— — . 1. zöſiſche ra. in Geeßen, oßgaſſe L. kr. 256. Urararacacn ; Sco raEan Leih- und eſi„ingungen. der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em d Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens cararacacacacararararararuen Tinds 8 U 4 3. Bei d Ottmal geliehenen Buches wird von Pf. X Tages iſt zu 24 Stun Täglicher Leſepreis für ein deutſche bei Entgegennahme „„„ franz. od. e prechende Summe Das Abonnement beträgt. u mir zurückerſtattet für wöchentlich 6 Bücher 4 Bücher ahlt werden und ————— auf 6 Monat 5 fl. 30 Kr. 2 fl. 1 1 6 Bücher: „3„ 1., 30—— 45„ 2 „1„„ 36 1 M=.„ 18, OLL — e —— . 2 — —̈ły — ◻ — — & — — — = — 8 R Erſter Band. —————. Der neue Don Quirote F. W. Hackländer. Erſter Band. eweo . V Stuttgart. V Verlag von Adolph Krabbe. 1858. —* uu———— — 8 2 5 * 8 S 2 5 8 = 8 ‿ = 5 5 85 5 2 + * 8₰ 2 5 5 ³ A S 2 ₰ 9 Inhalt des erſten Bandes. Seite Erſtes Kapitel. Nachts im Regen.... 1 Zweites Kapitel. Fremde Umgebungen....... 17 Drittes Kapitel. Der Armenarzt..... 34 Viertes Kapitel. Meiſter Schwörer...... 54 Fünftes Kapitel. In einem alten Hauſe. 68 Sechstes Hapitel. Nadelſtiche....... 91 Siebtes Kapitel. Jockey und Gärtner. 4....... 116 Achtes Kapitel. Eugenie....... 135 Neuntes Kapitel. In der Schreibſtube........ Inh Behntes K Eine Teufelsbeſchwörung Der Neffe des Jägers Ein gemiſchter Zwei Seelen un Polniſcher Punſch. Thee. Zwölftes Kapitel. alt des erſten Bandes. 4. . Elftes Kapitel. Dreizehntes Kapitel. d Ein Gedanke. Vierzehntes Kapitel. apitel. Seite 218 278 3⁰² — Der Neue Don COuixote. — ſ 2 aer n. ——————— —— Erſtes Kapitel. Nachts im Regen. Lieber Leſer— Kennſt du das Land, wo die Citronen blühn, Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, Ein ſanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte ſtill, und hoch der Lorbeer ſteht? Wenn du dieſes Land kennſt, ſo wirſt du uns zugeben, daß zwiſchen dem Frühlingsabend eines ſolch' wunderbaren Klima's und einer Spätherbſtnacht in unſerem ſonſt ſo geſeg⸗ neten Deutſchland ein gewaltiger Unterſchied herrſcht. Gewiß kennſt du ſolche Nächte, und doch können wir nicht unterlaſſen, dir Eingangs unſerer wahrhaftigen Geſchichte eine ſolche zu ſchildern. Es iſt eine von jenen Nächten, wo ſtatt ſanften Windes ein kalter Regen nicht nur vom Himmel herabfließt, ſondern von heimtückiſchen Windſtößen durch die Luft daherge⸗ peitſcht wird und dem nächtlich Wandelnden wie ſcharfer Hagel ins Geſicht fährt. Tiefdunkel iſt der Himmel überzogen, von Hackländer, Don Quixote. I. 1 —————— Erſtes Kapitel. Mondſchein und Sterngeflimmer keine Spur, und die Gas⸗ lichter in den Straßen ſind auch nicht im Stande, ihren Dienſt gehörig zu verſehen. Sie leuchten nur wenige Schritte d durch Dunſt und Nebel und vermögen kaum ihr e lendes, flackern ges Daſein vor dem einherſtürmenden? Winde zu bewahren. L ſolch ein dürftiger Lichtſtrahl indeſſen das Pflaſter ſpärlich er⸗ hellt, da ſehen wir es von⸗ Regenwaſſer überflutet, bemerken 0 immer neue glänzende Tropfen, die in ſchiefer Richtung und ſo zahlreich darauf einſchlagen, daß wir uns nicht verwun⸗ dern, wie die Dachröhren ſprudelnd ihr Waſſer ausſpeien und es kaum zu bewältigen vermögen. Auf den Straßen iſt es ſo ſtill und einſam, daß wir das Rieſeln des Regenwaſſers von den Dächern und in den Rinn⸗ ſteinen wie ein gelindes Brauſen vernehmen. Zuweilen klap⸗ pern die Ziegel auf den Häuſern, wenn der rohe Wind dage⸗ gen fährt; zuweilen auch ſchlägt ein Fenſterladen, den man zu befeſtigen vergaß, und nur ſelten hört man die Schritte eines Vorüberwandelnden auf dem Pflaſter, eilige Schritte, und wenn wir im zweifelhaften Scheine der Laternen die Ge⸗ ſtalt erblicken, welche dahin eilt, ſo ſehen wir ſie dicht in den Mantel oder Paletot gehüllt, den aufgeſpannten Regenſchirm mühſam gegen den Wind balancixend.— Kurz, es iſt ein Wetter, von dem man zu ſagen pflegt, es ſei zu ſchlecht, um einen Hund auf die Straße zu jagen. Dieſem ſchlechten Wetter iſt es hauptſächlich zuzuſchreiben, daß die große Stadt, in welcher unſere wahrhaftige Geſchichte beginnt, wie ausgeſtorben erſcheint. Die Thurmuhren ſchlugen erſt vor wenig Augenblicken die zehnte Stunde, und das iſt eine Zeit, wo es gewöhnlich hier auf den Gaſſen und Plätzen noch ziemlich lebhaft zugeht; bei Regen und Sturm aber, wie Nachts im Regen. 3 heute, iſt ſie eine der ſtillſten Stunden. Der ruhige Bürger befindet ſich zu Hauſe, die Theatervorſtellungen ſind beendigt, und was die Wirthshausbeſucher anbelangt, ſo ſitzen dieſe jetzt feſt hinter ihrem Schoppen und warten ruhig die elfte Stunde ab, ehe ſie ſeufzend ans Heimgehen denken. Herrſchaftliche Equipagen, Fiaker und Miethwagen ſind um dieſe Zeit eben⸗ falls nicht auf den Straßen, Geſellſchaften und Bälle haben f ſind die Pferde in den Stall gezogen worden, und während ſie dort ihre Köpfe hängen laſſen und vielleicht trauernd an die ſpäte Nachtſtunde denken, wo ſie noch einmal in Regen und Wind hinaus müſſen, um acht Uhr begonnen, darauf ſitzen ihre Lenker und Bändiger in den verſchiedenen Kneipen, wohin ſie eine zarte Neigung treibt, die Anhänglichkeit an irgend einen guten Wein, an die rothe, bekannte Naſe des Wirthes, oder an die dicken Backen der Kellnerin. Wenden wir unſere Schritte nach einer Straße, welche, ziemlich im Mittelpunkte der Stadt gelegen, viele Bier⸗ und Weinhäuſer verſchiedenen Ranges hat, Schenkſtuben der man⸗ nigfachſten Gattung, von der kleinen Kneipe an, die, aus einer einzigen ſchwarzgerauchten Stube beſtehend, verſteckt in einem Thorwege liegt, bis zum großen Geſellſchaftshauſe der höheren Bürgerklaſſe, welches wir dort oben ſehen und deſſen viele er⸗ leuchtete Fenſter freundlich durch die Nacht ſtrahlen. Auch dieſe Straße ſcheint uns um die zehnte Stunde voll⸗ kommen menſchenleer zu ſein.— Doch nein. Wenn wir ſcharf ) dee vechten Seite hinblicken, ſo bemerken wir in der Mitte derſelben eine Menge alter Gebäude mit hohen Giebel⸗ dächern, deren Spitzen mit Wetterfahnen gekrönt ſind, welche ſich kreiſchend herumdrehen. Vor einem dieſer Häuſer befindet ſich eine Gaslaterne, deren flackernder Schein daſſelbe zuweilen Erſtes Kapitel. beſtrahlt, wo wir alsdann bemerken, daß die Vorderſeite mehrere bunte Schilder hat, von denen eines hellblau mit goldenen Buchſtaben den Namen:„Schwörer, Schneidermeiſter,“ zeigt. Vor dieſem Hauſe nun ſehen wir etwas ſich hin und her bewegen. Es iſt unzweifelhaft ein lebendes Weſen, das dicht bei der Thüre wie ein Schatten hin und her gleitet, jetzt lang⸗ ſam, jetzt geſchwind, ſo daß es uns auf die Vermuthung bringen könnte, es ſei vielleicht ein großer Hund, den man hinausge— ſperrt.— Aber es iſt kein Hund; denn, wie ſchon geſagt, Hunde pflegt man bei ſolchem Wetter nicht auf die Straße zu jagen. Es iſt vielmehr ein Knabe von vierzehn bis fünf⸗ zehn Jahren, in einem ſehr ärmlichen Anzuge. Die Beinklei⸗ der haben eine für dieſe Jahreszeit erſchreckende Aehnlichkeit mit Sommerhoſen; das Jäckchen iſt überall zu kurz, und da ſein Beſitzer, des herabflutenden Regens wegen, es etwas an die Ohren hinaufgezogen hat, ſo ſchaut unten das Hemd her⸗ vor und zeigt uns, daß der nächtliche Spaziergänger nicht im Beſitz einer Weſte zu ſein ſcheint. Eine Tuchkappe bedeckt ſeinen Kopf, die Hände hat er fröſtelnd in die Hoſentaſchen geſteckt.. So trabt er an dem Hauſe auf und nieder, gar kläglich anzuſehen. Jetzt bleibt er einen Augenblick an der Hausthür ſtehen, blickt durch das Schlüſſelloch hinein, dann nähert er ſich der Klingel, die daneben hängt, ja, er ſtrec ſchon die Hand aus, um ſie in Bewegung zu ſetzen, fähre ab wieder zurück, als ſei er im Begriffe geweſen„„a⸗ liches zu begehen. Die Uhren haben unterdeſſen halb Elf und drei Viertel geſchlagen, und manchen der Gäſte in den verſchiedenen Wirths⸗ häuſern der Straße treibt das Herannahen der Polizeiſtunde N — 7 Nachts im Regen. 5 nach Hauſe, oder der Wunſch, ſeiner harrenden Gattin vor die Augen treten zu können, bevor der Wächter die elfte Stunde gerufen. Wenn ſolche Wanderer bei dem kleinen Buben vorüber⸗ gehen, ſo drückt ſich derſelbe in eine dunkle Ecke des Hauſes, um nicht erblickt zu werden, wogegen ſeine ſcharfen Kinderaugen die Vorübergehenden genau betrachten und viele derſelben er⸗ kennen. Das iſt der Herr Kaufmann Schratter, ſagt er, der junge Herr Schratter. Er hat den neuen Radmantel um, den ich ihm geſtern gebracht. So ein Radmantel gibtwarm, ſetzt er fröſtelnd und ſeufzend hinzu.— Da kommt auch der Herr Kanzleirath Schwarz. Vor acht Tagen neue Hoſen und Weſte. Auch nicht ſchlimm bei ſo kaltem Wetter.— Ein wehmüthiges Lächeln zuckte um das runde Geſicht des kleinen Buben, wobei er den vergeblichen Verſuch machte, ſich hinter den Ohren zu kratzen, was aber der aufrechtſtehende naſſe Kragen nicht recht zuließ.— Hätte ich nur einen kleinen Theil der warmen Kleider, die ich die Woche ſchon ausgetragen habe, da könnte ich es ſchon beſſer in dem garſtigen Regenwetter aushalten. Bei dieſen Worten blickte er ſeufzend an dem Hauſe empor und drückte ſich in eine kleine Vertiefung der Mauer, wo ſich ein Prellſtein befand, auf den er ſich zitternd vor Froſt nie⸗ derließ. Wenn ich nur einmal einen Rock fände, ſagte er nach einer Pauſe, der Niemand gehörte, und in dem Rocke eine Hand voll Geld, die auch keinen Herrn hätte! Da ginge ich zu der Mutter hin und ſagte ihr: Hier hab' ich einen großen Rock, daraus mach' ich einen für mich und einen für das Büb⸗ chen. Und hier hab' ich das Geld; das ſollſt du alles behal⸗ Erſtes Kapitel. ten können, aber dann— brauch ich auch nicht mehr zu Mei⸗ ſter Schwörer zu gehen.— Nie, nie mehr zu Meiſter Schwö⸗ rer! fuhr er nach einer Pauſe faſt zornig fort, und darauf ballte er ſeine Hände in den Hoſentaſchen zuſammen, und ſein Geſicht verzog ſich zu einem leiſen Weinen. Doch kam es nicht dazu; vielmehr ſchien der jugendliche Uebermuth durchzu⸗ ſchlagen; denn nach einigen Sekunden warf er den Kopf trotzig, faſt luſtig in die Höhe und begann die Melodie eines bekann⸗ ten Liedes leiſe vor ſich hin zu pfeifen. Es ſchien faſt, als habe er ſich damit Muth machen wollen und dieſen Zweck auch erreicht; denn nachdem das Lied beendigt war, nicht ohne daß er mehrere Tonarten zu Rathe gezogen, ſprang er von dem Prellſtein in die Höhe, hüpfte in kurzem Galopp an dem Hauſe auf und nieder und ſagte: Ach was! droben in der Dachkam⸗ mer iſt es auch nicht viel beſſer. Und wie mein Vater oft ſagt, wenn er davon erzählt, wie er noch ein kleiner Jäger⸗ burſche geweſen und draußen im Walde habe ſtehen müſſen, bei Froſt, bei Schnee oder Regen, und wie da die Wölfe ge⸗ kommen ſeien, da mag er auch nicht mehr Vergnügen ausge⸗ ſtanden haben, als ich hier.— Wenn ich nur wüßte, ob der Meiſter Recht hat, wenn er ſagt: Wie man ſich bettet, ſo ſchläft man! Ich kann das nicht wohl glauben; denn ich habe heute Morgen mein Bett recht ſauber gemacht, und auch noch den alten Schlittenpelz oben hinauf gelegt, den man heute zum Flicken gebracht. Alſo: gut gebettet wäre droben, und doch muß ich hier im Regen herum laufen— brrr! Dieſes Brrr, das er laut und ſchaudernd ausſtieß, brachte er nicht mit der anfänglichen Energie zu Ende; vielmehr ſtockte er plötzlich in Ton und Lauf, denn neben dem ver⸗ — Nachts im Regen. 7 ſchloſſenen Hausthore wurde ein kleines Fenſter im Parterre⸗ ſtock mit einem Male erhellt. Der Meiſter geht zu Bett, flüſterte der Knabe, wenn ich jetzt ans Fenſter klopfe, was kann er mir thun? Aufmachen muß er doch, und an der erſten Ohrfeige bin ich nicht geſtor⸗ ben.— Soll ich oder ſoll ich nicht?— Ja, ich will klopfen. Kann ich ihm doch die Wahrheit ſagen; denn es iſt nicht ge⸗ logen, daß ich zu Hauſe das kleine Kind habe wiegen müſſen, und wenn er mir nicht glaubt, daß man bei uns im oberſten Stock keine Uhr ſchlagen hört, ſo kann er hingehen und ſich davon überzeugen.— Ja, ich muß klopfen. Wer weiß, wann der Geſelle nach Hauſe kommt! Der ſcheint mir heut am Ende gar nicht kommen zu wollen, denn ſonſt müßt er ſchon lange da ſein. Das kleine erhellte Fenſter war mit einem ſchweren Gitter verſehen, an deſſen Stäben ſich der Knabe mit einer Hand feſt hängte und alsdann mit der andern durch die Oeffnung fuhr, um an die Scheiben zu klopfen. Ehe er dies aber aus⸗ führen konnte, begann eine näſelnde, ſchnatternde Stimme im Zimmer ein geiſtliches Lied zu ſingen; ſo klang wenigſtens die Melodie, wenn man auch von den Worten nichts weiter ver⸗ ſtehen konnte, als zuweilen ein beſonders laut betontes, wie Zerknirſchung, Sünde, Durchbruch und Gnade. Der Knabe zuckte die ausgeſtreckte Hand zurück, hängte ſich an das Gitter feſt, wobei die Spitzen ſeiner Füße auf der Steineinfaſſung des Hauſes ruhten. Es mochte zehn Minuten dauern, ehe das Lied drinnen beendigt war; dann räuſperte ſich die näſelnde Stimme, gerade als wenn ſie ſich zu einem neuen Geſang anſchicken wollte; doch kam es nicht dazu, denn man hörte nun eine andere Stimme, eine weibliche, ſagen:„Na, 1 —— — 8 Erſtes Kapitel. jetzt gib Ruhe, Zacharias, ich und die Kinder, wir wollen ſchlafen, und du brauchſt dir nicht einzubilden, daß dich Je⸗ mand ſingen hört. Alſo ſpar' meine Kerze, ſowie deinen Athem, und komm' ins Bett.“ Die näſelnde Stimme murmelte eine Antwort, von der man nur den Schluß verſtand, der mit lauterem Tone ge⸗ ſprochen wurde:„Wachet und betet, daß ihr nicht in Verſu⸗ chung fallet, denn der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach.“ „Das weiß Gott!“ ſeufzte die Weiberſtimme. „Und der böſe Geiſt geht um, zu ſehen, wen er ver⸗ ſchlinge.“ „Ach was!“ entgegnete ärgerlich die weibliche Stimme;„da trau' ich dem böſen Geiſt einen beſſern Geſchmack zu, als daß er ſich an eurer Sippſchaft verluſtiren möchte. Ich ſage dir, komm ins Bett, oder—“ Ein paſſenderer Augenblick, um anzuklopfen, kam in heu⸗ tiger Nacht nicht wieder; der Knabe ſtreckte deßhalb ſeinen Arm abermals durchs Gitter und klopfte nun ein paar Mal ſehr vernehmlich auf die Scheiben. „Gott im Himmel!“ ſagte die näſelnde Stimme ſehr klein⸗ laut,„haſt du das Klopfen gehört? Alle guten Geiſter—“ „Unſinn!“ rief die Frau,„da draußen treibt ſich nichts Gei⸗ ſtiges herum; das wird dein liederlicher Geſelle ſein, der be⸗ duſelt heimkommt, aus irgend einer Betſtunde, daß ſich Gott erbarm! Den haſt du auf dem Gewiſſen, Zacharias, denn wie der Herr, ſo's Geſchärr! das Sprüchwort könnteſt du dir be⸗ ſonders merken.“ „Der Geſelle hat einen Hausſchlüſſel,“ entgegnete der Mei⸗ ſter ſehr kleinlaut. Nachts im Regen. 9 „Nun, da wird es der Gottſchalk ſein, der die neun Uhr verſäumt hat und nun herein will.“ „Das iſt wahr,“ hörte man den Meiſter in lauterem Tone ſprechen;„das wird der gottloſe Bube ſein. Wo iſt mein Ellen⸗ maß? Na, ich werde dir helfen, in ſpäter Nacht die Leute durch Klopfen an die Fenſter zu erſchrecken!“ „Soll der arme Teufel vielleicht im Regenwetter draußen bleiben?“ Jetzt hörte man drinnen einen Stuhl rücken, und gleich darauf erſchien der Kopf, dem die näſelnde Stimme gehörte, an dem Fenſter. Es war Meiſter Schwörer; und wenn dieſer würdige Schneidermeiſter, ſchwarz angezogen, mit wohlgekämm⸗ tem Haar und ſanſtem, niedergeſchlagenem Blick, nicht ſchön zu nennen war, ſo ſah er heute Abend in der weißen Nacht⸗ mütze und einer braungewürfelten Zitzjacke wie eine Vogelſcheuche aus, oder vielmehr genau wie einer jener Spielzeugmänner, die aus einem kleinen hölzernen Kaſten emporſchnellen. Ebenſo plötzlich fuhr er in die Höhe und machte auch eine ähnliche Wirkung des Schreckens auf den Knaben; denn als der Mei⸗ ſter drinnen ſo plötzlich auftauchte, fuhr der Lehrling draußen wie entſetzt zurück. „Richtig, er iſt's!“ ſagte die näſelnde Stimme;„na, warte, gottloſe Kröte! „Wirf' ihm den Hausſchlüſſel hinaus und halte Frieden!“ ermahnte mürriſch die Frau, die augenſcheinlich in ihrem Bette lag; denn die ſonſt kräftige Stimme ſchien gedämpft durch Vorhänge und Kiſſen. Meiſter Schwörer ſchien jedoch durchaus keine friedlichen Gedanken zu haben, obgleich ſeine Augen in ſtiller Freude leuchteten. Aber es war dieſelbe Freude, die wir in dem 10 Erſtes Kapitel. Blicke eines hungrigen Wolfes ſehen, oder eines blutdür⸗ ſtigen Banditen, der, ſein Opfer anſtarrend, langſam nach ſeinem Meſſer greift. Letzteres that nun freilich Meiſter Schwö⸗ rer nicht, hatte aber auch nicht nöthig, nach einem Meſſer oder ſonſtigen Schneideinſtrumente zu ſuchen, denn die Natur hatte ihm eine Naſe verliehen, welche lang hervorſtehend, ſcharf und ſpitzig war, ja förmlich wie ein gekrümmter Dolch ausſah, das Entſetzen ſeiner Lehrjungen und ſämmtlicher Kinder der Nach⸗ barſchaft. Jetzt öffnete er das Fenſter ein klein wenig, viel brauchte er nicht, um ſeine Naſe durchzuſtecken. „So,“ ſagte er alsdann, und ſeine Stimme näſelte ſo furcht⸗ bar, daß es klang wie das Kollern eines Truthahns,„du biſt draußen, Gottſchalk?“ „Ja, Meiſter,“ antwortete demüthig der Knabe. „Und es regnet wohl recht brav? Und du biſt ſchon ziemlich naß geworden?“. „Ja, Meiſter.“ „Ei, ſieh' doch! Haſt du nicht in der Schule bis Neune zählen gelernt? Oder weißt du, gottvergeſſener Strick, nicht, daß um neun Uhr die Hausthür zugeſperrt wird?— Morgen will ich dir einen Hausſchlüſſel anbieten, weißt du, ſo einen von zwei Schuhen, biegſam und doch recht dick.“ „Ach, Herr Meiſter,“ erwiderte der Lehrjunge, offenbar mit einer affektirt kläglichen Stimme,„ich war zu Hauſe, ich habe das kleine Kind herum tragen müſſen, und da habe ich nicht gehört, wie es neun Uhr ſchlug.“ „Du haſt das kleine Kind herumtragen müſſen! Und wo war denn dein Herr Papa, der ſaubere Jägersmann 2u „Was geht das dich an, Zacharias?“ ſagte hier wieder Nachts im Regen. 11 ärgerlich die Frau;„gib ihm endlich den Schlüſſel und mach das Fenſter zu!“ „Und ich ſollte keinen Verſuch machen,“ verſetzte heuchle⸗ riſch der Meiſter, während er ſeine Augen gen Himmel hob, „dieſe kleine, zu drei Vierteln verlorene Seele durch gute Er— mahnungen noch zu retten?— Gottſchalk heißeſt du,“ fuhr er im Predigertone fort,„Gott weiß nichts von dir, aber der Schalk ſitzt in deinem Herzen. Warum warſt du nicht in der Erbauungsſtunde für chriſtliche Lehrlinge, die wir gegründet? — O nein, das paßt dir nicht!— An ſo was zu denken haſt du nicht die Zeit; denn dein Kopf ſteckt voll von andern Din⸗ gen. Iſt's nicht ſo, Gottſchalk?“ „Ja, Meiſter.“ „Haſt du nicht heute wieder in die Rocktaſche Seiner Hoch⸗ ehren unſeres würdigen Herrn Pfarrers einen ſchmutzigen Theaterzettel geſteckt, zum Grauen dieſes frommen Mannes? Haſt du's nicht gethan?“ „Gewiß nicht, Meiſter, ich hab' es nicht gethan.“ „So hat es der Danziger gethan, aber du haſt darum gewußt, und der Hehler iſt wie der Stehler.— Wer hat da⸗ gegen heut Abend meinen armen Ludolf gepufft?“ „Zacharias, ich ſage dir, mach das Fenſter zu!“ „Er hat ihn gepufft!“ fuhr der Meiſter, ins Zimmer ge⸗ wendet, heftiger fort. „Ja, Meiſter, aber er hat mich gekratzt.“ „Himmliſcher Vater! Er hat dich gekratzt, das harmloſe Kind? Na, warte— morgen früh! Ich will dich bepuffen. Morgen—“ „Kannſt du thun, was du willſt,“ rief ärgerlich die Frau; 12 Erſtes Kapitel. „aber jetzt ſchließ' das Fenſter und laß das Kind herein— oder—“ „Ja, hereinlaſſen muß ich dich alſo,“ ſagte der Meiſter er⸗ bittert, wobei ſeine Augen funkelten, wie die einer böſen Katze. „Aber hinauslaſſen werd' ich dich bald wieder, darauf kannſt du dich verlaſſen, mein Gottſchalk! Das kleine Kind haſt du herumtragen müſſen?“ „Ja, Meiſter.“ „Während dein ſauberer Papa im wilden Jäger gezecht? O! das iſt ſelbſt ein wilder Jäger, und deßhalb kann man dir deine Sündhaftigkeit eigentlich nicht ſo übel nehmen. Aber ich will nicht Theil haben an den Thaten der Gottloſen, ich waſche meine Hände. Morgen kannſt du heimziehen und meinetwegen ein Jägerburſche werden; du biſt ein junger Satan und gehörſt in des Teufels Revier, das da anfängt im finſteren Walde, wo die Jägersleute zu Hauſe ſind und nächtlich mit dem Böſen verkehren.“ „Zacharias!“ rief jetzt die Stimme aus dem Bette in ſo drohendem Tone, daß der Meiſter zuſammenfuhr und den Hausſchlüſſel emporhob, welchen er in der linken Hand hielt; doch ehe er ihn durch die Fenſterſpalte ſchob und dem vor Angſt und Kälte zitternden Knaben in die Hand gab, konnte er ſich nicht enthalten, ingrimmig hinaus zu näſeln und zu ziſchen:„Wenn dich nur einmal vor meinen Augen leibhaftig der Teufel holen wollte!“ Das ſprach Meiſter Schwörer, und dabei beugte er ſein ſpitzes, hageres Geſicht durch das Fenſter hinaus, ſo daß ihm der kalte Wind und die Regentropfen, welche derſelbe vor ſich her jagte, um die ſcharfe Naſe ſpielten. Aber es war nicht Kälte und nicht Regen, was dieſe Naſe mit einem Male noch ——ℳ——D——— Nachts im Regen. 13 ſpitzer und länger werden ließ, als ſie bisher ſchon war; auch war es nicht der Hauch der kalten Nacht, der ſein Geſicht plötzlich mit Todesbläſſe überzog, während ſeine Augen auf eine entſetzliche Art vor ſich hinſtarrten.— Dicht vor ihm an dem eiſernen Gitter unmittelbar hinter dem Knaben, der aber nichts davon zu ahnen ſchien, ſtand, wie aus der Erde emporgewachſen, eine lange, hagere Geſtalt, in einen rothen Mantel gehüllt, das Kinn umſchlungen von einem Tuche von derſelben Farbe, auf dem Kopfe einen röthlich braunen Hut.— So ſtand die Geſtalt da, ernſt und ſchweigend. Große glän⸗ zende, faſt glühende Augen blitzten unter dem Hutrande her⸗ vor, die Geſichtsfarbe war gelb, und unter der höhniſch aufge⸗ worfenen Lippe hervor glänzten lange, ſchneeweiße Zähne. Als der Knabe ſo mit einem Male das Geſicht ſeines Meiſters und Brodherrn ſich verändern ſah und dazu bemerkte, wie deſſen Augen ſtarr in die Nacht hinausblickten, da war nichts natürlicher, als daß er ebenfalls ſeinen Kopf herum⸗ wandte; doch hatte er nicht ſo bald die lange, ſchweigſame Ge⸗ ſtalt hinter ſeinem Rücken geſehen, als er mit einem Schrei des Entſetzens das Gitter losließ und wimmernd an der Mauer niederglitt. Einen nicht minder lauten Schrei ſtieß auch Mei⸗ ſter Schwörer aus, nachdem er das Phantom eine Sekunde lang angeſtarrt, drückte alsdann haſtig das Fenſter zu, löſchte das Licht aus und eilte zitternd und mit ſchlotternden Knieen dem Bette zu, wo ſeine Ehehälfte, durch den doppelten Schrei erſchreckt, in die Höhe gefahren war. „Haſt du's gehört?“ ächzte er;„haſt du's gehört?“ „Und was ſoll ich gehört haben?“ rief Madame Schwö⸗ rer, wobei ſie den Gemahl kräftig abwehrte, der über alle Hinderniſſe hinweg das ſichere Aſyl zu erreichen trachtete. 14 Erſtes Kapitel. „Deine dummen Reden habe ich gehört, was iſt denn ums Himmels willen geſchehen?“ „O, ich Elender!“ rief zähneklappernd der Schneider; und da er in dieſem Augenblicke ſeinen Kopf in die Kiſſen verbarg, ſo klang ſeine Rede nur wie ein dumpfes Murmeln und Gurgeln.„Dem Teufel hab' ich gerufen, er ſolle den Gottſchalk vor meinen Augen holen— und der Teufel— hat ihn geholt.“ „Zacharias, du biſt ein Narr!“ ſprach die Frau ſcheinbar mit großer Entſchiedenheit, doch hatte ihre Stimme nicht den gewohnten feſten Klang. „Er hat ihn geholt!“ ſtöhnte der Meiſter.„Sah ich ihn doch vor dem Fenſter ſtehen in ſeiner rothen Höllenlivree; ſah ich doch ſein grinſendes Maul, die Hörner auf ſeinem Kopfe und die Krallen, mit denen er den Gottſchalk ergriffén. Oh!— oh! oh!“ „Wenn du nicht plötzlich übergeſchnappt biſt, Zacharias, ſo weiß ich nicht, was du geſehen.“ „Den Teufel! den Teufel! O, daß ich ein Sünder bin, daran habe ich ja nie gezweifelt.“ „Das iſt wieder einmal ein vernünftiges Wort,“ erwi⸗ derte die Frau, wobei ſie, obgleich ſcheu um ſich blickend, doch die Bänder ihrer Nachtmütze feſt anzog und, wenn auch lang⸗ ſam, Anſtalt machte, aus dem Bette aufzuſtehen. „Der Teufel! der Teufel!“ jammerte der Schneider. „Aber bin ich ſo verworfen, daß er es wagt, vor mir zu er⸗ ſcheinen? Bin ich nicht fromm geweſen, wie Einer, habe die Betſtunde beſucht, habe fleißig beigeſteuert zu Bibel⸗ und Miſ⸗ ſions⸗Geſellſchaften, habe ich das nicht, Frau? Gib du ſelbſt mir das Zeugniß.“ Nachts im Regen. 1 „Ja, das haſt du. Zu viel, viel zu viel,“ entgegnete Madame Schwörer, die nun vor dem Bette ſtand und ihre Schuhe ſuchte.„Aber, ich ſage dir, Zacharias, mach' meinen Kopf nicht noch verwirrter, als er mir anfängt zu werden. Wo iſt der Gottſchalk?“ „Der Teufel hat ihn geholt, der leibhaftige Teufel! Und ich habe ihn herbeigerufen. Oh! oh! oh!“ „Das wollen wir bald erfahren.“ „Weib!“ ſchrie entſetzt der Schneider,„du willſt doch nicht hinausgehen? in die Nacht hinaus, wo der Böſe um⸗ geht?“ „Der thut mir nichts,“ entgegnete kopfſchüttelnd die Frau; dann zündete ſie das Licht wieder an, nahm ein warmes Tuch um und leuchtete vorſichtig zum Fenſter hinaus. Da war Alles ſtill und ruhig, vor dem Gitter war weder eine geſpen⸗ ſterhafte Geſtalt, noch etwas von dem Knaben zu ſehen; an den Eiſenſtäbchen lief der Regen herunter und glänzte im Wie⸗ derſcheine der brennenden Kerze. „Nichts?“ fragte ängſtlich Meiſter Schwörer von dem Bette her. „Nicht das Geringſte,“ erwiderte die Frau. „Gott! o Gott! Und kein Schwefelgeruch?“ Die Frau gab keine Antwort, doch ſchüttelte ſie ernſt⸗ lich beſorgt mit dem Kopfe und ſagte:„An deinen Teufel glaube ich nicht; wenn nur ſonſt dem armen Buben kein Unglück ge⸗ ſchehen iſt.“ Damit zog ſie das Tuch feſter um ſich, nahm den Haus⸗ ſchlüſſel und trat auf die Straße. Dort fegte der Wind von den naſſen Dächern herab und ſtürzte ſich mit Regen vermengt auf das triefende Pflaſter. Die Dachröhren goſſen und ſpru⸗ 16 Erſtes⸗Kapitel. Nachts im Regen. delten nach wie vor, die Wetterfahnen drehten ſich krächzend herum, und das war auch alles Leben, was die Stille der Nacht unterbrach. Die Frau ſchützte das Licht mit der Hand, damit der Wind es nicht ausblaſe, und leuchtete vor dem Fen⸗ ſter auf dem Boden umher. Da war aber nichts ſichtbar, als der glänzende Wiederſchein der kleinen Flamme, die einen zit⸗ ternden Lichtkreis auf dem Boden bildete, wenige Fuß breit, rings umlagert und angeglotzt von der dunklen Nacht. Zeit⸗ weiſe hörte der Wind auf zu brauſen, und die Wetterfahnen ließen ihr Krächzen nicht mehr hören. Vielleicht thaten ſie das im gegenwärtigen Augenblicke aus Ehrfurcht vor ihrer alten Bekannten, der Glockenuhr, die jetzt langſam aushob und die Mitternachtsſtunde anzeigte. Zweites Kapitel. Fremde Umgebungen. Wenn der geneigte Leſer am Schluſſe des vorigen Kapi⸗ tels vielleicht mit einiger Spannung oder Gefühlen des Mit⸗ leids für den armen Schneiderjungen verblieb, ſo macht das ſei⸗ nem Herzen alle Ehre; doch ſind wir weit entfernt, daraus den Schluß ziehen zu wollen, als glaube er in unſerem aufge⸗ klärten Jahrhundert an ein Sichtbarwerden des Teufels. Auch wir glauben nicht daran und wollen deßhalb dem freundlichen Leſer gerne eine kurze Erklärung geben, daß Gottſchalk nicht vom Teufel geholt wurde. Die Geſtalt aber, die in der Mitter⸗ nachtsſtunde vor dem Gitter erſchien, an welchem der Knabe hing, kann auf keinen Fall weggeläugnet werden, und wenn auch der Lehrjunge nicht die Augen des Meiſters hatte und deßhalb weder Hörner noch Krallen entdeckte, Jo ſah er doch ein unheimlich langes Etwas hinter ſich ſtehen, mit einem ha⸗ geren Geſichte, aus welchem große glänzende Augen ihn feſt anſchauten. Daß er hierüber erſchrak, das Gitter losließ Hackländer, Don Quixote. I. 2 4 4 — 18 Zweites Kapitel. und auf den Boden niederglitt, iſt durchaus nichts ſo Wun⸗ derbares; mancher Größere hätte es an ſeiner Stelle ge⸗ rade ſo gemacht und wäre wahrſcheinlich augenblicklich davon gelaufen, was Gottſchalk aber nicht that; er lehnte ſich vielmehr mit dem Rücken an die Mauer und ſah ſeinerſeits die Geſtalt feſt an.— Als der Schneider drinnen rief:„Der Teufel! der Teufel!“ glitt ein verächtliches Lächeln über die Züge des langen Mannes, und er ſagte mit ruhiger Stimme:„Du wirſt doch wohl nicht glauben, was der da drinnen ſpricht? Ich bin weder der Teufel, noch ſonſt was Schlimmes, wollte, wie jeder andere Chriſtenmenſch, nach Hauſe gehen und blieb noch einen Augenblick an dem Fenſter ſtehen, um den Spektakel zu hören.“ Der Lehrjunge hatte von ſeinem Vater eine gute Portion kecken Jägerblutes geerbt und fürchtete ſich mehr vor der Elle des Meiſters, ſowie vor deſſen dolchartiger Naſe, als vor dem Teufel. Alles war auf ſo gutem Wege geweſen, er hatte ſchon den Hausſchlüſſel blinken ſehen, und ſelbſt die Straf⸗ predigt des Meiſters war bei ihrem gewöhnlichen Schluſſe an⸗ gelangt, wo er den Teufel erſuchte, Geſellen, Lehrjungen, kurz, wer ihn gerade ärgerte, Frau und Kinder nicht ausgenommen, augenblicklich zu holen. Da kam jener Zwiſchenfall, das Fen⸗ ſter flog klirrend zu, und das Licht erloſch. Die lange Geſtalt zog ihren Mantel, der in der That ein rothes Unterfutter hatte, feſter um ſich und ſagte:„Ich habe keine Luſt, hier länger im Regen zu ſtehen, und mag einen ſo kleinen Menſchen, wie du biſt, doch auch nicht in Sturm und Nacht allein laſſen. Du biſt der Lehrjunge des Meiſters?“ „Ja, Herr,“ verſetzte der Knabe mit einem troſtloſen Sei⸗ tenblicke auf das dunkelgewordene Fenſter. „Und warum biſt du nicht zur Zeit nach Hauſe gegangen?“ Fremde umgebungen. 19 „Ich habe bei meiner Mutter das Bübchen herumtragen müſſen und habe mich geirrt, als es neun Uhr ſchlug. Es mochte halb Zehn ſein, als ich hieher kam,“ ſetzte er faſt wei⸗ nend hinzu. „Caracho!“ ſprach der Fremde, indem er die Augenbrau⸗ nen hoch emporzog.„Und ſo ſtehſt du über zwei Stunden hier im Regen!— Ich will dir was ſagen: Komm mit mir, da kannſt du wenigſtens trocken und warm ſchlafen. Wir wollen deine Angaben unterſuchen und dich dann morgen früh kräf⸗ tiglichſt bei deinem Meiſter entſchuldigen. Aber,“ fuhr die Geſtalt nach einer Pauſe fort, wobei ſie mit feierlichem Ernſte zwei hagere Finger in die Höhe ſtreckte,„eine Lüge darfſt du mir nicht geſagt haben, beim Cid! eine Lüge würde ich dir nicht verzeihen. Ich haſſe das Lügen wie den Teufel!— Willſt du nun mit?“ „Gelogen habe ich nicht,“ erwiderte der Knabe:„aber wie ſoll ich mit Ihnen gehen, da ich Sie gar nicht kenne?“ Der Andere lachte bei dieſen Worten eigenthümlich, lüpfte ſeinen Radmantel etwas auf der rechten Schulter und warf ihn dann mit ſolcher Geſchicklichkeit um ſeinen Hals herum, daß er das Kinn bis zum Munde wie ein großes Tuch ver⸗ deckte.„Das kannſt du halten, wie du willſt,“ ſagte er darauf; „ich habe dir das Anerbieten gemacht, weil ich bei ſolchem Wetter und zu dieſer Stunde würde, der winſelnd vor der Du biſt am Ende noch mehr Verſtand und Beine, welche einen Hund nach Hauſe tragen verſchloſſenen Hausthüre ſäße. werth als ein Hund, haſt auch N von dieſem Verſtande regiert werden. Willſt du alſo ins Trockene kommen, ſo magſt du mir folgen. Wo nicht, ſo habe ich wenigſtens das Meinige gethan.“ 20 Zweites Kapitel. Dieſe Worte ſprach die Geſtalt mit hoch erhobenem Kopfe und ſehr feierlichem, aber dabei gutmüthigem Geſichtsausdruck, und als ſie ſolche geſprochen, winkte ſie leicht mit dem Kopfe und ſchritt trotz des ſtrömenden Regens langſam die Straße hinab. In dieſem Augenblick beleuchtete ſich das Fenſter des Mei⸗ ſters Schwörer wieder, und Gottſchalk, der einer neuen Straf⸗ predigt, ja, der kräftigſten Anwendung des Ellenmaßes zuver⸗ ſichtlich entgegen ſah, kratzte ſich verlegen in den Haaren und bedachte, daß der Fremde, wenn er ihm hätte ein Leid thun wollen, ihn ja gewaltſam mitnehmen konnte.— Dabei glaubte er auch ſchon die ſchlurfenden Schritte des Meiſters zu ver⸗ nehmen, weßhalb er ſich kurz entſchloß, den Kragen ſeines Jäck⸗ chens feſt am Halſe zuſammen zog und mit einem ziemlich krummen Rücken der langen Geſtalt nachtrabte. Dieſe hatte ſchon das Ende der Straße erreicht und bog, ohne ſich umzuſchauen, nach rechts ab. Bald indeſſen war der Knabe dicht hinter ihr und ließ nun vom Laufen ab, um, lang⸗ ſamer gehend, ſeine neue Bekanntſchaft ſich nochmals ſorgfältig anzuſehen. Der Fremde war, wie ſchon mehrmals bemerkt, von außergewöhnlicher Größe und erſchien jetzt in dem langen Mantel, der ihm bis an die Füße reichte, und bei dem un⸗ gewiſſen Schein eines flackernden Gaslichtes noch länger, faſt unheimlich. Obgleich er langſam dahin ging, machte er doch ſo weite Schritte, daß ſich der Knabe anſtrengen mußte, um ihm zu folgen. In der linken Hand ſchien die Geſtalt einen großen Stock zu tragen, den ſie bei jedem Schritte gleichförmig und taktmäßig auf das Straßenpflaſter niederſetzte. Gewiß war es, daß ſie die Schritte des Knaben hinter ſich hören mußte, doch wandte der Mann im Mantel nicht ein einziges Mal Fremde Umgebungen. 21 ſeinen Kopf herum, ſondern ging ruhig ſeines Weges, bald rechts, bald links, und hatte nach einer Viertelſtunde das höher gelegene, reichere Stadtviertel, wo unſere Geſchichte begann, verlaſſen und ein Labyrinth von engen Gäßchen erreicht, welche die alte Stadt bildeten und in einem ziemlich weiten Umkreiſe dae Rathhaus und den alten Marktplatz umſchloſſen. Hier, wo die Häuſer enger bei einander ſtanden und die Gaſſen ſo ſchmal waren, auch in Schlangenlinien fortliefen, daß das Gaslicht auf größere Strecken gar keine Wirkung mehr thun konnte, war es am heutigen Abend, bei dem immerfort nieder⸗ ſtrömenden Regen recht unheimlich und traurig. Auch ließ ſich kein menſchliches Weſen im Freien ſehen, ſelbſt nicht einmal der Nachtwächter, der augenſcheinlich ſeine Stunde aus irgend einem Hausgange hervor abrief, welcher ihn vor dem Unwetter ſchützte. So gingen die Beiden noch eine Zeit lang dahin; dann blieb der Mann im Mantel vor einem großen alterthümlichen Hauſe ſtehen, mit einer gewaltigen Front, mit unregelmäßig angebrachten, aber weiten und hohen Fenſtern, der man aber deutlich anſah, daß ſie die Rückſeite eines weitläufigen und großen Gebäudes bildete. Hier war auch keine Hausthür, ſondern ein großes Thor mit morſchen Holzflügeln, die etwas ſchief in ihren Angeln hingen und halb geöffnet waren. Wenn man näher trat, bemerkte man wohl, daß eine vollſtändige Schließung dieſes Thores ohne vorherige Wegräumung eines Haufens Schutt, der ſich nach und nach im Thorweg angeſam⸗ melt hatte und àm Eingange einen förmlichen kleinen Hügel bildete, nicht gut möglich war. Der Mann im Mantel blieb einen Augenblick ſtehen und blickte zum erſten Mal auf ſeinen kleinen Gefährten hinab, der, die Hände in den Hoſentaſchen 4 22 Zweites Kapitel. durchnäßt und triefend neben ihm ſtand; dann ſagte er: „Gut, daß du mir gefolgt biſt; es ſoll dich nicht gereuen. Jetzt werden wir gleich im Trockenen ſein. Da du aber aus leicht begreiflichen Gründen die Lokalität meines Hauſes nicht 36 kennſt, ſo gebe ich dir den guten Rath, den Zipfel meines Mantels zu faſſen, ihn nicht loszulaſſen und genau hinter mir drein zu gehen.— So! haſt du gefaßt 2— Nun halte dich recht feſt.“ Damit ging die Geſtalt zwiſchen den weit genug offen⸗ ſtehenden Thürflügeln durch, trat unter einen ganz finſteren Thorweg, und von da kamen Beide in einen ziemlich großen Hof, von ſo rieſenhaften Hauswänden gebildet, daß man hier kaum die Hand vor den Augen ſah und nur die ſeltſam ge⸗ zackten Giebel und Dächer erkennen konnte, wenn man lange genug in den etwas helleren Nachthimmel hinauf blickte. Der Knabe hielt ſich feſt an den Mantel, und trotz der kühlen Nachtluft fing er an, warm zu werden. Wenn er ſeine ſcharfen Augen aufmerkſam rechts und links in die Finſterniß hineinbohrte, glaubte er allerlei abſonderliche und merkwür⸗ dige Gegenſtände und Geſtalten zu entdecken. Dabei war der Weg ſo uneben, daß er häufig ſtolperte und gewiß öfters hin⸗ gefallen wäre, wenn er den Mantelzipfel losgelaſſen hätte. Jetzt erreichten ſie das Ende des Hofes, traten durch eine Thür, und dann ging es eine ſchlüpfrige Wendeltreppe hinan. Gottſchalk wagte auch hier nicht, den Mantel loszulaſſen; denn wenn auch das Treppenhaus ein paar kleine Fenſter hatte, ſo war doch die Nacht zu dunkel, um irgend etwas erkennen zu laſſen. Glücklicher Weiſe für ihn war nun nach kurzer Zeit das Ziel der Wanderung erreicht; denn der Muth des kleinen Knaben fing an, wankend zu werden, und ein gewiſſes Schlucken, Fremde Umgebungen. 23 das ihn unwillkürlich ankam, war ein ſicherer Vorbote von Thränen. „So!“ ſagte der Mann im Mantel,„da wären wir. Jetzt noch ein paar Schritte ins Zimmer hinein, und dann bleibe ruhig ſtehen, bis ich Licht gemacht habe.“ Es iſt nun ein ganz eigenthümliches Gefühl, im Dunkeln in eine fremde Umgebung zu kommen und dieſelbe bei auf⸗ flammendem Lichte auf einmal zu überſehen. Der kleine Knabe machte es, wie es vielleicht mancher Erwachſene gemacht haben würde: er ſchloß feſt die Augen, und erſt als er an einem röthlichen Scheine vor denſelben bemerkte, daß die Finſterniß gewichen ſei, blickte er um ſich. Er befand ſich in einem ziemlich großen, viereckigen Ge⸗ mache mit gewölbter Steindecke, die von vier Pfeilern getragen wurde, welche die Ecken des Zimmers bildeten und mit feſten Wänden verbunden waren. Drei dieſer Wände beſtanden aus Mauerwerk, auf dem man Spuren von Tapeten ſah, die vierte aber war ein Holzverſchlag mit einer kleinen Thür, die in ein Nebenzimmer, das Schlafgemach des Bewohners, führte. Das Ameublement im erſten Zimmer beſtand aus einem großen Tiſche, der in der Mitte ſtand, mit einem grünen Teppich be⸗ deckt, auf welchem Bücher und Schreibmaterialien lagen. In der einen Ecke befand ſich ein Kleiderkaſten mit einem Paar Stiefel, und der Eingangsthür gegenüber war ein großer alt⸗ modiſcher Kamin, der aber des theuren Brennmaterials wegen nicht mehr gebraucht zu werden ſchien; vielmehr hatte man einen eiſernen Ofen vor ihn hingeſtellt, deſſen Rohr in den Kamin hineinführte. Ueber demſelben hing ein altes Bild, welches die Aufmerkſamkeit des Knaben mehr als alles Uebrige in Anſpruch nahm. Es war das Bruſtbild der lebensgroßen 24 Zweites Kapitel. Figur eines Mannes in maleriſchem Koſtüme früherer Zeiten, ſeidenem Mantel und großer Halskrauſe, über welche ein langes ſchmales Geſicht faſt drohend herab blickte. Das Geſicht hatte große glänzende Augen, eine bleiche Farbe und einen ſchwarzen Schnurr⸗ und Knebelbart, die Spitzen des erſteren waren ſcharf aufwärts gedreht. Das Bild war umgeben von einem ge⸗ ſchnitzten Holzrahmen, deſſen Vergoldung verblichen und abge⸗ nutzt war und jetzt ſtatt Glanz nur noch rothe Flecken zeigte. Was eigentlich die Aufmerkſamkeit des Knaben ſo beſon⸗ ders auf das Bild wandte, war die auffallende Aehnlichkeit deſſelben mit dem Mann im Mantel, der ihn hieher geführt. Gab man dieſem die ſonderbaren Gewänder und die Hals⸗ krauſe, ſo hätte man darauf ſchwören können, er habe dem Maler zu jenem Bilde geſeſſen. Doch ſah man bei näherem Betrachten auch ſonſt noch einen kleinen Unterſchied. Das Bild blickte ſtarr, finſter, unbeugſam, wogegen der Mann im Mantel, der dieſen indeſſen abgelegt hatte, trotz aufwärts ge⸗ kehrtem Schnurrbart, trotz dem hageren Geſichte mit den glän— zenden Augen, etwas ſehr Freundliches, ja, Gutmüthiges in ſeinen Mienen hatte; beſonders jetzt, als er auf den kleinen, fröſtelnden Buben zutrat, ihm ſanft über das Haar ſtrich, weniger um dies zu thun, als um ſeinen Kopf in die Höhe zu heben und ihm bequemer in das gute, kindliche Geſicht ſehen zu können. Mit dem, was er geſehen, ſchien er auch vollkom⸗ men zufrieden; denn er ſchritt alsdann eilig nach dem Ofen, warf einige Stücke Holz in die glühenden Kohlen und ging eilig in ſein Schlafzimmer, von wo er gleich darauf mit einem langen Pelzrocke zurück kam. „So, mein kleiner Mann,“ ſagte er;„jetzt iſt es vor allen Dingen ſehr nothwendig, daß du dich auszieheſt, damit wir Fremde umgebungen. 25 ſehen, wie tief der fatale Regen durch deine Umhüllung ge⸗ drungen iſt.“ Damit hatte er ihn an den Ofen geführt, und nachdem der Bube ſein Jäckchen aufgeknöpft, fuhr er kopfſchüttelnd fort: „Mir ſcheint, der Regen iſt ſo weit gedrungen, bis ihm die Natur ſelbſt Halt gebot. Nun, das geht in einem hin, du biſt ein verſtändiger Knabe, das ſeh' ich dir ſchon an, und während ich m Nebenzimmer meine Stiefel ausziehe, legſt du Hoſen, Schuhe, kurz, alles von dir, was naß iſt. Hier haſt du ein Hemd, und damit kannſt du ſehen, wie du zurecht kommſt.“ Der lange Mann ging ins Nebenzimmer, und Gottſchalk, ehe er begann, deſſen Rath zu befolgen, ſah noch einmal auf⸗ merkſam im Zimmer umher, vor allen Dingen auf den fin⸗ ſteren Mann über dem Kamin, der ihn forſchend anblickte; dann, da es ihn ſehr ſtark zu frieren anfing, zog er ſeine Schuhe aus, hierauf die ſehr kurzen Höschen, dann auch das Hemd, und begann einen Eingang in das Gewand gleichen Namens zu ſuchen, welches ihm der lange Mann hingereicht. Erſt nach ziemlicher Mühe gelang ihm das, und als er ſo mit dem übergroßen Hemde bekleidet war, gewährte er einen wahr⸗ haft komiſchen Anblick. Das mochte auch der Fremde denken, der nun ins Zim⸗ mer trat, denn er machte ein außerordentlich freundliches Ge⸗ ſicht, ja, lächelte ein wenig, als er einen der großen Lehnſtühle näher an den Ofen ſchob, dem Knaben in den Pelzmantel hineinhalf und ihn dann niederſitzen ließ. Der Stuhl war ſo lang, daß die Füße des kleinen Buben noch vollkommen Platz auf dem Sitze hatten. Der Mann ſchlug den Pelzmantel um ihn herum und von unten wieder zurück bis über die Kniee, 26 Zweites Kapitel. und ſo dauerte es denn gar nicht lange, bis eine behagliche Wärme den Körper des Knaben durchſtrömte. Das friſche Kindergeſicht mit den großen braunen Augen ſchaute gar komiſch aus dem alten Pelze hervor, und als Gott⸗ ſchalk ſah, wie der fremde Mann, der neben ihm am Kamine ſtand und ſich mit einer blechernen Kaffeemaſchine zu ſchaffen machte, ihn zuweilen ſo liebreich anblickte, da lächelte auch er aus vollem Herzen und recht vergnügt; und ſo gaben die Drei, nämlich der lange Mann, der rundbackige lachende Knabe im Pelzrock und der ernſte Kopf über dem Kamin ein gar hüb⸗ ſches Bild. Was der Erſtere indeſſen in ſeiner Kaffeemaſchine zube⸗ reitete, roch ſo appetitlich, daß der Knabe zuweilen den Kopf vorthin wandte, um von dem Dufte etwas einzuſaugen. Jetzt wurde dieſer dampfende Inhalt des Blechgefäßes in zwei Glä⸗ ſer gegoſſen, von denen der Fremde eines auf das Kaminge⸗ ſims ſetzte, das andere aber dem Buben in die Hand gab mit der Ermahnung, es auszutrinken, ſo lange es noch recht warm ſei,— ein Nath, den dieſer auch alsbald befolgte, und worauf er dann fühlte, wie eine unendlich behagliche, ja, wohlthuende Wärme ſeinen Körper durchſtrömte. „So!“ ſagte der lange Mann, nachdem er aus dem an⸗ dern Glaſe einen ebenfalls tüchtigen Zug gethan, dann mit den Lippen geſchmatzt und ſich den Schnurrbart abgewiſcht hatte,„das wird wohlthuend von innen heraus wirken, während der Pelz von außen hinein wärmt.“ Bei dieſen Worten zog er den andern Lehnſtuhl an den Ofen, ließ ſich darauf nieder und ſtreckte die Beine ſo weit von ſich, daß der Knabe dieſer Bewegung mit einigem Schre⸗ ken folgte und ſchon glaubte, wenn das mit dem Ausſtrecken Fremde umgebungen. 27 noch eine Zeit lang ſo fortginge, ſo müßten die Füße des Mannes unbedingt die gegenüberliegende Wand erreichen. Sie hielten aber noch zu rechter Zeit an, und das beruhigte den Pnaben wied Mann hatte ihn einige Minuten lang forſchend be⸗ achtet.. ihrend er ſeinen rechten Arm auf die Lehne ſtützte und den Kopf darauf niederſinken ließ. „Alſo du haſt das Bübchen herumtragen müſſen?“ fragte er nach einer Pauſe.„Und wie alt iſt denn das Bübchen?“ „Es wird im nächſten Sommer zwei Jahre alt,“ erwiderte der Knabe,„und wenn man ihm einen Finger feſt hinreicht, oder in den Hundeleitriemen einhängt, ſo macht es auch ſchon Verſuche, allein herumzugehen. Aber das geht noch nicht recht, und es purzelt gleich hin.“ „Und trägſt du oft das kleine Bübchen herum?“ forſchte der Andere weiter. „Wenn mich der Meiſter zuweilen um ſieben Uhr gehen läßt, und ich komme nach Haus, ſo iſt die Mutter froh darum; denn während ich das Bübchen herumtrage oder mit ihm ſpiele, hat ſie beſſere Zeit, für die andern Kinder das Nachteſſen zu beſorgen, weil Judica meiſtens ſpät von der Nähterei heim⸗ kommt.“ 1t „Das iſt wohl deine Schweſter?“ fragte der lange Mann. „Ein ſonderbarer Name, Judica!“ „Freilich iſt es meine Schweſter,“ lachte der Knabe,„und den Namen hat der Vater erfunden; es hat aber auch Zank zwiſchen ihm und der Mutter, ſogar einen kleinen Wortwechſel mit dem Herrn Pfarrer gegeben; denn auch den andern Kin⸗ dern hat er ſo komiſche Namen beigelegt.“ „Und wie heißt du denn?“ Zweites Kapitel. „Eigentlich heiße ich Gottſchalk; aber getauft bin ich Gott⸗ ſchalk Oculi; die Mutter ruft mich mit dem Namen Gottſchalk, der Vater aber mit dem andern; doch die Mutter kann das nicht recht leiden, denn ſie behauptet, Oculi ſei nichts Beſſeres, als ein Hundename.“ „So ſeid ihr wohl euer vier Kinder?“ bemerkte der lange Mann nach einer kleinen Pauſe. „Ja wohl, Herr.“ „Und das dritte iſt ein Mädchen?“ „Ja wohl, Herr.“ „Wahrſcheinlich mit dem Beinamen Lätare?“ bemerkte der lange Mann lachend. „Woher wißt Ihr das, Herr?“ „O, ich kann es mir denken. Und das Bübchen heißt Pal⸗ marum?“ „Ja, Herr, Franz Palmarum.“ „Und wie heißt ihr alle mit einander? Das heißt, wie iſt euer Familienname?“ „Ich heiße Gottſchalk Brenner, und ſo heißen auch die andern,“ ſprach das Kind.„Der Vater iſt der herrſchaftliche Jäger Brenner und dient beim Freiherrn von Breda. Ein recht braver Herr, und wenn er mir auf der Gaſſe begegnet und erkennt mich, was zuweilen vorkommt, ſo ſchenkt er mir einen Groſchen.“ „Und wie ging es denn zu,“ fragte der lange Mann nach einem augenblicklichen Stillſchweigen,„daß du zu Meiſter Schwörer in die Lehre gekommen biſt? Hatteſt du Luſt, ein Schneider zu werden?“ „So eigentlich nicht, Herr,“ meinte der Knabe,„ich wäre auch lieber ein Jäger geworden; aber die Mutter hat es durch⸗ Fremde Umgebungen. 29 geſetzt, denn ſie ſagte, Handwerk habe einen goldenen Boden; all' das Andere ſei nichts Solides, nicht die Jägerei und nicht die Künſtlerei und auch nicht die Schreiberei.“ „Daran iſt etwas Wahres,“ ſagte nachdenkend der Mann; „aber du hätteſt ja Schloſſer werden können, oder Schreiner oder dergleichen. Warum auch gerade Schneider?“ „Der Meiſter Schwörer war dazumal mit meinem Vater gut Freund, kam häufig ins Haus und konnte nicht genug loben, wie ſchön es ſei, wenn man ein Schneider werde. Das ſei ein luſtiges und angenehmes Handwerk, ſagte er, da ſäße man den ganzen Tag mit andern jungen Leuten auf dem Tiſche der Werkſtatt und hätte Zeit, einander allerlei zu erzählen und luſtige Lieder zu ſingen. Arbeit ſei das Geſchäft eigentlich gar nicht zu nennen; denn ſo einen Stich zu machen, das gehe leicht von der Hand und ſei dabei eine ſehr geſunde Beſchäf⸗ tigung. Der Vater meinte freilich wie Ihr, Herr, ein Schnei⸗ der ſei doch eigentlich nichts Rechtes; aber das nahm Meiſter Schwörer recht übel und erzählte, was für merkwürdige Leute aus dem Schneiderſtand hervorgegangen ſeien. Ich weiß nicht mehr recht, vornehme Handelsherren, ja Künſtler und Tänzer. Auch ſeien Schneider bedeutende Perſonen in der Stadt; denn bei jedem tüchtigen Krawall, wo's auf viel Lärmen und große Reden ankäme, gäben ſie häufig den Ausſchlag.“ „Aber was die Freundſchaft zwiſchen Meiſter Schwörer und deinem Vater anbelangt, ſo ſcheint ſie jetzt nicht mehr ſehr ſtark zu ſein; denn heute Abend am Fenſter habe ich allerlei Wort vernommen. Iſt's nicht ſo?“ „Ja wohl, Herr,“ ſagte der Knabe nach einer Pauſe ſchüchtern;„dafür, daß mich der Meiſter in die Lehre nahm, verſchaffte ihm mein Vater die Livree des Herrn Barons; —————— 30 Zweites Kapitel. doch dauerte das nicht lange. Denn ſchon nach einiger Zeit beſchwerten ſich alle Bedienten, ſie hätten noch kein ſo ſchlechtes Tuch an ihren Röcken gehabt und noch nie ſo leichtſinnig ge⸗ näht.“ „Aber der Meiſter Schwörer iſt ein frommer Mann?“ „Ja, Herr, er ſagt es, geht auch viel in die Kirche und hält wöchentlich ein paar Mal Betſtunde im Hauſe, was aber die Meiſterin nicht leiden kann; denn ſie meint, dabei käme nichts heraus.“ „So ſagt ſie?“ „Ja, ich habe es oft gehört. Früher, wo die Geſellen luſtige Lieder geſungen hätten, da ſeien die Nadeln nur ſo ge⸗ flogen und die Stiche gleichförmig und feſt geworden; ietzt aber, wo der Meiſter, ſowie auch der Altgeſell das Singen nicht leiden könnten und ſtatt des Liederbuches allerlei fromme Büch⸗ lein in die Werkſtatt gebracht hätten, da ginge es faul und langſam zu, daß ſich Gott erbarm'!“ Während der Knabe dies ſprach, hatte ihm der Fremde aufmerkſam zugehört und ihm dabei forſchend in die Augen geblickt; ja, als nun der Kleine geendigt, erhob ſich der Andere von ſeinem Stuhle und legte ſanft ſeine Hand auf den Kopf deſſelben. „Du haſt eine ſehr heiße Stirn,“ bemerkte der Mann nach einer Pauſe;„fühlſt du dich auch recht wohl du „Es iſt mir ſehr warm,“ erwiderte das Kind;„auch trocken im Munde; und wenn ich etwas Waſſer trinken könnte, wäre es mir ſehr angenehm.“ „Du biſt doch zu lange im Regen geweſen!“ meinte beſorgt der Fremde. Und damit faßte er ſeinen Arm und fühlte nach dem Puls. Ein bißchen Fieber!“ murmelte er, Fremde Umgebungen. 31 „und fliegende Röthe im Geſicht; wird aber morgen ſchon beſſer ſein. Zum Ueberfluß will ich dir etwas Kamillenthee machen. Das ſchmeckt freilich nicht beſonders, iſt aber geſund.“ Der Knabe fühlte ebenfalls wohl, daß es ihm nicht ſo wie ſonſt zu Muthe ſei. Es lag ſchwer auf ſeinen Augen⸗ lidern; er mußte ſie oft unwillkürlich ſchließen, und zuweilen fühlte er ein Fröſteln in ſeinem ganzen Körper, welches aber gleich darauf wieder von einer ſtarken Hitze verdrängt wurde. Trotzdem aber fühlte er ſich gar nicht unbehaglich in dem Lehn⸗ ſtuhle und vermißte durchaus nicht ſein Lager unter dem Dache im Hauſe des Meiſters Schwörer; ſelbſt nicht, wenn er an die Schlittendecke dachte, auf welche er ſich für die heutige Nacht recht gefreut hatte. Eigentlich mußte er ſich über ſich ſelbſt wundern, daß es ihm hier in dem ſeltſamen, ſo eigenthümlich gewölbten Zimmer bei dem fremden Manne nicht unheimlich war. Obgleich dieſer ſo ruhig und feierlich ſprach, obgleich er die unbedeutendſten Dinge, wie z. B. jetzt das Ausſpülen des Blechgefäßes mit ſo großem Ernſte, und ohne ein Wort zu ſprechen, that, ſo hatte dagegen wieder das ganze Benehmen des langen Mannes gegen ihn, ſowie deſſen Geſichtsausdruck und Blick ſo etwas Zuthunliches und Angenehmes, daß der kleine Knabe ohne Scheu vor dem ihm doch ſo fremden Weſen die Augen ſchloß und ſich dabei freute, ſo oft er die langſamen Schritte des Mannes hörte, wenn derſelbe vom Ofen nach dem Schlafzimmer ging oder zurückkehrte. Auch mochte er dabei eingeſchlummert ſein; wenigſtens kam es ihm ſo vor, als ſei eine lange, lange Zeit vergangen, wie er nun auf einmal fühlte, daß Jemand leiſe ſeine Stirn berührte. Der Knabe ſchlug die Augen auf und ſah den langen Mann mit einer Taſſe dampfenden Thee's vor ſich ſtehen; — — — —õ— —— — — — — —— Zweites Kapitel. doch fühlte er ſich ſo matt, daß es ihm ſchon recht angenehm war, wie ihn jener langſam aufrichtete, dann die Taſſe an ſeinen Mund brachte, ſo daß er nur zu ſchlucken brauchte, um etwas von dem warmen, gerade nicht ſo unangenehm ſchmecken⸗ den Getränk zu erhalten.— Als Gottſchalk nach und nach die Taſſe geleert, lehnte ihn der lange Mann wieder ſanft in den Stuhl zurück, rückte den andern unten an ſeine Füße, ſo daß beide zuſammen ein förmliches Bett bildeten, ſchob ihm ein Kiſſen unter den Kopf und ſchlug alsdann den großen Pelzrock wieder ſorgfältig um ihn her. Der Knabe ſchlummerte faſt augenblicklich wieder ein, ſchlief aber nicht ſo ruhig, wie er ſonſt zu thun pflegte. Selt⸗ ſame Geſtalten zogen an ihm vorüber, und dabei glaubte er bald in einem großen Feuer zu liegen, aus welchem jene Ge⸗ ſtalten aufſtiegen und ihn unheimlich anſtierten; dann war es ihm wieder, als befände er ſich in kalter Nacht auf der Straße; es regnete heftig in Einem fort, und wo die Tropfen ſeinen Körper berührten, da war es gerade, als ſtäche ihn Jemand mit Nadeln;— viel Waſſer, unendlich viel Waſſer ſtürzte vom Himmel hernieder, ſo viel, daß es nirgends mehr abfließen konnte und zu ſeinen Füßen immer höher emporſtieg. Dabei ſtand er gerade an der Straßenecke dicht bei dem Hauſe, wo ſeine Eltern wohnten, an der wohlbekannten Ecke, wo ſich in einer Niſche der heilige Chriſtoph befindet. Und der ſtieg her⸗ unter, wuchs zuſehens in die Höhe und ſah nun gerade aus, wie der lange Mann, dem er heute Abends durch die Straßen gefolgt war. In heftiger Angſt hängte er ſich an ſeinen Man⸗ tel; das Waſſer wuchs immer höher, ſo daß er in der Todes⸗ angſt zu beten anfing; und als er das recht inbrünſtig und warm gethan, blieb der lange Mann ſtehen, blickte recht freund⸗ Fremde Umgebungen. 33 lich auf ihn hernieder, hob ihn auf ſeine Schultern und trug ihn fort durch das brauſende Waſſer—— darauf fühlte er wohl, wie er warm und behaglich im großen Lehnſtuhle lag. Ueber ihm war die gewölbte Decke, neben ihm der Ofen und der Kamin, und über dem letzteren das große Bild, vor dem er ſich aber nicht im Geringſten mehr fürchtete, ſelbſt nicht, als daſſelbe jetzt höchſt ſonderbarer Weiſe lebendig wurde und langſam aus ſeinem Rahmen herabſtieg. Ja, es ſtieg herab und ſtellte ſich neben ihn. Es war daſſelbe Geſicht, nur freundlicher anzuſehen; auch hatte es ſtatt des bunten Gewandes eine weiße Jacke an und eine ſpitze Nachtmütze auf dem Kopfe. Auch war der Schnurrbart nicht mehr ſo drohend in die Höhe gekehrt.— Wie hätte er ſich noch fürchten können! das Bild war ja ſo gutmüthig um ihn beſorgt. Jetzt legte es ihm die Hand auf die Stirn; jetzt deckte es ihn wieder ſorgfältig mit dem Pelzmantel zu, der auf einer Seite herabgerutſcht war; ja, jetzt warf es ſogar neues Holz in die verglimmenden Kohlen des Ofens. Und nachdem alles das geſchehen war, ſchwebte es langſam hinweg, und als der Knabe in die Höhe blickte, ſtand es wieder wie vorher in dem blauen Holzrahmen und ſah ſtarr vor ſich hin, als wenn gar nichts geſchehen wäre und als ob es durchaus keine Be⸗ rechtigung hätte, den innigen Dank des Knaben anzunehmen. Hackländer, Don Quixote. I. 3 Drittes Kapitel. Der Armenarzt. Gegen Morgen hatten ſich die Träume des Knaben in ihrer Lebhaftigkeit und ihrem verworrenen Weſen ſehr vermin⸗ dert. Seine Phantaſie hatte wieder den Bergpaß des Fiebers durchklettert, wo ihn ſchwindelnde ſchmale Stege in den Abgrund zu führen ſchienen, ja, wo ſein Fuß an entſetzlich glatten Fels⸗ wänden ausglitt und er hinabſtürzte tief, tief, an die tauſend Fuß, um unten mit einem ſchmerzlichen Geſtöhn in ſiedendes Waſſer zu fallen, das aber ſeinen Sturz ſchwächte und ihn vor dem Zerſchmettern bewahrte. Allmälig wurde; jedoch dieſe Wildniß, die er mühſam durchkeuchte, ſanfter, die Felſen ver⸗ loren ihre ſchroffen Formen, die Wege nahmen bei jedem Schritt in der Breite zu, kühlende Waſſer murmelten neben ihnen her und fielen, geſchwätzig erzählend, mit dem Wege langſam ins Thal.. Dieſes Thal war reizend und ſchön; der wilde Gebirgszug, den er eben verlaſſen, hatte es gebildet und umſchloß die mit Der Armenarzt. 35 blumigen Wieſen bedeckte Ebene im Halbkreis auf der einen Seite, ſo ſie vor Sturm und Wetter ſchützend. Da hinab ſchwebte er; gehen konnte man es nicht nennen, denn er fühlte keine Bewegung, keine Ermüdung; ihm war ſo wohl und leicht zu Muth. Als er aber die Ebene betreten wollte, ſah er unter dem Gebüſch am Fuße des Berges ein ſo trauliches Plätzchen, daß er nicht widerſtehen konnte, ſich dort nieder⸗ zulaſſen. Ach, er ruhte ſo ſanft, daß es ihm ſchien, als wiege ſich die Moosbank unter ihm! Die Schlingpflanzen, die vor dem Sitze herabhingen, bildeten ein ordentliches Gitter, durch welches er in die unbegrenzte Ebene hinaus ſah. Dieſe ſchien völlig menſchenleer zu ſein, doch nur im erſten Augenblicke. Gleich darauf ſah er aus einer Schlucht der gegenüberliegen⸗ den Gebirge zwei Reiter hervorkommen, die ſich ihm mit un⸗ begreiflicher Geſchwindigkeit näherten. Je mehr er ſich den vorderſten der Reiter anſah, deſto weniger konnte er zweifeln, es ſei das Bild über dem Kamine, das ſich jetzt zur Abwechs⸗ lung in den Sattel geſchwungen, einen Schild und eine lange Lanze in der Hand hielt und ihm einen Beſuch machen wollte. Ja, es konnte nicht anders ſein, es war das Bild; denn er erkannte jetzt ganz deutlich das lange Geſicht und den wohl⸗ gedrehten Schnurrbart und die ernſten, faſt erſtaunten Augen. — Doch, o Wunder! der zweite Reiter neben dem erſten, den er nur auf Augenblicke ſehen konnte, wenn der andere mit dem Pferde eine kleine Wendung machte, das war er ſelber— Gottſchalk, wie er leibte und lebte!— So etwas war doch unerhört. Seine Freude, ſich ſelbſt zu Pferd zu ſehen, war aber auch ſo erſtaunlich, daß er darüber eine allzu heftige Be⸗ wegung machte und— erwachte. 36 Drittes Kapitel. Verſchwunden war die Ebene mit den beiden Reitern; er befand ſich in einem ganz fremden Zimmer, und wie er ver⸗ wundert um ſich blickte, mußte er ſich ſehr zuſammennehmen, um nach und nach alles wieder in ſein Gedächtniß zurückzurufen, was ſeit geſtern Abend mit ihm vorgegangen. Richtig, da war die gewölbte Decke, da war der Ofen mit dem Kamin, und da war auch das auffallende Bild über dem letzteren. Natürlicher Weiſe fehlte auch der lange Mann nicht, der ihn geſtern hieher gebracht und der nun freundlich lächelnd vor ihm ſtand. „Das heiße ich einmal zum Beſchluß gut und feſt ge— ſchlafen!“ ſagte dieſer, wobei er ihm half, den Pelzmantel von ſich zu ſtreifen, in welchen der Knabe ziemlich tief hineinge⸗ ſunken war. Darauf legte ihm der lange Mann die Hand auf die Stirn und fragte nach einer Pauſe:„Wie befindeſt du dich?“ „Es iſt mir recht ordentlich,“ erwiderte Gottſchalk;„nur drückt es mich ein wenig auf den Kopf, und wenn ich mich aufrichte und vom Stuhl hinab will, ſo fühle ich wohl, daß mir das nicht ſo leicht wird, als wenn ich ſonſt des Morgens vom Bette ſteige.“ 3 Bei dieſen Worten war er wirklich aus dem Lehnſtuhl geklettert und ſtand nun neben demſelben, an dem ſchon wieder ſanft erwärmten Ofen. Doch ſchien der Knabe in der That nicht ſo feſt auf ſeinen Füßen zu ſtehen wie ſonſt wohl; denn er hielt ſich mit der Hand an der Stuhllehne, und daß er das nicht ohne Urſache that, zeigte ein eigenthümliches Lä⸗ cheln auf ſeinem heute recht blaſſen Geſichte. Auch blieb er nicht lange neben dem Stuhle ſtehen, ſondern ließ ſich wieder — ——— ——— Der Armenarzt. 37 auf den Sitz nieder, worauf der lange Mann die eine Seite des Pelzmantels aufs Neue über ihn her deckte. „Da bleib nur ruhig ſitzen,“ ſagte er,„während ich dir wieder etwas Thee koche.— Haſt du auch Appetit?“ Gottſchalk ſchüttelte mit dem Kopfe und meinte:„Nicht be⸗ ſonders.“ „Das kann ich mir wohl denken,“ verſetzte der Andere; „und da du geſtern Abend gewiß ſehr ſchwach ſoupirt haſt, ſo ſteckt immer noch einiges Unwohlſein in dir, das wir aber mit Hülfe Gottes und San Jago's, ſowie unter Mitwir⸗ kung unſeres Doktors aus dir herauszutreiben hoffen.— Da ſchau,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hier ſind deine ſämmt⸗ lichen Kleidungsſtücke. Was damit geſchehen konnte, iſt ge⸗ ſchehen; wenigſtens ſind ſie trocken und warm, und es wird dir immerhin behaglicher erſcheinen, in ihnen zu ſtecken, als in meinem weiten Pelzrock, der ja ein wahres Labyrinth für dich iſt. Während ich dir alſo einen Thee beſorge, zieh dich an, und dann wollen wir weiter ſehen.“ Der Knabe nahm dankend die Kleider, welche er geſtern Abend triefend vor Näſſe abgelegt und die der lange Mann jetzt in der That warm und trocken ihm überreichte. Seine Toilette brauchte nicht viel Zeit, und als ſie beendigt war, kauerte er ſich in dem Lehnſtuhl zuſammen und blickte auf⸗ merkſam nach dem langen Manne hinüber. Wenn er auch eigentlich keine Furcht vor ihm hatte, ſo war doch etwas in dem abgemeſſenen, wir möchten ſagen: ſteifen Weſen deſſelben, was dem Knaben nicht ganz heimlich erſchien, und wenn auch die thörichte Furcht verſchwunden war, die ihn geſtern Abend einige Mal erfaßte, während er an dem Mantel hängend durch Dick und Dünn, durch Koth und Waſſerlachen trabte, ſo dachte er Drittes Kapitel. doch auch jetzt noch zuweilen an Seelen-Verkäufer, an blut⸗ gierige Menſchen⸗Händler, ſowie an jenen ſchrecklichen Kerl, von dem die Großmutter zuweilen erzählt, daß er kleine Buben an ſich gelockt, ſie fett gemacht und dann zu Paſtetenfleiſch zer⸗ hackt. Daß er nicht mager war, mußte ſich Gottſchalk einge⸗ ſtehen, und wenn alſo der lange Mann wirklich ſo mörderiſche Abſichten hatte, ſo brauchte er mit dem Mäſten nicht ſo viel Zeit zu verlieren, und er, der unglückliche Knabe, konnte als⸗ dann ſchon in den nächſten Tagen wohl farcirt und eingemacht die Tafel irgend eines Leckermaules zieren.— Doch nein, ſo ſah der lange Mann nicht aus; aber ein ſeltſames Weſen hatte er an ſich, das mußte er ſich ſchon eingeſtehen.— Da ging er im Zimmer umher, jetzt das Blechgefäß ſpülend, dann Waſſer hineingießend, und that dies alles mit ſo ernſter und feierlicher Miene, daß man hätte glauben können, es handle ſich um die wichtigſte Lebens⸗Angelegenheit. Während er den kleinen Theekeſſel aus dem Schlafzimmer an den Ofen brachte, ging er mit hocherhobenem Kopfe, das kurzgeſchnittene Haar faſt drohend in die Höhe geſtrichen, die Spitzen des Schnurrbarts ſcharf aufwärts gekehrt. Bekleidet war der lange Mann heute Morgen mit untadelhaften Beinkleidern von dunkler Farbe, welche indeß etwas zu ſtraff angeſpannt waren, unten von den ledernen Stegen, oben von den Hoſenträgern, und die ihm ſehr wenig Bewegung zu geſtatten ſchienen. Daher mochte es denn auch wohl kommen, daß er bei dem Gehen keinen Ver⸗ ſuch machte, die Kniee zu biegen, ſondern beſtändig mit ſteif vorgeſtreckten Füßen marſchirte. Statt des Rocks trug der Mann eine Jacke von grauem Baumwollen⸗Sammt, welche ihm bis über die Hüften reichte. In kurzer Zeit hatte er den Thee zubereitet, goß davon Der Armenarzt. 39 eine Taſſe für den Knaben voll und für ſich eine andere. Die ſeinige nahm er ſtehend zu ſich, und als er damit zu Ende war, ſagte er: „So, mein kleiner Mann, da ſteht deine Portion,— Zucker hab' ich hineingethan— welche du nun ganz nach deinem Belieben in kleinen Schlucken zu dir nehmen kannſt. Dabei rathe ich dir an, in dem Zimmer auf und ab zu ſpazieren, denn ich halte ein wenig Bewegung in deinem Zuſtande für ſehr geſund. Ob derſelbe ſonſt noch irgend etwas verlangt, darüber will ich ſogleich einen vortrefflichen Arzt zu Rathe ziehen, der im gleichen Hauſe mit mir wohnt und dir, im Fall er es für nöthig hält, gewiß einen Beſuch ſchenken wird. Sollte in der kurzen Zeit, während ich abweſend bin, an die Thür geklopft werden, ſo kannſt du dreiſt: Herein! rufen; es wird Niemand kommen, als vielleicht der Tiger, der jeden Morgen erſcheint, um mein Bett zu machen. Unter der Be⸗ nennung Tiger“— fuhr der lange Mann fort, wobei die ſchwache Idee eines Lächelns über ſeine Züge flog, als er das „brauchſt du dir durchaus e Erſtaunen des Knaben bemerkte kein reißendes Thier vorzuſtellen. Der Tiger iſt die alte Magd aus dem Hauſe drunten und hat dieſe Benennung einem eigen⸗ thümlichen Umſtande zu verdanken.“ Bei dieſen Worten hatte der lange Mann ſeinen Mantel umgenommen, den rothbraunen ſpitzigen Hut aufgeſetzt und ſeinen großen Stock von geſtern Abend in die Hand genom⸗ men, der ſich heute, bei Tage, als ein überaus langes, ſpa⸗ niſches Rohr erwies. Hierauf nickte er dem Knaben leicht mit dem Kopfe zu und ging mit ſtolzen, abgemeſſenen Schritten, den Stock beſtändig weit von ſich ab auf den Boden ſetzend, zur Thür hinaus. 40 Drittes Kapitel. Dieſer gravitätiſche Gang des langen Mannes war durch⸗ aus nicht auf Zuſchauer berechnet, vielmehr der Ausfluß ſeiner innerſten Gefühle; denn wie er ſo den dunklen Corridor hin⸗ abwandelte, wo ihn Niemand anſtaunen konnte, als höchſtens einige Spinnen an der Decke, oder ein paar ängſtliche Mäuſe auf dem Fußboden, ſetzte er ſeine Füße wo möglich noch ſtärker auswärts, erhob den Kopf ſo weit als thunlich war, und während er in der einen Hand das ſpaniſche Rohr mit einer unnachahmlichen Würde führte, hatte er die andere in die Seite geſtemmt, wodurch ſein Arm einen Winkel bildete, über welchen der Mantel in maleriſchen Falten herabhing. Das Haus, in welchem wir uns gerade befinden, iſt eines von jenen Gebäuden, in alten, guten Zeiten aufgeführt, wo man die Menſchen mit ihren Bedürfniſſen noch nicht ſo zu⸗ ſammenſchachtelte, wie die bekannten Elfenbein⸗Figuren und Geräthſchaften in der Nuß, bei deren Anblick man erſtaunt, wie ſie alle in dem winzigen Raume Platz haben. Hier waren weite Treppen, lange Corridore, anſehnliche Veſtibüle, eine wahre Verſchwendung von Platz ſelbſt bis zu den unnennbaren Gemächern hinab, von denen heut zu Tage ein umſichtiger Hauswirth unbedingt ein Kabinetchen oder ein Bedientenzim⸗ mer abſchneiden würde. Die Thüren hatten eine anſehnliche Höhe und Breite, und die Schlöſſer, Griffe und Riegel waren mit angenehm und gut greifbaren Knöpfen, die ſich breit machten und trotzig zu ſagen ſchienen: Wir ſind auch da! ſo eingerichtet, daß man ſie gern in die Hand nahm und ſich nicht, wie bei unſeren jetzigen Beſchlägen, in Acht zu nehmen brauchte, ſich an einer der ſcharfen Kanten zu ſchneiden, oder ſich gar mit dem Finger in einen unbemerkten Spalt zu verirren. Der Armenarzt. 41 Obgleich das Haus ſehr groß und weitläufig war, ſo be⸗ merkte man doch auf dem Wege, wo der lange Mann wan⸗ delte, wenig Leben, was wohl daher kommen mochte, daß die meiſten der hier Wohnenden bereits außer dem Hauſe zur Arbeit gegangen waren. Der würdige Herr hatte jetzt den an⸗ deren Theil des Gebäudes erreicht und begann eine Treppe hinaufzuſteigen, die in den oberen Stock führte. Hier ſah es ziemlich verwahrlost aus; die Decke hing voll von Spinnweben, die Fenſterſcheiben, welche das Treppenhaus erhellten, ſchil⸗ lerten, trübe angelaufen, in den Farben des Regenbogens. Die Stufen der Treppe waren von Holz und krachten nicht nur bei jedem Schritte, ſondern unter dem gewichtigen Fußtritt des großen Herrn flog auch der Staub aus verſchiedenen Fugen unter den ſich biegenden Brettern in die Höhe. Ohne ſich daran im Geringſten zu kehren, ohne deßhalb auch nur eine Miene zu verziehen, ſtieg der lange Mann die Treppe hinauf und wandte ſich oben links zu einer Thür, auf der ein Papier angeheftet war, welches die Worte zeigte:„Armenarzt Dr. Flecker, praktiſcher Arzt und Geburtshelfer. Sprechſtunde Nachmittags von 2 bis 4 Uhr, behandelt alle Bedürftigen un⸗ entgeltlich.“ Man hätte übrigens eher glauben können, daß man vor der Thür eines Thierbändigers oder, genauer ausgedrückt, eines Hunde⸗Dreſſirers ſtehe; denn innen im Zimmer klan⸗ gen die heulenden Stimmen einiger der letztbenannten Thiere in ſo kläglichen Tönen, daß man nicht im Zweifel. zu ſein brauchte, ob Freude oder Schmerz ihnen dieſelben auspreßte. Der lange Mann klopfte beſcheiden an die Thür— ein Mal; es erfolgte keine Antwort; zwei Mal. Ebenſo wenig. Endlich zum dritten Male erſcholl ein ſo donnerndes Herein! daß die Hunde, wahrſcheinlich das Schrecklichſte fürchtend, in⸗ ——— —— Drittes Kapitel. 42 dem ſie den lauten Ruf auf ſich bezogen, mit einem Male verſtummten. Es war ein ziemlich großes Gemach, welches der An⸗-, klopfende nun langſam betrat. Ob und in welcher Farbe es tapezirt war, konnte man im erſten Augenblicke nicht unter⸗ ſcheiden, ebenſo wenig wie die Beſchaffenheit der Möbel; denn an den Wänden umher und unter der Decke wälzten ſich ſo dichte Tabakswolken, daß der Blick davon geblendet wurde und der Eintretende ſogar einige Sekunden Zeit brauchte, bis er die Geſtalt des Zimmerbewohners gehörig ins Auge faſſen konnte. Dieſer war ein magerer, außerordentlich kleiner Mann in vorgerücktem Alter, mit einer ſo hohen Stirn, daß man die⸗ ſelbe mit weniger Wohlwollen den fortgeſetzten Anfang eines Kahlkopfes hätte nennen können, eines Kahlkopfes, den die borſtig emporgekämmten Haare des Hinterhauptes mit einem wahren Entſetzen zu betrachten ſchienen. Dabei trug der Zim⸗ merbewohner einen langen, röthlichen, ziemlich ſchmierigen Schlaf⸗ rock, in der rechten Hand eine lange Pfeife, aus der er furcht⸗ bar qualmte, und unter dem linken Arm eine zuſammenge⸗ wickelte Hundepeitſche. Als der Andere auf das übermäßig laute Herein! in die Thür trat und erſtaunt an derſelben ſtehen blieb, war vorder⸗ hand die einzige Notiz, welche der Mann im Schlafrocke von ſeinem Beſuche zu nehmen ſchien, daß er ihm mit lauten Wor⸗ ten mehr zuſchrie, als rief:„Aber, mein lieber Herr, Sie werden mir erlauben, daß ich den Wunſch ausſpreche, meine Zimmerthür geſchloſſen zu halten, indem Sie unmöglich von mir verlangen können, daß ich Corridor und Treppen heize. Das werden Sie mir zugeben und in der Ordnung finden.“ Während er dies aber ſagte, ſchritt er, wie es ſchien, in Der Armenarzt. 43 ziemlich großer Bewegung im Gemache auf und ab, wobei er wilde Blicke um ſich her warf. Mit einem leichten Lächeln ſchloß der Andere die Thür, und als er huſtend und ſchnüffelnd näher trat, konnte er ſich der Worte nicht enthalten:„Neh⸗ men Sie mir's nicht übel, verehrter Herr Doktor, aber ein bischen friſche Luft könnte Ihrem Zimmer durchaus nichts ſchaden.“ „Friſche Luft!“ rief der Andere mit einem Ausdrucke des Erſtaunens, wobei er ſo plötzlich herumfuhr und dann ſtehen blieb, daß der lange Schlafrock in maleriſchen Falten empor⸗ wallte und die Fußbekleidung des Doktors, große Filzpantof⸗ feln, zeigte.„Friſche Luft!“ wiederholte er mit einem heraus⸗ fordernden Ausdruck,„daran fehlt's doch meinem Zimmer in der That nicht.“ „Aber Tabaksdampf— unendlich viel Tabaksdampf— gewiß ſchädlich für die Conſtitution.“ „Viel Tabaksdampf?— ſchädlich für die Conſtitution?“ entgegnete der Mann im Schlafrocke in einem außerordentlich lauten Tone.„Und das ſagen Sie mir in meinem eigenen Zimmer?— Erlauben Sie mir, mein lieber Herr,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen in einem etwas ge⸗ ringſchätzigen Tone fort,„erlauben Sie mir, daß ich die Luft, welche meiner Conſtitution zuſagt, am beſten ſelbſt zu beur⸗ theilen verſtehe. Auch werden Sie mir zugeben, daß, wer wie ich ſich vierzig Jahre lang— denn ſchon mit zwölf Jahren fing ich an zu rauchen, vergeſſen Sie das nicht, mein Beſter— wem alſo vierzig Jahre lang, wollte ich ſagen, ein ſolcher Ta⸗ baksdampf nicht geſchadet, der wird ſich wohl erlauben können, ferner darin zu leben und zu athmen.— Item, der Tabaksrauch iſt da, Thür und Fenſter öffne ich nicht, und Sie wer⸗ 44 Drittes Kapitel. den mir zugeben, verehrteſter Herr, daß ich für Sie nicht mehr thun kann, als geduldig anzuhören, was Sie mir zu ſagen haben.“ Dieſes geduldige Anhören des Doktors beſtand aber darin, daß er wieder anfing, auf und ab zu laufen, dabei unſäglich qualmte und zuweilen die Hundepeitſche ſchüttelte, wenn ſich unter Sopha oder Bett ein halb unterdrücktes Knurren oder Bellen hören ließ. „Wenn Ihnen alſo der Tabaksrauch nichts ſchadet, ſo werde ich mir erlauben, denſelben zu vermehren, indem ich eine kleine Cigarre anzünde.“ „Thun Sie das, lieber Herr,“ entgegnete der Doktor, ohne in ſeinem Spaziergang einzuhalten, aber mit einer gefälligen Bewegung der Hand, in der er die Hundepeitſche trug. Nach erhaltener Erlaubniß zog der Andere eine kleine Papiercigarre aus der Taſche ſeiner Jacke, grub unter Aſchen⸗ kegeln, die den äußeren Rand des Ofens umgaben, ein Zünd⸗ hölzchen hervor und begann ebenfalls zu rauchen. Was er aber im Gegenſatze zu des Doktors Pfeife zu leiſten vermochte, verhielt ſich wie das Summen einer Mücke gegen das Gebrüll eines Ochſen. „Ich ſage Ihnen, beſter Nachbar,“ fuhr der Doktor nach einer Pauſe, während welcher ſich ſein Gemüth etwas beruhigt zu haben ſchien, aber während er noch immer umherrannte, zu ſprechen fort,„was ſolche Hundebeſtien einem für Spektakel und Verdruß machen, davon haben Sie gar keine Idee. Ich thue in der Dreſſur mein Möglichſtes, ich ſpare die Hunde⸗ peitſche nicht im Geringſten, aber wenn ich Ihnen ſage, daß es faſt unmöglich iſt, in dieſes Gezeug einige Ordnung zu bringen, ſo werden Sie mir hoffentlich glauben. Item, ich wünſche, daß ſie ſich auf Treppen und Corridor eines reinli⸗ Der Armenarzt. 45 chen Betragens befleißigen, und gewähre ihnen zu dieſem Zwecke jeden Morgen und Abend eine Stunde Freiheit, und ſo werden Sie mir zugeben, mein lieber Herr, daß ich darin das Uebermögliche gethan. Aber ſollten Sie glauben, daß dieſe Beſtien von der erhaltenen Erlaubniß einen mäßigen Gebrauch machen? Gott bewahre! das kommt wieder, wenn es ihnen gerade einfällt, und Sie werden mir zugeben, daß ich mich nicht zum Sklaven meiner Hunde zu machen brauche. Item, da kommt dann die Peitſche dran. Ja, Waldmännchen,“ drohte er einem unglücklichen Pinſcher, der leiſe jammernd ſei⸗ nen Kopf unter dem Bett hervorſtreckte,„du biſt der Schlimmſte. Aber beruhige dich, wir werden mit dir auch noch fertig, dar⸗ auf kannſt du dich verlaſſen.“ Lächelnd hatte der lange Mann zugehört, und als der Doktor inne hielt, um die Aſche in ſeinem Pfeifenkopfe zuſam⸗ menzuſtoßen, ſagte er: „Ich habe eine Bitte auf dem Herzen. Würden Sie nicht ſo freundlich ſein, auf einen Augenblick zu mir hinabzu⸗ kommen? wir haben da unten ein Krankes.“ „Ein Krankes?“ fragte der Doktor, indem er erſtaunt ſtehen blieb,„und warum haben Sie das nicht gleich geſagt? Ah, lieber Herr, warum ließen Sie uns ſo lange Zeit ver⸗ lieren!— Ein Krankes? Da wollen wir gleich hinunter. Muß ich mich anziehen, oder kann ich ſo mit hinunter kommen?— Eine Perſon, die ſich vor einem Schlafrock ſcheut— he, alter Freund?“ fuhr er mit einem lauernden und lächelnden Ge⸗ ſichtsausdruck fort,„ja, ſtille Waſſer ſind tief, das werden Sie mir zugeben. Item, es iſt ein Krankes, Sie haben mich ge⸗ rufen, und ich kann auch meinen Rock anziehen.“ Drittes Kapitel. „Das iſt ganz und gar nicht nothwendig, beſter Doktor; es handelt ſich nur um ein Kind.“ „Um ein Kind?“ rief der Doktor mehr und mehr erſtaunt, 3 und trat ſo dicht an den Anderen heran, als wollte er ihm in die Ohren flüſtern; doch hätte er ſich bei deſſen Länge hierzu eines Stuhls bedienen müſſen.„Ein Kind,“ fuhr der Arzt fort, während er mit dem Kopfe ſchüttelte und den Mund ſpitzte wie ein Karpfen.„Ein Kind, das ſchon da iſt, oder? — oh! oh!“ „Es iſt ſchon ſehr da, beſter Doktor,“ erwiderte der lange Mann; ves betrifft einen Knaben von vielleicht fünfzehn Jahren, einen kleinen Handwerkslehrling, den ich geſtern Abends von der Straße aufgeleſen, wo er im ſtrömenden Regen ſtand, und den ſein Meiſter nicht ins Haus laſſen wollte.“ „Das iſt was Anderes,“ ſagte der Doktor, nachdem er einen Augenblick nachgedacht und, wie es ſchien, einigermaßen verdrießlich war, daß die Sache nicht ſchlimmer ſei,—„alſo ein kleiner Taugenichts, und hat ſo ein bischen Fieber? Sich erkältet? Leibſchmerzen?— Item,— iſt krank. Nun, wir wollen nach ihm ſehen. Vorher werden Sie mir aber erlau⸗ ben, daß ich meine Mütze und meine Brille nehme. Ein Arzt ohne Brille, ſage ich Ihnen, lieber Herr, iſt nur ein halber Arzt. Sie werden mir zugeben, daß die Brille dem Geſichte etwas Myſteriöſes gibt. Man greift an den Puls, man ſchließt dabei die Augen, und dann funkeln die Brillengläſer ſo geſpenſterhaft in dem Strahle der Sonne oder des Lichtes; item, das flößt Reſpekt ein, und bei meinen Patienten,“ ſetzte er mit einem leichten Seufzer hinzu,„muß ich ſtreng darauf halten, daß ſie mich vielleicht für etwas Uebernatürliches an⸗ ſehen, für ein Weſen, das ihnen helfen kann, aber auch im Der Armenarzt. 47 Stande iſt, ſie zappeln zu laſſen, bis ſie ſchwarz werden; item, für ein grauſam geſchicktes Weſen.“ Ob der Doktor geſchickt war, wiſſen wir noch nicht zu beurtheilen, aber etwas Grauſames hatte er durchaus nicht in ſeinem Aeußern, nicht einmal unter Schwingung der Hunde⸗ peitſche, die er nun in die Ecke des Sopha's warf. Wir ſind überzeugt, daß, während er mit dem langen Manne ſprach, die Hunde unter Sopha und Bett kein Auge von ihm, oder vielmehr von eben dieſer Peitſche, wandten; denn kaum hatte er ſich des drohenden Inſtruments entledigt, ſo ſprangen auch ſchon zwei Pinſcher und zwei Dachshunde, die bisher, mit Ausnahme einer einzigen ſchwarzen glänzenden Schnauze, vollkommen unſichtbar geweſen waren, unter den verſchiedenen Möbeln hervor und tanzten ſchweifwedelnd um ihren Herrn herum. Dieſer hatte indeſſen Brille und Mütze aufgeſetzt, hielt den kleinen Thieren noch eine kräftige Rede, worin er ſie mit vielen Items erſuchte, ſich ordentlich aufzu⸗ führen, und verließ dann hinter dem langen Manne das Zimmer. Unterwegs erzählte der letztere dem Arzte die einzelnen Umſtände, unter welchen er den Knaben angetroffen, ſowie das augenſcheinliche Erſchrecken des Schneiders, als er ihn in ſeiner langen Geſtalt ſo plötzlich unter dem Fenſter geſehen. „Darauf können Sie ſich verlaſſen, lieber Herr,“ ſagte lachend der Doktor,„daß der fromme Schneidermeiſter Sie für eine übernatürliche Erſcheinung hielt, und wenn dem ſo iſt, ſo kann es ein Capitalſpaß werden. Aber dabei muß man ein bischen fein zu Werke gehen und Umwege gebrauchen, was, ich weiß das ganz genau, Ihre Sache nicht iſt. Unterbrechen Sie mich nicht. Es ſoll gar nichts Unrechtes geſchehen. Aber 48 Drittes Kapitel. wenn Sie, Verehrteſter, ſo auf Ihre Art— Sie müſſen mir den Ausdruck verzeihen,— mit der Thür ins Haus fallen, ſo vorwärts marſchirend im geraden, gewichtigen Schritte, das macht auf den Schneider nicht die geringſte Wirkung. Sie würden ihm vielleicht mit kräftigen Worten ſein Unrecht vor⸗ halten?“ „Das war meine Abſicht,“ ſagte der lange Mann würde⸗ voll. „Gäben ihm zu verſtehen,“ fuhr der Doktor fort,„daß es eine Schande ſei, ein Kind Nachts im Regen auf der Straße zu laſſen, und würden vielleicht hinzuſetzen, Sie hätten ihn mit ſich genommen, ihn gepflegt, gewärmt, item, was für ihn gethan.“ Der Arzt, der ſehr große und viele Schritte machen mußte, um nicht hinter den langen Beinen ſeines Gefährten zurückzubleiben, hielt dieſen am Arm feſt und hob ſich, da derſelbe nun ſtehen blieb, auf die Fußſpitzen, um ihm, wie vorhin ſchon droben, in die Ohren zu flüſtern; doch war dies mehr ſym⸗ boliſch; denn indem der Doktor das Nachfolgende ſprach, ſchrie er ſo, daß man es über zwei Treppen hätte hören können. „Ihr Weſen,“ ſagte er,„iſt für dieſe verdorbene Welt zu nobel, zu anſtändig, zu gerade aus. Ich kann Sie ver⸗ ſichern, lieber Herr, daß ich Sie immer im Geiſte hoch zu Pferde ſehe, mit gezucktem Schwerte und auf den Lindwurm zu Ihren Füßen einhauend. Daß der Lindwurm da iſt und unter uns herumkriecht, gebe ich Ihnen zu. Doch werden Sie dagegen auch mir zugeben müſſen, daß der Lindwurm nicht mehr ein tapferes Vieh iſt wie ehedem,— wiſſen Sie, wie damals, wo er, wie der ſelige Schiller ſagte: gekleidet in ein Der Armenarzt. 49 , entgegentrat. Ja, damals galt es freilich— ſo!“— Hierbei machte der kleine Armenarzt eine außerordentliche Pantomime, indem er wie ein Fechter ausfiel, in der rechten Hand die lange Pfeife, die Linke hoch empor haltend. „Das war Ihre Zeit, mein Beſter; nachbohrend bis ans Heft den Stahl. Aber heute iſt der Drache, den wir zu fürch⸗ ten haben, der Drache der Lüge, der Bosheit, der Wolluſt, des Betruges, der Läſterung, des Aberglaubens; heute iſt er eine feine, ſchlaue Beſtie, und wenn Sie mit dem Knüppel nach ihm ſchlagen, ſo ſchleicht er unter Ihren Fingern hinweg, und Sie treffen Ihre eigenen Beine oder höchſtens die un⸗ ſchuldige Naſe Ihres Nächſten. Item, überlaſſen Sie mir die Sache.“ Während der Rede des Doktors blickte der lange Mann ernſt in die Höhe, ließ ſeine linke Hand leicht vom Knopfe des Rohrſtockes hinabgleiten, faßte dieſen alsdann mit der rechten, und zog ihn langſam und feierlich hervor, ungefähr wie man ein langes Schwert herauszieht. Ja, er ſalutirte förmlich vor ſeiner Bruſt, und als der Doktor geendigt hatte, ließ er die imaginäre Degenſpitze wie zum Zeichen der Billigung gegen den Fußboden niederſinken. „Ganz alter Rittersmann,“ ſagte ſcheinbar entzückt der Armenarzt;„lieber Herr, glauben Sie mir, wenn ich Ihnen die Verſicherung ausſpreche: Sie ſind um ein paar hundert Jahre zu ſpät auf die Welt gekommen.“ Damit verſuchte er es, dem Anderen auf die Schulter zu klopfen, mußte ſich aber, da er zu klein war, um hinauflan⸗ gen zu können, mit jenem Theil des Rückens begnügen, wo Hackländer, Don Quixote. I. 4 — ———-—y——— E— 4————— 2—— — —, ͦ— —— Drittes Kapitel. dieſer ſeinen ehrlichen Namen verliert. Dann wandelten Beide den langen Corridor hinab und traten in das gewölbte Zim⸗ mer, wo der kleine Knabe noch in dem Lehnſtuhle ſaß und von wo aus er, wie es ſchien, das Bild über dem Kamin mit der größten Aufmerkſamkeit betrachtet hatte. Der kleine Doktor naͤhm ſeine Pfeife beim Eintritt ins Zimmer wie ein Soldat ſein Gewehr bei Fuß und fing erſt wieder auf die ſpezielle Einladung des langen Mannes an zu rauchen. Dann trat er näher, und als der Knabe ſein Ge⸗ ſicht gegen den Ankommenden wandte, blteb der Armenarzt überraſcht ſtehen und ſagte nach einer Pauſe lachend: „Das iſt ja einer meiner Bekannten! Junge, wie kommſt du hieher? Aber das weiß ich ja ſchon,“ verbeſſerte er ſich. „Sie werden mir indeß zugeben,“ wandte er ſich an den lan⸗ gen Mann,„daß ich das Recht habe, aufs Höchſte erſtaunt zu ſein, hier einen Bekannten zu treffen. Item, es iſt der kleine Gottſchalk, des Jägers ſein Gottſchalk— ein ganz verfluchter Kerl.“ Ob der letztere Ausdruck dem Vater oder dem Sohne galt, darüber muß leider die Nachwelt im Zweifel bleiben. Daß es der Doktor aber nicht böſe meinte, bewies er durch ſein Näher⸗ treten und dadurch, daß er den Knaben ſanft auf den Kopf pätſchelte und ihm über die Stirn fuhr; dann griff er ihm an den Mund und drückte ihm ein wenig die untere Kinnlade hinab, worauf Gottſchalk, der dieſes Manöver zu verſtehen ſchien, augenblicklich ſeine Zunge ſo weit als möglich heraus⸗ ſtreckte. „Kopf ein wenig warm,“ ſagte der Armenarzt,„Zunge trocken und belegt, Puls um eine Idee irritirt. Item, ein bischen unwohl. Hat aber nichts zu ſagen. Wollen ihn ſchon Der Armenarzt. 51 in den nächſten Tagen wieder zuſammenrichten. Nur werden Sie mir zugeben,“ fuhr er ſehr ernſthaft fort,„daß ich das Verlangen ſtelle, der Bube ſoll heute und auch vielleicht morgen noch hier im Zimmer bleiben, und wenn Sie nichts dagegen haben, ſo wird Ihnen das gewiß einerlei ſein, und Sie thun ein gutes Werk. So ein Stück von einer Matraze werden wir ſchon auftreiben, darauf legt er ſich hin, man deckt ihn bis an die Naſe zu, läßt ihn einige Taſſen Kamillenthee mit zwei Tropfen Citronenſaft trinken, item, behandelt ihn wie Jeman⸗ den, der ſchwitzen ſoll.“ Als der Doktor ſo eifrig ſprach, mit der langen Pfeife in den Händen geſtikulirend, auch bald rechts und links tretend, fuhr ein Lächeln über die Züge des langen Mannes, und er ſprach nach einem augenblicklichen Stillſchweigen: „Wenn ſich der Knabe auf ſeine Matraze legt, lieber Dok⸗ tor, ſo iſt es Ihnen wohl einerlei, ob er zuerſt mit dem linken oder rechten Fuße aufſteigt?“ Der Armenarzt wandte ſeine Brillengläſer gegen den Fra⸗ ger und ſchien erſtaunt, aber nur eine Seküͤnde lang, dann lachte er laut und fröhlich hinaus, wobei er ausrief: „Sie werden mir zugeben, daß Sie ein Schäcker ſind. Item, ſchwitzen ſoll er; thut nun, was ihr wollt; nachher komme ich, um nachzuſehen.“ Er machte eine eilige Bewegung gegen die Zimmerthür, kehrte aber augenblicklich wieder zurück, indem er ſagte: „Apropos, wenn ich mich erkundige, ob der Knabe etwas hat, um die Wäſche zu wechſeln, ſo bin ich mit dieſer Frage in meinem Rechte; denn Sie werden mir zugeben, wenn Je⸗ mand ſchwitzen ſoll, ſo muß er auch ein ordentliches Hemd anziehen können. Item, da aber kein trockenes Hemd da zu Drittes Kapitel. ſein ſcheint, ſo ſehen Sie wohl ein, daß man ihm eines ver⸗ ſchaffen muß. Ich hab' ſo ein paar mildthätige Familien, die mir hier und da aushelfen. Laß einmal ſehen, wie groß du eigentlich biſt,“ wandte er ſich an den Knaben, und als dieſer augenblicklich aufſtand, fuhr der Armenarzt mit großer Leb⸗ haftigkeit fort: „Accurat ſo groß, wie meine Pfeife. Aber da ich dieſe außer dem Hauſe nicht bei mir führe, ſo werden Sie mir zu⸗ geben, daß ich ein anderes Maß nehmen muß. Das werden Sie hoffentlich einſehen,“ ſetzte er lachend hinzu,„und mich nicht wieder der Umſtändlichkeit beſchuldigen. Item, er geht mir bis ans Herz— das iſt wahr und außerdem ſchön geſagt. Das werden Sie hoffentlich nicht abläugnen. Nun aber adieu, Beſter; der Tiger kann für Thee ſorgen und zu mir herauf⸗ kommen, um einen Citronenſchnitz zu holen. Zwei Tropfen, nicht mehr.“ Damit flatterte er zur Thür hinaus, doch war der rothe Schlafrock noch nicht ganz in der Spalte verſchwunden, als der Armenarzt auch ſchon wieder umkehrte und, auf die Stirn zeigend, ſagte: „Es iſt doch ein wahres Sprichwort: Was man nicht im Kopfe hat, muß man in den Füßen haben. Das werden Sie mir zugeben. Item, ich hatte vergeſſen, Sie nochmals zu erſuchen, mir in der Sache mit dem Knaben da und deſſen Auffinden geſtern Nacht freie Hand zu laſſen, vollſtändig freie Hand; das gibt eine koſtbare Geſchichte, aber ſie verträgt nicht, 3 daß man ein unvorſichtiges Wort darüber ſpricht. Ich komme heute Vormittag noch in die Wohnung des Knaben da, und werde mich mit dem Vater und der Mutter beſprechen. Auch mit der Großmutter,“ ſetzte er hinzu, wobei er ſein linkes Auge Der Armenarzt. 53 auf eine komiſche Art gegen den Knaben zukniff.„Na, hab nur keine Angſt, wir wollen ihr die Sache ſchon plauſibel machen,“ ſprach er beim Anblick von Gottſchalk's Geſicht, das ſich ziemlich in die Länge zog.„Hab nur keine Angſt, deine Großmutter iſt eine ganz vernünftige Frau, und ich bin nicht nur ihr Arzt, ſondern auch ihr Rathgeber.“ Damit warf er ſich in die Bruſt, und als der lange Mann nichts erwiderte, reichte er ihm die rechte Hand und rief:„Alſo ſchlagen Sie ein, die Sache bleibt mir überlaſſen; den Knaben behalten Sie im Zimmer und gehen auf Ihr Bureau, ohne mit einer Menſchenſeele von der ganzen Geſchichte zu ſprechen. Daß das nothwendig iſt, darauf können Sie ſich verlaſſen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, und wenn ich Ihnen mein Wort verpfände, ſo werden Sie mir dagegen zugeben, daß ich das gewiß nicht ohne Urſache thue. Item,— abgemacht.“ Jetzt flog er wirklich zur Zimmerthür hinaus; doch ſo unglaublich war es, ihn nicht nochmals wiederkommen zu ſehen, daß der lange Mann und ſelbſt der Knabe ein paar Augen⸗ blicke nach dem Ausgang der Stube blickten, als müſſe dort der rothe Schlafrock noch einmal zum Vorſchein kommen. — Viertes Kapitel. Meiſter Schwörer. Der rothe Schlafrock aber ging den Corridor hinab und in ihm der kleine Doktor mit der großen Pfeife. Daß er allein nach ſeiner Wohnung zurückkehrte, hätte ein Blinder nimmer geglaubt, denn der Armenarzt ſprach auf dem ganzen Wege V mit ſich ſelbſt, fragte und gab regelmäßig Antworten. Oben in ſeinem Zimmer angekommen, ließ er zwar dieſen Dialog V d mit der eigenen Perſon, doch wandte er ſich dafür an ſeine b Hunde, denen er guts Kohrän gad, ſie zu vernün ligem Betragen ermahnte und dabei die Hoffnung ausſprach, ſie werden voll⸗ kommen überzeugt ſein und ihm zugeben müſſen, daß ſpäter die Peitſche ein kräftiges Wort mitreden würde, wenn ſie ſich in ſeiner Abweſenheit ungebührlich aufführten.—„Ich kenne Hunde,“ ſagte er,„die keine warme Stube haben wie ihr; Hunde, die in der Näſſe und Kälte herumlaufen müſſen, und die nicht einmal wiſſen, woher ſie etwas zu freſſen bekommen. Item, unglückliche Hunde. Auch habe ich die Bekanntſchaft von andern Meiſter Schwörer. 55 eures Gleichen gemacht, und ſogar von edlen Jagdhunden, die in Kellern wohnen und dort dreſſirt werden. Ihr werdet mir zugeben, daß das eine langweilige Exiſtenz iſt: Keller⸗Woh⸗ nung und dreſſirt werden, Corallen⸗Halsband, item Hunger, item Peitſche.“ Während der Doktor ſo ſprach, hatte er einen braunen Rock angezogen, das wenige Haar an ſeinem Hinterkopf noch einmal in die Höhe gebürſtet und dann den Hut aufgſſetzt. Die Hunde aber ſchienen aufmerkſam auf ſeine Rede zu hor⸗ chen, denn ſie ſaßen in ängſtlicher Stille auf ihren Hinter⸗ pfoten, ſpitzten die Ohren, und kaum wagte einer ſich irgend⸗ wo zu kratzen oder umher zu ſchnüffeln. Als nun der Armen⸗ arzt ſeinen Anzug vollendet hatte, nahm er einen Stock mit ſilbernem Knopf unter ſeinen Arm, dachte einen Augenblick nach und ſagte dann:„Fanny darf mitgehen.“ Und Fanny bezeigte ſich außerordentlich dankbar dafür. Fanny ſprang um ihren Herrn herum und dann zur Thür hinaus, die der Armenarzt hinter ſich abſchloß. Dann gingen beide mit einander die Treppe hinab, durch den engen, finſteren Hof auf die Straße, der Doktor nach Art der Aerzte etwas vornübergebeugt, wie über einen wichtigen Fall nachdenkend, zu Boden blickend, den Stock ſo unter ſeinem Arme, daß der Knopf drohend gen Himmel gekehrt war; Fanny dagegen nach Art der Hunde, luſtig aus⸗ gelaſſen, den Weg zehnmal hin und zehnmal zurück machend, wobei der kleine Pinſcher immer noch Zeit genug hatte, jeden Eckſtein ſorgfältig zu betrachten, hier und dort zarte Erinnerungs⸗ zeichen zurückzulaſſen und mit den ihm begegnenden Hunden ſeiner Bekanntſchaft einen Schnüffler oder Schweifwedler zu wechſeln. Der Doktor machte genau den Weg, den der lange Mann 56 Viertes Kapitel. geſtern Abends mit dem Knaben gegangen war, nur in um⸗ gekehrter Richtung, und da er ſich nicht ſehr ſtark beeilte, ſon⸗ dern zuweilen ſtehen blieb und ſein Kinn mit der Hand ſtrei⸗ chelte, während er vergnügt lächelnd gen Himmel blickte, ſo brauchte er eine gute halbe Stunde, bis er zu dem Hauſe ge⸗ langte, wo unſere denkwürdige und außerordentlich wahrhaftige Geſchichte begonnen hat. Der Regen hatte bei Tagesanbruch aufgehört, und wenn es auch noch naß genug auf Erden war, ſo fing doch der Himmel an, ein freundliches Geſicht zu zeigen, zerriß den grauen Vorhang, mit dem er ſich geſtern verhüllt, und überall kam das glänzende freundliche Blau zu Tage. Auch die Sonne war bereits fleißig und that ihr Möglichſtes, um die Menſchheit den geſtrigen Regentag vergeſſen zu laſſen. Sie vergoldete alles, was ſie erreichen konnte, und wo ihr das nicht möglich war, da bildete ſie die kühnſten tiefdunkeln, ſelt⸗ ſam gezackten, ſcharfen Schatten, als wollte ſie die Grenze ihres Reiches von der des Feindes aufs deutlichſte markiren. Der kleine Doktor ging in das Haus, welches geſtern Abend ſo hartnäckig verſchloſſen war, klopfte an die Thür rechts, welche zu den Privat⸗Gemächern der Familie Schwörer gehörte, begnügte ſich aber, als man herein rief, nur mit einem ganz kleinen Oeffnen der Thür, ſo daß er kaum ſeinen Kopf durchſtecken konnte, wobei er freundlich lächelnd ſagte: „Kann ich hinauf gehen? Iſt der Leipziger noch in ſeinem Bette?" Madame Schwörer, die in ſtark ausgeſprochenem Negligé bei ihrem Kaffee ſaß, vernahm nicht ſobald die Stimme des Arztes, als ſie raſch aufſtand und ihn gegen ihre ſonſtige Gewohnheit freundlichſt bat, einzutreten. Vergebens ſchien der Meiſter mit lauter Stimme dagegen zu proteſtiren, die Frau Meiſter Schwörer. 57 meinte:„Ei was! Doktor iſt Doktor, und einer weiß ſo wenig wie der andere. Der iſt mir heute gerade recht, der wird nicht mit dir heulen, ſondern dich an die Arbeit ſchicken. Bitte, Herr Doktor, näher zu treten. Sie werden ſich an meinem Anzug nicht geniren. Sie ſehen ja Alt und Jung oft genug ſo.“ Der Doktor trat in die Stube und ſah die Meiſterin mit einem außerordentlich fragenden, aber dabei ſehr unſchuldvollen Blicke an. „Hat ſich der Leipziger nicht gehalten?“ ſagte er nach einer Pauſe,„iſt ihm was zugeſtoßen? Sie werden mir zu⸗ geben, daß es von großer Wichtigkeit iſt, daß der Menſch mir keine Exceſſe macht.“ „Ach, was den Leipziger anbelangt,“ verſetzte Madame Schwörer achſelzuckend,„ſo geht's dem recht ordentlich; er iſt aufgeſtanden und ſitzt dort in der Werkſtatt, freilich noch ein bischen lummelig, aber er kann doch wieder ſeinen Stich machen.“ „So, ſo, ei, ei,“ erwiderte der Armenarzt, während er den ſilbernen Stockknopf ſorgfältig unter ſeine Naſenſpitze brachte und mit den glänzenden Brillengläſern an die Decke ſtierte. „Alſo wieder beſſer; Sie werden mir erlauben, daß ich mich darüber freue. Ich bin immer beſorgt um meine Dachkammer⸗ kranken; item, ich will doch nach ihm ſehen.“ Damit ſchickte er ſich zum Weggehen an; doch ſagte die Frau:„Thun Sie das immer, Herr Doktor; da Sie aber einmal da ſind, ſo bitte ich, ſchauen Sie nach dem Mei— ſter da neben in dem Bette. Wir haben freilich den Stadt⸗ arzt, was Sie auch wiſſen, aber ehe der kommt, kann es Abend werden, und dann,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„gibt der mir viel Biertes Kapitel. zu viel auf meines Mannes Klagen. Sie ſind reſoluter, und— verſtehen mich ſchon.“ Der Armenarzt drückte die Brille feſter an ſeine Augen, ſpitzte den Mund ein klein wenig und zog die Augenbrauen hoch empor, während er, die linke Hand mit dem Stock auf dem Rücken haltend, langſam und bedächtig gegen das Bett im Nebenzimmer anmarſchirte. Dort lag Meiſter Schwörer auf dem Rücken, die ſpitzen Hände über der Bruſt gefaltet, in ſtiller Reſignation, als ſei er vollkommen gerüſtet und bereit, die himmliſchen Heerſchaaren mit ſeinem Erſcheinen zu beglücken. Aus den Kiſſen ragte ſeine gekrümmte Naſe erſchreckend hoch empor, und ſelbſt ſeine Augen ſchienen ſich vor ihr zu entſetzen, denn dieſe hatten ſich tief in ihre Höhlen zurückgezogen und blickten nur zuweilen ſcheu und furchtſam um ſich. Zu den Häupten des Bettes ſaß eine dürre Geſtalt mit eingefallenen Backen und unheimlich glänzenden Augen in einem Wamms und abgeſchabten Hoſen, des Meiſters Lieblings⸗Geſelle, der ein Buch in Händen hatte, aus welchem er wahrſcheinlich ſo eben vorgeleſen. Jetzt ſchwieg er begreiflicher Weiſe ſtill, fal⸗ tete die Hände auf dem Schooße zuſammen, neigte den Kopf auf die rechte Seite und blickte mit einem ſo faden, häßlichen und widerwärtigen Geſichtsausdrucke an die Zimmerdecke empor, daß in dem praktiſchen und luſtigen Armenarzte augenblicklich die Idee eines perſonificirten Brechmittels aufſtiege „Ei, ei,“ ſagte er nach einer Pauſe,„Meiſter Schwörer iſt krank, das iſt ja, Gott ſei Dank, eine Seltenheit. Nun, da wir zufällig einmal da ſind und Madame Schwörer es wünſcht, ſo kann ich mir ſchon erlauben, ein wenig zu fragen was denn eigentlich dem guten Meiſter fehlt.“ Bei dieſen Worten hatte er ſich einen Stuhl näher gezo⸗ Meiſter Schwörer. 59 gen, ſetzte ſich vor das Bett, wobei er ſogleich nach dem Pulſe des Kranken griff und, während er dieſen beobachtete, den ſil⸗ bernen Stockknopf abermals unter die Naſe brachte. „Puls etwas erregt,“ bemerkte er,„die Haut trocken, und die Zunge?“ Es war kein ſchöner Anblick, als nun der Meiſter unter ſeiner gewaltigen Naſe die ſehr lange Zunge hervorſtreckte. Es hatte in der That etwas Koboldartiges. „Belegt, belegt,“ meinte der Armenarzt,„es tritt aller⸗ dings eine allgemeine Verſtimmung des Körpers hervor, und da wir das erkannt haben, ſo werden Sie mir ſchon erlauben, wenn ich mich nach den Urſachen erkundige. Von einer Er⸗ kältung kommt das nicht, auch von keiner Unverdaulichkeit; da iſt eine Seelen⸗Affektion im Spiel, eine Aufregung, ein Schrecken.“ Bei den Worten des Armenarztes ſchien die Naſe des Patienten ſichtbar länger zu werden, doch war das nur optiſche Täuſchung, welche daher kommen mochte, daß der Meiſter ſeinen Kopf langſam aus dem Kiſſen emporhob. „Ja, ein Schrecken,“ fuhr der Doktor fort.„Item, etwas Aehnliches. Iſt vielleicht ein koſtbarer Rock verdorben wor⸗ den, oder dem Lehrjungen ein glühendes Bügeleiſen auf den Fuß gefallen?“ Der Meiſter ſchüttelte mit dem Kopfe. „Item,“ ſagte der Armenarzt in ſehr beſtimmtem Tone, „etwas dergleichen muß vorgefallen ſein; das bemerke ich an allen Anzeichen, und wenn ich Ihnen irgend etwas Wirkſames verordnen ſoll, ſo werden Sie mir zugeben, daß ich die Ur⸗ ſache der Krankheit kennen muß; ſonſt ſtehe ich nicht für das Schlimmſte.“ Viertes Kapitel. „Kann denn ein Schrecken ſo ſchlimme Folgen haben?“ fragte der Meiſter mit ſchwacher Stimme. Der Armenarzt betrachtete den Kranken durch ſeine Brillen⸗ gläſer, welche hier in dem dunklen Winkel des Zimmers recht unheimlich funkelten. Alsdann ſtützte er den rechten Arm auf ſeinen Stock, legte den Kopf darauf und ſagte nach einem augenblicklichen Stillſchweigen:„Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen die Verſicherung gebe, daß ein Schrecken von ernſten Folgen ſein kann; man beachtet das leichtſinniger Weiſe viel zu wenig. Man denkt nicht an eine Affektion des verlängerten Marks, welche nur zu leicht eintritt, an wäſſerige Ausſchwitzungen in die Gehirnkammern und an ein Delirium furibundum, wel⸗ ches ſich möglicherweiſe aus einem Schrecken entwickeln kann.— Hier iſt freilich nichts zu befürchten,“ fuhr der Arzt fort, indem er abermals die Hand des tief aufſtöhnenden Kranken ergriff, „aber Sie werden mir zugeben, daß ich eine Urſache kennen muß, um wirken zu können; item, daß Sie mir anvertrauen, was Sie erſchreckt.“ Mittlerweile war Madame Schwörer ebenfalls näher ge⸗ treten, hatte ſich mit der Hand unten auf das Bett geſtützt und ſagte nun mit ihrer derben Stimme:„Ja, Sie haben ganz Recht, Herr Doktor, er ſoll mit der Sprache heraus und würde es auch thun, wenn er ſich nicht vor Ihnen ſchämte. Narrheiten ſind es, die ihn erſchreckt haben!“ „O Frau!“ ſprach der Meiſter mit ſchwacher Stimme,„du ſprichſt aus deinem ungläubigen Gemüthe, du biſt auch Eine von denen, die weder an Zeichen noch Wunder glauben.“ „Narrheiten!“ wiederholte beſtimmter die Frau;„wie ſchon geſagt, vor Ihnen genirt er ſich, aber vor ſeinen chriſtlichen Freunden wird er ſchon mit der Sprache herausgehen, und Meiſter Schwörer. 61 da ich davon feſt überzeugt bin, ſo kann ich es Ihnen auch ſchon ſagen.“ „Weib!“ rief der Schneider, und ſeine lange ſpitze Naſe bäumte ſich ordentlich in die Höhe, während die Augen drohende Blitze ſchoſſen. „Ach was, ich will Ruhe haben,“ erwiderte Madame Schwö⸗ rer,„und daß Sie es nur wiſſen, Herr Doktor, er bildet ſich ein, er habe den Teufel geſehen.“ „Herr Gott, dich loben wir!“ ſtöhnte der Meiſter, worauf er in die Kiſſen zurückſank, und der dürre Schneidergeſelle ſetzte hinzu:„In alle Ewigkeit, Amen.“ „Den Teufel hat er geſehen!“ rief der Armenarzt mit ernſter Stimme und kopfſchüttelnd;„ei, ei, das iſt doch un⸗ möglich. Den Teufel! das hätte ich mit erleben mögen. Mei⸗ ſter Schwörer, Meiſter Schwörer! wie ſah denn der Teu⸗ fel aus?“ Es war gut, daß der Doktor ziemlich im Dunkeln ſaß und daß die Brillengläſer ſeine Augen verdeckten; denn ſonſt hätte man ſehen müſſen, wie es in denſelben luſtig blitzte und funkelte, und wie um ſeine Mundwinkel ein eigenthümliches, zufriedenes Lächeln ſpielte. „So was iſt mir noch nicht vorgekommen,“ ſagte er nach einer Pauſe,„und Sie werden mir deßhalb zugeben, daß ich im erſten Augenblicke an das, was ich nicht geſehen, nicht glau⸗ ben kann. Aber,“ ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu,„der Teufel, item, Sie behaupten es; aber... aber...“ Bei dieſen Worten beugte er den Kopf tief herab, bedeckte ihn mit ſeiner Hand und verſank in tiefes Nachdenken. Es war ſeltſam, daß im gleichen Verhältniß, wie des Doktors Kopf herabſank, ſich der des Kranken erhob; ja, er Viertes Kapitel. blickte faſt triumphirend auf ſeine Frau, als der Arzt ſchwieg, ohne ihn, wie er gefürchtet, tüchtig auszulachen. „Item,“ ſagte der Armenarzt nach einem längeren Still⸗ ſchweigen, erhob langſam ſeinen Kopf und ſchaute den Meiſter Schwörer mit dem leeren Blicke der Brillengläſer feſt an,„es gibt viele Dinge zwiſchen Himmel und Erden, davon ſich eure Schulweisheit nichts träumen läßt— Horatio.“ „Zacharias,“ verbeſſerte der Schneider, und fuhr dann mit etwas kräftigerer Stimme fort:„Es iſt mir ein wahrer Troſt, daß Sie es mir nicht machen wie die Frau da, und mir nicht abſtreiten wollen, was ich heute Nacht erblickte.—— Ja, ich habe den Teufel geſehen, er ſtand dort vor jenem Fenſter.“ „Angethan mit der Höllenlivrei, mit langem, ſchleppendem Mantel, der da gefertigt iſt aus den Flammen des unterirdi⸗ ſchen Sündenpfuhls, mit glühenden Augen und ſchrecklichen Hörnern, gezeichnet durch langen Schweif und flammenſpeiend zum Grauen der Gottloſen,“ las der dürre Schneidergeſelle mit ſchnarrender Stimme und einem wahrhaft verzückten Blicke. „Nicht ganz ſo,“ erwiderte Meiſter Schwörer;„in Roth war er gekleidet, das iſt wahr, hatte auch feurige Augen und Hörner, aber von den Flammen und dem Schweif habe ich, Gott ſei gelobt! nichts geſehen.“ Nach dieſen Worten herrſchte eine ſo tiefe Stille in dem Zimmer, daß man die Taſchenuhr auf dem Nachttiſchchen picken hörte, und von oben aus der Werkſtatt herab eine feine Stimme, welche ſang: „Strümpf' und Schuh', Strümpf' und Schuh', Laufen dem Teufel barfuß zu,“ worauf ein Chor einfiel: Meiſter Schwörer. „Zum Zippel, zum Zappel, zum Kellerloch'nein, Alles muß verſoffen ſein.“ „Hören Sie, Herr Doktor,“ rief die Frau erboßt,„wie ſie es droben treiben, während hier der Meiſter krank im Bette liegt, weil er ſich einbildet, den Teufel geſehen zu haben? Nein, Herr Doktor, nehmen Sie mir's nicht übel, ich hatte gehofft, Sie würden ihm den Kopf zurecht ſetzen und ihm ſagen, wo der Teufel eigentlich ſteckt. Ich weiß es. Nicht vor dem Fenſter treibt er ſich herum, ſondern hier im Hauſe iſt der Teufel, und jetzt, wo mir einmal die Galle überläuft, ſoll es mir auf ein paar Dutzend Worte mehr oder weniger nicht ankommen.“ „Frau!“ rief der Meiſter mit zürnender Stimme, ſetzte aber gleich darauf ziemlich affektirt matt hinzu:„Doch was ereifr' ich mich? Allerdings weißt du am beſten, wo der Teu⸗ fel ſteckt. O du mein Gott!“ „Der liebe Gott,“ rief Madame Schwörer immer hefti⸗ ger,„der weiß nichts von dir und deinen Freunden! Ja, und jetzt will ich auch anfangen zu glauben, daß der Teufel geſtern Nachts zum Fenſter hereingeſehen hat. Dem gefällt freilich die Wirthſchaft hier— zwinkere nur mit deinen Augen! Und Er, Elberfelder, laſſ' er Sein ſcheinheiliges Maul herabhangen! Vor dem Herrn Doktor da brauch ich mich nicht zu geniren, das iſt der Armenarzt, und daß wir in ſeine Praxis hineinfallen, dafür ſorgſt du aufs beſte. Hat der Mann nicht eine Kund⸗ ſchaft gehabt!“ wandte ſie ſich faſt weinend an den kleinen Doktor; „die vornehmſten Herrſchaften ließen bei ihm arbéiten, und gern bei ihm arbeiten, denn was damals aus der Werfſſtatt des Meiſters Schwörer kam, das konnte ſich ſehen laſſen. Aber wie hat ſich das geändert!— Statt nach den Geſellen zu 64 Viertes Kapitel. ſehen und nach den Hoſen und Röcken ſeiner Kundſchaft, be⸗ kümmerte er ſich um die Wilden in Amerika, die doch dazu beſtimmt ſind, daß ſie herumlaufen, wie ſie Gott erſchaffen. Und ſtatt ſich um ſein Rechnungsbuch zu bekümmern, ließ er das liegen, weil er zu dem Comité gehört, das ſich zur Auf⸗ gabe macht, armen Leuten mit allerhand confuſen Büchern den Kopf zu verrücken. Ja, Herr Doktor, ein Kunde nach dem andern verläßt uns, und meinen Sie, er mache ſich was daraus? O nein, das nennt er höchſtens eine heilſame Strafe für ſeine Sündhaftigkeit. Daß ich aber und die armen Kinder am meiſten dabei geſtraft ſind, darüber macht er ſich keine Ge⸗ danken!“ Meiſter Schwörer hatte bei dieſem Erguſſe ſeiner Ehe⸗ hälfte den Kopf auf die Seite gelegt; der Elberfelder ſchien eifrig in ſeinem Buche zu leſen, und der Armenarzt allein, an den die Rede hauptſächlich gerichtet war, mußte ſie Auge gegen Auge aushalten, was er denn auch heldenmüthig that und ſich nur leicht duckte, wie ein Hund im ſtrömenden Regen. Was ſollte er thun? Er war klug genug, für Niemand Partei zu nehmen, weßhalb er das beſte Mittel ergriff und, als Arzt handelnd, die Frau bat, mit ihren Vorwürfen einzuhalten, in⸗ dem dieſe bei dem Zuſtande ihres Mannes nicht zuträglich ſeien. Dann erhob er ſich, faßte mit wichtiger Miene noch⸗ mals den Puls des Kranken und verordnete ein Senf⸗Fußbad, ſo wie bei ſich mehrender Hitze im Kopfe Umſchläge von kal⸗ tem Waſſer. „Was Sie geſehen haben wollen, beſter Meiſter Schwö⸗ rer, darüber kann ich mit Ihnen nicht ſtreiten, denn ich hab' es zn nicht geſehen. Uebrigens glaub' auch ich nicht, daß ſich der Teufel ſichtbar herumtreibt. Wer weiß, was Ihnen vor die Meiſter Schwörer. 65 Augen gekommen iſt! Einer der zufällig vorüberging, ein ſpäter, harmloſer Wirthshausgaſt.“ „Nein, nein,“ ſagte der Meiſter kopfſchüttelnd. „Jemand, der zufällig an Ihrem Fenſter ſtehen blieb, Je⸗ mand in einem langen Mantel, mit Roth ausgeſchlagen. Daß es ſolche Mäntel gibt, müſſen Sie ja am beſten wiſſen. Item, etwas ganz Unſchuldiges, das Sie, durch mir unbekannte Neben⸗ umſtände veranlaßt, erſchreckte. Item, wer wird ſogleich an den Teufel glauben?“ „Aber die Nebenumſtände!“ ſeufzte der Kranke,„der Gott...“ — doch war er nicht im Stande, den Satz zu beendigen. Ma⸗ dame Schwörer, welche kluger Weiſe vorherſah, daß die Rede auf den verſchwundenen Lehrling kommen würde— und das wollte ſie vermeiden— war leiſe zu Häupten des Bettes getreten, that, als wolle ſie ihrem Manne das Kiſſen ein we⸗ nig aufſchütteln, benutzte aber zugleich dieſen günſtigen Mo⸗ ment, um ihm einen Zipfel deſſelben ſo heftig unter die Naſe zu drücken, daß ihm ſein Wort plötzlich abgeſchnitten wurde. Dieſes Manöver begleitete ſie mit einem gelinden Puff und flüſterte ihm in die Ohren:„Halt doch dein Maul!“ worauf ſie laut fortfuhr:„Was kümmern den Herrn Doktor die Nebenumſtände? Ich verſichere dir, Zacharias, es iſt ſo, wie er geſagt. Ein Nachtwandler, dem es Spaß gemacht, ſtehen zu bleiben und in unſer Fenſter zu blicken, vielleicht ein Be⸗ kannter, der uns über die ganze Sache noch aufklären wird,“ ſetzte ſie mit Beziehung hinzu. „Alſo ein Senf⸗Fußbad und kalte Umſchläge,“ wieder⸗ holte der Armenarzt, nachdem er ſeine Brille feſt auf die Naſe gedrückt und ſich vom Stuhle erhoben.„Mein Herr College, Hackländer, Don Quixote. I. 5 66 Viertes Kapitel. der Sie gewiß im Laufe des Tages beſucht, wird damit ein⸗ wrſtanden ſein. Und was den Leipziger anbelangt,“ wandte er ſich an die Meiſterin,„ſo werde ich morgen nach ihm ſehen. Er ſoll nichts Fettes eſſen und Brodwaſſer trinken ſo viel er mag. Item, die Sache wird ſich bald geben. Adieu.“ Damit ging er ruhigen Schrittes zur Thür, von Madame Schwörer begleitet, die ihm mit leiſer Stimme zu wiederholten Malen verſicherte, es ſei nichts als eine Narrheit von ihrem Manne, und ſie wolle ihm das Fußbad ſchon gehörig mit Senf würzen, und ihm kalte Umſchläge um den Kopf machen, daß er auf andere und geſcheidtere Gedanken käme. Draußen auf der Straße ſaß die gut erzogene kleine Fanny und wartete geduldig auf die Rückkunft ihres Herrn, wie ſie und ihre Kameraden es an allen Häuſern zu halten pflegten, wo der Arzt ſeine Beſuche machte. Nach dieſer Viſite ſchritt der Doktor mit ſichtbarem Ver⸗ gnügen und außerordentlichem Wohlbehagen durch die Straßen. Es ſchien ihm förmlich in den Beinen zu zucken, als wollten dieſe zuweilen einen Hopſer machen, während ſich der Kopf dagegen außerordentlich ehrwürdig und ärztlich ſteif hielt; zuweilen aber, wenn gerade keine Leute deſſelben Weges wandelten, zuckte ein fröhliches Lachen über ſein Geſicht, er ſchnalzte alsdann mit den Fingern, was Fanny für ein Zeichen nahm, in die Höhe zu ſpringen, und worüber dann der kleine Doktor wieder eine ſolche Freude äußerte, daß man den Moment herankommen ſah, wo Beide um die Wette durch die Straßen capriolen würden. Dabei hatte der Armenarzt eine eigenthümliche Gewohn⸗ heit angenommen, der er ſich aber nur überließ, wenn er gut gelaunt war. Es war eigentlich eine Unart, die er dann aus⸗ Meiſter Schwörer. 67 zuüben pflegte, indem er ſich nämlich durch ein einziges Wort oder auch durch eine vollſtändige Bemerkung in das Geſpräch Vorübergehenden miſchte, was meiſtens mit großem Erſtaumfen aufgenommen wurde, ihm oft aber auch eine pikante Antwort eintrug, Letzteres aber nur von ſolchen Leuten, die ihn nicht kannten. Fünftes Kapitel. In einem alten Hauſe. à Während der Doktor durch die Straßen ging, ließ er ſeiner Luſt und Laune alle Zügel ſchießen, ermahnte ſaumſelige Schulbuben, ihre Claſſe nicht zu vergeſſen, und zwei Dienſt⸗ mädchen, die ſich eben zu einem längeren Geſpräch anſchickten, konnte er mit der Frage:„Und was macht die Suppe unter⸗ deſſen?“ aus aller Faſſung bringen. So liidekhnes Weges, und wenn auch nicht dieſelben Straßen, die er heute Morgen ſchon einmal durchwandert, ſo doch der Richtung zu, wo ſein Wohnhaus lag. Ehe er aber „ daſſelbe erreichte, wandte er ſich rechts, ging über den großen Marktplatz, bog von dieſem in eine enge Gaſſe, und ſtand bald vor einem alten Hauſe mit hohem Giebeldache, deſſen Eingangsthür, eigentlich ein Thor, weit offen ſtand. Es führte in eine große und geräumige Halle, die von maſſiven Steinpfeilern geſtützt wurde und deren Decke, vom Alter ge⸗ ſchwärzt, doch eine ſehr kunſtvolle Holzconſtruction zeigte. Links — In einem alten Hauſe. 69 von der Thür ging eine Treppe hinauf, breit, die Stufen von Eichenholz, ebenſo das geſchnitzte Geländer, eine Treppe, die einſtens prächtig geweſen, im Lauf der Zeiten aber alt und wackelig geworden war und nur noch ſchwer zu erkennende Ueberreſte ehemaliger Schönheit zeigte. Während der Doktor hinaufſtieg, krachten die Stufen be⸗ denklich, und wo er das Geländer anfaßte, um ſich darauf zu ſtützen, ſchien es dem Drucke nachgeben zu wollen; wenig⸗ ſtens wich es einen Zoll aus ſeiner Richtung, ſoweit nämlich die abgenutzten Zapfen, vermittels deren es in den Treppen⸗ lauf eingelaſſen war, nachgaben. Glücklicher Weiſe war die Treppe ſo breit, daß man weit genug von dem Geländer ent⸗ fernt bleiben konnte, was aber nicht ſehr angenehm war; denn wenn die Stufen auch unten durch das Eingangsthor erhellt wurden, ſo befanden ſie ſich doch ſchon bei der erſten Wen⸗ dung in ziemliche Dunkelheis gehüllt, und ein einziges Fenſter auf dem Gange des erſten Stocks war ſo mit Staub und Spinngewebe bedeckt, daß es nicht mehr im Stande war, Dienſte zu leiſten. Der Armenarzt ſtieg indeſſen höher hinauf in den zweiten und dritten Stock; letzterer befand ſich ſchon im Dachſtuhle, und die Wohnungen hier waren eigentlich auf dem Söller ein⸗ gerichtet. Nur eine Leiter führte noch höher auf den oberſten Boden des Hauſes. Er ging auf eine Thür zu, die ſich ge⸗ rade gegenüber der Treppe befand, klopfte an, und als eine weibliche Stimme herein rief, öffnete er und trat in ein geräumiges Zimmer mit ſchiefen Wänden, welches ſein Licht durch Dachfenſter erhielt, die hinausgebaut waren und ſo eine ziemliche Vertiefung bildeten. Das Gemach mit weißen Kalk⸗ wänden war dürftig möblirt mit einem alten Tiſche und höl⸗ 1 3 3 70 Fünftes Kapitel. zernen Stühlen. Auf einem großen hölzernen Kaſten, der in einer Ecke ſtand, lagen ein Paar Rehfelle, und derſelbe ſchien ein Sopha vorſtellen zu ſollen. Ueber ihm ſah man an die Wand genagelt das Portrait eines eleganten jungen Mannes, welches mit einem darüber angebrachten Hirſchkopfe mit ſtarkem Geweih den Mittelpunkt einer Waffentrophäe bildete, die aus Hiſchfängern, Jagdmeſſern, Büchſen und doppelläufigen Ge⸗ wehren beſtand. Trotz der Aermlichkeit des Zimmers ſah es hier recht reinlich aus. Der Boden war ſauber geputzt und mit weißem Sande beſtreut. In einer der tiefen Fenſterniſchen hing ein Vogelbauer mit einem Kanarienvogel. Der Ofen in der Ecke ſchien nicht geheizt zu ſein, denn es war ziemlich fro⸗ ſtig im Zimmer; hinter demſelben ſah man eine Reihe von Schnüren bis zur anderen Ecke ausgeſpannt, auf welchen neben Wäſche zum Trocknen eine Anzahl von Pfannkuchen hing, die hier zur Zeit augenſcheinlich zu einem beſonderen Zwecke ge⸗ dörrt wurden. In der Fenſtervertiefung unter dem Kanarienvogel ſaß eine Frau, die beſchäftigt war, ein Kinderkleidchen zu flicken. Der Eigenthümer dieſes Kleidchens kroch neben ihr auf dem Boden umher und bemühte ſich, ein hö zernes Pferd zum Stehen zu bringen, was ihm aber nicht gelingen wollte, da daſſelbe nur noch zwei Beine beſaß, weßhalb es immer nach der einen Seite umfiel. Die Frau mochte in den Dreißigen ſein und war ein kleines mageres Weib mit blonden Haaren und einem guten, freundlichen Geſichte, welches aber deutliche Spuren von Kummer und Entbehrungen zeigte. Es war eine von jenen Phyſiognomieen, auf denen die Jugend nichts hinter⸗ laſſen hat und in keinem Lächeln von Glückz und Freude ſpricht. Ihr Anzug war ärmlich, aber nett und reinlich, wie In einem alten Hauſe. 71 ihre ganze Umgebung, ebenſo das Kind am Boden, wenn auch deſſen Röckchen vielfach geflickt war. Beim Eintritt des Arztes blickte die Frau empor, und als ſie den Beſucher erkannte, wollte ſie aufſtehen, um ihm ent⸗ gegenzugehen; doch ließ dleſer, der ſich mit einigen ſchnellen Schritten an der anderen Seite des Zimmers befand, das nicht zu, ſondern bat die Frau, ruhig bei ihrer Arbeit zu bleiben. „Mit uns macht man keine Umſtände, Frau Brenner,“ ſagte er in freundlichem Tone, indem er ſich einen Stuhl nahm und im Niederſitzen den kleinen Buben, der erwartungsvoll zu ihm empor ſah, auf den Kopf pätſchelte.—„Und was macht Palmarum?“ fragte er. „Franz befindet ſich woͤhl,“ ſentgegnete die Mutter und blickte mit inniger Liebe auf den Knaben. „Palmarum,“ wiederholte der Doktor lachend, indem er das zerbrlchene Pferd in die Hand nahm und bemerkte, in welch troſtloſem Zuſtande ſich das Spielzeug des Knaben befand,„da müſſen wir nächſtens einmal für ein neues Pferd ſorgen; doch mußt du dir vorderhand zu helfen wiſſen. Schau' her: wenn ein Pferd nur zwei Beine hat, ſo lehnt man es an die Wand, daß es nicht umfallen kann. Item, nun ſteht es. So,— ſo,— wenn du dir das merkſt, ſo kannſt du um das ganze Zimmer herumcarriolen.“ Der Knabe, offenbar vergnügt über das gute Auskunfts⸗ mittel, befolgte den gegebenen Rath und kroch mit dem kleinen hölzernen Gaul an den Wänden umher. „Da ich gerade in der Nähe war,“ ſagte der Armenarzt, nachdem er dem Spiel des Knaben eine Weile zugeſchaut,„ſo konnte ich es nicht verſäumen, einmal von ſelbſt wieder nach Fünftes Kapitel. Ihnen zu ſehen, denn rufen laſſen Sie mich doch nicht, Frau Brenner; Sie ſind eine geizige Frau, die mich nicht brauchen mag, item, die mir nichts zu verdienen geben will.“ Bei dieſen Worten fuhr ein trübes Lächeln über die Züge der Frau; dann verſetzte ſie mit ſanfter Stimme:„Gott ſei Dank, daß wir Ihrer Hülfe in der letzten Zeit nicht bedurft haben; aber wenn Sie kommen, freut es mich gewiß, Herr Doktor; Sie ſind immer ſo guter Laune, und es iſt gerade, als wüß⸗ ten Sie eine Krankheit ſchon im voraus zu bannen.“ „Ja, wenn das wäre, Frau Brenner, ſo könnten wir uns Geld genug verdienen; aber es gibt auch Leute, denen meine heiteren Worte zuwider ſind.— Apropos, was macht denn die Großmutter?“ „Sie ſitzt wie gewöhnlich in ihrem Zimmer und näht.— Sie werden ſie doch auch beſuchen?“ „Verſteht ſich. Später werde ich nach ihr ſehen. Eigent⸗ lich aber,“ fuhr er mit einem Male ernſter werdend fort, „hätte ich mit Ihrem Manne zu ſprechen. Er iſt wohl nicht zu Hauſe?“ „Nein, nein,“ erwiderte die Frau;„er iſt nicht da, wird auch erſt gegen zwölf Uhr zum Eſſen kommen.“ Bei der Erwähnung ihres Mannes hatte ſie die Arbeit in ihren Schooß ſinken laſſen und blickte den Doktor fragend, faſt ängſtlich an. „Machen Sie nur kein ſo wichtiges Geſicht,“ ſagte dieſer lächelnd;„weiß der liebe Gott, ich glaube, ſchon eine Frage allein kann Sie in Angſt verſetzen!“ „Ach ja,“ verſetzte ſie;„Sie haben nicht ganz Unrecht, denn wenn man nach ihm fragt, ſo hat es ſelten was Gutes zu bedeuten.“ In einem alten Hauſe. 73 „Nun, was macht er denn?“ „O, er iſt im Ganzen recht zufrieden; auch fiel in der letzten Zeit nichts vor. Wir nehmen uns aber auch alle in Acht. Wiſſen Sie, lieber Herr Doktor,“ ſetzte ſie gutmüthig hinzu,„mein Mann hat eigentlich einen recht harten Dienſt, und wenn er müde und verdrießlich nach Hauſe kommt, ſo wundert es mich gar nicht, daß er wegen jeder Kleinigkeit heftig wird.— Haben Sie ihm was Unangenehmes zu ſagen?“ fragte ſie plötzlich nach einem augenblicklichen Stillſchweigen. Der Doktor hatte ſeinen Stockknopf unter das Kinn ge⸗ ſtützt, und da er ſeine Augen aufwärts gegen die Helle wandte, ſo ſah man nichts als die ſpiegelnden Brillengläſer. Auf die Frage der Frau ſchüttelte er gleichmüthig mit dem Kopfe und erwiderte:„Eigentlich Unangenehmes habe ich nicht, ich wollte nur ein paar Worte mit ihm reden wegen des Gottſchalk.“ „Was iſt denn mit Gottſchalk?“ fragte die Frau beſorgt, während der Blick ihres Auges plötzliche Angſt verrieth.„Hat es etwas mit ſeinem Meiſter gegeben?— Doch nichts Schlim⸗ mes, will ich hoffen?“ Der Armenarzt ſchüttelte den Kopf und entgegnete ſo ruhig wie möglich:„Frau Brenner, regen Sie ſich nicht immer ſo auf; jetzt zittern Sie ſchon wieder an Leib und Seele, das ſehe ich Ihnen an, und wenn ich Ihren Puls unterſuche, ſo ſchlägt er geſchwinder, als nöthig iſt.“ Die Frau antwortete nur durch ein trübes Lächeln; um aber den Armenarzt von ihrer Ruhe zu überzeugen, nahm ſie ihre Arbeit wieder auf; doch ſchien ihre Hand in der That die Nadel nicht ſo feſt zu führen, wie einen Augenblick vorher. 4 5 74 Fünftes Kapitel. „Der Gokttſchalk war geſtern Abend da?“ fragte der Doktor. „Ja, bis nach Neune. Ich glaube, es war ſchon ein Viertel, und da lief er eilig weg.“ „Und als er an das Haus ſeines Meiſters kam, war die Thür ſchon verſchloſſen.“ Das hab' ich mir gedacht,“ ſagte die Frau mit leiſer „ Stimme,„und da wird man mit ihm gezankt haben. Es iſt ein armes Kind, der Gottſchalk.“ „Allerdings könnte er eine angenehmere Stelle haben. Iſt er denn eigentlich mit Luſt an das Schneider⸗Handwerk ge⸗ gangen?“ „Ach, das könnte ich gerade nicht behaupten,“ entgegnete die Frau;„doch wenn es geblieben wäre, wie es Anfangs war, ſo würde es ihm in der Werkſtatt immer noch gut ge⸗ nug gefallen. Mein Mann verſchaffte dem Meiſter Schwörer ſämmtliche Livreen ſeines Herrn, und dafür verſprach der Meiſter mir Wunder was, wie gut es Gottſchalk in der Lehre haben und was er alles lernen ſollte.“ Der Armenarzt nickte mit dem Kopfe. „Mit den Livreen,“ fuhr die Frau fort,„dauerte es übri⸗ gens nicht lange. Alles im Hauſe der Herrſchaft war unzu⸗ frieden, und ſo machte ſie Meiſter Schwörer einmal und dann nicht wieder. Mit dem Verluſt der Kundſchaft war aber Gottſchall's gute Zeit vorbei, und wenn er auch anfänglich Luſt zum Schneider⸗Handwerk hatte, ſo iſt ihm die jetzt gänz⸗ lich vergangen. Und das wiſſen auch Sie, Herr Doktor — eine Sache, bei der man nicht recht mit Leib und Seele iſt, kann nicht gelingen.“ „Hm, hm!“ machte der Armenarzt,„das ſehe ich wohl In einem alten Hauſe. 75 ein und der Gottſchalk iſt ſonſt ein folgſames und gutes Kind.“ „Ich kann nicht beſonders über ihn klagen,“ erwiderte die Mutter;„das Einzige, was ich auszuſetzen hätte, er kann zu⸗ weilen überluſtig ſein und gibt manchmal zu geſcheidte Ant⸗ worten für ſein Altex.“ Das Letztere, obgleich es ein Vorwurf ſein ſollte, ſagte ſie doch mit einem Anfluge von Wohlbehagen. Der Doktor ſtützte das Kinn auf den Knopf ſeines Stockes, und es war komiſch anzuſehen, wie er den Kopf ſcheinbar auf dieſem hin und her bewegte. „Item,“ ſagte er nach einer Pauſe,„auf dieſe Art wäre es mit dem Schneider⸗Handwerk nichts.“ „Das will ich nicht denken,“ ſprach faſt erſchrocken die Frau;„was ſollte man denn mit dem Buben anfangen? Um Gott, nein, da würd' ich einen ſchönen Spektakel mit meinem Mann erleben! Aber was ſehen Sie mich ſo ſonderbar an, Herr Doktor?“ Bei dieſen Worten ließ ſie ihre Arme in den Schooß ſinken und blickte ihrerſeits den Arzt an, aber nicht nur ſon⸗ derbar, ſondern im höchſten Grad erſchrocken. Man ſah, wie ſie mühſam athmete. „Frau Brenner,“ erwiderte ernſt der Armenarzt.„Sie werden mir zugeben, daß es mit Ihnen ſchwer iſt, irgend etwas Geſchäftliches zu beſprechen. Jetzt thun Sie gleich wieder und ſchauen mich ſo entſetzt an, als müßte ich Ihnen das größte Unglück verkünden, und ich habe Ihnen, weiß Gott, nichts Schlimmes zu ſagen.“ „Aber doch etwas zu ſagen,“ entgegnete die Frau mit leiſer Stimme.* Füunftes Kapitel. „Ja, allerdings; einen Rath zu geben oder einen von Ihnen zu hören. Doch können Sie nicht von mir verlangen, daß ich mich von Ihrer Alteration aus dem Concept bringen laſſe. Item, was ich Ihnen zu ſagen habe, das will ich Ihnen nicht verſchweigen. Aber wir wollen hineingehen zur Großmutter, die iſt ſo reſolut, daß ſie im Nothfall uns Beiden was abgeben kann.“ Die Frau nickte leicht mit dem Kopfe, ſtand auf den Vorſchlag ſogleich auf und ging an die Thür des Nebenzim⸗ mers, die ſie öffnete, worauf ſie hineinſchaute, ein paar Worte ſprach und dann den Armenarzt bat, näher zu treten. Dieſer hatte unterdeſſen in der Geſchwindigkeit dem klei⸗ nen Bübchen aus einer Verlegenheit und aus der Ecke ge⸗ holfen, denn dort hing die Wand ſchief in das Zimmer hinein, und der hölzerne Gaul mit zwei Füßen wollte trotz der größten Bemühungen weder gerade ſtehen bleiben noch fortmarſchiren, ſondern fiel hartnäckig auf die Seite, was der Doktor dadurch zu umgehen wußte, daß er den Gaul in einen ſpitzen Winkel mit der Wand brachte, worauf das Bübchen vergnügt lächelte und die Promenade um ſämmtliche Zimmerwände ihren unge⸗ ſtörten Fortgang nahm. Frau Brenner war unterdeſſen in das Nebenzimmer ge⸗ treten, hielt aber die Thür geöffnet und winkte nun dem Arzte, näher zu kommen. Dieſes Gemach, welches der Armenarzt betrat, war viel kleiner, als das erſtere, und wenn es auch im Allgemeinen ebenſo einfach, faſt ärmlich möblirt war, ſo ſah man hier doch manches, was an beſſere Tage der Beſitzerin erinnerte. So hatte das einzige Fenſter Vorhänge von geſtreiftem Kattun, auf einer Commode in der Ecke befand ſich ein elegant zu nennen⸗ In einem alten Hauſe. 77 des Kiſtchen von polirtem Holz mit Meſſingbeſchlägen, das Bett hatte eine ſaubere weiße Decke, und über demſelben ſah man in einem Goldrahmen die lithographirten Portraits eines vornehmen Herrn und einer vornehmen Dame. Die Bewohnerin dieſes Zimmers, nicht nur von der Brenner'ſchen Familie, ſondern auch von allen ihren Bekann⸗ ten die Frau Großmutter genannt, ſaß nahe bei dem Fenſter in einem ſo bequemen als ſoliden und ſchönen Lehnſtuhl. Es war das eine ſtattliche Frau, welche man nicht in dieſem Hauſe und in dieſer Umgebung zu finden erwartete, eine Frau, deren Aeußeres nicht unpaſſend erſchienen wäre im reichſten Sammt⸗ fauteuil im eleganteſten Salon, deſſen Wände mit ſeidenen Ta⸗ peten bedeckt wären. Sie bot in der That einen eigenthümlichen Anblick, die Frau Großmutter, und wenn man ſie daſitzen ſah nähend oder mit der feinen weißen Hand ihr Buch haltend, ſo hätte man glauben können, eine Dame aus hohem Stande mache ſich das Vergnügen, vielleicht zu ihrem Zeitvertreib oder ihrer Belehrung das Leben einer geringen Familie, wie die des Jägers kennen zu lernen. Die Frau mochte im Anfang der Sechziger ſein; ihr ehemals ſchwarzes Haar war ſtark ergraut, und auf dem immer noch ſchönen Geſichte bemerkte man Spuren tiefen Leidens. Wenn ſie lächelte, ſo war dieſes Lächeln ſchmerzlich anzuſehen, und dabei zeigten ſich ſehr markirte Züge um Naſe und Mund, die ſich freilich wieder glätteten, wenn ſie ruhig um ſich blickte, aber doch nicht ſo ganz vergingen, um nicht auf dem unteren Theile dieſes edlen Kopfes etwas wie Müdigkeit und Abſpan⸗ nung zu hinterlaſſen. Nur die Augen glänzten ungetrübt und in wunderbarer Friſche. Es war das ein prachtvolles Auge, tief dunkel und um ſo glänzender hervortretend, da das ganze —— — — — 78 Fünftes Kapitel. Geſicht der alten Frau mit einer krankhaften, faſt erſchrecken⸗ den Bläſſe bedeckt war. Als der Doktor in das Zimmer trat, nickte die Großmut⸗ ter lächelnd mit dem Kopfe, ohne aber nur den geringſten Ver⸗ ſuch zu machen, ſich von ihrem Stuhl zu erheben. Der gan⸗ zen Haltung, namentlich aber dem imponirenden Blicke der Frau nach zu urtheilen, hätte man dieſes Sitzenbleiben für Stolz halten können, aber das war es nicht. Die arme Groß⸗ mutter konnte leider nur mit fremder Hülfe von ihrem Stuhle aufſtehen; ſie war ſeit zehn Jahren gelähmt, und wenn auch der obere Theil ihres Körpers mit vollkommener Freiheit und ungeſchwächtem Vermögen wirken und handeln konnte, wenn auch ihre geiſtigen Fähigkeiten nicht im Geringſten züüta hat⸗ ten, ſo war ſie dagegen, was den unteren Theil ihres Körpers betrifft, hülfloſer als ein neugeborenes Kind. Die Großmutter war in ihrer Jugend Kammerfrau einer vornehmen Dame geweſen. Damals hatte ſie durch einen Sturz mit dem Wagen einen ſchweren Fall gethan, durch den ihr Rückenmark, wenn auch ſcheinbar ſehr leicht, verletzt wor⸗ den; doch dauerte es nicht lange, ſo zeigten ſich ſchon die Spu⸗ ren ihrer jetzigen Krankheit. Mit einer Willenskraft, die ihres Gleichen ſucht, hielt ſie ſich manches Jahr aufrecht und beſorgte ihre häuslichen Geſchäfte, wenn auch oft unter fürch⸗ terlichen Schmerzen. Endlich mußte ſie ihren Dienſt aufgeben und heirathete einen Mann, den ſie ſeit ihrer Jugend gekannt und doch nie kennen gelernt hatte. Sie war unglücklich mit ihm, und als er bald nach der Geburt ihrer einzigen Tochter ſtarb, ſah ſie ihre geringe Habe ſo zuſammengeſchmolzen, daß ſie unr im Stande war, durch die angeſtrengteſte Arbeit ihrer Hände ſich und ihr Kind zu erhalten. Einige Jahre darauf In einem alten Hauſe. 79 ſtarb ihre ehemalige Herrin und hinterließ ihr zum größten Glücke, im Andenken an die vielen guten und treuen Dienſte, welche ſie ihr geleiſtet, ein kleines Jahrgehalt; denn nun trat die Zeit ein, wo ſie an ihren Stuhl gefeſſelt blieb und ihren Arbeiten nicht mehr nachgehen konnte. Aber das Maß ihres Unglücks ſollte deßhalb noch nicht gefüllt ſein. Ihre einzige Tochter, welche ſie ſo ſorgfältig als möglich erzogen, wel⸗ cher ſie, nachdem ſie herangewachſen war, Auszüge aus ihrer eigenen Eheſtandsgeſchichte, wenn auch auf die ſchonendſte Weiſe für den verſtorbenen Vater, zu Nutz und Frommen mitgetheilt, beging den thörichten Streich, ſich nicht nur in ihren jetzigen Mann zu verlieben, ſondern Umſtände herbeizuführen, welche der armen Mutter eine Einwilligung zur Heirath mit Herrn Brenner abzwangen. Dieſe Heirath war nun in der That nicht gut ausgefal⸗ len. Herr Brenner, obgleich ein hübſcher Mann, war ziemlich roh und jähzornig, und was er von Bildung beſaß, ſchrieb ſich vom Walde her und allenfalls aus dem Bedientenzimmer, nicht zu gedenken der kleinen Kneipen, welche der herrſchaftliche Jäger mit ſeinen Kameraden häufig aufſuchte. Er war im Ganzen gerade kein böſer Menſch, doch da ſich die Familie ſtark ver— mehrt hatte und das Einkommen deßhalb nicht geſtiegen war, ſo fehlte es trotzdem, daß die Großmutter den größten Theil ihrer kleinen Penſion zum allgemeinen Beſte n hergab, doch an allen Ecken und Enden, und wenn Frau Brenner auch aufs Aeußerſte ſparte, um die Schäden und Mängel des Hausweſens ſo viel als thunlich vor ihrem Manne zu ver⸗ decken, ſo gab es doch Fälle genug, wo ihre Armuth in gar zu nackter und abſchreckender Geſtalt zu Tage trat. Wenn es auch nicht zu loben war, daß den Jäger ein 80 Fünftes Kapitel. peinliches Gefühl überſchlich, wenn er aus dem von Ueberfluß ſtrotzenden Hauſe ſeines Herrn, aus den glänzend erleuchteten warmen und duftigen Räumen über ſeine wackelige Treppe in die ärmliche Behauſung ſtieg, ſo iſt dieſes Gefühl doch erklär⸗ lich, wie denn überhaupt Leute von wenig oder mangelhafter Bildung ſo gern geneigt ſind, Vergleiche mit der Lage ihrer Nebenmenſchen anzuſtellen und ſich durch den Unterſchied un⸗ glücklich zu fühlen. Wenn auch alſo die Großmutter zur Begrüßung des Doktors nicht aufſtand, ſo ſah man doch an der Art und Weiſe, wie ſie ihm zunickte und die Hand gegen ihn bewegte, daß Beide recht gut mit einander bekannt waren. Der Armen⸗ arzt lächelte freundlich, als er die Schwelle des Zimmers über⸗ treten hatte, neigte den Kopf ein wenig auf die linke Seite, wobei er die alte Frau forſchend durch ſeine Brille anſah und ſagte im fröhlichſten Tone von der Welt:„Sie werden mir zugeben, Frau Großmutter, daß ich kein Narr zu nennen bin, wenn ich heute wieder ſeufzend mein Bedauern ausſpreche, daß wir Beide uns nicht früher kennen gelernt haben.— Na, das Paar!— Item, Frau Brenner“— wandte er ſich an die Frau des Jägers—„Sie würden ſich Ihres zweiten Papa's auch nicht zu ſchämen gehabt haben; denn das werden Sie mir zugeben, wenn bei mir eine Doktorin wäre, die mein Aeußeres pflegte und aufputzte, ſo ſollten Sie Ihr blaues Wun⸗ der ſehen. Item, es iſt jammerſchade.“ Ueber die Züge der alten Frau fuhr bei dieſen Worten ein kurzes Lächeln, und ſie gab dem Doktor zur Antwort: „Es iſt von einem Arzte recht ſchön, wenn er ſeine Kranken mit kleinen Späßchen zu unterhalten weiß, und darin ſind Sie Meiſter, Herr Doktor, das muß man Ihnen laſſen.“ 35 In einem alten Hauſe. 81 „Ja, wenn es nur ein Spaß wäre,“ erwiderte komiſch ſeufzend der Armenarzt;„aber,— item, ſprechen wir von etwas Anderem! Doch werden Sie vorher mir noch erlau— ben, zu bemerken, daß ich wahrhaftig nicht immer ſpaßhaft aufgelegt bin. Es gibt Leute genug, die mich zu ärgern ver⸗ ſtehen, und in dem Falle kann ich ſehr unangenehm werden.“ Bei dieſen Worten war er an den Stuhl der alten Frau gelangt und bot ihr ſeine Hand, indem er hinzufügte:„Nun, wie geht's denn eigentlich, Frau Großmutter?“ „So gut wie möglich. Aber kommen Sie in der That nur hieher, um ſich nach meinem Beſinden zu erkundigen?“ ſagte die alte Frau, indem ſie ihn forſchend anſah. Der Doktor huſtete leiſe hinter der vorgehaltenen Hand, ſchielte nach der Frau des Jägers hinüber und verſetzte als⸗ dann:„Großmutter, Großmutter! ich glaube, Sie ſehen einem an, was man denkt. Doch werden Sie mir zugeben, daß— zu wiſſen, wie Sie ſich befinden, für mich immer eine Haupt⸗ ſache iſt. Daneben habe ich Ihnen freilich noch etwas vorzu⸗ tragen, item, Ihren Rath zu hören.“ Die Großmutter blickte ihre Tochter an, worauf dieſe ſo⸗ gleich einen Stuhl herbeiholte, und während ſich der Doktor niederließ, die Brille etwas feſter an die Augen ſchob und dem Stocke mit dem ſilbernen Knopfe ſeinen gewöhnlichen Platz zwiſchen den Knieen anwies, zog die Frau ein feines Taſchen⸗ tuch hervor, fuhr leicht über ihr Geſicht und richtete dann die großen, klaren Augen auf den Armenarzt. „Es handelt ſich um den Gottſchalk,“ ſagte dieſer;„und da ich weiß, daß Sie die langen Berichte nicht lieben, ſo will ich mich kurz faſſen. Der Gottſchalk war alſo geſtern Abend Hackländer, Don Quixote. I. 6 Fünftes Kapitel. hier. Er hat ſich ein bischen verſpätet, und als er an die Haus⸗ thür ſeines Meiſters kam, war dieſe verſchloſſen; er hatte aber nicht den Muth anzuklopfen.“ „Und es regnete ſo arg!“ ſetzte Frau Brenner mit leiſer Stimme hinzu. „Ja, es regnete ſtark,“ fuhr der Armenarzt fort;„item, der dumme Bube— dumm war er, das werden Sie mir zu⸗ geben, denn ſonſt hätte er tüchtig angeklopft— blieb im Re⸗ gen ſtehen, was weiß ich, wie lange! item, vielleicht eine Stunde, anderthalb Stunden.“ Während die Großmutter ihre klaren Augen fortwährend ruhig auf den Erzähler richtete und ſich kein Zug in ihrem marmorbleichen Geſichte bewegte, ſeufzte Frau Brenner tief auf, ihre Augen zwinkerten, und ihre blaſſen, dünnen Lippen zitterten eigenthümlich. Es muß für ein Mutterherz ein gar trauriges Gefühl ſein, zu wiſſen, daß ihr Kind, nothdürftig bekleidet, bei Nacht und Regen ſtundenlang auf der Straße ſtehen mußte, und es fühlt das mit, als wenn es in demſelben Augenblicke erſt geſchähe. Es hört den Wind ſauſen und ſieht den Regen niederſtrömen. Es fühlt den einzelnen Tropfen, wie er ſich langſam durch das fadenſcheinige Röckchen durch⸗ drängt und kältend den zarten, kleinen Körper berührt, den ſie an ihrem Buſen ſo oft gewärmt, die kleinen Schultern, Bruſt und Rücken, die ſie mit Tauſenden von Küſſen bedeckt. Sie ſieht ihn frieren, den armen kleinen Buben, und wenn ſie das bedenkt, ſo möchte ihr Herz brechen, daß ſie nicht in der Nähe war, um für ihn Regen und Wind auszuhalten. Jetzt aber hilft all ihr Denken nicht mehr, ſelbſt nicht einmal die zwei großen Thränen, die langſam über ihr bleiches Geſicht hinabrollen. —— In einem alten Hauſe. 83 Die Großmutter ſieht dieſe Thränen, doch ſchüttelt ſie leicht mit dem Kopfe, und ihre Tochter bemüht ſich, heiter aus⸗ zuſehen, beſonders, da ſie den Doktor haſtig fragen muß:„Und nachher?— Und nachher?“ „Ruhig, ruhig, Frau Brenner!“ entgegnete der Armenarzt, wobei er ſeinen Zeigefinger in die Höhe hob;„laſſen Sie mir Ihre Alteration ſein, Sie werden mir doch zugeben, daß ich nicht mit einem ſo vergnügten Geſicht vor Sie hintreten würde, wenn dem Buben irgend ein Unglück geſchehen wäre.“ „Herr Gott im Himmel, habe Dank!“ dachte die Frau. „Item, es iſt kein Unglück geſchehen,— item, er hat die Nacht nicht auf der Straße zugebracht, wie Sie wohl glauben mögen; ich habe ihn heute Morgen ſchon geſehen, und es geht ihm gut.“ „Aber etwas Außergewöhnliches iſt doch vorgefallen?“ fragte die Großmutter. „Allerdings; indeſſen bei aller Kälte und Näſſe, die der arme Bube ausſtehen mußte, doch etwas Luſtiges, etwas ganz Luſtiges. Es mochte alſo bald Elf geworden ſein, Gottſchalk ſtand noch im⸗ mer auf der Straße; da kommt zufällig ein Bekannter von mir vorbei, ich kann Sie verſichern, ein braver Mann. Sie kennen ihn nicht, Frau Großmutter, item, wohnt mit mir in Einem Hauſe, kommt alſo vorbei und ſieht einen kleinen Buben in Regen und Wind vor dem Fenſter ſtehen; und, daß ich's nicht vergeſſe, in dem wichtigen Augenblicke, wo ſich der Gottſchalk ein Herz gefaßt hat, wo er an die Fenſterſcheiben geklopft und wo Meiſter Schwörer, aber erſt auf Zureden ſeiner Frau, die nicht ſo übel iſt, gerade den Hausſchlüſſel hinauswerfen will.— Nun werden Sie mir aber zugeben, wenn man Nachts ſo einen kleinen Mann allein auf der Straße ſtehen ſieht, da hält moyre 84 Fünftes Kapitel. an und erkundigt ſich nach dem Warum— ſo that denn auch mein Freund. Es iſt das eine lange Geſtalt mit einem bleichen und hageren Geſichte. Sein Mantel hatte ein blutrothes Fut⸗ ter, was weiß ich! Item, ich will zugeben, er ſieht bei Nacht etwas unheimlich aus. Alſo,— während der Schneider den Schlüſſel hinauswerfen will, ſagte er zu Gottſchalk, er ſei ein gottloſer Bube, und der Teufel werde ihn gewiß einmal holen. — Da auf einmal ſteht die lange Geſtalt vor dem Fenſter, — aber ich bitte Sie, Frau Brenner,“ unterbrach ſich der Arzt, „ſehen Sie doch nicht ſo entſetzlich alterirt aus, ſonſt kann ich unmöglich weiter erzählen.“ „Aber es iſt mein Kind!“ „Und, lieber Herr Doktor?“ fragte die alte Frau mit ihrem ruhigen Blicke. „Nun, Sie werden mir zugeben,“ fuhr der Arzt luſtig fort,„daß der Schneidermeiſter, dem der Kopf voller Dumm⸗ heiten der Art ſteckt, des feſten Glaubens iſt, der Teufel ſei wirklich erſchienen und habe den Buben geholt.“ Bei dieſen Worten zuckte die Mutter ſchmerzlich zuſam⸗ men; doch faßte ſie ſich gewaltſam und fragte nach einem augenblicklichen Stillſchweigen:„Und Ihr Bekannter, jener Fremde?“ „Daß der empört war über des Schneiders Hartherzigkeit, brauche ich Ihnen eigentlich nicht zu ſagen. Item, er nahm den Knaben nach Hauſe, hat ihn auf eine rührende Art ver⸗ pflegt,— ja, Frau Brennex, auf eine rührende Art, und nun iſt er wohlbehalten und wohlverſorgt, wie ich Ihnen ſchon ſagte, in dem Hauſe, wo auch ich wohne.“ Die Großmutter hatte dieſer Erzählung ſchweigend zuge⸗ — In einem alten Hauſe. 85 hört, und als der Doktor geendigt, ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe:„Nun, was denken Sie?“ „Was ich denke?“ erwiderte der Armenarzt, während er ſeinen Kopf in die Höhe hob und ſeine Brillengläſer im Lichte glänzen ließ,„Sie werden mir erlauben, zu denken, daß man den kleinen Buben nicht mehr zu Meiſter Schwörer zu⸗ rückgehen läßt.“ Frau Brenner hatte ihre Hände gefaltet und nickte mit dem Kopfe. „Der Gottſchalk hat einen aufgeweckten Kopf; ſchreiben und rechnen kann er wie ein Alter; und, Frau Großmutter, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ihn ſehr wohl leiden kann, ſo werden Sie mir zugeben, daß das auch etwas iſt, obgleich ich weder reich noch vornehm bin.— Item, man ſucht eine paſſende Be⸗ ſchäftigung für ihn, und über dieſen Vorſchlag wollte ich Ihre Meinung hören.“ „Aber mein Mann?“ fragte beſorgt die Frau des Jägers. Der Doktor machte eine leichte Bewegung mit der Hand gegen die alte Frau, wobei er verſetzte:„Das muß ſchon die Frau Großmutter ſo freundlich ſein, über ſich zu nehmen. Iſt ſie doch die Einzige,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu„die mit dem Herrn Brenner gehörig fertig wird. Nicht wahr, Frau Großmutter?“ „Ich kann wohl ſagen, er reſpektirt mich,“ antwortete die alte Frau mit ihrem unbeweglichen Geſichte. „Hat auch ſeine Urſachen, hat wahrhaftig ſeine Urſachen,“ verſicherte der Armenarzt.„Item, man muß ihm Alles ſagen; vor allen Dingen, daß der Schneider ſteif und feſt glaubt, der Teufel habe den Buben— habe ſich ins Spiel gemiſcht,“ verbeſſerte er ſich, als er bemerkte, wie Frau Brenner ihre 86 Fünftes Kapitel. Lippen zuſammenpreßte.„Aber er darf Niemandem ſagen, wo der Knabe iſt, und Sie auch nicht, das muß ich mir aus⸗ bitten. Heute oder morgen muß Meiſter Schwörer hieher kommen, er muß das Verſchwinden Gottſchalks anzeigen, und das gibt einen koloſſalen Spaß. Sie werden mir erlauben, daß ich mich wie ein Kind darauf freue.“— Er rieb ſich vergnügt die Hände.„Habe ich Recht oder Unrecht?“ fragte er alsdann. Der Mutter des Knaben mochte dieſe Geſchichte nicht ganz behagen; ſie ſchaute fragend auf die alte Frau, die mit ihren glänzenden Augen in weite, weite Fernen zu blicken ſchien und mit der Hand leicht über ihre Stirne fuhr. „Meint Ihr nicht, Mutter?“ fragte ſchüchtern Frau Brenner. „Bſt! bſt!“ ſagte der Doktor mit einer abwehrenden Hand⸗ bewegung,„die Frau Großmutter denkt nach und wird ſchon das Richtige finden.“ Darauf ſtützte er das Kinn auf den Stockknopf, blickte an die Decke empor, blinzelte mit den Augen und machte mit dem geſpitzten Munde Bewegungen, als pfeife er irgend eine unhörbare Melodie. Nach einem längeren Stillſchweigen huſtete die Großmutter leiſe, fuhr mit dem Taſchentuche abermals über ihr Geſicht und ſagte dann mit einem kleinen, kleinen Lächeln:„Herr Doktor, ich habe Sie zu gern, um Ihnen den Spaß zu verderben, denn ich ſehe Ihnen an, daß Sie viel Werth darauf legen. Thun wir alſo ſo, wie Sie wünſchen. — Wenn dein Mann nach Hauſe kommt,“ wandte ſie ſich an ihre Tochter,„ſo ſchicke ihn zu mir, ich werde ihm die Sache aus einander ſetzen, und dann kann er mit ſeinem früheren In einem alten Hauſe. 87 Freunde, dem Meiſter Schwörer, machen, was ihm gut dünkt.“ „Bravo! bravo!“ jubelte der Arzt.„Und Herr Brenner iſt der Mann, den Schneider tüchtig zwiſchen die Zange zu nehmen.— Verdient es auch, daß er ein bischen gekniffen wird. Das iſt eine troſtloſe Wirthſchaft in dem Hauſe. Mich dauern nur Weib und Kinder.“ „Er gehört zu den ſogenannten Frommen?“ fragte die Großmutter. „O ja,“ ſeufzte der Doktor, indem er auf eine wahrhaft komiſche Art die Augen verdrehte.„Zu denen, die immer eine halbe Elle Tuch mehr brauchen, als jeder andere ehrliche Schneidermeiſter, und die mit der glühenden Nadel nähen, ſo daß alle Nähte ſchon nach vier Wochen aus einander platzen. — Aber jetzt muß ich mich ſchleunigſt entfernen,“ ſetzte er hinzu, indem er aufſtand.„Habe heut Morgen ſchon ein paar koſt⸗ bare Stunden verplaudert. Frau Großmutter, halten Sie mich in gutem Andenken. Einen der nächſten Abende werde ich wieder kommen und eine Partie Piquet mit Ihnen ſpielen, item, der Frau Großmutter das Geld abgewinnen.“ Die alte Frau lächelte ein klein wenig, worauf Doktor Flecker luſtig rief:„Nun, das werden Sie mir aber doch wohl zugeben, und gnädigſt erlauben, daß ich mein Geld nicht ver⸗ liere; item, unter einer Quint und vierzehn Aß werde ich es ſchon gar nicht thun.— Adieu, adieu!“ Frau Brenner begleitete den Armenarzt auf den Gang hinaus; doch war dieſer nicht der Mann, trotz der vorgeſchützten Eile ſich ſo ſchleunig zu entfernen. Zuerſt blickte er nach dem Palmarum, der mitſammt ſeinem zweibeinigen Pferde aus dem Zimmer verſchwunden war, und als er ihn auch draußen 88 Fünftes Kapitel. auf dem Corridor nicht ſah, ſchien die halb angelehnte Küchen⸗ thür, durch welche dichte Waſſerdämpfe herausqualmten, auf den Armenarzt eine beſondere Anziehungskraft auszuüben. „Da wüthet gewiß Judica,“ ſagte er.„Ich muß einen Augenblick nach Judica ſehen.“ „Dort in der Küche ſieht es aber gerade nicht ſchön aus,“ meinte Frau Brenner. „Nun alſo, dann iſt es meine Pflicht, nach ihr zu ſehen.“ Und ehe er dieſen Satz noch ganz vollendet hatte, war er ſchon an der Küchenthür und öffnete ſie weit. Hinter derſelben befand ſich ein geräumiges und ſehr räucheriges Lokal mit einem großen Herde und einem ſchwarzen Kaminſchooß darüber, den man, ſowie ein paar Schüſſeln und Teller, die auf dem Rande deſſelben ſtanden, nur in unſicheren Umriſſen durch den qualmenden Waſſerdampf hindurch bemerkte. Dieſer Waſſer⸗ dampf ſtieg aus einer großen Holzbütte auf, an welcher ein junges Mädchen ſtand, die man auch nur wie eine Nebel⸗ geſtalt ſah. „Teufel, da wird ſtark gewaſchen!“ ſagte der Doktor, der auf der Schwelle ſtehen blieb. Und Frau Brenner rief in die Küche hinein:„Margaretha, komm einen Augenblick heraus 19 worauf das Mädchen hinter der Waſchbütte vor und auf den Gang trat. Hinter ihr, ſich mit der Hand an ihrem Rocke haltend, kam Palmarum, der die Abweſenheit der Mutter be⸗ nutzt hatte, um einen Beſuch in der Küche zu machen und ſich dort auf ſeine Art nützlich zu beſchäftigen. Als der Armenarzt freundlich näher trat und der jungen Wäſcherin ſeine Hand entgegen ſtreckte, wich dieſe lächelnd zu⸗ rück, wobei ſie auf ihre Arme und Hände wies, die mit dickem Seifenſchaum bedeckt waren. Trotzdem aber, ſowie auch un⸗ — In einem alten Hauſe. 89 geachtet ihres ärmlichen Anzuges, mußte man dieſes Mädchen mit Intereſſe betrachten. Sie war vielleicht ſiebenzehn Jahre alt, hoch, ſchlank, untadelhaft gewachſen, und dazu hatte die Enkelin der Frau Großmutter auf eine ſo merkwürdige Art deren ſchönes Geſicht geerbt, namentlich die großen ſtrahlenden Augen, daß man hätte glauben ſollen, man ſähe die alte Frau ſelbſt, befreit von einigen vierzig Jahren, die mit Kummer und Entbehrungen aller Art ihre Züge verhärtet und mit jener ſo auffallenden krankhaften Bläſſe bedeckt hatten. Margaretha war eine prächtige Erſcheinung, und wie ſie ſo vor dem kleinen Doktor ſtand, drückte dieſer mit ausge⸗ ſprochenem Wohlbehagen ſeine Brille feſter an die Augen und blinzelte vergnügt nach dem ſchönen Mädchen hin. „Du hätteſt mich nicht rufen ſollen, Mutter,“ ſagte ſie mit einer ſo ſanften Stimme, daß ſie faſt nicht im Einklange ſtand mit der imponirenden Haltung und dem ausdrucksvollen Kopfe.„Ich muß mich ja ſchämen, wenn mich der Herr D ok⸗ tor ſo ſieht.“ „Poſſen, Poſſen!“ verſetzte dieſer.„Sie werden mir zu⸗ geben, liebe Judica— Margaretha wollt' ich ſagen,“ verbeſſerte er ſeine Anſprache auf einen Blick aus ihren großen Augen— „Sie werden mir alſo zugeben, daß ein Arzt alle möglichen Toiletten ſehen darf— ſehen muß. Item, es war mir rein unmöglich, das Haus zu verlaſſen, ohne nach Ihnen geſehen zu haben.— Es geht Ihnen gut?“ „Ich danke, Herr Doktor,“ ſprach Margaretha;„mir fehlt nichts, und ich bin zufrieden.“ „Das iſt ein Glück, liebes Kind, das iſt ein großes Glück! Wer in unſerer Stellung kann das von ſich ſagen?— Zu⸗ frieden! Ja, wenn man zufrieden iſt, da iſt man auch 90 Fünftes Kapitel.— Iu einem alten Hauſe. bedingungsweiſe glücklich. Und die Wäſche geht gut von der Hand?“ Das Müädchen nickte mit dem Kopfe. „Nun, dann bin ich für jetzt auch zufrieden,“ ſagte der gute kleine Armenarzt, wobei er trotz des Widerſtrebens von Sei⸗ ten Margarethens eine ihrer Hände ergriff und ſie ſo herzlich ſchüttelte, daß der Seifenſchaum in weißen Flocken umher flog und er ſein Taſchentuch hervor zog, um ſich abzutrocknen.„Aber jetzt habe ich alle Zeit, fortzukommen,“ rief er dann.„Behüt euch Gott mit einander!“ Damit war er ſchon an der Treppe und hüpfte hinab. Margaretha blieb noch einen Augenblick ſtehen, da ihr die Mutter etwas ſagte, bevor dieſe in die Stube zurückkehrte; dann ging auch ſie wieder an ihre Arbeit, gefolgt von dem kleinen Palmarum, der mit der rechten Hand ihren Rock feſt⸗ hielt, während er in der linken eine kleine Blechſchale voll Waſſer trug, worin das zweibeinige hölzerne Pferd lag. Sechstes Kapitel. Nadelſtiche. Wenn du ein Mann biſt, geliebter Leſer— und in dieſem Falle iſt die Einleitung zu vorliegendem Kapitel abſonderlich für dich geſchrieben— ſo haſt du gewiß in deinem Leben ſchon Gelegenheit genug gehabt, Widerwärtigkeiten aller Art zu ertragen, Kummer und Verdruß über dich ergehen zu laſſen, und warſt ſtark genug, dich den Schlägen des Schickſals muth⸗ voll entgegenzuſtellen. Du haſt Verluſte erlitten, ſchwere, un⸗ erſetzliche; ſie haben dich erſchüttert, aber nicht gebeugt. Du ſahſt dich faſt erdrückt von Verhältniſſen, die feindlich auf dich einſtürmten; du hatteſt die Kraft, ſie einzeln zu beſeitigen, dich aus einem gefahrvollen Labyrinthe zu befreien. Dein Muth ſtählte ſich an den Hinderniſſen, die dir in dieſem Leben ent⸗ gegentraten, deine Energie wurde ſcharf wie ein Raſirmeſſer, und wenn dich Jemand über den Löffel barbieren wollte, ſo kamſt du ihm zuvor, und er verließ dich mit langer Naſe und ſehr glattem Kinn. 92 Sechstes Kapitel. Ja, geneigter Leſer, wer halbwegs ein Mann iſt in der ſchönen Bedeutung des Wortes, wem ein friſches und kräftiges Herz in der Bruſt ſchlägt, der läßt ſich nicht leicht niederbeu⸗ gen von dem, was wir Schläge des Schickſals nennen. Er gleicht einem Bogen von ſehr gutem Stahle, der freilich jetzt der Gewalt nachgebend, ſich zuſammendrücken läßt, um aber gleich darauf kräftig aus einander ſchnellend, den ſcharfen Pfeil in das Herz ſeiner Feinde zu ſchleudern. Mag ſich ſein Him⸗ mel noch ſo finſter überziehen, er wartet getroſt auf gutes Wetter; mag er augenblicklich unterliegen, er wird ſich wieder aufrichten, um mit neuem Muthe ſeine Bahn zu wandeln. So iſt ein kräftiges Gemüth bei den großen Widerwär⸗ tigkeiten des Lebens. Aber wie das edle Roß, den Sporn nicht achtend, über Gräben und Hecken hinwegfliegt und alle großen Hinderniſſe, die ihm entgentreten, überſetzt oder durchbricht, und dagegen nicht im Stande iſt, die Stiche blutdürſtiger In⸗ ſekten zu ertragen, ſondern fort und fort wider ſie ſchlagend und beißend ſich abmüht und abplagt, bis es endlich ermattet zuſammenſinkt, was ihm ſelbſt nie geſchah nach Beendigung der längſten und hindernißvollſten Bahn: ſo ſind es auch für uns, geneigter Leſer, nicht die gewaltigen Schläge des Schick⸗ ſals, die uns darniederwerfen, ſondern die kleinen, feinen Na⸗ delſtiche, die uns nach und nach mürbe machen. Nadelſtiche in dieſer Bedeutung ſind die kleinen, an ſich wenig ſagenden Ereigniſſe, die, im Einzelnen wohl erträglich, dagegen ſich immerwährend folgend zu einer Kette bitterer Qual werden. Dieſe Nadelſtiche entſtehen oft aus den gering⸗ fügigſten und lächerlichſten Urſachen, ſind aber im Stande, ein Leben zu vergiften. Leider kann man dieſe Nadelſtiche nicht in ein Syſtem bringen; ſie ſind rein individuell; ſie ſpringen Nadelſtiche. 93 hervor aus den Worten, ja, Mienen deines Nächſten; ſie tref⸗ fen dich aus heiterer Luft, ſie kom in aus dem Kiſſen, auf dem du ſitzeſt; ſie ſind für dich Ungkücklichen verborgen in Waſſer, Feuer und Erde, kurz, in allen Elementen; ſie lauern unter einem unerwiderten Gruße, ſie ſtecken in einem zur Un⸗ zeit abgeriſſenen Hoſenknopfe, ſie machen ſich fühlbar in engen Stiefeln, in einem plötzlichen Regenwetter, wenn du ohne Parapluie ausgehſt, in einem Kothſpritzen, wenn du, um einen Wagen zu erſparen, in lakirten Stiefeln zu Fuß zu einem Balle oder Diner gehſt. Für den, der für dieſe Plagen incli⸗ nirt, ſind ſie miasmatiſch; ſie verfolgen ihn wie die Bremſen das arme Pferd, und wenn er ſelbſt einmal einen ganzen Tag Ruhe gehabt hätte, ſo haben ſie ſich beim Zubettegehen viel⸗ leicht unter ſein Lager verſteckt, deſſen Bretter aus einander brechen und ihn unfreiwillig auf den Boden niederlegen, oder ſie dringen aus ſeinem Kopfkiſſen hervor und überfallen ihn in Geſtalt aufgeregter Nerven und laſſen ihn während der ganzen Nacht keine Viertelſtunde die heißerſehnte Ruhe finden. Aber wie es in dem Sprichwort heißt: Bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich ſchon fertig werden, oder wie der Dichter ſagt: Der See kann ſich, der Landvogt nicht erbarmen— ſo ſind die uns vom Schickſal und von den Verhältniſſen ge⸗ ſpendeten Nadelſtiche nicht ſo tief treffend und ſchmerzhaft, als die, womit uns liebe Angehörige fortwährend bewirthen. Ein trüber Tag, wenn rings am Himmel Regenwolken drohen und ein ſcharfer Wind durch die Straßen ſaust, iſt nicht ſo geeignet, beim Aufſtehen einen gleich frohen Muth zu verleihen, als wenn draußen vom klaren blauen Himmel die Sonne herab ſcheint, die ganze Welt freundlich küßt und mit 94 Sechstes Kapitel. einem ſo lieben Gruße erweckt, daß man nothgedrungen ebenſo antworten und mit einem heiteren Geſicht in den jungen lachen⸗ den Tag hinein blicken muß. Es iſt alſo ein ziemlich bewölkter Himmel, die Straßen ſind naß und ſchmutzig vom geſtrigen Regenwetter, und der Rechtsconſulent Plager ſteht vor einem kleinen Handſpiegel, den er an dem Fenſter aufgehängt, eben im Begriffe, eine ſchwarze Halsbinde anzulegen. Er hat die beiden Enden der⸗ ſelben erfaßt, zieht ſie rechts und links von ſich ab und ſcheint nicht dazu kommen zu können, den gewöhnlichen künſtlichen Knoten zu machen. Auch blickt er neben dem Spiegel vorbei in den grauen Tag, und wenn man ſeine finſtere, verdrießliche Miene betrachtet, die vorgeſchobene Unterlippe und die zuſam⸗ mengezogenen Augenbrauen unter den tiefen Stirnrunzeln, ſo könnte man auf die erſchreckliche Vermuthung kommen, der Rechtsconſulent habe gar nicht im Sinn, ſeine Halsbinde zu knüpfen, ſondern er mache, an den beiden Enden ziehend, einen gelinden Selbſtmordverſuch. Doch iſt nach ein paar Sekunden die gefahrvolle Kriſis überſtanden. Der Rechtsconſulent ſpitzt ſeinen Mund, blickt ſeufzend in den Spiegel, und gleich darauf iſt einer der zier⸗ lichſten Halstuchknoten fertig, welche man nur ſehen kann. Das Zimmer, in dem ſich der Rechtsconſulent befindet, iſt hoch, ge⸗ räumig, ſanft erwärmt, und die Möbel in demſelben zeugen von Wohlhabenheit. Es iſt ein Schlafzimmer, das beweist das Bett in der erſten Ecke, und da in der linken Ecke noch ein anderes Bett ſteht, von ſeinem Beſitzer augenſcheinlich erſt vor Kurzem verlaſſen, ſo kommen wir auf die Vermuthung, daß auch eine Rechtsconſulentin vorräthig iſt, und dieſe Ver⸗ muthung wird zur Wahrſcheinlichkeit, da wir auf dem Fußbo⸗ Nadelſtiche. 95 den vor dem zweiten Bette allerlei weibliche Kleidungsſtücke— leider müſſen wir ſagen, etwas unordentlich zerſtreut— umher liegen ſehen. Ja, es exiſtirt eine Frau Rechtsconſulentin; wir hören ſie aus dem Nebenzimmer mit lautem Lachen einigen Kinderſtim⸗ men antworten, die mit ſehr vielem Geſchrei ihre kleinen Be⸗ dürfniſſe anzeigen. Der Rechtsconſulent hat indeſſen ſeine Toilette ſo weit hergeſtellt, daß er ſie vermittelſt einer Haar⸗ bürſte vollenden kann. Doch ſucht er dieſes Inſtrument lange vergeblich auf ſeinem Toilettentiſche und ſonſt in ſeiner Stube herum, und als er es endlich unter einem Unterrocke findet, umdüſtert ſich ſeine Stirn wieder gewaltig, indem er bemerkt, daß die Haarbürſte zum Abputzen von Stiefeln benutzt worden war. Nachdem er ſie ſorgfältig gereinigt, vertheilt er ſein etwas dünnes Haar ſo kunſtreich auf dem Kopfe, daß nirgends eine allzuſtarke Blöße ſichtbar bleibt. Dann nimmt er den Spiegel von dem Fenſter weg, öffnet die Flügel deſſelben und ſchaut einen Augenblick auf die Straße hinab, ehe er ſich zum Frühſtücke ins Nebenzimmer begibt, wobei er jedoch nicht ver⸗ gißt, die entweihte Haarbürſte unter dem Arme mit ſich zu nehmen. Daß er zu gleicher Zeit über Damenſtiefel, Strümpfe und ſonſtige umherliegende Kleidungsſtücke wegſteigen muß, dient auch keineswegs dazu, ſeinen üblen Humor zu zerſtreuen. Beſſer wäre es übrigens geweſen, der Rechtsconſulent hätte noch etwas länger zum Fenſter hinausgeſchaut; denn das Nebenzimmer, wo ſich die Familie zum Kaffee zu verſammeln pflegte, war noch von einem Chaos beherrſcht, das die Freu⸗ den eines behaglichen Frühſtücks gerade nicht erhöhte. Auf einem großen runden Tiſche befanden ſich Taſſen, Kannen, Gläſer, auch Brod und ſilberne Löffelchen; doch ſchien alles 96 Sechstes Kapitel. das Platz genommen zu haben, wo es der Zufall eben hinge⸗ worfen. Dabei hatten ſich dieſe Gegenſtände ſcheu auf eine Seite des Tiſches zurückgezogen, während an der andern zwei Kopfkiſſen lagen, auf welchen die beiden Kinder des Rechts⸗ conſulenten, ein Knabe und ein Mädchen von fünf und ſechs Jahren, noch ſehr im Negligé ſaßen. Während die Rechts⸗ conſulentin beſchäftigt war, den einen Fuß des Mädchens mit einem Strumpfe zu bekleiden, verſuchte eine ältere Frau, deren Bekanntſchaft wir ſpäter ebenfalls machen werden, dem Kinde an dem andern Fuß den Schuh anzuziehen und das Band an demſelben zu knüpfen, was ihr erſt nach einigen Schwierigkeiten gelang, da daſſelbe geſtern Abend beim Ausziehen abgeriſſen war und jetzt wieder zuſammengeknüpft werden mußte. Dem Knaben widmete ſich die Magd des Hauſes und bearbeitete ſein Geſicht mit einem großen Schwamme; doch mußte ſie dabei viel Kunſt und Ausdauer anwenden, denn der Kleine fuhr ſchreiend mit dem Kopfe nach allen Seiten, was zur Folge hatte, daß die Waſſertropfen aus dem Schwamme und vom Geſichte weit umher auf Kaffee, Milch und Brod ſpritzten. Als der Rechtsconſulent ins Zimmer trat, blieb er wie erſtaunt ſtehen und räuſperte ſich laut. Dann zuckte er die Achſeln und ſagte:„Aber, liebes Kind, wie oft ſoll ich dir es wiederholen, daß es denn doch beim Himmel nicht paſſend iſt, die Kleinen auf dem Frühſtückstiſche anzuziehen! Abgeſehen davon, daß in ihrem Schlafzimmer vollkommen Platz dazu iſt, finde ich es ſehr unappetitlich, mit Seife und Waſchwaſſer neben Butter und Brod zu verkehren.“ „Du weißt aber auch, daß das ſelten geſchieht,“ entgeg⸗ nete die Rechtsconſnlentin, ohne aufzublicken.„Gott! man Nadelſtiche. 97 kann nicht immer, wie man will. Babette hat im Schlaf⸗ zimmer aufgeräumt, weil dort gleich geputzt werden ſoll.“ „Das hätte man vorher thun können,“ meinte der Rechts⸗ conſulent.„Ich bemerkte dir nur, das Eßzimmer ſei kein paſſen⸗ der Ort zum Anziehen.“ „Es geſchieht ja auch nie im Eßzimmer,“ entgegnete die Frau in etwas gereiztem Tone. „Nie?“ fragte der Rechtsconſulent mit einem ſeltſamen Lächeln. „Nie,“ erwiderte beſtimmt die Frau; worauf die ältere Dame, die noch immer an dem Schuh knüpfte, hinzuſetzte: „Nein, Herr Schwiegerſohn. Man zieht die Kinder nie im Eßzimmer an.“ Der Rechtsconſulent blickte duldend gen Himmel und murmelte, wie zu ſich ſelber ſprechend:„Alſo was ich mit meinen Augen ſehe, iſt nicht geſchehen!“ „Und wenn es wirklich einmal geſchehen wäre,“ fuhr die Schwiegermutter fort,„ſo ſind es ja Ihre Kinder, und da kann von unappetitlich doch keine Rede ſein.“ „Ja, Mama,“ ſetzte die Frau hinzu,„wenn man aber ſeine Kinder nicht beſonders lieb hat, ſo findet man natürlicher Weiſe an den Würmern alles unappetitlich.“ „Das habe ich aber durchaus nicht geſagt, daß meine Kinder unappetitlich ſeien,“ erwiderte der Rechtsconſulent mit ſehr finſterem Blicke und indem er die Haarbürſte wie einen Dolch faßte. „Geſagt nicht, aber gedacht,“ fuhr die Schwiegermutter fort, während ſie ſich erhob und dem kleinen Mädchen einen ſchmatzenden Kuß auf den Mund gab, wonach ſie ſagte: Hackländer, Don Quixote. I. 7 Sechstes Kapitel, „Du armes Kind! wir mögen dich recht ſehr, wenn dich auch dein Vater nicht leiden kann.“ Wieder blickte der Rechtsconſulent gen Himmel und begann nach Luft zu ſchnappen, wie ein Fiſch auf dem Sande. Darauf erhob er drohend die Haarbürſte und ſchien in Betreff derſel⸗ ben eine furchtbare Anklage formuliren zu wollen. Doch be⸗ ſann er ſich eines Beſſeren und ſprach mit ziemlich ſanfter Stimme:„SIch habe bitten wollen, künftig meine Haarbürſte nicht mehr zum Schuhabputzen zu gebrauchen.“ „Die Haarbürſte zum Schuhabputzen!“ rief Madame Plager ſcheinbar mit großem Erſtaunen; doch war dieſes Er⸗ ſtaunen offenbar etwas erkünſtelt.—„Babette, weiß Sie was davon?“ Babette blickte in die Höhe und ſchüttelte den Kopf eben⸗ falls mit größter Verwunderung, daß es überhaupt nur mög⸗ lich ſei, eine Haarbürſte zu etwas Anderem zu benutzen, als die Haare damit zu bürſten, wobei ſie ausſah wie ein Bild der Unſchuld. Die Schwiegermutter aber zuckte mit den Achſeln und ſagte halblaut zu ihrer Tochter:„Laß es gut ſein, Emilie. Er hat wieder einmal ſeinen ſchlimmen Tag!“ Worauf Beide auffallend ſeufzend wieder an ihre gemeinſchaftliche Arbeit gin⸗ gen, das kleine Mädchen anzuziehen, mit welchem Geſchäfte ſie denn auch nach einiger Zeit glücklich zu Stande kamen. Nicht ſo gut gelang es der Babette, mit dem kleinen Schreihals fertig zu werden, der ſich in den Kopf geſetzt hatte, ein gewiſſes Paar Beinkleider, ſchöne vortreffliche Höschen, durchaus nicht anziehen zu wollen. „Aber, Fritzchen,“ ſagte ſchmeichelnd die Magd,„das ſind ja dieſelben Höschen, die du ſo gern anhaſt. Siehſt du, mit n Nadelſtiche. 99 Herrentaſchen! Darin kannſt du deine Pfennige und deine Bretzeln aufheben.“ „Ich will die anderen Hoſen!“ heulte Fritzchen. „Aber die anderen Höschen ſind noch von geſtern naß und haben auch keine Herrentaſchen,“ ſchmeichelte Babette. Dann ſetzte ſie leiſer hinzu, um den Spektakel zu Ende zu bringen:„Wenn du die Höschen anziehſt, ſo ſchenkt dir Mama einen Pfennig. Willſt du?“ „Nein, ich mag nicht!“ ſchrie ſehr entſchloſſen der Spröß⸗ ling des Herrn. Dieſer hatte ſich nach der glänzend abgeſchlagenen Haar⸗ bürſtenattaque finſter und grollend nach Art der Schildkröten, ſo viel als möglich, in ſich ſelbſt zurückgezogen, d. h. er hatte das Kinn in die Halsbinde vergraben, die Schultern ſehr in die Höhe gezogen und ſeine Hände unter die Schöße des Fracks geſteckt, zwiſchen denen aber die Haarbürſte hervorragte, hin und her wedelnd im zornigen Auf⸗ und Abſchreiten des Rechtsconſulenten, wie der Schweif eines erzürnten Bullen⸗ beißers.— Ueberhaupt nicht beſonders roſenfarben gelaunt, hatte die kleine Scene mit Frau und Schwiegermutter ſeinen Ingrimm merkwürdig geſteigert, und als in dieſem Augenblicke Ich mag nicht!“ ertönen ließ, wandte ſich der Rechtsconſulent ſo ſein Stammhalter und Erbe das zweite bedeutungsvolle:„ heftig auf dem linken Abſatz herum, daß die Frackſchöße hin⸗ ausflogen und zu gleicher Zeit die Haarbürſte, deren Griff er losgelaſſen, um beide Hände frei zu bekommen. Er brauchte aber auch in dieſem Augenblicke ſeine beiden Hände. Mit dem rechten Arme hob er Fritzchen in die Höhe, worauf er mit der linken Hand einen unnennbaren Theil von deſſen kleinen Körper kräftig zu bearbeiten begann, dabei ausrufend: 100 Sechstes Kapitel. „Ei, du magſt nicht, mein Sohn?— Ei, du magſt nicht? Wirklich, du magſt nicht?“ Wir würden in dieſem Augenblicke Fritzchen Unrecht thun, wenn wir behaupten wollten, ſein Geſchrei habe ſich verſtärkt bei dieſer unzarten Behandlung; im Gegentheil, die ſo plötz⸗ lich entwickelte väterliche Autorität wirkte in jeder Beziehung niederſchlagend. Fritzchen ſchluchzte nur noch, aber ſo ſtark, daß ihn, wie man zu ſagen pflegt, der Bock ſtieß, und dabei wandte er ſeine mit Thränen bedeckten Wangen der Babette zu, die ſprachlos vor Erſtaunen da ſtand und auf deren Ge⸗ ſicht man deutlich die Entrüſtung darüber las, daß der Vater gewagt, ſein unartiges Söhnchen abzuſtrafen. Das kleine Mädchen aber, welches ſich hinter den Tiſch geflüchtet hatte, nahm ſich begreiflicher Weiſe ihres Bruders an und ſchrie, als ob ſie am Spieße ſtecke:„Mama, Mama, Großmama! der Papa bringt Fritzchen um!“ Der Papa aber hatte nach geſchehener Züchtigung ſeinen Sprößling auf das Kiſſen niedergeſetzt, und da der Zorn bei ihm gewachſen war, ſo achtete er nicht die drohenden Blicke ſeiner Schwiegermutter, mit welchen dieſe würdige alte Dame eilig herbeikam, Fritzchen in ihre Arme nahm und abküßte, eben ſo wenig den vorwurfsvollen Ausruf ſeiner Frau:„Geht denn der ewige Spektakel und das Lärmen über uns unſchul⸗ dige Geſchöpfe ſchon wieder los?“ Er legte die Hände aber⸗ mals auf den Rücken zuſammen, dieſes Mal ohne Haarbürſte, und ſchritt im Zimmer heftig auf und ab, mit einigermaßen wilden Blicken, ungefähr wie die des Löwen, welcher Blut ſchmeckt. Daß ſich Fritzchens ſtilles Weinen unter den Troſtes⸗ worten von Mama und Großmama zum lauten Geheul ſtei⸗ Nadelſtiche. 101 gerte, braucht nicht bemerkt zu werden. Fritzchen war abſolut nicht zu beruhigen und gab ſich erſt dann zufrieden, als Groß⸗ mama mit einem majeſtätiſchen Blick auf ihren Schwiegerſohn den Ausſpruch that,„daß die anderen Höschen nicht anzuziehen ſeien, weil— weil— weil—“ „Sie inwendig zerriſſen wären,“ ſetzte Babette hinzu. Umſonſt warf der Rechtsconſulent einen drohenden Blick hinüber. Was konnte er machen? Einer gegen Drei! und obendrein Ein Mann gegen drei Frauenzimmer! Er verbarg die Rechte unter ſeinem Frack auf der Bruſt, ſeufzte tief auf und verſchwand zu ſeiner eigenen Beruhigung im Neben⸗ zimmer. Mittlerweile erhielten Mutter, Tochter und Magd die Zeit, der Kinder Toilette zu beendigen. Waſchwaſſer, Schwämme und Kopfkiſſen wurden weggeräumt, die Taſſen und Kannen an ihren Platz gerückt, und dann wurde berathſchlagt, ob der Herr des Hauſes überhaupt zum Kaffee zu rufen ſei oder nicht, Großmama meinte, das Beſte ſei, ſein eigenes bischen vorher mit Ruhe zu genießen; denn wenn er ſich an den Tiſch ſetzte, ſo wollte ſie Hundert gegen Eins wetten, daß das Ge⸗ zänke augenblicklich wieder losginge. „Daran wird es nicht fehlen,“ meinte ſeufzend und achſel⸗ zuckend die Tochter. Babette ſagte,„ſo ein Herr ſei ihr noch nicht vorgekommen,“ und das Töchterchen ſetzte hinzu:„Papa brummt immer.“ Auch wollte ſich die Letztere, nachdem der hohe Rath endlich beſchloſſen, der Rechtsconſulent ſei doch zum Kaffee zu rufen, durchaus nicht dazu verſtehen, dieſen Auftrag auszuführen, und wer weiß, ob Papa ſeinen Kaffee nicht ſpäter aufgewärmt erhalten hätte, wenn er nicht in die⸗ ſem Augenblicke von ſelber aus dem Schlafgemach ins Eß⸗ 102 Sechstes Kapitel. zimmer zurückgekommen wäre. Er hatte drinnen abermals zum Fenſter hinaus geſchaut, die friſche Morgenluft hatte ſeine heiße Stirn gekühlt, der Gedanke an den langen Tag, den er vor ſich hatte, an welchem er doch zu verſchiedenen Malen ſeine Wohnung betreten mußte, und wo es alsdann hart ſei, immer die gleichen trotzigen und verdrießlichen Geſichter zu ſehen, hatte ihn verſöhnlicher geſtimmt, ja, ihn wirklich ſo weit beruhigt, daß er mit einem gleichgültigen Geſichte beim Kaffee erſcheinen konnte, mit einem Geſichte, das ſich ſogar zu einem wohlwollenden Lächeln hätte verändern laſſen, wenn ſich eine paſſende Gelegenheit geboten haben würde. Leider aber ſchien die Göttin der Zwietracht, Madame Eris, es heute Morgen auf das Haus des Rechtsconſulenten abgeſehen zu haben, und wenn ſie auch keinen goldenen Apfel ins Zimmer rollen ließ, ſo brachte ſie doch eine andere Klei⸗ nigkeit herbei, die den Familienzwiſt aufs Neue aufflammen machte. Der Kaffee war eingeſchenkt, und während Großmama ſtolz, unbeugſam, mit dem Geſicht einer Siegerin ihre Naſe erhob und um ſich ſchaute, hatte ſich die Tochter ſo weit be⸗ ſänftigt, um ihren Mann zu fragen, ob er vielleicht eine gute Nacht gehabt. Dieſe Frage beruhigte ſeine aufgeregten Nerven augenſcheinlich, und er antwortete nicht nur:„O ja, recht ordentlich,“ ſondern fragte auch ſeinerſeits:„Wie haſt du ge⸗ ſchlafen?“ wobei er ſogar hinzuſetzte:„mein Kind.“ So weit war alſo Alles in beſter Ordnung; es wurde Kaffee getrunken, Weißbrod eingetunkt, und wenn auch Louiſe zur Genugthuung der Großmama ihrem Vater halb den Rücken zukehrte, und Fritzchen ſogar die Anſpielung wagte, die Schläge, die er von Papa erhalten, thäten ihm gar nicht Nadelſtiche. 103 mehr weh, wenn auch Babette, ab⸗ und zugehend, hinter dem Rücken des Rechtsconſulenten Zeichen des Erſtaunens und der Geringſchätzung mit der Großmutter wechſelte, ſo ſchien doch das Frühſtück ohne beſonderen Unfall zu Ende gehen zu wollen. Da geſchah es, daß Herr Plager, deſſen Kaffee in der Taſſe auf die Neige ging, im Reſte mit dem Löffel umher⸗ rührte, und dieſes mehrere Male that, wobei ſich auf ſeinem Geſichte ein forſchender und erſtaunender Ausdruck kund gab. Offenbar hatte ſein Löffel etwas gefunden, das weder Kaffee, Milch noch Zucker war. Nach abermaligem Umherrühren fiſchte er dieſes Etwas glücklich heraus und fand, daß es eine braune Maſſe war, deren Subſtanz er nicht augenblicklich zu erkennen vermochte. „Was haſt du denn?“ fragte Madame Plager, die mit argwöhniſchem Blicke zuſah. „Ich finde da etwas in meinem Kaffee,“ erwiderte der Rechtsconſulent,„was eigentlich nicht dahin gehört; doch kann das vielleicht vorkommen,“ ſetzte er mit außerordentlicher Sanftmuth hinzu,„und es ſei fern von mir, Vorwürfe ma⸗ chen zu wollen.“ „O Gott, er findet wieder etwas!“ ſagte halblaut die Großmama. „Das werden Sie mir doch erlauben, Frau Schwieger⸗ mutter?“ entgegnete der Hausherr.„Sieh doch zu, Emilie, was es ſein kann. Man muß der Babette Sorgfalt und Rein⸗ lichkeit anempfehlen. Es iſt etwas Zähes; ſieh nur.“ Madame Plager betrachtete das im Kaffeelöffel Darge⸗ botene und war ſchon im Begriff, es wegzunehmen, um alle Crörterungen abzuſchneiden, als die Schwiegermutter entſchie⸗ Sechstes Kapitel. den ſprach:„Darüber braucht man, weiß Gott, keinen Lärm zu machen. Es iſt nichts als etwas Rahm von der Miſch mit Kaffee.“ „Von Lärmen iſt keine Rede, Frau Schwiegermutter,“ entgegnete, ſchon etwas gereizt, der Rechtsconſulent.„Daß es übrigens keine Milch und kein Kaffee iſt, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Ich verlaſſe mich auf meine beiden Augen und auf ſonſt nichts,“ verſetzte die würdige alte Dame.„Sei ſo gut, Emilie, und ſieh nach, ob ich nicht Recht habe.— Rahm und Kaffee,“ ſetzte ſie mit dem entſchiedenſten Tone von der Welt hinzu. Madame Plager zuckte mit den Achſeln und ſagte dann: „Es ſcheint mir in der That, Mama hat Recht.“ „Dieſesmal hat Mama nicht Recht,“ erwiderte beſtimmt der Rechtsconſulent.„Und um den Beweis zu führen, will ich das Corpus delicti hier in dieſes Waſſerglas tauchen und dann vorlegen.“ Ehe er dies aber that, blickte der Hausherr beide Damen fragend an, und es hätte nur eines begütigenden Wortes be⸗ durft, eines freundlichen:„Laß nur gut ſein; ja, es iſt etwas Ungehöriges, Babette muß ſich künftig in Acht nehmen,“— ſo hätte der Rechtsconſulent die Sache augenblicklich fallen laſſen. Als aber die Schwiegermutter wiederholte:„Milch mit Rahm, vielleicht auch ein bischen Weißbrod,“ und hinzuſetzte:„Man iſt ja glückſelig, etwas zum Streiten zu finden,“ fuhr das unbekannte Etwas ins Waſſerglas und zeigte ſich beim Her⸗ auskommen als ein ziemliches Stückchen Schwamm, deſſen Her⸗ kunft wir dem geneigten Leſer alsbald verrathen wollen. Fritz⸗ Nadelſtiche. 105 chen hatte es nämlich von dem Waſchſchwamm abgeriſſen und zu ſeinem Zeitvertreib in die Kaffeekanne geworfen. „Nun, iſt das Rahm und Kaffee oder Weißbrod?“ fragte triumphirend der Rechtsconſulent. „Was ſonſt?“ entgegnete die Schwiegermutter mit der größten Unbefangenheit, nachdem ſſie es einen Augenblick be⸗ trachtet.„Sieh doch zu, Emilie, es iſt vom Oberſten der Milch mit Kaffee.“ Und dieſes iſt betonte ſie ſo entſchieden und ſah dabei ihre Tochter ſo herausfordernd an, daß dieſe, obgleich mit etwas ſchüchternem Tone beiſtimmte. „Das iſt mir doch zu viel!“ rief der Rechtsconſulent, wobei er ſich mühſam bezwang;„ich will euch ſagen, was es iſt!— Schwamm iſt es.“ „Aber wie ſoll der Schwamm hier auf den Frühſtücktiſch kommen?“ meinte Madame. „Das iſt eine eigenthümliche Frage! Sind die Kinder nicht eben hier mit ihrem Schwamm gewaſchen worden?“ „Gewaſchen meine ich nicht, nur angezogen.“ „Nur angezogen, Herr Schwiegerſohn. Wir wiſſen auch, was ſich ſchickt, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Babette!“ rief zornig der Rechtsconſulent,„hat Sie den Buben hier auf dem Tiſche gewaſchen?“ „Ich du entgegnete die Magd, nachdem ſie einen ſchnellen Blick mit der Großmutter gewechſelt;„angezogen, mein' ich, hätt' ich den Kleinen hier, nicht wahr, Fritzchen? Deine Hös⸗ chen von geſtern habe ich dir angezogen.“ „Ja,“ heulte der Knabe, denn er fürchtete eine neue Scene. „Das geht doch bei allen Himmeln über jede Beſchrei⸗ 106 Sechstes Kapitel. bung!“ rief nun zornig der Hausherr.„Ich ſehe mit meinen eigenen Augen, wie die Kinder hier auf dem Frühſtückstiſche gewaſchen werden, und man will mir das abſtreiten! Ich finde Schwamm in meinem Kaffee, und man will mich über⸗ reden, es ſei Weißbrod mit Kaffee.“ „Schwamm im Kaffee!“ rief Babette im Tone des größ⸗ ten Erſtaunens.„Das iſt ja rein unmöglich, Herr Doktor; das muß ich mir wahrhaftig verbitten. Ich bin ſehr reinlich, das haben alle meine Herrſchaften geſagt. Schwamm in einem Kaffee, den ich gemacht!“ „Ja, Schwamm, ins Teufels Namen!“ ſchrie nun der Rechtsconſulent im höchſten Zorne.„Da ſchau' Sie her, Sie ordentliche Perſon!“ Mit dieſen Worten hielt er der Magd das gewiſſe Etwas unter die Augen, worauf dieſe die Großmutter mit einem ſchnellen Blicke befragte. „Es iſt etwas vom Oberſten der Milch mit Kaffee,“ ſagte die Schwiegermutter mit unverwüſtlicher Ruhe. „Ja, das iſt es, Herr Doktor,“ bekräftigte Babette in großer Eile.„Das kommt oft vor; ich habe es häufig ſchon in meiner eigenen Kaffeetaſſe gefunden. Nicht wahr, Frau Doktor, ich habe es Ihnen erſt geſtern gezeigt?“ Madame Plager nickte leicht mit dem Kopfe, dann wandte ſie ſich an ihren Mann, deſſen Augen vor Zorn funkelten und der ſeine Hände zuſammenballte. „Aber laß es doch gut ſein, Chriſtian,“ ſagte ſie alsdann, „das ſind ja nur Kleinigkeiten. Wer wird ſich um Kleinigkeiten ſtreiten!“ „Um den Streit iſt es ihm zu thun,“ ſprach großartig die Schwiegermutter. „ Nadelſtiche. 107 „Nein, Madame, um den Streit iſt es mir nicht zu thun!“ rief der Hausherr mit lauter Stimme,„es iſt mir nur darum zu thun, mich in meinem eigenen Hauſe nicht zum Narrn machen, mir nicht meine geſunden Augen wegdispu⸗ tiren zu laſſen. Die Sache an und für ſich iſt freilich eine Kleinigkeit; aber es iſt keine Kleinigkeit, Ihre ewigen Recht⸗ habereien anhören zu müſſen. Ja, Madame, was ich hier in meiner Kaffeetaſſe gefunden, iſt Schwamm und bleibt Schwamm in alle Ewigkeit!“ Wir können leider hierbei nicht verſchweigen, daß der Rechtsconſulent, auf's Höchſte gereizt, bei dieſen Worten ſo heftig auf den Tiſch ſchlug, daß die Kaffeetaſſen erſchreckt in die Höhe fuhren, daß ein ſilberner Löffel klirrend zu Boden fiel, daß er ſelbſt, zornig wie er war, aufſprang, ſeinen Stuhl, wenn auch unabſichtlich, mit großem Gepolter umwarf, daß die Kinder anfingen zu heulen und zu ſchreien, und daß die Ich ſage dir, Emilie, in deinem Hauſe iſt es nicht mehr zum Aushalten!“ „O, wenn Sie das endlich einmal einſehen würden!“ Schwiegermutter mit ſtarker Stimme dazwiſchen rief:„ ſchrie ihr der Rechtsconſulent zur Antwort entgegen.„Das wäre freilich ein Segen für mich und das Haus!“ Wahrſcheinlich würde ſich dieſer Streit noch länger fort⸗ geſponnen haben, wenn nicht in dieſem Augenblicke die Klingel an der Hausthür ertönt wäre. Babette ſtürzte eilig hinaus, um zu öffnen, und der Rechtsconſulent, mühſam nach Faſſung ringend, verließ ebenfalls das Frühſtückszimmer und trat in den ſogenannten Salon, der ſich daneben befand. Draußen auf dem Gange fragte eine tiefe Stimme, ob der Herr Doktor einen Augenblick zu ſprechen ſei, worauf Ba⸗ 108 Sechstes Kapitel. bette hereinkam, um dieſe Frage zu wiederholen. Doch richtete ſie die Worte, im Gefühl ihrer tiefgekränkten Unſchuld, an den Ofen des Salons, obgleich ihr Herr auf der andern Seite des Zimmers mit heftigen Schritten auf und ab ging, und ſetzte im mürriſchen Tone hinzu:„Der Schreiber iſt draußen.“ „Der Schreiber ſoll hereinkommen!“ herrſchte der Rechts⸗ conſulent, wobei er die Rechte wieder unter den Frack ſchob und ſich bemühte, mehr finſter und mürriſch als zornig auszu⸗ ſehen. Die Thür öffnete ſich langſam, und der geneigte Leſer wird einiger Maßen überraſcht ſein, einen Bekannten eintreten zu ſehen. Es war der lange Mann im Mantel, mit dem wir geſtern Nacht gewandelt; doch hatte er dieſes Kleidungsſtück draußen abgelegt und zeigte ſich jetzt in einem einfachen Tuch⸗ rock, den er bis unter das Kinn zugeknöpft hatte. Er drückte die Thür leiſe hinter ſich ins Schloß, machte ſeinem Chef eine tiefe Verbeugung und übergab ihm alsdann mehrere Briefe, die er, wie des Morgens ſein Amt mit ſich brachte, von der Poſt geholt. „Es ſcheint mir nichts beſonders Wichtiges darunter,“ ſagte er, während der Rechtsconſulent die Adreſſen überflog.„Nur Geſchäftsſachen im engſten Sinne des Wortes, durchaus nichts Privates.“ „So iſt es,“ erwiderte der Chef, indem er die Briefe zu⸗ rück gab.„Legen Sie ſie in der Schreibſtube auf meinen Tiſch, ich komme ſogleich, und werde nachſehen.— Haben Sie ſonſt noch etwas auf dem Herzen?“ fragte er nach einer Pauſe, als er bemerkte, wie der Schreiber gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit nicht ſogleich ging, ſondern den Kopf erhob und ihn anblickte. „Nur eine Kleinigkeit,“ gab der lange Mann zur Antwort. . Nadelſtiche. 109 „Der Herr Doktor ſprachen ſchon einige Mal davon, einen Incipienten annehmen zu wollen, der, ohne große Koſten zu verurſachen, etwas zu leiſten im Stande ſei. Auch wünſchten der Herr Doktor dazu keinen Schreiber anzuſtellen, der ſonſt wo gedient.“ „Ja, ja, ich erinnere mich,“ verſetzte mürriſch der Rechts⸗ conſulent.„Doch was ſoll das jetzt?“ „Weil ich durch einen Zufall,“ ſprach beſcheiden der An⸗ dere weiter,„einen jungen Menſchen fand, eigentlich noch einen Knaben, der aber eine hübſche Handſchrift beſitzt, von ordent⸗ lichen Eltern iſt und für deſſen Treue und Verſchwiegenheit ich in jeder Hinſicht wie für mich ſelber bürgen zu können glaube.“ Der Rechtsconſulent hatte während des Vortrags ſeines Schreibers ſeinen haſtigen Spaziergang durch den Salon nicht unterbrochen, und wir müſſen geſtehen, daß er nur mit halbem Ohr auf die Rede deſſelben hörte. Seine Aufmerkſamkeit war hauptſächlich den Reden der Schwiegermutter und der Frau zugewandt, die begreiflicherweiſe das Kaffeegeſpräch mit den ausgedehnteſten Variationen fortſetzten. Zuweilen zuckte etwas auf dem Geſichte des Hausherrn, als bemühe er ſich, milder geſtimmt zu werden und als hege er ſogar die Abſicht, den häuslichen Friedeu vielleicht durch ein begütigendes Wort wie⸗ der herzuſtellen. Wenn er aber alsdann die Urſache dieſes Streites, die er zwiſchen Daumen und Zeigefinger der linken Hand feſt hielt, zufälliger Weiſe wieder betrachtete, ſo warf er den Kopf in die Höhe, ſein Schritt beſchleunigte ſich, und er ſchnaubte gewaltig durch die Naſe. „Und was meinen der Herr Doktor von meinem Vor⸗ ſchlage?“ fragte der Schreiber nach einer Pauſe, offenbar in 110 Sechtes Kapitel. der Meinung, ſein Chef ziehe die Sache, ſo heftig auf und ab rennend, in Erwägung. Hätte nur nicht in dieſem Augenblicke die Schwiegermutter ſehr laut und ſehr vernehmlich geſagt:„Und er mag ſagen, was er will, und ſtreiten, ſo lange er Luſt hat, es iſt doch nichts als eben dieſe Luſt zum Streiten, und was er in ſeiner Taſſe gefunden, war harmloſer Kaffee und etwas Sahne.“ Bei dieſen Worten hielt der Rechtsconſulent mit einem förmlichen Ruck in ſeinem Spaziergang inne, und ſchien ſich heftig ins Eßzimmer hineinbewegen zu wollen. Doch beſann er ſich gleich darauf eines Andern, fuhr mit der Rechten, wie um ſich zu beſänftigen, von der Stirn herab über ſein ganzes Geſicht und trat dann nahe vor ſeinen Schreiber, in⸗ dem er demſelben mit der linken Hand das Corpus qelicti unter die Augen hielt. „Wollen Sie mir gefälligſt ſagen,“ ſprach er darauf mit merkwürdig ruhiger Stimme,„was ich hier zwiſchen meinen Fingern halte.“ Der lange Mann blickte hin und antwortete:„Das iſt ein Stückchen Schwamm.“ „Nicht wahr— Schwamm?“ „Ja wohl, Herr Doktor, Waſchſchwamm.“ „So iſt es!— Waſchſchwamm.“ Und dies ſagte er mit erhobener Stimme, indem er den Kopf gegen das Nebenzimmer wandte. Dort war es mit Einem Male ſtill geworden und dieſen Augenblick benutzte der Schreiber, um ſeine Frage wegen des anzuſtellenden Incipienten zu wiederholen, worauf der Rechts⸗ conſulent, offenbar milder geſtimmt durch das Zeugniß ſeines Untergebenen, demſelben zur Antwort gab:„Laſſen Sie Ihren 2 1 Nadelſtiche. 111 Empfohlenen gelegentlich in die Schreibſtube kommen, ich will ihn dort anſehen.“ Der lange Mann verbeugte ſich tief und verließ geräuſch⸗ los das Zimmer. Da der Rechtsconſulent einen Unparteiiſchen gefunden, der ihm vollkommen Recht gegeben, und der dieſes Urtheil mit ſo lauter Stimme geſprochen, daß es die Damen im Ne⸗ benzimmer nothwendig hören mußten, ſo fühlte er ſich mit Einemmale zur Verſöhnung geneigt und war im Begriff, ins Eßzimmer zurückzukehren und ſogleich die Hand dazu zu bieten. Hätte nur die unglückſelige Schwiegermutter in dieſem Augenblicke nicht geſagt:„Daß er ſeinem Schreiber ein Stück Schwamm gezeigt, iſt wohl möglich; aber wo er dieſen Schwamm hergebracht, mag Gott wiſſen! Daß im Kaffee kein Schwamm war, dafür will ich meinen Kopf verwetten!“ Als der Rechtsconfuleut das hörte, ſtand er erſtarrt, und alle menſchlichen Regungen ſchmolzen aus ſeiner Bruſt hinweg, wie nächtiger Schnee an einem warmen Aprilmorgen. Er trat feſten Schrittes ins Eßzimmer, halb und halb mit der Abſicht, fürchterliche Muſterung zu halten. Doch als er Frau und Schwiegermutter ſah, namentlich die Letztere mit hoch er⸗ hobener Naſe, um den Mund einen Zug kühler Verachtung, da zuckte er gelinde uit den Fingern und war im Zweifel darüber, ſollte er heftig losbrechen oder gelinde anfangend ſich in einen tüchtigen Zorn hineinſteigern. Er wählte das Letz⸗ tere, war aber kaum über den unglückſeligen Waſchſchwamm hinausgekommen, als ihn Mama mit Ernſt und Strenge unterbrach. „Herr Schwiegerſohn,“ ſagte ſie aufſtehend und indem ſie mit halb zugeſchloſſenen Augen und herabhängender Unterlippe Sechstes Kapitel. auf eine eigenthümliche und ſehr bekannte Art mit dem Kopfe wackelte,„Herr Schwiegerſohn, es handelt ſich jetzt nicht mehr um Waſchſchwamm oder nicht. Die Sache iſt an ſich voll⸗ kommen gleichgültig. Du lieber Gott(dabei blickte ſie ſchmerz⸗ lich in die Höhe), wir ſind Ihre Heftigkeiten ſchon ſo gewohnt, daß es uns einerlei iſt, wegen welcher Kleinigkeit Sie gerade losbrechen. Wiſſen Sie, Herr Schwiegerſohn, losgebrochen muß einmal ſein, und wenn Sie gerade nichts loszubrechen haben, ſo brechen Sie was vom Zaun, um loszubrechen.“ Bei dieſer Redewendung warf ſie einen triumphirenden Blick auf ihre Tochter, ſchüttelte aber dabei ihre Hand heftig gegen den Eidam, um ihn zum Schweigen zu veranlaſſen, und fuhr fort:„Ja, Herr Schwiegerſohn, es handelt ſich nicht mehr um die bewußte Kleinigkeit.“ Der Rechtsconſulent, der ſich ordentlich duckte unter die⸗ ſem heftigen Wörterſprudel, blickte ſeine Frau an, welche mit ſchmerzlicher Ergebung hinzuſetzte:„Ja, Chriſtian, das hätteſt du nicht thun ſollen. Wenn wir uns auch viel von dir ge⸗ fallen kaſſen, und uns gern in deine Launen fügen— Gott! und wir müſſen uns in viele deiner Launen fügen—“ „In unzählbare,“ ſagte die Schwiegermutter. „So hätteſt du doch das nicht thun ſollen,“ fuhr die Frau fort. „Ja, ums Himmels willen, was denn?“ fragte faſt be⸗ ſtürzt der Rechtsconſulent, indem er in ſeinen Gedanken haſtig um Sekunden, Minuten, Stunden, ja, Tage zurückwühlte, um etwas zu finden, worauf dieſe Rede paſſen könnte. „Er fragt noch!“ ſagte groß die Schwiegermutter. „Gewiß, ſo kann man nicht leben,“ meinte die Frau, Nadelſtiche. 113 wobei ſie wie gekränkt und getäuſcht den Kopf ſchmerzlich be⸗ wegt in die Hand ſinken ließ. Der Rechtsconſulent wußte nichts Beſſeres zu thun, als ein Bild des höchſten Erſtaunens darzuſtellen, indem er beide Hände ausſpreizte, den Mund etwas öffnete, die Augen weit aufriß und mit dem Kopfe ſchüttelte. „Was in der Familie geſchieht, Herr Schwiegerſohn,“ fuhr die Großmutter nach einer augenblicklichen Pauſe fort, „das bleibt in der Familie und iſt, wenn es auch unſere Herzen tief verwundet hat, für die äußere Welt doch ſo gut wie nicht geſchehen. Aber was ſoll man von einem Manne denken, der fremde Perſonen, ſeine Untergebenen, zwiſchen ſich und die Familie ſtellt, der ein Unrecht offenkundig macht, das er freilich ſelbſt begangen, der ſich ſelbſt und die Seinigen blamirt, indem er aller Welt zuruft: Seht her, ſo lebe ich in ewigem Zank und Streit mit den Meinigen!— Pfui, Herr Schwiegerſohn! Ich habe viel von Ihnen erwarten kön⸗ nen, aber das geht doch über alle Beſchreibung.“ Die letzten Sätze hatte ſie ſchneller und mit geſteigerter Stimme geſprochen und auf dieſe Art ihrem Schwiegerſohn kaum ihre Meinung ſo zu ſagen an den Kopf geworfen, als ſie ſich umwandte und ins Nebenzimmer rauſchte und, ſo ſieg⸗ reich abziehend, dem Miſſethäter und ihrer Tochter das Feld ließ, welch' letztere aber augenblicklich den Faden des Ge⸗ ſpräches aufgriff und, ehe der Rechtsconſulent zum Worte kommen konnte, hervorſchluchzte:„Ja, Chriſtian, das hätteſt du nicht thun ſollen. Das haben Mama und ich nicht um dich verdient. Gott! ich kann mich ja vor keinem Menſchen mehr ſehen laſſen. Muß man nicht mit Fingern auf mich zeigen? Und dir iſt es nicht genug, daß es Nachbarn und Hackländer, Don Quixote. I.. 8 114 Sechstes Kapitel. Dienſtboten erfahren, wie du Frau und Kinder mißhandelſt, nein! du ſorgſt auch in deiner unverſtändigen Wuth dafür, daß es die Stadt und das Land erfahre. O, ich armes, un⸗ glückliches, tiefgekränktes Weib!“ Damit fing ſie an zu weinen und ſtürzte ins Schlaf⸗ zimmer, wo die Kinder nur auf dieſen Moment gewartet zu haben ſchienen, um ein allgemeines Geheul anzuſtimmen, das von der Schwiegermutter in den Zwiſchenpauſen durch ent⸗ rüſtetes Räuſpern und ſehr bezeichnenden Huſten accompagnirt wurde. Dieſes war einer von den ſchrecklichen, ſchon öfter dage⸗ weſenen Augenblicken, wo das Ungeheuer von einem Rechts⸗ conſulenten im Zweifel war, ob er nicht in der That wirklich zu ſchlecht für dieſe Welt ſei und ſich nach einem Ausweg aus derſelben umzuſehen habe, oder ob er nicht mit geraden Füßen in die Höhe ſpringen, ſich verſchiedene Male im Kreiſe herum⸗ drehen und mit dem Kopfe irgend eine beliebige Thür ein⸗ rennen ſolle.— Doch entſchied er ſich nach einiger Ueberlegung für keinen dieſer Ausbrüche wilden Zornes, vielmehr dämmerte eine ſtille, aber innige Wuth in ſeinen Blicken auf; er biß die Zähne über einander, legte die Hände auf dem Rücken zuſammen und ſpazierte ein paar Mal im Zimmer auf und ab. Dieſes Mittel wirkte beruhigend, und als er ſich noch zu größerer Beſänftigung mehrere Male an die Stirn geklopft, konnte er ziemlich gelaſſen ſeinen Hut nehmen, ja, er vermochte es über ſich, draußen auf dem Hausflur, als er des tief entrüſteten Dienſtmädchens, der Babette, anſichtig wurde, und als er bemerkte, daß die Thür ſeiner Schwiegermutter ein wenig offen ſtand, mit zarter Beziehung die ſanfte Melodie zu pfeifen: Nadelſtiche. 115 Wenn die Schwalben heimwärts ziehn. Damit hatte er die nothwendige Faſſung errungen, um ohne Aufſehen bei den Hausleuten drunten vorbeigehen zu können und ſo auf ſeinem Bureau zu erſcheinen, wie es die Welt von einem glücklichen Gatten und Familienvater ver⸗ langt.— Doch wehe in ſolchen Augenblicken irgend einem juridiſchen Gegner! Da ſaß er hinter den trüb angelaufenen Fenſtern ſeiner Schreibſtube, eine erzürnte, brummende, aber fleißige Biene, aus vergilbten Aktenbündeln— Gift und Galle zuſammentragend. Siebtes Kapitel. Jockey und Gärtner. — Es thut uns außerordentlich leid, daß es uns auch dieſes Mal nicht erlaubt iſt, den Namen der Stadt anzugeben, in welcher dieſe vollkommen wahrhaftige Geſchichte ſpielt; es thut uns das in der That ſehr leid, demn wir haben großen Schaden dabei. Iſt doch der Leſer z. B. des franzöſiſchen Autors viel mehr zu Hauſe und fühlt ſich viel beſſer in die Situation hinein, ſobald unſer glücklicher College anfängt:„Wenn man ſich am Ende des Boulevard des Capucins rechts um die Madelaine herum wendet, ſo kommt man nach wenigen Schrit⸗ ten in ein Gewirre kleiner Gäßchen und Straßen, die mit ihren in der That armſeligen Häuſern ſo auffallend abſtechen gegen die Quartiere des Glanzes, Welche wir ſo eben ver⸗ laſſen,“ u. ſ. w. u. ſ. w. Ja, daß wir nicht im Stande ſind, den Schauplatz dieſer Geſchichte ebenſo genau zu bezeichnen, i*ſt ein Unglück. Es klingt ſo angenehm und ſchön, von einer exiſtirenden Stadt, einer wirklichen Straße, einer noch vor⸗ Jockey und Gartner. 117 handenen Hausthür und einer darauf noch ebenfalls ſichtbaren Nummer zu ſprechen. Leider aber ſchieben unſere kleinlichen Ver⸗ hältniſſe für uns arme deutſche Schriftſteller in dieſer Richtung zu große Riegel vor; denn ſelbſt unſere großen Städte ſind nicht groß genug, um in manchen Fällen eine genau erwähnte Straße und ſicher bezeichnete Hausnummer zu vertragen. Wollten wir etwa, was dieſe Erzählung anbelangt, dieſelbe nach Köln ver⸗ legen und einen unangenehmen Charakter, ſetzen wir den Fall, im Hauſe Hochſtraße Nr. 157 exiſtiren laſſen— wir wiſſen in der That nicht, ob es dort nur eine Nr. 157 gibt— ſo wäre der Eigenthümer dieſes Hauſes im Stande, uns zu näherer Erklärung auf die hochweiſe Polizei zu laden, und mit der Polizei, das geſtehen wir offen, haben wir nicht gern zu thun, obgleich ſich ſehr charmante Leute bei ihr befinden ſollen. Wenn wir uns auch in dieſem Punkte bis jetzt der größ⸗ ten Discretion befleißigt haben, ſo iſt uns doch ſchon ſehr oft der Fall vorgekommen, daß wir uns, bildlich zu reden, einen Herrn auf den Hals geladen, der zufällig eine große Naſe hatte, oder eine Dame mit einer ſcharfen Zunge, die gern in Kaffee⸗ Geſellſchaften zu gehen pflegt. Und namentlich Letzteres kann ſehr unangenehme Folgen haben. Wie oft ſchon haben wir betheuern müſſen, dieſer und jener Charakter ſei nie dageweſen und eine vollkommene Erfindung des Verfaſſers! Der verſtändige Leſer wird ſchon begreifen, warum wir beim Schreiben dieſes Satzes gelinde hinter der vorgehaltenen Hand huſten. Genug, es iſt traurig für uns, ſo eingeſchränkt zu ſein, und dieſer ein⸗ zige Grund könnte uns veranlaſſen, ſpäter einmal eine Geſchichte zu ſchreiben, die vor ein paar hundert Jahren geſpielt; denn da könnte man ſich ſchon gehen laſſen, und wäre jeder Controle, 118 Siebtes Kapitel. allen Nachweiſungen, ſowie allen unangenehmen Höflichkeiten und angenehmen Grobheiten enthoben. Für jetzt aber ſind wir in der Gegenwart, und der ge⸗ neigte Leſer wird uns hoffentlich glauben, daß die Stadt, in der wir uns jetzt gerade befinden, irgendwo ihre Grenzen hat, daß dann alte Thore kommen, die aber nicht mehr wie früher am Rande tiefer Gräben ſtehen, vor ſich ſchwere Zug⸗ brücken mit eiſernen Ketten, daß vielmehr dieſe Zeichen einer früheren finſteren und gewaltigen Zeit jetzt nur noch aus Pietät beibehalten ſind und oft mitten in freundlichen Spaziergängen ſtehen, zum Schein die Straße ſperrend, obgleich rechts und links von ihnen für die ganze Bevölkerung Platz genug iſt, um hinaus zu gehen. In ſo weit behaupten übrigens die alten Thürme noch ihr früheres Recht, indem ſie trotzig mit geſpreizten Beinen auf den gangbarſten Straßen ſtehen, die von der Stadt auslaufen. Eine dieſer Straßen zieht ſich einige hundert Schritte von dem Thorbogen, unter dem ſie entſpringt, entfernt nach der linken Seite, einen Theil der Stadt umkreiſend, als könne ſie ſich nicht vom Anblick derſelben trennen, und be⸗ ſchreibt ſo einen ziemlichen Bogen um die ehemaligen Stadt⸗ mauern, ehe ſie ſich, und wir glauben, mit einem tiefen Seuf⸗ zer, davon ab und ins freie Land hinaus wendet. An dieſem Bogen nun haben Leute, denen es darum zu thun war, friſchere Luft zu ſchöpfen und doch in der Nähe der Stadt zu ſein, gar hübſche Wohnungen erbaut, die, in oft ſehr großen Gärten liegend, alle Reize von Landhäuſern haben, und es doch wieder ihren Eigenthümern geſtatten, in der kürzeſten Zeit bei allen Vergnügungen der Stadt zu ſein. Dieſe Landhäuſer, bald groß, bald klein, folgen einander in einer langen Reihe und zeugen bald von mehr oder minder großem Reichthum, Jockey und Gärtner. 119 ſowie von geringem oder großem Geſchmack ihrer Erbauer. Mitunter liegen ſie anſpruchslos hinter kleinen Gärtchen und ſind alsdann unbedeutende Gebäude, mit einem übermäßig großen Balkon, der auf hölzernen Säulen ruht und ſich im Sommer, wenn Jungfernreben und wilde Roſen ihn um— ſchlingen, recht artig ausnimmt. Neben ihnen ſieht man vor⸗ nehme, ernſte und ſtille Gebäude, die ſich im Gefühl ihrer Würde weiter von der gemeinen Straße zurückgezogen haben und dieſe mit Mauern und weitem Gitterthor von ſich abſchlie⸗ ßen, während ſie aus ziemlicher Entfernung, halb verſteckt zwi⸗ ſchen hohen Bäumen, dem ordinären Getreibe da draußen ge⸗ ringſchätzig zuſchauen. Wenn wir ein paar Minuten auf der Straße fortſpaziert ſind, ſo kommen wir an eines der eben erwähnten Gitterthore, welches weit geöffnet iſt und uns nicht nur einen Blick, ſon⸗ dern auch im Gefühl unſerer unſichtbaren Eigenſchaften den Eintritt in den dahinter liegenden Garten geſtattet. Dieſer Garten iſt ſehr groß und ſcheint das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Vorn an der Straße iſt das Terrain den materiellen Gewächſen gewidmet, und trotz dem herbſtlichen Anſtrich, den das Ganze hat, ſieht man jetzt noch, wo ſich Gemüſefelder und dergleichen befanden. An dieſe ſtoßen wei⸗ ter nach dem Hauſe zu immergrüne Tuja⸗Hecken, hinter wel⸗ chen die ordinäre Proſa, bei der wir eben vorbeigekommen, aufhört und die Poeſie der Gartenwirthſchaft anfängt. Freilich ſind die hohen Stämme großer Roſenpartien des herannahen⸗ den Winters wegen niedergelegt; doch ſieht man deutlich, welche hervorragende Stellung ſie im Sommer einnehmen und wie ſie, den Zweck haben, die Ausſicht auf die eben erwähnten nütz⸗ lichen Anlagen zuzudecken. Hinter dieſen Roſen kommen in 120 Siebtes Kapitel. großer Mannigfaltigkeit Blumengruppen der verſchiedenſten Art, das heißt zur Sommerzeit, wie ſich von ſelbſt verſteht, mit Raſenplätzen untermiſcht, welche von zierlich arrangirten Ge⸗ büſchgruppen bedeckt ſind, die, vom niederſten Geſträuch an⸗ fangend, ſich bis zu einer koloſſalen Linde, Kaſtanie oder Blut⸗ buche erheben, um drüben wieder ebenſo abfallend an einen Raſenplatz zu ſtoßen oder an neue Blumengruppen, und ſo immerfort— man könnte glauben, bis in die Unendlichkeit hinein; denn der Erfinder dieſer Parkanlage hat dafür geſorgt, daß man von der Einfriedigung derſelben nie etwas gewahr wird, bis man im wahren Sinne des Worts mit der Naſe darauf ſtößt. Wandeln wir auf dem geraden Wege vom Eingangsthore beſchaulich fort, ſo ſehen wir alle dieſe verſchiedenen Blumen⸗ gruppen und Gebüſchpartien und endlich auch das reizende Wohnhaus, von weißem Steine aufgeführt, mit Balkonen, Terraſſen, hellen Fenſtern, freundlich und heimlich hervorblickend aus einem Kranze rieſenhafter Bäume, die es auf drei Seiten wie ein grüner Gürtel, wie eine freundliche Umhüllung umgeben, und zwiſchen welchen hindurch das Haus den Blick nach der Stadt zu frei hat. Auf dieſer Seite befindet ſich ein großer Raſen⸗ platz, in der Mitte mit einem Springbrunnen, vor welchem ſich der Weg in zwei Arme theilt, die ſich hinter demſelben an der Hauptthür wieder vereinigen. Rechts führt einer dieſer Arme an die nothwendigen Nebengebäude, Stallungen und derglei⸗ chen; links an die Gewächshäuſer, welche mit dem Wohnhauſe durch eine hohe Glasgalerie in Verbindung ſtehen, die zugleich als Wintergarten benutzt wird. Alles, was man hier im Garten und Park ſieht, zeugt von muſterhafter Ordnung und Reinlichkeit. Die herabge⸗ Jockey und Gärtner. 121 fallenen herbſtlichen Blätter ſind ſorgfältig aus den Wegen hinweg und in die Gebüſchgruppen hinein gekehrt, wo ſie, dem ewigen Kreislauf der Natur gemäß, wieder zu derſelben Erde werden, aus welcher ſie emporgeſproßt. Die jetzt leeren Par⸗ tieen, wo man im Sommer Blumen in tauſendfarbiger Pracht ſieht, ſind theils zum Winterſchlafe vorbereitet, theils ſchon wieder ſauber geebnet und mit ſchützendem Stroh bedeckt, ſo anzeigend, daß hier Hyacinthen, Crocus, Tulpen, Schnee⸗ glöckchen in zarter Zwiebelumhüllung ſchlummern und nur auf den erſten Kuß des Frühlings warten, um uns freundliche Vorboten zu ſein einer neuen glücklichen Zeit. Auch im Gemüſegarten ſind ganze Partien zugedeckt mit grünem Tannenreis, und während ſich unſere heimatlichen Bäume und Geſträuche des kräftigen Winterwetters freuen und die nackten Aeſte nicht ohne Behagen den rauhen Winden darbieten, haben ſich Rhododendron und Azaleen unter ſchützende Stroh⸗ decken zurückgezogen und befinden ſich einzeln ſtehende Magno⸗ lien unter ihrem warmen Wintermantel. Auf dem Kieswege, der Raſenplatz und Brunnen umgibt, bemerken wir ein elegant geſatteltes Pferd von hochbeiniger engliſcher Abkunft, das von einem ſehr kleinen Groom mit außerordentlich kurzen Beinen geführt wird. Beide verhalten ſich ungefähr zu einander wie der Affe zum Kameel, und wenn der kleine Reitknecht, die Hände, in denen ſich die Zügel be⸗ finden, auf dem Rücken, langſam vorwärts ſchreitet, ſo muß ſich der Kopf des großen Thieres ziemlich weit herabbeugen, um auf die goldene Troddel der blauen Jockey⸗Mütze ſeines Führers zu ſtoßen. Dabei ſieht das Thier mit ſeinen hellen freundlichen Augen luſtig in die Welt, während der kleine Jockey, der ein ſchon ziemlich altes Geſicht hat, außerordentlich 122 Siebtes Kapitel. verdrießlich um ſich blickt. Beide haben Brunnen und Raſen⸗ platz nun ein paar Mal umſchritten, und wenn der Jockey bei dieſem Spaziergange gegen das Haus hinſchreitet, ſo verſäumt er nicht, zu den Fenſtern des Gebäudes hinauf zu blinzeln, wo ſich aber immer nichts ſehen läßt, was er einer fortgeſetzten Aufmerkſamkeit für werth erachtet; denn er wendet ebenſo gleichförmig wieder um, wobei er höchſtens einen Zungenſchlag laut werden läßt, oder die ermunternden Worte:„Vorwärts, Lord, vorwärts!“ Jetzt ſind die beiden wieder einmal in die Nähe der Ge⸗ wächshäuſer gekommen, deren Fenſter der heute ziemlich ange⸗ nehmen Luft wegen geöffnet ſind, und wo man einen Gärtner ſieht, der in blauer Jacke und grüner Schürze beſchäftigt iſt, ein Bouquet zu winden. Der Gärtner blickt den Groom an und der Groom den Gärtner, und da der erſtere hierbei ein ziemlich pfiffiges Geſicht macht, ſo ſieht ſich der kleine Reitknecht veranlaßt, ſtehen zu bleiben, worauf der große Lord es ebenſo macht, und nun der Gärtner ſeinerſeits, da er durch ſeine Mienen die Bewegung dieſer wichtigen Geſchöpfe geſtört, es auch für ſeine Schuldigkeit hält, irgend eine geiſtreiche Bemer⸗ kung von ſich zu geben. „Nun, Friedrich,“ ſagte er,„du haſt doch wahrhaftig ein Leben wie Gott in Frankreich. Das wechſelt ab mit Spazieren⸗ gehen und Reiten; du biſt ein Glückskind. Wenn du noch lange lebſt und recht groß wirſt, da kannſt du es zu was bringen.“ Der Jockey blickte hierauf trotzig den Gärtner an, und nachdem er vor ſich auf den Kies geſpuckt, entgegnete er:„Ich möchte wiſſen, woher es eigentlich kommt, daß Ihr den ganzen Jockey und Gärtner. 123 Tag zu ſchlechten Späßen aufgelegt ſeid, ſo daß nie ein ernſtes Wort aus Euch herauskommt.“ „O, das iſt ſehr einfach,“ lachte der Gärtner,„das macht, weil ich mir bei meinen Blumen ein kindliches Gemüth be⸗ wahre und mich nicht über jede Kleinigkeit erzürne.“ „Und wer erzürnt ſich über jede Kleinigkeit?“ „Na, du, Friedrich, das wirſt du wohl nicht läugnen wollen. Biſt ſonſt ſo ein verſtändiger Kerl; mußt dir das ab⸗ gewöhnen; es geht keinem Menſchen in dieſer ſchlimmen Welt nach ſeinem Kopf; mir wahrhaftig auch nicht.“ „Schon recht, ſchon recht,“ entgegnete der Reitknecht;„aber Ihr werdet mir zugeben, Andreas, daß man der ewigen Sti⸗ cheleien ſatt werden muß. Daß ich nicht groß bin, weiß ich, und ebenſo, daß ich leider nicht viel mehr wachſen werde. Aber das mit tauſend Spöttereien auf jedem Stück Brod eſſen zu müſſen, das iſt hart, und das kann ich nun einmal nicht vertragen.“ „Richtig, richtig, Friedrich; und danach Jemand dir das Brod ſtreicht, deſto härter iſt es. Ich begreife das wohl, aber du biſt ein verfluchter Kerl, und ich ſage dir, du kommſt doch noch zu deinem Ziel.“ „Was für ein Ziel?“ fragte halb mürriſch und wie weg⸗ werfend der Jockey; und obgleich er that, als wollte er dem Gärtner den Rücken zukehren, ſo wußte er doch durch einen ge⸗ ſchickten Druck an dem Zügel des Pferdes dieſes eine Bewegung machen zu laſſen, welche ihn, wie ganz unabſichtlich, den Ge⸗ wächshäuſern um ein paar Schritte näher brachte. „Ich ſage dir,“ fuhr lachend der Gärtner fort,„du biſt ein gefährlicher Kerl, und wenn ich der gnädigen Frau ihre Kammerjungfer wäre, ich nähme mich vor dir in Acht. Nicht 124 Siebtes Kapitel. wahr, achtzehn biſt du vorüber? Nun, ſiehſt du, Schalk! Und wenn die Nanette gut gelaunt iſt, ſo nimmt dich die Nanette auf den Schooß, als wärſt du noch ein Kind.“ Bei dieſen Worten fuhr es wie ein Blitz über die düſte⸗ ren Züge des kleinen Reitknechts; doch ſagte er gleich darauf wieder ſo finſter wie zuvor:„Und wenn ſie ſchlecht gelaunt iſt, dann ſtehe ich ihr überall im Wege, oder bin gar nicht für ſie auf der Welt.“ „Du verlangſt auch zu viel,“ fuhr vergnügt der Gärtner fort, indem er das angefangene Bouquet weit von ſich abhielt, um den Totaleffekt zu beurtheilen;„wenn man ſchlecht gelaunt iſt, wer von uns hat da nicht ſeine üblen Stunden? Aber ich ſage dir, Friedrich, du kommſt zu was, wenn du's nur pfiffig anſtellſt. Daß ich dein Freund bin, daran wirſt du nicht zweifeln; ich habe es dir oft genug durch die That bewieſen. Wie manche hübſche Roſe und frühe Veilchen haſt du mir ab⸗ geſchwatzt! Ich ſage dir, wenn die gnädige Frau einmal da⸗ hinter kommt, daß Mamſell Nanette oftmals ſo ſchöne Bou⸗ quets bekommt, wie ſie, na, da können wir uns auf ein böſes Wetter gefaßt machen.“ Bei dieſen Worten hatte ſich der Jockey, wenn auch lang⸗ ſam, doch ſo weit dem Gewächshauſe genähert, daß er ſich jetzt an das Fenſter lehnen konnte, hinter welchem Andreas arbeitete. Lord trat noch einen Schritt weiter vor, als nothwendig war, ſtreckte ſeinen Kopf zwiſchen die Pflanzen und ſchnüffelte behaglich bei dem friſchen Duft des Grüns. Der Gärtner war an ſeinem zweiten Bouquet; eines, aus den verſchiedenſten bunten Blumen beſtehend, lag fertig neben ihm. Dies war ſcheinbar prachtvoller als das, mit dem er eben beſchäftigt war; doch ſchien er das zweite mit beſon⸗ Jockey und Gärtner. 125 derer Aufmerkſamkeit zu behandeln. Es wurde dies aber auch in der That ein kleines Meiſterwerk; ſehr breit, ſehr flach, beſtand es aus herrlich duftenden Veilchen, in deren Mitte ſich eine einzige eben aufblühende weiße Camellienknospe be⸗ fand, ſo friſch und dabei von ſo wunderbarem Bau, daß man jetzt ſchon die einzelnen Blättchen erkennen konnte, wie ſie ſich zauberhaft durch einander wanden, im Mittelpunkt mit Gelb angehaucht. „Ueberhaupt haſt du,“ fuhr der Gärtner nach einer Pauſe fort,„den wichtigſten Dienſt. Was geht nicht alles durch deine Hände! Und wenn ich jetzt wieder von deiner kleinen Figur rede, und daß du wie ein Kind ausſiehſt, ſo will ich dich, weiß Gott, damit nicht ärgern, indem ich ſage, daß das in deinem Geſchäft ein ungeheurer Vortheil iſt. Was Teufel! wenn der Herr Baron einen großen Bengel von Reitknecht irgend wohin ſchickt mit einem Brief, einem Bouget, ſo wird er natürlich vor die Thür geſetzt, während man liest oder empfängt, du aber darfſt im Zimmer ſtehen bleiben; du biſt ein artiger kleiner Kerl; für dich hat man immer was übrig, und da du ein verfluchter, aufmerkſamer Spitzbube biſt, ſo nimmſt du nicht nur das Guldenſtück, das man dir in die Hand drückt, ſondern merkſt dir auch jedes Wort, das geſpro⸗ chen wird, weißt es zu Hauſe dem Herrn zu rapportiren und bleibſt immer der Hahn im Korb.“ Von dem Geſichte des Jockey's war in dieſem Augenblicke aller Mißmuth verſchwunden, und er lächelte ſtill in ſich hinein. Der Gärtner hatte ſein Bouquet beendigt, legte es zu dem anderen, und nachdem er es einen Augenblick betrachtet, fuhr er lachend fort, indem er die Hände auf das Fenſterbrett ſtützte und zu gleicher Zeit dem kleinen Reitknecht feſt in die 126 Siebtes Kapitel. Augen blickte:„Friedrich, Friedrich, du biſt vollgeſchrieben wie ein Buch, aber dabei ein verſchloſſener Kerl, der ſeinen Freun⸗ den auch nicht das Geringſte ſagt; aber wir ſind doch nicht ſo dumm, wie wir ausſehen, und wenn es auch heißt: all die ſchönen Bougets wandern in das alte Raubſchloß zur Schwe⸗ ſter der gnädigen Frau oder zu deren Fräulein Tochter, ſo wiſſen wir das doch beſſer. Pfui, Friedrich, wer wird ſo hinter dem Berg halten!“ „Das iſt die lautere Wahrheit,“ entgegnete der Groom, indem er ſeine kleinen Arme über einander ſchlug.„Das kommt alles ins Haus da drüben.“. „Alle dieſe Bouquets, Woche für Woche?“ „Alle.“ „So, ſo! ei, ei!“ ſagte pfiffig lächelnd der Gärtner.„Und wenn dem ſo iſt, ſo erhält das junge Fräulein ein ſchönes großes Bouquet hier, und die Veilchen ſind für die gnädige Frau?“ „Das iſt nun gerade umgekehrt, lieber Andreas,“ erwi⸗ derte der Reitknecht mit einem ſehr wichtigen Lächeln.„Das Fräulein bekommt allemal die kleineren Bouquets.“ „Aha, die kleineren,“ meinte nachdenkend und kopfnickend der Gärtner.„So, die kleineren, die immer aus den ſeltenſten Blumen gemacht werden! Ah, ah! So, ſo!“ „Ja, und das Fräulein iſt auch ſehr dankbar dafür, denn ſie behandelt mich ſogar mit einer Artigkeit, woran ſich manche ſehr minder vornehme Dame ein Exempel nehmen könnte.“ Das gab er mit einem kleinen Seufzer von ſich. „Wie oft kommt ſie zu mir herunter,“ fuhr er darauf fort,„wenn ich bei den Pferden ſtehe, und lobt den Lord, ſowie auch ſogar meinen kleinen Schimmel mit ſehr vernünfti⸗ Jockey und Gärtner. 127 gen und klugen Worten! Sie pätſchelt die Pferde mit ihrer kleinen Hand, und die Pferde laſſen ſich das gern gefallen.“ „Nun da wird es anderswo auch nicht darauf ankommen, ſich das gefallen zu laſſen,“ meinte lachend der Gärtner.„Aber wenn in dergleichen Kleinigkeiten deine ſämmtlichen Wahrneh⸗ mungen beſtehen, mein lieber Friedrich, dann muß ich doch bekennen, daß du das richtige Zeug nicht haſt, aus dem ein pfiffiger Groom gemacht ſein ſoll.“ „Wahrnehmungen,“ erwiderte einigermaßen verletzt der Andere,„wichtige Wahrnehmungen, wenn man ſie wirklich macht, die wirft man nicht nur ſo von ſich und ſpricht dar⸗ über zwiſchen Thür und Angel in der freien Luft.“ Bei dieſen Worten warf er einen Blick rings um ſich her, beſonders nach dem Hauſe zu; doch ließ ſich dort nach wie vor nichts ſehen. Der Gärtner hatte unterdeſſen ſeine beiden Bouquets in die Höhe genommen, betrachtete ſie aufmerkſam mit großer Liebe und ſchien das Geſpräch von vorhin gar nicht mehr an⸗ knüpfen zu wollen, ſondern ſagte nur, indem er ſich langſam, wie zum Weggehen, herumwandte:„Ja, ja, wenn du deine Wahrnehmungen für dich behältſt, ſo haſt du eigentlich Recht; ſelbſt eſſen macht fett, und du biſt ſo ein ganz verfluchter Kerl, daß du keines Freundes Hülfe bedarfſt.“ Dabei ſpitzte er den Mund und fing gleichgültig an zu pfeifen. „Seht Ihr, Andreas,“ entgegnete faſt mißmuthig der kleine Reitknecht,„ſo ſeid Ihr faſt immer. Wenn man einmal im Begriff ſteht, ein vernünftiges Wort mit Euch zu reden, da werft Ihr den Kopf in die Höhe und macht Eure wider⸗ wärtigen vornehmen Bemerkungen. Wißt Ihr wohl, daß Einen das gar nicht aufmuntern kann?“ Siebtes Kapitel. 4 „Lieber Freund, ich will dich auch gar nicht aufmuntern,“ verſetzte der Gärtner.„Du lieber Himmel— Wahrnehmun⸗ gen! was gehen mich alle Wahrnehmungen an! Thu' ich das Meine, thu' du das Deine, ſo thut ein Jeder das Seine. Das iſt mein Wahlſpruch und darmit halt' ich's.“ Er machte eine Viertelswendung und zu gleicher Zeit Miene, als wolle er das offenſtehende Fenſter dem kleinen Groom vor der Naſe zuziehen. „Ihr könnt wirklich unausſtehlich ſein, Andreas,“ ſagte Jener,„und habt namentlich die ſcheußliche Manier, ehrliche Leute nicht ausreden zu laſſen. Ich wollte Euch ja nur wegen Wahrnehmungen, die ich gemacht, um Rath fragen, was Ihr davon denkt, oder ſo.“ „Wenn ich dir dienen kann,“ ſprach mit einer affektirten Gleichgültigkeit der Gärtner,„ſo laß hören. Du biſt ein un⸗ geheurer Kindskopf— wirſt was Rechtes vernommen haben! Vor allen Dingen aber,“ unterbrach er ſich,„will ich vorher die beiden Lederfutterale holen, um die Bouquets hinein zu thun, damit wir wenigſtens fix und fertig ſind, wenn der Herr Baron kommt.“ Damit trat er in das Gewächshaus zurück und verlor ſich auf ein paar Augenblicke hinter den Stellagen. Der kleine Reitknecht wandte ſich gegen Lord um und drückte ihn an den Zügeln langſam zurück; denn das große Thier mit ſeinem langen Halſe hatte, dem Blätterduft folgend, ſeinen Kopf in das Glashaus geſteckt und bewegte die Lippen vor irgend einem ſeltenen Strauche, als wolle es eifrig anfangen, ihn zu benagen. Andreas kam zurück, in ſeiner Hand zwei ſchwarzlederne Jockey und Gärtner. 129 Futterale, die ungefähr ſo ausſahen, als wolle man Kinder⸗ helme darin aufbewahren. Der Groom hatte ſich wieder genähert, ſetzte ſich auf die Fenſterbank und bemühte ſich, das Folgende recht leiſe zu ſpre⸗ chen.„Das war vorgeſtern,“ ſagte er,„ich führte die Pferde an der Seite des alten Hauſes hinter dem großen Bretterver⸗ ſchlag auf und ab.“ „Ja, es hat dort nichts als verfallene Bretterverſchläge,“ bemerkte der Gärtner mit einem eigenthümlichen Lachen. „Da kam unſer gnädiger Herr mit ſeiner Frau Schwä⸗ gerin herab, und ſie ſprachen eifrig zuſammen.— Er wird es nicht gern zugeben, ſagte ſie.“ „Wen meinte ſie mit dem Er?“ fragte Andreas. „Nun, ihren Mann, den alten Baron.“ „Aha!“ „Alſo: er wird es nicht gern zugeben, wiederholte ſie mehrere Male. Sie habe ſchon verſucht, ihn zu überreden, aber er meinte immer, er ſehe keinen Grund dazu. Eugenie ſei ganz gut in ſeinem Hauſe, und er halte es nicht für paſ⸗ ſend, ſie in das ihrer Schweſter zu thun.— Verſteht Ihr, Andreas?“ „Ich fange an,“ erwiderte dieſer, indem er den Finger an die Naſe legte. „So, Ihr verſteht!“ rief der Groom mit dem Ausdruck wahrhaften Erſtaunens;„ich verſichere Euch, ich hab' es nicht verſtanden. Aber es ſchien mir wichtig genug, Euch davon in Kenntniß zu ſetzen, und da ein Dienſt des andern werth iſt, ſo könnt Ihr mich auch ein bischen klar ſehen laſſen.“ „Natürlich,“ ſagte der Gärtner kopfnickend;„und du Hackländer, Don Quixote. I. 9 130 Siebtes Kapitel. wirſt einſehen, Friedrich, wie gut es iſt, wenn man hier und da vertrauliche Mittheilungen macht.— Nun alſo, du kennſt ja drüben das traurige Hausweſen, Armuth und Edelſinn, wie man zu ſagen pflegt; und dabei ein Stolz und Hochmuth, der gen Himmel ſchreit. Daß es für die Herrſchaft in dem alten Raubſchloß ſchon traurig genug iſt, ſich ſo durchſchlagen zu müſſen, das wird dir einleuchten; daß aber ein junges ſchönes Mäd⸗ chen, wie Fräulein Eugenie iſt, einen ſolchen Zuſtand unerträg⸗ lich finden muß, das kannſt du dir am Ende auch denken. Sie hört oft genug von Vergnügungen reden, an denen ſie nicht Theil nehmen kann, ſie ſieht andere junge Damen, mit denen ſie aufgewachſen, vornehm und reich gekleidet, und muß ſich behelfen, ſo gut es immer geht. Und dann iſt auch noch An⸗ deres in dem Hauſe da, was das arme Fräulein, wenn ſie einmal dahinter kommt, ganz complet unglücklich machen muß. Und ich ſage dir, ſie kommt dahinter; denn was ſo ein junges Mädchen nicht ſieht, das fühlt ſie; du kannſt mir glauben, ich habe viel in der Welt erfahren und gehört:— das unver⸗ dorbene Herz eines jungen Mädchens fühlt dir durch eine Hauswand hindurch, und es liegt ihr in den Gliedern, wenn im Nebenzimmer etwas Unrechtes geſchieht.— Verſtanden, wenn ſie einmal aufmerkſam geworden und in ein gewiſſes Alter kommt.“ „Ja, ja,“ meinte der Groom, indem er ſich ſo lang als möglich ſtreckte und eine wichtige Miene anzunehmen verſuchte; „ja, in dem Haus mag Manches paſſirt ſein.“ „Und paſſiren,“ ergänzte Andreas.„Ich ſage dir, der Kammerdiener, den ſie hat— eigentlich Kammerdiener, Be⸗ dienter, Alles in Allem— das iſt ein ganz verfluchter Kerl.“ Jockey und Gärtner. 131 „Den hüätte ich ſchon lange ſpazieren geſchickt, wenn ich der alte Baron wäre,“ meinte der Groom mit majeſtätiſchem Stirnrunzeln. Und darauf blies er die Backen auf, um ſeinem Geſichte ein Anſehen zu geben. „O, lieber Freund,“ fuhr der Gärtner fort,„um ſpazie⸗ ren zu ſchicken, muß man die Thürklinke in der Hand haben und ſich nicht immer in der Zimmerecke verbergen müſſen, wie der alte gnädige Herr. Und dann kannſt du verſichert ſein,“ ſprach er mit leiſer Stimme,„daß die Frau Baronin da drü⸗ ben lieber das ganze Haus, Mann und Kind ſpazieren ſchicken ließe, als den Herrn Frangois.“ „Aha, jetzt begreife ich auch,“ meinte der kleine Reitknecht nach einem kleinen Stillſchweigen,„warum unſer gnädiger Herr mit dem Monſieur Francois oft ſo eigenthümlich ver⸗ fährt. Ich ſage Euch, er iſt hier bei uns gegen den Stall⸗ buben höflicher, als dort gegen den allgewaltigen Kammer⸗ diener.“ „Ich begreife das; aber es wird ihm nicht viel nützen Um dich aber wegen des Geſpräches hinter dem Bretterzaun aufzuklären— wohlverſtanden, damit du deine langen Ohren nach der richtigen Seite hin offen hältſt,— ſo wiſſe denn, daß unſere gnädige Frau und auch der Herr Baron Fräulein Eugenie gern hieher nehmen möchten, um ſie ſtandesgemäß erſcheinen zu laſſen und es vielleicht ſo möglich zu machen, daß ſie ſpäter einmal ſich gut verheirathet.“ „Ah!“ machte Friedrich, dem ein helles Licht aufzuflam⸗ men ſchien.„Welche von beiden Schweſtern iſt denn älter?“ fragte er nach einer Pauſe,„unſere gnädige Frau oder die da drüben?“ Siebtes Kapitel. „Unſere gnädige Frau iſt älter,“ verſetzte der Gärtner mit einem leichten Seufzer. „Und Beide waren ſehr reich?“ fragte der Groom weiter. Der Gärtner blies den Athem von ſich, wobei er die Augen aufriß, und dann ſagte er:„Unmenſchlich reich, Beide. Wir aber hier hielten das Unſrige zu Rathe, während es drüben zu allen Fenſtern, Thüren und zum Schornſtein hin⸗ ausflog.“ „Es iſt das doch eine verkehrte Welt,“ philoſophirte der Groom nach einer Pauſe.„Unſer gnädiger Herr, der doch um mehrere Jahre jünger iſt, heirathet die ältere Schweſter, und der alte Baron drüben die jüngere.“ „Dem iſt es auch ſchlecht genug bekommen,“ erwiderte der Gärtner, ſetzte aber gleich darauf in ganz anderem Tone hinzu: „Du, mache dich fertig, man kommt. Gehe nur mit deinem Pferde, ich will die Blumenbouquets ſchon auf deinen Klepper aufſchnallen!“ Der kleine Reitknecht rutſchte auf dieſe Weiſung, ohne ſich umzuſehen, von der Fenſterbank hinab, faßte den Zügel von Lord etwas feſter und begab ſich eilig nach dem Hauſe zurück. Dort hatte ſich mittlerweile die Hausthür geöffnet, und ein großer, ſchön gewachſener Mann, breitſchultrig, etwas ſtark, doch mit einer zierlichen Taille, war auf die Treppe getreten. Er trug einen dunkeln, ziemlich langen Paletot, den er bis oben zugeknöpft hatte, und zog eben an ſeinen Handſchuhen, wobei er eine ſchwere engliſche Reitpeitſche mit ſilbernem Knopfe unter dem Arme hielt. Er hatte ein angenehmes, etwas ſtarkes Geſicht, krauſes blondes Haar, einen eben ſolchen Bart, der aber künſtlich vollkommen horizontal nach beiden Seiten hinaus dreſſirt war. In der geöffneten Thür ſtand eine Dame Jockey und Gärtner. 133 in ſchwarz ſeidenem Kleide, feſt in einen großen Shawl ge⸗ wickelt; ſie war einfach mit einer Morgenhaube coiffirt, offen⸗ bar aber um mehrere Jahre älter als der blonde Mann auf der Treppe draußen. Sie machte ebenfalls Miene, hinaus zu treten, doch drückte ſie der Herr ſanft zurück, wobei er mit einer angenehmen, klangvollen Stimme ſagte:„Bleibe zurück, mein Schatz, es iſt in der That ein bischen kühl, ich ſpürte einen ſcharfen Wind.“ Dabei hob er den Kopf in die Höhe und ließ den Luftzug, der von Norden kam, einen Augenblick über ſein Geſicht ſtreichen, ſo daß ihm das blonde Haar empor⸗ gelüpft wurde. „Bleibſt du lange aus, George?“ fragte die Dame, worauf er entgegnete:„Ich kann das ſo ganz genau nicht beſtimmen. Sollte es mir übrigens nöthig erſcheinen, anderswo zu diniren, ſo laſſe ich es dir vorher durch Friedrich, der mit den Pferden zurückkommt, ſagen. Adieu, mein liebes Kind.“ Damit wandte er der Thür den Rücken und blickte ſo ruhig und gleichgültig vor ſich hin, als ſei er vollkommen allein in der Welt. Unterdeſſen war Friedrich mit dem langbeinigen Lord am Fuß der Treppe erſchienen und hatte das Pferd kunſtgerecht hingeſtellt, ſo daß ſein Herr nur den Fuß aufzuheben brauchte, um in den linken Steigbügel zu treten. Als er dies that, hängte ſich der kleine Groom an den rechten Steigbügel, und zwar ſo kräftig, daß ſich ſeine beiden kleinen Beinchen vom Boden erhoben. Lord ſtand wie eine Mauer, und der große blonde Herr ſchwang ſich zierlich und elegant in den Sattel, worauf er eine Cigarrendoſe hervorzog, eine Cigarre nahm, dieſelbe mit einem Zünder langſam und bedäch⸗ tig in Brand ſetzte, und dann im Schritt um den Raſenplatz mit dem Braunen gegen das Gitterthor davon ritt. Siebtes Kapitel. Jockey und Gärtner. Der kleine Groom war mitlerweile mit einer außerordent⸗ lichen Geſchwindigkeit zwiſchen den Wirthſchaftsgebäuden ver⸗ ſchwunden, und als er gleich darauf wieder zum Vorſchein kam, ſaß er hoch auf ſeinem kleinen Schimmel. Klein war das Thier im Verhältniß zum voranſchreitenden Lord, immer aber noch ein Rieſenpferd für den unbedeutenden Reitknecht. Doch ſaß er nicht ſchlecht auf ſeinem Sattel und ſah in der That nicht ſo übel aus in den engen Reithoſen, den Stiefeln mit gelben Kappen und dem elegant gemachten dunkeln Livree⸗ Rock. Um den Leib hatte er einen gelben Riemen, welcher dazu diente, einen zuſammengefalteten grauen Plaid feſtzuhal⸗ ten, und zwar auf dem Rücken an der Stelle, wo der Infan⸗ teriſt ſeine Patrontaſche zu tragen pflegt. Die beiden Blumen— futterale hingen zu beiden Seiten des Sattels, wo ſich ſonſt die Piſtolenholftern befinden. Friedrich hatte den Hut keck auf das rechte Ohr geſetzt, und da ſich Lord mit dem Herrn ſchon am Gitterthor befand, als der Groom den Raſen⸗ platz umkreiste, ſo hielt letzterer es aus dieſem Grunde für nöthig, ſeinen Schimmel in einen kurzen Galopp zu verſetzen. Ob auch noch ein anderer Grund vorhanden war, ſich ſo als tüchtiger Reiter zu zeigen, können wir nicht mit Gewißheit an⸗ geben; nur ſo viel wollen wir verrathen, daß in dieſem Augen⸗ blicke die Kammerjungfer der gnädigen Frau oben am Fenſter erſchien, um— friſche Luft zu ſchöpfen. Achtes Kapitel. Eugenie. Der große blonde Mann, dem das ſchöne Landhaus und der hübſche Garten gehört, welch letzteren er ſo eben auf ſeinem hohen Engländer verlaſſen, war der Baron George von Breda. Einſt als Rittmeiſter bei den königlichen Kü⸗ raſſieren der„wilde George“ genannt, hatte er übrigens, wie guter Wein, ziemlich frühzeitig ausgegohren und war, um uns ſo auszudrücken, zu einem klaren und verſtändigen Getränke ge⸗ worden, mit recht vielem inneren Gehalte, aber ohne ſpru⸗ delnde Eigenſchaften. Es ließ ſich angenehm mit ihm um⸗ gehen, ſeine Freunde konnten ſich auf ihn verlaſſen, und er half Jedem gern, wenn er nämlich erſt einmal in Bewegung geſetzt war. Früher Jaußerordentlich ſchlank, faſt dünn, war er zu Anfang der Dreißiger, in denen er ſich jetzt befand, ſtärker geworden und hatte mit dieſem äußeren Umfange eine ziemliche Gemächlichkeit angenommen, die erſt überwunden ſein wollte, ehe man ihn recht zum Handeln brachte. Zog er aber 136 Achtes Kapitel. einmal für irgend eine Sache, die ihm recht und gut dünkte, ſo wurde er wieder ganz Küraſſier und machte auf die Hin⸗ derniſſe, die ſich ihm entgegenſtellten, einen ſo unwiderſtehlichen Choc, daß er meiſtens für ſich oder ſeinen Schützling Alles niederwarf und eine freie Bahn brach. Ziemlich unbegütert, hatte man es begreiflich gefunden, daß er, ein ſchöner und ausgezeichneter Offizier, ſeine jetzige Frau, die, wir können das nicht verſchweigen, vielleicht zehn Jahre älter war, aber ein außerordentliches Vermögen beſaß, geheirathet hatte. Erleben wir doch faſt täglich ähnliche, für uns oft ganz unbegreifliche Fälle. Auch den Kameraden und näheren Bekannten von George von Breda erſchien dieſe Hei⸗ rath vollkommen paſſend; denn er war im Punkte weiblicher’ Bekanntſchaften ſelbſt in ſeiner wilden Zeit immer außeror⸗ dentlich zurückhaltend geweſen; man konnte ihm keine Lieb⸗ ſchaften nachſagen, und wenn er in Geſellſchaften und auf 1 Bällen war, ſo ſah man den jungen Offtzier adorirt von älteren Damen ſeiner Bekanntſchaft, denn gegen dieſe benahm er ſich in der That aufopfernd. Er konnte ſich Stunden lang mit Geheimräthinnen oder verwittweten Baroneſſen aufs An⸗ gelegentlichſte unterhalten; ja, wenn er tanzte, ſo geſchah das meiſtens nur, um ältlich gewordene Schönen, deren Schifflein auf eine trügeriſche Balluntiefe oder eine Sandbank gerathen war und ſitzen zu bleiben drohte, wieder flott zu machen. Mit der Baronin, ſeiner Frau, lebte er vortrefflich. Er behandelte ſie aufmerkſam, achtungsvoll, hatte ſich aber gleich zu Anfang der Ehe auf einen ſolchen Fuß mit ihr zu ſetzen gewußt, daß er unumſchränkter Herr ſeiner Zeit und ihres Vermögens war. Doch trieb er mit dieſer Herrſchaft durch⸗ aus keinen Mißbrauch, er war weder ausſchweifend, noch ver⸗ Engenie. 137 ſchwenderiſch, noch geizig; ja, man mußte ihm nachrühmen, daß er ein vortrefflicher Haushalter ſei, denn er verwaltete das Vermögen, welches ihm ſeine Frau zugebracht, trotzdem, daß ſie auf einem ziemlich großen Fuße lebten, ſo muſterhaft, daß er jährlich bedeutende Erſparniſſe zurücklegen konnte. Wie ſchon früher bemerkt, war er ſeiner Freunde Schutz und Hülfe, und man konnte bei verwickelten Angelegenheiten dieſen und jenen der jungen Herren ſagen hören:„Mein Rath iſt, du gehſt zu George und trägſt ihm die Sache vor. Findet er nichts Faules daran und verſpricht er dir ſeine Hülfe, ſo haſt du halb gewonnenes Spiel. Denn wenn George ſeine Schraube anſetzt, dann kommt er durch; darauf kannſt du dich verlaſſen.“ Daß ein ſo eigenthümlicher und vortrefflicher Charakter ſeine Schattenſeiten haben mußte, verſtand ſich von ſelbſt. Wer ihn nicht näher kannte, hielt ihn für über alle Maßen hochmüthig und für einen Menſchen, der die Welt nur ſo von oben herunter betrachtet; und daran war ſein ſchroffes Aeußere, ſeine aufrechte militäriſche Haltung mit ſtolz erhobenem Kopfe und ſehr hoch getragener Naſe ſchuld. Einer allzu großen Zuvorkommenheit gegen Fremde pflegte zer ſich nicht zu be⸗ fleißigen; es war ihm läſtig und unbequem, neue Bekannt⸗ ſchaften zu machen, und er hielt ſich dieſe häufig durch ein ſteifes, faſt unangenehmes Weſen fern. So ritt er dahin; Lord ging im Schritte, und der Baron führte mit der linken Hand nachläßig die Zügel, während er mit der Rechten zuweilen die Cigarre aus dem Munde nahm. Der Weg führte auf der großen Straße eine Zeit lang an den ſchon früher erwähnten Landhäuſern worbei, die in großer Mannigfaltigkeit die Stadt umgaben. Wo ſich aber die 138 Achtes Kapitel. Chauſſee von der Stadt entfernte, hörten auch dieſe zerſtreut liegenden Wohnungen auf, und als der Baron die letzten der⸗ ſelben hinter ſich gelaſſen, ſetzte er ſein Pferd in Trab und folgte auf dieſe Art der ſich rechts wendenden, ſanft anſtei⸗ genden Landſtraße. Bald hatte er eine kleine Anhöhe, die vor ihm lag, er⸗ reicht, und blieb dort einen Augenblick halten, um einen Blick rückwärts auf die Stadt zu werfen, die in Qualm und Dunſt unzähliger Schornſteine, ſowie im Morgennebel, der noch nicht ganz verſchwunden war, vor ihm ausgebreitet da lag. Dort ſah er auch ſein Haus und erkannte es an einer kleinen rothen Fahne, welche von dem hohen Dache flatterte. Eigentlich ſchien ihm dieſes Betrachten der Stadt Nebenſache zu ſein; denn der Blick, welchen er hinabwarf, war außer⸗ ordentlich gleichgültig; es war Gewohnheit von ihm, hier oben bei ſeinen Ritten eine kleine Weile anzuhalten; auch dieſes Mal dauerte dieſer Aufenthalt höchſtens ein paar Sekunden, worauf er Lord wieder vorwärts gehen ließ, in raſchem Trabe ſeine Straße verfolgend, die von hier abwärts führte, einem weiten Thale zu, mit ſo dichtem und hohem Buſchwerk bedeckt, daß man es wohl einen Wald hätte nennen können. Unten in dieſem Thale angekommen, verließ er die Straße, die auf der anderen Seite abermals eine Anhöhe erſtieg, um darauf zu verſchwinden, und lenkte links in einen ziemlich verwahrlosten Weg ein, der durch das oben erwähnte Thal führte. Es war dies eine Straße, einſt breit angelegt, auch mit Waſſergräben verſehen, welch letztere aber im Lauf der Zeiten nicht nur einestheils ganz verſchwunden waren, ſondern auch anderntheils ſich durch angeſammelten Regen ein neues Bett in der Straße ſelbſt geſucht und dieſe allmälig dadurch Engenie. 139 verengt hatten; auch umgeworfene Bäume waren bald rechts, bald links liegen geblieben, hatten ſich in den nach und nach eingeweichten Grund dieſes Weges eingeſenkt und waren dann von der freundlichen Natur gleich dieſem mit grünem Mooſe überzogen worden, oder nährten zur Sommerzeit allerlei Schling⸗ und Schmarotzer⸗Pflanzen, die luſtig aus ihnen emporwuchſen, um nach beſtem Willen und Vermögen den Weg zu kreuzen. Was dieſe Straße eigenthümlich, faſt traurig machte, waren ehemalige Ruheplätze, unter den überhängenden Zweigen hochſtämmiger Bäume angelegt, die jetzt ſo gar ruinenhaft und wehmüthig ausſahen; denn die ſteinernen Bänke dieſer Ruhe⸗ plätze waren theils gar nicht mehr vorhanden, theils verwittert und von ihren Unterlagen herabgeſtürzt. Der Baron folgte dieſem Waldwege eine kleine halbe Stunde ſo ſchnell wie möglich und erreichte alsdann ein ehemali⸗ ges Parkthor, das vollkommen zu den eben erwähnten Ruhe⸗ plätzchen paßte und einen würdigen Schluß zu dieſer verwahr⸗ losten Straße bildete. Vor demſelben befand ſich eine ge⸗ wölbte ſteinerne Brücke, die über einen ehemals breiten Graben führte, deſſen Wände aber auch mit der Zeit eingeſtürzt waren und nur noch ein ſchmales Bett voll ſumpfigen, ſtehenden grünen Waſſers zeigten, in dem ſich die überhängen⸗ den grünen Zweige kaum abſpiegelten. Das Thor beſtand aus zwei großen, maſſiven Steinpfeilern, die vielleicht einſt mit einem Gitter verſchloſſen geweſen waren, wovon aber jetzt nichts mehr zu ſehen war. Auch hatten dieſe Steinpfeiler in beſſeren Tagen das Wappen des Hauſes getragen, und noch jetzt ſah man auf dem rechten Pfeiler einen ſchildhaltenden Löwen, dem aber der Kopf und die Vordertatzen fehlten. Achtes Kapitel. Dabei war es ſo ſtille rings umher, daß man hätte glauben können, man betrete die Grenzen eines zauberhaften Reiches. Auf dem breiten Fahrwege, der hinter dem Thore wieder anfing, war vom ehemaligen Steinkörper der Straße auch nicht die geringſte Spur mehr zu ſehen; Moos, Gras und Schlingpflanzen von hüben und drüben hatten ſich freund⸗ lich die Hände gereicht und ſich nachbarlich vereinigt. Als der Baron ſo dahin trabte, hörte man die Hufſchläge von Lord nicht auf den Boden ſchallen, ſondern es klang ſo dumpf und hohl, als führte der Weg über ein mit Erde bedecktes Kellergewölbe. In dem Park, der hinter dem Thore anfing, ſah man uralte, hochſtämmige Bäume, und ihre eigenthüm⸗ liche Stellung unter einander zeigte wohl an, daß ſie einſt nach einem beſtimmten Plane gepflanzt worden und eine viel⸗ leicht zierliche Anlage gebildet hatten; jetzt aber ſah das Ganze aus wie ein ziemlich öder ausgehauener Wald, und denſelben Eindruck machte die Stille rings umher, die durch nichts unterbrochen wurde, als durch das heiſere Gekreiſch des Raubvogels, der von den nicht weit entfernten Bergen über das Thal dahin ſtrich. Bald änderte ſich übrigens in etwas die Scene. ſ einer Biegung des Weges hörte die Wildniß des Parkes einigermaßen auf; man ſah vor ſich einen breiten Raſenplatz, mit zwei Reihen hoher Bäume eingefaßt, die einſt den großen Fahrweg. zum Schloſſe, das man am Ende dieſer Allee liegen ſäh, begrenzt hatten. Von dieſer ganzen Fahrſtraße war jetzt nichts mehr übrig als ein ſchmaler Fußweg; rechts und links zwiſchen den hohen Bäumen erblickte man abermals Zeugen ehemaliger Pracht und Herrlichkeii. Da waren Statuen aus Stein, Götter, Menſchen und Thiere darſtellend; aber ſie, die Eugenie. 141 einſt dem gut erhaltenen Parke gewiß zur Zierde gereicht hatten, blickten jetzt in ihrer Verſtümmelung aus dem wuchernden Graſe ſo befremdet und ſonderbar hervor, daß ſie jemandem, der nicht darauf vorbereitet war, einen kleinen Schrecken hätten ein⸗ jagen können. Sie paßte ſo gar nicht mehr hieher, dieſe reſpek⸗ table feine Geſellſchaft, theils kopflos, theils mit herabgefal⸗ lenen Armen und verſtümmelten Füßen. Am beſten hatten ſich die Thiere erhalten; da waren von wilden Beſtien Löwen und Tiger, von Hausthieren Pferde und Kühe, und dieſe letzteren, die der Künſtler ruhend dargeſtellt, hatten ſich noch am dauer⸗ hafteſten erwieſen. Der Baron, der dieſen Anblick ſchon unzählige Mal ge⸗ habt hatte, konnte ſich trotzdem nicht enthalten, lächelnd nach beiden Seiten zu ſchauen, indem er ſein Pferd langſamer gehen ließ. Jetzt trat auch das Schloß unter uralten mächtigen Bäumen deutlicher hervor. Es war ein mäßiges, viereckiges Gebäude, aus zwei Stockwerken beſtehend, von denen das erſte auf den vier Ecken Erker hatte, die in Form von Thürmen über das Dach hinaus ragten. Welche Gedanken und Erin— nerungen den Reiter beim Anblick des kleinen Schloſſes beſchlei⸗ chen mochten, ſind wir nicht im Stande anzugeben und können nur ſo viel der Wahrheit gemäß berichten, daß er ſeinem Pferde die Zügel ließ, indem er die linke Hand auf den Sattelknopf ſtützte und träumeriſch zu Boden blickte. Daher mochte es denn auch wohl kommen, daß er ein fröhliches Lachen überhört hatte, das hinter ihm erſcholl, als er in die Allee mit den Stein⸗ figuren eingebogen, war. Plötzlich aber ſchrak er aus ſeinen Phantaſien empor, da er hörte, wie ſich das Pferd Friedrichs gegen alle ſönſtige Gewohnheit im Galopp näherte. Er ſchaute um ſich, doch war ein einziger Blick genügend, um ihn zu Achtes Kapitel. veranlaſſen, ſein eigenes Pferd herumzuwenden; denn hinter ihm drein kam in kurzem Galopp freilich das Pferd des kleinen Reitknechts, doch ſaß eine Dame quer im Sattel, die mit luſtigem Zungenſchlage den Schimmel zu ſchnellerem Laufe anfeuerte. „Da kann man ſehen,“ rief ſie ſchon von Weitem,„daß Onkel George nie an uns denkt. Biſt du doch am Eingange der Allee ſo nahe an mir vorbei geritten, daß ich dich hätte mit Blumen werfen können, wenn ich welche gehabt hätte. Pfui, Onkel George, das iſt nicht ſchön. Aber du ſiehſt meine An⸗ hänglichkeit an dich, denn ich bin dir gleich ſo ſchnell nachgeeilt, wie ich konnte.“* „Ja, ja, das ſeh' ich freilich, du Wildfang,“ entgegnete der Baron mit einem außerordentlich freundlichen Geſichte. „Ich glaube faſt, du biſt auf Amazonenart über meinen kleinen Friedrich hergefallen und haſt ihn aus dem Sattel geworfen.“ „Nein, nein, er ränmte ihn gutwillig, als er ſah, wie ſehr es mir darum zu thun war, dir nachzueilen.— Sonſt viel⸗ leicht“—, ſetzte ſie ſchalkhaft lächelnd hinzu, naber es iſt dem Kleinen kein Leides geſchehen. Dort kommt er.“ Sie winkte mit dem Kopfe rückwärts nach dem Groom, den man in einiger Entfernung ſo eilig herantraben ſah, als es ſeine kurzen Beinchen erlaubten. Die junge Dame hatte unterdeſſen den Schimmel dicht an den großen Engländer gebracht und legte jetzt ihre feine weiße Hand auf den Arm des Barons, blickte ihm ſchmeichelnd in die Augen und ſagte:„Guten Morgen, lieber Onkel George. Wie geht es dir und was macht die Tante?“ Das Mädchen mochte achtzehn Jahre alt ſein. Sie war von ſchlankem, untadelhaftem Wuchs, zu dem der edel geformte Eugenie. 143 Kopf mit dem jugendlich friſchen Geſichte vollkommen paßte. Ihr Haar war dunkelbraun, ebenſo ihre großen leuchtenden Augen. Ueberaus reizend war ihr Mund mit den friſchen rothen Lippen, hinter welchen hervor eine wahre Pracht von weißen Zähnen glänzte, wenn ſie lachte. Und ſie lachte häufig, bald über dies, bald über das, jetzt indem ſie verſicherte, wie außerordentlich ſie ſich freue, daß Onkel George heute doch noch gekommen ſei; dann, indem ſie mit einer Haſelnuß⸗Gerte, die ſie in der Hand trug, eine komiſche Verbeugung nach irgend einer kopfloſen Göttin machte; nun, während ſie mit ihrer kleinen Hand auf die beiden Leder⸗Futterale an ihrem Sattel klopfte, dann wieder, indem ſie auf den kleinen Groom wies, der wie ein Froſch durch das Gras hüpfte und die außerordentlichſten Anſtrengungen machte, um nicht gar zu weit zurück zu bleiben. So langten die Beiden vor dem Schloſſe an. Daſſelbe hatte vornen an der Eingangsthür einen ehemals gepflaſterten Hof, der aber jetzt ebenfalls zu einem Raſenplatz, untermiſcht mit kleinen Steinpartieen, geworden war; eine halbrunde, zwei Fuß hohe Mauer ſchloß ihn auf dieſer Seite ein und bildete mit zwei Pfeilern in Obeliskenform eine Eingangspforte. Hinter derſelben ſtand ein kleiner, alter, gebückter Mann, der ſich um die Ankommenden nicht viel zu bekümmern ſchien, wenigſtens ſchaute er nicht ein einziges Mal in die Höhe, ſondern betrachtete aufmerkſam einen kleinen Scherben, den er in der Hand hielt. Er beſchaute denſelben von allen Seiten, hob ihn auch zuweilen in die Höhe und klopfte mit den gekrümmten Fingern daran. Der Klang, den das irdene Gefäß von ſich gab, ſchien ihn zu erfreuen, und erſt als er dieſen mehrere Male gehört, ließ er die Hand ſinken und blickte dem heranreitenden Paare entgegen. 144 Achtes Kapitel. „Siehſt du, Onkel George,“ ſagte das junge Midchen, „Papa hat ſo eben wieder ein ganz bedeutendes Geſchirr ge⸗ funden. Er wird dir gleich ſagen, woher es ſtammt. Drüben haben ſie eine Lehmgrube aufgedeckt, und da hab' ich ihm ge⸗ holfen, und ſchon ganze Schürzen voll Ziegel und Scherben herüber getragen.“ Der Baron ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe, und dicht bei dem alten Herrn angekommen, ſchwang er ſich aus dem Sattel, worauf er ſeiner Begleiterin die Hand reichte, die nun ebenfalls leicht und gewandt auf den Boden ſprang. Der alte Herr hielt ſeine beiden Hände und alſo auch das Geſchirr, welches ihn beſchäftigte, auf den Rücken und bewillkommte ſeinen Beſuch mit einem freundlichen Kopfnicken. Es war, wie ſchon bemerkt, ein kleiner und dabei ſehr magerer Mann, ziemlich nachläßig angezogen; ſeine einſt ſchwarz geweſene Kleidung ſah etwas roſtig aus und zeigte hier und da erdfarbene Streifen, und wenn wir dabei ſagen, daß der alte Herr in ſeiner guten Zeit ein eifriger Numismatiker geweſen, der in dieſem Fache reiche Sammlungen beſeſſen, ſo mag vielleicht dieſe Leidenſchaft daran ſchuld geweſen ſein, daß der ganze Kopf mit den wenigen Haaren, beſonders das fahle Geſicht, einen Grünſpanſchimmer hatte und dem Portrait eines ehemaligen Kaiſers oder Gelehrten auf einem halbvewitterten, uralten ſilbernen Schauſtücke frappant ähnlich ſah. „Einen Fund gemacht, Schwager?“ fragte der Baron.„Das müſſen Sie mir zeigen.“ Dabei ſah er ſich aber nach ſeinem Reitknechte um, der noch ziemlich weit zurück war. In dieſem Augenblicke kam aus einem Nebengebäude ein junger Mann, mit ſehr kokettem und affektirtem Gange. Obgleich er keine Livree trug, ſo ſah man doch an ſeinem Anzuge in dieſer Eugenie. 145 Morgenſtunde, dem ſchwarzen Fracke und der weißen Halsbinde, ſowie an ſeinem ganzen Weſen, namentlich an der Art, wie er den Kopf trug, daß er zur dienenden Claſſe gehöre; und gerade da er dies durch einen elegant nachläßig ſein ſollenden Gang und ſeine Haltung zu verdecken ſuchte, trat es nur um ſo ſchärfer hervor. Der Baron hatte ihn nicht ſo bald erblickt, als er ihm zurief:„He, Francois, Sie ſehen vielleicht, daß Niemand da iſt, meine Pferde zu halten, bis Friedrich kommt. Wollen Sie wohl die Freundlichkeit haben, einen Augenblick hieher zu kommen?“ Dieſe außerordentlich höflichen Worte waren aber in ſo befehlendem Tone geſprochen, daß ſie Monſieur Francois ver⸗ anlaßten, eine halbe Wendung gegen den Baron zu thun, aber auch nur eine halbe; dann lenkte er augenblicklich um und rief herüber:„Ich werde dem Herrn Baron im Augenblick Jemanden ſchicken.“ „Wenn es Ihnen gefällig wäre, ſelbſt zu kommen,“ ſprach nun der Baron mit lauter Stimme,„ſo würden Sie ſich jedenfalls eine Unannehmlichkeit erſparen. Ich erſuche Sie darum.“ „Er wird nicht kommen,“ ſagte das junge Mädchen, und dabei funkelten ihre Augen eigenthümlich und ſie preßte die zuckenden Lippen zuſammen, ſo daß es faſt erſchreckend anzu⸗ ſehen war, wie ſich ihr gutes liebes und freundliches Geſicht in dieſem Augenblicke verändert hatte. Es leuchtete dabei ein ſo tiefer Haß, eine ſolche Entſchloſſenheit aus demſelben hervor, daß man hätte glauben können, im nächſten Momente ge⸗ ſchähe etwas ganz Außerordentliches. 3. 8 ma⸗ Hackländer, Don Quixote. I. 10 ma 146 Achtes Kapitel. „Machen wir keine Umſtände,“ ſprach begütigend der alte Herr,„übergeben Sie mir die Pferde und ſpazieren Sie mit Eugenien voraus.“ Dabei erhob er die eine Hand, um die Zügel zu faſſen; doch machte der Baron mit dem rechten Arme eine leichte ab⸗ wehrende Bewegung, ohne übrigens ihn oder das junge Mäd⸗ chen anzuſehen; vielmehr blickte er mit einem eigenthümlichen Geſichtsausdruck nach dem ſogenannten Kammerdiener, der ſich durch dieſen Blick und die entſchloſſene Haltung angezogen fühlen mochte; wenigſtens wandte er ſich abermals gegen die Gruppe am Thore herum. Mit einem Male beſchleunigte er aber ſeine Schritte, denn unter der Thür des Schloſſes erſchien eine Dame, die befehlend mit der Hand hinausdeutete und ihm zurief: „Schnell, Frangois, warum beeilen Sie ſich nicht?“ Jetzt kam auch der kleine Groom herangekeucht, und als er ſah, daß Francois ſich den Pferden nähern wollte, ſtürzte er athemlos mit einem Sprunge auf dieſelben los und riß dem Andern ſo zu ſagen die Zügel aus der Hand. Das junge Mädchen hatte ſich abgewandt und legte nun ihren Arm in den des Barons, worauf alle Drei über den Hof gingen und in das Schloß traten. Das Veſtibül hinter dem Eingange war eine traurige Fort⸗ ſetzung des Waldweges und des Parkes; die Wände, einſt ge⸗ malt und mit Wappenſchildern verſehen, zeigten an kahlen Stellen und langen weißfarbigen Streifen unbefugte Feuchtigkeit, die den Weg durch das ſchadhafte Dach und die ſchlechten Fenſter geſucht und gefunden. Die Scheiben der letzteren waren theils erblindet, theils gar nicht mehr vorhanden; und da, um den Windzug algahalien, manche Fenſterläden geſchloſſen waren, Livree Eugenie. 147 ſo hatte dieſes weite Vorhaus ein ungemein trübſeliges, ja, troſtloſes Ausſehen. Die Dame, welche an der Thür erſchienen war, bewill⸗ kommte den Baron ebenfalls aufs freundlichſte, und da er ihr ſeinen Arm anbot, ſo trat das junge Mädchen zu ihrem Vater, legte ihren Arm um ſeinen Hals und ſtieg hinter den beiden ſe Anderen ebenfalls die Treppen hinan. Oben ſah es in ſo weit ſchon wohnlicher aus, als man hier noch keine ſo offenbaren Spuren der Zerſtörung durch Wind und Wetter erblickte. Daß das Haus durch lange Ve ernachläßigung überhaupt gelitten hatte, bemerkte man auch hier an den unebenen Fußböden, ſo wie an den Thüren und Fenſtern, die wie verquollen waren und nicht mehr recht in ihre Einfaſſung paſſen wollten. Je mehr man ſich aber dem Zimmer der Frau vom Hauſe näherte, um ſo mehr verlor das alte Gebäude von dieſem Charakter der Ver⸗ nachläßigung, und nachdem man die Vorzimmer mit ebenen Fußböden durchſchritten, von denen eines ſogar mit einem frei⸗ lich verſchoſſenen Teppich bedeckt war, kam man in ein paar Ge⸗ mächer, wo man das Schalten und Walten einer weiblichen Han ſah, und die ſich ausnahmen, wie ein angenehmer Kern in einer rauhen, zerriſſenen Schale. Hier erblickte man ziemlich ordent⸗ liche Teppiche, Holzlambriſen mit wohlerhaltenen Tapeten, ein Kamin mit freundlich loderndem Feuer, und all die kleinen unnöthigen Sachen, welche, ohne daß man ſie gebraucht, doch für den, der ſie hat, durchaus nothwendig ſind. Freilich ſtammten alle dieſe Sachen, wie das ganze Ameu⸗ blement, Seſſel und Fauteuils in den verſchiedenſten Geſtalten, aus einer früheren Zeit her, und Eines paßte wenig zum Andern, gab dem Ganzen aber eben dadurch den Anſtrich einer ma⸗ Achtes Kapitel. leriſchen Unordnung, die man in den kleinen Salons unſerer Damen findet und gern ſieht. Das Gemach, wo ſich die Frau des Hauſes am Kamin niederließ und den Gaſt bat, neben ihr Platz zu nehmen, lag auf der hinteren Seite des Schlößchens und hatte ein einziges großes Fenſter, das auf eine in ihrer Wildniß reizende Wald⸗ partie ging. Dort im Hintergrunde ſtanden die uralten hohen Bäume dichter beiſammen, und wo ſich Wege unter ihnen zeigten, ſchlichen ſich dieſelben wie verſtohlen durch das Dickicht und waren wenige Schritte von ihrem Anfang durch die lauben⸗ artig zuſammen hängenden Zweige ſchon nicht mehr ſichtbar. Unmittelbar an dieſe Seite des Hauſes ſtieß ein ehemaliger kleiner Blumengarten mit einem vertrockneten Springbrunnen, eine Art Terraſſe, die mit vielleicht zwei Fuß hoher Brüſtung an den maleriſchſten Punkt dieſer Anſicht führte, einen kleinen See nämlich, der das Haus von der Waldpartie trennte. Dieſer See war eine von jenen ſo melancholiſchen und doch lieben Waſſerflächen, in die man gern träumend hinabblickt und die ſich eine rege Phantaſie ſo leicht mit den verſchiedenſten Geſtalten bevölkern kann. Die Ufer waren theilweiſe mit Schilf eingefaßt, zwiſchen dem das Waſſer in einzelnen Punkten her⸗ vor leuchtete. Seine Ränder ſchillerten wegen der naheſtehen⸗ den, jetzt im Winter durch dicht geſchlungenen Epheu bedeckten Baumſtämme gleichfalls in grüner Farbe, welche gegen die Mitte zu, wo das Bild des blauen Himmels klar auf den ruhigen Waſſerſpiegel fiel und aus ihm freundlich zurückſtrahlte, heller und glänzender und ſo klar wurde, daß das leiſeſte Wölkchen, welches oben am Himmel dahin zog, unten im Waſſer wieder erſchien. In einer kleinen Bucht lag ein Nachen unbeweglich ſtill, wie die ganze Natur rings umher, ſo ſtill, daß man hätte Engenie. 149 glauben können, jetzt werde irgend ein majeſtätiſcher Hirſch aus dem Walde treten, um ſeinen Durſt in den klaren Fluten zu löſchen. Das junge Mädchen war einen Augenblick hinter dem Fauteuil des Barons geſtanden, hatte ſich aber, als dieſer mit der Frau des Hauſes ein Geſpräch begann, zu ihrem Vater begeben, der ans Fenſter getreten war und wieder aufmerkſam das kleine irdene Gefäß betrachtete, das er in der Hand hielt, bald hineinſah und bald mit den Aermeln da und dort putzte und abwiſchte. „Siehſt du, Eugenie,“ ſagte der alte Herr nach einer Pauſe mit großer Befriedigung,„das iſt das koſtbarſte Gefäß, welches ich ſeit langer Zeit gefunden, ja, faſt das werthvollſte, welches ich in meiner Sammlung habe.“ Als er das ſprach, ſchmiegte ſich Eugenie ſo liebevoll an ihn und öffnete ihre großen glänzenden Augen ſo weit vor Aufmerkſamkeit und Erſtaunen, daß man wohl ſah, ſie em⸗ pfinde deutlich die Freude ihres Vaters und glaube ihm aufs Wort, daß der Schatz, den er gefunden, wirklich ſo koſt⸗ bar ſei. „Iſt es recht alt, Papa?“ fragte ſie, nachdem ſie einen ziemlich altklugen Blick auf das Gefäß geworfen. „Sehr alt, mein Kind, außerordentlich alt. Ich werde darüber nachſchlagen, um mit Gewißheit zu erfahren, ob es von den Römern, von den Celten oder Germanen ſtammt.“ „Und wir geben ihm einen ſehr ſchönen Stand,“ fuhr das junge Mädchen freundlich fort.„Du ſchneideſt wieder ſo einen kleinen hölzernen Unterſatz, und ich überziehe ihn dir mit vio⸗ lettem Sammt; ich habe noch davon.“ Der alte Mann hielt das kleine Gefäß in ſeiner Hand, 150 Achtes Kapitel. blickte aber bei den Worten ſeiner Tochter über daſſelbe hin⸗ aus, durch das Fenſter, über den See, über deu Wald hin⸗ weg, weit, weit in unendliche Fernen und lächelte dabei recht wehmüthig. „Ja, ja, mein Kind,“ ſagte er dann nach einer Pauſe „wir werden es ſehr ſchön aufſtellen, auch numeriren, und dazu ſchreiben, wo wir es gefunden. Aber,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„das iſt denn auch Alles.“ „Wie ſo Alles, Papa?“ „O, ich meine nur, da wird es dann ſtehen auf ſeinem violetſammtnen Unterſatz, einſam und allein, und Niemand wird kommen, um es zu betrachten. Siehſt du, meine liebe gute Eugenie, das iſt ja die Freude und der Stolz von uns Samm⸗ lern, daß wir unſere Schätze zeigen können.“ Das ſchöne Mädchen nickte mit dem Kopfe, als wenn ſie ſagen wollte:„Ich verſtehe.“ „Früher,“ fuhr der alte Mann fort,—„viel früher, als ich nach ein ſchönes Münz⸗Cabinet hatte, und ſo manches An⸗ dere Boch, da verging faſt kein Tag in der Woche, wo nicht Jemand kam, der mit großer Aufmerkſamkeit meine Schätze betrachtete und mir Complimente darüber machte. Jetzt iſt das ganz anders geworden, o, ganz anders!“ „Mein guter, guter Papa!“ antwortete Eugenie mit leiſer Stimme und lehnte ſchmeichelnd ihren Kopf an ſeine Schulter. Darauf ſetzte der alte Mann behutſam das Gefäß auf die Fenſterbank, legte alsdann die Hand auf das weiche, ſchwellende Haar ſeines Kindes und hob den Kopf etwas in die Höhe, um ihr in die klaren Augen zu ſehen. Er ſchüttelte mit dem Kopfe, und auf ſeinem Geſichte war tiefe Traurigkeit, ja, faſt Schmerz zu leſen, als er ſprach:„O, meine Eugenie, Eugenie. 151 du verſtehſt es nicht, wie ſchmerzlich es für mich iſt, daß Nie⸗ mand, ſo gar Niemand kommt, um das Schöne und Gute zu betrach⸗ ten, was wir ſtill und verborgen unter uns hegen und pflegen.“ Was unterdeſſen der Baron mit der Frau des Hauſes geſprochen, ſind wir nicht im Stande, ganz genau anzugeben; denn ſie führten ihr Geſpräch ziemlich leiſe. Doch mochte der Inhalt deſſelben wichtiger ſein, als eine Unterhaltung über ge⸗ wöhnliche Tagesereigniſſe; die Dame ſchüttelte auf das Achſel⸗ zucken des Barons zuweilen ziemlich heftig mit dem Kopfe und preßte auch bei eindringlichen Worten, die er ihr ſagte, die Lippen feſt über einander. Erſt als der alte Herr mit dem jungen Mädchen das eben Erwähnte ziemlich laut ſprach, ohne daß es von den Anderen beachtet worden wäre, erhoben auch dieſe ihre Stimmen mehr und mehr, und man hörte den Ba⸗ ron zu ſeiner Nachbarin ſagen:„Aber ich verſichere Sie, Schwägerin, es iſt großes Unrecht von Ihnen, ſie hier ſo in verzeihen Sie mir den Ausdruck— feſthalten der Wildniß zu wollen. Ein junges Mädchen muß die Welt ſehen und von ihr geſehen werden; und eine beſſere Gelegenheit dazu gibt es doch wahrhaftig nicht, als wenn Ihre Schweſter, meine Frau, ſich anbietet, Eugenie wie an Kindes Statt anzunehmen.“ Bei dieſen Worten hatte ſich die Dame in den Fauteuil zurückgelegt, ſich einſchmiegend in die Kiſſen deſſelben. Sie blickte in das ſpielende Kaminfeuer, und nur zuweilen, während der Baron ſprach, wandte ſie ihm wie im Blitz ihre Augen zu und ſah ihn mit einem forſchenden, ſeltſamen Ausdrucke an. Daß dieſe Dame um mehrere Jahre jünger war als ihre Schweſter, die Baronin von Breda, wiſſen wir bereits; und daß ihr Kopf intereſſanter, ja, um vieles ſchöner war, müſſen wir dem Leſer ſagen; trotzdem aber ſah ſie, namentlich 152 Achtes Kapitel. Augenblicken der Abſpannung, deren ſie ſehr viele hatte, faſt älter aus. Einſt mußte ſie in der That ſehr ſchön geweſen ſein; ihre Geſichtszüge waren fein, der Teint, einſt blendend weiß, jetzt freilich von einer krankhaften Bläſſe; dazu hatten die Augen einen unbeſchreiblich müden Blick, und wenn ſie trotzdem noch ziemlich glänzend ausſahen, ſo kam das wohl daher, weil ſie eingefaßt waren mit einem krankhaften, dunkeln, faſt bräunlichen Kreiſe. Sehr häufig brachte dieſe Frau ihre weiße, fein geformte, nur ſehr magere Hand an die Stirn und fuhr alsdann leicht über ihre Augen, als ſchmerze ſie das Tageslicht, oder als wolle ſie ſich ſelbſt ermuntern. Nachdem der Baron ausgeredet, ſtützte ſie ein paar Se⸗ kunden den Kopf in die Hand, indem ſie dieſe wie einen Schirm vor ihre Augen hielt, und entgegnete nach einer kleinen Pauſe, ohne ihre Stellung zu verändern:„Und was mache ich in dieſer Wildniß, wie Sie eben ganz richtig bemerkten, wenn mich das Mädchen verläßt? O, glauben Sie mir, George, ſo einſam ohne ſie zu leben,— ich könnte das unmöglich aushalten. Gewiß, ich könnte nicht.“ „Alſo iſt es ſchon, wie ich vorhin geſagt,“ erwiderte der Baron.„Sie halten das Mädchen nur aus Egoismus zurück.“ „Ja, wenn Sie die Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter Egoismus nennen, ſo haben Sie Recht.“ Der Baron ſchüttelte ſonderbar lächelnd mit dem Kopfe. „In dieſem Falle möchte ich es faſt Egoismus nennen,“ ſprach er;„denn— Sie verzeihen mir die offenherzige Rede—u Mutterliebe pflegt ſich nicht in einem einzigen Punkte zu zei⸗ Eugenie.. 153 gen, ſondern ſorgt im Allgemeinen für das Beſte ihrer Kinder.“ „Sie wiſſen, George,“ entgegnete die Dame nach einer augenblicklichen Pauſe,„daß ich nicht im Stande bin, mit Ihnen zu ſtreiten. Sie ſind mir überlegen, und—“ „Sie fühlen dagegen, daß ich vollkommen Recht habe.“ „O ja,“ erwiderte erregter die Frau des Hauſesz„o ja, Sie haben Recht, vollkommen Recht; ich will Ihnen das am allerwenigſten leugnen. Wiederholen Sie mir auch, mein Wi⸗ derſtreben, Eugenie von mir zu geben, ſei keine Liebe zu dem armen Mädchen, nennen Sie es meinetwegen Egoismus; ich will Ihnen ſogar zugeben, es iſt Egoismus; aber dagegen ſage ich Ihnen zum hundertſten Male: ich kann das Mädchen nicht von mir laſſen, ich kann nicht, gewiß, ich kann nicht.“ Der Baron zuckte mit den Achſeln und blickte mit einem leiſen Seufzer in die Gluth des Kaminfeuers. Sie fuhr fort:„Verſtehen Sie mich, George, wenn ich Ihnen ſage, ich kann nicht. Iſt es Ihnen in Ihrem Leben nie begegnet, daß Sie eine abergläubiſche Furcht hatten, im Falle Dieſes oder Jenes geſchehe, treffe ſchweres Unglück auf Ihr Haupt?— Sie werden mir in meinem Falle vielleicht entgeg⸗ nen,“ ſprach ſie wehmüthig lächelnd,„daß hier in dieſem Hauſe etwas mehr Unglück gerade nicht von Belang wäre; ich will mich alſo anders ausdrücken. Haben Sie nie ein Weſen um ſich gehabt, das Ihnen wie ein Schild erſchien gegen die Schläge des Schickſals, die Sie zu zerſchmettern drohten? Wie ein Schutzgeiſt, vor deſſen Anblick, vor deſſen ſchirmender Hand ſich das Unglück zurückzog und, wenn es Sie auch drohend umlagerte, doch nicht über Sie herzufallen wagte?— Ein ſolcher Schutzgeiſt iſt mir Eugenie. Wenn ſie in meiner Nähe iſt, Achtes Kapitel. ſo kann ich mit Innigkeit zurückdenken an die ſchöneren Tage, die einſt geweſen; wenn ſie ſich nur momentan von mir ent⸗ fernt, ſo iſt es, als verdichtete ſich die Luft um mich, als um⸗ gäben mich trübe Nebel, aus denen zuckende Hände nach mir griſfen. O, das iſt ſchrecklich!“ Bei dieſen Worten ſenkte ſie den Kopf tief herab und drückte beide Hände vor das Geſicht. „Ihre erregte Phantaſie iſt allerdings ſchrecklich,“ erwiderte der Baron er Breda,„aber vielleicht beherrſcht Sie dieſes unangenſane Gefühl nur für die erſten Stunden und Tage. Ja, ja, das kann nicht andauernd ſein, wenn Sie Eugenie heiter und glücklich wiſſen.— Und, Frau Schwägerin, glauben Sie mir, es iſt Ihre Schuldigkeit, etwas für das arme Mäd⸗ chen zu thun. Was ſoll ſie hier in der Oede, inmitten dieſes verfallenen Parkes, dieſes einſamen Hauſes?“ „Laſſen Sie mir Zeit, darüber nachzudenken, mich daran zu gewöhnen,“ entgegnete die Frau des Hauſes nach einem längeren Stillſchweigen;„für jetzt kann ich und will ich Eugenie nicht von mir laſſen. Wer will beſtimmen, was die nächſte Zeit bringt? Kann nicht die nächſte Sekunde ſchon unſer Schickſal ändern?“ „Es iſt aber ein eigenthümlicher Troſt, darauf zu warten und zuzuſehen, bis uns irgend ein Ereigniß fortſchiebt. Ich habe es nie ſo gehalten, ich griff immer friſch in das Leben hinein und befand mich wohl dabei.“ Mittlerweile war der alte Herr mit Eugenien, vielleicht aus Discretion, um dem Geſpräche ſeiner Frau mit dem Baron freien Lauf zu laſſen, ins Nebenzimmer gegangen, von wo er aber in dieſem Augenblicke zurückkehrte, gefolgt von Frangois Eugenie. 155 der auf einem Präſentirbrett einige Platten trug, welche das beſcheidene Frühſtück der Familie bildeten. „Onkel George wird mit uns frühſtücken!“ rief das junge Mädchen, die an dem Bedienten vorbei eilig aus dem Neben⸗ zimmer in den Salon ſprang.„Freilich nicht ſo compendibs, wie bei ſich zu Hauſe, dafür aber heute in unſerer Geſellſchaft, was, wie ich hoffe, auch ſchon Einiges werth iſt.“ Monſieur Frangois, der Kammerdiener, befand ſich augen⸗ ſcheinlich in einer ſehr ſchlechten Stimmung; er wllte mit mehr Lärm als gerade nöthig war, einen kleinen Tiſch aus der Ecke des Zimmers vor den Kamin, ſtellte einen Stuhl vor Fräulein Eugenie, und überließ es dagegen dem alten Herrn, ſich ſelbſt einen zu holen; doch ſprang das junge Mädchen ihrem Vater eilfertig zu Hülfe, nicht ohne auf den Diener abermals einen jener Blicke zu werfen, die wir ſchon vorhin vor dem Schloſſe an ihr bemerkten. Der Baron von Breda that durchaus nicht, als gewahre er die geräuſchvolle Art, mit welcher der Bediente den Tiſch hin und her rückte, das Tiſchtuch auflegte und die Platten nicht darauf hinſetzte, ſondern mit einer außerordentlich wider⸗ wärtigen Manier vor die Umſitzenden hinſchob. Wie Eugenie vorhin ſagte, ſo war das Frühſtück aller⸗ dings ſehr einfach, eine Taſſe Th kaltes Fleiſch; doch wäre das vollkommen genug geweſen, um bei etwas mehr Heiterkeit der Theilnehmer eine fröhliche Stim⸗ ee, Butter, Brod und etwas mung hervorzubringen; ſo aber lag es ſeit dem Eintritte des Dieners wie ein kalter Hauch über den Anweſenden; die Ba⸗ ronin preßte die Lippen auf einander, und wenn dabei auch ihr Mund zu lächeln verſuchte, ſo ſah man doch an dem un⸗ ruhigen Umherzucken ihrer Augen und dem eigenthümlichen 8 156 Achtes Kapitel. finſteren Ausdruck derſelben, daß ihr Kopf keine freundlichen Gedanken hegte. Der Baron von Breda ſprach mit dem alten Herrn und Eugenien über ganz gleichgültige Dinge und ſchien außerordentlich ruhig geſtimmt; wir ſagen: ſchien; wer ihn genau kannte, wußte ſich die Art zu deuten, mit der er ſeinen langen blonden Schnurrbart wiederholt mit der Hand zu bei⸗ den Seiten des Geſichts hinausſtrich. Eugenie blickte auf ihren Teller und ſchaute nur zuweilen forſchend ihren Vater an oder auch den Baron, wenn er mit ihr ſprach. Am unbefangenſten war aber wohl der alte Herr, der ruhig ſeinen Thee trank und, während er ſein Butterbrod aß, von der neu entdeckten Lehmgrube erzählte, die ihm eine Ausbeute von ſeltenen Ge⸗ genſtänden der verſchiedenſten Art verſprach. Das kleine irdene Gefäß hatte er von der Fenſterbank ſorgfältig auf einen Tiſch geſtellt, der in der Mitte des Zimmers ſtand, und während er von ſeinem Funde ſprach, unterließ er es nicht, zuweilen ſehr innige Blicke dort hinüber zu ſenden. Auch Eugenie ſchaute häufig nach der kleinen Vaſe, aber mit einem beſorgten Aus⸗ druck in den Blicken, denn Francois, der dort am Tiſche mit ſeinem Geſchirr hantirte, kam der kleinen Koſtbarkeit oft gar zu verdächtig nahe. „Wenn Sie auf ſo reiche Beute hoffen,“ meinte der Ba⸗ ron,„ſo muß in der Nähe der Lehmgrube ein alter Begräb⸗ niß⸗ oder Lagerplatz geweſen ſein.“ „Auf das Letztere weiſen alle Spuren hin,“ entgegnete eifrig der alte Herr.„Sie erinnern ſich, daͤß ich Ihnen ſchon früher einmal bei unſeren Spaziergängen im Walde die ſehr deutlichen Spuren der alten Römerſtraße zeigte, die ſich durchs Thal zieht. Nun gut, wenn Sie an dem Punkte, wo ſie für uns verſchwindet, ihre muthmaßliche Richtung fortführen, ſo Eugenie. 157 treffen Sie gerade auf meine koſtbare Lehmgrube.— Frangois, etwas Waſſer!“ Francois ſchien durchaus nicht zu hören. „Weiter rechts von dem eben erwähnten Punkte,“ fuhr der alte Herr fort,„haben wir vor ein paar Jahren die pracht⸗ voll erhaltenen römiſchen Gräber gefunden, von deren Aus⸗ beute ich, leider, leider! den beſten Theil an die Regierung abgeben mußte, da dort genau an jener Stelle die herrſchaft⸗ lichen Waldungen an unſern Park ſtoßen. Mit einiger Spitz⸗ findigkeit hätte ich freilich beweiſen können, daß die koſtbaren Gräber noch zu meinem Territorium gehörten; aber,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„man will ſeine Nachbarn nicht zu Feinden machen, und mit großen Herren iſt bekanntermaßen ſchlecht Kirſchen eſſen.“ Schon bei den letzten Worten hatte der alte Herr ſein Glas ſeitwärts vom Tiſche gegen Francois gereicht und wie⸗ derholte nun ſeinen ſchon vorhin ausgeſprochenen Wunſch um etwas Waſſer. Der Bediente klapperte aber ſo außerordentlich lebhaft mit ſeinen Tellern, daß man bei einiger Harthörigkeit ſeinerſeits vielleicht hätte vorausſetzen können, er habe den zweimal ſo höflich ausgeſprochenen Befehl überhört. Eugenie, deren Augen zum dritten Mal ſo ſeltſam fun⸗ kelten, wollte aufſpringen, um das Verlangte für den Vater zu holen; doch legte der Baron von Breda ruhig ſeine Hand auf ihren Arm und ſagte mit ziemlich lautem und gebieteriſchem Tone:„Waſſer!“ Die Frau vom Hauſe huſtete hinter der vorgehaltenen Serviette ziemlich vernehmlich und ſo verſtändlich, daß Fran⸗ gois ſich bewogen fand, augenblicklich mit einer Caraffe her⸗ Achtes Kapitel. heizueilen und das Glas des Herrn von Breda voll zu gießen. Darauf aber ſchob er dieſelbe Flaſche auf die gleiche inſolente Art, wie früher die Teller, vor den alten Herrn hin und ging mit erhobenem Kopfe, geſpitztem Munde und tänzelndem Gange wieder an ſeinen Nebentiſch zurück. Warum eigentlich der Baron von Breda ſeine Hand auf dem Arme des jungen Mädchens ruhen ließ, wiſſen wir nicht ganz genau anzugeben; vielleicht fühlte er ein leiſes Zittern in demſelben, und wohl aus dieſem Grunde wandte er ſein Geſicht gegen Eugenie und blickte ſie freundlich, faſt wie bittend an. Der alte Herr ſchien dieſes Waſſer⸗Intermezzo entweder nicht verſtanden zu haben, nicht verſtehen zu wollen, oder wenn dies doch der Fall war, keinen Werth darauf zu legen. Er wandte ſich ſogar im nächſten Augenblick abermals an den Bedienten und ſagte nicht ohne Freundlichkeit:„Nehmen Sie mir doch mein kleines Gefäß in Acht. Wenn mir etwas daran geſchähe, ſo wäre das ein unerſetzlicher Verluſt.“ „Ich will es hieher holen, Papa,“ ſprach das junge Mäd⸗ chen, indem ſie haſtig aufſtand,„Onkel George hat es ja überdies noch nicht genau betrachtet.“ Nun hatte indeſſen Monſieur Francçois die Worte des alten Herrn wahrſcheinlich überhört, auch vielleicht das irdene Gefäß nicht geſehen, oder war der Monſieur Frangois, und wir glauben faſt das Letztere, eine außerordentlich boshafte Creatur; genug, während Eugenie aufſtand, hob er die Teller von dem Nebentiſche in die Höhe und ſtreifte dabei wahrſchein⸗ lich mit der Serviette, die er auf dem Arme trug, an die kleine Vaſe, ſo daß ſie zu Boden fiel und in unzählige Stücke zerbrach. Eugenie. 159 „Um Gottes willen! das iſt ja ein großes Unglückt!“ rief der alte Herr, indem er voll Schrecken in die Höhe ſprang. Eugenie preßte, während ſie wie erſtarrt ſtehen blieb, ihre bebenden Lippen feſt auf einander; und ſelbſt der Baron von Breda zuckte auf eine eigenthümliche Art zuſammen, worauf er aber einen langen und ſehr feſten Blick auf die Frau des Hauſes warf. „Das iſt ja eine große Ungeſchicklichkeit, Francois,“ ſagte dieſe.„Machen Sie, daß Sie hinaus kommen.“ „O nein, Mama,“ rief Eugenie mit zitternder Stimme, ndas iſt keine Ungeſchicklichkeit!“ Der Bediente, ohne nur einen Ausdruck des Bedauerns oder Schreckens von ſich zu geben, machte obendrein noch ein hochmüthiges, unverſchämtes Geſicht und hatte ſchon ein paar Schritte gegen die Zimmerthür gethan, als er ſeine Frechheit ſo weit trieb, bei den Worten des jungen Mädchens ſtehen zu bleiben, ſich herumzudrehen und mit kaltem Tone zu fragen: „Was belieben das gnädige Fräulein?“ „Gehen Sie— augenblicklich!“ rief ihm die Frau des Hauſes zu, indem ſie ſich mit blitzenden Augen aus ihrem Stuhle erhob;„ich will hoffen, daß an dieſem Vorfalle nur Ihre grenzenloſe Ungeſchicklichkeit ſchuld iſt.“ „Ein ſo koſtbares Gefäß!“ jammerte der alte Herr, in⸗ dem er ſich bemühte, die Trümmer aufzuleſen. Hätte in dieſem Augenblicke Frangois das Weite geſucht, ſo wäre es beſſer für ihn geweſen; ſo aber wollte das Schick⸗ ſal, daß er ſeinen Kopf ein wenig auf die Seite neigte, ver⸗ ächtlich auf den Boden blickte und die halblauten Worte hören ließ:„O, es gibt dergleichen Scherben noch mehr als zu viel.“ Achtes Kapitel. Eugenie hatte die Hand auf den Tiſch geſtützt und ſtand anſcheinend ruhig da, doch war ihr Geſicht mit einer furchtba⸗ ren Bläſſe bedeckt, und ihre großen Augen glänzten unheimlich. Kaum hatte Francçois die eben erwähnten Worte vernehmen laſſen, ſo zuckte ſie zuſammen, ſtürzte vor, riß von dem Neben⸗ tiſche die ſchwere Reitpeitſche des Barons von Breda an ſich, und ehe Jemand das von dieſem Auftritte erſchütterte und L empörte Mädchen zu hindern vermochte, führte ſie mit ihrer 4 vollen jugendlichen Kraft einen ſo furchtbaren Hieb über den 4 Kopf des Unverſchämten, daß quer über deſſen Geſicht augen⸗ 4 blicklich eine fingerdicke blutige Schramme ſichtbar wurde. Die Frau des Hauſes war emporgeſprungen, konnte aber 3 nichts thun, als ihre Hände ausſtrecken, was ſie denn auch ſo ₰ heftig that, als ſei ſie hiedurch im Stande, Eugenie zurück zu halten. Dieſe hatte nicht ſobald ihren Schlag geführt, als de plötzlich aufgeflammte Röthe ihres Geſichtes der vorigen tiefen Bläſſe augenblicklich wich und ſie ihre Hand öffnete, ſo daß die Reitpeitſche zu Boden fiel, worauf das arme Mädchen 3 ſichtlich zu ſchwanken begann und mit einem Schrei des Ent⸗ 5 8 ſetzens in die Arme ihres Vaters fiel, der auf ſie zuſprang, 4 1 1* um ſie zu halten. Dem Bedienten war eine ſolche Behandlung noch nie zu Theil geworden. Daß er ſämmtliches Geſchirr, welches er in der Hand trug, zu Boden fallen ließ, finden wir vollkommen begreiflich, ebenſo, daß er, als Italiener, ſich blitzesſchnell bückte und nach einem der Meſſer griff, die zwiſchen den Porzellan⸗ trümmern lagen. Doch hatte er das Heft deſſelben nicht ſo⸗ bald erfaßt, als auch ſchon die gewaltige Fauſt des Barons ſeine Finger umſpannte und dieſelben ſo furchtbar zuſammen⸗ * ..— 3 W u,,, e, 85 Ueuntes Kapitel. In der Schreibſtube. Die Schreibſtube des Herrn Rechtsconſulenten Plager be⸗ fand ſich zu ebener Erde in demſelben Hauſe, wo der lange Schreiber wohnte. Die Fenſter derſelben gingen in den Hof, den wir neulich zur Nachtzeit durchſchritten, und wenn wir denſelben jetzt bei Tageslicht betrachten, ſo müſſen wir ge⸗ ſtehen, daß er damals in finſterer Nacht nicht viel öder und troſtloſer ausſah als heute. Alle Rückſeiten der umliegenden Häuſer ſchienen ſich hier Rendezvous gegeben zu haben, um die allergewöhnlichſten, allerproſaiſchſten Geſchäfte des täglichen Verkehrs abzumachen. Dabei waren dieſe hinteren Häuſer⸗ reihen von einer ſolchen Unregelmäßigkeit, daß man hätte auf den Glauben kommen können, die verſchiedenen Baumeiſter haben einander zum Aerger nur ſo ſich völlig widerſprechende Giebel, Fenſter und Thüren gebaut. Im Lauf der Zeiten hatte man hier und da einen Erker oder einen Alkoven ange⸗ flickt, der dann der Hausſeite ganz das Anſehen gab, als habe Neuntes Kapitel. ſich an der betreffenden Stelle eine unförmliche Geſchwulſt angeſetzt. Dazu kam eine Muſterkarte der verſchiedenartigſten Rinnen und Abzugsröhren in Holz, Erde und Metall, von denen aber viele defekt waren, und aus dieſem Grunde rechts und links einen feuchten Ausſchlag hervorriefen, in welchem hier und da ein Pflänzchen ſein kümmerliches Daſein friſtete. Von einer Verputzung dieſer Hausſeite war durchaus nicht die Rede, und ſo ſah man denn ein wahres Chaos von Holz⸗ werk alle Wände in ſo durch einander laufenden und ſelt⸗ ſamen Linien bedecken, daß es Einem bei längerem Hinſehen ganz ſchwindelig werden konnte. Die ſchon vorhin erwähnten eigenſinnigen Giebel richteten ſich ſo drohend gegen einander auf und blickten ſich mit ihren ſchwarzen Fenſterlöchern ſo grimmig an, daß man auf die Vermuthung einer geſchwornen Feindſchaft unter ihnen kam und ſich des Gedankens nicht erwehren konnte, ſie würden einſt in einer Mitternachtsſtunde wüthend auf einander los⸗ ſtürzen und im grimmigſten Vertilgungskampfe nicht eher ruhen, als bis ſie alle mit einander zerſchmettert drunten im Hofe lägen, ein formloſer Haufen von Balken und Steinen. Was dieſem grauen und ſchmutzigen Hofe eine freundliche Verzierung verlieh, war die überaus zahlreiche an Schnüren aufgehängte Wäſche, und wenn man die vielen Farben der⸗ ſelben, die rothen, blauen, grünen, gelben und weißen Lappen mit einiger Phantaſie betrachtete, und ſah, wie der eingedrun⸗ gene Wind ſie ſpielend emporhob, ſo konnte man träumen, es würde in einem der finſteren Häuſer irgend ein Feſt gefeiert, zu welchem daſſelbe, wie ein Kriegsſchiff im Hafen, ſämmtliche Flaggen aufgezogen. Der Boden des Hofes in ſeiner Unebenheit, die aus zu⸗ In der Schreibſtube. 165 ſammengetretenen Kehrichthaufen und Schuttüberreſten ent⸗ ſtanden war, mit halb verfaulten Balken und Brettern und zuſammengefallenen Fäſſern, wo ein eiſerner Reif mit zwei aufrechtſtehenden Dauben wie das Gerippe eines ehemaligen Weinfaſſes ausſah, paßte vollkommen zu ſeiner Umgebung. Daß die anſtoßenden Gemächer, deren Fenſter hieher gingen, gerade keinen Ueberfluß an Freundlichkeit hatten, brauchen wir dem geneigten Leſer wohl nicht zu ſagen, ebenſo wenig, daß das Bureau des Herrn Plager überhaupt hiervon keine rühmliche Ausnahme machte. Im Gegentheil war es eines der finſterſten Löcher in dem ganzen Gebäude, und Madame Plager mit ihrer Frau Mutter hatte es ſinnig aus dem Grunde gewählt, weil, wie ſie behauptete, die Arbeit noch einmal ſo raſch von Statten gehe, wenn das Auge durch keine äußeren Eindrücke beunruhigt und von dem Papier ab⸗ gezogen würde. Und in dieſer Beziehung hatte ſie trefkflich gewählt; denn in dem Hofe regte ſich gar nichts Lebendiges, als vielleicht eine lauernde Katze oder eine vorüberhuſchende Ratte. Vögel ließen ſich hier kaum ſehen, und wenn einmal ein neugieriger Spatz von draußen hereinkam, ſo flog er augen⸗ blicklich erſchrocken wieder empor und verkündigte wahrſcheinlich ſeiner Verwandtſchaft: Aber da unten habe ich einen ſchauer⸗ lich ſtillen und ſchmutzigen Hof geſehen. Da möchte ich nicht einmal ein geſtohlenes Neſt heſitzen— pfui Teufel! Das Bureau des Rechtsconſulenten beſtand aus zwei Gelaſſen, eines war das Privat⸗ und Sprechzimmer des Chefs, das andere die Schreibſtube. Im erſten herrſchte einiger Luxus; da ſtand nämlich ein altes, ſchmutziges Sopha, und über demſelben hing ein halbblinder Spiegel; die übrigen Möbel waren, wie in der Schreibſtube, aus gewöhnlichem Tannen⸗ 166 Neuntes Kapitel. holze, auf dem ſich aber, wie auf ähnlichen Schulutenſilien, im Lauf der Zeiten ein bräunlicher Schmutzüberzug angeſetzt hatte. Der erſte Schreiber des Rechtsconſulenten, deſſen Be⸗ kanntſchaft wir ſchon in den vorigen Kapiteln gemacht, be⸗ fand ſich vor einem Stehpulte, auf dem ein großer Altenſtoß lag, den er langſam durchblätterte und daraus Auszüge zu machen ſchien. Obgleich wir ihn dem Leſer bereits in aller Form vorgeſtellt, auch ſein Aeußeres ſo gut als möglich be⸗ ſchrieben, ſo vergaßen wir doch bis jetzt, ſeinen Namen zu nennen. Dieſer klang etwas fremdartig,— eine Bemerkung, die der Träger deſſelben mit großem Stolze und gern hörte; er pflegte alsdann zu ſagen, das kalte Deutſchland, in dem er jetzt verurtheilt ſei, ſchlechte Prozeßakten zu concipiren, zu escarpiren und zu copiren, ſei ja nicht ſein Heimatland, ſondern fern im Süden das ſchöne Spanien ſei es, wo ſeine Wiege unter blühenden Orangenbäumen geſtanden. Larioz, ſo pflegte er zu ſagen, iſt dort ein Name von beſtem Klang, und wenn man von Jaen nach Granada reitet, ſo bewundert man die leider ziemlich verfallene Stammburg dieſes Geſchlech⸗ tes, einen mächtigen Bau, von deſſen Thurme man die Be⸗ ſitzungen der Familie, wie ſie einſt beſtanden, nicht überſehen konnte. Wenn der Schreiber auch gewöhnlich mit„Herr La⸗ rioz“ angeredet wurde, ſo nahm er es doch durchaus nicht übel, wenn Jemand, der ſeine Herkunft kannte, ihn Don La⸗ rioz nannte; ja, er pflegte dabei gnädig zu lächeln und konnte in guter Laune hinzuſetzen:„Wenn meine Vorfahren anders gewirthſchaftet hätten, ſo brauchte ich nicht meinen Hut vor dem Herrn Plager abzunehmen, ſondern ſtände mit bedecktem Haupte vor dem König von Spanien.“ In der Schreibſtube. 167 Etwas ſeitwärts von dem Stehpulte befand ſich ein klei⸗ ner Tiſch mit einem Stuhle, auf dem unſer Freund Gott⸗ ſchalk ſaß, der mit der Copie eines Aktenſtückes hätte beſchäf⸗ tigt werden ſollen. Wenigſtens lag beſagtes Aktenſtück neben ihm, er hatte vor ſich einen Bogen Papier, auf dem auch bereits einige Zeilen zu ſehen waren; doch hatte er die Feder neben ſich gelegt und lauerte, wie die Katze auf eine Maus, nach einer müden Fliege, die auf dem Tiſchrande herum⸗ ſpazierte. Es gelang ihm auch, das unglückliche Wildpret einzufangen, doch mochte er dabei etwas zu roh zu Werke gegangen ſein, genug, die ohnedies lebensmüde Fliege ſtarb zwiſchen ſeinen Fingern. Dieſe außergewöhnliche Beſchäftigung war indeſſen von dem langen Schreiber nicht unbemerkt geblieben, und dieſer hatte langſam ſein Lineal genommen und patſchte ſeinem kleinen Zögling, ehe dieſer ſich deſſen verſah, tüchtig auf die Finger. Gottſchalk blickte in die Höhe, und obgleich er den ge⸗ troffenen Daumen zum Munde führte, ſo war doch auf ſeinem Geſichte nicht die Spur eines Erſchreckens zu leſen, vielmehr lachte er ſchelmiſch und ſagte:„Das hat gepatſcht!“ „Allerdings hat es gepatſcht!“ meinte der lange Schreiber, nund es kann noch viel ſtärker patſchen, wenn du, ſtatt ruhig zu arbeiten, beſtändig deine Kindereien treibſt; und diesmal haſt du doppeltes Unrecht begangen: erſtens haſt du deine Schreiberei liegen laſſen, und zweitens ein harmloſes Thier erdrückt, das dir durchaus nichts zu Leide gethan.“ „Ich glaube, es iſt dieſelbe Fliege,“ ſagte der Kleine mit pfiffigem Lächeln,„die ſchon lange um meine Naſe ge⸗ flogen iſt.“ 168 Nenntes Kapitel. „Wenn auch, ſo brauchſt du ſie nicht zu tödten. Denk einmal, wie es dir gefallen würde, wenn du zum Beiſpiel draußen auf dem Felde herumſpazierteſt— und die Fliege kann deine Naſe ja möglicher Weiſe auch für ein Feld an⸗ ſehen— wenn du dich alſo auf deine Art vergnügteſt, und es erſchiene plötzlich ein Rieſe, der es dir gerade ſo machte, wie du jener unſchuldigen Fliege!“ Das ſprach Don Larioz durchaus nicht im Tone des Scherzes, vielmehr blickte er dabei ſehr ernſt an die Decke, während er die breite Fläche des Lineals an ſeine Wangen drückte. „Aber es gibt keine Rieſen mehr,“ erwiderte keck der Knabe. „Das iſt noch gar nicht ausgemacht,“ fuhr der Schreiber fort;„im Gegentheil wirſt du dich erinnern, daß ich dich vor⸗ geſtern mit mir in jene Bude auf dem Markte nahm, wo ſich das Rieſenweib ſehen ließ, eine ſtattliche Perſon. Ich habe auch meine gehörige Länge, aber als ich neben ſie trat, mußte ich wahrhaftig an ihr hinaufblicken.“ „Da war aber viel Betrug dabei,“ meinte Gottſchalk; „ich habe mir das von einem Bekannten erklären laſſen. Das Rieſenweib hatte Sohlen unter den Stiefeln von wenigſtens ſechs Zoll Dicke, und darüber hingen ihre Kleider ſo herab, daß man nichts davon ſehen konnte. Ja, die in den Meß⸗ buden ſind ſchlau und führen die Leute an, wo ſie können.“ Dieſe Bemerkung Gottſchalk's hatte offenbar einen unan⸗ genehmen Eindruck auf Herrn Larioz gemacht, er ſtützte den Ellbogen auf das Stehpult, legte ſein ſpitzes Kinn darauf und blickte nachdenklich in den trüben Hof. „Wenn du Recht haſt,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ſo In der Schreibſtube. 169 iſt es ſehr traurig, und es kann mich betrüben, daß ſo viel Betrug in der Welt herrſcht. Es wäre eigentlich recht ſchön, wenn es noch ſo etwas Außergewöhnliches, wie Rieſenge⸗ ſchlechter, gäbe; die Welt iſt ſo proſaiſch und trocken geworden, daß es Einem ordentlich wohl thäte, hier und da unter den Alltagsmenſchen einem ſo gewaltigen Kerl zu begegnen.“ „Ich würde mich fürchten, und viele andere Menſchen auch. Das wäre eine ſchöne Wirthſchaft, wenn es Rieſen gäbe, die nur die Hand zuzumachen brauchten, um unſer eins zu erdrücken!“ „Die meiſten Rieſen hatten edle Herzen,“ ſagte träumeriſch der Schreiber. „Ich kann Ihnen aber verſichern, Herr Larioz,“ fuhr Gottſchalk fort, der viel zu froh war, plaudern ſtatt arbeiten zu dürfen, um das angefangene Geſpräch ſo bald wieder fallen zu laſſen,„daß es mit dem ſogenannten Rieſenweib falſch war; mein Freund, der mir das erzählte, ſah durch die Bretterwand hinein, wie ſie ihre Stiefel mit den dicken Sohlen anzog; auch war der Fußboden erhöht, auf den ſie ſich ſtellte. Ja, das iſt nun einmal ſo in der Welt: Einer führt den An⸗ deren an, und wer's am beſten kann, der hat den Nutzen. So ſagte Meiſter Schwörer, wenn er gut gelaunt war.“ Der Schreiber ſchüttelte den Kopf und erwiderte:„Wenn es ſo iſt, wie du ſagſt, mein lieber Gottſchalk, ſo hätte man das Rieſenweib unterſuchen und, wenn ſie wirklich das Publi⸗ kum auf ſo unverantwortliche Weiſe betrogen, der Polizei Anzeige davon machen ſollen, damit ſie geſtraft würde.“ „Da hätte man aber viel zu thun, Herr Larioz, wenn man ſich um aller Leute Sachen bekümmern ſollte! Der⸗ gleichen geſchieht ſo viel in der Welt, daß man gar nicht fertig 170 Neuntes Kapitel. würde; und wenn ich mir erlauben darf, es Ihnen zu ſagen, ſo iſt es wahrhaftig ſchon genug, wenn man ſich in Acht nimmt, daß man ſelbſt nicht angeführt wird. Da kann ein Jeder ſehen, wie er fertig wird.“ „Du haſt da erſchreckliche Grundſätze, die ich noch zu verbeſſern hoffe,“ fuhr der Schreiber fort, und dabei ſtellte er ſein Lineal vor ſich auf das Pult, wie irgend ein alter ge⸗ malter General es mit dem Commandoſtabe zu machen pflegt. „Siehſt du, ich hielte es für die ſchönſte Beſchäftigung, die einem Menſchen zu Theil werden könnte, der, unabhängig, reich, es ſich als Aufgabe ſtellte, das Unrecht, das in der Welt geſchieht, ſo viel als nur immer möglich wieder gut zu machen. Du haſt doch gewiß von alten Rittern geleſen, die ſich damit beſchäftigten, böſe Zauberer, Drachen und Rieſen zu bekämpfen, gefangene Jungfrauen zu beſchützen und der⸗ gleichen heilſame Sachen mehr zu thun. Leider gibt es aber keine Drachen und Zauberer mehr.“ „Nein, Drachen nicht, wie damals, feuerſpeiende und mit langen Schwänzen, aber ſonſt ſind noch Drachen genug da; der Meiſter Schwörer nannte die Meiſterin oft einen Drachen.“ „Ich ſehe, wir fangen an, uns zu verſtehen. Da es jetzt keine Drachen mit langen Schwänzen mehr gibt, ſo müßte man alſo ſolche Drachen zu bekämpfen ſuchen, die ihren Ne⸗ benmenſchen durch giftige Reden und allerlei Unthaten das Leben ſauer machen.“ Gottſchalk, der ſich etwas darauf einzubilden ſchien, daß ſeine Anſicht von den Drachen nicht verworfen wurde, ſetzte ſich ſo breit wie möglich an ſeinen Tiſch und entgegnete:„Es wäre aber gewiß ein undankbares Geſchäft, Herr Larioz, ſich In der Schreibſtube. 171 darum zu bekümmern, was andere Menſchen Unrechtes thun. Die Meiſterin ſagte oft, und ich habe es mir gemerkt: Wo es dich nicht juckt, da kratze nicht. Menge dich nicht in anderer Leute Sachen, und wo die Leute ſchmutzige Wäſche waſchen, da geh vorbei und ſieh dich gar nicht um.“ „Da hatte die Meiſterin von ihrem Standpunkte Recht,“ ſagte der Schreiber;„aber ſchön wäre es doch, wenn Jemand es ſich zur Lebensaufgabe machen wollte, das Unrecht, wo ſolches geſchähe, unnachſichtlich aufzudecken und die Betreffenden zur Strafe zu führen. Ein ſolcher Mann müßte mit der Achtung der ganzen Welt belohnt werden.“ „Ja; er könnte aber auch zuweilen ſeine Prügel kriegen,“ ſagte Gottſchalk mit großem Ernſte;„ich habe das erlebt. Wenn ſich der Meiſter und die Meiſterin handgreiflich zank⸗ ten, da hatten wir einen Obergeſellen, der wollte ſich auch hineinmiſchen und fing damit an, allen Beiden Unrecht zu geben. Meinen Sie, daß ſie das geglaubt hätten? Gott be⸗ wahre! Ein Wort gab das andere, und zuletzt nahm der Meiſter die Elle zur Hand, und die Meiſterin behalf ſich bei dem Streite mit ihren zehn Fingern.“, „Du magſt Recht haben,“ warf der Schreiber gleichgültig hin,„daß dergleichen Undank vorkommt, denn wenn man ſich einem Drachen nähert, ſo muß man am Ende auf Alles ge⸗ faßt ſein; aber—“ fuhr er nach einer ziemlich langen Pauſe fort, und dabei blickte er durch die trüben Scheiben in den Hof und über denſelben in das benachbarte Haus hinein, und wenn man ſeinem ſtieren Blicke Glauben ſchenken wollte, weit, weit in unabſehbare Fernen hinaus,„es iſt noch ein anderes Kapitel, mit welchem ſich die damaligen Ritter ſo gern befaßten— der Schutz edler Frauen, und als Retter zu er⸗ 172 Neuntes Kapitel. ſcheinen hülfloſen und in den Feſſeln des alltäglichen Lebens ſchmachtenden Jungfrauen. Das wäre eine ſchöne Aufgabe, wer ſie löſen könnte!“ Die letzte Rede ſchien Gottſchalk nicht verſtanden zu ha⸗ ben; auch ſah er bedenklich und ſeufzend die vier Zeilen an, die auf dem vor ihm liegenden Bogen prangten und die ſich von ſelbſt nicht vermehren wollten; er mochte auch an Herrn Plager denken, der es liebte, die Arbeiten des neuen Schrei⸗ berlehrlings zuweilen zu unterſuchen, und dabei erinnerte er ch ſehr anzüglicher Redensarten, ſowie auch unterſchiedlicher Püffe, die bei derartigen Gelegenheiten ſchon gefallen waren, weßhalb er ſeufzend nach ſeiner Feder griff, die Spitze der⸗ ſelben von allen Seiten betrachtete, um dann auf dem größt⸗ möglichen Umwege damit zum Dintenfaſſe zu fahren. Ehe er aber daſſelbe erreichte, fiel ihm ein, die Dinte könnte des Um⸗ rührens bedürfen, weßhalb er nothwendiger Weiſe aufſtehen mußte, um ein Stückchen Holz zu ſuchen und damit die ſchwarze Flüſſigkeit in Bewegung zu ſetzen. So waren denn glücklicher Weiſe wieder einige Minuten 9 vertrödelt, und da es oft im Menſchenleben Tage gibt, wo ſich ein unangenehmer Moment an den andern reiht, ſo geſchah es jetzt, daß, als Gottſchalk wirklich ſeine Feder eingetunkt hatte, nun die Uhr auf dem benachbarten Kirchthurme Zehn ſchlug, zu welcher Zeit dem Schreiber eine halbe Stunde vergönnt war, um ſich mit einem Stücke Brod zu reſtauriren. Auch Herr Larioz hielt dieſe Zeit ziemlich pünktlich ein, doch legte er erſt beim achten Schlage ſein Lineal auf den Aktenſtoß, um dann mit auf den Rücken gefalteten Händen an das Fenſter zu treten und in den Hof zu ſchauen. „Der Tiger kommt heute wieder recht ſpät,“ meinte Gott⸗ ———— In der Schreibſtube. 173 ſchalk, der ebenfalls von ſeinem Stuhle aufgeſtanden war und gähnend auf den faſt weißen Papierbogen blickte. „Der Tiger iſt ſonſt immer ſehr pünktlich,“ antwortete der lange Schreiber,—„richtig, dort kommt er auch.“ „Ja, da kommt er,“ ſagte freundlich der Lehrling.— „Wiſſen Sie auch, Herr Larioz,“ fuhr er nach einem augen⸗ blicklichen Stillſchweigen fort,„daß Sie mir ſchon lange einmal ſagen wollten, warum eigentlich die alte Friedel der Tiger ge⸗ nannt wird? Die hat doch wahrhaftig nichts Tigerartiges an ſich, und man könnte ſie eher ein altes Schaf nennen.“ „Ich glaube, der Doktor hat ihr den Namen gerade des Contraſtes wegen gegeben. Auch war ſie ſelbſt die unſchuldige Veranlaſſung dazu. Bei dem Herrn Rechtsconſulenten befan⸗ den ſich ein paar Herren, die wegen eines Pferdekaufs pro⸗ zeſſiren wollten. Es ſollte von Sachverſtändigen ein Gutachten abgegeben werden, bei welchem natürlich das fragliche Roß erſcheinen mußte. Die alte Friedel war gerade im Zimmer und las Pagierſchnitzel auf, als einer der Herren zu unſerem Prinzipal ſagte: Der Tiger wird ſogleich in den Hof gebracht werden. Sie hatte hierauf nichts Eiligeres zu thun, als zum. Doktor hinauf zu laufen, der ſich für alle Thiergattungen ſehr intereſſirt, um ihm faſt athemlos zu ſagen: Herr Doktor, kom⸗ men Sie geſchwind herunter, ſogleich kommt ein Tiger in den Hof! Daher bekam ſie denn ihren Beinamen.“ Bei dieſen Worten trat der Tiger in die Stube. Bei ihrem Anblick mußte man geſtehen, daß für die arme alte Perſon die Bezeichnung des Knaben richtiger geweſen wäre, als der Vergleich mit jenem flinken, ſchlanken und ſchönen Raub⸗ thiere. Der Tiger mochte an die ſechszig Jahre alt ſein, hatte ein wig betrübtes Geſicht, auf dem ſich nur höchſt ſelten ein 174 Neuntes Kapitel. Lächeln zeigte, das dann zu ſagen ſchien: Wenn ihr ſo freund⸗ lich ſein wollt, mich für ein Lächeln zu halten, ſo will ich mich bemühen, es nächſtens beſſer zu machen.— Das einzig Glän⸗ zende in ihrem Geſichte, die Augen mit einbegriffen, war ein braunes Tröpfchen, das ſich zuweilen an der Spitze ihrer röth⸗ lichen Naſe zeigte, deſſen ſie ſich aber zu ſchämen ſchien und das ſie ſtets mit dem ſchüchternen Ausrufe: Ach Herr Jemine! wegwiſchte— Der Tiger war Wittwe, hatte alle ſeine Kinder ins Grab ſinken ſehen, überhaupt viel Unglück erduldet, woher es denn auch wohl kommen mochte, daß er ſeinen Kopf gegen die linke Seite geneigt trug, als beuge er ſich vor den beſtän⸗ digen Schickſalsſchlägen. Dabei war aber der Tiger ein ſehr gutes, treues und ehrliches Gemüth, ohne alle Falſchheit und Hinterliſt, und trugen dieſe Eigenſchaften dazu bei, ihr ſehr nachläßiges, gar ſchmieriges Aeußeres vergeſſen zu machen. Ihre älteſten Bekannten erinnerten ſich deſſelben Rockes, deſſelben wollenen, hinten geknüpften Halstuches und derſelben Kopfbe⸗ deckung— eines Mitteldings zwiſchen Nachthaube und Turban, eigentlich Beides zugleich, denn ſie pflegte die erſtere mit einem einſt roth geweſenen Tuche am Kopfe zu befeſtigen. Dabei liebte der Tiger ſeine Kleidung und trotzte muthig faſt allen Anſpielungen. Wir ſagen: faſt allen; denn eine des Armen⸗ arztes hatte ſie doch einſt ſo übel genommen, daß ſie ihm auf ein Haar den Dienſt gekündigt hätte. Der Doktor hatte nämlich eines Tages geſagt:„Tiger, wenn Ihr ſo fortmacht und Euch nicht reinlicher anzieht, ſo erleb' ich es noch, daß, wenn Euch Jemand an die Wand wirft, Ihr zwei Schuhe vom Fuß⸗ boden kleben bleibt!“ Darüber hatte der Tiger heftig geweint und geſagt: er könne das nicht vergeſſen, er habe ſich im Traume ſo erblickt und es habe ſchrecklich ausgeſehen. In der Schreibſtube. 175 Die alte Frau trat alſo in die Schreibſtube, einen kleinen Korb in der Hand, woraus ſie ein Brod hervorholte, ſowie eine in Papier eingeſchlagene Wurſt, das Frühſtück des Gehül⸗ fen und des Lehrlings. Beide machten ſich auch bald darüber her, und wenn auch Tiſchtuch und Teller fehlten, ſo that es doch Herr Larioz nicht anders, als daß er einen Bogen Papier auf der Tiſchecke ausbreitete, darauf den abgeriſſenen Deckel eines Buches legte und auf dieſem die Wurſt zerſchnitt. Der Tiger ſchaute zu und wartete geduldig auf das Ende des Frühſtücks, da er wohl wußte, daß auch für ihn was ab⸗ fallen würde. „Nun, wie gehts denn mit Eurer Wohnung?“ fragte der lange Mann, nachdem er ein Stück Brod und Wurſt verſorgt und dann das Meſſer mit aufwärts gekehrter Spitze in der Hand hielt.„Habt Ihr's dem Hausherrn tüchtig geſagt und ihn ermahnt, das Dach ausbeſſern zu laſſen? Bei San Jago! Wenn man ſeinen Hauszins einſtreicht, ſo muß man dafür ſorgen, daß es den Hausbewohnern nicht auf das Bett regnet!“ Der Tiger hatte eine Stimme, welche zu ſeinem kläg⸗ lichen und verwahrlosten Ausſehen durchaus paßte. Seine Reden klangen immer wie ein fortgeſetztes Schluchzen, und dann erhob er ſeine Stimme immer am unrechten Orte, ſo daß man Fragen zu vernehmen glaubte, wo gar keine hin⸗ gehörten. „Ach, du lieber Gott!“ ſagte er,„was kümmert ſich der Hausherr um ein armes Thier, wie ich bin? So, das Dach iſt entzwei? hat er mich gefragt, es regnet ſtellenweiſe in Eure Kammer? Nun, da weiß ich Euch vorderhand einen guten Rath: ſtellt Euer Bett nicht dorthin, wo es hinein regnet, denn ſonſt könnte es naß werden.“ 176 Neuntes Kapitel. „Der Hausherr hat den Teufel im Leib!“ meinte der Schreiber. „Ja, und da ſagte er noch obendrein,“— fuhr der Tiger fort,—„ich ſolle mich an ſo ein bischen Waſſer nicht kehren, das ſollte ich ſchon lange gewohnt ſein. Nun iſt das freilich wahr, denn ſo lange ich da oben wohne, jetzt ſchon an die zwanzig Jahre, tröpfelt es von Zeit zu Zeit immer durch das Dach. Ach, du lieber Gott! Aber ſo arg, wie jetzt, war es noch nie.“ „An ſo was mag ſich, wer will, gewöhnen!“ erwiderte heftig Herr Larioz;„man muß dem Hauseigenthümer einmal tüchtig auf ſein eigenes Dach ſteigen.“ „Aber man kann in der Welt doch viel gewohnt werden! ſpricht meine Großmutter,“— miſchte ſich der Knabe in das Geſpräch,—„wie ja auch die alte Frau zum Aal geſagt hat, indem ſie ihm die Haut abzog.“ „So wollen wir dich einmal in den Regen unter das Dach legen,“ ſagte der Schreiber mit einem mißbilligenden Blicke anf Gottſchalk. „Auch der Bäcker ſagte ſchon: Gewöhne dich daran, Miez! da fegte er mit der Katze den Ofen aus,“— mur⸗ melte der Knabe in ſich hinein, doch ſo leiſe, daß es ſein Vor⸗ geſetzter nicht verſtand; ſonſt würde ihm das unzeitige Citiren von Sprichwörtern wahrſcheinlich einen neuen Klaps eingetragen haben oder ihm ſein gewöhnlicher Antheil an der Wurſt ent⸗ zogen worden ſein. „Aber er macht's uns auch nicht beſſer!“ fuhr der lange Schreiber fort, nachdem er abermals ſeinem Frühſtück zuge⸗ ſprochen.„Wenn es auch bei uns gerade nicht hereinregnet, In der Schreibſtube. 177 ſo wackeln doch Fenſter und Thüren, und man verbraucht faſt mehr Holz, als man erſchwingen kann.“ „Ich habe es aufgegeben, was zu ſagen,“ meinte die alte Frau,„denn ſelbſt der Herr Doktor, der doch ſein Wort gut zu ſtellen verſteht, wird ja nicht einmal mit dem Hausherrn fertig. Er hat ſich an den Häuſern verkauft, ſo ſagt der Doktor, aus Aerger darüber trinkt er Abends mehr Wein, als er ſollte, und das will er wieder dadurch hereinbringen, daß er auf dem Dach ein paar elende Ziegel erſpart.“ „Dergleichen hat der bankerotte Apotheker auch gedacht,“ ſprach Gottſchalk mit pfiffigem Lächeln;„denn er ſagte: So muß Reichthum wiederkommen. Damit ſtand er über Nacht auf und verkaufte für einen Kreuzer Läuſeſalbe.“ „Und die hat er wohl an dich verkauft, he?“ fragte der Schreiber mit finſterem Stirnrunzeln;„Gottſchalk, Gottſchalk, du biſt ein wirklicher Schalk, und es wäre beſſer, man ſchickte dich zu Meiſter Schwörer zurück! So lange du dort unter der Elle geſeufzt haſt, warſt du ein Kopfhänger und haſt nicht gewagt, dein Maul aufzuthun; hier aber, wo man dich mit Liebe behandelt, fließt die Schelmerei beſtändig aus dir heraus.“ „Aber ich meinte es ja nicht böſe, Herr Larioz,“ ent⸗ gegnete der Knabe mit einem affektirt demüthigen Blicke;„das ſind ſo Sprüchlein, die ich von den Geſellen gehört und die mir immer einfallen.“ „Ich wollte, dir fiele was Anderes ein,“ ſprach ſtreng der Schreiber;„jetzt ſchau deine Arbeit an“— damit zeigte er mit ſeinen langen, dürren Fingern auf den Papierbogen, wo oben die vier Zeilen gegen das ganze weiße Uebrige wie gar nichts Hackländer, Don Quixote. I. 12 178 Neuntes Kapitel. ausſahen;„wenn der Herr Prinzipal nachher kommt, werde ich dir wahrhaftig nicht wieder durchhelfen.— Meinſt du vielleicht, es ſei ſo leicht, ein ordentlicher Schreiber zu wer⸗ den, obendrein, wenn man die Sache ſo ſaumſelig angreift? Ich kann dich verſichern, Gottſchalk, aller Anfang iſt ſchwer, ſogar bei dem größten Fleiße.“ „Ja, aller Anfang iſt ſchwer,“ ſeufzte wehmüthig der Knabe,„das hat der Bauer auch geſagt, da wollte er die Kuh am Schwanz in den Stall ziehen.“ Dieſes Mal zuckten die Finger des Herrn Larioz nach dem großen Lineal; doch erhob ſich der Lehrling ſo eilig wie mög⸗ lich und begab ſich an ſeinen Schreibtiſch. Auch tauchte er die Feder nun geſchwinder ein als gewöhnlich und fing mit aller Emſigkeit an zu ſchreiben. „Es iſt doch ein gutes Bürſchlein,“ ſagte begütigend der Tiger, der den Knaben ſeines harmloſen, heiteren Gemüthes wegen lieb gewonnen hatte und ihm alles Mögliche zu Ge⸗ fallen that.„Sie werden ſehen, Herr Larioz, aus dem wird noch was Rechtes; freilich, fleißig muß er ſein, recht fleißig.“ „Ja, aber da er nicht fleißig iſt, ſo wird er in den Mühen des ernſten Lebens untergehen und kommt, wenn er nicht recht fleißig wird, auf keinen grünen Zweig.“ „Ja, aber er paßt auf und begreift leicht,“ meinte der Tiger. „Er begreift, was ihm Spaß macht,“ ſagte Herr Larioz, während er vor ſein Stehpult trat und die Arbeit wieder auf⸗ nahm.„Aber ihm fehlt der gehörige Ernſt; ſieht Sie, Frau Friedel, jetzt geben wir ihm die beſten Lehren, und macht er wohl ein ernſtes Geſicht? Schaue Sie ihn ſich an! Da braucht jetzt nur draußen das Allergeringſte zu geſchehen, da braucht zum Beiſpiel nur einer von den bunten Lappen an der Waſch⸗ In der Schreibſtube. 179 leine zu fallen, ſo wird er in ein lautes Lachen ausbrechen. — Sage mir doch eigentlich, Bürſchlein, worüber lächelſt du jetzt, he?“ „Ich lächle ja gar nicht, Herr Larioz,“ erwiderte Gott⸗ ſchalk und machte die furchtbarſten Anſtrengungen, ein ernſtes Geſicht zu zeigen. „Ja, ja, ich weiß wohl, du willſt keine guten Lehren an⸗ nehmen; aber ich ſage dir, Gottſchalk, wenn du ſo fortmachſt, kommſt du auf keinen grünen Zweig, ſondern gehſt unter.“ Mochten nun dieſe Worte für den jungen Menſchen etwas ſo außerordentlich Komiſches haben, oder plagte ihn ſonſt was— genug, er brach los und lachte ſo laut und fröhlich, daß ſelbſt auf dem harten Geſicht des Schreibers ein Lächeln wetterleuchtete und der Tiger mit lautem Gelächter einfiel. Dabei trat die alte Frau zu dem Knaben hin und patſchte ihm auf den Rücken, wie man es bei ähnlichen Veranlaſſungen kleinen Kindern zu machen pflegt, damit ſie bei einem Lach⸗ anfalle nicht ſo ſehr außer Athem kommen. „Laſſen Sie ihn gehen, Frau Friedel,“ ſprach wieder ernſt der Schreiber,„der Kerl iſt unverbeſſerlich, und ich werde noch ſtark an ihm herunterhobeln müſſen.“ Die alte gute Frau beugte ſich aber tief zu dem Kopfe des Knaben hinab, ſo daß ihr runzeliges Geſicht ſein friſches lockiges Haar berührte. Dann ſagte ſie halblaut zu ihm: „Nicht wahr, du wirſt brav, Gottſchalk, und lernſt tüchtig, daß was Rechtes aus dir wird? Und ich glaube, daß du es zu was bringſt; denn ich habe neulich deinetwegen in den Karten nachgeſehen, und da ſtand viel Ehre und Geld. Nicht wahr, du gehſt mir nicht unter?“ „Nein, nein, ich gehe nicht unter,“ verſetzte abermals, doch Neuntes Kapitel. 180 jetzt verbiſſener lachend der Knabe.„Ich werde mich ſchon bemühen, in die Höhe zu kommen.“ Und darauf ſetzte er flüſternd hinzu:„Fett ſchwimmt oben, ſagte Bartel, da lebte er noch.“ Nachdem der Tiger auf dieſes Intermezzo noch die Schrift⸗ züge Gottſchalks bewundert, auch das übrige Brod und ein paar Wurſtzipfel zuſammengeleſen und eingepackt, ſtrich er dem Knaben noch einmal leicht über den lockigen Kopf, er⸗ kundigte ſich, ob Aufträge für ihn da ſeien, verließ dann die Stube und ſchritt durch den melancholiſchen Hof zum Hauſe hinaus. Herr Larioz arbeitete fleißig an ſeinem Auszuge, und auch Gottſchalk bemühte ſich, tüchtig darauf los zu ſchreiben. Doch war leider heute einer von den Morgen, wo er zu keiner anhaltenden Arbeit kommen konnte; denn kaum hatte er den vier ſchon vorhandenen Zeilen noch ein paar Dutzend zuge⸗ fügt, als im Nebenzimmer, in der Stube des Prinzipals, eine Stimme laut wurde, die ihn veranlaßte, die Feder ruhen zu laſſen und erſtaunt zu Herrn Larioz aufzublicken. Es waren eigentlich zwei oder mit der des Prinzipals drei Stimmen, die ſich vernehmen ließen und etwas Wichtiges zu beſprechen ſchienen. Die eine Stimme ſagte:„Sie werden mir aber zu⸗ geben, Herr Doktor, daß ich vielleicht triftige Gründe habe, meine Anſicht und die des braven Mannes hier zu verfechten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß dem Schwörer eine gelinde Strafe nichts ſchaden kann, daß man ihm ſo zu ſagen wegen des Vorfalles neulich Nacht etwas anhängen ſollte, item, daß wir Alles dazu beitragen müſſen, unſere Klage zu begründen und aufrecht zu erhalten.“ In der Schreibſtube. 181 „Aber ich weiß gar nicht, wie da eine Klage zu formu⸗ liren wäre.“ „Nun, Sie werden mir zugeben,“ fuhr die erſte Stimme wieder fort,„daß es denn doch ein bischen ſtark iſt, einen armen Buben bei Nacht auf die Straße zu ſetzen und den Teufel zu bitten, daß er ihn hole. Ach, erlauben Sie mir! Wenn das nicht ſtrafbar iſt, da weiß ich überhaupt nicht, warum man in dieſer Welt noch Prozeſſe anfangen ſoll.“ „Das iſt Doktor Flecker,“ ſagte Herr Larioz.„Er ſpricht von dir.“ Jetzt wurde auch die dritte Stimme laut, und bei dem Klange derſelben fuhr der Knabe etwas Weniges zuſammen. „Ich muß dem Herrn Doktor Flecker Recht geben,“ ließ ſich die dritte Stimme vernehmen;„was Teufel!« man jagt keinen Hund Nachts bei Regenwetter aus dem Hauſe. Das ſoll mir der Schwörer, dieſer Kerl, nicht umſonſt gethan haben!“ „Das iſt mein Vater,“ meinte ſchüchtern Gottſchalk. „Allerdings, da haben Sie Recht,“ hörte man den Rechts⸗ conſulenten ſagen,„und wenn es angeht, können wir den Schneidermeiſter Schwörer wegen Mißhandlung Ihres Sohns belangen.“ „Zu gelinde, viel zu gelinde! Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, das wäre kaum der Mühe werth. Nein, nein! Man muß den Schwörer in ſeinem Glauben zu erhalten ſu⸗ chen, der Knabe ſei verſchwunden, und dabei will ich Ihnen zugeben, daß vernünftige Menſchen meinen werden, er ſei Gott weiß, wohin gekommen, verunglückt, meinetwegen von Räubern oder Zigeunern geſtohlen; das iſt mir Alles gleich viel, item, die Sippſchaft des Schneidermeiſters muß in ihrem 182 Nenntes Kapitel. Glauben erhalten und beſtärkt werden, der Teufel habe ihn wirklich geholt.“ Herr Larioz hatte bei dem eben gehörten Geſpräche ſeine Arbeit unterbrochen, hatte gedankenvoll das Kinn in die Hand gelegt und ſchüttelte augenſcheinlich verdrießlich mit dem Kopfe. „Sie ſind ſonſt ein ſo geſcheidter Mann, lieber Doktor,“ hörte man den Rechtsconſulenten ſagen,„aber dieſes Mal haben Sie jedenfalls Unrecht; ich kann Sie verſichern, ich wüßte nicht, in welcher Art ich eine Klage wegen Teufelholens anſtellen ſollte; ich müßte ja fürchten, mich völlig lächerlich zu machen. Und dann, wenn man die Sache ruhig betrachtet, ſo hat der Knabe irgend eine Veranlaſſung gegeben zu der übeln Behandlung, die ihm zu Theil geworden.“ „Dieſes Mal nicht,“ vernahm man die Stimme des Jä⸗ gers, Herrn Brenner.„Zu Anfang, als mein Gottſchalk in die Lehre kam, war es mir gelungen, dem Meiſter Schwörer die Livreen meiner Herrſchaft zu verſchaffen, damals lieferte er noch gute Arbeit. Als er ſich aber nicht lange darauf mit ſeineme. jetzigen ſtillen Freunden verband, da wurde die Arbeit immer ſchlechter, meine Kameraden klagten mit Recht übe die mangel⸗ haften Anzüge; ich verſichere Sie, Weſten und Hoſen waren zu kurz und zu enge, auch mit der heißen Nadel genäht; und der Herr Baron von Breda nahm ihm die Arbeit ab. Von dem Augenblicke an war mein Gottſchalk nichts mehr nutz. Ich weiß wohl, daß der Junge ſeine Fehler hat, wie jeder Andere, aber es lag klar am Tage, daß der Verluſt der Kundſchaft aus meinem Gottſchalk mit einem Male den böſeſten Buben gemacht.“ In der Schreibſtube. 183 „Sie werden mir zugeben, mein lieber Doktor, daß ſo was unverantwortlich iſt,“ ſagte der Armenarzt. „Wenn ich das auch zugeſtehen muß,“ entgegnete der Rechtsconſulent,„ſo werden Sie mir dagegen einräumen, daß ich von meinem Standpunkte aus Ihren Wünſchen nicht nach⸗ kommen kann.“ „Sollte ſich denn nicht eine kleine Handhabe drehen laſſen Aönnen, womit ſich die Sache nach unſerer Anſicht bewegen ließe, mein lieber Herr Doktor? Habt ihr Herren vom Recht doch ſchon ſo viel, was gerade nicht Recht war, möglich ge macht, und wir ſind hier ſo ſehr in unſerem Recht, daß, wie Sie mir zugeben werden, ein klein bischen Unrecht ſchon ver⸗ zeihlich wäre.“. „Das Beſte iſt,“ hörte aman nach einem längeren Still ſchwugen den Rechtsconſulenten ſagen,„wenn wir die Haupt⸗ perſon in dißſer Geſchichte, Herrn Larioz, noch ein Mal hörten. Iſt's Ihnen gefällig, meine Herren, ſo treten wir einen Augen blick in die Schreibſtube.“ Den Herren ſchien dieſer Vorſchlag in der That zu ge fallen; denn im nächſten Augenblicke wurde die Thür geöffnet, und herein traten die Beſitzer der drei Stimmen, welche man durch die dünne Wand ſehr deutlich vernommen. Doktor Flecker ſchoß mit ſeiner gewöhnlichen Lebendigkeit herein, kniff ſein rechtes Auge vertraulich gegen den Schreiber zu, wobei er bedeutend mit dem Kopfe nickte, und faßte zu gleicher Zeit den Lehrling am ea ihn zur Begrüßung ſo freundlich und derb ſchüttelnd, daß die Feder faſt der Hand entfallen wäre. Der Rechtsconſulent ging würdevoll, wie es ſich für einen Mann von ſeiner Stellung geziemte, das Kinn in die Hals binde vergraben, auf dem Geſichte einen Zug ſtiller Sanft⸗ 184 Neunntes Kapitel. muth und Ergebung, den er ſeinen Clienten gegenüber gern anzunehmen pflegte, um für eine umgängliche, ruhige und an⸗ genehme Perſönlichkeit zu gelten, einen Zug, der aber zur Wahrheit wurde, ſo oft er ſich ſeines Hausweſens, namentlich ſeiner Schwiegermutter erinnerte. Vater Brenner war eine breitſchulterige, große Perſönlichkeit, mit einem mehr als ſanft gerötheten Geſichte. Dabei aber war er ein wohlgewachſener, hübſcher Mann, vortrefflich im Dienſte und der auch dort eine ſehr gute Figur machte. Es konnte Niemand ſicherer, mit größerer Leichtigkeit, ja, eleganter ſeinem Herrn die geladene Büchſe präſentiren, als der Jäger Brenner. Wenn er hinten auf dem Wagen ſtand, ſo ſah das ſo impoſant aus, daß man hätte fragen können:„fährt dort vielleicht Seine Majeſtät in Allerhöchſt eigener Perſon?“ und wenn er bei der Tafel ſer⸗ virte, ſo geſchah das mit einem ſolchen Aplomb und dabei mit einer ſolchen Umſicht, daß die Freunde des Barons Breda dieſen um ſeinen Jäger ordentlich beneideten. Merkwürdig war es aber dabei, daß Herr Brenner, ſobald er Federhut und Bandelier abgelegt hatte und ſich im gewöhnlichen Leben be⸗ wegte, ziemlich ſteif und unbeholfen war, und daß es ihm da namentlich wie einem ſchlechten Schauſpieler ging, der zwei Hände zu viel hat und abſolut mit dieſen nichts anzufangen weiß. Dieſe Schüchternheit war ſeltſam an Herrn Brenner, und er, der ſchon Ihrer Majeſtät der Königin ohne Furcht und Tadel ein Glas Waſſer präſentirt hatte, war verlegen, wenn er außerhalb des Dienſtes nur bei etwas höher geſtell⸗ ten Leuten ins Zimmer treten ſollte. Zu Hauſe war das be⸗ greiflicher Weiſe nicht der Fall, und doch pflegte Herr Brenner bei großen Familienſcenen, wo es eine bedeutende Abkanzelung galt, oder wo er ſogar den Verſuch machte, der Großmutter In der Schreibſtube. 185 ſeine Meinung kund und zu wiſſen zu thun, mit Federhut und Bandelier zu erſcheinen. Jetzt war er alſo der Letzte, der ins Zimmer trat, und nachdem er eine Verbeugung gegen Herrn Larioz gemacht, ſtreckte er ſeine rechte Hand nach Gottſchalk aus, der ſich ihm als gehorſamer Sohn augenblicklich näherte und nun vom Vater Brenner als Verlegenheits⸗Ableiter benutzt wurde; denn er behandelte ihn als Sache, die man zum Spielen in der Hand hält, man könnte ſagen: als Spazierſtock; denn er um⸗ fing mit ſeiner breiten Hand den Kopf des Knaben und drehte ihn zuweilen, wenn er ſeine Meinung abgab, nach allen Sei⸗ ten herum. „Da wären wir alſo,“ ſagte der Armenarzt,„ein voll⸗ kommenes und ſehr reſpektables Concilium, das wird Jeder zugeben müſſen, der uns hier beiſammenſieht. Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß es vielleicht von Wichtigkeit ſein wird, dem Herrn Larioz als Haupthelden der ganzen Action, als ganz hölliſcher, ver⸗ fluchter Perſönlichkeit, die Sachlage nochmals ins Gedächtniß zurückzurufen.“ meinem Freunde Don Larioz Vater Brenner, der nichts dagegen einzuwenden wußte, legte die linke Hand, die er gerade frei hatte, an ſein bärtiges Kinn und nickte mit dem Kopfe. „Ich halte das für unnöthig,“ verſetzte der Rechtsconſulent, indem er mit wichtiger Miene ſein Kinn in die Halsbinde vergrub.„Herr Larioz kennt den vorliegenden Fall.“ „Ja, und ich erlaube mir, zu bemerken, daß der Fall ſehr wichtig iſt!“ rief der Armenarzt,„und Sie werden mir zu⸗ geben, daß es nicht unnöthig iſt, dieſes unſerem Freunde, Don Larioz, ins Gedächtniß zurückzurufen. Zum Henker, man läßt 186 Nenntes Kapitel. ſich nicht nur ſo für den Teufel halten; und dieſer vortreffliche Freund, der dort ſteht, weiß am beſten, wie erſtaunlich kläg⸗ lich es war, als der arme kleine junge Menſch ganz durchnäßt in Kälte und Wind vor dem Hauſe herumlief; es war das ein Anblick, der auch das weichſte Herz ſteinhart machen mußte.“ Während der Doktor dies mit großem Pathos ſprach, hatte er ganz die Haltung eines Kampfhahns angenommen. Er ſtand da mit geſpreizten Beinen, den Bauch ſo viel als mög⸗ lich vorgedrückt, die Naſe hoch erhoben und mit beiden Hän⸗ den in der Luft herumfuchtelnd, wobei er in der Linken den Stock mit dem ſilbernen Knopfe trug. Seine Rede war be⸗ ſonders an Herrn Larioz gerichtet, von dem er wohl wußte, daß ihm der ganze Teufelshandel äußerſt widerwärtig war, und den er durch ſeine begeiſterten Worte mit ſich fortzureißen hoffte; doch ſchien ſeine Abſicht dieſes Mal durchaus nicht ge⸗ lingen zu wollen. Der Schreiber hatte ſein Lineal hoch empor genommen und blickte ziemlich finſter in den Hof hinaus. „Nun, was meinen Sie?“ fragte der Rechtsconſulent nach einer Pauſe, während welcher Alle ſchwiegen. „Ich meine,“ entgegnete Herr Larioz,„daß die ganze Sache ein unangenehmner Handel iſt, der ſich am beſten dadurch ausgleicht, daß man ihn liegen läßt und ſo nach und nach vergißt.““ 5 „Den Teufel auch!“ rief der Doktor;„Freund, laſſen Sie mir Ihre gewöhnlichen Phantaſien von Recht und Gerechtig⸗ keit nach Ihrer Art! So kommt man nicht durch die Welt, das kann ich Sie verſichern.“ „Ich meine ferner,“ fuhr der Schreiber, gänzlich unbe⸗ wegt durch dieſe Exclamation, fort,„daß, wenn Herr Brenner ch In der Schreibſtube. 187 gegen Meiſter Schwörer wegen unbefugter Mißhandlung ſeines Sohnes zu klagen hat, ich gern bereit bin, ſeine Klage durch mein Zeugniß zu unterſtützen, daß ich aber dagegen mit der ganzen Teufelsgeſchichte nichts zu thun haben will. Bei San Jago! Es hat freilich der Larioz genug gegeben, die den Teufel im Leibe hatten, davon bin ich überzeugt, aber keinen, der Luſt gehabt hätte, ſich mit der Perſon des Höllenfürſten zu identificiren.“ „Kindereien, Kindereien, Kindereien!“ ſchrie der Doktor, und er ſprach dieſes Wort jedes Mal mit lauterer Stimme aus;„Sie werden mir zugeben, beſter Don Larioz, daß ich mir meinen Spaß nicht ſo verderben laſſen darf. Die Sache iſt aufs beſte eingefädelt, Meiſter Schwörer iſt der feſten An⸗ ſicht, er habe wirklich den Teufel geſehen, und wollen Sie,“ ſetzte er mit komiſcher Wehmuth hinzu,„dieſem Manne ſeinen guten Glauben verderben?“ „Beſter Doktor,“ nahm der Rechtsconſulent, der beinahe ungeduldig zu werden begann, das Wort,„Sie ſehen, wir Männer vom Fache finden, daß der Sache keine rechtliche Handhabe zu drehen iſt. Sie haben ſich nun einmal in die Teufelsidee hinein verbiſſen, aber wir können die Sache nach Ihrer Idee unmöglich unterſtützen. Wollen Sie eine Klage— Brenner contra Schwörer, Mißhandlung des jungen Men ſchen betreffend, ſo ſtehen wir mit allen unſeren Kräften zu Befehl. Da iſt aber die Grenze, und ich verſichere Sie, ich könnte wahrhaftig in die Lage kommen, mich lächerlich zu machen, wenn ich mich in eine ſolche Teufelsgeſchichte einließe, von der ich voraus weiß, daß ſie nicht durchzuführen iſt. Vielleicht,“ ſetzte er mit Würde hinzu, wobei ſein ganzes Kinn in der Halsbinde verſchwand,„finden Sie einen Winkeladvoka 188 Neuntes Kapitel. ten, der die Sache annimmt, Sie um Ihr Geld bringt und dann ſitzen läßt. Aber wenn Sie den Rath eines guten Freundes annehmen wollen, beſter Herr Doktor, ſo—“ „Das iſt alles recht gut und wohl,“ rief der Arzt, der ſich während der Rede des Advokaten wie eine Wetterfahne gedreht hatte, um alle Anweſenden der Reihe nach zu betrach⸗ ten,„das iſt vortrefflich geſprochen; aber Sie kennen jenes Volk nicht! Nur wenn wir ſie mit ihrer Teufelsfurcht an⸗ packen, iſt was aus ihnen herauszupreſſen. Kommen wir ih⸗ nen aber mit einer ganz gewöhnlichen Klage auf den Leib, ſo wette ich Hundert gegen Eins, ſie ſind gerade ſo pfiffig wie wir, und wir können mit langer Naſe abziehen.“ „Und das wäre das Beſte,“ ließ ſich der Schreiber ver⸗ nehmen,„wenn das Recht nicht auf unſerer Seite iſt.“ „Das Recht, lieber Freund, das Recht!“ rief der Doltor mit komiſcher Entrüſtung, wobei er ordentlich in die Höhe ſprang;„Sie ſollten mir eigentlich nicht erlauben, daß ich Ihnen bemerke, das Recht läßt ſich drehen, wie eine wächſerne Naſe, aber es iſt leider Gottes ſo. Was wollen Sie mit Ihrem Recht! Aber ich kenne Ihre Anſichten, und mit dieſen werden Sie doch hundert Malanſtoßen. Sie halten die ganze Welt für ehrlich und werden bei dem Glauben verbleiben, bis man Sie mehrere Mal donnermäßig über den Löffel barbirt hat, und wenn das einmal recht tüchtig geſchehen iſt, dann werden Sie nach Gott ſchreien und— Ihrem ganz ergebenſten Diener.“ Damit wandte ſich der Doktor um und machte Miene, wie im Zorne, das Zimmer verlaſſen zu wollen. An der Thür aber drehte er ſich auf dem Abſatze herum, machte ein nd In der Schreibſtube. 189 pfiffiges Geſicht und rief, wie um eine letzte, vielleicht günſtige Entſcheidung zu hören:„He?“ Vater Brenner hatte bedeutend mit dem Kopfe geſchüttelt, und auch ihm wollte das Benehmen des Schreibers nicht ein⸗ leuchten. Er ſtrich ſich mit der Hand über den Bart, ſchob Gott⸗ ſchalk wie zum Schutze einen Schritt vor ſich hin und wollte mit einer feierlichen Rede gegen das Stehpult avanciren, war jedoch ſehr froh darüber, daß der Doktor abermals das Wort nahm. „So iſt denn nichts zu machen?“ ſagte dieſer.„Ich hätte das nimmer von Euch gedacht, Don Larioz. Nun gut, ich gehe meinen eigenen Weg und will ſchon ſehen, was ich für meine armſelige Perſon allein herausſchlagen kann. Aber Eines werden Sie mir zu bemerken erlauben: laſſen Sie mich meinen Weg gehen und kommen Sie mir nicht in die Quere. Es iſt mir ja nicht um meinetwillen, ſondern hauptſächlich um Sie ſelbſt zu thun. Sie kennen jenes Volk nicht, und wenn Sie, gerade und ehrlich, wie Sie ſind, mit demſelben zu thun kriegen, ſo kommen Sie in Schaden, darauf können Sie Gift trinken— meinetwegen einen ganzen Schoppen Blauſäure. Item, jetzt bin ich fertig.“ Der Rechtsconſulent ſchien hoch erfreut, daß der Doktor wirklich fertig ſei; denn die Unterredung hatte ihm ſchon viel zu lange gedauert. Trotzdem aber machte er zum Abſchiede ein freundlich lächelndes Geſicht, ſagte etwas von ſonſt in allen Dingen gern zu Dienſten ſtehen, von thätiger Rechtshülfe, unbedingt Vertrauen verdienen, und was dergleichen Phraſen mehr ſind, und manövrirte dabei ſo glücklich mit Complimen⸗ ten und Wendungen, daß ſich der Armenarzt und Vater Bren⸗ ner im nächſten Augenblicke unter der Thür befanden. Hier — aber blieb der Letztere ſtehen, und da er an dem Thürpfoſten 190 Nenntes Kapitel. einen ſoliden Anhaltspunkt gefunden hatte, ſo zeigte er ohne allzu : li große Verlegenheit auf ſeinen Sprößling, und ſagte dabei: „Und der Herr Doktor ſind mit meinem Kleinen da zufrieden? I Glauben Sie, daß er ſich zum Schreiber eignet? Es ſollte mich wahrhaftig freuen; denn ich ſelber habe das Schneider⸗ b handwerk all mein Lebtag nicht ausſtehen können. Nur meine Alte meinte, es ſei erſprießlich, wenn der Kerl da ſeinen Ge⸗ ſchwiſtern baldigſt die Kleider flicken könnte.“ Der Rechtsconſulent verſicherte, es werde ſich ſchon machen, er habe alle Hoffnung dazu, und dann ließ auch Vater Bren⸗ ner ſeinen Thürpfoſten fahren, worauf er augenblicklich im vemkeln Gange draußen verſchwand. Doch hörte man ſeine tiefe Stimme noch zurückrufen:„Alſo, Oculi, halte dich brav, und mach' mir keine Schande!“ Der kleine Armenarzt war im halben Zorne davon geeilt, doch war er viel zu gutmüthig und hatte ein zu verſöhnliches Gemüth, um das Haus in Feindſchaft mit ſeinem alten Freunde verlaſſen zu können. Deßhalb kehrte er auch im Hofe wieder um, trat an die trüben Fenſterſcheiben der Schreibſtube und klopfte heftig daran, und als der Schreiber lächelnd geöffnet, rief er hinein:„Freund Larioz, Ihr werdet mir zugeben, daß Ihr einen verdammt harten Kopf habt. Und ich habe es doch ſo gut mit Euch und dem Knaben gemeint! Na, denken wir vorderhand nicht mehr daran, und laßt mich machen! Aber kommt mir nicht in meinen Weg, das rathe ich Euch wohl⸗ meinend; denn wenn Ihr in meinen Weg kommt, ſo werde ich zornig, und der Doktor Flecker in ſeinem Zorn iſt eine gar gefährliche Perſönlichkeit. Addio, caro amico!“ „Addio!“ erwiderte lachend Don Larioz; dann ſchüttelten ſich Beide die Hände, und der kleine Doktor, die gefähr⸗ —— y— — —————— er —.—— — 4 8 3. 2— — In der Schreibſtube. 191 liche Perſönlichkeit, hüpfte wie eine Bachſtelze aus dem Hofe hinaus. Draußen an dem halbz ertrümmerten Thorflügel ſtand Vater Brenner; er hatte die linke Hand unter das Kinn ge⸗ legt, ſchien über etwas nachgedacht zu haben, und ſagte nach einer Pauſe:„Herr Doktor, mit den vornehmen Advokaten iſt es nichts. Ich kenne einen ſtillen Entenmaier, der ſich der Sachen armer Leute gern annimmt.“ Lieber Freund,“ verſetzte der Doktor, indem er ſeine beiden Hände, wie beſchwörend, emporhob,„laſſen Sie mich in Ruhe mit Ihrem ſtillen Entenmaier; ich fürchte ſelbſt, daß in der Sache auf dem Wege Rechtens nichts zu machen iſt, wa der da drinnen ſie nicht übernehmen wollte; denn wenn Einer mit dem Teufel umzugehen weiß, ſo iſt es der Rechtsconſulent Plager.“ Bei dieſen Worten lächelte er eigenthümlich und eilte in die nächſte Gaſſe hinein. Vater Brenner aber blieb einen Augenblick gedankenvoll ſtehen, und da er aufblickend gewahrte, daß er ſich in der Nähe eines Weinhauſes befand, ſo fiel er dort ein, um ſich nach den gehabten Strapazen zu einem küh⸗ len Trunke zu verhelfen. Unterdeſſen ſchrieb Gottſchalk drinnen in der Stube fleißi⸗ 20 ger als vorher an ſeinem Bogen, wogegen Herr Larioz zer⸗ ſtreut ſchien und ſeine Auszüge nicht mehr ſo emſig machte, wie früher; ja, er nahm zuweil und blickte gedankenvoll in den Hof hinaus. Er ſchien lange etwas zu überlegen und endlich zu einem Entſchluſſe gekommen zu ſein, worauf er zu ſich ſelber ſagte:„Ich muß dem Mei⸗ en die Feder quer in den Mund ſter Schwörer bewe iſen, daß ich nicht der Teufel bin. Zehntes Kapitel. . Eine Teufelsbeſchwörung. Bei Meiſter Schwörer war es noch herkömmlich, daß, ſo viele von den Geſellen Platz hatten, mit ihm unter einem Dache wohnten; dabei war dieſes unter dem Dache wohnen wörtlich zu verſtehen und hatte unter andern Vortheilen noch den Nutzen, daß keiner der Geſellen ein Barometer brauchte; denn wollten ſie wiſſen, ob draußen ſchönes Wetter ſei, ſo durften ſie nur in die Höhe blinzeln und brauchten nicht lange zu ſuchen, um irgend einen mitleidigen Stern aufzufinden, der zu ihnen hereinflimmerte. Ahnete ihnen aber etwas von Regen⸗ wetter, ſo brauchten ſie nur die Hand nach den Dachplatten auszuſtrecken, und der größere oder geringere Grad von Feuch⸗ tigkeit, der an dieſen herabtropfte, ließ ſie zur Genüge erkennen, ob es ein kleiner Sprühregen ſei oder ein feſtes Regenwetter. Ja, ſogar woher der Wind blies, war hier oben deutlich zu unterſcheiden; denn wenn er aus Weſten kam, ſo ſeufzte der — Eine Teufelsbeſchwörung. 193 alte Dachladen in ſeinen Angeln, blies er aber aus Norden, ſo klapperten die Dachplatten wie ein Pochwerk. In einer Nacht, wo, dem unaufhörlichen Gewinſel des Dachladens nach zu urtheilen— derſelbe machte nämlich die verzweiflungsvollſten Anſtrengungen, ſich von einem Schließ⸗ haken loszureißen, und wenn das nicht gelang, ſo pfiff und heulte er wie ein Hund an der Kette— der Wind aus Weſten kam und ein tüchtiges Regenwetter zwiſchen die Dachplatten hereinjagte, wo der alte Schornſtein des Hauſes ſich mit in das Geſpräch der wilden Geiſter draußen miſchte, aber feierlich, beruhigend im Vergleich zu dem tollen Gezänk der andern, wo ſämmtliche Bretter⸗Verſchläge auf dem Dachboden knarrten und ſtöhnten und wo der Klang der Glocken, wenn ſie hoch vom Thurme die Stunde anſchlugen, vom Sturmwind zerriſſen wurde, ſo daß ſie nur noch in zitternden Tönen weiter hallen ſo konnten, in einer ſolchen Nacht lag der Elberfelder in ſeinem em Bette, und da er zufälliger Weiſe nicht ſchlafen konnte, ſo ließ ten er vor ſeinem inneren Geſichte die Erlebniſſe der vergangenen och Tage vorübergehen. Der Elberfelder hatte bei ziemlich zer⸗ te; rütteten Nerven eine außerordentlich regſame Phantaſie. Er 7 war einer von den Menſchen, denen es als eine pure Unmög⸗ ge lichkeit erſcheint, ſtill und zufrieden ihrem Berufe nachzugehen; 3 er hatte vielmehr die unglückliche Neigung, dieſen Beruf immer n⸗ nur als Nebenſache zu betrachten und ihn ſo weit als thunlich en ſeinen Leidenſchaften unterzuordnen. Schon als Lehrling war j⸗ ihm die Erlernung ſeines Handwerks Nebenſache geweſen, und wenn er davon etwas erlernte, ſo brauchte er das nur, um ſeine Schelmenſtreiche auszuführen. Er beſaß damals eine außerordentliche Fertigkeit, Katzen wegzufangen, ihnen den Balg abzuſtreifen, dieſen präpariren zu laſſen und alsdann, zu Pelz⸗ Hackländer, Don Quixote. 1 13 Zehntes Kapitel. decken verarbeitet, zu verkaufen. Als er Geſelle wurde, warf er ſich auf das liederliche Leben, namentlich auf den Tanz ohne Maß und Ziel, und da war der Elberfelder eine ge⸗ nannte und bekannte Perſönlichkeit. Zu ſeinem Bedauern reich⸗ ten aber ſeine Körperkräfte für ein ſolches Treiben nicht lange aus, der Elberfelder wurde ſchwach im Kopf und wackelig in den Beinen, und wenn ihn auch der Ruf zur Schlacht, das heißt die Geige zum Galopp, noch immer unwiderſtehlich mit fortriß, ſo war das doch nur noch wie ein Schattentanz, und er mußte die Kränkung erleben, daß ihm eine ſeiner Gelieb⸗ ten, die handfeſte Köchin eines ſtillen Hauſes, bei mehreren Gelegenheiten und mit voller Indignation ſagte:„Elberfelder, ich kenne Ihn gar nicht mehr, Er kann ja gar nichts mehr leiſten!“ Dieſes Wort der Köchin ſchnitt tief in ſein Herz, und es war ihm wie jene Schrift, die dem hochſeligen König von Ba⸗ bylon auch an einem ſolch wilden Abend erſchien und ihn eben⸗ falls zur Buße mahnte. Der Elberfelder beſchloß, einen an⸗ deren Menſchen anzuziehen, und da vom Erhabenen zum Lächerlichen, ſo wie auch umgekehrt, nur ein kleiner Schritt iſt, ſo warf er ſich in die Arme ſeiner jetzigen Glaubensge⸗ noſſen und wurde aus einem liederlichen Schneidergeſellen ein gnadenerfülltes Werkzeug ſeiner Partei. Doch bewies ſich auch dieſes Geſchäft im Laufe der Zeiten nicht ſo lucrativ, wie der Bekehrte gedacht. Für eine äußerſt angenehme Condition bei einer geſinnungstüchtigen Damen⸗Kleidermacherin, die aber bei ihrem Geſchäft der männlichen Hülfe ſehr benöthigt war, zeigte er ſich nicht gewandt und ausdauernd genug und mußte ent⸗ laſſen werden. Er hatte es darauf verſucht, den unverſchuldet Herabgekommenen zu ſpielen und ſich, als unverſchämter Haus⸗ Eine Teufelsbeſchwörung. 195 armer, vermittelſt des außerordentlich fleißigen Beſuchs aller möglichen Betſtunden zu ernähren; aber hier war die Con⸗ currenz zu groß, und ſo wurde er denn von einem wohl⸗ wollenden Mitgliede dem Meiſter Schwörer empfohlen, der, obgleich er damals noch ein tüchtiger und geſuchter Meiſter war, doch ſchon gelinde Anwandlungen von Heuchelei zeigte und bereits begann, ſeine ſichere irdiſche Kundſchaft zu ver⸗ nachläßigen, auf die unſichere Hoffnung eines Gnadendurch⸗ bruchs hin, der ihn ohne Müh' und Arbeit mit allen Glücks⸗ gütern dieſer Erde überſchütten ſollte. Aber auch im Hauſe des Meiſters Schwörer hatte der Elberfelder nicht das gewünſchte ſtille und behagliche Aſyl ge⸗ funden; die Meiſterin war ein hartes Gemüth, eine Ungläubige, die den frechen Satz aufſtellte: zuerſt heiße es arbeiten, und dann erſt könne man ſich zur Erholung ein Gebet gönnen; eine Frau, die lieber dafür ſorgte, daß ihre Kinder ein gutes Hemd auf dem Leibe hatten, als daß nackte Negerknaben Gott weiß, wo, in Hinterindien, von ſanft geſinnten Miſſionären in chriſtliche Behandlung genommen wurden; eine Frau, die das Miſſionswerk in ihrem eigenen Hauſe beginnen wollte, und deßhalb Subjecte, wie den Elberfelder über alle Berge wünſchte, eine Frau, die verſtockt genug war, ihrem Mann eine Scene zu machen, weil ſie nicht zugeben wollte, daß er, ſtatt die noth⸗ wendigen Schulbücher für ſeine Kinder zu kaufen, ſich mit dem ſauer verdienten Gelde bei einer Geſellſchaft zur Verbreitung von Tractätlein betheiligte,— kurz, eine brave und rechtſchaffene Frau. Aber eben deßhalb war ſie dem Geſellen ein Dorn im Auge, und er dachte ſchon ſeufzend daran, ſich eine andere Condition zu ſuchen. Da kam ihm die Teufelsgeſchichte des Meiſters Schwörer, um uns eines unziemlichen Ausdrucks zu Zehntes Kapitel. bedienen, wie ein gefundenes Freſſen. Daß er den Meiſter Schwörer aus allen Kräften in ſeiner Anſicht beſtärkte, er habe wirklich den Teufel geſehen, verſteht ſich von ſelbſt; er erzählte ihm ſchaudervolle Geſchichten von ähnlichen Viſionen, die er ſelbſt gehabt, und hoffte dabei zuverſichtlich, dieſer erſte Beſuch des Böſen habe nur den Zweck gehabt, das Terrain zu ſondiren, um ſich im Hauſe irgend einer armen Seele zu bemächtigen. Darauf hatte der Elberfelder alſo geſprochen:„Meiſter, Ihr ſeid Familienvater, ein würdiger Mann und eine feſte Stütze der Gemeinde,“ hatte auch mit vieler Sachkenntniß fortgefahren: „Ich bin doch ein ganz miſerabler Sünder, und wenn ſich der Teufel mit der Seele eines armen Schneidergeſellen begnügen wollte, ſo würde ich mich gern ſeinen Angriffen bloßſtellen, in der feſten Ueberzeugung, daß es einigen unter den Freun⸗ den baldigſt gelingen würde, den Teufel aus mir zu bannen und ihn dahin zurückzuweiſen, woher er gekommen.“ Darauf war der Geſelle wie tiefſinnig geworden, und ob Alles bei ihm vollkommene Heuchelei war, oder ob ſein Ver⸗ ſtand wirklich durch fortgeſetzten ſchlechten Lebenswandel einiger Maßen gelitten, wiſſen wir nicht genau anzugeben, glauben aber das Erſtere; genug, als er in jener Nacht, wo der Sturm heulte und der Regen auf den Dachplatten raſſelte, wachend auf ſeinem Lager ruhte, begann er ſich einzubilden, derſelbe Teufel, der dem Meiſter erſchienen, ſei nun wirklich in ihn ſelbſt gefahren, und ſpielte demgemäß ſeine Komödie ganz vor⸗ trefflich. Er ſtöhnte ſo laut und vernehmlich, daß er ſeinen Mitgeſellen und auch den neuen Lehrjungen ein paar Mal aus dem Schlafe weckte und alsdann über ein unerklärliches Leiden klagte, das mit irgend einer gewöhnlichen Krankheit durchaus keine Aehnlichkeit habe. Am andern Morgen ließ er Eine Teufelsbeſchwörung. 197 den Meiſter heraufbitten, und was die Beiden dabei verhan⸗ delt, wäre vielleicht tiefſtes Geheimniß geblieben, wenn nicht der andere Geſelle aus übergroßer Sorge für den von ihm gehaßten heuchleriſchen Kameraden an der Bretterwand ge⸗ horcht hätte. Meiſter Schwörer erſchien nach einiger Zeit ziemlich ver⸗ ſtört wieder in der Wohnſtube, ſeufzte tief und zog ſeinen ſchwarzen Rock an, um das unerhörte Ereigniß einigen ſeiner gläubigen Freunde mitzutheilen. Zu gleicher Zeit aber be⸗ richtete der zweite Geſelle der Meiſterin, der Eberfelder, der droben in der Kammer liege, habe behauptet, denſelben Teufel im Leibe zu haben, der dem Meiſter Schwörer in jener Nacht erſchienen. Wir können hier nicht verſchweigen, daß dieſer neue Spektakel im Hauſe Madame Schwörer ſo alterirte, daß ſie dem zweiten Geſellen und dem Lehrjungen vollkommen freie Hand ließ, um ihrerſeits den Verſuch anzuſtellen, ob es nicht möglich ſei, den Teufel aus dem Elberfelder auch ohne die ge⸗ wöhnlichen Mittel auszutreiben. Obgleich ſich die Verfahrungs⸗ Art der freundlich geſinnten Kameraden— ſie wurde ange⸗ wandt vermittelſt eines Eimers Waſſer, eines naſſen Handtuchs und eines Paars elaſtiſcher ſchwerer Pantoffeln, mit welch letzteren er zur Linderung ſeiner Leiden auf einem unausſprech⸗ lichen Theile ſeines Körpers frottirt wurde— bei der Hart⸗ näckigkeit des Beſeſſenen als vollkommen unwirkſam erwies, ſo hatten ſich doch die Teufels⸗Austreiber für die Unterbrechung ihrer nächtlichen Ruhe und für vielerlei ſonſtige Unbill gerächt. Der Elberfelder aber litt Alles ganz geduldig und ſtimmte ſogar während der Procedur einen Lobgeſang an, der nur zu⸗ weilen durch ein Geheul unterbrochen wurde, wenn ihn einer der Pantoffeln zu heftig traf, welches Geheul aber nach der Zehntes Kapitel. Verſicherung des Beſeſſenen von dem Dämon herrührte, den er im Leibe hatte. Uebrigens hatte der Elberfelder in Betracht der windigen und kalten Dachkammer vollkommen richtig ſpekulirt; denn ſchon am erſten Tage ſeiner Krankheit wurde er, freilich nach einer heftigen häuslichen Scene zwiſchen Meiſter und Meiſterin, in einer Stube des erſten Stockes warm und behaglich unterge⸗ bracht und dort von theilnehmenden und gleichgeſinnten Freun⸗ den eifrig befragt und unterſucht. Die ganze Geſchichte hatte dem Meiſter Schwörer, als ſie ruchbar wurde, ein außerordent⸗ liches Anſehen gegeben, und es fanden ſich fromme Seelen genug, die den Verſuch machten, den Teufel aus dem Schnei⸗ der hinweg zu beten. Aber mehrere Tage lang war das alles vergeblich. Die Sache nahm ihren wohlbekannten Verlauf. Der Teufel zeigte ſich in dem Beſeſſenen bald nachgiebig, bald widerſpänſtig, und wenn er gut gelaunt war, ſo erzählte er von den Freuden und Leiden der Hölle, wobei er eine unglaub⸗ liche Phantaſie entwickelte; hatte er dagegen ſeine ſchlechten Augenblicke, oder waren verdächtige Perſonen in der Nähe, ſo erging er ſich in ſehr unzarten Redensarten und geberdete ſich überhaupt ſo unanſtändig, wie ſich ein Teufel nur geberden kann. Bei allem dem lebte der Schneider herrlich und in Freu⸗ den, und der Teufel war wirklich im Hauſe des Meiſters Schwö⸗ rer eingekehrt. Dieſer konnte ſich gar nicht mehr von dem Lager trennen, auf welchem der Elberfelder den größten Theil des Tages ruhte; er vernachläßigte ſeine Kundſchaft immer mehr, die Werkſtätte verödete, die Geſellen und der Lehriunge ſpielten auf dem Schneidertiſche Solo oder ſangen Lieder, die zu den Geſängen im unteren Stock durchaus nicht paſſen wollten. n Eine Teufelsbeſchwörung. 199 Das Haus war in zwei feindliche Theile geſpalten, und die kleinen Plänkeleien, die früher ſchon zwiſchen Meiſter und Mei⸗ ſterin herrſchten, waren jetzt zu einem Krieg entbrannt, mit großen Schlachten, Belagerungen und nächtlichen Ueberfällen. Wenn der Meiſter aus dem Hauſe ging, ſo mußte er Sorge dafür tragen, daß das Zimmer im erſten Stock, wo ſich der Elberfelder befand, ſorgfältig verſchloſſen war; denn die Ka⸗ meraden des letzteren wollten nun einmal zum Heile des Be⸗ ſeſſenen nicht ablaſſen, ihr Mögliches zu verſuchen, um den Teufel aus ihm zu treiben. Da ſich ihnen auch noch ein freundlicher Schloſſergehülfe beigeſellt hatte, ſo nützte es dem Meiſter nichts mehr, die Thür ſorgfältig zu verſchließen, und die Verſchworenen drangen trotz aller Vorſichtsmaßregeln bei ihrem Kameraden ein, um die Procedur mit Waſſereimer, naſſem Handtuch und Pantoffeln zu erneuern. Endlich hatten die Freunde des Meiſters den Mann ge⸗ funden, der es unternehmen wollte, den Teufel auszutreiben, und es war dies ein alter verlumpter Weinhändler, der in ſeinem Geſchäft das Unglück gehabt hatte, ſelbſt ſein beſter Kunde geweſen zu ſein, und der ſich darauf aus Rache an dem Weine dem Schnappstrinken ergeben hatte. In ſchwachen Augen⸗ blicken hatte er merkwürdige Viſionen, trieb auch Schatzgräberei, und da er nebenbei von der Natur mit einem guten Maulwerk begabt war, auch beſtändig vom Geiſt inſpirirt, ſo verſtand er es, ſo ſalbungsvolle Reden zu halten, daß er in großes An⸗ ſehen kam und endlich ſo weit unterſtützt wurde, um das ein⸗ trägliche Geſchäft eines Betſaalhalters gründen zu können, bei welchem er ſich außerordentlich wohl befand. Die ſcheinheilige Verſammlung fand ſich in dieſem Saale ein, neben dem er in einem Nebengelaſſe ſchlief. Zehntes Kapitel. Bevor aber die Austreibung des Teufels vor ſich gehen konnte, ſtellte der Weinhändler, Herr Quabbler, noch einige unerläßliche Bedingungen, von denen die hauptſächlichſte war, daß ihm von der Hand des beſeſſenen Schneiders ein neuer ſchwarzer Anzug gefertigt würde, den er bei der feierlichen Handlung zum erſten Male tragen wollte. Das Tuch zu die⸗ ſem Anzuge ſollte von ſchwarzen Böcken gewonnen ſein, im Fall dies aber nicht leicht aufgetrieben werden könne, ſo dürfe man ſich auch mit der Wolle von weißen Schafen behelfen. Nur müſſe das Tuch unmittelbar in der Wolle gefärbt ſein und müſſe die zu einem ſo feinen Geſchäft nothwendige Fein⸗ heit haben. Die Koſten dieſes Anzuges trugen natürlich die Freunde, welche ſich für die Austreibung des Teufels intereſſir⸗ ten. Zwar machte der Schneidergeſelle Einwendungen gegen die Selbſtanfertigung dieſes Kleides, wobei er den triftigen Grund anführte, der Teufel habe dann, als in ihm ſitzend, ja auch nothwendiger Weiſe Theil an dieſem Geſchäfte, wurde aber überſtimmt, nahm endlich Herrn Quabbler das gehörige Maß und begab ſich ſeufzend an die Arbeit. Daß er ſich hierbei nicht übereilte, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen; aber trotzdem wurde die Kleidung eines ſchönen Abends fertig, und am anderen Tage ſollte das Haus und der Elberfelder von dem Teufel befreit werden. Daß dieſe abſonderlich wichtige Handlung nicht ohne Aus⸗ ſchmückung mit Speiſe und Trank vor ſich gehen konnte, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Wenn es auch nicht in der Macht des Schneidermeiſters lag, hiermit ein Zweckeſſen zu vereinigen, ſo bemühte er ſich doch, einen Zweck⸗Kaffee zu veranſtalten, was ihm aber nicht ohne große Schwierigkeiten gelang. Madame Schwörer hatte nämlich feierlich erklärt, wenn Eine Teufelsbeſchwörung. 201 ſie auch nicht im Stande ſei, dieſem Unfug in ihrem Hauſe zu ſteuern, ſo wolle ſie doch nichts dazu beitragen, daß droben gejubelt und geſchlemmt werde, während ſie mit ihren Kindern drunten kaum das ſchwarze Brod habe. Dabei hatte ſie mit den ziemlich roſtigen Schlüſſeln von Speiſe⸗ kammer und Porzellankaſten geraſſelt und nicht undeutlich zu verſtehen gegeben, daß der Weg dorthin nur über ihre Leiche gehe. Sie war im Allgemeinen eine brave und ruhige Frau, und, abgeſehen von unumgänglich nothwendigen häuslichen Scenen, auch nicht beſonders erregbaren Gemüthes; je näher aber der Tag des Zweck⸗Kaffee's und der Teufelsaustreibung kam, deſto unruhiger wurde Madame Schwörer; es litt ſie lange Zeit weder in der Stube, noch in der Werſſtttt, ſie ſchien eine Luſt daran zu haben, ihre Nägel zu betrachten oder große, ſtarke und biegſame Stöcke; und ſpäter verſicherte der benachbarte Schuſter, Madame Schwörer habe ihn um jene Zeit mit ſeltſamen Gefühlsausdrücken gefragt, was er für ſchmerzhafter und wirkſamer halte, den Schlag mit einem buchsbaumenen Ellenmaße oder mit einem Knieriemen. Unter ſolchen Umſtänden wäre der Zweck⸗Kaffee wahr⸗ ſcheinlich in die Kohlen gefallen; doch hatte Meiſter Schwörer eine Schweſter, die ebenfalls ſehr viel auf Betſtunden und noch mehr auf Kaffeegeſellſchaften hielt. Sie übernahm es, das Ganze zu arrangiren, und traf ihre Maßregeln auch ſo gut, daß an dem beſtimmten Nachmittage der Tiſch in zier⸗ lichſter Ordnung eine mächtige Kaffeekanne zeigte, auch Rahm, Zucker, Bretzeln, Anisbrod, Mannheimerlen, und wie alle die ſchönen Sachen heißen, die zu einem vollkommenen Kaffee ſo nothwendig ſind, wie der Wind zum Orgelſpielen. Zur Zehntes Kapitel. Feierlichkeit waren einige fromme Seelen eingeladen, die in banger Erwartung umherſaßen und es für eine glückliche Idee hielten, daß vorher der Körper mit Kaffee und Mannheimerlen erquickt werde, bevor der Geiſt ſich anſchicken müſſe, vielleicht allerlei Erſchreckliches und Grauenhaftes zu ſehen. Herr Quabbler war eine fette, unterſetzte Perſönlichkeit mit doppeltem Doppelkinn, einer röthlich braunen Geſichts⸗ farbe, beſtändig grinſenden Mundwinkeln, die ein Maul ein⸗ rahmten, welches wie eine weitklaffende Wunde ausſah und alles zu verſchlingen drohte, was in ſeine Nähe kam. Dabei glänzten die Lippen beſtändig von Fett und Saft, und wenn ſie ſich ſchloſſen, ſo brachten ſie fortwährend ein unwillkür⸗ liches Schmatzen hervor. Die Naſe des Herrn Quabbler war äußerſt gering und zeichnete ſich unterhalb nur durch eine be⸗ deutende Ablagerung von Schnupftabak aus. Augen waren ſo gut wie gar keine vorhanden, wenigſtens verſchwanden ſie faſt gänzlich unter den vorquellenden Backen, und da der Beſitzer noch obendrein die Gewohnheit hatte, ſie, wenn er ſprach oder aß, häufig zu ſchließen oder zu verdrehen, ſo blieb, wie geſagt, von ihnen nichts mehr übrig, was der Rede werth geweſen wäre. Auf ſeinem dicken Kopfe hatte er ein ſchwarzes, grau melirtes, ſtarkes und ſtruppiges Haar, welches in beneidenswerther Fülle hinten hinabreichte bis zu einem ſtierähnlichen Halſe; um dieſen Eindruck zu ſchwächen, pflegte ſich derſelbe aber meiſtens in Falten zu legen, wie der eines kleinen, wohlgenährten Kindes. So ſtand Herr Quabbler in dem neuen Anzuge, feſtlich anzuſchauen, vor dem Kaffeetiſche, und während er beide Hände auf dieſen ſtützte, hatte er das Geſicht gegen die Zim⸗ merdecke erhoben, den abwärts gekehrten Augen zum Trotz, Eine Teufelsbeſchwörung. 203 die ſo in den Reizen von Bretzeln und Brod wühlten, daß ſeine Mundwinkel fett geſalbt erſchienen. Die Schweſter des Meiſters Schwörer war eine ziemlich große, ſtarke Perſon mit finſterem Blicke und einem ſehr böſen Maule. Sie war die Wittwe eines kleinen Beamten, der ihr neben einer Penſion noch ein ziemliches Vermögen hinterlaſſen hatte, ſo daß ſie ganz ſorgenfrei leben konnte. Ihre Zeit theilte ſie ein in Betſtunden⸗Beſuchen, Kaffeetrinken und Schrei⸗ ben von anonymen Briefen. Im letzteren Punkte bedachte ſie namentlich junge Paare, die in der nächſten Zeit vor den Altar treten wollten. Da ſchrieb ſie alsdann den Eltern der Braut, wie man nicht begreifen könnte, daß eine geordnete Familie einen ſo leichtſinnigen und liederlichen Menſchen in ihr reſpektables Haus aufnehmen möge. Dabei ſprach ſie durch die Blume von armen Verlaſſenen, von Thränen der Ver⸗ zweiflung, von unſchuldigen Würmern, und unterzeichnete ſich: „Jemand, der es gut mit der Familie meint.“ Der Mutter des Bräutigams dagegen ſchrieb ſie ungefähr Folgendes:„Iſt es denn möglich, daß Sie, eine ſo umſichtige und kluge Frau, noch nichts erfahren hätten von dem Verhältniſſe der Braut Ihres Sohnes mit dem Lieutenant N,— ein Ver⸗ hältniß, das in ſeinen Folgen hätte ſchrecklich werden können, wenn———— Doch,“ fuhr der Brief nach dieſen Ge⸗ dankenſtrichen fort,„gibt es Leute, die mehr Glück als Ver⸗ ſtand haben.— Glauben Sie einer wohlmeinenden Freundin,“ ſchloß ſie alsdann,„und bedenken Sie wohl, was Sie thun. Noch iſt es Zeit.“ In gleicher Weiſe bedachte ſie Braut und Bräutigam direkt und beſuchte nicht ſelten die Häuſer, welche dieſe ano⸗ Zehntes Kapitel. nymen Briefe erhalten, um ſich an den Thränen ihrer Schlacht⸗ opfer zu ergötzen. Zu der Beſchwörung hatte Frau Wendeling— ſo hieß die eben Erwähnte— eine Freundin mitgebracht, die durch Ver⸗ kettung ſeltſamer Umſtände eine alte Jungfer geblieben war und es nun liebte, eine Trauerweide oder geknickte Lilie zu ſpielen. Ihr Kopf hing beſtändig demüthig nach der einen Seite, die Unterlippe, um ein Gleichgewicht herzuſtellen, nach der anderen, Arme und Beine ſchlotterten ordentlich, und ſo ſah der ganze Körper gerade ſo aus, als ob ſie, nach Art gewiſſer Marionettenpuppen, an einer unſichtbaren Feder hinge. Dabei pflegte ſie fortwährend den Mund zu öffnen und, ehe ſie ſprach, nach Luft zu ſchnappen, wobei dann der überflüſſig eingezogene Athem, in der jungfräulichen Bruſt zu einem Seufzer verwandelt, hinter jedem Worte wieder erſchien. Frau Wendeling liebte die Jungfer Schlapperbach wohl dieſes Contraſtes wegen, und auch, damit die Leute ſagen möchten, ſie, die Wendeling, müſſe doch, trotz ihres böſen Maules, ein gutes, umgängliches Gemüth haben, denn wie könnte ſie ſonſt ſo harmoniren mit einem ſanften Weſen, wie die Schlapperbach? Die weiteren Aſſiſtenten bei der Feierlichkeit waren ein Herr Müller, ein Herr Meier und ein Herr Fiſcher, drei fromme, verkannte Männer; denn vom Erſten ſagte die böſe Welt, er leihe⸗ gegen wucheriſche Zinſen auf Fauſtpfänder; das Spezereigeſchäft des Zweiten nannten ſchlimme Zungen ein Spitzbübereigeſchäft, bei dem alles Maß zu klein und alles Gewicht zu leicht ſei, wo Waſſer unter die Butter ge⸗ knetet, Sand und Steine unter die Roſinen gethan und wo falſche Gulden⸗ und Kronenthalerſtücke nicht auf den Laden⸗ Eine Teufelsbeſchwörung. 205 tiſch genagelt würden. Was den Dritten, den Bäcker Fiſcher, anbelangte, ſo war es ihm eigentlich noch nie bewieſen wor⸗ den, daß ſein Brod zu naß und ſeine Semmeln zu klein ſeien; doch klagte man ihn mit vollem Rechte großer Unter⸗ laſſungsſünden an, welche darin beſtanden, daß er als Haupt⸗ gauner am Tage vor dem Brodauſſchlage es unterließ, das nothwendige Brod backen zu laſſen, um alsdann am anderen Morgen das über Nacht theurer gewordene Mehl beſſer ver⸗ werthen zu können. Herr Quabbler hatte alſo die Hände auf den Tiſch ge⸗ ſtützt, wobei ſeine Finger ausſahen wie zehn dicke Würſtchen, die, wo ſich die Gelenke befanden, kunſtreich unterbunden ſchienen. Obgleich ſein Geſicht noch immer nach oben gekehrt war, ſo blickten doch ſeine Augen nach wie vor auf den dam⸗ pfenden Keſſel, und während er ſeinen Mund zuweilen leiſe ſchmatzend ſchloß, ſchien ſeine Naſe ſehr beunruhigt zu werden von den aufſteigenden ſüßen Düften. Herr Quabbler wollte ſprechen, denn er bewegte ſeine rechte Hand feierlich über die aufhorchende Verſammlung. „So ſind wir denn hier bei einander,“ ſagte er mit einer fetten, etwas heiſeren Stimme,„um im Namen des Himmels ein ſegensreiches Werk zu vollbringen. Daß wir arme, nie⸗ drige Sünder ſind, wird keiner von uns Allen bezweifeln, und eben weil wir arme, niedrige Sünder ſind, voll Selbſt⸗ erkenntniß und Bewußtſein unſerer Schwäche, ſo wird Nie⸗ mand in ſeinem Herzen anders fühlen, als ich, wenn ich nun hiermit ſage: Es iſt die wahre und aufrichtige Selbſterkennt⸗ niß, welche uns arme, geringe Sünder antreibt, zu erklären, daß es nothwendig iſt, zuerſt den gebrechlichen, irdiſchen Leib zu ſtärken, damit ſich alsdann der Geiſt frei erheben kann 206 Zehntes Kapitel. über die befriedigte, traurig materielle Maſſe. So langet denn zu, Brüder und Schweſtern, und Jeder ſtärke ſich mit einem heimlichen Gebete, daß es ihm gelingen möge, den Geiſt zu erheben, daß es ihm ermöglicht ſei und daß er ſich wappnen könne mit den Waffen des Glaubens gegen die Idee des Anundfürſichſeins und Andersſeins.“ Darauf nun ſcharten ſich die Brüder und Schweſter um den Tiſch, und Jeder aß und trank an und für ſich ſo viel, als möglich war, und ſtopfte in ſich hinein, daß es nicht anders ſein konnte, als ſie lebten wirklich des feſten Glau⸗ bens, miſerable Sünder zu ſein, die ſehr vieles Kaffee's und ſehr vieler Bretzeln und Mannheimerlen bedurften, um die Materie wie einen böſen Kettenhund zu bändigen, damit das gefeſſelte Thier nicht ſchnappe nach den Waden des aufſtei⸗ genden Geiſtes. Den Helden des Tages beſorgte Jungfer Schlapperbach und brachte ihm viel ſüßes Getränk und mürbes Backwerk, wobei ſie erſchrecklich ſeufzte bei dem Gedanken, daß der zarte junge Menſch mit den anmuthig glühenden Augen wirklich vom Teufel beſeſſen ſei. Da ſie aber eine rege Phantaſie hatte und als alte Jungfer berechtigt war, immer noch zu hoffen, ſo hoffte ſie allerlei und erging ſich in Möglichkeiten und verlor ſich ſo in Muthmaßungen, daß ſie, als Frau Wendeling, ihren ſtieren Blick bemerkend, ſie fragte:„Woran denkt Sie, Schlapperbachin?“— verwirrt zur Antwort gab: „Ach, wie kann man einem jungen Mädchen ſo verfängliche Fragen thun!“ Nachdem nun Kaffee und Backwerk ziemlich verſchwunden, auch der Bäcker Fiſcher mehrmals auf ſeine Uhr geſchaut, wiſchte ſich Herr Quabbler ſein großes Maul ab und erhob Eine Teufelsbeſchwörung. 207 nun nicht nur das Geſicht, ſondern auch die Augen von den leeren Tellern nach der Zimmerdecke. Wir halten es für überflüſſig, die Rede, die er nun hielt, aufzuſchreiben. Doch ſteigerte er ſich in eine ſolche Begeiſte⸗ rung hinein, malte auch die Hölle mit ihren Strafen und der ewigen Verdammniß ſo fürchterlich aus, indem er namentlich aufs erſchrecklichſte einen beſtändig unbefriedigten Durſt her⸗ vorhob, daß Müller, Meier und Fiſcher in wahre Zerknir⸗ ſchung verfielen und glühende Fauſtpfänder, umhertanzende zu leichte Gewichte und Teufel zu erblicken glaubten, die hohn⸗ lachend grinsten und heulend ausriefen: Zu leicht iſt das Brod, zu leicht, zu leicht! Als ſich nun hierauf gar der Elberfelder, wie vom böſen Geiſte emporgeſchnellt, vom Sopha erhob, in die Reden des Beſchwörers einfiel und mit außer⸗ gewöhnlichem Unſinn und ſchrecklichen Erzählungen deſſen Reden zu bekräftigen anfing— dabei bediente er ſich zuweilen der für Uneingeweihte gänzlich unverſtändlichen Sprache der Dä⸗ monen, welche mit dem Tuten eines Hornes Tu— ta—ti— te — tu oder mit dem Bellen eines Hundes Wa—we—wi—wo— wau die frappanteſte Aehnlichkeit hat, während ſich zu gleicher Zeit ſein Haar ordentlich emporſträubte und ſein Mund ſchäumte— da begann ſelbſt das harte Gemüth der Frau Wendeling nach und nach weich zu werden, und ſie hatte eine Viſion, als ſei ſie geſtorben und werde an der Himmelsthür zurückgewieſen, wobei Petrus ihr kaltblütig verſicherte, ſie ſei ein anonymer Brief und in den himmliſchen Räumen nicht beſtellbar. Die arme Schlapperbach ſeufzte, daß es herzbrechend war. Sie ſeufzte über ihre verlorene Jugend und ganz im Gehei⸗ men darüber, daß ſie ſich nur Unterlaſſungsſünden vorzu⸗ 208 Zehntes Kapitel. werfen habe. Nur ein einziges Mal erſchien in ihrer düſteren Phantaſie, wie ein zuckender Blitz, ihr eigenes weißes Nacht⸗ gewand, das ein junger Mann mit profanen Blicken betrachtet hatte, aber ein junger Mann von oberflächlicher Gemüthsart, denn er hatte ſich nur um die äußere Hülle bekümmert, ohne dem innewohnenden Kern auch nur einen Blick zu ſchenken. Vorbei, vorbei! Unterdeſſen nahte ſich der große Augenblick. Der beſeſſene Schneider bekannte ſich zu der Idee, es ſei ihm in dieſem Augenblicke gerade zu Muthe, als würde ihm eine Katze, die in den Hals hinabgekrochen ſei, rückwärts am Schwanze wieder herausgezogen. Herr Quabbler war groß in dieſem Augen⸗ blicke. Seine braunrothe Geſichtsfarbe ſpielte ins Bläulich⸗ Violette; er ſchloß ſeinen Mund gar nicht mehr, ja, die ſich immer mehr ſteigernden Beſchwörungsformeln ſchienen unmit⸗ telbar aus ſeinem Bauche aufzuſteigen. Er hob die Hände gegen den zuckenden Schneider, und als er nun das große Wort ausſprach: Praecipio in nomine Domini, vade, Sa- tana! da—— ſprang die Thür auf, und Madame Schwörer erſchien in ſehr unlieblicher Geſtalt. Ohnehin durch das Treiben in ihrem Hauſe aufgeregt, hatte ſie vor dem Zimmer Einiges von dem geſprochenen Unſinn erlauſcht und geberdete ſich allerdings etwas auffallend. Ihre Haube hatte ſich durch das haſtige Eintreten verſchoben und ſaß ihr auf dem Kopfe, wie der Hut einem betrunkenen Handwerksburſchen; den linken Arm hatte ſie in die Seite geſtemmt, und in der rechten Hand trug ſie das oben erwähnte buchsbaumene Ellenmaß. Zu ihrer Erheiterung trug es gerade nicht bei, daß ſich im Augen⸗ blicke ihres Erſcheinens die Jungfer Schlapperbach ängſtlich an den Meiſter Schwörer anſchmiegte, vielmehr las ſie ſich dieſe Eine Teufelsbeſchwörung. 209 arme alte Jungfer als erſtes Opfer ihrer Wuth aus, faßte ſie hinten am Genick, ſchwang ſie wie einen Haderlumpen und ſchleuderte ſie gegen das Sopha, wo ſie zuſammenknickend auf den befreiten Elberfelder niederfiel. Darauf nahm Madame Schwörer eine gute Portion Athem, blickte die überraſchte Verſammlung an und ſchrie mehr als ſie ſagte:„So, ihr Teufelspack, ihr wollt böſe Geiſter austreiben? Und weder dazu, noch zu eurem hölliſchen Kaffee wurde ich, die Hausfrau, eingeladen!— Nun, dann wird es euch auch nicht wundern, wenn ich ungeladen erſcheine, ſehr ungeladen, und euch einlade, euch nach Hauſe oder meinet⸗ wegen zum Teufel zu ſcheren.“ „Weib!“ rief Meiſter Schwörer, der ſich wunderbarer Weiſe am erſten aus ſeiner Erſtarrung erholt hatte,—„Weib, du wagſt es?“ „Was wage ich, ſauberer Zacharias? Freilich wage ich viel, eine einzelne Frau gegen eine ſolche Teufelsbrut! Aber ich ſage dir, mein Ellenmaß hält aus, und wer obendrein mit meinen zehn Fingern zu thun bekommt, der wird ein paar Tage an mich denken!—— Iſt es nicht eine Schande von euch allen?“ fuhr ſie in erneuter Wuth nach einem feſten Rundblicke fort.„Da iſt der Herr Meier!“ ſchrie ſie mit gel⸗ lender Stimme, und machte dabei einen tiefen und ſehr komi⸗ ſchen Knix;„und der Herr Müller!“— abermaliger Knix— „und da Herr Fiſcher?“— dritter Knix.—„Habt ihr Scham im Leibe? Aber was ſpreche ich mit euch? Nichts habt ihr im Leibe und in euren Gedanken, als Wucherei und zu leich⸗ tes Gewicht. Du Mehldieb!“ wandte ſie ſich ſpeziell an Herrn Fiſcher. Nun war dieſe letzte Aeußerung dem alſo gekränkten Hackländer, Don Quixote. I. 14 Zehntes Kapitel. Bäcker doch etwas zu ſtark. Es ſchien ihm in den Fingern zu zucken, und wer weiß, was geſchehen wäre, wenn nicht in dieſem merkwürdigen Augenblicke Herr Quabbler, alle Gefahr, die ihm von Ellenmaß und Nägeln drohte, gering achtend, mit aufgehobenen Händen vor die Wüthende getreten wäre, in die Höhe gerichtet, ruhig, groß, erhaben!—— Geneigter Leſer! Haſt du den Propheten geſehen? Wir meinen den Meyerbeer'ſchen. Erinnerſt du dich einer ähnlichen Scene aus dem vierten Acte, wo der Prophet ſeiner Mutter gegenüber tritt, mit aufgehobenen Händen, ebenfalls ruhig, groß und erhaben, wie Herr Quabbler? Dort ſpricht Jan von Leyden:„Rührt nicht an das Haupt jener Frau; ſeht ihr nicht, daß Wahnſinn ihren Geiſt umflort?“ Hier ſprach Herr Quabbler:„Zieht euch zurück, ihr Gläubigen, ſeht ihr denn nicht, daß der Teufel, welcher ſiegreich beſchworen, in den Körper dieſes unglücklichen Weibes gefahren iſt?“ „Ja, ja,“ rief der Bäcker Fiſcher, indem er einen Schritt zurücktrat,„ſie hat den Teufel im Leibe.“ Und der Meiſter Schwörer ſchlug die Hände vor das Geſicht und klagte jammervoll:„O, meine Ahnung! Das habe ich lange vermuthet!——“ Nun gibt es aber bei den ſchwerſten Gewittern Augen⸗ blicke, wo nach furchtbarem Wüthen und Toben der Himmel erſchöpft zu ſein ſcheint, wo die blaßfarbene Maſſe des ſchweren Gewölks bewegungslos über den Häuptern der ängſtlichen Menſchheit droht, wo der Wind nicht mehr im Stande ſcheint, die Bäume in ſeinem Grimm niederzubeugen, ſondern wo die armen erſchreckten Blätter ſich nur zitternd an ihren Stielen bewegen, etwas Entſetzliches befürchtend nach dieſer unverhoff⸗ ten, unheimlichen Ruhe in der Natur.—— Eine Teufelsbeſchwörung. 211 Auch im Zimmer des Meiſters Schwörer ſtand Alles wie erſtarrt. Das Geſicht des Herrn Quabbler war anzuſchauen wie die bleifarbene, röthlich angeſtrahlte Wolke; in den Mie⸗ nen der Madame Schwörer zeigte ſich etwas, das einen neuen furchtbaren Ausbruch des Sturmes prophezeite, und die Schlap⸗ perbach auf dem Sopha zitterte in den ſie ſchützenden Armen des Elberfelders, wie ein Blatt an ſeinem Stiele. Da fuhr ein jäher Blitz hernieder auf das Haupt des unglücklichen Schneidermeiſters. Denn in der hinter Madame Schwörer offen gebliebenen Thür zeigte ſich jetzt plötzlich eine lange, finſtere Geſtalt in ſchwarzem Mantel, unter dem es feuerfarben hervorſtrahlte, einen röthlichen Hut auf dem Kopfe, und blickte mit ſchwarzen, glühenden Augen und einem Zug unbeſchreiblicher Verachtung um die zuſammengekniffenen Lip⸗ pen auf die ſonderbare Verſammlung. Meiſter Schwörer war in dieſem Augenblicke krampfhaft hinter Herrn Quabbler ge⸗ ſprungen, hatte ihn am Rockkragen erfaßt und ſo heftig nach hinten geriſſen, daß dieſer Edle das Gleichgewicht verlor und ſich nur auf den Beinen zu erhalten vermochte, indem er nach dem Arme des Bäckermeiſters Fiſcher griff und ſelbſt dieſen um ein Haar mit zu Boden geriſſen hätte. „Da, da, da iſt er!“ ſchrie Meiſter Schwörer,„in leibhaf⸗ ter Geſtalt, wie er mir neulich Nachts erſchien! O, nun ſind wir alle verloren!“ Dabei ſtierte er mit entſetzt aufgeriſſenen Augen ſo nach der Geſtalt an der Thür, daß alle Anweſenden dieſen Blicken folgten, erſchrocken davor zurückwichen, und daß ſelbſt Madame Schwörer, die doch nicht an Uebernatürliches glaubte, etwas vor der fremden Erſcheinung zurücktrat. Dieſe machte einen langen Schritt in das Zimmer hinein, und als ſie die auffal⸗ 212 Zehntes Kapitel. lende Verwirrung auf allen Geſichtern bemerkte, lächelte ſie und nahm als höfliches Phantom den Hut vom Kopfe. Auch war die lange Geſtalt im Begriff, den Mund zu öffnen, um über ihr plötzliches Hereintreten einige paſſende Worte zu ſa⸗ gen, als an dieſem Nachmittage der Ereigniſſe ſich ein neues begab, welches den gewiß freundlichen Geſinnungen des Ein⸗ getretenen plötzlich eine ganz andere Richtung gab. Weiß der Teufel, welcher Teufel plötzlich in die Schlap⸗ perbach hineingefahren war— genug, ſie erhob ſich zitternd vor Alteration vom Sopha, und als ſie den Ausruf des Mei⸗ ſters Schwörer gehört, dies ſei der leibhaftige Teufel, der ihm neulich erſchienen, rief ſie kreiſchend aus:„Alle Gläubigen ſind berufen, ſich mit der Hölle in einen Kampf einzulaſſen! So will ich denn ſiegen oder untergehen!“ Mit dieſen Worten ſchnellte ſie mit einer größeren Energie, als man ihr je zugetraut hatte, auf den Eingetretenen los, und ehe dieſer ſeinen langen Mantel zurückwerfen konnte, fuhr ſie ihm mit allen zehn Fingerut in das Geſicht, und wo dieſe ſeine Wange oder ſeine Naſe berührten, da rieſelte augenblick⸗ lich das Blut herab. Daß die Schlapperbach nach dieſem Attentate wie ein Flederwiſch zu Boden und in Ohnmacht fiel, verſteht ſich ganz von ſelbſt; man achtete auch in dieſem furcht⸗ baren Augenblicke nicht weiter auf ſie, und ſie wäre vielleicht bei der nun erfolgenden Scene unter die Füße getreten wor⸗ den, wenn nicht der dankbare Elberfelder ſie wie ein Kleider⸗ bündel ergriffen und in einen Winkel geſchleppt hätte. Daß die lange Geſtalt nach dieſem mörderiſchen Angriffe auf ihre Naſe im erſten Augenblick an dieſer herunter ſchielte, verſteht ſich von ſelbſt; doch hielt Meiſter Schwörer dieſes Schielen für einen Anfang hölliſcher Wuth und verbarg ſich Eine Teufelsbeſchwörung. 213 hinter Herrn Quabbler. Dieſer, dem das Bluten des ver⸗ meintlichen Teufels doch etwas ſonderbar vorkommen mochte, hätte ſich ebenfalls gern aus dem Bereich von deſſen langen Armen zurückgezogen, konnte aber wegen des hinter ihm befind⸗ lichen Schneiders, der krampfhaft ſeinen Rock gefaßt hatte, kei⸗ nen Schritt rückwärts machen und erwartete deßhalb mit auf⸗ gehobenen Händen die Anrede des Fremden. „Iſt das eine Art, ihr Lumpenpack,“ rief dieſer im höch⸗ ſten Zorn,„einen harmlos Eintretenden zu behandeln? Und hat Keiner von euch, die ihr wie Männer ausſeht, den Muth, ein verrücktes Weibsbild feſtzuhalten? Was den Ausruf jenes tollen Schneiders, der ſich jetzt feige verkriecht, anbetrifft, ſo kam ich ja eben hieher, um ihm in aller Güte zu beweiſen, daß ich weder ein Teufel, noch ein Phantom bin. Und wer es nicht glauben mag, daß ich anzufühlen bin, wie jeder andere ehrliche Menſch, der komme in meine Nähe, und es ſoll mich freuen, ſeine genaue Bekanntſchaft zu machen.“ Madame Schwörer hatte mit richtigem Blicke dieſen Retter in der Noth erkannt, und da ſie ſich von der langen Geſtalt einen kräftigen Schutz verſprach, ſo zauderte ſie nicht einen Augenblick, ſondern drang auf ihre verhaßte Feindin, die Wen⸗ deling, ein, riß ihr die Haube vom Kopfe, ſchlug ſie ihr ein paar Mal um die Ohren, und als ſie ſich hierbei umwandte und nun zufälligerweiſe in die Nähe des Herrn Quabbler kam, führte ſie einen ſo mächtigen Streich nach deſſen dicker Wange, daß es laut patſchte und der Geſchlagene unwillkürlich nach der erzürnten Frau griff. Dies war nun der Moment, wo die lange Geſtalt zum Schutze der Frau eintreten zu müſſen glaubte und ſeinerſeits nach der Halsbinde des Herrn Quabbler griff, um ihn zurück⸗ Zehntes Kapitel. zuhalten. Dabei rief er aus:„Ein Teufel bin ich in der That nicht, aber ihr ſcheint mir alle den Teufel im Leibe zu haben; und da es wohl nichts ſchaden kann, ihn aus euch zu vertreiben, ſo will ich mit Hülfe meines ſpaniſchen Rohrs an dieſe Arbeit gehen, ihr unſauberes Volk, ihr!“ Alsbald hob ſich auch der Stock der langen Geſtalt und fiel ſo kräftig auf den breiten Rücken des Herrn Quabbler, daß dieſer laut aufſchrie und zurückfahrend den Meiſter Schwö⸗ rer ſo heftig gegen Herrn Meier andrückte, daß dieſer, um ſich vor dem gewaltigen Stoß zu retten, auf die Seite fuhr. Doch verlor er dabei das Gleichgewicht, ſtürzte auf Herrn Müller, der ſich nun nicht halten konnte und den Kopf voran auf die lange Geſtalt losſchoß. Herr Müller war dabei ein Mann von ziemlichem Muthe, und da es ihn in tiefſter Seele ſchmerzte, ſeinen Propheten ſo behandelt zu ſehen, ſo machte er aus der Noth eine Tugend und ergriff den Einge⸗ tretenen am Kragen, um wenigſtens den ſchwachen Verſuch zu machen, ihn zur Thür hinaus zu werfen. Herr Larioz aber ſtand anfänglich wie eine Mauer, ja, wir müſſen geſtehen, daß ſein Auge wie verklärt ausſah, als er nun ſein langes ſpaniſches Rohr wie ein Schlachtſchwert gebrauchte und dabei mit kunſtgerechten Hieben die ganze Verſammlung der Reihe nach bedachte. Doch war er am Ende nicht im Stande, den gewaltigen Anprall der fünf Männer aufzuhalten, weßhalb er ſich fechtend zur Thür zurückzog. Dies gab den Andern Muth, ihm mit Stößen und Schlägen haſtiger zu folgen; ſo wurde er allmälig an die Treppe hingedrückt und fühlte mit einem Male, daß es hinter ihm hinabging. Mit großer Geiſtes⸗ gegenwart warf er ſich in dieſem Augenblicke wieder einen halben Schritt vorwärts, erf⸗Ste glücklicherweiſe die Halsbinde Eine Tenfelsbeſchwörung. 215 des Herrn Quabbler, und da er dieſen kräftig feſthielt, der Prophet aber in keiner Weiſe einen rechten Halt gewährte, ſo riß er ihn mit ſich die Treppe hinab, nicht ohne daß Meiſter Schwörer gefolgt wäre, der den rettenden Rock ſeines Vor⸗ mannes nicht loslaſſen wollte. So polterten alle Drei ins Haus hinab, glücklicherweiſe ohne ſich beſonderen Schaden zu thun; doch hatte ſich Herr Larioz etwas an der rechten Hüfte verletzt. Herr Quabbler kam mit einem leichten Erſtickungsanfalle davon, veranlaßt durch die zugedrehte Halsbinde, und nur Meiſter Schwörer hatte das Unglück, mit dem Kopfe gegen den Treppenpfoſten zu fallen, ſo daß er einen Augenblick wie beſinnungslos liegen blieb. Droben war es indeſſen nach dem gewaltigen Gepolter todesſtill geworden. Müller, Meier und Fiſcher dachten ſchaudernd an drei gebrochene Hälſe, und ſelbſt die beiden Weiber vergaßen ihren Zorn; ja, Madame Wendeling, als die Beſonnenere, lief ans Fenſter, um dort Ausſchau zu halten, ob ſich keine Polizei blicken laſſe; Madame Schwörer aber eilte, nachdem ihr erſter Schrecken vorüber war, die Treppe hinab, um nach ihrem Manne zu ſehen, der unterdeſſen von dem herbeigekom⸗ menen zweiten Geſellen und dem Lehrjungen wieder auf ſeine zitternden Beine geſtellt worden war. Er bot einen gar kläg⸗ lichen Anblick, er hielt den Kopf geſenkt, von ſeiner Stirn tropfte das Blut herab, und ſein Geſicht war mit einer er⸗ ſchreckenden Bläſſe bedeckt. Dadurch verſchwand aller Zorn aus dem Herzen der Frau, ſie nahm ihn mit dem Ausruf: „Ach, Zacharias, was ſind das für ſchreckliche Sachen!“ in 216 Zehntes Kapitel. ihre Arme; und Zacharias ließ ſich nehmen, wie ein kleines unbeholfenes Kind. Daß Undank der Welt Lohn iſt, erfuhr Herr Larioz. In nichts weniger als freundlichen Ausdrücken verſicherte ihm die Meiſterin, er habe Unglück über ihr Haus gebracht, ſeit ſeinem erſten Erſcheinen an jenem denkwürdigen Abend und dann heute wieder, da er ſchuld ſei, wenn ihr Mann von dem Treppenfall, wie das ſchon häufig vorgekommen, zeitlebens ein Simpel bleibe. Nur mit Mühe konnte der von Jungfer Schlapperbach Zerkratzte wieder zu ſeinem Hute gelangen, den ihm der Schnei⸗ derlehrling wie eine werthloſe Sache die Treppe hinab warf. Im Hausflur wiſchte er ſich nothdürftig das Blut von der Naſe und den Wangen und bedurfte des kräftigen Stützens auf das ſpaniſche Rohr, um nicht gar zu auffallend hinkend nach ſeiner Wohnung zurückzukehren. Meiſter Schwörer wurde zu Bette gebracht, und ſtatt daß er wie früher die Ermahnungen ſeiner Frau, er ſolle doch einmal von jenen traurigen Geſchichten, die das ganze Haus⸗ weſen zu Grunde richten, ablaſſen, mit den kräftigſten Gegen⸗ reden zurückgewieſen hätte, nickte er heute ſtumm mit dem Kopfe, ja, zuweilen fuhr ein Lächeln über ſeine trüben Züge, wenn er vor ſich hin murmelte:„Alſo war es wirklich kein Teufel, und ſo hat er auch den Gotſſchalk nicht geholt!“ Die Kaffee⸗ und Beſchwörungsgeſellſchaft droben verlor ſich lautlos. Wer zuerſt und zuletzt ging, wird man nie mit Beſtimmtheit angeben können. Müller, Meier und Fiſcher, ſo⸗ wie auch der Elberfelder müſſen die Stiege hinabgeſchlichen ſein, wie begoſſene Hunde, ebenſo Madame Wendeling und Eine Teufelsbeſchwörung. 217 Jungfer Schlapperbach. Auf der Treppe hatte ſich auch nicht der leiſeſte Tritt vernehmen laſſen, und als Madame Schwörer nach einer halben Stunde droben nachſah, fand ſie wohl Kaffee⸗ taſſen, Kannen und Teller zerbrochen am Boden, aber im Uebrigen war die Luft wieder rein von allen unſanberen Geiſtern. Elftes Kapitel. Der Neffe des Jägers. Der Schlag, den Eugenie auf das Geſicht des unver⸗ ſchämten Kammerdieners geführt, ſchien auf verſchiedene Art das ganze Haus getroffen, es erſchüttert und in Aufregung gebracht zu haben. Um unten anzufangen, ſo zeigte ein kleiner Bauernjunge, der Holz und Waſſer für die Küche zutrug, der Köchin unter einem verſchmitzten Lächeln mit dem Zeigefinger von der Stirn über das linke Auge, die Wange, einen Theil der Naſe bis zum Halſe hinunter, wobei er ſchmunzelnd ſagte: „So hat er's gekriegt— und feſt!“ Die Köchin ſtemmte ihre Arme in die Seiten, indem ſie verſetzte:„Gott lohne es dem gnädigen Fräulein, da hat ſie eine gute That gethan!“ Der alte Baron hatte die Scherben ſeines koſtbaren Ge⸗ fäſſes mühſam auf dem Boden zuſammen geſucht und war ſeufzend in ſein Zimmer gegangen, um den Verſuch zu machen, die Vaſe wieder zuſammenzuſtellen; doch war das keine ſo leichte Arbeit, und wenn er ſich auch im Anfang unſägliche Der Neffe des Jägers. 219 Mühe gab, die Stückchen an einander zu paſſen, ſo ſchien er doch bald zu ermüden, und die Finger ſpielten nur noch wie willenlos mit den kleinen Scherben, während er in tiefe Ge⸗ danken verſunken, vor ſich hinſtarrte; er konnte das, was vor⸗ hin geſchehen, nicht recht mit der Zukunft, wie er ſie ſich vor⸗ geſtellt, vereinigen; Eugenie ſollte das Haus verlaſſen— ſie, die ihn allein noch mit der Welt vereinigte, die den alten Mann bei ſo vielen Gelegenheiten unter ihren Schutz genommen und die mit einer wahren Eiferſucht darüber wachte, daß ihn nicht ein harter Blick, ein unangenehmes Wort verletze, und die, wenn ſolches einmal geſchah, Mittel und Wege wußte, es aus⸗ zugleichen, wieder gut zu machen— und ſie ſollte das Haus meiden, ihn allein laſſen mit der Baronin, mit— Francois! Wenn er freilich über die finſteren Klippen dieſer Gedanken hinüber war, ſo glätteten ſich ſeine Züge auf, und er dachte an Eugeniens Glück, und wie auch für ihn ſpäter heitere Tage noch daraus entſpringen könnten.—— Baron George von Breda war an dem Kaminfeuer allein geblieben, doch hatte er ſeinen Fauteuil gewandt, um bei der ſpielenden Flamme vorbei durch die Fenſterſcheiben in den ſtillen Wald blicken zu können. Schon lange hätte er Eugenien eine angenehmere Exiſtenz gewünſcht, ſchon lange war er entſchloſſen, ihr dieſelbe in ſeinem Hauſe zu bereiten; gab es auch etwas Natürlicheres, als das Kind ſeiner Schwägerin in ſeinem Hauſe aufzunehmen? Seine Ehe war kinderlos geblieben, er erwartete auch keine Nachkommen mehr, und doch ſchwärmte er dafür, ſein Haus mit einem jungen freundlichen Weſen zu beleben; es war ihm zu ſtill und einſam dort, deßhalb hatte er auch ſchon ſeit mehreren Jahren angefangen, die Geſellſchaft ſeiner früheren Freunde und Bekannten aufzuſuchen. Frau von Breda 220 Elftes Kapitel. hatte ein ſtilles, faſt verſchloſſenes Weſen, ſie war gern allein, ſie ſprach nicht viel, ſie liebte es nicht, in Geſellſchaft zu gehen, noch ſolche bei ſich zu empfangen. Das alles gab dem großen, ſchönen Hauſe ein faſt trauriges Anſehen; da waren ganze Appartements, die nur geöffnet wurden, um friſche Luft herein zu laſſen, wenn es der Kammerdiener des Herrn Barons einmal nothwendig fand. Und dieſe bisher verſchloſſenen, ſo ſtillen Appartements er⸗ ſchienen dem Träumenden am Kaminfeuer jetzt auf einmal in ganz anderer Geſtalt; die Fenſter waren weit geöffnet, Früh⸗ lingswehen und Blumenduft drangen herein, der Hauch der Einſamkeit und der Langenweile, welche in ihnen gebrütet, ver⸗ ſchwand vor dem friſchen herzlichen Lachen des jungen Mäd⸗ chens. Da ſaß ſie am Fenſter und rief luſtig hinab: Onkel George, Onkel George! und wenn er darauf eilig vom Pferde ſprang, ſo ging er nicht mehr leiſe und bedächtig über den Teppichſtreifen, ſondern er ſprang in drei, vier Sätzen hinauf, daß ſeine Sporen klirrten und daß die Blumen in den jetzt leeren Käſten an der Treppe ſich bewegten und wie freudig nickten. Sie ſprang ihm entgegen, er faßte ihre Hand, hob ihren Kopf an dem weichen Kinn in die Höhe und küßte ſie väterlich auf die Stirn; er plauderte mit ihr ſo luſtig und lachend, wie er es lange nicht mehr gethan, ja, wie er es eigent⸗ lich nie gethan— er war ganz anders geworden und führte ein Leben, wie er wohl zuweilen geträumt hatte, daß es ein Menſch führe, der vollkommen glücklich genannt werden dürfe. Aber er, ah! er fühlte in der nächſten Sekunde, daß ſolches Träumen doch nur ein Traum ſei und bleiben müſſe; und als er das gefühlt, geſtaltete er ſeine Phantaſieen anders; auch jetzt waren die Appartements ſeines Hauſes geöffnet, und an den Der Neffe des Jägers. 221 alein offenen Fenſtern ſaß Frau von Breda, ihr gegenüber Eugenie, geben, und auch jetzt trat er eiliger, freudiger hinein, als er es ſonſt vſer wohl zu thun pflegte; er reichte ſeiner Frau die Rechte, während er die Linke auf das volle dunkle Haar Eugeniens legte. Und dann fragte ſie, wo Onkel George geweſen ſei, lachte herzlich und unbefangen und plauderte eine Stunde um die andere hin⸗ weg, glättete auch eine Falte um die andere auf der Stirn der ernſten Frau, während er nicht müde werden konnte, dem Plau⸗ dern des jungen Mädchens zu lauſchen. —— So träumte er; aber wenn er zuweilen aus dieſen Träumen auffuhr und ſich, umher blickend, ganz wieder der Wirklichkeit überließ, da ſpielte ein eigenes, ernſtes, faſt ſchmerz⸗ liches Lächeln um ſeine Züge; er konnte dann die Lippen zu⸗ ſammenpreſſen, nachdenklich in die Kamingluth ſchauen und, wenn dort ein glühendes Holzſcheit kniſternd zerſprang, daß Tauſende von Funken emporflogen, auffahren und ſagen:„Ich bin nicht das Schickſal, ich habe jenes Ereigniß nicht herbeige⸗ führt, ich habe ruhig gewartet; jetzt aber geſchehe, was da will. Und gewiß nur Gutes, dafür bürge ich mir ſelbſt mit meinem feſten Willen.“ Die Baronin hatte unterdeſſen Eugenie an der Hand in ihr Schlafzimmer geführt, und obgleich ſie anſcheinend ſehr* ergeben und ruhig war, ſo zuckte es doch ſchmerzlich um ihren Mund, und ſie wandte häufig den Blick ab, um den ſonſt ſo klaren, jetzt aber umflorten Augen ihrer Tochter nicht zu be⸗ gegnen, die häufig ſinnend auf ihr ruhten. Die Baronin kannte rſt ihre Tochter und wußte, daß ein einziges Wort der Klage, ein ches einziges Wort des Leides darüber, daß Eugenie nun vielleicht für länger das elterliche Haus verlaſſen ſolle, das junge Mäd⸗ chen beſtimmt haben würde, dem Herrn von Breda zu ſagen: Elftes Kapitel. 222 Onkel George, es iſt doch beſſer, wenn ich da bleibe. Deßhalb that die Mutter ſo unbefangen wie möglich, ſprach über Dies und Das, wobei ſie natürlich vermied, jenes unangenehme Er⸗ eigniß zu berühren, und ſagte:„Es iſt ſchon lange meine Ab⸗ ſicht geweſen, dem Wunſche der Tante Breda nachzugeben und dich für eine Zeit lang nach der Stadt zu laſſen. Du biſt jetzt erwachſen, die Einſamkeit hier taugt nicht für dich, du mußt die Geſellſchaft kennen und mit Menſchen umgehen lernen. Von einer Trennung kann ja nicht die Rede ſein, in einer Stunde biſt du wieder hier oder ſind Papa und ich bei euch in der Stadt. Gewiß, meine liebe Eugenie,“ ſprach die Mutter, indem ſie den Kopf der Tochter mit ihren Armen umſchloß,„es iſt mir jetzt lieb, daß es ſo gekommen iſt; der Himmel wird weiter helfen.“ Ob das junge Mädchen die Worte ihrer Mutter ſo auf⸗ nahm, wie dieſe ſie ſprach, oder ob ſie nicht aus der zuweilen zitternden Stimme einen anderen richtigeren Sinn heraus las, wollen wir nicht weiter unterſuchen; genug, ſie nickte häufig mit dem Kopfe und ſprach:„Ja, Mama, ich will nach der Stadt gehen, wenn ihr es wünſcht, und das Haus der Tante iſt nicht weit von hier, ich brauche keine Stunde, wenn ich einmal eilig da ſein will.“ Darauf wollte die Mutter Vorbereitungen treffen und die Sachen Eugeniens in einen Koffer packen, doch beſann ſie ſich eines Anderen und meinte:„Ich kann das dieſen Abend thun und will dir nur, was du für heute nothwendig brauchſt, mit⸗ geben. Dazu bedarf ich deiner Hülfe nicht, liebe Eugenie, und wenn du noch einen kleinen Gang in den Park machen willſt, um dort von den Stellen, die dir lieb und werth ſind, einen vorläufigen Abſchied zu nehmen, ſo habe ich nichts dagegen.“ Der Neffe des Jägers. 223 Das ſagte ſie nur, um allein zu ſein, wußte aber in der That nicht, wie ihre Worte ſo vollkommen mit dem Wunſche des jungen Mädchens zuſammen trafen. Eugenie ſtand am Fenſter und hatte ſchon lange auf die mächtigen Bäume hinabgeblickt, die ihre jetzt ziemlich kahlen Aeſte weit über den Boden ausbreiteten, wo verdorrte Blumen, braune Gräſer und gelbrothes Laub deutlich den ſpäten Herbſt anzeigten. Doch blieben ihre Augen nicht auf der nächſten Umgebung des Waldſchloſſes haften, auch nicht auf dem kleinen dunkeln See, der ſich dort ausbreitete, ſondern ſie verfolgte mit ihren Blicken einen Weg, der jenen umkreiste, ſich dann zwiſchen den Bäumen verlor, noch eine zieinliche Strecke ſichtbar blieb, und zuletzt in einer Niederung verſchwand. „Wenn du meinſt, will ich ſo thun,“ ſprach das Mädchen nach einer kleinen Pauſe, wobei ſie forſchend nach ihrer Mutter blickte, die aber das Geſicht abwandte und ſich mit einem kleinen Nachtſacke zu ſchaffen machte. Statt aller Antwort nickte die Baronin mit dem Kopfe, und Eugenie verließ ſtill das Zimmer. Als ſie auf einer kleinen Seitentreppe hinunter kam— ſie hatte es ſorgfältig vermieden, bei dem Frühſtückszimmer, wo ſich Onkel George befand, vorüber zu gehen— verließ ſie ſogleich das Haus und wandte ſich ſo um daſſelbe herum, daß weder Herr von Breda noch ſonſt Jemand, der zufällig am Fenſter geſtanden, ſehen konnte, welchen Weg ſie jetzt nahm. Statt gegen den See zu gehen, ſchlug ſie einen Pfad ein, der ſcheinbar von demſelben abführte; ſcheinbar ſagen wir, denn nachdem das junge Mädchen in eine unbedeutende Terrain⸗ vertiefung hinabgeſtiegen war, an deren Rand das Waldſchloß lag, und nachdem ſie eine kleine Brücke überſchritten, unter 224 Elftes Kapitel. welcher das Abwaſſer des See's dahin floß, ſtieg ſie wieder aufwärts und befand ſich in kurzer Zeit auf der Fortſetzung jenes Weges, den ſie droben vom Fenſter aus geſehen. Wie war der Wald ſo ſtill!— ſo ſtill, daß jeder Tritt ihrer feinen Füße ein Geräuſch machte, als ſtampfe Jemand abſichtlich derb auf den Boden, und daß man jedes fallende Blatt zwiſchen den Zweigen vorbei ſtreifen und dann auf den Boden niederfallen hörte. Es iſt etwas Eigenthümliches um ſo einen herbſtlichen Wald; zahlreiche Echo's, die ſich im Sommer wie unter dem Laub verſteckt hielten, ſcheinen jetzt wach zu werden und neckend ihr Spiel zu treiben mit dem Klang deiner Schritte, mit einem lauten Wort, das du ſprichſt, mit dem Ton einzelner Vogel⸗ ſtimmen, die hier und da von fern her laut werden. Und wie hat ſich jetzt die Ausſicht erweitert und verändert! Du mußt den Wald, durch den du gehſt, ſchon ziemlich genau kennen, um dich nicht zu verirren; wo früher eine dichte grüne Wand war, da ſiehſt du nun einen graugelblichen Stamm hinter dem an⸗ deren immerfort, weit, weit in die Ferne; dein Auge kann nicht bis ans Ende dringen, und das macht dir ein unheimliches Gefühl. Im Sommer umgeben dich ſchützende Laubwände, jetzt iſt rings um dich Alles offen, tauſende von für dich unſichtbaren Augen können hinter jedem Stamme hervor deine Schritte belauſchen. Auch Eugenie, wie ſie ſo dahin wandelte, ſchien einen ähn⸗ lichen Gedanken zu haben; wenigſtens blickte ſie zuweilen rück⸗ wärts, wo ihr geübtes Auge kaum noch die Dachſpitzen des elterlichen Hauſes ſah, oder zu beiden Seiten, wo ſich, wie wir vorhin bemerkt, ein Baum neben und hinter den andern ſchob⸗ bis weit, weit in die Ferne. Zuweilen blieb ſie auch ſtehen. Der Neffe des Jäg ers. 225 und lauſchte auf irgend ein Geräuſch, welches hörbar wurde. Doch ſchritt ſie gleich darauf beruhigt weiter; denn was ſie gehört, ergab ſich vielleicht als der Klang einer Axk oder das Bellen eines Hundes. Wenn ſie ſo darauf hinlauſchte, ſo that ſie dies jedoch durchaus nicht mit dem Zeichen der Vorſicht oder der Angſt— im Gegentheil, die bekannten Waldtöne ſchienen ſie zu freuen, und wenn ſie darauf horchend ſtehen blieb und zuweilen mit dem Kopfe nickte, als wollte ſie ſagen: ach, ich kenne dich, du biſt Das und Das!— ſo hob ſie gleich darauf ihre Hand wie zum Gruß, wie zum Abſchied. Ja, ſie nahm Abſchied, herzlichen Abſchied von dem Walde, in dem ſie ſo zu ſagen aufgewachſen war, deſſen innerſtes Thun ſie kennen gelernt, deſſen geheimſtes Leben ſie belauſcht, der ihr ein Freund geworden war, ein theilnehmender, verſchwiegener Freund, deſſen ſchönem, gewaltigem Herzen das Kind und die Jungfrau ihre Wünſche anvertraut und der ſie mit Licht und Schatten, mit Vogelſang und Kräuterduft, mit Blumen, Blüthen und murmelndem Waſſer erquickt, beruhigt und getröſtet— ein guter, treuer Freund, mitfühlend wie kein anderer. Deßhalb nahm ſie auch ſo herzlichen Abſchied von ihm; rechts und links ſtreckte ſie ihre Hände aus, um auf Augenblicke zu erfaſſen, was zu erfaſſen war; über die Rinde alter Bäume ſtrich ſie mit der feinen Hand, dürre Blätter und nackte Zweige ließ ſie durch ihre Finger gleiten, und wo ſie am Boden noch etwas von einer Waldblume entdeckte oder friſche Epheublätter an irgend einem alten Steine, da fuhr ſie leicht darüber hin, wie durch dieſe Berührung Abſchied von ihnen nehmend. Auf einmal blieb ſie ſtehen und horchte nach der linken Seite. Dort glaubte ſie ein für dieſen Wald ſeltenes Geräuſch Hackländer, Don Quixote, I. 15 226 Elftes Kapitel. vernommen zu haben— das Rollen und Knarren eines Wa⸗ gens, nicht das Geräuſch eines Holzkarrens, nein, es war wie das feine Klingen und Klirren einer leichten Equipage, begleitet vom dumpfen Rollen der Räder, jetzt im weichen Sandboden gänzlich verſchwindend, dann wieder deutlich werdend, wo der Grund hart oder ſteinig war. Sie warf lächelnd den Kopf auf die Seite und ſprach zu ſich ſelbſt:„Wie man ſich täuſchen kann! Es iſt gewiß ein Holzwagen, aber meine Nerven ſind aufgeregt, ich phantaſire. Wo ſollte eine Equipage herkommen?— das Coupé von Onkel George?— Kindiſche Gedanken! der Weg zur Stadt liegt gerade hinter mir, und was ich gehört, war zu meiner Linken. Nein, es war ein Holzwagen!“ Das ſprach ſie decidirt und wie Jemand, der bei ſich alle Zweifel niederſchlagen, ſich ſelbſt überzeugen will. Die Grenzen des elterlichen Beſitzthums hatte Eugenie links hinter ſich gelaſſen und befand ſich auf anderer Leute Grund und Boden— auf fremdem, dirfen wir nicht ſagen, denn das junge Mädchen hätte noch Stunden lang fortwan⸗ dern können, und ihr wäre noch jeder, ſelbſt der kleinſte Pfad bekannt geweſen, und ſie wiederum von allen Holzhauern, allen Jägern, allen Waldbauern erkannt und freundlich begrüßt wor⸗ den. Hatte ſie doch in ihrem Alleinſein und bei der Einſamkeit ihres elterlichen Hauſes halbe Tage lang die Wälder durch⸗ ſtreift, oft mit einem kleinen Gewehre auf der Schulter, das ihr Onkel George einſt mitgebracht und lachend zu dieſem Zwecke überreicht. War ſie doch ſo bewaffnet nicht ſo bald von den Förſtern und Jägern der angrenzenden Reviere geſe⸗ hen worden, und hatten dieſe ihren Herren von der ſchönen Jägerin gemeldet, als alle, die zu einem Beſuche oder ſonſtigen Der Neffe des Jägers. 227 näheren Verkehre auf dem Waldſchloſſe durchaus keinen Vor⸗ wand oder keine Veranlaſſung hatten, Botſchaften dorthin ſchick⸗ ten, es würde ſie außerordentlich freuen, wenn Fräulein Eugenie alle rings umher liegenden Jagdreviere als die ihrigen betrach⸗ ten wollte. Zuweilen war ſie auch dieſen Herren ſelbſt begeg⸗ net, hatte einige freundliche Worte mit ihnen gewechſelt und ſich alsdann leicht und unbefangen grüßend entfernt. Da aber das ſchöne Mädchen merkte, daß dieſe Begeg⸗ nungen häufiger wurden, als der Zufall es wohl veranlaſſen konnte, ſo wußte ſie es ſo einzurichten, daß ſie Wege fand, auf denen ſie den andern Jagdeigenthümern nur höchſt ſelten noch begegnete. Dazu aber, ſowie überhaupt, brauchte ſie im Waldreviere einen Bekannten, bei dem ſie im Nothfalle ein Unterkommen fand, und der ſich ihrer auch, wenn es einmal noth gethan hätte, aufs bereitwilligſte und thatkräftigſte annahm. Und einen ſolchen guten und zuverläßigen Freund hatte ſie in einem alten Forſtwart gefunden, der früher zur Dienerſchaft ihres Vaters gehört, mit dem Zuſammenſchmelzen der Güter und Waldungen aber in die Dienſte des Grafen Helfenberg übergetreten war, deſſen Ländereien in einem weiten, faſt dro⸗ henden Bogen das kleine Waldſchloß mit ſeinem bischen Ge⸗ hölz umſchloſſen. Der Forſtwart wohnte eine gute halbe Stunde von dem Hauſe Eugeniens entfernt, in einer Niederung des Terrains, wo jenes Waſſer vorbeifloß, das von dem ſtillen See am Waldſchloſſe her kam.„Wie mich das freut,“ hatte der Forſt⸗ wart oft zu dem jungen Mädchen geſagt,„daß ich hier das⸗ ſelbe Waſſer trinken kann, wie ehemals, wenn ich auch anderer Leute Brod eſſen muß!“ „Ja, das iſt ſehr ſchön,“ lachte das damals noch ſehr 228 Elftes Kapitel. kleine Mädchen,„und wenn ich jetzt nicht zu dir herunter kommen kann, Klaus, ſo werf ich dir Blumen in den See, und dann haſt du auch etwas von mir.“ Daß dieſe Blumen unterwegs zerriſſen hängen bleiben mußten an den Felſen und dem Geſträuch, das ahnte ſie damals noch nicht, wo das Le⸗ ben ſo glatt und klar vor ihr zu liegen ſchien, und wo ſie weder an wilde Strömung, durch die man erfaßt werden kann, noch an Felſen, die uns hemmend entgegentreten, dachte. Auch Klaus hütete ſich wohl, ihr dieſen guten Glauben zu nehmen, und verſicherte, er freue ſich wie ein Kind auf das herab⸗ ſchwimmende Blumenbouquet, und das Mädchen ſagte darauf: „Es iſt ſchade, Klaus, daß wir keine Bekannten draußen am Meere haben; denn da alle Bäche, Flüſſe und Ströme in einander fließen und zuletzt dort münden, ſo müßte endlich mein Blumenbouquet ebenfalls daſelbſt ankommen.“ Daran dachte Eugenie, als ſie über den ſtillen, einſamen Waldpfad ſchritt und nun unter mächtigen Bäumen die Hütte des Forſtwartes vor ſich liegen ſah. Hier blieb ſie einen Augen⸗ blick ſtehen, drückte wie im Schmerz beide Hände an ihre Bruſt, und es that ihr unendlich weh, daß ſie vielleicht für längere Zeit zum letzten Male hier oben ſtand und daß ſie nun ſo bald nicht wieder in die ſtille Hütte da unten eintreten ſollte. Und wie manche, friedlich einſame, aber liebe Stunden hatte ſie dort verträumt! Wie oft war ſie gekommen, daß der Forſt⸗ wart nicht daheim war, alſo Niemand in Zimmer und Haus! Denn ſeine Frau hatte man ſchon lange begraben und Kinder hatte Klaus nie gehabt. Der Hofhund ſchlug wohl leiſe an, wenn ſie das Plankenthor öffnete, aber er hatte nichts Feind⸗ liches im Sinne, vielmehr ſprang er freundlich um ſie herum und wedelte ſo zuthunlich, als wollte er ſie einladen, näher zu Der Reffe des Jägers. 229 kommen und die niedere Hütte mit ihrer Gegenwart zu beeh⸗ ren. Da trat ſie dann auch in die ſtillen Räume und ſah lächelnd umher, welche Unordnung der alte Klaus hinterlaſſen; da konnte ſie für ſich ſo herzlich lachen, daß es laut hinaus⸗ ſchallte, wenn ſie bemerkte, wie das Brod auf der Fenſterbank lag, die leere Kaffeetaſſe auf der Erde ſtand— denn die Katze hatte den Reſt ausgeleckt— und wie das noch vom geſtrigen Regenwetter naſſe Wamms, ſtatt in der Luft aufgehängt zu ſein, zuſammengedrückt auf einem Stuhle lag. Welche Freude machte es ihr, hier die Ordnerin, die Wirthſchafterin zu ſpielen! Sie ſtellte Alles auf den gehöri⸗ gen Platz, ſie öffnete das Fenſter, ſie kehrte die Stube und war dabei ſo vergnügt, und ſang Melodien, die ihr ſonſt nie in den Kopf kamen. Sie holte friſches Waſſer am Brunnen und betrachtete ſich ſelbſt lächelnd und voll Freude, während ſie ſo dahin ging mit den beiden Krügen in den Händen; dann pflückte ſie am Bach Vergißmeinnicht und andere Blu⸗ men, that ſie in eine Schüſſel, die ſie auf den Tiſch ſtellte, ordnete die Blüthen zu einem Kranze, legte Moos auf die Stiele und begoß das mit Waſſer. Damit waren ihre Arbei⸗ ten zu Ende, und ſie ſchaute zufrieden in der reinlichen und geſchmückten Stube umher. Da war Alles ſo feiertäglich ſtill, die Schwarzwälderuhr pickte, die Sonnenſtrahlen legten einen goldenen Streifen auf den Fußboden hin oder ſpielten im Reflex von dem Bache draußen wie lauter leuchtende Punkte an der Decke; dazu murmelte das Waſſer ſo geheimnißvoll, und zuweilen, wenn ſich ein leichter Wind erhob, rauſchten die dichten Zweige der mächtigen Bäume, welche das Häuschen umſtanden, und er⸗ zählten wie von wunderthätigen Waldblumen und Märchen⸗ 230 Elftes Kapitel. gold. Ja, es war hier in der alten, einſamen Jägerhütte ſo märchenhaft wie ſonſt nirgends, und wenn Eugenie wie ſie oft that, das Spinnrad der alten Frau Klaus vor ſich hinſtellte, die Bilderbibel vom Geſimſe nahm und aufgeſchlagen über ihre Kniee legte, wenn Hund und Katze wedelnd und ſchnurrend zur Thür herein kamen und ſich am Boden zu den Füßen des jungen Mädchens hinſchmiegten, und wenn man ſie dann ſo mild und freundlich lächelnd da ſitzen ſah, das klare, leuchtende Auge wohlgefällig vor ſich hinblickend, den Mund leicht geöff⸗ net, um die regelmäßigen Athemzüge durchzulaſſen, welche ſanft ihre Bruſt ſchwellten— ſo war das alles wie die wunderbare Illuſtration zu einem Märchenanfang:— Es war einmal ein alter Jäger, der hatte eine gar liebliche Tochter, die, wenn der Bater in den Wald ging, oft allein zu Hauſe blieb. Da geſchah es denn eines Tages, daß, als ſie ihre häuslichen Ge⸗ ſchäfte beſorgt, ſie ſich zum Ausruhen niederließ, und vom Geſang der Vögel und vom Rauſchen des Windes in den Blättern ſanft in den Schlaf gewiegt wurde. Das war aber eigentlich kein Märchen, denn ſo war es in der That Eugenien einige Male paſſirt; der Weg durch den Wald, die Hitze des Sommertages hatten ſie ermüdet, und als ſie nun die Stube des alten Klaus in Ordnung gebracht und ſich in einen ſchattigen Winkel geſetzt hatte, entſchlief ſie unter dem Rauſchen der Blätter, unter dem Picken der Uhr und dem Geſchnurre der Katze. Die Katze ſchlief mit ihr, nicht ſo aber der große, ſtarke Hofhund. Wie das Mädchen die Augen ſchloß, öffnete er die ſeinigen, hob den Kopf, ſchaute, ſo weit er konnte, um ſich und horchte fern, fern in den Wald hinaus, ob ſich dort nichts Ungewöhnliches rege. Damals war Eugenie vierzehn Jahre alt und träumte von Sternen und Der Neffe des Jägers. 231 2 Waldblumen, die mit einander in Streit gerathen waren, wer von ihnen das Schönſte und Lieblichſte ſei; ja, ſie wandten ſich an das junge Mädchen zur Entſcheidung, und dieſe wollte ſchon lächelnd zur Antwort geben, daß hier im Walde die Blumen und am Himmel die Sterne, jedes an ſeinem Platze das Schönſte und Lieblichſte ſei. Da war es ihr, als höre ſie Knurren und Murren vor ſich, und wie ſie ſchlaftrunken die Augen öffnete, ſah ſie den großen Hofhund aufrecht an der Wand ſtehen, die beiden Tatzen auf die Fenſterbrüſtung gelegt, und zwar, wie ſie im Traume gehört, knurrend und mur⸗ rend. Wahrhaftig, ſie meinte, ſie träume noch fort, denn vor dem Fenſter ſah ſie den Kopf eines Pferdes, das in die Stube blickte, und dann anfänglich die Hand eines Reiters, der das Rebgewinde aufhob und nun, hell von der Sonne beſtrahlt, erſtaunt und lächelnd das wunderſchöne Kind hier in der ein⸗ ſamen Jägerhütte fand. Ein Ausruf der Verwunderung ent⸗ fuhr dem Reiter, und dieſer Ausruf ließ Eugenie plötzlich aufſpringen und ſtaunen und horchen. Sie ſtrich über ihre Stirn, als wolle ſie ſich vergewiſſern, daß ſie nicht mehr ſchlafe, und lächelte gleich darauf beruhigt, als ſie die Stimme des alten Klaus vernahm, der draußen mit dem Reiter ſprach. Dieſer hatte ſein Pferd von dem Fenſter zurückgezogen und daſſelbe gegen den alten Jäger gewandt; indeß wenn er auch auf deſſen Reden hörte, ſo drehte er doch den Kopf von ihm ab, ſenkte ihn tief herab und ſchaute forſchend in das Zimmer. Das alles ſah Eugenie mit einem raſchen Blicke, und daß der Reiter ſo hereinſchaute, ſcheuchte ſie in den fernſtent Winkel des Zimmers zurück. Er konnte ſie nicht mehr ſehen, ſie ihn aber wohl, und die Sonne leuchtete ſo auf ihn und ſtellte ihn wie verklärt 232 Elftes Kapitel. unter das dunkle Blätterdach, als habe ſie ihre Freude an ihm und als wolle ſie, daß das junge Mädchen ſich ſein Bild recht feſt einpräge. Ob das geſchah, ſind wir nicht im Stande, dem geneig⸗ ten Leſer anzugeben; nur ſo viel dürfen wir der Wahrheit gemäß berichten, daß, ſo wie der Reiter ſich vom Fenſter ent⸗ fernte, Eugenie mit dem großen Hunde, der ſich an ſie ge⸗ ſchmiegt hatte, näher dahin ging, und daß ſie, jetzt hinaus⸗ ſchauend, ihn ſchon auf der Höhe droben ſah, wie er luſtig hinauf ſprengte— es war eine leichte, ſchlanke Figur, und er ſaß ſchön zu Pferde, das konnte ſie beurtheilen; er hatte ein graues, kurzes Röckchen an und einen grünen Jagdhut mit einem ſtarken Spielhahnfederbuſch. Ehe er droben zwiſchen den Bäumen verſchwand, wandte er ſich im Sattel noch einmal um und winkte mit der Hand hinab— gegen das ſtille Jagdhaus— an das ſchöne, ſchla⸗ fende Mädchen denkend— oder galt ſein Gruß dem freund⸗ lichen Thale?— Wer konnte das wiſſen? Wer konnte das ſagen?— Niemand als er, der nun mit ein paar Sätzen ſeines Pferdes zwiſchen den grünen Bäumen verſchwunden war und nie, nie mehr zum Vorſchein kam. Als Klaus in die kleine Stube trat, ſagte er zu dem jungen Mädchen, nachdem er ſich ehrerbietig für die Sorgfalt bedankt, mit der ſie hier Alles geordnet:„Der draußen hat Sie wohl recht erſchreckt? Es iſt ein wilder Burſch, nament⸗ lich wenn er zu Pferde ſitzt; ich erlebe es noch einmal, daß er mir die Stube hinein reitet. Nun, jetzt geht er fort, und da haben wir ein paar Jahre Ruhe vor ihm.“ „Und wer iſt er denn?“ fragte das junge Mädchen faſt gleichgültig. Der Neffe des Jägers. 233 „Oh! oh!“ meinte der Jäger, indem er ſich umwandte und eine ziemliche Zeit brauchte, ſein Gewehr an die Wand zu hängen,„es iſt ein entfernter Verwandter von mir, ein Vetter, Jägerburſche beim Grafen Helfenberg— eine wilde Brut, mit der ich eigentlich nicht gern viel zu thun habe. Nun, jetzt geht er ja fort.“ „So, er geht fort,“ ſagte nachdenkend das Mädchen. „Ja, er geht fort,“ entgegnete kopfnickend der Jäger,„und es iſt gut ſo. Haben Sie nicht zufällig zu Hauſe gehört, daß der junge Graf Helfenberg eine längere Reiſe macht 6 „Ach ja, Papa hat davon geſprochen; er geht nach Italien.“ „Nach Italien, nach Spanien, was weiß ich! Gott ſchenke ihm ein ruhigeres Blut, das wünſche ich ihm von Herzen,“ ſprach der Jäger, indem er beinahe düſter die Augenbrauen zuſammenzog und über ſein graues Haar ſtrich.„Es iſt im Grunde ein guter Burſch, aber wild, wild bis zu allen Ex⸗ ceſſen.“ „Nun, und dein Vetter?“ fragte Eugenie nach einer Pauſe, „was hat der mit der Reiſe zu thun d4 „Ja ſo, mein Vetter, was der damit zu thun hat? Nun, er begleitet ihn, er geht mit ihm— na, das wird eine ſchöne Wirthſchaft werden!“ Weiter ſagte der alte Jäger nichts, und weiter fragte das Mädchen auch nicht; aber ſie vergaß den Augenlick nicht, wie ſie zum Fenſter hinausgeſchaut, und wie ſie, draußen von der Sonne hell beſchienen, das lachende und freseiche Geſicht, von blonden Locken eingerahmt, geſehen. So waren einige Jahre vergangen, und Eugenie hatte oft das kleine Jägerhaus beſucht, hatte auch das Zimmer dort 234 Elftes Kapitel. häufig in Ordnung gebracht, war auch wohl mitunter einge⸗ ſchlafen, wenn ſie erhitzt und vom Gehen ermüdet war; aber eine Erſcheinung wie damals hatte ſie nicht mehr gehabt— jene Erſcheinung, die ſie immer noch nicht vergeſſen hatte. Wohl fragte ſie auch zuweilen den alten Klaus nach ſeinem Vetter und wollte wiſſen, ob er Nachricht habe, wie es ihm auf ſeinen Reiſen ergangen; doch pflegte der Jäger mit den Achſeln zu zucken und zu ſagen:„Man hört wohl hier und da etwas von ihnen, aber es iſt nicht, daß man ſich darüber freuen kann.“ „Und werden ſie bald wieder kommen?“ „Ja, es heißt ſo.— Meinetwegen blieben ſie ſchon noch eine Zeit lang weg.“ Da ging eines Tages das Mädchen wieder nach der Nie⸗ derung mit der kleinen Hütte, und als ſie auf der Höhe ſtand, wo man auf den Bach und die breitäſtigen Bäume hinab⸗ ſchauen konnte, an derſelben Stelle, wo damals der junge Reiter verſchwunden war und wo ſie jetzt am heutigen Mor⸗ gen ſich abermals befand, ſah ſie den alten Klaus vor der Hütte, aber er war nicht allein, ſondern er ſprach mit Jemand, der im Sonnenſcheine auf der Bank vor dem Hauſe ſaß, während er ſelbſt Eugenien den Rücken zuwandte. Beſuch war hier etwas Ungewohntes, deßhalb blickte ſie auch aufmerkſam hin, und als ſie an dem Unbekannten ein graues Röckchen wahrnahm, ſowie einen grünen Jagdhut, da ging ſie in ihren Gedanken um ein paar Jahre zurück und gedachte des Reiters, den ſie im Sonnenlichte geſehen. Sie war im Begriffe, um⸗ zukehren— weßhalb, wußte ſie eigentlich ſelbſt nicht— da hatte der Unbekannte ſie entdeckt, er ſagte zu Klaus einige Der Neffe des Jägers. 235 Worte, ſo daß ſich dieſer nun herumwandte und zu dem Mädchen aufblickte. Sollte das der Vetter des alten Jägers ſein, der ja von den Reiſen zurückerwartet wurde?— Es war nicht gut mög⸗ lich, und obgleich der da unten ein graues Röckchen trug und einen grünen Jagdhut, ſo war das doch eine ganz andere Er⸗ ſcheinung. Wohl gedachte ſie noch des Reiters, der ſo flüchtig aufwärts geſprengt, der ſich ſo leicht im Sattel gewandt— und doch, wie ſie näher trat, wie der junge Mann ſich müh⸗ ſam erhob, wie er lächelnd den grünen Jagdhut abnahm und nun im blendenden Sonnenlichte vor ihr ſtand, da war es ihr gerade, als finde ſie in der Figur und im Geſichte des Unbekannten etwas, das ſie an den Reiter von damals erin⸗ nere.— Schrecklich! Sie blickte faſt verlegen auf Klaus, der achſelzuckend ſagte: „Da iſt mein Vetter wiedergekommen, es iſt ihm auf den Reiſen ſchlecht ergangen. Das gnädige Fräulein werden ſich ſeiner kaum noch erinnern.“ Zweifelnd ſchaute Eugenie empor und fragend, als wünſche ſie eine nähere Auskunft, vor der ihr aber doch ſelbſt graute; denn es konnte nicht anders ſein: das war der Reiter von damals, er ſelbſt, und doch wieder ſo ſchrecklich anders! Mühſam hatte ſich der Vetter des Jägers von der Bank erhoben, indem er ſich auf einen Stock ſtützte, den er in der rechten Hand trug, und während er dieſe Anſtrengung machte — denn es war eine Anſtrengung für ihn— huſtete er leiſe, aber mehrere Male nach einander und ſo hart und ſchwer, daß ſich auf ſeinen bleichen, eingefallenen Wangen eine plötz⸗ lich aufflammende Röthe zeigte; dabei lächelte er faſt traurig und ſprach mit ſchwacher Stimme:„Ja, Vetter Klaus hat 236 Elftes Kapitel. Recht, es iſt mir auf meinen Reiſen nicht beſonders gut er⸗ gangen. Nach einem unglücklichen Sturze mit dem Pferde blieb ich eine kalte Nacht hindurch im Freien liegen, und das hat mir nicht gut gethan.“ Eugenie ſtand wie betäubt und verwirrt; das Bild des raſchen, hübſchen Reiters war in ihren Gedanken freilich ziem⸗ lich verblichen, und nur zuweilen, wenn ſie ſich in dem alten Jägerhauſe befand und in das Sonnenlicht hinausſchaute, war es friſch und lebendig vor ihre Seele getreten. Nach und nach wäre es ausgelöſcht worden, und ſie hätte es vergeſſen, wie man ſo Vieles vergißt; aber jetzt trat alles wieder ſo klar vor ſie hin, als erwache ſie aus ihrem Schlummer und als ſprenge er dort die Anhöhe hinan. Und während ſie ihn friſch und geſund dort verſchwinden ſah, ſtand er jetzt in Wirklichkeit krank und elend ihr zur Seite. Das entlockte ihr ein recht ſtilles, trauriges Lächeln; ſie neigte den Kopf etwas, und wäh⸗ rend ſie mit der Hand über ihr Haar fuhr, ſprach ſie:„Es thut mir recht leid, Sie ſo wiederzuſehen.— Aber ich bitte, ſetzen Sie ſich nieder,“ fuhr ſie raſch fort, als ſie bemerkte, daß abermals eine Röthe auf ſeinem Geſichte leuchtete. „Ja, ſetz dich nieder,“ meinte auch Klaus mit beſorgter Stimme.„Das gnädige Fräulein iſt ſo gut, daß ſie das ge⸗ wiß nicht übel nimmt.— Ich habe nur um Entſchuldigung zu bitten,“ ſetzte er hinzu, nachdem alle Drei einen Augenblick geſchwiegen,„daß ich eigentlich ſchuld daran bin, daß Sie mei⸗ nen armen Vetter hier gefunden; ich hätte ihn ins Haus gehen laſſen können, und dann wäre Ihnen der Anblick erſpart worden.“ Als das der Jäger ſagte, blickte ſein Vetter aufmerkſam, ja, ängſtlich auf das ſchöne Geſicht des jungen Mädchens. Der Neffe des Jägers. 237 Doch verſetzte dieſe beinahe unmuthig:„Rede doch nicht ſo ſeltſames Zeug; erſtens komme ich zu dir auf Beſuch, und ich meine, es iſt mir immer recht geweſen, was ich hier ge⸗ funden; dann aber ſollteſt du mich beſſer kennen und mich nicht für ſo hartherzig halten, daß mir der Anblick deines Vetters deßhalb zuwider wäre, weil ich ihn früher anders ge⸗ ſehen oder ihn mir vielleicht anders vorgeſtellt.— Und wenn ich ihn genau betrachte,“ fuhr ſie begütigend fort,„ſo— ſo — ſo— ſieht er wohl etwas krank aus, aber das wird vor⸗ übergehend ſein, und ich hoffe,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„er wird in nicht gar zu langer Zeit wieder friſch und munter da hinaus reiten.“ „Wie ich Ihnen für dieſe Worte genugſam danken ſoll,“ hatte hierauf der Vetter des Jägers geſagt,„weiß ich nicht; aber das kann ich dem gnädigen Fräulein verſichern, daß keiner meiner Bekannten mich ſo lieb und freundlich willkommen ge⸗ heißen; und deßhalb wollen mir das gnädige Fräulein ver⸗ zeihen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie ſehr, ach, ſehr hochſchätze und verehre.“ Nach dieſen Worten hatte der kranke Mann eine Bewe⸗ gung gemacht, als wolle er die Hand Eugeniens ergreifen, um ſie zu küſſen; doch mochte ihm das Unpaſſende hiervon augenblicklich eingefallen ſein— genug, er zog ſich bitter lächelnd zurück und ſtarrte darauf finſter vor ſich nieder. Klaus begann nach einer Pauſe wieder:„Mein Vetter wohnt in der Stadt in einer kleinen engen Gaſſe, wo nicht viel gute Luft hin kommt; er hat begreiflicher Weiſe ſeinen Dienſt aufgeben müſſen, bis— er wieder hergeſtellt ſein wird. Dazu hat ihm nun der Doktor vor allen Dingen die friſche Waldluft angerathen, und deßhalb beſucht er mich und wird ————— ——— 238 Elftes Kapitel. auch häufig kommen, wenn— das gnädige Fräulein nichts dagegen hat.“ „Du ſprichſt wunderlich, Klaus,“ verſetzte Eugenie,„was kann und werde ich dagegen haben, wenn Jemand zu dir kommt? Und wenn dem wirklich ſo wäre, würde ich ſo hart⸗ herzig ſein, einem Kranken die gute Luft zu mißgönnen?— Gewiß, ſo gern ich komme, ſo würde ich doch augenblicklich wegbleiben, wenn ich mir denken könnte, daß mein Beſuch dir und deinem Vetter in irgend etwas hinderlich wäre.“ „Das kann und wird nie der Fall ſein,“ entgegnete der Letztere eifriger, als man es ihm zugetraut hätte.„Wenn ich mir erlaube, im Gegentheil hinzu zu ſetzen, ſo bitte ich dafür um Verzeihung; aber das gnädige Fräulein ſind als ſo gut und frenndlich bekannt, daß es Jedem wohl thut, der das Glück hat, Sie zu ſehen.“ „Ja, das muß ich bekräftigen,“ ſagte der alte Jäger. „Von den Thieren will ich gar nicht reden, denn da iſt es bekannt, daß die biſſigſten Hunde dem gnädigen Fräulein ſchmeicheln; aber wir haben noch unangenehmere und unver⸗ träglichere Geſchöpfe unter den Menſchen, namentlich hier im Walde unter den Wildſchützen; und ſelbſt denen fährt ein freund⸗ liches Wetterleuchten über die finſteren Züge, wenn ſie das gnädige Fräulein nur von Weitem durch den Wald daher kommen ſehen.“ So war es geweſen, als Eugenie den Vetter des Jägers nach ſeiner italieniſchen Reiſe wieder geſehen; und darauf ſah ſie ihn öfter; denn wegen der friſchen Waldluft hielt er ſich meiſtens in dem kleinen Jägerhauſe auf, und wenn er auch nebenan im Gehölze war oder auf den ſeitab liegenden Wie⸗ ſen, ſo kam er doch immer mit langſamen Schritten und ge⸗ Der Neffe des Jägers. 239 beugt an ſeinem Stocke daher, ſo oft das junge Mädchen die Waldhütte beſuchte. Anfänglich hatte ſeine Gegenwart wohl etwas Störendes für ſie gehabt; ſie mochte oder konnte nicht ſo frei in dem Häuschen wirthſchaften, wenn er draußen vor der Thür ſaß; bald aber gewöhnte ſie ſich daran und erlaubte ihm ſogar, ihr, wie er bat, kleine Dienſte zu leiſten, ſo das Herbeiholen von Waſſer und Blumen, das Wegſchaffen welker Blätter, wenn ſie einen neuen Kranz gemacht hatte für das Bild der Frau des Jägers, das in der Stube am Ehrenplatze unter dem kleinen Spiegel hing. Nach und nach begann ſie ſogar, ihm, wenn er ſo einſam und traurig, mit trüben Blicken vor ſich hinſtarrend, auf der Bank ſaß, irgend eine Frage zu ſtellen, deren Beantwortung ihn nöthigte, mehr als Ja und Nein zu ſagen. Und als ſie das einmal angefangen, erſtaunte ſie, denn ſie bemerkte, daß der Vetter des Jägers Klaus mehr gelernt habe und weit mehr wiſſe, als man ſonſt gewöhnlich bei Leuten ſeines Stan⸗ des findet. Dabei brachte er ſeine Antworten auf eine gar un⸗ gezwungene Art vor, frei, überlegt und doch wieder voll Ehr⸗ erbietung gegen das junge Mädchen, die, von hohem Stande, ſich herabließ, mit ihm, dem armen Jägerburſchen, zu ſprechen. Zuweilen fragte Eugenie auch wohl Einiges über die Reiſen in Italien, und da erſtaunte ſie mehr und mehr, wenn er ſich oft gehen ließ, ſeine Eindrücke erzählte, Gegenden durch eine lebhafte Schilderung friſch und wahr vor ihre Augen zauberte, ja, ſogar hier und da von Muſeen und Gallerieen ſprach, wobei er dann wie entſchuldigend hinzuſetzte:„Das gnädige Fräulein werden ſich verwundern, daß ich, ein ein⸗ facher Diener, von dergleichen ſpreche; doch bin ich mit dem Elftes Kapitel. Grafen erzogen worden, habe zuweilen an ſeinen Lehrſtunden Theil nehmen dürfen, und er war ſo freundlich, mich wäh⸗ rend der Reiſe überall, wo es nur möglich war, mit hin zu nehmen.“ So wurde manche halbe Stunde zwiſchen den Beiden verplaudert, wobei der Vetter des Jägers auf der Bank ſaß, Eugenie aber, an den Stamm der mächtigen Buche, die das Häuschen beſchattete, gelehnt, neben ihm ſtand. Wer die Beiden ſah, konnte ſich eines Gefühls des tiefſten Mitleidens für den armen Menſchen nicht erwehren, der zuſammen ge⸗ beugt auf der Bank ruhte, ſchnell und doch ſo mühſam ath⸗ mend, daß jeder Zug an ſeinen Schulterblättern auf dem Rücken ſichtbar war. Dabei huſtete er kurz und trocken, und ſeine weiße durchſichtige Hand ſpielte wie krampfhaft oder nervenerregt mit dem Stocke, der neben ihm lag. Sogar mit deſſen Hülfe konnte er ſich nur mühſam von der Bank er⸗ heben, und dennoch meinte man jeden Augenblick, ſeine zit⸗ ternden Kniee müßten ihm auf einmal den Dienſt verſagen. Man brauchte nicht, wie Eugenie, ihn vor Jahren ge⸗ kannt zu haben in voller Kraft der Jugend, um heute den Anblick ſeines Geſichts wahrhaft bejammernswerth zu finden; die ſchönen, edlen Züge von damals blickten freilich noch durch, aber wie ein Traumbild, gänzlich ſchattenhaft, wie etwas, das mit Nächſtem ganz verſchwinden wird. Nur die Augen allein hatten etwas von ihrem früheren Glanze behalten, aber es war kein wohlthuendes Feuer, das in ihnen ſtrahlte; etwas wild Glühendes, Fieberhaftes lag darin, namentlich in Mo⸗ menten, wo der junge Mann ſich unbeachtet wußte und das ſchöne Mädchen betrachtete. Seine Tracht war einfach, ohne ärmlich zu ſein; er Der Neffe des Jägers. 241 ſchien einen grauen Jagdrock zu lieben und einen grünen Hut, wie er ihn damals getragen; denn ſo erſchien er immer. Wenn man daneben das junge Mädchen ſah, ein friſches Bild der Geſundheit, mit leuchtenden Blicken aufknospend wie eine junge Roſe, ſo begriff man wohl das Mitleid, mit dem ſie ſich des armen jungen Mannes annahm, das Gefühl ihres Standes, ihrer Geſundheit, ihres körperlichen Reichthums gegenüber ſeiner Verlaſſenheit, ſeiner gänzlichen Armuth. —— An dieſe vergangenen Zeiten dachte Eugenie, als ſie nun das kleine Jägerhaus vor ſich liegen ſah, und eine Zeit lang droben ſtehen blieb, ehe ſie hinabſtieg. Es war ihr faſt ebenſo ſchwer, von dieſem kleinen ſtillen Winkel Ab⸗ ſchied zu nehmen, wie von dem elterlichen Hauſe. Und wohl mit einigem Rechte; denn das Waldſchloß zu beſuchen, dazu fand ſich Zeit und Gelegenheit genug, weniger vielleicht einen Spaziergang zum alten Klaus zu machen; denn davon hätte ſie mehr oder weniger ſprechen müſſen, was ſie bis jetzt — wir müſſen geſtehen, ohne eigentliche Urſache— immer vermieden. Langſam ſtieg das junge Mädchen hinab, und es war ihr nicht unlieb, daß ſie den alten Klaus an der Thür ſtehen, ſo wie deſſen Vetter an ſeinem gewöhnlichen Platze auf der Bank ſitzen ſah. „Heute hätten wir Ihren Beſuch nicht erwartet,“ meinte freundlich lachend der alte Jäger,„denn ich habe erfahren, daß Beſuch auf dem Schloſſe iſt; Herr Baron von Breda ſind hingeritten.“ Eugenie nickte mit dem Kopfe und entgegnete:„Ja, der Onkel iſt da, und das iſt eigentlich die Urſache, warum ich Hackländer, Don Quixote. I. 16 Elftes Kapitel. heute hieher gekommen bin. Onkel Breda will mich mit ſich nach der Stadt nehmen, und ehe ich das thue, konnte ich nicht unterlaſſen, hier von— dem kleinen Hauſe Abſchied zu nehmen. Bei dem Worte„von“ blickte ſie aber den Jäger an, ſo wie ſie auch ihre klaren Augen einen Moment auf dem Kran⸗ ken ruhen ließ, der bei ihrer Rede leicht zuſammenzuckte und darauf in das vorgehaltene Schnupftuch huſtete. „So, ſo, das gnädige Fräulein gehen nach der Stadt?“ erwiderte Klaus ziemlich raſch und mit ausdrucksvollem Tone. —„ Und auf lange?“ „Das kann ich ſelbſt noch nicht ſagen, aber ich glaube wohl, auf lange,“ verſetzte das junge Mädchen.„Onkel George hat ſchon oft davon geſprochen, es ſei beſſer für mich, ein wenig in Geſellſchaft zu kommen und das Leben der Stadt kennen zu lernen; ja, ſchon lange hat man darüber geſprochen, und endlich— hat es ſich ſo gemacht.“ Bei dieſen letzten Worten verdüſterten ſich ihre ſonſt ſo klaren Züge ein wenig, und ſie preßte die Lippen auf ein⸗ ander. Der Kranke ſagte kein Wort, blickte auch nicht einmal in die Höhe, huſtete aber hart und trocken in nicht allzu gro⸗ ßen Zwiſchenräumen. Der alte Jäger ſchlug die Arme über einander, lehnte ſich an den Thürpfoſten und meinte dann nach einer Pauſe mit einem faſt unmerklichen Streifblick auf ſeinen Vetter: „Nun ja, es war vorauszuſehen, daß das gnädige Fräulein nicht immer hier in dem Walde bleiben könne; es mußte ſo kommen, und der Herr Baron von Breda iſt ein ſehr braver Herr und hat ein ſchönes und angeſehenes Haus.— Herzlich Der Neffe des Jägers. 243 aber freut mich's und auch gewiß den Vetter da, daß das gnädige Fräulein noch ſo lieb und freundlich waren, hier von unſerer armen Wirthſchaft Abſchied zu nehmen. Nicht wahr, es freut dich auch?“ wandte er ſich an den Kranken. Dieſer hob den Kopf in die Höhe, ſeine Züge waren faſt noch bleicher als gewöhnlich, und während ſeine farbloſen Lippen zuckten, glänzten ſeine Augen auf eine ungewöhnliche Art; doch verſuchte er zu lächeln und ſagte:„Ich würde mich noch herzlicher über die große Ehre gefreut haben, welche das Fräulein meinem Onkel erzeigt, aber Sie müſſen mir ſchon verzeihen, daß ich meine Freude heute nicht recht an den Tag zu legen vermag— denn ich leide furchtbar— gerade heute Morgen.“ Dieſe Worte ſtieß er kaum vernehmbar zwiſchen den zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen hervor. „Meine Bruſt ſchmerzt mich ſo ſehr, und zuweilen iſt es mir, als wäre der Athemzug, den ich jetzt thue, mein letzter — als müſſe das alles— alles— nun mit einem Male aufhören,“ ſetzte er nach einer Weile hinzu. Das Mädchen blickte theilnehmend, ja, ergriffen und trau⸗ rig auf den jungen Menſchen nieder, der wie kraftlos in ſich zuſammengeſunken war, dabei aber die linke Hand erhob, als wolle er andeuten, er habe noch etwas zu ſagen. Deßhalb ſchwiegen auch die beiden Anderen, und man hörte kein Geräuſch als das Murmeln des Baches und das leiſe Zirpen eines Vogels in den nackten Zweigen. „Der Abſchied, den das gnädige Fräulein heute von uns nimmt, iſt für mich wohl nur um kurze Zeit zu früh. Ver⸗ zeihen Sie mir, daß ich rede, wie ich vielleicht nicht reden ſollte. Wenn der lange, finſtere und traurige Winter hinter Elftes Kapitel. uns liegt, ſo kommt das Frühjahr— freundlich dem Einen, traurig dem Anderen. Und das Letztere für mich. Denn wenn meine lieben Wälder wieder anfangen grün zu werden, wenn die Blumen empor ſproſſen, ſo geht es mit mir zu Ende— das fühle ich deutlich— und daß ich es fühle, iſt gerade kein Schmerz für mich. Nur hätte ich gehofft, wenn unſer eins hoffen darf,— verzeihen Sie mein Wort, gnädiges Fräulein,— Sie, die mir freundlich und tröſtend wie ein Engel erſchienen ſind, im nächſten Frühjahr hier nochmals wieder zu ſehen. Nicht wahr, Sie verzeihen mir? Hat doch Jemand in meiner Lage ſchon das Recht, offener zu ſprechen. Ja, ich hatte gehofft, Sie noch einmal zu ſehen, ehe vielleicht Alles hier für mich vorbei iſt; das wäre ein Abſchied, wie ich ihn mir gewünſcht, und ich wäre dann hinüber gegangen, während die Bäume grün werden, während die Blumen an⸗ fangen zu blühen, und hätte denken können, von Zeit zu Zeit wären Sie dann in das alte Jägerhaus gekommen, hätten nach mir gefragt und vielleicht zu Klaus geſagt: Er hat doch zu früh ſterben müſſen— es iſt ſchade.“ „Während der Kranke mühſam dieſe vielen Worte ſprach, blickte er zu Eugenien in die Höhe, ſeine Züge umſpielte ein ſchmerzliches Lächeln, und ſeine Augen, anſtatt wie gewöhnlich im wilden Feuer zu brennen, nahmen einen unbeſchreiblich weichen und angenehmen Ausdruck an. Der alte Jäger kratzte mit ſeinen Fingern heftig auf den Aermeln des groben Jägerwammſes, und während er ſich auf die Lippen biß, hoben ſich ſeine Augenbrauen auf eine ungewöhnliche Art in die Höhe. Eugenie hatte die Hände gefaltet, ſtill, unwillkürlich, und da ihre Nerven von der häuslichen Scene heute Morgen — Der Neffe des Jägers. 245 noch immer tief ergriffen waren, ſo war es leicht begreiflich, daß bei dieſem Anblicke und dieſen Worten einige leichte Thränen von ihren Wimpern tropften. Nach einer langen Pauſe, peinlich für alle Drei, ſchüttelte ſie leicht den Kopf und ſagte:„So muß man nicht ſprechen; wer die Hoffnung aufgibt, gibt ſich ſelber auf. Wenn es Sie gefreut hat, mich hier zuweilen zu ſehen, ſo wird es Ihre Freude nicht ver⸗ mindern, wenn ich Ihnen ſage, daß ich gern, recht ſehr gern hieher kam. Freilich kommt der harte Winter, aber wie Glück auf Leiden, folgt ihm auch der liebe, ſchöne Frühling— auch gewiß ſchön für Sie. Wer weiß, welch gute Aenderung in Ihrer Geſundheit eintritt!— Gewiß, es muß eine gute Aen⸗ derung eintreten, und dann verſpreche ich Ihnen, daß Sie mich beim erſten Grün, bei den erſten ſproſſenden Blumen hier wieder finden werden.“ „Und was das gnädige Fräulein verſpricht,“ fügte der Jäger mit tiefer Stimme bei,„das pflegt ſie zu halten, darauf kann ich ſchwören.“ Der Kranke hatte ſein Geſicht in beide Hände vergraben und nickte mehrmal mit dem Kopfe, ehe er verſetzte:„Liebe, Glaube, Hoffnung ſollen uns ja begleiten, und die beiden letzten fühle ich in meiner Seele; aber der Winter iſt hart, und wenn ich auch geglaubt, ihn gut durchzubringen, ſo war es doch nur, weil ich gehofft,— und das iſt jetzt alles vor⸗ über.——— Es iſt nicht die erſte Täuſchung, wird auch nicht die letzte ſein.“— Er hob ſeinen Kopf in die Höhe, verſuchte zu lächeln, und fuhr fort, ſeine Stimme gewaltſam anſtrengend:„Und bei alle dem haben Sie mich froh und glücklich gemacht. Wie danke ich Ihnen— mein gnädiges Fräulein— mein Fräulein Eugenie!“ Elftes Kapitel. Es durchzuckte ſie eigenthümlich, als der Kranke ſo zum erſten Male ihren Namen ausſprach; auch blickte ſie beinahe ängſtlich um ſich, als ſie mit bewegter Stimme ſagte:„Jetzt muß ich nach Hauſe; Onkel George wird mich erwarten.— Alſo hoffen Sie auf ein gutes Frühjahr, und ich will da⸗ gegen glauben, daß ich Sie wohler und vergnügter wieder⸗ ſehe.— Adieu, Klaus, du kommſt gewiß bald nach der Stadt, mich zu beſuchen.“. Damit reichte ſie dem alten Jäger beide Hände, die die⸗ ſer tief gerührt ergriff und ſich darauf hinabbeugte, indem er murmelte:„Gewiß, ſobald ich kann, komme ich nach der Stadt.“ Eugenie wandte ſich zum Weggehen, ohne auf den Kran⸗ ken noch einen Blick zu werfen, wogegen ſie mit dem Kopfe raſch mehrere Male ihm zunickte; kaum hatte ſie aber einige Schritte gemacht, ſo kehrte ſie zurück und reichte ihre Rechte dem kranken Manne hin, der ſich ehrfurchtsvoll mit einem leuch⸗ tenden Blicke erhoben hatte, mit ſeinen weißen, faſt durch⸗ ſichtigen Fingern ihre warme, friſche Hand ergriff und es wagte, einen kaum fühlbaren Kuß darüber hinzuhauchen. Darauf flog Eugenie, ohne ſich umzublicken, die Höhe hinan und verſchwand zwiſchen den Bäumen auf derſelben Stelle, wo damals der kecke Reiter verſchwunden war, der⸗ ſelbe kecke Reiter, der jetzt wie ein Schattenbild vornüber⸗ gebeugt neben der kleinen Hütte ſtand, die Hände gewaltſam ausſtreckend, als vermöge er es, das flüchtige Mädchen zu⸗ rückzuhalten. Wohl mehrere Augenblicke ſtand er ſo, dann fuhr er mit der Rechten über das Geſicht, biß wie in wüthendem Schmerze die Zähne über einander, wandte ſich gegen den alten Jäger, Der Neffe des Jägers. 247 der tief aufſeufzend daſtand, und fragte mit funkelnden Augen: „Hätteſt du damals treu und ehrlich an mir gehandelt, da⸗ mals, als ich jene Anhöhe hinaufſprengte, ſo müßteſt du deine unnütze Büchſe von der Wand geriſſen, mich getödtet oder ſchwer verwundet haben.— Ah verflucht! wer Alles voraus wiſſen könnte! Mich hätte friſch und geſund der Tod ereilt, oder ich wäre langſam in deiner Hütte geneſen,— verpflegt von ihrer Hand.— Ah verflucht!“ Nach dieſen Worten ſchlug er beide Hände vor das Ge⸗ ſicht und fiel auf die Bank nieder, ſo plötzlich und willenlos, daß Klaus entſetzt hinzu ſprang und den Kranken in die Arme nahm. Sein Kopf ſank zurück an die Schulter des treuen Freundes, ſeine Züge waren todtenbleich, aber ruhig, und auf den feſt verſchloſſenen bleichen Lippen ſtand ein einziger klarer Blutstropfen. „Mein armer, unglücklicher Herr!“ ſagte tief erſchüttert der alte Jäger.—„Gott ſei ihm gnädig!“ — Zwölftes Kapitel. Ein gemiſchter Thee. Die Rechtsconſulentin, Madame Plager, hatte mehrere Bekannte zu einem gemiſchten Thee eingeladen— wir ſagen: gemiſchten Thee, nicht, als ob dieſer in Wirklichkeit vielleicht aus ſchwarzem und grünem beſtanden, mit einer Zuthat von Vanille und Zimmt, wie es in der Stadt, in welcher unſere wahrhafte Geſchichte ſpielt, zuweilen Mode war, ſondern, weil erſtens die Geſellſchaft, welche zu dieſem Thee eingeladen wurde, eine gemiſchte war, aus Herren und Damen beſtehend, und auch, weil das, was bei dieſem Thee gereicht wurde, in ver⸗ ſchiedener Hinſicht gemiſcht genannt werden konnte; denn nach dem Thee mit Backwerk wurde ein förmliches Nachteſſen gegeben. Geneigter und vielgeliebter Leſer! du biſt ſchon verſchiedene Male mit uns zum Kaffee und zum Thee gegangen, und wenn es nicht der Lauf dieſer Geſchichte gebieteriſch verlangte, noch⸗ mals eine Einladung an dich ergehen zu laſſen, ſo würden wir uns nicht unterſtanden haben, dich wieder zu bemühen, in Ein gemiſchter Thee. 249 der Furcht, dir in dieſer Hinſicht nicht mehr viel Neues mit⸗ theilen zu können. Die Wohnung des Rechtsconſulenten Plager kennen wir bereits; wir haben, um damit von hinten anzufangen, ein großes Schlafzimmer, daneben ein Wohnzimmer, ferner einen ſogenannten Salon, ein Eßzimmer und ſchließlich ein Kinder⸗ ſpielzimmer, worin ſich auch das Bett der Großmutter befindet. Der Salon, ſowie das Wohn⸗ und Eßzimmer ſollen für den heutigen Thee gerüſtet werden; wir ſagen: werden; denn ob⸗ gleich es bereits Nachmittags vier Uhr iſt, ſo herrſcht doch noch in den drei genannten Zimmern ein förmliches Chaos ohne ein freundlich hervorblickendes Land, das auf eine ſpätere gänzliche Abklärung hoffen ließe. Um dieſe Zeit verfügte ſich Herr Doktor Plager meiſtens von ſeiner Schreibſtube in die Wohnung, um dort ſeinen Kaffee zu nehmen. Als er dies auch heute that, begann er noch auf der erſten Treppe ſich feierlichſt zu geloben, daß nichls, was da oben geſchehen könne und nicht geſchehen ſei, im Stande ſein ſolle, ihn aus ſeinem ſtoiſchen Gleichmuthe zu bringen, ſelbſt nicht die wahrſcheinlich noch unangezogenen und ungezogenen Kinder— denn da es Feiertag war, hatte der Schulzwang nichts über Madame und Babette vermocht. Er gelobte ſich, daß er kalt bleiben wolle beim Anblicke der verehrten Schwie⸗ germutter, bei dem bekannten Aufziehen ihrer Mundwinkel, beim ſanften Schließen ihrer Augen, bei dem Erheben ihres Kopfes, ja, bei ihren oft nichts weniger als freundſchaftlichen Reden. Er wollte es nicht ſehen, ſelbſt wenn Babette gerade im Be⸗ griffe ſei, mit ſeiner Haarbürſte ihre eigenen Schuhe einzu⸗ ſchmieren oder dergleichen Sachen mehr zu thun, wo ein gänz⸗ liches Mißkennen deſſen, was man dieſem oder jenem Haus⸗ b 250 Zwölftes Kapitel. haltungsgeräthe ſchuldig ſei, oft zu den unangenehmſten Con⸗ flicten führte. Aber der Rechtsconſulent hatte Unrecht, ſich das ſchon auf der unterſten Treppenſtufe zu verſprechen. Durch eben dieſes Gelöbniß vergegenwärtigte er ſich aufs genaueſte, was er alles droben finden könne und werde, dadurch regte er ſeine Nerven auf, und bei aufgeregten Nerven hat ſich ſelbſt der charakterfeſteſte Menſch nicht immer vollkommen in ſeiner Gewalt. Herr Plager ſtieg alſo die Treppen hinauf, und als er gegen ſeine Wohnung kam, fand er ſeine beiden Sprößlinge in der That in nicht untadelhaftem Anzuge auf der Treppe ſitzen und ſich mit kindlichem Spiele ergötzen. Dieſes Spiel beſtand darin, daß Fritzchen des Vaters große Papierſcheere in der Hand hatte und beſchäftigt war, dieſelbe auf einem ſehr feinen Schleifſteine zu ſchleifen; daß aber Stein und Scheere hierbei nicht gut wegkamen, verſteht ſich von ſelbſt, obgleich Louiſe bedeutend nachhalf, indem ſie den Stein fleißig einölte, zu welchem Zwecke ſie eine Küchenlampe neben ſich ſtehen hatte, der ſie mit einem kleinen Halstuche der Mama das Oel entnahm und dabei mehr auf den Boden tropfte, als auf den Stein kommen ließ. Herr Plager fühlte ſeine Vorſätze wanken, als er die Arbeit der beiden Kinder ſah; doch bezwang er ſich, befahl ihnen, das Spiel aufzugeben und hinein zu gehen; ja, er nahm eigenhändig die mißbrauchten Geräthſchaften und trug ſie, ohne ein Wort zu ſagen, in die Küche, wo er eine Putzfrau, die zur Aushülfe da war, erſuchte, alles das, ſoweit es ſich thun ließe, wieder zu ſäubern. Darauf trat er ins Zimmer. — 7 ) Ein gemiſchter Thee. 251 Daß ſich ein Eßzimmer einige Stunden vor einer Soiree nicht im aufgeräumteſten Zuſtande befindet, iſt erklärlich, und ſo gern der Rechtsconſulent einen freien Kaffeetiſch geſehen, mochte er doch heute um Alles in der Welt nichts ſagen, als er bemerkte, daß Babette wenigſtens ein Drittel von demſelben in Beſchlag genommen hatte, um eine Menge von Taſſen für den heutigen Abend zu ſpülen. Er grüßte Frau und Schwie⸗ germutter ſo freundlich, als es ihm möglich, und wenn auch die beiden Kinder, die ſich hinter ihm ins Zimmer ſtahlen, außerordentlich verdrießliche Geſichter machten, ſo hatte doch Niemand Luſt, nach der Urſache zu forſchen. Ein Gang durch die übrigen Zimmer indeſſen, den er thun mußte, um ins Schlafzimmer zu kommen, machte es nöthig, daß er ſich ſehr an ſeinen Vorſatz erinnerte, ruhig zu bleiben, es möge geſchehen, was da wolle. In Wohnzimmer und Salon ſah es troſtlos aus, da ſtan⸗ den auf Tiſchen und Stühlen Torten, Backwerk aller Art, Stearinkerzen, kaltes Fleiſch, und dazwiſchen lagen Staubbeſen, Waſchſchwämme, gebrauchte Kämme in ſüßer Eintracht. Der Salon ſchien zur Kleider⸗Garderobe umgewandelt worden zu ſein; an den Fenſtern hingen Röcke und Kleider, unnennbares Unter⸗ und Oberzeug aller Art, erſteres mit langen Schnüren, die ſich bis in die Mitte des geräumigen Zimmers ſchlängelten und das Durchgehen ordentlich gefährlich machten. Auf den Stuhllehnen balancirten künſtliche Blumen und Hauben, und mitten in dieſer Pracht ſtanden ein paar große Pfannen mit Compot, welches ſich hier zur Abkühlung befand. Als der Rechtsconſulent dem Schlafzimmer zuſchritt, glaubte er an die Unmöglichkeit einer Steigerung dieſes Zuſtandes des Appartements. Aber es war eine Steigerung möglich; ſie war Zwölftes Kapitel. gewiß nur mühſam zu erreichen, aber Madame Plager und Frau Mutter hatten ſie erreicht. Das Schlafzimmer befand ſich in einem Zuſtande, als ſei es eben erſt von räuberiſchen Horden verlaſſen worden; da ſtreckten alle Commoden troſtlos die ge⸗ öffneten Schubladen von ſich, da ſperrten alle Schränke wie im Jammer ihre breiten Mäuler auf, da war kein Schloß uneröffnet, da war kein Gelaß, wo nicht der halbe Inhalt deſſen, was zurückgeblieben war, maleriſch über die Ränder bis auf den Boden herabhing. Faſſung! ſprach Herr Plager zu ſich ſelber, indem er mit den Augen zwinkerte und, als er gerade an dem Spiegel ſtand, die rechte Hand auf die Bruſt zwiſchen Weſte und Hemd ſchob. Doch gab er dieſe majeſtätiſche Attitude wieder auf, denn ſie erſchien ihm für den gegenwärtigen Augenblick zu herausfordernd. Faſſung! ſprach er nochmals, es gibt ja nicht jeden Tag einen gemiſchten Thee! Damit ging er zurück ins Eßzimmer und ſetzte ſich am Kaffeetiſche an ſeinen Platz, der ihm aber durch Babette mit ihren Taſſen gar ſehr verkümmert wurde. Vielleicht hatten ſich durch das, was er geſehen, einige Wolken auf ſeiner hohen Stirn gelagert, vielleicht war ſein Lächeln, mit dem er die freundlich ſein ſollenden Worte begleitete:„Nun, ihr macht ja gewaltige Vorbereitungen!“ ein gezwungenes und ſchmerzliches; genug, die Schwiegermutter huſtete leicht und warf einen Blick auf ihre Tochter, welche letztere alsdann ſagte:„Ja, wenn man große Geſellſchaften gibt, ſo muß man ſich einige Stunden vorher ſchon etwas gefallen laſſen, und es iſt das bei allen übrigen Leuten gerade ſo.“ „Man läßt ſich auch gern etwas gefallen,“ verſetzte gütig Ein gemiſchter Thee. 253 der Rechtsconſulent,„wenn nachher die Sache nur gut und glänzend ausfällt. „Woran der Herr Sohn gewiß zweifeln,“ antwortete die Schwiegermutter,„wie an ſo vielem, was wir unternehmen.“ „Im Gegentheil, Mama,“ erwiderte Herr Plager mit ſeiner unverwüſtlichen Gutmüthigkeit.„Ich bin davon über⸗ zeugt, daß, was Sie in Ihre Hand nehmen und gut durchführen wollen, auch gewiß gut durchgeführt wird.“ Die alte, würdige Dame ſah den Hausherrn bei dieſen Worten forſchend an, ob ſich nicht ein Zug des Spottes oder der Bitterkeit auf dem Geſichte deſſelben zeige; aber von allem dem war glücklicher Weiſe nichts zu ſehen, Herr Plager lächelte faſt glückſelig, er trank mit Behagen ſeinen Kaffee, er tunkte eine mürbe Bretzel ein, ja, er trieb die Selbſtverläugnung ſo weit, daß, als Babette ihm einen Waſſerſpritzen über den Aermel ſandte, er dieſen gleichmüthig abwiſchte und die großen Worte ausſprach:„Wie viele Taſſen! Werden die alle am heutigen Abend gebraucht?— Das iſt ja eine ungeheure Arbeit!“ „Ja, es iſt viel Arbeit, Herr Doktor,“ entgegnete das Dienſtmädchen, wobei ſie den Kopf affektirt von einer Seite auf die andere wandte. „Sehr viel Arbeit,“ meinte auch die Schwiegermutter. „Ja, davon habt ihr Männer keine Idee, was wir armen Weiber zu eurer Unterhaltung und zu eurem Vergnügen ge⸗ plagt ſind.“ „Zu unſerem Vergnügen? Ei, ei!“ ſprach der Rechts⸗ conſulent, indem er die Augenbrauen hoch empor zog und den Mund ſpttzte. Die Schwiegermama nickte majeſtätiſch mit dem Kopfe. 1 Zwölftes Kapitel. „Nun, das wirſt du doch wohl nicht abſtreiten wollen, lieber Mann,“ ſagte Madame Plager, beſtärkt durch einen be⸗ zeichnenden Blick ihrer Mutter,„daß wir uns rein zu deinem Vergnügen aufopfern. Was brauchen wir eigentlich Geſell⸗ ſchaften? Ich kann dich verſichern, eine Frau, die ihr Haus⸗ weſen in feſter Ordnung halten muß, wie ich das meinige, kann eigentlich gar nicht daran denken, Geſellſchaften zu geben. — Da die armen Würmer, das ſind eigentlich meine Geſell⸗ ſchaft. Aber was thut man nicht dem Manne und dem Haus⸗ frieden zu Lieb!“ „Ja, man thut ihnen viel zu Lieb,“ fügte die Schwieger⸗ mutter mit ſtrengem Blicke hinzu. Der Rechtsconſulent dachte an ſeine Treppenvorſätze und war ein Muſter der Geduld und Sanftmuth. Hiob konnte gegen ihn in dieſem Augenblicke als ein heftiger, jähzorniger Charakter betrachtet werden. Er lächelte ſtill in ſich hinein und ſagte:„Sei's darum, wenn ihr uns Männern durch eure Arbeiten viel Vergnügen macht, ſo danken wir euch auf's herz⸗ lichſte.“ Babette hatte ihren Herrn noch nie ſo geſehen und blickte verwundert in die Höhe, um einem gleichen Blicke der Schwie⸗ germutter zu begegnen, welchen dieſe ihrer Tochter zuſandte. Das Dienſtmädchen aber war ein„Racker,“ und als ſie ſah, daß Herr Plager ſanft wie ein Lamm war, rumorte ſie in ihrem Kübel herum, daß ſich ſogar einige Spritzen bis zur Kaffeetaſſe des Hausherrn verloren. Dieſer ſchluckte einige Male, wie ein Karpfen in ſeinen letzten Nöthen auf trockenem Sande zu ſchlucken pflegt. Doch ſpielte gleich darauf ein himmliſches Lächeln über ſeine Züge, er kam ſich wie ein geſchundener Märtyrer vor, dem die Palme me Ein gemiſchter Thee. 255 einer göttlichen Belohnung winkt. Hätte er nur in dieſem Momente den Kübel nicht ſo feſt ins Auge gefaßt, in welchem Babette ihre Taſſen ſpülte. Er ſchien dieſes Gefäß zu erkennen, und trotz all ſeiner guten Vorſätze lagerte ſich plötzlich eine finſtere Wolke des Unmuthes auf ſeine Stirn.—„Das iſt doch nicht —?“ fragte er mit erregten Blicken. Die Schwiegermutter lächelte eigenthümlich, als wollte ſie ſagen: Paßt auf, jetzt geht's los! Er hat ſo lange geſucht, bis er etwas gefunden!— während ihre Tochter fragte:„Was meinſt du denn? was ſoll ſein?“ „Der Kübel da,“ fuhr Herr Plager finſter fort,„hat mir eine ungeheure Aehnlichkeit mit dem Waſch- und Fußkübel der Kinder.“ Unſere Wahrheitsliebe zwingt uns, zu erklären, daß der Rechtsconſulent Recht hatte und daß es wirklich daſſelbe Ge⸗ ſchirr war, von dem er argwöhnte, ja, die feſte Ueberzeugung hatte, es müſſe dies ſein. Doch zog bei dieſer Aeußerung die Schwiegermutter ſo langſam und nachhaltig ihre Achſeln in die Höhe, daß man ſich fürchtete, ſie nächſtens über dem Kopf erſcheinen zu ſehen. Madame Plager dagegen zuckte zuſammen und lächelte weh⸗ müthig, als wollte ſie ſagen: Darum hat er ſo lange den Sanften geſpielt, um uns nun mit einem Male gänzlich nie⸗ der zu drücken! „Aber wie kannſt du ſo etwas nur denken,“ ſagte ſie, nachdem ſie ſich mühſam Faſſung errungen.—„Den— pfui, ich wage es gar nicht einmal auszuſprechen!— zum Taſſenſpülen zu gebrauchen!“ „Und glauben denn der Herr Doktor, daß ich das würde, einen ſolchen Kübel zum Spülen zu gebrauchen? ins Zwölftes Kapitel. O, Herr Doktor, wir wiſſen auch, was ſich ſchickt, wir haben in ſehr vielen anſtändigen Häuſern gedient.“ Aber es war daſſelbe Geſchirr, und der Hausherr zitterte faſt vor Aufregung. Er hätte nur zu ſagen brauchen: So bringt mir den wirklichen Fußkübel her, ich will ihn ſehen— oder er hätte nur Fritzchen entſcheiden laſſen dürfen, das ſelt⸗ ſam lächelnd und aufhorchend neben Babette ſtand und mit ſeinen kleinen Fingern auf die Reifen des Geſchirrs tippte; — er hätte das thun können, aber er that es nicht. Der ge⸗ genwärtige Augenblick war der größte und erhabenſte ſeines ganzen Lebens. Er überdachte, wie ein Streit zu jetziger Stunde ihm den ganzen Abend verderben müſſe, wie dieſer Streit außer⸗ ordentlich heftig werden würde und wie er dann morgen und die nächſtfolgenden Tage alle kleinen Verſehen, die heute Abend vorkommen konnten, verſchuldet haben würde, da ein unter⸗ drücktes, zerknirſchtes weibliches Gemüth nicht mit Ruhe und Liebe an ſeine Arbeit gehen kann.— Er ſchwieg nicht nur, er ſagte mit einem tiefen Seufzer:„Irren iſt menſchlich, auch ich könnte mich vielleicht geirrt haben.“ Er beachtete es nicht ein⸗ mal, als die Schwiegermutter groß und erhaben ſprach:„Ja, Herr Sohn, Sie haben ſich geirrt; ſo lange ich die Augen offen habe, wird ein Fußkübel nie zum Taſſenausſpülen genom⸗ men werden, darauf können Sie ſich verlaſſen!“— ſondern er gelobte ſich im Stillen, heute Abend in ſeinem eigenen Hauſe aus den Taſſen, die Babette geſpült, keinen Thee zu trinken. Damit erhob er ſich, um wieder nach ſeinem Bureau zu⸗ letzk zu kehren. ſpie Noch überraſchter als vorhin ſahen ſich die drei Frauen⸗ er Ein gemiſchter Thee. 257 zimmer an und konnten es nicht begreifen, daß auch dieſes Ungewitter, ohne ſich zu entladen, vorübergezogen war. Der Rechtsconſulent aber trieb ſeine Selbſtverläugnung ſo weit, daß er im Bewußtſein, groß gehandelt zu haben, und milde geſtimmt durch die Ueberwindung ſeiner ſelbſt, den Ver⸗ ſuch machte, ſeine Frau auf die Stirn zu küſſen, und dies auch ausführte, trotzdem dieſe ſonſt nicht unſchöne Stirn von einer ſchief ſtehenden Haube und einem Haarbüſchel verunziert wurde, und obgleich ſich Fingermale von Ruß und Staub darauf zeig⸗ ten. Der Schwiegermutter eine Hand zu reichen, war ihm beim beſten Willen nicht möglich, ſonſt hätte er das, dem Haus⸗ frieden zu Lieb, auch noch gethan; aber dieſe Dame hatte einige Bäckereien beſorgt, und nicht die Zeit gefunden, ihre Hände von Mehl und Teig zu reinigen. Er pätſchelte ſeine Kinder auf den Kopf, und das aus wirklicher väterlicher Zärtlichkeit und Zuneigung. Was könnt ihr armen Dinger dafür, ſprach er zu ſich ſelber, daß ihr eigenſinnig ſeid und euch nicht wollt gehörig waſchen und an⸗ ziehen laſſen, auch daß ihr gern mit eures Vaters Papierſcheere, mit Schleifſtein und Oellampe ſpielt! Das hat alles leider Gottes ſeine Urſachen. P Damit ſtieg er die Treppen hinab, und wenn er auch auf der erſten Stufe noch ungehört gewaltig ſeufzte, ſo hatte doch Herr Plager eine glücklid he Naur, die leicht vergißt, und mit jedem Schritte abwärts költe ihm ſo zu ſagen ein Stein vom Herzen. Die Drei blieben allein zurück und ſchauten einander eine Weile an. Die Großmutter ſprach zu den Kindern:„Ihr dürft ins Hackländer, Don Quixote. I. 17 258 Zwölftes Kapitel. Schlafzimmer ſpielen gehen; aber das ſage ich euch, wer mir von Torte oder ſonſtigen Kuchen das Geringſte anrührt, mit dem werde ich ſehr hart umgehen.“ „Das iſt erſtaunlich,“ meinte Madame Plager. „Unbegreiflich!“ die Schwiegermutter. „So waren der Herr Doktor lange nicht geſtimmt,“ ſagte Babette, indem ſie ſpöttiſch ihre Naſe emporzog.„Ja, wer weiß!“ „In der That unbegreiflich,“ bemerkte die Schwieger⸗ mutter abermals.„Der Mann hat ſich total verwandelt.“ „Ja, ſo ſanftmüthig habe ich ihn mein Lebtage noch nicht geſehen,“ verſetzte Madame Plager. „Total verwandelt,“ fuhr die alte würdige Dame fort, „oder—“ „Was— oder, Mama?— Vielleicht ſieht er endlich ein, daß er uns bisher immer Unrecht gethan, uns zu hart behan⸗ delt, und will es nun wieder gut machen.— Meinſt du nicht auch ſo, Mama?“ ſetzte Madame Plager forſchend hinzu. „Nicht ſo ganz meine ich das,“ entgegnete die Schwieger⸗ mutter.„So ein Mann fühlt nie, daß er Unrecht hat, und wenn er es wirklich fühlte, gibt er es auf keine Weiſe zu.“ Babette ließ Taſſen und Spüllappen ruhen und ſchaute die alte Dame mit einem Blicke der Bewunderung an, als wollte ſie ſagen:„Das iſt eine Frau, die verſteht's!“ Und gleich darauf lächelte ſie ſo unbeſchreiblich pfiffig, daß es ſelbſt der Rechtsconſulentin auffiel; doch war dieſe zu beſchäftigt mit dem Oder, welches vorhin die Mutter ſo beſtimmt ausgeſpro⸗ chen, um auf das Dienſtmädchen zu achten, weßhalb ſie denn auch fortfuhr:„Du meinſt alſo nicht, er fühle ſein Unrecht, Ein gemiſchter Thee. 259 Mama? Warum könnte er denn plötzlich ſo verwandelt ſein? Du wollteſt vorhin etwas ſagen.“ „Allerdings, ich wollte nur bemerken, daß ein Mann, der ſich ſo plötzlich und auffallend ändert,— ſelbſt wenn er ſich zum Guten ändert,“ ſetzte ſie mit ſcharfer Betonung hinzu,— „ſeine Gründe dazu haben muß; entweder will er was errei⸗ chen— oder—“ „Nun, Mama, oder—? Ich habe dieſes Oder ſchon zweimal gehört; was willſt du damit ſagen?“ „Oder,“ fuhr die würdige Frau mit unerſchütterlicher Ruhe fort,„ein ſolcher Mann, der ſich plötzlich zum Beſſern ändert— hat ein ſchlechtes Gewiſſen.“ „Ah, Mama!“ ſeufzte die Rechtsconſulentin beſtürzt,„das wäre ja erſchrecklich!“ „Erſchrecklich oder nicht,“ ſprach die Mutter, naber es iſt wahr.“— Dabei blickte ſie triumphirend auf Babette, die, obgleich ſie eifrig Taſſen abtrocknete und von dieſem Geſchäft durchaus nicht aufſchaute, doch ſo unaufhörlich mit dem Kopfe nickte, als habe ſie das von einer chineſiſchen Pagode gelernt. „Gerechter Gott!“ ſagte die Rechtsconſulentin kleinlaut, „ſoll denn immer mehr Unglück über mich armes Weib herein⸗ brechen? Ein ſchlechtes Gewiſſen, das wäre das Allerfürchter⸗ lichſte! Denn worin kann ſo ein Mann gegen ſeine Frau ein ſchlechtes Gewiſſen haben, als in unerlaubtem Umgang mit—“ „Als in unerlaubtem Umgang mit—“ ſprach würdevoll die Schwiegermutter. „Mit—“ ſagte Babette und ſandte einen Blick gen Himmel, als frage ſie dort oben an, ob es ihr erlaubt ſei, ein unwürdiges Stillſchweigen zu brechen. 260 Zwölftes Kapitel. „Habe ich das verdient?“ ſprach Madame Plager tief betrübt;„kann der Mann es wohl verantworten, mich ſo zu hintergehen, mich, ſeine Frau, die Mutter ſeiner Kinder, mich Preis zu geben dem Geſpötte der Welt, daß man die Achſeln zuckt, wenn man mich ſieht— Mama, kann ich das leiden? Können wir das leiden?“ „Nein, das können und wollen wir nicht leiden,“ verſetzte ſtreng die Schwiegermutter;„es iſt hart, über ſo etwas zu ſprechen, aber wenn man durch das unverantwortliche Betra⸗ gen eines Mannes einmal gezwungen wird, davon zu ſprechen, ſo muß man es nachdrücklich und ausführlich thun.— Babette,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„zieh' Sie kein Maul, als wenn Sie heulen wollte! Da hat ſich was zu heulen! Auch Ihr kann noch was Aehnliches blühen, wenn Sie ſich einmal verheirathet.— Das iſt unſer Loos hienieden.“ Aber Babette heulte trotz dieſer Ermahnung; ſie fuhr mit den Händen an ihre Augen, doch da dieſe Hände aus dem Kübel kamen, ſo ſind wir zu der Annahme berechtigt, daß es mehr Spülwaſſer war als Thränen, was über ihre dicken Backen herabfloß.„Ach,“ heulte ſie,„man kann ja nicht im⸗ mer glauben, was die Welt ſagt; die Welt ſpricht ſo unge⸗ heuer viel Böſes, und mir hat man lange in die Ohren flü⸗ ſtern können, was man gewollt hat, ich habe immer geſagt: Nein, das iſt nicht wahr,— da kenne ich meinen Herrn beſſer, es iſt Alles erlogen, Alles, Alles!“ Die Rechtsconſulentin wollte ſprechen, doch legte die Mut⸗ ter ihr die Hand auf den Arm, winkte bedeutſam mit den Augen und fragte dann:„Und was iſt alles erlogen? Will Sie wohl ſo gut ſein, uns das zu ſagen?“ „Du lieber Gott!“ rief Babette mit erkünſtelter Ueber⸗ Ein gemiſchter Thee. 261 raſchung.„Habe ich etwas geſagt, Frau Doktorin? Habe ich etwas geſagt, Madame Weibel? Nein, ich habe gewiß und wahrhaftig nichts geſagt. Nicht wahr, ich habe nichts geſagt? Was hätte ich auch ſagen ſollen!“ „Sie ſoll Ihrer Herrſchaft ſagen, was Sie weiß,“ ſprach die Schwiegermutter in ſehr ſtrengem Tone.„Mach' Sie uns keine Faxen! Daß hinter Ihrem Geflenne etwas ſteckt, das kann ein Kind ſehen. Alſo heraus mit der Sprache, Babette! Sie weiß wohl, daß ich mit mir nicht ſpaßen laſſe.“ „Aber was ſoll ich ſagen, wenn ich nichts weiß? Das iſt ja erſchrecklich! Wenn man alles wieder erzählen wollte, was die Leute ſprechen, ja, da hätte man viel zu thun, und davon darf man ja doch nur die Hälfte glauben.“ Abermals wollte die Rechtsconſulentin ſprechen, doch wie⸗ der ließ ſie ſich durch einen Blick ihrer Mutter beſchwichtigen, einen Blick, der zu ſagen ſchien:„Laß mich nur machen, das geht alles ſeinen gewieſenen Weg.“ „Alſo, die Leute ſagen doch etwas?“ wandte ſie ſich darauf an das Dienſtmädchen;„ſo wollen wir wiſſen, was die Leute ſagen, und meinetwegen die Hälfte davon glauben.“ „Aber ich habe es nicht geſagt,“ klagte Babette,„das wer⸗ den Sie mir bezeugen, Madame Weibel, und auch, daß ich den Leuten entgegnet habe: Das iſt ſchändlich und abſcheu⸗ lich! daß ich ihnen—“ „Nur zu, nur zu!“ ſprach unerbittlich die Schwieger⸗ mutter.„Was ſagen die Leute?“ „Ja, wegen dem kleinen Abſchreiber, den der Herr Larioz auf Veranlaſſung des Herrn engagirt.“ „Was? wegen des Abſchreibers? was faſelt die Perſon?“ ſagte die Schwiegermutter mit einem Geſichte, in dem ſich 262 Zwölftes Kapitel. etwas getäuſchte Erwartung malte.„Was wollen ſie mit dem kleinen Abſchreiber?“ „Mit dem wollen ſie freilich nichts,“ fuhr Babette ermu⸗ thigter fort,„aber er hat eine Familie.“ „Hörſt du, er hat eine Familie!“ klagte Madame Plager. „O, Gott, eine Familie! Am Ende gar Schweſtern, für die man ſich intereſſirt.“ „So iſt es, Frau Doktorin; aber ich habe richts geſagt. Er hat eine Schweſter, die noch ſehr jung iſt, eine Schweſter von ungefähr achtzehn Jahren, ein ſehr ſchönes Mädchen und ein ſehr freundliches Mädchen. Augen hat ſie im Kopf, Ma⸗ dame Weibel, wiſſen Sie, von den gewiſſen lebhaften Augen!“ Die Schwiegermutter blickte triumphirend auf ihre Toch⸗ ter, während ſie mit dem Kopfe nickte. Sie brauchte jetzt Ba⸗ bette nicht mehr zu ermuthigen, denn da dieſe einmal die erſte Scheu überwunden hatte, ſo lief ihr die Rede wie eine ſchmutzige Regenwaſſergoſſe von den Lippen. „Ja, die Leute ſagen,“ fuhr ſie fort,„der kleine Gottſchalk ſei nichts weniger als ein Abſchreiber, und das habe Herr Larioz auch dem Herrn deutlich genug geſagt, aber der Herr habe darauf beſtanden, den jungen Menſchen, der früher ein Schneiderlehrling geweſen, auf das Bureau zu nehmen; natür⸗ lich der ſchönen Schweſter zu Lieb— ſo ſagen die Leute— die auf das Bureau gekommen ſei, um den Herrn freundlich zu bitten, was er ihr nicht habe abſchlagen können, weil ſie gar ſo ſchön ſei und ihn gar ſo freundlich gebeten, und die nun häuſig komme— die ſchöne Schweſter nämlich— um ſich nach dem Befinden ihres— Bruders zu erkundigen. Sehr häufig komme ſie— ſo ſagen die Leute— und gehe in das Bureau des Herrn, natürlicherweiſe, da dieſer nur allein wiſſe, Ein gemiſchter Thee. 263 ob man mit dem neuen Abſchreiber zufrieden ſein könne— ſo ſagen die Leute.— Und es hat mir ſchon viel Kummer ge⸗ macht, und ich habe mich genug dagegen gewehrt und bleibe bei meiner Behauptung, daß man von dem, was die Leute ſagen, immer nur die Hälfte glauben kann.“ „Mit Ihrer Hälfte!“ entgegnete die Schwiegermutter mit finſterem Stirnrunzeln.„Als wenn da nicht ſchon der hun⸗ dertſte Theil mehr als zu viel wäre!— Siehſt du es wohl,“ wandte ſie ſich an ihre Tochter,„darum war er wie ein Ohr⸗ würmchen, darum hat er nicht den Muth, ſeine Krallen wie gewöhnlich zu zeigen, ſondern macht ein Pfötchen wie eine falſche Katze! O, es iſt unverantwortlich!“ „Wie man ſo heucheln kann!“ klagte die Rechtsconſulentin, „ſo ein ſchlechter Mann!— Und wie heißt die miſerable Familie?“ „Brenner— Jäger Brenners,“ verſetzte eifrig Babette. „Und das Mädchen iſt achtzehn Jahre alt.“ „Iſt das nicht eine Sünde, ſo ein junges Mädchen!“— „Ja, es iſt eine Sünde,“ ſagte erhaben die Schwieger⸗ mutter;„aber wir wollen ihrer nicht theilhaftig werden, das verſichere ich euch.“ Glücklicherweiſe polterte es in dieſem Augenblicke ſo nach⸗ drücklich im Salon, daß Madame Plager erſchrocken auffuhr und nach ihren Kindern lief, auch klirrte es wie von zerbro⸗ chenen Taſſen, und man vernahm einen Aufſchrei des Schreckens. Fritzchen und Louiſe hatten ſich das harmloſe Vergnügen ge⸗ macht, mehrere Flaſchen Wein zu entkorken und Stearinkerzen in die Hälſe zu ſtecken. Sie hatten ein ähnliches Verfahren ſchon einige Mal im Kinderzimmer geſehen, wenn gerade kein Leuchter zu finden war, und freuten ſich der gelungenen Nach⸗ 264 Zwolftes Kapitel. ahmung. Dabei aber hatten ſie ein Tiſchchen umgeworfen mit verſchiedenen Tellern und Gläſern, die nun zerbrochen am Boden lagen. Die Rechtsconſulentin erhob in gerechtem Zorne die Hand, um ihre Sprößlinge zu züchtigen, doch verhinderte Madame Weibel, die ihr nachgeeilt war, ſie daran, indem ſie mit ihrer bewährten Unparteilichkeit ſagte:„Keine Uebereilung, Emilie! Was können die Kinder dafür, daß du aufgeregt biſt?— An ihn denke, der uns keine ruhige Minute gönnt, für ihn ſpare deinen Zorn oder deine Verachtung.“ Die Uhr ſchlug fünf, und es war Zeit, mit Eifer daran zu gehen, um aus dem unergründlichen Chaos in Salon, Wohn⸗, Schlaf⸗ und Eßzimmer etwas Präſentables herzurich⸗ ten. Wenn Madame und Frau Mutter übrigens angriffen, ſo gab es ein Stück; denn ſie beobachteten bei dieſem Angrei⸗ fen ein ſehr ſummariſches Verfahren; was gerade in der Nähe einer Schublade oder eines Schranks umher lag, das mußte in dieſe Gelaſſe hinein, es mochte im Gefühl des gänzlichen Nichtpaſſens wollen oder nicht. Freilich waren dafür in weni⸗ ger als einer Viertelſtunde alle Schubladen und Thüren zuge⸗ ſchnappt; wenn man aber am andern Tage ans Ausräumen kam, ſo fand man Stiefel und Stiefelknecht bei dem Weißzeug liegen, halb ausgerauchte Pfeifen des Herrn Doktors bei den Chemiſetten und geſtickten Aermeln der Frau, Hüte und Hau⸗ ben auf Leuchtern und Lichtern aufgeſtellt und dergleichen Ver⸗ irrungen mehr, die an ſich ziemlich unſchuldig und harmlos, dabei aber eine Quelle fortgeſetzten Zankens und Unfriedens waren. Wenn verſöhnliche Gemüther nach gehabtem Kummer einige Zerſtreuung haben, ſo löst ſich ihr Schmerz in ſtille Ein gemiſchter Thee. 265 Wehmuth auf, und ſie ſind ſehr gern zum Vergeſſen geneigt. Harte, verdroſſene Charaktere dagegen, wie die der Schwieger⸗ mutter und der Madame Plager— wir können denſelben dieſe Eigenſchaften leider nicht vorenthalten— beſtärken bei irgend welcher Arbeit, die Andere vergeſſen läßt, immer mehr ihren Unmuth und finden bei Allem, was ſie thun, eine Anſpielung darin, was mit dem, der ihnen Kummer verurſacht, auch viel⸗ leicht vorzunehmen wäre. So nahm die Schwiegermutter keinen Stuhl bei der Lehne, um ihn an ſeinen Platz zu rücken, ohne dies mit einem glinden Knuff zu thun, wobei ſie ſich ihren theuren Schwiegerſohn vors innere Auge brachte—„könnte ich dich doch auch ſo knuffen!— warte nur!“ Da wetzte ſie kein Meſſer, ohne ſich bei dem Knirſchen deſſelben ihrer allezeit fer⸗ tigen und ſcharfen Zunge zu erinnern und ſich auf den für ſie wollüſtigen Augenblick zu freuen, wo die heute erfahrene Miſſethat gründlich ans Tageslicht gezogen werden ſollte! Da ſchob ſie kein Holz in den Ofen, ohne ſich mit wahrem Froh⸗ ſinn der vielen Luſtfeuerwerke zu erinnern, die ſie ſchon im Hauſe angezündet, da betrachtete ſie mit kannibaliſcher Luſt das Jagdgewehr über dem Bette des Rechtsconſulenten und ſteigerte dabei ihre Freude über den endlich Ertappten ſo, daß ſie nicht unterlaſſen konnte, ein altes Lied vor ſich hinzu⸗ brummen: Heidi, heida, hei luſtig iſt die Jägerei Allhier auf grüner Haid, Allhier auf grüner Haid! und dann ſetzte ſie, während ſie ein Sophakiſſen mit flacher Hand tüchtig patſchte, um es vom Staub zu reinigen, hinzu: „Na, warte nur, die Jägerei wollen wir dir tüchtig anſtreichen.“ Die Rechtsconſulentin war ſchon elegiſcher und deßhal Zwölftes Kapitel. weicher geſtimmt; ſie breitete weißes Tafelzeug über die Tiſche und dachte an das Glück und den Segen der hellleuchtenden Unſchuld; ſie wickelte Papiere um die Stearinkerzen, und ſie hatte ihre eigenen Gedanken dabei, wie der offenbar gewordene Fehltritt ihres Mannes nun wohl dazu geeignet ſein würde, denſelben gänzlich um den Finger zu wickeln; ſie entkorkte die Bouteillen, wobei ihr der Spruch einfiel, daß im Weine Wahr⸗ heit ſei— ach, und ſo viel Trug in dem Herzen eines Mannes! Unterdeſſen hatten Mutter, Tochter, Babette und die Ar⸗ beitsfrau nach dem Ausdruck der Letzteren wie die Neger ge⸗ ſchafft. In dem vorhin erwähnten Chaos zeigte ſich endlich als feſter Kern der Haupttheetiſch mit dem Waſſerkeſſel, Thee⸗ und Milchkannen und einer ganzen Schlachtordnung von Torten und Gebackenem. Das Andere gab ſich leichter; das Speiſe⸗ zimmer, durch eine ſpaniſche Wand in zwei Hälften getheilt, diente zum Buffet für die Herren, deſſen Thüren geſchloſſen blieben, bis ſpäter zum großen paſſenden Augenblicke; dann wurden in Salon und Nebenzimmer noch einige Nebentiſche gedeckt, Sopha und Stühle gerückt, und als die Uhr ſechs ſchlug, überſchaute die Schwiegermutter ihr und ihrer Tochter Werk und fand es gelungen und des Hauſes Plager würdig. „Ach,“ ſeufzte die Rechtsconſulentin,„wenn man das doch ohne den tiefen Kummer im Herzen anſehen könnte!“ Und darauf zogen ſich Mutter und Tochter hinter die ſpaniſche Wand zurück, um ihren äußeren Menſchen mit dem feſtlich geſchmückten Appartement in Einklang zu bringen. Zu gleichem Zwecke verarbeiteten Babette und die Arbeits⸗ frau Fritzchen und Louiſe im Eßzimmer, wobei der mehrfach rwähnte Kübel wieder eine ſolche Rolle ſpielte, daß ſich Fritz⸗ Ein gemiſchter Thee. 267 chen, das unnachſichtlich abgeflößt wurde, im Zorn über dieſe ſchonungsloſe Behandlung mit der geballten Fauſt gegen ſeine Peinigerin wandte und zu ihr ſprach:„Laß nur den Papa nach Hauſe kommen, ich will ihm ſchon ſagen, daß du mich mit dem Spülwaſſer gewaſchen haſt!“— eine Anklage, bei welcher Babette wie erſtarrt war und zur Putzfrau bemerkte: „Da ſieht Sie, was das für ein böſer Bube iſt.“ Und mit leiſer Stimme ſetzte ſie hinzu:„Der wird gerade wie ſein Vater, immer Händel ſuchend und mit nichts zufrieden.“ Als der harmloſe Rechtsconſulent gegen halb ſieben Uhr abermals die Treppen ſeiner Wohnung hinaufſtieg, geſchah dies im Bewußtſein ſeiner bewieſenen Sanftmuth und mit den Gefühlen desjenigen, der feſt überzeugt iſt, zu Hauſe fröh⸗ liche und zufriedene Geſichter zu finden. Doktor Plager trat ſchmunzelnd auf den erleuchteten Vorplatz, er hängte dort ſei⸗ nen Paletot in eine finſtere Ecke und ging mit einem freund⸗ lichen„Ei, ei!“ in den von vielen Kerzen feſtlich beleuchteten Salon. Das Geſicht der Schwiegermutter, die mit hoch gehobener Naſe bei ihm vorüber rauſchte, wollte ihm indeſſen nicht be⸗ ſonders gefallen, ebenſowenig wie die Attitude ſeiner Frau, welche in einem Fauteuil ſaß, den Kopf in die Hand gelegt hatte und nur leicht und gemeſſen nickte, als er mit einem heiteren„Guten Abend!“ ins Zimmer trat. Doch beachtete er es nicht beſonders, indem er an die viele Arbeit dachte, die es gekoſtet haben müſſe, um aus dem Chaos, das er vor ein paar Stunden verlaſſen, dieſe nun in der That ſauberen Zimmer herzuſtellen; auch drängte ihn die Zeit, weßhalb er ſich, ohne viel zu fragen, nun ebenfalls hinter die ſpaniſche Wand zurückzog, um ſeine Toilette zu beendigen. 268 Zwölftes Kapitel. Es war übrigens keine Kleinigkeit, zwiſchen dem Wuſt von Kleidern, Unterröcken, Stiefeln, Strümpfen und derglei⸗ chen einen kleinen Platz zu gewinnen, wo es ihm möglich war, ſeine Alltagskleider mit dem ſchwarzen Frack zu ver⸗ tauſchen. Endlich war indeſſen auch er gerüſtet und trat hände⸗ reibend und ſich auf den Abend freuend, wie er ſagte, in den Salon zurück. Die Schwiegermama ſtand mit finſterem Blick am Ofen und ſchien ſich die Hände zu wärmen, wobei ſie wie in ein weites Nichts hinausſchaute und die Worte des Rechtsconſulenten gänzlich überhört zu haben ſchien. Madame Plager dagegen antwortete nur durch einen tie⸗ fen Seufzer. „Ihr habt auf jeden Fall ſehr viel Arbeit gehabt,“ fuhr der Rechtsconſulent nach einer Pauſe fort;„ja, gewiß viel Arbeit, ich ſehe das, denn die Umwandlung hier iſt ganz außerordentlich. Wirklich, Mama, außerordentlich!“ Die Schwiegermutter blitzte ihn an, dann ſprach ſie mit harter Stimme:„Ja, die Umwandlung muß dem Herrn Sohn gewiß ungeheuer erſcheinen von der grenzenloſen Unordnung, die ja bei uns immer herrſcht, in einigermaßen erträgliche Reinlichkeit.“ „Habe ich etwas von Unordnung geſagt?“ fragte ver⸗ wundert der Rechtsconſulent. „Dieſes Mal nicht.“ „Nun, dann wollen wir auch dieſes Mal von was An⸗ derem reden. Gewiß, Emilie, ich mache dir mein Compliment, man könnte glauben, zu Grafen oder Fürſten zu kommen. Und du ſelbſt,“ fuhr er fort, indem er ein paar Schritte gegen den Fauteuil machte,„ſiehſt in der That ſehr gut aus, vor⸗ Ein gemiſchter Thee. 269 trefflich. Blau ſteht dir überhaupt gut, und dazu der dunkle Kopfputz— ſehr ſchön, ſehr ſchön!“ Er legte ſeine Hand auf ihren Arm, doch machte ſie eine faſt unmuthige Bewegung und ſtand auf, um, wie ſie trocken ſagte, in der Küche nach dem ſiedenden Waſſer zu ſehen. Dieſes Mal war die Verwunderung des Rechtsconſu⸗ lenten ſchon größer, und es wollte ein gelinder Aerger bei ihm aufſteigen, doch bezwang er ſich, wandte ſich gegen das Fenſter und ſummte die erſten Takte irgend eines Liedes vor ſich hin. Da klingelte es draußen, Babette öffnete die Glasthür, ſagte„Guten Abend!“ man hörte Mäntel rauſchen, Ueber⸗ ſchuhe ablegen, dann wurde die Thür geöffnet und es erſchie⸗ nen mit einem Male zwei Schweſtern der Rechtsconſulentin, die Frau Kaufmann Springer und die jüngſte der Weibels, Clementine, eine junge Dame von vielleicht Vierundzwanzig, gut gewachſen, rund, mit einem friſchen Geſichte, ſo daß ſie wirklich hübſch genannt werden konnte. „Guten Abend, Mama— guten Abend, Emilie!“ ſagten Beide. Madame Springer ſetzte auch hinzu:„Guten Abend, Schwager!“ Clementine dagegen begnügte ſich mit einem flüch⸗ tigen Kopfnicken. „Wir wären ſchon früher gekommen,“ ſagte Letztere,„aber bei uns gibt es immer zu thun; man weiß gar nicht, wo man anfangen ſoll, bis man nur an ſich ſelbſt denken kann.— Nun, wir ſind doch noch die Erſten. Aber hübſch habt ihr's gemacht, das muß man ſagen! Und ſo bald fertig, das thut dir keine Frau nach.“ „Ja, Emilie verſteht's,“ meinte Madame Springer „Sehen Sie, Schwager, was Sie an der Schweſter für eine 270 Zwölftes Kapitel. Hausfrau haben; ſo kann ich nie die Gäſte empfangen, das muß mein Mann thun oder Clementine, denn ich werde nie fertig.“ „Das iſt wirklich erſtaunlich,“ ſprach Herr Doktor Plager mit einem Anflug von Ironie,„obgleich Sie doch an Cle⸗ mentinen die große Hülfe haben.— Nun, das iſt aber gleich,“ fuhr er begütigend fort,„dafür haben wir die Frau Schwie⸗ germutter, die heute das Unmögliche geleiſtet hat.“ „Er'will damit ſagen,“ bemerkte Emilie mit ſchwacher Stimme,„daß viel dazu gehört, um in unſerem Hausweſen eine gewiſſe Ordnung herzuſtellen. O, ich muß das täglich ein Dutzend Mal hören!“ „Hundert Mal,“ ſagte betonend die Schwiegermutter, wobei ſie aber um eine Million den Hausherrn nicht ange⸗ ſehen hätte. Madame Springer indeſſen, die dieſe kleinen Reibereien ſchon gewohnt ſchien, änderte kluger Weiſe das Geſprächs⸗ thema, indem ſie fragte:„Ihr habt viele Leute eingeladen, nicht wahr?“ „Sehr viele,“ entgegnete Madame Plager;„ich weiß wahrhaftig nicht, ob wir Platz genug haben.“ „O, wir werden, wir werden,“ meinte händereibend der Rechtsconſulent.„Geduldiger Schafe gehen viel in einen Stall, und ich halte es für angemeſſen, bei ſo einem großen Ab⸗ fütterungstage einzuladen, was die Hauswände nur zu um⸗ faſſen vermögen.“ „So möchte ich dieſe Geſellſchaft aber doch nicht angeſehen wiſſen,“ ſagte Madame Weibel;„wenigſtens ſind wir anderer Meinung.“ „Apropos, Schwager,“ ſprach Madame Springer, nach⸗ — Ein gemiſchter Thee. 271 dem ſie von ihrer Schweſter Clementine leiſe am Kleide ge⸗ zupft worden war,„wegen des polniſchen Grafen wird es doch wohl eine kleine Confuſion geben.“ „Daß ich mir nicht denken könnte,“ verſetzte der Hausherr unbefangen. „Natürlicher Weiſe hat er ihm keine Einladung zuge⸗ ſchickt,“ ſagte Emilie. „Natürlicher Weiſe keine,“ bemerkte Fräulein Weibel, indem ſie das Näschen empor zog;„wir haben es ja ge⸗ wünſcht!“ „Und deßhalb gibt es gerade leider eine Confuſion; denn der Springer hat geglaubt, wenn er um eine Einladung für dieſen ausgezeichneten Fremden bitte, ſo würde das genug ſein, und hat darauf bauend denſelben gebeten, mitzukommen; er bringt ihn ſpäter hieher.“ „Er bringt ihn hieher?— Ach, Frau Schwägerin,“ ſagte der Rechtsconſulent,„das iſt mir nicht lieb!“ „O, daran hat Niemand gezweifelt,“ ſprach Madame Plager achſelzuckend,„war es doch unſer Wunſch!“ Der Hausherr ſchüttelte den Kopf, und wer ihn genau kannte, ſah an der Art, wie er den Mund zuſammenzog, während er die Augenbrauen tief herabſenkte, ſowie an einer gewiſſen Röthe ſeiner Stirn, daß ein Gewitter im Anzuge war. Wie erwünſcht wäre in dieſem Augenblicke der Schwie⸗ germutter ein kleiner Ausbruch geweſen! Ihr Blick war wahr⸗ haft erſchreckend, mit dem ſie ſeine Züge muſterte; es war, wie die im Laubwerk verborgene wilde Katze auf das Wieſel ſieht, das ihr zur Beute werden ſoll. Doch es erfolgte kein Ausbruch.— Ruhe, Ruhe!l ſprach der Rechtsconſulent zu ſich ſelber, nur heute keine Scene! Zwölftes Kapitel. Laßt uns ſehen, ob wir den heutigen Abend ohne Streitig⸗ keiten verbringen.— Alſo wartete die Schwiegermutter ver⸗ geblich, und daß ſie vergeblich wartete, wurde nicht auf Rech⸗ nung ſeiner Sanftmuth geſchrieben, ſondern mit bezeichnenden Blicken gegen die Tochter auf Conto des Gottſchalk Brenner und Schweſter. Doktor Plager fuhr nach einer Pauſe fort:„Eure Wünſche zu erfüllen, iſt mir immer ſehr angenehm, und ich hätte auch durchaus nichts einzuwenden gegen den ſogenannten polniſchen Grafen—“ „Schwager Springer hat ſeinen Paß geſehen,“ ſagte Fräu⸗ lein Weibel mit einem verächtlichen Blick aus ihren ſonſt ſo hübſchen Augen.„Es iſt der Graf Czrabowski, ein ſehr liebens⸗ würdiger und gebildeter Mann— ſehr anſtändig. Aber ich weiß wohl, man muß andere Eigenſchaften haben, um dem Herrn Schwager genehm zu ſein.“ „Allerdings,“ entgegnete der Angeredete mit einem wahren Lammsgemüthe,„ich liebe auch noch andere Eigenſchaften an den Leuten, mit denen ich Bekanntſchaft machen ſoll. Man läßt ſich da in Geſchichten ein, von denen man nicht weiß, wie ſie auslaufen, und es iſt einmal meine Anſicht, daß man der⸗ gleichen Sachen keinen Vorſchub leiſten muß; iſt man doch in hieſiger Stadt wie toll auf einen hergelaufenen Fremden. Läßt ſich irgendwo ein wackerer Herr Müller, Herr Meier oder Herr Fiſcher vorſtellen, da forſcht man nach, ob da durch zehn Generationen rückwärts nichts vorgefallen iſt, worüber ein Dutzend alter Kaffeeſchweſtern oder ſonſtiger dummer Weiber ihre Schupftabaks⸗Naſen rümpfen können; kommt aber ſo ein lumpiger Fremder an, Herr Baron oder Graf ſo und ſo, der mit rechter Unverſchämtheit auftritt und ſich gleich bei der erſten Ein gemiſchter Thee. 273 Viſitte ſo benimmt, daß ihn ein anſtändiger Familienvater zur Thür hinaus complimentiren ſollte, ſo iſt das feine Bildung, vielleicht der Brauch des Landes, von wo er gerade herkommt, und deßhalb charmant und unwiderſtehlich.— O, wir kennen das! Ihr kennt's aber auch; und trotzdem wird's nicht beſſer. — Apropos, Frau Schwägerin,“ wandte er ſich an Ma— dame Springer, da er ſah, daß die vier Damen ihn ſprach⸗ los anſtaunten,„allerdings beliebten Fräulein Clementine zu ſagen, daß ſie den Paß des würdigen Grafen eingeſehen. Wie iſt es denn mit den Kreditbriefen? Was ſagt Herr Sprin⸗ ger davon? Hat er ſolide auf euer Haus?— Glaube nicht, glaube nicht! Hat freilich verſprochen, wie ich gehört, die Kreditbriefe kämen nach, und hat bis dahin einen Vorſchuß gewünſcht— hahaha! Kämen nach die Kreditbriefe! Ja, was da nachkommt, wiſſen wir; was nachkommt, ſchlägt die Ferſen wund, ſagt ein altes Sprichwort.— Hahaha!“ Clementine Weibel zuckte mit dem Ausdrucke der tiefſten Verachtung ihre Achſeln, und nachdem ihre Mutter geſagt: „Ihr Lachen iſt gerade nicht ſehr erfreulich, Herr Schwieger⸗ ſohn!“ meinte die junge Dame: „Der Herr Schwager haben freilich noch nie Herz für irgend welches Unglück empfunden und begreifen nicht, daß ein anſtändiger Menſch, daß eine edle Seele leichter in augen⸗ blickliche Verlegenheiten gerathen kann, als ein alltäglicher Menſch, der nur auf das Zuſammenſcharren bedacht iſt.“ Sie begleitete ihre Worte mit einer ſehr bezeichnenden Handbewegung, die übrigens der Rechtsconſulent nicht ſah, da er ſich in dieſem Augenblicke nach dem Tiſche wandte, um das Licht der Stearinkerze von einer ſehr großen Schnuppe zu befreien, die es verdunkelte. Hackländer, Don Quipote. I. 18 Zwölftes Kapitel. „Aber laſſen wir dergleichen Reden,“ ſagte er bei dieſem Geſchäft.„Gleich kommen Gäſte, und wir müſſen und wollen ihnen heitere Geſichter zeigen. Clementine iſt, wie immer, un⸗ dankbar gegen mich. Ich habe bei meinen Einladungen ſehr auf ſie Rückſicht genommen, der junge Fabrikant hat mir mit wahrhaftem Entzücken zageſagt, daß er kommen werde.“ „Hörſt du's, Mama,“ ſprach das Mädchen mit jenem un⸗ beſchreiblichen Geſichtsausdrucke, der ein beleidigendes Be⸗ dauern über den ſchwachen Verſtand des Betreffenden aus⸗ drückte,„was er für mich gethan! Er hat den Schilder ein⸗ geladen! Als wenn ich mir aus dem Schilder nur ſo viel machte!“ Damit knippte ſie die Nägel ihres Daumen und Zeigefingers der rechten Hand zuſammen.—„Nur ſo viel!“ „Das glaube ich faſt,“ verſetzte ernſt Herr Plager,„und ich begreife es am Ende; Herr Schilder iſt ein ruhiger, ge⸗ ſetzter Mann ohne großes Maulwerk, trägt auch keinen her⸗ ausfordernden Schnurrbart oder Gott weiß, welches Band im Knopfloch, und hat vor allen Dingen ſolide und ernſte Ab⸗ ſichten.“ „Hörſt du es nun wieder?“ rief Fräulein Weibel, indem ſie ſich rauſchend herum wandte und ihrem Schwager einen ſehr böſen Blick zuwarf.„Weil er ſolide Abſichten hat, mag ich ihn nicht! Alſo—— wir lieben das Unſolide!“ „Davon und namentlich von dem wir iſt durchaus keine Rede,“ entgegnete ruhig der Hausherr.„Ich wollte nur ſagen — und über das, was ich ſagen wollte, werde ich kein Blatt vor den Mund nehmen— daß ſo eine ruhige, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, hausbackene Verbindung, wie die mit Herrn Schilder, ſehr wenig nach dem Geſchmack mancher jungen Dame und auch nach dem unſerer theuren Schwägerin Ein gemiſchter Thee. 275 Clementine iſt. Aber,“ fuhr er nach einer Pauſe, als Alle ſchwiegen, fort:„ich halte es für ſehr unrecht, eine Sache, die man ſchon hat vorangehen laſſen, wieder auf einmal ab⸗ brechen zu wollen. Herr Schilder iſt ein ſehr ruhiger junger Mann, und er ſagte mir neulich im Vertrauen, er hoffe, die Sache würde ſich arrangiren, denn Fräulein Clementine ſcheine ihm nicht ganz abgeneigt.“ „Woraus ſchließt er das?“ fragte heftig die junge Dame, indem ſie ſich erröthend gegen ihren Schwager umwandte. „Nun, das ſchließt er vielleicht aus allerlei Zufälligkeiten auf dem letzten Balle, bei Spaziergängen und ſonſtigen Be⸗ gegnungen, im Theater, oder was weiß ich, wo ſonſt noch!“ Fräulein Clementine Weibel mußte in der That in dieſem Punkte ein nicht ganz ruhiges Gewiſſen haben, denn ſie warf den Kopf affektirt in die Höhe und entgegnete:„Du lieber Gott, was ſich dieſe Leute nicht Alles einbilden! Es wird einem doch wahrhaftig erlaubt ſein, rechts oder links zu ſchauen, wie es einem gut dünkt! Oder meinen der Herr Schwager nicht ſo?“ ſetzte ſie ſpöttiſch hinzu;„ſoll ich vielleicht jedesmal um Erlaubniß fragen, wie und wohin ich mich drehen ſoll, was ich ſagen muß, ja, was mir zu denken erlaubt iſt?“ Der Rechtsconſulent betrachtete die Sprecherin einen Augenblick kopfſchüttelnd und lächelnd, dann ſagte er:„Glaube mir etwas, Clementine, ich bin herzlich froh, daß du mich über keinen der angegebenen Punkte um Erlaubniß zu fra⸗ gen haſt.“ Damit ging er ins Nebenzimmer, um ſich ſein vergeſſenes Taſchentuch zu holen. Die Schwiegermutter blickte ihm mit ſehr erhobener Naſe 7 V — 1 Zwölftes Kapitel. nach und wollte ſchon eine giftige Rede hinter ihm drein ſchleudern, als Madame Springer beſänftigend ſprach: „Laß es gut ſein, Mama; da wir unter uns ſind, ſo wird mir Clementine nicht übel nehmen, wenn ich ſage, daß ſchon etwas Wahres an dem iſt, was er behauptet. Der Schilder iſt nicht nur eine gute, ſondern ſogar eine vortreffliche Partie. Du weißt ſehr wohl, Clementine, daß wir wenig Vermögen beſitzen, und haſt es ſchon oft genug geſehen, wie es jungen Mädchen geht, die aus Laune eine gute Partie von der Hand weiſen.“ „Ach ja,“ ſeufzte Clementine,„wohl weiß ich das! Ich habe auch nicht im Geringſten etwas gegen den Schilder, wenn er nur nicht ſo fade blonde Haare hätte!“ „Das iſt allerdings ein großes Unglück,“ ſagte Madame Weibel in gedehntem Tone, wobei ſie ihre jüngſte Tochter ſcharf fixirte.„Fades blondes Haar— wenn man ſonſt ein anſtändiger junger Mann iſt! Glaubſt du vielleicht, ich hätte an deinem Vater— Gott habe ihn ſelig— nur eine ſolche Kleinigkeit auszuſetzen gehaßb, oder andere Weiber wären nicht zufrieden, wenn es nur fade blonde Haare wären, die ſie an ihren Männern genirten?“ „O, wie wahr!“ ſafſde Enübs „Mama hat Recht,“ ſprach beiſtimmend Madame Springer. „Aber meiß Ferz, Mama, d uß doch auch für ihn ſprechen!— Was F das Leben 65 Liebesglanz?“ Bei dieſen Wr lachte Madame Springer laut hinaus; ſelbſt über die trübeff Züge der Rechtsconſulentin kroch ein kleines Lächeln. „Von Liebesglanz, mein Kind,“ ſagte darauf die Frau des Banquiers,„mußt du nicht träumen, das ſteht in den Ein gemiſchter Thee. 277 Büchern und bleibt dir immer unverwehrt nachzuleſen; das Leben aber iſt ernſt, und es verlohnt ſich ſchon der Mühe, etwas für ſich zu thun. Sei deßhalb geſcheidt! Du weißt, Springer iſt gewiß kein Enthuſiaſt und ohne Vorurtheil für Dieſen oder Jenen; aber wenn er von Schilder ſpricht, da nickt er beifällig.“ In dieſem Augenblicke wurde draußen die Klingel etwas heftig gezogen; man hörte auf dem Vorplatz ſchwere Tritte, auch Säbelklirren, und nachdem Babette die Thür geöffnet, traten zwei Lieutenants auf einmal in den Salon. — ‧ Dreizehntes Kapitel. Zwei Seelen und Ein Gedanke. Es war gewiß keine Viertelſtunde vergangen nach dem Eintrittte der beiden ſehr pünktlichen Lieutenants, als beinahe die ganze eingeladene Geſellſchaft um die Theetiſche, welche in Salon und Wohnzimmer aufgeſtellt waren, einträchtig bei einander ſaß. Die Namen aller derer zu erfahren, die hier verſammelt waren, würde für den geneigten Leſer langweilig ſein, und wäre überdies auch nicht im Stande, den Gang unſerer Geſchichte weſentlich zu fördern. Glaube man daher nur unſerer Verſicherung, daß es ein Thee war, wie viele der⸗ gleichen Thee's auch: man trank, m n aß, man zerſchnitt Kuchen mit der gleichen Leichtigkeit, wie 5 guten Namen des Näch⸗ ſten; man verſüßte einander das Leben durch Darreichen der Zuckerdoſen, während man bei ſich e dachte:„O, könnte ich dir doch Herz und Taſſe voll Wermuth gießen!“ Im Salon war der Tiſch für die älteren Damen und Herren, da ſaßen Hof⸗, Kanzlei⸗ und Regierungsräthinnen in Zwei Seelen und Ein Gedanke. 279 ſtiller Majeſtät, Frauen angeſehener Kaufleute und Gattinnen von Aerzten mit großer Praxis. Die betreffenden Männer befanden ſich auch dabei, aber ſie wandten ſich bald hierhin, bald dorthin, ſprachen mit dieſer oder jener Dame ihrer Be⸗ kanntſchaft, und nahmen ſich aus, wie vom Winde bewegte Bäume und Geſträuche zwiſchen ernſten, zackigen und unbe⸗ weglichen Felspartien. Mancher dieſer ehrwürdigen Felſen war freilich noch mit freundlichem Grün und Blumen geſchmückt, andere aber ſahen ſchon recht verwittert und ausgewaſchen auß und zeigten durch allerlei Sprünge und Furchen ihr reſpekt⸗ volles Alter. Wie durch Zauberei verſchwand die dem Auge ſo wohl— thuende Symmetrie der Theekannen und Taſſen, der Torten und des Backwerks. Die Tafel ſtellte in kurzer Zeit ein Schlachtfeld vor, auf dem es heiß zugegangen; ganze Zucker⸗ Batterien waren demontirt, geſchlagene Taſſen⸗Bataillone hatten Löffel bei Fuß genommen; von Bretzel⸗Schwadronen ſah man nur noch einzelne zerſtückelte Glieder, und große Torten befan⸗ den ſich im Zuſtande eroberter Schanzen mit zerſtörtem Pfahl⸗ werk, klaffenden Breſchen und traurigen Ueberreſten des einſt ſo runden und wohlgefälligen Walles. Aber auch andere Breſchen und andere Wunden waren ſchon geſchlagen worden, und von den ſtarren Felſenkronen herab wehte öfters ein ſo ſchneidender Wind, daß arme Blüm⸗ chen im Thale zuſammenknickten und verdorrten. Die ehelichen Geſträuche mochten denn auch dieſen Wind zuweilen zu anzüg— lich und ſcharf gefunden haben— genug, ſie hatten ſich einer nach dem anderen in das Nebenzimmer verpflanzt, wo die jüngere Generation thronte, und wohin auch wir uns ſpäter zu begeben die Ehre haben werden. — Dreizehntes Kapitel. Es gibt bei jeder Thee⸗ und Kaffee⸗Geſellſchaft Geſprächs⸗ Themata, die ſich mit einer entſetzlichen Regelmäßigkeit folgen und die wie gemacht ſind, um der rollenden gefräßigen Zeit zur willkommenen Speiſe zu dienen. Zuerſt wird das Feld der freundlichen Nachrede im Allgemeinen durch Stadt⸗ und Tagesneuigkeiten bebaut, man ſtreut den böſen Samen des „Man ſagt,“ oder„Haben Sie auch ſchon gehört?“ in em⸗ pfängliche Herzen; man ſieht daraus ein Pflänzchen erwachſen, welches befruchtet und gedüngt mit vielen heuchleriſchen„Un⸗ möglich,“ oder„Es muß wohl ſo ſein,“ oder„Das war voraus⸗ zuſehen,“ zum ſtattlichen Giftbaume und zum Verderben ganzer Generationen heranwächst. Man geht darauf ins Spezielle über, nimmt einzelne Familien und Fälle vor, knickt einen guten Namen oder einen Ruf, der bis dahin untadelhaft war, und läßt erſt ab, wenn nichts mehr zu thun, als um die gefallenen Schlachtopfer menſchlicher Grauſamkeit einen frohlockenden Rei⸗ gen zu tanzen. Gibt es gutmüthige Seelen in der Geſellſchaft, ſo lenken dieſe das Thema auf ein anderes Opfer; man führt das Theater in die Arena und läßt Stücke und Künſtler zerfleiſchen. Ein äußerſt dankbares Feld findet ſich auch in der Klage jeder Hausfrau über die Dienſtboten, und wenn das betreten und durchgepflügt wird, ſo fühlen bis jetzt ganz ſchüchterne Zu⸗ hörerinnen, daß ihre Zeit gekommen, um ebenfalls ein voll⸗ wichtiges Wort zu ſprechen. „Haben Sie denn auch ſchon von der merkwürdigen Ge⸗ ſchichte gehört, die mit dem Schneider Schwörer geſchehen ſein ſoll?“ fragte eine kleine Regierungsräthin mit beweglichem Weſen und ſehr freundlichen Augen.„Eine ganz eigenthüm⸗ liche Geſchichte! Mein Mann hat ſie vor einigen Tagen vom 2 Zwei Seelen und Ein Gedanke. 281 Caſino mit nach Hauſe gebracht. Haben Sie davon gehört, Frau von Weibel?“ wandte ſie ſich ſpeziell an die Mutter der Hausfrau. „Wir hören wenig der Art,“ ſagte die würdige Dame mit einem Blicke auf Emilie;„mein Schwiegerſohn iſt leider zu beſchäftigt, um viel dergleichen zu erzählen.“ Glücklicher Weiſe hatte der Rechtsconſulent vor ein paar Minuten einen Beſuch im Nebenzimmer gemacht und entging ſo dem ſtechenden Blicke ſeiner Schwiegermutter. 1 „Ah, mit dem Schwörer!“ ſprachene ein men, und machten dabei ſo befriedigte Mienen, daß man ihnen deutlich anſah, ſie wüßten um die Geſchichte, während andere ſich erwartungsvoll vorbeugten und die Hälſe ſtreckten. „Wer iſt Schwörer?“ fragte eine dürre Juſtizräthin, die am oberen Ende der Tafel präſidirte und in dieſem Augenblicke wie das Bild der Gerechtigkeit ausſah. Sie hielt einen Apfel am Stiele ſchwebend zwiſchen den Fingern der linken Hand, während ſie in der Rechten ein langes Tafelmeſſer ſchwenkte. „Schwörer iſt ein Herrenſchneider,“ entgegneten mehrere Stimmen,„und— der— es war vor einiger Zeit—“ Doch hatte die Regierungsräthin ein viel zu gutes Organ, verbunden mit großer Zungenfertigkeit, um ſich dieſe köſtliche Geſchichte nehmen zu laſſen, weßhalb ſie ihre Stimme erhob und berichtete, daß Meiſter Schwörer allerdings ein Herren⸗ kleidermacher ſei, dem in einer gewiſſen Nacht der Teufel er⸗ ſchienen ſein ſolle. „Mehrere Teufel,“ verbeſſerte ſie eine ſchüchterne junge Frau in aller Unſchuld, da ihr eine gute Freundin von meh⸗ reren Teufeln erzählt, die dem Schneidermeiſter erſchienen ſeien. „Es iſt an Einem genug,“ ſagte mit beſtimmtem Tone die Dreizehntes Kapitel. Gerechtigkeit am oberen Ende des Tiſches.„Erzählen Sie weiter, Frau Regierungsräthin.“ „Alſo es war in einer gewiſſen Nacht,“ fuhr dieſe fort, „da kann der Meiſter Schwörer, der ein frommer Mann ſein ſoll, nicht ſchlafen, liest im Geſangbuch und denkt an Dies und Das, als ſich auf einmal die Zimmerwand aus einander thut und dort der Teufel erſcheint mit zwei Pferdefüßen, un⸗ geheuer langen Hörnern, glühenden Augen, feurigem Athem 1 1 und ihm entgegen brüllt:„Ich bin gekommen, um dich zu holen!“ „Ah! dummes Zeug!“ ſprach die Juſtizräthin, die an keinen Teufel mit Hörnern und Pferdefuß glaubte. „Nein, nein, Frau Regierungsräthin!“ riefen nun die Stimmen der Damen, die bis jetzt aus Reſpekt vor der oben thronenden Gerechtigkeit geſchwiegen,„ſo war es doch nicht— es war ganz anders!“ „Mir hat es mein Mann ſo erzählt,“ entgegnete die Andere. „Es ſei der leibhaftige Teufel geweſen, der ihn habe holen wollen.“ „Das bringt man dem armen Meiſter Schwörer auf,“ lispelte eine blaſſe Kaufmanns⸗Wittwe, von der man im Ge⸗ heimen ſagte, daß ſie eifrig die Betſtunde beſuche und ſich ſtark nach einem zweiten Manne umſehe. „Nun, mir kann's recht ſein!“ lachte luſtig die Erzählerin. „Wer weiß die Geſchichte genau?“ fragte die Juſtiz⸗ räthin, worauf mehrere Stimmen antworteten:„Ich glaube, daß ich“—„Mir wurde ſie von guter Hand erzählt“—„Jemand, der ſie von Meiſter Schwörer ſelber hat, ſagte mir—“ „Die beſte Quelle haben wir vielleicht bei der Hand,“ ſprach die blaſſe Kaufmanns⸗Wittwe mit einem ſüßen Lächeln, 2 all Zwei Seelen und Ein Gedanke. 283 indem ſie ſich umſchaute.„Wenn der Herr Doktor Plager ſo freundlich ſein wollte—“ „Mein Mann?“ fragte Emilie verwundert.„Was kann der mit Meiſter Schwörer zu ſchaffen haben?“ Das Organ der blaſſen Kaufmanns⸗Wittwe hörte ſich ziemlich ſchwach an; doch wenn ſie ſo mit ſanfter Stimme ſprach, ſo that ſie das ſo beſtimmt, ſo feſt, ſo unaufhaltſam, ſo mit dem Ausdrucke Jemandes, der durchaus nicht gewillt iſt, ſich t 4 unterbrechen zu laſſen, daß man ihr das Wort gab. „Es handelt ſich eigentlich,“ ſagte ſie,„um einen kleinen Lehrling des Meiſters Schwörer.“ „So iſt es!— Richtig!“— bekräftigten ein paar andere Stimmen. „Aber es iſt etwas vom Teufelholen dabei,“ ſprach die Regierungsräthin kopfnickend,„das laſſ' ich mir nicht nehmen. Wenn ich auch den Anfang nicht richtig erzählt habe, die Fort⸗ ſetzung wüßte ich ganz genau; es kommt ſpäter eine Teufels⸗ beſchwörung vor, die ganz ſchauerlich iſt.“ Die Kaufmanns⸗Wittwe zuckte faſt unmerklich zuſammen, dann erwiderte ſie:„Es iſt allerdings eine etwas unbegreifliche Geſchichte.“ „In der Ordnung! in der Ordnung!“ rief die Juſtiz⸗ räthin.—„Alſo, der Lehrling— 2 „Ja, ein Lehrling,“ fuhr die Kaufmanns⸗Wittwe fort, — nein kleiner Taugenichts, der nie zur rechten Zeit nach Hauſe kam und deßhalb ſchon oft ohne Erfolg abgeſtraft wor⸗ den war.“ „Und wie hieß dieſer Lehrling, wenn ich Sie unterbrechen darf?“ fragte Madame Weibel. „Gottſchalk, wenn ich nicht irre, Gottſchalk Brenner,“ ver⸗ Dreizehntes Kapitel. ſetzte die Andere,„von einer etwas verrufenen Familie. Sein Vater iſt herrſchaftlicher Jäger; von der Mutter der Frau munkelt man allerlei.“ Der Blick, den in dieſem Moment Madame Weibel ihrer Tochter zuſandte, konnte, obgleich er mit einem Lächeln verbrämt war, ein fürchterlicher Blick genannt werden.— Hörſt du, Enmilie? ſprach dieſer Blick, da haben wir's! Jetzt gib nur achtung! Der Bube kam eines Tages wieder ſpät nach Hauſe und vor die geſchloſſene Thür, und mußte dort im Regen ſtehen. „Wie ihm geſund war,“ meinte die Schwiegermutter. „Endlich klopfte er ans Fenſter, und Meiſter Schwörer in ſeiner Gutmüthigkeit will ihm gerade den Hausſchlüſſel hinaus reichen, wobei er ihm noch eine Ermahnung hält und dabei ſagt: wenn er in ſeinem Leben ſo fortmache, ſo werde er ſpäter gewiß einmal dem Böſen verfallen— und wie er das ſagt, da—“ „Mir grieſelt's!“ ſprach eine ſehr alte Jungfer aus dem Honoratiorenſtande. „Da erſcheint auf einmal vor dem Fenſter eine räthſel⸗ hafte Geſtalt in einem rothen Mantel, emporgeſträubtem, wie flammendem Haar, leuchtenden Augen und ſonſt noch allerlei, was dazu gehört. Die Geſtalt krallt die Finger nach Meiſter Schwörer, worauf er zurücktaumelt, das Fenſter ſchließt und überzeugt iſt, er habe den Teufel geſehen.“ „Und der Knabe?“ fragten mehrere Stimmen. „War in dem Augenblicke, als die Geſtalt erſchien und wieder verſchwand, nicht mehr zu finden.“ „Das iſt eben das Unbegreifliche,“ bekräftigte wichtig die Regierungsräthin,„daß der Bube ſeit jener Stunde nicht mehr Zwei Seelen und Ein Gedanke. 285 zum Vorſchein gekommen iſt. Das allein hat mich an der ganzen Geſchichte erſchreckt.“ „Um ſo etwas ſollte ſich aber die Polizei bekümmern,“ meinte die Gerechtigkeit oben am Tiſche. „Es iſt nicht ſo arg, es iſt nicht ſo arg,“ ſprach lächelnd die blaſſe Kaufmanns⸗Wittwe.„Allerdings war der Knabe für den Augenblick verſchwunden, aber er hat ſich wieder ge⸗ funden und lebt; darüber können ſich die verehrten Damen beruhigen.— Liebe Emilie, wo iſt Ihr Mann? Er ſoll uns Auskunft darüber geben; denn ſo viel ich gehört, hat er den kleinen Gottſchalk auf die Schreibſtube genommen.“ „Herr Rechtsconſulent!— Herr Rechtsconſulent!— Herr Doktor Plager!“ tönte es von mehreren Seiten des Tiſches. Die Schwiegermutter ſaß da, finſter anzuſchauen; ihre Blicke kreuzten ſich Blitzen gleich mit denen ihrer Tochter Emilie. Sie war durch das, was die blaſſe Kaufmanns⸗Wittwe erzählt, aufs tiefſte gekränkt. Was! ihr Schwiegerſohn hatte es gewagt, einen Schreiber ins Haus zu nehmen, der im Geruch ſtand, als habe ſchon einmal der Teufel den Verſuch gemacht, ihn zu holen,— einen Buben aus einer verrufenen Familie, der oben⸗ drein eine ſchöne Schweſter hatte? Solche Leute engagirte er in ein Haus, wo nur Mägde geduldet wurden aus vornehmen Häuſern, mit den beſten Leumunds⸗Zeugniſſen verſehen?— O, das war niederdrückend! Auf den allgemeinen Ruf beeilte ſich übrigens der Haus⸗ herr, aus dem Nebenzimmer hervorzukommen, und er that das händereibend und ſchmunzelnd.— Es war dem Rechtsconſulenten ſchmeichelhaft, von ſo vielen Stimmen dringend verlangt zu werden. Die vielen Stimmen wollten alle auf einmal anfangen, ihn zu examini⸗ 286 Dreizehntes Kapitel. ren, als die Juſtizräthin oben am Tiſche ihr ſpitzes Kinn er⸗ hob und das Schwert der Gerechtigkeit— die Wage war längſt verſpeist— ſo Aufmerkſamkeit fordernd, ſchwang, daß Alles verſtummte. „Es handelt ſich da,“ ſagte ſie,„um eine Geſchichte von einem Lehrling, den der Teufel geholt haben ſoll, worüber Sie, beſter Herr Doktor, uns die richtige Auskunft nicht ver⸗ ſagen werden.“ Das Antlitz des Herrn Plager verfinſterte ſich bei dieſen Worten ein wenig, er warf einen raſchen Blick auf Schwie⸗ germutter und Frau, und es war ihm unangenehm, dieſe Ge⸗ ſchichte, von der er früher nie etwas erzählt, hier vor deren Ohren erörtern zu müſſen. Doch ſuchte er ſo gut als mög⸗ lich über dieſe Klippe zu kommen, indem er verſetzte:„O, das iſt nicht der Mühe werth,— ein Zuſammentreffen von un⸗ bedeutenden Zufälligkeiten! Ich weiß übrigens die Sache nicht einmal ganz genau, und wenn Sie die beſte Quelle wollen, ſo will ich meinen Sekretär, Herrn Larioz, rufen,“— damit machte er eine bezeichnende Handbewegung nach dem Nebenzimmer,— „der. das Glück gehabt hat, bei jener Geſchichte den Teufel vorſtellen zu dürfen.“ „Alſo war es kein wirklicher Teufel?“ ſagte eine Stimme im Tone getäuſchter Erwartung. Und eine andere meinte:„Aber wie kann man Herrn Larioz für einen böſen Geiſt anſehen?“ „Wollen Sie ihn ſelber darüber hören?“ fuhr der Rechts⸗ conſulent fort, der froh war, die Sache von ſich abwälzen zu können. Doch die Schwiegermutter ſprach in leiſem, aber beſtimm⸗ tem Tone: Zwei Seelen und Ein Gedanke. 287 „Das wird gewiß nicht die Abſicht der verehrten Damen ſein.“ „Das iſt in der That überflüſſig,“ warf die blaſſe Kauf⸗ manns⸗Wittwe dazwiſchen.„Nicht wahr, die Sache verhält ſich, wie ich geſagt?“ „Allerdings, es iſt ſo etwas daran,“ entgegnete Herr Plager. „Und der kleine Lehrling iſt auf Ihrem Bureau?“ fragte die Juſtizräthin. „Ich habe ihn zum Abſchreiben genommen,“ antwortete der Hausherr.„Ein armer kleiner Menſch, ſchreibt eine ordent⸗ liche Hand. Herr Larioz hat ihn mir dringend empfohlen.“ Während das der Rechtsconſulent ſagte, blickte er auf die Schwiegermutter, um deren Lippen ein fatales Lächeln ſpielte. „Sie kennen die Familie des jungen Menſchen?“ fragte eine Kanzleiräthin die Kaufmanns⸗Wittwe. „Was man davon kennen kann,“ entgegnete dieſe achſel zuckend.„Der Vater iſt ein herrſchaftlicher Jäger, die Mut⸗ ter iſt die Tochter einer gewiſſen Kammerfrau einer Gräfin— einer Gräfin— der Name fällt mir gerade nicht ein,— von der man allerlei ſpricht.“ „Iſt es ſo, Herr Schwiegerſohn?“ fragte Madame Weibel in einem ganz beſonderen Tone. „Damit kann ich wahrhaftig nicht dienen,“ erwiderte der Gefragte;„ich habe mich um die Familie nie bekümmert. Wie geſagt, Herr Larioz hat mir den jungen Menſchen vorgeſchla⸗ gen, ich habe ihn angenommen— das iſt das Ganze.“ „Und hat er Geſchwiſter?“ fragte Madame Weibel. Und dieſe Frage klang dem Rechtsconſulenten wie ein leicht hinrol⸗ Dreizehntes Kapitel. lender Donner, der ſich plötzlich an einem klaren Frühlings⸗ tage hören läßt. „O, freilich hat er Geſchwiſter!“ lächelte die Kaufmanns⸗ Wittwe,„unter Andern eine wirklich auffallend hübſche Schwe⸗ ſter; ich habe ſie ſchon geſehen; ſie beſorgt weibliche Handar⸗ beiten.“ Bei der Erwähnung der ſchönen Schweſter flog ein leich⸗ tes Lächeln über die hölzernen Züge der Juſtizräthin; Madame Weibel huſtete in ihr Taſchentuch, und Emilie ſagte verwirrt zu einer Nachbarin: „Iſt Ihnen nicht vielleicht noch ein Stückchen Torte ge⸗ fällig, Frau Oberreviſorin?“ Gleich darauf ſchwebte ein Engel durchs Zimmer, wie man zu ſagen pflegt, oder ein Polizeidiener, denn ſo war es dem Rechtsconſulenten plötzlich zu Muth, der nun mit einem Male anfing, die merkwürdigen Geſichter ſeiner Frau und Schwiegermutter zu begreifen. Madame Springer aber, die ebenfalls in den Zügen ihrer theuren Anverwandten geleſen, fühlte Mitleid mit ihrem Schwa⸗ ger und warf einen anderen tüchtigen Brocken in die Unter⸗ haltung. „Ich habe geſtern meiner Köchin aufgekündigt,“ ſagte ſie; „die Perſon trieb gar zu dumme Sachen. Schon mehrmals hatte ich bemerkt, daß ſie Morgens mit ganz mehligem Geſicht in der Küche war, und als ich das Stubenmädchen darüber be⸗ fragte, ſagte mir dieſe? Katharine ſchmiere ſich jeden Abend das Geſicht mit Gänſefett ein und reibe es dann mit Mehl wieder ab, um einen guten Teint zu bekommen.“ „Nun ſehe einer an!“ rief die Juſtizräthin.„Es iſt doch über alle Beſchreibung!“ Zwei Seelen und Ein Gedanke. 289 „Das iſt aber noch nicht Alles,“ fuhr die Frau des Ban⸗ quiers fort,„und deßhalb allein hätte ich ſie vielleicht nicht weggethan; als ich ſie aber zur Rede ſtellte, gab mir die Perſon zur Antwort, ſie ſei freilich nicht reich genug, um ſich Gold⸗ cream zu kaufen. Hat man je ſo etwas gehört?“ „Es iſt über alle Beſchreibung!“ lispelte die Kaufmanns⸗ Wittwe;„wo das mit den Dienſtmädchen hinaus will, mag der liebe Gott wiſſen.“ Der Rechtsconſulent indeſſen ſegnete im Stillen den Ein⸗ fall der Köchin ſeines Schwagers, ſich mit Gänſeſchmalz und Mehl einzureiben, da ihm die Erzählung dieſes Vorfalls Ver⸗ anlaſſung gab, ſich ſachte ins Nebenzimmer zu verlieren, wo die meiſten ſeiner Leidensgefährten und Collegen wie alte Kry⸗ ſtalle um den Tiſch der jungen Generation angeſchoſſen waren und ſich hier wohl ſein ließen, und wo es auch bei Weitem luſtiger war als drinnen bei der Felspartie. Hier ſchien von weiblichen Theilnehmerinnen nur geduldet zu ſein, was ſich noch des Mädchennamens erfreute, natürlich dem Alter nach in ſehr weiten Grenzen; es lag ein Drittel Menſchenalter zwiſchen der jüngſten und der älteſten der hier anweſenden Damen. Es erlaubt uns die Delicateſſe nicht, näher auf die Altersverhältniſſe ſelbſt einzugehen. Fräulein Clementine Weibel hatte ſich, als wolle ſie be⸗ ſcheiden ſein, mit ein paar Bekannten von dem großen Tiſche hinweg an ein Nebentiſchchen gezogen, wo ſie den Thee für beide Zimmer zubereitete. Doch waren ihr die angenehmſten jungen Männer dorthin gefolgt und hatten ſomit den erſten Platz ge⸗ bildet, der doch der letzte hätte ſein ſollen. Von unſeren Bekannten ſehen wir mit einigem Erſtaunen Hackländer, Don Quixote. I. 19 Dreizehntes Kapitel. den Schreiber des Rechtsconſulenten, Herrn Larioz, der bei ſolch' großen Gelegenheiten ebenfalls gebeten wurde und wie im⸗ mer, mochte er ſein, wo er wollte, zu Hauſe, im Bureau, auf der Straße oder in Geſellſchaft, eine außerordentlich anſtändige, ja würdevolle Figur ſpielte. Wir müſſen aber dabei nicht glauben, als ſei der Schreiber nur wie jeder andere Gaſt ge— laden geweſen— im Gegentheil, durch das Recht, in der Ge⸗ ſellſchaft ſein zu müſſen, hatte er auch kleine Verpflichtungen übernommen: er regierte mehr oder minder als eine feine Art Haushofmeiſter, er nahm einer Dame ihren Teller ab, um ihn auf das Nebentiſchchen zu ſetzen, er ging mit gravitätiſchen Schritten an die Thür, um Babette zu veranlaſſen, daß ſie friſches Waſſer hereinbringe, er zog die Moderateurlampen auf, wenn ſie in ihrem Glanze nachließen, er verſchwand auf halbe Stunden gänzlich, und dann finden wir ihn im Kinder⸗ zimmer wieder, wo ein einziger Blick, das leiſeſte Wort hin⸗ reicht, um Fritzchen und Louiſe aus dem wildeſten Rumoren zur tiefſten Stille zu bringen. Obgleich Herr Larioz den Kin⸗ dern nie ein hartes Wort geſagt, ſo hatten ſie doch einen faſt unbegreiflichen Reſpekt vor ihm; ſchon daß er in der Nähe war, vermochte ſie, ihre Spiele weniger lärmend einzurichten, weßhalb dann auch beſonders aus dieſem Grunde der Schrei⸗ ber bei keiner größeren Feſtlichkeit vergeſſen wurde. Herr Larioz war im untadelhaften ſchwarzen Frack; ſein kurz geſchnittenes Haar trug er aufwärts geſtrichen, die Enden ſeines Schnurrbarts wareneſtark in die Höhe gedreht, und auf ſeinem langen Geſichte mit dem dunkeln, fremdartigen Teint lag wie immer eine gewiſſe Feierlichfeit, man könnte ſagen: ein melancholiſcher Ausdruck, der beſtändig bei ihm ſichtbar wurde, wenn er ſich in Geſellſchaften befand, wie die heutige im Hauſe ſe Zwei Seelen und Ein Gedanke. 291 ſeines Principals, wo ſo viele Worte geſprochen wurden, die weder ernſtlich gemeint, noch zu irgend Jemandes Nutzen oder wahrem Vergnügen waren. Wenn Herr Larioz ſo da ſtand in ſeiner ſtattlichen Größe, den Kopf hoch erhoben, ſo machte er den Eindruck einer vor⸗ nehmen Perſönlichkeit, und wenn er ſich herumwandte, hätte man verſucht ſein können, nach dem Ordensſtern auf ſeiner Bruſt zu ſchauen. Er hatte ſich aus der Unterhaltung zurück⸗ gezogen und ſtand an eines der Fenſter gelehnt, wo er ruhiger Beobachter deſſen war, was ſich vor ihm begab. Da blickte er dann kopfſchüttelnd in viele der kleinen Intriguen hinein, die ſich vor ſeinen Augen abſpielten; da ſah er, wie die Blicke hinüber und herüber flogen, trafen und zu zünden ſchienen, wie der betreffende Er, in der Abſicht, recht ſchmachtend und angeregt auszuſchauen, oft ein höchſt albernes Geſicht zog, und wie Sie nach einem verwüſtenden Blick auf die gewiſſe Art ihre Augen niederſchlug, um es dann aus den Winkeln der⸗ ſelben hervorblitzen zu laſſen, wobei ein ſtiller Seufzer zu ſagen ſchien: Ich hab' dich verſtanden. Auch Finger⸗ und Zeichenſprache bemerkte er, er ſah das ge⸗ ſuchte Berühren zweier Hände, die ſich eine unſchuldige Taſſe Thee reichten oder einen harmloſen Teller mit Backwerk, und er erfuhr die verſchiedenen Wirkungen davon: er ſah, wie ſie im erſten Augenblicke mit der Hand zurückzuckte, während ſie bei der zweiten Berührung gar nicht wähleriſch genug ſein konnte im Ausſuchen irgend eines Backwerks. Er verſtand auch das an ſich ganz unſchuldige Umſchlingen einer Stuhl⸗ lehne mit ihren Folgen; er fragte ſich ſelbſt: Wird die Dame mit den weißen Schultern bei der ganz unwillkürlichen Annä⸗ herung zurückweichen, oder wird ſie ſich feſter in ihren Seſſel 3 1 1 Dreizehntes Kapitel. ſchmiegen, ohne es dabei zu unterlaſſen, einen gegenüberſitzen⸗ den Gegenſtand mit ihren Blicken zu bombardiren? Wenn das Letztere geſchah, ſo lächelte er wie ſpöttiſch in ſich hinein, faßte an ſein Herz und ſprach zu ſich: Gnade Gott dem wirklich Fühlenden, der in dieſes wilde Chaos hineinfällt, um von Augen, Lippen, Zungen, Händen und Mienen zeffleiſcht zu werden! Auch Herr Schilder war da, den Herr Larioz bei einer früheren Gelegenheit hatte kennen und ſchätzen gelernt. Heute Abend aber ſchien derſelbe keine Sekunde Zeit zu haben, um ſich mit etwas Anderem zu beſchäftigen, als mit dem kleineren Theetiſch, den ſeine Blicke beſtändig umflatterten, wie die arme Mücke das ſtrahlende Licht. Herr Schilder war allerdings ein wenig hellblond, hatte auch gerade kein ſehr ausdrucksvolles Geſicht, dafür aber hübſche klare Augen, die, ſowie ein ange⸗ nehmes Lächeln des Mundes, große Ehrlichkeit und Gutmü⸗ thigkeit verriethen. So gewandt er auf ſeinem Comptoir und in ſeiner Fabrik war, ſo wenig wußte er ſich mit jener ſichern Unbefangenheit, die wir elegante Tournure nennen, auf Bäl⸗ len, in Theegeſellſchaften und andern Soireen zu bewegen. Auch die hier herrſchende Converſation, die tauſenderlei Varia⸗ tionen über die Schönheit des heutigen Abends und die Häß⸗ lichkeit des geſtrigen Wetters konnte er ſich durchaus nicht an⸗ gewöhnen; er ſchämte ſich, mit einer ganz gewöhnlichen bana⸗ len Phraſe an eine junge Dame heran zu treten, er überlegte vorher, um ihr etwas Geſcheidtes, etwas Anſprechendes zu ſa⸗ gen, und wenn ſie nun nicht ſo erwiderte oder ihre ganze Antwort auf das gewiſſe eigenthümliche Lächeln beſchränkte, ſo verlor er leicht die Contenance, man blickte einander ein paar Sekunden lang an, man vernahm ein paar Ja oder Nein, Zwei Scelen und Ein Gedanke. 293 und dann wandte ſich die junge Dame zu ihrer Nachbarin, um derſelben zuzuflüſtern, wenn Herr Schilder unterdeſſen in Verlegenheit abgezogen war:„Es iſt ſchade, man kann mit ihm gar nicht reden, er iſt zu hölzern.“ Auch tanzte der Unglückliche nicht, wußte wenig von Geſellſchaftsſpielen, noch weniger vom Theater, da er keine Zeit hatte, das letztere zu beſuchen, und wurde deßhalb von der Mädchenwelt, wenn auch für eine gute Partie, doch für ziemlich unbedeutend gehalten. Die Mütter dagegen ſahen Herrn Schilder ſchon mit ganz anderen Augen an. Aber was ſind die Augen einer Mutter? — proſaiſch, kalt, berechnend! Eine Mutter denkt nur an die Zukunft ihrer Tochter, ſieht, ob ein junger Mann derſelben eine ſorgenfreie Exiſtenz machen kann, ob er von bravem und ſolidem Charakter iſt.— Das ſind aber alles unbedeutende Nebenſachen in den Augen mancher jungen Mädchen. Wie er tanzt, wie er eine Converſation führt, vor allen Dingen wie er ausſieht! Ob er ſein Halstuch auf nachläßig elegante Art zu knüpfen verſteht, und hauptſächlich, ob er im Verdacht ſteht, ſchon vielen Mädchenherzen gefährlich geworden zu ſein— das zieht an, das beſticht! Es war ſchade um Herrn Schilder, daß er nicht einen guten Freund hatte, der ihn aufmerkſam machte auf die Fehler, die er zeigte, und auf die Vorzüge, die er hätte beſtrebt ſein ſollen, ſich anzueignen. Es war ein guter Stoff in ihm vor⸗ handen, um allem, was ihm mangelte, nachzuhelfen. Ein blonder Schnurrbart wäre bald da geweſen; hübſche Zähne hatte er auch, und mit ſeinem ſchlanken, wohlgewachſenen Kör⸗ per hätte er es in kurzer Zeit dahin bringen können, ſelbſt ein vortrefflicher Tänzer zu werden. Wenn er auch zur Intimität des kleineren Theetiſches ——— 294 Dreizehntes Kapitel. nicht zugelaſſen war, ſo widmete ihm doch Fräulein Clementine Weibel, eingedenk der Ermahnungen ihrer Mutter und ihrer Schweſter, größere Aufmerkſamkeit, als er ſich ſonſt wohl zu erfreuen gehabt hätte, und ließ deßhalb ſein Herz vor Freude ſtärker ſchlagen. Die junge Dame verſtand es, mit ihren Blicken zu wu⸗ chern; ſie hatte dunkle, glänzende Augen und wußte damit den naturgemäßen Gebrauch zu machen; alle Variationen des Auf⸗ und Niederſchlagens waren ihr geläufig, und wenn ſie zu Je⸗ mand ſagte:„Darf ich um Ihre Taſſe bitten?“ ſo konnte das durch die gehörige Begleitung die größten Hoffnungen erregen, oder auch alle Wünſche mit einem Male niederſchlagen. Und nicht nur, daß ſie am heutigen Abend dem Herrn Schilder einige ermunternde Blicke zuſandte, wenn ſie ihm irgend etwas anbot, nein, ſie ſchaute auch ſonſt wohl im Laufe des Geſprächs nach ihn hinüber mit dem unverkennbaren Ausdruck ihres Auges, das ſagen wollte: Wenn ich auch hier mit Andern ſpreche, ſo wäre es mir doch faſt lieber, in deiner Nähe zu weilen. Ja, einige Mal trat ſie auf ihn zu, reichte ihm irgend eine Kleinig⸗ keit, wobei ihre Hand die ſeinige berührte oder ſie mit ihrem Kleide ihn ſtreifte, nicht ohne alsdann faſt erſchrocken ihn um Verzeihung zu bitten. Da aber dieſe Blicke und Berührungen der jungen Dame wie Funken waren und ſich ſein Herz im Zuſtande eines ſehr trockenen Zunders befand, ſo flammte er ſo in Liebe auf, daß die Gluth ſeine etwas bleichen Wangen färbte und ſein Athem zuweilen ziemlich ſchwer ging. Das alles bemerkte Herr Larioz von ſeinem Standpunkt am Fenſter aus, und da er ſonſt noch mehr bemerkte, ſo trug das nicht dazu bei, ſeine ſehr geringe Freundſchaft für Fräulein Clementine Weibel zu verſtärken; er bemerkte nämlich, daß ſie Zwei Seelen und Ein Gedanke. 295 zu gleicher Zeit, wo ſie ſo viele Zeichen der Innigkeit mit Herrn Schilder wechſelte, ſich mit Worten und Geberden mit einem jungen Offizier zu ſchaffen machte, der ihr an dem kleinen Tiſchchen zur Seite ſaß, und daß ſie nicht weniger einen Maler bedeutend ermuthigte, der ſich freilich an den großen Tiſch, aber ſo geſetzt hatte, daß er, um uns eines gewöhnlichen Ausdruckes zu bedienen, Fräulein Clementine Weibel mit ſeinen Augen verſchlingen konnte. Ja, wenn das Auge zu dergleichen fähig wäre, ſo hätte von der jungen Dame bald nichts mehr übrig geblieben ſein müſſen, ſo unverwandt und hartnäckig ſtarrte der langhaarige Künſtler herüber. Der Lieutenant ſaß, wie ſchon bemerkt, zur Seite der An⸗ gebeteten des Herrn Schilder, und ſein Schmachten war ein hartnäckiges zu nennen. Zuweilen lächelte er mit einem nichts⸗ ſagenden, faſt blödſinnigen Geſichtsausdruck, und dann gab auch ſie im gleichen Moment irgend ein Zeichen von ſich, eine zu⸗ ſammentreffende Bewegung; entweder blickte ſie plötzlich neben ſich, oder ſie lächelte ebenfalls, aber ſehr beruhigt, oder ſie ſagte vielleicht zu ihrer Nachbarin:„Morgen gehe ich ins Theater, ich freue mich recht ſehr darauf.“ Woher dieſe Bewegungen kamen, konnte Herr Larioz un⸗ möglich mit Gewißheit beſtimmen, denn er ſah von den beiden jungen Leuten nur die obere Hälfte, die untere wurde von Tiſch und Tiſchtuch verdeckt. Mag eine Theegeſellſchafts⸗Converſation anfänglich noch ſo animirt geführt werden, es gibt doch Augenblicke, wo eine Erſchlaffung ſämmtlicher Geiſteskräfte einzutreten ſcheint. Wenn es auch hier aufopferungsfähige Weſen genug gibt, die ſich mit Leib und Seele in die Converſation werfen, die aus ihren Herz⸗ und Gehirnkammern die letzten Körnchen ſuchen und her⸗ 296 Dreizehntes Kapitel. beibringen, um ſie auf dem Taubenſchlag der allgemeinen Unter⸗ haltung zu opfern, ſo gehört doch immer etwas Neues dazu, um dieſe nicht gänzlich erlahmen zu laſſen— ſei es ein jeu d'esprit oder ein ſonſtiges geiſtloſes Pfänderſpiel. Auch hier bei dem gemiſchten Thee des Rechtsconſulenten gab es ſchon Augenblicke, wo die Felspartien ſtarrer und ſchweigſamer dazuſitzen ſchienen, wo keine murmelnden Bächlein mehr herab floſſen, wo man ſelbſt keinen gierigen Raubvogel mehr erblickte, der um manche kahle Höhe ſchwebend nach irgend einem unglücklichen Thierlein in der Tiefe ſpähte, auf daß er es zerfleiſche. Sogar die Geſpräche bei der jüngeren Genera⸗ tion wollten nicht mehr ſo recht gedeihen wie zu Anfang; ſtatt einer allgemeinen Converſation gab es nur noch einzelne Grup⸗ pen, die ſich flüſternd zuſammen unterhielten; ja, man bemerkte ſchon ein unterdrücktes Gähnen, und ſelbſt Fräulein Clementine Weibel, die doch ſelten um eine Rede verlegen war, ſprach nur noch wenig mit ihren Nachbarn, ja, ihre Augen ſchienen müde geworden zu ſein, denn alles, was ſie noch damit leiſtete, war ein gelindes Auf- und Niederſchlagen, höchſt ſelten nur ſah man noch einen verderbenbringenden Seitenblick. Da tönte die Klingel laut und vernehmlich, und das friſchte ſchon ſämmtliche Lebensgeiſter ein klein wenig auf. Es konnte ja vielleicht etwas Abſonderliches gemeldet werden, was in der Stadt geſchehen, es konnte zu irgend Jemand eine telegraphiſche Depeſche kommen, die willkommenen Stoff zur Unterhaltung bot. Obgleich es aber in dieſem Augenblicke weder das Eine noch das Andere war, was der Ruf der Klingel verkündete, ſo erſchien doch zum Auffriſchen des gemiſchten Thee's etwas noch weit Zweckmäßigeres. Die Thür öffnete ſich langſam, und herein trat eine fremde Perſönlichkeit, welcher Herr Banquier Zwei Seelen und Ein Gedanke. 297 Springer folgte und ſie zuerſt dem Kreiſe der älteren Damen als ſeinen Bekannten, den Herrn Grafen Czrabowski, vorſtellte. Der Herr Graf war ein Mann in den mittleren Jahren, leidlich conſervirt, mit einigem dunklen Haar, einem ſchwarzen, gut gepflegten Schnurrbart und lebhaften, brennenden Augen; er hatte einnehmende Manieren, verbeugte ſich auf ungezwungene, faſt elegante Art vor den Damen, wobei er mit etwas fremdem Accent ſein Vergnügen ausſprach, gegenwärtige Geſellſchaft kennen zu lernen, auch einen Stuhl neben der Juſtizräthin an⸗ nahm und dieſelbe gewandter Weiſe ſchon im nächſten Augen⸗ blicke in ein intereſſantes Geſpräch verwickelt hatte, woran er ſo freundlich war, auch die übrigen Damen Theil nehmen zu laſſen, indem er bald dieſe, bald jene durch eine Frage zu irgend einer Aeußerung veranlaßte. Man ſah es den Mienen ſämmtlicher aus der Felspartie an, daß ſie mit dem neuen Gaſte nicht unzufrieden ſeien. Hatte er doch etwas ſo unendlich fremdländiſch Intereſſantes, was man hier leider ſo wenig fand! Wie verſtand er es, die Unter⸗ haltung zu drehen und umzuwenden, und dabei wiegte er ſich ſo graziös auf ſeinem Stuhl, wackelte ſo anmuthig mit dem Kopfe— ganz Eleganz, ganz tanzende Bewegung, daß man faſt überzeugt war, es bedürfe nur eines einzigen plötzlichen Geigenſtrichs, und er ſäuſele tanzend durchs Zimmer, dabei immerfort Converſation machend, immer unnachahmlich gewandt, graziös und behende. Die ſtarre Juſtizräthin zeigte ein Lächeln; freundlich wollen wir es gerade nicht nennen, aber ſie gab, was ſie konnte. Sie hatte dieſes Lächeln ihrem Manne, dem Juſtizrathe, abgelernt; es war wie das Leuchten eines Richtſchwertes. Die blaſſe Kaufmanns⸗Wittwe hielt den Athem an bei den 298 Dreizehntes Kapitel. Reden des Fremden, nicht aus Spannung über das, was er ſagte, ſondern weil ſie aus ihrer Praxis wußte, daß es mög⸗ lich iſt, durch ſtark angehaltenen Athem eine ſanfte Röthe auf die Wangen zu zaubern. Sie miſchte ſich einige Mal mit Glück in das Geſpräch— mit Glück ſagen wir, denn Graf Czrabowski, der von dem ſcharfen Blick ſeiner glühenden Augen jeder der Damen etwas zukommen ließ, ſchien etwas Sym⸗ pathiſches in ihr zu finden und fixirte ſie zuweilen ſo ſcharf, daß es in ihr klang, wie jene Stelle aus dem Nachtlager von Granada: Sein Blick, mir zugewendet, Iſt Blitz und Schlag zugleich. Ja, ſie fühlte Blitz und Schlag und affektirte ein Zuſam⸗ menſinken, wie die vom wilden Sturm überrauſchte und ſchon halb geknickte Lilie. Das Herz der Madame Weibel hatte Graf Czrabowski durch die ausgeſprochene feſte Ueberzeugung gewonnen, daß ſie die Hausfrau ſei, und ebenſo verband er ſich Emilie durch die Vermuthung, daß er in ihr eine der Töchter des Rechtsconſu⸗ lenten verehre. Dabei blieb natürlicher Weiſe für Herrn Plager nicht viel Schmeichelhaftes übrig, was das einzig Unpolitiſche in der Handlungsweiſe des ausgezeichneten Fremden war. Der Hausherr hatte ihm ohnedies nur ein ſehr ſteifes Compliment gemacht, und als er die Zungenfertigkeit des Herrn Grafen bemerkte, vergrub er ſein Kinn in der Halsbinde, zwinkerte mit den Augen und ſah in dieſem Moment weder lebensfroh noch glücklich aus. Auch im Nebenzimmer bei der jüngeren Generation war die Ankunft des intereſſanten Grafen ruchbar geworden. Von achtzehn Damen, die ſich dort befanden, gelang es wenigſtens nſu⸗ Zwei Seelen und Ein Gedanke. 299 vierzehn, durch Anwendung der umſtändlichſten Manöver einen Blick in den einzigen Spiegel des Zimmers zu werfen; die vier anderen, denen das, ohne zu auffallend zu werden, nicht ge⸗ lingen wollte, ergaben ſich in ihr Schickſal und ſuchten wenig⸗ ſtens, ſo viel es möglich war, ſich mit der Hand zu überzeugen, ob Scheitel, Chemiſette und dergleichen mehr noch in beſter Ordnung ſeien. Dabei unterhielten ſie ſich eifrig flüſternd, und die, welche etwas von dem unternehmenden Fremden wußten, gaben das zum Beſten, verſteht ſich von ſelbſt, mit dem nöthigen Zubehör. Wie wir ſchon früheren Aeußerungen des Fräulein Cle⸗ mentine Weibel entnommen haben, konnte dieſe über den frag⸗ lichen Gegenſtand wohl die beſte Auskunft geben; bei zwei Beſuchen, die der Graf Czrabowski bei ihrem Schwager ge⸗ macht, hatte er ſich jedes Mal eine halbe Stunde mit ihr unter⸗ halten und ihr dabei zwei Mal die Hand geküßt, einmal beim Kommen, einmal beim Gehen. Ja, er war deliciös, wirklich intereſſant, ein vollkommener Gentleman!— Fräulein Weibel hatte einige engliſche Romane geleſen.„Er führt eine Converſation,“ ſagte ſie,„die hin⸗ reißend genannt werden kann.— Und wie der tanzen muß, ah!“— Dabei warf ſie einen ſchwärmeriſchen Blick an die Zimmerdecke, genau an die Stelle, wo über einer Hängvaſe mit Epheu ein bedeutungsvoller Kranz von Gänſeblümchen zu ſehen war. Herr Larioz hatte über dieſen Blick auf ſeine eigene Weiſe gelächelt; Herr Schilder aber war ſchmerzlich zuſammengezuckt und fühlte wohl, daß die ſchönen Stunden des heutigen Abends nun für ihn vorüber ſein würden. Wenn er auch wohl früher einen der gefährlichen Blicke Clementinens beobachtet hatte, die 300 Dreizehntes Kapitel. ſie dem Lieutenant geſpendet oder dem langhaarigen Maler— ſein edles Herz mit den guten und ſoliden Abſichten dachte immer nur an eine Heirath und ſetzte das bei jedem anderen fühlenden Weſen voraus; er hatte ſich ſelbſt achſelzuckend ge⸗ tröſtet, indem er ſagte: Zwiſchen ihr und einem Lieutenant ſteht die unerſchwingliche Caution, und was den Maler anbe⸗ langt, ſo iſt das ein Hungerleider, und da hat's gar keine Gefahr. — Aber der Graf Czrabowski, der polniſche Graf Czrabowski, der, Gott weiß welche Güter beſaß mit wahrhaft erſchreckenden Revenuen, der in die Stadt gekommen war, der ſich bei Herrn Banquier Springer hatte vorſtellen laſſen, der heute Abend dieſen gemiſchten Thee beſuchte, bloß um Clementine Weibel zu ſehen, ſie kennen zu lernen, ſie zu heirathen— o, das war mit den geſchilderten Eigenſchaften, mit dem intereſſanten Haar⸗ mangel, mit dem kühnen Schnurrbart, den weißen Zähnen und dem untadelhaften Anzuge nach der neueſten Mode ein gefähr⸗ licher Nebenbuhler. Herr Fabrikant Schilder hatte weder Haarmangel, noch Schnurrbart aufzuweiſen, und ſeinem Frack war durch Ein⸗ ſetzung neuer weiter Aermel nur nothdürftig nachgeholfen wor⸗ den. Es wurde ihm unter der Weſte zu eng, denn er fühlte mit jeder Sekunde mehr und mehr, daß der polniſche Graf Czrabowski eigens von Polen hieher gereist ſei, um Fräulein Clementine Weibel zu heirathen. Wie konnte es auch anders ſein! Glaubte doch der arme Fabrikant nicht anders, als daß ſie, wie ſie ſeinen Augen erſchien, umfloſſen von Schönheit und Liebreiz, auch gerade ſo jedem Anderen vorkommen müſſe. Ach! und iſt ſie nicht ſchön und liebenswürdig? ſprach Herr Schilder zu ſich ſelber; gibt es etwas Reizenderes als den Blick ihrer Augen, namentlich wenn ſie zu mir herüberſchaut, als die Zwei Seelen und Ein Gedanke. 301 Haltung ihres ſchlanken Körpers, als ihre Art zu reden, als ihre ſüßen, ſüßen Worte, wenn ſie freundlich ſpricht? Und alle dieſe leiblichen und geiſtigen Vorzüge hatte er ſchon als ſein eigen gedacht, glaubte ſchon verſchiedene Ungeheuer in Ge⸗ ſtalt von Lieutenants und Malern, die ihm den Weg zu ſeinem Zauberſchloß verſperrten, beſiegt zu haben, und ſollte nun, er⸗ mattet wie er war, einen neuen Kampf eingehen, und zwar mit einem fürchterlichen Drachen! Und wie ſich Alle auf die Ankunft dieſes Drachens freu⸗ ten, Alle, Alle, oder ihr wenigſtens erwartungsvoll entgegen ſahen— das bemerkte er an den Augen, die feſt auf die Thür gerichtet waren; ja, Alle ſchauten dorthin—— doch nein, nicht Alle. Wie Herr Schilder ſeine Blicke umherfahren ließ, ſah er ſich gegenüber an die Fenſterbrüſtung gelehnt Herrn Larioz, den langen Schreiber des Rechtsconſulenten, der ihn ſelbſt, Herrn Schilder, einen Augenblick anſchaute, dann aber mit faſt verächtlichem Geſichtsausdruck vor ſich nieder blickte, als wollte er ſagen, was Herr Schilder dachte:„Es iſt doch wohl der Mühe werth, darauf ſo viel Aufmerkſamkeit zu ver⸗ wenden!“ Dieſer Blick, dieſer Geſichtsausdruck that dem Herrn Schil⸗ der ſo wohl, er fühlte, der lange Mann dort am Fenſter war, ihn ſelbſt und Clementine vielleicht ausgenommen, hier unter Larven die einzig fühlende Bruſt. Um die wichtige Epiſode des gemiſchten Thee's, die nun begann, im würdigen Romanſtil einzuleiten, gefähr ſagen: Da öffneten ſich beide Flügelthüren, und hell beſtrahlt von der zahlreichen Wach die Wangen ſanft geröthet von der eben gepflogenen Unter⸗ haltung mit der dürren Juſtizräthin und der blaſ mannswittwe, erſchien der ſchöne Pole, Graf Saales.— Aber wir verſchmähen dergleichen fach der Wahrheit ge⸗ Eingange des beſtechendes Beiwerk und ſchreiben ein mäß, daß er, den alle Blicke erwarteten, jetzt auf ungezwun⸗ gene Art in das Zimmer trat, ein ſiegreiches Lächeln auf den Zügen, die Lippen leicht geöffnet, Zähne ſehen konnte, und darauf mit einem zierlichen Com⸗ plimente, das wie ein Blitz über ſämnitliche achtzehn Damen auf Clementine Weibel zuſchwebte, ihr die Hand dahin fuhr, Vierzehntes Kapitel. Polniſcher Punſch. skerzen blendendem Schein, damit man die weißen müßten wir un⸗ ſen Kauf⸗ Czrabowski, am Polniſcher Punſch. 303 küßte und ſich ganz ungemein freute— ſo ſagte er— ſie endlich wieder zu ſehen. Sie antwortete durch jene gewiſſe Bewegung junger Da⸗ men, die den altmodiſchen Knix verdrängt hat und wobei die Ausführung ſo erſcheint, als würden ſie durch eine Spring⸗ feder in die Höhe geſchnellt; dann führte Clementine den Grafen an den größeren Tiſch, wo ſogleich an verſchiedenen Stellen mehrere Lücken entſtanden, um Stühle einſchieben zu können; daß er dabei ihre Hand nicht los ließ, ſah Herr Schilder mit wahrem Ingrimm. Darauf ſetzten ſich Beide an irgend einer paſſenden Stelle, wo man Stühle einſchob, und nun machte die junge Dame ihren Gaſt in der Schnelligkeit mit dem ganzen Kreiſe bekannt. Alle bemühten ſich, ein ſo gewinnendes Compliment wie nur möglich zu machen, mit Ausnahme des Herrn Schilder, der nur kurz mit dem Kopfe nickte, und des Herrn Larioz, der gar nicht vorgeſtellt wurde. Letzteren aber fixirte der Graf ein paar Sekunden lang ——m — ͦ ſÿyÿy 1 „. 4 ſehr aufmerkſam, was dieſer aber ganz ungezwungen erwiderte, worauf es einem aufmerkſamen Beobachter nicht entgehen konnte, daß Beide mit dem Reſultate ihrer Betrachtungen nicht ſehr zufrieden zu ſein ſchienen. Wer kümmerte ſich aber darum in dieſem Augenblicke? War doch der gemiſchte Thee glänzend wieder aufgefriſcht worden, hatte ſich doch die Unterhaltung auf wahrhaft wun⸗ derbare Weiſe animirt. Der Graf ſprach rechts und links, über den Tiſch hinüber, ſogar an den kleinen Tiſch hinter ſich, der ſeit Clementinens Weggehen dem Nichts verfallen war.— Und wie wußte er das unbedeutendſte Geſprächs⸗ thema auszubeuten; wie gönnte er Jedem ſeinen Antheil daran! Vierzehntes Kapitel. fragte bald da, bald dort, erzählte, ließ ſich erzählen und war dabei ſo blendend und geiſtreich, daß ein junges Mädchen, die im Allgemeinen wenig beachtet wurde, zu ihrer Nachbarin ſagte:„es durchſchauere ſie förmlich, und jetzt fühle ſie erſt, wie ein Mann eigentlich ſein müſſe.“ Die Aermſte hatte freilich bis dahin noch keinen, Begriff davon gehabt. Aber auch Andere, die ſchon mehr Erfahrung hatten, wie zum Beiſpiel die blaſſe Kaufmannswittwe, fühlten ſtill ſeufzend daſſelbe und geſtanden ſich, daß ſo ein geheim⸗ nißvoller Fremder doch ein ganz anderes Weſen ſei. Was ſich aber am böſtlichſten bei Graf Czrabowski aus⸗ nahm, das war der eigenthümliche Accent, mit dem er ſein ſonſt ſehr geläufiges Deutſch ausſprach. Er ziſchte bei man⸗ chem Wort ſo deliciös zwiſchen den Zähnen, er verſetzte die Artikel auf eine ſo wundervolle Art, daß man ihn gar zu gern ſprechen hörte. Ja, ohne unſerer wahrhaftigen Geſchichte vorzugreifen, können wir hier ſchon ſagen, daß die Art, ſo zu ſprechen, wie es der polniſche Graf that, förmlich Mode wurde und man lange noch manchen geckenhaften jungen Menſchen fand, der ſich daſſelbe angewöhnte und nun ebenſo unwider⸗ ſtehlich zu ſein glaubte wie der wunderbare Fremde. Jetzt war die Zeit gekommen, wo ſich der gemiſchte Thee in ein Souper verwandeln ſollte. Dazu brauchte man den Salon, in welchem ſich die Felspartieen befanden, um hier kleine gedeckte Tiſche aufzuſtellen. Es galt nun vor allen Dingen, die älteren Damen mobil zu machen und ſie in das Wohnzimmer hinein zu treiben, wo unterdeſſen Babette und die Putzfrau durch übermenſchliche Anſtrengungen in kurzer Zeit den großen und kleinen Theetiſch abgeräumt hatten. Clementine Weibel, die den Wink ihrer Schweſter Emilie, Polniſcher Punſch. 305 welche ſich unter der Thür des Salons ſehen ließ, verſtan⸗ den, ſchlug ein allgemeines Spiel vor, woran auch die ältere Geſellſchaft Theil nehmen ſollte. Dies bezweckte, dieſelbe aus dem Salon heran zu ziehen, und während ſie dieſem Rufe folgend ſich langſam in Bewegung ſetzte, um zur jüngeren Generation zu ſtoßen, umkreisten hinten Herr Banquier Springer, ſowie der Hausherr die hartnäckig Zurückbleibenden, um ſie nach Art einer Schafherde, wenn auch nicht gerade durch Bellen und Beißen, vorwärts zu treiben. Nachdem dies gelungen, wurden die Portieren herabge⸗ laſſen, und während darauf im Salon ein unerhörtes Klap⸗ pern und Klirren von Tellern und Gläſern vor ſich ging, proponirte Clementine Weibel ein allgemeines Geſellſchaftsſpiel und lud den Grafen Czrabowski durch einen zärtlichen Druck auf den Arm ein, ſie dabei zu unterſtützen. Dieſer war auch ſogleich bereit dazu und rangirte die Geſellſchaft mit ungemeiner Energie in ſo weitem Kreiſe wie möglich, bei dem es aber doch ſo enge herging, daß eine Berührung mit den Nachbarn unvermeidlich war. Die innige blaſſe Kaufmannswittwe hatte es durch Gewandtheit und Aus⸗ dauer ſo weit zu bringen gewußt, daß ſie an die rechte Seite des Grafen gepreßt wurde, während dieſer ſelbſt neben dem Stuhle des Fräulein Clementine Weibel faſt ganz ver⸗ ſchwand. Herr Schilder ſaß auf Kohlen; es kochte eine ganze Hölle in ſeinem ſonſt ſo ſanften Herzen. Er ſah wie ungeheuer ver gnügt Clementine war, wie ſie über Alles lachte, ſogar über das, was die Kaufniannswittwe ſagte, die ſie ſonſt nicht aus ſtehen konnte; er ſah, wie ſie bei jedem dieſer heftigen Lachan fälle gegen den Stuhl des Grafen prallte, wie ſie dieſen dann Hackländer, Don Quixote. I. 20 Vierzehntes Kapitel. jedesmal um Verzeihung bat, und wie ihr dieſelbe dann auch mit dem ſüßeſten Lächeln gewährt wurde. Er blickte im Kreiſe umher nach einem Freunde, nach einem Helfer, und ſeine Blicke blieben abermals auf dem unbeweglichen Geſichte des Herrn Larioz haften, der hinter dem Stuhle Clementinens ſtand und mit einem eigenthümlichen Geſichtsausdruck auf das Paar niederſah. Daß es über alle Beſchreibung heiß in dem Zimmer war, brauchen wir wohl nicht zu ſagen; aber Niemand ſchien von der Hitze ſo angegriffen zu werden, wie der unglückliche Schil⸗ der; er athmete mühſam, der Schweiß rieſelte ihm von der Stirn, und dabei war er ſo zerſtreut und nur mit einem ein⸗ zigen Gedanken beſchäftigt, ſo daß, als ihm ſeine Nachbarin, eine wohlconditionirte Poſtſekretärstochter, im Laufe des Spieles den Grafen Czrabowski ſäenue er lauter, als gerade noth⸗ wendig war, hinausrief:„Hol' ihn der Teufel!“ Glücklicherweiſe unterbrach wenige Zeit nachher das Oeff⸗ nen der Portieren ſeine Tantalusqualen, um ihn anderen und nicht minder grauſamen zu unterwerfen. Das Souper be⸗ gann, und wie es ſich von ſelbſt verſtand, führte der Graf Clementine Weibel an einen der kleinen Tiſche, und ſo gern Herr Schilder ebenfalls dorthin gefolgt wäre, ſo hatte er doch nicht den Muth dazu; es war ihm noch ein Troſt, daß ſich die blaſſe Kaufmannswittwe von irgend einem Lieutenant eben⸗ falls dorthin führen ließ; denn er betrachtete dieſe mit rich⸗ tigem Gefühl als eine Art Hemmſchuh für die Beiden, als ein Etwas, das mit der Wirkung kalten Waſſers dazwiſchen trat, wenn ſich vielleicht im Laufe des verführeriſchen Geſprächs die Köpfe zu ſehr erhitzen ſollten. Es geſchah übrigens mit dem Gefühle der Verzweiflung, Polniſcher Punſch. 307 als Herr Schilder nach einer aufmunternden ſüßen Miene der Frau Rechtsconſulentin den Arm der Sekretärstochter ergriff und dieſelbe mit faſt ängſtlicher Haſt nach einem Tiſche ſchleppte, wo noch zwei Plätze frei waren, von denen aus man aber genau ſehen konnte, was an dem Tiſche, wo ſich der Graf und Clementine befanden, vorging. Der junge Fabrikant war um ſo unruhiger, als er um⸗ herſpähend Herrn Larioz vermißte, von dem er annahm— er wußte eigentlich ſelbſt nicht genau, weßhalb— daß der⸗ ſelbe mit ſeinen eigenen bitteren Gefühlen über den polniſchen Grafen harmonire. Der lange Schreiber war aber, wie er das bei Soireen im Hauſe ſeines Prinzipals zur Zeit des Soupers immer zu thun pflegte, in das Schlafzimmer der Kinder gegangen, wo er mit Fritzchen und Louiſen ſein beſcheidenes Nachteſſen ein⸗ nahm. Das Souper nahm indeſſen ſeinen gewöhnlichen Verlauf; die Felspartieen leiſteten das Uebermögliche, und man begriff kaum, wie ſie hierzu noch im Stande waren, da ſie noch vor einiger Zeit ſo furchtbare Verheerungen bei dem Theetiſche be⸗ werkſtelligt hatten; die Herren bedienten die Damen und die Damen wiederum die Herren; man trank ſich Geſundheiten zu, und Alle entwickelten einen guten Appetit mit Ausnahme des Herrn Schilder, der nicht nur faſt keinen Biſſen aß, ſondern auch auf die klarſten Fragen die unklarſten Antworten gab⸗ Dabei verwandte er kein Auge von dem Tiſche, an welchem Clementine Weibel ſaß, und wenn er auch nichts Beſonderes dort entdeckte, ſo kam es ihm doch vor, als brauche die junge Dame immer einige Vorbereitungen, wenn ſie ſich erheben wollte, um irgend etwas zu holen. Bierzehntes Kapitel. Nach dem Souper kamen abermals Spiele an die Reihe, und ſpät gegen Mitternacht ſollte die Soiree wie immer mit einem Punſche beſchloſſen werden. Auf die Anfertigung dieſes Punſches baute Herr Schilder einige kühne Hoffnungen; er glaubte darin Vorzügliches zu leiſten und wurde bei den mei⸗ ſten befreundeten Familien aufgefordert, ſich dieſem Geſchäfte zu unterziehen. Es war das ein Augenblick, fern von dem Geräuſche der Welt in der ſtillen Küche zugebracht, wo ſich ſchon Gelegenheit fand, ein freundliches Wort anzubringen. Je mehr die Zeit zu Anfertigung des Punſches heran nahte, um ſo näher hielt ſich Herr Schilder bei der Gruppe, wo Clementine Weibel ſaß, an ihrer Rechten der polniſche Graf, an ihrer Linken ein Lieutenant— eine Gruppe, bei der ſich auch die Kaufmannswittwe befand, ſowie Madame Springer, und wo es außerordentlich vergnügt und luſtig zuging. Nun iſt es aber für Jemand, der ſich in einer gedrückten Stimmung befindet, ſehr ſchwer, luſtig zu ſein. Die harm⸗ loſeſten, ja, heiter ſein ſollenden Aeußerungen kommen in ſol⸗ chen Augenblicken bitter und gereizt hervor, und ſelbſt das Lächeln, das man auf ſeinen Zügen ſehen läßt, erſcheint mehr wie ein Grinſen der Verzweiflung. Herr Schilder hatte ſonſt ganz gute Einfälle, aber heute wollte kein einziger gelingen; er kam ſich ſelbſt unbegreiflich fade vor und mußte es erleben, daß ſie, in deren Augen er ſo gern geglänzt hätte, ſich von ihm wegwandte, und daß allein der polniſche Graf ihm ein kleines Lächeln zollte, das aber ebenſo gut für ein Lächeln des Mitleids gelten konnte. Aber bei der Punſchbereitung, das nahm er ſich feſt vor, da wollte er der jungen Dame einige paſſende Worte ſagen. Polniſcher Punſch. 309 Mochte der Rechtsconſulent in dem Herzen des Fabri⸗ kanten leſen oder mochte er auch die lachende Gruppe gern geſprengt ſehen oder ſonſt ſeine Nebenabſichten haben— genug, er wandte ſich mit dem freundlichen Lächeln, welches die Lippen eines Hausherrn beſtändig ziert, an Clementine Weibel und ſagte ihr ziemlich laut, ob ſie nicht wie gewöhnlich dem Herrn Schilder helfen wolle, ſeinen ſo bekannten und vortrefflichen Punſch zu brauen. Clementine ſchaute im Kreiſe umher, das heißt ſie wandte nur ihren Kopf, ohne dabei mit den Augen die Blicke des intereſſanten Fremden zu verlaſſen, und ſagte:„Ach ja— mit Vergnügen.“ „Mein Freund, der Herr Schilder,“ ſetzte der Rechtscon⸗ ſulent händereibend hinzu,„iſt groß in der⸗Anfertigung des Punſches; er muß das Geheimmittel haben, denn wenn wir auch alle ſein Recept kennen, iſt doch Niemand im Stande, dieſes Getränk ſo wohlſchmeckend wie er anzufertigen.“ „Die Uebung, Herr Doktor, die Uebung,“ entgegnete der junge Fabrikant geſchmeichelt. Er fühlte ſich in dieſem Augen⸗ blicke überglücklich, doch wenigſtens etwas Anerkennenswerthes für die Geſellſchaft leiſten zu können. Wenn nur einiges Ge⸗ fühl in ihrem Herzen war, ſo mußte ſie ihm jetzt einen freund⸗ lichen Blick ſchenken, um ſo mehr, als ſich nun auch die Lieu⸗ tenants, ſowie der langhaarige Maler vernehmen ließen und eingeſtanden, daß ſie ſelten etwas Famoſeres getrunken als den Punſch des Herrn Schilder. Da nahm der herzerobernde Fremde das Wort und ſagte mit ſeiner affektirt ſanften Stimme, welche übrigens von den blitzenden Augen Lügen geſtraft wurde: „Auch ich werde mich ſehr erfreuen, ein Punſch von Herrn Bierzehntes Kapitel. Schilder's Fabrikation zu trinken— wirklich ſehr erfreuen, das Recept zu kennen; denn bis jetzt habe ich gedacht, wir allein ſeien im Stande, ein Punſch zu machen.“ „Das glaube ich auch wohl!“ rief eifrig der Maler. „Auf meinen Reiſen(er ſprach gern von ſeinen Reiſen, obgleich eigentlich Niemand wußte, welche Länder er bereist hatte,) traf ich mit vielen Ihrer Herren Landsleute zuſammen, die einige Mal das Ausgezeichnetſte in Punſch leiſteten.“ „Polen und Rußland,“ entgegnete ſtolz der Graf,„ſind eigentlich das Land der Pünſche.“ Als er das ſprach, überſchauerte es die blaſſe Kauf⸗ mannswittwe, und auch Clementine Weibel fühlte ſich ange⸗ nehm erregt.—„Pünſche“ hatte er geſagt, ach, und er ſprach dieſes Wort ſo deliciös aus!— Pünſche! Es klang das ſo weich, ſo wohllautend und doch wieder ſo melancholiſch.— O, es war ein einziger Menſch, der liebenswürdige Fremde, dachten drei Viertel der anweſenden Damen, und viele der⸗ ſelben, die ihn das zauberiſche Wort hatten ſprechen hören, ſpitzten ihren Mund und ſagten mit einem himmelnden Blick: „Pünſche— Pünſche!“ Da ſprach die alte ſtrenge Juſtizräthin wohl unbedachter Weiſe die ſchrecklichen Worte:„Es wäre wohl nicht unintereſſant, einmal einen polniſchen Punſch zu verſuchen.“ Und alsbald erklang es von allen Seiten:„Ach ja, Herr Graf, ein polniſcher Punſch!“ 1 Junge Damen, die heute Abend noch nicht des Glückes theilhaftig geworden, mit dem Helden der Geſellſchaft ein Wort zu reden, näherten ſich ihm mit flehend aufgehobenen Händen und ſprachen ſo begeiſtert, als hofften ſie ein Stůck⸗ Polniſcher Punſch. 311 chen Seligkeit zu erlangen:„Ach, bitte, bitte, beſter Graf, einen polniſchen Punſch!“ „Ein polniſcher Punſch!“ ſagte der langhaarige Maler beiſtimmend. „Ein polniſcher Punſch!“ meinte die Frau Rechtsconſu⸗ lentin, da ſie ſah, wie ihr Gemahl finſter die Lippen zu⸗ ſammenbiß. „Gewiß, ein polniſcher Punſch!“ ſprach auch Madame Weibel mit dem energiſchen Tone ihrer Stimme. Und„polniſcher Punſch, polniſcher Punſch!“ klang es wie Hohngelächter der Hölle in den Ohren des unglücklichen Herrn Schilder. Daß Graf Czrabowski dem allgemeinen Drängen nach⸗ gab, verſteht ſich von ſelbſt. Nur Clementine Weibel machte einige beſcheidene Einwendungen— Einwendungen, die den armen Fabrikanten vielleicht wieder etwas hätten aufrichten können, und wie die Liebe ſo gern zum Verzeihen geneigt iſt, ſo ſprach es ſchon in ihm:„O Gott, ſie will keinen polniſchen Punſch, ſie will am vaterländiſchen feſthalten!“ Da ſah er, mit welchen Blicken ſie dieſe Einwendungen begleitete, als ſie ſprach:„Aber, Mama, das geht ja nicht; der Punſch wird in der Küche gemacht, wir können den Herrn Grafen doch nicht in die Küche führen, in die Küche, wo es, wie du wohl weißt, am Abend einer Soiree nicht immer ſo ausſieht, wie es ſollte.“ Darauf nickte der Herr Graf mit dem Kopfe und ent⸗ gegnete lächelnd:„Ich werde nichts ſehen als“— der Blick, den er bei dieſen Worten auf das junge Mädchen warf, war wahrhaft mörderiſch—„als— als die Sachen, die wir zu dieſem Punſche gebrauchen.“ Da hierauf die Schwiegermutter befriedigt mit dem Kopfe 312 Vierzehntes Kapitel. nickte, eilte Clementine triumphirend in die Küche, um das Nothwendige herzurichten und dabei in der Geſchwindigkeit ſo viel aufräumen zu laſſen, als nur irgend möglich war. Obgleich ſie dicht bei Herrn Schilder vorbei kam, obgleich dieſer ſie mit ſeinen Blicken bannen zu wollen ſchien, ſah ſie ihn doch gar nicht; ſie dachte nur an die Küche, an den polniſchen Grafen und an den polniſchen Punſch.— Glück— liche Clementine! Wie der junge Fabrikant nach dieſem für ihn ſo entſetz⸗ lichen Auftritte aus dem Salon ins Wohnzimmer kam und von dort in das Eßzimmer gelangte, wo die Putzfrau mit Abräumen des Buffets beſchäftigt war, das wußte er eigent⸗ lich ſelbſt nicht. Er ging wie in dichtem Nebel und ſtreckte zuweilen ſeine Hände aus, als müſſe er ſich durch das Gefühl orientiren. Auch durch das Eßzimmer ging er und kam an die Thür zum Schlafzimmer der Kinder, die er öffnete und, vielleicht ohne es ſelbſt zu wollen, dort eintrat. Fritzchen und Louiſe ſaßen an ihrem Tiſche neben Herrn Larioz; dieſer hatte ein großes Buch vor ſich, worin ſich bunt⸗ gemalte Ritter zu Fuß und zu Pferde befanden, die er den Kindern erklärte. Bei dem Eintritt des Herrn Schilder blickte er in die Höhe und ſchien nicht einmal überraſcht, als er deſſen verſtörtes Geſicht ſah; er nickte bloß mit dem Kopfe und bot dem Eintretenden einen Stuhl, den dieſer auch annahm und ſich ſeufzend darauf niederließ. „Sind die Geſellſchaftsſpiele vorüber?“ fragte Herr La⸗ rioz, worauf der Andere antwortete:„Ja, es iſt Alles vor⸗ über.“ Dieſes„Alles“ ſchien der Schreiber ſo zu verſtehen, wie es Herr Schilder gemeint; denn er wandte ſeinen Kopf hin 7 Polniſcher Punſch. 313 und her und ſagte, nachdem er einen langen Blick auf den jungen Mann geworfen:„Ja, ja, die Welt liegt ſehr im Argen; man muß aber nicht Alles ſo ſchwer nehmen.“ „Ja, wenn man's nur leicht nehmen könnte! Es iſt eigentlich närriſch von mir, nicht wahr, daß ich die Geſellſchaft verlaſſe und Sie hier in Ihrer ſtillen Einſamkeit überfalle? Ich weiß auch nicht, wie das gekommen iſt; ich wollte nur dem polniſchen Punſch aus dem Wege gehen.“ „Dem polniſchen Punſch?“ fragte Herr Larioz und blickte in die Höhe. „Ach ja, Herr Graf Czrabowsli thut der Geſellſchaft die Ehre an, in der Küche mit Fräulein Clementine einen polni⸗ ſchen Punſch zu brauen.“. „Ah ſo, ah ſo!“ erwiderte Herr Larioz und ſchaute gedan⸗ kenvoll nach der Thür, aber nicht nach der, zu welcher Herr Schilder eingetreten war. „Tante iſt in der Küche,“ ſagte Louiſe,„da will ich ihr helfen gehen.“ „Ich auch,“ meinte Fritzchen. Und beide Kinder waren im Begriff, von ihren Stühlen herab zu ſteigen. Der lange Schreiber blickte fragend auf ſein Gegenüber, und Herr Schilder wollte ſchon ziemlich er⸗ leichtert ſagen:„Thut das, Kinder,“ als er den Blicken des Anderen begegnete und darin etwas zu leſen ſchien, was er erſt dann verſtand, als Herr Larioz nun mit großer Ruhe ſprach:„Man muß in der Welt klar ſehen, das iſt die Haupt⸗ ſache— bleibt nur da, Kinder, ihr würdet draußen nur geniren.“ Hätte das jeder Andere im Hauſe geſagt, ſo würden die Kinder erſt recht in die Küche gegangen ſein; aber vor dem 314 Vierzehntes Kapitel. großen ernſten Manne hatten ſie einen ſo außerordentlichen Reſpekt, daß es nur eines Wortes von ihm bedurfte, um ſie zum Gehorſam zu zwingen. Wenn Herr Schilder den Blick des Schreibers verſtan— den hatte, ſo wußte dieſer auch genau, was die Angſt bedeuten ſollte, mit welcher der Fabrikant nach der Thür ſchaute, die nicht einmal feſt verſchloſſen war und die auf den Hausflur und von da in die Küche führte. Dabei dachte Herr Larioz: Es iſt doch Alles Lug und Trug in der Welt, keine Auf⸗ richtigkeit und Chrlichkeit mehr zu finden! Habe ich doch ſelbſt geſehen, wie die da draußen zuerſt mit dem vortrefflichen Schil⸗ der ſüße Blicke gewechſelt, dann es ebenſo mit ein paar Lieute⸗ nants gemacht, ſowie mit dem langhaarigen Maler, und jetzt braut ſie in der Küche einen polniſchen Punſch!— O, über dieſe Welt! Er blickte, wie er oft zu thun pflegte, vor ſich hin und ſchaute weit, weit in andere Sitten und andere Zeiten.— „Sollte man nicht ſein Schlachtroß beſteigen?“ murmelte er in ſich hinein;„ſollte man nicht ſein gutes Schwert ziehen und, ſich deckend mit dem feſten Schilde, hinein ſprengen in das elende Gewimmel, das da unter unſeren Füßen ſeine un⸗ ſauberen Fäden zieht?— Ja, bei Gott und San Jago! Das ſollte man thun, aufdecken alle die Heimlichkeiten, ſo viel es möglich iſt, und Lug und Trug zerſtören.“ Darauf athmete er tief auf und ſagte mit ruhiger Stimme: „Ich werde mir in der Küche ein Glas Waſſer holen.“ Herr Schilder nickte befriedigt mit dem Kopfe und folgte dem langen Schreiber mit dankbaren Blicken, der ſich nun langſam erhob, die Thür weit öffnete und hinaus ſchritt. Unterdeſſen waren Clementine und der Graf Czrabowski Polniſcher Punſch. 315 mit der Anfertigung des polniſchen Punſches beſchäftigt. Ba⸗ bette hatte alle Ingredienzien auf den Küchentiſch geſtellt und ſich dann pflichtſchuldigſt entfernt. Die Beiden waren allein in dem halb dunkeln, räucherigen Gemach, und nur dumpf hörte man aus den Geſellſchaftszimmern das Lachen und Plau⸗ dern der Gäſte; doch machten dieſe immer noch einen ſolchen Lärm, daß es jedes andere Geräuſch übertönte. Clementine zerſchnitt Orangen, drückte ſie in die Suppen⸗Terrine aus, und der Graf ſagte:„Ach, welch deliciöſer, wunderbarer Ge⸗ ruch das iſt! Man glaubt im ſchönen Süden zu ſein, in Italien, wandelnd in Myrten⸗ und Orangenwäldern.“ „Sie waren in Italien?“ fragte ſie. „Ja und nein,“ gab er zur Antwort; dann ſetzte er mit einem Seufzer hinzu:„Ich war allein da, und allein umher irren, ohne ein Herz, das im Stande iſt, uns zu verſtehen, ohne Jemanden, der zu uns ſpricht: Ach, wie iſt das ſo ſchön! — da zählt eine ſolche Reiſe gar nicht.“ „Ach, ich glaube das,“ entgegnete Clementine ſeufzend und wandte ihren Kopf ein wenig herum, worauf ſie faſt er⸗ ſchrak, als ſie dicht vor ſich die blitzenden Augen des Frem⸗ den erblickte. „Nur zu Zwei kann man genießen,“ fuhr dieſer fort, ſetzte aber gleich darauf in leichterem und gefälligem Tone hinzu:„Warum dieſe Melancholie, die mich ſo oft und ſchmerz⸗ lich überfällt, vor Ihnen zeigen, mein ſchönes Fräulein? Was kümmert uns die Vergangenheit, was kümmert uns Italien? Iſt doch die Gegenwart ſo wunderſchön!“ Er ſtand ſehr dicht bei dem jungen Mädchen, als er das ſprach. „Aber was machen Sie?“ fuhr er nach einer kleinen Bierzehntes Kapitel. Pauſe fort, als er ſah, daß Clementine ihre vom Orangenſaft naſſen Finger an einem Küchenhandtuch abtrocknen wollte. „Welche Verſchwendung, dieſe köſtlichen Tropfen!“ Raſch hatte er ein feines Battiſttuch hervorgezogen und warf es leicht und gewandt über die beiden Hände des jun⸗ gen Mädchens, ergriff dieſelben und bemühte ſich mit manchem Druck, die Stelle des Küchenhandtuches zu verſehen. Es war das ein etwas gefährliches Manöver, und Clementine athmete tief und ſchwer auf, das Blut ſchoß ihr ins Geſicht und ihre Augen flammten. Der Graf hatte ſein Tuch ſorgfältig wieder abgewickelt, brachte es dann an ſeinen Mund und ſchien begierig, den Duft der Orangen einzuſaugen.„Sehen Sie,“ ſagte er dar⸗ auf,„was Sie hinweg werfen wollten, hat mich für mehrere Tage glücklich gemacht— für mehrere Tage, denn noch lauge wird mich der Duft dieſes Tuches an einen ſeligen Augenblick erinnern.“. Clementine war unruhig, ihre Hand zitterte, als ſie nun eine der Flaſchen emporhob, um die Flüſſigkeit auf den Oran⸗ genſaft und den Zucker zu gießen. „Ich muß Sie unterſtützen,“ ſprach der Graf mit leiſer, ſchmeichelnder Stimme,„das iſt Ihrer Hand zu ſchwer.“ Da⸗ mit legte er ſeinen linken Arm um ihre Taille, aber nur in der Abſicht, um mit den Fingerſpitzen ihre Hand zu halten, die wirklich auffallend zitterte. Die zweite Flaſche goß er ſelbſt in die Terrine, aber mit ſeiner rechten Hand, denn ſein linker Arm war beſchäftigt. „Wie das betäubend iſt!“ ſagte das junge Mädchen, nachdem ſie ſich einen Augenblick tief auf die ſtark duftende Flüſſigkeit hinabgebeugt.—„Ach, ſo betäubend!“ Polniſcher Punſch. 317 Auch er war ihrem Beiſpiele gefolgt und hatte den Kopf niedergeſenkt, ſo tief, daß ſeine Lippen ihr Haar berührten. „O, man kann das nicht lange aushalten,“ fuhr Clemen⸗ tine fort, nachdem ſie ein paar Sekunden in dieſer Stellung verharrt.„Das verwirrt ordentlich die Sinne. Ah!“ machte ſie und warf ihren Kopf heftig zurück. Da er in dieſem Augenblicke nicht das Gleiche that, ſondern nur ſein etwas bleiches Geſicht gegen das glühende des jungen Mädchens wandte, ſo war es von ihrer Seite wirklich ganz abſichtslos und unwillkürlich— wir wollen das wenigſtens annehmen,— daß ſich ihre Lippen fanden und auch ſogar einen kleinen Moment in dieſer Bewegung verharrten. Da hörten die Beiden eine tiefe Stimme hinter ſich ſagen: „Das iſt alſo ein polniſcher Punſch?“ So überraſcht werden iſt immer eine höchſt mißliche Sache; es gibt da freilich allerhand Auswege, aber ſie ſind nicht im⸗ mer mit Vortheil anzuggenden; man kann die Sache höchſt gleichgültig nehmen, als habe der, welcher uns überraſcht, mit ſeinen vielleicht ſehr vortrefflichen Augen ſich doch nur geirrt; doch gehört dazu eine außerordentliche Frechheit, die nicht Jeder beſitzt; man kann die Geſchichte in Lachen verkehren; ſie kann es für einen etwas albernen und unziemlichen Scherz declari⸗ ren; doch bedarf es dazu einer Geiſtesgegenwart, die in dieſem Umfange ebenfalls nicht Jedermanns Sache iſt; man kann mit einem Schrei aus einander fahren, der eine Theil kann ſich flüchten, der andere mit einem gewiſſen bekannten Geſichtsaus⸗ druck überraſcht ſtehen bleiben, und das iſt die gewöhnliche Löſung ſolcher verdrießlichen Rencontres; aber es iſt ein bis⸗ chen compromittirend.— Der Graf und Clementine, eigentlich ſie allein, behan⸗ 318 Vierzehntes Kapitel. delten die Sache auf die letzt angegebene Art; er hätte viel⸗ leicht zum erſten oder zweiten Auskunftsmittel ſeine Zuflucht genommen; da aber das junge Mädchen mit einem lauten Schrei von der Küche in die Speiſekammer flüchtete, ſo blieb ihm nichts übrig, als ziemlich verblüfften Angeſichts die ſtrenge Miene des langen Mannes anzuſchauen, den er vorhin im Geſellſchaftszimmer in der Fenſterecke geſehen, und deſſen Züge ihm ſchon damals nicht beſonders gefallen. „Das iſt alſo ein polniſcher Punſch, Herr— Graf?“ wiederholte der Eingetretene, indem er mit der rechten Hand den armen Herrn Schilder abwehrte, der ſich erregt vordrän⸗ gen wollte, obgleich er nicht alles geſehen, was der Schreiber erſchaut. Graf Czrabowski hatte übrigens im nächſten Augenblicke ſeine Faſſung wieder gewonnen und verſuchte es, ſich aus der Affaire zu ziehen. Doch ſchüttelte Herr Larioz mit einem verächtlichen Geſichtsausdruck ſeinen Kopf und ſagte:„Das mag anderswo gebräuchlich ſein, auf ſolche Art mit jungen Mädchen Punſch zu brauen; bei uns in anſtändigen Häuſern aber denkt man, es ſei ſehr frech, ſich ſo zu benehmen.“ „Ja, ſehr frech,“ ſprach auch zitternd vor Zorn Herr Schilder, der ſich nun gewaltſam vordrängte und dicht vor den intereſſanten Fremden hintrat.—„Sehr frech, ich wiederhole es und will es zehn Mal wiederholen, und ſo laut als ich kann.“ Leider that er das Letztere in vollem Umfange, ſo daß ſich Herr Larioz veranlaßt ſah, ihn um Mäßigung zu erſuchen. Und daran hatte der Schreiber Recht, denn wer bei ſolchen Veranlaſſungen anfängt zu ſchreien, gibt ſich eine Blöße, die ein geſchickter Gegner gleich zu benutzen verſteht. Polniſcher Punſch. 319 Und ein ſolcher Gegner war der Herr Graf Czrabowski; er fuhr lächelnd durch ſein Haar, er drehte lächelnd an ſeinem zugeſpitzten Schnurrbart, er ſagte lächelnd:„Das nenne ich Gaſtfreundſchaft, einen einzelnen harmloſen Fremden ſo zu überfallen!“ Hätte nur zuerſt Clementine und nachher Herr Schilder nicht ſo laut geſchrieen! Aber in den Geſellſchaftszimmern war es mit einem Male ſehr ſtill geworden, und jetzt öffnete ſich die Thür vom Salon auf den Gang, und Madame Weibel ſchlich heraus, welcher ihr Schwiegerſohn mit gerun⸗ zelter Stirn folgte. Die Beiden traten in die Küche; Niemand wagte eine Frage zu ſtellen, man ſah ſich erſtaunt an. Herr Larioz ſtand mit hoch erhobenem Kopfe an der Thür, Herr Schilder haſchte nach Athem, während er ſeine beiden Hände krampfhaft ſchloß und öffnete; der Graf ſpielte verlegen mit ſeiner Uhrkette, und Clementine war verſchwunden. Die Schwiegermutter war die Erſte, welche ihren Mund öffnete und fragte:„Wo iſt meine Tochter?“ Ein paar Sekunden lang antwortete Niemand, dann ſagte Herr Schilder, indem er heftig ſchluckte:„Sie hat ſich, als wir in die Küche traten, dort in die Speiſekammer geflüchtet.“ „Geflüchtet?“ rief Madame Weibel, und ſie legte einen Ausdruck auf dieſes Wort, der offenbar ſagen wollte:„Seit wann findet ſich ein Mitglied der Familie Weibel in die Nothwendigkeit verſetzt, ſich zu flüchten?“— Und dann fuhr ſie fort, indem ſie ihre ſpitze Naſe gegen den langen Schreiber richtete:„Was haben Sie eigentlich in meiner Küche zu ſuchen?“ Vierzehntes Kapitel. „Was ich dort ſuchte, habe ich gefunden,“ entgegnete Herr Larioz mit großer Ruhe. Der Rechtsconſulent hatte bis jetzt kein Wort geſprochen, nur hatte er ſämmtliche Anweſende mit ſtrengem Blicke betrach⸗ tet, der ſich aber in einen ängſtlichen verkehrte, als er hinter ſich die Salonthür geöffnet und das Geſicht der blaſſen Kauf⸗ manns⸗Wittwe ſah, die neugierig heraus horchte. „Gehen wir hinein,“ ſprach er eilig,„gehen wir alle hinein— dummes Zeug! Ich bitte, meine Herren, gehen wir hinein!“ „Und Fräulein Clementine?“ fragte Herr Schilder einiger⸗ maßen zur Unzeit. „Laſſen Sie meine Tochter, wo ſie iſt,“ ſagte ſtreng Madame Weibel.„Und Sie,“ wandte ſie ſich an Larioz, „haben doch wohl gehört, was Ihnen mein Schwiegerſohn be⸗ fohlen? Machen Sie, daß Sie aus meiner Küche fortkom⸗ men,— Sie—!“ Dieſes„Sie“ war mit einem ſo giftigen Blicke begleitet, daß jeder Andere unfehlbar davor zurückge⸗ wichen wäre. Der lange Schreiber aber, der dieſen Blick kannte und nicht fürchtete, zuckte lächelnd die Achſeln und ſprach zu Herrn Schilder:„Kommen Sie, ſonſt haben wir Beiden noch das größte Unrecht begangen.“ „Das haben Sie auch,“ entgegnete ungemein erbost die Schwiegermutter; denn ihrem geübten Verſtande war es ſchon im erſten Augenblicke klar geworden, um was es ſich handelte. „Was haben Sie an Küchenthüren zu horchen und Andere noch dazu zu veranlaſſen!“. Der Rechtsconſulent, der klüger war und ruhigeres Blut' beſaß, als ſeine Schwiegermutter, wollte ſich begütigend ins Polniſcher Punſch. 321 Mittel ſchlagen, doch war es zu ſpät. Clementine, die jedes Wort verſtanden hatte, und der es in der Speiſekammer anfing zu eng und unbehaglich zu werden, glaubte den Zeitpunkt gekommen, wo ſie mit einigem Eclat ſiegreich hervorbrechen könne. Und das that ſie denn auch; ſie ſtürzte weinend an den Hals ihrer Mama, indem ſie ſagte:„Ach ja, es iſt nur die helle Bosheit von dem Schreiber, er hat an der Küchenthür gelauſcht und uns abſichtlich erſchreckt.— O, das iſt ſchändlich.“ „Ja, es iſt ſchändlich,“ murmelte der polniſche Graf, der bis jetzt für gut befunden hatte, ſtillſchweigender Zuſchauer zu ſein. „Ja, ſehr ſchändlich!“ ſprach die Schwiegermutter mit Pathos.„Schändlich über alle Beſchreibung— Sie langer, nichtsnutziger Menſch!“ Es war gut, daß der Rechtsconſulent in dieſem Augenblicke ſeine Hand auf den Arm des Herrn Larioz legte und ihm ernſt⸗ lich ſagte:„Ich wünſche jetzt Ruhe, wir wollen das morgen unterſuchen,“— worauf der Schreiber einen tiefen Athemzug that und ſich dann verneigte. Leider hatte die Toilette des Fräuleins Clementine Weibel in der rauchigen Speiſekammer einigen Schaden gelitten, was nicht dazu beitrug, die gute Laune der beiden Damen zu er⸗ höhen. Clementine wollte in ein fortgeſetztes Weinen verfallen, was ſich aber der Rechtsconſulent verbat, indem er ſie erſuchte, ihre Toilette ſo gut als möglich zu corrigiren und dann zur Geſellſchaft zurückzukehren. Er zitterte, wenn er daran dachte, daß man drinnen Vermuthungen ſchöpfen könne, oder daß die blaſſe Kaufmanns⸗Wittwe etwas verſtanden. Deßhalb ſagte er mit ſehr eindringlicher und feſter Stimme, obgleich er ganz Hackländer, Don Quixote. I. 21 1 —ͤ 4 322 Vierzehntes Kapitel. leiſe ſprach, zu Madame Weibel:„Frau Schwiegermutter, Sie mögen zufälliger Weiſe anderer Anſicht ſein, aber ich erſuche Sie dringend, in den Salon zurückzukehren und den Leuten drinnen, die wahrſcheinlich die Köpfe zuſammen ſtecken, irgend etwas Glaubwürdiges zu erzählen. Oder wollen Sie“— ſetzte er mit zuſammengebiſſenen Zähnen hinzu—„morgen ein Stadtgerede haben, das vielleicht der Wahrheit ſehr nahe kommt?— Bitte, ſagen Sie mir ſpäter Ihre Meinung, aber jetzt gehen Sie.“ Eine Sekunde lang maß ihn die erzürnte Dame von oben bis unten, und dann ſagte ſie:„Gut, Herr Schwiegerſohn, das Maß iſt überfüllt.“ Damit rauſchte ſie hinaus. „Und Sie, Herr Graf,“ wandte ſich der Hausherr mit höflichem, aber trockenem Tone an den etwas verblüfft daſtehen⸗ den intereſſanten Polen,„darf ich Sie wohl bitten, zur Ge⸗ ſellſchaft zurückzukehren?“ „Wenn Sie mir erlauben, Herr Doktor,“ entgegnete der Fremde nach einer Pauſe, wobei er den Verſuch machte, einen Blick von Clementinen aufzufangen, die aber kluger Weiſe das Taſchentuch vor die Augen hielt,„ſo ziehe ich mich heute Abend zurück und werde mir morgen erlauben, Sie zu beſuchen, um eine kleine Erklärung über die eben gehabte Scene entgegen zu nehmen.“ Er warf den Kopf etwas ſtolz in die Höhe, und Herr Larioz zuckte bedeutſam mit dem rechten Arm. Nach einem abermaligen vergeblichen Verſuche, einen Blick von dem jungen Mädchen zu erhalten, ſetzte er ſeufzend und mit Beziehung hinzu:„Nach dem, was ich heute Abend erlebt, iſt mir Stille und Ruhe angenehm.“ Polniſcher Punſch. 323 Damit machte er dem Hausherrn eine Verbeugung, ging hinaus, ließ ſich von der lauſchenden Babette Paletot und Hut geben und verſchwand. Zweimal zuckte Clementine zuſammen und ſchien im Be⸗ griffe, das Tuch von ihren Augen zu entfernen, um ihm einen Blick nachzuſenden, doch ſiegte ihre Klugheit, und ſie vergrub ihren Kopf noch tiefer in die Hände. „Wir wollen morgen weiter darüber ſprechen,“ ſagte als⸗ dann der Rechtsconſulent zu ſeinem Schreiber;„gehen Sie noch eine kleine Weile zu den Kindern oder—“ „Nach Hauſe, ich verſtehe,“ erwiderte lächelnd Herr Larioz, indem er ſich umwandte, um noch für einen Augenblick in das kleine Schlafzimmer zu treten. Das, was er geſehen und ge⸗ hört, hatte ihn tief erſchüttert; er hatte es nicht für möglich gehalten, daß man ſo Recht in Unrecht verwandeln könne. Ja, ſprach er ſeufzend, die Welt iſt voll Argliſt und Trug, und es gehört ein langer Kampf und ein kräftiger Arm dazu, um daraus ſiegreich hervor zu gehen. Aber Sieg oder Unter⸗ gang, das iſt meine Loſung.— Und ich kann einmal dieſem finſteren Getreibe nicht zuſchauen, ohne hinein zu ſprengen und „Licht und Recht“ rufend, die Gegner mit geſchloſſenem Viſir nieder zu ſtoßen.— Gott und San Jago werden mir helfen. Herr Schilder war mit Clementinen allein in der Küche zurück geblieben. Ob der Rechtsconſulent den Fabrikanten ab⸗ ſichtlich nicht in den Salon genöthigt, wiſſen wir nicht anzu⸗ geben, aber wir vermuthen es. Er ſtand zwiſchen der Thür und dem Küchenſchranke und betrachtete ziemlich verlegen die Nägel ſeiner Finger; ſie war in der Nähe des Anrichttiſches, wo ſich noch der halb fertige Punſch befand, und ſchluchzte lauter als vorhin. Daneben vernahm man das Ziſchen des ———õxꝛ b V 324 Bierzehntes Kapitel. kochenden Waſſers in dem Keſſel auf dem Feuer, der zuweilen vergnügt ſeinen Deckel lüftete, als wollte er ſagen: Schaut nur daher, mein Waſſer kocht ſchon lange, wollt ihr es nicht auf⸗ gießen zur Freude der dürſtenden Menſchheit? Trotzdem, daß Clementine in Schmerz verſunken zu ſein ſchien, hatte ſie doch Faſſung genug, um genau zu überlegen, wie die ziemlich verfahrene Sache noch zum Beſten zu lenken ſei. In Fragen wie die vorliegende verzweifelt ein Mädchen⸗ herz ſelten, und auch Clementine ſchöpfte Hoffnung in dem wirklich kummervollen Blicke, mit dem der junge Fabrikant ſie betrachtete, was zu bemerken ihr Raum genug blieb zwiſchen Finger und Schnupftuch.— Was thund ſich in eine Erklärung einlaſſen? den Feind langſam mit Worten angreifen?— Das konnte vielleicht zu einer augenblicklichen Verſöhnung führen; aber Clementine wollte mehr; ſie fürchtete ſich vor dem Gerede der Welt, ſie ſah den einzigen Weg, auf dem es ihr gelingen konnte, ihre Feinde nicht nur zum Schweigen zu bringen, ſon⸗ dern auch vor Neid vergehen zu machen. Aber dieſer Weg, der allein zu einem glücklichen Ziel führen konnte, beſtand in einer förmlichen Ueberrumpelung des ziemlich wehrloſen Fein⸗ des, und muthig wie ſie war, beſchloß ſie dieſe Ueberrumpelung. Nach einem lauten Schluchzen und nach einer Attitude, bei der ſie das Geſicht mit empor gehobenen Händen gegen die rauchige Decke der Küche wandte, warf ſie ſich ſchmerzbewegt und wie aufgelöst vor Kummer gegen den erſtaunten Fabri⸗ kanten, der die Wahl hatte, ſie entweder vor ſich auf den Bo⸗ den niedergleiten zu laſſen oder in ſeinen Armen aufzufangen. —— Er that das Letztere; ja, er that noch mehr: er wandte ſeinen Blick nicht ab, ſondern er ſchaute dem ſchönen Mädchen in die von Thränen glänzenden gefährlichen Augen, Polniſcher Punſch. 325 die ſie von unten herauf ſchmachtend auf ihn richtete; auch ver⸗ ſchloß er ſeine Ohren nicht, ſondern er nahm ihre Worte, ob⸗ gleich ſie ihm wie ein ſüßes Gift erſchienen, in ſein Herz und —— war verloren. „Und Sie konnten glauben,“ ſchluchzte ſie mit einem ſehr gut gemachten krampfhaften Zittern ihres Körpers,„was Ihnen ſchlechte Menſchen zugeflüſtert?— Sie, dem ich ſo viele Be⸗ weiſe meiner—— Freundſchaft gegeben?— Sie konnten mich verdammen?— Sie, an deſſen Urtheil mir ſo viel liegt? —,O, wie iſt die Welt ſo ſchlecht!“ Bei den letzten Worten machte ſie einige ſchwache An⸗ ſtrengungen, ſich los zu winden, doch der arme Herr Schilder, wie eine Fliege im Netz der klugen Spinne gefangen und ſich freuend über ſeine Gefangenſchaft, hielt ſie feſt und feſter, ja, er wagte es, ſeinen Kopf hinab zu beugen und ſie auf die Stirn zu küſſen. Wie ſchreckhaft zuckte ſie zuſammen! Wie war ihm dieſes ſchreckhafte Zuſammenzucken ein ſicherer Beweis, daß ſich der lange Schreiber vorhin geirrt und daß dieſes Mädchen nicht im Stande ſei, ſich von einem hergelaufenen Grafen bei der Zubereitung eines polniſchen Punſches küſſen zu laſſen! Ja, er fühlte ſich außerordentlich glücklich, ſein Herz ſchlug ſchneller, und er ſagte mit bewegter Stimme:„Seien Sie ruhig, Clementine, es war ja nur meine Liebe zu Ihnen, die mich hieher trieb, und nur an Sie will ich glauben, wenn ich ſo glücklich ſein darf, Ihre Gegenliebe zu erhalten.“ Da wand ſie ſich leicht aus ſeinen Armen, ſchaute ihn mit einem unausſprechlichen Blicke an und lispelte ſanft er⸗ röthend— wir können nicht anders, als uns in dieſem ſchönen Augenblicke des Romanſtyls zu befleißigen— ſie wand ſich alſo aus ſeinen Armen, ihr Blick war unausſprechlich, ſie, er⸗ —— 326 Vierzehntes Kapitel. röthete und lispelte die bedeutungsſchweren Worte:„Sprechen Sie mit meiner Mutter!“ Damit entſchlüpfte ſie ins Nebenzimmer, wo Babette ſchon lange bereit ſtand, um die Toilette der jungen Dame, ſo viel es thunlich war, wieder in Ordnung zu bringen. Herr Schilder blieb am Anrichttiſche ſtehen; er lächelte vergnügt in ſich hinein, er ſchaute rechts, er ſchaute links, er ſchaute in die Höhe, er ſchaute vor ſich nieder, und als er Letzteres that, blickte er hinab in die Suppenterrine, wo der polniſche Punſch unzubereitet geblieben war. Gott ſei Dank, ſprach er zu ſich ſelber, daß der nicht fertig geworden iſt! Verſuchen wir, ob er am den koſtbaren Ingredienzien nichts ver⸗ dorben, und wenn wir nichts Verdächtiges finden, ſo machen wir ſiegreich ein harmloſes deutſches Gebräu. Nachdem er hierauf mit dem Löffel gekoſtet, noch etwas Pomeranzenſaft und Rum dazu gethan, da die Beiden zu viel Zucker hinein gemiſcht, goß er eigenhändig das dampfende Waſſer in die Schüſſel und erfreute ſich hierauf an dem wür⸗ zigen Duft, der in ſeine Naſe ſtieg. Der Punſch war fertig, Babette trug ihn ins Zimmer, und Herr Schilder ſchritt hinterdrein, erhaben, im Gefühle ſeines Sieges, ſüß lächelnd, Glück und Freude ſtrahlend. Die Gäſte, vor allen die blaſſe Kaufmannswittwe, wußten nicht, was ſie glauben ſollten. Wohl hatte man einiges gemur⸗ melt von dem Auftritt in der Küche, was der Wahrheit ziem⸗ lich nahe kam, doch war das Ausſehen der Betreffenden ſo ganz anders, als man erwartet hatte. Der Rechtsconſulent trug ſein gewöhnliches Geſellſchafts⸗ lächeln zur Schau, und Madame Weibel hatte Geiſtesgegen⸗ wart genug, ein paar vertrauten Freundinnen zu verſichern, Polniſcher Punſch. 327 daß man ſich ſelbſt in der geordnetſten Haushaltung nicht immer auf ſeine Mägde verlaſſen könne.„Die Babette,“ ſagte ſie,„iſt ſonſt wirklich eine ganz brauchbare Perſon, aber ſorg⸗ fältig nach den Etiquetten auf den Flaſchen zu ſehen, das hält auch ſie für überflüſſig.“— Nur daß der polniſche Graf nicht wieder kam, war die einzige Klippe, an welcher das Lä⸗ cheln des Hausherrn, ſowie die Geiſtesgegenwart der Schwie⸗ germutter zu ſcheitern drohte. Glücklicher Weiſe erſchien in dieſem Augenblicke, wie wir ſchon vorhin geſagt, Babette mit der Punſchbowle und Herr Schilder mit freudeſtrahlendem Geſichte; glücklicher Weiſe, wiederholen wir, ging Herr Schilder auf Madame Weibel zu und ſagte ihr leiſe einige Worte, welche die alte würdige Dame mit einigem Erſtaunen, aber mit einem Erſtaunen des Stolzes und der Freude zu vernehmen ſchien. Sie machte ein wehmüthig verklärtes Geſicht, reichte dem jungen Fabri⸗ kanten die Hand und ſprach alsdann zur Juſtizräthin, die einigermaßen finſter darein ſchaute und der es durchaus nicht gefallen wollte, daß in einem Hauſe, welches ſie mit ihrer Gegenwart beehrte, unerklärliche Dinge vorkommen ſollten: „Sehen Sie, ſo ſind dieſe jungen Leute; läßt man ſie nur eine Minute allein, ſo paſſirt immer etwas.“ „Es paſſirt etwas?“ fragte lauernd die Gerechtigkeit. „Ja, ſtellen Sie ſich vor, Frau Juſtizräthin,“ entgegnete Madame Weibel, ſich umſchauend, mit ſo lauter Stimme, daß es wenigſtens ein Dutzend der nah und fern Stehenden hören konnte,„da hat dieſer böſe Schilder den Augenblick benutzt, um meine Tochter Clementine in der Küche um ihr Jawort zu bitten.“ „Ah!“ machte die Juſtizräthin enttäuſcht, denn auch ſie 328 Bierzehntes Kapitel. hatte eine hoffnungsvolle Tochter, mit welcher der junge Fa⸗ brikant ſchon öfters ſehr freundlich geſprochen. Ah!“ machte es rings im Kreiſe, und man ſah gezwun⸗ genes Lächeln und lange Geſichter. Nur das Ahl der blaſſen Kaufmannswittwe war ein Laut der Freude und klang, als wenn ihr eine Centnerlaſt vom Herzen rolle.— Alſo nicht der ſchöne polniſche Graf! Dann wurde von allen Seiten gratulirt, und ein wohl⸗ genährter Kanzleidirektor, der Junggeſelle war und eine gute Tafel liebte, ſagte ſchmunzelnd:„Eine Verlobung in der Küche iſt ein gutes Omen; ich werde häufig bei Ihnen ſpeiſen, lieber Schilder.“ Herr Larioz hatte ſich unterdeſſen noch für einen Augen⸗ blick in das Kinderzimmer zurückgezogen; er wollte nicht ſo aus dem Hauſe fortſtürzen, wie es der polniſche Graf ge⸗ than; er war ſich ſeines Rechtes bewußt, und es kochte in ihm, wenn er bedachte, daß der Trug und die Unredlichkeit dieſer Welt wieder einmal den Sieg davon tragen ſolle. Es that ihm weh, was er erlebt, und er mußte ſich zu einem Lächeln zwingen, als die Kinder freundlich auf ihn zuſpran⸗ gen und wiſſen wollten, warum man in der Küche ſo laut geſprochen. Ja, obgleich es ihm lieber geweſen wäre, wenn er, um ſeiner düſteren Gedanken Herr zu werden, mit großen Schritten hätte im Zimmer auf⸗ und abſpazieren können, ſo mußte er ſich doch von Fritzchen und Louiſen auf einen Stuhl niederziehen laſſen, um ihnen einige der fabelhaften Geſchichten zu erzählen, die ſie ſo gern hörten und die er auch in ruhigen Augenblicken gern zu erzählen pflegte, von tapfern Rittern, die hoch zu Roß, ihr gutes Schwert in der Hand, ehemals Polniſcher Punſch. 329 im Lande umher zogen, um Drachen zu tödten und gefangene Königstöchter zu befreien. Er hatte gerade eines der eben erwähnten Ungeheuer ſo genau als möglich, beſchrieben, als ſich die Nebenthür öffnete und Madame Weibel mit der Rechtsconſulentin eintrat; letz⸗ tere trug auf einem Teller zwei kleine Gläſer Punſch für die Kinder. Das Auge der Schwiegermutter verfinſterte ſich, als ſie den Schreiber bemerkte, und Madame Emilie ſchien durch ihren eigenthümlichen Blick fragen zu wollen: Verſtehſt du dieſe Frechheit, noch da zu bleiben? „Herr Larioz erzählt uns eine ſchöne Geſchichte,“ ſagte Louiſe, die noch nichts von eigenthümlichen Blicken verſtand. „Gerade als du herein kamſt, Großmama,“ ſetzte das Bübchen hinzu,„hat er von einem prächtigen Drachen erzählt. Eine ſchöne Geſchichte!“ „Die jetzt wohl aus iſt?“ entgegnete Madame Weibel in ſchneidendem Tone. Worauf Herr Larioz ſehr ruhig antwortete:„Ja, Madame, ſie iſt vollkommen zu Ende.“ Damit erhob er ſich, um nach der Fenſterniſche zu gehen, wo ſein Hut ſtand. Madame Weibel ſchaute ihm mit einem finſteren Blicke nach und meinte, halb zu ihrer Tochter gewandt:„Die Ge⸗ ſchichten in dieſem Hauſe hätten ſchon lange aufhören müſſen, wenn dein Mann ein geſcheidter Mann wäre, oder“— ſetzte ſie achſelzuckend hinzu—„wenn gewiſſe Leute einſähen, wie überflüſſig ſie ſind.“ Herr Larioz fuhr ruhig mit der Hand über ſeinen Hut, und verſetzte:„Es iſt aber leider nicht Jedermann gegeben, ſein Ueberflüſſigſein einzuſehen.“ Vierzehntes Kapitel. „Adieu, Adieu!“ rief die Schwiegermutter, indem ſie mit ihrer Hand heftig gegen den Schreiber winkte. Dieſer hätte ſich auch unfehlbar zurückgezogen, wenn ſich nicht in dieſem Augenblicke abermals die Thür geöffnet hätte und Clementine, die wahrſcheinlich im Nebenzimmer gelauſcht hatte, mit flammendem Blick eingetreten wäre und zu ihrer Schweſter geſagt hätte:„Du kannſt mir glauben, Emilie, wenn ich in deinem Hauſe nochmals ſolche Menſchen finden muß, wie dieſen da, ſo betrete ich deine Schwelle nicht mehr.“ „Ich war Ihnen wohl hinderlich, mein Fräulein?“ ſprach Herr Larioz mit großer Ruhe. „Hinderlich?“ rief das junge Mädchen, indem die Röthe des Zorns ihre Wangen bedeckte;„hinderlich? Wie kann mir das hinderlich ſein?“ Dabei machte ſie dieſelbe verachtungs⸗ volle Handbewegung, wie vorhin ihre Frau Mutter.„Wenn mir nicht die paar Worte zu gut wären, die ich an Sie ver⸗ ſchwende, ſo würde ich Ihnen ſagen, daß Sie—“ „Sagen Sie lieber nichts,“ erwiderte der Schreiber, indem er einen einzigen, aber großen Schritt näher trat und Cle⸗ mentine mit ſeinen Augen ſcharf fixirte. „Ja, ſage es ihm nur!“ rief die Schwiegermutter.— „Ein ſolcher Schleicher und Spion— ein nichtsnutziges Subjekt!“ „Madame!“ „Ein nichtsnutziges Subjekt, das es wagt, meine Tochter zu verdächtigen, während er ſelbſt vor Scham die Augen nicht aufſchlagen ſollte.— Ja, Scham!“ lachte ſie krampfhaft hin⸗ aus;„was kennt ſo Einer von Scham!“ „Die verlernt man freilich bei Ihnen, Madame,“ ent⸗ gegnete der alſo Gereizte, und es war ein Wunder, daß er 1 m 104 Polniſcher Punſch. 331 nicht noch Schlimmeres ſagte. Doch hatte er mit ſeinen Worten in ein Wespenneſt geſtochen. „Habt ihr's gehört?“ kreiſchte Madame Weibel, indem ſie auf ihn zutrat.„Habt ihr's gehört? Und das muß ich alte Frau mir von dem Knechte deines Mannes ſagen laſſen!“ Da öffnete ſich abermals die Thür, und haſtig und mit bleichem Geſichte trat der Rechtsconſulent in das Zimmer, die Hände wie flehend erhoben. „Da kommt der Rechte!“ höhnte die Schwiegermutter, indem ſie eine laute Lache aufſchlug,„jetzt werdet ihr ſehen, wie er ſeinen Helfer in Schutz nimmt.“ „In Schutz werde ich jeden nehmen, dem in meinem Hauſe Unrecht geſchieht,“ entgegnete der Hausherr nach einem tiefen Athemzuge in ſehr leiſem, aber doch verſtändlichem Tone. „Zuerſt aber frage ich euch“— und dabei zitterte ſeine Stimme —„ſeid ihr denn gänzlich von Gott verlaſſen, hier ſo zu ſchreien und alle Welt aufmerkſam zu machen?— Um des Himmels willen gebt doch Ruhe!“ „Ruhe wird hier nie einkehren,“ rief die Schwiegermutter, „und was die Welt ſagt, iſt mir gleichgültig!“ „Ja, was die Welt ſagt, iſt uns gleichgültig,“ kreiſchte nun auch die Rechtsconſulentin, welche den ganzen Abend die Dulderin geſpielt und nun ins andere Extrem überſprang. „So ſchreit ins Teufels Namen!“ rief der Rechtsconſulent bebend vor Zorn.—„Larioz, gehen Sie nach Hauſe, wir ſprechen morgen darüber.“ „Ja, er ſoll gehen, das Ungeheuer!“ rief Madame Plager weinend,„er, der mich und meine Kinder, ja, meine ganze Familie unglücklich machen möchte— dein ſchlechter Helfers⸗ helfer, dein— o pfui!“ ——x— 1 7 4 1 —, 332 Vierzehn tes Kapitel. Dabei ſpuckte ſie heftig aus, und der arme Rechtsconſu⸗ lent, der von den flammenden Blicken der drei Weiber noch das Schlimmſte befürchtete, ſchob ſeinen Schreiber zur Thür hinaus. Doch geſchah das nicht ſchnell genug, um Madame Weibel verhindern zu können, ihnen eines der Punſchgläſer ſammt Inhalt nachzuſenden, wobei ſie ſo glücklich oder ſo un⸗ glücklich traf, daß das Glas dem Herrn Larioz allein an den Kopf flog, der Punſch dagegen Herrn und Gehülfen zu glei⸗ chen Theilen beſchüttete. In demſelben Augenblicke ſprang Clementine gegen die Thür, drückte ſie mit voller Kraft hinter den Beiden zu und ſchob den Riegel vor. Der lange Schreiber war auch nicht mehr gleichgültig geblieben; ſeine Hand zitterte heftig, als er nach ſeinem Stock und Paletot griff, und es bedurfte eines bedeutungsvollen Blickes des Rechtsconſulenten, ſowie eines flehentlichen Zeichens des Schweigens nach der Salonthür, um ihn zu veranlaſſen, äußerlich ruhig die Treppen hinabzuſteigen. Dabei aber knirſchte er mit den Zähnen und dachte an Dies und Das, an Kampf und Waffengeklirr, wie ihm jetzt eine tüchtige Klinge in der Hand lieber wäre, als ſein langes ſpaniſches Rohr, wie er es als einen Segen des Himmels anſehen würde, wenn ſich die drei Weiber droben in drei Männer verwan⸗ deln wollten, wenn er ſie treffen könnte auf einem freien Plane, um einen der Kämpfer nach dem anderen niederwerfen und ihnen alsdann das Schwert auf die Kehle ſetzen zu kön⸗ nen, bis ſie ſprächen:„Ja, wir ſind ein heuchleriſches Gezücht voll Lug und Trug!“ Damit war er die Treppen hinuntergegangen und ſtand nun vor der Hausthür, in der dunklen Nacht weiter denkend: Und ſo würde ich nicht nur die da droben beſiegen und ent⸗ —— Polniſcher Punſch. 333 larven, ſondern alle, die unter der Maske der Heuchelei und Freundſchaft ihren Nebenmenſchen die Tage ſtehlen und das Leben verbittern,— und ſo muß es kommen; ſollte ich auch darüber zu Grunde gehen.— Er blickte bei dieſen Worten in die Höhe, wo aus dem Dunkel klare Sterne ſtrahlten, und fuhr alsdann in ſeinem Selbſtgeſpräche fort: Wenn mir als⸗ dann auch hier unten die Anerkennung fehlt, ſo wird mich doch ein höheres Bewußtſein lohnen. Als er das geſagt, vernahm er ein Oeffnen des Fenſters droben und eine höhnende Stimme, die herabrief:„Babette wünſcht, wohl zu ſchlafen!“ Doch war es nicht dieſe Stimme allein, die ihn zuſam⸗ menfahren ließ, ſondern ein Gefühl, als verfinſterten ſich plötz⸗ lich alle ſeine Himmel, und als ſendeten drohende Wolken einen dichten Regenguß herab. Bei Adolph Krabbe in Stuttgart ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen vorräthig: Edmund Hoefer: Aus dem Volk. Elegant geheftet 1 Thlr. 22 ½ Sgr. oder 3 fl. Rhein. Inhalt: Erzählungen eines alten Tambours: I. Anno Zwei⸗ undneunzig. II. Vom großen Bart. III. Rolof, der Rekrut. IV. Der Aufruhr.— Das verlaſſene Haus.— Das Anneken von Seedorf. — Verhandelte Treue.— An der Grenze. Aus alter und neuer Zeit. Eleg. geh. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 3 fl. Rhein. Inhalt: Alte Geſchichten: Ein alter Mann. Die Dohlen⸗ königin.— Auf der Univerſität.— Der ſtille Kamerad.— Erhard Waldow.— Kriegsleben im Frieden. Schwanwiek. Skizzenbuch aus Norddeutſchland. Eleg. geh. 1 Thlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Inhalt: I. Drinnen und draußen.— II. Ein Sonnentag.— III. Regentage.— IV. Still und laut.— V. Seefahrt.— VI. Des Sommers Ende.— VII. Erntefeſt.— VIII. Julklapp.— IX. Die Hochzeit im Schnee. Bewegtes Leben. Eleg. geh. 1 Thlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Inhalt: Erzählungen eines alten Fidlers: I. Vom wilden Hans. II. Was man vordem erleben konnte.— Der Onkel Stephan. — Aus einer Familie.— Die hellen Fenſter.— Der wilde Heide. Erzählungen eines alten Tambours. Eleg. geh. 12 Sgr. oder 42 kr. Rhein. Inhalt: Anno Zweiundneunzig.— Vom großen Bart.— Rolof, der Rekrut.— Der Aufruhr.— Aus dem Keiheitskriege.— Der alte Kapitän. Hausblätter für 1858. Herausgegeben von F. W. Hackländer und Edmund Hoefer. Die Hausblätter, welche ihren vierten Jahrgang beginnen, haben auch in dem verfloſſenen Jahre ihren Rang behauptet und ſich der vollſten, immer ſich ſteigernden Theilnahme des Publikums zu er⸗ freuen gehabt. Der Erfolg und Anklang aber, den das Blatt ge⸗ funden, beweiſen es, wie gern man einmal von allen politiſchen, re⸗ ligiöſen und kommerciellen Wirren ausruhen will, wie ſehr man ſich ſehnt, ſein eigenes Leben und das der täglichen Umgebung auf einige Stunden zu vergeſſen über einem Bilde des Lebens. Man hat aber ſelten Zeit zu langen, bändereichen Romanen, und keinen Geſchmack an phantaſtiſchen Träumereien und Nebelbildern, man will kurze Stücke und doch Abrundung und Wahrheit, mit einem Wort— die Ge⸗ ſchichte, wie ſie in unſerer neueren Litteratur hervortritt, und wie wir dieſelbe in den Hausblättern bringen,— ſittlich, aber nicht prüde, — wahr, aber nicht niedrig,— dem Erwachſenen und Erfahrenen eine intereſſante Unterhaltung und der Jugend eine geſunde, bildende, anregende Nahrung,— und endlich keine Ueberſetzung, ſondern hervorgegangen aus dem deutſchen Herzen und Gemüth und aus dem deutſchen Leben.. Wir können mit gerechtem Stolz auf den jetzt beendigten Jahr⸗ gang zurückblicken. Er enthält eine Reihe ſolcher Geſchichten, wie man ſie nicht leicht in einem andern Buch oder Blatt vereint finden möchte, und wir können nach dem Material, welches uns ſchon jetzt vorliegt, mit Sicherheit verſprechen, daß der vierte Jahrgang nicht weniger gut vor Publikum und Kritik beſtehen wird. Ebenſo werden wir auch im zweiten Theil des Blatts dem Publikum wie bisher eine Menge der intereſſanteſten und unterhaltendſten Beiträge zu bieten im Stande ſein. Von den„Hausblättern“ erſcheinen unverändert monatlich 2 Hefte gr. 8. von je 5 Bogen in Umſchlag und koſten vierteljährlich 1 Rthlr. 6 Sgr. oder 2 fl. 6 kr. Rhein. Pünktlich je am 1. und 16. jeden Monats wird ein Heft aus⸗ gegeben. Am Schluß eines jeden Quartals erſcheint Titel und In⸗ halt deſſelben, ſo daß es einen vollen Band von 30 Bogen bildet.— Den ungewöhnlich billigen Preis ſtellt die unterzeichnete Verlags⸗ handlung in der Vorausſetzung einer lebhaften Betheiligung des Publikums. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen an. Verlagshandlung von Adolph Krabbe. — 1 — —— ———— Grey Control Shart ees Green Vellow Hed Magenta 12 — 3 Aà — * —