen, legte die Rechte auf die Schulter des Kell— ners und ſagte mit ſanfter Stimme:„Sie haben mir ein Gefühl bewieſen, eine Theilnahme bezeigt, wofür ich Ihnen unendlich dankbar bin und das ich Ihnen nie vergeſſen werde. — Ich habe niedergekämpft, was mir freilich im erſten Augen⸗ blicke das Herz zu zerſprengen drohte; ich bin ruhig gewor⸗ den, ſehr ruhig; und deßhalb können Sie ohne Scheu mir — Fünfundzwanzigſtes Kapitel. das Wort wiederholen, welches jener Unmenſch, jener Jean Baptiſt Breiberg, zuletzt ausſprach. Sagte er nicht: Die haſt du heute wieder einmal tüchtig ausgeklopft?— Wieder— woraus ich entnehmen muß, daß dieſes Ausklopfen ſchon häufig vorkam.“ Windſpiel bezeichnete durch ein melancholiſches Lächeln, daß er der gleichen Anſicht ſei. „O Schmach, einer Spanierin angethan!“ fuhr Don La⸗ rioz fort;„Entehrung der ſpaniſchen Tracht, die das unglück⸗ liche Weſen trug! Auch einem Fremden kann es nicht ent⸗ gangen ſein, daß ihre Tracht vollkommen ſpaniſch war. Iſt es nicht ſo, werther Herr?“ Der Kellner ſchüttelte wehmüthig ſein Haupt und ent⸗ gegnete:„Ich ſah nicht viel von jener entzückenden ſpaniſchen Tracht, die man auf den Bildern unſerer Maler ſo häufig erblickt; mir ſchien— ich ſpreche es ſchaudernd aus— jenes unglückliche Mädchen eigentlich mit gar keiner Tracht bekleidet geweſen zu ſein.“ Der lange Schreiber fuhr bei dieſen Worten zurück, und ſeine Augen funkelten ſeltſam. „Sie wollen doch mit Ihren Worten nicht ausdrücken,“ ſagte er, einigemal ſtockend,„daß jene Dame unbekleidet ge⸗ weſen ſei?“ „Das nicht ſo ganz,“ erwiderte Windſpiel, indem er die Augen zu Boden ſchlug;„aber wenn ich nicht ſehr irre, be⸗ ſtand ihre ganze Kleidung aus einem grauen unſcheinbaren Zeuge, und waren die weißen Arme, ſowie der blendende Hals unbedeckt.“— Herr Larioz nahm ſeinen Spaziergang durch das Zim⸗ mer heftiger wieder auf als vorher und wehrte’ dabei mit den — Der Ritter und ſein Knappe. 41 Händen von ſich ab, als wollte er ſagen:„Genug, genug des grauſamen Spiels!“ Er wurde auch wieder ruhiger, V nachdem er einigemal auf und ab geſchritten war, und ver⸗ ſank endlich in tiefes Nachſinnen, aus dem er plötzlich erwachte und mit einem trüben Lächeln ſagte:„Glauben Sie mir, Herr, ich fürchte, man hat den Gebrüdern Breiberg die Theil⸗ — nahme verrathen, die ich, der Spanier, an jener unglücklichen Andaluſierin genommen. Ja, ja, es kann nicht anders ſein; deßhalb nahmen ſie ihr die wunderſam kleidſame Tracht, deßhalb hüllten ſie ſie in ein härenes Gewand, deßhalb— o mein Gott! deßhalb ſprach Jean Baptiſt Breiberg jenes verruchte Wort— nachdem er ſo Scheußliches begangen.— — Ja, Herr, ich ſehe es jetzt ſchaudernd ein, ich ſelbſt bin vielleicht die unſchuldige Urſache von der Pein des armen Mädchens, von der entſetzlichen Behandlung, die ihr zu Theil geworden.— Glauben Sie mir, die beiden Breiberg werden das unſchuldige Geſchöpf noch in Ketten und Banden legen, damit es mir unmöglich werde, zu ihrer Befreiung in jenes geheimnißvolle Haus zu dringen.— Und doch werde ich eindringen, ſiegreich eindringen trotz aller Schrecken, die mir vort entgegen treten können! O, wenn ich jenes Tages ge⸗ denke, da ich dort die finſteren Treppen empor ſtieg, ſo be⸗ greife ich es jetzt vollkommen, warum mich ein beklemmendes * Gefühl überſchlich, das ich mir damals nicht klar machen 1 konnte, als ich alles das ſah, was man ſonſt in keinem rech⸗ 1 76 ten Hauſe antrifft: die an ſich wackelige Treppe, mit der kleinen Lichtöffnung, wie das Fenſter eines Kerkers, was mir Anfangs faſt romantiſch erſchien; daneben in düſteren Win⸗ keln ſeltſame Geräthſchaften, Kiſten und leere Fäſſer auf 1 einander gethürmt— letztere vielleicht mit Nägeln verſehen, ———4. ——— — 42 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. als furchtbares Marterwerkzeug dienend,“ ſprach er finſter vor ſich hinblickend;„dann Ritterhelme mit zerzausten Federn, nicht zu vergeſſen die rothen Hoſen eines Scharfrichters,— alles, alles das, was mir ahnungsvoll und warnend entgegen trat. Doch mögen mir Schrecken erſcheinen, welche da wollen, ich werde nicht vor ihnen zurückweichen.— Wie ſchon ge— ſagt,“ ſprach er, indem er dem Kellner ſeine Rechte darbot, welche dieſer ehrerbietig ergriff,„Ihnen danke ich aufs herz⸗ lichſte für die Theilnahme, die Sie mir bewieſen, und wenn Sie auch nichts für mich thun können, ſo werden Sie doch unverbrüchliches Stillſchweigen bewahren über das, was Sie mir mitgetheilt.“ „Und doch werde ich mehr für Sie thun,“ rief Wind⸗ ſpiel mit Begeiſterung aufſpringend,„wenn Sie die Hand eines armen ſchwachen Weſens, wie ich bin, nicht zurückſtoßen. O Gott, wie wäre ich glücklich, wenn ich Ihnen dienen könnte! Warum iſt jene gewaltige Zeit vorüber, wo tapfere Ritter auszogen, um Drachen zu bekämpfen und holde Jung⸗ frauen mit Waffengewalt aus den Händen blutdürſtiger Un⸗ geheuer, wie zum Beiſpiel dieſer Gebrüder Breiberg, zu be⸗ freien? Warum iſt es mir nicht vergönnt, einem tapferen Ritter zu folgen, ihm Helm und Schild zu tragen, im heißen Kampf an ſeiner Seite zu ſtehen, wenn er Sieger iſt, ihm den Panzer zu lüften und zu lauſchen den Erzählungen ſeiner reichen Thaten; fällt er aber verwundet, was ja auch vor⸗ kommen kann, ihn zu pflegen, ihm die Zeit mit Erzählungen aus der Heimath zu verkürzen, ihm bekannte Lieder zu ſingen, zur Mandoline oder auch zur Guitarre, welches Inſtrument ich leidenſchaftlich verehre;— warum ſind ſie vorüber, jene wunderſchönen, glorreichen Zeiten?“. 4 Der Ritter und ſein Knappe. 43 „So ganz vorüber, wie Sie denken, ſind dieſe Zeiten doch nicht, mein junger Freund,“ ſagte gerührt Don Larioz. „Was freilich den Panzer betrifft und den Helm, ſowie auch Schwert und Lanze, ſo ſind dieſe Embleme der tapferen Kämpen allerdings für die unterdrückte Unſchuld nicht mehr anzuwenden. Aber dieſe unterdrückte Unſchuld exiſtirt immer noch und wartet nur des ſtarken Armes. Leider können wir nicht mehr hoch zu Roß den gefährlichen Drachen nieder⸗ werfen, aber darum iſt doch dieſer Drache noch ebenſo vor⸗ handen wie damals, freilich nicht mit langem Schwanze und großen Flügeln und mit dampfendem Rachen und Augen, deren giftiger Glanz das Herz des Tapferen erzittern macht; er hat ſich verwandelt und ſchleicht behutſam. Und ebenſo all die Laſter und böſen Gewalten, gegen welche damals der Rittersmann mit geſchloſſenem Viſir anritt, wuchern heute noch als ebenſo wildes und verderbliches Unkraut, die gute Saat erſtickend wie damals. Ueberall, wohin wir blicken, macht ſich die niederträchtigſte Heuchelei breit, Verſtellung, Bosheit, Verleumdung, Habſucht und Eigennutz, und das ſind gefährlichere Feinde als damals der ſtark gepanzerte Rieſe, der Menſchenblut liebte, und der Jungfrauen raubende Ritter vom ſchwarzen Schloß. Denn ſie ſchleichen verborgen umher, ſie ſtellen ſich nicht Mann gegen Mann, ſie überfallen uns unſichtbar und führen aus dem Dunkeln, und ehe wir uns deſſen verſehen, einen tödtlichen Stoß.— Gegen ſie zu käm⸗ pfen, iſt heute ebenſo erſprießlich und ehrenhaft, wie es damals ruhmvoll war, mit Schild und Lanze den Feind nie⸗ derzuwerfen.“ Nachdem der Spanier ſo geſprochen, legte er ſeine Hand auf die Schulter des kleinen Kellners und ſagte mit weicher —= 2 —— 44 Fünfundzwanzigſtes Kapitel.— Der Ritter und ſein Knappe. Stimme:„Aber dieſer Kampf, mein lieber Freund, iſt ein ſehr undankbares Geſchäft. Zu gewinnen iſt ſehr wenig Gutes dabei und der Turnierpreis häufig, daß man über uns lacht, daß man hinterliſtiger Weiſe unſere Kleider mit unangenehmen Flüſſigkeiten tränkt, der Püffe, Stöße und zerkratzten Naſen gar nicht zu gedenken. Es gehört ſchon ein beſonderes Gemüth dazu, dieſen Preis für würdig zu finden, und ihm zu Lieb ſich um Sachen zu bekümmern, die, wie die Menſchen gering⸗ ſchätzend ſagen, Einen durchaus nichts angehen. Und doch—“ „Ja und doch!“ rief Windſpiel ſchwärmeriſch,„kommen doch gewiß in dieſem finſteren Kampfe auch lichte, ſchöne Augenblicke, die Erkenntlichkeit einer edeln Seele der Dank aus holdem Munde! Und dann das Gefühl der Poeſie, das uns ſelbſt dann belohnt, wenn wir, für das Gute ringend, niedergeworfen oder ſogar auf ſchmachvolle Art beträufelt werden!“ — Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Das geheimnißvolle Licht. Unter dieſen Geſprächen war der Nachmittag verſchwun⸗ den, und der hereinbrechende Abend warf ſeine dunklen Schat⸗ ten in das Gemach. Gottſchalk hatte Erlaubniß erhalten, nach beendigten Kanzleiſtunden zu ſeinen Eltern zu gehen, und Windſpiel, der einen freien Nachmittag hatte, war entzückt, daß ihm der Spanier erlaubte, noch etwas länger in ſeiner Geſellſchaft zu bleiben. Mit gierigem Blicke betrachtete er die für ihn ſo edle Einfachheit des Zimmers, beſchaute mit Ehrfurcht das Portrait über dem Kamin, und ſchwelgte im Anblick der Mandoline und des langen Stoßdegens. Hatte er es doch der freundlichen Einladung des Schreibers gemäß gewagt, das muſikaliſche Inſtrument in die Hand zu nehmen und verſucht, ein paar Accorde zu greifen. Da aber die Stim⸗ mung der ſpaniſchen Laute anders war als die der deutſchen Guitarre, ſo brachte er nur einige verworrene Töne zu Wege, was aber Don Larioz nicht zu beachten ſchien, da er nach⸗ — — 46 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. denkend durch das Zimmer ſchritt und ſich zuweilen ans Fenſter ſtellte, wo er alsdann ſah, wie hier und da in der Nachbar⸗ ſchaft die Lichter angezündet wurden. Da wurde die Thür des Gemaches langſam geöffnet, und man vernahm die Stimme des Tigers, welche den Namen des Schreibers rief. Die alte Frau wäre wohl in das Zim⸗ mer gekommen, doch wußte ſie, daß Beſuch da war, und er— ſuchte deßhalb Don Larioz, einen Augenblick auf den Gang hinaus zu kommen.. Draußen ſagte ſie:„Jetzt können Sie ſich ſelbſt überzeu⸗ gen, ob ich Unrecht hatte, wenn ich ſagte, daß ſich drunten in der Schreibſtube, nachdem Alles verſchloſſen iſt und nachdem ich genau weiß, daß Niemand mehr da ſein kann, doch ein Licht befindet.“ „Und wo iſt das Licht?“ fragte der Schreiber. „Mir ſcheint, im Zimmer des Herrn Doktors. Da ſind aber innerhalb hölzerne Läden, weßhalb man dort auf der Straße nichts durchſchimmern ſieht; wenn man ſich aber drüben in den Hof ſtellt, ſo ſieht man an den Fenſtern Ihrer Schreib⸗ ſtube, obgleich die grauen Rouleaux herabgelaſſen ſind, doch einen unbedeutenden Schimmer, der aus dem Nebenzimmer herauskommt.“ Larioz ſchüttelte den Kopf und meinte:„So wird es der Herr Doktor ſelbſt ſein, der dort noch arbeitet.“ „Das iſt nicht möglich,“ ſprach die alte Frau mit beſtimm⸗ tem Tone.„Der Herr Doktor war heute Nachmittags nur einen Augenblick auf ſeinem Bureau, und als er nach Hauſe ging, ſagte er mir:„Ich komme nicht wieder,“ und ich mußte ihm einige Papiere, die auf ſeinem Tiſche lagen, nach der Wohnung tragen. Wiſſen Sie, Herr Larioz, ich beeilte mich der Das geheimnißvolle Licht. 47 nicht damit, denn ich wollte ſehen, ob er ſpäter zu Hauſe ſei. Als ich nun dorthin kam und meine Papiere, wie ich allemal thue, wenn ich was zu bringen habe, auf den Schreibtiſch legte, da ſah ich, daß der Herr Doktor nicht da waren.“ „Nun alſo, ſo wird er ſelbſt in ſeinem Bureau ſein.“ Die alte Frau ſchüttelte pfiffig lächelnd mit dem Kopf; dann ſagte ſie:„Nein, Herr Larioz, er iſt nicht drunten, denn die Schlüſſel zu der Schreibſtube hingen zu Hauſe an ſeinem Schreibtiſche. Wiedergekommen iſt er auch nicht, denn Fräu⸗ lein Clementine, die bei den Kindern ſaß, ſagte mir, der Herr käme heute Abend nicht mehr, er ſei in ſeine Geſellſchaft ge— gangen. Fräulein Clementine war recht freundlich, ſie fragte auch nach Ihnen, ob Sie noch krank ſeien, und darauf ant⸗ wortete ich, ja, noch recht ſehr, Sie würden noch mehrere Tage das Bett hüten müſſen.“ „Gut, und als Ihr zurückkamt,“ fragte der Schreiber, „ſaht Ihr drunten Licht?“ „So deutlich, daß ich darauf ſchwören könnte.“ Larioz dachte einen Augenblick nach; dann ſprach er:„Ich will alſo ſelbſt hinabgehen und nachſehen. Aber das ſage ich Ihr: wenn Sie mir Flauſen gemacht hat, und es nichts iſt, als vielleicht der Wiederſchein der Straßen⸗Laterne auf dem Fenſter oder ſonſt ſo etwas, dann iſt es das letzte Mal geweſen, daß ich Ihr überhaupt etwas glaube.“ „Darüber bin ich ganz ruhig,“ erwiderte der Tiger; naber,“ ſetzte er ängſtlich hinzu,„Sie werden es doch nicht ganz allein riskiren wollen, Gott weiß welchen Spitzbuben in die Hände zu fallen, wenn nicht vielleicht noch etwas weit Schlimmeres da unten iſt.“ Das Letztere ſagte ſie mit ganz leiſer Stimme. —;—— 1 ——— — Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der Schreiber gab hierauf begreiflicher Weiſe keine Ant⸗ wort; doch ſprach er nach einer Pauſe, mehr zu ſich ſelbſt⸗ als zu der alten Frau redend:„Freilich habe ich den Schlüſ⸗ ſel zu beiden Zimmern; aber wenn ich eines von ihnen öffne, ſo gibt das ein Geräuſch, und wenn wirklich Jemand in un⸗ rechter Abſicht im Zimmer iſt, ſo hat er Zeit genug, nach der Straße oder dem Hofe zu entwiſchen.“ „Daran habe ich auch gedacht,“ verſetzte die Frau,„und wenn mir Herr Larioz erlauben wollen, meine Meinung zu ſagen, ſo dächte ich, daß Sie den kleinen Verſchlag öffneten, welcher ſich hinter beiden Zimmern befindet und wo unſer Brennholz liegt— Sie haben ja den Schlüſſel dazu.— Da iſt neben dem alten Kaſten die Tapetenthür, welche ohne alles Geräuſch aufgeht.“ Dieſer Vorſchlag des Tigers war nicht zu verwerfen, und Herr Larioz beſchloß, demgemäß zu handeln. Er ſchickte die alte Frau mit dem Befehle hinweg, auf die Straße zu gehen und dort Thür und Fenſter im Auge zu behalten; dann ging er ins Zimmer zurück, wo der kleine Kellner noch immer damit beſchäftigt war, melancholiſche Töne aus der Mandoline hervorzulocken, welche Muſik er aber augenblick⸗ lich einſtellte, als der Spanier zur Thür herein kam und ein Licht anzündete. Auch ſchien ihm dies ein Zeichen zu ſein, daß es Zeit für ihn ſei, ſich nach Hauſe zu verfügen, weßhalb er Mantel und Hut nahm und ſich mit zierlichen Worten verabſchieden wollte. Nicht unangenehm überraſcht war er aber, als ihn der Andere erſuchte, noch einen Au⸗ genblick zu bleiben, ja, als er ihn um eine kleine Dienſt⸗ leiſtung bat. Herr Larioz ging hierauf hinter ſeinen Bretterverſchlag, Das geheimnißvolle Licht. 49 und als er zurückkam, hatte er ein Paar Stiefel ange⸗ zogen, ſowie den Mantel umgenommen und den Hut auf⸗ geſetzt. Erſtaunt ſah der Kellner, daß ſich der Kranke bei dem naßkalten Wetter zum Ausgehen anſchickte; doch wuchs ſein Erſtaunen noch, als derſelbe nach der Ecke ging, wo der lange Stoßdegen lehnte und dieſen zu ſich nahm. „Sie haben gewünſcht,“ ſprach der Schreiber, wobei er ſanft lächelte,„mir als Knappe oder Schildträger zu dienen, und ich will Sie ſchneller beim Wort nehmen, als Sie ſich wohl gedacht. Es wird ſich freilich um keinen Kampf handeln, auch nicht um ernſtliche Gefahr, und wenn dem auch ſo wäre, ſo will ich Ihren Worteu von vorhin trauen, daß Sie Muth genug haben, auch davor nicht zurückzu⸗ ſchrecken.“ Der kleine Kellner legte ſtatt aller Antwort die Hand auf das Herz, und nachdem er alsdann bewundernd den langen Stoßdegen betrachtet, fragte er ſchüchtern, ob er ſich zu dem beabſichtigten Unternehmen auch vielleicht mit einer Waffe ver⸗ ſehen ſolle. „Das iſt eigentlich unnöthig,“ meinte Herr Larioz;„doch da ich aus Erfahrung weiß, daß das Vertrauen zu ſich ſelber wächst, wenn man etwas zur Vertheidigung in der Hand führt, ſo finde ich es nicht unangemeſſen, wenn auch Sie Ihren Arm bewaffnen; an einem anderen Degen oder der⸗ gleichen fehlt es nun freilich, doch nehmen Sie dort am Ofen das ſtark gekrümmte Schüreiſen; es iſt wenigſtens etwas, und wenn Sie es vorkommenden Falles bei dem nächtlichen Dunkel draußen gegen einen Feind ſchwingen, ſo Hackländer, Don Quixote. III. 4 h —— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 50 wird dieſer glauben, Sie führten irgend eine furchtbare Waffe.“ Damit gingen beide fort, und als ſie langſam die Trep⸗ pen hinabſtiegen, erzählte der Schreiber ſeinem Begleiter von dem Lichte, das ſchon ſeit einigen Abenden drunten in der Schreibſtube geſehen werde, und daß er entſchloſſen ſei, der Urſache vorſichtig nachzuſpüren. Unten angekommen, führte er den Kellner auf den öden Hof, den wir bereits kennen, und ertheilte ihm ſeine Inſtruk⸗ tion, die beiden Fenſter der Schreibſtube im Auge zu behalten, und, wenn ſich dort etwas Verdächtiges begebe, ſeiner Einſicht und den Umſtänden gemäß zu handeln. Wir müſſen eingeſtehen, daß Windſpiel durch das Ver⸗ trauen, welches ihm der tapfere Spanier bewies, einen der glücklichſten Momente ſeines Lebens hatte. Obgleich der Hof ſehr dunkel war, ſo gewöhnten ſich doch ſeine Augen ſehr bald hieran, ſo daß er den Schutthaufen entdeckte, auf den er ſich begab, um ſo das Terrain herum beſſer im Auge zu haben, und auch weil er gehört hatte, daß man von einer Anhöhe herab mit viel mehr Gewalt über einen Feind, der ſich unten be⸗ finde, herzufallen im Stande ſei. O, wenn doch ein ſolcher Feind kommen wollte! dachte Windſpiel, da er ſich von einem gewaltigen Muthe beſeelt fühlte, aber ein Feind, der einen ernſtlichen Kampf aufnähme! Welches Glück, wenn ich mich dabei vor den Augen eines Mannes auszeichnen könnte, der von Geburt ein Spanier iſt, der den ſchönen Namen Don Larioz führt und der mit Stoßdegen und Mando— line umgeht, als wenn das die allergewöhnlichſten Dinge wären! Erwärmt von dieſen Phantaſieen, fühlte er nicht, daß dd Regen ſanft herabrieſelte und daß ſeine Füße in Das geheimnißvolle Licht. 51 den naſſen Schutt und Kehricht ſogleich ein paar Zoll ein⸗ ſanken. Dem Befehle des Schreibers gemäß hatte ſich der Tiger von der anderen Seite auf die Straße begeben, es aber dabei für klug gehalten, eine befreundete, ſehr handfeſte Waſch⸗ frau aus dem Hinterhauſe zu ſich zu berufen, welche beide Weiber nun abwechſelnd Thür und Fenſter im Auge behiel⸗ ten, und dann auch wohl auf Augenblicke nach der Neben⸗ ſeite des Hauſes gingen, wo ein weit üͤberhängendes Dach einigen Schutz gegen den Regen gewährte. Während nun ſo die Vorpoſten ausgeſtellt waren, ſchritt Don Larioz, wie es auch nicht anders ſeinem Heldenmuthe geziemte, allein und ohne Furcht und Tadel, dem verborgenen Feinde auf den Leib. Daß, er hierbei die Thür des Ver⸗ ſchlags acffs geräuſchloſeſte öffnete und dann auf den Fuß⸗ ſpitzen näher ſchlich, geſchah nur in der Abſicht, um die muth⸗ maßlichen Räuber deſto, ſicherer zu überraſchen. Dabei blieb er aber von Zeit zu Zeit ſtehen und lauſchte. Wenn er auch anfänglich gedacht, die ganze Geſchichte beruhe auf einem Irr⸗ thume der alten Frau, ſo hatte er doch nur wenige Schritte in dem kleinen Gange gemacht, als er ein Geflüſter von Stim⸗ men zu vernehmen d glaubte. Behutſam trat er näher, erreichte die dünne Tapetenthür, welche in die Stube des Rechtsconſulenten führte, und nach⸗ dem er einen Augenblick gelauſcht, hörte er, daß er ſich nicht geirrt. Ja, es wurde in dem Zimmer geſprochen, zwei Stim⸗ men ſprachen mit einander, eine männliche und eine weibliche Stimme, und die letztere erkannte er, daran war kein Zweifel⸗ Er richtete ſich aufs höchſte überraſcht auf, und es war ein Glück, daß er ſich dabei zeitig des langen Degens erinnerte 5² Sechsundzwanzigſtes Kapitel. und ihn in die Höhe nahm, ſonſt hätte er ihn mit verräthe⸗ riſchem Geräuſch auf den Boden niedergeſtoßen. Auch die männliche Stimme glaubte er ſchon gehört zu haben, doch konnte er ſich nicht gleich erinnern, wo; ſie ſprach mit einem etwas fremden Accent, und gerade dieſer Accent war ihm ſchon einmal ins Ohr geklungen.— Konnte das mög⸗ lich ſein? Und doch war es nicht anders. Ihm trat mit einem Male jene unvergeßliche Soiree beim Rechtsconſu⸗ lenten lebhaft vor die Seele, und als er dabei der Perſonen gedachte, die dort anweſend waren, da wußte er klar, daß hier kein Irrthum möglich war und daß die Stimme, welche ſo eben ſprach, dem Grafen Czrabowski angehörte. „O, mei— ne theure Clementine,“ redete derſelbe,„alle Welt ſagt es, und ich fühle es bei dem Schmerz, der dieſes Herz zerreißt, ſo oft ich Sie ſehe, ohne mich Ihnen nähern zu dürfen, daß es wahr iſt, ich werde Sie bald verlieren.— Kann ich dieſes Gefühl denken? O, ich kann es mir nicht denken, wie es auch unmöglich iſt, daß wir es uns aus⸗ malen können, wie es einmal ſein wird, wenn dieſes arme Herz nicht mehr ſchlägt, wenn die Nacht des Todes uns um⸗ fängt— o, mei— ne theure Clementine!— Muß ich doch zwei Mal ſterben, nein, hundert Mal, tauſend Mal. Denn jeder Gedanke, Sie, mein himmliſches Mädchen, zu verlieren, iſt tauſendfacher Tod.“ Dem langen Schreiber rieſelte es beim Anhören dieſer Worte kalt über den Rücken herab, und gleich darauf fühlte er ſich wieder außergewöhnlich warm, als er nämlich Clemen⸗ tine antworten hörte:„O, wie ſtürmiſch Sie ſind, beſter Graf! ſo etwas habe ich noch nie erlebt. Nein— nein. Ich „ Das geheimnißvolle Licht. glaube, daß Sie mich lieben, ja, ich habe ja Beweiſe davon; aber dieſe Leidenſchaftlichkeit erſchreckt mich.“ „O, wie kann Sie meine Liebe erſchrecken!“ antwortete die andere Stimme.„Kennen Sie ſie doch, dieſe meine ungeheure Liebe; hatte ſie doch meine Seele ergriffen, das erſte Mal, als ich ſo himmliſch beglückt war, Sie ſehen zu dürfen. Und ſoll ſie jetzt ſchwächer werden, bei dem mir drohenden Ver⸗ luſte, den ich gewiß nicht überleben kann?“ Darauf vernahm Herr Larioz einen tiefen Seufzer, und dann fuhr die Stimme des polniſchen Grafen alſo fort: „Aber Sie ſind kalt, mei— ne Clementine, o, kalt wie Eis! — und grauſam, o grauſam! Sie fühlen nicht meine Lei⸗ den, meinen tiefen Schmerz. O könnte ich hier zu Ihren Füßen ſterben!“ Ei, dachte Herr Larioz, der Phantaſie genug beſaß, um die Worte, die er hörte, mit der Situation drinnen in Ein⸗ klang zu bringen, das muß eine intereſſante Poſition ſein; es wäre doch vielleicht an der Zeit, die Thür zu öffnen. Er wollte dies ſchon mit einem einzigen Druck auf die Thür⸗ klinke bewerkſtelligen, doch hoffte er auf eine gelegene Pauſe; auch ſchien es ihm ungalant, gerade die Rede Clementinens zu unterbrechen, welche nun ſprach:„Sie nennen mich grau⸗ ſam, o Stanislaus? Sie nennen mich kalt, und wenn ich Eins von Beiden wäre,— würde ich thun, was ich für Sie gethan?“. „O, Verzeihung der Raſerei meiner Liebe!“ ſagte die andere Stimme, aber ſie klang etwas dumpfer als vorher. „Wie viel wage ich,“ fuhr Clementine fort,„da ich hieher komme, um Sie zu ſehen! Und daß ich gekommen— heute nicht zum erſten Mal— iſt das nicht ein Beweis, 53 — ———J— — —* 54 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. wie gut ich Ihnen bin?— Daß ich es möglich machte, Sie zu ſehen,— verdiene ich deßhalb, daß Sie mich grauſam nen⸗ nen und—— kalt—— O, wäre ich—— Beides— wäre ich grauſam— und kalt— kalt— mein Stanis⸗ laus!——“ Dies dünkte dem Herrn Larioz ein paſſender Moment, um die Thür zu öffnen, doch wußte er ſelbſt nicht, welches Gefühl ihn abhielt, dies ſo plötzlich zu thun, als er ſich an⸗ fänglich vorgenommen; er ließ die Hand zögernd auf den Griff des Schloſſes fallen, und ſo brauchte er zwei Sekunden, bis die Tapetenthür dem Drucke nachgab..* Er trat in das Zimmer, nicht ohne daß er von einem durchdringenden Schrei einer weiblichen Stimme empfangen wurde; auch hörte er ein Geräuſch, wie wenn ein Stuhl zur Erde fällt und Jemand haſtig emporſpringt. Vorderhand mußte er ſich auch mit dem, was er hörte, begnügen, denn obgleich er beim Oeffnen der Thür einen Lichtſtrahl geſehen hatte, ſo war doch dieſer augenblicklich verſchwunden, und tiefe Dunkelheit herrſchte rings umher, die nur in der Nähe der Fenſter durch die zwei herzförmigen Oeffnungen unterbrochen wurde, die in den Läden angebracht waren. Der lange Schreiber, der das Terrain genau kannte und oft in der Finſterniß hin und her gegangen war, machte ein paar Schritte gegen das Nebenzimmer, ſein Bureau, deſſen Thür offen ſtand und wo es nicht ganz ſo ſtockfinſter war, da dort die abgenutzten Vorhänge und ſchlechten Rouleaux eine Idee vom Schimmer der Gaslaternen eindringen ließen. Er be⸗ gab ſich nicht ohne Abſicht dorthin, um nämlich zu verhin⸗ dern, daß der, dem die männliche Stimme angehörte, dort r —— — Das geheimnißvolle Licht. 55 hinaus einen Fluchtverſuch anſtelle. Herr Larioz hatte ſehr viel kaltes Blut und war auf Alles vorbereitet. Nachdem vielleicht eine halbe Minute ſeit ſeinem Eintritt vergangen war, ſagte er mit großer Ruhe:„Hier in dieſen Zimmern, die meiner Obhut anvertraut ſind, geht Ungebühr⸗ liches vor; es iſt etwas hier nicht in Richtigkeit.— Vorhin ein Schrei, ſowie das Umfallen eines Stuhles zeigt mir an, daß Perſonen da ſind, die durchaus nicht hieher gehören. Wer es aber auch ſein mag, ich bin entſchloſſen, es mit Jedem aufzunehmen. Haltet euch ruhig; bei dem erſten Ge⸗ rällſch, das ich vernehme, ſchieße ich meine Piſtolen aufs Gerathewohl ins Zimmer hinein ab, und darauf wird ſchon die Wache erſcheinen, um mir behülflich zu ſein beim Feſt⸗ nehmen von Räubern und Dieben.“ Ein unterdrückter Ausruf der weiblichen Stimme war die ganze Antwort, die erfolgte, worauf der Schreiber fortfuhr: „So wollen wir denn Licht machen, um die Sache gehörig zu beleuchten.“ 7 „Halt!“ rief nun die männliche Stimme, aber ohne männlichen Ton in derſelben, vielmehr zitterte ſie ein wenig; „das ſcheint mir durchaus nicht nothwendig zu ſein. Wir ſind weder Räuber noch Diebe, ſondern Perſonen— die — vielleicht nicht ſo ganz Unrecht haben, ſich hier zu be⸗ finden.“ „Von ſolchen Perſonen kenne ich nur eine einzige,“ ent⸗ gegnete kaltblütig Herr Larioz, indem er ſein Feuerzeug, das er ſorgſamerweiſe droben zu ſich geſteckt, hervorzog;„nur eine einzige, das iſt nämlich mein Prinzipal, der Rechtsconſulent Doktor Plager. Doch hat Ihre Stimme mit ſeiner nicht die geringſte Aehulichkeit; deßhalb—“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Damit zündete er das Streichhölzchen an, und nachdem der Spanier, ohne aufzublicken, den Schwefel hatte abbren⸗ nen laſſen, ſchritt er auf das Bureau des Rechtsconſulenten zu, um das dort befindliche Licht, das ſo eben erſt ausge— blaſen worden war, wieder anzuzünden. Darauf lehnte er ſich an den Schreibtiſch, ſtützte die Hand auf den langen Stoßdegen und warf einen langen Blick auf die Beiden, wo⸗ bei ihn ein ganz ſeltſames Gefühl überſchlich. Es waren in der That der edle polniſche Graf Czra⸗ bowski und Clementine Weibel, die Schwägerin ſeines C efs, dieſe Unſchuld, dieſe fleckenloſe Jungfräulichkeit. Ihm kafft in der Erinnerung an das Geſpräch, welches er heute Nachmit⸗ tag mit ſeinem Chef geführt, der Gedanke: Wenn Doktor Plager jetzt plötzlich zur Thür herein ſchauen könnte! Es wäre für die Betheiligten ſehr hart, eine gar zu ſchauerliche Nemeſis geweſen. Die junge Dame ſtand neben dem Sopha, vor ihr be⸗ fand ſich der umgeworfene Stuhl; ſie hatte ſich abgewandt und ſchien ihr Geſicht in beide Hände zu verbergen. Ein paar Schritte von ihr entfernt befand ſich der polniſche Graf, der es vergeblich verſuchte, eine gleichgültige oder ſogar heraus⸗ fordernde Miene anzunehmen; er ſchluckte einige Mal heftig, kaute an den Nägeln ſeiner rechten Hand und warf einen ſchüchternen Blick auf Clementine, die leiſe zu ſchluchzen ſchien. „Alſo Räuber oder Diebe ſind es nicht,“ ſprach Don Larioz nach einer ſehr langen Pauſe.„Doch kann ich nicht verſchweigen, daß ich ſolche lieber hier gefunden hüätte, daß ich dem Anblick, der ſich mir jetzt darbietet, einen Kampf auf Tod und Leben unbedingt vorgezogen haben Das geheimnißvolle Licht. 57 würde. O, Fräulein Clementine, das ſind ja ganz entſetz⸗ liche Geſchichten!“ Statt zu antworten oder ſich umzuſchauen, wehrte dieſe mit einer Hand von ſich, als wenn ſie ſagen wollte: Still, nur ſtill! Der Graf Czrabowski, nachdem er lange genug an ſeinen Nägeln gekaut, fuhr durch ſein ſpärliches Haar, drehte auch gelinde an ſeinem Schnurrbarte und ſagte mit faſt herausfordernder Stimme:„Nun ja, es iſt wahr, wir ſind hier, daran läßt ſich nichts ändern. Was ſoll nun weiter geſchehen? Ich hoffe nicht, daß Sie beabſichtigen, aus dieſer delikaten Sache einen Skandal zu machen. Was mich an⸗ belangt, für meine Perſon könnte mir das ſehr gleich⸗ gültig ſein; aber dieſe junge Dame würde furchtbar dar⸗ unter leiden— Sie ſind Spanier, wie ich weiß, alſo glaube ich überzeugt zu ſein, daß Sie wiſſen, was hier zu thun iſt.“ 3. „O, ich weiß das ganz genau,“ verſetzte ernſt Herr Larioz,„und hoffe auch die Geſetze der Galanterie und Rit⸗ terlichkeit nicht nur vollkommen kennen gelernt zu haben, ſendern auch auszuüben.“ „Wenn das wirklich der Fall wäre,“ erwiderte der An⸗ dere, der ſicher glaubte, die Ehrfurcht vor den Verwandten ſeines Prinzipals werde den Schreiber ſchon veranlaſſen, gelinde Saiten aufzuziehen,„ſo ſollte ich denken, daß, nach⸗ dem Sie ſich überzeugt, Sie haben es nicht mit Räubern und Dieben zu thun, Sie Ihre Pflicht gethan hätten und Ihr Zartgefühl Sie veranlaßte, ſich zurückzuziehen. Ich glaube nicht, daß man ſich in Spanien gewaltſam in die Verhältniſſe zweier jungen Leute drängt.“ ——— — 58 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Don Larioz lächelte, als er den Herrn von Czrabowski ſo reden hörte. Doch entgegnete er mit derſelben Ruhe wie früher:„Nachdem die Verhältniſſe dieſer jungen Leute ſind, miſcht man ſich allerdings hinein.“ „Und mit welchem Rechte?“ fragte der Graf, der ſich durch einen Seitenblick des jungen Mädchens, den der Schrei⸗ ber nicht bemerkte, ermuthigt fühlte. „Vorderhand mit dem Rechte desjenigen,“ ſagte der Spanier,„dem in Abweſenheit des Prinzipals dieſe Zimmer anvertraut ſind.— Allerdings,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „miſcht man ſich in Spanien höchſt ſelten in die Verhältniſſe zweier Liebenden, und ich würde das auch hier nicht thun, wenn dieſe Verhältniſſe nicht ſo ganz eigenthümlicher Art wären. Träfe ich Sie an einem Orte, wo ich ſelbſt das Recht habe, mich aufzuhalten, wie zum Beiſpiel hier, Gott weiß, durch welches Ungefähr mit einer Dame Ihres Stan⸗ des, ſo würde ich vielleicht die Achſeln zucken und Ihnen das Feld räumen. Aber im vorliegenden Falle ſteht die Partie anders; Sie, ein ſogenannter polniſcher Graf, haben ſich herabgelaſſen, mit jenem bis jetzt für ſehr anſtändig ge⸗ haltenen jungen Mädchen bürgerlicher Abkunft ein Verhältniß einzugehen, das, wie die Sachen jetzt ſtehen, einen mehr als zweideutigen Anſtrich bekommt.“ „Herr—!“ „O, laſſen Sie mich ausreden!— Sie ſehen das ganz gut ein, die junge Dame will das nicht einſehen; aber ich, Herr Graf, empfinde die ganze Schmach, die Sie dem ehr⸗ lichen Hauſe meines Chefs anthun, da Sie ſeine Verwandte mit Ihrer Neigung beehren.“ — zurüc und Gzra ichz Das geheimnißvolle Licht. 59 „O, Herr Larioz!“ rief Clementine, ohne dabei umzu⸗ ſchauen. „Die ganze Schmach,“ fuhr der Spanier unerbittlich fort.„Oder wie nennen Sie das vielleicht, wenn Sie ein junges Mädchen mit Ihrer Leidenſchaft verfolgen, einer Lei⸗ denſchaft, die nicht für Sie—“ damit ſtreckte er ſeinen lan⸗ gen Arm aus und berührte mit dem Zeigefinger faſt die Bruſt des Anderen, der vor dieſer Bewegung einen halben Schritt zurückwich—„wohl aber für Jene von den entehrendſten und unglücklichſten Folgen ſein muß? Sie nennen ſich Graf Czrabowski; ob Sie ein Edelmann ſind, mag Gott wiſſen; ich zweifle daran.“ „Herr—!“ „Für jedes meiner Worte werde ich Ihnen ſpäter Rede ſtehen,“ ſagte Don Larioz mit einer in der That eleganten und ritterlichen Verbeugung.„Sie haben eine, wie man es nennt, gewählte Toilette, Sie führen den fremd klingenden und deßhalb für Manche intereſſanten Namen Czrabowski, Sie ſprechen mit einem fremden Accent, und das ſind leider ſchon ſehr viele Hülfsmittel, um einem Mädchen, das keine Warnung annehmen will, den Kopf zu verrücken, einem Mäd⸗ chen, das obendrein, wie Sie ganz genau wiſſen, einen ſehr braven Verlobten hat.“ Während der Schreiber des Advokaten alſo ſprach, ver⸗ ſuchte der edle Graf mehrmals, ihn zu unterbrechen. Doch hob Herr Larioz jedes Mal die Hand mit einer ſo gebieteri⸗ ſchen Geberde empor, daß der Andere verſtummte und dann, um dieſes Verſtummen zu motiviren, mit den Achſeln zuckte und verächtlich die Lippen aufwarf, als wollte er ſagen: b 60 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Laßt ihn reden; ich höre nur Worte, die für mich keinen Sinn haben. Für Clementine ſchienen ſie aber doch verſtändlich zu ſein; denn ſie ſank langſam in die Ecke des Sopha's und drückte ihr Geſicht in die Kiſſen deſſelben. „Wie das übrigens möglich iſt, iſt mir für meine Perſon unbegreiflich,“ fuhr der Spanier fort,„kommt aber leider nur zu häufig vor. Was iſt freilich ein junger braver Mann wie der Fabrikant Schilder mit ſeinem einfachen Geſichte, ſeinen gelbblonden Haaren, ſeinem bartloſen Kinn, gegen die Vorzüge Ihres Kopfes!— gegen die äußeren Vorzüge deſſel⸗ ben, unterſtützt von gewählten Redensarten, von einer hoch⸗ poetiſchen Anſchauungsweiſe des Lebens, zu der ſich ein Ge⸗ ſcchäftsmann und Fabrikant ja unmöglich aufſchwingen kann! Er hat nur ein einfaches bürgerliches Ja, ja! und Nein, nein! Sie dagegen geben Ihr gräfliches Ehrenwort. Er ſagt vielleicht recht trocken und proſaiſch zu einem jungen Mädchen: Ich bin dir gut, ich liebe dich; Sie aber ſprechen wohl: Unendlich, wie der Himmel über uns, iſt meine Leidenſchaft zu dir; ebenſowenig, wie du die Sterne zählen kannſt, eben⸗ ſowenig auch meine Gedanken, die getränkt von meiner heißen Liebe, dich täglich und ſtündlich umſchweben.— Dergleichen Unſinn ſprechen Sie vielleicht, und Jene denkt: Ach, wie das ſchön und romantiſch iſt! ja, das iſt die wahre Liebe, die ſich in ſo wunderbar ſchönen Bildern bewegt. Und was iſt Ihre wahre Liebe?— daß Sie dieſe junge Dame zu einem Schritte verleiten, wie der gegenwärtige, bei dem ſie das erfüllt, weßwegen Sie die ganze Bekanntſchaft angefangen.— Dann,“ ſetzte er hinzu, während er finſter die Augenbrauen zuſammenzog, „haben Sie gethan, was Sie nicht laſſen konnten, und Sie Das geheimnißvolle Licht. 61 gehen lachend weiter, bis Sie wieder eine ähnliche Liebſchaft finden, wieder ein ſchwärmeriſches Gemüth, das Sie unwider⸗ ſtehlich und göttlich findet, weil Sie der Graf Czrabowski ſind, weil Sie mit fremdem Accent ſprechen, Ihr Augenglas vortrefflich zu tragen verſtehen, untadelhafte Handſchuhe zei⸗ gen, und weil Sie im Geruch der Abenteuerlichkeit ſtehen, die leider einer gewiſſen Claſſe von Mädchen ſo außeror⸗ dentlich wohl gefälltt.— So! wenn Sie jetzt meine Worte widerlegen wollen, ſo werde ich Ihnen ein aufmerkſames Ohr leihen, und ich bin überzeugt, Fräulein Clementine ebenfalls.“ Der polniſche Graf hatte ſeine Hand unter dem Rocke verborgen, trat mit dem Abſatz des rechten Fußes wiederholt und heftig auf und ſagte mit hoch erhobener Naſe:„Es lohnt ſich wohl der Mühe, Ihre höchſt gemeinen Reden mit an⸗ ſtändigen Worten zu erwidern! Sie bedienen ſich des Rechtes, welches Ihnen der Zufall über mich gegeben, indem Sie Dinge ſagen, die das Herz dieſes armen Mädchens zerreißen müſſen.“ „Und zerreißen werden,“ ſetzte Don Larioz mit großer Kaltblütigkeit hinzu,„wenn Sie ſich nicht die Mühe der Wider⸗ legung geben wollen.“ „, wie bin ich unglücklich!“ rief Clementine und ſetzte hinzu, indem ſie ſich gegen den Grafen wandte:„Ja, mein Herz iſt zerriſſen über jene Reden; ich brauche ein Wort des Troſtes, eine Widerlegung.“ „Doch nicht hier— vor dieſem Menſchen?“ ſagte zögernd Herr von Czrabowski.„Soll ich die heiligen Verſicherungen, die ich Ihnen in feierlicher Stunde gab, vor dieſem da wieder⸗ holen und ſo die ſüßeſten und edelſten Gefühle des Herzens profaniren?“ 62 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Nein, Sie werden meine Reden nicht widerlegen,“ ſprach kalt der lange Schreiber,„weil Sie fühlen, daß ich Recht habe, weil Ihnen eine Widerlegung unmöglich iſt.“ „Unmöglich?“ rief der Graf aus, indem er eine etwas theatraliſche Stellung annahm,„unmöglich? Clementine, Sie wiſſen, was ich Ihnen gelobt, und ich werde meine Verſpre⸗ chungen halten in ganz kurzer Zeit. Nur ſo lange haben Sie Vertrauen zu mir, wie Sie es bis jetzt gehabt, o mein göttli⸗ ches Mädchen!“— Bei dieſen Worten genirte er ſich durchaus nicht, ſondern näherte ſich zum größten Erſtaunen für Larioz mit einem raſchen Schritte der jungen Dame und legte ſeinen Arm um ihre Taille, wobei dieſe ſehr ſanſt widerſtrebte. „Eine Widerlegung iſt unter meiner Würde; ich könnte ſie leicht mit den eigenen Worten dieſes Herrn geben. Habe ich wirklich Vorrechte, weil ich der Graf Czrabowski bin, weil ich einen fremdartigen Accent ſpreche— von den anderen etwas lächerlichen Eigenſchaften gar nicht zu reden?— Im Gegen⸗ theil, gerade deßhalb mißtraut man mir; ja, man mißtraut mir mit großem Unrecht; jener Monſieur Schilder darf die Hand dieſer jungen herrlichen Dame verlangen; man iſt entzückt darüber, man findet das ganz in der Ordnung; aber wenn ich, der Graf Czrabowski, ſage: Geliebte Clementine, willſt du mein Weib ſein? ſo wagt man es, die Achſeln zu zucken, von Verrath zu ſprechen. Aber man ſoll nicht über einen Verrath meines Herzens ſprechen,“ ſetzte er affektirt und ſich augenſcheinlich in eine Heftigkeit hineinredend fort;„man ſoll nicht die Achſeln zucken über die künftige Gräfin Czra⸗ bowski.“ Das Letzte ſprach er mit ſehr hoch erhobener Naſe und glaubte damit einen großen Eindruck auf den Anderen her⸗ 4 Das geheimnißvolle Licht. 63 vorgebracht zu haben. Doch war dieſes nur bei Clementinen der Fall, und der Spanier ſchüttelte mit einem recht ſchmerz⸗ lichen Lächeln den Kopf, als er hörte, wie Jene ſagte:„O mein Stanislaus! ich habe nie an Ihrer Liebe und Treue gezweifelt.“ Dabei wußte aber Larioz für den Augenblick nicht, was er machen ſollte, als Clementine nach dieſen Worten gänzlich unbekümmert um ihn in die Arme des polniſchen Grafen ſank. Dieſer aber half ihm, indem er das Mädchen ſanft auf⸗ richtete und zu ihr ſprach: „Ja, vertraue mir. Aber jetzt vor allen Dingen Faſſung; man muß herzloſen Menſchen kein derartiges Schauſpiel ge⸗ ben.“ Dann wandte er ſich zu dem Schreiber und ſagte mit erhobener Stimme:„Sie haben nun, hoffe ich, geſehen, daß hier nichts Unrechtes vorgeht, und können es mir überlaſſen, der jungen Dame einigen Troſt zuzuſprechen und ſie nach Hauſe zu geleiten.“ Auf das hin lächelte der Spanier ſarkaſtiſch und verſetzte nach einigem Beſinnen:„Wenn ich auch Ihren billigen Wunſch recht gern erfüllen wollte, ſo wäre es mir doch ohne aus⸗ drücklichen Befehl meines Prinzipals, des Herrn Doktor Plager, nicht möglich, Sie noch länger in dieſen Zimmern zu laſſen, wo der Schein der Lichter in ſo ungewohnter Stunde in der Nachbarſchaft Aufſehen erregen könnte, in einer Nachbarſchaft, die viel böſe Zungen hat, welche es vielleicht wagen könnten, herzloſer Weiſe den Ruf der künftigen Gräfin Czrabowski anzutaſten, wenn ſie mit Ihnen zu gleicher Zeit das Haus verließe.— Ich muß deßhalb ſchon dringend bitten,“ ſetzte er mit feſter Stimme hinzu, während er einen Schritt 2 11 64 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. gegen das Sopha machte,„daß Sie, Herr Graf, das Haus nun recht bald allein verlaſſen.“ „Ja, ja,“ ſagte Clementine, nes iſt beſſer ſo; man muß ſich hier ſo ſehr vor den Leuten in Acht nehmen; iſt doch Niemand vor Verleumdungen ſicher.“ „Ehe Sie aber gehen,“ fuhr Herr Larioz fort,„wäre es mir ſehr angenehm, wenn Sie mir Ihre Wohnung bezeichnen wollten. Ich habe“— dies ſprach er außerordentlich feſt und langſam—„im Anfange meiner Rede vorhin einige Worte fallen laſſen, die ich für nothwendig halte, Ihnen näher zu erklären.“ „Meine Wohnung gehört nicht zur Sache„“ antwortete der Graf mit einem leichten verlegenen Seitenblick auf Cle⸗ mentine.„Ich werde Sie ſchon zu finden wiſſen, und bitte, mir das, was nothwendig iſt, allein zu überlaſſen.“ Don Larioz verbeugte ſich, worauf der Graf ſeinen Hut nahm, dem jungen Mädchen ni ausbrechender Zärtlichkeit die Hände küßte und dann dem langen Schreiber folgte, der durch die Tapetenthür in den Verſchlag ging und dann be⸗ hutſam die Hausthür öffnete, um Jenen hinaus zu laſſen, wobei er ſorgfältig umherſpähte, ob ſich kein Neugieriger oder Unbefugter draußen ſehen laſſe. Doch war hier glück⸗ licher Weiſe Alles ſtill, öde und leer; denn der Tiger und die handfeſte Waſcherin befanden ſich in dieſem Augenblicke an der Nebenſeite unter dem Vordache. Ehe der Graf Czrabowski das Zimmer verließ, rief er noch einmal mit tiefem Gefühl:„O, meine Clementine!“ und ſtürmte alsdann zum Hauſe hinaus, ohne Don Larioz eines weiteren Blickes oder Wortes zu würdigen. Clementine aber hatte noch einmal dem geliebten Füücht lin — Das geheimnißvolle Licht. 65 linge die Arme nachgeſtreckt, wobei ſie ausrief:„O, mein Stanislaus!— wann werde ich dich wieder ſehen?“ Als ſie das gethan, warf ſie ſich auf das Sopha und fing als ein kluges Mädchen an, ſogleich über ihre Lage nachzudenken. Wie ſollte ſie im nächſten Augenblicke den Schreiber ihres Schwagers behandeln? Sollte ſie ihm ſtolz, vornehm entgegentreten, ihn fühlen laſſen, wie höchſt un⸗ ſchicklich es eigentlich geweſen, die künftige Gräfin Czrabowski in einem Rendezvous zu überraſchen? Sollte ſie mit ge⸗ kränkter Miene durchblicken laſſen, man wiſſe zu Hauſe eigentlich ganz genau um dieſes Verhältniß, wobei ſie dann aber hinzuzuſetzen dachte: dem Rechtsconſulenten, als mit zu wenig Gefühl begabt, ſei allein dieſe Sache verborgen und müſſe es auch bleiben, oder der Zorn ihrer Schweſter und ihrer Mutter, der Madame Weibel, würde fürchterlich auf das Haupt des unbedeutenden Schreibers niederfallen; ſollte ſie mit einem Worte die Trotzige und Gekränkte ſpielen, oder die Bittende, die ſich wandte an den ihr wohlbekannten Edel⸗ muth des Herrn Larioz? Nach ſchneller Ueberlegung wählte ſie das Letztere und nahm demgemäß ihre Haltung. Sie hatte ſich in einer vor⸗ theilhaften Lage in die Sophaecke geworfen und hielt ihr Taſchentuch vor die Augen, nahm es auch nicht weg, nach⸗ dem Herr Larioz ſchon in das„Zimmer getreten war, ver⸗ ſenkte ſich vielmehr aufs Tiefſte hinein und affektirte eine völlige Zerknirſchung. Der Spanier ſchritt nach dem Pulte des Rechtsconſu⸗ lenten hin und ſagte nach einer Pauſe:„Wenn es Ihnen jetzt gefällig wäre, Fräulein Clementine, ſo würde ich Sie zur Thür, die nach dem Hofe geht, hinausführen.“ Hackländer, Don Quixote. III. 5 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Ich danke Ihnen ſehr,“ ſprach ſie unter dem Sacktuche her vor. „Es kann das keinen Verdacht erregen,“ fuhr er fort; „denn ich ſetze den Fall, es hätte Jemand den Herrn Grafen Czrabowski das Haus verlaſſen ſehen, ſo wird dieſe Perſon Sie doch nicht erblicken, da das Hofthor nach einer ganz anderen Straße führt.“ „Und wenn man auch Verdacht ſchöpfte,“ ſagte das junge Mädchen mit leiſem Schluchzen,„kann es mir doch einerlei ſein, ob die Welt einen Tag früher oder ſpäter er⸗ fährt, was hier vorgefallen.“ „Ich meine, die Welt braucht es eigentlich gar nicht zu erfahren,“ entgegnete der Spanier. „Aber ſie wird es erfahren; o, ich bin feſt davon über⸗ zeugt, es macht Ihnen, Herr Larioz, das größte Vergnügen, ein armes Mädchen, wie ich bin, um ihren guten Ruf zu bringen.“ „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen zu dieſem Glauben ſchon Veranlaſſung gegeben. Es könnte Ihnen ja nur ſchaden, wenn ich wirklich der Welt Ihre Sache erzählte; aber ſchaden will ich Ihnen gewiß nicht, Sie höchſtens für Andere un⸗ ſchädlich machen.“ „Wie verſtehe ich das?“ fragte ängſtlich Clementine, in⸗ dem ſie ſich halb aufrichtete, den Kopf auf der Hand ruhen ließ und mit ihren glänzenden Augen emporblickte. „Das iſt ganz einfach zu verſtehen,“ entgegnete Herr Larioz.„Glauben Sie mir, mein Fräulein, es fällt mir nicht ein, die Welt, wie Sie ſich vorhin ausdrückten, von dieſem Vorfall in Kenntniß zu ſetzen, nicht einmal Ihren Herrn Schwager, was am Ende meine Schuldigkeit wäre; Das geheimnißvolle Licht. 67 nur halte ich es für meine dringende Pflicht, den Herrn Schilder, der ein Ehrenmann iſt und ſich immer freundlich und gut gegen mich benommen, vor der künftigen Gräfin Czrabowski zu warnen.“ „O, das werden Sie gerade nicht thun, Herr Larioz!“ rief Clementine ängſtlich.„Nein, ſo entſetzlich werden Sie nicht gegen mich handeln, mich ſo gänzlich zu Grunde richten in der Meinung des Herrn Schilder.“ Sie hatte dieſe Worte wohl erregt geſprochen, aber doch mit ſanfter, ſchmeichelnder Stimme. Dabei war ſie vom So⸗ pha aufgeſprungen und hatte ihre Hand auf den Arm des Schreibers gelegt, der unter dem warmen Drucke derſelben erſtaunt ſtehen blieb. „Was kann Ihnen noch an der Meinung Ihres früheren Verlobten liegen?“ ſagte Larioz nach einem kleinen Still⸗ ſchweigen.„Die Sache liegt ganz klar vor uns: Sie werfen das von ſich, was Ihnen Herr Schilder zu bieten vermag, Sie greifen nach der glänzenden Exiſtenz, die Ihnen der Herr Graf Czrabowski verſprochen; aber dabei iſt nicht mehr als billig, daß man ehrlich zu Werke geht, und deßhalb halte ich es für meine Pflicht, dem Herrn Schilder ſo ſcho⸗ nend wie möglich zu ſagen, wie die Sache ſteht.“ „O nein, Herr Larioz, Sie werden das nicht thun. Sie werden barmherzig gegen mich ſein. Ich glaube, daß Stanislaus die beſten Abſichten hat; ja, ich bin das von. ſeinem edlen Charakter überzeugt; aber ſo viel ich von ihm erfahren, muß er die Beendigung eines großen Prozeſſes, der ſich um eine bedeutende Erbſchaft handelt, erſt abwarten, ehe er ſeiner Neigung folgen und mir ſeine Hand reichen kann.“ 68 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Ahl ich verſtehe,“ ſagte verächtlich der Schreiber,„und bis dieſer Prozeß gewonnen iſt— er kann ja auch ver⸗ loren gehen— wird der gute Schilder nicht aus dem Netz entlaſſen, in das er ſich muthwillig geſtürzt.— Aber ſagen Sie mir ums Himmels willen, Fräulein Clementine, glau⸗ ben Sie denn wirklich an dieſe Erbſchaft und an dieſen Prozeß?“ „O ja, ich glaube feſt daran,“ entgegnete das Mädchen; doch war der Ton ihrer Stimme nicht ſo, wie er hätte ſein ſollen, wenn man einen unbedingten Glauben ausſpricht.— „Aber wozu dieſe Fragen?“ fuhr ſie dringender fort.„Seien Sie edel gegen mich, Herz Larioz.“— Damit drängte ſie ſich näher an ihn.—„Geben Sie mir Ihr Wort, mich nicht zu verrathen.“ Der Schreiber ſchüttelte mit dem Kopfe und blickte mit einem eigenen Gefühl auf das Mädchen nieder, das ſich von Angſt aufgelöst in ſeine Arme werfen zu wollen ſchien; ja, ſie ließ ihre Stirn einen Moment auf ſeiner Schulter ruhen, dann hob ſie den Kopf haſtig in die Höhe und ſah ihn mit ihren dunkeln Augen ſo flehend an, daß der Spanier ein Herz von Stein hätte haben müſſen, um ihr zu wider⸗ ſtehen. Er wußte nicht, warum, aber er rief ſich in dieſem Augenblicke das Bild jener unglücklichen jungen Dame, die einen ſo großen Eindruck auf ihn gemacht hatte, mit voller Kraft ins Gedächtniß zurück; es war ihm faſt ängſtlich zu Muth, als Clementine ſo gewaltſam in ihn drang, und er fühlte wohl, daß er ihren Bitten baldigſt nachgeben müſſe. 4 „Gut denn,“ ſprach er nach einer Pauſe,„ich werde. Ihrem Wunſche willfahren, ich werde gegen keinen Men⸗ 42 ◻ Das geheimnißvolle Licht. 69 ſchen von der Scene des heutigen Abends ſprechen, doch nur unter der Bedingung, daß ſich der Graf Czrabowski innerhalb dreier Tage gegen Ihre Mutter erklärt und Herr Schilder auf dieſe Art erfährt, daß er von Ihnen nichts zu hoffen hat. Es wird Ihnen ein Leichtes ſein, den Grafen dazu zu bewegen, und das zu thun, ſind Sie ſich ſelbſt ſchuldig.“ Ob nun Clementine in der That glaubte, den Grafen dazu bewegen zu können, bei ihrer Mutter um ihre Hand anzuhalten, oder ob ſie vorderhand mit der Bewilligung eines dreitägigen Stillſchweigens zufrieden war, wiſſen wir nicht genau anzugeben— genug, ſie heuchelte eine große Dank⸗ barkeit, ſie vergoß ein paar Thränen und ſagte mit ſchim⸗ mernden Augen:„Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und darauf baue ich feſt. Dabei verſichern Sie mir aber auch, durch ſonſt kein Mittel veranlaſſen zu wollen, daß vor der beſtimmten Zeit etwas bekannt werde von dem, was heute Abend hier geſchehen? O, Herr Larioz, wie würde ich Ihnen dankbar dafür ſein!“ „Ich wüßte nicht,“ verſetzte der Schreiber,„auf welche Art von dem heutigen Abend etwas bekannt werden ſollte, wenn Sie nicht ſelbſt darüber ſprechen.“— Daß der Tiger um das Haus herum ſchlich, davon hatte er keine Ahnung, daß aber der Kellner, der ſich auf dem Schutthaufen poſtirt hatte, nichts von dem Manne geſehen haben konnte, war ſelbſtredend, da dieſer das Haus auf der anderen Seite verlaſſen. Clementine athmete ſichtbar erleichtert auf, dann ſagte ſie:„Ich hatte gefürchtet, Sie würden das Haus mit Spähern umgeben haben, mit Jenen, die Ihnen etwas davon ver⸗ ——— 70 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. rathen, daß ich ſo unklug war, den Bitten des Grafen nach⸗ zugeben und hieher zu kommen. Denn verrathen wurde ich,“ ſetzte ſie mit einem leichten Blitz ihrer Augen hinzu.—„Doch was iſt das?“ rief ſie erſchrocken aus, indem ſie ſich haſtig einen Schritt zurückzog und horchte. Auch Herr Larioz fuhr erſtaunt empor, denn man ver⸗ nahm draußen vom Hofe her einen ſeltſamen Lärmen. Ein paar Weiberſtimmen kreiſchten:„Ah, wir haben ihn! wir haben ihn!“ Darauf klirrte im Nebenzimmer eine Fenſter⸗ ſcheibe, und man vernahm das heiſere Organ des Tigers, welcher ſchrie:„Kommen Sie geſchwind, Herr Larioz, wir haben ihn!“— Die flammende Röthe auf dem Geſichte des jungen Mädchens war mit einem Male einer tiefen Bläſſe gewichen; die Lippen, welche ſie ſo ſchmachtend geöffnet hatte, daß man ihre friſchen Zähne ſah, preßte ſie nun feſt auf einander, und aus ihren, in der That, ſchönen Augen brach ein böſer Blick hervor, der etwaß von dem des Baſilisken an ſich hatte, oder auch von dem ihrer würdigen Mutter, wenn dieſe einmal durch äußere Verhältniſſe gezwungen wurde, eine Widerrede gegen ihren Schwiegerſohn zu verſchlucken. „Alſo das iſt Ihr Verſprechen?“ ſagte ſie mit leiſer, aber doch ſehr hörbarer Stimme, wobei ſich ihre Bruſt mühſam hob.„Während Sie mir Ihr Wort gaben, mich nicht zu verrathen, bin ich es ſchon, und während Sie bedauernd darüber ſprechen, was die Welt ſagen könnte, daß man mich hier gefunden, treffen Sie alle Anſtalten, um meinen Ruf für ewige Zeiten zu vernichten!— Pfui Teufel!“ Daß bei dieſem, ſehr ſprudelnd hervorgebrachten Redefluß, welcher von der jungen Dame mit Pantomimen begleitet * Das geheimnißvolle Licht. 71 wurde, in denen Larioz eine beinahe erſchreckende Familien⸗ Aehnlichkeit erkannte, derſelbe ganz erſtarrt daſtand, jetzt in Verwunderung Clementine anſah, dann aufs höchſte er⸗ ſtaunt nach dem Fenſter horchte, wo man die Stimme des Tigers vernahm, freilich etwas undeutlich, denn das alte Weib hatte ſich bereits heiſer geſchrieen, brauchen wir eigent⸗ lich nicht zu ſagen; es war dem Schreiber durchaus nicht eingefallen, Wachen oder Späher auszuſtellen, und was den Kellner anbelangt, deſſen er ſich jetzt wieder erinnerte, ſo hatte dieſer den beſtimmten Befehl erhalten, vorderhand nur zu beobachten, und wenn man deſſen dürftiges Weſen mit den nicht unanſehnlichen Körperformen des Grafen Czra⸗ bowski verglich, ſo konnte man überzeugt ſein, daß Jener beim größten Heldenmuthe es nicht wagen würde, dieſen feſt zu halten, welcher ja noch obendrein in ganz entgegengeſetzter Richtung das Haus verlaſſen hatte; dazu die Weiberſtimmen, die er vernahm— die des Tigers erkannte er augenblicklich — wie geſagt, er wußte nicht, was das alles zu bedeuten hatte, und dieſer Ausdruck der Ueberraſchung, ja, der Unſchuld, war ſo auf ſeinem Geſichte ausgeprägt, daß ihn jede andere Perſon, als gerade dieſes ſehr aufgeregte junge Mädchen, für völlig ohne Theilnahme an dem Lärmen draußen gehal⸗ ten hätte. Er verſuchte einige entſchuldigende Worte gegen Clementine, doch ließ ihn dieſe nicht zur Rede kommen, ſondern ſagte, nachdem ſie ihn mit einem gewiſſen verächt⸗ lichen Blicke, mit welchem junge Damen ſich aus manchen Verlegenheiten trefflich zu retten wiſſen, von oben bis unten angeſehen: „Schweigen Sie, halten Sie mich nicht für dumm und leichtgläubig; meinen Sie ja nicht, daß ich ſo leicht zu fan⸗ 72 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. gen. O, jetzt erkenne ich dieſes ganze ſcheußliche Spiel, das mein theurer Schwager angezettelt hat“— dabei machte ſie einen nicht ſehr graciöſen Knix—„und das dieſer edle Spanier, der ſich von den Mägden Don Larioz nennen läßt, mit der ganzen Großmuth ſeiner Nation unterſtützt.“ Dabei knixte ſie zum zweiten Male.„Aber helfen ſoll euch dieſes Spiel nichts, das ſchwöre ich euch. Und wenn Sie mir etwas Uebeles nachſagen wollen, ſo ſehen Sie ſich vor; wir wollen doch ſehen, ob Sie im Stande ſind, zu beweiſen, daß ich oder ſonſt Jemand da geweſen.“ Damit riß ſie ihren Hut und Shawl an ſich, ſetzte den erſteren in der Haſt etwas ſchief auf und ſtürzte nach dem Ausgange gegen die Straße, zu welchem ſie die Schlüſſel ihres Schwagers in der Taſche hatte, um von dort ſchleunigſt das Feld zu räumen. Herr Larioz hätte ſie wohl zurück halten können, aber er dachte nicht im Entfernteſten daran; er blickte ihr achſel⸗ zuckend nach, ſah, wie ſie zur Stubenthür hinaus ſtürmte, welche ſie weit aufſtehen ließ, hörte, wie ſie die wenigen Schritte bis an die Hausthür machte, und dachte bei ſich: Es iſt am Ende beſſer; ſo durch ihr Benehmen entbindet ſie dich deines Wortes, und du kannſt, ohne Alles zu ſagen, dem braven Herrn Schilder einen Wink geben, der ihn vorſichtig macht, ohne das Mädchen gerade zu compromit⸗ tiren.— Er blieb noch einen Augenblick auf der Stelle ſtehen, wo er ſich befand, um ſich zu überzeugen, daß die Hausthür wieder geſchloſſen würde; doch hörte man nicht einmal, daß ſie geöffnet wurde, obgleich Clementine ſie ſchon gewiß ſeit einer halben Minute erreicht haben mußte.— Er lauſchte,— was war das?— Er irrte ſich nicht, er vernahm, „ Das geheimnißvolle Licht. 73 daß an dieſe Hausthür leiſe angeklopft wurde;— ja, da war keine Täuſchung möglich— jetzt auch an den Fenſter⸗ laden, als wenn Jemand Einlaß begehre, und dabei wur⸗ den die Schläge, wenn auch leiſe, doch ſo entſchieden ge⸗ führt, als wenn der da draußen ein Recht habe, Einlaß zu begehren. —-ꝰ——— ————— 3 ———õʒ;ʒ— S — Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Kampf und Niederlage. Um dem geneigten Leſer die plötzlich eingetretene, höchſt peinliche Situation pflichtſchuldigſt zu erklären, müſſen wir in unſerer Geſchichte um eine Viertelſtunde zurückgehen, und zwar bis zu dem Augenblicke, wo Windſpiel ſich auf dem Schutthaufen aufgeſtellt hatte in der feſten Abſicht, ſich wür⸗ dig zu zeigen des Vertrauens, das der edle Don Larioz in ihn geſetzt, möge auch kommen, was da wolle. Das Schür⸗ eiſen hatte er in der rechten Hand und trug es auf der Schulter; mit der linken hielt er den Stock ungefähr ſo, wie ein tapferer Rittersmann auf Vorpoſten ſein Schwert zu handhaben pflegt. Einige Zeit hindurch aber kam gar nichts, was ſeinen Muth auf die Probe geſteellt hätte; nur zuweilen fuhr ein Windſtoß durch das offene Thor des Hofes und jagte ihm dann und wann einen Regenſchauer ins Geſicht, deſſen Kälte eigentlich nicht dazu gemacht war, ſeinen Muth zu vermehren.. Kampf und Niederlage. 75 Die Augen hatte er feſt auf die beiden Fenſter der Schreib⸗ ſtube gerichtet, er ſah, daß ſich dort herabgelaſſene Rouleaux befanden, durch welche er, freilich ſehr undeutlich, einen Licht⸗ ſchimmer bemerkte. Es dauerte aber nicht lange, ſo erloſch derſelbe, wie dem Leſer bereits bekannt. Nach einiger Zeit erſchien dieſer Schimmer jedoch wieder, und dann war es dem Wacheſtehenden, als vernehme er, daß im Zimmer geſprochen werde. Alles das gab ihm indeß keine Veranlaſſung, ſeinen Poſten zu verlaſſen, und ſo ſcharf er auch umher ſpähte, er ſah in dem ganzen Hofe eine Zeit lang durchaus nichts Ver⸗ dächtiges. Uebrigens war es ſo dunkel, daß er ſeine Seh⸗ werkzeuge ſcharf anſtrengen mußte, um die Umriſſe der Hin⸗ tergebäude ſowie die Form des Hauſes vor ihm zu erken⸗ nen. Jetzt blickte er aber ſchärfer nach der Ecke deſſelben, ja, er beugte ſich erwartungsvoll etwas vornüber, denn es war ihm gerade, als ſehe er eine Geſtalt dort herum ſchlei⸗ chen. Richtig, er hatte ſich nicht geirrt, etwas ſchlich an dem Hauſe dahin, langſam und ſpähend— eine menſchliche Geſtalt. Wir wollen nicht verſchweigen, daß dem tapferen Wind⸗ ſpiel das Herz einigermaßen ſchneller ſchlug. Das geſchah aber natürlicherweiſe nicht aus Angſt, ſondern nur weil er ſich ſelbſt ſagte, daß der entſcheidende Augenblick komme, wo es ſich zeigen müſſe, ob er des in ihn geſetzten erhebenden Vertrauens würdig ſei oder nicht. Die Geſtalt ſchob ſich ſo dicht an dem Hauſe hin, daß man ſie kaum noch ſah und daß ſie dann erſt wieder recht ſichtbar wurde, als ſie vor die matt erleuchteten Fenſter trat. Da blieb ſie ſtehen, da beugte ſie den Kopf herab, da ſchien ſie etwas vorzunehmen. ——— 76 Siebennndzwanzigſtes Kapitel. Nun hatte Windſpiel oft von Dieben geleſen, die bei ihren Einbrüchen mit einem ſcharfen Diamant die Fenſterſcheiben zu zerſchneiden pflegten, dann durch die gemachte Oeffnung den Riegel des Fenſters zurückſchoben und ſo ihren Einbruch be⸗ werkſtelligten.„Verwegene Geſellen, die ſo handeln,“ ſprach der Kellner zu ſich ſelber,„kräftige Leute, die meiſtens noch mit geführlichen Mordinſtrumenten bewaffnet ſind.“— Doch gleichviel; mochte auch die Gefahr, in die er ſich ſtürzte, noch ſo groß ſein, er beſchloß, langſam vorzugehen, was er denn auch that. Seinen Stock ließ er oben auf dem Schutthaufen in den weichen Boden eingedrückt; das ſtark gekrümmte Feuer⸗ eiſen ſchien ihm eine beſſere Waffe zu ſein, und indem er es mit aller Kraft umfaßte, ſetzte er ſeinen Weg wirklich immer muthiger fort. Die Geſtalt unten war ſo beſchäftigt, daß ſie die An⸗ näherung Windſpiels durchaus nicht bemerkte, ſogar als dieſer nur noch wenige Schritte vord ihr entfernt war, wo dann der Kellner ſeinerſeits mit Erſtaunen ſah, daß der vermeintliche Dieb Weiberkleider trug. Glücklicher Weiſe erinnerte er ſich aber, daß kühne Räuber bei ihren nächtlichen Angriffen ſich nicht nur die Geſichter zu ſchwärzen pflegten, ſondern ſich auch oft, um gänzlich unkenntlich zu bleiben, der Weibertracht be⸗ dienten. Deßhalb beſchloß er, zum Angriff zu ſchreiten, und that dies nach einem tiefen Athemzuge, indem er den Arm mit dem Feuereiſen weit von ſich abſtreckte, um mit der ge⸗ krümmten Spitze des letzteren den Nacken des Räubers zu faſſen und ihn auf dieſe Art rückwärts zu Boden zu ziehen. So geſchah es denn auch, und es gelang ihm vortrefflich. Mit einem tüchtigen Rucke brachte er den einbrechenden Dieb auf den Boden nieder und warf ſich dann über ihn hin, um „A 82 Kampf und Niederlage. 77 ihn durch Feſthalten der Hände von dem Gebrauch ſeiner Mordwerkzeuge abzuhalten. Anfänglich ſchien der fürchterliche Räuber überraſcht zu ſein, dann aber ſchrie er:„Ach, Herr Jeſus, helft, helft!“ und zu gleicher Zeit fühlte Windſpiel etwas wie ſcharfe Nägel in ſeinem Geſichte. Leider hatte der tapfere junge Menſch nicht daran ge⸗ dacht, daß Räuber bei ihren Einbrüchen ſelten allein zu ſein pflegen, ſonſt wäre er vorſichtiger zu Werke gegangen und nicht unterlegen, wie wir leider der Wahrheit gemäß berichten müſſen. Denn im nächſten Augenblick fühlte er ſeine Arme von zwei ſo kräftigen Fäuſten erfaßt, daß er ſich trotz ſeines Ringens nicht loszumachen im Stande war; er mußte einem entſetzlichen Räuber, wenn nicht vielleicht einem erbarmungs⸗ loſen Mörder in die Hände gefallen ſein. Wie mit eiſernen Klammern fühlte er ſich zuſammengefaßt und mit wahrer Rieſenkraft in die Höhe gehoben, ja, förmlich in die Höhe ge⸗ hoben wie ein ſchwaches Kind, wodurch es dem am Boden liegenden Diebe in Weiberkleidern möglich war, aufzuſtehen, der nun zu ſeiner großen Verwunderung an zu ſchreien fing: „Wir haben ihn, wir haben ihn!“ und der darauf, wie wir bereits wiſſen, ſo ſtark an die Fenſter ſchlug, daß eine Scheibe zerbrach, wobei er fortwährend mit heiſerer Stimme rief: „Kommen Sie, kommen Sie, wir haben ihn!— Kommen Sie geſchwind, Herr Larioz!“ Da wir uns in unſerer wahrhaften Geſchichte immer der größten Gewiſſenhaftigkeit befleißigen und es verſchmähen, durch unglaubliche Ueberraſchungen auf unwürdige Art das Intereſſe des Leſers zu ſteigern, dagegen aber pflichtſchuldigſt erzählen müſſen, wie ſich eine Sache wirklich begeben, ſo erlauben wir 78 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. uns, durch ein paar erklärende Worte zu ſagen, woher faſt im gleichen Augenblicke, als das eben Erzählte im Hofe geſchah, mit ſehr ſicheren Schlägen an Thür und Fenſterläden der Schreibſtube des Herrn Doktor Plager geklopft wurde. Wir wollen damit beweiſen, daß dieſe an ſich etwas auffallende Thatſache durchaus nicht erfunden wurde, um unſere Geſchichte pikant zu machen, ſondern daß wir, wie ſchon oben bemerkt, nur das einfach berichten, was ſich begeben und was ſich, wie nun einmal der Lauf der Welt iſt, ſtündlich wieder be⸗ geben kann. Die Rechtsconſulentin war mit ihrer Mutter, der Ma⸗ dame Weibel, bei einer Kaffeegeſellſchaft geweſen und ſchritt von dort, nachdem die Dunkelheit längſt eingebrochen war, ihrem Hauſe zu. Das iſt eine Begebenheit, die durchaus nichts Außergewöhnliches hat, ebenſowenig, wie das, was bei anderen Kaffeegeſellſchaften ſchon häufig genug vorgekommen, daß der abweſenden Ehemänner in allerlei Empfindungen, ſelten in Liebe und Güte gedacht wurde. Es iſt eigen, daß ſich bei ſolchen Zuſammenkünften die Theilnehmerinnen ſo oft als un⸗ glückliche Opfer ihrer ehelichen Verhältniſſe anſehen; es muß in der That etwas ſehr Aufregendes in dem Genuſſe des Kaffee's liegen, wobei dann Eine der Anderen ſelten mit einem ſoliden Troſte unter die Arme greift, ſondern vielmehr durch viel Achſelzucken, Augenbrauen in die Höhe ziehen und Seufzen all das Schlimme, was ſie erfahren, vollkommen als richtig anerkennt. Darin liegt freilich auch eine Art von Troſt, daß Keine was Beſſeres beſitzt als die Andere, und daß ſich am Schluſſe die ganze Converſation zu einem Seuf⸗ zerkranze verſchlingt, in dem wie Dornen und Diſteln die Worte eingeflochten ſind:„Sie ſind alle ſo— Keiner iſt —— Kampf und Niederlage. 79 beſſer— nein, Keiner— es iſt doch eine wahre Landplage — ich weiß nicht, warum alle Mädchen ſo aufs Heirathen verſeſſen ſind!“ Von einem eigenthümlichen Einfluſſe des Kaffee's auf die Nerven der Thiere leſen wir ſchon bei alten Schriftſtellern, wo Schafe Ziegen und Böcke nach dem Genuſſe der fremden Bohne vor Vergnügen anfingen zu ſpringen und zu tanzen. Dieſe Kraft muß ſich nun in der Länge der Zeit dahin modificirt haben, daß ſich die Nervenerregung, nachdem man eine feſte Kaffee⸗ Geſellſchaft überſtanden, nur ſelten in vergnüglichen Sprüngen und Tänzen äußert, ſich dagegen jetzt häufiger in geiſtigen Sprüngen zeigt, in einer gewiſſen Gereiztheit, einem blinden Glauben an das, was man Nachtheiliges über ſeinen Neben⸗ menſchen hört, und einer faſt unglaublichen, krankhaften und unglückſeligen Sucht, längſt vergeſſene Sachen wieder hervor⸗ zurufen und friſch aufzuwärmen. Letzteres war ſehr bei der Rechtsconſulentin, namentlich aber bei deren würdigen Mutter der Fall. Es brauchte ſich nur in einer Kaffeegeſellſchaft eine theilnehmende Freundin etwas umſtändlich nach dem Befinden des Rechtsconſulenten zu erkundigen oder vielleicht, wenn auch noch ſo entfernt, des kleinen Gottſchalk und jener ſeltſamen Geſchichte zu erwähnen, durch welche er auf das Bureau gekommen, ſo hob Madame Weibel ihre Naſe in die Höhe und lauſchte ſo aufmerkſam, daß ſie auch Sachen vernahm, die gar nicht einmal geſprochen wurden. Dabei ſchwebte dieſer reſpectabeln Dame und ihrer Tochter das vom Hauſe entfernte Bureau des Rechtsconſulen⸗ ten als ein Ort vor, wo ſchlimme Unthaten zu geſchehen pfle⸗ gen, da er nicht unter ihrer beſtändigen Controle ſtand, und der nothwendiger. Weiſe der Schauplatz verbrecheriſcher und . 80 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. höchſt entſetzlicher Thaten ſein müſſe. Wir ſind überzeugt, Madame Weibel hätte ſich gar nicht gewundert, wenn man ihr eines Tages erzählt von Jammergeſchrei, das man dort vernommen, ſowie von ſchuldloſen Jungfrauen, die dorthin verlockt worden ſeien und dann nie mehr zum Vorſchein ge⸗ kommen. Sie hatte die Anſicht, das könne gar nicht anders ſein, und wenn je zu Hauſe die Rede auf dieſes Thema kam und der Rechtsconſulent ſehr entſchieden und allen Ernſtes ſeine Meinung dagegen ausſprach, ſo beſaß die Madame Weibel ſtatt aller Antwort einen ſo eigenen Blick und ein ſo ungläubiges, verächtliches Lächeln, daß ihr Schwiegerſohn demſelben ſelbſt in den ruhigſten Augenblicken nur ein ſehr indignirtes Achſelzucken entgegenzuſetzen wußte. Durch dergleichen Aeußerungen indeß ſtand das Bureau auch wie ein ſchwarzer Punkt vor der Seele der Rechtsconſu⸗ lentin, und wenn ſie in außergewöhnlichen Stunden von einem Beſuche nach Hauſe ging, namentlich in der Begleitung ihrer Mutter, ſo ſcheuten die beiden Damen einen ziemlichen Um⸗ weg nicht, um an den verſchloſſenen Fenſtern dieſer Mörder⸗ höhle einen Augenblick zu lauſchen und endlich einmal eine Beſtätigung ihrer ſchauerlichen Ahnungen zu finden. Mit welcher Wirkung dies auch am heutigen Abend ge⸗ ſchah, als Beide im Begriff waren, von ihrer Kaffeegeſellſchaft nach Hauſe zurückzukehren, brauchen wir nach alle dem eigent⸗ lich nicht ausführlicher zu beſchreiben. Das ſcharfe Auge der Madame Weibel hatte ſchon von Weitem einen Lichtſchimmer entdeckt, worauf ſie triumphirend, ihre Tochter aber mit klopfendem Herzen, näher ſchritt. Wie ward ihnen nun aber, als ſie drinnen Stimmen hörten, von denen es ja genug war, daß ſie unterſcheiden konnten, es ſei eine männliche Kampf und Niederlage. 81 und eine weibliche Stimme! Dieſes Ungeheuer von einem Manne! Wenn ſich auch die Rechtsconſulentin ſchon längſt einen vollen Beweis gewünſcht hatte, ſo knickten ihr doch jetzt, Ange⸗ ſichts dieſer vollendeten Untreue, beinahe die Kniee ein, und ſie erſchrak aufs höchſte, als nun Madame Weibel, die nicht mehr an ſich halten konnte, den Heuchler zu entlarven, mit feſter Hand zuerſt an die Thür, dann au die Fenſterläden ſchlug; auch flüſterte die Tochter, es ſei das ſehr unklug geweſen, wo⸗ gegen die Mutter ſagte: in einer ſolchen Sache ſei ſie gegen alle Halbheit, man müſſe wiſſen, mit wem es dieſer ſchlechte Mann zu thun habe. So ſtanden die Sachen; im Hofe verſicherte der Tiger mit lauter Stimme, daß man ihn habe; an die Fenſterläden, die auf die Straße führten, wurde immer heftiger geklopft. Clementine, die gerade den Schlüſſel in das Schloß ſtecken wollte, fuhr entſetzt vor dieſem Klopfen zurück und ſtürzte im nächſten Augenblicke, zitternd vor Wuth und Aufregung, in das Zimmmer hinein, wo ſich Don Larioz befand. Ihr an ſich ſchon etwas dunkler Teint erſchien faſt gelblich, die Augen flammten, die krampfhaft geſchloſſenen Lippen ließen kaum die Worte:„O, Sie Ungeheuer!“ durch, und mit den Fingern machte die junge Dame dicht vor der Naſe des Spaniers allerlei verdächtige, zuckende Bewegungen, ſo daß Larioz un⸗ willkürlich einen Schritt zurückwich. In dieſem höchſt kritiſchen Momente mußte etwas ge⸗ ſchehen; der Lärm im Hofe war ſo toll, daß er nothwendig die Aufmerkſamkeit der Nachbarſchaft erregen mußte. Herr Larioz, der jetzt wohl begriff, daß der Tiger ebenfalls das Hackländer, Don Quixote. III. 6 99 9 —— —y— 82 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Haus umſpäht habe, konnte nicht anders denken, als daß der Herr Graf Czrabowski um das Gebäude herum geſchlichen und dort, ſo unglaublich dies auch ſchien, von dem tapferen Windſpiel feſtgehalten worden ſei. Um alſo dem lauten Skandal ein Ende zu machen, eilte er in das dunkle Neben⸗ zimmer, von dort auf den Gang, der zum Hofe führte, und gebot dem Tiger, das Maul zu halten und in die Schreib⸗ ſtube zu kommen. In der Dunkelheit entdeckte er nichts als drei undeutliche Geſtalten, von denen die eine, der polniſche Graf, ſich noch immer heftig ſträubte. Auch polterten die Drei ziemlich lebhaft ins Zimmer herein, während der Schrei⸗ ber in das Bureau ſeines Herrn eilte, um Clementine durch einen Blick zu befragen, was wegen der Klopfenden draußen geſchehen ſolle. Die Eile war jedoch vergebens, und auch eine wirkliche Frage umſonſt. Das junge Mädchen hatte ſeine Hände vor das Geſicht gedrückt und ließ kein Wort vernehmen; um ſo deutlicher aber hörte der Spanier eine andere Stimme, die draußen vor dem Laden ſprach:„Machen Sie augenblicklich auf, es hilft Alles nichts! Wir haben die Perſon hinein gehen ſehen! Keine Zögerung, und wenn ich klopfen ſollte, bis der Nachtwächter kommt!“ Herr Larioz kannte dieſe Stimme und wußte auch genau, daß die Beſitzerin derſelben ſich nichts daraus machen würde, die halbe Stadt in Aufruhr zu bringen, um ihrer Rache genug zu thun; deßhalb nahm er ſeinen eigenen Schlüſſel, ging an die Hausthür und öffnete. Wie ein Schwärmer fuhr Madame Weibel durch den Hausgang in das Zimmer. Langſam, aber doch mit entſchie⸗ denem Weſen folgte ihre Tochter. Clementine ſaß in der Ecke Kampf und Niederlage. 83 des Sopha's, den Kopf noch immer in die Hände gedrückt, theils geduldig erwartend, wie ſich Alles entwirren werde, theils nachdenkend, welche Ausrede in dieſem Foll am beſten zu gebrauchen ſein möchte. Die Schwiegermutter hatte beide Arme in die Seiten geſtemmt und den Kopf in den Nacken geworfen, mit welcher Attitude ihr eleganter Hut und Shawl nicht vollkommen har⸗ monirte. Da ſaß die Verbrecherin, an welche ſie ihre Worte wandte, während ihre Blicke an der geöffneten Thür des Ganges hafteten, um den ungleich größeren Verbrecher, ſowie er eintreten würde, niederzuſchmettern. 1 „Da iſt alſo das ſaubere Weibsbild,“ ſchrie ſie,„das ſich erfrecht, nächtlicher Weile in Häuſer einzudringen, das ſich nicht ſchämt, mit Menſchen zu verkehren, deren Aeußeres eher vor der Sünde zurückſchrecken ſollte als dazu anzureizen!— Doch dieſer Perſon kann man es nicht ſo übel nehmen.“— Man hörte, wie ſich der Schreiber, nachdem er die Thür wieder verſchloſſen, langſam näherte.—„Sie thut, was ſie nun einmal nicht laſſen kann; macht ſie doch keine Anſprüche vor der Welt und will nicht mehr ſcheinen, als ſie wirklich iſt— ein gemeines Weibsbild!— Aber er— er,— den unſere Familie— die Familie Weibel—“ „Mama!“ kreiſchte Clementine in dieſem Augenblicke auf und ſchnellte vom Sopha in die Höhe, wobei ſie ſich ſelbſt ihren ſchönen Hut faſt rückwärts vom Kopfe riß.„Mama, um des Himmels willen! ich bin's ja, und es iſt wahrhaftig nicht ſo ſchlimm, wie du glaubſt.“ Wenn in dieſem Augenblicke eine Stimme vom Himmel erſchollen wäre, die gerufen hätte:„Laßt mir meinen Plager in Frieden, es iſt das eine edle Seele!“ ſo hätte Madame Weibel Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 84 nicht in größeres Entſetzen gerathen, nicht fürchterlicher ent⸗ täuſcht und überraſcht werden können als jetzt, da ſie die Stimme ihrer eigenen Tochter vernahm. Doch mochte ſie vielleicht dieſe Erſcheinung für eine Zauberei halten, von dem böſen Geiſte, der unfehlbar dem Rechtsconſulenten dienſtbar ſein mußte, hervorgebracht; oder war es die Begierde, nicht früh genug den Schuldigen unter die Zunge kriegen zu können,— genug, ſie wehrte Clementine mit der Hand von ſich ab und blickte mit einem Ausdruck wahrer teufliſcher Freude nach der Thür, die auf den Hausgang führte, wo nun— der lange Schreiber erſchien. „Und wo— wo— oo iſt der Andere? Der Andere, ja der Andere?“ rief Madame Weibel, wobei ſie zwiſchen jedem Worte auf eine wahrhaft beängſtigende Art nach Luft ſchnappte. 5 Dieſes auffallende nach Luft ſchnappen beunruhigte Cle⸗ mentine ſo ſehr, daß ſie ihre Mutter bei der Schulter ergriff und dann ſogleich begann, dieſelbe ſo kräftig als möglich hin und her zu ſchütteln. Dabei ſchrie ſie ihr weinend und wie⸗ derholt in die Ohren: „Welcher Andere denn, Mama? Was willſt du denn von einem Anderen? O Gott, es iſt ja aber gar kein Anderer da!“ „Kein Anderer da?“ antwortete Madame Weibel endlich mit matter Stimme und ſtierte dabei auf eine bedenkliche Art um ſich.„Kein Anderer? Wo iſt denn mein Schwiegerſohn, Doktor Plager?“ Bei der Nennung dieſes Namens ſchaute Larioz hinter ſich in den Hausgang, denn nach dem ſtieren Auge der alten Dame zu urtheilen, welches ſich ſuchend bei ihm vorbei in die Kampf und Niederlage. 85 Dunkelheit bohrte, glaubte er nicht anders, als der Rechts⸗ conſulent ſei dort auch auf eine unbegreifliche Art erſchienen. Dem war aber nicht ſo, und als das endlich die Neuangekom⸗ menen inne wurden und fühlten, daß das am meiſten herbei gewünſchte Opfer ihrer Rache vorderhand nicht zu haben ſei, da ſank die Schwiegermutter in die uns bekannte Sopha⸗Ecke, ſchlug die Hände zuſammen und rief aus:„Das hat mich über alle Maßen angegriffen!“ Am ruhigſten benahm ſich die Rechtsconſulentin; ja, wir müſſen als Freunde von jedem häuslichen Frieden mit Freuden geſtehen, daß ſich im Gegenſatze zu ihrer Mutter ihre finſteren Mienen aufklärten, als ſie den nicht fand, welchen dieſe Mutter hier zu finden gehofft hatte. Wir können es nicht verſchwei⸗ gen, daß ſie unter einem tiefen Athemzuge:„Gott ſei Dank!“ ſagte, aber ſo leiſe, daß es Niemand verſtehen konnte, und ſich darauf mit großer Verwunderung und einem fragenden Blick an ihre Schweſter Clementine wandte, wobei ſie die Hände zuſammenſchlug. Der lange Schreiber beſchloß, nach Verlauf der Umſtände zu handeln, und begab ſich deßhalb mit leiſen Schritten an die Thür des dunkeln Nebenzimmers, wo ſich, ſeiner Meinung nach, der polniſche Graf Czrabowski befand, feſt gepackt von Tiger und Windſpiel. Da lehnte er ſich an den Thür⸗ pfoſten und harrte in majeſtätiſcher Ruhe der Dinge, die da kommen ſollten. Ein paar Sekunden lang herrſchte jetzt tiefe Stille in beiden Schreibſtuben, aber es war jene ſchwüle Stille, jene unheimliche Ruhe, die wir häufig vor Ausbruch eines großen Gewitters bemerken. Es dauerte auch nicht lange, ſo fing es an unter den zuſammengezogenen Augenbrauen der Madame Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 86 Weibel zu blitzen, und ihre Stimme klang wie ein ferner Donner, als ſie ſich gegen ihre Tochter Clementine wandte und ſprach:„Aber ſage mir, was ſoll die ganze Geſchichte bedeuten? Kommt man denn in dem Hauſe nie zu ſeinem bischen Frieden? Gott im Himmel! hätte ich doch Alles eher erwartet, als dich hier zu finden!“ „Ach, Mama,“ weinte das junge unſchuldige Mädchen, das ſeinen Schlachtplan entworfen hatte,„weiß ich doch eigent⸗ lich ſelbſt kaum, wie ich hieher gekommen bin; daß ihr nun aber erſchienen ſeid, o, das macht mich ganz glücklich, und ich bin froh, nun endlich mit euch Beiden wieder von hier weg⸗ gehen zu können.“ „Weggehen zu können?“ fragte Madame Weibel und richtete mit einer gewiſſen Majeſtät ihre grauen Augen auf Herrn Larioz, der an der Thür ſtand und dieſen Blick mit einem ſehr gemüthlichen Lächeln aushielt.„Weggehen zu kön⸗ nen?“ wiederholte ſie;„ich hoffe doch nicht, daß Jemand den Verſuch gemacht hat, dich mit Gewalt zurückzuhalten!— Sprich, mein Kind, wie kamſt du hieher?“ Ehe aber dieſes Kind ſprechen konnte, hob die Mama ihren Zeigefinger in die Höhe und ſagte, indem ſie ſich an die Rechtsconſulentin wandte:„Wir ſind im Bureau deines Herrn Gemahls, Emilie; dort ſteht ſein würdiger Helfershel⸗ fer, der Herr Sekretär Don Larioz; die Brut des Jägers wird auch nicht fern ſein, eben ſo wenig wie die alte Vettel, die alle möglichen Commiſſionen beſorgt. Ich ſage dir, das iſt eine tief angelegte Geſchichte, und ich bin feſt überzeugt, man hat Clementine zu irgend einem Zwecke durch allerlei Mittel hieher gelockt.“ „Vielleicht, um ſie zu comnpramttren, meinte die Rechts⸗ Kampf und Niederlage. 87 conſulentin.„Es iſt wahr, Plager kann Clementine nie in Ruhe laſſen und hat immer etwas an ihrem Betragen aus⸗ zuſetzen.“ „Um ſie zu compromittiren,“ ſprach mit großer Entſchie⸗ denheit Madame Weibel. Dann ſagte ſie zu ihrer jüngeren Tochter:„Nun, wie iſt die Geſchichte, mein Kind?— Er— zähle uns alles genau und ohne Scheu.“ „Ach, Mama,“ erwiderte ſeufzend das junge Mädchen, „das hat mich ſo angegriffen, daß ich den Zuſammenhang nicht recht werde finden können. Doch ſo war es—“ Darauf huſtete ſie ein paar Mal ſehr laut, gerade als wollte ſie zum Grafen Czrabowski im Nebenzimmer ſagen: Gib Achtung, damit unſere Ausſagen nöthigenfalls übereinſtimmen. Dann fuhr ſie fort:„Ich war bei euch, Mama, und ging fort, um nach Hauſe zurückzukehren,— weißt du, es war ſchon dunkel — und wie ich auf die breite Straße komme, bemerke ich, daß mir Jemand folgt.“ „So! es folgte dir Jemand?“ meinte die Mutter. Ja, Mama, es folgte mir Jemand.“ „3 „Vielleicht Herr Schilder?“ fragte die Rechtsconſulentin ungezwungen. „Herr Schilder?“ that erſtaunt das junge Mädchen. „Ach Gott, ja, das dachte ich im erſten Augenblicke auch; kurz, es folgte mir Jemand, weßhalb ich mich ſehr ängſtigte. Ich hatte ſchon vor, wieder nach eurem Hauſe zurückzukehren, doch da wäre ich ja gerade meinem Verfolger in die Hände gelaufen. Deßhalb ging ich raſch vorwärts, und als ich in die Nähe des Bureau's kam, war ich recht froh, daß ich Licht durch den Fenſterladen ſchimmern ſah.“ 88 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Erlauben Sie!“ konnte ſich hier der Schreiber nicht ent⸗ halten, ihr in die Rede zu fallen. Doch warf ihm Madame Weibel einen ſo entchloſſenen Blick zu, und ſeine eigenen Worte:„Erlauben Sie!“ welche ſie ihm zur Antwort gab, wurden ſo determinirt ausgeſprochen, daß der Spanier beſchloß, fürs Erſte noch den Verlauf der Erzählung abzuwarten. „Ja, es ſchimmerte Licht durch den Laden,“ fuhr das junge Mädchen einigermaßen zögernd fort; doch da ſie nicht mehr zurück konnte, ſchritt ſie muthig auf dem Pfade der Lüge dahin.„Da ich nun dachte, der Schwager ſei noch auf ſeinem Bureau, ſo klopfte ich heftig an den Laden, worauf derſelbe ſogleich geöffnet wurde; als ich aber eintrat, ſah ich, daß meines Herrn Schwagers Schreiber— der edle Herr* Larioz allein in der Schreibſtube war.“ Abermals erhob Madame Weibel ihren Zeigefinger und ſprach zu ihrer älteren Tochter:„Du wirſt nicht vergeſſen, Emilie, daß der Schreiber deines Mannes, obgleich er ſich krank geſtellt, hier im Bureau war, allein und zu ganz unge— wöhnlicher Stunde.— Reden Sie nicht mit uns,“ wandte ſie ſich an den Spanier, der ſich, auf Clementinens Worte, von neuem aufrichtete und die Lippen zu einer Antwort öff⸗ nete;„Sie haben ſich bei Ihrem Prinzipal zu verantworten; wir wollen nichts von Ihnen wiſſen, nicht das Geringſte. Verſtehen Sie mich?“ Obgleich die Schwiegermutter verſucht hatte, den Ange⸗ redeten mit Blick und Wort niederzuſchmettern, ſo gelang ihr das doch in dieſem Falle nur ſehr unvollkommen; Herr Larioz trat vielmehr einen Schritt näher und ſagte, indem er ſich an die alte Dame wandte:„Nachdem Fräulein Weibel die — Kampf und Niederlage. 89 Sache nach ihrer Auffaſſung dargeſtellt, werde ich mich durch kein Geſchrei abhalten laſſen, die Geſchichte zu erzählen, wie ſie wahr iſt.“ „Alſo wollen Sie ſich unterſtehen,“ rief die Schwieger⸗ mutter in überlautem Tone,„meine Tochter einer Lüge zu beſchuldigen? Sie— Subjekt!“ „Höre ihn nicht an, Mama!“ kreiſchte das junge Mäd⸗ chen;„höre den Menſchen nicht an!“ wiederholte ſie, indem ſie ſich, aufgeregt durch Angſt und Zorn, mit einer drohenden Bewegung gegen den langen Mann warf.„Das iſt eine tief angelegte Geſchichte, wie du vorhin ſagteſt, ein ſchändliches Frmplot. Denke nur, der da hat das ganze Haus, uns alle Wee 6 Spionen umgeben, um unſere Schritte zu verrathen, um etwas Schlimmes über uns ausſagen zu können. Und was er nun ſieht und nicht ſieht, das rapportirt er treulich ſeinem Herrn.“ „Solch ein Intriguenſpiel,“ ſagte Madame Weibel mit Würde, indem ſie ſich an die Rechtsconſulentin wandte,„ſieht deinem Manne ähnlich.“ „Ach, Mama, ja!“ gab Clementine jetzt ſtatt ihrer älte⸗ ren Schweſter ſanft weinend zur Antwort.„Intriguen, nichts als Intriguen! Man will nun einmal mit Gewalt etwas auf mich bringen, und da ſind ihnen alle Mittel recht. Wie ich euch geſagt, ſo iſt es die Wahrheit; gewiß ſo und nicht anders; darauf könnte ich ſchwören.“ „So würden Sie alſo ſchwören, mein Fräulein,“ ſagte Don Larioz mit einer großen Ruhe, welche für jeden Unbe⸗ fangenen hätte vortheilhaft abſtechen müſſen gegen die Auf⸗ regung der Anderen;„ſo wollen Sie alſo ſchwören, daß Sie nicht ſchon hier im Zimmer waren, als ich herein trat, 90 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. daß ich Sie nicht überraſchte im Zwiegeſpräch mit einem — Manne?“ „Mit einem Manne?“ ſchrie das junge unſchuldige Mäd⸗ chen, und man ſah an der Art, wie ſie krampfhaft ihre Hände emporwarf, daß ſchon dieſer Gedanke allein im Stande war, ſie außer ſich zu bringen.„Ich mit einem Manne?— Haben wir nicht Recht, Emilie,“ wandte ſie ſich ſchluchzend an ihre ältere Schweſter,„daß dies ein niederträchtiges Com⸗ plot iſt?“ Madame Weibel hatte ſich mit großer Indignation erho⸗ ben und ſchlug mit der Fauſt ſo heftig auf das Schreibpult, daß Dintenfaß, Lineal und Siegellack erſchreckt in die Höhe hüpften. „Schweigen Sie!“ rief ſie Larioz entgegen;„mein Schwie⸗ gerſohn ſoll morgen mit Ihnen reden, und ich hoffe, zum allerletzten Male; er wird wiſſen, wie er ſich gegen einen Schreiber zu benehmen hat, der bei Nacht und Nebel die Bureaux aufſchließt, um Gott weiß zu welchem Zwecke in den Akten umherzuſtöbern. Und Sie wollen nun die größten Infamieen, die ausgeſuchteſten Schändlichkeiten auf dieſes un⸗ ſchuldige Mädchen ausſagen, um Ihre eigenen ſträflichen Handlungen zu verbergen?— Pfui Teufel! wir hatten Sie für ſehr ſchlecht gehalten, aber doch nicht für ſo nieder⸗ trächtig.“. Herr Larioz hatte bisher noch immer unbeweglich ſeinen Platz in der Mitte des Zimmers behauptet und nur bei den letzten ſchmachvollen Worten ſeine Hand auf den langen Stoß⸗ degen gelegt. Er fühlte, daß ſeine Finger zu zucken begannen, auch färbte ſich ſein bleiches Geſicht mit einer dunkeln Röthe; all das Ungeheure, was man ihm ins Geſicht geſagt, mußte 9* Kampf und Niederlage. 91 in dem ſonſt ſo ruhigen Manne einen furchtbaren Sturm hervorbringen; doch gelang es ihm, ſich zu bezwingen; ja, er war in den erſten Sekunden wieder ſo weit Herr ſeiner ſelbſt, daß er, wenn auch mit zuckenden Lippen, lächeln, dann eine Verbeugung machen konnte und, freilich mit bebender Stimme ſagte:„So bin ich denn gezwungen, Zeugen für mich reden zu laſſen, und wir wollen ſehen, ob Fräulein Wei⸗ bel es wagt, auch vor dieſen ihre Ausſagen von vorhin zu wiederholen.“ Wohl erſchrak das junge Mädchen, doch faßte ſie ſich im nächſten Augenblicke wieder und ſprach:„Siehſt du wohl, Mama, er hat Zeugen, das ſind ſeine Spione.“ „Und wir wollen ſie nicht ſehen, dieſe Spione!“ ſchrie Madame Weibel im höchſten Zorne.„Emilie, du biſt die Hausfrau, du haſt hier zu befehlen; jage das Geſindel zur Thür hinaus.“ Doch es war zu ſpät. Auf einen Wink des langen Schreibers hatten ſich die Drei aus dem Nebenzimmer genä⸗ hert, und ohne rückwärts zu blicken, ſagte Don Larioz gegen Clementine:„So ſoll denn das Fräulein Angeſichts dieſes Herrn wiederholen, daß ich ſie nicht in einem ſehr zärtlichen Zwiegeſpräch mit demſelben hier im Zimmer überraſcht.— Sie haben mich zu dieſem Verfahren gezwungen,“ ſetzte er hinzu, „meſſen Sie ſich die Folgen ſelber bei.“ So ſtanden die Sachen, als die Drei an der Thür er⸗ ſchienen, worauf Clementine einen furchtbaren Schrei ausſtieß und, den Anfang einer Ohnmacht affektirend, in die Arme ihrer Mutter ſtürzte, gleich darauf aber wieder emporſchnellte und, faſt jubelnd hinaus ſchrie:„O Mama, rette mich, 92 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. hilf deinem Kinde! mit dieſem Menſchen da ſoll ich ein Rendezvous gehabt haben!“ Danach ſchloß ſie ſehr eilig die Augen und ſiel mit ſtei⸗ fen Gliedern, wie eine hölzerne Puppe, in die geöffneten Arme ihrer Mutter. Der Schrei, den Clementine ausgeſtoßen, war in der That ſo außerordentlich geweſen, daß ſich Don Larioz veran⸗ laßt ſah, nach der Gruppe, die jetzt im Scheine des Lichtes war, umzuſchauen, worauf er nahe daran war, ebenfalls einen Schrei der Ueberraſchung auszuſtoßen. War doch da keine Spur von dem polniſchen Grafen Czrabowski zu er⸗ blicken; zwei alte Weiber drängten ſich vor; die eine war der Tiger, die andere die früher erwähnte handfeſte Waſcherin aus der Nachbarſchaft, und zwiſchen ihnen befand ſich Windſpiel in allerdings ſehr trübſeliger Geſtalt, ſeine carrirten Beinklei⸗ der ſowie ſein Radmäntelchen, an dem ein abgeriſſener Fetzen tief herabhing, trugen Spuren der verſchiedenen Erdarten, die ſich draußen im Hofe befanden; den Hut hatte er verloren, ſein ſtraffes Haar, das, wie wir uns erinnern werden, immer in die Höhe ſtand, ſah jetzt wirklich aus, als habe es ſich bei dieſer entſetzlichen Scene vor Schrecken emporgerichtet, und ſein bleiches Geſicht war mit ein paar blutigen Schrammen geziert. „Gerechter Gott!“ rief Madame Weibel,„in welche Ge⸗ ſellſchaft ſind wir gerathen? Emilie, das iſt der Anhang dei⸗ nes Mannes; fühlſt du jetzt, arme Seele, warum man dir in der ganzen Stadt mit ſo wenig Achtung be— O nein, es kann nicht anders ſein!— Wenn du di ieten läßeſt, wer ſoll dich da noch achten?“ Jetzt erwachte Clementine an einbaren Ohn⸗ Kampf und Niederlage. 93 macht, und da ſie nach derſelben die Abgeſpannte und Er⸗ mattete ſpielen mußte, ſo wandte ſie ſich mit flüſternder Stimme an ihre Schweſter und ſagte zu ihr:„Ich kann nicht mehr, das hat mich vernichtet; auch würde mich jedes Wort reuen, das ich noch mit jenem Menſchen ſprechen müßte. Frage du ihn,“ ſetzte ſie weinend hinzu,„ob er es vor Gott verantwor⸗ ten kann, mich zu beſchuldigen, ich habe mit jenem Subjekte—“ dabei zuckte ihr Körper wie ſchaudernd zuſammen—„als habe ich mit jenem Subjekte, das ich in meinem Leben nicht geſe⸗ hen— o, ich kann nicht endigen!—“ Sie ſchloß mit einem herzbrechenden Seufzer die Augen und fiel aufs neue zurück. Nun fühlte ſich Herr Larioz in der That etwas unbe⸗ haglich bei der unerwarteten Wendung, welche die Dinge ge⸗ nommen; er wußte, daß er es mit drei Damen zu thun hatte, von denen ſelbſt bei den vollgütigſten Beweiſen keine von der andern etwas Schlimmes geglaubt hätte. Wenn er ihnen wirklich mit gleichem Maße hätte heimzahlen und, eine Lüge mit der andern vergeltend, behaupten wollen, Windſpiel ſei jener Mann geweſen, ſo ſah doch der arme Kellner in dieſem Augenblicke gar zu trübſelig aus, als daß dieſe Be⸗ ſchuldigung den geringſten Glauben hätte verdienen können. Auch hatte der Spanier nie gelogen und würde es am aller⸗ wenigſten hier gethan haben. So bitter ſchwer es ihm alſo auch wurde, hier die Wahrbeit zu geſtehen, ſo konnte er doch nicht anders, obgleich er die Folgen wohl vorausſah, und er ſagte deßhalb achſelzuckend:„Ich muß geſtehen, ich habe mich geirrt, dies iſt allerdings nicht der Mann, den ich hier im Zimmer getroffen.“ Trotz ihrer wiederholten Ohnmacht hörte Clementine ganz 94 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. genau, was Larioz ſagte, und antwortete mit matter Stimme und ſehr kluger Weiſe:„O, gieb nur Achtung, Mama, nun wird er behaupten, es ſei ein Anderer geweſen, den ich hier geſehen. O, ich unglückliches Mädchen!“ „Das wird er nicht behaupten,“ ſprach Madame Weibel mit einer erſchrecklichen Entſchiedenheit, indem ſie, die Naſe hoch erhoben, mit dem Ausdruck eines Racheengels auf die Gruppe an der Thür zutrat.„Glaubt nicht, meine Kinder, daß ich mich vor dieſem Dinge da,“ ſie meinte den Stoß⸗ degen,„oder vor der langen Geſtalt jenes Menſchen fürchte. — In der That eine ſaubere Geſellſchaft!“ fuhr ſie fort, nachdem ſie die beiden Weiber und das klägliche Windſpiel gemuſtert.„Sie kenne ich wohl,“ wandte ſie ſich an den Tiger,„aber Sie ſoll in dieſem Hauſe Ihr letztes Brod ge⸗ geſſen haben; dann kann Sie Ihre liederlichen Commiſſionen künftig ausrichten, wo man Ihrer Dienſte bedarf, Sie Vettel Sie! Was die Andere anbelangt, ſo kenne ich dies ſchmierige Weibsbild nicht, ſie wird aber auch zum Anhange deines Mannes gehören.“— Die beiden Weiber hatten den armen Kellner losgelaſſen, und während die handfeſte Wäſcherin vor den harten Worten, die ſie vernahm, zurückfuhr, und darauf mit ihren Fäuſten zu zucken begann, faßte der Tiger die Waffe des tapferen Lauerpoſtens, das Schüreiſen, welches ſie Windſpiel abgenom⸗ men, etwas feſter in die Hand, wobei die alte Frau aber kläglich zu weinen anfing. „Was Ihn betrifft,“ fuhr die Schwieg gerter Wuth fort, indem ſie wie zu J abermals die beiden Fäuſte auf ihren Hü halte ich es für überflüſſig, Ihm alles utter in geſtei⸗ dieſer Scene ruhen ließ,„ſo zu wiederholen, Kampf und Niederlage. 95 was ich ſchon einmal geſagt. Glaube Er aber nicht, erbärm⸗ licher Menſch, daß eine Frau meines Gewichtes und ineiner Stellung im Leben ungeſtraft Dinge anhört, wie Er ſich er⸗ laubt zu ſagen. Was mein Schwiegerſohn morgen mit Ihm beginnt, iſt mir ſo weit gleichgültig, als es mir einerlei ſein kann, ob er Ihn einfach zum Teufel jagt oder den Gerichten übergibt. Was mich aber anbelangt, ſo vergeſſe Er den heutigen Abend nicht und nehme Er das— und theile es mit dem Lump da und den beiden liederlichen Weibs⸗ bildern.“ Es thut uns außerordentlich weh, erzählen zu müſſen, worin das Geſchenk beſtand, welches die Schwiegermutter dem Herrn Larioz verehrte als Erinnerung an den heutigen Abend. Ehe dieſer nämlich zurücktreten oder abwehrend den Arm auf⸗ heben konnte, hatte die alte Dame in überraſchender Geſchwindig⸗ keit ihre rechte Hand erhoben, und auf der Wange des langen Schreibers brannte eine Maulſchelle, ähnlich jener aus der Fabel, von der es heißt, daß ſie in Ewigkeit nicht ver⸗ ſaust ſei. Don Larioz ſtand entſetzt bei dieſem furchtbaren Atten⸗ tate; er erhob, aufs Aeußerſte getrieben, den Arm, doch wandte ſich Madame Weibel, welche dieſe Bewegung geſehen, mit einer bewundernswürdigen Schnelligkeit und fuhr zurück, ehe die Hand ihres Todfeindes ſie erreichen konnte. Aber ihrem Schickſal entging ſie deßhalb doch nicht. Die handfeſte Wäſcherin, welche das liederliche Weibsbild nicht verſchmerzen konnte, ſtreckte ihren langen Arm vor, erfaßte von hinten den Hut der Madame Weibel, und da dieſe unaufhaltſam davon ſtürzte, jene ſich aber mit ihren Fingern in Band, Seide und Blumen feſtkrallte, ſo rißen die ſchwachen Bänder 96 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. der mißhandelten Kopfbedeckung, und der Hut ſelbſt blieb als Siegestrophäe in den Händen der Wäſcherin zurück; freilich nur einen Augenblick, denn im nächſten flog er ins Zimmer hinein, leider aber ungeſchickterweiſe gegen das Licht auf dem Schreibpult, das dadurch umgeworfen wurde und im Nieder⸗ fallen erloſch. Der Spanier hatte den Griff der Wäſcherin nicht hin⸗ dern können, ſo gern er das auch gethan hätte, wie wir zu ſeiner Ehre eingeſtehen müſſen. In dieſem entſcheidenden Augenblicke aber, wo die Finſterniß zu allerlei dunklen Tha⸗ ten veranlaſſen konnte, hielt er gewaltſam ſeine Hülfstruppen zuſammen und vernahm dabei zu ſeiner größten Befriedigung, daß ſich eilige Schritte in den Gang verloren, daß draußen die Hausthür geöffnet wurde und wenige Augenblicke darauf wieder ſchallend ins Schloß zurückfiel. Nach dem, was geſchehen, vor den Anweſenden ein Licht anzuzünden, war ihm nicht möglich; er bat dieſelben deßhalb, das Lokal ſo geräuſchlos als möglich zu verlaſſen, und war dabei edelmüthig genug, den zuſammengebrochenen Kellner mit einigen hochherzigen Worten wieder aufzurichten. Der aufs höchſte alterirte Tiger ſchluchzte in Einem fort, und das Schüreiſen klapperte in ſeiner Hand; die handfeſte Waſchfrau dagegen verſicherte, ihr zittere noch immer vor Wuth Leib und Seele; ſo etwas habe ſie, ſo alt ſie ſei, noch nicht erlebt und von Leuten, welche ihre Naſen ſo hoch trügen, auch nimmer geglaubt. ℳ 1. Trotz dieſer Emotion verließen aber die Drei mit mwöglichſter Stille die Schreibſtube, und die Weiber halfen ſogar den Hut des armen Windſpiel ſuchen, der unter eine Dachtraufe gerollt war und von Regenwaſſer überlief. Kampf und Niederlage. 97 Larioz aber ſammelte ſich einen Augenblick, dann zündete er abermals das Licht an, betrachtete mit einem traurigen Gefühl den Schauplatz entſetzlicher Thaten, die heute Abend hier geſchehen, hob den zerknitterten Hut der Madame Weibel auf, der noch am Boden lag, legte ihn ſchweigend neben ſich auf das Schreibepult, nahm Papier und Dinte und fing emſig an zu ſchreiben, wobei er von Zeit zu Zeit ſeine brennende Wange befühlte. Hackländer, Don Quixote. III. 7 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Eine Mappe voller Pläne. In den hübſchen und eleganten Schreibſalon des Grafen Helfenberg haben wir den geneigten Leſer bereits an einem trüben Regentage eingeführt, ihm denſelben dann auch wieder Abends bei Beleuchtung und dadurch in viel behaglicherem Lichte gezeigt, und um nun eine Steigerung zu haben, die man ſo nothwendig bei einer längeren Geſchichte braucht, begeben wir uns jetzt nach eben dieſem Salon, und zwar an— einem klaren, prachtvollen Wintermorgen. Nach dem Palaſte des Grafen könnten wir im Schlitten fahren, denn es iſt ſeit einigen Tagen eine gute Bahn vorhanden; ziehen wir einen Wagen vor, ſo hören wir, wie die Räder bei jedem Umſchwunge knirſchen und jene eigenthümliche Melodie her⸗ vorbringen, die Aehnlichkeit mit der hat, wenn man mit dem naſſen Finger auf dem ſcharf geſchliffenen Rand eines Glaſes — 7 hin und her fährt. Gehen wir aber zu Fuß, ſo werden 8 Eine Mappe voller Pläne. 99 wir uns beeilen, denn es weht ein ziemlich ſcharfer Nordoſt⸗ wind, und wenn wir über die bläulichen Schatten dahin⸗ ſchreiten, welche die Häuſer auf den Schnee werfen, ſo em⸗ pfinden wir die Macht des Winters und erfreuen uns an unſerem guten Paletot oder Pelze. Das Letztere that auch der wohlbeleibte Portier im gräf⸗ lichen Hauſe; ſeine Livree war ſo dick mit Pelz beſetzt, daß ein Nordpolfahrer daran ſein Vergnügen hätte haben können, und wenn auch ſchon im gewöhnlichen Leben die Figur dieſes ehrlichen Dieners etwas unbeholfen ausſah, ſo hatte ſie jetzt alle menſchlichen Formen verloren, und der Portier ſtellte nun eine blau und ſchwarze Kugel vor, oben mit einem rothen Knopfe, unten mit zwei Stützen verſehen, die aber gegen die ganze Maſſe ſo dünn und zerbrechlich erſchienen, daß ſie der dritten Stütze, des Stabes nämlich, unbedingt nicht entbehren konnten. Der dicke Portier hatte übrigens im Winter ſeine ſchlimmſte Zeit; er litt etwas an Engbrüſtigkeit, und wenn er lange in ſeiner kleinen, geheizten Loge ſein mußte, ſo verurſachte ihm das ein Gefühl, wie wenn ein Fiſch ſich auf trockenem Sande befindet; ebenſo wie ein ſolcher, pflegte er dann auch nach Luft zu ſchnappen. Deßhalb hielt er ſich bei trockener Kälte am liebſten unter dem Thorbogen oder in dem vom Schnee reingefegten Hofe auf, und da es ihm hier an Unterhaltung gebrach, veranlaßte er auch gern Andere aus der Dienerſchaft, ihm hier und da Geſellſchaft zu leiſten, die aber, weniger beleibt und bepelzt, das warme Zimmer vorzogen. Auch Beſuche, an welche der Portier es wagen durfte, ein Wort zu richten, hielt er nicht ſelten auf der Treppe feſt und that dies namentlich am heutigen Morgen, eben ſowohl aus der 100 Achtundzwanzigſtes Kapitel. angeführten Urſache als auch aus einer anderen, für ihn noch viel wichtigeren. Doktor Flecker hatte nämlich eben die Zimmer droben verlaſſen und ſprang mit raſchen Tritten, wie er es zu thun gewohnt war, geſticulirend und mit ſich ſelbſt redend, die Treppen hinab, um unten von dem dicken Portier augen⸗ blicklich angehalten zu werden. Dieſes Anhalten beſtand in— deſſen nur in einer ehrerbietigen Verbeugung, wobei der alte Mann ſeinen Hut abnahm und den Doktor mit bittender Ge⸗ berde anſah. Dieſer war aber augenblicklich in Gedanken vertieft und mit einer Idee beſchäftigt, die er ſich nicht wollte entſchlüpfen laſſen, weßhalb er den Thürhüter von ſich abwehrte, indem er den rechten Arm ausſtreckte und mit den Fingern den dicken Pelzbeſatz von deſſen Ueberrock faßte. So blieben die Beiden ein paar Sekunden lang neben einander ſtehen, der Doktor aufwärts blickend und dann mit einem Male ſagend:„Ja, ja, es wird und muß gehen; ich kann mich nicht getäuſcht, haben; nur langſam, langſam, höchſt langſam!“ 2 Nach dieſen Worten hatte er ſeine Gedanken verabſchiedet und ſchüttelte nun den Portier ein klein wenig, indem er ſprach: „Nun, was iſt's, Meiſter Jonathan? Haben wir abermals * Indigeſtionen oder uns vielleicht bei dem Wetter erkältet? In 4 beiden Fällen brauche ich Ihnen nicht zu rathen; Sie wiſſen, wie ich für die betreffenden Hausmittel ſchwärme.“ „Kamillenthee, Abends ſo heiß Sie ihn trinken können, dann warm zugedeckt und tüchtig geſchwitzt. Haben wir uns „Ach ja, Herr Doktor, ich ſchwärme auch dafür, aber—“ Eine Mappe voller Pläne. 101 aber leicht den Magen verdorben, dann unſere bekannte Me⸗ dicin: ein kleines Gläschen Boonecamp of Maagbitter.“ „Danke recht ſehr, Herr Doktor; ich werde dieſe koſt⸗ baren Mittel all mein Lebtag nicht vergeſſen, aber—“ „So, etwas Anderes?“ rief der Armenarzt.„Nun denn geſchwind heraus damit, ich habe noch einen weiten Weg zu machen.“ Statt aber zu antworten, winkte der alte Portier ſo auffallend nach dem erſten Stock hinauf, daß der Doktor unwillkürlich die Treppe hinanblickte, wo aber nichts zu ſehen war als die alten Ritter, die ebenſo unbeweglich ſtanden wie immer, heute aber um Vieles freundlicher ausſahen, da ein ſcharfer Sonnenſtrahl zu dem Fenſter oben hereindrang und einen goldenen Glanzſtreifen auf die grauen Steinfigu⸗ ren warf. „Aha, ich verſtehe,“ ſagte der Doktor, nachdem Meiſter Jonathan ſeine Mimik wiederholt.„Wir ſind ein wenig neu⸗ gierig und möchten erfahren, wie es droben ausſieht. Nun iſt mir das aber ſehr ſchwer zu ſagen, denn Sie werden mir zugeben, daß es höchſt gefährlich iſt, über das gute Gelingen eines Unternehmens zu reden, wenn dieſes Gelingen noch ſehr zweifelhaft iſt.“ „Aber nicht unmöglich?“ fragte mit einer bittenden Ge⸗ berde der alte Mann.„Sehen Sie, Herr Doktor,“ fuhr er fort, indem er die Hände unterhalb des dicken ſilbernen Knopfes ſeines Amtsſtabes faltete,„ſeit Sie im Hauſe ſind, habe ich die größten Hoffnungen. Früher hatte ich nämlich gar keine, und da mag man ſagen, was man wlll, ich kenne unſeren Herrn und kann Sie verſichern, Herr Doktor, er iſt in der kurzen Zeit ſchon um ein Gewiſſes beſſer geworden⸗ 102 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Sie greifen das Ding aber auch ſo an, wie ich mir gedacht habe, ſo müſſe es angegriffen werden. O, Hausmittel ſind etwas Köſtliches! Ich habe einen wahren Abſcheu gegen die Apotheke.“ „Ich auch, ich auch, Meiſter Jonathan!“ ſagte eilig der Arzt, indem er fortzukommen ſuchte, was ihm aber nicht ſo leicht gelang, denn der Portier in ſeinem Pelzrocke füllte die ganze Glasthür aus und fuhr, ohne zu weichen, fort: „Ich habe es Allen geſagk: Gebt Achtung, wie der Herr Doktor Flecker ins Haus kommt, geht die Sache anders. Hausmittel, habe ich geſagt, gebt nur Achtung, Hausmittel! Und das iſt ja auch alles, was Sie dem armen gnädigen Herrn verordnen, Bäder und Waſſertrinken und viel Bewe⸗ gung, und auf das Letztere halte ich namentlich viel. Aber, nicht wahr,“ fragte er abermals recht dringend bittend,„es geht ſchon etwas beſſer?“ Der Armenarzt ſah wohl, daß ihn der Pelzkoloß nicht weher frei ließ, als bis derſelbe eine Antwort erpreßt. Deß⸗ halb faßte er ihn mit beiden Händen lachend am Kragen und ſagte, indem er de Verſuch machte, ihn auf die Seite zu rücken:„Nun ja denn, Meiſter Jonathan, wir ſind nicht unzufrieden, und ein Anderer würde ſchon ſagen, es gehe beſſer.“ Dieſer Ausſpruch wirkte wie ein Zauberwort, der alte Portier gab mit einer tiefen Verbeugung die Thür frei, und der Doktor ſprang behende davon. Meiſter Jonathan ſetzte ſeinen Hut würdevoll auf den Kopf, nahm den Stock an die Seite und ſchritt, nachdem er die Glasthür hinter ſich zugezogen, auf den Hof, wo man die Remiſe geöffnet ſah und eine Menge der verſchie⸗ 1 Eine Mappe voller Pläne. 103 denſten Equipagen ſo weit vorgezogen waren, daß man be⸗ quem um ſie herum gehen konnte. Am Ende dieſes Hofes lagen die Stallungen, und auch hier ſtanden die Thüren offen, und man bemerkte ſämmtliche Wagen⸗ und Reitpferde in ihren glänzenden Geſchirren, ſowie unter dem eleganten Sattelzeug, daneben Stallleute, welche im Begriffe waren, die Thiere ihres Glanzes zu entkleiden, während die Reit⸗ knechte und Vorreiter in großer Livree mit zufriedenen Mie⸗ nen damit beſchäftigt waren, ſich derſelben wieder zu ent⸗ ledigen. An der Eingangsthür zum Stalle ſtand der Bereiter des Grafen in gran focchi, ein Wachtmeiſter von der ehemaligen Schwadron des Herrn von Breda, und nickte dem würdevoll heranſchreitenden Portier freundlich zu. „Die Stallparade,“ ſagte der Letztere,„muß ja außer⸗ ordentlich gut ausgefallen ſein;„Seine Erlaucht ſummten ein Lied vor ſich hin, als Sie die Treppen wieder hinauf⸗ ſtiegen.“ „Und daran haben Sie hoffentlich nie gezweifelt?“ ſagte der Bereiter, ein Mann von kraftvollem Körperbau und ſehr energiſchem Geſichtsausdruck.„Aber, unter uns geſagt, mir war dieſe Stallparade an ſich lieber als jene Paraden, die ich noch mitzumachen das Glück hatte. Es iſt doch ein Zeichen,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„daß der gnädige Herr wieder anfängt, ſich für etwas zu intereſſiren.— Ich, Meiſter Jonathan,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während der Portier bedächtig, aber zufrieden mit dem Kopfe nickte,„fand nebenbei, daß Seine Erlaucht ſchon ganz andere Bewegungen macht, als noch vor vierzehn Tagen. Hat er mich doch um meine Meinung gefragt, ob, wenn er vielleicht nächſtens 104 Achtundzwanzigſtes Kapitel. einmal ausreiten wolle, der große Rappe nicht noch zu heftig für ihn ſei.— Du lieber Gott! wie Einem das leid thut, Meiſter Jonathan, wenn ein Herr ſo ſpricht!— Zu heftig! Wenn man da an früher denkt; da war ihm nie einer heftig genug.“ „Das kann alles wieder kommen,“ ſagte der Portier wichtig und mit ſo entſchiedenem und lautem Tone, daß es die Leute im Stalle ebenfalls verſtehen mußten. Er liebte es, ſeine Ausſprüche hören zu laſſen.—„Der gnädige Herr iſt in den rechten Händen; ich ſage Ihnen, Doktor Flecker iſt ein Mann, von dem die Stadt leider noch nicht weiß, was ſie an ihm hat. Davon wirſt du auch zu erzählen wiſſen?“ wandte er ſich an einen der Kutſcher, der an der Thür erſchien und nun grinſend an ſeinen Hut langte, als er angeredet wurde.„Du lagſt komiſch in der Brühe, und er hat dich doch ſo bald wieder herausgeriſſen.“ „Ja, man hört viel Gutes von ihm,“ meinte der Be⸗ reiter;„wenn ich in den Fall käme, ſo würde ich auch nach ihm ſchicken.“ G „Und was das Schönſte an der Sache iſt,“ fuhr der Portier fort, wobei er den vergeblichen Verſuch machte, ſeine Hände auf dem Rücken auf bequeme Art zu ver⸗ einigen,„er wendet faſt nur Hausmittel an. Und über ein Hausmittel geht nichts. Nicht wahr, Kleiner?“ rief er einem der Vorreiter zu, der eben einen Sattel von einem der Pferde herunter genommen hatte;„dich haben wir kurirt mit ſechs Flaſchen Magneſiawaſſer und vier Tagen Hun⸗ gern.— Das that ich ſelbſt,“ ſagte er und kniff dabei ſein linkes Auge gegen den Bereiter zu.„Hausmittel, habe ich zu Doktor Flecker zuweilen im Vertrauen geſagt, ein Haus⸗ Eine Mappe voller Pläne. 105 mittel iſt das Einzige, was allenfalls dem gnädigen Herrn noch helfen könnte. Und ſehen Sie, er wendet jetzt Haus⸗ mittel an.“ Da Meiſter Jonathan unbeſtritten das Factotum des Hauſes und als wohlwollender Mann bekannt war, ſo ver⸗ ſammelte ſich gern die ganze Dienerſchaft um ihn, eines⸗ theils um ſeinen weiſen Worten zu lauſchen, dann aber auch wieder, weil man wußte, daß er zahlreiche Zuhörer liebte, wenn er ſprach. Und ſo dauerte es auch jetzt nicht lange, als ein Kutſcher und ein Reitknecht nach dem andern erſchien, auch die kleinen Vorreiter ſich ſchüchtern nahten und ſich endlich auch ein paar Lakaien vom Hauſe her zu der Gruppe hinſtahlen. Es war das ein recht bunter glänzender Haufe, all die Livreen in lebhaften Farben, die Silberſtickerei vom Glanze der Sonne übergoſſen, die am tiefblauen, wolkenloſen Him⸗ mel ſtand, und in der Mitte die etwas unförmliche Ge⸗ ſtalt des Meiſter Jonathan im Pelze, ſich gravitätiſch hin und her wendend und ſeine Bemerkungen Preis gebend, die von den Anderen hier und da lebhaft erwidert, meiſtens aber kopfnickend gutgeheißen wurden. Das Ganze hatte Aehnlichkeit mit einer Schaar Hühner: Kutſcher, Reikknechte, Vorreiter und Lakaien in ihren bunten, glänzenden Livreen ſtellten das Geflügel dar, Meiſter Jonathan hatte das würdevolle Anſehen eines wohlgenährten, federreichen Haus⸗ hahns. Wir wollen hier die Schaar verlaſſen und uns, wie wir Eingangs dieſes Kapitels verſprochen, nach dem Schreibzimmer des Grafen begeben. Die Vorhänge des einzigen großen Fenſters waren weit aus einander gezogen und ließen ſo viel ————— —— —— —— 106 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Licht herein, daß der kleinſte Gegenſtand im entfernteſten Winkel des großen Gemaches jede Verzierung aufs deutlichſte zeigte. Das Fenſter ſelbſt gewährte einen freien Blick über Häuſer und Gärten hinweg in die weite ſchneebedeckte Land⸗ ſchaft hinaus, nach den fernen Bergen hin, deren jetzt entlaubte Waldungen auf dem weißen, leuchtenden Grunde wie fein hingeworfene Schatten erſchienen in bläulicher und röthlicher Färbung.— Ein wohlthuendes Gefühl verurſachte gegenüber dem An⸗ blicke der Schneelandſchaft der hohe Kamin mit den großen lodernden Holzblöcken, die eine behagliche Wärme ausſtrömten. Im Uebrigen war in dem Zimmer nichts verändert; die roth⸗ ſeidene Schärpe bedeckte noch immer das Portrait an der Wand und hielt unten in dem verſchlungenen Knoten nach wie vor den Kranz von verwelkten Vergißmeinnicht. Graf Helfenberg ſaß an ſeinem Schreibtiſche, der mit der ſchmalen Seite faſt an das große Fenſter ſtieß, und hatte eine große Mappe vor ſich, deren Blätter er eines nach dem anderen mit vielem Intereſſe betrachtete. Vielleicht erinnert ſich der geneigte Leſer, daß der Graf gegen ſeinen Freund, den Baron von Breda, den Wunſch äußerte, die Pläne und Umriſſe von deſſen Hauſe, namentlich vom Wintergarten mit den daran ſtoßenden Gemächern, zu beſitzen. Um nun dieſen Wunſch des Kranken ſo ſchnell als möglich zu erfüllen, hatte ihm der Baron ſeine eigenen Pläne überſchickt, was dem Grafen um ſo lieber war, da er auf verſchiedenen Blättern Bemerkungen von der Hand ſeines Freundes eingeſchrieben fand, die ihn aufs höchſte entzückten. So war in dem Plane des Wintergartens nicht nur die Stelle für den Früh⸗ ſtücks⸗Tiſch bezeichnet, ſondern auch an demſelben der Name Eine Mappe voller Pläne. 107 Eugeniens bemerkt. Obgleich George von Breda als faſt übertrieben ordnungsliebend und beſtimmt in ſeinen Anordnungen bekannt war, ſo mußte doch der Graf lächeln, als er ſah, daß der Baron ſeine Genauigkeit ſo weit getrieben hatte, ſogar den Namen der neuen Hausgenoſſin hinzuſchreiben. Und nicht nur am Frühſtücks⸗Tiſche fand er denſelben, auch am Kamin des kleinen Eßſalons, dann im Stalle, wo das Pferd ſtand, welches das junge Mädchen gewöhnlich ritt.— Ihn machte die eigentlich pedantiſche Genauigkeit des Freundes glücklich, und er las den Namen des geliebten Mädchens wohl hundert⸗ mal.— Wahrhaftig, da ſtand er auch, kaum leſerlich— man hatte verſucht, ihn zu verwiſchen— im Plane der Remiſe; aber der Graf mit ſeinem ſcharfen Auge erkannte ihn augen⸗ blicklich.— Der kleine Phaeton, den Eugenie ſo gern hat— was konnte das für ein Phaeton ſein? Am Ende der, dachte der Graf, den Breda nach dem Muſter des meinigen hat bauen laſſen. Das wäre wunderbar und hübſch.— Er blickte bei dieſem Gedanken zum Fenſter hinaus, auf den Hof hinab, wo die Hühnerſchaar noch immer um den wackeren Haushahn verſammelt war; doch begann ſich eben die Gruppe zu löſen, da der Bereiter ſeine Stallleute in ihre Remiſen commandirte.— Der kleine Phaeton wurde in dieſem Moment hervorgezogen, um ihn dann wieder genau an ſeine alte Stelle zu bringen.— Und der Herr dieſes kleinen Phaetons lächelte vergnügt in ſich hinein, als er nun plötzlich den eleganten Wagen ſah, nur für zwei Perſonen berechnet; er fühlte ſein Herz heftiger ſchla⸗ gen, er nahm das für eine glückliche Vorbedeutung und preßte eine Sekunde lang ſelig träumend beide Hände vor das Geſicht. 108 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Dann blätterte er weiter in den Plänen. Es überſchlich ihn ein eigenthümliches Gefühl, als er nun mit den Augen, in Gedanken aber wie in Wirklichkeit, den erſten Stock jenes Hauſes betrat, und als er auch hier wieder den Namen Eugeniens fand, ihr Wohnzimmer, ihr Schlafzimmer. Wie war er glücklich, als er gleich darauf dieſe beiden Piecen in hübſchen Aquarellen vollkommen ausgeführt ſah, mit dem ganzen Ameublement verſehen, das Wohnzimmer einfach, aber zierlich, mit einem einzigen großen Fenſter, an dem⸗ ſelben einen kleinen Schreibtiſch, davor ein eleganter Fau⸗ teuil; zum Ueberfluſſe bemerkte man neben demſelben mit faſt undeutlichen Bleiſtiftſtrichen abermals den Namen Eugeniens. Ja, das war gewiß ihr Lieblingsplatz; dort ſaß ſie wahr⸗ ſcheinlich Stunden lang, las, ſchrieb oder blickte in die Ge⸗ gend hinaus. Der Graf nahm das Bild dieſes Zimmers, indem er es unzählige Mal betrachtete, ſo feſt in ſeine Seele auf, daß er es in allen ſeinen Einzelheiten aufs Deutlichſte vor ſich ſah, wenn er ſich nun mit geſchloſſenen Augen in ſeinen Stuhl zurücklehnte. Doch ließ es ihn nicht lange in dieſer Stellung; er beugte ſich wiederholt über das Blatt und ver⸗ ſank bei dieſem Anblicke in ſüße Träumereien. War es ihm doch, als träte er eben in dieſes Gemach mit leiſem, behut⸗ ſamem Schritte, man hörte ihn nicht kommen auf dem dicken Teppich, der den Boden bedeckte. Und das wollte er gerade. Dort ſtand der kleine Fauteuil, aber er war nicht mehr leer, wie hier auf dem Blatte, ſie ſelbſt ruhte darin, ſie, deren Bild ſeine ganze Seele erfüllte, ſie, die er überall ſah. O, er kannte die Formen dieſer wunderbaren Geſtalt wohl, ihr ganzes liebliches und elegantes Weſen, auch wenn er das ——.,——9 Eine Mappe voller Pläne. 109 Geſicht nicht ſah, das ſie niederblickend mit der Hand be— deckt hielt!—— Leiſe, leiſe näherte er ſich,— und wie er ſich ſo in Gedanken näherte, durchſchauerte es ihn ſüß und geheimnißvoll. Jetzt war er ihr ganz nahe, er beugte ſich nieder, er berührte mit ſeinen Lippen ihr weiches, kühles, duftiges Haar, und als ſie nun emporſchrak, verwan⸗ delte ſich ihr Erſchrecken, ſowie ſie ihn erkannte, in laut jubelnde Freude—— Mein Hugo! 1 O, meine Eugenie! Er dachte das ſo lebhaft, daß die Unruhe, welche ihn dabei befiel, ihm nicht erlaubte, ſitzen zu bleiben; ſo raſch wie möglich erhob er ſich und machte einen Gang durchs Zimmer, wobei er denn auch fortfuhr, ſeinen Träumereien nachzuhängen; doch umdrängten ſie ihn nicht mehr ſo ge⸗ waltig, wie einen Augenblick vorher beim Anblick des kleinen Heiligthums, wo das Mädchen ſchaffte und waltete, das er um ſo unendlicher und glühender liebte, da er dieſe Liebe ja vor aller Welt, namentlich vor ſich ſelber, verbergen mußte. Als die Gluth ſeiner Gedanken ihren Culminations⸗ punkt erreicht hatte, wurden dieſe, wie ſchon bemerkt, ruhiger; er trat ans Fenſter, blickte in die ſchneebedeckte Landſchaft hinaus und ſuchte die ihm wohlbekannte Linie am Horizont, hinter welcher das Thal mit der Hütte des Jägers lag. Da hinaus ſchickte er mit Hand und Mund unzählige Grüße und dachte an den kommenden Frühling und meinte darauf mit einem unausſprechlichen Gefühl im Herzen, das ihm faſt den Athem benahm, es ſei am Ende doch noch nicht Alles für ihn vorbei auf dieſer Welt, er dürfe wohl noch wieder hoffen. 110 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Hoffen, ja, hoffen! Wie dieſes einzige Wort der Phan⸗ ſe taſie Thür und Thor öffnet, wie es eine traurige Gegenwart ſe verklärt und uns die Zukunft mit ſüßen Farben malt! Wie J es unſer Herz ſchneller ſchlagen macht, wie es Bilder vor tn unſer inneres Auge führt, wunderbar wechſelnd, die in ihrer 1 Reihenfolge immer ſchöner werden, bis wir zuletzt nichts mehr 7 ſehen mögen, nichts mehr hören wollen, nur noch fühlen den dl ſüßen Hauch eines geliebten Weſens, das Schlagen eines dt liebenden Herzens, und dann langſam und ſelig untergehen in ü4 einem Meer von Wonne unter einem langen, langen Kuſſe. ſc Ja, hoffen, hoffen! 1 So dachte Graf Helfenberg, und er mußte ſich wieder⸗. 3 holt gewaltſam losreißen, um nicht in Phantaſieen zu ver⸗ A ſinken, die ihm ja vorderhand noch keinen haltbaren Grund 5 boten, und wo ſich ſeine Träume alle in ſchwebende Luftge⸗ d 3 ſtalten verwandelten, die ihn, wenn er ſie erfaſſen wollte, 1 höhniſch anſtarrten und davon flatterten. Aber hoffen, doch— noch hoffen!— Er fuhr mit der Hand über die Augen, wie 3 um die duftigen Gebilde, die ihm zu mächtig wurden, ge⸗ waltſam zu zerreißen; dann ſchritt er durch das Zimmer nach dem Kamine, ſetzte ſich dort nieder und wandte einen glim⸗ menden Block, deſſen innere Seite verkohlt war, herum, ſo daß unzählbare Feuerfunken umherſtoben.„Hoffen, ja, hoffen!“ murmelte er vor ſich hin. Aber auch die ſprühenden Funken 1 dienten ihm nur dazu, das Bild des lieben Mädchens zu umgeben; ſie erſchienen ihm wie ein luſtiges Freudenfeuer nach ſeinem glücklichſten Tage. Als er darauf wieder an ſeinen Schreibtiſch zurück trat, abermals den Plan betrachtete und leicht mit dem Finger von der Thür des Zimmers nach jenem Stuhle hinfuhr, da » Eine Mappe voller Pläne. 111 ſagte er ſeufzend: Was doch dieſer George in aller und jeder Beziehung für ein glücklicher Menſch iſt! Das ſelige Vergnügen, von dem ich ſoeben träumte, zu ihr ins Zimmer treten, ſich ihr nähern zu dürfen, ihren Namen zu nennen, alles das, was ich mir mit ſo viel Seligkeit ausmalte, kann er ſich häufig des Tages erlauben,— vielleicht mit alleiniger Ausnahme des Kuſſes auf ihr ſüßes Haar, ſetzte er lächelnd hinzu. An ſo was denkt dieſer gute George auch gar nicht; aber glücklich iſt er, glücklich über alle Be⸗ ſchreibung. Darf er ſich ihr doch nahen, wann er will, ſie aufs Pferd heben, ihre Hand berühren, wenn er die Zügel ordnet, ihr gegenüber ſitzen zu allen Tageszeiten, ohne Aufſehen in ihr großes, dunkles, ſeelenvolles Auge blicken — o, ſchwelgen würde ich bei dem Anblick!— Kann er doch faſt ſtündlich ihre milde und doch ſo hellklingende Stimme hören! Bedeckt doch ein Dach ihn und ſie!— Ja, er iſt glücklich. Dabei rang ſich ein tiefer Seufzer aus der Bruſt des Kranken los. Und doch nicht ſo glücklich, als ich mir denke, ſprach er nach einer Pauſe zu ſich ſelber; wo meine Hand zittern würde, wenn ich ihren Arm, ihre Finger berühren dürfte, da hat er wahrſcheinlich nicht die geringſte Emotion. Wohl hat er das ſchöne Mädchen gern— das Gegentheil wäre ja auch nicht möglich— aber es iſt ein anderes Gefühl als das, welches mich durchbebt. Und auch darin zeigt ſich wie⸗ der einmal das Glück des wilden George. Er darf in der Nähe dieſes wunderbaren Geſchöpfes ſein, er darf ſie ſehen, ihre Unterhaltung genießen, das ſind lauter Lichtſeiten.— Bei ihm fehlen alle Schatten, ſetzte er hinzu, nachdem er 112 Achtundzwanzigſtes Kapitel.— Eine Mappe voller Pläne. einen Augenblick in tiefes Nachdenken verſunken. Ja, er iſt gleichgültig, kalt und deßhalb ſo glücklich. Wenn ich mit meiner raſenden Leidenſchaft für das Mädchen an ſeiner Stelle wäre, wenn ich gleichgültig und förmlich mit ihr ſprechen müßte, wo ich vielleicht kaum im Stande wäre, Worte der glühendſten Liebe, die mir auf den Lippen ſäßen, zurück zu halten, wenn ich mit ruhigem, freundlichem Lächeln ihre Hand ergreifen ſollte, wo es mich drängte, zu ihren Füßen nieder⸗ zufallen, ihre Kniee zu umfaſſen und mit tauſend wahnſinnigen Küſſen jeden ihrer Finger zu bedecken,—— ah, das wäre die Hölle auf Erden! Es iſt doch beſſer ſo. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Gute Freunde. In dieſem Augenblicke fuhr der Graf aus ſeinen Träu⸗ mereien auf, da er ein leiſes Räuſpern neben ſich vernahm, und ſah ſeinen Kammerdiener, der mit gedämpfter Stimme fragte, ob Seine Erlaucht für Baron Fremont und Herrn von Tondern zu Hauſe ſei? Der Graf dachte einen Moment nach, dann ſagte er laut:„Ich habe gerade nichts Dringendes vor.“ Leiſe ſetzte er hinzu: Das Geſchwätz der Beiden wird mich zerſtreuen; obendrein hat mir Doktor Flecker verboten, mich zu an⸗ haltend und zu innig mit irgend einem Gegenſtande zu be⸗ ſchäſtigen. Ich war nahe daran, ſein Gebot tüchtig zu über⸗ ſchreiten.—„Die beiden Herren ſind mir willkommen,“ ſprach er hieranf zu ſeinem Kammerdiener, der alsbald ver⸗ ſchwand. Graf Helfenberg hatte eben noch Zeit, die Mappe mit den Plänen zuzuwerfen, als auch ſchon die beiden Gemel⸗ Hackländer, Don Quixote. III. 8 Neunundzwanzigſtes Kapitel. 114 deten in das Zimmer traten, Herr von Tondern langſam, ſcheinbar gelangweilt und mit ſeinem gewöhnlichen mißmuthi⸗ gen Blicke, Baron Fremont dagegen heiter und luſtig wie immer, über Alles ſich freuend, ſei es ein wirklich intereſſan⸗ ter Gegenſtand oder ſei es ein ihm unbekanntes Spiel, von ein paar Gaſſenjungen an irgend einer Straßenecke auf⸗ geführt. Herr von Tondern reichte dem Grafen nachläſſig die rechte Hand, während er mit der linken einen Fauteuil zum Kaminfeuer ſchob und ſich darauf gähnend in denſelben fallen ließ. 1 „Wie geht es, Graf?“ fragte er alsdann.„Wie ich mit großem Vergnügen höre, außerordentlich gut,“ ſetzte er, ſeine eigene Frage beantwortend, hinzu und machte es ſich vor dem lodernden Feuer ſo bequem wie möglich. „Tondern ſagt,“ erwiderte der Kranke lachend,„er habe mit Vergnügen gehört, es gehe mir beſſer, und macht dabei ein Geſicht, als bedaure er dieſe Nachricht aufrichtig, der vortreffliche Freund!“ „Nein, nein,“ ſpren Baron Fremont eifrig,„da thun Sie ihm Unrecht. Er kann nur die Kälte nicht ertragen, der gute Tondern, und da findet er ſich jedes Mal unbe⸗ haglich.“ „Daran iſt ſchon etwas Wahres,“ entgegnete der, über welchen geſprochen wurde, beinahe mürriſch.„Wie ſo man⸗ ches Andere greift die Kälte meine Nerven an; ich leide innerlich. Was das aber heißt, davon hat Fremont freilich keine Idee, denn bei ihm ſpiegelt ſſich Alles auf der Ober⸗ fläche ab. Ja, ja, Freund, das kannſt du nicht läugnen, die Hitze im Sommer verurſacht dir eine krankhafte, er⸗ Gute Freunde. 115 ſchreckende Bläſſe und die Kälte im Winter eine allerliebſte blaurothe Naſe.“ „Dieſer Tondern iſt köſtlich!“ rief Fremont mit einem Tone des Schreckens, wobei er einen raſchen Blick in den Spiegel warf.„Ich hätte eine blaurothe Naſe? das könnte mich in der That derangiren!“ Wenn auch Herr von Tondern übertrieb, ſo zeigte doch allerdings die Naſe ſeines Freundes eine leichte röthliche Schattirung, was demſelben ſehr unangenehm war, denn er hielt viel auf ſein Aeußeres, namentlich auf ſeinen hellen Teint und ſeine weißen Zähne. „Uebrigens iſt es gar kein Wunder,“ ſagte der Graf, „wenn man bei dem Wetter eine rothe Naſe hat. Sie wer⸗ den aber ſehen, Herr von Tondern, wie bald das bei dem angenehmen Kaminfeuer verſchwindet.— Sie finden es doch behaglich warm hier?“ „Es wird ihm zu heiß ſein,“ entgegnete ſtatt des Ge⸗ fragten lachend Baron Fremont, der vor Begierde brannte, die blaurothe Naſe heim zu geben.„Er pflegt bei ſich nur ſparſam einzuheizen.“ Worauf der Andere erwiderte:„Darin haſt du aller⸗ dings Recht; wer ſo viel natürliche Wärme beſitzt, wie ich, dem wird ein heißes Zimmer läſtig. Alte Leute, überhaupt entnervte Perſonen müſſen ſchon ein paar Grad mehr für ſich haben; ich brauche das nicht. Hier iſt es mir aber bis jetzt nach der Kälte draußen noch recht angenehm.“ Dabei hob er den Arm auf und langte aus einem Kiſtchen, das auf dem Kamine ſtand, eine Cigarre, die er mit großer Umſtändlichkeit abſchnitt, anzündete und ſich ————— —— 116 Neunundzwanzigſtes Kapitel. alsdann vor dem lodernden Kaminfeuer wieder behaglich ausſtreckte. Auch der Graf hatte ſich niedergelaſſen, und Baron Fremont auf eine Handbewegung ebenfalls eine Cigarre ge⸗ nommen, welche er anzündete, es dann aber, wie er ſagte, vorzog, noch eine Zeit lang im Zimmer auf und ab zu ſpazieren.. „Aber in der That,“ nahm Herr von Tondern nach einer Pauſe das Wort,„Sie haben wirklich eine beſſere Miene, als noch vor Kurzem, beſter Graf.“— Er verſuchte dabei, einige Wärme in den Ausdruck ſeiner Stimme zu legen.— „Iſt es wahr,— man ſagt, Sie hätten ſich einer neuen Kur unterworfen, und zwar bei jenem Arzte, den wir neulich Abend das Vergnügen hatten, hier zu ſehen?— Ich habe nie daran gezweifelt, daß Ihr Leiden nur vorübergehend und daß bei Ihrer kräftigen Conſtitution die Krankheit, wenn wirklich eine vorhanden wäre, am Ende doch unter⸗ liegen müßte.“ „Ja, das hat er immer geſagt,“ bekräftigte Fremont, der vor dem Portrait ſtand und den vergeblichen Verſuch machte, unter der rothſeidenen Schärpe auf das durch die⸗ ſelbe verdeckte Geſicht einen Blick zu werfen.„Und ich muß mich ſeiner Meinung ausnahmsweiſe anſchließen,“ fuhr er fort,„und habe auch vorgeſtern zu Breda geſagt, daß ich Ihr ganzes Weſen vollkommen und ſehr vortheilhaft ver⸗ ändert finde.“ „Dieſer Doktor— wie heißt er doch?“— warf Ton⸗ dern nachläſſig ein,„muß ein ausgezeichneter Arzt ſein; ich werde mir ſeine Adreſſe in Fremont's Intereſſe merken. Der liebe Freund kränkelt zuweilen.“ — Gute Freunde. 117 „Mach keine ſo ſchlechten Späße!“ entgegnete der Baron; „du kannſt wirklich unausſtehlich ſein. Nebenbei geſagt, ge⸗ wöhnſt du dir das nicht angenehme Air eines großen Herrn an, der Fragen ſtellt und die Beantwortung gar nicht ab⸗ wartet.“——— „Eine Frage, wie ſie der gute Tondern geſtellt,“ ſagte Graf Helfenberg,„und zwar an einen ewigen Kranken ge⸗ richtet, wie ich es nun leider einmal bin, bedingt auch eigent⸗ lich keine Antwort und iſt wohl nichts mehr und nichts we⸗ niger, als der Ausdruck eines tiefen Mitgefühls.“— Dies ſprach er mit einem feinen, ſarkaſtiſchen Lächeln.—„Was übrigens meinen Zuſtand anbelangt,“ fuhr er darauf fort, „ſo muß ich geſtehen, ich befinde mich nicht ſchlechter; ich könnte ſogar ſagen: etwas beſſer; doch kenne ich meine Krank⸗ heit zu genau, um zu glauben, der Frühling kehre wieder, wenn ich nach langer Winternacht eine kleine, ärmliche Blüthe aufſproſſen ſehe.“ „Das iſt ſehr ſchön geſagt,“ verſicherte Fremont. Und er meinte das in der That ehrlich. Der Baron hatte ein leicht bewegliches Gemüth, und da er eine Zeit lang den Kranz von verwelkten Vergißmeinnicht betrachtet, ſo fühlte er ſich weich geſtimmt.. „Doktor Flecker,“ fuhr der Graf fort,„ſucht meinen Zuſtand durch die einfachſten Mittel von der Welt zu lin⸗ dern; er räth mir Bewegung an, läßt mich baden, und will vor allen Dingen, daß ich einen guten Humor behalten ſolle.“ „Da müſſen Sie Tondern verbieten, daß er Sie gar zu häufig beſucht,“ rief lachend der Baron, näher kommend, während er ſeinem Freunde auf die Schulter klopfte zum Neunundzwanzigſtes Kapitel. Beweiſe, daß er ſich einen freundlichen Scherz erlaube. „Tondern,“ fuhr er darauf fort, indem er unter dem Klo⸗ pfen auf die Schulter einen bezeichnendens Druck anzubringen wußte, der natürlicher Weiſe dem Grafen entgehen mußte, niſt wirklich in der letzten Zeit von einem ſo unangenehmen Humor, daß ich, der das Glück ſeiner genauen Bekanntſchaft genießt, ſehr viel darunter zu leiden habe.— Das kannſt du nicht läugnen.“ Tondern zuckte ſtatt aller Antwort mit den Achſeln, zog die Augenbrauen hoch empor und blies den Dampf ſeiner Cigarre ſo ſtark aus dem zugeſpitzten Munde, daß es war, als habe er dabei einen leichten Seufzer unter⸗ drücken wollen. „Er hat demnach etwas Unangenehmes gehabt?“ fragte der Graf theilnehmend.„Ihr wißt beide, wenn ich irgendwo nützlich ſein kann, ſo ſtehe ich mit Perſon und Einfluß zu Dienſten.“ „Fremont übertreibt, wie gewöhnlich,“ erwiderte Tondern ärgerlich;„ich hatte wohl eine kleine verdrießliche Geſchichte, aber es iſt nicht der Mühe werth, ſo ein Aufheben davon zu machen.“ „Es droht ihm ein Prozeß,“ warf Fremont leicht hin, wieder ins Zimmer hineinſchreitend. „Nicht ſo ganz,“ ſagte Herr von Tondern, indem er ſich gegen den Freund umwandte.„Wenn du etwas ſagen willſt, ſo ſage es auch richtig.— Ich drohe mit einem Prozeſſe.“ „Nun ja, du drohſt mit einem Prozeſſe,“ verſetzte der Baron begütigend;„das iſt in dieſem Falle am Ende gleich viel; der Prozeß wird da ſein, und da wir einmal Gute Freunde. 119 davon ſprechen, ſo kannſt du den Grafen um ſeinen Rath bitten.“ „Das wird Tondern wohl nicht nöthig haben,“ ſprach lachend Graf Helfenberg,„denn wie er uns oft verſichert, iſt er ſelber ein Rechtsgelehrter.“ „Da haben Sie vollkommen Recht,“ entgegnete Jener. „Aber er“— damit nickte er gegen den Baron hin—„kann ſich nun einmal nicht daran gewöhnen, ſich recht auszudrücken. Allerdings möchte ich Sie etwas fragen, beſter Graf, aber Gott ſoll mich bewahren, Ihnen etwas von einer lang⸗ weiligen Prozeßgeſchichte vorzuerzählen. Da nun aber Fre⸗ mont einmal dieſen Punkt berührt hat, ſo werden Sie wohl ſo freundlich ſein, mir zu ſagen, ob Sie mit Ihrem ſtändigen Rechtsfreunde, dem Herrn Doktor Plager, vollkommen zu⸗ frieden ſind.“ „Demſelben,“ erläuterte Fremont,„der neulich hier— verzeihen Sie mir, beſter Graf— den wahrhaftig ganz un⸗ nöthigen Akt vorgenommen.“ Dabei grinste er ſo freundlich und wohlwollend, daß man ſeine ſämmtlichen Zähne ſah, und machte mit der Hand ein leichte, ein wenig verächtliche Bewegung. „Was den Doktor Plager anbelangt,“ ſprach ernſt Graf Helfenberg, ſo kann ich ihn als Rechtsbeiſtand mit beſtem Gewiſſen außerordentlich empfehlen; er kennt das Recht und alle Geſetzbücher nebſt Commentaren aufs Ge⸗ naueſte; er verſteht einen Fall richtig aufzufaſſen und ſcharfſinnig durchzuführen; er iſt dabei gewiſſenhaft und fleißig, verſäumt keine Termine, und was ſeine Rechnungen anbelangt, ſo iſt er keiner von denen, der die Gebühren für eine Unterredung aufſchreibt, wenn Sie auf der Straße zu Neunundzwanzigſtes Kapitel. ihm geſagt haben: Guten Tag, wie geht's?— Kurz, er iſt in ſeiner Art ein vortrefflicher Mann.“ „Das iſt eine vortreffliche Empfehlung,“ meinte der Ba⸗ ron, und nachdem Herr von Tondern zuſtimmend mit dem Kopfe genickt, ſagte er:„Wäre es nach alle dem unbeſchei⸗ den von mir, beſter Graf, wenn ich Sie um zwei freundliche Zeilen erſuchte, worin Sie mich dem Doktor Plager als einen Bekannten empfehlen würden, für den—“ „Sie ihn bäten, etwas Außerordentliches zu thun?“ er⸗ gänzte Baron Fremont, welche Ergänzung übrigens ſein Freund mit einem finſteren Blicke belohnte und ſich dann mürriſch wieder dem Feuer zuwandte. „Mit dem größten Vergnügen will ich Ihren kleinen Wunſch erfüllen,“ verſetzte der Graf,„und wenn es Ihnen recht iſt, beſorge ich das ſogleich. Ich kann in der That den Doktor Plager aufs Beſte empfehlen.“ Damit erhob er ſich von ſeinem Stuhle und ſetzte ſich an den Schreibtiſch, wo er ein paar Worte ſchrieb. „Und wenn der vortreffliche Graf dich dem Rechtsconſu⸗ lenten eben ſo ſehr empfiehlt,“ lachte Baron Fremont, indem er ſich an Tondern wandte,„ſo könnte euch beiden geholfen werden.“ Zu gleicher Zeit warf er einen eigenthümlichen Blick auf ſeinen Freund, worauf ein kurzes Lächeln über deſſen miß⸗ vergnügte Züge flog. „So, da haben Sie das Gewünſchte,“ ſagte Graf Hel⸗ fenberg nach einer Pauſe, während welcher er geſchrieben, das Papier in ein Couvert geſteckt, dieſes zugeſiegelt und die Auf⸗ ſchrift gemacht. Fremont eilte ihm entgegen, nahm das Billet aus ſeiner Gute Freunde. 121 Hand und reichte es Tondern dar, der es mit einem mäßigen Danke in die Bruſttaſche ſeines Rockes ſteckte. Der Hausherr ließ ſich wieder auf ſeinem Platze am Kamine nieder, während Fremont, jetzt ſanft die Hände rei⸗ bend, wieder anfing, in dem Gemache auf und ab zu ſpa⸗ zieren und bald Dieſes, bald Jenes zu betrachten. Jetzt trat er ans Fenſter und äußerte ſich entzückt über die weite, prachtvolle Schneelandſchaft; dannt warf er einen Blick auf den Schreibtiſch und ſprach aufs Natürlichſte ſeine Verwun⸗ derung aus über die kleinen eleganten Sachen, mit denen derſelbe bedeckt war. Alles war aber auch hier in der That bemerkenswerth: Schreibzeug, Lineale, Papierhalter, Brieſ⸗ beſchwerer, Siegellackträger, Oblatenſchalen, Petſchafte, Falz⸗ beine, kurz, alle die nöthigen und unnöthigen Kleinigkeiten, wie ſie auch heißen mögen, waren lauter Kunſtwerke, be— ſtehend aus eingelegtem, koſtbarem Holz, aus Bronze, Silber, Gold, edlen Steinen und dergleichen. „Apropos!“ rief jetzt mit einem Male der Baron,„neulich ſagte mir Frau von Breda, Sie wären im Begriff, Ihrem Palais hier einen Wintergarten anzufügen. Es iſt wohl ſo, lieber Graf? denn an der Aufſchrift dieſer Mappe ſehe ich, daß Sie ſich mit den Plänen des Breda'ſchen Hauſes befaſſen. Obgleich nun Graf Helfenberg wohl wußte, daß Baron Fremont, der, wie er von ſich ſelbſt ſagte, diskret bis zum Exceß war, die Mappe nicht aufſchlagen würde, was ihm bei ſeinen Gefühlen als eine Profanation erſchienen wäre, ſo war es ihm doch ſchon unlieb— weßhalb, wußte er ſelbſt nicht recht— daß dieſer auch nur geſehen, er habe die Pläne des beſagten Hauſes bei ſich. Da es nun aber 122 Neunundzwanzigſtes Kapitel. einmal geſchehen war, ſo ſagte er in gleichgültigem Tone: „Es war eine Idee von mir, die ich neulich gegen George äußerte, und worauf er ſo freundlich war, mir jene Mappe zu ſchicken. Das ſind Gedanken, wie ſie einem Kranken wohl in langweiligen Stunden kommen können, bei denen er aber im gleichen Augenblicke einſieht, daß ſie ſich ſchwerlich realiſiren laſſen.“ „Das wüßte ich doch nicht,“ entgegnete der Andere; „Sie haben Platz genug in Ihrem großen Garten, und in Ihrer glücklichen Lage brauchen Sie Ihrem Baumeiſter nur den Befehl zur Erbauung eines ſolchen Wintergartens zugehen zu laſſen.“ „In meiner glücklichen Lage allerdings,“ verſetzte der Graf mit einem ironiſchen Lächeln.„Ach! mein lieber Fre⸗ mont, in meiner glücklichen Lage ſind ſolche Bauwerke zu hoch und zu weit für mich; ich werde in den nächſten Jahren weniger Raum brauchen. Glauben Sie mir, ich kenne meine Lage genau.“ 3 Nach dieſen Worten hatte der finſtere Geiſt, der ſo oft ſeine Flügel um den Kranken ſchwang, ihn wieder unſanft berührt, und er ſaß da, zuſammengeſunken in ſeinem Stuhl, düſter vor ſich hinſtarrend. Herr von Tondern warf einen forſchenden Blick auf den Grafen, worauf er ſeinen Freund flüchtig von der Seite anſah. Dieſer näherte ſich dem Grafen, legte ſeine Hand auf deſſen Schulter und ſagte:„O, nicht dieſen Ton! Wenn derſelbe bei Ihnen anklingen will, ſo müſſen Sie ihn mit aller Gewalt verjagen. Sie ſagten ja vorhin ſelbſt, der Arzt habe unter ſeinen Heilmitteln einen guten Humor oben⸗ „ Gute Freunde. 123 angeſtellt. Der Teufel auch, Verehrteſter! den muß man feſthalten; ja, wer über alles, was uns morgen, über⸗ morgen, übers Jahr, über zehn Jahre treffen kann, finſter und argwöhniſch grübelt, der wird ſeines Lebens nicht froh. Was iſt jeder Menſch für eine ſchwache Maſchine! Ich erkälte mich einfach auf der Straße: ich kann morgen die Schwindſucht am Halſe haben; ich glitſche auf der glatten Treppe aus und bin vielleicht eine Stunde nachher ein ſtiller Mann.“ „Oder du iſſeſt dir eine ſchwere Indigeſtion,“ meinte Herr von Tondern,„was häufig genug vorkommt, und be⸗ kommſt den ſchönſten Schlagfluß, wozu du überhaupt ge⸗ neigt biſt.“ „Ja, auch das,“ fuhr der Baron fort, doch war er auf die Bemerkung ſeines Freundes etwas kleinlaut ge⸗ worden.—„Ich verſichere Sie, beſter Graf,“ meinte er, nachdem er an das Fenſter gegangen und einen Blick hinaus geworfen,„dort hinten wäre ein wunderbarer Platz für einen Wintergarten; ich würde mich wahrhaftig freuen, wenn Sie die Idee ausf für Ihre Bekannten, die Sie häufig genug beſuchen wür⸗ den, von einer ungeheuren Annehmlichkeit. Nicht wahr, ührten— für Sie eine große Reſſource und Tondern?“ Dieſer hatte ſeine Füße auf die Kaminſtange geſetzt und ſchaute ein paar Augenblicke in das ſpielende Kamin⸗ feuer, ehe er kopfnickend zur Antwort gab:„Ohne einen Vergleich anſtellen zu wollen, habe ich für meine Perſon das Gleiche gedacht, was Fremont eben ausſprach, als damals George von Breda Haus und Garten baute. Es iſt nicht viel davon 124 Neunundzwanzigſtes Kapitel. in Erfüllung gegangen; wir haben uns verdammt wenig da getroffen. Das müßt Ihr ſelbſt zugeben.“ Der Kranke hatte ſich gern aus ſeiner finſteren Laune heraus reißen laſſen und ſchien mit einem leiſen Athemzuge alle ſeine drückenden Sorgen verjagt zu haben.„Es iſt wahr,“ gab er auf die Frage des Herrn von Tondern zur Antwort,„George hat nicht ſo den zuvorkommenden Wirth ſeines Hauſes gemacht, wie wir alle erwartet. Aber wer kann ihm das übel nehmen, einem jungen Ehemann, der anfänglich an der Geſellſchaft ſeiner Frau vollkommen genug hatte und dieſelbe jeder andern vorzog!“ „Na, na!“ machte Herr von Tondern; indem er die Augenbrauen emporzog und leicht mit dem Kopfe ſchüttelte, „ſo arg mags doch auch nicht geweſen ſein.“ „Und der ſich mit der Zeit daran gewöhnte,“ fuhr der Hausherr fort,„für ſich zu ſein, was überhaupt ſeiner Nei⸗ gung von jeher zugeſagt.“ Baron Fremont war hinter den Stuhl des Sprechenden getreten und ſagte, mehr zu ſich ſelber als zu den Andern: „Es iſt doch ſchade, man könnte da ſchöne Feſte feiern. Ein ſuperbes Haus! Aber zu groß für das kinderloſe Paar.“ „Ja, es war zu groß,“ ſprach Herr von Tondern, indem er einen ſtarken Ausdruck auf das„war“ legte,„aber jetzt iſt es vollkommen ausgefüllt.“ „Wie ſo?“ fragte der Baron. Auch der Graf blickte aufmerkſam in die Höhe. „Nun, wie ſo? Das bedarf doch eigentlich gar keiner Frage. Hat Breda nicht eine Nichte ſeiner Frau zu ſich ge⸗ nommen? Und ſo eine junge Dame, ſtandesgemäß lebend, Gute Freunde. 125 füllt vollkommen die leerſtehenden Apartements aus.— Dieſer George iſt ein ſpeculativer Kopf,“ ſetzte er nach einigem Nach⸗ ſinnen hinzu, während er durch eine Handbewegung die Aſche ſeiner Cigarre ins Feuer warf.„Er hat keine Kinder zu er⸗ warten,— nun gutl! er findet ſich aufs vortrefflichſte darein, und um doch nicht allein zu ſein, verziert er ſein Haus mit dem liebenswürdigſten jungen Mädchen, mit einer Pflegetochter, ſchön, fein, gebildet, die ihm in allen Beziehungen ebenſo viel, wenn nicht mehr Reſſourcen bietet, als jede wirkliche Tochter.“ In dieſen Worten lag an und für ſich nichts Verfäng⸗ liches; doch mochte es der Ton ſein, mit welchem Herr von Tondern ſie ausſprach, genug, Graf Helfenberg fühlte ſich wieder unangenehm davon berührt und hätte gern das Ge⸗ ſpräch geändert. „O, es iſt höchſt angenehm für ihn,“ ſagte nun Baron Fremont, den Faden deſſelben aufnehmend;„es war bis jetzt ein äußerſt langweiliges Haus, das Breda'ſche, etwas froſtig, allen Humor unterdrückend— ſie faſt den ganzen Tag leſend und nur zum Sprechen geneigt, wenn man auf ihre wiſſen⸗ ſchaftlichen Themas einging; er in ſeinen Papieren arbeitend und ſeine Rechnungen beſorgend, wenn er nämlich zu Hauſe war. Und das gehörte zu den Ausnahmen. Vor ein paar Tagen dinirte ich da, vortrefflich, wie man es bei George gewohnt iſt, aber das Diner war vortrefflich in jeder Bezie⸗ hung und wahrhaftig nur durch jenes reizende junge Mädchen; die Unterhaltung animirt, George ſprudelnd von Humor und Liebenswürdigkeit und Eugenie hinreißend in ihren einfachen, aber geiſtvollen Antworten.“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Und die Baronin?“ fragte Herr von Tondern, ohne den Blick vom Kaminfeuer zu erheben. „Selbſt die Baronin war anders als früher. Daß ſie ſich viel in die Unterhaltung gemiſcht hätte, könnte ich gerade nicht ſagen, doch freute ſie ſich ſichtbar über unſeren lebhaften Wortwechſel; ſie ſchaute lächelnd zu und blickte mit ſtillem Wohlgefallen auf George und das junge Mädchen, wahr⸗ haftig gerade ſo, als ſei ſie eine dritte unbetheiligte Perſon, die ſich— „An dem Glücke eines jungen Paares erfreute,“ endigte Herrr von Tondern die Rede des Anderen, worauf Baron Fremont erſtaunt bemerkte:„Das habe ich allerdings ſagen wollen; wie wußteſt du das?“ „O, die Harmonie Ihrer Gefühle iſt bekannt,“ ſprach der Hausherr nicht ohne Schärfe und Bitterkeit, denn ihn hatte die Aeußerung Tonderns tief verletzt. „Da haben Sie allerdings Recht, beſter Graf,“ fuhr haſtig der Baron fort;„aber Tondern war gar nicht bei dem Diner und konnte nicht wiſſen, was dort vorging.“ „Tondern weiß manches, was er nicht mit eigenen Augen geſehen,“ ſagte dieſer lächelnd,„und was das Fräulein von Braachen anbelangt, ſo habe ich mich ſtets für das ſchöne und liebenswürdige Mädchen intereſſirt.“ „Das habe ich allerdings ſchon bemerkt,“ verſetzte Fre⸗ mont,„und wenn ich verſchiedene Aeußerungen, die du in ähn⸗ licher Richtung gethan, zuſammenfaſſe, ſo könnte man wahr⸗ haftig glauben, daß—“ „Ich auf den Baron eiferſüchtig wäre? Wer weiß! 14 „Ah, Tondern!“ nahm Graf Helfenberg das Wort, wo⸗ bei er heftiger ſprach, als er gewollt, ſich aber, dies ſelbſt be⸗ 2 Gute Freunde. merkend, zu einem Lächeln zwang,„ſo dürfen wir über unſere Freunde nicht reden.“ „Aber, beſter Graf,“ erwiderte Herr von Tondern ſchein⸗ bar erſtaunt,„ich habe doch nichts geſagt! Meine eben ge⸗ ſagten Worte könnte ich vor der ganzen Welt wiederholen, ſelbſt vor George von Breda.“ „Doch nicht ſo ganz,“ meinte Fremont;„wenn man ſagt, man ſei auf Jemand eiferſüchtig, ſo muß man doch auch Gründe haben und dieſe Eiferſucht motiviren können.“ „Das Ganze iſt vielleicht nur ein Scherz von Tondern,“ bemerkte der Hausherr mit leiſer Stimme. „Nehmen wir es als Scherz,“ ſagte Herr von Tondern. „Aber wenn ich mich ernſtlich für Fräulein Eugenie intereſ⸗ ſirte, ſo könnte ich doch vielleicht manches finden, was mir gerade nicht beſonders angenehm wäre.“ Der Graf wollte etwas entgegnen, doch fürchtete er, ſeine Bewegung zu verrathen, und ſchaute deßhalb mit einem fra⸗ genden, beinahe auffordernden Blicke auf Fremont. Dieſer verſtand den Blick und erwiderte ihn mit einem Augenzwinkern, als wollte er damit ausdrücken: Laſſen wir Tondern einmal ſeine Weisheit auskramen: „Auf deine Gründe wäre ich begierig; du wirſt mir zuge⸗ ben müſſen, daß George von Breda die junge Dame gerade ſo behandelte, als wenn ſie ſeine Tochter wäre.“ „Zugeſtanden,“ antwortete Tondern,„aber daß ſie nicht ſeine Tochter iſt, darin liegt der große Unterſchied. Er reitet mit ihr allein, er fährt mit ihr in dem kleinen Phaeton ſpa⸗ zieren.“ Ja, in dem kleinen Phaeton, dachte ſeufzend Graf Hel⸗ fenberg, den ſie ſo ſehr liebt! 128 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Und wenn er mit ihr reitet und fährt, hängt ſein Auge mit einem Intereſſe an ihr, das wir an dem wilden George gar nicht gewohnt waren. In allen Dingen iſt er mit dem jungen und ſehr ſchönen Mädchen aux petits soins, und alles das hätte neben jeder anderen Frau vielleicht nicht das Ge⸗ ringſte zu bedeuten, aber nehmen wir Frau von Breda mit ihrer mehr als gewöhnlichen Ruhe, mit ihrer Gleichgültigkeit und Theilnahmloſigkeit—“ „Halten Sie, Tondern!“ rief Graf Helfenberg, der in der That nicht mehr hören wollte. Doch— wollte der Sprecher den Ernſt dieſes Ausrufes nicht verſtehen, oder verſtand er ihn wirklich nicht, genug, er fuhr mit einer gefälligen Handbewegung fort:„Waren wir doch alle bei der Vermählung unſeres gemeinſchaftlichen Freun⸗ des, des Herrn von Breda, überzeugt, daß nie eine größere V Convenienz⸗Heirath geſchloſſen wurde als dieſe. Da war doch wahrhaftig von einer gegenſeitigen Zuneigung nicht die Rede; ſie betrachtete ihren Mann als einen vortrefflichen Verwalter und Rechnungsbeamten, und er ſie als eine brave und ver⸗ ehrungswürdige Frau, die ihm zu einer höchſt angenehmen und mehr als ſorgenfreien Exiſtenz verholfen. Und das iſt ein ſehr zuſagendes Verhältniß, welches vor allen Dingen die Eiferſucht ausſchließt.“. Mochte der Baron Fremont bei dieſen Worten ſeines Freundes vollkommen richtig in den finſteren Blicken des Haus⸗ herrn geleſen haben, der die Lippen zuſammenbiß und unruhig hin und her rückte, oder mochte er ſich denken, der Graf nehme die Worte des Herrn von Tondern nur aus Freund⸗ ſchaft für den Baron übel, und wir glauben das Letztere an⸗ Gute Freunde. 129 nehmen zu dürfen— er verſuchte, der Unterredung eine minder ernſte Wendung zu geben. „Wie ich Sie vorhin verſichert, beſter Graf,“ rief er aus, „ſo hat Tondern heute ſeinen ſchlimmen Tag, und Sie haben jetzt zur Genüge geſehen, daß meine Behauptung vollkommen richtig war. Ich verſichere Sie, wenn böſe Laune über ihn kommt, ſo iſt ſeine Zunge ſo ſcharf, wie die eines alten keif⸗ ſüchtigen Weibes, und wir hören dann von ihm Dinge, die er ſelbſt nicht glaubt.— Ja, ja, Tondern, es iſt ſo,“ fuhr er eifriger fort, als er ſah, daß dieſer etwas erwidern wollte. „Gib das dieſes Mal zu, liebe Seele, du haſt ja auch ſonſt deine guten Eigenſchaften und pflegſt ſelbſt zu ſagen: wo viel Licht iſt, findet man auch Schatten.— Aber, Teufel!“ un⸗ terbrach er ſich, vielleicht nicht ohne Abſicht, um das Ge⸗ ſpräch von vorhin gänzlich zu Ende zu bringen, indem er einen Blick auf die Uhr warf, die auf dem Kamingeſims ſtand,„ſchon eilf Uhr vorüber! Da müſſen wir gehen, Ton⸗ dern; du weißt, wir haben um die Stunde ein Rendezvous. Wenn ich ſage, wir haben ein Rendezvous,“ ſprach er etwas geckenhaft lachend zum Hausherrn,„ſo iſt das ganz unge⸗ fährlich.“ Graf Helfenberg hatte ſich ſo raſch als möglich erhoben und ſagte mit ziemlich gleichgültigem Tone:„Das bedaure ich unendlich; ich hatte ſchon gehofft, Sie würden bei mir frühſtücken. Vielleicht das nächſte Mal?“ „Das nächſte Mal gewiß, beſter Graf,“ antwortete Baron Fremont, indem er nach ſeinem Hut langte;„man frühſtückt bei Ihnen deliciös wie nirgends.— Komm, Ton⸗ dern!“ Hackländer, Don Quixote. III. 9 —————— ——— 1 ——————-— 130 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Dieſer hatte ebenfalls einen Blick auf die Uhr geworfen und ſich dann ſehr langſam erhoben, wobei er ſagte:„Es iſt das hier eine vortreffliche Feuerecke, und es thut mir in der That leid, ſie verlaſſen zu müſſen.“ „Dieſer Tondern iſt doch ein mürriſcher, grober Kerl, wenn er ſeinen ſchlimmen Tag hat,“ lachte der Baron.„Von unſerer Unterhaltung ſpricht er gar nicht. Graf Helfenberg wird froh ſein, deinen Rücken zu ſehen.— Nun, er wird ſich beſſern.“ Bei dieſen Worten zeigte er freundlich grinſend mehr⸗ mals ſeine Zähne und reichte dann zum Abſchied dem Haus⸗ herrn die Hand. Auch Tondern ergriff die Rechte des Grafen, welcher ſie ihm beinahe widerſtrebend ließ, dann ſagte er:„Ich bin in der That heute ungenießbar und bitte deßhalb um Ver⸗ zeihung; wie Fremont ſagt, will ich mich beſſern und hoffe in den nächſten Tagen, wenn wir wieder zuſammen ſind, zur Unterhaltung angenehmer beitragen zu können.— Adieu, Graf Helfenberg. Ich wünſche von Herzen einen guten Tag und die beſten Fortſchritte in der Beſſerung.“ Damit gingen die Beiden hinaus, und als Graf Helfen⸗ berg allein in ſeinem Zimmer war und hörte, wie die Schritte der ſich Entfernenden verklangen, ſtampfte er(heftig auf den Boden und rief aus:„Wie kann ich ſo thöricht ſein und mir das Geſchwätz eines ſolchen Narren zu Herzen nehmen!— Und doch hat mich's tief ergriffen.— Es iſt die Stelle, wo ich am ſterblichſten bin,“ ſagte er nach einer Pauſe, nachdem er düſter nachſinnend eine Weile in die Gluth des Kamin⸗ feuers geſtarrt. O, das wäre entſetzlicher als Alles, entſetz⸗ licher als meine Leiden, entſetzlicher, als wenn ich ſelbſt dem Gute Freunde. 131 geliebten Mädchen mich nicht mehr nähern dürfte!— Doch nein, nein, Tonderns böſe Zunge iſt ebenſo bekannt, als daß George von jeher ein Weiberfeind war; ein ſo ruhiger Menſch, ein ſo feſter Charakter.—— Ja, feſt, wiederholte er träumeriſch, und unnachgiebig, wenn er einmal einen Ent⸗ ſchluß gefaßt hat, wenn etwas ſein Herz bewegt.— Aber er kennt keine Bewegungen des Herzens, vielleicht aber auch erkennen wir die ſeinigen nicht.„Ah, fort, fort mit dieſen Gedanken! Bin ich doch, weiß Gott im Himmel, auch ohne dieſelben elend genug.“ Er ging, indem er dies Letztere halblaut ausſprach, haſtig auf den Schreibtiſch zu und warf die Mappe mit den Plänen auf.— Da ſteht Eugenie, dachte er alsdann, und hier wie⸗ der, und dort ſteht der geliebte Name abermals; das könnte ſeltſam erſcheinen und iſt doch bei George wieder ſo natürlich. Hat er doch von jeher die Wuth gehabt, Alles zu bezeichnen und zu numeriren; es ſollte mich gar nicht wundern, wenn er auf die betreffenden Stühle und Bänke ihren Namen ein⸗ ſchrieb. Er iſt ein Pedant, und ein Pedant kennt ſelten die wahren Geßihle der Liebe!— So dachte der Graf und ſchlug dann abermals das Blatt auf,(auf welchem das Zimmer des jungen Mädchens dargeſtellt war) Er betrachtete es mit einem tiefen Seufzer, und wieder fuhr er mit dem Finger auf dem Bildchen von der Thür bis zu jenem Fauteuil hin, und dachte dabei vielleicht daſſelbe, was wir früher angedeutet. Und doch war's nicht ganz ſo. Der heitere Ausdruck auf ſeinem Geſichte war nicht mehr wie vor einer Stunde zu ſehen; er biß die Lippen krampfhaft zuſammen, und ſeine Finger zuckten, als er zwiſchen den Zähnen murmelte: Und er hat ein Recht, dort einzu⸗ 132 Neunundzwanzigſtes Kapitel. treten, ſo oft er will, und wenn er dort einträte und leiſe näher ginge zu ihr, ſich über ſie herabbeugte und ſeine Lippen auf ihr ſüßes, duftiges Haar drückte— wenn er das thäte, und wenn ſie darauf leicht zuſammen führe und den Kopf herum⸗ wendend ausriefe:„Ah, George!“ und er vielleicht antwor⸗ tete:„Meine Eugenie!“—— dann— verflucht! verflucht! Dann wäre jener Arzt, der mir geſagt, er könne mir vielleicht helfen, mein Mörder, und er würde mich zu einem Leben erretten, das qualvoller wäre als jeder Tod.— Verfluchte Gedanken!—— „Was ſoll's?“ Dieſer Ausruf galt dem Kammerdiener, der abermals herein getreten war und nun meldete, der Jäger Klaus ſei draußen und wünſche Seine Erlaucht zu ſprechen. Eine haſtige Handbewegung des Grafen, ſowie ein Nicken mit dem Kopfe gab den Befehl, den Gemeldeten augenblicklich eintreten zu laſſen. Klaus erſchien in ſeinem grauen Jägerrocke; er hatte den Hut in der Hand und blieb mit einer demüthigen Verbeugung an der Thür ſtehen. Der Graf warf die Mappe zu und eilte, ſo ſchnell er konnte, dem treuen Diener entgegen, den er bei der Hand er⸗ griff und haſtig gegen das Fenſter zog. „Was iſt's, Klaus?“ fragte er dann,„was haſt du mir zu ſagen?“ Dabei ſchaute er aber den Jäger nicht an, ſondern ſeine Blicke ſchweiften durch das Fenſter auf die weite Landſchaft, nach den fernen Bergen hin, wo er jene Stelle ſuchte, die ihm ſo bekannt und lieb war. „Ich habe das gnädige Fräulein wieder geſprochen,“ ſagte Gute Freunde. 133 Klaus,„und habe ihr auch geſagt, mein Neffe, der Jäger, frage mich oft nach ihr.“ „Gut, gut! Und das nahm ſie freundlich auf?“ „Freundlich wie ein Engel, Erlaucht,“ antwortete Klaus; „ſie erkundigte ſich nach Ihrem Befinden und ſagte alsdann, es ſolle ſie recht freuen, wenn ſie im Frühjahr wieder in die Berge komme und Sie dort beſſer und heiterer ſehe, als im vorigen Jahre.“ „Weiter, weiter!“ drängte der Graf. „Dann ſagte ich ihr auch, mein Neffe, obgleich er nicht ausgehen ſolle, habe das doch gewagt und ſie vor ein paar Tagen zu Pferde reitend geſehen.“ „Gut! Und das nahm ſie nicht übel auf?“ „O Gott, nein, Erlaucht! ſie lächelte und gab mir zur Antwort: Hätte ich das gewußt, ſo würde ich nach deinem Neffen geſehen haben.“ Graf Helfenberg ſah ſehr bleich aus, preßte die Hand auf das Herz, und ſeine Lippen zuckten. „Und das Andere?“ fragte er alsdann;„das Wichtigere?“ „Habe ich beſtens beſorgt,“ erwiderte der Jäger Klaus. „Das gnädige Fräulein erinnerten ſich, von der Kammerfrau der hochſeligen Frau Baronin gehört zu haben. O, ſie hat ein ſo gutes Herz, Erlaucht; ſie hat mir verſprochen, zu über⸗ legen, ob es ihr möglich ſei, einen Beſuch dort zu machen.“ „Und wenn das geſchähe, Klaus,“ rief der Graf hocher⸗ freut,„glaubſt du, ich könnte mich dort ſehen laſſen?“ „Ich glaube, es würde gehen,“ meinte der Diener:„der Schwiegerſohn jener Frau iſt ein Bekannter von mir, oben⸗ drein der Jäger des Herrn Barons von Breda; da hat es 134 Neunundzwanzigſtes Kapitel. nichts Auffallendes, wenn ſich dort zuweilen einmal ein anderer Förſter ſehen läßt.“ „Vortrefflich,“ entgegnete der Graf.„Ah! ich erinnere mich, das iſt der Brenner; ich kenne ihn ja genau. Er wird mich wohl nicht mehr erkennen; habe ich mich doch ſehr ver⸗ ändert,“ ſetzte er traurig hinzu,„ſeit er mich nicht mehr geſe⸗ hen. Doch iſt das für unſeren Plan um ſo beſſer.— Vor allen Dingen aber laß nicht nach und ſuche genau zu erfah⸗ ren, wann— ſie den Beſuch machen wird. Du weißt, Klaus, wie viel mir daran liegt, und du weißt auch, wie dankbar ich dir ſein werde.“ Der Jäger ſenkte den Kopf tief herab und machte eine ſo frohe Miene, daß man aus derſelben wohl las, wie die Zu⸗ friedenheit ſeines guten Herrn ſchon an ſich ſein ſchönſter Lohn war. Dann fragte er, ob Seine Erlaucht ſonſt noch etwas zu befehlen hätten, worauf der Graf, der gern allein mit ſeinen Gedanken ſein wollte, ihm die Hand reichte und ihn freundlich entließ. —— und wenn alles das vergeblich wäre! ſprach der Kranke zu ſich ſelber, als er wieder allein war; wenn ich— nicht dieſer Tondern— ein Recht hätte, eiferſüchtig zu ſein! wenn George wirklich in jenes Zimmer träte,— wenn er wirklich—— doch nein, nein!— Hoffen, ja, hoffen! Dreißigſtes Kapitel. Geſpräch zwiſchen guten Freunden. Wir wiſſen aus dem vorigen Kapitel, daß Baron Fre⸗ mont und Herr von Tondern mit einander die Wohnung des Grafen Helfenberg verlaſſen hatten. Ohne zu ſprechen, ſtiegen ſie die breite Treppe hinab und wurden drunten von Meiſter Jonathan, der, was ſeine Verbeugungen und ſonſtigen Ehr⸗ furchtsbezeigungen anbelangte, außerordentliche Nuancen zu machen verſtand, mit einem ziemlich ſteifen Bückling ent⸗ laſſen. Der alte Thürhüter ſenkte den Kopf nur wenig und ließ ihn, nachdem ihm die Beiden kaum den Rücken zuge⸗ wandt hatten, förmlich wieder in die Höhe ſchnellen, worauf er ihnen mit hoch erhobener Naſe und finſterem Stirnrunzeln nachblickte. Der Baron hängte ſich an den Arm des Anderen, und erſt als ſie eine Strecke Wegs von dem Hauſe des Grafen entfernt waren, brachte er ihn mit einem gelinden Ruck zum Stehen und ſagte:„Aber jetzt laß doch einmal hören, Ton⸗ Dreißigſtes Kapitel. dern, weßhalb muß dich denn der Teufel plagen, daß du da Anſpielungen auf George Bran machſt, die Keiner geduldig hinnehmen würde und am al enigſten er, wenn ſie ihm zu Ohren kämen! Iſt das deine geprieſene Klugheit, oder glaubſt du, Helfenberg fü ich vielleicht aus Liebe zu dir verpflichtet, über die ga terredung reinen Mund zu halten und nicht bei der Entrevue mit Breda etwas davon fallen zu laſſen?“ „Ehe ich dir antworte,“ verſetzte Tondern, indem er den Baron fortzog,„laß uns weiter gehen.— Du meinſt alſo, ich habe zu viel geſagt?“ mer fort, nachdem ſie einige Schritte gemacht.„Und an de denkſt du wohl, es ſei mir gegangen wie einer ganz gewöhnlichen Plaudertaſche, die in den Tag hineinplappert, ohne zu wiſſen, was ſie eigentlich ſchwatzt?“ Fremont ſah ſeinen Freund einen Augenblick zweifelhaft von der Seite an; dann ſagte er:„Du hätteſt alſo abſichtlich über Fräulein von Braachen ſo geſprochen?“ „Daß ich des Barons alſo erwähnte, geſchah allerdings, wenn du willſt, mit Abſicht. Du haſt nun einmal, um mich eines gelinden Ausdrucks zu bedienen, ein weiches, nach⸗ giebiges Gemüth. Wer vor dir die Naſe recht hoch hebt, der bringt dich unwillkürlich dazu, deinen Rücken tief zu krümmen.“ „Ah, das möchte ich ſehen!“ „Es würde kein erquicklicher Anblick für dich ſein,“ fuhr Tondern mit großer Ruhe fort;„aber glaube mir, es iſt ſo. Am Ende kannſt du dich auch eher bücken als ich, du biſt nun einmal Baron, rangirſt alſo neben Breda und auch nicht zu tief unter Helfenberg. Ich aber, ein einfacher Adeli⸗ — —* — — Geſpräch zwiſchen guten Freunden. 137 ger, der ſo ſchon zuweilen beinahe nur geduldet wird, ich muß mich hoch halten, damit Andere mich nicht herunter⸗ drücken, muß meine Zähne zeigen, damit ich nicht von Andern gebiſſen werde, muß feſt auftreten, daß man bei einem Stoße, den man mir zu geben beabſichtigt, auf eine kräftige Ver⸗ geltung rechnen kann. Nebenbei— unter uns geſagt— habe ich dieſen hochmüthigen Breda nie gemocht; er hat eine Ma⸗ nier, die Leute von ſich abzuhalten, die mir unerträglich iſt. Ich haſſe ihn.“ „Höre, Tondern,“ ſagte Fremont leicht lächelnd, aber mit ernſtem Tone,„du biſt in der That eiferſüchtig auf ihn.“ „Und wenn dem ſo iſt, ſo wiederhole ich dir hier unter uns, daß ich feſt überzeugt wäre, alle Urſache dazu zu haben.“. „Ah, du ſpaßeſt! Breda, dieſer ruhige Menſch 1 „Stille Waſſer ſind tief.“ „Der niemals mit den Weibern etwas zu thun hatte.“ „Was nicht ausſchließt, daß er heute noch anfangen kann.“ „Breda, der ſo kalt iſt.“ „Ja, in ſeinem äußeren Weſen kalt, abgemeſſen, be⸗ rechnend. Haſt du aber nie geſehen, wie ſein Auge aufflammt, wenn er von etwas ſpricht oder etwas betrachtet, was ihn intereſſirt?“ „Ja, ich glaube das noch neulich bemerkt zu haben.“ „Bei deinem Diner im Breda'ſchen Hauſe?“ „Ja, ja, jetzt fallen mir ſolche Kleinigkeiten ein. Er rückte ihr ſelbſt den Stuhl zurecht, und als ſie dankend umſchaute, 138 Dreißigſtes Kapitel. bemerkte ich in der That einen eigenthümlichen Blick in ſei⸗ nen Augen.“ 1 Bei dieſen Worten blieb Tondern mit einem Male ſtehen, ſchaute ſeinem Freunde feſt ins Geſicht, wobei er langſam den Kopf auf und ab wiegte, und ſagte: „Nun ſieh, Fremont, was du für ein Kerl biſt! So eben willſt du mich zerreißen, daß ich es gewagt, etwas Compromittirendes über die ſchöne Eugenie zu ſagen, und gleich darauf, da ich dir mit leichter Mühe auf die Bahn helfe, findeſt du ſelbſt, ich könnte vielleicht Recht haben. Du biſt entſetzlich wankelmüthig, und auf deine Geſinnungen kann man ſich niemals verlaſſen.“ „Nun, von meinen Geſinnungen meine ich, hätteſt du Proben genug,“ ſprach der Andere ärgerlich, indem er vor⸗ wärts ging und ſo ſeinen Freund veranlaßte, ihm zu folgen; „aber daß deine Grillen oft unausſtehlich ſind, das wirſt du mir hoffentlich glauben. Du biſt wie ein Chamäleon, man weiß in dieſem Augenblicke nicht, welche Farbe du im nächſten zei⸗ gen wirſt.“ „O, es iſt oft ſehr angenehm,“ lachte Tondern,„die Flagge zu wechſeln und ſo die Leute irre zu führen. Und welches iſt denn deine richtige Flagge, in Bezug auf dieſe eben berührte Angelegenheit? Biſt du neugierig oder in⸗ tereſſirt?“ „Beides, wenn du willſt,“ verſetzte der Baron;„Fräu⸗ lein von Braachen iſt eine außergewöhnliche junge Dame, für die man ſich ſchon intereſſiren kann. Du glaubſt freilich nicht an reine und edle Geſinnungen und biſt deßhalb auch nicht im Stande, den ſeelenvollen und wunderbaren Blick dieſes herrlichen Mädchens zu verſtehen.“ Geſpräch zwiſchen guten Freunden. 139 „Kennſt du ihre Mutter?“ „Seltſame Frage! Du weißt wohl, daß ich ſie kenne.“ „Nun denn, Eugenie iſt ihre Tochter.“ „Hol' dich der Teufel!— Tondern, es iſt gefährlich, mit dir umzugehen; ich verſichere dich, man kann in deiner Geſellſchaft alle ſeine Moral verlieren, wenn man nicht feſte Grundſätze hat.— Doch hier ſind wir an unſerem Café, und wie die Uhr ſagt, früh genug.“ „Scherz bei Seite!“ bemerkte Tondern, indem er ſeinen Freund, der ins Kaffeehaus treten wollte, am Arme zurück⸗ hielt,„ich denke in Wirklichkeit durchaus nichts Schlimmes von Fräulein Eugenie von Braachen; weißt du aber, was mir bei ihrem Anblick ſchon oft eingefallen iſt?“ „Nun, was Gutes ſicherlich nicht.“ „Für das junge Mädchen allerdings nicht viel Gutes, aber für dich— du könnteſt keine paſſendere Frau finden als die ſchöne Eugenie.“ „Dummheiten!“ „Ein Mädchen mit ſo reinen und edlen Geſinnungen!“ ſagte Herr von Tondern, indem er wie unabſichtlich die Worte des Andern von vorhin wiederholte.„Ein ſo wunder⸗ bares Geſchöpf mit dem ſeelenvollſten Blick, den man nur finden kann! Und trotz alledem und alledem vortrefflich er⸗ zogen. Ich bin überzeugt, die Baronin Fremont müßte überall, wo ſie hinkäme, das größte Aufſehen erregen.“ „Was du in deiner Spottluſt ſagſt,“ entgegnete ziemlich ernſt der Baron,„hat oft, ohne daß du es weißt, Seiten, die zu erwägen ſind. Eugenie iſt allerdings in jeder Bezie⸗ hung ein vortreffliches Mädchen, und wenn es einmal eine 140 Dreißigſtes Kapitel. Baronin Fremont geben ſollte, ſo wüßte ich in der That dazu keine paſſendere Perſönlichkeit.“ „Ein prachtvolles Paar!“ lachte Tondern ironiſch. „Nun ja, es hat ſo den Anſchein; aber—“ „Ahl ich verſtehe dein Aber; du brauchſt eine Erbin.“ „Du weißt das am beſten, lieber Tondern,“ antwortete Fremont mit einem Anflug von Schärfe in ſeiner Stimme. Der Andere zuckte lachend die Achſeln und ſchritt voran in das Kaffeehaus. Es war das ein elegantes, großartiges Etabliſſement, wo ſich Keiner um den Andern bekümmerte, wo man einen Fremden nicht beachtete und wo ſogar genaue Bekannte, die nicht mit einander zu ſprechen hatten, ſich kaum mit einer leichten Handbewegung grüßten. Tondern, der es zuweilen ſo machte, ſchritt durch mehrere Zimmer, bis er an ein kleines, entlegenes Gemach kam, wo ſich Niemand befand. Während er und Fremont ſo durch die Räume des Café gingen, ſchauten Beide, ohne dabei Aufſehen zu erregen, nach allen Seiten, als ſuchten ſie etwas, was auch in der That der Fall war; denn als ſie in dem entlegenen Gemach angekommen waren, ſagte Ton⸗ dern, indem er ſich auf einen Stuhl niederließ:„Er iſt noch nicht da.“ „Es fehlen auch noch zehn Minuten an der beſtimmten Zeit,“ entgegnete Baron Fremont, der ebenfalls einen Sitz nahm und Chocolade bei dem eintretenden Kellner beſtellte. Tondern ließ ſich ein Glas Abſinth geben und zog eine Cigarre des Grafen Helfenberg aus der Taſche, von denen er einige aus dem Kiſtchen vom Kamine genommen und ein⸗ geſteckt hatte. Er bot auch ſeinem Freunde eine, der kopf⸗ 2 Geſpräch zwiſchen guten Freunden. 141 ſchüttelnd dankte, dann aber ſeinen Arm auf den Tiſch ſtützte, den Kopf darauf legte und nachdenkend die erſten Takte eines Liedes vor ſich hin pfiff, ehe er ſprach: „Und du glaubſt in der That, daß Helfenberg uns in ſeinem Teſtamente bedacht hat?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Es ſähe ihm allerdings ähnlich; er hat ein gutes Herz, er kann uns wohl leiden, und was kann es ihm, ohne nahe Anverwandte, bei ſeinem unermeßlichen Reichthum verſchla⸗ gen, wenn er Jedem von uns ſeine vierzig- bis fünfzigtauſend Thaler hinterläßt?“ Er verſank abermals in Nachdenken, während Tondern ruhig fort rauchte und dem blauen Dampfe nachblickte, der langſam in das Nebenzimmer zog, um ſich dort mit einer dicken Rauchſchicht zu vereinigen. Erſt nach einer Pauſe fragte Fremont den Andern plötzlich:„Und glaubſt du wirklich, daß der Graf ſehr krank iſt?“ „Daran iſt nicht zu zweifeln,“ gab Herr von Tondern zur Antwort,„und wenn es auch nicht ſchnell mit ihm geht, wie er ſelbſt in finſteren Augenblicken zu denken ſcheint, ſo iſt doch ſeine Krankheit unheilbar.“ „Ein Rückenmarksleiden?“ „Natürlich. Was mich übrigens anbelangt, ſo ſpeculire ich wahrhaftig nicht auf ſeinen Tod; mir wäre es genug, zu wiſſen, ob er mich bedacht hat; denn darauf hin ließe ſich gerade durch den Rechtsconſulenten, der das Teſtament ver⸗ faßt, vielleicht eine Anleihe negocüren, die ich ſehr nothwendig gebrauche.“ „Das iſt kein ſchlechter Plan. Und deßhalb ließeſt du ———— „— —— ——— 142 Dreißigſtes Kapitel. dir ein Empfehlungsſchreiben des Grafen ſelbſt an ſeinen Rechts⸗Beiſtand geben?“ Herr von Tondern zog einen zweiten Stuhl heran, auf den er die Füße legte, dann nickte er mit dem Kopfe. „Ich hatte ſchon geglaubt,“ fuhr der Andere fort,„du wolleſt, unterſtützt von deiner unwiderſtehlichen Ueberredungs⸗ kunſt, von dem guten Rechtsconſulenten den ganzen Inhalt des myſtiſchen Teſtaments erfahren.“ „So viel habe ich noch nie auf meine Ueberredungskunſt gebaut,“ entgegnete Tondern kopfſchüttelnd,„was aber nicht heißen ſoll, als habe ich dieſe Angelegenheit, die vielleicht wichtig ſein könnte, aus den Augen gelaſſen; nur war es nothwendig, daß ich mich dazu der Hand eines Dritten bediente.“ „Und dieſer Dritte?“ fragte Fremont erſtaunt. „Iſt es, den wir erwarten.“ „Czrabowski?“ rief der Baron, und in ſeiner Stimme klang etwas wie der Ton unangenehmer Ueberraſchung.„Ich weiß nicht, ob du gut thuſt,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, „dich mit ihm ſo weit einzulaſſen; ich habe zu dieſem Herum⸗ treiber ſehr wenig Vertrauen.“ „Ich gar keins,“ bemerkte kaltblütig der Andere.„Aber ich glaube dir vor einiger Zeit geſagt zu haben, daß ich dieſen Czrabowski feſt habe wie der Fiſcher den Fiſch an der Angel; er zappelt in ſeinem Waſſer, ſo lange ich mag, und wenn er mich einmal durch ſein Betragen dazu auffordert, die Schnur anzuziehen, ſo laſſe ich ihn zu Tode zappeln.“ „Aber ehe er ſich zu Tode zappelt, kann er auf dieſe Art ſchöne Dinge über dich ausſagen, am Ende auch über mich, und das wäre mir ſehr unangenehm!“ 4 — 1 Geſpräch zwiſchen guten Frennden. 143 „Du wirſt mir doch wohl glauben, lieber Fremont,“ entgegnete Tondern einigermaßen ungeduldig,„daß ich keine glühende Kohle mit der Hand anfaſſe. Was ich mit dieſem Czrabowski abmache, geſchieht alles mündlich, ohne Gegen⸗ wart von Zeugen; da ſoll er nachher ſagen, was er will. So oft mich auch dieſer Menſch veranlaſſen wollte, einen ſeiner Briefe ſchriftlich zu beantworten, ſo habe ich mich doch wohlweislich davor gehütet. Es könnte mich ſchon compromit⸗ tiren, wenn er nur ein einziges Mal, ſelbſt unter den unver⸗ fänglichſten Zeilen, meine Unterſchrift vorweiſen könnte.“ Der Baron nahm einen Schluck von ſeiner Chocolade, nickte mit dem. Kopfe und fragte nach einigem Beſinnen: „Und wer iſt dieſer Czrabowski eigentlich?“ „Vor allen Dingen ein großer Lump,“ ſagte Herr von Tondern in ſehr gleichgültigem G Tone.„Wie du weißt, nennt er ſich Czrabowski— wahrſcheinlich, um ſich unter dem Klang dieſes Namens für einen unglücklichen vertriebenen Polen ausgeben zu können. Eben ſo gut kann er aber auch Sim⸗ pelmaier heißen und Gott weiß in welchem Neſt in der Nachbarſchaft zu Hauſe ſein. Ein abgeriebener Kerl iſt er auf alle Fälle; er war auf den hohen Schulen von Paris und London, ſpricht beide Sprachen nicht ſchlecht, und wenn er zufällig gut bei Toilette iſt, ſo kannſt du ihn, ohne dich bloßzuſtellen, in eine ganz gute Geſellſchaft, zu einem Diner mitbringen, ſelbſt wenn höchſt anſtändige Damen da⸗ bei ſind.“ „Und ſein Graf?“ „Bah! ſo ein Graf beſteht aus vier Buchſtaben, und den in ein falſches oder echtes Legitimations⸗Papier eintragen zu laſſen, koſtet wenig Zeit und Dinte.“ 144 Dreißigſtes Kapitel. „Aber wie kommſt du darauf, ihn bei dieſer Teſtaments⸗ Geſchichte benutzen zu wollen? Ich halte doch den Doktor Plager für viel zu geſcheidt, als daß ex ſo einem Kerl die geringſten Confidencen machte.“ „Deine Meinung unterſchreibe ich,“ antwortete lächelnd Herr von Tondern,„und hätte ſich Czrabowski angeboten, vorausgeſetzt, daß ich ſo dumm geweſen wäre, ihn aufzufordern, er wollte ſich an den Rechtsconſulenten wenden, ſo würde ich ihm unter die Naſe gelacht haben. Aber, lieber Fremont, du wirſt dich erinnern, daß man auch auf Umwegen zum Ziele gelangen kann.“ f„ „Ah, ich verſtehe. Hat Herr Dokkor Plager vielleicht eine hübſche Frau?“ fragte der Baron mit unverkennbarem In⸗ tereſſe. „Ich glaube, ſie iſt nicht übel,“ entgegnete der Andere. „Aber nebenbei beſitzt er eine Schwägerin, die für den Grafen⸗ titel, für die hohe Stirn des Czrabowski, für ſeine Toilette und für den fremden Aeccent, den er meiſterhaft nachzuahmen verſteht, ſehr empfänglich ſein ſoll.— Na, dieſen Accent haſt du auch ſchon gehört; er hat eine gewiſſe ziſchende Ausſprache und ein Anſtoßen mit der Zunge, das für manche Weiber unwiderſtehlich iſt.“ „Und dieſe Schwägerin des Doktor Plager iſt hübſch „Nicht übel, ein junges, friſches Mädchen.— Hui!“ wandte er ſich mit komiſchem Lächeln an ſeinen Freund, indem er ihm das volle Geſicht zuwandte,„du hätteſt am Ende die Rolle des Czrabowski ſelbſt übernommen? Ja, lieber Fremont, man kann in der Welt nicht Alles haben; zu ſolchen Geſchich⸗ ten fehlt uns Beiden das Zeug.“ „Ah, was das anbetrifft,“ antwortete Baron Fremont, 2 Geſpräch zwiſchen guten Freunden. 145 indem er ſich in einem der großen Spiegel betrachtete, mit denen die Wände des Gemaches verziert waren,„ſo ſollte ich meinen, du oder ich könnten es doch in der That mit einem ganzen Dutzend Czrabowski'’s aufnehmen.“ „In unſerer Sphäre näkürlicher Weiſe, oder auch dort, wenn du dich in dem Hauſe hätteſt vorſtellen laſſen und deine kleine Cour gemacht, freilich nicht ohne von vorn herein ſolide Abſichten durchblicken zu laſſen.“ „Nun, das kann man ja im Nothfalle thun.“ „Ja, aber man compromittirt ſich dabei. Wäre es dir zum Beiſpiel gleichgültig, wenn man in der Geſelſſchaft er⸗ zählte: Haben Sie denn ſchon die große Neuigkeit gehört, Baron Fremont heirathet nächſtens, und wen glauben Sie wohl?— Die Schwägerin eines talentvollen Rechtsconſulen⸗ ten, des Doktor Plager.“ „Ja, von ſo etwas ſpricht man auch nur mit Erwählten unter vier Augen; das behält man für ſich.“ „Du wohl; aber das Mädchen im Gegentheil hat alles Intereſſe, die Sache ſo öffentlich als möglich zu machen. Und ſie muß ſie öffentlich machen, um dich entweder zum Heirathen zu zwingen, oder ihren Ruf vor der Welt zu bewahren.“ „Das leuchtet mir ein,“ verſetzte lachend der Baron. „Aber da mir das Terrain am hieſigen Platze für ſolche Ex⸗ perimente verſperrt ſein muß, ſo werde ich nächſtens einmal nach einer anderen Stadt gehen, um dort Gaſtrollen zu geben.“ „Es läßt ſich das hören, und ich ſage dir, du wirſt un⸗ glaubliche Reſultate erzielen. Es gibt unter dieſen anſtändi⸗ gen Bürgermädchen welche, die von einer Leichtgläubigkeit ſind, Hackländer, Don Quixote. III. 10 146 Dreißigſtes Kapitel. daß ſogar unſer einem die Haare zu Berg ſteigen könnten. Aber, wie geſagt, du mußt dich nicht geniren, mit der größten Oeffentlichkeit zu manövriren. Es läßt ſich ein Baron Fre⸗ mont vorſtellen— wie im vorliegenden Falle ein Graf Czra⸗ bowski— du trittſt ſehr frei auf, du umgibſt dich und deine Verhältniſſe mit einem intereſſanten Dunkel.“ „Das ſich aber der Vater des betreffenden Mädchens augenblicklich alle Mühe geben wird, aufzuklären; er wird Er— kundigungen einziehen und wird bald erfahren, was hinter die⸗ ſem Grafen Czrabowski eigentlich ſteckt.“ „In dem Falle hätteſt du ſchlecht manövrirt; der Vater muß vorderhand gänzlich aus dem Spiele bleiben; du wendeſt dich an die Mutter, an eine ältere Schweſter oder ſo etwas; aber vor allen Dingen laſſe bei dieſen ſo bald als möglich durchblicken, daß du die ſolideſten Abſichten habeſt, daß du heirathen wolleſt.“ „Man wird mir nicht glauben.“ „In dem Punkte habe ich erſchreckende Beifpiele; es iſt das eine ganz eigene Geſchichte. Bewirb dich als Nachbars⸗ ſohn, deſſen Herkunft bekannt iſt, und deſſen Ahnen— wenn man das ſo nennen kann— ſich hinter dem Pfluge oder in eine niedrige Handwerksſtätte verlaufen, um die Hand der Tochter eines Mannes, der dem Honoratiorenſtande angehört, der be⸗ titelt iſt, der mit Stolz auf die Rangklaſſe blickt, welche ihn zu beſitzen das Glück hat, ſo wird dich die weibliche Sipp⸗ ſchaft mit nicht geringem Naſerümpfen empfangen, nament⸗ lich wenn du ſchüchtern auftrittſt und dein Einkommen dar⸗ legſt, das geſichert, aber beſcheiden iſt, und wenn du obendrein weder Rang noch Titel aufzuweiſen haſt. Falle aber als Fremder mit der Thür in's Haus, zuverſichtlich, dreiſt, zum 2 Geſpräch zwiſchen guten Freunden. 147 4 Beiſpiel als Graf Czrabowski, und du wirſt ſehen, wie du aufgenommen wirſt. Mutter und Schweſter werden für dich von einem Glauben beſeelt ſein, der wie auf Felſen fundirt iſt. Wie geſagt, ich ſpreche aus Erfahrung und habe Müt⸗ ter gekannt, die es für nicht unwahrſcheinlich hielten, daß der Herzog A. oder Prinz C., der an ührer Tochter Wohl⸗ gefallen fand, ſie wohl heirathen könnte. Es ſeien ja Vor⸗ gänge da, und was bei Ida geſchehen, ſei auch bei Eliſe nicht unmöglich.“ „Aber das Ende vom Liede?“ meinte Baron Fremont. „Jede Sache hat doch einen endlichen Ausgang!“ s Ende vom Liede,“ erwiderte Herr von Tondern, ampf⸗ wolke aus der unvergleichlichen Cigarre des Grafen Helfenberg gezogen und von ſich geblaſen,„iſt zuweilen ein bischen tra⸗ giſch; aber mag es für das Mädchen noch ſo unangenehm — — D nachdem er mit großem Wohlgefallen eine gewaltige auslaufen, ihr guter Name bleibt in gewiſſer Beziehung vor den Augen der Welt bewahrt; nur der Graf Czrabowski— wir wollen den Namen wie eine X Größe in der Mathe⸗ matik beibehalten— verſchwindet und hat ſich natürlicher Weiſe unverantwortlich ſchlecht benommen. Das Mädchen trifft ja nicht die geringſte Schuld; hat er doch verſprochen, ſie zu heirathen, hat er ſich doch mit ihr öffentlich gezeigt, denn das gehört vor allen Dingen dazu, um der Sache den paſſenden Mantel umzuhängen. Daß er, nachdem allerlei ge⸗ ſchehen, wortbrüchig geworden und verſchwunden, das iſt ja für ſie keine Schande, ſondern nur einhUnglück. Im Grunde iſt ein ſolches Mädchen auch wirklich zu bedauern; es hat warmes Blut, es handelt in der Leidenſchaft, wogegen oft eine Gans von einer Mutter nicht das Geringſte zu ihrer Recht⸗ 148 Dreißigſtes Kapitel.— Geſpräch zwiſchen guten Freunden. fertigung anzugeben weiß.— Doch da kommt das lebendige Beiſpiel meiner Theorie.“ Statt bei dieſen Worten dem im andern Zimmer Er⸗ ſcheinenden entgegen zu blicken, wandte ſich der Sprecher gleich⸗— gültig auf die Seite und ſtieß die Aſche von ſeiner Cigarre ab, während Baron Fremont ſich auffallend lange mit ſeiner Chocoladetaſſe aufhielt; ja, er nahm den Löffel zu Hülfe, um das, was von der braunen Maſſe am Boden ſaß, nicht zu verlieren, und nachdem dies geſchehen, trank er einen guten Schluck Waſſer, worauf er ſein Battiſttuch hervorzog und den Schnurrbart ſauber abwiſchte. Einunddreißigſtes Kapitel. Graf Czrabowski. Während deſſen hatte der eben Angekommene Zeit genug gehabt, in das Zimmer zu treten, wo er eine ziemlich devote Verbeugung machte, an den Tiſch trat und ſich mit den Hän⸗ den auf die Lehne eines leer ſtehenden Stuhles ſtützte, ſtatt ſich darauf zu ſetzen. Herr von Tondern nahm die Cigarre aus dem Munde, ſtützte den Arm auf den Tiſch und zeigte mit der Cigarre auf den eben Angekommenen, während er mit langſamer Stimme zu Baron Fremont ſagte:„Da iſt Herr von Czra⸗⸗ bowski; du wirſt dich ſeiner wohl noch erinnern.“ Fremont nickte ſteif mit dem Kopfe, während der Pole ſeine reſpektvolle Verbeugung von vorhin wiederholte. „Wollen Sie nicht Platz nehmen?“ ſprach Tondern, wobei er ein lautes Gähnen ſchlecht zu unterdrücken ſuchte. Der Graf Czrabowski ſetzte ſich, doch dauerte es eine Zeit lang, ehe die Unterhaltung auch nur einigermaßen wieder 150 Einunddreißigſtes Kapitel. in Gang kommen wollte. Auf den Ruf des neu Hinzugekom⸗ menen brachte der Kellner ein Glas Zuckerwaſſer, worauf Erſterer ein Cigarren⸗Etui aus der Taſche zog, welches ſehr friſch und neu war und auf der einen Seite eine Stickerei von weißen und blauen Perlen zeigte. Herr von Tondern ſchielte lächelnd darauf hin, zeigte mit dem Ende ſeiner Cigarre auf die Stickerei und ſagte, indem er Fremont aufmerkſam machte:„Da kannſt du ſehen, welche Eroberungen Herr von Czrabowski ſeit der kurzen Zeit ſeines Hierſeins gemacht. Du lieber Himmel! Es iſt ſchon lange her, daß wir keine friſchen Stickereien mehr gehabt haben.“ „Ich habe nie viel darauf gehalten,“ ſprach Fremont mit wegwerfendem Tone. „O doch,“ meinte Tondern; und auf den ſcharfen Zügen 1 ſeines immer etwas malitiös ausſehenden Geſichtes zeigte ſich ein beinahe ſchwärmeriſches Lächeln.„Es gab eine Zeit, wo ich eine geſtickte Brieftaſche für mein höchſtes Gut auf Erden anſah.“ „Damals mußt du ſehr jung geweſen ſein.“ „Ja, ich war leidlich jung und ſie außerordentlich ſchön, aber ſchrecklich leichtſinnig. Das brachte uns endlich auch aus einander.“ „Armer Tondern!“ „Lieber Freund,“ erwiderte wichtig der Andere,„ſolche Liaiſons verſtehſt du nicht; ich ſage dir, in den heimlichen Wegen, die man dabei zu machen hat, liegt etwas ungeheuer Reizendes. Da frag' den Herrn von Czrabowski.— Apro⸗ pos,“ wandte er ſich mit einem Male an dieſen,„man kann Ihnen ja gratuliren?— Sie wollen das kleine Mädchen Graf Czrabowski. 151 wirklich heirathen?— Nehmen Sie mir nicht übel, da be⸗ daure ich ſie.“ „Mich?“ „Nein, nein!“ lachte Tondern,„das Mädchen.“ „Das iſt kein Compliment für mich,“ meinte der Graf etwas geckenhaft, wobei er ſein weniges Haar auf dem Kopfe zuſammen zu bringen ſich bemühte. „Das ſoll auch gar kein Compliment für Sie ſein,“ ent— gegnete Herr von Tondern, der den gewinnenden Ton in ſeiner Stimme plötzlich fallen ließ und mit jener boshaften Schärfe ſprach, die ſogar ein gutes Wort von ihm verletzend machen konnte. Fremont blickte neugierig in die Höhe. „Wahrhaftig, werther Herr,“ fuhr Tondern fort, nich halte es eigentlich für eine Gewiſſensſache, den vielleicht bra⸗ ven Vater dieſes unerfahrenen Mädchens nicht gewarnt zu haben, oder dies nicht heute noch zu thun.“ Der Graf Czrabowski war freundlich genug, das ſo eben Geſprochene für einen harmloſen Scherz zu nehmen, obgleich es in einem ganz anderen Tone geſagt war. Daher erwiderte er:„Verzeihen Sie, aber die junge Dame hat gar keinen Vater mehr.“ „Aber eine Gans von einer Mutter wird ſie haben,“ fuhr Tondern fort,„eine gewiſſenloſe Perſon, die es charmant findet, daß ein Graf— Sie nennen ſich ja Graf?— ihrer Tochter den Hof macht und ſich herabläßt, dieſelbe um guten Namen und ſonſt noch allerlei zu bringen.“ Baron Fremont hörte mit großem Erſtaunen dieſen Reden zu; er richtete den Kopf in die Höhe und ſagte mit einem Einunddreißigſtes Kapitel. verlegenen Lächeln:„Tondern iſt heute ſehr ſpaßig aufgelegt; er hat ſo ſeine Momente.“ „O ja, wir haben unſere Momente; nicht wahr, Herr— Graf?“ wandte ſich Tondern mit einem ſpöttiſchen Lachen an Czrabowski,„wo wir einander gar nichts übel nehmen; wir kennen uns.“ Dieſe Worte waren von einem ſo ſcharfen Blicke begleitet, daß der Graf ſeine Augen auf das Waſſerglas niederſenkte, daraus trank und alsdann verſetzte:„O freilich, Herr von Tondern, wir kennen uns.“ „Gut, und da wir uns alſo kennen, ſo möchte ich jetzt wiſſen, wertheſter Herr, wie weit wir in unſeren Angelegen⸗ heiten gekommen ſind.— Verzeih', Fremont,“ wandte er ſich an dieſen,„wir haben da ein Geſchäft, und es wird dich wohl nicht geniren, wenn wir darüber in deiner Gegenwart ver⸗ handeln.“ Der Graf warf einen mißtrauiſchen, fragenden Blick auf den Sprecher, welchen der Baron bemerkte und ſogleich ſagte: „Wenn ich dich und dieſen Herrn genire, ſo iſt es beſſer, ich gehe in das Leſezimmer und komme ſpäter wieder, wenn ihr fertig ſeid.“ Tondern fuhr mit der Hand an das Kinn, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man über etwas nachdenkt, dann meinte er nach einer Pauſe:„Ja, es iſt beſſer, Fremont, laß uns einen Augenblick allein, aber vor allen Dingen bleibe in der Nähe; ich brauche dich nachher nothwendig.“ „Schön,“ verſetzte der Baron, worauf er ſich langſam erhob und das Zimmer verließ, nachdem er gegen den Grafen leicht mit dem Kopfe genickt.. Dieſer machte es ſich bequemer, als Fremont das Zimmer Graf Czrabowski. 153 verlaſſen; er ſchlug ein Bein über das andere, pfiff eine Me⸗ lodie vor ſich hin und nahm die Miene eines Mannes an, der vollkommen Zeit hat, zu erwarten, was der Andere ihn fragen wird, und der nebenbei durch kein Zeichen der Unge⸗ duld zu verrathen geneigt iſt, daß ihm an jener Frage etwas gelegen iſt. Tondern überſah die veränderte Haltung des Grafen Czrabowski durchaus nicht, doch that er langſam einen Zug aus der Cigarre und ſagte nach einem längeren Still⸗ ſchweigen:„Alſo in unſerer Angelegenheit haben Sie etwas gethan?“ „Sehr viel ſogar, und habe auch reuſſirt.“ „Den Teufel auch!“ rief Tondern ſich vergeſſend, da aus dieſem Ruf viel Intereſſe und Ueberraſchung zu hören war. „Wenn Ihnen aber Ihr Reſultat viel Mühe gemacht hat, ſo thut mir das in der That leid, denn das Ganze iſt eigent⸗ lich nicht viel mehr oder weniger als eine Grille von mir geweſen.“ Ueber die Züge des Polen fuhr ein unbeſchreiblich ſchlaues Lächeln; aber es war ein gemüthliches Lächeln, wogegen Herr von Tondern gehofft hatte, auf dem Geſichte des Anderen etwas getäuſchte Erwartung zu leſen. „Ich habe es eigentlich auch als Grille aufgenommen,“ ſprach der edle Graf;„aufrichtig geſtanden, machte es mir anfänglich Spaß, meine Geſchicklichkeit zu erproben, die ich übrigens in dieſer Angelegenheit nur gering anſchlagen darf, denn es wurde mir eigentlich ſehr leicht gemacht; Glück und Zufall haben mich begünſtigt.“ „Da bin ich in der That neugierig,“ entgegnete Herr 154 Einunddreißigſtes Kapitel. von Tondern, indem er ſich in den Stuhl zurücklehnte.„Laſ⸗ ſen Sie mich hören.“ „Das ſollte ich eigentlich nicht thun,“ ſprach der Graf unbefangen;„denn wenn die Sache nur eine Grille von Ihnen war, ſo iſt es wohl thöricht von mir, Ihnen etwas mitzutheilen, was für Sie intereſſelos iſt, für mich aber von großem Intereſſe werden kann.“ Obgleich Herr von Tondern vor Begierde brannte, den Andern ſprechen zu hören, ſo war er doch ſo vollkommen Meiſter ſeiner ſelbſt, daß er nicht durch die geringſte Miene oder durch ein unbedeutendes Zeichen verrieth, wie geſpannt er auf die Mittheilung des Grafen war. „Das ſteht natürlicherweiſe in Ihrem Belieben. Wenn— Sie— ſich aber— erinnern,—“ er ſprach dieſe Worte ſehr langſam, während er ſich mit feſter Hand ein neues Glas Abſinthwaſſer präparirte,„ſo habe ich Sie auf die Idee ge⸗ bracht. Sie handelten eigentlich in meinem Auftrag, und deß⸗ halb könnte ich wenigſtens verlangen, daß Sie mir ſagen, ob und wie Sie reuſſirt.“ „Es liegt auch durchaus nicht in meiner Abſicht, Ihnen das vorzuenthalten,“ verſetzte der Graf.„Es verurſacht mir ſogar einiges Vergnügen, Ihnen die Geſchichte mittheilen zu können, und wenn wir bis zum fraglichen Punkte gekommen ſind, ſo können Sie mir ja immer noch ſagen, wie weit die Sache für Sie Intereſſe hat.“ „Natürlich, darin haben Sie vollkommen Recht,“ ſprach Herr von Tondern mit dem wohlwollendſten Lächeln, ob⸗ gleich er innerlich dachte: Dieſer Schuft, dieſer miſerable, iſt im Begriff, mir die ſchönſten Daumenſchrauben anzu⸗ ſetzen! * Graf Czrabowski. 155 Zu gleicher Zeit dachte der würdige Graf, indem er auf die harmloſeſte Art ſein Zuckerwaſſer trank: Warte nur, dieſe affektirte Gleichgültigkeit ſollſt du mir theuer und klingend be⸗ zahlen! „Sie wiſſen,“ wandte er ſich alsdann zu ſeinem Ge⸗ genüber,„daß ich die Bekanntſchaft einer jungen Dame machte.“ „Ich weiß das, der Schwägerin des Herrn Rechtsconſu⸗ lenten Plager. Darauf hin beauftragte ich Sie.“ „Richtig, darauf hin beauftragten Sie mich,“ entgegnete der Andere mit großer Kaltblütigkeit und Ruhe.„Eigent⸗ lich war es gar nicht meine Abſicht, mich an das junge Mädchen zu machen, vielmehr debutirte ich hier, indem ich an die verheirathete Schweſter jener Dame— ſie hat einen Banquier zum Manne— einen Empfehlungsbrief abgab.“ „Einen echten Empfehlungsbrief?“ „Sehr echt und von guter Hand. Aber es war da nichts zu machen; die Frau iſt eine harmloſe, proſaiſche Perſon und er ein engherziger Geldſack, ſo daß ich bei dieſer Be⸗ kanntſchaft nichts erreichte, als beim Rechtsconſulenten vor⸗ geſtellt zu werden, wo ich von den Damen freundlich auf⸗ genommen wurde und alsbald auch die Einladung zu einem Thee erhielt.“ Bei dieſen letzten Worten lächelte der Graf ſo auffallend in ſich hinein, daß Herr von Tondern nothwendig fragen mußte:„Und bei dieſer Soiree eroberten Sie im Sturm das Herz der jungen Dame?“ „Das vielleicht nicht,“ antwortete der Andere,„aber ich 156 Einunddreißigſtes Kapitel. fand Gelegenheit, ihr Unterricht zu ertheilen, auf welche Art man einen polniſchen Punſch braut.“ „So?— Weiter! weiter!“ „Wir wurden darauf näher bekannt, und es war viel⸗ leicht ein Glück für meine Angelegenheit, daß ich dem Rechts⸗ conſulenten mißbeliebig wurde—“ „Und daß die Weiber des Hauſes Sie deßhalb auf alle mögliche Art protegirten! Wir kennen das.“ „Es war in der That ſo, und einige Zeit nachher gaben Sie mir Ihren Wunſch in Betreff der Teſtaments⸗Angelegen⸗ heit zu erkennen.“ „Das that ich; aber ich hoffte, Sie hätten es verſtanden, ſich mit dem Rechtsconſulenten ſelbſt gut zu ſtellen und ſo als Fremder, der bei der Sache ganz ohne Intereſſe iſt, etwas über das Teſtament des Grafen Helfenberg zu er⸗ fahren.“ „Das konnten Sie in Wahrheit kaum denken,“ ſagte der⸗ Graf mit einem faſt mitleidigen Lächeln,„Jemand, der ſo die Menſchen kennt, wie Sie. In dem Falle, wenn nämlich der Rechtsconſulent ſo leichtſinnig geweſen wäre, mir Confi⸗ dencen zu machen, wäre es ja mühelos und ohne alle Gefahr gegangen; während, wie ich die Sache angriff, ich ſo zu ſagen doch viel riskiren mußte, um— Ihnen gefällig zu ſein.—— Das junge Mädchen war ſo freundlich, mir nach einiger Zeit ein Rendezvous zu bewilligen.“ „Leichtſinnige Weiber!“ brummte Herr von Tondern zwiſchen den Zähnen, wobei er mit einer Art von Eiferſucht das ſchon ziemlich verlebte Geſicht des Polen flüchtig be⸗ trachtete. „Dieſes Rendezvous,“ fuhr dieſer mit großer Ruhe fort, Graf Czrabowski. 157 „fand anfänglich in der Dämmerung auf der Promenade ſtatt. Da wir uns aber beide nach einem Obdach ſehnten, ſo fanden wir eines, und zwar in der Schreibſtube des Herrn Rechtsconſulenten.“ „Das war ſehr gut!“ konnte ſich Herr von Tondern nicht enthalten kaut auszurufen. Der Pole trank etwas Zuckerwaſſer, dann fuhr er, un⸗ bekümmert um jenen Ausruf, fort, während um ſeinen Mund ein ſehr wohlgefälliges Lächeln ſpielte:„Womit wir unſer Rendezvous ausfüllten, iſt Ihnen wohl nicht intereſſant zu vernehmen. Genug, ich wandte meine Zeit in jeder Bezie⸗ hung ſo richtig an, daß ich bald wußte, wo der Rechts⸗ conſulent eine Mappe verwahrte, welche die Aufſchrift trug: Wichtige Papiere.— Sie werden mir glauben, Herr von Tondern,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe mit einem gecken⸗ haften Lachen fort,„daß es das kleine Mädchen ungeheuer komiſch fand, als ich mich unter Tändeln und Scherzen außer⸗ ordentlich neugierig ſtellte auf die furchtbaren Geheimniſſe in den wichtigen Papieren eines Rechtsconſulenten. Man iſt erfindungsreich, und ich verſchwor mich, auf jeden Fall dieſe Papiere zu durchſtöbern, um den vermeintlichen Heiraths⸗ contract des jungen Mädchens mit einem Manne aus der Stadt zu finden, von dem es hieß, er ſei mit ihr verlobt, und welchen Contract ich, von Eiferſucht geſtachelt, um jeden Preis finden wollte.“ „Und ſtatt deſſen fanden Sie—?“ „Mit kurzen Andeutungen den Entwurf zum Teſtamente des Grafen Helfenberg.“ „Den Teufel auch!“ rief Herr von Tondern, deſſen affek⸗ =— — — 158 Einunddreißigſtes Kapitel. tirte Gleichgültigkeit mehr und mehr ſchwand.„Und dieſer Entwurf—“ „Wurde mir nicht ſchwer, mir anzueignen.“ „Im Original?“ 3 „Im Original— den Entwurf von der Hand des Rechts⸗ conſulenten.“ „Und Sie haben ihn?“ „Hier in meiner Bruſttaſche, Herr von Tondern.“ „Oh, oh!“ machte dieſer, indem er ſich über den Tiſch beugte,„das iſt allerdings ein gutes Geſchäft.“ „Das kann es vielleicht für uns beide werden,“ erwi⸗ derte in gemeſſenem Tone Graf Czrabowski,„im Falle es, wie Sie vorhin ſo freundlich waren zu bemerken, nicht bloß eine Grille von Ihnen war, den Inhalt wiſſen zu wollen. Wenn dies aber der Fall iſt, ſo betrachten wir die Sache als abgemacht. Dieſes Papier hier“— damitt tippte er mit zwei Fingern auf ſeine Bruſttaſche—„iſt mir wichtig genug, um es für mich zu behalten, vielleicht ſelbſt zu verwenden, viel⸗ leicht es auch irgend Jemand zu überlaſſen, der mir nicht nur ſeine Erkenntlichkeit dafür bezeigt, ſondern noch obendrein ſehr dankbar iſt.“ „Na, thun Sie nur nicht ſo verdammt ſpröde, Czra⸗ bowski,“ gab Tondern mit einem cordialen Tone zur Antwort. „Für wie viel einem Andern dieſes Papier wichtig iſt, für ſo viel ſchätze ich es auch.“ „Sie werden eine Grille nicht theuer bezahlen wollen!“ „Und Sie können einen Spaß nicht vergeſſen, den man gemacht. Wie ſchon geſagt, was die Sache einem Andern werth iſt, iſt ſie es mir auch— worausgeſetzt, daß Ihre For⸗ derung meine Mittel nicht überſteigt.“ Graf Czrabowski. 159 „O, Herr Baron von Fremont hat Vermögen und wird ſich gern mit Ihnen aſſociiren.“ „Fremont iſt geizig,“ antwortete Herr von Tondern; „und dann weiß ich auch nicht,“ fuhr er mit gierigem Blicke fort,„ob der Inhalt des Teſtaments den Herrn von Fremont intereſſiren kann.“ „Er wird ihn intereſſiren,“ entgegnete der Graf Czra⸗ bowski in beſtimmtem Tone, wobei er ſchlau lächelte. „Nun, dann laſſen Sie Ihre Forderung hören!“ „Wenn ich es Ihnen ſage, werden Sie mir zugeben, daß ich zu beſcheiden bin. Faſſen wir unſere Bedingungen kurz: ich übergebe Ihnen den Entwurf von dem Teſtament des Grafen Helfenberg, verfaßt von der Hand ſeines Rechts⸗ beiſtandes, des Herrn Doktor Plager, ein Papier, auf deſſen Rand noch bemerkt ſteht: Genau ſo vollzogen im Palaſte des Grafen, am 10. December Abends 7 Uhr.“ „Datum und Stunde iſt richtig,“ ſprach Herr von Ton⸗ dern zu ſich ſelber. „Zeugen waren,“ fuhr der Andere fort, indem er jedes⸗ mal die Perſonen, wie er ſie nannte, mit einer Bewegung der zwei erſten Finger ſeiner rechten Hand bezeichnete:„Baron George von Breda— Baron Fremont— Herr von Tondern — Doktor Flecker— Rechtsconſulent Doktor Plager.“ „Richtig, richtig,“ murmelte der aufmerkſame Zuhörer. „Dieſes Papier,“ ſprach der Graf unbefangen und in größter Ruhe weiter,„gebe ich zu jedem beliebigen Gebrauch in Ihre Hände und erhalte dafür tauſend Thaler.“ „Te eufel auch! tauſend Thaler! Damit wäre allerdings eine Grille theuer bezahlt!“ 160 Einunddreißigſtes Kapitel. „Tauſend Thaler,“ wiederholte der Pole unerſchütterlich, „und—“ „Was? Noch ein Und?“ „Und Sie ſorgen mir dafür, durch Ihre wichtigen Con⸗ nexionen, daß meine Legitimations⸗Papiere, die vor einiger Zeit abgelaufen ſind, durch meine Geſandtſchaft ohne viel Nachfragen nach mir verlängert werden.“ „Das iſt ja rein unmöglich!“ rief Herr von Tondern, nachdem er einen Augenblick nachgedacht. „Bei Ihren Connexionen?“ verſetzte der Graf lächelnd. „Zum Henker, das Geld meine ich! Wo ſollen wir tauſend Thaler auftreiben? Meinen Sie, wir führen die tau⸗ ſend Thaler nur ſo in der Taſche mit uns herum?“ „Das nicht; ich bin zufrieden mit einem Wechſel in dem Betrage, den mir Herr Baron von Fremont auf ſeinen Ban⸗ quier gibt.“ „Oder ich?“ fragte liſtig der Andere. „So werth mir Ihre Unterſchrift zu jeder andern Zeit iſt, Herr von Tondern, ſo muß ich bei vorliegendem Geſchäft auf der des Herrn von Fremont beſtehen.“ „Hol Sie der Teufel! Ich werde Fremont herein winken.“ Der Baron hatte ſich nämlich im anſtoßenden Leſezimmer ſo geſetzt, daß er die Beiden im Auge behielt, indem er von Zeit zu Zeit über das Journal hinweg, in welchem er eifrig zu leſen ſchien, einen Blick hinüber warf. „Dann noch Eins,“ ſagte Herr von Tondern,„nehmen Sie mir nicht übel, aber man kennt ſich genugſam, um in alle Wege ſicher zu gehen. Geſetzt den Fall, Fremont ent⸗ ſchlöſſe ſich zu einem Wechſel, wie Sie ihn bezeichnet, wer Graf Czrabowski. 161 bürgt uns dafür, daß das Papier, welches Sie uns dafür übergeben, echt iſt?“ „Dieſes Wort könnte mich beleidigen; doch will ich es Ihnen nicht übel nehmen,“ antwortete der Graf.„Nebenbei, daß Sie aus den angegebenen Notizen: Datum, Stunde und Zeugen,— ſchon an der Echtheit nicht zweifeln ſollten, wird es Ihnen leicht ſein, ſich einen Brief des Herrn Doktor Plager zu verſchaffen und damit die Handſchrift zu vergleichen.“ „Mittlerweile haben Sie Ihre tauſend Thaler und gehen, wohin es Ihnen beliebt.“ „Sie vergeſſen, daß ich Ihrer Hülfe bedarf, um meinen Paß in Richtigkeit zu bringen, und Herr Baron von Fremont könnte ja auch den Wechſel acht Tage nach Sicht ſtellen.“ Herr von Tondern dachte einen Augenblick nach, dann ſagte er, während er einen lauernden Blick auf den Andern warf: „Mit einem Wechſel, acht Tage nach Sicht, bezeigen Sie uns wieder ſo viel Vertrauen, daß das gerade im Stande wäre, uns auf den Glauben zu bringen, als habe es mit dem Papier nicht ganz ſeine Richtigkeit. Baron Fremont könnte ja am Tage vor Verfall ſeinem Banquier den Befehl geben, den beſagten Wechſel nicht zu honoriren.“ Der Graf Czrabowski zuckte die Achſeln und erwiderte: „Darüber habe ich keine Beſorgniß, und auch Sie ſollten keine haben; ich habe es mit zwei Cavalieren zu thun, und was meine Sicherheit gegen Sie betrifft, ſo würde ich bei Nichtbezahlung des Wechſels Seine Erlaucht den Herrn Grafen Helfenberg ganz einfach von dem Hergange dieſer Angelegen⸗ heit in Kenntniß ſetzen.“ Hackländer, Don Quixote. III. 11 — — — Einunddreißigſtes Kapitel. „Sie ſind gut geſattelt,“ verſetzte Herr von Tondern mit einem finſtern Blicke. „Was wollen Sie in dieſer ſchlimmen Welt? Man hilft ſich durch, ſo gut man kann.“ „Verlieren wir alſo keine Zeit,“ fuhr Herr von Tondern fort, nachdem er dem Baron Fremont einen Wink gegeben, der ſich alsbald hinter ſeinem Journal erhob und langſam in das Kabinet zurückſchlenderte.—„Laſſen Sie uns einen Augenblick allein, ich will mit meinem Freunde ſprechen, und wenn er geſonnen iſt, für eine— Sache, die uns am Ende nicht viel nützen kann, ſo viel Geld auszugeben, ſo könnten wir den Handel als geſchloſſen betrachten.“ „Und meine Paxiere bei der Geſandtſchaft?“ fragte der Graf. „Ja, den Teufel auch! was iſt da zu thun? Wir können uns doch nicht bei der Geſandtſchaft für Sie verbürgen!“ „Mit leichter Mühe,“ entgegnete der Pole mit einem außerordentlich freundlichen Lächeln.„Es bedarf ja nicht mehr als ein paar Zeilen von Ihnen, unterſtützt von einigen Worten des Herrn Baron von Fremont, und die Sache iſt abgemacht.“ „Ich will ſehen, was zu thun iſt, laſſen Sie uns nun zehn Minuten allein.“. Graf Czrabowski verließ das Zimmer und Baron Fre⸗ mont trat dafür ein. Der Letztere ſetzte ſich auf den Stuhl, den er vor einer Viertelſtunde verlaſſen, ſtützte den Ellbogen auf den Tiſch und fragte mit leiſer Stimme:„Nun, wie ſteht's mit der Angelegenheit?“ Herr von Tondern warf einen Blick ins Nebenzimmer Graf Czrabowski. 163 und nachdem er ſich überzeugt, daß Graf Czrabowsli im äußerſten Winkel deſſelben ſaß und eifrig ſeine Zeitung zu leſen ſchien, antwortete er:„Dieſer Schuft hat das Concept zum Teſtament des Grafen Helfenberg richtig in Händen.“ „Der Tauſend auch? Wo hat er's?“ „Bei ſich in der Taſche, wie er ſagt.“ „Und der Inhalt dieſes Teſtaments?“ „Na, den wird er mir doch nicht auf die Naſe binden, ohne ſich gehörig dafür bezahlen zu laſſen.“ „So, ſo!“ gab Fremont zur Antwort, wobei er die Nä⸗ gel ſeiner rechten Hand beſchaute und ſeine Unterlippe etwas herabhängen ließ. Tondern, der die Aenderung in der Phyſiognomie ſeines Freundes wohl bemerkte, ſagte:„So viel er mich aber den Inhalt errathen ließ, muß derſelbe ſowohl für dich als für mich von großem Intereſſe ſein.“ „Für mich wohl weniger,“ verſetzte der Baron mit an⸗ genommener Gleichgültigkeit.„Was nützen mir im beſten Falle einige zehntauſend Thaler mehr? Ich bin ja ſo: ich habe zu leben.“ „Du biſt wohlhabend,“ antwortete Herr von Tondern, wobei er das Du ſcharf betonte,„und deßhalb bin ich über⸗ zeugt, es wird dir auf eine Summe nicht ankommen, um jenes Papier zu erlangen, das deinem Freunde wahrſcheinlich nicht nur für Zeit Lebens helfen kann, ſondern ihn auch zu größter Erkenntlichkeit für dich verpflichten wird. Mit Einem Worte, Czrabowski verlangt für das Papier tauſend Thaler, und zwar in einer Anweiſung von dir auf deinen Banquier.“ Der Sprecher kannte ſeinen Freund genugſam, um zu wiſſen, daß es bei deſſen ſchwankender und nachgiebiger Ge⸗ 164 Einunddreißigſtes Kapitel. müthsarts am beſten ſei, ihn mit einem Male au fait zu ſetzen, was er denn auch that, indem er die eben geſagten Worte langſam und mit großer Entſchiedenheit ausſprach. Baron Fremont hatte aber gute Luſt, vor Schrecken von ſeinem Stuhle herunter zu fallen; wenigſtens that er ſo, worauf er ſehr kleinlaut zur Antwort gab:„Eintauſend Tha⸗ ler— das iſt ja ein ganzes Vermögen!“ „Eintauſend Thaler!“ wiederholte der Andere mit Be⸗ ſtimmtheit.„Darunter thut er es nun einmal nicht. Ich habe mir Mühe genug gegeben, die Forderung dieſes Kerls herab⸗ zuſtimmen.“ „Er will uns betrügen, dieſer Czrabowski!“ rief der Baron in komiſcher Angſt.„Ich habe dir immer geſagt, daß das ein ungeheurer Lump iſt.“ „Woran ich durchaus nicht zweifle,“ antwortete Tondern mit großer Kaltblütigkeit.„Aber dieſes Mal iſt von keinem Betrug die Rede; ich habe mich durch ſeine Aeußerungen überzeugt, daß das Akltenſtück in der That der Entwurf des Teſtaments von der Hand des Rechtsconſulenten ſein muß. Auch weiß Czrabowski genau, daß der Inhalt deſſelben für uns und vielleicht auch für ſonſt Jemand, was weiß ich? von großer Wichtigkeit iſt; denn als ich ihn herabſtimmen wollte, meinte er ruhig: er kenne den Werth des Papieres vollkommen, und wenn wir nicht Luſt hätten, es an uns zu bringen, ſo werde es ihm durchaus nicht ſchwer werden, eine andere Perſon zu dem Kauf zu bewegen.“ „Aber tauſend Thaler!“ verſetzte der Baron, indem er ſeine weißen fleiſchigen Hände auf dem Tiſche über einander legte.„Tauſend Thaler, die ich obendrein wohl allein zahlen n n ' Graf Czrabowski. 165 muß! Denn du wirſt nicht viel dazu geben können,“ ſetzte er mit einem melancholiſchen Blick auf ſeinen Freund hinzu. „Nicht einen Liard,“ ſprach dieſer mit großer Ruhe; „ich bin im gegenwärtigen Augenblicke ſchlecht bei Kaſſe.— Du mußt eben,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„die fünf⸗ hundert Thaler, die auf meinen Theil fallen, als eine An⸗ leihe für kurze Zeit betrachten; denn da ich feſt überzeugt bin, der gute Graf hat uns in ſeinem Teſtamente nicht ſchlecht bedacht, ſo brauche ich mich nur zu dem Rechtsconſulenten hin zu begeben, um durch ſeine Vermittlung einige lumpige tau⸗ ſend Thaler mit leichter Mühe aufzutreiben.“ „Und in dem Falle erhielte ich meine fünfhundert Thaler doch wohl nicht zurück?“ fragte Baron Fremont im Tone des des Zweifels. „Dann erhältſt du ſie augenblicklich wieder, auf Ehren⸗ wort.— Aber entſchließe dich.“ „Nun, ſo laß denn dieſen Kerl in Gottes Namen herein kommen,“ erwiderte der Baron mit einem tiefen Seufzer. „Aber anſehen mag ich ihn nicht, das kannſt du nicht von mir verlangen. Ich haſſe den Kerl.“ „Es wird ihn ſehr unglücklich machen,“ lachte Tondern, „wenn er keinen einzigen Blick der Liebe von dir erhält. Aber Czrabowski wird ſich mit ſeinen tauſend Thalern zu tröſten wiſſen.— Hm, hm!“ Er huſtete ſo laut, daß nicht nur der Pole, ſondern auch ein paar Kellner im Nebenzimmer aufmerkſam wurden, die aber Tondern durch eine Bewegung mit der Hand zurück⸗ ſcheuchte. Darauf drehte er ſeinen Schnurrbart und ſagte zu dem Eintretenden in nachläſſigem Tone, wobei er ihn wie gelangweilt anſchaute:„Wir haben uns in die betreffende 166 Einunddreißigſtes Kapitel. Sache ſo weit eingelaſſen, daß wir denn auch noch den letzten Schritt thun wollen, und daß ſich der Baron Fremont ent⸗ ſchloſſen hat, Ihnen die gewünſchte Anweiſung auf ſeinen Banquier zu geben. Aber ich kann Sie verſichern, es iſt verdammt viel Geld.“ Dieſes Mal nahm der Graf einen Stuhl und ließ ſich nieder, ohne eine Einladung abzuwarten, wobei er ent⸗ gegnete:„Ich wäre in der That untröſtlich, wenn Sie glauben ſollten, einen ſchlechten Kauf gemacht zu haben, und wäre immer noch bereit, von dem ganzen Geſchäfte zu⸗ rückzutreten.“ Baron Fremont that, wie er vorhin geſagt, und ſchenkte dem Polen keinen Blick, ja, er wandte ihm zur Hälfte den Rücken zu, zuckte aber jetzt auffallend mit den Achſeln, wor⸗ auf Herr von Tondern ſagte:„Die Sache iſt abgemacht, ſprechen wir alſo nicht weiter darüber. Fremont, du wirſt ſo gut ſein, die Anweiſung zu ſchreiben.“ Ein Kellner brachte auf Verlangen Dinte, Feder und etwas Papier, und der Baron ging an einen Nebentiſch, um die Schrift aufzuſetzen, während Graf Czrabowski langſam ſeinen Rock aufknöpfte und aus der Seitentaſche eine große ſtark gebrauchte Brieftaſche zog, die er vor ſich auf den Tiſch legte und beide Hände darüber faltete, eine Bewegung, welche Herr von Tondern nicht zu ſehen ſchien, da er in dieſem Augenblicke den Reſt ſeines Abſinths austrank. „Hier iſt die Anweiſung,“ ſagte Fremont, indem er ſeinem Freunde einen ſchmalen Streifen Papier hinreichte, wovon dieſer ablas:„Acht Tage nach heute zahlen Sie an die Ordre des Herrn Grafen Czrabowski—“ Der Pole nickte zufrieden mit dem Kopfe. —— Graf Czrabowsli. 167 „Die Summe von tauſend Thalern und ſtellen mir ſolche auf Rechnung. Baron Fremont.“ Dieſes Papier ſchob der Leſer ſeinem Nachbar hin, deſſen Hände ſich aber immer noch nicht von der Brieftaſche erheben wollten. Doch blickte er ſehr freundlich in die Höhe und ſagte:„Und das Andere, Herr von Tondern? Waren Sie ſo freundlich, das Andere mit dem Herrn Baron von Fremont zu beſprechen?“ „Was für ein Anderes?“ fragte der Letztere mit einem ſehr unangenehmen Tone der Stimme.„Ich denke, mit dem Papier da wäre es wahrhaftig genug. Du haſt mir doch von nichts Anderem geſagt, Tondern.“ „Nun ja,“ antwortete dieſer,„Czrabowski hat allerdings eine zweite Bedingung geſtellt; er wünſcht ein Wort von mir und dir an die— ſche Geſandtſchaft, damit ſein Paß in Ord⸗ nung gebracht werde.“ „Um mich baldigſt von hier entfernen zu können,“ fügte der würdige Graf mit ſtarker Betonung hinzu. Fremont warf den Kopf mißmuthig von einer Seite auf die andere, hatte aber ein Augenblinzeln ſeines Freundes ver⸗ ſtanden und verſetzte deßhalb:„Meinetwegen auch das noch. Wenn du meinſt, Tondern, ſo ſoll es uns auf ein Wort nicht ankommen.“ „Aber ein freundliches, Herr Baron,“ bat der Andere demüthigſt.„Es wäre doch auf jeden Fall höchſt unange⸗ nehm, wenn man meiner Abreiſe Hinderniſſe in den Weg legen würde. Nebenbei würde ich es dankbarlichſt für eine große Gefälligkeit anſehen, wenn Herr Baron von Fremont die Güte hätte, ſeinem Banquier, welchem Sie doch die An⸗ 168 Einunddreißigſtes Kapitel. weiſung anzeigen werden, ein paar angenehme Worte in Be⸗ treff meiner zu ſagen.“ „Das iſt nicht bedungen!“ rief Tondern kopfſchüttelnd. „Das iſt allerdings nicht bedungen,“ ſagte der Pole, in⸗ dem er ſeinen Nachbar feſt anſah, und ſetzte mit ſehr beſtimm⸗ tem Tone hinzu:„Aber ich erlaube mir, es jetzt noch zu bedingen. Ich bilde mir ein, wir, beide Parteien, ſind noch am Unterhandeln und könnten allenfalls zurücktreten, wenn es uns nicht beliebte.“ Herr von Tondern, der, wie nicht zu leugnen, auf den Abſchluß der Unterhandlungen ſehr erpicht war, warf ſeinem Freunde abermals einen Blick zu, wobei er ſprach:„Nun denn auch das noch! Du wirſt auch das noch thun, Fre⸗ mont, nicht wahr?“ „Meinetwegen, um dir einen Gefallen zu erzeigen.“ „Ich habe alſo das Wort der beiden Herren darauf?“ verſetzte Graf Czrabowski mit langſamem Tone, indem er ſowohl Baron Fremont, als den Herrn von Tondern ſcharf anſah.. Erſterer nickte mit dem Kopfe und der Andere antwortete: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,“ worauf er gierig nach der Brieftaſche blickte, die der Pole nun langſam öffnete, daraus ein zuſammengefaltetes Papier hervorzog und es dem Herrn von Tondern mit der einen Hand übergab, während er mit der anderen nach der Anweiſung langte. „Noch einen Augenblick,“ meinte der Letztere, indem er den Wechſel mit den Fingern feſthielt.„Ich will, ohne die Schrift zu leſen, nur eben ſehen, ob die Randbemerkungen, die Sie mir vorhin mittheilten, von derſelben Hand ſind, wie das übrige Concept.“ Graf Czrabowski. 169 Graf Czrabowski nickte mit dem Kopfe und verſetzte lächelnd:„Ich habe nichts dagegen.“ Herr von Tondern ſchlug haſtig das Papier aus einander, warf einen prüfenden Blick hinein und ſagte dann, indem er es verdeckt auf den Tiſch legte:„So weit wäre die Sache in Ordnung, die Randbemerkungen ſind von derſelben Hand. Wir können unſere Verhandlungen abſchließen.“ Er zog ſeinen Finger von dem Wechſel zurück, den der Pole nun an ſich nahm, durchlas und dann in ſeine Brief⸗ taſche ſteckte, die er hierauf ſorgfältig in der Bruſttaſche ver⸗ barg. Auch erhob er ſich, nachdem dies geſchehen, und ſprach mit einer anmuthigen Verbeugung gegen beide Herren:„Sie werden meine Gegenwart jetzt nicht mehr verlangen, und er⸗ laube ich mir deßhalb, Ihnen einen guten Tag zu wünſchen und mich zurückzuziehen.“ Baron Fremont hatte dem Tiſch und den Beiden den Rücken zugewandt und machte ſich an dem Fenſter zu ſchaffen während ſein Freund dem Grafen ſagte:„Ich halte es wohl für überflüſſig, Ihnen das ſtrengſte Stillſchweigen anzuempfeh⸗ len, denn ein Sprechen über dieſe Angelegenheit könnte nur für Sie von üblen Folgen ſein.“ Graf Czrabowski machte eine abermalige Verbeugung, wobei über ſeine Züge ein eigenthümliches Lächeln flog, welches ebenſo gut heißen konnte: er habe vollkommen verſtanden, als auch: es würde für die andere Partei vielleicht ebenſo wenig angenehm ſein, wenn der eben geſchloſſene Kauf in der Welt und der Geſellſchaft bekannt würde. Darauf verließ der Pole das Zimmer, man ſah ihn durch die Glasthür des Café verſchwinden und gleich darauf bei den Fenſtern des kleinen Gemachs vorübereilen. — — Einunddreißigſtes Kapitel. Baron Fremont hatte ſich raſch dem Tiſche wieder ge⸗ nähert, ließ ſich in ziemlicher Aufregung auf einen Stuhl nieder und blickte ſeinen Freund an, der die Hand auf das Blatt Papier gelegt hatte und ihm dieſen Blick ſonderbar lächelnd zurück gab, worauf er mit leiſer Stimme ſagte: „Leſen wir hier oder nehmen wir das Papier mit nach Hauſe?“ „Leſen wir hier, leſen wir hier!“ gab Fremont dringend zur Antwort.„Den Teufel auch! Warum ſoll man ſich mar⸗ tern? Iſt es was Gutes, was das Papier enthält, ſo erfah⸗ ren wir es nicht zu früh; iſt es was Schlimmes, ſo wiſſen wir doch gleich, daß wir doppelt betrogen ſind.“ „Emotion!“ ſagte Herr von Tondern nach einem tiefen Athemzuge;„ich verſichere dich, es iſt mir gerade ſo, als hätte ich meine letzten hundert Gulden auf eine Karte geſetzt.— Rien ne va plus.“ „Zieh ab, zieh ab!“ rief Baron Fremont in komiſcher Angſt. Und Herr von Tondern nahm das Papier in die Höhe und fing an mit etwas beklommener Stimme zu leſen, wobei er auch häufiger, als er ſonſt wohl zu thun pflegte, den Athem in langen Zügen an ſich zog. Seine Stimme aber wurde in kurzer Zeit deutlicher und reiner, ja, ſie nahm einen freudigen Klang an, und ſein Auge leuchtete zufrieden, als er unter den zahlreichen Legaten ſich und Fremont jeden mit einer bedeutenden Summe erwähnt fand. Letzterer hatte den Kopf auf die Hand geſtützt, und als er nun den Vorleſer unterbrach, indem er ſagte:„Er iſt doch ein guter Menſch, dieſer Graf Helfenberg!“ verriethen dieſe Worte eine Rührung, die auch Tondern affektirte, indem er Graf Czrabowski. 171 leicht ſeufßte und mit dem Leſen inne hielt, während er mit der einen Hand über die Augen fuhr. Als er aber gleich darauf wieder ſeinen Blick auf das Papier wandte, malte ſich ein ſolches Erſtaunen auf ſeinem Geſichte, daß der Baron unwillkürlich näher rückte und ein ängſtliches: 5 nun?“ hören ließ. Tondern las:„Mein Gut Stromberg, wie es im Güter⸗ buch der Gemeinde Stromberg, Seite 24— 26 beſchrieben iſt, mit allen darauf ruhenden Rechten beſtimme ich— ¹ Der Vorleſer machte eine Pauſe, wobei er ſeinen Freund lächelnd anſah, der nun in wirklicher und großer Aufregung die Hände über einander legte und faſt athemlos auskief: „Tondern, mache um Gottes willen keine ſchlechten Späße!— Lies weiter, lies weiter— oder nein, nein! lies nicht weiter — laß mich ſelbſt hinein ſchauen.“ Und er bog ſich haſtig über den Tiſch hinüber, faßte das Papier mit zitternder Hand, indem er wirklich ſelbſt hineinſchaute. „Beſtimme ich,“ las Tondern trotzdem,„dem Fräulein Eugenie von Braachen als Beweis, wie ſehr ich ihr zugethan, wie ſehr ich ſie geliebt.“ Der Baron fiel in ſeinen Stuhl zurück und ließ ſeine Hände ſchlaff am Körper herabhängen. Tondern betrachtete die Stelle zwei, drei Mal, dann ſchlug er mit der linken Hand heftig auf das Papier und ſagte triumphirend:„Jetzt wirſt du zugeben, daß dieſes Ding da mit tauſend Thalern nicht zu theuer bezahlt iſt.“ „Wache ich oder träume ich?“ rief der Baron, indem er die Hände emporhob;„Graf Helfenberg liebt Fräulein von Braachen und vermacht ihr dieſes prächtige Gut Stromberg! — Aber warum heirathet er ſie denn nicht lieber?“ 172 Einunddreißigſtes Kapitel.— Graf Czrabowsti. Herr von Tondern zuckte mit den Achſeln und ſprach in wegwerfendem Tone:„Wie kann man aber auch ſolche Fra⸗ gen ſtellen? Wenn man ſein Teſtament macht, denkt man nicht ans Heirathen.“ „Wahr, ſehr wahr,“ antwortete der Baron und ſtützte dabei den Kopf abermals in die Hand, worauf er in tiefes Nachſinnen verſank. Tondern las das Papier wiederholt durch, dann blickte er in die Höhe, während er die Augenbrauen zuſammenzog und den Schnurrbart langſam aufwärts drehte. Fremont fuhr aus ſeinen Träumereien am erſten wieder auf und ſagte alsdann:„Dieſe junge Dame iſt jetzt die reichſte Erbin im Lande.“ „Das Gleiche dachte ich eben.“ „Eine vortreffliche Partie. Was meinſt du, Ton⸗ dern?“ „Was ich meine,“ entgegnete dieſer, nachdem er einen . Blick in die vorderen Räume des Kaffeehauſes geworfen,„läßt ſich nicht gut hier an dieſem Orte beſprechen. Ich denke, wir gehen nach Hauſe.“ „Ja, gehen wir nach Hauſe, du dinirſt bei mir?“ „Auf alle Fälle, und nach dem Diner—“. „Betrachten wir aufmerkſam dieſe Angelegenheit.“ „Um zu ſehen,“ unterbrach ihn Tondern mit einem ſehr freundlichen Lächeln,„wie wir unſere tauſend Thaler mit wucheriſchen Zinſen zurückerhalten können.“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Im Reibſtein. Wenn uns das Gemach in der Kneipe zum Reibſtein auf dem Burgplatze, wo wir das Vergnügen hatten, die Ver⸗ brüderung zum Dolche Rubens kennen zu lernen, an jenem regneriſchen Tage düſter, geheimnißvoll und ſehr befähigt er⸗ ſchien, um einem ſo außerordentlichen Bunde als Verſamm⸗ lungsſaal zu dienen, ſo iſt doch nicht zu leugnen, daß dieſes Zimmer auch bei klarem Wetter und heiterem Sonnenſchein keinen freundlichen Eindruck machte, vielmehr etwas Ernſtes, faſt Unheimliches enthielt, namentlich wenn es ſtill dalag und ſeine Wände nicht wiederhallten vom Lärm luſtiger Ge⸗ ſellen. Anderntheils war das Gemach aber auch wieder bei dem jetzigen kalten Winterwetter draußen, angenehm durchwärmt von dem großen braunen Kachelofen, kein gar ſo unfreund⸗ licher Aufenthalt, und ſelbſt Jemand, der allein hier geſeſſen hätte, würde ſich bei einigem Intereſſe für Schnitzwerk und 174 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Malerei oder bei nur einigermaßen poetiſchem Sinn eine Zeit lang haben amuſiren können. Die Hände der Künſtler, welche hier zuſammen kamen, haten Wände und Decke aufs mannigfaltigſte geſchmückt, und wenn auch nicht alles, was man hier ſah, echt war, ſo hatte es doch täuſchend den An⸗ ſchein davon, und man hätte zum Beiſpiel darauf ſchwören wollen, daß jenes rieſenhafte ſechszehnendige Hirſchgeweih in der That einmal den Kopf eines dieſer edlen Thiere in tiefer Waldesnacht geſchmückt habe; daß ferner der Gobelin an der einen Wand eine wirklich prachtvoll erhaltene Weberei mit bunten phantaſtiſchen Figuren ſei; daß der eiſerne Helm an jenem Pfeiler nebſt Schild und Handſchuhen wirklich einmal von einem biderben Ritter geführt worden ſei, und daß die Glasmalereien im Fenſter in früheren Zeiten Mönchsgeſang und Orgelton gehört. Und doch war alles das nur Täuſchung. Das Hirſchge⸗ weih war aus gebrannter Erde fabricirt, Schild, Helm und Handſchuhe aus Steinpappe; die Gobelins beſtanden aus Sackleinwand, worauf die Maler mit kundiger Hand allerlei SFiguren aufs täuſchendſte gemalt, und die alten Kirchenſcheiben hatten ſie ebenfalls aus buntem, ölgetränktem Papier, welches ſie mit Ornamenten verſehen hatten, hergeſtellt; ſelbſt die Ver⸗ zierungen an der Decke und die ſcheinbar kunſtreichen holzge⸗ ſchnitzten Galerien oberhalb der Thür waren Täuſchungen, wie ſo Vieles in dieſer troſtloſen Welt. Aber trotzdem nahm ſich das Gemach wohnlich aus und hatte, wir müſſen es wiederholen, einen faſt poetiſchen Anſtrich; man ſaß gern darin, ſowohl bei einer luſtigen Geſellſchaft, als ſelbſt im Zwiegeſpräch oder ſögar allein, wenn man ſich veranlaßt ſah, ein wenig zu träumen oder ſeinen Gedanken Im Reibſt ein. 175 Audienz zu geben, welche von den dunklen Holzwänden ſo gut bei einander gehalten wurden, und durch die bunten Gläſer viel ſchwerer ins Freie flatterten, als dies bei gewöhn⸗ lichen nüchternen weißen Fenſterſcheiben der Fall geweſen wäre. Durch eben dieſe bunten Gläſer drangen heute Nachmit⸗ tag die Strahlen der Sonne und ſpiegelten eine farbige Zeichnung auf den Boden, während ſie auch dazu beitrugen, dem düſteren Zimmer ſelbſt einen freundlicheren Anſtrich zu geben. In der Nähe des großen Fenſters— es beſtand eigent⸗ lich aus vier kleinen Fenſtern, die, wie man das bei alten Häuſern findet, nur durch ein Kreuz aus altem Eichenholze von einander getrennt waren— ſtand eine Bank, auf deren einem Ende der Kupferſtecher Wurzel, und zwar rittlings ſaß, während vor ihm ein großes Henkelglas voll Bier ſtand. Unſer alter Bekannter mit dem rothen, gutmüthigen Ge⸗ ſichte, koloſſalem Bartwerke und den kleinen lebhaften Augen hatte ein Stückchen Holz in der Hand, an welchem er mit dem Federmeſſer herum ſchnitzelte und dieſe Arbeit nur un⸗ terbrach, wenn er aus dem Glaſe trank, was häufig genug vorkam und ſich darauf langſam und behaglich den Bart wiſchte, oder wenn er beide Fäuſte in die Seiten ſtemmte, eine Stellung, die er beinahe immer annahm, wenn ſein Ge⸗ genüber etwas ſagte, was ſeine beſondere Aufmerkſamkeit erregte. Dieſes Gegenüber aber war Niemand anders als Wind⸗ ſpiel, der Kellner, in den gleichen engen carrirten Höschen, in denen wir ihn neulich geſehen, heute aber ohne Radmantel und Hut, nur in rund geſchnittener Jacke, wie er ſie, ſeinem Berufe nachhüpfend, zu tragen pflegte. 176 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Windſpiel ſtand vor einem Tiſche, auf dem ſich eine Menge Gläſer befanden, die er ſich bemühte, mit einer einſt weiß geweſenen Serviette zu putzen. Doch betrieb er dieſes Geſchäft nur mechaniſch, und wenn er auch gerade mit dem Kupferſtecher nicht ſprach, das heißt auf deſſen Fragen Ant⸗ wort gab, ſo bewegte er doch die Lippen, als rede er mi ſich ſelber, ſtrich zuweilen ſeufzend ſein ſtruppiges Haar, ſchüttelte mit dem Kopfe oder zog nachdenklich die Augen— brauen ſo hoch in die Höhe, daß dies ordentlich komiſch an⸗ zuſehen war. Der Kupferſtecher hatte gerade getrunken und ſich mit dem Aermelaufſchlag den Mund abgewiſcht, als er ſeine Holz⸗ ſchnitzerei für den Augenblick ruhen ließ, und mit ſeiner tie⸗ fen dröhnenden Stimme zu dem Kellner ſprach: „Wie ich dir ſchon oft geſagt, Windſpiel, ſo halte ich es für das größte Unglück, das dir widerfahren konnte, daß du einen Menſchen kennen gelernt, der mit oder ohne Abſicht— das kann ich vorderhand nicht beurtheilen— dein bischen ohnehin ſchon verbranntes Gehirn zuſammenrappelt. Oder haſt du dir das Aufſchneiden angewöhnt und willſt mir eine Geſchichte aufbinden, von der du ſelbſt überzeugt biſt, daß ich ſie nicht glaube?“ „O, Herr Wurzel,“ entgegnete der dünne Kellner und ſchüttelte dabei langſam den Kopf, nes iſt da nichts von Zu⸗ ſammenrappeln meines verbrannten Gehirns, noch weniger von Aufbinden zu reden; was ich Ihnen ſagte, iſt die reine Wahrheit.“ „So hat man dich zum Beſten gehabt.“ „O nein, es war nichts von zum Beſten haben dabei, es war Ernſt— blutiger Ernſt.“ Im Reibſtein. 177 Bei dieſen Worten fuhr er mit der Hand über ſeine Naſe, wo die verdächtigen röthlichen Spuren immer noch deutlich ſichtbar waren. Der Kupferſtecher hatte ein paar Schnitte an ſeinem Holz gethan, dann meinte er:„Das iſt ja eine ganze Räuber⸗ und Mordgeſchichte, Windſpiel.“ „O ja,“ entgegnete der Kellner,„es hat ſich ſtark von Räubern gehandelt und noch obendrein von Räubern der ge⸗ fährlichſten Art; ſie hatten ſich als Weiber verkleidet, und ihrer vier griffen mich an und packten mich.“ „Nun, daß man dich geſchopfbeutelt hat wie der Hund den Bettelſack, daran zweifle ich nicht im Geringſten. Aber um was hat es ſich eigentlich gehandelt?“ „O, um ſehr viel, Herr Wurzel; zuerſt um Einbruch, wobei es den Kerlen, die mich gefaßt, auf ein bischen Mord gewiß nicht angekommen wäre; dann um die Entführung einer jungen ſchönen Dame, die aber der tapfere Don Larioz mit ſeinem Degen befreite— ich kann Sie verſichern, das war ſehr ſchön— und alsdann ihren trauernden Verwandten zu⸗ rückgab.“ „Und der Entführer kam auch vor?“ „Ob er vorkam!“ „Ebenfalls in Weiberkleidern?“ fragte lachend der Kupfer⸗ ſtecher. „O, ich ſehe, Sie glauben mir nicht und wollen mich nur zum Beſten halten,“ ſagte Windſpiel gekränkt.„Aber ich kann Sie verſichern, die Erinnerung an jenen Abend kann mir doch kein Menſch nehmen; obgleich er etwas unglücklich für mich ausfiel, war er doch voll Poeſie, und ich denke im⸗ mer daran.“ Hackländer, Don Quixcote, III. 12 178 Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Ja, ſo ſehr,“ entgegnete der Andere,„daß du dein Ge⸗ ſchäft grauſam vernachläßigſt und nicht einmal ſiehſt, wie ich hier ſeit einer Viertelſtunde bei trockenem Glaſe ſitze.“ Dieſem Fehler war bald abgeholfen; der Kellner warf die Serviette über ſeine Schulter und brachte im nächſten Augenblicke ein gefülltes Glas, worauf der Kupferſtecher einen guten Zug that, den Deckel ſchallend zufallen ließ und das Gefäß wieder vor ſich auf die Bank ſetzte. 1 „Ich fürchte,“ ſagte er nach einer Pauſe,„wir haben mit unſeren Geſchichten neulich deinen Freund und Gönner abge⸗ ſchreckt, er wird ſo bald nicht wieder hieher zurückkehren, und das iſt eigentlich ſchade, denn es iſt amuſant, ein Original, wie er iſt, öfter zu ſehen.“ Windſpiel hatte das Glas, welches er gerade in der Hand hielt, ſauber geputzt und hielt es zur Probe gegen das Licht, wobei er mit ſeiner Arbeit zufrieden zu ſein ſchien; wenigſtens lächelte er vergnügt in ſich hinein, doch konnte dieſes Lächeln auch ſeinen Worten gelten. „Ich glaube nicht,“ erwiderte er nämlich,„daß die Ge⸗ ſchichte neulich hier den Don Larioz abgeſchreckt hat; es iſt das eine höchſt eigenthümliche Perſönlichkeit, die das Geheim⸗ nißvolle liebt, und er ſucht wahrſcheinlich mehr dahinter, als wirklich zu finden iſt.“ „Nimm dich in Acht, Windſpiel,“ bemerkte lachend der Kupferſtecher,„du ſprichſt da ſehr geringſchätzend von unſerer anonymen Geſellſchaft, welche ſich in der That glücklich ſchätzt, den Herrn Larioz unter die Ihrigen aufgenomm en zu haben. Aber Scherz bei Seite! Da du nun einmal der Vertraute dieſes edlen Spaniers biſt, ſo wirſt du mir vielleicht mitthei⸗ len können, was er denn eigentlich damals hat ſagen wollen Im Reibſtein. 179 mit ſeiner Erzählung von der ſchönen Spanierin, die er drü⸗ ben bei den Breibergs geſehen haben will. Ich habe mir alle Mühe gegeben und mich auf Erkundigungen gelegt, und kann dich verſichern, Windſpiel, daß die drüben kein anderes Modell haben, als die wir auch kennen: die Katharine und den Stöpſel.“ „Modell, ja, das glaube ich wohl,“ antwortete der Kellner, indem er die Achſeln zuckte und eine etwas gering⸗ ſchätzende Miene annahm.„Es handelt ſich hier um kein Mo⸗ dell; ich ſage Ihnen, Herr Wurzel, es iſt ſo, wie der Herr Don Larioz geſagt.“ Er näherte ſich dem Kupferſtecher und ſetzte flüſternd hinzu:„Die halten da drüben was ver⸗ borgen.“ Herr Wurzel ließ ſeine Arbeit ruhen, ſtützte die Fäuſte auf die Hüften, und ſagte, indem er die kleinen Augen ſo ſtark zudrückte, daß man ſie kaum noch zwiſchen den bu⸗ ſchigen Brauen hervorblitzen ſah:„Was ſollen die da drüben verſteckt haben? Ich glaube, du biſt nicht recht bei Troſt!“ Windſpiel machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er den Andern bitten, leiſe zu ſprechen, dann ſchaute er ſich ſchüchtern in dem leeren Gemache um und erwiderte: „Ich habe ſie ja ſelbſt geſehen.“ „Den Teufel auch! Was haſt du geſehen?“ fragte lachend der Kupferſtecher, wobei er aber doch einen aufmerkſamen Blick auf das ernſte Geſicht des Kellners warf, der jetzt dicht zu ihm herangeſchlichen war und haſtig und mit ganz leiſer Stimme ſagte: „Geſehen habe ich das ſchöne Mädchen drüben bei Brei⸗ bergs. Wer es iſt, kann ich freilich nicht ſagen, aber— ſie 180 Zweiunddreißigſtes Kapitel. gehen ſchlimm mit ihr um, Herr Wurzel, das dürfen Sie mir glauben. Mißhandelt haben ſie ſie.“ „Hol dich der Henker, Windſpiel!“ rief der Kupferſtecher mit einigem Erſtaunen,„du könnteſt Einen am Ende Zeug glauben machen, wovor man ſich ſelber ſchämen müßte. Wie ich früher ſchon ſagte: dein Kopf hat gelitten, denn ein Menſch bei klarem Verſtande könnte in unſerer ruhigen Stadt doch unmöglich verkleidete Räuber geſehen und Entführungen beigewohnt haben und von einer gefangenen Spanierin wiſſen, die von den Breibergs mißhandelt wird. O Windſpiel, du dauerſt mich ſehr!“ Der dürre Kellner kratzte ſich am Kopfe und ſchaute einen Augenblick nachdenkend zu den bunten Fenſterſcheiben empor, bis er endlich entgegnete: „Und es iſt doch ſo; ich habe Ihnen das anvertraut, Herr Wurzel, weil Sie es beſſer meinen als all die Andern, wenn Sie auch oft ſo thun, als ob Sie Einen beißen wollten. Und ſchön muß die Spanierin ſein, denn Herr Don Larioz ſpricht mit Entzücken von ihr, und was ich ſelbſt geſehen,“ ſetzte er ſtockend hinzu,„iſt ſchon der Mühe werth, das kann ich Sie verſichern.“ „Windſpiel, du machſt mich wirbelig,“ ſprach der Andere und fuhr darauf ſehr ernſt fort:„denn ich will nicht hoffen, daß du dir einfallen läſſeſt, einen Spaß mit mir zu treiben.“ „Wie können Sie ſo etwas denken!“ verſetzte der Kellner faſt erſchrocken.„Iſt es doch wahrhaftig ſo, wie ich Ihnen geſagt: die Breibergs halten ein wunderſchönes Mädchen bei ſich verſteckt, das kann ich feierlich verſichern.— Bei San Jago!“ — Im Reibſtein. 181 „Schwör' du lieber bei einem vernünftigen deutſchen Heiligen— oder beim Gambrinus meinetwegen!“ rief Herr Wurzel.„Alſo du lügſt mich nicht an?“ „Gewiß nicht; aber,“ ſetzte der Kellner geheimnißvoll hinzu,„Herr Don Larioz hat ſich vorgenommen, die Sache zu unterſuchen, und wenn der mit ſeinem langen Stoß⸗ degen über die Gebrüder Breiberg kömmt, da können ſie ſich freuen.“ Der Kupferſtecher hatte das Stückchen Holz, woran er geſchnitzelt, ſowie das Meſſer auf die Bank gelegt, dann ſein Glas mit einem tüchtigen Zuge geleert, machte aber jetzt eine abwehrende Handbewegung, als Windſpiel, eingedenk des Ver⸗ weiſes von vorhin daſſelbe wieder füllen wollte. Herr Wurzel ſtrich mit der Hand über den vollen Bart und ſprach, nach⸗ dem er einen Augenblick nachgedacht: „Den Breibergs würde ich ſchon was Gehöriges gönnen,— aber deine Geſchichte iſt zu toll und zu unwahrſcheinlich. Dem müſſen wir auf die Spur kommen.“ „Aber, Herr Wurzel,“ unterbrach ihn der Kellner mit einer bittenden Geberde,„wenn die daneben erführen, daß ſich der edle Don Larioz für das unglückliche Mädchen intereſſirt, ſo würde es ihr noch viel ſchlechter ergehen.“ „Sei kein Kameel, Windſpiel!“ antwortete barſch der Kupfer⸗ ſtecher;„du wirſt mich doch wohl nicht für eine Plaudertaſche halten! Aber der Sache muß man auf den Grund kommen; ihr zu Lieb will ich vergeſſen, daß Jean Baptiſt ein Flegel gegen mich geweſen, unter einem Vorwande hinüber gehen und dabei ſchon ins Klare kommen.“ „Aber nicht wahr, Herr Wurzel,“ bat der Kellner wie⸗ derholt,„Sie nehmen ſich in Acht? Sehen Sie, wie ſollte ich Zweiunddreißigſtes Kapitel. je wieder vor den Herrn Don Larioz treten können, nachdem ich an ihm zum Verräther geworden bin?“ „Was das anbelangt,“ entgegnete der Kupferſtecher, indem er ſich von der Bank erhob,„ſo wäre es vielleicht gar kein Schade für dich, wenn du dieſen Umgang abbrächeſt; aber ſei nur ruhig. Wenn es ſich wirklich ſo verhält, wie du und dein edler Spanier ſagen, ſo will ich wahrhaftig bereit ſein, ſeine Bemühungen zu unterſtützen.“ „Und ich erfahre etwas davon, was Sie geſehen?“ fragte der Kellner. „Wenn es der Mühe werth iſt, ja. Aber ich bin feſt überzeugt, die ganze Geſchichte läuft auf irgend eine Narrheit hinaus.“ Damit ſetzte Herr Wurzel ſeinen grauen, breitkrämpigen Hut auf, knöpfte den Rock zu und verließ, indem er eine Melodie pfiff und mit dem Stock in der Luft herum fuchtelte, das Gemach. Als der Kellner nun allein blieb, legte er ſeine beiden Hände vor den dünnen Leib und blickte träumeriſch in die Höhe. Eigentlich wollte er an den Himmel ſchauen, aber da ihm die bunten Scheiben die Ausſicht dorthin verſperrten, ſo blieben ſeine Blicke darauf haften, und ſeine Phantaſie graſete auf den bunten Feldern umher, welche die Maler mit allerlei ſeltſamen und abenteuerlichen Figuren geſchmückt,— Figuren und Situationen, welche wohl dazu geeignet waren, die Ge⸗ danken Windſpiels feſt in der Richtung zu erhalten, in die ſie ſich zufällig verfahren. Da war der tapfere Drachentödter in ſtahlblauer Rüſtung, wie er dem Ungethüm den Speer in den Leib ſtößt in dem Augenblicke, als dieſes die etwas ſehr ſtark entkleidete Jungfrau verſchlingen will; da ſah man die Im Reibſtein. 183 Töchter des Cid an ihren Baum gebunden und gleich daneben den Campeador ſelbſt racheſchnaubend ſein Schwert ſchwingen. Da ſah man viele bekleidete und unbekleidete Jungfrauen, bekannte und unbekannte Ritter, und alle verfolgten eifrig den gleichen Zweck: die Unſchuld zu ſchirmen, das Laſter nie⸗ derzuwerfen und mit ſtarkem Arm jedem Bedrängten bei⸗ zuſtehen. Der gute Kellner ſeufzte tief auf, als er die geharniſch⸗ ten Figuren und die ſchönen Damen, mit denen er ſich ſchon ſo oft im Stillen unterhalten, jetzt aufgeregt, wie er war, be⸗ trachtete und dabei dachte, wie er um ein paar hundert Jahre zu ſpät auf die Welt gekommen ſei und eine ſchöne Beſtim⸗ mung gänzlich verfehlt habe. Wie war es ſo unpoetiſch, hier Flaſchen und Gläſer ſpülen zu müſſen, Bier einzuſchenken, von den Malern„Windſpiel“ genannt zu werden, ſtatt viel⸗ leicht Fernando zu heißen und, wie der kleine Leibpage dort oben auf dem Glasgemälde, in Dienſten jener dicken Prin⸗ zeſſin zu ſtehen, der er eben vom Pferde zu helfen im Be⸗ griff iſt. Während Windſpiel ſo dachte, hatte er ſeine Serviette auf die rechte Schulter geworfen, den Arm keck in die Seite geſtemmt und ſchaute auf jene Attitude, wobei er ſich vor⸗ ſtellte, daß ein kleiner Mantel von weißem Seidenzeuge à la Don Juan außerordentlich kleidſam für ihn wäre. Auf einmal wurde er aber aus ſeinen Betrachtungen durch ein leiſes Lachen aufgeſchreckt, das hinter ihm erklang. Da er ſich eigentlich über dieſes Lachen ärgerte, es aber unter ſeiner Würde fand, ſich raſch umzuwenden, ſo drehte er den Kopf mit einem ſehr finſteren Geſichtsausdruck über die rechte Schulter und ſchien auch durchaus nicht freudig überraſcht zu E ——,— —,———.—— —— — — — — —— 184 Zweiunddreißigſtes Kapitel. ſein, als er in dem Lacher ſeinen Bruder erkannte, den kleinen Reitknecht, wie er ihn mit einiger Geringſchätzung zu nennen liebte, obgleich Friedrich nur um ein ſehr Geringes kleiner war als der Kellner vom Reibſteine. „So, du biſt es?“ fragte er in lang gezogenem Tone, indem er ſeine Serviette, ohne ſich zu beeilen, vom Arme herabrutſchen ließ, die Hand aber auf der Hüfte aufgeſtützt behielt. „Ja, allerdings bin ich es,“ entgegnete der Groom, der aber nicht ins Zimmer trat, ſondern an der Thür ſtehen blieb.„Wir ſind hinten in der kleinen Stube, und wenn du uns da etwas Geſellſchaft leiſten wollteſt, ſo wäre es uns an⸗ genehm.“ „Wer iſt denn das— wir?“ fragte Windſpiel, indem er den Kopf ziemlich hoch emporhob. „Lauter reſpektable Leute,“ verſetzte Friedrich mit Beto⸗ nung.„Thu doch nicht ſo, als wenn du deine Geſellſchaft auswählen könnteſt; freilich ſo langhaarige Künſtler ſind nicht dabei. Na, komm nur und bring vier gute Schoppen mit, das heißt vier, wenn du ſelbſt einen trinken willſt.“ „Du weißt wohl, Friedrich,“ antwortete der Kellner etwas gekränkt,„daß ich das hintere Zimmer nicht bediene; dafür iſt das Schenkmädchen da, und an die kannſt du dich wenden, wenn du drei Schoppen haben willſt.“ „Auch gut, aber komm du nur herüber.“ „Wir wollen ſehen,“ ſagte Windſpiel mit unverkennbarem Stolze, indem er die Serviette ſchwang und aufs Neue anfing, ſeine Gläſer zu putzen. Friedrich verſchwand durch die Thür, und Windſpiel ſprach zu ſich ſelber: Da wird er wieder welche von ſeinem Bedien⸗ Im Reibſtein. 185 tenvolk bei ſich haben; man muß das Zeug kurz halten. Die haben eine Art, ſich mit Jedem familijär zu machen, und wenn man, wie ich, an beſſere Geſellſchaft gewöhnt iſt, ſo haßt man das aus Grund ſeiner Seele. Dabei ließ er einen unterdrückten Seufzer vernehmen und ſchaute abermals zu den bunten Scheiben empor, wo ſeine Blicke wieder auf dem kleinen Pagen und der dicken Fürſtin haften blieben, die ihren Fuß ziemlich weit von ſich abſtreckte und etwas ſtark ſchielend herabſah. — —— — —— S—— — — Dreiunddreißigſtes Kapitel. Poeſie und Proſa. Friedrich war unterdeſſen nach dem hinteren Zimmer gegangen, einem kleinen Stübchen, wo nur ein einziger Tiſch mit vier Stühlen Platz hatte, weßhalb dieſes Stübchen gewöhnlich von Partieen benutzt wurde, die unter ſich und allein ſein wollten. Zwei Stühle waren ſchon beſetzt, als der Groom eintrat, und zwar der eeine durch den Gärtner An⸗ dreas, der ſo breit wie möglich vor dem Tiſche ſaß, beide Arme darauf gelegt hatte und mit halb geſchloſſenen Augen vor ſich hin lächelte, wie er gern zu thun pflegte, wenn er ſich in gemüthlicher Laune befand, das heißt bei ihm, wenn es irgend eine Bosheit zu überlegen oder auszuführen gab. Seinen Nachbar würde der geneigte Leſer ſchwerlich wieder erkennen, obgleich wir ſchon einmal im Verlaufe dieſer wahrhaftigen Geſchichte uns erlaubt haben, denſelben vorzu⸗ ſtellen. Es war das ein hübſch ausſehender Mann in ele⸗ gantem ſchwarzem Paletot, einer feinen, untadelhaften Hals⸗ Poeſie und Proſa. 187 binde, aus der blendend weiße Hemdkragen hervorſahen, und einem Kopfe, den man hätte ſchön nennen können, wenn die Geſichtsfarbe nicht gar ſo bleich und verlebt geweſen wäre, und wenn nicht beſtändig um den Mund ein unangenehmes, malitiöſes Lächeln geſpielt hätte. Der Mann trug einen ſchwarzen Backenbart, von den Wange in einer ſcharfen Linie gegen die Mundwinkel laufend, ſein ebenfalls ſchwarzes Haar war ſorgfältig friſirt, an den Händen trug er Handſchuhe, und die Art, wie er den rechten Arm auf den allerdings nicht übermäßig ſauberen Tiſch aufgelegt hatte, zeigte, daß er ſich ſcheue, mit demſelben in Berührung zu kommen, und nur ungern ſeiner Bequemlichkeit dieſes Opfer brachte. Es war Francois, der Kammerdiener der Baronin von Braachen, und wenn man ihn genau anblickte, ſo ſah man auf ſeinem weißen Geſichte immer noch eine feine, röthliche Schmarre, die zuweilen mit dem Finger zu befühlen er ſich ſeit jener Zeit zur Gewohnheit gemacht hatte,— eine Be⸗ rührung, die gerade nicht dazu geeignet war, wohlwollende Gefühle für die Tochter ſeines Herrn aufkommen zu laſſen. Er hatte ſich ein Glas Punſch geben laſſen, da er Bier oder Wein nicht zu trinken pflegte. Als der Groom eintrat, hob Andreas ſeinen Kopf empor und fragte:„Nun, iſt dein Herr Bruder zu Haus? Werden wir die Ehre von ihm haben, oder verſchmäht er uns?“ „Glücklicherweiſe verſchmäht er uns vorderhand,“ antwor⸗ tete Friedrich lachend.„Später ſchenkt er uns wohl doch auf einen Augenblick die Ehre ſeiner Geſſellſchaft.“ Er rückte einen Stuhl an den Tiſch und ſetzte ſich nieder. Der Gärtner hob ſein Glas empor, hielt es gegen das Licht, wobei er leiſe vor ſich hin pfiff, dann trank er und — — — 3 — — — — Dreiunddreißigſtes Kapitel. 188 ſagte zu dem Kammerdiener:„Es iſt mir unbegreiflich, daß Sie, wie Sie vorhin ſagten, kein Bier trinken. Jetzt im Winter kann man es am Ende ſchon laſſen, aber wenn ich Sommers das warme Zeug da in mich hinein gießen müßte, da käme ich vor Hitze um.“ „Sommers trinke ich Waſſer oder etwas Limonade,“ ſprach der Italiener affektirt, wobei er ſeinen Backenbart ſtrich und dann mit dem Zeigefinger leicht über jene Schramme fuhr. „Da hat unſer Friedrich dort eine Aehnlichkeit mit Ihnen,“ ſprach der Gärtner lachend,„das heißt, er thut ſo, als wenn er Bier oder Wein für ſein Leben gern tränke; aber von dem, was eine Fliege vertragen kann, hat er ſchon einen Rauſch. Ich behaupte, er hat ſo ſchon zu viel Geiſt in ſich, daher macht ein bischen mehr gleich Spektakel bei ihm.“ Der Groom trank wohlgefällig aus ſeinem Glaſe, als der Andere ſo von ihm ſprach, und Francois, ohne ſeinen Kopf im Geringſten zu wenden, warf einen ſpöttiſchen Blick auf ihn. „Ich ſage Ihnen,“ wandte ſich Andreas an den Kammer⸗ diener,„das iſt überhaupt ein ganz merkwürdiger Kerl, der Kleine da. Wo es bei ihm ſteckt, das habe ich noch nie er⸗ gründen können; aber ſollten Sie glauben, daß alle Frauen⸗ zimmer in ihn vernarrt ſind? Da iſt die Nanett, die Kam⸗ merjungfen der gnädigen Frau, die hat er völlig unglücklich gemacht.“ Der kleine Reitknecht zuckte mit den Achſeln, als wollte er ſagen, er verſtehe wohl die Worte des Gärtners nach ihrem wahren Werthe zu beurtheilen; doch zeigte ſich zu gleicher Zeit auf ſeinem Geſichte ein pfiffig ſein ſollender Aus⸗ 2 Poeſie und Proſa. 189 druck, der erkennen ließ, wenn man ihn auch zum Beſten habe, ſo wiſſe er doch, was er wiſſe. „Und warum hat er die Nanett unglücklich gemacht?“ fragte Frangois, nachdem er an ſeinem Punſchglaſe genippt. „Weil er ihr Hoffnungen erregt, die er ſpäter nicht Luſt hatte zu erfüllen.“ „Wer doch auch ſo übertreiben könnte, wie Ihr, An⸗ dreas!“ ſagte nun der Reitknecht.„Ja, es iſt wahr, ich war gegen das Mädchen aufmerkſam, und ſie hat das freundlich aufgenommen, aber dabei blieb's auch,“ fügte er mit einem ernſten Blicke hinzu, während er leiſe ſeufzte.„Von Unglück⸗ lichſein ihrerſeits iſt keine Rede. Ja, ihrerſeits nicht.“ Der Gärtner kniff ſein linkes Auge gegen den Kammer⸗ diener zu, der zum Zeichen des Einverſtändniſſes ganz leicht mit dem Kopfe nickte und darauf ſprach: „Das Ihrerſeits, was Sie zweimal wiederholten, läßt ja faſt vermuthen, als wenn Jemand anders unglücklich wäre. Friedrich, Friedrich! Sie ſind ein feiner Menſch und ein verwegener Geſelle.“ „Ja, verwegen iſt er,“ ſagte Andreas ſcheinbar mit gro⸗ ßem Eifer und großer Aufrichtigkeit.„O, er iſt ſo verwegen, daß man das gar nicht ſagen kann.“ „Im Grunde hat er Recht,“ entgegnete der Kammer⸗ diener, nachdem er, wie über etwas ernſtlich nachdenkend, vor ſich auf den Tiſch geſchaut.„Wer nicht in die Höhe ſtrebt, der bleibt am Boden kleben, und— wer nicht wagt, der gewinnt auch nicht.“ „Da eben liegt der Hund begraben,“ verſetzte der Gärt⸗ ner mit ſehr beſtimmten Tone.„Ich verſichere Sie, in ſeinem Geſchäfte hat er einen ungeheuren Muth; im Reiten 190 Dreiunddreißigſtes Kapitel. thut's ihm Keiner gleich, das ſagt ſogar der Kutſcher, der ſonſt immer Händel mit ihm hat. Aber wo es auf etwas Anderes ankommt, da iſt Monſieur Friedrich nicht zu haben.“ „Das kann man von mir nicht ſagen,“ entgegnete der kleine Groom gekränkt.„Was Einer wagen kann, das thu' ich auch.“ „Man kann ſich das nicht geben, wenn man's nicht hat,“ meinte Frangois.„Aber in dem Falle wäre es ſchade, wenn er ſich durch eine übergroße Scheu vielleicht von ſeinem Glücke abhalten ließe.“ „Ja, was Glück!“ ſprach Friedrich, wobei 8 ſich am Kopfe kratzte;„das ſagt der Andreas nur ſo, um mich anzu⸗ treiben.“ „Um dich anzutreiben?— Da ſeh' einmal Einer!“ rief der Gärtner im Tone des größten Erſtaunens.„Was habe ich davon, ob du dich antreiben läſſeſt? Und dann will ich dich auch gar nicht antreiben; ich habe nur geſagt: wenn er nicht ſieht, daß das Fräulein ihm über alle Maßen wohl⸗ geneigt iſt, muß er blind ſein, wie ein Maulwurf.“ Friedrich blickte erwartungsvoll auf den Kammerdiener, der mit dem Kopfe nickte und nach einigen Sekunden ſagte: „Auch mir iſt das ganz glaublich, ja, ja, vollkommen er⸗ klärlich.“ 3 „Siehſt du, ungläubiger Thomas?“ nahm Andreas aber⸗ mals das Wort, wobei er den Andern leicht an den Arm ſtieß, wie um ihn aufmerkſam zu machen.„Auch dem Herrn Francois iſt das glaublich und erklärlich. Und daß der ſolche Geſchichten kennt, das wirſt du doch wohl nicht läugnen wollen.“ „Es liegt Alles in der Art,“ fuhr der Kammerdiener Poeſie und Proſa. 191 fort,„wie das Fräulein ihm ihr Wohlwollen zu erkennen gibt; man kann damit anziehen und abſtoßen. Wenn ſie freundlich mit ihm iſt, ſo wollte das nicht viel beweiſen; man müßte erſt wiſſen, ob ſie ihn auf irgend eine Art, und wie, den Andern vorzieht.“ „Na, wenn Friedrich nicht wiſſen ſollte, daß ſie das thut, ſo will ich ein Schaf ſein!“ rief der Gärtner, indem er die Hände zuſammenſchlug.„Das läßt ſich an tauſend Kleinig⸗ keiten merken. Will ſie bei Tiſche Waſſer haben, ſo muß es ihr Friedrich präſentiren, tritt ſie auf ihren Spaziergängen durch den Garten in den Stall, ſo thut ſie es gewiß nur in dem Augenblicke, wenn er dort iſt.— Kannſt du das läug— nen?“ wandte er ſich an den Reitknecht.„Und kannſt du auch läugnen, daß ſie neulich abſichtlich ihr Taſchentuch fallen ließ, damit du es ihr in die Hand geben ſollteſt?“ „Daß ſie es fallen ließ, iſt ſchon wahr,“ ſagte der Groom,„aber eine Abſichtlichkeit— nein, daran kann ich nicht glauben.“ „Man läßt im Stalle nie ohne Abſicht ein Taſchentuch fallen,“ ſprach in ſehr beſtimmtem Tone der Kammerdiener, „ich kenne das.“ „Hörſt du, Herr Francois kennt das!“ rief Andreas eifrig. Doch fuhr er gleich darauf achſelzuckend und mit großem Unmuth fort, wobei er aber, ohne daß es Friedrich ſah, einen aufmunternden Blick auf den Kammerdiener warf: „Doch was geht mich die ganze Geſchichte eigentlich an? Wenn ich dem Burſchen da nicht ſo gut wäre und es mich freuen würde, wenn er zu ſeinem Glücke käme, da hätte ich wahrhaftig nie ein Wort darüber verloren. Sieh den Herrn Kammerdiener an, was das für ein Mann geworden iſt. 192 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Und wie die Sachen ſtehen, könnteſt du es noch weiter brin⸗ gen.— Glauben Sie wohl,“ fuhr er gegen Francois ge⸗ wandt fort,„daß in, für das Fräulein ein Bouquet machen ſollte, und daß ſie mir ſagte, als ich es ihr übergeben wollte: Friedrich kann es auf mein Zimmer tragen! Nun, wenn das nicht deutlich genug iſt, dann weiß ich nicht mehr, was deut⸗ lich ſein ſoll.“ Der Kammerdiener fuhr mit den Fingern leicht und wie⸗ derholt über die Schramme in ſeinem Geſichte, dann ſagte er wie zu ſich ſelber:„Ja, ja, es liegt in der Familie.“ Obgleich er dies ſehr leiſe ſprach, ſo hatte es doch Fried⸗ rich, der geſpannt auf ſeine Worte horchte, wohl verſtanden. „Wenn Jemand freilich,“ fuhr der Kammerdiener laut fort,„keinen Muth beſitzt, ſo greift er eine Sache falſch an und verdirbt mehr, als er gut macht.“ „Ja, Muth muß man freilich haben,“ meinte auch der Gärtner, indem er verdrießlich die Arme über einander ſchlug; „aber der iſt nicht Jedermann gegeben.“ „Ihr habt gut reden, Andreas!“ rief der Groom ärger⸗ lich,„was ſoll ich da meine Haut zu Markte tragen, wo ich doch überzeugt bin, daß Alles nichts iſt? Freilich iſt ſie ſchön, ach! ſo ſchön, daß Einem das Herz aufgeht, wenn man ſie nur anſieht; aber auch ebenſo ſtolz; und wenn ich auch Muth genug habe, ſo muß ich doch ſagen, daß ich faſt in die Kniee ſchnappe, wenn ſie nur einen ernſten Blick auf mich wirft.—— Dann— iſt— auch—— der gnädige Herr—“ Frangois horchte auf, doch trank er im nächſten Augen⸗ blicke ſcheinbar mit großer Gleichgültigkeit aus ſeinem Glaſe. Der Gärtner hatte aber wohl den Blick im Auge des Italieners bemerkt und ſagte, indem er ſehr künſtlich lachte: Poeſie und Proſa. 193 „Friedrich, du biſt doch ein kleines Ungeheuer! Was willſt du vom gnädigen Herrn ſagen?“ „Ich will nichts von ihm ſagen,“ antwortete mürriſch der Reitknecht.„Aber er hat die Augen ſo auf alles, was im Hauſe geſchieht, namentlich auf das, was das Fräulein thut, daß ihm nicht das Geringſte entgehen könnte.“ „Seh' mir Einer den Unverſtand an!“ ſagte Andreas. „Als wenn der gnädige Herr etwas ſehen ſollte, was ſie nicht will ſehen laſſen. Aber ſparen wir unſere Worte; man muß Niemand zu ſeinem Glücke zwingen wollen, der keine Luſt hat, etwas dafür zu wagen.“ „Das Gleiche denke ich auch,“ meinte Francois, geziert lächelnd.„Da ich meinen Punſch ausgetrunken habe, auch meine Zeit zu Ende geht“— er zog dabei mit großer Ab⸗ ſichtlichkeit ſeine ſchöne goldene Cylinderuhr aus der Taſche, die an einer ſchweren Kette von gleichem Metall hing—„ſo denke ich, wir ſparen unſere Worte und laſſen den Herrn Friedrich thun, was ihm gut dünkt.“ Damit erhob er ſich, und der Gärtner folgte ſeinem Bei⸗ ſpiele; dann ſchlug Letzterer den Groom leicht auf die Schul⸗ ter, und ſagte ihm:„Ueberlege genau, was wir geſprochen. Ich muß jetzt nach Hauſe, um meine Glashäuſer zuzudecken. Du wirſt wohl noch da bleiben und deinen Bruder erwarten. Geh in dich und faſſe Muth; wahrhaftig, wenn ich an dei⸗ ner Stelle wäre, da ſollteſt du in den nächſten Tagen was erleben.“ Damit gingen die beiden würdigen Männer zur Thür hinaus, Frangois mit hoch erhobenem Kopfe, geſpitztem Munde, ohne ſich nach dem kleinen Reitknechte umzuſchauen. Während er durch die vorderen Zimmer der Wirthſchaft ging, Hackländer, Don Quixote. III. 13 194 Dreiunddreißigſtes Kapitel. liebte er es, ſeine ſchwere goldene Kette häufig um den Zeige⸗ finger zu wickeln. Vor der Hausthür angekommen, blieben die Beiden bei einander ſtehen und der Kammerdiener ſagte:„Nur nicht nach⸗ laſſen! Man muß dem dummen Burſchen jeden Tag einhei⸗ zen, bis er warm genug iſt. Macht er aber einmal einen dummen Streich, dann verlaſſe ich mich auf Sie, Andreas, daß Sie mich aufs Schnellſte davon in Kenntniß ſetzen.“ „Und wenn es am Ende doch nichts nützt?“ antwortete der Andere.„Wenn das gnädige Fräulein einfach die Reit⸗ peitſche nimmt und unſeren Freund zum Hauſe hinaus jagt, was dann?“ „Einen Skandal gibt's auf alle Fälle,“ entgegnete Fran⸗ gois, nachdem er einen Augenblick nachgedacht.„Und wie ich dieſes wilde, trotzige Geſchöpf kenne“— bei dieſen Worten ſtrich er abermals über ſeine Wange und biß die Zähne leicht auf einander—„reißt das ſo tief in ihr Herz, daß da Alles zu erwarten iſt. Das Haus muß ihr verhaßt werden. Auch können Sie ſich denken, daß ich ſchon auf andere Weiſe vorgearbeitet habe. Man hört hier und da etwas, wie auf⸗ fallend ſich der Herr Baron von Breda ſeiner Nichte an⸗ nimmt; die guten Leute ſchütteln begreiflicher Weiſe den Kopf darüber und finden daran eine ausgeſprochene Neigung. Das geradezu bei uns zu ſagen, werde ich mich wohl hüten; denn die gnädige Frau ließ ſchon früher einmal Worte fallen—— aber,“ unterbrach er ſich mit einem Mal,„wie vorhin be⸗ merkt: unterlegt iſt die Sache aufs Beſte, es braucht nur eines gelinden Anſtoßes, und wir rollen von unſerer Höhe den Berg hinab.“ „Wir hören dann auf, alte Diener des Hauſes zu be⸗ Poeſie und Proſa. 195 aufſichtigen und zu chicaniren!“ rief triumphirend der Gärtner. „Und wenn wir darauf wieder ſehr enttäuſcht in die Hei⸗ mat zurückkehren, ſo werden wir uns doch nach und nach entſchließen müſſen, in manchen ſehr ſauren Apfel zu beißen.“ Dies ſagte Francois, der Kammerdiener, indem er be⸗ haglich ſeinen Backenbart ſtrich, während aber zugleich ein wildes Feuer aus ſeinen Augen blitzte. Darauf reichten ſich Beide die Hände, und Jeder ging ſeiner Wege, der Eine hierhin, der Andere dorthin. Der kleine Groom war in dem Hinterſtübchen allein ge— blieben, hatte den Ellbogen auf den Tiſch geſtützt und den Kopf darauf gelegt, aber in einer Art, wie man es wohl zu machen pflegt, wenn man eifrig über etwas nachdenkt, das im Stande iſt, einem den guten Humor zu verderben. Er drückte nämlich mit ſeiner Fauſt die rechte Wange ſo in die Höhe, daß von dem Auge über derſelben faſt nichts mehr ſichtbar war. Auch hatte er ſeinen Hut wieder aufge⸗ ſetzt und ihn recht ſchief auf ein Ohr gerückt, nicht weil es ihn barhäuptig fror, ſondern weil er die Schritte ſeines Bru⸗ ders vernahm, und weil er dachte, er ſehe imponirender aus, wenn er mit dem Hut auf dem Kopfe daſäße. Was ſein Herz in dieſem Augenblick bewegte, ſind wir nicht im Stande, genau anzugeben, denn er war ſich deſſen ſelbſt nicht recht bewußt. Wenn auch der Gärtner in der betreffenden Angelegenheit durch aufreizende Worte, Schmei⸗ chelreden und die handgreiflichſten Lügen aller Art ſeine Phantaſie möglichſt geſteigert hatte, ſo war er dagegen in ruhigen Momenten ſo vernünftig, ſich ſelbſt vor einem Schritte zu warnen, der neben einem ſchönen Ausgange auch verſchie⸗ Drerunddreißigſtes Kapitel. denes Unangenehme haben konnte und wobei es ſehr ungewiß blieb, welchem dieſer Ausgänge er zufliegen würde. Wir ſagen: in ruhigen, vernünftigen Momenten dachte er ſo; aber leider waren dieſe höchſt ſelten bei ihm. Der Kellner trat demnach in das Gemach, und da er die Anderen nicht hatte weggehen ſehen, ſo blickte er nicht nur einigermaßen erſtaunt um ſich, ſondern ſagte auch: „Ich glaubte, du ſeieſt in Geſellſchaft. Wo ſind denn die Anderen?“ Friedrich machte, ohne ſeine Stellung zu verändern, eine Handbewegung nach der Thür, worauf ſein Bruder fortfuhr: „Mir ſcheint, du biſt ſchlecht gelaunt, und da wird wohl unſere Unterhaltung ziemlich ſpärlich ausfallen; vielleicht willſt du auch mit deinen Gedanken allein ſein, und wenn das der Fall iſt, ſo haſt du es nur zu ſagen, ich habe ohne⸗ dies noch genug zu ſchaffen.“ Nun war es aber dem Groom in dieſem Augenblicke nicht darum zu thun, allein zu bleiben; denn ſo ſehr er auch nachdachte, brachte er doch nichts Geſcheidtes zuſammen; im Gegentheil, er begann ſich zuweilen vor ſeinen eigenen Ge⸗ danken zu fürchten, da ſie mitunter, wie nicht zu läugnen, ziemlich extravagant waren. Deßhalb veränderte er langſam ſeine Stellung, blickte ſeinen Bruder an und bemerkte:„Wenn ich allein ſein wollte, da wäre ich wohl mit den Anderen fortgegangen und nicht hier zurückgeblieben.“ „Aber verdrießlich biſt du?“ „Verdrießlich eigentlich nicht, aber bekümmert.“ Bei dieſen Worten ſtützte Friedrich den Kopf auf die linke Hand und ſeufzte ziemlich auffallend, und zugleich zwinkerte er auf eigentlich komiſche Art mit den Augen. Poeſie und Proſa. 197 Windſpiel hatte ſich auf der anderen Seite des Tiſches niedergelaſſen, ſtreckte die zuſammengefaltenen Hände vor ſich aus und drehte mit den Zeigefingern derſelben langſam das Salzfaß herum, welches vor ihm ſtand. „Wenn du bekümmert biſt,“ ſagte er,„ſo mußt du alſo Kummer haben, und da es für alle Arten von Kummer einen kräftigen Troſt gibt, ſo wäre ich vielleicht im Stande, etwas für dich zu thun, wenn du es nämlich für gut fändeſt, mir die Urſache deines Kummers mitzutheilen.“ Der kleine Reitknecht ſpuckte neben ſich auf die Erde, wobei er ſich bemühte, ein recht melancholiſches Geſicht zu machen; dann entgegnete er: „Es gibt eine gewiſſe Art Kummer, welchen zu fühlen du aber noch nie Gelegenheit hatteſt“— dies ſprach er mit Geringſchätzung—„und den nur eine einzige Perſon zu lin⸗ dern im Stande iſt. Daß du aber dieſe Perſon nicht biſt, das kann ich dir verſichern.“ „Das wäre Liebeskummer,“ meinte Windſpiel,„der ſchlimmſte von allen.“ Er ließ das Salzfaß los und bewegte die Finger, als ſei er gerade im Begriff, die Saiten einer Guitarre zu ver⸗ arbeiten.„Ja, Liebeskummer. Es iſt eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie immer neu, Und wem ſie juſt paſſiret, Dem bricht das Herz entzwei. —— Und doch ſagt der Dichter: Glücklich allein iſt die Seele, die liebt. Es iſt das ſehr ſchön componirt, und ich ſpiele es zu⸗ weilen Abends, wenn der Mond ſcheint.“ 198 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Was der Dichter ſagt, iſt mir ſehr gleichgültig,“ ver⸗ ſetzte mürriſch der Groom;„nur ſo viel iſt gewiß, daß, wenn ich liebe, ich das durchaus nicht mit großem Glücke thue.“ „So liebſt du alſo unglücklich?“ ſprach der Kellner mit einem leichten Anflug von Begeiſterung.„Das iſt um ſo ſchöner.“ „Warum um ſo ſchöner?“ „Weil es ſehr poetiſch iſt. Hangen und bangen in ſchwebender Pein, Himmelhoch jauchzen, zum Tode betrübt, Glücklich allein iſt die Seele, die liebt.“ Diesmal ſang Windſpiel die Melodie zu den Worten, wobei ihm der Reitknecht zuhörte, mit finſterem Blick und einem unverkennbaren Zug von Verachtung um die aufge⸗ worfenen Lippen. Doch ließ er ſich gleich darauf herab, zu ſagen:„Man kann unglücklich lieben und doch wieder nicht unglücklich.“ „O ja, das kann man,“ antwortete ſchwärmeriſch der Kellner, indem er ſeine Augen gegen die Zimmerdecke erhob. „Man kann zum Beiſpiel eine vornehme Dame lieben, auch von ihr wieder geliebt werden, aber unſerer Verbindung ſtellen ſich unüberwindliche Hinderniſſe in den Weg. Das iſt noch ſchöner, noch poetiſcher.“ Er begleitete dieſe Worte mit einer ausdrucksvollen Be⸗ wegung der rechten Hand. „Und daran findeſt du nichts Unrechtes?“ fragte Friedrich. „Gewiß nicht; wer kann ſeinem Herzen gebieten?“ „Nun, dann freut es mich, daß wir doch einmal einerlei Anſicht ſind— denn ich liebe eine vornehme Dame.“ Poeſie und Proſa. 199 „Oh, oh!“ machte Windſpiel mit einem Tone großer Ueberraſchung.„Du? Mach keinen ſchlechten Spaß!“ „Na, ob das wie ein ſchlechter Spaß klingt!“ ſprach der kleine Reitknecht gereizt, ſchob ſeinen Hut noch verwegener auf das Ohr und ſetzte ſich aufrecht hin, um ſeinen Bruder feſt anzuſehen.„Und wenn dir das ſo unglaublich erſcheint, ſo dauern mich die paar Worte, die ich an dich verſchwendet.“ „Bei Gott iſt allerdings nichts unmöglich,“ antwortete Windſpiel kleinlaut.„Aber iſt es wirklich eine vornehme Dame, oder thut ſie nur ſo?“ „Sie thut nicht nur ſo,“ verſetzte der Andere in weg⸗ werfendem Tone,„ſie iſt es in der That.“ „Und ſie liebt dich?“ „Wenn ich nicht irre, ja.“ „Darin kann man ſich ſchwerlich irren,“ meinte der Kellner kopfſchüttelnd.„Aber zu einer Erklärung iſt es zwi⸗ ſchen euch noch nicht gekommen?“ „Bis jetzt noch nicht,“ ſprach der Groom mit leiſer Stimme, wobei er, offenbar von widerſprechenden Gefühlen bewegt, die Augenbrauen emporhob und ſich an dem Kopfe kratzte.— „Das geht nicht ſo geſchwind; ich bin doch eben nur Reit⸗ knecht, und ſie iſt eine vornehme Dame.“ „Kennt denn die Liebe Standesunterſchiede?“ ſagte Wind⸗ ſpiel begeiſtert.„O nein!“ Dabei lächelte er ſüß und machte abermals mit den Fingern eine Bewegung, als ſei er mit ſeiner Guitarre be⸗ ſchäftigt. Im ſüßen Traum, bei ſtiller Nacht, Da kam zu mir, mit Zaubermacht, Dreiunddreißigſtes Kapitel. Mit Zaubermacht, die Liebſte mein, Sie kam zu mir ins Kämmerlein.“ „Alſo hältſt du es doch für möglich, daß mich die vor⸗ nehme Dame liebt?“ Der Kellner warf einen trüben Blick auf ſeinen Bruder und antwortete dann zögernd:„O ja, es iſt ſchon möglich; natürlich wirſt du aber keine Beweiſe haben.“ „Und wenn ich dieſe Beweiſe hätte, würdeſt du mir ra⸗ then, eine Erklärung zu wagen?“ „Gewiß!“ rief Windſpiel,, indem er wiederholt mit der Hand agirte.„Eine ſolche Erklärung ſoll etwas ganz Köſt⸗ liches ſein; ſie allein, wie die Dichter ſagen, iſt ſchon im Stande, eine Liebe zur völligen Reife zu bringen, alle Schranken zu durchbrechen.— Ich liebe dich! O, wie das wunderſchön klingt! Wahrhaftig, ich muß mich nächſtens auch einmal zu einer Leidenſchaft verſtehen, nur um ſagen zu kön⸗ nen: Ich liebe dich.“ Der kleine Reitknecht pfiff vor ſich hin, wie er zu thun pflegte, wenn er Lord, der zuweilen unruhig ſein konnte, ſtriegelte und putzte. Dann ſpuckte er abermals heftig auf den Boden und meinte: „Es hat doch ſeine Schwierigkeiten. Wenn ich mich ge⸗ irrt hätte und die vornehme Dame lachte mich aus, ſo wäre das ſehr unangenehm.“ „Unangenehm wohl, das iſt nicht zu läugnen,“ ſagte Windſpiel, wobei er nachdenkend vor ſich hinſah.„Aber poe⸗ tiſch, ſehr poetiſch. Und dann iſt noch kein Baum auf den erſten Hieb gefallen. Wenn ſie ſich auch von dir abwendet“ — dabei machte der Kellner die Bewegung des Abwendens Poeſte und Proſa. 201 ſehr ausdrucksvoll—„ſo muß die Fürſtin doch denken,“ fügte er ſchwärmeriſch hinzu,„dieſer Leibpage iſt ein kecker Knabe. Und wenn du ihr das nächſte Mal vom Pferde hilfſt“ — er dachte an das Glasgemälde—„ſo wirſt du vielleicht einen zarten Druck ihrer Hand auf deinem Arm verſpüren.“ „Ja, vom Pferde hilft ihr der gnädige Herr gewöhnlich ſelber,“ ſagte Friedrich, der nicht dazu gemacht war, dem poetiſchen Fluge ſeines Bruders zu folgen.„Und der Herr Baron iſt es auch, den ich am meiſten fürchte.“— Doch glaubte er bei dieſen Worten von ſeinem Geheimniß ſchon zu viel verrathen zu haben, denn er trank ſein Glas leer, dehnte ſeine kurzen Glieder, während er aufſtand, und ſprach:„Alſo du an meiner Stelle würdeſt einmal eine Er⸗ klärung riskiren?— Natürlich unter vier Augen; denn was Niemand geſehen hat, das kann man, wenn es ſchief geht, abläugnen.“ „Abläugnen würde ich nie etwas,“ meinte Windſpiel ſehr ernſt.„Muthig würde ich hinſtehen und fragen: Iſt denn lieben ein Verbrechen? darf man denn nicht zärtlich ſein?— Und wenn der alte Fürſt ſeine Trabanten kommen ließe und mich in den tiefen, dunkeln Keller werfen— gut, er thue es! — kann er mir verbieten, an Roſaura zu denken und zum Klange des Saitenſpiels zu ſingen:. Auf Flügeln des Geſanges, Herzliebchen, trag' ich dich fort, Fort nach den Fluthen des Ganges, Dort weiß ich den ſchönſten Ort.“ „Ja, du weißt den ſchönſten Ort, aber auch wie es in der Welt zugeht,“ antwortete der Groom mit vieler Gering⸗ 202 Dreiunddreißigſtes Kapitel. ſchätzung, während er dabei die Achſeln zuckte.„Wenn aber der Fürſt ſeine Reitpeitſche von der Wand nähme, dich tüch⸗ tig durchwichste und dann zum Hauſe hinausjagte?— He, Bürſchlein!“ „Das ſoll auch ſchon vorgekommen ſein,“ meinte der Kellner, indem er die Hände zuſammenlegte.„In ſolchem Falle würde ich den Umſtänden gemäß handeln und vielleicht einen meiner Handſchuhe zurücklaſſen, denn ſo ein Handſchuh bedeutet—“ „Na ja, es iſt ſchon gut,“ unterbrach ihn Friedrich. „Vor allen Dingen bitte ich dich aber, reinen Mund zu halten, über das, was wir hier geſprochen; auch gegen deine Maler da vorne. Nimm dich in Acht, die treiben doch nur Narrheiten und Unſinn mit dir, machen dich doch nur zum Affen und locken aus dir heraus alles, was ihnen gut dünkt.“ Windſpiel lächelte mitleidig und ſagte, nachdem er ſei⸗ nem Bruder aufmerkſam in's Geſicht geblickt:„Ich ver⸗ zeihe dieſe Worte deinem gereizten Gemüthe, und damit du ſiehſt, daß du mich durchaus nicht beleidigt haſt, will ich dir noch obendrein einen Vorſchlag machen: ſchicke mich zu der vornehmen Dame, ich will ſo eindringlich mit ihr ſprechen, daß ſie ein Herz von Kieſelſteinen haben müßte, wenn ſie nicht ſagte:— Ja, ich liebe ihn, dieſen Friedrich— dieſen verwegenen Knaben.“ „Mit deinem verfluchten Knaben!“ antwortete der kleine Reitknecht erzürnt.„Sehe ich denn aus wie ein Bub? Du haſt doch am allerwenigſten Urſache, über meine Figur zu ſpotten.“ „Ich will auch gar nicht ſpotten,“ entgegnete Windſpiel zul 9 ſiel Poeſie und Proſa. 203 freundlich;„es iſt nur ſo eine Redeweiſe. Aber was meinſt du zu meinem Vorſchlag?“ „Dazu meine ich gar nichts,“ erwiderte der Andere un⸗ wirſch, während er nach der Thür ging.„Aber, wie ſchon geſagt, halte dein Maul und laß dir nichts merken.“ Friedrich zog ſeinen kurzen Livreerock recht ſcharf in die Taille, warf einen Blick in den Spiegel, um zu ſehen, ob der Hut richtig ſitze, und verließ dann mit einem Kopfnicken gegen ſeinen Bruder das Zimmer und ging gleich darauf aus dem Hauſe. Vierunddreißigſtes Kapitel. Ein Abenteuer. Dem Laufe der Stunden nach folgte auch an dieſem Tage die eine der andern, der Nachmittag verging, und gemäß dem kurzen Wintertage ſank die Sonne ſchon bald an dem klaren Himmel hinab gegen die fernen Berge zu, mit dem ſcharfen Lichte ihrer letzten Strahlen noch einmal die Erde küſſend, ehe die kalte Nacht ihren winterlichen Schleier dar⸗ über breitete. Windſpiel hatte ſeine Geſchäfte beſorgt, das Gemach beſtens hergerichtet, wo ſich in ſpäterer Stunde die Künſtler zu verſammeln pflegten, und wollte gerade, wie ihm in der Dämmerſtunde erlaubt war, für einige Augenblicke in ſeine beſcheidene Dachſtube hinaufſteigen, als er, durch den Haus⸗ gang gehend, die lange Geſtalt ſeines Freundes und Gönners Don Larioz erblickte, der eben zur Thür herein kam. Man kann ſich denken, mit welcher Freude der Kellner ſeine allè⸗ ners Uner Ein Abenteuer. 205 demſelben entgegen eilte und ihn nöthigen wollte, in eines der Gaſtzimmer zu treten, wo ſich nur hier und da an irgend einem Tiſche ein Gaſt befand und deßhalb Platz genug zu finden geweſen wäre. Der Spanier aber blieb, dankend für das Anerbieten, im Gange ſtehen und wollte nicht einmal in das Gemach eintreten, das ihn damals ſo gaſtlich aufgenommen und wo ſich die Verbrüderung zum Dolche Rubens zu verſammeln pflegte. „Wäre es Ihnen wohl erlaubt,“ ſagte er nach den erſten freundſchaftlichen Begrüßungen,„mich für eine kurze Zeit in Ihr eigenes Zimmer zu führen, ſo würde ich das mit großem Dank annehmen.“ Obgleich ſich der Kellner durch dieſe Bitte geſchmeichelt fühlte, ſo hielt er doch ſeine Wohnung für gar zu beſcheiden und ärmlich, um ſie einem ſo hochgeehrten Gaſte anzubieten, und machte in dieſer Richtung ſeine Einwendungen. Doch war Larioz der Mann nicht, der die Wohnung eines Freundes gering geachtet hätte, weil ſie nicht im erſten oder zweiten Stocke lag, weil ihre Wände ſchief unter das Dach hinliefen, und weil die Möbel in derſelben von einer faſt rührenden Urſprünglichkeit waren. Auch lächelte er ſo eigenthümlich, als er darauf beſtand, in die Dachkammer des Kellners hinaufzuſteigen, daß dieſer wohl einſah, der Spanier habe ſeine beſonderen Gründe; und dieſe Gründe lagen ja auch ſo nahe, daß es nicht des guten Taktes Windſpiels in ſolchen Dingen bedurft hätte, um ſie augenblicklich zu erken⸗ nen und darauf, dem Wunſche ſeines Gönners gemäß, dieſen ſogleich unter das Dach zu begleiten. Es ging auf einer ebenſo dunkeln Treppe aufwärts, wie 206 Vierunddreißigſtes Kapitel. die im Breiberg'ſchen Hauſe war. Doch wurde hier die Phan⸗ taſie nicht aufgeregt von ſeltſamen Geräthen und. geheimniß⸗ vollem Gerümpelwerk, von Helmen mit wehenden Straußen⸗ federn oder ſogar von rothen Tricots; hier hatte Alles ein einfaches, offenes und ehrliches Anſehen. Die alten Treppen⸗ ſtufen knarrten freundlich und zufrieden, obgleich ſie ſehr aus— getreten waren; der Strick, der Einen in die Höhe leitete, war kühl und glatt, und alles vielleicht Außergewöhnliche, auf welches das Auge traf, wenn man die Höhe der Treppe er⸗ reicht hatte, beſtand in einem halben Dutzend harmloſer, ſtrammer Mehlſäcke. Die Kammer des kleinen Kellners war durch Bretterver⸗ ſchläge dem Dachboden abgerungen, jedoch mit verſchiedenen Stücken alter Tapeten bekleidet, die nur leider an vielen Stellen geriſſen waren, wo die Trockenheit der Luft nämlich die Bretter nach und nach zuſammengezogen. Doch hatte Windſpiel hier nachgeholfen, indem er Streifen Druckpapier über die Fugen geklebt, was ſehr praktiſch war und auch recht artig ausſah. Leider befand ſich das Lager des Bewohners noch in etwas unordentlichem Zuſtande, da das Schenkmädchen keine Zeit gehabt hatte, danach zu ſehen; auch lagen hier und da Kleider umher, die aber der Kellner alsbald beſeitigte und darauf ſeinem Gaſte den einzigen Stuhl der Kammer anbot. Für den uns ſchon bekannten poetiſchen Sinn des Bewohners ſprachen ein paar Gedichtſammlungen, die auf einer Kiſte lagen, ſowie eine Guitarre mit himmelblauem Bande, welche über derſelben an einem Nagel hing. Don Larioz dankte freundlich für das Anerbieten des Stuhles und bat um Erlaubniß, aus dem Fenſter ſehen zu Ein Abenteuer. 207 dürfen, eine Bitte, die Windſpiel verſtand und welche ihn ſo rührte, daß er beinahe nicht im Stande geweſen wäre, den roſtigen Riegel zurückzuziehen. Doch gelang dies den vereinten Anſtrengungen Beider, worauf ſich die wackeligen Flügel aus einander thaten und der edle Spanier hinaus ſchaute, indem er mit den Schultern an beide Seiten der etwas ſchmalen Oeffnung anſtieß. Windſpiel, deſſen Gegenwart zu Beſchreibung des Ter⸗ rains höchſt nöthig war, bohrte ſeinen dünnen Kopf zwiſchen den Ellbogen des langen Schreibers hindurch und machte denſelben alsdann auf die höchſt intereſſante Umgebung auf⸗ merkſam. Beim erſten flüchtigen Blicke gewahrte man freilich nichts als Dächer und wieder Dächer, Schornſteine und abermals Schornſteine, hier und da eine Windfahne oder einen Blitz⸗ ableiter, deſſen goldene Spitze im letzten Strahle des Tages⸗ ſcheins wie glühend erſchien. Auch ſtieg ſchon der Duft des winterlichen Abends in die Höhe und füllte die tief liegenden Straßen. Für jeden Andern wäre auch eigentlich nicht viel Intereſſantes hier zu ſehen geweſen; für Larioz dagegen das Haus, welches ſie verbarg, das Fenſter, hinter welchem ſie ſchmachtete,— genug, um ihn einen ganzen Tag, in ſtille, ſelige Träumereien verſunken, an dieſe Stelle zu feſſeln. Ja, es war das Haus der Gebrüder Breiberg, welches er dort ſo dicht vor ſich ſah, daß er mit ausgeſtreckten Armen die für ihn ſo lieben Mauern faſt hätte erreichen können. Sehr leicht wäre es ihm geweſen, eine Hand zu drücken und zu ſchütteln, die gegenüber ebenfalls in dieſer Abſicht herausgeſtreckt worden wäre. Aber da war von einer Hand keine Spur, da ſah man nichts als die grauen Mauern des Hauſes, oben Dach⸗ 208 Vierunddreißigſtes Kapitel. fenſter mit zerbrochenen Scheiben, ein Stockwerk tiefer ver⸗ ſchloſſene Fenſterläden, zur Wohnung der verruchten Brüder gehörig, die ſich und ihr ſcheues Weſen hier vor den Blicken der Nachbarſchaft abzuſperren bemüht waren. Noch ein Stockwerk tiefer, da war der Ort, wohin ſich ſeine liebende Seele ſenkte. Dort ſah er die beiden Fenſter, und wenn er ſich das große Zimmer vergegenwärtigte, ſo konnte er ſich ungefähr vorſtellen, wo die ſpaniſche Wand auf⸗ geſtellt war, und dann befand ſich links von derſelben das Lager, wo ſie geruht. Ja, es waren die Fenſter des Ateliers, das bekräftigte auch Windſpiel ſchaudernd, dieſelben Fenſter, die Letzterer vor kurzer Zeit bei der Samstags⸗Nachmittagwäſche geſehen, wo er das unglückliche Mädchen erblickt in härenem Gewande, wo er jene unwürdigen Worte gehört, die Clemens Breiberg ausgeſprochen:„Die haſt du heute wieder einmal tüchtig aus⸗ geklopft!“ Die Fenſter des Ateliers waren, wie gewöhnlich der Fall, innen mit einem Carton halb verſtellt, und die Oeffnung, die oben blieb, war zu klein, um hinein zu blicken, ſelbſt wenn ſich der Spanier nicht ſo hoch über denſelben, ſondern mehr gegenüber befunden hätte. Unter den eben genannten Fenſtern befand ſich noch ein weiteres Stockwerk, deſſen Läden aber feſt verſchloſſen waren, und dann ging es auf einen feuchten Winkel hinab, den die Mauern beider Häuſer bildeten, der vorn an der Straße mit einer hölzernen Thür verſchloſſen und an welchem hinten der Verſchlag angebracht war, wo der Schreiber jenen denkwürdigen. Abend zugebracht und wo er den Spruch des großen mauriſchen Weiſen Ca⸗ rabanzeros vernommen. Ein Abenteuer. 209 An das alles dachte Larioz, während er hinab blickte, und ſein ohnedies empfängliches Gemüth wurde noch weicher, noch poetiſcher geſtimmt; ſeine Phantaſie befand ſich in leb⸗ hafter Aufregung, und es war ihm, als könne er durch die Mauern des vor ihm liegenden Hauſes in das Atelier blicken und ſehe das ſchöne, unglückliche Mädchen, entkleidet von ihrem reichen ſpaniſchen Gewande, o, ſo ſehr entkleidet von demſelben!— und als erblickte er Clemens Breiberg vor ihr ſtehend, nicht mit Schlägen drohend, wohl aber mit ſeiner Liebe. Als er das dachte, biß er die Zähne feſt auf einander und ſein Schnurrbart ſträubte ſich ordentlich empor wie der eines erzürnten Katers.— Ach, verruchte Seele! dachte er, deßhalb jene Mißhandlungen!— Aber glaube nicht, daß du dein verbrecheriſches Vorhaben ausführen wirſt! Vertrau' ich doch auf ihre Tugend und die Stärke meines Armes— bei San Jago! Der lange Spanier hatte ſich bei dieſem Gedanken ſtark aus dem Dachladen hinaus gebeugt, und ſeine Blicke bohrten ſich ordentlich in die Fenſter des Ateliers. Da war es ihm mit einem Male, als bewege ſich der Carton an dem Fenſter, welches an der ſpaniſchen Wand lag. Haſtig zeigte Larioz darauf hin, und Windſpiel beſtä⸗ tigte kopfnickend, was der Andere geſehen. Ja, der Carton wurde langſam weggerückt, und dann ſah man eine Hand,— Gott! eine kleine, weiße Hand, die ſich am Riegel des Fen⸗ ſters zu ſchaffen machte, denſelben zurückzog und dann die Flügel ein ganz klein wenig öffnete. „Sie gibt ein Zeichen,“ flüſterte Windſpiel. Larioz lächelte zweifelhaft, wie man wohl mißtrauiſch zu Hackländer, Don Quixote. III. 14 210 Vierunddreißigſtes Kapitel. lächeln pflegt, wenn uns unverhofft etwas Glückliches begegnet, von dem wir unmöglich glauben können, daß es uns wirk⸗ lich zu Theil wird. Er that einen tiefen Athemzug und ſagte: „Wenigſtens iſt das, was wir da unten ſehen, keine Täuſchung. Das Fenſter iſt in der That geöffnet worden, und es war mir wirklich, als hätte ich eine weiße Hand blinken ſehen.“ „Und ich ein glänzendes Augenpaar,“ meinte der Kellner. „Gewiß, ich habe mich nicht geirrt.“ „Stille, ſtille!— horch!“ Und Beide waren mit einem Male ſtille; denn von da unten herauf klang unverkennbar das ſanfte Vorſpiel einer Laute, weiche, melancholiſche Töne, welche das Herz um⸗ ſtricken und das Auge in den Himmel blicken laſſen. So that auch der Spanier, der entzückt an dem Dach⸗ fenſter lehnte und aufwärts ſchaute zum dunkler werdenden Abendhimmel, wo nach und nach tauſend leuchtende Funken ſichtbar wurden. Und nicht genug an dem Saitenſpiele, jetzt vernahm man eine weibliche Stimme, welche leicht und an⸗ muthig ſang. Ach, und was ſie ſang, erfüllte das Herz des langen Schreibers mit Entzücken, denn es war, allerdings in deutſcher Ueberſetzung, ein ſpaniſches Lied: „Tief im Herzen trag' ich Pein, Muß nach außen ſtille ſein. Den geliebten Schmerz verhehle Tief ich vor der Welt Geſicht; Und es fühlt ihn nur die Seele, Denn der Leib verdient ihn nicht. Wie der Funke frei und licht Sich verbirgt im Kieſelſtein, Trag' ich innen tief die Pein.“ Ein Abenteuer. 211 Windſpiel war begeiſtert; er ſchloß zuweilen die Augen, und durch ſein dünnes Gehirn zuckten Bilder von dem fernen Andaluſien, von Goldorangen, von blühenden Granaten, von Serenaden und Mandolinenklängen; er war zu mitfühlend, zu aufgeregt, um wie Larioz dabei ruhiger Zuhörer zu bleiben. Gern hätte er ſeine Guitarre genommen und mit eingeſtimmt in das ſpaniſche Lied; aber unter den vier Accorden, die er kannte, waren jene leider nicht, die drunten geſpielt wurden. Still und wonneſchauernd nahm er den Stiefelknecht zur Hand, hielt ihn wie eine Laute an den Buſen und griff in gutem, feſtem Takte auf dem unempfindlichen Holze umher. „Wohl aus hartem Felsgeſtein Sind geſchaffen unſre Herzen, Meins, das aushält ſo viel Schmerzen, Deins, das kalt bei meiner Pein.“ erklang die Stimme, worauf ſich das Saitenſpiel in ein leiſes Geflüſter verlor, dann aufhörte und ſomit anzeigte, daß die Sängerin im gegenwärtigen Augenblicke mehr nicht wa⸗ gen dürfe. Wir müſſen geſtehen, daß ſich Larioz wunderbar bewegt fühlte; noch nie in ſeinem Leben glaubte er eine weichere und lieblichere Stimme gehört zu haben. Und dieſes herr⸗ liche Geſchöpf mußte ſchmachten und ſich winden unter den Mißhandlungen der Gebrüder Breiberg! Was hielt ihn ab, ſich eine Waffe zu ſuchen, ein langes Brett hinüber zu ſchie⸗ ben nach dem gegenüber liegenden Dachladen, von dort hinab in das Atelier zu ſtürmen und das arme Mädchen zu be⸗ freien, zu erretten?— Was hielt ihn ab? Ach! nur der Gedanke an die kalte proſaiſche Zeit, in der er leider, leider 212 Vierunddreißigſtes Kapitel. lebte, eine Zeit, die kein Verſtändniß mehr hatte für echte mannhafte Ritterlichkeit, eine Zeit, die ein tapferes Herz, welches Kraft in ſich fühlte, für die Geliebte Alles zu wa⸗ gen, in ähnlichen Fällen kalt und grauſam bedroht haben würde mit einem Inſtitut, das Larioz wohl kannte, mit der Polizei nämlich, die von Liebe und Begeiſterung nichts ver⸗ ſteht und die Ergüſſe warmer, gefühlvoller Herzen nicht zu würdigen weiß. O, über dieſe Zeit, in welcher er geboren! Dieſe finſteren Träumereien des langen Schreibers wur⸗ den unterbrochen durch Windſpiel, welcher ſeinen Nachbar ſanft am Aermel zog und dabei leiſe, aber haſtig ſagte:„Schauen Sie hinab!“ Und als Don Larioz in der That hinabſchaute, erblickte er, ſo deutlich es die Dämmerung erlaubte, die feine weiße, blinkende Hand wieder, die ſich jetzt zwiſchen der Spalte der Fenſterflügel hindurch ſtahl und ein Papier fallen ließ, welches um etwas Schweres gewickelt ſein mußte: denn es ſtürzte mit großer Schnelligkeit in den ſchmalen Raum zwiſchen den beiden Häuſern hinab. „Sie gab mir ein Zeichen!“ ſagte der Spanier entzückt. Und Winſpiel wiederholte ſchwärmeriſch:„Ja, ſie gab ein Zeichen; dort unten liegt es.“ Darauf beugten ſich Beide ſo weit hinab, als ihnen mög⸗ lich war, um der Stelle gewiß zu ſein, wohin das Papier gefallen. Denn daſſelbe in ſeinen Beſitz zu bekommen, war jetzt der einzige und eifrigſte Gedanke, der die Bruſt des Spaniers erfüllte. Wenn aber die Beiden nicht gar ſo eifrig hinabgeſchaut hätten, ſo würden ſie vielleicht bemerkt haben, wie ſich ihnen gegenüber in der Wohnung der Gebrüder Breiberg ein Fen⸗ Ein Abenteuer. 213 ſterladen öffnete und das Geſicht des Herrn Clemens mit hämiſchem Lächeln zum Vorſchein kam. Doch nur einen Augen⸗ blick; denn ehe Don Larioz und der Kellner wieder in die Höhe ſahen, war der drüben verſchwunden und hatte auch den Laden wieder geräuſchlos zugezogen. „Daß dieſes Papier da unten für mich ein Zeichen ſein ſoll, unterliegt wohl gar keiner Frage,“ ſagte der Spanier nach einer Pauſe,„und daß es in meinen Beſitz gelangen muß, verſteht ſich von ſelbſt, und wenn mir auch rechts und links alle Gefahren der Erde den Eingang verwehrten, wenn das da unten ſelbſt ein Löwengarten wäre.“ „Das iſt nun wohl nicht der Fall,“ meinte der Kellner, nachdem er ein paar Minuten nachgedacht.„Und doch hat es einige Schwierigkeiten, in den Raum da hinab zu kommen; denn den Schlüſſel zur Thür nach der Straße hat mein Herr ſelber und gibt ihn nicht aus den Händen, ſeitdem neulich Diebe verſucht haben, von dort her in den Verſchlag einzubrechen, den Sie da unten ſehen und der ins Haus führt.“ „Aber es wird doch noch ein Mittel geben, dorthin zu kommen?“ entgegnete der Spanier in ſehr entſchiedenem Tone; „denn Sie werden von mir nicht denken, daß ich vor irgend etwas zurückſchrecke, wenn ich ein Billet von ihr in meine Hände bekommen kann, in welchem ſie mir wahrſcheinlich ihren kläg⸗ lichen Zuſtand anzeigt und dringend um meine Hülfe nach— ſucht.“ Windſpiel, der das vollkommen einſah, und der trotz des neulich ſo unglücklich abgelaufenen Abenteuers doch gleich be⸗ reit geweſen wäre, in Geſellſchaft des Spaniers ein neues zu unternehmen, kratzte ſich nachſinnend mit der einen Hand am 214 Vierunddreißigſtes Kapitel. Kopfe, während er in der anderen den Stiefelknecht wie ein kurzes Schwert hielt. „Wollten wir auch den Schlüſſel verlangen,“ ſagte er, „ſo gäbe das ein Hin⸗ und Hergerede, ein Fragen, das Sie doch wohl nicht geneigt wären, der Wahrheit gemäß zu beant⸗ worten.“ „Gewiß nicht,“ antwortete Larioz mit großer Beſtimmt⸗ heit;„denn es würde nur jenes unglückliche Mädchen compro⸗ mittiren.“ Windſpiel dachte abermals nach und meinte alsdann:„So gibt es nur eine einzige Art, um dort hinab zu gelangen; aber es iſt etwas mühſam, und ich weiß nicht, ob Sie ſich dazu verſtehen werden.“ „O gewiß,“ entgegnete Don Larioz träumeriſch.„Iſt doch der Pfad zu jeglichem Glücke rauh und uneben, und es würde mir wahrhaftig weniger Vergnügen machen, wenn ich mich dem ſchönen, angebeteten Mädchen ſo ohne alle Schwie⸗ rigkeiten und Mühen nähern dürfte. Laſſen Sie hören.“ „Auf der unteren Treppe,“ ſprach Windſpiel,„iſt ein ziemlich großes Fenſter, und daneben befindet ſich eine Leiter, die hinab reicht bis auf den Boden. Es wird mir gelingen, hoffe ich, die Leiter ohne Geräuſch hinunter zu bringen; Sie ſteigen hinab, holen das Papier, und die Sache iſt ab⸗ gemacht.“ „Herzlichen Dank für Ihre Freundſchaft!“ verſetzte Larioz bewegt, indem er dem Kellner ſeine Rechte bot, die dieſer mit beiden Händen faßte, ſchüttelte und ſich dann eilig fort be⸗ gab, um die Leiter hinab zu laſſen. Mittlerweile war es ſo dunkel geworden, daß namentlich Ein Abenteuer. 215 der Raum zwiſchen den beiden Häuſern, der von nirgend her mehr Licht empfing, tief ſchwarz da unten lag. Larioz ſchaute hinab, und es erſchien ihm die Tiefe un⸗ heimlich, ſtill und finſter wie ein Grab; aber er fühlte ſeine Bruſt gehoben bei dem Gedanken, für ſie dort hinab ſteigen zu dürfen, dort ein Zeichen von ihr zu erhalten, dort vielleicht ein Mittel für ihre Rettung zu finden. Daß der Kellner für ihn beſchäftigt war, konnte er bei der Finſterniß unmöglich ſehen; aber er hörte es, da er mit ſcharfem Ohr hinablauſchte; ja, das Fenſter drunten war leiſe geöffnet worden, und jetzt rutſchte wahrſcheinlich die Leiter hinab, denn er vernahm ein Geräuſch. Der Schreiber hatte ſich nicht geirrt; denn gleich darauf erſchien Windſpiel wieder und meldete, daß die Leiter an ihrem Platze ſei und ſonſt auch wohl keine Gefahr der Ueberraſchung drohe, da der Hausherr ſich im vorderen Zimmer beim Kar⸗ tenſpiel befinde und die Frau mit viel Spektakel in der Küche umher rumore. „Wenn Sie hinab geſtiegen ſind,“ ſagte der Kellner,„ſo drücke ich das Fenſter hinter Ihnen zu und bleibe in der Nähe, bis Sie mir durch ein Wort anzeigen, daß ich wieder aufmachen ſoll. Das Fenſter offen ſtehen laſſen darf ich nicht; denn ein Zugwind könnte uns verrathen.“ Nachdem dies beſprochen war, gingen Beide mit einander hinab, erreichten den unteren Stock, ohne daß ihnen Jemand von den Hausleuten begegnet wäre, und Don Larioz ſtieg darauf vermittelſt der Leiter in den finſteren und feuchten Raum zwiſchen den Häuſern nieder. Da er ſich den Platz, wo das Papier lag, genau gemerkt hatte, ſo fand er daſſelbe nach kurzem Umhertappen, bemerkte aber, daß es auf dem 216 Vierunddreißigſtes Kapitel. ſchlüpfrigen Boden auf unangenehme Art durchnäßt worden war. Glücklicherweiſe war es um einen ziemlich großen Stein herum gewickelt, und ſo konnte er hoffen, daß die in⸗ nere Seite trocken geblieben ſei; denn es wäre ein außer⸗ ordentliches Unglück geweſen, nach vieler Mühe den erſten Brief der Geliebten zu erhalten und ihn nicht leſen zu kön⸗ nen, weil die Schriftzüge verwiſcht worden. Wie dieſelben aber in der Dunkelheit zu erkennen wären, daran dachte der lange Schreiber einen Augenblick, bis ihm ein Feuerzeug ein⸗ fiel, das er ſich auf dem Wege hieher gekauft. Er wickelte das Papier behutſam von dem Steine ab, entfaltete es, und als er hierauf eines der Streichhölzchen entzündet, bemerkte er zu ſeinem unausſprechlichen Vergnügen, daß die Stelle, wo die Schriftzüge waren, trocken ſei und dieſe ſelbſt unver⸗ letzt. Er las— ach! es waren nur wenige Worte, aber da er ſie mit ſeiner regen Phantaſie ill8uſtrirte, ſo erſchienen ſie ihm wie der erſte Theil eines angenehmen Romans. Auf dem Papier ſtand geſchrieben:„Ich habe Sie erkannt, war⸗ ten Sie!“ Ja, ſie mußte mich erkennen, ſprach der Spanier hoch er⸗ freut zu ſich ſelber; ſie konnte den Blick des Mitgefühls, ja, ich möchte faſt ſagen: der Liebe, mit dem ich ſie damals be⸗ trachtet, nicht vergeſſen haben. Aber, daß ſie mich erkannt, macht mich dennoch zum Glücklichſten der Menſchen. Ruhig, mein Herz, wir ſollen warten, du und ich, und das wollen wir Beide redlich thun. Es iſt bei den meiſten Liebenden der Brauch, die erſten Zeilen, die man von der Geliebten erhält, an die zitternden Lippen zu drücken. Auch der Schreiber verſuchte dies, aber es blieb bei dem Verſuche, denn das gewiß noch vor kurzer Ein Abenteuer. 217 Zeit ſüß duftende Papier war an einen gar zu unangenehmen Ort gefallen. Vor Allem aber mußte Windſpiel in Kenntniß geſetzt werden, daß Don Larioz, dem Befehl ſeiner Dame gemäß, hier eine kurze Zeit zu warten habe. Deßhalb trat er an die Leiter zurück und wollte eben ein leiſes Wort hinauf rufen, als er beinahe erſchrocken zurückfuhr, denn er ſah an dem Fenſter, durch welches er herabgeſtiegen, mit einem Male hellen Lichterglanz und vernahm eine polternde, grobe Stimme, welche ſprach:„Was iſt denn das ſchon wieder? Wo iſt die Leiter hingekommen, die immer hier in der Ecke ſteht?“ „Die Leiter?“ hörte er die Stimme Windſpiels ſagen; „ja ſo, die Leiter, die habe ich ſelbſt gebraucht, um ſie da hinaus zu ſtellen.“ „Und wozu?“ fragte die grobe Stimme. „Es iſt mir eine Serviette hinaus gefallen, und die muß ich doch wieder holen,“ verſetzte der Kellner.. „Aber die Leiter mußteſt du auch ſtehen laſſen!“ hörte man den Andern poltern.„Weißt du nicht, daß ſich immer allerhand Geſindel herum treibt und daß ſo eine Leiter famos einladet, in ein Haus zu ſteigen?— Zieh ſie augenblicklich herein?“ Don Larioz hatte ſich bei den erſten Worten, die er ver⸗ nommen, feſt an die Mauer gedrückt und ſah nun, wie die Leiter langſam hinauf gezogen wurde. Aber wir müſſen ge⸗ ſtehen, daß ſich ſein edles Herz darüber freute; erſah er doch aus dieſem Umſtande, daß ihn Windſpiel nicht verrathen, daß es alſo noch treue Gemüther in dieſer Welt gebe, auf welche man rechnen könne. Was kümmerte es ihn auch, ob Vierunddreißigſtes Kapitel. die Leiter im Augenblicke da war oder nicht? Hatte ſie ihm nicht geſchrieben, er möge warten? Hieß das nicht, ſie habe ihm ſpäter noch etwas Dringendes mitzutheilen, vielleicht ihn um Hülfe, um Rettung zu bitten, und wäre es nicht feige von ihm geweſen, jetzt dieſen Ort zu verlaſſen, wo ſie viel⸗ leicht oben in Angſt und Kümmerniß lauſchte, bis ſich die Tritte ihrer Peiniger entfernt haben würden und ſie Muße gewänne, um einige genauere Mittheilungen zu machen? Er ſchlug die Arme über einander, und nachdem er ſeine Augen nach einiger Zeit an die Dunkelheit, die hier unten herrſchte, gewöhnt, war es ihm möglich, die Fenſter in dem vor ihm liegenden Hauſe zu erkennen, was ihm nicht nur Unterhaltung, ſondern auch einigen Troſt gewährte. Und er brauchte Unterhaltung und Troſt; denn wenn er auch mit warmem Herzen, mit glühenden Gefühlen wartete, ſo dauerte dieſes Warten doch lange, ſehr lange, und die winterliche Nachtluft umgab ihn ſo eiſig, daß das Feuer, welches in ihm loderte, ſchon ſehr bedeutend ſein mußte, wie es denn auch in der That war, um nicht allmälig zu erlöſchen. Die Uhr des benachbarten Kirchthurmes hob ſehr häufig knarrend aus und ſchlug Viertel⸗, halbe und ganze Stunden. Vielleicht wäre ihm die Zeit des Wartens trotz all ſeiner Liebe doch etwas zu lang vorgekommen, wenn er nicht von Zeit zu Zeit geglaubt hätte, dieſelbe nehme jetzt ihr Ende; denn es war unverkennbar, daß ſich hinter dem Fenſter des Ateliers der Gebrüder Breiberg, wo ihre Hand erſchienen war, zuweilen ein Lichtſchimmer zeigte, der aber jedesmal ſchnell wieder erloſch und worauf doch nichts erfolgte. Den Platz an der Mauer hatte Don Larioz einige Mal verlaſſen, um in dem engen Raume fröſtelnd auf und ab zu Ein Abenteuer. 219 gehen; namentlich froren ihm ſeine Füße ganz erbärmlich, weßhalb er ſehr glücklich war, nicht weit von der Eingangs⸗ thür einen kleinen Haufen zertretenen Strohs zu finden, den er an ſeinen alten Platz hintrug und ſich darauf ſtellte, gerade der Stelle gegenüber Wo das Fenſter klang, Wo die Liebliche ſich zeigte, Wo das theure Bild Sich ins Thal herunter neigte, Ruhig, engelmild. Ja, während er ſo hinauf ſchaute, dachte er an den edlen Ritter Toggenburg, jenen treuen Helden, der ſein Leben da⸗ mit verbracht, ihr Fenſter anzuſchauen, bis er eines Mor⸗ gens als Leiche erwachte und ſich gewiß außerordentlich dar⸗ über freute, daß dieſe ſehr betrübte und höchſt langweilige Komödie ein Ende genommen. Und den edlen Spanier trieb der Gedanke an den gewiß nicht edleren Toggenburg zu neuem, geduldigem Warten an, denn er dachte: Was ſind einige Stunden gegen ein ganzes Menſchenleben! Was die Leiter anbetraf, ſo war ſie bis jetzt freilich nicht wieder herabgeſenkt worden; doch hatte Don Larioz einige Mal geglaubt, er vernehme, wie das Fenſter faſt geräuſchlos geöffnet würde, ſowie die Stimme Windſpiels, der leiſe flüſterte: Bſt! Bſt! Da er aber nicht genau wußte, ob es in der That der Kellner ſei, der ihm dieſes Zeichen gab, ſo hielt er ſich nicht nur ruhig an ſeiner Mauer, ſondern ſtand auch bei ſeinem Umhergehen augenblicklich ſtill, ſobald er etwas hörte, wie das oben erwähnte Geräuſch; denn dieſes Bſt! Bſt! konnte ja auch von der polternden Stimme aus⸗ —— 1 1 220, Vierunddreißigſtes Kapitel. gehen; er hätte ſich alsdann durch eine Antwort verrathen und wäre wahrſcheinlich gezwungen worden, den Platz zu verlaſſen, ehe er dem Befehle der Geliebten gemäß genugſam gewartet hätte. Da blitzte es in dem Atelier der Gebrüder Breiberg aber⸗ mals hinter den die Fenſter verhüllenden Cartons auf, und es war gerade, als wenn dort ein Streichhölzchen entzündet würde. Und wenn der Spanier das auch ſchon einige Male am heutigen Abend bemerkt, und wenn er ſich auch jedesmal ge⸗ täuſcht ſah, ſo ſchlug doch jetzt wieder ſein Herz gewaltſam in der tapferen Bruſt; auch ſah man den Lichtſchein diesmal länger, als es bisher der Fall geweſen war. Dabei kam es dem War⸗ tenden vor, als ziehe der Schatten eines menſchlichen Körpers an dem Carton vorüber— ach, vielleicht ihr Schatten!— Jetzt verſchwand das Licht wieder, und ein betrübter Seufzer abermaliger getäuſchter Erwartung war im Begriffe, ſeiner Bruſt zu entringen— als mit einem Male Das Fenſter klang. Und wenn ſich auch die Liebliche nicht zeigte, ſo ſah er doch jetzt zum dritten Male die feine, weiße Hand hin⸗ und her⸗ winken, als wolle ſie ihn aufmerkſam machen; dann bemerkte er, daß ſie etwas von ſich warf, und hörte gleich darauf, wie ein Stein zu ſeinen Füßen auf das Stroh niederfiel. Daß er ſich beinahe zitternd vor Erwartung danach bückte, verſteht ſich von ſelbſt; daß er auch das Papier— denn ein ſolches war es, abermals um einen Stein gewickelt— an ſeine Lip⸗ pen brachte, können wir der Wahrheit gemäß bezeugen; denn es ſchreckte ihn diesmal kein unangenehmer Duft davon zurück.— O, wie iſt das ſo beſeligend, was in der ſüßen Ein Abenteuer. 221 Nähe der Geliebten war! Es ſcheint für uns mit einem ge— wiſſen Leben erfüllt zu ſein, es ſcheint uns zu verſtehen, wenn wir die zärtlichſten Worte daran richten; vor allen Dingen aber ein Brief, der von ihrer Hand kommt. Der geneigte Leſer wird wahrſcheinlich ſchon empfunden haben, wie es rein unmöglich iſt, einen derartigen Brief bei ſich zu behalten, ohne ihn zu leſen; wie man in ſolchen Fällen den Verſuch macht, die geliebten Schriftzüge zu entziffern in der allervorgerückte⸗ ſten Dämmerſtunde, beim Leuchten des Blitzes, beim Glimmen einer Cigarre.— Von den eben genannten drei Dingen aber konnte dem edlen Spanier keines behülflich ſein, den Brief des unglücklichen Mädchens zu leſen; doch hatte er ja ein Feuerzeug in der Taſche, das er gleich zur Hand nahm, um vermittelſt deſſelben das Papier zu betrachten, nachdem er es vorher ſorgfältig von dem Steine abgewickelt, weßhalb er ſich alſo daran machte, eines der Streichhölzchen zu entzünden. Mochten aber wohl ſeine Finger ſteif geworden ſein, was bei der herrſchenden Kälte ſehr begreiflich war, oder ſpritzte der Phosphor, oder hatte er ſich in der Aufregung ſeines Ge⸗ müthes ſonſt ungeſchickt benommen,— genug, ſtatt eines Schwefelholzes loderte im nächſten Augenblicke die ganze Schachtel lichterloh auf und brannte ihn ſo heſtig an die Finger, daß er ſich veranlaßt ſah, die brennende Schwefel⸗ holzbüchſe, deren Deckel ihm in der erſten Ueberraſchung ent⸗ 8 fallen war, auf den Boden zu werfen. Leider hatte er aber nicht bedacht, daß ſich dort der Haufe lockeren Strohs befand, aus dem im nächſten Augenblicke die hellen Flammen empor ſchlugen. Es war das ein ſchauerlicher Moment, als der lange Schreiber nun ſah, wie die rothe Gluth an den Wänden des 222 Vierunddreißigſtes Kapitel. Ein Abenteuer. engen Raumes empor ſchlug und, den ſchmutzigen Winkel be⸗ leuchtend, ihn nun plötzlich zu verrathen drohte; auch dachte er einigermaßen beunruhigt an eine Feuersbrunſt, die ent⸗ ſtehen könnte, und blickte jettt nach dem Fenſter, von wo er herabgeſtiegen war, ob ſich dort nicht die rettende Geſtalt Windſpiels zeigen würde. Das Papier hatte er, ohne es zu leſen, in die Bruſttaſche ſeines Rockes geſchoben. Aber das Fenſter, nach welchem er ſehnſüchtig ſchaute, blieb verſchloſſen, wogegen zu ſeinem nicht geringen Schrecken ein Fenſterladen von der Wohnung der Gebrüder Breiberg haſtig aufgeſtoßen wurde und er die Stimme des Herrn Clemens erkannte, der herab rief:„Nachbar! Nachbar! Euer Haus brennt!“ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Rubens Dolch. Vergebens eilte Don Larioz nach der Thür, die auf die Straße führte. Dieſe blieb feſt verſchloſſen, gab dem kräftigſten Stoße nicht nach und war auch zu hoch, um darüber weg zu klettern. Der tapfere Mann ſah ſich ſchmäh⸗ lich gefangen, vor den Augen der unglücklichen Dame droben gefangen, und zwar in einem ſo feuchten, unſauberen Be⸗ hältniß, das er keinem Hunde zum Aufenthalt würde ange⸗ wieſen haben. Jetzt ließ ſich auch Licht an dem Fenſter erblicken, von wo er auf der Leiter herunter geklettert war, und er vernahm von dorther eine Stimme, aber nicht die ſanfte ſeines Freun⸗ des, des Kellners. Die Fenſterflügel wurden aufgeriſſen, und drohend und grob klang es herab:„Was iſt denn da unten ins Teufels Namen los? Man muß auf die Polizei ſchicken! Das iſt noch Schlimmeres als Diebe, das ſind Mordbrenner, die mein Haus anzünden wollen!“ 224 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Darauf antwortete die Stimme des Herrn Clemens Brei⸗ berg in dem gewiſſen kalten, heuchleriſchen, jetzt unbegreif⸗ licher Weiſe faſt freundlich klingenden Tone:„Ihr könnt Recht haben, Nachbar; ich ſehe eine Geſtalt, welche im Begriff ge⸗ weſen, Euch das Haus über dem Haupte anzubrennen; noch glimmt es, aber da wollen wir ſchon helfen. Macht Ihr nur, daß Euch der Kerl nicht entſpringt.“ Und kaum hatte er droben alſo geſprochen, ſo ſprudelte eine gewaltige Waſſerfluth herab, nicht wie aus einem Kübel oder ſonſt etwas, ſondern es war der Strahl einer ſtarken Handſpritze, die ſich immer dahin entlud, wohin ſich der un⸗ glückliche Don Larioz vor dem unangenehmen Waſſerbad zu retten ſuchte. „Der Herr Breiberg hat Geſtalten geſehen,“ rief die polternde Stimme,„das iſt eine ſchöne Wirthſchaft! Wer weiß, wie die Kerle da unten lauern, um Jedem, der hin⸗ abſteigt, den Hals abzuſchneiden! Paßt mir auf,“ wandte ſich der Mann, der eben geſprochen, an Jemand, der hinter ihm ſtand,„ich will auf die Straße gehen und dort die Thür langſam öffnen.“ Don Larioz hatte zu allem dem nicht eine Sylbe geſagt, nicht einen Ausruf der Ueberraſchung oder des Schreckens hören laſſen. Aber wer ſein Geſicht hätte ſehen können, wie ſeine Augen blitzten, wie er ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne klemmte, wie er unter dem kalten Sturzbad auf und ab ſchritt, wie er ſeine Finger auf und zu krallte, der hätte wohl bemerkt, wie entſetzlich aufgeregt er war, wie furchtbar es in ihm gährte und kochte. Dabei achtete er aber nicht auf die polternde Stimme und ſchaute auch nicht nach dem Fenſter der Kneipe zum Reibſtein,— was von dorther ge⸗ Rubens Dolch. 225 ſchah, war ihm vollkommen gleichgültig— wohl aber warf er zuweilen einen Blick voll Wuth und Zorn nach der an⸗ dern Fenſteröffnung hinauf und drohte dorthin mit der ge⸗ ballten Fauſt, von wo Herr Clemens Breiberg noch immer ſeine Waſſerſtrahlen ſpielen ließ und von wo man denſelben zuweilen luſtig rufen hörte:„Ja, ſo ein Feuer iſt hartnäckig! — Hahaha!“ lachte er dazwiſchen—„und ſchwer zu bewäl⸗ tigen; hahaha! aber wir wollen es doch löſchen, gänzlich löſchen, gründlich löſchen, hahaha!“ Aus dieſen Aeußerungen entnahm der tapfere Spanier, daß der verruchte Quäler jenes unglücklichen Mädchens auf der Lauet gelegen, daß er vielleicht mit angeſehen— und der Gedanke war ihm am ſchrecklichſten— daß ſie das Fen⸗ ſter geöffnet und ihm einen Brief herabgeworfen. Unglück⸗ liches Mädchen! Ihr Loos nach dieſer Entdeckung mußte auf alle Fälle ein furchtbares ſein. Es war eigentlich gut, daß ihm keine Zeit mehr blieb, dieſen ſchrecklichen Gedanken mit ſeiner reichen Phantaſie ge⸗ hörig zu verarbeiten; denn ſchon wurde die Thür geöffnet, welche von der Straße in den Winkel führte, und beim Schein einer Stalllaterne erblickte man die breite Figur des Wirthes zum Reibſtein, der mit einem furchtbaren Prügel bewaffnet war, und hinter welchem ſich noch einige andere Geſtalten bewegten. Wäre Don Larioz in dieſem Augenblicke in der Verfaſ⸗ ſung geweſen, rückwärts zu ſchauen, ſo hätte er den für ihn ſehr tröſtlichen Anblick Windſpiels gehabt, der, entflohen dem ſchrecklichen Vorfalle, am Fenſter ſeiner Dachkammer lag und hinabblickte auf ſeinen unglücklichen Freund und Gönner. Larioz konnte aber jetzt unmöglich daran denken, denn er Hackländer, Don Quixote. III. 15 226 Fünfunddreißigſtes Kapitel. ſchritt ſehr gefaßt und in ruhiger Haltung nach dem Aus⸗ gange des Winkels, wo er ſich geduldig in dem hellen Schein der Stalllaterne präſentirte, ja, wo er, um den Skandal nicht zu vergrößern, nicht einmal den geringſten Widerſtand leiſtete, als ihn der Wirth beim Kragen nahm und ſo un⸗ ſanft ſchüttelte, daß die Waſſertropfen aus ſeinen durchnäßten Kleidern wie ein Sprühregen umherflogen. Auch ließ er ſich geduldig in das Haus führen, ſowie in eine der leeren Schenkſtuben, worauf der Wirth eigenhändig die Thür ver⸗ ſchloß, damit keine Neugierigen, die ſich draußen ſchon ver⸗ ſammelt hatten, eindringen konnten. Wir können nun nicht verſchweigen, daß hier ein förm⸗ liches Verhör ſtattfand, welches von einem Polizeibeamten geführt wurde, der ſich augenblicklich eingefunden, ſobald der Wirth zum Reibſtein den Verbrecher beim Kragen gefaßt und ihn ſo gefahrlos gemacht. Daß bei dieſem Verhör übrigens nicht viel herauskam, müſſen wir zur Ehre des Schreibers ebenfalls ſagen, denn er hatte ſich begreiflicherweiſe feſt vor⸗ genommen, nichts von der Abſicht zu verrathen, welche ihn in den Winkel unter die Fenſter des Ateliers der Gebrüder Breiberg geführt. Der Polizeibeamte hatte ſich am Tiſch niedergelaſſen, ſeine rechte Hand ruhte auf demſelben, während die linke ſich auf den Säbel ſtützte; dabei betrachtete er den Gefangenen mit jenem bekannten Blicke, der den Schulknaben, die ver⸗ botener Weiſe auf dem Trottoir ſchleifen, oder den Dienſt⸗ mädchen, welche das Verbrechen begangen, die Straße nicht zur gehörigen Zeit zu kehren, ſo furchtbar iſt; auch brachte er durch die Bewegung ſeines Hauptes jenes bezeichnende Nicken hervor, das ſo viel ſagen will als: den kennen wir, den Rubens Dolch. 227 haben wir ſchon lange auf dem Korn, der entgeht uns nicht mehr. Uebrigens war dieſer Diener der öffentlichen Gewalt eine wohlgenährte Perſönlichkeit, mit einem dicken, gutmüthigen Geſichte, welchem es die größte Mühe machte, jenen furcht⸗ baren und ruhigen Ernſt zu zeigen, der zu ſeinem Amte un— bedingt erforderlich iſt. „Vor allen Dingen aber,“ meinte der Wirth zum Reib⸗ ſtein,„ſollten wir erfahren, auf welche Art der da eigentlich in den Winkel zwiſchen die beiden Häuſer gekommen iſt; die Thür da vorn iſt immer feſt verſchloſſen, und wenn man von hinten herein wollte, da müßte man die Bretterwand durchbrechen.“ „Ja, er ſoll ſagen, wie er hinein gekommen iſt,“ ſprach der dicke Polizeidiener, indem er mit ſeiner Hand auf den Tiſch patſchte,„das ſoll er vor allen Dingen ſagen.“ Aber Don Larioz zuckte die Achſeln und ſchwieg. „Wenn er zur Thür hinein iſt,“ fuhr der Wirth fort,„ſo hat er vielleicht einen Schlüſſel bei ſich, und das iſt das Ge— fährlichſte; denn wenn er einen Schlüſſel hat, ſo bin ich ja keine Nacht vor einem Ueberfall ſicher. Das werden Sie am beſten wiſſen,“ wandte er ſich an den Polizeidiener,„was es für eine Menge von Geſindel gibt, gegen das man nichts ausrichten kann. Und denken Sie nur, wenn das Volk einen Schlüſſel von mir beſäße! Ah! den Teufel auch!“ „Haben Sie einen derartigen Schlüſſel?“ fragte der Po⸗ lizeidiener, wobei er einen ziemlich gelungenen Verſuch machte, den Verbrecher mit Ernſt und Würde anzuſehen. Don Larioz hatte dieſe Frage nicht einmal recht gehört, konnte alſo keine Antwort darauf geben. Seine Gedanken waren anderswo beſchäftigt; er dachte an jenen Tag, wo —— Fünfunddreißigſtes Kapitel. er in eben dieſem Hauſe in den Bund zum Dolche Rubens aufgenommen worden war und wobei die Freunde verſprochen, im Falle der Noth gegenſeitig zu Schutz und Trutz zu⸗ ſammen zu eilen; auch erinnerte er ſich genau, wie dies zu geſchehen habe; doch war es ihm ja unmöglich, im gegen⸗ wärtigen Augenblicke eine ſolche Zuſammenberufung zu be⸗ werkſtelligen; denn erſtens hatte er keinen ſcharfen Dolch bei ſich, und dann befand er ſich ja nicht auf der Straße, um an die Fenſterläden jedes Hauſes zu klopfen, das ſich ihm durch eine abgeriſſene Klingelſchnur als von einem Bundes⸗ mitglied bewohnt repräſentirte. „Ob Sie einen Schlüſſel haben, frage ich!“ wiederholte der Beamte mit ſo eindringlicher Stimme, daß der lange Schreiber die Frage dieſes Mal vollkommen verſtand und die Antwort gab:„Ich weiß nichts von einem Schlüſſel.“ Der Wirth näherte ſich dem Polizeidiener und ſagte ihm in die Ohren:„Das Beſte wäre, wenn wir den da genau unterſuchten; es ſcheint mir ein gefährliches Subjekt zu ſein.“ Der Polizeibeamte nahm eine ſehr wichtige Miene an und entgegnete ebenſo leiſe:„Hartnäckig auf alle Fälle; das iſt einer von den Verſtockten, die vorher mürbe gemacht wer⸗ den müſſen, ehe man ſie zum Reden bringt. Laßt uns nur machen.— Das Beſte iſt,“ ſetzte er laut hinzu,„ich nehme den Burſchen mit auf die Polizei, über Nacht ſperren wir ihn ein, und morgen früh wird der Herr Commiſſär ſchon erfahren, was er wiſſen will.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thür ein klein wenig geöffnet, und das getreue Windſpiel erſchien, warf einen be⸗ zeichnenden Blick auf den Spanier, welcher denſelben mit Rubens Dolch. 229 einem kaum merklichen, aber freundlichen Lächeln beantwor⸗ tete, und winkte dann dem Wirthe, der hierauf das Zimmer 1 verließ. Obgleich es hier ziemlich warm war, ſo fing es doch D on Larioz in ſeinen durchnäßten Kleidern zu frieren an, i und er ſehnte ſich nach einem Aufhören dieſes unbehaglichen h Zuſtandes, weßhalb er ſich an den Polizeidiener wandte und 1 ihm mit einer offenen und ehrlichen Miene, die auf jeden Anderen ihren Eindruck nicht verfehlt haben würde, ſagte: „Ich bin allerdings unter eigenthümlichen Umſtänden in je⸗ nem Raum zwiſchen den beiden Häuſern getroffen worden, kann mich aber vollkommen legitimiren, wer ich bin, und dadurch wohl beweiſen, daß ich in keiner ſträflichen Abſicht dort geweſen. Mein Name iſt Larioz, und ich bin Schreiber bei dem Rechtsconſulenten Doktor Plager, bei dem Sie die genaueſten Erkundigungen nach mir einziehen können. Jetzt aber bitte ich, mich nach Hauſe zu entlaſſen, denn wie Sie ſehen, ſind meine Kleider durch die Tücke eines niederträch⸗ tigen Feindes durch und durch naß geworden, und ich würde mir den Tod zuziehen, wenn ich länger darin bleiben müßte.“ Der Polizeidiener hatte eine Brieftaſche hervorgezogen und den angegebenen Namen notirt, worauf er erwiderte: „Wenn Sie der wirklich ſind, für den Sie ſich ausgeben, ſo wird ſich das morgen finden; auch werden wir auf der Po⸗ hol lizei vielleicht einen trockenen Kittel finden, den wir Ihnen fü 9 Rede ſein, oder Sie müſſen mir Jemand angeben können, r die Nacht umhängen können. Von Entlaſſen kann keine be der Sie kennt und für Sie gut ſagt.“ Wohl fielen dem Spanier die Gebrüder Breiberg ein, — 230. Fünfunddreißigſtes Kapitel. die ihm vielleicht bezeugen könnten, daß er wirklich der ſei, für den er ſich ausgegeben. Doch verwarf er dieſen Gedanken aus erklärlichen Gründen wieder im gleichen Augenblicke; auch dachte er lebhaft an den Vorſitzenden des Bundes zum Dolche Rubens, doch wenn er den Kupferſtecher mit ſeinem dicken Geſichte und großen Barte auch ſo lebhaft vor Augen ſah, daß er ihn hätte malen können, ſo wußte er doch ſeinen Namen nicht, und von der Verbrüderung ſelbſt zu ſprechen, hielt er für eine Indiscretion, und einer ſolchen hätte er ſich nicht aus Furcht vor allen Gefängniſſen der Welt ſchuldig gemacht.. Da trat der Wirth zum Reibſtein wieder in die Stube, und der Ausdruck ſeines Geſichts war jetzt ein ganz anderer geworden; ſeine Augen hatten den finſteren Ausdruck ver⸗ loren, er lächelte nicht unfreundlich, und ſein Mund, der vor⸗ dem breit aus einander gezogen war, um all die polternden Reden durchzulaſſen, hatte ſich jetzt faſt ſchalkhaft geſpitzt. Er trug ſeine Ledermütze in der rechten Hand und fatſchte ſich mit der linken einige Mal auf einen unnennbaren Theil ſeines Körpers, worauf er lachend den Kopf ſchüttelte und, ohne Don Larioz anzuſehen, ſich an den Tiſch begab, an dem der Polizeidiener ſaß. Vor dieſen trat er mit ſeiner breiten Geſtalt in ſolcher Weiſe hin, daß dem Beamten der Anblick des nächtlichen Ruheſtörers entzogen wurde. Hinter dem Wirthe drein ſchlich Windſpiel vorſichtig in das Zimmer, ſcheu auf den Polizeibeamten blickend, und als er ſah, daß dieſer, durch den Wirth verdeckt, nicht im Stande war, herüber zu blicken, ſo wandte er ſich raſch an den Spanier und ſagte ihm eilig und flüſternd:„Eine Botſchaft vom Präſidenten des anonymen Bundes! Nehmen Sie ge⸗ Rubens Dolch. 231 ſchwind, hier iſt der Dolch des großen Meiſters Rubens, Sie haben ihn nur heimlich dem Wirthe zu zeigen, und Alles wird klar werden.— Gott, wie habe ich für Sie gezittert!“ Nach dieſen Worten ſchnellte er in die andere Ecke des Zimmers, machte ſich da am Tiſche etwas zu thun, und ſummte gleichgültig eine Melodie vor ſich hin; aber Don Larioz, der ſeinen Bewegungen mit dankerfülltem Herzen folgte, bemerkte wohl, wie freudig und ergriffen der Blick des kleinen Kellners war, was ihn ausnehmend rührte. Man ſollte es nicht glauben, wie ſich der Spanier ge⸗ hoben fühlte, als er jetzt die alte roſtige Klinge in der Hand hatte; es war ihm gerade zu Muth, wie jenen alten tapfe⸗ ren Rittersmännern, die überwunden in die Gewalt des Sie⸗ gers gefallen waren und zu denen nun, als ſich eben der Schlund des Verließes vor ihnen öffnete, ein Knappe trat, ungefähr alſo ſprechend:„Edler und mannhafter Ritter! Fern iſt es von meinem hochgebietenden Herrn, die Ungunſt des Glückes zu benutzen, um einen ſo tapferen Ritter, wie Ihr ſeid, in Banden zu halten; nehmt Euer Schwert zurück; Euer Feind, der ſich aller Siegerrechte begibt, ſtellt ſich Euch in ehrlichem Zweikampfe.“ Ja, ſo war es ihm, und kein wackerer Kämpe hat je mit größerer Inbrunſt hierauf ſeine Toledanerklinge in die Hand genommen, als Larioz das ſchartige Eiſen, welches ihm Wind⸗ ſpiel ſo. geheimnißvoll übergeben. Nicht als ob ſeine Abſicht geweſen wäre, es gegen den Polizeibeamten ſchwingend, ſeine Freiheit wieder zu gewinnen— nein, er vertraute der Macht des gewaltigen Bundes zum Dolche Rubens und war ſicher überzeugt, daß dieſe gefeierte Waffe ihm zum Talisman wer⸗ den müſſe. Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Er hat mir einen Namen genannt,“ ſagte jetzt der Po⸗ lizeidiener,„aber Namen nennen kann Jeder, und es fragt ſich nun, wie er zu beweiſen gedenkt, daß er wirklich der iſt, für den er ſich ausgegeben.“ „Ja, das müßte er allerdings beweiſen,“ meinte der Wirth, indem er ſich aufrichtete und am Kopfe kratzte. „Wenn er das beweiſen könnte oder Jemand zum Bürgen ſtellen würde, da hätte ich meiner Seele nichts dagegen, wenn wir die Sache auf ſich beruhen ließen. Unglück iſt keines geſchehen, und der heutige Abend wird ihm eine Lehre ſein, ſich nicht mehr zwiſchen Andermanns Häuſern herum⸗ zutreiben.“” Nach dieſen Worten trat er ſo vor den Gefangenen, daß er ihn mit ſeiner breiten Figur abermals vor den Blicken der Polizei verdeckte, worauf Don Larioz dieſen Moment für paſſend hielt, um langſam und feierlich die alte roſtige Dolchklinge empor zu heben, die er bis zu dieſem entſchei⸗ denden Momente in ſeinem Rockärmel verborgen hatte. Er that das aber in geſpannter Erwartung, welche Wirkung der Anblick der koſtbaren Wafſe auf ſeinen Gegner ausüben würde. Und dieſe Wirkung war in der That eine zauberhafte. Zuerſt war es, als traue der Wirth ſeinen Augen nicht, er wiſchte dieſelben ziemlich auffallend und machte dazu ein verblüfftes, einigermaßen dummes Geſicht, dann beugte er den Kopf weit hinab und murmelte wie in tiefſter Ehrfurcht: „Das hat mich überraſcht; ja, wer das hätte vorher wiſſen können! Du lieber Himmel! wie ſoll ich es wieder gut ma⸗ chen, daß ich ein Mitglied des großen und geheimnißvollen Bundes arretiren ließ?“ Rubens Dolch. 233 Der lange Spanier fühlte ſich durch die Kraft, welche der Dolch des großen Meiſters Rubens auf die einfache Seele des Kneipenwirthes ausübte, wahrhaft gehoben; nicht weil er ſah, daß man ihn jetzt werde ungehindert ziehen laſſen, ſondern weil er ſich bewußt war, eben dieſem allgewaltigen Bunde anzugehören. Er hob ſeinen Kopf in die Höhe und machte eine Bewegung mit der Hand, welche ausdrücken ſollte, er werde das Geſchehene als ungeſchehen betrachten, worauf er mit dem Zeigefinger nach dem Polizeidiener wies,— eine Bewegung, welche der Wirth augenblicklich verſtand, denn er trat alsbald wieder zum Tiſche, flüſterte dem Beamten etwas in die Ohren, worauf dieſer ſogleich ſagte:„Ja, wenn Ihr die Bürgſchaft ſelbſt übernehmt, ſo will ich wahrhaftig nichts dagegen ſagen und wünſche einen guten Abend.“ Der Polizeidiener trank hierauf ſeinen Schoppen Wein leer, den ihm der Wirth ſchon früher hingeſtellt, und ver⸗ ließ das Zimmer, aber nicht ohne einen langen prüfenden Blick auf die leicht wieder zu erkennende Geſtalt des langen Schreibers zu werfen. Sowie der Polizeidiener das Zimmer verlaſſen, wandte ſich der Wirth mit vielen Entſchuldigungen an Don Larioz, verſicherte ihm, er habe ja keine Ahnung davon gehabt, daß er ein Bundesmitglied ſei, und bat, über ihn und alles, was er zu leiſten vermöge, unbedingt zu verfügen. Nachdem ſich die erſte Aufregung gelegt, bemerkte es der Spanier eigentlich erſt recht, wie ſehr es ihn in ſeinen naſſen Kleidern friere und er ſagte dies zum Wirthe mit dem Be⸗ merken, er fürchte ſich, ſo zugerichtet in die kalte Nachtluft hinauszügehen. „Davon kann durchaus keine Rede ſein,“ entgegnete dieſer 234 Fünfunddreißigſtes Kapitel. geſchäftig.„Wenn Sie kein Bett in meinem Hauſe anneh⸗ men wollen, ſo werde ich Ihnen augenblicklich für trockene Kleider ſorgen. Die meinigen werden Ihnen allerdings etwas zu weit ſein, aber was thut es— man nimmt eben, was man hat!“ Daß Don Larioz dieſes Anerbieten mit großem Danke annahm, verſteht ſich von ſelbſt. Der Wirth eilte hinaus, und gleich darauf trat der kleine Kellner in die Stube mit einem Arm voll Kleider ſeines Herrn, das Geſicht ſtrahlend vor rührender Freundlichkeit. Ohne uns in die Einzelheiten des nun ſtattfindenden Umzuges zu verlieren, müſſen wir den geneigten Leſern ver⸗ ſichern, daß derſelbe ſchnellſtens von Statten ging, können aber dabei nicht verſchweigen, daß der lange dürre Spanier in der Hoſe und der Jacke des bedeutend kleineren, aber viel dickeren Wirthes eine recht komiſche Figur darbot. Bei dem Umkleiden konnte Windſpiel nicht unterlaſſen, von der Angſt zu ſprechen, die er ausgeſtanden von dem Augenblick an, wo man die Leiter weggezogen habe, bis zu jenem entſetzlichen Momente, wo er, der auf der Lauer ge⸗ weſen, die Flamme aus dem Strohhaufen habe aufleuchten ſehen. Was Herrn Clemens Breiberg anbelangte, ſo verſicherte der Kellner, derſelbe müſſe von Anfang an das unglückliche⸗ Mädchen beobachtet haben, und deſſen Bosheit ſei allein ſchuld daran, daß die ganze Sache ſo unglücklich abge⸗ laufen. „ und doch nicht unglücklich,“ meinte der Schreiber, indem er lächelnd und nachſinnend das Haupt ſchüttelte.„Habe ich doch hier das unſchätzbare Papier, das mich wahrſcheinlich in wenigen Worten für alles das belohnen wird, was ich Rubens Dolch. 235 heute Abend gelitten. Gelitten iſt eigentlich nicht das richtige Wort,“ ſetzte er hinzu,„denn der Ritter, der für ſeine Dame kämpft und ſtrebt, kann die kleinen Widerwärtigkeiten keine Lei⸗ den nennen; und wären es auch wirklich Leiden, ſo würde er ſie gern und freudig tragen, namentlich im gegenwärtigen Falle,“ ſprach er mit einem leichten Seufzer,„wo ich faſt fürchten muß, daß der Schritt, den ich für jene unglückliche Dame gewggt, ihr ſelbſt die größten Leiden verurſachen muß. Vor allen Dingen aber will ich das Papier durchleſen, welches mir jenes holde Geſchöpf anvertraute.“ 1 Er entfaltete den Brief, und da derſelbe glücklicherweiſe nicht von der Näſſe gelitten hatte, ſo ſah er mit großem Entzücken nachſtehende Worte in ſehr deutlichen Schrift⸗ zügen: „Ja, ich habe Sie erkannt; wie wäre es auch anders möglich, da Ihr Anblick, als ich Sie zum erſten Male ſah, einen ſo unauslöſchlichen Eindruck auf mein Herz gemacht, da er mir ſtets gegenwärtig blieb im Wachen und Träumen! O edler Spanier— denn das ſind Sie, ich irre mich nicht— helfen Sie einem unglücklichen Kinde Ihrer Heimat, das in ſchmachvollen Ketten und Banden gehalten wird, das man durch Liſt und Gewalt verderben will, das aber vollkommen rein und Ihrer würdig geblieben iſt. Helfen Sie! Retten Sie! Wie, wo und wann? kann ich Ihnen nicht angeben; aber mir lebt eine treue Freundin, Kathinka Schneller, Entenpforte Nr. 4, in deren Buſen Sie Ihr Herz ausſchütten mögen. Sie ſelbſt dort zu ſehen, iſt vielleicht in nächſter Zeit vergönnt Ihrer unglücklichen Dolores. „Trau, treue Trine, trügriſch trüben Träumen nicht.“ Dies Letztere war als Motto beigefügt, wie es junge 236 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Damen in Stammbuchblättern zu machen pflegen, und an dieſen Worten erkannte Don Larioz entzückt eben ſowohl den Anfang des Spruches des großen mauriſchen Weiſen Cara— banzeros, wie auch, daß die Rettung der unglücklichen Dame auf geheimnißvolle Art mit dieſem Spruche zuſammenhängen müſſe. Warum hätte ſie ihn ſonſt erwähnt? Wie aber dieſer Zuſammenhang aufzufinden ſei, das war er nicht im Stande, namentlich am heutigen Abend, zu ergründen. Wenn er ſich auch nach Anlegung der friſchen Kleider angenehm erwärmt und körperlich vollkommen wohl fühlte, ſo hatten doch die Ereigniſſe des heutigen Abends, das aufregende Warten am Fenſter, dann die Leiterpartie in den Winkel hinab, ferner das Umherſtehen in der Kälte, vor allen Dingen aber das Sturzbad, womit ihn der boshafte Clemens Breiberg verſorgt, ſeine Gedanken etwas unruhig gemacht und waren dieſelben mehr als je dazu geneigt, einen etwas kühnen Flug zu nehmen. „Wie glücklich ſchätze ich mich,“ ſagte er zu Windſpiel, „durch dieſe kleinen Leiden vorbereitet, ja, ich möchte ſagen: befähigt zu ſein, die Liebe eines ſo wunderbaren Mädchens zu erringen, wie die göttliche Dolores iſt. Und eigentliche Lei⸗ den kann man es gar nicht einmal nennen, wenigſtens keine aktiven Leiden, wie ſie ein Rittersmann der alten Zeit erduldet, der, mit Schild und Lanze um ſeine Dame kämpfend, ver⸗ wundet, oft ſterbend niederfiel. Mich trafen paſſive Leiden, denn ich konnte nichts thun, als ruhig daſtehen und geduldig hinnehmen die polternden Reden des Kneipenwirths, ſowie die kalten Waſſergüſſe, welche aber die Flamme meiner Liebe nicht auslöſchten, ſondern ſie vielmehr noch heftiger auflodern ließen. Aber ein Gemüth, wie das der göttlichen Dolores, Rubens Dolch. 237 wird auch vorderhand mit meinem paſſiven Widerſtande zu⸗ frieden ſein und an der Standhaftigkeit, mit dem ich ihn leiſtete, wohl abmeſſen können, was dieſes Herz und dieſer Arm zu vollbringen im Stande ſind, wenn ich, San Jago rufend, mein Schwert zu ihrer Rettung werde ziehen können.“ Windſpiel horchte entzückt auf dieſe Reden, denn ihm war zu Muth, als leſe er in einem alten Ritterromane, und als ſchaue er über die Schranken des Turnierplatzes hinweg, wo ſein Herr und Ritter eben im Begriffe war, die ſcharfe Lanze einzulegen. Freilich hatte Don Larioz in ſeiner jetzigen Tracht nicht viel Ritterliches, was er auch wohl ſelbſt finden mochte; denn als er nun ſeine Toilette beendigt hatte und an ſich hinab⸗ ſchaute, that er das mit einem kleinen Seufzer, fühlte ſich aber dabei doch zufrieden, als er dachte, daß es draußen finſtere Nacht ſei und er beim Nachhauſegehen von Niemand geſehen, wenigſtens nicht erkannt werden könne. Was aber dieſes Nachhauſegehen anbelangte, ſo that der kleine Kellner vorläufig dagegen ſanfte Einſprache, indem er ſagte, daß drüben im Künſtlerlokale der Bund zum Dolche Rubens verſammelt ſei, der ſich glücklich ſchätzen würde, Don Larioz einen Augenblick bei ſich zu begrüßen. Schon die Dankbarkeit erforderte es, ſich der mächtigen Verbrüderung zu zeigen, der er anzugehören das Glück hatte und die ſo freundſchaftlich für ihn geſorgt. Windſpiel eilte voraus, öffnete jenſeits des Ganges die Thür, und Don Larioz trat in das Gemach. Es war hier faſt die gleiche Geſellſchaft verſammelt, welche der geneigte Leſer an jenem regneriſchen Nachmittage Fünfunddreißigſtes Kapitel. bereits kennen gelernt. Am oberen Ende des Tiſches ſaß der Kupferſtecher Wurzel, und als der Spanier eintrat, erhob ſich derſelbe mit dem Glas in der Hand, welchem Beiſpiel alle Anweſenden folgten. Es herrſchte in dem Zimmer eine angenehme, warme Atmoſphäre, welche unverkennbar mit dem Dufte von gutem Punſch geſchwängert war; und dieſes Getränk befand ſich auch in Wahrheit in den Gläſern derer, die zum erhabenen Bunde von Rubens Dolche gehörten und die nun mit feier⸗ licher Geberde auf das Wohl des Eintretenden zu trinken ſchienen. Wohl hätte ein Unbefangener bemerken können, daß über die Züge dieſes oder jenes Mitgliedes ein Lächeln flog, als die ſonderbar ausſehende Geſtalt des langen Schreibers ſichtbar wurde. Der Kupferſtecher mit dem großen Barte aber blickte finſter aus ſeinen ſonſt ſo gutmüthigen Augen, drückte die rechte Hand feſt auf den Tiſch und ſprach mit tiefer Stimme: „Sei uns zum zweiten Mal willkommen, Don Larioz, hier in unſeres Bundes Haus, ja, zum zweiten Male! Und dieſes zweite Mal wird glänzend eingeſchrieben ſtehen in den Annalen des Bundes zum Dolche Rubens; denn die gefeierte Waffe des großen Meiſters zeigte ſich wieder in ihrer allge⸗ waltigen Kraft und errettete unſer edles Mitglied aus ſehr unangenehmer Bedrängniß.— Feierlich erlaube ich mir, die erhabene Waffe wieder zu mir zu nehmen.“ Er ſagte dies, weil er wohl bemerkte, wie der Schreiber ihm entgegen ſchritt, den roſtigen Stahl ehrfurchtsvoll in der Hand tragend. „Ja feierlich empfange ich ihn wieder mit den Ceremonien, wie ſie unſer Bundesgeſetz vorſchreibt.“ Bei dieſen Worten ergriff der Vorſitzende die Dolchklinge, Rubens Dolch. 3 239 drückte ſie an ſeinen dicken Schnurrbart und übergab ſie ſeinem Nachbar zur Rechten, der ſie ebenfalls an ſeine Lippen brachte, worauf ſie auf gleiche Weiſe die Runde um den ganzen Tiſch machte und zuletzt in die Hände des langen Schreibers kam, der ſie als ſeine Erretterin mit wahrer In⸗ brunſt küßte. Auch Windſpiel als dienender Bruder, wurde nicht ver⸗ geſſen und ihm von dem Vorſitzenden das alte Eiſen einen Zoll weit von der Naſe entfernt gehalten, wo er ſich am Geruche der gefeierten Waffe, wenn dieſe einen ſolchen ge⸗ habt, würde haben erlaben können. Darauf ſchob der kleine Kellner eilfertig einen Stuhl herbei, brachte auch ein friſches Glas für den eben Angekommenen, welches der Kupferſtecher aus der auf dem Tiſche ſtehenden Bowle mit Mühe füllte, da dieſes Gefäß beinahe leer war, und dann ſämmtlichen An⸗ weſenden ein Zeichen zum Niederſitzen gab, während er ſelbſt ſtehen blieb. „Freunde und Mitglieder des Bundes!“ ſprach er als⸗ dann,„wir haben uns hier verſammelt, um durch unſere allgewaltige Gegenwart unſer höchſt ehrenwerthes Mitglied Don Larioz aus drohender Gefahr zu erretten; ja, ihm zu Liebe verſammelte ſich der Bund zum Dolche Rubens; denn unſer Freund befand ſich, wie ſchon geſagt, in großer Gefahr. Aber indem ich ſchweige von dem edlen und ritterlichen Be⸗ weggrunde, der unſern Freund in die Gefahr geſtürzt, will ich nur ſagen, daß dieſe der Art war, wie ſie der große Meiſter Rubens nur über ſeine Lieblinge verhängt, eine Prü⸗ fung, eine Läuterung durch Feuer⸗ und Waſſersgefahr, wie ſie auch die beiden Liebenden Tamino und Pamina erduldeten— alſo erleben wir es in der Zauberflöte— und aus eben — ⁴—— 240 Fünfunddreißigſtes Kapitel. dieſem Grunde empfing ich auch unſeren geehrten Bruder bei ſeinem Eintritte mit den Worten: 5 Sei uns zum zweiten Mal willkommen, Don Larioz, hier in unſeres Bundes Haus. Rings umher folgte dieſen Worten ein Murmeln des Beifalls, und man ſah. manches Mitglied ſeine Naſe vor Rührung tief in das Punſchglas ſtecken, andere die Hände vor das Geſicht drücken, als befänden ſie ſich in einer außeror⸗ dentlichen Gemüthsbewegung. „Die Veranlaſſung aber zu dem, was unſer Freund er⸗ duldet,“ fuhr der Redner im Tone der Entrüſtung fort,„iſt ſo außergewöhnlicher Art, daß ſie wohl im Stande iſt, die Mitglieder des Bundes zu einer geheimen Abſtimmung zu veranlaſſen.“ Die Mitglieder des Bundes ſahen bei dieſer Rede er⸗ ſtaunt in die Höhe, ſenkten aber gleich darauf wieder ihre Blicke auf die Gläſer und den Tiſch, als ſie bemerkten, wie der Kupferſtecher Wurzel ſeinen Platz verließ, ſehr würdevoll zu jedem Einzelnen ging, ihm etwas in die Ohren flüſterte, auch mit der jedesmaligen Antwort zufrieden ſchien, und darauf ſeine Stelle am obern Ende der Tafel wieder ein⸗ nahm. „Wie nicht anders zu erwarten war,“ ſprach er hierauf, „hat der Bund in geheimer Abſtimmung beſchloſſen, die Ange⸗ legenheit unſeres treuen Freundes Don Larioz gegen das ver⸗ ruchte Treiben der Gebrüder Breiberg, von dem wir alle gehörige Kenntniß haben, wie ſeine eigene zu betrachten. So verwickelt die Sache ſcheint, ſo einfach iſt ſie in der That. Thu' jeder das Seinige, ſo werden wir bald im Stande Rubens Dolch. 241 ſein, unſerem verehrten Mitgliede die treue Bruderhand zu reichen. Zu dieſem letzten Zwecke und um thatkräftig aufzu⸗ treten, berufe ich euch genau von heute über vier Wochen, „und müßt ihr erſcheinen, angethan mit Liſt, umgürtet mit Waffen. Ihr wißt, was es gilt, und werdet erſcheinen!“ Worauf die Geſellen murmelten:„Wir wiſſen, was es gilt, und werden erſcheinen.“ Hierauf ſetzte ſich der Vorſitzende auf den Stuhl nieder, ließ ſich von ſeinem Nachbar, dem die feierliche Handlung galt, tiefgerührt die Hand ſchütteln und ſagte alsdann mit bewegter Stimme zu Windſpiel:„So bringe denn eine neue ſüße und kräftige Bowle, wie es nach einem Hauptparagraphen der Statuten des Bundes zum Dolche Rubens bei ähnlichen Veranlaſſungen der Brauch iſt, auf Koſten unſeres verehrten Freundes, daß wir damit beſiegeln die neue Verbrüderung, ihm zum Schutz und Trutz.“ Don Larioz winkte eifrig dem Kellner, alſo zu thun, wie der Vorſitzende geſagt, und bald nachher ſtand die dampfende Bowle auf dem Tiſch, ſie ſelbſt ſehr groß, ihr Inhalt aber ſüß und äußerſt kräftig. Gaudeamus igitur Juvenes dum sumus, Post jucundam juventutem, Post molestam senectutem, Nos habebit humus. Hackländer, Don Quixote. III. 16 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Die Czrabowski'ſchen Güter. In dem Hauſe des Rechtsconſulenten Plager, oder in den gewiſſen Kreiſen, welche mit demſelben häufig in Berührung kamen, hatte ſich unterdeſſen allerlei begeben, was für unſere wahrhaftige Geſchichte wichtig genug iſt, um es nicht mit Stillſchweigen zu übergehen. Nach jener abendlichen Kataſtrophe im Bureau des Ad⸗ vokaten war das Frühſtück am anderen Morgen zu einer etwas ſtürmiſchen Sitzung ausgeartet. Der Rechtsconſulent, als er an dem gleichen Abend nach Hauſe kam, hatte ſchon an un⸗ trüglichen Vorzeichen einen nahenden Sturm entdeckt, der am nächſten Tage ausbrechen würde. Ein tiefer Seufzer hatte ſich nämlich der Bruſt ſeiner Gattin entrungen, als er, obgleich äußerſt leiſe und auch nicht allzu ſpät in das gemeinſchaftliche Schlafzimmer getreten; er hatte einen zweiten Seufzer ge⸗ hört, ſowie eine ſehr unruhige Wendung, als er ſein Licht angezündet, und nachdem dies geſchehen und er freundlich Die Czrabowski'ſchen Güter. 243 einen guten Abend gewünſcht, war die ganze Antwort ein unverſtändliches Gemurmel, ſowie ein ſehr verſtändlicher drit⸗ ter Seufzer. Herr Rechtsconſulent Plager war ſich aber durchaus kei⸗ ner Unthaten bewußt, mit denen er dieſe Vorboten eines Sturmes hätte in Zuſammenhang bringen können. Während er Hut und Stock ablegte, ging er in Gedanken nicht nur den heutigen, ſondern auch den geſtrigen und ſogar den vorgeſtri⸗ gen Tag durch, um vielleicht etwas zu finden, was, wenn auch nur nachwirkend, dieſen ihm ſo wohlbekannten Seufzer hätte hervorrufen können. Aber, wie geſagt, ſein Gewiſſen war rein. Er hatte zu Hauſe nicht gemurrt, als er ſtatt des ſehn⸗ lich gewünſchten Sauerkrautes weiße Rüben bekam, deren Ge⸗ ruch er nun einmal nicht ertragen konnte; auch nicht, als er in der Suppe die verbrühten Theile einer Bettfeder gefunden, ja, nicht einmal, als hierauf die Schwiegermutter mit großem Ernſt verſichert, das ſei eigentlich gar keine Bettfeder, ſondern nur etwas ſtark zuſammengelaufenes Eiweiß; er hatte nicht gemurrt, als er gefunden, daß Madame ſeine Haarbürſte zum Abwiſchen ihrer Stiefeletten benutzt, oder als er entdeckt, daß ſein Sprößling Fritzchen des Vaters Raſirmeſſer herabgeworfen, ſo daß zwei der beſten ſchartig geworden waren. Dem Kinde könne man eigentlich keine Schuld beimeſſen, hatte die Groß⸗ mutter im Nebenzimmer, aber mit ſehr lauter Stimme geſagt, denn Raſirmeſſer gehören nicht auf den Toilette⸗Tiſch, ſondern müßten unter Verſchluß gehalten werden. Als ob überhaupt der arme Rechtsconſulent etwas eigenes Verſchließbares gehabt hätte! Aber auch in ſonſtigen Dingen war er ſich keines Fehls bewußt; er hatte von keiner Familie etwas Nachtheiliges Sechsunddreißigſtes Kapitel. geſprochen, welche im Kaffee⸗Geſellſchafts⸗Verband der Plager'⸗ ſchen war; er hatte keine andere gelobt, welche die Schwieger⸗ mutter oder eine ihrer Töchter durch, Gott mochte es wiſſen, welche Kleinigkeit vor Jahren einmal aufs tödtlichſte beleidigt; ja, er hatte um des lieben Friedens willen noch mehr gethan; er hatte ſtillſchweigend zugegeben, daß die Weibel'ſche Familie eine ganz vortreffliche Familie ſei, und daß ſich Jedermann glücklich ſchätzen müſſe, der in dieſe Ausnahms⸗Familie auf⸗ genommen werde. Die Veranlaſſung zu Letzterem hatte ihm Herr Schilder gegeben, der Fräulein Clementine vorgeſtern auf der Prome⸗ nade etwas kalt gegrüßt, ein Betragen, das natürlicher Weiſe die gerechte Indignation der ganzen Familie Weibel hervorge⸗ rufen. Was dentkt dieſer Schilder! hatte der Rechtsconſulent durch alle Tonarten hören müſſen; glaubt er vielleicht, man werde ſich eine Ehre daraus machen, von ihm gegrüßt zu werden, daß die Leute mit Fingern nach einem zeigen und alle Welt erfahren muß, daß dieſer Menſch Hoffnung hat, in eine ſo reſpektable Familie aufgenommen zu werden, wie die unſrige iſt?— Da ſind ganz andere Leute, die ſich um Cle⸗ mentine bemüht haben und noch bemühen. Der Doktor hatte die Selbſtüberwindung gehabt, nicht einmal zu fragen, wer denn eigentlich dieſe anderen Leute ſeien; überhaupt war er in den letzten Tagen ein Muſter von Sanftmuth und Duldſamkeit geweſen. Und doch dieſes Ge⸗ ſeufze! Hatte er vielleicht zufällig beim Nachhauſegehen etwas lebhafter als gewöhnlich in das gegenüberliegende Haus ge⸗ grüßt, wo die blaſſe Kaufmannswittwe wohnte, von der die Schwiegermutter ohne allen Grund, aber mit großer Ent⸗ ſchiedenheit behauptete, es ſei nicht viel an dieſer Perſon, man Die Czrabowski'’ſchen Güter. 245 müſſe ſich vor ihr in Acht nehmen? Nein, auch das hatte er nicht gethan. Und ſo im Bewußtſein eines vollkommen guten Gewiſſens dachte er, indem er mit wunderbarer Stille ſeine Stiefel auszog: Seufze du in Gottes Namen, ich kann dir nicht helfen. Obgleich aber, wie wir bereits wiſſen, Doktor Plager und Frau nicht in großer Harmonie mit einander lebten, ſo hatten die Beiden doch oft, ohne es zu wiſſen, wunderbare Sympa⸗ thieen in ihren Gedanken. Denn kaum hatte er, wie eben berichtet, gedacht, ſo patſchte ſie mit der Hand auf die Bett⸗ decke und ſagte unter einem tief herauf geholten Seufzer, der ſchließlich mit einem Ach ja— al verbrämt war: „Uns kann nur der liebe Gott helfen!“ Um eine Million hätte aber der geduldige Ehemann jetzt keine weiteren Fragen geſtellt; es wäre das der verwegene Zug an einem furchtbaren Schleuſenwerk geweſen, deſſen ſprudelnde Waſſer ihn wahrſcheinlich, wie das ſchon oft vorgekommen war, aus ſeinem eigenen Schlafzimmer hinausgeſchwemmt hät⸗ ten bis auf das kühle Sopha im Geſellſchaftszimmer. Er nahm ſich alſo zuſammen, ſo wenig Geräuſch wie nur möglich zu machen; er vermied es, einen Stuhl zu rücken, und als er ſeine Taſchenuhr aufzog, fand er, daß die Feder heute un⸗ gewöhnlich knarre. Dann ſchlich er auf den Fußſpitzen an ſein Bett, war aber ſo vorſichtig, ehe er hinein ſchlüpfte, das Licht auszulöſchen, denn er ſah, wie Madame in dieſem Augen⸗ blicke ihr Haupt mit der Nachtmütze langſam herum wandte und ihm einen Blick ſchenkte, o, einen Blick, ob dem er die Bettdecke mit der Hand faſt zerdrückte und bei ſich ſelber dachte: O, könnte ich, wie ich wollte! Solche Blicke ſind gefährlich, geneigter Leſer, und wenn 246 Sechsunddreißigſtes Kapitel. du zufällig eine Leſerin biſt und dich annähernd im gleichen Falle befindeſt, wie die Frau Doktorin Plager, ſo bitte ich dich, da ich es gewiß gut mit dir meine, dich vor häufiger Anwendung ſolcher Blicke zu hüten; ſie rufen eine unendliche Erbitterung hervor: man gedenkt früherer Zeiten, wo dieſe Blicke ganz anders waren, oder wo man überhaupt noch gar keine von dir erhalten; man träumt von vergnügteren, freieren Tagen, von einem ſtillen Schlafzimmer mit harm⸗ loſem Bedienten, der uns den Stiefelknecht zurecht rückt und dabei freundlich ſagt: Heute kommen Sie aber ſehr früh⸗ nach Hauſe. Man phantaſirt von jener glücklichen Zeit, wo man dich und deinen Blick noch nicht gekannt, theure Leſerin— wo man noch im Flügelkleide in die Mädchenſchule ging!— Danach hatte Herr Doktor Plager ſanft und ruhig ge⸗ ſchlafen, auch geſchnarcht, wie am anderen Morgen Madame ihrer Frau Mutter mit großer Entrüſtung erzählte. Doch ging dieſes Vergehen in der allgemeinen bitteren Stimmung unter, welche begreiflicherweiſe die Gemüther der beiden Da— men beherrſchte und beim Kaffee zu einem ganz gehörigen Ausbruch kam. Natürlich wurde dabei die Geſchichte von geſtern Abend mit den empörendſten Einzelheiten und genau ſo erzählt, wie ſie Fräulein Clementine Weibel berichtet. Da⸗ bei hielt ſich die Schwiegermutter klugerweiſe bei der Frage auf, was der Schreiber eigentlich ſo ſpät und allein im Bureau zu ſchaffen gehabt. Daß die Motive dazu höchſt unlautere ſeien, verſtand ſich von ſelbſt, und wenn Madame Plager mehr der Anſicht war, Larioz habe, Gott weiß zu welchem Zwecke, geheime und wichtige Aktenſtücke durchgeſehen, Die Czrabowski’ſchen Güter. 247 copirt, vielleicht auch ſogar entwendet, ſo war die Schwieger⸗ mutter vollkommen überzeugt, der nächtliche Beſuch habe der Kaſſe gegolten, und dieſer Diebſtahl ſei durch das kluge und muthige Benehmen ihrer Tochter Clementine zum Glück ver⸗ eitelt worden. „Daß Sie nach alle dem,“ ſchloß die würdige Dame, „noch immer nicht einſehen wollen, was Sie an uns und un⸗ ſerer Familie haben, begreifen wir vollkommen, machen uns auch weiter keinen Kummer darüber, da wir es doch nicht än⸗ dern können, indem wir zu genau mit Ihren Geſinnungen bekannt ſind. Ja, wir kennen Ihre Geſinnungen ſo genau,“ wiederholte ſie mit einem bezeichnenden Blick auf ihre Tochter, ndaß wir überzeugt ſind, Ihr nobler Spanier, Herr Don Larioz, braucht nur den Verſuch zu machen, Ihnen die Bege⸗ benheiten von geſtern Abend in einem anderen Lichte darzu⸗ ſtellen, ſo werden Sie ihm unbedingt glauben und unſere An⸗ gaben für Lügen halten.“ Wir müſſen in der That eingeſtehen, daß der Rechtscon⸗ ſulent wirklich ſo dachte, obgleich es ihm räthſelhaft war, was ſein Schreiber, der doch als Kranker in ſeinem Zimmer hätte ſein ſollen, am ſpäten Abend im Bureau zu ſchaffen hatte. „Ob Herr Don Larioz nun,“ fuhr die Schwiegermutter fort, indem ſie ihre Naſe hoch erhob und dabei das Weiß⸗ brod, das ſie in der Hand hielt, vollſtändig im Kaffee er⸗ ſäufte,„den Verſuch machen wollte, Akten zu entwenden oder die Kaſſe zu beſtehlen, iſt mir und meiner Tochter vollkommen gleichgültig; obendrein aber hat er ſich gegen uns ſo benom⸗ men, daß wir verlangen können, müſſen und wollen, dieſer Menſch ſolle nicht einen Tag länger in Ihren Dienſten bleiben.“ 248 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Auf das hin lächelte Madame Plager auf eigenthümliche Art und zuckte leicht mit den Achſeln, als ſie ſagte:„Herr Don Larioz wird nicht entlaſſen, Mama, darauf kannſt du dich verlaſſen, es iſt nur des Anhangs wegen. Was ſind wir gegenüber dieſem vortrefflichen Schreiber? Haſt du über⸗ haupt je erlebt, daß man ſich unſerer Familie annimmt, wenn Jemand uns noch ſo grob und unverſchämt behandelt?— Das haſt du nicht erlebt, nie nie!“ „Allerdings iſt das bis jetzt noch nicht vorgekommen,“ nahm Madame Weibel in ſehr ſpitzem Tone das Wort. „Doch iſt dieſes ein Fall, wo der Herr Schwiegerſohn nicht mehr wird umhin können, einmal Gerechtigkeit gegen uns zu üben. Oder—“ „Oder?“ fragte ſcharf der Rechtsconſulent, der, von den unnöthigen Anſpielungen gereizt, unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her rückte. „Das Oder werden Sie erfahren, wenn es Zeit iſt,“ verſetzte Madame Weibel mit Geringſchätzung.„Jetzt bitte ich, bei der Sache zu bleiben und nicht, wie es gewöhnlich Ihre Art iſt, durch ein hingeworfenes Wort Streit anzufangen, um ſo von einem Gegenſtand abzukommen, der Ihnen unan⸗ genehm iſt.“ Der Hausherr biß ſich auf die Lippen und ſprach zu ſich ſelber: Ruhe, Ruhe, Geduld! Und daß er es wirklich über ſich vermochte, vollkommen ruhig zu bleiben, ja mit blaſſen Lippen zu lächeln, verurſachte ihm eine aufrichtige Freude, und er konnte in gewöhnlichem Tone ſagen: „Sie haben ein Wort hingeworfen, Frau Mama, und nicht ich. Doch will ich es fallen laſſen, um Ihnen zu ſagen, daß, wenn ſich die Sachen ſo verhalten, wie Sie mir erzählt— —————----̃ᷓ9ꝛM—Q—ÿ——ꝑ—ꝑC—QCQC—CQCQ———ꝑꝓ Die Czrabowski'ſchen Güter. 249 woran ich durchaus nicht zweifle,“ ſetzte er hinzu, als er einem aufflammenden Blicke der Madame Weibel begegnete,„Larioz heute noch entlaſſen wird, aber—“ Madame Weibel und ihre Tochter waren durch eine, nur ihnen verſtändliche Miene übereingekommen, weßhalb die Letztere ſagte:„Aber—? Plager, du haſt doch vielleicht nicht im Sinne, uns deinem Schreiber gegenüberzuſtellen oder ſeine Rechtfertigung anzunehmen, nachdem wir dir bewieſen, wie zweideutig er ſich gegen dich benommen und wie ſehr er Mama, mich und Clementine beleidigt? O, daß er ſich gründlich entſchuldigen wird, daran zweifle ich ebenſo wenig, als daß du unſerer Familie gegenüber ſeine Entſchuldigung annimmſt.“ „Vor allen Dingen, liebes Kind,“ antwortete der Rechts⸗ conſulent mit erhöhter Stimme,„muß ich dich bitten, die ewigen Pikanterieen bei Seite zu laſſen. Allerdings ſollte ich Larioz hören; das iſt in der ganzen Welt noch nicht vorge⸗ kommen, daß man Jemand verurtheilt, ohne ihm Zeit zu ſeiner Vertheidigung zu laſſen; namentlich ich, als ein Mann des Rechtes, ſollte nicht ſo handeln. Um aber der Frau Schwiegermutter den Beweis zu geben, daß ich gern bereit bin, ſie und ihre Familie vor jedem Angriff zu ſchützen, ſo will ich die alte Magd vornehmen, einen unparteiiſchen Zeu⸗ gen, die, wie ich ja von euch hörte, auch zugegen war.“ „Und dieſes Weibsbild nennen Sie einen unparteiiſchen Zeugen, Herr Schwiegerſohn?“ fuhr Madame Weibel auf. „Nehmen Sie mir nicht übel, das iſt eine Verhöhnung, wie wir ſie freilich gewohnt ſind, wie wir aber nicht Luſt haben, ſie länger uns von Ihnen gefallen zu laſſen.“ „Madame,“ ſagte hierauf der Rechtsconſulent, indem er 250 Sechsunddreißigſtes Kapitel. ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und mit den Fingern auf dem Tiſche trommelte. Seine Stimme war ruhig, aber etwas ſchärfer als gewöhnlich.„Madame,“ wiederholte er,„Sie ſprachen da von Gefallenlaſſen und dergleichen Dingen, die ich freilich ſchon oft von Ihnen gehört, Aeußerungen, die ich aber durchaus nicht an ihrem Platze finde. Es ſteht ja eigentlich bei Ihnen, was Sie ſich in meinem Hauſe gefallen laſſen wollen oder nicht.—— Das iſt Eins,“ fuhr er mit einer Handbewegung gegen ſeine Frau fort, die ihm in die Rede fallen wollte;„das Andere, was ich ebenſo unbegreiflich finde, iſt Ihre Art, im Pluralis zu ſprechen. Sagen Sie doch um des Himmels willen: mir ſagt Dieſes oder Jenes nicht zu, mir gefällt das nicht, und laſſen Sie Ihre Tochter, meine Frau, reden und denken, was ihr beliebt.“ Der Rechtsconſulent hatte damit ein gefährliches Thema berührt, und da er mit ſeinem allzu nachgiebigen, etwas furchtſamen Temperamente es doch nicht wagte, daſſelbe weiter auszuführen, ſo lenkte er Angeſichts des flammenden Blickes ſeiner Frau und der offenbaren Kampfbereitſchaft ſeiner Schwiegermutter ein, indem. er fortfuhr:„Laſſen Sie uns aber vor Allem bei der Sache bleiben und nicht immer auf andere Dinge abſchweifen. Sie ſehen, wie geneigt ich bin, Ihnen Recht zu geben, da ich nicht einmal Ihren Gegner vernehmen will.“ „Dafür aber ein altes, lüderliches Weibsbild zum Zeu⸗ gen aufrufen, das mit Ihrem ſauberen Schreiber zuſammen⸗ hängt und natürlicher Weiſe nur das ſagen wird, was dieſem gefällt. O, Herr Schwiegerſohn,“ ſetzte ſie mit ſehr bezeich⸗ nender Handbewegung hinzu,„machen Sie uns keine Faxen Die Czrabowski'ſchen Güter. 251 vor; wenn die Familie Weibel auch in Ihren Augen nicht viel gilt, ſo können Sie ſich doch darauf verlaſſen, daß ſie eben ſo geſcheidt iſt, wie ſechs Dutzend Plager.“ „Ihre Gemeinplätze, Madame, bin ich gewohnt,“ er⸗ widerte der Rechtsconſulent,„doch habe ich mir vorgenommen, mich heute nicht von Ihnen in Zorn bringen zu laſſen.“ „Aber gemein ſind wir nicht, das muß ich mir aus⸗ bitten!“ rief Madame Plager, indem ſie ihre Taſſe heftig zurückſtieß.„Das müſſen wir uns alles von ihm ſagen laſſen, Mama!“ Der Rechtsconſulent zuckte mit einem Blick zum Himmel die Achſeln, wobei er die Schultern ſo lange oben behielt, daß man hätte glauben können, er wolle ewig in dieſer Stellung verharren; doch ſchien dies abermals zu ſeiner Be⸗ ſänftigung beigetragen zu haben, denn er entgegnete mit einer bewundernswürdigen Ruhe:„Ich ſprach von Gemeinplätzen, und damit iſt noch lange nicht geſagt, daß ich euch für ge⸗ mein halte.“ „Er ſagt das nicht,“ rief die Schwiegermutter mit einem krampfhaften Lachen,„darauf kannſt du dich verlaſſen; aber er denkt es. Ich bin gemein, du biſt gemein, die ganze Weibel'ſche Familie iſt gemein. Und damit Baſta!“ Jede Geduld iſt zerreißbar, namentlich aber eine künſt⸗ lich hervorgebrachte und auf übermenſchliche Proben geſetzte. Deßhalb zerriß auch die des guten Doktor Plager; er ſprang vom Tiſche auf, und es hätte in dieſem Augenblicke wahr⸗ ſcheinlich eine der ſchon oft da geweſenen geräuſchvollen Fa⸗ milienſcenen gegeben, wenn ſich nicht zur rechten Zeit die Thür geöffnet hätte und Babette eingetreten wäre, ein Schrei⸗ ben in der Hand tragend. 252 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Obgleich dieſes Schreiben an den Hausherrn gerichtet war, ſo konnte es doch das würdige Dienſtmädchen nicht über ihr Herz bringen, es dieſem Tyrannen zu übergeben; ſie warf deßhalb den Brief geringſchätzend auf den Kaffeetiſch, wobei ſie ſagte:„Das wurde ſo eben gebracht,“ und verließ alsdann wieder das Zimmer, während ſie ihren Kopf ſehr auffallend hin und her bewegte. Der Rechtsconſulent warf mit finſterem Stirnrunzeln einen Blick auf die Adreſſe, und als er die Handſchrift der⸗ ſelben erkannte, riß er heftig das Couvert ab und durchflog die Zeilen. Sie waren von Larioz, und derſelbe ſchrieb folgender⸗ maßen: „Hochgeehrteſter Herr Doktor! „Seit einer ziemlichen Reihe von Jahren bin ich in Ihren Dienſten, und wenn auch hier und da, wie das un⸗ ausbleiblich iſt, kleine Differenzen entſtanden ſind, ſo glaube ich doch nicht, daß Ihnen der Tag beſonders haſſenswerth erſcheinen wird, an welchem Sie mich mit einer Anſtellung auf Ihrem Bureau beehrten. Ob ich dort meine Pflichten erfüllt, wiſſen Sie, verehrteſter Herr Doktor, am beſten ſelbſt zu beurtheilen; was mich anbelangt, ſo kann ich wohl ſagen, daß ich die Zeit, welche ich dort verbracht, im Ganzen für eine recht erfreuliche und angenehme halte. Wenn Ausnahmen ſtattfanden, welche den gemeſſenen Gang meines Lebens be⸗ unruhigten, ſo kamen dieſelben in ſehr wenigen Fällen oder eigentlich nie von den Arbeiten des Bureau's ſelbſt oder von Ihrer verehrten Perſon her, ſondern ſie tropften aus einer Ouelle, die ich wohl nicht näher anzugeben nöthig habe.“ Indem der Rechtsconſulent den letzten Satz las, ſchielte Die Czrabowski'ſchen Güter. 253 er über den Brief hinweg nach den beiden Damen hin, die aber mit dem größten Gleichmuthe da ſaßen; die Schwieger⸗ mutter ſtrickte an einem Strumpfe, die Frau Doktorin ſetzte einen dunkeln Fleck auf eine helle Nachtjacke. „Daß es mir“— las Herr Plager weiter—„unter dieſen Verhältniſſen ſo eigentlich nie in den Sinn kam, Ihr Bureau, verehrteſter Herr Doktor, zu verlaſſen, brauche ich Ihnen wohl nicht zu verſichern. Und doch iſt ein Umſtand eingetreten, der mich veranlaßt, meine Entlaſſung aus Ihrem Dienſte und zwar ſo ſchleunig zu verlangen. Welche Urſache dieſer meiner Bitte zu Grunde liegt, darüber wird Sie wahrſcheinlich, noch ehe Sie dieſen Brief empfangen haben, Ihre Frau Gemahlin, auf jeden Fall aber Madame Weibel aufgeklärt haben, und kann ich nichts Beſſeres thun, als mich der Art zu unterwerfen, in welchen dieſe einen Vorfall von geſtern Abend Ihnen, verehrteſter Herr, mitgetheilt. Eine Berichtigung meinerſeits wird nicht erfolgen, wäre auch un⸗ nütz, da mein Entſchluß feſt ſteht, ferner nicht im Dienſte eines ſonſt ſo achtbaren Mannes zu bleiben, deſſen Familie mich, wiewohl mit großem Unrecht, aufs tiefſte verabſcheut. „Genehmigen Sie, Herr Doktor, die Verſicherung mei⸗ ner ausgezeichneten Hochachtung, mit der ich bin Ihr ergebenſter Larioz.“ Herr Doktor Plager hatte dieſes Schreiben zweimal über⸗ leſen, dann legte er die Hände auf dem Rücken zuſammen, ſo daß der Brief ſich nothwendiger Weiſe auch dort befand, und verließ den Kaffeetiſch, den Blick zu Boden geheftet, um im Nebenzimmer mit großen Schritten auf und ab zu gehen. Madame Weibel zog die Augenbrauen hoch empor, ließ . Sechsunddreißigſtes Kapitel. die Hände mit dem Strickſtrumpf in den Schooß fallen und zuckte mit den Achſeln, als ihre Tochter ſie fragend anſah. Die Rechtsconſulentin lehnte ſich vornüber und meinte flüſternd, das Schreiben müſſe etwas Unangenehmes ent⸗ halten, denn ſie habe ein untrügliches Zeichen zu dieſer Ver⸗ muthung auf dem Geſichte ihres Mannes bemerkt.— Aber woher? Die Schwiegermutter warf verächtlich die Oberlippe auf und ſagte, wobei ſie ſich gerade keine beſondere Mühe gab, ihre Stimme zu dämpfen:„Wer weiß, von welchen vielen ſauberen Geſchichten, mit denen er zu thun hat, dieſe Zeilen handeln!“ Nun war aber Babette eine viel zu vortreffliche und ge⸗ ſcheidte Dienerin, um ihre Damen in der Unwiſſenheit über etwas zu laſſen, deſſen Wiſſenſchaft ihnen von Intereſſe ſein konnte. Sie erſchien deßhalb im Zimmer mit einem gewiſſen Lächeln auf den Lippen, und während ſie das Kaffeegeſchirr mit großem Geräuſch abräumte, ſagte ſie mit leiſer Stimme: „Den Brief hat die alte Magd gebracht, der Tiger, wie ſie ſie nennen. Ich habe auf die Adreſſe geſehen, und links ſtand: Larioz.“ „Aha!“ machte die Rechtsconſulentin, und Madame Wei⸗ bel huſtete bedeutſam. Babette verließ das Zimmer mit ihrem Frühſtücksſer⸗ vice, nicht ohne dem Salon oder vielmehr dem, der dort auf und ab ſpazierte, einen Blick ſtiller Verachtung gewidmet zu haben. Es erfolgte eine kleine Pauſe, nach welcher die Madame Weibel ihrer Tochter zulispelte:„Mag dieſer Kerl geſchrieben haben, was er will, man muß ihm unbedingt zuvorkommen.“ Die Czrabowski'ſchen Güter. 255 Worauf ſie laut zu Emilie ſagte:„Du wirſt ſehen, der ſau⸗ bere Schreiber wird doch noch Recht behalten. O, ich ſage dir, dieſer Menſch iſt ein Krebsſchaden in deinem Hausweſen. Aber es gibt Fälle, wo man einen ſolchen treuen Diener ſchonen muß.“ Im Nebenzimmer huſtete es leicht, doch entfernten ſich die Schritte, die man dort vernahm, von der Thür. „Ja, man muß einen ſolchen Kerl ſchonen,“ fuhr die Schſwiegermutter lauter fort;„verſtehſt du mich, Emilie? man muß ihn halten trotz den Klagen und dem Jammer einer ganzen Familie.— So ein Diener weiß oft viel von ſeinem Herrn, o, ſchrecklich viel, was eine arme Frau nicht erfahren darf; und wenn man ihm die Wahrheit ſagt oder ihn gar entläßt, ſo kommen natürlicher Weiſe ſchöne Dinge an den Tag, und davor muß man ſich hüten.“ Die Schritte im Salon näherten ſich der Thür des Kaffeezimmers wieder, und der Huſten wurde bezeichnender. „Hahaha!“ lachte die Schwiegermutter.„Erinnerſt du dich noch, weßhalb jener ſaubere Lehrling ins Bureau ge⸗ nommen wurde, der Bruder der Mamſell Brenner?“ Die Schritte hatten ſich ein paar Mal ſehr ſtark der Thür genähert, waren aber alsdann wieder ſchnell verklungen. „Ein ſchönes Mädchen das!“ fuhr Madame Weibel fort: „jung und ſieht feurig aus, freilich etwas gemein, aber was thut das! Das mögen ſie ſchon leiden. Ich verſichere dich, Emilie, ich ließe ihn machen, was er wollte: laß ihn ſeinen noblen Spanier behalten und ſich mit der Familie Brenner einlaſſen, ſo tief er mag; wir haben keine Schande davon, denn Gott ſei Dank, man kennt die Weibels.“ In dieſem Augenblicke trat der Rechtsconſulent an die Sechsunddreißigſtes Kapitel. Thür des Kaffeezimmers, aber nicht im Zorn, wie man wohl hätte glauben ſollen, vielmehr war etwas wie Wehmuth er⸗ ſichtlich an der Art, wie er mit den Augen zwinkerte und wie er ſein Kinn tief in die Falten des Halstuches vergrub. „Allerdings, Madame,“ ſagte er ruhig und mit Würde zur Schwiegermutter,„man kennt die Weibel'ſche Familie: es iſt durchaus keine Frage, man kennt ſie. Aber einige Mit⸗ glieder dieſer würdigen Familie haben ſich noch nicht die ge⸗ ringſte Mühe gegeben, das Treiben anderer Leute in ſeinem wahren Lichte zu erſchauen; ſie wollen das nicht, denn ſie sgehen von dem Grundſatze aus, daß die ganze Welt— ihre eigene Sippſchaft ausgenommen— nicht das Geringſte tauge.— Sei es darum,“ fuhr er mit erhöhter Stimme und einer be⸗ fehlenden Handbewegung gegen Madame Weibel fort, als er ſah, daß dieſe ihm ins Wort fallen wollte.„Um Ihnen aber einen kleinen Beweis zu geben, wie voreilig man urtheilen kann, wollen Sie ſich vielleicht die Mühe nehmen, dieſen Brief zu leſen.— Sie werden mir in Ihrer bekannten Manier ſagen: Was geht mich der Wiſch von jenem Menſchen an? während Sie doch vor Begierde brennen, zu ſehen, was dieſe Zeilen enthalten. Da ich das kenne, ſo laſſe ich Ihnen das Schreiben hier, und können Sie ſpäter, wenn Sie Luſt und Muße haben, es gemächlich durchleſen.“ Damit wandte er ſich um, ging in ſein Schlafzimmer, verſah ſich mit Paletot, Hut und Stock und ſchritt einige Mi⸗ nuten nachher abermals durch den Salon, um ſich auf ſein Bureau zu begeben. Dem geneigten Leſer können wir wohl geſtehen, daß Ma⸗ dame Weibel dieſen Moment benutzt hatte, um den Brief zu leſen; da ſie aber durchaus den Schein vermeiden wollte, als die Czrabowski'ſchen Güter. 257 hätte ſie das wirklich gethan, ſo flog das Papier zuſammen⸗ geballt gerade in dem Augenblicke in den Salon hinaus, als Herr Doktor Plager durch denſelben ſchritt. Er bückte ſich, hob es auf und ſteckte es ſeufzend in ſeine Taſche. Der Herr Graf Czrabowski hatte nach jener von uns erzählten Zuſammenkunft mit Baron Fremont und Herrn von Tondern ein paar Tage lang ruhig ſeine Anweiſung in der Brieftaſche behalten und entſchloß ſich alsdann erſt, ſie de Banquier zu übergeben, als er den erſten der eben genannten Herren kurz vorher auf der Straße geſprochen und dieſer ihm nicht gerade unfreundlich angezeigt, er habe dem betreffen⸗ den Banquier mit einigen guten Worten die Honorirung der Anweiſung beſtens onae aee aber jener Banquier zufälligerweiſe der uns bereits gewordene Schwager des Herrn Rechtsconſulenten Doktor Plaget, was dem edlen Graig außerordentlich⸗zu ſeinen Angelegenheiten paßte. rhatte ſich nun in untadelhafter, doch nicht zu auffal⸗ 6nc Toilette auf dem Comptoir präſentirt und war von Herrn Springer, einem ſtrengen Geſchäftsmanne, freundlicher aufgenommen worden, als es das erſtemal der Fall geweſen war, wo Czrabowski ſeine Empfehlungsbriefe präſentirt. Baron Fremont hatte in der That, und wir können hinzu⸗ fügen: etwas leichtſinnigerweiſe, weit Beſſeres über den ſoge⸗ nannten Grafen ausgeſagt, als dieſer es verdiente. Wenn auch der Baron kein großes Vermögen beſaß, ſo hatte er doch immer, um leben zu können, wie Herr Springer wohl bekannt war, und er hatte ſich bei gelegentlichen kleinen Geſchäften mit dem Bankhauſe immer ſo zuverläßig und ſolid benommen, Hackländer, Don Quixote. III. 17 258 Sechsunddreißigſtes Kapitel. daß der Chef des Hauſes ihm unbedenklich einen ziemlichen Credit eingeräumt hätte. Er hatte nun, wie geſagt, den Gra⸗ fen Czrabowski beſtens empfohlen, und dieſer benahm ſich mit einer außerordentlichen Klugheit: er hinterlegte bei dem Ban⸗ quier ſeinen Wechſel, ohne Geld darauf zu nehmen, er über⸗ gab ihn, wie man das mit dem techniſchen Ausdrucke zu be⸗ nennen pflegt, dem Hauſe zur Gutſchrift und eröffnete ſich auf dieſe Art ein Conto bei der geachteten Firma Springer und Compagnie. Daß der Chef dieſer Firma hierauf den Herrn Grafen Czrabowski zu einem kleinen Diner einlud, wird Niemand, der das Geſchäftsleben kennt, überraſchen; daß dieſes Diner en famille war, dafür ſorgte Clementine Weibel durch ihre Schweſter, die Frau des Banquiers, und daß ſie bei dieſem Diner en famille e des Grafen ſaß, wird man ebenſo wenig auffallend finden. Auffallend war es gleichfalls nicht, daß der Gkaf für dieſes Diner en famille in den näch⸗ ſten Tagen einen Beſuch machte— das verſtand ſich von ſelbſt— auch nicht, daß der Beſucher den Banquier, da es gerade Börſenzeit war, nicht zu Hauſe traf, ſondern vonPräu⸗ lein Clementine empfangen wurde,— aber daß Czrabowski dieſe Beſuche häufig wiederholte, ohne daß Herr Springer etwas dagegen einzuwenden zu haben ſchien. Wie ſchon ſo oft kleine Urſachen große Wirkungen hervorge⸗ bracht, ſo hatte auch in dieſem Falle eine an ſich unbedeutende Frage des Banquiers an den... ſchen Geſandten, die er ganz zufällig über den Grafen gethan, die vortrefflichſte Wir⸗ kung für dieſen gehabt. Es war das bei einem Diner ge⸗ weſen, wo man viele gute Weine getrunken hatte und deßhalb gemüthlich und wohlwollend geſtimmt war. Seine Excellenz Die Czrabowski'ſchen Güter. 259 hatten über die Frage einen Augenblick nachgedacht und dann an die Decke blickend, geantwortet:„Czrabowski? Czrabowski? Ach, richtig! kenne ihn ſchon, iſt mir von guter Hand empfoh⸗ len; ich glaube, ein ordentlicher und geſcheidter Mann. Von der Familie weiß ich allerdings nicht viel, Czrabowski— natürlicherweiſe polniſchen Urſprungs, der Vater könnte General in der Revolutionszeit geweſen ſein.— Haben Sie nie von einem General Czrabowski gehört?“ hatte ſich darauf Seine Excellenz an einen Ihrer Attachés gewandt, der den Namen neulich allerdings bei Bereinigung der uns bekannten Paß⸗ angelegenheit nicht nur geleſen, ſondern auch geſchrieben, ſich aber darauf nach dem wirklich ſehr guten Diner nicht vollkom⸗ men mehr beſann— nur der Klang dieſes Namens war ihm im Gedächtniß geblieben— und nun nach dem Grundſatz, daß man einem Vorgeſetzten oder hochgeſtellten Herrn nie eine Antwort ſchuldig bleiben ſoll, mit großer Zuverſicht entgegnete: „General Czrabowski— o, gewiß, Excellenz; wie Euer Excellenz eben bemerkten, ein bekannter Name— war, wenn ich nicht irre, eine Zeit lang Adjutant von Poniatowski. Ha⸗ ben Güter dieſe Czrabowski in— in— Wo haben doch die Czrabowski ihre Güter?“ wandte er ſich an einen jungen Legationsrath, der eine Zeit lang in Petersburg geweſen war, dort begreiflicherweiſe aufs intimſte mit dem hohen Adel ver⸗ kehrt, und um alle Schätze Indiens vor den Ohren ſeines hohen Chefs, des Miniſters des Auswärtigen nicht eingeſtan⸗ den haben würde, es gäbe eine Familie Czrabowski, von der ein Mitglied General und Adjutant von Poniatowski geweſen, und von welcher er nicht wiſſen ſolle, in welchem Theile Po⸗ lens deren Güter lägen. Er erwiderte deßhalb auch, ohne ſich im Geringſten zu beſinnen: 260 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Die immenſen Güter der Czrabowski liegen an der Weichſel bei Rachow, nicht weit von Lublin.“ Man muß im⸗ mer eine Sache, von der man nichts weiß, und die man glaubwürdig machen will, mit Nebenumſtänden behaupten, deß⸗ halb ſetzte er auch hinzu:„Dieſe Czrabowski haben famoſe Bärenjagden, ich war dort eingeladen, fand aber nicht die Zeit, um hinzugehen.“ Hätte der junge Legationsrath in dieſem Augenblicke das ungeheuer malitiöſe Lächeln des Herrn von Tondern, der eben⸗ falls bei dieſem Diner war, verſtehen können, ſo würde er weder von den großen Gütern, noch von den Bärenjagden geſprochen haben. Doch da das einmal erwähnt war, machte ſich Tondern ſelbſt ein Vergnügen daraus, dieſe Angaben zu bekräftigen; denn er ſagte, nachdem er mit großer Ruhe ein Glas Curaçao ausgeſchlürft zu „Allerdings eine große Familie, dieſe Czrabowski, eine weit verzweigte Familie, und da ſie Güter bei Lublin haben, ſo müſſen ſie immens reich ſein. Nicht wahr, es ſind doch Grafen?“ wandte er ſich mit großem Ernſte an den Legations⸗ rath, der unbefangen antwortete:„Das will ich meinen— ein altes gräfliches Geſchlecht.“ So wußte man nun denn mit einem Male, daß der bis jetzt unbekannte Czrabowski wirklich ein Graf dieſes Namens ſei, ſowie ein Sohn jenes famoſen Generals Czrabowski, der Adjutant und Vertrauter des Fürſten Poniatowski geweſen und bei dem großen Kaiſer ſelbſt einen tüchtigen Stein im Brette gehabt; daß die Familie große Güter an der Weichſel beſaß, bei Rachow in der Nähe von Lublin, und daß ſie auf dieſen großen Gütern oft mit gewaltigen Bären zu thun hatte. Die Czrabowski'ſchen Güter. 261 Das Letztere hätte unſer Graf Czrabowski in einem ehrlichen Augenblicke am allerwenigſten geleugnet. Der Banquier Springer war nun gewiß nicht der Mann, der mit vornehmen Bekanntſchaften zu prahlen pflegte. Und doch that es ſeinem Herzen wohl, wenn er zu Hauſe der dicken Gattin erzählen konnte von dem vortrefflichen Diner, dem er ſo eben beigewohnt, wo er zwiſchen dem Baron A. und dem Grafen G., dem franzöſiſchen Geſandten, geſeſſen, und wie er nicht nur von den beiden Herren, ſondern auch von der ganzen Tiſchgeſellſchaft mit großer Aufmerkſamkeit behandelt worden ſei. Mit einem bezeichnenden Lächeln auf Clementine ſetzte er hinzu:„Apropos, heute kam ganz zufälligerweiſe auch die Rede auf Czrabowski. Mehrere kannten ihn ganz genau, und faſt Alle ſagten Gutes von dieſer großen und reichen Familie. Die Grafen Czrabowski ſollen weitläufig mit dem Fürſten Poniatowski verwandt ſein; der Vater, jener bekannte tapfere General, ein Vertrauter des unglücklichen Fürſten, der in der Elſter bei Leipzig ertrank— du wirſt dich erinnern, Marianne,“ wandte er ſich an ſeine Frau,„wir haben den Platz damals à fünf Neugroſchen die Perſon ſehen dürfen— war ein ge⸗ nauer Freund Napoleons und ſoll dem Kaiſer ſehr werth ge— weſen ſein. Die Czrabowski haben ungeheure Güter bei Lublin, da in der Gegend der Weichſel, wo überhaupt der große polniſche Adel ſtark begütert iſt; ihr Stammſchloß, glaube ich, heißt Rachow und ſoll eine prachtvolle Beſitzung ſein mit reichen Waldungen und Bärenjagden.“ Daß jedes Wort, welches der Schwager ſprach, wie ein Funke in das Herz des jungen Mädchens fiel, verſteht ſich von ſelbſt; ebenſo, daß dieſes Herz von Entzücken ſchwoll und ——— * 262 Sechsunddreißigſtes Kapitel. 4 ſein Schlag ſo heftig wurde, daß ſie denſelben gewaltſam niederkämpfen mußte, indem ſie dachte: O, mein Gott, ja, habe ich doch nie an ſeiner Größe gezweifelt, habe ich trotz aller boshaften Einreden ſo ſicher gewußt, daß es der Graf Czrabowski iſt, daß es in ſeiner Hand liegt, ein liebendes Gemüth zu ſich empor zu heben, ein Herz, das für ihn ſchlägt, glücklich zu machen. Aber wird er dieſes Herz auch vollkom⸗ men verſtehen? Iſt er aufopferungsfähig genug, um ſein Wort zu halten?— Werde ich, wie er mir in jener ſüßen Stunde gelobt, Gräfin Czrabowski ſein?— O Uebermaß des Glückes!— Nein, nein! das iſt ja unmöglich! Ruhig, mein Herz, nähre keine thörichten Hoffnungen!— Und doch, wer weiß— und doch! Auch die gemeinſchaftliche Schwiegermutter, Madame Weibel, ſaß dabei, als der Banquier Springer ſo erzählte, und auch ihr Haupt hob ſich vor Stolz und Freude. Im Gegenſatz zu ihrer Tochter machte ſie auch gar keinen Verſuch, den Schlag ihres Herzens zu dämpfen.— Dieſe Verbindung muß zu Stande kommen— warum auch nicht? Allerdings iſt er der Graf Czrabowski. Nun, was iſt dabei ſo Großes? Iſt ſie nicht eine Weibel? Daß die Aktien des Fabrikanten, Herrn Schilder, gegen⸗ über dem Stammſchloſſe Rachow und der Grafenkrone, ent⸗ ſetzlich tief ſanken, brauchen wir wohl nicht zu ſagen; Ma⸗ dame Schilder— und Gräfin Czrabowski! Die Mama konnte ſich nicht enthalten, dieſe beiden Titel ihrer Tochter lächelnd in die Ohren zu flüſtern, worauf Clementine in tiefer, aber affektirter Demuth die Augen zum Himmel erhob und ſchmach⸗— tend ſagte:„Wie Gott will! Ich nehme dankend an, was mir dort über den Sternen beſchieden iſt.“ Die Czrabowsti’ſchen Güter. 263 Der Held aller dieſer Wünſche und Hoffnungen ſah wohl aus dem veränderten Benehmen des Banquiers, ſowie deſſen Frau, welche letztere ihn auch bisher ſtets mit einer gewiſſen Scheu und Zurückhaltung behandelt hatte, daß ſich irgend etwas begeben haben mußte, was zu ſeinen Gunſten ſprach. Welches Ereigniß dieſes eigentlich geweſen, darüber hatte der Graf Czrabowski längere Zeit nur ganz unbeſtimmte Vermuthungen, bis er eines Tages den Herrn von Tondern auf der Straße traf, und dieſer ihm lachend zum Vater General, ſowie zu den Gütern bei Rachow, namentlich aber zu den Bärenjagden gratulirte. Tondern hatte überhaupt eine gewiſſe Zuneigung zu Czra⸗ bowski, die er ſich ſelbſt nicht geſtehen wollte; es war etwas in dem abenteuerlichen Leben des vermeintlichen Grafen, was ihm zuſagte, und er hätte ſich mehr mit ihm eingelaſſen, wenn Czrabowski gleich Mittel und Wege gefunden hätte, ſich mit einem gewiſſen Aplomb als Erbe der immenſen Güter an der Weichſel darzuſtellen und ſo ſich in die Geſellſchaft zu lanciren. So aber war er ein bischen ſchofel in die Reſidenz gekommen, man hätte ihm können den Schneider nachweiſen, wo er ſeine ſehr verdächtigen Kleidungsſtücke abgelegt und darauf mit einem eleganteren Anzuge, der freilich beinahe den Reſt deſſen, was er beſaß, verſchlungen, wieder zum Vorſchein gekommen war. „Es iſt eigentlich ſchade um ihn,“ murmelte Tondern, als er den Andern verließ,„hätte ſich wohl ein bischen höher lan⸗ ciren können, als da ſeine Zeit mit einem obſcuren Bürger⸗ mädel zu vertändeln. Und wohlverſtanden ſeine ganze Zeit; ein paar Stunden, das möchte noch angehen. Nun, Jeder nach ſeinem Geſchmacke.“ Czrabowski alſo erfuhr nun zum erſten Mal in ſeinem 264 Seechsunddreißigſtes Kapitel. Leben, daß er der wirkliche Graf Czrabowski ſei, welch bedeu⸗ tender Mann ſein Vater geweſen, und daß er prachtvolle Gü⸗ ter in der Nähe von Lublin beſitze. Dieſe koſtbaren Notizen über ſeine eigene Perſon machte er ſich nun beſtens zu Nutze und trat in dem Hauſe des Banquiers Springer nun mit viel größerer Zuverſicht auf als bisher. Es iſt etwas Eigenes, wenn man zuverſichtlich auftritt; kennt man dabei ſein Terrain, ſo kann man mit einiger Routine, die dem edlen Grafen nicht abging, ganz Ungeheures leiſten. Und Czrabowski leiſtete auch in der That das Außerordentlichſte, nicht nur daß er Madame Springer für ſich einnahm, auch der Banquier ſelbſt gewöhnte ſich ſo an ſein Weſen, welches für den trockenen Geſchäfts⸗ mann gerade nicht ſonderlich ſympathiſch geweſen war, daß er lächelnd ſagen konnte:„Es iſt eine ſeltſame Perſönlichkeit, aber dieſe reichen Polen ſind nun einmal nicht anders.“ Das Weſentlichſte für den Grafen war aber, daß der ſonſt ſo vorſichtige Banquier ſich durchaus nicht weigerte, Zah⸗ lungen auf Anweiſungen des reichen Gutsbeſitzers zu leiſten,— eine Freundlichkeit, von der Czrabowski für einen Mann, der ſo ungeheure Güter beſaß, allerdings keinen unmäßigen Ge⸗ brauch machte. Doch konnte es nicht dabei bleiben, daß er häufig in dem Banquierhauſe dinirte, daß er darauf mit Clementinen allein war und dort die glänzendſten Verſicherungen tauſendmal wie⸗ derholte, daß er auch, aber meiſtens in Stunden, wo der Rechtsconſulent nicht daheim war, deſſen Haus beſuchte, um der Schwiegermutter und der zukünftigen Schwägerin ſeine Cour zu machen,— er mußte weiter gehen, das hatte ihm Madame Weibel als beſorgte Mutter eines ſchönen Tages nicht undeutlich zu verſtehen gegeben. Und darauf hin ging 1 Die Czrabowski'’ſchen Güter. 265 er denn auch weiter, ja, er ging ſo weit, als es ihm möglich war. Wir meinen das nicht zweideutig, geneigter Leſer, wie du vielleicht vermuthen wirſt; nein, der Graf Czrabowski, Herr der Güter von Rachow bei Lublin, fuhr an einem ſchönen Vormittage— ſchön in Anbetracht dieſer feierlichen Gelegen⸗ heit, denn der Himmel weinte eben an dieſem Vormittage Schnee und Regen durch einander— nach der Wohnung des Rechtsconſulenten, ließ ſich bei Madame Weibel melden und bat förmlich um die Hand von deren Tochter Clementine. So war es denn geſchehen, und daß die Welt alsbald dieſes große Ereigniß erfahre, dafür ſorgte der gütige Himmel, denn drüben am Fenſter lehnte die blaſſe Kaufmannswittwe; ſie ſah den Grafen Czrabowski in ſchwarzem Frack und weißer Halsbinde anfahren, ſie bemerkte, wie die alte Weibel außer⸗ ordentlich tief knixte, und hatte darauf nichts Eiligeres zu thun, als ihr Dienſtmädchen, die Ricke, heimlich zu Plagers Babette zu ſenden, wo ſie denn alsbald die ganze Geſchichte erfuhr.— Das wäre zum Schlagtreffen geweſen, aber die blaſſe Kaufmannswittwe hoffte auf einen minder glänzenden Ausgang dieſer an ſich ſkandalöſen Geſchichte. Man braucht ja nur an die Punſchſcene zu denken, ſprach ſie achſelzuckend zu ſich ſelber. Und— Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden. „Clementine iſt nun alſo eine glückliche Braut, und daß die Sache endlich declarirt, kann man dem armen Mädchen wohl gönnen,“ ſagte an demſelben wichtigen Tage Madame Weibel zu ihrer älteren Tochter, der Frau des Banquiers Springer; worauf ſie noch hinzuſetzte:„Ja, ſie hat in der jüngſten Zeit recht gelitten, die arme Clementine, man ſieht es ihr wohl an.“ 266 Sechsunddreißigſtes Kapitel.— Die Czrabowski'ſchen Güter. Und das war die Wahrheit, denn die Augen des jungen Mädchens hatten viel von ihrem muntern Glanze und der Schärfe des Blickes verloren; ihre Wangen waren bleich ge⸗ worden, und zuweilen zuckten ihre nicht mehr wie früher ſo friſchen Lippen eigenthümlich und ſchmerzlich, wie man das ſonſt nicht an ihr gewohnt war. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Ecarté und Orangenblüthen. Daß Herr von Tondern eine Wohnung hatte, verſteht ſich von ſelbſt; auch war dieſelbe ſeinen Verhältniſſen ange⸗ meſſen, einfach und beſcheiden und beſtand aus zwei Zimmern. Das eine war ein kleines Schlafgemach, von dem zwei Wände mit allerlei ſeltſamen Lithographieen verziert waren, während man an der dritten eine Anzahl vortrefflicher Jagdgewehre ſah, und die vierte dieſer gegenüber, wo ſich die Thür befand, zeigte eine Sammlung Rehgewichte und Hirſchgeweihe, Alles von ſelbſt erlegtem Wilde. Das andere Zimmer, der Salon, war dagegen ſehr ge⸗ räumig, und hier hatte ſich die Kunſtliebe des Herrn von Tondern bis zu Anſichten von Pferden, Reitern und Jagden aller Art verſtiegen Weiter war in dieſem Gemache nichts Bemerkenswerthes, als drei Spieltiſche, eine etwas große Zahl für einen einzelnen Herrn. Und doch warenges ihrer nicht zu viel, denn die Freunde des Herrn von Tondern pflegten 8 268 Siebenunddreißigſtes Kapitel. hier gern ihre Partieen zu machen, und an manchen Abenden ſah es da aus wie in einem Spielklub. Wir wollen dadurch nicht ausdrücken, als ſeien hier Hazardſpiele getrieben worden; meiſtens wurde Whiſt geſpielt, und wenn man ſich zuletzt auch hier und da pour la bonne bouchée zu einem Macao oder Landsknecht verſtieg, ſo war das nicht der Rede werth. Dabei war aber Herr von Tondern, was dieſes Gemach anbelangte, von einer außerordentlichen Hoſpitalität. Auch wenn er nicht zu Hauſe war, öffnete die alte Aufwärterin genauen Freunden ihres Herrn das große Zimmer zu einem Spiele, und oft, wenn Letzterer heim kam, fand er unerwartet eine zahlreiche Geſellſchaft. So revanchirte ſich Herr von Tondern für die vielen Einladungen zu Dejeuners, Diners und Soireen aller Art, die er erhielt; aber es war auch die einzige Revanche, die er gab; denn außer einem Glaſe friſchen Waſſers wurde hier nichts angenommen, nicht einmal eine Ci⸗ garre, denn die, welche der Hausherr allenfalls für ſeine Freunde hatte, waren von äußerſt mittelmäßiger Qualität, und wenn er ſich für ſeine Perſon zu einer verhalf, ſo ſchloß er ein kleines Schränkchen auf, zu welchem er den Schlüſſel immer bei ſich führte. Wir erſuchen den geneigten Leſer, dieſen Salon an einem Vormittage mit uns zu betreten. Wir finden dort neben Herrn von Tondern den Baron Fremont; Erſterer war beſchäf⸗ tigt, einen Spieltiſch aufzuſchlagen, nachdem er denſelben in die Mitte des Zimmers gerückt, während der Andere mit dem Rücken gegen das Fenſter lehnte und mit über einander ge⸗ ſchlagenen Armen zuſah. „Alſo wir ſpielen eine einzige Partie,“ ſagte Tondern, Ecarté und Orangenblüthen. 269 „Ecarté und wie gewöhnlich zu fünf Points. Und der Ge⸗ winner—“ „Hat gewonnen,“ ſprach ruhig der Andere.„Nur möchte ich mir erlauben, dir nochmals zu wiederholen, daß wir eigent⸗ lich nicht ſpielen ſollten; denn nimm mir nicht übel, mein lieber Freund— du weißt, ich bin offenherzig— aber wenn du gewinnſt, wirſt du doch wahrſcheinlicherweiſe verlieren. Laſſen wir alſo lieber die Ceremonie ſein und verſtändigen uns ſo; das iſt doch wahrhaftig weit geſcheidter.“ Herr von Tondern hatte zwei neue Spiele Karten hervor⸗ geholt, riß die Couverts ab und miſchte die Blätter mit einer außerordentlichen Fertigkeit; auch nahm er Marken hervor, legte ſie auf zwei Ecken des Tiſches und ſchob alsdann ein paar Stühle herbei. „Wahrhaftig, Tondern, laſſen wir das Spiel ſein; ich ſehe es als einen Wahnſinn an und kann nicht unterlaſſen, dir das zu ſagen. Eine friedliche Uebereinkunft wäre ſicherlich beſſer.“ „Was nützt es mir,“ entgegnete der Andere,„wenn ich anfange, mit dir auf eine friedliche Uebereinkunft zu unterhan⸗ deln? Der Punkt, von dem du ausgehſt und auf welchen du wieder zurückkehrſt, iſt immer der gleiche: du hältſt dich für unwiderſtehlich und biſt nun einmal der Anſicht, daß du auf jeden Fall reuſſiren werdeſt. Verzeihe deßhalb, wenn ich daſſelbe auch von mir denke.“ Baron Fremont zuckte verdrießlich mit den Achſeln. Es war ſelten, daß über ſein offenes, ſtets lächelndes Geſicht ein finſterer Schatten flog; aber jetzt war dies der Fall, und es war ſogar eine recht finſtere Wolke, welche ſeine Stirn be⸗ ſchattete. Er biß die Lippen auf einander und ſchwieg ab⸗ 270 Siebenunddreißigſtes Kapitel. ſichtlich einen Augenblick, wahrſcheinlich um das, was er als⸗ dann ſagte, mit um ſo größerer Ruhe vorbringen zu können. „Ich habe,“ meinte er alsdann,„an deiner Unwiderſteh⸗ lichkeit nie gezweifelt und bin überzeugt, daß, wenn es ſich einfach darum handelt, ein Herz zu erobern, du gewiß eher zum Ziele kommſt als ich. Aber die bewußte Angelegenheit ſteht nicht ganz ſo, und ich halte es für meine Pflicht, ſie dir nochmals darzulegen.“ „Zum hundertſten Mal.“ „Sei es darum, zum hundertſten Mal.— Wir erlangen alſo Kenntniß von einem Teſtament des Grafen Helfenberg; dieſe Kenntniß koſtet mir, nebenbei geſagt, tauſend Thaler.— Gut, es iſt eine Waare, die wir gekauft haben, wir wollen ſie nach beſten Kräften wieder verwerthen.“ „Du ſiehſt die Sache verflucht proſaiſch an.“ „Ich ſpreche aus, was du denkſt, lieber Tondern,“ fuhr der Baron gleichmüthig fort.„Es iſt alſo die Frage: wie können wir die erlangte Kenntniß am beſten ausbeuten? Wir haben erfahren, daß da eine junge Dame iſt, die, Gott mag wiſſen, aus welcher Urſache, in dem Teſtamente mit einem Legate von ungeheurem Werthe bedacht iſt.“ „Und ein ſo ſchönes, liebenswürdiges Mädchen!“ meinte Tondern nachdenkend, indem er ein Spiel Karten gewandt durch die Finger laufen ließ. „Das iſt dir früher nicht beſonders aufgefallen,“ erwi⸗ derte der Andere;„mag's aber ſein, wie es will, du haſt nun plötzlich dieſe Anſicht, und ich will ſie dir nicht beſtreiten. Bleiben wir aber bei der Hauptſache. Die junge Dame, ein, um deine Worte zu gebrauchen, in der That ſchönes und lie⸗ Ecarté und Orangenblüthen. 271 benswürdiges Mädchen, iſt mit einem Male eine reiche Erbin geworden.“. „Was wir Beide allein wiſſen,“ ſprach Tondern mit Beziehung. „Weßhalb denn Einer von uns Beiden,“ fuhr der Baron kopfnickend fort,„ſie zu heirathen wünſcht.“ „Allerdings, Einer von uns Beiden.“ „Und um zu entſcheiden, wer das ſein ſoll— „Schlage ich eine vernünftige Partie Ecarté vor.“ „Und ich Vernunft und ruhige Ueberlegung.— Eine gleichzeittige Bewerbung um das junge Mädchen haben wir Beide für unpaſſend gehalten. Wozu uns auch eine Concur— renz machen, die am Ende zu nichts führen kann? Es wurde alſo beſchloſſen: Einer bewirbt ſich um ſie, und der Andere unterſtützt ihn, ſo viel es in ſeinen Kräften ſteht.“ „Das wurde allerdings beſchloſſen; der Glückliche erhält ihre Hand, der Andere wird angemeſſen entſchädigt.“ „So iſt es,“ ſprach ruhig Baron Fremont.„Der minder Glückliche erhält nach der Heirath des Andern ein Kapital von ſechzigtauſend Thalern. Nun entſtand die Frage: wer ſoll ſich um die Hand Eugeniens bewerben? Und da meine ich doch, es wäre ſelbſtredend, daß der es ſein ſollte, der auch einige Chancen des Gelingens für ſich t. Und das bin ich, um ohne Umſtände zu reden.— Wir ſteh hier ſo bei einan⸗ der, daß es bei dem wichtigen Geſchäfte, welches wir vorha⸗ ben, durchaus nichts hilft, wenn wir uns Complimente machen.“ „Und das thuſt du auch in der That nicht,“ ſagte Ton⸗ dern mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln. „Der Sache zu Lieb,“ verſetzte Baron Fremont mit großer Ruhe.„Ich bin in einer unabhängigen Stellung, mein 272 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Name iſt bekannt, ſo auch, daß ich ein ziemliches Vermögen beſitze, und du ſelbſt wirſt mir zugeben müſſen, daß, wenn ich, Baron Fremont, heute um die Hand des Fräuleins Eugenie von Braachen anhalte, alle Welt ſagen wird: das Mädchen macht eine gute Partie.— Nun, ſei ehrlich und ſprich dage⸗ gen. Wird man daſſelbe von dir auch ſagen können?“ Tondern zuckte die Achſeln und entgegnete:„Du weißt, daß ſich die Sachen geändert haben; allerdings wäre mir mit der Heirath, die ich mit einem armen Mädchen einginge, nicht gedient; aber wir wiſſen, daß Eugenie reich iſt.“ „Wir wiſſen das allerdings, aber Niemand anders darf und ſoll das wiſſen,“ ſprach Baron Fremont und legte auf den letzten Satz eine ſtarke Betonung.„Sei vernünftig, Tondern,“ fuhr er nach einer Pauſe in wohlwollendem Tone fort;„du weißt, wie gut ich es ſtets mit dir gemeint, wie freundſchaftlich ich dich in jeder Beziehung behandelt habe. Gib nach, laß deinen Eigenſinn fahren, der uns alle Beide nur von dem gewünſchten Ziele entfernen kann.“ „Spielen wir, ſpielen wir!“ ſagte der Andere unerſchüt⸗ terlich. „Wenn du willſt, die Partie um hundert Thaler, aber nicht um das Andere.“ „Jetzt biſt du eigenſinnig!“ rief Herr von Tondern lachend.„Was Teufel! es iſt das ſo ein bequemes Auskunfts⸗ mittel, um allem Streit ein Ende zu machen. Auch weißt du ja ſelbſt, das du im Ecarté ein unwandelbares Glück haſt. Geh her.“ „Nein, ich mag nicht.“ „Du wirſt doch: denn ich verſichere dich feſt und theuer, ich nehme keine andere Uebereinkunft an. Wie kannſt du auch Ecarté und Orangenblüthen. 273 verlangen, daß ich ſo leichtſinnigerweiſe mein Glück aus der Hand geben ſoll? Eine ſchöne Frau und dieſes wunderbare Stromberg! Was ſind ſechzigtauſend Thaler dagegen?“ Als Herr von Tondern dies ſagte, war er ſcheinbar auf's emſigſte mit den Karten beſchäftigt, die er wie zu ſeinem Ver⸗ gnügen ausgab und dann wieder einſtrich; doch verſäumte er dabei nicht, nach ſeinem Freunde hinüber zu ſchielen, der die Lippen zuſammenbiß und mit düſterem Stirnrunzeln ſeine Nägel betrachtete. Eine Zeit lang wurde weiter nichts geſprochen, und der Hausherr begann eine Melodie zu pfeifen, in der er ſich aber auf einmal unterbrach, um den Andern zu fragen:„Alſo du willſt nicht ſpielen?“ „Um den bewußten Gegenſtand nicht.“ „So muß ich meine Karten wieder einpacken.“ Baron Fremont dachte einen Augenblick nach, fuhr dann mit der Hand über das Geſicht und verſetzte mit einem leich⸗ ten Seufzer:„So will ich dir eine andere Partie vorſchla⸗ gen. Du überläſſeſt mir die Bewerbung um Eugenie, unter⸗ ſtützeſt ſie nach beſten Kräften, und ich ſpiele dafür mit dir eine Partie, bei welcher ich baare tauſend Thaler gegen dein Wort ſetze.“ „Und was gewinne ich dabei?“ meinte Tondern achſel⸗ zuckend. „Wahrſcheinlich tauſend Thaler, da ich— ſehr zerſtreut bin.“ Der Andere nahm die vorhin abgebrochene Melodie pfei⸗ fend wieder auf, ſtützte beide Hände auf den Tiſch und ſchien zu überlegen. In Wahrheit aber war er im erſten Augenblick entſchloſſen, die angebotene Partie anzunehmen, denn ſeine ganze Weigerung lief auf ein ähnliches Manöver hinaus. Er Hackländer, Don Quigxote. III. 18 Siebenunddreißigſtes Kapitel. wußte ſelbſt zu genau, daß es im günſtigſten Falle bei allen Freunden ein außerordentliches Gelächter erregen müßte, ſobald es bekannt würde, Tondern habe ſich um die Hand des Fräu⸗ leins von Braachen beworben, ſelbſt da man wußte, daß Eugenie durchaus kein Vermögen beſitze. Wenn Fremont daher nicht von ſo weichem, nachgiebigem Charakter geweſen wäre und nicht die Hartnäckigkeit ſeines Freundes ſo genau gekannt hätte, ſo würde er unbedingt in die Concurrenz ge⸗ willigt haben. Auch beſaß der gute Baron eine Aengſtlichkeit des Gemüthes, die ihn ſchon ſeit lange her vermocht hatte, ſich bei vielen Veranlaſſungen an den ſtarren Charakter Ton⸗ derns zu lehnen und deſſen Rath in Anſpruch zu nehmen. Deßhalb ſchrak er auch jetzt vor dem Gedanken zurück, nicht nur allein handeln zu müſſen, ſondern auch obendrein ſeinen würdigen Freund zum Gegner zu haben. Daran dachte er und proponirte deßhalb, mit den Verhältniſſen Tonderns ſehr genau bekannt, die Partie um tauſend Thaler. Da ihn nun das Stillſchweigen des Andern vermuthen ließ, deſſen lange Ueberlegung laufe darauf hinaus, jenen Vorſchlag anzunehmen, ſo näherte er ſich jetzt dem Tiſche, zog ſeine Brieftaſche heraus und entnahm derſel⸗ ben zwei Scheine von fünfhundert Thalern, die er nicht ohne einen leichten Seufzer auf den Spieltiſch legte. Tondern warf flüchtig einen Blick auf die Papiere, ſchaute dann lächelnd zu Fremont in die Höhe und ſagte:„Du meinſt alſo, ich acceptire? Du ſetzeſt wahrhaftig meine Freundſchaft für dich auf eine harte Probe.“ „Darin magſt du Recht haben,“ entgegnete der Baron mit einem Anflug von Ironie in ſeiner Stimme; aber du Ecarté und Orangenblüthen. 275 weißt auch dagegen, daß ich dir ſchon oft ähnliche Proben von meiner Freundſchaft gegeben.“ „Wir ſpielen alſo—?“ fragte Tondern. „Ja, unter den eben erwähnten Bedingungen.“ „Das Spiel betreffend oder die andere Angelegenheit?“ „Beides; doch wollen wir uns Eins nach dem Andern klar machen. In ſolchen Fällen ſchadet ein wenig Umſtänd⸗ lichkeit nicht. Du überläſſeſt mir nicht nur die Werbung um die Hand des Fräuleins von Braachen, ſondern unterſtützeſt dieſe Werbung noch, wie dies ja auch ſchon früher zwiſchen uns in allgemeinen Umriſſen feſtgeſtellt war. „Natürlich, ich chauffire!“ lachte Tondern, indem er mit dem Kartenſpiel, das er in der Hand hielt, eine kunſtreiche Volte ſchlug.„Ich laſſe mich zufällig da draußen auf dem alten Eulen⸗ und Fledermaushofe ſehen, gebe dem Baron eine Vaſe aus Pompeji oder dergleichen, bringe das Geſpräch auf dich und entwickle alsdann, was du für ein ungeheuer famoſer Kerl biſt; ich ſchreibe dir Eigenſchaften zu, von denen du nicht denkſt, daß es möglich iſt, wie ein Menſch ſie vereint beſitzen kann. Ich—“ „Ja, ja, wenn du dir feſt vornimmſt, etwas in dieſer Geſchichte zu thun,“ ſiel ihm der Baron Fremont ins Wort, „ſo biſt du allerdings im Stande, mich zu pouſſiren.— Das wäre alſo abgemacht. Nun kommt noch das Spiel, eine Par⸗ tie Ecarté um tauſend Thaler. Ein unvernünftiges Geld!“ ſetzte er ſeufzend hinzu, während er einen Stuhl an den Tiſch zog und ſich darauf niederließ. „Um dir zu beweiſen,“ verſetzte Tondern,„wie eifrig ich in deinem Dienſte bin, will ich mir dein Pferd ſatteln laſſen und noch heute zu dem alten Braachen hinausreiten. Ich 276 Siebenunddreißigſtes Kapitel. werde vorher zu unſerem Freunde, dem ewig unruhigen Le⸗ gationsrathe, gehen und ihm einen alten pompejaniſchen Scher⸗ ben entwenden. Das wird mich famos empfehlen. Es wäre das alſo abgemacht. Spielen wir.— Wenn ich aber dieſe Partie verlöre?“ fragte er darauf mit einem eigenthümlichen Lächeln. „Bah, du wirſt gewinnen,“ antwortete der Andere achſel⸗ zuckend. Tondern zog ebenfalls einen Stuhl an den Tiſch, ſetzte ſich darauf hin, und während er ſeinem Freunde das Karten⸗ ſpiel zum Abheben, der Beſtimmung der Vorhand wegen, hinſchob, ſagte er mit etwas ernſtem Tone:„mir ſcheint, lieber Freund, du hältſt mich auch für eine Art von Czrabowski.“ Worauf der Baron mit faſt beleidigtem Tone ausrief:„Ah, Unſinn, Tondern! Ich muß mir dergleichen Bemerkungen alles Ernſtes verbitten. Wir helfen einander, wo und wie wir können. Da—odu haſt die Vorhand.“ Darauf begann die Partie Ecarté, und wenn man zu⸗ ſchaute, ſo bemerkte man ſchon bei dem erſten Spiele wohl, daß Baron Fremont entweder zerſtreut war oder abſichtlich verlieren wollte; denn er ſpielte mit einem unverantwortlichen Leichtſinn, er nahm die Propoſition ſeines Freundes in einer unbegreiflichen Ausdehnung an, ſelbſt dann noch, als er ein feſtes Spiel in der Hand hatte; ja, er vergaß ſogar einmal, den König zu maskiren, und ſo dauerte es keine Viertelſtunde, bis er die Partie vorloren hatte. Dann ſchob er das Geld gelaſſen ſeinem Freunde hin, der achſelzuckend ſagte: „Wenn ich dieſen Gewinnſt nehme, lieber Fremont, ſo benutze ich ihn wahrhaftig nur als Mittel zu dem bekannten Zwecke und brauche ihn dazu ſehr nothwendig, denn ich bin —õ——— Ecarté und Orangenblüthen. 277 ſo furchtbar abgebrannt, ſo geld⸗ und kreditlos, daß es mir wahrhaftig Mühe machen würde, einen anſtändigen Wagen aufzutreiben, um zu Braachens hinaus zu fahren.— Doch brauche ich das jetzt ja auch nicht, da ich dein Pferd haben kann.“ „Sei aber vorſichtig!“ bat der Baron, indem er ſeinen Kaſſenſcheinen, die der Andere gleichmüthig einſteckte, einen Blick des Bedauerns nachſandte.„Ihm kann man ſchon mit dem Hausthor winken, aber die Baronin iſt eine feine Frau.“ Tondern zog die Augenbrauen in die Höhe, und ſein Ge⸗ ſicht zeigte eine Miene des Mitleids, als er antwortete:„Nun, die Worte hätteſt du dir erſparen können; du ſollteſt Tondern genugſam kennen, um zu wiſſen, daß er jeden Schritt, den er in einer ſo delikaten Angelegenheit thun wird, vorher aufs genaueſte prüft und überlegt.“ „Nun ja, wir kennen uns freilich,“ antwortete Baron Fremont begütigend.„Aber wo ſo viel auf dem Spiele ſteht, da hält man es nicht für überflüſſig, ſogar ſich ſelbſt, den man doch für am zuverläßigſten hält, eine gute Lehre zu geben. Warum alſo nicht auch einem Andern?— Doch ſage mir jetzt,“ ſprach er in ganz anderem Tone, indem er ſich gegen den Spiegel drehte,„ſehe ich gut aus? Aber ſei ehrlich.“ Tondern that ein paar Schritte gegen den Freund und verſetzte, nachdem er denſelben einen Augenblick von der Seite betrachtet:„Aha, du willſt deinen Angriff heute noch begin⸗ nen? Ja, ja, du ſiehſt ganz gut aus; nur ſind die Knöpfe deiner Weſte etwas auffallend, ich mag das für meine Perſon nicht leiden.“ 278 Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Es iſt ſo Mode; mein Schneider hat es nicht anders gethan.“ „Wer wird ſich von ſo einem Menſchen was vorſchreiben laſſen!“ verſetzte Herr von Tondern wegwerfend.„Da muß man immer calmiren; ich für meine Perſon haſſe alles Bunte, alles Auffallende. Apropos, du willſt alſo heute zu Breda's?“ Der Baron nickte mit dem Kopfe. „Nimm einen Rath von mir an,“ fuhr der Andere fort. „Mache nicht deine gewöhnliche, etwas auffallende Tournure, benimm dich außerordentlich ruhig und lache nicht zu viel; es thut nichts, wenn die junge Dame deine ſchönen Zähne auch ein paar Mal weniger ſieht. Sie iſt ein geſcheidtes Mädchen, darauf kannſt du dich verlaſſen, von einer geſunden Natürlichkeit, die alles gemachte Weſen ſcheut.— Noch Eins, wenn du mir es nicht übel nehmen willſt.“ „Nur zu, nur zu!“ lachte der Baron. „Du haſt eine verfluchte Gewohnheit,“ ſprach Tondern weiter,„wenn du einmal einen längeren Satz ſprichſt, mit dem Zeigefinger der rechten Hand die Kette deiner Uhr auf und ab zu wickeln; laß das bleiben, denn wenn man dich öfters darüber ertappt, ſo muß man das unbedingt lächerlich finden. Ferner—“ „Du benimmſt mir meine ganze Sicherheit, Tondern, hör anf, hör auf!“ rief der Baron. „Ich kann dir das Ferner nicht erlaſſen,“ fuhr der Andere mit großer Ruhe fort,„es iſt das Wichtigſte. Wirf dich an⸗ fangs, der jungen Dame gegenüber, nicht zu ſehr ins Zeug; ein Mädchen ihrer Art kann das nicht leiden, und dann halte ich es auch für überflüſſig, unſeren guten George, der dich Ecarté und Orangenblüthen. 279 genau beobachten wird, zu früh au fait deiner Abſichten zu ſetzen.“ Er ſprach dieſe letzten Worte ſehr langſam und von einem ſo ſarkaſtiſchen Lächeln begleitet, daß der Andere darauf auf⸗ merkſam werden und ſeinen Freund wohl verſtehen mußte, weßhalb er demſelben denn auch zur Antwort gab:„Da kommt wieder dein alter Wahnſinn zu Tage, den du uns ſchon bei Graf Helfenberg Preis gegeben. Ich verſichere dich, du thuſt George Unrecht.“ „Verſichere du nichts,“ entgegnete Tondern,„ſondern mache deine Augen auf und beobachte.“ „Darauf kannſt du dich verlaſſen,“ verſetzte Baron Fre⸗ mont mit vieler Selbſtgefälligkeit, worauf er noch einen Blick in den Spiegel warf und dann ſeinen Hut nahm und ſich empfahl. Herr von Tondern blieb zurück, öffnete ſein Schränkchen und rauchte die beſte Cigarre, die er beſaß.—— Wir haben den gleichen Weg mit dem Baron Fremont, halten es aber für angemeſſener, demſelben voraus zu eilen, was uns um ſo leichter wird, da er ſich mit unſerer Schnel⸗ ligkeit nicht meſſen kann, obendrein auch noch für einen Augen⸗ blick nach ſeiner Wohnung zurückkehrt. In der kürzeſten Zeit erreichen wir das Haus George's von Breda und beſinden uns dort im Wintergarten, ohne daß eine Thür geknarrt, ohne daß Jemand dort von unſerer An⸗ weſenheit nur die geringſte Ahnung hätte. Die Jahreszeit war ſchon ſo weit vorgerückt, daß ein guter Gärtner in der Decoration ſeiner Glashäuſer etwas zu leiſten vermochte; und neben anderen minder lobenswerthen Eigenſchaften konnte man Andreas nicht abſtreiten, daß er 280 Siebenunddreißigſtes Kapitel. wirklich ein guter Gärtner ſei; auch kam ihm, wie vorhin ſchon angedeutet, die Jahreszeit zu Hülfe. Hatte doch die Sonne, wenn ſie jetzt am wolkenloſen Himmel ſchien, ſchon Kraft genug, die Räume des Glashauſes angenehm zu erwär⸗ men, und war im Stande, im Verein mit der Wärme der unterirdiſchen Heizungsröhren, den Pflanzen und Blumen einen Frühling vor zu zaubern, der in Wahrheit noch nicht ſo ganz nahe war. Schon ließen auch die dicken Knospen der Ca⸗ mellien die Farbenpracht ihrer Blumen ahnen, Crocus und Hyacinthen dagegen erfreuten bereits das Auge, in dichten Gruppen zuſammen ſtehend, leuchtend in Weiß, Violet, Roſa, Blau und einen ſüßen würzigen Duft ausſtrömend, der Ge⸗ danken und Träume in uns weckt von belaubten Wäldern, ſaftig grünen Wieſen, murmelndem Waſſer, Nachtigallenſchlag und einem ganz wunderbaren Blüthenmeere. Dabei war es hier in dem Glashauſe, als empfänden auch die anderen Bäume und Geſträuche, ja, ſogar das ſpringende Waſſer den Einfluß der milderen Jahreszeit; überall zeigte ſich ſchon fri⸗ ſches Laub, Orangen und Lorbeer trieben ſchon wie verſtohlen kleine, zierliche, hellgrüne Blättchen; die Granaten waren mit röthlichem Flor überzogen, und wo das friſche Waſſer aus den Baſſins auf die Mooſe und niederen Kräuter hinſpritzte, da zeigten dieſe jetzt ſchon eine leuchtend grüne Farbe, ſtatt daß ſie ſich im Winter bei ähnlicher Begegnung wie ſchaurig und froſtig zuſammenzogen. Andreas war an ſeinen Kübeln beſchäftigt, wo er die Erde auflockerte, auch hier und da dürre Blätter entfernte, und hätte dieſe Geſchäfte, wie er ſonſt zu thun pflegte, gern mit dem Pfeifen irgend einer Melodie begleitet, machte auch zuweilen ſchon den Anfang dazu, indem er den Mund Ecarté und Orangenblüthen. 281 ſpitzte, ließ ihn aber gleich darauf wieder breit aus einander gehen, ſich wohl erinnernd, daß er nicht allein in dem Win— tergarten ſei. Wenn er nämlich durch die Sträucher ſchielte, ſo ſah er auf dem breiten Wege ganz genau Fräulein Eugenie ſtehen, welche ihre rechte Hand leicht auf die Zweige eines Citronenbaumes gelegt hatte und freundlich wie immer mit dem Jäger, Herrn Brenner, ſprach, der ſehr aufrecht in ehrer⸗ bietiger Haltung neben ihr ſtand. Herr Brenner war in ſeiner kleinen Livree, dem grünen Jagdrock, leicht mit Silber beſetzt, und ſchaute bei Weitem ſtattlicher aus als neulich, wo wir ihn zu Hauſe geſehen, noch halb in ſeiner ſchweren Jägerkleidung ſteckend. Wie das junge Mädchen daſtand mit der vollen und doch ſchlanken Geſtalt, ſo anmuthig an einen Baum gelehnt, hätte ſie ein wunderliebliches Bild gegeben; ſie hielt das edle ſchöne Geſicht etwas erhoben, ſo daß ein Strahl der Sonne durch die Blätter des Citronenbaumes hindurch leicht auf ihrem blühenden Teint ſpielte und dort eigenthümliche prachtvolle Lichter erzeugte. Sie trug ein einfaches dunkelblaues Kleid ohne irgend welche farbige Verzierung; ein kleiner weißer Kragen umſchloß ihren Hals, und das dicke dunkle Haar, leicht um ihre Schläfe gelegt, drängte ſich um den ganzen Kopf widerſpenſtig hervor und ſchien bei jeder Bewegung durch die eigene Schwere niederfallen zu wollen. „Damals war ich noch ſehr klein, mein lieber Herr Bren⸗ ner,“ ſagte ſie mit ihrer angenehmen, hellklingenden Stimme. „Klein gerade nicht, gnädiges Fräulein,“ antwortete der Jäger,„aber nicht ſo— vollkommen ausgewachſen.“ Er hatte eigentlich noch hinzuſetzen wollen: nicht ſo gut und liebenswür⸗ dig, beſann ſich aber noch zur rechten Zeit, daß ſich das doch 282 Siebenunddreißigſtes Kapitel. wohl nicht ſchicken würde, und ſagte deßhalb:„das gnädige Fräulein waren damals recht lebendig, ſo etwas— wie ſoll ich ſagen?“ „Etwas ausgelaſſen,“ fiel ihm Eugenie mit ihrem gewin⸗ nenden Lächeln in die Rede, wobei ſie die friſchen Lippen ſo ſchalkhaft öffnete.„Ja, ja, ich erinnere mich ganz genau, Sie haben damals mit mir gezankt, und ich hatte es gewiß ver⸗ dient. Wiſſen Sie noch, wie ich alle Hunde losließ und, mein kleines Gewehr auf der Schulter, mit Ihnen in den Wald ging? Da haben wir mit einander gejagt, daß es eine Freude war. Das heißt, für mich, Herr Brenner, für Sie war es keine Freude; denn wie ich vorhin bemerkte, Sie zankten mich aus, als Sie mich nun endlich fanden, und verklagten mich bei Papa.“ „Habe ich das wirklich gethan?“ fragte der Jäger faſt erſchrocken. „Ja, das haben Sie gethan,“ fuhr das junge Mädchen lachend fort,„und hatten vollkommen Recht, es zu thun.— Sehen Sie Klaus zuweilen?“ fragte ſie plötzlich und näherte dabei ihr Geſicht einem Blatte des Citronenbaumes, wie um den Duft deſſelben einzuathmen. „Klaus ſehe ich wenig, gnädiges Fräulein,“ ſagte Herr Brenner;„er kommt ſelten in die Stadt und ich des Winters nicht einmal aufs Revier hinaus, habe auch dort auf den Jagden Seiner Erlaucht des Herrn Grafen Helfenberg nichts zu thun.“ Andreas war von Kübel zu Kübel gegangen, hatte ſich ſo dem breiten Wege genähert und ſchielte zuweilen durch die Zweige nach Fräulein Eugenie, öfter aber bei dem Jäger vorbei nach dem Eingange zum Eßſalon hinauf, wo der kleine Ecarté und Orangenblüthen. 283 Groom unbeweglich ſtand, eine Serviette auf dem linken Arm, mit ſtarren Blicken in das Glashaus hinabſchauend. Ueber dieſe ſeltſamen Blicke des Reitknechts mußte der Gärtner lächeln; wenn er das aber that, bückte er ſich tief hinab auf den Kübel, an dem er ſich gerade befand, und ſpitzte dabei jedesmal den Mund, als wenn er ſich etwas vorpfeifen wollte; doch blieb es aber auch jetzt bei dieſem Entſchluſſe, und begreiflicherweiſe drang zwiſchen ſeinen Lippen kein Ton hervor. Eugenie fuhr mit ihrer kleinen Hand über die Blüthen des Baumes und wehte ſich ſo den Duft derſelben zu. „Ich denke gern an jene Zeit,“ ſagte ſie alsdann ziemlich ernſt,„und freue mich jedes Mal, wenn ich, ſei es auch nur für wenige Stunden, hinaus komme. Jetzt iſt es freilich nicht ſchön in den Wäldern,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe nachſinnend hinzu,„aber jener dunſtige Wind, der durch die Zweige fährt, erinnert mich an das Frühjahr, an Knospen,— an Blüthen.“ Das Letztere ſagte ſie ſehr leiſe und fuhr abermals mit der Hand über die Blätter der Citrone. Der Gärtner hatte ſich jetzt gerade mit einem prachtvollen Orangenbaum beſchäftigt und brach, ohne daß es Jemand bemerkte, einige Blüthen ab, die er ſich, obgleich etwas ſchüch⸗ tern, erlaubte, der jungen Dame anzubieten. Eugenie ſah ihn mit einem ernſten Blicke an und fragte, indem ſie durch eine leichte Wendung einen halben Schritt zurücktrat:„Sie haben ſie doch nicht abgebrochen? das würde mir leid thun.“ Worauf Andreas, der ſeine Mütze in der Hand hielt, antwortete:„O, gewiß nicht, Euer Gnaden, wie wird ein 284 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Gärtner Blüthen abbrechen! Sie ſind abgefallen, und da wollte ich mir nur die Freiheit nehmen, ſie dem gnädigen Fräulein zu geben.“ Es hatte ihn einigermaßen geärgert, daß die junge Dame ſo unbefangen mit dem Jäger plauderte, was ſie mit ihm nie that, und er wollte mit ſeinen Blüthen einen Verſuch machen, ob es ihm vielleicht nicht auch gelingen könne, irgend ein Wort anzubringen. Dabei war ſein Nebenzweck, den kleinen Friedrich zu ärgern, der droben wie auf Kohlen ſtand und ſein Gehirn vergeblich abmarterte, einen Vorwand zu finden, um von der Eſtrade herab in den Wintergarten treten zu können. Dies durfte nur geſchehen, wenn er zu melden hatte, daß das Frühſtück ſervirt ſei. Und ſo oft er ſich auch nach dem kleinen Eßſalon umſah, ſo wollte dort immer noch nichts erſcheinen. Der Gärtner blieb indeſſen mit ſeinen Orangenblüthen in der einen und der Mütze in der anderen Hand vor Eugenien ſtehen, und jetzt kam höchſt unerwartet für den Groom ein herrlicher Augenblick. „Die Tante mag dieſen Duft ſo gern,“ ſagte Eugenie wobei ſie ihre Augen nach der Eſtrade wandte und dann ziemlich laut hinzuſetzte:„Friedrich kann ſie auf den Frühſtück⸗ tiſch legen.“ Friedrich, der ſeine Ohren übermäßig anſtrengte, hatte dieſes Wort nicht ſobald vernommen, als er in den Eßſalon ſtürzte, einen Deſſertteller nahm und dann mit großen Sprün⸗ gen in den Wintergarten hinab eilte. „Das gnädige Fräulein haben befohlen?“ ſagte er faſt athemlos; und als ihm hierauf Andreas die Orangenblüthen auf den Teller legte, zitterte ſeine Hand, und er mußte ſich — Ecarté und Orangenblüthen. 285 Gewalt anthun, den Blicken des Gärtners nicht zu begegnen, der mit einem Auge blinzelte und auf eine eigene Art lächelte, ehe er ſich wieder an ſeine Kübel begab. Herr Brenner war auf die Seite getreten, und Eugenie, nachdem ſie freundlich den Kopf gegen ihn geneigt, ſchritt langſam auf dem breiten Wege dem Eßſalon zu. Friedrich wollte alsbald folgen, doch ſtreckte der Gärtner ſeine Hand zwiſchen den Geſträuchen hervor, faßte ihn leicht am Kragen und gab ihm durch einen Wink mit dem Kopfe zu verſtehen, daß er einen Augenblick da bleiben ſolle. Der Jäger hatte ſich ebenfalls entfernt, und ſo konnte es Andreas ſchon wagen, wenn auch flüſternd, zu ſagen:„Siehſt du nun wohl, unverantwortlicher Kerl, daß ich Recht habe? Von mir nimmt man keine Blüthen an, ich darf ſie auch nicht ins Eßzimmer hinauf tragen, nicht einmal der Jäger, der doch einen ungeheuren Stein im Brette hat; nein, da muß Herr Friedrich gerufen werden, und Herr Friedrich muß kommen zum gnädigen Fräulein und muß ihr die Blüthen nachtragen, damit ſie dieſelben von Niemand anders als von Herrn Friedrich empfängt, denn— paß nur auf!— ich will mich henken laſſen, wenn ſie droben nicht dran riecht. Aber das wirſt du mir ſagen, Kerlchen, das bitte ich mir aus. Und bei der ganzen Sache kannſt du wieder einmal ſehen, wie ich nur für dich denke.— Jetzt geh, du Schuft, du glücklicher! Nach dieſen Worten gab er dem Groom einen leichten Puff in den Nacken, und dieſer, den die Worte ſeines guten Freundes doch etwas verwirrt gemacht hatten, eilte, ſo ſchnell er konnte, dem Hauſe zu. Droben auf der Eſtrade war unterdeſſen Baron von 286 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Breda erſchienen und blickte mit unverkennbarer Freude dem ſchönen Mädchen entgegen, das ſich ihm raſch näherte, wo⸗ bei ſie das glänzende Auge fröhlich und leuchtend auf ihn⸗ heftete. 1 „Ah, Onkel George!“ ſagte ſie,„du warſt früh aus. Tante und ich haben dich lange erwartet.“ „Ich hatte ein Geſchäft in der Stadt; aber du ſiehſt, wie pünktlich ich bin. Es muß gleich elf Uhr ſchlagen, die Zeit unſeres Frühſtücks, worauf ich auch nicht eine Minute möchte warten laſſen.“ Er beugte ſich bei dieſen Worten etwas vorüber, als wollte er Eugenien näher kommen, ohne ihr jedoch einen Schritt entgegen zu gehen, was auch kaum thunlich geweſen wäre: denn mit leichtem, elaſtiſchem Tritt ſprang ſie nun die Treppen hinauf, reichte dem Baron beide Hände hin und ſagte mit einem recht innigen Tone:„Guten Morgen, Onkel George! Haſt du gut geſchlafen?“ „Ja, liebe Eugenie, gut geſchlafen und ſüß geträumt.“ „Doch nicht von der ſchrecklichen Geſchichte,“ entgegnete ſie lachend,„die uns Tante geſtern Abends vorgeleſen, von dem Phantom, das mich ſo erſchreckt?“ „Allerdings war auch etwas von einem Phantom dabei,“ gab er zur Antwort,„aber von keinem ſchrecklichen; es war ein ſchönes Phantom, ein liebes Geſpenſt, das mir erſchie⸗ nen iſt.“ Er hatte die beiden Hände des Mädchens ergriffen und als nun in dieſem Augenblicke Friedrich mit den Blüthen auf dem Teller an ihm vorüber ging und im Eßzimmer verſchwand, hob er dieſe beiden kleinen Hände, die ſo warm, ſo weich, ſo zutraulich in den ſeinigen lagen, leicht in die Ecarté und Orangenblüthen. 287 Höhe und ſagte lächelnd:„Warte, kleine Diebin! du haſt Blüthen abgebrochen. Leugnen hilft da nichts, meine gute Eugenie, ich rieche den Duft der Orangen hier an deinen Fingern.“ Und dabei brachte der Baron ihre Hände nahe genug an ſeine Lippen, daß er den Duft hätte bemerken können, ſo nah, daß das junge Mädchen den Hauch ſeines Mundes empfand. Es durchzuckte Eugenie in dieſem Momente ſeltſam wie nie; ſie fühlte ihr Herz zuſammengepreßt, ja, es war ihr, als müßten ihr Thränen in die Augen ſchießen; ihre Bruſt hob ſich ſchneller und tiefer athmend, und ein Lächeln flog über ihre Züge. Dabei war es ihr, als wehe plötzlich ein kalter Wind über ſie hin, denn ſie ſchauderte leicht zuſam⸗ men und mußte unwillkürlich ihre beiden Hände zudrücken, um ſich zu halten, denn bei alle dem war es ihr einen Augenblick zu Muth, als bewegten ſich die Steinplatten zu ihren Füßen auf und nieder. Alle dieſe Gefühle dauerten freilich nicht länger als höchſtens ein paar Sekunden, aber es war ihr, als ſei eine lange, lange Zeit darüber hingegangen. Und als ſie nun nach einem tiefen Athemzuge wieder frei um ſich blickte, da wun⸗ derte ſie ſich, daß Onkel George noch vor ihr ſtand und noch immer ihre Hände in den ſeinigen hielt. Sie ſchaute zu ihm auf und fand einen ſeltſamen Ausdruck in ſeinen Blicken; ſie ſprachen, mit ihr, es war, als wollten ſie ihr etwas mittheilen, und doch verſtand ſie nichts davon; alles, was ſie begriff und klar in ſich fühlte, war der Gedanke, wie gut es ſei, daß die Sprache der Augen ſich durch Worte nicht verſtändlich machen 288 Siebenunddreißigſtes Kapitel.— Ecarté und Orangenblüthen. könne, denn es war ihr, als müſſe ſie im anderen Falle etwas hören, was ſie vielleicht beunruhigen könnte. Sie ſchlug die Augen nieder; vielleicht hatte ſie ſich auch geirrt. Ja, es mußte ſo ſein, denn als ſie nun gleich darauf wieder in die Höhe ſah, bemerkte ſie den gewöhnlichen ruhigen Blick von Onkel George; auch hatte er ihre rechte Hand los⸗ gelaſſen; nur ihre Linke ruhte noch zwiſchen ſeinen Fingern, und nachdem er lächelnd geſagt:„Warte, ich werde dich bei der Tante verklagen,“ führte er das junge, liebe und ſchöne Mädchen ins Eßzimmer. . ———— —— — 8 — b reęy Gortrol Shart mue Green Vellow Hed Magenta 1 7