Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende umme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Pf „ 3 2 25„—„ 3„—„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — y——————————— ——y— 5 —— 3———— — ———— 4 irote — 9 — — 83 Z — — F. W. Hackländer. Zweiter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. Inhalt des zweiten Bandes. Seite Fünßehntes Kapitel. In der Schreibſtnbe........... 1 5 3 Sechzehntes Kapitel.— Burggaſſe Numero Vier...... 44 Siebzehntes Kapitel. Der Bund zum Dolche Rubens........ 75 Achtzehntes Kapitel. Eugenie......... 115 Neunzehntes Kapitel. Vor ſünf Zenge...... 13 Zwanzigſtes Kapitel. Ein Lichtſtrahl. 196 V Einundzwanzigſtes Kapitel. Alte Bekannte................ 2685 Inhalt des zweiten Bandes. Seite Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Neffe des Fägers............. 258 4 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 5 Don Quirote und Tiger............ 272 —,— ſeine das! geuſt den Krä Frü Jah⸗ mit a alle vor Fünßzehntes Kapitel. In der Schreibſtube. Wenn man ſich eine Jahreszeit wählen dürfte, um alle ſeine verdrießlichen Augenblicke dorthin zu verlegen, ſo müßte das unfehlbar das Frühjahr ſein mit ſeinen freundlichen Mor⸗ genſtunden, dem blauen Himmel mit den leicht dahin ſegeln⸗ den Wolken, der duftenden Erde voll erwartungsvoll zitternder Kräuter und neugierig aufſchauender Blumen. Ja, für den Frühling ſollte man ſich alle Verdrießlichkeiten des ganzen Jahres aufheben, aber nicht um die ſchönen Tage deſſelben da⸗ mit zu verderben, ſondern um vor ihrem Duft und Schimmer alle Traurigkeit verſchwinden zu laſſen, wie der letzte Schnee vor einer warmen Maiſonne vergeht. Wer an einem Frühlingsabend bekümmert nach Hauſe geht und ſchon im Dahinſchreiten den eigenthümlichen Geruch des jungen Laubes auf ſich einwirken läßt und jenen warmen, feuchten Hauch, den die Erde ausſtrömt und den ein Weſtwind Hackländer, Don Quixote. II. 1 . ———́— 2 Fünfzehntes Kapitel. uns faſt dunſtig ins Geſicht weht, jenen Hauch, der uns, wenn wir die Augen ſchließen, ſchwarze, aufgelockerte Erde vor unſere Phantaſie zaubert, die erſten grünen Blätter, ziehende Schwal⸗ ben und die Spitzen von unzähligen keimenden Pflanzen— der fühlt nach und nach die Rinde ſchmelzen, die ſein Herz nicht nur umzieht, ſondern auch ſchmerzhaft zuſammendrückt, und wenn er alsdann in der Nacht feſt und ruhig geſchlafen hat und am Morgen in das lachende Geſicht des jungen, fröhlichen Tages blickt, der vergißt leicht Kummer und Leid, und was ihm geſtern niederdrückend vorkam, erſcheint ihm heute als eine vorübergehende Unannehmlichkeit. Ja, wer das könnte! Aber für die meiſten der armen Menſchen ſind die Sorgen ziemlich gleichförmig über das ganze Jahr hin vertheilt, und ſchlage einer die finſteren Gedanken ſich aus dem Sinn, wenn er nach einem Abende voll Ver⸗ drießlichkeiten am anderen Morgen durch die Straßen gehen muß, wo ihm Regen und Schnee ins Geſicht peitſchen, wo er mit der einen Hand ſeinen langen Stock hält und mit der anderen ſeinen Hut beruhigt, der bei jedem Windſtoße allerlei verdäch⸗ — tige Bewegungen macht, um vom Haupte des Dahinwandeln⸗ den hinweg vielleicht in irgend eine ſtrömende Goſſe getrieben zu werden! Auf die eben beſchriebene Art war am anderen Morgen nach jenem gemiſchten Thee Herr Larioz aus ſeiner Wohnung fort und 2 N auf das Bureau gegangen, an ſeiner Seite Gottſchalk, der von Näſſe und Wind weniger zu leiden hatte, da er⸗ ſich hinter ſeinem Vorgeſetzten hielt und durch die lange Geſtalt deſſelben geſchützt wurde. Das Herz des Schreibers war immer noch 5— 5„ tief betrübt, und wenn wir uns am Eingang dieſes Kapitels erlaubten, von einem heiteren Frühlingstage als einer Zeit In der Schreibſtube. zu ſprechen, die da im Stande iſt, ein trauriges Herz fröhlich zu ſtimmen, ſo müſſen wir hinzuſetzen, daß der rauhe, windige und naſſe Herbſttag dagegen die Verſtimmung des Herrn Larioz ſichtlich vermehrte.. Als die Beiden das Bureau erreichten, fanden ſie auf dem Vorplatze den Tiger, der ſich bemühte, ein kleines Feuer in dem Ofen anzumachen, welcher im Zimmer des Rechtscon⸗ ſulenten ſtand. Wenn die froſtige, feuchte Schreibſtube der beiden Anderen ſchon an einem ſonnigen Tage wie ein gries⸗ grämiger Alter ausſah, den man mit Gewalt zu einem mürri⸗ ſchen Lächeln zwingt, ſo konnte man heute bei dem niederſtrö⸗ menden Regen, bei dem troſtloſen Halbdunkel, welches das Licht des Tages nicht zu verdrängen im Stande war, auf die Idee kommen, über der Eingangsthür würden die bekannten Worte: Laßt alle Hoffnung hinter euch! einen paſſenden Platz finden. Herr Larioz lehnte ſeinen Stock in eine Ecke, hängte Paletot und Hut an den hiefür beſtimmten. Nagel und ſtellte ſich mit über einander geſchlagenen Armen an die angelaufenen Fenſter. Der Anblick des Hofes war indeſſen, wir möchten ſagen: glücklicherweiſe, noch trauriger als der im Innern des Zimmers; hatten ſich die ſchwarzen ſpitzen Giebel in der Nacht wirklich vorwärts gelehnt, oder täuſchten Regen und Schnee, der ſie dicht verſchleierte— genug, man konnte glauben, die umherſtehenden alten ruinenhaften Häuſer blickten mit Selbſt⸗ ardge een die Kehrichthaufen im Hofe. Sogar dieſe letzteren ſchienen ein Gefühl ihres Elends zu haben, denn der Regen, der ſich oben in den Vertiefungen ſammelte, lief wie in Fünfzehntes Kapitel. Thränenbächen an ihnen herunter, ſo daß es ausſah, als be⸗ weinten ſie ihr jammervolles Daſein. „Das iſt doch ein wahres Hundewetter,“ ſagte der lange Schreiber, nachdem er einen Augenblick hinausgeſchaut. Gottſchalk, der ſich durch einige ſehr kunſtloſe Sprünge, die er hinter dem Rücken ſeines Vorgeſetzten ausführte, zu er⸗ wärmen verſuchte, näherte ſich jetzt ebenfalls dem Fenſter und fragte mit einer etwas affektirten Schüchternheit:„Warum ſagt man eigentlich Hundewetter, wenn es ſo ſtürmt und regnet?“ „Das iſt doch ſehr einfach,“ entgegnete verdrießlich Herr Larioz;„weil ein Hund bei ſolchem Wetter nicht auf die Straße geht.“ „Da aber die Menſchen es doch thun,“ ſprach der Bube mit einem ſehr pfiffigen Geſichtsausdrucke,„ſo könnte man es ebenſo gut ein Menſchenwetter nennen.“ „Für manche Menſchen wäre es allerdings das gehörige Wetter,“ verſetzte finſter Herr Larioz und dachte dabei an den geſtrigen Abend und ſah im Geiſte Madame Weibel mit ihren beiden Töchtern auf einem der Kehrichthaufen wie auf einer verwünſchten Inſel ſtehen und umſonſt die Hände flehend nach Jemand ausſtrecken, der ſie von da erretten möge. „Ja, einen Hund ſieht man bei ſolchem Wetter ſelten auf der Straße,“ fuhr Gottſchalk fort, ſichtlich erfreut, daß ihn ſein Vorgeſetzter nicht zur Ruhe und zum Schreiben verwieſen; „und wenn man je einen ſieht, ſo ſchleicht er an den Häuſern hin und kriecht ins Trockene, ſobald er kann.“ „Darin haſt du wohl deine Studien gemacht?“ fragte der lange Schreiber. „Ich habe mich allerdings viel mit Hunden abgeben müſſen,“ meinte der Knabe;„denn der Vater hatte immer eine ganze —,— In der Schreibſtube. Menge zum Dreſſiren, die im Keller eingeſperrt werden, wo zuweilen auch wir hinkamen, wenn wir unartig waren.“ „So, bei euch werden Hunde dreſſirt?— Ich mag die dreſſirten Hunde nicht.“ „Ach, die müſſen alle dreſſirt ſein,“ verſetzte Gottſchalk mit großer Wichtigkeit,„ſonſt taugen ſie nichts. Was würde ein undreſſirter Hund nicht alles für Unheil anſtellen! Er würde ſtehlen und auffreſſen, was er findet.“ „Weil das in ſeiner N. dankenvoll. „Er würde Einen in die Waden beißen, wenn man ihn hart anführe.“ „Natürlich, weil er ein R echt hat, ſich zu wehren,“ meinte Herr Larioz. „Er würde auf der Jagd ſich wohl hüten, eine geſchoſſene Ente aus dem Waſſer zu apportiren,“ fuhr der Knabe, durch die Gegenreden des Andern einigermaßen verwundert, fort. „Und er hätte Recht, wenn er keine Ente apportirte,“ ſagte Herr Larioz kopfnickend.„Es liegt das nicht in ſeiner Natur; man hat ſein Naturel gewaltſam verändert, man zwingt ihn, ſich zu verſtellen und anders zu ſein, als er ſein follte.“ Der Knabe ſchüttelte mit dem Kopfe und meinte:„Wenn aber alle ſo undreſſirt blieben, das wäre doch wahrhaftig ein Unglück.“. „Im Gegentheil, es wäre der reine Naturzuſtand,“ ent⸗ gegnete Herr Larioz, wobei er, wie in tiefe ken, weit, weit hinaus zu blicken ſchien durch die Häuſer in unabſehbare Fernen.„Leider, leider iſt Alles Dreſſur,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„es gibt keine Wahrheit und keine Aufrichtigkeit mehr. Wer wird das glück⸗ Gedanken verſun⸗ „durch den Regen und atur liegt,“ ſagte der Andere ge⸗ 6 Fünfzehntes Kapitel. liche Zeitalter erleben, wo die Menſchen ſo ſprechen, wie ſie denken?“ Gottſchalk ſchüttelte abermals mit dem Kopfe und getraute ſich, in ſehr beſcheidenem Tone zu ſagen:„Das ginge doch wahrhaftig nicht an, da würde man ſich ja gegenſeitig ſchöne Grobheiten machen.“ „Beſſer das, als Falſchheiten.“ „Aber Alles müßte ja aufhören,“ meinte der Knabe, muthig gemacht durch die Antworten, welche ihm der lange Schreiber zu Theil werden ließ.„Geſtern hat mich der Herr Doktor gepufft, wie er ſagte, weil ich abſichtlich einen Dinten⸗ ſpritz auf das Papier gemacht. Nun weiß ich aber wohl, daß ich eigentlich gepufft worden bin, weil geſtern der Prozeß Springer contra Baumüller verloren gegangen iſt. So habe ich auch wohl gedacht; hätte ich das wohl ſagen dürfen?“ Nach dieſen Worten blickte der Knabe fragend und mit lächelndem Geſichtsausdrucke zu Herrn Larioz empor, der die Hände auf den Rücken gelegt hatte und einen Augenblick ſchwieg, ehe er ſagte:„Deine Nutzanwendung, mein lieber Gottſchalk, zeugt von einigem Scharfſinn, und ich will dir dar⸗ auf entgegnen, daß man allerdings ſeine Meinung offen und frei ſagen ſollte, wenn die ganze Welt einverſtanden wäre, es gegenſeitig ſo zu machen, ſich ohne Falſch und Hinterliſt, ohne allen Rückhalt zu behandeln.“ „Ah ſo!“ erwiderte der Knabe:„das ſcheint aber nicht der Fall zu ſein, denn ſonſt hätte mich der Herr Rechtsconſu⸗ lent nicht wegen des Dintenſpritzens gepufft, da er doch einzig und allein im Zorn war wegen des verloren gegangenen Pro⸗ zeſſes.“ 5 „Leider! leider!“ verſetzte der Schreiber, und dabei ſtützte 5 1 Sgrate flüchtig einen guten Morgen wünſchte und dann im In der Schreibſtube. er die eine Hand auf die Fenſterbrüſtung und ließ den Kopf herabhängen.„Leider kann ein Einzelner nicht viel thun und muß ſich auf große Kämpfe gefaßt machen, wenn er, allein mit Wahrheit gerüſtet, dem Trug und der Falſchheit der gan⸗ zen Welt entgegentreten wollte. Es wäre ein ſchöner Kampf,“ ſetzte er träumeriſch hinzu,„ein ſchöner Sieg oder ein glor⸗ reiches Untergehen.— Vor Allem aber merke dir einen Spruch,“ fuhr er nach einer Pauſe im gewöhnlichen Tone fort,„der dir viel nützen kann: Was du ſagſt, muß wahr ſein, aber es iſt nicht thunlich, alles zu ſagen, was wahr iſt.“ „Ja, das hat mein Vater auch ſchon gemeint, wenn er ſagte: Das Maul halten zu rechter Zeit, Hat weder Narren noch Weiſe gereut.“ „Ja, ja, ich kenne das; dein Vater hat zuweilen ſonder⸗ bare Ueberſetzungen.— Es iſt ſchon gut,“ ließ ſich Herr Larioz abermals nach einer Pauſe vernehmen, da ihm das Geſpräch mit Gottſchalk etwas zu weitläufig zu werden ſchien. Auch wandte er ſich ſeufzend vom Fenſter ab, trat vor ſein Schreib⸗ pult und gab auch dem Knaben durch eine bezeichnende Hand⸗ bewegung zu verſtehen, ſich an ſeine Arbeit zu machen. Doch hatte, was dieſe Arbeit anbelangte, Gottſch alk heute einen guten Morgen; denn kaum hatte er nach mehrmaligen mühſamen Verſuchen das Papier in die richtige Lage gebracht, auch unter vielen untauglichen Federn endlich eine brauchbare gefunden, hatte die Dinte beinahe zu Schaum gerührt und mit faſt flehentlicher Geberde nach der Thür gehorcht, ob ſich dort nicht vielleicht ein Klopfer vernehmen laſſe, den er zurecht⸗ weiſen könne, als ſich mit einem Male die Thür zum Zimmer des Hechtsconſulenten öffnete und dieſer ſelbſt heraustrat, ſeinem —— — 8 Fünfzehntes Kapitel. Zimmer auf und ab ſpazierte, wie er zu thun pflegte, wenn er übler Laune war oder Berathungen über einen wichtigen Ge⸗ genſtand pflegen wollte. Dann legte er gewöhnlich die Hände auf dem Rücken zuſammen, blies die Backen auf, als fühle er ſich durch irgend eine Wärme genirt. Auch liebte er es, nach beſonders decidirten und kraftvollen Aeußerungen ſein Kinn in die Halsbinde zu vergraben und dann, um einen großen Effekt hervorzubringen, mit hoch emporgezogenen Augenbrauen wieder daraus hervorzutauchen. Gottſchalk ſchmunzelte vergnügt, als er ſeinen Herrn und Meiſter ſo eintreten ſah; denn er rechnete nun mit Sicherheit darauf, hinausgeſchickt zu werden und draußen beim Tiger eine Stunde verbummeln zu können. Um aber dem Anſcheine nach in voller Arbeit geſtört zu werden und das Recht zu haben, über die Unterbrechung ſeines Fleißes ein finſteres Geſicht zu machen, fing er mit einer ſolchen Wuth zu ſchreiben an, daß ſich das Papier ordentlich bäumte und die Feder knarrte und ſpritzte. Der Rechtsconſulent warf über ſeinen geſpitzten Mund hinweg einen melancholiſchen Blick durch die Fenſterſcheiben, hinter welchen man nichts als Dunſt, Regen und Schnee ſah; er ſeufzte tief auf, barg ſeine rechte Hand auf der Bruſt und ſagte zu Gottſchalk, indem er ſich nach dem fleißig Schreiben⸗ den umwandte:„Sieh' draußen nach, was de Magd treibt, daß ſie nicht zu viel Holz in den Ofen ſchiebt, und dann ſchau, ob die Ableitungsröhre des Regenfaſſes gehörig geöffnet iſt, daß ich nicht nachher wieder eine Ueberſchwemmung in meinem 4* Arbeitscabinet habe.“ Der Lehrling erhob ſich verdrießlich, daß er ſo in beſter Arbeit geſtört werde, und warf einen Blick der Sehn⸗ —2 ————————————— 3 4— ———————— 1— ———————— —— — vergnügt der Arbeit der alten Magd zu. In der Schreibſtube. ſucht auf das noch ziemlich leere Papier, ehe er hinausging auf den Vorplatz, wo der Tiger beſchäftigt war, das kleine Holz in einer Ecke aufzuſchichten. Gottſchalk ſchwang ſich auf ⸗ 1 eine leer ſtehende Kiſte, ſchlenkerte mit den Füßen hin und her, ſteckte die Hände in die Taſchen ſeiner Hoſen und ſah ſtill⸗ Drinnen war der Rechtsconſulent noch einige Mal haſtig auf und ab geſchritten mit zu Boden geſenkten Blicken, dann blieb er wieder am Fenſter ſtehen, ſeufzte tief auf, blies faſt pfeifend den Athem von ſich und ſagte alsdann:„Das ſind ſchöne Geſchichten!— Meinen Sie nicht auch, daß das ſchöne Geſchichten ſind?“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als er be⸗ 8 merkte, daß der lange Schreiber nicht von ſeiner Arbeit in die 4 Höhe ſah.„Merkwürdige Geſchichten— ganz infame Ge-⸗ I ſchichten! Aber ich will nächſtens unter ſie treten und fürch⸗ terliche Muſterung halten! Hat doch dieſe— Madame Weibel ſich erlaubt, mir die ehrenrührigſten Dinge ins Geſicht zu ſagen!“ „Ja,“ unterbrach ihn Herr Larioz mit großer Ruhe,„und hat doch Babette ſich unterſtanden, mir einen Kübel ſchmutzi⸗ gen Waſſers auf meinen Frack zu gießen.“ „Oh!“ machte erſtaunt der Prinzipal.„Und wann das, wenn ich Sie fragen darf?“ „Das geſchah geſtern Abend, nachdem ich Ihr Haus verlaſſen; es war das ein hinterliſtiger Ueberfall, oder vielmehr ein perfider Ueberguß, ein Ueberguß mit Spülwaſſer; ich ſah es heute Morgen an meinem Fracke, der vor Fett ordentlich glänzt.“ „Ja, Spülwaſſer,“ ſprach der Rechtsconſulent, indem er mit den Zähnen knirſchte,„Spülwaſſer— was mir das ſchon 10 Fünfzehntes Kapitel. in meinem Hauſe zu ſchaffen gemacht hat!— Doch ſchweigen wir davon, wir haben wichtigere Dinge. Können Sie ſich denken,“ fuhr er nach einer Weile fort, nachdem er zuvor die Hände auf ſeinem Bauch zuſammen gefaltet und erſchrecklich tief in die Halsbinde hinabgetaucht war,„daß das Attentat von geſtern auf uns Beide eine abgekartete Geſchichte war? Können Sie ſich denken, daß man mich wieder einmal unge⸗ rechter Weiſe in einem Verdacht hat?— O, ich bin ganz außer mir. Es iſt das eine wahre Mordgeſchichte, in die auch Sie verwickelt ſind.— Ja, Sie, ſchauen Sie mich nur fragend an, auch Sie ſind darin verwickelt, und Sie werden ſich doch ſo unſchuldig fühlen, wie ein neugeborenes Kind.“ Der Blick, mit dem Herr Larioz hierauf ſeinen Herrn anſah, war wirklich wie der eines unbefangenen Säuglings. „Die Geſchichte mit dem Gottſchalk iſt an Allem ſchuld,“ fuhr der Rechtsconſulent fort.„Wir hätten den Jungen auf das Bureau genommen— ſo ſagen die da droben— nicht aus Mitleid mit ſeiner hülfloſen Lage, ſondern weil er, weil er— o, es kommt mir ſo lächerlich vor, daß ich es kaum ausſprechen kann— weil er eine hübſche Schweſter habe!— Nun, was ſagen Sie dazu?“ „Es kommt mir das nicht ſo unerwartet,“ entgegnete der lange Schreiber, indem er ſein Lineal feierlich neben dem Pulte empor zog, wie man es mit einem Schwerte zu machen pflegt, und dann das Kinn darauf ſtützte.„Verzeihen Sie mir, Herr Doktor, wenn ich etwas Hartes ſagen muß, aber wer es ſelbſt liebt, mit Lug und Heuchelei umzugehen, der ſetzt daſſelbe auch bei andern Leuten voraus.— Der arme Bube! Da wird es wohl mit ſeiner Exiſtenz alsbald zu Ende ſein.“ 3 —— 5——— ———— In der Schreibſtube. 11 „Vorderhand nicht,“ verſetzte eifrig der Rechtsconſulent, während er feierlich die Hand erhob;„bei Gott, vorderhand 3 nicht! Ich will die Weiber da oben lehren, ſich in meine Geſchäftsſachen zu miſchen; ich will ihnen zeigen, ob ſie ſich im Geringſten darum zu kümmern haben, wer meine Ge⸗ hülfen ſind, ob es ſie etwas angeht, wenn dieſelben keine Familie haben, oder wenn ſie ein halbes Dutzend ſchöne Schwe⸗ ſtern aufweiſen können. Ja, das will ich, und wenn auch noch eine Anzahl Schwiegermütter mehr da wären.“ Er hatte ſich ſelbſt in den Eifer hineingeſprochen, die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt und ging eilfertig auf und nieder, während er das eben. Angeführte ſprach. Der lange Schreiber gab übrigens nicht das geringſte Zeichen des Mißfallens oder Beifalls über das, was ſein 2 Prinzipal ſprach, zu erkennen; er hatte ſchon häufig derglei⸗ chen erlebt und dann leider faſt immer die Erfahrung ge⸗ macht, daß Madame Weibel oder ihre Tochter gegen ihn Recht behielten. „Das wäre mir eine ſchöne Geſchichte,“ fuhr Herr Doktor Plager fort, wobei er bald in ſeine Halsbinde niedertauchte, bald den Kopf hoch erhob, um, am Fenſter angekommen, den übernaſſen Hof betrachten zu können.—„Eine ſchöne Ge⸗ ſchichte in der That! Heute der Gottſchalk, morgen—“ „Meine geringe Perſönlichkeit,“ ſagte gleichmüthig lächelnd :1 der Schreiber. + 3„Bei Gott, Sie haben Recht, Larioz! Und übermorgen —— ich ſelbſt. Ja, ich ſelbſt,“ wiederholte der Rechtsconſulent zwei oder drei Mal und verfiel dann in Träumereien, die aber ſcheinbar dem ernſten und traurigen Augenblicke nicht an⸗ gemeſſen waren, denn er ſpitzte ſeinen Mund und lächelte 4 12 Fünfzehntes Kapitel. zuweilen vergnügt in ſich hinein. Er träumte nämlich, die Schwiegermutter habe ihn in der That vor die Thür geſetzt, und er habe ſeine Kinder genommen und ſich das gefallen laſſen; er ſei hinabgezogen in die beiden Rumpelkammern neben dem Bureau, habe ſich dieſelben einfach, aber behaglich mö⸗ blirt; der Tiger mit dem guten dummen Geſichte zog die Kinder an und bereitete einen ſehr guten Kaffee ohne Waſch⸗ ſchwamm, worauf Fritzchen und Louiſe in die Schule ge⸗ bracht wurden und er nun, ohne vorherigen Zank und Streit, mit ruhigem Gemüth und nicht aufgeregten Nerven in die Schreibſtube ging und ſich an das Fenſter ſtellte, wo er jetzt ſtand— friſch, fromm, fröhlich, frei. Herr Rechtscon⸗ ſulent Plager war nämlich Turner geweſen und liebte dieſen Spruch noch immer in Erinnerung an eine angenehm verlebte Jugendzeit. Wenn er übrigens dergleichen träumte, ſo wird es dem geneigten Leſer begreiflich werden, wenn wir ſagen, daß der Rechtsconſulent im Gefühle ſeiner Unſchuld heute Morgen bei dem Kaffeegeſpräch, welches wohl zur Fortſetzung der Punſch⸗ attake von geſtern Abend hätte werden können, nicht nur durch große Ruhe und Kaltblütigkeit jede weitere Scene ab⸗ geſchnitten, ſondern auch einfach erklärt hatte, das Maß des gegen ihn gerichteten Benehmens ſei bereits übergelaufen, und er ſehe ſich veranlaßt, entſchieden andere Saiten aufzuziehen. Ja, er hatte die Verſicherung durchſcheinen laſſen, wie er vollkommen überzeugt ſei, daß er wohl im Stande wäre, mit ſeiner Frau allein fertig zu werden, ja, vergnügt zu leben; doch ſei die Einmiſchung einer Dritten, einer Schwiegermutter, unerträglich. Mochten nun die Weiber durch etwas Anderes noch nach⸗ *. In der Schreibſtube. die Rechtsconſulentin giebig geſtimmt worden ſein, genug, gnügt und Madame hatte ſich mit einem gelinden Weinen be Weibel ſtarr an den Himmel hinauf geſehen, als forſche ſie nach etwas Blitz und Donner, die von dorther zur gelegenen Zeit herabfahren möchten. Aber die verdroſſenen Wolken thaten nichts als langweilig fortregnen, weßhalb Madame Weibel mit einem kräftigen Ruck ihre Morgenhaube bis über die Ohren herabzog und ſich, eingehüllt in ihr Bewußtſein, niederſetzte. Darauf war der Rechtsconſulent an ſeinen Schreibtiſch gegangen, hatte den Lohn der Babette gezählt, hatte ihr ein Zeugniß geſchrieben, daß Babette Schmiermel während ihrer zweijährigen Dienſtzeit weder geſtohlen noch betrogen habe, ſer furchtbaren Waffe in das Eßzimmer zu⸗ und war mit die „Hier iſt der Lohn und rückgekehrt, worauf er alſo geſprochen: ein Zeugniß für Babette; ſie hat mir, wie ihr Beide wißt, geſtern Abend grobe, unverſchämte Antworten gegeben, ohne darüber nachträglich ein Zeichen der Reue zu verrathen“— das war ein Einleitungspunkt—„mag ſie gehen und mich verklagen, es ſoll mir eine wahre Freude ſein, einen Prozeß gegen dieſe Perſon höchſtſelbſt zu führen.“ Als er ſo geredet, hatte Herr Plager ſchleunigſt ſeinen Rückzug genommen, worauf die beiden Damen einigermaßen beſtürzt zurückgeblieben waren und worauf Babette, weinend über ihr Schickſal, eben nicht dazu beigetragen hatte, ihre Stimmung angenehmer zu machen. Man berathſchlagte eifrig und lange; man verhehlte ſich nicht, daß man ſich ſchon wegen Clementinens und Herrn Schilder in einer Lage befand, wo es angenehm und wünſchenswerth war, den Herrn des Hauſes in guter Laune zu erhalten; man wußte wohl, daß einige der Gäſte des gemiſchten Thee's, namentlich die ä Juſtiz⸗ —-———** ———— 7 — ꝗᷣÿõõm--—— 4———— — 14 Fünfzehntes Kapitel. räthin und die blaſſe Kaufmannswittwe, Mehreres von den Streitigkeiten vernommen und daß die Sache nur dann auf nichts zu reduciren war, wenn man ſich in nächſter Zeit mit dem Hausherrn in beſter Eintracht ſehen laſſe. Auch trugen die Lamentationen Babettens, die ſich für ein Schlachtopfer anſah, dazu bei, das Gemüth der beiden Damen zur Nachgiebigkeit zu ſtimmen. 1 Das Reſultat der Beratbungen droben zeigte ſich denn auch alsbald und zwar noch, während der Rechtsconſulent, entſchloſſen zu den furchtbarſten Maßregeln, am Fenſter ſeiner Schreibſtube ſtand. Der Tiger ſtreckte ſeinen Kopf zur Thür herein und er⸗ ſuchte den Herrn, einen Augenblick in ſein Bureau zu kom⸗ men. Ahnte dieſer, was er dort finden würde,— genug er waffnete ſein Geſicht mit dem Ausdrucke ernſter Entſchloſſen⸗ heit und trat ſo— ſeiner Frau entgegen, die in Shawl und Hut neben dem kleinen Sopha ſeines Privatzimmers ſtand. So leicht es Fürſten wird, geiſtreich zu erſcheinen und die Herzen ihrer Unterthanen zu gewinnen, ebenſo braucht ſich eine einigermaßen kluge Frau nicht viel Mühe zu geben, um als verſöhnendes Prinzip zu erſcheinen und aus allen Strei— tigkeiten ſiegreich hervorzugehen. So auch hier. Die Rechts⸗ conſulentin, von ihrer erfahrenen Frau Mutter gehörig in⸗ ſtruirt, ſprach ein paar ſo paſſende Worte zur Einleitung, daß ſich die trotzigen, entſchloſſenen Mundwinkel ihres Herrn und Gemahls abwärts ſenkten und einen Zug der Wehmuth annahmen. War er doch glücklich über den ehrenvollen Rückzug, den man ihn aus ſeiner angreifenden Stellung nehmen ließ, ja, er reichte 8 Sen zur Verſöhnung, und der Hausfriede . ——— In der Schreibſtube. 15 wurde— Gott allein weiß, zum wie vielſten Male— unter nachfolgenden Bedingungen geſchloſſen: 1) Gegenſeitige Bemühungen, ſich das Leben ſo angenehm als möglich zu machen. 2) Mäßigung aller Widerſprüche. 3) Sehr beſchränkte Einmiſchung der Schwiegermutter in alle häuslichen Angelegenheiten, dagegen 4) Beibehaltung von Babette, nachdem 5) dieſelbe um Verzeihung gebeten und 6) den Frack des Herrn Larioz mit eigener Hand von den Flecken des Spülwaſſers geſäubert. Nachdem dieſer Vertrag ratificirt war, gab es noch einen Händedruck, einen Kuß der Verſöhnung, und damit verließ Madame Plager die Schreibſtube, um ſich in einen Laden zu begeben und dort ein neues Kleid zu kaufen— eine Ausgabe, die zu machen ſie der Rechtsconſulent nicht nur autoriſirt, ſondern ſogar gebeten hatte. Als dieſer hierauf in die Schreibſtube zurückkehrte, hatte er das Ausſehen eines Siegers und berichtete ſeinem Schreiber die gepflogenen Unterhandlungen mit dem Beiſatze, wie wahr es ſei, daß nur Standhaftigkeit zu allen gewünſchten Zielen führen könne. So ſiegreich übrigens auch der Rechtsconſulent aus dem Streite hervorgegangen war, ſo können wir es doch nicht ver⸗ hehlen, daß Gottſchalk den einzigen reellen Nutzen von der Stunde hatte, welche dieſe Unterhandlungen gedauert; er brauchte ſich während derſelben nicht mit dem verhaßten Schreiben abzugeben und ſaß vergnügt auf ſeiner Kiſte vor dem arbeitenden Tiger, von dem er ſich eine Menge inter⸗ eſſanter Stadtneuigkeiten erzählen ließ. Selbſt als er nun 16 Fünfzehntes Kapitel. endlich wieder hineingerufen wurde und langſam auf ſeinen Schreibſtuhl geklettert war, brauchte er ſich nicht zu befleißi⸗ gen, ſeine Feder laufen zu laſſen, denn ſein ſtrenger Auf⸗ ſeher ſchien ſo mit dem Vorhergegangenen beſchäftigt, daß er ſich um die Arbeit des Knaben gar nicht bekümmerte, ſon⸗ dern gedankenvoll in den Regen hinausſtarrte, wobei er aber ſein Lineal nicht aus der Hand ließ, ſondern mit demſelben aufs Seltſamſte manövrirte; oft hob er es an das Geſicht empor, zuweilen ſenkte er das andere Ende herab, nicht ſelten aber fuhr er mit dem Arm in die Höhe und ſtieß dann mit einem eigenthümlichen Geſichtsausdrucke das glatte Holz, ſo tief er konnte, in den neben ihm ſtehenden Papierkorb. Es ſollte heute überhaupt ein Morgen der Ruhe für Gottſchalk werden; denn kaum war der Rechtsconſulent in ſein Bureau gegangen, ſo kehrte er auch ſchon wieder zurück und bat ſeinen Schreiber, ein paar kleine Ausgänge für ihn zu machen. „Den einen ſollte ich eigentlich ſelbſt beſorgen,“ ſagte er mit wichtiger Miene, ſetzte jedoch verbindlich hinzu:„Sie, beſter Larioz, ſind ja aber mein anderes Ich und in den Geſchäften erfahren wie Keiner; auch wird es nur eine Beſprechung ſein über einen Akt, den wir, wie ich glaube, ſpäter vornehmen ſollen. Mein langjähriger Client,“ ſprach er in leiſerem, vertraulichem Tone,„der junge Graf Helfenberg— ein ſehr reiches Haus— hat mich gebeten, ihn um elf Uhr zu be⸗ ſuchen. Ich habe wirklich zu viel zu thun und muß heute Morgen noch Einiges beendigen.— Sie wiſſen das Palais des Grafen?“ „Es iſt mir wohl bekannt,“ entgegnete Herr Larioz mit einem gewöhnlichen Ernſte. . Bn da noch eine zweite Sache, die Sie en passant —.— In der Schreibſtube. 17 mit vornehmen können, die Schuldklage im Betrage von vierhundert Gulden, wie ich glaube, gegen die Maler in der Burggaſſe. Wo ſind die Papiere?— Sie erinnern ſich wohl?“. Herr Larioz reichte kopfnickend einen Aktenfascikel, welchen der Rechtsconſulent nahm und ihn aufſchlug. „Richtig, es ſind vierhundert Gulden,“ ſagte er alsdann. „Schuldner: Maler Gebrüder Breiberg; Gläubiger: Erd⸗ winkel. Die Breiberg haben, durch uns eingeklagt, die Schuld anerkannt. Der Termin iſt fruchtlos abgelaufen und die Sache alſo zur Execution reif. Doch erſucht mich Erdwinkel in dem hier beiliegenden Schreiben, ehe man zur Execution ſchreite, einen Verſuch zu machen, auf gütlichem Wege Ab⸗ ſchlagszahlungen zu erhalten. Ich will Erdwinkel ſchon den Gefallen thun und bitte Sie alſo, den Breiberg's ins Ge⸗ wiſſen zu reden. Der eine von ihnen ſoll ein erxaltirter, eigenthümlicher Geſelle ſein, mit dem ſchwer fertig zu werden iſt, der andere es dagegen verſtehen, die Leute durch ſüße Redensarten hinters Licht zu führen. Man verſuche aber, was zu machen iſt, und da ich es in Ihre Hände gebe, bin ich überzeugt, Sie werden Ihr Mögliches thun.“ Nachdem der Rechtsconſulent ſeinem Schreiber dieſe Com⸗ miſſion aufgetragen, zog er ſich, piele Geſchäfte vorſchützend, in ſein Kabinet zurück, nicht ohne einen Blick auf Gottſchalk zu werfen, der mit einer rührenden Schnelligkeit fortkritzelte. Herr Larioz warf ſeinen Mantel über, nahm die Hand⸗ ſchuhe und ſein Fenle Rohr, vergaß aber, dem kleinen Schreibergehülfen ſein Pͤnſum aufzugeben, und trat auf die Straße. Als er ſo in Regen und Schnee dahin ſchritt, dachte 2. Hackländer, Don Quixote. II. 2———— ——— 18 JFünfzehntes Kapitel. er an den geſtrigen Abend, an die Familienunterhaltungen ſeines Prinzipals und an Numero ſechs der Bedingungen, wonach Babette gezwungen werden ſollte, ſeinen Frack wieder in ur⸗ ſprünglicher Reinheit herzuſtellen. Wenn es ihn auch freute, daß das Recht gewiſſermaßen geſiegt, ſo fühlte er doch in ſeinem Innern, daß der eben geſchloſſene Friede nicht von Beſtand ſein, daß man neue und gewaltigere Hebel gegen ihn und den Knaben in Bewegung ſetzen werde, und daß das Unrecht, wie ſo oft in dieſer Welt, doch am Ende trium⸗ phiren müſſe. Was konnte er machen— er, ein einzelner, ſchwacher Menſch, gegen die Gewalt, mit der Heuchelei, Lug und Trug daher rollten, Alles vor ſich niederwerfend, Alles zermalmend? Was konnte er, machtlos wie er war, mit Worten, ja, mit Thaten, wie er ſie leiſten konnte, dagegen ausrichten? Er, in ſeiner abhängigen Stellung, der nicht einmal berechtigt ge⸗ weſen war, geſtern Abend den drei Weibern droben, wie ſie es verdient, ihre Handlungsweiſe aus einander zu ſetzen. Nach einer unabhängigen Stellung, nach Reichthum, nach Macht ſehnte er ſich nur in ſolchen Augenblicken. Ah, wenn es ihm einmal vergönnt wäre, ohne Menſchenfurcht, ohne alle Rückſicht jedes finſtere Gewebe aus einander reißen zu können, das ſich vor ihm entſponnen zum Schaden armer Unſchuldiger, die hineinflattern, wie die Fliege in das Netz der Spinne! Wenn er einmal ſtark genug wäre, den Hand⸗ ſchuh hinzuwerfen dem Drachen der Lüge und Hinterliſt, der auf Erden mächtig umherſchleicht; wenn er ihn niederwerfen könnte mit ſeinem guten Stahl!— Dann, ja, dann müßte ihm ein herrlicher Lohn winken— von oben die Palme des Sieges, dachte er.— Wir aber ſetzen traurig hinzu: Hier „——* In der Schreibſtube. 19 unten bei dem verdorbenen Menſchengeſchlechte durchnäßte Fräcke und Ungelegenheiten aller Art, Kummer, Noth und— Prügel. Das Palais des Grafen Helfenberg, in einer Nebenſtraße gelegen, wo es wie eine gewaltige Burg die umherliegenden kleinen Bürgerhäuſer überragte, war ein großes, weitläufiges Gebäude, für den Aufenthalt einer anſehnlichen Familie be⸗ rechnet, die auch einſt in den Angehörigen des Erbauers den jetzt ſo ſtillen Steinhaufen bewohnt hatte. Die Mitglieder der Familie von damals, welche als Kinder luſtig die weiten Höfe mit ihren Spielen, ihrem Jubel und Lachen erfüllt, waren groß geworden und dann jedes ſeiner Beſtimmung gemäß durch das Hauptthor in die Welt gegangen, um nicht wieder oder nur auf Augenblicke das elterliche Haus zu betreten. Dieſes verblieb dem älteſten Sohne des Erbauers, ging auch wieder auf deſſen älteſten Sohn über, der es ſeinem einzigen Nach⸗ kommen hinterließ. Das war der jetzt lebende junge Graf Hugo von Helfenberg, welcher ein Leben führte, das nicht dazu gemacht war, dem ſtillen und öden Palaſte ein wohn⸗ licheres Ausſehen zu geben. Wenn das Hauptthor auch be⸗ ſtändig offen ſtand, und wenn ſich dort auch immer, ſo oft das Wetter nicht zu ſchlecht war, der alte Portier ſehen ließ, der mit dem dreieckigen Hute, dem ſchweren Pelz-Ueberrocke gravitätiſch ſeinen langen Stock mit goldenem Knopfe und großen Quaſten haltend, auf⸗ und abſchritt, ſo war doch ſonſt auf dem Pflaſter unter dem Thorbogen nicht viel Verkehr zu bemerken; wohl ſah man die Freunde des jungen Grafen zuweilen ein⸗ treten, oder auch hier und da eine Equipage von Bekannten oder vielleicht auch von Fremden, welche Beſuche machen wollten, aber nur dazu gelangten, eine Karte abzugeben. Es mußte eine eigene Zauberformel dazu gehören, weiter als bis, zur Fünfzehntes Kapitel. 20 Stube des Portiers zu gelangen, ein Spruch, welcher wahr⸗ ſcheinlich nur den genaueſten Freunden bekannt war; denn, wie ſchon geſagt, nur dieſe— und es war eine ſehr kleine Zahl— traten in das Palais ein, ohne gleich wieder fortzugehen. Und doch war der jetzige Beſitzer dieſes Palaſtes, ja, der einzige Erbe der reichen Helfenberg'ſchen Güter— ein Mann in noch jungen Jahren, der vor nicht gar langer Zeit, als er im ſelben Küraſſier⸗Regimente diente, in dem ſich auch der Baron von Breda befunden hatte, einer der lebensluſtigſten und in jeder Hinſicht unternehmendſten Cavaliere geweſen war. Große Summen waren damals mit den Bekannten verju lt worden, wobei es aber eigenthümlich war, daß der Ver er der Helfenberg'ſchen Güter, wenn ihn ein Bekannter beim „Glaſe Wein mit dem Ellbogen ſtieß, ihm vertraulich zu⸗ flüſternd:„Na, wenn das ſo fortgeht, ſo werdet ihr bald aus⸗ gewirthſchaftet haben,“ ernſthaft und mit dem Ausdrucke der Wahrheit verſicherte:„Laßt das gut ſein, lieber Freund, wenn wir Beiden das einmal zu theilen hätten, was der Herr Graf von ſeinen jährlichen Revenuen nicht verzehrt, ſo wären wir ganz anſtändig reiche Leute.“ Dabei aber hatte der junge Graf ein gutes, offenes, freund⸗ liches Herz; wo er half,— und er half gern— geſchah das in großem Maßſtabe; ja, es kam häufig vor, daß Baron Breda ihm irgend ein Anliegen für Jemand vortrug, mit dem Zuſatze:„Es thut mir leid, daß ich dich beläſtigen muß, ich Jenem gern von mir aushelfen, aber meine das iſt etwas für dich, du glücklicher ſchien ſich der Graf auch wirklich glück⸗ und wo er half, diskret würde Dem oder Kaſſe erlaubt es nicht; Menſch!“ Und darin lich zu fühlen; er half Unzähligen, und großartig. 4 — Der lange Schreiber erſ vor ihm öffnete, um hinter ihm wi In der Schreibſtube. Dann war er nach Italien gereist, dort ein paar Jahre geblieben, und als er zurückkam, begann die vollkommen ver⸗ änderte Lebensweiſe, welche wir vorhin angedeutet. Er hatte ſeine Entlaſſung vom Militär genommen, machte faſt nirgend⸗ wo Beſuche, und es blieb ſo ſtill in ſeinem Palais, daß Leute, die immer Alles genau wußten, die Achſeln zuckend ſprachen: „Da iſt etwas nicht ganz richtig, Graf Helfenberg iſt nicht von ſeinen Reiſen zurückgekehrt, Gott weiß, wo der in Italien be⸗ graben liegt!“ Daß er ab er wirklich zurückgekehrt war, merkten bald wieder die Armen und Hülfsbedürftigen aller Art, die ſich ihn wandten,— die Leute in den Nachbarhäuſern ſahen nichts von dem Bewohner des alten, finſteren Palais. rt waren und blieben die Vorhänge verſchloſſen, der Portier ſpazierte einſam unter dem Thorbogen, wie ſchon bemerkt, wenn es gutes Wetter war, und in dieſem Falle ſah man auch täg⸗ lich aus dem Palais ein verſchloſſenes Coupé wegfahren, das einzige Lebenszeichen, welches der Bewohner gab Coupé befand ſich der Leute, ; denn in dieſem junge Graf Helfenberg, der, wie die welche ſich genau darum bekümmerten, erfuhren, auf eines ſeiner vielen Güter fuhr, die in der Nähe der Stadt lagen, und in deren ausgedehnten Wäldern er es liebte, ſpa⸗ zieren zu gehen. Herr Larioz hatte das Palais bald erreicht; da es aber noch in Einem fort ſtürmte und regnete, ſo befand ſich der Portier in ſeiner Loge, wo er gegenüber der Glasthür in einem bequemen Lehnſeſſel ſaß, und wo neben ihm an der Wand eine Schnur herabhing, die er anzog und auf dieſe Art das eiſerne Gitter öffnete, welches das Treppenhaus verſperrte. chien an der Gitterthür, die ſich eder ins Schloß zu fallen, Fünfzehntes Kapitel. und er bef fig, denn die Treppe ſelbſt war mit einem zweiten Gitter geſperrt, welches nur nach prache mit dem. Portier geöffnet wurde. e und fragte dem erhaltenen Auf⸗ and ſich nun wie in einem Kä vorher erfolgter Rückſ Herr Larioz trat an die Log trage gemäß nach dem Herrn Grafen von Helfenberg und ob er zu ſprechen ſei. Der Portier erſtaunt, daß ein Mann vom dem Herrn zu ſprechen verlange. „Geben Sie mir nur Ihr Geſuch,“ ſagte er mit wohl⸗ wollender Stimme,„wir werden es mit dem Uebrigen tragen laſſen.“ „Es handelt ſich um kein G habe nur im Auftrage meines Prin⸗ lenten Doktor Plager, dem Herrn ben und werde darauf wahr⸗ ſchüttelte mit dem Kopfe und ſchien beinahe Aeußern des Schreibers mit eſuch,“ erwiderte Herr Lar würdevoll lächelnd,„ich zipals, des Herrn Rechtsconſu Grafen dieſes Billet zu überge ſcheinlich eine mündliche Antwort erhalten.“ „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte der.Portier, ohne irgend ein Zeichen, daß ihn ſein Irrthum in Verlegenheit gebracht; „ſo wollen wir nach Joſeph ſchellen.“ Er zog eine Klingel, worauf nach wenigen Minuten ein einfach, aber elegant gekleideter Lakai erſchien, der mit der Weiſung des Portiers: das in Empfang genommene Billet des Rechtsconſulenten dem Kammerdiener Seiner Erlaucht zu ort zu bitten, wieder verſchwand. und zwar eilig, die Treppe loge und bedektete den ten Verbeugung, ihm übergeben und um Antw Bald hörte man ihn wieder, t in die Portier herabkommen; er tra ibens mit einer leich Ueberbringer des Schre zu folgen. Hätte es der Portier nicht unter ſeiner Würde gehalten, en, In der Schreibſtube. 23 ein erſtauntes Geſicht zu machen, ſo würde er es in dieſem Augenblicke gethan haben, denn er fühlte den Drang hierzu in ſich, da es ſeit langer Zeit nicht vorgekommen war, daß Seine Erlaucht, der Herr Graf, jemand gänzlich Fremdes vor ſich ließen. Der alte Diener zuckte leicht mit den Achſeln und machte ebenfalls eine Achtelsverbeugung, als er das Gitterthor zur Treppe öffnete und den Fremden hindurch gehen ließ. Herr Larioz befand ſich auf breiten Marmorſtufen, über welche in der Mitte ein Teppichſtreifen lief. Ein Anderer würde es vielleicht wie der Lakai gemacht haben und neben Teppichſtreifen gegangen ſein, unſer Freund aber trat feſt f und betrachtete, während er aufwärts ſtieg, mit ſicht⸗ im Behagen das prachtvoll gewölbte Treppenhaus mit ſeinen Deckengemälden und ſeinen Niſchen, aus denen ernſthafte ſtei⸗ nerne Ritter den Emporſteigenden ſo unverwandt und forſchend betrachteten, als hätten ſie im Sinne, nachher ihre Bemerkungen über den ſo eben Vorbeigegangenen auszutauſchen. Im erſten Stocke angekommen, öffnete der vorausſchrei⸗ tende Lakai durch einen, nur den Leuten des Hauſes bekannten Mechanismus eine große Glasthür, die auf einen weiten Vor⸗ platz führte, um den die Wohnzimmer des Grafen Helfenberg lagen. Auf der Treppe ſowohl als hier im Veſtibül herrſchte ſo tiefe Stille, daß man ſich unwillkürlich fürchtete, laut zu ſprechen; ja, der Lakai hatte ſchon einige Mal einen Huſten⸗ anfall gewaltſam unterdrückt, und als ſich dieſer jetzt endlich doch Luft machte, klang es gerade, als huſteten alle Ritter in der Niſche und alle Figuren an der Decke ebenfalls mit. Der Schreiber des Advokaten wurde in ein Vorzimmer geführt, wo ihn ein ſchwarz gekleideter Mann, der Kammer⸗ diener Seiner Erlaucht, in Empfang nahm. Dieſer trug Schuhe 24 Fünfzehntes Kapitel. und Strümpfe, ſowie eine weiße Halsbinde, und hatte nichts Außergewöhnliches an ſich, als daß er ſehr leiſe ſprach, den Kopf herabgeſenkt hielt und großes Vergnügen daran zu finden ſchien, die Nägel ſeiner weißen Finger zu betrachten. „Der Herr Graf haben befohlen, Sie herauf zu führen,“ lispelte der Kammerdiener, worauf Herr Larioz entgegnete: „Sie waren doch ſo gütig, den Brief, den ich herauf ſandte, zu übergeben?“ „Allerdings,“ verſetzte der Andere mit ſanfter Stimme und einem Lächeln, welches zu ſagen ſchien:„Wie wäre es möglich, einen Brief nicht zu übergeben!— Seine Erlaucht,“ f fort, haben den Brief erbrochen, geleſen und dann geſagt Ueberbringer ſoll herauf kommen.“ 1 „Und meinte Seine Erlaucht nicht etwa, mein Prinzipal, der Herr Rechtsconſulent Plager, ſei ſelbſt der Ueberbringer?" „Darüber kann ich mir nicht erlauben, meine Meinung abzugeben,“ ſprach der Kammerdiener achſelzuckend,„mein Be⸗ fehl lautet, den Ueberbringer des Schreibens herauf kommen zu laſſen; Sie ſind der Ueberbringer, alſo—“ „Gehen wir,“ ergänzte Herr Larioz, legte ſeinen bereits ausgezogenen Paletot auf einen Stuhl an der Thür, nahm den Hut und das lange ſpaniſche Rohr in eine Hand und folgte dem Voranſchreitenden.. Die Beiden gingen durch mehrere Zimmer und Säle auf weichen Teppichen dahin, aher in allen dieſen Piecen waren die Fenſtervorhänge hrſire und gaben ſomit dem ohne⸗ dies trüben Herbſttage ein unerquickliches Halbdunkel. Nur hier und da glänzte irgend ein vergoldetes Möbel hervor oder leuch⸗ tete in einer Ecke eine weiße Marmor⸗Figur oder erſchien faſt geſpenſtig die Geſtalt eines Ahnherrn mit ſcharfen und lebhaften In der Schreibſtube. 25 Augen. Und auch das zeigte ſich nur, wo ſich der Fenſtervorhang verſchoben hatte und zufällig einen Lichtſtrahl herein ließ. Endlich erreichten ſie einen kleinen Bilderſaal, wo es ſchon freundlicher ausſah, da dieſer ein helles Licht durch die Decke empfing und mit neuen, hübſchen Bildern geſchmückt war. In den Ecken befanden ſich Blumenpartieen, aus deren jeder eine ſchöne weiße Marmor⸗Figur hervorblickte. In der Mitte des Gemaches ſtand ein breiter, rother Divan, auf dem mehrere Kupferſtichwerke lagen und an dem überdies eine lange türkiſche Pfeife lehnte mit ausgebranntem Kopfe, deren Aſche auf dem dicken ſmyrnaer Teppich verſtreut lag. 1 Der Kammerdiener hatte ein paar Schritte Vorſprung gewonnen und verſchwand hinter den Portieren einer Thür, wo er aber gleich darauf wieder erſchien und den Andern durch eine Handbewegung einzutreten erſuchte. Herr Larioz befand ſich in einem mittelgroßen, ſehr be⸗ haglich eingerichteten Kabinet. Ein einziges großes Fenſter, auf den Garten des Hauſes gehend, gab vollkommenes Licht und ließ Ecken und Wandflächen genugſam übrig, um Möbel aller Art, an denen hier ein Ueberfluß war, placiren zu können. Am Fenſter ſtand ein hoher und breiter Schreibtiſch, mit grünem Tuche behängt, auf dem ſich eine Menge nothwendiger und ſehr unnothwendiger Gagenſtände befanden. Hefte und Mappen, meiſt mit koſtbaren Decken, ein halb Dutzend reich eingebun⸗ dener Bücher, Schreibpapier und Couyerts in lackirten Caſſetten, ein paar ſilberne Handleuchter mit Wachskerzen, ein anderer vielarmiger Leuchter zum Leſen und Schreiben bei Nacht, Scha⸗ len von Bronze und Achat mit Federmeſſer von allen Größen und Formen. An einer Wand des Gemaches hingen alte und neue Waffen, einige Hirſch⸗ und Rehgeweihe, Jagdhüte und * „ 26 Fünfzehntes Kapitel. dergleichen; gegenüber ſah man einige Gemälde, deren Mittel⸗ punkt das lebensgroße Portrait eines Mannes bildete, von dem man aber nur ſah, daß er in einen grauen Jagdrock ge⸗ kleidet war; das Uebrige des Bildes war ſcheinbar unwill⸗ kürlich zugedeckt durch eine jener weichen, rothſeidenen, mit Gold durchwirften, indiſchen Schärpen, deren feſtes Gewebe unten zu einem Knoten verſchlungen war, über den eigenthüm⸗ licher Weiſe ein Kranz von verdorrten Vergißmeinnicht hing; ja, in der That, ſeltſam nahmen ſich dieſe beſcheidenen Feld⸗ blumen auf dem koſtbaren Stoffe aus. Vor dem Schreibtiſche befand ſich ein großer Fauteuil, in welchem der Bewohner des Zimmers, der Herr des Schloſſs, Graf Helfenberg, ſaß; eigentlich lag er wie zuſammengeſunken in den weichen Kiſſen, und nachdem der Schreiber eingetreten war, wandte der Graf ſeinen Kopf etwas gegen denſelben hin, winkte ihm mit der feinen weißen Hand und ſagte:„Bitte, treten Sie näher.“ Es war dem Herrn Larioz eigen zu Muth, als er dieſe kaum hörbare Stimme vernahm, die zuſammengefallene Ge⸗ ſtalt ſah und nun in die edlen, aber ſo müden Züge blickte. Wenn er auch wohl von der Krankheit des Grafen wußte, ſo hatte ek ſich doch beim Anblick der Ritter auf der Treppe und durch die weiten Zimmer ſchreitend, ein ganz anderes Bild von ihm gebildet und ſich eine gebietende Geſtalt vorgeſtellt, die ſich vielleicht mit der einen Hand auf die Tiſchecke ſtützen, ihn frei und ſtolz anblicken und mit klarer, feſter Stimme ihre Wünſche oder Befehle kund geben werde. Es mochte ſich etwas von dieſer getäuſchten Erwartung in ſeinen Zügen malen oder ein Ausdruck des tiefen Mitleidens auf dem ſonſt ſo ernſten Geſichte erſcheinen, welcher wiederum die Aufmerkſamkeit des In der Schreibſtube. jungen Grafen rege machte— genug, dieſer blickte nicht un⸗ freundlich zu dem langen Manne empor, ja er ſchien in deſſen ſtrammer und doch wieder ehrerbietiger Haltung, in der Art, wie er ſeinen Kopf trug und das lange ſpaniſche Rohr in der Hand hielt, etwas Außergewöhnliches zu finden; er nichte mit dem Kopfe, richtete ſich etwas in ſeinem Fauteuil in die Höhe und ſagte:„Sie haben mir ein Schreiben des Herrn Rechts⸗ conſulenten Plager überbracht.“ „Ein Schreiben meines Prinzipals.“ „Sie ſind alſo ſein Gehülfe?“ fuhr der Graf fort.„Nun gut; wenn es dem Herrn Doktor nicht unangenehm wäre, ſo würde ich ihn bitten, mich heute Abend um ſieben Uhr zu be⸗ ſuchen. Um was es ſich handelt, werde ich ihm mit ein paar Zeilen zu wiſſen thun.— Wollen Sie ihm dieſen Auftrag ausrichten?“ „Es iſt das meine Schuldigkeit, und außerdem werde ich es mit großem Vergnügen thun.“ „Warum mit großem Vergnügen?“ fragte der junge Mann, indem er den Andern feſt anſah und lächelte. Er ſchien das Geſpräch fortſetzen zu wollen, denn ſonſt hätte er, wie es der Schreiber auch nicht anders erwartet, denſelben durch eine Handbewegung verabſchiedet.„Warum mit großem Vergnü⸗ gen?“ wiederholte er. „Weil ich,“ entgegnete Herr Larioz, nüberhaupt gern Je⸗ mand gefällig bin und weil— aber eigentlich, gnädiger Herr, iſt der Ausdruck: mit Vergnügen, eine Redensart, die man ſich ſo angewöhnt.“ „Nein, nein,“ fuhr der Graf lebhafter fort,„Ihr Wor und Ihr Blick war keine Redensart. Sie wollen damit ſagen es gewährt mir ein Vergnügen, einem armen, kranken, hinfäl Fünfzehntes Kapitel. ligen Menſchen einen kleinen Dienſt zu erweiſen. Nicht wahr, ſo haben Sie es gemeint? Und ich nehme Ihnen das gar nicht übel, denn ich fühle am beſten, wie krank und hinfällig ich bin.“. Bei dieſen Worten huſtete er in auch der lange Schreiber räuſperte ſich, nur aus ganz andern Motiven, denn es i*ſt nicht ſehr angenehm, einem vornehmen 4 Herrn einzugeſtehen, daß man ihn wirklich für krank un fällig halte. „Habe ich nicht Recht?“ fuhr der Graf hartnäckig fort. „Allerdings läßt das Ausſehen des Herrn Grafen Einiges zu wünſchen übrig,“ ſprach Herr Larioz nach einer Pauſe, während welcher er ſich vollkommen geſammelt.„Eure Erlaucht ſind gewiß ſehr krank geweſen; aber das Wort„hinfällig“ paßt doch wohl nicht.“ ſein Taſchentuch, und d hin⸗ „O, es paßt ſehr,“ erwiderte der Andere mit einem leich⸗ ten Seufzer. „Doch laſſen wir das.— Sie ſind alſo der Gehülfe des Herrn Doktor Plager. Ich war ein paar Mal auf Ihrem Bureau; wie kam es, daß ich Sie nie geſehen?“ „Weil der Herr Graf im Privatzimmer des Herrn Doktor waren; wir arbeiten im Nebenzimmer.“ „Ja, ja, ſo iſt es. Aber auch ſonſt habe ich Sie nie geſehen.— Früher war ich viel auf der Straße, und ich meine ſchon, eine Figur wie die Ihrige würde mir nicht entgangen ſein. Sie ſind noch nicht lange in der Stadt?“ „O, doch ſchon einige Jahre.“ „Aber nicht hier geboren? Nicht einmal im Lande? Ich höre das an dem fremden Accent, mit dem Sie Ihr ſonſt ſehr gutes Deutſch ſprechen. Sie ſind aus dem Süden— —-—— — ein Italiener?“ fragte er nach einer Pauſe. 1 f . “ In der Schreibſtube. 29 „Ich bin ein Spanier, Herr Graf,“ verſetzte Larioz, und als er das geſagt, hob er ſeinen Kopf mit einem gewiſſen Stolz in die Höhe. „Ah, ein Spanier?“ fuhr der Kranke fort.„Aber für einen Spanier ſind Sie ſehr groß. Ich habe manchen Ihrer Landsleute gekannt, meiſtens ſchlanke Leute von mittlerer Größe.“ „So iſt es, Herr Graf, weder Caſtilianer noch Andaluſier ſind im Durchſchnitt große Leute; ich bin aber aus einem Theile Spaniens, wo man ſchon kräftigere Geſtalten findet; ich bin aus den wilden Schluchten der Sierra Morena, aus Carolina.“ „Ah, aus der deutſchen Niederlaſſung s „Meine Mutter war eine Deutſche, mein Vater, Don Larioz, ein Spanier.“ „Ei der Tauſend!— Don Larioz!“ rief lächelnd der Graf.„Und wie kommt es— verzeihen Sie mir meine Frage— daß Sie mit dieſem ſchönen Namen ſich hier in ſo untergeordneten Verhältniſſen befinden, daß Sie das ſchöne Spanien verließen, um hier im kalten Norden zu leben?“ „Das ſchöne Spanien hat auch ſeine Schattenſeiten,“ ſagte ernſt der Schreiber.„Ja, Spanien iſt ſchön,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen fort,„um es als Frem⸗ der behaglich zu durchreiſen, oder auch um auf ſeinem Stamm⸗ ſitze in Andaluſien, überhaupt im geſegneten Süden zu leben.“ Der Graf hatte ſich in ſeinen Fauteuil zurückgelehnt, ſtützte den Kopf auf die Hand und ſprach nach einer Pauſe: „Ich habe immer dafür geſchwärmt, Spanien noch zu ſehen, es blieb aber ein ſchöner Traum, wie ſo mancher andere in dieſem armen Leben.“— Dabei ſeufzte er tief und ſchmerzlich. 30 Fünfzehntes Kapitel. „Ein ſchöner Traum allerdings,“ entgegnete der Schrei⸗ ber,„den aber Eure Erlaucht in Ihren Verhältniſſen wohl verwirklichen können.“ „Ja, in meinen Verhältniſſen!“ rief der Kranke mit einem ſchneidenden Tone.„Meine Verhältniſſe ſind wirklich der Art—“ Er that einen tiefen Athemzug, zwang ſich müh⸗ ſam zu einem Lächeln und fuhr dann fort:„Laſſen wir das gut ſein. Aber warum verließen Sie Spanien?“ „Das iſt nicht mit einigen Worten geſagt,“ erwiderte der Schreiber,„und ich fürchte, die Zeit des Herrn Grafen zu ſehr in Anſpruch zu nehmen, wenn ich mir erlauben wollte, auch ſo kurz wie möglich von meinem unbedeutenden Leben zu ſprechen.“. „Seien Sie darüber unbeſorgt,“ meinte der Kranke.„Was meine Zeit anbelangt, ſo fängt ſie in gewiſſer Beziehung frei⸗ lich an mir koſtbar zu werden, doch habe ich hier und da ge⸗ waltige Leeren, für deren Ausfüllung ich ſehr dankbar bin.— Bitte, rollen Sie ſich den kleinen Fauteuil vom Fenſter hieher und ſetzen Sie ſich. Im Fallé Sie Raucher ſind, ſprechen Sie Ihren Wunſch aus, und Sie ſollen haben, was das Haus vermag. Selbſt ſpaniſche Cigaretten beſitze ich, wenn Sie die Gewohnheit Ihres Landes aehuus Wan. Ich ſelbſt,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„muß freilich vorderhand auch auf dieſes Vergnügen renonciren, doch macht mir der Dampf einer Cigarre, die ein Anderer raucht, durchaus keine Beſchwerden.“— So gern Herr Larioz, wie jeder verſtändige Menſch, ſeine Cigarre rauchte, ſo hätte er doch um Alles in der Welt der freundlichen Aufforderung hier keine Folge gegeben, es wäre ihm wie eine Sünde erſchienen, in dieſe reine, nur von Blu⸗ In der Schreibſtube. 31 menduft geſchwängerte Atmoſphäre einen Hauch von Tabak zu bringen. Er machte demgemäß eine tiefe, dankende Verbeu⸗ gung, ließ ſich auf den kleinen Fauteuil nieder und ſagte, nachdem er eine kleine Weile vor ſich hingeſchaut:„Euer Er⸗ laucht kennen das ſchöne Spanien aus Büchern, aus Bildern, haben die Geſchichte deſſelben ſtudirt und wiſſen alſo auch, daß auf der Höhe der Sierra Morena, jenes ſchwarzen, phantaſtiſchen Gebirges, das wie ein Wall den ſtolzen Norden vom lebens⸗ luſtigen Süden trennt, von ausgewanderten Deutſchen einige Colonieen und Dörfer angelegt wurden, von denen La Caro⸗ lina die vornehmſte und bedeutendſte iſt. Un ſere Vorfahren, welche ſich dort niederließen, erhielten Ländereien und Gerecht⸗ ſamen freigebig und in großem Umfange, zugl eich aber auch zu vielen ſchönen Rechten die Verpflichtung, durch das noch unwegſame ſchwarze Gebirge eine Fahrſtraße zu brechen. Da⸗ mals gab es nur Saumpfade durch die Schluchten der Sierra Morena, und die Abgründe und gefährlichen Paſſagen ſchienen ſo unüberwindlich, daß dieſer Saumpfad nur eben breit genug für ein einzelnes Laſtthier gemacht werden konnte. Deßhalb horchten die Treiber bei den verſchiedenen Uebergängen in das Thal hinab, ehe ſie in die Schluchten niederſtiegen, und wenn ſie von drunten das Klingeln der Glocken vernahmen, ſo lager⸗ ten ſie ſich droben, bis der entgegen kommende Zug vor⸗ über war. 2 „Es war eine ſchauerliche Wildniß, die Sierra Morena, das ſieht man heute noch, ſo wie man rechts oder links von der großen Straße abweicht. Den Namen des ſchwarzen Ge⸗ birges hat ſie daher, daß der Gebirgszug, wenn man ihn aus weiter Entfernung am Horizont auftauchen ſieht, wie eine — 3²2 Fünfzehntes Kapitel. ſchwarze Wand erſcheint, voll eigenthümlicher Zacken in allerlei ſeltſamen Formationen.“ So ſprach Herr Larioz und blickte träumend vor ſich hin, wobei ſein Auge glühte, als ſähe er wirklich über die gelb und roth gefärbte Ebene der Mancha hinweg den ſchwarzen Zug der Sierra Morena erſcheinen, ſcharf hervortretend unter dem ſtrahlenden ſpaniſchen Himmel. Der Graf hatte ſich in die Ecke ſeines Fauteuils gedrückt, und wenn er auch die linke Hand vor das Geſicht hielt, ſo blickte er doch durch die Finger ſinnend nach dem Erzähler, der ihm mit kunſtloſen Worten die Landſchaft ſo hinzeichnete, daß er mit ſeiner Phantaſie im Stande war, ſie lebendig aus⸗ zumalen, und der mit dem eigenthümlichen Geſichte, dem auf⸗ wärts gedrehten Schnurrbart als Staffage darin erſchien— ein einſamer Reiter, durch die Fläche dahinziehend. „Die Straße, welche unſere Vorfahren, die Deutſchen, 4 dort gebaut,“ fuhr der lange Schreiber fort,„iſt ein Rieſen⸗ bau, würdig, jedem der berühmten Werke der vielbewunderten Römer an die Seite geſtellt zu werden. Mit eiſernem Fleiße und unendlicher Ausdauer wurden Schluchten und Abgründe bewältigt, und wo ſich, wie vorhin erwähnt, am Rande der Felſen kaum ein ſchmaler Pfad hinzog, überſteigen jetzt auf breiter Chauſſee die ſchwerſten Diligencen, mit acht und zehn Maulthieren beſpannt, das Gebirge, und von Madrid nach Sevilla rollt man auf dieſer Strecke, die früher nicht zu paſſi⸗ ren war, am angenehmſten. „Um alſo von mir zu reden, wie der Herr Graf befohlen, ſo war mein Vater ein Spanier, meine Mutter eine Deutſche aus jener Colonie La Carolina; von Geburt alſo ein eae Spanier, lernte ich deutſches Weſen und deutſche Sprache vo F 8 1 In der Schreibſtube.. 33 der Mutter, nahm auch vielleicht von ihr etwas Träumeriſches an, was man mir wenigſtens in meinen Kinderjahren oft zum Vorwurf machte; denn ſtatt mit Knaben meines Alters zu ſpielen, zog ich es häufig vor, hinaus in die Berge zu wan⸗ deln, mich dort in der Einſamkeit auf ein Felsſtück niederzu⸗ ſetzen und um mich her zu ſchauen, bald im engeren Geſichts⸗ kreis auf Moos, Gras und Steine, die ſich um meinen Sitz befanden, wo ich dann das Thierleben beobachtete, die Käfer und Inſekten aller Art, wie ſie geſchäftig hin und her liefen, ihre Arbeit thaten, nie einander ihren Pfad hinterliſtig durch⸗ kreuzten, und wenn ſie auch zuweilen in Kampf geriethen, dann ehrlich auf einander losgingen ohne Trug und Hinterliſt, Einer gegen Einen, ſo namentlich die ſchwer gewaffneten Hirſch hkäfer, wie ein paar geharniſchte Ritter aus der guten alten Zeit.“ Hier machte Herr Larioz eine kleine Pauſe und ſagte dann lächelnd zu dem jungen Manne gegenüber, der gar keine Bewegung machte:„Aber ich langweile Euer Erlaucht mit dieſen Kindereien und bitte ſehr um Entſchuldigung.“ Der Andere ſchüttelte mit dem Kopfe und entgegnete ebenfalls lächelnd:„Fahren Sie nur fort, das amuſirt mich in der That. Ich habe mit Ihnen auf dem Felsſteine geſeſſen und tiefſinnend in Moos und Kräuter geſchaut. O, die Na⸗ tur, namentlich der Wald, iſt ſo ſchön, ſo wunderbar ſchön! Bitte, fahren Sie fort, Ihre Erzählung beruhigt eigenthümlich —— meine aufgeregten Nerven.“ Larioz machte eine Verbeugung, dann ſprach er weiter: ¹„Häufig auch blickte ich um mich her auf die Berge und Schluchten, die einander folgten, im allgemeinen Charakter. gleich und doch in ihren Formen wieder ſo mannigfaltig. 6 * Hackländer, Don Quixote. II. 3 34 Funfzehntes Kapitel. Mein Ohr vernahm das Rauſchen der Blätter und ließ ſich erzählen von alten Zeiten; ich hörte das Murmeln der Berg⸗ waſſer und das tönte mir wie eines jener Märchen, die ich als Kind ſo gern gehört. Dann vernahm ich auch aus der Ferne das kurze zornige Brüllen eines der Stiere, die in der Sierra Morena zum Zwecke der Kampfſpiele gezogen werden, und wenn ich alsdann nachdenkend aufblickte und um die von der Sonne beleuchteten Felſenzacken den Adler majeſtätiſch und ſtill im Kreiſe ſchweben ſah, ſo hoben ſich meine Träume mit ihm hoch und immer höher, bis die gewaltigen Formen des ſchwarzen Gebirges tief hinab geſunken waren und bis ich das blühende Granada ſah, von dem mein Vater ſo oft erzählt, an den Fuß des grün bewachſenen Berges hingeſchmiegt, der die Alhambra trägt, mit ſeinen vielen klaren Quellen, ſeinen ſchwarzen Cypreſſen und jenen melancholiſchen Ueberreſten aus der prachtvollen Maurenzeit. Auch flog ich in meinen Phan⸗ taſieen ſo gern nach dem glänzenden Sevilla, das ebenfalls vor mir in dem weiten leuchtenden Thale lag, den der Guadalquivir durchſtrömt, die lebensfrohe herrliche Stadt mit ihren zahlloſen Thürmen und Kuppeln, mit ihren Wahrzeichen des Giralda, mit ihrem weiß marmornen Stierplatz, an deſſen Mauerringe mein Vater oftmals ſein Pferd angebunden— und ich eben⸗ falls, als ich einmal vierzehn Jahre alt geworden war. Da erhielt ich meine erſten Ledergamaſchen, die kurze verſchnürte Jacke, den breitkrämpigen Hut, man ſetzte mich auf eines der kleinen andaluſiſchen Pferde, und ich durfte mit den Anderen ziehen, zur Nachtzeit die Heerde der wilden Stiere nach der Ebene geleitend.“ Als der Schreiber ſo erzählte, hatte ſich der Graf in ſei⸗ nem Fauteuil empor gerichtet, hatte die weißen, jetzt ſo za en In der Schreibſtube. 35 Hände auf die Lehnen deſſelben gelegt, und ſein Auge glänzte faſt unheimlich, als er nun ſo aufmerkſam und ſtarr ſein 4 Gegenüber anblickte. „Das muß ein herrliches Leben geweſen ſein,“ ſagte er alsdann;„ſitzend im Sattel auf muthigem Pferde, und nicht bloß zum harmloſen Spazierenreiten, ſondern gewiß oftmals die Lanze gebrauchend zum ernſtlichen Kampfe.— Nicht wahr, das kam häufig genug vor?“ Auch die dunklen Augen des Anderen glänzten, als er nun zur Antwort gab:„O ja, an Kampf und wildem Durcheinan⸗ der fehlte es bei dieſen Ritten nicht.“ Er hatte bei dieſen Worten langſam ſein ſpaniſches Rohr erhoben und ſtützte es auf die Lehne des Seſſels, wie man es im Sattel mit einer Lanze zu machen pflegt. 8—„Aber es thut eigentlich nicht gut, dieſes Leben,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„beſonders nicht für ein kindliches Ge⸗ müth, deſſen Phantaſie ohnehin erregt iſt. Wenn es in den Nächten, wo wir mit den Heerden der Kampfſtiere dahin zogen, wohl ſo viel zu arbeiten und aufzupaſſen gab, daß man ſeine Gedanken bei einander behalten mußte, ſo boten dafür die Tage des Rückmarſches, wenn ich mit meinem Vater oft allein durch die unendlichen Ebenen der Mancha zog, lange Stunden der Einſamkeit, die der lebhafte Kopf des Knaben dann natür⸗ licher Weiſe mit den abenteuerlichſten Geſtalten bevölkerte.“ „Ah!“ rief der Graf, der aufmerkſam zuhörte,„Sie 4 kämpften alsdann in Gedanken mit Windmühlen und Schaf⸗ heerden, wie der hochachtbare Don Quixote?“ „Ja, wie Don Ouixote,“ entgegnete der Andere ſchnell, indem ſein Auge aufflammte,„wie jener Held, für den ich von 36 Fünfzehntes Kapitel. meiner Jugend an geſchwärmt, für deſſen Irrfahrten und trau⸗ riges Schickſal ich ſtets das innigſte Mitleid gefühlt.“ „Die Phantaſie eines lebhaften Geiſtes, die Erfindung eines reichen Gemüthes!“ warf der Graf hin.„Ich ſchätze ihn ſehr, den unerreichbaren Cervantes.“ „Wenn man die Fahrten des ſinnreichen Junkers von La Mancha weitab vom Schauplatz ſeiner Thaten liest,“ fuhr der lange Schreiber fort,„ſo kann man vielleicht bisweilen lächeln über jene— nennen wir es barocke— Phantaſie, die einen Menſchen, der noch nicht ganz zu den Narren gehört, mit Windmühlen und Schafheerden kämpfen läßt. Iſt man aber einmal ſelbſt durch jene Flächen geritten, durch jenes wellen⸗ röthlich gelbe Terrain, wo ein Gehölz von Buchsbaum⸗ ont auftaucht, und deſſen Stämme in hoch ſind, uns als ein Wald mit eine Windmühle förmige, ſträuchern, das am Horiz Wirklichkeit kaum drei Fuß Rieſenbäumen erſcheint, wo wir ein Haus, vor uns ſehen und Stunde um Stunde darauf losreiten, ohne ſie zu erreichen, ja, ohne ihr ſcheinbar näher zu kommen; wenn wir die phantaſtiſchen Wolkenſchatten bemerken, die zur Zeit des Herbſtes und auch des Frühjahrs vor uns auf der Fläche zu fliehen oder uns kampfbereit entgegen zu ſtürmen ſcheinen; wenn man weit, weit in der Ferne den Zug der Sierra Mo⸗ rena ſieht, gefärbt wie dunkler Stahl, ſcharf und zackig— wenn man an jenen Hirten vorüber kommt, die noch heut zu Tage langſam ihr Gewehr empor nehmen, wenn ſie einen ein⸗ ſamen Reiter bemerken, oder an den Feldhütern, die wir dort in der Schlucht gelagert finden, vor ſich zwiſchen den Knieen den abgezogenen Hut, in den man ein Almoſen werfen muß, will man nicht mit der kurzen, weitmündigen Büchſe Bekannt⸗ ſchaft machen, die der Wegelagerer im Arme hält— ja, wer In der Schreibſtube. dabei eine rege Einbildungskraft hat, dem mag es leicht gehen wie dem edlen Don Quixote, daß er auf der ſchattenloſen 12 Fläche Tage lang umher reitend dieſelben Abenteuer auſſucht und et.“ Das hatte der lange Spanier mit ſolcher Begeiſterung und ſolcher Ueberzeugung geſprochen, und dabei flammten ſeine Augen ſo, daß ihm der Kranke lächelnd ſagte:„Ei, Don La⸗ rioz, mir ſcheint, Sie hätten nicht übel Luſt gehabt, ein andexer Don Quixote zu werden und ausgerüſtet mit Schild und Lanze, auf der Rozinante reitend, aufs Neue die Mancha zu durch⸗ ſtreifen, Rieſen und Drachen zu bekämpfen zu Ehren Duleinea's von Toboſo.“ „Nicht ſo ganz, gnädiger Herr,“ entgegnete der Schreiber, nachdem er eine Zeit lang faſt betrübt lächelnd vor ſich nieder 83 geſchaut.„Was hülfe in unſerer Zeit die Rozinante? was Schild, Lanze und ſelbſt die Kopfbedeckung des Don Quixote, wenn es auch in Wahrheit der Helm Mambrin's und nicht jene Barbierſchüſſel geweſen wäre?— Letzteres kann man leider als begründet annehmen. Aber die Frage, die mir Euer Er⸗ laucht jetzt im Scherze ſtellte, wäre für mich allerdings einer ernſten Beantwortung werth. War Don Quixote, der ſinn⸗ reiche Junker, wirklich jener Ritter, wie ihn das erhabene Buch des Cervantes darſtellt, oder wollte der Dichter mit ſeiner göttlichen Schöpfung einen Mann bezeichnen, der ſinnbildlich mit eingelegter Lanze und geſchwungenem Schwerte auf die Lächerlichkeiten der Menſchen eindringt, gegen die Windmühlen ihres Hochmuthes anrennt, die Schafheerden ihrer falſchen De⸗ muth aus einander ſprengt,— Jemand, der den heiligen Ge⸗ danken an eine unerreichbare Dulcinea von Toboſo im Buſen trägt, für die er kämpft und leidet?“ —— — Fünfzehntes Kapitel. Dies hatte Herr Larioz mit großer Bewegung geſprochen, wobei er aufwärts blickte und— wie er gern zu thun pflegte — ſein langes ſpaniſches Rohr wie ein entblößtes Schwert auf/ den Schenkel ſtützte. Sein Geſicht hatte in dieſem Anndlis etwas ſo Feierliches, ja, Erhabenes, daß ihm der Graf mit großer Theilnahme zuſchaute und, da er das Außergewöhnliche von jeher geliebt hatte, eine plötzliche Neigung zu dem eigen⸗ thümlichen Spanier empfand. Um ihn nicht zu unterbrechen, nickte er zuſtimmend mit dem Kopfe, weßhalb der Andere fort⸗ fuhr:„Wenn alſo der Dichter die Abſicht hatte, in dem Don Quipote für ſein Zeitalter eine Figur zu ſchaffen, die er aus⸗ ziehen ließ in die Welt, um durch ſie die Lächerlichkeiten und Laſter ſeiner Nebenmenſchen zu geißeln, warum ſollte es nicht ein erſprießliches Werk ſein, auch heute nochmals die Rozinante zu beſteigen, ſich mit Schwert und Schild zu bewaffnen und 4 den Erbärmlichkeiten der Menſchen das Viſir zu öffnen, nach⸗ dem man ſie ſiegreich vor ſich niedergeworfen?— Ach, welch ſchöne Beſtimmung, welch herrliches Loos! Oder wäre ein ſolcher Don Quixote heute nicht mehr nöthig, hat ſich das Menſchengeſchlecht gebeſſert, iſt Unredlichkeit aller Art, Lug, Trug und Heuchelei nicht mehr zu finden? Lohnt es ſich nicht mehr der Mühe, auf dem Heerwege zu ſtehen oder an der Straßenecke, der gekränkten Unſchuld und Tugend zum Schutz, dem verfolgenden Laſter zum Schrecken? Wäre es nicht dankens⸗ werth, jenen Intriguen nachzuſchleichen, welche den geſunden, kräftigen Menſchen wie eine Schlange langſam umgarnen, ſeine Bewegungen lähmen und ihn endlich zu Grunde richten?— Freilich wäre es ein Leben des Kampfes, auch wohl zuweilen der Niederlage, aber gewiß würdig, für ſpätere Geſchlechter in Büchern aufbewahrt zu werden.“ „ In der Schreibſtube. Graf Helfenberg hatte dem erregten Redner mit größter Theilnahme zugehört; er begriff deſſen Abſicht, und wenn er auch über dieſelbe den Kopf hätte ſchütteln mögen, ſo konnte er doch nicht anders als die Begeiſterung ehren, mit welcher Jener ſeine ſeltſamen Anſichten vortrug.—„Das hieße ja,“ ſagte er nach einem kleinen Nachſinnen,„faſt der ganzen Welt den Fehdehandſchuh hinwerfen, das wäre ein Unternehmen, wo auf Dank nicht zu rechnen, häufige Niederlagen dagegen voraus⸗ ſichtlich wären.“ Herr Larioz fuhr mit der Hand über das Geſicht und blickte wie erſtaunt um ſich, als er ſah, wo und vor wem er ſeine ſonderbaren Theorien aus einander geſetzt; er hatte, wie er zuweilen zu thun pflegte, ſich ſo in ſeine Phantaſieen ver⸗ tieft, daß ihm das, was er geſagt, wie ein lautes Selbſtgeſpräch vorgekommen war. Er hätte ſich ein wenig geſchämt, wenn ihm nicht die Worte ſeines Gegenüber bewieſen, daß der Graf ſeinen Phantaſien nicht nur gefolgt, ſondern ſie auch theilweiſe aufgenommen habe. Der Schreiber ließ ſeinen Stock langſam auf den Boden niedergleiten, ſenkte den Kopf ein wenig und ſagte nach einer Pauſe im gewöhnlichen Tone:„Verzeihung, gnädiger Herr, daß mich die Erinnerung an meine Heimat, an meine Jugendzeit, an jene in ihrer Einſamkeit ſo poetiſchen Flächen der Mancha fortriſſen, Ihnen von meinen Ideen zu ſprechen, die ich ſonſt feſt in mir zu verſchließen pflege. O, ich weiß es wohl, daß ſie unausführbar ſind, wenigſtens für mich; ich fühle wohl, was Euer Erlaucht eben geſagt, daß, ſich ſo um das Treiben der Menſchen bekümmern, der ganzen Welt den Fehdehandſchuh hinwerfen hieße. Und wer könnte das thun? Nur ein ſelbſtſtändiger, mächtiger Menſch, nicht ein armer Schreiber wie ich.“ ——.,— — ———— —— 40 Fünfzehntes Kapitel. Dieſe letzten Worte begleitete Herr Larioz mit einem bitteren Lächeln, worauf der junge Graf kopfſchüttelnd entgeg⸗ nete:„Auch der Mächtigſte auf Erden müßte an dieſer Aufgabe zu Grunde gehen; auch ein König, ein Kaiſer hat nicht die Macht, allen Trug, alle Heuchelei aufzudecken, er iſt nicht immer ſelbſtſtändig genug, ſeinem erſten Miniſter zu ſagen: ich könnte Ihnen beweiſen, daß Sie anders denken, als Sie ſo eben geſprochen. Er kann der Folgen wegen manche In⸗ trigue nicht augenblicklich zerreißen, die er nicht nur entſtehen ſieht, ſondern von der er auch fühlt, daß ſie langſam ſeine Hände umgarnt.“ „Ein Mächtiger, ein König könnte das allerdings nicht,“ verſetzte eifrig⸗Herr Larioz.„Zu großen Dingen wählt ja der Himmel ſo oft geringe, ſchwache Werkzeuge. O, mir wäre es eine Wonne,“ ſetzte er mit einem träumeriſchen Lächeln hinzu, „mich ſo in den Kampf zu ſtürzen, gute glorreiche Thaten zu vollbringen, wenn es mir auch am Ende wie dem edlen Don Quixote erginge, wenn ich auch zu Boden geworfen würde!— Ja, wie er würde ich mit dem letzten Hauche des Mundes meine Idee vertheidigen und ſprechen: Freilich bin ich der un⸗ glücklichſte Ritter, aber Dulcinea iſt das ſchönſte Weib der Erde.— Stoß zu mit der Lanze, Ritter!“ Das iſt ein merkwürdiger Schwärmer, dachte der Kranke, dem aber die Reden des Schreibers ihrer Eigenthümlichkeit wegen mehr und mehr gefielen. Lag doch, was dieſer ſagte, ſo ganz aus dem Kreiſe des Alltäglichen und gefiel eben deß⸗ halb dem jungen Manne, der von früheſter Jugend her das Außergewöhnliche geliebt. Wie war ſeine Phantaſie erregt worden durch die Erzählungen und Schilderungen, durch die Ideen des Spaniers! Wie träumte er ſich mit ihm in jenes 8 In der Schreibſtube. 41 Leben ſeltſamen Kampfes, von dem Herr Larioz geſprochen! Ja, er faßte es noch mehr von der ritterlichen Seite auf, er ſah die Mauern ſeines Zimmer ſchwinden, er ſchaute vor ſich die weite, weite Welt und fühlte ſich wieder einmal auf muthigem Pferde, dahin ſprengend über die Ebene, mit jenem langen, ſeltſamen Menſchen Abenteuer aufſuchend. Es war ein Augen⸗ blick des Wohlbehagens, wie ihn der Kranke ſeit lange nicht mehr gefühlt; er wollte dieſem Gefühle Worte geben, ja, er hatte nicht übel Luſt, dem Andern die Hand zu reichen und ihm zu ſagen: Gut, wir Beiden wollen der verdorbenen Welt in dieſer Art den Krieg erklären.— Angeweht von dem Hauche eines neuen, friſchen Lebens, vergaß er auf einen Moment ſeine tiefen Leiden, wollte haſtig von ſeinem Sitze aufſpringen — da erfaßte ihn mitten in dieſer heftigen Bewegung ſein gewaltiges Elend wieder, ſeine begeiſterten Züge nahmen plötz⸗ lich den Ausdruck eines ſtarken Schmerzes an, er biß die Zähne auf einander und ſank mit einem leiſen Aechzen in den Fauteuil zurück, wo er ein paar Sekunden lang mit geſchloſſenen Augen wie ohnmächtig lag. Erſchrocken war Herr Larioz aufgeſprungen, zu dem Kran⸗ ken hingeeilt, hatte ſeine Hand ergriffen und blickte ihm mit tiefem Schmerz in die edlen, bleichen Züge. Endlich ſchlug der Graf die Augen wieder auf, und als er ſah, wie der Andere ſo theilnehmend um ihn beſchäftigt war, lächelte er und ſagte alsdann nach einem tiefen Seufzer:„Das war ein böſer Anfall. Sehen Sie, mein lieber Don Larioz, es iſt nichts mehr mit unſerer Weltſtürmung; ich wenigſtens kann keinen Antheil daran nehmen; mir ſind die Hände ge⸗ bunden.“ 2 „Und mir nicht minder,“ erwiderte der Schreiber, indem Fünfzehntes Kapitel. er ſich ehrfurchtsvoll zurückzog.„Aber ich muß Euer Erlaucht um Verzeihung bitten, daß ich Sie durch meine unüberlegten Reden einigermaßen in Aufregung gebracht. Wahrhaftig, es iſt ſelten, daß ich mich ſo gehen laſſe,“ fuhr er treuherzig fort,„aber Sie, gnädiger Herr, haben mich durch die Liebens⸗ würdigkeit, mit der Sie mich empfingen, theilweiſe dazu ver⸗ anlaßt, und deßhalb werden Sie die Gnade haben, mir zu verzeihen.“ „Davon kann keine Rede ſein,“ verſetzte der Kranke mit etwas matter Stimme;„ich liebe immer noch eine kleine Emo⸗ tion, wie Sie mir ſie eben verſchafft, und zum Beweiſe dafür bitte ich, mich wieder zu beſuchen, ſobald es Ihre Zeit erlaubt. Um die gleiche Stunde wie heute werde ich für Sie zu Hauſe ſein.— Wir müſſen doch ſehen,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„wie ſich Ihre an ſich vortrefflichen Theorien mit der Praxis ver⸗ einigen laſſen.“ Nach dieſen Worten machte Graf Helfenberg eine freund⸗ liche Bewegung mit der Hand, und als auf den Ton der Klingel, welche auf ſeinem Tiſche ſtand und die er mit einem kleinen ſilbernen Hammer berührte, der Kammerdiener zwiſchen den Portieren erſchien, um den Schreiber zurückzubegleiten, machte dieſer eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung und ver⸗ ließ mit eigenen, angenehmen Gefühlen das ſelbſt bei trübem Herbſtwetter ſo blumenduftende und freundliche Gemach. Herr Larioz ſchritt durch die halbdunkeln Zimmer zurück, die breite Treppe hinab, bei den Ritter⸗Figuren vorbei, die ſeltſame Mienen zu machen ſchienen, weil er ſo lange droben geblieben, und dann durch die Portier⸗Loge, wo der alte Thür⸗ hüter in Wahrheit ein verwundertes Geſicht und eine Verbeu— In der Schreibſtube. 43 gung machte, wie ſie bei ihm ſonſt nur für Leute aus vor⸗ nehmem Stande gebräuchlich war. Es ſchlug zwölf Uhr, als der lange Schreiber durch den weiten Thorbogen auf die Straße trat, und da er ſich des zweiten Auftrages ſeines Prinzipals erinnerte, ſo wandte er ſich nach der Burggaſſe, um das Geſchäft Erdwinkel contra Brei⸗ berg ſo gut wie möglich abzumachen. — — — Sechzehntes Kapitel. Burggaſſe Numero Vier. Das Stadtviertel, in welchem ſich die Burggaſſe befand, war im nördlichen Theile der Stadt gelegen, wo des guten Lichtes wegen eine Menge Maler, Kupferſtecher, Photogra⸗ phen und ſonſtige Künſtler wohnten. Spekulanten hatten dort in die vierten Stockwerke verſchiedener Häuſer große Fenſter brechen laſſen und Ateliers hergeſtellt, die ſehr geſucht waren. Oft befanden ſich zwei bis drei dieſer Ateliers in einem Hauſe, oft auch nur ein einziges, je nachdem die Künſtler bekannt und geſucht waren. Große ſelbſtſtändige Bilder wurden hier eigentlich nicht gemalt, ſondern man beſchränkte ſich auf Anſichten der Stadt oder der umliegenden Gegend, die auf Beſtellung angefertigt wurden; meiſtens aber arbeitete man im Portraitfache, und zwar hier durch alle erdenklichen Branchen hindurch, vom ſchwarzen Schattenriß, welchen der Unteroffizier ſeiner Ge⸗ liebten ſchenkt, mit angedeuteter Uniform, oder einem Sou⸗ Burggaſſe Numero Bier. venir, Gymnaſiaſten und Studenten in möglichſt ſteifer Hal⸗ tung darſtellend, mit bunter Cerevismütze und dito Verbin⸗ dungs⸗ und Corpsbändern, bis hinauf zu ſechs Fuß hohen Knieſtücken, wunderſam in Oel gemalt, in prachtvollen, ſei⸗ denen Roben, deren Glanz etwas Uebernatürliches hatte, mit ſtarr blickenden Augen, erſtaunt lächelndem Munde und Wan⸗ gen, die in einer wahrhaft erſchreckenden Fülle der Geſundheit ſtrahlten; dabei viel goldene Ketten und Ringe nicht zu ver⸗ geſſen. Ja, Abriſſe des menſchlichen Geſichtes wurden hier gemacht auf Stahl, Stein, Holz, Leinwand und Papier, und wenn man bedachte, wie viele Menſchen von dieſem Geſchäfte lebten, ſo ſah man recht, welche Menge Leute darauf erpicht ſind, ihr eigenes, oft ſehr unintereſſantes Geſicht zu dieſem oder jenem Zwecke abconterfeit zu ſehen. Die Burggaſſe bildete ein eigenthümliches Quartier in der großen Stadt. Hier ſah man Geſtalten, die man ſonſt nir— gendwo oder nur höchſt ſ elten erblickte; blaſſe Geſichter, hohl⸗ äugig, mit einem Anfluge von Genialität, mit glattem, flau⸗ migem Kinn, oder auch mit vielem Bart⸗ und Haarwerk unter ſpitzen Calabreſerhüten. Die Träger dieſer Geſichter waren in Kleidungsſtücke, namentlich zur Herbſt⸗ und Winter⸗ zeit in Mäntel eingehüllt, deren Fagçon man nie in einem Modejournale geſehen, auf deren Erfindung ſich aber der Betreffende etwas zu Gute zu thun ſchien, was man deutlich an der Art ſah, wie er das Stück Tuch, das er einen Mantel nannte, und das etwas von einer römiſchen Toga, einem ita⸗ lieniſchen Carbonari und einem Theater⸗Rittermantel an ſich hatte, um die Schultern drapirt trug. So ſah man ſie in der Burggaſſe dahin wandeln, die Jünger der Kunſt, in allen möglichen Aufzügen, bald genial Sechzehntes Kapitel. nachläßig, zuweilen auch ausgeſucht ſtutzerhaft, die Meiſten mit großen Mappen unter dem Arm und die Blicke umher⸗ gleiten laſſend, ob ſich nicht irgendwo etwas zum Skizziren darböte. Eigentlich war die Burggaſſe keine Gaſſe, ſondern ein unregelmäßiger Platz mit aus⸗ und einſpringenden Häuſern, auf deſſen Mitte die Ruine eines Thurmes ſtand, der, Gott weiß, in welchen Zeiten, zu einer hier befindlichen alten Burg gehört haben ſoll. Alle Häuſer hatten hohe, meiſt trep⸗ penartig gezackte Giebel, viele auch Erker, gewölbte Thor⸗ bogen, maleriſche Höfe, finſtere Winkel von unausſprechlicher Färbung; die Sonne konnte ſich nur mühſam durch einzelne Lücken in dieſes Häuſerlabyrinth hineinſtehlen, wo alsdann ſolch ein goldig erleuchteter Streifen neben tiefblauen Schatten von ganz immens pittoresker Wirkung war. Dazu hatte die Architektur der meiſten Gebäude etwas Phantaſieerregendes; erblindete und zerbrochene Fenſterſcheiben, auch Rahmen ohne alles Glas gab es genugſam, höchſt intereſſante Schutt⸗ und Kehrichthaufen traf man allenthalben; wenn Schneewetter ſei — ſo behaupteten Kenner— dürfe man nur rechts oder links greifen, um vollkommen fertige Winterlandſchaften anzutreffen, und ſelbſt bei Regenwetter waren die überſprudelnden und zerbrochenen Dachrinnen wohl im Stande, ein künſtleriſches Gemüth zu landſchaftlichen, hauptſächlich aber Waſſ ſerfalleffekten der prachtvollſten Art zu begeiſtern. Hier gab es auch kleine Kneipen, die von ordentlichen Bürgersleuten gemieden wurden, über deren Leben und Trei⸗ ben ein ſagenhaftes Dunkel lag, ſo daß die Väter ihre Herren Söhne, Gymnaſiaſten oder auch Handlungsbefliſſene, beſtens verwarnten, dorthin zu gehen. Daß aber eine ſolche * Burggaſſe Numero Vier. 47 Verwarnung die umgekehrte Wirkung hatte, brauchen wir eigentlich den jung geweſenen Leſern nicht zu ſagen; leider aber war es nicht zu läugnen, daß, wenn es einem Nicht⸗ künſtler gelang, ſich unter den jungen Raphael's und Tizian'„ der Burggaſſe einen guten Freund zu erwerben, er ſtolz varauf war und alle möglichen Ränke und Schwänke ge⸗ brauchte, um ſich hier und da für einen Abend von der Aufſicht zu Hauſe frei machen und in der„Palette“, im „Reibſteine“, oder ſogar in der„Mausfalle“— ſo hießen die Wirthshäuſer, welche die jungen Künſtler hauptſächlich be⸗ ſuchten— ſo lange kneipen zu können, wie Geld und Zeit vorhielten. Hierbei müſſen wir aber ſagen, daß dieſe Kneipen beſſer als ihr Ruf waren; freilich wurde dort ein tüchtiges Bier conſumirt, auch häufig Rundgeſänge angeſtimmt oder Salamander gerieben; daß aber wahre Orgien und Baccha⸗ nalien gefeiert würden, daran war kein wahres Wort, und es fehlte der künſtleriſchen Jugend zu dieſen Ausſchweifungen an zwei nothwendigen Dingen, an Theilnehmerinnen und an Geld. Es iſt überhaupt eigenthümlich, aber leicht begreiflich, wie ſelbſt ein ſanftes Maler⸗ oder Dichtergemüth in den Verdacht eines excentriſchen Sinnes, eines ungeheuerlichen Lebens kommt. Und es iſt doch nur rein das Handwerk mit ſeinen Attributen, welches dieſe Idee begünſtigt. Wir treten in ein Atelier; mit finſterer Majeſtät kommt uns der Herr deſſelben entgegen, zwiſchen langem Haar und ſtruppigem Bartwerk iſt ein kleiner Theil des Geſichtes bemerkbar, ſowie glänzende Augen, die einen ingrimmigen Ausdruck annehmen, wenn der Künſtler Genre⸗ oder gar Schlachtenmaler iſt, beſonders aber, wenn er uns vor ſein letztes Bild führt, wo Dolche funkeln, bleiche 48 Sechzehntes Kapitel. Lippen beben, verdrehte Augen um Gnade flehend zu irgend einem Scheuſal von Tyrannen aufblicken, zu deſſen Füßen ſich ein blutendes Schlachtopfer menſchlicher Grauſamkeit wälzt. N Wenn der Künſtler uns das erklärt, den Staffeleiſtock wie eine Lanze auf den Boden geſtützt, das Haar fliegend, ſo erſcheint er uns in ſolchem Augenblicke nicht ſelten ſelbſt als Kannibal oder als Tyrann. Dort liegen ſeine blutigen Hand⸗ werkszeuge, die ſchauerlich ſchillernden aufgeſetzten Töne; ein ſchüchterner Blick, den wir umherwerfen, zeigt uns in der Ecke einen breiten Divan, auf dem ein nachläßig hingewor⸗ fener Blumenkranz liegt, während eine Streitaxt daran lehnt — eine ſcharfe Streitaxt, die der Künſtler in die Hand nimmt, indem er, ſie ſchwingend, uns erklärt, dieſelbe habe wahr⸗ ſcheinlich bei Sempach ſtark gedient. Daß die dunkeln Flecken an dem Eiſen Blut ſeien, e er nicht gerade beſchwören, aber es ſei ſehr wahrſcheinlich. So blicken wir ſcheu umher, und wohin ſich unſer Auge richtet, entdecken wir abnorme und ſchreckliche Gegenſtände: Ketten, Beile, große Stücke rothen Damaſts, wie Blut anzuſchauen, hier ein lederner Koller mit einem tiefen Riß auf der Bruſtſeite, dort eine Mandoline neben einem langen ſpaniſchen Stoßdegen, von welchen beiden der Maler verſichert, ſie ſeien in eine ſeltſame Geſchichte ver⸗ wickelt geweſen. Und in dieſer, für manches zarte Gemüth ſo gräuelhaften Umgebung bewegt ſich der Künſtler ſo frei und unbefangen, als ſeien es die unſchuldigſten Gegenſtände. O, es iſt ein ſchreckliches Geſchlecht, dieſe Maler! Unſer beſter Freund läßt uns im Vorzimmer warten, während wir im Nebenzimmer eine flüſternde Damenſtimme vernehmen, und wenn uns end⸗ lich der Eintritt erlaubt iſt, ſo hört unſer feines Ohr auf Burggaſſe Numero Vier. 49 der Treppe ſeidene Kleider rauſchen, ſtatt Cigarrendampf verſpüren wir in dem Atelier ein wunderbares Aroma, und während unſer Freund lächelnd ein Glas Zuckerwaſſer trinkt, ſehen wir auf dem Divan allerlei phantaſtiſche Kleidungsſtücke umherliegen. Daß uns eine ſolche, an ſich vielleicht ganz harmloſe Beſchäftigung ein Kopfſchütteln entlockt, und daß der gänzlich Uneingeweihte, der zufällig an dieſe Künſtlermyſterien tangirt, an ein entſetzliches Leben voll Schuld und Unthaten glaubt, iſt verzeihlich und begreiflich. Und wie oft braucht ſo ein armer Darſteller menſchlicher Verbrechen und Leiden, die er mit Pinſel oder Feder wiedergibt, ſelbſt eine Steigerung, um ſich in die Lage eines unglückl ich Verfolgten, eines Scheuſals hineinzudenken oder ſich deren Bilder zu vergegenwärtigen! Wie muß er ſeine Phantaſie tetzet, um auf der blaſſen Lein⸗ wand oder dem weißen Papier jene Gebilde erſcheinen zu laſſen, die den Beſchauer entzücken oder ihn beben machen ſollen! Ja, für Manch en ſind die eben erwähnten Zuthaten ſo nothwendig wie Pinſel, Farben und Feder, und wenn wir es auch nicht theilen, ſo begreifen wir doch das Gefühl des Malers, der die Mandoline in den Arm nimmt und darauf den Stoßdegen ſchwingt, wenn er ein unterbrochenes ſpani⸗ ſches Rendezvous darſtellen ſoll, ebenſo gut als das Gefühl des Dichters, welcher ſeine nächtlichen Lieder nur mit der Feder eines Raben ſchreiben konnte, den man von einem Galgen herabgeſchoſſen, nachdem er dieſe Feder zuvor mit einem einſt blutig geweſenen Dolche geſpitzt. Das ſind Schatten des Handwerkes, welche in das gemüthliche Leben hinüberſpielen und eine empfindſame Seele ſchaudern machen vor dem Atelier *Hackländer, Don Quixote. II. 4 2 —- Sechzehntes Kapitel. eines Malers, wo ſchon ſo viel Blut gefloſſen, und vor der Perſon eines Schriftſtellers, der ja unmöglich im Stande ſein kann, alle die ſchlechten Charaktere zu ſchildern, wenn er nicht ſelbſt viel auf dem Gewiſſen hat. Um wieder auf die Burggaſſe zurückzukommen, ſo wurde hier auch viel Muſik getrieben, namentlich mit Inſtrumenten, deren Klang ſonſt in der Stadt nicht oft mehr gehört wurde; wir meinen nämlich die Guitarre oder, wo es höher kam, die Mandoline. Darin wurde ein Erkleckliches geleiſtet, und wenn man beſonders in der Dämmerung eines Frühlingsabends durch die Gaſſe ſchritt, ſo vernahm man viel dergleichen Lär⸗ men um nichts. Auch Stimmen ließen ſich hören, hohe, ju— gendliche Tenore, häufig ins Falſett überſchnappend und mit unendlichem Gefühl anſtimmend: Dein gedenk' ich, röthet ſich der Morgen, Dein gedenkich, ſinkt die finſtre Nacht!. ſowie auch einſt kräftig und klangvoll geweſene Bäſſe, die aber mit des Lebens Mai ihre Jugendglätte verloren hatten und nun ziemlich rauh und faſerig ſangen: Im kühlen Keller ſitz' ich hier, Bei einem Faß voll Reben. Das alles gab der Burggaſſe etwas Phantaſtiſches, Aben⸗ teuerliches, namentlich wenn man hierzu noch allerlei ſonſtige ſeltſame Geſtalten rechnet, welche hier aus⸗ und eingingen, alte und junge Männer, die als Modelle dienten. Dieſer wegen ſeines dicken Bartes und ſeiner übermäßig hohen Stirn zu Prophetenköpfen und ſonſtigen Heiligen, Jener mit dem langen ſchlichten Haar, dem ſanften Blick und dem flaumigen Bart am Kinn als Vorbild zu Erzengeln verſchiedener Klaſfen Burggaſſe Numero Vier. 51 und Tugenden jedes Grades; hier dieſer alte weißhaarige Mann mit dem kummervollen Blick und der gebückten Hal⸗ tung als unglücklicher und betrogener Vater; dort jene auf⸗ fallende Perſönlichkeit mit ſchwarzem, ſtruppigem Haar und Bart, aufgeſtülpter Naſe, blitzenden Zähnen und einem Blick, deſſen teufliſches Schielen deutlich ſagte: Nur Böſes! war der Repräſentant aller Mörder, Räuber und ſonſtigen Böſewichter, die hier auf Papier und Leinwand in der Burggaſſe erſchie⸗ nen waren. Was die weiblichen Modelle anbelangte, ſo gab es unter ihnen nicht ſo viele Species; da ließ ſich durch Aen⸗ derung des Kopfputzes und einer leichten Drapirung ſchon viel erreichen, und die meiſten von ihnen wußten Engel und Teufel gleich trefflich darzuſtellen. Dieſer Burggaſſe nun ſchritt Herr Larioz in tiefen Ge⸗ danken entgegen. Daß ihm Regen und Schnee ins Geſicht ſchlugen, ſchien er durchaus nicht zu bemerken, ebenſowenig wie die naſſen Pfützen in dem ſchlechten Pflaſter, die er nicht einmal bei ſeinem Dahinwandeln vermied; er war offenbar immer noch mit jener Unterredung beſchäftigt, die er vorhin mit dem Grafen Helfenberg gehalten. Er hatte Bilder aus ſeiner Hei⸗ mat, Tage aus ſeiner glücklich verlebten Jugend herauf be⸗ ſchworen, und dieſe umgaukelten nun bald ernſt, bald heiter ſeine Seele und waren nicht durch Schneegeſtöber, durch eiſige Winde, die äußerlich auf den Träumenden einwirkten, zur Ruhe zu bringen. Er zog durch die Mancha, nicht mit dem Vater als vierzehnjähriger Knabe, nein, als fahrender Ritter mit ſeinem Knappen, er ſah allerlei Seltſames und Ungeheuerliches ſeinen Pfad kreuzen, aber er nahm die Zügel ſeines andalu⸗ ſiſchen Roſſes feſt in die Hand, zog ſein gutes Schwert und ſah, wie fremde Ritter und Phantome aller Art vor der Sechzehntes Kapitel. Kraft ſeines gewaltigen Armes zerſtoben. Wie hätte er da an ſeine jetzige Umgebung denken ſolle?— So erreichte er die Burggaſſe, trat auf den Platz, den hier die eigenthümlichen Häuſer bildeten, und ſah vor ſich den alten Thurm mit ſeinen ſchmalen, vergitterten Fenſtern, mit ſeiner Spitzbogenthür, unter der man noch deutlich die Bal⸗ kenlagen für die ſchon lange nicht mehr vorhandene Brücke bemerkte. Ah! jene ſchöne Zeit, dachte er, wo die Burg dort noch ſo trotzig und feſt daſtand, warum iſt ſie verſchwunden, oder warum bin ich nicht ein paar Jahrhunderte früher auf die Welt gekommen? Warum muß das jetzt Ruine ſein? Warum weht die Fahne nicht mehr von der Spitze des Thurmes und kün⸗ det ein luſtiges Trompetengeſchmetter nicht die Ankunft eines Gaſtes an?— Träumereien! unterbrach er ſich lächelnd, wie kann man ſich ſo von ſeinen Phantaſieen einnehmen laſſen!— Und doch iſt hier der Ort dazu, ihnen nachzuhängen, fuhr er nach einer Pauſe ſtehen bleibend fort. Sollte man nicht glauben, jeder der hohen zackigen Giebel verberge etwas Ab⸗ ſonderliches, decke geheimnißvoll ein Stück der alten gewaltigen Zeit zu, das ſich ſcheu dort hinter den Erkern und Pfeilern verbirgt und nun ſein tolles Weſen treibt in tiefer verſchwie⸗ gener Nacht, wenn die jetzige Zeit ſchläft und träumt? Was müſſen jene Gebäude für wunderbare, Zimmer, Gewölbe, Keller und Treppen enthalten! Wohl möchte ich hier wohnen, ein reicher, unabhängiger Menſch, eines dieſer finſteren Häuſer mein eigen nennen, es zu meiner Burg machen und von dort aus meine Streifzüge beginnen gegen die Rieſen und Drachen, welche die heutige Zeit unſicher machen. Herr Larioz hatte unterdeſſen ſeinen Weg wieder aufge⸗ ———————— — ſchritt, gravitätiſch, wie er es gewohnt war, den langen Stock Burggaſſe Numero Vier. 53 nommen und ſchritt, die Hausnummer Vier ſuchend, auf dem Platze dahin. Zuweilen blieb er kopfſchüttelnd ſtehen, wenn er hin und wieder in einem Erdgeſchoſſe durch die Fenſter in ein Wirthshaus hinein ſah, das ſo ganz anders war als die, wo er ſelbſt zuweilen einen Abend zu verbringen pflegte. Sie gefielen ihm aber abſonderlich, dieſe grauen Steinmauern, dieſe faſt dunkeln Holzdecken, dieſe grob geſchnittenen Möbel und vor Allem die Geſellen darauf, die, behaglich hingelagert, augenſcheinlich ihren Ueberfluß an Zeit verlungerten und nicht ſelten die Hand nach dem hohen alterthümlich geformten ſteiner⸗ nen Bierkruge ausſtreckten. Er lächelte freundlich in ſich hinein, als er das ſah und jetzt aus einem anderen Hauſe das Klirren und Knirſchen von Klingen vernahm oder ein Geräuſch, wie wenn man mit einem kurzen und breiten toledaner Schwerte auf einen mailänder Helm ſchlüge; auch horchte er hoch auf, als ſich gleich darauf eine kräftige Stimme vernehmen ließ: Fern im Süd das ſchöne Spanien, Spanien iſt mein Heimatland. War ihm doch zu Muth, als ſei er in einen. Zauberkreis getreten, deſſen ſeltſame Zeichen und Geſtalten ſeine ohnedies ſchon erregte Phantaſie noch mehr begeiſterten. Junge Leute begegneten ihm mit ſpitzen Hüten, wie er ſelber einen trug, und mit Mänteln ebenſo umgeſchlungen, wie er es mit dem ſeinigen zu machen pflegte, und wie man ſie zu Sevilla und Cordova trägt. Dieſe jungen Leute ſchauten ihn einigermaßen verwundert an, grüßten ihn aber freundlich und blieben auch, wohl ihn betrachtend, ſeitwärts ſtehen, wenn er ſo vorüber 54 Sechzehntes Kapitel. weit von ſich abſetzend, hoch erhoben den Kopf mit den ern⸗ ſten Geſichtszügen und dem ſtark aufwärts gedrehten Schnurr⸗ barte. 4 So erreichte Herr Larioz das Haus Nummer Vier, und unter der Thür deſſelben befanden ſich ein paar Geſtalten, die ſeine Aufmerkſamkeit erregten— ein alter Mann und ein junges Mädchen, er mit würdigem Geſichtsausdruck, ein Ehr— furcht gebietender Kopf, kämmt, das weiße Haar zierlich geſcheitelt; Gewand, halb Mantel, halb Talar, verhüllte die etwas gebeugte Geſtalt ſo vollſtändig, daß man nur eine der Hände ſah, die den langen Silberbart ſorgfältig ge— ein dunkelgrünes er unter den Falten hervorſtreckte, und in welcher er einen langen Stock trug, ähnlich denen, die man auf Bildern bei altteſta⸗ mentlichen Hirten zu ſehen gewohnt iſt. Das Mädchen ſtand ihm zur Seite; ſie hatte eine Hand auf ſeine Schulter gelegt und ſchien ihn ſanft leiten zu wollen auf dem ſchlechten Straßen⸗ pflaſter draußen voller Löcher und Pfützen; von ihrem Anzug konnte man nicht viel ſehen, da ein graues Tuch ſie faſt ganz verhüllte; aber der Kopf mit dem ſchwarzen Haar, das in zwei dicken Flechten um die Schläfe herum lief, war ſo ſchmachtend und ſchön, das Geſicht aber dabei ſo bleich und leidend, daß der gute und edle Don Larioz ein reges Gefühl des Mitleids nicht unterdrücken konnte.— Ein jarmes Paar! dachte er, vielleicht aus fernen Landen, das gezwungen iſt, zu der Mildthätigkeit fremder Menſchen ſeine Zuflucht zu nehmen! Gern hätte er den Beiden irgend ein Scherflein angeboten, doch frappirte ihn ein 9 dem Geſichte des Mädchens plötz⸗ lich erſcheinender, höchſt ſch vuug lächelnder Zug, als ſie auf einmal ſo der langen nuffäles en Geſtalt unſeres Freundes entgegen trat. — — ————— Burggaſſe Numero Bier. 55 Beide übrigens, der alte ehrwürdige Greis und das junge Mädchen wichen auf die Seite, um den Eintretenden ins Haus zu laſſen. Da ſich aber Don Larioz überzeugen wollte, ob die, welche er ſuche, auch wirklich hier wohnten, ſo faßte er an ſeinen Hut und ſprach mit ſanfter Stimme:„Guter, alter Mann, können Sie mir vielleicht ſagen, ob hier in dieſem Hauſe, Burggaſſe Nummer Vier, die Gebrüder Breiberg wohnen?“ Der ehrwürdige Greis nickte mit dem Kopfe, wie es ſchwache alte Leute zu machen pflegen, und entgegnete mit tiefer, klangvoller Stimme und mit einigem Pathos, während auf dem Geſicht des Mädchens wiederholt ein Lächeln erſchien: „Die Ihr ſucht, edler Herr, wohnen allerdings in dieſem Hauſe, die Gebrüder Breiberg, ſchätzenswerthe, vortreffliche Menſchen, Burggaſſe Nummer Vier, drei Treppen hoch; das heißt, dort befindet ſich das Atelier der Gebrüder, ſie ſelbſt wohnen noch eine Treppe höher, wo ſie auch jetzt zur Mittags⸗ zeit wohl anzutreffen ſein möchten.“ Herr Larioz, freundlich überraſcht von dieſem ausführli⸗ chen Beſcheid, der mit ſo ehrerbietigem Tone gegeben war, er⸗ widerte auf das freundlichſte:„Guter, ehrwürdiger Mann, es thut einem Fremden wohl, auf ſo liebenswürdige Art zu⸗ rechtgewieſen zu werden. Nehmen Sie meinen herzlichen Dank dafür, und wenn wir uns wieder einmal begegnen und ich Ihnen Gegendienſte leiſten kann, ſoll es wahrhaftig nicht an meiner Bereitwilligkeit fehlen.“ „Berge und Wälder begegnen ſich nicht,“ verſetzte der Greis,„wohl aber die Menſchen, und wenn Sie vielleicht ſelbſt Künſtler ſind, ſo wäre es wohl möglich, daß wir uns gegenſeitig Dienſte zu leiſten im Stande wären.— Wollen Sechzehntes Kapitel. Sie für alle Fälle meine Karte in Empfang nehmen,“ fuhr er fort, indem er die linke Hand nebſt einem Stücke zerknitter⸗ ten Papiers unter dem Talar hervorſtreckte. „Sowie auch die meinige,“ fügte das junge Mädchen hinzu, indem ſie zum dritten Mal ſo ſeltſam lächelte und eben⸗ falls dem langen Schreiber eine Karte einhändigte. „Die Herren Gebrüder Breiberg kennen mich,“ fuhr der ehrwürdige Greis fort,„und wenn Sie ſich vielleicht von ihnen eins der neueren Bilder,„der Harfner und Mignon,“ zeigen laſſen wollen, ſo werden Sie bald einſehen, was ein guter Rath und eine talentvolle Haltung dabei zu leiſten vermag.“ Damit gingen die Beiden auf die Straße, und der lange Schreiber, wahrhaft gerührt von dem herzlichen Entgegenkom⸗ men dieſer guten, lieben Menſchen, las, bevor er die Treppen hinauf ſtieg, die beiden Karten, ehe er ſie ſorgfältig in ſeine Bruſttaſche verwahrte. Auf der einen ſtand die Adreſſe:„An⸗ dreas Hubelich, Krähengaſſe Nummer Zwei, vier Treppen“; auf der anderen:„Kathinka Schneller, Entenpforte Nummer Vier, Parterre.“ Auch dieſe Begegnung hatte nicht dazu beigetragen, das Gemüth des Herrn Larioz zur kalten und trockenen Wirklich⸗ keit zurückzuführen; er fühlte ſein Herz ſanft erwärmt von den Zeichen einer vergangenen ſchöneren und poetiſcheren Zeit, die Per ſo ſehr liebte und die hier in der Burggaſſe auf Schritt und Tritt ſeiner ohnehin ſchon aufgeregten Phantaſie entgegen traten. Deßhalb fand er auch die wackelige Treppe nicht unintereſſant, auf welcher er nun, mit den Händen um ſich tappend, emporkletterte; ja, romantiſch erſchien ihm auf der zweiten Etage eine kleine Lichtöffnung, die einen ſpärlichen 4 57 Burggaſſe Numero Vier. Strahl der zweifelhaften Helle des trüben Novembertages in das Haus ſandte und hier in düſteren Winkeln allerlei ſelt⸗ ſame Geräthſchaften undeutlich zeigte. Da ſtanden Kiſten und Fäſſer auf einander gethürmt, was an ſich nicht außerordent⸗ lich geweſen wäre; aber auf denſelben bemerkte Herr Larioz einen alten Ritterhelm mit zerzausten Straußenfedern, der auf ein paar rothen Hoſen ſtand, welche formlos, melancholiſch, ja, unheimlich herabhingen; auch befanden ſich auf dem Boden daneben eine Anzahl Flaſchen, welche in ihrer Leere einem denkenden Kopfe ſchon zu thun geben konnten. Was mochten die Geiſter des Weines gewirkt haben, die in froher Stunde entfeſſelt daraus gefloſſen! Es war dem Schreiber ordentlich zu Muthe, als höre er Gläſer klingen und den luſtigen Re⸗ frain irgend eines bekannten Trinkliedes. Die zweifelhafte Helle der zweiten Treppe verſchwand auf der dritten wieder gänzlich, und es war gut, daß Herr Larioz einen kalten, glatten Strick ergriff, der ſtatt des Geländers diente und mit deſſen Hülfe er in die dritte Etage gelangte, wo ſich das Atelier der Gebrüder Breiberg befinden ſollte. Glücklicherweiſe war hier eine der Thüren nicht feſt verſchloſſen, und helleres Tageslicht hinter derſelben zeichnete auf dem dun⸗ keln Vorplatz einen ſcharfen Lichtſtreifen, der ſtark genug war, um, auf die Thür reflektirend, dort das Wort„Atelier“, mit großen Buchſtaben geſchrieben, erkennen zu laſſen. Herr Larioz als höflicher Mann nahm vor der Thür ſeinen Hut ab, ſtrich ſein Haar zurecht, dann klopfte er leiſe an. Als ſich drinnen nichts regte, klopfte er zum zweiten und, da er immer noch kein„Herein!“ vernahm, zum dritten Male. Künſtler haben ihre Launen, dachte er bei ſich, und dabei fiel es ihm ein, daß auch Herr Plager zuweilen auf Anklopfen 58 Sechzehntes Kapitel. keine Antwort gab, indem er bei ſich den richtigen Grundſatz aufſtellte:„Jemand, der etwas Wichtiges hat, wird ſich nicht abweiſen laſſen, ſondern nach dreimaligem Anklopfen die Thür ohne Weiteres öffnen.“ Gerade ſo machte es auch der Schrei— ber; doch wäre er faſt erſchrocken, als eine Glocke über der Thür mit gellendem Tond ein lautes Geklingel verurſachte; da aber weiter nichts erfolgte, ſo tpat er mit einem ſchüchter⸗ nen Schritt ins Zimmer. Es war dies allerdings ein Atelier und obendrein ein ziemlich elegantes Maler-⸗Atelier; an den Wänden und auf Staffeleien ſah man fertige und unfertige Bilder; im Hinter⸗ grunde des Zimmers befand ſich ein breiter Divan, auf dem ebenfalls Gegenſtände lagen, wie wir ſie früher erwähnt: ein Dolch, ein paar Degenklingen, ein Stück farbigen Zeuges, ein Blumenbouquet und dergleichen Dinge mehr. Es befand ſich Niemand in dem Atelier, doch bemerkte Herr Larioz auf den erſten Blick, daß daſſelbe durch eine ſpaniſche Wand in zwei Abtheilungen geſchieden war.— Sollte ſich vielleicht in der hinteren einer der Herren Breiberge befinden? Der Schreiber ging, mit den Füßen ſcharrend, vorwärts, räuſperte ſich auch laut und vernehmlich, doch ließ ſich keine Stimme hören. Nur war es dem Eintretenden, als er ſich dem Ein— gang der ſpaniſchen Wand näherte, als vernähme er hinter derſelben das Rauſchen von ſeidenen Gewändern; es iſt das ein Geräuſch, das in gewiſſen Lagen des Lebens ſchon man⸗ chen ſehr beherzten Mann ſtutzen gemacht hat. „ Auch Herr Larioz lauſchte mit angehaltenem Athem; es konnte möglicherweiſe eine Täuſchung ſein. Und ſo ſchien es auch, denn er vernahm nichts mehr. War die ganze ſeltſame Umgebung, alles, was er ſchon in der Burggaſſe geſehen und 6 ½ Burggaſſe Numero Vier. 59 gehört, daran ſchuld, daß ihm ſo eigenthümlich, faſt beklommen zu Muthe war— genug, ſein Herz klopfte ſchneller als ge⸗ wöhnlich, er ſah ſich gezwungen, einen tiefen Athemzug zu thun, und blickte ſchüchtern um ſich, als erwarte er, jeden Augenblick hinter einem der Fenſtervorhänge oder ſonſtigen Draperieen etwas Erſchreckendes hervortreten zu ſehen.— Aber Alles blieb ſtill; nur als er wieder einen Schritt vor⸗ wärts that, war es ihm abermals zu Muthe, als vernähme er wieder das Rauſchen oder Krachen eines ſchweren ſeidenen Stoffes. Abermals beſchlich ihn ein eigenthümliches Gefühl, doch ſchämte er ſich dieſer Bewegung und ſprach, wie um ſich ſelber Muth zu machen: „Bei San Jago, gehe ich doch hier nicht auf verbotenen Wegen! Habe ich nicht drei Mal angeklopft? Hat die Klin⸗ 5 gel nicht einen gehörigen Spektakel gemacht?— Warum, wenn 1 K dort Jemand hinter der ſpaniſchen Wand iſt, ruft er mir nicht zu und läßt ein„Wer iſt da?“ erſchallen?— Vorwärts, ſehen wir, ob wir Jemand finden!“ Ehe Herr Larioz wirklich vorwärts ſchritt, ſprach er noch mit vernehmlicher Stimme:„Ich ſuche Herrn Breiberg; iſt Herr Breiberg nicht vorhanden?“ Keeiine Antwort als ein leichter Wiederhall an den Wän⸗ den des weiten Gemachs. Mit einem einzigen Schritte erreichte nun Don Larioz die Tapetenwand und blickte in die hintere Abtheilung; doch wie ward ihm zu Muthe, als er nun mit einem Male die Erklärung zum Rauſchen der ſeidenen Gewänder fand, das er vernommen zu haben glaubte! Wie ſtand ſein Fuß ange⸗ wurzelt, als er an der Rückwand des Zimmers wieder einen Divan bemerkte und auf demſelben ein Mädchen, wie er weder 6. 60 Sechzehntes Kapitel. in Bildern, noch in Träumen je eines erſchaut, wie er es ſich in ſeinen kühnſten Phantaſieen nicht gedacht. Begreiflicherweiſe erlaubte ihm ſein Zartgefühl nur einen einzigen Blick auf das reizende Weſen, aber dieſer eine Blick war genug, um ſein Herz in eine nie gekannte Bewegung zu verſetzen. O, das ging kaum mit rechten Dingen zu! Ein ſo wunderbares Geſchöpf unter den Töchtern hieſiger Stadt in der Burggaſſe! Ihm ſchwindelte faſt und begreiflicherweiſe, denn er bemühte ſich mit allen Kräften, das Bild, welches er eine Sekunde lang erſchaut hatte, nun in ſeinen Gedanken feſt⸗ zuhalten. Ja, es war ein ſehr junges Mädchen in ſpaniſcher Tracht, die dort auf dem Sopha ruhte, und die den Eintretenden mit einem ſeltſam lächelnden Blicke anſchaute. Ah, die Gluth dieſes Blickes war unvergeßlich, aus großen, ſchwarzen glänzenden Augen, deren Feuer glücklicher Weiſe etwas gemildert war durch die herabfallenden langen ſeidenen Wimpern!—„Andaluſiſche Augen! ojos adormitos!“ ſeufzte Herr Larioz in ſich hinein— aus jenen ſchläfrigen ſüdlichen Augen, die ihren Strahl bis zum rechten Momente verbergen, wie ſich die gefährliche Schlange unter Roſen verkriecht.— Und dazu nun das Haar, blau⸗ ſchwarz und von einer erſchreckenden Fülle, in dicken Flechten um den Kopf gelegt und mit farbigen Bändern und Roſen zu⸗ ſammengehalten! War es eine Spanierin, die er geſehen? Der Teint war zu weiß und brillant, das Roth der Wangen zu blühend, wo⸗ gegen wieder die glänzenden Zähne, die man zwiſchen den leicht geöffneten Lippen hervorbrechen ſah, für die Landsmännin ſprachen.— Auch die Lage auf dem Divan war ſo ſüdlich ver⸗ führeriſch; konnte man doch glauben, ſie ſei nach einem ſtüx⸗ Burggaſſe Numero Vier. 61 miſchen Fandango ſüß ermattet dorthin geſunken. Den rechten Arm hatte ſie unter den Kopf gelegt, in der linken feinen, ſchneeweißen Hand, die über den Divan herabhing, hielt ſie ein Tambourin.— Ja, ſie mußte, vom Tanz ermüdet, dort ausruhen.— Glaubte doch Herr Larioz geſehen zu haben, wie ſie ſo heftig athmete, daß ihre volle Bruſt die Schnüre ihres andaluſiſchen Mieders geſprengt hatte;— geſprengt waren die Schnüre, deſſen erinnerte er ſich ſpäter nur zu deutlich. Viel⸗ leicht war ne vom Schlafe erwacht und hatte ſich geſcheut, einen Ruf laut werden zu laſſen. Lag ſie doch da, als habe ſie geſchlafen, als ſei ſie überraſcht worden und habe nicht mehr Zeit gefunden, den einen weißſeidenen Strumpf, der bis zum Knie hinauf ſichtbar war, mit ihrem blauſeidenen Röckchen zu verdecken. „Ah, Gebrüder Breiberg!“ ſeufzte der Schreiber,„da bin ich in eine ſüße, aber gefährliche Umgebung gerathen.“ Doch hatte er keine Zeit, dieſem Gedanken nachzuhängen, denn eine rauhe Stimme hinter ihm unterbrach plötzlich und nicht auf die angenehmſte Art ſeine Träumereien. „Wer iſt da?“ fragte die Stimme.„Was wollen Sie hier? Und als ſich der alſo Angeredete umwandte, erblickte er einen unterſetzten Mann mit einem gewöhnlichen, etwas plum⸗ pen Geſichte an der Thür ſtehen, der ihn forſchend und finſter betrachtete. Seufzend wandte ſich der Schreiber von der Tapetenwand hinweg, trat dem Anderen entgegen und ſagte ſo höflich wie möglich:„Ich habe wohl das Vergnügen, den Herrn Breiberg vor mir zu ſehen?“ „So iſt es,“ entgegnete der Mann mit der rauhen Stimme . 62 Sechzehntes Kapitel. und dem unangenehmen, plumpen Geſichte, wobei er die Augen⸗ brauen finſter zuſammenzog und den Fremden von oben bis unten betrachtete.„Jean Baptiſt Breiberg. Und womit kann ich dem Herrn dienen, dem Herrn, der da im Atelier herum⸗ ſchnüffelt, obgleich er ſieht, daß Niemand für ihn darin iſt — he?“ Zu jeder anderen Stunde würde der lange Schreiber eine ſolche Anrede ganz in derſelben Weiſe beant ſben doch fühlte er ſich heute wunderbar weich geſtim er wußte ſelbſt nicht genau, warum er ſo plötzlich ei an dem Herrn Jean Baptiſt Breiberg nahm; aber er nah Intereſſe an ihm, und wahrſcheinlich war es die Erinnerung an das ſchöne Mädchen, das doch gewiß in irgend einem Zuſammen⸗ hange mit dem Maler ſtand, weßhalb er ihn aufmerkſam be⸗ trachtete.— Wie ſchon geſagt, Herr Jean Baptiſt Breiberg war eine unterſetzte, keineswegs angenehme Perſönlichkeit, er hatte ein finſteres Geſicht, dicke, buſchige Augenbrauen, unter denen ſcharfe, boshafte Augen hervorleuchteten. Sein Anzug beſtand aus weiten grauen Leinwandhoſen, einer etwas dunkleren Schooß⸗ jacke von wollenem Zeug, in deren Taſchen er ſeine Hände hartnäckig verborgen hielt. Auf dem Kopfe trug er ſeltſamer⸗ weiſe eine hohe und ſpitze Papiermütze, mit Figuren bemalt, welche ungefähr ſo ausſahen, wie die an der Kopfbedeckung der armen, unſchuldigen Hexenmeiſter, welche man vordem zum Scheiterhaufen führte.— Obgleich ſich alſo Herr Larioz weich geſtimmt fühlte, ſo war doch ein einziges Wort in der Anrede des Herrn Brei⸗ berg, welches ihm der lange Schreiber unmöglich ſchenken konnte, das war das ihm über alle Maßen verhaßte Wort: — 63 Burggaſſe Numero Vier. „Schnüffeln“. Deßhalb ſagte er in ruhigem, obgleich ſehr be⸗ ſtimmtem Tone:„Daß ich in Ihr Atelier getreten bin, iſt allerdings richtig, doch nicht ohne vorher drei Mal angellopft, und darauf ein Geklingel verurſacht zu haben, das nothwendig Jemand herbeiführen mußte. Wenn Sie aber von Schnüffeln ſprechen, ſo iſt dieſes durchaus nicht der Fall; unter Schnüffeln verſtehe ich Spioniren, und das brauche ich gewiß nicht zu thun, da ich das Recht habe, hier offen und gerade aufzu⸗ treten.„ 4 „Schau Einer,“ ſprach der Maler höhniſch lächelnd,„mit welchem Prinzen habe ich die Ehre? Oder ſind Sie vielleicht von der geheimen Polizei und im Begriff, einen Verhaftsbefehl für mich aus der Taſche zu ziehen?“ „Ich bin weder das Eine noch das Andere,“ verſetzte Herr Larioz ſehr ruhig,„ich bin eine viel geringere Perſönlichkeit, nur der Schreiber des Herrn Rechtsconſulenten Plager, der Ihnen etwas in Sachen Erdwinkel contra Breiberg vorzu⸗ tragen hat.“ Das ſprach er aus Zartgefühl ſehr leiſe, denn er wollte nicht, daß das junge Mädchen hinter der Tapetenwand von dieſen Verhandlungen etwas vernehme. Doch kannte der Andere nicht dieſe Rückſichten, er ſchob ſeine Hexenmeiſter⸗Mütze vom linken Ohr auf das rechte, patſchte alsdann mit der Handfläche auf ſein Bein und rief laut, faſt luſtig:„Kommt dieſe Miſere ſchon wieder? Erdwinkel contra Breiberg! Wie iſt es nur möglich, zwei ſo verſchiedene Namen zuſammen zu ſtellen! Erdwinkel und Breiberg! Was iſt mir Erdwinkel? Ein ganz gewöhnlicher, obſcurer Kerl, dem wir die Ehre angethan, die nichtswürdige Bagatelle von vierhundert Florin bei ihm zu entlehnen. Iſt das der Mühe werth— — Sechzehntes Kapitel. he? Und was will dieſer Menſch weiter? War mein Bruder Clemens nicht auf dem Rathhauſe und hat die Schuld aner⸗ kannt? Kann man für einen ſolchen Erdwinkel mehr thun? Was will er alſo noch mehr von uns?“ Der lange Schreiber hätte beinahe über dieſe Rede gelä⸗ chelt. Die Beweisführung des Malers kam ihm von Jemand, der auf Exekution ſteht, in der That faſt komiſch vor. Doch er nahm ſich zuſammen und ſagte gelaſſen:„Was Herr Erd⸗ winkel noch mehr will, iſt ſehr einfach, er will bezahlt ſein, er will ſeine vierhundert Gulden zurück haben.“ Dieſe Forderung ſchien dem Maler ſo extravagant, daß er den Anderen einen Augenblick erſtaunt anſchaute, dann ſchlug er die Hände zuſammen und brach in ein lautes Ge⸗ lächter aus. „Bezahlt ſein,“ rief er,„ſeine vierhundert Gulden zurück haben! Iſt das nicht ſpaßig? Ja, es iſt ſpaßig.— Doch nein, es iſt zum Aergern,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er äußerſt geſchwind von der Luſtigkeit zum Zorn übergegangen war.„Ja, es wäre zum Aergern, wenn ich mich darüber ärgern wollte. Aber was geht mich die Ge⸗ ſchichte an? Das iſt eine Geſchäftsſache, und damit wenden Sie ſich an meinen Bruder Clemens, eine Treppe höher.— Guten Morgen, Herr Schreiber, guten Morgen! Leben Sie wohl.“ Damit rückte er heftig ſeine Papiermütze wieder auf das linke Ohr, legte beide Händ auf den Rücken und verſchwand mit einem kurzen trotzigen Kopfnicken hinter der Tapetenwand, wo Herr Larioz ihn noch ſagen hörte:„Mich mahnen wegen lumpiger vierhundert Florin! Jean Baptiſt Breiberg! Liegt darin ein vernünftiger Sinn— he?“ — Burggaſſe Numero Vier. 65 Es that unſerem zartfühlenden Freunde leid, daß der rohe Maler vor dem ſchönen Mädchen ſo ohne Rückſicht dieſe An⸗ gelegenheit beſprach. Ja, es gab ihm einen ſchmerzlichen Stich in das Herz, wenn er bedachte, daß jenes reizende Geſchöpf vielleicht in einer abhängigen Lage zu einem ſo ungebildeten Menſchen ſtehe, der ſich durchaus nicht genirte, etwas vor ihr zu beſprechen, was er ſelbſt als Fremder aus zarter Schonung nicht berührt haben würde. Es war allein dieſer Gedanke, der ihn abhielt, dem Maler zu folgen und ihm über ſein unartiges Betragen einige paſſende Worte zu ſagen; trotzdem aber konnte er ſich nicht enthalten, noch einen Blick rückwärts zu werfen, und er war ſo glücklich, wenigſtens einen Theil ihrer Geſtalt in dem über dem Divan hängenden Spiegel zu erblicken. Dann verließ er achſelzuckend das Zimmer, um ſich die Treppe in den vierten Stock hinauf und zu Herrn Clemens Breiberg zu begeben. Ob dieſer Herr ſich vor der Thür befand, als der Schrei⸗ ber mit dem Andern ſprach, und ſo dem Geſpräche zugelauſcht hatte, war nicht mit Gewißheit zu ſagen; ſo viel aber war ſicher, daß er ſchon in der Mitte der hinaufführenden Treppe ſtand und den langen Schreiber mit einem freundlichen Gruße empfing. „Sie waren bei meinem Bruder?“ ſagte er mit außer⸗ ordentlich weicher und ſanfter Stimme.„Ich habe Sie von Weitem ſprechen hören. Wenn Sie ein Anliegen haben, das die beiden Künſtler Breiberg betrifft, ſo wäre das freilich im Atelier abzumachen; iſt es aber ſonſt eine Geſchäftsſache, ſo muß ich Sie freundlichſt erſuchen, ſich zu mir herauf bemühen zu wollen.“ Hackländer, Don Quixote. II. 5 Sechzehntes Kapitel. Obgleich der Rechtsconſulent ihn darauf vorbereitet, war Herr Larioz doch erſtaunt, zwei Brüder von ſo gänzlich ver⸗ ſchiedenem Weſen zu finden. Jean Baptiſt ſo grob als mög⸗ lich, Herr Clemens Breiberg dagegen ſo außerordentlich höflich, daß er den Kommenden nicht erwartete, ſondern eilfertig die enge Stiege herabſprang und darauf den Fremden nöthigte, voraus in den vierten Stock zu ſteigen. Nach einigen gegenſeitigen Complimenten gelangten Beide in die Wohnung der Gebrüder Breiberg, die ziemlich beſcheiden möblirt war. Herr Clemens bot ſeinem Gaſt einen Stuhl und drückte ihn faſt mit Gewalt auf denſelben nieder, als der Schreiber ſeine Abſicht ausſprach, lieber ſtehen zu bleiben. „Nein, nein,“ ſprach der Maler.„Da Sie alſo, wie ich ſicher vermuthe, eine Geſchäftsſache haben, ſo iſt es beſſer, ſich dazu zu ſetzen; auch ich ziehe ſolches vor, man ſpricht da an⸗ genehmer und traulicher, mein lieber Herr— gewiß um Vieles traulicher.“ Dabei hatte er mit vieler Behendigkeit einen andern Seſſel vis-Aà-vis von Herrn Larioz niedergeſtellt und ſich darauf ge⸗ ſetzt; dann legte er beide Hände auf die Kniee und ſah nun ſeinem Gaſte mit etwas ſeitwärts geneigtem Kopfe von unten herauf freundlich lächelnd in die Augen.„Alſo ein Geſchäft d“ meinte er nach einer Pauſe, während welcher Herr Larioz die Papiere aus der Taſche hervorgezogen;„nun das iſt mir recht lieb, da wollen wir denn erwarten, was wir zuſammen ab⸗ zumachen haben. Darf ich Sie indeſſen um Ihren werthen Namen bitten?“ 4 „Ich bin nur Mittelsperſon,“ entgegnete trocken der Schrei⸗ ber, der bei dem ſüßen Bruder Clemens ſeine vollkommene Ruhe und Sicherheit wieder erlangt hatte.„Mein Name thut Burggaſſe Numero Vier. alſo nichts zur Sache. J ch komme im Auftrage des Rechts⸗ conſulenten Plager; vierhundert Gulden, Erdwinkel gegen die Herren Gebrüder Breiberg.“ Herr Larioz hatte bei dieſen Worten den betreffenden Bogen langſam entfaltet und überreich hte ihn dem ſanften Herrn Breiberg, der ſich nicht im Mindeſten darüber alterirte oder ereiferte wie ſein Bruder, ſondern kopfnickend ſagte:„Ja, ja,— ach ja, es iſt die Geſchichte. Schau, das hat Herr Plager in Händen? darüber bin ich erfreut, denn Herr Plager iſt als ein Mann bekannt, welcher der Zeit und den Verhältniſſen Rechnung zu tragen pflegt. Und das i*ſt unbedingt nothwendig. Sehen Sie, mein lieber Herr— aber ich möchte in der That gar zu gern Ihren Namen wiſſen, es ſpricht ſich angenehmer und beſſer, wenn man ſagen kann: Herr ſo und ſo. Alſo, wenn ich bitten darf?“— Er begleitete dieſe Bitte mit einem wahrhaft hinreißenden Lächeln. „Nun denn, wenn Ihnen etwas daran gelegen iſt,“ ver⸗ ſetzte der Schreiber mit einem ſteifen Kopfnicken ,„mein Name i*ſt Larioz.“ „Ei, Larioz,“ erwiderte der Andere mit einem etwas affektirten Erſtaunen,„da kann Ihre Familie unmöglich hier aus dem Lande ſein. Das iſt ein eigenthümlich fremder, präch⸗ tiger und ſchön klingender Name. Nun, warten Sie einmal, — Larioz, wo kann das her ſein?“ Während er ſo ſprach, hatte er ſeine rechte Hand ausge⸗ ſtreckt, ſo daß ſeine Fingerſpitzen ſein Gegenüber berührten, dem er damit ſanft auf die Bruſt tippte. „Allerdings,“ ſagte der Schreiber, nklingt mein Name zes handelt ſich um eine kleine Schuld von 4 T 68 Sechzehntes Kapitel. etwas ſonderlich, meine Familie ſtammt aus Spanien, und ich bin ſelbſt dort geboren.“ „Ein Spanier!“ rief Herr Clemens mit dem ſehr gut gemachten Ausdruck der höchſten Ueberraſchung.„Wirklich ein Spanier!— Ja, wo hatte ich meine Augen? In der That, wenn man Sie näher betrachtet, ſo findet man gleich den ca⸗ ſtilianiſchen Geſichtsſchnitt, die hohe Stirn, das lange ſchmale Geſicht, die Augen mit dem gewiſſen Ausdruck und der Bart— ja, der Bart— ganz Hidalgo. Das müſſen wir ſchnell Jean Baptiſt ſagen.“ Dabei ſprang er von ſeinem Stuhle auf und ſetzte hinzu:„Jean Baptiſt wird unſinnig vor Freude, Sie zu ſehen.“ „Hatte bereits das Glück, Ihren Herrn Bruder zu ſprechen,“ bemerkte der Schreiber ſehr ruhig,„ohne von der großen Freude etwas zu bemerken, die ihm mein Anblick einflößen ſoll. Im Gegentheil—“ 3 „O, ich kann mir das denken,“ entgegnete raſch Herr Clemens Breiberg, indem er beide Hände ſeines Gaſtes ergriff und ſie derb ſchüttelte.„Er iſt zuweilen etwas wunderlich, ein heftiger Charakter, aber ein gutes Gemüth, gut bis zum Exceß. Wenn ich Sie ihm als Spanier vorſtelle, ſo verſichere ich Ihnen, er wird unſinnig vor Freude. Als Menſch und als Maler liebt er die Spanier, und wenn er etwas Spaniſches malt, ſo iſt er völlig überglücklich. Ja, wir müſſen zu ihm hinunter, und er muß Ihnen ſein neues ſpaniſches Bild zeigen.“ „Er malt an einem ſpaniſchen Bilde?“ fragte aufmerk⸗ ſam Herr Larioz, der in dieſem Augenblicke an das ſchöne Mädchen dachte, das einen ſo gewaltigen Eindruck auf ſein Herz gemacht. Burggaſſe Numero Vier. Der Andere ſpitzte den Mund und machte ein paar Augen, als genöſſe er etwas außerordentlich Köſtliches. Dann ſagte er:„Das will ich meinen, ein ſuperbes Bild! Mittagsruhe in einer ſpaniſchen Venta, ein Majo und eine Maja. Sie iſt vom Tanze ermüdet dahingeſunken, während er vor ihr ſteht, ſie liebevoll betrachtend. Das Bild muß Epoche machen.“ „Ja, das muß ſehr ſchön ſein,“ meinte der Schreiber nachſinnend, indem er an die entzückende Lage des prachtvollen Geſchöpfes da unten dachte. „Mein Bruder zeigt ſeine unfertigen Bilder nicht gern,“ fuhr der Maler mit großer Wichtigkeit fort,„iſt überhaupt ein bischen barſch und abſtoßend; aber wenn ich Sie als Spa⸗ nier einführe, da ſollen Sie ſehen, wie der Mann Sie freund⸗ lich empfängt— kommen Sie nur, kommen Sie nur, verehrter Herr Larioz!“ Damit hatte Herr Clemens ſchon die Thür geöffnet und ließ den Schreiber nicht mehr zu Worte kommen, der den offenen Bogen, die Sache Erdwinkel contra Breiberg betreffend, 'noch immer in der Hand hielt und gern darüber einiges Weitere geſprochen hätte. So mußte er aber folgen, denn der Maler befand ſich bereits auf der Treppe, ja, er ſprang dieſe ſo eilfertig hinab, daß Larioz ſchon die Klingel des Ateliers hörte, ehe er ſelbſt noch auf der Mitte der dunklen Stufenreihe an⸗ gekommen war. Obgleich Larioz ſich gewiſſermaßen ſcheute, den bärbeißi⸗ gen Jean Baptiſt wieder zu ſprechen, ſo zog es ihn doch mächtig nach der geöffneten Thür, in der ſtillen Hoffnung, ſie vielleicht nicht nur wiederſehen zu dürfen, ſondern ihr ſogar vorgeſtellt zu werden und, falls ſie eine Spanierin war, ein* 70 Sechzehntes Kapitel. paar Worte in der ſüßen Sprache der Heimat mit ihr wech⸗ ſeln zu dürfen. Herr Clemens war unterdeſſen hinter die Tapetenwand geeilt, hatte ſeinem Bruder etwas von dem wirklichen Spa⸗ nier geſagt, und dieſer ſchien ſich in der That darüber zu freuen, denn er kam dem jetzt Eintretenden nun ganz anders entgegen als vorhin. Wenn auch ſeine Stirn unter der ſelt⸗ ſamen Papiermütze mit den bunten Figuren immer noch Falten hatte, und wenn ſeine Augen auch immer noch finſter blickten, ſo zeigte ſich doch um die Mundwinkel etwas, das wie ein Lächeln ausſah; auch reichte er dem Schreiber die Hand und brummte einige Worte von großem Vergnügen, das er em⸗ pfinde, einen wirklichen Spanier von ſo ausgezeichnetem Aeu⸗ ßerem bei ſich zu ſehen. Clemens, der näher getreten war, ſetzte hinzu:„Das iſt ſeine wahre Stimmung, ich verſichere Ihnen, er iſt ganz außer ſich vor Freude, wenn er etwas von Spanien ſieht, er liebt dieſes Land über alle Beſchreibung.“ „Ja, ich liebe es recht ſehr,“ fügte Jean Baptiſt bei, wobei er einen Blick nach der Oeffnung der Tapetenwand warf, einen Blick, der Herrn Larioz faſt erbeben machte, denn er brachte ihn natürlicher Weiſe mit dem jungen ſchönen Mäd⸗ chen in Verbindung. „Unſer junger Freund hier,“ ſagte Clemens Breiberg händereibend,„iſt für uns gütig geſinnt, davon bin ich feſt überzeugt, und deßhalb, lieber Bruder Jean Baptiſt, könnteſt du wohl ſo freundlich ſein, uns dein neues ſpaniſches Bild, den Majo und die Maja, zu zeigen. Dürfen wir?“ ſetzte er mit einer Handbewegung nach der Tapetenwand und einem Schritt vorwärts hinzu. Burggaſſe Numero Vier. 71 „Dort eintreten?“ fragte beinahe finſter der andere Herr Breiberg.„Du weißt, wie ungern ich es ſehe, wenn man uns Künſtlern hinter die Couliſſen ſchaut.“ Das ſagte er mit einem ſauren Lächeln, wobei Herr La⸗ rioz vollkommen die Averſion des Malers begriff, jemand Fremdes hinter die Couliſſen ſchauen zu laſſen. „Aber Herr Larioz,“ ſagte Clemens, da Jean Baßtiſt ihn fragend anſah,„aber Herr Larioz ſoll doch das Bild ſehen, wenn er es wünſcht.“ „Ich würde mich glücklich ſchätzen,“ entgegnete der lange Schreiber, obgleich er ſich glücklich geſchätzt hätte, hinter die Couliſſen treten zu dürfen. Herr Jean Baptiſt hatte mit ſeinem ſteifen, finſteren Weſen einen Stuhl in die Mitte des Zimmers gerückt und qualmte dabei entſetzlich; er hatte nämlich eine kurze irdene Pfeife, deren Kopf einen Affen vorſtellte, im Munde; alsdann erſuchte er Herrn Larioz, Platz zu nehmen, und ging dann mit ſeinem Bruder hinter den Verſchlag, um das Bild zu holen. Der Schreiber lauſchte aufmerkſam, ob er von ihr nichts höre, doch nur einmal war es ihm, als vernehme er das Rauſchen des ſeidenen Kleides und ein ganz leiſes Flüſtern, und ſchon kamen die beiden Maler zurück mit einer Staffelei, auf welcher ſich das erwähnte Bild befand, das ſie nun vor Herrn Larioz hinſtellten. Es war ſo, wie Herr Clemens geſagt. Unter einer Ve⸗ randa lag eine junge Spanierin genau in der Stellung, in welcher Herr Larioz vorhin das reizende Mädchen geſehen. O, es war eine entzückend ſchöne Lage! und dazu das Geſicht der Spanierin, ja, er erkannte es augenblicklich wieder, wenn — 4 ——— 72 Sechzehntes Kapitel. die Züge auch in einzelnen Theilen hier und da verändert waren; es waren dieſelben wunderbaren ſchläfrigen Augen, der friſche lächelnde Mund und die blitzenden Zähne. Ach, ſie war reizend, über alle Beſchreibung reizend! Den Majo betrachtete er mit Parteilichkeit für das junge Mädchen und fand ihn weniger gelungen. „Das iſt allerdings ein herrliches Bild,“ ſagte Herr La⸗ rioz, indem ſeine Blicke immer wieder auf der ſchönen Geſtalt des jungen Mädchens ruhen blieben.„Ein entzückendes Bild! Glücklich der, welcher es ſein nennen kann!“ Wir wollen hierbei dem verehrten Leſer geſtehen, daß der künſtleriſche Geſchmack des Herrn Larioz noch nicht ſehr aus⸗ gebildet war, denn ſonſt hätte er unbedingt einſehen müſſen, daß er ein ziemlich gewöhnliches Machwerk vor ſich habe, deſſen Figuren ſich durch ſehr gewagte Stellungen, die Zäch⸗ nung aber durch Unrichtigkeit bemerkbar machte, ſowie, daß das Colorit ein Zuſammentrag war von harten, ſchreienden Far⸗ ben aller Art: Roth, Gelb, Grün, Blau, wie ſie nur an dem Coſtume des Majo und der Maja anzubringen waren. Das alles aber bemerkte Herr Larioz nicht, denn ihm ſchwebte nur das Bild der ſchönen Spanierin vor, die er drinnen auf dem Divan ruhen geſehen und die er hier ſo gut wie möglich übertragen fand. Was aber dem Bilde fehlte, das erſetzte er bei der Maja durch ſeine Phantaſie, woher es denn auch kam, daß ſelbſt er den Majo, den er nicht con amore anſah, für weniger gelungen hielt. Der lange Schreiber ſchmeichelte alſo der Eitelkeit des Malers, indem er mit dem Tone der Wahrheit von dem Bilde als von einem großen Kunſtwerke ſprach. Herr Jean Baptiſt ſtand daneben mit geſpreizten Beinen, Burggaſſe Numero Bier. 73 rückte zuweilen ſeine Mütze von einem Ohr aufs andere, blies auch mehrmals die Backen auf und ſagte in nachläßigem Tone:„Ja, ja, das Bild iſt gelungen, es wird ſeinen Lieb⸗ haber finden.“ „Ja, einen reichen Liebhaber,“ ſeufzte der lange Schreiber in ſich hinein, und wenn er dabei bedachte, wie es für ihn ſo ganz unmöglich ſei, dieſes koſtbare Bild zu erſtehen, ſo überſchlich ihn ein Gefühl des Unbehagens, ja, des Neides. Doch währte das nur einen Augenblick, denn er ſchämte ſich dieſes Gefühles und verjagte es gewaltſam aus ſeinem Herzen. „Und das Ganze eiſt Phantaſie?“ fragte er nach einer Pauſe nicht ohne Abſicht;„ich wollte nämlich fragen,“ ſetzte er hinzu, nob Ihnen keine Perſon bei dem Entwerfen des Bildes vorgeſchwebt, ob Sie namentlich den Kopf der Maja ganz aus ſich ſelbſt geſchaffen?“ „Das iſt nicht gut möglich, mein lieber Herr Larioz,“ antwortete der ſanfte Clemens für den Bruder.„Um den Charakter der Wahrheit in die Köpfe eines Bildes zu brin⸗ gen, iſt es nothwendig, daß man in das Leben hineingreift. Der Kopf des Majo iſt der eines jungen Malers unſerer Bekanntſchaft, zum Geſichte der Maja hat Jean Baptiſt eine Dame gefunden, die ſo freundlich iſt, ihm zuweilen auszu⸗ helfen.”“ „Das muß eine Spanierin ſein,“ ſagte der Schreiber in beſtimmtem Tone. „Meinſt du, daß es eine Spanierin iſt?“ fragte Clemens ſeinen Bruder, indem ein kaum bemerkbares Lächeln um ſeine Lippen ſpielte. „Das kann ich nicht ſagen,“ entgegnete dieſer, und dabei Sechzehntes Kapitel. 1 für eine Franzöſin als für eine Spanierin; jedenfalls iſt ſie hier geboren und ſpricht, ſo viel ich weiß, kein Wort Spaniſch.“ 1 Das ſprach Herr Breiberg ſo laut, daß der Schreiber ordentlich ſchüchtern nach der Oeffnung der Tapetenwand blickte; denn er meinte, es müſſe doch für ein zartfühlendes Weſen nicht angenehm ſein, ſo über ſich verhandeln zu hören; auch wollte er dieſes Thema nicht weiter berühren; doch ſagte Jean Baptiſt:„Allerdings hat der Kopf etwas Spaniſches, doch glaube ich, das liegt hauptſächlich an der andaluſiſchen Tracht.“. 2 „Da kannſt du Recht haben,“ meinte Clemens,„denn dort ſchauen Sie,“— hierbei tippte er Herrn Larioz auf die Achſeln und zeigte auf eine kleine Skizze an der Wand— „dort iſt derſelbe Kopf wieder und ſieht unter dem Epheu⸗ kranz, ſowie bei dem Stückchen weißen Gewandes um die Schultern ganz anders aus, etwa wie eine heidniſche Prie⸗ ſterin.“ 8 Der lange Schreiber hatte ſich augenblicklich von ſeinem Stuhl erhoben und war vor das kleine, ihm bezeichnete Bild hingetreten. Ja, das war wieder derſelbe Kopf, wenigſtens die Grundzüge waren dieſelben, die gleichen ſüßen Augen, der wunderbare Mund, das lange prachtvolle ve der hohen, geiſtreichen Stirn. Lange betrachtete er es ſchwei⸗ gend, ja, wir möchten ſagen: ſtill bewegt, und er hätte es lieber nicht ſo lange betrachten ſollen, denn der Blick der halb geöffneten, träumeriſchen und doch wieder ſo glänzenden Augen drang ihm auf eine wunderbare und nie empfundene Art ins Herz. Er holte mühſam Athem, und als er von wiegte er ſeinen Oberkörper hin und her.„Ich halte ſie eher 4 Burggaſſe Numero Vier. 75 dem Bildchen endlich wieder zurücktrat, konnte er doch die Augen nicht davon abwenden, ja, konnte nicht unterlaſſen, zu ſagen:„Das iſt ein kleiner Schatz, dieſer Kopf, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn ich ihn mein nennen dürfte.“ 1 Während er ſo entzückt die Skizze betrachtete, hatte Cle⸗ mens mit ſeinem Bruder leiſe geſprochen, eigentlich mehr durch Pantomimen, als durch Worte, und als Jean Baptiſt endlich mit dem Kopfe„nickte, trat der andere hinter den Schreiber, berührte deſſen Arm mit der Hand und ſprach: „Lieber Herr Larioz, Sie ſind ein feiner Kunſtkenner. Daß Ihnen unter den vielen— ich kann das ohne Eigenlob ſa⸗ gen, wirklich guten Bildern— gerade dieſes auffällt, be⸗ weist mir, daß Sie ſchon viel Gutes geſehen und verſtanden haben. Ein ebenſo kenntnißreicher Liebhaber, wie Sie, ſͤeht ſchon ſeit einiger Zeit darüber im Handel mit Jean Baptiſt, doch konnten ſie bis jetzt nicht einig werden.“ „So, wollen Sie es verkaufen?“ fragte der Schreiber faſt erſchrocken, und dabei näherte er ſich abermals der Wand, ja, er berührte mit ſeinen Fingern den Rahmen, als wolle er verhüten, daß Jemand anders das Bildchen wegnehme. „So wollen Sie es in der That verkaufen? Ach! Sie werden einen großen Preis dafür nehmen.“ Das ſagte er in einem ſchmerzlichen Tone. „Nicht ſo groß,“ verſetzte Clemens,„gewiß nicht im Miß⸗ verhältniß zu der vortrefflichen Arbeit. Jean Baptiſt ver⸗ langt acht Louisd'or, eigentlich eine wahre Lumperei— und du wirſt ſehen, Bruder,“ fuhr er fort,„er läßt es auch heute noch holen.“ „Acht Louisd'or,“ ſagte Herr Larioz, und wenn er auch Sechzehntes Kapitel. dachte, wie Herr Clemens Breiberg, daß dieſe Summe für 1 die vortreffliche Arbeit und den ſchönen Kopf allerdings ſehr 4 gering ſei, ſo überlegte er doch anderntheils, daß ſeine ſämmt⸗— 4. lichen Gelder, die er ſich für einen Fall der Noth erſpart 1 und zurückgelegt hatte, nicht viel mehr betrügen.— Wie man 11 ſich in kurzer Zeit ändern kann! Geſtern noch hätte Herr 6 Larioz mitleidig gelächelt, wenn ihm Jemand den Vorſchlag gemacht hätte, er ſolle acht Louisd'or ſeines ſauer erworbenen V Geldes für das Portrait einer unbekannten Perſon hergeben; V heute aber, wo ihm dieſe Perſon— das dachte er ſeufzend — nicht mehr unbekannt war, ſchien es ihm ein vortheilhafter Tauſch zu ſein, mit acht Stücken todten Metalles dieſe ſeelen⸗ und gluthvollen Augen einhandeln und ſich dann täglich in ſie verſenken zu können.. „ und würden Sie das Bildchen,“ fragte er nach einer— Pauſe,„einem anderen Liebhaber um denſelben Preis er⸗ laſſen?“ „Meinſt du, daß das angeht?“ fragte Jean Baptiſt ſeinen Bruder in mürriſchem Tone.„Du haſt es doch ſo gut wie . verkauft.“ . Verkauft gerade nicht,“ entgegnete Clemens, indem er ſich die Hände rieb,„ich habe ihm den Preis genannt, da er ſich aber bedenken wollte, ſo können auch wir thun, was uns gefällt. Ueberdies,“ ſetzte er in lebhaftem, herzlichem Tone hinzu,„möchte ich deine Arbeit, lieber Bruder, in keinen anderen Händen wiſſen, als in denen des Herrn Larioz, der. wirklich einen ausgebildeten Kunſtſinn hat und der, was er beſitzt, zu ſchätzen verſteht. Alſo thue mir die Liebe, mache kein finſteres Geſicht und ſage Fa. Herr Jean Bapctiſt Breiberg machte in der That ein fin⸗ 2 1 4 —.— ———— Burggaſſe Numero Vier. 77 ſteres Geſicht, er hatte die Papiermütze mit den Teufelsfiguren über die Stirn herab faſt bis auf die Augenbrauen geſchoben und kratzte ſich verdrießlich am Hinterkopfe. „Sehen Sie,“ ſagte Clemens lachend zu dem Schreiber, „ſo iſt er nun einmal. Ich habe meine Noth und Laſt, jede fertige Arbeit von ihm dem Beſteller einzuhändigen; ich muß ſie ihm ordentlich aus den Zähnen reißen. Nun— alſo biſt du einverſtanden?“ „Nun, meinetwegen denn, weil ich dir damit einen Ge⸗ fallen thue— und auch dem Herrn Larioz,“ ſetzte er freund⸗ licher hinzu und nahm das Bild von der Wand.„Nehmen Sie alſo in Gottes Namen die Skizze.“ So ſah ſich alſo unſer langer Freund im Beſitze eines Bildes, und als durch das Wort Jean Baptiſt's die Sache entſchieden war, fühlte er ſich glücklich darüber. Auf ſeine Bemerkung, das Bild morgen abholen zu wollen, um gleich dafür Zahlung zu leiſten, äußerte ſich Herr Clemens Breiberg faſt entrüſtet, er nahm die Skizze von der Wand, wickelte ſie in ein Papier und verſicherte, die Zahlung könne geleiſtet werden, ſobald es in dem Belieben des Herrn Larioz ſtehe; wolle derſelbe zufolge des Geſchäftsganges des Hauſes eine kleine Quittung des Empfanges ausſtellen, ſo werde man dies dankbar annehmen. Natürlicher Weiſe war Herr Larioz hierzu bereit, die Quittung oder vielmehr ein kleiner, artiger Schuldſchein von Jean Baptiſt geſchrieben, vom Käufer unterſchrieben, und nach einigen freundſchaftlichen Händedrücken, woran beide Brüder Theil nahmen, empfahl ſich Herr Larioz, nicht ohne noch einen Blick nach der Oeffnung der Tapetenwand ge⸗ than zu haben, und nicht ohne die ſehr laut von ſich gegebene 78 Sechzehntes Kapitel— Burggaſſe Numero Vier. Verſicherung, daß er den heutigen Mittag für einen außer⸗ ordentlichen glücklichen anſehe und daß er mit einem wahren Schatze beladen dieſes freundliche Haus verlaſſe. Dann ſtieg er die finſteren Treppen hinab und ſpürte, auf der Straße angekommen, im Gefühl ſeines Liebes⸗Frühlings kaum, daß immer noch eiſiger Regen und winterlicher Schnee ihm ent⸗ gegen flogen.— Siebzehntes Kapitel. Der Bund zum Dolche Rubens. Als ſich Herr Larioz auf der Straße befand und eben den Weg nach Hauſe einſchlagen wollte, bemerkte er auf dem Zifferblatte des gegenüber liegenden Kirchthurms, daß es be⸗ reits halb Zwei und ſomit zu ſpät zu ſeinem Mittagsmahle ſei, welches um dieſe Zeit ſchon dem Tiger zur Beute gefallen war. Als außerordentlich pünktlicher Menſch, der ſich höchſt ſelten auch nur die kleinſte Abſchweifung von der Regel erlaubte, hatte er der alten Magd ein⸗ für allemal befohlen, ſein Mit⸗ tageſſen bis ein Viertel nach Eins bereit zu halten, wenn er aber um dieſe Zeit nicht da ſein ſollte, anderweitig darüber zu verfügen. Nun war er allerdings wohl ein paar Mal mehrere Minuten nach Eins nach Hauſe gekommen, und da hatte er dann aus den Blicken des Tigers geſehen, daß derſelbe ſchon im Begriffe geweſen, über das, was er als ſein Eigenthum anſah, jetzt herzufallen; in ſolchen Momenten hatte es dann dem Schreiber ſehr leid gethan, den Tiger verſcheuchen zu müſſen, 80 Siebzehntes Kapitel. und er hatte ſich nicht halb ſatt gegeſſen, um auch der alten Magd noch etwas zukommen zu laſſen. Heute aber lächelte er wahrhaft vernügt in ſich hinein, als er nun wiederholt auf das Zifferblatt blickte und ſich daran erinnerte, daß jetzt Gott⸗ ſchalk und der Tiger vereint am Tiſche ſäßen, und der letztere unter vielen guten Lehren für den jungen Menſchen, in dem ſo unverhofft ihnen zu Theil gewordenen Mittagsmahle ſchwelgten. Schon war Don Larioz im Begriffe, die Burggaſſe zu verlaſſen, ſich nach der Schreibſtube zu begeben und dort ver⸗ mittels eines Stückes Brod ſein Diner einigermaßen zu er⸗ ſetzen, um auf dieſe Art die verplauderte Zeit wieder herein zu bringen, als ihm— er befand ſich gerade vor einer Kneipe, welche ſich als der Reibſtein auswies— ein vaterländiſches Sprichwort einfiel: Por oir misa y dar cebada No si pierde la jornada, welches auf Deutſch ungefähr heißt: Mit Meſſehören und ordentlich Füttern iſt keine Zeit verloren, weßhalb er denn auch von der Straße abſchwenkte und in die Gaſtſtube trat, wo er einen gedeckten Tiſch fand, an deſſen einem Ende ſich ein halb Dutzend jüngerer und älterer Leute befanden, die mit den Reſten ihres Mittagsmahls beſchäftigt waren. Das Gemach, welches zum Wirthszimmer diente, hatte, wie Herr Larioz ſchon bei ſeinem Eintritt in die Burggaſſe von außen geſehen, eine dunkle Holzdecke, braune, lederfarbene Ta⸗ peten, und alle Möbel, Tiſche, Stühle, Bänke, waren auf alterthümliche Art grob aus Holz gearbeitet. In den Fenſtern ſchienen hier und da bunte gemalte Gläſer eingeſetzt, und auf Der Bund zum Dolche Rubens. 81 einigen Brettern, die längs der einen Wand liefen, ſah man Krüge von ſeltenen Formen.— Der Schreiber ſetzte ſich an einen Tiſch in der Ecke, da er nicht wußte, ob es den Anderen nicht vielleicht unangenehm ſei, wenn ſich ein Fremder zu ihrem gemeinſchaftlichen Mit⸗ tagsmahle dränge. Er ſchien auch mit dieſer Vorausſetzung nicht ganz Unrecht zu haben; denn kaum hatte er ſich nach dem Wirth oder einem Kellner umgeſehen, ſo erſchien einer der letzteren, ein ſehr mageres, dürftiges Weſen— er ſchwebte mehr, als er ging— und verſicherte dem Eingetretenen, wäh⸗ rend er mit großer Behendigkeit einen Teller mittels der Serviette reinigte, der Herr habe ſich geirrt und ſei in die falſche Stube gerathen.—„Hier,“ ſagte der Kellner mit un⸗ gemeiner Wichtigkeit, wobei er den rechten Fuß ſo graziös vorſetzte, daß nur deſſen Spitze den Boden berührte,„hier iſt ein Künſtler⸗Club, wo nur die Mitglieder und eingeladene Fremde den Zutritt haben.“ Als er das geſagt hatte, ſpitzte er ſeinen Mund, ſchloß die Augen faſt zu und unterbrach ſich für einen Moment in ſeiner Arbeit des Tellerabwiſchens, aber nicht in der Art, wie ein anderer Menſch ſich in einer ähnlichen Arbeit unterbrechen würde, indem er beide Hände ruhen ließe, nein, der dürre und lebhafte Kellner fuhr während dieſes Stillſtandes mit der rechten Hand, in der ſich der Teller befand, auf ſeinen Rücken, während er die Serviette in der Linken mit einer unnachahm⸗ lich graziöſen Bewegung über die Schulter warf und dann die fünf freigewordenen Finger dazu benutzte, durch ſein ſtruppiges Haar zu fahren, welches wie die Stacheln eines Igels in die Höhe ſtand. Als höflicher Mann bedankte ſich Herr Larioz für dieſe Hackländer, Don Quixote. II. 6 Siebzehntes Kapitel. Auskunft, nahm ſeinen Hut und war im Begriffe, zu gehen,. als ſich vom oberen Ende des Tiſches eine Baßſtimme ver⸗ nehmlich machte, welche zu dem leichtfüßigen Kellner ſprach: 1 „Windſpiel, wir haben dir ſchon mehr als einmal zu erkennen ₰ gegeben, daß es uns durchaus nicht unangenehm iſt, ausge⸗ 4 zeichnete Fremde in unſerem Clubzimmer zu ſehen. Nimm alſo den Hut jenes Herrn und erſuche ihn, falls er zu Mittag zu ſpeiſen wünſcht, es ſich an unſerem Tiſche bequem zu machen.“ Der Ton dieſer Stimme hatte, abgeſehen von den freund⸗ 1 lichen Worten, etwas Wohlthuendes für den Spanier; es war eine klangvolle, ſonore Stimme, wie ſie in den ehemaligen, leider fernab liegenden Zeiten wohl biederen Rittern, oder alten treuen Knappen zu eigen geweſen, und wie ſie nothwen⸗ I dig war, wenn einer derſelben zu dem Fremdlinge, der an das Burgthor kam, ſprach:„Tretet ein, ehrwürdiger Wanders⸗ mann, Ihr ſeid hungrig und müde, ſättiget Euch mit Speiſe und Trank und ſtreckt Eure Glieder auf dieſes weiche Bä⸗ renfell.“.— Deßhalb verneigte ſich der Schreiber auch gegen den Sprechenden, überließ dem hüpfenden Kellner ſeinen Hut, der 3 dienſteifrig mit der Serviette— den Teller hatte er auf den Tiſch geſtellt— über den feuchten Filz fuhr, und trat dann zum Tiſche, wo er ſich mit freundlichen Worten für die Zuvor⸗ kommenheit bedankte, mit der man ihn hier in die geſchloſſene Geſellſchaft aufgenommen. Herr Larioz that das mit ſeinem gewöhnlichen feierlichen, wir müſſen faſt ſagen: ſeltſamen 3 Weſen, welches nicht ermangelte, ſchon im erſten Augenblicke 3 die Aufmerkſamkeit der hier verſammelten Künſtler auf ſeine Perſon zu lenken. Der Bund zum Dolche Rubens. 83 Der mit der Baßſtimme, wohl der älteſte der hier An⸗ weſenden, war ein Kupferſtecher, und wenn er ſprach, ſo machte er mit dem Meſſer, das er in der Hand hielt, Bewegungen, als führe er den Grabſtichel.— Ohne gerade neugierig ſein zu wollen, ſo ſagte er im Verlaufe des Geſprächs, während Herr Larioz ſeine Suppe verzehrte, erkundige er ſich, was den Fremden bei dieſem Hundewetter in einen vom gewöhnlichen Verkehr ſo entlegenen Stadttheil verſchlagen, und frage, ob er in ihm vielleicht einen Kunſtgenoſſen verehren dürfe. Das Letztere verneinte der Schreiber, ſagte: ſo ſehr er auch die Kunſt ho felbe doch nicht gewürdigt, thun; ſein Gang hieher ab ſchäft, das er mit den gehabt. wobei er lächelnd chſchätze, ſo habe ihn die⸗ ihre Geheimniſſe vor ihm aufzu⸗ er betreffe ein kleines Privatge⸗ Gebrüdern Breiberg abzumachen Der Träger der Baßſtimme hatte ein etwas ſtark gerö⸗ thetes Geſicht, ſo viel man vor dem koloſſalen, überall wuchern⸗ den Bartwerke ſehen konnte, kleine angenehme Augen, und auf ſeinen Zügen lagerte ein Ausdruck der Gutmüthigkeit. Als der Andere aber den Namen Breiberg nannte, Augenbrauen zuſammen und ſchüttelte mit „Es geht mich nichts an,“ ſ Ihre Privatgeſ wenn Sie zog er die dem Kopfe. agte er alsdann,„welcher Art chäfte mit den Herren Gebrüdern B aber dieſelben nicht genau Ihnen, nehmen Sie ſich in Acht bei jedem Verkehr, den Sie mit den Beiden haben. Das ſind ein paar eigene Geſellen, denen jedes Mittel recht iſt, um zu Geld zu kommen.“ „Eine wahre Mörderhöhle für jüngerer Mann, der neben dem Kup fen Bilder von Leuten, reiberg ſind; kennen, ſo rathe ich arme Künſtler,“ ſprach ein ferſtecher ſaß.„Sie kau⸗ die ſich in Noth befinden, und nicht — Siebzehntes Kapitel. nur kaufen ſie das Werk ſelbſt, ſondern auch den Ruhm, es gemacht zu haben. Denn wenn es einmal ihr Eigenthum iſt, ſo geben ſie es für ihre Arbeit aus und ſind ſo zu unver⸗ dientem Renommee gekommen.“ Es ſchmerzte den Schreiber, daß er Kunſtgenoſſen alſo hart über einander urtheilen hörte, und er entgegnete deßhalb nach einer Pauſe: er müſſe allerdings zugeſtehen, daß ihm Herr Jean Baptiſt Breiberg etwas rauh und abſtoßend vor⸗ gekommen ſei, Herr Clemens dagegen habe ihn auf die freund⸗ lichſte Art empfangen, und er ſei mit einem guten Eindruck von demſelben gegangen. Auf das hin zuckte der Kupferſtecher mit den Achſeln und meinte: Herr Clemens ſei der Schlimmſte von Beiden.„Jean Baptiſt iſt freilich ein grober Geſelle,“ ſagte er,„dagegen der⸗ jenige von ihnen, der noch etwas zu leiſten im Stande iſt.“ Larioz hätte das Geſpräch können fallen laſſen, doch war es ihm intereſſant, etwas zu vernehmen über jenes Haus, welches einen Schatz in ſich verbarg, der ihm ſeit einer Stunde, er wußte ſelbſt nicht, wie, ſo unendlich theuer gewor⸗ den war. Nachdem er alſo einige Augenblicke abſichtlich ge⸗ ſchwiegen, um kein allzu großes Intereſſe zu verrathen, warf er anſcheinend gleichgültig die Frage hin, ob vielleicht einer der beiden Gebrüder Breiberg verheirathet ſei. Der Kußferſtecher ſchüttelte mit dem Kopfe, und auch die übrige Geſellſchgft verneinte dieſe Frage mit Worten und Geberden. „In dem Hauſe iſt nichts Weibliches, als eine alte Magd,“ bemerkte ein junger Mann mit langen blonden Haaren, der einen grünen Sammtrock trug und nicht weit von dem Schrei⸗ ber ſaß. 7 .* ſtecher weiter. Der Bund zum velche Rubens. 85 „Dem muß ich mir zu widerſprechen erlauben,“ verſetzte dieſer lächelnd.„Durch Zufall ſah ich droben eine junge Dame, von der ich geſtehen muß, daß ſie außerordentlich ſchön iſt.“ „Vielleicht eine, die das Unglück hat, an Breiberg für ein Portrait empfohlen zu ſein. Glück haben dieſe Beiden aller⸗ dings, und wer ſie in guten Kreiſen empfiehlt, das mag der Himmel wiſſen.“ „Ich glaube nicht,“ ſprach der Spanier,„daß die Dame, welche ich geſehen, ſich dort befand, um ein Portrait von ſich machen zu laſſen; ſie hatte ein eigenthümliches Coſtüm an und befand ſich auch in einer Stellung, die ſich nicht gerade zum Portrait einer Dame eignen würde.“ „Ah, ſo war es ein Modell!“ verſetzte der Kupferſtecher. „Und in der That ſchön?“ Herr Larioz nickte mit dem Kopfe und erwiderte, ohne aufzuſchauen, denn er fürchtete, man möchte auf ſeinem Ge⸗ ſichte eine Bewegung wahrnehmen:„Ja, ſie war in der That außerordentlich ſchön.“* „Wer kann denn das ſein?“ fuhr der Andere fort, indem er im Kreiſe umher ſah.„Sollte es die Katharine ſein oder der Stöpſel?— War die Dame ſchwarz?“ „Ja, ſie hatte ſchwarzes Haar.“ „So könnte es die Katharine ſein,“ meinte der mit dem grünen Sammtrock.„Doch iſt das nicht möglich, denn ich ſah ſie vor einer halben Stunde auf der Straße.“ „War Ihre Dame unterſetzt und ſehr ſtark, was man eigentlich dick nennen könnte?“ forſchte lächelnd der Kupfer⸗ —— 86 6 tes Kapitel. „Im Gegentheil,“ erwiderte Herr Larioz begeiſtert,„ſie war ſchlank und vom ſchönſten Ebenmaß der Glieder.“ „Dann war es auch nicht der Stöpſel,“ bemerkte der Frager,„denn obgleich der Stöpſel in der That ein ſchönes Geſicht hat, ſo iſt er doch auffallend klein und dick.“ Es hätte dem Schreiber wirklich weh gethan, wenn die Dame, die einen ſo gewaltigen Eindruck auf ſein Herz ge⸗ macht, den Beinamen„der Stöpſel“ gehabt hätte. Aber die konnte es nicht ſein, denn er erinnerte ſich zu lebhaft und genau der langen und feinen Taille, der in allen Verhältniſſen ſo ſchönen und edlen Geſtalt. „Das weiß der Teufel,“ begann der Kupferſtecher nach einem längeren Stillſchweigen wieder, während deſſen er einen tüchtigen Zug aus ſeinem Bierglaſe gethan und den Deckel ſchallend zugeklappt hatte.„Dieſe Kerls haben immer was Apartes. Wer weiß, wo ſie irgend ein ſchönes Mädchen aufgegabelt und es nun begreiflicherweiſe vor allen anderen Menſchen verborgen bei ſich halten. Mich dauert nur ſo ein armes Ding, welchas denen in die Klauen fällt. Man ſollte eigentlich dahinter kommen.“ „Ja, das ſollte man allerdings,“ entgegnete raſch der Schreiber, dem jedes Wort, welches der Andere ſo eben ge⸗ ſprochen, ein Dolchſtoß geweſen war. Seiner ohnehin erhitzten Phantaſie erſchienen Geſpenſtern gleich augenblicklich die Bilder ſchwerer Unthaten— Raub, gewaltſame Entführung, ſchreck⸗ licher Zwang, Knechtſchaft in Ketten und Banden, am Ende Mord und ewiges Verſchwinden. Jetzt erinnerte er ſich auch, wie ihm gleich Anfang an das Haus der Gebrüder Brei⸗ berg ſo geheimnißvoll, ja, faſt unheimlich erſchienen war; an der Hausthür die Begegnung mit dem jungen blaſſen Mädchen —.,— — Der Bund zum Dulche bens. 87 und dem guten ehrwürdigen Manne; dann die finſteren Trep⸗ pen, die Kiſten und Fäſſer auf den Ruheplätzen derſelben, der alte Ritterhelm mit den zerzausten Straußenfedern, ja, die rothen Hoſen— alles das kam ihm jetzt doppelt unheimlich vor, dazu der barſche Jean Baptiſt, dem die Bosheit aus den Augen leuchtete, und neben ihm ſein heuchleriſcher Bruder— es waren in der That vollkommene Bilder für eine Mörder⸗ höhle. Der Eine, der die unglücklichen Opfer mit ſanften Worten an ſich zog, der Andere, der ſie feſſelte und erdolchte. O, es überlief ihn heiß, wenn er dabei an die ſchönen, edlen Züge des jungen Mädchens dachte, das ſich vielleicht gerade jetzt unter den rohen Fäuſten dieſer beiden Elenden wand, deſſen zuckende Lippen um Schonung und Gnade baten, und das mit den ſchönen glänzenden Augen vielleicht eben ver⸗ zweiflungsvoll nach der Thür blickte, ob nicht dort ein Retter erſcheinen werde,— ein Retter, ſo träumte er weiter, in der Geſtalt jenes großen Mannes, den ſie heute Morgen geſehen und der nun gewaltſam die Thür des Gemaches einſtieß, der— Gott und San Jago! rufend, nun mit gezogenem Schwert hereinſtürzte und die Beiden niederwarf. Leider war Don Larioz nicht im Stande, dieſen ritterlichen Gedanken nachzuhängen, ohne dieſelben auf ſeinem Geſichte reflectiren zu laſſen und ſo denen, die ihn anſahen, einiger⸗ maßen Kenntniß von den Stürmen in ſeinem Innern zu geben. So auch jetzt, denn ſein Auge flammte, ſeine bleichen Wangen rötheten ſich, und um die feſt verſchloſſenen Lippen ſpielte es wie Trotz und Kampfesmuth. Dabei hatte er ſein Meſſer haſtig empor genommen, doch nicht ſo, als wolle er es zum friedlichen Zerſchneiden des vor ihm ſtehenden Rind⸗ fleiſches benutzen. 88 hntes Kapitel. Nun waren aber die Geſinnungen der luſtigen Maler rings umher nicht von der Art, um eine ſo ſeltene Erſcheinung, wie die des langen Mannes mit dem ſo auffallend aufgedrehten Schnurrbarte, nicht alsbald zum Gegenſtande einer allge⸗ meinen Unterhaltung zu machen. Wenn auch vielleicht der Kupferſtecher aus der Erzählung des Fremden irgend etwas heraus zu finden hoffte, wodurch man vielleicht im Stande ſein könnte, den Gebrüdern Breiberg, die er wirklich haßte, irgend einen Schabernack zu ſpielen, ſo entging ihm doch nicht das exaltirte Weſen des neuen Tiſchgenoſſen; und wenn ihm die Erzählung von dem wunderſchönen Mädchen, das ſich da drüben bei den Malern aufhalten ſollte, etwas fabelhaft vorkam, ſo war am Ende doch genug Wahrheitz darin, um vielleicht auf die eine oder die andere Art Stoff zu irgend einer heiteren Geſchichte zu geben. Auch die Uebrigen, die ſich an der Mittagstafel befanden, hatten den Eingetretenen ihrer beſonderen Aufmerkſamkeit ge⸗ würdigt. Einigen war es, als müßte ihnen dieſes Geſicht und dieſe außergewöhnliche Geſtalt ſchon im Leben begegnet ſein, oder als hätten ſie dieſelbe auf einem Bilde geſehen. Ein paar Andere aber nahmen unvermerkt, ihre Skizzen⸗ Bücher hervor und zeichneten heimlicher Weiſe den langen Mann. 2. Doch war es bei alledem nicht ein Gefühl der Lächer⸗ lichkeit, welches Don Larioz einflößte, wenn er ſich auf⸗ fallend, ja, vielleicht komiſch auffallend, in jeder gewöhn⸗ lichen Umgebung ausnahm; ſchien doch er es nicht ſelbſt zu ſein, der dieſen eigenthümlichen, ſonderbaren Eindruck hervorbrachte, ſondern es war, als gehörten er und die heu⸗ 7 2 . Der Bund zum Dolche Anbeng. 89 tige Welt, in welcher er ſich bewegte, zwei verſchiedenen Jahr⸗ hunderten an. Der leichtfüßige Kellner, der, nebenbei geſagt, ein ſehr poetiſches Gemüth war— er las„was von neuen Romanen und Gedichten erſchien, ſang Kückens Lieder zu einer verſtimm⸗ ten Guitarre mit ſehr viel Seele und Gefühl,— empfand eine beſondere Verehrung für den langen Mann, und das zwar ſchon nach dem erſten Blicke, den er auf ihn geworfen, nach dem erſten Worte, das er mit ihm geſprochen. Windſpiel vergaß ſeine ſonſt ſo flinke Bedienung und ſtand, die Serviette auf dem linken Arm, in der Rechten einen Teller bereit hal⸗ tend, wie ein dienender Knappe hinter dem Stuhle des ernſten Fremden. Der Kupferſtecher wiſchte ſich den dicken Bart, nachdem er ſein Glas leer getrunken, dann ſchlug er etwas heftig auf den Tiſch, ließ ſeine Augen mit einem leichten Zwinkern über die Verſammlung rings umher gleiten und ſagte mit dumpferer Stimme als bisher:„Ja, die Welt, liegt im Argen, und in der Burggaſſe können ſich Dinge begeben, von denen ein heiterer Bewohner des Roſenmarktes zum Beiſpiel gar keine Idee hat.“ Dabei händigte er ſeinen Krug dem Kellner ein, der nur widerſtrebend herbei hüpfte, und ließ ſich einen neuen, ſchäu⸗ menden Schoppen geben. Es war wohl ein Wetter zum feſten Beieinanderſitzen und zum beharrlichen Trinken. Regen und Schnee ſchlug an die Fenſterſcheiben, und der Wind, der zuweilen heulend um die Ecke des Hauſes herum fuhr, machte überall den vergeb⸗ lichen Verſuch, herein zu dringen, rüttelte an den Scheiben, pfiff durch das Schlüſſelloch der Hausthür und hob ſich, —y—— —— ⸗— —— 90 Siebzehntes Kapitel. unten überall Widerſtand findend, hoch auf das Dach, wo er gegen die Ziegel kämmte und in den Schornſtein hinab heulte. „Füllt eure Gläſer, meine Freunde!“ ſagte hierauf der Kupferſtecher, indem er im Tone der Stimme und in ſeiner Haltung etwas von der Gravität des langen Mannes anzu⸗ nehmen verſuchte.—„Füllt eure Gläſer und thut mir Be⸗ ſcheid auf das Wohlergehen eines werthen Fremden, der unter uns eingetreten iſt, der— ich kann es wohl geſtehen— meine Sympathie erweckt hat und der ſich ſelbſt, wie ich hoffe, nicht unheimlich in unſerem Kreiſe fühlen wird.— Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?“ wandte er ſich hierauf mit einer ſehr ehrerbietigen Neigung des Kopfes an den langen Schreiber. Dieſer hatte, als von ſeinem Wohlergehen die Rede war, nicht verſäumt, ſein Glas augenblicklich zu leeren, welches darauf vom Windſpiel mit raſender Geſchwindigkeit wieder gefüllt wurde. Dann erhob er ſich in ſeiner ganzen Länge und ſprach:„Ich ſchätze mich glücklich, durch Zufall und ſchlechtes Wetter in dieſe Verſammlung angenehmer Männer getreten zu ſein, deren Lebenszweck die Kunſt und deren uunterhaltung deßhalb ſo angenehm für Jemand iſt, der wie ich die poetiſchen und künſtleriſchen Seiten dieſes armen Lebens aufſucht.— Uebrigens iſt mein Name Larioz— ich könnte ſagen Don Larioz,“ ſetzte er mit einem feinen Lächeln hinzu, „denn mein Vater— Gott habe ihn ſelig!— war ein ſpa⸗ niſcher Edelmann.“ Dem Windſpiel war in dieſem Augenblicke zu Muth, als wollten ihm vor Ehrfurcht die dünnen Kniee einknicken. Pro⸗ ſaiſche Engländer und windige Franzoſen, wie ſie in den Der Bund zum Dolche Rubens. 91 Romanen, die er las, häufig genug vorkamen, hatte er ſchon viele geſehen, aber einen echten Spanier, Don Alonzo oder Fernando, noch nie. Ja, ſo mußten ſie ausſehen, die tap— feren Kämpfer mit dem zierlichen Stoßdegen und der langen Lanze, ſo mußten ſie den Bart emporgekräuſelt tragen, wenn ſie mit der Laute allabendlich unter Donna Laura's Fenſter erſchienen, zum Klang der Saiten ihre ſüßen Romanzen ſingend. Unwillkürlich hatte der Kellner ſeinen Teller wie eine Mandoline vor die Bruſt genommen und krabbelte mit den Fingern darauf herum, als halte er es für möglich, dem kal⸗ ten, gefühlloſen Porzellan einige Töne zu entlocken. Nachdem ſämmtliche Gläſer ausgetrunken waren, auch die Ruhe wieder hergeſtellt, lehnte ſich der Kupferſtecher in ſeinen Stuhl zurück, ſchlug die Arme über einander und ſagte:„Mir ſcheint es, wir haben die Verpflichtung gegen unſeren neuen Freund, Don Larioz, der Sache mit der intereſſanten und höchſt wunderbaren Dame im Hauſe der Gebrüder Breiberg auf die Spur zu kommen. Bei dieſen Menſchen iſt Alles möglich, ja, ich halte ſie für fähig, irgend ein unſchuldiges Weſen einzufangen, es zu rauben, gewaltſam feſtzuhalten und —— doch erlaßt mir, euch vor die Augen zu führen, was wir ſchaudernd ſelbſt erleben.“ „Ja, etwas iſt da drüben nicht richtig,“ meinte ein unter⸗ ſetzter Maler, deſſen äußerer Menſch ſich durch beſonders großen Haarmangel auszeichnete.—„Vor ein paar Tagen hatte ich bei den Breiberg's etwas zu thun, doch wollte es mir nicht gelingen, in das Atelier zu gelangen. Der glatte, abgefeimte Clemens empfing mich auf der Treppe und nöthigte mich in die Wohnung hinauf.“ 92 Siebzehntes Kapitel. „Das Gleiche war bei mir der Fall,“ ſagte der mit dem grünen Sammtrock;„auch ich klopfte vergeblich an die Thür des Ateliers.“ „Aber unſerem Freunde iſt das Gegentheil widerfahren,“ vernahm man die tiefe Stimme des Kupferſtechers.„Iſt dein nicht alſo, Don Larioz?“ „Es iſt ſo,“ erwiderte der lange Schreiber.„Ich fand die Thür des Ateliers angelehnt, nach mehrmaligem Anklopfen trat ich hinein und fand Niemand.“ „Vergeſſen wir nicht, daß Don Larioz anfänglich Nie⸗ mand ſah,“ unterbrach ihn der Kupferſtecher ernſt und feier⸗ lich.—„Doch weiter!“ „Ich näherte mich einer ſpaniſchen Wand, die das Gemach in zwei ungleiche Hälften ſchied,“ fuhr Larioz fort. „Vergeſſen wir nicht die geheimnißvolle ſpaniſche Wand,“ meinte der Andere mit aufgehobenem Zeigefinger und einem Blick auf die Künſtler umher—„und dann?“ „Als ich mich nach einigem Umſchauen dieſer Tapetenwand näherte,“ ſprach Herr Larioz mit unerſchütterlicher Ruhe wei⸗ ter,„und nachdem ich ein Rauſchen wie von ſeidenen Gewändern gehört zu haben geglaubt, blickte ich durch die Oeffnung der ſpaniſchen Wand und ſah— o Gott!—— und ſah das Mädchen, von dem ich vorhin geſprochen.“ „Und ſie war ſchön?“ „Bei San Jago, ob ſie ſchön war! In mei Phantaſieen und Träumen würde ich es nie rfür halten haben, daß ſich ein ſolches Ideal unter den Bewohnern dieſer Erde befände. Sie zu ſchildern iſt mir unmöglich; ſie war wie eine Blume ſo ſchön, ſo hold und rein.“ Bei dieſen Worten hatte er die mageren Hände auf dem kühnſten öglich ge⸗ Der Bund zum Dolche Rubens. Tiſche über einander gelegt und blickte ſchwärmeriſch zu der Zimmerdecke empor. Windſpiel machte es ebenſo, und es war ihm, als höre er Das Geflüſter kluger Myrten Und der Blumen Athemholen. Der mit mit dem grünen Sämmtling legte ſein Geſicht in die Hände, der dicke Maler mit dem wenigen Haar biß ſich wie krampfhaft auf die Lippen, wobei er die Augenbrauen finſter zuſammenzog, und der Kupferſtecher räusperte ſich auffallend laut und vernehmlich, um—— ſeine Rührung und ſein Mitgefühl zu verbergen. „Sie ruhte auf einem Divan,“ fuhr der Spanier nach einer kleinen Pauſe fort, nin einer reizenden, verführeriſchen Lage.“ „Vergeſſen wir das nicht,“ ſagte laut der Kupferſtecher. „Ihr Coſtüm war ſpaniſch, echt ſpaniſch; ich habe Aehn⸗ liches in früheren glücklichen Jahren häufig in dem ſchönen Andaluſien geſehen.“ „Alſo es kam Ihnen ſpaniſch vor?“ fragte der dicke Maler mit auffallender Rührung. „Es war ſpaniſch,“ erwiderte Don Larioz feſt und be⸗ ſtimmt.„Wie könnte ich mich darin täuſchen! So echt ſpa⸗ niſch, wie die reizendſte Maja es trägt, wenn ſie den glü⸗ henden Fandango tanzt unter den Orangenbäumen am Ufer des Guadalquivir, im Schatten des goldenen Thurmes bei Sevilla.“. Windſpiel fühlte ein gelindes Fröſteln; es war etwas wie ein Wonneſchauer, als er die Worte: Maja, Fandango, Oran⸗ genbäume und goldener Thurm bei Sevilla hörte, und zwar ——— ——— — —— ——— 94 Siebzehntes Kapitel. aus dem Munde eines echten Spaniers, der alles das geſehen und erlebt. Der Kupferſtecher hatte ſein Geſicht ſo tief wie möglich in das Bierglas verſenkt, und als er es wieder hervorzog, ſprach er mit ſanfter Stimme, indem er einen Blick auf den dicken Maler warf:„Wozu der Wortſtreit, ob echt ſpaniſch oder nicht! Das Coſtüm iſt Nebenſache. Kommen wir auf ſie zurück, auf das wunderbare Mädchen, die unſer verehrter Freund bei dem wilden Jean Baptiſt geſehen und die— ich nehme keinen Anſtand, das zu ſagen— nur ein Verbrechen in die Hände dieſes tyranniſchen Breiberg geführt haben kann. Bleiben wir bei dem Mädchen, welches— ich kann es mir ſchon erlauben, meine Vermuthung auszuſprechen— einen tiefen Eindruck auf das empfängliche Herz des edlen Don Larioz gemacht zu haben ſcheint.“ „Ihre Theilnahme rührt mich,“ ſprach dieſer, nachdem er mit einem haſtigen Zuge ſein Glas geleert.„Und um offen zu ſein, wie das überhaupt meine Gewohnheit iſt, will ich dem verehrten Kreiſe geſtehen, daß der Reiz und die Sittſamkeit der Erſcheinung allerdings mein Herz getroffen; ja, um noch mehr zu thun, will ich Ihnen das Portrait dieſer Dame zeigen, welches ich mühſam errungen und welches ich um keinen Preis in den Händen der Beiden dort drüben ge⸗ laſſen hätte.“ „Sie haben ihr Portrait?“ fragte der Kucferſtecher mit wirklichem Erſtaunen und folgte ſichtbar überraſcht den Bewe⸗ gungen des langen Mannes, der ſich erhoben hatte, um von dem Nebentiſche das kleine Portrait, welches er dort nieder⸗ gelegt hatte, zu holen. Doch war der leichtfüßige Kellner vorausgeeilt und brachte es ihm auf einem Teller entgegen, Der Bund zum Dolche Rubens. 95 deh er feierlich einher trug, indem ſeine Augen dabei das blaue Papier mit wahrer Ehrfurcht betrachteten. Auch die Uebrigen in der Geſellſchaft blickten mit dem Ausdrucke der Ueberraſchung auf das Eingewickelte, welches Herr Larioz in die Hand nahm und das Papier ablöste. Ehe er es aber ſeinem Nachbar zur Beſichtigung übergab, vertiefte er ſich erſt ſelbſt noch einmal ſo lange und aus⸗ ſchließlich in die geliebten Züge, daß es kein Wunder war, wenn er überſah, wie der Kupferſtecher ein Zeichen machte, welches von den Meiſten durch ein auffallendes Lächeln be⸗ antwortet wurde. Dann ſtützte ſich der Erſtere mit der lin⸗ ken Hand auf den Tiſch, nahm eine außerordentlich feierliche Miene an und ſagte, während er mit der rechten Hand das leere Glas zum Auffüllen an Windſpiel gab:„Geliebte Brü⸗ der und Freunde! Don Larioz iſt im Begriffe, uns das Por⸗ trait der Dame ſeines Herzens, derſelben, die, wie wir an⸗ nehmen, von den Gebrüdern Breiberg in Ketten und Banden gehalten wird, vorzuſtellen. Es iſt unſere Schuldigkeit, dieſes Portrait mit genauer Aufmerkſamkeit zu betrachten, um uns dann zu berathen, was allenfalls zur Rettung dieſer Un⸗ glücklichen geſchehen könnte. Es erſcheint mir aber dieſe Sache wichtig genug, um aus der harmloſen Tiſchgenoſſen⸗ ſchaft ein ernſtes Bundes⸗Comite zu conſtituiren, und im Falle ihr damit einverſtanden ſein ſolltet, ſo bitte ich, eure Gläſer zu leeren und mir beiſtimmend züzunicken— ein Ver⸗ fahren, um welches ich auch unſeren edlen Freund Don La⸗ rioz bitte.“ Hiernach blickte der Redner auf die Tafelrunde und ſah mit Befriedigung, wie Jeder ihm das geleerte Glas mit einer tiefen Neigung des Kopfes entgegen hielt, ſämmt⸗ . 3 ——— ——ꝗ— ——— 96. Siebzehntes Kapitel. liche Gläſer wurden aber augenblicklich wieder pom Wind⸗ ſpiel gefüllt. „Ehe wir aber daran gehen,“ fuhr der Kupferſtecher fort, „unſeren neuen Freund in die Geheimniſſe des Bundes ein⸗ zuweihen, halte ich es für nothwendig, denſelben durch einen Salamander, den wir ihm zu Ehren reiben, in die gehörige Stimmung zu verſetzen. Merkt alſo auf, geliebte Brüder! Wir verehren unter uns einen Mann, Don Larioz, deſſen Vorfahren und Ahnen wahrſcheinlich edle Granden von Spa⸗ nien waren, ſich jedenfalls in allen möglichen ritterlichen Tugenden hervorgethan. Ergreift deßhalb wiederholt eure Gläſer, gefüllt bis an den Rand, und reibt unſerem Gaſte, dem edeln Spanier, Don Larioz, zu Ehren einen ganz fa⸗ moſen Salamander.“ Bei dieſen Worten ſchaute der Sprecher ernſt, ja, ſtreng im ganzen Kreiſe umher, und als er ſah, daß der Blick eines Jeden auf ihm ruhte, begann er langſam mit ſeinem Glaſe auf dem Tiſche zu reiben, wobei er mit dumpfer Stimme eintönig vor ſich hinmurmelte:„Salamander! Salamander! Salamander!“ Und„Salamander! Salamander!“ murmelten auch die Anderen nach, rieben ebenfalls ihre Gläſer auf der Tiſchplatte, und als nun der Vorſitzende„Eins!“ ſprach, hoben ſie die⸗ ſelben zum Munde, auf„Zwei!“ wurden ſie an die Lippen geſetzt, und auf„Drei!“ ſtürzten die verſchiedenen Bierſtröme mit einer unglaublichen Geſchwindigkeit in die durſtigen Keh⸗ len hinab. Der lange Schreiber fand ſich durch dieſe Ceremonie ſelt⸗ ſam ergriffen, und obgleich Windſpiel ihm eben erſt ſein Trinkglas aufgefüllt hatte, leerte er es doch auf einen Zug 72 Der Bund zum Dolche Rubens. 97 und ließ darauf ſein Haupt ſo tief als möglich auf die Bruſt herabſinken. Es war ein zu erhebender Moment, all die Ge⸗ ſellen mit den gerötheten Wangen und flammenden Augen um den Tiſch ſtehend zu erblicken, nur mit ihm und ſeiner Angelegenheit beſchäftigt, ſtumm und feierlich, ſo daß man für einen Augenblick nichts vernahm als einen tiefen Seufzer des gerührten Windſpiels, ſowie das Platſchen des Regens an die Fenſterſcheiben. Der Kupferſtecher ſtrich ſeinen dichten Bart mit der breiten Handfläche, blickte alsdann unter den buſchigen, zu⸗ ſammengezogenen Augenbrauen finſter nach dem Kellner hin und ſagte:„Man gebe mir den Dolch des großen Meiſters Rubens.“ Es mußte dies eine Ceremonie ſein, die äußerſt ſelten vorkam, denn Windſpiel zuckte leicht zuſammen, blieb aber wie an den Boden angefeſſelt ſtehen, wobei er fragend den Wort⸗ führer anſchaute. „Ja ſo!“ fuhr dieſer fort.„Der Uneingeweihte ſcheut ſich, die koſtbare Waffe zu ergreifen. So gehe denn du hin, Bruder Chriſtian,“ wandte er ſich an den Maler mit dem grünen Sammtrock,„und hole die koſtbare Waffe; geh, du wirſt ſie in meinem Mantelkragen finden.“ Mit einer tiefen Verbeugung trat Bruder Chriſtian ab und kehrte gleich darauf mit einer roſtigen Dolchklinge zurück, deren eine Parirſtange zerbrochen und deren hölzerner Griff ſehr mangelhaft war. Trotz dieſes unſcheinbaren Aeußeren nahm der Vorſitzende die Waffe mit der allertiefſten Ehrfurcht in die Hand, küßte ſich verneigend die Klinge und reichte ſie dann ernſt und langſam zum nämlichen Zwecke ſeinem Nachbar hin. Hackländer, Don Quirote. II. ₰ ——— Siebzehntes Kapitel. So machte ſie die Runde um den ganzen Tiſch und kam zuletzt an den langen Schreiber, der ſie ebenfalls inbrünſtig zu ſeinem Munde führte und dann mit einer tiefen Verbeu⸗ gung dem Kupferſtecher übergab. Dieſer nahm hierauf die Waffe des großen Meiſter Rubens in die Rechte, winkte mit einer majeſtätiſchen Handbewegung dem dürren Kelner, der ſich zaghaft näherte und ſtatt der Klinge den hölzernen Griff des Dolches küſſen durfte, wobei der Vorſitzende ſprach: „Auch du, Windſpiel, wirſt bedingungsweiſe für heute in die Verbrüderung vom Dolche als dienender Bruder aufge⸗ nommen.“ Als er nun den Dolch mit beiden Händen ergriffen hatte, ſo daß die roſtige Spitze in die Höhe ſtand, ſprach er zu den aufhorchenden Brüdern:„So iſt denn für heute wieder der feierliche Bund geſchloſſen worden. Mich trieb dazu einestheils die Ahnung eines gewaltigen Verbrechens, das in unſerer Nähe begangen worden zu ſein ſcheint, an⸗ derntheils die Noth und Bedrängniß unſeres neuen edlen Freundes Don Larioz; ferner der troſtloſe Winter⸗Nachmittag mit Regen und Schnee, ſowie mit ſeinem zweifelhaften un⸗ genießbaren Lichte; dann noch der wirklich vortreffliche Stoff, der dem Faſſe unſeres Wirthes entquillt.— Windſpiel, fülle die Gläſer!“ Als dies geſchehen, als der Redner getrunken und ſich den Bart abgewiſcht, fuhr er fort:„Sie, unſer edler Freund, Don Larioz, ſind durch dieſe eben ſtattgehabte feierliche Cere⸗ monie in die Verbrüderung zum Dolche Rubens aufgenom⸗ men worden und haben künftig ſtatt aller anderen Bekräfti⸗ gungen, ſtatt zum Beiſpiel zu ſagen: auf meine Ehre! oder: hole mich der Teufel!— immer und überall nur bei dem ———— — ————-O——-—;—;—;—;;;————ę—QCQC— Der Bund zum Dolche Rubens. 99 Dolche Rubens zu ſchwören. Haben Sie mich verſtanden, edler Don Larioz?“ „Ob ich Sie verſtanden habe!“ erwiderte der neu Auf⸗ genommene mit wirklich gerührter Stimme. „So ſchwören Sie denn, der Verbrüderung zum Dolche anzugehören und ſich als ein Mitglied dieſer höchſt edlen und ſehr anonymen Geſellſchaft betrachten zu wollen.“ „Ich ſchwöre es bei dem Dolche Rubens!“ „Mit Vergnügen vernehme ich,“ fuhr der Kupferſtecher fort, indem dabei ein höchſt eigenthümliches Lächeln über ſeine Züge flog,„daß Sie mich vollkommen verſtanden haben. Hören Sie alſo die Tendenz unſerer Verbrüderung: Feſten Muth in ſchwerem Leiden, Hülfe, wo die Unſchuld weint, Ewigkeit geſchwor'nen Eiden, Wahrheit gegen Freund und Feind, Männerſtolz vor Königsthronen,— Brüder, gält' es Gut und Blut,— Dem Verdienſte ſeine Kronen, Untergang der Lügenbrut! „Wir ſuchen die Unſchuld auf, wo wir ſie finden,“ fuhr der Sprecher erklärend fort,„ermuntern ſie in ihren Bedräng⸗ niſſen und unterſtützen ſie in ſchwierigen Lagen. Aber auch die Schuldigen ſind von uns nicht unbedingt verworfen; auch ihnen gewähren wir Aſyl und Freiſtatt, heben ſie zu uns empor, wenn ſie tiefer ſtehen, und erfreuen uns an ihrem Aufwärtsſtreben, wenn wir ſehen, daß die allgemeine Liebe bei ihnen zum Durchbruch kommt. Wir kämpfen für Recht, Licht, Tugend und Bedrängniß.“ 8 —————— 100 Siebzehntes Kapitel. „Wie die ehrwürdigen Ritter der alten, ſchönen Zeit,“ ſprach ſchwärmeriſch Don Larioz.„Auch ich will dafür käm⸗ pfen und Schwert und Lanze erheben.“* „So ſind Sie denn feierlich in die Verbindung zum Dolche aufgenommen, und da Sie neben Pflichten auch Rechte haben müſſen, ſo werde ich mich bemühen, Ihnen die letzteren mit zwei Worten klar zu machen.“ „Sie haben das Recht,“ fuhr der Sprecher ernſt und gewichtig fort,„als Menſch unter Menſchen zu leben, ſich zu wehren, wenn man Sie angreift, ja, ſelbſt anzugreifen, wo Sie das für unbedingt nothwendig halten. Sie haben das Recht, Ihr Geld ſowohl ſelbſt zu verzehren, als auch Ihre Neben⸗ menſchen beiderlei Geſchlechts an dieſer Verzehrung mit Theil nehmen zu laſſen. Als Bruder vom Dolche haben Sie das Recht, ja, ſogar die Verpflichtung, einen ſcharf geſchliffenen Dolch unter Ihrem Kleide zu tragen, ſo lange es eine hochlöbliche Polizei nicht anders zu wünſchen beliebt. Sie ſind ferner ermächtigt, die Verbrüderung zum Dolche Rubens zu Schutz und Trutz zuſammen zu berufen, und es ſchreiben die Sta⸗ tuten der anonymen Geſellſchaft in dieſem Falle vor: Der Berufer ſchlägt einen Zettel in der Kneipſtube zum Reib⸗ ſtein an, daß an dem und dem Tage, zu der und der Stunde auf ſeine Koſten ein gutes Faß Bier aufgelegt ſein wird, worauf ſich die Brüder zahlreich einfinden werden. Sich deutlicher auszuſprechen, iſt im vorliegenden Falle den be⸗ ſtehenden Landesgeſetzen zuwider und darf nicht geduldet werden.— Die wichtigſte Errungenſchaft unſeres Bundes iſt aber das Recht, welches Ihnen zuſteht, bei außerordent⸗ lichen Fällen, bei drohender Gefahr, die Brüder ſelbſt nächt⸗ licher Weile zu Ihrer Hülfe herbeirufen zu dürfen, zu welchem — Der Bund zum Dolche Rubens. 101 Zwecke Sie mit dem Griffe Ihres Dolches drei Mal an die betreffenden Fenſterläden zu klopfen haben. Dieſe betreffenden Fenſterläden ſind aber an allen Häuſern der Burggaſſe, wo Sie an den Thüren abgeriſſene oder zerbrochene Klingeldrähte finden.“ So ſprach der Vorſitzende, und Jeder hörte mit großer Andacht zu, vor Allen Don Larioz. Wenn auch auf den glühenden Geſichtern der Mitglieder dieſer Tafelrunde hier und da ein plötzliches Lächeln erſchien, welches nur gedämpft werden konnte, indem der Lacher außerordentlich ſchnell mit dem Geſicht in das Glas fuhr, ſo war doch eben dieſes La⸗ chen gewiß nur der Ausdruck des freudigſten Behagens, daß dem ehrwürdigen Bunde ein neues Mitglied gewonnen worden. So ſah es auch der lange Schreiber an, und wo er Einen die Lippen krampfhaft zuſammenbeißen ſah, erhob er ſein Glas gegen ihn und trank ihm tüchtig zu. Ja, als der Red⸗ ner endlich ſchwieg, hielt er es für ſeine Schuldigkeit, ſich der Reihe nach bei Allen für die Ehre zu bedanken, die ihm ge⸗ worden, wobei er nie mit leerem Glaſe erſchien, ſo viel Mühe er ſich auch gab, es auszutrinken; denn auf den Wink des Kupferſtechers ſprang Windſpiel wie ein Beſeſſener hinter ihm drein, ihm beſtändig ein volles Glas in die nicht widerſtre⸗ bende Fauſt drückend. Bei dieſem Rundgange war es eigenthümlich, daß der edle Spanier nicht mehr genau zu wiſſen ſchien, von wo er ausgegangen war, und ſo oft er an den vermeintlichen Sitz kam, fand er dieſen von einem der Geſellen beſetzt, der ihm mit rührender Herzlichkeit das gefüllte Glas zum Anſtoßen entgegen hielt. Dabei war es denn nicht unbegreiflich, daß durch dieſes beſtändige Imkreiſegehen die Tiſche, Stühle, — 2 —y— .— ——-— Siebzehntes Kapitel. ea Menſchen, ja, die ganze Stube dieſelbe Bewegung annahm, ſo daß ſich der lange Schreiber endlich genöthigt fand, den Tiſch mit ſtarker Hand zu ergreifen und den hinter ihm, drein ſchreitenden Kellner um einen Stuhl zu erſuchen. So kam er endlich zur Ruhe. Wenn auch die Geſellen am Tiſche nicht wie er ſo eben erſt in den Bund des Dolches aufgenommen worden waren und deßhalb auch nicht nöthig gehabt hätten, ſich auf ſo laute und innige Art zu freuen, ſo thaten ſie das doch, indem ſie laut lachten, jodelten, mit den Gläſern zuſammen⸗ ſtießen und hier und da die Strophe eines bekannten Liedes brüllten. Der dicke Maler mit dem wenigen Haar blickte träu⸗ meriſch mit den halbgeſchloſſenen Augen zu dem Fenſter hin und ſprach, wobei er etwas Weniges ſtotterte:„Bis jetzt habe ich nicht gewußt, wozu ſo ein trüber Regentag eigentlich dienen kann. Jetzt weiß ich es. Zum Trinken— zum Trinken— und wieder zum Trinken.“ Dabei that er, wie er geſagt; worauf Einer gegenüber ſein gefülltes Glas erhob, es auf einen Zug leerte und darauf das Keed verſuchte: Im tiefem Keller ſitz' ich hier, Bei einem Glas voll Biere— doch verhinderte ihn ein gewaltiges Schluchzen, das ihn über⸗ fiel, an der ferneren Profanation. O du, der ich einzig gedenke, Mein holdes Lieb— ade! ſang der mit dem grünen Sammtrock; doch kam er auch nicht —— A Der Bund zum Dolche Rubens. 103 weiter, denn die Stimme des Kupferſtechers unterbrach ihn mit einem gewaltigen„Silentium!“ auf welches die Geſellen aufhorchten, als er nun weiter ſprach:„Wozu der unnöthige Lärm? Iſt das ein würdiges Benehmen für Brüder vom Dolche? Was ſoll unſer edler Bruder, Don Larioz, davon denken? Wenn ihr einmal durchaus ſingen und dieſe Stunde würdig feiern wollt, ſo ſtimmt die Kehlen zum harmoniſchen Geſange— zum Bundesliede: In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad; Mein Liebchen iſt verſchwunden, Das dort gewohnet hat. So begann er; und nachdem die Geſellen am Tiſche ſich in ihre Stühle zurückgelehnt, die Arme aufgeſtützt oder es ſich ſonſt bequem gemacht, ſtimmten ſie ein, und es war wohl die alte bekannte Weiſe des ſchönen Liedes, die ihre Stimmen ziem⸗ lich harmoniſch zuſammenklingen ließ. Wenigſtens kam es ſo dem edlen Spanier vor, der mit gefalteten Händen da ſaß, den Kopf auf die Bruſt niederſinken ließ und träumeriſch zuhorchte; dabei war es ihm, als höre er wirklich das Mühlrad rauſchen in einem tiefen Grunde, und als ſteige er dort hinab auf dem verſchlungenen weichen Waldpfade, unter dem ſanften Säuſeln und Rauſchen hochſtämmiger Eichen und Buchen, die mit ihren Zweigen und Blättern über ſeinem Haupte zu⸗ ſammenſchlugen. Ja, er ſtieg dort hinab, um nach dem Lieb⸗ chen zu ſehen, von dem ihm Kunde geworden, daß ſie ver⸗ ſchwunden ſei und nimmer zu finden. Anfänglich war es ihm klar, daß mächtige Feinde ſie ihm geraubt, hätten, daß ſie in Ketten und Banden ſchmachte, drüben bei den Gebrüdern Breiberg, und deßhalb ſtürmte er Jean Baptiſt Breiberg, mit großen Adlerfüßen verſehen, ihn Siebzehntes Kapitel. haſtig ins Thal hinab, nicht mehr ein armer Schreiber des Rechtsconſulenten Plager, unbewehrt, waffenlos, ſondern ein Mitglied der Verbrüderung zum Dolche, die blanke Waffe in der Hand; und während er ſo allein dorthin eilte, unter den hochſtämmigen Bäumen, hörte er da droben am Waldes⸗ rande die weithin ſchallenden Stimmen der treuen, engver⸗ brüderten Geſellen.——— Aber ſie ſangen nicht ermuthigend, ſie ſangen nicht von des Liebchens Ausdauer und Treue, vielmehr war ihr Lied erklungen: Sie hat mir Treu' verſprochen, Gab mir'nen Ring dabei, Sie hat die Treu' gebrochen, Das Ringlein ſprang entzwei. Ja, er fand ſie nimmer, er durchſuchte das ganze Thal, er drang in jeden Winkel des Hauſes, wo ſie einſtens ge— wohnt, er ſtieg die Treppen hinauf, bei den Fäſſern und Gläſern vorbei, bei dem Ritterhelm mit der zerzausten Strau⸗ ßenfeder, bei den rothen Hoſen— er fand von ihr keine Spur. Er betrat ein weites Gemach, in deſſen Hintergrunde ſich eine ſpaniſche Wand befand, hinter welcher er ſeidene Kleider rauſchen und ein ſpöttiſches Kichern von weiblicher Stimme hörte— da mußte ſie ſein! Er blickte hinter die ſpaniſche Wand, aber da hatte das Zimmer gar keinen Fußboden mehr, er ſtand am Abhange eines jähen Felſens, und vor ſeinen Füßen ging es hinab wohl viele tauſend Schuh tief. Und da hinab mußte er ſchauen, beſtändig in Todesangſt, in die fürchterliche Kluft zu ſtürzen. Auch fühlte er ſich plötzlichtan den Füßen gefeſſelt, ein anderer Prometheus, während Herr — Der Bund zum Dolche Rubens. 105 kreiſchend näher und näher umſchwebte und dabei in hohem Discante ſang: So leben wir, ſo leben wir alle Tage Bei der allerſchönſten Saufcompagnie.— Dieſes:„So leben wir“ klang wirklich rings um ihn her in donnerndem, jauchzendem Chorus, es ertönte hinter ſeinem Rücken, es drang aus den Spalten des Felſens, auf welchem er ſtand, und ſchien auch da ſich hinab in den Abgrund zu verlieren. „So leben wir, ſo leben wir,“ hörte er jetzt noch kräftig und ganz nahe, dann gedämpft und entfernt. Es war dem Träumer, als kletterten die Stimmen an den Felswänden hinab, und je tiefer ſie kamen, deſto mehr verloren ſie an Kraft und Deutlichkeit. Zuletzt war es nur noch ein unbe⸗ ſtimmtes Tönen und Klingen, das ſich in leiſes Rauſchen und Sauſen verwandelte, in ein Sauſen, wie es der Wind her⸗ vorbringt, wenn er durch kahle Aeſte fährt, oder wie wir es auch ohne alle äußere Einwirkung in unſeren Ohren hören, wenn wir zu viel getrunken haben. Aber noch immer blieb der Abgrund zu den Füßen des langen Schreibers geöffnet, und er ſtarrte noch immer hinab, wohl ängſtlich, aber doch erwartend und hoffend. Und ſeine Erwartung hatte ihn nicht getäuſcht, denn jetzt begann es drunten zu brodeln und zu kochen und dann außzuſteigen, wolkig und nebelhaft, und wie dieſer ganze Dunſt höher und höher ſtieg, klärte er ſich ab, wurde leuchtend und immer leuchtender und nahm endlich wunderbar ſüße, bekannte For⸗ men an, die das Herz des Träumers vor ſeliger Freude erzittern machten. Siebzehntes Kapitel. Ja, ſie war es, die Schöne, die er geſehen und welche einen ſo unauslöſchlichen Eindruck auf ihn gemacht. Sie ſchwebte zu ihm empor, während ſich der Abgrund unter ihren Füßen ausfüllte und nun eine ſonnbeglänzte grüne, weiche Wieſe darſtellte mit dem friſcheſten Graſe, mit tauſenden von Blumen, mit Sonnenglanz und Sonnenfäden.— Aber es war eine feuchte Wieſe, das glaubte er zu fühlen; auch war es trotz des Sonnenſcheins nicht allzu warm, denn ein Fröſteln überflog momentan ſeine Glieder, das ſelbſt die Nähe der Geliebten nicht zu verſcheuchen im Stande war. Aber wie blickte ſie ihn ſo freundlich, ſo liebend an, wie hob ſie ihre Arme gegen ihn empor und bewegte ihre Hände innig gegen ihn!— Doch wie verzog ſie ihr liebes Geſicht, ernſt, ja traurig, als er auf ſie zuſtürzen wollte! wie ergrei⸗ fend klang der Ton ihrer Stimme:„Wir werden uns wieder⸗ ſehen, aber ein mächtiger Zauber lagert zwiſchen uns, den du nur löſen kannſt, wenn es dir gelingt, bei dem nächſten Male, wo wir uns wiederſehen, den Spruch des großen ſpaniſchen Magiers Carabanzeros ohne Fehl vor mir auszuſprechen!— Du kennſt ihn, dieſen Spruch,“ fuhr die feenhafte Geſtalt mit einem unausſprechlich ſüßen Lächeln fort. Und als er darauf ſtatt aller Antwort traurig mit dem Kopfe ſchüttelte, flötete ſie mit einer Stimme, wie ſie nur beſonders holde und edle Weſen in Romanen und bedingungsweiſe auch die guten Feen in den Märchen beſitzen: Trau, treue Trine, trüglich trüben Träumen nicht. Treib' trotzig triumphirend fort das tolle Traumgeſicht, Trockne die Thräne tragiſchen Trübſals tröpfelnd auf, Trink trauten Traubentrankes Troſtestropfen drauf! Der Bund zum Dolche Rubens. 107 Dann ſetzte ſie ſchmachtend hinzu:„Haſt du mich ver⸗ ſtanden, edler Don, und wirſt du den Spruch des großen Ca⸗ rabanzeros nicht vergeſſen?“ Doch ehe er noch Zeit hatte, ihr mit einer ehrerbietigen Bewegung und mit einer ſchönen Attitude, wobei er ſeine rechte Hand auf das Herz legte, zu verſichern, daß er ſie wohl verſtanden habe und daß es ihm ein Leichtes ſei, dieſen höchſt faßlichen und leicht auszuſprechenden Spruch des großen Ca⸗ rabanzeros bei der nächſten paſſenden Veranlaſſung zu wieder⸗ holen— da war ſie verſchwunden, entflohen, wie verduftet, wie weggehaucht über die ſonnbeglänzte Wieſe hin; tiefe Stille umgab ihn, aus welcher mit einem Male ein Kichern an ſein Ohr ſchlug. Ja, es kicherte neben ihm, und als er vor dieſen profanen Tönen, die ſo pöbelhaft ſeine ſüßen Gedanken zerriſſen, raſch die Augen öffnete und um ſich blickte, ſah er vor ſich weder den Tiſch, an dem er vorhin geſeſſen, noch die traulichen Wände der Kneipe zum Reibſtein, noch die Geſichter der Brüder vom Dolchbunde.— Erſtaunt blickte er ſich nach allen Seiten um. Rechts hatte er eine hohe ſchwarze Mauer, links dieſelbe, vorn ging eine ſchmale Bretterwand hinauf mit meh⸗ reren kleinen Luftlöchern, und als er ſich beſtürzt umwandte, entdeckte er hinter ſich ebenfalls eine hohe Mauer, in der ſich aber am Boden eine Thür befand, an welcher die Rücklehne ſeines Stuhles ſtand. Er hob ſein Geſicht ganz in die Höhe; wo konnte er ſein? Der Ort, wo er ſich befand, hatte, mit Ausnahme der Bretterwand vor ihm, ganz das Ausſehen eines Burgverließes, wohl achtzig Fuß tief oder hoch, wie man es nahm, und dabei nach jeder Seite kaum eine Länge und Breite von vier Schuhen. Siebzehntes Kapitel. Obgleich man oben den grauen Winterhimmel ſah, ſo war es doch hier unten, wo Don Larrioz ſaß, ziemlich dämmerig; auch ſonſt fühlte er ſich durchaus nicht behaglich; aus der Höhe fiel Regen und Schnee auf ihn herab, ſeine Füße ſtan⸗ den in Feuchtigkeit, und in ſeine Naſe drang ein Geruch, der gerade nicht angenehm zu nennen war. Er rieb ſich die Stirn, doch konnte er ſeine Gedanken nicht klar machen und ſich nicht erinnern, wie er hieher gekom⸗ men; nur das drang endlich bei ihm durch, daß er ſie geſehen, die er nicht mehr vergeſſen konnte, daß er in den Bund zum Dolch aufgenommen worden ſei und daß er ſehr viel ſchäumendes Bier getrunken.— Aber wer ihn hieher ins. Burgverließ gebracht, auf welche Veranlaſſung, das war er nicht im Stande zu begreifen. Wohl erinnerte er ſich nach und nach, von unheimlichen Gewölben und dergleichen gehört zu haben, die ſich in dieſem Theile der Stadt befänden, den man den Burgplatz nannte und wohin er gegangen; was aber ihn in dieſes verdächtige Loch geführt und wie er hineingekommen, das war und blieb ihm vorderhand unbegreiflich.— Sollte es vielleicht den Gebrüdern Breiberg gelungen ſein, Kunde zu erhalten von der Verſchwörung des Bundes zum Dolche Ru⸗ bens gegen ihr Haus und ihre Errungenſchaft, das ſchöne Mädchen? Sollten ſie ſich vielleicht eines böſen Zaubers be⸗ dient haben, um ihn in dieſes Burgverließ zu werfen?— So etwas war ſchon mehr als einmal dageweſen.—— Aber ſo viel ſtand feſt bei ihm, was auch kommen mochte— Treue dem Bunde!— Treue der unglücklichen Geliebten!— Treue bis in den Tod! Da mit einem Male vernahm er eine tiefe Stimme, die aus der Höhe zu kommen ſchien, vielleicht aus einem jener . —— Der Bund zum Dolche Rubens. 109 kleinen, viereckigen Löcher in der Holzwand vor ihm, welche alſo ſprach:„Edler Freund, Don Larioz, Biedermann und tapferer Ritter von der traurigen Geſtalt, du haſt alle die ſchwierigen Proben, welche deinem wirklichen Eintritt in den Bund zum Dolche Rubens vorangehen müſſen, mannhaft und⸗ beſtens beſtanden; ſtolz nennen wir dich den Unſrigen und werden entzückt ſein, dich nächſtens wieder zu ſehen; für heute forſche unſeren Schritten nicht nach, wir entſchweben unſichtbar nach allen Seiten, wie es auch in früheren Zeiten Brauch war bei den Mitgliedern der heiligen Fehme. Mache du es ebenſo, vergiß die Loſungsworte des erhabenen Bundes nicht und wandle heim, nachdem du deine und des Bundes Zeche dem treuen Windſpiel bezahlt. Lebe wohl!“ Und—„Lebe wohl!“ erklang es aus einigen anderen rauhen Kehlen, worauf Alles wieder ſtill war wie vorher und nur der Regen und Schnee leiſe niederrieſelte. Der Geiſt des langen Schreibers war noch ſo umnebelt, daß er aufmerkſam jenen Worten lauſchte und daß ſich der Zorn, welcher Anfangs wegen Näſſe und Kälte in ihm rege wurde, wieder dämpfte. Er erhob ſich von ſeinem Stuhle, wobei er nicht unterließ, auf einige hervorragende Steine zu treten, um ſo die hier unten, wahrſcheinlich vom Regenwaſſer, angeſammelte Flüſſigkeit im Intereſſe ſeiner Stiefel zu ver⸗ meiden. Dabei erinnerte er ſich, von zu beſtehenden Proben gehört zu haben, die nothwendig ſeien, um in andere Bünd⸗ niſſe, zum Beiſpiel in den Freimaurer⸗Orden, aufgenommen zu werden. Darüber hatte er von Einem, der gedeckt hatte, ebenfalls grauenhafte Sachen gehört, von entblößten Degen, in welche man ſich ſtürzen, von Abgründen, in die man ſprin⸗ gen müſſe, von todten Menſchen, mit denen man in allerhand — Siebzehntes Kapitel. 110 fatale Berührungen käme, und dergleichen mehr. Gegen alles das erſchien ihm die eben beſtandene Probe ſehr leicht geweſen zu ſein, wogegen es ihm aber trotzdem nicht unlieb war, als er hinter ſich einen Riegel zurückſchieben hörte und ſich um⸗ wendend die Thür geöffnet, ſowie das ſüßlächelnde Geſicht des dürren Kellners ſah, welcher eine ehrerbietige Verbeugung machte; auch zog Windſpiel den Stuhl an ſich, und als der Spanier dieſem folgte, trat er in das Gemach, wo er ſich kurze Zeit vorher befunden hatte. Wie ihm aber die tiefe Stimme vorhin geſagt, ſo waren alle Mitglieder des Bundes zum Dolche Rubens verſchwun⸗ den. Daß ſie hier toll genug gehaust, ſah man an den über⸗ ſchwemmten Tiſchen, an zerbrochenen Gläſern, ſowie an den umgeſtürzten Stühlen. Don Larioz war noch froh genug, in dieſem Chaos ſein Bild unverſehrt zu finden, welches der Kellner mit vorſorglichem Gemüth bei Seite gebracht und ihm nun feierlich übergab. Zu gleicher Zeit händigte er ihm einen Zettel ein, auf welchem die Koſten verzeichnet ſtanden, die bei ſeiner Aufnahme in den Bund des Dolches erwachſen waren und die jedes junge Mitglied nebſt einem Trinkgelde für den Kellner des Bundes mit großer Freude zu entrichten pflege. Zu jeder anderen Zeit würde der lange Schreiber etwas beſtürzt geweſen ſein über die enorme Ausgabe von zwei Tha⸗ lern und ſo viel Groſchen, doch war er im jetzigen Augenblicke, als er ſeinen Geldbeutel hervorzog und bezahlte, noch nicht ſo klar im Geiſte, wie er ſonſt wohl zu ſein pflegte; ihm ſauste es wie ein Mühlrad im Kopfe, und jeder Umſchwung dieſes Mühlrads brachte ein anderes Bild vor ſein inneres Auge,— jetzt ſie, die überall lieblich und neckiſch durchblickte, dann die Der Bund zum Dolche Rubens. 111 Gebrüder Breiberg, den alten ehrwürdigen Harfner mit dem jungen unſchuldigen Mädchen, die Kathinka Schneller hieß und Entenpforte Nummer Vier parterre wohnte, was ſie ihm ſo warm empfohlen. Auch die Mitglieder des Bundes gaukelten vor ihm umher, der roſtige Dolch des berühmten Meiſters Rubens, die ſchönen Formeln bei ſeiner Aufnahme, der Traum von dem Abgrunde und von ihr— denn daß er geſchlafen und geträumt, fing ihm an klar zu werden— dann wiederum ihr Bild, ſowie der Spruch des großen Meiſters Cara⸗ banzeros, mit dem er die Liebliche erlöſen und befreien konnte aus aller Noth— 4 Trau, treue—— Es war ihm doch ſo leicht erſchienen, ihn zu behalten, und jetzt ſtockte er ſchon am dritten Worte— Trau, treue—— trau, treue—— Doch wozu heute die Anſtrengung? Morgen, hoffte er, werde ihm das Ganze ſchon klar werden. Daß er ſeine Zeit heute Nachmitag gut, angewandt habe, glaubte er ſich wohl ſagen zu können; hatte er doch eine Menge guter Freunde er⸗ worben, hatte er doch Verbindungen angeknüpft in der Nähe ihres Hauſes, und was die Verſchwendung der paar Thaler anbelangte, ſo war das ja ein alter ehrwürdiger Gebrauch.— Und wie dankbar war Windſpiel nicht für das Trinkgeld, das er erhalten! Er legte ihm ſeinen Mantel um, er reichte ihm 1 das ſpaniſche Rohr und den Hut, er complimentirte ihn ſo liebenswürdig zur Thür hinaus, bis auf die Gaſſe, er machte dort noch eine ſehr tiefe Verbeugung, als Don Larioz nun end⸗ 1 112 Siebzehntes Kapitel. lich wieder auf die Straße in Wind, Regen und Schnee hinaus trat. Dahin zog er über den Platz, den man die Burggaſſe nannte, und woher es kam, wußte er nicht, aber er hatte die Idee, als blickten ihm aus allen Fenſterläden unſichtbare Zu⸗ ſchauer nach, die genau beobachteten, ob er die Füße recht auswärts ſetze, ob er den Kopf gewohntermaßen aufrecht halte, und ob er in einer geraden Linie dahin wandle. So ſehr er ſich denn auch bemühte, dieſen Forderungen nachzu⸗ kommen, ſo wollte ihm doch namentlich das Letztere nicht ſon⸗ derlich gelingen. Wenn er jetzt auch wirklich in der Mitte der Straße dahin ging, ſo befand er ſich ſchon nach hundert Schritten an der rechten Häuſerreihe, was ihm unbegreiflich erſchien und wobei er ſich mit ſehr großem Erſtaunen einige Mühe geben mußte, die fragliche Ecke, da er ſo. nahe an ſie hingerathen, ohne Anſtoß zu umgehen. Aber ſeine Ausdauer ſiegte, und ſo hatte er denn bald die Burggaſſe hinter ſich, kam auch, indem er mechaniſch regelmäßig einen Fuß vor den anderen ſetzte, in die Nähe ſeines Bureau's, fand glücklich die Einfahrt in den finſteren Hof und nach einiger An⸗ ſtrengung auch die Thür ſeiner Schreibſtube. Herr Doktor Plager war ausgegangen und hatte Gott⸗ ſchalk beauftragt, ſeinem Schreiber zu ſagen, er müſſe ein wichtiges Geſchäft abgemacht haben, da er ſo lange ausge⸗ blieben ſei. Mit dem beſten Willen und trotz⸗ eifrigen Nach⸗ denkens konnte ſich aber Herr Larioz keines wichtigen Ge⸗ ſchäftes erinnern, das er beſorgt; nur Eines fiel ihm ein, nachdem er lange gegrübelt, daß er nämlich ſeinen Prinzipal, den Rechtsconſulenten, auf ſieben Uhr zu dem Grafen von Helfenberg zu beſtellen habe, und um das nicht wieder zu — — Der Bund zum Dolche Rubens. 113 vergeſſen, beauftragte er den kleinen Schreiberlehrling, dieſe 38 Commiſſion zu Papier zu bringen und auf den Tiſch des Doktor Plager niederzulegen. Herr Larioz hätte in dieſem Augenblicke nicht ſchreiben können, ſein Kopf war ihm zu ſchwer, ſeine Hand zitterte unſtät. Er ließ ſich an ſeinem Schreibpulte nieder, ohne die verwunderungsvollen und erſtaunten Blicke zu bemerken, mit* denen ihn Gottſchalk betrachtete. Er ſtützte das betäubte Haupt auf die Rechte und blickte träumend in den wüſten, ſchmutzigen Hof hinaus. Er konnte von ſeinem Platze aus gerade auf den feſtgetre⸗ 4 tenen Schutthaufen ſehen, in deſſen Rinnſalen das angeſam⸗ melte Regenwaſſer wie in kleinen Flußbetten niederſtrömte. Ihm ſchienen es in dieſem Augenblicke wirkliche Flüſſe zu ſein, deren Lauf er vom hohen Gebirge verfolgte, und die ihn der Freiheit und, aus dem ſchmutzigen Hofe hinweg, ſchönen glück⸗ lichen Ländern entgegenführten. Die kahlen Ufer bedeckten ſich mit Gebüſchen; Roſen, Oleander und Orangenhaine er⸗ hoben ſich zu beiden Seiten; er ſah prächtige Landhäuſer mit 4 ſpiegelblanken Fenſtern und an einem ſie, die ihm winkte, ſein Boot anzulegen.— Doch zog es ihn fort nach dem fer⸗ nen Arabien, wohin ſich der große ſpaniſche Magier Cara⸗ banzeros, der von Geburt ein Maure war, zurückgezogen, um dort den Zauberſpruch zu erlernen, den er vergeſſen:— Trau, treue Trine—— Ach, wenn dieſe ſüßen Traumgeſtalten nur nicht ſo häufig zerriſſen worden wären durch die proſaiſche Wirklichkeit, durch das ſchallende Zuſchlagen irgend einer Thür in dem großen Hackländer, Don Quixote. II. 8 114 Siebzehntes Kapitel. Der Bund zum Solche Rubens. Gebäude, durch den Anblick und das Gekreiſch eines alten Weibes, die einem herabgewehten Stück Wäſche in den Hof nachſtürzte, und durch das Klatſchen von Schnee und Regen, welchen die Gewalt des Windes zuweilen gegen die lockeren Fenſterſcheiben der Schreibſtube peitſchte. Und dazu kam noch ein eigenthümliches Sauſen und Rauſchen im Kopfe des Träu⸗ mers ſelbſt, das er vordem nie empfunden, bei deſſen Ge⸗ töne eine plötzliche Hitze über ſein Geſicht flog!— Dann ſeufzte er tief auf und ließ ſeinen Kopf ganz auf das Pult niederſinken. Achtzehntes Kapitel. Engenie. Ueben vielen Annehmlichkeiten, welche das Haus des Barons von Breda bot und die es dem Geſchmacke und dem bei den vielen Reiſen des Erbauers Geſehenen verdankte, hatte es auch einen Wintergarten, der bei der ſchlechten Jah⸗ reszeit ein wahres Kleinod genannt werden konnte. Dieſer Wintergarten, beſtehend aus einem ſehr großen Glashauſe, befand ſich ſeitwärts von dem Portal gegen Südoſt gelegen, ſtieß gegen das Haus zu an den kleinen Speiſeſaal und ſtand auf der anderen Seite mit den Gewächshäuſern in Verbin⸗ dung. Es war ein längliches Viereck, deſſen vier Seiten durch rankende Gewächſe und Pflanzen in Kübeln, ſowie in den freien Grund geſetzt, vollſtändig verdeckt waren, welche nun grüne Laubwände bildeten, von denen einige bis an die gewölbte Decke emporſtrebten, während andere ihre Zweige weit herabhängen ließen und ſo eigene reizende Wölbungen 116 Achtzehntes Kapitel. bildeten. Die vier Ecken waren durch Blumengruppen abge⸗ rundet, zwiſchen denen man freundlich aus dem Grün hervor⸗ leuchtende weiße Marmorfiguren ſah. Die Decke des Glas⸗ hauſes hatte ſo einfach als ſinnreich eine hellblaue Färbung erhalten, wodurch man ſelbſt bei trübem und Regenwetter den klaren Himmel zu ſehen glaubte. Von dieſer Decke herab hingen drei Kronleuchter, äußerſt geſchmackvoll aus Holz⸗ ſtämmen gebildet, welche in einer unten befindlichen Schale Epheu trugen, deren Ranken ſich um die Arme des Kron⸗ leuchters bis hoch hinauf zur Decke ſpannten. Vom Eßzimmer des Hauſes ging man auf vier Stufen in den Wintergarten hinab, weßhalb man, oben auf der Thür⸗ ſchwelle ſtehend, das ganze ſchöne Glashaus mit einem Blick überſehen konnte. Auf der erſten Langſeite befand ſich ein Springbrunnen, der ſein Waſſer zuweilen hoch hinauf unter die immergrünen Zweige fremdartiger Sträucher und Bäume ſandte, von denen alsdann die einzelnen Tropfen lange nach⸗ plätſchernd wieder in das Baſſin hinabfielen. Gewöhnlich ſtanden die weiten Flügelthüren, welche in das Speiſezimmer⸗ führten, offen, und dann empfand man auch in dieſem Ge⸗ mach die angenehme gleichförmige Wärme des Gewächshauſes, ſowie den würzigen Duft der Pflanzen und Blumen. An demſelben Nachmittage, von dem wir vorhin dem geneigten Leſer dieſer wahrhaften Geſchichte berichtet, ſtanden die Flügelthüren zum Eßzimmer ebenfalls offen, und es wird uns erlaubt ſein, einen Blick hinein zu werfen. Es war dies ein einfaches und elegantes Gemach, Decke und Wände mit einer Täfelung von Eichenholz bedeckt, die vier Ecken mit Blumengruppen garnirt, aus deren jeder eine prachtvolle Bronze⸗Statuette hervor ſah. Von gleichem Me⸗ Eugenie. 117 tall war der Kronleuchter, der von der Mitte der Decke herab⸗ hing; er war wie aus fremdem, ſtarkblättrigem Schilfe ge⸗ formt, deſſen Blätter, in der Mitte ein Büſchel bildend, unten nach vielen Seiten aus einander gingen, dann wieder in die Höhe ſtiegen und Waſſelilienkelche zeigten, welche die Wachs⸗ lichter trugen. Der Boden war mit einem Teppich von Wachstuch bedeckt, darauf ſah man in der Mitte unter dem Eßtiſch von hellem Eichenholz eine dicke perſiſche Vorlage mit den unbeſtimmten, dunklen und doch ſo eleganten Deſſins. An der Wand, den Flügelthüren des Gemaches gegenüber, befand ſich ein Kamin von jenem bekanntem bronzefarbenen, mit feinen Adern durchzogenen italieniſcheu Marmor, und über demſelben ein koloſſaler Spiegel, der bis zur Decke reichte,— das Einzige, was in dieſes Zimmer als Speiſeſaal nicht recht zu paſſen ſchien. Und doch that ſich Baron Breda auf die Anbringung dieſes Spiegels, und nicht mit Unrecht, etwas zu Gute; denn in ihm zeigte ſich durch die geöffneten Thüren das Bild des Wintergartens ſo täuſchend, daß man mitten im Grünen zu ſitzen glaubte, um ſo mehr, als das Gemach, nur von oben erhellt, nirgend einen Blick auf die im Winter abgeſtorbene Landſchaft, auf Schnee, oder Regen, erlaubte. In beiden Räumen, im Wintergarten, ſowie im Eßzim⸗ mer, herrſchte momentan eine tiefe Stille, deren Einförmigkeit, man könnte faſt ſagen, noch vermehrt wurde durch das gleich⸗ mäßige Plätſchern des Springbrunnens; zuweilen nur ver⸗ nahm man das leiſe Zwitſchern eines Sperlings, von denen ſich ein paar unbefugterweiſe eingeſchlichen hatten und es ſich nun hier ſehr wohl ſein ließen, während ihre Kameraden draußen oft jämmerlich hungerten und froren. Doch wurde jetzt die Stille, die ſchon längere Zeit im — 118 Achtzehntes Kapitel. Glashauſe geherrſcht, dadurch ſehr auffallend unterbrochen, daß man an dem dem Speiſeſaal entgegengeſetzten Ende mit einem Male eine menſchliche Stimme vernahm, welche die Melodie des lieben Auguſtin gemüthlich und ohne Uebereilung vor ſich hinpfiff, was unter den fremdartigen Bäumen und bei dem Plätſchern des Brunnens gewiſſermaßen ſehr komiſch klang; auch ſchallte es bedeutend in dem hohen Raume, was aber dem Pfeifer zu gefallen ſchien; denn nachdem er die bekannte Melodie einmal durchgepfiffen, fing er ſie wieder von vorn an und hätte das möglicherweiſe, ohne zu Ende zu kommen, Gott weiß, wie lange fortſetzen können. Mittlerweile hatte ſich auch die Thür geöffnet, welche aus dem Hauſe in das Speiſezimmer führte, und der kleine Jockey war eingetreten, auf dem Arme Tiſchzeug und Ser⸗ vietten tragend, die er auf einen Nebentiſch legte und darauf den runden Eßtiſch, der in der Mitte ſtand, ſammt Teppich⸗ unterlage nicht ohne einige Mühe dem Kamin näherte, in welchem ein luſtiges Feuer loderte. Dann ſchloß er den großen Eichenſchrank auf, der ſich in einer Ecke befand, deckte die Servietten über den Tiſch und ſtellte zwei vollſtändige Couverts auf. Er that das alles mit wichtiger, ja, man könnte ſagen, finſterer Miene, wobei er, ſo oft er bei dem Spiegel vorüber kam, was ſehr häufig geſchah, einen forſchen⸗ den Blick hinein warf. Doch mochten ihn dieſe Forſchungen nicht vollkommen zufrieden ſtellen, denn ſeine Miene verfin⸗ ſterte ſich immer mehr; auch gab er ſich gewaltige Mühe, ſeine Figur etwas größer erſcheinen zu laſſen, zu welchem Zweck er ſich faſt die Hüften ausrenkte. Jetzt hatte er den Tiſch gedeckt und nahm einen kleinen ſilbernen Präſentirteller, der ebenfalls auf dem Schranke Eugenie.. 119 ſtand, ſetzte ein Glas darauf, rollte einen Stuhl vor den Kamin und ſtellte ſich auf dieſen, ſo daß er wenigſtens drei Viertel ſeiner kleinen Figur in dem Spiegel ſehen konnte. Hierauf bemühte er ſich, den Teller mit dem Glaſe mit einer graziöſen Attitude zu halten, als wollte er das letztere Jemand präſentiren. Er machte zu dieſem Zwecke mehrere Verſuche, die er aber ſelbſt alle als nicht gelungen zu betrachten ſchien. Jetzt nahm er den Teller auf die rechte Seite, bog ſich ſcharf vorn über, wobei er aber den Kopf hoch erhoben trug, und ſeine Mienen einen gewiſſen unbeugſamen Stolz, aber ſehr mangelhaft, auszudrücken ſuchten; dann nahm er Teller und Glas auf die linke Seite, auf die des Herzens, gab ſeinem Körper, namentlich Bruſt und Schultern, eine herausfordernde Stellung, während er jedoch den Kopf demüthig ſenkte, als wolle er ausdrücken: ſtolz kann ich ſein, wo es mir nothwendig er⸗ ſcheint; aber vor dir beuge ich mein Haupt in tiefer Unter⸗ würfigkeit. Auch auf der Kehrſeite betrachtete er ſich, indem er den Rücken gegen den Spiegel wandte und Hals und Kopf faſt krampfhaft verdrehte. Alle dieſe Stellungen aber hatten etwas außerordentlich Komiſches; man ſah, wie es dem kleinen Manne darum zu thun war, eine würdevolle, auffallende Haltung anzunehmen, was ihm doch durchaus nicht gelingen wollte. Da er ſich nebenbei ganz allein glaubte, ſo ließ er ſich vollkommen gehen und nahm eine Poſition wohl drei⸗ bis viermal hinter einander an, bis ſie ihm als gelungen erſchien. Alsdann bewegten ſich ſeine Lippen, und er bot irgend einem unſichtbaren Gaſte auf die zierlichſte Weiſe das leere Glas. Dieſer Moment aber war ſo drollig und ſo zum Lachen herausfordernd, daß es dem geneigten Leſer gewiß nicht un⸗ Achtzehntes Kapitel. gerechtfertigt erſcheint, wenn ſich in der That plötzlich ein lautes Gelächter vernehmen ließ, von dem der höchlichſt überraſchte Jockey im erſten Augenblicke durchaus nicht wußte, woher es kam. Es war in der That, als hätten die Wände des Gemachs oder eine der Bronzefiguren in den Ecken ihre Luſtigkeit nicht mehr länger zurückhalten können. Friedrich ſprang erſchrocken von dem Stuhle herab, wo⸗ bei er übrigens mit einer außerordentlichen Gewandtheit das Glas balancirte, welches auf den Boden niederzufallen drohte; dann wandte er ſich ſchnell nach der Thür, die ins Haus führte, und da er dieſe feſt verſchloſſen fand, trat er auf die Schwelle des Wintergartens, wo er auch alsbald den Urheber des lauten Gelächters entdeckte. Der Gärtner Andreas ſtand auf dem Kübel, in welchem eine rieſenhafte Sparmannia wuchs, durch deren Blätter und Zweige gedeckt, er ſelbſt unbemerkt alles hatte ſehen können, was ſich in dem Eßzimmer begeben. Als der kleine Mann den Späher jetzt gewahr wurde, ging ſein Schrecken in hefti⸗ gen Zorn über; er ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden und rief aus:„Mit Euren ewigen ſchlechten Witzen und ver⸗ fluchten Spähereien. Ich hätte vom Stuhle fallen und den Hals brechen können, wenigſtens das Glas da.“ „Das will ich dir zugeben, Friedrich,“ entgegnete lachend der Gärtner, indem er näher trat.„Aber komm her, ſtell' du dich auf den Kübel und laß mich einmal da vor dem Spiegel deine Faxen machen, da wollen wir ſehen, ob du nicht noch viel toller lachen mußt.“ „Ich habe aber keine Faxen gemacht,“ verſetzte verdrießlich der Jockey,„und wenn ich auch wirklich auf dem Kübel ge⸗ —— Engenie. 121 ſtanden hätte, ſo würde ich doch zu discret ſein, um anderer Leute Thun und Laſſen zu belauſchen.“ Der Gärtner klappte ruhig ſein Meſſer zu, mit dem 2 ein paar gelbe Zweige der Sparmannia abgeſchnitten, dann ſagte er kopfnickend:„Höre, Friedrich, du biſt ein ganz ver⸗ fluchtes Bürſchlein; du weißt ſchon, was du thuſt und treibſt, und wenn du vor dem Spiegel ſtehſt und irgend eine ſchöne Stellung annimmſt, ſo braucht man dir wahrhaftig nicht zu ſagen, warum du das thuſt.— O du Pfifficus!“ Der kleine Groom warf ſich in die Bruſt, und obgleich er ſich noch immer bemühte, finſter auszuſchauen, ſo flog doch ein leiſes Lächeln über ſeine Züge. „Aber Scherz bei Seite!“ fuhr der Gärtner fort, indem er näher trat und ſich an die Thüreinfaſſung des Eßzimmers lehnte.„Du haſt es in der That recht brav gemacht, und wenn auch klein von Geſtalt, ſo biſt du doch von einer Zier⸗ lichkeit, die Jedem in die Augen fallen muß.— Apropos!“ ſprach er nach einer Pauſe, während welcher er wohl bemerkte, daß der kleine Jockey einen flüchtigen Blick in den Spiegel geworfen,„haſt du denn einen Streit mit der Nanette ge⸗ habt?“ „Wie ſo?— Was ſolls?“ fragte der Andere barſch. „Was geht mich die Nanette an!“ 3 „Der Teufel auch, wie du ſprichſt!“ erwiderte der Gärt⸗ ner mit einer affektirten Verwunderung.„Da klang es doch vor acht Tagen ganz anders.“ „Was ſoll mir die Nanette?“ entgegnete ſtolz der Reit⸗ knecht;„das iſt ein hoffärtiges, naſeweiſes Ding, eine unnütze . Perſon, die nicht gewußt hat, wie hoch ſie ſich im Werthe ——2·—— Achtzehutes Kapitel. anſchlagen ſoll, die ſich einbildet, auf einen Reitknecht herab⸗ hen zu, können. Wir ſind vollkommen fertig mit ihr.“ 4„Du handelſt raſch, Friedrich,“ verſetzte Andreas ſcheinbar mit großem Ernſte.„Du läßt dir von den Weibsleuten nichts bieten, und das gefällt mir. Es iſt eine ſchöne Sache, wenn man mit denen das umgekehrte Spiel treiben kann. Zuerſt hat ſte dich links liegen laſſen, und das ging dir ſehr zu Ge⸗ müthe; jetzt vergiltſt du ihr Gleiches mit Gleichem, und ſie iſt total unglücklich.— Ja, total unglücklich,“ wiederholte er in beſtimmtem Tone.„Wie geſagt, du biſt ein verfluchter Kerl. Aber was geht's mich an!“ Damit wandte er ſich, um in das Gewächshaus zurück⸗ zukehren, und ſprach dabei ganz gleichgültig:„Ja, was geht's mich an! Wer mich nicht fragt, dem brauche ich auch nicht zu rathen; und wer allein laufen kann, der ſoll's verſuchen; die Naſe hoch, vor ſich einen tiefen Abgrund, den er natürlicher⸗ weiſe nicht ſieht, bis er hineingeplumpt iſt, und dann erſt wird er ſchreien: Andreas, hilf mir!— Ja, proſit die Mahl— zeit! Da ſinge ich, wie es in dem alten Lied heißt Mutter, es hilft kein Thee mir mehr, Juha, Thee mir mehr!“ Nach dieſen Worten trat der Gärtner auf die Treppe hinaus, die in das Gewächshaus führte, und begann wieder ſein Lied vom lieben Auguſtin zu pfeifen. Der kleine Jockey zuckte unmuthig mit den Achſeln, indem er ſagte:„Ich habe Augen, um zu ſehen, was mir vor der Naſe liegt.“ Obgleich er aber anfänglich ein entſchloſſenes Geſicht machte, ließ er doch, als ſei ihm ein betrübter Gedanke ge⸗ komme ſich a dem e Diſch A und ſu nückig konnte, ſebte, was de 3 Mann einen verwun geſagt 1 Füßen lich,“ wahrh nachde dem et würde Seite! 1 Gärtn driedi und m ſehen, ſt — und mir zur Antwort gibt: Ich habe gute Augen, um zu Eugenie. kommen, mit einem Male die Unterlippe herabhängen, kratzte ſich am Kopfe und trat ebenfalls in den Wintergarten, nach⸗ dem er vorher den ſilbernen Teller und das Glas auf 6 Tiſch geſtellt.. Andreas ſtand wieder auf dem Kübel der Sparmannia und ſuchte ſo eifrig nach welken Blättern, pfiff auch ſo hart⸗ näckig ſeine Melodie vor ſich hin, daß er unmöglich bemerken konnte, wie Friedrich ſich auf den Rand eben dieſes Kübels ſetzte; ebenſo begreiflich war es, daß der Jockey etwas ſagte, was der Andere gar nicht zu hören ſchien. „Ihr wollt ein guter Freund ſein,“ rief endlich der kleine Mann ärgerlich;„iſt das Freundſchaft, wenn man Einem ſo einen bösartigen Brocken hinwirft, woran er erſticken könnte, und dann davon läuft und Einen ſtehen läßt?“ „Habe ich dir einen ſolchen Brocken vorgeworfen?“ fragte verwundert der Gärtner.„Habe ich dir was Verdrießliches geſagt? Nicht daß ich wüßte!“ „Doch, doch! Ihr ſpracht von einem Abgrunde zu meinen Füßen, dem ich zuſchreite, in den ich ſtürzen müſſe. Eigent⸗ lich,“ fuhr er in hochmüthigem Tone fort,„verſtehe ich das 1 . wahrhaftig nicht;— aber,“ ſprach er nach einer Pauſe und 6 nachdem er heftig geſchluckt,„wenn ich einen Freund hätte, dem etwas vor den Füßen läge, worüber er fallen müßte, ſo würde ich ihm ſagen: Da, nimm dich in Acht, geh bei Seite!“. „Und das ſoll ich dir wohl auch ſagen?“ erwiderte der Gärtner mit ſcharfem Tone.„Damit der hochmüthige Herr Friedrich ſich ſo— in die Bruſt wirft, mit dem Kopfe wackelt ſehen, was vor meiner Naſe liegt.“ ———— ———— —— 5 — —— — 124 Achtzehntes Kapitel. Dabei ahmte er die Stellung und Geberden des kleinen 4 Neitknechts außerordentlich getreu nach, was um ſo komiſcher 4₰ ausſah, da er dies auf dem Rande des Pflanzenkübels that. „Alſo von Abgründen ſoll ich mit dir reden?“ fuhr er nach einigen Augenblicken achſelzuckend fort.„Was weiß ich, ob du in deinen hohen Ideen nicht Luſt haſt, nur ſo ein bischen am Abhange ſpazieren zu gehen, oder ob du Muth beſitzeſt, hinab zu ſpringen, um zu Grunde zu gehen oder da unten etwas Köſtliches zu finden!“ „Muth habe ich ſchon,“ ſagte der kleine Groom, indem er ſich in die Bruſt warf.„Aber vor allen Dingen laßt mich hören, was Ihr mit dem Abgrunde meint.“ Statt aber bei dieſen Worten den Gärtner anzuſchauen, blickte er auf eines der wolligen Blätter der Sparmannia, das er verlegen zwiſchen den Fingern zerrieb. Ueber die Züge des Anderen flog ein triumphirendes Lächeln; doch nur eine Sekunde lang, dann nahm er eine erzürnte Miene an und ſprach, indem er nicht nur die Worte, ſondern auch den Ton der Stimme ſeines Gegenübers nachäffte: „Aber vor allen Dingen laß mich hören, was haſt du mit dem Kammerdiener Frangois zu munkeln, den du zu⸗ weilen in der Stadt triffſt und mit dem du geſtern Abend hinter den Gewächshäuſern eine halbe Stunde lang par⸗ lirteſt?— Biſt du nicht ein leichtſinniger Kerl, von dem man glauben könnte, er ſei hier oben vernagelt?“ fuhr er in ge⸗ wöhnlichem Tone fort, wobei er mit der Handfläche an ſeine eigene Stirn ſchlug.„Das muß der Herr Baron er⸗ fahren, und du ſitzeſt vor der Thür, ehe man Eins, Zwei, Drei zählen kann.“„ — r 5 —= ſter vor ſich hingeblickt, alsdann preßte er die Lippen auf einander, und eine ſeltene Entſchloſſenheit zeigte ſich auf Eugenie. 125 „Ich hätte den Frangois geſprochen?“ rief Friedrich mit erkünſteltem Erſtaunen,„den Kammerdiener vom Gute draußen, von dem ich weiß, daß er der ganzen Herrſchaft und mit vollem Rechte verhaßt iſt?“ „Von dem du weißt, daß er der ganzen Herrſchaft und mit Recht verhaßt iſt,“ wiederholte der Gärtner in ſehr nach⸗ drücklichem Tone,„den haſt du geſtern Abend hinter den Ge⸗ wächshäuſern geſprochen!“ „Da wollte ich doch ſchwören auf alles, was Ihr wollt!“ rief der kleine Jockey eifrig.„Nein, ſo was müßt Ihr mir nicht nachſagen!“ Dabei nahm er eine gekränkte Miene an. „O, Bürſchlein, Bürſchlein!“ verſetzte Andreas, indem er mit dem Zeigefinger der linken Hand— in der rechten hielt er das Meſſer— vor dem Geſichte des Andern hin und her fuhr.„Du willſt da ſchwören und zwinkerſt doch mit den Augen, wenn ich dich feſt anſehe? Wenn ich nun einen Zeugen nennen wollte, der dich geſtern mit dem Frangois ſprechen ſah? Wenn ich mit dieſem Zeugen vor den Herrn Baron hinträte und ihm ſagte: So und ſo, gnä⸗ diger Herr, wahr iſt es, Sie können mir glauben; der Fried⸗ rich, der kleine Halunke, conſpiratirt mit dem Francois gegen die Herrſchaft. He, Sohn, was dann? Da kannſt du auch— hingehen und Bierwirthſchafts⸗Kellner werden, wie dein Bruder K im Reibſtein in der Burggaſſe.“ Während der Gärtner ſo ſprach, hatte der Groom fin⸗ ſeinen Zügen; auch glänzten ſeine Augen wie die einer er⸗ zürnten Katze, als er zur Antwort gab:„So, Ihr habt 5 97 3 T 2C6 126 Achtzehntes Kapitel. 3 einen Zeugen, der mich geſehen? Nun, dann iſt mir's gleich— f u viel, ob Ihr mich heute oder morgen beim, Herrn angebt; 1 ddenn wenn Ihr es nicht thut, ſo thut es der Andere, der, 3 d wie Ihr ſagt, mich geſehen. Aber in dem Falle werde ich 1 freiwillig nicht das Geringſte ſagen, ſo unſchuldig es auch ſein mag, nicht das Geringſte.“— Er machte eine heroiſche Handbewegung. 1„Du biſt und bleibſt ein Kindskopf,“ ſagte der Andere b jetzt auf einmal mit einem gutmüthigen Lächeln.— Er klopfte d die Gartenerde am Rande des Kübels von ſeinem Meſſer und i fuhr alsdann fort:„Und doch biſt du ein ſchlimmer Geſelle; denn wenn du glaubſt, ich ſei im Stande, dich von einem 1 Andern belauſchen zu laſſen, ſo wärſt du in der That fähig, 1 es mir ſo zu machen.— Alſo, daß du mit dem Frangois 5 geſprochen, gibſt du zu?“ „Wie kann ich das zugeben, da es nicht wahr iſt!“ rief der Reitknecht.„Allerdings ſprach ich geſtern Abend mit Je⸗ b V mand hinter den Gewächshäuſern, aber das war der Jäger 1 Klaus.“ „Kann dieſer verdorbene Burſche lügen!“ ,„Ich ſchwöre einen feierlichen Eid, daß ich den Jäger d V Klaus geſtern Abend hinter den Gewächshäuſern geſprohen,“ ſagte Friedrich, indem er die rechte Hand feierlich empor hob. „Auch geſprochen, du Spitzbube!“ verſetzte der Gärtner. d 8„Jetzt gib Acht, Kerlchen, ich will dir ſagen, wie die Sache b ſich begeben, und da wollen wir ſehen, ob der Andreas b I zu viel oder zu wenig weiß.— Du ſtandeſt geſtern Abend, als es dunkel war, hinter dem Camelienhaus und ſprachſt mit Francois; da hörtet ihr Schritte, der Francois retirirte ſich um die Ecke, und du, ein durchtriebener Geſelle, wie du biſt, 6 —4 à — X — 2 Eugenie. 127 pfiffſt ruhig: So leben wir, ſo leben wir, ſo leben wir alle Tage!— Ho, weiß ich Alles?“— Dabei blinzelte er mi 1 dem rechten Auge pfiffig gegen Friedrich.—„Und du har als wenn du nach den Ställen gehen wollteſt.“ „Das Letztere iſt vollkommen wahr; ich hab und bin auch nach den Ställen gegangen.“ „Unterwegs trafſt du Klaus?“ 5 „Ja, ich traf Klaus, das heißt, ich traf ihn nicht, ſon⸗ dern als ich ſah, daß er mich vermeiden wollte, da ſagte ich ihm: guten Abend, wie geht's? und ging meiner Wege.“ „Und trateſt zu dem ſauberen Francois hinter das Ca⸗ melienhaus?“ Der Reitknecht zog ein ſpitzes Maul und zuckte mit den Achſeln, ohne Antwort zu geben. Andreas klappte ſein Meſſer zu, dann ſprach er ruhig: „Ich will dir was ſagen, Sohn, wenn du in das Loch hinein purzeln willſt, auf welches du zuduſelſt, ſo kann es mir ſchon recht ſein, obgleich es mir leid thut, denn bei all deinem Leichtſinn haſt du ein paar gute Seiten. Du mußt nun auch gar nicht glauben, daß ich wiſſen will, was du mit dem Francois verhandelt— Gott ſoll mich be— wahren! dafür iſt mir meine Stelle zu lieb. Aber wenn du Anen guten Rath annehmen willſt, ſo ſagſt du mir zu deinem eigenen Beſten, wer mit Klaus ſprach, nachdem er bei dir vorübergegangen war— du weißt es, du haſt ihn beobachtet.“ Der kleine Jockey verſuchte es, ein ſchmerzliches Geſicht zu ziehen, aber er brachte es nur zu einer Grimaſſe, wie ſie vielleicht ein Affe zeigen wird, den man in den Schwanz kneipt. Dabei* er mit Hand auf ſein e Achtzehntes Kapitel. Herz und ſagte mit affektirter Rührung:„Das hat mich er⸗ gföute 4 La, ich habe beim Nachteſſen geſehen, daß es dich er⸗ ſchüttert hat. Haſt du doch geſeufzt, daß Alle aufmerkſam wurden, und daß ſelbſt die Nanette gefragt, ob du vielleicht ein Herzloden hätteſt?“ „Ich hatte auch geſtern ein Herzleiden,“ entgegnete Fried⸗ rich mit einem tiefen Seufzer und melancholiſchem Tone. „Seht Ihr, Andreas,“ fuhr er redſeliger fort,„es thut weh, wenn man ſo bittere Erfahrungen machen muß. Aber ich halte es für eine wahre Wohlthat, mich gegen einen Freund ausſprechen zu können. Und Ihr ſeid doch mein Freund, nicht wahr, und ſchwört mir unverbrüchliches Still⸗ ſchweigen?“ Jetzt hatte der ſchlaue Gärtner den kleinen Jockey auf dem Punkte, auf dem er ihn haben wollte. Seine Worte be⸗ gannen zu fließen, wie das Waſſer aus einer geöffneten Schleuſe, und es brauchte jetzt nur noch eines Gegendrucks, um es im Augenblicke darauf ſtärker hervorquellen zu machen. Deßhalb ſprach auch Andreas mit gleichgültiger Miene, in⸗ dem er Anſtalten machte, von dem Kübel herabzuſteigen: „Du weißt, ich ſchwöre nicht gern, und es iſt auch, nie meine Art geweſen, mich in anderer Leute Geheimniſſe ein⸗ zudrängen. Wenn Jemand kein Vertrauen zu mir hat, ſo ſoll er es bleiben laſſen, dann brauche ich ihm auch keinen guten Rath zu geben.“ „Ihr wißt aber wohl, daß ich Vertrauen zu Euch habe, und ich hätte ſchon mit Euch geſprochen, aber da macht Ihr immer über jede Kleinigkeit einen Spektakel, wenn auch ſo gut wie gar nichts dahinter iſt.” N ſage dir 8 erwiderte der Jäge zu ſchaff ihm in 3 „Da Gartter. lein über⸗ du denn 81 alsdann Dur Friddiic bei mi, zucken, d iſt doch die aus die Zeit mit einan And des Ungl lauernden Fräulein Naxrengp „Da plößlich d Vei Haglan dich er⸗ neriſam dielleicht Fried⸗ Tone. 2s thut Aber einen — mein —õ Stil⸗ key auf orte be⸗ eöffneten endruds, machen. ene, in⸗ uſteigen: nuch nie iſe ein⸗ hat, ſo ch keinen ch habe, acht Ihr auch ſo ——— Engenie. 129 „Na, na!“ entgegnete der Gärtner,„davon ſpäter! Ich ſage dir, die Sache iſt ernſt genug.“ „Ja, es hat mich auch überraſcht und ſchmerzlich berührt,” erwiderte der Jockey, nachdem er heftig geſchluckt.„Was hat der Jäger Klaus überhaupt hier bei uns in Nacht und Nebel zu ſchaffen? Und was hat—— das gnädige Fräulein mit ihm im Geheimen zu verkehren?“ „Das gnädige Fräulein?“ rief ungläubig lachend der Gärtner.„Höre, armer Burſche, du ſiehſt das gnädige Fräu⸗ lein überall.— Das gnädige Fräulein— ah bah! Wo haſt du denn deine Augen gehabt?“ Er zuckte aufs Auffallendſte mit ſeinen Achſeln und ſtieg alsdann gemüthlich vom Kübel herab. Durch dieſen Widerſpruch augenſcheinlich gereizt, verſetzte Friedrich in ſehr beſtimmtem Tone:„Meine Augen hatte ich bei mir, und die ſehen ſehr gut; auch mögt Ihr die Achſeln zucken, wie Ihr wollt, und ein ungläubiges Maul ziehen, ſo iſt doch wahr, was ich ſage. Das gnädige Fräulein war es, die aus dem Hauſe kam, gerade ſo, als habe ſie mit Klaus die Zeit abgeredet gehabt. Und dann ſprachen die Beiden mit einander wohl zehn Minuten lang.“ Andreas ſchüttelte mit dem Kopfe, dann ſagte er, im Tone des Unglaubens, wobei er aber aus den Augenwinkeln einen lauernden Blick auf Friedrich warf:„Was ſoll das gnädige Fräulein mit dem alten Jäger Klaus zu ſchaffen haben?— Narrenspoſſen 1 „Das will— das würde ich Euch ſagen,“ verbeſſerte ſich plötzlich der Jockey,„wenn ich es nämlich wüßte.“ Bei dieſen Worten betrachtete er aufmerkſam das Blatt Hackländer, Don Duiaate. II. Achtzehntes Kapitel. der Sparmannia, welches er zwiſchen die Finger genommen hatte. 3 Derr Gärtner ſteckte die Hände in die Seitentaſchen ſeiner Jacke und entgegnete:„Nun ja, angenommen, du hätteſt richtig geſehen— es wäre wirklich das gnädige Fräulein geweſen, welches mit dem alten Jäger ſprach, was wird die ganze Geſchichte ſein?— Er ging von dem Gute nach der Stadt und nahm einen Auftrag von der Frau Mutter des gnädigen Fräuleins mit.“ Friedrich ſchüttelte pfiffig lächelnd den Kopf und erwi⸗ derte nach einer kleinen Pauſe:„So iſt es nicht; es muß etwas ganz Anderes geweſen ſein.“ „Das hat dir Francois geſagt?“ fragte raſch der Gärt⸗ ner, worauf der Andere ſich ſcheu umſah und dann haſtig mit dem Kopfe nickte.. „Ei, ei!— hm, hm!“ machte Andreas, während er die Arme über einander ſchlug und zu Boden blickte.„Das iſt eine verwickelte Sache, die überlegt ſein will. Wenn du wirklich Zutrauen zu mir haſt— und ich rathe dir als Freund, welches zu haben— ſo wollen wir heute Abend nach dem Diner der Herrſchaft darüber weiter ſprechen.— Jetzt iſt nimmer Zeit dazu,“ fuhr er eilig fort, indem er aufhorchte. „Hörſt du, dort kommen die Pferde.“ In der That vernahm man in dieſem Augenblick noch von der Straße draußen den leichten Galoppſchlag anſpren⸗ gender Pferde. Der Gärtner Andreas verlor ſich im Hinter⸗ grunde des Gewächshauſes, und Friedrich, der Jockey, ver- ſchwand durch die Eingangsthür auf der linken Seite, die ins Freie führte. Kurze Zeit darauf erſchien 4 d 1 t 4 Eugenie. Seite Eugeniens am Eingangsthore des eleganten Hauſes Beide kamen von einem Spazierritte zurück, und als die Pferde auf dem weichen Sandboden nur im Schritte ge⸗ hend daher kamen, bog ſich der Baron im Sattel gewandt zu der ſchönen Reiterin hinüber und ordnete etwas an den Zügeln ihres Pferdes, die ſich verwirrt hatten, worauf er ihr dieſelben mit einem freundlichen Blicke in die Hand gab. Der große Lord ſtrebte ſo ſtark nach dem Stalle, daß ihm der kleine Braune, den Eugenie ritt, im Schritt nicht folgen konnte, weßhalb ſie ihn lachend mit der Reitpeitſche berührte, worauf er mit einer eleganten Lancade zu gleicher Zeit an der Thür des Glashauſes hielt. Und das gewährte bei dem feſten Sitze des ſchönen Mädchens einen reizenden Anblick.— Baron Breda ſchwang ſich leicht aus dem Sattel und hob alsdann auch Eugenie von ihrem Pferde herab. Fried⸗ rich ergriff die Zügel der beiden Thiere und führte ſie mit einem beinahe finſteren Seitenblicke auf die junge Dame nach dem Stalle. Der Gärtner Andreas aber hatte ſich an der Eingangs⸗ thür zum Glashauſe eingefunden und öffnete dieſelbe, um die Beiden einzulaſſen. 3 Eugenie ging voraus, und als ſie ſo leicht und graziös zwiſchen den grünen Pflanzen dahin wandelte, konnte man wohl kaum eine reizendere Erſcheinung ſehen. Das ſchwarze, knapp anliegende Reitkleid zeigte die ſchlanken und doch ſo vollen Formen ihres Körpers. Und wie ſie die Schleppe deſſelben ſo natürlich und hübſch mit der linken Hand trug! Dabei ſchien ſie durchaus nicht von dem Ritte ermüdet zu ſfein; denn ſie blieb bald hier, bald da ſtehen, ſtrich leicht —,——— 132 Achtzehntes Kapitel. 8 45 1— mit den Fingern über das Blatt einer fremded Pflanze oder beugte ſich nieder auf den noch offenen Kelch irgend einer Blume.* „Du mußt aber geſtehen, Onkel George,“ ſagte ſie als⸗ dann, indem ſie ſtehen blieb und ſich gegen den Baron um⸗ wandte,„daß ich deinem Reitunterrichte keine Sch Auch fatiguirt es mich von Tag zu Tag weniger, ein paar Stunden zu Pferde zu ſein, nur fühle ich mich echauffirt, ach, recht echauffirt! Und da thut die kühle Temperatur hier in dem Gewächshauſe ſo außerordentlich wohl.“ „Ja, wir ſind ein wenig ſcharf geritten,“ Baron ande mache. entgegnete der , indem er mit inniger Freundlichkeit auf das röthete Geſicht des jungen Mädchens blickte, deſſen förmlich leuchteten.„Aber geh in deine Zimmer, Kind,“ fuhr er beſorgt fort, als er ſah, daß Eugenie keine Miene machte, das Glashaus zu verlaſſen.—„Nein, nein,“ ſetzte er eifrig hinzu, indem er bemerkte, daß ſie ihren Hut abnehmen wollte, „das darfſt du jetzt nicht thun; dazu iſt es doch du wirſt dich jedenfalls erkälten.“ Dabei hatte ſie aber kleinen, grauen Filzhut zart ge⸗ Augen zu kühl hier, ſchon mit großer Behendigkeit den herabgenommen und bewegte ihn ſchelmiſch lächelnd gegen ihren kopfſchüttelnden Begleiter, dem es jedoch nicht gelingen wollte, eine ernſte Miene anzunehmen, wie einen Fächer vor dem Geſichte auf und ab Schneeflocken und Waſſertropfen, ſammelt hatten, „ſo daß, die ſich am Rande ange⸗ auf ihr dickes ſchwarzes Haar flogen, ſich dort einen Moment wie glänzende Punkte anhängten und den ſchönen Kopf des jungen Mädchens wie eine friſch blü⸗ hende, dunkelglühende, mit Thauperlen beſäete Roſenknospe⸗ erſcheinen ließen.„ Eugenie.. 133 Der Baron ſchaute eine Sekunde nachſinnend in die kind⸗ lich lächelnden Augen des Mädchens, dann fuhr er mit der Hand leicht über ihr feuchtes Haar und ſagte, indem er eine ernſte Miene anzunehmen ſuchte:„Du biſt ein ſchrecklicher Wildfang, Eugenie, und man muß ſich obendrein in Acht nehmen, dir etwas zu verbieten; denn ſtatt daß du einem guten Rathe Folge leiſteſt, begehſt du noch etwas Anderes dazu. Ich warne dich vor Erkältung, und du ſpritzeſt dir Waſſer und Schnee auf die erhitzte Stirn. Ja, ja, wer kann dich bändi⸗ gen! Die Tante iſt zu nachſichtig und ich— ſehe leider den dritten Theil deiner kleinen Unarten nicht.“ Eugenie hatte bei dieſen Worten aufmerkſam mit den großen Augen das Geſicht ihres Onkels betrachtet, und wenn ſie etwas auf demſelben entdeckt hätte, was wie Verdruß oder Kummer ausgeſehen, ſo würde ſie das gewiß tief betrübt haben; da ſie aber bemerkte, daß die Strafpredigt durchaus nicht ernſtlich gemeint war, ſo machte ſie einen tiefen ſchelmi⸗ ſchen Knix und ſprang davon, indem ſie zurückrief:„O, Onkel George, ich muß machen, daß ich dir aus den Augen komme; denn ſonſt zankſt du in Einem fort mit mir, und das über lauter Sachen, die ich von dir und bei dir gelernt.“ Dahin flog ſie die paar Stufen hinan zum Eßzimmer und hätte faſt den Gärtner Andreas umgeworfen, der wieder hinter den dichten Zweigen der Sparmannia zu thun hatte, und verſchwand darauf hinter der Flügelthür. Der Baron ſchritt ihr kopfſchüttelnd nach, und als er ſie ſo durch die Geſträuche dahin ſchlüpfen ſah, war ihm das junge Mädchen, obgleich ſie erſt vor Kurzem in ſein Haus gekommen, doch gerade hier in demſelben durchaus keine fremd⸗ artige Erſcheinung; es war ihm, als ſei ſie von Anfang an — — — 1 134 Achtzehntes Kapitel. da geweſen, und als gehöre ſie ſo zum Ganzen, daß dieſes nicht ohne ſie beſtehen könnte. Freilich lächelte er ſelbſt über ſeine Phantaſieen, wenn er dachte: Wozu wäre das Glashaus nöthig, wenn Eugenie nicht hier Morgens ſpazieren ginge, dort auf jener Bank ihre Bücher leſen würde und dem Gärt⸗ ner Andreas oft halbe Stunden lang Gelegenheit gäbe, ſeine Kenntniſſe und ſeine Gelehrſamkeit zu zeigen, indem ſie ihn über die Namen aller erdenklichen Pflanzen und Blumen examinirte, dieſe aber oft beſſer wußte, als er?— Wozu hätte ich meine Reitpferde, als daß ich mit Eugenien ſpazieren ritte? wozu meine Loge im Theater, als daß ſich das junge, ſchöne Mädchen dort in die Ecke ſchmiegt? leider für viele müßige junge Herren ein Schauſpiel im Schauſpiel. So dachte Baron Breda, als er langſam durch den Win⸗ tergarten und den Eßſalon nach ſeinem Zimmer ſchritt. Ge⸗ wiſſermaßen aber hatte er ein Recht, ſo zu denken; denn erſt ſeit das junge lebhafte Mädchen im Hauſe war, wurden die ebengenannten Gegenſtände in ihrem vollen Umfange gewüx⸗ digt und benutzt. War doch früher die Breda'ſche Loge im Opernhauſe in ihrer Leere zu einem Sprichworte geworden; ſchienen doch der Wintergarten und die weitläufigen Gewächs⸗ häuſer nur eben dazu eingerichtet zu ſein, daß Andreas etwas zu thun habe; wurde doch der reizende Eßſalon nur höchſt ſelten bei kleinen Diners, welche der Hausherr ſeinen Freun⸗ den zur Winterzeit gab, benutzt; und wenn auch der Baron, ehe Eugenie im Hauſe war, viel zu Pferde auswärts war, ſo vermehrte dies doch noch beträchtlich die Leere und Stille des Hauſes; denn wenn er alsdann zurückkam, ſo ſtieg er drüben bei den Ställen ab und bemühte ſich alsdann, ſo leiſe wie möglich die Treppen hinauf nach ſeinen Zimmern oder denen Eugenie. ſeiner Frau zu gehen. Ja, es war, als hätten ſich früher Herrſchaft und Dienerſchaft geſcheut, in dem Hauſe das ge⸗ ringſte Geräuſch zu machen; letztere ſprach nur flüſternd zu⸗ ſammen, und die erſtere gab auch höchſt ſelten einen lauten Ton von ſich. Nicht einmal beim Diner wurde von Herrn und Frau von Breda viel geſprochen, was eigentlich begreiflich iſt, denn ein Diner zu Zwei iſt nur in Ausnahmsfällen amu⸗ ſant und wird gewöhnlich von der Langenweile ſelbſt bedient. Früher, als der kleine Jockey noch zuweilen luſtig gelaunt war, hatte er einmal dem Gärtner und der Nanette verſichert, jedes⸗ mal, wenn er ins Eßzimmer trete, kneife er ſich draußen in ſeine langen Ohren, damit es ihm nicht einmal paſſire, daß er beim Serviren irgend eines Gerichtes einſchlafe und umfallend ſeinen eigenen Kopf auf der Schüſſel prä⸗ ſentire.. Bei alle dem aber kann man nicht ſagen, daß Frau von Breda, in deren Weſen man wohl die Stille und Einförmig⸗ keit des Hauſes ſuchen darf, dabei eine langweilige, verdrieß⸗ liche oder gar unbedeutende Frau geweſen wäre. Im Gegentheil, bei einem regen, bildſamen Geiſte hatte ſie eine vortreffliche Erziehung genoſſen, redete und ſchrieb verſchiedene Sprachen mit großer Fertigkeit und beſch häftigte ſich außerordentlich viel, vielleicht etwas zu viel, mit Kunſt und Literatur; ſis las faſt den ganzen Tag, ohne daß ſie es liebte, ſich über das Ge⸗ leſene auszuſprechen, woher es auch wohl kam, daß ſie ſich gern in ſich ſ ſelbſt zKrückzog, ein Bedürfniß nach Ruhe und Stille hatte, in welcher ſie von dem aufmerkſamen Gatten nicht geſtört wurde, und ſo eine Atmoſphäre, die zuweilen faſt an Langweiligkeit grenzte, über das ganze Haus ver⸗ breitete. — Achtzehntes Kapitel. Schon in einem früheren Kapitel haben wir mit wenigen Worten der Verheirathung des Barons von Breda mit ſeiner Frau gedacht; letztere mußte es als ältere Schweſter mit Kummer und Beſorgniß erleben, daß ihre jüngere Schweſter, die Mutter Eugeniens, ein Leben führte, das mit der Zeit nur ein ſchlimmes Ende zur Folge haben könnte. Obgleich Beide ein großes Vermögen beſeſſen, ſo hatte doch die Baronin Henriette mit dem ihrigen auf die tollſte Art gewirthſchaftet, worin ſie von ihrem alten ſchwachen Manne, wenn nicht un⸗ terſtützt, doch auch nicht gehindert wurde, indem der Baron nur Sinn für ſeine verſchiedenen Sammlungen hatte, mit denen er ſich aufs eifrigſte und als Kenner beſchäftigte, wäh⸗ rend er ſich bei dieſer Beſchäftigung für den Gang des Haus⸗ weſens weder intereſſirte, noch darum bekümmerte. Bitten und Ermahnungen der älteren Schweſter waren gärzlich fruchtlos geblieben, und obgleich dieſe wohl einſah, daß ſie ein Leben wie das ihrer Schweſter, ſelbſt mit den größten Aufopferun⸗ gen ihrerſeits, nicht zu erhalten vermöge, ſo ließ ſie ſich doch bewegen, immer und immer wieder, ſelbſt mit großen Sum⸗ men, auszuhelfen, was am Ende auch ihren Ruin hätte mit herbeiführen müſſen. Da hatte ſie ſich ein Herz genommen, um ihren jetzigen Mann, den Baron Breda, der als äußerſt zuverläßig in Geſchäftsſachen bekannt, ſowie um ſeines feſten Charakters willen mit Recht berühmt war, um Rath zu fra⸗ gen. Der wilde George, welchen Namen ihm ſeine Kameraden vom Regiment gegeben, verdiente dieſe Benennung nur, wenn er im Sattel ſaß; denn da war ihm kein Wageſtück zu *groß, kein Unternehmen zu tollkühn, das er nicht mit ausgeführt hätte, wenn es ihm von Anderen proponirt Eugenie. 137 wurde oder wenn er ſelbſt in ſeinen vielen Freiſtunden darauf verfiel. Die Baronin kannte den Offizier ſchon von ihrem elter⸗ lichen Hauſe her, wo ihn ihr Vater gern geſehen und prote⸗ girt hatte. Auch hatte George beſtändig eine gewiſſe Zunei⸗ gung— man konnte ſie eine brüderliche nennen— für die beiden Schweſtern bewahrt; ja, er allein hatte das Recht, der Baronin Henriette von Braachen zuweilen ihre Thorheiten vorhalten und ſeine Ermahnungen mit der Frage ſchließen zu dürfen, wohin das verſchwenderiſche und ausſchweifende Leben denn eigentlich führen ſolle? Wenn ſie auch ihrem Prediger in der Wüſte, wie ſie ihn nannte, Anfangs lachend zuhörte und ſeine Angriffe geiſtreich und gewandt parirte, ſo war er doch im Stande, ſie ernſt zu ſtimmen, ja, ihr Thränen zu entlocken, ſie auch vielleicht zu guten Vorſätzen zu ermuntern, die aber leider in der nächſten Stunde darauf ſchon alle wieder vergeſſen waren.—„Ja, es iſt ein Unglück,“ pflegte ſie dann wohl zu ſagen,„daß guter Rath oft zu ſpät kommt und daß man Geſchehenes nicht ungeſchehen machen kann. Sie hätte ich heirathen ſollen, lieber George, dann wäre wahrſcheinlich Alles, Alles anders gekommen.“ „Das wäre vielleicht möglich,“ hatte er dann trocken zur Antwort gegeben;„entweder hätte ſich Ihr Leben anders ge⸗ ſtaltet, oder wir wären Beide unglücklich geworden.“ „Das Letztere erſcheint mir glaubwürdiger,“ erwiderte ſie dann mit einer unbegreiflichen Offenherzigkeit, und wenn ſie darauf in ie en uumun verſunken war, ſo hatte er ſeinen Hut genommen und ſich empfohlen. 3 Auch die ältere Schweſter, deren ruhigen und ernſten Charakter Herr von Breda wohl erkannt, ſah er häufig, bei 138 Achtzehntes Kapitel. Beſuchen, die er ihr machte, oder in Geſellſchaften und auf Bällen, die ſie mit einer alten Tante beſuchte. Bei ſolchen Veranlaſſungen war er immer freundlich, theilnehmend, ja, auch aufopfernd für ſie geweſen; er liebte es, ſich in Geſell⸗ ſchaften mit dem, wenn auch ältern, aber geiſtreichen Mädchen ſtundenlang zu unterhalten, und auf Bällen war er her⸗ gebrachtermaßen für gewiſſe Touren lange Zeit ihr Tänzer geweſen. Schon viele und mitunter dem Aeußeren nach auch vortheilhafte Partieen hatten ſich für die reiche Dame gefun⸗ den; doch mußten ihr dieſe nicht annehmbar erſchienen ſein, da keine zu Stande gekommen war. Auch bei dieſen delikaten Angelegenheiten fragte ſie George häufig um ſeinen Rath, den er ihr auch in ſeiner kurzen und treffenden Weiſe bereitwillig gab,— eine offene Unbefangen⸗ heit, die uns zu der Annahme berechtigt, daß damals weder die Baronin, noch Herr George von Breda auch nur im Entfernteſten an eine Verbindung zwiſchen ihnen ſelbſt ge⸗ dacht.„ Da geſchah es, was wir ſchon oben angedeutet, daß ſie ihm eines Tages die Lage ihrer Schweſter genau aus einan⸗ der ſetzte und nicht unterließ, ihm dabei zu ſagen, wie ſie vor⸗ ausſichtlich wohl in den Fall kommen könne, ihre eigene Exiſtenz wenn auch nicht zu opfern, doch ſehr zu ſchmälern, um ihrer Schweſter zu helfen. George von Breda hatte ihr darauf alles wiederholt, was er ihr ſelbſt ſowohl als ihrer Schweſter häufig geſagt, und hatte es ſchließlich für rathſam gefunden, einen Geſchäfts⸗ mann aufzuſuchen, dem ſie die Verwaltung ihres Vermögens unter gewiſſen Bedingungen übertrüge, wobei ſie ſich freilich verbindlich machen müſſe, in Betreff ihrer Schweſter nichts Eugenie. 139 gegen den Rath dieſes Sachwalters zu unternehmen, der mit den Eigenſchaften, die er eigentlich haben müſſe, wohl ſehr ſchwer zu finden ſein dürfte. Dieſe Unterredung hatte ein paar Stunden gedauert, und als der Baron darauf das Haus verlaſſen und ſein Pferd beſtiegen, war er im langſamſten Schritte durch die Straßen der Stadt bis in ſeine Wohnung geritten— ein Ereigniß, welches bei den ihm begegnenden Kameraden, die er obendrein aufs flüchtigſte grüßte, gewaltiges Kopfſchütteln hervorgebracht hatte. Dieſes Kopfſchütteln aber vergrößerte ſich, wurde zur Verwunderung, ja, zum größten Erſtaunen aller, welche den wilden George gekannt, als derſelbe in den nächſten Tagen bei ſeinen zahlreichen Bekannten Verlobungskarten herumſchickte und darauf ſeinen Freunden und allen ihm näher Stehenden in ſehr trockenen Worten ſagte, er wiſſe wohl, daß die Ver⸗ bindung, die er einzugehen im Begriffe ſtehe, verſchiedenarti⸗ gen Deutungen unterliegen werde, er bäte aber, ſich im Aus⸗ drucke dieſer Deutungen außerordentlich zu menagiren; denn wenn er ſich auch in dieſem Falle vorgenommen habe, auch ferner ein zuverläßiger und treuer Kamerad zu bleiben, ſo ſei er doch bekannt genug, daß man im anderen Falle von ihm glauben könne, er werde auch nicht das geringſte unangenehme oder anzügliche Wort, welches er in dieſer Angelegenheit er⸗ fahren würde, ruhig oder geduldig hinnehmen. War es nun, daß man den wilden George fürchtete, oder ſtand er ſo 53 der Achtung ſeiner Bekannten— und wir glauben das Letztere— daß man die Motive zu ſeiner aller⸗ dings etwas überraſchenden Verbindung ehren und anerkennen zu müſſen glaubte— genug, die Sache war abgemacht, und als Achtzehntes Kapitel. Baron George von Breda ſich kurze Zeit darauf verheirathete,— war es gerade, als habe Jedermann ſchon lange vorher um dieſe Verbindung gewußt und ſei vollkommen damit einver⸗ ſtanden.. Daß ſie in jeder Hinſicht gelungen ſchien, glauben wir auch unſererſeits berechtigt zu ſein, dem geneigten Leſer zu ſagen. Der Baron übernahm das Vermögen ſeiner Frau, brachte alles, was unter der ſchwächeren Hand derſelben nicht gehörig verwaltet worden war, in gute Ordnung, ſetzte ſich auch ein- für allemal mit ſeiner Schwägerin aus einander, und das zwar auf ſo großmüthige Art, daß dieſe ihm aus Grund ihrer Seele dankte, und das Einzige, was er nun, reich geworden, wenn man will, für ſich that, war der Bau des reizenden Hauſes vor den Thoren der Stadt, deſſen Pläne er ſchon lange vorher mit Liebe und Umſicht angefertigt hatte.— Nachdem Eugenie und der Baron das Glashaus ver⸗ laſſen hatten, und Beide in den oberen Stock hinaufgeſtiegen waren, herrſchte hier unten wieder dieſelbe Stille, wie wir ſie zu Anfang dieſes Kapitels erwähnt. Der kleine Jockey aſſiſtirte der Abreibung der beiden Pferde in dem Stalle, und Andreas, der ſich aus dem Wintergarten nach dem großen Gewächshauſe zurückgezogen, ſaß hier auf den Stufen einer Blumenſtellage, ſein Vesperbrod verzehrend, und war dabei in tiefes Nachdenken verſunken. Was doch ein Menſch vor dem andere in dieſer Welt voll Ungerechtigkeiten für ein merkwürdiges ck hat! dachte er. Da kommt das junge Mädchen, das draußen auf dem alten, halbverfallenen Landhauſe kaum etwas zu beißen hatte, hieher, und da iſt es doch gerade, als ſei eine Prinzeſſin ein⸗ Eugenie. 141 gezogen. Ja, ſo ein ſchönes Geſicht, das kann doch Alles durchſetzen; daß wir alle ſammt und ſonders hierhin und dorthin ſpringen müſſen, wenn die nur mit den Augen zwin⸗ kert, iſt leider Gottes begreiflich; denn ein Diener iſt nun einmal ein Diener und muß ſich nach den Launen ſeiner Herrſchaft fügen; daß aber dieſe Herrſchaft, d. h. die gnädige Frau, murmelte er ingrimmig, während er ſein Meſſer bis ans Heft in das Brod ſtieß, alles thut, was man der Ande— ren nur an den Augen abſehen kann, das iſt doch unbegreif⸗ lich und noch gar nie dageweſen. Hat denn die keine Augen im Kopf, um zu ſehen, wie er mit dem Kinde— ſo nennt er ſie freilich— umgeht? Eugenie hier und Eugenie da!— Eugenie, du wirſt dich erkälten, da fühle nur, deine Stirn iſt ganz heiß— hahaha! ja proſit die Mahlzeit— erkälten! Nun, das wird mit der Zeit eine gefährliche Erkältung geben, dafür iſt mir gar nicht bange.— Aber weil ſie alles Recht im Hauſe hat, fuhr er giftiger fort, deßhalb nimmt ſie ſich auch heraus und bekümmert ſich um meine Angelegenheiten. Daß ſie was von der Gärtnerei verſteht, daran iſt leider Gottes ihr verrückter Papa draußen ſchuld. Aber wer ihr das Recht gibt, in meine Pflanzenkäſten und in mein Inventar zu ſchauen, das möcht' ich wiſſen. Der Baron gibt doch auch auf die Sachen hier Achtung, das muß man ihm laſſen, aber was geht's die da an, wenn ich manchmal irre? Es kann ſchon Fälle geben, wo Zwei und Zwei Sechs iſt; was ver⸗ ſteht ſo Eine davon!— Nal paſſe du mir nur auf, ich will dir Gleiches mit Gleichem vergelten, und Zinſen ſoll ſt du obendrein kriegen. Damit war Brod und Se lbſtgeſpräch zu Ende, und An⸗ dreas hätte wahrſcheinlich wieder den lieben Auguſtin vorge⸗ 444 ———y—— 142 Achtzehntes Kapitel. nommen, wenn er ſich nicht ſelbſt in den Zorn hinein gedacht hätte, was auch daran zu erkennen war, daß er ein pracht⸗ volles Geranium, das er im Aufſtehen von der Stellage her⸗ abgeworfen, ſo mit dem Fuße von ſich ſtieß, ſtatt es aufzu⸗ heben, daß der Blumenſcherben in unzählige Stücke zerbrach, die weit umher flogen. Dabei war es für ihn unangenehm, daß das junge Mädchen, deſſen er ſoeben in ſeinen Betrachtungen ſo liebreich gedacht, zufälligerweiſe in dieſem Augenblicke in das Gewächs⸗ haus trat. Bei jeder anderen ähnlichen Veranlaſſung würde ſie ſich wahrſcheinlich achſelzuckend. entfernt haben, aber dieſer ſo muthwillig zerbrochene Blamentopf, die umherliegenden Scherben brachten mit einem Malee feine ſo trübe Erinnerung in ihr hervor, daß ſich ihr Geſicht mit⸗ glühender Röthe über⸗ goß, die gleich darauf einer tiefen Bläſſe Plat machte; ja, ſie zuckte ordentlich zuſammen und konnts⸗ſich nicht enthalten, aus⸗ zurufen:„Ah, Andreas, das iſt nicht ſchön von Ihnen! Warum zerbrechen Sie ſo muthwillig den Blumenſtock? Das thut mir weh; ich kann das nicht ſehen.“ Der Gärtner blickte in die Höhe, ohne gerade ein bedeu⸗ tendes Erſchrecken auf ſeinem Geſichte ſehen zu laſſen; viel⸗ mehr warf er ſpöttiſch den Mund auf, war aber doch klug genug, ſeine Worte mit dieſer Geberde nicht in Ghang zu bringen, ſondern ſagte:„Ja, das iſt ſo ein Unglück, wie es Einem wohl paſſiren kann. Habe ich doch den Topf nur etwas bei Seite ſetzen wollen, und da iſt er mmir zu meinen Füßen zerbrochen. Nun, der Blume hat es nichts geſchadet, die wollen wir gleich wieder einſetzen.“ Eugenie zog ſich zurück, ohne ein Wort weiter zu verlie⸗ ren, und Andreas, der das Geranium aufgehoben hatte und — Engenie. 143 ſo that, als betrachte er aufmerkſam die Schäden, die daſſelbe allenfalls genommen haben könnte, blickte über die Blätter weg dem jungen Mädchen nach, indem er vor ſich hinmurmelte: „Gelt, hätteſt am Ende gern nach einem Stocke geſehen, kannſt nicht leiden, wenn man Scherben zerbricht. Das mag wohl ſein, mein Schatz, aber wir hier ſind kein François, und * 5 was du zu Hauſe E 1* du hier, hoffe ich, unter⸗ 4 mrn 4 3„ bar Eugenie ru eine Ahnang⸗ von den Gedanken des eaf ers gehabt, daß er ſie haſſe, er, gegen den ſie, wie eget Alle im Hauſe, freundlich und höflich war, ja, hätte ſie 4 4 bundertſten Theil erfahren von den giftigen Reden, ſi P Lahlihene in Küche, Stall und Gewächshaus age kamen, wer weiß, ob ſie nicht im ſelben 4 decs heicgekehrt wäre in das verfallene Landhaus ihrer 2 8 freilich kein Glanz und keine Pracht ſie umgab, 8 efber allen, die dort, lebten, wie ein fleckenloſes himm⸗ liſches Bild erſchien. wo ſie friedlich abgeſchieden von der Welt gelebt, umgeben von⸗ tiefer Ruhe und dem heiligen Frieden der großen Wäſder⸗ 3 Zuweilen zuckte wohl etwas Aehnliches durch ihr Herz, und dann konnte ſie lange, lange droben am Fenſter ſtehen und hinüber ſchauen nach der breiten Landſtraße, die dort über den Hügel weg lief und dann zu dem Thale hinabſank, wo links der Waldweg mündete, der zu den Ihrigen führte. Den verfolgte ſie alsdann in Gedanken und kam an das zer⸗ trümmerte Thor, unter welchem der breite Weg anfing, wo die alten Steinfiguren waren. Wie eilte ſie dahin mit geflü⸗ gelten Schritten! Wie ſchlug ihr Herz höher, als ſie nun das alte Landhaus wieder erblickte, als ſie in die Arme ihrer —— 144 Achtzehntes Kapitel. Mutter ſank und ſanft ſchluchzend ſagte: Da bin ich wieder!— Sie wußte wahrhaftig nicht, woher ihr oft dieſe eigenthümlichen⸗ Gedanken kamen. Aber nachdem ſie geſehen, daß ſich Alles im Hauſe noch an ſeiner alten Stelle befand, als ſie auch den Vater umarmt und begrüßt, der ſie herzlich willkommen hieß, obgleich er ſeine Augen nur flüchtig von dem kleinen römiſchen Kruge erhob, den ein Bauer beim Graben der neuen Straße gefunden,— als das alles von ihr geſchehen war, da eilte ſie um das Haus herum in den Wald hinein, bis zur Woh⸗ nung des Jägers Klaus, und wenn ſie in ihren Gedanken dort angekommen war und von der Höhe, wo damals das Pferd mit dem Reiter verſchwunden, hinabblickte, dann fuhr ſie lächelnd mit der Hand über die Augen, und ihre Träume flatterten aus einander. War es doch kalt und winterlich draußen, lag doch der Schnee auf der Bank vor der Hütte, wo ſie ſo gern geſeſſen; war doch der Wald entlaubt, ſo daß man weit, weit hinein ſchauen konnte, und ob man gleich auf eine der Hauptſtraßen ſah, erblickte man doch Niemand, Niemand! Ja, ſo träumte das junge Mädchen zuweilen und hatte eine faſt unbezwingbare Sehnſucht nach ihrer Freiheit, nach ihrem Walde, jetzt, wo es dort kalt und kahl war, wo ſich die nackten Aeſte fröſtelnd vor dem ſtrengen Winter beugten; wo der Boden naß und ſchlüpfrig war, wo Schneeflocken und Regentropfen durch die Luft ſausten. Was ſollte das geben, wenn nun der Frühling wieder kam, wenn Bäume und Sträucher anfingen, ſich mit dem unausſprechlich ſchönen Flaum zu beziehen, der anfänglich grau erſcheint, dann ins Violette übergeht und endlich nach einem warmen, duftenden Regen einen grünen Schimmer annimmt! Ach, daran mochte Eugenie. 145 ſie nicht denken, und wenn ſie doch daran dachte, ſo preßte ſie ihre Hand ſeufzend auf das Herz.—— Tante Breda ſaß bereits im Eßſalon, als Eugenie ein⸗ trat; ſie hatte ſich neben dem Kamin niedergelaſſen und nickte dem jungen Mädchen freundlich zu, ohne den düſteren Blick zu bemerken, der aus den Augen Eugeniens ſchoß und den dieſe vergeblich in einen heiteren umzuwandeln verſuchte. „Ihr ſeid heute nicht lange ausgeblieben,“ ſagte die Ba⸗ ronin gutmüthig.„Nun, ich kann es mir denken: Schnee und Regen haben euch heimgetrieben; ich könnte das nicht er⸗ tragen; aber für dich, mein Kind, iſt es ſehr geſund. Du, von jeher an die friſche Luft gewöhnt, immer draußen unter den freien Bäumen des Waldes, du müßteſt dir ja in den um⸗ ſchloſſenen Räumen des Wintergartens wie ein gefangenes Vögelein vorkommen.— Ja, ja,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während ſie ſich in ihren Seſſel zurücklehnte und den Kopf in die Hand ſtützte,„ſo ſind die Charaktere verſchieden. Ich kann dich verſichern, meine gute Eugenie, daß mir oft eben dieſer umſchloſſene Wintergarten wie die weite, weite Welt vorkommt, daß mich ſeine Räume faſt erſchrecken und daß ich gern wieder zurückkehre in meine Zimmer.“ „Das iſt wahr, liebe Tante,“ erwiderte das Mädchen, „Sie ſind gern allein bei ſich, ſo gern, daß ich es oft nicht begreife. Sie hatten Recht, wenn Sie vorhin ſagten, daß ich das Freie, Uneingeſchränkte liebe; war ich doch ſchon von Kindheit an Ihr kleiner Wildfang, wie Sie mich ſo gern nannten.“ Sie hatte ſich dem Stuhle der Baronin genähert, ihre Hand auf die Lehne gelegt, und als ſie ſah, daß die Tante Hackländer, Don Quixote. II. 10 146 Achtzehntes Kapitel. aufwärts blickte, beugte ſie ſich ſo tief herab, bis ſie mit ihren Lippen die Stirn der älteren Dame berührte. „Ja, ja,“ ſprach dieſe, indem ſie mit den Fingern leicht über das dichte Haar Eugeniens fuhr,„du warſt von jeher mein lieber Wildfang und biſt es auch geblieben, und ich habe dich ſo recht, recht lieb, dich mit deinem klaren, guten Ge⸗ müthe. Dein Herz muß in der Freiheit unter grünen Bäu⸗ men und Blüthen ſchlagen. Iſt es doch ſelbſt eine Knospe, die gewiß Herrliches verbirgt und die ſich hoffentlich in all' ihrer Pracht unter ſanften, angenehmen Schlägen entfalten wird.“ Frrau von Breda hatte dies ſo leiſe geſprochen, daß Eugenie es kaum verſtand; doch bemerkte ſie wohl an dem innigen Blick, den die Baronin auf ihrem Geſichte ruhen ließ, wie gut ſie es mit ihr meine. „Da ſetze dich zu mir her, du kleines Kind!“ ſagte Tante Breda, wobei ſie auf ein Tabouret zeigte, das neben ihrem Fauteuil ſtand.„Gleich werden wir unſer Diner bekommen, unnd ich kann mir denken, daß du eben ſowohl müde wie hungrig biſt. Auf euren Ritten wird dich Onkel George nicht ſchonen; ich kann mir das wohl denken, denn ich kenne ihn. Aber er läßt ſich ſchon ein Wort von dir gefallen, und du mußt dich ja nicht geniren, ihm Halt! zuzurufen, wenn er es gar zu eilig hat.“ „O, ich komme ſchon nach, liebe Tante,“ verſetzte Eugenie lächelnd;„er hat mir ja ein gutes, ſicheres Pferd gegeben; auch reitet Ihr Wildfang gern etwas raſch dahin, und dieſe Spazierritte machen mir in der That viel Vergnügen, na⸗ mentlich da ich doch wohl gewiß ſein darf, daß es Ihnen angenehm iſt.“ — — —————O Eugenie. 147 „Haſt du daran gezweifelt?“ fragte Frau von Breda und ließ ihr offenes, ehrliches Auge auf dem Geſichte des jungen Mädchens ruhen. „Ja, ich habe mir wohl ſchon gedacht, dies und die andere viele Unruhe, die ich, aber gewiß, ohne es zu wollen, im Hauſe hervorbringe, könnte Ihnen doch zuweilen läſtig werden. Ja, meine gute, gute Tante,“ ſetzte ſie ſchmeichelnd hinzu, „oft habe ich ſchon gewünſcht, mein Charakter wäre ſo ſtill, ſo ruhig, ſo liebenswürdig wie der Ihrige. Das müßte auch Ihnen angenehmer ſein, nicht wahr, Tante Breda? Sagen Sie mir die Wahrheit. Ich bin noch ſo jung, um mich än⸗ dern zu können, und will mir alle Mühe geben, dies zu thun. Gewiß, Ihnen zu lieb, meine gute Tante.“ „Daran thäteſt du ſehr unrecht,“ entgegnete die Baronin, „gewiß, ſehr unrecht, und erzeigteſt mir keinen Gefallen damit. Glaube mir, liebe Eugenie, ich habe mich lange nach meinem lieben Wildfang geſehnt und deine Mutter beneidet, daß ſie ein ſo lebensfriſches Herz, wie das deinige, um ſich hat, ſo ehrlich leuchtende Augen. Und doch braucht ſie dich nicht ſo nothwendig, da ſie immer noch mit tauſend Fäden an der äußeren Welt feſthängt, da ſie ſelbſt lebhaft und unruhig iſt und vielleicht viel eher ein ſanftes und ſtilles Gemüth zu ſchätzen wüßte. Mir biſt du aber mit deinem duftigen, heite⸗ ren Weſen eine Vermittlerin mit der äußern Welt, von der ich mich ja gänzlich zurückgezogen habe. Wenn du zu mir eintrittſt und mir von der lärmenden Stadt erzählſt, von der ſchneebedeckten Landſtraße oder von irgend einer neuen Oper, die ich doch nie erfaſſe, wenn ich auch zuweilen gezwungen bin, ſie mit anzuhören, ſo iſt es mir gerade, als kehrten meine eigenen Gedanken, die in Feld und Wald, in der Stadt A Achtzehntes Kapitel. und in der Geſellſchaft zerſtreut waren, erſt wieder zu mir zurück. Gewiß, Eugenie, ein Gemüth, wie das deinige hat unſerem Hauſe gefehlt, hat mir gefehlt und Onkel George, und wenn du jetzt auf einmal nicht mehr da wäreſt, ſo würde mir die Stille und Ruhe unſeres Hauſes, die ich ſonſt ſo gern hatte, recht drückend erſcheinen. Das Mädchen hatte ihre Hände über einander gelegt und blickte nachdenkend in die ſpielenden Flammen des Ka⸗ mins. „Wenn ich lange geleſen,“ fuhr die Tante fort,—„und ich leſe gern, wie du weißt,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,—„ſo iſt es mir, wenn ich deine Stimme höre, oft zu Muth wie dem Reiſenden in meinen Büchern, der aus dem Sande der Wüſte hinweg plötzlich in eine grüne, friſche Oaſe kommt; da lauſche ich gern, wenn du ſprichſt oder lachſt oder ſingſt, und kann mir oft dabei ein ganzes und gewöhnlich ſehr glückliches Leben träumen, das ich mit allen ſeinen Abſtufungen durch⸗ mache, und wobei ein gutes, liebes Geſchöpf, wie du biſt, die Hauptrolle ſpielt.“ Sie hatte bei dieſen Worten ihre Rechte ausgeſtreckt und drückte innig die Hand Eugeniens, welche ihr dieſe mit einer leidenſchaftlichen Bewegung entgegenſtreckte. In dieſem Augenblicke trat Onkel George in das Zim⸗ mer, er hatte eine ſorgfältige Toilette gemacht, und ſtatt im Reitanzuge erſchien er jetzt mit einem ſchwarzen Fracke be⸗ kleidet. „Ei,“ ſagte er, freundlich lachend,„da ſitzt ihr noch am Kamin und plaudert vor dem unberührten Tiſche, während ich denke, euer Diner ſei ſchon vorüber. Haben wir denn noch ſo früh?“ Er zog ſeine Uhr hervor.„Richtig, erſt Fünf, — — Eugenie. 149 und doch bei dem bedeckten Himmel hier kaum dämmerig. Ich habe droben ſchon Lichter gebraucht. Ja, das macht mein Glashaus; ich kann dir nicht ſagen, Julie, wie ſtolz ich auf dieſe Erfindung bin.“ Bei dieſen Worten hatte er einen Stuhl vor den Kamin gerollt und ſich zwiſchen ſeine Frau und Eugenie geſetzt. „Das iſt doch hier ein trauliches Plätzchen,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„ſo recht zum Plaudern geſchaffen. Es thut mir wirklich leid, daß ich nicht bei euch bleiben kann; heute gerade, wo es draußen tobt und ſtürmt, fühlt man ſich ſo behaglich bei der kniſternden Flamme. Faſt jeden Tag dieſe Einladungen!“ „Aber, Onkel George,“ ſagte das Mädchen,„du haſt doch in der letzten Zeit nicht viele Einladungen gehabt.“ „Ich du fragte er mit einem Tone der Verwunderung. „O, da ſieh nur droben auf meinem Schreibtiſche nach, da liegt es ganz voll davon.“ 1 „Aber du biſt in der letzten Zeit gar nicht aus geweſen. Was machſt du denn mit den vielen Einladungen?“ „Ja, man kann nicht überall hingehen; ich refuſire eben, was zu refuſiren iſt, und hätte es gerne heute Abend auch ſo gemacht.“ 3 „Aber es war gut,“ bemerkte die Baronin,„daß du dem armen Grafen Helfenberg nicht abgeſchrieben haſt. Ich weiß, er hat dich gern und bat dich ſchon mehrere Male.“ „Ja, er hat mich gern,“ entgegnete Onkel George faſt unmuthig,„und ich mag ihn auch gut leiden; aber du kannſt dir denken, Julie, daß es mir gerade nicht angenehm iſt, ihn in größerer Geſellſchaft zu ſehen. So am Tage téte à téte bin ich gern bei ihm und verplaudere dort auch manche — — Achtzehntes Kapitel. Stunde. Wenn ich aber ſehen muß, wie er ſich anſtrengt, den angenehmen Wirth zu machen— und es geht doch gar nicht mehr,— das thut mir in der Seele weh.“ „Du ſollteſt ihn bitten, häufiger herzukommen,“ verſetzte gutmüthig die Baronin;„dein vielgerühmter Wintergarten müßte eine wahre Erholung für ihn ſein.“ „Ich habe ihm das ſchon oft angeboten,“ erwiderte der Hausherr,„wie du dir das wohl denken kannſt; aber er mag nicht. Du weißt überhaupt, wie ſorgfältig er ſich von den Damen, die er früher gekannt, zurückzieht.“ „Ja, ja, ich weiß es,“ ſagte die Baronin, und ſetzte mit einem leichten Seufzer hinzu:„Der arme Graf!“ Eugenie hatte dieſem Geſpräche, das für ſie ohne Inter⸗ eſſe war, nur mit halbem Ohre zugelauſcht. Sie blickte auf die brennenden Holzblöcke und ſah da allerlei ſeltſame Geſtal⸗ ten, denen ihre Phantaſie Formen verlieh. Während ſie aber ſo ſinnend ſchaute, verfinſterte ſich unwillkürlich ihr Auge, und man ſah, daß etwas Trauriges ihr Herz bewege. Was es war, wußte ſie ſelbſt nicht, doch hing es wieder mit ihren Träumereien zuſammen, die ſie bewegten, wenn ſie auf die Landſtraße hinausblickte; es war ordentich ein feuriger Wald, den die aufkniſternden Funken bildeten, und mitten in dem⸗ ſelben lag etwas wie eine kleine Hütte, das anfänglich im Wiederſcheine des Feuers ſo ſchön erglänzte, dann aber auch von dem gefräßigen Elemente verzehrt wurde. Onkel George legte ſeine Hand leicht auf den Arm des Mädchens und ſprach:„Warum biſt du ſo ernſt, Eugenie? Du biſt nicht heiter, iſt dir etwas Unangenehmes be⸗ gegnet?“ Sie fuhr aus ihren Träumereien empor und lächelte, als % — Eugenie. 151 ſie erwiderte:„Mir gewiß nicht; ich blicke nur ſo in die Flamme und hatte da meine eigenen Gedanken.“ „Mache dir nur keine betrübten, mein Kind,“ ſagte der Baron, indem er leicht mit der Hand über ihr Haar ſtrich; „die kommen früh genug und von ſelbſt. Du blickſt noch in dieſem Leben aufwärts, und wer aufwärts blicken kann, in deſſen Augen ſtrahlt der Himmel wieder, und ſo muß er heiter ſein.“ „O, daß ich meiſtens ſehr heiter bin, Onkel George, das Zeugniß mußt du mir geben; vielleicht viel zu heiter, wie ich auch vorhin der Tante ſchon ſagte. Ja gewiß, ich fürchte mich oft, meine luſtige Laune herauszulaſſen, indem ich mir denke, das müßte euch mit der Zeit etwas zu viel werden.“ „Wie kann man auch nur ſolche Gedanken haben!“ be⸗ merkte der Baron.„O, Kind, fange nicht an zu träumen; ich verſichere dich, dein munteres, heiteres Weſen iſt ordentlich wohlthuend in dieſen ſonſt ſo ſtillen Räumen. Nicht wahr, Julie?“ „Das Gleiche habe ich ihr vorhin auch geſagt,“ verſetzte die Baronin,„und ihr dabei verſichert, wie lieb mir ein heiteres Temperament ſei, ja, ihr geſagt, daß gerade der Contraſt zwiſchen der Stille unſeres Hauſes und ihrem Weſen ſo höchſt angenehm iſt. Es wäre ja zu arg, mein liebes Kind, wenn du hier herum ſchleichen wollteſt, dich ſöelhem vor einem lauten Tone. Das ſoll nicht geſchehen; nein, nein, ich bin im Gegentheil überzeugt, daß du dazu beſtimmt biſt, ein rechtes Leben in dieſes ruhige Haus zu bringen. Onkel George wird wieder mehr zu ſeinen Bekannten gehen, als er in der letzten Zeit gethan; wir werden Einladungen machen, —-——— 152 Achtzehntes Kapitel. um andere Menſchen zu ſehen und ſo mit der Welt in nähere Berührung zu kommen.“ „Aber doch nicht meinetwegen?“ fragte lachend das junge Mädchen.„Ei, liebe Tante, meinetwegen ſollte Onkel George auch nur im Geringſten ſeine bisherige Lebensweiſe ändern, Leute ſehen, die er nicht ſehen mag, oder ausgehen, wenn er gern zu Hauſe bleiben möchte? O, das iſt nur Ihr Scherz.“ „Nein, mein Kind, es iſt etwas mehr als Scherz; ich ſprach neulich ſchon mit dem Baron darüber. Ein junges Mädchen wie du muß in die Welt, muß Leute ſehen und muß auch geſehen werden.“ „Aber das war ja früher bei mir gar nicht der Fall,“ ſagte Eugenie mit einem Tone der Verwunderung.„Drau⸗ ßen habe ich ja Niemand geſehen, und wie oft ich in die Stadt herein kam, das wiſſen Sie am beſten, meine liebe Tante.“ „Ganz richtig,“ erwiderte dieſe,„aber eben, daß du ein wenig in die Welt hineinſchauen ſollſt, dies iſt ja einer der Hauptgründe, weßhalb meine Schweſter„endlich zugab, daß du zu uns kommen dürfteſt.— Nicht wahr, George, es iſt ſo?“— Der Baron hatte ſeine Ellbogen auf die Kniee geſtützt und blickte vornüber gebeugt in die verglimmenden Kohlen; dieſe aber warfen immer noch einen Schein, ſtark genug, um ſein Geſicht ſo ſcharf zu beleuchten, daß ein aufmerk⸗ ſamer Beobachter in ſeinen Zügen etwas hätte entdecken kön⸗ nen, was anzeigte, daß die Worte ſeiner Frau nicht voll⸗ kommen nach ſeinem Sinne waren. Sein Blick war beinahe finſter, auch nagte er an der Unterlippe und wiegte zuweilen ——:— ſein, wenn ich es nun einmal gerade nicht bin, oder um⸗ Eugenie. 153 den Oberkörper wie mißbilligend hin und her. Vielleicht waren es aber auch Gedanken anderer Art, die ihn beſchäf⸗ tigten; denn als ſich die Baronin, wie wir ſo eben erwähnt, fragend an ihn wandte, blickte er wie überraſcht in die Höhe, zuckte die Achſeln und ſagte mit einem Tone, der freund⸗ licher war, als ſeine Miene vorhin vermuthen ließ:„Ja, allerdings, Eugenie, es wird wohl die Intention deiner Mutter ſein, dich nach und nach in die Welt einzuführen. Auch ich halte das— natürlich ſobald es mit der gehöriger Umſicht geſchieht— für ein junges Mädchen gar nicht un nothwendig.“ „Aber die Welt, Onkel George! was ſoll mir di Welt?„Ich habe mich nie um die Welt bekümmert, noch ſie um mich. Was will ich auch in der Welt? Die Geſell⸗ ſchaften, wo ſchon ſo viele unnöthige Zuſchager ſind, noch um einen dergleichen vermehren, mich zwingen, vergnügt zu gekehrt ernſt erſcheinen, wo ich gern lachen möchte und luſtig ſein—1 „Spricht das Kind nicht wie ein Buch?“ meinte lachend die Baronin.„Aber aus jedem Worte höre ich meine Schwe⸗ ſter, wenn ſie ſich am Morgen nach einer langweiligen Ge⸗ ſellſchaft matt und müde wieder des vorangegangenen Abends erinnert.“ „Und doch hat deine Schweſter Weltkenntniß,“ ſagte kopf⸗ nickend der Baron. „Ja, ich weiß wohl,“ erwiderte heiter die Frau des Hauſes, „daß dieſes einer der wenigen Punkte iſt, wo du mit Henriette vollkommen harmonirſt. Aber zu dem vollkommenen Ueber⸗ druß alles deſſen, was ihr die Vergnügungen der Geſellſchaft Achtzehntes Kapitel. nennt, zu dieſer Harmonie ſeid ihr auf zwei ganz entgegen⸗ geſetzten Wegen gelangt. Henriette, welche zu viel in der Welt war, und du, weil du von jeher zu wenig Geſchmack daran fandeſt, um dir Mühe zu geben, ihre pikanten und amuſanten Seiten aufzuſuchen.“ „Nun, ich muß geſtehen,“ ſagte ebenfalls lächelnd der Baron,„daß ich von dir, der in vielen Dingen ſo vortrefflichen Lehrmeiſterin, erfahren möchte, was du zum Beiſpiel Pikantes an einem der gewöhnlichen Raouts findeſt, wo man oft in kleinen Lokalen zuſammengedrängt mit dem Hut in der Hand, im Schweiße ſeines Angeſichtes ſtehen muß, nur um da ge⸗ weſen zu ſein?“ „„ llerdings,“ fiel raſch die Baronin ein,„wenn der Zweck deines Beſuches nur der iſt, da geweſen zu ſein, ſo haſt du vollkommen Recht; aber wenn dir ein Raout eine Art geſell⸗ ſchaftlicher Börſe iſt, wo du mit deinen Bekannten Dieſes oder Jenes abmachen kannſt, wo du am leichteſten neue Be⸗ kanntſchaften anknüpfſt, wo du— doch Gott ſei Dank,“ unter⸗ brach ſie ſich,„da kommt unſer kleines Diner. Wie bin ich dankbar für dieſe Unterbrechung! Ich will da gegen dich ein Terrain vertheidigen, das ich ſelbſt nicht einmal genau kenne und kennen will, und für das ich deßhalb matt plaidire, wie der Advokat für den Verbrecher, von deſſen Schuld er über⸗ zeugt iſt.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, die ins Wohnhaus führte, und der Kammerdiener des Barons erſchien mit der Suppe, welche er auf ein Nebentiſchchen ſetzte, dann die Teller der zwei Couverts auffüllte und hierauf der Ba⸗ ronin meldete, daß ſervirt ſei. Ihm war ein Bedienter mit einer Carcellampe gefolgt, die derſelbe auf den Eßtiſch ſtellte S ι Eugenie. 155 und ſich hierauf nach den Glasthüren des Gewächshauſes wandte, um dieſe zu ſchließen und die dunkeln Portieren davor zuſammen zu ziehen. Das kleine Gemach hatte bei der Beleuchtung eher ge⸗ wonnen als verloren; es erſchien ſo elegant, warm und heim⸗ lich, daß man ſich mit einem wahren Behagen zu Tiſche ſetzen konnte, was denn auch Frau von Breda und Eugenie thaten. Der Baron zog abermals ſeine Uhr hervor, und da er noch eine ſtarke Viertelſtunde Zeit zu haben behauptete, ſo rollte er einen der kleinen Seſſel herbei, um, wie er ſagte, theilnahmlos zu aſſiſtiren. Der Bediente hatte ſich ins Vorzimmer zurückgezogen, und der Kammerdiener ſchritt ſchweigend und mit unhörbaren Tritten von dem kleinen Buffet zum Eßtiſche, um Teller zu wechſeln oder zu ſerviren, oder von dort nach der Thür des Nebenzimmers, um eine neue Speiſe in Empfang zu nehmen. Das ging aber alles ſtill, gleichförmig und dadurch wohlthuend wie ein Uhrwerk vor ſich. „Ueber das Kapitel von vorhin,“ nahm die Baronin nach einer längeren Panſe das Wort,„muß ich nochmals einen Kampf mit dir eröffnen, aber nur dann, wenn ich einen tüchtigen Sekundanten in meiner Nähe habe, etwa den Herrn von Tondern oder den Baron Fremont, kurz, einen von denen, die mich mit gewichtigen Gründen unterſtützen können.“ „Aber wozu das alles?“ fragte verwundert der Baron. „Einfach, um Eugenien und auch dir zu beweiſen, daß es für ein junges Mädchen unumgänglich nothwendig iſt, in die Welt zu gehen.“ „Da wirſt du freilich an Tondern und Fremont die vor⸗ Achtzehntes Kapitel. trefflichſten Sekundanten haben,“ ſagte der Hausherr, wobei er den Mund ſpöttiſch aufwarf.„Ja, die Beiden werden uns freilich beweiſen, daß eine Soiree ein Vergnügen iſt, ein Raout eine Nothwendigkeit, und ein Ball das Köſtlichſte, was es auf der Welt gibt.“ 7 2 „Run, was das Letztere anbelangt, lieber George, ſo ge⸗ 3 trau' ich mir, das am Ende ohne alle Hülfe zu beweiſen. Ich. bin überzeugt, darin bei Eugenien, eine ganz gelehrigé Schü⸗ lerin zu finden.“ I 2 2 4 Der Baron zerbröckelte ein Stück Brod zwiſchen den/ Fingern und machte kleine Kugeln daraus, die er vor ſich 9 aufhäufte. Wenn er auch gerade nicht verdrießlich ausſah, ſo können wir doch unmöglich behaupten, daß er— heiter auf das Tiſchtuch nieder blickte. 1— Eugenie warf einen ſchnellen Blick zu, ihm hinüber, und ein leichtes Erſtaunen zeigte ſich dann auf ihren Zügen, als! ſie ſah, daß Onkel George die Augenbrauen zuſammen zog.“ Sie wandte ſich an die Baronin und ſagte in heiterem Tone:4/ „Darf ich mir erlauben, liebe Tante, Ihnen das erſte Mal“ und wohl auch das letzte Mal ein klein wenig zu widerſpre⸗ chen? Ich glaube nicht,“ ſetzte ſie kopfſchüttelnd hinzu,„daß⸗ ich in Ballangelegenheiten eine gelehrige Schülerin werde; das hat Mama ſchon oft geſagt, und wenn ſie behauptet, es gehe 2* mir das Talent zu dergleichen Vergnügungen ab, ſo glaube ich wahrhaftig, daß ſie Recht hat.“ „Aber du tanzeſt doch recht gut,“ ſagte Frau v. Breda. „Ich tanze wohl Dies oder Das,“ entgegnete das Mäd⸗ chen,„aber es macht mir kein Vergnügen.“ Es war ein eigenthümlicher Blick, den Onkel George in A ⸗ „ Eugenie. 157 dieſem Moment nach dem Mädchen hinſandte. Man hätte glauben ſollen, er athme dabei tiefer auf als gewöhnlich; doch warf er gleich darauf ſeinen Kugelhaufen wie gleich⸗ gültig durch einander und meinte:„Ich verſichere dich, Julie, das ſind Geſchmacksſachen; man muß nie Jemanden zu einem Vergnügen zwingen wollen, denn der Zwang zerſtört jedes Vergnügen.“ „Aller Anfang iſt ſchwer,“ ſprach freundlich lächelnd die Baronin,„und ich kann dich dagegen verſichern, daß ich in früheren Zeiten bei vielen meiner jüngeren Bekannten die⸗ ſelben Ideen fand, bis ſich einmal ein gewiſſes Intereſſe in die Sache miſchte.“ Bei dem Worte„Intereſſe“ zuckte der Baron wie miß⸗ billigend mit den Achſeln, und Eugenie blickte ihre Tante ſo fragend an, daß er es für zweckmäßig hielt, ſtatt ihrer zu antworten. Er ſagte daher mit einem ſehr väterlichen Toue und mit emporgezogenen Augenbrauen:„Im Grunde hat deine Tante nicht ganz Unrecht, liebe Eugenie, ein junges Mädchen muß hier und da in die Welt; es muß ſeine Erfahrungen machen und ſehen, wie es draußen zugeht. Du kannſt wohl glauben, daß auch ich gewiß daran ge⸗ dacht und auch ſchon einige paſſende Häuſer ausgeſucht habe, wo Julie ſo gut ſein wird, dich in den nächſten Tagen vor— zuſtellen. Da iſt die Generalin B.,“ fuhr er gegen ſeine Frau gewandt fort, die ihn aufmerkſam anblickte,„da iſt Frau R., die eine Tochter faſt in deinem Alter hat; da ſind die beiden Fräulein C., deren Umgang zugleich ange⸗ nehm und lehrreich für Eugenie ſein wird, denn ſie lieben es beide, eine engliſche oder franzöſiſche Converſation zu führen. Willſt du dann nächſtens einmal auf einen Ball Achtzehntes Kapitel. gehen“— wandte er ſich an das junge Mädchen ſcheinbar mit großer Unbefangenheit, doch mochte er auch ein leichtes Zwinkern in den Augenwinkeln ſeiner Frau bemerkt haben —„ſo führen wir dich in dieſen Tagen zum E*ſchen Ge⸗ ſandten oder machen dich auch ſonſtwo bekannt, wo es euch genehm iſt.“ Es lag aber ein härterer Ton in der Stimme des Ba⸗ rons, als man ſonſt bei ihm gewohnt war, den die Baronin nicht zu hören ſchien, der aber in dem ſo tief fühlenden Herzen Eugeniens ſeltſam wiederklang, weßhalb ſie ſich be⸗ mühte, ſo heiter lachend, als ihr möglich war, zu ſagen: „Onkel George, du ſprichſt da von Sachen, die ganz un⸗ nöthig ſind, und wenn die Tante fortfährt, mich in die Welt treiben zu wollen, ſo muß ich wahrhaftig glauben, ich mache ihr doch zu viel Lärm hier im Hauſe, und ſie ſuche dafür eine Ableitung nach außen.— Aber nein, nein!“ ſetzte ſie raſch und liebreich hinzu, als ſie bemerkte, wie Frau von Breda ernſthaft den Kopf ſchüttelte,„das glaube ich ja auch nicht. Es war ja nur Scherz, wie alles Scherz war; nicht wahr, Onkel George? Ich bin ja ſo glücklich hier, wonach ſollte ich mich ſehnen? Nach fremden Menſchen, die ich gar nicht kenne?— Gewiß nicht, Tante.— Wenn ich aufrichtig reden ſoll,“ ſprach ſie nach einer kleinen Pauſe, während ihre Augen einen eigenthümlichen Glanz annahmen, —„ja, wenn ich ganz aufrichtig ſein ſoll, ſo will ich nur ſagen, daß ich ſehr, ſehr gern hier bin und daß, wenn dies einmal nicht mehr ſein kann und wird, meine einzige Sehn⸗ ſucht iſt, alsdann draußen unſer Landhaus wieder zu ſehen und meinen lieben, weiten, ſtillen Wald.“ Es war für alle drei eine vielleicht nicht unangenehme —— * Eugenie. 159 Unterbrechung, als in dieſem Augenblicke der Kammerdiener das Deſſert aufſetzte und, nachdem dies geſchehen, dem Haus⸗ herrn mit leiſen Worten meldete, es ſei in wenigen Minuten ſechs Uhr und der Wagen vorgefahren. 3 „So müſſen wir denn an unſer Geſchäft gehen,“ ſagte der Baron, wobei er wieder ſeine gleichmüthige, heitere Miene angenommen hatte. Aber es iſt hier ſo behaglich bei euch, daß ich mich faſt ſcheue, in die trübe Nacht hinaus zu fahren. — Es regnet wohl noch?“ fragte er den Kammerdiener. „Es regnet und ſchneit durch einander, ſtürmt auch ein bischen,“ antwortete dieſer. „Ich bitte, den Grafen Helfenberg herzlich von mir zu grüßen, lieber George,“ ſprach die Baronin,„und ſei ſo gut, ihm zu ſagen, wie ſehr es uns freuen würde, wenn er hier und da herausfahren wollte. Er kann ja ſtundenlang ganz ungenirt ſich im Wintergarten aufhalten, und wenn er Ge⸗ ſellſchaft wünſcht, ſo mache ich mir und gewiß auch Eugenie ſich ein Vergnügen daraus, ihn ſo lange zu unterhalten, als er will. Er iſt ein armer Kranker,“ wandte ſie ſich an das Mädchen, worauf dieſe entgegnete:„Papa hat davon erzählt.“ „A revoir denn!“ ſagte der Baron, nachdem er ſeine Frau auf die Stirn geküßt und Eugenien eine Hand gereicht.— „Aber à revoir kann ich eigentlich zu dir nicht ſagen,“ wandte er ſich an letztere,„denn ich werde bei Helfenberg ein paar luſtige Bekannte finden, die es lieben, die Nacht zum Tage zu machen, und das iſt mir unbequem gewordenag Siehſt du Julie, auch deßhalb ſchon bliebe ich lieber hier bei euch.— Gute Nacht denn, Eugenie!“ Damit fuhr er abermals leicht mit den Fingern über ihr dunkles Haar, nickte der Baronin zu und verließ das Zimmer. 160 Achtzehntes Kapitel.— Eugenie. „So!“ ſprach Frau von Breda,„jetzt wollen wir auch unſere kleine Soiree beginnen; ich habe das Buch von geſtern mit herunter gebracht, und wenn du mir aufmerkſam zuhören willſt, ſo führe ich dich abermals nach Indien an den Gan⸗ ges, den heiligen Strom, wo es duftet und leuchtet, und wo die Lotosblume blüht—„ſich ängſtigend vor der Sonne Pracht,“ wie der Dichter ſagt.“ Eugenie nickte mit dem Kopfe, dann horchte ſie mit einem Male aufmerkſam, und als man von draußen das dumpfe Rollen eines Wagens vernahm, ſagte ſie:„Onkel George fährt ſoeben fort.“ 15b —— —.— Ueunzehntes Kapitel. — Vor fünf Zeugen. * Onkel George hatte ſich ſtill in die Ecke ſeines Coupé's gedrückt, und während er in die wirklich ſtürmiſche Nacht hin⸗ ausfuhr, blieben ſeine Gedanken in dem kleinen behaglichen Kabinette, das er ſo eben verlaſſen; doch mochten dieſe Ge⸗ danken, mit denen er dort verweilte, gerade nicht von der heiterſten Art ſein, denn während er die Arme über einander ſchlug, zogen ſich ſeine Augenbrauen ernſt, faſt finſter zuſam⸗ men. Es iſt ein eigenthümliches Vergnügen, dachte er, ein junges Mädchen zwingen zu wollen, in die Welt zu gehen, wenn es einmal keine Luſt dazu hat. Man laſſe doch Jedem ſeinen Willen! Ich halte es obendrein für ein großes Glück, daß Eugenie nichts von dem wilden Sinne ihrer Mutter geerbt hat. Ah, das gäbe mir eine ſchöne weh aft! Da müßte ich am Ende anfangen, wo ich vor vielen Jahren auf⸗ gehört, woran ich ſchon damals kein Vergnügen gefunden und was mir jetzt wahrhaft unerträglich wäre: neue Bekanntſchaf⸗ Hackländer, Don Quixote. II. 41. Neunzehntes Kapitel. ten machen, mein Haus öffnen, am Ende gar die Herren von Tondern, Fremont und Conſorten bei mir aus⸗ und eingehen und ſie, protegirt von meiner Frau, ſich um Eugenie bemühen ſehen. Ich muß geſtehen, das könnte mir conveniren! Aber in dem Pankte ſind die Weiber alle gleich. Und dann die Bälle! Was braucht man Jemand zu Bällen zu forciren, der einmal den Sinn dafür nicht hat! Und dieſe verfänglichen Reden an ein harmloſes Mädchen, wie Eugenie iſt, von Luſt an Bällen und dergleichen, wenn man einmal ein Intereſſe für etwas gefaßt hätte! Bah!— Aber es iſt und bleibt wahr: Auch die Beſte und Vernünftigſte kann das Zuſammenbringen⸗ wollen nun einmal nicht laſſen. Natürlich, wenn ſich eine tte Partie für Eugenie zeigte— aber eine ſehr gute Partie, eine außerordentlich gute Partie— ſo wäre ich der Erſte, der das zu protegiren ſuchen würde. Aber auf Bällen finden ſich dergleichen gute Partieen nicht, und was ein junges Mädchen da von Intereſſantem findet, darum drehe ich keine Hand herum: das ſind nur ſo trügeriſche Momente, hervorgebracht durch den Blick eines ſchönen Auges, die gewöhnlich verwehen und verſchwinden beim Erwachen am nächſten Morgen.— Dann finde ich auch, philoſophirte er weiter, daß bei einer Stellung wie der Eugeniens, bei einem ſo ſehr ſchönen Mäd⸗ chen, es beſſer iſt, man erregt nicht zu viel Aufſehen mit ihr. Wer ſie kennen lernen will und weſſen Recht hierzu ich aner⸗ kennen mag, der kann dies ja in meinem Hauſe thun. arum das gute Kind den Blicken Aller ausſetzen, wenn ſie hlend auf den Ball träte! Und ſtrahlend würde ſie auf den Ball treten, deſſen bin ich gewiß, ſtrahlend im friſchen Glanze ihrer Schönheit und Jugend, wie keine Andere. Ah! be ſehr. 1.2 Vor fünf Zeugen. 163 Während er dies dachte, hatte der Baron unwillkürlich die Augen geſchloſſen, und Engenir ſchwebte ihm vor, einfach weiß gekleidet, das dichte, dunkle Haar kunſtlos und doch wie⸗ der ſo graziös um den Kopf geſchlungen, nur mit einem fri⸗ ſchen Blüthenzweige geziert, ſo daß Alles an dem herrlichen Mädchen zuſammenpaßte; die Blüthenknospen eben aufgebro⸗ chen, Alles duftig und friſch. Ja, es war ihm, als perlten in ihrem Haare wieder glänzende Waſſertropfen wie heute Mit⸗ tag nach dem Reiten— glückliche Waſſertropfen, die ſich bei ihr verflüchtigen— ſterben durften.— Ah!— Da zerriß das dumpfe Rollen der Räder des Wagens, der in einen gewölbten Thorweg einlenkte und dann plötzlich hielt, ſeine Träume. Beinahe im gleichen Augenblick wurde der Schlag geöffnet, und der Baron Breda ſprang auf die Treppe, die in den erſten Stock des Palaſtes Helfenberg führte und heute Abend von keinem der vielen Gitter geſperrt war. Ja, ſelbſt der ſtrenge Hüter dieſes Durchganges hielt ſich in beſcheidener Entfernung an der Thür ſeiner Loge, angethan mit dem ſchweren goldbordirten Pelzrocke, dem unförmlich breiten Bandeliere mit dem Wappen des Hauſes und dem Degen, der offenbar für dieſes Bandelier viel zu leicht war. Der Portier nahm den Stock mit dem großen ſilbernen Knopfe wie grüßend auf die Seite, als der Baron vorbeiſchritt und in die Zimmer hinaufging. Hier war Alles glänzend erleuchtet, die ſtolze Wölbung des Treppenhauſes mit den Deckengemälden, die ſteinernen Ritter in den Niſchen, das Veſtibül droben, über welches man an die Empfangs⸗ und Wohnzimmer gelangte. Auch dieſe waren jetzt am Abend in reicher Beleuch⸗ tung viel behaglicher und wohnlicher anzuſchauen als heute — 1 —— 8 * 164 Neunzehntes Kapitel. Mittag, wo das ohnehin trübe Licht des Regentages ſich nur mühſam zwiſchen den herabgelaſſenen Vorhängen eindrängen drtuſßte Baron von Breda ſchritt durch die ihm wohlbekannten Räume bis zu dem Kabinette des Grafen, deſſen Thür ihm der Kammerdiener mit einer leichten Verbeugung öffnete. Es war daſſelbe, in welchem unſer edler Freund, Don Larioz, empfangen worden war. Dort am Fenſter ſtand der Schreib⸗ tiſch; hier neben uns an der Wand ſehen wir das Portrait des Mannes im grauen Jagdrocke, deſſen Geſicht bis zu den Schultern wie unabſichtlich von der rothſeidenen Schärpe be⸗ deckt iſt, die unten zuſammengeſchlungen den Kranz von ver⸗ elkten Vergißmeinnicht trägt. Alles war wie vor ein paar Stunden, nur der Bewohner dieſes Zimmers fehlte, was aber George von Breda, der mit den Lokalitäten des Hauſes und den Gewohnheiten des Hausherrn genau bekannt war, durch⸗ aus nicht befremdete; vielmehr ſchritt er auf die Thür rechts vom Eingange zu, öffnete dieſelbe und trat mit einem lauten„Guten Abend!“ in einen kleinen Salon, wo ſich vier Herren um das Kaminfeuer gruppirt befanden. Rechts in der Ecke ſaß der Hausherr auf einem ſehr niedrigen Fauteuil, den Stock mit der weißen Krücke neben ſich; er beantwortete den Gruß des Barons mit einem freundlichen Zuruf, wobei er ihm mit der Hand herzlich entgegenwinkte und alsdann ſagte:„Ich hatte wahrhaftig halb und halb ſchon befürchtet, George, du würdeſt nicht kommen.“ „Und weßhalb das?“ fragte Baron von Breda.„Ich bin doch gewiß nicht im Rückſtand.“ Er wies nach der Uhr über dem Kamin, deren kleiner Zeiger noch auf der Ziffer —— Vor fünf Zeugen. 165 Sechs ſtand, während der große freilich ſcoon um ein paar Minuten weiter gerückt war. „Nein, nein!“ erwiderte der Graf,„du biſt pünktlich wie immer. Das habe ich auch geſagt,— wenn du überhaupt kommſt. Aber Tondern da behauptet, du ſeieſt in den letzten Zeiten gar nicht mehr aus deinen vier Pfählen zu bringen geweſen. Etwas iſt ſchon daran; denn mich haſt du ſeit Kurzem gräulich vernachläßigt, und du weißt, ich ſchmachte nach deiner Geſellſchaft.“ „Ja, er macht ſich rar, dieſer gute George,“ ſagte ein junger, hübſcher Mann mit großem dunklem Schnurr⸗ und Knebelbart, der, ſehr ſorgfältig und elegant angezogen, nach⸗ läßig an dem Kamingeſimſe lehnte. „So, das findeſt du,⸗Tondern?“ verſſetzte George von Breda, wobei ſeine Mundwinkel lächelnd zuckten.„Nun, wenn das wirklich deine Anſicht iſt, ſo ſchlage ich dir gleich eine Wette vor.“ „Und die wäre?“ „Daß Fremont dort ganz dieſelbe Anſicht hat. Will einer von euch dagegen wetten?“— Der Graf lachte laut auf; denn er hatte ebenſo gut wie George von Breda bemerkt, daß Fremont, der in einem Fau⸗ teuil vor dem Kamin ruhte, ſchon den Mund geöffnet hatte, um, wie das bei ihm und ſeinem Freunde Tondern zur Ge⸗ wohnheit geworden war, des Andern Anſicht augenblicklich zu ſeiner eigenen zu machen. Baron Fremont, obgleich noch ein junger Mann im An⸗ fang der Dreißig, war wohlbeleibt, blond und hatte ein außer⸗ ordentlich freundliches und ſtets lächelndes Geſicht, von wel⸗ chem— dem Lächeln nämlich— ſeine Freunde behaupteten, Neunzehntes Kapitel. er habe ſich das angewöhnt, um ſeine in der That prachtvollen weißen Zähne zu zeigen. Auch jetzt that er das im vollſten Umfange, als er lachend erwiderte:„Wilder George, du ver⸗ aleugneſt nie, daß du früher ein furchtbarer Fechter warſt. Du parirſt, ehe dein Gegner noch ſeinen Schlag zu führen vermag.“ „Ja, ja,“ rief luſtig der Graf,„und er parirt ſo vor⸗ trefflich, daß der erwartete Schlag nun gar nicht mehr geführt werden darf, ohne ſich ridicul zu machen.“ „s iſt das gerade wie mit den beiden ewig vorgetragenen Räthſeln einer allerhöchſten Perſon, von welchen ein witziger Kopf das eine mit der Auflöſung des anderen beantwortete,“ ſprach Legationsrath von S., eine kleine, ſehr dünne Perſön⸗ lichkeit mit auffallend fahlem blondem Haar und einer Unruhe und Beweglichkeit, die ihn, ſelbſt wenn andere Leute ſtill ſaßen, zu unaufhörlichem Auf- und Abgehen antrieb. Herr von Ton⸗ dern hatte einmal von ihm ausgeſagt, der Legationsrath hege bei der immenſen Triebkraft, die er bei ſich vorausſetzte, An⸗ dere aber vollkommen bezweifelten, die Befürchtung, auf irgend einer Stelle, wo er ſich zu lange aufhalte, anzuwurzeln, und deßhalb laufe er beſtändig hin und her. „Was du vorhin gemeint,“ ſprach Baron Fremont nach einer Pauſe, niſt nicht ohne; aber ich bedaure in der That, daß George's gute Parade alle Bemerkungen über das, was Tondern geſagt, abſchnitt, und ich möchte den Sieger um die Barmherzigkeit bitten, mir doch zu erlauben, über dieſes Thema noch ein wenig fortzufahren.“ „Ueber das Kapitel des Rarmachens,“ ergänzte Tondern kopfnickend, worauf Graf Helfenberg, welcher ſah, daß George von Breda mit den Achſeln zuckte, erwiderte:„Nein, nein, das 4 2 G Vor fünf Zeugen. 167 i*ſt jetzt vorbei; überhaupt haben wir heute Abend keine Ur⸗ ſache, unſerem guten Breda Vorwürfe zu machen; er hat den weiteſten Weg und iſt bei dem ſchauerlichen Wetter pünktlich erſchienen.“ „Na, ſchauerliches Wetter, was will das ſagen!“ entgeg⸗— nete Tondern, wobei er den Kopf hin- und herwiegte; ner ſteigt vom Perron ſeines Hauſes in ſein Coupé, gibt ſich die Mühe, dem Kutſcher deinen Namen zu ſagen, und iſt da.“ Der Legationsrath war auf ſeinem haſtigen Spaziergänge durchs Zimmer einen Augenblick in der Nähe des Kamins ſtehen geblieben, ſchaute den Sprecher an und ſagte zu ihm: „Du gibſt dir bei deinen Ausfällen immer Blößen, lieber Tondern; wenn George nicht eine ſo harmloſe Natur wäre, ſo würde er, deine Bemerkung beantwortend, dich fragen: Und machſt du es mit deinem Kutſcher nicht gerade ſo?“ Nachdem er dies geſprochen, wandte er ſich um und ſchwebte wieder nach der andern Ecke des Zimmers. Tondern hätte gern eine ſcharfe Bemerkung entgegnet, doch fürchtete er, daß ſämmtliche Anweſende gegen ihn Partei nehmen würden. Wir brauchen dem geneigten Leſer eigentlich kaum noch zu ſagen, daß es Tondern, in Bezug auf die Be⸗ merkung des Legationsraths, aus einem ſehr einfachen Grunde nicht möglich geweſen wäre, ſeinem Kutſcher einen Befehl zu geben, obgleich er gern ſo that und dafür, wie auch wegen ſeiner ſcharfen Zunge, von den Freunden oft ſtark mitgenom⸗ men wurde. „Laßt das gut ſein, mit euren Wortklaubereien,“ bemerkte der Hausherr;„wir ſind alle pünktlich, wenn es gilt, irgend⸗ wo zu erſcheinen, wo wir gern hingehen.“ „Oder, wenn wir zu Hauſe nicht gar ſo ſehr gefeſſelt — —— — ——— 168 Neunzehntes Kapitel. ſind,“ konnte Herr von Tondern nicht unterlaſſen zu ſagen, wobei er einen Blick auf George von Breda warf, den dieſer aber nicht zu bemerken ſchien. Auf der andern Seite, als der, zu welcher die Gäſte hereingekommen waren, öffnete ſich langſam die Thür, der Kammerdiener des Grafen erſchien und meldete, daß ſervirt ſei. George von Breda trat an den Fauteuil des Hausherrn, reichte ihm ſeinen Arm und hob ihn ſo leicht von dem Seſſel empor. „Wie ſich die Zeiten ändern!“ ſagte Helfenberg lachend;„jetzt werde ich in meinem eigenen Hauſe von einem Gaſte noch als Dame zu Tiſche geführt. Ja, wer weiß, was uns die näch⸗ ſten Tage bringen!“ ſetzte er mit einem leichten Anflug von Traurigkeit hinzu.—„Doch benutzen wir die Zeit, ſo lange uns das roſige Licht noch ſcheint!“ Dies ſprach er mit einem Lächeln, aber es war ſchmerzlich anzuſehen, um ſo mehr, da der arme Graf dabei einen tänzelnden Schritt annehmen wollte, der ihm aber durchaus nicht gelang. Alle gingen ins Eßzimmer und nahmen dort an dem reichbeſetzten kleinen Tiſche ihre Plätze ein, mit alleiniger Aus⸗ nahme des Legationsrathes, der nicht unterlaſſen konnte, wie um den ſilbernen Tafelaufſatz genau zu betrachten, einmal ſchnell um den Tiſch herum zu ſchreiten, ehe er ſich ſeinem Stuhle näherte. „Das iſt ein harter Moment für ihn,“ lachte Baron Fremont.„Jetzt muß er ſtill ſitzen, und da könnte ihm das Entſetzliche geſchehen, auf dem Stuhle feſtzuwachſen. Was) würdeſt du in dem Falle thun, alter Freund?“ Der Sprecher zeigte in dieſem Augenblicke in ſüßer Er⸗ wartung des guten Diners von ſeinen ſchönen Zähnen ſo * Vor fünf Zeugen. 169 viel, als ihm möglich war, und ſah ſeinen kleinen Nachbar dabei an. Ehe dieſer aber auf die Frage antworten konnte, meinte Herr von Tondern:„Du haſt unſerem Legationsrath Unrecht gethan; er war ganz bei ſeinem Departement und ging, wie dieſe Herren es ſo gern zu machen pflegen, als Katze um den heißen Brei herum.“ „Fehlgeſchoſſen! fehlgeſchoſſen!“ lachte der kleine Mann gutmüthig;„ich war in dieſem Augenblick in Indien, wo man um den Tiſch herum ſchreitet, ehe man ſich niederläßt. Es iſt das wie das Gettatore der Neapolitaner gegen das böſe Auge, eine Zauberformel gegen böſe Zungen.— Aber die Suppe iſt vortrefflich.“ Damit fing das Diner an und nahm, einige Häkeleien und ſpitzige Bemerkungen des Herrn von Tondern abgerechnet, die Baron Fremont immer aufs freundſchaftlichſte belachte, ſeinen ungeſtörten und vortrefflichen Fortgang, ja, einen ſo vortrefflichen Fortgang, daß ſelbſt Tondern gegen das Deſſert hin wahrhaft verſöhnlich wurde, und Fremont, in ſeinen Stuhl zurückgelehnt, mit einer faſt rührenden Melancholie an die Decke emporſchaute, wobei er ſeufzend ſagte:„Daß doch alles Schöne ſo vergänglich iſt!“ Graf Helfenberg hatte das Diner vorübergehen laſſen, ohne Vieles von den ſervirten Schüſſeln zu genießen; auch trank er nur hier und da ein paar Tropfen Wein mit Waſſer. Gegen das Ende hatte er den Kopf in die Hand geſtützt und war in tiefes Nachdenken verſunken, wobei er vor ſich hin ſtarrte und nur zuweilen als höflicher Wirth bei irgend einer luſtigen Bemerkung ein trübes Lächeln zeigte, dem man jedoch wohl anſah, daß es gänzlich ohne Zuſam⸗ menhang mit dem Tiſchgeſpräche war. Als aber Baron 170 Neunzehntes Kapitel. Fremont die eben erwähnten Worte ſprach, worin er das Vergängliche alles Schönen beklagte, erhob ſich der Hausherr mühſam von ſeinem Stuhle, ließ ſich von dem Kammerdiener ein gefülltes Champagnerglas reichen und ſagte, indem er die Rechte auf den Tiſch ſtützte:„Ich möchte zu euch, meine lieben, guten und erprobten Freunde, ein paar Worte ſpre⸗ chen; da ich aber, wie euch allen bekannt iſt, kein Redner bin, ſo wurde es mir ſchwer, zu beginnen, und ich danke daher Fremont, daß er mir, ohne es zu wollen, den Ein⸗ gang meiner Rede ſoufflirte.— Ja, Alles iſt vergänglich auf dieſer Erde, das Schöne wie das Häßliche, das Große wie das Geringe! Eine dieſer vier Eigenſchaften dürfte auch ich wohl beſitzen, und daß ich obendrein ein Recht habe, von meiner Vergänglichkeit ganz beſonders zu ſprechen, wird mir Keiner von euch abſtreiten wollen.“ „Aber, Helfenberg,“ rief Herr von Tondern,„welch melan⸗ choliſcher Trinkſpruch! Was lauert dahinter?“ Fremont ſchüttelte mit dem Kopfe, und Baron von Breda, der augenſcheinlich den trüben Ideen ſeines Tiſchnachbars und Freundes folgte, blickte düſter ſchweigend vor ſich nieder. „Wenn mein Trinkſpruch, wie Sie es nennen, melancho⸗ liſch anfing,“ fuhr der Graf fort,„ſo war es wahrhaftig nicht meine Abſicht. Iſt es denn traurig, daß das alles ver⸗ geht? Ich kann das von mir nicht ſagen, denn wie ich lebe — eigentlich wie ich vegetire— muß ich ſchon geſtehen, daß ich mir aus dem Aufhören dieſes Zuſtandes in der That nichts mache; und da ich, vielleicht nach vielen Schmerzen, dahin gelangt bin, mir dieſes Aufhören faſt zu wünſchen„ſo iſt es mir auch möglich, darüber mit aller Ruhe zu deulen, und zu ſprechen.“ Vor fünf Zeugen. 171 „Wozu das, Helfenberg?“ fragte George von Breda mit weicher Stimme, indem er ſeine Hand auf die des Freundes legte;„warum in unſeren heiteren Kreis eine ſo traurige Stimmung rufen? Denn daß deine Rede uns traurig ſtim⸗ men muß, wirſt du bei uns, die wir dich ſo herzlich lieben, vorausſetzen.“ „Das ſoll ſie aber nicht!“ rief der Hausherr, indem er ſein Glas erhob,„und wenn ihr meinen Trinkſpruch auf die Vergänglichkeit nicht annehmen wollt, ſo will ich denn zuerſt mein Glas leeren uii das Glück des friſcheſten und herrlich⸗ ſten Lebens, welches ich kenne.“ „Und welches 1 das?“ fragte Fremont, ehe er ſeinen Kelch an die Lippen ſetzte. „Gleichviel,“ erwiderte der Graf,„irgend eines, das Jeder ſich nach ſeinem Belieben denken mag.“ Nach dieſen Worten preßte er die Lippen feſt zuſammen und ſtieß mit ſeinem Glaſe ſo heftig an das des Barons von Breda, der ihm zunächſt ſaß, daß es mit einem ſchneidenden Klange zerſprang. Während der Kammerdiener eilig die Trümmer entfernte und einen neuen Kryſtall herbei brachte, tranken die vier. Freunde ſchweigend ihre Kelche leer, und der Hausherr ſprach 4— faſt jubelnd:„So iſt es recht! nach dieſem Trinkſpruche durfte 8* 1 das Glas zu nichts Anderem mehr dienen.“ Dann ſetzte er mit angenommener Luſtigkeit noch hinzu:„Nachdem ich euch nun bewieſen, daß ich weit entfernt von aller Traurigkeit 8 — bin, laßt mich auch mit ein paar Worten meine Rede von 3 vorhin zu Ende bringen. Es gibt Dinge, die man ſich nun einmal vorgenommen hat, mit einer gewiſſen Feierlichkeit zu begehen. Man weiht alſo ein Haus ein, das man ſich er⸗ Neunzehntes Kapitel. baut, man verläßt ebenſo ein anderes, in welchem man nicht mehr lange zu wohnen gedenkt, nicht ohne eine ſolche Weihe.— Und zu einer ſolchen Feierlichkeit habe ich euch, meine Freunde, eingeladen. Wenn ihr aber nun nach meiner großen Rede etwas Bedeutendes erwartet, ſo habt ihr euch vollkommen getäuſcht; ja, ich fürchte faſt, es wird euch das ſo unbedeutend erſcheinen, daß Tondern es nicht unterlaſſen wird, eine witzige Bemerkung darüber zu machen, und wenn er das thut, ſo ſoll es mir zur Erhaltung eures und meines Humors lieb ſein.— Mit einfachen Worten denn: ich habe mein Teſtament gemacht und bitte euch freundlich, daſſelbe als Zeugen unterſchreiben zu wollen.“ Den Baron Breda durchſchauerte es leicht, als ſein Nachbar ſo ſprach und ſich darauf ermüdet und bleicher als vordem auf ſeinen Stuhl niederließ. Fremont ſchloß ſeinen Mund, als habe er plötzlich etwas Unangenehmes auf ſeiner Zunge geſpürt; der Legationsrath war aufgeſtanden und ging, die Hände auf dem Rücken, mit großen Schritten auf und ab, und ſelbſt Tondern ſchien ſich zu einem Lächeln zwingen zu müſſen, als er, mit ſeinem Glaſe ſpielend, ſagte:„Sie ſollen ſich gewiſſermaßen in mir nicht geirrt haben, lieber Freund. Gute Witze machen iſt nicht gerade meine Sache, wie ihr alle wißt; aber ich kann Ihnen à propos Ihrer Rede etwas nicht verhehlen, was ich verbürgen kann; ich habe nämlich einen Mann gekannt, der ebenfalls ſehr frühzeitig ſein Teſtament gemacht und ſechszig Jahre ſpäter an Altersſchwäche geſtorben iſt.— Möge es Ihnen gerade ſo ergehen!“ 8 „Ja, ja,“ bemerkte Baron Fremont, der ſich wieder ge⸗ faßt hatte,„dieſen Fall kenne ich und kann ihn bezeugen; * — ——— Vor fünf Zeugen. 173 die Erben kamen ſchlecht dabei weg, und von dem, was ſie erhalten ſollten, hätte man die Buchſtaben auf ihren Grabſteinen neu vergolden können.— Aber wie dem auch ſei, daß Sie uns bedenken werden, davon bin ich feſt über⸗ zeugt. Möge es uns aber auch ſo ergehen wie Jenen! Das ſpricht meine Freundſchaft für Sie.“ „Amen!“ ſagte eine Stimme im Hintergrunde des Zim⸗ mers, und als ſich Alle umwandten, bemerkten ſie den Lega⸗ tionsrath, der mit geſenktem Haupte von einer Ecke zur an⸗ deren ſchritt. Graf Helfenberg hob mit einer Verbeugung gegen George von Breda und Herrn von Tondern die Tafel auf, worauf ſich Alle in den Salon zurück begaben, um Kaffee und Liqueur zu nehmen, ſowie die unvermeidliche Cigarre, die wir nun einmal dem geneigten Leſer in Ausnahmsfällen nicht erlaſſen können, da wir, wie hier zum Beiſpiel, gegen die Wahrheit eines Gargon⸗Diners aufs Gröblichſte verſtoßen würden, wenn wir verſchweigen wollten, daß der größte Genuß nach demſelben in dem behaglichen Rauchen einer echten Havannah beſteht. Mittlerweile war es ſieben Uhr geworden, und da der Rechtsconſulent Doktor Plager in allen geſchäftlichen Ob⸗ liegenheiten von einer muſterhaften Pünktlichkeit war, ſo er⸗ ſchien wenige Minuten, nachdem die Uhr die angegebene Stunde geſchlagen, der Kammerdiener und meldete ſeinem Herrn, der eben genannte Geſchäftsmann ſei ins anſtoßende Kabinet getreten. „Ich komme gleich,“ gab Graf Helfenberg zur Antwort, wobei er ſich, auf ſeinen Stock geſtützt, erhob.„Thut mir den Gefallen,“ wandte er ſich an die Freunde,„und laßt 174 Neunzehntes Kapitel. euch nicht ſtören. Ich werde eben ins Nebenzimmer ge⸗ rufen, um die Vorbereitungen zu jenem Akte zu treffen, zu welchem ich euch als Zeugen erbeten.— Erbeten,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„iſt der techniſche Ausdruck für dieſe Art von Einladung, und ich thue das kund und füge es hiermit zu wiſſen, damit ihr ſeht, daß ich mich auch um Geſchäfts⸗ ſachen bekümmere.“ Damit verſchwand er in ſeinem Kabinette. Die Zurückbleibenden ſaßen mit Ausnahme des Lega⸗ tionsrathes ſtillſchweigend um den Kamin, mehr oder minder mit ernſten Gedanken beſchäftigt. Baron Breda, der wohl am beſten den körperlichen Zuſtand des Freundes zu kennen ſchien, fühlte ſich von der ganzen Sache aufs Schmerzlichſte berührt; er ſah wohl ein, daß dieſes Teſtamentmachen mehr als eine gewöhnliche Formalität war, und es wurde ihm nicht ſchwer, ſich in die Lage des unglücklichen Freundes zu ver⸗ ſetzen und die Seelenleiden mit zu empfinden, die wahrſchein⸗ lich vorangegangen waren, ehe dieſer Entſchluß bei ihm gereift und zur Ausführung gekommen. Herr von Tondern und Baron Fremont ſprachen ihre Ge⸗ danken über daſſelbe Thema gegen einander aus, hatten es aber von einer andern Seite aufgefaßt. „Wie kommt es eigentlich,“ ſagte Fremont,„daß der Graf überhaupt teſtiren will? Sind denn nicht die großen Güter der Familie, die er als älteſter und einziger Sohn ſeines Vaters antrat, Lehen und Fideicommiſſe?“ „Das iſt der größte Theil der Güter allerdings,“ ent⸗ gegnete der Gefragte.„Wenn wir Beide aber,“ ſetzte er leiſer hinzu,„meinetwegen mit noch ein paar Anderen, das zu theilen hätten, was dem Grafen an Gütern und Ver⸗ Vor fünf Zeugen. 175 mögen als freies Eigenthum und nicht zu Lehen oder als Fideicommiß gehört, ſo würden wir zufrieden ſein. Das ſind die großartigen Vermögen der Großmutter und der Mutter unſeres Freundes, ſowie die Erſparniſſe namentlich des Vaters.“ „Wie die Glücksgüter doch ſo ungleich vertheilt ſind!“ ſprach Fremont mit einem tiefen Seufzer.—„Ich bin gerade nicht unzufrieden mit dem, was ich habe, aber ein bischen mehr ſchadet immer nichts. Es muß doch ein eigenes Gefühl ſein, ſo eine große Herrſchaft ſein nennen zu können.“ „Von einem ſolchen Gefühl habe ich gar keine Idee,“ meinte Herr von Tondern trocken;„mit Herrſchaften und Län⸗ dereien gebe ich mich auch nicht gern ab, mir wäre ein tüch⸗ tiges Quantum baaren Geldes viel lieber.“ „Nein, nein, das kann ich nicht ſagen,“ entgegnete der Andere, wobei er ſich in den kleinen Fauteuil zurücklehnte und dem blauen Dampfe nachſah, den er gerade emporſteigen ließ. „Ah, ein eigener Herd, und ein Schornſtein mit dem Rauche des Küchenfeuers, das dein Diner kocht, iſt ſchon eine wun⸗ dervolle Idee!“ „Natürlich aber muß dieſer Herd,“ vernahm man des Legationsrathes feine Stimme, der wie ein Schatten hinter den Stühlen auf und ab ſtrich,„am Ende zu einer Enfilade von circa zwanzig Zimmern gehören, von deren Fenſtern man mit dem beſten Fernrohr die umliegenden Felder und Wälder nicht überſehen kann.“ Fremont nickte mit dem Kopfe und verſetzte, ohne ſich nach dem Sprecher umzuſchauen:„Ganz meine Anſicht, und ich wüßte von den Gütern unſeres guten Freundes gerade Neunzehntes Kapitel. eines, das alle dieſe eben angegebenen vortrefflichen Eigen⸗ 8 ſchaften beſitzt. Es iſt dies Schloß Stromberg,— ah, eine deliciöſe Beſitzung!— Apropos!“ wandte er ſich an George von Breda, der ſich mit keiner Sylbe in dieſes Geſpräch miſchte,„du mußt ja Stromberg genau kennen. Stößt es nicht an die Beſitzungen deines Schwagers, des Herrn von Braachen?“ „Es ſtößt daran,“ entgegnete der Gefragte. „Nicht wahr, es iſt wunderſchön?“ „Das Schloß liegt prachtvoll, und die Beſitzungen ſind ausgedehnt und vortrefflich erhalten.“ „Iſt es Fideicommiß oder Lehen?“ „Nein, es wurde vom Vater unſeres Freundes erworben und durch viele Ankäufe arrondirt. Er hatte es zum Witt⸗ wenſitze für die leider ſo früh verſtorbene Gräfin Helfenberg beſtimmt.“. „Da haſt du, was dir paßt,“ ſagte Tondern, indem er ſich lang ausſtreckte.„Wer weiß, ob nicht drinnen in dieſem Augenblicke dein Glück entſchieden wird! Nun, ich gratu⸗ lire dir zum Voraus und kenne keinen Neid; ich gönne dir die Herrſchaft und bin mit circa fünfzigtauſend Tha⸗ lern zufrieden. Weniger kann er doch nicht für ſeine Freunde thun.“ „Ihr ſeid doch in der That entſetzlich ruchloſe Men⸗ ſchen,“ nahm Baron Breda das Wort, wobei die Stimme ſehr ernſthaft klang, wenn auch auf ſeinen Zügen ein leich⸗ tes Lächeln erſchien.„Ich möchte Wni wiſſen, was im Stande wäre, euch einmal in eine ernſte Stimmung zu ver⸗ ſetzen.“ „Dieſes Mal muß ich für die Beiden, obgleich ungern, Vor fünf Zeugen. 177 Partei nehmen,“ ſprach der vorbeiſchwirrende Legationsrath. Wenn ich auch überhaupt nicht in Abrede ſtellen will, daß es in vielen Beziehungen ruchloſe Menſchen ſind— ſie ſind ſelbſt davon überzeugt— ſo muß ich doch zu ihrer Rechtfertigung ſagen, daß dieſe Erbgelüſte in der meiſten Menſchen Herzen exiſtiren. Ich habe meine Eltern gewiß außerordentlich geliebt, aber ich erinnere mich noch ganz genau, daß ich mit einem jüngeren Bruder häufig Ge⸗ mälde und Mobilien in Gedanken vertheilt habe, wie wir dachten, daß ſie uns ſpäter einmal zufallen ſollten.“ „Damals waret ihr Kinder und unzurechnungsfähig,“ warf George von Breda leicht hin. —„Ja, freilich waren ſie Kinder,“ lachte Herr von Ton⸗ dern,„aber um jenes Prädikat heim zu geben, in der That ruchloſe Kinder, und jetzt begreife ich erſt recht, warum du immer umherirrſt wie der ewige Jude. Wahrhaftig, ich ſehe klar und nehme meine Rede in Beziehung auf das Anwur⸗ zeln zurück— es iſt dein böſes Gewiſſen, das dich beſtändig ruhelos umher treibt.“ „Ich glaube, daß Tondern diesmal Recht hat,“ meinte auch Baron Fremont nach einer kleinen Pauſe, in der man nur ein heiſeres Lachendes Legationsrathes gehört;„wenig⸗ ſtens kann ich dir verſichern, daß dieſes nachtſchmetterlings⸗ artige Umherflattern für deine Nebenmenſchen, die gezwun⸗ gen ſind, ihm zuzuſchauen, etwas ſehr Nervenangreifendes hat.— Aber genug davon, ich ſehe unſerem Freunde George 2* 2 an, daß ihn unſere Reden gewaltig ennuyiren.— Was Anderes denn! Du haſt ja früher,“ wandte er ſich an Ton⸗ dern,„bedeutend in der Rechtspflege herumgepfuſcht und Hackländer, Don Quixote. II. 12 178 Neunzehntes Kapitel. wirſt wohl ſo viel davon behalten haben, um uns ſagen 4 1 können, was es mit ſo einem Teſtamente für eine Bewandt⸗ niß hat.“ „Das iſt im Grunde ſehr einfach,“ verſetzte der Gefragte. „Der Erblaſſer erklärt vor Gericht, vor einem Notar, Rechts⸗ conſulenten oder ſonſtigen beeidigten Schreiber, er habe im Sinne, über ſein Vermögen letztwillig zu verfügen, daſſelbe an Den oder Den zu hinterlaſſen; darauf unterſchreibt er, die Zeugen und der Beamte ebenfalls, man drückt ſein Siegel bei, und ſomit iſt die Sache abgemacht, und das Aktenſtück wird bei Gericht deponirt.“. „Auf dieſe Art erfahren die Zeugen alſo,“ forſchte Fre⸗ mont weiter,„über welches Vermögen verfügt wird' und zu weſſen Gunſten? Das kann zuweilen für die Betreffenden nicht unintereſſant ſein.“ „Es gibt fünf Formen von Teſtamenten,“ fuhr Herr von Tondern mit wichtiger Miene fort, dem es angenehm ſchien, von ſeinen übrig gebliebenen Kenntniſſen etwas Weniges zeigen zu können;„fünf Formen, die ſich aber, um deine Bemerkung von ſo eben zu beantworten, eigentlich in drei Abtheilungen bringen laſſen,— erſtens und zweitens in die mündliche und ſchriftliche Form, bei welcher die Zeugen allerdings erfahren, was und wie teſtirt wird; drittens aber in die myſtiſche, wo das Teſtament von dem Notar entweder ſelbſt geſchrieben oder beglaubigt wird, vom Erblaſſer unterſchrieben, von eben demſelben couvertirt und feſt verſiegelt, worauf dann die Zeugen nichts zu thun haben, als außen hin ihre reſpectiven Namen zu ſetzen.“ „Die myſtiſche Form gefällt mir nicht,“ entgegnete Baron Fremont, indem er die Oberlippe aufwarf und ſich durch 4 Vor fünf Zeugen. 179 das Haar fuhr.„Da muß man Sachen unterſchreiben, von denen man keine Kenntniß genommen hat. Ich finde das nicht angenehm und auch meiner Anſicht nach rechtlich unbe⸗ gründet.“ „Und es hat doch ſeine großen Vortheile für den Erb⸗ laſſer, ja, ſogar für den Erben,“ vernahm man aus dem Hintergrunde des Salons die Stimme des Legationsrathes. „Stell' dir zum Beiſpiel vor, Fremont, es wäre da ein reicher Mann, der vermachte unſerem Tondern— um nur einen Namen zu nennen— wir wollen ſagen, die fünfzig⸗ tauſend Thaler, die er ſich vorhin gewünſcht; das weiß Tondern und lebt darauf hin, als wenn er die fünfzig⸗ tauſend Thaler ſchon im Sack hätte; er glaubt ja, er werde ſie einſtens bekommen. Darauf geht es aber, wie unſer verehrter Freund vorhin ſagte: der Erlaſſer ſtirbt nämlich erſt circa ſechzig Jahre nach Abfaſſung des Teſtaments an Altersſchwäche. Was dann? Da hätte ſich der arme Ton⸗ dern eine vergebliche Hoffnung gemacht und wahrſcheinlich ein noch ſchlechteres Ende genommen, als ihm ſo ſchon be— vorſteht.“ „Du biſt unzurechnungsfähig,“ verſetzte mürriſch der, von dem eben die Rede war.„Deßhalb laſſe ich dir auch deine Bemerkungen hingehen. Wenn du übrigens künftig wieder perorirſt, ſo übe deine Beiſpiele an einem Anderen und nicht an mir.“ Baron von Breda war aufgeſtanden und hatte ſich ans Fenſter begeben, wo er in die immer noch ſtürmiſche Nacht hinausſchaute. Hier und da war das Gewölk zerriſſen und ließ einen bleichen Strahl des Mondes durchſchimmern, phan⸗ taſtiſche Wolkenformen zeigend. 180 Neunzehntes Kapitel. Jetzt öffnete ſich die Thür des Kabinettes, und Graf Helfenberg kam von dort zurück, gefolgt von einem Herrn in ſchwarzem Frack, wobei derſelbe eine ſteife weiße Hals⸗ binde trug, welche das im gegenwärtigen Augenblicke ſehr Es war Herr Doktor Plager, der ſich, die Feierlichkeit des Momentes und die vor⸗ ernſte und feierliche Geſicht einrahmte. nehme Geſellſchaft, in die er eintrat, vollkommen würdigend, nach einem ſehr tiefen Bückling den vier Herren vorſtellen ließ und ſich dann nach einigem Zögern auf einen Stuhl ſetzte; und als er ſich nun endlich niedergelaſſen, berührte er mit dem Rücken nicht die Lehne deſſelben, ſondern ſaß mit dem ſtarr emporgekämmten Haar gerade und aufrecht da— eine faſt unheimliche Erſcheinung, ein würdiger Träger oder ſelbſt Repräſentant des wichtigen und ernſten Papieres, welches er in der Hand hatte.. „Die Herren, ſämmtlich meine genauen Bekannten,“ wandte ſich Graf Helfenberg an den Rechtsconſulenten,„ſind bereits von dem Dienſte unterrichtet, den ich ſie bat, mir zu leiſten. Wie Sie ſehen, ſind es aber nur vier, und der Form des Geſetzes nach brauchen wir fünf Zeugen. Es iſt mir recht fatal, daß Ihr Schreiber nicht mitgekom⸗ men iſt.“ „Auch ich bedaure das unendlich,“ entgegnete Herr Doktor Plager, wobei er ſein Kinn in die weiße Halsbinde ver⸗ grub.„Herr Larioz wird untröſtlich ſein; aber er fand ſich wirklich ſo unwohl, vollkommen fieberhaft, daß ich es für ge⸗ wiſſenlos gehalten hätte, ihn in die kalte Nachtluft hinaus zu nöthigen.“ „Es thut mir doppelt leid, daß Don Larioz nicht ge⸗ kommen iſt,“ ſagte der Graf lächelnd und indem er fort⸗ Vor fünf Zeugen. 181 fahrend ſich an George von Breda wandte;„du hütteſt eine ganz intereſſante Bekanntſchaft gemacht; ein ſpani⸗ ſcher Edelmann, der, Gott weiß, durch welche Schickeale, Schreiber bei meinem ſehr ehrenwerthen Rechtsfreunde ge⸗ worden.“ „Ein echter Spanier?“ fragte Herr von Tondern. Der Rechtsconſulent nickte ehrerbietig mit dem Kopfe, wobei er ſich freundlich zu lächeln bemühte. „Ein echter Spanier,“ wiederholte der Graf,„unter⸗ nehmend wie ein Andaluſier und dabei ſtolz wie ein Caſtilia⸗ ner. Ich weiß ſelbſt nicht, warum, aber obgleich ich ihn Vormittags nur eine Stunde geſprochen, habe ich eine faſt unbegreifliche Neigung zu ihm gefaßt.“ Bei dieſen Worten warf er dem Rechtsconſulenten einen eigenthümlichen Blick zu, den dieſer dadurch beantwortete, daß er ſich leicht vornüberbeugte, die Augenlider herab⸗ fallen ließ und das wichtige Papier ein klein wenig gegen ſeine Bruſt erhob. „Was nun den fünften Zeu ugen anbelangt,“ fuhr der Graf nach einem e filiheſhe Stillſchweigen fort,„ſo habe ich mir nicht anders zu helfen gewußt, als irgend einen Un⸗ bekannten zu preſſen. Zufälliger Weiſe iſt mein zweiter Kutſcher krank und erhält gewöhnlich um dieſe Zeit“— er warf einen Blick auf die Uhr—„den Beſuch des Ar ztes meiner enerſchaft. Ein wackerer Mann, der Arzt nämlich, den ich ſchon lange ſelbſt conſultirt hätte, wenn ich es überhaupt noch der Mühe werth oder von irgend einem Nutzen hielte, übkr mich ſelbſt zu ſprechen.“ In dieſem Augenblicke vernahm man im Kabinette, deſſen Thür vorhin nicht geſchloſſen worden war, eine ziemlich laute 182 Neunzehntes Kapitel. Stimme, welche ſagte:„Das kann ich Ihnen verſichern, mein lieber Herr Kammerdiener— und Sie mögen meinen Worten glauben, wenn es Ihnen gut dünkt— der verſchlimmerte Zuſtand unſeres Patienten dahinten geſtern Abend kam einzig und allein daher, daß er etwas gefreſſen— Sie werden mir im vorliegenden Falle erlauben, dieſen Ausdruck zu ge⸗ brauchen— was er nicht hätte freſſen ſollen; ja, ich kann wahrhaftig es nicht anders nennen, denn das Factum ſteht feſt: er hat ſich den Magen überladen, item iſt kränker ge⸗ worden, und es hat etwas Kräftiges gebraucht, ihn wieder ſo weit zu bringen, wie wir ihn ſchon vor ein paar Tagen hat⸗ ten.— Das habe ich Ihnen zur Vorſicht geſagt, mein lieber Herr Kammerdiener; denn Sie werden einſehen, daß Jemand da ſein muß, der über dergleichen Patienten eine ſtrenge Auf⸗ ſicht führt.— So, jetzt bin ich mit der Geſchichte fertig und bitte, Seiner Erlaucht zu melden, daß ich ganz zu ſeinen Dienſten ſtehe.“ Nachdem die Stimme im Kabinette ſich alſo hatte ver⸗ nehmen laſſen, erſchien der Kammerdiener an der Thür des Salons und wollte die ihm aufgetragene Meldung machen, doch ließ ihn der Graf nicht zu Worte kommen, ſondern rief ihm entgegen:„Wir wiſſen ſchon! Bitten Sie den Herrn Doktor, er möge gefälligſt zu uns eintreten.“ Dies geſchah denn auch augenblicklich, und unſer Be⸗ kannter, Doktor Flecker, trat auch hier gerade ſo unbefangen und ungenirt ein, wie er dies bei dem Schneidermeiſter Schwörer oder der Frau Brenner gethan; ja, als er einige Schritte gegen die Geſellſchaft gemacht und flüchtig mit dem Kopfe genickt, nahm er ſeinen Hut unter den linken Arm, zog mit der Rechten ſein Taſchentuch hervor und putzte mit „ — Vor fünf Zeugen. 183 demſelben die Gläſer ſeiner Brille, die von der Wärme in den Zimmern wiederholt angelaufen waren; dann ſetzte er dieſelbe wieder ruhig auf ſeine Naſe und erwiderte nun erſt den freundlichen Gruß des Grafen mit einem etwas tieferen Kopfnicken, eine Bewegung, die er hierauf auch gegen die übrigen Herren machte, nachdem der Graf ſeinen und deren Namen genannt. Etwas erſtaunte der Doktor, als er den Rechtsconſulenten in weißer Halsbinde erblickte; doch klopfte er ihm zur Begrüßung freundlich auf die Achſeln und ließ ſich dann bequem auf einen Lehnſtuhl nieder, den der Kammer⸗ diener hinter ihn gerollt. „Es freut mich ſehr, daß Sie meiner Bitte Folge ge geben,“ ſagte Graf Helfenberg zu dem Arzte.„Aber Sie werden ſich wundern, lieber Herr Doktor, trotzdem im Augenblicke hier Niemand zu finden, der Ihnen die Hand zum Pulsfühlen entgegenſtreckt. Bei mir verlohnt ſich das nicht mehr der Mühe, und die Anderen ſind kern⸗ geſund.“ „Aeußerlich ja,“ murmelte der Legationsrath, der in der Diagonale des Zimmers eine Bahn wie ein Komet beſchrieb.„Aeußerlich wohl, aber viel krankhafte Seelen⸗ zuſtände.“ Wofür ihm Tondern, hinter deſſen Stuhle er das letzte Wort ausſprach und ſtark betonte, einen geringſchätzenden Blick zuwarf. Der Armenarzt hatte ſich mit einer ſehr ſchnellen Nei gung des Kopfes gegen den Grafen verbeugt und ſagte dann launig:„Ich habe min das denken können; jedes Geſchöpf auf dieſer Erde hat ſeinen beſtimmten Rayon; der Vogel lebt in der Luft, der Fiſch im Waſſer, der Wurm in der Neunzehntes Kapitel. 184 Erde, der Armenarzt in dem vierten Stockwerk der Häuſer oder in den Bedientenkammern. Und deßhalb ſollte man, um in meinem Gleichniß fortzufahren, eigentlich ängſtlich ſein, das angewieſene Terrain zu verlaſſen; denn wenn Fiſch und Vogel aus dem Waſſer und der Luft in den erſten Stock einer menſchlichen Wohnung gebracht werden, ſo geſchieht das in der Regel nicht, um ihnen einen ver⸗ gnügten Augenblick zu machen, ſondern um ſie aufzu⸗ ſpeiſen. Sie werden mir zugeben, daß ich mich faſt im gleichen Falle befinde, wogegen ich Ihnen aber beſtens ver⸗ ſichern will, daß ich ohne Furcht und mit großer Bereit⸗ willigkeit erſchienen bin. Eure Erlaucht haben über mich zu befehlen.“ „Der Doktor wird gewiß nicht erſchrecken,“ ſprach Herr⸗ von Tondern mit einer gewiſſen protegirenden Miene, die er anderen Ständen gegenüber gern anzunehmen pflegte,„wenn er hört, um was es ſich handelt. Wie Mancher glaubt, und wohl mit größerem Rechte, ſein Teſtament machen zu müſſen, wenn er den Arzt nahen ſieht! Das geht meiſtens Hand in Hand.“ „Ja, es geht oftmals Hand in Hand, Herr von Ton⸗ dern,“ bemerkte achſelzuckend der Doktor,„und obendrein erbt dabei ein gewiſſenhafter Arzt noch etwas, was ihm nicht mehr genommen werden kann— das Bewußtſein, ſeine Pflicht gethan zu haben. Das kann man nicht von jedem anderen Erben ſagen.“ 1 Graf Helfenberg ſchien nicht auf dieſes Geſpräch geachtet zu haben; er hatte die Augen mit der Hand bedeckt, und als er dieſelbe jetzt wieder herabſinken ließ, ſagte er:„So wollen wir an unſer Geſchäft gehen.— Ich glaube, ich muß das Vor fünf Zeugen.. 185 Wort nehmen?“ wandte er ſich mit einer höflichen Verbeugung an den Rechtsconſulenten. Dieſer nickte würdevoll mit dem Kopfe und erhob ſich darauf von ſeinem Stuhle, um ſich hinter denſelben zu ſtellen, wobei er das verhängnißvolle Papier vor ſich hielt. Herr von Tondern zog die Augenbrauen etwas finſter zuſammen und flüſterte ſeinem Nachbar zu:„Den Worten es Grafen nach haben wir ein myſtiſches Teſtament zu er⸗ warten.“ „Das wäre fatal!“ entgegnete Baron Fremont, wobei er diesmal, da ſich ſein Geſicht unwillkürlich verlängerte, die untere Reihe ſeiner Zähne ſehen Ueß. Graf Helfenberg war ebenfalls von ſeinem Stuhle aufge⸗ ſtanden und ſprach:„Nachdem ich mich entſchloſſen, meinen letzten Willen aufzuſetzen, habe ich denſelben eigenhändig nie⸗ dergeſchrieben, dieſe meine Schrift von dem hier gegenwärtigen vereidigten Rechtsconſulenten, Herrn Doktor Plager, beglaubigen laſſen, dann dieſes Teſtament couvertirt und verſiegelt und erkläre nun, daß man es als meinen letzten Willen betrachten und vollſtrecken ſolle. Auch wünſche ich, daß es bei dem hie⸗ ſigen Stadtgerichte deponirt werde, wo es dann nach meinem Tode zu finden ſein wird.“ Bei dieſen Worten war der Rechtsconſulent mit einem ernſten, faſt traurigen Geſichte tief in ſeine Halsbinde hinab⸗ getaucht, wodurch er vielleicht pantomimiſch ein Untergehen in wehmüthigem Schmerze anzeigen wollte. Dann aber ließ er ſein ganzes Geſicht wieder ſehen, machte den Anweſenden eine tiefe Verbeugung und ſagte:„Seine Erlaucht, der Herr Graf von Helfenberg, haben alſo nach ſeinem freien Willen teſtirt und haben ſein Teſtament darauf vor meinen Augen 186 Neunzehntes Kapitel. verſchloſſen und verſiegelt, und ich erlaube mir nun, die hochverehrten Herren, die als Zeugen anweſend ſind, zu bit⸗ ten, auf dieſes Couvert ihre Namen und Inſiegel beiſetzen zu wollen. „Es iſt ſo, wie ich dir geſagt,“ flüſterte Tondern aber⸗ mals dem Baron Fremont zu, indem er ſich bückte, als wolle er etwas aufheben, was ihm entfallen.„Es iſt eigentlich ver⸗ flucht das! Ich bin überzeugt, Helfenberg hat an uns gedacht; aber es wäre von großem Vortheil, mit ſeinem Ehrenworte verſichern zu können, man habe dort einmal ſeine zehn⸗ oder zwanzigtauſend Thaler zu erwarten.“ Der Andere nickte kaum bemerkbar mit dem Kopfe, wo⸗ rauf er ſich erhob, um an den Tiſch zu treten und das Do⸗ cument mit ſeinem Namen zu verſehen, zu welchem Ende ihm Baron Breda die Feder reichte. Dann unterſchrieb auch Herr von Tondern, hierauf der Legationsrath und zuletzt Doktor Flecker. Als das wichtige Document ſomit in der vorgeſchriebenen Form hergeſtellt war, nahm George von Breda es in die Hand, überreichte es dem Grafen, wobei er mit ſeiner tie⸗ fen Stimme, die aber in dieſem Augenblicke etwas weicher klang, als gewöhnlich, ſagte:„Wir haben das getreulich er⸗ füllt, wozu du uns gebeten. Wenn ich mir aber hiermit er⸗ laube, dieſes Papier in deine Hände zu legen, ſo will ich dabei einen Wunſch ausſprechen, dem gewiß alle, die hier verſammelt ſind, von Herzen beipflichten werden; das iſt nämlich der Wunſch, daß du dich veranlaßt ſehen mögeſt, dieſes Papier in einigen Jahren vor uns wieder zu eröff⸗ nen und vor unſeren Augen zu zerreißen. Wenn dieſer Wunſch in Erfüllung geht, mein lieber Hugo, ſo ſoll dieſer Moment Vor fünf Zeugen. 187 für mich und gewiß für Alle einer der ſchönſten unſeres Lebens ſein. Die Stimme des Barons zitterte faſt, als er die letzten Worte ſprach, und zu gleicher Zeit ſchlang er ſeinen Arm um den Hals des Freundes und drückte ihn feſt und innig an ſich, wobei der Contraſt dieſer beiden Geſtalten ſchmerzlich anzuſehen war. „Für deinen guten Wunſch danke ich dir,“ erwiderte der Graf nach einem augenblicklichen Stillſchweigen mit trübem Lächeln.„Daß er aber nicht in Erfüllung gehen kann und wird, davon iſt Niemand mehr überzeugt, als ich ſelbſt, und wenn ihr meine Worte beſtätigt haben wollt, ſo fragt dort unſern guten Doktor, der mich ſchon öfter forſchend und mit⸗ leidig betrachtet hat. Und wo ein Arzt mitleidig ſchaut,“ ſetzte er mit erzwungener Luſtigkeit hinzu,„da iſt für den Patienten nicht viel zu hoffen.— Wozu auch dieſe Hoffnungen, deren ich mich gänzlich entwöhnt habe!— Glaubt nicht,“ fuhr er weicher fort,„daß ich vor euch den ſtarken Geiſt ſpielen will, glaubt auch nicht, daß es übergroßer Leichtſinn iſt, der mich das Koſtbarſte, was der Menſch beſitzt, anſcheinend gleichgültig dahin ſchwinden ſehen läßt. Ich will euch nicht ſprechen von den furchtbaren Kämpfen, die ich durchgemacht; aber glaubt meinen Worten, ich habe ſie durchgemacht.— Sie liegen nun vollends hinter mir,“ fügte er nach einer Pauſe bei und hob das Teſtament in die Höhe.„Jetzt will ich heiter in die Zu⸗ kunft blicken.“ Die Freunde nahten ſich der Reihe nach dem Fauteuil des Kranken und drückten ihm ſchweigend die Hand; auch der Legationsrath flatterte herbei, beugte ſich auf den Grafen nieder, und als er ihn dann leicht auf die Stirn geküßt, eilte 188 Neunzehntes Kapitel. er mit raſchen Schritten wieder nach einer dunkeln Ecke des Zimmers. „Amen! Amen“ ſagte der Armenarzt ſo leiſe, daß Nie⸗ mand es verſtand, als vielleicht der Rechtsconſulent, der dicht an ſeiner Seite war. In der That hatte der Doktor den kranken jungen Mann lange forſchend und auch mitleidig be⸗ trachtet, was George von Breda ebenfalls nicht entgangen war, weßhalb dieſer fein glänzendes Auge fragend auf den Arzt richtete, der, dieſe Frage verſtehend, leicht mit den Ach⸗ ſeln zuckte. Eine allgemeine Unterhaltung wollte übrigens nach dem eben vollzogenen Alte nicht mehr ſo recht in Gang kommen; auch lehnte der Graf ſich ziemlich theilnahmlos, wie ermüdet, in ſeinen Fauteuil, weßhalb die Anweſenden ſich anſchickten, den Salon zu verlaſſen. Dabei war es bemerkenswerth, daß ſich Herr von Tondern und Baron Fremont dem Rechtscon⸗ ſulenten anſchloſſen und Fremont ſich ſogar anbot, ihn in ſei⸗ nem Wagen nach Hauſe zu führen, was denn auch Doktor Plager nach einiger Weigerung annahm. Als der Armenarzt ſich von dem Grafen verabſchiedete, ſagte der letztere:„Es ſtürmt und regnet draußen, lieber Doktor. Darf ich Sie nach Hauſe oder ſonſt wo hin bringen laſſen?“ „Ich bin das ſchlechte Wetter gewohnt, Erlaucht,“ erwiderte der Arzt jedoch,„und führe deßhalb meine nothwendige Equi⸗ page, Regenſchirm, Ueberſchuhe und Paletot, beſtändig bei mir; auch würde es meine armen Patienten erſchrecken, wenn ich ſo Hauf einmal im Wagen bei ihnen vorführe. Deßhalb danke ich herzlich für das freundliche Anerbieten.“ 3 „Aber ich ſehe Sie nicht zum— letzten Mal, lieber 3 Vor fünf Zeugen. 189 Doktor? Sie kommen ja häufig ins Haus. Laſſen Sie ſich doch hin und wieder bei mir ſehen. Ach! ich habe manche höchſt langweilige Stunden! Doch vergeſſe ich,“ ſetzte er lächelnd hinzu, während er gegen den Scheidenden die Hand empor hob,„daß anderer Leute Zeit koſtbarer iſt, als die meinige.—— Und doch wieder nicht,“ mur⸗ melte er in ſich hinein, und biß darauf die Zähne feſt auf einander. Auch der Legationsrath war nach Hauſe gegangen und Niemand mehr bei dem Kranken zurückgeblieben als George von Breda, der am Kamin lehnte und mit dem Stiefel gegen ein verglimmtes Stück Holz ſtieß. „Es iſt lieb von dir, daß du noch einen Augenblick bleibſt,“ ſagte der Graf nach einem längeren Stillſchweigen.„Aber opfere mir nicht zu viel von deiner Zeit; bei mir iſt es ſtill und einſam, bei dir zu Hauſe ungleich behaglicher.„Apropos, fuhr er raſch fort, ehe der Andere etwas entgegnen konnte, „wie gefällt ſich deine Nichte in eurem Hauſe?“ „Du kennſt ſie?“ fragte der Baron gleichgültig. „Ich habe ſie einmal flüchtig geſehen— ein ſehr ſchönes Mädchen.“ „Und ein gutes Kind. Ihr friſcher, heiterer Sinn belebt mein Haus auf die angenehmſte Art.“ „Das kann ich mir denken, du Glücklicher!“ entgegnete der Graf, während er den Kopf tiefer auf die Bruſt hinab ſenkte.„So eine friſche Stimme thut wohl, ein ſo herzliches, liebes Lachen. O, das könnte auch ich brauchen hier in meinem* öden Steinhaufen.“ George von Breda blickte theilnehmend und aufs innigſte mitfühlend auf den armen Freund, deſſen Geſicht er nicht ſehen-. 190 Neunzehntes Kapitel. konnte. Ja, es mußte öde und ſtill in dem gewaltigen Palaſte ſein, und dieſe Oede um ſo ſchrecklicher und fühlbarer, da ſie gewiß häufig, ach, ſehr häufig von furchtbaren und finſteren Gedanken und Phantaſieen bevölkert war! War es ihm doch in ſeinem mitfühlenden Herzen zu Muthe, als ſähe er ſie aus den dunklen Ecken des Salons furienartig heran ſchweben und auf die Bruſt des armen Kranken niederfallen.— Es war das ein ſchreckliches Geſchick, ſo jung, ſo reich, mit allen Anſprüchen an das Leben und mit allen Mitteln, dieſen An⸗ ſprüchen zu genügen, da zu liegen elend, ſchwach, zuſammen⸗ geſunken, vor ſich das verhängnißvolle Document mit den fünf Siegeln.. Es war, als ob den Grafen ſelbſt im gleichen Augenblicke dieſelben furchtbaren Gedanken quälten; denn er fuhr mit einem tiefen, ſchneidenden Seufzer in die Höhe, preßte die Hand vor die Stirn und ſagte, während er mühſam ath⸗ mete:„Ja, dieſe Oede und Stille bringt mich noch zur Ver⸗ zweiflung. Wie ich oft nach menſchlichen Stimmen ſchmachte, nach fröhlichem Lachen, davon haſt du keinen Begriff. Und dieſes Regenwetter! Dieſes melancholiſche Klatſchen der Tro⸗ pfen an die Scheiben regt mir die Nerven fürchterlich auf. —— Ach, nur noch einen Frühling möchte ich erleben!“ ſprach er alsdann mit gefalteten Händen und unendlich wei⸗ chem Tone der Stimme,„ach, nur noch einen letzten Früh⸗ ling mit ſeinem friſchen Grün, mit Gräſern und Kräutern, mit Blüthen und Blumenduft! Nur noch einen einzigen— einen einzigen! Daß ich meinen geliebten Wald wieder ſähe, ja meinen geliebten Wald, und im Grün und Sonnenglanz ſie— ja ſie, deren Namen ich nie nennen darf, meinen ein⸗ Bor fünf Zeugen. 191 zigen Troſt, denn ſie umſchwebt mich lächelnd, eine himm⸗ liſche Fee.“ Dieſen Worten hörte der Baron tief erſchüttert zu. Schon einige Mal hatte Hugo von Helfenberg ſo geſprochen und auf ein Weſen angeſpielt, das er unſäglich lieben mußte und wo⸗ durch ſeine Leiden noch qualvoller, ja oft wahrhaft entſetzlich wurden. Einen Namen oder eine nähere Bezeichnung hatte er dem Freunde nie mitgetheilt, und begreiflicher Weiſe war dieſer zu diskret, um danach zu forſchen, um ſo mehr, da der Kranke es zu lieben ſchien, wenn man dergleichen Aeußerungen, die ſich zuweilen unwillkürlich ſeinem Herzen entrangen, für Phantaſieen und Träumereien nahm. Deßhalb antwortete ihm auch George von Breda:„Du ſollteſt dich von deinen Bekann⸗ ten nicht ſo zurück ziehen. Geh doch mehr in die Häuſer, wo man dich ſo gern ſieht und wo man ſich ein Vergnügen daraus machen wird, dich zu unterhalten. Ich muß dir beiſtimmen, dein zurückgezogenes Leben hier in dem großen Palaſte muß in der That oft unerträglich ſein. Noch heute Abend ſprach auch meine Frau darüber, ja, ich kann dir verſichern, aufs liebreichſte und freundlichſte; ſie bat mich, dir zu ſagen, es würde ihr das größte Vergnügen machen, wenn du unſer Haus vollkommen als das deinige anſehen wollteſt. Und daß du mir den größten Gefallen damit thäteſt, brauche ich dir wohl nicht zu ſagen. Wir alle wiſſen, wie ſehr du das Grün der Bäume und milde Luft liebſt. Nun gut, gerade das kannſt du bei mir haben; laß dich jeden Tag zu mir hinaus fahren, geh in meinen Wintergarten, ruhe dort aus, ſpaziere umher, lies, rauch' deine Cigarre, mit einem Wort: thue, was du willſt. Biſt du es alsdann müde, allein zu ſein, ſo werde ich dich unterhalten; willſt du eine Partie Whiſt machen, ſo iſt, meine Frau da 192 Neunzehntes Kapitel. oder auch Eugenie; und darauf kannſt du dich verlaſſen, Beiden wird es das größte Vergnügen machen, dir auch ſonſt die Zeit zu vertreiben.“ Der Graf hatte die Hände auf ſeinen Knieen gefaltet, als der Andere ſo ſprach, und um ſeine feinen bleichen Lippen ſpielte momentan ein freundliches Lächeln; aber nur wenige Sekunden, dann war es, als ſchüttle ein Froſt ſeinen ganzen Körper, er wiſchte mit der Rechten heftig über die Stirn, wie um einen Gedanken zu verjagen, und ſagte alsdann im Tone tiefen Leidens:„Du malſt mir da ein Leben aus, guter George, das mich glücklich machen könnte, wenn es ausführbar wäre, das mich aber ſo zur Verzweiflung treiben könnte.— O, ſprich nicht mehr davon, du weißt, ich will mich vor den Menſchen nicht mehr ſehen laſſen. Selbſt das ehrlichſte Mitleid thut mir wehe, ja, am weheſten gerade, weil es ehrlich iſt. Ich will nicht in der Erinnerung derjenigen, die ich hochſchätze, die ich verehre, als die Geſtalt fortleben, die ich heute bin, nein, nein! Sondern wenn man ſpäter von Graf Hugo Helfenberg ſpricht, ſo ſoll man ſich mein Bild bewahren, wie es noch vor wenig Jahren war.— Es iſt das, wenn du willlſt, eine Eitelkeit, vielleicht verwerflich, weil ſie über das Grab hinausreicht, aber— am Nande deſſelben am Ende auch verzeihlich..—— Es trat eine Pauſe ein, die wohl für Beide ziemlich peinlich war. Die Uhr ſpielte ihren gleichförmigen Takt, und dabei dachte der Graf, der ihr aufmerkſam zuhörte und das Geräuſch, welches ſie machte, mit dem Schlage ſeines Herzens in Einklang zu bringen verſuchte: Das elende Ding wird fortpicken, unverdroſſen und thätig, wenn ſich hier in meiner Bruſt ſchon längſt nichts mehr rührt, wenn fremde Menſchen Bor fünf Zeugen. 193 in dieſen Sälen auf und ab gehen und gleichgültig, ohne an den früheren Beſitzer zu denken, daſſelbe Zifferblatt betrachten, auf welchem jetzt meine Augen ruhen.— Zwiſchen hinein jagte zuweilen der Wind ſauſend den Regen an die Fenſterſcheiben, und wenn das geſchah, ſo blickte George von Breda faſt erſchrocken, faſt ſchaudernd auf die zuſammengeſunkene Geſtalt ſeines Freundes und betrachtete mit ſcheuem Blick all' den Comfort rings umher, den ganzen behaglichen Salon, das ſtrahlende Licht der Lampen, das freund⸗ liche Flackern des Kaminfeuers, und dachte dabei an die Zu⸗ kunft— an die nahe feuchte Erde draußen. „Doch wozu dieſe trüben Gedanken und Träumereien!“ rief der Graf endlich, indem er ſich empor raffte;„warum ſich die eilenden Tage und Stunden ſelbſt verbittern! Für dein freundliches Anerbieten, lieber George, bin ich dir wahrhaftig dankbar, und meine Gründe, warum ich es in dem Umfange, wie du es wünſcheſt, nicht annehmen kann, werden dir gewiß einleuchten. Ja, ich will dir einen kleinen Beweis geben,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„welche Anhänglichkeit ich an dein Haus habe. Ich bin zu aufgeregt, um jetzt in Stunden ſchlafen zu können; eine kleine Zerſtreuung wird mir wohl thun. Gib mir einen Platz in deinem Wagen; ich fahre mit dir nach Hauſe, wir promeniren eine halbe Stunde in deinem Winter⸗ garten— o, das wird mir gut thun, und ich werde darauf vortrefflich ſchlafen.— Ja, ſieh mich nur erſtaunt an, es iſt mein vollkommener Ernſt, vorausgeſetzt, daß wir deine Damen nicht beunruhigen und ſtören.“ Auf dem Geſichte des Barons hatte ſich bei dieſem Vor⸗ ſchlage wirklich etwas wie Verwunderung gezeigt. Und nicht Hackländer, Don Quixote. II. 13 194 Neunzehntes Kapitel. ohne Grund; es war faſt zehn Uhr und das kalte ſtürmiſche Wetter draußen ſonderbar gewählt zum Spazierenfahren. Da er aber ſah, wie ſich der Kranke ziemlich lebhaft erhob, ihm zunickte und darauf ſprach:„Ja, es iſt mein vollkommener Ernſt;“ und wie ſich alsdann ſeine Züge etwas verdüſterten, als er den forſchenden Blick des Freundes ſah, ſo reichte ihm dieſer eifrig die Hand dar und beeilte ſich, ihm zu ſagen: „Du wirſt wohl glauben, Hugo, daß, wenn ich nicht augen⸗ blicklich meine Freude über deinen Entſchluß kund gab, der Grund davon nur in der ſpäten Stunde und in dem Wetter liegt, das draußen herrſcht.“ „Das Wetter macht mir nichts,“ entgegnete der Andere; „aber was die Stunde anbelangt, ſo könnte es für dich zu ſpät ſein, oder müßte ich vielleicht befürchten, deine Damen zu beläſtigen?“. „Gewiß Keines von Beiden, Hugo; meine Frau wird ſich ſchon zurückgezogen haben.“ „Was ich als beſtimmt vorausſetzte,“ fiel der Graf ein. Der Baron nickte mit dem Kopfe und fuhr fort:„Und dieſen Abend habe ich ganz dir gewidmet, und je länger ich in deiner Geſellſchaft bin, um ſo lieber iſt es mir. Gehen wir alſo, wenn es dir recht iſt.“ „Ja, ja, gehen wir,“ wiederholte eifrig der Kranke, wobei er an der Klingelſchnur zog und ſo ſeinen Kammerdiener herbei rief. Er trieb ihn an, ihm eilig einen warmen Paletot zu geben, nahm ſelbſt von einem Nebentiſchchen Handſchuhe und Hut, kurz, war von einer ſo aufgeregten Geſchäftigkeit, daß ihn der Baron kopfſchüttelnd mit den Augen verfolgte. „Soll ich mir einen Wagen zu dir hinaus beſtellen?“ 24 fragte der Kranke,„oder bringt mich dein Kutſcher nach Hauſe?“ Vor fünf Zeugen. „Wie du wilſſt, aber ich denke, du bedienſt dich auch zum Zurückfahren meines Coupé's. Ich begleite dich.“ „Gut, wenn es dir recht iſt, das heißt, was dein Coupé 1 anbelangt. Ich danke herzlich für Alles.“ Damit verließen die Beiden das Zimmer, der Graf auf ſeinen Stock geſtützt, aber lebhafter und aufrechter gehend, als er den ganzen Abend gethan, ſo daß ihm der Kammerdiener erſtaunt folgte, verwundert ſowohl über dieſe Lebhaftigkeit, wie auch über die Idee, ſo ſpät am Abend und bei dem Wetter noch auszufahren.— Zwanzigſtes Kapitel. Ein Lichtſtrahl. Bei dem Portier drunten hätte das Erſcheinen des kran⸗ ken Herrn aus denſelben Gründen faſt einen Schrei der Ueber⸗ raſchung hervorgerufen. Der einzige Troſt des alten Mannes war, daß er den Grafen in der Geſellſchaft des Barons von Breda ſah.„Bei dem iſt er aufgehoben, wie in Abrahams Schooß,“ ſagte er nachher zu den Bedienten, als dieſe in der Portierloge über dieſes Ereigniß ihre Meinungen aus⸗ tauſchten. 4 Unterdeſſen rollte der Wagen in die Nacht hinaus, er⸗ reichte nach kurzer Zeit das Haus vor der Stadt, fuhr in den Hof, und auf den Befehl des Barons hielt der Kutſcher dicht vor dem überdeckten Eingange des Wintergartens. Das mußte im Haupthauſe der wartende Bediente gehört haben, denn ſtatt ß ſich dort die Thür öffnete, ſah man den Lichterſchein im eſtibül verſchwinden, dann im Vorzimmer des Eßſalons er⸗ * Ein Lichtſtrahl. 197 ſcheinen und bald darauf hinter den hohen Fenſtern des Win⸗ tergartens glänzen. Es war Friedrich, der Jockey, der nun haſtig die Glas⸗ thüren aufriß und mit gerechter Verwunderung zuſchaute, wie ſein Herr dem kranken Grafen Helfenberg aus dem Wagen half und ihn ſorgſam in das Veſtibül geleitete. „Iſt meine Frau noch im Eßſalon?“ fragte der Haus⸗ herr, worauf der Jockey entgegnete, daß ſich die gnädige Ba⸗ ronin mit Fräulein Eugenien ſchon vor einer halben Stunde zurückgezogen hätte. „Gut. Wenn Andreas noch bei der Hand iſt, ſo ſoll er hier einige der Gaslichter anzünden; wir müſſen doch auf unſerem nächtlichen Spaziergange etwas ſehen.“ Damit wandte ſich George von Breda an ſeinen Freund:„Und jetzt erlaube, daß ich dich an einen kleinen deliciöſen Platz führe, wo du, wie in einer Laube ſitzend, das ganze Glashaus vor dir haſt.“ 4 Hierauf ſchritten Beide nach dem Speiſezimmer am ent⸗ gegengeſetzten Ende des Wintergartens und ließen ſich dort auf ein paar tiefe, bequeme Gartenſtühle nieder. „Es muß ſchön hier ſein,“ ſagte der Graf nach einer Pauſe, nachdem er einen tiefen Athemzug gethan.„Ah! wie mir die angenehme Temperatur und der Duft der Pflanzen ſo wohl thut! Dazu das freundliche Plätſchern des Spring⸗ brunnens! Du haſt eine glückliche Idee gehabt, den Winter⸗ garten ſo zu ſagen in dein Haus hinein zu bauen. Daran wird bei ähnlichen Anlagen ſo wenig gedacht. Was nützen mir zum Beiſpiel meine großen Glashäuſer auf Stromberg? O, hätte ich mir doch ſchon früher etwas Aehnliches an 198 Zwanzigſtes Kapitel. mein Haus in der Stadt bauen laſſen!— Jetzt iſt es zu ſpät.“ „Sprich nicht ſo, mein lieber Hugo!“ verſetzte freundlich der Andere.„Wer kann in dem Falle ſagen, es iſt früh oder ſpät? Glaube mir, deine finſteren Gedanken können dir nur ſchaden. Wirf ſie mit Gewalt weg, laß dir morgen früh deinen Baumeiſter kommen; ſo ein Gebäude von Glas und Eiſen iſt bald aufgeführt.“ „Meinſt du?“ fragte der Kranke in lebhafterem Tone. „Ich weiß das genau; und das Entſtehenſehen an ſich wird dich ſchon zerſtreuen.“ „Vor einer halben Stunde noch hätte ich über einen ſolchen Vorſchlag die Achſeln gezuckt,“ entgegnete der Graf, „aber ich weiß nicht, woher es kommt,— wenn ich die grünen Blätter um mich ſehe und die milde Luft athme, auch das Waſſer rauſchen höre, ſo iſt mir gerade, als ſei ich noch ein⸗ mal durch den Winter gekommen und habe alsdann noch einen langen Frühling und Sommer vor mir.“ „Den Glauben halte feſt,“ verſetzte George von Breda, indem er ſeine Hand ſanft auf den Arm des Freundes legte. „Gewiß, lieber Hugo, Hoffnung nährt und erhält.“ „Ja, du haſt Recht,“ rief der Kranke aus, doch zitterte ſeine Stimme mit einem Male wieder ſchmerzlich.„Hoffnung erhält und nährt, aber Hoffnungsloſigkeit fällt gewaltſam über uns her und drückt uns ohne Rettung zu Boden.— Und ich habe keine Hoffnung— keine— keine— keine!——“ „— Sieh, wie ſich das ſo freundlich macht, wenn plötzlich die Lichter aufflammen! Nicht wahr, es iſt ſo angenehm und gibt uns ein Gefühl, als wenn der Raum um uns her plötz⸗ lich in die Breite und Höhe wüchſe.“ Ein Lichtſtrahl. 199 „O, es iſt ſchön, ſehr ſchön!“ „Und das zitternde Licht zwiſchen den Laubmaſſen, hier von unten beſtrahlt, auch die Umriſſe des feinſten Blattes deutlich zeigend, dort durchſichtig im ſaftigſten Grün.“ „Ja, es iſt alles das wunderbar ſchön.“ „Sieh jetzt auch den Strahl des Springbrunnens; wie es im Wiederſchein glänzt und flimmert! Man ſieht hier und da die einzelnen Tropfen, wie an einem Frühlingstage den Thau auf den Gräſern.“ „O, ſo ſchön, ſo wunderbar ſchön! Aber für mich iſt es Täuſchung. Der Frühling iſt noch fern, ich werde ihn nicht mehr ſehen— keine— keine Hoffnung!“ Da vernahmen die Beiden mit einem Male am anderen Ende des Wintergartens eine weiche, liebe Stimme, laut, klangvoll und deutlich ſprechend:„Biſt du da, Onkel George? Tante droben hat das Licht im Wintergarten erblickt und ſagte mir, ich ſolle nachſehen.— Biſt du da?“ Bei dem Ton dieſer Stimme war der Graf aufs höchſte erregt empor gefahren; er faßte den Arm des Freundes, und dieſer fühlte, wie ſeine Hand zitterte. „Biſt du es, Onkel George?“ fragte jetzt die Stimme zum dritten Male, und im gleichen Augenblicke ſah man Eugenie auf der Höhe der Treppe des Eßzimmers erſcheinen. Dort flammten rechts und links vom Eingange zwei blendende Lichter und zeigten das junge, ſchöne Mädchen prächtig einge⸗ rahmt von den grünen Sträuchern im blendenden Glanze, und ſie erſchien in ihrem hellen einfachen Kleide, das dicke Haar ſo kunſtlos um den edlen Kopf geſchlungen, denen, die ſie dort oben ſo plötzlich hervorſchweben ſahen, wie eine über⸗ natürliche Erſcheinung. Zwanzigſtes Kapitel. „Allerdings bin ich es, mein Kind,“ rief der Baron und ſetzte hinzu, als ihm der Graf eilig etwas zuflüſterte:„Ich danke dir für deine Bemühung, liebe Eugenie. Sage der Tante, ich werde gleich kommen.“ „Du haſt ja die Lichter anzünden laſſen, Onkel George,“ fuhr das Mädchen mit freundlich klingendem Tone fort.„Das ſieht prächtig aus. Ich habe es nur ein einziges Mal und flüchtig geſehen.“ „Sie wird herunter kommen!“ ſprach leiſe der Graf mit bebender Stimme.„Thu' mix die Liebe und geh' ihr ent⸗ gegen; führe ſie fort, ich kann und will mich nicht ſehen laſſen.“— „Gut, ich werde ihr ſagen, daß du da biſt.“ „Daß ich—?“ fuhr der Andere auf;„ja, ja,“ ſprach er gleich darauf, wie ſich beſinnend.„Sage ihr, wenn du willſt, Graf Helfenberg ſei da, ein ſcheuer Menſch, den es unglücklich mache, jemand Unbekanntes zu ſehen.“ Alrs hierauf der Baron vorſchritt, erhob ſich der Kranke langſam von ſeinem Stuhle und trat hinter einen der Bäume, durch deren Zweige er die ganze Geſtalt Eugeniens ſehen konnte; er drückte die Stirn an den Stamm, ſeine Augen ſtarrten nach der lieblichen Erſcheinung hin, während ſich ſeine Lippen in wildem Schmerz auf einander preßten. Dort ſtand ſie und reichte ſeinem Freunde ſo herzlich die Hand, dann ſagte ihr dieſer leiſe ein paar Worte, worauf ſie den Kopf ein wenig wandte und mit den großen dunklen Augen ein paar Sekunden lang in den Wintergarten hinab⸗ ſchaute. Dabei flog etwas wie Wehmuth über ihre Züge; ſie bewegte die Lippen, und wenn ſein Ohr auch begreiflicher⸗ weiſe nicht einen Ton ihrer Worte verſtand, ſo war es ihm — Ein Lichtſtrahl. 201 doch, als klängen ſie in ſeinem Herzen wieder und als fühle er, daß ſie ſagte:„Das thut mir recht weh, o, das iſt ſehr unglücklich!“— Wie ſie ſo ſchön war, ſo wunderbar ſchön! Es durchzuckte den Grafen ein entſetzlicher Schmerz, als er auf ſie hinſtarrend nun ſah, wie ſie ſich langſam wandte, um wegzugehen, und gleich darauf bebte es wieder wie ein un⸗ nennbares Glück in ſeiner Bruſt, als ſie noch einmal das glänzende Auge nach der Richtung wandte, wo er ſtand. O, warum durfte er nicht hervorſtürzen, warum nicht ihren Namen rufen, tauſendmal ihren geliebten Namen rufen: Eugenie! Eugenie! warum ſie nicht zurückhalten, ſie um die Seligkeit einer kurzen Unterredung bitten?— Warum durfte er das nicht?— O, das fühlte er wohl, um nicht in ihrem Herzen das mitleidige Intereſſe zu zerreißen, welches das junge ſchöne, blühende Mädchen einſt empfunden, als er ſie geſehen vor der Hütte im Walde, er, der Neffe des Jägers. War doch die Theilnahme, das Mitleid, welches damals aus ihren Augen leuchtete, faſt das Einzige, was ihn ſchmerzlich und doch wieder ſo ſüß an dieſes Leben feſſelte. Sah er ihn doch beſtändig vor ſich, ihren feuchten, glänzenden Blick, als er es gewagt, ihre Hand zu berühren, ihre warme ſüße Hand; ja, als er ſich ſogar unterſtanden, ihre Finger leicht und flüchtig zu küſſen.— O Seligkeit jenes Augenblickes, o tiefer Schmerz des gegenwärtigen!— Es war ihm, als zöge ſie ihn gewalt⸗ ſam nach, wie ſie nun da droben verſchwand; er warf die Hände wie flehend vor, um ſie zurückzuhalten, oder mit dem glühenden Wunſche, ihr folgen zu dürfen, nicht körperlich, ſo elend wie er war, nein, alles Leid, allen Schmerz, ſein Leben hinter ſich laſſend, ihr nahe bleiben, ſie umſchweben zu dürfen, ein ſeliger Geiſt. 4 4 202 Zwanzigſtes Kapitel. Aber ſo freundlich und wohlwollend tritt der Tod nicht leicht zu einem Sterblichen; aufs tiefſte erſchüttert, zuſammen⸗ brechend, ſank der arme Kranke wohl auf die Bank nieder, vor welcher er ſtand, aber ſein Bewußtſein blieb ihm, das Bewußtſein ſeines Elends, ſeines Unglücks, ſeiner Hoffnungs⸗ loſigkeit. Er preßte die Hände vor das Geſicht und war glücklich über die erleichternden Thränen, die aus ſeinen Augen ſtürzten. Als George von Breda zurückkehrte, fand er den Freund ſchwach und willenlos wie ein Kind. Wohl richtete er ſich auf, doch bat er den Baron, ihn noch einige Augenblicke ruhig ſitzen zu laſſen, da ihn eine plötzliche Schwäche über⸗ mannt. „Du wirſt mein Begehren, dich hieher zu begleiten, thö⸗ richt finden,“ ſagte er nach einer Pauſe mit matter Stimme, „und ich habe mir ein wenig zu viel zugemuthet; anderentheils aber hat es mir wohl gethan. Es war vorher eine Aufregung in mir, eine Unruhe, die ich nicht bemeiſtern konnte, die mich die ganze Nacht gequält hätte. Gott ſei DankV! die iſt etwas ge⸗ wichen, und wenn ich mich auch abgeſpannt fühle, ſo bin ich doch ruhiger, angenehm ermüdet. Aber du, mein lieber George, wirſt dich für ähnliche Beſuche bedanken. Nun, das wird ja nicht häufig vorkommen.“ „Sprich nicht ſo, Hugo,“ fiel ihm der Baron ins Wort, „Du kennſt mich doch wohl genugſam, um zu wiſſen, daß ich ein paar Nachtſtunden gern aufbleibe, und beſonders, wenn ein Zweck damit verbunden iſt wie heute. Laß die Grübeleien, erinnere dich lieber an frühere Zeiten, wo wir manch ehrliches Theil des Schlafes geopfert, ohne etwas davon zu haben, Ein Lichtſtrahl. 203 als anderen Tages einen ſchweren Kopf und einen leeren Geld⸗ beutel.“ „Das war damals, als wir ſpielten.“ „Ja, als wir verſpielten,“ erwiderte George von Breda lachend,„und du immer gewanneſt.“ „Ich hatte im Spiel ein ſeltenes Glück,“ ſagte träumeriſch der Graf,„habe aber auch die Wahrheit des Sprüchworts empfunden: Glück im Spiel, Unglück in der Liebe.“ „Das iſt ein Kapitel, worüber du noch nie geſprochen.“ „Und auch nie ſprechen werde. Es liegt in meinen Pa⸗ pieren, und meine Erben brechen es auf,“ recitirte der Kranke mit ſo leiſer Stimme, daß der Andere ſeine Worte kaum ver⸗ ſtand.„Aber jetzt genug des grauſamen Spiels,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Süiſhns nen heiterer fort,„des grauſamen Spiels nämlich, dir deine Nachtruhe zu ſtehlen. Warum ich dich noch plagen vite, iſt, einen Gang mit mir durch den Wintergarten nach deinem ſo oft gerühmten Eßſalon zu machen; ich muß mir das anſehen, denn es iſt faſt lächer⸗ lich von mir, es auszuſprechen, und doch wahr: dein Rath, in meinem Hauſe an der Stadt einen ähnlichen Wintergarten zu bauen, hat mir wirklich gefallen. Es gäbe mir wenigſtens eine Unterhaltung, wenn auch nur für kurze Zeit. Deßhalb laß mich dieſes Appartement ſehen, bis wo es in dein Haus mündet.“ Damit ſchritten die Beiden langſam durch das Glashaus dahin.* „Du haſt die Pläne ſelbſt gemacht?“ fragte der Graf. „Ich k habe ſie entworfen und durch einen Architekten aus⸗ führen laſſen.“ „Den Mann kannſt du mir recommandiren; wenn es 204 Zwanzigſtes Kapitel. dir genehm iſt, kann er mir die genaue Zeichnung des Win⸗ tergartens, des Eßſalons, ja, wenn du nichts dawider haſt, deines ganzen Hauſes machen und mir die ein⸗ zelnen Theile ſelbſt erklären. Mich intereſſirt das. Iſt dir's recht?“ „So recht, daß ich mich herzlich darüber freue, Hugo; ja, es macht mich ganz glücklich, daß du wieder einmal an ſo etwas denkſt und nicht immer von— anderen Dingen ſprichſt. Ich verſichere dich, meine Leidenſchaft iſt das Bauen,“ ſetzte er lachend hinzu,„und wenn du bei dir anfängſt, ſo werde ich deinen Bauaufſeher machen. Ich bringe bei dir neue Dinge an, an welche ich hier leider zu ſpät gedacht. Haſt du wirk⸗ lich Luſt, zu bauen?“ „Es könnte wohl ſein, daß ich etwas bauen will,“ ent⸗ gegnete der Graf mit einem ſonderbaren Tone der Stimme. Faſt ſchämte er ſich, gegen den Freund falſch zu ſein, denn er dachte in Wirklichkeit nicht im Entfernteſten daran. Ihm war es nur darum zu thun, einen Plan des Wintergartens und des Hauſes zu erhalten, um die Stellen zu ſuchen, wo ſie ſich aufhielt, wo ſie wandelte, wo ſie ihre Tage zubrachte.—. Sie befanden ſich jetzt auf der kleinen Terraſſe, die ins Eß⸗ zimmer führte, wo Eugenie geſtanden. Genau auf denſelben Platz trat der Graf ebenfalls und blickte in das Glashaus zurück, wie ſie vor wenigen Minuten gethan. O, ihm war ſo wohl, ſo ſelig in dieſem Augenblicke! Es war ihm, als ſei die Atmoſphäre wunderbar verwandelt, als um vehe ihn ein eigenthümlicher geiſtiger Hauch, und deßhalb ging er faſt bebend in den kleinen Eßſalon. — Ein Lichtſtrahl. 205 „Hier ſpeist ihr jeden Tag?“ fragte er mit leiſer Stimme.- „Faſt jeden Tag, und nachher bleibt meine Frau und Eugenie dort am Kamine ſitzen.“ „So auch heute Abend?“ fragte haſtig der Kranke. „Man ſieht es, dort ſtehen noch die beiden kleinen Fau⸗ teuils.— Und hat deine Fran nicht geleſen?“ ſetzte er mit einem faſt lauernden Blicke hinzu.„Ja, es muß ſo ſein, auf dem Geſimſe des Kamins iſt die Lampe ſtehen geblieben.“ „Ja doch, ſie wird geleſen haben,“ erwiderte unbefangen George von Breda.„Dort hat ſie ihren Platz. Eugenie ſitzt ihr gegenüber.“ „Den Kamin muß mir der Architekt nicht vergeſſen,“ ſprach der Graf ſcheinbar ſehr ruhig.„Es muß ſich vortreff⸗ lich daran ſitzen.“ Bei dieſen Worten ließ er ſich mit einer Aengſtlichkeit, als begehe er etwas Schlimmes, auf den kleinen Fauteuil nieder, in welchem das junge Mädchen geſeſſen. Er blickte beinahe furchtſam auf ſeinen Freund hin, als halte er es für möglich, dieſer könne ſeine Abſicht merken; doch hatte der Baron, gewiß ohne dergleichen zu denken, die Lampe von dem Kamin genommen und ſetzte ſie auf den Tiſch. „ Auch die Zeichnung eines ſolchen Fauteuils bitte ich mir aus,“ fuhr Graf Helfenberg nach einer Pauſe fort; „ich habe wahrhaftig nichts ſo Bequemes. O, wie es ſich angenehm darin ſitzt!“ Und in der That durchſtrömte ihn ein angenehmes, won⸗ niges Gefühl; er fuhr mit der Hand über die Lehne hinab; 206 Zwanzigſtes Kapitel. er legte ſie alsdann auf das Kamingeſims; ja, er berührte nach der Reihe alle Gegenſtände, die er von ſeinem Sitze aus erreichen konnte, den blanken Feuerſchirm, der ſich hin und her rücken ließ, die zierliche Schaufel und Zange, endlich den Teppich zu ſeinen Füßen, um ſich zu überzeugen— ſo ſagte er— ob derſelbe ſehr dick und weich ſei— dann ſtand er ſeufzend auf. „An dieſen Eßſalon,“ ſprach der Hausherr, indem er die andere Thüre öffnete,„ſtößt noch ein kleines Kabinet, welches alsdann ins Haupthaus führt.“ „Das iſt ein hübſches Kabinet,“ antwortete der Graf und dabei trat er hinein bis zur anderen Thür, deren Drücker er leicht mit ſeinen Fingern berührte.„Und nun iſt es gut,“ ſprach er darauf,„mache deiner Frau mein Compliment und ſage ihr, ich laſſe um Entſchuldigung bitten, ſie ſo ſpät am Abend geſtört zu haben; aber ohne Verſprechen, daß ich es nicht noch einmal ſo mache. Der Wintergarten ſei deliciös, und ich hoffe, ihn noch einmal in aller Einſamkeit be⸗ ſuchen zu dürfen. Dann vergiß du mir die Zeichnungen nicht.“ „Daran ſoll es nicht fehlen, und du wirſt ſie ſehr ſchnell erhalten,“ verſetzte George von Breda, indem er den Grafen freundſchaftlich unter den Arm faßte und durch das Eßzimmer nach dem Ausgange des Wintergartens geleitete.„Auch wie⸗ derhole ich dringend meine Einladung, mein Haus als das deinige anzuſehen. Komm, wann du willſt, und du wirſt ſehen, daß wir deinen Wunſch, allein ſein zu wollen, re⸗ ſpectiren.“ „Ich danke dir herzlich,“ antwortete der Kranke, und da⸗ bei reichte er dem Freunde beide Hände;„du haſt mir —-——— Ein Lichtſtrahl. 207 einen angenehmen Abend gemacht. Gute Nacht, mein lieber George!“ „Warum gute Nacht? Ich begleite dich bis in deine Wohnung.“ „Welche Idee! Wozu das?— Auf keinen Fall! Dein Kutſcher wird mich ſicher nach Haus bringen.— Herzlichen Gruß den Deinigen und gute Nacht!“ Damit ſtieg er in das Coupé, und ehe der kleine Fried⸗ rich, der dienſteifrig am Schlage ſtand, dieſen ſchließen konnte, rief er nochmals hinaus:„Aber vergiß mir die Pläne nicht!“ „Gewiß nicht.“ „Gute Nacht!“ Damit rollte der Wagen von dannen, und Graf Helfen⸗ berg befand ſich für kurze Zeit in einer angenehmen, behagli⸗ chen Stimmung. Doch verflogen die libblich gaukelnden Bil⸗ der, welche ihn beim Anblick der freuundlich grünen Bäume des kleinen Eßſalons mit ſeinen traulichen Plätzen umſchwebt, wie ein plötzlich zerriſſener Traum, als nun die kalte, un⸗ heimliche Nacht ihn wieder umgab. Am Himmel wurden die fliehenden Wolken von heftigem Winde gejagt, und die nackten Aeſte der Bäume beugten ſich vor deſſen rauher Hand. Im zweifelhaften Mondlichte erblickte der einſam Fahr ende dort den Weg, der über die Höhe führte nach jenen ſtillen Thä⸗ lern, wo er für kurze Zeit ſo glücklich geweſen war und wie⸗ der ſo entſetzlich elend; nur einen Augenblick ſah er die hellere Straße, dann wurde ſie bei einer raſchen Wendung des Wagens ſeinem Geſichtskreiſe entriſſen,— ja, hinweggeriſſen, wie auch alles, was er liebte, was ihn ſo unendlich glücklich gemacht hätte, hinweggeriſſen wurde von ſeinem ſchmerzer⸗ ſtöhnte: Nein, ich will nicht!— ich will nicht! 208 Zwanzigſtes Kapitel. füllten Herzen. Selbſt die Wolken über ihm flohen rückwärts, keine ſchien freundlich mit ihm ziehen zu wollen; ja, die welken Blätter am Boden, Regen und Schnee mochten nicht einmal mit ihm gemeinſame Sache machen: ſie, die auch vergänglich waren wie er, ſie jagten dorthin, wo er her kam, ſein Pfad ſchien ihnen zu kurz, zu traurig.— Und warum mußte es ſo ſein? Warum konnte er, ſo jung noch, nicht mehr freudig in das Leben hinein ſehen, das ihm des Schönen, des Herr⸗ lichen ſo viel hätte bieten können? Warum ſtand er in den Jahren, wo man ſich freuen und immer inniger fühlen ſoll, ſchon am Ende ſeiner Tage? Warum?— warum? Und dieſes warum? fragte er ſich oft, und bei jeder neuen Frage ſchloß er jetzt, wo er allein war, krampfhafter ſeine Hände, biß er ſich die Lippen blutig.— Warum?— warum? Für die Erde, die jetzt kalt, ſchwarz und finſter um mich liegt, iſt dieſe Sturmnacht, dieſe winterliche Erſtarrung nur ein vorübergehender ſchwerer Traum, warum nicht auch für mich? Gräſer und Blumen, die jetzt der ſtarre Tod umfangen hält, werden aufleben zu einem friſchen Daſein wie früher, warum ich nicht? Sie werden noch mit Liebe angeſchaut werden, noch lange, lange Jahre von leuchtenden, liebenden Menſchenaugen; warum ich nicht? Warum?— warum? Damit biß er aufs Neue die Zähne zuſammen, und wie leuchtende Blitze fuhr das, was er vor kurzer Zeit geſehen, die glänzend beſtrahlten Blätter des Wintergartens, einen zierlichen Rahmen bildend, in welchem ihre wunderbare Ge⸗ ſtalt erſchien, an ſeiner Seele vorüber, und wie es nicht mehr geſchehen ſeit längerer Zeit, ſo erfaßte jetzt auf einmal wieder grimmige Verzweiflung ſein Herz; er bäumte ſich auf und — Ein Lichtſtrahl. 209 Da war es gut für den Unglücklichen, daß in dieſem Augenblicke der Wagen aus ſchnellem Laufe mit einem plötz⸗ lichen Rucke hielt und ſo gewaltſam ſeine finſteren Träu⸗ mereien zerriß. Zu abgeſpannt und gleichgültig, um nach der Urſache des Haltens zu blicken, drückte er ſich feſt in die Ecke des Coupé's, und doch konnte er ſein Ohr, wie er wohl gewünſcht, nicht verſchließen, und vernahm deßhalb die Stimme des Kutſchers, der ſcheltend ſagte:„Das lief noch einmal gut ab, aber wer heißt Euch auch wie toll und blind in meine Pferde hineinlaufen?“ Darauf antwortete eine andere Stimme:„Sie werden mir zugeben, lieber Freund, daß man bei der finſteren Nacht gerade nicht blind zu ſein braucht, des andern Prädikats gar nicht zu gedenken, um mit einem ſo polizeiwidrig raſch fah⸗ renden Wagen, der nicht einmal Laternen hat, auf höchſt un⸗ angenehme Art zuſammen zu gerathen. Statt zu ſchimpfen, hätten Sie beſſer gethan, ſich zu entſchuldigen; item, merken Sie ſich das für ein ander Mal.“ Der Graf horchte auf, als er dieſe Stimme vernahm, die ihm bekannt vorkam; er blickte hinaus. Schon ſetzte ſich der Wagen in Bewegung, da erkannte er die kleine Geſtalt des Armenarztes, der an der Straße ſtand und heftig mit ſeinem Regenſchirm geſticulirte. Warum mußte gerade dieſer die Urſache ſein, daß der Graf ſeinen finſteren Gedanken entriſſen wurde? Warum mußte ihm der Arzt gerade jetzt in den Weg treten, als er verzweifelnd nirgend mehr Hülfe und Rettung ſah? Oft er⸗ ſcheint, wenn wir in dunkler Nacht gehen, dicht vor unſeren Augen etwas wie ein zuckendes Licht— es iſt nicht das Hackländer, Don Quixote. II. 14 210 Zwanzigſtes Kapitel. Leuchten eines Blitzes, es iſt nicht der Strahl eines Sternes, aber es zerreißt auf Momente die troſtloſe Finſterniß, es iſt im Stande, unſere Gedanken zu wenden. So war es dem Grafen, als er plötzlich die kleine Geſtalt des Arztes der Armen, ſeines Arztes vor ſich ſah; gehörte er doch auch zu denen, die in deſſen Pflege waren; war er doch ärmer als alle die Armen. Ein Zug an der Schnur, die von dem Arme des Kut⸗ ſchers in das Coupé hinein ging, machte die Pferde augen⸗ blicklich wieder halten; Graf Helfenberg öffnete den Schlag und rief den Namen des Doktors, welcher alsbald näher trat und erſtaunt ausrief:„Aber ums Himmels willen, Euer Erlaucht, bei dieſem Wetter auf der Straße? Sie werden mir erlauben, daß mich das faſt noch mehr wun⸗ dern muß als vorhin der Ueberfahrungs⸗Berſuch Ihres Kut⸗ ſchers.“*— 3* Und Sie, beſter Doktor, was machen Sie ſo ſpät nes 4 2 WBas ich ſ o ſpät hier mache? O, gnädiger Herr, den 8. 1 chen und den Aerzten ſchlägt keine Stunde.“ „Erklären Sie mir das deutlicher. Aber, wenn ich bitten darf in meinem Wagen— ich fahre Sie nach Hauſe.“ Meinetwegen denn; ich folge Ihrem Befehl. Aber ehe ich einſteige, werden Sie mir die Bemerkung erlauben, daß bei dieſem Nachhauſeführen doch nur die Wohnung Euer Er⸗ laucht gemeint ſein kann.“. „Nein, nein, die uige, lieber Doktor,“ ſagte haſtig der Graf.„Aber kommen Sie in den Wagen.“— Der kleine Arzt war immer ned auf dem Tritte des Wagens ſtehen geblieben. Ein Lichtſtrahl. 211 „Euer Erlaucht werden mir verzeihen, wenn ich in dem Punkte eigenſinnig bin wie ein altes Maulthier. Aut Caesar, aut nihil, das heißt nach Ihrer Wohnung fahren oder gar nicht.“ „Ich ſehe wohl, mit Ihnen iſt nicht zu ſpaßen. So kommen Sie denn herein. Wenn Sie aber vorher die Ge⸗ fälligkeit hätten, dem Kutſcher zuzurufen, er ſolle nach Hauſe fahren, ſo wäre ich ſehr dankbar dafür.“ Alſo that Doktor Flecker, dann ſchüttelte er ſeinen Regen⸗ ſchirm ab und trat in das Coupé, welches im raſchen Laufe der Pferde davon fuhr. Gleich darauf erreichten ſie das Pflaſter, wo das Rollen auf den Steinen die Converſation ſehr beſchwerlich gemacht hätte, weßhalb eine ſolche unterblieb. Wenige Zeit nachher kamen ſie auch vor das Palais des Grafen, der Wagen hielt unter dem Thorbogen, und augenblicklich wurde der Schlag geöffnet, worauf der. Doktor zum großen Erſtaunen der Dienerſchaft dem Coupé entſprang. Sorgfältig half er dem Grafen ausſteigen und geleitete ihn bis an die Haustreppe. Hier wollte er ſich empfehlen, doch ſagte ihm der Kranke: „Wenn Sie nicht gar zu ſehr preſſirt wären, mein lieber Doktor— eine Frau, die Sie ſehnlich erwarten könnte, haben Sie, glaube ich, nicht— ſo würde ich es als eine Gunſt anſehen, wenn Sie noch eine halbe Stunde bei mir eintreten wollten. Es wäre ein gutes Werk, mit mir noch ein wenig zu plaudern, das wäre Redept und Arznei, die Sie einem armen Kranken, wie ich bin, nicht vorenthalten dürfen.“ „Und woraus ich mir ein Vergnügen mache,“ entgegnete heiter der Doktor.„Wenn Eure Erlaucht mir alſo erlauben, ———O———— 212 Zwanzigſtes Kapitel. ſo ſteigen wir hinauf. Die Luft auf der Treppe iſt ein bis⸗ chen kühl.“ Damit faßte er den Grafen unter den Arm, und Beide ſtiegen langſam an den Ritterfiguren, die bei den flackernden Lichtern, welche die Lakaien trugen, faſt freundlich ausſahen, vorüber, die Treppe hinauf. Der alte Portier drunten blickte ſeinem Herrn und deſſen Begleiter einen Augenblick voll Theilnahme nach, dann patſchte er Einem von der Dienerſchaft, der bei ihm ſtehen geblieben war, mit der dicken, fleiſchigen Hand auf die Bruſt und ſagte:„Wenn ich je einmal König werden ſollte, der kleine Doktor müßte mein Leibarzt werden. Was der Mann mit den einfachſten Hausmitteln auszurichten verſteht, davon habt Ihr gar keine Idee.“. Dieſes Lob des alten Pförtners gründete ſich darauf, daß ihm der Doktor bei allerlei Magen werden, die er häufig hatte, bald dieſen, bald jenen Liqueur verordnete, oder ihn bei Indigeſtionen mehrere Tage lang auf Ka⸗ millenthee und ſonſt nichts geſetzt hatte.— Hausmittel in der That, die denn auch immer eine vortreffliche Wirkung geäußert. Der Graf war ſchon längſt oben in den Zimmern ver⸗ ſchwunden, als ihm der Portier immer noch nachblickte, immer noch kopfnickend, in tiefes Nachſinnen verſunken, und dann, ehe er in ſeine Loge zurücktrat, ſeufzend bemerkte:„Ja, Haus⸗ mittel! Hausmittel! die hätten dem armen Herrn auch beſſer gethan als all die Kuren, mit denen ſie ihn ſchon gequält haben. Wie ſchon geſagt, ich König und der kleine Doktor da mein Leibarzt.“— Oben in dem uns bekannten Kabinette angekommen, ließ Ein Lichtſtrahl. 213 ſich Graf Helfenberg, von dem Exceß, den er begangen, doch einigermaßen ermüdet, in ſeinen Lehnſtuhl am Kamine nieder, nachdem der Kammerdiener für den Doktor einen anderen herbeigerollt. „Sie ſind Raucher?“ „Zu Haus ein Anhänger der langen Pfeife.“ „Rehmen aber auch ausnahmsweiſe eine Cigarre?“ „Mit Vergnügen.“ „Und was glauben Sie, beſter Doktor,“ fuhr der Haus⸗ herr lächelnd fort,„zu einem Tropfen ſehr guten Punſch? Das könnte nach der Fahrt in der kalten Nacht wohl nichts ſchaden?“ „Ich glaube nicht, daß wir damit ein Unrecht begingen,“ meinte lachend Doktor Flecker. Der Kammerdiener entfernte ſich, ohne einen weiteren Befehl abzuwarten. und erlauben Sie mir auch ein Glas?“ fragte der Hausherr. „Immerhin, das wird Eurer Erlaucht nicht den geringſten Schaden thun.“ „Schaden mehr thun, wollten Sie ſagen,“ erwiderte der Andere und betonte das„mehr“ ſehr ſcharf.„So ſeid ihr Aerzte. Zuerſt quält ihr uns mit Arzneien und Enthalt⸗ ſamkeit, um am Ende der Sache ihren Lauf zu laſſen, wie Gott will.“ „So war es in der That nicht gemeint,“ verſetzte der Armenarzt.„Ich halte einen guten Punſch für ein ſehr un⸗ ſchuldiges Getränk.“ „Sei es darum,“ ſprach Graf Helfenberg, indem er ſich in ſeinem Fauteuil ausſtreckte.„Wir wollen einmal einen 8 214 Zwanzigſtes Kapitel. kleinen Exceß begehen auf Ihre Verantwortung. Die Cigarre habe ich mir ſchon zugelegt, und da Sie es erlauben, alſo auch ein paar Tropfen Punſch.“ Dieſer wurde auch im nächſten Augenblicke von dem Kam⸗ merdiener in einer kleinen Kryſtallbowle gebracht. Derſelbe füllte auf den Wink des Grafen zwei Gläſer und verließ eben ſo ſchweigend wie vorhin das Zimmer. „Wo kommen Sie denn ſo ſpät 8. beſter Doktor,“ fragte der Hausherr nach einer Pauſe,„bei dieſem entſetzlich ſchlechten Wetter?“ „Natürlich von einem Kranken, Erlaucht.“ „Aber da draußen wohnt ja Niemand mehr.“ „O ja, in den kleinen Häuſern an der Chauſſee viele arme Leute.“ „Richtig, arme Leute.“ „Meine Patienten.“ Der Graf ſah mit einem Blick der Theilnahme auf den kleinen Doktor, der behaglich aus ſeinem Punſchglaſe ſchlürfte. Sein Rock war überaus einfach, auch nicht nach neuem Schnitt, und das wirklich abſcheuliche Wetter hatte ſeine Stiefel und den unteren Theil ſeiner Beinkleider ziemlich ſtark mit⸗ genommen. „Ich hatte da einen ſehr ſchönen, intereſſanten Fall,“ ſagte der Doktor, wobei er in die glühenden Kohlen des Kamins blickte.„Ein ſchwerer Fall, der mich recht freut.“ „So!l ein ſchwerer Fall kann den Arzt recht freuen?“ „Das will ich meinen, je nachdem der Ausgang iſt. — Daß wir Aerzte,“ fuhr der Doktor fort,„ſehr häufig im Dunkeln umher tappen, iſt eine alte Geſchichte, und ſehr wahr das Gleichniß mit dem Stock und dem Topf; Ein Lichtſtrahl. 215 auch wird gar zu häufig der Topf getroffen. Um ſo freu⸗ diger iſt es dann aber für Jemand, der ſeine Wiſſenſchaft wirklich von Herzen liebt, wenn ihm auf einmal im Finſtern ſelbſt der unbedeutendſte Lichtſtrahl erſcheint, wenn man einſieht, man war auf falſchem Wege, und biegt nun plötzlich mit aller Sicherheit endlich in die richtige Straße ein.“ Der Graf ghatte den Kopf auf die Hand geſtützt und lauſchte aufmerkſam.„So geben Sie zu,“ ſagte er nach einem kleinen Stillſchweigen,„daß ihr Aerzte euch öfters irrt?“ „Davon iſt Niemand beſſer überzeugt, als ein denkender Arzt ſelbſt,“ erwiderte eifrig der Andere. „Und doch habe ich noch nie gehört,“ ſprach der Graf, „daß ein Arzt ſelbſt beim ſchwierigſten Falle in Verlegenheit gekommen wäre, augenblicklich zu ſagen: Dies oder Das iſt die Krankheit des Patienten.“ „Es gibt allerdings Bevorzugte unſerer Kunſt, die, ich möchte ſagen, von der Natur mit einem glücklichen Scharf— blick begabt ſind, um ſogleich die Diagnoſe einer Krankheit ſtellen zu können.“ „Die ſich aber auch irren können und dann wieder um ſo weniger geneigt ſind, den falſchen Schritt, den ſie viel⸗ leicht gethan, anzuerkennen. O, ich kenne das!“ bemerkte der Graf. Hierauf verſank er wieder in tiefes Nachdenken, doch ſchien daſſelbe unangenehmer Art zu ſein; ſein Kopf glitt von der Handfläche herab, und die Finger gruben ſich in ſein Haar. Doktor Flecker blickte mitleidig zu ihm hinüber und hatte 216 Zwanzigſtes Kapitel. offenbar eigenthümliche Gedanken, als er in dem prächtigen Kabinet umherſchaute, all dieſen Reichthum, all dieſen Luxus ſah und dazu die zuſammengebrochene Geſtalt des jungen Mannes vor ſich. Dieſer richtete ſich nach einiger Zeit haſtig in die Höhe, warf einen feſten, durchdringenden Blick auf den Arzt und fragte ihn mit ſcharfem und beſtimmtem Tone:„Und was mir fehlt, darüber ſcheint bei allen Aerzten kein Zweifel zu herrſchen, und Ihre Anſicht vereinigt d mit denen der Uebrigen.—— Bitte, lieber Doktor, geben Sie mir eine Antwort,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, als der Arzt achſel⸗ ‚zuckend ſchwieg. „Ich hatte, wie Eure Erlaucht am beſten wiſſen, noch nie Gelegenheit, Ihren Zuſtand genauer zu unterſuchen. Wenn ich mir ein Urtheil nach dem bloßen Augenſchein erlauben dürfte, ſo ſtimmt es allerdings mit dem überein, was ich von Ihrem Zuſtande gehört.“ „Daß ich—? Bitte, ohne Umſchweife!“ „Daß ſich bei Eurer Erlaucht Symptome eines Rücken⸗ markleidens zeigen.“ „Symptome!“ lachte bitter der Kranke.„Davon kann nicht mehr die Rede ſein, ſondern von einer ausgebildeten Krankheit unter den gefährlichſten Anzeichen.— Oder den beſten,“ ſetzte er finſter hinzu,„wenn ich endliche Erlöſung für ein Glück halte.“ Er drückte ſeine rechte Hand feſt auf die Stirn, dann fuhr er fort:„Ja, ſv iſt es; ſo haben mir eine Menge Ihrer Collegen geſagt, und darauf hin habe ich Kuren durch⸗ machen müſſen, die oft ſchlimmer waren, als meine Leiden ſelbſt. Nehmen wir alſo an: es iſt, wie auch Sie ſagen. Ein Lichtſtrahl. 217 Und ich bin jetzt ſelbſt ſo davon überzeugt, daß ich ſeit langer Zeit mit Niemandem mehr darüber ſprach. Doch ich weiß nicht, wie es kommt, beſter Doktor— bin ich heute Abend durch einige Zufälligkeiten erregter, empfänglicher, als ſonſt?— Genug, ich habe ein ſolches Vertrauen zu Ihnen gefaßt, daß ich— nicht an eine Rettung glaubend,“ ſprach er, bitter lächelnd—„aber einen Troſt darin finde, gerade mit Ihnemgein paar Worte über meinen Zuſtand zu reden.“ „Was mir vom höchſten Intereſſe iſt!“ entgegnete Doktor Flecker, wobei er ſich vornüberbeugte und ſeine Brillengläſer ſcharf auf den Kranken richtete. „Es iſt vielleicht kindiſch von mir,“ meinte Graf Helfen⸗ berg mit einer leicht vibrirenden Stimme;„aber bitte, wiederholen Sie mir nochmals, daß auch Aerzte ſich irren können!“ „Recht gern und mit beſtem Gewiſſen!“ verſetzte lachend der Doktor.„Es irren ſich nicht nur Armenärzte und Ar⸗ mendoktoren, die das Recept für ſechs Kreuzer ſchreiben, ſondern auch Geheime Obermedicinal⸗ und Sanitätsräthe, Generalſtabs⸗, Hof⸗ und Leibärzte, und wie alle die vor⸗ nehmen Chargen heißen mögen, die der liebe Gott zur Beglückung des leidenden Menſchengeſchlechts in dieſe liebe Welt geſetzt.“ „Gut denn. Wenn ich eine Indigeſtion habe,“ fuhr der Graf fort,„ſo habe ich vielleicht zu ſtark dinirt; einen Ka⸗ tarrh, ein ſchlimmes Fieber oder dergleichen, ſo habe ich mir das durch eine Erkältung zugezogen. Welche Urſache liegt nun meinem Leiden zu Grunde? Ich weiß, was Sie mir als Arzt entgegnen werden und was mir ſchon un⸗ 1 1 1 9” 218 Zwanzigſtes Kapitel. zählige Mal entgegnet worden iſt. Nachdem ich lange in die betreffenden Aerzte gedrungen, ſprach man achſelzuckend und bedauernd von einer wild verlebten Jugend, von mei⸗ nen Reiſen in Italien, meinem Aufenthalte in Paris, und was alles ſonſt noch. Nun kann ich Ihnen aber mein heiliges Ehrenwort geben— was ich bis jetzt nicht der Mühe werth gehalten,“ ſetzte der Kranke ſtolz hinzu,„und woraus Sie ſehen können, lieber Doktoug wie ſehr ich Sie ſchätze und achte— daß ich weniger wild gelebt, als Tau⸗ ſende meiner Bekannten; daß meine Reiſen in Frankreich und Italien von keinen Extravaganzen begleitet waren. Ja, ich will Ihnen geſtehen, was ich nie einem Menſchen ge⸗ ſtand, daß ich eben dieſe letzten Reiſen, von welchen man meine Leiden herſchreiben will, mit dem geliebten Bilde eines Mädchens in meinem Herzen machte, das mir als Schutzgeiſt diente und mich von Vielem, Vielem zurückhielt. Was ich Ihnen eben ſagte,“ fuhr der Graf mit feierlicher Stimme fort, indem er die Hand erhob,„iſt die ſtrengſte Wahrheit, und wenn Sie mich in einer ſchweren Stunde wieder darum befragen würden, ſo könnte ich mit dem beſten Gewiſſen nicht anders ſprechen. Glauben Sie alſo meinen Worten?“ „Ich glaube feſt daran!“ entgegnete der Armenarzt mit weichem Tone. „Das vorhin Angegebene kann alſo nicht die Urſache meiner Leiden ſein; noch weniger aber ſind ſie ererbt; denn auch Sie werden vielleicht wiſſen, daß ſich mein Vater und mein Großvater derſelben vortrefflichen Geſundheit erfreuten, wie ich ſelber bis zu jenem Augenblicke, wo ich die Anfänge meines Leidens fühlte.“ Ein Lichtſtrahl. 219 „Und dieſes Augenblickes erinnern Sie ſich deutlich?“ „Als wenn es heute wäre! Es traf da Einiges zuſammen, was mich auch ſonſt ihn nicht leicht vergeſſen ließe.“ Der Doktor hatte mit der größten Aufmerkſamkeit zu⸗ gehört. „Darf ich Eure Erlaucht,“ ſagte er alsdann,„um eine Mittheilung aus jener Zeit bitten 2 Wenn Ihnen das näm⸗ lich thunlich erſcheint,“ ſetzte er, wie ſeine Forderung ent⸗ ſchuldigend hinzu. „Warum nicht! Es iſt mir ſogar eine Erleichterung,“ erwiderte Graf Helfenberg.„Es war zu Rom während des Carnevals; wir hatten alles mitgemacht, was ein Fremder in dieſer tollen Zeit mitzumachen pflegt: wir befuhren den Corſo, wir beſuchten Theater und Bälle, wir amuſirten uns bis gegen Morgen, während wir die Hälfte des Tages ver⸗ ſchliefen.“ 3 4 „Der Herr Graf ſagten: wir; dürfte ich fragen, wen Sie unter dem Wir verſtehen?“ „Ja ſo, das habe ich vergeſſen. Ich traf in Florenz einen Ruſſen meines Alters, der mir ausnahmsweiſe ſympa⸗ thiſch war, ja, zu dem ich mich ſo hingezogen fühlte und er zu mir, daß wir in kurzer Zeit unzertrennlich waren, in eine Wohnung zogen und alle Excurſionen zuſammen machten. Es war ein nobler Charakter und wiſſenſchaftlich weit ge⸗ bildeter, als ich, was am Ende nicht viel ſagen will; aber er hatte in der That enorme Kenntniſſe, hatte ſchon mehrere Jahre in Italien zugebracht, und ſprach die Landesſprache mit einer wunderbaren Fertigkeit, faſt ohne fremden Accent. Wir ſahen einander ähnlich, ja, man hatte uns ſchon für 220 Zwanzigſtes Kapitel. Brüder gehalten. Seine Kenntniß des Landes und der Sprache halfen ihm bei manchen ſeiner tollen Abenteuer.— Ja, er führte zuweilen ein tolles Leben,“ ſprach der Kranke nach einer Palſſe ſeufzend;„bei ihm würde mich Alles nicht wundern, und er iſt friſch und geſund.— Aber weiter. „Eines Tages während des Carnevals war ich unwohl und blieb zu Hauſe; er fuhr allein auf den Corſo, ſpeiste mit mir und ging allein auf den Ball, von wo er endlich ſpät in der Nacht nach Hauſe kam und es nicht unterlaſſen konnte, mich zu wecken, um mir eine der köſtlichſten Geſchichten zu erzählen, ſo ſagte er, die ihm jemals paſſirt. Ehe ich auf den Corſo ging, erzählte er, ſchlenderte ich zu meinem Schnei⸗ der, um mir einen Maskenanzug für den Abend zu beſorgen; ich ſah da einen einfachen, aber ſehr eigenthümlichen Do⸗ mino, und ich weiß nicht, wie mir die Idee kam, einen ſol⸗ chen für den Abend haben zu wollen. Der Schneider machte wegen der Kürze der Zeit und auch ſonſt noch wegen etwas, das ich damals nicht begriff, Schwierigkeiten, aber mit Gold kann man Vieles durchſetzen. So verſprach er mir denn den gleichen Domino, hielt auch ſein Wort, und ehe ich auf den Ball fuhr, warf ich bei ihm den beſtellten Anzug über meine Kleider. Der Ball war⸗ voll Masken und des bekannten tollen Gewühls. Ich fand wenig Bekannte und amuſirte mich Anfangs. Endlich aber werde ich von einem ſchwarzen weiblichen Domino auffallend intriguirt; derſelbe hatte eine ſtahlblaue Atlaßmaske vor dem Geſichte, aus dem ein Paar glänzender Augen hervorſtrahlte. Eine gute Weile glitten wir bei einander vorüber, uns bald hier, bald da im Saale treffend und einige Worte wechſelnd. Das dauerte vielleicht eine halbe Stunde, worauf die Unbekannte ver⸗ Ein Lichtſtrahl. 221 ſchwunden war. Kurz darauf aber vernahm ich ihre Stimme wieder, doch hatte ſie jetzt einen roſa Domino und eine weiße Maske. Man hat nun meine Spur verloren, ſagte ſie. Haſt du deinen Wagen drunten?— Was ſollte ich antworten? Ohne mich aber viel zu beſinnen, entgegnete ich, allerdings ſei der Wagen drunten.— So laß ihn dicht an der Treppe vorfahren, antwortete ſie, ich folge im Augenblicke. Da hatte ich den Anfang des ſchönſten Abenteuers, und ich be⸗ ſchloß, Gebrauch davon zu machen, berichtete mein leicht⸗ ſinniger Ruſſe weiter. Ich ließ meinen Wagen vorfahren, der roſa Domino folgte, wie er geſagt, wir ſtiegen ein. Wohin? fragte ich. Das wird doch dein Kutſcher wiſſen, entgegnete ſie, nur fort, fort! wir dürfen hier nicht halten. Ich gab Frangois ein Zeichen, und der Wagen rollte davon. Wohin? war mir vorderhand gleichgültig, daß aber mein Kutſcher ſtille, dunkle Straßen aufſuchen würde, dafür kannte ich ihn. So fuhren wir alſo in der Finſterniß fort, ich ſehr geſpannt auf die Entwicklung dieſer Geſchichte. Der Anfang dieſer Entwicklnug ließ auch nicht lange auf ſich warten; ſie drängte ſich an meine Bruſt, indem ſie ſagte: Den ganzen Tag habe ich vergebens nach dir ge⸗ ſehen, du böſer Menſch; warum kamſt du nicht 2— Da man in Rom zur Zeit des Carnevals bei ähnlichen Veranlaſſun⸗ gen nirgendwo anders hinkommen kann, als auf den Corſo, ſo antwortete ich kecklich, ich ſei mehrere Stunden dort geweſen, was auch keine Lüge war.— Aber unter unſerem Balcone habe ich dich nicht geſehen, forſchte ſie weiter.— Mußte ich mich denn nicht in Acht nehmen? erwiderte ich, das römiſche Leben kennend; er ging ja gar aunticht von deiner Seite.— Ach, das iſt wahr! feufzte ſie; leider ging Zwanzigſtes Kapitel. 222 4 er nicht von meiner Seite, auch heute Abend nicht, und wenn mir nicht Cecce geholfen hätte— ſie ſpaziert mit meinem ſchwarzen Domino und meiner blauen Maske ſtatt meiner oben im Saale— ſo wäre es mir auch jetzt nicht einmal möglich geweſ„ dich einen kleinen ſüßen Augenblick zu ſehen. „So erzählte mein Ruſſe,“ fuhr der Graf fort, und als er ſo erzählt, lächelte er vergnügt in ſich hinein, ehe er weiter ſprach: Ja, ſie hatte Recht, wir ſahen uns einen kleinen, ſüßen Augenblick, bei welchem ich vor Entzücken und auch wieder vor Angſt zitterte wie nie in meinem Leben. Anfäng⸗ lich hatte ich geglaubt, es ſei auf eine Prellerei abgeſehen und ich habe es mit einer liſtigen Perſon zu thun. Aber das war ſie nicht, und wenn auch eine Roſe ohne Dornen, ſo war ſie doch eine friſche Roſe.— Wir kamen glücklich auf den Ball zurück, und ſomit wäre das Abenteuer in allen Theilen glänzend ausgefallen, wenn ich ſo klug geweſen wäre, mich darauf nach Hauſe zu begeben. Ich blieb aber noch da, und als ich nach ein paar Stunden verſchwinden wollte, traf ich bei einer Ausgangsthür Naſe an Naſe mit jenem Domino zuſammen, deſſen Copie ich war. Da ich mich im Unrecht wußte, ſo blieb ich erwartend ſtehen, doch ließ mich der An⸗ dere unangeredet vorüber, nur ſah ich aus ſeiner ſchwarzen Maske ein paar blitzende Augen auf mich gerichtet. So langſam wie möglich ſtieg ich die Treppen hinab, um ihm Zeit zu laſſen, mir zu folgen, was er übrigens nicht that, und erreichte unangefochten meinen Wagen, ſetzte mich hinein und fuhr nach Hauſe. erzählte er mir,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe auch ich war leiciſingig genug, über das köſtliche Ein Lichtſtrahl. 223 Abenteuer, wie er es nannte, mit ihm zu lachen.— Es ſollte aber ſeine ernſten Folgen haben.“ „Das kann ich mir denken,“ ſagte kopfnickend der Armen⸗ arzt, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehorcht. „Schon den anderen Abend,“ ſprach der Graf weiter,„als wir vom Monte Pincio über die ſpaniſche Treppe hinab ſtiegen — es dunkelte bereits— drängte ſich ein Kerl an uns und ſtieß plötzlich mit dem Meſſer nach mir. Mein Freund aber hatte die verdächtige Bewegung bemerkt, und von einem tüch⸗ tigen Fauſtſchlage getroffen, rollte der Bandit die Stufen hinab. Aehnliches wiederholte ſich indeſſen in den nächſten Tagen, und dabei war es merkwürdig und nicht gerade an⸗ genehm für mich, daß meiſtens mir die Attentate galten. Ich muß geſtehen, daß mein Ruſſe darüber in Verzweiflung war und, als dieſe Anfälle gar nicht mehr aufhören wollten, zur Abreiſe rieth. Wir trafen denn auch alsbald dazu unſere Anſtalten; doch ehe wir uns in den Reiſewagen ſetzten, erkrankte mein Freund plötzlich, anſcheinend mit gefährlichen Symptomen, ſo daß er zurückbleiben mußte. Natürlich wollte ich ihn nicht verlaſſen, doch beſchwor er mich, nach Neapel vorauszugehen, wobei er die Hoffnung ausſprach, mir bald nachfolgen zu kön⸗ nen. Dagegen ſtellte ich ihm vor, wie es mir für ſeine Pflege beſſer erſcheine, wenn ich in der Nähe bleibe.— Umſonſt! er verſicherte mir, die Angſt wegen neuer Anfälle würde ihn nicht zur Ruhe kommen laſſen und immer kränker machen. Einmal aus dem Kirchenſtaate hinaus würden dieſe Geſchichten ſchon auf⸗ hören. Was ihn ſelbſt anbelange, ſo müſſe er jedenfalls einige Zeit zu Hauſe bleiben, könne ſich alſo vollkommen ſchützen, und dann ſcheinen auch unſere unſichtbaren Feinte ger fe⸗ ſten Meinung zu ſein, ich ſei der Uebelthäter.— ereſſirt 224 Zwanzigſtes Kapitel. es Sie auch, Doktor, was ich Ihnen erzähle?“ unterbrach ſich der Hausherr und nahm ein paar Tropfen von ſeinem Punſche. „Ob es mich intereſſirt!“ erwiderte der Armenarzt.„Ich bin ſehr begierig auf den Verlauf und Schluß.“ Und wirklich hatte er auch die Stellung Jemandes angenommen, der mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu⸗ horcht. Schon eine lange Zeit ſaß er vornübergebeugt und hielt ſein Punſchglas in der Hand, und die vortreffliche Ci⸗ garre war ihm längſt ausgegangen, ohne daß er es zu be⸗ merken ſchien. „Bitte, Erlaucht,“ ſagte er,„laſſen Sie mich nicht zu lange auf das Ende warten.“ „Wir ſind bald am Ende,“ entgegnete der Graf.„Ich verließ Rom und meinen Freund mit ſchwerem Herzen, nach⸗ dem ich noch für ihn gethan, was ich gekonnt. So ließ ich unter Anderem meinen deutſchen Kammerdiener bei ihm zurück, und behalf mich mit einem Italiener, der ſich mir herren⸗ los bei meiner Abreiſe vorſtellte und der ein vortrefflicher Bedienter war.“ „Ah!“ machte der Doktor, und dieſes„Ah!“ klang halb wie ein Seufzer, halb wie ein Ausruf der Ueberraſchung. „In Albano,“ fuhr der Kranke fort,„blieb ich faſt acht Tage, immer hoffend, der Zuſtand meines Reiſe⸗Geſellſchafters würde ſich⸗ vielleicht beſſern und ihm erlauben, mir zu folgen. — Vergebens.—— Aber hier in Albano war es, beſter Doktor,“ ſagte der Graf mit einem düſteren Blicke auf ſein Gegenüber,„wo ſich die erſten Anfänge meines Aüdeus ——— 2 5 —.— Ein Lichtſtrahl. 225 „Da ſchon? Ja, es iſt möglich,“ entgegnete der Arzt mit ganz leiſer Stimme. „Ich ſpürte eines Morgens eine leichte, aber vorüber⸗ gehende Schwäche in meinen Gliedern; es flimmerte mir wie ein Nebel vor den Augen, auch hatte ich Bruſtbeklemmungen. Das ging aber vorüber und ich dachte nicht weiter daran. Erſt als ich einige Zeit in Neapel war— mein Freund war vierzehn Tage nach meiner Abreiſe wieder hergeſtellt und eingetroffen— ſtellten ſich abermals dieſelben Erſchei⸗ nungen ein und blieben mir von da an,“ ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu,„beſtändige und treue Begleiter. Ich zog die berühmteſten Aerzte zu Rathe, man zuckte die Achſeln, man rieth mir, Italien zu verlaſſen, deutſche Bäder zu gebrauchen. Doch ſah ich wohl an den Mienen Ihrer italieniſchen und franzöſiſchen Collegen, von welcher Art ſie mein Leiden hielten und welche Urſachen man demſelben un⸗ terlegte.“ „Und jener italieniſche Bediente,“ forſchte der Doktor mit einer wahren Aengſtlichkeit,„den Sie in Rom an⸗ nahmen? Blieb er lange bei Ihnen? Wann und wo ver⸗ ließ er Sie?“ „Er verließ mich in Neapel, wenige Zeit nachher, nachdem der Ruſſe mit meinem Kammerdiener dort eingetroffen war. Er ging nach Rom zurück, wohin ihn Familien⸗Angelegen⸗ heiten riefen.“ „Er ging nach Rom zurück,“ wiederholte der Doktor mit dem gewöhnlichen Tone ſeiner Stimme, dann ſetzte er hinzu, aber ſo leiſe, daß der Kranke ſeine Worte nicht ver⸗ ſtehen konnte:„Nachdem ſein Werk vollendet;— ein Licht⸗ ſtrahl! ein Lichtſtrahl!“ Hackländer, Don Quixote. II. 15 226 Zwanzigſtes Kapitel. Doch blickte er in die Höhe, und man hätte ſehen müſſen, wie ſeltſam ſeine Augen glänzten, wenn die blaue Brille nicht geweſen wäre. „Daß es mir bei deutſchen Aerzten und in deutſchen Bä⸗ dern nicht beſſer ging,“ ſagte der Graf nach einer Pauſe,„haben Sie gehört und ſehen es mir woͤhl auch an. Ich las es auch in den Mienen berühmter Leute Ihres Faches, daß ich ein verlorner Mann ſei.“ „Und ſprachen Sie bei dieſen Conſultationen,“ fragte Doktor Flecker,„nie von dem Vorfalle in Rom, wie Sie mir ihn erzählten? Thaten Sie das nie?“ „Wohl that ich es, und erinnere mich dabei wohl einer ſarkaſtiſchen Aeußerung, die mir in die Seele ſchnitt. Es fragte mich einer Ihrer Collegen, ob ich ſelbſt recht viele ſolcher Aben⸗ teuer beſtanden, wie ich da von meinem ruſſiſchen Reiſegeſell⸗ ſchafter erzählt. Was ſollte ich darauf erwidern? Ich zuckte die Achſeln und ſchwieg.“ Das Benehmen des Armenarztes hatte ſich gegen das Ende der Erzählung auf eine merkwürdige Art verändert; ſo unbeweglich er vorhin da geſeſſen, Punſchglas und Ci⸗ garre in der Hand, ſo beweglich war er jetzt mit einem Male geworden; dabei ſchien er ſehr zerſtreut; denn er ſetzte das Punſchglas in die Aſche des Kaminfeuers, während er die Cigarre auf das Kamingeſimſe legte. Dann rückte er hin und her, wie Jemand, dem es unbehaglich iſt, ſtill ſitzen bleiben zu müſſen, und der gern auf und ab laufen möchte, um irgend etwas, das ihn auf der Seele drückt, Luft zu machen. Auch geſticulirte er ſonderbar mit Armen und Händen, fuhr jetzt mit der einen Hand durch ſein Haar und nahm mit der anderen die Brille ab, um deren Gläſer Ein Lichtſtrahl. 227 zu wiederholten Malen mit ſeinem Rockzipfel zu putzen. Wenn er aber für Momente ſo ohne Augengläſer da ſaß, ſo hätte der Graf bemerken können, wie der Blick des Doktors jetzt außerordentlich heiter, dann wieder tief betrübt ſchien, und dazu paßte auch vollkommen die Stellung ſeiner Mund⸗ winkel, nach welcher man hätte glauben ſollen, er wolle jetzt laut auflachen und gleich darauf in ein betrübtes Weinen ausbrechen. „Für das, was Sie mir mitgetheilt, Herr Graf,“ ſprach er nach einem längeren Stillſchweigen,„ſage ich Ihnen meinen beſten Dank. Wenn ich Ihnen bemerke, daß ich viel daraus gelernt, ſo werden Sie mir hoffentlich glauben. Dabei kann ich Ihnen allerdings nicht verſchweigen, daß ich mich gewiß nicht für geſcheidter halte, als unzählige meiner Collegen; aber Sie werden mir zugeben, daß es im Menſchenleben Augenblicke gibt, wo man— wie ſoll ich in der Geſchwin— digkeit ſagen?— empfänglicher iſt, aufgeweckter, erleuchte⸗ ter— erleuchteter, das iſt das Wort! wo einem plötzlich auf Momente die Nebel ſchwinden, die der liebe Gott ſo weiſe über Vieles in ſeiner Schöpfung gebreitet, wo man einen Blick thut in der Weſen Inneres, vor dem man zurück⸗ ſchrict aus Freude und Entzücken.—— Aber nein, nein!“ unterbrach er ſich ſelber, indem er aufſprang und ſich, mit den Händen heftig geſticulirend, dicht vor den Grafen ſtellte; „ich muß das ruhiger ſagen. Sie werden am Ende glauben, Herr Graf, der allerdings vortreffliche Punſch habe mich exaltirt; und doch, wenn Sie ſich in meiner Lage befän⸗ den, müßten Sie mir zugeben, daß ich nicht anders ſpre⸗ chen kann, als ich ſpreche; ja, Sie müßten mir verzeihen, 228 Zwanzigſtes Kapitel. wenn ich hier vor ihren Augen einen Luftſprung machte. A— a— a— h!“ Damit ſchnappte er nach Luft und faßte ſich dann mit ſeinen beiden Händen an dem eigenen Rockkragen, wie um ſich ſelbſt ein wenig zurecht zu ſchütteln. Der Kranke hatte mit nicht geringem Erſtaunen dieſen ſeltſamen Worten des Doktors zugehört. Daß etwas Be⸗ ſonderes dahinter ſtecken müſſe, und vielleicht für ihn etwas ſehr Gutes, ja, unendlich Glückliches, begriff er wohl und richtete ſich deßhalb haſtig aus ſeiner gebück⸗ ten Stellung auf, den Doktor erwartungsvoll und fragend anſehend. „Ich muß mir ſelbſt eingeſtehen,“ fuhr dieſer fort, wobei er ſich vor die Stirn ſchlug,„daß ich ein alter, unzurechnungs⸗ fähiger Narr bin und mich betrage wie ein Kind. Aber,“ ſetzte er mit vor Rührung zitternder Stimme hinzu, indem er ſeine Rechte auf die Schulter des Grafen legte,„Sie werden mir zugeben müſſen, daß es wohl verzeihlich iſt, wenn jemand, der in tiefer Finſterniß gewandelt, auf einmal aufſchreit, da er einen Lichtſtrahl ſieht!“ „Einen Lichtſtrahl? O, einen Lichtſtrahl?“ „Ich ſollte nicht ſo ſprechen,“ ſagte der Doktor mit etwas weniger Lebhaftigkeit, aber einem Tone der Stimme, der ihm vor Rührung faſt umſchlug.„Und ich will auch mein Maul halten, um Ihnen keine Hoffnungen zu machen, die ſich vielleicht doch nicht erfüllen könnten.“ „Aber ich bitte, ſprechen Sie!“ erwiderte haſtig der Kranke. „Was liegt am Ende an einer Hoffnung mehr oder weniger? Mir ſind ſchon ſo viele verſchwunden, daß ich mich bald daran gewöhnt habe.— Iſt es doch immer eine Hoffnung, Ein Lichtſtrahl. 229 die vielleicht für Tage, ja, Wochen aushält und die wenig⸗ ſtens das Gute hat, mir momentan eine kleine Freude zu machen.—— Sie glauben,“ forſchte er nach einer Pauſe, während welcher ihn der Armenarzt kopfnickend betrachtet, weiter,„mein Leiden ſei anderer Art, als man mir bis jetzt geſagt?“ „Ich glaube ſo,“ ſprach der Andere feierlich. „Sie glauben an eine Urſache, die— wie ſoll ich mich ausdrücken?— in ihren Wirkungen minder gefähr⸗ lich wäre?“ „Minder gefährlich?— Das kann nur Gott wiſſen. Aber ich glaube an eine Urſache, der wir vielleicht im Stande ſind, mit unſeren Heilmitteln erfolgreich entgegen zu wirken.“ „Erfolgreich, Doktor!“ rief der Kranke, während ſein Körper zuſammenzuckte.„O, ſeien Sie nicht grauſam! zei⸗ gen Sie einem Verdurſtenden nicht einen Strahl klaren, friſchen Waſſers, den er aber zu erreichen nicht mehr die Kraft hat!“ „Ich habe geſagt: vielleicht erfolgreich,“ entgegnete der Arzt ruhig, beinahe kalt.„Aber wenn ich weiter ſprechen ſoll, ſo müſſen Sie mich mit Ruhe anhören.“ „Ich werde mich dazu zwingen,“ erwiderte der Graf mit leiſer, bebender Stimme.„Welche Urſache, glauben Sie, liegt meinem Leiden zu Grunde?“ D „Ehe ich das ſage,“ fuhr der Doktor mit einer faſt quä⸗ lenden Ruhe fort,„erlauben Sie mir eine Frage. Sie hatten auf Ihrer italieniſchen Reiſe Unglück beim Reiten? Sie ſtürz⸗ ten, Ihr Pferd fiel auf Sie? War das vor oder nach jener römiſchen Geſchichte,?“ 230 Zwanzigſtes Kapitel. „Es war einige Monate ſpäter. Jener Unfall war nicht ſo bedeutend, wie man ihn gemacht. Aber weiter! weiter! Was iſt die Urſache meiner Leiden?“ —„Gift!“ ſprach der Doktor, das ſchreckliche Wort nur ſchwach betonend.„Ja, Gift, wahrſcheinlich Arſenik, Ihnen während längerer Zeit in ganz unbedeutenden Doſen bei⸗ gebracht.“ „Gift!“ wiederholte der Kranke, aber er ſagte das mit keinem Tone des Schreckens, er ſagte es mit einem Ausdrucke wie Jemand, dem eine ſchwere Laſt von der Seele fällt.— „Gift! Iſt mir doch dieſer Gedanke ſelbſt ſchon zuweilen wie ein Blitz erſchienen.— Und wenn dem ſo wäre, Doktor? Iſt alsdann— doch wozu“— fuhr er leidenſchaftlich fort—„nach einem Lichtſtrahl, den wir ſchimmern ſehen, zu vermuthen, nun werde in die finſtere, ewige Nacht, die mich umgibt, plötzlich eine hell glänzende Sonne hereinbrechen? Warum ſind wir ſo leichtgläubig in unſeren Hoffnungen und Wünſchen? Nicht wahr, Doktor, das iſt kindiſch? Und ich will auch ganz, ganz ruhig ſein.“ Damit faltete er die Hände und ſenkte ſeinen Kopf tief auf die Bruſt herab. „Einen Lichtſtrahl haben wir„e verſetzte gerührt der Ar⸗ menarzt,„und die Hoffnung iſt uns nicht unverwehrt. Wenn Sie mir Ihr Vertrauen ſchenken, ſo ſoll es ſich in nächſter Zeit zeigen, ob wir eine Morgenröthe zu erwarten haben, und wenn uns dieſe erſcheint, iſt ja auch die Sonne nicht mehr fern.“ „O, mein Gott! mein Gott!“ rief der Kranke erregt. „Sie haben ſelbſt geſagt, ſie wollten ganz ruhig ſein, Ein Lichtſtrahl.. 231 und darum muß ich Sie bitten. Sie haben ſich ſo männ— lich gezeigt in Ihrer Hoffnungsloſigkeit; bezwingen Sie ſich auch jetzt, geben Sie nicht zu vielen Hoffnungen Raum, ſprechen wir von Ihnen wie von einem Dritten.—— Ja, ich will darauf ſchwören, daß meine Anſicht die rich⸗ von Rom mitnahmen, tige iſt; jener Italiener, den S hat Ihnen täglich etwas von dem tückiſchen Gifte beige⸗ bracht, zu wenig, um Sie zu tödten, genug, um Ihren inneren Organismus, wenn auch nicht z w zerſtören, doch zu lähmen.“ „Und?“ fragte Graf He Tenveig mit einem bezeichnenden, flehenden Blicke. Der Armenarzt richtete ſtatt aller Antwort ſeine Augen nach oben. Gleich darauf drückte er aber feſter die Brille an das Geſicht und ſagte:„Wie lange war jener Italiener bei Ihnen?“ „Vielleicht vier Wochen. Und je mehr ich nachdenke, um ſo mehr glaube ich, daß Sie Recht haben. Er überreichte mir mein Frühſtück; auch ierdi er häufig mein Diner, welches ich zu dan uſe nahm.“ „Das iſt für heute genug,“ verſetzte Doktor Flecker nach einer Pauſe„Suchen Sie jetzt Ruhe zu finden, ſo gut als s Ihnen möglich iſt. Nehmen Sie ein Brauſepulver; regen ◻ Sie ſich nicht weiter auf— aber ich begreife wohl, das Letztere i*ſt ein Rath, den zu befolgen Ihnen nicht wohl möglich iſt.— Nun gut, brugen Sie die Nacht hin, wie Sie können, morgen ſprechen wir weiter.“ „Und Sie wollen mich verlaſſen?“ fragte ängſtlich der Kranke.„O, bleiben Sie, Doktor! Ich werde Ihnen ſogleich ein Zimmer hier in meiner Wohnung einrichten laſſen. Nein, nein, Sie dürfen nicht fort.“ 232 Zwanzigſtes Kapitel. „Ich muß,“ entgegnete achſelzuckend der Arzt.„Was ſollten meine armen Kranken denken, wenn man mich heute Nacht rufen ließe und ich käme nicht? Denken Sie,— Jemand ohne Troſt und Hülfe laſſen!“ „Ja, Jemand ohne Troſt und Hülfe zu laſſen, iſt ſchreck⸗ lich.— Aber morgen, nicht wahr, Doktor, morgen in aller Frühe? Doch warten Sie, bis man einen Wagen für Sie anſpannt.“ Der Armenarzt ſchüttelte lachend den Kopf. „Morgen in aller Frühe komme ich zu Fuß wieder,“ ſagte er,„wie ich jetzt zu Fuß nach Hauſe gehe. Meine Patienten würden ſich fürchten, wenn ſie mich im Wagen ſähen.— Aber jetzt Ruhe, ſo viel Ihnen möglich iſt. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.“ Damit ging er zur Thür hinaus, dem Grafen eifrig winkend, zurückzubleiben, der ſich erhoben und ihn begleiten wollte, und der nun aufrecht mit gefalteten Händen in ſeinem Lehnſtuhl ſitzen blieb. In ſeinem Kopfe jagten ſich Gedanken, Wünſche, Hoffnungen; doch kämpfte er die letzteren gewaltſam nieder, und was er ſeinen Phantaſieen erlaubte, war, daß er dachte, wie einem Schiffbrüchigen zu Muthe ſein müſſe, der allein, allein an das Wrack ſeines Fahrzeugs geklammert, umtost von der grollenden See, plötzlich an dem finſter umzogenen Horizonte ein weißes Segel ſähe. Das dachte er ſchaudernd und wünſchte ſich ein ſolcher Schiff— brüchiger zu ſein. Unterdeſſen hüpfte der Doktor mehr, als er ging, durch die einſam liegenden Straßen ſeiner Wohnung zu, wobei er zuweilen ziemlich laut allerlei verdächtige Worte vor ſich hin ſprach, als:„Gift! ja wohl, Gift! vergiftet muß er ſein. O, — Ein Lichtſtrahl. 233 wenn das wäre und Dolktor Flecker es entdeckt hätte!— Brrr! das wäre eine wundervolle Geſchichte. Ich hätte als⸗ dann das Recht, dem geſammten Collegium zu ſagen:„Sie werden mir zugeben, verehrteſte Herren, es iſt eigentlich ſon— derbar, daß von den Aerzten Seiner Erlaucht bis jetzt keiner darauf gekommen iſt, Niemand als ich, Doktor Flecker, der Armenarzt.“ Dann rieb er ſich die Hände und verſank ſo in Gedanken, daß er auf dem ihm ſonſt ſo wohl bekannten öden Hofe ſei⸗ ner Wohnung ſtolperte, ehe er die Hausthür erreichte. Statt aber, als er dieſe geöffnet und wieder geſchloſſen, über die weiten hallenden Treppen ſogleich ſeinem Zimmer zuzugehen, ſchlich er an die Wohnung ſeines Freundes Larioz und drückte dort leiſe die Thür auf. Im Zimmer brannte ein trübes Nachtlicht, es ſtand auf dem Boden neben dem großen Stuhle, in welchem Gottſchalk ſaß, der eingenickt war, aber jetzt beim Aufgehen der Thür empor fuhr. Auf den Fußſpitzen ſchleichend, trat der Doktor näher und ſagte flüſternd:„Gelt, ich habe dich warten laſſen, Kleiner? Aber ich hatte draußen ſo viel zu thun, item, konnte nicht früher kommen.— Was macht unſer Freund?“ „Jetzt ſchläft er ruhig,“ antwortete der kleine Schreiber. „Vor einer Stunde klagte er über Kopfſchmerzen, über Froſt und Hitze.“ „Sprach er etwas?“ „Ja, über Sachen, die ich nicht verſtand, von einem mau⸗ riſchen Zauberer, Cabanzeros, glaube ich; auch ſuchte er im⸗ mer einen Vers zu finden, deſſen Anfang er häufig ſagte: „Traue, treue Trina—“ ——————— 234 Zwanzigſtes Kapitel.— Ein Lichtſtrahl. „Da hat er phantaſirt.“ „Ja, er hat phantaſirt, auch vom Dolche Rubens, nament⸗ lich aber von einer ſchönen Spanierin; das kam am häufigſten vor, und dann ſah er mich mit ſeinen großen Augen an und fragte mich wiederholt: Iſt ſie nicht ſchön? worauf ich natür⸗ licher Weiſe keine Antwort geben konnte.“ „Begreiflich, begreiflich!“ erwiderte raſch der Andere. Dann näherte er ſich behutſam dem Bette und ſagte alsdann zurückkommend:„Es hat nichts zu bedeuten, er ſchläft ganz ruhig, krieche du nur auch in dein Neſt.“ „Aber wenn er aufwacht und aufs Neue anfängt, zu phan⸗ taſiren, und mich ſo dringend fragt, wie vorhin, ob ſie nicht ſchön ſei?“ „Dann gib ihm zur Antwort,“ ſprach der Doktor,„ich ſei da geweſen und hätte geſagt, Dulcinea ſei das ſchönſte Weib auf Erden.“ Damit zog er ſich kopfnickend zur Thür hinaus. — Einundzwanzigſtes Kapitel. Alte Bekannte. Es kann uns, liebenswürdige Leſerin, imgleichen theurer und geneigter Leſer, in dieſem Leben öfters paſſiren, daß wir gute Bekannte, wenn auch nicht völlig vergeſſen, ſo doch in gewiſſen Zeitläuften einigermaßen vernachläßigen. Dieſes Mal ſpreche ich nicht von uns beiden, ſondern meine einen Bekann⸗ ten in vorliegender, ſehr wahrhaftiger Geſchichte, dem ich ſchon lange einen Beſuch zugedacht, ohne dieſen Vorſatz mit dem beſten Willen ausführen zu können. Es iſt aber kein Beſuch, der uns über Marmortreppen, über dicke Teppiche zu Dop⸗ pelthüren führt, die ſich wie von ſelbſt leiſe öffnen und ſchließen; auch fahren wir nicht im ſanft rollenden Coupé, ſondern be⸗ dienen uns unſerer Füße, und das zwar an einem kalten Wintertage, wo die Höhen rings um die Stadt wie in einen weißen Pelzmantel eingehüllt ſind, wo die Häuſer keine Dächer zu haben ſcheinen, dieſe wenigſtens in ihrer Farbe ſich kaum merklich von der Luft unterſcheiden, ſo daß man oft mit Er⸗ * 236 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſtaunen zu ſehen glaubt, wie Schornſteine und Dachläden ohne allen Zuſammenhang mit der Erde am Himmel ſchweben. In dem Hauſe, das wir beſuchen wollen, ſteigen wir eine wackelige Treppe hinauf, aber ich hoffe, daß der Leſer ſie wieder erkennt, dieſe Treppe. Wie ſo Vieles in dieſer armen Welt, das im Laufe der Zeit alt und unſcheinbar geworden, war auch ſie einſtens ſchön geweſen— die Treppe nämlich, und heute, wo der weiße Schnee draußen das Licht durch das weit aufſtehende Thor in den Hausgang hinein reſlektirt, ſieht man hier deutlicher die wirklich prachtvollen Holzconſtruc⸗ tionen, daneben aber auch um ſo genauer die Verwahrloſung, in der ſich Alles befindet. Die Treppenſtufen knarren und ächzen heute wieder wie damals, als wir zuerſt hier waren; wir laſſen den erſten und zweiten Stock hinter uns und kommen in den dritten, wo wir in ein geräumiges Zimmer treten, das uns ſeine weißen Kalk⸗ wände zeigt, den Ofen, in dem aber heute ein Feuer brennt, den Kanarienvogel, der in ſeinem Käfig vergnügt auf und ab hüpft, in der Fenſterniſche; an der Wand das Portrait des jungen, eleganten Mannes, umgeben von Hirſchfängern, Rehgeweihen und Gewehren. Dort iſt auch die Kiſte mit den Rehfellen, welche Sophaſtelle vertritt und auf welcher jener Mann in Hemdärmeln ſitzt, der die zu den Fellen gehörigen Rehe einſtens erlegt und nun im Begriff iſt, ſich ſeiner ſchweren Jagdſtiefel zu entledigen. Auf dem Boden ſtehn ein paar Pantoffeln, in welche er nun die Füße mit den wollenen Strümpfen ſteckt, während er behaglich mit der Zunge ſchnal⸗ zend ſagt:„Das habe ich lange entbehrt; das thut Einem wohl, wenn man ſich ſo wieder einmal recht warm machen kann. Es iſt da draußen im Walde recht ſchön, aber man Alte Bekannte. 2 37 kriegt's auch ſatt, namentlich wenn man nicht darauf halten kann, wie man will, und ſtundenlang herumſchleichen muß, um das Wild zu verhören.“ Vor dem Jäger, Herrn Brenner, der alſo ſprach, ſtand der kleine Franz, den Hirſchfänger des Vaters auf der Schulter und deſſen Jagdhut auf dem Kopfe, der aber ſo tief über ihn herabhing, daß er faſt die Achſeln berührte. „Und haſt du viele Bären geſchoſſen?“ fragte der Kleine.„Du haſt geſagt, du wolleſt mir von einem den Pelz mitbringen, darin könne ich, wenn es kalt ſei, ſpazieren gehen.“ „Habe ich das wirklich geſagt?“ verſetzte lachend und wie erſtaunt der Jäger.„Nun, dann hätte ich es auch gewiß gethan. Aber da fällt mir gerade ein, daß die Bären dieſes Jahr ſchlecht gerathen ſind. Doch habe ich ein Eichhorn für dich in der Jagdtaſche, das ſoll dir die Mutter ausſtopfen laſſen.“ „Ein Eichhorn?“ fragte der Knabe eifrig, wobei er den Hut aus den Augen empor hob;„wo iſt mein Eich⸗ horn?“ „Gleich, gleich, Palmarum. Weißt du, wie die Groß⸗ mutter ſagt? Geduld iſt der Seelen Speiſe, aber ſchlimm für den, der ſie eſſen muß. Du wirſt mir erlauben, daß ich vorher meinen zadgrat ausziehe und die Suppe eſſe, die Mama mir gekocht hat. Ich verſichere dich, das Eichhorn läuft nicht mehr davon.“ „Darf ich es ihm vielleicht geben?“ fragte Frau Brenner mit ſanfter Stimme.„Du weißt, wie die Kinder ſind; es dauert ohnedies noch ein paar Minuten, bis die Suppe gut iſt.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. 238 „Meinetwegen,“ entgegnete der Jäger.„Ah, wie freue ich mich, wieder hier zu ſein! Es war draußen unheim⸗ lich und kalt.“— Dabei“ dehnte er ſich, ſtreckte die Hände in die Höhe und fuhr dann mit den Fingern an den Schläfen herab, bis zu ſeinem vollen Bart, in dem er ſich kratzte. An dem Tiſche ſaß eine Frau, die eben erſt angekommen war: ſie hatte noch ein dickes wollenes Tuch um die Schul⸗ tern und geſtrickte Handſchuhe an den Händen; bis jetzt hatte ſie noch kein Wort geſprochen, auch ſchien ſich Herr Brenner nicht ſonderlich um ſie zu kümmern; doch fragte ſie jetzt:„Alſo war die Jagd nicht ſchön?“ „Was ſchön!“ antwortete brummig der Jäger.„Eine Jagd iſt immer ſchön, wo es was zu ſchießen gibt.“ „Daran fehlt's aber in dem Revier des Herrn Barons nicht,“ fuhr die Frau fort.„Das hat mir der Herr Klaus erzählt, der ſich jeden Winter einen warmen Jagdrock bei uns machen läßt; er ſagt, die Jagd des Herrn Baron von Breda ſei wunderſchön und in Ordnung wie keine.“ Herr Brenner hatte mit finſterer Miene nach der Frau hinüber geblinzelt, während er das Rehfell ſtreichelte, auf dem er ſaß. Da ihm aber das, was er ſo eben gehört, begreif⸗ licherweiſe keinen Anlaß zum Aerger gab, ſo zog er die Augenbrauen in die Höhe und ſprach mit gefälligerem Tone. und die Achſeln zuckend:„Wenn der Klaus das ſagt, muß es wahr ſein. Und er hat Recht, unſer Revier iſt in Ordnung wie wenige. Alles rund bei einander, ein famoſer Wildſtand. Und doch diesmal eine ſchlechte Jagd. Nicht wahr, das verſteht Ihr nicht, Frau? Und es iſt doch wahr.“ — 1 44 —— Alte Betannte. 239 „Nein, das verſtehe ich auch nicht; aber ich wäre dank⸗ bar, wenn Ihr mir das erklären wolltet. „Eigentlich geht's Euch gar nichts an,“ verſetzte kurzweg 8 der Jäger;„da ich mich aber ungeheuer behaglich fühle und & Ec auch ſehe, daß Palmarum trotz ſeines Eichhorns— gelt, iſt ein ſchöner Kerl?“ unterbrach er ſich,„und man ſieht gar keinen Anſchuß— Maul und Naſe aufſperrt, um mich zu hören, ſo will ich Euch denn ſagen, warum die Jagd gut und doch ſchlecht war.“ Die gute Frau Brenner hatte nach der Suppe geſehen, die noch nicht fertig war, und ſich dann neben ihren Mann geſetzt, wobei ſie die Hände in den Schooß legte und mit leuchtenden Blicken den kleinen Franz betrachtete, der das Eich⸗ hörnchen in ſeinen Armen hielt, als wollte er es rwännnen und wieder zum Leben zurückbringen. Doch ließ das ſchon ſtarre Thierchen den Kopf auf die Seite hängen, hatte die vier Füße ſteif geſtreckt und zeigte die nadelſpitzen, langen weißen Zähnchen. „Im Herbſt iſt die Zeit,“ ſprach Herr Brenner,„auf die ſich ein tüchtiger Jäger immer freut. Da ſind wir denn auch jedes Jahr hinaus gezogen, der Herr Baron, ein paar ſeiner guten Freunde, dann der Kammerdiener, welcher ſich die Ohren zuhält, wenn ein Gewehr knallt, und das Mur⸗ melthier, der Jockey, der über Alles ein großes Maul hat und von der Jagd nicht ſo viel verſteht als des Pfarrers Katze, denn die weiß doch Mäuſe zu fangen, er aber nicht, was ihm zukommt: Maulſchellen für ſeine ungewaſchenen Re⸗ den.— Doch das gehört nicht daher.— Das waren mir jedes Jahr vergnügte Tage; die Jagd war brillant, der Herr gut gelaunt, ſeine Freunde luſtig; in der Frühe ging es 240 Einundzwanzigſtes Kapitel. hinaus, bei einem ſo friſchen Morgen in den ſchönen Wald, der Eine hierhin, der Andere dahin, und da wurde gepirſcht, daß es ein Vergnügen war. Wer das nicht kennt und mit⸗ gemacht hat, der hat noch gar nichts in der Welt genoſſen. Wie Einem das Herz ſchlägt, wenn Alles ringsum ſo feierlich ſtill iſt, und auf einmal röhrt es aus dem Dickicht heraus, daß Berg und Thal ein fröhliches Echo geben! Jetzt vor⸗ wärts, ſo leiſe wie möglich.“ Herr Brenner that dabei, ob⸗ gleich er nicht von der Kiſte wegkam, als ſchleiche er durch den Wald, wobei er ſeine Füße mit den Pantoffeln, langſam auf die Spitzen tretend, bewegte.„Da haben wir endlich vor uns eine kleine Waldwieſe, die fällt ſachte ab, einem kleinen Thale zu, wo ein ſchäumendes Waſſer vorbeirauſcht. Auf der Wieſe ſteht das Rudel, und jetzt, droben aus dem Gebüſch hervor, ſchreitet er, der Hirſch, hebt den Kopf und röhrt wieder. Und wie er röhrt, ſchwillt ihm der Hals an, daß es eine Freude iſt, und der Hauch ſchlägt ihm ordentlich blau aus dem Maule heraus. Während er aber ſo röhrt, ſchleicht man näher und immer näher hin, nimmt die Büchſe ſchußfertig——“ Herr Brenner erhob den rechten Arm mit dem ausgeſtreckten Zeigefinger an das Auge— „und auf einmal— prrdautz! da liegt er, aufs Blatt ge⸗ troffen.“ „Prrdautz!“ machte auch Franz, wobei er das Eichhorn auf den Boden fallen ließ. „Nein, nein, das iſt kein Vergnügen,“ ſagte die ſanfte Frau Brenner,„ſo ein armes Thier, das an gar nichts denkt, nieder zu ſchießen.“ Der Jäger zuckte mit den Achſeln und wiegte ſich wohl⸗ gefällig auf der Kiſte hin und her.„Wer das freilich nicht Alte Bekaunte. 241 mitgemacht hat,“ ſagte er nach einer Pauſe,„der verſteht's auch nicht.— Aber,“ ſetzte er beinahe ärgerlich hinzu,„wenn man ſich das ganze Jahr darauf gefreut hat, und es wird nun nichts daraus, da kann man wohl ein Recht haben, verdrieß⸗ lich zu werden.“ „Nicht wahr, der Herr Baron ſind dieſes Mal gar nicht hinaus gegangen?“ fragte Frau Brenner. „Nicht einen Schritt, und kein Menſch hat's begriffen. Zuerſt dachte ich: nun, er wird ſchon kommen, und als er immer nicht kam, als der Verwalter draußen mit dem Kopfe ſchüttelte und mir ſagte: Paß auf, Jonas, diesmal iſt's niſcht mit dem Jagen, da dachte ich: ſo ſoll doch gleich ein Kreuzdonnerwetter dreinſchlagen; und ging zum Schullehrer und ließ ihn einen Bericht über die Jagd machen, der Jemand den Mund wäſſerig machen mußte, der in ſeinem Leben auch nur ein einziges Mal eine Flinte losgebrannt.— Half aber alles nicht. Freilich bekam ich eine Antwort, aber darin ſtand: ich ſollte vorderhand da bleiben, dies oder jenes Stück ſchießen und herein ſchicken, der Herr würde ſich vielleicht noch entſchließen.— Ja, er entſchloß ſich auch, aber zum Zuhauſe⸗ bleiben. Hatte ich doch einen ungeraden Vierzehnender für ihn, der ſich mir nur immer ſo vor die Naſe hinſtellte. Den ſollte der Herr ſchießen— Ah! ich könnte fuchsteufelswild werden!“ Damit kratzte ſich Herr Brenner hinter dem rech⸗ ten Ohr.„Ich mochte ihn nicht niederlegen, und wer weiß nun, welcher Bauernlümmel ſeinen erſten Jagdverſuch an dem edlen Thiere macht!“ „Aber der Herr war freundlich mit dir, als du heute Morgens zurück kamſt?“ fragte Frau Brenner ſchüchtern. Hackländer, Don Quixote. II. 16 242 6 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Sehr freundlich, wie immer,“ entgegnete ihr Mann. „Nur weiß der Teufel, ich fand ihn nicht ſo ganz bei der Sache wie ſonſt; ich ſprach ihm von allen Revieren, ich zählte ihm die Hirſche und Rehe vor, die ſich hier und dort befan⸗ den; er ſagte zuweilen wohl: ſo, ſo!— ei, ei! aber er war zerſtreut, nicht ſo recht bei der Sache.— Das kann ich euch verſichern,“ fuhr der Jäger nach einem augenblicklichen Still⸗ ſchweigen fort,„der Herr Baron kennt in den Bergen da droben alle Pfade und Schleichwege, wie ſeine Taſche.— Nun gut; daß er aber mit ſeinen Gedanken anderswo war, das merkte ich oft an ſeinen ſonderbaren Fragen; er verwech⸗ ſelte oft Wege und Reviere.— Was hat das zu bedeu⸗ ten?— Was kann das ſein, Frau? He! ſage mir deine Anſicht.“ Frau Brenner konnte ſich nicht enthalten, bei dieſer Frage einen Blick auf die andere Frau zu werfen, die aber, wie ganz gleichgültig, die Augen niedergeſchlagen hatte und an den langen Franſen ihres wollenen Umſchlagtuchs zupfte.* „Was wird das ſein?“ entgegnete Madame Brenner dann nach einer Pauſe.„Jeder Menſch kann einmal zerſtreut ſein oder andere Gedanken haben; das iſt dir und mir ſchon paſſirt.“ Der Jäger nahm ſeinen großen Schnauzbart zwiſchen die Lippen, hob die rechte Hand empor und fuhr mit dem Zeige⸗ finger hin und her, als wollte er damit eine Verneinung aus⸗ drücken. Dann blies er das dichte Haar ſeines Bartes von ſich und ſagte:„Paperlapap! wenn ein ſo eifriger Jäger wie der Herr zerſtreute Antworten gibt, während er über ſeine Alte Bekannte. 243 eigene Jagd ſpricht, das hat ſchon was zu bedeuten. Iſt er vielleicht unwohl geweſen?“ „Ich habe nichts davon gehört,“ verſetzte Frau Brenner. „Ja, es gibt da was,“ meinte der Jäger mit finſterem Blicke.„Ich war einen Augenblick im Stalle und ſprach mit dem Reitknecht.“ „Mit dem Friedrich?“ fragte aufmerkſam die Frau. „Ach was! mit der Kröte rede ich nie, mit dem Jakob ſprach ich. Und der, als ich ihn fragte, ob denn Niemand wiſſe, warum der Herr Baron nicht zur Jagd hinaus gekom⸗ men ſei, machte ein ſo einfältiges Geſicht, daß ich daraus abmerkte, er wiſſe mehr, als er ſagen wolle. Anfänglich dachte ich mir: weiß der Teufel, vielleicht hat der Herr was gegen dich, und da ich Gewehre mitgebracht hatte, ſo ging ich in ſein Schlafzimmer und ſtellte ſie dort auf, als er gerade drin war.“ „Nun, und er war gegen dich wie immer?“ „Wie immer, ſehr freundlich; und da der Herr Baron der Mann nicht iſt, um mit etwas hinter dem Berge zu halten, wenn er ſprechen möchte, ſo ging ich ganz zufrieden davon.“ „Und er ſagte dir nichts?“ „Doch, gleichgültige Dinge; er fragte um das Wald⸗ revier, das ſich dort drüben bei dem Landgut befindet, wo der Herr Schwager des gnädigen Herrn wohnt. Da wollte er von mir wiſſen, ob ich glaube, daß die Forſte dort gut im Stande ſeien; vielleicht will oder muß er es kaufen, denn die da drüben werden doch mit der Zeit auswirth⸗ ſchaften.“ „Es iſt ein Unglück um ſo eine Herrſchaft,“ ſagte nach⸗ 244 Einundzwanzigſtes Kapitel. denklich Madame Brenner.„Aber ſprich nicht ſo laut, die Großmutter hört dergleichen nicht gern, und ſie hört ſehr gut, wie du weißt.“— Dabei blickte ſie nach der Thür des Ne⸗ benzimmers, die nur angelehnt war. „Iſt denn,“ fragte die andere Frau,„der Herr Schwa⸗ ger des gnädigen Herrn, von dem Ihr ſo eben ſprecht, der Vater von dem jungen Fräulein, das jetzt in eurem Hauſe iſt, Herr Brenner?“ „Von Fräulein Eugenie? Ja wohl, das iſt der Vater. Eine ſcharmante, liebe junge Dame,“ ſprach der Jäger nach einer Pauſe mit außerordentlicher Freundlichkeit.„Ich hatte ſie lange nicht geſehen, doch erkannte ſie mich gleich wieder. „Ei, ſieh doch! das iſt ja der Jäger Jonas,“ ſagte ſie, und erinnerte mich daran, wie ich ihr einmal eine kleine Flinte geladen, mit der ſie draußen Vögel ſchoß. Ich ſage Euch,“ meinte Herr Brenner darauf,„es iſt gut, daß die junge Dame im Hauſe iſt; das gibt doch ein bischen Abwechſelung, ein bischen Leben. War es doch oft da ſo ſtill wie in einem Kloſter.“ In dieſem Augenblicke ging die Thüre auf, und die älteſte Tochter des Jägers, Margarethe, kam herein und trug die Schüſſel mit der dampfenden Suppe für den Vater. „Siehe da, Judica!“ ſagte dieſer lachend.„Haſt du mir das gebraut? Nun, da wird's gut ſein. Du kennſt meinen Geſchmack und biſt ein braves Mädchen. Wie geht dir's, Judica?“ „Mir geht es gut, Vater,“ erwiderte dieſe; und wenn man ihre fröhlich leuchtenden Augen ſah, ſowie den offenen, ehrlichen, ungetrübten Ausdruck eines heiteren Gemüthes, der Alte Bekannte. 245 auf ihren ſchönen Zügen lag, ſo konnte man wohl glauben, daß ſie die Wahrheit ſage. „Aber nenn' Margarethe doch nicht Judica!“ ſprach bittend Frau Brenner, indem ſie ihrem Manne den Sup⸗ pennapf darreichte, der ihn auf die Kniee ſtellte und nach dem Brode langte, das ihm das junge Mädchen mit einem Meſſer brachte.„Wenn du zu den Buben Oeculi oder Palmarum ſagſt, ſo iſt das meinetwegen komiſch, und man lacht darüber; aber Indica klingt ſo eigenthümlich— Ju⸗ dica; ich weiß nicht, ſo jüdiſch, und das mag ich nicht. So was bleibt an einem Mädchen hängen, und wenn du es immer wiederholſt, ſo ſagen es zuletzt andere Leute auch.“ Herr Brenner, der offenbar gut gelaunt war, denn die Suppe roch außerordentlich appetitlich, ſchnitt große Stücke Brod hinein, rührte ſie mit dem Löffel zwiſchen die Brühe und erwiderte alsdann:„Wollen's überlegen, wenn es dir ſo großen Kummer macht. Aber ich habe einmal ein Ge⸗ lübde gethan, wenn ich vier Kinder hätte, ſie Judica, Lätare, Oculi und Palmarum zu nennen. Wenn der Herr Pfarrer nicht ſo eigenſinnig geweſen wäre, ſo hätte man ſie auch ſo getauft.“. „Das hätte noch gefehlti“ klagte die Frau. „Sprich dich nur aus,“ ſagte der Jäger,„ich habe jetzt einen guten Moment und kann ſchon was ertragen.“— Damit führte er einen gewaltigen Löffel voll Suppe zum Munde und aß mit großem Behagen. „Ich will nichts mehr darüber verlieren,“ ſprach ſanft Frau Brenner.„Du wirſt doch mit der Zeit geſcheidter werden. Vielleicht gewöhne ich mich auch daran,“ ſetzte ſie Einundzwanzigſtes Kapitel. 246 ſeufzend hinzu.„Aber wenn du wirklich gut gelaunt biſt,“ fuhr ſie mit bittender Stimme fort,„ſo hör' die Frau einen Augenblick an, ſie möchte gern mit dir ſprechen.“ „So, die Frau Schwörer!“ entgegnete kopfnickend der Jäger.„Ich habe ſie ganz gut gekannt, that aber nicht der⸗ gleichen, denn es iſt ſchon eine gute Weile her, daß wir uns nicht geſehen, und damals kamen wir auf nicht angenehme Art aus einander.“ „Ach ja,“ ſagte die Frau des Schneiders,„es war recht traurig und thut mir heute noch ſehr weh.“ „Da wir nun einmal bei dem Kapitel ſind,“ ſprach Herr Brenner, indem er mit beiden Backen kaute und ſeine Frau anſah,„was macht denn der Ocu—? Gottſchalk will ich ſagen, um dir einen Gefallen zu thun. Iſt ſein neuer Herr zufriedener mit ihm als der brave Meiſter Schwörer? Treibt er einfach ſein Schreiberhandwerk, wie es ſich gehört, oder muß er auch dort Betſtunde mithalten und Heuchelei treiben? — Pfui, Teufel!“ Dabei that er, als ſei etwas Unrechtes in der Suppe geweſen, und ſpuckte heftig auf die Seite. „Wie ich höre, geht es ſehr gut mit Gottſchalk.“ „So, alſo der Doktor da, der Advokat, iſt mit ihm zu⸗ frieden? Nun, Ränke und Schwänke wird er genug da lernen, das fehlt ſich nicht, hat aber auch nichts zu ſagen; denn der Gottſchalk iſt ein kluger Kerl, der wird ſchon wiſſen, was er zu thun hat. Daß er das Schreiberhand⸗ werk lernt, hat auch ſeine guten Seiten, denn die Feder regiert dir Welt, und wer auf dem Papier dem Andern ein X für ein U vormachen kann, der hat's halt gewon⸗ e 24 nen.— Mit dem andern Handwerk iſt's überhaupt nichts mehr.“ „Ja wohl, ja wohl Alte Bekannte. einem Blick an die Zimnerdett Der Jäger ſah ſie einen Augenblick lachend an, dann ſagte er:„Wenn Ihr auch zu meiner Rede ja wohl, ja wohl ſagt, ſo ſind doch unſere Meinungen himmelweit verſchieden. Ihr meint, das Handwerk tauge nichts mehr.“ „Und das iſt wahr,“ entgegnete die Frau des Schneider⸗ meiſters. „Seht Ihr,“ aber die Handwerker taugen nichts. 4 verſetzte Herr Brenner,„und ich ſage gerade anders. Das Handwerk iſt ſo gut, wie es ehedem war, Natürlicher Weiſe gibt's Ausnahmen, aber im Allgemeinen iſt es eben ſo, wie ich ſagte. Da hört man klagen über Mangel an Arbeit, über ſchlechten Verdienſt, und wenn ihr was haben kriegt ihr es nicht. verfluchte Schneiderſeele— das iſt im Früher hieß es: ihr bekommt euren Rock Samstag Abends um fünf Uhr, und Samstag Abends um fünf Uhr ſtand der Lehrling da und hatte ihn fertig auf dem Arm. Jetzt aber— o weh! o weh! da müßt ihr wochen⸗ lang laufen, ja, müßt euch aufs Bitten legen, bis ſo eine Frau Schwörer— ſich herbeiläßt, euch für euer Geld etwas zu mehr Arbeit an, die ganze Kundſchaft warten, um ſeinem Nachbar etwas machen. Früher nahm ein Meiſter nie als er liefern konnte; aber heu aus den Zähnen zu reißen. Weiß der Teufel! muß doch auch ſeinen Dienſt thun und hat oft gewaltig viel auf dem Buckel, das kann ich Euch verſichern; wo wollte es aber hinaus, wenn ich meinem Herrn ſagte: „“ ſprach Madame Schwörer mit Allgemeinen geſagt, 247 wollt, ſo ſchweres te läßt er Unſer eins ich habe 248 Einundzwanzigſtes Kapitel. das und das heute nicht machen können, ich werde es mor⸗ gen thun!“ So wie wir das hier niederſchreiben, hatte Herr Brenner ſeinem Zorne freilich nicht Luft gemacht, ſondern er that das in großen Zwiſchenpauſen, in denen er ſich Zeit genug nahm, ſeine Suppe behaglich zu verzehren. Die beiden Frauen hörten ihm anſcheinend ſehr aufmerkſam zu, wobei Madame Schwörer zuweilen tief aufſeufzte. Margarethe hatte an dem Käfig des Kanarienvogels ge⸗ putzt und nun eine kurze Pfeife des Vaters von der Wand genommen, die ſie ihm mit einem angezündeten Schwefel⸗ holze brachte, und der kleine Franz ließ das Eichhorn auf dem Boden marſchiren, ſo gut es eben gehen wollte. Der Jäger hatte mit großem Appetit gegeſſen und that nun ein paar tiefe Züge aus der Pfeife, welche ihm ſeine Tochter gegeben hatte. „Frau Schwörer wollte dir alſo ſagen“— ſprach ſeine Frau mit bittender Stimme. Herr Brenner machte eine abwehrende Handbewegung und verſetzte:„Gleich, gleich, wir kommen ſchon daran. Vorher aber möchte ich noch wiſſen, wie es dem Gottſchalk eigentlich geht und ob er ſich bei dem langen Schreiber wohl befindet?“ „Da geht es ihm recht gut, Gott ſei Dank!“ entgegnete Frau Brenner.„Der Herr Larioz mag ihn ſehr wohl leiden, hält ſtrenge Aufſicht über ihn und gibt ſich auch die Mühe, ihn noch in ſeinen Freiſtunden über allerhand Nützliches zu unterrichten.“ „Und den Mann,“ wandte ſich der Jäger an die Frau des Alte Bekannte. 249 Schneiders, nachdem er eine tüchtige Rauchwolke aus ſeinem Munde gequalmt,„habt Ihr ſo mir nichts, dir nichts für den Teufel gehalten! O je, o je! Und er hatte doch nichts gethan, als den armen Gottſchalk von der Straße aufgeleſen, wo Ihr ihn in Regen und Kälte ſtehen ließet. Meint Ihr, Frau Schwörer, das hätte ich vergeſſen?“ Auf den Zügen der Frau des Jägers malte ſich eine gewiſſe Aengſtlichkeit, denn ſie fürchtete nicht mit Unrecht, Herr Brenner möchte heftig werden. Auch legte ſie ihm ihre kleine Hand auf den Arm und ſagte, nicht ohne Bezie⸗ hung, zu Margarethe:„Denk mir an den Herrn Larioz und vergiß nicht, die Suppe zu kochen, wie dir der Herr Dok⸗ tor Flecker aufgetragen: etwas Gerſtenſchleim ohne alles Gewürz.“ „Ich werde es gewiß nicht vergeſſen,“ antwortete das junge Mädchen.„Sie ſteht ſchon beim Feuer.“ „Was iſt das für eine Suppe?“ fragte Herr Brenner. „Für eben den Herrn Larioz, der ſeit acht Tagen krank iſt.“. „Ei, das thut mir leid. Da muß ich ihn dieſer Tage beſuchen. Und was fehlt ihm?“ „O, nichts Gefährliches, ein leichtes Fieber. So ſagte der Herr Flecker, der mich auch gebeten hat, Suppe für ihn zu kochen.“ „Das verſteht ſich,“ ſprach der Jäger. „Die Suppe bringen wir hin,“ miſchte ſich das Bübchen ins Geſpräch,„Margarethe und ich. Und ich darf zuweilen droben ſpielen und bekomme einen Bogen Papier, und Gott⸗ ſchalk macht mir Schiffe und Federhüte daraus.“ 250 1 Einundzwanzigſtes Kapitel. „So?— Nun, das iſt recht. Das wollen wir morgen ſelbſt einmal mit anſehen. Aber jetzt“— damit wandte er ſich an die Frau des Schneidermeiſters—„was will denn Madame Schwörer eigentlich?“ Dieſe hatte die Hände gefaltet und ſprach gar nicht ſo reſolut, wie man es bei ihr zu Hauſe gewohnt war; auch ließ ſie den Kopf etwas auf die Seite hängen und ſeufzte mehr, als es gerade nothwendig war.„Ach,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„Herr Brenner, es geht uns recht ſchlecht.“ Sie fuhr bei dieſen Worten mit dem Zipfel ihres wolle⸗ nen Halstuches an die Augen. „Nur nicht geflennt, Frau!“ ſprach der Jäger,„das kann ich um Alles in der Welt nicht ertragen. Daß es nicht beſonders gut bei euch geht, das habe ich gehört, und war dies auch nach jener Geſchichte nicht anders mög⸗ lich. Eure damaligen Freunde, die Betbrüder und Heuchler, ſind bei euch übel weggekommen und haben euch im Stich gelaſſen, nachdem ſie euch geholfen, die Kundſchaft des Mei⸗ ſters gründlich zu ruiniren. Kam doch lange kein ordent⸗ licher Menſch mehr in die Werkſtatt, und nicht mit Un⸗ recht, Frau Schwörer, das kann ich Euch verſichern. Denkt dagegen nach, wie es vor Jahren war, das Handtieren auf den Schneidertiſchen! Es war eine Freude, zu euch zu kommen.“ „Ach Gott, ja, das war eine ſchöne Zeit!“ ſeufzte die Frau. „Damals ging der Meiſter, wie alle ehrliche Menſchen, ins Wirthshaus, trank auch zu Haus ſeinen Schoppen, wenn es nothwendig war, knuffte die Lehrlinge, wo es hin gehörte, n—— Alte Bekannte. 251 und auf ein paar Schock Donnerwetter kam es ihm dazumal nicht an. Er hatte aber auch verfluchtes Volk in der Werk⸗ ſtatt, Kerls, die am Sonntag ausſahen wie Cavaliere, und alsdann verſoffen, was ſie die Woche verdient hatten. Wenn damals in irgend einer Kneipe die Polizei ein Neſt junger Schneidergeſellen ausnahm, da war die Hälfte von euch dabei, das könnt Ihr nicht läugnen.“ „Das iſt wahr, aber dafür haben ſie auch zu Haus gearbeitet, daß es eine Freude war.“ „Ob ſie gearbeitet haben! ich will’s meinen,“ ſagte der Jäger bedächtig, indem er die Aſche in ſeiner Pfeife zuſammen ſtieß.—„Nun gut, auf einmal fährt die Bombe ins Haus, oder, wenn Ihr wollt, Euer Mann kriegt den Rappel, fromm zu werden. Ich merkte das Ding gleich, denn ich kam dazumal oft hin; mir fehlten alsbald vier der tollſten Kerls in der Werkſtatt, wahre Banditen, die aber einen Rock zuſammen fegten, daß es eine Freude war. Ich ſage —— —— Euch, meine Livree ſaß damals, daß der Oberſt den gnädigen Herrn fragte: Wo, Teufel! laſſen Sie für Ihren Jäger arbeiten?“ — „Das muß wahr ſein,“ rach Madame Schwörer mit f prach Entſchiedenheit, indem ſie ſich an die Frau des Jägers wandte, „etwas Schöneres und Vortrefflicheres als den Herrn Brenner konnte man nicht ſehen.“ „Alſo eines Tages,“ fuhr dieſer geſchmeichelt fort—„es war vor Oſtern— fehlen mir die Banditen in der Werk⸗ ſtatt, und ſtatt ihrer ſehe ich ſo platthaarige Eulenge⸗ ſichter, die mich mit geducktem Kopf nur ſo von unten an⸗ ſchielen.“ Es war ſehr komiſch, wie der Jäger die Phyſiognomieen 252 Einundzwanzigſtes Kapitel. der neuen Geſellen des Meiſters Schwörer nachzuahmen ver⸗ ſuchte.„Doch genug,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„Ihr wißt das beſſer als ich, wie das Heil bei euch einzog und die gute Kundſchaft wegblieb.“ „Das ſei Gott geklagt!“ nahm die Frau das Wort.„Was habe ich dazumal ausſtehen müſſen! Der Schwörer hatte an einem Samstag⸗Abend einen Schoppen über den Durſt ge⸗ trunken, und als er nach Hauſe ging, wurde ihm etwas unwohl, und da fiel er leibhaftig in die Krallen des Teu⸗ fels, denn auf der Straße unterſtützte ihn der Bäckermeiſter Fiſcher.“ „Aha, der!“ meinte der Jäger,„der immer zu leichtes Brod bäckt. Eine Canaille, die heute kein Brod mehr abgibt, wenn ſie riecht, daß morgen um ein paar Pfennige aufgeſchlagen wird. Aber fromm, ſehr fromm!“ „Leider, leider!“ fuhr die Frau fort.„Und der hat meinem Manne den Kopf verrückt, hat ihm geſagt, das ſei eine letzte Mahnung, und wenn jetzt nicht die Gnade bei ihm zum Durchbruch käme, dann ſei ſein letztes Brod gebacken.“ „Ja, ja, wir wiſſen das,“ ſprach der Jäger;„aber laßt die vergangenen Zeiten vergangen ſein und mich mit kurzen Worten hören, was Ihr von mir wollt.““ „Das kann ich ja mit kurzen Worten nicht ſagen. Es geht uns eben ſchlecht; die Werkſtatt iſt und bleibt leer, und was zu thun iſt, das kann mein Mann ganz gut mit einem Lehrjungen beſorgen.“ „Und wie iſt er jetzt gelaunt, der gute Meiſter Schwörer? Hat er ſich ſeines ganzen Heiles begeben und will fortan ar⸗ 1 1 —— Alte Bekannte. 253 beiten wie andere Chriſtenmenſchen, oder gibt es noch immer Betſtunden und Traktätchen?“ „Eigentlich noch ſchlimmer als das: er weiß nicht, was er will. Hat unſer braver Pfarrer auf meine Bitten zu dem Manne doch ſo eindringlich geſprochen, daß es einen Stein hätte erweichen können, und ihm geſagt, die Kopfhängerei, wie er ſie getrieben, das Laufen in die Betſtunden, ſtatt ſeinen Geſchäften nachzugehen, ſei nicht der rechte Weg geweſen. Hat er ihm doch geſagt, er ſolle ſeinen Kopf friſch aufheben, heiter ſein, guten Muth haben und ſich nicht immer für einen großen Sünder und ſchlechten Kerl halten; Sünden habe freilich Jedermann, aber wer ſeine Geſchäfte tüchtig und fleißig beſorge, ſeinen Leuten ein gutes Beiſpiel gebe, ſeine Kunden ehrlich behandle, der brauche ſich nicht für verloren zu halten, wenn er auch keine Beſtunden beſuche, wenn er auch nicht mit geſenktem Haupt einherſchleiche, wenn er auch zuweilen in's Wirthshaus gehe, und wenn ihm auch in der Hitze bei der Arbeit ſo ein kräftiges Wort entfahre,— Ihr verſteht mich ſchon?“ „Ganz genau, der Pfarrer hat vollkommen Recht; ich für meine Perſon hätte ihm das nicht beſſer ſagen können. Und hat er das nicht eingeſehen?“ „O, er hat's ſchon eingeſehen, aber er hat nicht den Muth, wieder ein anderes Leben anzufangen. Sehen Sie, Herr Brenner— und darin beſteht eben meine Bitte an Sie — wenn ich nur Jemand hätte, der ihn wieder auf den rechten Weg brächte.“ Der Jäger nahm einen Augenblick ſeine Pfeife bei Seite, kraute ſich in dem vollen Barte und meinte, komiſch mit den Augen blinzelnd:„Curios! Ich ſoll den Meiſter alſo auf den 254 Einundzwanzigſtes Kapitel. rechten Weg bringen? Nun, das ließe ſich vielleicht machen. Was meinſt du, Jeannette, tauge ich dazu? Ließe ſich das machen?“ „Ich meine,“ entgegnete Frau Brenner,„wenn der Eine was dazu und der Andere was davon thäte, ſo könnte es euch beiden nichts ſchaden; du könnteſt mit dem Meiſter Schwörer Sonntag Vormittags in die Kirche gehen und er Abends mit dir ins Wirthshaus. So wäre es recht, ſcheint mir.“ „Ach ja, ſo wäre es recht,“ ſagte Madame Schwörer. „Wenn nur Sonntag Vormittags mein Dienſt nicht wäre!“ ſprach der Jäger einiger Maßen verdrießlich,„der Herr Ba⸗ ron iſt eigen und—“ „Ich weiß, daß der Herr Baron es ſehr gern ſieht,“ fiel ihm ſeine Frau ins Wort,„wenn ſeine Dienerſchaft in die Kirche geht. Denk doch nur an Gottſchalk; er hat ſchon ein paar Mal gefragt, warum du denn nie mit ihm geheſt.“ Der Jäger blies eine dicke Tabakswolke von ſich, und wer ihn genauer anſchaute, bemerkte wohl, daß er nach Marga⸗ rethen hinüber ſchielte, die mit ihren leuchtenden Augen den Vater feſt anſah und dabei mit der rechten Hand durch die blonden Locken des kleinen Bruders fuhr. Ob ſie den Blick ihres Vaters verſtand? Wahrſcheinlich, denn ſie näherte ſich ihm und ſagte mit ihrer angenehmen Stimme, welche ſanft wie die der Mutter war und doch wieder kräftig klang wie die ſeinige:„Ja, Vater, das könnteſt du wohl thun; es würde mich recht, recht ſehr freuen.“ 3 Herr Brenner ſchien ſich nicht ganz behaglich zu fühlen, er rückte auf dem Rehfell hin und her, zog ſeinen Hemdkragen 4— Alte Bekannte. 255 etwas in die Höhe und verſuchte es, finſter auszuſchauen, was ihm aber nicht recht gelingen wollte. „Ich glaube, ihr habt was mit mir vor,“ ſprach er als⸗ dann. Ach, laßt mich! Wenn ich dem Meiſter Schwörer helfen ſoll, ſo will ich es recht gern thun; ich will ihm ſagen, in welches Wirthshaus ich Abends gehe; dort kann er mich tref⸗ fen, und damit Baſta.“ Dieſes Baſta betonte er ſo ſtark, daß die arme Frau Brenner eingeſchüchtert ſtill ſchwieg. Nicht ſo aber Madame Schwörer. „Sie ſind ein braver Mann, Herr Brenner,“ ſagte dieſe, „und wenn Sie es thun wollen, ſo thun Sie es auch ganz. Wollen Sie meinem armen Zacharias helfen, obgleich er es nicht um Sie verdient hat, ſo werden Sie es recht thun. Gehen Sie Morgens mit ihm in die Kirche und er geht Abends mit Ihnen in das Wirthshaus. Gottes Lohn dafür, und wie will ich Ihnen dankbar ſein!“ „Der Vater thut's,“ ſprach Margarethe in beſtimmtem Tone, wobei ſie dieſen feſt anſah.„Ich bin überzeugt, er thut's.“ Herr Brenner ſuchte bei dieſem Drängen eine Veranlaſ⸗ ſung, ein paar heftige Worte ſagen zu können, und rief deß⸗ halb:„Aber, beim Henker! es iſt ja gerade, als wenn ich ein Heide wäre. Ich gehe auch zu Zeiten in meine Kirche, das kann Niemand läugnen. Und wenn euch allen damit ein ſo großer Dienſt geſchieht, ſo kann ich einen ſolchen Gang auch mal mit Meiſter Schwörer probiren, vorausgeſetzt, daß es mein Dienſt erlaubt.— Aber jetzt laßt mich zufrieden, jetzt habe ich genug der Quälereien. Ich ſage Euch, Frau Schwö⸗ 256 Einundzwanzigſtes Kapitel. rer, Ihr könnt Euch etwas darauf einbilden, daß Ihr mich breit geſchlagen.“ Damit ſtand er auf, fuhr ſeiner Tochter Margarethe, die ſo lieb und freundlich lachte, mit der Hand über das Geſicht, pätſchelte den kleinen Buben auf den Kopf und ging dann in eine Ecke des Zimmers, wo er ſein Gewehr aufnahm, beide Hahnen aufzog und die Batterie betrachtete. Frau Schwörer hob ihre Hände empor, nickte der Frau Brenner zu, als wollte ſie ihr beſtens danken, und darauf machte ſie gegen dieſelbe eine fragende Geberde. Die Andere nickte mit dem Kopfe und zuckte die Achſeln, als wollte ſie ſagen: Verſuch's! „Ich freue mich recht ſehr,“ ſagte darauf Madame Schwö⸗ rer,„wenn ich das zu Hauſe meinem Manne erzählen kann. Ihr ſollt ſehen, nun wird Alles gut. Wenn der brave Herr Brenner einmal A geſagt hat, ſo ſagt er auch B.“ „Ja, und ſo fort durchs ganze Alphabet bis zum Z,“ brummte der Jäger, der jedes Wort gehört zu haben ſchien. „Davon bin ich überzeugt,“ fuhr die Frau fort,„daß meinem Manne jetzt geholfen wird. Herr Brenner ſpricht dann eines Tages mit dem gnädigen Herrn Baron und ſagt ihm: Wiſſen Sie, Herr Baron, da iſt der Schwörer, der hat ſchlechte Livreen gemacht.“ „Das iſt nicht zu läugnen,“ meinte der Jäger. „Hat ſich aber nun gebeſſert; ich ſehe ihn zuweilen im Wirthshaus. Herr Baron ſollten es mit dem Manne noch einmal verſuchen.“ „Und dann?“ fragte unwirrſch Herr Brenner, wobei er die Hahnen ſeines Gewehres knacken ließ. ——— 5— ————— ——— Alte Bekannte. 257 „Dann wird der Herr Baron ſagen: Gebt dem Meiſter Schwörer etwas zu arbeiten; und das wird eine Arbeit geben, wie ſie noch gar nicht dageweſen.“. „Ihr zählt noch über das Z hinaus, Frau,“ erwiderte der Jäger;„laßt gut ſein, dazu müſſen wir erſt ſehen, wie ſich der Meiſter im Wirthshaus ausnimmt.“ Da er aber lachte, während er das ſprach, ſo unterſtand ſich Madame Schwörer, ebenfalls zu lachen, indem ſie luſtig ausrief:„Und Sie in der Kirche! Wenn ich das nur nicht verſäume!“ Herr Brenner that, als habe er dieſe Rede nicht gehört, und um die Fortſetzung derſelben zu verhindern, ſetzte er das Gewehr auf den Boden und ließ den eiſernen Ladſtock mehrere Mal in beide Läufe fallen. Das Bübchen hatte ſein todtes Eichhorn in der Zimmer⸗ ecke zunächſt der Thür auf die Hinterbeine geſtellt, wo es eine ehr traurige Figur machte. Auf einmal wandte Franz den Kopf herum und ſagte:„Margarethe, ich glaube, es klopft Jemand an die Thür.“ Das junge Mädchen ging, nachzuſehen, und nachdem ſie geöffnet, ſagte ſie:„Ach, Herr Friedrich!“ und ließ den, der ſo eben geklopft, ins Zimmer treten. Hackländer, Don Quixrote. II. 17 —yõ— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Neffe des Jägers. Herr Brenner hatte den Ladſtock des Gewehres noch nicht an ſeinen gehörigen Platz zurückgebracht, und als er den Eintretenden erblickte, hielt er wie überraſcht inne, ſo daß er eine Sekunde lang den Arm mit dem Ladſtock hoch erhoben hielt. Eigentlich lag gar nichts Auffallendes in der Erſchei⸗ nung des Mannes, der nun ins Zimmer trat, freundlich mit dem Kopfe nickte und dann fragte, ob Madame Wendel viel⸗ leicht zu ſprechen ſei. Er trug einen einfachen Jagdrock, einen grauen Hut, in der rechten Hand einen Stock, auf welchen er ſich im Gehen zu ſtützen ſchien. Obgleich ſeine Figur nur mittelgroß war, auch ſtarke Formen zeigte, ſo ſchien er doch von Krankheit etwas gebeugt, ſowie auch die Züge des anziehenden Geſichtes eine Spur tiefen Leidens zeigten. 3 Nach den Worten, die der Fremde geſprochen, hatte Herr Breuner den Ladſtock eilig an ſeinen Ort gebracht, und ————= ———Q—Q—Q—O—OCQC—QQ—CQ—QCQ—Q—ꝑ—Q—ꝑ—Oñ—-———— Der Neffe des Jägers. 259 ſeine Stirne zog ſich zuſammen, als denke er über etwas nach. Dabei wunderte ſich ſeine Frau, die ihn anſchaute, daß er nach ſeinem Rocke langte, der neben dem Kana— rienvogel am Fenſter hing, und Miene machte, ihn an⸗ zuziehen. Der eben Eingetretene ſchien indeſſen hiervon keine Notiz zu nehmen, wiederholte ſeine Frage nach Madame Wendel, und als Frau Brenner hierauf bejahend nach der Thür des Nebenzimmers zeigte, ging er nach einer flüchtigen Ver⸗ beugung dorthin, klopfte an und verſchwand nach einem lauten Herein! in dem Zimmer der Frau Großmutter. Herr Brenner blickte ihm aufmerkſam nach, dann fuhr er mehrere Mal mit der Hand über das Geſicht, wie man es zu machen pflegt, wenn man ſich auf etwas beſinnen will, ſchüttelte alsdann mit dem Kopfe und ſagte, indem er ſich an Margarethe wandte:„Wer iſt denn das?“ Gänzlich unbefangen und mit ihrem gewöhnlichen offenen Blick entgegnete das junge Mädchen:„Wer es eigentlich iſt, wiſſen wir nicht; weder die Mutter, noch ich haben je mehr mit ihm geſprochen, als du eben gehört.“ „Aber wie kommt er ins Haus?“ forſchte der Vater weiter. „Durch den Jäger Klaus, Vater,“ erwiderte Margarethe. Herr Brenner runzelte etwas Weniges die Stirn und warf den Kopf unmuthig auf die eine Seite.„Was hat denn Klaus eigentlich wieder hier zu ſchaffen? Wir ſind doch keine ſo beſonderen Freunde, daß er Veranlaſſung hätte, meine Wohnung mit ſeinem Beſuch zu beehren.“ „Er kommt auch nicht zu uns,“ ſagte das Mädchen mit leiſerer Stimme.„Du weißt aber doch genau, Vater, daß er 260 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. die Großmutter recht gut kennt und daß Großmutter was auf ihn hält.“ „Ja, ja, das iſt ſo eine alte Freundſchaft von damals, als noch Beide zuſammen hinten auf dem Wagen geſeſſen. Das hat lange Jahre hindurch gehalten.“ „Klaus iſt der Einzige, der die Mutter häufig beſucht, miſchte ſich Frau Brenner in das Geſpräch und ſetzte uiit einiger Schüchternheit hinzu:„Wie Margarethe ſagt, ſo iſt es, die Mutter kann den alten Jäger wohl leiden und ſagt, es ſei ein recht braver Mann.“ „Nu, nu,“ machte Herr Brenner, indem er etwas befan⸗ gen nach der Thür des Nebenzimmers blickte;„wenn das die Großmutter ſagt, ſo habe ich nichts dagegen, es kann auch meinetwegen wahr ſein. Aber was iſt denn der Andere eigentlich?“ „Ich glaube, der Neffe des Jägers,“ erwiderte Marga⸗ rethe. „So, der Neffe des Jägers? Habe doch nie gewußt, daß der Klaus auf der ganzen weiten Welt etwas Angehö⸗ riges beſäße, als einen alten Schweißhund, der aber vortreff⸗ lich iſt.— So, ſein Neffe?—“ Und wieder fuhr er mit der Hand über das Geſicht, ſtrich den vollen Bart nach dem Kinn hinauf und ſagte, nachdem er ein paar Sekunden an die Decke geblickt:„Mein Auge iſt gut, und mein Gedächt⸗ niß trügt mich ſelten; das Geſicht und die Figur habe ich ſchon geſehen; nur genirt mich der Jagdrock und der graue Hut. Na, wenn's die Großmutter angeht, da kann mir's vorderhand recht ſein.— Komm, Palmarum, du kannſt mit in den Keller gehen, wir wollen den Hunden was zu freſſen bringen und nachſehen, wie viel ſie verlernt haben.“ ——————.„.„. 4..— Der Neffe des Jägers. 261 Hierauf zog er ſeinen Rock an, ſetzte eine grüne Mütze auf und ging nach der Thür. Ehe er aber das Zimmer verließ, ſprach er noch lachend zu Madame Schwörer:„Alſo es bleibt dabei, ich will den Schneidermeiſter in die Dreſſur nehmen; wenn der nicht in längſtens vierzehn Tagen die Fährte nach dem Wirthshauſe wieder gefunden hat, ſo will ich mein Leben lang dazu verdammt ſein, Sperlinge zu ſchießen.“ „Gott ſei Dank, daß er gut gelaunt war!“ ſagte Ma⸗ dame Schwörer;„nun habe ich wieder Hoffnung. Denkt ein bischen an mich, Frau; ich will's Euch wahrhaftig all mein Leben lang nicht vergeſſen.“ „An uns ſoll es nicht fehlen,“ meinte die Frau des Jä⸗ gers;„aber was er einmal verſpricht, das pflegt er auch zu halten. Ihr könnt verſichert ſein, er holt am Sonntag früh Euren Mann zur Kirche ab, und dafür habe ich alle Urſache, Euch dankbar zu ſein.“ Nach noch einigen für die Weiber außerordentlich noth⸗ wendigen, für uns aber ſehr unweſentlichen Redensarten ver⸗ ließ Madame Schwörer das Zimmer und wurde von Mar⸗ garethen bis zur Treppe begleitet. Frau Brenner ſetzte ſich in ihre Fenſterniſche, und wenn ſie auch an die eben ſtatt⸗ gefundene Unterredung dachte, ſo blickte ſie doch oft nach der Thür des Nebenzimmers und verſank dabei in tiefes Nach⸗ ſinnen; weßhalb wußte ſie eigentlich ſelbſt nicht. Der Neffe des Jägers war unterdeſſen in das Zimmer der Großmutter getreten, hatte die Thür feſt hinter ſich zuge⸗ macht und ging dann nach dem Seſſel der alten Frau, der er freundlich die Hand reichte. Als ſie dieſelbe nahm, machte ſie eine tiefe Neigung mit dem Kopfe und ſagte einigermaßen 262 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. verlegen:„Euer Erlaucht ſind zu gnädig: ich weiß nicht, wie ich dazu komme, ſo freundlich von Ihnen behandelt zu werden.“ „Das iſt ſehr einfach,“ antwortete der Neffe des Jä⸗ gers,„ich mache es Ihnen gerade ſo, wie Sie mir es machen. Sie haben mich freundlich aufgenommen, und dafür kann ich doch, weiß Gott im Himmel! nicht weniger thun, als daß ich Ihnen mit ſolchen Kleinigkeiten zeige, wie ſehr es mich freut, wenn ich Sie zuweilen ſehe.“ Er hatte bei dieſen Worten einen Stuhl genommen und ſich neben die Frau Großmutter geſetzt. Dieſe ſagte mit einem feinen Lächeln:„Es iſt aber eigentlich recht lange her und viel, daß ſich der Herr Graf Helfenberg der damals ſo luſtigen Katharine, die fleißig mit ihm geſpielt, wieder erinnert.“ „Ja, es iſt lange her!“ ſeufzte der junge Mann. „Es war der Anfang meiner traurigen Tage,“ fuhr die Großmutter fort, und dabei blickte ſie mit ihrem leuchtenden Auge vor ſich hin, als wollte ſie Jahr um Jahr in Gedan⸗ ken auf die Seite ſchieben, als wollte ſie die Mauern des kleinen Zimmers, das ſie nun ſo lange nicht mehr verlaſſen, durchbrechen, um aus dem Winter ihres Lebens und der Gegenwart nach dem Sommer ihres Daſeins zurückzukehren, wo aber die Blüthe ihres Lebens ſchon vorüber war, und nach den grünen Waldplätzen, wo ſie damals ſchon nichts mehr thun konnte, als mit dem kleinen Sohne des alten Grafen Helfenberg zu ſpielen, wenn er, wie häufig geſchah, mit ſeinem Vater zum Beſuche zu ihrer ehemaligen Herrſchaft kam. „Ja, die Zeiten haben ſich recht geändert,“ verſetzte der 9 Der Neffe des Jägers. 263 junge Mann, indem er ſeine Hand auf den Arm der Groß⸗ mutter legte;„und wir Beide ſind auch nicht ſo geworden, wie wir es gedacht.“ „Was mich anbelangt,“ ſagte die Frau nach einem ſchmerzlichen Nachdenken,„ſo wußte ich ſchon mein Schickſal, und Euer Erlaucht werden ſich wohl erinnern, wie Sie da⸗ mals, ein heiterer Knabe, oft über mich gelacht, daß ich Sie nicht einmal mehr einholen konnte, wenn Sie mir rückwärts davon liefen.“ „Ich erinnere mich,“ ſprach finſter der Neffe des Jägers, „und bei Gott, ich habe ſehr zur Unzeit gelacht; denn mir würde es heute nicht beſſer gehen, als Ihnen damals.“ Die Großmutter warf einen raſchen Blick auf die zuſam⸗ mengeſunkene Geſtalt des jungen Mannes. Doch zwang ſie ſich zu einem Lächeln, während ſie antwortete:„O, Herr — Graf, das hat bei Ihnen gute Wege; das iſt ein vorüberge⸗ hendes Leiden, und ich möchte mit Ihnen wetten, wenn man mich einmal dort hinaus trägt, von wo man nicht wieder⸗ kehrt, ſo könnten Sie mich friſch und munter begleiten, wenn es anders möglich wäre, daß Sie mir dieſe Ehre an⸗ thäten.“ Der junge Mann war bei dieſen Worten zuſammenge⸗ zuckt, aber nicht über die Reden der Großmutter, ſondern über den dumpfen Ton der Kirchenglocke, die man nun mit einem Male in der Entfernung langſam und feierlich an⸗ ſchlagen hörte. Er that einen tiefen Athemzug, hob die Hand empor und ſprach, während er ſich zu einem Lächeln zwang: „Ueber das, was Sie eben ſagtenge möchte ich Ihnen, wenn das möglich wäre, eine Wette anbieten.“ „Und die wäre?“ 4 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 264 „Daß Sie eines Morgens dieſelbe Glocke, die dort tönt, wieder anſchlagen hören, und daß man Ihnen dann auf Ihre Frage ſagen wird: Es iſt für den Grafen Helfenberg,— nur ein Wunder, daß es ſo lange gedauert hat!——— Doch weg mit dieſen Bildern, die mich häufig zur Unzeit geniren! Ich habe ſchon lange verſucht, mir das abzugewöh⸗ nen, Ud es gelingt mir auch in letzter Zeit beſſer. Räume ich doch dieſen finſteren Phantaſieen Rechte genug ein, wenn ich ihnen geſtatte, über mich herzufallen, ſobald ich allein bin.— O, helfen Sie mir ſie verjagen; erzählen Sie mir etwas aus der damaligen Zeit!“ „Wenn ich nur etwas wüßte,“ ſagte die Großmutter,„was Sie aus jener Zeit intereſſiren könnte!“ „Alles, wenn Sie es mir auf Ihre lebendige Art er⸗ zählen.“ Die alte Frau ſann einen Moment nach, dann blickte ſie wieder mit ihren klaren Augen vor ſich hin, und ein leichtes Lächeln ſpielte um ihre Züge.„Wie unſere Spielplätze von da⸗ mals wohl ausſehen mögen!“ ſprach ſie darauf.„Es iſt nun ſo gar lange her, daß ich nicht mehr auf Stromberg war; da wird ſich viel verändert haben.“ „An Stromberg ſelbſt mit ſeinen Gütern und Parken nicht viel,“ entgegnete der junge Mann.„Mein Vater, als er es vor langen Jahren von Ihrer ehemaligen Herrſchaft gekauft, änderte gar wenig und unterhielt alles das, was er über⸗ nahm, hauptſächlich aus Pietät gegen die frühere Beſitzerin, bei der er manche angenehme Stunde verbrachte.“ „Ja, der Herr Geſ Helfenberg war gern dort, ſehr gern,“ meinte nachſinnend die Großmutter.„Gab er doch für Stromberg, ſo viel ich mich erinnere, neben einer großen g Der Neffe des Jägers. 265 Kaufſumme noch die reizende Beſitzung, wohin ſich die Gräfin Eller mit ihren beiden Töchtern ſpäter zurückzog.“ „Dieſer beiden Töchter erinnere ich mich auch noch, je⸗ doch ziemlich unbeſtimmt,“ ſagte der Neffe des Jägers an⸗ ſcheinend mit ſehr gleichgültigem Tone, doch warf er einen forſchenden, faſt lauernden Blick auf die alte Frau.„Ich war damals in der Penſion, ſelten zu Hauſe, und wenn mich mein Vater zuweilen zur Gräfin Eller mitnahm, ſo war es mir am liebſten, wenn ich mit einem kleinen Gewehr in den Gebüſchen herumſtreichen konnte.“ „Ja, ja, dieſe beiden kleinen Gräfinnen, ich ſehe ſie wohl noch vor mir, als wenn es geſtern wäre. Als ich den Dienſt verließ, waren ſie freilich noch ſehr jung, die eine neun, die andere ſieben Jahre ungefähr, ſo glaube ich. Ich heirathete dazumal, kam aber freilich darauf noch Jahre lang häufig ins Haus, bis mich endlich mein Leiden an die Stube feſſelte.“ „Mir kamen ſie gänzlich aus dem Geſichtskreiſe,“, ſprach der junge Mann,„nur ſo viel erfuhr ich, daß beide ſehr früh geheirathet.“ Als er das ſagte, hatte er den Kopf auf den Arm geſtützt und ſchaute unbefangen vor ſich nieder, ſo daß er auch nicht den eigenthümlichen Blick der alten Frau be⸗ merkte, mit dem ſie ihn ein paar Sekunden lang forſchend betrachtete. „Es waren zwei ganz verſchiedene Naturen,“ fuhr die Großmutter nach einer Pauſe fort;„die Aeltere, von Jugend auf ein ſtilles, ruhiges Kind, ueſchäftigte ſich viel mit ihren Büchern, lernte fleißig, war der Stolz ihrer Lehrer und, ich kann es wohl ſagen, der Liebling der Mutter. Die Jüngere ———-— 2* 2 266 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. war blendend ſchön, aber ſchon als Kind ein Wildfang, wie man ſich nur denken konnte. Mit vollem Rechte ſagten wir oft, es ſei ein Bube an ihr verloren gegangen; Reiten und ſelbſt Fahren war ihre Leidenſchaft, und für ſie war die alte Gräfin nicht ſtreng genug. So wuchſen Beide heran, und die Vünre hat ihrer armen Mutter manche ſchwere Stunde gemacht. „Aber ihr Charakter war gut, wie ich gehört?“ fragte der junge Mann. „Wankelmüthig,“ entgegnete die Großmutter;„jetzt, ihre Fehler einſehend, konnte ſie bei den Vorwürfen der Mutter ſtundenlang weinen, aufs heiligſte Beſſerung geloben, um morgen wieder wilder anzufangen, als ſie heute geendigt. So hat ſie auch leider fortgemacht, und es ziemt mir nicht, über Sachen zu ſprechen, die Euer Erlaucht vielleicht beſſer wiſſen als ich ſelbſt.“ „In Wahrheit habe ich mich nie beſonders darum ge⸗ kümmert,“ verſetzte Graf Helfenberg.„Sie heirathete einen älteren Mann.“ „Den Herrn Baron von Braachen.“ „Ganz richtig. Und ſo viel erinnere ich mich wohl, daß man viel über dieſe Heirath geſprochen.— Sie hat eine einzige Tochter, die ſehr ſchön iſt; ich habe ſie ein oder zwei Mal geſehen.“ Bei dieſen Worten traf derſelbe forſchende Blick der alten Frau abermals das Geſicht des jungen Mannes, der aber auch jetzt wieder, wie früher, anſcheinend gänzlich unbefangen und gleichgültig vor ſich nisderſchaute. „Ja, eine einzige Tochter,“ ſprach nach, einer längeren Pauſe ſeufzend die Großmutter.„Als ſie geboren wurde, Der Neffe des Jägers. 267 hielt ich es für meine Schuldigkeit, dem Kinde meiner ehe⸗ maligen Herrſchaft, der ich heute noch zu tiefſtem Danke ver⸗ pflichtet bin, ſchriftlich in aller Ehrfurcht meinen Glückwunſch zu Füßen zu legen. Die Frau Baronin von Braachen nahm meine Theilnahme ſo freundlich auf, daß ſie ihrer Kammer⸗ frau erlaubte, mit dem kleinen Mädchen hieher in meine be⸗ ſcheidene Wohnung zu kommen. Es hat mich das denn auch außerordentlich gefreut, und es machte mir auch ſpäter das größte Vergnügen, wenn ich Gutes und Liebes von der klei⸗ nen Eugenie erfuhr.“ „Alſo Sie erfuhren doch von Zeit zu Zeit, wie es der⸗ ſelben ging?“ fragte der Graf nach einem tiefen Athemzuge. „Allerdings, und die genaueſten Nachrichten durch meinen Schwiegerſohn, der, wie Euer Erlaucht wiſſen, Jäger bei dem Herrn nach dem Gute des Herrn von Braachen kam.“ von Breda iſt und mit ſeinem Herrn häufig „Sehen Sie,“ ſagte der junge Mann nach einem län⸗ geren Stillſchweigen,„wie hübſch Sie mir das alles erzählen! Das hat mich ſo zerſtreut, ich möchte ſagen: erfreut, daß ich mich viel wohler fühle, und deßhalb komme ich auch ſo gern zu Ihnen.— Die Tochter der Frau von Braachen iſt jetzt hier in der Stadt bei ihrem Onkel, Baron Breda.—— Gleicht ſie ihrer Mutter?“ „Man ſagt, ſie ſei ſehr ſchön. Und das wird ſie wohl von der Gräfin Henriette haben. Sonſt ſoll ſie derſelben nicht ähnlich ſehen, ſondern ein liebenswürdiges, folgſames und ſehr gutes Kind ſein.“ „Ig, ja,“ meinte nachdenkend der Graf. „Mein Schwiegerſohn erzählt gern von ihr,“ fuhr die alte Frau fort,„und in ſeiner Art mit einer wahren Begei⸗ 268 Zweinndzwanzigſtes Kapitel. ſterung. Doch hätte das nicht viel zu bedeuten,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„da ſie, wie geſagt, ſehr ſchön ſein ſoll und freundlich gegen die Dienerſchaft. Aber auch die Kammerfrau der Baronin von Braachen beſucht mich hier und da, und daß die nur Liebes und Lobenswerthes von dem jungen Mäd⸗ chen zu erzählen weiß, iſt mir ein viel gültigeres Zeugniß. Es würde mich in der That freuen, ſie noch einmal zu ſehen, aber das geht nicht an.“ 4 Während das die Großmutter ſagte, blickte der junge Mann ſie mit einer wahren Spannung an, auch wollte er haſtig etwas erwidern, doch ſchien er ſich eines Anderen zu beſinnen und ſagte nach einer Pauſe in ganz gleichgültigem Tone:„Warum ſoll das nicht angehen? Ich bin überzeugt, wenn Fräulein Eugenie nach dem, wie ſie ildert, nur eine Ahnung davon hätte, daß Sie 3n ehemaligen treuen Dienerin ihrer Großmutter, Vergnügen mit ihrem Beſuche machen könne, ſie würde augenblicklich kommen. Vielleicht ginge es ihr wie mir,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„daß auch ſie ſich gern von der damaligen Zeit erzählen ließe, von Stromberg und der Gräfin Eller.“ Die Großmutter ſchüttelte mit dem Kopfe und blickte vor ſich nieder, worauf ſie ſprach:„Wenn das ganz von ſelbſt käme, ſo muß ich ſagen, es würde mich außerordentlich glück⸗ lich machen, Fräulein Eugenie zu ſehen. Aber eine junge Dame wie ſie, ſchön, gefeiert, der Welt lebend, wird ſich viel um eine alte Dienerin ihrer Großmutter beküämmern!— Doch Sie, Herr Graf, ſehen ſie wohl öfter?“ fragte die Frau raſch, wobei ſie ihr Geſicht dem jungen Manne ganz zuwandte. „Ich?“ antwortete einigermaßen verlegen der angebliche Neffe des Jägers,„ich?— nein, ich ſehe ſie nicht häufig. — Der Neffe des Jägers. 269 Einige Mal hatte ich wohl das Glück, in ihrer Nähe zu ſein, doch bin ich feſt überzeugt, ja, ich möchte darauf ſchwören, daß ſie mich, den Grafen Helfenberg, durchaus nicht kennt. — Sie fragen mich,“ ſagte er nach einer Pauſe, während welcher er ſichtbar über etwas nachgedacht,„weil Sie aus meinen Fragen zu entnehmen ſcheinen, als intereſſire ich mich für das junge Mädchen; und darin haben Sie nicht ganz Unrecht. Doch iſt es micht ein Intereſſe, welches ich, Graf Helfenberg, an Fräulein Eugenie von Braachen nehme. Ja, ich habe ſie ein paar Mal geſehen, auch geſprochen, und das auf ganz eigenthümliche Art.“ Er lächelte ſtill, faſt traurig in ſich hinein, während ihn die Großmutter mit ihren leuchtenden Blicken ſcharf fixirte. „Das wuzda draußen im Walde,“ ſprach er mit leiſer Stimme, währknd er wie träumend vor ſich hinblickte,„im vergangenen Sommer. Ich fühlte mich damals kränker als jetzt und fuhr zu dem alten Klaus, der ſeine Jagdhütte in einem kleinen, reizenden Waldthale hat. Mir that das Grün und der Duft der Bäume ſo wohl.— Da erſchien auch einmal Fräulein Eugenie; ſie hatte einen Spaziergang gemacht und den alten Klaus aufgeſucht, wie ſie häufig zu thun pflegte.“ „Und war erſtaunt,“ fragte die alte Frau, indem ſie ſehr langſam ſprach,„dort Seine Erlaucht, den Herrn Grafen Helfenberg zu finden?“ „Sie war wohl erſtaunt, jemand Fxemdes dort zu finden, aber ſie machte nicht die Bekanntſchaft des Grafen Helfen⸗ berg; ich hatte die Idee, das zu ſein, was ich auch hier bei Ihnen bin: der Neffe des Jägers.“ Der Blick der alten Frau verdüſterte ſich, und ſie ſprach zu ſich ſelber:„Er hat viel von ſeinem Vater.“ 270 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Da hatte ich freilich einen anderen Beweggrund als hier,“ fuhr der junge Mann fort.„Sie wiſſen, daß ich Sie gern wieder einmal geſehen und geſprochen hätte. Soll Graf Hel⸗ fenberg kommen, der ja nie aus ſeinem Hauſe geht,“ ſetzte er finſter hinzu,„und den Leuten unnöthiges Gerede geben?“ „Das ſehe ich ein, aber warum dort im Walde?“ „O, das iſt noch viel klarer,“ lachte bitter der Graf. „Sollte Graf Helfenberg, von dem Fräulein Eugenie vielleicht gehört, er ſei ein luſtiger, wilder Menſch, ein toller Reiter und Jäger, nun auf einmal vor ihr erſcheinen ſchwach, elend, krüppelhaft, wie er es wirklich iſt?— Nein, ich ſchämte mich vor meinem Namen. Das iſt ja auch der Grund,“ ſagte er, nachdem er einen Moment die Lippen feſt zuſammen gebiſſen, „warum ich mich vor der ganzen Welt in meinem Hauſe halte. Mag man ſprechen über mi as man will, mag man meinen Zuſtand noch ſchlimmer ſchildern, als er iſt — ich, wie ich war, mag nicht vor den Leuten erſcheinen, wie ich bin.“ Bei dieſen Worten war er aufgeſtanden und an das kleine Fenſter getreten, wo er die Stirn an die kalten Scheiben legte und tief und ſchmerzlich aufſeufzte. Die Großmutter blickte ihm nach, ſchüttelte leiſe mit dem Kopfe und bedeckte ihr Auge leicht mit der Hand. Es war ein paar Sekunden lang ſo ſtill in dem Zimmer, daß man deutlich eine Stimme vernahm, die auf dem Gange ſprach und in fröhlichem Tone ſagte:„Aber Judica— Margarethe, das muß ich mir ausbitten, daß nicht die Idee von Gewürz in die Suppe kommt; reiner Gerſtenſchleim, höchſtens mit ein bischen Salz. Sie werden mir zugeben, daß ich das Der Neffe des Jägers. 271 als Arzt am beſten wiſſen muß, item, eine ganz gewöhnliche Krankenſuppe.“ Beim Klange dieſer Stimme hatte ſich Graf Helfenberg raſch von dem Fenſter abgewandt, nahm ſeinen Hut und ſprach, indem er der alten Frau die Hand reichte:„Ich muß jetzt gehen; wenn ich wieder komme— und ich darf doch wieder kommen, nicht wahr?— ſo ſprechen wir nur heitere Sachen.“ Damit eilte er, ohne eine Antwort abzuwarten, zur Thür hinaus. Er hatte den Hut tief in die Augen gedrückt und wollte gerade zum Wohnzimmer hinaus, auf den Gang, als ihm dort an der Thür der Armenarzt, Doktor Flecker, begeg⸗ nete, der faſt gegen ihn angeprallt wäre. „Bitte um Entſchuldigung,“ ſagte höflich, aber nicht ohne Ironie der Doktor;„für uns beide iſt die Thür zu ſchmal. Wenn Sie mir erlauben, warte ich ſo lange, bis Sie drau⸗ ßen ſind.“ Darauf brauchte er nicht lange zu warten, denn der An⸗ dere ſchritt mit ziemlicher Schnelligkeit auf ſeinen Stock ge⸗ ſtützt der Treppe zu, nachdem er leicht mit dem Kopfe genickt. „Wer iſt denn das?“ wandte ſich der Arzt fragend an Margarethe, nachdem Jener verſchwunden war. „Das iſt der Neffe des Jägers Klaus.“ Worauf der Doktor kopfnickend erwiderte:„So, ſo, das iſt der Neffe des Jägers. Hm, hm!“ 2 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Don Quixote und Tiger. —* Die ſonſt ſo ſtarke Natur des Herrn Larioz war von den ausſchweifenden Feſtlichkeiten, die bei ſeiner Aufnahme in den Bund zum Dolche Rubens ſtatt gefunden, etwas zu ſtark mitgenommen worden, was ſich, wie Doktor Flecker ſagte, durch ein heftiges, wenngleich für den Patienten glück⸗ licherweiſe nicht gefährliches, Katarrhfieber äußerte. Dem ſtechenden Kopfſchmerz nach, ſowie einigen Anwandlungen von Uebelkeit, die den Kranken in der erſten Nacht, ſowie auch den folgenden Tag bedeutend geplagt, hatte der Armenarzt etwas Gefährlicheres vermuthet und oft länger neben dem Bette des Schreibers geſeſſen, das Kinn auf pen Elfenbein⸗ knopf des Stockes geſtützt und ihn durch die Prillengläjſer feſter betrachtend, als er ſonſt wohl zu thun pflegte. Denn 8 4 er mochte ihn leiden, den langen Mann; ſprach doch aus allem, was er that, ſo viel natürlicher Verſtand, ſo viel Don Quixote und Tiger. 273 Herzensgüte, ſo viel Wohlwollen für alle Menſchen, daß man darüber die Eigenheiten und oft ſeltſamen Anſichten des edlen Spaniers wohl vergeſſen konnte. Dabei beurtheilte ihn der Doktor ganz richtig, indem er fühlte, daß man es hier mit einem Menſchen voll glühender, ja, vielleicht ausſchweifender Phantaſie zu thun habe, mit einem Gemüthe voll Poeſie, welche in ihm ſchon als Kind durch ſeine eigenthümliche und abenteuerliche Umgebung geweckt worden war und die ſeine jetzige, mehr als proſaiſche Stellung wohl auf Momente zu feſſeln im Stande war, aber ſo wenig unterdrücken konnte, daß ſie, den zufälligſten Ausweg benutzend, ihn oft in ganz excentriſche Bahnen hinein riß. Herr Larioz hatte dabei einen unüberwindlichen Abſcheu vor aller Falſchheit, vor aller Hinterliſt. Wie es Jemand möglich ſei, ſeinen Nebenmenſchen zu hintergehen, zu betrü⸗ gen, davon hatte er keine Idee; und da ihm in dergleichen Fällen der Hehler ebenſo ſchlecht wie der Stehler vorkam, ſo hielt er es für das verdienſtvollſte Werk, ja, für die Schul⸗ digkeit eines Jeden, unnachſichtlich dem Betrogenen die Augen zu öffnen, wobei er dann aber ſchon oft in den Fall gekom⸗ men war, ſich in Dinge zu miſchen, die ihn durchaus nichts angingen, und für welche Einmiſchung er nicht ſelten den größten Undank erntete, was ihn aber nicht abſchreckte, ein anderes Mal wieder gerade ſo zu verfahren. Daß er ſelbſt dabei von einer muſterhaften Redlichkeit und Treue war, brauchen wir wohl nicht zu ſagen— Eigenſchaf⸗ ten, die ihm den Doktor Flecker zum Freunde gemacht hatten, und die auch ſein Prinzipal, Herr Rechtsconſulent Plager, bedingungsweiſe an ihm hochſchätzte. Wir ſagen: bedingungs⸗ weiſe; denn bei den Geſchäften des Advokaten, in die auch Hackländer, Don Quixote. II. 18 274 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Herr Larioz mehr oder minder eingeweiht war, kamen zuwei⸗ len Dinge vor, die mit des Letzteren Geſinnungsart nicht im— mer harmonirten, und die hier und da wohl zu unangenehmen Erörterungen zwiſchen dem Rechtsconſulenten und ſeinem Ge⸗ hülfen Veranlaſſung gegeben hatten. Doktor Plager, der na⸗ türlicherweiſe ganz anders fühlte, konnte es nicht begreifen, wie man ſich weigern könne, für eine gut zahlende Partei einen ſchlechten Prozeß zu übernehmen, und hatte in ſolchen Fällen die größte Mühe, ſeinen Schreiber davon abzuhalten, daß er den Parteien erklärte: Laßt das Prozeſſiren ſein, ſeid geſcheidt und ſpart euer Geld. Und das war doch ſchon einige Mal zur Verzweiflung des Advokaten vorgekommen, wobei es mit⸗ unter in der Schreibſtube Scenen gab, die ſchon öfter beinahe zur Trennung der Beiden geführt hätten. Gewöhnlich aber lenkte Doktor Plager wieder ein, da es ihm doch darum zu tbun war, einen zuverläßigen Mann, wie Larioz, zu behalten. Daß dieſer ſeinerſeits durch die drückenden Verhältniſſe, in denen er ſich befand, ein halbwegs begütigendes Wort ſeines Prinzipals bereitwillig entgegen nehmen mußte, ſtimmte ihn begreiflicherweiſe nicht milder gegen das hinterliſtige und trug⸗ volle Treiben eines leider ſo großen Theiles der Menſchheit und veranlaßte ihn dann noch mehr, ſich außerhalb ſeines Geſchäftes um Sachen zu bekümmern, die ihn durchaus nichts angingen. Wie oft hatte er ſich bei ſolchen Veranlaſſungen auf der Straße oder an öffentlichen Orten einer, wie er glaubte, unſchuldigen oder unterdrückten Partei angenommen, zum Beiſpiel im Wirthshauſe eines vielleicht nachläßigen Kell⸗ ners, der von einem erzürnten Gaſte mit Schimpfreden bedient wurde, und war vom Letzteren dafür nicht glimpflicher behan⸗ delt worden; auf dem Exercirplatze eines geknufften Rekruten, — Don Quixote und Tiger. 275 wo es ihm beinahe noch ſchlechter ergangen wäre als dem militäriſchen Zöglinge ſelbſt; auf der öffentlichen Promenade, wo er den Dienſtmägden wie ein langes Geſpenſt erſchien, das ſie mit eindringlichen Worten an ihre Pflichten erinnerte und ihnen bewies, wie unverantwortlich es ſei, leichtſinniger⸗ weiſe zuſammen zu ſprechen, und die ihnen anvertrauten Spröß⸗ linge während der Zeit der Gefahr auszuſetzen, unter die Räder der vorüberrollenden Wagen zu kommen! Er konnte es nun einmal nicht laſſen, ſo zu handeln, und wenn er als⸗ dann von den ungeziemendſten Ausdrücken begleitet, am Ende das Feld räumen mußte, ſo that er das ingrimmig, mit dem heißen Wunſche nach einem guten Pferde, einer tüchtigen Klinge, ſowie für andere Fälle nach einer tüchtigen Karbatſche, um damit zur Beſſerung der Menſchheit beizutragen, den Schuldigen zu beſtrafen, dem Leidenden Schutz zu gewähren. In ſolchen Augenblicken konnte er ſich vollkommen in die Ge⸗ fühle und die Lage ſeines großen Landsmannes von der Mancha hinein denken und begriff es ganz gut, welches Glück, welche Seligkeit jener ſinnreiche Junker darin fand, als irren⸗ der Ritter umherzuziehen, die Starken niederzuwerfen, den Schwachen beizuſtehen. Auf Befehl des Doktors hatte Don Larioz ſchon ſeit ſechs Tagen das Zimmer gehütet; doch war ihm erlaubt wor⸗ den, ſein Bett zu verlaſſen, und ſo ſaß er denn in dem uns wohl bekannten Lehnſtuhle vor dem Ofen, angethan mit der Jacke von grauem Baumwollenſammt, ein rothes Tuch tur⸗ banartig um den Kopf gedreht, über ſeine Füße einen alten Pelz gebreitet, den wir aus dem Anfang unſerer Geſchichte zu kennen das Vergnügen haben. Der lange Mann hatte einen kleinen Spiegel in der Hand und ſtrich mit einer Bürſte 276 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſeine kurz geſchnittenen Haare in die Höhe, und als das beſtens geſchehen, legte er Bürſte und Spiegel neben ſich auf einen Stuhl und drehte ſeinen gekräuſelten Schnurrbart in die Höhe, wobei er häufig einen Blick auf das Bild warf, welches an der Wand über dem Kamine hing. Es war um die Mittagsſtunde und der Tiger im Be⸗ griff, ein weißes Tuch über den alten Tiſch zu legen und die ſpärliche Mittagsmahlzeit aufzuſtellen, welche die alte Magd in einem Korbe gebracht hatte, und die während der Krankheit des Schreibers von dem Tiger und dem kleinen Gottſchalk zu gleichen Theilen verzehrt wurde; zu gleichen Theilen können wir eigentlich nicht ſagen, denn der Tiger, welcher ſich an dem großen Appetit des Knaben erfreute, ſchob dieſem die beſten Biſſen hin und begnügte ſich mit einem kleinen Theile der Gerichte und dem übrig gebliebenen Brode, vermittelſt deſſen blieb. Obgleich die Schreibſtube ſchon geſchloſſen war Rechtsconſulent dem Knaben gern erlaubte, manche ſonſt der Arbeit gewidmete Stunden bei dem Kranken zuzubringen, ſo war Gottſchalk doch noch nicht erſchienen, was den langen Schreiber endlich zu der Bemerkung veranlaßte, die er gegen den Tiger ausſprach: der Kleine bleibe heute ungewöhnlich lange aus. „Ja, es hat ſchon zwölf Uhr geſchlagen,“ antwortete die alte Magd.„Aber es iſt auch ziemlich weit von hier bis zum Hauſe, wo die Eltern des Kleinen wohnen. Und dann iſt vielleicht auch die Suppe noch nicht fertig geweſen. Wiſſen Don Quixote und Tiger. 277 Sie, Herr Larioz, das muß ſehr umſtändlich und genau gekocht werden für ſo einen Kranken.“ „Ja, für ſo einen Kranken,“ murmelte der Schreiber. Dann ſetzte er lauter hinzu:„Ich möchte wohl, der Doktor dispenſirte mich von den ewigen Krankenſuppen; ich hätte Luſt zu was Feſterem.— Was habt Ihr heute?“ „Ach, du lieber Gott!“ entgegnete der Tiger faſt er⸗ ſchrocken,„etwas ſehr Unverdauliches: Klöße mit Wurſt. Wenn der Herr Larioz ſich erlaubte, davon was zu eſſen, ich glaube, der Herr Doktor Flecker brächte mich um. Ja, er brächte mich wahrhaftig um.“— Damit war ſie an das Fen⸗ ſter gelaufen und ſagte mit ſehr freudigem Tone der Stimme: „Sehen Sie, da kommen ſie ſchon; ſie ſind ſchon zum Hof— thore herein.“ 1 „Ja, Gottſchalk mit ſeiner Schweſter. Was das für ein gutes und liebes Geſchöpf iſt! Und wie ſorgſam ſie die Suppe trägt! Ein ſo braves Mädchen gibt's nicht wieder; den ganzen Tag arbeitet ſie und beſorgt noch die Küche und „So, ſie kommen?“ Alles— Sol jetzt will ich Ihnen das Handtuch geben und den Löffel.“ Sie trippelte bei dieſen Worten hinter einen hölzernen Verſchlag, holte die beiden eben genannten Sachen vor, reichte das Handtuch Herrn Larioz, der es auf ſeine Kniee breitete, und legte den Löffel neben ihn. In dieſem Augenblicke traten Gottſchalk und Margarethe in das Zimmer; letztere trug einen kleinen Suppennapf und ſchien etwas befangen, als ſich Don Larioz gegen ſie umwandte und ihr freundlich mit dem Kopfe zunickte. „Gerſtenſchleim, famos!“ ſagte luſtig der Knabe, und 278 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. dabei nahm er ſeiner Schweſter das Geſchirr ab und trug es zu dem Kranken hin.„Ohne alles Gewürz, wie es Doktor Flecker befohlen; von Margarethen ſelbſt gekocht, und die ver⸗. ſteht's.” „Daß deine gute Schweſter das verſteht, habe ich ſchon lange mit großem Danke empfunden,“ entgegnete würdevoll Don Larioz.„Wollen Sie nicht einen Augenblick Platz neh⸗ men?“ wandte er ſich an das junge Mädchen, die ſchüchtern näher getreten war und ſich nach einer Handbewegung des langen Mannes auf den Stuhl niederließ, von dem Gott⸗ ſchalk in aller Eile Haarbürſte und Spiegel entfernte. Den Löffel hatte Herr Larioz in die Hand genommen. Er ver⸗ ſuchte die Suppe, und daß er ſie vortrefflich fand, zeigter ein freundliches Lächeln, welches um ſeine Mundwinkel ſpielte, ſowie ein dankbarer Blick, den er auf Margarethe warf. Obgleich dieſe ſchon öfter zur gleichen Stunde mit ihrem Bruder hier im Gemache geweſen war, ſo betrachtete ſie das⸗ ſelbe doch immer wieder mit neuer Verwunderung, denn es ſah hier ſo ganz anders aus als in den Zimmern, wo ſie 1 bis jetzt ſchon geweſen. Wie es ihrem Bruder am erſten Abend hier geſchehen war, ſo beſchäftigte auch ſie vor Allem das ernſte Bild über dem Kamin, das Don Larioz zu glei⸗ chen ſchien und doch wieder ſo viel Fremdartiges hatte; und wenn ſie von demſeben ihre Blicke auf dieſen ſelbſt nieder⸗ gleiten ließ, ſo kam ihr oft die Idee, wenn der da oben aus ſeinem Rahmen herabſtiege, ſo würde er wohl nicht ſeltſamer erſcheinen als Herr Larioz ſelbſt in ſeinem eigenthümlichen Anzuge, mit ſeinem ſo ganz fremdartigen Geſichte. Ferner beſchäftigten ſie die einfachen hölzernen Stühle, der lange Stoß⸗ Don Quixrote und Tiger. 279 degen in der Ecke und heute beſonders eine kleine Laute, welche der Schreiber vor einigen Tagen hervorgeſucht und mit neuen Saiten verſehen hatte. Unterdeſſen hatte ſich Gottſchalk dem Tiſche genähert, wo der Tiger auf die Klöße und die Wurſt zeigte und dann pan⸗ tomimiſch zu verſtehen gab, Herr Larioz hätte ſelbſt Appetit darauf bekommen, doch habe ſie ihn ſchlauer Weiſe auf ſeine Krankenſuppe verwieſen. Dabei ſahen die ernſthaften Ge⸗ berden, welche die alte Perſon machte, ſo komiſch aus, daß Gottſchalk ſich auf die Lippen beißen mußte, um nicht laut hinaus zu lachen. Ein Kichern aber konnte er nicht unter⸗ drücken, und als hierauf ſowohl Don Larioz als Margarethe nach ihm hinblickten, ſagte er, um nicht nach dem Grunde ſeiner Luſtigkeit gefragt zu werden:„Heute, Margarethe, heute mußt du mit uns eſſen; der Herr Larioz wird's erlau⸗ ben, und wir thun es nun einmal nicht anders.“ Ueber die Züge des langen Mannes fuhr ein leichtes Lächeln, als er entgegnete:„Bei San Jago! mir ſcheint, unſer Mittageſſen ſtammt von den Broden ab, wovon eine geringe Anzahl ausgiebig war zur Speiſung von viertauſend Men⸗ ſchen. Ja, das muß ſo ſein, es liegt ein beſonderer Segen darauf. Da ſpeist die alte Frau und Gottſchalk mit großem Appetit, und nun wollen ſie das Fräulein da auch noch ein⸗ laden.“ „Nur des Spaßes halber,“ meinte Gottſchalk;„du kriegſt nicht viel, Schweſter, aber du mußt einmal ſehen, wie vor⸗ trefflich wir leben. Komm, ich bitte dich.“ Margarethe zögerte, doch ſagte Herr Larioz:„So thun Sie ihm den Gefallen; das iſt ein kleiner, eigenſinniger Menſch, Dreiundzwanzigſtes Kapitel. und Ihren Appetit werden Sie ſich bei dem Schmauſe keinen⸗ falls verderben.“ Das junge Mädchen erhob ſich von ihrem Stuhle und ging nach dem gedeckten Tiſche, wohin der Tiger eilfertig einen dritten Teller und einen dritten Löffel holte. „Was haſt du denn für Ideen?“ ſagte Margarethe zu Gottſchalk ſo leiſe, daß es der Kranke nicht hören konnte;„du kannſt doch nie Ruhe geben! Was werde ich denn mit euch eſſen?“ „Nur verſuchen ſollſt du,“ lachte ihr Bruder;„von eſſen oder ſatt eſſen iſt freilich keine Rede; du ſollſt der Mutter ſagen, daß wir hier auch gut gekocht bekommen.“ Margarethe ſetzte ſich kopfſchüttelnd nieder, ließ ſich eine Gabel in die Hand nöthigen und einen von den Klößen auf den Teller legen. Dann aß ſie, konnte aber dabei nicht un⸗ terlaſſen, zuweilen nach Herrn Larioz zu blicken, der mit ſei⸗ ner Krankenſuppe fertig war, den Topf neben ſich auf den Stuhl geſtellt hatte und mit zuſammengelegten Händen nach den Dreien hinüber ſchaute. Er vertiefte ſich dabei in Träu⸗ mereien über das, was er an jenem Tage auf dem Burg⸗ platze erlebt. Wenn er das ſchöne, edle Profil des jungen Mädchens dort am Tiſche ſah, beſonders aber, wenn ſie ihm auf einen Moment die großen, glänzenden Augen zuwandte, ſo kam es ihm vor, als habe ſie eine Aehnlichkeit mit jener unvergleichlichen Schönheit, die er in dem Atelier der Gebrüder Breiberg zu ſehen ſo glücklich und wieder ſo unglücklich ge⸗ weſen war. Gleich darauf aber mußte er über einen ſolchen Vergleich lächeln, denn er ſah alsdann ein, daß das Aeußere der Beiden himmelweit verſchieden war. Die Spanierin— denn das war ſie, die er neulich geſehen— hatte faſt blau⸗ * Don Quirote und Tiger. 281 ſchwarzes Haar, ihr Auge war größer und glänzender, doch hatte, wie er ſich erinnerte, ihr Blick etwas Starres; dagegen war der Teint für eine Südländerin faſt zu weiß und durch⸗ ſichtig geweſen, die Röthe ihrer Wangen beinahe zu ſcharf abgegränzt. Doch Alles wurde wieder gemildert durch die Lieblichkeit des feingeſchnittenen kleinen friſchen Mundes. Und wenn er dabei an die weißen Zähne dachte, ſo mußte er ſich geſtehen, nie in Wirklichkeit, nie auf Bildern, nie im Traume etwas Reizenderes geſehen zu haben. Dort das junge Mäd⸗ chen war auch ſchön, ihr Wuchs untadelhaft und elegant; aber wenn er ſie betrachtete, ſo empfand er nur ein ſanftes Wohl⸗ behagen, eine Zuneigung, welche ihm entſtanden zu ſein ſchien aus dem lieblichen Glanz ihres Auges, aus ihrem offenen, ehrlichen Blicke, der Zeugniß ablegte für ihre Herzensgüte und Neinheit. Der Anblick der Anderen aber hatte ihn wie mit dämo⸗ niſcher Gewalt gefaßt, es war ihm, als ſei er plötzlich einer leuchtenden Flamme zu nahe gekommen, als ſei von derſelben ſein Herz verſengt worden. Er dachte an die Spanierin mit einem glühenden Verlangen, das er bisher nicht gekannt und deſſen er ſich faſt ſchämte. Unmöglich war es ihm, ſich des leicht geöffneten Mundes mit den blendenden Zähnen zu erin⸗ nern, ohne ſich dabei einen innigen Kuß auf dieſe friſchen Lippen vorzuſtellen. Das glühende Auge konnnte er nimmer vergeſſen, es hatte ihn freilich etwas ſtarr angeblickt, aber welchen Ausdruck mußten dieſe Sterne annehmen, wenn ſie zum Beiſpiel bezeichnen wollten: O, Larioz, ich liebe dich mit der ganzen Gluth, die ja nur im glücklichen Spanien zu finden iſt!— Dieſe Augen hatten n ihm in den erſten Nächten ſeines Unwohlſeins viel zu ſchaffen gemacht; denn Dreiundzwanzigſtes Kapitel. wenn ſie ihm auch anfänglich in der That wie die Sterne an einem glänzenden Nachthimmel erſchienen, ſo hatte doch die Macht des Fiebers dieſen Nachthimmel nach und nach getrübt, und wenn er ſo lange und unaufhörlich hingeſchaut, ſo ſah er vor ſich nichts als eine nebelhafte Finſterniß, als zwei glühende Punkte, die ihn anſtierten und die ihn, ſich zu⸗ letzt ungeheuerlich vervielfältigend, voller Schrecken erwachen ließen. „Jetzt aber keinen Biſſen mehr!“ ſagte Margarethe mit ihrer ſanften und doch ſo wohlklingenden Stimme. Und es war dem Spanier angenehm, daß der Ton der⸗ ſelben jene Phantaſieen verjagte, in die er in der Erinnerung an ſein Fieber wieder zu verfallen Gefahr lief. „Du haſt gut reden,“ fuhr das Mädchen lachend fort, als ihr Bruder ſie zurückhalten wollte.„Meinſt du, ich hätte zu Haus nichts zu thun? Herr Larioz wird mir Recht geben und es nicht übel deuten, wenn ich mich entferne.“ „Gewiß nicht, mein Kind,“ antwortete freundlich mit dem Kopfe nickend der Spanier.„Und mein herzlicher Dank be⸗ gleitet Sie. Hoffentlich habe ich auch in den nächſten Tagen nicht mehr nöthig, Ihre Güte in Anſpruch zu nehmen. Denke mir doch, Doktor Flecker werde mich aus ſeiner Kur ent⸗ laſſen.“ Der Tiger ſchüntelte mit dem Kopfe, als Don Larioz ſo ſprach. und bemächtigte ſich haſtig des letzten der Klöße, der ſich in der Schüſſel befand, nicht ohne ihn vorher mit einem wehmüthigen Blicke betrachtet zu haben, während Gottſchalk ſeine Schweſter, die dem langen Manne zum Abſchied freundlich die Hand gereicht, bis an die Treppe “ 1 Don Quixote und Tiger. 283 Als er zurückkehrte, ſetzte er ſich wieder an den Tiſch und theilte mit der alten Magd aufs gewiſſenhafteſte die übrig ge⸗ bliebene Brühe, die Beide, Jedes mit dem letzten Stücke Brod bewaffnet, aufs eifrigſte vertilgten. Während der Tiger mit beiden Backen kaute, ſagte er mit einem Male zu dem Knaben, aber mit ſo leiſer Stimme, daß Herr Larioz nichts davon hörte:„Gottſchalk, geſtern Abend habe ich es wieder geſehen.“ „Dummes Zeug!“ entgegnete dieſer.„Was werdet Ihr geſehen haben? Ihr ſeht überhaupt nicht gut.“ „O laß das gut ſein; was ich ſehen will, das ſehe ich doch. Und ich habe es geſtern Abend wieder geſehen. Ich ſage es noch ein Mal: da iſt etwas Unrichtiges dahinter.“ „Ihr meint am Ende, es könnten Diebe ſein?“ „Was Diebe! Haben ſie denn je etwas da unten ge— ſtohlen?“ „Nun, was ſoll es denn ſonſt ſein?“ „Geiſter ſind es, Geſpenſter!“ Bei dieſer Aeußerung des Tigers lachte der Knabe ſo laut auf, daß ſich die alte Magd veranlaßt ſah, ihn mit der Hand an die Schulter zu ſtoßen, um ihn zum Schweigen zu bringen, aus Furcht, Herr Larioz möchte aufmerkſam werden. Auch hatte dieſer das Lachen gehört und fragte:„Nun, was gibt's denn auf einmal?“ Der Knabe wußte nicht recht, ſollte er die geheimen Beobachtungen des Tigers, welche dieſer ihm mitgetheilt, ſei⸗ nem Vorgeſetzten Preis geben, oder ſollte er die alte Magd veranlaſſen, das ſelbſt zu thun. Er hiellt letzteres für räthli⸗ cher und war dabei boshaft genug, zu ſagen:„Das muß Sie eigentlich laut erzählen, es könnte am Ende doch etwas Wahres . 284 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. daran ſein und der Herr Larioz ſich veranlaßt finden, der Sache nachzugehen.“ „Und was gibt es denn?“ fragte dieſer.„Nun laßt hören.“ Halb und halb war der Tiger froh, daß er jetzt mit der Sprache heraus mußte; was er ſagen wollte, hatte ihn ſchon lange auf dem Herzen gedrückt; nur wußte die alte Magd, daß Herr Larioz durchaus nicht abergläubiſch war und gar nichts von Hexen, Geiſtern und Geſpenſtern hielt. Deßhalb ſagte ſie auch:„Der Gottſchalk iſt halt ein Bub, und wenn man ihm das Geringſte erzählt, ſo macht er eine große Ge⸗ ſchichte daraus.“ „Und was habt Ihr ihm denn erzählt?“ fragte ernſt Herr Larioz.„Es ſcheint ſchwer aus Euch heraus zu gehen.“ „Ja, ich habe ihm nur geſagt,“ entgegnete der Tiger, während er anfing, ſeine Schürze in kleine Falten zu legen —„und daß es wahr iſt, darauf können Sie ſich verlaſſen— es iſt mirj jetzt nämlich einige Mal Abends paſſirt, daß ich von hier aus nach Hauſe gegangen bin.“ „Das paſſirt Ihr wohl jeden Abend?“ „Ja, das paſſirt mir alle Abend. Wenn ich alſo nach Hauſe gegangen bin, ſo habe ich zuweilen geſehen, das heißt nur in den letzten Tagen, ſo lange Herr Larioz krank ſind, daß in der Schreibſtube drunten ein Licht war.“ „Nun, was weiter?“ Die Magd ſchluckte heftig, denn ihre Erzählung, da ſie in ihrer Phantaſie Geiſter und Geſpenſter hinein ver⸗ wob, erſchien ihr natürlicher Weiſe weit graulicher, als jedem Andern. 3 — Don Quixote und Tiger. 285 „Die grünen Vorhänge waren herabgelaſſen und doch ſah ich das Licht durchſchimmern.“ „Iſt das ein Ereigniß?“ meinte Herr Larioz.„Da wird Herr Doktor Plager noch in ſeinem Zimmer gearbeitet haben.“ „Nein, nein, das hat Herr Doktor Plager nicht gethan,“ ſagte eifrig die alte Perſon und ſetzte pfiffig lächelnd hinzu: „Wir ſind auch nicht ſo dumm.“ „Wie wir ausſehen,“ flüſterte Gottſchalk. „Als ich das Licht zum erſten Mal ſchimmern ſah, ging ich zur Hausthür hinein, nach dem Zimmer des Herrn. Das war aber geſchloſſen, und ich erinnerte mich auch wohl, ihn eine halbe Stunde vorher weggehen geſehen zu haben.“ „Das hätte Sie mir gleich ſagen ſollen,“ verſetzte Herr Larioz ernſt. „Ja, du mein Gott, das konnte ich ja nicht! Herr Larioz waren ja krank, und der Herr Doktor Flecker hakte befohlen, Sie nicht zu ſtören.“ „Und du haſt auch darum gewußt?“ fragte der Schreiber den Knaben. „Mir hat es der Tiger erzählt, wie Ihnen ſo eben, aber ich glaube, er hat nicht recht geſehen. Was ſoll das geweſen ſein? Ich dachte freilich Anfangs an Spitzbuben, aber als ich den andern Morgen auf das Bureau kam, da war Alles wie Tags vorher, nichts in Unordnung, nichts fehlte. Und da hätte ich denn beinahe die Anſicht der alten Frau getheilt,“ ſetzte er ſchelmiſch lachend hinzu. „Welche Anſicht?“ „Es ſeien Geiſter oder Geſpenſter geweſen.“ 286 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Mit eurem dummen Zeuge!“ entgegnete ſtreng Don La⸗ rioz.„Ich hätte euch wahrhaftig für klüger gehalten.“ „Ach, du mein Gott, Herr Larioz,“ ſprach ſchüchtern die Frau,„es iſt das hier ein uraltes Haus, in dem ſchon ſo viele Menſchen geſtorben ſind und allerhand paſſirt iſt. Da könnte doch—“ „Halt Sie Ihr Maul, Frau; ſo etwas mag ich nicht hören,“ antwortete der Spanier.„Sprech Sie vernünftiges Zeug. Und das Licht hat Sie jeden Abend geſehen?“ „So lange Herr Larioz zu Bett lag, jeden Abend, zwiſchen ſechs und acht Uhr.“ „Und hat Sie nie etwas gehört? Sie iſt doch gewiß näher geſchlichen, um zu lauſchen.“ „Ein einziges Mal nur,“ verſetzte der Tiger, indem er die Hände aufhob,„und dann gewiß nicht mehr.“ „Und da hörte Sie etwas in der Schreibſtube?“ „Ja, es war mir, als flüſterte dort etwas zuſammen und lachte auch „Nun, da ſieht Sie alſo, Frau,“ ſagte Herr Larioz nach einigem Nachdenken mit großer Ruhe,„daß es keine Geſpenſter geweſen ſind. Geſpenſter ſind, ſo viel ich weiß, vollkommen ſtumm und geben nie einen Laut von ſich.“ „O nein, Herr Larioz,“ ſprach faſt ängſtlich die alte Per⸗ ſon,„das weiß ich beſſer; ich weiß eine Geſchichte von einem flüſternden Geſpenſt, von einem lachenden Teufel und von einem ſchmatzenden Todten. Gewiß, die weiß ich ganz genau.“ Gottſchalk machte ein etwas langes Geſicht, als er die drei fürchterlichen Titel hörte; doch nahm er ſich vor, den Tiger bei nächſter Veranlaſſung zu erſuchen, ihm dieſe ſchreckliche Geſchichte mitzutheilen. Don Quixote und Tiger. 287 Herr Larioz zuckte mit den Achſeln und erwiderte einiger Maßen verdrießlich:„Meinetwegen, es ſoll ſchmatzende Ge⸗ ſpenſter geben.“ „Schmatzende Todte, Herr Larioz,“ ſagte demüthig die alte Frau. „Auch das; aber ich kann Sie verſichern, man hat noch nie etwas davon gehört, daß ſich Geſpenſter in der Schreib⸗ ſtube eines Advokaten herum treiben. Dergleichen Weſen kön⸗ nen den Papiergeruch nicht vertragen. Verlaſſ' Sie ſich darauf: das muß etwas Anderes geweſen ſein, und wir wollen ſchon dahinter kommen. Hat Sie das Licht auch geſtern Abend geſehen?“ „Gewiß, auch geſtern Abend.“ „Nun, ſo geb' Sie Achtung, ob es heute Abend wieder kommt. Sage Sie aber keinem Menſchen vorher etwas da⸗ von; auch dem Herrn Doktor Plager nicht, und wenn Sie es wieder ſieht, ſo komme Sie zu mir herauf und geb' Sie mir Nachricht. Hat Sie mich verſtanden?“ „Gewiß, Herr Larioz, es ſoll nicht fehlen.“ „Gut, und auch du, Gottſchalk, ſprichſt mit Niemand darüber, das bitte ich mir aus.“ „O, ich werde mich hüten,“ ſagte pfiffig lachend der ſchlaue Knabe, halb gegen die Magd gewandt;„Herr Larioz wird ſchon wiſſen, mit Euren Geſpenſtern umzugehen.“ „Ja, ja, das wollen wir ſchon unternehmen,“ ſprach wichtig der lange Schreiber.„Aber jetzt geh du an deine Arbeit, und die Frau ſoll den Tiſch abräumen.“ Beide thaten ſo, wie ihnen befohlen, und eine Viertelſtunde darauf war der Spanier allein in ſeinem Zimmer. Er erhob ſich von ſeinem Stuhle, ſtreckte und dehnte ſich Dreiundzwanzigſtes Kapitel. behaglich, warf etwas Holz in den Ofen und ſchritt dann händereibend in dem Gemach auf und ab.„Wenn die Frau richt falſch geſehen hat,“ ſprach er zu ſich ſelber,„ſo bin ich doch begierig, was es dort mit dem Lichte für eine Bewandt⸗ niß hat. Vielleicht iſt es der Herr Rechtsconſulent ſelber, der abſichtlich ſehen läßt, daß er das Bureau verläßt, um dann wieder zurückzukehren und heimlicher Weiſe noch etwas zu ar⸗ beiten. Aber Herr Doktor Plager pflegt nicht zu flüſtern und noch weniger zu lachen.“ Unter dieſen Gedanken war Don Larioz in die Ecke des Zimmers getreten, wo ſein langer Stoßdegen lehnte, eine echte alte Toledoklinge, den er jetzt, in Gedanken verſunken, unter den Arm nahm und ſo ſeinen Spaziergang fortſetzte. Doch hatte er das Zimmer noch nicht zwei Mal durchmeſſen und kehrte gerade der Stubenthür den Rücken, als er in ſei⸗ nen Phantaſieen durch ein lautes Lachen unterbrochen wurde, das ihn unangenehm berührt haben würde, wenn er die Stimme nicht augenblicklich als die des Armenarztes erkannt hätte. „Das muß ich ſagen,“ rief derſelbe,„unſer edler anda⸗ luſiſcher Freund, kaum aus dem Krankenbett wieder aufgeſtan⸗ den, ſcheint irgend einen Kampf beſtehen zu wollen, vielleicht ein Gefecht mit Windmühlen oder Rieſen. Aber Sie werden mir zugeben, Verehrteſter, daß ich eigentlich hätte gefragt wer⸗ den ſollen, ehe man in ſeinem Zimmer ſo extravagante Be⸗ wegungen macht. Ei! ei! Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ich Ihnen dieſe Bewegungen nicht mißgönne, aber ruhig, alter Freund! So etwas Hin⸗ und Herſchlendern im Zimmer, das könnten wir uns am Ende ſchon gefallen laſſen, aber nehmen Sie mir nicht übel, daß ich Sie da auf und ab rennen ſehe, den Degen unter dem Arm, den Kopf erhitzt von Gan Don Quixote und TDiger. 289 weiß welchen kriegeriſchen Phantaſieen, das kann mir durch⸗ aus nicht angenehm ſein. Alſo in den Stuhl geſetzt! Laſſen Sie Ihren Puls fühlen.“ Der Schreiber ſtellte den Stoßdegen in die Ecke, nickte dem Doktor zu und entgegnete:„Wiede viel Lärmen um nichts!“ ließ ſich aber doch folgſam auf ſeinen Seſſel nieder und ſtreckte dem Armenarzt die dürre Hand entgegen. Herr Doktor Flecker war im Schlafrock und gewöhnlich, wenn er zu Hauſe war, die lange Pfeife. Er griff behutſam an den Puls des Patienten und ſchien mit ſeinen Beobachtungen zufrieden zu ſein. Auch das Ausſehen der Zunge 5 5 b beftiedigt⸗ ihn, worauf er ſich einen Stuhl neben den Seſſel es Herrn Larioz zog, ſich darauf niederließ und dann durch ein paar tüchtige Züge ſeine Pfeife wieder in Brand brachte Der Spanier ſchnüffelte nach dem Dampfe und machte dabei ein ſo wohlgefälliges Geſicht, daß Herr Doktor Flecker ſagte: „Mir ſcheint, Sie hätten nicht übel Luſt, das auch einmal wieder zu verſuchen. Geniren Sie ſich gar nicht und ſtecken Sie eine Papiercigarre an, wenn es Ihnen nicht zuwider iſt.“ „Ich habe mich darauf gefreut,“ ſagte Don Larioz freund⸗ lich;„Sie kennen aber meine Folgfamkeit, und ich hätte um Alles in der Welt ohne Ihre Bewilligung nicht geraucht. Da Sie aber nichts dawider haben, ſo will ich mit einer wahren So geſchah es denn auch. Der Spanier drehte ſein Papiercigarre ſehr umſtändlich, ja, mit einer gewiſſen Feier lichkeit, zündete ſie langſam an, und als er ſich nun in den G eſſel zurücklehnte, einen langen Zug in ſich hineinſog und dann die Augen ſchloß, ſpielte ein außergewöhnliches Behagen auf ſeinem ſonſt ſo ernſten Geſichte. Hackländer, Don Quixote. II. 19 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der Doktor ſchaute ihm lächelnd zu, und es dauerte wohl ein paar Minuten, ehe derſelbe ſagte:„Sie werden mir zugeben, Freund Larioz, daß ich nicht neugierig bin, das heißt nicht neugieriger, als es die Pflicht eines Arztes iſt. Aber jetzt ſagen Sie mir einmal, auf welche Art ſind Sie in den verfluchten Zuſtand gekommen, worin ich Sie vor einigen Tagen fand? Wiſſen Sie wohl, Herr, daß wir ſehr nahe an einem Nervenfieber herumgeſtreift ſind?“ „Ja, ich war recht krank,“ ſprach ernſt der lange Schrei⸗ ber,„das habe ich wohl gefühlt, weiß auch die Urſache und will ſie nicht vorenthalten. Ich gerieth da zufällig in eine Geſellſchaft luſtiger Brüder, die mich leider zum Trinken nö⸗ thigten, und wo ich denn unbegreiflicher Weiſe mehr als ſeit langen Jahren that, ja, mehr, als ich eigentlich ertragen konnte.“ Der Armenarzt nickte mit dem Kopfe. „Obendrein paſſirte es mir noch,“ fuhr Herr Larioz fort, „daß ich mich ſehr erkältete. Wie das kam, weiß ich nicht genau anzugeben.“ „Ja, ja, die Wirkung zeigte ſich gehörig. Ich wiederhole Ihnen, wir ſind nicht ein Haar breit an einer ſehr ſchlimmen Krankheit vorbeigerutſcht.“ „Gott ſei Dank, daß ſie uns nicht erwiſchte!“ entgegnete lächelnd der Spanier.„Doch kann ich Ihnen verſichern, beſter Doktor, daß es ein unnennbar angenehmes Gefühl iſt, ſich, wenn man mehrere Tage im Bette zugebracht, wieder einmal ſo recht ausſtrecken zu können— Ah!“ 1 Damit hatte Herr Larioz die Füße auf den vor ihm ſte⸗ henden Stuhl gelegt, ſtreckte ſich weit in den Lehnſeſſel zurück und ließ den Dampf ſeiner Cigarre kräuſelnd in die Höhe ſteigen. Den bläulichen Ringen blickte er nach, und die Frage Don Quixrote und Tiger. 291 des Doktors vorhin nach den Erlebniſſen jenes Tages hatte ihm ſo recht wieder den Burgplatz mit allem, was er dort erlebt, vor die Seele gebracht. Wenn er auch während ſeiner Krankheit keinen Augenblick verſäumt hatte, des ſchönen und unglücklichen Mädchens zu gedenken, die ihn intereſſirt wie nie ein weibliches Weſen, ſo war doch das Unwohlſein ſchuld daran, daß er wie im Traum, wie in einer Betäubung ihrer gedachte, nicht mit der vollen Kraft ſeines ziemlich ſcharfen Verſtandes. Jetzt aber verſchwanden die Schleier, die ſeinen Geiſt gefangen hielten, und nach und nach tauchte alles, was er gehört und geſehen, wieder ſo klar, in ſo ſcharfen Umriſſen vor ſeinem Geiſte auf, wie man ferne Berge, durch einen wohlthätigen Regen von ihrem Dunſte befreit, nach einem ſchweren Gewitter zu ſehen pflegt. Dabei aber hütete er ſich wohl, den Doktor, den er als großen Spötter kannte, von ſeinen Erlebniſſen geradezu in Kenntniß zu ſetzen, traute ſich aber Feinheit genug zu, ihn um Einiges fragen zu können, ohne daß dieſer die Abſicht merke, warum dies geſchehe. Wenn er auch weit entfernt war, zu glauben, daß der Spruch des großen mauriſchen Weiſen zur Errettung jenes unglücklichen Mädchens beitragen könnte— denn wie wir bereits wiſſen, hielt er durchaus nichts auf Geſpenſter, Phantome oder Zau⸗ berer— ſo hatte er ſich doch ſchon unſägliche Mühe gegeben, dieſen Spruch wieder in ſein Gedächtniß zurückzurufen, was ihm aber durchaus nicht gelingen wollte; auch hatte er wohl dabei gedacht: vielleicht iſt es eine Formel, woran die wunderbar ſchöne Dame ihren Erretter zu erkennen im Stande iſt. Denn daß ſie mit dieſer Rettung irgendwie zuſammen hängen müſſe, daran zweifelte er eben ſo wenig, als daß die Brüderſchaft Dreiundzwanzigſtes Kapitel. zum Dolche Rubens bereit ſein würde, ihm bei der Errettung der Unglücklichen beizuſtehen. Der Doktor hatte ruhig ſeine Pfeife geraucht und warf auch zuweilen einen ſchlauen, lächelnden Blick auf den Spa⸗ nier, in deſſen Geſichtszügen er wohl las, daß etwas für denſelben Wichtiges ſeine Seele bewege. „Ich habe,“ ſagte Don Larioz nach einer Pauſe,„mich neulich wieder einmal mit altſpaniſcher, eigentlich mauriſcher Literatur beſchäftigt und ſuche ſchon lange den Namen eines Weiſen, von dem viel vortreffliche Sprüche im Munde des Volkes leben; aber ich ſuche ihn vergeblich.“ „Der Teufel mag auch dieſe mauriſchen Namen behalten,“ verſetzte lachend der Arzt;„namentlich für uns Deutſche iſt das ſehr ſchwer. Das muß euch Spaniern ſchon leichter wer⸗ den; das klingt Ben Hamet, Ben Homet oder Ben Humet, Triangeli oder Sperangeli, was weiß ich? Meine Kenntniß eurer ſo ſchönen Sprache beſchränkt ſich leider nur auf ein paar Worte, die ich obendrein von Ihnen habe, vortrefflicher Don, zum Beiſpiel Caracho, was, glaube ich, nichts ſehr Schönes bedeutet.“ „Man ſagt das allerdings nicht häufig in guter Geſell⸗ ſchaft,“ bemerkte der Schreiber. „Olla potrida,“ fuhr der Doktor luſtig fort, nund vor allen Dingen, was ich früher am häufigſten von Ihnen ge⸗ hört: Carbanzos.“ „Ah, Carbanzos!“ wiederholte der Spanier, und ſeine Augen leuchteten. „Ihr Leibgericht, das Wort erweckt Ihnen wohl ange⸗ nehme Erinnerungen? Ich glaube dicke Erbſen und Speck. Sie ſtrahlen ordentlich.“ A — ——— — Don Quixote und Tiger. 293 „Nicht wegen der dicken Erbſen mit Speck,“ entgegnete Don Larioz feierlich, indem er ſich aufrichtete;„aber warten Sie einmal. Wie kann man ſo ein Wort vergeſſen. Car⸗ banzos, richtig! Carabanzos— Carabanzeros. Das iſt es! Seht, Doktor, wie der Zufall ſpielt, Carabanzeros iſt der Name des mauriſchen Weiſen, der mir gänzlich entfallen war.“ „Den Teufel auch!“ erwiderte der Doktor und ſah ſeinen Freund mißtrauiſch an;„das muß ein ſehr unbekannter Wei⸗ ſer ſein, euer Carabanzeros. Ich habe mein Lebtag nichts von ihm gehört.“ „Ja, ja,“ ſagte nachſinnend der Spanier,„ein ſonder⸗ barer Weiſer. Es exiſtiren eigenthümliche Sprüche von ihm, die ſich, namentlich in eure etwas hart klingende Sprache überſetzt, ſeltſam genug, man könnte ſagen: holperig, aus⸗ nehmen. Glauben Sie wohl, Doktor,“ damit wandte er ſich ſehr ernſt an den Nebenſitzenden,„daß es von dem mauriſchen Weiſen Carabanzeros einen Spruch gibt, der anfängt: Trau, treue Trine—“ „Nein,“ verſetzte der Armenarzt laut lachend,„das glaube ich nicht.“ „Und doch gibt es einen ſolchen,“ fuhr Don Larioz mit unverwüſtlicher Ruhe und ohne eine Miene zum Lächeln zu verziehen fort:„Trau, treue Trine— ſo beginnt der arabiſche Spruch, in Deutſch überſetzt, aber ich weiß nicht, wie er weiter heißt, und das beunruhigt mich einigermaßen.“ Der Doktor glaubte nicht anders, als ſein Gegenüber wolle ſich einen Spaß mit ihm machen; da er aber ſah, daß deſſen Geſichtszüge vollkommen ernſt blieben, ja, ſeine Augen düſter ſinnend auf ihm ruhten, ſo kamen ihm ganz abſonder⸗ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. liche Gedanken, und er vergaß es ein paar Sekunden lang, die Pfeifenſpitze in ſeinen weit geöffneten Mund zu ſtecken. „Trau, treue Trine“— wiederholte der Spanier, indem er ſchwärmeriſch an die Decke emporblickte,„ſo fängt der „Srruch an, und ich gäbe was darum, wenn ich die Fort⸗ ſetzung wüßte. Daß der Name Trine eine freie Ueberſetzung iſt, glaube ich überzeugt ſein zu dürfen, und vielleicht liegt es auch in dieſem nicht ganz wohlklingenden Namen, daß der Anfang des Spruches uns etwas hart vorkommt. Nehmen wir zum Beiſpiel an, es hieße: Trau, treue Fatme, oder: Trau, treue Mirza, ſo würden Sie nicht läugnen können, Doktor, daß das dann äußerſt angenehm wäre.“ „Ja, dem Ohre wäre es allerdings angenehm,“ ſagte der Doktor kopfſchüttelnd, wobei er es nicht unterlaſſen konnte, leicht den Arm des Schreibers zu faſſen und nach deſſen Puls zu fühlen. Dieſer hatte ſich gänzlich wieder einmal in ſeine Träume⸗ reien und Phantaſieen verſenkt, und während er ſcheinbar in nebelgraue Fernen vor ſich hinausſtarrte, ſagte er:„Das vierte Wort war etwas von Trug: trugvoll oder dergleichen. Aber ebenſo überzeugt, wie ich bin, daß ich den ganzen Spruch mit dem ungeheuerſten Nachdenken nicht ſo auf ein⸗ mal wieder in mein Gedächtniß zurückrufen kann, ebenſo be⸗ ſtimmt weiß ich, daß er mir plötzlich einmal einfallen wird. Das hoffe ich.“ „Wenn es Ihnen Freude macht, ſo will ich mich auch etwas darum beinähen Alſo der große mauriſche Weiſe— Carabanzeros— 7 „Hat ihn gethan, dieſen Ausſpruch. Und er fing an: Trau, treue Trine.“ Don Quixote und Tiger. 295 „Gut, ich werde das nicht vergeſſen,“ erwiderte der Ar⸗ menarzt; dann ſetzte er lauernd hinzu:„Und das haben Sie neulich erfahren an dem Tage, ehe Sie unwohl wurden?“ „So iſt es; in einem Hauſe auf dem Burgplatze.“ „Auf dem Burgplatze?“ fragte der Doktor, indem er ſeine Brille feſter an die Augen drückte und auf den Boden blicend eine kleine Weile nachſann.„Auf dem Burgplatze? Hm, hm? Ah, das iſt da unten, ich weiß ſchon, es wohnen dort viele Künſtler, Maler, Bildhauer, Kupferſtecher und dergleichen Volk. So! da hinein ſind Sie gerathen? Nun, da werden Sie natürlicher Weiſe viel Geſcheidtes erfahren haben.“ Der lange Schreiber legte die Hände über einander, nickte bedächtig mit dem Kopfe und erwiderte:„Das habe ich auch; ich kann Ihnen verſichern, Doktor, daß dort Leute wohnen, die das Herz auf dem rechten Flecke haben; ich ſage Ihnen, hin⸗ gebende Charaktere, mit denen man die Welt erobern könnte, Burſche voll Gefühl für die Leiden ihrer Nebenmenſchen und zum Helfen bereit, wo es nur angeht. Wenn es mir möglich iſt, ſo werde ich Sie ſpäter dort einmal einführen.“ „Alſo eine geſchloſſene Geſellſchaft?“ fragte der Doktor, wobei er ſehr bedenklich ausſah. „Ja, wenn Sie wollen, es iſt ſo etwas,“ verſetzte Herr Larioz;„eine Verbrüdernng, ein Bund zum Schutz und Trutz, ſowie zum Frommen aller edlen Menſchen, etwas wie gewiſſe Ritterorden der früheren Zeit.“ „O weh, o weh!“ ſprach der Armenarzt halb laut vor ſich hin.„Der ſcheint mir in gute Hände gerathen zu ſein. Das fehlte noch, daß ihn Spaßvögel an dieſer ſeiner ſo außer⸗ „ordentlich ſchwachen Seite anfaſſen. Es wäre wahrhaftig Schade um dieſes gute und edle Gemüth.“— Dann ſetzte er 296 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.— Don Quixote und Tiger. laut hinzu:„Ja, ja, das kann ſchon was Rechtes ſein; man muß ſich die Sache in der Nähe anſehen. Alſo eine Ver⸗ brüderung?— Und darf man deren Namen wiſſen?“ Heerr Larioz wandte ſeinem Freunde mit großem Ernſte das lange und nach ſeinem Unwohlſein außerordentlich ſchmale Geſicht zu, legte den Finger auf den Mund und ſagte:„Un⸗ möglich, der Name darf nur von und vor Eingeweihten ge⸗ nannt werden. Aber ich verſichere Ihnen, Doktor, ich werde Alles daran ſetzen, Ihnen in dieſe vortreffliche Geſellſchaft Eintritt zu verſchaffen, und dann werden Sie ſelbſt ſehen.“ „Ja, ich werde ſehen!“ ſeufzte der Armenarzt, und ſetzte murmelnd hinzu:„Vorderhand habe ich genug gehört. Thun Sie mir aber den einzigen Gefallen und ſtrengen Sie Ihr Gehirn nicht ſo an, um den Spruch des großen mauriſchen Weiſen Carabatoxos wieder zu finden; ein Reoonvalescent, wie Sie ſind, muß ſich Ruhe gönnen, körperlich und geiſtig. — Nun, leben Sie wohl, ich ſehe auf den Abend nochmals nach Ihnen.“ —— rey Gortrof Chart Muse Green Vellow Hed Magenta