Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedenn Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eeines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 4— 3 4 n , 5 7 5 3„=„» g—„ 5, Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9— Vierter Band. 4+ — — — — — 15 — = — —½ — — — — — — — R — — — ,— — — — Ps 2— 0G— — — — — Vierter Band. F. W. Hackländer. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. Uruch von Woerner&᷑ Comp. in Stnttgart. Juhalt. Achtunddreißigſtes Kapitel. Fortſetzung des vorigen beim Lichte des Tages, ein ziemlich wichtiges Kapitel voll ernſter und heiterer Erinnerungen Neunnunddreißigſtes Kapitel. Bombardier Schmoller entdeckt im glücklichſten Augenblicke ſeines Lebens, daß man ihn betrogen hat, und Erich iſt un⸗ beſonnen genug, ſeinen Feind zu Boden zu ſchlagen vierzigſtes Kapitel. Unangenehme Botſchaften werden unterbrochen durch einen Be⸗ ſuch der Gräfin Haller bei Blanda, mit welchem ein zartes Abenteuer ſeinen Abſchluß erhält.... Einundvierzigſtes Kapitel. Alte Erinnerungen bei einem Artillerie⸗Manöver. Erich recog⸗ noscirt und macht der feindlichen Cavallerie mit Erfolg eine ſchöne Beute ſtreitig—... Zweinndvierzigſtes Kapitel. Worin das Gelage der Cavallerie⸗Officiere einen unvorher⸗ geſehenen Abſchluß findet und worin der letzte Bombardier, nachdem er ſich vortrefflich benommen, den dümmſten Streich ſeines Lebens macht .„.„.. Seite 32 50 78 113 Inhalt. Dreiundvierzigſtes Aapitel. Erinnerungen und Erklärungen bei Sturm und Regen, und obgleich Blanda todtmüde iſt, begeht Erich ein Verbrechen, weil ihr ein bequemer Wagen angeboten wird vierundvierzigſtes Kapitel. Reiſeplaudereien unangenehmer und angenehmer Art; von einem freundlichen Feinde verlaſſen, findet Blanda einen feindlichen Freund und wird ſchließlich von dieſem entführt Fünfundvierzigſtes Kapitel. Von Erſcheinungen, welche Chriſtian Kurt am hellen Tage hatte, von Liedern verſchiedener Art und angenehmen Dingen, wie man ſie gern am Schluſſe eines Buches liest Sechsundvierzigſtes Kapitel. In welchem der wahrheitliebende Autor nicht anders kann, als von Erichs Unglück zu berichten, ſo wie um Verzeihung zu bitten, wenn Capitel und Buch nicht ſo ſchließen, wie es der geneigte Leſer gewünſcht oder vorhergeſehen. Seite 139 162 192 4 4 — — — — — — — — — g — — — — — — — E Achtunddreißigſtes Kapitel. Fortſetzung des vorigen beim Lichte des Tages, ein ziemlich wichtiges Kapitel voll ernſter und heiterer Erinnerungen. Der kleine Bombardier Weitberg war ſchon häufig in Arreſt und machte ſich aus einer ſolchen Strafe nicht beſonders viel, vorausgeſetzt, daß ſie nicht über vierundzwanzig Stunden dauerte oder in eine Jahreszeit fiel, wo man unmittelbar durch die ſtrenge Kälte zu leiden hatte, oder in eine andere, wo ihm die Hitze mittelbar noch andere, höchſt unangenehme Plagen 4 auf den Leib ſchickte. Raſcher wie der letzte Arreſt war ihm geſtern noch keiner vorübergegangen. Er hatte ſich ziemlich duſelig auf die Pritſche gelegt und war, unter der ausgezogenen Jacke wie ein Igel zuſammengekauert, augenblicklich eingeſchlafen, auch während der Nacht nicht durch böſe Träume oder gar durch den Beſuch des Rattenkönigs aufgeſchreckt worden, ſondern hatte geſchlafen bis zur Reveille, dann, da es ihn fröſtelte, einen tüchtigen Zug aus der eingeſchmuggelten Schnappsflaſche gethan, um alsdann wieder weiter zu ſchlummern, bis das Dämmerlicht eines trüben Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 1 2 Achtunddreißigſtes Kapitel. Tages ſehr gebrochen durch die verſchiedenen Wände der höl⸗ zernen Käfige in ſeine Zelle drang. „Gott ſei getrommelt und gepfiffen!“ hörte er einen Ne⸗ benmann in ſehr verdrießlichem Tone hervorſtöhnen, während ein anderer ſehr glücklich das Krähen des Hahnes nachahmte und ein dritter Nachbar declamirte: Auf, ſprach der Fuchs zum Haſen, Auf, hörſt du nicht den Jäger blaſen! „Schon wieder eine vorüber— krieg' die Kränk' Offen⸗ bach!“ „Wie viel Tage haſt du noch?“ „Zwei— ſechs ſind vorüber!“ „Gott ſei Dank,“ hörte man eine andere Stimme etwas kläg⸗ lich ſagen,„da kann man ſchon zufrieden ſein, wenn man auf der Höhe ſteht und abwärts geht! Ich fange leider erſt an, auf⸗ zuſteigen— Eins von Zehn!“ „Br—r— r— r....“ Dieſe Geſpräche wurden geführt, ohne daß Einer den An⸗ deren, da ſie alle in Einzelhaft ſaßen, hatte ſehen, ja, kaum nothdürftig verſtehen können, und meiſtens unterhielt man ſich auch nur ein paar Augenblicke während der Morgendämmerung oder vielleicht Abends nach dem Zapfenſtreich. Es war im Militär⸗Arreſtlocale ſtreng verboten, ſich einander etwas zuzu⸗ rufen; auch wußte man in ſeltenen Fällen, wen man zum Nachbar hatte. Bald darauf, als es ziemlich Tag geworden war, klirrten die Riegel an Weitberg's Kaſten, und er wurde von dem Rattenkönig herausgelaſſen, der ihm mit verdrießlicher Miene ſagte:„Man muß es verdammt eilig haben, Sie wie⸗ der nach Hauſe zu kriegen, daß man zu ſo früher Morgen⸗ Ernſte und heitere Erinnerungen. 3 ſtunde einen alten, gedienten Sergeanten, wie ich bin, ſo eines Grünſchnabels wegen heraustrommelt; aber die Artillerie meint immer, daß ſie etwas ganz Apartes haben müſſe— na, komm' Er nur herunter, Er kann ſich unterwegs ſtriegeln und putzen. Damit ſchlurfte der alte Rattenkönig in ſeinen weiten Pan⸗ toffeln hüſtelnd vor Weitberg her ins Inſpectionszimmer hinab, während er mit einer Bewegung des Kopfes nach rückwärts, ungefähr wie ein böſer Hund, der zornig um ſich ſchnappt, brummend ſagte:„Werde doch noch einen Commandanturbefehl durchſetzen, daß Niemand mehr nach Dunkelwerden gebracht oder vor der Mittagsſtunde abgeholt wird! Treiben da Spie⸗ lerei mit der königlichen Militär⸗Arreſtanſtalt! Hätte Luſt, das der Commandantur zu melden, und die Commandantur ſpaßt nicht— gibt drei Tage Mittelarreſt, daß die Seele pfeift!“ Drunten ſtand der Bombardier Schwarz in ſehr dienſt⸗ mäßiger Haltung und überreichte eben ſo den Abholungszettel für den Arreſtanten. „Hm,“ machte der Rattenkönig, nachdem er den Zettel durchgeleſen und dann Weitberg mit einem boshaften Blicke forſchend betrachtete—„wie heißt Er denn?“ „Weitberg,“ antwortete dieſer auf die plötzliche Frage, ohne das raſche Zeichen ſeines Kameraden zu beachten und ohne daran zu denken, daß er ja nicht als der Bombardier Weit⸗ berg eingeſperrt worden ſei. „Schau, Weitberg, ſchau, mein Söhnchen! Ei, ei, ei, kommt man ſo hinter eure Schliche! Was ſteht hier auf dem Zettel? Freiberg ſteht da!— So will man einen königlichen Militär⸗Arreſt⸗Inſpector und alt gedienten Sergeanten anführen, und erinnere ich mich jetzt, den Bombardier Freiberg geſtern, nach 4 Achtunddreißigſtes Kapitel. drei Tagen, entlaſſen zu haben! Das gibt eine Meldung für die Commandantur, Er aber ſpazirt in ſeinen Käfig zurück!“ „Gut dann!“ ſagte der Bombardier Schwarz raſch ent— ſchloſſen,„und ich werde dieſen Vorfall augenblicklich dem Herrn Hauptmann melden, und da wird ſich die Frage herausſtellen, wie es kommt, daß der Herr Inſpector den Bombardier Frei⸗ berg auf einen ganz richtigen Abholungszettel nicht herausgeben will, da er ihn doch geſtern Abend auf denſelben Namen ein⸗ —— geſperrt!“ „Das wollen wir erſt ſehen!“ ſchrie erbost der Inſpector, indem er zu ſeinen Papieren rannte und den Zettel von geſtern Abend durchlas.„Bombardier Freiberg! Und wie hat Er ge⸗ ſagt, daß Er heißt?“ „Freiberg, Herr Inſpector.“ „Hol' ihn der Teufel! Er hat anders geſagt, aber es iſt mir im Grunde gleichgültig, ganz gleichgültig, und will mich nicht am frühen Morgen ſchon ärgern mit ſolchem Grobzeug. von der Artillerie— hinaus!“ Dann waren ſie glücklich entronnen, und nun kam es darauf an, den echten Freiberg wieder aufzufinden. Doch hatte de Erich Alles, ſo wie es ungefähr kommen mußte, vorausgeſehen und ſich danach eingerichtet. Als er heute Nacht wieder in die Stadt zurückgekommen war, trat er in das Paſſagierzimmer der Poſt und that, als wolle er mit einem Eilwagen in aller Frühe abreiſen oder Je⸗ manden, der ankomme, erwarten, ſetzte ſich in die Ecke des alten, ledernen Sopha's, wo er in dem behaglich warmen Raume, übermüdet wie er war, in Kurzem feſt einſchlief und erſt erwachte, als draußen das Poſthorn luſtig erklang. Dann 5 Ernſte und heitere Erinnerungen. ging er hinaus und betrachtete ſich bei anbrechendem Morgen den ankommenden Eilwagen mit ſeinen dampfenden Pferden und übernächtig ausſehenden Paſſagieren, die theils hier in der Reſidenz blieben, theils ihre Reiſe in die öſtlich gelegenen Berge, wohin noch keine Eiſenbahnen führten, zu Wagen fort⸗ ſetzten. Es waren Morgennebel aufgeſtiegen, welche dem Tages⸗ lichte kaum erlaubten, ſich bemerkbar zu machen, obgleich die Herrſchaft der Nacht vorüber war, was der bunt bewegten Scene auf dem Poſthofe bei dem ungewiſſen Lichte der herbei⸗ gebrachten Laternen einen eigenthümlichen Reiz verlieh. Die Pferde ſchienen wie in weiße, aufwallende Schleier gehüllt, und die Paſſagiere, wie ſie nach und nach zum Vorſchein kamen und dann fröſtelnd den Wagen umſtanden, wie ſchattenhafte ge⸗ ſpenſtiſche Weſen, bereit, beim erſten Hahnenrufe zu verſchwin⸗ den. Und doch waren ſehr körperhafte Geſtalten darunter, be⸗ ſonders eine ſchwarzgekleibete Dame, die mit etwas coquetter Aengſtlichkeit unter der Beihülfe eines jungen Mannes zuletz, als Alle ſchon den Wagen verlaſſen hatten, Anſtalten zum Ausſteigen machte, indem ſie mit dem kleinen Fuße prüfend den Wagentritt betaſtete, ehe ſie ſich mit einem leichten Aufſchrei jenem jungen Manne in die Arme warf und dann auf den Boden niederglitt. Der Poſtdiener mit der Laterne hatte ſorgfältig dazu ge— leuchtet und ließ nun den Schein der Laterne auf das Geſicht dieſer Dame fallen, und wen erblickte Erich, der aus einem dunkeln Winkel neben dem Wagen dieſem Treiben zuſchaute? — Selma. Ja, ſie war es; er hätte ſie unter Tauſenden wieder er— kannt, und doch hatte ſie ſich ſehr verändert, ſeit er ſie das 6 Achtunddreißigſtes Kapitel. letzte Mal geſehen. Die lebhaften, unruhigen Augen waren dieſelben geblieben, auch das volle, röthlich blonde Haar, doch ſchien ihr Geſicht ſtärker und breiter geworden, und die Lippen, welche man früher mit dem Ausdrucke„ſchwellend“ hatte be⸗ zeichnen können, traten jetzt beinahe etwas zu weit hervor und gaben ihren Zügen, wenn ſie lachte— und ſie lachte häufig mit jenem jungen Manne—, einen unangenehmen, faſt ge⸗ meinen Ausdruck. Erich hatte ſich noch mehr zurückgezogen, und obgleich er ſich eines peinlichen Gefühls bei Selma's Anblick nicht er⸗ wehren konnte, ruhten doch ſeine Blicke auf ihr, und Erin⸗ nerungen vergangener Tage beſchäftigten ihn ſo ausſchließlich, daß er wie im wachen Traume daſtand, um dann plötzlich er⸗ ſchreckt zuſammenzufahren, als er die Stimme eines großen Herrn vernahm, der aus dem Poſtbureau zu Selma und jenem ihm unbekannten jungen Manne trat. „Ha, ich verſtehe,“ ſtöhnte die Stimme des Pfarrers Wendler aus Zwingenberg—„gewiß, ich verſtehe es voll— kommen, daß Sie, mein werthgeſchätzter Herr, ſich nach durch⸗ fahrener Nacht auf ein warmes Zimmer mit behaglichem Bette freuen, während es uns armen Sterblichen nicht ſo gut wird! Wie ich eben auf dem Poſtbureau erfuhr, geht es mit uns nach einer Stunde weiter, und wir haben noch bis gegen Mit⸗ tag zu fahren, ehe ich an meinen neuen Beſtimmungsort komme!“ „Aber warum machen Sie hier nicht eine Pauſe von ein oder zwei Tagen? Es wäre doch wohl der Mühe werth, ſich die Reſidenz wieder einmal anzuſchauen, auch für Ihre Frau Tochter nicht zu anſtrengend, wenn ſie ſich hier ausruhen könnte.“ „Gewiß, und wenn meine Zeit nicht ſo bemeſſen wäre, — —,— * Ernſte und heitere Erinnerungen. 7 würde mich Ihre liebenswürdige Geſellſchaft unbedingt verführen, ein paar Tage zuzugeben; auch ſehnt ſich Selma nach Ruhe, um ſich in der Einſamkeit beſſer ſammeln zu können, ja, einigen Troſt zu finden über den Verluſt eines immerhin ſehr geliebten Mannes.“ Dazu würde ich lieber etwas anſtändige Zerſtreuung an⸗ rathen,“ ſagte der junge Herr. „Ha, ich verſtehe auch das und gedenke auch ſo bald als möglich mit Selma nach der Reſidenz zu gehen, werde aber leider drüben heute auf das beſtimmteſte erwartet.“ „Das iſt recht ſchade— wenn ich Ihnen nur ſonſt mit etwas dienen könnte!“ „Das könnten Sie allerdings, vortrefflicher junger Mann, wenn ſie ſo freundlich wären, mir ganz in der Nähe irgend einen Gaſthof zu bezeichnen, wo ich mit Selma ein geſcheites Frühſtück einnehmen könnte.“ „Was mich anbelangt, Papa, ſo danke ich dafür,“ gab Selma zur Antwort, wobei ſie ohne alles Auſfſehen eine ſo geſchickte Bewegung machte, wie in gleichgültiger Betrachtung des immer noch dunkeln Poſthofes, daß es ihr möglich wurde, mit ihrem Arme den des jungen Mannes zu ſtreifen. „Das haben Sie ganz in der Nähe,“ ſagte dieſer,„zwei Häuſer von hier; Sie erlauben, daß ich Sie hinbegleite?“ „Ach nein,“ entgegnete der Andere in einem etwas ver⸗ drießlichen Tone,„Selma will mich nicht begleiten, und ich kann ſie doch nicht allein hier im Poſthofe ſtehen laſſen!“ „So will ich jenen Poſtdiener herbeirufen, den ich kenne und der Sie hinbegleiten wird; Sie aber werden mir vielleicht 8 Achtunddreißigſtes Kapitel. freundlich geſtatten, Ihrer Frau Tochter Geſellſchaft zu leiſten, bis Sie zurückkehren.“ „Ha, ich verſtehe und nehme Ihren Vorſchlag mit großem Vergnügen an! Ich begreife übrigens nicht, Selma, daß du nicht den Drang in dir fühlſt, dich mit einem guten Kaffee zu erwärmen.“ „Es iſt mir zu früh, Papa,“ erwiederte die junge Wittwe in einem faſt ungeduldigen Tone, auch brauche ich keinen Kaffee, um mich zu erwärmen— ich glühe von dem langen Fahren.“ „Nun denn, Jeder nach ſeinem Willen; ich habe noch gut drei Viertelſtunden zu meinem Frühſtücke und werde pünktlich zur Zeit da ſein, auch um Ihnen, mein werthgeſchätzter junger Freund, meinen tiefgefühlten Dank für alle Ihre Aufopferung zu wiederholen.“ Dann ging er mit dem herbeigerufenen Poſtdiener davon und war ſogleich in dem immer dichter werdenden Morgen⸗ nebel verſchwunden. Der junge Mann bot Selma ſeinen Arm, den ſie an⸗ nahm und, ſich an ihn ſchmiegend, dann ein paar Mal neben dem Wagen hin und her ging, ſo nahe an Erich vorüber, daß Selma's Mantel im Umwenden ihn beinahe ſtreifte. „Glühen Sie wirklich, ſchöne Selma?“ fragte der freund⸗ liche junge Herr, nachdem er ſo tief geathmet, daß man es für einen Seufzer hätte halten können. „So eben noch,“ gab ſie zur Antwort;„jetzt aber durch⸗ ſchauert mich die Kälte des Morgens doch ein wenig.“ „Dann würde ich Ihnen dringend rathen, in die Paſſa— — Ernſte und heitere Erinnerungen⸗ 9 gierſtube zu treten, es iſt da behaglich warm— Sie ſind gänz⸗ lich ungeſtört, da wir dort jedenfalls ganz allein ſein werden.“ „Gut, gehen wir.—“ Die Beiden verſchwanden in demſelben Raume, wo Erich ſich kurze Zeit vorher aufgehalten, und dieſer verließ mit ganz eigenthümlich gemiſchten Empfindungen den Poſthof. Tief aufathmend, dachte er lebhaft an Kolma, aber an die Kolma jener Nacht, wo ſie bleich und blutend zu ſeinen Füßen lag, und wo er dann jene dort drüben wieder geſehen, wobei er ſich glücklich pries, daß ſich der heutige Tag, obgleich unter einiger Aehnlichkeit mit damals, doch für ihn ganz anders ge⸗ ſtalten werde. Er eilte jetzt raſch nach der Kaſerne, in deren Nähe ſich ein kleiner Spezereiladen befand, wo die Kanoniere ihre kleinen Bedürfniſſe kauften und wo ſich die Avancirten feinere Lebensgenüſſe, wie eine ſogenannte Havannah⸗Cigarre oder einen erſchrecklich echten Cognac, zu verſchafſen wußten. Hier wartete Erich, bis er Schwarz und Weitberg daher⸗ kommen ſah, worauf er dann den letzteren unter Bezeigung ſeines herzlichſten Dankes ablöſte. „O, famos!“ ſagte der kleine Schwarz—„ich glaube doch, daß der Hauptmann von Manderfeld Recht hat und du ein Hauptgauner biſt! Sage mir nur, wohin biſt du geſtern Abend plötzlich gerathen? Es war das eigentlich ſehr leichtſinnig ge— handelt, denn wenn der gute Weitberg nicht dageweſen wäre, ſo hätte ich mich wahrhaftig ſelbſt müſſen einſperren laſſen, was doch von ſehr komiſcher Wirkung geweſen wäre.“ „Ich erzähle dir alles, was du wiſſen willſt, ſpäter ein⸗ mal ausführlich; aber jetzt bin ich müde und es fröſtelt mich; 10 Achtunddreißigſtes Kapitel. ich will mich aus dem Arreſt melden und dann ſehen, ob ich noch eine Stunde ſchlafen kann.“ Letzteres that denn auch Erich— wir vermuthen, die beiden Anderen ebenfalls—, und hatte Mühe, früh genug zu erwachen, um ſich zum Appel ſo ſchön, als es ihm möglich war, herauszuputzen. „Wenn der Herr Hauptmann Ihnen jetzt wieder etwas vom ſtarken Frühſtücken ſagt,“ meinte der Wachtmeiſter Pinckel, als die Batterie auf dem Kaſernenhofe zum Appel angetreten war, ſo halten Sie gefälligſt ihren Schnabel und geben ihm keine Veranlaſſung, weiter mit Ihnen anzubinden, beſonders heute nicht, wo ſich der lange Wibert zurück aus dem Lazareth meldet und wo deſſen immer noch wundes Geſicht einen un⸗ angenehmen Eindruck auf ihn machen und nicht zu ihren Gun— ſten ſprechen wird.“— „Aber, Herr Wachtmeiſter, was geht mich Wiberts wun⸗ des Geſicht an?“ „Na, na, reden wir lieber nicht darüber— Still ge⸗ ſtanden!“ Der Hauptmann trat ſchweigend zwiſchen die Compagnie und die Avancirten, und als ſich ihm der lange Wibert mit einem allerdings noch ſehr ſcheckichten Geſichte präſentirte, blin⸗ zelte er aus ſeinen Augenwinkeln nach Erich hinüber, während er mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand ſeinen zier⸗ lichen Schnurrbart drehte. Dann meldete ſich jener aus dem Arreſt, wobei er in ſo dienſtgemäßer Haltung, als es ihm nur möglich war, vor ſeinen Chef hintrat. Dieſer wandte ſich halb von ihm ab und ſagte ungefähr gegen die Wolken hinauf: „Nun, ich hoffe, Herrrr, daß Ihnen das eine Lehre für — Ernſte und heitere Erinnerungen. 11 die Zukunft ſein wird, ſich der Trunkenheit in und außer dem Dienſte zu enthalten!“ „Zu Befehl, Herr Hauptmann!“ „Ueberhaupt rathe ich Ihnen zu einer ganz anderen Füh⸗ rung, denn die Milde, mit der ich Ihnen bisher entgegen kam, iſt vorüber, und es ſoll jetzt Alles zwiſchen uns ſtreng dienſt⸗ lich verhandelt werden; merken Sie ſich das, Herrrr, und ſehen Sie zu, was Sie in anſtändigem Betragen, wozu ich auch ein verträgliches Leben mit den Kameraden rechne, leiſten können!“ „Zu Befehl, Herr Hauptmann!“ Nach Beendigung des Appels wetterte der lange Wibert wie ein angeſchoſſener Eber in der Stube herum, und als Erich eintrat, hatte er es gerade mit dem ſchmächtigen Schwarz zu thun, dem er ins Geſicht hinein ſchrie:„Wenn Sie mich noch einmal mit ihren dummen Augen anglotzen und dazu ſagen: O, famos! ſo ſchlage ich Sie zu Boden, darauf können Sie ſich verlaſſen!— Dann eilte er an ſein Waffengerüſt, unterſuchte das Schloß ſorgfältig und brummte mit einem Blicke auf Erich:„Ich werde doch meinen Schlüſſel verändern laſſen müſſen, denn ich fürchte, auch ein Anderer ſchließt hier auf!— Das Wort„Anderer“ betonte er ſo ausdrucksvoll, als es ihm möglich war. Doch ließ ſich Erich das nicht anfechten, ſondern ſetzte ſich ruhig an den Tiſch und lachte mit, als er die anderen lachen ſah. Wibert ſah übrigens auch gar zu komiſch aus! Sein gan— zes Geſicht war noch immer gefleckt und ſeinen ehemals ſo langen Schnurrbart hatte er bei den vielen Pflaſtern und Um⸗ ſchlägen zu zwei kleinen Puncten zuſammen raſiren müſſen. Wahrſcheinlich wäre es heute noch zu ärgeren Händeln ge⸗ 12 Achtunddreißigſtes Kapitel. kommen, wenn der Unterofficier Wenkheim nicht mit der Fauſt derb auf den Tiſch geſchlagen und nach allen Seiten hin Ruhe geboten hätte. Daß der letzte Bombardier, trotz dieſes Namens bald einer der erſten Bombardiere der Batterie war, haben wir früher ſchon andeutungsweiſe geſagt. Er begriff jede Art des Exer⸗ cirens leicht und ſpielend; er war in kurzer Zeit tüchtig und zuverläſſig in der Anfertigung der verſchiedenen Munitionen, beſonders im Verpacken der Kugel⸗ und Granatwagen, welches ſtets als ein großer Beweis artilleriſtiſcher Befähigung ange⸗ ſehen und vom älteſten Feuerwerker geleitet wurde. Was die mündlichen Vorträge anbelangte, ſo hatte Erich den ganzen Leitfaden im Kopfe und wurde von dem Premier⸗Lieutenant nicht ſelten dazu commandirt, den Recruten die erſten Anfänge der Artillerie⸗Wiſſenſchaften beizubringen. Auch den praktiſchen Felddienſt hatte er ſich bald zu eigen gemacht, und da er ſchon früher ein kecker Reiter war und ihm deßhalb bei dem beſpann⸗ ten Exercieren der Batterie ſein Pferd durchaus nichts mehr zu ſchaffen machte, ſo wurde er häufig von dem Offizier ſeines Zuges für einen Exerciermorgen zum Geſchützführer ernannt und zeigte er ſich auch darin eben ſo gewandt als tüchtig. Alles dieß zuſammen genommen, ließ es ganz natürlich erſcheinen, daß ihn der Premier-⸗Lieutenant nach kurzer Zeit mit ein paar Anderen dem Hauptmanne zum Unterofficiers⸗ Examen vorſchlug, wozu dieſer aber erſt nach langen und hart⸗ näckigen Kämpfen mit ſeinem erſten Officier ſeine Zuſtimmung gab, dabei aber verſichernd, daß es wahrlich ſeiner Empfehlung nicht zuzuſchreiben ſei, wenn der letzte Bombardier trotz ſo lie⸗ derlicher Aufführung doch noch zum Unteroffizier gelange. Worauf der Premier⸗Lieutenant im Vertrauen zu Erich Ernſte und heitere Erinnerungen. 13 ſagte:„Ich zweifle, daß man Sie, auch beim beſten Examen, baldigſt zum Unterofficier machen wird. Man wird das ſchon zu hintertreiben wiſſen, und es iſt ja auch ſehr gleichgültig; jedenfalls aber ſieht das Brigade⸗Commando aus einem glän⸗-. zenden Examen, welches Sie hoffentlich machen werden, daß Sie etwas gelernt haben, und das kann auf alle Fälle nichts ſcha⸗ den, ob Sie nun aufs Gerathewohl mit ſehr wenig Ausſicht, weiter dienen wollen oder ob Sie etwas Anderes und für Sie jedenfalls Solideres ergreifen werden.“ Erich hatte ihm aufs herzlichſte gedankt für dieſen neuen Beweis von Wohlwollen und dann mit den Anderen das Un⸗ terofficiers⸗Examen gemacht und, wie er hörte, glänzend beſtan— den. Die Papiere wurden an das Brigade⸗Commando geſchickt und Erich ſowohl von ſeinem Zugführer als auch von dem Pre⸗ mier⸗Lieutenant um ſo häufiger zu Unterofficiersdienſten ver⸗ wendet. Natürlich nahm dies aber beſonders jetzt bei den Früh⸗ jahrsexercitien ſeine Zeit ſo ſehr in Anſpruch, daß ein paar Tage vergangen waren, ehe er einen Nachmittag für ſich hatte, um nach dem Jagdſchlößchen hinauf zu eilen; auch war es ein recht weiter Weg dorthin und Erich daher um ſo dankbarer dem glücklichen Zufalle, welcher ihm eine vortreffliche Reitge⸗ legenheit verſchaffte. Der Premier⸗Lieutenant ſagte ihm näm⸗ lich nach dem Appel, er habe ſeinen Burſchen ins Lazareth ſchicken müſſen, und da er ſelbſt keine Luſt zum vielen Reiten hätte, möchte Erich eine Zeit lang nach ſeinen Pferden ſehen. „Ich kann mich auf Sie verlaſſen,“ ſagte er, und wenn Sie beſonders den Rappen ein wenig anſtrengen, ſo ſchadet ihm das gar nichts; reiten ſie auch mit dem Säbel, es gewöhnt ſich ſo ſchlecht an die klirrende Scheide. Achtunddreißigſtes Kapitel. Der Rappe war ein ſchönes, gutes Pferd, ein wenig un⸗ ruhig allerdings, weßhalb er denn auch mit Erich in weiter Lançade zum Kaſernenhofe hinausflog, ſehr zur unangenehmen Ueberraſchung des Hauptmanns von Manderfeld, der mit dem langen Wibert zufällig in der Straße ſtand; doch kam Erich glücklich an ihm vorüber, das wild vorwärts ſtrebende Pferd feſt zurückgehalten, den Ellbogen an den Leib, die rechte Hand herabhangend und ſo fort, bis er ihm aus den Augen war, worauf der Rappe auf einer breiten, macadamiſirten Straße große Neigung zu einem Gallop an den Tag legte, der ihm auch gnädigſt bewilligt wurde. Da war er ſchon mitten in der bekannten Umgebung: dort oben das Fort Maximilian, vor ihm das Haus, wo Blanda gewohnt, dort der Weg zum Jagdſchlößchen hinauf, den er in einer recht animirten Gangart nehmen wollte. Plötzlich hörte er ſeinen Namen rufen und ſah, ſich um— wendend, den Bombardier Schmoller, der eilig gegen ihn kam und ihm ſchon von Weitem zurief:„Ich wollte zu dir; es iſt mir aber auch recht, daß ich dich hier treffe.“ „So komme ich um deinen Beſuch und kann dir nicht die Honneurs eines Schnapſes machen.“ „Ein ander Mal— mit dir zu plaudern, iſt mir die Hauptſache und wenn du nicht gar zu eilig haſt, gehe ich ein paar Schritte neben deinem Pferde. Wohin willſt du eigentlich?“ „Nur dem Pferde unſeres Premier⸗Lieutenants etwas Be⸗ wegung machen,“ erwiederte Erich, indem es ihm nicht recht be⸗ hagte, dem Freunde ſogleich die ganze Wahrheit zu ſagen. *„Vor allen Dingen,“ fuhr Schmoller fort,„ſage mir aber, weßhalb du neulich droben plötzlich, wie Schafleder, ausgeriſſen — — 15 Ernſte und beitere Erxinnerungen. biſt, nachdem du durch den Tubus zu dem Hauſe dort hinab geſchaut hatteſt?“ „Zu dem Hauſe hinab?— Ja ſo— ſo daß ich davon lief, geſchah ohne allen Zuſammenhang mit jenem Hauſe; ich erinnerte mich plötzlich, daß ich zum Premier-Lieutenant befohlen war!“ „So— ſo—“ ſagte Schmoller mit einem pfiffigen Lächeln, „und ſtatt nach der Richtung eurer Kaſerne zu laufen, rannteſt du wie beſeſſen hier denſelben Weg hinauf, den du jetzt reiteſt, prallteſt da an eine Schaar Officiere und bliebſt dann wie ein begoſſener Pudel ſtehen, nachdem du dem davon rollenden Wa⸗ gen nachgeblickt— o, du Heuchler! Du wußteſt freilich nicht, daß dir unſer vortrefflicher, vier Fuß langer Tubus nachgerich— tet wurde und daß ich dich auf dem Korn hatte und behielt, wie der Jäger einen Haſen. Ich hätte nur loszudrücken ge— braucht, und im Feuer hätteſt du in der Luft ein Rad geſchla⸗ gen! Aber, Erich, ſei ehrlich, wie ich es ſtets gegen dich war, ſei es beſonders in dieſem Falle, denn du kannſt mir vielleicht auf eine Fährte helfen, wo mir jede Spur verloren gegangen iſt! Siehſt du dort das Haus mit ſeinen verſchloſſenen Läden? So iſt es nun ſchon faſt eine Woche lang! Kein Leben mehr darin, und eben ſo ſtill und finſter, wie es dort vor uns liegt, ſieht es auch in meinem Herzen aus!“ „Armer Kerl— auf dieſe Art hat dein Verhältniß mit der Gräfin oder Fürſtin geendet!“ „Gänzlich— rein abgeſchnitten, und wenn du nicht ehr— lich gegen mich biſt, ſo werde ich an einem gebrochenen Herzen zu Grunde gehen!“ „Pah, ein Bombardier!“ „Geſtehe, daß du einem Wagen nachgelaufen biſt, der von 16 Achtunddreißigſtes Kapitel. der Penſion wegfuhr, daß eine junge Dame in dem Wagen war, die dich intereſſirt— ſo, das gibt dein Kopfnicken zu und du biſt, hoffe ich, auch geſonnen, etwas für deinen Freund zu thun.“ „Mit Vergnügen, wenn ich etwas für dich thun kann!“ „Dort hinauf fuhr der Wagen, dorthin reiteſt du, biſt alſo im Begriffe, jener jungen Dame einen Beſuch zu machen— ach, du Glückspilz! Auf dieſem ſchönen Rappen, herausgeputzt wie nur möglich! Doch fühle ich deßhalb keinen Neid, Erich; der Geſchmack iſt verſchieden, und ſie, für und an welche ich aus der Entfernung ſchwärmen durfte, ſchrieb ſo zart und be⸗ ſcheiden, daß ich überzeugt bin, dein glänzender Rappe würde auf ſie nicht den geringſten Eindruck machen. Aber fragen kannſt du ſie, warum das Haus da unten ſo gänzlich geſchloſſen iſt, fragen, wo Alle geblieben ſind, forſchen nach ihr, die ich in mei⸗ nem Herzen trage und die mich durch Ueberſendung ihres Por⸗ traits zum glücklichſten Menſchen machte! Willſt du mir dieſen Gefallen erzeigen?“ „Mit Vergnügen, wenn ich die junge Dame ſehe, mit wel⸗ cher ich übrigens durchaus nicht ſo vertraut bin, als du wohl denkſt. Sie ſteht hoch über mir, und ich bin nicht ſo, wie du, kühn und von mir ſelbſt überzeugt, um mich mit einem Sprunge über alle Schranken hinwegzuſetzen!“ „Geh' doch, Egoiſt! Du warſt ſchon auf der Brigadeſchule der ausgemachteſte Heuchler und Duckmäuſer und haſt dich hier noch ſehr darin vervollkommnet! Läßt ſich da von meiner Gut⸗ müthigkeit über das Haus da unten erzählen, während er in demſelben Verbindungen angeknüpft hat!“ „Darin irrſt du ſehr!“ 4 „Nun, laß es gut ſein, Neid kenne ich keinen; aber nicht Ernſte und heitere Erinnerungen. 17 wahr, du forſcheſt für mich und ſuchſt etwas über die Ent⸗ ſchwundene zu erfahren?“ „Gewiß, wenn es mir möglich iſt.“ „Weißt du was— da, nimm die Photographie, zeig' ſie der Dame, das wird deinen Worten zu Hilfe kommen; aber bewahr' ſie wie ein Heiligthum— ich habe keine zweite zu verſenden!“ 3 Schmoller betrachtete nochmals wehmüthig die ſtillen Züge; dann reichte er das Bild an Erich, welcher es einſchob und da er zu gleicher Zeit dem ungeduldig drängenden Rappen etwas Zügelfreiheit gab, in der nächſten Secunde ſeinen Freund hinter ſich gelaſſen hatte. „Auf Wiederſehen, Schmoller!“ Raſcher, als neulich mit dem Wagen, hatte er den Wald⸗ weg droben erreicht, der zum Jagdſchlößchen führte, kurz darauf dieſes ſelbſt und ritt dann durch das heute offen ſtehende Thor in den Hof. Da ſtand der Förſter vor der Thür des Gebän⸗ des, das Gewehr auf der Schulter, und ſchien eben aus dem Walde zurückgekehrt zu ſein. Er ſchaute den abſteigenden mit keinem recht freundlichen Blicke an, ja, erwiederte deſſen Gruß kurz und mürriſch. „Kann ich mein Pferd für eine halbe Stunde einſtellen, Herr Förſter?“ „Stallung haben wir keine bei der Hand, die iſt weiter im Walde. Was hier herauf reitet, bringt meiſtens Diener⸗ ſchaft mit, welche für die Pferde ſorgt.“ Glücklicher Weiſe war es ein milder, ſtiller Tag, wie man ſie im Vorfrühlinge zuweilen hat, bei leicht bedecktem Himmel ohne Sonne, aber auch ohne Wind, ein träumeriſch ſtilles Wet⸗ .„* acländer, Der letzte Bombardier. IV. 2 18 Achtunddreißigſtes Kapitel. ter, bei welchem man förmlich zu ſehen glaubt, wie die Knos⸗ pen in wohligem Behagen anſchwellen. Auch hatte Erich eine Decke aufgeſchnallt, die er nun über den Rappen warf, nach⸗ dem er ihn an einer Ecke der Mauer feſtgebunden. „Ihr kommt wohl im Auftrage jener Frau, mit der ihr neulich hier oben waret?“ fragte der Förſter, als Erich wieder zu ihm trat. „Ja und nein; ich komme, um mich nach dem Befinden der jungen Dame zu erkundigen, die hier oben bei Euch iſt.“ „Wollt derſelben vielleicht ſagen, wann man ſie ab⸗ holen wird?“ „Nein, ich weiß darüber nichts Näheres.“ „So— dann iſt' ſchon recht— ſie ſind hinter dem Hauſe in dem Garten, und Ihr werdet nicht unwillkommen ſein, denn die junge Dame iſt geſtern und vorgeſtern ein paar Mal an die Straße gelaufen, um nach Euch oder ſonſt Je⸗ manden zu ſehen.“ „Hoffentlich kommt doch bald Jemand, den ſie ſehnlicher erwartet, als mich, der ſie mit ſich fort nimmt und Euch, Herr Förſter, von der Unbequemlichkeit befreit, die Euch das hier oben macht.“ „Hm— ja,“ brummte er und ſetzte dann kaum vernehm⸗ bar hinzu:„Hätte übrigens nicht gedacht, daß man ſich ſo bald an eine ſolche Unbequemlichkeit gewöhnen könnte“— ſagt das jener Frau, wenn Ihr ſie wieder ſeht—„da ſind die Frauen⸗ zimmer.“ Es war ein kleiner, in ſeinen Umfaſſungen, ſowie in Spie⸗ lereien, die man hier und da ſah— die Reſte einer Sonnen⸗ uhr, zerbrochene Vaſen, umgeſtürzte Steinbilder—, etwas ver⸗ 19 Ernſte und heitere Erinnerungen. wahrloster Gartenraum, in welchem nur die neu hergerichteten Beete ſauber und hübſch gehalten waren, ſo wie eine kleine Laube im Hintergrunde, ein ehemals von Säulen getragener Pavillon, deſſen eingeſtürztes Dach man auf maleriſche Weiſe durch roh zugehauene Bauſtämme erſetzt hatte und welche dicht überrankt waren von wildem Wein und Gaisblatt, jetzt aller⸗ dings noch eine wirre Maſſe kahler Zweige bildend. Doch ſah man ſchon überall die grünen Knospen treiben ſo wie an den Syringen, freilich noch dicht zuſammengerollt, die ſpäteren Blüthendolden in zarten, grünen Blättchen ſchlummern. Aus der ſchwarzen, lockeren Erde drangen hier und da, beſonders in der Nähe mächtiger Stämme, ſchon Crocus, Schneeglöckchen und Lilien, letztere wie hellgrüne, ſpitze Pfeile, ſiegreich hervor an die Frühlingsluft. In der Laube ſaßen Mamſell Stöckel und Blanda. Letztere hatte in einem Buche geleſen, das nun vor ihr auf dem Tiſche lag, während ſie erwartungsvoll nach dem Hauſe blickte und, als Erich nun erſchien, dieſem mit lebhaften Schritten entge— gen ging. Er war etwas verlegen, wie er ſie begrüßen ſollte, und darüber mit ſich noch nicht recht in's Klare gekommen, obgleich er auf dem Ritte hieher fleißig darüber nachgedacht. Hatte ihm doch Kolma neulich ſchon angedeutet, daß Blanda kein Kind mehr ſei, daß ſie ſich wahrſcheinlich ſehr verändert habe, was er aber neulich Abends bei dem zweifelhaften Lichte und bei der Ueberraſchung durch das liebliche Märchenbild nicht ſo ſehr be⸗ merkt hatte, wie jetzt, da die ſchlanke und doch ſo reizend volle Mädchengeſtalt mit dem ſchönen, edlen Gefichte ihm entgegen eilte, würdevoll bei aller Herzlichkeit, vornehm elegant bei all ihrer 20 Achtunddreißigſtes Kapitel. Zutraulichkeit, abermals eines Märchens verkleidete Prinzeſſin. Erich hätte ſich faſt ſeiner groben Uniform geſchämt, als er ſah, wie zart ſich ihre feinen, weißen Finger auf dem derben Tuche ausnahmen, als ſie dieſelben auf ſeine Schulter legte, während ſie mit der andern Hand die ſeinige ergriff; auch hatte er ge⸗ fürchtet, klein neben ihr zu erſcheinen, weßhalb es ihn glücklich machte, daß ſie, dicht vor ihm ſtehend, aufwärts ſchauen mußte, um in ſeine Augen zu ſehen. Aehnliches ſchien ſie ebenfalls zu denken, denn ſie ſagte lächelnd:„Neulich Abends, bei der Freude des Wiederſehens, habe ich es nicht einmal gemerkt, daß du ſo groß geworden biſt.“ Dann führte ſie ihn zu ihrer Freundin; er mußte ſich ziſchen beide ſetzen und erzählen: von ſeinem früheren Leben auch von ſeinem Aufenthalte in Zwingenberg, und wie es ihm ſeit jenem Abende, wo ihn Blanda zuletzt auf dem Schloſſe des Grafen Seefeld geſehen, ergangen ſei. Was er alles ſagte, war ſtreng der Wahrheit gemäß; doch erzählte er bei einigen Vor⸗ fällen ſeines Lebens begreiflicher Weiſe nicht die ganze Wahr⸗ heit, immerhin aber genug, um Blanda zu veranlaſſen, ihre ſchönen, ernſten Augen mit einem faſt traurigen Ausdrucke auf ihm ruhen zu laſſen und ihm zu ſagen:„Du kannſt nicht ganz glücklich in deinen Verhältniſſen ſein!“ „Aber zuſrieden, Blanda, bis ich etwas Beſſeres erringen kann; o, im gegenwärtigen Augenblicke ſehr zufrieden, da ich euch wiedergefunden, dich und Kolma, die einzigen Weſen auf der ganzen, weiten Welt, an die ich ſtets ſo innig, ſo herzlich denken mußte!“ „Du haſt das Recht,“ gab ſie mit einem traurigen Lächeln zur Antwort,„wenigſtens in den Gedanken glücklich zu ſein, dir — —; Ernſte und beitere Erinnerungen. 21 ſelbſt einen Weg zu bahnen, Hinderniſſen zum Trotz, während wir uns aber von der Fluth müſſen da hintreiben laſſen, wohin es dem Schickſale gut däucht, uns zu führen— oder es faßt uns auch zuweilen eine Gegenſtrömung, die uns plötzlich von unſeren Wegen ab in eine ganz andere Bahn wirft, ohne daß wir darum glücklicher, zufriedener wären. So iſt es mir er⸗ gangen, lieber Erich, und damals, als wir uns zum erſten Male ſahen, trat kurz darauf dieſer Wendepunkt meines Lebens ein. Ich habe hier vor meiner Freundin keine Geheimniſſe, und auch du wirſt dich des kleinen, ärmlichen Mädchens erinnern, wie es vor den Menſchen tanzte, ſeine Kunſtfertigkeiten zeigte, und wie es dafür, ſelbſt von ſeinen eigenen Leuten, angeſtaunt, von dieſen faſt vergöttert wurde. Ich war die kleine, heranwachſende Her⸗ zogin des Stammes, und man erwies mir als ſolche die größte Ehre.— Ah, ich kann das nicht ſo leicht vergeſſen, wie ich nur zu wünſchen brauchte, um jene wilden widerſpänſtigen Männer, jene eigenſinnigen Weiber nach meinem Willen zu lenken— dann kam es plötzlich anders. Meine arme Mutter ſtarb, Kolma war verſchwunden, unſere Leute fingen an, ſich hier- und dorthin zu zerſtreuen. Ja, wenn du jetzt nur zwanzig Jahre alt wäreſt, ſagte mir damals Zarregg, du würdeſt den Stamm zuſammen halten, wie die mächtigſte Königin! Und obgleich ich noch ein Kind war, hätte ich es doch vielleicht vermocht, wenn nicht meine arme Mutter in dem ſeligen Gefühle geſtorben wäre, daß ihr Kind unter dem mächtigen Schutze jener vornehmen Dame glücklich werden würde. Mir aber war zu Muthe wie einem gefangenen Waldvogel, und wenn ich auch, wie dieſer, Hall die ſchönen Weiſen lernte, die man mir beſtändig wiederholte, all die nützlichen Dinge, welche mir meine Lehrer vortrugen, ſo * 22 Achtunddreißigſtes Kapitel. fühlte ich doch ſchmerzlich meine Gefangenſchaft in den Banden jener geordneten Welt, that, was ich that, weil ich es thun mußte, und wenn ich ja einmal glücklich ſein wollte, ſo träumte ich mich weit hinweg über Berg und Thal, am liebſten auf eine grüne Wieſe hin, die von murmelndem Waſſer umfloſſen war, wo unſere Zelte ſtanden, wo Nachts unſere Feuer loderten. Weißt du, Erich, wie damals, als du in jener Nacht von mir Abſchied nahmſt— a— a— a— ah, damals war es dort ſchön!“ Mamſell Stöckel ſchaute mit einem ernſten Blicke in die ſtrahlenden Augen des jungen Mädchens, worauf dieſe mit der Hand ſchmeichelnd über den Arm ihrer ehemaligen Lehrerin fuhr und dann ſagte: „Gewiß, ich verſtehe deinen Blick, und es iſt ja auch nichts als eine Erinnerung, die aus mir ſpricht; keine Sehnſucht, nicht einmal ein Wunſch— es ſind nur Gedanken, vorüber⸗ ſchwebend, wie dort oben die lichten Wölkchen, die ich gern eine Zeit lang verfolge, um ſie dann ihres Weges ziehen zu laſſen— wohin, das weiß ich eben ſo wenig, als woher ſie kamen— ganz das Bild meines Lebens.— Doch wir wollen heute nichts Trauriges reden, das kommt ohnedies häufig ge⸗ nug; ich will dir nur noch berichten, wie ſich darauf mein Leben wieder änderte und wie ich aus der Gefangenſchaft— ſo erſchien mir mein Leben in der erſten Zeit nach dem Tode meiner Mutter— ins wirkliche Gefängniß kam, in das Ge⸗ fängniß des Hauſes da unten, das ihr, Kolma und du, neu⸗ lich Abends beſucht— o, da war es zuweilen ſo arg, daß mir mein Leben vorher wie das freieſte auf der Welt erſchien und daß ich an das Umherwandern während meiner Jugendzeit nur mit einem Schauer denken konntel“ ———— ᷓ—C——B—B—B—’—’—’—’—’B—B—B—’—’—’—’’—V——y:———— Ernſte und heitere Erinnerungen. 23 „Gewiß eine wohlthätige Reaction!“ ſagte die Stöckel. „O ja, wenn ich nicht durch ſo Vieles abſichtlich daran erinnert worden wäre, daß ich dabei doch gewiſſer Maßen . immer noch vogelfrei geblieben ſei: ein fremdartiges Geſchöpf unter ſo viel wohl bekannten, glänzend befiederten Weſen, von denen denn auch eine gute Partie auf den eingedrungenen Vo⸗ gel loshackte! O, ich habe das an tauſend Kleinigkeiten bemerkt und darüber manche kummervolle Stunde in meinem Bette verweint!“ „Das war anfänglich ſo, Blanda; dann erwarbſt du dir nicht nur Freundinnen, ſondern übteſt ſogar eine Art von Herrſchaft über die Anderen aus.“ „Als geweſene kleine Herzogin,“ erwiederte das junge Mäd⸗ chen lächelnd,„war doch auch nichts natürlicher; doch iſt es mir gegangen, wie Mancher, die unbewußt, ja, ohne das zu * wollen, zu Macht und Hoheit kam und ſchwer dafür büßen mußte; wenn ſie mir auch nicht mein Haupt abſchlugen, ſo haben ſie es mir doch arg verſtümmelt!“ Erich blickte ſie fragend an, und erſt als ſie mit der Hand recht auffallend und ihn dabei anlächelnd, zu ihren dichten, blonden Locken fuhr, rief er aus:„Ach, dein langes Haar, Blanda! Warum haſt du es abgeſchnitten?“ „Es fiel als ein Sühnopfer zur Zeit einer ſchweren Re⸗ volution; ich werde dir die Einzelheiten darüber ſpäter einmal erzählen, habe dir aber jetzt Nothwendigeres zu ſagen. Du „ 4 weißt, daß die Gräfin Seefeld ſich meiner annahm, nachdem meine Mutter geſtorben. Warum that ſie das? Es iſt mög⸗ lich, aus Herzensgüte, aus Mitleid mit dem verlaſſenen Kinde, von dem ſie ſich dann wieder abwandte, als ſie erfahren, daß es ſo wenig ihren Erwartungen entſprochen— ja, Erich, wie — Achtunddreißigſtes Kapitel. du mich hier vor dir ſiehſt, bin dich ein ſehr bösartiges Ge⸗ ſchöpf geweſen, das Wohlthat mit Undank belohnte, das einer großen Geſellſchaft junger Mädchen zum ſchlechteſten Beiſpiel diente, ein Geſchöpf, von dem man ſich mit Widerwillen und Abſcheu wandte— frage nur meine liebe Stöckel—, trotz allem dem aber ein armes Weſen, das gänzlich allein in der Welt ſtehen würde, wenn nicht die beſte ihrer Lehrerinnen der armen Verlaſſenen hier oben ein Aſyl verſchafſt hätte!“ Bei dieſen letzten Worten zuckte es eigenthümlich ſchmerz⸗ lich um die Lippen Blanda's; dann warf ſie ſich raſch an die Bruſt ihrer Freundin, wobei das Zuſammenzucken ihres Kör⸗ pers deutlich zeigte, daß ſie heftig weine. „Du biſt ein närriſches Kind,“ ſagte die gute Stöckel— „freue mich aber in der That, daß du jetzt erleichternde Thrä⸗ nen findeſt für all den Schmerz, der ſich in deinem Herzen feſtgeſetzt; weine nur, weine nur!“ Das that ſie denn auch in der leidenſchaftlichſten Weiſe, mit der ſie all ihre Empfindungen kundgab, ſobald einmal eine gewiſſe Schranke der Zurückhaltung ihres eigenen Willens gebrochen worden war. Dann ſchüttelte ſie ihre Locken hef⸗ tig aus der erhitzten Stirn, legte ihre beiden zuſammen gefal⸗ teten Hände in die Rechte Erich's und ſagte mit immer noch thränenden Augen:„Daß ich bis jetzt von Kolma nichts ge⸗ ſagt, darf dir kein Beweis ſein, Erich, als hätte ich mich nicht aufs herzlichſte über ihre Anhänglichkeit und Liebe gefreut, mit der ſie kam, mich aufzuſuchen; und doch will ich dir nicht ver⸗ hehlen, daß ihr Erſcheinen mir wie ein fremder, zu greller Ton erklang in der ſanften Melodie dieſer Waldeinſamkeit, daß es mir wie eine Störung beſſerer Gedanken erſchien, wenn ich — Ernſte und heitere Erinnerungen. 25 mich mit der Idee vertraut machen wollte, ihr zu folgen, mit ihr zu leben. Du wirſt mich lächerlich finden, Erich! Du haſt das Recht, mich erſtaunt zu fragen: was willſt du denn ſonſt auf dieſer Welt beginnen? Und ich gebe dir darauf mit einigem Stolze die Antwort, daß mir meine gute Stöckel die Verſiche⸗ rung gab, ich hätte in den letzten Jahren ſo viel gelernt, daß ich mir ſelbſt eine Stellung, in der Art, wie die ihrige, zu ſchaffen vermöge— was ſiehſt du mich dabei ſo verwunderlich und ungläubig an?“ „Weil ich überzeugt bin, daß das nicht deine Beſtimmung iſt, Blanda, daß ich mir das wenigſtens nicht zu denken ver⸗ mag. Lache du über mich, wenn ich dir ſage, daß ich mich einer eigenthümlichen Phantaſie nicht erwehren konnte, ſo oft ich dich noch geſehen, daß es mir dann gerade ſo iſt, als müß⸗ ten fremde, unbekannte Leute erſcheinen, athemlos herbeiſtürzen, da ſie dich Jahre lang vergeblich geſucht, müßten dir zu Füßen ſinken, dir die Hände küſſen und dich im Triumphe alsdann mit ſich davon führen.“ „Du denkſt an die kleine Herzogin von damals,“ ſagte ſie durch Thränen lächelnd,„oder an die wiedergefundene Prin⸗ zeſſin eines Märchens.“ „An das Letztere vielleicht— du wirſt ſehen, Blanda, wie man dich eines Tages findet, dich inmitten eines glänzen⸗ den Gefolges davonführt und wie du uns, die wir traurig zu⸗ rückbleiben, zum letzten Mal ein Lebewohl zurufſt.“ „Das Letzte gewiß nicht,“ erwiederte ſie in einem ſo herz⸗ lichen Tone und mit einem ſo innigen Blicke, daß es ihn durchſchauerte— und auch das Andere nicht,“ rief ſie lachend, „obgleich ich ſelbſt ſchon dergleichen thörichte Träumereien F . 26 Achtunddreißigſtes Kapitel. hatte! Aber ich wollte noch etwas von Kolma ſagen: ſie will mich mit ſich nehmen, ich ſoll bei ihr leben, und das iſt es, was mir widerſtrebt, wenigſtens ſo lange, bis ich es möglich gemacht, vor jene Gräfin Seefeld hinzu⸗ treten und ihr zu beweiſen, daß ich weder unwürdig noch undankbar gegenüber ihren Wohlthaten war; daß ich aber wiſſen möchte, aus welchem Grunde ſie ſich des verlaſſenen Kindes angenommen, ob ihre Gründe nur die des Mitleids, der Barmherzigkeit geweſen, ob ihr Intereſſe für mich nur eine Spielerei war, die ſie wegwarf, als man das Spielzeug bei ihr verdächtigte.“ „Was du denkſt und fühlſt, iſt richtig, und ich könnte es auch wohl nicht verſtändlicher ausdrücken,“ ſagte Mamſell Stöckel. „Ach, der Anblick Kolma's,“ fuhr das junge Mädchen nach einer Pauſe fort,„hat alle die ſchönen Plane zerſtört, die wir Beide hier oben gemacht! Wie hat ſich Kolma verändert, wie leidend ſieht ſie aus!— Warſt du nicht ebenfalls bei ihrem Anblicke erſchrocken, Erich?“ „Ich kann das nicht läugnen, obgleich ich durch Nachrichten, die ich zufällig über ſie erhielt, auf ihren Anblick vorbereitet war.“— Er mochte nichts davon ſagen, wie er ſie vor dem letzten Mal geſehen. „Welch traurige Aenderung in wenig Jahren,“ rief Blanda, nachdem ſie eine Weile ſinnend vor ſich niedergeblickt, ſchmerz⸗ lich bewegt aus—„und das bewog mich auch rückhaltslos in alles zu willigen, was ſie verlangte! Doch furchte ich faſt ihr Wiedererſcheinen— ich fühle mich ſo glücklich hier oben, beſonders jetzt, da ich dich wieder geſehen, Erich, an den ich beſtändig und aufs herzlichſte in den ſchwerſten Augenblicken ½ ———————ę—ͦ—ÿ—ÿÿ—L—M—ÿ—ÿ—§—Z—M’V —— Ernſte und heitere Erinnerungen. 27 gedacht; dann erinnerte ich mich immer, wie du meine kleinen Pferdchen in jener Nacht ſo ſicher durch die wilden Soldaten⸗ haufen gelenkt— denke dir aber mein Erſtaunen, als ich dich vor nicht gar zu langer Zeit nun ſelbſt inmitten ähnlicher Rei⸗ ter erkannte, die mit den dumpf dröhnenden Geſchützen an uns vorüberzogen!“ „Hatteſt du mich in der That erkannt, Blanda?“ „Frage die gute Stöckel, was ich ihr von dir ſagte, als ſie mein auffallendes und unanſtändiges Stehenbleiben ſtreng verweiſen mußte.“ „Und Anderes noch,“ meinte die ehemalige Lehrerin lächelnd. „Woran ich aber ſehr unſchuldig war.“ „Aber als Hehlerin doch nicht ganz ohne Schuld.“ „Was war denn das, Blanda?“ fragte Erich.„Du ver⸗ zeihſt meine Neugierde, da ich mir auch dieſen Vorwurf als mit mir in einigem Zuſammenhange denken muß.“ „Auf der Höhe vor unſerm Hauſe erhob ſich eine kleine Feſtung,“ ſprach Blanda unter einem ſchelmiſchen Lächeln ge⸗ gen die Stöckel. „Fort Marimilian!“ rief Erich, dem nun plötzlich Schmoller einfiel und die ganze Geſchichte, welche er von dieſem erfahren. „Mir war dieſe kleine Feſtuug ſehr gleichgültig, und wenn ich ſie, nachdem ich dich geſehen, mit einigem Intereſſe betrach⸗ tete, ſo geſchah das nur, weil ich durch cine Freundin erfahren, daß dort oben ebenfalls Artillerie liege.“ „Für welche ſich deine Freundin lebhafter intereſſirte.“ „Mehr als billig war,“ ſagte ernſt die ehemalige Lehrerin der Penſion. Achtunddreißigſtes Kapitel. „O, ich kenne den Gegenſtand dieſes Intereſſes!“ rief Erich lachend. „Ich möchte lieber nichts mehr davon hören,“ meinte Mamſell Stöckel;„es gibt denen ein Recht, denen ich gerade darin kein Recht geben möchte; jedenfalls war es von der Grä⸗ fin Haller unverantwortlich, dich zur Vertrauten zu machen.“ „So war es in der That eine ſo vornehme junge Dame,“ fragte Erich erſtaunt,„die mit einem meiner Kameraden Briefe wechſelte und ihm ihr Portrait ſandte?“ „Davon weiß ich nichts,“ ſagte Blanda eifrig. „O, es ſieht der leichtſinnigen Haller ähnlich!“ „Einem deiner Kameraden, Erich?“ „Einem einfachen Bombardier der Feſtungs⸗Compagnie des Forts Maximilian. „Aber von guter und bekannter Familie?“ „O, ich glaub' wohl, daß ſeine Familie in ihren Kreiſen als ſehr gut gilt und dort auch wohl gut bekannt iſt; wenn du aber unter dieſer Bezeichnung eine vornehme und adelige Familie verſtehſt, ſo thut es mir leid, dir ſagen zu müſſen, daß deine Gräfin Haller ſich arg täuſchte. Schmoller kann durch⸗ aus keine Anſprüche machen auf eine vornehme Familie oder auf Reichthümer irgend welcher Art.“ „Er heißt Schmoller?“ fragte Mamſell Stöckel.„Schade, daß ich das nicht früher gewußt habe, es wäre auch das ein Mittel geweſen gegen dieſe Kindereien der Gräfin Haller! Denn wer weiß, für welch poetiſchen Namen ſie geſchwärmt— hat aber hoffentlich alles das total vergeſſen in den erſten Tagen, welche ſie zu Hauſe zubrachte.“ „Und mich dazu,“ meinte Blanda mit einem trüben Ernſte und beitere Erinnerungen. 29 Lächeln;„doch gleichviel.— Sage mir, Erich,“ fuhr ſie als— dann in heiterem Tone wieder fort,„wie iſt dein Freund Schmoller, wie ſieht er aus? Ich möchte ihn wohl einmal ſehen!“ „O, er iſt ein ganz anſtändiger junger Mann, gut aus⸗ ſehend, wenn ich auch nicht begreife, wie er im Stande ge⸗ weſen, bei jener jungen Dame ſo großes Intereſſe zu erregen!“ „Aus weiter Entfernung, Erich; ich glaube, daß ſie ihn nie in der Nähe geſehen hat, und wenn auch vielleicht ein Mal, ſo war doch ihr Köpfchen ſo mit romanhaften Schwärmereien angefüllt, daß ſie das an ihm, was vielleicht nicht in ihre Phantaſie paßte, für Verſtellung und Maske hielt. Sie ſchwärmte für einen jungen, hübſchen und ſehr vornehmen Cavalier, der ſich ihr zu Liebe in die Verkleidung eines Soldaten geworfen.“ „Die böſe Frucht müßiger Stunden,“ ſagte die Stöckel, „und des Leſens verbotener Bücher, was Fräulein von Quadde der Gräfin Haller gern hingehen ließ, ſo lange ſie ihr Lieb⸗ ling war— aber einem fremden jungen Menſchen ſeine Pho⸗ tographie zu ſchicken!“ „Die ich hier zufällig bei mir habe. Schmoller gab ſie mir, um vielleicht auf eine oder die andere Art zu erfahren, wo die ihm ſo plötzlich Entſchwundene geblieben iſt.“ „Laß ſehen, Erich!“ Dieſer hatte damals auf dem Fort Maximilian die Pho⸗ tographie nur ſehr flüchtig angeſehen, heute Morgen aber gar nicht, und als er ſie jetzt aus dem kleinen Couvert hervorzog und betrachtete, konnte er ſich eines leichten Erſchreckens nicht erwehren.“. Blanda nahm ihm das Blatt aus der Hand, und kaum 30 Achtunddreißigſtes Kapitel. hatte ſie einen Blick darauf geworfen, ſo lachte ſie laut und fröhlich hinaus, um aber gleich darauf mit etwas angenom⸗ menem Ernſte zu ſagen:„Ach, das iſt doch recht abſcheulich von Clotilde!“ „Was gibt's denn?“ fragte Mamſell Stöckel. „Das hat ſie dem jungen Manne als ihr Bild geſchickt!“ „Das meinige!“ rief die ehemalige Lehrerin mit großer Entrüſtung.„Sie hatte kein Herz, dieſe Haller— ſie haben alle kein Herz, dieſe Vornehmen! Mein Bild, das ich ihr freundlich und liebevoll gab, ſo förmlich wegzuwerfen— pfui!“ Erich befand ſich in Verlegenheit und ſuchte ſich ſo gut als möglich mit der Wahrheit zu entſchuldigen, beſonders mit ſeinem allzu flüchtigen Betrachten der Photographie. Ja, es konnte kein Zweifel daran ſein, die leichtſinnige junge Gräfin hatte das Bild ihrer Lehrerin an Schmoller geſchickt, und dieſer fühlte ſein Herz gerührt durch die freundlich ſtillen Züge der guten Stöckel. „Jetzt verlange auch ich, Ihren Freund zu ſehen,“ ſprach die Stöckel mit größerer Energie, als man ſonſt an ihr ge⸗ wohnt war, um ihm meine Empfindungen auszudrücken über das taktloſe Benehmen jenes jungen Mädchens; und was dieſe Photographie anbelangt, ſo werde ich ſie behalten.“ Sie entfernte ſich etwas aufgeregt mit geröthetem Ge⸗ ſichte aus der Laube und dem Garten, die beiden jungen Leute allein laſſend, wodurch aber eigenthümlicher Weiſe der bisher ſo muntere Redeſtrom im Sande zu verrinnen ſchien; vielleicht auch wohl, weil Erich mit herzlicher Freude ſchweigend in Blanda's liebe, ſchöne Augen blickte, während ſie unverwandt etwas in den langſam dahinziehenden Wolken zu ſuchen ſchien. Ernſte und heitere Erinnerungen. 31 Dann beſann er ſich plötzlich darauf, daß ſein Spazirritt ſchon ſehr lange gedauert habe, und dieſem Gedanken Worte gebend, erhob ſie ſich mit ihm, und dann ging ſie, die Hand auf ſeine Schulter geſtützt, an ſeiner Seite vor das Jagdſchlößchen, wo er den Rappen beſtieg und ihr dann zum Abſchiede die Hand reichte. „Nicht wahr, du kommſt recht bald wieder, Erich?“ „O gewiß, recht bald, Blanda!“ Neununddreißigſtes Kapitel. Bombardier Schmoller entdeckt im glücklichſten Augenblicke ſeines Lebens, daß man ihn betrogen hat, und Erich iſt unbeſonnen genug, ſeinen Feind zu Boden zu ſchlagen. Wie gern hätte Erich ſein Verſprechen, Blanda recht bald wieder zu beſuchen, ſchon am anderen Tage erfüllt, und wie prächtige Gelegenheit hätte er hierzu durch die Pferde des Premier⸗Lieutenants gehabt, wenn der Hauptmann von Mander⸗ feld es nicht als eine thörichte Zeitverſchwendung erklärt hätte, daß ein junger Menſch, der noch in vielen Dingen der Letzte ſei, ſo Stunden lang auf dem Sattel herum bummle, und dann zu ſeinem erſten Lieutenant geſagt: „Laſſen Sie das durch einen der älteren Unterofficiere be⸗ ſorgen, oder nehmen Sie meinetwegen Wibert; das iſt ein ge⸗ ſetzter Menſch und ordentlicher Reiter.“ Worauf der Premier-⸗Lieutenant in trockenem Tone erwie⸗ derte:„Ich danke Ihnen für den guten Rath, Herr Haupt⸗ mann; bis mein Burſche wieder geſund iſt, können meine Pferde auch durch den Bombardier Freiberg unter meiner Auf⸗ ſicht in der Reitbahn geritten werden, wobei der junge Menſch Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. etwas lernt und wogegen ſie wohl nichts einzuwenden haben werden!“ Dann hatte er mit ſeiner Hand leicht an ſeine Dienſt⸗ mütze gelangt nnd war ohne Weiteres davon gegangen, worauf dann Erich das zweifelhafte Vergnügen genoß, den Rappen in der Reitbahn herum zu tummeln, wobei die Aufſicht des Premier⸗Lieutenants darin beſtand, daß er zuweilen einen Au⸗ genblick zuſchaute, wenn der Bombardier aufſaß. Dieſer überließ ſich bei ſolchen ſtillen Reitvergnügen ſeinen Phantaſieen und ſtellte die Länge der Reitbahn in Verhältniß zu dem Wege nach dem Jagdſchlößchen, wobei er ſich dieſen recht lebhaft vergegenwärtigte, jetzt in ſeiner Phantaſie das Fort Marximilian vor ſich ſah, dann das Haus der Penſion, hierauf, natürlich, immer in Gedanken, die Landſtraße in einem animirten Gallop dahin flog und dann, die Reitbahn in Dia⸗ gonale nehmend, in voller Carrière vor ſeinem Luftſchloſſe an⸗ langte. Statt aber am Ende einer ſolchen Phantaſietour Blanda's liebliche Züge zu ſehen, blickte er plötzlich in das Geſicht Schmoller's, der über die hohe Holzeinfaſſung der Bahn herüber ſchaute. „So, biſt du es? Ich will noch ein paar Minuten im Schritt herum reiten, dann bin ich zu deinen Dienſten; gehe indeſſen auf meine Stube.“ „Ich will lieber hier warten,“ meinte der Andere;„ich war ſchon droben, da lungern alle die Kerls um den Tiſch herum, ſo daß man doch kein vernünftiges Wort reden kann.“ „Gut, ich komme ſogleich.“ Schmoller verſchwand, und Erich, welcher ſeinen Freund nicht mehr geſehen, ſeit ihn dieſer vor ein paar Tagen auf der ; 3 Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 3 34 Neununddreißigſtes Kapitel. Landſtraße begleitet, überlegte, was er ihm, jene Pholographie betreffend, mittheilen könne und dürfe. Die ganze Wahrheit, daß man ihn eigentlich zum Beſten gehabt, wäre für den armen Schmoller zu ſchmerzlich geweſen. Doch welche Entſchuldigung dafür finden, daß er ihm das hochverehrte Bildniß nicht wieder zurückbringen konnte? Glücklicher Weiſe fand Erich, als er gleich darauf mit ſeinem Freunde im Kaſernenhofe zuſammentraf, daß Schmoller's Geiſt mit etwas Anderem beſchäftigt war, denn er fragte nur flüchtig nach dem Ergebniß von Erichs Spazirritt und ſagte dann: „Da iſt mir geſtern Abend etwas ganz Abſonderliches begegnet; es war prachtvolles Wetter, wie heute, und da ich nichts zu thun hatte, ſetzte ich mich mit einem Buche auf den Wall des Forts.“ „Natürlich an der Nordſeite?“ „An der Nordſeite,“ beſtätigte Schmoller mit einem leichten Seufzer.„Es umgab mich eine warme, balſamiſche Luft, zu meinen Füßen ſproßten Frühlingsblumen, hoch über mir jubelte ſchmetternd die Lerche; ich lehnte an der Böſchung und blickte träumeriſch ins Thal hinab.“ „Ganz Toggenburg,“ lachte Erich— „Blickteſt Stunden lang Nach dem Fenſter deiner Lieben.“ „Wo ich aber leider nichts ſah, als geſchloſſene Fenſter⸗ läden— ein troſtloſer Anblick! Da, auf einmal hörte ich den Klang von Pferdehufen und ſah, aufblickend, jenen Huſaren⸗ Officier, bei dem ich damals war und ihm deine Papiere übergab.“ „Ah, den Grafen Seefeld!“ — ᷣj⁰—— „— Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. 35 „Denſelben; aber er war nicht allein, ihm zur Seite ritt ein älterer Herr, während beiden eine junge Dame in langem Reitkleide, den kleinen Hut mit wallender Feder keck auf dem Kopfe, um einige Pferdelängen vorausſprengte, dann nicht weit von dem Platze hielt, wo ich mich befand, und aufmerkſam zur Stadt hinab blickte. Ein Bedienter in reicher Livrée folgte. Natürlich erhob ich mich aus meiner liegenden Stellung, um dem Huſaren⸗Officier die Honneurs zu machen, die aber von demſelben durchaus nicht beachtet wurden, was ich indeſſen ſehr begreiflich fand, da ihn die junge Dame mit einer reizend klingenden Stimme an ihre Seite rief. „Schauen Sie dort hinab, lieber Graf Seefeld,“' ſagte ſie, da iſt der Schauplatz meiner Thaten! Laſſen Sie uns ein paar Schritte weiter rechts reiten, ſo kann ich Ihnen das Fenſter meiner Gefängnißzelle zeigen!“ „Dabei kamen ſie nah an mich heran, daß mich faſt das lange Reitkleid der Dame ſtreifte, als ſie ihr Pferd wieder ge— gen die Brüſtung wandte. Ach, ſie war ſchön, Erich, blendend ſchön! Ein herrlich geformtes Geſicht, glänzende Augen, ſchwarzes, lockiges Haar, und dabei eine Weichheit und Elaſticität in dem feinen Körper, etwas ſo Reizendes und Elegantes in allen Be⸗ wegungen, daß man Pferd und Sattel hätte beneiden können! Dabei war es mir ganz eigenthümlich zu Muthe, als ſie vom Schauplatze ihrer Thaten da unten ſprach und die Zelle ihres Gefängniſſes bezeichnen wollte, worauf ich ſo begierig war, daß ich nicht vom Platze gegangen wäre, wenn auch der Blick aus dem unangenehmen Geſichte des Huſaren⸗Officiers noch deutlicher gefragt hätte: Was willſt du denn eigentlich hier, ge⸗ meiner Kerl, und verſchwindeſt nicht augenblicklich, wenn du 36 Neununddreißigſtes Kapitel. Leute, wie wir, herankommen ſiehſt?— Aber ich war hier zu Hauſe, deßhalb in meinem Rechte, und obendrein voll eines Ge— fühls wie Neugierde, Spannung, Erwartung auf irgend etwas, was ich mir ſelbſt klar zu machen nicht getraute. „Du kannſt mir aber glauben, Erich, daß ich faſt er⸗ ſchreckt zuſammenfuhr, als ſie nun mit der Reitpeitſche, die ſie ausgeſtreckt in der rechten Hand hielt, anfing, die Fenſter des Hauſes drunten von links nach rechts abzuzählen, und als ſie nun bei dem ſechsten im zweiten Stocke anhielt und ſagte: „Das war es, da habe ich manche lange Stunde verſeufzt.“ „Eigenthümlich!“ meinte Erich mit einem etwas erkünſtelten Erſtaunen, fuhr aber gleich darauf lachend fort:„Nun, du warſt doch nicht am Ende der Anſicht, es ſei dieſe reizende Amazone die geweſen, die früher mit dir Schriftliches ge— wechſelt? Ah, Schmoller, ich halte deine Eigenliebe nicht für ſo groß, weiß auch ganz gewiß, daß du dich geirrt haſt! In dem Zimmer des ſechsten Fenſters hat wahrſcheinlich mehr als Eine junge Dame gewohnt.“ „Es iſt in dieſer Welt Vieles möglich, was uns ganz unglaublich erſcheint.— Nachdem die ſchöne junge Dame ſo ihre ehemalige Wohnung bezeichnet, ſtützte ſie ſich mit beiden Händen auf den Hals ihres Pferdes und ſagte: Wie oft habe ich von da drunten nach dieſer Höhe hinauf geſchaut und nicht gedacht, daß ich ſie ſo bald, ſo frei und ſo fröhlich betreten würde!“ Und ſo gegen alles Verdienſt,“ ſagte der ältere Herr lächelnd; eine Wohnung in den Caſematten hier unter uns wäre für euch Alle viel richtiger geweſen!' „‚Böſer Papa! ſchmollte ſie, wandte ſich aber gleich darauf Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. 37 mit einem leuchtenden Blicke an den Huſaren-Officier und ſagte ihm: Ich will es nur geſtehen, dieſe kleine Feſtung war häufig der Tummelplatz unſerer Mädchenphantaſie, und unſere Ge⸗ danken gingen oft auf dieſen Wällen ſpaziren; wir bevölkerten uns das zuweilen mit bekannten Geſtalten.... ‚Und gingen auch mit dieſen ſpaziren, flüſterte der Graf Seefeld leiſe.“ „Pfui, Sie ſind unausſtehlich, Graf Seefeld, und ver⸗ dienen es nicht, daß ich Ihnen geſagt, wie ich dabei einige Male an Sie gedacht! Gewiß, fuhr ſie mit einer lieblichen Naivetät fort, ‚wenn Sie mir nicht verſichert hätten, Sie wären nie hier oben geweſen, ſo würde ich mit Beſtimmtheit ſagen, ich hätte Sie gerade hier auf dieſer Stelle ein paar Mal ge⸗ ſehen!“ „Und das war gerade die Stelle,“ fuhr der Bombardier Schmoller mit einem leichten Seufzer fort,„wo ich Stunden lang geſtanden und hinab geſtarrt.“ „Bis das Fenſter klang.“ „Ja, bis das Fenſter klang, bis die Liebliche ſich zeigte — und wenn ich nun über mein Buch hinweg in ihr ſchönes Geſicht ſah, ſo war es mir gerade, als erinnerte ich mich trotz alledem dieſer lieblichen Züge.“ „Und damit iſt dieſe romanhafte Begegnung zu Ende?“ „Noch nicht, Erich, es kommt noch Erſchütternderes für mich und tief Ergreifendes.— Der alte Herr machte den Vor⸗ ſchlag, rings um den Wallgang der kleinen Feſtung zu reiten, vorher aber unſerem Feſtungs⸗Commandanten, dem Herrn Hauptmann von Walter, einen Beſuch zu machen. Zum Erſten gab die junge Dame auch ihre Zuſtimmung, bei der letzteren 38 Neununddreißigſtes Kapitel. Partie aber behauptete ſie unnöthig zu ſein und auf die Rück⸗ kehr der Beiden hier, wo ſie ſich gerade befand, warten zu wollen, um, wie ſie ſagte, noch einige Augenblicke zu ſchwärmen in der Erinnerung an vergangene Tage.“ „Das fandeſt du begreiſlich, Schmoller?“ „Ja, und mir klopfte das Herz gewaltig; ich war ſchon im Begriffe, mich davon zu ſchleichen, blieb aber trotzdem an die Böſchung gelehnt ſtehen und that, als ob ich eifrig in mei— nem Buche läſe. Da hörte ich plötzlich die ſchöne, klangvolle Stimme der jungen Dame fragen: „Sind Sie hier oben als Wache?“ „Das konnte nur mir gelten, denn der Bediente hielt ziem⸗ lich weit zurück mit ſeinem Pferde; auch ſah ich, als ich auf⸗ blickte, daß ihre Augen auf mich gerichtet waren. Raſch näherte ich mich deßhalb, und dicht neben ihrem Pferde ſtehend, erwie⸗ derte ich: Nein, gnädiges Fräulein, ich bin hier oben nicht auf Wache, ſondern nur hieher gegangen, um die milde Frühlings⸗ luft und die herrliche Ausſicht zu genießen.“ „Ich hätte es mir auch denken können, daß Sie hier nicht auf der Wache ſind, denn ſonſt würden Sie nicht mit ihrem Buch da ſtehen. Sieht man von hier aus den Königsplatz?“ „Dort links, gnädiges Fräulein, dort, dicht bei der Kuppel mit dem goldenen Kreuze.“ „Ach ja, wie deutlich erkenne ich jetzt alle Gebäude! Welch prächtigen Blick man von hier auf die Stadt hat!“ „Wohl den ausgedehnteſten von allen benachbarten Höhen, vom weſtlichen Ende der Stadt, wo die Sternwarte ſteht, bis zum öſtlichſten hier vor uns, dort mit dem Hauſe, deſſen Fenſterläden ſeit einigen Tagen feſt verſchloſſen ſind— einem Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. 39 ehemaligen adeligen Damenſtifte! erlaubte ich mir mit einem etwas ausdrucksvollen Tone zu ſagen.“ „Sie ſchaute mich mit einem großen Blicke an und ent⸗ gegnete erſt nach einer Pauſe: ‚Ja, das iſt jetzt verlaſſen, und ſieht recht traurig aus!' „Gewiß, recht traurig!“ War wohl ſonſt für die hier oben ein willkommenes Ziel der Beobachtung?“ ſagte ſie mit einem heiteren Lächeln. „Ach ja, und erſcheint jetzt nur noch als eine trübe Er⸗ innerung! „Das ſchien ſie nicht zu verſtehen, denn ſie ſchaute über mich hinweg mit ernſtem, nachſinnendem Blicke zu den Wald⸗ höhen hinauf und ſprach erſt nach einer Weile, wie zu ſich ſelber: Es iſt ſehr ſchön hier oben, und ich will es nicht ver⸗ geſſen, daß ich endlich auch einmal hier oben war, und nicht nur in Gedanken!' „Dann glitten plötzlich ihre Blicke wieder auf mich herab, und ich ſage dir, Erich, die volle Gluth ihrer dunkeln Augen gab mir einen entzückenden und doch ſchmerzlichen Stich ins Herz, und ich mußte dieſe volle Gluth mindeſtens ſechs Se⸗ cunden aushalten, wobei ich fühlte, wie mir die Röthe ins Geſicht ſtieg!“ „Was leſen Sie denn da?“ fragte ſie raſch. „Gedichte, gnädiges Fräulein.— Und ſiehſt du, Erich, wenn es mich meinen Kopf gekoſtet, ich hätte es nicht anders gekonnt, als ihr dieſe Lüge zu ſagen— um Va banque zu ſpielen, denn es war eine Lüge; ich las in einem Romane von Spindler, that aber ſo, als ob ich aus dem Buche läſe, als 40 Neununddreißigſtes Kapitel. ich ihr die Verſe von Heine recitirte, die ich einſtens, auf ein Stückchen Papier geſchrieben, drunten an der Gartenmauer aufgehoben hatte. Sie liebten ſich Beide, doch Keiner Wollt' es dem Andern geſteh'n; Sie ſahen ſich an ſo feindlich Und wollten vor Liebe dergeh'n. Sie trennten ſich endlich und ſah'n ſich Nur noch zuweilen im Traum, Sie waren längſt geſtorben Und wußten es ſelber kaum.“ „Und ſie ließ dich dieſe Declamation zu Ende bringen?“ e fragte Erich. „Ja,“ antwortete Schmoller nach einem tiefen Athemzuge, „ſie hörte mich ruhig an, ſie beugte ſich auf den Hals ihres 4 Pferdes nieder, und als ſie ſich hierauf wieder aufrichtete, be⸗ merkte ich, daß ihre ſchönen Züge geröthet waren.“ „Schmoller, du betrügſt dich ſelber!“ „Laß das gut ſein; ich weiß zu genau, daß dieſe Verſe einen großen Eindruck auf ſie machten. Ich kann dir das eben ſo wenig ausführlich beſchreiben, als wie den Ausdruck des Blickes, den ſie auf mich warf; höre nur noch ruhig den Schluß dieſes wunderbaren Abenteuers, und dann uttheile. Sie neigte ihr Haupt gegen mich, wie zum Danke oder zum Gruße, zog dann die Zügel etwas heftig an, ſo daß ſich ihr 4 Pferd vorn erhob und dann auf ein leichtes Berühren 2 mit der Reitgerte in einer Langade an mir vorüber flog, wo⸗ bei ſie ihre rechte Hand mit einer raſchen Bewegung gegen ihre Bruſt erhob— abſichtslos, wie ich dachte, bis ich zu meinem freudigſten Erſchrecken etwas durch die Luft fliegen und auf Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. 41 den Boden fallen ſah— ein Veilchenbouquet, welches ſie zwiſchen den Knöpfen ihres Reitkleides getragen. Der raſch folgende Bediente bemerkte das um ſo weniger, als ſeine Augen auf die beiden Herren gerichtet waren, die jetzt auf der Bie⸗ gung des Wallganges wieder erſchienen, und als Alle ver⸗ ſchwunden waren, hob ich raſch die duftenden Blumen auf und verbarg ſie auf meinem Herzen.“ Erich konnte nicht anders, als ungläubig lächelnd ſeinen Kopf ſchütteln und ſo den großen Unmuth Schmollers erregen, der achſelzuckend vor ihm ſtehen blieb und ziemlich heftig ſagte: „O, ich hab' es wohl gewußt, daß du alles das für über⸗ trieben oder gar für eine Phantaſie halten würdeſt! Es iſt mir im Grunde gleichgültig, und würde ich dir gar nichts davon erzählt haben, wenn ich dir nicht nach dem, was du neulich erfahren, mein ganzes Vertrauen ſchuldig zu ſein glaubte.“ „Ja, nach dem, was ich neulich von dir erfahren, kann ich nun einmal nicht anders, als dir meine ehrliche Meinung ſagen, daß ich glaube, man hat dich zum Beſten gehabt, oder war die Photographie, die man dir geſandt, das Bild der jungen Dame, von welcher du ſo eben mir erzählt?“ „Das nicht, aber du wirſt mir zugeſtehen, daß es vielleicht ein Act der Klugheit war, mir, einem fremden Menſchen, eine falſche Photographie zuzuſenden.“ „Wenn ich dir nun aber ſage, daß ich das Original jener Photographie geſprochen und daß dieſes Original, ein angeneh⸗ mes, verſtändiges Mädchen, deine Bekanntſchaft zu machen wünſcht!“— Darin ſagte Erich nun gerade nicht die Unwahr⸗ heit, obgleich Mamſell Stöckel Schmoller nicht in der Abſicht 31 zu ſehen wünſchte, um ihm jene kleine Verrätherei, die mit ihrem 42 Neununddreißigſtes Kapitel. Portrait vorgegangen war, in freundlichen oder gar herzlichen Worten zu erklären. „Wenn dem ſo iſt, ſo bin ich in einer peinlichen Lage,“ verſetzte Schmoller mit großem Ernſte;„es iſt gewiſſer Maßen ein Unglück zu nennen, wenn man ſo ein allgemeines Intereſſe einflößt.“ „Du kommſt mir vor wie Herkules am Scheidewege, ſollteſt dich aber ſehr raſch entſchließen, an jene glänzend trü⸗ geriſche Erſcheinung nicht mehr zu denken, und das kann dir eigentlich nicht ſchwer werden nach der Leidenſchaſtlichkeit, mit welcher du noch vor wenig Tagen die allerdings höchſt ange⸗ nehmen und milden Züge jener Photographie betrachtet. Lerne das Original erſt kennen, und du wirſt mit mir übereinſtimmen, daß hier etwas Poſitiveres iſt, als bei jenem leuchtenden Blitze, der deine Augen vorübergehend geblendet.“ „Ja, ich will ſie kennen lernen,“ entſchied ſich endlich Schmoller nach einem tiefen Seufzer.— „Aber indem du ruhig und natürlich auftrittſt, denn die junge Dame hat ein ſtilles, geſetztes Weſen, welche die leideng ſchaftlichen Declamationen, in denen du ſtark biſt, kaum ver⸗ ſtehen würde, ja, welcher ſchon deine Art, von dem Fort Maxi⸗ milian herunter zu telegraphiren, recht auffallend erſchienen ſein mag und die wohl im Stande wäre, dir bei der erſten Unter⸗ redung recht offen ihre Meinung darüber auszuſprechen.“ So, damit hätten wir einiger Maßen vorgebaut, dachte Erich, indem er ſich dem Freunde gegenüber ein ſehr ernſtes und würdevolles Anſehen zu geben wußte, welches auch ſeine Wirkung nicht verfehlte, denn Schmoller fragte hierauf etwas kleinlaut: Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. 43 „Wann glaubſt du, daß wir zuſammen jenen Beſuch machen können?“ „Wir haben morgen einen Feiertag,“ gab Erich zur Ant⸗ wort,„und wenn mich heute nicht irgend ein Unglück nach St. Agatha verſchlägt, was man bei der Liebe des Herrn Haupt⸗ manns für mich nie zu wiſſen vermag, ſo wäre ich morgen Nachmittag bereit, mit dir hinaufzugehen.“ „Alſo zu Fuße?“ „Anders wird ſich's nicht thun laſſen, da ich dem Rappen des Herrn Premier⸗Lieutenants auf hohen Befehl, wie du vor⸗ hin geſehen haſt, hier auf der Reitbahn Bewegung machen muß.“ Hierauf trennten ſich die beiden Freunde, ohne daß Schmoller 'eglücklicher Weiſe nach ſeiner Photographie verlangt hätte. Trug er doch an derſelben Stelle, wo er jene aufbewahrt, jetzt das gefundene Veilchenbouquet, und wenn ihm auch Erich's Be⸗ merkungen etwas von ſeiner Sicherheit benommen hatten, ſo glaubte er doch noch immer an Zeichen und Wunder auf dem Gebiete der Liebe und konnte ſich nun einmal nicht entſchließen, ſelbſt das Außerordentlichſte für unmöglich zu halten; er war darin ganz Königin von Golkonda, und mit jedem Schritte, den er langſam und träumend ſeinen Berg hinauf machte, er⸗ hob er ſich von einer ſchwindelhaften Poſition zur anderen und war— vor dem Thore der Feſtung angelangt— ſo weit ge— kommen, daß ihn Seine Majeſtät der König auf dringendes Bitten der Eltern ſeiner Braut zum Grafen Schmoller von Schmollershauſen ernannte, und ließ erſt von dieſen Träume⸗ reien, nachdem ihm ein ſcharfer Windſtoß ſeine neue Mütze in einen recht unſauberen Winkel des Feſtungsgrabens geweht hatte. Erich war langſam die Treppe hinaufgeſtiegen und ver⸗ 8 44 Neununddreißigſtes Kapitel. nahm, als er in die Nähe ſeiner Stube gelangte, einen heftigen Wortwechſel, bei welchem er die Stimme Wiberts unterſchied, welcher übrigens nicht mit jener brutalen Sicherheit ſprach, wier er gewöhnlich zu thun pflegte, wogegen ſich die andere Stimme, die des Unterofficiers Wenkheim, in ſo ſcharfen Aeußerungen erging, wie ſie dieſer bis jetzt noch nicht gegen den Liebling des Hauptmanns von Manderfeld gebraucht. „Und wenn es nur ein Papier war,“ rief der Unterofſicier „das Sie ſich nur ein wenig in der Nähe betrachten wollten, ſo war es immerhin ein ſtrafbarer Eingriff in das Waffenge⸗ rüſt ihres Kameraden, wozu Sie nach Ihrer Anſicht den paſſend⸗ ſten Augenblick erwählt, da Sie geglaubt, es befände ſich außer Ihnen Niemand im Zimmer und nachdem Sie vorher die Thür ſorgfältig zugeſchloſſen!“ „Die Thür ſchloß ich zu, weil alle Anderen auswärts be⸗ ſchäftigt ſind und weil ich mich umziehen wollte.“ „O, ich kenne ihre Schamhaftigkeit!“ hohnlachte der Unter⸗ officier.é„Sie irrten ſich auch wahrſcheinlich im Waffengerüſte und ſahen das Papierpaket für ein reines Hemd an!“ „Das Erſte iſt allerdings der Fall, und wenn Sie mir nicht glauben wollen, ſo will ich Ihnen ſogleich zeigen, daß ich ein ganz ähnliches Papierpaket in meinem Waffengerüſte habe, wodurch ein Irrthum erklärlich wird.“ „Na, Her— r—r-r, wir wollen doch ſehen, ob Sie damit durchdringen!“ Jetzt öffnete Erich raſch die Thür, und wenn ihm nicht das, was Wibert hatte ausführen wollen, ſehr ernſt und be⸗ denklich vorgekommen wäre— denn er wußte wohl, um wel⸗ ches Papierpaket es ſich handle— ſo hätte er in ein lautes 45 Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. Lachen ausbrechen müſſen über den Anblick des Unterofficiers Wenkheim, welcher, nur mit dem Erſten und Unentbehrlichſten, womit ein Menſch bekleidet ſein kann, vor Wibert ſtand und zornroth in ihn hineinſchrie. „Ja,“ rief er, nachdem er die Thatſache mit dem Waffen⸗ gerüſte vor Erich wiederholte,„ich lag in meinem Bette mit der Decke über den Kopf, weil ich mich nicht ganz wohl fühle, und da glaubte er ſich allein im Zimmer! Augenblicklich aber werde ich mich anziehen und dieſe Geſchichte dem Herrn Premier⸗ Lieutenant melden!“ „Meinetwegen,“ knurrte Wibert, deſſen Trotz beim An⸗ blicke Erichs wieder gewachſen war,„melden Sie es, wohin ſie wollen, und jeder vernünftige Menſch wird mir zugeben, daß hier ein Irrthum möglich iſt— da iſt das Paket aus meinem Waffengerüſte.“ Erich warf einen raſchen Blick darauf und eilte dann an ſeinen eigenen, kleinen Schrank, um zu ſehen, ob die gewiſſen Papiere, die ſich dort verſiegelt befanden, noch da ſeien, und ſah ſie allerdings, wenn auch etwas herausgezerrt aus Wäſche und ſonſtigen Dingen, worunter er ſie ſorgfältig verſteckt. Ob er wohl leichtſinniger Weiſe vor einer Stunde vergeſſen, ſein Waffengerüſte zu verſchließen— er konnte ſich nicht mehr ge⸗ nau darauf beſinnen; aber es war ihm klar, daß hier ein durch⸗ dachter Plan zu Grunde lag und daß Wibert ein ganz ähn⸗ liches Paket nur deßhalb bereit hielt, um es in einem günſtigen Augenblicke mit dem ſeinigen vertauſchen zu können. Woran er früher nicht gedacht, that er jetzt, und ſchrieb auf das Paket ſeinen eigenen Namen, ehe er es ſorgfältig wieder verdeckte und dann das Waffengerüſt abſchloß. *½ Neununddreißigſtes Kapitel. Mit Wibert über dieſen Vorfall ein weiteres Wort zu wechſeln, hielt er überflüſſig, ja, er trat zu dem Unterofficier, der ſich hinter ſeinem Bette eiligſt anzog, und bat ihn dringend, die Sache auf ſich beruhen zu laſſen. „Beſſer iſt das am Ende allerdings,“ polterte Wenkheim, „denn es möchte mir ſchier das Herz abdrücken, wenn ich melden müßte, das ſei auf meiner Stube paſſirt! Hol' der Teufel dieſen langen Labander! Sehen Sie ſelbſt zu, wie Sie mit ihm fertig werden! Ich muß in die Luft, ſonſt erſtick' ich vor Zorn!“ Dann eilte er hinaus, nachdem er ſich raſch angezogen, und Erich trat ein paar Augenblicke nachher völlig ruhig und geſammelt an den Tiſch, wo ſich Wibert niedergelaſſen hatte und unbekümmert Brod und Butter zu einem Stücke Wurſt ſchmauste; er ließ ihn ſogar dieſes Frühſtück ruhig beenden, während er zum Fenſter hinausſchaute, und wandte ſich erſt dann gegen ihn, indem er ſagte:„Den ſchlechten Streich, den Sie da eben ausführen wollten, dem Hauptmann zu melden, wäre vielleicht vergebliche Mühe, Sie werden mich wahrſchein⸗ lich verſtehen; aber das ſage ich Ihnen, ſo wie Sie ſich noch einmal unterſtehen, ſich für mein Waffengerüſt zu intereſſiren, ſei es auch nur mit einem Ihrer unverſchämten Blicke, ſo ſchlage ich Sie zu Boden!“ „O ho,“ ſchrie der Andere aufſpringend,„ſtützen Sie ſich vielleicht auf die dumme und lächerliche Anklage des Unteroffi⸗ ciers Wenkhein, um ſo mit mir zu reden? Warte, Bürſch⸗ lein, wenn mir meine Fauſt nicht zu lieb wäre, um ſie in Be⸗ rührung zu bringen mit dem Geſichte eines ſo hergelaufenen 2 Strolches, eines Spions und Verräthers, ſo.... Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. 47 Weiter vermochte er im Augenblicke nicht zu reden, denn Erichs Fauſt hatte ihn ſo gewaltig an der Halsbinde gepackt, die er raſch ein wenig herumdrehte, daß ihm das Wort in der Kehle ſtecken blieb, worauf in größter Geſchwindigkeit ein paar klatſchende Maulſchellen auf ſeiner Wange brannten; dann ließ er ihn los, und Wibert, der um einen halben Kopf größer war und wie ein wildes Thier ſchnaubte und wüthete, würde feige genug geweſen ſein, es dabei zu belaſſen, wenn er jetzt nicht die Stimme des kleinen Bombardiers Schwarz vernommen hätte, der mit Weitberg in die Stube trat und der in entzück⸗ tem Tone ausrief:„O, famos— o, famos!“ Das mußte ihn natürlich antreiben, ſich auf Erich zu ſtürzen, wobei Wibert dieſem von oben herab einen ſo tüchtigen Fauſtſchlag auf den Kopf gab, daß ihm die Ohren ſausten und ihm feurige Ringe aus den Augen ſprangen; doch ſchien er nur eine Secunde lang wie betäubt zu ſein, dann unterlief er den langen Bombardier preßte ihn feſt an ſich, um ihn darauf mit einer kraftvollen Schwenkung auf den Boden zu ſchleudern, daß die Planken krachten. Aber damit war es noch lange nicht genug, wie ſich die ſchrille Stimme des kleinen Schwarz ver⸗ nehmen ließ, und wie auch Erich ſelbſt dachte, gegenüber all den Unverſchämtheiten, die ſich Wibert täglich gegen die ganze Stubenkameradſchaft zu Schulden kommen ließ. Raſch langte er nach ſeinem Säbel, der zufällig am Tiſche lehnte, riß ihn aus der Scheide und ſuchtelte mit der flachen Klinge einen gewiſſen Theil des langen Bombardiers ſo raſch und nach— drücklich, daß dieſer alle Gegenwehr aufgab und in ein wahr⸗ haft cannibaliſches Gebrüll ausbrach, wozu Schwarz und Weit⸗ berg im höchſten Entzücken einen ausdrucksvollen Kriegstanz Neununddreißigſtes Kapitel. ausführten. Plötzlich aber fühlte Erich ſeinen Arm gehalten und ſah, ſich umwendend, in Weitberg's ſchreckensbleiches Ge⸗ ſicht, deſſen Augen nach der geöffneten Thüre ſtarrten, in wel⸗ cher der Hauptmann von Manderfeld mit dem Premier Lieute⸗ nant Schaller ſtanden. Da war nun nichts zu machen— ſich durch irgend etwas zu entſchuldigen, hätte Erich jedenfalls unter ſeiner Würde ge⸗ halten, weßhalb er kaltblütig ein wenig auf die Seite trat und den Säbel wieder in die Scheide ſteckte, nachdem er vorher mit demſelben ſalutirt, was allerdings wie der größtmöglichſte Hohn ausgelegt werden konnte und gewiß auch ſo, ja, noch viel ſchlimmer ausgelegt wurde. Der Hauptmann von Manderfeld ſchien nur mit großer Mühe ſeine ariſtokratiſche Ruhe beibehalten zu können, und ſelbſt der Premier⸗Lieutenant ſchüttelte bedenklich mit dem Kopfe; doch überwand der erſtere jeden Ausdruck eines gemeinen Zor⸗ nes, zog ruhig ſein Battiſttuch hervor, wiſchte langſam ſeinen Schnurrbart nach beiden Seiten und ſagte dann erſt in einem affectirt gleichgültigen Tone:„Sie haben wohl die Güte, Herr Premier⸗Lieutenant, den Wachtmeiſter Pinckel zu veranlaſſen, daß dieſer Mann da in Unterſuchungsarreſt gebracht wird, und werde ich über die Aufnahme des species facti das Nähere ſelbſt befehlen.“ Damit verließ er die Stube, wo ſowohl Schwarz als Weitberg in der größten Beſtürzung zurückblieben. Erſterer kratzte ſich hinter den Ohren, und ſtatt ſeinen Lieblingsausdruck zu gebrauchen, ſagte er in kläglichem Tone:„O weh, o weh!“ Der lange Wibert war, ſich tüchtig reibend, hinter den Schmoller betrogen. Erich ſchlägt den Feind. 49 Betten verſchwunden, und Erich dachte:„Was iſt's weiter— einmal hat es doch ſo kommen müſſen!“— Nur als er hierauf an das Jagdſchlößchen und an Blanda dachte, konnte er ſich eines ſchmerzlichen Gefühles nicht erwehren. Aber die ſchwere Wetterwolke ſollte noch einmal gefahrlos über ſeinem Haupte dahinziehen; denn es waren kaum zehn Minuten nach dieſem Vorfall vergangen, als der Unterofficier Wenkheim haſtig mit hochrothem Geſichte in das Zimmer trat und ausrief:„Der Bombardier Freiberg wird auf einen neuen Befehl des Herrn Hauptmanns nicht in Unterſuchungsarreſt abgeführt, der Bombardier Wibert aber iſt auf die Stube Nr. 8 verſetzt!“— Da fing der ſchmächtige Weitberg vor Freuden an zu jauchzen und zu tanzen, und der kleine Schwarz, nachdem er gellend:„O, famos— o, famos!“ geſchrieen, eilte zur Mar⸗ kedenterin, um den Reſt ſeiner Baarſchaft gegen Schnaps und Wurſt umzuſetzen. Hackländer, Der letzte Vombardier. IV. 4 rechtlicher Mann machen mußte, von dem gefä Vierzigſtes Kapitel. 8 ften verſchiedener Art werden A Unangenehme und traurige Botſcha glücklicher Weiſe unterbrochen durch einen Beſuch der Gräfin Haller bei der Herzogin Blanda, mit welchem ein zartes Abenteuer ſeinen Abſchluß erhält. Als Erich und Schmoller am anderen Tage nach dem im vorigen Kapitel erwähnten Vorfalle zuſammen nach dem Jagd⸗ ſchlößchen hinaufgingen und erſterer ſeinem Freunde dieſes Zu⸗ ſammentreffen mit Wibert und dem Hauptmann von Mander⸗ feld erzählte, ſagte Schmoller:„Darin kann durchaus kein Zwei⸗ fel obwalten, daß dich der Unterofficier Wenkheim durch den Rapport, den er über Wibert's Beſchäftigung gemacht und als hrlichen Unter⸗ ſuchungsarreſte befreit; ſei aber dagegen verſichert, daß dir dein Batterie⸗Chef die Behandlung ſeines Lieblings betreffend gehörig ins Wachs drücken wird, und nimm dich auf's äußerſte zu— ſammen, um ihm keine Veranlaſſung zu geben zu neuem Unter⸗ ſuchungsarreſt, mit species facti verzinst.“ „Was kann ich dagegen thun?“ entgegnete Erich achſel⸗ zuckend.„Er hat hundert Wege, um mir beizukommen!“ Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 51 „Dich unter keinem Vorwande mehr in ſolche Geſchichten einlaſſen wie die mit Wibert. Wie hätteſt du dageſtanden, wenn du das ruhig und vernünftig angepackt hätteſt! Denn ich will nicht läugnen, daß ich auch faſt vermuthe, der Kerl hat ein Gelüſte nach deinen Papieren gehabt, doch nicht aus eigenem Antriebe, und deßhalb hätteſt du klüger ſein ſollen.“ „Möglich; aber ich hätte dich an meiner Stelle ſehen wollen, ob dich nicht auch der Zorn übermannt hätte!“ „Auch war es leichtſinnig, das Paket in deinem Waffen— gerüſte zu laſſen; ich hätte es dir beſſer aufgehoben. Wo haſt du es jetzt?“ 5 „Hier, bei mir, um es in die Hände einer der Dar zu legen, die wir auf dem Jagdſchlößchen beſuchen werden.“ „Auch nicht übel, denn wer weiß, ob ich es hätte lang bei mir behalten können, da ſeit geſtern wieder ſtark die Rede iſt, von der baldigen Verſetzung unſerer Feſtungs⸗Compagnie.“ Unter dieſen Geſprächen hatten ſie die Stelle erreicht, wo der Waldweg von der Chauſſee ab nach dem Jagdſchlößchen führte und wo man ſchon das Dach deſſelben durch die kaum mit dem erſten, zarten Grün bekleideten Bäume hervorſchim⸗ mern ſah. Schmoller kürzte hier auffallend ſeine Schritte und wurde ſehr ſchweigſam, ſo wie ſie ſich ihrem Ziele näherten. Von Erich deßwegen befragt, gab er zur Antwort:„Ich muß ſchon geſtehen, daß ich da droben nicht mit meiner gewöhn⸗ lichen Sicherheit auftreten werde, was du begreiflich finden wirſt; denn mag man es nehmen, wie man willl, ich befinde mich da in einer ſonderbaren Lage— vor eine Dame hinzu⸗ treten, mit der ich Briefe und Gedichte gewechſelt, ohne ſie je Auge in Auge geſehen zu haben, die auch eben ſo wenig genau 52 Vierzigſtes Kapitel. weiß, wie ich ausſehe, und die mich ſtatt mit einem freund⸗ lichen A— a— a— ahl eben ſo gut mit enttäuſchendem O— o— o—oh!l empfangen kann.“ Erich, der es nicht für zweckmäßig hielt, ſeinem Freunde den wahren Sachverhalt mitzutheilen, begnügte ſich, ſeine Worte von geſtern ungefähr zu wiederholen, daß man es mit einem ſehr einfachen, aber höchſt liebenswürdigen Weſen zu thun habe, deren Gunſt zu erringen, ſich Schmoller glücklich ſchätzen könnte, und damit hatten ſie die Hofmauer erreicht. Es war ein milder, aber etwas trüber Tag, der Himmel mit leichtem Gewölk überzogen, durch welches zuweilen ein Lichtſtrahl zuckte, als mache die Sonne vergebliche Anſtrengung, durch die grauen Dünſte zu brechen. Hier und da zeigten ſich auch dunklere Streifen, aus denen man Regen erwarten konnte, und da nirgendwo ein bewegender Lufthauch zu ſpüren war, ſtanden Bäume und Sträucher ohne die leiſeſte Regung, ernſt, erwartunsvoll, trübe, weil ohne Licht, und gaben ſo der gan⸗ o heiteren Waldlandſchaft etwas Ernſtes, ja, Trauriges, wozu das eben erwähnte wechſelnde Licht in den Wolken wie ein ſchmerzliches Zucken erſchien und vortrefflich paßte. Dazu kam noch die tiefe Stille, welche auf dem ganzen zen, ſonſt im Sonnenglanze ſ Gehöfte lag. Da es Feiertag war, ſo befanden ſich die Knechte in der Kirche des benachbarten Dorfes; der Förſter war in den Wald gegangen, und leiſe Zithertöne, die vom Garten her⸗ überzudringen ſchienen und die wie der melancholiſche Hauch einer Aeolsharfe klangen, vermehrten noch das eigenthümlich Feierliche der Stimmung. „Es iſt hier gerade ſo,“ flüſterte Schmoller,„als wenn — Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 53 man ein verzaubertes Schloß beträte, und wenn dort ein trotzi⸗ ger Knecht mit Lederwamms und Armbruſt oder einer Helle⸗ barde in der Fauſt erſchiene, würde ich mich gar nicht wundern.“ „Ja, oder wenn ein kleiner Zwerg hervorträte,“ pflichtete Erich bei,„um uns zu melden, daß die Fee, welche hier ge— haust, geſtern auf einem Drachenwagen abgeholt worden ſei— doch iſt es trotz alledem ſo arg nicht; da öffnet ſich die Thür des Hauſes, und wir werden etwas ganz Natürliches zu ſehen bekommen.“ Und ſo war es auch in der That. Auf der Schwelle er⸗ ſchien Mamſell Stöckel, ſichtbar in einiger Verlegenheit, als ſie die jungen Leute ſah und gewiß Beide erkannte, wobei Erich ſich nicht enthalten konnte, die Aufmerkſamkeit Schmoller's durch einen Ellbogenſtoß anzuſpornen; dann näherte er ſich raſch der Thür und ſtellte ſeinen etwas ſchüchtern folgenden Freund vor, daran eine Frage nach Blanda knüpfend. „Sie iſt hier im Zimmer,“ antwortete die ehemalige Leh⸗ rerin etwas erröthend, während ſie es auffallend vermied, den Freund Erich's anzublicken, der ſeine Mütze abgenommen hatte und in einer demüthigen Haltung vor ihr ſtand;„Blanda wünſcht Sie zu ſprechen,“ ſetzte ſie alsdann raſch hinzu—„ich glaubé, allein zu ſprechen—, und wenn mich Ihr Freund unterdeſſen in den Garten begleiten will, wo auch mein Neffe iſt, ſo werden Sie uns dort ſpäter mit Blanda finden.“— Sie zeigte mit der Hand auf den Weg, der um das Haus in den Garten führte, und ging dann voraus, während ihr Schmoller in nicht ganz ſicherer Haltung folgte. „Wohl bekomm' ihm die Predigt!“ dachte Erich in über⸗ müthiger, glücklicher Laune, die geſteigert wurde durch das Be⸗ 54 Vierzigſtes Kapitel. wußtſein, daß ihn Blanda erwarte und daß er ſie allein ſehen werde. Raſch trat er über den Vorplatz in die Halle und eilte in herzlicher Freude zu Blanda hin, die in dem großen Stuhle unter dem Epheu ſaß. Doch erſchrack er, als er in ihre heute ſo außerordentlich bleichen Züge blickte und als er an ihren gerötheten Augen ſah, daß ſie geweint habe— heftig epein „Was iſt dir geſchehen, Blanda?“ „Vieles, Vieles, und deßhalb bin ich ſo glücklich, daß du kommſt— o, es war geſtern für mich ein recht trauriger Tag!“ „Erzähle mir das ruhig, und ohne dich aufzuregen.“ „Das iſt unmöglich, ja, die erſte Mittheilung, die ich dir zu machen habe, wird dich ebenfalls in große Aufregung ver⸗ ſetzen— Kolma iſt todt!“ „Kolma todt! Unmöglich, Blanda! Woher wüßteſt du es auch?“ „Durch Schlimmeres, was mich betroffen: jener Mann war geſtern hier oben, der ſeit Jahren, ſo oft ich an dich freundlich dachte, wie ein garſtiges Geſpenſt neben dir ſtand, jener Mann, der dich damals verfolgte, der dich ins Gefängniß warf, woraus Kolma dich auf meine Veranlaſſung errettete.“ „Graf Seefeld?“; „Er ſelbſt; es war geſtern Morgen ungefähr um dieſe Zeit, als wir im Garten ſaßen, die gute Stöckel und ich, da hörten wir ein raſch galoppirendes Pferd, und ich will es nicht läugnen, Erich, daß ich vor das Haus eilte, um dich herzlich zu begrüßen, aber erkannte meinen Irrthum erſt, als es zu ſpät war, zurückzutreten, und mußte es deßhalb geſchehen laſſen, daß er ſein Pferd dicht vor mir gewaltſam zum Stehen brachte, 4 Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 55 und mußte es mit anhören, daß er im Tone höchſter Ueber⸗ raſchung ausrief: ‚Welche Erſcheinung!““ „O, er hat gewiß noch Weiteres zu ſagen gewagt!“ ſprach Erich mit zuſammengebiſſenen Zähnen. „Es iſt möglich; doch da ich ihn augenblicklich wieder er⸗ kannte, war ich ſo beſtürzt, daß ich kaum jene Worte vernahm. Dann ſchwang er ſich aus dem Sattel, warf die Zügel ſeinem Reitknechte zu und blieb einen Augenblick vor mir ſtehen, mich mit einem Lächeln anblickend, als wolle er in ähnlicher Weiſe, wie er mich begrüßte, fortfahren. Doch beſann er ſich eines Beſſern; ſeine Züge nahmen einen andern Ausdruck an, dann legte er ſeine Hand an die Mütze und ſprach in einem ern⸗ ſten, faſt ehrfurchtsvollen Tone: ‚Könnten Sie es ſein, mein Fräulein, der ich eine Nachricht zu überbringen habe?“ „Glücklicher Weiſe kam in dieſem Augenblicke die gute Stöckel heran, der er ſeinen Namen nannte und hinzuſetzte, er ſuche eine junge Dame Miß Price, die bis vor Kurzem in dem adeligen Fräuleinſtifte der Reſidenz geweſen ſei, worauf ſie mich ihm durch eine Handbewegung bezeichnete.“ „Und er war es, der dir die Nachricht von Kolma's Tod überbrachte?“ fragte Erich ſchmerzlich bewegt. „Er war es, und was er mir von ihrem Tode erzählte, trug ſo den Stempel der Wahrheit, daß leider nicht daran zu zweifeln iſt.“ „Er konnte allerdings von Kolma wiſſen,“ ſprach Erich traurig vor ſich hin,„denn an dem Abend, wo wir Beide hier oben waren, hatte er ſie in der Stadt geſprochen. O, wie ich ſie an jenem Abend ſah, nach Jahren zum erſten Male wieder ſah, hat mich ihr Anblick aufs tieſſte erſchüttert! Gewiß, 56 Vierzigſtes Kapitel. gewiß, ſie litt tief und hoffnungslos, und dieſes Bewußtſein ſprach auch häufig aus ihren Worten— aber entſetzlich iſt es, daß gerade er dich von ihrem Tode benachrichtigen mußte— und wie ſtarb ſie?“ „In jener Nacht auf der Fahrt nach Hauſe, in ihrem Wagen— wohl ſanft und ſchmerzlos, wie er mir ſagte; denn als ihre Dienerin den Schlag geöffnet, habe ſie Anfangs ge⸗ glaubt, ſie ſchlafe.“ „Die arme, arme Kolma! Wie glücklich bin ich, ſie noch geſehen zu haben, und auch dir, Blanda, wird das eine liebe Erinnerung ſein!“— Seine Augen hatten ſich mit Thränen gefüllt, und als ſie ihm nun ihre beiden Hände reichte, drückte er dieſe an ſeine Lippen und zog dann das weinende Mädchen ſanft an ſich. Sie legte ihren Kopf an ſeine Schulter, und ihr gewaltſames Schluchzen fühlte er deutlich an dem heftigen Zucken ihres Körpers. Erſt nach einer langen Pauſe ſagte ſie, ſich aufrichtend: „Jetzt fühle ich es erſt recht ſchmerzlich, wie völlig einſam ich in der Welt ſtehe, o, entſetzlich einſam— ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne— einen Namen!“ „Wie kommſt du jetzt darauf, meine gute, gute Blanda?“ „Durch eine Aeußerung jenes Mannes, durch eine Frage, die er halb an mich, halb an meine liebe Stöckel that, die aber klang, als ſpräche er ungläubig mit ſich ſelber. ‚Und Sie heißen wirklich Miß Price?“ ſagte er einmal im Laufe des Geſpräches. Ich vermochte nicht darauf zu antworten; denn wenn auch die Stöckel jene Frage eifrig bejahte, wußte ich es ſelbſt doch zu genau, daß ich ja keinen Namen habe.“ „Aber einen Freund, der dich nie, nie verlaſſen wird!“ rief — Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 57 Erich glückſelig aufjauchzend, denn es durchdrang ihn ein ſeliges Gefühl bei dem, was ſie eben geſagt; ja, der für ſie ſo ſchmerz— liche Gedanke, daß ſie Niemanden auf der weiten Welt habe, ließ ihn vor Freude erbeben. Durfte er es alsdann doch wagen, ihr Beſchützer zu ſein, durfte er alsdann doch hoffen, daß ſie ſich feſt und innig an ihn ſchlöſſe, ihn als ihren Verwandten, ihren Bruder, als einen lieben, trauten Freund betrachte und auf ſeine Meinung, ſeinen Rath höre— dann war ja auch er nicht mehr allein auf der Welt, dann hatte er ein Weſen, dem er herzlich gut ſein, für das er ſpäter vielleicht einmal ſorgen durfte! Wie reich und glücklich fühlte er ſich durch dieſen Gedanken! Er hätte in dieſem Augenblicke mit keinem Könige getauſcht, ja, wenn der Verſucher an ihn herangetreten wäre, um ihm für Blanda's Freundſchaft die glänzenden, heiß erſehnten Epauletten zu bieten, er würde ſie höchſt wahrſchein— lich von ſich geworfen haben. Sie blickte durch Thränen lächelnd zu ihm auf und ſagte: „Ich danke dir, Erich, dafür, daß du mein Freund ſein willſt, ich bin ſtolz darauf und werde gewiß bald in den Fall kom⸗ men, deinen Schutz, deine Hülfe anzurufen— ach, ich werde es nothwendig brauchen!“ „So, hat er dir noch Schlimmeres geſagt,“ rief Erich mit funkelnden Augen,„ſo haßt und verfolgt er dich?“ „O nein, man haßt und verfolgt mich nicht, im Gegen— theil, man gibt ſich die Miene, mir ſehr wohlzuwollen, ſich ſehr lebhaft für mich zu intereſſiren.“ „O, das iſt viel ſchlimmer!“ ſagte er mit leiſer Stimme und einem Gefühle, welches ihm ſchmerzlich durch die Seele ſchnitt. Und woraus erfuhrſt du das?“ Vierzigſtes Kapitel. „Aus einzelnen Worten, Blicken und Mienen, und dann fühlte ich es— hier.“ Sie legte bei dieſen Worten die Hand auf das Herz und fuhr dann mit niedergeſchlagenen Augen fort:„Ich habe nie eine ſolche Angſt, ein ſolches Weh empfun⸗ den, als bei ſeinen Blicken und Worten.“ „O, ich verſtehe dich, Blanda!“ rief er mit aufloderndem Zorn und mit krampfhaft geſchloſſenen Händen. Und gerade dieſer Menſch, der mir ſchon ſo viel Leides zugefügt— und was ſagte denn die Stöckel dazu?“ „Als er endlich fort war und ich mich weinend in ihre Arme warf, da ſuchte ſie mich allerdings zu tröſten, aber mit Worten, die doch eigentlich kein Troſt für mich waren. Vor⸗ her ſchon hatte ſie höflich, faſt ehrerbietig gelächelt, als er zu uns ſprach, und ängſtlich nach ihrem Bruder, dem Förſter, hinübergeblickt, der dazukam, ſchon von Weitem ſeinen Hut ab⸗ nahm und ſich mit tiefen, unterwürfigen Bücklingen Seiner Erlaucht näherte.“ „Und was ſagte ſie dir dann, Blanda?“ rief Erich heftig, faſt rauh. „Sie ſagte, man müſſe ſich nicht gleich ſo trotzig abwen⸗ den, wenn Leute, deren Hülfe wichtig für uns werden könne, freundlich, ſogar ſcherzend mit uns ſprächen; ſie ſagte, es könne mir eigentlich nichts ſchaden, wenn ich mir das Wohlwollen meiner früheren Beſchützerin, der Gräfin Seefeld, das ich doch verloren zu haben ſchiene, wieder gewänne.“ „Durch ihn? Das Wohlwollen der Gräfin, die gewiß eine gute und edle Dame iſt— o, wie dumm iſt dieſe Stöckel!“ „Verſtehſt du nun, Erich, daß mich alles das recht un⸗ glücklich macht?“ 9ʃ — Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 59. „Ob ich dich verſtehe, meine gute Blanda!“ „Und daß mir hiedurch mein Aufenthalt hier oben, wo ich ſo glücklich war, beinahe verhaßt geworden— auch....“ „Sprich doch, Blanda, was haſt du ſonſt noch?“ bat er, als ſie plötzlich ſchwieg. „Auch beunruhigt es mich, daß der arme Sohn des För⸗ ſters ſich gar ſo viel um mich bekümmert, daß er mir wie ſein Schatten folgt und daß ſeine traurigen Augen ſo lebhaft zu mir ſprechen, wenn auch ſein Mund faſt ſtumm iſt— ich muß fort von hier, Erich,“ rief ſie ſchmerzlich aus, in Thrä⸗ nen ausbrechend,„aber ich weiß nicht, wohin! O, wüßte ich nur, wo jene Leute ſind, die mich liebten und verehrten, die ich nie hätte verlaſſen ſollen, mit ihnen leben, mit ihnen ſterben— wüßt' ich Zaregg zu finden, jenen kühnen, gewaltigen Mann, der mir, dem Kinde, auf Schritt und Tritt folgte, der ſeine ſtarke Fauſt, ſeine weißen, zuſammengebiſſenen Zähne trotzig und drohend gegen den Wind kehrte, wenn dieſer zu unſanft durch mein Haar fuhr— aber wo ſind ſie geblieben? Zer⸗ ſtreut in alle Welt, geſtorben, verdorben!— Viel durch die Schuld der armen Kolma, die ihre Hand und ihren Geiſt von ihnen abzog, die, wenngleich nicht unmittelbare, Veranlaſſung war, daß auch wir jene verließen.— An die Gräfin Seefeld ſchrieb ich aus der Penſion und erzählte ihr ausführlich, ohne jeden Rückhalt, die Veranlaſſung, weßhalb man mich von dort entfernt, erhielt aber keine Antwort und werde auch von dort nie eine erhalten.“ Darüber konnte Erich nicht anders als eine heimliche Freude empfinden; allerdings eine etwas eigennützige Freude, aber begreiflich, beinahe verzeihlich. Er ſah es wieder vor ſich, 60 Vierzigſtes Kapitel. jenes große Schloß mit ſeinen weiten Gemächern und langen, öden Gängen, und in ſeiner Phantaſie zog ſich rings umher ein Zauberbaum, den er nie mehr übertreten dürfe; dort ein⸗ mal hineingerathen, durfte er nie hoffen, Blanda wieder zu ſehen— ſo dachte er, war aber doch nicht egoiſtiſch genug, dieſen Gedanken Worte zu verleihen, und ſelbſt dann nur an⸗ nähernd und vermittelnd, als ihm plötzlich die Mühle des Doc⸗ tors Burbus vor Augen ſchwebte und das ſegensreiche Walten jenes wohlwollenden, thatkräftigen Mannes. Ja, dieſem be⸗ ſchloß er, ſich anzuvertrauen, ihm Blanda's ganze Geſchichte mitzutheilen und ſich ſeinen Rath, ſeine Hülfe zu erbitten. Aller— dings war dann wohl anzunehmen, daß der Doctor, der mit den Verhältniſſen der Familie Seefeld genau bekannt war, auch dort ſeine Erkundigungen einziehen würde, ja, es vielleicht ver⸗ möge, das Wohlwollen der Gräfin für das arme junge Mäd⸗ chen wieder zu erwecken, und dann— und dann ſtand er ſelbſt wieder verlaſſen vor jenem Zauberkreiſe, der ihn ewig von dort fern halten mußte. O, wie tief ſchmerzte ihn dieſer Gedanke, der nach allem Nachſinnen ſtets wiederkehrte! Viel⸗ leicht bekümmerte ſich der Doctor Burbus in ſeiner derben, geraden Weiſe auch nicht im geringſten um die Seefeld'ſche Familie, vielleicht ließ er ſich für Blanda's Schickſal intereſ⸗ ſiren, wußte in dieſem Falle Rath und Hülfe— und dann — vielleicht— blieb auch ihm die Hoffnung, Blanda nicht zu verlieren. Weiter mochte und durfte Erich nicht träumen, es ſchwin— delte ihn; weiterhin verlor ſich all ſein Denken und Fühlen in ein wunderliches Gemiſch von Leid und Freude ſo wie in Wirk— lichkeit in das Anſchauen von Blanda's ſchönen, klaren Augen, mit denen ſie ihn faſt erſtaunt ob ſeines langen Schweigens be— trachtete. Da hörte man draußen vom Hofe herein mit Einem Male das raſche Rollen eines Wagens, der vor dem Jagd— ſchlößchen hielt, dann wurde die Hausthür geöffnet, dann ver⸗ nahm man raſche Tritte auf dem Vorplatze und dann erſchien auf der Schwelle des Gemaches, worin die Beiden ſich befan⸗— den, eine junge, ſehr elegant gekleidete Dame, die ſich mit dem Ausrufe:„O, meine arme Genovefa!“ in Blanda's geöffnete Arme warf—„hab' ich dich endlich gefunden, mein Herz, was mir wahrlich Mühe genug gemacht hat, denn du biſt hier oben verſteckt, wie eine gefangene Prinzeſſin! Ach, meine Blanda, wie lange haben wir uns nicht geſehen!— Freuſt du dich auch, daß ich endlich zu dir gedrungen bin?“ „Ob ich mich freue, Clotilde!“ antwortete Blanda mit glänzenden Blicken.„Ich dachte ſchon, auch du hätteſt mich völlig vergeſſen!“ „Ich dich vergeſſen? O, ich vergeſſe Niemanden, den ich einmal geliebt, aber von dir iſt es nicht recht, dich ſo zu ver⸗ ſtecken! Weißt du wohl, daß ich ſchon vor einigen Tagen den ſauren Gang zur Frau von Welmer that, um mich nach dir zu erkundigen?— Wie hat ſich das Haus da droben verändert! Ich ſage dir, es iſt ſo ſtill und unheimlich, als ſei es nur von Geſpenſtern bewohnt, und ich bin auch überzeugt, daß der Geiſt der Quadde um die Mitternachtsſtunde weherufend durch unſeren Schlafſaal ſchwebt— aber wen haſt du denn da, mein Herz?“ flüſterte ſie mit einem Blicke auf Erich, welcher ſich beim Ein⸗ treten der jungen Dame nach der Thür zurückgezogen hatte. „Einen Jugendbekannten, den ich dir ſogleich vorſtellen will.“ „Auch von der Artillerie?“ lachte die Gräfin Haller ſchelmiſch. Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 61. .62 Vierzigſtes Kapitel. 2 „Ein hübſcher Menſch— ich werde nächſtens ganz an dir irre werden, Blanda. Aber denke dir nur, die boshafte Welmer wollte mir nicht ſagen, wo ich dich finden könne, und da fiel mir denn glücklicher Weiſe ein, daß du ja mit der Gräfin See⸗ feld liirt geweſen, weßhalb ich mich an ihren Vetter, den Grafen Dagobert, wandte, der mir denn auch ſogleich verrieth, wo du zu finden ſeiſt; der mir auch auf meine vorwitzige Frage ge⸗ ſtand, daß man dich hier oben ein Bischen zur Strafe in der Einſamkeit halte und mir darum allergnädigſt nur dieſen ein— zigen Beſuch erlauben wollte, wobei ich ihm verſprechen mußte, deinen Anfenthalt Niemanden zu verrathen.— Aber weißt du auch,“ fuhr ſie, ihren Ton in einen erkünſtelten Ernſt verändernd, fort,„daß mich dieſe Geheimnißthuerei eiferſüchtig machen könnte, wenn mir das Geringſte an den Galanterieen des häßlichen Grafen gelegen wäre— aber nicht ſo viel!“— Dabei ſchnippte ſie mit dem Finger.—„SDoch ſtelle mir jetzt deinen Freund vor, er iſt im Begriffe, ſich zur Thür hinauszuſchleichen.“ „Recht gern— Herr Erich Freiberg von der reitenden Artillerie— Gräfin Haller.“ „Ich freue mich ſehr,“ ſagte dieſe,„einen Freund meiner guten Blanda kennen zu lernen; Sie ſind drunten in Garniſon, doch wohl nicht auf dem Fort Maximilian?“ „Ja und nein,“ erwiederte Erich, mit einer zwangloſen Verbeugung näher tretend;„eigentlich ſollte ich ſagen, um Ihre Frage folgerichtiger zu beantworten: nein und ja, denn ich bin allerdings drunten in Garniſon, habe aber nicht das Glück, auf dem Fort Maximilian zu wohnen.“ „Iſt das ein Glück?“ „Der ſchönen Ausſicht wegen, gnädige Gräfin.“ Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 63 „Vielleicht früher,“ ſagte ſie luſtig lachend,„um in Blanda's Fenſter ſchauen zu können“— und ſetzte leiſe, gegen ihre Freun⸗ din gewendet, hinzu:„Oh über dich, meine kleine Heuchlerin! Meine Geheimniſſe nahmſt du, ohne mir deine dafür mitzu⸗ theilen! Ach, es war doch eine hübſche Zeit, als wir noch ſo unbefangen und harmlos uns mit kindiſchen Dingen beſchäf⸗ tigten!“ „Wenn Sie erlauben, ſo ſuche ich meinen Freund bei Fräulein Stöckel auf,“ ſagte Erich, konnte aber von Blanda nicht ſogleich eine Genehmigung erhalten, da die Gräfin Haller ihr eifrig ins Wort fiel: „Was, unſere gute Stöckel iſt auch hier— wahrſcheinlich als deine Gouvernante? Kind, du biſt ja hier oben recht prak⸗ tiſch eingerichtet, wenn auch ein Bißchen ſtreng! Ich würde mir das verbeten haben! Papa ſprach mir auch von einer Gou⸗ vernante, doch gab ich ihm ſehr ernſt zu verſtehen, daß ich über dergleichen kindiſche Zwangsmittel hinweg ſei.— Aber die Stöckel möchte ich ſehen; bitte, Herr von Freiberg, der guten Perſon zu ſagen, daß eine ihrer ehemaligen Schülerinnen ſie ſpäter einen Augenblick begrüßen möchte.“ „Bis nachher, Erich,“ ſagte Blanda, dem jungen Manne die Hand reichend, welcher ſich nun nach einem erfurchts⸗ vollen Gruße zurückzog. „Das iſt in der That ein recht hübſcher junger Mann,“ ſagte Clotilde, ihm nachblickend,„und auch ein hübſcher Name: Erich von Freiberg.“ „Nur Freiberg, ohne ‚von“,“ berichtigte Blanda lächelnd. „Wenn es dir ſo genehm iſt, will ich es glauben; aber man weiß nie, wie man bei dir daran iſt. Vielleicht in kurzer 64 Vierzigſtes Kapitel. Zeit entwickelt ſich aus dieſem Herrn Freiberg ein Baron oder Graf Erich, und das wäre dann immer noch nicht zu viel für meine herzige Genovefa!“ „Ich verſtehe dich in der That nicht, Clotilde, du ſprichſt in Räthſeln für mich!“ „Du biſt ſelbſt das größte Räthſel, mein Herz, oder beſſer geſagt, du haſt noch nie gewußt, was du eigentlich werth ſeieſt für mich, die ich dich ſo herzlich liebe und für die du in jeder Lebenslage die gute treue Blanda ſein wirſt, mehr als für alle Anderen!“ „Ich begreife dich wahrhaftig nicht!“ „Ich wollte damit nur ſagen, daß es mir nur um dein Herz zu thun und ſonſt gleichgültig iſt, ob aus der einfachen Hülle der Miß Price ſpäter einmal eine Baronin, eine Gräfin oder gar eine Herzogin emporflattert!“ Jetzt konnte ſich Blanda nicht enthalten, herzlich zu lachen, worauf ſie zur Antwort gab:„Du biſt zu komiſch, Clotilde, du baueſt in Einem fort die glänzendſten Luftſchlöſſer für dich und für Andere; glaube mir aber, ich weiß nur zu genau, daß ich ohne Familie, ein armes, unbekanntes, in der Welt allein⸗ ſtehendes Mädchen bin!“ „Streiten wir nicht darüber, liebe Genovefa; ich habe ſtets die Geheimniſſe der Anderen geachtet und achte vor allen die deinigen, meiner lieben, guten Freundin!“ „Aber wie kommſt du auf ſolche närriſche Ideen?“ „Um dir zu beweiſen, daß ich weniger zurückhaltend bin, als du, will ich dir darüber mittheilen, was ich dir zu ſagen im Stande bin. Daß ich, aus der Penſion heimkehrend, nach allem, was vorgefallen iſt, zu Hauſe nicht ſo empfangen wurde, Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteners. 65 wie es mir lieb geweſen wäre, wirſt du verſtehen; aber meinen guten Papa kannte ich zu genau, um nicht ein verdächtiges Zucken in ſeinen Mundwinkeln zu bemerken, als er mir eine maſſive Strafpredigt hielt über das ungeheure Verbrechen, wel⸗ ches wir gegen die Quadde begangen; auch wußte ich ihm das Ganze ſo ergötzlich zu ſchildern, daß er ſich raſch umwandte, um mich zur ferneren Abkanzelung meiner Tante zu über⸗ geben, welche denn auch dieſes fruchtloſe Geſchäft mit gehöriger Energie betrieb, wohl eine halbe Stunde lang, während welcher Zeit ich das Klügſte that, was ich thun konnte, nämlich alle fünf Minuten lang mit einem tiefen Seufzer die Worte einzu⸗ ſchalten: Ja, meine liebe Tante! Und das paßte vortrefflich, da ſie in lauter meiſtens höchſt indiscreten Fragen zu mir ſprach: ob ich von meinem tiefen Unrecht überzeugt ſei, ob ich mich nicht als ſtrafwürdige Anſtifterin betrachten müſſe, ob es nicht eine Schande für die ganze Familie ſei und dergleichen mehr. Schließlich machte ſie alsdann meinem wieder eintreten⸗ den Papa einige Strafvorſchläge für mich: das Unterbringen in eine neue Penſion, eine ſehr ſtrenge Gouvernante; und als zu allem dem Papa, der froh iſt, mich wieder zu Hauſe zu haben, den Kopf ſchüttelte, beſtand ſie auf dem nach ihrer An⸗ ſicht Allergelindeſten, eine Audienz bei der alten Frau Her⸗ zogin nachzuſuchen, um dort nach einer de- und wehmüthigen Bitte um Verzeihung wieder zu Gnaden aufgenommen zu werden. „Dem konnte ich nun nicht entgehen und wurde vor ein paar Tagen, ein armes, wehrloſes Opferlamm, in das Palais der Frau Herzogin geſchleppt, am eine zweite, ebenfalls geſalzene Strafpredigt zu empfangen. Doch ging es beſſer, als ich es Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 5 ———— 66 Vierzigſtes Kapitel. erwartet, woran indeſſen meine Klugheit ſchuld war. Ich hielt nämlich ein kleines Stückchen Zucker zwiſchen den Fingern, und als der berühmte Hund Mignon, ſeiner Herrin weit voraus, daher ſprang, war ich ſo glücklich, mir durch den Zucker ſeine Gunſt in ſolchem Grade zu erkaufen, daß er ſchweifwedelnd vor mir ſtehen blieb und meinen Handſchuh beleckte. Faſt hätte ich laut hinaus gelacht, als ich trotz meines tiefen Compliments ſah, wie ſich die ernſteren, finſteren Züge der Frau Herzogin — meine Tante ging neben ihr und ſtopfte alles mögliche Schlimme über mich in ſie hinein— beim Anblicke des gnä⸗ digen Mignon freundlich verwandelten und ſie dann mit aufge⸗ hobenem Zeigefinger zu dem Hunde ſagte: „Mignon, Mignon, du ſcheinſt mir in der That keine Menſchenkenntniß zu beſitzen, denn das iſt ein ſehr böſes Fräulein!“ „Natürlich faltete ich in Demuth meine Hände und ver⸗ neigte mich ſo tief, daß ich kaum ſehen konnte, wie die alte Herzogin auf mich zuhumpelte, ſchrack auch ſehr natürlich zu⸗ ſammen, als ſie nun meinen Kopf aufrichtete, mich dann mit dem Handſchuh leicht auf die Wange ſchlug, wobei ſie ſagte: „Strafe muß ſein, Strafe muß ſein; iſt mir das nicht ein kleines, unartiges Geſchöpf! Revolutionen in meinem Stifte anzuzetteln, pfui! Revolutionen— ganz Demokratin— und das eine Gräfin Haller!“ „Daß meiner Tante dieſe Art von Strafpredigt durchaus nicht die richtige ſchien, ſah ich an ihrer ſehr ernſten Miene; doch was wollte ſie machen? Und ſie hatte ihr Spiel total ver⸗ loren, als mich die alte Herzogin die Vorgänge im Stifte er⸗ zählen ließ. Daß ich die Quadde nicht ſchonte, darauf kannſt Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers 67 du dich verlaſſen, wogegen ich von Frau von Welmer alles mögliche Gute ſagte, beſonders da ich augenblicklich fühlte, daß ich der Frau Herzogin einen Gefallen that. Mehrmals lachte dieſe laut auf, und ich ſah, wie das jedesmal meiner Tante einen Stich ins Herz gab. Dann traten die beiden Damen ans Fenſter, und ich ſpielte mit dem liebenswürdigen Mignon ſo unbefangen, als möglich, verlor aber dabei wenig Worte von der Unterhaltung der Beiden, wobei es dann förmlich luſtig war, daß die alte Herzogin mein Benehmen bei meiner eigenen Tante entſchuldigte und ſie ſchließlich erſuchte, die ganze Sache nicht ſo ſchwer zu nehmen, beſonders da die Quadde allerdings eine unausſtehliche Perſon geweſen ſei. Das Stift werde ſie weiter von der Stadt verlegen, es aber jedenfalls in der Hand der vortrefflichen Welmer belaſſen.“ „Das freut mich!“ ſagte Blanda. „Jetzt aber kommt für dich die Hauptſache, mein Herz,“ fuhr Clotilde fort—„mit einem Male hörte ich deinen Na— men nennen.“ Meinen Namen, aber gewiß nicht im Guten?“ „2 „Deinen Namen: Miß Price— von der Herzogin: ſie ſagte: Mir thut es leid, daß die Gräfin Seefeld das junge Mädchen unter einem angenommenen, gänzlich unbekannten Na⸗ men dort ließ und ſo ein Geheimniß um ſie wob, das zu ent⸗ hüllen erſt vor ein paar Tagen der Welmer gelang.““ „Darauf wäre ich ſelbſt ſehr begierig!“ warf Blanda lächelnd ein. „Eine fremde Dame habe die Welmer vor Kurzem be⸗ ſucht und ſich dringend nach dir erkundigt.“ Ah Kolma! dachte Blanda, welche, die Unterredung der— 68 Vierzigſtes Kapitel. ſelben mit der Directorin des adeligen Stiftes kennend, wohl wußte, was nun kommen würde. „Jene Dame habe der Welmer nach langem Drängen und Bitten endlich anvertraut, daß du, mein Herz, von ſehr hoher Geburt ſeieſt— eine Herzogin.“ „O, du närriſches Kind!“ konnte Blanda hier nicht unterlaſſen, auszurufen.„Jene fremde Dame, die ich kenne, hat ihre Gründe gehabt, der Frau von Welmer ein Märchen zu erzählen!“ „Wie du willſt, mein Herz; ich glaube Alles, was du verlangſt, und wenn du mir heute einreden willſt, dein Vater ſei ein Schuhflicker geweſen, achte ich deine Gründe zu ſehr, um dir zu widerſprechen, muß dir aber doch noch mittheilen, daß die alte Herzogin ſchließlich zu meiner Tante ſagte: „Dem ſei nun, wie ihm wolle, jedenfalls hat dieſes junge Mädchen ein feines, hochariſtokratiſches Air, was mich auch beſtimmte, ſie ins Stift aufzunehmen, und wenn die zänkiſche Quadde nur eine Spur von Menſchenkenntniß gehabt hätte, müßte ſie im täglichen Umgange das jedenfalls herausgefühlt haben. Ein ſolch edles Blut verläugnet ſich nicht.“ „Und nun, meine Herzogin, bin ich gekommen, dir unter dem Ausdrucke meiner Liebe auch den der tiefſten Ehrfurcht zu Füßen zu legen.“ Blanda fühlte ſich durch das, was ihre Freundin zuletzt geſagt, tief bewegt, faſt erſchüttert, nicht als ob ſie auch nur im entfernteſten daran gelaubt hätte, einer vornehmen Familie anzugehören; erinnerte ſie ſich doch deutlich daran, daß ihre Mutter, die im Elende geſtorben war, ſo oft ihres Vaters als eines braven Mannes erwähnt, ohne Vermögen, ohne jegliche Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 69 vornehme Familienverbindung, ein allerdings ehemals fleißiger und geſchickter Maſchinenarbeiter, der aber durch Unglücksfälle, hauptſächlich durch den Verluſt dreier Finger der rechten Hand, mit ſeiner Familie ins Elend gerathen und ſo heruntergekommen, daß er, ſeine letzten Lebensjahre mit den Zigeunern herumziehend, 2 1 9 85 7 dieſen bei ihren Metallarbeiten geholfen.— Kolma hatte ja das eben ſo gut gewußt, und Blanda hatte ihr ſchon damals ein unangenehmes Gefühl nicht verhehlt, als ihr Kolma jene ſcherzhaften Worte wiederholte, die ſie der Frau von Welmer geſagt.— Und dennoch— und dennoch fühlte ſie, wenn auch kein edles Blut im Sinne der Frau Herzogin durch ihre Adern fließend, doch ein Blut, das eben ſo fein und edel dachte, das alles Gemeine haßte und vermied, und in dem Sinne hätte ſie beſſer eine Herzogin ſein können, als manche Andere durch deren Adern das unverfälſchte blaue Blut ſtrömte. „Ich habe dich durch mein Geplauder nicht verſtimmen wollen, meine herzige Genovefa,“ ſchmeichelte Clotilde, als ſie bemerkte, daß jene ernſt, beinahe trübe vor ſich hinblickte,„und um dich wieder aufzuheitern, will ich dir nun etwas Luſtiges erzählen; denke dir nur, ich habe neulich meinen verkleideten Prinzen vom Fort Maximilian wieder geſehen— wie mich das ergötzt hat!“ „Doch nur in der Entfernung, Clotilde, haſt du ihn hoffentlich geſehen?“ fragte Blanda beſorgt.„Und er wird wohl in dir nicht jenes leichtſinnige Mädchen aus der Penſion erkannt haben?“ 3 „Im Gegentheil, ich ſah ihn nicht nur ganz nahe, ſon⸗ dern ſprach auch mit ihm und bin überzeugt, das unbedeutende Fräulein aus dem Stifte recht tüchtig aufgefriſcht zu haben. 70 Vierzigſtes Kapitel. Ich war mit Papa und— einem Bekannten zu Pferde bei einem Spazirritte auf Fort Maximilian; die beiden Herren wollten dem Feſtungs⸗Commandanten einen Beſuch machen, ließen mich unverantwortlicher Weiſe allein, und da war nun der Zufall ſo freundlich, jenen jungen Mann gerade in meinen Weg zu führen; aber offenherzig geſagt, mein Lieb, war ich doch ein wenig enttäuſcht, er hatte etwas Gewöhnliches, Gro⸗ bes in ſeinem Geſichte.“ „Dein verkleideter Prinz!“ „Ja, verkleidet zum Nichtwiedererkennen!“ lachte Clotilde. „Und woran erkannteſt du ihn denn?“ „Er las in einem Buche, und da ich ihn ganz gleichgül⸗ tiger Weiſe darum befragte, ſo declamirte er mir jene Verſe, weißt du: Sie liebten ſich Beide, doch Keiner Wollt' es dem Andern geſteh'n— Damit aber hatte ich genug, ich ließ mein Pferd dahin gehen, und ſo ſchloß ſich wohl für immer unſer kleines Abenteuer.“ — Von dem Veilchenbouquet ſagte ſie nichts, ſetzte aber nach einer kleinen Pauſe Nachdenkens hinzu:„Ja, wenn er noch ſo hübſch und elegant geweſen wäre, wie dein Erich!“ „Wie mein Erich?“ wiederholte Blanda in einem Tone des Vorwurfs. „O, mein Herz, täuſche dich ſelber nicht, oder lerne beſſer leſen in den glänzenden Augen jenes jungen Herrn, in ſeinen Blicken, die er mit ſo eigenthümlichem Ausdrucke auf dich richtete!“ „Du biſt eine gefährliche Lehrmeiſterin!“ erwiederte Blanda erröthend, indem ſie ſich erhob, um ein ihr ſelbſt unerklärliches Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 71 Gefühl von Verlegenheit zu verbergen, worauf ſie hinzuſetzte: „Komm', ich zeige dir unſeren kleinen Garten, wo wir auch wahrſcheinlich Fräulein Stöckel finden werden.“ „Wie Ew. Hoheit befehlen!“ lachte Clotilde.„Ja, komm und laß mich dein kleines Reich ſehen, meine ſchöne Herzogin!“ Damit verließen ſie das Haus, die beiden eleganten, jugendlichen Geſtalten, beide ſchön, und doch im Aeußeren wie verſchieden! Blanda in ihrem einfachen grauen Penſionskleide, voller, ſtattlicher, als die Gräfin Haller, dieſe feiner und be⸗ weglicher, und als letztere beim Betrachten des Jagdſchlößchens ſcherzhaft ſagte:„Ein hübſcher Aufenthalt, Herzogin!“ ſo hätte man dieſe Worte beim Betrachten der Beiden für Wahrheit neh⸗ men können, ſo ſicher ſchritt Blanda an der Seite ihrer elaſti⸗ ſcheren, oft allzu lebendigen Freundin. Aehnliches mochte auch Joſeph Stöckel denken, der ihnen hinter einem Vorſprunge des Hauſes mit düſteren Blicken nach⸗ ſchaute, und wenn er auch keine Idee von Herzoginnen und Gräfinnen hatte, ſo überſah er doch die Eine gänzlich neben der Anderen, und in ſeinem Herzen tönte es ſchmerzlich: Jene iſt die Schönſte auf der ganzen, weiten Welt! In der Gartenlaube befand ſich Fräulein Stöckel und neben ihr ſaß der Bombardier Schmoller, während Erich am Eingange lehnte. Alle nöthigen Auseinanderſetzungen waren vor ſeiner Ankunft bereinigt worden, und Schmoller's viel⸗ ſagender, ja, ſehr erfreuter Blick bewies deutlich, daß die wohl⸗ verdiente Strafpredigt, welche ihm die ehemalige Lehrerin des adeligen Damenſtiftes gehalten, doch mit einem Acte der Ver⸗ ſöhnung geſchloſſen. Hatte er doch in ſeiner leicht erregbaren Weiſe feierlichſt die Verſicherung gegeben, daß die ihm über⸗ 72 Vierzigſtes Kapitel. ſandte Photographie mit den angenehmen, milden Zügen einen unauslöſchlichen Eindruck auf ſein Herz gemacht, und daß er jetzt nicht mehr im Stande ſei, ſeine frühere Verblendung zu begreifen. Allerdings ſagte er das nicht in dieſer beſtimmt ausgedrückten Weiſe, wie wir es hier wiedergeben, ſondern mit ſo zarten Umſchreibungen, daß Fräulein Stöckel höchſtens den Eindruck ahnen konnte, den ſie auf das Herz eines jungen Mannes gemacht, der freilich bis jetzt nur Bombardier war, der aber Ausſicht hatte, als Feldwebel das ſilberne Officiers⸗ Portepee zu erhalten ſo wie als ſolcher und noch als Privat⸗ Secretär des Batterie⸗Commandanten eine recht hübſche und einträgliche Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft einzunehmen. ¹ Da zuckte ein abermaliger blendender Blitz und drohte, ſein Herz ſo wie alle ſeine edeln Gefühle in ihren Grundfeſten zu erſchüttern— der Anblick der beiden jungen Damen, in deren einer er nicht nur die ſchöne Reiterin von neulich, ſon⸗ dern auch die verrätheriſche Briefſchreiberin ſo wie die leicht⸗ ſinnige Spenderin von anderer Leute Photographie erkannte. Ja, ſie war das alles in Einer Perſon und zugleich eine ge⸗ naue Bekannte von Mamſell Stöckel; denn kaum hatte ſie dieſe in der Laube entdeckt, ſo ſprang ſie quer über ein paar Blu⸗ menbeete auf ſie zu, drückte ſie in ihre Arme und küßte ſie aufs herzlichſte. „Ach, gute Stöckel,“ rief ſie alsdann,„wie freut ſich Ihre wilde, tolle Clotilde, Sie wiederzuſehen! Wie erinnere ich mich 1 bei Ihren guten, lieben Geſichtszügen an all die vergangene Zeit, wo wir ſo unartig waren, ich wenigſtens, während ſich Blanda immer geſetzt betrug!— Sie können es mir glauben, Herr von Freiberg,“ wandte ſie ſich mit einem verbindlichen — —— 1——————— Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 73 Lächeln an Erich, während Schmoller für ſie die reine Luft zu ſein ſchien,„daß wir oft ſehr leichtſinnige Streiche machten— die gute Stöckel weiß davon zu erzählen. Doch ohne alle Ueberlegung,“ fuhr ſie mit affectirtem Ernſte fort—„aus purem Muthwillen und Langerweile— ach, es war ſchrecklich langweilig da unten! Die hohen Gartenmauern, und über dieſelben hinausragend die kleine, widerwärtige Feſtung auf dem Berge— verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, Herr von Frei⸗ berg—, widerwärtig, langweilig für uns als Point de vu, obgleich es oben für Sie wahrſcheinlich ſehr amuſant war.“ „Ich war ſelten oben, gnädige Gräfin.“ „Aber doch zuweilen; ich habe vortreffliche Augen und ein ausgezeichnetes Lorgnon, ich bin ſicher, Sie droben auf dem Walle ſchon geſehen zu haben, ja, je mehr ich Sie be⸗ trachte, weiß ich ganz genau, daß ich mich darin nicht irre. Sie ſtanden häufig auf dem Walle und blickten nach der Stadt hinab.“ Erich konnte nichts Anderes thun, als gegenüber dieſer Be⸗ hauptung, welche dem Tone nach keinen Widerſpruch litt, ſich mit einem leichten Achſelzucken verbeugen, während Mamſell Stöckel einen bezeichnenden Blick auf Schmoller warf, der ſich langſam aus der Laube zurückzog und hinter derſelben ver⸗ ſchwand, ohne daß eine der beiden Damen Notiz davon ge⸗ nommen hätte, am allerwenigſten aber die Gräfin Haller. 4 „Und nun muß ich dich verlaſſen, mein Herz,“ ſagte dieſe „meine Kammerfrau im Wagen könnte ungeduldig werden; auch erwartet man mich zu Hauſe. Du kommſt wohl ſelten in die Stadt?“ Vierzigſtes Kapitel. „Nie,“ gab Blanda in entſchiedenem Tone zur Antwort— „was ſollte ich auch da unten?“ „So werde ich dich in den nächſten Tagen wieder be⸗ ſuchen, und wir durchſtreifen dann ein Bißchen den Wald— vielleicht in Begleitung und unter dem Schutze deines Herrn Erich,“ ſetzte ſie leiſe hinzu, aber laut genug, daß der Betreffende ihre Worte verſtehen konnte.„Adieu, liebe Stöckel! Bleiben Sie ruhig hier, Blanda begleitet mich an den Wagen, vielleicht auch Herr von Freiberg.“ Erich verbeugte ſich und ging in einiger Entfernung hinter den jungen Damen nach dem Schloßhofe zurück, wo die Gräfin Haller, nachdem ſie Blanda herzlich geküßt und dem jungen Manne freundlich zugewinkt, in ihren Wagen ſtieg und davon fuhr, noch einige Male zurückſchauend, bis ſie an dem ſteilen Waldwege verſchwunden war. Der Förſter, aus der Gegend zurückgekehrt, ſtand im Hofe, hatte ſich mit dem Kutſcher der eleganten Equipage unterhalten und ehrerbietig ſeine Mütze abgezogen, als die beiden jungen Damen herankamen, auch dieſelbe nicht wieder aufgeſetzt, ſo lange als ſich Blanda in ſeiner Nähe befand. Erſt als dieſe mit Erich nach dem Garten zurück gegangen war, bedeckte er ſich wieder und ſagte kopfſchüttelnd, ſeiner ihm räthſelhaften Hausgenoſſin nachblickend:„Das da ſcheint mir ein eigenthüm⸗ licher Magnet zu ſein, und die Geſellſchaft, welche ſie anzieht, wird immer vornehmer.— He, Joſeph!“ rief er mit lauter Stimme. Der Gerufene ſchleppte ſich aus ſeinem Verſtecke hervor, wo er auf die Zurückkunft Blanda's gelauert. Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 75 „Dachte es mir gleich, daß er irgendwo herumlungern würde— he, was treibſt du da im Winkel?“ Der arme junge Menſch ſchlug die Augen zu Boden, und nachdem er ein paar Mal heftig mit den Achſeln gezuckt, brachte er mühſam das Wort hervor:„Wa- gen!“ wobei er zur Ver⸗ deutlichung die Räder in der Luft durch eine Handbewegung zeichnete. „Ja— Wagen!“ brummte der Förſter, indem er einen ernſten, aber milden und ſchmerzlichen Blick auf ihn warf.„Es wäre ſchon recht, wenn du nur den Wagen betrachteteſt, oder beſſer wäre es noch, wenn Wagen genug kämen, um alles das von hier wegzuführen.— Komm,, wir wollen ins Revier gehen; hole dein Gewehr, du verlernſt ja ganz und gar mit der Büchſe umzugehen.“ Gehorſam ging Joſeph dem Hauſe zu, aber verſtohlen nach ſeinem Vater blickend, und als dieſer einen Augenblick in das Nebengebäude getreten war, bückte er ſich raſch gegen den Griff der Hausthür, auf dem vorhin Blanda's Hand ein paar Se⸗ cunden geruht, und küßte aufs innigſte das kalte Eiſen. Im Garten ſagte Erich zu Blanda, als ſie neben ein⸗ ander hingingen:„Auch ich muß dich jetzt verlaſſen, möchte dich aber um etwas bitten. Ich habe hier ein kleines Papier⸗ paket, das mir ſehr wichtig und bei mir drunten nicht ſicher aufgehoben iſt; möchteſt du es wohl zu dir nehmen und mir aufbewahren, oder noch beſſer, möchteſt du mir wohl einen Rath geben in Betreff dieſer Papiere?“ „Gewiß, Erich, wenn ich dir rathen kann!“ Er zog das Paket aus ſeiner Bruſttaſche und hielt es mit einiger Verlegenheit in den Händen. Konnte er ihr doch 76 Vierzigſtes Kapitel. nicht gut mittheilen, auf welche Weiſe er dazu gekommen— und doch, er log ja nicht, wenn er ihr ſagte, daß er es auf der Straße gefunden; aber wie konnte er ihr alsdann glaub⸗ würdig machen, daß dieſe Papiere, wenn er ſie wirklich auf der Straße gefunden hatte, für ihn vom geringſten Intereſſe ſein könnten? Daran hatte er früher nicht gedacht, und jetzt, wo ſie, ſeine Bitte bejahend, ihn ſo freundlich fragend anblickte, konnte er dieſe Bitte nicht mehr ungeſchehen machen und ſetzte deßhalb raſch ohne viel Ueberlegung hinzu:„Kolma hat um dieſe Papiere gewußt, und ihr würde ich ſie übergeben haben, wenn das nicht leider jetzt unmöglich wäre.“ „So hatten ſie vielleicht für Kolma Intereſſe?“ „Das glaube ich nicht, Blanda; viel eher könnten ſie, wie ich vermuthe, mit deiner Vergangenheit in einem Zuſam⸗ menhange ſtehen.“ „Mit meiner Vergangenheit— woher wußteſt du das?“ „Weil ich weiß— weil ich glaube— ja, weil man mir ſagte....,“ ſtockte und zappelte Erich in den Maſchen des Lügengewebes, das er eigentlich abſichtslos um ſich gewoben, deſſen er ſich aber ſchämte und ſchon im Begriffe war, daſſelbe zu zerreißen, wenn Blanda nicht geſagt hätte: „Laß es gut ſein, Erich, du biſt ſo freundlich gegen mich geſinnt, daß du alles, was von Kolma kommt oder mit ihr in Berührung geſtanden, auf mich beziehen möchteſt, und doch ſtand meine früheſte Vergangenheit gar nicht, meine ſpätere nur in einem ſehr loſen Zuſammenhange mit ihr. Gib mir aber dein Paket, und ich werde es dir getreulich aufbewahren, bis du es zurück verlangſt.“ Er reichte ihr zögernd das Paket; es war ihm gerade, 4⁴△ Gräfin Haller bei Blanda. Abſchluß eines zarten Abenteuers. 77. als müſſe er ſie auffordern, die Siegel zu zerbrechen und den Inhalt wie ihr Eigenthum zu betrachten. Vielleicht hätte er das auch gethan, wenn nicht in dieſem Augenblicke der Bom⸗ bardier Schmoller, mit Fräulein Stöckel durch den Garten kommend, an ſie herangetreten wäre, wobei ein Blick, den der erſtere auf ſeine Uhr warf, ſehr deutlich eine Mahnung zum Aufbruche war. Deßhalb verließen ſie das Jagdſchlößchen und wurden von Blanda und Mamſell Stöckel den ſteilen Waldweg hinab bis zur Landſtraße begleitet. Einundvierzigſtes Kapitel. Bei einem Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac ſchwelgt der letzte Bom⸗ bardier in alten Erinnerungen, wird zum Recognosciren ausge⸗ ſandt und macht der feindlichen Cavallerie mit Erfolg eine ſchöne Beute ſtreitig. Es war die Zeit der Frühjahrs⸗Exercitien mit beſpannten Geſchützen, und da zugleich in Kurzem eine Inſpection ſämmt⸗ licher Batterieen entweder durch den Brigade⸗Commandeur oder gar durch den General⸗Artillerie⸗Inſpecteur in Ausſicht ſtand, ſo gab es in der nächſten Zeit weder Feiertage noch Freiſtun⸗ den, und der Hauptmann von Manderfeld wußte ſeine reitende Batterie ſo angenehm zu beſchäftigen, daß, wenn man ſpät am Nachmittage zurückkehrte, Geſchütze, Mannſchaft und Pferde dicht mit Staub bedeckt, Jeder zu ermüdet war, um auch nur daran zu denken, einen Fuß vor die Kaſerne zu ſetzen. Dabei hatte der Batterie⸗Chef ſtets ein freundliches aufmerkſames Auge auf ſeinen letzten Bombardier und bewilligte ihm für kleine Mängel beim Manövriren oder für irgend welche oft ſehr un⸗ bedeutende Nachläſſigkeit, die er trefflich zu finden wußte, einen winzigen Roſtflecken an irgend einem Eiſentheile, irgend etwas Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 79 Malproperes beim Anzuge eines der Kanoniere, recht gern eine Strafſtallwache oder ein ſonntägliches Nachexerciren; ja, eines Tages, als beim raſchen Vorgehen der Batterie durch einen ziemlich tiefen Graben das Stangenhandpferd von Erich's Ge⸗ ſchütz, wenn auch nur ganz momentan, ſtürzte, dictirte er ihm einen Kaſernenarreſt für unbeſtimmte Zeit. Erich hätte ver⸗ zweifeln mögen, da er auf dieſe Art auch gar keine Gelegenheit hatte, nach Blanda zu ſehen, und ſchätzte ſich deßhalb um ſo glücklicher, daß er hier und da durch Schmoller, der bei ſeiner Schreiberei vollkommen Zeit hatte, das Jagdſchlößchen zu be— ſuchen, ſpärliche Nachrichten erhielt. Sehr Erfreuliches erfuhr er indeſſen keineswegs von ſeinem Freunde, welcher ihm ſagte, er habe die junge Dame nachdenkend, ernſt, traurig gefunden, und welcher Erich Blanda's dringenden Wunſch mittheilte, ihn recht bald wieder einmal bei ſich zu ſehen. Daran war aber nicht eher zu denken, als bis die Artil⸗ lerie⸗Inſpection vorüber war, die allerdings in den nächſten Tagen Statt finden und mit einem kleinen combinirten Feld⸗ manöver ſchließen ſollte. Letzteres bot Erich einen ſchwachen Hoffnungsſtrahl, Blanda für einen Augenblick zu ſehen; denn das Manöver konnte nur auf der Seite gegen das Jagdſchlöß⸗ chen zu Statt finden, wo ſich hinter den mit Wald gekrönten Höhen lange Strecken Haide ausdehnten. Und ſo war es auch; man disponirte, daß ſich der Feind mit ſtarken Artilleriemaſſen der Stadt nähere, um zur Belagerung derſelben zu ſchreiten, ſobald die Beſatzung, die dem Feinde entgegenging, zurückge⸗ drängt ſei, und da die reitende Batterie des Hauptmanns von Manderfeld einen Theil der angreifenden Armee bilden ſollte, ſo zog dieſelbe eines Tages gegen Abend, nach glücklich vorüber⸗ 80 Einundvierzigſtes Kapitel. gegangener großer Parade und Inſpection, gegen die Anhöhen hinauf, um droben zu bivouakiren und dann in der erſten Morgendämmerung gegen die Stadt vorzugehen. Erich hatte dabei noch das Glück, zu dem Haubitzzuge des Premier⸗Lieutenants Schaller als Geſchützführer comman⸗ dirt zu werden, weil einer der Feuerwerker unwohl geworden war, und da er ſich mit der Gegend droben theils in Wirk lichkeit, mehr noch aber durch das Studium vortrefflicher Kar⸗ ten, bei welchem ihm das Jagdſchlößchen ſtets als Mittelpunkt diente, ſehr vertraut gemacht hatte, ſo wußte er augenblicklich, auf welcher Seite rückwärts von der Förſterwohnung ſich der Lagerplatz der Batterie befand und daß das Jagdſchlößchen von hier aus in weniger als einer halben Stunde, allerdings durch Dick und Dünn gehend, zu erreichen ſei. Doch nützte ihm dieſe Kenntniß nur ſo viel, daß er ſeine ſehnſüchtigen Gedanken an Blanda nach einer beſtimmten ſicht⸗ baren Richtung ausſenden konnte; denn von einem Verlaſſen des Bivouacs konnte in den erſten Stunden der Nacht keine Rede ſein, und was hätte es ihn auch genutzt? Das Jagd⸗ ſchlößchen war ringsum gut verſchloſſen, und ſelbſt wenn alle Thüren offen geſtanden wären, würde er es doch nicht gewagt haben, ſich in ſo unpaſſender Stunde dem Hauſe zu nähern, wo Blanda wohnte, wenn es ihn andererſeits auch wieder glück⸗ lich gemacht hätte, in tiefer, ſchweigender Nacht die Mauern zu ſehen, hinter denen ſie wohnte, oder vielleicht auch nur den Lichtſchein aus ihrem Fenſter oder das Glitzern des früh unter⸗ gehenden Mondes auf den Scheiben. An alles das dachte er ſehr lebendig, aber wie an Dinge, welche ganz unerreichbar fern, fern ab von ihm lagen, und be⸗ 1 Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 81 gnügte ſich damit, dem Lagerleben den Rücken zu kehren und ſo weit als möglich gegen die mit Wald bewachſenen Höhen vorzudringen. Zu thun hatte er ja nichts, war auch nicht von der liebe⸗ vollen Aufmerkſamkeit des Hauptmanns von Manderfeld be⸗ droht, der ſich mit ſeiner halben Batterie auf einem weit ſeit⸗ wärts gelegenen Dorfe befand, und obendrein hatte ihm der wohlwollende Premier⸗Lieutenant Schaller angerathen, bis zur Cavallerie und Infanterie hinüber zu ſchweifen, um ſich auch dort das Lagerleben anzuſchauen. Das that er denn auch von Zeit zu Zeit, und bei den lebendigen Bildern, die er rings um ſich her ſah, überkamen ihn ganz eigenthümliche Erinnerungen, und er dachte an jenes erſte Bivouac, dem er als ein ganz junger Burſche beigewohnt und das mit dem heutigen in land⸗ ſchaftlicher Scenerie, Leben und Färbung des Ganzen ſo viel Aehnlichkeit hatte. Auch hier erhob ſich die Haide auf drei Seiten keſſelförmig empor, den Lagerplatz im Halbkreiſe um⸗ gebend, und droben auf dem Rande der Höhe bemerkte man zuweilen ſtreifende Cavallerie⸗Patrouillen, ein paar vorgeſchobene Geſchütze ſo wie die Poſtenkette der Infanterie, alles das im hellen Lichte des ſchon tief am Horizonte ſchwebenden Mondes. Aus der Mitte der lagernden Infanterie, vor dem Zelte des commandirenden Generals erklang rauſchende Militärmuſik, und wenn auch dort ſo wenig wie ſonſt wo ein Lagerfeuer brannte, ſo bemerkte man doch die rothe Gluth eines tragbaren Heerdes, auf welchem das Souper für die hohen und höchſten Officiere zubereitet wurde, wobei der Beſuch des General⸗Inſpecteurs der Artillerie ſelbſt mit einigen Prinzen des königlichen Hauſes in Ausſicht ſtand. Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 6 82 Einundvierzigſtes Kapitel. Dort drüben herrſchte ein reges Leben; dort wogten Offi⸗ ciere und Mannſchaften maſſenhaft hin und her, und auch Erich näherte ſich mit langſamen Schritten, wobei er mehr als je an jenen Abend dachte, wo Kolma in ähnlicher Umgebung ge⸗ tanzt und Blanda mit ihren zierlichen Füßchen auf ihrer gro⸗ ßen Kugel geſtanden. Doch bemühte er ſich raſch, gerade dieſer Erinnerung los zu werden, und verweilte viel lieber bei den ſpäteren Vorfällen jenes Abends, bei der Fahrt aus dem Lager, als er die kleinen Ponies gelenkt und glücklich war, die ängſt⸗ lichen Mädchen aus dem Getümmel gebracht zu haben. Damals und jetzt!— Damals, wo ihm alles das, was eer auch heute wieder vor ſich erblickte, ſo poetiſch ſchön erſchien und auch in der That für ihn war, wo er noch nicht, wie jetzt, an den Umkreis ſeines Geſchützes gefeſſelt war, ſondern wo es in ſeinem Willen gelegen hätte, mit jenen Zigeunern frei und luſtig in die Welt hinaus zu ziehen; damals hätte er das aber um keinen Preis zu thun vermocht, trotz dem lebhaften Intereſſe, das er an dem kleinen Mädchen mit den ſchönen, lieben Augen genommen; damals zog es ihn mächtig zurück nach ſeinem Soldatenleben, bei dem er das Glück ſeiner Zukunft ſah.— Jetzt blickte er ſeufßend um ſich, und wenn er jenen kleinen Ponywagen mit Kolma und Blanda wieder erblickt und die Möglichkeit geſehen hätte, in ihrer Geſellſchaft für immer dieſem trügeriſchen Glanze zu entfliehen, wie glücklich würde er ge⸗ weſen ſein! Ach, es gab aber rings umher keinen Wagen, der ihn gleich einem Zaubermantel entführt hätte!— Kolma, die da⸗ mals ſo lebensfriſch und warm an ſeiner Seite geſeſſen, ruhte in kühler Erde, und wenn er an Blanda dachte, ſo durchzuckte Artillerie⸗Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 83 ihn ein ſchmerzliches Gefühl, und er konnte nicht anders, als, vor ſich hinſtarrend, ſich in den Gedanken vertiefen, daß ſie wohl eben ſo unerreichbar für ihn ſei, als dort der bleiche Mond, der ſich eben anſchickte, hinter den fernen Bergen zu verſchwinden. „Sind Sie es, Freiberg?“ fragte ihn eine Geſtalt, welche im Mantel auf ihn zutrat und die er erſt beim Näherkommen erkannte. „Zu Befehl, Herr Premier⸗Lieutenant!“ „Vergeſſen Sie nicht, zuweilen nach den Pferden zu ſehen; unſere junge Mannſchaft weiß noch nicht recht mit dem An— koppeln umzugehen, und ich möchte nicht, daß gerade bei uns eine Nachläſſigkeit vorkäme und ſich die Pferde ſchlügen oder gar ein paar flüchtig würden.“ „Darüber können der Herr Premier⸗-Lieutenant ganz ruhig ſein; es iſt Alles in beſter Ordnung, und die Pferde ſtehen ſo ruhig wie im Stalle.“ „Sollte aber je etwas vorfallen, ſo wiſſen Sie mich zu finden; hier, bei der großen Eiche habe ich mir einen Lager⸗ platz gemacht und will ein paar Stunden ruhen— man wird eben älter. Sie fühlen wohl keine Luſt zum Schlafen?“ „Nicht die geringſte, Herr Premier⸗-Lieutenant.“ „Iſt mir auch recht, denn der alte„Feuerwerker Becker dort drüben ſchnarcht, daß man es bis hieher hört.“ „Glauben der Herr Premier⸗Lieutenant, daß früh alarmirt wird?“ „Jedenfalls vor Tagesanbruch; doch da wir nur im Bivouac und nicht im Lager ſtehen, ſo wird von einem Alar⸗ miren im eigentlichen Sinne des Wortes nicht die Rede ſein, * 84 Einundvierzigſtes Kapitel. da wir jeden Augenblick bereit ſein ſollen, vorzugehen, und das ſind wir doch, wie ich hoffe!“ „Gewiß, Herr Premier⸗Lieutenant, die Haubitzen ſind in weniger als zwei Minuten beſpannt und zum Gefecht bereit.“ „So iſt's recht, denn Se. Königliche Hoheit, Prinz Georg, der die Cavallerie drunten commandirt, iſt wohl im Stande, ein keckes Reiterſtücklein auszuführen und wenigſtens den Ver⸗ ſuch zu machen, uns hier oben mit ein paar Schwadronen zu überrumpeln. Einer meiner Freunde von der Infanterie, der die Poſtenkette dort am Abhange commandirt, ſagte mir vorhin, daß die Huſaren⸗ und Dragoner⸗Patrouillen von drun⸗ ten ſehr naſeweis ſeien und ſich ſehr weit herauf wagten; deß⸗ halb habe ich auch unſere beiden Haubitzen im Kernſchuß dorthin gegen die Waldecke richten laſſen, um dieſe vorwitzigen Reiter tüchtig mit Kartätſchen zu bedienen, ſobald ſie ſo un— verſchämt wären, ſich blicken zu laſſen.“ „Dürfte ich mir die Frage erlauben, Herr Premier⸗Lieute⸗ nant, warum Sie die Haubitzen gerade nach jener Waldecke richten ließen.“ „Mein lieber Freund, das iſt eine Frage, die ich von Ihnen gerade nicht erwartet hätte, nachdem ich Ihnen neulich auf Ihren Wunſch meine vortrefflichen Specialkarten dieſes Terrains gegeben!“ „Der Herr Premier⸗Lieutenant werden mir verzeihen, wenn ich mir die Bemerkung erlaube, daß ich genau den ziem⸗ lich bequemen Weg kenne, der vom Thale heraufführt und dort an der Waldecke auf das Plateau tritt.“ „Nun— alſo?“ „Vor Kurzem durchſtreifte ich die Gegend dort vor uns Artillerie-MNanöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 85 — um ſie mit der Karte zu vergleichen, log Erich mit ziem⸗ licher Dreiſtigkeit— und fand, daß dieſer Weg dicht oberhalb eines kleinen Gebäudes, welches man das Jagdſchlößchen nennt, mit gefällten Bäumen angefüllt und kaum für Fuß⸗ gänger zu paſſiren iſt.“ „Ei, das konnte ich nicht wiſſen!“ „Wogegen ein anderer Waldweg, der mehr in ſüdlicher Richtung auf die Höhe führt und ungefähr dort mündet“— Erich zeigte nach der Richtung hin—,„viel ſanfter und be⸗ quemer aufwärts führt und jedenfalls von der Cavallerie bei einer Attaque benutzt würde.“ „Den kenne ich auch, aber der andere iſt kürzer, und trotz⸗ dem eine Holzbarricade, wie Sie eben angegeben, unſere Flanke vor dieſen leichtſinnigen Huſaren und Dragonern ſchützen würde, wäre ſie mir doch anderentheils unbequem; denn es war meine Abſicht, auf dem Wege dort an der Walddecke hinab zu kommen um die große Chauſſee in der Nähe des ſogenannten Jagd⸗ ſchlößchens von oben herab bewerfen zu können; jedenfalls aber ſollte man wiſſen, ob die gefällten Bäume dort noch im Wege liegen oder nicht.“ Erich's Herz bebte; wenn er ſich zu dieſem Recognos⸗ cirungsdienſte anbot, ſo hatte er das Recht, heimlich bis zum Waldſchlößchen vordringen zu können, und wenn er auch nicht ſo ausſchweifend in ſeinen Erwartungen war, um ſich der Hoffnung hinzugeben, als ſei es möglich, Blanda jetzt noch, in tiefer Nacht, zu ſehen, ſo gelangte er doch wenigſtens in die Nähe des Hauſes, ſah vielleicht ihr Fenſter, ein entzückender Gedanke für einen jungen Mann ſeines Alters; deßhalb zögerte ͤer auch nicht, ſeinem Vorgeſetzten zu ſagen, es würde ein * 86 Einundvierzigſtes Kapitel. Leichtes ſein, nachzuforſchen, ob hier der Weg prakticabel ſei oder nicht. „Nehmen Sie ſich aber vor den ſtreifenden Huſaren⸗Pa⸗ trouillen in Acht; es würde denen ein großes Vergnügen machen, mir einen Geſchützführer abzufangen!“ „Unbeſorgt, Herr Premier⸗Lieutenant,“ verſetzte Erich lachend;„ich bin das Waldſchweifen gewohnt und des Jäger⸗ handwerks ſo kundig, daß mich keine Cavallerie⸗Patrouille er⸗ wiſchen wird! Es wäre das allerdings auch ſchlimm, denn ſie könnte mich als Spion behandeln!“ „Pah, das würden ſie wohl bleiben laſſen; Sie ſind ja in Uniform und unterſuchen einfach das Terrain vor unſeren Linien. Wenn Sie mir alſo die Gewißheit verſchaffen können, würde es mir recht angenehm ſein. Warten Sie aber jeden⸗ falls, bis ſich der Lärm dort beim Zelte des Commandirenden gelegt und bis der Mond vollſtändig drunten iſt— Sie wiſſen, wo ich zu finden bin, wenn Sie mir etwas ganz Be— ſonderes zu melden hätten.“ Der Premier⸗Lieutenant ging den Eichen zu, die er früher als ſeinen Lagerplatz bezeichnet, und Erich trat zu den beiden Haubitzen, um nach den Pferden zu ſehen. Hier war Alles in beſter Ordnung und der kleine Schwarz befand ſich mit drei Kanoniren auf Geſchützwache, während der Feuerwerker Becker, in ſeinen Mantel gehüllt, auf der Erde lag und feſt ſchlief. „Vorhin kam etwas da herum, was dem langen Wibert ähnlich ſah, wie ein faules Ei dem anderen.“ „Möglich, daß ihn der Hauptmann zum Kundſchaften aus⸗ geſchickt hat, um ſich von unſerer Wachſamkeit zu überzeugen.“ Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 87 „O famos, er ſoll nur ankommen; ich habe ſchon eine Wiſcherſtange gelockert, um ihm mit dem Anſatzkolben auf den Bauch zu ſtoßen, wenn er den Verſuch machen ſollte, ſich heran zu ſchleichen!“ „So iſt's recht. Ich trete ein wenig das Terrain da vor uns ab; der Herr Premier⸗Lieutenant meint, die feindlichen Patrouillen wären naſeweis genug, bis zur Schlucht dort vorzudringen. Schlafen kann ich ohnedies nicht— alſo gute Wache!“ Erich ging bis zu der oben erwähnten Waldecke, wo ſich ein ſtarker Infanteriepoſten unter den Befehlen eines Lieutenants befand. Dieſen fand er, behaglich eine Cigarre rauchend, und zwar hinter einem gegen die Schlucht zu aufgeſpannten Mantel, um den Nachtwind abzuhalten ſo wie auch um das Feuer der Cigarre nicht ſichtbar werden zu laſſen. Erich war nach Ab⸗ gabe des Feldgeſchrei's von dem Poſten vor dem Gewehr an den Wachtcommandanten gewieſen worden, den er von ſeinem Vorhaben in Kenntniß ſetzte, nämlich zu ſehen, ob der Weg, der hier oben münde, nicht weiter unten durch Holzſtämme unprakticabel gemacht ſei. „So weit unſere Poſtenkette hinabreicht und auch noch ein gutes Stück darüber hinaus iſt der Waldweg ohne jedes Hin⸗ derniß,“ antwortete der Infanterie⸗Officier freundlich und herab⸗ laſſend;„weiter unten aber könnte er allerdings verſtopft ſein, denn ſonſt hätte wahrſcheinlich die Poſtenkette ſchon längſt ſtrei— fende Cavallerie⸗Patrouillen gemeldet, die ſich nach einer An⸗ zeige von unſerer ſüdlichen Feldwache dort ſo nahe an die Infanteriepoſten wagen, daß man ſie wie die Lerchen aufſpießen könnte. Es iſt ein arrogantes Volk, dieſe Cavallerie; mir 88 weentgnre Kapitel. wäre es ſchon recht, wenn man ihnen auch einmal einen Scha⸗ bernack ſpielen könnte, um ihnen das Maul zu ſtopfen, wenn ſie morgen von gar zu großen Heldenthaten renommiren; Mel⸗ den Sie mir doch, ob der Weg verbarricadirt iſt, und was Sie ſonſt da unten ſehen, beſonders wie hoch herauf Sie Pa— trouillen bemerkt; ſie haben gar kein Recht, vor Beginn der Feindſeligkeiten morgen früh über die Demarcationslinie her⸗ über zu kommen.“ „Und wie iſt dieſe gezogen worden, Herr Lieutenant?“ „Dergeſtalt, daß ſie noch ungefähr zweihundert Schritte unterhalb des ſogenannten Jagdſchlößchens läuft, dieſes alſo noch auf unſerem Terrain liegt.“ Erich wußte ſich nicht ganz genau Rechenſchaft darüber zu geben, warum ihn dieſe Nachricht ſehr angenehm berührte. „Ich ſchlug meinem Hauptmanne vor, das Jagdſchlößchen zu beſetzen, und er berichtete auch darüber an den Herrn Oberſten; doch unterblieb es, weil man nicht wollte, daß die Vorpoſten ſo nahe auf einander ſtänden. Aber die von unten kehren ſich den Teufel daran und plänkeln uns mit Huſaren und Jägern dicht vor der Naſe herum!“ „Würden Sie mir einen Vorſchlag erlauben, Herr Lieu⸗ tenant?“ „Warum das nicht, wenn ich etwas Geſcheites zu hören bekomme,“ antwortete der Infanterie⸗Officier mit Würde— „reden Sie.“ „Mir nämlich, wenn ich in einer ſtarken halben Stunde nicht zurück bin, eine Streifpatrouille nachzuſchicken, die mich aufnehmen könnte, wenn ich vielleicht von feindlichen Reitern bedrängt würde.“ Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 89 „Das iſt ſo eine Sache,“ erwiederte der Wachthabende bedenklich;„der Henker halte dieſe Kerls zurück, wenn ſie ein— mal zu nahe an einander gerathen, und es wäre eine hübſche Ueberraſchung für Seine Excellenz den Herrn General, wenn der Teufel hier am Berge losginge, ehe er aus den Federn und im Sattel wäre! Eine Streifpatrouille könnte ich mir nur in einem ſehr wichtigen und ganz abſonderlichen Falle erlauben.“ „Zum Beiſpiel, Herr Lieutenant, wenn ich drunten fände, daß der Weg, der noch vor wenigen Tagen unprakticabel war, hergeſtellt worden und dort feindliche Truppen vorgeſchoben wären, welche vielleicht einen Ueberfall oder dergleichen beab⸗ ſichtigten?“ „Das wäre allerdings ein ſolcher Fall, wenn ſich die Burſchen ohne Fug und Recht diesſeit der Damarcationslinie breit gemacht hätten.“ „Nur in einem ſolchen Falle,“ ſagte Erich. „Ich erwarte in Kurzem den Major du jour und werde ihm das vortragen; ſollten Sie etwas Außergewöhnliches drun⸗ ten finden, ſo könnten Sie mir ja raſch eine Meldung darüber machen.“ „Wenn ich aber gar zu weit entfernt wäre, Herr Lieute⸗ nant?“ „So geben Sie mir ein Zeichen. Sind Sie Jäger, können Sie den Ruf des Käuzchens nachmachen?“ „O ja, Herr Lieutenant.“ „Gut, ſo laſſen Sie, im Falle Sie etwas Außergewöhn⸗ liches finden, dieſen Ruf jedes Mal dreimal in ziemlichen In⸗ tervallen hören; ich werde Ihnen Jemanden bis zur Poſten⸗ 90 Einundvierzigſtes Kapitel. kette mitgeben, daß von dort Ihr Zeichen hieher gemieldet wird. — Unterofficier Raffleur, geleiten Sie dieſen Bombardier der reitenden Artillerie bis zu irgend welchem von unſeren Leuten, der den Schrei des Käuzchens von einem Wachtelſchlage oder Aehnlichem zu unterſcheiden vermag— wiſſen Sie Jemanden?“ „O ja, Herr Lieutenant, der Gefreite Huber.“ „Gut; der Gefreite Huber ſoll mir augenblicklich melden, wenn er den Ruf eines Käuzchens hört, ungefähr ſo: K⸗r-r-r-r, K-r-r-r-r, K-r-r-r⸗r, dann Pauſe und dann wieder: K⸗r⸗ror-r, K⸗r-r-r-r, K-r-r-r-r.“ Der Infanterie⸗Officier that ſich etwas darauf zu Gute, den Ruf des Käuzchens außerordentlich täuſchend nachmachen zu können, und wurde auch belohnt durch das beifällige Lächeln Erich's ſo wie durch die aus Reſpect immer ſtrammer werdende Haltung des Unterofficiers Raffleur. Die Vorpoſtenkette war in Kurzem erreicht, auch der Ge⸗ freite Huber gefunden und raſch inſtruirt, worauf Unterofficier Raffleur den Abhang wieder gerade hinauf kletterte und Erich weiter ſchlich. Dem Waldwege folgte er begreiflicher Weiſe nicht, ſondern hielt ihn zu ſeiner Rechten, wobei er ſich, wie auf der Hirſchjagd, ſtets aufs ſorgfältigſte an irgend einen Ge⸗ genſtand heran pirſchte und bei jedem Geräuſche, das er ver⸗ nahm, ſogleich unbeweglich ſtehen blieb. Bis jetzt aber hatte keines dieſer Geräuſche einen verdächtigen Charakter gehabt, ſondern entſtand vielleicht nur durch das Rollen eines losge⸗ wordenen Steinchens auf dem Pfade hinter ihm oder das Auf⸗ fliegen eines Nachtvogels, worauf der durch den Abſchwung bebende Aſt ein trockenes Reis oder dürre Blätter auf den Boden fallen ließ. Artillerie⸗Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 91 Jetzt aber hörte er etwas Anderes, und zwar unverkenn⸗ baren Hufſchlag ruhig gehender Pferde— diesſeits der Stelle, wo der Weg verbarricadirt geweſen, alſo ein Beweis, daß man ihn wieder prakticabel gemacht. Erich lehnte ſich langſam an eine mächtige Buche, neben der er ſich zufällig befand, und ſchwang ſich alsdann langſam und ohne Geräuſch hinter dieſelbe. Es waren Huſaren, die daher kamen, im Schritte hinter einander reitend, und der vorderſte ſagte, nicht gerade ſo leiſe als hätte er gefürchtet, daß Jemand in der Nähe ſei, der ihn hätte hören können: „Da möchte ich doch einen Schoppen Rum gegen ein Glas des ſchlechteſten Bittern wetten, daß die ganze Bagage auf ihren faulen Bäuchen liegt und ſchnarcht—'s iſt ein faules Pack, ſolche Infanterie! Denken nicht daran, von ihrer Höhe herab zu klettern—'s iſt auch bequemer ſo.“ Jedenfalls haben die Huſaren kein Recht, hier herum zu ſtreifen, dachte Erich, und daß ſie es doch thun, muß ſchon einen Grund haben. „Weiter brauchen wir nicht vorzugehen,“ hörte man die⸗ ſelbe Stimme wieder ſagen;„wir ſind ja eine gute Viertelſtunde von dem Jagdſchlößchen entfernt, und ich bin überzeugt, wenn wir noch einmal ſo weit vorwärts ritten, wir träfen doch auf keine feindliche Infanterie, das ſchläft den Schlaf des Gerechten — Kehrt, marſch!“ Für Erich war es jetzt ſehr leicht, bei dem Klange der Pferdehufe der Patrouille ſeitwärts zu folgen und in Kurzem mit derſelben die Stelle zu erreichen, welche neulich noch die gefällten Baumſtämme ausgefüllt hatten, wo aber jetzt die mitt⸗ 92 Einundvierzigſtes Kapitel. leren weggeräumt waren und ſo viel Platz gaben, um einen einzelnen Cavalleriſten oder Infanteriſten durchzulaſſen, wogegen der Weg für Geſchütz noch immer ganz unprakticabel blieb. „Unterofficier Schwebbler,“ fragte der Huſar, der zuletzt durch das Defilé ritt,„ſollte man nicht wieder ein paar Stämme da hinein wälzen?“ „Unnöthig,“ entgegnete der Gefragte,„die Schlafmützen da oben denken nicht daran, uns zu beläſtigen; auch wette ich Zehn gegen Eins, daß der Herr Rittmeiſter Graf Seefeld noch ein paar Patrouillen da hinauf gehen läßt— er möchte ſehr ungern überraſcht werden.“ Dieſe Bemerkung im Verein mit dem Namen des ver⸗ haßten Officiers erregte ein recht widerliches Gefühl in dem Herzen des jungen Bombardiers. Es war ihm gerade zu Muthe, als wenn man, harmlos dahinwandelnd, plötzlich eine aufzuckende giftige Natter erblickt. Warum mußte es unter einer Unzahl von Officiersnamen gerade dieſer ſein, der ge⸗ nannt wurde, und was hatte gerade er hier oben ſo Wichtiges vor, daß er um keinen Preis überraſcht ſein wollte?— Wenn nicht vielleicht im Jagdſchlößchen.... Doch verwarf Erich gleich darauf dieſen Gedanken als ausſchweifend— als lächerlich. — Was ſollte er jetzt gerade hier oben zu ſuchen haben, an einem Orte, der mitten in der Manövrirlinie lag und neutraler Boden war?— Ja, wenn es an jedem anderen Abende ge⸗ weſen wäre!— Uebermüthige Thorheit und herausfordernde Frechheit traute er dem Grafen Dagobert genug zu, um das Unmögliche wenigſtens zu verſuchen. So träumend in Gedanken verſunken, ſah Erich mit Einem Male eine verfallene Mauer vor ſich, und ein genauer Blick Artillerie-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 93 belehrte ihn, daß er ſich dicht vor dem Garten befand, welcher zum Jagdſchlößchen gehörte. Die Huſaren ritten rechts ab, um das Gehöft herum, und Erich blieb mit zuſammengebiſſenen Zähnen und geballten Fäuſten plötzlich ſtehen, als er den Un⸗ terofficier ſagen hörte: „Hier an der Ecke halten, während ich in den Hof hinein reite, um dem Rittmeiſter zu melden, daß wir nichts Verdäch⸗ tiges bemerkt.“ Alſo befand er ſich doch im Jagdſchlößchen! In welcher Abſicht war er dort? Was hatte er da zu ſuchen, er, deſſen Regiment wohl eine halbe Stunde jenſeits bivouakirte? So ſehr Erich noch vor Kurzem den Gedanken verworfen oder nur mit Zagen daran gedacht hatte, ſich dem Jagdſchlöß⸗ chen zu nähern, ebenſo feſt war er jetzt entſchloſſen, wenigſtens den Garten zu betreten und das Haus zu umſpähen. War es ihm doch jetzt zu Muthe, als höre er Blanda's Stimme, die ſeinen Namen riefe, ja, er konnte ſich dieſer Täuſchung ſo leb⸗ haft hingeben, daß er in dem Garten, deſſen Mauer er raſch überſprungen, zuweilen lauſchend ſtehen blieb. Doch hörte er begreiflicher Weiſe nichts, als ſeine eigenen, tiefen Athemzüge, oder zuweilen das leiſe Rauſchen des Nachtwindes in den Zwei⸗ gen, oder das Schnauben und Schütteln eines der Pferde der Huſaren⸗Patrouille, die keine hundert Schritte entfernt von ihm hinter der Mauer hielt. Ihm war übrigens dieſe Nähe des Feindes jetzt ganz gleichgültig; denn wenn ihn wirklich jetzt Je⸗ mand von denen da drüben entdeckt hätte, ſo konnte er als zum Hauſe gehörend betrachtet werden, was im Walde draußen nicht der Fall geweſen wäre. Vielmehr hatte er ſich jetzt vor den Hausbewohnern ſelbſt in Acht zu nehmen, beſonders vor möͤͤͤͤͤ 94 Einundvierzigſtes Kapitel. den Nachts umherſtreifenden Hunden, und es erſchien ihm ganz eigenthümlich, daß von dieſen, obgleich er ſich ganz nahe am Schlößchen befand, noch keiner laut geworden war. Dagegen vernahm er andere Töne, als er die Ecke des Gebäudes erreicht und noch wenige Schritte bis zum vorderen Hofraume hatte: den leiſen Klang männlicher Stimmen ſo wie das Wiſchen, das Scharren und Auftreten von Pferdehufen gerade im Hofe ſelbſt. Es wäre doch eine ſehr unangenehme Geſchichte, dachte der junge Bombardier, wenn ſich der Infanterie⸗Lieutenant mit ſeiner Demarcationslinie getäuſcht hätte und ich hier einem feindlichen Cavallerie⸗Vorpoſten gerade in die Hände liefe, und obendrein einem Vorpoſten, der von dem Grafen Seefeld com⸗ mandirt wird! Deßhalb umſchlich er vorſichtig das Haus von der Gar⸗ tenſeite, wo er in die Höhe blickend, nur ein einziges großes Bogenfenſter erhellt ſah, dasjenige von Blanda's Zimmer, wel⸗ ches ſie ihm neulich vom Garten aus gezeigt hatte. Einen innigen Blick warf er hinauf und ſchritt dann behutſam weiter, um die Ecke des Schlößchens, wo er nun das ebenfalls hell erleuchtete Fenſter des großen Parterregemaches, der ſogenann⸗ ten großen Halle, neben ſich ſah, dem er ſich, von der Um— faſſungsmauer geſchützt und dicht an der Hausmauer ſchleichend, unbemerkt nähern konnte. Was er hier ſah, erfüllte ihn mit großem Erſtaunen; da befanden ſich vielleicht fünf bis ſechs Cavallerie⸗Officiere, von den Huſaren oder Dragonern, in dem hell beleuchteten Raume und überließen ſich ſo ſorglos den Freuden einer wohlbeſetzten Tafel, als wenn auf hundert Stunden kein Feind geweſen wäre. Artillerie⸗-Manöver mit Bivonac. Erich recognoscirt. 95 Geſchirr und Tafelgeräth war allerdings ſehr einfach, aber alles, was aus Körben, die am Boden ſtanden, auf die irde⸗ nen Schüſſeln des Förſters von den Officierburſchen gebracht worden war, beſtand in ausgeſuchten und pikanten Leckereien, wie ſie ſich vortrefflich zu den langhalſigen Champagnerflaſchen mit vergoldetem Kopfe eigneten, deren Pfropfen aufs vorſich⸗ tigſte und geräuſchloſeſte abgedreht wurden, was ein junger Dragoner⸗-Officier ſelbſt überwachte, wobei er lachend ſagte: „Es hat mir keine kleine Mühe gekoſtet, den Schabel im heimlichen Abmuckſen der Flaſchen zu unterrichten; der Kerl will immer ſpringen laſſen, doch wäre dieſes Knallen der Propfen ſehr zur Unzeit hier bei unſerem verſchwiegenen Vor⸗ poſten⸗Souper.“ Deutlich vernahm Erich jedes Wort, da einer der Fenſter⸗ flügel offen ſtand, und als er die Bezeichnung dieſes Soupers als ein heimliches und unerlaubtes hörte, war er ſogleich mit ſich darüber im Klaren, daß der Infanterie⸗Officier mit ſeiner Demarcationslinie Recht gehabt und ſich jene ebenſo wenig hier oben befinden durften, als er ſelber. Leider war es ihm nicht möglich den ganzen Raum zu überſehen und den zu entdecken, den ſeine Augen am eifrigſten ſuchten; dafür aber erblickte er den Förſter Stöckel, der an einer Ecke des Tiſches ſaß, ein großes Glas des ſchäumenden Weines vor ſich; auch hörte er geſprächsweiſe verſchiedene Na⸗ men nennen, die ihm aber unbekannt waren, ſo den eines Gra⸗ fen Baring, dem der junge Dragoner⸗Officier, welcher das Entkorken der Flaſchen beſorgte, ſechs Kelche nach einander vor⸗ trank, worauf jener Beſcheid that und dann lachend ſagte: 96 Einundvierzigſtes Kapitel. „Wir Alle ſollten uns vereinigen, dem ſeligen Horn Jeder eine Flaſche Sect vorzutrinken, bis er aufthaut!“ „Es iſt die neue Würde, die ſich Mühe gibt, bei ihm ge⸗ waltſam zum Durchbruch zu kommen!“ rief lachend eine andere Stimme.„Trink' und ſei luſtig! Wenn du morgen nach dem Manöver dein Rittmeiſter⸗Patent erhältſt, ſo kannſt du dich ganz dieſem entzückenden Gefühle hingeben!“ „Und doch auch dann noch nicht unter Kameraden und langjährigen Freunden!“ rief eine andere Stimme. Von dem Grafen Seefeld war keine Rede, auch vernahm Erich deſſen rauhe Stimme nicht unter den Sprechenden, was ihn zu ſeltſamen Gedanken veranlaßte— zu Phantaſien, welche ihm das Blut ins Gehirn trieben. „Alſo— ſeliger Horn, der du Lieutenant warſt, Premier⸗ Lieutenant biſt und durch die Gnade Seiner Majeſtät und große Verdienſte der verſchiedenſten Art morgen Rittmeiſter ſein wirſt, ich bringe dir dieſes Glas, das, gut gemeſſen, eine halbe Flaſche hält!“ „Halt,“ ſprach jetzt eine Stimme, die Erich noch nicht ge⸗ hört,„ich werde dir deine halbe Flaſche nachtrinken und auch ſonſt noch allerlei, womit ihr für gut findet, mich zu fetiren, aber unter Einer Bedingung: daß wir mit dem Premier⸗Lieu⸗ tenant auch den ‚Seligen’ begraben, welches Prädicat ich lange ge⸗ nug mit mir herumgeſchleppt— ſeid ihr damit einverſtanden?“ „Wenn du nicht anders willſt— warum nicht?“ „Es iſt kein unbilliges Verlangen!“ „Das meine ich auch!“ ſagte der, welcher dieſes Verlangen geſtellt hatte, und fügte in einem ausdrucksvollen Tone hinzu: „Theilt's auch ſonſt den Leuten mit und ſagt Jedermann, ich Artilleri⸗Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 97 wünſchte ſo dringend eine Aenderung, daß ich nach einer kurzen Galgenfriſt, die ich der ſüßen Gewohnheit noch geben will, auf die Fortdauer dieſer Benennung einen feſten Trumph ſetzen würde!“ „Was wird Seefeld dazu ſagen?“ Alſo befand ſich der Graf Seefeld nicht im Zimmer, vielleicht gar nicht im Jagdſchlößchen, dachte Erich nach einem tiefen Athemzuge, oder.... „Er hat dieſen Namen für dich erfunden!“ „Leider, denn ich habe ihn lange genug gehört, weßhalb es mir auch ſehr gleichgültig iſt, was Seefeld davon denkt! Meinetwegen kann er ihn ſelbſt übernehmen, denn er ſieht bis⸗ weilen einem Seligen ähnlicher, als einem Lebendigen!“ Alle lachten; dann hörte man die Stimme des jungen Dra⸗ goner⸗Officiers ſagen:„Sie werden mir zugeben, Herr Ritt⸗ meiſter Graf Horn, daß ich mir nie erlaubt habe, jene Be⸗ nennung gegen Sie zu gebrauchen, verzeihen aber jetzt wohl, wenn ich Sie bitte, mir dieſelbe, da ſie nun auf ewig verſchwin⸗ den ſoll, zu erklären!“ „Nein, das muß ich thun,“ rief ein Anderer—„Horn würde dabei zu egoiſtiſch oder zu beſcheiden zu Werke gehen! Es war vor Jahren, als nach einem außerordentlich ſchönen Manöver uns der alte Graf Seefeld auf ſeinem Schloſſe ein prächtiges Banket gab— Einige von Euch werdengſich daran erinnern!“ Auch Erich erinnerte ſich ſchmerzlich bewegt daran. „Wer hätte das vergeſſen!“ ſagte Graf Horn.„Es war ein Festin de Balthasar— ich habe länge die reizenden Zi⸗ Hackländer, Der leizte Bombardier. IV. 7 98 Einundvierzigſtes Kapitel. geunermädchen nicht vergeſſen können, welche Dagobert Seefeld vor uns tanzen ließ.“ „Dieſer verfluchte Kerl! Er weiß immer etwas aufzu⸗ ſpüren— auch jetzt habe ich ihn ſtark im Verdacht!“ Das Herz des jungen Mannes am Fenſter bebte. „Damals war auch die reizende Kolma dabei!“ „Doch nicht die Kolma Ticzka, die ſpäter ſo berühmte Kunſtreiterin, welche kürzlich geſtorben iſt?“ „Dieſelbe,“ ſagte Graf Horn und ſetzte mit einem Seufzer hinzu:„Bei ihr wäre ich gern einmal der Selige geweſen!“ „Ja, wenn dir Seefeld nicht zuvorgekommen wäre!“ „Jetzt aber bitte ich, meine Neugierde zu befriedigen!“ ſprach der heimliche Flaſchentödter. Während jenes Soupers ſprach man über die Manöver⸗ tage und erwähnte einer Cavallerie⸗Attaque, wo Horn etwas toll und wild hineingegangen war, ja, ſo in eine Ueberzahl hinein, daß er bei einem ernſtlichen Gefechte... 4 „Wenn du erlaubſt, war es ein Ueberfall, den wir ab⸗ ſchlugen!“ „Meinetwegen; aber das wirſt du mir zugeben, daß weder du noch einer von deinen Leuten einen unzerhauenen Schwanz⸗ riemen mit nach Hauſe gebracht hätte! Da ſagte der comman⸗ dirende General, der ihn ſehr gut leiden konnte: Laßt mir meinen armen Horn zufrieden, er ſtarb den Heldentod— und hierauf brachte Dagobert Seefeld einen Toaſt aus auf⸗ den Seeligen, daher die Benennung!“ „Seefeld hätte jedenfalls etwas Geſccheiteres thun können, aber es iſt ſo ſeine Art, andere Leute hineinzuhetzen und ſich dann lachend die Hände zu reiben! Wo, zum Teufel, mag er Artillerie-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 99 jetzt wieder ſtecken? Er iſt hinausgegangen, um friſche Luft zu ſchöpfen— wer weiß, ob er nicht davongeritten iſt und ſich darüber freuen würde, wenn man uns hier unten unvermuthet überfiele.“ „Damit hat's gute Wege; wir haben nur Infanterie uns gegenüber, und wie mir vorhin der Unterofficier Schwebbler meldete, iſt's im Walde weit hinauf ſo ruhig wie in einem Kirchhofe, auch ſah ich Seefelds Pferde noch ſo eben ruhig bei den unſrigen im Hofe ſtehen!“ Alſo war Graf Seefeld noch irgendwo im Schloſſe. „Jedenfalls war es eine vortreffliche Idee von ihm, hier oben dieſes kleine Souper zu arrangiren, und weit behaglicher für uns, als draußen auf dem Felde herumzulungern!“ „Ich möchte nur das Geſicht des Generals Schwenken⸗ berg ſehen, meines ehemaligen Oberſten, wenn er uns hier ſo hübſch bei einander fände!“ „Pah, er würde ſich nicht ſo viel daraus machen— ja, wenn es noch ein großes Manöver wäre! Aber hier, wo wir dieſer langweiligen Artillerie als Folie dienen müſſen, und um dem Ge⸗ neral⸗Inſpecteur das Uebergewicht dieſer erſten aller Waffen⸗ gattungen, wie er zu ſagen beliebt, glänzend feſtſtellen zu helfen, wird es nicht ſo genau darauf ankommen— deßhalb ange— ſtoßen und ausgeleert!“ Die Gläſer klangen; dann ſagte Graf Horn:„Jeden⸗ falls iſt es langweilig von dieſem Seefeld, dieſem Heim⸗ lichthuer, uns ſo lange ſeine ſchätzbare Geſellſchaft vermiſſen zu laſſen— ich glaube, daß wir ihm als Folie dienen oder we⸗ nigſtens als Ausrede. He, Herr Förſter, rief er dieſem zu, haben Sie vielleicht ein hübſches Dienſtmädchen im Hauſe, das 100 Einundvierzigſtes Kapitel. die Augen Seiner Erlaucht auf ſich gezogen hat? Ich weiß, er treibt ſich in jüngſter Zeit häufig hier oben herum!“ Erichs Blut kochte und er blickte mit ſtarren Augen auf den Förſter, der, den Kopf ſchüttelnd, etwas in den Bart brummte und dann Miene machte, ſich zu erheben. „Holla, nein, ſo iſt es nicht gemeint,“ rief Graf Horn— „ſitzen geblieben, alter Herr! Das wäre ja gegen alle Kame⸗ radſchaft, auch muß man eine ſolche Frage über den ſchäumenden Champagner hinüber nicht ſo genau nehmen! Singen wir lieber den Refrain des bekannten Liedes: Thu' ich das Meine, thuſt du das Deine, So thut ein Jeder das Seine!“ „Singen wir lieber nicht,“ mahnte ein Anderer;„man kann doch nicht wiſſen, ob ſo ein hartgeſottener Stabsofficier der Infanterie freundlicher⸗ oder feindlicherſeits nicht auf die Idee kommt, den neutralen Grund, wo wir uns gerade befin⸗ den, durch Patrouillen unſicher zu machen.“— Bis hieher hatte Erich mit ſtarren Augen gelauſcht, immer noch hoffend und fürchtend, es werde noch mehr von dem Grafen Dagobert Seefeld und ſeinen häufigen Beſuchen hier oben auf dem Jagdſchlößchen die Rede ſein; doch täuſchte er ſich. Die Woge des Geſpräches rollte lärmend über dieſen Gegenſtand hinweg und ließ ihn, als vor der Hand gleich⸗ gültig, verſchwinden. Alſo Dagobert Seefeld war im Schloſſe, dachte Erich; aber wo war er, wo konnte er ſein, wo durfte er ſein? Nach jeder dieſer Fragen preßte der junge Menſch heftiger ſeine Lippen mit den Zähnen zuſammen, und als er ſich dann mit der Hand über den Mund fuhr, waren ſeine Finger blutig; dabei kam es ihm vor, als ſei er von hohn- Artillerie-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 101 lachenden, häßlichen Geſtalten umgeben, die ihm um ſo un— heimlicher erſchienen, als er nicht im Stande war, ihre For⸗ men genau zu erkennen, während ſie, an ſeinem Ohr vorüber⸗ ſchwebend, ihm zuflüſterten: Komm mit mir, ich zeige dir den rechten Weg! Wo aber war dieſer rechte Weg? dachte er mit zuckendem Munde und rathloſem Umherblicken. Wo war überhaupt der Weg, der in des Hauſes obere Räume führte? Er wußte ihn nicht; er wußte nicht mehr, als daß das Fenſter, welches er ſoeben erhellt geſehen, Blanda's Zimmer ſei— ſie hatte es ihm neulich geſagt—, und dorthin zog es ihn unwiderſtehlich, um die dunkle Hausecke, von dem zitternden Lichtſcheine Rath und Hülfe zu verlangen. Dort war ihr Fenſter noch immer erhellt, und als er nach einigem Betrachten deſſelben ſeine Blicke rathlos rings umherſchickte, entdeckte er etwas ſo Außergewöhnliches, daß er in tiefer Beſtürzung regungslos ſtehen blieb. Nicht weit von dem Hauſe befand ſich ein alter, ſtarker Nußbaum, deſſen mäch⸗ tige Aeſte beinahe die Mauern des Jagdſchlößchens erreichten. Beſonders einer dieſer Aeſte, faſt horizontal aus dem Stamme treibend, reichte bis dicht vor das erleuchtete Fenſter, und auf dieſem ſah Erich eine menſchliche Geſtalt lang ausgeſtreckt liegen, deren Füße einen feſten Stützpunct fanden in rechts und links abzweigendem ſchwächerem Aſtwerke. Jetzt hob die Geſtalt ihren Kopf in die Höhe, um in das Fenſter zu blicken, aber nicht ſo hoch, daß der Lichtſchein, der aus demſelben drang ihr Geſicht erreicht und dasſelbe hätte erkennen laſſen— jetzt erhob ſie ſich höher, und Erich ſah mit großem Erſtaunen, daß es des Förſters Sohn war, der da oben zwiſchen den Zweigen 102 Einundvierzigſtes Kapitel. lauernd lag, und bemerkte dann zu ſeinem heftigen Schrecken, daß Joſeph eine Büchſe im Arme hatte, deren Schaft er lang— ſam und zielend gegen ſeine Wange erhob. Es durchlief ihn fröſtelnd, und er war ſchon im Begriffe einen lauten Ruf aus⸗ zuſtoßen, als er ſah, wie das Gewehr wieder langſam herab⸗ ſank, wogegen der junge Menſch ſeine Augen ſtarr auf das Fenſter gerichtet hielt. Was war es, das Jener dort im Zimmer erblickte? Es mußte etwas Furchtbares ſein; das bewies nur zu deutlich das erhobene Gewehr. Aber was, aber was? Bei dieſer Frage fühlte er ſein Herz von einer namenloſen Angſt, von einem wilden Schmerze erfüllt, von einem Gefühle der Wuth, welches ihm das Blut in die Augen trieb, welches den furchtbaren Wunſch in ihm entſtehen ließ, den Blitz und Knall des Ge⸗ wehres zu vernehmen. Da ſchien aber die Gefahr vorüber⸗ gegangen zu ſein, und nun, da ihm die ruhige Beſonnenheit wiederkehrte, ſprang er ſo dicht als möglich unter den Aſt und rief mit leiſer, gepreßter Stimme, aber ſo deutlich, als es ihm möglich war, den Namen Joſeph. Dieſer blickte um ſich, entdeckte aber erſt, nachdem der Ruf zum zweiten Male wiederholt wurde, den unter ihm Ste⸗ henden und beugte ſich alsdann raſch herab, um deſſen haſtig ausgeſtoßene Worte zu vernehmen:„Ich bitte um Gottes willen, komm herunter und zeige mir den Weg ins Haus hinauf!“ „Ja— ja,“ war die mühſam hervorgebrachte Antwort; dann richtete ſich Joſeph noch einmal hoch empor, ſtarrte in das erleuchtete Zimmer, und da er durch das, was er ſah, be⸗ friedigt ſchien, ſo glitt er von dem Aſte herunter, und gleich darauf neben Erich ſtehend, zerrte er ihn heftig gegen das Artillerie-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 103 Haus hin, wobei er ſich bemühte, verſtändlich die Worte her⸗ vorzubringen:„Du, Blanda's Freund— darfſt hinauf.„Dann öffnete er raſch die Thür, die an der Gartenſeite des Schlöß⸗ chens war und hinter welcher ſich eine Wendeltreppe befand, welche er„Erich heftig hinaufſtieß— Thür oben— Thür oben!“ Da 4zuckte dem jungen Bombardier plötzlich der glückliche Gedanke durch den Kopf, Joſeph zu veranlaſſen, ſtatt ſeiner in den Wald hinaufzueilen und dort den Ruf des Käuzchens in der verabredeten Weiſe erſchallen zu laſſen— du kennſt dieſen Ruf?“ Joſeph nickte eifrig mit dem Kopfe. „Gut, ſo thue ſo, um Blanda zu retten.“ Erich tappte nun die dunkle Stiege hinauf, und erſt in der letzten Windung ſah er Lichterſchein durch die Riſſe und Sprünge einer Thür, hörte aber auch zu gleicher Zeit eine ihm bekannte, verhaßte Stimme Worte ausſtoßen, welche er deutlich vernahm, obgleich der, welcher leidenſchaftlich erregt ſprach, ſeine Stimme gewaltſam zu dämpfen ſchien:...„Ich gehe nicht, wenn du dich auch in meinen Armen windeſt wie eine Schlange, und wenn auch deine ſcharfen Zähne meine Hand bis auf den Knochen durchbeißen— wart' nur, büßen ſollſt du es mir, ſüße, wilde Katze!“ Da warf ſich Erich ſo gewaltig gegen die Thür, daß Stücke des Schloſſes und der Riegel ins Zimmer flogen und er ſelbſt ſo heftig gegen den tödlich Gehaßten, daß er ihn un⸗ willkürlich in die Ecke des Zimmers ſchleuderte, und dann erſt Blanda in ſeinen Armen auffing, die mit dem Ausrufe:„Erich, Erich!“— an ſeine Bruſt ſank. Stand der Andere, ſchon allein durch dieſe unvermuißete — 104 Einundvierzigſtes Kapitel. und gewaltſame Unterbrechung ſo wie durch ſeine leidenſchaft⸗ liche Erregung zur Wuth getrieben, zähneknirſchend, mit zu⸗ ckenden Händen da, ſo verzerrten ſich jetzt auf einmal ſeine Geſichtszüge in gräulichem Haſſe, und ſeine Augen ſprühten Blitze, als er ſeinen Angreifer erkannte— ſeinen Angreifer im Kleide des Untergebenen, der es gewagt, die Hand gegen ihn zu erheben, ja, der die Rechte jetzt noch gegen ihn erhob, wäh⸗ rend er mit dem linken Arme das heftig athmende, leiſe ſtöh⸗ nende Mädchen an ſich drückte— und gerade daß er ihren Ausruf: Erich, Erich! gehört hatte und ſehen mußte, wie ſie ſich leidenſchaftlich in ſeine Arme geworfen und nun, ihn feſt umklammernd, an ihm hing, das raubte ihm vollends alle Be⸗ ſonnenheit, und er ſprang nach einem Stuhle in der Nähe der Thür, wo ſein Säbel lehnte, den er raſch aus der Scheide riß; doch warf ſich Blanda in dieſem Augenblicke mit einem lauten Aufſchrei vor Erich, ihn mit ihrem Körper deckend. Vielleicht war es der Anblick des ſchönen, muthigen Mäd⸗ chens, vielleicht ihre beinahe unheimlich leuchtenden Augen, ihre feſt auf einander gebiſſenen weißen Zähne, ihre ſtarren, heraus— ſordernden Blicke, deren ſeltſame Gluth ſich ſteigerte, während ſie ihren Oberleib vornüberbeugte und ſo Miene machte, ſelbſt zur Angreiferin zu werden, oder war es ſeine Furcht, ihr gel⸗ lender Schrei ſei jetzt bei der geöffneten Thür vielleicht drunten gehört worden, was ihm ſeine Beſinnung wiedergab— genug, er richtete ſich hoch auf und ſagte mit keuchender Stimme: „Was uns anbelangt, mein würdiger Held und Beſchützer, ſo werden wir uns wiederſehen, wo Ihnen das unangenehm ge⸗ nug ſein ſoll! Lächerlicher Gedanke,“ ſagte er, ſich der Thür nähernd und den Säbel in die Scheide ſtoßend,„ſo einen —D—CQ—ꝑQOO(Cℳ—C-— Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 105 Vagabunden und hergelaufenen Landſtreicher behandeln zu wollen!“ „O, wenn Sie ihn einmal ſo behandeln wollten,“ rief Erich, indem er mit blitzenden Augen vor ihn hinſprang, wenn Sie nur dieſes eine Mal die Gnade haben wollten, Ihren Rang, Ihren Stand, die Ungleichheit unſerer Kleider zu vergeſſen! Urſache hätten Sie genug, einmal, nach ihrer Anſicht, recht tief herabzuſteigen und mir zu geſtatten, Ihnen mit dem Säbel in der Hand entgegenzutreten— und ſelbſt den ungleichen Kampf, den Sie ſo eben beginnen wollten, würde ich Ihnen gegenüber nicht einmal ſcheuen!“ Erich ſagte das glühend vor Aufregung, mit trotzig, muth⸗ voll blickenden Augen, mit erweiterter Bruſt, unter ſichtbarer Anſpannung der Muskeln ſein⸗ hohen, kraftvollen Geſtalt; er ſagte das in dem ſtolzen Selbſtbewußtſein ſeiner Kraft und ſeines guten Rechtes; er ſagte das, indem er mit einem faſt verächtlichen Blicke auf die ſchon ziemlich verlebte Geſtalt ſeines Feindes hinzuſetzte:„Nehmen Sie zu dem Säbel d noch den Dolch, den Sie ja zu führen wiſſen!“ War es vielleicht das Bild Kolma's, welches in dieſem Augenblicke vor die Seele des Grafen Dagobert Seefeld trat, oder war es vielleicht der vernünftige Gedanke, hier nicht wei⸗ ter gehen zu dürfen, um nicht in eine Lage zu gerathen, die ihn in jeder Hinſicht Alles mußte befürchten laſſen, was ihn veranlaßte, das Gemach zu verlaſſen, um dieſer peinlichen Scene, deren Schluß wohl vorauszuſehen war, ein Ende zu machen— doch hatte er langſam und bedächtig ſeinen Säbel an ſich genommen und umgeſchnallt, hatte zu Blanda geſagt:„Auch wir ſehen uns ebenfalls wieder!“— und ſtieg dann langſam —, ——— —O::Q—LQ—⁰O—-— 106 Einundvierzigſtes Kapitel. die gewundene Treppe hinab, wobei er zuweilen lauſchend ſtehen blieb, um zu hören, ob durch die krachende Thür und darauf durch den Schrei Blanda's nicht drunten im Hauſe Lärm entſtanden ſei. Doch war dies nicht der Fall; die mäch⸗ tigen Mauern des alten Schlößchens hatten jeden Schall ge⸗ dämpft, und als Graf Seefeld auf den Hof trat, ſah er die Dienerſchaft der Officiere unbekümmert wie früher plaudernd bei den Pferden ſtehen. Er ſelbſt aber fand es nöthig, eine Zeit lang die kühle Nachtluft einzuathmen, um das gewaltige Erbeben ſeines Innern ruhiger werden ſo wie die Röthe des Zornes und der heftigen Aufregung auf ſeinen Geſichtszügen verſchwinden zu laſſen; auch trat er an den laufenden Brunnen, der ſich in einer Ecke des Hofes befand, ſpülte das Blut von ſeiner Hand und wickelte ſein Taſchentuch darum. Gern hätte er die Handſchuhe angezogen, doch hatte er dieſe in ſeinem Kalpak gelaſſen, der ſich drunten bei den Kameraden befand; dann erſt betrat er wieder die Halle, wo er das Lachen und die Spöttereien der ſehr luſtig gewordenen Officiere durch viel⸗ ſagendes Lächeln und gleichgültiges Achſelzucken beantwortete.— Blanda hatte ihren Kopf an Erich's Bruſt verborgen, während ihre Arme feſter ſeinen Hals umſchlangen, wobei nun zum erſten Male ſeit dem Beginne jener ſchrecklichen Scene Thränen, und zwar unaufhaltſam ſtrömend, zwiſchen ihren langen, tief herabgeſenkten Wimpern hervorquollen. „Und wo war denn die Stöckel?“ fragte Erich, als Blanda endlich mit ſchwimmenden Augen, aber unter Thränen lächelnd, zu ihm außblickte. „Sie wurde heute Morgen zu ihrer kranken Tante nach der Stadt gerufen, verſprach auch, im Laufe des Abends Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 107 wiederzukommen, konnte aber wahrſcheinlich ihr Wort nicht halten, da die Kranke ſchlimmer geworden.“ „Und jener— Ueberfall, Blanda, wie begann er? Wie führte ſich Jener bei dir ein?“ „Ich weiß das ſelbſt kaum; ich war noch ſpät im Gar⸗ ten geweſen, ſchlich dann leiſe über die kleine Treppe in mein Zimmer und hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, die Thür zu verſchließen, da ſtand er vor mir— anfänglich ruhig ſprechend, in aller Form des Anſtandes und der Höflichkeit, dann aber mit Einem Male anders redend und mich zu heftiger, aber nutzloſer Erwiderung zwingend. Ich rief nach dem Förſter, nach Joſeph, und wenn jener wüſte Menſch auch nicht verſucht hätte, mein Rufen gewaltſam zu unterdrücken, ſo wußte ich doch, daß es ſchwerlich drunten bei dem Lärm, den die Offi⸗ ciere machten, gehört werden würde; auch ſpottete er meiner und ſagte: ‚Rufe nur Leute herbei; man wird mich bei dir finden und wird überzeugt ſein, daß du mich eingeladen— wenigſtens eingelaſſen!' Erich knirſchte mit den Zähnen und verwünſchte es jetzt, daß es nicht zu einem Kampfe gekommen, wäre auch das Schlimmſte daraus entſtanden. „Er ſprach noch viel und allerlei,“ fuhr Blanda fort, „von dem ich nur das Wenigſte verſtand, aber es waren ge⸗ wiß furchtbare Dinge, die er ſagte; denn ſeine Lippen bebten und ſeine Augen vergrößerten ſich auf eine ſchreckliche Weiſe. — Ich ſchaute ihm aber feſt in die Augen und wich behutſam Schritt um Schritt vor ihm zurück, immer hoffend, die Thür zu erreichen. Da ſprang er auf mich zu, wand ſeinen Arm um mich und faßte gewaltſam meine Hand; doch ſtieß ich ihn 108 Einundvierzigſtes Kapitel. zurück, fühlte aber wohl, wie der wilde Zorn, der mich zu⸗ weilen überfällt, meine Sinne bemeiſterte, und nachdem ich ihm ein paar Mal zugerufen, mich nicht mehr mit ſeiner Hand zu berühren, ſah ich, wie das Blut von ſeinen Fingern herablief — wäre ein Meſſer in der Nähe geweſen, ich hätte davon Gebrauch gemacht!“ ſagte ſie mit bebenden Lippen und flam⸗ menden Augen.„Da kamſt du, Erich, und ich danke Gott dafür! Aber was ſoll nun werden?“ Ihre plötzliche Erregung wich eben ſo raſch, wie ſie ge— kommen war, einer tiefen, ſchmerzlichen Wehmuth; ihre Thrä⸗ nen floſſen aufs Neue, und Erich fühlte an ſeinem Herzen das gewaltſame Wogen ihrer Bruſt, das leichte Zucken ihres Kör⸗ pers, was ihn mit einer unausſprechlichen Empfindung erfüllte. Enthalten konnte er ſich nicht, ſeine Lippen auf ihr blon⸗ des Haar zu ſenken und ſie feſter in ſeine Arme zu ſchließen; doch nur für die Dauer weniger Secunden; dann machte er ihre Hände ſanft von ſeinem Halſe los und ſagte mit bebender Stimme:„Laß uns jetzt ruhig überlegen, Blanda, was zu thun iſt— für heute Abend haſt du nichts mehr zu befürchten.“ „Und für morgen oder doch die nächſten Tage iſt mein Entſchluß gefaßt, und da rechne ich auf deinen Schutz, auf deine Hülfe.“ „O, könnte ich mein Leben für dich laſſen, Blanda, du biſt überzeugt, daß ich es thun würde!“ Daß ſie ſeinen Worten glaubte, zeigte ſie ihm durch einen innigen, ſeelenvollen Blick—„ob du mir aber helfen, mich ſchützen kannſt,“ ſagte ſie,„das iſt eine andere Frage, Erich; vielleicht aber findeſt du ein Mittel. Ich kann nicht länger in dieſem Hauſe bleiben, du haſt das ſo eben ſelbſt erfahren, und — ↄͥꝭ——— Artillerie⸗Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 109 du wirſt mir glauben, wenn ich dir ſage, daß mir auch ſonſt ſollte ich auch der Aufenthalt hier unerträglich wird. Wa da von der Barmherzigkeit fremder Menſchen leben, da ich überzeugt bin, mich auch ſonſt auf ehrliche Art durch das Leben ſchlagen zu können— ich habe in den letzten Jahren genug dazu gelernt. Vorher aber muß ich jene Frau aufſuchen, die ſich meiner ſterbenden Mutter mitleidsvoll annahm und die auch ſonſt noch Urſache zu haben ſchien, mich eine Zeit lang zu beſchützen. Ich muß die Gräfin Seefeld ſehen und ſprechen, ich muß ihr, zugleich mit meinem heißen Danke für ihre Wohl⸗ thaten, ſagen, daß ſie dieſelben an keine Unwürdige verſchwen⸗ det hat— muß ich das nicht, Erich?“ „Gewiß, gewiß; du mußt ſie auch fragen, ob ſie andere Gründe gehabt als nur das Mitleid, indem ſie ſich deiner armen Mutter und deiner, des verlaſſenen Kindes, annahm. Du mußt alsdann jenes Briefpaket in ihre Hände legen, wel⸗ ches ich dir neulich gab.“— Das ſagte Erich raſch, haſtig, mit leuchtenden Augen, und ſetzte nach einer kurzen Pauſe des Nachſinnens hinzu:„Dieſe Papiere ſind jedenfalls wichtig für die Gräfin Seefeld, und ich muß jetzt meine Vermuthung von neulich als Gewißheit ausſprechen, daß der Inhalt derſelben auch mit deiner Vergangenheit oder Zukunft im Zuſammen⸗ hange ſtehen könnte.“ 3 „Wie wäre das möglich? Doch gleichviel, ich will dieſe Papiere getreulich aufbewahren und ſie verwenden, wie du glaubſt, wenn die Umſtände es günſtig fügen, daß ich mit jener Dame Worte des Vertrauens reden kann. Wie aber zu ihr gelangen? Nach dem Vorfalle von heute Abend darf ich mich ſelbſt der Stöckel nicht mehr rückſichtslos anvertrauen, noch viel 110 Einundvierzigſtes Kapitel. weniger ihrem Bruder oder deſſen Sohne, von welch letzterem ich am meiſten überzeugt bin, daß er jeden meiner Schritte beobachtet, beſpäht, vielleicht auch verräth; ich muß dieſem Hauſe entfliehen, um nicht in die Lage zu kommen, mit Güte, vielleicht ſogar mit Gewalt zurückgehalten zu werden.“ „Ja, du mußt fliehen, Blanda,“ ſagte Erich, finſter vor ſich niederblickend,„und ich werde dich auf deiner Flucht be⸗ gleiten bis du in Sicherheit biſt.“ „O, wenn das möglich wäre!“ „Pah, Vieles iſt möglich, wenn man nur den feſten Willen dazu hat! Es wird ſich um eine Nacht, um einen Tag handeln, bis ich dich an einen Ort geführt, wo du in voller Sicherheit deinen Weg fortſetzen kannſt; laß mich darüber Erkundigungen einziehen; ich kenne ja das Ziel deiner Reiſe, und wenn es dir ſo recht iſt, ſo glaube ich, wäre am beſten die nächſte Nacht zu wählen, wenn du nämlich bereit biſt.“ „O, ich werde bereit ſein!“ „Die Manöver, die morgen Statt finden, werden bis in den Nachmittag dauern, und da ich nicht daran zweifle, daß ſie gut ausfallen, ſo erhalten ſämmtliche Truppen übermorgen einen Ruhetag; die Reihe der Wache iſt noch lange nicht an mir, und vor Arreſt hoffe ich mich ſchon in Acht zu nehmen — iſt's dir ſo recht, oder werde ich von dir noch eine Nach⸗ richt erhalten?“ „Wie danke ich dir für deine Bereitwilligkeit! Ich athme freier auf, und wenn du mir ſagſt, wo ich dich morgen treffen ſoll, ſo wirſt du mich, dich erwartend, finden.“ „Warten ſollſt du nicht, gute Blanda, ich werde vor dir an der Stelle ſein; die ich dir jetzt bezeichnen will. Wenn du Artillerie⸗-Manöver mit Bivouac. Erich recognoscirt. 111 am Ende eures kleinen Gartens in den Wald trittſt, ſo erreichſt du nach wenig Schritten einen Waldweg, der dich, ſanft an⸗ ſteigend, in Kurzem zu einer Stelle führt, wo geſchlagenes Holz die Straße verſperrt; dort wirſt du mich finden, wenn du das Haus nach neun Uhr Abends verläßſt— iſt's dir ſo recht?“ „Gewiß, Erich.“ „Aber wenn es regnen ſollte, Blanda?“ „Sei auch alsdann nicht beſorgt, du weißt, daß ich ſchon in früheſter Kindheit gewohnt war, bei jedem Wetter unter freiem Himmel zu ſein,— und aus jenen oft ſo glücklichen Tagen, Erich, wollen wir ein Stück Wald⸗ und Wanderleben aufführen.“ „Wie mich das glücklich machen wird!— Biſt du aber auch— biſt du aber auch mit Geld verſehen?“ ſetzte er zögernd hinzu. „Genügend— durch Kolma.“ „Gut dann; ſo Gott will, findeſt du mich morgen an der bezeichneten Stelle. Jetzt aber muß ich dich verlaſſen, um zu meiner Batterie, die droben auf der Höhe liegt, zurückzukehren; ich bin ganz im Geheimen gekommen, Blanda nur um dich einen Augenblick zu ſehen, wenigſtens das Jagdſchlößchen. O, ich glaubte in der That nicht, daß ich ſo glücklich ſein würde, mit dir reden zu können!“ „Wenn man aber eine Abweſenheit droben entdeckte?“ fragte ſie ängſtlich. „Darüber beunruhige dich nicht; ich habe meine Vorſichts⸗ maßregeln zu gut getroffen— aber horch! Was iſt das?— Er eilte raſch ans Fenſter, und ſein Ohr an eine kleine Spalte des ſchnell geöffneten Fenſterflügels legend, hörte er das Ge⸗ 112 Einundvierzigſtes Kapitel. räuſch einer wenngleich behutſam und nicht gleichmäßig marſchi⸗ renden Menſchenmaſſe. „Was bedeutet das, Erich?“ „O, nichts als ein wahrſcheinlich gut gelungener Manöver⸗ ſcherz— Adieu, meine gute Blanda! Sei ganz ruhig, wenn du auch drunten ein klein wenig Lärm und lautes Gerede hören würdeſt; denke dabei freudig an morgen Nacht und dann auch ein klein wenig an mich.“ Sie reichte ihm beide Hände und duldete es gern mit glück⸗ lichem Blicke, als er ſie hierauf raſch an ſich zog und ſeine friſchen rothen Lippen, auf ihren roſig ſchwellenden Mund drückte. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Worin das Gelage der Cavallerie⸗Officiere einen unvorhergeſehenen Abſchluß findet und worin der letzte Bombardier, nachdem er ſich vortrefflich benommen, den dümmſten Streich ſeines Lebens macht. Joſeph hatte indeſſen den Ruf des Käuzchens ſehr natür⸗ lich und in den angegebenen Zwiſchenräumen erſchallen laſſen, worauf der Gefreite Huber ſogleich dieſes Zeichen gegen die Höhe hinauf weiter gab und den Unterofficier Raffleur veran⸗ laßte, den commandirenden Lieutenant des Wachtpoſtens ſogleich aus feſtem Schlafe zu erwecken und ihm zu melden, daß drunten etwas ganz Abſonderliches vorfallen müſſe, da der Bombardier der reitenden Artillerie das verabredete Zeichen gegeben. Augen⸗ blicklich war der Infanterie⸗Lieutenant munter und auf den Füßen, zog Schärpe und Säbel feſter um den Leib, warf ſeine Pickelhaube auf den Kopf, ſchaute aber alsdann ſeinen Unter⸗ gebenen, einen altgedienten Unterofficier, fragend an:„Das iſt alles recht ſchön und gut, Raffleur, aber was nun weiter? Eine Streifpatrouille da hinabzuſchicken, iſt ſo eine Sache; denn ſtatt daß wir damit etwas ausrichteten, könnten unſere Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 8 114 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Leute ſelbſt in die Patſche kommen, und doch darf man den Bombardier nicht im Stiche laſſen. Wiſſen Sie was, eilen Sie zur Compagnie, die ja nicht tauſend Schritte von hier lagert, und melden die ganze Geſchichte dem Herrn Hauptmann.“ Schon war der Unterofficier ein paar Schritte davon ge⸗ laufen, als er plötzlich ſtehen blieb und ſich tief bückte, wie man in der Nacht zu thun pflegt, wenn man irgend etwas er⸗ kennen will, das in der Dunkelheit auf uns zukommt und ſich alsdann von dem helleren Himmel beſſer abzeichnet. Raſch eilte er hierauf mit der Meldung zurück, daß ein Trupp Reiter nahe, wahrſcheinlich der Major du jour, zum Viſitiren der Wachtpoſten. Und ſo war es auch; nur kam der dienſthabende Major nicht allein, ſondern in Geſellſchaft des commandirenden Bri⸗ gade⸗Generals ſo wie eines ganzen Schwarmes von Adjutan⸗ ten, Ordonnanzen und anderen Officieren. Statt nach dem eingenommenen vortrefflichen Souper ſein Lager zu ſuchen, hatte es der Brigade⸗General bei der ſchönen Nacht vorgezogen, nochmals ſämmtliche Poſitionen abzureiten. War es doch das erſte combinirte Manöver, welches er unter den Augen des Allerhöchſteommandirenden zu leiten hatte, und hatte er auch ſonſt noch verſchiedene Urſachen, auf keiner un⸗ richtigen oder falſchen Fährte ertappt zu werden! Der Brigade⸗General nämlich, einer unſerer Bekannten dieſer wahrhaftigen Geſchichte, der frühere Dragoner⸗Oberſt von Schwenkenberg, war bei ſeiner Beförderung zum General mit einer Infanterie⸗Brigade betraut worden, worüber ſeine ehe⸗ maligen Kameraden von der Cavallerie einiger Maßen die Achſeln gezuckt hatten und worüber ſeine jetzigen Kameraden n d Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 115 von der Infanterie noch immer fortfuhren, bedeutſam die Achſeln zu zucken. Jene behaupteten, als echter Cavalleriſt hätte er lieber ſeinen Abſchied nehmen, als ſich ſolchergeſtalt zurückdienen ſollen, und die vom Fußvolk waren überzeugt, daß ſo ein Reiter⸗ Oberſt ſich nie zu den Feinheiten der Infanterie⸗Taktik auf⸗ ſchwingen könne. Und ſo werden wir es denn begreiflich fin— den, daß ſich der General von Schwenkenberg die erſtaunlichſte Mühe gab, um bei dem Manöver glänzend zu beſtehen, wobei er ſich noch feſt vorgenommen hatte, ſeinen ehemaligen Kamera⸗ den, die jetzt Miene machten, ihn etwas von oben herunter an⸗ zuſchauen, dieſer übermüthigen Cavallerie, wo möglich tüchtig Eins auszuwiſchen. Dies war der Mann, der gegen den Wachtpoſten des In— fanterie⸗Officiers ritt und von dieſem Meldung erhielt über das, was zwiſchen ihm und dem Bombardier der reitenden Artillerie vorgefallen, und hinzuſetzte, das Erſchallen des verabredeten Zeichens müſſe jedenfalls etwas Außergewöhnliches zu bedeuten haben. „Welche feindliche Truppentheile glauben Sie da unten vor ſich zu haben?“ „Cavallerie, Herr General, Huſaren und Dragoner, wie wir ganz genau wiſſen; denn die Patrouillen derſelben ſtreifen „dicht an der Naſe unſerer Vorpoſten vorüber, ohne ſich um die bezeichnete Demarcationslinie im geringſten zu kümmern.“ „Ah, das ſieht ihnen ähnlich! Ich kenne dieſe Dragoner, und es würde ihnen durchaus nicht ſchaden, wenn es möglich wäre, ihnen ein Bißchen Reſpect vor dem Bajonnet einzuflößen! Was glauben Sie, Herr Lieutenant, wenn wir ein ziemlich * 8— —-ʒ —õ—y— —„ ———— 1 ¹ 116 Zweiundvierzigſtes Kapitel. ſtarkes Detachement da hinabſchickten, um zu ſehen, was es gäbe? Wie ſtark iſt Ihr Vorpoſten hier?“ „Achtzig Mann, Herr General.“ „Und Ihre Poſtenkette drunten läßt in der Sicherheit für unſer Bivouac nichts zu wünſchen übrig?“ „Ich bin überzeugt, daß ſich kein Fuchs durchſchleichen könnte.“ „So wollen wir denn mit Ihren achtzig Mann einen Handſtreich verſuchen, wenigſtens genau recognosciren, was es drunten eigentlich gibt. Herr Major Klemmer,“ wandte er ſich an einen der ihn begleitenden Stabsofficiere,„Sie hätten wohl die Freundlichkeit, dieſes allerdings kleine, aber nicht un⸗ wichtige Commando zu übernehmen; ich möchte dabei gern einen umſichtigen Officier haben, auf den ich mich unter allen Umſtänden verlaſſen kann.“ „Zu Befehl, Herr General; ich wer Ihrer Erlaubniß, zu Fuß abmachen.“ „Gewiß, mein lieber Herr Major, und Sie, Herr Lieute⸗ nant, laſſen Sie Ihre Leute antreten— wir, meine Herren,“ wandte er ſich an ſeine Suite,„bleiben indeſſen hier oben hübſch beiſammen, bis wir erfahren, was ſich drunten begeben.“ Die Leute waren augenblicklich zuſammengetreten und de das aber, mit freuten ſich ſichtlich auf die kleine Expedition, weßhalb ſie auch Majors Klemmer ſo geräuſchlos und unter Anführung des hinabgingen und gleich vorſichtig als möglich den Waldweg darauf im Schatten der Nacht verſchwunden waren. Major Klemmer war ein Mann, der von der Pike auf und dem es erſt nach manchem vergeblichen An⸗ gedient hatte, laufe gelungen war, über die Scheidewand hinwegzuſetzen, welche 9 Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 117 den Unterofficier von den Epauletten trennt, ſtreng in und außer dem Dienſte, ehrgeizig und dienſteifrig; einer armen und ſehr beſcheidenen Familie entſtammend, hatte er ſich von jeher ohne die geringſte Zulage behelfen müſſen, was alles ſeinem Charakter viel Härte und Schroffheit beigemiſcht hatte, die auch ſein äußeres Benehmen ſehr rauh und ſchartig machten, wobei er, hauptſächlich ein ſcharfes Augenmerk den jungen Officieren ſeines Bataillons zuwendend, es unbegreiflich fand, wie ſich dieſe jungen Herren ſo nichtigen Dingen, als Spazirengehen, Kaffeehäuſer, Geſellſchaften, Bälle beſuchen, Trinken und Spie⸗ len, hingeben mochten. Vielleicht daß er dabei nicht ganz ohne Neid war, wenn er in Erfahrung brachte, daß da oft in einer Nacht in Auſtern und Champagner Summen verſchlampampt wurden, mit welchen er ſelbſt Monate gelebt hätte. Genug, ein Tiger konnte nicht leichter ſeine Beute gieriger packen, und feſthalten, als er, wenn es ſich um leichtſinnige Dienſtvergehen oder gar um Schuldenmacherei handelte. Zu allem dem hatte Major Klemmer eine ältere Jungfrau von etwas Vermögen zu ſeiner Gemahlin gemacht, und dieſe, ein wahres Kratzeiſen, äußerlich und innerlich, ſtand mit allen böſen Eigenſchaften eines keifenden Weibes zu ihrem Gemahl in gleichem Ver⸗ hältniß wie der Stahl zum Meſſer und ſchliff durch ihr ewiges Gezänk ſeine ohnedies ſchon harten und ſchneidigen Eigen⸗ ſchaften zu einer ſehr gefährlichen Schärfe. Groß, lang und hager von Geſtalt, hatte Major Klemmer eine gewaltige, ſcharfe Habichtsnaſe, kleine, finſter blickende Augen und einen langen fuchſigen Schnurrbart, der, gerade herabgekämmt, Mund und Kinn faſt gänzlich verbarg, und ſo war innerlich und äußer⸗ lich der Mann beſchaffen, der ſich jetzt an der Spitze von 118 Zweiundvierzigſtes Kapitel. achtzig Mann ſo geräuſchlos als möglich dem Jagdſchlößchen näherte und an der hinteren Gartenmauer von dem raſch her⸗ beigeeilten Bombardier der reitenden Artillerie empfangen und von der Gegenwart der feindlichen Cavallerie⸗Officiere in Kennt⸗ niß geſetzt wurde. Mit einem raſchen Blicke, der durch einige Erläuterungen Erichs unterſtützt wurde, überſah Major Klem mer hier die Localität, beſetzte den hinteren Ausgang des Gar tens mit einem tüchtigen Poſten und umkreiste hierauf die Mauer bis zum Eingangsthore des Hofes, welches er ebenfalls ſtark beſetzte, die Officierburſchen mit ihren Pferden zu Ge fangenen erklärte und dann dem Hauſe zuſchritt. Hier hatte das luſtige Leben und Treiben der Officiere ſeinen Höhepunkt erreicht, und waren es beſonders die theils verſteckten, theils offenen Anſpielungen und Neckereien gegen den Grafen Seefeld, was die Luſt zu wahrer Ausgelaſſenheit geſteigert; doch bemühte ſich der von allen Seiten Angegriffene längere Zeit, als einzige Abwehr und Entgegnung eine behag lich lächelnde Miene anzunehmen und ſich den Schein zu ge⸗ ben, als könne er, im Bewußtſein eines glücklich zu Ende ge⸗ führten Abenteuers, recht gut die von Neid erfüllten Bemer⸗ kungen der Kameraden ertragen. „Aber das mußt du zugeben, Seefeld,“ ſagte Graf Horn, „daß du nicht vollkommen ſiegreich aus jener Affaire zurück gekehrt biſt und daß die tüchtige Schramme an deiner Hand eben ſo gut einen abgeſchlagenen Sturm bedeuten kann als das Aufziehen der weißen Fahne.“ „O, es gibt auch welche, die aus Liebe beißen,“ lachte Baring,„und damit laßt's für jetzt genug ſein! Seefeld hat ſich uns als Sieger vorgeſtellt, und warum ſollten wir ihm Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 119 nicht glauben?— Seid nicht undankbar für alles, was er heute Abend für uns gethan, und trinkt auf die glückliche Be⸗ endigung des morgenden oder vielmehr heutigen, gewiß ſehr langweiligen Manövers!“ „Wenn ich nur mit meiner Schwadron vor den Augen des Prinzen zu einer recht flotten Attaque komme, über ein paar tüchtige Gräben und Verhaue hinweg— du, Seffeld, kannſt, wenn ſich eine ſolche Gelegenheit bietet, mir zu Liebe ſchon um ein paar Pferdelängen zurückbleiben!“ „Und dir als Relief dienen— recht gern! Was du er⸗ warteſt, habe ich erreicht, und mich freut ohnedies ſchon lange die ganze, friedliche Soldatenſpielerei nicht mehr!“ „So wär' es doch am Ende wahr, was man ſagt, daß du quittiren wollteſt?“ „Und heirathen?“ lachte ein Anderer. „Das Erſte vielleicht, doch was das Zweite anbelangt, ſo hat's damit noch gute Wege!“ „Das würdeſt du nicht in Gegenwart der kleinen, reizen⸗ den Gräfin Haller ſagen!“ erwiederte Graf Horn und ſang dann nach der bekannten Melodie aus Tell:„Clotilde, ach Cloti—ilde!“ Ohne dieſes Letztere einer Beachtung zu würdigen, fuhr Graf Seefeld fort:„Mein verehrter Oheim, der alte Herr Chriſtian Kurt, fällt raſch zuſammen, und wenn ſich da etwas ereignet, ſo daß ich die Güter übernehmen muß, iſt es wohl ſelbſtverſtändlich, daß ich alsdann nicht mehr fortdienen kann!“ „Und wirſt als Major à la suite zur Dispoſition ge⸗ ſtellt, glücklicher Kerl, mit dem Bewußtſein, vom Soldaten⸗ leben den luſtigen Schaum getrunken zu haben!“ * “ Zweiundvierzigſtes Kapitel. „Ein volles Glas auf dieſes Avancement, denn es iſt jedenfalls das beſte alleweg!“ „Mir iſt darum auch dieſes langweilige Manöver, wobei wir doch nur die Handlanger der Infanterie ſpielen,“ bemerkte Seefeld nach einer Pauſe,„unangenehm in die Quere gekom⸗ men! Ich wollte heute früh ſchon nach der Waldburg ab⸗ reiſen, und muß nun warten bis morgen Nacht, bis nach dem großen Souper, das der Prinz dem commandirenden General gibt; da kann es ſpät werden, oder vielmehr ſehr früh, und daher wär' es mein Rath, jetzt zum Bivouac zurückzukehren und ſich dort noch ein paar Stunden, in den Mantel gehüllt, niederzulegen!“ „Ei was,“ meinte Graf Horn,„zum Schlafen hat man immer noch Zeit! Ich finde es hier viel behaglicher, oder, wenn ihr ja eine Veränderung wollt, ſo ſitzen wir auf und recognos⸗ ciren zu unſerem Privatvergnügen die feindlichen Vorpoſten! Wir haben nur Infanterie vor uns, und ich bin überzeugt, daß wir Manchen finden, der, an irgend einem Baume lehnend, eingenickt iſt!“ „Es wäre doch ein Hauptſpaß,“ rief der ganz junge Dra⸗ goner⸗Officier— derſelbe hatte noch nicht alle Eierſchalen ab⸗ geſtreift—,„wenn wir gänzlich unbeachtet bis auf die Höhe kommen könnten und auf einmal wie Geiſter der Nacht in ihrem Bivouac erſchienen— der Schrecken!“ Da klang es draußen auf dem Vorplatze, als wenn ſämmt⸗ liche Officierburſchen und Ordonnanzen, die im Hofe die Pferde hielten, in ziemlich regelmäßigem Schritte herankämen, um irgend etwas zu melden— da öffnete ſich langſam die Thür der Halle, und auf der Schwelle erſchien, ſchauerlich anzuſehen, wie eines Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 121 jener Geſpenſter, deſſen der junge Dragoner⸗Officier ſo eben erwähnt, ein langer, hagerer Major der Infanterie, mit der Schärpe um den Leib, gezogenem Säbel und auf dem Kopfe den Helm, der ihn als von den feindlichen Truppen kennzeich⸗ nete, und hinter dieſem düſter blickenden Major blitzten zahl— reiche Gewehrläufe und Bajonnette. „Bei allem dem, was im Exercier- und Dienſtreglement ſteht,“ ſagte der finſter blickende Major nach einer peinlichen Pauſe,„das iſt eine ſehr kurioſe Geſchichte! Die Herren von der Cavallerie ſind, ſo viel ich ſehe, aus dem feindlichen Bivouac, haben es ſich hier mit Nichtachtung der Demarcationslinie äußerſt bequem und behaglich gemacht“— hier ſtreifte ſein düſte⸗ rer Blick die zahlreichen Champagnerflaſchen, welche auf dem Tiſche ſtanden—,„und die Herren von der Cavallerie,“ fuhr er mit erhobener Stimme fort,„haben nicht einmal Wachen ausgeſtellt, um zu verhüten, daß ſie vom Feinde überraſcht und zu Gefangenen gemacht würden!“ „Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter,“ entgegnete ihm Graf Seefeld, der nach dieſer allerdings ſehr unangenehmen Ueberraſchung zuerſt wieder ſeine volle Faſſung erlangt hatte,„Sie ſcheinen unſere harmloſe Unterhaltung hier ver...— ſehr ernſt nehmen zu wollen?“ „Nicht ernſter als nothwendig, Herr Rittmeiſter; ich habe ein feindliches Detachement hier glücklich aufgehoben, mache es zu unſeren Gefangenen und muß Sie als ſolche erſuchen, mich nach unſerem Lager zu begleiten!“ „Ah, Sie werden doch nicht— den Teufel auch!— Das iſt ja gegen alle Kameradſchaft— bei einem Manöver!“ riefen die Officiere aufſpringend und nach ihren Mützen und Säbeln 122 Zweiundvierzigſtes Kapitel. greifend, während Graf Seefeld ruhig ſagte:„Setzen Sie ſich lieber zu uns, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, und acceptiren ein Glas Champagner!“ „So etwas wäre doch in der That unerhört, bei einem Manöver, unter Truppen deſſelben Armeecorps „Was iſt ein Manöver, meine Herren von der Cavallerie?“ erwiederte der Major mit großer Würde.„Eine möglichſt genaue Nachahmung des Kriegs— und Sie werden mir doch zugeben, daß man im Kriege in einem ſolchen Falle gerade ſo handeln würde, wie ich hier thue und die Herren Officiere von der Cavallerie zu Gefangenen mache.“ „Gerade vielleicht deßhalb, weil es Officiere von der Ca⸗ vallerie ſind!“ rief Graf Horn mit Bitterkeit. „So, es läge wirklich in ihrer Abſicht, Herr Oberſt⸗Wacht⸗ meiſter, es in dieſem Falle ſo genau zu nehmen?“ ſagte Graf Seefeld, indem er die Kameraden mit der Hand zur Ruhe 17 . winkte. „So genau, als möglich!“ antwortete der unbeugſame Major der Infanterie. „So will ich Ihnen einen Vorſchlag machen: Sie ent⸗ laſſen meine Kameraden ungehindert zu ihren Truppentheilen, während ich mir eine Ehre daraus mache, Sie bis zu Ihrem commandirenden Herrn General zu begleiten, um demſelben auf Verlangen die Namen der ſämmtlichen hier Anweſenden mitzutheilen.“ „Das nehmen wir nicht an, Seefeld, gewiß nicht— eine ſolche Aufopferung— zum Teufel, wenn der Herr Major ein Manbver ernſtlich nehmen will, ſo können wir auch den Ver⸗ ſuch faſſem uns durchzuſchlagen!“ Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 423 Das riefen die Cavallerie⸗Officiere halblaut durch einander, indem ſie Seefeld umringten und während ſich zu gleicher Zeit der Unterofficier Raffleur durch die Reihen der Infanteriſten bis zu dem Major durchdrängte:„Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, es laſſen ſich dicht am Hauſe Cavallerie⸗Patrouillen ſehen, welche beim Anblicke der Infanterie am Thore Reiter in vollem Ga⸗ lop rückwärts ſandten; ich glaube, wir haben hier keine Zeit zu verlieren!“ Dieſe Meldung geſchah auf Erichs Veranlaſſung, der mit Joſeph das Jagdſchlößchen rings umſpäht hatte, und die Hu⸗ ſaren und Dragoner entdeckte. „Gut dann, ich nehme Ihren Vorſchlag an, Herr Ritt⸗ meiſter, bitte aber, mir ſogleich zu folgen!“ „Sie werden mir doch wenigſtens geſtatten, mein Pferd zu beſteigen?“ „Es thut mir ſehr leid, Ihnen das abſchlagen zu müſſen! Droben wird der Herr General beſtimmen, wie es ſpäter da⸗ mit gehalten werden ſoll, zu welchem Zwecke ihre Pferde nach⸗ geführt werden ſollen— verſtehen Sie, Unterofficier Raffleur? Und das kann unter Aufſicht des Bombardiers von der reiten⸗ den Artillerie geſchehen, der uns ſo vortrefflich geführt hat!“ Bei Erwähnung des Bombardiers von der reitenden Ar⸗ tillerie verdüſterten ſich plötzlich die Blicke des Grafen Seefeld; er erbleichte furchtbar, preßte heftig die Lippen auf einander und rief alsdann mit rauher Stimme:„Gut, Herr Oberſt⸗ Wachtmeiſter, ich folge dem Zwange! Vorwärts alſo, wenn es Ihnen gefällig iſt!“ Er drückte die Kameraden, die ihn umringen wollten, leicht aus einander, indem er, ſich gewaltſam zu einem leichten Lächeln 12⁴4 Zweiundvierzigſtes Kapitel. zwingend, ſagte:„Man muß jedem ſein Vergnügen laſſen! Auf Wiederſehen morgen früh— und du, Baring, melde dem Ma⸗ jor, ich hätte mich an der Hand verletzt, deßhalb ſeien wir hier heraufgeritten auf neutralen Grund und Boden und von der feindlichen Infanterie überraſcht worden, welche indeſſen eben ſo wenig als wir die Demarcationslinie geachtet hätte!“— Dann mit einer ſehr kalten Begrüßung an dem Major vorübergehend, verließ Graf Seefeld ſcheinbar ruhig, aber innerlich kochend vor Wuth und Ingrimm, inmitten des Infanterie⸗Piquets das Haus und den Hof. Erich folgte mit dem Huſaren, welcher die Pferde des Grafen Seefeld führte. In der That hatten die zurückgekehrten Cavallerie⸗Patrouillen, durch die feindliche Infanterie im Hofe aufmerkſam gemacht, Reiter mit der Meldung davon ins Bivouac geſchickt, und kaum hatte Major Klemmer die Stelle erreicht, wo die geſchlagenen Baumſtämme den Waldweg verengten, als eine halbe Schwa⸗ dron Huſaren in den Hof des Jagdſchlößchens ſprengte, um die Officiere dort aufzunehmen und vielleicht auch dem Feinde ſeine Beute wieder abzujagen. Doch hatte der Bombardier der rei⸗ tenden Artillerie den Major Klemmer darauf aufmerkſam ge⸗ macht, wie mit einigen wenigen weiter herabgerollten Baum⸗ ſtämmen der Weg gänzlich zu verſperren ſei, worauf dieß ſo⸗ gleich geſchah und die Truppe alsdann ihren Weg ungehindert die Anhöhe hinauf fortſetzte, auch deßhalb, weil die Huſaren, durch die Barrière ſtutzig gemacht, die Verfolgung bei der finſteren Nacht aufgaben. Droben angekommen, erſtattete der Major dem General von Schwenkenberg Bericht über die Ex⸗ pedition und ließ dann ſeinen Gefangenen vortreten, der von Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 125 dem Commandirenden augenblicklich erkannt und mit einem lau⸗ ten Lachen bewillkommt wurde. „Ah, Major Klemmer,“ rief er alsdann,„Sie haben einen guten Fang gemacht, und wenn ſich der Graf Seefeld ranzio⸗ niren muß, ſo können Sie zufrieden ſein!“ Worauf der Ma⸗ jor mit ernſter Stimme entgegnete:„Herr General ich habe nur meine Schuldigkeit gethan und würde derſelben im wirk— lichen Kriegsfalle noch kräftiger und ausgiebiger nachgekommen ſein!“— Ihn hatte das Lachen des Generals verdroſſen, ſo wie auch der Händedruck, den Jener mit dem Gefangenen wechſelte, und indem er nach ſeinen Pferden ging, murmelte er zwiſchen den Zähnen:„Es iſt und bleibt ein wahres Sprüchwort: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus:— und zu einem tüchtigen Infanteriſten muß man geboren ſein, ſonſt bleibt man allerweg ein Stümper!“ „Uebrigens, Major Klemmer,“ rief der General von Schwenkenberg,„danke ich Ihnen ſehr für die umſichtige Füh⸗ rung dieſer Expedition und werde ſie betreffenden Ortes zu rühmen wiſſen! Wo iſt der Bombardier der reitenden Ar⸗ tillerie?“ Erich trat vor. „Auch mit Ihnen bin ich zufrieden, mein Lieber; von wel⸗ cher Batterie ſind Sie?“ „Von der vierten reitenden.“ „Ah, Capitän von Manderfeld! Melden Sie ihrem Bat⸗ terie⸗Chef, daß ich Sie belobt hätte,— und nun, mein lieber Graf Seefeld,“ wandte er ſich an dieſen,„ſteigen Sie zu Pferde und nehmen Sie bei mir eine Taſſe Kaffee, ehe Sie zu Ihrer Schwadron zurückkehren.“ 126 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Daß Erich nicht im entfernteſten daran dachte, ſpäter das ihm vom General geſpendete Lob ſeinem Batterie⸗Chef zu wie⸗ derholen, bedarf kaum der Erwähnung; doch erzählte er die ganze Geſchichte ſogleich dem Premier⸗Lieutenant Schaller, da⸗ bei meldend, daß der Waldweg, um den es ſich gehandelt, wie er auch ſchon früher geſagt, für Geſchütze und Fahrzeuge nicht zu paſſiren ſei. Der Tag der Schlacht brach an und unter dem Schleier der Dämmerung formirten ſich Compagnieen und Bataillone, Schwadronen und Batterieen; Adjutanten und Ordonanzen ſchoſſen wie die Schwalben hin und her. Der Commandirende befand ſich mit ſeiner Suite auf einem Hügel, von wo er die Hochebene überſehen konnte, umgeben von Officieren aller Waffen und Grade, von denen mancher, wenn auch nur pro korma, eine Landkarte vor ſich auf dem Sattelknopfe hatte. Wohlgenährte Stabsofficiere der Infanterie pätſchelten freund⸗ lich die Hälſe ihrer Pferde, um ſich deren Wohlwollen zu ver— ſichern, ſtrenge Hauptleute, den gezogenen Säbel in beiden Händen auf den Rücken haltend, ſchritten vor ihrer Compagnie auf und ab, wobei ſie vermittels einzelner Redebrocken den Eifer ihrer Untergebenen zu entflammen ſuchten, während dieſe Untergebenen heimlich an ihrem Morgenbrode kauten und ihre n Rührung mit dem letzten Schlucke Schnaps hinunter in den Magen ſpülten. Am Rande der Höhe ſah man, ungewiß durch den Schleier der Morgennebel, Artilleriemaſſen dahin ziehen und hier und da Poſition nehmen, wobei jede Batterie zuerſt einen unordentlichen Knäuel von Menſchen, Pferden und Fahrzeugen, dann acht einzelne, in gleichen Intervallen von einander ab⸗ Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 127 ſtehende Puncte bildete, welche nun beim Beginne des gro— ßen Schauſpiels vom rechten Flügel an zu blitzen fingen und ſich ſchon eine Secunde lang in dichten, weißen Rauch gehüllt hatten, ehe der Schall des krachenden Schuſſes die Tauſende von Männerherzen erſchütterte, die erwartungsvoll dem bevor⸗ ſtehenden Kampfe entgegen ſahen. Dieſer entſpann ſich nun und nahm ſeinen Fortgang nicht gerade nach dem Willen des Lenkers der Schlachten, ſondern wie es auf dem Papiere vorgezeichnet war, und die Batterieen, nachdem ſie eine gute Portion von dem Pulver Sr. Majeſtät verpufft hatten, protzten auf und gingen in gleichem Maße vorwärts, wie ſich die feindliche Artillerie zurückzog. Daß es dabei den einzelnen Batterie⸗Chefs, Zugscommandanten, ja, glücklichen Geſchützführern vergönnt war, durch eine vortreffliche Aufſtellung oder Deckung ihr Licht leuchten zu laſſen, verſteht ſich von ſelbſt, wobei es ſich ganz beſonders angenehm für den Premier⸗Lieutenant Schaller traf, daß Se. Excellenz der Ge⸗ neral⸗Inſpecteur der Artillerie, welcher mehrmals ſämmtliche Artilleriepoſitionen abritt, dazu kam, wie ſich der Haubitzenzug des eben genannten Officiers, wobei ſich auch Erich befand, neben dem Jagdſchlößchen ſo prachvoll aufgeſtellt hatte, daß ihre Granaten, die ſeitwärts zum Angriffe vorgehenden feind⸗ lichen Huſarenſchwadronen mit Stumpf und Stiel vom Erd⸗ boden vertilgt hätten, wenn es Ernſt geweſen wäre, was den Betreffenden eine wohlwollende und ſehr gnädige Bemerkung eintrug. Dicht oberhalb der Stadt nahm die Artillerie eine dritte und letzte Poſition, um unter ihrem Schutze die Infanterie und Cavallerie vorgehen zu laſſen und die Feinde über einen 128 Zweiundvierzigſtes Kapitel. kleinen Fluß zurück und in die Vorſtädte hinein zu werfen, womit das Manöver beendigt war und worauf die Truppen, welche von auswärts gekommen waren, in ihre Cantonnirungen, die Garniſon der Reſidenz aber in ihre Caſernen zurückkehrte. Unter der letzteren befand ſich auch die vierte reitende Batterie, die ſich auf einem vorher beſtimmten Platze geſammelt hatte und nun unter Führung des Hauptmanns von Manderfeld ſelbſt heimwärts zog, und während alle Leute, im Bewußtſein, einen ſchweren Tag glücklich hinter ſich zu haben, luſtig und guter Dinge waren, ritt der Batterie⸗Chef mit einem ſehr fin⸗ ſteren Geſichte an der Spitze. Es war ihm nämlich gelungen, ſeine ſechs Kanonen gleich zu Anfang der Schlacht in ein ſumpfiges Terrain zu führen, und das leider unter den Augen des General⸗Inſpecteurs, welcher denn auch nicht ermangelte, ihm durch einen ſeiner Adjutanten etwas wenig Schmeichel⸗ haftes ſagen zu laſſen. So gelangte man in den Caſernenhof. Die Batterie fuhr auf, und der Hauptmann ſchien gute Luſt zu haben, noch eine kleine Parade abzuhalten, um nachträglich vielleicht noch etwas zu finden, wo eine Strafe zu verhängen ſei; doch kam ihm ein anderer Gedanke und er fragte den Premier-Lieutenant mit ſehr lauter Stimme, wer denn eigentlich der Bombardier ge⸗ weſen ſei, der es heute Nacht gewagt, ſein Geſchütz zu ver— laſſen, um in der Welt herum zu fahren. „Man hat mir das berichtet,“ ſetzte er hinzu—„und wenn das den Herren von der Infanterie auch als ein höchſt gelungenes Stücklein erſcheint, ſo denke ich doch anders und will einmal ſehen, ob man ſo mir nichts dir nichts ein Recht hat, ſein Geſchütz zu verlaſſen! Wer war es?“ Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 129 Daß er das ganz genau wußte, ſah man deutlich an dem finſteren Blicke, den er aus den zuſammengekniffenen Augen gegen Erich ſandte; auch lächelte er vergnüglich, als dieſer nun aus der Linie heraus ritt und ſich meldete. Doch ſprengte zu gleicher Zeit von der anderen Seite der Premier⸗Lieutenant herbei, legte die Hand an den Helm und ſagte:„Das geſchah alles auf meinen Befehl, Herr Haupt⸗ mann.“ „Alles— auf Ihren Befehl, Herr Premier⸗Lieutenant? Und wie lautete Ihr Befehl?“ „Nachzuforſchen, ob ein Waldweg, der ins Thal hinab führte, paſſirbar ſei oder mit Holzſtämmen verbarricadirt, wie man mir gemeldet.“ „Schön, aber Sie gaben doch wohl dieſem jungen Men⸗ ſchen keinen Befehl, bis beinahe in das feindliche Bivouac zu laufen, unterwegs in ein Haus einzufallen und ruhige Be⸗ wohner— Bewohnerinnen ſollte ich eigentlich ſagen— im Schlafe zu ſtören?“ „Ob das geſchehen iſt, weiß ich nicht, wenn aber, ſo ge⸗ ſchah es vielleicht im Drange der Nothwendigkeit, um zu er⸗ fahren, ob ſich feindliche Cavallerie in jenem Hauſe feſtgeſetzt habe, und auch dazu habe ich dem Bombardier Freiberg ſpe⸗ ciellen Befehl gegeben.“— Dies ſagte der Premier-Lieutenant in einem etwas barſchen Tone, während ihm die Röthe des Zornes ins Geſicht ſtieg, und ſetzte hinzu:„Sollte alſo Je⸗ mand zu tadeln ſein, ſo wäre ich es, Herr Hauptmann, und nicht der Bombardier!“ „Geſtatten Sie mir, Herr Premier⸗Lieutenant, darüber anderer Anſicht zu ſein, und wenn ich auch in Anbetracht Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 9 130 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Ihres vielleicht nicht ganz beſtimmt ausgeſprochenen Befehles mildernde Umſtände annehmen will, ſo werden Sie mir doch erlauben, dieſem Manne— den ich genügend zu kennen die Ehre habe— meine Unzufriedenheit dadurch zu erkennen zu geben, daß ich ihn bis morgen Abend auf die Strafwache ſchicke.“ Ein Donnerſchlag für den armen Erich; denn eine Straf⸗ wache während der bevorſtehenden Nacht war ihm eben ſo gleich⸗ bedeutend, wie vierzehn Tage Arreſt zu jeder anderen Zeit. Er ſchaute mit einem flehenden Blicke auf den Premier⸗Lieu⸗ tenant, der ſein Pferd raſch herum warf, dem davon reitenden Batterie⸗Chef folgte und, allerdings zu entfernt von der Mann⸗ ſchaft, um dieſe ein Wort verſtehen zu laſſen, eine kurze, aber heftige Unterredung mit dem Hauptmann von Manderfeld hielt, worauf dieſer achſelzuckend den Kaſernenhof verließ, der Pre⸗ mier⸗Lieutenant aber mit ſehr bleichen Geſichtszügen zur Batterie zurückkehrte, die Mannſchaft abſitzen und aus einander treten ließ, worauf er den Bombardier Freiberg zu ſich rief und ihm in bedauerndem Tone ſagte: „Die Strafwache kann ich Ihnen leider nicht abnehmen — doch das Uebrige wird ſich finden!“ Erich mußte ſich Gewalt anthun, um in ſeinem tiefen Schmerze nicht kindiſch vor dem wohlwollenden Officier zu er⸗ ſcheinen; ihn nochmals um Erlaſſung der Strafe zu erſuchen, wäre fruchtlos geweſen. Auch entfernte ſich der Premier⸗Lieu⸗ tenant raſch, nachdem er Erich nochmals freundlich mit der Hand gewinkt, weßhalb dieſer, außer ſich vor Schmerz und Zorn, nach dem Stalle eilte, ſein Pferd, im Ständer anhing, und dann ſo that, als beaufſichtige er das Abſatteln der Be⸗ Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 131 dienungsmannſchaft der Haubitze. In Wirklichkeit aber dachte er ganz was Anderes, als er in der Stallgaſſe auf und ab ſchritt, und die heftigen Zornesworte, welche er hie und da murmelnd von ſich ſtieß, galten gewiß keinem ungeſchickten oder nachläſſigen Kanonier. „Das Unangenehmſte bei allem dem iſt noch,“ ſagte Bom⸗ bardier Schwarz, als er auf ihn zutrat,„daß du den langen Wibert ablöſen mußt! Dieſer faule Schlingel hat ſich unter dem Vorgeben eines böſen Fußes vom Bivouac und vom Ma⸗ növer gedrückt und ſoll nun auch durch dich noch obendrein von der Stallwache erlöſt werden.“ „Hol' ihn der Teufel und die ganze Wirthſchaft mit einander!“ rief Erich die Zähne zuſammenbeißend und indem er ſich die größte Gewalt anthat, den Kameraden keinen unmänn⸗ lichen Ausdruck des Schmerzes ſehen zu laſſen. Doch hätte er viel darum gegeben, wenn er ganz, ganz allein geweſen wäre und wenn er hätte wüthen und toben, ja, heimlich ein paar Thränen vergießen dürfen, die er kaum zurückdrängen konnte, deren Laſt ihm aber förmlich die Kehle zuſchnürte, ſo daß er ein leichtes Schluchzen unmöglich unterdrücken konnte. —„Du weißt, ich mache mir aus einem Arreſte oder einer Strafwache für gewöhnlich nicht ſo viel, aber heute bringt es mich zur Verzweiflung, und wenn ich wirklich da bleiben muß, ſo ſtehe ich nicht dafür ein, ob ich nicht mit dem Kopfe gegen die Wand renne!“ „Ein herrliches Mittel— und was haſt du denn eigent— lich vor?“ „Ich kann es dir nicht ſagen, aber wenn ich auf der —-——-—— A — 132 Zweiundvierzigſtes Kapitel. —— Wache bleiben muß, ſo bin ich der unglückſeligſte Menſch von der Welt!“ „Nun, wenn das iſt,“ ſagte der gutmüthige Schwarz,„ſo will ich nach eingebrochener Dunkelheit kommen und dich ab⸗ löſen; früher fangen deine wichtigen Geſchäfte doch wohl nicht an. Sei aber jetzt ſo gut und ſchneide ein anderes Geſicht; der lange Wibert lauert wie ein Fuchs herüber, und ich möchte ihm nicht das Vergnügen machen, ihm zu zeigen, daß dir die Strafwache ſo unangenehm ſei!“ „Darin haſt du Recht, und deinen Freundſchaftsdienſt will ich dir wahrhaftig nicht vergeſſen!“ „Nun, was iſt weiter dabei, eine Nacht auf Stroh ſchlafen — und vor Entdeckung ſind wir ziemlich ſicher; der Haupt⸗ mann kommt Vormittags nie in den Stall, oder wenn ihn doch der Teufel dahin führte, ſo müßte man ihm melden, du ſeiſt an einer heftigen Kolik erkrankt und ich hätte dich abgelöſt. Jetzt geh' und mache deine Wachtoilette und löſe mir alsdann den Wibert mit einem freundlichen Geſichte ab!“ Erich ging auf ſein Zimmer, wo er ſogar von dem Unter⸗ officier Wenkheim mit einigen bedauernden Worten em pfangen wurde, jetzt aber ſo that, als mache er ſich durchaus nichts aus der Strafſtallwache, ja, um derſelben alle Ehre an— zuthun, wie er ſcherzend ſagte, zog er nicht ſeinen alten Exer⸗ cieranzug, ſondern ſeine eigene Uniform an, ſteckte alsdann alles Geld, welches er beſaß, ſo wie ungeſehen von den Anderen ein kleines, doppelläufiges Terzerol zu ſich, welches eigentlich Schmoller gehörte und das der faule Schreiber ſeinem Freunde mit der Bitte gegeben hatte, den einen ausgeſchoſſenen Lauf reinigen zu laſſen und dann wieder zu laden. Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 133 Der Bombardier Schwarz, welcher vorausgelaufen war, hatte für einen ſoliden Kaffee mit Butter und Brod geſorgt und auch für Erich Schreibmaterialien hergerichtet, um die er gebeten hatte. Mußte Erich doch einen ſehr wichtigen Brief an Doctor Burbus verfaſſen, worin er ihn in möglichſter Kürze und doch wieder ſo dringlich als möglich von den Schickſalen Blanda's in Kenntniß ſetzte und ihn bat, ſich des armen, ver⸗ laſſenen Mädchens anzunehmen. Kluger Weiſe hatte der Bom— bardier heute Morgen während des Manövers und beſonders beim Heimreiten ſorgfältig dieſen Brief im Kopfe concipirt und brauchte ihn nur niederzuſchreiben, ſah ſich aber doch während deſſen noch zu bedeutenden Aenderungen veranlaßt, da Worte und Redewendungen über Blanda, welche ihm heute Morgen ganz unverfänglich erſchienen, ſich auf dem Papiere ganz an⸗ ders ausnahmen und gegenüber einem ſo klugen alten Herrn wie der Doctor war, unmöglich gebraucht werden konnten, ohne den Briefſchreiber und ſein brüderliches Intereſſe an dem jungen, ſchönen Mädchen arg zu compromittiren— ja, Erich ſah den alten Herrn mit dem forſchenden Blicke in den hellen, klaren Augen deutlich vor ſich und hörte ihn ſagen:„Die Schale, ſo appetitlich und reinlich ſie auch ausſieht, wollen wir doch vorſichtig anfaſſen, ehe wir wiſſen, wie der Kern beſchaffen iſt!“ Und wer konnte wiſſen, ob der Doctor durch die Gräfin Seefeld nicht gegen Blanda eingenommen war. Aber gleich⸗ viel, das mußte gewagt werden, und Erich wußte wohl, daß der Doctor ſelbſt dann noch vorurtheilsfrei prüfen und mit ſeinem klaren und geſunden Verſtande das Richtige treffen würde. Deßhalb beendigte Erich getroſt ſeinen Brief, und ſagte am Schluſſe noch, er ſei ſehr glücklich gewelen, durch * 134 Zweiundvierzigſtes Kapitel. ſeinen ihm wohlwollenden Vorgeſetzten, den Premier⸗Lieutenant Schaller, zu erfahren, daß der Herr Doctor Burbus ihm bis jetzt ein freundliches Andenken erhalten, und daß er hoffe, des⸗ ſelben auch für die Zukunft würdig zu bleiben. Dieſer Brief wurde geſiegelt, überſchrieben und dann dem jungen Schwarz anvertraut, der damit augenblicklich zur Poſt flog. Als Erich hierauf den langen Wibert im Stalle ablöste, konnte dieſer in jenes Mienen auch nicht die Spur von Miß⸗ muth entdecken, ja, der letztere warf leicht hin, die Ruhe im Stalle werde ihm wohl thun nach dem aufregenden Leben des letzten Tages, und ſetzte dann boshaft hinzu:„Wogegen Sie, Herr Bombardier Wibert, die Bivouac⸗ und Manöverſcenen recht bald aus den Erzählungen der Anderen kennen lernen 17 können!“ Dann übernahm er die Wachmannſchaft, geſunde und kranke Pferde, und hätte ſich gern für ein paar Stunden auf die Pritſche geworfen, wenn er nicht gefühlt hätte, daß die Aufregung, in der er ſich befand, ihn doch nicht zum Schlafe werden kommen laſſen— und wie langſam ſchlich die Zeit vorüber! Er hatte ein Buch mitgebracht und verſuchte zu leſen. Umſonſt— zwiſchen jeder Zeile erſchien ihm Blanda's Name, oder die Worte geſtalteten ſich unwillkürlich zu Sätzen, welche von dem Zuſammentreffen heute Abend handelten. Er ſchritt in der Stallgaſſe auf und ab und gab ſich Mühe, etwas An⸗ deres zu denken. Alles vergeblich— jeder ſeiner Gedanken, mochte er auch noch ſo fern von ihr zu liegen ſcheinen, kam alsbald, wenn auch auf dem größten Umwege, in Zuſammen⸗ hang mit ihr, und Erich that dadurch mit ängſtlicher Scheu nach einem tiefen Athemzuge einen Blick in ſein Inneres, vor dem er anfänglich zurückbebte. Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 135 Wie war das ſo raſch gekommen! Wie hatte er ſich in ſeinen Geſinnungen ſeit geſtern Nacht ſo gänzlich gegen Blanda verändert! Wie war es möglich, daß er das junge Mädchen, das er bisher mit den Gefühlen einer herzlich lieben Schweſter oder Freundin betrachtet, jetzt mit Einem Male ſo unſäglich, ſo leidenſchaftlich liebte? Waren die Worte des Anderen zün⸗ dend in ſein empfängliches Herz gefallen, oder hatte ihr Puls⸗ ſchlag, als Blanda an ſeiner Bruſt ruhte, ſeinem heiß entge— gen klopfenden Herzen allerlei wilde und gefährliche Mitthei⸗ lungen gemacht? Etwas der Art mußte geſchehen ſein, denn er kannte ſich in ſeinen Träumereien, in ſeinem Verlangen nicht wieder. Er hätte ſein Leben darum gegeben, wenn er das ge⸗ liebte Mädchen jetzt— noch einmal— ſogleich wieder an ſein Herz hätte drücken können. Er warf, da er ſich in dem halb dunkeln Raume ungeſehen wußte, ſeine Arme in die Höhe und rief unzählige Male ihren Namen. Dann trieb er ein anderes Spiel; es überfiel ihn eine unbeſchreibliche Furcht, daß irgend etwas ihn verhindern könne, mit Blanda zuſammen zu treffen und um ſich einiger Maßen zu beruhigen, befragte er auf ſeine Art das Schickſal, ob er Blanda heute Abend ſehen werde oder nicht; er zählte die Knöpfe ſeiner Uniform, mit Ja anfangend, und der letzte Knopf ſagte ebenfalls Ja. Er machte es eben ſo mit den Pferden im Stalle, mit den Fenſtern deſſelben, mit den Gliedern an einer der Auf⸗ haltsketten, Alles ſagte Ja, und ſo lächerlich das auch war, ſo beruhigte es ihn doch. Endlich kam der Abend, und dann dauerte es auch nicht mehr gar zu lange, bis man den Zapfenſtreich auf verſchiedenen Seiten trommeln und blaſen hörte. Das Abendfutter war den ——— 136 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Pferden längſt gereicht worden, und hatte Erich ganz beſonders dafür geſorgt, daß die Nachtſtreu ſo reichlich herbei geholt und ſo hoch aufgelockert wurde, daß die Pferde bis an den Bauch in weichem, reinlichem Stroh ſtanden und der Stall auf dieſe ⸗Art ſo wie auch mit ſeiner behaglichen Wärme und dem ge⸗ dämpften Scheine der Laterne ein gar angenehmes Bild der Ruhe bot. Das meinte auch der Bombardier Schwarz, der jetzt lang⸗ ſam herein ſchlich, um Erich abzulöſen, und welcher ihm ſagte: „O, famos, wenn du nicht einem ganz bequemen Vergnügen entgegen gehſt, ſo beneide ich dich gar nicht! Es weht draußen ein verdächtiger Wind, und ich glaube nicht, daß das Wetter ſich günſtig anläßt zu einer Stehparthie an einem Eckſteine oder unter irgend einem Fenſter. Wann gedenkſt du zurück zu kommen?“ „Ich kann das leider nicht ſo genau ſagen.“ „Brauchſt dich auch gar nicht zu geniren, wenn du nur morgen vor der Ablöſung, alſo gegen eilf Uhr da biſt.“ „Das hoffe ich ſehr und ſage dir nochmals meinen herz⸗ lichſten Dank, lieber Schwarz!“ Damit händigte Erich dem Kameraden ſeinen Säbel ein, verließ den Stall und ſchlich um die Gebäude deſſelben ſo wie um den Geſchützſchuppen, ſo ungeſehen das Kaſernenhofthor er⸗ reichend. Einmal draußen und in der Stadt, war er vor⸗ läufig vor Entdeckung ziemlich ſicher, vermied aber dennoch die breiten, belebten Straßen und eilte durch lauter kleine Gäßchen, die Stadt hinter ſich zu bekommen, was ihm auch in kurzer Zeit gelang. Dort rechts ſah er ſchon das Fort Maximilian über ſich, in der Tiefe die Penſion, wo Blanda gewohnt, und Abſchluß des Gelages. Erichs dümmſter Streich. 12 — ging nun mit raſchen Schritten die Landſtraße aufwärts. Was er hier allein hätte fürchten können, wäre ein wißbegieriger Gendarme geweſen, der Luſt gehabt, ſich nach dem Zwecke ſeiner nächtlichen Expedition oder nach einem Legitimationspapier, ſeinem Vorzeiger dieſes' zu erkundigen; doch erſchien vor der Hand nichts dergleichen, und Erich konnte mit freierem Geiſte ſeinen Träumereien nachhangen, wobei Blanda augenblicklich etwas in den Hintergrund trat, indem er ſich genau die Wege nach dem kleinen Dörfchen Nordheim ins Gedächtniß zurück⸗ rief, wie er ſie heute Morgen auf der Specialkarte des Pre⸗ mier⸗Lieutenants Schaller genau ſtudirt und wie ihm Unter⸗ officier Wenkheim, der als heimiſch hier der Gegend vollkom⸗ men kundig war, auf ſeine Frage erklärt hatte. Nordheim war vermittels Wald⸗ und Feldwegen vom Jagdſchlößchen droben in ungefähr drei Stunden zu ereichen und dort kam um fünf Uhr in der Frühe der Eilwagen vorbei, den Blanda benutzen ſollte, um nach einer allerdings recht langen Fahrt in dem kleinen Städtchen Königsbronn einzutreffen, welches in der Nähe von Zwingenberg lag und das auch nicht ſehr entfernt von der Waldburg war. Dort angekommen, konnte Blanda ſo lange bleiben, bis der Doctor Burbus, der alsdann Erichs Brief. ebenfalls erhalten hatte, gewiß das that, was für das arme Mädchen das Beſte und Klügſte war. Zwiſchen dieſen Gedanken ſchaute der Bombardier zu⸗ weilen beſorgt zu dem tiefdunkeln Nachthimmel empor, an welchem ſchwere Wolken, von ſ charfen Windſtößen gejagt, da⸗ hinzogen. Hier und da war es ihm auch, als flögen einzelne Regentropfen gegen ſein Geſicht, und dieſe Ungunſt der Wit⸗ terung, an die er früher nicht gedacht, erregte in ihm jetzt ein — —— 138 Zweiundvierzigſtes Kapitel. recht peinliches Gefühl. Wie konnte er die arme Blanda vor durchnäſſenden Regengüſſen bewahren und wie konnte er ſie vor allzu großer Ermüdung ſchützen, wenn er ſie auch noch ſo ſorgfältig führte auf den ſchlüpfrigen und gewiß oft recht ſteilen Waldwegen, denn ſie hatten tüchtige Berge zu über⸗ ſchreiten! Dazu kam noch die finſtere Nacht und ſeine Beſorg⸗ niß über die Richtigkeit der Karte ſo wie der eingeholten Er⸗ kundigungen. Zum Glück war's nicht kalt, vielmehr umgab ihn eine dunſtig ſchwere Luft, wie ſie einem Gewitter voraus⸗ zugehen pflegt. Der Himmel wird uns gnädig ſein, dachte Erich, als er nun von der Landſtraße abbog und geräuſchlos den ſteilen Waldweg zum Jagdſchlößchen hinaufſchritt. Wie ruhig war es hier oben im Vergleich mit geſtern! Alles ſchien in tiefem Schlafe begraben, und ſelbſt der Hund im Hofe ſchlug nur leicht und träumeriſch an, als Erich, das Thor ziemlich weit zur Rechten laſſend, längs der Umfaſſungsmauer dahin ſchlich, um den hinteren Theil des Gartens und dann den Waldweg zu gewinnen, welcher zu der Stelle führte, wo er ſie erwarten wollte. Das Fenſter von Blanda's Zimmer war völlig dunkel, und ſein Herz ſchlug heftiger bei dem Gedanken, ob es ihr auch wohl gelingen werde, das Haus ungeſehen zu verlaſſen. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Erinnerungen und Erklärungen bei Sturm und Regen, und obgleich Blanda todtmüde iſt, begeht Erich ein Verbrechen, weil ihr ein be— quemer Wagen angeboten wird. Da hatte Erich die Stelle erreicht. Aus dem Dunkel, welches ringsum herrſchte, ſchimmerte ihm das helle Holz der beſchlagenen Bäume entgegen, und jetzt, wo er horchend ſtehen blieb, hörte er auch zu ſeinem großen Entzücken leiſe ſeinen Namen nennen. Es war Blanda, die nun an ſeine Seite trat und ihm freundlich die Hand bot. „Du haſt mich erwartet, und ich hatte mich ſo darauf gefreut, vor dir da zu ſein!“ „Du hatteſt den weiteren Weg, lieber Erich, und ich mußte den günſtigſten Augenblick abpaſſen.“ „Gott ſei Dank, daß du da biſt! Du hatteſt keine Schwie⸗ rigkeiten?“ „Nicht die geringſten; Alles glaubte mich auf meinem Zimmer, während ich, im Garten verſteckt, hörte, wie der För⸗ ſter die kleine Thür an der Wendeltreppe verſchloß und ver⸗ riegelte. Joſeph allein erregte mir einige Beſorgniß, denn als 140 Dreiundvierzigſtes Kapitel. ich aus dem Garten in den Wald ſchlich, meinte ich, ſeine Schritte noch in den Gartenwegen vernommen zu haben; doch iſt das nicht auffallend, da er ſich dort häufig bis tief in die Nacht aufhält.“ „Wenn es dir recht jetzt iſt, Blanda, ſo treten wir unſeren Weg an; es iſt eine ziemlich weite Tour, die wir vor uns haben, und ich fürchte, du wirſt müde werden. Gib mir dein Päckchen, und glaube mir, es wird mir das größte Vergnügen machen, wenn du dich jetzt ſchon auf meinen Arm ſtützen willſt.“ „Wo denkſt du hin, Erich,“ entgegnete das junge Mäd⸗ chen heiter—„ich freue mich ſo ſehr darauf, wieder einmal einen weiten Weg machen zu können, und ſollte mich führen laſſen? Später vielleicht; aber ſage mir, hat es dir Mühe ge⸗ macht, drunten loszukommen, und brauchſt du nicht zu fürch⸗ ten, wenn man deine Abweſenheit erfährt?“ „Pah, wer wird ſich überhaupt fürchten, beſonders ein Soldat! Und was die Bewilligung meiner Vorgeſetzten anbe⸗ langt, ſo habe ich allerdings keine; aber es gilt auch bei uns noch in manchen Dingen die alte Regel:„Was nicht verboten iſt, iſt erlaubt! Gehen wir nicht zu raſch für dich, Blanda?“ „O nein, o nein, es drängt mich, aus dem Walde auf auf die Höhe zu kommen! Dort, auf der Hochebene, haben wir am wenigſten zu befürchten, einem von den Jägern zu be⸗ gegnen.“ „Sind welche unterwegs?“ „O, beinahe jede Nacht, der Wild- und Holzdiebe wegen.“ „So wollen wir nicht mehr reden, Blanda, bis wir dro⸗ ben ſind; es iſt beſſer!“. Damit ſtiegen ſie rüſtig aufwärts und hatten in Kurzem Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 141 die Stelle erreicht, wo Erich geſtern Abend hinabgeſtiegen war. Er zeigte ihr die Stelle, auch wo ſeine Haubitzen geſtanden, und knüpfte daran die Erzählung, wie man den Grafen Dago⸗ bert Seefeld gefangen genommen und hieher ins feindliche Lager geführt. Das aber wußte Blanda ſchon von Joſeph, der ihr dar⸗ über berichtet, wobei er ſeine mühſame Art, zu ſprechen, durch Pantomimen unterſtützte, wie er häufig zu thun pflegte. „Dabei fiel es mir auf,“ ſagte das junge Mädchen,„daß er mit einem böſen, wilden Geſichtsausdrucke oft ſo that, als ziele er mit einem Gewehr, und er ſchien mir darüber etwas ſagen zu wollen, als die Stöckel herbeikam und ihn wegſchickte.“ „Haſt du ihr von dem Grafen Seefeld geſprochen?“ fragte Erich. „Nein— wozu auch?“ antwortete Blanda kurz.„Hatte ich ihr doch früher ſchon häufig von ſeinen Zudringlichkeiten und ſeltſamen Reden erzählt, was ſie mit Achſelzucken ange⸗ hört und keinen großen Werth darauf zu legen ſchien. Doch das liegt jetzt glücklicher Weiſe alles hinter mir, und ich habe mir Gewalt angethan, um von der Stöckel mit einer guten Meinung zu ſcheiden— ſie hatte mich früher ſo lieb!“ ſetzte das junge Mädchen mit einem tiefen Athemzuge hinzu und ſagte dann lebhaft:„Laſſen wir die Vergangenheit ünd denken an die Zukunft, wozu vor allen Dingen gehört, daß du mich genau unterrichteſt über den Weg, den ich ſpäter einzuſchlagen habe.“ „O, könnte ich mit dir gehen, Blanda, bis dorthin, wo du in völliger Sicherheit biſt; leider aber iſt das unmöglich, weniger wegen meiner, als wegen deiner! Es wäre nicht gut, 142 Dreiundvierzigſtes Kapitel. wenn ich dort mit dir geſehen würde— doch kannſt du auch ſo deine Reiſe mit Sicherheit fortſetzen. Ich führe dich nach Nordheim; das iſt ein kleines Dorf, allerdings noch zwei Stun den von hier, wo wir den Eilwagen finden, der dich glücklich ans Ziel bringen wird. Dort, in dem kleinen Städtchen, nicht weit von der Waldburg, läßt du dir ein Zimmer auf der Poſt geben und warteſt, bis der Freund, von dem ich dir neulich ſchon ſagte, zu dir kommt, was gewiß alsbald geſchehen wird, und dir räth, was du weiter thun ſollſt. Vertraue ihm vollkommen, ja ge rade ſo, wie du deinem Vater vertrauen würdeſt.“ Dann gingen ſie eine Zeit lang ſchweigend über die Hoch ebene dahin, dem Dörfchen zu, welches Erich geſtern Abend auf der Höhe hatte liegen ſehen und längs welchem hinab ihr Weg führte. Warum ſie plötzlich ſchwiegen, das hatte eine ganz eigenthümliche Urſache. Als ſie ſo dicht neben einander gingen, berührten ſich ein paar Mal leicht ihre Hände, und dann wagte es Erich ſchüchtern, ihre kleinen Finger feſtzuhalten, was ſie nicht nur geſchehen ließ, ſondern voll ihre Hand in die ſei nige legte. Noch glücklicher wären ſie dabei geweſen, wenn der Him mel nicht gar ſo drohend und finſter auf ſie herabgeblickt hätte aber kein einziger Stern ließ ſich ſehen. Der ſcharfe Wind ſchien die Wolken immer dichter zuſammen zu wehen, und als Erich beſorgt zur Seite blickte, ſah er, allerdings noch fern am Horizonte, Wetterleuchten, ja, ein paar Mal kam es ihm vor, als hörte er ſchon leiſe grollenden Donner. Bald hatten ſie das Dorf hinter ſich gelaſſen, deſſen Thurmuhr in langſamen Schlägen die Mitternachtsſtunde an zeigte, und nachdem ſich Erich auf einem Kreuzwege orientirt, Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 143 3 ſchritten ſie wieder abwärts gegen das Thal durch eine Schlucht, in welcher tief unter ihnen ein Wildwaſſer brauste. „Wenn das da auch recht unheimlich klingt,“ ſagte Erich zu dem jungen Mädchen, das ſich jetzt dichter an ihn ſchmiegte, „ſo hat es doch für uns das Gute, daß ich weiß, wir ſind auf dem rechten Wege. Dem Waſſer folgend, erreichen wir endlich Fruchtfelder und Wieſengründe, folgen dann dem Fuß⸗ wege durch ein langgeſtrecktes Thal bis zu einer zweiten, dieſer ähnlichen Schlucht und treten hierauf bei einer Mühle auf die große Landſtraße, vermittels welcher wir dann in kur— zer Zeit Nordheim erreichen. Biſt du recht müde, Blanda?“ „O nein, obgleich ich wohl fühle, daß ich des Wanderns beſonders in dunkler Nacht, nicht mehr ſo gewohnt bin, wie früher.“ „Willſt du einen Augenblick ausruhen? Hier unter dem überhangenden Felſen bemerke ich einen Baumſtamm zu einer allerdings ſehr kunſtloſen Bank hergerichtet.“ „Wenn es dir recht iſt und die Zeit nicht drängt, möchte ich wohl eine Viertelſtunde ſitzen.“ „O, Zeit haben wir genug, wir werden noch lange in Nordheim warten müſſen!“ Er legte Blanda's Plaid, den er auf der Schulter trug, für ſie auf dem Baumſtamme zuſammen; dann ſetzte ſich Blanda und legte ihren Kopf an ſeine Schulter, worauf er ſie mit ſeinem Arme umſchlang und ſanft an ſich drückte.—„Du frierſt doch nicht, Blanda?“ „O nein, aber das Ausruhen erregt mir ein ſo behagliches Gefühl, daß es mich leicht durchſchauert!“ So ſaßen ſie ſtill nebeneinander, ohne zuſammen zu ſprechen, 14⁴4 Oreiundvierzigſtes Kapitel wie ein paar harmloſe Kinder, und fühlten ſich ſo glücklich, wie ſie in ihrem Leben nicht geweſen waren. Zu ihren Füßen rauſchte und toste das Wildwaſſer, vor ihnen fegte der Wind die Schlucht hinab, nicht nur dünne Buchen und Birken beu⸗ 1 gend, ſondern ſelbſt hohe, ſchlanke Tannen bewegend, und ſchien recht zornig zu ſein, daß er den Beiden nichts anhaben konnte, welche, von der muldenförmigen, ausgehöhlten Steinwand ge⸗ ſchützt, wie in einem kleinen Häuschen ſaßen. Hoch oben zogen die Wolken und wurden jetzt durch die ſtark leuchtenden Blitze in ihren einzelnen Schichten ſichtbar; dazu rollte der Donner üͤber ihren Häuptern und klang um ſo majeſtätiſcher, da ihn 4 ein vielfaches Echo aus den Felswänden nachbrüllte und wier 4 derholte. „Dabei fällt mir meine Jugendzeit ein,“ ſagte der glück liche Erich, wenn ich mir in der Nähe unſeres Dorfes mitten im Walde ein kleines Hüttchen gebaut hatte von Baumſtämmen, Zweigen und Moos und darin ſaß, wenn, wie jetzt, ein ſchwe res Gewitter über den Wald zog; aber ſo glücklich, wie heute, war ich doch nie nie!“ „Meine arme Mutter fürchtete ſich ſo ſehr vor dem Don ner und Blitze, und auch die Zigeuner, ſelbſt der kühne Mare chal und der wilde Zaregg; auch Kolma konnte nicht begreifen, wie ich ſo aufmerkſam und furchtlos zuſchauen mochte, wenn die ganze Welt in Feuer gehüllt erſchien. O, ich fürchtete mich damals nicht, und heute, da ich bei dir bin, noch weniger!“ „Bei mir, bei mir, du bei mir und ich bei dir! Wie das ſo ſelig klingt, Blanda! Ach, wenn mir nur nicht ſo oft der traurige Gedanke käme, daß ich dich vielleicht niemals wider ſehen werde!“ — Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 145 Den Gedanken habe ich nicht, Erich; o, ich weiß ganz genau, daß wir uns wiederſehen werden und uns dann oft, ſehr oft ſehen!“ „Glaubſt du das wirklich, Blanda? O, wenn wir uns wiederſehen, wollen wir an die heutige Nacht denken, wenn dich alsdann das Wiederſehen eben ſo glücklich und ſelig macht, wie mich!“ „Das wird es, Erich, denn ich habe dich lieb, das weißt du eben ſo genau, als ich dasſelbe von dir weiß und wenn es dir recht iſt, ſo will ich dir hier betheuern, ja, ich will dir feierlich ſchwören, daß ich niemals von dir laſſen werde, nie, nie— und dasſelbe wirſt auch du mir ſagen!“ „O, meine Blanda, womit kann ich es dir begreiflich machen, wie ſelig ich mich jetzt fühle! Auch ohne daß du es mir verſprochen, hätte ich dich doch niemals vergeſſen können, hätte dich wieder aufgeſucht, und wenn es mir je gelungen wäre, etwas in der Welt zu erſtreben, ſo würde mir das nur mit dem Gedanken an dich gelungen ſein!“ Dazu ſtürmte und ſauste der Wind immer heftiger, das Wildwaſſer brauste toller als je, und das ſchwere Gewitter ſchien ſich mit ganzer Wucht in die Schlucht hinein zu drücken, als wolle es den Verſuch machen, die Felswände aus einander zu ſprengen; auch miſchte ſich der Regen in den Aufruhr der Elemente und jagte ſeine ſchweren Tropfen mit ſolcher Gewalt durch die Schlucht hinab, daß ſie praſſelnd über die zitternden Baumblätter herfielen— aber den Beiden hinter ihrem Fels vorſprunge eben ſo wenig etwas anhaben konnten, als der grimmige Wind. Sie rückten näher zuſammen, ſelig in dem Bewußtſein Hackländer, Der letzte Bombardler. IV, 10 146 Dreiundvierzigſtes Kapitel. des Geſtändniſſes ihrer reinen, unſchuldsvollen Liebe, Hand in Hand geſchlungen feſt an einander geſchmiegt, und als Blanda jetzt ihr Haupt erhob, ihn mit einem glücklichen Blicke anſchauend, da lächelte ſie mild und freundlich, als er Miene machte, ſeinen Mund auf ihre leicht geöfſneten Lippen zu drücken, und litt es gern und willig, daß er ſie küßte. „Viſt du doch mein und ich dein,“ ſagte ſie dann, ſich aufrichtend—„und der Himmel hat es gehört und zürnt uns nicht, denn der Donner rollt nur noch ſchwach dahin und der Wind iſt kaum mehr im Stande, mein Haar zu bewegen— ſieh’!“— Blanda war aufgeſtanden und vor ihn hingetreten. —„Deßhalb komm', Erich, und laß uns weiter gehen— die Stelle hier wird in meiner Erinnerung ſtehen wie ein geheiligter Ort, und um ihn nicht durch ein anderes Geſpräch zu ent weihen, wollen wir nicht eine Minute länger bleiben!“ Er ſtand raſch an ihrer Seite, nahm ihren Plaid und das Päckchen wieder auf und ſie hängte ſich in ſeinen Arm, da der Weg hier recht ſteil und ſchlüpfrig war. Doch ſchritten ſie munter abwärts, und es ſchien, als habe das Gewitter, welches die ſchwere dunſtige Frühlingsluft erfriſcht und elaſtiſch gemacht, auch eben ſo auf die Spannung in ihrer Bruſt eingewirkt. Sie plauderten heiter und ſcherzend mit einander und machten die wunderlichſten Plane für die Zukunft. „Es fällt mir ja nicht ein,“ ſagte Blanda,„wieder um das Wohlwollen und die Gnade der Gräfin Seefeld zu bitten, nachdem ſie mich ihrer Güte für unwürdig gehalten. Sie ſoll nur aus meinem Munde die Wahrheit hören und wenn ich ſie um ctwas bitte, ja, flehe, ſo iſt es nur, um von ihr zu hören, was ſie damals über meine arme Mutter erfahren hat, und Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 147 ob es vielleicht in der weiten Welt noch Jemanden gibt, de durch die Bande des Blutes mit mir verwandt iſt; aber ich glaube es nicht. Und dann will ich deinen Freund um einen vernünftigen Rath für die Zukunft bitten. O, ich habe etwas gelernt und bin ſicher, mir durch die Welt zu helfen!“ „Bis auch ich etwas gelernt habe,“ ſagte Erich raſch— „und das will ich, bei Gott, ich ſchwöre es dir, Blanda! Ich will nicht beim Militär bleiben und weiß ſchon, was ich treibe. Ich will die Landwirthſchaft erlernen, ich will Bauer werden und nicht eher raſten und ruhen, bis ich mir ein Stück Land und ein kleines Häuschen verdient habe!“ „Aber es muß in einer ſchönen Gegend liegen und eine pracht⸗ volle Ausſicht haben, denn ich liebe die weiten, prachtvollen Ausſichten!“ „Ach, Blanda, Blanda, wie hätte ich gedacht, heute noch ſo glücklich zu werden!“ Unter ſolchen Geſprächen hatten ſie das langgeſtreckte Wie⸗ ſenthal durchſchritten, und nun kam die Schlucht mit der Mühle und hinter derſelben die große Landſtraße, wie Erich voraus⸗ geſagt. Die Räder der Mühle ſtanden ſtill und das Waſſer unter denſelben floß ſo ruhig und geräuſchlos ab, daß man deutlich hörte, wie eine Kuckucksuhr in der Mühle die zweite Stunde nach Mitternacht verkündete. „Biſt du jetzt recht müde?“ fragte Erich. „Ich fange an, es zu werden, und freue mich nun in der That, wenn ich bald irgendwo ausruhen kann. Ich will dir nur geſtehen, daß ich einen leichten Schmerz an meinem Fuße habe; meine Stiefelchen waren zu dünn für dieſen Nachtmarſch.“ „Daran hätte ich denken ſollen,“ antwortete Erich in recht 148 Oreiundvierzigſtes Kapitel. traurigem Tone und wenn ich dich auch glücklich hieher geführt, ſo bin ich recht beſorgt, ob wir um dieſe Stunde ein Obdach finden, wo wir bis zur Ankunft des Eilwagens verweilen können. Hoffentlich iſt das Poſthaus in Nordheim zugleich ein Gaſthof, und dann will ich ſie ſchon herausklopfen.“ Leider aber ging dieſe Vorausſetzung nicht in Erfüllung, und als ſie auf der breiten und guten Landſtraße allerdings beque⸗ mer gehend, das Dorf erreicht hatten, erfuhren ſie dort von einem ſchlaftrunkenen Nachtwächter, daß ſich das Poſthaus noch eine Viertelſtunde weiter, dort auf der Höhe befände, wo ſich zwei Wege kreuzten und allerdings ein großer Wagen⸗ und Pferdeverkehr, aber kein Wirthshaus ſei. Es ſchnitt ihm ins Herz, da er Blanda bei dieſer Nach⸗ richt leicht aufſeufzen hörte, und als er ihren Arm feſter in den ſeinigen zog, fühlte er wohl, daß ihr Körper zuweilen er⸗ bebte, wie unter einem Froſtſchauer. „Du frierſt, Blanda?“ fragte er beſorgt. „Ein wenig— es iſt die kühle Morgenluft.“ „So nimm deinen Plaid um. Doch— doch— ich will es, Blanda; dann wollen wir recht langſam gehen und haben nach einer Viertelſtunde unſer Ziel erreicht, wo ich überzeugt bin, daß man uns bereitwillig für ein paar Stunden Obdach gibt, wenn es auch kein Wirthshäkus iſt. Es wird doch da oben etwas wie eine Stallwache geben.“— Er dachte dabei un⸗ willkürlich an den warmen, behaglichen Raum, den er am Abende verlaſſen und wo der Bombardier Schwarz, in Erichs Mantel gehüllt, gewiß einen feſten und geſunden Schlaf that. Mit einem ſolchen Orte wäre er ſogar für das ermüdete junge Mädchen von ſeiner Seite zufrieden geweſen. Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 149 Da lagen die Poſtgebäude vor ihnen an der Kreuzung der beiden Landſtraßen, ein hübſches, ſtattliches Haus auf drei Seiten von Stallungen umgeben, wo Erich zu ſeiner größten Freude bemerkte, daß eine der Thüren offen ſtand und Licht⸗ ſchimmer in die Nacht hinaus dringen ließ. Sollte es ſpäter ſein, als er geglaubt, oder ſollte der Eilwagen früher kommen, als man ihm geſagt?— Er trat mit Blanda näher und ſah beim Scheine der Laterne einen Poſtillon, beſchäftigt, ſein Horn über die Uniform zu werfen, vor ſeinen vier vollſtändig auf⸗ geſchirrten Pferden ſtehen. „Kommt der Eilwagen ſchon ſo bald?“ „O nein, das braucht noch zwei gute Stunden; ich führe eine Extrapoſt, für welche die Pferde beſtellt worden ſind.“ „Hier auf der Station iſt wohl kein Paſſagierzimmer, wo man ſich bis zur Ankunft des Eilwagens aufhalten könnte?“ „Ne, das gibt's nich; am Tage iſt wohl ſo ein Gelaß drüben im Hauſe, wo die Reiſenden während des Umſpannens unterſtehen können, aber bei Nacht wird da drüben Niemand nich aufſtehen, um euch einzulaſſen.“ „So können wir hier vielleicht im Stalle warten,“ ſagte Erich ſeufzend„bis der Eilwagen weiter geht?“ „Wird auch nicht den Herr Unterofficier, ſo gerne ich Ihnen das erlauben möchte, da auch ich bei der Artillerie gedient; aber ſehen Sie, wir haben hier keine Stallwache, wie dazumal bei der Artillerie, und wenn ich und meine Pferde hinaus ſind, dann ſchließt der Andere, der den Vierſpänner bringt, den Stall zu, ſobald er ſeine Roſſ' abgeſchirrt; bis da⸗ hin kann ſich aber das Jüngferchen wohl im Stalle wärmen und ſich hier auf die kleine Futterkiſte ſetzen— ſo— und 150 Dreiundvierzigſtes Kapitel. wenn der Herr Unterofficier den Verſuch machen will, ob man ihn drüben einläßt, ſo könnte das am Ende nichts ſchaden. Ich ſah vorhin Licht droben im Zimmer des Schreibers und vermuthe faſt, er fertigt die vornehme Extrapoſt ſelber ab.“ „Ich will wenigſtens verſuchen, nicht wahr, Blanda, das erlaubſt du? Denn du kannſt unmöglich noch zwei Stunden in der kalten, ſcharfen Morgenluft bleiben.“ Das junge Mädchen ſah ihn mit einem freundlich danken⸗ den Blicke an und nickte ein wenig mit dem Kopfe, weßhalb Erich raſch in das Haus eilte, um dort ein Obdach für ſie zu finden. Da hörte man aber auch ſchon das luſtige Klingen des Poſthorns durch die ſtille Nacht, gleich darauf das Stampfen der munter dahertrabenden Pferde und dann das dumpfe Rollen eines ſchweren Reiſewagens. Jetzt bog er mit ſeinen blendenden Laternen um die Ecke des Hauſes und fuhr dann mit einer ſcharfen Curve dicht an die geöffnete Stallthür vor, worauf zwei Bediente, die draußen am Rückſitze ſaßen, raſch herabſprangen, um das Wechſeln der Pferde zu beſchleunigen. „Gelt,“ rief der Poſtillon, der ſich von den dampfenden Pferden ſchwang, dem Anderen zu, ſo raſch hätteſt du mich nicht erwartet?“ „ und hätteſt eine Freude gehabt, wenn du mich aus dem Bette hätteſt klopfen müſſen! Aber wenn man bei der Artillerie gedient hat, läßt man ſich von einem ganz gewöhnlichen Dra⸗ goner nicht fangen— hüh, Bläß!“ Dieſer Ausruf galt einem der Vorderpferde, worauf ſich alle vier langſam gegen die Stallthür in Bewegung ſetzten. Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 151 Blanda erhob ſich raſch, aus Furcht, von den Thieren geſtreift zu werden, und trat ins Freie. Da ſtand der Reiſewagen dicht vor ihr, und das ſtrah⸗ lende Licht der einen Laterne beleuchtete hell ihr bleiches Ge⸗ ſicht, während ſie zu ihrer Verwunderung ſah, daß das Fen⸗ ſter des ihr zugekehrten Wagenſchlages raſch herabgelaſſen wurde, dann die Thür aufgeſtoßen und ein Mann eiligſt her⸗ ausſprang. Doch wie erſtarrte ſie jetzt vor Schrecken, als ſie in dem Reiſenden, der dicht vor ſie hintrat, den Grafen Dagobert Secfeld erkannte. „Ei,“ rief dieſer erſtaunt und erfreut,„das iſt ja ein ganz merkwürdiges Zuſammentreffen, Kleine! Du wirſt mir immer räthſelhafter! Ich glaube wahrhaftig, die Kraft meiner Ge⸗ danken habe dich hieher gezaubert, denn auf dem ganzen Wege hieher träumte ich von nichts, als von dir, du kleines, trotziges Geſchöpf!“— Er wollte ihre Hand ergreifen, doch riß ſie ſich heftig los und war im Begriffe, davonzueilen, als er ſie feſt am Arm,faßte und ihr zuflüſterte:„Keine weitere Ziererei, Kleine! Trotzdem es einiger Maßen verdächtig iſt, dich hier in der Nacht allein auf der Straße zu finden, ſo will ich mich doch darüber hinwegſetzen und biete dir zum bequemeren Fort⸗ kommen die Hälfte meines Wagens an.“ „Ich bin aber nicht allein,“ rief Blanda heftig, indem ſie ſich loszureißen verſuchte,„mein Begleiter, den ich dort kommen höre, wird mich auch heute wieder vor Ihnen zu ſchützen wiſſen!“ „Dein Begleiter— auch heute wieder?“ rief Graf See⸗ feld, indem ſich ſein unangenehmes Geſicht häßlich verzerrte. „Sollte das möglich ſein? Bei Gott, er iſt es ſchon wieder!“ 152 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Dieſer Ausruf, wild und zornig ausgeſtoßen, galt Erich, der, raſch vom Hauſe herkommend, jetzt in den Schein des Lichterkreiſes trat, die Hände krampfhaft geballt, bleich, mit weit aufgeriſſenen Augen. „Ha, Burſche,“ rief ihm der Huſaren⸗-Officier entgegen, diesmal ſind wir hier nicht auf neutralem Boden! Diesmal ſoll es Ihnen nicht gelingen, unter dem Deckmantel eines Manöverſpielers anmaßend und unverſchämt zu ſein! Woher kommen Sie?“ herrſchte er ihn in einem ſtrengen Tone an.„Wer gab Ihnen die Erlaubniß, ſtundenweit von Ihrer Garniſon entfernt, ſich hier in der Nacht herumzu⸗ treiben? Wo ſind Ihre Ausweispapiere?“ Dergleichen hatte Erich nun allerdings nicht und fühlte die ganze Schwere der Lage, in derner ſich hier auf einmal befand; vor ihm ſtand ein Officier und um dieſen her Zeugen genug, die jedenfalls Partei nahmen für jenen wohlbekannten, angeſehenen und vornehmen Herrn. Ja, dies drückte der eben⸗ falls herbeigeeilte Poſthalter mit trockenen Worten aus, indem er ſagte:„Euer Erlaucht haben ganz Recht, dieſen Menſchen da zurechtzuweiſen, der in meinem Hauſe faſt mit Gewalt Ein⸗ laß verlangte, trotzdem ich ihm ſagte, daß hier weder Wirths⸗ haus noch Herberge ſei.“ „Darum handelt es ſich jetzt nicht,“ gab Erich mit dumpfer Stimme zur Antwort, und aus dem Beben derſelben klang deutlich die Gewalt hervor, die er ſich anthat, um ruhig zu bleiben—„ich will ja auch dem Herrn Rittmeiſter ruhig aus dem Wege gehen, ja, dankbar ſein für die Gnade, die Sie mir erweiſen, indem Sie mir geſtatten, hier mit meiner er⸗ müdeten Begleiterin auf die Ankunft des Eilwagens zu warten.“ N 4 Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 153 „Wie ihn das böſe Gewiſſen andere Saiten aufziehen läßt,“ entgegnete ihm achſelzuckend Graf Dagobert Seefeld. Danken Sie Gott, wenn ich Ihnen erlaube, allein ihres We⸗ ges zu ziehen, und ſeien Sie verſichert, daß ich bei der gering⸗ ſten Widerſetzlichkeit Sorge dafür tragen werde, daß man Sie auf ſehr gezwungene Art zu Ihrem Regiment einliefert!“ „Es iſt ein Gendarmerie⸗Poſten im Dorfe,“ flüſterte der Poſthalter. „Braucht's vor der Hand nicht; Sie kennen mich genü⸗ gend, Herr Poſthalter, um überzeugt zu ſein, daß ich jede Ver⸗ antwortlichkeit auf mich nehme. Ich kenne das junge Mädchen dort und bin überzeugt, daß dieſer Burſche ſie zu einem thö⸗ richten Schritte verleitet hat.“ „Nein, nein!“ rief Blanda, die vor Schreck und Ermü⸗ dung einer Ohnmacht nahe war und gewaltſame Anſtrengungen machte, um ſich Erich zu nähern. Dieſem keuchte der Athem in der Bruſt; ſeine Finger öffneten und ſchloſſen ſich krampfhaft, und unwillkürlich ſenkte er ſeine Rechte in die Taſche, welche das geladene Terzerol enthielt. „Und was dich anbelangt,“ wandte ſich Graf Seefeld in kaltem, rauhem Tone zu Blanda, ſo weißt du ganz genau, daß ich eben ſo gut dich kenne als auch angeſehene Perſonen, die ſich bisher um dein Schickſal bekümmerten und denen es heute noch nicht gleichgültig ſein kann, wenn du mit Soldaten auf der Straße umherläufſt!“ 1 Bla warf einen troſtloſen, verzweifelten Blick gen dum he ſie mit einem unbeſchreiblich ſchmerzlichen Wehlaute ihre Hände vor die thränenerfüllten Augen. 154 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Endigen wir neen ſagte Graf Seefeld barſch.„Jenen Perſonen, die Sie wohl kennen, bin ich es ſchuldig, Sie hier nicht auf der Straße zu laſſen!— Francois, Joſeph, führt die Dame nach meinem Wagen— und Ihnen,“ wandte er ſich drohend gegen den Bombardier der reitenden Artillerie,„rathe ich wohlmeinend, jetzt noch ungehindert Ihres Weges zu gehen!“ Beinahe willenlos wurde das junge Mädchen in den Wagen gehoben, und Erich, zurückgehalten, zurückgeſchreckt durch die ſtrengen, eiſernen Regeln der Subordination, vermochte nichts zu thun, als mit ſtarren Augen zuzuſchauen, wie ſich nun der, den er am meiſten auf dieſer Welt haßte, dem Wa⸗ gen näherte, welcher alles umſchloß, was ihm auf dieſer Welt theuer und heilig war——— Da krachte ein Schuß, und Graf Dagobert Seefeld, der eben den Fuß auf den Tritt des Wagens geſetzt hatte, zuckte zuſammen, ſchwankte und fiel dann unter dem Ausrufe:„Ver⸗ flucht, ich bin getroffen!“— in die Arme eines der Diener, die neben ihm am Schlage ſtanden. Erich aber fühlte ſich im gleichen Augenblicke von einem ver Poſtillone ſo wie von dem Poſthalter ergriffen, welch letzterer ihm das Terzerol aus den krampfhaft geſchloſſenen Fingern wand. Eine Scene unbeſchreiblicher Verwirrung und Beſtürzung folgte; ſo etwas Unerhörtes hatte ſich ſeit Menſchengedenken nicht begeben. Der neue Poſtillon, der ſchon auf ſeinem Sattel⸗ pferde ſaß, wäre vor Beſtürzung f faſt auf die gefallen, wenn er ſich nicht gewaltſam hätte n müſſen, um ſeine vier Pferde zurückzuhalten, die, von dem Schuß er⸗ Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 155 ſchreckt, einen gewaltigen Riß nach vorwärts thaten, eine Be⸗ wegung, welche Blanda es unmöglich machte, dem Wagen zu entſpringen, und welche den Grafen Seefeld mehr, als es die erhaltene Wunde gethan, in die Arme ſeines Dieners warf, denn dieſe zeigte ſich bei raſcher Beſichtigung ziemlich ungefähr⸗ lich; die Kugel hatte ſeinen linken Arm allerdings heftig ge⸗ ſtreift und war dann durch die Vorderwand des Coupe's in einen dort aufgeſchnallten Koffer gedrungen. „Das iſt noch ziemlich gut abgelaufen!“ ſagte Graf See⸗ feld mit einer ſeltſam tief klingenden Stimme, während ihm ſein Kammerdiener mit kundiger Hand raſch einen Verband anlegte.„Es hat in der That nichts zu bedeuten, Herr Poſt⸗ halter,“ wandte er ſich an dieſen, der herbeigeeilt war, nach⸗ dem er den unglücklichem Erich unter den Händen des einen Poſtillons und einiger handfeſter Stallknechte gelaſſen hatte, die auf den Lärm herbeigeeilt waren.„Der Wille war gut,“ 1 er zähneknirſchend fort,„aber ich kann meinen Arm be⸗ wegen, es iſt alſo kein Knochen verletzt, und obgleich ich teufel⸗ mäßig Schmerzen habe, bin ich doch im Stande, meinen Weg fortzuſetzen! Was den Burſchen da anbelangt, ſo werden Sie dafür ſorgen, daß er in die Reſidenz abgeliefert wird!“ Ein ſchmerzlicher Aufſchrei Blanda's ließ ihn jetzt an das junge Mädchen denken, die faſt beſinnungslos in der Ecke des Wagens lag. Er biß heftig ſeine Zähne auf einander, theils in dem Gedanken an ſie, theils auch durch den Schmerz, den ihm das Anziehen des Mantels verurſachte; er zauderte, ein⸗ zuſteigener ſchien ſich zu beſinnen, dann aber warf er den Kopf heſtig in die Höhe und ſtieg raſch in das Coupe, deſſen Thür ſogleich hinter ihm geſchloſſen wurde. 156 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Fort!“ Poſtillon und Bediente ſchwangen ſich auf, und in vollem Galop der unruhig gewordenen Pferde flog der Wagen dahin, in Kurzem nur noch erkennbar an dem zitternden Scheine der Wagenlaternen, welcher über Steinhaufen und an Bäumen vorüberhuſchend, von Erich's ſtarren, verzweiflungsvollen Blicken wie ein auf ewig entſchwindendes Glück verfolgt wurde. „Uff,“ rief der zurückgebliebene Poſtillon nach einer län⸗ geren Pauſe,„wer Einem das vor einer halben Stunde ge⸗ ſagt hätte oder dem hier prophezeit, als er mit dem Jüngferchen davonlief!“ „Ja, ja,“ meinte der Poſthalter,„ſo weiß man nie, was die nächſte Viertelſtunde bringt, und ich bin nur froh, daß es ſo gut abgelaufen iſt! Peitſchenelement, wenn ich bedenke, daß wir jetzt Seine Erlaucht hier ſteif und ſtarr vor uns liegen haben könnten! Mich gruſelt's— haſt du das Piſtol, Matthies?“ „Feſt, Herr Poſthalter, aber mir graut's ordentlich ggr dem Ding da, wenn ich bedenke, daß es ſoeben beinahe einem Menſchen das Lebenslicht ausgeblaſen, und noch dazu einem Menſchen, der auf jeder Station zwei Thaler über die Taxe Trinkgeld gibt—'ſt fürchterlich! Aber wart', Bürſchlein, dich wird man warm ſetzen!“ Dieſe letzten Worte, von einem gelinden Puff begleitet, galt dem theilnahmslos vor ſich hinſtarrenden Erich; doch empfand er in ſeinem tiefen Unglücke nichts davon, eben ſo wenig hörte er, was um ihn geſprochen wurde; ja, als man ihn jetzt unter einem derben Stoße aufforderte, nach dem Dorfe zurückzumarſchiren, ſetzte er, zwiſchen den Stallknechten gehend, nur ganz mechaniſch einen Fuß vor den anderen. Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 157 „Aha,“ rief der Poſtillon Matthies, als ſie eine kurze Strecke zurückgelegt hatten,„die Gendarmen haben den Schuß gehört und ſind ſchon auf den Beinen— das Volk hat einen geheimen Inſtinct und ſchläft nur mit einem Auge!“ „Nein, ſie habens im Geruch wie die Krähen!“ lachte einer der Stallknechte. Der unglückliche Erich ſeufzte tief auf, als er dieſe Worte und, ſich raſch nähernd, das Traben von Pſerden hörte. Sein Bewußtſein tauchte plötzlich aus einer Flut wilder, unheim⸗ licher Gedanken klar empor; ja, das Schreckliche, was in den letzten Minuten mit ihm vorgegangen war, hatte er nicht nur geträumt, nein, es war alles ſo vorgefallen, wie es der Poſt⸗ halter jetzt dem Gendarmerie⸗Unterofficier ausführlich erzählte — und doch konnte er es ſelbſt nicht glauben, daß er auf den Grafen Seefeld geſchoſſen habe. Nein, nein, das war ja nicht möglich! Auch wenn er nicht die Uniform getragen hätte; ja wenn er ihm gegenübergetreten wäre, eine gleiche Waffe in der Hand oder den blanken Säbel in der Fauſt, ſo würde er mit einer wilden Freude Gang um Gang mit ihm gemacht haben! Aber auf einen wehrloſen Menſchen ſchießen— nie, nie! Und doch ließ ſich von der Erzählung des Poſthalters kein Jota abläugnen, und doch begriff Erich zu ſeinem Entſetzen, daß es ſo geſchehen ſein mußte, wie Iener ſagte und wie die Stallleute auf die ruhigen Fragen des Gendarmerie⸗Unter⸗ officiers bezeugten. Dieſer hatte das Terzerol in der Hand und unterſuchte es beim Scheine der Laterne genau.„Der linke Lauf iſt ab⸗ geſchoſſen, der rechte aber noch geladen,“ ſagte er. „O, Gott ſei gelobt und gedankt!“ rief Erich nun plötz⸗ — — — — —— —— — — 158 Dreiundvierzigſtes Kapitel. lich und mit dem Ausdrucke unbeſchreiblichen Glückes in ſeiner Stimme, daß alle ihn verwundert anſchauten.„Wenn der eine Lauf noch geladen iſt, ſo iſt es ja klar, daß ich nicht geſchoſſen habe!“ Auf das hin zuckte der Gendarmerie⸗Unterofficier leicht mit den Achſeln und ſagte:„O ja, junger Menſch, wir kennen dergleichen Einreden! Aber der linke war ebenfalls geladen und der iſt abgeſchoſſen worden, das riecht man deutlich; doch wird ſich alles das ſpäter finden. Es entſteht nur noch die Frage, ob Sie anſtändig und geſcheit genug ſind, um auf dem Wege nach der Reſidenz keine Geſchichten zu machen. Ver⸗ ſtehen Sie mich recht, junger Menſch— auch ich habe ge— dient, und ich möchte es der Uniform, die Sie tragen, nicht zu leid thun, Ihnen Handfeſſeln anzulegen.“ Erich ſchauderte. So war er vielleicht doch der Ver⸗ brecher, für den man ihn hielt! So hatte er vielleicht doch den Schuß gethan! Aber nein, nein, das war ja unmöglich, des wilden Kampfes, den er mit ſich ſelbſt gekämpft, als man Blanda in den Wagen hob! Wußte er doch zu genau, daß er „ſeine Rechte, deren Finger allerdings krampfhaft das Terzerol 14 trotz umſpannten, nicht erhoben hatte! „Nun, wie iſt's,“ fragte der G endarmerie⸗Unterofficier, „wollen wir uns ſelbſt keine gegenſeitige Ungelegenheit machen und wollen Sie ruhig mit uns gehen, ohne den thörichten und vergeblichen Verſuch zu machen, irgendwo zu entwiſchen?“ „Gewiß— ich gebe Ihnen mein Wort darauf!“ „Und denken das auch hoffentlich zu halten— es ſollte mir leid thun, wenn ich Ihnen eine Kugel nachſchicken müßte.“ — Bei dieſen Worten wickelte der Gendarmerie⸗Unterofficier Erinnerungen u Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 159 das Terzerol ſorgfältig in ſein Schnupftuch und verwahrte es in der Satteltaſche.—„Und nun, Herr Poſthalter,“ wandte er ſich an dieſen,„könnte es nicht ſchaden, wenn Sie den Vor⸗ fall heute Morgen noch recht pünktlich und ausführlich zu Pa⸗ pier brächten, auch von Ihren Leuten, als Zeugen, unterſchreiben ließen; man vergißt ſo leicht Dies und Das, und es erleichtert ſpäter das Verhör.“ „Daran ſoll's nicht fehlen, Herr Wachtmeiſter.“ „Alſo denn auf Wiederſehen, wahrſcheinlich heute Abend! — Und nun vorwärts, junger Menſch! Wenn wir tapfer aus⸗ ſchreiten, ſo können wir die Stadt erreichen, ehe es noch gar zu lebendig auf den Straßen i*ſt, was Ihnen auch recht ſein muß.“ Doch war dem Unglücklichen in dieſem Augenblicke Alles vollkommen gleichgültig. Es hatte ſich ſeiner eine förmliche Gefühlloſigkeit bemeiſtert; die furchtbare Anſpannung ſeiner Nerven ließ mit Einem Male nach, und da ſich jetzt auch die Ermüdung durch die beiden ſchlafloſen Nächte und den geſtrigen Mansvertag geltend zu machen anfing, ſo ſchritt er mit ge⸗ ſenktem Haupte, beinahe ſchwankend auf der Chauſſee dahin, achtete nicht auf den langſam aufdämmernden Tag, auch nicht auf einzelne Begegnende, die ihn und ſeine Begleitung verwun⸗ derungsvoll anſchauten, und erſt als er nach zweiſtündigem Marſche die Stadt im Glanze der Morgenſonne vor ſich liegen ſah, drüben Fort Maximilian erkannte und links die bewaldeten Berge erblickte, wo das Jagdſchlößchen lag, da ſchluchzte er laut, aber ſchmerzlos auf, unter einem erleichternden Strome von Thränen. In den Straßen der Stadt war zu ſo früher Morgen⸗ ſtunde glücklicher Weiſe noch nicht viel Verkehr, und die Gen⸗ 160 Dreiundvierzigſtes Kapitel. darmen, welche an der ganzen Haltung ihres Gefangenen wohl bemerkt hatten, daß es nicht in ſeiner Abſicht lag, irgend welche Seitenſprünge zu machen, hatten nichts dagegen, daß Erich auf dem Trottoir längs den Häuſern ging, während ſie in der Mitte der Straße ritten. Beim Betreten des Kaſernenhofes war allerdings ein großes Aufſehen nicht zu vermeiden; der Poſten unter dem Gewehr blickte erſchreckt auf, als ſehe er Geſpenſter, und einige Kanoniere, die an dem Brunnen be⸗ ſchäftigt waren, eilten, ſo raſch es ihre Pantoffel und Waſſer⸗ krüge erlaubten, die Treppe hinan, um die unerhörte Neuigkeit ſo ſchnell als möglich zu verbreiten. Der Wachtmeiſter Pinckel, zu welchem nun Erich von dem Gendarmerie⸗Unterofficier geführt wurde, ſaß in ſeinem roth carrirten Schlafrocke behaglich beim Kaffee, und es fehlte nicht viel, ſo wäre der dicke Mann vor Alteration vom Stuhle ge⸗ fallen. Ein Bombardier ſeiner Batterie des mörderiſchen Atten⸗ tats auf einen Officier angeſchuldigt, ja, überführt, von Gen⸗ darmen eingebracht!— So etwas war noch niemals vorge⸗ kommen, und der Wachtmeiſter faßte in Verzweiflung rechts und links ſeinen großen Schnurrbart, als wolle er ſeinen Kopf und ſich ſelbſt gewaltſam aufrecht erhalten. War doch nach dem Berichte des Gendarmerie⸗Unterofficiers die Sache zu klar, als daß irgend ein Zweifel hätte obwalten können! Der Wacht⸗ meiſter ſagte ſechsmal hinter einander: Gräßlich, gräßlich!— während er mit zitternder Hand über den Empfang des Ver⸗ brechers quittirte. „Und nun, wiſſen Sie unglücklicher junger Menſch,“ ſagte der Wachtmeiſter Pinckel lief erſchüttert,„wohin Sie das führen wird? Zwanzig Jahre Ketten, das iſt ſo ſicher als der Weck Erinnerungen u. Erklärungen. Erich begeht ein Verbrechen. 161 auf dem Laden!“— Das Terzerol hatte der Gendarmerie⸗Un⸗ terofficier auf den Schreibtiſch gelegt, ehe er das Zimmer ver⸗ laſſen, und der Wachtmeiſter Pinckel betrachtete das Mordin⸗ ſtrument mit ſcheuem Blicke, während er recht ungläubig lächelte bei der klaren und wahren Erzählung Erich's. „Ja, das iſt alles recht ſchön und gut,“ jammerte er als⸗ dann,„aber das glaubt Ihnen ja Niemand!“ „Das wäre ja ſchrecklich, Herr Wachtmeiſter!“ „Freilich ſchrecklich— gräßlich, haarſträubend, entſetzlich!“ „So könnte man wirklich glauben, ich hätte dieſe That begangen?“ „Glauben? Nach ſo klaren Zeugenausſagen, wie der Gendarmerie⸗Unterofficier berichtet? Wahrhaftig, ich bedaure Sie, Freiberg, aber machen Sie ſich auf das Allerſchlimmſte 14 gefaßt Im Stalle der Batterie, wo beinahe die ganze Mann⸗ ſchaft beim Putzen beſchäftigt war, hatte ſich die Nachricht, daß der Bombardier Freiberg durch Gendarmerie, und zwar ge⸗ ſchloſſen, eingeliefert worden ſei, wie ein Lauffeuer verbreitet, und als bald nachher der Bombardier Schwarz von der Stall⸗ wache abgelöst wurde, um ebenfalls in Unterſuchung und Arreſt gebracht zu werden, blieb ihm ſein Lieblingswort:„O, famos!“ — halb in der Kehle ſtecken. Hauptmann von Manderfeld aber ries ſich bei der Meldung die Hände und ſagte zu Wachtmeiſter Pinckel:„Ich hätte bei allem dem nicht gedacht, daß es ein ſo raſches und glänzendes Ende nehmen würde mit dem letzten Bombardier.“ Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. Vierundvierzigſtes Kapitel. Reiſeplaudereien unangenehmer und angenehmer Art; von einem freundlichen Feinde verlaſſen, findet Blanda einen feindlichen Freund und wird ſchließlich von dieſem entführt. Unterdeſſen rollte der bequeme Reiſewagen des Grafen Dagobert Seefeld auf der Chauſſee dahin und ließ raſch Sta⸗ tion um Station hinter ſich; überall ſtanden die Pferde bereit und überall beeilten ſich die Poſtillone ſowohl beim Umſpannen als bei der Erzählung der unkrhörten Begebenheit, beſonders nachdem ſie ſchüchterne Blicke in das finſtere Geſicht des Hu⸗ ſaren⸗Officiers geworfen, der ſich zuweilen beim Wechſeln der Pferde vorbeugte, um düſter in die langſam ſich erhellende Ge⸗ gend zu ſchauen. Nur ſelten hatte einer dieſer Blicke ſeiner Nachbarin gegolten, welche, feſt in die andere Ecke geſchmiegt, faſt gänzlich bewegungslos verharrte und nur zuweilen durch ein kurzes, ſchmerzliches Aufſchluchzen ein Lebenszeichen von ſich gab. Endlich aber war es hell genug geworden, um ihre blei⸗ chen, verſtörten Geſichtszüge deutlich erkennen zu können, ſo wie ein Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 163 eigenthümliches Zucken ihrer gefalteten Hände und ein fröſteln⸗ des Erbeben ihres Körpers zu bemerken. Bei dieſem Anblicke, der allerdings jammervoll und trau⸗ rig genug war, verwandelte ſich langſam der düſtere Groll in den Zügen ihres Nachbars in einen wohlwollenderen Ausdruck und er fragte, freilich noch in ziemlich rauhem Tone:„Nun, Sie werden jetzt bemerkt haben, daß ich weder beabſichtige, Sie zu beißen, noch Ihnen ſonſt ein Leides zuzufügen; wäre auch bei meinem verwundeten Arme ſelbſt bei der ſchlimmſten Laune nicht zu dergleichen aufgelegt— es wäre in jeder Richtung klüger von Ihnen, irgend etwas mit mir zu reden und mir zu ſagen, wie Sie auf die verfluchte Idee kamen, mit jenem Men⸗ ſchen davonzulaufen!“ Ein Schauer überflog Blanda's Körper und machte ihre bleichen Lippen erbeben. „Frieren Sie vielleicht?“ „Ja,“ hauchte ſie leiſe. Ein raſcher Zug an der Schnur, die rückwärts zur Diener⸗ ſchaft ging, brachte den Wagen nach ein paar Minuten zum Halten, worauf der Kammerdiener von ſeinem Sitze herabflog und an den Schlag trat. „Geben Sie meinen Pelz und Fußſack herein dort für das Fräulein und helfen Sie ihr, da ich ſelbſt dazu nicht im Stande bin.“ „O nein, ich danke Ihnen, ich habe ja meinen Plaid!“ „Aber ich will es ſo— raſch, François!“ Im nächſten Augenblicke erſchien der Kammerdiener an dem anderen Wagenſchlage, öffnete denſelben behutſam, und während der Lakai, der ebenfalls herbeigeeilt war, den Pelz des —— — 164 Vierundvierzigſtes Kapitel. Grafen hielt, bemühte ſich Frangois mit der zarten Sorgfalt und Geſchicklichkeit eines vortrefflich geſchulten Dieners, Blanda's Füßchen in die warme Umhüllung zu bringen; doch blickte er dabei ſeinen Herrn mit einem fragenden Ausdrucke an. „Was gibt's, François?“ „Das gnädige Fräulein müſſen tief ins Waſſer getreten ſein, und da weiß ich doch nicht, ob...“ „O, ich bitte Sie, Herr Graf, laſſen Sie mich, wie ich bin!“ flehte Blanda. „Und ich bitte Sie ebenfalls,“ erwiederte dieſer in ſehr entſchiedenem Tone,„ſich nicht auf lächerliche Art zu zieren! Ich ſehe ganz genau, wie Sie der Froſt ſchüttelt, und wenn wir noch eine Stunde ſo dahinfahren, ſo habe ich eine Kranke an meiner Seite, und das will ich nicht— bei Gott, das will ich nicht!“ Das junge Mädchen fuhr zuſammen bei dem rauhen Tone, in dem er ſprach, und blickte ihn ſcheu von der Seite an. Was konnte ſie thun? Sie fühlte wohl, daß aller Widerſtand vergebens ſei. „Schließ' deinen Schlag, Frangois, und warte bis das Fräulein ihre naſſen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und die Füße mit ihrem Plaid umwickelt hat!“— Das befahl Graf Seefeld wie Jemand, der überzeugt iſt, daß von allen Theilen ohne Widerrede gehorcht werde, und um dieſe Ueberzeugung noch zu verſchärfen, ließ er das Wagenfenſter an ſeiner Seite herab und lehnte ſich hinaus, um in die Gegend zu ſchauen. „Sind Sie fertig?“ „Ja, Herr Graf.“ „Es iſt von Ihnen ſehr klug, daß Sie gehorſam waren — Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 165 — Francois, den Fußſack— ſo; nun decke den Pelz über das Fräulein und dann mache, daß wir weiterkommen! Sage auch dem Poſtillon mein Compliment, und er möge die Güte haben, den Aufenthalt wieder einzubringen!“ Dahin flog der Wagen mit erneuerter Schnelligkeit, und es ſchien, als ob es den Pferden ſelbſt darum zu thun wäre, dem Wunſch des Reiſenden nachzukommen und ſo bald als möglich den warmen Stall zu erreichen; denn jetzt, bei Sonnen⸗ aufgang, wurde es empfindlich kalt, und Dagobert Seefeld, der zuweilen einen flüchtigen Blick auf ſeine Nachbarin warf, be⸗ merkte zu ſeinem Vergnügen, daß unter der warmen, ſchützen⸗ den Hülle auf den eben noch ſo verſtörten Zügen des jungen Mädchens ſich eine angenehme Ruhe, der ſichtliche Ausdruck von Wohlbehagen, gelagert hatte; ja, es zeigte ſich auf den⸗ ſelben eine leichte, freundliche Röthe, vielleicht auch hervorge⸗ bracht durch den Reflex auf den Fenſterſcheiben der im Rücken der Fahrenden glühend aufſteigenden Sonnenſcheibe. Aber auch ihre Athemzüge hatten das Unruhige, Schluchzende verloren, und nachdem Blanda, aus einem leichten Halbſchlummer auf⸗ fahrend, noch einmal haſtig, beinahe ſcheu um ſich geblickt, ſank ſie in einen tiefen Schlaf, wie ihre nun ganz regel⸗ mäßig ſanften und langen Athemzüge verkündeten. Dagobert Seefeld hatte ſich feſt in ſeine Ecke gedrückt und betrachtete das ſchlummernde Mädchen mit großem Intereſſe. Noch nie war ihm die edle Form ihres Kopfes, die regelmäßige, gänzlich untadelhafte Schönheit ihrer Geſichtszüge ſo aufgefallen. Wie frei und prächtig war ihre breite, offene Stirn! Wie an⸗ muthig ſenkten ſich die Augenlider mit den langen, ſeidenartigen Wimpern herab! Wie reizend geformt waren ihre leicht geöff⸗ 166 Vierundvierzigſtes Kapitel. neten Lippen, zwiſchen denen man die weißen Zähne hervor⸗ ſchimmern ſah! Er bedeckte mißmuthig ſeine Augen mit der Hand und konnte ſich eines unangenehmen bitteren Gefühls nicht erwehren, während er vorwurfsvoll zu ſich ſelber ſagte: Das habe ich wieder einmal recht dumm, recht tölpelhaft angegriffen— ſehen wir, was gut zu machen und was bei einer ganz entgegenge⸗ ſetzten Behandlung zu erreichen iſt. 1 Dann kam eine neue Station, und als ſich François hier ſogleich am Schlage zeigte, legte Graf Seefeld mit einem ſtrengen Blicke den Zeigefinger auf den Mund, worauf das Umſpannen mit einer Ruhe vor ſich ging, als ſeien Poſtillone und Pferde nur Schattengeſtalten geweſen, eben ſo auf der nächſten Station, wogegen auf der übernächſten zuerſt eine lange Holzbrücke über einen Fluß zu paſſiren war und der Wagen alsdann in die engen Straßen eines kleinen Städtchens einfuhr, worauf bei dem erſten Klange der Hufeiſen auf dem Pflaſter Blanda die Augen aufſchlug und verwundert, erſchreckt um ſich blickte. „Sie haben mehrere Stunden recht gut geſchlafen,“ ſagte der Huſaren⸗Officier in ruhigem, freundlichem Tone,„und be⸗ finden ſich, hoffe ich, beſſer?“ „O ja— aber....“ ſagte ſie auffahrend und mit einem fragenden Blicke ängſtlich um ſich ſchauend. „Beruhigen Sie ſich vollkommen; Sie ſehen, daß ich eigentlich doch kein Wehrwolf und auch kein Menſchenfreſſer bin, und wenn Sie die Güte haben wollen, bei ſich zu über⸗ legen, daß ich Sie nach dem, was heute früh leider vorgefallen, doch nicht auf der Landſtraße laſſen konnte, ſo werden Sie Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 167 mir, wenn wir nachher weiterfahren, wohl ein paar Worte der Ueberlegung gönnen.“ „O mein Gott— ja, es iſt Entſetzliches vorgefallen, und wir ſind recht, recht unglücklich geworden!“ „Sagen Sie nicht: wir,“ gab Dagobert Seefeld miß⸗ muthig zur Antwort—„wer Böſes ſäet, muß erwarten, daß Schlimmes aufgeht.“ Warum wandte er die Augen raſch von ihr ab, als Blanda ihn nach dieſen Worten mit einem traurigen Blicke be— trachtete? „Wenigſtens jetzt hier laſſen Sie dieſe Erinnerungen, die auch mir unangenehm genug ſind— ſpäter, an einem andern Orte, iſt vielleicht darüber zu reden. Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich Sie aufs rückſichtsvollſte behandle, was allerdings, wie ich leider bekennen muß, nicht immer geſchehen iſt. Stellen Sie ſich meinetwegen vor, wir ſeien ein paar feindliche Parteien, die einen Waffenſtillſtand geſchloſſen, aus welchem vielleicht nach glücklicher Uebereinkunft ſpäter ein dauern⸗ der Friede entſtehen kann.“ Sie ſagte nichts darauf, blickte vielmehr mit düſterem, ſtarrem Blicke vor ſich nieder. „Geben Sie, wenigſtens meinen Leuten,“ fuhr er in einem bitteren Tone fort,„nicht durch fortgeſetzte allzu große Un⸗ freundlichkeit Urſache zu weiteren unnöthigen Betrachtungen.“ „Seien Sie überzeugt,“ erwiederte ſie leiſe,„daß ich Ihnen für das Gute, welches Sie mir erzeigt, gewiß dankbar ſein werde, aber— wäre es nicht auch für Sie angenehmer und beſſer, wenn Sie mich hier in dem Städtchen, das wir ſo eben 168 Vierundvierzigſtes Kapitel. crreicht haben, meinem Schickſale überließen— o, ich flehe darum!“ „Nein,“ antwortete er kurz und barſch—„wozu auch? Hätten Sie vielleicht die thörichte Idee, zurückzukehren, um.... — Doch wozu das wieder erwähnen! Beantworten Sie mir lieber eine Frage offen und ehrlich: Sind wir hier nicht auf demſelben Wege, den Sie beabſichtigten, mit dem Eilwagen zu verfolgen?— Ich vermuthe faſt, ja, ich vermuthe noch mehr, ich denke, daß wir ein und daſſelbe Reiſeziel haben.“ „Aber meines verändert ſich vollkommen, wenn wir es ge— meinſchaftlich erreichen.“. „Das hat was für ſich,“ verſetzte er mit einem kurzen Lächeln,„und wäre zu überlegen, wie denn überhaupt Manches zu überlegen und in Ordnung zu bringen wäre, wenn Sie mir ein wenig Vertrauen ſchenken wollten.— O, ich verſtehe Ihren Blick, doch denken Sie an meinen Vorſchlag, daß wir zwei feindliche Parteien ſind, die aber Behufs Unterhandlungen einen Waffenſtillſtand geſchloſſen haben— bitte, denken Sie daran.“ „Ich will thun, was mir möglich!“— Dieſe Worte rangen ſich mit einem ſchmerzlichen Seufzer kaum hörbar aus ihrer Bruſt. Damit hielt der Wagen, und der geſchäftige Frangois erſchien am Schlage, um ſeinem Herrn zu melden, daß das befohlene Frühſtück im Poſthauſe bereit ſtehe. „Ich will nicht ausſteigen, mag auch den Leuten hier wegen meines Armes keine weitere Veranlaſſung zum Reden geben, erſuche dich überhaupt, dem Poſtillon zu ſagen, daß wenn er ſeinem neuen Collegen Mittheilungen über jenen Vor⸗ fall ſchuldig zu ſein glaubt, er ſich auch von dieſem für dieſe Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 169 Mühe das Trinkgeld ſoll bezahlen laſſen. Haſt du mich ver⸗ ſtanden?“ „Gewiß, Erlaucht, und habe das auf der letzten Station ſchon aus eigenem Antriebe beſorgt.“ „Danke.“ „So befehlen Erlaucht, daß das Frühſtück in Ihrem Wa⸗ 24 gen ſervirt wird? „Ja, etwas Weniges für mich, und was das Fräulein befiehlt“. „O, ich danke ſür Alles, Herr Graf!“ „Das Fräulein wird wohl ebenfalls eine Taſſe Thee wünſchen alſo mach' hurtig, François!“ Raſch wurde das Verlangte gebracht, und auch Blanda konnte ſich ferner nicht weigern, von dem angenehm duftigen Thee, ſo wie einigen Zwieback zu nehmen, wobei ſie aber einen ſchüchternen Blick auf ihren Nachbar warf; nicht aus Furcht oder Verlegenheit, ſondern weil ſie ſah, wie ſchwer es ihm bei ſeinem verwundeten Arme wurde, die Taſſe zu halten, worauf das Mitgefühl ſie veranlaßte, ihm ihre Hülfe anzubieten. Er nahm das auch an, und als er ihr hierauf ſeinen Dank ſagte, klang der Ton ſeiner Stimme ernſt, ja, ehrerbietig. Weiter rollte nun der Wagen, und während Blanda jetzt mit gefalteten Händen daſaß und mit trübem Blicke in die Gegend ſchaute— ſie hatte den Pelzüberwurf, der ihr zu warm geworden, von ihren Schultern herabgleiten laſſen—, lehnte ſich der Graf in ſeine Ecke zurück und ſchien augenblicklich ein zuſchlafen, wenigſtens ſprachen dafür ſeine tiefen, regelmäßigen Athemzüge. Dann nahm Blanda, nachdem ſie einen forſchen⸗ den Blick auf den Schlafenden geworfen, ihr Hütchen ab und 170 Vierundvierzigſtes Kapitel. ordnete ihr prächtiges, blondes Haar, zuweilen ſcheu auf die Seite blickend, aber beruhigt durch ſeine feſt geſchloſſenen Augen⸗ lider. 1 Und doch hatte er alle ihre Bewegungen belauſcht, und es war ein ſeltſam angenehmes Gefühl, welches ihn überſchlich, als er das ſchöne junge Mädchen ſo neben ſich ſitzen ſah in dem einfachen, faſt ärmlichen grauen Kleidchen, das aber, be— ſonders als ſie ihre Arme emporhob, um mit den feinen Fingern ihr volles Haar aufzuſtecken, ſo recht ihre ſchönen Formen zeigte. Doch hütete er ſich wohl, auch nur durch eine Be⸗ wegung, durch einen Blick ihr Vertrauen zu täuſchen; denn trotz des rückſichtsloſen Leichtſinnes, der ihn von jeher be⸗ herrſcht, fühlte er ſich mehr und mehr von einer ehrerbietigen Scheu gegen das junge Mädchen erfüllt, ja, er begriff es ſelbſt nicht, wie jetzt an ihrer Seite ſo ganz eigenthümliche Phanta⸗ ſieen in ihm auftauchten, wie er es mit Einem Male für ein ganz beneidenswerthes Loos hielt, wenn dieſes ſchöne junge Weſen auf die natürlichſte und zugleich verſtändigſte Art neben ihm hätte ſitzen können. Er hatte immer noch Poeſie genug, um ſich das in ſeinen Folgen mit den glühendſten Farben aus⸗ zumalen, und es kam ihm der Gedanke, wie glücklich er viel— leicht ſeine könne, wenn ſie jetzt ihr edles, ſchönes Geſicht ihm freundlich zuwenden, vielleicht ihre Hand auf die ſeinige legen und ihm ein freundliches Wort zuflüſtern würde. Daß aber dieß in Wirklichkeit ganz anders war, ließ ihn jetzt mit einem Seufzer aus ſeinem Scheinſchlafe auffahren. Trotzdem die Straße etwas aufwärts ſtieg, trabten die Pferde luſtig davon, waldbewachſenen, nicht mehr fernen Höhen ent⸗ gegen. Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. „Das iſt für mich ſchon eine recht bekannte Umgebung,“ ſagte Dagobert Seefeld,„und dort vor uns, wo die Wälder an⸗ fangen, beginnt das Jagdrevier der Waldburg. Wir haben noch zwei Stationen, und ich muß geſtehen, daß wir nicht ſchlecht gefahren ſind— in zwei ſtarken Stunden habe ich mein Reiſe⸗ ziel erreicht, und jetzt wäre es wohl nicht übel, Fräulein Blanda, wenn Sie mich mit Ihren Planen bekannt machten.“ Sie hatte dieſe Frage ſchon längſt erwartet und ſich nach reiflicher Erwägung entſchloſſen, ihm ohne Rückhalt den Zweck ihrer Reiſe mitzutheilen, wobei es ihr von Werth erſchien, in ſchlichten Worten von ihrer Vergangenheit zu reden. Konnte ſie auch anders, ohne daß es erſchien, als wolle ſie ihm ab⸗ ſichtlich Unwahres ſagen! War es nicht auch eine Fügung des Schickſals, daß gerade dieſer Mann es war, den ein allerdings ſchrecklicher Vorfall in ihren Weg geführt! Auch war die zarte, rückſichtsvolle Behandlung, die er gegen ſie angenommen, nicht ohne Eindruck auf ihr gutes, empfängliches Herz geblieben, und dann lag es ja ſchließlich auch mit in ſeiner Hand, das Loos des unglücklichen Erich, der ja allein um ihretwillen ſo elend geworden war, zu mildern, wenn nicht wieder ganz zum Guten zu wenden. Thränen hatte das arme Mädchen während der Nachtfahrt zur Genüge vergoſſen, und wenn jetzt, während ſie ſprach, ihre Augen heiß, trocken, unbewegt erſchienen, ſo waren ſie darin nur der Spiegel ihres Herzens, das ebenfalls nach dem erduldeten furchtbaren Schmerze nur noch theilnahmlos ſich zu bewegen ſchien, für die Außenwelt gleichgültig, krampfhaft, umſchließend ein heiß geliebtes Bild, über deſſen Haupt Blitz und Donner in verſchiedener Geſtalt hinwegegangen war. Von dem, was ſie ihm, wie oben ſchon erwähnt, in ſchlichten, 4 172 Vierundvierzigſtes Kapitel. einfachen Worten erzählte, ſchien er Vieles zu wiſſen, auch über ihre Erlebniſſe in dem adeligen Stifte; denn er nickte zuweilen beiſtimmend mit dem Kopfe, ſagte auch wohl:„Ja, ja— und: 71 Ich hörte davon—,“ auch wuchs mit allem, was ſie ſprach, ſein Intereſſe an ihrer Erzählung und an der Erzählerin, und zuletzt konnte er ſich des Ausrufes nicht enthalten:„Ach, wenn ich das alles vorher erlebt, vorher erfahren hätte!— Doch iſt darin noch viel wieder gut zu machen— wollen Sie mir vertrauen, Blanda?“ Sie ſah ihn zweifelnd an. „Wagen Sie es immerhin,“ fuhr er einem Anfluge von Treuherzigkeit fort, den man höchſt ſelten an ihm gewahrte— „vergeſſen Sie alles, was geſchehen iſt, und laſſen Sie aus dem Waffenſtillſtande einen lang dauernden Frieden werden.“ Da zuckte es ſchmerzlich über Blanda's Geſicht; ſie hob die gefalteten Hände empor und preßte ſie feſt gegen ihren Mund, um das Beben ihrer Lippen zu verbergen, konnte aber deßhalb doch nicht ihre Thränen unſichtbar machen, die nun raſch und heftig aus ihren Augen tropften:„Und er, der für mich ſo unglücklich geworden iſt!“ „Erinnern Sie mich in dieſem Augenblicke nicht daran,“ ſprach Graf Seefeld unmuthig, das kann vielleicht in zweiter und dritter Linie kommen; was Jener erduldet, muß er auf ſeine eigene Rechnung nehmen und iſt ſchon im voraus über⸗ reich bezahlt durch Ihre Theilnahme. Laſſen Sie uns ohne Bedingungen Frieden ſchließen; Sie müſſen mir doch das Zeugniß geben, daß ich mich heute gegen Sie benommen, wie— wie ein Bruder gegen ſeine Schweſter; leider darf ich Reiſeplandereien. Blanda wird entführt. 173 keinen anderen Vergleich wählen. Deßhalb reichen Sie mir Ihre Hand zur Verſöhnung.“ „Und mit meinem heißeſten Danke,“ rief ſie, in lautes Weinen ausbrechend,„wenn Sie mir dabei eine Bedingung ge⸗ ſtatten!“ „Laſſen wir das für heute gut ſein,“ bat er dringender, ich bin ja kein Unmenſch und werde gewiß thun, was in meinen Kräften ſteht— alles, was ich kann, für einen freundlichen Blick aus Ihren ſchönen Augen, für das Glück, Ihre Hand in der meinen halten zu können— alſo Frieden, Blanda!“ „Ja— Frieden unter Bedingungen.“ Dann mußte ſie es wohl geſchehen laſſen, daß er ihre Hand ergriff und ſich niederbeugte, um einen Kuß auf ihre zarten, feinen Finger zu drücken. „Und nun laſſen Sie uns überlegen.— Ich weiß, daß meine Tante, die Gräfin Seefeld, ſehr gegen Sie eingenommen worden iſt, und es ſoll an mir nicht fehlen, dieſen böſen Ein⸗ druck zu verwiſchen; doch muß ich dabei ſehr klug und behut⸗ ſam zu Werke gehen, um,“ ſetzte er mit einem bedeutſamen Lächeln hinzu,„nicht Alles zu verderben, denn die Frau Gräfin Seefeld und ich ſind nicht immer die beſten Freunde geweſen, wahrhaftig ohne meine Schuld! Mein Oheim, der Herr Chri⸗ ſtian Kurt, wird ohne directe Nachkommen ſterben, weßhalb auf mich das Majorat des großen Vermögens übergeht und weßhalb böswillige Zwiſchenträger ſich bemühten, mich meiner Tante als ihren gefährlichſten Feind darzuſtellen. Ich kenne dieſe Zwiſchenträger wohl, bin aber leider noch obendrein ge⸗ zwungen, gute Miene zum böſen Spiel zu machen, bis.— hier überflog ein häßlicher Schatten ſeine Züge. Ja, ich bin 4 4 174 Vierundvierzigſtes Kapitel. ſogar gezwungen, mich dieſer Zwiſchenträger zu Ihren Gun⸗ ſten zu bedienen.“ „O nein, Herr Graf, nicht wegen meiner— meine Sache iſt ſo einfach und klar!— In meiner Abſicht liegt es ja nur, die Frau Gräfin von Seefeld zu überzeugen, daß ſie ihre Wohlthaten an keine Unwürdige verſchwendet; dann um eine kleine Auskunft zu bitten über meine arme Mutter. Weiter will ich nichts erreichen, nicht das Allergeringſte— Gott iſt mein Zeuge— um alsdann wieder ſpurlos zu verſchwinden.“ „Um wieder ſpurlos zu verſchwinden?“ ſagte er mit einem Lächeln und nachdem er, von Blanda unbemerkt, einen heißen Blick auf ſie geworfen.„Ueberlaſſen wir das der Zukunft und mir, zu überlegen, wie Ihre Sache am beſten anzugreifen iſt. Ihr Reiſeziel war Königsbronn, welches Städchen, eine kleine Stunde von der Waldburg entfernt, vor uns liegen wird, ſo⸗ bald wir jene Höhe erreicht haben; gut, dort bleiben Sie, bis ich droben mein Terrain unterſucht habe und Ihnen Nach⸗ richt gebe.“ Blanda hatte dagegen nichts einzuwenden, da es ja ge⸗ rade ſo in dem Plane lag, den ſie mit Erich beſprochen, und da ſie hoffen durfte, deſſen bewährten Freund und Beſchützer, den Doctor Burbus, in Königsbronn zu ſehen und ſeinen Rath zu hören. „Halten ſie mir indeſſen ein freundliches Andenken, Blanda,“ ſagte Dagobert Seefeld,„und vergeſſen Sie nicht, daß alle unangenehmen Erinnerungen ausgelöſcht ſein müſſen. Da wir uns aber Ihrem Ziele ſehr raſch nähern und Sie dort leider gezwungen ſind, meinen Wagen zu verlaſſen,“ fuhr er heiter fort,„ſo werde ich mit größter Discretion mich bemühen, einen n ᷣ Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 175 Blick in die Landſchaft zu werfen, um Ihre Toiletten⸗Geheim⸗ niſſe nicht zu ſtören, kann aber nicht umhin, Ihnen die Ver⸗ ſicherung zu geben, daß ich glücklich in dem Gedanken ſein werde, Sie an meiner Seite ſo beſchäftigt zu wiſſen.“ Eine tiefe Röthe flog bei dieſen Worten über das Geſicht des armen, jungen Mädchens; doch als ſie ſah, wie ſich ihr Nachbar gänzlich aus dem Wagenſchlage lehnte, Umſchau in der Gegend haltend, da nahm ſie raſch ihr kleines Reiſetäſchchen hervor, um unter dem verhüllenden Reiſepelze ihren Anzug wieder zu vervollſtändigen. Der Graf hatte unterdeſſen ſeinen Kammerdiener gefragt, ob er glaube, daß man von der Waldburg Relais für ihn nach Königsbronn geſchickt habe, was jener mit der Bemerkung ver⸗ neinte, daß Seine Erlaucht ja ausdrücklich befohlen hätten, die Zeit ihrer Ankunft nicht anzugeben. „Es iſt mir auch lieber ſo; ſage dem Poſtillon, er ſoll mir in Königsbronn keinen unnöthigen Lärm mit ſeinem Horn machen und mit dem Wagen in den Thorweg zur Poſt ein⸗ fahren— das Fräulein will dort ausſteigen.“ „Gut, Erlaucht.“ 3 „Darf ich jetzt wieder hereinkommen?“ fragte er hierauf lachend und halb gegen Blanda gewendet. „Gewiß, Herr Graf, und ich danke Ihnen herzlich.“ „Vielleicht auch Ihrem Schutzengel, daß unſere gemein— ſchaftliche Fahrt zu Ende iſt?“ fuhr er fort, wobei ſich ſein Lächeln in einen ernſten, faſt trüben Ausdruck verwandelte. „Warum ſollte ich das? Sie waren ſo gütig und freund⸗ lich gegen mich!“ „Alſo keine Rancune mehr— ehrlicher Friede!“ 176 Vierundvierzigſtes Kapitel. „Gewiß, und mit der herzlichſten, dankbarſten Erinnerung, wenn Sie nicht vergeſſen wollen, Herr Graf, daß Sie mir eine Bedingung zugeſtanden.“ „Mit Ihren Bedingungen, Blanda!“ Verbittern Sie mir doch dadurch nicht den letzten glücklichen Augenblick! Nun ja, ich will thun, was in meiner Macht ſteht— reichen Sie mir aber noch einmal Ihre kleine Hand zum Abſchiede— der Po⸗ ſtillon da draußen rast doch, als ob er des Teufels wäre!“ rief er hierauf unmuthig, als beim Ueberfahren einer Brücke dicht vor dem Städtchen der Wagen einen Stoß erhielt, der ihn nöthigte, die Hand des jungen Mädchens früher loszu⸗ laſſen, als er wahrſcheinlich beabſichtigt. Dann raſſelte und dröhnte es durch die engen Straßen des Städtchens, und nach einigen Minuten fuhr der Poſtillon in vollem Laufe der Pferde unter den Thorbogen des Poſthofes, dort vor der Eingangs⸗ thür ins Gaſthaus ſo ſcharf parirend, daß er jedenfalls ein dreifaches Trinkgeld verdient hätte. Da ſtand auch ſchon der Wirth, die Mütze ehrerbietig in der Hand, und verbeugte ſich aufs tiefſte vor Sr. Erlaucht. „Sind ein paar der beſten Zimmer Ihres Hauſes un— beſetzt?“ „Unbeſetzt wohl, Erlaucht, aber für heute Abend beſtellt.“ „So bitte ich Sie, die Zimmer dieſer jungen Dame an⸗ zuweiſen und den Beſteller meinetwegen eine Treppe höher hinauf zu logiren. „Ich will thun, was ich kann, Erlaucht, wenn....“ „Bitte, kein Wenn und Aber; ich werde heute Mittag noch herüber reiten, um nachzuſehen, wie das Fräulein untergebracht ict Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 127 iſt— und hoffe,“ ſagte er leiſe zu Blanda,„daß Sie mich alsdann freundlich empfangen werden!“ Mit herzlichen Worten das bejahend, dankte ſie ihm noch⸗ mals für ſeine Güte und ließ ſich dann von dem Wirthe auf ihr Zimmer führen, wo ſie ans Fenſter trat, um ein paar Minuten ſpäter mit ſeltſamen Gefühlen dem davonrollenden Wagen nachzublicken, tief und ſchmerzlich erregt, wenn ſie da⸗ ran dachte, wie furchtbar der Augenblick geweſen war, der ihrer Fahrt vorangegangen. War das alles nur ein beäng⸗ ſtigender Traum oder war es die entſetzliche Wirklichkeit?— Doch war an Letzterem nicht zu zweifeln, denn da ſtand ſie allein, in einem ihr unbekannten Hauſe einer fremden Stadt — dort lagen ihr Plaid und ihre kleine Reiſetaſche, und jetzt, ſo deutlich in der Erinnerung, tauchte wieder die entſetzliche Scene vor dem Poſthauſe in ihrer Seele auf, zugleich mit dem furchtbaren Gedanken, daß ſie Erich verloren, vielleicht für immer verloren habe. Blanda warf ſich in die Ecke des Sopha's und verharrte dort lange, lange Zeit ſchweigend, träumend, ſich ſelbſt be⸗ ſchwichtigend, um ſich gleich darauf wieder aufs heftigſte ſelbſt anzuklagen, daß ſie ſich von ihm hatte wegreißen laſſen, daß ſie es nicht verſucht, ihn mit ihren Armen, mit ihrer Bruſt vor einer ſchmachvollen Gefangenſchaft zu decken,— eine An⸗ klage, von der ſie ſich indeſſen gleich darauf mit trübem Lächeln wieder losſprechen mußte, da das ja doch alles unmöglich ge⸗ weſen wäre, und von der nach langem Sinnen und Denken als einziges Reſultat nur die traurige Gewißheit übrig blieb daß ſie ihn durch ihre Aufforderung, ſie zu begleiten, wahr⸗ ſcheinlich ins tiefſte Unglück geſtürzt haͤbe. Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 12 178 Vierundvierzigſtes Kapitel. Und was nun weiter— was konnte ſie für ihn thun? — An ſich ſelbſt dachte ſie in dieſem Augenblicke nicht.— Was vermochte ſie zu ſeinen Gunſten zu wirken?— Durch den Grafen Seefeld ſchwerlich, durch die Gräfin noch weniger! — Ah, vielleicht durch jenen Freund Erich's, durch den Doc⸗ tor Burbus! Und bei dieſem Gedanken ſah ſie einen Lichtſchein in dem traurigen Dunkel ihrer wirren Träume.— Ihn mußte ſie aufſuchen, um ihm alles zu erzählen, was mit Erich vor⸗ gefallen war. Dieſer Vorſatz entriß ſie ihrem dumpfen Hinbrüten und führte ſie hoffend und muthig in die Gegenwart zurück. Sie nahm aus ihrem Reiſetäſchchen, was ſie brauchte, um ihre durch den langen und beſchwerlichen Weg von geſtern Nacht gänzlich ſchadhaft gewordenen Stiefelchen nothdürftig zu erſetzen, fühlte aber dabei jetzt erſt zu ihrem Schrecken, wie ſehr ſie die Länge ihrer Reiſe unterſchätzt und in welch unangenehme Lage ſie nun kommen mußte, da es ja dem armen Erich unmöglich geworden war, ihr das, was ſie an nothwendigen Dingen be⸗ ſaß und vorläufig auf dem Jagdſchlößchen gelaſſen hatte, wie verabredet, heute noch nach Königsbronn nachzuſchicken.— Allerdings hatte ſie das Allernothwendigſte bei ſich, und als ſie, vor dem Spiegel ſtehend, ihr graues Kleidchen zurechtzog und glättete, auch mit größerer Sorgfalt als vorhin im Wa⸗ gen ihr Haar aufſteckte, da beſchlich ſie ein Gedanke von bei⸗ nahe hochmüthiger Gleichgültigkeit. Ihre feinen Lippen wölbten ſich trotzig, ihre Blicke erſchienen Füſter und herausfordernd und ihr Bewußtſein wurde neu erhoben und geſtärkt von dem Ge⸗ danken, daß ſie ja nicht nothwendig habe, als demüthig Bittende zu erſcheinen, ſondern daß ſie nur gekommen ſei, um Gerech⸗ — Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 179 tigkeit zu verlangen,— für ſich und auch für Erich, den man ja gewaltſam in das Unrecht, wenn er wirklich eines begangen, hineingetrieben hatte. Dieſer Gedanke für ihn, den Blanda ſolchergeſtalt hart⸗ näckig feſthielt, gab ihr die völlige Sicherheit wieder, und ſie öffnete die Thüre ihres Zimmers, um Jemanden herbei zu rufen, bei dem ſie ſich nach dem Doctor Burbus erkundigen könne. Da vernahm ſie, wie zwei Männer ſprechend die Treppe herauf ſtiegen, und um nicht für eine Lauſchende angeſehen zu werden, drückte ſie langſam die Thür bis auf einen kleinen Spalt wieder zu und hörte nun, wie der Eine mit einer ſehr tiefen, aber wohlklingenden Stimme ſagte: „Theuerſter Wirth und Poſthalter, das iſt alles recht ſchön und gut, aber es gibt etwas im Leben, welches bürger⸗ licher Muth heißt, und dieſes Etwas hätte Sie veranlaſſen ſollen, Sr. Erlaucht dem Herrn Grafen Dagobert Seefeld zu ſagen, daß, wenn für Jemanden Zimmer beſtellt ſind, durch mich, den wohlbekannten Doctor Burbus....“ „Doctor Burbus!“ hauchte Blanda. „....ich nicht der Mann bin, der es ſo ruhig hinnimmt, wenn dieſe Zimmer, ſelbſt nur vorübergehend, durch junge Damen beſetzt werden, welche der Herr Graf zu ihrem erlauch⸗ tigen Vergnügen auf dero Reiſen mit ſich herumführt!“ Der Wirth murmelte etwas, welches das durch die letzten Worte auf das ſchmerzlichſte berührte junge Mädchen nicht ver⸗ ſtand, worauf der Andere erwiederte: „Eh, vortrefflicher Poſthalter und Bärenwirth, ſo laſſen Sie das grimmige Thier auf Ihrem Wirthshausſchilde, das 180 Vierundvierzigſtes Kapitel. Sinnbild von Muth und Kraft, herabnehmen und dafür ein zartes Lämmlein aufſetzen— ei was, Graf Seefeld, hier bei Ihnen heißt es auch, wie bei uns in der Mühle: Wer zuerſt kommt, mahlt zuerſt! Und nun zeigen Sie jener jungen Dame dann die anderen, ebenfalls vortrefflichen Zimmer; ich beſtehe auf meinem Rechte, da ich heute Abend mit dem Eilwagen auch eine junge Dame erwarte, die aber für mich den Werth einer Prinzeſſin von Geblüt hat!“ Der Bärenwirth zuckte mit den Achſeln und machte ein recht verlegenes Geſicht, als er nun vor der betreffenden Thür ſtand, den Finger gekrümmt, um anzuklopfen. Doch überhob ihn Blanda dieſer Mühe, denn es däuchte ihr gut und richtig, die Thür weit zu öffnen und die Herren zu erſuchen, bei ihr einzutreten. Doch war der Bärenwirth klug und feige genug, dies nicht zu thun; er ließ vielmehr den Doctor voranſchreiten und zog dann die Thür ſachte zu, wor⸗ auf er ſich raſch davon machte, und Blanda ſah ſich hierauf einem alten Herrn gegenüber mit wohlwollenden Geſichtszügen, weißem, buſchigem Haare, deſſen kluge ſcharfe Augen ſie for⸗ ſchend betrachteten, während ein vielbedeutendes Lächeln um ſeinen Mund ſpielte. „Herr Doctor Burbus?“ fragte das junge Mädchen, und dann erſuchte ſie ihn durch eine Handbewegung, auf dem Sopha Platz zu nehmen. Und das wollte er denn auch ſchon thun, wobei er den Mund eigenthümlich ſpitzte, als ſei er im Begriffe, eine Melodie zu pfeifen; doch beſann er ſich eines Anderen und nahm raſch einen Stuhl, auf welchen er ſich, dem Sopha gegenüber, ſetzte, während das junge Mädchen ohne Weiteres ſich auf dieſes niederließ. Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 181 „Wie ich ſo eben, eigentlich unfreiwillig, vernommen,“ ſagte Blanda,„ſo ſind Sie gekommen, Herr Doctor, um den Wirth zu veranlaſſen, mir ein anderes Zimmer anzuweiſen.“ „Da Sie das gehört haben, ſo erſparen Sie mir die un— angenehme Mühe der Wiederholung.“ „Und werde Ihrem Wunſche ſogleich Folge leiſten.“ „Das heißt, ganz nach Ihrer Bequemlichkeit; denn was ich zu dieſem Wirthe ſagte, galt eigentlich mehr deſſen Rück⸗ ſichtsloſigkeit, Zimmer, die ich ausdrücklich beſtellt hatte, ſo ohne Weiteres wegzugeben— ja, Mamſell, ich habe dieſe Zimmer beſtellt für eine Dame, die ich in ein paar Stunden erwarte.“ Blanda konnte ſich eines leichten Lächelns nicht enthalten, welches aber auf den Doctor keinen angenehmen Eindruck her⸗ vorzubringen ſchien; er fuhr haſtig mit der Hand durch ſein dichtes, weißes Haar und meinte dann in gleichgültigem Tone: „Sie werden durch dieſen Wechſel nicht viel verlieren, und auch mir würden die anderen Zimmer den gleichen Dienſt leiſten, wenn ich es dieſem Wirthe und— Anderen gegenüber nicht für nothwendig hielte, auf meinem Rechte zu beſtehen, ja, ehrlich geſagt, wenn der Andere noch ein Anderer wäre, würde ich vielleicht dieſen Schein der Unhöflichkeit nicht auf mich geladen haben.“ „Das bedarf durchaus keiner Entſchuldigung,“ erwiederte Blanda, indem ſie aufſtand und Miene machte, ihr Reiſetäſchchen zu ergreifen.„Sie erlauben mir aber wohl noch die Frage, ob es vielleicht außer Ihnen in hieſiger Gegend noch einen anderen Herrn Doctor Burbus giebt.“ „Nicht, daß ich wüßte.“ „Das ändert allerdings die Sache,“ ſagte Blanda, wobei 182 Vierundvierzigſtes Kapitel. ſie ſich zum großen Erſtaunen des Doctors wieder in ihre Sophaecke niederließ und dann mit einiger Maßen bewegter Stimme fortfuhr:„Wenn Sie der einzige Herr Doctor Bur⸗ bus in hieſiger Gegend ſind und vielleicht jener Herr Doctor Burbus, der die Freundlichkeit hatte, ſich vor Jahren eines armen jungen Menſchen Namens Erich Freiberg anzunehmen, ſo habe ich vielleicht Urſache, dieſes Zimmer ſo raſch nicht wie— der zu verlaſſen.“ Das Erſtaunen, die Ueberraſchung des alten Herrn wuchs bei dieſen Worten zuſehends, zeigte ſich aber nicht von ange⸗ nehmer Art; vielmehr zog er ſeine buſchigen Augenbrauen fin⸗ ſter zuſammen und brach dann in die wenig erfreulichen Worte aus:„Ei, das wäre ja eine verfluchte Geſchichte— ah, Mam⸗ ſell, oder mein Fräulein, das hätte mir dieſer Erich nicht an⸗ thun ſollen!“ „Und iſt alſo auch für mich genügend, um dieſes Zimmer ſogleich zu verlaſſen.“ Der Doctor war haſtig aufgeſprungen, hatte ſeine Hände auf dem Rücken zuſammengelegt und durchmaß kopfſchüttelnd das Zimmer mit großen Schritten, wobei er abgebrochene Sätze hören ließ, wie:„Das iſt denn doch zu ſtark— das hätte ich nimmer erwartet— ſo iſt er getäuſcht worden— ſo wurde ich getäuſcht!“ „Und am meiſten ich ſelber!“ ſagte Blanda in traurigem Tone. Der Doctor blieb mit einem plötzlichen Rucke ſtehen. „Oder Sie? Sie ſind doch keine Andere, als die vor einer Stunde nach nächtlicher Fahrt mit Sr. Erlaucht, von dem wohl⸗ . Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 183 bekannten Herrn Grafen Dagobert Seefeld hier abgeliefert wurde, ehe er nach der Waldburg weiter fuhr?“ „Ich verſtehe nicht ganz den Sinn ihrer Worte, aber was ich davon verſtehe, iſt genug, um mich mein unausſprechliches Unglück überſehen zu laſſen!“— Sie preßte ihre Lippen auf einander, und in ihren Augen zuckte es ſchmerzlich. Der Doctor betrachtete ſie raſch mit einem durchdringen⸗ den Blicke, und da er eben ſo gutmüthiger Natur als ein großer Menſchenkenner war, ſo mochte er in der rührenden Geſtalt des jungen Mädchens, in ihrer jetzt ſo hülfloſen Hal⸗ tung, in dem Ausdrucke ihrer ſchwimmenden Augen etwas leſen, das er einer näheren Unterſuchung für werth hielt. Genug, er trat dicht vor ſie hin und ſagte mit einer Stimme, die nicht mehr ſo rauh klang, als ſo eben:„Ich bin Arzt, Fräulein, verſtehe mich auch ziemlich auf Seelenzuſtände, und wenn ich einem Kranken, der mich rufen läßt, helfen ſoll, ſo verlange ich, daß er mir ſeine Leiden von ihrer erſten Entſtehung an genau, offen und ehrlich ſchildert; dann verſchreibe ich ihm ein Recept oder ſage ihm eben ſo ehrlich: Freund, dir iſt nicht zu helfen.“ „Und ſo wollen Sie auch mich anhören?“ „Gewiß, und Ihnen auch eben ſo antworten durch Recept oder Achſelzucken.“ „Aber ich kann meine Erzählung nicht in die Zeit von zehn Minuten zuſammendrängen.“ „Zum Henker, das habe ich auch nicht verlangt! Und wenn Ihre Erzählung, wie ich hoffe, mich intereſſirt, beſonders in gewiſſen Beziehungen intereſſirt,“ ſagte der Doktor Burbus 184 Vierundvierzigſtes Kapitel. mit Nachdruck,„ſo ſoll es mir gehen, wie dem Glücklichen, für welchen auch keine Stunde ſchlägt.“ Darauf hin dankte ihm Blanda herzlich und erzählte ihm alsdann einfach und beſcheiden, was ſie von ihrer Jugend wußte; doch ſchien dieß den Doktor nur von dem Augenblicke an zu intereſ⸗ ſiren, wo ſie von jenem Manövertage als Vorſpiel des Abends auf der Waldburg ſprach, wo ſie Erich's zum erſten Male erwähnte, deſſen Gefangenſchaft und Rettung ſowie auch von den nun folgenden Ereigniſſen ihres Lebens. Von der Krank⸗ heit ihrer Mutter auf der Waldburg und von dem Tode derſelben ſchien er allerdings ſchon Einiges erfahren zu haben, aber auch das, was er wußte, ſorgfältig mit der Erzählung Blanda's zu vergleichen und dabei zu einem befriedigenden Re⸗ ſultate zu kommen. Er nickte ein paar Mal mit dem Kopfe, er ließ einige Male„Hm, hm“ hören, ja, er verließ gleich darauf den Stuhl, auf dem er nicht allzu bequem geſeſſen, und ließ ſich neben dem jungen Mädchen auf dem Sopha nieder, ſie zuweilen ſo aufmerkſam betrachtend, als halte er es für nöthig, ihre kindlich reinen und dabei ſo edel ſchönen Züge wie eine Illuſtration ihrer Erzählung anzuſehen. Für uns und den geneigten Leſer alles ſchon bekannte Dinge, die ihn aber mehr und mehr zu intereſſiren ſchienen, beſonders die Vorfälle in dem adeligen Damenſtifte, bei deren Schilderung er ein paar Mal herzlich lachte, dann aber ſehr ernſt wurde, als ſie von den Ereigniſſen auf dem Jagdſchlöß⸗ chen berichtete und nun Erich's Perſon ſehr in den Vorder⸗ grund trat. Bei ihrem Entſchluſſe, das Jagdſchlößchen zu ver⸗ laſſen, nickte Doktor Burbus beiſtimmend mit dem Kopfe, und als ſie nun an die Schilderung ihrer geſtrigen Reiſeerlebniſſe Reiſeplaudereien. Blanda wird entſührt. 185 kam, rückte er in ihre Nähe und ſchien jedes Wort, ehe ſie es ausſprach, von ihren Lippen ableſen zu wollen. Seine Blicke verfinſterten ſich, er ſchüttelte heftig mit dem Kopfe, und als ſie nun des entſetzlichen Vorfalles auf der Poſtſtation erwähnte, wobei unbemerkt aus ihren weitgeöffneten, ſchönen, klaren Au⸗ gen die Thränen wie Perlen herabrollten, da ſprang der Dok⸗ tor von dem Sopha auf, fuhr ſich mit beiden Händen durch ſein buſchiges Haar und rief aus: „Wenn es dieſer Herr Graf Dagobert Seefeld ſchier dar⸗ auf angelegt hatte, daß ſo etwas erfolgen mußte, ſo iſt es doch eine ganz erſchütternde Wendung, die ich wahrhaftig nicht vor ausgeſehen— armer Erich!“ „Und das iſt Alles,“ ſchloß Blanda, nachdem ſie noch er— zählt, wie man ſie faſt mit Gewalt in den Wagen gehoben und wie ſie deßhalb mit dem Grafen Seefeld ſtatt mit dem Eil⸗ wagen hier angekommen ſei. „Zum Henker, das iſt vollſtändig genug!“ rief der Doktor, im Zimmer auf und ab eilend;„Stoff ſür einen ganzen Ro⸗ man, von dem aber vielleicht der Leſer ſagen würde: wie kann man ſo unglaubliches und verrücktes Zeug erfinden! In unſerer Zeit, bedenken Sie doch, Fräulein Blanda, in unſerer aufge⸗ klärten und civiliſirten Zeit! Aber daß Sie mich ſo außer mir ſehen, muß Ihnen den beſten Beweis liefern, wie ſehr mich Ihre Erzählung aufgeregt, und da ſie mich aufgeregt, muß ich auch für die Wahrheit derſelben einen feierlichen Eid ablegen können, wozu ich denn auch— hol' mich der— jeden Augen⸗ blick erbötig bin— armes Kind!“ Er reichte ihr ſeine beiden Hände hin und zog ſie dann 186 Vierundvierzigſtes Kapitel. ohne Weiteres von dem Sopha empor in ſeine Arme, um ſie herzlichſt auf die Stirn zu küſſen. „Das iſt die Bekräftigung meines Schwurs, und jetzt kommt der Kriegsrath— was haben wir zuerſt zu thun und was zuletzt?“ „O, lieber Herr Doktor,“ ſagte Blanda, indem ſie ihre gefalteten Hände bittend emporhob—„was kann für Erich geſchehen, wie iſt ihm zu helfen?“ „Zweite Linie, mein Kind, zweite Linie oder gar dritte,“ antwortete der Doktor, nachdem er ſeine Hände auf dem Rücken zuſammengelegt, ſeinen Spazirgang wieder aufgenommen hatte und dann nicht nur den Mund zum Pfeifen ſpitzte, ſondern wirklich ein paar Töne pfiff, dies aber eben ſo raſch abbrach wie ſeinen Spazirgang und dann vor Blanda ſtehen bleibend, ſagte:„In erſter Linie der Berathung kommen Sie ſelbſt, ohne daß wir Erich aus den Augen verlieren; für Sie muß geſpro⸗ chen und gehandelt und manches aufgedeckt werden, was noch keinen rechten Zuſammenhang hat— da fällt mir eben ein, Sie erzählten auch von einem Briefpaket, das Ihnen Erich über⸗ geben und von dem er vermuthete, ſein Inhalt könne mit Ihrer Vergangenheit irgend einen Zuſammenhang haben; dieſe Papiere ſind doch nicht verloren gegangen oder mit Ihren übrigen Sachen auf dem Jagdſchlößchen zurückgeblieben?“ „Da Erich ſie mir zum Aufbewahren gegeben, ſo glaubte ich, ſie mit mir nehmen zu müſſen— hier ſind ſie.“ Sie nahm das Paket aus ihrem Reiſetäſchchen und reichte es dem Doktor, der es ein paar Secunden lang mit einem nachdenklichen Blicke in der Hand wog. Vielleicht iſt das ſehr unnützes Geſchreibſel für uns, viel⸗ Reiſeplaudereien. Blanda wird entfuͤhrt. 187 leicht aber werthvoll— jedenfalls aber werthvoll für einen Dritten,“ ſetzte er nach einer Pauſe, wie in tiefes Nachſinnen verſunken, hinzu—„für einen reſpectabeln Dritten, der mir einmal von dem räthſelhaften Verſchwinden eines Briefpakets, wie dieſes da, geſprochen; jedenfalls aber betrachte ich es für kein Verbrechen, ja, nicht einmal für eine Indiscretion, den Inhalt dieſer Papiere näher zu betrachten.“ „Sie wollten, Herr Doctor....“ „Das Paket öffnen? Allerdings, da ich feſt überzeugt bin, daß es in der Abſicht des armen Erich lag, mir, dem Doktor Burbus, an den er Sie, mein Fräulein, gewieſen, aus dem Inhalte dieſer Papiere kein Geheimniß zu machen. Wer weiß,“ ſetzte er mit ungemeiner Wichtigkeit hinzu,„ob nicht Sachen darin ſind, die für Erichs Angelegenheit von großem Nutzen ſein können.“ „Ja, wenn Sie das glauben, Herr Doktor!“ „Ich glaube daran,“ ſagte er mit komiſchem Ernſte, feſt und unverbrüchlich, wie an manches Andere, was minder glaub⸗ würdig iſt. Damit Sie aber, mein theures Fräulein, an dem, was ich thun will, durchaus keinen Antheil haben, ſo bitte ich, ſich ruhig in Ihre Sophaecke niederzulaſſen und nicht einmal zu mir herüber zu ſchauen.“ Nach dieſen Worten nahm er einen Stuhl, ſetzte ſich ans Fenſter und öffnete ohne Weiteres den Umſchlag des Papier⸗ pakets. Blanda that, wie er befohlen, und warf keinen Blick hin⸗ über, wozu wir aber keine Verpflichtung haben und deßhalb ſagen, daß der Inhalt des Pakets aus einer Menge vergilbter Papiere beſtand, welche hier und da mit ſorgfältig zuſammen⸗ 188 Vierundvierzigſtes Kapitel. gelegten Bogen von friſcherem und weißerem Papier untermiſcht waren. Der Doktor legte das ganze Paket behutſam vor ſich auf die Fenſterbank und begann von oben herab in den Brie⸗ fen zu leſen. Ach, die erſten waren von ſo altem Datum, daß er beim Durchſehen derſelben bedenklich mit dem Kopfe ſchüttelte; auch ſchien der Inhalt aller im Allgemeinen ziemlich der gleiche zu ſein. Dann kam der Leſer an einen friſcheren, größeren Pa⸗ pierbogen, und hier zogen ſich ſeine Augenbrauen ſchon auf⸗ merkſamer in die Höhe; es mochten das vielleicht Bekenntniſſe irgend einer ſchönen Seele ſein, eine Art Tagebuch, das den Zuſammenhang bildete zwiſchen den Briefen, in denen ſich oft große Zeitlücken vorfanden. Eine neue Folge dieſer Briefe blätterte der Doktor mit größerem Intereſſe durch, welches dann beim Durchleſen eines zweiten Papierbogens ſo zu wachſen ſchien, daß er ſich unwillkürlich ein paar Zoll von ſeinem Stuhle erhob, aber gleich darauf, ohne ſein Leſen zu unterbrechen, wieder niederließ. Beim Durchleſen des dritten Tagebuchblattes warf er zum erſten Male einen langen und ausdrucksvollen Blick nach Blanda hinüber, die das aber nicht bemerkte, weil ſie mit gefalteten Händen und niedergeſchlagenen Augen in der Sophaecke lehnte, offenbar mit den Erlebniſſen der vergangenen Nacht beſchäftigt. Weitere Briefe glitten durch die Hand des Leſenden, der den Inhalt meiſtens nur flüchtig, immer aber mit großem In⸗ tereſſe betrachtete und jetzt beim nächſten Tagebuchblatte ſich raſch gegen Blanda umwandte und mit einem grinſenden Lächeln, welches er offenbar als Maske gebrauchte, um ſeine tiefe Be⸗ —C—C—— ☛ Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 189 wegung zu verbergen, fragte:„Sagten Sie mir nicht, daß man Sie in dem adeligen Damenſtifte Miß Price genannt?“ „Ja, Herr Doctor.“ .„O— o—o—oh, ſo war das wahrſcheinlich der Name Ihres Vaters!“ „Leider weiß ich das nicht genau, aber es iſt möglich.“ „Sehr möglich— außerordentlich möglich,“ verſetzte der Doctor gedankenlos, da er ſchon wieder im Leſen des nächſten Tagebuchsblattes vertieft war—„ſehr möglich— wahrſchein⸗ lich— gewiß— o, Price iſt ein ſehr ſchöner Name!“ Obgleich Blanda dieſe Verſicherung mit keiner Sylbe be⸗ antwortete, ſondern nur eine leichte Bewegung auf dem Sopha machte, ſo ſchüttelte doch der Doctor eifrig ſeine rechte Hand, gegen ſie, als wolle er ſie dringend erſuchen, ihn mit gar nichts zu unterbrechen, worauf er das letzte Tagebuchblatt zu Ende las, dann die Hand mit demſelben auf das Knie ſinken ließ, und dabei mit einem überaus heiteren Blicke an den Himmel hinauf ſchaute. Doch dauerte es nicht lange; dann griff er mit unruhigen Fingern nach einem in Papier gewickelten Ge⸗ genſtande, welcher den Reſt des Pakets bildete, nahm ihn aus ſeiner Umhüllung, brachte ihn vor die Augen und fuhr dann mit einem lauten, freudigen Ausrufe von ſeinem Stuhle empor. Hatte ihn Blanda ſchon nach der Frage, die er vorhin gethan, erſtaunt betrachtet, ſo wußte ſie jetzt in der That nicht, was ſie von dem Benehmen des alten Herrn zu halten habe; er hielt den Gegenſtand, den er ſo eben beſehen, vor ſich hin, wobei ihn ſeine Augen bald betrachteten, bald mit der größten Aufmerkſamkeit nach Blanda hinüber ſchweiften. Dann legte er ihn wieder ſorgfältig auf das Briefpaket, drückte ein paar 190 Vierundvierzigſtes Kapitel. Secunden lang ſeine Rechte auf die Stirn, wobei er laut zu ſich ſelber ſprach:„Soll ich, oder ſoll ich nicht?— Nein, icch ſoll nicht— nicht eher, als bis Alles im Klaren iſt! O himmliſche Güte, wer mir das vor einer Stunde geſagt hätte, als ich dieſem feigen Poſthalter und lammherzigen Bärenwirthe den verdienten Rüffel ertheilte— Gott iſt groß!“— Dann packte er mit zit⸗ ternden Händen die Papiere wieder raſch zuſammen, ſteckte ſie in die weite Taſche ſeines Ueberrockes, und vor Blanda hin⸗ tretend, klopfte er mit den Fingern leicht auf die Stelle, wo ſich ſein Herz befand ſo wie die für ihn ſo wichtigen Papiere, und lächelte mit dem glückſeligen Geſichtsausdrucke eines Vaters, der es in der Freude ſeines Herzens nicht unterlaſſen kann, auf ein koſtbares Geſchenk, welches er bei ſich trägt, ſolcher⸗ geſtalt aufmerkſam zu machen.—„Alles gut— Alles gut und vor⸗ trefflich, Fräulein Blanda, und in den beſten Händen! Aber ſehen Sie mich um Gottes Willen mit Ihren ſchönen Augen nicht ſo fragend an, denn ich darf es Ihnen doch jetzt nicht ſagen, ſon⸗ dern muß Alles auf natürliche Weiſe ſich abwickeln laſſen— aber es iſt ſchön— zum Schreien!“ „Auch für Erich, Herr Doctor?“ Dieſe paar Worte, welche das junge Mädchen mit ſo innigem Gefühle ausſprach, machten vielleicht gerade dadurch den Eindruck auf den Doctor Burbus, als werde er plötzlich mit kal⸗ tem Waſſer übergoſſen.—„Weiß Gott, an den habe ich gar nicht mehr gedacht!“ „So würde er keinen Antheil an dem Glücke haben können, das Sie mir eben prophezeit?“ „Schwerlich, ſchwerlich, um ehrlich zu antworten, wie ich immer zu thun pflege!“ rief der Doctor mit einem Geſichts⸗ Reiſeplaudereien. Blanda wird entführt. 191 ausdrucke, der dem jungen Mädchen deutlich ſagte, wie über⸗ zeugt, er von ſeinen Worten war.„Doch kann auch ihm viel⸗ leicht dadurch gewiſſer Maßen noch geholfen werden. Stellen Sie um des Himmels willen jetzt keine weitere Frage an mich, ich ſagte Ihnen vorhin ſchon, daß Erich's Schickſal erſt in zwei⸗ ter oder dritter Linie kommen kann; aber vertrauen Sie mir, Fräulein Blanda, glauben Sie mir, daß ich ſeine Angelegen⸗ heit ſo in die Hand nehmen werde, als ſei er mein eigener Sohn! Aber nun raffen Sie Ihre Habſeligkeiten zuſammen und folgen mir getroſt!“ „Wohin denn, Herr Doctor?“ „Ei, nach der Waldburg— fürchten Sie nichts— dort kommt Graf Dagobert Seefeld auch erſt in zweiter oder dritter Linie! Ich führe Sie zur Gräfin, vielleicht auch zu dem alten Herrn Chriſtian Kurt, bei dem ich ſchon früher etwas galt. Kommen Sie, Fräulein Blanda, kommen Sie, mein Wagen hält drunten vor dem Hauſe!“ Fünfundvierzigſtes Kapitel. Von Erſcheinungen, welche Herr Chriſtian Kurt am hellen Tage hatte, von Liedern verſchiedener Art und angenehmen Dingen, wie man ſie gern am Schluſſe eines Buches liest. In Blanda lebten eigenthümliche Erinnerungen auf, als ſie, in dem leichten Jagdwagen des Doctors ſitzend, deſſen beide Pferde er ſelbſt lenkte, nun eine gute Strecke hinter Kö⸗ nigsbronn von der breiten Chauſſee, die nach Zwingenberg führte, abbogen, um auf näheren Feld⸗ und Waldwegen das Schloß des Grafen Seefeld zu erreichen; ja, ſie fand ſich hier wieder zurecht, obgleich ſchon manche Jahre zwiſchen heute und jenem Tage lagen, wo ſie dort in dem ziemlich ausgedehnten Thale vor dem Zelte des hohen Officiers als Wunderkind auf ihrer Kugel getanzt hatte, wo alsdann das Lager von den feindlichen Reitern überfallen worden und wo Erich es geweſen war, der ſich ihrer und der Anderen angenommen, der, ihre Ponies mit ſichrer Hand lenkend, ſie glücklich zu den Ihrigen zurückgebracht hatte. Ja, dort rechts neben ihr lag die Ebene, während der leichte Wagen dahinrollte auf der gleichen Höhe, von der da⸗ Erſcheinungen und angenehme Dinge. 193 ſ- L 9 mals die feindliche Artillerie ſo ſchrecklich herabgeſchoſſen hatte. Aber wie hatte ſich der Platz da unten verändert, wie lag heute die Fläche da, ſo einſam und ſtill, bedeckt mit üppig grünen Saaten, auf denen das Sonnenlicht ſpielte, während hoch oben in der Luft die Lerche unſichtbar ihre Lieder trillerte. „Wir hätten auf der Straße weiter fahren können bis nahe bei Zwingenberg, wo ein breiterer Weg über mein Gut, die königsbronner Mühle, nach der Waldburg führt,“ ſagte der Doctor;„doch war mir meine Zeit heute zu koſtbar, um zu Hauſe anzuhalten. Auch haben wir hier einen kürzeren Weg, welcher jetzt, da es in der letzten Zeit nicht viel geregnet hat, ſehr gut zu fahren iſt, und dabei den Vortheil, ziemlich ungeſehen an die hintere Seite des Schloſſes zu gelangen, was heute für mich von Wichtigkeit iſt.— Erinnern Sie ſich noch etwas von der Waldburg?“ „O, ja,“ ſagte Blanda;„doch wenn ich, wie damals bei Nacht hinkäme, wo Alles ſo ſchön und prächtig erleuchtet war, würde ich mich vielleicht noch viel beſſer zurecht finden, denn alles, was ich dort geſehen und erlebt, ſteht als ziemlich düſte⸗ res Nachtbild vor meiner Seele— da iſt ein großer Hof in deſſen Mitte eine kleine Kirche ſteht, neben welcher ſich ein Durchgang befindet, der zu einer Reihe langer Gebäude führt.“ „Ganz richtig; letzteres ſind Dienſtbotenwohnungen, Ma⸗ gazine, leere Räume.“ „In einem der letzteren, das Gemach war rund, wie in einem Thurme gelegen, verbrachten wir die Nacht; ich unruhig und ſchlaflos, wenigſtens bis zu jener Stunde, wo Kolma den armen Erich aus ſeinem Gefängniß errettet hatte. Eigentlich war es Zaregg, der die Thür erbrach, während die gute Ticzka 13 Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. ———— 194 Fünfundvierzigſtes Kapitel. den Grafen Dagobert Seefeld zurückhielt; das war in einem weiten Garten, der hinter den Gebäuden liegt, in welchem ſich weiße Marmorfiguren befanden und der bis an den Wald hinaufging— o, ich ſehe das noch ſo deutlich vor mir!“ „Ja, ja, ſo iſt es; dem armen Erich hätte es noch ſchlecht ergehen können, wenn er nicht durch Sie gerettet worden wäre. — Dann aber wurden Sie in den großen Saal geführt?“ fragte der Doctor nach einer kleinen Pauſe. „Wo es mir förmlich vor den Augen flimmerte, als wir aus der dunkeln Nacht in den Glanz der Hunderte von Lich⸗ tern traten, bei der wilden, rauſchenden Muſik und bei der lärmenden Fröhlichkeit aller der Officiere; doch habe ich davon nicht viel Einzelnes behalten, auch nicht, wie ich getanzt und meine Kunſtſtücke gemacht habe. Nur etwas Anderes iſt mir lebhaft in der Erinnerung geblieben, o, ſo lebhaft, wie wenig aus jener Zeit.“ „Und was war das, Fräulein Blanda?“ „Als die Ticzka mit den Zigeunerinnen tanzte und die Herren alle außer ſich waren, wie immer, wenn ſie gut gelaunt war oder es der Mühe werth fand, ſich beſonders hervorzu⸗ thun, da verlor ich mich hinter dem Gedränge der Officiere in den weiten Saal hinein und betrachtete ſtaunend all den Glanz, der ihn erfüllte, die prächtigen Kronleuchter, die Vergoldungen, die Malereien, vor Allem den Tiſch mit ſeinen wundervollen Geſchirren. Kolma hat nachher mit mir gezankt, daß ich ſo ohne Weiteres alles das betrachtet; aber ich konnte damals nicht anders, ich fühlte durchaus keine Scheu oder Furcht, und es war mir gerade ſo zu Muthe, als ſei das für mich ſo ausgeſtellt, daß ich es anſehen könne. Deßhalb ging ich immer weiter und Erſcheinungen und angenehme Dinge 195 kam zuletzt an einen großen Kamin, in dem ein gewaltiges Feuer loderte und neben dem man mit ſpaniſchen Wänden einen kleinen, behaglichen Winkel geſchaffen, wie für Jemanden, der in der großen Halle und doch wieder in derſelben für ſich allein oder mit Wenigen abgeſondert ſein wollte. Aufrichtig geſagt, da gefiel es mir am beſten, und die behagliche Gluth, die den brennenden, gewaltigen Holzklötzen entſtrömte, that mir wohl; nicht als ob ich gefroren hätte, ſondern ich dachte an meine arme Mutter, die jetzt draußen in dem runden Thurmgemache krank im Fieber lag und der ich ſo gern die Wärme dieſes Feuers gegönnt hätte. Dabei kam mir die Erinnerung an längſt vergangene Tagez aber aus dieſen Erinnerungen erſchien nichts vor meiner Seele, als ebenfalls die freundliche Gluth eines Kaminfeuers, vor welchem meine gute Mutter ſtand und unſer Nachteſſen kochte, während ſie leiſe vor ſich hin eine be kannte Melodie ſummte, mit der ſie mich häufig einſchläferte.“ „Und was war das für eine Melodie?“ fragte der Doctor, nachdenkend vor ſich hinblickend, wobei er wie unwillkürlich mit ſeiner Peitſche ſpielte und die Schnur durch leichte Schwin gungen um den Stiel wickelte. „Es war die Melodie des alten Liedes: ‚Marlborough s'en va-t-en guerre.“ „Ja ſo, das dachte ich mir.“ „Und dieſe Melodie ſang ich unwillkürlich vor mich hin, erſchrack aber beinahe, als ich hinter mir mit einer leiſen, zit⸗ ternden Stimme den Refrain: ‚Mironton, mironton, miron- taine,“ wiederholen hörte. Raſch blickte ich mich um und ſah in einem Lehnſtuhle, der in der Ecke an der ſpaniſchen Wand ſtand, einen alten Mann ſitzen, der mich mit erſtaunten Blicken 196 Fünfundvierzigſtes Kapitel. betrachtete und dabei ſeine dünnen, blaſſen Lippen bewegte, als wiederhole er noch immer das ‚Mironton, mironton, miron- taine.’ Da ſchlich ich mich langſam zurück und war froh, daß der alte Herr mit den ſtarren Augen mich nicht angerufen hatte.“ Der Doctor antwortete auf dieſe Erzählung keine Silbe, nickte aber mehrmals mit dem Kopfe und pfiff die gleiche Me⸗ lodie vor ſich hin, während er ſeine Peitſchenſchnur wieder ab⸗ wickelte und dann unter einem leichten Zungenſchlage die Flanke des Sattelpferdes ſanft damit berührte. Hatte man doch jetzt einen beſſeren Weg erreicht, und die Pferde trabten dahin, daß es eine Freude war. „Was iſt denn das?“ fragte Blanda, nachdem ſie eine Waldecke umfahren und nun in kleiner Entfernung vor ſich aus den dichten, grünen Laubmaſſen einen rieſenhaften ſchnee⸗ weißen Waſſerſtrahl ſahen, der hoch über alle Gipfel der Bäume emporfuhr. „Das iſt die große Fontaine aus dem Garten der Wald⸗ burg, und dort zwiſchen den uralten Buchen tritt das Dach des Schloſſes hervor; wir ſind ſogleich an Ort und Stelle, und wenn Sie die Güte haben wollten, Fräulein Blanda, für einen Augenblick die Zügel zu nehmen, ſo will ich das Verdeck des Wagens aufſchlagen; ich habe auch dazu meine guten Gründe.“ Das junge Mädchen nahm bereitwillig Zügel und Peitſche und faßte Beides ſo kunſtgerecht mit ihren kleinen Händen, daß der Doctor Burbus, nachdem er die Verdeckfedern vorgedrückt, mit einem außerordentlich beifälligen Lächeln auf ſeine ſchöne Nachbarin blickte. „Ei, Sie führen das, wie etwas Wohlbekanntes 1 Erſcheinnngen und angenehme Dinge. „Iſt auch nichts Neues für mich, Herr Doctor. „Reiten auch vielleicht?“ „O, gewiß!“ „Hm,“ ſagte er mit einem fröhlichen Lächeln,„ſo wäre auch Ihre Erziehung in dieſen edlen Künſten, ſo wie man es ſich nur wünſchen könnte; aber ſo leid es mir thut, muß ich Sie jetzt erſuchen, mir Zügel und Peitſche zurück zu geben und ſich feſt in die Ecke zu drücken— da ſind wir ſchon!“ Nur für einen Augenblick ſah Blanda die gewaltigen Maſ⸗ ſen des Schloſſes ſo wie Ihnen zur Seite den Thurm der Capelle hinter den grünen Laubmaſſen hoch emporragen, dann tauchten Pferde und Wagen in dieſe ein; noch ein paar Mi⸗ nuten lang ging es auf einem ſanft geſchlungenen, tiefſchattigen Wege aufwärts, dann hatten ſie die Waldburg auf der Rück⸗ ſeite erreicht— ach, gerade an jenem runden Thurme, von dem das junge Mädchen vorhin geſprochen. Mit einem unausſprech⸗ lich wehmüthigen Gefühle drückte ſie ihre gefalteten Hände vor die Bruſt. Da war auch zu ihrer Rechten der große Garten mit ſeinen weißen Marmorfiguren, dort ſogar die Bank, vor der Kolma geſtanden; in der Ferne erhob ſich der dichte Wald durch den Erich damals geflohen war— aber bei allem Schmerze, der die Seele des jungen Mädchens erfüllte, bei aller zärtlichen Erinnerung an Erich und auch an Kolma erſchien ihr jetzt, wo Schloß und Garten in dem blendenden Tageslichte vor ihr lagen, wo das glänzende Sonnenlicht auf den prachtvollen Blumenbeeten ſtrahlte, wo es die Marmorfiguren goldig an⸗ hauchte, wo es auf den kleineren und größeren Fontainen, die man erblickte, Millionen von Brillanten hervorzauberte— er⸗ ſchien ihr heute, jene Nacht wie ein unheimlicher Traum, ——— 198 Fünfundvierzigſtes Kapitel. aus welchem erwacht ſie ſich faſt getröſtet fühlte beim Anblicke dieſer heiteren, lachenden Umgebung, die ſich, Glück verheißend vor ihren Blicken aufthat; ja, ſie vermochte es über ſich, jetzt mit einem milderen, weicheren Schmerze an den unglücklichen Erich zu denken, da ſie, ihre glänzenden Augen zu dem tief⸗ blauen Himmel des herrlichen Frühlingstages erhebend, wie be⸗ tend vor ſich hinflüſterte:„Ach, die Welt iſt zu ſchön, um nicht glücklich in ihr zu ſein, und der ſie erſchaffen, zu gerecht, um nicht auch für dich, mein armer, theurer Freund, zu ſorgen!“ Da rollte der leichte Wagen auch an jener Thür in dem langgeſtreckten Seitengebäude vorüber, wo Erich feſtgehalten worden war; doch hatte Blanda nicht die Zeit, aufs Neue ihren Träumereien nachzuhangen, denn der Doctor hielt jetzt ſeine raſchen Pferde an, und zwar am Fuße eines runden Thurmes, ähnlich dem anderen am Ende der Schloßgebäude, und da hier ſogleich ein Diener erſchien, ſo warf er dieſem die Zügel zu, faßte den Arm des jungen Mädchens und geleitete es eine breite und ſehr bequeme Wendeltreppe hinauf, welche ſich im Thurme befand und oben auf einen langen Corridor führte. Dicke Teppiche dämpften hier den Schritt der Gehenden, und während hohe Bogenfenſter zuweilen einen Blick auf den großen Garten erlaubten, waren die Zwiſchenräume ſo wie die gegen⸗ überliegende Wand mit unzähligen Kupferſtichen, Jagddarſtel⸗ lungen, abwechſelnd mit Rehkronen, verziert, während ſich oben eine faſt unabſehbare Reihe großer, ſtattlicher Hirſchgeweihe befand. Jetzt erreichte Blanda mit ihrem Begleiter ein kleines Vorzimmer am Ende des Ganges und trat von dieſem in ein größeres Gemach, wo ſie der Doctor ſanft auf einen Sitz in Erſcheinungen und angenehme Dinge. 199 der tiefen Fenſterniſche führte und ſie bat, hier ſeine Zurück⸗ kunft zu erwarten. Er blieb aber ſo lange aus, daß es Blanda in dem wei⸗ ten Gemache beinahe unheimlich geworden wäre, wenn nicht gerade das Alleinſein hier und die tiefe Stille, welche ſie um⸗ gab, beruhigend, faſt erheiternd auf ihr Gemüth gewirkt hätte. Auch war der Blick von hier aus in die Landſchaft über alle Beſchreibung großartig und ſchön: im Vordergrunde dichter Wald, deſſen rieſige Buchen und Eichen ſanft einen Abhang hinabſtiegen, hinter dem ſich das Thal öffnete, um eine ent⸗ zückende Fernſicht auf eine weite Ebene ſo wie auf fernliegende tiefblaue Berge zu bieten.— Waren dies vielleicht auch die⸗ ſelben, deren Ausläufer ſie geſtern Nacht mit Erich überſchrit⸗ ten?“ Sie wußte es nicht, ſandte aber dennoch träumeriſche Grüße der innigſten Liebe dorthin, die von der Kraft ihrer Ge⸗ danken getragen, wohl den Weg an ſein Herz zu finden ver⸗ mochten. „Das hat etwas lange gedauert,“ ſagte Doctor Burbus, mit lächelndem Geſichte näher tretend;„es war aber auch für mich keine Kleinigkeit, aus dem, was Sie mir heute Morgen ſo herzlich lieb erzählt, paſſende Bruchſtücke herauszunehmen und paſſend an einander zu reihen. Kommen Sie jetzt, Fräu⸗ lein Blanda, die Gräfin Seefeld iſt begierig, Sie wiederzuſehen.“ Zwar nicht ängſtlich, aber doch mit klopfendem Herzen folgte das junge Mädchen durch eine Reihe großer und ſchöner Gemächer, alle ſo ſtill und feierlich, daß die langſame Bewe⸗ gung der mächtigen Laubmaſſen hier und da vor den hohen Fenſtern ſchon eine angenehme Abwechslung bot; dann kamen ſie auf ein breites, prächtiges Veſtibul, in das eine rieſige, dop⸗ 200 Fünfundvierzigſtes Kapitel. pelläufige Treppe mündete, und erſt nachdem ſie dieſen großen Vorplatz überſchritten, gelangten ſie zu den Gemächern der Gräfin Seefeld und zuletzt in das kleine Boudoir derſelben, mit hellen, freundlichen Wänden und zierlichen Möbeln, von einer einzigen koloſſalen Fenſterſcheibe erhellt, welche einen Blick auf die hoch emporſprühende Fontaine des beträchtlich tiefer liegen⸗ den Schloßparkes gewährte. Dort, an dieſem Fenſter, ſtand Gräfin Iſabella, über deren immer noch auffallend ſchöne Züge die Jahre, welche zwiſchen jenem Manövertage und heute lagen, doch nicht ganz ſpurlos vorübergegangen waren— jene Jahre eines ſo einſamen und abgeſchloſſenen, um nicht zu ſagen, freudeloſen Lebens, allerdings in Glanz und Herrlichkeit, aber an der Seite des Herrn Chri⸗ ſtian Kurt, wie wir ihn in früheren Capiteln dieſes Buches kennen gelernt haben. Die Gräfin hielt beim Eintritte Blan⸗ da's einen Gegenſtand in der Hand, den ſie aufmerkſam be⸗ trachtete, dann auf ein Tiſchchen an ihrer Seite legte und dem jungen Mädchen mit einem ſo unverkennbaren Ausdrucke von Wohlwollen, ja, von Liebe entgegen eilte, daß ſich die gewaltige Spannung in der Seele Blanda's in wohlthätige Thränen auf⸗ löste, welche reichlich auf die Hände der ſchönen Frau floſſen; doch hob ihr dieſe den Kopf ſanft in die Höhe, küßte ſie auf die helle Stirn, auf die feinen Lippen und ſchloß ſie dann mit einer faſt mütterlichen Zärtlichkeit in ihre Arme. Daneben, in einiger Entfernung ſtand der Doctor, rieb ſich die Hände und ſchnitt dabei ſo ſeltſame Grimaſſen, daß Gräfin Iſabella bei ſeinem Erblicken, trotzdem auch ihre Augen feucht geworden waren, doch den kleinen Blitz eines ganz leich⸗ Erſcheinungen und angenehme Dinge. 20¹ ten Lächelns nicht unterdrücken konnte. Dann ſagte ſie zu ihm, indem ſie ihm die Hand reichte: „Laſſen Sie jetzt Blanda bei mir und ſuchen Sie Ihren Freund und Collegen, den Doctor Herbert, aufz wie ich Ihnen ſchon vorher ſagte, lautete ſein Bericht heute Morgen ſo günſtig, daß das, was geſchehen ſoll, ſogleich geſchehen muß.“ „Das iſt auch meine Anſicht, Frau Gräfin, und da ich in wichtigen Dingen von⸗ jeher ein Feind aller Zögerung war, ſo eile ich, Ihrem Befehle nachzukommen.“ Doctor Burbus verließ raſch das Boudoir, um dann, durch die Gemächer eilend, die Treppe hinabzuſteigen und vor dem Schloſſe zu einem kleinen Nebengebäude zu gelangen, das in der lieblichen Geſtalt eines mit Schlingpflanzen dicht um wachſenen Gatzahſ dicht an dem großen Garten lag. Hier war die Wohnung des jovialen Leibarztes Sr. Erlaucht des Herrn Graſen Chriſtian Kurt und der Doctor ſelbſt eben im Begriffe, den Sattel eines prachtvollen engliſchen Jagdpferdes zu verlaſſen, mit dem er eine Streiferei durch den thaufriſchen, herrlichen Frühlingsmorgen gemacht. „Botaniſirt, he?“ rief ihm Burbus⸗ ſchon von Weitem ent⸗ gegen, worauf der Andere erwiederte: „Allerdings, aber nicht in ſo ſchöner Geſellſchaft, wie Ihr, Collega; meint Ihr, ich hätte Euch vor einer Stunde in Eurem offenen Wagen nicht bemerkt, das Schloß ſachte umkreiſend? Ja, lieber Freund, mir und meinem guten Glaſe en tgeht nichts!“ „Vortrefflich, wenn Ihr die junge Dame an meiner Seite bemerkt habt und Euch dadurch, was besraſſich iſt, für ſie i in⸗ tereſſirt; denn dieſer jungen Dame wegen,“ ſetzte der Doctor 202 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Burbus dicht herantretend, hinzu,„wollen wir eine wichtige Be— rathung halten.“ „Doch keine Conſultation nach dem mediciniſchen Begriffe dieſes Wortes; dazu ſind wir Beide doch ein paar zu kluge und geſcheite Leute.“ „Gewiß, und haben Beide keine Luſt, uns wie jene Au⸗ guren heimlich lachend anzuſchauen.“ „So kommt mit mir hinauf, Collega, und nehmt an meinem frugalen Frühſtück Theil.“ „Nachher mit Vergnügen; vorher aber tretet mit mir dort in die ſchattige Linden-Alle und wählet Euch einen ſoliden Stamm als Stütze, damit Ihr nicht umfallt aus Erſtaunen über das, was ich Euch mitzutheilen habe.“ Nun brachte die geflügelte Erzählung des Doctors Bur⸗ bus, wenn auch gerade nicht die eben befürchtete Wirkung auf den Doctor Herbert hervor, ſo doch eine ſolche, daß er zuerſt ſprachlos ſeinen Collegen anſtarrte, dann einen kleinen Freuden⸗ ſprung that, wobei er zu gleicher Zeit mit den Fingern ein ſchallendes Schnippchen ſchlug und heiter lachend die Frage ſtellte:„Aber unſer junger Gönner, Graf Dagobert Seefeld?“ „Wird dadurch gerade nicht ſo außerordentlich berührt, daß es fühlbar für ihn iſt; das große Majorat bleibt ihm ja doch nach dem Tode des Herrn Chriſtian Kurt.“ „Aber die Waldburg,“ jubelte der Doctor,„die Wald⸗ burg, dieſe herrliche Beſit bung, dieſe Welt im Kleinen, gehört eben ſo wenig zum großen Majorat wie zum Witthum der Gräſin Iſabella! Der alte Herr hat das gegenüber ſeinen Er⸗ ben, vielleicht auch gegenüber der Frau Gräfin, recht ſchlau einzurichten gewußt.“ ——᷑—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ˖F—˖— — Erſcheinungen und angenehme Dinge⸗ „Und wie befindet er ſich heute Morgen?“ „Ganz leidlich, ja, außerordentlich gut, wie überhaupt ſeit jener Zeit, wo Ihr mir ins Gehege kamt, Collega, und die Liebe zu ſeinem beſten Freunde erſchüttert.“ „Zu ſeinem Bette?“ „Ja,“ rief Doctor Herbert lachend;„er hat mich nach ſeinem Frühſtücke zu einer Partie Billard commandirt, damit er ſich vor ſeiner Sieſta eine Bewegung mache— dabei könnt Ihr aſſiſtiren.“ „Vielleicht— und nach ſeiner Sieſta, wo er ſeine friſcheſte und auch beſtgelaunteſte Stunde hat, könnten wir ihn einen Blick in die Vergangenheit thun laſſen. Doch habe ich dabei Ein Bedenken: glaubt Ihr nicht, Collega, daß ihn dieſe plötz⸗ liche Entdeckung zu ſehr erſchüttern könnte?“ „Unbeſorgt; es iſt eigenthümlich, wie oft der alte Herr von einem ſeltſamen Vorfalle ſpricht, den ich Euch früher ſchon einmal erzählte, wo er vor Jahren zu jener luſtigen Manöver⸗ zeit während des Bankets in der großen Halle allein am Ka— mine ſaß, als in der Vorhalle das Zigeunervolk tanzte. Ich glaubte damals, Herr Chriſtian Kurt ſei eingenickt, obgleich er — mit vollem Rechte, wie ich durch Euch erfahren— das Gegentheil behauptete und mir die Verſicherung gab, er habe ein Weſen, das ihm in den Tagen ſeiner glücklichen Jugend das Theuerſte geweſen und auch ſtets das Theuerſte geblieben ſei, leibhaftig vor ſich geſehen, am Kamine ſtehend und jene Melodie ſingend, die heute noch beruhigender auf ihn wirkt, als Morphium, Narzin, Haſchiſch und ähnliche Teufeleien mit ein— ander.“ „Mironton, mironton, mirontaine,“ ſagte d der Doctor— 204 Fünfundvierzigſtes Kapitel. und er hatte ein liebliches Weſen, jener glücklichen Jugendzeit entſtammt, wirklich vor ſich geſehen.“ „Und jetzt zu unſerem Frühſtück, für welches ich eine Flaſche extra beſtellen will!“ rief Doktor Herbert luſtig, um gleich darauf, ſehr ernſt werdend, hinzuzuſetzen:„Alle Teufel, da fallen mir einige Confidencen ein, die mir Graf Dagobert, ſeine geſtrige Nachtfahrt betreffend, gemacht!“ Burbus' Geſicht umdüſterte ſich, als er hierauf raſch fragte: „Und welcher Art waren dieſe Confidencen?“ „An ſich ſehr unſchuldiger Art; er verſuchte es nicht ein— mal, mir gegenüber zu renommiren, was ihm auch bei ſeiner tiefen Wunde am Arme ſchlecht genug bekommen wäre. Doch fühlte ich aus ſeinen Reden heraus, daß jene junge Dame einen merkwürdigen Eindruck auf ihn gemacht haben muß.“ „Wenn Ihr das Fräulein ſehet, werdet Ihr es ſehr be⸗ greiflich finden.“ „Glaub's; aber wenn er darauf und auf Anderes hin die wahnſinnige Idee faßte, ſie heirathen zu wollen?“ „Das wäre allerdings das Schlimmſte, was ich mir denken könnte!“ erwiederte Doctor Burbus in ſehr bekümmer⸗ tem Tone. „Na, kommt Zeit, kommt Rath; darin würde ſie auch ein Wort mitzureden haben, und wie Ihr mir das Fräulein ge⸗ ſchildert, ſcheint ſie keine Natur zu ſein, welche Luſt hat, Nach⸗ folgerin zu werden in dem ſchon viel geplagten Herzen des edlen Grafen Dagobert. Vor der Hand und für einige Tage ſind wir ſeiner los; er liegt mit einem ziemlichen Wundfieber im Bette. Doch mußte ich gewaltſam in ihn hineinſprußhen, Erſcheinungen und angenehme Dinge. denn er hatte ſchon ein Pferd befohlen, um nach Königsbronn hinüber zu reiten.“ „Ueberlaſſen wir das denn in Gottes Namen der Zukunft....“ „Und ſtärken wir uns in unſerem ſchönen Vorhaben durch eine kühle Flaſche Champagner,“ ſagte luſtig Doctor Herbert, als er mit ſeinem Freunde in das ſchattige Speiſezimmer des kleinen Hauſes trat.— Der Herr Graf Chriſtian Kurt, welcher, Dank den immer ſorgfältiger werdenden Bemühungen ſeines vortrefflichen Kam⸗ merdieners Ben, jetzt, wo er angezogen, friſirt und gemalt war, nicht viel älter ausſah, als vor einigen Jahren, hatte mit großem Behagen ein paar Partien Billard gegen den Doctor Herbert gewonnen und war in die fröhlichſte Laune gerathen, da dieſer, allerdings mit einiger Affectation, ſeinen Unmuth darüber nicht zu verbergen vermochte; auch hatte Graf Seefeld den Doctor Burbus, der dabei geweſen war, zum Zeugen aufgerufen, daß er Herbert gegenüber durchaus nicht vom Glücke begünſtigt ge⸗ weſen ſei, ſondern Alles ſeiner Geſchicklichkeit zu verdanken habe, und dabei lachend geſagt:„Das ſchmerzt ihn ganz außerordent⸗ lich, wenn man ihm, eine ſeiner nobeln Paſſionen anbelangend, einmal ſcharf durch die Parade haut; ja, wenn es ſeine ſoge⸗ nannte Wiſſenſchaft, die Medicin, betrifft, da nimmt er den Nachweis über einen faux pas allergnädigſt und leutſelig auf — drolliger Menſch, der Herbert! Na, behüt' Sie der Himmel, Doctor Burbus, hoffe, Sie bald wiederzuſehen!“ Hierauf trat Herr Chriſtian Kurt für ein paar Minuten an das Meite Bogenfenſter, wo er faſt die gleiche Ausſicht hatte, wie ſie vorhin Blanda auf dem andern Flügel des Schloſſes be⸗ 206 Fünfundvierzigſtes Kapitel. wundert. Dicht vor dem Fenſter, den Abhang hinunter rieſen⸗ hafte Buchen, deren Gipfel trotz ihrer enormen Höhe doch eben nur bis an das Fenſter reichten, einen herrlich grünen, ange⸗ nehm duftenden, leicht hin und her wogenden Vordergrund bildend, über den hinaus man das langgeſtreckte Thal mit den ſchimmernden Schlangenwindungen des Fluſſes ſcheinbar bis zu den fernen, blauen Bergen ſah. Eine kurze Weile blickte der alte Graf Seefeld nachdenklich dort hinaus, dann verſenkte er ſeine träu⸗ meriſchen Blicke in das leiſe Gewoge der Blättermaſſen vor dem Fenſter, um hierauf mit einem Ausdrucke der Ermüdung, ja, einem leichten Gähnen nach dem Hintergrunde des Gemachs zu zu gehen, wo der Kammerdiener Ben ſchon neben einem äußerſt bequemen Lehnſtuhle ſtand, auf welchen Herr Chriſtian Kurt ſich nun niederließ und alsdann von dem vortrefflichſten aller Kammerdiener die Füße, nachdem dieſe auf einem niedrigen Schemel in eine bequeme Lage gebracht worden waren, bis zu den Knieen mit einer weichen, geſteppten ſeidenen Decke wohl verwahrt wurden. „Iſt Renaud draußen?“ „Ja, wohl, Erlaucht.“ „So laß ihn für einen Augenblick herein kommen.“ Der Secretär, Herr Renaud, erſchien hierauf in ſeiner ge⸗ räuſchloſen und doch ſo ſicheren Art, aufzutreten, mit behag⸗ lichem, ja, mildem Geſichtsausdrucke, wobei man keinen Zug bemerkte, der auch nur im entfernteſten hätte andeuten können, daß der Geſchäftsmann irgend etwas Wichtiges oder auch nur mehr als ganz Alltägliches vorzutragen gehabt hätte. Dazu wäre auch jetzt, kurz vor der Sieſta Sr. Erlaucht, der Zeit⸗ punkt nicht gut gewählt geweſen; höchſtens konnte jetzt etwas Erſcheinungen und angenehme Dinge. 207 in Erinnerung gebracht werden, was Herr Chriſtian Kurt in ſeinen Gedanken behaglich weiter ausſpinnen konnte, um aus ſol⸗ chen Träumereien in einen wohlthuenden Schlaf überzugehen. Aus dieſem Grunde nur klang auch jetzt die Stimme des Herrn Renaud ganz anders, weicher, leiſer, als wenn er am Morgen vor dem Aufſtehen Sr. Erlaucht ſeinen großen, ſtreng geſchäft⸗ lichen Bericht zu machen hatte. „Haben wir etwas Neues, mein lieber Renaud? Mit Da⸗ gobert ſoll es ja ganz leidlich gehen, wie mir Doctor Herbert ſagte; allerdings etwas Wundfieber, doch unbedeutend. Soll ſich recht pflegen und ausruhen, was ihm überhaupt bei ſolch fortgeſetztem Lebenswandel nicht ſchaden könnte— ja, die Ju⸗ gend, die Jugend will nie verſtehen, daß ſie auf ſolche Art von dem koſtbarſten Capital, dem der Kraft und Geſundheit, zehrt, ſtatt ſich mit den reichlichen Zinſen, die eine kräftige Conſtitu— tion bietet, zu begnügen!— Apropos, mein Lieber, ich bin ſehr begierig, recht bald etwas zu erfahren, wo er ſich ſeine Wunde am Arme geholt; Sie verſprachen mir darüber eine genaue und, wenn ich nicht irre, pikante Mittheilung.“ „Morgen hoffe ich, Ew. Erlaucht etwas darüber ſagen zu können.“ „Schön,“ ſagte Chriſtian Kurt ſchläfrig,„und was das Verhältniß anbelangt, welches er mit der Tochter meines alten Freundes Haller angeknüpft, ſo habe ich durchaus nichts dage⸗ gen einzuwenden— ſehr im Gegentheil, ich bin entzückt von dem Gedanken, die Tochter meines lieben Freundes als Nichte zu begrüßen!“ „Erlaucht werden mir verzeihen,“ antwortete Herr Renaud mit ſeinem mildeſten Lächeln,„die Gräfin Haller, um die es 208 Fünfundvierzigſtes Kapitel. ſich handelt, iſt doch wohl die Enkelin von dem Freunde Ew. Er⸗ laucht, von Sr. Excellenz dem Herrn General Grafen Haller?“ „Sacre bleu, darin haben Sie recht! Teufel, man wird alt, lieber Renaud, man überſpringt da in Gedanken auf die leichtſinnigſte Art ganze Generationen und nimmt die Enkelin für die Tochter— die des alten Generals wäre allerdings eine zu reife Schönheit für Dagobert, aber die kleine Haller ſoll eine ſchöne Perſon ſein. Was ſagt man, Renaud?“ „Wollen mir Ew. Erlaucht einen etwas vulgären Aus⸗ druck geſtatten?“ „Immer zu, unter vier Augen geſtatte ich Allerlei.“ „Wie ich aus eigener Anſchauung weiß, iſt die Gräfin Clotilde von blendender Schönheit, aber wie ich aus zuverläſ⸗ ſiger Quelle erfuhr, ſoll ſie ein heftiger, wilder, eigenſinniger, ausgelaſſener Sprühteufel ſein.“ „Sehr gut, mein lieber Renaud,“ antwortete Herr Chri⸗ ſtian Kurt mit einem äußerſt behaglichen Geſichtsausdruck,„das iſt die richtige Miſchung für Dagobert; ſo eine Frau würde ein wahrer Segen für ihn ſein, die feſt auf ihrem eigenen Kopfe beharrt und ſich nicht unterkriegen läßt. Nach Ihrer Schilde⸗ rung hat ſie was von ſo einer verteufelten Franzöſin an ſich. O, ich habe ſolche Weiber gekannt, die einem die Thür vor der Naſe zuſchließen und erſt aufmachen, nachdem man ſie auf den Knieen um Verzeihung gebeten! So eine wäre der richtige Kapp⸗ zaum für unſeren guten Dagobert! Ich danke Ihnen für dieſe angenehme Mittheilung!“ „Mit dem Vermögen der Haller iſt es, wie Ew. Erlaucht wiſſen, nicht weit her.“ „Schadet nichts, mein Lieber; auch ohne die Waldburg ———— Erſcheinungen und angenehme Dinge. mit ihrem coloſſalen Gütercomplexe erhält er ſpäter einmal mehr als genug— nur muß man dafür ſorgen,“ fuhr Herr Chri⸗ ſtian Kurt fort, nachdem er eine längere Pauſe dazu benutzt, eifrig und herzlich in ſich hinein zu lachen,—„daß die arme kleine Perſon für alle Fälle ſicher geſtellt wird— glänzend ſicher geſtellt wird, und für alle erdenklichen Fälle— notiren Sie das genau, obgleich auch ich es gewiß nicht vergeſſen werde. Haben wir heute Jemanden bei Tiſche?“ „Ich glaube nicht, Erlaucht.“ „Sagen Sie der Gräfin, es wäre mir lieb, wenn ſie den Doctor Burbus veranlaſſen könnte, da zu bleiben. Mein alter Freund hat in ſeinen derben Reden und geſcheiten Be⸗ merkungen ſtets etwas Anregendes für mich.“ Dann nickte Herr Chriſtian Kurt mit dem Kopfe, und Herr Renaud verſchwand ſo ohne jegliches Geräuſch, als wäre er durch irgend einen unſichtbaren Mechanismus oder wie ein Schatten dem Zimmer entſchwebt. Die kleine Unterredung ſchien für den alten Grafen von einer behaglichen, recht beruhigenden Wirkung geweſen zu ſein. Ein freundliches Lächeln flog noch ein paar Mal über ſeine Züge, dann ließ er den Kopf auf die Bruſt ſinken und ent⸗ ſchlief, worauf Ben, der nur auf dieſen Augenblick gewartet hatte, einen grünen Vorhang, nicht weit vom Lehnſtuhle, ſanft herabgleiten ließ. Ueber eine volle Stunde mochte Herr Chriſtian Kurt ge⸗ ſchlafen haben, und ſo tief und ruhig, daß kaum ein leichtes Traumbild an ſeiner Seele vorüber geglitten war; nur einmal, und zwar gegen das Ende ſeines Schlummers, war derſelbe von einer lieblichen Erinnerung unterbrochen worden, welche Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 14 — 2 210 Fünfundvierzigſtes Kapitel. wie die Melodie eines ihm bekannten und theuren Liedes vor ſeinem inneren Auge elfenhaft erſchienen war: Mironton, mironton, mirontaine— alte, ſüße, längſt verblichene Bilder hervorzaubernd. Mironton—— Aber mit welcher Kraft in Geſtalt und Farbe erſchienen ihm dieſe Bilder heute wieder einmal! Mironton—— Seltſam, er konnte aus dem Schlafe erwachen, die Augen öffnen, ohne das liebliche Bild, welches vor ſeiner Seele ſtand, zu verſcheuchen. Mirontaine—— Höchſt ſonderbar und eigenthümlich— oder war es kein Traum, was ihn in längſt vergangene Zeiten zurückgeführt hatte? Wachte er in der That, wenn er jetzt, die Augen weit und ſtarr geöffnet, vor ſich hinblickte und ſah, was er ſah— hörte, was er hörte? Mironton, mironton, mirontaine. Unmöglich— oder— ein leichter Schauer überflog ihn — hatte er vielleicht den Schlaf mit deſſen düſterem Zwillings⸗ bruder vertauſcht— war er im Schlafe entſchlafen und wurde er nun wunderbar begnadigt durch jene himmliſche Erſcheinung — da, vor ihm am Fenſter lehnte die Geſtalt des Weſens, das er mit aller Gluth der Jugend geliebt— lehnte die feine, ſchlanke Geſtalt des einſt ſo geliebten Weibes— ja, ſie war es— ſie war es ſelbſt; nicht nur ihre unvergeßlich rührende Geſtalt, auch die lieblichen, edlen Züge, das dichte, blonde, lockige Haar— ihr ſeelenvolles Auge— Und er träumte ja nicht mehr, auch war er nicht geſtor⸗ Erſcheinungen und angenehme Dinge. 211 ben, denn er befand ſich ja in ſeinem Zimmer auf der Wald⸗ burg— rathlos, ſich nach Möglichkeit vergeblich zwingend, das Unmögliche zu glauben. Er preßte die Hände ein paar Se⸗ cunden lang vor das Geſicht, fürchtend, er habe doch geträumt — aber als er wieder nach der lieblichen Erſcheinung blickte, ſtand dieſe nicht nur an derſelben Stelle, ſondern bewegte ſich — wandte ſich langſam um— bewegte ſich gegen ihn— ſie ſelbſt, ihr Gang, ihr Wuchs, die Haltung ihres ſchönen Kör⸗ pers, ihr liebes, unvergeßliches Geſicht— „Mary— o, meine Mary!“ Er ſtreckte ihr ſeine Arme entgegen, und wenn ihn auch ein leicht begreifliches Bangen durchzitterte, als ſie ihm nun näher und näher kam, ſo war es doch ein glückliches Bangen, ſo lag doch für ihn ein Gefühl unausſprechlicher Seligkeit in dem Gedanken, von dieſer lieblichen Erſcheinung berührt, das Ende ſeines langen Lebens zu erreichen. Wie freudig aber durchzuckte es ihn, als er nun fühlte, daß ſich lebenswarme Hände in die ſeinigen legten, daß ihn nach einem tiefen Athem⸗ zuge aus ihrer zarten, ſchwellenden Bruſt der lebendige Hauch ihres Mundes berührt, daß es ein körperhaftes Weſen ſei, wel⸗ ches nun neben ihm auf den Boden niederglitt, und ihn mit wohlbekannten, lieblichen Zügen, mit unvergeſſenen, ſchönen klaren Augen ſanft lächelnd anblickte. „Mary, Mary, rede zu mir! Bedenke, daß die Freude mich tödten kann!“ „Ich heiße Blanda,“ ſagte das junge Mädchen mit einem Klange in der Stimme, der ihn erbeben machte—„ich heiße Blanda, nicht Mary, wie meine Mutter.“ „Und wer war deine Mutter?“ brachte er mägſann her⸗ 212 Fünfundvierzigſtes Kapitel. vor.„War ſie es denn— ſie— o, unmöglich— ſage, wer war deine Mutter?“ „Sie nannten ſie Miſtreß Mary Price— damals, als ſie noch lebte.“ „O, Mary, Mary, meine Tochter Mary!“ rief der alte Mann, indem er ſeine zitternden Hände auf Blanda's Haupt legte und dazu gen Himmel ſchaute, wobei ſeine Züge einen unausſprechlich edlen Ausdruck annahmen, ſeine Augen wie in Verklärung leuchteten.—„O, Mary, ſo war ich deiner und meiner Tochter nahe, ohne ſie ſelbſt auffinden zu können, ſo ſollte ich nie begnadigt werden, deine und meine geliebte Toch⸗ ter wiederzuſehen, um jetzt in den Zügen meiner Enkelin dein unvergeßliches Bild wiederzufinden!“ Raſch ſenkte er jetzt den Kopf auf Blanda nieder, und ſie empor an ſein Herz ziehend, ſagte er mit rührend ängſtlicher Stimme:„Niemand hat ein Recht auf dich, als nur ich allein — nicht wahr? Sage mir das— verſprich mir das— Nie⸗ mand hat ein Recht, dich von mir zurückzuverlangen!“ „Niemand, Niemand; meine arme Mutter iſt todt, und auch mein Vater, den ich nie gekannt!“ „Es iſt beſſer ſo,“ ſagte er nach einem tiefen, ſchmerzlichen Athemzuge; das alles mußte vorüberziehen, untergehen, wie ein ſchweres, düſteres Gewölk, aus dem du, mein geliebtes Kind, nun wie ein heller Stern emporſtrahlſt— o, ein lieb⸗ licher Stern, ſanft und tröſtend, meine letzten Tage erhellend — Blanda iſt dein Name?“ „Blanda.“ „Und wie nennſt du mich?“ fragte er haſtig, dringend, während ſeine Augen eigenthümlich glänzten, indem er ihr die Erſcheinungen und angenehme Dinge. 213 blonden Locken aus der ſchönen Stirn ſtrich.„Wer bin ich dir, ich, der Vater deiner Mutter?“ „Mein Großvater, mein lieber Großvater!“ „Und ich will das ſein im vollſten und ſchönſten Umfange des Wortes!“ rief Herr Chriſtian Kurt mit glücklich ſtrahlen⸗ den Augen, indem er einen ſolchen Riß an der Klingelſchnur that, daß Ben, ganz gegen ſeine Gewohnheit, hörbar die Thür öffnete und eintrat.—„Sage meiner Frau,“ rief er dem Kammerdiener zu,„ich laſſe ſie bitten, einen Augenblick zu mir herüber zu kommen, denn ich fühle, daß es mir faſt unmöglich iſt, jetzt zu ihr zu gehen; es liegt mir ſeltſam ſchwer in allen Gliedern.“ „Ihre Erlaucht ſind nebenan in der Bibliothek mit dem Herrn Doctor Burbus.“ „Deſto beſſer, ſo bitte ſie, einzutreten.“ Die Gräfin Iſabella näherte ſich raſch dem Stuhle, auf dem Herr Chriſtian Kurt ſaß, und als ſie ſanft beide Hände Blanda's ergriff, ſie in ihre Arme zog und herzlich küßte, ſah man die Wahrheit ihrer Empfindung an dem unverkennbar glücklichen Ausdrucke ihres Geſichtes. Der Doctor Burbus aber ſtand da mit gerunzelter Stirn, die buſchigen Augenbrauen finſter zuſ gern zu thun pflegte, wenn er fühlte und fürchtete, daß ihn die Rührung übermanne. Er hielt ein Paket Papiere in der rechten Hand und klopfte mit den Fingern der linken darauf, als ſei es noch beſonders nöthig, dadurch die Aufmerkſamkeit des Herrn Chriſtian Kurt auf ſeine Perſon zu lenken. Doch hatte ihn dieſer bereits in's Auge gefaßt und ſagte lachend: Sacre bleu, Doctor, in Ihrem Geſichte zeigt ſich wieder ammengezogen, wie er 2 —— 214 Fünfundvierzigſtes Kapitel. einmal die ganze Widerhaarigkeit Ihres Charakters; ſtatt, wie wir Alle hier, Ben mit einbegriffen, vor Glückſeligkeit zu ſtrah⸗ len oder mir zu Liebe eine Gavotte zu verſuchen, machen Sie ein Geſicht, daß man ſich vor Ihnen fürchten ſollte— was gibt's denn?“ „Geſchäfte, Herr Graf,“ antwortete der Andere barſch und mit rauhem Tone,„und ich würde es mir als eine Gnade aus⸗ bitten, wenn Sie trotz alledem und alledem ein paar Minuten für mich übrig hätten.“ „Geſchäfte— jetzt? Doctor, gehen Sie zum Henker mit Ihren Geſchäften, oder meinetwegen zu Renaud, und laſſen mich ungeſchoren— ich will ja alles bewilligen, was Sie wol⸗ len! Brauchen Sie Geld für eine neue Schule, für eine bau⸗ fällige Kirche oder für ein Kinderſpital? Recht gern, ſo viel Sie wollen, je mehr, deſto beſſer; aber Geſchäfte— mit mir jetzt!“ ſetzte er mit einem innigen Blicke auf Blanda hinzu. „Aber Geſchäfte, die gerade Sie— betreffen; wenn wir uns auch alle überglücklich fühlen, daß die Stimme des Blutes ſo rückhaltlos und wahr geſprochen, ſo bringe ich doch auch noch andere Beweiſe.“— „Er läßt mich nicht los,“ klagte Herr Chriſtian Kurt— „nun denn, ich gebe Ihnen fünf Minuten!“ „Braucht nicht ſo lange,“ erwiederte der Doctor rauh, nach⸗ dem Gräfin Iſabella mit Blanda an das Fenſter getreten war und dort ihre Arme um das ſchöne Mädchen ſchlingend, in die von der Abendſonne herrlich beleuchtete Gegend hinausblickte. „— Dies iſt das Paket, Herr Graf, welches vor Jahren auf ſo unbegreifliche Art verloren ging; fragen Sie mich aber nicht,. wie und auf welche Art es in meine Hände gelangte. Auch Erſcheinungen und angenehme Dinge 215 werden Sie wohl keine Luſt haben, ſämmtliche Papiere und Tagebuchblätte durchzuleſen?“ „Nein, nein, Jaen das Bild anſchauen will ich— hier iſt es; haben Sie je eine größere Aehnlichkeit geſehen?“ „Nein!“ ſagte der Doctor barſch. „Dieſelben ſüßen, ſ ſeelenvollen Augen, nicht wahr?“ „Ja,“ erwiederte Burbus noch barſcher. „Und die edle Form des Kopfes, die feinen Lippen— iſt da ein Zweifel möglich?“ „Nein, nein, tauſendmal nein!“ rief der Andere rauher und barſcher wie er bisher geſprochen. „Sie bezeigen Ihre Freude in einem ſeltſamen Tone, oder — o, Sie alter Heuchler!“ Herr Chriſtian Kurt ſprach, aufblickend, dieſe letzten Worte mit einem ſo unverkennbaren Schluchzen, von dem man nicht wußte, ob es ihm die Freude ſeines Herzens auspreßte, oder ob er dazu verleitet wurde edurch die dicken Thränentropfen, welche trotz des grimmigen Geſichtsausdruckes über die Wangen des Doctors Burbus herabfloſſen.— Das war ein Ereigniß auf der ſonſt ſo ſtillen und be⸗ ziehungsweiſe ereignißloſen Waldburg,— ein Ereigniß, das, ſo wollte es Herr Chriſtian Kurt, ſämmtlichen Bewohnern des Schloſſes auf d die officiellſte Weiſe kund gethan wurde, allerdings mit einigen Modificationen für die verſchiedenen Schichten dieſer Bewohner, und während man in dem vertraulichen Kreiſe der gräflichen Familie ſelbſt dem glücklichen Zufalle ſein Recht an⸗ gedeihen keß, wußte man in den unteren Regionen ganz genau, daß das gnädige Fräulein ſich ſchon ſeit Jahren als ſolches, als Enkelin des Herrn Chriſtian Kurt, als eine der reichſten ———— 216 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Erbinnen des Landes in dem adeligen Damenſtifte der Reſiden befunden hatte. „ 6 Und wie waren Alle, auch die letztgenannten unteren Re⸗ gionen, mit dieſer neuen Herrin zufrieden! War es doch, als ſei hier eine neue Sonne aufgegangen, die merkwürdig belebend auf den alten Grafen Seefeld einwirkte, die das Herz der Grä⸗ fin Iſabella mit einer innigen mütterlichen Zärtlichkeit für Blanda erwärmte, die ſogar den allvermögenden Herrn Renaud förmlich in den Schatten ſtellte und welche in den ſtillen Räu⸗ men des Schloſſes überall ein neues, heiteres Leben auf⸗ blühen ließ. Beſonders befand ſich das Stall⸗Departement in einer fieberhaften Aufregung, da Herr Chriſtian Kurt ſelbſt, oder auch zuweilen die Gräfin oder Doctor Burbus halbe Tage unterwegs waren, um Blanda mit der prachtvollen Umgebung der Waldburg bekannt zu machen. Dabei waren Alle entzückt und begeiſtert von dem Verſtande und der Liebenswürdigkeit Blanda's, deren Erziehung auch in Wiſſenſchaften und Sprach⸗ kenntniſſen eine vollendete genannt werden konnte, worauf die Gräfin Iſabella ſehr viel gab; Herr Chriſtian Kurt etwas weniger, welcher aber in den nächſten Tagen um ſo entzückter war, als die ſchöne Blanda ſeinen Wagen auf einem der ſchön⸗ ſten Reitpferde der Gräfin Iſabella begleitete und ſich dabei als eine vollendete Reiterin zeigte. Ja, der Stallmeiſter Seiner Erlaucht, ein alter, mür⸗ riſcher Herr, war bis auf dieſen Augenblick mit Beweiſen ſeiner vollkommenſten Hochachtung etwas zurückhaltend gewaſen; heute aber, als er ſah, wie das gnädige Fräulein im Sattel ſaß, wie ſie die Zügel führte, wie ſie auf dem nicht ganz leicht zu 8¹ Erſcheinungen und angenehme Dinge. 2 g 2 reitenden, edlen Pferde der Frau Gräfin zum Schloßhofe hin— ausſprengte, da machte er den Hut in der Hand drei tiefe Bücklinge. Graf Dagobert Seefeld hatte ſich auf die klügſte Art in die neue Veränderung gefunden; ſeine Wunde hatte ihm wäh rend einiger Tage vollkommen Zeit gelaſſen, über ſein zukünf⸗ tiges Betragen nachzudenken, und als er zum erſten Male der ſchönen Couſine ſeinen Glückwunſch darbrachte, wobei er her vorhob, daß ſich eigentlich das gräflich Seefeld'ſche Haus ſo wie er ſelbſt nur zu gratuliren habe, that er das wohl in der ehrerbietigſten Form, jedoch nicht, ohne, allerdings auf ſehr zarte Art, in verwandtſchaftlicher Vertraulichkeit und heiter lächelnd früherer Tage zu gedenken, wobei er ſich bei Vorfällen, die er zu vergeſſen wünſchte, mit der Stimme des Blutes zu entſchul⸗ digen verſuchte. Blanda war gewandt und unbefangen genug, darüber ebenfalls lächelnd hinwegzugehen, wobei ſie es bei ähn⸗ lichen Gelegenheiten ganz vortrefflich verſtand, den Vetter Da⸗ gobert in jeder Hinſicht von ſich ab in den gehörigen Schranken zu halten. Was ihr alles durch die zärtliche Liebe des Großvaters zu Theil wurde, nahm ſie mit innigſtem Danke auf und er⸗ wiederte es durch Anhänglichkeit und herzliche Liebe gegen Herrn Chriſtian Kurt, ſo wie Gräfin Iſabella. Der alte Graf hatte kein Hehl daraus gemacht, daß er in den nächſten Tagen Be⸗ ſtimmungen treffen werde, um die Waldburg mit den dazu ge⸗ hörigen Gütern als Erbe ſeiner Enkelin zu erklären, wogegen weder Gräfin Iſabella noch Graf Dagobert etwas einwenden konnten oder wollten. Als aber bei den Berathungen über dieſen Punct Herr Chriſtian Kurt im Beiſein Blanda's von —— 218 Fünfundvierzigſtes Kapitel. ſeinem Entſchluſſe ſprach, der Enkelin ſtatt des Namens, der für ihn immer einen unangenehmen Klang gehabt, den des alt⸗ adeligen Hauſes der Grafen Seefeld⸗Waldburg beilegen zu laſſen, bat das junge Mädchen ſchüchtern, aber beſtimmt, ihr nicht auf dieſe Art das einzige Erbtheil zu rauben, was ſie ihrer armen Mutter zu verdanken habe, eine Bitte, und ſo rührend vorge⸗ bracht, die dem alten Grafen Seefeld zu Herzen ging und ihn veranlaßte, dieſe Angelegenheit wenigſtens vorläufig oder doch in Blandas Gegenwart fallen zu laſſen. Wenn Gräfin Blanda, wie ſie trotzdem vom ganzen Hauſe genannt wurde, ſich auch in Kurzem hier heimiſch fühlte, wenn es ſie auch glücklich machte, ſowohl von Gräfin Iſabella, be⸗ ſonders von Herrn Chriſtian Kurt mit Zärtlichkeit und Liebe behandelt zu werden, und wenn ſie zum Danke dafür meiſtens ein heiteres und glückliches Geſicht zeigte, ſo gab es doch auch wieder Stunden des Alleinſeins für ſie, wo man hätte ſehen können, daß der Ausdruck von Glück und Zufriedenheit auf ihrem ſchönen Geſichte häufig nur eine Maske war, hinter der ſich ernſte, traurige Gedanken ſchmerzlicher Erinnerungen oft nur ſehr mühſam verbargen. Konnte das auch anders ſein bei der innigen Liebe, mit der ſie des unglücklichen Erich ge⸗ dachte, von welchem ihr zuverläſſiger Freund, der Doctor Bur⸗ bus, ihr, und zwar vor der Hand nur durch ſpärliche Nach⸗ richten, die er durch Dagobert Seefeld erhalten, etwas mitge⸗ theilt hatte! War doch der alte Doctor der Einzige, mit dem ſie über Erich reden konnte, weßhalb ſie ſich auch ſo glücklich fühlte, wenn es ihr, wie häufig vergönnt war, mit dem alten Herrn durch Feld und Wald zu ſtreifen! Ja, dieſer kannte das Geſprächsthema, welches ſie dann Erſcheinungen und angenehme Dinge. 219 augenblicklich anzuſchlagen pflegte, ſo genau, daß er meiſtens lächelnd ein Uebereinkommen mit ihr traf und ſich zu einer halben oder ganzen Zeitſtunde verſtand, in welcher er geduldig ihre Klagen und Befürchtungen anhören wollte, um dann aber etwas— Vernünftiges mit ihr zu reden. „Pfui, Doctor, wie herzlos Sie ſein können!“ „Durchaus nicht; ich habe Ihnen ſchon unzählige Male wiederholt, daß alles, was möglich iſt, für Erich geſchehen wird. Warum aber wollen Sie ſich immer wieder ſelbſt ſo tief betrüben, indem Sie ſtets dieſe traurige Angelegenheit wie⸗ der durchſprechen? Gewiß, beruhigen Sie ſich, Fräulein Blanda — Burbus allein nannte ſie niemals Gräfin—, wenn ſich auch Ihre Stellung zu unſerem armen jungen Freunde voll⸗ kommen verändert hat, verändert haben muß, ſo iſt, neben dem großen Intereſſe, das ich wegen Erich's ſelbſt an ſeinem Schick⸗ ſal nehme, auch die herzliche Theilnahme, die Sie, und mit vollem Rechte, für ihn empfinden, Grund genug für mich und Alle, ſich ſeiner auf's wärmſte und aufs nachdrücklichſte anzunehmen. Ja, hätte Graf Dagobert in jener Nacht nicht ſo raſch gehandelt, hätte er gewußt, was er jetzt weiß, ſo würde man Alles zur vollen Zufriedenheit haben abmachen können!“ „Alles?“ „Alles, was thunlich und vernünftig iſt.“ Darauf hatte ſie ihn mit ihren großen, glänzenden Augen angeſchaut, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Schon ein paar Mal hatte Blanda den Wunſch ausge⸗ drückt, die Wohnung des Doctors Burbus, die Königsbronner Mühle, zu ſehen, was man um ſo begreiflicher fand, da Bur⸗ ——— à 220 Fünfundvierzigſtes Kapitel. bus nach dem letzten Ereigniſſe noch mehr als ein treuer und bewährter Freund betrachtet wurde. Auch hatte ſich ſelbſt Da— gobert Seefeld angeboten, ſie zu Pferde dorthin zu begleiten, was aber mit Ihren Wünſchen nicht übereinzuſtimmen ſchien, denn ſie ließ die Sache fallen, um ein paar Tage danach dem Doctor Burbus das Verſprechen abzunöthigen, ſie ſelbſt in ſei— nem kleinen, leichten Wagen, und zwar durch den Wald, nach der Mühle zu führen. Auch dagegen hatte Niemand etwas ein⸗ zuwenden, und ſo gingen denn die Beiden an einem prächtig ſonnigen Morgen— Burbus war allein in der Abſicht ge⸗ kommen, um die junge Dame abzuholen—, Arm in Arm durch die langen Gänge des Schloſſes und zwar genau den⸗ ſelben Weg, den ſie bei ihrer Ankunft hieher mit dem Doctor gemacht, durch die hohen Gemächer, in deren letztem Blanda in der tiefen Fenſterniſche gewartet und träumend auf die dicht belaubten Bäume geſchaut, deren Blättermaſſen auch heute wie⸗ der langſam hin und her wogten, dann durch die lange Galerie mit den Reh⸗ und Hirſchgeweihen, die Wendeltreppe des Thur⸗ mes hinab, wo ſie drunten, von einigen Stallleuten gehalten, den Wagen des Doctors fanden. „Steigen Sie zuerſt ein, Doctor,“ ſagte das junge Mäd⸗ chen lächelnd. „Wozu das, meine Gnädige?“ „Weil ich Sie führen möchte und ſo im Stande bin, mei⸗ nen eigenen Weg zu machen. Mißtrauen Sie mir?“ „Was Ihre Kunſt der Führung anbelangt, durchaus nicht; aber über den Weg ſelbſt könnten wir vielleicht uneinig werden.“ „Möglich, weßhalb ich ſelbſt Zügel und Peitſche nehme.“ „Wiſſen Sie wohl, Doctor,“ ſagte Blanda in einem trau⸗ Erſcheinungen und angenehme Dinge. 221 rigen Tone,„als Sie bei den langen Wirthſchaftsgebäuden vorüberfuhren, daß ich mir vorgeſtern das Zimmer hier öffnen ließ, wo man Erich in jener Nacht gefangen hielt?“ „War eben ſo unnöthig, Theuerſte, als daß Sie jetzt ſchon wieder mit dieſem Erich anfangen.“ „Ich fürchte, Sie werden heute Geduld mit mir haben müſſen.“ „Gut, ſo will ich Ihnen dann in Gottes Namen wieder eine halbe Stunde bewilligen, um über ihn zu reden, ſogar drei Viertelſtunden, wenn Sie mir erlauben, Ihnen keine Ant wort zu geben.“ „Heute, da ich Sie führe, nehme ich durchaus keine Be dingungen an; ich werde fragen, was ich will, und Sie werden ſo freundlich ſein, mir zu antworten.“ „Eine ſchöne Führung!“ rief der Doctor, indem er Miene machte, in die Zügel zu greifen.„Sie führen mich in den Schloßgarten hinein— sacre bleu! würde Herr Chriſtian Kurt ſagen, wenn er das ſähe.“ „Aber er ſieht es nicht, und ich will nun einmal dieſen Weg fahren!“ „Wozu denn?“ „Das ſage ich Ihnen, wenn Sie mir eine Frage beant⸗ worten wollen,“ gab Blanda nach einer kleinen Pauſe zur Antwort, während ſie die raſchen Pferde genau auf der Stelle aufhielt, wo an jenem Abend Kolma mit dem Grafen Dagobert geſprochen hatte.„Sie ſind ja ein Mann, der Alles weiß, auch ein Sternkundiger— ſo geben Sie mir genau die Rich⸗ tung an, wo im Spätherbſte der herrlich ſtrahlende Orion zu ſehen iſt.“ —————— V1 4 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Wiſſen Sie was, Fräulein Blanda, geben Sie mir die Zügel, es iſt beſſer ſo.“ „Nicht um die Welt!— Wo ſtand an jenem Abend der Orion?“ „Nun denn— dort, wo am Walde die Gruppe rieſen⸗ hafter Tannen ſteht,“ murmelte er in einem etwas affectirt unwilligen Tone, wobei er ſich aber trotz allem dem nicht ent⸗ halten konnte, heimlich einen Blick des innigſten Wohlgefallens auf die prächtige Geſtalt und das ſchöne, edle, entſchloſſene Geſicht des jungen Mädchens zu werfen, das in gleichgültigem Tone ſagte: „So wollen wir uns dorthin einen Weg ſuchen.“ Damit ließ ſie den ungeduldigen Pferden die Zügel ſchießen, die nun in kurzem Galopp den breiten Weg hinaufflogen gegen ein Ausgangsthor, das ein raſch herbeigeeilter Gärtner öffnete. —„So,“ ſagte Blanda,„nun ſind wir in dem ſchönen, ſchönen Walde, und ich glaube, daß dieſer Waldweg ſo ziemlich die⸗ ſelbe Richtung hat, die ich mir nun einmal vorgenommen habe, und daß er auch nach der Königsbronner Mühle führt— nicht wahr, Doctor?“ „Alle Wege führen nach Rom.“ „Schön; nun werde ich Ihre Pferde ein Bißchen laufen laſſen.“ „Aber mit Schonung der Achſe meines leichten Wagens.“ „Sie brauchen mir nur etwas Tröſtliches über Erich zu ſagen, ſo fahre ich ſogleich langſamer.“ Da das aber der Doctor Burbus nicht ſogleich that, ſo ließ Blanda die Pferde laufen, wobei ſie lächelnd auf ihren Nachbar ſchaute, der manchen mißtrauiſchen Blick gegen Wurzeln — Erſcheinungen und angenehme Dinge. 223 und Baumſtämme ſandte, die ihm in allzu verdächtige Nähe mit den ſauſenden Rädern zu kommen ſchienen. Doch führte Blanda die Pferde ſicher und gewandt und hatte dabei noch Muße genug, nach tiefen, wohlthuenden Athemzügen in den herrlich beleuchteten Wald zu blicken, in das wunderbare Ge⸗ miſch der hellen und dunkeln Blätter und Nadeln, der zittern⸗ den, ſpielenden Sonnenſtrahlen, die hier ſchlanke Stämme lieb⸗ kosten, dort mit farbigen Blumen buhlten, ja, trübe Waſſer⸗ lachen hell aufleuchten ließen. Jetzt blickte der Doctor beſorgt dem Wagen voraus, denn er wußte, daß ſie nun bald an die tiefe Schlucht kämen, welche die Seefeld'ſchen Güter von ſeinem Beſitzthum trennten und wo früher die alte Linde mit dem trotzigen 2— geſtanden hatte, und da er die einzige Bedingung nicht vergeſſen hatte, unter welcher ihm Blanda verſprochen hatte, langſamer zu fahren, ſo ſagte er:„Hier an dem kleinen Weiher iſt die Stelle, wo Erich damals von dem gräflichen Förſter gefaßt und fort⸗ geſchleppt wurde.“ Augenblicklich ſtanden die Pferde, und zwar ſo raſch, daß ſie, wie verwundert über dieſes plötzliche Anhalten, heftig mit den Köpfen ſchüttelten. „A— a— a—ah— hier!“ ſagte Blanda.„Wie eigenthüm⸗ lich, daß jener Vorfall, der ſo ſchreckliche Folgen für ihn hätte haben können, doch beziehungsweiſe noch ſo glücklich endete! Das arme, kleine Zigeunermädchen fand dadurch Gelegenheit, ihn wieder zu ſ „Ob das auch ſpäterhin bedeutend zu ſeinem Glücke bei⸗ trug, wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen,“ gab der Doctor in ehen und etwas für ihn thun zu können.“ trockenem Tone zur Antwort. 224 4 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Sie ſind heute in einer böſen Laune.“ „Die ſich vielleicht beſſern kann, wenn wir, ohne etwas gebrochen zu haben, glücklich die Tiefe erreichen, in welcher die Königsbronner Mühle nun einmal die Untugend hat, zu liegen. Ich zweifle aber daran, wenn Sie ſo fortfahren, Gnädigſte, denn von hier aus iſt der Weg ſteil und ziemlich ſchlecht.“ „So wollen wir vernünftig fahren und plaudern. Wel⸗ chen Weg ſoll ich nehmen?“ „Den, der ſich hier ſcharf rechts wendet und der um die Schlucht herumführt.— So, und nun halten Sie die Pferde ein Bißchen kürzer, dann brauchen wir keinen Radſchuh ein⸗ zulegen.“ „Wie kam Erich nach jener Nacht zu Ihnen?“ „Natürlich zu Fuß und ziemlich ermüdet und zerzaust.“ „Erzählte er Ihnen Alles ausführlich und ſprach er auch von mir?“ „Er ſprach von einer jungen, ſchönen Zigeunerin mit dunkelſchwarzem Haar und leuchtenden Augen, die ſich ſeiner aufs herzlichſte angenommen.“ Blanda hob die Peitſche und machte eine Bewegung, als wolle ſie die mühſam aufhaltenden Pferde damit berühren; doch faßte der Doctor raſch ihre Hand, indem er lachend ſagte: „Nur keine Kindereien, Gnädigſte; ſo viel ich mich erinnere, ſprach er auch noch von einem armen, kleinen Mädchen, mit blaſſem, eingefallenem Geſichte und großen, geſpenſtiſchen Augen.“ „Und ſprach in herzlichem Tone von ihr?“ „Meinetwegen, ja.“ „Wie er immer von ihr ſprechen, ihrer immer gedenken wird, herzlich und in treuer Liebe; gerade ſ jnie jenes Mäd⸗ Erſcheinungen und angenehme Dinge. chen auch von ihm denkt und ewig an ihn denken wird.— Vergeſſen Sie das nicht, mein lieber, guter Freund,“ fuhr ſie in einem Tone tiefer Empfindung fort—„vergeſſen Sie das nicht und glauben Sie mir, daß, wenn ich je fürchten müßte, es könne zwiſchen uns Beiden, zwiſchen Erich und mir, anders werden, es mir lieber wäre, dort unten zerſchmettert, todt im Abgrunde zu liegen!“ „Vor der Hand wollen wir darüber nicht weiter reden,“ gab der Doctor nach einer Pauſe zur Antwort, während welcher er ihre ruhigen, entſchloſſenen Züge kopfſchüttelnd betrachtet. „Fahren Sie jetzt noch die kleine, ſteilſte Strecke mit großer Behutſamkeit, wenn ich bitten darf— ſpäter....“ Da unten auf ebenem Wege, dachte er am Schluſſe ſeines Satzes, oder wenn wir uns auf glattem Zimmer wohlbefinden, will ich dir deinen jetzigen Standpunkt doch einmal klar zu machen ver⸗ ſuchen. Da lag die Mühle vor ihnen— In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad, Mein Liebſter iſt verſchwunden, Der dort gewohnet hat! flüſterte Blanda mit ſo innigem Ausdrucke, daß es den Doctor Burbus gerührt haben würde, wenn er ſich nicht Mühe gegeben hätte, dieſes Gefühl zu unterdrücken und in luſtigem Tone fortzufahren: Er hat mir Treu' verſprochen, Gab mir'nen Ring dabei, Er hat die Treu' gebrochen, Das Ringlein ſprang entzwei! „Ja I. iee jetzt nur die Pferde laufen, ſo raſch ſie 6 tzte Vombardier. IV. 15 226 Fünfundvierzigſtes Kapitel. wollen,“ ſetzte er lächelnd hinzu, indem er mit Behagen auf den hier ſo ebenen und glatten Weg blickte;„ich habe nicht ein⸗ mal Angſt, daß Sie in den Mühlkanal hineinfahren. Denn ſehen Sie wohl, wie die vernünftigen Thiere gegen das Haus hinſchwenken, wo ſie ſogleich halten werden— Brrrr— ja, ſo iſt's recht!“ Heiter ſprang er alsdann vom Wagen herab und half auch Blanda ausſteigen und führte ſie ins Haus, wo die junge Dame von den beiden jüngeren Söhnen des Hauſes, Gottfried und Friedrich— letzterer war indeſſen zu einem langen, jungen Menſchen herangewachſen—, aufs herzlichſte bewillkommt wurde. Die älteſte Tochter, Roſine, war nicht mehr im Hauſe, indem ſie den jahrelangen Bewerbungen des königlichen Oberförſters, der bei Zwingenberg in einem kleinen Jagdſchloſſe hauste, end⸗ lich doch noch nachgegeben hatte. Johannes ließ ſich für heute ebenfalls nicht ſehen, da er gerade in den Mühlgebäuden kräftig mit Hand anlegte, um eine Maſchine neueſter Conſtruction zu⸗ ſammenſetzen zu helfen. Dafür aber war Jungfer Lene ſicht⸗ bar und ließ es ſich nicht nehmen, die junge, ſchöne Dame aufs Herzlichſte zu bewillkommnen, wobei ſie in Einem fort knixte, und dem alten Doctor zuflüſterte:„Ich habe es heute Morgen dem Gottfried und dem Friedrich geſagt, daß uns etwas abſonderlich Angenehmes bevorſtände, denn mir hat heute Nacht von einem Wegweiſer geträumt, auf dem eine weiße Taube ſaß, und das bedeutet allemal eine freudige und ehren— volle Begegnung.— Ach, gnädige Gräfin, wie mich das glück⸗ lich macht, Sie endlich einmal bei uns zu ſehen!“ Blanda reichte ihr freundlich die Hand, und dann führte der Doctor ſie in die oberen Zimmer, mußte ihr aber das Erſcheinungen und angenehme Dinge. 227 ganze Haus zeigen, vor allen Dingen die blaue Stube, wo Erich damals gewohnt, Doch hielt ſie ſich auch hier nicht lange auf, ſondern es trieb ſie ruhelos bald da und bald dort⸗ hin; jetzt betrachtete ſie flüchtig die Bilder an den Wänden, um ſich alsdann für ein paar Secunden in den großen Lehnſtuhl des Hausherrn niederzulaſſen und gleich darauf wieder zur Weiter⸗ fahrt zu drängen.— Es ſoll das ja nur ein kleiner und ganz kurzer Beſuch heute ſein, Doctor, nur ein raſcher Blick auf Orte, die mir werth und theuer ſind; ich werde ſpäter noch ſo oft kommen und ſo lange bleiben, daß Sie meiner noch am Ende überdrüſſig werden. „So fahren wir— natürlich auf einem anderen und beſ⸗ ſeren Wege— nach der Waldburg zurück.“ „Nicht ſogleich, lieber Herr Doctor!“ bat Blanda ſchmei— chelnd.„Nicht wahr, Sie thun mir heute den Gefallen und zeigen mir auch das Dorf Zwingenberg? Ich möchte das zum erſten Male allein in Ihrer Geſellſchaft ſehen.“ „Meinetwegen denn, aber nur unter einer Bedingung: daß ich ſelbſt meine Pferde führe und daß ich reden kann, was mir gut däucht.“ „Das ſind harte Bedingungen, aber ich muß mich den⸗ ſelben ſo wie Ihnen, lieber Doctor, auf Gnade und Ungnade unterwerfen.“ „Woran Sie am klügſten thun,“ antwortete der alte Herr mit einem ausnahmsweiſe ſehr ernſten Tone, nachdem er an der Seite Blanda's Platz genommen und die Pferde auf der breiten Landſtraße dahintraben ließ.—„Sie wiſſen ganz genau, wie gut ich es mit Ihnen und auch mit dem Anderen meine; aber Sie werden eben ſo gut verſtehen, daß Verhältniſſe wohl 228 Fünfundvierzigſtes Kapitel. im Stande ſind und unter Umſtänden im Stande ſein müſſen, unſere Anſichten vollkommen zu ändern.“ „So denken Sie für Erich nicht mehr ſo gut und freund⸗ ſchaftlich, wie früher?“ fragte ſie in einem erſchrockenen Tone. „So wollen Sie ſich des Unglücklichen, der genug für mich leidet, nicht aufs wärmſte und nachdrücklichſte annehmen?— O, wie ſchlecht wäre das!“ „Nur zu, nur zu,“ erwiederte der Doctor mit ſeinem eigen⸗ thümlich ſchalkhaften Lächeln;„ich kann mir das alles ſagen laſſen jetzt, wo ich wieder Peitſche und Zügel in der Hand habe.“ „Wie ungroßmüthig, Doctor! Sagen Sie mir ein freund— licheres Wort, oder ich ſpringe zum Wagen hinaus und laſſe Sie allein fahren!“ „Ein vernünftiges will ich Ihnen allerdings ſagen, was jenen jungen Menſchen anbelangt, und dann möchte ich aber wünſchen, daß Sie endlich einmal aufhörten, ihn in Ihren Gedanken, ja, in Ihren Reden ſtets mit ſich in Verbindung zu bringen.“ „Ich will hören.“ „Zuerſt ſoll Alles geſchehen, um ihn aus ſeiner jetzigen, allerdings troſtloſen Lage zu befreien, und zu dem Zwecke werde ich ſelbſt in den nächſten Tagen den Herrn Grafen Da⸗ gobert Seefeld nach der Reſidenz begleiten, verſehen mit ge— wichtigen Briefen des Herrn Chriſtian Kurt, wodurch es uns hoffentlich gelingen wird, Milderung ſeiner Strafe, vielleicht Begnadigung für ihn zu erlangen; Letzteres am Ende unter der Bedingung, daß man ihm genügende Mittel gibt, um nach Amerika auszuwandern und ſich dort eine neue Exiſtenz zu gründen.“ Erſcheinungen und angenehme Dinge. 229 „Glauben Sie?“ fragte Blanda in einer eigenthümlich kurz und ſcharf abgeſtoßenen Weiſe. „Es wird ſich nicht anders machen laſſen, obgleich es mir gewiſſer Maßen recht leid für ihn thut, denn ich hatte andere Plane mit dieſem talentvollen jungen Menſchen, ganz gewiß. Ich hätte ihn damals gern bei mir behalten und würde es auch gethan haben, wenn ſeine unbezwingliche Luſt für den Militärſtand nicht geweſen wäre. Ihm das auszureden, war unmöglich; er mußte ſelbſt zur Erkenntniß kommen, daß es viel beſſer ſei, ſich auf andere Art eine ehrenvolle Exiſtenz zu gründen, allerdings auch mit dem Eiſen in der Hand, aber mit dem Eiſen in Geſtalt einer Pflugſchar oder eines Jagd⸗ gewehrs. Ah, das iſt ein ganz anderes Leben, als auf Com⸗ mando rechts und links um zu machen oder um etwas zu erlernen, das unſere unſchuldigen Nebenmenſchen auf die raſcheſte Art ins Jenſeits ſpedirt! Zu dieſer Erkenntniß war er denn auch gekommen, da wurde ihm und uns ein garſtiger Strich durch die Rechnung gemacht.“ „Durch meine Schuld.“ „Wie man's nimmt; es war eben ſein Schickſal, dem ja Niemand entlaufen kann.“ „Und wenn mildernde Umſtände für ihn aufzufinden wären, die ſeine Begnadigung ohne jene Verbannung möglich machten?“ „Hm,“ ließ ſich der Doctor Burbus vernehmen, indem er verſtohlen einen Blick auf das Geſicht des jungen Mädchens warf,„dann wäre ich doch noch immer für Amerika.“ „Ja ja,“ erwiederte ſie träumeriſch,„es könnte auch auf dieſe Art gehen— hier oder dort.“ 230 Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Dürfte ich mir über dieſe Worte eine Erklärung aus⸗ bitten?“ „Sie ſteht Ihnen mit Vergnügen zu Dienſten. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich Erich liebe, und füge hinzu, daß ich ihm das mit einem theuren Eide geſchworen.“ „Pah— neulich, als Sie heimathlos waren, ohne Familie!“ „Daß ich ihm verſprochen, ihn nie zu verlaſſen, was er mir ebenfalls verſprach, und wenn ich auch nicht überzeugt wäre, er werde ſein Wort halten, ſo würde ich dennoch mein Verſprechen erfüllen. Sie hören, daß ich ganz ruhig zu Ihnen rede, Doctor, ohne Leidenſchaft, und das mag Ihnen beweiſen, daß ich es mit der ruhigſten Ueberlegung thue.“ „Die Ueberlegung eines jungen, exaltirten dankbaren Ge⸗ müthes— ich kenne das und weiß eben ſo genau, daß Sie mit der Zeit ſchon zur Erkenntniß kommen werden, was Sie Ihrer neuen Stellung ſchuldig ſind— Sie, jetzt eine Gräfin See⸗ feld!“ 4 „Das bin ich nicht und will es niemals werden, ſo wahr mir Gott helfe!“ „Aber Sie ſind die Enkelin des Grafen Seefeld.“ „So lange man mir erlaubt, die einfache Blanda Price zu bleiben. Nehmen Sie meine Worte, wie Sie wollen, Sie wer— den gewiß einen Sinn darin finden, und wenn Sie den ge— funden haben und mein treuer Freund und Rathgeber bleiben wollen, ſo ſollen Sie überzeugt werden, daß es eine Eingebung des Himmels war, die mich beſtimmte und immer beſtimmen wird, zu bleiben, was ich bin, um in einem Falle, der eintreten könnte, leichter Rang, Reichthum und eine hohe Stellung in der Erſcheinungen und angenehme Dinge. 231 Welt wieder zu verlaſſen, um arm aber glücklich, aufs Neue wieder ins Leben hinaus zu wandern.“— Sie ſagte das mit großer Ruhe und großer Entſchloſſenheit, die Blicke aufwärts gewandt und zugleich ihre linke Hand wie zum Schwur er⸗ hebend. „Amen!“ ſprach der Doctor mit leiſer Stimme, und wenn er auch ein wenig ernſt blickte, ſo war doch auf ſeinem Geſichte keine Spur von Mißmuth oder gar von Zorn zu leſen. Nach einigen Augenblicken pfiff der Doctor leiſe vor ſich hin und bemerkte dann, mit der Peitſche in die Gegend hinaus⸗ deutend:„Dort unten begannen die Manöver am Morgen deſſelbigen Tages, an dem Sie ſelbſt Abends im Bivouac waren.“ „Auch von dieſem Anfange hat mir Erich erzählt und wie er dort zufällig eine Bekanntſchaft gemacht, die ſtets, wo ſie ſich erneuerte, ungünſtig in ſein Leben eingriff. Es war gewiß hier auf dieſer Stelle, von wo er damals zuſchaute? Dort iſt der alte Meilenſtein, den er mir beſchrieben— bitte, Doctor, halten Sie an und laſſen mich hier einen Augenblick aus⸗ ſteigen.“ „Zu welchem Zwecke, Gnädigſte, da Sie doch von hier oben noch beſſer in die Landſchaft ſchauen, als dort an dem Steine?“ „Laſſen Sie mich immerhin, es wird nicht lange dauern.“ „Wollen Sie ctwa dort Ihre Morgenandacht verrichten?“ fragte er ſpöttiſch. „Vielleicht etwas Aehnliches, indem ich mich hier lebhaft eines theuren Freundes erinnere und ihm die Worte wiederhole, die ich vorhin zu Ihnen geſagt.“ Fünfundvierzigſtes Kapitel. „Nun, meinetwegen opfern Sie der Erinnerung, und ich will unterdeſſen ausſpähen, was der Flug der Vögel vielleicht über Ihre Zukunft ſpricht.“ So leicht und in einem immer noch ſpöttiſchen Tone er dieſe Worte auch hinwarf, ſo blickte er doch mit Intereſſe auf das junge Mädchen, das nun neben dem alten, bemoosten Steine ſtand und nach Zwingenberg hinüberblickte, deſſen ſpitzer Thurm dort aus den großen Kaſtanienbäumen hervorblickte, die Kirche und Pfarrhaus umgaben. Es war kein Gebet, das ſie vor ſich hinſprach, aber es waren bittende Worte, und als ſie am Schluſſe ganz leiſe flüſterte:„Laß ihn und mich glück⸗ lich werden, gib mir ein Zeichen!“— da leuchtete plötzlich ihr Auge hell und freudig auf, da ihre geſenkten Blicke etwas in einer Fuge des alten Meilenſteines glänzen ſahen, und als ſie, ſich danach bückend, eine kleine Silbermünze fand, die von den vielen Vorüberwandelnden nie bemerkt worden war und ſich gerade ihr ſo plötzlich, wie ein glückverheißendes Zeichen dar⸗ zubieten ſchien, weßhalb ſie mit großem Intereſſe das Gepräge und die Zahl des längſt vergangenen Jahres betrachtete. „Nun, was haben Sie in den Lüften geſehen?“ fragte Blanda heiter, nachdem ſie ihren Sitz neben dem Doctor Bur⸗ bus wieder eingenommen hatte.„Spricht der Flug der Vögel günſtiger für mich, als Ihre vorhin ſo verdrießliche Miene, die ſich glücklicher Weiſe ein Bißchen aufgeheitert hat?“ „Es hat ſich droben nichts zu Ihren Gunſten gezeigt,“ entgegnete er achſelzuckend,„und ich fürchte deßhalb, Ihre ganze Schwärmerei wird ohne glückliches Reſultat bleiben.“ „Und ich bin jetzt mehr als je vom Gegentheil überzeugt,“ ſagte Blanda, indem ſie mit einem Ausdrucke ſtillen Glückes Erſcheinungen und angenehme Dinge. 233 vor ſich hinſchaute und dabei unbemerkt mit der Hand jene heim⸗ liche Stelle berührte, wo ſie die kleine ſilberne Münze raſch und unbemerkt verwahrt hatte. „Das da iſt Zwingenberg.“ „O ja, ich habe es gleich wieder erkannt! Bitte, lieber Doctor, fahren Sie dort drunten über die kleine Brücke auf die Gemeindewieſe; Sie wiſſen wohl, warum ich jenen Ort gern noch einmal betrachten möchte.“ „Ich kann es mir allenfalls denken; hätte ich aber vor ein paar Stunden gewußt, daß Sie eine ſo empfindſame Erin⸗ nerungsfahrt vor hätten, ſo würde ich mich ſchon gehütet haben, Sie zu begleiten.“ „Dort ſtand mein kleines Zelt; davor loderte ein gewal⸗ tiges Feuer, und hier hielt unſer kleiner Pony⸗Wagen. Wie freute ſich der alte Marechal und der gute Zaregg, als ſie mich glücklich zurückkommen ſahen! Wie unvergeßlich iſt mir die herzliche Theilnahme, mit der man mich vom Wagen hob und am Feuer wärmte! Hier ſtand lich, als Erich von mir Ab⸗ ſchied nahm. Das könnte mich alles recht traurig machen, wenn ich nicht von einem glücklichen Wiederſehen überzeugt wäre.— Doch vorbei, vorbei!“ ſagte Blanda nach einer Pauſe mit ernſter, faſt trauriger Stimme.„Laſſen Sie uns weiter⸗ fahren, Doctor, die große, weite Fläche hier in dem hellen, glänzenden Sonnenlichte nimmt mir alle meine ſüßen Erin⸗ nerungen. Es war damals viel heimlicher im Dunkel der Nacht, an dem lodernden Feuer, oder in meinem kleinen, trau⸗ lichen Zelte.“— „So ſehen wir hier denn Wirklichkeiten, die Ihnen trotz aller Erinnerungen und allem, was Sie darüber gehört, recht 234 Fünfundvierzigſtes Kapitel. proſaiſch vorkommen werden,“ ſagte Doctor Burbus, nachdem ſie die winkeligen Gaſſen des Dorfes erreicht hatten.„Sehen Sie dort jenes Gebäude, welches nicht viel beſſer ausſieht als ein baufälliger Kuhſtall; es liegt am Fuße einer maleriſchen Miſtpfütze, in welcher ſich ein borſtiger Gebieter amuſirt— hier waltete, das heißt in dem baufälligen Hauſe zur Zeit Ihrer ſüßen Erinnerungen, Herr Erich Freiberg als Schullehrer⸗ gehülfe.“ „Pfui, Doctor, Sie ſind abſcheulich!“ „Ich berichte nur die Wahrheit, und wenn Herr Erich Freiberg ſtrebſamer geweſen wäre und dem Herrn— Pfarrer wohlgefälliger, ſo hätte er daſſelbe glänzende Ziel erreichen kön⸗ nen, wie ſein Nachfolger, der dort vor dem neu erbauten Schul⸗ hauſe ſteht, der auf Empfehlung der Frau Pfarrerin Wendler heirathete und, wie Sie ſehen, neben Kindererziehung auch ſehr ſtark in Landwirthſchaft macht.“ Wie ſie raſch vorbeifuhren, grüßte der Doctor lächelnd mit der Peitſche den Herrn Schullehrer Färber, deſſen ſtruppi⸗ ges Haar immer noch ungebändigt neben ſeiner kleinen Mütze hervorſah und der in einem alten, abgeſchabten Frack und in ausgetretenen Pantoffeln ſeinem Knechte behülflich war, einen Wagen mit Seele der Landwirthſchaft zu beladen. „Vorbei, vorbei!“ ſagte Blanda in bittendem Tone. „Da iſt Kirche, Pfarrhaus und Pfarrgarten, welches aber für Sie in keiner Hinſicht etwas Intereſſantes bietet; Alle, die zu jener Zeit hier gehaust, haben mit Anderen die Plätze ge⸗ wechſelt, ja, Einige wie die Pfarrerin Wendler und ihr Schwie⸗ gerſohn, dieſes irdiſche Jammeerthal mit einem beſſeren Jenſeits. Was aber den Pfarrer anbelangt, der ſich hoher Protection Erſcheinungen und angenehme Dinge. 232 erfreute, ſo iſt er irgendwo Garniſon⸗Prediger geworden, und hat ſeine Tochter Selma dadurch Gelegenheit erhalten, ihre Lebenserfahrungen zu bereichern; denn deren Mann, ein ſtiller Dulder, iſt geſtorben, und muß ſie es nun mit dem Wittwen⸗ ſtande probiren. Doch ſind das gleichgültige unverſtändliche Dinge für Sie, die ich auch gerade nur hier erwähne, weil ſie mir beim Anblicke des Pfarrgartens ins Gedächtniß kommen, und rufe ich nun, wie Sie es ſo eben thaten: Vorbei, vorbei! — und wollen wir dieſes Buch nicht immer angenehmer Erin⸗ nerungen ein- für allemal hinter uns zuklappen laſſen.“— Auf einem beſſeren Wege und deßhalb in weit kürzerer Zeit erreichten ſie die Waldburg wieder, wo ſich Doctor Bur⸗ bus, nachdem er Blanda ins Schloß begleitet, zu dem Grafen Dagobert Seefeld begab, mit dem er in den nächſten Tagen nach der Reſidenz reiſen ſollte. Der Huſaren-Officier ſaß an ſeinem Schreibtiſche, war aber nicht gerade in der roſigſten Laune.„Da ſoll ich nun,“ rief er dem Eintretenden entgegen,„auf den Wunſch des Herrn Chriſtian Kurt ſelbſt eine Eingabe an Seine Königliche Maje⸗ ſtät machen und um Begnadigung jenes jungen Verbrechers bitten! Ich erſcheine allerdings dadurch in ſtrahlendem Lichte faſt übermenſchlicher Großmuth, aber bei ſo einem Schreiben iſt es immer ſehr ſchwer, nicht zu wenig und nicht zu viel zu ſagen!“ „Laſſen Sie einmal ſehen, Graf Dagobert.“ Dieſer erhob ſich bereitwillig, worauf ſich der Doctor vor den Schreibtiſch ſetzte, das Bittſchreiben überlas und dann um Erlaubniß bat, etwas Weniges zu ändern. Dieſes Wenige, welches ihm bereitwillig zugeſtanden wurde, beſtand aber in ——m—— — 236 Fünfundvierzigſtes Kapitel. einem dicken Striche über die ganze, vollgeſchriebene Seite, und dann begann er, auf der zweiten eine neue Bitte aufzuſetzen. Graf Dagobert war, um ihn nicht zu ſtören, bei Seite getreten, hatte ſich eine Cigarre angezündet und ging hinter dem Rücken des Schreibenden hin und her, wobei er einen kleinen Gegenſtand, den er von einem Tiſchchen genommen, in der Hand wog und zuweilen in die Höhe warf. „Nachher will ich Ihnen etwas zeigen, Doctor.“ „Ich bin im Augenblicke fertig— ſo, da haben Sie Ihr Schreiben, wie ich es aufſetzen würde: leſen Sie es durch, und dann machen Sie, was Sie wollen.“ „Sie werden gewiß wieder das Richtige getroffen haben — ich danke Ihnen beſtens! Aber ſehen Sie einmal dieſes Ding da.“ „Eine Bleikugel.“ „Ja, und dieſelbe, welche mir wahrſcheinlich das Lebens⸗ licht ausgeblaſen hätte, wenn ſie ein paar Zoll weiter links gegangen wäre.“ „A— a— a-— ah, das iſt dieſelbe Kugel, die jener unglück⸗ tiche Menſch auf Sie geſchoſſen?“ „Dieſelbe. Als Frangois am andern Tage meinen Koffer auspackte, fand man ſie zwiſchen der Leinwand, wo ſie unter meinen beſten Hemden und Schnupftüchern keine ſchlechte Ver⸗ heerung angerichtet hatte. Und für ſolch einen vielfachen Mör⸗ der ſoll ich noch Bittgeſuche entwerfen! Das iſt wahrhaftig viel von Herrn Chriſtian Kurt verlangt, und ich würde mich auch geweigert haben, wenn mich nicht dieſe wunderliche Blanda ſo dringend darum gebeten hätte!“ — Erſcheinungen und angenehme Dinge. „Dies iſt dieſelbe Kugel?“ fragte der Doctor mit einer eigenthümlich klingenden Stimme. „Dieſelbe.— Wenn ich nur aus dieſer Blanda klug wer— den könnte!— Pah, es wäre Unſinn, zu denken, daß jener unbedeutende junge Menſch einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht! Aber ich mag thun, was ich will, ſo bin ich doch nicht im Stande, den unangenehmen Eindruck zu verwiſchen, mit dem die Erinnerung jener Nacht heute noch auf ſie einwirkt— ich fühle das.“ „Und Ihr Kammerdiener Frangois war dabei, als man dieſe Kugel in der Wäſche fand?“ „Frangois und Jakob packten aus und zeigten mir ſogleich die ſaubere Beſcheerung.“ „Sagten Sie mir nicht, Graf Dagobert, der Schuß auf Sie ſei aus einem Terzerol abgfeuert worden?“ „So hörte ich, ich habe das Ding nicht geſehen; aber dem Blei nach muß es von einem ganz verfluchten Kaliber geweſen ſein!“ „Würden Sie mir einen Gefallen thun, Graf Dagobert?“ fragte der Doctor Burbus in einem Tone dem man deutlich anhörte, wie er ſich Gewalt anthat, um dieſe Frage ruhig, faſt gleichgültig zu ſtellen. „Mit Vergnügen.“ „So laſſen Sie Frangois und Jakob kommen.“ „Das iſt ſogleich geſchehen; ſie ſind nebenan mit Ein⸗ packen beſchäftigt.“— Während Graf Seefeld nach dieſen Worten die Thür des Nebenzimmers öffnete und die Diener hereinrief, hatte ſich der Doctor raſch auf den Stuhl vor den Schreibtiſch geworfen, 238 Fünfundvierzigſtes Kapitel. nahm einen Bogen Papier und ſchrieb haſtig einige Zeilen. Dann reichte er das Blatt dem Grafen, und bei ſeiner Frage: „Würden Sie das unterſchreiben und mit Ihrem Siegel verſehen, auch von Ihren beiden Leuten unterſchreiben laſſen?“— bebte ſeine Stimme vor gewaltiger Aufregung. „Wenn Ihnen damit ein Gefallen geſchieht, recht gern.“ Auf dem Papier ſtanden die Worte: ‚Wir, die Unter⸗ zeichneten, dezeugen, daß die unten eingebogene und mit dem gräflich Seefeld'ſchen Wappen eingeſiegelte Kugel die gleiche iſt, die wir am Morgen des 16. Mai dieſes Jahres eingedrungen in dem Wagenkoffer fanden, nachdem ſie in der Nacht auf den Grafen Dagobert Seefeld abgeſchoſſen, deſſen Arm geſtreift und die Vorderwand des Wagens durchbohrt hatte.“ „Was Sie damit wollen, begreife ich nicht recht,“ ſagte Da⸗ gobert Seefeld achſelzuckend;„doch iſt hier meine Unterſchrift, wie Sie gewünſcht, und das Einſiegeln können Sie ſelbſt beſorgen.“ „Nachdem Sie erlaubt,“ entgegnete der Doctor nach einem tiefen, erleichternden Athemzuge,„daß Ihre Leute ebenfalls unter⸗ ſchreiben.“ Als das geſchehen war, ſiegelte der Doctor ſorgfältig, wobei ſeine Finger ein klein wenig zitterten; dann ſchob er Papier und Kugel in ein großes Couvert, verſah auch dieſes vor den Augen der Anderen mit dem gräflichen Siegel und ſagte:„Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Graf, ſo nehme ich dieſes Papier in meine Verwahrung und mit nach der Re⸗ ſidenz, wo es, wie ich zu Gott hoffe, Ihr Bittſchreiben kräftig unterſtützen oder— vielleicht ganz unnöthig machen ſoll.“ Sechsundvierzigſtes Kapitel. In welchem der wahrheitliebende Autor nicht anders kann, als von Erichs Unglück zu berichten, ſo wie um Verzeihung zu bitten, wenn Capitel und Buch nicht ſo ſchließen, wie es der geneigte Leſer gewünſcht oder vorhergeſehen. Indeſſen hatte die ſtill waltende Gerechtigkeit ſchwer ihre Hand auf den armen Erich niederfallen laſſen und ſich bemüht, ein ſo gefährliches Mitglied der militäriſchen Geſellſchaft für immer unſchädlich zu machen und als Spreu von dem Waizen zu ſondern. Daß dabei Alles mit ſtrenger Unparteilichkeit und gemäß wirklich vortrefflicher Militärgeſetze gründlich und ohne Uebereilung, ſogar in mancher Beziehung milde für den Ange⸗ klagten vor ſich gegangen ſei, möchten wir gern ganz beſonders ſolchen verſichern, die vielleicht achſelzuckend ein militäriſches Spruchgericht als ein Ding anſehen, deſſen Reſultat in den meiſten Fällen mit den Wünſchen oder der Anſicht des vor⸗ ſitzenden Präſes in Einklang gebracht wird; dies iſt aber durch⸗ aus nicht der Fall, und bei der Verurtheilung eines Kamera⸗ den oder Untergebenen ſind nicht nur die beſtimmteſten, ja, ſchroffſten Meinungsäußerungen erlaubt, ſondern es werden ———õ————— —— 240 Sechsundvierzigſtes Kapitel. dieſe verlangt und den verſchiedenen Claſſen des Kriegsgerichtes bei den abgeſonderten Berathungen über den vorliegenden Fall Zeit genug gegönnt, um in ihrer Anſicht einig zu werden. Ja, noch mehr; wenn eine ſolche Einigung der Claſſen nicht erfolgt, ſo werden die Stimmen derſelben einer andern Claſſe zugetheilt, und zwar einer ſolchen, die ſich am mildeſten über das begangene Verbrechen ausgeſprochen hat. Dabei iſt es noch bemerkenswerth, daß ſich häufig der Fall ereignet, wo bei einem Kriegsgerichte über einen Unterofficier oder Gemeinen die Claſſen der Kameraden oder niedrigeren Chargen bei einem wirklichen ſchweren Falle auf ſtrengere Beſtrafung dringen, als die verſchiedenen Claſſen der Officiere. Was nun den armen Erich anbelangte, ſo war er wegen der Schwere ſeines Verbrechens der höheren Militärgerichtsbar⸗ keit verfallen, wo anſtatt des Brigade⸗Commandeurs das Corps⸗ commando ſeine Unterſuchung einzuleiten hatte, die aber erſt alsdann begann, nachdem der nächſte Vorgeſetzte des Bombar⸗ diers Freiberg, alſo der Hauptmann von Manderfeld, das species facti eingereicht und den Thatbeſtand feſtgeſtellt hatte. Daß dieſes species facti aber in keiner Weiſe günſtig für den Angeklagten lautete, braucht kaum erwähnt zu werden; ja, der Hauptmann von Manderfeld hatte mit Wahrheit und Dichtung einen erſchreckenden Lebenslauf unſeres Helden darge⸗ ſtellt, dabei ſogar in frühere Jahre zurückgegriffen, ſeines Va⸗ gabundirens mit ſchlechten Zigeunern erwähnt, beſonders aber jenen Fall von Wilddieberei hervorgehoben, bei dem, ſo wie ſchon vorher während des Manövers auf der Chauſſee bei Klingenberg, ſich ein ganz begreiflicher Haß in dem Herzen des verdorbenen jungen Menſchen gegen den Grafen Seefeld Berichtet Erichs Unglück. 241 entwickelt, der dann, genährt und vergrößert durch einige zufäl⸗ lige Begegnungen bei dem verſtockten und bösartigen Gemüthe des Angeklagten faſt nothwendiger Weiſe zu jenem ſchrecklichen Reſultat führen mußte. Was nun die militäriſche Laufbahn Erich Freiberg's anbelangte, ſo war es ſelbſtredend genug, welch Geiſtes Kind dieſer ſein mußte, da man es ja für noth⸗ wendig gefunden hatte, ihn wegen ſchlechter Streiche von der Brigadeſchule zu entfernen, und was ſchließlich ſeine Führung bei der Batterie anbelangte, ſo bedurfte es wohl nichts weiter, als Erich's Strafverzeichniß beizufügen. Dieſes ſo kräftig geſalzene species facti hatte indeſſen dem Mitarbeiter an demſelben, dem Wachtmeiſter Pinckel, einen ſo unbehaglichen Eindruck gemacht, daß er ſich nicht enthalten konnte, dem Premier-⸗Lieutenant Schaller darüber ſeine Beden⸗ ken mitzutheilen, worauf dieſer Veranlaſſung nahm, ehrerbietig aber ernſt dem Hauptmann von Manderfeld darüber Vorſtel⸗ lungen zu machen. Dieſe Unterredung war indeſſen ſehr kurz, doch nicht ohne wichtige Folgen, obgleich ohne Nutzen für den armen Erich; denn das species facti wurde eingereicht, wie es geſchrieben war, und wenn auch der Premier⸗Lieutenant „Schaller durch ſeinen unmittelbaren Vorgeſetzten, den Haupt⸗ mann von Manderfeld, ſo wie durch den Abtheilungs⸗Com⸗ mandanten die Erlaubniß erhielt, die Verhältniſſe in der Bat⸗ terie unmittelbar dem Brigade⸗Commandeur vortragen zu dür⸗ fen, ſo ging das verhängnißvolle Actenſtück faſt zu gleicher Zeit an das Corpscommando, von wo dann ſogleich das Unterſuchungs⸗ gericht beſtellt und die fortdauernde Verhaftung Erich's anbe⸗ fohlen wurde. Das Unterſuchungsgericht, aus dem betreffenden Auditor Hackländer, Der letzte Bombardier. IV.. 16 242 Sechsundvierzigſtes Kapitel. — und, des ſchweren Falles wegen, aus zwei Lieutenants beſtehend, trat dann auch alsbald zuſammen und vernahm die vorgela⸗ denen Zeugen, das Perſonal des betreffenden Poſthauſes, einen Diener des Grafen Seefeld ſo wie den Gensdarmerie⸗Unter⸗ officier und die Bombardiere Wibert und Schmoller, von denen der letztere allerdings der Wahrheit gemäß angab, daß er Erich ein doppelläufiges Terzerol geliehen, von dem aber nur der eine Lauf geladen geweſen ſei— ein günſtiges Zeugniß, das aber durch die Ausſage des langen Wibert ſogleich wieder ver⸗ wiſcht wurde, da dieſer, und leider der Wahrheit gemäß, be— zeugte, daß Erich an dem Nachmittage, ehe er ſeine letzte Stall⸗ wache bezog, eine Infanterie⸗Patrone, da er ſich im Zimmer allein geglaubt und nicht gewußt, daß er, Wibert, ſich auf ſeinem Bette befunden, entzweigeſchnitten und das Pulver ſorgfältig aufbewahrt hatte. Läugnen konnte dies Erich nicht; er hatte dieſe Patrone bei dem Manöver gefunden und zu ſich geſteckt. Wenn dies aber auch nicht der Fall geweſen wäre, ſo konnte er ſich ja mit Leichtigkeit auch ſonſtwo Pulver und eine Kugel verſchafft haben, um den zweiten Lauf des Terzerols wieder zu laden, und daß dies der Fall geweſen und der Lauf kurz vorher, ehe das Terzerol in die Hände des Gensdarmerie⸗ Unterofficiers gelangte, abgeſchoſſen worden ſei, dafür legte letzterer das vollgültigſte Zeugniß dadurch ab, daß er ausſagte, nicht nur das friſch abgeſchoſſene Pulver gerochen, ſondern ſich auch ſeine Handſchuhe geſchwärzt zu haben. So räthſelhaft dies für Erich war und ſo ſehr es ihn in Beſtürzung verſetzte, ſo leicht wäre es ihm geweſen, darüber eine Erklärung abzugeben, wenn er ſich erinnert hätte, daß es wahrſcheinlich Regentropfen geweſen ſeien, die bei dem Berichtet Erichs Unglück. 243 Gewitter, vor dem er Blanda geſchützt, während er ſich ſelbſt Preis gegeben, in den Lauf des Terzerols gedrungen und dort das vertrocknete Pulver wieder angefeuchtet. Oft aber geſchieht es uns in entſcheidenden Augenblicken, daß wir an das ganz Natürliche nicht denken und einen Zuſammenhang in der Ferne ſuchen, der uns doch ſo nahe liegt. Den übrigen ſehr erſchwerenden Zeugenausſagen, daß Erich ſich in großer Aufregung befunden, daß er das Terzerol hervorgezogen, daß hierauf aus nächſter Nähe Blitz und Knall erfolgt ſei und Graf Seefeld von der Kugel getroffen worden, konnte er nur die Behauptung entgegenſetzen, daß er nicht ge⸗ ſchoſſen habe, ſondern die Piſtole ohne jede ſonſtige Bewegung mit ſeiner rechten Hand gehalten. Wenn auch die Art, wie er dieſe Ausſage machte, ſo wie ſeine ganze Erſcheinung eines günſtigen Eindrucks auf den Unterſuchungsrichter nicht verfehlte, ſo konnte dies doch nicht verhindern, daß der Auditor mit einem leichten Achſelzucken und ſehr ungläubiger Miene dieſe Schluß⸗ erklärung des Angeklagten zu Protokoll nahm. Nachdem ſolchergeſtalt die Unterſuchung beendigt worden war, wurde von dem Gerichtshofe, hier der commandirende General, das Spruchgericht beſtellt, welches dann auch wenige Tage nachher mit der Feierlichkeit, welche die Würde eines ſolchen Actes verlangt, zuſammentrat; ſämmtliche fünf Claſſen des Kriegsgerichtes in großer und Parade⸗Uniform, ein Major der Infanterie als Präſes, zwei Rittmeiſter, zwei Lieutenants, drei Sergeanten und drei Unterofficiere, denen der Angeſchul⸗ digte vorgeführt und ihm das Recht freigeſtellt wurde, gegen die Zuſammenſetzung des Gerichtes, die Perſönlichkeiten deſſel⸗ ben betreffend, Einwendungen zu machen— eine Erlaubniß, 244 Sechsunddierzigſtes Kapitel. die aber der Bombardier Freiberg begreiflicher Weiſe unbenutzt ließ. Waren ihm doch ſämmtliche Anweſenden gänzlich unbe⸗ kannt, mit Ausnahme des Präſes, des Majors Klemmer, den er in jener Nacht nach dem Waldſchlößchen geführt hatte und Blickte er ihn doch aus ſeinen kleinen, ſchwarzen Augen nicht ohne Wohlwollen an, und lag doch etwas wie Wehmuth auf der hageren Stirn des Officiers, ſo wie in dem melancholiſch herabhangenden, langen fuchſigen Schnurrbarte! Gewiß hatte er in Erich jenen tüchtigen Bombardier wieder erkannt, der ihn ſo vortrefflich geführt zur Gefangennahme der feindlichen Cavallerie⸗ Officiere. Von dieſen glaubte er allerdings einen in einem der Dragoner⸗Rittmeiſter zu erkennen und hatte ſich nicht getäuſcht, da es der ſelige Graf Horn war, dem er hier wieder, wie da⸗ mals auf der Waldburg, in faſt gleicher Eigenſchaft gegenüber⸗ ſtand. Doch da ihm dies eben ſo gleichgültig war, als er dieſem ſeinem Richter hier erſchien— denn der junge Ritt⸗ meiſter war viel zu ſehr beſchäftigt, Gratulationen der Kame⸗ raden entgegenzunehmen und auf ſeine beiden neuen Epauletten zu ſchielen, um dem Deliquenten, der ja ohnedies nur ein ganz gemeiner Bombardier war, große Aufmerkſamkeit zu ſchenken—, ſo erklärte er ſich mit der Zuſammenſetzung des Kriegsge⸗ richtes einverſtanden, hörte mit großer Ruhe die Vorleſung der Acten durch den Auditor an, hatte auch weiter nichts hinzuzu⸗ fügen, als ſeine nochmalige Erklärung, daß er das Terzerol allerdings in großer Aufregung hervorgezogen, aber nicht ge⸗ ſchoſſen habe, worauf er abgeführt wurde und die fünf Claſſen des Kriegsgerichtes, jede beſonders, zur Berathung zuſammentraten. Da ſaß nun der arme Erich in einer ziemlich leeren, kah⸗ 1 — Berichtet Erichs Unglück. len Stube der as Infanterie⸗Kaſerne. Es befand ſich nur ein kleiner Holztiſch mit zwei Stühlen da, in einem düſteren Locale mit d vergitterten Fenſtern, welches den Angeklagten während der kriegsgerichtlichen Verhandlungen ſtets zum Auf⸗ enthalte angewieſen wurde, und als man nun draußen die Rie gel vorſchob, war es ihm bei dem Geräuſche gerade ſo zu Muthe, als ſchnitte Jemand den Strick entzwei, der ſein Le⸗ bensſchiffchen noch am Ufer feſthielt, und ließe dieſes treiben ohne Steuer und Compaß auf ſtürmiſchem, nebelbedecktem Meere, wo die Flut dieſes Meeres, die wilde Flut ſeiner Gedanken den zerbrechlichen Nachen ſeiner Hoffnung gänzlich zu zer⸗ trümmern drohte. Was war ihm geblieben von all den glän⸗ zenden Erwartungen, von der ſchönen Zukunft, die er geträumt und die zu erreichen er nach beſten Kräften ſo ſehr be⸗ müht geweſen war, daß er jetzt, wo die vergangene Zeit raſch an ſeiner Seele vorüberflog, nicht Vieles anders hätte machen können, als er es in der That gemacht hatte! Und wenn er der letzten, unglückſeligen Kataſtrophe gedachte, ſo wallte ſein Blut heiß auf wie in jener Nacht vor dem Poſthauſe, und er ballte ſeine Finger zuſammen, als faßte er die verhängnißvolle Waffe feſter, als hätte er wirklich und wiederum die Abſicht, von derſelben Gebrauch zu machen. Ja, er hatte die Abſicht gehabt, ſeinen Feind, jenen Mann, den er ſo grimmig haßte und der ihm das Theuerſte von der Seele riß, unſchädlich zu machen, ihn an einem neuen Frevel gegen die heiß geliebte Blanda zu verhindern. Damals hätte er ſterben mögen, untergehen in dem wahn⸗ ſinnigen Schmerze ſeiner Seele, nicht mehr aufwachen aus der Erſtarrung, die ſich ſeiner auf Augenblicke bemächtigt hatte. 246 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Was war ihm noch das Leben, beſonders nachdem er die An⸗ klage vernommen, die auf ihm laſtete und nicht die nur ſeiner militäriſchen Laufbahn, ſondern auch jeder anderen bürgerlichen Eriſtenz ein gebieteriſches ‚Bis hieher und nicht weiter! zurief! Und Blanda, Blanda?— Vielleicht, daß er ſie ſpäter doch noch einmal wiederſah, vielleicht daß ſie ihn dann erkannte, erkennen mochte— vielleicht daß ſie gefallen war, um ſchein⸗ bar hoch zu ſteigen, und daß ſie ihn alsdann mit einem ver⸗ letzenden Mitleid betrachtete, ſich auch wohl, verlegen lächelnd, der vergangenen Zeiten erinnerte— vielleicht aber auch.... und das war dann wohl das Beſte, ſah er ſie niemals wieder, und konnte ſie dann um ſo beſſer in ſeinem Gedächtniß behal⸗ ten, wie ſie in jener Gewitternacht ſchön, hold und rein an ſeinem Herzen geruht. Bei dieſem letzten Gedanken legte er den Kopf in die Hände und fühlte es kaum, daß ſchwere Thränentropfen durch ſeine Finger drangen; ja, er hatte es nicht einmal bemerkt, daß der Unterofficier der Infanterie, der ihn hiehergeführt, wieder eingetreten war, ihm nun die Hand auf die Schulter legte und in einem gutmüthigen Tone ſagte:„Muth gefaßt, Bombardier, es iſt Zeit, halten Sie Ihren Kopf aufrecht, und die Sinne beiſammen! man muß dem Unglück ſogleich und recht feſt ins Auge ſehen, dann erſchreckt es Einen weniger und man gewöhnt ſich raſcher daran— bringen Sie Ihr Haar in Ordnung und wiſchen Sie die Augen aus; man muß ge⸗ faßt ſcheinen, wenn man es auch nicht iſt.“ Und Erich trat ziemlich gefaßt in den Saal ein, wo das Kriegsgericht wieder verſammelt war, und verneigte ſich mili⸗ täriſch vor dem Präſes deſſelben, Major Klemmer, auf deſſen 1 Berichtet Erichs Unglück. 247 hagerem und ſonſt ſo ſtrengem Geſichte etwas Mildes, Wch⸗ müthiges zu ſehen war und deſſen gewöhnlich ſo harte und rauhe Stimme in einem ziemlich weichen Tone klang, als er dem Bombardier Erich Freiberg verkündete, daß derſelbe durch Stimmenmehrheit des Kriegsgerichtes wegen thätlichen Angriffes mit der Waffe in der Hand gegen einen Oſſicicr zur Degra⸗ dation vor der Fronte der Batterie ſo wie zu einem zehnjähri⸗ gen Feſtungsarreſt verurtheilt ſei. Daß die Strafe auf Feſtungsarreſt, nicht auf die viel ſchärfere Feſtungsſtrafe lautete, bei welch letzterer der Betreffende in die Feſtungsabtheilung eingeſtellt, mit Feſtungs⸗ und ſonſtigen Militär⸗Arbeiten beſchäftigt und außer der Arbeitszeit einge⸗ ſchloſſen gehalten wird, war eine Milderung, zu der ſich die Mehrzahl der Richterclaſſen vereinigt hatte und welche beſon⸗ ders dadurch gerechtfertigt war, daß Erich Freiberg auf Be⸗ förderung zum Officier diente und weil ſein Verbrechen nicht der Art war, um ihn in die zweite Claſſe des Soldatenſtandes zu verſetzen. Was Erichs Herz am ſchmerzlichſten ſchlagen ließ, war die Strafe der Degradation vor der verſammelten Batterie, be⸗ ſonders da er wußte, daß ihm der Hauptmann von Mander⸗ feld von dieſer peinlichen Ceremonie auch nicht das Geringſte ſchenken würde. Doch kam dieß anders, als er es ſich gedacht, und müſſen wir hier nachholen, daß die Schritte, welche der Premier⸗Licutenant Schaller frei und offen gegen den Vatterie⸗ Chef gethan, ſo viel zu Tage brachten, daß der Hauptmann von Manderfeld trotz Protectionen und Orden in aller Stille zur Dispoſition geſtellt wurde und der Premicr⸗Licutenant in das Commando der Vatterie vorrückte. Daß dieſer Erich, che 248 Sechsundvierzigſtes Kapitel. derſelbe ſeine Strafe antrat, nochmals zu ſich kommen ließ, er⸗ wähnen wir nur deßhalb, um hinzuzufügen, daß der letzte Bom⸗ bardier den wohlwollenden und vortrefflichen Officier getröſtet verließ. Dann kam der Tag der Degradation vor der Fronte der Batterie, und auch hier handelte der Premier⸗-Lieutenant Schaller ſo wie der Wachtmeiſter Pinckel mit ſolcher Schonung für den unglücklichen Erich, daß die peinliche Handlung ſich ſo geſtal— tete, als nehme ein geliebter Kamerad von ſeiner militäriſchen Familie einen herzlichen, wenngleich traurigen Abſchied. Das Herunterreißen der Treſſen wurde dadurch vermieden, daß Erich Freiberg vor der Fronte als Kanonier erſchien, worauf der Wachtmeiſter in kurzen Worten die Strafe Erich's verlas; dann commandirte der Premier⸗Lieutenant zum Auseinandertreten, nicht ohne abſichtlich die Worte beizufügen, daß er durchaus nichts dagegen einzuwenden habe, wenn Jeder von Freiberg recht freundſchaftlichen Abſchied nehme. Das thaten denn auch alle Kanoniere, Bombardiere und Unterofficiere, ſogar die erſten Feuerwerker und nicht minder der Wachtmeiſter Pinckel, wobei er ſeltſam grinſend ſeinen langen Schnurrbart ſtrich und dann auf dem Abſatze Kehrt machte. Nur der lange Wibert fehlte, was dem geneigten Leſer aber auch ſelbſt dann begreiflich er⸗ ſcheinen würde, wenn wir nicht der Wahrheit gemäß ſagen müßten, daß der ehemalige Liebling des Hauptmanns von Man⸗ derfeld wegen fortgeſetzter Malpropretät und Nachläſſigkeit im Dienſte für das letzte Halbjahr ſeiner Dienſtzeit in die Batterie⸗ Menage commandirt worden war. Rührenden Abſchied von Erich aber nahmen der kleine Bombardier Weitberg ſo wie der ſchmächtige Schwarz, der mit dem ſchwachen Geheule eines 249 Berichtet Erichs Unglück. jungen Hundes, dem man auf den Schwanz getreten, und mit feuchten Augen ein Mal über das andere rief:„O famos, o ſamos, du biſt wirklich der echte und gerechte Bombardier, Freiberg! Denn ein Kerl wie du, der ſo wunderbare Streiche macht und dadurch dem Namen unſerer Charge einen ſolchen Glanz verleiht, kommt niemals wieder— niemals, niemals, niemals!“ Was nun die Abführung Erich's auf die kleine Feſtung anbelangt, wohin er beſtimmt war, ſo hatte auch darin der Premier⸗Lieutenant Schaller aufs beſte für ihn geſorgt, und ſtatt als Gefangener transportirt zu werden, wurde ihm ge⸗ ſtattet, den Weg nach ſeinem künftigen B Zeſtimmungsorte mit der Compagnie des Hauptmanns Walter zurückzulegen, der dorthin verſetzt worden war; ja noch mehr, er war dabei der perſönlichen Obhut ſeines Freundes, des zum Unterofficier be⸗ förderten und den wichtigen Poſten eines Feldwebels verſehen⸗ den Unterofficiers Schmoller übergeben, der ſich ſeiner freund⸗ lich annahm und dem es auch während des Marſches hier und da gelang, ein leichtes Lächeln auf den bleichen Zügen Erich's hervorzubringen, beſonders wenn er ihn an ihren gemeinſchaſt⸗ lichen Marſch von damals erinnerte, an die kleinen Erlebniſſe auf dem Fort Maximilian, und ihm dabei ſeufzend verſicherte, daß ihn die Erinnerung an die reizende Gräfin Haller immer noch verhindere, ſein Herz gänzlich der vortrefflichen Mamſell Stöckel zuzuwenden, in deren Liebe er indeſſen große Fortſchritte gemacht und welche, im Beſitze eines kleinen Vermögens, nicht abgeneigt ſei, die Frau des künftigen Feldwebels Schmoller zu werden. „Glücklicher Freund,“ entgegnete Erich mit traurigem — 250 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Lächeln,„du ſchwimmſt einem für dich behaglichen Hafen zu, während ich Jahre lang zu einer troſtloſen Unthätigkeit ver⸗ dammt bin, um dann Gott weiß wohin geſchleudert zu werden, aber hoffentlich weit, weit hinweg— ſo weit als möglich, da⸗ mit ich alles vergeſſen kann, was mir einſt lieb und theuer war!“ Am dritten Tage erreichten ſie ihren Beſtimmungsort, die kleine Feſtung, welche in einer weiten, allerdings fruchtbaren Ebene lag, die aber mit ihren gewaltigen Mauern, tiefen Waſſer⸗ gräben und hohen, mächtigen Wällen um ſo mehr auf Erich den Eindruck eines großen Gefängniſſes machte, als die men⸗ ſchenleeren Straßen ſo gar nichts von dem Leben und gewerb⸗ lichen Treiben der großen Stadt zeigten, in der er bis jetzt geweſen, und doch war es noch ruhiger und ſtiller in der Ci⸗ tadelle, wohin er gebracht wurde und wo ihm ein ſchweigſamer Unterofficier ein kleines Gemach in einer der Kaſematten an⸗ wies, aufs dürftigſte möblirt, das ſchmale Fenſter mit einem ſchweren, eiſernen Gitter verſehen und mit der Ausſicht auf einen feuchten Feſtungsgraben und auf die hohe, dunkle Mauer einer gegenüber liegenden Lunette. An dieſem Fenſter lehnte er ſtumm und verſtört; unwill⸗ kürlich war er an dasſelbe getreten, wie nach Luft und Licht ringend, nachdem die ſchwere Thür der halbdunkeln Zelle hinter ſeinem wieder davoneilenden Begleiter ins Schloß gefallen war. In der Hand hielt er das kleine Bündel, welches ſeine geringen Habſeligkeiten enthielt, und in dem Gedanken, als müſſe ſein Aufenthalt hier ja doch nur ein kurz vorübergehender ſein, um⸗ faßte er es krampfhaft mit ſeinen Fingern, während er, tief unter allen lebenden Weſen, die ſich droben im Sonnenſcheine Berichtet Erichs Unglück. 251 und linder Luft freuten, mit weiten, trockenen Augen auf die grauen Feſtungsmauern und den ſumpfigen Graben blickte. Die erſte Viertelſtunde von zehn Jahren, eine fürchterliche Zeit ſchrecklichen, regen Denkens, in der ſich alles das zuſam⸗ mendrängt, was man ſonſt nur in Tagen, Wochen, Monaten zu erleben pflegt! Eine Quinteſſenz jahrelangen Elends, jede Secunde eine Reihe ſchleppender Stunden, jede Minute eine Ewigkeit!— Furchtbarer Gedanke, entſetzliches Geſpenſt, das uns noch Jahre lang in ſtillen Augenblicken angrinst— der düſtere Geiſt der erſten Viertelſtunde von zehn Jahren. Erich glaubte wahnſinnig werden zu müſſen, nachdem er das Fenſter raſch geöffnet, um friſche Luft herein zu laſſen, als dabei das Bündel ſeinen Händen entfallen war, und als er hierauf mit den Fingern die ſchweren Eiſengitter umfaßte und unwillkürlich daran rüttelte, als ſeine Blicke an den glatten, düſtern Mauern vorüberglitten und ſich ſeine Gedanken weiter hinausſchwangen um die nächſte Ecke des Walles herum, dann um eine andere Ecke bis an ein Thor, das nun für ihn volle zehn Jahre verſchloſſen ſein ſollte.— Volle zehn Jahre, der beſte Theil ſeines Lebens, jene Zeit, wo man ſäet, um ſpäter zu ärnten, die Zeit des Lernens und Strebens, die, wenn wir ſie unbenutzt vorübergehen laſſen, uns mit furchtbarer Sicher⸗ heit eine troſtloſe Zukunft in ſpäteren Jahren vorherſagt!— Und er mußte ſie unbenutzt vorübergehen laſſen, nicht weil es ihm an Luſt und Liebe, an Kraft zum Lernen und zur Arbeit fehlte, ſondern weil ein unglücklicher Zufall, ein Mißverſtändniß ſchuld daran waren, daß dieſe beſten Jahre ſeiner Jugend nutz⸗ los aus ſeinem Leben geſtrichen werden ſollten.— Zehn Jahre, zehnmal zwölf Monate, zehnmal dreihundert Tage! Welche 252 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Ewigkeit, nachdem die erſte Viertelſtunde mit ſo entſetzlicher Langſamkeit an ſeinem Geiſte vorübergeſchlichen war! Er ſetzte ſich auf das ſchmale, ärmliche Bett nieder, er ſtützte die Arme auf die Kniee und legte den Kopf in die Hände; er dachte an die ſchöne, weite Welt draußen, an Berg und Thal, Feld und Wald, leuchtend im Sonnenſcheine; er dachte an ſeine Kindheit, an die ärmlichen Verhältniſſe in dem Hauſe ſeines Vaters, und was er bisher erlebt, ſtand vor ihm in hellem, ſtrahlendem Lichte, während um ihn ſelbſt her Alles troſtlos finſter war, während er gefangen ſaß zwiſchen ſteiner— nen Mauern, tief unter der Erde, und mit ſeinen düſteren Ge⸗ danken immer tiefer hinabſank, ſo, daß zuletzt von allem Licht⸗ glanze, der durch ſeine Phantaſie ſeine Seele aufs ſchmerzlichſte erfüllte, nichts mehr übrig blieb, als ein kleiner, zitternder Stern— die Erinnerung an Blanda—, deſſen ſtiller, trau⸗ riger Glanz ihn aber dann mit neuem, wilderem Schmerze erfüllte. So war er eine lange Zeit geſeſſen; er glaubte wohl, viele, viele Stunden, obgleich die Zeit ihm zu Liebe nicht ſo freundlich geweſen war, mehr zu eilen. Da vernahm er, wie die Thür ſeiner Zelle geöffnet wurde und ſich ihm Jemand, ziemlich hart auftretend, näherte. Wer es war, konnte er bei der Dämmerung, die des ſinkenden Tages wegen in der Zelle herrſchte, nicht ſogleich unterſcheiden, blieb aber trotzdem und zu ſeiner größten Ueberraſchung nicht länger im Zweifel, wer dieſer Beſuch ſei, als eine laute, ſchallende Stimme zu ihm ſprach:„Ha, ich verſtehe, daß man ſich niedergedrückt und zer⸗ knirſcht hier befinden kann, wohl daran denkend, ſeine Vergan⸗ genheit zu beweinen!“ ——————————— Berichtet Erichs Unglück. 253 Obgleich nun der arme Erich lieber jeden Anderen vor ſich geſehen hätte, als ſeinen ehemaligen Vorgeſetzten, den Herrn Pfarrer Wendler von Zwingenberg, ſo war doch die ſchallende H Stimme desſelben ſo paſſend zu den Erinnerungen aus ſeiner Jugendzeit, denen er fich noch vor Kurzem aufs lebhafteſte hingegeben, daß er nicht anders konnte, als laut ſchluchzend die Hand des Pfarrers zu ergreifen und ſie krampfhaft zu drücken. „Ei, ei, mein Sohn,“ ſagte dieſer mit einer etwas mil⸗ deren Stimme,„ich hätte nicht geglaubt, wenigſtens nicht gehofft, daß wir uns ſo wiederſehen würden, und wenn ich Haauch nicht befugt war— Sie werden mich in dem, was ich Ihnen ſage, in meiner ganzen, natürlichen Offenheit wiedererkennen— wenn ich auch nicht befugt war, oder wenn ſchon eine größere Phantaſie dazu gehörte, Sie mir als auf dem Wege des militäriſchen Avancements als weit vorgeſchritten vor Augen zu bringen, ſo hätte ich doch nim⸗ mermehr gedacht, daß unſer Wiederſehen ein derartiges ſein werde.“ Erich wollte ſprechen, wollte ihm in kurzen, überzeugenden Worten ſeine Unſchuld verſichern; doch wenn ihn auch die hef⸗ tige Bewegung, in der er ſich befand, nicht ſogleich am Spre⸗ chen verhindert hätte, ſo würde er doch vor der Handbewegung des alten Geiſtlichen verſtummt ſein, ſo wie vor deſſen raſch eingeworfenen Worten: „Ha, ich verſtehe, daß Sie auch mir jene ſeltſame Aus⸗ rede glaublich machen wollen, mit der Sie aber vor den wür— digen Mitgliedern des Kriegsgerichtes nicht beſtanden ſind! Wir hier ſind von Ihrem Falle durch die Acten aufs vollſtändigſte 254 Sechsundvierzigſtes Kapitel. unterrichtet, und wenn ich ſage: wir, ſo meine ich damit den vortrefflichen Herrn Commandanten der Feſtung, meinen ſpe⸗ ciellen Gönner, ich möchte ſagen, Freund, den Sie morgen beim Appel der Gefangenen ſehen werden und der, wie ich zu Ihrem Troſte ſagen kann, von irgend einer Seite für Sie eingenom⸗ men worden iſt. Daß ich nichts gethan habe, dieſen guten Eindruck abzuſchwächen, beweist mein Beſuch bei Ihnen, denn — hier erhob der Pfarrer Wendler ſeine Stimme zum Kanzel⸗ tone— als königlicher Garniſonprediger hieſiger Feſtung hätte ich meine Pflicht vollkommen erfüllt, wenn ich mir am nächſten Sonntag nach der Nachmittags⸗Predigt Ihren Namen von dem betreffenden Unterofficier hätte nennen laſſen!“ „Wie danke ich Ihnen für Ihre Theilnahme, Herr Pfarrer,“ ſagte Erich mit Wärme,„und wenn Sie meiner in der That ohne ungünſtige Rückerinnerungen gedenken, ſo hoffe ich, daß es mir doch noch gelingen wird, Sie, was den ſchwerſten Theil meiner Anklage betrifft, von meiner Unſchuld zu überzeugen!“ „Darüber ſind die Acten geſchloſſen,“ erwiederte der Gar⸗ niſonprediger in trockenem Tone, und ich darf Ihnen leider nicht verſchweigen, daß das Urtheil höheren Ortes vollkommen beſtätigt worden iſt.“ „Zehn Jahre meines jungen Lebens!“ rief Erich, aufs Neue erſchüttert, in klagendem Tone, indem er ſeine Hände an die Schläfen preßte—„zehn Jahre!“ „Leider iſt es ſo,“ ſprach der Geiſtliche und fuhr in jenem officiell ſalbungsvoll tröſtlichen Tone fort:„Und ich verſtehe es vollkommen, mein junger Freund, daß dieſer allerdings lange Zeitraum, beſonders heute, am erſten Tage Ihres Strafan⸗ trittes, wie mit Keulenſchlägen auf Ihre Seele fällt— aber Berichtet Erichs Unglück 255 Muth gefaßt und zuverſichtlich aufwärts geblickt zu dem, der unſere Looſe abwägt und unſere Geſchicke lenkt, zu ihm, von dem wir mit chriſtlichem Vertrauen ſagen, daß er die ganz beſonders liebt, welche er züchtigt— und nun,“ fuhr er in ſeinem gewöhnlichen Tone fort,„will ich Ihnen mittheilen, daß ich heute Abend ſchon zu Ihnen gekommen bin, um einen klei⸗ nen Lichtſtrahl in Ihre Seele zu tragen, indem ich Ihnen ſage, daß der Herr Commandant gnädigſt genehmigt hat, Sie hier auf der Feſtung mit ſchriftlichen Arbeiten zu beſchäftigen, und daß, in der Hoffnung auf ein künftiges, ſtreng geregeltes Be⸗ tragen, ich Ihnen auch wohl geſtatten könnte, zuweilen von nützlichen Büchern meiner Bibliothek Gebrauch zu machen und Sie hier und da in meinem Hauſe zu ſehen.“— Er ſagte dies in einem ziemlich trockenen Tone, wie wenn das, was er ſagte, ihm gerade kein beſonderes Vergnügen machte.—„Ja, in mei⸗ nem Hauſe wollen wir Sie zuweilen ſehen— in meinem Hauſe, welches leider das eines Wittwers i*ſt, da es dem Herrn gefallen hat, die treue Lebensgefährtin von meiner Seite zu reißen; ſtehe aber deßhalb doch nicht ganz allein, da meine Tochter, die ebenfalls vom gleichen, harten Schickſal betroffen wurde, die Stelle der Hausfrau verſieht.“ „A— a— a—ah, Selma! Wie würde ich mich freuen, ſie wieder zu ſehen!“ „Allerdings Selma, die jetzige verwittwete Frau Doctorin Schwarzer, die ebenfalls noch zuweilen an Jugenderinnerungen leidet und mich in ihrer Herzensgüte erſucht hat, Ihnen den erſten Abend Ihrer Gefangenſchaft minder ſchmerzlich zu machen, daß ich Sie zu einem Beſuche in meinem kleinen Familienkreiſe einlade— kommen Sie alſo.“ 256 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Erich verließ wie im Traume die jetzt faſt ſchon ganz dunkle Zelle und ſchritt unter eigenthümlichen Gedanken neben dem Garniſonprediger durch die ſtillen, düſteren Caſematten⸗ gänge, dann eine Treppe hinauf, und als ihn droben die warme Luft des Sommerabends ſo wohlthätig anfächelte, erſchien ihm das milde Licht des ſcheidenden Tages wie eine glänzende Be⸗ leuchtung und ihm war zu Muthe, als ſteige er nach Jahre⸗ langem Aufenthalte in finſtrer Zelle wieder zu lebendigen Weſen empor. Da war die Kirche und neben derſelben das kleine Haus des Garniſonpredigers. Eine alte Magd öffnete die Haus⸗ thür, worauf Erich tief aufathmend hinter dem Pfarrer eine Treppe hinanſtieg und dann von dieſem in ein behagliches Zimmer geführt wurde, deſſen breites Fenſter einen freien Blick ließ über den Wall hinaus auf die weite Ebene, auf ferne, tiefdunkle Berge, die ſcharf auf dem goldglühenden Abendhimmel abgezeichnet erſchienen. Dann trat Selma auf ihn zu, das ſchöne, üppig volle Weib in einem eng anſchließenden, einfach grauen Kleide, ihr hochblondes Haar leicht gelöst und gelockt über den Nacken hinabfallend, reichte ihm ihre beiden Hände und ſagte in einem innigen Tone:„Wenn ich Sie trotz alle dem hier aufs herz⸗ lichſte willkommen heiße, ſo können Sie mir glauben, daß die— ſes Wort aus einem Herzen kommt, welches vergangener Zei— ten gern gedenkt und dem es Vergnügen macht, ſeine Freunde wieder zu ſehen.“ Erich fürchtete ſich faſt vor dem heißen Drucke ihrer Hand, vor dem leuchtenden Blicke ihrer ſchönen Augen. War er doch in einer Stimmung, um von allem dem mehr als je berührt und bewegt zu werden. Der plötzliche Wechſel aus der dumpfen, Berichtet Erichs Unglück. 257 finſteren Caſemattenzelle hinweg in dieſes behaglich eingerichtete Gemach, erfüllt vom zauberiſchen Reflexlichte des prächtig glü⸗ henden Abendhimmels und von dem Glanze dieſer verführeriſchen Augen,— er mußte gewaltſam alle Erinnerungen hervorrufen aus ſeiner und ihrer Jugendzeit; ja, er zwang ſich, und nicht ohne gehäſſige Farben die nächtliche Scene auf dem Poſthofe, wo er Selma zum letzten Male geſehen, in ſeinem Innern aus⸗ zumalen, um ſo eine Scheidewand zwiſchen ihr und ſich aufzuführen. Bald aber, als ſie eine Zeit lang um den runden Tiſch beiſammen geſeſſen, bei nun geſchloſſenen und verhüllten Fenſtern, beim traulichen Scheine der Lampe, da glaubte er zu ſehen, daß Selma ſo gar anders geworden ſei, als ſie in ſeiner Erin⸗ nerung gelebt und als ſie auch früher geweſen war. Sie er⸗ zählte, gänzlich unbefangen von der Gegenwart ihres Vaters, aus ihrem früheren Leben, aus ihrer freudeloſen Ehe, wobei ſie indeſſen weit entfernt war, ſich von aller Schuld loszuſprechen, wogegen ſie aber ihre ganze, verfehlte Exiſtenz dahin zurück⸗ führte, daß es ihr in ihrer Jugend verſagt geweſen ſei, ſich ihr Glück ſelbſt zu ſuchen, zu wählen und zu nehmen. Erich wurde in dieſem Augenblicke durch einen Einwurf des Garniſonpredigers vollkommen in Anſpruch genommen, ſo daß er den Blitz aus Selma's Augen ſo wie ihr tiefes Athmen nicht bemerkte, was beides ihre letzten Worte begleitete. „Ha, ich verſtehe,“ rief Selma's Vater,„und muß leider bekennen, daß der ſtarke unbeugſame Wille deiner Mutter nicht immer das richtige traf! Doch laſſen wir die vergangenen Zeiten ruhen und freuen uns des Daſeins im roſigen Lichte!“ „Das wollen wir.“ Nach ein paar Stunden, welche dem jungen Gefangenen Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 17 258 Sechsundvierzigſtes Kapitel. von einem Tage, raſch wie Minuten verflogen waren, dankte er aufs herzlichſte für die freundliche Aufnahme und bat um Erlaubniß, ſich zurückziehen zu dürfen, wobei ihm der Pfarrer trotz aller Weigerung das Geleite gab, indem er, wie er ſagte, ſo lange für ihn verantwortlich ſei, bis er morgen einer Ab⸗ theilung zugewieſen werde. Im nächſten Augenblicke war denn auch das freundliche Zimmer des Pfarrhauſes und die ſchöne Selma, die ihm mit ſinnendem Blicke nachſchaute, hinter ihm verſchwunden und Erich hatte ſeine finſtere Zelle wieder erreicht. Von allem Erlebten der letzten Tage wie betäubt, warf er ſich auf das dürftige Lager und träumte, eingeſchlafen, was er im Wachen gedacht, daß er nämlich ſo eben erſt das Pfarrhaus in Zwingenberg verlaſſen und, an die ſchöne Selma denkend, wie⸗ der in dem engen Verſchlage des Schulmeiſters Wacker ruhe. — Aber es waren das finſtere, beängſtigende Träume, die ihn unruhig umherwarfen, und erſt verſchwanden, als er, mitten in der Nacht aufwachend und von ſeinem niederen Lager em⸗ porblickend, über dem dunkeln Rande des Walles einen hell leuchtenden, weiß glänzenden Stern ſtehen ſah— Blanda's Stern. Der zweite Tag ſeiner Gefangenſchaft ging Erich ſcheinbar raſcher vorüber, als die erſte Minute, welche er geſtern in ſeiner Zelle zugebracht; hatte ihm dieſer Tage doch auch Vieles, und gerade nichts Unangenehmes gebracht. Er war einer der Straf⸗ abtheilungen zugewieſen und zu vielleicht zehn Anderen in einem hellen Raume untergebracht worden; und wer dieſe Anderen waren, er erfuhr es nicht ſogleich. Ein gegenſeitiges Vorſtellen war hier nicht Gebrauch, und die Meiſten ſchienen es zu ver⸗ Be Berichtet Erichs Unglück. meiden, ohne beſondere Nothwendigkeit von Ihrer Vergangenheit zu reden. Beim Appel wurde er dem Feſtungs⸗Commandanten vor⸗ r der Infanterie, von einer ganz außerordentlichen Körperlänge, mit einem rothen, wilden Geſichte und ſchon ergrautem Barte; trotzdem aber hätte man ſich wun⸗ dern können, dieſen Officier mit dem Rufe eines tüchtigen Sol⸗ daten und im kräftigſten Mannesalter auf einem ſolchen Ruhe⸗ poſten zu ſehen, denn die kleine Feſtung war ſehr unbedeutend, wenn man nicht gewußt hätte, daß der Gouverneur derſelben, ur einer Gardebrigade und aus einem alten, lich nichts mehr und weniger war, als geſtellt, einem General⸗Majo früher Commande vornehmen Hauſe eigent vornehmſter Gefangener, wozu ihn eine maßloſe ſein eigener Vorgeſetzte gemacht. Heftigkeit gegen Untergebene und auch geger Bei der geringſten Dienſtwidrigkeit, mehr aber noch bei einer Miene, die nur im entfernteſten verrieth, als habe der Betreffende die Abſicht, ſelbſt nur im Innern zu raiſonniren, ſchwoll ihm die Zornader auf der Stirn, ſein Bart ſträubte ſich, wie der eines wilden Katers, und wenn der Ausbruch des Gewitters nicht noch glücklich durch irgend etwas vermieden wurde, ſo folg⸗ ten ſich häufig Blitz und Schlag in ſehr unangenehmer Weiſe. Im Uebrigen war der General Graf Semmering, wie ſchon früher bemerkt, ein vortrefflicher Officier, dabei jovial, hei⸗ ter, ein aufopferungsfähiger Freund, einer der beſten Kamera⸗ den und Vorgeſetzten. Da ſtand er, mit auseinander geſpreizten Beinen, die Hände auf dem Rücken, in einem langen Militär⸗Ueberrocke, ohne Epau⸗ letten, inmitten des kleinen Exercierplatzes, der auf einer Seite von der Commandantur, auf der anderen von der Garniſon⸗ 260 Sechsundvierzigſtes Kapitel. kirche mit der Pfarrerswohnung begränzt wurde, und lachte heiter mit dem Hauptmanne von Walter, der ſich ſoeben bei ihm gemeldet hatte; dann, nach einer Reihe verſchiedener Mel⸗ dungen und Anfragen der betreffenden Officiere, kam die Reihe an Erich, und für einen Augenblick verfinſterte ſich des La⸗ chenden Geſicht. „Ah,“ rief er mit einer dröhnenden Stimme—„das iſt ja wohl der berühmte letzte Bombardier, den wir das Vergnü⸗ gen haben, hier unter unſere Aufſicht zu bekommen! Ein kecker Burſche, ſieht aus, wie wenn er nie ein Waſſer getrübt hätte; nun, wir werden ſchon ſehen, was an ihm iſt. Gerechtigkeit vor allen Dingen, mein Sohn, und in der Gerechtigkeit ſuche ich meines Gleichen. Führſt du dich auf, wie es ſich für einen vernünftigen und reumüthigen Menſchen ſchickt, gut, ſo werden wir dir in Gnaden gewogen ſein; machſt du aber auch hier deine Sprünge, ſo ſollſt du die Bekanntſchaft eines guten Freun⸗ des machen, der dich ſchon zahm kriegen wird!“ Da der General bei den letzten Worten eine Bewegung mit ſeiner Reitpeitſche machte, daß dieſe einen ziſchenden Laut von ſich gab, ſo war nicht ſchwer einzuſehen, wen er mit dem angedrohten Freunde eigentlich gemeint wiſſen wollte. Erich, welcher von dem wohlwollenden Unterofficier ſeiner Abtheilung, den General und Feſtungs⸗Gouverneur betreffend, aufs beſte inſtruirt worden war, hatte bei dieſer Empfangsfeier⸗ lichkeit auch nicht in Gedanken mit einer Muskel ſeines Ge— ſichtes gezuckt und regungslos dageſtanden, wie eine Statue, der Vorſchrift gemäß, kein Auge von dem Geſichte ſeines Vor⸗ geſetzten abwendend, wobei es ihm eigenthümlich vorgekommen war, daß der General trotz der ſtrengen Worte, die er an ihn Berichtet Erichs Unglück. 261 richtete, ihn höchſt ſelten anblickte, ſondern ſeine Augen meiſtens etwas zu fixiren ſchienen, was ſich ſeitwärts von Erich und viel höher befand; ja, trotz der ernſten Worte lächelten nicht ſelten Augen und Mund des geſtrengen Officiers, und ſchließ⸗ lich nahm er ſein Taſchentuch hervor und wiſchte ſich auffallend und ſehr langſam den langen, grauen Schnurrbart. Erich wurde durch eine Handbewegung entlaſſen, und als er hierauf nach Vorſchrift links um Kehrt machte, ſtreiften ſeine Blicke die Garniſonkirche und das Pfarrhaus, in welch letzterem er die ſchöne Selma, an einem Fenſter lehnend, ſah. Was ſeine Feſtungsarbeiten anbelangte, ſo wurde er zu Schreibereien auf das Bureau der Commandantur befohlen, und fand hier, wie auf allen dergleichen Kanzleien, keine beſon⸗ ders angeſtrengte Thätigkeit. So weit wäre er auch mit ſeinem Looſe zufrieden geweſen, wenn er nicht begreiflicher Weiſe gar zu häufig Stunden gehabt hätte, wo ihn in Erinnerung an ſeine Vergangenheit und beſonders an Blanda die tooſtloſeſten Gedanken, völlige Verzweiflung erfaßten. Was war aus ihr geworden? Er wußte es nicht. Vergeblich ſchrieb Schmoller für ihn an den Doctor Burbus und an Mamſell Stöckel; er hatte von erſterem keine Antwort, von der letzteren, Blanda be⸗ treffend, keine Auskunft erhalten. Mit Selma darüber zu ſpre⸗ chen, wagte er nicht; vermied dieſe es doch, ſo wohlwollend ſie und ihr Vater ſich auch ſonſt gegen ihn bewieſen, über Ver⸗ gangenes mit ihm zu reden, beſonders über Dinge, welche Zwingenberg betrafen oder gar die Bewohner der Waldburg, welche Erich auf Umwegen ſchon häufig in die Unterhaltung zu ziehen verſucht hatte. Wenn Selma ſich überhaupt ſtets freundlich gegen ihn be⸗ 262 Sechsundvierzigſtes Kapitel. nahm, ſo war doch in ihrem Betragen eine Zurückhaltung un⸗ verkennbar, und nicht nur in Gegenwart ihres Vaters, ſondern auch, wenn ſie, was häufig genug vorkam, mit dem jungen Manne allein war. Da ſaß dieſer an einem ſtillen Sonntagnachmittage in ſeinem Schreibzimmer auf der Commandantur, die Glocken der Garniſonkirche hatten eben ausgeklungen, und bei der tiefen Stille, die ringsum herrſchte, ſo wie bei den offen⸗ ſtehenden Fenſtern vernahm Erich hier und da deutlich eines der laut tönenden Worte aus der Predigt, welche der Herr Pfarrer Wendler hielt. Erich hatte einen Brief an den Doctor Burbus angefangen, in welchem er ihm ſein ganzes Inneres darlegte und ihn beſchwor, doch noch ſo viel Freundlichkeit für ihn zu haben, um ihm ein tröſtliches Wort über Blanda's Schickſal zu ſagen. Mitten im Schreiben aber hatte ihn be— greiflicher Weiſe ſeine Empfindung überwältigt; er hatte das Papier mit. ſeinen Thränen benetzt und war dann, ſeine Augen trocknend, aufgeſprungen, um durch Hin⸗ und Herſchreiten wie⸗ der ruhiger zu werden. Dabei blickte er unwillkürlich auf den Platz hinaus und ſah dort den Feſtungs⸗Commandanten mit einem ſehr rothen Geſichte und etwas haſtigen Bewegungen das Pfarrhaus verlaſſen ſo wie mit langen und eiligen Schrit⸗ ten gegen die Commandantur gehen. Drüben waren wegen des grellen Sonnenſcheines die weißen Vorhänge niedergelaſſen und es regte ſich auch nichts in dem Hauſe, was wohl begreif⸗ lich war, da ſich ſämmtliche Bewohner in der Nachmittags⸗ predigt befanden. „Was aber hatte der General drüben zu thun gehabt?“ Erich vermochte nicht, darüber nachzudenken, da er die gereizte Berichtet Erichs Unglück. Stimme des Generals auf der Treppe vernahm, der bei ‚allen zehntauſend Teufeln fluchte und polternd befahl, daß der Poſten vor dem Gewehre augenblicklich abgelöst und auf drei Tage in ſtrengen Arreſt gebracht werde.„Ein Kerl,“ rief er,„der bei hellem Tage mit halbgeſchloſſenen Augen daſteht, wie ein Mur⸗ melthier!“— Dann verlangte er nach ſeinem Reitpferde, und Erich ſah ihn kurze Zeit darauf über den Platz davonſprengen. Was mochte das alles bedeuten? Dieſe Frage ſtellte ſich Erich und wiederholte ſie noch erſtaunter, als jetzt er bemerkte, wie ſich drüben im Pfarrhauſe einer der weißen Vorhänge er⸗ hob und Selma dort erſchien, ihm haſtig winkend, herüber zu kommen. Sie hatte das zwar ſchon öfter gethan, doch hatte er noch genthümlichen Gefühle Folge nie dieſer Einladung unter einem ſo ei f den breiten Steinen des geleiſtet, wie gerade jetzt; drunten au Platzes brannte die ſengende Nachmittagsſonne, und als Erich aus dem Hauſe trat, ſagte der Poſten vor dem Gewehr: „Wenn der Alte nicht einen Sonnenſtich gekriegt hat, ſo ſoll mich der Teufel holen! Dort kam er mit einem wilden Geſichte um die Ecke und g beißen wollte; da habe ich vielleicht auch die Augen geſchloſſen, das iſt möglich— nun, mir iſt es gleichviel, im Arreſt in der kühlen Caſematte i*ſt es beſſer, als hier im Sonnenſcheine!“ Es war aber auch eine drückende Hitze auf dem Platze zwiſchen den heißen Mauern, und rings nichts Lebendiges zu als unzählige ſummende Bienen, ſchwärmend um die mächtige Linde, die ſtill träumend vor der Kirche ſtand und vielleicht der Stimme des Herrn Pfarrers Wendler lauſchte, deſſen Worte man deutlich vernahm:„Ha, ich verſtehe— daß lotzte mich an, wie wenn er mich ſehen, 264 Sechsundvierzigſtes Kapitel. es Euch ſchwer wird, daran zu glauben, um wie viel leichter — ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe— als— Reicher— will ſagen, Gottloſer— Himmel— komme.“ „Kommſt du, Erich?“ fragte Selma oben an der Treppe, als der junge Mann in dem kühlen Hauſe ſtand und die Thür hinter ſich ins Schloß gedrückt hatte.„Hänge die Kette vor und komme herauf.“ Stärker klopfte ihm das Herz, als er die Treppe hinan⸗ ſtieg und nun in das verdunkelte Zimmer trat, wo Selma, leicht und weiß gekleidet, mit heftigen Schritten auf und ab ging. „Es iſt ein Glück,“ rief ſie ihm entgegen, ohne ihren Spa⸗ zirgang zu unterbrechen,„daß Sie gerade drüben waren, daß ich Sie rufen konnte und daß Sie gekommen ſind— ach was Sie, warum ſoll ich ‚Sie⸗ ſagen, ſetzte ſie leidenſchaftlich hinzu, indem ſie vor ihm ſtehen blieb, ihre beiden Arme auf ſeine Schultern legte und die Finger in ſeinem Nacken mit einer krampfhaften Bewegung zuſammenflocht— warum ſoll ich Sie⸗ zu dir ſagen, da wir uns doch ſo lange und ſo gut kennen, auch, wenn ich nicht irre, früher— einmal wenigſtens ‚Du⸗ zu einander geſagt haben— iſt's nicht ſo, mein Erich?“— Sie legte ihr Haupt an ſeine Bruſt, und es war ihm als hörte er ſie ſchluchzen.—„Und wenn es auch nicht geweſen wäre, ſo müßte ich doch zu dir„Du' ſagen, um mit dir zu ſprechen, wie ich will, und weil ich dich einmal herzlich geliebt habe und noch liebe! Du dagegen hatteſt mich wohl ganz vergeſſen,“ fuhr ſie fort, nachdem ſie ihr Haupt emporgehoben und ihn mit thränengefüllten Augen ein paar Secunden lang angeſehen— „ja, du hatteſt mich vergeſſen, bei Anderen vergeſſen, und ich Berichtet Erichs Unglück. 265 nehme dir das nicht übel, denn die Zigeunerin war ſchön und wußte nicht nur Knabenherzen, ſondern auch die Herzen ge— reifter Männer anzuziehen— und die Andere, o, die Andere iſt noch viel ſchöner und gefährlicher, weil ſie feiner war und reiner!“ „Aber, Selma,“ ſagte er mit erregter Stimme, während er ſanft verſuchte, ihre Finger in ſeinem Nacken zu löſen, was ihm auch gelang—„was ſoll das alles? Haben Sie mich deßhalb herüber gerufen, um mir das zu ſagen?“ „Ja, ja— und um dir noch mehr zu ſagen, um mit dir zu reden, Erich, wie ich mit dir reden muß, weil ich nicht an⸗ ders kann; aber ich will es ruhig thun, nicht leidenſchaftlich. Deßhalb ſetze dich dort in die Ecke des Sopha's, während ich mich in die andere ſetze, weit genug von dir entfernt, um nicht einmal meine Hand in die deine legen zu können— ſo— nun höre mich ruhig an, nachdem ich dir noch einmal wiederholt, daß ich dich innig, herzlich, glühend, leidenſchaftlich liebe, und daß ich unglücklich ſein werde, gänzlich verloren, wenn ich fühlen muß, daß du mich ganz vergeſſen haſt! Vor dir, ſo eben, war ein anderer Beſuch bei mir— hier in dieſem Zimmer.“ „Ich weiß es,“ ſagte Erich ruhig;„ich ſah den Herrn General, kurz zuvor, als Sie mich riefen, das Haus verlaſſen.“ „Du ſagſt das in ſehr ruhigem Tone.“ „Weil— weil— der Herr General mir nichts weniger als ruhig erſchien, vielmehr ſehr unangenehm erregt.“ „A— a— a— ah ſo,“ entgegnete Selma, wobei ein freudiger Strahl in ihren Augen zuckte—„er hatte Urſache dazu, mich unzufrieden zu verlaſſen— und daß er mich ſo verließ, daran trägſt du die Schuld, Erich, und es liegt in deiner Macht, ihn 266 Sechsundvierzigſtes Kapitel. unzufrieden zu erhalten, mich aber zufrieden und glücklich zu machen— zufrieden, glückſelig, wenn du mich lieben, wenn du mein ſein willſt— höre mich ruhig an, ich verlange ja nichts Unrechtes von dir; durch den Tod meines Gatten bin ich frei, wie du es ja auch biſt.“ „Ich, Selma?“ fragte er mit einem traurigen Lächeln— „ja, ſrei, vielleicht nach zehnjähriger, zerſtörender Feſtungshaft!“ „Ja, ja, daran denke wohl,“ erwiederte ſie mit leuchten⸗ den Augen, indem ſie ſich, ohne ihren Platz zu verlaſſen, gegen ihn neigte—„daran denke wohl und ſei überzeugt, daß man dir nach dem, was du begangen, von dieſen zehn Jahren auch nicht Eine Stunde ſchenken wird. Denke, Erich, zehn lange Jahre deiner ſchönſten Jugendzeit, zehn Jahre in dieſen troſt⸗ loſen Mauern, die mehr als hinreichend ſind, um tiefe Furchen in dein ſchönes, liebes Geſicht zu graben, vielleicht dein krauſes Haar zu bleichen; ich habe Aehnliches gehört aus den Erzäh⸗ lungen meines Vaters, wie die Langeweile, die Hoffnungsloſig— keit, die Sehnſucht nach der ſchönen Welt draußen bis zum Lebensüberdruß ſteigern und faſt wahnſinnig machen kann— das könnte, das müßte auch deine Zukunft ſein, wenn ich dir keine andere böte!“ „Du, Selma?“ fragte er verwundert, aufmerkſam werdend, und dabei erregt durch den heißen Athem ihres Mundes, den er deutlich fühlte, wenn ſie ſprach, da ſie ſich immer mehr ge⸗ gen ihn geneigt hatte und ihr dichtes Haar ſchon an ſeiner Schulter ruhte. „Ja, ich will dich frei machen, hoffentlich auch glücklich, wenn du mir folgen und dein Schickſal unauflöslich an das meinige ſchließen willſt— ich bin vollkommen ſelbſtändig,“ Berichtet Erichs Unglück. 267 fuhr ſie haſtig fort, indem ſie ihr Blicke in die ſeinigen ver⸗ ſenkte„— und ich liebe dich— das Vermögen meiner Mutter ſo wie das— ſo wie ſeines iſt unbeſtritten in meinen Händen — meinem Vater bin ich eine Laſt, und ich ſehne mich nach Freiheit— mit dir!“ „Verſtehe ich dich recht, Selma?“ „O, du mußt mich verſtehen— zwei Stunden von hier iſt die Gränze; für deine ungehinderte Flucht bin ich zu ſorgen im Stande, und dann ſoll es uns ein leichtes ſein, in ein freies, unabhängiges Land zu gelangen, wo wir vereint unſerer Liebe und unſerem Glücke leben können!“ „Glück, Selma, und Liebe?“ erwiederte er, ſie erſchreckt und ſtarr anblickend.„Ja, allerdings, ohne Liebe wäre kein Glück möglich— und gerade das fühle ich ſchmerzlich!“ „O, Erich, du haſt mich einſtens geliebt, ich weiß das genau, und auch du kannſt es nicht vergeſſen haben und darſſt es nicht vergeſſen— wohl aber Anderes, was für dich uner⸗ reichbar iſt!— Wenn die Mittheilung, die ich dir zu machen habe, grauſam klingt, ſo iſt ſie doch zu deinem Glücke, ſo zer⸗ ſtört ſie eine Hoffnung, um dich vielleicht der Freiheit raſcher entgegen zu treiben— du forſchteſt bei uns ſchon öfters nach dem Schickſale Blanda's, nicht direct, aber durch Umwege und Anſpielungen.“ „Und was weißt du von ihr?“ fragte Erich mit bebenden Lippen. „Ich weiß von ihr, daß ſie glücklicher iſt, als du, und daß ſie ſich willig und zufrieden in ihr Glück findet; ich weiß, daß ſie auf der Waldburg iſt, geliebt und hochgeehrt, weil ein Zuſammentreffen ſeltſamer Umſtände ſie erkannt werden ließ als die Enkelin des Grafen Seefeld.“ 268 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Blanda— Blanda!“ „Ich weiß, daß ſie dem Wunſche des alten Grafen nach⸗ geben wird, um die Frau von deſſen Neffen Dagobert zu werden.“ „Blanda— Blanda!“ Dieſes Mal klang dieſer Ausruf, ſtatt freudig erregt, wie ſo eben, ſchmerzlich traurig, während Erich ſeine beiden Hände vor das Geſicht preßte und tief erſchüttert daſaß.—„Ver⸗ loren— verloren!“ Tiefer Orgelton, der von der Kirche herüberdrang, war wohl ſchuld daran, daß ſich ſein Schmerz um Blanda in linde Wehmuth und Thräncn auflöste, wirkte aber auf Selma in ganz anderer Art; ſie näherte ſich Erich, ſie ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals, ſie küßte ihn ſanft auf das krauſe Haar und ſagte zart, aber doch dringend: „Entſchließe dich, Erich, entſchließe dich zu deinem Glücke, und was geſchehen ſoll, muß bald geſchehen; entſchließe dich, ſtatt in zehnjähriger Gefangenſchaft dein junges Leben hoff— nungslos zu vergeuden, in meinen Armen frei und glücklich zu ſein!“ „O, Selma— entſchloſſen bin ich und kann nicht anders!“ rief er, haſtig aufſpringend.„Laß Blanda geliebt und hochge⸗ ehrt, ja, glücklich als Gattin des Mannes leben, der mich ſo gränzenlos unglücklich gemacht, laß es wahr ſein, daß die zehn⸗ jährige Haft meine beſten Kräfte verzehrt und mich früh alt werden läßt, ich will doch aushalten, was über mich verhängt iſt, und wäre es auch nur, um den guten, fleckenloſen Namen meines Vaters in Ehren zu halten, da ich doch ſonſt nichts mehr thun kann, um ſeinen heißeſten Wunſch zu erfüllen!“ Berichtet Erichs Unglück. 269 „Erich, du biſt grauſam und undankbar!“ „Gewiß nicht, Selma!“ antwortete er, ihr näher tretend und ſanft ihre beiden Hände ergreifend. Ich ſage dir heißen, heißen Dank für deine Theilnahme und will dir dieſe Dank⸗ barkeit Zeit meines Lebens, ſo viel in meinen Kräften ſteht, beweiſen; aber ich kann nicht zu meinen anderen Vergehen noch das ſchimpflichſte der Derſertion fügen— ich kann und will nicht!“ Das ſchöne, vor Aufregung glühende Weib hatte ſeine beiden Arme umklammert und rankte ſich langſam bis zu ſeiner Bruſt empor, wo ſie ihren ſchwer athmenden Buſen feſt auf ſein Herz drückte und mit zitternden Lippen und halb geſchloſſenen Augen ſagte:„Wenn du nicht mit mir fliehen willſt, Erich, ſo— liebe— mich— und ſei es auch nur aus Barmherzigkeit!“ „Ich habe nur einmal geliebt, Selma, und kann trotz alledem dieſer Liebe nicht entſagen!“ „Du liebſt Blanda!“ „Ja, ich liebe ſie und werde ſie lieben, obgleich ich weiß, welch tiefe Kluft mich für immer von ihr trennt!“ „Amen!“ klang es deutlich von der Kirche herüber, wie Erich wenigſtens glaubte, aber ſo klar und hörbar, daß Selma erſchreckt aufblickte, um gleich darauf mit einem lauten Schrei in das Sopha zurückzuſinken. Es ſtand Jemand unter der Thür, der mit einem eigenthümlichen Lächeln ſagte, er habe ein paar Mal vergeblich angeklopft und müſſe ſchon dieſer un⸗ willkommenen Störung wegen um Verzeihung bitten.“ „Herr Doctor Burbus!“ G „Ja, meine Junge, ich bin es,“ ſagte der alte Mann ge⸗ rührt, obgleich er ſich durch einige Grimaſſen Mühe gab, dieſe 270 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Rührung nicht merken zu laſſen—„ich bin es und gekommen, um dich aufzuſuchen; ſchon am Thore dieſer kleinen Feſtung, die ſo ſtill und öde iſt, wie ein verwunſchenes Schloß, forſchte ich nach dir und erfuhr, daß du wahrſcheinlich auf einem der Bureaux der Commandantur ſein würdeſt, von dort aber habe man dich in dieſes Haus eintreten ſehen, und da verſuchte ich mein Glück und kam auch richtig zum Ziele, dich zu finden und zugleich unſere Bekanntſchaft aus früherer Zeit zu er⸗ neuern.— Nichts für ungut,“ wandte er ſich an Selma, in⸗ dem er ihr treuherzig die Hand reichte;„wir Aerzte ſind wie die Geiſtlichen, welch letztere ich ſehr ſehr genau kenne, wir ſehen und hören je nach Bedürfniß, und hier, kann ich Ihnen verſichern, hörte ich nur ſehr Erfreuliches, weßhalb ich mir denn auch er⸗ laubte, ſo recht von Herzen ‚Amen“ zu ſagen.“ „Mein Vater wird ſich recht freuen, Sie zu ſehen, Herr Doctor,“ ſagte Selma, nachdem ſie nur ſehr kurze Zeit ge— braucht, ſich vollſtändig zu faſſen und zu ſammeln— ‚„wie oft ſprechen wir von den Bekannten auf Zwingenberg— er kommt ſo eben aus der Kirche,“ fuhr ſie fort, indem ſie ans Fenſter eilte und dort die kalten Scheiben benutzte, um ihre heiße Stirn etwas daran zu kühlen. Gleich darauf trat der Garniſonprediger in ſeinem langen, ſchwarzen Predigerrocke in das Zimmer und hob beim Anblicke des Dyctors Burbus ſeine Hände erſtaunt in die Höhe, wobei er ſich ziemlich unlogiſch ſeines Lieblingsausdruckes: ‚Ha, ich verſtehe!’ bediente, denn er verſtand in Wahrheit durchaus nichts von der Anweſenheit Erich's ſo wie des Doctors Bur⸗ bus. Letzterer aber bemühte ſich alsbald, ihm ſeine Ankunft als eine glückbringende für den jungen Gefangenen zu erklären, Berichtet Erichs Unglück. 271 und übergab ihm Papiere, aus denen der Pfarrer deutlich ſah, daß Erich Freiberg in Folge weiterer Aufklärungen, die dem hohen Corpscommando übermittelt worden, auf ganz beſon⸗ deren Befehl Sr. Königlichen Majeſtät begnadigt worden und ſogleich in Freiheit zu ſetzen ſei. Es iſt dies eine zuweilen vor⸗ kommende Art, einen begangenen Juſtizfehler wieder gut zu machen, ohne dieſen Fehler eingeſtehen zu müſſen. „Ha, ich verſtehe!“ rief der Pfarrer, jetzt mit etwas grö⸗ ßerem Rechte, obgleich er das Vorgefallene mit ſeinen Folgen noch immer nicht ſo gut verſtand, als ſeine Tochter Selma, welche Erich's Hand ergriff und ihm mit bewegter Stimme ſagte: „Ich freue mich, daß Sie frei geworden ſind; leben Sie wohl und denken Sie mit Freundſchaft an mich!“ Damit verſchwand ſie aus dem Zimmer, welches auch Doctor Burbus und Erich bald darauf verließen, um ſich zum Feſtungs⸗Gouverneur zu begeben, der ſo eben in langſamem Schritte beim Pfarrhauſe vorüber von ſeinem Spazirritte kam und, nachdem er dort einen Augenblick gehalten und mit Selma ein paar flüchtige Worte gewechſelt, viel beſſer, ja, heiter ge⸗ launt erſchien. Er empfing die nothwendigen Papiere aus den Händen des Doctors Burbus und war wohlwollend genug, ſeine Freude über die glückliche Wendung von Erich's Schickſal auszuſprechen, worauf er lachend hinzufügte: „Und da Sie nun nichts mehr bei uns zurückhält, ſo wer⸗ den Sie dieſem unheimlichen Orte ſo bald als möglich den Rücken kehren. Viel Glück auf die Reiſe!“ Nur einen einzigen Beſuch hatte Erich noch zu machen, nachdem er ſeine wenigen Habſeligkeiten zuſammengebunden und mit ſich genommen, und zwar bei ſeinem Freunde Schmoller, 272 Sechsundvierzigſtes Kapitel. der drunten in der Feſtung in der Artillerie⸗Kaſerne wohnte und wohin ihn Doctor Burbus gern begleitete. Doch hatten ſie kaum ein Drittel des Weges zurückgelegt, als ihnen der Unterofficier ſchon mit langen, haſtigen Schritten entgegen kam, das Geſicht geröthet und vor Freude ſtrahlend. „Da biſt du ja,“ rief er ſchon von Weitem—„und weißt ſchon Alles?“ „Alles, Alles, und du kannſt dir denken, wie glücklich ich bin!“ „Du weißt, daß du frei biſt?“ „O, gewiß!“ „Auch, auf welche Art deine Unſchuld an den Tag ge⸗ kommen iſt?“ Erich ſchaute fragend auf den Doctor Burbus, der, mit den Achſeln zuckend, lächelnd ſagte:„Ich hätte dir das alles nachher umſtändlich erzählt, doch will ich deinem Freunde die Freude nicht verderben.“ „Man fand nämlich,“ rief Schmoller mit einem vor Ent⸗ zücken faſt weinerlich grinſenden Geſichte, daß die Kugel, welche auf den Grafen Seefeld abgefeuert wurde, viel zu groß war für den Lauf meines, deines, unſeres Terzerols— o jeh, o jeh, Erich, ich möchte wie ein Kind weinen!“ Erich drückte ihm ſtumm die Hand, worauf der brave Schmoller nun mit wirklich naſſen Augen fortfuhr: „Alſo mußte jemand Anders den Schuß abgefeuert haben — und wer das geweſen iſt, weiß ich auch.“ „Sie?“ fragte der Doctor verwundert. „Ich— ich— bis jetzt hier noch ganz allein, aber bald werden es Alle wiſſen, denn es ſoll kein Geheimniß bleiben Berichtet Erichs Unglück. 273 — wie mir hier meine Braut, wie mir Fräulein Stöckel ſchreibt, ihr Bruder, der Förſter vom Jagdſchlößchen, hat es ſelbſt beim Auditeur angegeben; ſein Sohn, der arme Joſeph, iſt euch in jener Nacht nachgeſchlichen, und als er hinter dem Poſthauſe verſteckt, mit anſah, wie Blanda mit Gewalt in den Wagen gehoben wurde, ſchoß er auf den Grafen Seefeld.“ „Gott ſei gelobt,“ ſagte Doctor Burbus erſchüttert,„daß Alles dadurch ſo vollkommen klar geworden! Mich dauert nur der Unglückliche!“ „Mich dauert der Vater, denn den Sohn haben die Aerzte für gänzlich irrſinnig und deßhalb für unzurechnungsfähig er⸗ klärt.— Du aber,“ fuhr Schmoller, heiter gegen Erich ge⸗ wandt und deſſen kleines Bündel betrachtend, fort,„haſt dich in aller Schnelle reiſefertig gemacht, und das kann ich dir nicht übel nehmen.“ „Mein Wagen hält vor dem Wirthshauſe drunten,“ ſprach der Doctor,„und nach einem Abſchiedstrunke, wozu ich den Herrn Unterofficier Schmoller freundlichſt einlade, wollen wir unſere Fahrt antreten.“ „Der Herr Unterofficier“— Schmoller ſagte dies mit einem pfiffigen Lächeln—„bedauert ſehr, dieſe Einladung nicht annehmen zu können; doch wird“— hier machte er eine auf⸗ fallende Schwenkung nach rechts und ließ den geraden Degen mit dem neuen, glänzenden Officiers⸗Portepee ſehen— der Herr Feldwebel Schmoller mit großem Vergnügen die Ehre haben, dieſer Einladung zu folgen.“ „Zugleich mit unſerem herzlichſten Glückwunſche!“ Wie ſchmeckte unter der kleinen Laube im Hofe des Poſt⸗ hauſes der kühle Wein in den kalten, dunſtig angelaufenen Glä⸗ Hackländer, Der letzte Bombardier. IV. 18 274 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ſern, mindeſtens dem Doctor Burbus und dem jungen Feld⸗ webel, während Erich, von einer ihm ſelbſt unerklärlichen, Anderen aber ſehr begreiflichen Unruhe getrieben, kaum von dem Weine genoß, um ſich gleich darauf wieder von dem Tiſche zu entfernen, an dem er ſich ſo eben erſt niedergelaſſen; dann betrachtete er, tief aufathmend und mit einem Blicke voll Sehn⸗ ſucht, durch die wehenden Ranken der Laube hindurch den tief⸗ blauen Himmel, um gleich darauf den Wagen, der Doctor Burbus hieher gebracht hatte, zu umkreiſen, ein ſolides, aber trotzdem elegantes Fahrzeug, das mitten im Hofe ſtand, friſcher Poſtpferde gewärtig. Erich faßte mit den Händen die Räder, ließ ſeine Finger über das glänzend lackirte Leder gleiten und hätte gern ſeine heißen Wangen daran gekühlt, um alsdann den Wagenkaſten ſelbſt auf ſeinen Federn leicht ſchaukeln zu laſſen und jetzt mit einem wahrhaft kindiſchen Entzücken das kleine, zierliche 8 mit der Grafenkrone darüber an dem Schlage zu entdecken. „Mir preſſirt es eigentlich nicht ſo ſehr,“ lachte der Doctor auf eine Frage Schmoller's herüber,„und wenn Erich es vor⸗ zieht, die Nacht hier zu bleiben, ſo habe ich nichts dagegen einzuwenden.“ „Ich?“ erwiederte der junge Mann faſt beſtürzt.„O nein, ich ziehe es gewiß nicht vor, da zu bleiben, und wenn Sie erlauben, ſehe ich, wo der Poſtillon ſo ſehr lange ſteckt!“ Darauf verſchwand er eilig, um gleich nachher in Beglei⸗ tung des Geſuchten und der Pferde zurückzukehren, aber als dieſe angeſpannt wurden, verließ Erich ſeine Unruhe nicht, und er trat zuweilen an das Hofthor, um ſich mit großer Zufrie⸗ denheit in der gänzlich menſchenleeren Straße umzuſchauen. Berichtet Erichs Unglück. 275 Endlich ſaß der Doctor im Wagen und endlich durfte ihm Erich folgen, nachdem er noch vorher den guten Schmoller ſtürmiſch an ſein Herz gedrückt; dann rollte der Wagen zum Hofe hinaus, an den ſtillen Häuſern vorüber, wo nur hie und da, von dem Tone des Poſthorns angelockt, ſich ein gelang⸗ weiltes Sommerſonntagnachmittagsgeſicht ſehen ließ. Draußen zwiſchen den Feſtungswerken war es ſchon lebendiger und theil— nehmender; wie klang der dumpfe Widerhall unter den gewölb⸗ ten Thoren, wie geheimnißvoll klirrten die Ketten der Zug— brücken und welch gutmüthig polternden Gruß riefen die zit⸗ ternden Bohlen der langen Brücken dem enteilenden Flüchtlinge nach— und draußen in der Natur, in der weiten Landſchaft, beleuchtet vom Abendſcheine war es erſt ſo ſchön und herrlich, daß Erich nicht anders konnte, als die Hand des Doctors er⸗ greifen, um heiße Thränen darauf zu weinen. Dann erzählte dieſer, als ſie auf einer geraden Straße durch die endlos ſcheinende Fläche rollten, Einiges von dem, was ſich in den letzten Wochen zugetragen— Manches ver⸗ ſchwieg er auch, und ſchließlich ſagte er zu Erich:„Und ſo biſt du denn einer der freieſten und hoffentlich auch glücklichſten Menſchen, welche es auf dieſer Welt gibt, verſchiedene Wege ſtehen dir offen, um etwas Tüchtiges zu werden. Da iſt dir zum Beiſpiel von dem Brigade⸗Commando gnädigſt geſtattet worden, ſogleich wieder in die Schule einzutreten, um deine Studien zu vollenden.“ „Nein, nein!“ rief Erich mit einer abwehrenden Handbe⸗ wegung. „Man iſt aufmerkſam auf dich geworden, man will dir 276 Sechsundvierzigſtes Kapitel. wohl, und du kannſt verſichert ſein, daß dir der Weg zu den Epauletten thunlichſt abgekürzt wird.“ „O nein, o nein, ich will lieber alles Andere ergreifen, ich will auf einem Bauernhofe arbeiten oder zu einem Förſter in die Lehre gehen!“ „Wenn du aber Officier würdeſt, theurer letzter Bombar⸗ dier, ſo haſt du mächtige Freunde, die dich in jeder Hinſicht unterſtützen und für dein raſches Fortkommen ſorgen würden.“ „O, nein, auch unter dieſen Ausſichten nicht!“ „Du weißt,“ fuhr der Doctor achſelzuckend fort,„daß deine ehemalige Freundin jetzt eine ſehr reiche und vornehme Dame geworden iſt; vielleicht daß es ihr ſpäter weniger hart ſein würde, ſich deiner Freundſchaftlichkeit zu erinnern, wenn dur durch Degen und Epauletten auch ſo etwas wie ein halb vor⸗ nehmer Mann geworden wäreſt.“ „Wenn mich Blanda ſpäter, wenn wir uns vielleicht ein⸗ mal wieder ſehen ſollten, nicht wiedererkennen würde, weil ich den Arbeitsrock oder die graue Juppe trüge, ſo wäre auch nichts daran verloren.“ „Gut denn, ſo gehen wir zum Bauernhofe und zum Walde über.“ „Zu meinem Heile, zu meinem Glücke,“ gab Erich eifrig zur Antwort und hörte mit ſtiller Seligkeit zu, wie ihm als⸗ dann ſein väterlicher Freund einen wohl überdachten Studien⸗ plau in der ruhigen Art und Weiſe, die ihm eigen war, ent⸗ wickelte. Er ſollte während eines oder zweier Jahre eine der großen landwirthſchaftlichen Akademien beſuchen, und ſich auch praktiſch mit den Forſtwiſſenſchaften bekannt machen, dann irgendwo, wenn er etwas Tüchtiges gelernt habe, die Verwal⸗ Berichtet Erichs Unglück. 277 tung großer Güter, vielleicht ſpäter einmal einen Theil der gräf⸗ lich Seefeld'ſchen übernehmen— denn dem alten Grafen, Herrn Chriſtian Kurt, biſt du großen Dank ſchuldig, da dieſer es iſt, der aufs reichlichſte die Mittel zu deiner Ausbildung an⸗ gewieſen hat.“ „O, wie dankbar werde ich ihm ſein,“ rief Erich in ſchwär⸗ meriſcher Begeiſterung—„und vor allen Dingen Ihnen, mein edler, theurer Freund, ohne den ſich alles das nicht ſo glücklich gefügt hätte! O übermitteln Sie vorläufig dem Herrn Grafen meinen heißen Dank und ſagen ihm, wie feſt ich entſchloſſen bin, mich ſeiner Güte würdig zu erweiſen! Vielleicht darf ich es ihm ſpäter ſelbſt wiederholen, und dann— dann— viel⸗ leicht auch Blanda wöiederſehen, wenn ſie in ihren neuen Ver⸗ hältniſſen, an der Seite eines hoffentlich geliebten Gatten mich nicht ganz vergeſſen hat.“ „Hm,“ machte der Doctor mit hoch emporgezogenen Au⸗ genbrauen, indem er Erich von der Seite anſah, von einem Gatten Blanda's iſt mir vorläufig nichts bekannt, und möchte wohl erfahren, woher du dieſe Wiſſenſchaft haſt.“ „Selma ſprach mir davon.“ „Sie ſagte, Blanda würde ſich verheirathen?“ „Ja, mit ihrem Vetter, dem Grafen Dagobert Seefeld.“ „Dummes Zeug,“ brummte der Doctor—„eher noch mit mir! Das allein Wahre an der ganzen Geſchichte iſt, daß ſich Graf Dagobert Seefeld zu verheirathen gedenkt, aber nicht mit Blanda, ſondern mit einer Gräfin Clotilde Haller.“ Darauf drückte ſich der Doctor in eine Ecke des Wagens und lächelte in ſich hinein, wie man zu lachen pflegt, wenn 278 Sechs undvierzigſtes Kapitel. man über eine Idee, über ein Project nachdenkt, das uns außer⸗ ordentlich viel Vergnügen verſpricht. Ach, es war ein herrlicher Abend, durch den der glück⸗ liche Erich fuhr, Concert im Graſe, Concert in den Büſchen; luſtig ſingende Vögel und ſchrillende Cicaden wurden durch den melodiſch zuſammen ſtimmenden Ruf der Fröſche in ent⸗ fernten Teichen abgelöst, und dieſe verſtummten dann ſpäter wieder aus Ehrfurcht und Zuneigung vor der ſüßen Stimme der ſchluchzenden, klagenden Nachtigall. Dabei träumt es ſich ſo ſüß, wenn man aufwärts blickt an den nach und nach dunkler werdenden Nachthimmel, wo, wie unſeren lebhaften Gedanken folgend, immer wieder neue Stern⸗ bilder hervorſpringen und ſo unſere Phantaſieen aufs glänzendſte verwirklichen.—— Erich träumte von einer glücklichen Zukunft, die er ſich aber ſelbſt begründet hatte durch einen ungeheuren Fleiß, durch eine ſo rieſenhafte Ausdauer im Lernen und Arbeiten, daß er nach kaum beendigter Lehrzeit von mindeſtens einem Dutzend reicher Gutsbeſitzer, mit deren Söhnen er ſtudirt, unter allen ihm beliebigen Bedingungen gewonnen werden wollte. Doch war es nur das Gefühl der Dankbarkeit, welches ihn antrieb, ſeine Zeugniſſe und dieſe Schreiben dem guten Doctor Burbus einzuſenden, ihn für ſich wählen zu laſſen oder ſich ihm ſonſt gänzlich zur Verfügung zu ſtellen. Natürlich wurde er hierauf für die Seefeld'ſchen Güter erworben, und da konnte es dann nicht fehlen, daß er an einem ſchönen, duftigen Morgen, während er die Waldungen beſich⸗ tigte, und merkwürdiger Weiſe gerade an der Stelle, wo er da⸗ Berichtet Erichs Unglück 279 mals von dem gräflichen Jäger gefangen genommen worden war, Blanda begegnete, die, ſchöner und lieblicher geworden, als ſie ſelbſt vor ſeiner treuen Seele geſtanden, ihm entgegen⸗ ſtürzte, ſeine beiden Hände ergriff, um gleich darauf willenlos an ſeiner Bruſt zu ruhen und ihm zuzuflüſtern, daß ſie ihn jetzt nimmer, nimmer von ſich laſſe. Man erlebt oft merkwürdige Dinge im wirklichen ſo wie im wachen Traume, und hier, am Schluſſe unſerer Erzählung vom letzten Bombardier angekommen, dürfen wir den geneigten Leſerinnen, die ſich für dergleichen ganz beſonders intereſſiren, die Verſicherung geben, daß Erich's Traum nicht nur beinahe. buchſtäblich in Erfüllung gegangen iſt, ſondern auch zu ſeinem und Blanda's Glück und Heil. Für ſolche unſerer geneigten Leſer aber, die ſich nicht be— gnügen wollen, an Träume zu glauben, deren Erfüllung wir auch noch ſo feierlich garantiren können, für Leſer, die gern Alles Schwarz auf Weiß beſitzen, wollen wir noch ein paar Bruchſtücke mittheilen aus Briefen der Gräfin Clotilde See⸗ feld an ihre Freundin Blanda ſo wie aus einer Antwort von Blanda Freiberg an die Gräfin Clotilde Seefeld, zwei Bruch⸗ ſtücke von Briefen, welche eigenthümlicher Weiſe im Anfange und am Ende von einer merkwürdigen Aehnlichkeit ſind, ob— gleich der Inhalt gänzlich verſchieden iſt. Meine theure, inniggeliebte Genovefa,“ ſchrieb die Gräfin Seefeld, ‚ich habe es denn in dieſem Frühjahre trotz alledem wieder durchgeſetzt, das reizende Baden⸗Baden zu beſuchen— warum auch nicht? Was kann ich dafür, daß Dagobert dieſen lieblichen Ort mit ſeinen angenehmen geſellſchaftlichen Verhält⸗ niſſen unleidlich findet! Ich zwinge ihn ja nicht, mich zu be— — — 280 Sechsundvierzigſtes Kapitel. gleiten, laſſe ihm überhaupt ſeinen freien Willen ſo largement, als er es von einer vernünftigen Frau nur verlangen kann. Ob es für ihn behaglich iſt, daß gerade ich ſeine Frau gewor⸗ den bin, will ich nicht behaupten, verſchweige ihm das auch nicht bei den häufigen peinlichen Seenen, die er mir macht, und nahm noch bei meiner Abreiſe vor ein paar Tagen Ver⸗ anlaſſung, von ihm mit dem großen Worte zu ſcheiden: Tu l'as voulu, Georges Dandin!“ Blanda Freiberg aber ſchrieb an ihre Freundin: „Ich habe es in dieſem Frühjahre trotz alledem durchgeſetzt, daß mich Erich mit auf das alte Förſterhaus nehmen mußte, in deſſen Nähe er großartige Sägemühlen anlegt, ja, ich habe nicht eine meiner Frauen mitgenommen, um ſo recht mit ihm den ſtillen Aufenthalt, in unſerem herrlichen heiligen Walde genießen zu können. Dabei iſt er wahrhaft komiſch in ſeiner rührenden Sorgfalt, wenn ich mit ihm durch Dick und Dünn reite, auch bei beſchwerlichen Wanderungen durch unwegſame Gründe, die er zu machen hat und wobei ich ihn ſo gern begleite, oder wenn uns ein trüber Regentag in die engen Zimmer bannt, und ich mir alsdann ein Vergnügen daraus mache, für unſeren kleinen Mittagstiſch ſelbſt zu ſorgen. Könnteſt du von Deinem elegan⸗ ten Baden das nur einmal mit anſehen, gewiß, Du würdeſt lachen, wenn Du die ernſte Miene ſäheſt, mit der Erich meine feinen, weißen Hände betrachtet, oder ihn hören, wenn er ſo recht kummervoll mit einem tiefen Seufzer ſagt: Du haſt es gewollt, mein liebes Herz! „Ja, ich habe es gewollt, ich ſehe dadurch meine ſüßeſten Wünſche in Erfüllung gehen und bin ſo glücklich geworden, wie ich nie, nie hoffen konnte, es zu werden!“— Ende. —— — Oanes Pic