A ——— k. —— —ò heihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher AtteYatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesépreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt.† Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen., 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4. für wöchentlich—2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: A————xq— auf 1 Monat 4 Wer.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zupückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 Letzte Bombardier. Von 2 F. W. Hackländer. Zweiter Band. —4 j— Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1870. Druck von Woerner& Comp. in Stnttaart. Znhalt. Vvierzehntes Kapitel. Seite Erich wird nächtlicher Weile aus dem Gefängniſſe geholt und vor ſeinen Richter geſtellt........... 1 Fünfzehntes Kapitel. Während in der Vorhalle getanzt und geſungen wird, hat der Herr des Hauſes Viſionen und Erich treibt Sternkunde 19 Sechzehntes Kapitel. Handelt von der Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Com⸗ mando's, von Ueberliſtungen und einem unechten Examen 49 Siebzehntes Kapitel. Der Held der Geſchichte lernt Einiges vom militäriſchen Leben, beſucht die Wachtparade und geht zum wirklichen Examen 65 Achtzehntes Kapitel. Von der Brigadeſchule, von zarten Unterhaltungen der jungen Zöglinge, vom geheimnißvollen Bunde des Hungers und des Durſtes. Erich erhielt Arreſt, weil er ein Geſchütz gar zu natürlich abgefeuert haben ſollte.. 84 Nennzehntes Kapitel. Da der heilige Auguſtin vom Helden unſerer Geſchichte nichts wiſſen will, begibt ſich letzterer zu den Kunſtreitern, ſieht dort die ſchöne Kolma und geräth bei Bombardier Schmoller in einen ſchlimmen Verdacht.......... 111 Inhalt. Zwanzigſtes Kapitel. Während Bombardier Schmoller ſeinen geſellſchaftlichen Ver⸗ pflichtungen nachkommt, beſucht Erich die ſchöne Kolma Einundzwanzigſtes Kapitel. Obgleich in dieſem Kapitel unter eigenthümlichen Verhältniſſen ſoupirt wird, iſt doch die Ankunft eines Dritten ſchuld daran, daß das Souper ein Ende mit Schrecken nimmt Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Von den geſellſchaftlichen Verpflichtungen Schmoller's mit un⸗ liebſamen Unterbrechungen, in deren Folge der Betreffende wie ein Fiſch geangelt wird und Veryeerungen in der Ka⸗ ſerne anrichtet Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Berichtet, wie Erich durch aufopfernde Freundſchaft für den Bombardier Schmoller in große Gefahren geräth und ins Unglück kommt........... Vvierundzwanzigſtes Kapitel. Erich hat ſich ſelbſt erhöht, wird erniedrigt und von dem heil. Auguſtin freundlich aufgenommen. Bombardier Schmoller gebraucht eine Kohlenſchaufel als Mandoline. Erich liest Briefe Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Stubenarreſt und Beförderung. Erich wird zu einer reitenden Batterie verſetzt und marſchirt mit Bombardier Schmoller nach der Reſidenz. Seite 140 163 197 Vierzehntes Kapitel. Erich wird nächtlicher Weile aus dem Gefängniſſe geholt und vor ſeinen Richter geſtellt, beweiſt dabei aber keine Unterwürfigkeit, was ſeine Lage verſchlimmert. Wir halten es hier für unſere Pflicht, ſo wie wichtig für den folgerichtigen Lauf unſerer Erzählung, um einige Stunden zurückzukehren und uns nach Erich umzuſchauen, wenn wir auch, der Wahrheit gemäß, dadurch genöthigt ſind, den Leſer aus der ſo glänzenden und behaglichen Umgebung des gräflichen Speiſeſaales in ein kaltes, ärmliches, halbdunkles Gemach mit vergitterten Fenſtern und einer ganz gewöhnlichen Holzpritſche zu führen, kurz, in ein Gemach, das unſeren gewöhnlichen 4 Begriffen von einem Gefängnißlocal aufs genaueſte entſpricht. Hier finden wir auch Erich wieder, und zwar in dem kahlen Gemache, mit grauen Wänden und Steinboden, auf und 1 ab gehend, wobei er hier und da einen Blick hinaufwarf an das oben befindliche Fenſter, durch welches er ein kleines Stü⸗ kchen blauen Himmels ſehen konnte ſo wie die Aeſte eines Baumes mit gelblichen Blättern, die ſich zuweilen, vom Winde ckländer, Der letzte Bombardier. II. 1 Vierzehntes Kapitel. zsſchild. hin und her bewegten. Dabei vernahm er öfter das Rauſchen dieſes Windes, und dann dachte er an die Waldſtim⸗ men verſchiedenſter Art, die er heute Morgen an der Seite des jungen Forſtmannes vernommen, ehe dieſer den ſtarken Hirſch geſchoſſen, und wenn er in dieſen Erinnerungen raſcher auf und ab ging und ſeine Schritte ſo hohl durch den gewölbten Raum klangen, ſo konnte er ſich nicht enthalten, lebhaft an Gottfried zu denken ſo wie an die anderen Leute von der Mühle, die gewiß emſig nach ihm den Wald durchſtreiften, deren Fußtritte durch das dürre Laub rauſchten, deren wieder⸗ hallende Stimmen ſeinen Namen riefen. Die Sorge, was der Doctor Burbus und die Anderen von ſeinem plötzlichen Verſchwinden mit Gottfried's Jagdjuppe und Gewehr denken mochten, machte ihm viel mehr zu ſchaffen, als ſeine eigene Gefangenſchaft hier auf dem Schloſſe des Grafen Seefeld; denn wenn ihm auch der feine, geſchniegelte Herr, zu dem er heute Morgen geführt worden war, der Secretär Renaud nämlich, von ſeinem Vergehen— wenn es überhaupt ein Vergehen zu nennen war, daß er einen auf diesſeitigem Revier angeſchoſſenen Hirſch auf jenſeitigem hatte ſuchen helfen— als von einem ſchweren Verbrechen geſprochen, ſo wußte er ja ſelbſt am beſten, daß er nicht im entfernteſten daran gedacht, einen Jagdfrevel zu begehen, und daß ſelbſt jene Zeit, wo man Wilddiebe gröbſter Art auf Hirſche geſchmiedet und dergleichen furchtbare Strafen über ſie verhängt, längſt vorüber war. Nur wenn er an jenen jungen Officier von den Huſaren dachte, jenen Grafen Seefeld, der ihn droben beim Meilenſteine mit ſo gehäſſigen Blicken betrachtet und der ja ebenfalls hätte anweſend ſein können, dann ſtieg der Gedanke in ihm auf, wie 2 e Erich vor dem Richter. 3 es doch ſo gar leicht ſei, unverſchuldet ins Unglück zu kommen; dieſer Officier brauchte ja nur darauf zu beſtehen, ihn des Jagdfrevels anzuklagen, und wenn er auch aus einer ſolchen Anklage frei hervorging, ſo erſchien er doch dadurch in einem Lichte, daß es ihm unmöglich gemacht wurde, in die Militär⸗ ſchule einzutreten— und was dann weiter? Hatte ja doch der Pfarrer Wendler dafür geſorgt, daß ſeine Schulgehülfen⸗Carriere durch einen dicken, ſchwarzen Strich für immer abgeſchloſſen worden war! Glücklicher Weiſe grübelt man in der Jugend nicht ſo tief und ſchmerzlich nach, als in reiferen Jahren. Die Wogen unſerer Gemüthsſtimmung, raſch erregt, ebnen ſich wieder mit gleicher Schnelle, und wo wir ſo eben noch ein wild bewegtes Meer ſahen, bereit, unſer Lebensſchifflein zu verſchlingen, da ſchauen wir im nächſten Augenblicke eine glatte, hoffnungsreiche Fläche, tröſtlich beſchienen vom Glanze der Sonnenſtrahlen, die ſich Bahn gebrochen zwiſchen finſter zuſammengeballten Wetter⸗ wolken. So erging esgauch Erich, und nachdem er ſtundenlang in dem weiten Gemache hin und her gegangen, hatte er ſich ſo weit beruhigt, daß er die vergangene Zeit vergeſſen und ſich ſeiner Zukunft in frohen Träumen zuwenden konnte. Er ſetzte ſich auf die Holzpritſche, dann lehnte er ſich dar⸗ über hin, wobei er ſeinen Kopf in die Hand ſtützte, und dann ſchlief er vor Ermüdung ein. Als er nach längerer Zeit wieder erwachte, fuhr er raſch in die Höhe und ſprang empor, denn er wußte im erſten Augen⸗ blicke nicht, wo er ſich befand; war doch Alles um ihn her ſo dunkel, daß er nicht im Stande war, den Raum zu erkennen, 4 Vierzehntes Kapitel. der ihm zum Aufenthalte diente! Erſt als er aufwärts blickend eine zweifelhafte Helle durch das Fenſter hoch an der Decke eindringen ſah, erkannte er nach und nach ſeine Umgebung wieder. Ja, er hatte lange geſchlafen; doch hatte ihn dieſer Schlaf nicht erquickt, oder war es auch wohl das Gefühl von Hunger und Kälte, was ihn in eine weit unbehaglichere, weit unglücklichere Stimmung verſetzte? Was hatte man mit ihm vor? War es doch bereits Abend geworden und Niemand kümmerte ſich um ihn— abſichtlich, oder hatte man ihn vergeſſen? Er ging nach der Thür; er wußte, daß dieſelbe verſchloſſen und verriegelt worden war. Er legte das Ohr an das Schlüſſel⸗ loch. Ein kalter Wind drang ihm durch dasſelbe entgegen, doch vernahm er nicht das Geringſte, keinen Laut einer menſch⸗ lichen Stimme. Wenn er die Holzpritſche aufrichten und dann hinaufklettern konnte, ſo war es ihm vielleicht möglich, durch das Fenſter ins Freie zu ſehen; das verſuchte er, und es ge⸗ lang ihm. Er hatte dabei auch an die Möglichkeit gedacht, durch das Fenſter entfliehen zu können, doch war dasſelbe mit dicken eiſernen Stangen verſehen. Auch war es draußen ſchon zu dunkel, als daß er hätte viel unterſcheiden können. Was er vor ſich ſah, waren Bäume und Raſenplätze, hinter denen ein ſanft anſteigendes Terrain begann, welches aber mit Wald ge⸗ krönt ſein mußte, denn er bemerkte den helleren Himmel hinter einer bewegten dunkeln Linie, die wahrſcheinlich von der Krone alter Bäume gebildet war— und auch das hätte er nicht be⸗ merken können ohne einen ſchwachen Schein am Himmel, mit dem ſich der aufſteigende Mond verkündete. Er ſtieg von der Holzpritſche wieder herab und begann abermals, das Gemach ———;—;——————— 1 4 * 1 Erich vor dem Richter. 5 mit ſeinen Schritten zu durchmeſſen. Alles, was er außer dem Schalle ſeiner eigenen Fußtritte hörte, war der tiefe Klang einer Thurmuhr, welche Viertel und Halb anſchlug und dann nach einiger Zeit die achte Abendſtunde. Ja, es fror ihn, und er lief haſtiger auf und ab, um ſich zu erwärmen, und wenn ihm dies auch für Augenblicke gelang, ſo hatte er doch nichts, um ſeinen Hunger zu beſchwich⸗ tigen, der auf recht unangenehme Art anfing, ſich bei ihm ein⸗ zuſtellen. Ja, Froſt und Hunger, zwei troſtlos geſchickte Maler, um uns Gegenwart und Zukunft mit trüben, grauen Farben auszumalen! Sein Muth ſchwand dahin, ſeine Hoffnung er⸗ blaßte, und als er ſich jetzt wieder auf die Holzpritſche ſetzte, kauerte er ſich frierend zuſammen unter dem ſchweren Drucke einer recht kummervollen Stimmung. Wohl horchte er auf, als er jetzt draußen Geräuſch ver— nahm, und die Hoffnung belebte ihn, daß man jetzt kommen werde, um nach ihm zu ſehen. Doch zog der Schall zahlreicher Fußtritte vorüber. Dann hörte er das Rollen von Rädern ſo wie das Schnauben und Schütteln von Pferden; auch flog der Widerſchein vom Licht durch das Fenſter an der gewölbten Decke des Gemaches raſch dahin, um aber gleich darauf wieder eine ſcheinbar noch tiefere Finſterniß entſtehen zu laſſen und noch eine unangenehmere Stille, als jetzt das Geräuſch der Vorübergehenden draußen aufgehört. Wer konnte das geweſen ſein?— Auch wenn er noch droben am Fenſter geſtanden hätte, wäre er doch der Eiſengitter wegen nicht im Stande geweſen, das zu unterſcheiden.— Neun Uhr.— Dann lief er haſtig auf und ab und dachte an das friedliche, angenehme Leben in der Mühle, wo jetzt wahrſcheinlich in dem heimlichen Wohn⸗ 6 Vierzehntes Kapitel. zimmer die Lampe auf dem Tiſche ſtand, wo der Müller Bur⸗ bus mit weiten Schritten auf und ab ging und wo vielleicht die alte Lene irgend eine Vorahnung erzählte, welche ſie, das Verſchwinden des armen jungen Menſchen betreffend, gehabt haben wollte. Erich konnte freilich nicht wiſſen, daß„das, was er ſo träumte, der Wahrheit nahe kam, und daß er in ſeinen Gedan— ken nur noch Gottfried's vergeſſen hatte, der vor dem großen Ofen ſtand, nachdem er ſeine Büchſe mißmuthig in einen Winkel geſtellt, und nun ſeinem Vater erzählte, daß er auf der Wald⸗ burg geweſen ſei, daß ihm aber dort die Leute des Grafen Seefeld böswillig jede Auskunft verweigert und daß er nur durch Beſtechung unter der Hand erfahren konnte, Erich ſei von dem Revierförſter Ketteler bei dem verendeten Hirſche ge⸗ funden und mitgenommen worden. Der alte Müller hatte dar⸗ auf langſam mit dem Kopfe genickt und befohlen, daß man morgen früh um ſechs Uhr für ihn einſpannen ſolle, um auf das Gerichtsamt der benachbarten Stadt zu fahren.— Hätte Erich eine Ahnung davon gehabt, daß die Freunde ſeine richtige Spur geſunden, ſo würde er ruhiger, getröſteter geweſen ſein; ſo aber überkam ihn jetzt ein unausſprechlich ſchmerzliches Ge— fühl des Verlaſſenſeins, zugleich mit dem traurigen Gedanken, daß er eigentlich Niemanden auf der Welt habe, der die Ver⸗ pflichtung in ſich fühle, ſich um ihn zu bekümmern, und daß er es ja eigentlich dem Müller Burbus ſo wie auch Gottfried und den Anderen nicht übel nehmen konnte, wenn ſie den frem⸗ den jungen Menſchen, der ſie ja eigentlich gar nichts anging, ſeinem Schickſale überließen. Dabei traten jene Tage ſo lebhaft vor ſeine Seele, wo er noch — — Erich vor dem Richter. in dem alten Hauſe bei ſeinem Vater geweſen war, wo er krank in ſeinem Bettchen gelegen, wo man ihn ſo liebevoll gehegt und gepflegt, ihm Märchen erzählt, und wo die alte Baſe die Decke, unter welcher er ſich mit einem angenehm ſchauernden Gefühle verkrochen, rings um ihn her feſt eingeſteckt hatte und vor ihm ſitzen geblieben war mit einem Stocke in der Hand, um damit, wie ſie ſagte, die garſtigen Träume zu verjagen ſo wie das böſe Fieber auf den Kopf zu ſchlagen, wenn es wieder⸗ — 3 kommen wolle. Damals war ſein müder Körper unter einem Gefühle ſanften Hin⸗ und Herſchwankens in einen erquickenden Schlaf geſunken, wobei es ihm geweſen war, als ſchaukle er im Nachen auf einer weiten, ſtillen Seefläche. Hatte er jetzt wieder geſchlummert? Ja, es mußte ſo geweſen ſein, denn er richtete ſich raſch empor und öffnete haſtig ſeine Augen, als er, ohne vorher ein Geräuſch vernommen zu haben, nun bemerkte, wie heller Licht— ſchein durch die geöffnete Thür eindrang; dann vernahm er eine Stimme, die ihm zurief: „Komme einmal einen Augenblick daher, Bürſchlein, man will dich ſehen! Da, nimm auch deinen Hut mit dir, und wenn ich dir gut rathen ſoll, ſo ſei demüthig und gib keine trotzigen Antworten, wie du mir heute Morgen gegeben.“ Der alſo ſprach, war der Revierförſter Ketteler, und als Erich auf dieſe barſche Anrede und auch wohl in der erſten Ueberraſchung keine Antwort gab, ſondern ruhig ſitzen blieb, trat er näher und beleuchtete ihn mit der Fackel, die er in der Hand trug. „Nun, wird's bald?“ Vierzehntes Kapitel. Panſe wohin ſoll ich Euch folgen?“ fragte Erich nach einer „Das wird ſich alles finden.“ „Wenn ich aber nicht folgen will?“ „Oho, Bürſchlein,“ erwiederte der Andere mit einem rohen Lachen,„daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht, und im Ernſte denkſt du auch wohl nicht daran, denn du wirſt gefunden haben, daß es bei uns mit deinem Willen nicht weit her iſtl⸗ „Allerdings nicht!“ rief Erich, aufſpringend.„Was kann ich thun gegen die rohe Gewalt, mit der man mich behandelt? Doch wird gegen dieſe auch noch eine Gerechtigkeit zu finden ſein!“ „Suche ſie nur recht ſorgfältig; ich aber fürchte, du findeſt ſie nicht, wie du wohl glaubſt, denn wir ſind hier in unſerem vollkommenen Rechte, wie man dir wohl beweiſen wird. Aber vorwärts, vorwärts, man iſt bei uns nicht gewohnt, auf ſich warten zu laſſen!“ Was konnte Erich thun? Sich trotzig an die Pritſche klammern und ſich vielleicht auf dieſe Art Mißhandlungen aus⸗ ſetzen, zu welchen ihm der Mann, der vor ihm ſtand, wohl fähig ſchien? Auch war ihm jede Veränderung in ſeiner Lage erwünſcht, erfuhr er doch jedenfalls, was man mit ihm vorhabe. Er nahm ſeinen Hut, ſetzte ihn ruhig auf und folgte dem Jäger. Dieſer hatte den ſtarken Hund von heute Morgen bei ſich und ließ Erich vorangehen, eine Weile an langen, dunkeln Ge⸗ bäuden vorbei; dann rief er ihm zu, rechts in eine erhellte Pforte einzutreten. Doch war dies nur ein Durchgang, welcher auf einen weiten Raum führte, in deſſen Mitte ſich eine gothiſche Kirche befand. Gegenüber dem Portale dieſer Kirche erhob ſich der mittlere Theil des Schloſſes hoch über die Seitenflügel Erich vor dem Richter. 9 empor, und hier bemerkte man große, breite, hell erleuchtete Fenſter. Sie gingen bei der Kirche vorbei dem Schloſſe zu und kamen dann in ein hell erleuchtetes Veſtibul, wo reich galonirte Diener geſchäftig hin und her liefen, glänzende Ge⸗ ſchirre in Kryſtall und Metall ſo wie leere Flaſchen forttragend, während andere ſilberne Gefäße herbeitrugen und mit denſelben in einem anſtoßenden Gemache verſchwanden, wo Erich's Begleiter demſelben einzutreten befahl und wo dieſer ſich aus der dunkeln, ſtillen Nacht, aus dem kalten Gemache hinweg mit Einem Male in eine ſo feenhafte Umgebung verſetzt ſah, daß er mit Stannen und Verwunderung um ſich herſchaute, und wo ihn das noch nie Geſehene auch förmlich geblendet haben würde, ſelbſt wenn es mit ſeiner letzten Vergangenheit einen minder ſchroffen Gegenſatz gebildet hätte. Er befand ſich in einem hohen, achteckigen Gemache, in deſſen Mitte die Waſſer eines Springbrunnens, luſtig plätſchernd, den Glanz von Hunderten von Wachskerzen zurückwarfen, mit denen dieſer Raum erfüllt war. Sein Fuß glitt über einen parketirten Boden, und die warme, angenehme Luft, die hier herrſchte, that ſeinem durchfrorenen Körper unendlich wohl. So reich ihm aber auch dieſes Gemach erſchien, ſo war es doch nichts im Vergleiche mit der hohen und weiten ſtrahlenden Halle, in welche Erich durch breite, geöffnete Flügelthüren hinein blickte. Er glaubte zu träumen oder ein Märchen zu erleben— ein Märchen, in welchem ſich vor dem armen, verirrten Wanderer plötzlich die Herrlichkeiten der ganzen Feenwelt aufthaten. Gab es wirklich ſolche Pracht, ſolchen Glanz, wie das, was ſich da vor ſeinem flimmernden Blicke aufthat? Ja, es gab dergleichen, denn er träumte nicht und erlebte 10 Vierzehntes Kapitel. auch nicht die Wunder des Märchens; alles dies war Wirklich⸗ keit, aber eine prachtvolle Wirklichkeit. Bemerkte er doch unter den Perſonen, die ſich in dem Saale theils zu Zwei oder Drei auf und ab bewegten, oder in Gruppen bei einander ſtanden, militäriſche Uniformen, wie er ſie von früher her wohl kannte und wie er ſie neulich noch bei dem Manböver geſehen. Ja, da waren Artillerie und Cavallerie⸗Officiere, unter den letzteren auch von jenen rothen Huſaren, welche die Batterie hatten überfallen wollen; und das allein war ihm unangenehm und drückte ihm das Herz zuſammen, nicht die Furcht, jenem übermüthigen Offi⸗ cier wieder begegnen zu müſſen, der ihm ſchon einmal mit kör⸗ perlichen Mißhandlung gedroht. Vor all dem Glanze, welcher Erich umgab und den er mit dem höchſten Intereſſe anſchaute, kam er indeſſen nicht da⸗ zu, ſeinen trüben Träumen weiter nachzuhangen, ja, Alles hier erſchien ihm ſo fremdartig und dann wieder ſo ſchön, daß es ihm oft vorkam, als ſei er, durch den Lichterglanz angezogen, freiwillig aus dem dunklen Walde hieher gekommen, um ſich dieſe Herrlichkeiten einer für ihn noch bisher unbekannten Welt in der Nähe anzuſchauen. Doch riß es ihn bald wieder in die rauhe Wirklichkeit zurück. Unter lautem Lachen und Plaudern näherten ſich jetzt einige junge Leute, faſt alle Officiere, der weit geöffneten Flügelthür, und Erich, welcher an der Spitze derſelben jenen Officier er⸗ kannte, dem zu begegnen ihm auch in dieſem Augenblicke ein faſt unerklärliches Gefühl von Haß und Bitterkeit erzeugte, wandte ſich raſch, um, hinter den Springbrunnen tretend, viel⸗ leicht von jener ausgelaſſenen Truppe ungeſehen zu bleiben. Umſonſt— hier vertrat ihm der Revierförſter Ketteler den Weg, Erich vor dem Richter. 11 indem er mit einer gebieteriſchen Geberde auf die Herankom⸗ menden zeigte. „Aha, da haben wir unſeren Uebelthäter,“ hörte er, abge— wendet ſtehend, ohne umzuſchauen, jene Stimme ſagen, von der er wußte, wem ſie gehörte—„und wendet uns trotzig den Rücken, als wenn er auch hier auf ſeinem eigenen Grund und Boden ſtände. Ja, er verſteht es, ſich in fremdem Revier zu bewegen, das haben wir heute Morgen erfahren.— Nun, wie ſteht es mit dem Burſchen, Revierförſter Ketteler, ſcheint noch nicht im geringſten mürbe geworden zu ſein?“ Erich ſah, wie jetzt der Angeredete mit einer drohenden Geberde gegen ihn trat, und da er die Berührung des rohen Menſchen fürchtete, ſo wandte er ſich langſam gegen die, welche ſo eben mit auf einander gebiſſenen Lippen und zornglühenden Augen aus der Halle in den Vorſaal getreten waren Von ie ſtand ihm Graf Dagobert am nüächſten, und kaum hatte derſelbe ſeine Züge erblickt, als er, einen halben Schritt zn ranrsend laut ausrief:„Alle Teufel, das iſt ja un⸗ ſer Jagdfrevler und der Spion von neulich in Einer Perſon — ein ſuperber Fang, Ketteler, ich mach' ihm mein Compli⸗ ment!— Sehen Sie, meine Herren,“ wandte ſich der junge Officier hierauf gegen ſeine Kameraden, wobei die Röthe des Zornes mit der des Weines auf ſeinem Geſichte einen Augen⸗ blick kämpfte,„das iſt jener Burſche, von dem ich Ihnen erzählt, der uns am neulichen Mansövertage unſeren ſuperben Ueberfall vereitelte. Damals hatte der Vogel allerdings andere Federn; jetzt möchte ich nur wiſſen, ob wir uns zuerſt an den Spion oder an den Jagdfrevler wenden ſollen.“ „Ich denke mir,“ ſagte einer der Dragoner⸗Officiere lachend, 12 Vierzehntes Kapitel. „daß der Spion ältere Rechte hat, auch antipathiſcher iſt für uns Alle hier, mit Ausnahme für den ſeligen Horn, der ſich bei ſeinem Ueberfalle vielleicht auch einen ſolchen Spion ge⸗ wünſcht hätte.“ „Habe das durchaus nicht gebraucht,“ entgegnete der, von dem ſo eben die Rede war;„haſſe alle Spione und habe mich auch ohne ſolches Geſindel glänzend durchgeſchlagen.“ „Bravo, Horn!“ rief Dagobert;„denn das thut meinem Her⸗ zen wohl. Und nun zu dir,“ wandte er ſich, einen Schritt vor⸗ tretend, an Erich.„Wie konnteſt du dich neulich unterſtehen, uns durch dein wüſtes Geſchrei zu verrathen?“ Erich gab keine Antwort und zuckte nur leicht mit den Achſeln, wobei er aber ſeinen Blick feſt auf das Geſicht ſeines erhitzten und aufgeregten Widerſachers richtete. „Das iſt ein verſtockter Burſche!“ meinte einer der andern Huſaren⸗Officiere, worauf ein ſchon älterer Rittmeiſter von den Dragonern begütigend hinzuſetzte: „Gehen Sie über dieſe Manövergeſchichte hinweg, Graf Scefeld— ja, wenn es eine ernſtliche Affaire geweſen wäre!“ „Erlauben Sie mir, Herr Rittmeiſter,“ rief Dagobert,„dieſe Affaire kann zu einer ernſtlichen gemacht werden; ich habe die⸗ ſem Burſchen da ſeine Fuchtel angelobt, und nun ſoll er eine doppelte Portion haben, da er jetzt obendrein noch als Jagd⸗ frevler in meine Hände gefallen iſt.“ „Was das Letztere anbelangt,“ erwiederte der Rittmeiſter, ſich achſelzuckend abwendend,„ſo müſſen Sie am beſten wiſſen, was Sie darin zu thun haben.“ „Und ſteht er nicht da und glotzt uns mit einer Frechheit an, als hätte er ein Recht dazu?“ h d as oanun tedh Erich vor dem Richter. 13 „Ha, Burſche,“ ſagte der ſelige Horn,„nimm dich zuſammen, daß dir nicht etwas Unangenehmes paſſirt!“ „Ich fürchte nichts Unangenehmes,“ brachte Erich mühſam hervor;„ich will aber ſehen, wie weit man die Gewalt über mich mißbraucht.“ „Hat man dich nicht mit geladenem Gewehr pirſchend in unſerem Revier angetroffen?“ rief Graf Dagobert durch die auf einander gebiſſenen Zähne und dem jungen Menſchen ſo nahe tretend, daß dieſer unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich. „Hat man nicht, Burſche?“ „Man hat mich allerdings in einem fremden Revier feſt⸗ gehalten, man hat mir auch mein geladenes Gewehr, das ich bei mir hatte, mit Gewalt abgenommen; wer aber ſagt, daß ich durch dieſes Revier gepirſcht, der ſpricht die Unwahrheit.“ „Ah, Revierförſter Ketteler!“ „So wagſt du, mich einen Lügner zu nennen?“ rief dieſer zornig herantretend.„Biſt du nicht mit dem Gewehr im An ſchlage vorwärts gedrungen? Ja, ich behaupte, Erlaucht, er hat mich hinter der Buche bemerkt und hatte wohl Luſt, mir eins aufzubrennen, wenn es ihm nicht an Muth gefehlt hätte!“ „Sagt, was ihr wollt,“ rief Erich gegen den Jäger gerichtet * und ſich umwendend,„ich werde auf alles, deſſen man mich be— ſchuldigt, hier keine Antwort mehr geben! Man ſtelle mich vor ein Gericht, wohin ich gehöre, und dort werde ich mich ſchon verantworten!“ „Ja, ja, wir kennen den Gang von dergleichen Gerichts⸗ verhandlungen,“ rief Graf Dagobert hohnlachend,„und du ſollſt auch demſelben übergeben werden, Burſche, aber nicht eher, als bis ich mein Recht vorher an dir genommen, dann mögen ſie — 4 P 1 ¹ 5 14 Vierzehntes Kapitel. ihr Urtheil ſprechen, wie ſie wollen! Deine Fuchteln ſollſt du bekommen, und aus dem Salz, wofür Ketteler Sorge tragen wird— he, Ihr verſteht mich!“ wandte er ſich gegen dieſen mit einem raſchen Aufwerfen ſeines Kopfes, wo bei ſich ſein häßliches, widerwärtiges Geſicht zu einer unangenehmen Grimaſſe verzog. Hätte Erich in dieſem Augenblicke ſeine Kaltblütigkeit zu bewahren vermocht und wäre er im Stande geweſen, ſich ſtill— ſchweigend abzuwenden, ſo würde dieſer gehäſſige Auftritt damit wohl ſein Ende erreicht haben, obgleich der junge Graf, wäh⸗ rend er ſo bezeichnend mit ſeinem Revierförſter ſprach, die bieg⸗ ſame Reitpeitſche in ſeiner Hand unter einem wilden Blicke des Zornes ſo zuſammenbog, als habe er die größte Luſt, ſein Recht, wie er es nannte, höchſtſelbſt und eigenhändig zu nehmen. Nun gibt es aber Menſchen, Geſichter, die im Stande ſind, einen ſo ausgeſprochenen Widerwillen in uns hervorzu⸗ rufen, daß wir es nicht vermögen, ihren Angriffen mit ruhiger Ueberlegung entgegenzutreten, ſondern daß wir uns durch ein unerklärliches Gefühl des Haſſes gezwungen ſehen, ihnen ſelbſt unter den ungünſtigſten Verhältniſſen die Stirn zu bieten. So erging es Erich, der ſich nicht enthalten konnte, ſich raſch gegen den Officier wendend, zu ſagen:„Thun Sie mit mir, was Sie wollen; nur hoffen Sie in jeder Beziehung auf 1u eine einſtige Wiedervergeltung! „Du drohſt auch mir, Burſche,“ rief Dagobert wüthend,„du drohſt mir mit Wiedervergeltung— da, nimm dies, Hund von einem Jagdfrevler, und dann will ich warten, wie du es heim— zahlen wirſt!“ Er hatte raſch die rechte Hand mit der Reitpeitſche erhoben, doch wich Erich, der bleich vor ihm ſtand, nicht zurück vor — Erich vor dem Richter. 15 dieſer drohenden Geberde; auch hatten ſeine blitzenden Augen das Geſicht des Angreifers verlaſſen und richteten ſich raſch auf die Spitze der Peitſche. Dies thun, dann den linken Arm wie ſich ſchützend em⸗ porheben ſo wie ſich mit Blitzesſchnelligkeit vorwerfen und die Reitpeitſche der Hand des Officiers entreißen, ehe der verletzende Schlag niederfallen konnte, war das Werk einer Secunde. Und nun hatten ſich mit Einem Male die Rollen zwiſchen den Beiden ſo gänzlich geändert, daß Erich die Reitpeitſche in hoch erhobener Hand hielt, während der Andere, zitternd vor Wuth, mit der Hand nach der Hüfte fuhr, wo ihm aber der Säbel fehlte. Doch hätte keiner der Widerſacher des jungen Menſch— und das waren ſie alle, die um ihn herum ſtanden und jetzt im Begriffe waren, gegen ihn zu ſtürzen— ſagen können, er habe dageſtanden mit einer drohenden Geberde oder Bewegung; vielmehr ſchien er erſchrocken über das, was er gethan, öffnete die Finger ſeiner rechten Hand und ließ die Reitpeitſche langſam an ſeinem Arme hinab auf den Fußboden niedergleiten, wobei er mit dumpfer, tief bewegter Stimme ſagte:„Ich laſſe mich nicht ſchlagen!“ Doch ſtand er dieſer Mißhandlung näher, als er vermuthet, denn der junge Graf wandte ſich zähneknirſchend mit der ge⸗ ballten Fauſt gegen ihn, als eine tiefernſte Stimme unter den Officieren ſagte:„Dieſer junge Menſch hat eigentlich Recht, daß er ſich nicht ſchlagen läßt. Pah, wer wird überhaupt unter dieſen Verhältniſſen daran denken! Sie gewiß nicht, Graf Seefeld!“ 16 Vierzehntes Kapitel. Alle wandten ſich raſch um, ſelbſt Dagobert, und wichen zurück, als ſie den erkannt, der alſo ſprach. Es war jener ernſte Oberſt von der Artillerie, mit dem ruhigen Geſichte und dem ſchwarzen Barte, der nun mitten unter die Officiere trat, dann die Hand des jungen Grafen faßte und ihm ſagte:„Ihr Herr Onkel erſuchte mich, zu ſehen, was hier draußen Ihre laute Fröhlichkeit— ſo glaubte er— veranlaßt; nun ich das geſehen, erſuche ich Sie dringend, meine Herren, mit mir in die Halle zurückzugehen.“ „Aber, Herr Oberſt, Sie wiſſen noch nicht, um was es ſich handelt!“ „O ja, Herr Lieutenant, ich ſah und hörte genugſam davon auf dem kleinen Wege dort von der Thür bis hieher.— Und nun darf ich wohl bitten, meine Herren!“ Es gibt eine Art zu bitten, namentlich in militäriſchen Verhältniſſen, welche dasſelbe bezweckt, wie der ſtrenge Befehl — und ſämmtliche Anweſende, zu denen der Oberſt von der Artillerie geſprochen, folgten dieſem ſchweigend, ſelbſt Dagobert, doch nicht, ohne daß dieſer ſeine Finger krampfhaft zuſammen⸗ ſchloß und dem Förſter zurief:„Schließen Sie ihn ein bis auf Weiteres!“ Was mit Erich in dieſer Viertelſtunde vorgegangen, war zu überwältigend, zu gewaltſam geweſen, als daß er ſeine ruhige Faſſung ſogleich hätte wieder gewinnen können. Wie gern hätte er dem ernſten Officier ſeinen heißen Dank ausgedrückt, ja, ihm die Hand geküßt und unter heißen Thränen erzählt, was ihn hiehergebracht und wie man ihn behandelt! Doch hatte ja jener nur das Unpaſſende des lauten Wortwechſels ſelbſt ins Auge gefaßt; was kümmerte ihn der armſelige Gegenſtand desſelben! — — — Erich vor dem Richter. 17 — Das fühlte Erich tief und ſchmerzlich unter den lauten Schlägen ſeines Herzens und unter leiſem, unhörbarem Auf⸗ ſchluchzen. Er konnte ſich nicht enthalten, ſeine Hände für ein paar Secunden an die Augen zu drücken; ja, als ihn hierauf der Förſter unſanft an der Schulter berührte, vermochte er nur, ihm mit flehendem Tone zu ſagen:„O, laſſen Sie mich, ich will ja ruhig und widerſtandslos mit Ihnen gehen, wohin Sie wollen!“ „Das dank' dir der Teufel, Burſch, nachdem du ſo viel Unheil angerichtet— aber warte nur!“ Dann gingen ſie mit einander fort, Erich, ohne auch nur noch einen Blick in die glänzende Halle geworfen zu haben, unter dem Drucke eines tiefſchmerzlichen, faſt verzweiflungsvollen Gefühles, die Hände krampfhaft in einander verſchlungen, die Blicke auf den Boden gerichtet. Auch als er wieder draußen im Hofe angekommen, be⸗ merkte er es hier nicht, daß derſelbe von lodernden Fackeln er⸗ hellt und mit Geſtalten in phantaſtiſcher Kleidung angefüllt war; ja, verworrene Laute in einer ihm unbekannten Sprache ſchlugen an ſein Ohr wie das ferne Rauſchen eines Waldbaches, und andere Töne, die dazwiſchen kamen, das leichte Raſſeln eines Tamburins ſo wie ſchüchterne Accorde einer Guitarre oder Mandoline, ſchienen ihm gleichbedeutend mit dem Sauſen des Windes durch die dürren Aeſte der Bäume. Aber es gab etwas Anderes, eine leiſe Berührung, welche im Stande war, ihn mit Einem Male aus ſeinen Träumereien zu wecken, die Berührung feiner, warmer Finger mit ſeiner kalten Hand— eine Berührung, die ihn plötzlich in die jetzt ſo phantaſtiſch er⸗ ſcheinende Gegenwart zurückwarf. Raſch aufblickend, erkannte Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 2 „ 18 Vierzehntes Kapitel. er nun die Geſtalten, die ihm ſo eben noch traum- und nebel⸗ haft erſchienen waren, hörte auch, deutlich prüfend, angeſchla⸗ gene Accorde von Saiteninſtrumenten ſo wie das verſuchs⸗ weiſe dazwiſchenklingende Tamburin in den Händen der Zigeu⸗ nermädchen— und alles das durch die Berührung der feinen, warmen Hand Blanda's, die neben ihm ſtand, die ihn mit weit geöffneten Augen ſtaunend und fragend anblickte. O, hätte er nur einen Augenblick Zeit gehabt, ihr oder der herbeigeeilten Esmeralda zu ſagen, was mit ihm vorgegangen und weßhalb er ſich hier befände! Doch trat ſein barſcher Führer zwiſchen ihn und die Zigeuner, drängte ihn fort und trieb ihn eilends über den Hof bei der Kirche vorbei, durch den Thor⸗ bogen zurück in den finſtern, kalten, traurigen Raum, wo er früher geweſen und den Ketteler nun abermals hinter ihm ver⸗ ſchloß und verriegelte. Fünfzehntes Kapitel. Während in der Vorhalle getanzt und geſungen wird, hat der Herr des Hauſes eigenthümliche Viſionen, und der junge Huſaren⸗Officier ſieht ein, daß ihn die Esmeralda zum beſten gehabt, in Folge deſſen Erich Gelegenheit findet, etwas Sternkunde zu treiben. Das glänzende, geräuſchvolle Leben und Treiben in der Halle des Schloſſes hatte ſich in der letzten Zeit, während wir dieſelben verlaſſen, ziemlich umgeſtaltet. Die Tafel war auf— gehoben worden, ohne daß man deßhalb das Gelage unterbrochen hätte; ja, es hatten ſich einzelne Gruppen an der Haupttafel gebildet oder an kleineren Nebentiſchen, wo es, beſonders an den letzteren, recht kriegeriſch herging. Dort befanden ſich die tapferen Officiere förmlich in Rauch eingehüllt, allerdings im Rauche der Cigarren, bei immer noch knallenden Champagner⸗ flaſchen, bei auffliegenden Stöpſeln und aufregenden Redensarten. Einer ſtillſchweigenden Uebereinkunft gemäß hatten ſich die jüngeren Officiere ſo wie die Rauchenden an das untere Ende des Saales zurückgezogen, wodurch am oberen Theile deſſelben bei der Höhe der Halle eine ziemlich ſturmfreie Atmoſphäre herrſchte. Dort befand ſich Herr Chriſtian Kurt in der Nähe —— 20 Fünfzehntes Kapitel. 2 des Kamins, und zwar mitten im großen Saale, ſo zu ſagen in einem eigenen Gemache, welches, um allen Zugwind abzu⸗ halten, durch ſpaniſche Wände gebildet worden war, mit denen man in einem ziemlich weiten Kreiſe ſeinen Spieltiſch ſo wie den runden Theetiſch der Gräfin umgeben hatte. Die einzige Oeffnung dieſes großen Kreiſes ſpaniſcher Wände ging auf die Gluth des Kamins, der eine angenehme, behagliche Wärme aus⸗ ſtrömte. Der alte Graf ſpielte leidenſchaftlich gern Whiſt mit dem Strohmanne, und ſeine Partie wurde heute Abend gebildet durch ſeinen täglichen Spielgeſellſchafter, den Doctor Herbert, dann durch einen alten, ſtillen Oberſten von der Infanterie, ſo wie den uns ſchon bekannten ernſten Comandanten der Artillerie⸗ Brigade, den Oberſt⸗Lieutenannt Schirmer. Der jedes Mal Austretende dieſer Vier, mit alleiniger Ausnahme des Herrn Chriſtian Kurt, welcher in ſeinem weichen Lehnſtuhle ſitzen blieb, begab ſich in den Zwiſchenpauſen regelmäßig an den Theetiſch der Gräfin und vermittelte auch auf freundliche, gefällige Art die Unterhaltung zwiſchen beiden Parteien. Neben der ſchönen Frau des Hauſes befanden ſich der commandirende General, der Oberſt von Schwenkenberg und einige andere Commandeure nebſt einem halben Dutzend jüngerer Officiere, meiſtens die Träger alter, bekannter Familiennamen, oder auch ein paar Durch⸗ lauchten, von welchen indeſſen als ſolchen hier keine beſondere Notiz genommen wurde. Auch ſah man Herrn Renaud, doch weder am Theetiſche Theil nehmend, noch ſelbſtthätig an der Whiſtpartie, zuweilen unhörbar verſchwindend und darauf eben ſo erſcheinend, meiſtens aber hinter dem Stuhle des alten Grafen Viſionen und Sternkunde. 21 ſtehend, welcher alsdann hier und da bei einem beſonders ver⸗ wickelten Spiele fragend zu ihm aufſchaute. „Dieſe jungen Herren,“ bemerkte der General, auf den Auf⸗ tritt von ſo eben im Vorzimmer anſpielend,„ſind nur zu oft geneigt, ihren Launen den Zügel ſchießen zu laſſen. Sie haben Ihnen doch geſagt, Herr Oberſt Schirmer, daß ich, ihr General, dieſes Lärmen abſonderlich gefunden hätte?“ „Nicht gerade mit dieſen Worten, Herr General,“ entgegnete trocken der Artillerie⸗Officier.„Ich nahm dieſe Sache mehr als zur Competenz unſeres hochverehrten Wirthes gehörend und be⸗ merkte ihnen, daß der Herr Graf ſich nach der Veranlaſſung dieſer heiteren Fröhlichkeit erkundige.“ „Und danke Ihnen, Herr Oberſt; es hätte aber auch nicht geſchadet, wenn Sie gegen meinen Neffen ſchroffer aufgetreten wären. Der iſt von unglaublichem Uebermuthe, und wenn ich ſein militäriſcher Vorgeſetzter wäre, würde ich ihn hier und da in Arreſt ſchicken, sacre bleu! So aber,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„bin ich nur ein alter, kränklicher Mann.“ Wie man aber Herrn Chriſtian Kurt jetzt ſo da ſitzen ſah, rüſtig ſpielend, an der Unterhaltung beider Tiſche lebhaft Theil nehmend, hätte man es kaum gewagt, das letztere Prädicat auf ihn anzuwenden, ja, ihn vielmehr noch für einen raſchen Sechsziger gehalten. Es war immer noch die Zeit vor Mitternacht, in welcher, wie aus einem langen Schlafe erwachend, ſeine Lebens⸗ geiſter nach und nach in Function zu treten ſchienen und als⸗ dann allmählich aus dem kranken, theilnahmloſen, ſchläfrigen, hinfälligen alten Manne ein faſt luſtiger Geſellſchafter wurde, der es, auf der Höhe ſeiner geſteigerten Laune angekommen, in gewiſſer Beziehung mit dem jüngſten hätte aufnehmen können. 22 Fünfzehntes Kapitel. Eben ſo raſch verflackerte aber auch dieſe trügliche Flamme wieder. Wenn ihn alsdann Herr Ben gegen Morgen wie ein kleines Kind zu Bette gebracht, die Vorhänge feſt verſchloſſen, die Nachtlampe angezündet hatte, hatte man es mit einem ſo theil— Manne zu thun, daß man kaum noch ein nahmloſen, ſtillen Und doch hatte ſich das⸗ Wiedererwachen deſſelben vorausſetzte. ſelbe Spiel ſchon Jahre lang wiederholt und ſchien ſich auch noch fernere Jahre wiederholen zu wollen. War doch Herr Chriſtian Kurt heute Abend von einer beſonderen Lebhaftigkeit und Munter⸗ zemerkungen unabläßig keit und warf ſeine guten und ſchlechten B ſo wie hinüber auf den Theetiſch. unter ſeine Mitſpielenden hinein, che eigentlich und was hat man „Was iſt denn jener Burſ einen Secretär Renaud.„Sacre bleu, mit ihm vor?“ fragte er ſ ubject iſt, hätte ihn der Pfarrer lieber wenn er ein ſchlechtes S behalten ſollen!“ „Er gibt an, der Sohn eines Artillerie-Unterofficiers zu ſ ein.“ „Ah, das ſchlägt in Ihr Fach, Herr Oberſt.“ „Es gibt allerlei Artillerie⸗Unterofficiere, Herr Graf,“ ant⸗ ndere mit einem eigenthümlichen Lächeln,„gute und len übrigen Ständen, und der Vater ein recht braver Mann Wie heißt er denn?“ wortete der A ſchlimme Subjecte, wie in al dieſes Taugenichts konnte immerhin ſein. Es gibt ähnliche Beiſpiele genug. „Der Burſche nennt ſich Erich Freiberg.“ „Freiberg— Freiberg— ich kann mich eines ſolchen Namens obgleich ich ein gutes Gedächtniß habe.“ nicht erinnern, wurde, begab er ſich „Nachdem er in Zwingenberg entlaſſen zu unſerm guten Nachbar, dem Müller, Herrn Doctor Burbus,“ aber ein naud mit einer ruhigen Stimme, die ſagte Herr Re Ironie durchzog,„und ſchoß alsdann ver⸗ leichter Klang von Viſionen und Sternkunde. 23 * muthlich auf unſerem Revier den capitalſten Hirſch, den Se. Erlaucht in ſeinen ſämmtlichen Forſten beſitzen.“ „Sehen Sie einmal dieſes Ungethüm an,“ rief Herr Chiſ Kurt,„und gerade aus Bosheit meinen ſtärkſten Hirſch! O, ich ſage Ihnen, es wäre nicht unchriſtlich, wenn ich den Wunſch ausſpräche, daß der Teufel dieſen Müller Burbus gelegentlich holen möge! Ein aufrühriſcher Kerl, ein Beförderer ſogenannter liberaler Grundſätze, ein Volksaufwiegler ein....“ Hier legte Doctor Herbert ſeine Karten ruhig vor ſich auf den Tiſch und ſah den alten Herrn lächelnd an, während er leiſe vor ſich hin, allerdings kaum hörbar, die Melodie pfiff: Mlirorion⸗mirantonemironkeme⸗ „O, ich weiß ſchon, was Ihr Gepfeife bedeutet, Herr Doctor, und hätte auch ohnedies meine Aufregung gemäßigt; aber Sie haben keinen Begriff davon, wenn man ſich ſo vor der Naſe den capitalſten Hirſch durch dieſe verdammten Wilderer zu⸗ ſammenſchießen laſſen muß!“ Mironton-mironton-mirontaine, pfiff abermals der Doctor und ſagte alsdann:„Davon habe ich allerdings einen Begriff, und gerade was dieſen Hirſch anbelangt; denn ich war es, der ihn ſchon öfter verhörte, dem er aber nie zu Schuß kommen wollte.“ „Doctor, Sie ſind ein gewaltiger Nimrod?“ fragte der Oberſt von der Infanterie; doch ehe der Doctor auf dieſe Frage ant⸗ worten konnte, warf der Generl von drüben lachend dazwiſchen: „Aber ein eben ſo vortrefflicher Arzt, wie man ſo eben gehört, und ich mache Ihnen über Ihre Erfindung, unſeren verehrten Freund und Gönner zur Ruhe zu pfeifen, mein devoteſtes Com⸗ pliment.“ Fünfzehntes Kapitel. 4 „Die Ehre der Erfindung muß ich ablehnen, Herr General, die gebührt unbedingt dem Herrn Grafen. Ich bin hier nur die Executivbehörde. Se. Erlaucht ſelbſt befahlen mir, bei vorkommenden Fällen der Aufregung den Refrain dieſer Lieblings⸗ Arie zu intoniren.“ „Allerdings, aber dieſer Haustyrann braucht ſie auch zu⸗ weilen als Kriegsliſt, wenn er mir das Wort vom Munde ab⸗ ſchneiden will, wie ſo eben, wo ich mich in gebührenden Epitheta über ſeinen Buſenfreund, den Müller⸗Doctor, erging.“ „Buſenfreund will ich gerade nicht ſagen,“ lächelte der Doc⸗ tor,„aber er iſt doch kein ſo übler Mann, dieſer Burbus, und wer weiß, ob jener Hirſch nicht drüben geſchoſſen wurde und bei uns nur verendet iſt. Ich glaube ſo.“ Jetzt pfiff der alte Graf leiſe vor ſich hin: Mironton-mironton-mirontaine, und als hierauf Alle lachten, ſagte er:„Geben Sie zu, lieber Doctor, daß Sie ebenfalls ein Bischen Demokrat ſind— wir ſchätzen Sie deßhalb nicht weniger— und daß auch ich mich 6 9 zuweilen bemühen muß, Ihre Aufregung niederz zupfeiſen.“ „Ich werde mir das merken,“ ſprach heiter der Oberſt von Schwenkenberg,„und meinem Adjutanten anbefehlen, ebenfalls „ den Marlborough zu pfeifen, wenn er es in gewiſſen Augen⸗ blicken für nothwendig findet.“ Einer der jüngeren Officiere am Theetiſche meinte hierauf flüſternd:„Wenn das der ſelige Horn vor ein paar Tagen hätte thun können, ſo wäre er vielleicht einer bedeutenden Naſe ent⸗ gangen.“ Herr Renaud war abermals hinter den Stuhl des Grafen getreten und ſagte jetzt leiſe zu ihm:„Die rneune ſind im Viſionen und Sternkunde. Vorſaale, Erlaucht. Haben Sie in dieſer Richtung etwas zu befehlen?“ Q◻ Alles wie Dagobert es wünſcht. Sehen Sie mir aber darauf,“ ſch für meine Perſon nicht das Mindeſte; arrangiren Sie ) 8 ſetzte er leiſe hinzu,„daß kein Unfug geſchieht, weder von dieſer, noch von jener Seite, und daß das Volk ſpäter auf eine ſichere Weiſe untergebracht wird.“ „Ich habe ihnen für dieſe Nacht die große, leere Halle im öſtlichen Flügel anweiſen laſſen.“ „Bon, ſorgen Sie auch, daß ſie Feuer haben und zu Eſſen und zu Trinken.— Die Zigeuner ſind da draußen im Vor⸗ zimmer, rief der alte Graf alsdann mit lauter Stimme; wer Luſt hat, zu ſchauen, wird von der Gräfin freundlichſt entlaſſen werden. Oder willſt du ſie ſelbſt noch einmal betrachten, Iſabella?“ „Nein, nein, ich danke!“ rief die ſchöne Frau.„Neulich bei der aufregenden militäriſchen Umgebung hat es mich recht intereſſirt, doch nicht ſo, daß ich eine Wiederholung wünſche; m aber ich bitte die Herren, ſich durchaus nicht zu geniren.“ Einige der jüngeren Officiere ſchlichen ſich fort, und der General, der ihnen lächelnd nachſchaute, ſprach alsdann zu dem Spieltiſche hinüber:„Geſteh' es nur, Schwenkenberg, du möchteſt nur gar zu gern noch einmal das ſchöne Zigeunermädchen an⸗ ſchauen. Verzeihen Sie, Gräfin, aber ich habe deutlich geſehen, wie dieſer alte Dragoner einen ſehnſüchtigen Blick in die Halle hinaus warf— es iſt das eben noch ein lediger junger Menſch.“ ’„Ja, ja, Herr Oberſt,“ pflichtete auch Herr Chriſtian Kurt 1 bei,„laſſen wir die Karten einen Augenblick ruhen und gehen 8 Sie mit dem Doctor hinaus; der hat den Spectakel überhaupt noch nicht geſehen und kann ſeine Menſchenkenntniß dadurch ver⸗ 26 Fünfzehntes Kapitel. mehren. Gehen Sie, Herr Doctor, wenn Sie zurückkommen pfeife ich Ihnen ſchon den Marlborough.“ „Einem ſolchen Befehle müſſen wir gehorchen, Oberſt von Schwenkenberg achſelzuckend, indem er ſeine Karten “ meinte der niederlegte.„Kommen Sie, Doctor.“ Beide gingen mit einander fort, und dann wandte ſich Chriſtian Kurt an den General mit der Frage, ob es in der That der Mühe werth geweſen ſei, was ihnen die Zigeuner neulich im Bivouac aufgeführt. „Ich habe ſchon Beſſeres und Schlechteres geſehen,“ gab jener zur Antwort,„und wenn man annimmt, daß ſie ihre Ge⸗ ſchichten bei zweifelhaftem Tageslichte aufführten, ohne das Be⸗ ſtechende einer brillanten Beleuchtung, ſo mußte man geſtehen, daß ſie ganz hübſche Sachen machten, beſonders die Kleine auf ihrer Kugel.“ „Wer war denn die Kleine?“ „Ein Kind, ein junges Mädchen von vielleicht zehn Jahren, von feinen Gliedern, allerdings mager und blaß, aber mit einem ausdrucksvollen und durchaus nicht gemeinen Geſichte. Nicht wahr, Gräfin Iſabella?“ „Gewiß, und mich dauerte das arme Geſchöpf, das ſo gar nicht zu den Uebrigen ſtimmte. Ich dachte es mir vortheilhaft angezogen, in guter Umgebung, und alsdann paſſend in eine anſtändige Familie, ja, in ein vornehmes Haus.“ „Alſo eine kleine Precioſa?“ „Die Zeiten der Precioſa ſind wohl vorbei, und hätte ich auch die Andere lieber mit jenem Namen belegen mögen, das auffallend ſchöne Zigeunermädchen nämlich, das ſo graziös tanzte.“ „Die hätten Sie in der That ſehen ſollen, Graf Seefeld!“ Viſionen und Sternkunde. 27 Draußen erklang jetzt lauter Applaus und lebhaftes Bravo⸗ rufen, und da in dieſem Augenblicke Herr Renaud an dem Kamine wieder erſchien, ſo fragte Herr Chriſtian Kurt, ob die jungen Leute draußen recht animirt ſeien. „Sehr, Erlaucht, es iſt auch der Mühe werth; die Zigeuner in ihrem maleriſchen Coſtume nehmen ſich vortrefflich aus bei der blendenden Beleuchtung in der Vorhalle.“ „Willſt du es dir nicht einen Augenblick anſchauen?“ fragte die Gräfin. „Ich für meine Perſon danke— wozu auch? Aber thu' mir den Gefallen, Iſabella, und führe unſeren verehrten General und die anderen Herren dorthin; ich kann mir auch denken, daß heute bei guter Beleuchtung immerhin eine kleine Steigerung iſt.“ „Meinetwegen denn,“ ſagte der General, indem er der Gräfin den Arm bot und, gefolgt von den Uebrigen, der Vorhalle zuging. Der alte Graf lehnte in ſeinen Stuhl zurück, und nachdem er eine Weile in die lodernde Gluth des Kaminfeuers geblickt, verſchwand das freundliche Lächeln von ſeinem Geſichte und ſeine Züge wurden ernſter und ernſter, wahrſcheinlich wie er, nach und nach in dem Buche ſeines Lebens rückwärts blätternd, ſich jener Zeiten erinnerte, wo nichts im Stande geweſen wäre, ihn in ſeinem Lehnſtuhle am Kamine feſtzuhalten beim Klange der Mandoline und des Tamburins, welche im regelmäßigen Tacte die Tanzſchritte ſchöner Mädchen begleiteten. Und er hatte viel dergleichen geſehen in ſeinem langen Leben, welche Menge glänzen⸗ der, leuchtender, ja glühender Mädchenaugen hatten ihm zuge⸗ lächelt, ſein eigenes Lächeln verſtehend, oder hatten ihn auch wohl zürnend angeblickt, vorwurfsvoll oder von Thränen umflort. Fünfzehntes Kapitel. Ja, auch an Augen dachte er jetzt, in denen Luſt und Liebe er⸗ loſchen war, ja, ſogar der Strahl des Lebens, welche langſam verdeckt wurden durch müde herabfallende Lider, nachdem ſie ihn zuletzt noch mit einem unausſprechlichen Blicke angeſchaut.— War es kühl in der Halle geworden, oder durchſchauerte ihn nur innerer Froſt?— Woher überhaupt mitten unter den Ausbrüchen einer lärmenden Luſtigkeit, die allerdings gedämpft an ſeine Ohren ſchlug, dieſe trüben, unheimlichen Bilder?— Und dazu bewegte er Tactmäßig ſeine weißen, hageren Finger auf dem Tiſche, dem Rhythmus folgend, welcher von draußen hereinklang, aber nicht der Melodie, die auch bei dem leiſen Klingen der Mandoline und Guitarre von den lärmenden Tam⸗ burins übertönt, verwiſcht wurde, und der er eine andere Weiſe unterlegte: Marlborough s'en va-t-en guerre, Mironton-mironton-mirontaine, Marlborough s'en va-t-en guerre, Ne sait quand il reviendra. Daß ihm gerade dieſe Melodie vorſchwebte, finden wir nach der eben Statt gehabten Unterredung begreiflich, und wenn ſich dieſelbe auch jetzt wieder als beruhigend erwies, denn der alte Mann athmete nur leiſe und ſank immer tiefer in ſich zuſammen, ſo zauberte fie doch keine heiteren Bilder vor ſeine Seele, wenig⸗ ſtens keine ſolchen, die ihm in der Erinnerung heiter erſchienen wären. Marlborough s'en va-t-en guerre. Sie hat etwas Einſchläferndes, dieſe Melodie, wenn man ſie leiſe vor ſich hinſummt, und gerade ſie hatte ihn in den glücklichen Tagen ſeiner Jugend ſo oft in den Schlaf eingelullt. Zuerſt war es ſeine alte Wärterin, eine Franzöſin, geweſen, —— Viſionen und Sternkunde. 29 welche dieſes Lied aus der Heimath mitgebracht, dem Knaben vorgeſungen und es ihn nach und nach, zum großen Vergnügen ſeines Herrn Papa, gelehrt, natürlicher Weiſe zuerſt den Refrain: Mironton-mironton-mirontaine. Später— manche Jahre ſpäter— war aus einem Lernen⸗ den ein Lehrender geworden, und als er jener Zeit gedachte, ſank ſein müdes Haupt noch tiefer auf die Bruſt herab. Ne sait quand reviendra. Ach, jene glückſelige Zeit, nachdem ſie einmal verſchwunden, war niemals wiedergekehrt, weder auf Oſtern, noch auf Trinitat! Mironton-mironton-mirontaine. Ja, jene herrliche, glückliche Zeit ſeiner erſten Liebe, die ſo furchtbar geendet. Hatten ſie doch beide zuſammen geſpielt, gelebt und geliebt wie ein paar harmloſe, glückliche Kinder, 4 2 waren doch ihre Tage dahingefloſſen unter einem einzigen un⸗ aufhörlichen Sonnenſcheine, und waren ſie doch ſo von ihrem Glücke verblendet geweſen, daß ſie nicht der finſteren Wetter⸗ wolken geachtet, die langſam und drohend am Horizonte ihres Glückes aufgeſtiegen waren. Monsieur Marlborough est mort, Mironton-mironton-mirontaine. So glücklich— ach, ſo glücklich! Wie hatte ſie gelacht, ſo herzinnig aus ihren großen, ſchönen Augen, und dabei ſo wunderlich komiſch den Mund verzogen beim Ausſprechen der oft ſo eigenthümlich ſchweren Worte des Liedes. Madame à sa tour monte, Mironton-mironton-mirontaine, Madame à sa tour monte Si haut qu'elle peut monter. 30 Fünfzehntes Kapitel. Und wie hatte ſie darauf, wenn er herzlich mitlachte, ſeine Augen mit ihren kleinen Händen feſt zugedeckt und ihm befohlen, er müſſe jetzt ſchlafen nach dem anſtrengenden Ritte durch Regen und Sturm. Mironton-mironton-mirontaine. Und wie gern war er ihr folgſam geweſen und hatte ſich die Augen zudrücken, auch ſie mit heißen Küſſen verſchließen laſſen. Mironton-mironton- War er doch ſo ſicher bei ihr, wie im Schooße der Engel, und ſelbſt wenn ſie dann leiſe von ihm wegtrat und ſich an dem lodernden Kaminfeuer zu thun machte mit dem ſingenden Waſſer⸗ keſſel, der an einer zierlichen Bronzekette über der Glut hing, öffnete er zuweilen ſchlaftrunken ſeine Augen und ſah ſie halb wachend vor dem hohen, weiten Kamine ſtehen, und träumte dann von ihrer ſpäteren liebenswürdigen Geſchäftigkeit und von ihrem reizenden Geplauder, wenn ſie nach ſeinem Erwachen wieder neben ihm ſaß und ihm von ihren Erlebniſſen des Tages erzählte. Miron——— Ja, er ſah ſie halb im Traume, ſo deutlich vor dem Kamine ſtehen, die feine, ſchlanke Geſtalt, faſt immer noch mit den Formen eines Kindes. Miron—— ton—— So deutlich, als wenn die Bilder der Erinnerung, die ſich bei jener Melodie faſt verkörpert vor ihm zeigten, in der That zur Wirklichkeit geworden ſchienen. Mironton-mironton-mirontaine. So deutlich träumte der alte Mann, der jetzt, in ſeinem Viſionen und Sternkunde. 31 Lehnſtuhle zuſammengeſunken, eingeſchlafen war, ja, ſo lebhaft, daß er den Refrain des Liedes von ihren Lippen zu hören glaubte. Mironton-mironton-mirontaine. Sie ſtand abgewendet von ihm und ſchien ſinnend in die Gluth zu blicken; dann wandte ſie langſam ihr Haupt, ſo daß, von dem Feuer beſtrahlt, er jetzt deutlich ihre Züge ſehen konnte. — Ja, es waren ihre Züge— doch als Traumbild, ſeltſam bleich und eingefallen; auch ihre Geſtalt erſchien ihm ſo unvoll⸗ kommen, ſo gar kindlich gegen damals. Mironton-mironton-mirontaine, ſang ſie deutlich. Doch ſchauderte es ihn jetzt, denn er hatte ihr Geſicht ja auch damals, an jenem ſchrecklichen Tage, ſo blaß und ein⸗ geſunken und ihren Körper ſo zuſammengefallen geſehen, ſo ſchattenhaft verſchwindend unter dem weißen Tuche. Schrecklich, daß ſie ihm jetzt erſcheinen mußte, lebend, ſich bewegend, und doch wie ſie war, nachdem ſie geſtorben, oder wie ſie vielleicht geweſen war in ihrer erſten Kindheit— ſchreckliche Erinnerung! Er ſeufzte tief auf, und das ſchien ſie am Kaminfeuer zu hören, denn ſie wandte ihren Kopf ganz gegen ihn hin, blickte ihn mit den großen Augen faſt erſchrocken an, und ſtatt auf ihn zuzueilen, wie ſie es zu jener Zeit gethan, wich ſie langſam zurück und verſchwand.— Welch furchtbar lebendiger Traum! Ja, er hatte ihn geträumt, nachdem er ſich ſelbſt in den Schlaf geſungen, unter den einförmigen Klängen der Mandoline draußen, welche in dieſem Augenblicke übertönt wurde von lautem Händeklatſchen und dem Bravorufen der jungen Leute; dann war Alles wieder ſtill geworden oder hatte ſich viellmehr auf⸗ 32 gelöst in das behagliche Summen eines allgemeinen Geplauders, welches näher ſchaft anzeigte. —4. zurückgezogen, Lehnſtuhl des alten Herrn trat, ihm ihre Hand auf die Schulter legte und hinzuſetzte:„es ſei eine ganz glückliche Idee von Dagobert geweſen, den Gäſten dieſes hübſche Schauſpiel zu arrangiren.“ „Ein deliciöſes Schauſpiel, in der That!“ rief der General enthuſiaſtiſch aus.„Es ſind das ſehr geſchickte Leute, und ich habe ſie dringend erſucht, ja recht bald nach der Reſidenz zu kommen.“ „Nimm dich in Acht, General,“ meinte der Oberſt von Schwen kenberg,„wenn die ſchöne Esmeralda ſich in der Stadt als eine Bekannte von dir vorſtellt ich weiß doch nicht, ob das deinem Hausfrieden zuträglich wäre! Darin haben wir jungen, ledigen Leute es ſchon beſſer.“ Er zog bei dieſen Worten ſein Collet ſcharf in die Hüfte und drehte alsdann auf eine coquette Weiſe an ſeinem Schnurrbarte. 8 „X‿ „verzeihen Sie mir, lieber Oberſt, wenn ich damit die wirkliche Jugend meine, iſt! Während ſchöner Zigeunerinnen ergötzten, bin ich hier eingeſchlummert.“ „D General. „Du tout, du tout, der kleine Schlummer hat mir wohl⸗ ) gethan. Aber blickte einen Augenblick ſtarr in die Gluth des Kamins; dann Die Vorſtellung war beendigt, Ja, die Worüber wir uns Vorwürfe machen ſollten!“ meinte der Fünfzehntes Kapitel. und näher kommend, die Zurückkunft der Geſſell⸗ 8 die Zigeuner hatten ſich wie die Gräfin ſagte, als ſie nun neben den Jugend,“ ſagte Kopfnickend Herr Chriſtian Kurt; um die es doch etwas Schönes, Redenswerthes ſich die jungen Leute da draußen an den Augen — ich— habe— auch— geträumt.“ Er Viſionen und Sternkunde. 33 aber raffte er ſich gewaltſam auf und ſagte mit heiterer Miene: „Nun, ich freue mich, daß es der Mühe werth war! Sie haben getanzt, ſie haben Kunſtſtücke gemacht?“ „Und wie!“ erwiederte der General.„Was mich am wenigſten heute Abend angeſprochen hat, das war die Kleine auf ihrer Kugel; das arme Geſchöpf iſt gar zu mager und blaß, und man ſieht ihm an, daß es nicht mit Leib und Seele dabei iſt, wie die Zigeunermädchen. Ah, wie charmant dieſe ihre ſpaniſchen Tänze ausgeführt haben, zu Zweien, zu Vieren und zuletzt die Esmeralda allein— deliciös, berauſchend!“ „Und wo ſind ſie jetzt?“ fragte Herr Chriſtian Kurt, indem er ſeine Augen gegen Renaud wandte, welcher neben dem Kamin erſchienen war und der, herbeikommend, zur Ant⸗ wort gab: „In der Halle, wie der Herr Graf befohlen; dort ſind fie in jeder Hinſicht gut verſorgt, und ich habe noch das runde Thurmzimmer daneben öffnen laſſen für die Weiber und Mäd⸗ chen, die vielleicht unter ſich bleiben möchten.“ „Bon, bon;“ erwiederte lächelnd der alte Graf;„man muß Jedem Gelegenheit geben, die Dehors zu beobachten Laſſen Sie mir aber die jungen Leute draußen nicht kalt werden, mein lieber Renaud; arrangiren Sie ihnen ein kleines Spiel, wenn es ihnen Vergnügen macht, und auch wir, denke ich, wollen unſere Whiſtpartie wieder aufnehmen. Es iſt noch ſo früh, und jede Stunde, um die man den Schlaf bringt, iſt eine Verlängerung des Lebens. Wo iſt der Doctor?“ „Dort kommt er.“ „Mir ſcheint, der hat ſich das Vergnügen noch eine Zeit Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 3 34 Fünfzehntes Kapitel. lang verlängert und die Zigeunermädchen in dem runden Thurm 8 88 begleitet. „Ja und nein,“ erwiederte der Arzt, indem er an den Spieltiſch trat;„ich war allerdings in dem runden Thurme, um nach einer kranken Perſon zu ſehen, die ſie bei ſich haben, glaube, die Mutter oder irgend eine Verwandte des kleinen Mädchens, denn dieſe umſchlang den Hals der Kranken mit einer wahrhaft rührenden Sorge, während es ſich die Anderen Was fehlt der armen Frau?“ fragte die Gräfin. „Was „Sie leidet für den Augenblick wohl nur an einer leichten Erkältung, hat aber, wie mir ſcheint, eine unheilbare, ab⸗ zehrende Krankheit.“ „Armes Geſchöpf, ohne Ruh' und Pflege bei dieſem Um⸗ herwandern und dem Aufenthalte unter freiem Himmel bei Tag und bei Nacht— welches Schickſal! Nicht wahr, Herr Renaud,“ wandte ſich die Gräfin an den Se cretär,„Sie ſorgen dafür, daß es dieſer Unglücklichen an nichts fehlt, und Sie, Doctor Herbert, ſind wohl ſo freundlich, mir morgen früh Näheres über das Befinden der Kranken zu ſagen. Man könnte ſie ja veranlaſſen, ein paar Tage zu bleiben!“ „Daran habe ich auch ſchon gedacht, aber es hat ſeine „Sehen Sie, was Sie thun können, Doctor, und nun zu unſerem Spiel; der Qberſt Schwenkenberg hat den Strohmann und gibt aus der Hand.“ 85 Draußen in der Halle, das heißt, wir wollen damit nur den Raum außerhalb der ſpaniſchen Wände andeuten, war Herr Renaud dafür beſorgt geweſen, d aß ſich ältere und jüngere Viſionen und Sternkunde. 35 Officiere aufs vortrefflichſte amuſirten. Er hatte einige Spiel⸗ partien arrangirt, allerdings keine harmloſen Whiſt, und wer von den Gäſten keine Luſt hatte, ſich mit Macao oder Lands knecht zu beſchäftigen, dem war auch ferner noch die Gelegenheit eines guten, ſtark gekühlten Trunkes geboten oder auch das beſchwichtigende Mittel einer duftenden Taſſe Thee, oder eines nervenerregenden, heißen Kaffees, alles das neben vortrefflichen Cigarren, von denen auch ein ſo ausgiebiger Gebrauch gemacht wurde, daß ſich im Laufe der Zeit der weite Raum verdunkelt haben würde, wenn derſelbe nicht ſo ausnehmend hoch ge weſen wäre. Daß Dagobert an einem der Sfieltiſche beſchäftigt war, verſtand ſich wohl von ſelbſt; doch war er nicht mit Leib und Seel' dabei, wie man zu ſagen pflegt. Seine Blicke glitten häufig über die Karten hinweg nach der Vorhalle, und oft pointirte er falſch, gar nicht oder mit ſo großer Gleichgültigkeit, daß man daran am beſten den hohen Grad ſeiner Zerſtreutheit abmeſſen konnte. Die Kameraden, welche ſonſt ſeine Leiden ſchaft für das Spiel wohl kannten, baten ihn vergebens, die Bank zu halten; er lehnte dies unter dem ſcheinbar richtigen Grunde ab, da er doch nun einmal verpflichtet ſei, für Herrn Chriſtian Kurt ſolch werthen Gäſten die Honneurs des Hauſes zu machen, ſo müſſe er auch zuweilen nach den anderen Tiſchen ſehen, und würde es ſehr unrecht finden, wenn er, auch nur als Bankhalter, den Verſuch machte, ihnen ihr Geld ab zunehmen. So ſah man ihn denn bald hier, bald da an den Tiſchen ſtehen, jetzt einen Satz wagend, dann mit einem Bekannten anſtoßen, dann unbemerkt in der Vorhalle verſchwindend. Dort,⸗ 36. Fünfzehntes Kapitel. am Ausgange des Veſtibuls, welches auf den Hof führte, wo die gothiſche Kirche ſtand, nahm er aus den Händen eines Dieners einen dunkeln Mantel ſo wie ſeine Dienſtmütze, warf erſteren über ſeine Uniform, ſchritt durch den Hof dahin längs den Gebäuden und ging hierauf unter dem Thorbogen hin weg, den auch Erich am heutigen Abende zweimal paſſirt hatte. Hier, an dem ſtillen, abgelegenen Theile des Schloſſes bemerkte man nichts von dem immer noch geräuſchvollen Leben und Treiben in der großen Halle auf der anderen Seite. Die langen Fenſterreihen leer ſtehender Gemächer blickten öde und todt in die Nacht hinaus, und wo ſich allenfalls hier und da ein zweifelhafter Schimmer auf ihnen zeigte, ſo war das kein inneres Leben, ſondern nur der Wiederſchein des bleichen Mond⸗ lichtes. Dagobert ſchritt auch an„dieſen Gebäuden vorüber bis ans Ende derſelben, wo ſich neben einem niedrigen, runden Thurme hell erleuchtete Fenſter zeigten und wo das Geräuſch von Stimmen, ja, auch Lachen und Singen in die Nacht hin⸗ ausdrang. Auch in dem runden Thurme war ein Fenſter matt erleuchtet, doch hörte man von dort weder Stimmen, noch viel weniger Geſang. Der junge Officier konnte dieſem Thurm— fenſter ſo nahe kommen, daß er ſein Ohr an die Scheiben deſſelben zu legen vermochte, ohne fürchten zu müſſen, von Jemanden geſehen zu werden, der aus dem Nebengemache her⸗ vortrat; davor ſchützte ihn die Rundung des Thurmes. Doch hörte er nichts, als dann und wann ein⸗ leichtes Huſten; um zu ſehen, was ſich in dem Gemache befand oder was dort vorging, daran hinderte ihn ein Tuch, welches man von innen vor der Fenſteröffnung befeſtigt. Viſionen und Sternkunde. 37 Dagobert trat zurück und warf das Ende ſeine Mantels mit einer mißmuthigen Bewegung um ſeine linke Schulter. Es war eine kühle Nacht, der Himmel glänzend klar und wolkenlos, dabei tiefe Stille weit und breit, ſo daß man deutlich das Rauſchen des Waſſerfalles an der Oſtſeite des Schloſſes hören konnte. Jetzt wandte er ſich wieder, um abermals an der langen, ſtillen Gebäudereihe hinabzuſchreiten, als er von dort her, und zwar aus dem oben erwähnten Thorbogen hervortretend, zwei Geſtalten bemerkte, die, mit einander ſprechend, ſich langſam näherten. Dagobert, welcher nicht Luſt hatte, gerade hier von Jemandem geſehen zu werden, trat an die Gebäude zurück und drückte ſich feſt in eine Ver⸗ tiefung, welche durch die Rundung des Thurmes gebildet wurde und wo er, begünſtigt vom tiefen Schatten der Nacht, unent⸗ deckt bleiben mußte. Die beiden Geſtalten von ſehr verſchie⸗ dener Größe, die eine lang und breit, die andere klein und ſchmächtig, näherten ſich ſeinem Verſteck, und er hörte, wie die zühee ſagte:„Es wäre jetzt dafür die richtige Zeit; die wievielte Thür iſt es, Blanda?“— worauf das kleine Mäd⸗ chen— denn dieſe war es, die an der Seite eines der Zigeu⸗ ner langſam und vorſichtig heranſchritt— erwiederte:„Die wievielte Thür es iſt, weiß ich nicht ganz genau, wenn du aber ſpähend bei allen vorüberſchreiteſt, ſo wirſt du an der richtigen eines unſerer gewöhnlichen Zeichen finden.“ „Gut. Ich wiederhole, daß es jetzt die richtige Zeit iſt; die ganze Dienerſchaft iſt in dem Saale neben der Küche ver⸗ ſammelt, läßt uns nun wohl für einen Augenblick in Ruh', und ich traue ihnen ſchon zu, daß ſie ſpäter das Gemach, wo wir uns befinden, von außen zu ſchließen verſuchen, aus Furcht, 38 Fünfzehntes Kapitel. wir könnten uns bei Nacht und Nebel empfehlen, auch am Ende Wachen aufſtellen.“ „Gut alſo, Zaregg, thue ſo, wie ich geſagt, es wird dir keine Schwierigkeiten machen, hineinzukommen; wäre es doch mir beinahe gelungen, aber es kamen Leute, weßhalb ich mich zurückzog. Theile ihm auch mit, es ſei aus Dankbarkeit ge⸗ ſchehen und weil wir wüßten, wie ungerecht und gewaltthätig dieſe Leute ſein können.“ Dieſe letzten Sätze konnte der junge Officier nicht ver⸗ ſtehen, da die Beiden ſchon bei ihm vorübergegangen waren und dieſe Worte auch wie alles Uebrige ſehr leiſe geſprochen wurden. „Oho,“ dachte er,„ſollte das Wunderkind zu irgend einem Raube oder dergleichen Anleitung geben? Sie ſcheint mir in der That eine Art von Gebieterin, von Zigeunerkönigin zu ſein, der die ganze Bande unbedingt Gehorſam leiſtet. Nun, man kann ja vorſichtig ſein, und ich werde in der That Ver⸗ anlaſſung treffen, daß man Wachen ausſtellt, wie es jener lange Monſieur zu fürchten ſcheint.“— Jetzt aber, nachdem die Fußtritte der beiden Anderen längſt verklungen waren, trat er raſch aus ſeinem Verſteck hervor und begab ſich abermals in die Nähe jener erleuchteten Fenſter, die er, neben dem mächti⸗ gen Stamme einer Kaſtanie ſtehend, beobachtete. Eine Zeit lang blieb dort Alles unverändert, dann aber bemerkte er, wie ſich in dem runden Thurme, und zwar auf der Seite gegenüber, wo er ſich vorhin befand, eine Thür öffnete, und ſah im ſchwachen Lichtſchimmer, welcher eine Secunde lang die Finſterniß erhellte, Jemanden das Thurmgemach verlaſſen und Viſionen und Sternkunde. 39 um die Rundung herum in den tiefen Schatten eilen, den hier die hohen Mauern warfen. Eilig folgte er und ſtand in Kurzem neben der Esmeralda, denn dieſe war es, welche ſo eben das Thurmgemach verlaſſen hatte und ihn hier zu erwarten ſchien, denn ſie ſuchte beim An⸗ blick des jungen Officiers nicht zu entfliehen, litt es vielmehr, daß dieſer eine ihrer Hände nahm, und hörte ſeine ſtürmiſchen Reden von langem Erwarten und glühendem Verlangen ſo wie von dem Glücke, ſie jetzt zu ſehen, ſtillſchweigend, ja, wie es ſchien, mit großer Ruhe an. Als er aber darauf eine unge⸗ ſtüme Bewegung ſo wie den Verſuch machte, ſeinen Arm um ihren ſchlanken Leib zu ſchlingen und ſie an ſich zu drücken, wandte ſie ſich behende von ihm weg und ſagte in beſtimmtem, wenn auch nicht unfreundlichem Tone:„Nicht ſo, nicht ſo, mein ſchöner Officier! Nicht ſo und nicht hier— es kommen und gehen Leute, und wenn auch die Nacht dunkel genug iſt, ſo müßte mich doch einer der Unſrigen aus weiter Ferne erkennen.“ „So begleite mich, Esmeralda; du haſt mir verſprochen, daß du mich ſehen wollteſt und daß ich dir ſagen dürfte, wie lieb ich dich habe— und ich hoffe, daß auch dein Herz ein wenig für mich ſchlägt! Doch du haſt Recht, hier iſt kein Ort zu ſüßem Geplauder, folge mir.“ Wenn es nicht gar ſo dunkel geweſen wäre oder wenn die Zigeunerin ihr Geſicht nicht zu Boden geſenkt hätte, ſo würde Dagobert das ſpöttiſche Lächeln geſehen haben, welches ſich auf den Zügen des ſchönen Mädchens zeigte; doch ſo bemerkte er nichts davon, ſo wie auch nicht, daß der Ton ihrer Stimme durchaus nicht wie zarte Hingebung klang, als ſie 40 Fünfzehntes Kapitel. ihm erwiederte:„Und wohin ſoll ich Euch folgen, mein ſchöner Officier?“ „Wohin du willſt; es ſind Räume genug im Schloſſe, wo wir verſchwiegen und ungeſehen eine Stunde verplaudern kön⸗ nen— nur eine kleine, ſüße Stunde!“ Sie ſchüttelte leicht mit dem Haupte, während ſie ihm zur Antwort gab:„Ich fürchte mich vor den Räumen in dieſem großen, großen Schloſſe. Mir iſt der klare Sternenhimmel lieber, als die Decke eines Zimmers, wenn ſie auch ſo ſchön wären wie jene, wo wir vorhin waren.“ „Du biſt ein eigenſinniges Mädchen und trauſt mir nicht!“ 1 „Warum ſollte ich Euch nicht trauen, mein ſchöner Of⸗ ficier? Und wenn ich in der That nicht traute, ſo hätte ich Recht, denn Ihr ſeid unvorſichtig, meine ich doch, ich hörte Schritte, die ſich uns nähern!“— Sie wandte ihren Kopf herum und lauſchte; es blieb aber Alles ſtill wie zuvor; doch benutzte Dagobert den Augenblick, wo ſie in die Dunkelheit hinausſpähte, raſch den Arm um ſie zu ſchlingen und ſie mit zartem Drängen von der Mauer weg gegen den Garten zu führen. Sie litt es nicht nur ohne Widerſtreben, ja, ihre Be⸗ mühungen, ſeine Hand von ihrem ſchlanken Leibe zu entſernen, waren ſo ſchwach, daß er ſie nicht nur feſter an ſich drückte, ſondern es auch wagte, ſie auf die kaum bedeckte Schulter zu küſſen. Hinter dem Fahrwege, der auch hier das Schloß um⸗ gab, begann ſogleich der Park mit ſeinen dichten, wenn auch jetzt faſt ganz entlaubten Büſchen mit mächtigen Bäumen, mit Marmorfiguren, welche hell durch die Nacht herüberleuchteten, mit Lauben und Ruheſitzen aller Art; zu einem der letzteren Viſionen und Sternkunde. 41 führte er das junge Mädchen, die ihm widerſtandslos folgte und nur, wie leicht erklärlich, zuweilen den Kopf herumwandte, um ihre Blicke an der langen Linie der dunkeln Schloßgebäude hinunterfliegen zu laſſen. Er ließ ſich auf einer der Bänke nieder, zog die Esme⸗ ralda mit ſanfter Gewalt auf ſeinen Schooß und warf einen Theil ſeines Mantels über ihren allerdings ſehr leichten Anzug. „Du frierſt ja,“ ſagte er,„in der kühlen Nacht, wogegen es mir ein Bedürfniß iſt,“ ſetzte er, ſchwer athmend, hinzu,„mich der warmen Verhüllung zu entledigen. Fühle nur, wie meine Stirn brennt!“— Er nahm ihre kleine Hand, führte ſie flüchtig an ſeine Wangen und legte ſie alsdann mit einem ſchmeichelnden Worte um ſeinen Hals.—„Esmeralda, wenn du wüßteſt, welchen Eindruck du auf mein Herz gemacht, als ich dich neulich zum erſten Male geſehen, und wie unglücklich ich mehrere Tage war, da ich nicht erfahren konnte, wohin ihr euch gewendet— Esmeralda, meine ſüße Esmeralda!“ Wenn auch ihre Bemühungen, ſich ſeinen umſchlingende⸗ Armen zu entwinden, nicht ſo energiſch waren, als man es ihrer gewandten, kräftigen Geſtalt ſo wie von den trotzi geworfenen Lippen und dem blitzenden Auge hätte ſollen, ſo duldete ſie doch keine ſeiner allzu vertre näherungen, und wenn ſie zuweilen ſeine Hee geſchah dies mit einer ſolchen Kraft und ſo großer Leichtigkeit, daß Dagobert ſüße Frucht nicht ſo leicht zu breck warten müſſe, bis ſie ihm, † Schooß fallen würde. Aber all das gefährli — 42 Fünfzehntes Kapitel. ches ihn trotz alledem in ſo verlockende Berührung mit ihrem weichen, heißen, elaſtiſchen Körper brachte, entflammte ſein ohnehin durch das Gelage des heutigen Abends aufgeregtes Blut und erhitzte ſeine Phantaſie, die ſich unabläſſig mit ihren Reizen beſchäftigt hatte. „Warum biſt du ſo hart und grauſam gegen mich, Es⸗ meralda— du trauſt mir nicht, du denkſt gewiß, ich würde gleich nachher oder morgen das Glück dieſer kleinen Stunde vergeſſen haben— o, könnte ich dich überzeugen, daß ich dich wirklich liebe und daß ich dich auch fortan lieben werde! Ich bin unabhängig, ich bin reich, ſehr reich, ich kann deine aus⸗ ſchweifendſten Wünſche erfüllen, ich kann und will dich zu einer gebietenden Herrin machen! Ich will Gold und Edel⸗ ſteine zu deinen Füßen ausſchütten— verſtehſt du mich, Es⸗ meralda? Dein ſchöner kleiner Fuß ſoll auf weichen Teppichen wandeln, du ſollſt nicht mehr unter freiem Himmel wohnen, ſondern in einem ſchönen Hauſe, du ſollſt für dein ganzes Leben reich und glücklich ſein, und für alles das ſollſt du mich ein klein wenig lieb haben, jetzt und ſpäter, wann du willſt— o, Esmeralda!“ Sie antwortete auf alles das keine Sylbe, doch bebte ihr zrver und zuckte zuweilen krampfhaft zuſammen, aber nicht, glaubte, weil ſie ſeine Verheißungen verlockend fand, emehr, weil ſie jeden Augenblick im Begriffe war, ihrer Hüfte wegzuſchleudern und ſich mit einer rei zu machen.— Hätte Dagobert ihr Ge⸗ würde er das, was ihre Seele bewegte, ihren jetzt ſo hart erſcheinenden Zügen, wreſſen ihrer Lippen, in dem düſteren — ——— —— — r —— — —ͤ— Viſionen und Sternkunde.— 43 Glanze ihrer Augen; aber er konnte nicht in ihr Geſicht ſchauen, ſo ſehr er ſich auch Mühe gab, die Abgewandte gegen ſich zu wenden. Und warum vermied ſie es wohl, ihn anzuſehen, und riß ſich bei allen Zeichen des Unmuthes nicht gewaltſam von ſeiner Seite los? Warum blieb ſie, während ſich ihre Seele doch offenbar mit etwas Anderem beſchäftigte? Ja, ſo mußte es ſein. Ihre Blicke drangen durch die Nacht gegen das Schloß hin, und ſie ſchien alle Kraft ihres Sehvermögens aufzubieten, um dort an der dunkeln, langen Linie der Gebäude etwas zu entdecken, was ihr von Wichtig— keit ſein mochte. Doch gehörte ſchon das ſcharfe Auge der Zigeunerin dazu, um eine Geſtalt zu bemerken, die langſam dort dicht an der Mauer hinſchlich. Etwas Anderes würde auch gleich darauf der junge Of⸗ ficier gehört haben, wenn er nicht, aufs höchſte erregt durch ſeine vergeblichen Bemühungen, jetzt ſein Geſicht feſt an ihre Bruſt gedrückt hätte— eine Bewegung, vor welcher ſie plötz⸗ lich zurückſchrak, dann dieſelbe aber, obgleich mit ſichtbarem Widerwillen, duldete— hörend und erkennend das Geräuſch, deſſen wir eben erwähnten— es war ſo, als wenn man Eiſen gegen Eiſen ſtreicht—, zweimal daſſelbe Geräuſch. Dann athmete die Esmeralda tief auf und warf nun den jungen Officier mit einer Kraft zurück, über die er faſt erſchrak und welche ihm die Röthe des Zornes in die Wangen jagte. „Genug, genug,“ ſprach ſie alsdann zwar leiſe, aber mit ſo energiſchem und zornigem Ausdrucke, daß er überraſcht in ihr Geſicht blickte, welches ſie ihm jetzt ſchnell zuwandte— 44 Fünfzehntes Kapitel. „ja, genug, tauſendmal genug, und ich will nichts mehr hören!“ „Sei doch geſcheit, Mädchen, und laß ein vernünftiges Wort mit dir reden!“ „O, ich habe von dem, was Ihr vernünftige Worte nennt, genug gehört! Laßt mich zurück zu den Meinigen, es iſt mir gerade ſo, als hörte ich Schritte, die ſich uns nähern!“ „Pah, wer wird das ſein, Esmeralda! Sei vernünftig, mein ſchönes Mädchen, vielleicht iſt es einer von unſeren Leuten, welcher ſich kluger Weiſe entfernen wird, wenn er mich hier erkennt.“ „Aber es könnten auch von unſeren Leuten ſein,“ ſagte ſie und ſetzte mit einer eigenthümlichen Betonung hinzu:„und die, glaub' ich, würden ſich nicht ſo ruhig wieder entfernen, wenn ſie mich hier erkennen würden— laßt mich, Herr, gut⸗ willig, oder.... Da aber der junge Huſaren⸗Officier nicht geneigt ſchien, ſeine ſchon ſo ſicher geglaubte Beute gutwillig fahren zu laſſen, vielmehr das ſchöne Mädchen wieder feſter umſchlang, ſo er⸗ griff die Zigeunerin ſeine beiden Hände und riß ſie mit ſolcher Kraft aus einander, daß er faſt das Gleichgewicht verlor und, ohne Macht, ſich zu halten, mit vor Wuth auf einander ge⸗ biſſenen Zähnen ſehen mußte, wie ſie ſich, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, mit raſchen Schritten entfernte.— Er ſprang empor, er wollte ihr nacheilen, doch bemerkte er jetzt, wie ſie nicht weit von ihm an ein paar dunkeln Geſtalten vorüberhuſchte, denen ſie ein Wort in ihrer Sprache zurief, worauf die eine dieſer Geſtalten zurückblieb, die andere aber Viſionen und Sternkunde. 45 einen Fußweg einſchlug, allerdings der Richtung zu, wo er ſtand, aber offenbar in der Abſicht, um die breite Parkſtraße zu gewinnen, die aufwärts ſüdlich nach dem Walde zu führte. Es gibt Nervenaufregungen gewiſſer Art, unter denen man ſich, zugleich unter dem Gefühle getäuſchter Hoffnungen, einem Tiger in den Weg werfen würde, wenn dies von irgend einem Nutzen ſein könnte, oder um unſeren Zorn über ein verfehltes Unternehmen an Jemanden auszulaſſen, unter welchem Eindrucke denn auch der Huſaren⸗Officier, da ihm obendrein der Dahin⸗ ſchleichende verdächtig erſchien, raſch ein paar Verbindungswege überſprang, um auf dieſe Art früher wie der Andere bei dem breiten Parkwege anzukommen. Faſt fuhr er zurück, als er nun, ins helle Mondlicht tre— tend, den erkannte, welcher mit raſchen Schritten daherkam— es war der junge Wilddieb, den er feſt hinter Schloß und Riegel geglaubt, es war jener Taugenichts vom Meilnnſſteine, der ihm damals ſeinen glänzenden Ueberfall vereitelt, wie er jetzt wieder ſeine Zuſammenkunft mit der Esmeralda geſtört hatte. Dagobert faßte an ſeine linke Seite, doch hatte er, wie alle Uebrigen, ſeine Waffen in der großen Halle abgelegt und nichts unter der Hand, um ſich jenem kecken Burſchen, der ſich jetzt nicht einmal beeilte, raſch vorüber zu kommen, entgegen zu werfen. Doch ſprang er nichts deſto weniger mitten auf den breiten Weg, und als ihm Erich auf drei Schritte nahe war und ſie ſich Auge in Auge mit gleicher Wuth betrachteten, ſtieß er mühſam zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen hervor: „Halt da und augenblicklich umgekehrt, oder ich rufe Hülfe herbei und laſſe dich mit Hunden hetzen „Thut das, wenn Ihr könnt und dürft,“ erwiederte ihm 1 46 Fünfzehntes Kapitel. Erich, entſchloſſen und mit geballten Fäuſten vortretend;„aber ehe Eure Leute herbeikommen, wird es ſich entſchieden haben, wer von uns Beiden der Stärkere iſt, und bei all der Miß⸗ handlung, die man mir zugefügt, ſchwöre ich, daß ich mit meinen beiden Händen an Euren Hals kommen werde und Euch würge, bis Ihr das Schreien bleiben laßt!“ Es lag etwas ſo Wildes in den funkelnden Augen des jungen Menſchen und in dem Knirſchen ſeiner Zähne, daß der Andere einen Schritt zurücktrat und, ſich augenblicklich ſeiner geſellſchaftlichen Stellung ſo wie ſeiner Stellung als Officier erinnernd, dieſen jungen Vagabunden mit einem Blicke tieſſter Verachtung anſchaute, dann ſeine Hand drohend gegen ihn er⸗ hob und ihm zurief:„Burſche, ich finde dich wieder!“ „Das hoffe ich zu Gott, daß wir uns wiederfinden und daß wir alsdann in der Lage ſein mögen, unſeren gegenſeitigen Haß mit anderen Waffen auszukämpfen!“— Damit ſtieg er, ohne umzublicken, den breiten Weg mit langſamen Schritten hinan, und erſt als ihn der Schatten des Waldes umfing, eilte er ſo raſch als möglich dahin. Ueber die Richtung, welche er einzuſchlagen hatte, war er nicht im Zweifel, denn der Zigeuner, der ihn aus ſeiner Haft befreit, hatte ihm geſagt: „Schau' auf das Sternbild des Rieſen, der die Keule in der Hand hat und den blitzenden Gürtel, dieſer Richtung folge.“ Er hatte damit den Orion gemeint, das ſchöne Sternbild an der ſüdöſtlichen Himmelsgegend, welches Erich nun tröſtend über den Wipfeln der Bäume entgegenſtrahlte und ihn nach Süden führte, wo er die Mühle finden mußte, und das ihm ſeit jener Nacht, ſo oft er es ſpäter ſah, angenehm, lieblich und troſtbringend in die Seele leuchtete. 7— Viſionen und Sternkunde. 47 Wohl war Erich nicht ganz ohne Sorge wegen der viel⸗ leicht nachſetzenden Hunde des gräflichen Schloſſes, und oft blieb er, nach rückwärts horchend, ſtehen, hielt ſich auch ſo viel als möglich in der Nähe ſchlanker, leicht beſteigbarer Bäume; doch lauſchte er umſonſt, nichts regte ſich im nächtlich ſtillen Walde, als zuweilen ein leichter Windhauch ſo wie das Rauſchen ſeiner Fußtritte in dem dürren Laube, womit der Boden bedeckt war. Und wie gut hatte ihn das Sternbild geführt! Dort vor ihm leuchtete der kleine See, an welchem geſtern der Hirſch verendet und von dem übrigens begreiflicher Weiſe nichts mehr zu ſehen war; hier war die Schlucht, und nach kurzem, haſtigen Lauſe hatte Erich die alte Linde erreicht, und wie geſtern Mor⸗ gen der erſte Sonnenſtrahl, ſo beleuchtete jetzt der helle Schein des Mondes das eingehauene Z und T. Hier blieb der junge Menſch einen Augenblick tief auf⸗ athmend ſtehen, und wenn er mit dem glückſeligen Gefühle der Befreiung aus widriger Gefangenſchaft nach der Gegend hin⸗ blickte, wo die Waldburg lag, ſo ſtieg dabei die heiße Empfin⸗ dung des Dankes in ihm empor gegen das arme, blaſſe Ge⸗ ſchöpf, dem er ſeine Befreiung verdankte, wie ihm der Zigeuner geſagt. Den Weg zur Mühle hinab konnte er von hier nicht leicht mehr verfehlen, und nach halbſtündigem Laufe hörte er ſchon das Brauſen des Wehres und gleich darauf das An⸗ ſchlagen der großen Hunde. Allerdings brauchte es noch einige Zeit, bis die in der Mühle von dem anhaltenden und heftigen Gebelle aufmerkſam wurden, bis ſich ein Fenſter in dem dun⸗ keln Hauſe erleuchtete und bis der Müller Burbus mit ſeiner 48 Fünfzehntes Kapitel. mächtigen Stimme in die Nacht hinausrief, wer da ſei und was man wolle. Damit hatte aber auch für heute alle Noth ihr Ende erreicht, und gleich darauf ſaß Erich in der noch behaglich warmen Wohnſtube bei dem Müller und Gottfried, denen er die Erlebniſſe des heutigen Tages erzählen mußte, nachdem er aber vortrefflich zu Nacht gegeſſen von dem beſten Stücke des gewiſſen Hirſches, und zwar, wie der Müller Burbus ſagte:„Zum Trutz!“ . A‿ 3 — Sechszehntes Kapitel.. Handelt von der Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's, von gegenſeitigen Ueberliſtungen ſo wie von einem unechten Examen. 3 Es gibt in der militäriſchen Naturgeſchichte eine Art von Weſen, welche man nicht leicht in eine der uns bekannten Claſſen eintheilen oder in eine der uns gewöhnlich vorkommen⸗ Species aufnehmen kann; es ſind weder vollkommene Infan⸗ teriſten, noch vollkommene Cavalleriſten oder Artilleriſten, und haben doch von allen dieſen etwas an ſich. Sie dienen weder zu Fuß noch zu Pferde, ſie ſind allerdings militäriſch bekleidet, treiben aber im Allgemeinen ein mehr bürgerliches Gewerbe. Sie werden gefürchtet und über die Achſel angeſehen, gehaßt und geliebt, wie es gerade kommt; man ſchmeichelt ihnen ihres Verſtandes und ihres Kopfes wegen und nennt ſie doch wieder ruppiges Grobzeug, das zu nichts Anderem zu gebrauchen iſt, kurz, es ſind dies die Militärſchreiber von minderer oder größerer Bedeutung, je nachdem ſie auf der Regiments⸗ oder Abtheilungs⸗Kanzlei oder auf dem Bureau eines ganz ge⸗ Hackländer, Oer letzte Bombardier. II. 4 50 Sechszehntes Kapitel. wöhnlichen Batterie⸗Feldwebels oder Wachtmeiſters beſchäftigt ſind. Aber merkwürdiger Weiſe haben alle eine eigenthümliche Familien⸗Aehnlichkeit und läuft durch die ganze Gattung der gewiſſe rothe Faden, wie durch das Tauwerk der engliſchen Marine. Man erkennt einen Schreiber nicht nur, wenn er an ſeinem Pulte ſitzt, Rapporte concipirt oder einen Straferlaß mit Behagen abſchreibt, nicht nur auf der Straße und im Wirthshauſe, wo er in ſeinem Anzuge etwas genial Schlankel⸗ haftes hat und es verſteht, die Converſation an ſich zu reißen, da er als Mitwiſſer großer Geheimniſſe durch ein einziges unverſtändliches Wort die hohe, große Aufmerkſamkeit ſeiner Kameraden auf ſich zu lenken verſteht; ja, man erkennt ihn auch auf dem Exercierplatze oder in der Reitſchule, wenn es ſeinem dienſteifrigen Batterie⸗Chef einfallen ſollte, das Federvieh einmal ausſtäuben zu laſſen, und zwar erkennt man ihn hier, wie den Vogel an den Federn, an der hülfloſen Art, mit der er zu Pferde ſitzt, an ſeiner krankhaften Neigung für Mähne und Sattelknopf ſo wie beim Zu⸗Fuß⸗Exercieren an der chro⸗ niſchen Verwechsluug des Wiſchers mit dem Anſatzkolben. Dies ſind aber nur traurige Schalttage in dem ſonſt ſo gemüthlichen Leben der militäriſchen Schreiber, hervorgerufen durch die augenblickliche Laune eines verdrießlichen, gallſüchtigen Commandeurs oder erſten Lieutenants, der vielleicht bemerkt hat, wie droben auf der Schreiberei die Kanzleihengſte ihre dicken Naſen an den Fenſterſcheiben des warmen Zimmers platt drückten, während die bei den Haubitzen drunten bei ſechs Grad Kälte exerciren mußten. Zu jenen militäriſchen Schreibereien wurden in der da⸗ maligen Zeit, von der wir reden, häufig Freiwillige gepreßt, — Die Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's. 51 wenn ſie einen guten Kopf hatten, eine ſchöne Handſchrift be⸗ ſaßen ſo wie einen anſtändigen Lebenswandel führten, und zog man ſie häufig gerade zu dieſem Amte heran, wenn ihnen der Dienſt auf der Reitbahn, im Stalle oder auf dem Exercir⸗ platze nicht beſonders in den Kopf oder in die Finger wollte. Anfangs aber waren die meiſten dabei in heftiger Oppoſition gegen ihren Chef und äußerten, in trügeriſcher Hoffnung nach den Officier⸗Epauletten, eine totale Abneigung gegen Lineal und Dintenfaß, fühlten Heimweh nach dem göttlichen Leben der Batterie, und um ſich auf der Kanzlei ſo unmöglich als thun⸗ lich zu machen, verſchrieben ſie ſich, wo ſie nur konnten, und richteten dadurch gräuliche Confuſionen an. Endlich aber wur⸗ den ſie mürbe, und da man ſie hier und da auch bedeutend maßregelte, ſo ergaben ſie ſich ſchließlich nicht nur mit ſtiller Reſignation in ihr Schickſal, ſondern fanden es auch behaglich auf der ſtillen Kanzlei, beſonders nachdem ſie, denen alle Rapporte durch die Finger laufen, die in alle Dienſtgeheimniſſe eingeweiht ſind, aus denſelben deutlich erſahen, wie wenig Hoff⸗ nung auch den anderen Kameraden für Erreichung des Zieles der goldenen Epauletten geblieben ſei. Da ſitzen ſie nun in ſehr mangelhaften Toiletten, gelocker— ten Hoſenträgern und aufgeſchnallten Halsbinden, ſehr häufig auch mit Schlappſchuhen an den Füßen, und ſchmieren, daß die Dinte vom Tiſche herabrinnt, wühlen in den Fascikel⸗ Pyramiden nach einer verloren gegangenen Verordnung aus dem vorigen Jahrhundert, in der den Regiments⸗Commandeuren eingeſchärft worden war, das Fußzeug der Soldaten alle acht Tage mit Thran einſchmieren zu laſſen; ſie wühlen, daß der Staub herumwirbelt, leider ohne ſie zu finden. Leider, ſagen 52 Sechszehntes Kapitel. wir, denn der Chef der zweiten zwölfpfündigen Fußbatterie, der dieſes thranige Vergnügen liebte, hat ſich auf beſagte Verord⸗ nung berufen, und ihm ſollte wo möglich geholfen werden, da das Schmieren der Stiefel viel bequemer und auch dem Leder zuträglicher iſt, als das ewige Wichſen. Da ſitzen ſie nun, copiren und mundiren, erhibiren, correſpondiren, rapportiren, concipiren, excerpiren, fasciculiren, rubriciren, collationiren, re⸗ lationiren, revidiren und calculiren, indieiren und protocolliren und ſingen dabei, wenn zufälliger Weiſe der betreffende Feld⸗ webel oder Brigade⸗ oder Abtheilungsſchreiber, beſonders aber, wenn keiner der Adjutanten in der Nähe iſt, in republicaniſchem Selbſtbewußtſein: Ein freies Leben führen wir, Ein Leben voller... Die Wonne aber wird plötzlich abgeſchnitten, da man draußen ein trockenes Hüſteln vernimmt und der Brigadeſchreiber ein⸗ tritt, eine ſcharfe, ernſte und ſehr gefürchtete Perſönlichkeit. Er hat für langjährige Dienſtzeit Officiersrang erhalten, wird aber auf der Schreibſtube noch lange Jahre ſeine alten Com⸗ miß⸗Uniformen, allerdings mit den Epauletten, tragen; er hat einen ungewöhnlich langen Hals und eine noch längere Halsbinde, letztere von ſchwarzem Laſting, die in zwei kühnen Bogen ſeine Ohren zu unterſtützen ſcheint und ſo feſt zuge⸗ ſchnallt iſt, daß man ſtündlich einen Erſtickungsanfall bei ihm befürchtet; dabei hat er eine Habichtsnaſe, und da ſein borſtig gewölbter Schnurrbart einem Schnabel auch nicht unähnlich ſieht, ſo erſcheint der Brigade⸗Oberſchreiber im Profil förmlich als ein Vogelgeſicht, und iſt auch in der That ein böſer Vogel, ——— Die Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's. 53 ſtets bereit, zuzuhacken und den ſpitzigen Schnabel und die ſcharfen Klauen zu gebrauchen. Die Kanzleiſtube, in der wir uns gerade befinden, iſt die letzte in einer Reihe ſtattlicher Gemächer, in deren ganzem Complex die Geſchäfte des General⸗Commando's der betreffen⸗ den Artillerie⸗Brigade beſorgt werden und in die uns der Lauf unſerer wahrhaftigen Geſchichte führt, da die Brigadeſchule ebenfalls von hier aus verwaltet wird. Es befanden ſich hier, als der Brigade⸗Oberſchreiber ein⸗ trat, vier junge Leute, die meiſten an Stehpulten beſchäſtigt. Tiefe Stille herrſchte in dem großen Zimmer, nur unterbrochen von dem eiligen Gekritzel ihrer Federn auf dem Papier und durch das Auf⸗ und Zuklappen rieſiger Protocolle. Es hätte Keiner gewagt, aufzublicken, um nicht alsdann dem ungebühr⸗ lich lang vorgeſtreckten Halſe des eben erwähnten Vorgeſetzten und deſſen nichts weniger als freundſchaftlich klingender Frage: „Was wünſchen Euer Gnaden?“ zu begegnen, beſonders heute nicht, wo ſeine ſpitze Naſe und ſein ſtruppiger Bart faſt zuſammenſtießen und ſeine Stirn furchtbare Runzeln zeigte. „Weiß der Teufel, wo das zu finden iſt,“ brummte er, an den hohen, mit Acten gefüllten Regalen emporſehend,„und doch weiß ich ganz genau, daß dieſe Verordnung erſt vor ſechs Jahren den verſchiedenen Batterieen wieder aufs ſtrengſte einge⸗ ſchärft worden iſt! Hätten wir hier nicht ſtatt tüchtiger Hülfs⸗ arbeiter lauter junge Windbeutel, die alsdann erſt lebendig werden, wenn es zwölf Uhr ſchlägt, ſo wäre es möglich, daß ſich Einer auf dieſe Verordnung beſänne, die ihm ja zufällig durch die Hand gelaufen ſein könnte!“ 54 Sechszehntes Kapitel. „Darf man fragen, um was es ſich handelt, Herr Lieute⸗ nant?“ erlaubte ſich ſchüchtern einer der jungen Schreiber zu fragen. „Nein, das darf man ſich nicht erlauben, Bombardier Schmoller, aber ich will es Ihnen ungefragt ſagen: das Thema iſt wichtig genug, daß man ſich deſſen erinnern könnte; es handelt ſich darum, daß ſchon zu wiederholten Malen die Compagnieköche angewieſen worden ſind, ihre blechernen Koch geſchirre mit Sand ſtatt mit Aſche zu putzen.— Nun, Herr Bombardier Schmoller, erinnern Sie ſich auf etwas Aehn⸗ liches, oder Sie, Unterofficier Block, der als der Aelteſte etwas davon wiſſen könnte?“ „Des Factums erinnere ich mich wohl,“ 7 meinte der an geredete Bombardier, indem er verſtohlen das linke Auge gegen den Nebenſitzenden zukniff,„denn es gibt mehr aus, wenn man die Kochgeſchirre mit Aſche ſtatt mit Sand putzt.“ „Ja, es gibt mehr aus, junger Menſch,“ antwortete hier⸗ auf der Brigadeſchreiber mit einem ſehr bezeichnenden Kopf⸗ nicken;„drei Tage Arreſt mindeſtens für jeden dieſer Schmier⸗ finken, welche königliches Material auf ſo unverantwortliche, nichtsnutzige Art verderben! Sagt das Euren guten Freunden in den betreffenden Küchen: der Teufel ſoll dieſer Bande auf die Köpfe fahren!“ Damit ſtellte er ſich an ein leeres Steh⸗ pult und concipirte in düſterem Nachſinnen die betreffende Verordnung, wobei man zuweilen, während ſeine Feder haſtig über das Papier flog, die Worte vernahm:„unverantwortliche Verſchleuderung königlicher Geräthſchaften, Mangel an guter Zucht in der betreffenden Batterie, unbegreifliche Mißachtung Die Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's. 55 ſchon oft ergangener Befehle, Verantwortlichkeit des betreffenden Batterie⸗Officiers....“ „So, Unterofficier Block, das fertigen Sie auf die ver⸗ ſchiedenen Abtheilungs⸗Commando's aus und bringen es zur Unterſchrift auf mein Zimmer; aber heute Vormittag noch, wenn ich Sie ergebenſt bitten darf, es iſt erſt neun Uhr.“ Er machte Miene, das Gemach zu verlaſſen; doch wandte er ſich unter der Thür nochmals um und ſagte:„Apropos, da iſt mir geſtern von einem Bombardier erzählt worden, der Ihnen, Schmoller, ſo ähnlich ſieht wie ein faules Ei dem anderen, und welcher einen jungen Mann, der das Abthei⸗ lungs⸗Commando ſuchte, in das Arreſtlocal gewieſen und ihm verſichert hat, der alte Schließer dort mit der ſchmierigen Jacke und der abgetragenen Mütze ſei der Herr Oberſt— Gott ſteh' uns in Gnaden bei, wenn man über ſo etwas nicht spe- cies facti aufnehmen ſollte, dann gibt es kein Verbrechen mehr, das dazu befähigt! Nehmen Sie ſich aber in Acht, Ihr Maß iſt voll, gerüttelt voll!“— Dann verließ er mit finſterem Kopfnicken das Gemach. Eine, zwei Minuten vergingen in lautloſer Stille, die Schmierer rührten ſich nicht, denn ſie kannten ihren Pappen⸗ heimer, ſie wußten, daß er es liebte, an der Thüre lauſchend ſtehend zu bleiben und dann plötzlich ſein Vogelgeſicht noch einmal zur Thür hineinzuſtrecken. Endlich aber ſchlich ſich Bombardier Schmoller leiſe an die Thür und blickte zuerſt durchs Schlüſſelloch und dann erſt auf den Gang hinaus. „Iſt das Unthier fort?“ fragte der Unterofficier Block. „Verſchwunden, nur ſtinkt es draußen noch ein Bischen nach Schwefel,“ erwiederte der junge Bombardier;„ja, das 56 Sechszehntes Kapitel. muß ſchon wahr ſein, er hat etwas vom hölliſchen Geiſte an ſich, denn ſonſt könnte er nicht wiſſen, daß ich geſtern in der That den langen Labander, der auf das Brigade⸗Commando wollte, nach Numero Sicher geſchleppt; auch habe ich ihm dort einen hübſchen Mittelarreſt, der zufällig offen ſtand, als ein Schlafzimmer für die Freiwilligen bezeichnet. Es war recht hübſch anzuſehen, was der Kerl für große Augen machte.“ „Du haſt immer Glück,“ erwiederte der Unterofficier, indem er ſich ſeufzend daranmachte, die erhaltene Verordnung, Kochgeſchirr betreffend, dreimal abzuſchreiben. „O, lieber Freund, das Glück allein thut's nicht, man muß auch gute Einfälle haben!“ verſetzte Schmoller. Damit erhob er ſich geräuſchlos und trat an das große Regal hinter den Rücken des emſig ſchreibenden Unterofficiers und nahm dort mit gewandter Hand hinter dem abgeblaßten Vorhange einen Bierkrug hervor, den er in langen Zügen austrank, wobei er, zuweilen abſetzend, dem ahnungsloſen Anterofficier freundlich lächelnd zunickte.„So,“ meinte er alsdann,„jetzt hab' ich meine Pflicht gethan und kann für einen Augenblick austreten!“— Pfeifend verließ er das Gemach, und die Anderen lachten ſtill in ſich hinein, denn ſie freuten ſich ſchon im voraus auf den Wuthausbruch des geizigen Unter⸗ officiers. Der Zorn Block's ließ auch nicht lange auf ſich warten, nachdem er den erſten Caſus der Verordnung beendigt— unter ſtrenger Rüge darauf zu wachen, daß königliche Koch⸗ geſchirre nicht mehr mit höchſt verwerflicher Aſche behandelt würden—, griff er mechaniſch hinter ſich nach ſeinem Bier⸗ Die Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's. 57 kruge, brachte ihn vor die Augen und ſchrie entſetzt:„Hol' Sie der Teufel, Kanonier Flattich, Sie haben mein Bier ausgeſoffen!“ Der Angeredete ſaß allerdings dicht hinter dem Unter— officier, doch konnte er die feierlichſte Verſicherung abgeben, er habe deſſen Eigenthum nicht angetaſtet.„Auf Cerevis!“ ſetzte er hinzu. „Gehen Sie zum Teufel mit Ihrem Cerevis, das klingt gerade wie Hohn hier bei meinem leeren Bierkruge!“ „Nun denn, auf meine Ehre, wenn Ihnen das lieber iſt Hier konnte ſich der Vierte, ein ſchlanker, hübſcher, keck ausſehender Burſche, ebenfalls mit der Bombardiers⸗Auszeich⸗ nung, nicht enthalten, die Partei des jungen Flattich zu nehmen, indem er ſagte:„Nun, er hat es nicht gethan; Flattich iſt ein verliebtes Kameel, welches kein Bier trinkt, beſonders in einem Augenblicke, wie der jetzige, wo er, ſtatt das Protocoll der Geſchützreviſions⸗Commiſſion abzuſchreiben, Liebesbriefe auf Roſapapier ſchreibt.“ „Nun, ſo war es der Schmoller. Säuft da dieſer nieder⸗ trächtige Kerl mein Bier!“ „Und dann iſt er ausgetreten!“ ſagte der andere Bom⸗ 14 bardier lachend. „Laßt es gut ſein, ſprecht nicht darüber,“ ſprach der Ge⸗ kränkte,„man darf ſich durchaus nicht merken laſſen, daß man ſich über ſeine ſchlechten Streiche ärgert; ich will ihn ſchon anders kriegen.“ Der Betreffende erſchien nun wieder mit dem heiterſten Geſichte von der Welt und ſetzte ſich zum Schreiben nieder. Sechszehntes Kapitel. „Dieſes Mal,“ ſagte er nach einer Pauſe,„bekommt die Brigadeſchule, wie ich denke, einen tüchtigen Nachſchub; draußen auf dem Gange ſchwärmen wieder ſo ein paar Fliegen herum, die ſich die Aufſchriften an allen Thüren betrachten.“ Während er dieſe Worte ſprach, ſchielte er über das Papier hinüber nach dem Unterofficier Block und freute ſich unſäglich, als er ſah, wie dieſer jetzt langſam ſeine Hand nach dem Bierkruge ausſtreckte. Doch ſchien ſich derſelbe gar nicht über die Leere deſſelben zu wundern, vielmehr goß er ganz ruhig das letzte Tröpfchen auf den Zeigefinger ſeiner linken Hand und fuhr dann mit demſelben behutſam hinter ſeine Hals⸗ binde, ſo tief er konnte gegen den Rücken hinab. Auch die Anderen bemerkten das; doch ſprach eine Zeit lang Niemand, bis endlich Schmoller nicht mehr an ſich zu halten vermochte und mit dem ruhigſten Tone von der Welt fragte:„Iſt das Bier gut, Block?“ „Ich weiß es nicht,“ gab jener zur Antwort, indem er emſig fortſchrieb;„ich habe keins davon getrunken.“ „Aber warum haſt du denn den gefüllten Krug hinter dir ſtehen?“ „So, war er gefüllt? Ich hatte geglaubt, er ſei den Morgen ſchon leer geweſen. Weißt du, ich brauche das Bier nur, um mir auf Anrathen des Doctors ein böſes Blutgeſchwür anzufeuchten, das ich da hinten habe.“ „Pfui Teufel,“ ſagte Schmoller mit Entſetzen,„biſt du ein ekelhafter Kerl!“. Nun brach aber der andere Bombardier und ſelbſt der Liebesbrief ſchreibende Flattich in ein homeriſches Gelächter aus, n ——— — Die Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's. 59 während Schmoller mit allen Zeichen des Mißbehagens zu wiederholten Malen neben ſich auf den Boden ſpuckte. Vielleicht würde es noch weitere Erörterungen über dieſen eigenthümlichen Fall gegeben haben, wenn nicht ein beſchei⸗ denes Klopfen an der Thür die Aufmerkſamkeit dorthin gelenkt hätte. Dieſes Mal war es der Unterofficier Block, nicht, wie gewöhnlich, der Bombardier Schmoller in ſeiner vorlauten Art, welcher ein lautes„Herein“ erſchallen ließ, vielmehr beugte ſich dieſer tief auf ſeine Papiere herab und ſchrieb mit ziemlich verdrießlicher Miene, ja, blickte auch nicht einmal in die Höhe, als nun drei junge Leute in Civilkleidern eintraten und ſich einer derſelben von außerordentlich großer Geſtalt auf höf⸗ liche Art nach der Kanzlei des Herrn Brigade⸗Adjutanten er⸗ kundigte. „Sie ſind wohl gekommen, um Ihre Papiere Behufs der Aufnahme in die Brigadeſchule zu übergeben?“ fragte Unter⸗ officier Block, noch immer ſehr heiter über die glücklich aus⸗ geführte Rache. „So iſt es, mein Herr.“ „Bitte, wenden Sie ſich nur an jenen jungen Mann dort, der ſo eifrig ſchreibt.— Herr Bombardier Schmoller, wollen Sie wohl die Freundlichkeit haben, dieſen Herrn mit Rath und That an die Hand zu gehen; es ſchlägt ja in Ihr Fach.“ Nun aber hatte der Brigadeſchreiber große Luſt, mit dem Erſuchen, man möge ſich ſeinetwegen zum Henker ſcheren, zu antworten; doch ſah er, aufblickend, daß der große junge Menſch in Civilkleidung etwas ſo gar Sicheres oder ſo gar d teies 60 Sechszehntes Kapitel. Dummdreiſtes in ſeinen Manieren hatte, daß er nicht wider⸗ ſtehen konnte, ihm auf ſeine Art ein Bischen auf den Zahn zu fühlen. Herr Schmoller war eine ſo leicht erregbare Natur, daß die Eindrücke ſowohl des Schmerzes als des Ernſtes nie lange bei ihm anhielten, und bei dem es nur des geringſten Gegen⸗ windes bedurfte, um die Wellen ſeiner Gemüthsſtimmung in entgegengeſetzte Richtung zu treiben. Er legte ſich alſo in ſeinen Stuhl zurück, ſteckte ſeine Feder hinter das Ohr und betrachtete mit verſchränkten Armen den vor ihm Stehenden langſam von oben bis unten. Es mochte das ein junger Mann von ſiebenzehn bis achtzehn Jahren ſein, doch ſah er bei ſeiner außerordentlichen Größe und bei ſeinem feiſten Geſichte, auf dem ſich ſchon ein Anflug von Backenbart zeigte, älter aus. Er war gut, ja, elegant gekleidet, und während der Muſterung des Bombardiers ſpitzte er den Mund, wie zu einem gelinden Pfeifen, ließ ſeine Augenlider halb herabfallen und ſpielte mit den Fingern ſeiner linken Hand an ſeiner ſchweren goldenen Uhrkette. Schmöller legte ein Blatt Papier breit vor ſich hin, und nachdem er auf ſeinen Mienen geleſen, daß er mit der Muſterung der drei Leute zufrieden war, tauchte er ſeine Feder in das Dintenfaß und ſagte mit großem Ernſte:„Ihre Namen, meine Herren;“ aber hübſch hinter einander, wenn ich bitten darf!“ „Ich heiße Franz Werner,“ ſagte der große Menſch mit vieler Sicherheit,„bin der Sohn des Poſtmeiſters Werner und habe hier meine Papiere, um zur Prüfung zugelaſſen zu werden.“ 1 —— — Die Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's. 61 „Ja, zur Prüfung. Allerdings zur Prüfung; aber wiſſen Sie wohl, Herr Franz Werner, daß man nicht ſo mir nichts dir nichts vor die hohe Ober⸗General⸗Prüfungs⸗Commiſſion hintritt, ſondern daß man nur dazu gelangen kann, wenn man vorher eine kleine Vorprüfung glorreich beſtanden? Sind Sie zu einer ſolchen Vorprüfung gerüſtet?“ „Ich weiß nicht genau, ob....“ gab der Gefragte ſtot⸗ ternd zur Antwort. „Ob Sie Ihren faulen Knecht in der Taſche haben. ſehen Sie, mein lieber Herr Werner, es geht auch ohne das, Ja, und wenn Sie uns, ehe wir zum Examen ſchreiten, den Na⸗ men des Hotels, in dem Sie abgeſtiegen ſind, angeben, auch hinzufügen wollen, um welche Zeit dort gewöhnlich geſpeist wird, ſo wollen wir es mit dieſem Vorexamen nicht ſo genau nehmen.“ „Es— wird— mir— ſehr— angenehm— ſein; ich wohne in der ‚Goldenen Ente“, und man ſpeist dort gewöhn⸗ lich um halb ein Uhr.“ „Bis dahin ſind wir wohl fertig?“ wandte ſich Schmoller mit lauter Stimme an ſeine Kameraden, von denen aber der Unterofficier Block ſagte, daß er für heute bei dem Oberſten zu Tiſche gebeten ſei, und der andere Bombarfier nicht genau wußte, ob er erſcheinen könne, da er ſeiner Frau nichts davon geſagt, während Flattich, im Schreiben begriffen, gar keine Antwort gab. „Thut nichts, ſo komme ich allein. Alſo, junger Mann, ſo wollen wir uns zuerſt mit der Mathematik beſchäftigen. Sie wiſſen doch, was das für ein Ding iſt?“ 62 Sechszehntes Kapitel. Herr Werner machte ein etwas verlegenes Geſicht und meinte:„gerade mit der Mathematik habe er ſich nie außer⸗ ordentlich ſtark befaßt.“ „Nun, etwas wird ſchon hangen geblieben ſein. Können Sie mir vielleicht den pythagoräiſchen Lehrſatz erklären?“ „Ja— ja— zu Hauſe könnte ich das wohl....“ „Wenn Sie Ihr Lehrbuch bei ſich haben. Nun, mit der Antwort kann ich mich ſchon bei dem Vorexamen zufrieden erklären, und können Sie ganz beruhigt ſein, denn auch beim großen Examen finden Sie Bücher genug, die zum Nachſchlagen zu Ihrer Verfügung ſtehen; und dann haben Sie auch dort den Geheimen Ober⸗Einbläſer, einen alten Herrn mit grauem Schnurrbart, den Sie freundlich von mir grüßen können. Aber noch eine Frage werden Sie mir erlauben: was eine Concru Ente iſt, wiſſen Sie ganz beſtimmt?“ „Doch nicht ſo ganz,“ erwiederte der Examinand nach einer längeren Pauſe. „Das iſt ſchade. Vor der Frage nehmen Sie ſich in Acht, denn der Herr Oberſt iſt ganz beſonders darauf ver⸗ ſeſſen; er liebt die Concru⸗Enten ſehr, denn ſie ſchmecken vor⸗ trefflich, kommen aus dem indiſchen Staate Concru und ſind beſonders gebraten ſehr ſchmackhaft. Doch will ich Sie nun nicht weiter plagen, nachdem ich mich von Ihren enormen Kenntniſſen überzeugt habe; gehen Sie getroſt zum Examen und erwarten Sie mich um halb ein Uhr bei Tiſche in der ‚Goldenen Entet, ſelbſt ohne Concru-⸗Enten, die hier ſchwer zu haben ſind.“ Der Bombardier machte eine herablaſſende Handbewegung, 1 — Die Schreibſtube des Artillerie⸗Brigade⸗Commando's. 63 an welche ſich ein leiſer Wink ſchloß, der dem Zweiten galt und ihn erſuchte, vorzutreten. „Ihr Name?“ „Erich Freiberg.“ „Ein hübſcher Name, Herr Erich Freiberg,“ antwortete der Bombardier, nachdem er einen Augenblick in das offene, kluge Geſicht dieſes jungen Mannes geblickt und ein kleines, ſchalkhaftes Lächeln in deſſen klaren Augen entdeckt zu haben glaubte.„Sind Sie in der That hieher gekommen, Herr Erich Freiberg, um Ihr Examen zur Aufnahme in die Brigadeſchule zu machen?“ „Ganz gewiß, Herr Bombardier.“ „Ah, ich dachte nur, Sie hätten vielleicht die Hausnummer verfehlt und Ihre Beſtimmung ſei das Seminar geweſen. Gewiß, Herr Erich Freiberg, Sie haben etwas ſo Ehrwürdi⸗ ges, ſo Geiſtliches an ſich, daß Sie es noch bis zum Feld⸗ pater bringen können. Doch finde ich ſo eben,“ ſagte er, ſich erinnernd, daß die Zeit verfloſſen iſt, die ich bei meinen vielen Dienſtgeſchäften für die Vorexamen übrig habe. Gehen Sie alſo mit Gott, meine Herren, auf die Kanzlei des Brigade⸗ Adjutanten, und wenn Sie von dieſem nicht als Zugabe zu ſeinem zweiten Frühſtücke verſchluckt werden, ehe Sie Ihr An⸗ liegen vorgebracht haben, ſo wird er Ihre Namen notiren, Ihnen die Papiere abnehmen und alsdann Tag und Stunde beſtimmen, wo Sie ſich zu Ihrem zweiten Examen einzu⸗ finden haben. Kanonier Flattich, zeigen Sie dieſen drei hoff⸗ nungsvollen angehenden Artillerie⸗Officieren den Weg nach der Brigade⸗Adjutantur, und damit Adieu, meine Herren, und bis nachher, junger Herr Franz Werner!“ 64 Sechszehntes Kapitel. Alle Drei verließen hierauf in Begleitung des Kanoniers Flattich, der ihnen zum Führer diente, die Schreibſtube, und da es mehr in unſerem Intereſſe liegt, ihnen zu folgen, als zu ſehen, wie der Bombardier Schmoller in dem nicht ſorg⸗ fältig genug verborgenen Briefe des jungen Flattich eine höchſt unpaſſende Correctur anbrachte, ſo wollen wir im nächſten Kapitel erzählen, wie es ihnen weiter ergangen. Siebzehntes Kapitel. Der Held der Geſchichte lernt Einiges vom militäriſchen Leben, beſucht die Wachtparade und geht mit einiger Beſorgniß zum wirklichen Examen. In dem Zimmer des Brigade⸗Adjutanten befanden ſich noch ſechs andere junge Leute aus dem Civilſtande, welche an dem demnächſt Statt findenden Examen Theil nehmen wollten, um dadurch ihre Befähigung zur Aufnahme in die Brigadeſchule nachzuweiſen. Dieſe Brigadeſchule war in drei Claſſen ge⸗ theilt, und es wurde in den akademiſchen Stunden Unterricht gegeben in Mathematik, Zeichnen, Geſchichte, Geographie, deut⸗ ſchen Aufſätzen und franzöſiſcher Sprache; daß nebenbei be⸗ ſonders viele Artillerie⸗Wiſſenſchaften getrieben wurden, ver⸗ ſtand ſich von ſelbſt. Nach den Aufnahmeprüfungen ſtellte es ſich heraus, ob die Aſpiranten überhaupt angenommen wurden und ob ſie der dritten oder der zweiten Claſſe zugetheilt werden konnten. Das alles erfuhren ſämmtliche Anweſende von dem eiligen Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 5 66 Siebzehntes Kapitel. Brigade⸗Adjutanten, ſo wie auch, daß ſie ſich übermorgen um zehn Uhr hier in dieſem Locale einzuſinden hätten, in Parade⸗ Uniform, wollte er ſagen, doch verbeſſerte er ſich und bemerkte: in anſtändig reinlicher Kleidung. Dann nahm er die Papiere eines Jeden in Empfang und übergab ſie zur Durchſicht dem Brigade⸗Oberſchreiber, der mit ſeinem ſcharfen Blicke Jeden genau und ganz beſonders anſchaute, ſo wie er an ihn heran⸗ trat. Alle verneigten ſich hierauf mit einer mehr oder minder gelungenen Verbeugung und verließen das Zimmer, mit allei⸗ niger Ausnahme Erich's und des langen Franz Werner, mit dem ſich der Brigade⸗Adjutant herablaſſend unterhielt, während unſer junger Mann den Brief aus der Taſche zog, welchen ihm der Premier⸗Lieutenant S Schramm gegeben und mit dem er ſich nochmals an den Brigade⸗Oberſchreiber wandte. „Iſt nicht an mich,“ entgegnete dieſer ſcharf,„geht mich auch gar nichts an.“ „Dürfte ich Sie wohl fragen,“ forſchte Erich ſchüchtern, „wo ich den Herrn Ober⸗Feuerwerker Doll auffinden kann?“ „Sehen Sie mich vielleicht für ein Adreßbuch an, junger Menſch?“ erwiederte ihm der Schreiber mit dem V Vogelgeſichte und, hätte man ſagen können, mit geſträubten Federn.„Schade, daß ich zu ſehr beſchäftigt bin, ſonſt würde ich mir den Arm und die Ehre Ihrer Begleitung ausbitten, um Sie hinzuführen. — Iſt das ein naſeweiſes Zeug!“ brummte er in ſich hinein, als Erich, den Brief in der Hand behaltend, eingeſchüchtert das Zimmer verließ. Glücklicher Weiſe fand er draußen auf dem Gange einen Unterofficier, der ihm die Wohnung des Ober⸗Feuerwerkers beſchrieb, und dieſen ſelbſt zu Hauſe ·¶· Militäriſches Leben, Wachtparade und Erxamen. 67 Doll war ein kleines, mageres Männchen, raſch und lebendig in allen ſeinen Bewegungen; aus ſeinen Augen leuch⸗ teten Geiſt und Gutherzigkeit, und nachdem er den Brief, den ihm Erich überreicht, aufmerkſam durchgeleſen, klopfte er ihm auf die Schulter und ſagte:„Nun, wie es mit den Kenntniſſen ſteht, davon wollen wir uns übermorgen überzeugen; ſtellen Sie ſich aber die ganze Geſchichte nicht ſo gefährlich vor und antworten Sie friſch heraus auf alle Fragen, die man Ihnen ſtellt, allerdings nicht unüberlegt, aber auch nicht ſo lange ge⸗ zaudert. Laſſen Sie ſich auch nicht einſchüchtern, wenn unſer hochverehrter Herr Oberſt vielleicht einmal mit einem barſchen Worte dazwiſchen fährt; er meint das nicht ſo übel und iſt ein Herr von großer Einſicht und dem vortrefflichſten Gemüthe. Wo wohnen Sie?“ „In einem ſehr beſcheidenen Wirthshauſe der Vorſtadt, mit einigen anderen jungen Leuten, die gleichfalls ihre Auf⸗ nahme in die Brigadeſchule nachſuchen, Herr Ober⸗Feuerwerker.“ „Ach ja, ich weiß, Ihre Mittel ſind nicht brillant, und Sie müſſen eben ſehen, wie Sie ſich durchſchlagen; doch hoffe ich, daß Sie Ihr Examen beſtehen und dann der Schul⸗ compagnie zugetheilt werden. Es iſt allerdings nicht viel, was Sie dort haben, aber es ſchützt Sie vor dem Verhungern, und wenn Ihnen die Artillerie⸗Wiſſenſchaften bald in den Kopf gehen, ſo kann man Sie wohl in Bälde zu dem Bombardier⸗ Examen vorſchlagen. Alſo bis übermorgen!“ Erich verließ den freundlichen Ober⸗Feuerwerker mit ziem⸗ lich gehobener Hoffnung, welche durch die ſchroffe Abweiſung des Oberſchreibers etwas verblaßt war. Er ſchlenderte durch die bréiten Straßen der ihm unbekannten Stadt, ohne Zweck 68 Siebzehntes Kapitel. und Ziel, ja, ohne viel Aufmerkſamkeit auf das, was ihn ſeine Gedanken umgab, was wohl daher kommen mochte, daß ſ immer wieder zurückkehrten zu den ſo intereſſanten Erlebniſſen der letztvergangenen Tage. Hatte die Geſchichte mit dem ge— ſchoſſenen Hirſche weitere Folgen, oder wurde ſie, wie ihm der Müller Burbus beim Abſchiede verſicherte, aus guten Gründen niedergeſchlagen, ſo daß kein Hahn mehr danach krähen würde? Und wenn dem wirklich ſo war, hatte nicht ſein perſönlicher Feind, der junge Graf Seefeld, Veranlaſſung genug, ſich ſeiner lebhaft zu erinnern und ihm in den Weg zu treten, wo ihm das möglich wurde? Allerdings hoffte er durch ſeinen Eintritt in die Schule unter Anlegung der Uniform in der großen Menge gewiſſer Maßen unterzugehen, und doch wieder konnte er gerade als Militär auf irgend eine Weiſe mit jenem in Be— rührung kommen. Ja, obgleich er wußte, daß die Reſidenz, wo das Huſaren⸗Regiment ſtand, in dem der Graf diente, viele, viele Meilen von dieſer Provinzſtadt entfernt war, ſo beunruhigte es ihn in dieſen Tagen doch jedes Mal, wenn er einen Officiersſäbel klappern hörte und wenn er, wie hier, auf den Straßen häufig Huſaren⸗-Officieren, allerdings eines anderen Regiments, begegnete. Glücklich aber ſind jene Tage der Jugend, wo uns leichter Sinn und friſcher Muth nicht lange bei drückenden Gedanken verweilen laſſen, wo wir uns gern von einer trüben Vergan⸗ genheit ab einer heiter ſcheinenden Zukunft zuwenden. Und ſchien ihn in der That ſeine Zukunft nicht heiter anzu⸗ blicken? War er doch von einem wichtigen Manne der Exa⸗ minations⸗Commiſſion, dem Ober⸗Feuerwerker Doll, recht freund⸗ lich aufgenommen worden, hoffte er doch, wenn auch nicht —— — — 1 Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 69 glänzend zu beſtehen, doch genügend durchzukommen, und hatte ihn nicht ſelbſt das ſpaßige Vorexamen des junge Bombardiers ſo heiter in jene luſtigen Kreiſe eingeführt, denen er ſpäter ebenfalls angehören ſollte? Ja, er ſah ſich ſchon im Geiſte in der hübſchen Uniform mit den blanken Knöpfen und goldenen Treſſen, wie die jungen Leute, die ihm entgegen kamen und die er ehrerbietig grüßte. In wenigen Tagen war er berechtigt, ſich ebenfalls als ein Glied jener ſchönen und großen Armee zu betrachten, von der ſo eben ein anſehnlicher Bruchtheil, ein Bataillon Infanterie, die rauſchend klingende Militärmuſik an der Spitze, feſt und dröhnend mit angezogenem Gewehr durch die Straßen marſchirte, und dem er, wie viele andere Müßig⸗ gänger, in gleichem Schritt und Tritt zum Paradeplatze folgte. Welch neues, herrliches Leben und Treiben auch hier für ihuͤ! Da ſtanden die zur Wache commandirten Truppentheile von der Infanterie und Artillerie in einer langen Linie neben einander, und vor ihnen, auf der anderen Seite des Platzes, bewegte ſich eine zahlreiche Menge glänzender Officiere aller Waffengattungen durch einander, ſo ungenirt plaudernd, als ſeien ſie in einer Privatgeſellſchaft, bis ſich an der nächſten Straßenecke ein ſchwarzer und ein weißer Federbuſch zeigte, bis dann auf der ganzen Linie Stillſtand und„Präſentirt das Gewehr“ commandirt wurde, ſo wie ſich die beiden Feder⸗ büſche, langſam hin und her ſchwankend, näherten. Der ſchwarze gehörte einem mageren, kleinen Manne in der Uni⸗ form eines Oberſten der Infanterie und Platzcommandanten, der weiße aber einem großen, breiten Artillerie⸗Oberſten,* 70 Siebzehntes Kapitel. etwas breitſpurig und ſchwankend ging, aber jedes Mal mit einem einzigen Schritte zwei ſeines kleinen Collegen überholte. Ja, dies war bei Erich's Unerfahrenheit ein recht feierlicher, nie zu vergeſſender Moment, die erſte Wachtparade, die er mit anzuſehen das Glück hatte! Ja, die Wachen präſentirten alle⸗ ſammt, Keiner vergaß das oder kam zu ſpät, die Officiere griffen an ihre Hüte oder Czako's und verharrten in dieſer Haltung, bis der weiße und ſchwarze Federbuſch auf der Mitte des Platzes angekommen waren, wobei, dröhnend an den Häu⸗ ſern widerhallend, die Regimentsmuſik ſpielte, unter taktmäßi⸗ gem Gebrumme der großen Trommel und dem Klingeln des Schellbaums— wahrhaft prächtig! Die Glücklichen, dachte Erich, die jetzt ſchon da ſtehen dürfen mit dem blanken Gewehr oder dem gezogenen Säbel, bereit, eine königliche Wache zu beziehen! Doch machten gerade nicht Alle zufriedene Geſichter, beſonders die Commandanten der verſchiedenen Wachen nicht, als ſie nun vortreten mußten, um von dem Platzmajor inſpicirt zu werden. Dieſer war ein älterer Mann, lang und hager, in einer abgeſchabten, etwas ſchlotterigen Uniform und einem Hute, deſſen ſchwarze Federn fuchſig geworden waren, und einer Stimme, die äußerſt heiſer klang, wenn er nach vollendeter Reviſion commandirte:„Ober⸗ und Unterofficiere, marſchirt auf eure Poſten,“ wobei er ſo un⸗ deutlich ſprach, als habe er geſagt:„Ober⸗ und Unterofficier, es iſt mir kein Spaß.“ Dann machte er wankend Front gegen ſeinen Chef, den Platzcommandanten, griff grüßend mit einem äußerſt kummervollen Geſichte an ſeinen Federhut, worauf der Vorbeimarſch begann. lic, — — Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 71 Erich hatte zufällig einen ſo günſtigen Platz eingenommen, daß er zu ſeiner Rechten die beiden vornehmen Federbüſche 4)— 7 7- 7 hatte, links aber eine Straße, nach welcher hin die meiſten Wachen abmarſchirten, beſonders viel Artillerie, um den Dienſt auf den Wällen der Stadt ſo wie den detachirten Forts zu verſehen. Bei dieſen, welche ungenirt den Säbel immer im rechten Arme trugen, nachdem ſie den Platz, wo die beiden Oberſten ſtanden, im Rücken hatten, fehlte es nicht an eigenthümlicher Con⸗ verſation dieſer jungen Wachtcommandanten unter ſich oder mit Kameraden, die zufällig oder abſichtlich dicht an ihrem Wege ſtanden, flüchtige Unterhaltungen, von denen Erich wohl die Worte, aber nicht den Sinn verſtand. „Nimm dich in Acht, Schmitz,“ rief Einer,„der Alte jagt heute da draußen bei Numero vier herum, und ich bin über⸗ zeugt, ſtatt durch das Thor nimmt er ſeinen Weg über die Lünette und die Ausfallbrücke.“ „Er ſoll nur kommen, und wenn er in Civil iſt und keine Erlaubnißkarte bei ſich hat, ſo arretire ich ihn, darauf kann er 174 Gift nehmen! „Du,“ rief ein anderer Abmarſchirender,„ſ ſage dem Wall⸗ revidirenden vom Seethore, er ſoll nicht vergeſſen, mir zwei Schoppen Rum heraus zu bringen und ein Spiel neuer Karten, auch es dem Wallrevidirenden vom Hochthore zu ſagen.“ „Nehmt euch in Acht mit euren Whiſtpartieen, der Alte hat ohnedies ein Auge auf euch!“ „Meinethalben, wir wollen es auch nicht beſſer haben, als die Anderen, und gehen ſo lange zum Waſſer, bis wir auf dem Trockenen ſitzen.“ Siebzehntes Kapitel. „Sage doch dem Fellinger draußen, der Alte habe ihm höchſtſelbſt drei Tage Mittelarreſt dictirt, weil er geſehen haben will, es ſei geſtern auf dem Glacis vom Fort Nr. 2 Wäſche getrocknet worden.“ „Werd's beſorgen; o, es ſieht dem Fellinger ähnlich, daß er ſich mit einer hübſchen Wäſcherin niedlich gemacht hat.“ „Gewiß, gewiß, und deßhalb drei Tage zur Abkühlung.“ „Wer mag denn eigentlich der Alte ſein,“ dachte Erich, „der Alte, von dem ſo oft die Rede, und der, wie es ſcheint, nur drohend und ſtrafend auftritt!“ Und in dieſem Augenblicke war es gerade, als ſei Je— mand hinter ihn getreten, um ihm durch den halblauten Aus⸗ ruf:„Sehen Sie, da ſteht der Alte,“ die nöthige Aufklärung zu geben. „Der mit dem weißen Federbuſche!“ „Ja, mit dem breiten, rothen Geſichte. Hören Sie, jetzt ſpricht er in ſeiner Art recht freundlich mit dem jungen Artillerie⸗ Officier, der ſich bei ihm gemeldet, und doch dröhnen ſeine Worte wie ein fern hinrollender Donner. Ich verſichere Ihnen, wenn er jetzt plötzlich aus dem FF einen Millionenhund los⸗ ließe oder dergleichen, ſo würde das krachen, wie ein Wetter⸗ ſchlag, und könnte am Ende auch einſchlagen. Ich habe Aehn⸗ liches erlebt. Ja, er ließ mir einmal beim Manöver, als ich in der Geſchwindigkeit und Duſelei ſtatt das Zündloch zuzu⸗ halten, friſchweg am Aufpudern war, ehe noch die Kartuſche angeſetzt worden, ſeine Fauſt ſo derb auf den Czako fallen, daß ich meinte, er ſchlüge mich ungeſpitzt in den Boden hinein.“ —— — — Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 75 3 Erich wandte ſich langſam, um den Sprecher anzuſehen, und da er in ihm den ſpaßhaften Bombardier von heute Morgen erkannte, ſo wie in ſeiner Geſellſchaft den langen Freiwilligen, ſo zog er freundlich grüßend ſeine Mütze herab, was von jedem mit einem gnädigen Kopfnicken belohnt wurde. „Im Uebrigen,“ fuhr Herr Schmoller mit der Miene eines Mannes fort, der alle Verhältniſſe wie ſeine Taſche kennt, „ein Vorgeſetzter, wie man ſich ihn nur wünſchen kann; ſorgt für Alle in der Brigade, wie ein Vater für ſeine Kinder, iſt auch nicht auf den Gamaſchendienſt ſo erpicht, wie die Anderen, allerdings bedeutend grob und heftig, aber nur beim lang⸗ weiligen Garniſonsdienſte, aber wenn es bei den Artillerie⸗ Uebungen und Manövern nur raſch entſchloſſen vorwärts geht und auf rechter Stelle und zur rechten Zeit bedeutend kracht, ſo iſt es ihm gleichgültig, ob der Mantel ein Bischen ſchief auf dem Sattel ſitzt oder ob die Knöpfe blank geputzt ſind. Wie tapfer er im Felde war, zeigt das Kreuz auf ſeiner Bruſt; das iſt eine Decoration, mein Lieber, die wir Beide keine Ausſicht haben, je zu erlangen, und galt auch dazumal und gilt heute noch viel mehr, als ein ganzes Dutzend neuer Ordenszeichen.“ „Es intereſſirt mich ſehr, den Herrn Oberſten zu ſehen,“ ſprach der Freiwillige Herr Werner,„denn ich habe einen Brief an ihn von meinem Vater, welchen ich ihm kurz vor dem Examen übergeben ſoll.“ „Ah, in der That!“ ſagte der Bombardier Schmoller, ſeinen Begleiter mit größter Ehrfurcht anſchauend;„ein ſolcher Brief iſt nicht übel, um ſich den Magen warm zu halten, und 74 Siebzehntes Kapitel. jetzt mache ich mit noch größerem Vergnügen von der Ein⸗ ladung zum Mittageſſen Gebrauch. Ein junger Mann von Ihrem Aeußeren und der obendrauf Briefſchaften für den Alten beſitzt, iſt eine ſehr achtungswerthe Bekanntſchaft; kom⸗ men Sie, ich ſehe ohnedies, daß der weiße Federbuſch auf uns zulenkt.“ „Warten Sie doch, ſo können wir den Herrn Oberſten ja in der Nähe anſchauen, vielleicht, daß er mich an einer Aehnlichkeit mit meinem Vater erkennt.“ „Sehr angenehm für Sie; doch gibt es Augenblicke, wo man ſich hütet, dem Alten in den Weg zu treten, beſonders zwiſchen der Parade und dem Mittageſſen.“ Eigentlich hätte er hinzuſetzen ſollen: oder wenn man ein Beinkleid von einer unvorſchriftmäßigen hellgrauen Farbe trägt, wie Herr Schmoller, welcher ſich zu dem vorhabenden Diner fein gemacht hatte und der haſtig entwich, den Anderen mit ſich fortziehend, wobei ihm ſagte:„Erſparen Sie dem Alten Ihren Anblick bis zum Erxamen; wenn Sie alsdann plötzlich mit dem Briefe Ihres Herrn Vaters vor ihn hintreten, ſo iſt das jedenfalls von größerer Wirkung.“ In ſeinem Innern aber dachte Herr Schmoller:„ich wäre ein rechter Narr, bei dieſem dummen Teufel da ſtehen zu bleiben, der im Stande iſt, ſogar den Oberſten auf der Straße anzureden und ihm ſeinen Brief zu präſentiren!“ „Kommen Sie, kommen Sie!“ Damit eilten die Beiden raſch in eine Seitenſtraße hinein, und Erich blickte ihnen faſt mit einem bitteren Gefühle nach. „Wie gut es doch manche Menſchen haben,“ dachte er;„ſo dieſer junge Mann, welcher im erſten Gaſthofe der Stadt — rurn 3 4 Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 75 wohnt, welcher ſich augenblicklich Freunde von Einfluß er⸗ worben hat und der beim Examen, wenn wir ſchüchtern in einer Ecke ſtehen, mit einem Empfehlungsbriefe vor den Herrn Oberſten zu treten im Stande iſt!“ Um ſich aber ſeinen künftigen Chef in der Nähe anzu⸗ ſehen, blieb er dicht an der Straße ſtehen, auf welcher dieſer mit ſeinem Adjutanten den Platz verließ, und zog ehrerbietig ſeine Mütze zum Gruß, welcher denn auch von dem großen und breiten Officier mit einem wohlwollenden Kopfnicken er⸗ wiedert wurde. Von den jungen Leuten, die mit ihm in demſelben Wirths⸗ hauſe wohnten, ſah er nicht viel in dieſen Tagen; Jeder hatte ſeine beſonderen Gänge zu machen, Manche verließen auch ihre Zimmer nicht, um in der Bekanntſchaft des alten Maier Hirſch Einiges nachzuholen, ſo wie auch, um in der ſchrecklich gelehrten Oede von Kohlrauſch's Geſchichtstabellen hin und wieder ſeuf⸗ zend ſpazirend zu gehen. So kam denn der große Morgen des Examens heran, und da in aller Frühe die Kirchenglocken läuteten, wie ſie übrigens täglich thaten, ſo ſchien das für Erich doch heute nur zur Feier dieſes großen Tages zu geſchehen, zu welcher auch Erde und Himmel im Sonnenſcheine ganz beſonders glänzten, die Leute auf den Straßen feſttäglich gekleidet und die Wachen mit ausnehmend blank geputzten Gewehren vor ihren Schilder⸗ häuſern hin und her ſpazirten. Ja, Erich war ſo davon überzeugt, alle Welt müſſe ſich ausſchließlich mit dieſem wichtigen Ereigniſſe beſchäftigen, daß es ihn ſehr verdroß, als ein Artillerie-⸗Unterofficier im Hofe der Brigadeſchule ihm auf ſeine Frage, wo er ſich hinwenden 76 Siebzehntes Kapitel. müſſe, um zum Examinationsſaale zu gelangen, zur Antwort gab, er wiſſe von keinem Examen und ſolle er ſich bei dem Wachthabenden dort unter dem Thorbogen erkundigen. Auch dieſer wollte ſich auf nichts der Art beſinnen, und ſo ſtand Erich für einen Augenblick rathlos da, bis zu ſeinem Glücke der lange Freiwillige Werner, und zwar neben dem Bataillons⸗ Adjutanten, den Hof betrat. Quer über denſelben folgte er ihnen die Treppe hinauf in einen großen Saal, wo ſich links in der Ecke vielleicht ſchon ein Dutzend junger Leute befand, gleich wie er in Civilkleidern, ſchüchtern zuſammengedrängt wie eine Schafheerde, während einige Officiere im Hintergrunde des Saales gleichgültig plaudernd auf und ab gingen. Auch hier war von beſonderer Feierlichkeit keine Rede. Andere Officiere, die nachher eintraten, ſprachen mit denen, die ſchon da waren, oder ſetzten ſich an eine Tiſchecke, um in einem Zeitungsblatte oder in einem Buche zu leſen, und ſelbſt als das Examen nun anfing, ging dieſer bedeutungsvolle Act ohne irgend welche Ceremonie vor ſich, ohne eine feierliche Anſprache, wie Erich gehofft, ohne Hinweis auf die Pflichten und Tugenden dieſer künftigen Kriegshelden. Es wurden einzelne Namen aufgerufen, und der Betreffende trat ſchüchtern vor, um ſogleich von einem der Officiere in Empfang genommen zu werden, der alsdann entweder plaudernd mit ihm auf und ab ging oder ſich mit ihm in einer Fenſterniſche beſprach, um ihn ſpäter neben anderen Examinanden an einem großen Tiſche, mit Papier und Schreibzeug bedeckt, niederſitzen zu laſſen. Endlich ertönte auch Erich's Name, und er fühlte bei dem Klange deſſelben, wie ſich ſein Herz zuſammenzog und wie er mühſam athmete; doch ſchritt er aufrechten Hauptes zu einem freundlich ausſehenden —— Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 77 Officier, der ihm in der allgemeinen Weltgeſchichte auf den Zahn fühlte, ihn alsdann einem ſtrenger ausſehenden Collegen übergab, dem er das Fluß⸗ und Kanal⸗Syſtem des geſammten Deutſchlands angeben mußte, auch den Lauf und die Höhe der Gebirgsketten Europa's und Aſiens, worauf er dann von hier ebenfalls an jenen langen Tiſch geſetzt wurde und die Aufgabe erhielt, einen wohlſtyliſirten kurzen Abriß ſeiner Lebensgeſchichte zu geben. Erich hatte mit Zagen in die Augen ſeiner Examinatoren geblickt, und daß er von beiden mit einem kurzen, aber wohl⸗ wollenden Kopfnicken entlaſſen wurde, erhöhte ſeinen Muth und ließ ihn frei aufathmend an die für ihn leichtere ſchriftliche Auf⸗ gabe gehen. Unterdeſſen war auch der Ober⸗Feuerwerker Doll mit dem Brigade⸗Adjutanten eingetreten, und nachdem erſterer eine große, ſchwarze Tafel, die an der Wand hing, ſorgfältig mit einem naſſen Schwamme überfahren und der letztere einen Stoß Papiere auf einen kleinen Tiſch, hinter dem ein breiter Lehn⸗ ſeſſel ſtand, niedergelegt, zogen einige der Officiere ihre Uni⸗ formen etwas feſter auf die Hüften herab, drückten auch wohl an ihre Degen und griffen leicht an ihre Kragen, während andere, welche es ſich bis jetzt auf einer Tiſchecke oder rücklings auf einem Stuhle bequem gemacht, herabrutſchten oder aufſtan⸗ den— alles Anzeichen, daß die Feierlichkeit des Examens jetzt endlich einen höheren Aufſchwung zu nehmen ſchien. Und ſo war es auch in der That, als nun der Oberſt und Brigade⸗ 9 Commandant eintrat und mit ihm der Vorſteher der Schule, Hauptmann Wetter. Siebzehntes Kapitel. Letzterer ließ ſich von dem Brigade⸗Adjutanten die verſchie⸗ denen jungen Leute mit ihren Namen bezeichnen und betrachtete hierauf die betreffenden Notizen, welche ſich die einzelnen Exa⸗ minatoren über die Kenntniſſe der zu Prüfenden gemacht, wäh⸗ rend ſich der Oberſt in den Lehnſtuhl ſetzte, ſeinen gewaltigen Federbuſch neben ſich legte und in die Papiere blickte, welche vor ihm lagen. Einen Augenblick durchblätterte er ſie, dann ſchaute er auf und ſagte mit ſeiner mächtigen Stimme:„Wo haben wir denn den Freiwilligen Werner? Laſſen Sie ihn einmal vor mir hintreten!— So, Er iſt alſo der Franz Werner,“ fuhr er fort, nachdem ihm der Betreffende vorgeſtellt worden war;„nun, Er hat ja eine Größe, wie ſie für den Flügelmann einer zwölfpfündigen Batterie paßt! Wat is denn dat für ein Papier, dat er mir da unter die Naſe hält?“ „Ein Empfehlungsſchreiben meines Vaters, Herr Oberſt, welcher ſo glücklich iſt, den Herrn Oberſten zu kennen.“ „Is wohl möglich. Ick glaube mir zu erinnern, und wenn Er mir dat Papier ſpäter nach einem guten Examen übergeben will, ſo habe ich nichts dagegen. Wie ſteht's mit ihm, Herr Lieutenant Kühne?“ wandte er ſich an den Officier, der ihn gerade in der Arbeit gehabt. Dieſer zuckte leicht die Achſel und erwiederte etwas von mangelhaften Kenntniſſen und ſehr oberflächlichem Wiſſen. „Hm,“ machte der Oberſt,„ſo wollen wir ſelbſt einmal ſehen, wie Er in der Mathematik beſchlagen iſt. Trete Er dort an die Tafel, mein Sohn, und ſei Er vor allen Dingen nicht ſchüchtern; man hat hier nicht die Abſicht, Ihn zu beißen.“ mn —— —— —— Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 79 Nun ſah allerdings der Freiwillige Werner im gewöhn⸗ lichen Leben durchaus nicht ſchüchtern aus, ging aber jetzt doch mit etwas zaghaften Schritten auf die Tafel zu, wo ihn der Ober⸗Feuerwerker Doll erwartete. „Er ſoll uns einmal den Pythagoras beweiſen!“ Werner machte ein paar zweifelhafte Striche an die Tafel, ſchrieb auch einige Zahlen daneben, doch las man wohl in dem erſtaunten Geſichte des Ober-Feuerwerkers, daß der Lehrſatz der großen griechiſchen Mathematik hier ſehr in Gefahr ſei, unbewieſen zu bleiben. Auch der Oberſt bemerkte das, und man ſah an ſeiner ſchwellenden Stirnader ſo wie an der Art, wie er die Backen aufblies, daß ein Unwetter im Anzuge ſei, wobei er ungeduldig bald„Ne,“ bald„O!“ herausſtieß und endlich, auf den Tiſch trommelnd, ſagte:„Mir ſcheint, dat der junge Menſch den Pythagoras für ein böhmiſch Dorf anſieht. Steigen Sie einmal weiter herab, Herr Ober⸗Feuerwerker, und laſſen Sie ſich einmal von ihm erklären, wat ein gleich⸗ ſeitiges Dreieck iſt!“ Aber auch dieſe Erklärung gedieh nicht weiter, als zu einigen gänzlich unverſtändlichen Strichen, welche er mit einem kläglichen Blicke an die Tafel malte. Nun wurde das Geſicht des Oberſten dunkelroth, wobei ſich von fern her rollender Donner zu einem Einſchlagewetter verſtärkte.„Ja, wat is denn dat, wat will denn die lange Wiſcherſtange, dat ſe ſich da vor uns hinſtellt, um Examens zu ſpielen! Hat Er denn gar nichts gelernt und iſt Er wohl gar ein ausgemachter Nixnutz, wat? Kommt da mit Empfehlungs⸗ briefen und will mir weismachen, er ſei der Sohn meines alten 80 Siebzehntes Kapitel. Freundes Werner— ſchäme Er ſich! Der Poſtmeiſter iſt ſo ain braver Mann und Er ſelbſt hat ſo eine reſpectable Mutter und ſo hübſche Schweſtern, und kann nicht einmal den Pytha⸗ goras beweiſen! Aber,“ brüllte er in höchſter Wuth,„ick will mir nicht ärgern, und namentlich nicht wegen ſolchem Grob⸗ zeug— na, jetzt geh' Er her und mal' Er mir zwei Punkte auf die Tafel, etwas weit von einander entfernt— ſo, dat is gut! Nun hoffe ich doch, daß Er irgend etwas von Mathe⸗ matik verſtehen wird!— Welches iſt nun der kürzeſte Weg zwiſchen zwee Punkten?“ „Eine gerade Linie, Herr Oberſt,“ ſagte Werner raſch, wobei er tief aufathmete. „Richtig, eine gerade Linie— nun denn, Er Millionen⸗ hund, ſo mache Er, daß Er auf der mathematiſch geradeſten Linie wieder nach Hauſe kommt! Hol' Ihn der Teufel!“ Zu gleicher Zeit erhob ſich der Oberſt, nahm ſeinen Feder⸗ hut und ſchwenkte ihn hin und her, als könnte er damit die Geſtalt des unmathematiſchen Freiwilligen ſchnell verwehen laſſen, was aber auf natürliche Weiſe geſchah, indem die betreffenden Officiere dafür ſorgten, daß er ſo raſch wie möglich aus den Augen ihres brauſenden und ſchnaufenden Chefs entfernt wurde. „Sollte man nicht glauben,“ brummte er vor ſich hin, „dat ſei eine Kleinkinder⸗Bewahranſtalt, wo man nur ſo her⸗ läuft! Aber ich ſage X⁴ Ihnen, Herr Hauptmann Wetter, halten Sie mir feſt uf die Mathematik!“ Bei dieſen Worten blickte der Oberſt die übrigen Schlacht⸗ opfer wie ein Tiger an, und zwar wie ein Tiger, der Blut //— 0 1 - „ 1 e 1, 1 n t 3 Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 81 geleckt hat. Langſam ließ er ſeine Augen über die bange Schaar dahinfahren, und der Ausdruck dieſer Augen, welche vorher ſo wohlwollend und milde geglänzt hatten, drückte jetzt ſo ſchwer auf ſämmtliche Examinanden, daß man nichts ver⸗ nahm, als das ſchüchterne Raſcheln der Federn auf dem Papier. Eine Zeit lang ging übrigens alles Weitere in Ruhe vor ſich, und ein paar junge Leute, die nach Werner aufgerufen wurden, machten ihre mathematiſchen Aufgaben ſo ordentlich, daß der Oberſt wieder anfing, beifällig mit dem Kopfe zu nicken. Jetzt aber zog er ein Blatt Papier aus dem Stoße hervor, in dem er kramte, las darin und rief hierauf mit lauter Stimme:„Erich Freiberg— wo haben wir Erich Freiberg? Ich möchte mir den auch einmal beim Tageslicht anſchauen?“. „Hier, Herr Oberſt!“ „Komm Er her, mein Sohn, und ſei Er nicht ſchüchtern! Ick bin nur für die unangenehm, die ein ſchlechtes Gewiſſen haben, und Er ſchaut mir recht ehrlich aus ſeinen Augen, iſt wie ich hier aus dem Papiere ſehe, der Sohn eines braven Artillerie⸗Unterofficiers, und will ick Ihn deßhalb mit beſon⸗ derer Sorgfalt examiniren laſſen. Sieht Er, mein Sohn, in der Hoffnung nämlich, dat er etwas gelernt hat gegenüber manchen Anderen, die daherkommen aus ihren höheren Schulen und Bildungsanſtalten, wie ſie es nennen, mit Empfehlungs⸗ briefen in ihren Klauen und goldenen Ketten an der Uhr. Mach' Er mir nun dat Vergnügen und zeig' Er uns, dat Er von guter Art iſt.“ Hackländer, Der letzte Vombardicr. II. Siebzehntes Kapitel. Damit wurde Erich mit einer Handbewegung gegen den Ober⸗Feuerwerker dieſem überantwortet, und wenn er ihn auch gerade im betreffenden Examen nicht ſchonte, ſo wußte er ihm doch anderentheils auch durch irgend einen Strich oder eine eingeworfene Ziffer, und zwar in ſolchen Augenblicken zu helfen, wo ſich der Oberſt mit dem Präſes der Schule unter⸗ hielt, wobei dann das Facit herauskam, das Erich Freiberg ein ganz erträgliches Examen gemacht hatte. „Nun, ſieht Er, mein Sohn, dat freut mir!“ ſagte der Oberſt mit einem wohlwollenden Lächeln, wobei er ſeine Hand ſo kräftig auf das Haupt des jungen Menſchen legte, daß dieſer ſich zuſammennehmen mußte, um nicht zu wanken.„Halte Er ſich auch in allen anderen Dingen gut, und ich werde Ihn nicht aus dem Geſichte verlieren!“ In ähnlichen Wechſelfällen bewegte ſich das Examen zur Aufnahme in die Brigadeſchule noch eine Zeit lang hin und her und ergab als ſchließliches Reſultat, daß neben Werner, der aber nicht mehr zum Vorſchein gekommen war, noch drei Andere vom Beſuche der Schule zurückgewieſen wurden.— Dann ließ der Oberſt die ſämmtlichen Glücklichen um den Tiſch herumtreten und hielt ihnen eine kurze, aber ſehr kräftige und ſehr wohlwollende Rede, deren Schluß alſo lautete: „Und ick ſage euch, meine Kinder, und es kann allen An⸗ deren, die hier herum ſtehen, nichts ſchaden, wenn ſie es ebenfalls nicht nur mit anhören, ſondern och bei ſich behalten wollen, nämlich dat meine Brigade ſo wie alles übrige mili⸗ täriſche Weſen nur durch drei Dingen in Ordnung gehalten und D Militäriſches Leben, Wachtparade und Examen. 83 zum Gedeihen gebracht werden kann. Dat is erſtens Ord⸗ nung und zweitens Ordnung und drittens Ordnung— denn Ordnung muß ſind!“ Damit und zugleich mit einer freundlichen Handbewegung entließ er die Examinanden, welche ſich nun wieder wie früher in die Ecke des Saales zurückzogen, um dort vom dem Brigade⸗ Adjutanten die Weiſung zu erhalten, wo und wann ſie ſich morgen früh zur Einkleidung zu ſtellen hätten. Achtzehntes Kapitel. Von der Brigadeſchule im Allgemeinen, auch von zarten Unterhal⸗ tungen der jungen Zöglinge, vom geheimnißvollen Bunde des Hungers und des Durſtes, und erfahren wir ſchließlich, wie Erich Arreſt erhielt, weil er ein Geſchütz gar zu natürlich abgefeuert haben ſollte. Schon der Weg, um an den Fuß jener Leiter zu gelangen, von welcher der Wachtmeiſter ſagt, daß ſie zur höchſten Macht führe, iſt ſo mit Schwierigkeiten aller Art bedeckt und unſer Fuß verwundet ſich ſo leicht an den Dornen und Diſteln, die hier auf unſerem Pfade wuchern, daß der ganze Muth und der ganze Leichtſinn der glücklichen Jugendzeit dazu gehört, um nicht ſchon Anfangs zurückzuſchrecken. In unſeren Militärträumen ſahen wir uns beſtändig verkörpert in der Geſtalt eines ſchmucken Reiters oder Artilleriſten, der ſich plötzlich, wie durch Berüh⸗ rung eines Zauberſtabes, aus der dunkeln Civilpuppe entwickeln werde. Wir dachten nicht daran, daß dieſe Entwicklung ſo nach und nach, mit ſo unſcheinbaren Fortſchritten vor ſich gehen würde; eben ſo wenig aber auch der Held unſerer Geſchichte, der in⸗ deſſen den Vorzug hatte, daß er aus ſeiner Jugendzeit ſchon wußte, was eine Montirungskammer ſei und welch engherziger Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 85 Tyrann auf derſelben gebiete, der Selbſtherrſcher aller alten und neuen Hoſen, mit dem deutſchen Namen Capitain d'armes benannt, gewöhnlich ein alter Unterofficier, verdrießlich, geizig, ſchlappig und nur dafür beſorgt, daß ein warmer Commißmantel niemals zu dem benutzt wurde, wozu er doch eigentlich erſchaffen war, den Soldaten nämlich vor Kälte zu bewahren. Da ſtanden nun an jenem Morgen die acht zum Einkleiden beſtimmten jungen Leute in einer Reihe auf der halbdunkeln Montirungskammer, die meiſten hübſche, wohlgewachſene Burſchen, welche, nachdem ſie mit den ihnen verabreichten Hoſen und Jacken bekleidet waren, wie eben ſo viele Vogelſcheuchen ausſahen. Allerdings wurde der Schneider beauftragt, ihnen das Zeug zurecht zu machen, doch ſelbſt als dies nach einigen Tagen noth⸗ dürftig geſchehen, waren ſie von den oben erwähnten militäri⸗ ſchen Idealen noch ſo weit entfernt wie die graue Larve vom goldſtrahlenden Käfer. Doch beugte auch das glücklicher Weiſe nicht den jugend— lichen Muth und Uebermuth, eben ſo wenig wie das oft ſo pedantiſche Verfahren in der akademiſchen Stunde, wie die ſchmale Koſt der Schulmenage, Bohnen, Erbſen, Kartoffeln mit Speck, oder zur Abwechslung Speck mit Bohnen, Erbſen und Kartoffeln, natürlicher Weiſe eben ſo wenig ohne Vor⸗ und Nachſpeiſe wie ohne Frühſtück und Nachteſſen, all die eben genannten Speiſen in eine dicke, oft unſchmackhafte Suppe verkocht, die in erkaltetem Zuſtande ein zäher, ungenießbarer Brei war. Lichtblicke in dieſem Leben waren immer noch die rein mili⸗ täriſchen Uebungen, beſonders nachdem der Elementar-Unterricht, die Wendungen nach Zählen, die Griffe mit dem Seitengewehr beendigt waren; denn ſo ein Exerciren am Geſchütze hat gewiſſer 86 Achtzehntes Kapitel. Maßen doch immer einen poetiſchen Anſtrich, man kann ſich dabei ſo leicht in jene Zeit hineindenken, wo der metallene Mund des Rohres, der uns jetzt ſo ſtumm anblickt, plötzlich unter Flammen und Rauch zu ſprechen anfängt und uns beſchützt, wenn wir recht ſorgfältig für ſeine Nahrung und Beweglichkeit beſorgt ſind. Man faßt eine Anhänglichkeit für ſein Geſchütz, ja man liebt es mit ſeinem ernſten Anblicke wie ein fühlendes Weſen, und wenn man nach langen, langen Jahren eine Batterie auf dem Pflaſter daherdröhnen hört, ſo eilt man herbei und begrüßt jedes Stückswie einen alten, wohlbekannten Freund. Und aus welch zahlreicher Familie beſtand dieſe Freund⸗ ſchaft, vom jugendlichen, ſchlanken Feldgeſchütze und dem ſtram men Zwölfpfünder an bis zu jenen ſchwerfälligen alten Herren, 4 den Dispoſitions⸗ und Feſtungsgeſchützen, mit dem Oberhaupte, der Familie, jenem dicken, unbehülflichen Vierundzwanzigpfünder! Und alle dieſe Nebenverwandten, Baſen und Vettern, die Hau⸗ bitzen und Mörſer, vom kleinen Probe⸗Mortier an bis zu jenem keſſelartigen Metallſtücke, welches hundertzwanzigpfündige Kugeln, ja, Körbe mit Steinen und ganze Familien Handgranaten ſchleu dert! Auch war die Bekanntſchaft mit eigenthümlichen Seiten⸗ verwandten nicht unintereſſant, aus der Sippſchaft der Raketen und Leuchtkugeln, der Fanale⸗, Brand⸗ und Stinkgeſchoſſe, letztere allerdings ein etwas heruntergekommenes Geſchlecht, das mit ſeinen übeln Ausdünſtungen von einer wohlgerundeteten Bombe mit ſtiller Verachtung angeſehen wurde. Auch die Freuden des Laboratoriums waren nicht zu verachten, die Anfertigung all der Voll⸗ und Sprengkugeln ſo wie der Feuerwerksgegenſtände der verſchiedenſten Art. 5 Bei all dieſen praktiſchen Dingen kam es Erich ſehr zu Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 87 Statten, daß er von denſelben in früheſter Jugend ſchon ſo viel geſehen, von ſeinem Vater ſo Manches darüber gehört und ſeinen Artillerie⸗Leitfaden nicht ohne großen Nutzen ſtudirt hatte. Doch blieb er deßhalb auch nicht in den Fächern der gewöhn⸗ lichen Schulwiſſenſchaften zurück und erwarb ſich auf ſolche Art die Zuneigung ſeiner Vorgeſetzten, beſonders aber die des Ober⸗ Feuerwerkers Doll, der ſich auch keine kleine Mühe mit ihm gab, um ihn in die ſchönen Geheimniſſe der Mathematik einzuführen. Mit ſeinen Bekannten von früher her blieb Erich in einem, wenn auch ſpärlichen, Briefverkehr, wenigſtens mit den Söhnen des Müllers Burbus; denn was ſeinen alten, treuen Lehrer Schmelzer anbelangte, ſo kam ein Brief, worin Erich demſelben anzeigte, daß er nach einem guten Examen in die zweite Claſſe der Schule aufgerückt ſei, unerbrochen und mit der kurzen, traurigen Bemerkung zurück, daß der Adreſſat geſtorben ſei. Schmerzlich fühlte er ſich davon betroffen, und es war ihm gerade, als ſei dadurch das letzte Band zerriſſen, das ihn an jenes ſtille Dörfchen knüpfte, wo das Grab ſeines Vaters war und wo vielleicht immer noch die armſelige Hütte ſtand, die er bis jetzt als ſeine Heimath angeſehen. Hier hatte er gehofft, Herrn Schmelzer einſt beſuchen zu können, alle die Orte wieder zu ſehen, die für ihn in einem hervorragenden Baume, einer eigen⸗ thümlich geformten Felswand, einem kleinen Waſſerfalle und tauſend anderen Dingen eben ſo viele Erinnerungen an ſeine Jugend waren, und ſich wieder in jene Fernſichten verſenken zu können, die ihm gerade dadurch, daß ſie für ihn unerreichbar geſchienen, mit ſo geheimnißvollem Reize umwoben waren, vor Allem die leuchtende Fläche jenes ſchönen See's mit der grünen Inſel, an die er ſo oft im Wachen dachte und von der er im 88 Achtzehntes Kapitel. Schlafe nicht ſelten träumte, wobei er aber den See eigenthüm⸗ licher Weiſe oftmals unter nächtlichem Himmel ſah, leiſe ſchlum⸗ mernd, liegend zwiſchen den tiefdunkeln Bergen, die ihn um⸗ gaben und über welchen er auf einmal das ſchöne Sternbild des Orion leuchtend emporſteigen ſah. Da hatte er ſich denn lebhaft an jene Nacht erinnert, als er von dem gräflichen Schloſſe floh, und dabei begreiflicher Weiſe auch der Zigeunerin, die ihm bei der Flucht behülflich geweſen, und vor Allem des kleinen, blaſſen Mädchens mit dem ernſten, kummervollen Blicke. Daß der Geſchichte ſeiner angeblichen Wilddieberei nicht mehr gedacht worden war, hatte ihm Georg Burbus geſchrieben, und Erich wunderte ſich eigent⸗ lich nicht darüber, mehr aber über eine andere Nachricht, daß nämlich der alte Graf Seefeld eine Annäherung an Doctor Burbus geſucht und dieſer einer Einladung auf das Schloß bereitwilligſt und ohne viel Bedenken Folge geleiſtet, ja, daß er ſeit jener Zeit Herr Chriſtian Kurt mit voller Zuſtimmung des Doctors Herbert häufig beſuchte und daß vielleicht in Folge hiervon die alte Linde mit dem 2Z eines ſchönen Morgens um⸗ gehauen wurde. Begreiflich finden wir es übrigens bei dem empfänglichen Gemüthe Erich's für alle neuen Eindrücke und beſonders für die Eindrücke ſeiner militäriſchen Umgebung, daß jene andere Zeit, die für ihn ja doch eine recht kummervolle geweſen war, ſo raſch verblaßte und ihm in Kurzem erſchien wie ein trüber, verſchwommener Traum, aus welchem allein mit einiger Klar⸗ heit hervortraten das Bild des kleinen bleichen Mädchens und das leuchtende Geſtirn des Orion. Alles, was er über die Zigeuner erfahren hatte, beſtand —— — — Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 89 darin, daß die kranke Frau mit dem kleinen Mädchen von der Gräfin Seefeld noch ein paar Tage auf dem Schloſſe behalten worden ſei; von da ab wußte man aber auch dort nichts weiter von ihnen. Wer kümmerte ſich auch darum! Dergleichen kommt und geht und wird mit derſelben Gleichgültigkeit betrachtet wie ein Windzug, der heute von Süden, morgen von Oſten herüber⸗ ſtreicht und eben ſo ſpurlos wieder verſchwindet. Auch Erich war nun in den Jahren, wo alles, was nicht unmittelbar ſeine täglichen Kreiſe berührte, wenig Eindruck auf ihn zu machen vermochte, in jenen Jahren, wo wir auch unſere vergangene Jugend ſo leicht vergeſſen und an Vorfälle nicht mehr denken, die aber alsdann Jahre ſpäter wieder ſo lebendig vor uns treten, als hätten ſie erſt geſtern Statt gefunden. Wenn man Erich heute ſah, nach abgelaufenem erſten Schuljahre, und damit ſeine Erſcheinung im langen, ſchwarzen Schullehrergewande oder auch in jenen alten Montirungsſtücken, die ihm am erſten Tage verabreicht worden, verglich, ſo mußte man ſich geſtehen, daß man einigen Zweifel haben konnte, ob dieſer junge, ſchmucke Soldat wirklich derſelbe ſei. Er hielt viel auf ſich und war, wie wir wiſſen, von der Natur auch in äußeren Gaben reichlich bedacht. Selbſtverſtändlich war es dagegen, daß er in Kleidung und Vergnügungen keinen Aufwand treiben konnte wie manche ſeiner bemittelten Collegen; doch war er dagegen ſelbſt ein ſo vortrefflicher, liebenswürdiger und geſuchter Kamerad, daß die Anderen es ihm auf alle Weiſe möglich zu machen ſuchten, an ihren Vergnügungen Theil zu nehmen, wogegen er dann auch nicht ermangelte, alle luſtigen, ja, tollen Streiche nicht nur mit⸗ zumachen, ſondern häufig genug anzuführen. So war er der Erfinder jenes ſchönen Manövers, durch welches es ihm und 90 Achtzehntes Kapitel. gleichgeſinnten Kameraden möglich wurde, die Brigadeſchule, ein ehemaliges Kloſter, deſſen Hof und unbedeutender Garten mit einer hohen Mauer umgeben war, auch nach neun Uhr Abends noch zu verlaſſen. Man nahm nämlich ein halbes Dutzend von den kleinen Schemeln der Schlafſtube mit, band an jeden einen Bindfaden und ſtellte ſie an die Mauer über einander, um auf dieſer allerdings gebrechl ichen Leiter in die Höhe zu klettern, worauf nun der Letzte von der Geſellſchaft die Schemel in die Höhe ziehen mußte, welche alsdann auf der anderen Seite ſorg⸗ fältig verborgen wurden. Wozu dieſe nächtlichen Streifereien dienten, brauchen wir eigentlich nicht zu ſagen; war Geld vor⸗ handen, ſo trieb ſich die lockere Bande bis zu dem letzten Pfennig in Wirthshäuſern herum, um ſchl ießlich noch den ruhigen Bürger durch Streiche der verſchiedenſten Art in Angſt oder wenigſtens in Aufregung zu verſetzen. So wurden Wirthshaus⸗ und an⸗ dere Schilder auf die ergötzlichſte Art verwechſelt und verhangen; ſo wurden Dachrinnen bei Regenwetter unten zugeſtopft, damit ſich das Waſſer einen anderen und oft ſehr beläſtigenden Weg ſuche; da wurde die Wiſſenſchaft des Anläutens an den Häuſern durch Verbindung mehrerer Klingelzüge neben⸗ und gegenüber⸗ liegender Häuſer in allen Variationen mit dem größten Raffine⸗ ment Leirielene da wurde beim nächtlichen Umhertreiben der beliebte, geſpenſterhafte Gänſemarſch geübt, wo Einer hinter dem Anderen, die Hände auf dem Rücken verſchränkt, den Kopf tief herabgebeugt, als ſuche man etwas auf der Erde, im langſam⸗ ſten Schritte dahinſchlich, dabei harmlos Begegnende, am liebſten Damengeſellſchaften, in weiten Kreiſen und Schlangenlinien um⸗ zog, bis ſich vielleicht ein Begleiter dieſer jungen Danieie nach⸗ dem er dem Treiben ſtaunend zugeſchaut, plötzlich als Officier — licher Weiſe in bedeutendem Anſehen, welches dadurch aufs höchſte Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 91 entpuppte und dann die ganze Bande mit einem sauve qui peut aus einander ſtob. Aber es gab auch nächtliche Unterhaltungen zarterer Art, wenn beim Namensfeſte irgend einer Schönen Ständchen zur Guitarre geſungen wurden, oder auch vierſtimmig, und hier war es hauptſächlich wieder Erich, der mit ſeinem großen muſicaliſchen Talente dergleichen in Scene ſetzte, doch, wie wir hin⸗ zufügen müſſen, bis jetzt noch beſtändig für fremdes Intereſſe. Erich war mit Leib und Seele Soldat ſo wie aufs ernſt⸗ lichſte mit ſeinen Studien beſchäftigt, die auch ſelbſt bei den oben erwähnten kleinen und an ſich recht unſchuldigen Aus⸗ ſchweifungen in ſo fern keinen Schaden litten, als ſein kräftiger, geſtählter Körper und ſein friſcher Geiſt Spannkraft genug be⸗ ſaßen, um ſelbſt nach durchſchwärmter Nacht wieder unverdroſſen an die Arbeit gehen zu können. Es wurde ihm das leicht, da, wie wir eben angedeutet, ſein Herz noch keine Eindrücke empfangen hatte, die im Stande waren, ſeine Gedanken lebhafter, wärmer zu beſchäftigen, als es bis jetzt der Exercirplatz und ſeine Bücher gethan; fühlte er doch auch durchaus keinen Drang danach, Leidenſchaften kennen zu lernen, für die manche ſeiner Kameraden aufs glühendſte ſchwärmten, ja, er fand es lächerlich, wenn bei jenen Serenaden der Betreffende mit geſpannter Erwartung an ein ſchwach erleuchtetes Fenſter hinaufſah oder in unverkennbarem Entzücken verſicherte, es habe ſich droben ein Schatten gezeigt oder ein weißer Vorhang ſanft bewegt! Bei ſolchen Partieen ſpielte Herr Bombardier Schmoller eine Hauptrolle, denn er ließ es ſich angelegen ſein, auf ſeine Art für die Ausbildung der jungen Brigadeſchüler zu ſorgen. Als Beamter der Brigade⸗ Adjutantur, wie er ſich gern zu nennen pflegte, ſtand er natür⸗ 1 92 Achtzehntes Kapitel. geſteigert wurde, daß Niemand ſo wie er alle Schliche und Ränke kannte, um irgend ein Verbot zu umgehen und verbotene Früchte zu pflücken. Er nahm häufig Serenaden ſeinetwegen in Anſpruch, und wenn man aus dieſen Ständchen an den ver⸗ ſchiedenſten Namensfeſten auf ſeine intimen Bekanntſchaften ſchlie⸗ ßen konnte, ſo mußten dieſe höchſt zahlreich ſein. Daraus machte er auch kein Hehl, und der hundertſte Theil der Liebesabenteuer, die er erzählte, würden ihn zu einem zweiten Don Juan gemacht haben, wenn ſie wahr geweſen wären. Auch Erich wurde bei ähnlichen Plaudereien häufig zu Mittheilungen aufgefordert und ſchämte ſich faſt, daß er eigentlich gar nichts zu ſagen wußte. Endlich einmal erzählte er, gedrängt von den Anderen, ſeine Begegnungen mit der Zigeunerin ſo wie aus ſeinem Leben in Zwingenberg ein paar unbedeutende Scenen, die er mit Selma gehabt, begriff aber nicht, als ihm hierauf Herr Schmoller ſagte — wobei er mit einer gewiſſen heroiſchen Bewegung durch ſein borſtiges Haar fuhr—, daß er ſich, Erich nämlich, damals mit einer unbegreiflichen Bornirtheit benommen. Mir ſollte ſo eine Selma mit hochblonden Haaren kommen! meinte er, ſiegreich 1 lächelnd. Daß nach den nächtlichen Vergnügungen der oben erwähn⸗ ten Art die Aufmerkſamkeit in den Schulſtunden nicht immer die genügendſte war, braucht man kaum zu ſagen, wobei es als⸗ dann häufig geſchah, daß einer oder der andere der jungen Leute, der bei den ernſten Vorträgen in feſten Schlaf geſunken war, 1 auf eine unangenehme Art geweckt und zum Nachexerciren oder .——..— einer Caſernenſtrafe verurtheilt wurde, wogegen indeſſen der Lehrer der Mathematik, Ober⸗Feuerwerker Doll, vorzog, durch und otene vegen ver⸗ teuer macht e bei und ußte. ſeine n in elma ſagte ſein mit eine greich Fähn⸗ uumer als⸗ als mathematiſche Stunde wieder begann und mit ihr der Ober⸗ 3 Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 93 recht ſchöne, verwickelte Aufgaben die Schläfrigkeit ſeines Audi⸗ toriums zu vertreiben. Erich war ſein Lieblingsſchüler geworden und ſchien es auch bleiben zu wollen, wenigſtens ſo lange er die Schule beſuchte; auch hatte ihm der alte Ober⸗Feuerwerker in verſchiedenen ande⸗ ren Sachen, bei Anſchaffung von Büchern, durch Einladung in ſeine beſcheidene Wohnung und dergleichen allen möglichen Vor⸗ ſchub geleiſtet, ihn in ſeinen Studien auf jede Art ermuntert, kurz, ſich als einen wahren Freund gegen ihn bewieſen. Um ſo ſchmerzhafter war für Erich denn auch ein Vorfall im zweiten Jahre ſeines Schulaufenthaltes, welcher dieſe Freund⸗ ſchaft des Ober⸗Feuerwerkers nicht nur ganz und gar fraglich machte, ſondern ihn ſelbſt als ſehr undankbar darſtellte, ein Vor⸗ fall, an dem er oben drein noch gänzlich unſchuldig war. Der Ober⸗Feuerwerker nämlich hatte, neben vielen guten Eigenſchaften, die etwas komiſche einer allzu großen Beweglich⸗ keit und Lebendigkeit, beſonders wenn er, einiger Maßen erregt durch die mangelhaften Antworten ſeiner unaufmerkſamen Zög⸗ linge, mit einem mächtigen Schwamme in der Linken und einem großen Stücke Kreide in der Rechten, förmlich vor der Tafel hin und her tanzte und auf einer kleinen Treppe auf und ab fuhr. Die ausgelaſſene Jugend hatte ſchon häufig hinter ihm in ſolchen Augenblicken Bewegungen eines Hampelmanns gemacht, er dies auch ſchon bemerkt, doch nichts darüber geſagt, ob es gleich ſeine Eitelkeit, die er in hohem Grade beſaß, verletzte. Da hatte er eines Tages die halbe Claſſe, und darunter auch Erich, wegen gründlicher Unaufmerkſamkeit an dem Beweiſe nachexerciren laſſen, und als am anderen Morgen darauf die 94 Achtzehntes Kapitel. Feuerwerker Doll, bemerkte er auf der großen ſchwarzen Tafel ein koloſſales, kühn geſchwungenes Wurzelzeichen, an deſſen einem, weit gekrümmten Arme die Figur des Ober⸗Feuerwerkers be⸗ deutend zappelnd hing, während darunter die Worte ſtanden: Rein mathematiſch war Doll's Lebenslauf, Drum hing er ſich an dieſem Wurzelzeichen auf. Erich aber erſchrak, denn die Schriftzüge waren wie von ſeiner Hand gemacht, und ein eigenthümlicher Blick, welchen ihm der Lehrer der Mathematik herüberſandte, ſchien die gleiche Ver⸗ muthung auszuſprechen; doch nahm er ruhig die kleine Haſen⸗ pfote, welche beſtändig im Bereiche ſeiner Hand lag, um damit über die Caricatur wegzufahren, als die Thür des Saales weit aufgeriſſen wurde und der Oberſt, um einmal wieder nachzu⸗ ſehen, wat das junge Volk lernt und ob ſe och noch ſonſtige Streiche machen, eintrat. Leider fiel dabei ſein erſter Blick auf die Tafel, und daß er ſich eines augenblicklichen komiſchen Ge⸗ ſichtscusdruckes nicht erwehren konnte, war wohl das, was den Ober⸗Feuerwerker am meiſten kränkte. Gleich darauf aber run⸗ zelte der Alte finſter ſeine Stirn, ſchob ſeinen Federhut mit einem kräftigen Rucke von der linken auf die rechte Seite des Kopfes, legte die Hände auf den Rücken und brüllte die Er⸗ ſchreckten an, während er wackelnd durch den breiten Gang zwi⸗ ſchen den Bänken vorwärtsſchritt: Na, dat muß ich ſagen, da mache ſich Ener enen verjnügten Morgen, wenn er dieſes Grob⸗ zeug beſucht! Hören Se, Herr Ober⸗Feuerwerker, ick mache Sie ſelber verantwortlich, daß Sie mir dieſen Millionenhund, der dat gethan, herausbringen! So enen Kerl ſollte man von Rechts wegen aus der Schule entfernen! O, o— und wie ſe alle ſo unſchuldig dreinſchauen! Sollte man nich jloben, kener von denen Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 95 allen wäre im Stande, det Waſſer zu trüben! Aber ick werde euch Poſſen treiben mit eurem Lehrer, mit eurem Lehrer, der — hier lüpfte er ſeinen Federhut wie zum Gruße ein wenig — ein höchſt reſpectirlicher Mann und Profeſſor iſt, der— damit lüpfte er den Federhut zum zweiten Male— dat Portepee wie euer Oberſt trägt, der— und hiermit zog er ſeinen Feder— hut mit einem gewaltigen Schwunge tief herab— von Seiner Majeſtät unſerem allergnädigſten König und Herrn dahergeſetzt wurde, um ſein Leben damit zu vergeuden, daß er ſich die ver⸗ gebliche Mühe macht, ener ruppigen Schwefelbande, wie ihr ſeid, mathematiſche Kenntniſſe beizubringen— ja, ener nixnutzigen Schwefelbande! ſchrie er einen der Zöglinge ſpeciell an, der viel⸗ leicht mit einem lächelnden Geſichtsausdrucke zu ihm emporge⸗ ſchaut hatte und der ſich nun vergeblich alle Mühe gab, die gefährliche Aufmerkſamkeit von ſich abzulenken, indem er raſch den Kopf niederducke und in ſeinen Papieren kramte. Aber vergeblich; ſchon hatte ihn die ſchwere Hand des Oberſten am Kragen gefaßt, und er mußte ihm an die Tafel folgen, wo er ihn vor den Ober-⸗Feuerwerker mit dem Befehle hinſtellte, dieſe Pflanze emal durch die Kreuz und Quer zu examiniren und ihm dadurch Gelegenheit zu geben, wegen Faulheit und Unauf⸗ merkſamkeit ein abſchreckendes Beiſpiel zu ſtatuiren. Glücklicher Weiſe aber hatte der Oberſt gerade einen herausgeſucht, der in der Mathematik vortrefflich geſattelt war und das Kreuzfeuer der Fragen des gekränkten Ober⸗Feuerwerkers ſo befriedigend aus⸗ hielt, daß der Alte anfing, mit dem Kopfe zu nicken und nach verſchiedenen Na, Na! und O, O! den Betreffenden nicht ge— rade ungnädig nach ſeinem Platze entließ, glücklicher Weiſe für die ganze Claſſe nur nicht für Erich, denn wenn ſich der Zorn 96 Achtzehntes Kapitel. des Oberſten nicht gelegt hätte, ſo würde er wahrſcheinlich durch eine ſtrenge Unterſuchung, wie er ſie zu führen verſtand, den wirklichen Thäter entdeckt haben, und der Verdacht wäre nicht auf einem Unſchuldigen haften geblieben. Daß aber Erich unter dieſem Verdachte ſtand, merkte er von der Stunde an aus dem Benehmen des Ober⸗Feuerwerkers, und wenn auch Erich eines Tages ſeine Unſchuld verſicherte, ſo erhielt er nur den bekannten Spruch zur Antwort: Qui s'excuse s'accuse! Ueberhaupt war es eigenthümlich, daß Erich Freiberg bei allen ähnlichen Veranlaſſungen als Rädelsführer ſeiner Claſſe angeſehen wurde, was er indeſſen nicht war; nicht als ob er ein Ausbund von Weisheit geweſen wäre: nahm er doch häufig genug Veranlaſſung, von dieſem oder jenem tollen Streiche ab⸗ zurathen, ja, ſich von ſeinen Kameraden zu trennen und ſo die Ausführung zu verhindern, ohne aber irgend welchen Dank da⸗ für zu haben, denn bei ſeinen Vorgeſetzten hieß es alsdann gewöhnlich: Wenn auch obendrein der Freiberg dabei geweſen wäre, ſo würde es noch toller zugegangen ſein! Erich's Aeußeres hatte ſich in den letzten Jahren außer⸗ ordentlich und ſehr vortheilhaft entwickelt; er war nicht nur größer geworden, ſondern erſchien mit ſeinen breiten Schultern, ſeiner gewölbten Bruſt, die neben ſeiner ſchlanken Taille faſt zu ſtark hervortrat, von einnehmender, eleganter Geſtalt, wozu ſein Kopf mit den wohlgeformten und doch nicht zu regelmäßi⸗ gen Geſichtszügen, ſeinen klaren, glänzenden Augen, ſeiner hohen Stirn und dem blonden, lockigen Haare vortrefflich paßte und die Erſcheinung des wirklich ſchönen jungen Mannes harmoniſch ergänzte. Daß ihm manch ſinnender Mädchenblick nachſchaute, wußte er kaum, denn er war in dieſem Puncte von einer ſo Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 97 merkwürdigen Unbefangenheit, daß Herr Schmoller, an ſeinem Geſchlechte zweifelnd, zuweilen zu ſagen pflegte: Entweder iſt dieſer Freiberg ein ausgemachter, verſtockter Sünder oder in gewiſſer Beziehung ein blitzdummer Kerl!— Dabei war er ſo⸗ wohl in ſeinen Studien auf der Schule als in ſeinen Kenntniſſen auf dem Exercirplatze, in der Reitbahn oder auf dem Fechtboden einer der Erſten, ja, hier ſo ſehr der Liebling des Maitre d'Escrime, eines alten Franzoſen, daß dieſer mit Stolz zu ſagen pflegte: Ce jeune homme sera un jour une fine lame d'épée!— Begreiflich aber war es bei ſeiner Körperkraft, ſeiner Größe und Gewandtheit, daß er, wie oben ſchon bemerkt, bei allen vorkommenden Ausſchweifungen als Anführer der Uebrigen galt, und hatte er ſich dieſes Renommee hauptſächlich dadurch erworben, daß, wenn er ſich einmal mit ſeinen Kameraden in ein zweifelhaftes Unternehmen eingelaſſen, er es alsdann auch mit eben ſo viel Muth wie Ausdauer und Geſchicklichkeit zu Ende führte. Ja, auch ſogar um Andere, die ſich in Noth be⸗ fanden, aus derſelben zu befreien, hatte er ſich ſchon häufig in ver⸗ drießliche Händel verwickelt. So, als er eines Nachts ziemlich ſpät mit einigen Kameraden nach Hauſe zog, bemerkten ſie in einer etwas verrufenen Kneipe eines entlegenen Stadtviertels durch die Fenſter des Locales eine bedeutende Schlägerei, und zwar von einer Uebermacht von Civiliſten gegen wenige Leute von der Artillerie, die, in einer Ecke zuſammengedrängt, ſich mit Mühe ihrer Haut wehrten. Die Brigadeſchüler, Erich an der Spitze, wollten ſogleich zu Hülfe in das Haus dringen; doch war die Thür verſchloſſen und verrammelt, worauf ſich der junge Freiberg nicht lange beſann, einen tüchtigen Stein von der Straße aufhob, von außen auf die niedrige Fenſterbank 5 Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 4 — 98 Achtzehntes Kapitel. ſprang, alsdann mit dem Rücken zuerſt durch Fenſter und Glas in die Stube einbrach, zum Schrecken der Civiliſten und zur Ermunterung der Anderen, die nun unter Erich's Beihülfe ihrerſeits zum Angriffe übergingen, und zwar ſo erfolgreich, daß die Feinde in Kurzem das Zimmer durchs offene Fenſter hindurch räumten. Leider aber erſchien in dieſem Augenblicke eine von dem Wirthe herbeigerufene Infanterie⸗Patrouille, vor welcher Erich's Kameraden draußen am Fenſter nach allen Richtungen ausriſſen und die ihn mitſammt ſeinen gerekteten Artilleriſten feſtlahm und auf die Hauptwache brachte. Freilich wurde er am anderen Morgen von der Brigadeſchule reclamirt, um von dem Präſes derſelben, Hauptmann Wetter, mit vierzehn Tagen Stubenarreſt und mit zweimonatlicher Entziehung jeder Erlaubniß zum Ausgehen beſtraft zu werden. Und zwar aus beſonderer Gnade entging er dieſes Mal einem ſchärferen Arreſte, weil der Schulvorſtand anzunehmen geneigt war, daß an der Erzählung Erich's, wie er in die Schlägerei hinein gekommen, doch vielleicht etwas Wahres ſein könne. Dabei aber war und blieb er harmlos, wie der Jüngſte der Claſſe, und wo es neben thörichten Geſchichten kindiſche Streiche auszuführen galt, da fehlte er gewiß nicht, und hierbei konnte man mit Recht ſagen, daß er der Anführer war. So ſaß die ganze Stubenkameradſchaft an einem trüben Sonntagnachmittage im Winter verdrießlich bei einander, weil Keiner mehr einen Kreuzer Geld hatte und weil auch der Credit in verſchiedenen Wirthshäuſern über die Gebühr angeſtrengt worden war. Nach verſchiedenen, meiſt ſehr chimäriſchen Pro⸗ jecten, um die leere Caſſe zu füllen, machte Erich den Vorſchlag, eine Theater⸗Vorſtellung zu geben und dazu die wohlhabenden Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 99 Kameraden der benachbarten Stuben gegen ein Eintrittsgeld von drei Kreuzern einzuladen. Publicum, das ſich zu Hauſe ge— hörig langweilte, war rings umher genug vorhanden, denn der Hauptmann hatte wegen verſchiedener grober Exceſſe der ganzen Claſſe Stubenarreſt gegeben. Ein langer, hagerer junger Menſch mit einer dünnen Fiſtel⸗ ſtimme, welche noch außerdem bei jedem dritten Worte überzu⸗ ſchlagen pflegte, mußte ſein Hemd über die Beinkleider anziehen, wurde mit einem Fouragirſtrick umgürtet, mit einem ſpitzigen Hute von blauem Papier geſchmückt und dann mit einer Trom⸗ pete, welche zuerſt von der Muſikſtube entwendet werden mußte, auf den langen Corridor hinausgeſchickt, wo er nach einigen mißlungenen Verſuchen, dem Inſtrumente einen kläglichen Ton zu entlocken, mit lauter Stimme einem hohen Adel und ver— ehrungswürdigen Publicum verkünden mußte, daß mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auf dem Zimmer Nr. 8 nach Ver⸗ lauf von einer halben Stunde ein noch nie da geweſenes Schauer⸗, Trauer⸗ und Thränenſpiel unter demt vielverſprechenden Titel: „Der Bund des Hungers und des Durſtes', aufgeführt werden ſollte, wobei man für die Kleinigkeit von drei Kreuzern nicht nur zuſehen, ſondern auch handelnd mitwirken dürfe. Natürlicher Weiſe wurde dieſe Ankündigung mit ſchluch— zender Stimme vorgetragen und aufs gierigſte angehört. Die Vorbereitungen zu dem unerhörten Trauerſpiele waren noch nicht einmal ganz beendigt, da drängte ſich ſchon das aus⸗ gewählteſte Publicum vor der Thür Nr. 8. Dieſe Vorbereitungen, von Erich geleitet, beſtanden darin, daß vier der aufgeprotzten, das heißt auf einander geſtellten Betten ſo in die Stube hineingezogen wurden, daß ſie einen 100 Achtzehntes Kapitel. ſchmalen Gang bildeten, der hinten durch ein quer vorgeſchobenes Bett geſchloſſen war. Von den Seitenbetten hingen Leintücher herab, was ſchon einen eigenthümlichen, geheimnißvollen Anblich bot, zu deſſen Erhöhung es aber weſentlich beitrug, daß hinter dem quergeſtellten Bette drei Schemel auf einandergeſtellt empor ragten, ebenfalls weiß drapirt, und auf dieſen befanden ſich übers Kreuz zuſammengeſtellt zwei Säbel und eine Piſtole, wobei der Lauf der letzteren als Lichtträger diente, und zwar eines dünnen Talglichtes, deſſen Schein noch obendrein durch eine Papierdüte gedämpft wurde. Der Gang zwiſchen den Belten war mit einem der langen Teppiche belegt, welche ſonſt zur Unterlage des Sattels dienten, und ein Ende dieſes Teßpſichs verlor ſich unter der quer vorgeſtellten Bettlade, wo es von kräftigen Händen feſtgehalten wurde. Auf dieſem Bette ſaß Erich Freiberg, wunderlich in Leintücher vermummt und zue ſammengekauert, während ein anderer ſeiner Kameraden vor der Thür des Zimmers ſtand, um die Schauluſtigen nach Bezahlung des Eintrittsgeldes, und zwar nur immer einen derſelben, ein zulaſſen. Dieſer wurde angewieſen, ſich dem Tempel des Hun⸗ gers und des Durſtes zu nähern, worauf er lautlos auf dem Teppich bis zu der vermummten Geſtalt hinſchritt, die ihm mit einer Grabesſtimme ſagte: „Jüngling, du biſt alſo geſonnen, in den ewig beſtehenden Bund des Hungers und des Durſtes einzutreten? Prüfe dich genau, denn die Enttänſchung iſt fürchterlich!“ Natürlicher Weiſe bekräftigte Jeder ſeinen Wunſch der Aufnahme durch ein lautes„Ja“, worauf ihn die Geſtalt auf ſorderte, näher zu treten, und ihm einen fürchterlichen Schwur, vie unverbrüchlichſte Verſchwiegenheit betreffend, vorſagte, ihm Brigadſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 101 alsdann ſeinen Kopf tief herabdrückte und ihn aufnahm in den Bund mit den Worten: „So betrachte dich denn als Mitglied einer Verbrüderung, die ſeit Beginn der Welt beſtanden, und auch beſtehen muß, ſo lange gegeſſen und getrunken wird. Hilf dem Schwachen, theile dem Armen mit und fahre am Ende deines Lebens ge tröſtet ab!“ Bei dem letzten Worte„ab“ wurde ihm von den obenerwähnten unſichtbaren Händen die Decke unter den Füßen weggezogen, worauf er dröhnend auf den Rücken niederſiel. Da nun aber bei dieſem Schauſpiele Jeder ſo viel Corps geiſt und auch nebenbei Schadenfreude hatte, um den draußen Harrenden von dem, was er gehört und geſehen, nichts zu ver⸗ rathen, ſo erſchien Jeder auf dem Gange mit Miene und Aus druck der höchſten Befriedigung, ſo daß es gelang, unge fähr ſechzig Mitglieder à drei Kreuzer in den Bund des Hungers und des Durſtes aufzunehmen, und wäre die Sache wohl noch weiter fortgegangen, wenn die Wache nicht Veran⸗ laſſung genommen hätte, ſich nach dem beiſpielloſen S pectakel an einem Sonntag⸗Nachmittage zu erkundigen; doch wurde Ruhe gelobt unb die Sache dadurch wieder gütlich beigelegt. Nicht ganz ſo glimpflich verlief eine andere Epiſode aus dieſem Zuſammenleben eines Dutzends dieſer jungen, ſprudeln den Köpfe, die ſo manche Stunde für ſich hatten, wo ſie ſich wie es eben gehen wollte, zu entſchädigen ſuchten für ihren Mangel an Freiheit durch moraliſches Zerren und Reißen an der ihnen durch den Schulzwang angelegten harten, oft uner⸗ träglich ſcheinenden Kette. Die Sache mit den Schemeln, H welche zur Ueberſteigung der Mauer dienten, war verrathen worden, und ein paar Infanteriepoſten, die nun allabendlich 102 Achtzehntes Kapitel. rings umher ihren Spazirgang machten, verhinderten das Aus⸗ gehen ohne Erlaubnißſchein. Karten⸗ und ſonſtige Spiele waren nicht geſtattet, das Rauchen verboten und wurde nur hier und da an unnennbaren Orten betrieben. Daß die Schüler es in den ſogenannten Freiſtunden nicht liebten, beſonders wenn die vorgeſchriebenen Aufgaben nothdürftig gemacht waren, aber⸗ mals die langweiligen Bücher vorzunehmen, mit denen man den ganzen Tag geplagt wurde, verſtand ſich eben ſo ſehr von ſelbſt, als daß der unruhige Geiſt dieſer eingeſperrten jungen Leute auf die tollſten, extravaganteſten Streiche gerieth. Ge⸗ wöhnlich aber, und immer, wenn ſie von Erich Freiberg aus⸗ gedacht wurden, waren ſie ſo harmloſer Art, daß man ſie für einen Zeitvertreib für Knaben von zwölf Jahren hätte halten können. So an einem Feiertage, als des ſchlechten, nebeligen Wetters wegen jede Erlaubniß zum Spazirengehen verweigert wurde und nicht einmal ſo viel Caſſe vorhanden war, um die langſam ſchreitende Zeit durch irgend ein erregendes Getränk raſcher dahineilend zu machen, und deßhalb Erich an dem trüben, langweiligen Spätnachmittage ein künſtliches Artillerie⸗ Manöver vorſchlug, welches darin beſtand, daß Einer aus der Geſellſchaft, und zwar ein kurzer, dicker Freiwilliger, in Decken eingewickelt und eingenäht, das Geſchützrohr vorſtellen mußte, und von vier Anderen, welche die Laffette bildeten, auf die Schultern genommen und im ſcharfen Trabe im Zimmer um⸗ hergeführt wurde, bis man auf:„Batterie halt!“ das Geſchütz auf dem Tiſche abprotzte und nach allen Regeln der Kunſt bediente, wozu Nr. 1 den Stubenbeſen in der Hand hatte, Nr. 3 aber das Schüreiſen des Ofens. Welcher Höllenlärm dabei entſtand, kann man ſich wohl denken, beſonders als das Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 103 arme Geſchützrohr durch eine zu raſche, unvorſichtige Wendung vom Tiſche herabrollte und aus vollem Halſe zu ſchreien und ſchimpfen anfing. Doch half ihm das alles nichts, er wurde aufs Neue auf die Laffette befördert und im Carrière weiter geführt, was aber einen ſo heilloſen Lärm verurſachte, daß die Kaſernenwache heraufkam, um ſich nach deſſen Urſache zu erkundigen und Ruhe zu gebieten— aber vergebens. Man war ſo im Eifer des Gefechtes, daß der Vorſchlag, auch noch im Fauer zu exerciren, von Allen, mit Ausnahme des un⸗ glücklichen Schlachtopfers, jubelnd begrüßt wurde. Das Schüreiſen wurde heimlicher Weiſe heiß gemacht und beim abermaligen Commando:„Geſchütz Feuerrrr!“ wurde es unter einem unauslöſchlichen Gelächter an die betreffende Stelle ge⸗ halten, worauf aber der eingenähte Freiwillige ſo verzweifelnde Anſtrengungen machte, daß er ſeine Bande ſprengte, auf⸗ ſprang und die Quälgeiſter mit einer wahren Flut von Vor⸗ würfen überſchüttete, wobei er ſich einen gewiſſen Körpertheil ſo anhaltend und mit ſo komiſchen Geberden rieb, daß die ganze Geſchützbedienung unter einem brüllenden Gelächter auf Schemel und Betten zurückfiel— um gleich darauf aber mit einer merkwürdigen Schnelligkeit wieder in die Höhe zu fahren. Keiner hatte es bemerkt, daß die Thür geöffnet worden und unter derſelben nicht nur der Hauptmann Wetter, ſondern auch der alte Oberſt ſelbſt erſchienen war, der, ſeine beiden Fäuſte in die Hüften geſtemmt, mit zornglühendem Geſichte und einem bedenklichen Kopfſchütteln dieſe Entweihung einer königlichen Kaſerne ſo wie der geheiligten Stuben⸗lUtenſilien betrachtete. Was geſchehen war, wußte der Hauptmann Wetter be⸗ reits durch die Wache und meldete es dem Oberſten achſel⸗ 104 Achtzehntes Kapitel. zuckend, worauf dieſer mit drei langen Schritten in die Mitte der Stube trat, ſich hier rings umſchaute und dann mit der Naſe in die Luft ſchnüffelte, da ſich ein allerdings bedeutender Brandgeruch bemerklich machte. „So,“ rief er,„ihr habt alſo exercirt; na dat könnte ick mir ſchon gefallen laſſen und müßte es loben, wenn ich euch unten in dem Geſchützſchuppen angetroffen hätte. Aber hier“ — dabei erhob ſich ſeine Stimme, ſehr unangenehm an⸗ ſchwellend, als er fortfuhr:—„auf der Stube einer könig⸗ lichen Kaſerne, wo Ruhe und Ordnung, Zucht und Sitte herrſchen ſoll, hier, wo die Herren Freiwilligen und Brigade⸗ ſchüler über ihren Büchern ſitzen ſollen, und zwar in einem anſtändigen Anzuge, während dieſe Schwefelbande ausſieht, als ſei ſie einer Jahrmaktsbude entloofen!“ Und das mußte wahr ſein, der Anzug der ſämmtlichen Betheiligten ſah ungemein phantaſtiſch aus, denn die Geſchütz⸗ bedienung war nur bekleidet mit ihren Stiefeln, hatte den Säbel über das Hemd geſchnallt und den Helm auf dem Kopfe, während ſich Erich Freiberg als Commandirender dadurch aus⸗ zeichnete, daß er ſeinen Waffenrock wie eine Huſarenjacke auf die linke Schulter gehangen hatte. Das unglückliche Geſchütz aber in Hemd und Unterhoſen ſuchte ſeine Blöße zu bedecken, indem es ſich in dieſem fürchterlichen Augenblicke in die wollene Bettdecke wickelte, die aber hinten ein bedeutendes Brandloch zeigte. „Und bei all dem Unfug haben ſe obendrein noch mit Feuer geſpielt, denn ick rieche dat deutlich; forſchen Se mir nach, Herr S eſtellt haben! Und Er da hinten,“ ſchrie er auf einmal im 1 2 auptmann Wetter, wat dieſe Millionenhunde an⸗ — — Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 105 höchſten Zorne,„ick werde Ihm helfen, das Schüreiſen vor ſeinem Oberſten zu verheimlichen— hervor damit!— Nun, wat haben Se gefunden, Herr Hauptmann Wetter? Dieſer, ein wohlwollender Officier und gutmüthiger Vor⸗ geſetzter, konnte nun nicht anders, als achſelzuckend ſagen, daß man wahrſcheinlich auf gar zu natürliche Art das Abbrennen des Geſchützes vorgeſtellt. „Mit einem Schüreiſen— ſeh' einer dat Grobzeug an!“ 7 rief der Oberſt.„Und wohin haben ſe dir gehalten?“ fragte er den kleinen dicken Freiwilligen, der denn auch nicht genug von einem Mucius Scävola an ſich hatte, um ſeine Schmer⸗ zen zu verbeißen, ſondern mit der Hand an die betreffende Stelle fuhr, worauf ihn die kräftige Fauſt des Oberſten raſch herumdrehte und dieſer das große verbrannte Loch in der Bettdecke ſah. „Ne, hören Se, Herr Hauptmann Wetter,“ 1 rief er nun, vor Zorn blauroth im Geſichte,„wat zu toll is, dat is zu toll! Ick hätte große Luſt, über dieſe Bande species facti auf⸗ nehmen zu laſſen, ſie von der Schule wegzuſchicken nach irgend einer Batterie, wo ſie gezwiebelt würden, dat ſe Chriſtum er⸗ kennen lernen ſollten! Iſt Ihnen je ſo ene Geſchichte vorge kommen? Mich noch nicht, Gott ſtraf mir, und ich diene doch ſchon über vierzig Jahre! Lächeln Se mir nicht, Herr Haupt⸗ mann Wetter, ick kann dat in dieſem Angenblicke durchaus nich ertragen! Es is allerdings wahr, daß dieſer corpulente Freiwillige eine ſehr klägliche Figur ſpielt, aber ick bitte Se, Herr Hauptmann Wetter, es kann och nich anders ſind, wenn man Jemand auf ſo unverantwortliche Art mit dem Schür⸗ 106 Achtzehntes Kapitel. eiſen abfeuert!— Aber wer is hier der Rädelsführer? Ick will den Rädelsführer haben, um ihn exemplariſch zu beſtrafen!“ Eine Secunde lang meldete ſich Niemand; dann aber trat Erich Freiberg vor, ſenkte den gezogenen Säbel ſalutirend gegen den Boden und ſagte:„Ich, Herr Oberſt, war es, der das Geſchütz zuſammengeſtellt! der es commandirt und der auch den Befehl gab, im Feuer zu exerciren.“ „So— Er! Ah, ſchon wieder dieſer Freiberg! Ick kann Ihm verſichern, dat Er ſo tief in meiner Gunſt herabſinkt, dat et ihm nimmer gelingen wird, die Epauletten zu er⸗ langen!“ „Es iſt eigentlich ſchade um ihn,“ ſagte begütigend der Chef der Schule;„er iſt ſonſt nicht unaufmerkſam, und auch über ſeine Aufführung ließe ſich manches Gute ſagen, wenn nur nicht dieſer unüberlegte Hang zu allen tollen Streichen bei ihm vorherrſchend wäre!“ „Dat is derſelbe Freiberg, der neulich ſchon wegen einer Schlägerei beſtraft wurde— Herrrr, finden Se dat nich un⸗ würdig von einem Brigadeſchüler?“ „Allerdings, Herr Oberſt, aber was die Schlägerei an⸗ belangt....“ „Ick weiß ſchon, dat der Herr Hauptmann Wetter mil⸗ dernde Gründe annahm, und wir wollen nich weiter darüber reden; aber wie Se entſchuldigen wollen, königliche Decken mit einem heißen Schüreiſen zu verbrennen und zugleich einem Kameraden—— dat möcht ick mir erklären laſſen.“ „Ich weiß leider keine Entſchuldigung, Herr Oberſt.“ „Na, dat freut mich, und da ick ooch keene weeß, ſo wird der Herr Hauptmann Wetter, Ihr Chef, wohl nix dagegen und Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 107, haben, wenn ick Se drei Tage aufs Holz ſchicke bei Waſſer und Brod— drei Tage Mittelarreſt!— Verſtanden, Herr Hauptmann?“ „Zu befehlen, Herr Oberſt!“ „Und ſogleich abzuführen!“ Der Vorſtand der Schule legte ſtillſchweigend die Hand an ſeine Mütze und folgte alsdann dem Oberſten, der mit ſeinem gewöhnlichen wackeligen Schritte hierauf zur Thür hin⸗ aus ging, nicht ohne daß er vorher noch einmal den Zurück⸗ bleibenden zu Gemüthe geführt, daß aller militäriſche Dienſt nur durch Ordnung aufrecht zu erhalten ſei und daß Ordnung unter allen Umſtänden gehandhabt werden müſſe. Nun iſt drei Tage Mittelarreſt beim activen Militär eigentlich keine beſonders hohe Strafe, obgleich es auch hier nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört, drei Tage und drei Nächte in einem hölzernen Käfig zu ſitzen, der viel⸗ leicht vier Schritte lang und zwei Schritte breit iſt, mit einer hölzernen Pritſche, einem Waſſerkruge und einem ſchmutzigen Eimer verſehen, in einem Käfig, der ſelbſt am Tage nur dämmerig erhellt iſt durch ein kleines, vergittertes Loch an der Thür, welches auf die trübe Wand eines großen Gemaches geht, in welchem ſich dieſe Käfige, zehn bis zwölf an der Zahl, befinden. Dabei hat man zur Nahrung ein Stück ſchwarzes Brod, und Kälte genug, denn wenn auch der Vor⸗ ſchrift gemäß das Arreſtlocal während der Winterzeit Abends geheizt werden ſoll, ſo erfüllen doch die paar Stückchen Holz, welche der gewöhnlich ſehr eigennützige Arreſt⸗Aufſeher in den großen Ofen ſchiebt, durchaus nicht dieſen Zweck. Ja, wie oben ſchon geſagt, es iſt bei der Truppe ſehr leicht, auf einige 108 Achtzehntes Kapitel. Zeit in Nummer Sicher eingeſponnen zu werden, für ein vor⸗ lautes Wort, für einen bedeutenden Fehler beim Exerciren, für einen mangelhaft angenähten Knopf an der Uniform, für einen Roſtflecken am Säbel oder an der Kinnkette des Pferdes, für einen fehlenden Hufnagel oder dergleichen, wogegen es für einen Zögling der Brigadeſchule ſchon ein Ereigniß war, drei Tage Mittelarreſt zu erhalten, auch weil dieſe Strafe als ſolche in das Abgangszeugniß geſetzt wurde. Doch war hier nichts dagegen zu machen. Der Befehl ging unmittelbar von dem Oberſten aus, unter dem die Schule ſtand, und es war an kein Zurücknehmen deſſelben zu denken, obgleich der nach⸗ ſichtige Hauptmann Wetter hierzu einen Verſuch machte, wäh⸗ rend er den Oberſten die Treppe hinab geleitete. „Es wird ihm durchaus nich ſchaden,“ hatte der Alte zur Antwort gegeben und ſich alsdann entfernt, indem er die rechte Hand, mit derſelben einen weiten Bogen beſchreibend, an ſeinen Federhut gelegt;„und ick muß bitten, daß es heute Abend noch geſchieht.“ Der Vorſtand der Schule ging verdrießlich in das Zim⸗ mer des dienſtthuenden Feldwebels, um ihn den Befehl des Oberſten ausführen zu laſſen. Erich hatte ſich achſelzuckend in ſein Schickſal ergeben und war in kurzer Zeit zu dem bevorſtehenden unliebſamen Aus⸗ gange angekleidet, wobei ſich ihm die Kameraden unter Dankes⸗ bezeigungen, daß er ſich bereitwillig für ſie geopfert, ſo erkennt⸗ lich als möglich bewieſen; und dazu hatten ſie vollkommen Urſache, denn was den ſchwärzeſten Punct der Anklage betraf, das Heißmachen des Schüreiſens, ſo war dieſe Illuſtration des Geſchütz⸗Exercirens ihm ja ganz gegen ſeinen Willen einge⸗ Brigadeſchule, zarte Unterhaltungen. Erich im Arreſt. 109 t flochten worden. Alle aber bewegten ſich ziemlich betäubt ob der ungeheuren Strafe von drei Tagen Mittelarreſt, für einen .4 er bot Brigadeſchüler nämlich, um den Kameraden herum; Jed ihm irgend etwas an, was er ſich der harten Pritſche wegen um den Leib wickeln ſollte, und der dicke Freiwillige, der das Geſchütz vorgeſtellt hatte, trieb die Selbſtverleugnung ſo weit, daß er unter Verpfändung eines vergoldeten Ringes, eines Familien⸗ und Erbſtückes, wie er ſagte, einen Schoppen Rum auftrieb, der in einer platten Flaſche zwiſchen Stiefel und Strumpf Erich's verborgen wurde, um ſo in das Areſtlokal eingeſchmuggelt zu werden. Er gilt in dieſen betreffenden Fäl⸗ len ebenſowohl um die Kälte der Nacht zu vertreiben, ſowie auch als Schlaftrunk, und iſt ſehr probat. Eine ſchlechte, de⸗ fecte Jacke oder Uniform, wie ſie bei der Truppe zum Arreſt angezogen wird, beſaß Erich als Brigadeſchüler nicht, und ſo hätte man ihn, als er nun fertig zum Abholen war, ebenſo⸗ wohl für einen hübſchen jungen Mann halten können, der in eine Abendgeſellſchaft geht, als für einen zu drei Tage Mittel⸗ arreſt Verurtheilten, der gerade im Begriffe iſt, dorthin abge— führt zu werden. Da öffnete ſich die Thür, und herein trat der Bombar⸗ dier Schmoller, ausnahmsweiſe mit einem recht verdrießlichen Geſichte. „Hol' euch der Henker alle miteinander!“ rief er, auf der Schwelle ſtehend. Treibt ihr das tollſte Zeug, und nicht nur zum Schaden curer eigenen Dickköpfe, ſondern auch zum Ver⸗ druß anderer ehrlicher Leute, die durch euch geſchunden und ge⸗ plagt ſind.“ Schmoller hatte den Säbel umgeſchnallt und befand ſich, 110 Achtzehnes Kapitel. ungewöhnlich zu dieſer Tages⸗ oder vielmehr Abendzeit, unter der Pickelhaube, was jedenfalls etwas zu bedeuten hatte; auch zog er gerade ſeine Handſchuhe an, während er unter den lin⸗ ken Arm einen Zettel geklemmt hatte, den er noch nicht Zeit gefunden, irgendwo hinzuſtecken. „Was hat's denn eigentlich gegeben?“ Ein halbes Dutzend erzählte, durch einander rufend, die ganze Geſchichte, und auch wie Erich Freiberg Alles auf ſich genommen. „Wofür er jetzt drei Tage brummen muß“, ſagte Schmoller; „es geſchähe übrigens euch Rindsköpfen allen mit einander Recht, wenn ihr heute Nacht auf der harten Pritſche liegen müßtet! Aber ſo komm denn Erich, damit wir keine Zeit verlieren!“ „Mit dir— wohin?“ Komiſche Frage. Siehſt du mir denn nicht an, daß ich in Amt und Würden bin? Hatte deßhalb auch wohl ein Recht, mich über eure kindiſchen Streiche zu beklagen? Will da vor⸗ hin auf meiner Schreibſtube noch raſch eine Arbeit vollenden, um dann ganz gemüthlich meiner Wege zu ziehen, als mich der Feldwebel aufgreift, um, weil ſonſt kein Unteroffizier um den Weg iſt, einen Taugenichts wie du in Arreſt zu bringen. Ich ſage dir, es nimmt mir das eine koſtbare Zeit weg, die ich anderswo beſſer hätte anwenden können. Aber nur vorwärts. Hier— damit ſchlug er auf den Zettel— iſt ‚der Vorzeiger dieſes“, eine Eintrittskarte für dich zu jenem erhabenen Orte, wo da iſt Heulen und Zähneklappern! e Neunzehntes Kapitel. Da der heilige Auguſtin vom Helden unſerer Geſchichte nichts wiſſen will, begibt ſich letzterer zu den Kunſtreitern, ſieht dort die ſchöne Kolma und geräth bei Bombardier Schmoller in einen ſchlimmen Verdacht. Bombardier Schmoller und Erich Friedberg verließen mit einander die Caſerne und ſchritten anfänglich ſchweigend neben einander dahin. Der Erſtere war verdrießlich; daß er eine koſt⸗ bare Abendſtunde opfern mußte, der Andere aber in tiefes Nach⸗ denken verſunken, als er das Caſernenzimmer mit den Geſich— tern ſeiner Kameraden hinter ſich und ſeine Aufregung, hervor⸗ gerufen durch das tolle Spiel, noch mehr aber durch die Scene mit dem Oberſten, ſich jetzt in Folge des Spazirganges in der naßkalten Nacht raſch gelegt hatte. Allerdings regnete es nicht mehr, doch lag ein ſo dicker Nebel auf der Straße, daß man nur auf wenige Schritte die Gegenſtände erkennen konnte und alle Dinge unheimlich ſchattenhaft vergrößert erſchienen. Dazu leuchteten die nahen Gaslaternen in mattrother Gluth und ſchrumpften die weiter entfernten zu kleinen, glühenden Punkten zuſammen. Neunzehntes Kapitel. Uebrigens bemerkte man viel Leben und Treiben auf den Straßen, denn es war um die Zeit, wo Theater und Abend⸗ geſellſchaften zu beginnen oder wo ſich die Familienkreiſe um den Schein der ſtrahlenden Lampe zu verſammeln pflegen, oder wo, wie der Bombardier Schmoller in einem Anfluge von Poeſie ſagte, ein Weſen, das uns liebt, häufig nach der Thür zu blicken pflegt. Unangenehme Erinnerungen für Jeman⸗ den, der fröſtelnd durch die Straßen dem Gefängniß zuwandelt! Doppelt unangenehm für Erich, der beinahe alle dieſe Dinge nur vom Hörenſagen kannte und doch tief in ſeinem Herzen fuͤhlte, welch unbeſchreiblicher Reiz darin liegen müſſe, auch ſo in einen traulichen Familienkreis gezogen, mit heiteren Blicken und mit den freundlichen Worten:„Biſt du endlich da?“ em— pfangen zu werden. Ihm war es in ſeinem Leben noch nie ſo geworden, und deßhalb fühlte er eine gewaltige Sehn⸗ ſucht nach einem ſolchen Glücke, und gerade an dieſem Abende! Das heutige Ziel der beiden jungen Leute lag von der Brigadeſchule, einem ehemaligen Dominicanerkloſter aus, ganz am andern Ende der Stadt, und waren es ebenfalls Räume, in denen einſt Mönche gewandelt, Söhne des heiligen Auguſti⸗ nus, welche nun im Wechſel der Zeiten zu einem Militär⸗Ar⸗ weßhalb ſich auch der reſtlokale umgewandelt worden waren, Betreten dieſer heiligen ſchlechte Witz eingebürgert hatte, beim Hallen, wenn gleich leiſe, den Geſang anzuſtimmen: O, du lieber Auguſtin, Alles iſt hin! Da lag es nun vor ihnen mit ſeinen hohen Mauern, ſo finſter und anſcheinend ſo unbewohnt, und ſelbſt als ſich auf das Anläuten Schmoller's am großen Thore einiges Leben zeigte, war dieſes durchaus nicht gemüthlicher, ſondern recht unfreund⸗ Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 113 licher Art. Ein alter Unteroffizier in Mantel und Mütze, mit finſterem Geſichte und großem Barte öffnete das Thor und hielt den Beiden, ohne zu ſprechen, ſeine Laterne entgegen, und erſt nach einer ziemlich langen Pauſe ſagte er kopfnickend:„Das iſt ſpät genug, um noch Jemanden einzuſperren, nur raſch her⸗ ein! Wo iſt der Zettel?“ Voranſchreitend trat er in ein kleines Local dicht beim Thore, ſetzte dort ſeine Laterne auf den Tiſch, worauf er den Arreſtſchein aus den Händen des Bombardiers entgegennahm. Er entfaltete ihn, hielt ihn hinter die Laterne, und nach⸗ dem er einen Augenblick hineingeſehen, ſchaute er mit noch fin⸗ ſtererem Geſichtsausdrucke in die Höhe. „Na, was ſoll denn das heißen?“ ſagte er barſch.„Ich glaube, der junge Bombardier von der Artillerie hat nicht übel Luſt, ein Bischen Schindluder mit mir zu treiben— da, leſen Sie einmal!“ Schmoller nahm das Blatt, und ſchon während ſeine Augen es überflogen, entfuhr ſeinem Munde ein gelindes: Kreuzdonner⸗ wetter— ja, was iſt denn das? „Das möchte ich Sie fragen, am allerwenigſten aber ein Arreſtzettel— leſen Sie doch!“ Schmoller las achſelzuckend: ‚Bei der Minerva hat ſich überhaupt gefunden, daß ihr ganz wackeliges Untergeſtell einer gründlichen Reparatur bedarf.“ „He, Herr Bombardier?“ „Da iſt allerdings ein Irrthum vorgegangen, und daran bin ich ſelbſt ſchuld, das heißt, eigentlich du, verfluchter Kerl,“ wandte ſich der Bombardier an Erich;„denn wenn man ſo aus ſeiner gemüthlichen Schreiberruhe aufgeſchreckt wird und eilig Hackländer, Der letzte Bombardier. II, 8 114 Neunzehntes Kapitel. zuſammenpacken muß, um einen ſo nichtsnutzigen Kerl noch ſpät Abends in Arreſt zu bringen, da kann es wohl vorfallen, daß man die Zettel verwechſelt. Das da iſt allerdings ein Auszug aus dem letzten Protokolle der Geſchütz⸗Reviſions⸗ Commiſſion.“ „Und was iſt da zu machen?“ „Ohne gehörig ausgefertigten Zettel bei mir gar nichts. Mit Verlaub, ich kenne dieſe jungen Herren von der Artillerie mit ihren Streichen und habe nicht Luſt, mir daran die Pfoten zu verbrennen!“ „Aber, Herr Unteroffizier, es kann doch keinem vernünftigen Menſchen einfallen, ſich ohne Befehl auf drei Tage einſperren zu laſſen!“ „Möglich, ſogar wahrſcheinlich.“ „Nun denn, ſo laſſe ich Ihnen meinen Kameraden hier und bringe Ihnen morgen in aller Frühe den Arreſtzettel.“ Nun war aber der alte Unteroffizier eine echte, gediegene Commißnatur, weßhalb er zur Verneinung mit dem Kopfe ſchüttelte und ſeine Leuchte ſo wie den Schlüſſelbund mit einer bezeichnenden Bewegung nach der Thür aufnahm. „Da ſoll doch ein ſiebenzölliges Granaten⸗Donnerwetter dreinſchlagen!“ „So müſſen wir alſo den weiten Weg nach der Brigade⸗ ſchule zurückrennen um dieſes verfluchten Zettels willen?“ „Ja, und müſſen Sich recht eilen“, bemerkte der Schließer des Arreſtlocals, indem er auf eine Schwarzwälder Uhr blickte, die in der Ecke des Zimmers leiſe und ſchläfrig pickte.„Es iſt in einer halben Stunde Achte, und dann braucht es eines Commandantur⸗Befehls, um noch Jemanden einzuſchließen.“ Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 115 „So komm denn, fataler Kerl!“ rief der Bombardier Schmol⸗ ler zornig, und als er auf der Straße in den längſten Schrit⸗ ten vor Erich herlief, fuhr er fort:„Das hat man davon, wenn man oördentlich und fleißig iſt! Wäre ich am heutigen Feiertage herumgebummelt, wie der Block oder der ſüße Flat⸗ tich, ſo hätte mich der Feldwebel nicht erwiſcht, um dich einzu⸗ ſpinnen!“ „Du biſt aber in der That ungeheuer komiſch!“ gab Erich zur Antwort.„Ich bin das arme Schlachtopfer mit drei Ta⸗ gen auf dem Kerbholze, werde hier in Nacht und Nebel durch die ſchmutzigen Straßen geſchleppt, weil du den Arreſtzettel vergeſſen haſt! Iſt das nicht eben ſo grauſam, als wenn man Jemandem, der gerade geköpft werden ſollte, noch einen Auf⸗ ſchub von ein paar Stunden verkündet? Warum haſt du den Schein nicht genauer angeſehen?“ Nun war Schmoller im Grunde ein guter Kerl und ſein Zorn im nächſten Augenblicke verraucht, ſo daß er lachend er⸗ wiederte: „Haſt Recht, und damit du ſiehſt, wie gut ich's mit dir bei alledem meine, ſo tritt, während ich allein nach Hauſe trabe, in das Kaffeehaus dort an der Ecke des großen Platzes und warte da, bis ich zurückkomme; du kannſt für die kalte Nacht ein Bißchen Durchwärmung brauchen.“ „Ein vortrefflicher Rath“, ſagte Erich,„und ſehr ausführ⸗ bar, wenn ich nur auch einen Kreuzer Geld in der Taſche hätte!“ „Und war doch erſt vorgeſtern Löhnungstag! Höre, Frei⸗ berg, du biſt wirklich auf dem Wege, eine liederliche Fliege zu werden!“ 116 Neunzehntes Kapitel. „Jawohl, mit einem Thaler monatlich, ohne Zulage!“ „Allerdings, und bei aller Freundſchaft für dich kann ich dir im vorliegenden Falle nicht helfen; wenn ich alles, was ich beſitze, zuſammenſcharre, ſo komme ich höchſtens noch zwei Tage über Hunger und Durſt hinweg!“ „Trotzdem daß vorgeſtern Löhnungstag war?“ „Lieber Freund, Unſereiner, in einer gewiſſen Stellung geſellſchaftlicher Verpflichtungen! Doch tritt immerhin in das Kaffeehaus, laſſe dir ein Glas Waſſer und die engliſche Zei⸗ tung geben und ſage, du warteſt hier auf einen vornehmen Freund, der dich in kurzer Zeit zu einer ausgezeichneten Abend⸗ unterhaltung abholen wolle.“ „Das ſei Gott geklagt mit dieſer Abendunterhaltung!“ gab Erich mit einem Anfluge üblen Humors zur Antwort, als ſie nun den weiten Platz und das ſtrahlend erleuchtete Kaffeehaus erreicht hatten;„doch habe ich eine andere Idee, um mir unter⸗ deſſen die Zeit zu vertreiben. Dort vor uns in der großen Bude hat ſoeben die Vorſtellung der Kunſtreiter begonnen; da werde ich mich langſam umherſchlängeln, die Leute betrachten, die hineingehen, vielleicht auch einmal die Naſe in den Stall ſtecken, die Anſchlagezettel leſen, und kann mir alsdann heute Nacht auf der harten Pritſche einbilden, ich hätte die Vorſtel⸗ lung mit angeſehen.“ „Gut denn, aber brenne mir nicht durch „Lächerlicher Kerl, ich möchte wiſſen, wohin!“ „Ich finde dich alſo dort bei der Kunſtreiterbude?“ „Gewiß!“ Damit trabte Herr Schmoller der Brigadeſchule zu, und Erich betrat den Platz, in deſſen Mitte, undeutlich durch den 14 Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 117 Nebel ſchimmernd, die große Bude ſich erhob. Sie er⸗ ſchien ihm mit ihren kleinen, rothglühenden Fenſteröffnungen, eingehüllt in Nebel und Rauch, aus allen Fugen dampfend durch die Hitze in ihrem Innern, wie ein rieſenhafter, glimmen⸗ der Kohlen⸗Meiler, wie er ſie in ſeiner Jugend ſo häufig auf den Waldlichtungen geſehen. Ach, jene Zeit, die trat ihm jetzt ſo lebendig wehmüthig vor die Seele. Wie oft hatte er Stunden lang, in die ſinkende Nacht hinein mit den rußigen Köhlern geplaudert, ſich von ihren Seltſamkeiten aus dem einſamen Waldleben erzählen laſ⸗ ſen, daraus Märchen zuſammengeſetzt für die alte, taube Lieſe, die er zu Hauſe am Spinnrade traf und die ihm freundlich zunickte, wenn ſie auch von ſeinen Erzählungen nicht viel ver⸗ ſtand! Deßhalb aber war ſie gerade das dankbarſte Publikum, das ſich der lebhafte Knabe nur wünſchen konnte, denn bei den ungeheuerlichſten Dingen, die er vorbrachte und meiſtens ſelbſt erlebt haben wollte, Abenteuern mit Drachen, Feen und Kobol— den, nickte ſie ihm gemüthlich beiſtimmend zu und ſchien die ganze Pracht der Märchenwelt mit ihm zu empfinden. Gewöhnlich handelten dieſelben von armen, verlaſſenen Kindern, wie er ja ſelber eines war, von unſchuldig Verfolg⸗ ten, mit Noth und Kerker Bedrohten, eine Lage, in die Erich ſich beſonders am heutigen Abende ſo recht lebhaft hineindenken konnte. Da ſah erſich wieder wie damals, fliehend im dich⸗ ten, düſtern, naßkalten Walde, nirgends ein Obdach, nirgends eine Zuflucht, bis ihm der gutmüthige Köhler verrieth, daß er nur gerade aus zu gehen habe, um das Schloß der guten Feen— königin zu erreichen.— Richtig, dort ſtieg es vor ihm empor, geheimnißvoll erleuchtet durch Dunſt und Nebel ſchimmernd, 118 Neunzehntes Kapitel. und jetzt mit einem Male, wie ihm zum Willkommen, ſchmet⸗ terten die Trompeten, dröhnten die Pauken und drang eine herr⸗ liche Muſik aus der Feenburg weithin hallend ihm entgegen. Auch öffneten ſich in dieſem Augenblicke die breiten Flügelthü— ren, er blickte in eine glänzend erleuchtete Halle und ſah dort phantaſtiſche Geſtalten ſich bewegen, Geſtalten in den ſeltſam⸗ ſten Gewändern, mit Goldſtickereien und wehenden Federn.— Aber nur einen Augenblick ſah er das, dann ſchloſſen ſich die Flügelthüren, und er fühlte, daß er ausgeſchloſſen ſei von all der Pracht und Herrlichkeit, von jener in der Feenburg ſo wie von dieſer in der Kunſtreiterbude, und daß er nichts war, als nur ein armer junger Menſch, der fröſtelnd durch die Nacht ſchlich in Erwartung, auf drei Tage und drei Nächte in einen düſtern Thurm geſperrt zu werden. Herrliche Ausſichten!— und deßhalb war es wohl ſo be— greiflich, daß er, um den Circus herumſchreitend, alle dieſe fro⸗ hen, freien, glücklichen Menſchen beneidete, die eilig daher kamen, zu Fuß und zu Wagen, und erwartungsvoll in das hell er⸗ leuchtete Haus ſtrömten. Und in welch dichtgedrängten Schaaren zogen ſie herbei und wandten ſich mühſam durch die Haupt⸗Eingangspforte oder belagerten förmlich die beiden Caſſen rechts und links vor der⸗ ſelben! Es mußte heute Abend etwas ganz Außerordentliches in der Vorſtellung ſtattfinden; aber was konnte das eigentlich Erich kümmern, der ſchon ſo zu ſagen mit einem Fuße im Arreſt war und doch las er den großen Anſchlagzettel dort ne⸗ ben der Gaslaterne. Da kamen all die gewöhnlichen und un⸗ gewöhnlichen Geſchichten, die Schulpferde, Bravourſtücke, Sprünge über Bänder und Pferde, durch Reifen zugleich, mit dem Pferde Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 119 über vier Barrièren und Aehnliches, da waren die verſchiedenen Clowns, gewöhnlich als die erſten der Welt geprieſen. Halt, und hier zeigten zwei große, auf Einen Fleck hindeutende Hände gewiß etwas ganz Beſonderes, und doch wieder nur einen ein⸗ zelnen, aber ſehr groß gedruckten Namen: ‚Demoiſelle Kolma Ticzka.’ Doch was war ihm alles das! Er wandte ſich mißmuthig vom Haupteingange des Circus wieder ab, der andern, ruhigeren Seite zu, wo ſich zuweilen die ſchon oben erwähnte Doppelthür öffnete, um Pferde aus⸗ und einzulaſſen, welche dicht mit Decken verhängt waren und gewöhnlich von einem nicht weit entfernten großen Stalle ge— bracht wurden. Welch eigenthümlicher Anblick bot ſich ihm dar, wenn er alsdann hier hineinblickte und eine Vorhalle voll ge⸗ ſattelter und aufgeſchirrter Pferde, wo ſich bunt coſtumirte Rei ter und glänzende Reiterinnen hin und herbewegten, plaudernd und lachend mit ihren Collegen und Colleginnen oder auch mit jungen Leuten aus dem Bürgerſtande und ab und zugehenden Officieren! Erich fühlte ſich von dieſem eigenthümlichen Leben ſowie von der wohlthuenden Wärme, welche hier herrſchte, ſo angezogen, daß er gern einen Augenblick hineingetreten wäre, wenn ihn nicht die Furcht abgehalten hätte, von ſeinem Freunde Schmoller nicht aufgefunden zu werden, ſowie einiger Maßen die Beſorgniß, von einem der Officiere befragt zu werden; doch war das eigentlich wenig zu befürchten, denn die Lehrer der Brigadeſchule waren viel zu ernſt und geſetzt, um ſich ſo zu ſagen hinter die Couliſſen eines Kunſtreiter⸗Circus zu begeben, und die übrigen Artillerie⸗Officiere der Beſatzung, die vielleicht mit Dragonern und Huſaren hier aus⸗ und eingingen, achteten wenig auf einen einfachen Kanonier. 120 Neunzehntes Kapitel. Dieſen Betrachtungen ſich hingebend, war Erich dem Zu⸗ falle nicht undankbar dafür, daß er ihn in dieſen, für jeden jungen Menſchen ſo anziehenden Raum hineinſtieß, und zwar auf die einfachſte Art von der Welt, da einer der Reiter, mit ſechs gekoppelten Pferden vom Stalle drüben bei der Thür an⸗ kommend, den jungen Artilleriſten bat, ihm die Thür zu öffnen und auch hinter ihm wieder zu ſchließen. Dazu kam noch, daß der Reiter, ein alter Mann, alsdann Erich einen bezeichnenden Wink mit dem Kopfe gab, ihm doch zu folgen, und ihm nun im Innern des Raumes die Zügel zweier Pferde zuwarf, um dieſe für einen Augenblick zu halten, während er ſich ſelbſt aus dem Sattel herabſchwang. So klein und unbedeutend ſind oft die Urſachen, deren ſich der Zufall bedient, um irgend Jeman— den aus der kalten, dunkeln Nacht, wo ihm vielleicht beſſer ge— weſen wäre, nach Licht, Wärme und Glanz hinüber zu ziehen. Wohl dachte Erich in dieſem Augenblicke an Herrn Schmoller, doch war er überzeugt, daß dieſer Bombardier, welcher ſich, wo es nur möglich war, bei allen dergleichen Vergnügungen herumtrieb, ihn wohl ſuchen und auffinden würde. Der Reiter, welchem Erich die Pferde gehalten und der nun die Zügel wieder aus ſeinen Händen nahm, befand ſich, wie ſchon geſagt, in ziemlich vorgerücktem Alter, hatte krauſes, ſtarkes, graues Haar, und erſchien vielleicht gerade dadurch ſeine Geſichtsfarbe ſo dunkel ſowie ſeine Augen lebhaft und leuchtend. Er ſagte dem jungen Manne in freundlichem Tone: Auch ich bin einmal bei der Artillerie geweſen und denke heute noch gern daran, freue mich auch immer, wenn ich die Uniform ſehe; blei⸗ ben Sie nur da, wenn es Ihnen Spaß macht, und gehen Sie nur dreiſt da vor in die Stallgaſſe, da können Sie ſchon etwas Der h. Auguſtin, Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 121 ſehen, und wenn Sie Jemand fragt, ſo ſagen Sie nur, Sie hätten dem alten Marechal geholfen, und er hätte Sie erſucht, da zu bleiben.“ Erich, der wohl ſchon einmal den Productionen anderer und geringerer Kunſtreiter, und zwar von einem ſehr entfernten Platze des Circus aus, zugeſehen, war erſtaunt, hier, auf der Rückſeite dieſes Glanzes, Alles in ſo großartigem Style einge⸗ richtet und nirgend etwas Aermliches oder gar Gemeines zu finden. Die Halle, in der er ſich bewegte und welche an das runde Gebäude angebaut war, hatte auf der linken Seite zwölf Pferdeſtände, wo ſich die Thiere befanden, welche zur jedes— maligen Nummer des Programms gebraucht wurden. Rechts waren Garderoben und im Zwiſchenraume befanden ſich die nicht augenblicklich beſchäftigten Stallmeiſter, in einfachem, aber elegantem Coſtüme, ſo wie verſchiedene Habitués des Circus, junge, reiche Leute aus dem Bürgerſtande, Officiere, mit den Damen plaudernd und lachend und meiſt ſehr gleichgültige Dinge ſcherzhaft oder auch wohl im ernſten Tone und mit wichtiger Miene verhandelnd. Erich, der ſich aufs höchſte angezogen fühlte von dieſer fremdartigen, ſo eigenthümlichen, verlockenden Welt, betrachtete die reizenden Reiterinnen im Tricot und leichten, kurzen, bauſchigen Kleidern, gewöhnlich mit unendlich langen und ſehr feinen Taillen, die ſchönen Büſten in Gold oder Silberſtoff flimmernd, mit um ſo größerem Intereſſe, als ſie ſich hier natürlich gehen ließen, Frage und Antwort ſtellten, wie andere, gewöhnliche Menſchen, mit natürlichem Ernſte ſo wie natürlichem Lächeln auf den Lippen, ſtatt des gewaltſam freundlichen Grinſens mit jener ſtereotypen Freundlichkeit, mit der ſie im Circus erſcheinen, den 122 Neunzehntes Kapitel. rauſchenden Beifall in Empfang nehmen, und mit der ſie auch jene Gleichgültigkeit heucheln, wenn ſie kein Mund willkommen heißt und keine Hand ihnen Beifall klatſcht. „Caramba!“ rief eine hochgewachſene, nicht mehr ganz junge Spanierin mit blauſchwarzem Haar, blitzenden Augen und jener tiefen Altſtimme, die den Kunſtreiterinnen häufig ſo eigen iſt „— man ſollte ſtreng darauf halten, daß keine Zettel auf die Brüſtung gelegt werden; Federigo hatte genug zu thun, um mein Pferd glücklich bei den Logen links vorüber zu bringen. Ich fühlte jedes Mal, wie es ſtutzte.“ „Und ſprangen doch ſo wunderbar und ſicher, Sennora Maritana!“ entgegnete ein junger Huſaren-Officier in verbind⸗ lichſtem Tone! „Aeußerlich ja; aber es iſt ein garſtiges Gefühl, wenn man ſo denken muß, vielleicht beim nächſten falſchen Tritte herunter zu fliegen. Ich danke dafür und werde mit dem Maeſtro darüber reden.“ Damit ſchritt ſie den Garderoben zu, und als ſie außer Hörweite war, ſagte eine junge, blonde Polin: „Das arme Pferd ſoll immer Alles gethan haben; hätte man ſie empfangen, applaudirt, wie ſie es vor Jahren gewohnt war, ſo würden ſie zwei Dutzend Programmzettel nicht im geringſten genirt haben.“ „Schon recht,“ meinte eine Dritte, die, mit ihrem Anzuge fertig, herbei trat und ſich ſtark in ihren Hüften wiegte, wobei ſie die ſchlanke Taille mit ihren beiden Händen feſt umſpannte; „aber ich kann das auch nicht leiden, und eben ſo wenig wenn die Herren da“— bei dieſen Worten machte ſie ein leichtes Compli⸗ Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 123 ment gegen die Officiere— gar zu arg mit ihren Säbeln raſſeln.“ Die alſo ſprach, hatte etwas Keckes, Herausforderndes und that dabei ſehr gleichgültig gegen ihre begeiſterten Freunde, während ſie hinzuſetzte:„Sie, Graf Barring, muß ich noch ganz beſonders und dringend bitten, Sich bei Ihren Blumenverſchwen⸗ dungen, auch wenn Sie mir gelten, künftig ein wenig mehr in Acht zu nehmen.“— Damit hatte ſie ihnen den Rücken zugewandt, den rechten Fuß auf einen niedrigen Schemel geſtellt und neſtelte etwas an ihren rothen Stiefelchen.—„Ich habe wahrlich mein Pferd nicht ſchlecht in der Hand,“ fuhr ſie in dieſer Stellung fort,„liebe auch nur die lebhaften Thiere, aber wenn ihm eines Ihrer lächerlich großen Bouquets, wie neulich, an den Kopf fliegt, ſo iſt es wahrhaftig nicht zu verwundern, wenn es aus dem Tempo fällt und beinahe wieder umkehrt.“ Der alſo Angeredete, ein junger, hübſcher Dragoner⸗Officier, that ganz entzückt über dieſe Vorwürfe und entgegnete, die Sporren klirrend zuſammenſchlagend, mit einem lächelnden Ge⸗ ſichte:„Wunderbare Leonie, Ihr gehorſamſter Diener iſt ſchon glücklich, von Ihnen wieder erkannt worden zu ſein, und nimmt ſelbſt Ihre Vorwürfe— ſolche Vorwürfe mit Enthuſiasmus entgegen!“ „Aber Sennora Maritana hatte vorhin ganz Recht, als ſie ſich ausließ über die ſtörende, rückſichtsloſe Manier, Programm⸗ zettel oder, was noch ſchlimmer iſt, Damenmantillen und der⸗ gleichen über die Brüſtungen zu hängen. Neulich hatte ich große Luſt, als ich, mich im Carrière vom Pferde herabbiegend, die Blumenkränze vom Boden aufnahm, eine dieſer Mantillen abzuſtreifen und in den Circus zu ſchleudern.“ —— —— —— Neunzehntes Kapitel. „Man muß unter ſeinen Bekannten darauf halten, daß der⸗ gleichen nicht vorkommt,“ ſagte ein langer, junger, etwas bleicher Mann, der mit einem Zungenanſtoß ſprach und ſein Geſicht komiſch verzerrte, während er ſich Mühe gab, ein ziemlich grobes Stück Glas in das rechte Auge feſtzuklemmen,„ja, muß ſich bemühen, auch das Publikum in dieſer Richtung zu erziehen. Göttliche Leonie,“ fügte er hinzu,„wie ſchön Sie heute Abend wieder ſind!“ „Und wie Sie in der erſten Abtheilung geritten haben!“ „Welche Grazie, welcher Aplomb!“ „Auf Ehre, zum Raſendwerden!“ „ „Himmliſche Leonie!“ „Wundervoll, über alle Beſchreibung!“ „Ich habe wahrhaftig gute Nerven, aber mich ſoll der Teufel holen,“ rief der Huſaren⸗Officier haſtig,„als Sie ſich herabbogen, um mit Ihren ſchönen Zähnen das Schnupftuch vom Boden aufzunehmen, da überlief's mich ganz kalt!“ „Ach, und dieſe himmliſchen Zähne!“ So ſtand dieſer Kreis junger alter und alter junger Herren um das in der That ſchöne Mädchen herum, und wo die en⸗ thuſiaſtiſchen Worte nicht auszureichen ſchienen, um ſie gehörig zu preiſen, da wurden ſie unterſtützt durch einen gelegentlichen Blick an die Decke der Halle empor oder durch eine Pantomime, bei der man eine Hand auf jenen Theil der Bruſt legte, wo man ſein Herz vermuthete. Es iſt eigenthümlich, daß ſich dieſe Art von Krähen ſogleich zuſammen finden, wo eine größere Kunſtreiter⸗Geſellſchaſt ſich für einige Zeit aufhält, die Habitués der Mansge, welche bei Lob und Tadel maßgebend zu ſein ſcheinen, welche unter der en en Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 125 Theilnahme im Allgemeinen oder unter der Paſſion für Pferde⸗ dreſſur dieſer oder jener der Damen den Hof machen und deren häufig ſtark abgeſtumpfter Sinnenreiz hier zuweilen noch belebt wird, wo ſich üppige Schönheiten mit glänzenden Coſtümen, fremdklingender Sprache und das Gefährliche des Meticrs auf ſo reizende Art verbinden. Vielfach aber ſind ihre Bemühungen um die gefeierten Künſtlerinnen vergeblich, denn gewöhnlich hat jeder dieſer Bewunderer einen glücklichen Nebenbuhler bei der Truppe. Hier bei der Demoiſelle Leonie ſchien dies der erſte Clown Mr. Howten zu ſein, der mit einen koloſſalen, hahnenartigen Schritte mitten in den Kreis hineintrat und dann die ganze Geſellſchaft mit einer unnachahmlichen komiſchen Miene ringsum betrachtete, die ſich um ſo drolliger ausnahm, als ſich auf dem völlig weiß gemalten Geſichte nur ein paar kleine, intenſiv rothe Backen zeigten, ſo wie Schönheitspfläſterchen von Schwarz und Gold, während ſein Haar aus einer leuchtend rothen bor⸗ ſtigen Perrücke beſtand. So anzuſehen, war er ein ſcheußlicher Kerl, aber dabei ein großer Künſtler, beſonders im Violinſpiel. „Gehen Sie,“ ſagte Leonie lachend,„Sie ſehen in der That abſcheulich aus, Howten!“ „Ich bin auch gar nicht gekommen, um Sie durch meinen Anblick zu erfreuen, ma plus belle,“ erwiederte der Clown lachend, wobei ſich ſeine komiſch erſtaunte Miene in ein heiteres Lächeln verwandelte,„ſondern ich komme nur, um mich in Ihr Geſpräch mit dieſen Herren einzumiſchen und Ihnen zu ſagen, daß ich mir vorhin ein Vergnügen daraus gemacht, mit meinem Violinbogen ein paar dieſer naſeweiſen Programmzettel ſo wie 126 Neunzehntes Kapitel. auch eine leuchtend rothe Mantille, die auf der Brüſtung coquet⸗ tirte, aufzuſpießen zum unendlichen Vergnügen des Publikums.“ „Und warum thaten Sie das, Howten?“ fragte die Kunſt⸗ reiterin in einem beinahe ärgerlichen Tone.„Mich genirt's heute Abend nicht mehr, oder ſorgen auch Sie für die Ticzka? Ah, wenn ich das wüßte!“ Was geht mich die Tiezka an! Aber ich meine, es wäre 7 3 vor ihrem Auftreten Wichtigthuerei genug, daß der Principal mit vier Stallmeiſtern und allen vorräthigen Eleven die ganze Bahn abſchreitet, nachdem der Sand aufs Neue aufgelockert iſt, um ſich zu überzeugen, daß für die Precioſa ſich Alles in Ord⸗ nung befindet. Ich ärgere mich, daß dann obendrein noch einer der Stallmeiſter die an der Brüſtung Sitzenden höflich erſuchte, doch bei der verzweifelt gefährlichen Nummer der be⸗ rühmten Ungarin alles zu vermeiden, was die Pferde ſcheu machen könnte. Schwindel, wo man die Hand hineinſtreckt!“— Dieſe letzten Worte ſagte er leiſe zu Leonie, während er dicht an ſie herantrat, wobei der Kreis von deren Bewunderern ſcheinbar Partei für die Anmaßung der Ticzka im Allgemeinen zu nehmen ſchien. „Was ſie macht, iſt allerdings außerordentlich unbegreiflich,“ meinte der Dragoner⸗Officier,„aber immer dasſelbe— toujours perdrix— ah, da lob' ich mir doch eine Vielſeitigkeit wie die unſerer angebeteten Leonie!“ „Aber mit Unrecht, Graf Baring. Ich verſichere Ihnen, es iſt eine kluge Idee dieſer überaus klugen Ungarin, die doch gerade ſo thut, als wenn ſie durchaus nichts vom Metier ver⸗ ſtände... 7 Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 127 „Als nur das Eine: ungeheure Gagen einzuziehen,“ unter⸗ brach ſie lachend der Clown. „Sich nur mit einem einzigen Hauptſtücke zu beſchäftigen, eine Specialität zu ſein, durch welche ihr ein glänzender Ruf nach Paris und London nicht ſehlen kann.“ „Aber nun, meine Herren, fuhr ſie mit einem graziöſen Rundcomplimente gegen ihre Verehrer fort, wobei ſie den Knopf ihrer Reitpeitſche zierlich gegen ihre Bruſt legte, ſind Sie für jetzt in Gnaden entlaſſen. Die ſchöne Kolma, die erſte Reiterin dieſes Jahrtauſends, wird ſogleich erſcheinen, und ich möchte Niemanden von Ihnen in Verlegenheit bringen.“ „Grauſam!“ rief ihr Graf Baring nach, und er, welcher der Begünſtigſte von Allen zu ſein ſchien, eilte ihr nach bis zur Thür der Garderobe, wo er denn auch ſo glücklich war, ihr die Hand küſſen zu dürfen, ehe ſie verſchwand. Erich war unterdeſſen von dem ſreundlichen Marechal, der ſich, wie er geſagt, ſtets an einer Artillerie⸗Uniform erfreute, in einen ſchönen Winkel am Eingange geſtellt worden, wo er Alles vortrefflich ſehen konnte, ohne fürchten zu müſſen, entdeckt zu werden. Eigentlich hatte er auch keine beſondere Angſt in dieſer Richtung; der Alte ging niemals in einen Circus, Hauptmann Wetter eben ſo wenig, und ſelten einer der anderen Lehrer. Seine einzige Beſorgnißlwar, von Schmoller verfehlt zu werden, weßhalb er ſich häufig nach der Thür umblickte, wo er herein⸗ gekommen, und jetzt in der Pauſe zwiſchen der erſten und zweiten Abtheilung auch ſo glücklich war, ſeinen Freund, den Bombar⸗ dier, zu entdecken, der den Kopf zur Thür hereinſtreckte und ſich mit einem zweifelhaften Blicke umſchaute. Hier war es nun wieder der Stallbeamte Marechal, welcher auch dieſe zweite 128 Neunzehntes Kapitel. Artillerie⸗Uniform protegirte und dem Bombardier auf ſeine Frage ſagte, wo er den anderen zu finden habe. „Du biſt ein netter Kerl,“ ſagte Schmoller,„läßt mich da durch Wind und Näſſe nach Hauſe patſchen, während du hier hinter den Couliſſen ſtehſt und zuſchauſt!“ „Ich bin eben der Wärme nachgegangen, in Anbetracht der kalten Nacht, die mir bevorſteht.“ „Das iſt eine verfluchte Geſchichte!“ antwortete der Andere, ſehr ernſt werdend.„Denkdir, ich habe deinen Arreſtzettel nicht bekommen, die Bureauthüren feſt verſchloſſen und euer Feldwebel ausgegangen— das iſt eine ſaubere Beſcherung! Ich dachte ſchon daran, ſelbſt einen Zettel zu ſchmieren; aber der Teufel iſt ein Eichhörnchen, er hüpft dir auf die Schulter, wo du ihn am wenigſten erwarteſt, und es könnte leicht geſchehen, daß ſie mich für einen nachgemachten Zettel ſelbſt beim Eſſen behielten, und dafür möchte ich danken. Ich habe für eigene Rechnung genug Striche am ſchwarzen Brette des Brigadeſchreibers.“ „Was iſt aber da zu machen?“ „Ja, wenn ich das wüßte! Nach Hauſe darfſt du nicht, denn auf jeder Stube iſt irgend eine calfakteriſche Seele, die es herumzubringen wüßte.“ „Aber ich kann doch nicht bei der kalten Nacht auf der Straße herumlaufen, bis der Tag kommt, und dann bitten, daß man die Gnade hat, mich einzuſperren!“ „Deßhalb iſt es, wie ich vorhin ſchon ſagte, eine verfluchte Geſchichte und will überlegt ſein, und das wollen wir nachher bei einem Glaſe Wein thun. Erich ſah ſeinen Freund mit einem zweifelhaften Blicke an. „Nun ja, ich bin ein Freund, wie es wenige gibt; nicht J 2 er h Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 129 nur, daß ich aus allen Taſchen und Winkeln meine letzten Kreuzer zuſammengeſcharrt ha be, um dich nicht Hungers ſterben zu laſſen, nein, ich muß auch noch ein allerliebſtes Rendezvous im Stiche laſſen, um in deiner amuſanten Geſellſchaft zu bleiben. Hoffe aber auf Wiedervergeltung.“ „Gewiß,“ verſetzte Erich lachend,„und dieſelbe fängt jetzt ſchon an, denn du mußt geſtehen, daß ich dir durch meine Bekannt ſchaften hier im Circus einen vortrefflichen Platz verſchafft habe. Da vor uns,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„ſehe ich Leute ebenfalls ſtehen, die gewiß einen Thaler für ihr Billet bezahlt haben, und ſo viel, vermuthe ich, gedenkſt du nicht für mein Nachteſſen aufzuwenden.“ „Ich wiederhole, du biſt ein verfluchter Kerl und dabei ein Heuchler! Sage mir, wie kommſt du zu Circus⸗Bekannt⸗ ſchaften?“ „Pah, wie man zu ſo was kommt! Dort kommt mein Pro⸗ tector, derſelbe, der dich hereingelaſſen.“ In der That trat Marechal zu den Beiden und ſagte wohlwollend:„Da bleiben Sie nur ſtehen, drücken Sie ſich nur ein Bißchen auf die Seite, wenn beim Beginne der zweiten Abtheilung die wilde Ticzka durchpaſſirt. Haben Sie Angſt vor Pferden?, „Ah, bitte recht ſehr, wir ſind von der Artillerie!“ „Aber wer iſt die wilde Ticzka?“ „Sie haben das noch nicht geſehen,“ fragte Marechal ver⸗ wundert,„auch nicht den Zettel geleſen?“ „Ja,“ ſagte Erich,„darin ſteht aber nichts, als einfach der Name Kolma Ticzka.“ „Und das iſt beim Henker genug, der Name allein! Schauen Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 9 130 Neunzehntes Kapitel. Sie, das Haus iſt zum Brechen voll, anderthalbmal ausverkauft; da oben drängen ſie ſich zuſammen wie die Häringe in der Tonne, und das alles nur, weil heute die Ticzka reitet.“ „Macht ſie auch ſolche Sachen wie vorhin die ſchöne ſchwarze Dame, welche in der Carrière die Schnupftücher mit den Zähnen vom Boden aufhob?“ „Ah, die Maritana iſt nichts dagegen! Allerdings etwas Bravour, doch wenig Grazie!“ „Und was thut denn die Tiezka, von der ich allerdings ſchon gehört?“ ſetzte der Bombardier Schmoller renommirend hinzu. „Laſſen Sie ſich überraſchen und gebrauchen Sie Ihre Fäuſte zum Applaudiren, die verdient's— ob!“ ſetzte er hinzu, indem er kopfaufwerfend davonging. Nun ſah man aber auch dem großen, dichtgefüllten Hauſe an, daß ſich etwas ganz Außerordentliches vorbereitete. Man rückte auf den Plätzen hin und her und man bog ſich vorn über, man ſuchte ſich Platz zu machen, wie man konnte, man putzte Gläſer und Lorgnette, Tauſende von Blicken richteten ſich nach dem Eingange, der zu der oben erwähnten Vorhalle führte, während Wenige ſich um den Principal der Kunſtreiter bekümmerten, der, im einfachen, eleganten Anzuge, gefolgt von einem großen Schweife von Stallmeiſtern und Eleven, ſorg⸗ fältig prüfend, wie es ſchien, den Boden der Mansge betrachtete und mitten in der Bahn ſtehen blieb, um auf ein gegebenes Zeichen mit der Hand ſein ſämmtliches Gefolge bis auf vier der Beſten zu entlaſſen, die ſpäter in den gewiſſen kleinen Kreiſen hinter ihm dahingehen mußten, während er ſelbſt die Leitpeitſche führte— natürlich achſelzuckend. he Nun fing die „ 5 Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 131 r Weiſe für die Ticzka, dachten die Colleginnen weite Abtheilung an, und zwar durch das volle Orcheſter, mit einem rauſchenden Cſardas. D ie Gaſſe, in der unſere Freunde ſtanden, war durch Herren und Damen von der Truppe, durch Officiere und täg— licher Beſucher vom Civil ſo beſetzt, daß nur eben Platz blieb für den Viererzug prachtvoller ungariſcher Pferde, die jetzt hier erſchienen in kurzem, anmuthigen Galopp, gelenkt von einer jungen Dame, . die eben ſo gleichgültig wie anmuthig auf dem Sattelpferde ſtand, hoch aufgerichtet, die lange Peitſche in der d 7 8+ Rechten, während ſie mit der Linken die ſtrammen Zügel hielt, um die unruhig mit den Köpfen ſchüttelnden Vorläufer bis zum Eintritte in den hell erleuchteten Kreis zurückzuhalten. Da ſcholl ihr tauſendſtimmiger Jubelruf und ein betäu⸗ bendes Händeklatſchen entgegen:„Ah, die T iczka! Brava, Brava! Hoch die Ticzka! Brava, Brava!“ Und dazwiſchen erklang hier und da ein begeiſtertes Eljen. Es war aber auch der Mühe werth, die Reiterin einſpren⸗ gen zu ſehen. TD ie Zügel nachlaſſend, ſauſte il hre Peitſche über die Köpfe der Vorläufer dahin, die, mit einer Langçade anſetzend, um mit fliegender Mähne in einer ſo tollen Carriére, wie auch bei den großen Bravourſtücken hier und da am Schluſſe vor⸗ kommt, fünf bis ſechs auf einen Zungenſchlag ihrer Lenkerin plötzlich ma ſtanden, der Ticzka keine a l 1 den Kreis zu neh men und dann, parirend, da⸗ dere Bewegung verurſachend, als die eines anmuthigen Grußes rings umher, eines Dankes ſür den freundlichen Empfang. nete Pauſe, in der hier bei der gefeierten Künſtlerin der Prin⸗ Dann kam die gewöhnlich wohlberech— 132 Neunzehntes Kapitel. cipal ſelbſt an das Sattelpferd trat, während ſich der Stall⸗ meiſter mit den übrigen beſchäftigten, um noch einen letzten Blick nach den Geſchirren, beſonders den Kreuzzügeln, zu wer⸗ fen. Während deſſen ſtand ſie hochaufgerichtet da, wie um ihren Verehrern für ein paar Augenblicke das ruhige Betrachten ihrer Schönheit zu geſtatten. Und ſchön war dieſes Mädchen, das mußte ſelbſt der Neid, oder die Colleginnen, was eigentlich gleichbedeutend iſt, zugeſtehen. Schön von Geſicht, reizend und elegant von Geſtalt, hier waren die ſchlankſten, kraftvollſten Körperformen von einer bewundernswürdigen Harmonie, fein, ohne mager zu ſein, und dabei doch von einer entzückenden, aber vollkommenen jungfräulichen Fülle. Das waren Glieder wie von Stahl, und daß dieſelben von eiſernem Willen be⸗ wegt wurden, ſah man an ihren ſchönen, energiſchen Geſichts⸗ zügen, an ihren faſt trotzig aufgeworfenen ſtarken Lippen, an dem Blicke ihrer dunkeln Augen, deren wilder, melancholi— ſcher Ausdruck gemildert wurde durch eine eigenthümliche Stel⸗ lung derſelben, zuweilen einem Verſchwimmen der Blicke ähnlich, die ihnen etwas ungemein Pikantes gaben. Ihr Anzug war der einfachſte, den man ſich denken konnte, und imponirte aber gerade durch dieſe Einfachheit. Es war das Tſchikos⸗Coſtume, für eine Dame arrangirt, weiß mit ein⸗ fachen, rothen Stickereien, und ſtatt von Leinwand, vom feinſten Wollenſtoffe; auf dem Kopfe hatte ſie den einfach aufgekrämpten ungariſchen Hut mit einer Adlerfeder, in dem ledernen Gürtel, ein ſchön gearbeitetes Fogoſch, an den zierlichen Füßchen ziem⸗ lich lang heraufreichende Cismen. Sie hatte ſich jetzt auf den Sattel niedergelaſſen, und nachdem ſie die Zügel ihrer Vor⸗ läufer am Sattelknopfe des Handpferdes feſtgebunden, ſaß ſie Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 133 da mit zuſammengelegten Händen, den Kopf herabgebeugt, wäh⸗ rend ſich die vier Pferde auf einen leichten Zungenſchlag in einen kurzen, anmuthigen Galopp geſetzt hatten. Es war das Bild einer durch die ungeheure Ebene des Banats nach Hauſe heimkehrenden Reiterin. Sie träumt von der fernen Heimath, deren mit Stroh bedeckte flache Häuſer ſo wie das Wahrzeichen der Puſzta, der hoch emporragende Ziehbrunnen, in kurzer Zeit vor ihrem Horizonte auftauchen mußte. Zuwei⸗ len belebte ſich ihr melancholiſches Auge, dann beſchattete ſie es mit der Hand, um weit, weit vor ſich hinaus oder rings um ſich her zu ſpähen. Und dazu ging die Muſik in einer jener eigenthümlich ein⸗ ſchläfernden Weiſen, die nur zuweilen wie durch einen leuchten⸗ den Blitz unterbrochen werden von dem plötzlichen Auftauchen der erſten Violine, aber eben ſo raſch und in Molltönen wieder erſterbend. Jetzt aber ſcheint die Ungarin etwas um ſich her zu ver⸗ nehmen, was ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt. Ihre zuſammengeſunkene Geſtalt richtet ſich hoch im Sattel auf, ihr Auge belebt ſich, ſie ſpäht aufmerkſam rings um ſich her— glaubt ſie doch Hufſchlag hinter und neben ſich zu vernehmen! Raſch beugt ſie ſich von dem Sattel nieder, daß ihr Haupt faſt den Sand des Bodens berührt, um zu lauſchen, und dann gewinnen ihre Züge wieder jenen energiſchen Ausdruck, mit dem wir ſie vorhin einreiten ſahen. Auch der Gang der Pferde animirt ſich, ohne weiteren Zungenſchlag, ohne weitere Hülfe der Peitſche. Die Vorläufer werfen ihre Köpfe in die Höhe, und greifen raſcher aus, ihnen folgen die beiden anderen, und nun fliegt ſchon auch die Ticzka raſch wie ein Blitz in die 134 Neunzehntes Kapitel. Höhe, und ſteht mit einer Sicherheit, im Fluge die Zügel ihrer Vorläufer ergreifend, auf dem Rücken ihres Pferdes, daß ein lauter Ausruf des Erſtaunens rings umher erſchallt. Schon haben wir auch die Urſache ihrer Aufmerkſamkeit erfahren: es i*ſt ein wildes Pferd der Puſzta, das nun über die Barrière in den Circus ſetzt, gegen die vier der Reiterin hingaloppirt, um gleich darauf vor denſelben in den tollſten Sprüngen zu entfliehen. Ah, nun beginnt die wilde Jagd der Ticzka! Sie drückt ihr kleines Hütchen in die Stirn, ſie läßt einen kurzen, ſcharfen Ruf erſchallen, und dahin fliegen ihre vier Renner zur Verfolgung, daß der Sand emporwirbelt, und dabei ſteht ſie mit einer Sicherheit da, ſich bald rechts, bald links wendend, vornüber und rückwärts beugend, und dabei ſo elegant und graziös, daß es nicht Wunder nehmen kann, wie zuweilen kur⸗ zer, aber rauſchender Beifallsſturm die Luft zerreißt. Bei ihr iſt die höchſte Natürlichkeit und die höchſte Kunſt vereinigt; zu⸗ weilen treibt ſie ihre beiden Hauptpferde dicht zuſammen; um auf beiden zugleich zu ſtehen, zuweilen bückt ſie ſich tief herab, irgend etwas an ihrem Sattelzeuge zu ordnen, zuweilen wirft ſie plötzlich ihren Vorläufer herum, den Kreis durchſchneidend, um dem flüchtigen Pferde vor ihr den Weg zu verlegen— aber umſonſt. Es iſt das ein überraſchend tolles Dahinjagen, zuweilen ein regelloſer Knäuel der Pferde, ein beſtändiges Chan⸗ giren derſelben, ſo daß man in jedem Augenblicke fürchten muß, die wilde Reiterin herabfliegen zu ſehen. Aber unbeſorgt! Sie ſteht da oben feſt und ſicher, mit einem zuverſichtlichen Lächeln, aber kopfſchüttelnd mit einem bitteren Lächeln, da es ihr noch nicht gelungen iſt, den Flüchtling einzufangen. Jetzt läßt ſie ſich auf ein Knie nieder, befeſtigt abermals die Zügel ihrer Vor⸗ Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 135 läufer wie des Handpferdes und löst vom Sattelknopfe des letzteren einen zuſammengerollten Laſſo, mit dem ſie jetzt wieder emporſpringt, ihn hoch in der rechten Hand haltend, während ihre linke das Ende deſſelben gefaßt hat, frei ſtehend“ ohne Zügel auf den dahinſauſenden Pferden. Rings umher ſcheint von den Tauſenden Niemand zu wa⸗ gen auch nur den geringſten Laut von ſich zu geben, tiefe Stille liegt auf dem Hauſe, denn man weiß, was nun kommt, die Ticzka hat das ſchon öfter gemacht; aber der Sachverſtändige weiß auch, daß es nur des geringſten Verſehens bedarf, nur eines falſchen Trittes der Pferde, nur einer zu frühen oder zu ſpäten Gegenwirkung des Gewichtes ihres eigenen Körpers, um ſie rettungslos zwiſchen die Pferde hinabzureißen. Alle Herzen ſchlagen in höchſter Aufregung, nur das ihrige ſcheint ſo ruhig wie möglich, denn auch nicht das geringſte Zucken ihres Köpers oder ihres ſchönen Geſichtes zeigt eine andere Aufregung als die Begierde, den Flüchtling vor ihr zu erreichen. Nun fliegt der Laſſo— die Schlinge ſitzt um den Hals des ſeitwärts galoppirenden Pferdes, alle Muskeln der Rei⸗ terin ſpannen ſich an, ihr Auge flammt, ſie wirft ſich rückwärts, daß man glaubt, ſie müſſe auf die Croupe ihres Pferdes ſtür⸗ zen, um im nächſten Augenblicke, unter einem raſenden Beifalls⸗ ſturme des ganzen Hauſes, wieder aufrecht, lächelnd da zu ſtehen, den gefangenen Flüchtling langſam zu ſich heranziehend. Ob das ein Applaudiren war, ein wildes Bravo⸗ und Eljen⸗Schreien aus Hunderten und Hunderten von Kehlen! Ob das wohl ein Blumenregen genannt werden konnte, dieſe un⸗ zählige Menge von großen und kleinen Bouquets, die von allen Seiten in den Circus flogen und für welche Spende ſich die 136 Neunzehntes Kapitel. Ticzka, nun wieder quer auf einem ihrer Pferde ſitzend und langſam herumreitend, mit anmuthigem Neigen des Kopfes be⸗ dankte!— Eljen, Eljen!— Ob wohl irgend Jemand da war, der dem ſchönen, wilden Mädchen nicht mit unverkennbarem Intereſſe in die dunkeln, leuchtenden Augen blickte? Und Erich? Er ſtand in der Menge verborgen, aber nicht minder aufmerkſam wie alle Anderen; doch war es anfänglich nur ein allgemeines Intereſſe geweſen, mit dem er der ſchönen Reiterin zugeſchaut, bis er, als ſie zum erſten Male langſam im Kreiſe herumritt, und als es ihm ſo möglich geworden, ihr Geſicht zu ſehen, ſie erkannt und gewaltſam an ſich halten mußte, um einen lauten Aufſchrei zu unterdrücken. Ja, ſie war es— es war die Esmeralda, es war die ſchöne Zigeu⸗ nerin, die er damals nach jenem Manöver heimwärts geleitet, die ſich an ſeine Seite geſchmiegt, die er ſpäter im Schloſſe des Grafen Seefeld geſehen— die Esmeralda, welche damals Schuld an ſeiner Befreiung war! Ja, ſie war es, oder es mußte eine Aehnlichkeit geben, die ihm aber unmöglich erſchien; doch hatte er nicht Zeit, dieſen Gedanken nachzuhangen, die Gegenwart wirkte zu heftig auf ihn ein, denn da in der Manége hatte daſſelbe Spiel wieder begonnen; ein zweites zügel⸗ und ſattelloſes Pferd, ein drittes und viertes ſetzte über die Barridère in den Circus, wurden von der Ticzka unter verſchiedenen pikanten Abänderungen ihres Spieles eingefangen und ihrem Vierzuge angekoppelt, worauf dann der Schluß ihrer Vorſtellung in einer letzten, tollen Car⸗ riére ſämmtlicher Pferde beſtand, während welcher die Zu⸗ ſchauer in der Stallgaſſe erſucht wurden, dieſe ſchleunigſt zu räumen. D di D Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 137 er h. Auguſtin. 3 Kaum war dies geſchehen, kaum waren Erich und ſein Freund mit Anderen in die Vorhalle zurückgewichen, als auch ſchon die wilde Reiterin, mit ihren ſämmtlichen Pferden über die Ausgangs⸗Barridre ſetzend, hinter ihnen dreinraſte, die Ticzka hoch und ſicher daſtehend, ohne ſich zu regen, ohne zu wanken. Daß ein tauſendſtimmiges Bravo und nicht enden wollendes Händeklatſchen ſie zurückrief, verſteht ſich von ſelbſt; doch er⸗ ſchien ſie, nach Damenart ſitzend, auf einem der ungeſattelten Pferde, welches nun, raſch mit einer Trenſe verſehen, abermals ſowohl beim Ein- als beim Ausreiten mit einer bewunderns⸗ würdigen Sicherheit und Grazie die Barrière nahm, während die ſchöne Reiterin durch anmuthige Handbewegungen ihren Dank ausdrückte. Die Zuſchauer im Circus ſetzten ihren raſenden Beifalls⸗ ſturm wohl noch ein paar Minuten lang vergeblich fort, und erſt als ſie ſahen, daß die Ticzka nicht wiederkam— denn ſie pflegte ſich nie mehr als einmal nach jeder Production zu zei⸗ gen—, beruhigten ſie ſich allmählich, aber immer noch unter ſporadiſch wieder ausbrechendem Tumulte. Sie ließ ſich jetzt in der Halle langſam von ihrem Pferde herabgleiten und mußte hier, wohl oder übel, ſtillhalten, um ſich für ein paar Augenblicke die begeiſterten Exclamationen der jüngeren und älteren Herren gefallen zu laſſen, welche vorhin den Anbeterkreis der Demoiſelle Leonie gebildet hatten. Wie ſehr dies aber die Ticzka langweilte, ſah man wohl an ihren Mienen ſowie an der angelegentlichen Art, mit der ſie dem edelſten Pferde aus ihrem Viererzuge, das, welches ſie hauptſäch⸗ lich getragen, ſchmeichelte, es auf den ſchlanken Hals klopfte und ihm mit einem leichten ironiſchen Lächeln erlaubte, den —— ———ꝛ—ꝛ—ꝛx—x—————— —, y— ——— — 138 Neunzehntes Kapitel. Kreis ihrer Bewunderer zu vermehren. Mit Einem Male ver⸗ ſchärfte ſich ihr hier ſo gleichgültiger Blick zur Aufmerkſamkeit ja, zum unverkennbaren Intereſſe. Sie warf den Zügel ihres Pferdes einem Reitknechte zu, ſie durchdrang den dichten Kreis, der ſich um ſie gebildet hatte, um einen ſcheinbar ganz unbe— deutenden Menſchen in der Uniform eines Gemeinen von der Artillerie, welcher allerdings ſehr anhaltend herübergeblickt, ihre Hand auf die Schulter zu legen, ihm forſchend ins Auge zu blicken und alsdann laut und freudig auszurufen:„Ja, Sie ſind es! Ah, wie mich das freut!“ Erſtaunt blickten ihr Alle nach, und es war ein faſt mißbil⸗ ligendes Gemurmel über dieſen eigenthümlichen Vorfall.„Was hat die Ticzka nur ſchon wieder?“ fragte Einer den Anderen. „Wieder eine ihrer ſonderbaren Launen, vielleicht eine Bekannt⸗ ſchaft von früher her.... Pah, ein Menſch, der faſt jünger iſt! Auch darin iſt ſie extravagant, dieſe merkwürdige Perſon! Ja wenn ſie nur nicht eine ſo wunderbare Reiterin wäre und da⸗ bei von einer ſo pikanten Schönheit...Ah— a-a-—ah!“ Die Ticzka bekümmerte ſich um all dieſes Gerede auch nicht im mindeſten. Erich, eben ſo entzückt wie alle Anderen von dieſer wunderbaren Künſtlerin, hatte natürlicherweiſe durch⸗ aus keine Luſt und Urſache, ſich ſelbſt zu verläugnen, ja, er freute ſich über dieſes Wiederſehen, welches ihm eine ſo inter⸗ eſſante Epiſode ſeines Lebens ins Gedächtniß zurückrief, und als ihn die Ticzka, ohne ſich um alle anderen zu bekümmern, aufforderte, ihr in die kleine Garderobe zu folgen, zögerte er keinen Augenblick, nachdem er Herrn Schmoller gebeten, nur ein paar Minuten hier auf ihn zu warten. Der h. Auguſtin. Die ſchöne Kolma. Bombardier Schmoller. 139 Von dem Bombardier, der über dieſe Begegnung gewiß nicht weniger erſtaunt war als alle Uebrigen, finden wir es begreiflich, daß er, den Beiden mit der höchſten Verwunderung nachblickend, achſelzuckend ſagte:„Da bewährt ſich doch einmal das alte Sprichwort von den ſtillen Waſſern, und wenn dieſer Erich Freiberg nicht ein ausgemachter Duckmäuſer und Heuch⸗ ler iſt, ſo will ich ein Ochſe ſein— ich, der hübſche und inter⸗ eſſante Schmoller, nach dem ſchon ſo viel anerkennenswerthe Mädchen geſchmachtet, wenngleich keine Kunſtreiteringen!“ Zwanzigſtes Kapitel. Während der Bombardier Schmoller ſeinen geſellſchaftlichen Ver— pflichtungen nachkommt, beſucht Erich die ſchöne Kolma; doch iſt dies ein Kapitel, welches ſich ſchlimmer anſieht, als es in der That iſt. „Das macht die wilde, zigeunerhafte Vergangenheit dieſer Premier⸗Lieutenant Graf Barring achſel⸗ — Dame,“ ſagte der zuckend zu dem Huſaren⸗Officier, während beide thaten, als 5 habe ſie nur das wirklich ſchöne Pferd veranlaßt, hier einen Augenblick ſtehen zu bleiben. „Iſt aber bei alledem ſehr rückſichtslos,“ meinte der junge blaſſe Mann mit dem gelinden Zungenanſtoße im Sprechen, wobei er vermittels einer prächtigen Grimaſſe das Stück Glas aus ſeinen Augenwinkeln herausfallen ließ;„die da ſollte ſich e unſeres Schlages ihr ein Wort der Anerkennung zollen! Werde aber nicht er⸗ Bekannte darüber zu ſchrei⸗ wenn ſie in der Re⸗ eine Ehre daraus machen, wenn Leut mangeln, nach Hauſe an ein paar ben, ſollen ſich allen Enthuſiasmus erſparen, ſidenz auftritt— iſt ohnedies Alles nur hölliſch Blendwerk mit ihrer Kunſt!“. zer⸗ Erich beſucht Kolma. 141 „Das kann man anſehen, wie man will, aber die in der Reſidenz werden toller mit ihr ſein, als wir hier, darauf können Sie ſich verlaſſen, mein lieber Regierungs⸗Aſſeſſor. Weiß ich doch ganz genau, daß ihr Renz für dieſen Herbſt ſchon fabelhafte Summen bot und daß er bei ihrem Auftreten dreifache Preiſe anſetzen darf!“ „'s iſt allerdings viel Schwindel dabei, aber ein nerven⸗ aufregender Schwindel. Man muß doch, um einen Gaul mit dem Laſſo zu fangen, gehörig im Sattel ſitzen bleiben können und mit feſt angelegten Schenkeln und Waden, während die da oben ſteht mit ihren feinen, ſpannenlangen Füßchen und ſo thut, als führe ſie ein Lamm an einem ſeidenen Bande. „Man muß aber auch nicht die Dreſſur der Pferde ver geſſen, welche eingefangen worden,“ meinte der Regierungs⸗ Aſſeſſor. „Hat ſich was von Dreſſur, wenn die Beſtien ohne Sattel und Zeug in den Circus gejagt werden, und die Schlinge um den Hals wird ihnen auch nicht beſonders ſchme⸗ cken. Beim zweiten Pferde ſah ich deutlich, wie es einen Riß that, der einen ordentlichen Reiter bügellos gemacht hätte, und da ließ ſie einfach ihren Laſſo durch die Hände gleiten, um ihn darauf anzuziehen mit einem zweiten Rucke, für den ich meine Kehle nicht hergeliehen hätte. Nein, es iſt ſchon eine fabelhafte Gewandtheit.“ „Und ein Körper wie aus Stahlfedern zuſammengeſetzt,“ ſagte der Huſar. „Und ein ſo ſchöner Körper!“ ſeufzte der Regierungs⸗ Aſſeſſor. „Ihr Vetter Seefeld iſt wahrlich zu beneiden!“ ——.— —— ——-——— 142 Zwanzigſtes Kapitel. „Ich glaube kaum, daß er zu beneiden iſt,“ verſetzte Graf Barring achſelzuckend,„denn ſo viel ich erfahren, kam er noch nicht beſonders weit mit ihr— was ich auch in der That begreiflich finde; Seefeld iſt gerade keine Adonis, und aus Gold macht ſie ſich gar nichts.“ „Aber Sie wiſſen doch ſo gut wie ich,“ lächelte der Re⸗ gierungs⸗Aſſeſſor,„daß ſie ſchon vor geraumer Zeit mit ihm liirt war, als die Ticzka noch mit einer obſcuren Bande herumzog. Sie ſahen ſie ja ſelbſt damals bei dem Manöver.“ „Ganz richtig, und auch auf dem Schloſſe meines Vetters,“ erwiederte Graf Barring. „Nun, und da ſoll er ſie genau genug kennen gelernt haben.“ „Allerdings ließ Dagobert darüber einige Aeußerungen fallen, doch wir kennen uns; ich weiß ziemlich genau, was er an jenem Abend getrieben, natürlich nur ſo viel mit Sicher⸗ heit, daß er von einer gewiſſen Expedition nicht mit dem Aus⸗ ſehen eines Siegers zurückkam. Und noch in derſelben Nacht brach die Truppe auf, bei der ſich die ſchöne Kolma damals befand, mit Ausnahme einer kranken Frau und eines kleinen ſchwächlichen Mädchens, die, glaube ich, noch ein paar Tage auf der Waldburg blieben.“ „Ich hoffte, deinen Vetter hier zu finden,“ ſagte der Huſaren⸗-Officier. „Auch ich wundere mich, daß er noch nicht da iſt. Er hat auf der Waldburg wie jeden Herbſt die großen Jagden abgehalten, und ſein Weg zur Reſidenz führt ihn ohne Um⸗ weg über hier; auch den würde er nicht ſcheuen, da er weiß, daß die Ticzka hier iſt. Es muß ihn ſonſt was zurück⸗ Erich beſucht K olma. 143 gehalten haben, denn er hätte wahrſcheinlich keine Vorſtellung verſäumt.“ „Richtig, und ſo oft ich einen Poſtvierſpänner heranraſſeln 15 höre, was die Pferde laufen können, meine ich immer, er müßte drin ſitzen. Es wäre doch ein verfluchter S aß, wenn er gerade heute Abend hier geweſen wäre, um zu ſehen, wie angelegentlich ſich die ſpröde Ticzka in militäriſche Angelegenheiten einläßt!“ „Im Grunde halte ich die Geſchichte nicht wichtig genug, um die Hand darüber umzudrehen; ſieht mir doch die Ticzka nicht aus, als wenn ſie mit ſo ſagte der Regierungs⸗Aſſeſſor. etwas anbandeln könnte!“ „Aber eine frühere Anbandelei fortſetzen!“ „Für eine frühere Geſchichte ſah der Burſche verflucht 1[74 jung aus! „Pah, die Weiber haben ſeltſame Launen, beſonders die Künſtlerinnen!“ meinte der Huſar. Vogel ſein?“ „Den F können wir d „Wer mag dieſer glückliche edern nach ein Gemeiner von der Artillerie; doch as genau erfahren, wenn es uns intereſſirt. Da ſteht ein Anderer von derſelben Farbe. He, Bombardier,“ rief ihn der Dragoner⸗Officier an,„bitte, blick daher!“ p kommen Sie einen Augen⸗ Herr Schmoller näherte ſich eiligſt, worauf der Andere 5 g fortfuhr: „Wer iſt hier der Andere von der Artillerie?“ Nun wußte aber der Gefragte nicht, ob es bei den ob⸗ waltenden mißlichen Verhältniſſen kluger Weiſe geſchehen konnte, Erich's Namen anzugeben, weßhalb er ſich eines Beſſeren be⸗ 2 [——— 4ꝛͤ— ————————— — 144 Zwanzigſtes Kapitel. ſann und den erſten beſten Namen nannte, der ihm gerade einfiel:„Kanonier Flattich vom Brigade⸗Bureau.“ „Flattich, Flattich,“ wiederholte der Regierungs⸗Aſſeſſor in geringſchätzendem Tone, während er ſein Glas etwas feſter ein⸗ klemmte, um den Bombardier zu betrachten—„ein eigen⸗ thümlicher Name, der ſo gar nichts verſpricht und gar nichts bedeutet. Nun, mir kann's gleichgültig ſein.“ „Mir auch,“ bemerkte der Dragoner-Officier;„es iſt höchſtens eine Handhabe, um dieſen theuren Dagobert vor⸗ kommenden Falles ein- wenig zu ſchrauben. Kommt, ſehen wir den Schluß der Vorſtellung, Cavallerie⸗Manöver von zehn ſehr hübſchen Mädchen, die Kerls nicht gerechnet, angeführt von der ſchönen Leonie!“ „Das iſt doch noch eine Perſon, die zu leben verſteht und ſich und ihre Bekanntſchaften achtet!“ Damit gingen ſie zuſammen durch die Stallgaſſe nach dem Circus, worauf, weil ſich alles, was hier unbeſchäftig war, ebenfalls am Eingange zuſammengedrängt hatte, die Vorhalle ziemlich leer verblieb. Nur Marechal befand ſich mit ein paar Stallknechten in den Ständen und ließ die ungeduldigen Pferde der Ticzka tüchtig abreiben, ehe ſie, in ihre wollenen Decken eingehüllt, nach dem Stalle abgeführt wurden. Jetzt trat der Alte an den Bombardier heran und ſagte, auf die Garderobe der Ungarin deutend, deren Thür indeſſen nicht feſt verſchloſſen war, ſondern eine Spalte von etwa einem halben Fuß Weite zeigte:„Ich habe es doch geſcheit gemacht, den jungen Herrn da in die Halle einzulaſſen. Scheint mir ein Bekannter der Demoiſelle Ticzka?“ bla Erich beſucht Kolma. 145 „Ich glaube ſo, ein ſehr genauer Bekannter!“ „Freut mich in der That, hat ein offenes, ehrliches, an— genehmes Geſicht und wäre mir ſchon lieber als die ganze Bande mit einander. Ich verſichere Ihnen, wenn man dieſes Scherwenzeln und Schönthun ſo jeden Abend mit anſehen und das Sporengeklirr und Säbelgeraſſel und die abgedroſchenen Redensarten hören muß: ſuperbe, auf Ehre, magnifique, wun⸗ derbar, unvergleichlich!— da kriegt man es ſchon ſatt bis hieher, und möchte ihnen gern einmal ſagen, daß ſie doch Alle tauſendfältig zum Narren gehalten werden. Nun, was die Ticzka anlangt, ſo bin ich überzeugt, daß Keiner Urſache hat, ſich beſondere Illuſionen zu machen, am allerwenigſten der, von dem vorhin die Rede war, dieſer Graf Seefeld mit ſeinem häßlichen, unangenehmen Geſichte.“ Die letzten Worte ſprach der Alte mehr zu ſich ſelber, während er wieder zu den Pferden hinging. Vielleicht hatte er auch geſehen, daß ſich die gewiſſe Garderobenthür nun ganz geöffnet hatte, der junge Artilleriſt heraustrat, um zu ſeinem Freunde zu eilen, der, mit geſpreizten Beinen daſtehend, ſeinen Säbel an dem weißen Bandelier zwiſchen die Knie genommen hatte, beide Hände darauf ſtützte und nun kopfnickend ſagte: „Du biſt in der That ein netter Kerl, das muß dir ſelbſt der Neid laſſen! Machſt im flotten Leben und in aller Unſchuld die rieſenhafteſten Fortſchritte— ja, in aller Unſchuld, wieder⸗ hole ich, denn ich halte dich bei alledem nicht für duckmäu⸗ ſeriſch genug, daß du mit Abſicht hieher gingſt, um zu finden, was du gefunden— oder war vielleicht Alles abgekartet und haſt mir am Ende gar deinen eigenen Arreſtzettel geſtohlen? Iſt dies aber in der That der Fall, ſo gib ihn ſchleunigſt Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 10 146 Zwanzigſtes Kapitel. wieder, denn es iſt nothwendig, dich ſo bald als möglich hinter Schloß und Riegel zu bringen, junger Don Juan!“ „Laß es gut ſein, Schmoller,“ erwiederte Erich begütigend, „und wenn es dir recht iſt, ſo gehen wir.“ „Und wohin, wenn ich fragen darf? Du haſt mich da in eine ſchöne Brühe hineingebracht!“ „Ver der Hand in den ſtüillen Winkel irgend eines heim⸗ lichen Wirthshauſes. Da will ich dir auch erzählen, was ich dir über die Geſchichte von vorhin ſagen kann.“ „Wahrſcheinlich Dichtung und Wahrheit— o, du biſt in der That ein abgeſchlagener junger Menſch! Doch was will ich Aermſter machen— komm nur, damit es kein größeres Aufſehen gibt und wir nicht neben der Cavallerie auch noch Artillerie auf den Hals kriegen. Ich habe dich hier eben ſchön herauslügen müſſen und dich für einen ſicheren Flattich aus⸗ gegeben, was übrigens dieſem verliebten Zuckerwaſſer nicht ſchaden kann. Aber komm jetzt.“ Ein heimliches Wirthshaus war in kurzer Zeit in der Nähe gefunden und dort auch ein heimlicher Winkel, wie ihn ſich die Beiden nur wünſchen konnten, in einer Ecke am Fenſter, an einem Tiſchchen zu Zweien, wo ſie obendrein noch durch eine dicht belaubte Epheuwand von den übrigen Gäſten abge⸗ ſondert ſaßen. Schmoller ſpeiſte mit großem Appetit ſeinen Sauerbraten und ſeine Kartoffeln, während Erich ſo wenig Hunger hatte, daß er ſich nur eine halbe Portion geben ließ und auch dieſe kaum berührte. Mit dem Getränke war es eben ſo, und Schmoller meinte achſelzuckend, wenn es das ſchlechte Gewiſſen Erich's ſei, was ihm ſeinen ſonſt ſo guten Appetit geraubt, ſo p Erich beſucht Kolma. 147 habe er nichts dagegen einzuwenden. Denn ich verſichere dir, Junge, ſprach er nach dem dritten Seidel Bier, ich fürchte in der That, wir haben uns da eine wunderbare Suppe eingebrockt! Sage mir nur um Himmels willen, was ich heute Nacht mit dir anfangen ſoll?“ 4 „Nun, das iſt doch ſehr einfach,“ verſetzte Erich,„allerdings nach einer Pauſe, welche länger war, als zu einer einfachen Sache nöthig ſchien; ich gehe mit auf dein Zimmer, du gibſt mir ein Drittel von deinem Bette, die Hälfte will ich nicht einmal in Anſpruch nehmen, und morgen früh ſuchſt du den verfluchten Zettel und bringſt mich in Arreſt, wobei ich nun allerdings eine Nacht profitirt habe, denn du wirſt es veran⸗ laſſen können, daß ich dem Zettel nach zu meiner richtigen Zeit wieder abgeholt werde.“ „Du weißt, ich bin aufopfernd bis zum Exceß für meine Freunde,“ erwiederte Schmoller kopfſchüttelnd, doch kann ich dich wahrhaſtig nicht mit auf unſere Stube nehmen! Du weißt wohl, bei mir wohnt der Block, der Schmitz und der Flattich, und wenn die beiden Erſtgenannten auch feſt zu ſchlafen pflegen, ſo iſt dagegen der verliebte Flattich ein Nachtwandler und ein Mondkalb und kann auch ſein Maul nicht halten. Dann habe ich aber auch noch einen anderen Grund, der es mir unmöglich macht, deinen Wunſch zu erfüllen, nämlich den, daß ich ſelbſt vor der Hand nicht nach Hauſe gehe. Du wirſt einſehen, junger Menſch, daß man geſellſchaftliche Verpflichtungen hat, die allerdings aufgeſchoben, aber nicht aufgehoben werden können. Verſtehſt du mich?“ „Ich glaube dich ſo genau zu verſtehen,“ erwiederte Erich mit großer Entſchiedenheit,„daß alſo weiter keine Rede davon 148 Zwanzigſtes Kapitel. iſt. Abgemacht— und ich habe meinen Entſchluß gefaßt. Ich gehe auf die Caſernenwache, der Bombardier Hellwig iſt dort, ein guter Kerl und braver Kamerad, mit dem ich ohne Gefahr eine Nacht verplaudern kann.“ „Das iſt eine geſunde Idee, und wenn es dir recht iſt,“ ſagte der Bombardier Schmoller,„ſo brechen wir jetzt auf; es i*ſt gleich zehn Uhr, und man darf weder die Arbeit, noch das Vergnügen übertreiben.“ An der Straßenecke trennten ſie ſich, und nachdem Jeder vielleicht hundert Schritte gemacht, blieben beide noch einen Augenblick ſtehen, um zu horchen, ob ſich die Schritte des Anderen in der Ferne verlören oder ob vielleicht dieſer Andere geneigt ſei, jenen Anderen zu belauſchen; da aber Alles ruhig blieb, ſo ging jeder mit großer Sicherheit ſeines Weges. Zu wiſſen, wohin Herr Schmoller ſeine Schritte wandte, wird leider für die Nachwelt verloren gehen, da es nicht zum Laufe unſerer wahrhaften Geſchichte gehört; doch ſind wir über⸗ zeugt, daß er ſeinen geſellſchaftlichen Verpflichtungen nachkam und ſeine Zeit aufs beſte verwandte. Erich aber ſchien durch ein paar Straßen in der That den Weg zu verfolgen, der ihn zur Caſerne führte, wo er auf der Wachtſtube die Nacht zubringen wollte, und obgleich er auf dieſem Wege nicht nur einige Male nachdenkend ſtehen blieb, ſondern auch hier und da ein paar Schritte that, um durch eine Seitenſtraße eine ganz entgegengeſetzte Richtung zu ver⸗ folgen, ſo ſetzte er doch jedes Mal wieder, wenn auch mit zögern⸗ dem Gange, ſeinen Weg weiter fort; ja, er kämpfte offenbar einen ſchweren Kampf mit ſich ſelber, ob er ſich nach der Wacht⸗ ſtube begeben ſolle, um dort in dem räucherigen Locale auf Erich beſucht Kolma. 149 der harten Pritſche die ganze Nacht zuzubringen, oder ob ex, wie verſprochen, der Einladung der Esmeralda folgen ſollte, die ihn freundlich und liebevoll gebeten, heute Abend doch einige Stunden mit ihr zu verplaudern“ Allerdings fühlte er ſich mächtig angezogen, dieſer Einladung Folge zu leiſten, um ſo mehr, als ſie ihm zugeſagt hatte, Eini⸗ ges aus ihrem Leben mitzutheilen, ſo wie zu erzählen, wie es ihr ergangen ſeit jener Nacht im Parke des Schloſſes Waldburg. Anderentheils blieb er jedes Mal wieder unentſchloſſen ſtehen, ſo oft er ſich von ſeinem Wege abgewandt, und zögerte, jenem Rufe Folge zu leiſten, der doch ſtets ſo hübſch und einladend in ihm erklang. Doch hatte die Ticzka in der That gar nichts gethan, um Befürchtungen in ihm rege zu machen, über die er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben vermochte und die ihm nur in unbeſtimmter Geſtalt vorſchwebten, wenn er das ſchöne Mädchen vor ſich ſah, wie ſie in der kleinen Garderobe des Circus, nachdem er mit ihr eingetreten, ſeine beiden Hände ge⸗ nommen hatte, ſie ſanft gedrückt, ihn mit ihren leuchtenden Blicken betrachtet und ihm froh geſagt, ſie freue ſich unendlich, mit ihm ein paar Stunden verplaudern zu können. Dabei war ihm dann unwillkürlich jene Scene eingefallen, wo er mit der hochblonden Selma im Pfarrhauſe auf dem Sopha geſeſſen und wo— wer weiß, wenn nicht gerade der Herr Vicar ein⸗ getreten wäre— das erregte junge Mädchen noch mehr ſeltſames Zeug an ihn hingeſprochen hätte. Wenn die Esmeralda vielleicht auch.... Doch hatte er im nächſten Augenblicke gute Luſt, ſich für dieſe höchſt dummen Gedanken ſelbſt einen tüchtigen Puff zu verſetzen. Die Esmeralda, dieſe gefeierte Künſtlerin, für 150 Zwanzigſtes Kapitel. welche Barone und Grafen ſchwärmten und die ſich aus der Höhe ihrer Kunſt herab aus Keinem was zu machen ſchien! Ja, wie ſtellte er es ſich jetzt ſo behaglich vor, ihr gegen⸗ über zu ſitzen und ſich von ihr erzählen zu laſſen! Welcher Contraſt, wenn er an das Kloſter des heiligen Auguſtin dachte, wo er ſich von Rechts wegen jetzt von einem hölzernen Käfig eingeſchloſſen befinden ſollte!—„Und gerade deßhalb,“ rief er trotzig, nachdem er nicht nur in Sicht der Dominicaner⸗Caſerne gekommen war, ſondern auch die trüb erhellten Fenſter des Wachtlocals durch die Nacht ſchimmern ſah,„gerade deßhalb! Bin ich doch für heute Nacht mehr oder minder vogelfrei er⸗ klärt!“ Damit machte er eine ſo entſchiedene Wendung nach rechts und eilte ſo raſch von dannen, daß noch nicht alle Uhren der Stadt die zehnte Stunde ausgeſchlagen hatten, als er ſchon wieder in der Nähe des großen Platzes vorüberkam, wo ſich der Circus befand, in welchem aber jetzt, nach geſchloſſener Vorſtellung, die Lichter zu erlöſchen anfingen und von wo noch eine Menge Zuſchauer ihm entgegenſtrömte. Doch beeilte er ſich, hier vorüber zu kommen, denn er hörte Säbel klirren und ſah weiße Federbüſche durch die Nacht leuchten. War doch zehn Uhr vorüber, und wenn er zufällig hier von einem bekannten Officier angehalten worden wäre, ſo hätte ja ſeine ganze Miſſethat augenblicklich entdeckt werden müſſen. Er, der ſich im Arreſt befinden ſollte, hier auf der Straße umherflankirend, lange nach dem Zapfenſtreich, und obendrein ohne Erlaubnißkarte— eine ganze Kette von Ver⸗ brechen! Raſch ſchlüpfte er deßhalb an einem Wagen vorüber, blieb aber hinter demſelben einen Augenblick ſtehen, um die vier im Schritte dahin ſchleichenden Pferde zu betrachten, welche — Erich beſucht Kolma. 151 müde die Köpfe hangen ließen und von denen der Dunſt in Folge ihres raſchen Laufes ſichtbar emporſtieg und wie ein dünner Schleier an der benachbarten Gaslaterne vorüberzog. Dann eilte er raſch weiter. In der zurückgeſchlagenen Caleſche ſaß ein einzelner Mann, der mit einem der von Erich bemerkten Officiere ſprach, welch letzterer die Hand auf den Drücker der einen Wagenthür geleg hatte. „Hol' der Henker ein ſolches Pech,“ ſagte der im Wagen, wenn man mit im voraus beſtellten Poſtpferden reiſt und dann dennoch warten muß, weil eine Extrapoſt vor uns ſo gütig war, uns unſere Pferde wegzunehmen! Alſo war es eine brillante Vorſtellung?“ „Die Ticzka war brillant; alles Uebrige ſchon oft da ge⸗ weſen.“ „Und wie es mich gefreut hätte, aus dem tollen Dahinjagen in der finſtern, kalten Nacht ſo auf einmal in den hell erleuch⸗ teten Raum zu treten und ſie zu ſehen; es gibt wahrhaftig kein vollkommenes Glück auf Erden!“ „Nun, man muß dem Zufalle für jede noch ſo kleine Gunſt dankbar ſein,“ ſagte der Andere,„und du biſt der Mann des glücklichen Zufalls.“ Durch dieſe letzten Worte klang etwas wie leichte Ironie. „Gut denn, überlaſſen wir uns dem Glücke und dem Zu⸗ falle, aber vor der Hand ſoupiren wir mit einander. Ich habe meine Zimmer und ein gutes Nachteſſen, ſchon im voraus auf euch rechnend, im Hotel du Nord beſtellt. Wollt ihr mitfahren?“ 41 „Danke, danke,“ riefen ein paar Stimmen von rückwärts; „eile nur voraus, wir kommen ſchon nach, bis du fertig biſt!“ Zwanzigſtes Kapitel. Auf ein Zeichen des Herrn im Wagen hob der Poſtillon ſeine Peitſche, und die vierſpännige Caleſche rollte davon. Erich konnte nicht fehlen; ſie hatte ihm das kleine Haus, in welchem ſie allein mit ihren Leuten wohnte, zu genau be⸗ ſchrieben, und als er jetzt gegen daſſelbe trat, ſah er ſogleich, daß er am rechten Ort war, denn unter der trüb erleuchteten Thür ſtand der alte Marechal, welcher dem jungen Manne, ſobald er ihn bei der nächſten Gaslaterne erkannte, entgegen ging und ihn ins Haus führte. Hier unten blickte er in eine offenſtehende Küche hinein, auf deren Herd ein helles Feuer loderte, und es war ihm ge⸗ rade, als habe er beim Scheine deſſelben eines jener Geſichter wiedergeſehen, die er damals an dem Feuer auf der Wieſe bei Zwingenberg erblickt. Sein Begleiter führte ihn die Treppe hinauf über einen Vorplatz, wo ſich auf Tiſchen und Stühlen eine Menge Sattelzeug, Geſchirre und dergleichen befanden und wo er leiſe, aber ſcharf den Ruf eines durch die Dämmerung flatternden Raubvogels erſchallen ließ, welcher gleich darauf in einem anſtoßenden Gemache durch einen hellklingenden Wach— telſchlag erwiedert wurde; dann öffnete Marechal eine Thür und ließ den jungen Mann eintreten. Er befand ſich in einem behaglich erwärmten, angenehm erleuchteten Zimmer, deſſen Meublement allerdings von einem zweifelhaften Comfort war, denn es paßte hier von den ver— ſchiedenen Tiſchen, ſophaähnlichen Sitzen, Fauteuils und der⸗ gleichen nichts zuſammen, als vielleicht eine große Anzahl fei⸗ ner perſiſcher Decken und Teppiche, womit die meiſten der eben genannten Mobilien, beſonders aber die Dielen des Fußbodens wahrhaft verſchwenderiſch bedeckt waren. 1 Erich beſucht Kolma. 153 53 Die Esmeralda, er konnte ſich dieſes Namens, den man damals bei den Mannövern dem jungen Mädchen und gewiß fälſchlich beigelegt hatte, trotz alledem nicht entſchlagen, denn mit dieſem Namen ſtand ſie in ſeiner Erinnerung, und ſein erſter Ausruf, in Gedanken näm lich, war die Esmeralda geweſen, ſie reichte ihm beide Hände entgegen, ſie h hatte eine unbeſchreib⸗ liche Freude, daß er Wort gehalten und zu ihr gekommen ſei, ſie führte ihn zu einem der Sopha's und ließ ihn dort nieder— ſitzen, worauf ſie bedauernd ſeine Uniform befühlte, ſo wie ſein krauſes, blondes Haar, welches vom Regen und vom Staub— nebel naß gew orden war und welches ſie ſich nicht nehmen ließ, mit einem feinen weißen Tuche zu trocknen, und dann mit einem Kamme, den ſie aus ihren Haaren zog, zu glätten und zierlich zu ordnen. Dabei war ſie loſe und durchſichtig angezogen, kam ihm auch bei ihren freundlichen Bemühungen recht nahe, ſchien ſich durchaus nichts daraus zu machen, wenn ihr leicht beklei⸗ deter Buſen an ſeine Bruſt oder an ſeine Schulter ſtieß, und ſchaute ihn dabei ſo natürlich, mit einem ſo gutmüthig heitern, kindlich offenen Blicke an, daß ein befremdendes Gefühl, wel⸗ ches ihn anfänglich zu überſchleichen gedroht, von ſelbſt und raſch wich und einem Wohlbehagen Platz machte, wie man es nur dann empfindet, wenn man ſich bei langjährigen und ganz vertraulichen Freunden weiß. Und das war ihm die Esmeral⸗ da geworden und er ihr durch eine gewiß ſeltſame Verkettung der Umſtände, obgleich ſie bis jetzt noch nicht manches Dutzend Worte mit einander gewechſelt. „In jener Nacht,“ ſagte das junge Mädchen, als es nun ſeine Toilette ſo gut wie möglich beendet und ihn ein wenig aus der Entfernung betrachtete,„ſtand ich im tiefen Schatten 154 Zwanzigſtes Kapitel. des Schloſſes auf der Lauer, um zu ſehen, ob jener es wagen würde, die Hand gegen Sie zu erheben. So ſtand ich da, ſagte ſie mit blitzenden Augen, und die weißen, zuſammengebiſ⸗ ſenen Zähne zeigend, während ihre rechte Hand an den Gürtel fuhr, als faßte ſie dort den Griff eines Dolches, und wenn ich nicht gleich darauf geſehen hätte, wie Sie durch den Mond ſchein dem Walde zugingen, ſichtbar unverletzt, hätte es ein gro⸗ ßes Unglück geben können.“ „Und woher nahmen Sie die Theilnahme an mir, einem jungen, unbedeutenden Menſchen, und nehmen Sie heute noch, wo Ihnen doch, wie ich weiß, ſo Viele enthuſiaſtiſch zu Füßen liegen möchten?“ „Thäten ſie das nur in Wirklichkeit, damit ich ſie ſo mit dem Fuße von mir ſtoßen könnte! Woher ich die Theilnahme für Sie nehme? Ich weiß es eigentlich nicht; ſie war da, gleich an jenem Abende, wo Sie ſich unſer annahmen, und auch die kleine Blanda, die eigentlich gar nichts gern hatte, dachte und ſprach oft von Ihnen.“ „Ach ja, das kleine, blaſſe Mädchen, nach ihm wollt' ich ſchon vorhin fragen. Wo iſt es geblieben? Ueberhaupt, wo ſind alle die Leute hingekommen, mit denen Sie damals waren?“ „Sie ziehen in der Welt umher, raſt⸗ und ruhelos, wie ſie es ihr ganzes Leben gethan und auch wohl thun werden, bis ſie ihre Augen ſchließen unter irgend einem flimmernden Sterne, nur Blanda iſt nicht mehr bei ihnen, und als ſie uns der Krankheit ihrer Mutter wegen verlies....“ „Sie blieb, wie ich hörte, damals auf dem Schloſſe des Grafen Seefeld zurück.“ em Erich beſucht Kolma. 155 „Ja— weil die Mutter zu krank, zu ſchwach war, um uns folgen zu können— ſo ſagte ſie wenigſtens— wogegen ich überzeugt bin, daß ſie mit Freuden die Gelegenheit ergriff, um ſich von uns zu trennen. Auch die kleine Blanda,“ fuhr die Esmeralda nach einer Pauſe des Nachſinnens fort,„paßte ſo gar nicht zu uns, wenigſtens nicht zu den Meiſten, ſchloß ſie ſich doch an Niemanden an, als an mich.“ „Was ich begreiflich ſinde,“ ſagte Erich lächelnd, denn ſie wußte es ja wohl, daß Sie ſie lieb hatten.“ „Findeſt du das wirklich begreiflich, meine kleine Puppe?“ rief die Esmeralda mit einem herzlichen Lachen. Nun, ſo wirſt du dich auch zu mir hingezogen fühlen, denn du weißt ja, daß ich dich auch gut leiden mag— verſtehe mich recht— gut lei⸗ den mag— vielleicht gerade ſo, wie die Blanda, wenn auch ein klein Bischen anders— und nun frage weiter, denn du wollteſt etwas fragen, ich ſah das in deinem Schelmenauge — da, mach' dir's bequem und lehne dich nur in die Kiſſen zurück. So iſt's recht, meine Puppe! Soll ich den Teppich über dich decken, wie ich es bei Blanda that, wenn es ſie fror?“ „Mich friert aber durchaus gar nicht; es iſt hier ſo be— haglich warm, und wie angenehm das Feuer dort im Kamine lodert!“ „Ja, ich habe das gern,“ erwiederte ſie, ihre leuchtenden Blicke in die Gluth verſenkend; es erinnert mich an ſo Man⸗ ches, weßhalb ich auch die Fenſterläden dort nicht ſchließe. Könnte man nicht glauben,“ fuhr ſie, die Augen erhebend, fort, „wenn man da droben, wie jetzt eben, Sterne flimmern ſieht und drunten das lodernde Feuer, man befände ſich auf weiter Haide 156 Zwanzigſtes Kapitel. — wo es auch zuweilen ſehr, ſehr ſchön war? Was wollten Sie vorhin fragen? Ah, nach der Blanda, für welche Sie ſich denn noch mehr intereſſiren, wie für mich. Ich las das damals in Ihren Blicken und auch noch manches Andere. Was ſagte ich doch vorhin? Ja richtig, ſie gehörte nicht zu uns, und das ſah Jeder auf den erſten Anblick. Man brauchte nur ihr prächtiges blondes Haar zu betrachten, von einem Glanze, mie Silber und Gold gemiſcht. Das war es auch hauptſächlich, ſowie ihr vornehm verſchloſſenes Weſen, was den Szandor bewog, ſie bei uns aufzunehmen. Wir trafen ſie in einem kleinen Städtchen, gerade als ihr Vater, wenigſtens ſchien er der Mann jener kranken Frau zu ſein, in einer Scheune geſtorben war. Er reiſte und machte ſeine Kunſtſtücke mit ſechs vorzüglichen weißen Pudeln, doch wußte nach ſeinem Tode Nie⸗ mand mehr etwas mit dieſen Thieren anzufangen; ſie ſchienen alle Dreſſur verlernt zu haben, weßhalb ſie Szandor mit Ein— willigung der Frau verkaufte, und dann zogen die Beiden mit uns. Die Kleine machte gute Einnahmen und war gern ge⸗ ſehen; ich glaube aber, mehr ihrer eigenthümlichen Erſcheinung als ihrer Kunſtſtücke wegen.—„Nicht wahr, wandte ſie ſich raſch mit der Frage an Erich,„man vergißt ſie nicht leicht, wenn man ſie einmal geſehen, die Kleine? Ja, man erinnert ſich ihrer gern, und es war ein ſeltſames, ſtolzes, verſchloſſenes, und doch wieder ſo anhängliches Herz in dem kleinen Mädchen— an⸗ hänglich an mich, ja, an Alle, auch an Szandor, der den klu⸗ gen Einfall hatte, ſpäter einmal aus ihr eine Herzogin des Stammes zu machen— ſpäter, ja ſpäter,“ fuhr ſie fort, nach⸗ dem ſie ein paar Secunden lang mit düſtern Blicken vor Erich beſucht Kolma. 157 ſich niedergeſchaut— ſpäter— ſpäter, nachdem ich beſeitigt war.“ „Und wer konnte wohl daran denken, Sie, die Esme⸗ ralda, zu beſeitigen,“ ſagte Erich, indem er ſeine Hand auf die ihrige legte, um ſie aus dem finſtern Dahinſtarren aufzu⸗ wecken. Doch zog ſie ihre Hand heftig zurück, während ſie aus⸗ rief:„Nennen Sie dieſen Namen nicht, er iſt mir verhaßt, wie der, welcher ihn zum erſten Male gegen mich gebrauchte, jener häßliche Menſch mit dem böſen Blicke, der ſich unterſtand, mich damals mit ſeinem kalten Golde zu beſchmutzen, damals, als ich wehrlos, ſchutzlos vor ihm ſtand— ich haſſe dieſen Men⸗ ſchen, der es nicht unterläßt, mich zu verfolgen, ja ich haſſe ihn,“ wiederholte ſie mit einem dämoniſchen Aufblitzen ihrer Au⸗ gen,„und zuweilen, wenn ich im Circus im Begriffe bin, mei— nen Laſſo zu ſchleudern, und ihn daſtehen ſehe mit vorgeſtreck— tem Halſe und den heißen, widerlichen Augen, da hat ſchon öfter in meinen Fingern die Begierde gezuckt, den Strick um ſeinen Hals zu ſchleudern und ihn zuzuziehen, feſt, feſt, recht feſt— ſo!“ Sie machte eine zuckende Bewegung mit den Händen, und dann ſchnellte ſie vom Sopha empor, machte ein paar raſche Schritte durch das Zimmer, worauf ſie an den Kamin hin⸗ trat, dort die lodernden Holzſtücke mit dem Schüreiſen zu⸗ ſammenſtieß, um alsdann wieder auf ihren vorigen Sitz zurück⸗ zukehren. „Meine Puppe,“ ſagte ſie alsdann ſchmeichelnd,„kehre dich nicht daran, wenn ich zuweilen einmal heftig aufſpringe, das liegt im Blute; ich bin kein Wolf, ich beiß' auch nicht, wenn — 158 Zwanzigſtes Kapitel. ich auch ſcharfe Zähne habe. Apropos, wenn du mich morgen beſuchſt— ah, du kannſt mich doch morgen und jeden Tag, ſo lange wir hier ſind, beſuchen?“ fragte ſie mit einem g Ernſte, als ob es ſich um etwas ganz abſonderlich Wichtiges handle. Erich lächelte eigenthümlich, was ganz ſeiner Lage ange— meſſen, wie Jemand mit der Ausſicht auf drei Tage bei dem heiligen Auguſtin lächeln muß; auch nickte er mit dem Kopfe und warf eine Frage ein, um dadurch die Wiederholung der ihrigen abzuſchneiden. „Sie ſagten vorhin, man hätte die kleine Blanda zur Her⸗ zogin des Stammes machen wollen, nachdem Sie beſeitigt ge⸗ weſen; wie war das zu verſtehen?“ „Das iſt ſehr einfach. Man wollte mich verheirathen, und das wollte ich nun gerade nicht. Dann verließ uns die Blanda, wie ſchon geſagt, und das alles gab eine ſolche Leere und ein ſolches Gefühl der Mißſtimmung in meinem Herzen, daß ich mich auf ein paar Jahre von Szandor beurlaubte.“ „Und man ließ Sie ziehen? Das wundert mich.“ „Man kann eine Herzogin des Stammes nicht halten,“ ſagte das ſchöne Mädchen mit Hoheit und Würde;„ich hatte das Recht, von ihnen mitzunehmen, was mir gefiel, und ich nahm nichts, als den alten Marechal, den Sie drunten geſehen, und mein eigen Pferd, das ich aufgezogen und gelehrt. Es war auch etwas Hochmuth und Stolz dabei,“ fuhr ſie lächelnd fort;„denn ich ſah jene Mädchen und Weiber des Reiter⸗Circus in ihren unechten und flitterhaften Kleidern, ich hörte, wie ſie mit Beifall überſchüttet wurden und wie ſich manche von ihnen Künſtlerinnen nennen ließen, die mit Aufbietung aller ihrer Erich beſucht Kolma. 159 Kraft und Gewandtheit nicht den hundertſten Theil von dem zu leiſten im Stande ſind, was ich ſpielend betrieb. War es mir doch von Kindheit auf ein Leichtes, auf einem ungeſattelten Pferde ſtehend über die Fläche dahin zu jagen, und Spielerei, das auf einer wohlgeebneten, runden Bahn zu thun. Sie ſagten freilich, ich könne nur das Einzige, allerdings Schwierige, das Werfen des Laſſo's; nachdem ich ihnen aber gezeigt, daß ich alle ihre Kunſtſtücke nachmachen könne, wenn ich nur wolle, die gewandteſten Männer unter ihnen aber nicht im Stande waren, auf dem Pferde ſtehend auch nur einen Hund mit dem Laſſo zu fangen, da hatte ich gewonnenes Spiel und bin überall, wo ich mich ſehen laſſe, die Erſte, die Gefeierte. Schön bin ich auch, das weiß ich, und hier ſo geſtählt und feſt verſchloſſen,“ lachte ſie, indem ſie ihre Hand auf das Herz drückte,„daß ich mit der gleichen Sicherheit und ohne alle Gefahr meinen Laſſo eben ſo gut, wie nach Pferde eköpfen, nach Männerherzen werfen könnte, wenn ich wollte— aber ich will nicht. So, meine kleine Puppe, jetzt weißt du Alles, und jetzt höre auch noch, daß es mir ein unbeſchreibliches Vergnügen macht, mit dir ſo zu plaudern, wie ich's früher mit meiner lieben Blanda gethan, die mich aber häufig dabei mit ihren großen, ſchönen Augen recht unverſtändlich anblickte. Du ſcheinſt mich aber ſchon ein Bißchen beſſer zu verſtehen— halt— darauf will ich keine Antwort, will vielmehr von dir wiſſen, wie du eigent⸗ lich in dieſes Kleid der Knechtſchaft hineinkamſt; ſage mir das langſam und ausführlich. Darauf erzählte nun Erich von ſeiner Kindheit, von ſeinem Vater, der ebenfalls Soldat geweſen, dann von ſeinem Aufent⸗ halte in Zwingenberg; auch verſchwieg er ihr in einem kleinen ₰ 160 Zwanzigſtes Kapitel. Anfluge von Eitelkeit die Geſchichte mit Selma nicht, worüber ſie kopfnickend ſagte: „Es ſind das arme Geſchöpfe, dieſe Mädchen mit heißen Herzen und ohne die glückliche Gabe der Zurückhaltung. Nimm dich vor dieſer Selma in Acht, wenn du ihr wieder begegnen ſollteſt.“ Als er nun weiter erzählte von jenem Manövertage und ſeiner erſten Begegnung mit dem jungen Grafen Seefeld, wie dieſer ihn einem Spion geheißen und mit Schlägen bedroht, da glänzte ihr Auge und ſie ſagte, tief aufathmend: „So hat er auch Sie beſchimpft, wie er mir gethan, und damals ſtand es ſchon in den Sternen geſchrieben, daß wir, die beiden Wehrloſen, uns zuſammenfinden würden zu gegen⸗ feitigem Schutze. Darauf gib mir die Hand, meine kleine Puppe!“ Alsdann berichtete Erich weiter, wie er mit großer Be⸗ geiſterung in die Brigadeſchule getreten, daß aber dieſe Be⸗ geiſterung nicht mehr ganz die gleiche ſei, wie vor faſt zwei Jahren, als er eintrat, daß er jedoch Alles hoffe vom wirklichen activen Dienſte, wenn er nach beendigter Zeit hier, vielleicht ſpäter im Kriege, mit ſeinem Geſchütze gegen den Feind wirken könne. Begreiflicher Weiſe kam er dann auch auf die Erlebniſſe der letzten Tage zu ſprechen, auf ſeinen dreitägigen Arreſt ſo wie auf den glücklichen Zufall, der ihn ſowohl von ſeiner Stube als auch von dem Kloſter des heiligen Auguſtin ausgeſchloſſen und ihn am Eingange ſo freundlich in die Hände des alten Marechal geführt. Darüber lachte nun das ſchöne Mädchen laut und fröhlich Erich beſucht Kolma. 161 und konnte nicht aufhören, ſich den Unterſchied auszumalen, der zwiſchen ihrem doch ganz behaglichen Gemache mit dem wärmenden Kaminfeuer und jenem finſtern, kalten Raume be⸗ ſtand, wie Erich ihn ihr beſchrieben; auch malte ſie ſich das Erſtaunen des Oberſten ganz natürlich aus, wenn er erführe, 0C daß ein Zögling der Brigadeſchule, ſtatt beim heiligen Auguſtin beten, bei der Ticzka zu Nacht ſpeiſe— denn das wollen wir ſogleich thun, ſetzte ſie hinzu— Baſſa— würde er ſagen und ſich ſo ſeinen Schnurrbart ſtreichen. Aber was geſchieht nun weiter heute Nacht mit Ihnen?“ fragte ſie nach einer kleinen Pauſe. „Ich thue, was ich ſchon früher thun wollte, bleibe bei und meinen Kameraden auf der Caſernen⸗Wachtſtube bis morgen früh, wo mich mein Freund, der Bombardier Schmoller, abholt und ohne Weiteres in Arreſt führt; vielleicht daß ſich der Aufſeher doch bewegen läßt, dieſe Nacht mit ein— zurechnen.“. „Pah,“ erwiederte ſie, den Kopf aufwerfend,„und warum auf der garſtigen Wachtſtube die Nacht zubringen? Sie bleiben hier bei mir, oder vielmehr bei Marechal, wenn Sie wollen; ich habe Platz genug da, zwei bis drei leere Zimmer, und möchte nicht gern,“ ſetzte ſie ſchmeichelnd hinzu, „meine arme, kleine Puppe auf einer trübſeligen Wachtſtube wiſſen.“ „Ich danke beſtens für Ihre Güte, aber morgen Nacht bin ich ſicher in einem noch unangenehmeren Aufenthalte.“ „Ich werde den Gefangenwärter beſtechen oder mich mit einer Bitte an Ihren Oberſten wenden.“ „Beides gleich unausführbar— nein, nein, laſſen Sie Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 11 162 Zwanzigſtes Kapitel. mich mit dem für mich recht angenehmen Gedanken, Sie wieder⸗ geſehen zu haben, auf meine Wachtſtube gehen!“ „Heute Nacht unter keiner Bedingung! Wozu auch, da Sie hier ſo gut aufgehoben ſind? Was morgen Nacht geſchieht, das kann ich vielleicht nicht ändern; aber jetzt laſſe ich Sie nicht, es wäre mir ſchmerzlich, wenn Sie gingen!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Obgleich in dieſem Kapitel unter eigenthümlichen Verhältniſſen ſoupirt wird, bleibt doch Alles in den gehörigen Gränzen, bis die Ankunft eines Dritten ſchuld daran iſt, daß Souper und Kapitel ein Ende mit Schrecken nehmen. Der alte Marechal hatte ſchon einmal den Kopf zur Thür hereingeſteckt, und als er jetzt wieder erſchien, rief ihm die Ticzka zu:„Es iſt recht, wir wollen jetzt zu Nacht eſſen!“ Dann ſprang ſie auf, nahm den Arm des jungen Mannes und führte ihn in ein kleines Nebenzimmer, wo ein gedeckter Tiſch bereit ſtand, an dem ſie ſich beide niederließen. Auch hier war, was Meublement und Tiſchgeräthe anbe⸗ langt, Alles wohl vollzählig, aber auch von einer großen, nicht recht zuſammen ſtimmenden Mannigfaltigkeit. In der Ecke befanden ſich auf einem breiten Divan ein paar elegante Damen⸗ ſättel und reich verzierte Pferdedecken. Auch das Souper, zu dem ſich Erich am Ende nicht ungern nöthigen ließ, war eigen⸗ thümlich zuſammengeſetzt; aus einem jener ungariſchen pikanten Gerichte, wie ſie ſich die Hirten auf der Puſzta zuzubereiten pflegen, von dem aber die Ticzka nur ſehr unbedeutend nahm, 164 Einundzwanzigſtes Kapitel⸗ dann aus einer kalten Paſtete, aus einer wahren Profuſion der feinſten Zuckerwaaren ſo wie aus überaus ſchönen Früchten. Dazu ſtand zwiſchen Beiden eine Flaſche Wein mit einem ſilbernen Halſe, welche der alte Marechal geräuſchlos entkorkt hatte, mit einem köſtlich ſchäumenden Weine, den Kolma ihrem Gaſte aus einem ſilbernen Becher zutrank. Wir müſſen hier ſagen: es war das erſte Mal, daß Erich Champagner verſuchte, ſo wie auch, daß ihm dieſes verrätheriſche Getränk beſſer behagte, als das ſchale Bier, welches er vor einer Stunde in Geſellſchaft ſeines Freundes Schmoller ge⸗ trunken. Ja, ſeines Freundes Schmoller, und wenn er ſich hier ſo ſitzen ſah, in Geſellſchaft dieſes ſchönen und liebenswürdigen Mädchens, und er an das Geſicht dachte, welches der Bombar— dier machen würde, wenn auch dieſer ihn ſehen könnte, ſo überflog ein vergnügliches Lächeln ſeine Züge. Es war ein eigenthümlicher Zufall, daß Herr Schmoller, ebenfalls in recht behaglicher Umgebung, im gleichen Augenblicke faſt dasſelbe dachte und ſich im Tone des Mitleidens des armen Erich's, jenes guten Kerls erinnerte, der auf der harten Pritſche der Wachtſtube ſeufzte, während er—— Doch wir wollen uns die Ausmalung dieſes Bildes für ſpäter, wo ſie zur Vervollſtändigung unſerer wahren Geſchichte dient, aufheben und für jetzt der Ticzka folgen, die nun mit ihrem Gaſte in das größere Zimmer, wo ſie ihn empfangen, zurückging, nachdem ſie Marechal vorher einige Worte auf Ungariſch geſagt. Hier loderte immer noch das behagliche Kaminfeuer und durch das Fenſter in der Nähe desſelben glänzten jetzt noch h 1 Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 165 mehr und hellere Sterne herein, da die Wolken am Himmel verſchwunden waren und es kälter geworden. Sie blickte, neben Erich am Fenſter ſtehend, in die ſternenhelle Nacht hinaus und zeigte nach dem Bilde des Orion, das in prächtiger Klarheit ſo eben über einer ſeitwärts vom Hauſe gelegenen Baumgruppe emporgeſtiegen war. 4 „Wie das ſchön iſt,“ ſagte ſie,„und zugleich unſer Leitſtern und Compaß, denn er führt uns nach dem warmen Süden, dem wir ja entſtammen und den wir Beide verlaſſen mußten, um uns hier, im kalten Norden, einſam, faſt verlaſſen zu fühlen. Ja, verlaſſen, freund- und freudlos unter dieſen kalten, ver⸗ nünftigen, berechnenden und doch wieder ſo dumm leidenſchaft⸗ lichen Menſchen. Sie legte leicht ihren Arm auf ſeine Schulter, als ſie fortfuhr:„Und deßhalb war ich auch ſo hoch erfreut, dich hier wiederzufinden, der mich einmal aus gutem Herzen beſchützt, dem ich vergalt, ſo gut ich konnte, und deſſen Leben, wie ich in deinen Augen und in den Sternen geleſen, ſo viel Aehnlichkeit mit dem meinigen hat und haben wird.“ „Und wann hätten Sie für mich in den Sternen geleſen?“ „Nenne doch meinen Namen, wenn du mit mir ſprichſt— Kolma, Kolma! Wann ich für dich in den Sternen geleſen hätte? Schon am Morgen nach jener Nacht, als du uns zu den Zelten zurückführteſt, ja, ſchon während der Nacht, wo der Orion, wie heute, am Himmel erſchien, ein Sternbild, in dem ſich dein Leben verkörpert und das auch du nicht ohne Intereſſe betrachten wirſt.“ „Gewiß nicht, Kolma; zeigte es mir doch ſchon damals den Weg, nachdem ich durch Ihre Hülfe aus dem Gefängniß befreit worden war.“ 166 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Es gibt kein beſſeres und ſchöneres Sternbild, als den Orion,“ fuhr ſie, aufblickend, fort;„ein gewaltiger Krieger, ge⸗ wappnet vom Helm bis zur Fußſpitze, mit ſtrahlendem Zauber⸗ gürtel, und dabei hat er Doppelſterne, glückliche Sterne, aber auch nebelhafte Flecken— hüte dich vor den nebelhaften Flecken! — Und nun will ich dich in dein Bett bringen, meine kleine Puppe, dir auch noch ein Wiegenlied ſingen und dann Gute Nacht ſagen!“ „Was mein Bett anbelangt,“ entgegnete Erich lächelnd, „ſo wird es wohl die harte Pritſche der Wachtſtube ſein, und deßhalb wollen wir hier von einander Abſchied nehmen.“ Ihr Auge umdüſterte ſich und ſie warf faſt ärgerlich den Kopf empor, als ſie erwiederte:„Was, Abſchied nehmen, in dieſer Stunde! Du bleibſt dieſe Nacht hier in meinem Hauſe, das habe ich feſt beſchloſſen, und ich laſſe dich heute Nacht nicht mehr auf die kalte Straße und noch viel weniger auf das harte Lager der Wachtſtube— ich will nicht! Sei doch nicht kindiſch,“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort;„ich habe ſo lange die Blanda nicht mehr in meiner Nähe gehabt, und ſollte dich, deſſen Sternbild das ihrige zu kreuzen beſtimmt iſt, ſo raſch wieder von mir laſſen? Nimmermehr! Und dann fürchte ich mich auch, heute Nacht allein zu ſein.“ „Mit Marechal und Ihren Leuten?“ „Er iſt im Nebenhauſe bei den Pferden, und die Anderen ziehen ſich ihre Decken über den Kopf und ſchlafen wie die Murmelthiere, ſobald das Licht ausgelöſcht iſt.“— Sie ſtrich mit der Hand ihr ſchwarzes Haar aus der Stirn, dann lachte ſie ſchallend, aber nicht fröhlich hinaus und rief mit lauter Stimme:„Welch ein dummer, dummer Menſch du biſt, Erich! Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 167 Weißt du wohl, daß der Gedanke, hier in meinem Hauſe ſein zu dürfen, Manchen ſchwindelig machen würde vor Glück und Freude?— Aber daß es dich nicht ſchwindelig macht,“ fuhr ſie plötzlich in einem wehmüthig weichen Tone fort, während ſie einen Arm um ſeinen Hals ſchlang und ihren Kopf auf ſeine Schulter legte,„das iſt es ja gerade, was mich wieder glücklich und zufrieden machen könnte, wenn der Gürtel des Orion nicht gar ſo hell herüber funkelte, und was mich doch wieder glücklich macht. Deßhalb komm' und laß dich zu Bette bringen, wie ich früher die kleine Blanda zu Bette gebracht habe“— dort, dort, ſagte ſie, die Thür des Nebenzimmers aufſtoßend, wo ſie zu Nacht gegeſſen, iſt dein Lager; allerdings kein Bett nach euren Begriffen, aber es wird ſich gut darauf liegen, und dann kannſt du morgen früh mein Haus doch auf anſtändige Weiſe am hellen Tage verlaſſen. Mache es dir ſo bequem, als du willſt, ich komme noch, dir gute Nacht zu ſagen.“ Sie ließ ihn allein, nachdem ſie eines der Lichter auf den Boden des Zimmers geſtellt hatte. Von dem Divan hier hatte man das Sattelzeug abgeräumt und mit den weichen Decken ein Lager hergeſtellt, wie ſich der junge Soldat kein beſſeres wünſchen mochte. Ein paar Augen⸗ blicke blieb er noch überlegend ſtehen, und alles das, was er heute Abend erlebt, erſchien ihm ſo eigenthümlich, ſo ſeltſam, daß er ſich nicht darüber gewundert hätte, wenn er plötzlich beim heiligen Auguſtin erwacht wäre und ſich dort auf der Holz⸗ pritſche liegend gefunden. Doch es war kein Traum, es war Wirklichkeit; hier neben ihm auf dem Boden ſtand das brennende Licht, dort im Winkel lag das Sattelzeug der ſchönen Tichka, deren Kunſt, Muth und Gewandtheit er heute Abend mit tauſend 168 Einundzwanzigſtes Kapitel. Andern angeſtaunt, und dort war ſein Lager, auf das er ſich endlich kopfſchüttelnd ausſtreckte, allerdings vollſtändig angezogen, doch ohne Stiefel und mit gelockerter Halsbinde; eine der weichen Decken warf er halb über ſich und fand, daß er hier vortrefflich liege. Nach ein paar Minuten ſchaute Kolma in das Zimmer hinein und ſagte kopfnickend:„So iſt's recht; folgſam müſſen die Kinder ſein, und nun will ich dir Gute Nacht ſagen, und dann kannſt du ruhig ſchlafen und träumen.“ Sie ſetzte ſich neben ihn auf den Divan, fuhr mit der Hand durch ſein lockiges, blondes Haar und ließ alsdann die⸗ ſelbe auf ſeiner ruhig athmenden Bruſt liegen, gerade ſo, als wolle ſie ſeinen Herzſchlag erforſchen, und es mochte wohl ſein, daß die Wärme dieſer raſch pulſirenden Hand ſo wie ihres leb⸗ haften, elaſtiſchen Körpers, deſſen weiche Formen er ſo nahe bei ſich fühlte, ſchuld daran war, daß ſein Herz ſchneller ſchlug, als gewöhnlich. „Wirſt du ſchlafen können, meine Puppe?“ fragte ſie tief aufathmend mit leiſer Stimme und herabgeſenkten Augenliedern.“ „Ich glaube wohl, daß ich es kann,“ gab er zur Antwort, „denn jetzt, wo ich liege, fühle ich wohl, daß ich müde bin.“ „So behüte dich der Himmel und ſchlafe gut!“ antwortete ſie, ſich erhebend, beugte ſich alsdann noch einmal raſch auf ihn herab, küßte ſeine friſchen, ſchwellenden Lippen und ging dann, ohne umzuſehen, aus dem Zimmer, deſſen Thür ſie hinter ſich verſchloß, den Schlüſſel abzog und gedankenvoll an das Fenſter trat, um an den Himmel emporzuſchauen, der, in wunder⸗ barer Klarheit und aufs prächtigſte mit Steinen geſchmückt, leuchtend auf die dunkle Erde herabſah. „ ni Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 169 Der Orion war ſchon hoch emporgeſtiegen und fing an, fich auf die Seite zu neigen, als ſei er nun ebenfalls müde geworden, den ſchlafenden Menſchen unnöthig zu leuchten, und ſehne ſich nach der Ruhe ſeines Niederganges. Da unten an dem kleinen Hauſe ſchien aber auch die größte Ruhe zu herrſchen. Kolma hatte das Fenſter geöffnet, und die friſche Luft that ihr wohl, obgleich ſie leicht bekleidet war und obgleich der Wind ſichtbar mit ihren aufgelösten Haaren ſpielte. Warum nur der Wind? dachte ſie, ſich auf die feinen Lip⸗ pen beißend. Doch iſt es beſſer ſo, und damit mich ſelbſt nicht noch einmal ein wildes, thörichtes, ja faſt ſündhaftes Verlangen ergreift, will ich.... Ohne dieſen Satz auszuſprechen, öffnete ſie leicht ihre Fin⸗ ger und ließ den Schlüſſel, den ſie noch in der Hand hatte, auf die Straße niederfallen; darauf berührte er, leiſe klingend, einen Stein, und dann war alles wieder ruhig, wie zuvor. „Marechal wird ihn morgen früh ſchon finden; es thut nichts, wenn er ihn findet, ja, es iſt beſſer ſo!“ Erich war in kurzer Zeit feſt eingeſchlafen, und man wird dies bei ſeinem kindlichen, faſt kindiſchen Gemüthe, trotzdem oder auch vielleicht weil er erſt achtzehn Jahr alt war, begreiſ⸗ lich finden; doch träumte er ſchwer und lebhaft, und zwar gin⸗ gen die Bilder des vergangenen, für ihn ſo intereſſanten Tages und Abends, allerdings in einer unbeſchreiblichen Confuſion, an ſeinem Geiſte vorüber. So betrat er die Halle des heili⸗ gen Auguſtin, und wurde dort von der ſchönen Kunſtreiterin, der Kolma Ticzka, empfangen, und zwar in Geſellſchaft des Heiligen ſelbſt, der gerade ſo, wie er aus Holz geſchnitzt über 170 Einundzwanzigſtes Kapitel. dem Thore ſtand, herabgeſtiegen war und ihm die Verſicherung gab, er möge ruhig nach Hauſe gehen, denn es ſei hier kein Militärgefängniß mehr, und ſie wüßten Beſſeres zu thun, als Brigadeſchüler auf drei Tage einzuſchließen. Dann war er im Circus geweſen und hatte dort eine unſägliche Angſt ausge⸗ ſtanden; denn plötzlich kam das hölzerne Schulpferd aus der Reitbahn der Brigadeſchule hereingaloppirt, und auf demſelben ſtand der alte dicke Oberſt mit ſeinem weißen Federbuſche, ſo wackelig als möglich, und warf ſeinen Laſſo nach ihm und nach dem Bombardier Schmoller, die in der Manege herumgepeitſcht wurden, daß es eine Freude oder vielmehr ein Entſetzen war. Glücklicherweiſe aber entgingen ihre Hälſe der Schlinge, und dafür wurde ein Anderer eingefangen, für den es ihm aber ſelbſt im Traume durchaus nicht leid that. Dies war nämlich der Huſaren⸗Officier Graf Seefeld, der ſeinen langen Hals gar zu weit über die Brüſtung herausgeſtreckt hatte und nun von dem Laſſo gefangen wurde; aber merkwürdigerweiſe war es nicht mehr der Oberſt, der auf dem hölzernen Schulpferde in dem Circus umhergaloppirte, ſondern es war die Ticzka ſelbſt auf ihrem ungariſchen Vollblutrenner. Ah, er ſah ſie ſo deutlich, ſo klar und deutlich, ſo ſchön und deutlich, und darauf wickel⸗ ten ſich jetzt im Traume die wirklichen Begebenheiten des ver— gangenen Abends ſo raſch und folgerichtig ab, daß es zum Er⸗ ſtaunen war. Er plauderte mit ihr, er trank ihr gegenüber den ſchäumenden, erhitzenden Wein, er wurde von ihr zu Bette gebracht, ſie küßte ihn und wollte fortgehen, doch hatte er den Muth— im Traume nämlich, in der Wirklichkeit hätte er ihn nicht gehabt— ſie bittend zurückzuhalten, ihre Hände zu ergrei⸗ fen, ſie um ſeinen eigenen Hals zu ſchlingen, und als ſich ihre Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 171 feinen Finger dort zuckend in einander ſchloſſen und ſich ihr heißer Körper damit feſt an den ſeinigen ſchmiegte, ſo drückte er ſie innig, unauflöslich an ſich und fühlte ſchaudernd, daß er verloren ſei, denn zwiſchen ihren Lippen hervor drang eine ver⸗ zehrende Gluth, die ſein Herz entzündete und rettungslos un⸗ tergehen ließ in wild lodernden Flammen, die hoch über Beiden emporſchlugen.— Alles im Traume; doch ſollte er nicht in ihren Armen rettungslos verloren ſein, es gab noch eine Rettung, aber eine Rettung durch eine höchſt unangenehme Ueber⸗ raſchung, denn er vernahm eine Stimme, für ihn ſo bekannt, ſo widrig bekannt, daß er haſtig ſeinen Kopf von ihrem heißen Geſichte zurückwarf, daß er raſch ſeine Arme löste, um ſie wie ein Phantom entſchwinden zu laſſen— Alles im Traume, auch die Stimme, die widrige Stimme! Dann mühte er ſich ab, aufzuſpringen, um dem Träger jener Stimme entgegenzutreten. Lange vergeblich, denn der Schlaf hielt ihn feſt wie mit eiſernen Klammern, während die Stimme fort und fort ſprach— noch im Traume— jetzt aber auch im Wachen, als er, aufgerichtet lauſchend, auf ſeinem La⸗ ger ſaß. Rings um ihn her war es finſter, aber er vernahm die Stimme klar und deutlich, unverkennbar dieſelbe Stimme, die ihn einen Spion genannt und die ihm mit Mißhandlung gedroht. Raſch ſprang er empor, ordnete ſo ſchnell als mög⸗ lich ſeinen Anzug und trat an die Thür des Nebenzimmers⸗ von woher jene Stimme erſcholl. Jetzt aber war es die Stimme der Ticzka, welche, wenn⸗ gleich leiſe, doch mit ſcharfem, energiſchem Ausdrucke ſagte:„Und ich habe Ihnen niemals Vexanlaſſung gegeben, mich auf ſo wahr⸗ haft räuberiſche Art zu überfallen, ja, mich in die furchtbarſte — ——— 172 Einundzwanzigſtes Kapitel. Verlegenheit zu bringen— iſt das eine ritterliche That gegen ein wehrloſes Weib?“ Die andere Stimme klang heiſer und ſprach die Worte, welche ſie ſagte, bebend, wenn auch nicht unentſchieden, wie in großer Bewegung, aber doch furcht- und rückſichtslos.—„Ei,“ ſagte er,„wenn dieſes wehrloſe Weib ſo ſchön und reizend iſt und wenn es keinen Ritter um ſich dulden mag, ſondern nur Sclaven, die zu ihren Füßen liegen, ſo hat ſie es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, wenn nach zerriſſener Kette allerlei Gräuel ent⸗ ſtehen!“ „Fort, fort“, rief die Ticzka—„fort auf demſelben Wege, auf dem Sie zu mir eingedrungen!“ „Durch das Fenſter etwa?“ erwiederte er höhniſchlachend. „Nun, auch darauf ſoll es mir nicht ankommen, ehe der Tag graut, aber ſei geſcheit, Kolma!— Weiß der Teufel“, fuhr die Stimme gepreßt, faſt zitternd fort, ſo daß der Zuhörer zornig aufblitzende Augen und zuſammengebiſſene Zähne zu ſehen glaubte,„verſtehe Einer eure thörichten Launen! Habe ich dir nicht geſtern geſchrieben? Haſt du nicht meinen Brief erhalten? O, ich weiß, daß du ihn erhalten haſt, denn deine Hand hat den Empfang beſcheinigt!“ „Habe ich geantwortet? Konnte ich auf ein Schreiben ohne Adreſſe, konnte ich heute antworten?— O, ſonſt hätte ich es wahrlich gethan, und ſo unzweideutig, daß ſich ſelbſt die Raſerei jeden neuen, vergeblichen Verſuch erſpart hätte!“ „Wie hatte ich mich darauf gefreut, deine Antwort im Cir⸗ cus durch einen einzigen Blick zu erfahren!“ „Durch einen Blick des Haſſes— nein, der Verach⸗ 1A tung — Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 173 „Traue Einer dem Schickſal!“— Vielleicht nach einem gelinden Achſelzucken fuhr die Stimme des Betreffenden weni⸗ ger heftig fort:„Ohne früher abkommen zu können, hatte ich Station um Station aufs überflüſſigſte berechnet und mußte zwei Stunden von hier mir von irgend einem Kerl die für mich beſtellten Pferde wegnehmen laſſen! Verflucht ſei er, und wird hoffentlich damit umgeworfen haben! Doch wozu die Re⸗ dereien bei ſo koſtbarer Zeit, fuhr er in brutalem Tone fort — du haſt meinen Brief erhalten, ich deine Antwort!“ „Meine Antwort?“ rief ſie ſo raſch und durchdringend, daß man zu ſehen wähnte, wie ſie ſich in dieſem Augenblicke heftig gegen ihn wandte.„Wagen Sie noch einmal, mir das zu ſagen!“ „Deine Antwort,“ wiederholte er ruhig,„allerdings nicht zierlich auf Papier geſchrieben; nennen wir es eine Antwort in Hieroglyphen, zu der ich hier im wahren Sinne des Wortes den Schlüſſel habe.— Noch einmal, ſei geſcheit, Kolma! Du weißt, wie ich dir Jahre lang auf Schritt und Tritt gefolgt bin, wie ich dir die glänzendſten, nahezu lächerlichſten Propoſi— tionen machte, wie ich....“ „Meine Antwort?“ „Zum Henker denn, iſt das nicht Antwort genug, was du gethan? Ich ſchildere dir in einem langen Briefe noch einmal alle Qualen der Liebe und der raſendſten Eiferſucht, ich be⸗ ſchwöre dich um eine Unterredung, um dir das und Anderes wiederholen zu können, ich komme hier an, leider zu ſpät, um in Bewunderung für dich mein Blut noch mehr zu erhitzen, ich ſchleiche um dein Haus herum, deſſen erleuchtetes Fenſter, dieſes da, mir ſagt, daß ich vielleicht erwartet werde. Ich bin zu an⸗ 174 Einundzwanzigſtes Kapitel. ſtändig, um an deine Thür zu klopfen, ich zwinge mich, bebend vor Liebe und Verlangen nach dir, um dieſes Haus herumzu⸗ gehen, nach dem Fenſter auszuſchauen, das, obgleich hell erleuch— tet, doch eine Ewigkeit ſtumm für mich bleibt, ebenſo wie es Jahre lang deine leuchtenden Augen für mich geblieben ſind; dann aber belebt ſich das Fenſter, du beugſt dich heraus, und ich hätte laut aufſchreien mögen vor Entzücken, denn du läßt dieſen Schlüſſel da aus deiner Hand niederfallen zum Zeichen für mich, von dem du wiſſen mußt, daß er drunten zitternd vor Erwartung ſteht!“ „Heilige Jungfrau, das iſt entſetzlich „Daß es kein Hausſchlüſſel iſt, ſah ich ſogleich, weßhalb ich dieſes Zeichen ſymboliſch nahm, wie es gegeben wurde, und an dem Rebenſpalier emporkletterte; auch hatteſt du die Vor⸗ ſicht, das Fenſter nicht feſt wieder zu verſchließen. Und nun, Kolma,“ fuhr die Stimme in leiſem Tone fort,„ſei lieb und gnädig, wie raſch iſt die Nacht verronnen!“ Das alles hörte Erich, und ein eigenthümlicher Schauer, der ihn überflog, bannte ihn faſt regungslos auf die Stelle, wo er ſich befand. Er wußte nicht, was für ein Gefühl es war, das durch ſein Blut ſtrömte und tobte— war es der Haß gegen Jenen, war es das Gefühl einer unausſprechlichen Angſt, Jener dort ſei im Stande, der Ticzka ein Leid zuzu⸗ fügen? Er war im Begriffe, gegen die Thür zu ſtürzen, und den Verſuch zu machen, das Schloß gewaltſam aufzureißen. Da hörte er die Stimme abermals, jetzt aber in ruhigem ſchmeichelndem Tone ſagen:„Du weißt es, Kolma, wie ich Jahre lang treu um dich gedient, wie ich din nach Möglichkeit gefolgt bin, dich und deine Schritte überwacht habe!“ 14 —— —,„8 B Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 175 „O ja, o ja, als ſchwarzer Schatten meiner Tage!“ „Meinetwegen behalte dieſe Anſicht auch, nachdem du er⸗ fahren, wie ich bemüht war, dein oft armes Leben zu erhellen. Glaubſt du denn, es wäre dir ohne meine Hülfe gelungen, dich auf den Standpunkt zu erheben, auf dem du dich jetzt befin— deſt? Glaubſt du in Wirklichkeit, alle Pfade hätten ſich vor dir ſelbſt geebnet?“ „Entſetzlich, wenn es durch Ihre Mithülfe geſchehen?“ „Es geſchah durch meine Mithülfe. Ich, der ich dich nie aus den Augen ließ, ſorgte dafür, daß du, als du deine Lehr⸗ zeit begannſt, ſtati mit Argwohn und Eiferſucht, mit offenen Armen empfangen wurdeſt. Ich warf alle die kleinen Intri— guen nieder, die ſich dir in den Weg ſtellten; ich ſorgte dafür, daß dein Name, wie er es allerdings verdiente, ſogleich bei dei⸗ nem Auftreten als leuchtender Stern genannt wurde, ja, ich kann und will es dir nicht verſchweigen, ich war es, von dem du die beſten deiner Pferde durch Vermittlung eines Unterhänd⸗ lers erhieltſt, denn es war mir ein ſeliges Vergnügen, die edlen Thiere unter deiner Hand zu wiſſen, nachdem ſie in meinem Beſitze geweſen. Ja, ich war es auch, der endlich eines deiner Reitzeuge um eine fabelhafte Summe an ſich brachte.“ „Verflucht ſei das Gold, womit man mich ſo umſtrickt, ver⸗ flucht die goldene Kette, die, ſtatt mich emporzuziehen, mich ſo tief, ſo tief herabreißt!“ „Ermeſſe aus allem dem,“ fuhr die Stimme in bebendem Tone fort,„meine Liebe zu dir, meine Leidenſchaft für dich! O, wäreſt du im Stande, ihre Tiefe zu ergründen, du würdeſt ſchaudern vor Entzücken oder vor Entſetzen!“ „Vor Entſetzen— ja, vor Entſetzen!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. „Sprich nicht ſo, Kolma! Du weißt nicht, was du ſagſt, du weißt nicht, was du fühlen wirſt in meiner glühenden Liebe! Du haſſeſt mich in dieſem Augenblicke, weil du fühlſt, daß ich dich im nächſten in meinen Armen halten werde!“ „Nimmermehr, nimmermehr!“ „Pah, du biſt ein Kind, du weißt nicht, was du ſagſt! Du haſſeſt mich, weil dein freies Herz ſich noch dagegen ſträubt, mich zu lieben! O, nicht dieſe Bewegung, ich weiß es, dein Herz iſt vollkommen frei!“ Was ſie jetzt ſagte, konnte Erich nicht vollkommen verſte⸗ hen, trotzdem er ſich mit Schultern und Kopf gegen die Thür preßte, um wenigſtens den Verſuch zu machen, im entſcheiden⸗ den Augenblicke, der kommen mußte, das Hinderniß zwiſchen ſich und dem anderen zu beſeitigen. Aber was ſie auch geſagt hatte, es mußte etwas Fürchterliches geweſen ſein, das konnte Erich hören aus der Antwort, die er gab. Es war kein aus⸗ geſprochenes Wort, nicht einmal ein verſtändlicher Ausruf, es war ein wüſter Laut, zuſammengepreßt wie aus einem Geheul der Wuth und einem Knirſchen der Zähne, ein Ausdruck hef⸗ tigſter und wildeſter Leidenſchaft, durch welchen dann jetzt ihre Stimme wieder hell und ſiegreich klang, indem ſie ausrief: „Ja, das verſchloß jener Schlüſſel, den Sie unbefugter Weiſe fanden, aufhoben, deſſen Bedeutung Sie, wie ſo Vieles, miß⸗ verſtanden— der mein Glück, meine Seligkeit verſchließt!“ „Hinweg von deinem Glück und deiner Seligkeit, daß ich auch die Bekanntſchaft deſſelben mache! Hinweg von dieſer Thür — nun denn, hinweg— du....“ „Ah, das iſt Ihr wahres Geſicht,“ lachte ſie wild und höh⸗ niſch, wie das echt und ſchön iſt!“ Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 177 „Sei verflucht....“ Erich ſtand entſetzt da, er hatte das Gefühl, wie wenn eine eiskalte Hand ihm über den Rücken hinabfahre, ſo daß es ihn fröſtelnd durchſchauerte und er zu fühlen glaubte, wie ſich ſeine Haare emporſträubten. Vernahm er doch von drüben aus jenem Raume, der nur durch ein dünnes Brett von ihm ge⸗ ſchieden war, jetzt einen eben ſo kurzen als ſcharfen Schrei, der mit einem tiefen und eigenthümlich endigenden Seufzer ſchloß; vernahm er doch gleich darauf— das war es gerade, was ihm den furchtbaren Eindruck machte—, als wenn Jemand ſchwer und unbehülflich gegen die Thür fiel und ſich vergeblich be⸗ mühte ſich an der glatten Fläche derſelben feſtzuhalten! Er ver⸗ nahm das Herabrutſchen der Hände an derſelben, dann den eigenthümlichen, nervenaufregenden Ton kratzender Nägel— dann war Alles ſtill. Noch einen Augenblick lauſchte er, dann riß er an dem Schloß der Thür, um es aufzuſprengen— vergeblich; er warf ſich mit aller Kraft dagegen, die Bretter dröhnten nur, aber ſie brachen nicht— wo einen andernen Ausweg finden? Er erinnerte ſich, neben dem Divan, wo er gelegen, eine Tapeten⸗ thüre bemerkt zu haben; dorthin tappte er angſtvoll, faſt verzwei⸗ felnd, ſtieß einen Stuhl um, ſtolperte über das Sattelzeug in der Ecke und war dann erſt ſo glücklich, die Tapetenthür zu finden, ſowie einen Riegel, den er haſtig zurückſchob, auf den Gang hinausſtürzte und hier faſt mit dem alten Marechal zu⸗ ſammenſtieß, der ſchreckensbleich, mit einem Lichte in der Hand die Treppe hinaufrannte, an ihm vorüber nach dem Zimmer ſeiner Herrin eilen wollte. „Sie— ſie iſt von einem Unglücke betroffen worden, wie Hackländer. Der letzte Bombardier. II. 12 178 Einundzwanzigſtes Kapitel. ich es ſchon lange befürchtet! O, ich hatte erſt dieſe entſetzliche Gewißheit, als ich ihn am Fenſter herabgleiten ſah— konnte ihn auch nicht aufhalten, da ich mich im Hauſe befand— arme Kolma, arme Kolma!“ Damit war er in der Thür des andern Zimmers ver⸗ ſchwunden, und Erich folgte ihm bebend und ſchaudernd. Da war er wieder in demſelben Zimmer, in dem er bei ihr am Abend geweſen war, das Fenſter neben dem Kamin ſtand weit geöffnet, die Nachtluft drang kältend herein. Sie ſah er im er⸗ ſten Augenblicke nicht, denn der alte Marechal kniete vor ihr am Boden, hielt ihren Kopf mit ſeinem Arme unterſtützt und neigte ſein Ohr gegen ihren Mund, der ihm mit ſchwacher Stimme etwas zuflüſterte. Jetzt wandte er ſich gegen Crich und ſagte ihm haſtig:„Rufen Sie die beiden Weiber herauf, die unten ne⸗ ben der Küche ſind— ſie ſollen keinen Lärm machen und die „Hausthür verſchloſſen halten!“ Raſch ſprang Erich die Treppe hinab und kehrte gleich darauf mit den Gerufenen, die unten zitternd und angſtvoll lauſchend beiſammenſtanden, zurück, während Marechal unter⸗ deſſen das junge Mädchen kräftig in ſeine Arme genommen, es aufgehoben und auf den Divan gelegt hatte. Kolma hatte die Augen geöffnet, und als Erich eintrat, ſich nun raſch gegen ſie wandte und ſich vor ihrem Lager mit thränenerfüllten Augen auf die Knie niederwarf, lächelte ſie ihn an und ſagte nach einem tiefen Athemzuge:„Es iſt nichts, mein Freund, wenigſtens nicht viel, und ich,— trage ganz allein— die Schuld. Dort— am Boden liegt— mein kleiner Dolch— mit dem es geſchah— weil ich— ungeſchickt war...A Eigenthümliches Souper. Ende mit Schrecken. 179 „Ja, ja, ſtieß Marechal mit leiſer, dumpfer Stimme her⸗ vor, vielleicht zu ungeſchickt, das iſt möglich!“ „Und nun,“ fuhr ſie fort,„verlaſſen Sie mich, mein Freund.“ „Nimmermehr, Kolma, nimmermehr!“ „Es muß ſein— gewiß— es muß ſein! Marechal wird Sie begleiten, um nach einem Arzte zu ſehen.“ Der alte Mann hatte ſich raſch erhoben, und als er jetzt auf das bleiche Geſicht ſeiner jungen Herrin herabblickte, füllten ſich ſeine Augen mit Thränen. „Gehen— Sie— mit Marechal. Gehen Sie— ich — brauche Hülfe.“— Sie erhob matt ihre Hand, welche ſie Erich darreichte, der ſie mit heißen Küſſen bedeckteund dann von Mare⸗ chal fortgezogen wurde, nachdem dieſer den beiden Frauen Ver⸗ haltungsbefehle gegeben hatte. „Noch iſt alles ruhig“, ſagte der alte Mann, als er die Thür des Hauſes hinter ſich verſchloſſen und einen Augenblick lauſchend ſtehen geblieben war,„aber ich fürchte immer, man hat die lauten Worte und jenen entſetzlichen Schrei gehört. Eilen Sie, daß Sie nach Hauſe kommen, es wäre jedenfalls höchſt unnöthig, wenn Sie in dieſer Unglücksnacht hier in der Nähe unſeres Hauſes getroffen würden! Gehen Sie, ich bitte Sie darum!“ 9 „Haben Sie Hoffnung, Marechal? Ich beſchwöre Sie, ſa⸗ gen Sie mir die Wahrheit!“ „Ja, ich habe einige Hoffnung; ich war,“ ſetzte er zögernd hinzu,„ſchon einmal bei einem ähnlichen Falle, und da zeigte ſich kurz nach demſelben im Geſichte des Getroffenen jener eigen— thümlich bekannte Zug, den ich, Gott ſei es gedankt, bei Kolma noch nicht wahrgenommen.“ 180 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Noch nicht, Marechal— aber?“ Doch war der Alte mit raſchen Schritten davongegangen, und Erich ſtand allein vor dem kleinen Hauſe. Er konnte es nicht verlaſſen, ohne nach der anderen Seite gegangen zu ſein und noch einmal nach ihrem Fenſter aufzuſchauen. Es war hell erleuchtet und ſah ſo ruhig und unverdächtig in die ſchweigende Nacht hinaus, als wenn da oben nichts wie Glück und Friede geherrſcht, und doch....— Er wandte ſich mit einem ſchmerz⸗ lichen Seufzer ab und wollte dahingehen, als er auf dem Bo⸗ den vor ſich etwas Weißes ſchimmern ſah, wonach er ſich bückte und ein zuſammengefaltetes Papier emporhob, das Jener wahr⸗ ſcheinlich beim Herabſteigen verloren. Raſch ſteckte er es mit einem letzten Blick auf das erleuchtete Fenſter zu ſich und eilte durch die Nacht davon. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Von den geſellſchaftlichen Verpflichtungen Schmoller's mit unlieb⸗ ſamen Unterbrechungen, in deren Folge der Betreffende wie ein Fiſch geangelt wird und Verheerungen in der Kaſerne anrichtet. Die Nacht, welche im Begriffe war, unter einem aufs Neue umflorten Himmel, im falben Zwielichte, unter dem Schleier dichter Nebel, in den Tag überzugehen, war nicht nur für Erich verhängnißvoll geweſen, ſondern hatte auch dem Bombardier Schmoller nicht die erwarteten und gewünſchten Roſen gebracht. Anfänglich allerdings hatte ſich der Abend bei ihm faſt eben ſo vortrefflich angelaſſen, wenn auch in ganz anderer Art, wie bei Erich, und wenn er auch, ſtatt wie Jener offen auf⸗ zutreten, von vornherein auf Schleichwegen ging, ſo wurden dieſe Schleichwege doch erhellt von einer angenehm brennenden Küchenlampe und er ſelbſt aufs freundlichſte geführt durch die gerade nicht zu harte Hand eines weiblichen Weſens, das ihn unter der halb geöffneten Thür eines nicht unanſehnlichen Hauſes erwartet und welche ihre Sympathie ſchon dadurch kund —— — — — — 182 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. gab, daß beide mit einem gewaltigen Katarrh behaftet ſchienen, denn wie ſie die hellen Knöpfe durch das Dunkel der Nacht blinken ſah, huſtete ſie ziemlich anhaltend und geräuſchvoll worauf er ſich ſo ſtark räusperte, als habe er die Abſicht, einen hartnäckigen Katarrh mit Einem Male und auf ewige Zeiten zu entfernen. Dann ſchloß ſich die Thür des erwänmen Hauſes hinter Beiden geräuſchlos, und in dem ſanft erwärmten Hausgange angekommen, ſchnüffelte Herr Schmoller behaglich in der Luft, denn ſeiner liebenden Seele ahnte etwas von Bratenduft und von dem Schmoren ſüßer Aepfel, wahrſchein⸗ lich mit Mandeln und Roſinen, denn das war ſein Lieblings— gericht. Weit entfernt aber ſei es von uns, einen ſo bedeutenden Helden unſerer Geſchichte in einer ganz gewöhnlichen Küche ſeinen Aufenthalt nehmen zu ſehen, vielmehr führte ihn die nicht allzu harte Hand unter dem Scheine beſagter Küchen⸗ lampe nach einem allerliebſten Hinterſtübchen, das mit dem Reiche, in welchem die Beſitzerin der Hand herrſchte, nur in 9 ſo weit in Verbindung ſtand, als man auch hier den Braten⸗ duft und den der ſchmorenden Aepfel durch die geöffnete Thür einathmete. Auch war hier ein Tiſch aufs beſte mit zwei Ge⸗ decken belegt, zwiſchen welchen eine Flaſche Wein prangte, ſo wie eine Schüſſel mit ſüßem Backwerk, um ſpäter, wenn Alles vorüber, auch daran zu knubbern. Herr Schmoller that übrigens, wie wenn er verdießlich wäre. Er hatte ſeine Augunitauei herabgezogen und ließ die Unterlippe hangen.„Hol' der Teufel den Dienſt bei Tag und bei Nacht!“ brummte er, ſeine allerdings ſehr beſchmutzten Stiefel betrachtend.„Da ſollte man ſich doch einbilden, es 8 Geſellſchaftliche Verpflichtungen Schmoller's. 183 ſei endlich einmal genug, wenn man ſich die Finger krumm und lahm geſchrieben hat! Nein, da muß ich heute, noch oben— drein an einem Feiertage, dazu ausgeſucht werden, um einen Arreſtanten, einen etwas gefährlichen, verdächtigen Kerl, in Arreſt zu ſchleppen!“ „Du lieber Himmel, dabei hätte dir ja wohl ein Unglück zuſtoßen können!“ „Ja—a-a, es ging auch hart daran vorbei, aber Unſer eins macht nicht viel Federleſens, das weißt du ſelbſt am beſten, Liſette; er wollte ſich widerſetzen, aber eins, zwei, drei — da hatte ich ihn ſchon am Kragen!“ „Laß doch gehen,“ bat ſie, ſich ſcheinbar ſträubend,„ich widerſetze mich auch nicht und bin ja kein Arreſtant!“ „Nein, aber ich bin der deine, ſüße Liſette, will mich aber jetzt der unbequemen Embleme meines nächtlichen Dienſtes, des Säbels und der dicken Brieftaſche, entledigen, um mich alsdann mit aller Freiheit deiner Liebe zu erfreuen.“ „Ich weiß nicht,“ fuhr er affectirt ſeufzend fort, während Liſette die beſagten Embleme auf ein Tiſchchen in der Ecke legte,„wie du es mir angethan haſt und wie ich dazu gekom— men bin! Eigentlich wollte ich höher hinaus, wenigſtens ſo hoch wie meine Kameraden von der Schreibſtube, von denen der eine, der Unterofficier Block, einer verwittweten Haupt⸗ männin die Cur macht und der junge Flattich ſogar ſüße Briefe an eine angehende Schauſpielerin ſchreibt. Doch das iſt gleichviel— ich liebe dich, du liebſt mich, und wenn es dir recht iſt, ſo wollen wir jetzt zu Nacht eſſen.— Sind wir auch völlig ſicher?“ „So ſicher, wie in Abraham's Schooß. Er und ſie ſind 184 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. des Beſuches wegen, den wir haben, zu einem Thee gegangen, bei welchem getanzt wird. Er wenigſtens allein des Beſuches wegen, denn er haßt alles das, was er, wie andere ähnliche Dinge, weltliche Vergnügungen nennt. Wäre auch heute noch zu Hauſe geblieben, wenn ſie nicht den Beſuch zum Vorwande genommen hätte und kazoriſch, wie ſie ſich auszudrücken pflegt, verlangt...“ „Du wollteſt wohl kategoriſch ſagen?“ „Wieder einmal zu tanzen oder wenigſtens dem Tanze zu— zuſehen. Man hat ja doch in dieſem Hauſe nicht die mindeſte Unterhaltung, ſagte ſie,“ fuhr Liſette fort, indem ſie ſich be⸗ mühte, die Redeweiſe und Kopfhaltung ihrer Gebieterin nach⸗ zuahmen—„man lebt ja doch bei dir wie in einem Kloſter, und wenn ich das gewußt hätte, ſo wäre ich allbereits viel lieber in ein wirkliches Kloſter gegangen, wenn das möglich geweſen wäre!“ „Alſo gibt es auch häusliche Scenen bei ſolch einem frommen Manne?“ ſagte der Bombardier kopfſchüttelnd, indem er ſich ein großes Glas Wein eingoß.„Wenn man der⸗ gleichen erfährt, ſollte man das Heirathen abſchwören.“ „Sie iſt die Schuld, wahrhaftig, ſie iſt allein die Schuld, und was ich mit dieſer Frau auszuſtehen habe, davon kannſt du dir gar keinen Begriff machen— ſie mißgönnt mir Alles!“ „Erzähle mir das ausführlich, nachdem du den Braten hereingebracht haſt.“ Dies war ſo raſch geſchehen, daß Liſette ſchon in der nächſten Minute fortfuhr, während Herr Schmoller ihr mit kauenden Backen zuhörte. Geſellſchaftliche Verpflichtungen Schmoller's. 185 „Alles mißgönnt ſie mir, zum Beiſpiel, daß ich gut ausſehe.“ „So iſt ſie ſelber häßlich?“ „Das kann man gerade nicht ſagen; nur iſt ſie für eine junge Frau ein wenig zu ſtark.“ „Das würde ich gerade nicht haſſen.“ „Während ich ſehr viel auf eine ſchlanke Taille halte. Merke dir das, Schmoller.“ „Gewiß; meine Liebe, ich will das bei keiner Gelegenheit vergeſſen.“ „Sie mißgönnt mir auch, daß ich heiter und luſtig bin und zuweilen ſinge, während ſie den ganzen Tag, beſonders wenn er da iſt, ausſieht, als wollte ſie Alles um ſich herum beißen; auch mißgönnt ſie mir meine Bekanntſchaft mit dir.“ „Was ich allenfalls begreiflich finde, wenn ſie mich nämlich einmal geſehen.“ „Ja, neulich, als wir vor dem Specereiladen beiſammen ſtanden, ſagte ſie: Liſette, Liſette, nimm dich vor dem Militär in Acht!“ „Die Frau muß in der That einen neidiſchen Charakter haben. Du haſt ihr aber doch wohl geantwortet, daß ich nicht eine ſo gewöhnliche Küchen- oder Brunnenbekannt⸗ ſchaft bin?“ „Gewiß habe ich ihr das geſagt; auch wäre wohl Aus⸗ ſicht vorhanden, daß wir uns ſpäter heirathen könnten.“ Dem Bombardier Schmoller mußte in dieſem Augenblicke einer der geſchmorten Aepfel im Halſe ſtecken geblieben ſein, denn er huſtete ſo lange und anhaltend, daß es begreiflich war, er habe vergeſſen, was ſie vorhin geſagt, denn er gab erſt Zweinndzwanzigſtes Kapitel. nach einer langen Pauſe zur Antwort:„Die Aepfel weißt du wirklich auf eine ganz famoſe Art zuzubereiten!“ „Und nicht wahr, Schmoller,“ fuhr ſie fort, wobei ſie ihren hübſchen, runden Arm auf ſeine Schulter legte,„du haſt redliche Abſichten mit mir?“ „Das will ich meinen! Sehe ich wie Jemand aus, der unredliche Abſichten hat?“— Da er bei dieſen Worten mit vollen Backen kaute, ſo gab er allerdings ein gemüthliches Bild der Häuslichkeit und des guten Appetits, dem man es durch⸗ aus nicht anſah, daß er erſt vor einer Stunde eine tüchtige Portion Sauerkraut und Kartoffeln verſchlungen— würdevolle Eigenſchaft eines Bombardier⸗Magens—, ſagte aber erſt nach dem Hinunterſchlucken eines außerordentlich großen Stückes des wirklich vortrefflichen Kalbsbratens:„Du mußt mich nur nicht verwechſeln, liebe Liſette, mit einem ſo gewöhnlichen Men⸗ ſchen aus der Kaſerne, ſo einem, der den Dienſt bei der Bat⸗ terie thut; der hat allerdings ebenfalls Treſſen am Aermel, aber es iſt rohes, gewaltthätiges, ungebildetes Volk. Wir da⸗ gegen von der Schreiberei, wir calculiren, wir concipiren, wir collationiren, wir repetiren— alles verwickelte, wichtige Ge⸗ ſchäfte, die uns aber gewiſſer Maßen einen feinen Schliff geben; auch treiben wir Literatur, leſen Bücher in fremden Sprachen, und durch alles das habe ich mir den Grundſatz eines berühmten indiſchen Weiſen zur Richtſchnür meines Lebens gemacht.“— Er ſtopfte ſich nach dieſen Worten beide Backen voll Zuckerwerk, und nachdem er dies vermittels eines vollen Glaſes Rothweins hinabgeſpült, ſagte er mit großer Wichtig⸗ keit:„Der Wahrſpruch dieſes berühmten indiſchen Weiſen heißt: Geſellſchaftliche Verpflichtungen Schmoller's 187 Thue, was du willſt, es wird dich gereuen!“ Haſt du mich vollkommen verſtanden, Liſette?“ „Nicht ſo ganz, aber das kann ich dir verſichern, Schmol— ſetzte ſie mit einem herzlich bittenden Tone hinzu,„du wirſt es gewiß niemals bereuen!“ 4 ler, „Das habe ich auch bis jetzt nicht gethan und fühle mich in der That wohl dabei.“ Daß dies die Wahrheit war, ſah man an ſeinem ver⸗ gnüglich lächelnden Geſichte und hörte es auch an dem behag⸗ “lichen Schmatzen ſeiner fettigen Lippen, wobei er die Weinflaſche prüfend gegen die gewiſſe Küchenlampe hielt und dann mit einem zärtlichen Augenaufſchlage ſagte:„Es iſt ein durſtiges Jahr, Liſette, und ſo jung und vergnügt wie heute ſitzen wir ſo bald nicht wieder bei einander— Apropos, wenn du deine andere Flaſche herbeiſchaffſt, wirſt du wohl nichts dagegen haben, wenn ich mir eine Cigarre anzünde?“ „Meinetwegen, bis ſie nach Hauſe zurückkehren, kann ich ſchon wieder auslüften, auch könnten wir hier das Fenſter im Stübchen ein wenig offen ſtehen laſſen.“ „Thu' das immerhin,“ bemerkte Herr Schmoller mit einem vorſichtigen Blicke nach der Küchenthür, zu welcher er herein⸗ gekommen.„Es iſt für alle Fälle gut, wenn man ſich eine Rückzugslinie offen hält, es iſt das, was wir wiſſenſchaftlich gebildeten Soldaten Strategie nennen, und dieſe Strategie be⸗ fiehlt mir, mich umzuſchauen, wohin dieſes Fenſter in nächſter Nähe und dann folgerichtig weiter führt.“ „In nächſter Nähe führt es dich auf unſeren kleinen Hof, wenn du hinausgeſprungen biſt;“ ſagte Liſette lachend,„und am Ende dieſes Hofes befindet ſich eine Thür, welche dies— 188 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. ſeitig mit einem Riegel verſchloſſen iſt und von wo du auf den Kirchenplatz von St. Urſula gelangſt. Sei aber unbeſorgt, du wirſt ſpäter zur ſelben Thür hinausgehen können, wo du auch hereingekommen biſt; ſo eine Tanzpartie dauert bis Mitter⸗ nacht, und außerdem wird gegeſſen, wie auf den Einladungs⸗ karten ſteht.“ „Du wirſt mir hoffentlich keine Furcht zuſchreiben,“ er⸗ wiederte Herr Schmoller mit hoch emporgehobenen Augenbrauen —„ich bin Marcel, wie er in der Oper heißt— Furcht, möchte wiſſen, vor wem— pah!“ Er nahm bei dieſen Worten ſeine Cigarrendoſe, aus einem alten, zerknitterten Zeitungs⸗ papier beſtehend, aus der Taſche ſeines Waffenrockes, und während Liſette nach dem Keller ging, zündete er ſeine Cigarre mit einem Stücke des eben genannten Etuis an; dann ſtreckte er die Beine lang von ſich, legte die Fäuſte breit auf den Tiſch und trommelte, höchſt behaglich ausſchauend, einen Siegesmarſch. Es war aber auch ein allerliebſter Aufenthalt, dieſes Küchenſtübchen, eben ſo ſauber und nett als die Beherrſcherin deſſelben, heute ſanft durchwärmt, ſanft durchduftet und ſo heimlich und verborgen gelegen! Hatte doch ſogar das kleine Fenſter, welches in den Hof ging, einen dichten, grünen, baum— wollenen Vorhang! Doch horch, was war das? Klang es nicht wie ein Geräuſch an der Hausthür? War es nicht gerade ſo, als werde dort leiſe und vorſichtig ein Schlüſſel eingeſteckt?— Viel⸗ leicht Räuber und Mörder? dachte Schmoller, wobei er ſich mit einem etwas verſtörten Geſichte langſam aus ſeiner be⸗ jet Geſellſchaftliche Verpflichtungen Schmoller's. 189 haglichen Stellung erhob, die Hände auf den Tiſch geſtützt lauſchend nach der Küchenthür blickend. Ja, man machte den Verſuch, das Haus zu öffnen, und als Liſette ſo eben mit der zweiten Flaſche auf der Kellertreppe erſchien, lenkte Herr Schmoller ihre Aufmerkſamkeit durch haſtige, verſtändliche Pantomimen auf das Geräuſch, welches er eben gehört und welches auch ſie jetzt zu hören ſchien; doch winkte ſie beruhigend mit der Hand, ſetzte aber die Flaſche raſch nieder und flüſterte ihm zu, während ſie die Küchenlampe er⸗ griff, um draußen nachzuſehen:„Es kann der Junge mit der Zeitung ſein, er kommt oft ſo ſpät— jedenfalls war ich ſo vorſichtig, die Kette vor die Hausthür zu legen. Sollte aber....— was aber unglaublich iſt—, ſo werde ich laut genug werden.“ „Ei,“ dachte Herr Schmoller, als er nun allein in dem jetzt dunkeln Hinterſtübchen ſtand,„es kann allerdings der Zeitungsjunge ſein, doch hat dieſes Wörtchen einen verflucht weiten Begriff. Schöpfen wir indeſſen ein wenig friſche Luft.“ Schmoller ergriff vorſorglich ſeine Mütze, die er neben ſich auf den Tiſch gelegt hatte, und ſchlich ſich nach dem Fenſter hin, deſſen Flügel er langſam aufzog und in den 7 kleinen Hof hinausblickte, während er angſtvoll gegen die Haus⸗ thür lauſchte. Und ſeine Angſt war nicht ohne Grund, denn er hörte jetzt Liſette ſehr laut und verwunderungsvoll ausrufen: „Ach, Madame, wie Sie mich erſchrecken, daß Sie ſo früh heim kommen! Iſt denn etwas vorgefallen?“ Die Antwort verſtand Herr Schmoller allerdings nicht, 190 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. denn er hatte ſich eilig auf das Fenſterbrett geſchwungen und hörte nur noch, wie Liſette jetzt ausrief: „Das Fräulein Bertha iſt krank geworden? Lieber Himmel, da will ich Ihnen nur raſch hinauf leuchten, Madame, und ſogleich einen Thee kochen!“ Worauf eine andere Stimme in ärgerlichem Tone ſagte: „Ja, leuchte nur hinauf, ich will ſchon ſelbſt in die Küche gehen!“ Raſche Schritte näherten ſich, während Herr Schmoller mit Anwendung der praktiſchen Strategie in den Hof hinabflog. Im gleichen Augenblicke aber fühlte er ſich feſtgehalten, und war ſchon im Begriffe, einen Schrei des— Muthes auszuſtoßen, als er durch ein Krachen hinter ſich ſo wie durch ein plötzliches Loslaſſen dieſer n überhoben wurde, aber auch zugleich der Mühe, unverletzte Beinkleider nach Hauſe zu tragen, da ein tückiſcher eiſerner acleicten der unterhalb des Fenſters hing, dieſelben gefaßt und ſo ſchonungslos zerriſſen hatte, daß er nur den kalten Einflüſſen der Nacht dadurch zu trotzen im Stande war, daß er mit der linken Hand die klaffende Tuchwunde zuſammenhielt, während er mit der einiger Maßen zitternden Rechten die kleine Hofthür ſuchte, fand und öffnete und ſich nach wenigen Minuten, ſicher vor allen Nachſtellungen, auf dem Kirchenplatze von St. Urſula befand. Hier aber, anſtatt eilig davon zu laufen, wie es in ſeiner Abſicht gelegen, blieb er plötzlich ſtehen, ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn und ſprach ingrimmig: a ſtehe ich allerdings auf dem Platze der heiligen Urſula, Irr wenn ſie ſelbſt käme mit allen ihren eilftauſend Jungfrauen, ſie könnte mir doch nicht helfen, denn ich Eſel habe meinen Geſellſchaftliche Verpflichtungen Schmoller's 191 Säbel und meine Brieftaſche liegen laſſen— da wollte ich doch gleich, daß ein Stern⸗Kreuz⸗Tauſend⸗Schock⸗Donnerwetter drein ſchlüge! Kann man ſolches Pech haben! Und verletzt bin ich auch!“ rief er nach einer Pauſe im Tone des höchſten Schreckens; es brennt mich da hinten ganz teufelsmäßig, ja, es iſt richtig, ich blute.“ „Und doch bei allem Unglücke,“ ſagte er nach einer ſorg— fältigen Viſitation,„ein eigentlich unverdientes Glück. Ich ſchaudere, wenn ich daran denke, was mir hätte geſchehen können, wenn ich tiefer in dieſen verfluchten Fleiſchhaken hineingeſprungen wäre; das ſoll mir eine Lehre ſein— wahrhaftig, ich ſchaudere!“ Was war nun weiter zu thun? In den Hof zurückkehren und den Verſuch machen, Liſette zu ſprechen, um ſeinen Säbel und ſeine Brieftaſche wieder zu erlangen, wäre Vermeſſenheit geweſen, denn als er ſich leiſe der Thür in der Hofmauer näherte und dort lauſchte, vernahm er ziemlich laute Stimmen, die in einer nichts weniger als freundſchaftlichen Unterhaltung begriffen ſchienen. Er mußte die Embleme ſeines Standes, er mußte ſeine Liebe im Stiche laſſen, und wer ihn ſo hätte dahinwandeln ſehen im langſamſten Schritte, der Caſerne zu, mit der linken Hand die gefährliche Blöße deckend, die Rechte geballt und ſie zuweilen in zornigem Selbſtgeſpräche in die Höhe hebend, der hätte nicht geglaubt, daß es derſelbe Bom— bardier Schmoller wäre, der vor einer Stunde ſiegesbewußt dahingezogen war, um ſeinen geſellſchaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Und wohin ſollte er ſich wenden bei dieſer herbſtlich rauhen Nacht? Fürchtete er ſich doch vor ſeiner Stube, da er überzeugt war, der Unterofficier Block habe noch Licht und freue ſich jetzt —y— 192 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 2 ſchon darauf, den ſpät nach Hauſe Kommenden zu hänſeln; auch war es ihm leibhaftig, als ſehe er ſchon das dumm lachende Geſicht des jungen Flattich vor ſich und höre deſſen unpaſſende Bemerkungen von gemeinen Liebſchaften und dergleichen. Eine glückliche Idee ſchien es ihm deßhalb, auf die Caſernen⸗ Wachtſtube zu gehen, um ſich dort mit Erich, der ja eigentlich daran ſchuld war, über das Weitere zu benehmen, ſo wie auch dieſem jungen, leichtſinnigen Menſchen ſehr eindringliche und ſehr gerechte Vorwürfe zu machen. Bald hatte er denn auch die Dominicaner⸗Caſerne erreicht und ſah das Licht aus dem Fenſter der Wachtſtube ſchimmern. Der Poſten vor dem Gewehr machte ihm als Bombardier und Schreiber auf der Brigadekanzlei keine Schwierigkeiten, und ſo trat er zuerſt an das Fenſter der Wachtſtube, um vorher das Terrain zu recognosciren, beſtändig mit vorgehaltener linker Hand und fortwährend darüber innerlich polternd und fluchend. Da ſaß der wachthabende Bombardier Hellwig und las in einem Buche, da lagen die beiden Kanoniere auf der Pritſche, aber von Erich war keine Spur zu ſehen. Sonderbar, wo mag ſich dieſer Kerl herumtreiben? Hat vielleicht den Leichtſinn ſo weit getrieben, iſt auf ſeine Stube gegangen und in ſein Bett gekrochen; dann ſollte ihn aber gleich ein ſiedendes Donnerwetter— na, davon muß ich mich überzeugen! Er öffnete geräuſchvoll die Thür der Wachtſtube und ſagte, ohne einzutreten, zu dem erſtaunt aufblickenden Komman⸗ direnden:„Du, Hellwig, war Niemand da, der nach mir gefragt hat?“ „Keine Seele.“ ir 8 Geſellſchaftliche Verpflichtungen Schmollers. 193 „Auch nicht der Kanonier Freiberg?“ „Dummer Kerl,“ war die Antwort,„mir ſcheint, du haſt einmal wieder gehörig getrunken! Iſt der Freiberg nicht von dir ſelber in Arreſt gebracht worden? Geh' in dein Bett und ſchlaf' deinen Rauſch aus!“ Schmoller war in der heutigen Nacht ſo gedemüthigt, ja, ſo zerknirſcht, daß er ruhig zur Antwort gab:„Ja, darin haſt du eigentlich Recht, ich will auf mein Zimmer gehen.“ Auch zog er die Thür wieder ſanft ins Schloß, ging aber nicht auf ſein Zimmer, ſondern ſchlug ſich ingrimmig die beiden Fäuſte vor die Stirn, auf die Gefahr hin, ſich zu erkälten, und dann rannte er wieder zum Caſernenthore hinaus auf die finſtere Straße, wo er zornig auf und ab lief mit dem Gefühle eines jungen Kettenhundes, dem man den Schwanz abgehackt. „Nein, dieſe Lehre, dieſe Lehre, Aehnliches ſoll mir noch einmal geſchehen! Da renn' ich herum in der kalten Nacht, wie ein beſoffenes Rindvieh, und könnte in meinem warmen Bette liegen; und mein Säbel und meine Brieftaſche, letztere mig Papieren, die eigentlich Niemand leſen ſollte, o, o— o! Und meine neue Hoſe, die mich drei Thaler und zwanzig Silber⸗ groſchen koſtet, das heißt, wenn ſie einmal bezahlt ſein wird! Auch das noch, und wo ſich dieſer unverantwortliche Kerl herum⸗ treibt! In ſeinem Zimmer iſt er nicht, dazu iſt er zu ehrlich, denn wenn er heim gekommen wäre, ſo würde er auf die Wachtſtube gegangen ſein, wie er mir verſprochen.— Kommt da nicht etwas? Nein, es iſt nur ſo ein verfluchter Nacht⸗ wächter!“ Zwanzig Mal war er im Begriffe, auf ſein Zimmer zu gehen, und zwanzig Mal hielt ihn die Furcht und Scham davon 3 Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 13 194 Einundzwanzigſtes Kapitel. ab. Auch nahm er ſich eben ſo oft feſt vor, allen tauſend Teufeln zu trotzen, auch dem Block und dem Flattich, ja, ins Zimmer hineinzutreten und, um ſie auf einmal ins Klare zu ſetzen, keck und frei ihnen den verletzten Theil ſeines Anzuges zu präſentiren; aber er trotzte nicht, er ſchäumte nur ein wenig, fluchte in ſich hinein, lief jedes Mal eine Weile wie toll hin und her, um darauf eine andere Weile vergeblich in die finſtere Straße zu ſtieren. Die Uhren ſchlugen Viertel, Halbe und Ganze, und das häufig in dieſer richtigen Reihenfolge, worauf denn endlich die Zeit erſchien, in welcher Erich daher kam mit ähnlichen, aber doch ganz anderen Gefühlen, als denen, mit welchen ihn ſein Freund erwartete, ſchaudernd, entſetzt, aufs fürchterlichſte erregt. Daher mochte es denn auch wohl kommen, daß die ganze Flut von Vorwürfen und Verwünſchungen, welche Herr Bom⸗ bardier Schmoller über ſein Haupt ausſchüttete, an ihm ſpurlos vorüberging— an ihm herabfiel, wie Schmoller wüthend, aber ſehr treffend ſagte,„gleich dem Regen am Felle des Hundes. Schäme dich, Kerl, ſchon ſo jung und noch ſo verdorben.“ „Aber was iſt dir denn geſchehen?“ „Mir?— Da, ſchau her, Kerl, was mir geſchehen iſt, und Alles durch deine Schuld! Und meinen Säbel habe ich verloren, auch die Brieftaſche mit meinem erſparten Vermögen, und renne hier nun ſchon drei geſchlagene Stunden herum, um auf einen Kerl wie du biſt zu warten! Iſt das nicht ſchmählich, unverantwortlich?“ „Und an allem dem bin ich ſchuld?“ „Du und kein Anderer, denn wenn dich der heilige Auguſtin um acht Uhr behalten hätte, ſo wäre ich früher im Stande — Geſellſchaftliche Verpflichtungen Schmollers. 195 geweſen, meinem dringendem Geſchäfte nachzugehen— und wäre alsdann nicht— und wäre nicht ſo— kurz, ich wäre nicht ſo, wie ich wäre, und läge jetzt beruhigt in meinem Bette.— Nein, ich kann dir verſichern, Freiberg, ich bin ein guter Kerl, aber wenn man mir ſo ans Leben geht, ſo werde ich rabiat und bin ganz des Teufels!“ „Dadurch erfahre ich aber nicht im geringſten, was dir begegnet iſt!“ „Soll ich vielleicht hier in der finſtern Nacht, auf der kalten Straße auskramen? „Gut denn, gehen wir in die Wachtſtube; mich friert's ebenfalls.“ „Soll ich vielleicht bei dem langweiligen Hellwig meine Blöße aufdecken?“ „So wollen wir denn in des Himmels Namen auf deine Stube gehen; Block und Flattich ſind gute Kameraden und werden uns nicht verrathen.“ „Verrathen allerdings nicht, aber du weißt, ich bin ſehr empfindlich, ich haſſe alle Sticheleien, worin beſonders der naſe⸗ weiſe Flattich ſehr ſtark iſt.— Aber im Grunde haſt du Recht ich bin ſo durchfroren, daß alle Pfeile des Spottes von mir abprallen müſſen, und wenn ſie es zu arg machen, ſo präſentire ich ihnen eine Scheibe, mit der ſie zufrieden ſein ſollen!“ Damit traten ſie in den Caſernenhof zurück, drückten ſich an dem Wachpoſten ſo gut als möglich vorbei, tappten ſich dann über die finſteren Treppen und den langen, dunkeln Corridor, wo alle Lampen längſt erloſchen waren, bis zur 196 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Stube Schmoller's, welche dieſer alsdann ſo leiſe als möglich öffnete, Wie behaglich ſchlug ihnen hier der angenehme, warme Dunſt entgegen, wobei das ſanfte Schnarchen der drei Bewoh ner etwas Nervenberuhigendes hatte. 3 „Wenn ſich die Kerle nur nicht verſtellen!“ flüſterte Schmol— ler, indem er, in die Luft ſchnüffelnd, hinzuſetzte:„Es iſt gerade, als hätten ſie eben erſt ihre übelriechende Talgkerze ausgeblaſen; nun, meinetwegen, ſie ſollen mich— kennen lernen. Komm — ganz leiſe, hier ſind wir an meinem Bette, mich fröſtelt wie einen Hund. Verflucht, das Ausziehen macht mir keine Mühe, ich könnte mit beiden Beinen hinten'raus, und es war meine neue Hoſe! So, jetzt will ich zuerſt hinein, Warte einen Augenblick, bis ich liege.— Himmel⸗Stern⸗ Sakerment, was iſt denn das? O— o—oh, wollt ihr Kame.... Doch weiter vernahm man nichts mehr von ſeinen Worten, weil alles Uebrige von einem furchtbaren Gepolter verſchlungen wurde; es krachte und rutſchte, es ſchlug dumpf auf dem Bo⸗ den auf, dann klirrte es, wie von einer zerbrochenen Waſchüſ⸗ ſel, und zwiſchen Kichern und Lachen aus den andern Betten heraus vernahm man die ruhige Stimme des Unterofficiers Block, welche ſagte: „Höre, Schmoller, Alles hat ſeine Zeit, du hätteſt dein Manoeuvre de force bis morgen aufſparen können; halte dich ruhig, Kameel, wir wollen ſchlafen!“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Berichtet, wie Erich durch aufopfernde Freundſchaft für den Bom⸗ bardier Schmoller in große Gefahren geräth, dabei zu einem Kaffee⸗ frühſtücke eingeladen wird, ſich vergangener Zeiten erinnert und ins Unglück kommt. Nachdem ſich der Bombardier Schmoller ſowohl aus den Trümmern ſeiner Bettſtelle als auch aus denen ſeiner mit Waſ⸗ ſer gefüllten Waſchſchüſſel ſo gut als möglich gerettet hatte, aller⸗ dings mit Durchnäſſung ſeiner hinteren Körperſeite, welche heute ohnedies ſchon ſtark in Angriff genommen worden war, nach⸗ dem er ſo einen Augenblick, wollen wir ſagen, fröſtelnd, ſchau⸗ dernd, wüthend, racheſüchtig, wie ein angeſchoſſenes Rhinoceros, mit zuſammengeballten Fäuſten da geſtanden, that er das Klügſte, was er in ſeiner Lage thun konnte: er brach in ein allerdings etwas convulſiviſches Lachen über dieſen ganz famos gelungenen ſchlechten Witz aus. „Ihr ſeid verflucht luſtige Kerls,“ ſagte er, indem ihn das h Vergnügen zu ſchütteln ſchien,„und war die Erfindung dieſes Attentats, wenn auch nicht ganz neu, doch auch nicht ſo ver— braucht, eure übrigen Ideen, ſchade aber, daß es nicht mich wie X 4. „* 8 198 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. allein getroffen hat, ſondern auch einen Gaſt, den ich mitge⸗ bracht, mit dem ich gaſtfrei, wie die Araber, Lager und Gezelt theilen wollte, ein Vergnügen, deſſen ihr Murmelthiere mich nun allerdings zur Schande der Menſchheit beraubtet! Machen wir indeſſen Licht und ſehen wir, wie wir uns helfen können.“ Bei dem Scheine der nun wieder angezündeten Talgkerze ſah man allerdings eine gräuliche Verwüſtung, und der Bom⸗ bardier war kaum im Stande, aus dem Wirrwarr von Stroh⸗ ſack, Matratze, ein nothdürftiges Lager herzuſtellen; endlich aber gelang ihm dies dennoch, indem er die Mäntel ſämmtlicher Attentäter in Anſpruch nahm, welche, aus ihren Betten heraus grinſend, nichts dagegen einzuwenden wagten, denn Schmoller obgleich ſcheinbar ganz guter Laune, machte doch höchſt excen⸗ triſche Bewegungen und that, wenn Einer gar zu laut kicherte, verdächtige Griffe nach einem Schemelbeine oder einem Stiefel⸗ knechte. Darauf war die Ruhe ziemlich wieder hergeſtellt, und als einige Stunden darauf das falbe Licht des ſpäten Herbſttages aufzudämmern begann, erklang ein beruhigendes, vielſtimmiges Schnarchen durch das Zimmer. Das nun ſpäter erfolgende Lever zu beſchreiben, halten wir für überflüſſig, können aber nicht verſchweigen, daß das Er⸗ ſtaunen der Stubengeſellſchaft kein kleines war, als man nun Erich Freiberg erkannte, der nach allen menſchlichen Berechnun⸗ gen in den Hallen des heiligen Auguſtin hätte ſein ſollen, und als auch der junge Flattich die ſurchtbar zerriſſene Hoſe des Bombardiers hervorbrachte; doch componirte Schmoller einen artigen kleinen Roman über die Begebenheiten der vergangenen Erich kommt ins Unglück. 199 Nacht, viel Dichtung, wenig Wahrheit, von letzterer eigentlich nur, daß er den betreffenden Arreſtzettel auf der Kanzlei habe liegen laſſen und daß der junge Flattich wohl ſo gefällig ſein würde, dieſen ſo bald als möglich dort unter herumliegenden Papieren zu ſuchen und herbei zu bringen. „Das Beſte alsdann iſt,“ fuhr er fort,„daß ich mich für heute Morgen krank melde und mich ſo bald als möglich zur Caſerne hinausſchleiche, um dieſen unglücklichen Kerl in Arreſt zu bringen. Was nun euch anbelangt, ſetzte er mit erhobener Stimme hinzu, indem er unter einer ſchwungvollen Handbewe⸗ gung auf die Trümmer ſeines Bettes wies, ſo hoffe ich, ihr werdet daran genug haben und nebenbei ſo anſtändige Kame⸗ raden ſein, um über die anderen Geſchichten eure ehrenwerthen Mäuler zu halten.“ Unterofficier Block verbürgte ſich in dieſer Richtung alles Ernſtes für die Uebrigen, welche denn auch erklärten, daß ſich Keiner eines ſolch gemeinen Verrathes ſchuldig machen würde, worauf auch der junge Flattich, ſobald dies möglich war, auf der Kanzlei den Arreſtzettel ſuchte und fand, derſelbe war zwi⸗ ſchen andere Papiere gerathen. Dann begaben ſie ſich auf die Schreibſtube, wo es dem Unterofficier Block das größte Ver⸗ gnügen machte, heute, wo gerade ſehr dringende Arbeiten vor⸗ lagen, den Bombardier Schmoller beim Brigadeſchreiber krank melden zu können. Erich und der Bombardier blieben auf der Stube zurück und berathſchlagten, was weiter zu thun ſei.. „Vor allen Dingen,“ ſagte Schmoller, muß ich meinen Säbel und meine Brieftaſche wieder zu erlangen ſuchen; letztere — —— — 200 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 2 enthält compromittirende Geheimniſſe, und ich zittere bei dem Gedanken, daß ſie in unrechte Hände fallen könnte.“ Darauf legte er ein ziemlich wahres Geſtändniß ſeiner Erlebniſſe des geſtrigen Abends ab und erſuchte ſchließlich ſeinen Freund, ſich in das bezeichnete Haus begeben zu wollen, um dort Säbel und Brieftaſche zurück zu verlangen. „Ich werde ſo lange in dem kleinen Wirthshauſe warten, wo wir geſtern waren, und da es mich wahrhaft anekelt, hier in dieſer troſtloſen Umgebung etwas zu genießen, ſo verſpreche ich dir ein ſolides Frühſtück, ſobald du mit meinen Effecten zurückkehrſt. Vorher aber wollen wir uns ſo fein als möglich machen, und während mein Burſche herein kommt, um deine Uniform und Stiefel zum Putzen zu holen, kannſt du dich hin— ter einem der Betten verkriechen, damit dich dieſer Kerl nicht ſieht was jedenfalls unnöthig iſt.“ So geſchah es, und eine gute halbe Stunde ſpäter ſchlichen ſich beide zum Zimmer hinaus, gewannen glücklich eine Neben⸗ treppe und erreichten, draußen längs der Mauer hinſchleichend, die Hintergebäude der Dominicaner⸗Caſerne, Stroh⸗ und Holz⸗ magazine, wo ſie durch ein nicht zu hoch gelegenes Fenſter auf die Straße gelangten. Auch kamen ſie ohne weitere Schwierig⸗ keiten in das betreffende Wirthshaus, wo ſie in derſelben Ecke, die ſie geſtern Abend beherbergt, einen Augenblick verblieben, und wo Erich neben den letzten Inſtructionen noch ein Paar friſchgewaſchener Handſchuhe des Bombardiers empfieng, ſowie deſſen feinere Mütze, um auch im Aeußern würdig als Ge⸗ ſandter einer ſolchen Großmacht auftreten zu können. Dann ging er ſeiner Wege, doch ehe er das that, capitu⸗ lirte er mit Schmoller noch wegen einer kleinen halben Stunde Erich kommt ins Unglück. 201 zur Beſorgung eines eigenen dringenden Geſchäftes— wer hätte auch die Dringlichkeit deſſelben nicht begreiflich gefunden? Wer, der um die Vorfälle des geſtrigen Abends gewußt? Ach wie oft war er während des kurzen Nachtſchlummers erwacht, hatte an die arme Ticzka gedacht und ſich halb träumend, halb wachend mit ihr beſchäftigt! Wie zitterte er bei dem Gedanken, wieder in das kleine Haus einzutreten, dort vielleicht bleiche, verſtörte Geſichter zu ſehen und den alten Marechal zu finden, der ihn hinaufführte in das Zimmer, wo die ſchöne Kolma— lag! Vielleicht aber auch, daß ihm der alte Mann mit glück— lichem Geſichtsausdrucke zuflüſterte:„Es geht beſſer, es geht gut, ſie hat ſchon mehrere Male nach Ihnen gefragt!“ So oder ſo. Darum mußte er Gewißheit haben und deßhalb verlangte er vorher eine kurze halbe Stunde für eine dringliche Dienſtangelegenheit. Aber Erich hätte ebenſo gut einen Nero erweichen können, als den Bombardier Schmoller in dieſem Augenblicke; ſchon bei der einfachen Zumuthung hatte ſich alles in ihm emporge⸗ ſträubt, wie bei dem erzürnten Hahne, ja, er kollerte auch zor⸗ nig, wie dieſer, und ließ Erich bei irgend etwas Furchtbarem ſchwören, geraden Weges zu gehen, ſeinen Auſtrag auszuführen und geraden Weges wieder zurückzukehren. „Wenn ich erſt meinen Säbel und meine Brieſtaſche wieder habe,“ hat Herr Schmoller geſagt,„dann wollen wir ſehen, was in deiner dringlichen Angelegenheit zu thun iſt.“ Wenn dieſer Gang auch Erich keine große Gemüthsbewe⸗ gung verurſachte, ſo war er doch an dem heutigen Morgen in Folge der geſtrigen Erlebniſſe ſo wie einer faſt ſchlafloſen Nacht in einer aufgeregten, etwas gereizten Stimmung, leicht empfäng⸗ 20² Dreiundzwanzigſt es Kapitel. lich für Angenehmes und Unangenehmes und in dieſer Ver⸗ faſſung hatte er ſich vorgenommen, dem Herrn des betreffenden Hauſes allerdings mit Höflichkeit entgegenzutreten, aber mit Feſtigkeit die Zurückgabe der fraglichen Gegenſtände zu verlan⸗ gen und im günſtigen Falle des Gelingens allerdings ſeine und des Anderen herzlichſten Gefühle der Dankbarkeit nicht vorzuent⸗ halten. Hoffentlich verſteht der Mann einen Scherz und hat nicht die blutdürſtige Abſicht, meinen Freund ins Unglück zu ſtürzen, möglich aber auch, daß die betreffende Perſon ſelbſt ſo geſcheit und glücklich geweſen iſt, Säbel und Brieftaſche auf die Seite zu bringen. Jedenfalls iſt das Ganze für mich eine unange⸗ nehme Commiſſion, und dazu der Hintergrund meiner drei Tage, während ich jetzt ſo gern in einem behaglich warmen Winkel ſitzen möchte, am liebſten am Bette der armen Ticzka, um mich nach ihrem Zuſtande zu erkundigen, um ſie ſanft zu tröſten, wenn das Unglück, wie ich hoffe, nicht zu arg iſt, oder im andern Falle mit dem alten Marechal bitterlich um ſie zu weinen! Ja, ich gäbe in dieſem Augenblicke viel darum, natür⸗ lich, wenn ich etwas zum Geben hätte, wenn es noch um dieſe Zeit wäre, wie damals vor Jahren, und ich mich an irgend ein freundliches Herz ſchmiegen könnte, an das Herz des guten Doctors Burbus oder an das meines treuen Jugendlehrers, oder wenn ich mich zu den Kindern des guten Wacker hinſetzen könnte in das ärmliche Wohnſtübchen, fern von der lärmenden Welt, und ihnen Märchen erzählen, bis wir Alle mit einander einſchliefen, was damals wohl vorzukommen pflegte— oder ſelbſt wenn ich bei.... Er verſcheuchte in ſeinen Gedanken raſch den Namen Selma's Erich kommt ins Unglück. 203 ſo wie ihr Bild, welches ihn in dieſem Augenblicke ſo eigen⸗ thümlich anlächelte— Selma. Er hatte ſo lange nicht an ſie gedacht, ja, er hatte ſie faſt vergeſſen, und jetzt auf einmal erinnerte er ſich ſo lebhaft ihrer hübſchen, ſchmachtenden Augen, ihrer ſtarken Lippen, ihrer vollen Geſtalt.— Pah, dummes Zeug! Da war das bezeichnete Haus, auf welches er, dicht an der Mauer hingehend, nun zutrat und dann die Klingel anzog. Es dauerte auch nicht lange, ſo näherten ſich Tritte, die Thür wurde aufgeſchloſſen, aber nur ſo weit geöffnet, als es die von innen vorgelegte Kette erlaubte, und dann erſcholl durch dieſe Spalte ein leiſer Schrei der Verwunderung oder des Schreckens. „Vor allen Dingen,“ flüſterte Erich,„erſuche ich Sie, mich ins Haus zu laſſen, damit mein Davorſtehen kein unnöthiges Aufſehen macht. Seien Sie geſcheit, hübſche Liſette, ich bin gewiß nicht gekommen, Ihnen Ungelegenheiten zu machen!“ „O, Maria Joſeph, was wollen Sie denn eigentlich? Ich kenne Sie gar nicht!“ „Aber Sie kennen meinen Freund Schmoller.“ „Leider, und ich wollte, ich hätte ihn nie kennen gelernt!“ Vielleicht denkt der eben ſo, dachte Erich und ſetzte laut hinzu:„Das iſt möglich, aber ich habe ein paar dringende Worte mit Ihrer Herrſchaft zu reden, und wenn Sie mich nicht herein laſſen, ſo muß ich ſo lange anläuten, bis Jemand anders kommt!“ Die Kette fiel, und Erich trat in das Haus, welches ſogleich hinter ihm verſchloſſen wurde. 204 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Ich weiß ſchon, weßhalb Sie kommen,“ ſagte das hübſche Dienſtmädel,„aber es iſt unmöglich, rein unmöglich!“ V „Und was iſt rein unmöglich, wenn ich fragen darf? Seien Sie doch geſcheit, es läßt ſich alles Mögliche möglich 177 machen! „O, ich kann mir's denken, der Schmoller hat geſtern Abend etwas zurückgelaſſen, und das wollen Sie abholen; aber, wie ich ſchon ſagte, das iſt rein unmöglich, denn der Herr hat es geſtern Abend gleich mit hinauf genommen!“ „Den Säbel?“ „Ja, den Säbel. Ach, ich unglückliche Perſon, ſo meine Reputation zu verlieren! Ich, die nie ein Verhältniß gehabt hatte, ja, die von der Madame nur deßhalb in den Dienſt ge⸗ nommen wurde, weil ich früher nie ein Verhältniß gehabt, denn die Madame ſagt, das könne der Herr durchaus nicht leiden. Und nun muß der Herr einen Säbel bei mir finden, und ich konnte ihm doch nicht weismachen, daß dieſer Säbel allein ins Haus gelaufen ſei!“ „Das iſt allerdings wahr— und die Brieftaſche?“ „O, die hab' ich glücklicher Weiſe in meine Taſche geſteckt! Glück—lich—er— Weiſe!“ fuhr ſie mit einem recht ſchnippiſchen Ausdrucke fort.„Das können Sie Ihrem Freunde, dem Herrn Schmoller, ſagen, denn ich hätte in dieſer Brieftaſche Beweiſe. gefunden, wie ſchlecht er war, Jemanden zu betrügen, der ſo treu an ihm gehangen— ſo treu, ſo treu!“ T Während ſie mit ihrem Schürzenzipfel an die Augen fuhr, ſah Erich deutlich ein, daß Schmoller wirklich ein Ungeheuer ſein mußte, verſchwieg dieſe Anſicht auch nicht, indem er hinzu— ſetzte,„es müßte ihr, als einem ſo hübſchen Dienſtmädchen, — Erich kommt ins Unglück. 205 Alles daran gelegen ſein, die Zeugen des unterbrochenen Opfer— feſtes dadurch zu entfernen, daß ſie ihm auch die Brieftaſche übergebe.“ Doch ließ Liſette bei dieſer Aufforderung ihren Schürzenzipfel fallen und erklärte feſt und beſtimmt,„das ſei eine Sache, die ſie Aug' in Auge, wie auch noch andere, mit dem Herrn Schmoller ſelbſt regeln wolle.“ „Gut denn, ich kann dagegen nichts einwenden, bitte aber, mich jetzt Ihrem Herrn zu melden, damit ſch ihn um die Herausgabe des Säbels bitten kann— wohl verſtanden. Ich fange damit an, zu bitten, und der Herr wird wohl begreifen, daß es eine Unmöglichkeit iſt, ein königliches Eigenthum zurück⸗ halten zu wollen.“ „Der Herr wird es aber nicht begreifen können,“ erwiederte das hübſche Dienſtmädchen in einem etwas ſchnippiſchen Tone, „denn er iſt heute in der Frühe verreiſt.“ „Alle Teufel, das iſt ſehr ungeſchickt! So muß ich mich an die Frau vom Hauſe wenden, was am Ende noch günſtiger i*ſt,“ ſetzte er galant hinzu,„denn ſie wird nicht ſo hartherzig ſein.“ Ob es hier abſichtlich geſchah, daß das hübſche Dienſtmädel den hübſchen Soldaten mit einem längeren Blicke, der von einem eigenthümlichen Lächeln begleitet war, betrachtete, als dies bisher geſchehen, ſind wir nicht im Stande, anzugeben; doch knixte ſie etwas auffallend und ſagte, indem ſie ihren Kopf in die Höhe warf: „O, ich kann es ſchon verſuchen, bei der Madame zu fragen, ob ſie den Herrn ſehen will, den Herrn— Bombardier — oder wie habe ich die Ehre, Sie anzumelden? Glaube aber doch nicht,“ ſetzte ſie mit einem zweiten Knixe hinzu,„daß die 206 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Madame ſich beeilen wird, den Herrn heraufkommen zu laſſen. Wen ſoll ich alſo anmelden?“ „Sagen Sie meinetwegen, einen Freund Ihres Schmoller's.“ „Mei- nes Schmoller's? O, ich bitte, das hat nach dem, was ich durch die Brieftaſche erfahren, ſehr aufgehört!“ „Nun, ſo ſagen ſie meinetwegen: ein Brigadeſchüler Namens Freiberg wünſche die Frau des Hauſes zu ſprechen.“ „Ah, ein Herr Brigadeſchüler! Nun, ich will es ver⸗ ſuchen, weil Sie ſo manierlich ſind und ſo anſtändig aus⸗ ſehen.“ Nach dieſen Worten hüpſfte ſie coquet, mit ſchwänzelnder Bewegung ihrer Röcke die Treppe hinauf, blieb auch nicht lange aus und rief ihm ſchon von der Treppe entgegen:„Die Madame will Sie wahrhaftig ſehen; ach, Herr Brigadeſchüler, wenn es Ihnen gelingt, den Säbel Ihres Freundes zurück zu erhalten, ſo bereuen Sie ein gutes Wort für mich nicht, ſagen Sie meinetwegen: dieſer Schmoller ſei ein eben ſo an⸗ ſtändiger Menſch und habe die ehrlichſten Abſichten.“ „Trotz der Brieſtaſche? Nun, ich will ſehen, was ich thun kann.“ „So— bitte— treten Sie hier herein und gedulden Sie ſich nur einen Augenblick. Madame iſt ein Bischen ſpät zu Bette gegangen und auch ein Bischen ſpät aufgeſtanden. Ach, Herr Brigadeſchüler, ich verlaſſe mich ganz auf Sie!“ Das hübſche Dienſtmädchen hielt bei dieſen Worten dem jungen Manne ſo herausfordernd die Hand entgegen, daß er nicht anders konnte, als dieſe ergreifen und ſie nochmals ſeines beſten Willens zu verſichern. , Erich kommt ins Unglück. 207 Dann war Erich allein und ſchaute fich in dem nicht reich, aber behaglich eingerichteten Wohnzimmer um. Da war auf dem Boden ein weicher Teppich, da ſtand in der einen Ecke ein Sopha und davor ein kleiner Fauteuil, in der anderen Ecke ein weißer Porcellan⸗Ofen, der eine angenehme Wärme verbreitete, da duftete es nach Blumen und nach Kaffee, Beides ſehr natürlich, weil ſich unter dem Spiegel eine Porcellanſchüſſel voll kleiner Veilchenbouquets befand, die nachgeborenen Kinder der letzten Herbſtſonnentage, und weil auf dem Tiſche eine brodelnde Kaffeemaſchine ſtand. Das ganze Bild ein ſo reizen⸗ des Enſemble, daß Erich bei ſeiner regen Phantaſie ſogleich das wonnige Gefühl empfand, ſich dort in den Fauteuil aus— ſtrecken zu können und von dem Kaffee und dem einladenden Backwerk zu frühſtücken— lächerliche Träume für ihn, der ſelbſt mit drei Tagen Mittelarreſt behaftet hieher gekommen war, um den Säbel eines anderen, nicht minder ſchweren Verbrechers zurück zu erbetteSrln. Wie war die Dame des Hauſes beſchaffen? War es eine alte, gediegene, mürriſche Per⸗ ſönlichkeit, klapperdürr, mit ſpitziger Naſe, welche die günſtige Gelegenheit wahrnahm, dieſen jungen, leichtſinnigen Leuten ein⸗ mal eine Predigt aus dem FF zu halten? War es— Doch da öffnete ſich die Thür, und die Herrin des Hauſes trat ein. Keine klapperdürre Perſönlichkeit mit ſpitzigen Schul⸗ tern, ſo viel bemerkte der junge Mann beim erſten Blicke, ohne ihr Geſicht ſehen zu können, da ſie dieſes abgewandt hatte, während ſie die Thür hinter ſich verſchloß. Es war eine hübſche, etwas ſtarke Geſtalt in einem hellgrauen Mor⸗ genkleide, welches ſich bei der oben erwähnten Bewegung ſo feſt an ihren Körper anſchmiegte und Formen zeigte, daß alle 208 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ideen von dürrer, gefühlloſer Grauſamkeit ſogleich entſchwinden mußten. Dann wandte ſie ſich gegen den jungen Mann, ein Lächeln auf den Lippen. „Selma....“ „Herr Freiberg! Was verſchafft mir endlich das Vergnügen, Sie bei mir zu ſehen?“. Sie betonte das„endlich“ ſo ſtark, daß Erich ſich ge⸗ drungen ſah, es zu wiederholen und dann hinzuzuſetzen:„Sehen Sie, wie ich überraſcht bin, ich hatte keine Ahnung, Sie hier zu finden.“ „Das iſt doch ſeltſam,“ gab ſie zur Antwort, während das Lächeln nicht von ihrem Geſichte wich;„und doch ließen Sie ſich unter Ihrem Namen bei mir anmelden.“ „Bei der Dame dieſes Hauſes, ja, aber im Auftrage eines Freundes.“ „Sollte ich dieſen Auftrag und Ihren Freund vielleicht errathen?— Doch halt,“ fuhr ſie, ihm raſch näher tretend, fort,„iſt vielleicht Ihr Freund und Sie eine und dieſelbe Perſon?— Dabei war aber das Lächeln gänzlich von ihrem Geſichte verſchwunden. „Daß wir Zwei, mein Freund und ich, in der That ver⸗ ſchiedene Perſonen ſind, dafür kann ich in Ihrem Hauſe ſelbſt die gültigſten Zeugniſſe beibringen.“ „Gewiß? Erich, iſt das wahr? O, es hätte mich ſehr, ſehr geſchmerzt, denn ich weiß, welche Bitte Sie an mich zu ſtellen haben, und es hätte mich tief betrübt, von einem Jugend⸗ freunde ſo— gewöhnliche, mehr als leichtſinnige Dinge zu erfahren! Doch nein, Sie ſprechen die Wahrheit, Sie ſchauen den ‚An en, ge hen Hier end gen nes elbe rem Erich kommt ins Unglück. 209 mich ehrlich und offen an, wie ehedem, Sie ſehen ſo gut und unſchuldig aus, wie damals— deßhalb ſeien Sie mir herzlich willkommen!“— Sie reichte ihm ihre beiden Hände, und er fühlte den leiſen Druck derſelben.—„Wie danke ich dem an ſich recht unangenehmen Vorfalle, der Sie endlich zu mir ge— führt! Wiſſen Sie, geführt! Wiſſen Sie, Erich, daß es recht ſchlecht von Ihnen iſt, eine gute Freundin, wie ich Ihnen ſtets war, nicht ſchon lange aufgeſucht zu haben? Oder hätten Sie nicht gewußt, daß wir ſchon ſeit einem halben Jahre hier ſind?“ „Darauf kann ich Ihnen mein Ehrenwort geben, gewiß, ich hatte keine Ahnung davon! Werden wir doch in unſerer Schule faſt wie Gefangene gehalten und kommen mit der Welt, die außer unſerer militäriſchen Sphäre liegt, ſo gut wie in gar keine Berührung!“ „Sonſt hätten Sie mich aufgeſucht? O, gewiß, Sie hätten das gethan, Sie hätten Selma nicht vergeſſen, die ſtets ſo freundlich für Sie war, bis zu jener Zeit, wo“— ſie hob halb drohend ihren Zeigefinger empor—,„wo Sie ſich aus einem ſchüchternen Schulamtsgehülfen ſo plötzlich in einen Be⸗ gleiter hübſcher Zigeunermädchen verwandelten! O, Erich, wie Sie uns Alle, und beſonders mich getäuſcht haben! Doch genug davon, reden wir nicht mehr darüber, ſondern beſchäf⸗ tigen wir uns, freundſchaftlich plaudernd, mit der Gegenwart. Und nun kommen Sie und ſetzen ſich zu mir.“ Da ſaß er denn nun wirklich in dem Fauteuil, wie er vorhin geträumt, ja, behaglich ausgeſtreckt, ſo hatte es Selma verlangt, wobei ſie ſchmeichelnd bat, ganz ſo zu thun wie damals, als ſie noch auf dem Sopha des elterlichen Hauſes Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 14 210 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. geſeſſen, ein paar harmloſe, unſchuldige Kinder— damals, ehe er jene düſter blickende Zigeunerin kennen gelernt. Doch wir wollen nicht mehr darüber reden, obgleich ich dieſes Mädchen gehaßt habe, ſo ſchön ſie auch war. Das liegt aber alles weit hinter uns, nicht wahr, Erich? Sie verzeihen, wenn ich Sie von meinem Vaterhauſe her noch ſo nenne— ach, es waren doch ſchöne Zeiten!“ Während die ſchöne Frau ſo plauderte, beſchäftigte ſie ſich mit ihrer Kaffeemaſchine, nicht ohne dabei Erich häufig mit ihren blitzenden Augen anzuſchauen und nicht ohne ihrer Freude dieſes Wiederſehens und des Anſchauens dadurch noch einen größeren Ausdruck zu verleihen, daß ſie ihn heiter anlächelte, ja, daß ſie ihre feine Hand auf ſein krauſes Haar legte und ihm dabei verſicherte, daſſelbe ſei noch viel ſtärker geworden als früher. Dann ſchob ſie die Taſſe vor ihn hin und ſetzte ſich in die Ecke des Sopha's, ihm ſo nahe als möglich.„Und nun wollen wir plaudern.“ Auch der zweite Theil ſeines Traumes war erfüllt, und er ließ ſich nicht lange nöthigen, das ſüße, duftige Getränk zu ſchlürfen und von dem guten Backwerke zu eſſen. Hatte er doch Hunger und Durſt und fühlte ſich ſo angenehm durch⸗ wärmt nach dem Genuſſe des heißen Kaffees! Dann erzählte ſie von ihrem vergangenen Leben, wie ſie den ihr von den Eltern beſtimmten, ja, aufgezwungenen Bräutigam nach vielem Widerſtreben endlich doch geheirathet, wie ſie weder glücklich noch unglücklich geworden, wie ſie mit ihm in einer Mittel⸗ wegsehe lebe, dergleichen es Tauſende in dieſer traurigen Welt gäbe— was Erich indeſſen nicht ganz zu verſtehen ſchien—, ᷣ Erich kommt ins Unglück. 211 und wie ſie durch alles das ein freud-, aber auch ein leid— loſes Leben führe.„Er hätte eine Pfarre antreten ſollen,“ fuhr ſie fort,„aber in einem ſo elenden Dorfe des Gebirges, daß Mama ihre Zuſtimmung dazu nicht geben wollte und uns durch ihre Bekanntſchaften hier inſtallirte, wo er als Gym⸗ naſiallehrer Unterricht in alten Sprachen ertheilt— ach, er iſt ſtark in alten Sprachen,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu, „was aber gerade keine Eigenſchaft iſt, daß ſich eine junge Frau davon beglückt fühlen könnte! Heute Morgen iſt er nach der Reſidenz abgereiſt, wo er mit Papo trifft, um den Verſuch zu machen, Zwingenberg für ſpäter geſichert den ganzen Roman meines Lebe⸗ ſchichte eines trockenen Daſeir haftes über mein Leben hi— Tage, von denen ja auch von jenen Tagen ſolle⸗ indem ſie ſich raſch wollte ſie ihre dem Damals berichten ſo gangen, das N 212 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſagen braucht, was wahr iſt, weßhalb ſein Bericht über die Be⸗ gebenheiten auf Schloß Seefeld lückenhaft war und er über die letzt⸗ vergangene Nacht als eine ganz gewöhnliche, gut verſchlafene hinwegglitt. Dann kam er zu dem Kapitel Liſette, Säbel und Schmoller, und da im gleichen Augenblicke das Bild des letzteren vor ſeine Seele trat, wie er mit allen Zeichen der Ungeduld in dem kleinen Wirthshauſe hin und her rannte, ſo ſtellte nun Erich in aller Form ſeine Bitte um Zurückgabe des Corpus delicti. Ueber dieſes Abenteuer, das geſtern in ihrem Hauſe ge⸗ ſpielt, brach Selma in ein ſo heiteres Lachen aus, daß ſie nicht anders konnte, als aufſtehen und zur Erholung einen ſchen Gang durch das Zimmer machen. Dieſen Gang dehnte ſie bis zur Thür aus, zu welcher eommen war, ja, ſogar bis vor die Thür, bis — einen Augenblick ſtehen blieb und wo neren hörte. Dann kehrte ſie weinlich von dem anſtren⸗ und ſich auf den ſie, ſich zu ihm v früheren, die hätte w sarten Erich kommt ins Unglück. 213 ö wußtſein eines Gefühles, das ihm aber auch durchaus nicht gefährlich erſchien; ſeine Nerven bebten noch leiſe nach von den Begebenheiten der vergangenen Nacht. Aus einem rauhen, froſtigen Morgen, aus einem ungemüthlichen Kaſernenzimmer hinweg, aus dem bitteren Gefühle, einen unangenehmen und vielleicht doch vergeblichen Gang machen zu müſſen, war er plötzlich in dieſes behagliche Capua gekommen, nach der heim⸗ lichen Inſel einer Zauberin, die ihn vom Schiffbruche errettet, die nun mit ſanfter Hand ſein Haar glättete und jetzt bemüht war, ſeine eigenthümlich kalten Finger zwiſchen ihren beiden Händen zu erwärmen— ja, einer Zauberin, deren volle, hoch blonde Locken ſo coquet auf den ſchneeweißen Nacken nieder⸗ fielen, jetzt auf die runden Schultern und weiter hinab, da ihr leichtes Gewand nur um die Taille durch eine ſeidene Schnur zuſammengehalten wurde, die ſo gar keinen feſten Knoten hatte, was ſie ſelbſt, aber zu ſpät, mit einem kurzen, koketten Aufſchrei zu bemerken ſchien. Für Erich erſch en die Bilder der vergangenen Nacht un“ riigen Morgens auf eine ſeltſame Art durch tte an die arme Ticzka, während er ſich von„Athem angehaucht fühlte, und aus der Tiefe gn, verrätheriſch wogenden Meeres ſah er bei⸗ nahe ud die ſo eigenthümlich leuchtenden Augen Kolma's, Iün orwurfsvoll anblickend.—— Darum ſchloß er lieber aigenen, wie es der kühne Schwimmer oder der rettungs⸗ lo Verlorene wohl zu machen pflegt, wenn er genöthigt iſt, ſich in die brauſende Tiefe zu ſtürzen, unterſinkend, mit einem vei gſtigenden, ſchmerzlichen und doch wieder unausſprechlich ſeligen Gefühle. Iſt er ein guter Schwimmer, ſo wird er ohne 214 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Mühe das Ufer wieder erreichen, dort ermattet hinſinken unter Gras und Blumen, deren duftenden Kelche an zierlich geneigten Stengeln auf ihn herabnicken.—— Hier waren es indeß keine Blumen, ſondern langes, kühles, blondes Haar, während er wie im Traume, mit halb geſchloſſenen Augen immer noch das Leuchten und Wogen des See's vor ſich ſah. 5 Dann ſprang er raſch empor und zog ſie mit ſich in die Höhe, wobei ihr glühendes Geſicht gegen den Boden gewandt war, ſo daß er ihre thränenfeuchten Augen nicht ſehen konnte. „Ich fühle, wie viel ich verloren,“ hauchte ſie kaum ver⸗ ſtändlich—„ach hätte uns das Leben früher und bindend zuſammengeführt, während jetzt Jedes für ſich einzeln ſeine Straße wandeln muß und während man nur vielleicht rechnen darf auf ein baldiges, freudiges Wiederſehen— nicht wahr, Erich?“ „O gewiß, gewiß!“ gab er zur Antwort, während ſeine Gedanken ganz wo anders waren; er ſah die arme Ticzka blutend am Boden liegen, er hörte ſie ſagen:„Wenn du bei mir geblieben wäreſt, ſo wäre das alles nicht vorgefallen! Du wareſt recht undankbar, mich zu verlaſſen— werm das alles die kleine Blanda wiſſen könnte!“ Ja, ja, tönte und dröhnte es in ihm, ie, ar recht undankbar; gränzenlos undankbar, und es iſt eine gerechte Strafe, daß ich meine Undankbarkeit verzweiflungsvoll fühle, ja, verzweiflungsvoll— Er ſtarrte vor ſich hin und nagte an der Unterlippe, während Selma leiſe von ſeiner Seite weggetreten war und, am Fenſter ſtehend, an den grauen Himmel emporblickte. Es dauerte eine gute Weile, ehe er im Stande war, ſcheu zu ihr hinüber zu blicken, fürchtend, auch Erich kommt ins Unglück. 215 hier düſteren, vorwurfsvollen Blicken zu begegnen. Sollte er ſich freuen, daß dies nicht der Fall war, daß ſie ſich jetzt heiter lachend gegen ihn wandte, dann auf die grauen Wolken zeigte, die, von einem ſcharfen Winde getrieben, vorüberflogen, und dabei ſagte:„Wir werden Schnee oder Regen haben in kurzer Zeit.“ „Ja, Schnee oder Regen, und ich habe noch einen recht weiten Weg zu machen.“ „So muß ich dich denn entlaſſen, mein ſüßer Erich, ſo ſchmerzlich mir dies auch fällt; doch ehe ich dir das Bewußte übergebe, mußt du mir verſprechen, mich ſo bald wieder zu beſuchen, als es dir möglich iſt.“ 7 „So bald als es mir möglich iſt,“ antwortete er in Ge— danken verſunken, und jetzt zum erſten Male ſchwebten die drei Tage, die er in den Hallen des heiligen Auguſtin zubringen ſollte, wie ein Lichtpunct vor ſeiner Seele,— feſt verſchloſſen hinter Mauer und Riegel, abgeſperrt von dieſer eigenthüm⸗ lichen Welt, büßend auf hartem Holzlager bei Waſſer und Brod— ja, es gab doch noch Gerechtigkeit auf Erden. Er hatte es nicht einmal bemerkt, daß Selma lächelnd aus einer Ecke des Zimmers den Säbel Schmollers hervor⸗ geholt, die fürchterliche Waffe, welche ſo viel Unheil angeſtiftet, und ließ es nicht nur geſchehen, daß ſie ihm das Bandelier um ſeine Schultern legte, ſondern er befeſtigte gedankenlos die Achſelklappe darüber und griff nach ſeiner Mütze, die neben ihm auf dem Boden lag. „Adieu, mein Freund, denke an mich und laſſe dich bald wieder bei mir ſehen, in den nächſten Tagen!“ ; fu „Ja, o ja. — 216 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Dann leuchtete es noch einmal um ihn her wie Seegeſtade mit Wellen und Blumen, und er fühlte, wie Selma einen kurzen, heißen Kuß auf ſeine Lippen drückte; noch einmal zog ſich ſein Herz krampfhaft zuſammen, dann befand er ſich an der Thür, vor der Thür, an der Treppe, und vernahm die Stimme der Frau vom Hauſe, welche hinabrief:„Liſette, öffne dem Herrn Freiberg die Thür und dann ſage dem Fräulein droben, es möchte jetzt zum Frühſtücke kommen!“ Drunten empfing ihn das hübſche Dienſtmädchen, und erſt als ſie ſagte:„Sie ſehen ja aus, als wenn Alles ſchlecht ge⸗ gangen wäre, und haben ja doch den Säbel wieder!“— ver⸗ ſuchte er, ein klein wenig zu lächeln; dann aber machte ſie ein affectirtes, betrübtes Geſicht und ſcufzte ein wenig, während ſie aus ihrem Rocke die bewußte Brieftaſche hervorzog:„Nehmen Sie das auch mit und geben Sie es ihm wieder, es würde für mich eine zu ſchmerzliche Erinnerung ſein. Ach Herr, Brigadeſchüler, wie traurig iſt es für uns arme Mädchen, daß ihr Männer alle ſo entſetzlich treulos ſeid!“ Die Thür fiel hinter ihm ins Schloß und die Kette raſſelte darüber hin, während er mit einem unausſprechlich bitteren Ge⸗ fühle an den grauen Himmel emporſchaute und ſich darüber freute, daß ihm der ſcharfe Wind eine Regenſchauer in das erhitzte Geſicht jagte. Als er hieher gegangen war, hatte er ſich mit ängſtlicher Vorſicht an den Mauern und Häuſern vorbeigeſchlichen, jedes kleine Seitengäßchen, jede abgelegene Straße benutzend, wogegen er jetzt, mit ernſteren, wichtigeren Gedanken beſchäftigt, dieſe Vorſicht nicht mehr beobachtete. Er ging geradeaus quer über die Straße, vor ſich niederſtarrend, zuweilen mit den Zähnen Erich kommt ins Unglück. 217 knirſchend, ſich unmuthig ſchüttelnd, die linke Hand krampfhaft um den Griff des Säbels geballt; dann kam er über einen kleinen, aber belebten Platz, dann an einem Hauſe vorbei, vor dem eine Schildwache auf und ab ging, die er auch nur wie im Traume ſah, dann fühlte er, daß Jemand auf ihn zutrat, dann hörte er die barſche Anrede:„Na, dat muß ick ſagen, et könnte mir mit demſelben Effect ein Todter auf der Straße begegnen, als der da!— Herr Hauptmann von Lindenbaum globen Sie mir, wir ſtoßen da auf eene ganz unerhörte, präch⸗ tige Geſchichte!“ Erich, auf dieſe Weiſe fura aus ſeinen Träume⸗ reien aufgerüttelt, hatte emporſchauend den Oberſten erkannt, welcher breit vor ihm ſtand, die rechte Hand in die Seite ge⸗ ſtemmt, mit der Linken unmuthig den Säbel ſchüttelnd. „Sehen Sie niir dieſen Mann an,“ brüllte er über den Platz hinweg, d aß die Leute erſtaunt ſtehen blieben, Andere hin⸗ überſchauten.„Die e ſelbigen Mann, einen? Brigadeſchüler, habe ich geſtern Abend für drei Tage aufs Holz commandirt und finde ihn nun hier auf der Gaſſe in frecher Weiſe vor dem Hauſe ſeines Oberſten herumſtreichend! Wenn dat nit en Freſſen für dat Standrecht iſt, ſo ſoll mich ſelbſt gleich en Millionen Schock..— na, wir wollen nit fluchen— ſage Er, Menſch, wat hat Er mir zu antworten?“ Das war nun allerdings eine böſe Frage, und Erich that das Klügſte, was er thun konnte, nämlich ſtill zu ſtehen, ohne daß ein Muskel in ſeinem Geſichte zuckte, und den Oberſten anzuſchauen. Die Bläſſe ſeines Geſichts, ſowie die unverkenn⸗ bare Beſtürzung, in der er ſich befand, machten die Hand des Oberſten ſinken, der dieſe ſchon erhoben hatte, um den Frevler 218 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 2 am Lederzeuge zu packen und ein Bißchen zu ſchütteln; ja, ſie machten, daß er ihn ein paar Secunden kopfnickend betrachtete und dann den Worten des Brigade⸗Adjutanten Gehör gab, der ihm, mit einem ſchüchternen Blicke auf die umſtehenden Leute, ſagte:„Wollte der Herr Oberſt nicht die Gnade haben, einen Augenblick in das Ordonnanzzimmer zu treten, und dort könnte man....“ „Ja, dort könnte man, dort ſoll man, dort wird man, und ick bin der Mann, um dieſem nichtsnutzigen Gelichter zu zeigen, dat alle dieſe tollen, verrufenen Streiche ihre Gränzen haben, wo da iſt Heulen und Zähneklappern!“ Dann wackelte er in das Haus zurück, Erich folgte ihm auf eine Einladung des Brigade⸗Adjutanten vermittels gefälliger Handbewegung, worauf dieſer ſelbſt kam und ſo die Proceſſion zum Richtplatze ſchloß. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Held dieſer Geſchichte hat ſich ſelbſt erhöht, wird darauf von ſeinem Oberſten erniedrigt und von dem h. Auguſtin freundlich auf⸗ genommen. Während Bombardier Schmoller eine Kohlenſchaufel als Mandoline gebraucht, liest Erich nicht unintereſſante Briefe. Der Bombardier Schmoller ſpazirte in dem kleinen Wirthshauſe mit allen Zeichen der Ungeduld ziemlich genau in — der Richtung von Oſt nach Weſt und umgekehrt, während in dem Ordonnanz⸗Zimmer im Hauſe des Oberſten dieſer eben⸗ falls mit allen Zeichen der Ungeduld, die Hände auf dem Rü⸗ cken, den Federhut auf dem Kopfe von Nord nach Süd und umgekehrt hin und herrſchritt, ſo alſo auch in dieſer Hinſicht und Richtung die Wünſche des eben genannten Bombardiers rechtwinklig durchſchneidend. Was Erich anbelangte, ſo war er ziemlich bei der Wahr⸗ heit geblieben, mit einziger Ausnahme, daß er vom Circus hin⸗ weg einen Sprung in die Stube Schmoller's machte, weil er ſich gefürchtet habe, ſein eigenes Zimmer zu betreten, was aller dings richtig war; dann aber ſei er einſtweilen vorausgegangen, den Bombardier erwartend, der ihn ins Arreſtlocal führen ſolle, —— —— ——— 220 Vierundzwanzigſtes Kapitel. und deßhalb auch ſo langſam und träumeriſch durch die Stra⸗ ßen geſchlichen. So weit wäre alles gut gegangen und der Brigade⸗Adjutant, der kein böſer2 denſch war, hatte, wie er gern in Momenten des Erſtaunens zu thun pflegte, die Hände kreuz⸗ weiſe auf ſeinen dünnen Leib über einander gelegt und ſchaute nun den Oberſten mit einem Geſichte an, welches je nach Um⸗ ſtänden eben ſo eines gemüthlichen Lächelns als eines finſteren Grolles fähig war. Doch ſchien ein paar Secunden lang die Gemüthlichkeit die Oberhand gewinnen zu wollen, denn der Oberſt brummte etwas vor ſich hin von verfluchten Kerls, von allerdings ſehr unüberlegten und dummen Streichen, die er aber verzeihen köͤnne, wenn nichts Gemeines und Schlechtes mit unterliefe und wenn kein Frevel geſchehe gegen allerhöchſte An⸗ ordnungen ſeiner Majeſtät des Königs— bei den letzten Worten lüftete er wie gewöhnlich ſeinen Federhut, nach irgend etwas Unſichtbarem hinſalutirend. „Aberrrrr, hören Sie, Herr Hauptmann von Lindenbaum,“ ſchrie er auf einmal mit erneuerter Wuth, ick globe, dieſe Ge⸗ ſchichte verwickelt ſich doch auf's Standrechtliche! Schauen Sie mir einmal den Säbel dieſes nichtsnutzigen Flederwiſchs an! Bin ick blind geworden, oder ſehe ick mit meinen beiden er⸗ ſtaunten Augen, dat dieſe Creatur, die ohnedies mit keinem Säbel geſchmückt ſein ſollte, gar das Porte⸗épée der Avan⸗ cirten trägt— ſehe ick in der That recht, Herr Hauptmann von Lindenbaum? Bitte, unterſtützen Sie meine ſchwachen Augen, denn ick möchte mir, was dieſes anbelangt, nich irren!“ „Es iſt ſo, Herr Oberſt,“ antwortete der Brigade⸗Adjutant förmlich ſchaudernd. „Und nun, he, und nun, Er Millionenhund von einem Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 221 Brigadeſchüler, wie kann Er ſich unterſtehen, dat Portepee zu tragen, dat Seine Majeſtät der König— mit abermaligem Salutiren des Federhutes— für ſolche erſchaffen, die durch 5 Fleiß, gute Aufführung, Kenntniſſe und vor Allem durch Ord⸗ 8 nung etwas in der Welt geworden ſind!? Rede Er, aber mit Vorbedacht, daß Er Alles ſpäter vor dem Standrechte ſo wie⸗ derholt, wie er es hier vor ſeinem Oberſten ausſagt— rede Er!“ Nun gerieth aber Erich auf dem abſchüſſigen Pfade des Lügens durch dieſen neuen Anſtoß immer tiefer hinein, und als er erzählt, der Bombardier, der zurückgeblieben ſei, habe ihm ſeinen Säbel zum Tragen gegeben und er denſelben eigentlich unbewußt umgehängt, fühlte er wohl, daß ihm die Flut bis an den Hals gienge und er unter dem Drucke der zornigen Augen des Oberſten ſowie der finſteren Blicke des tief erſchütterten Brigade⸗Adjutanten nur noch mühſam nach Athem ſchnappen konnte. Der Oberſt war durch die ungeheure Schuld äußerlich wenigſtens ruhiger geworden und gieng überlegend mit dröhnen⸗ den Schritten hin und her, wobei er aber in Wirklichkeit einer auf dem Boden dahinrollenden Kugel glich, die beim erſten Hinderniſſe, welches ſie berührt, wieder in einem hohen Bogen durch die Luft davongeht. Und dieſes Hinderniß, welches ſich ihm darbot, war der unglückliche Schmoller ſelbſt, den er bei einem Blicke durchs Fenſter ſpähend an der Ecke des Platzes ſtehen ſah. Dieſem Unglücklichen war die Zeit zu lang gewor⸗ den, er hatte ſich auf Schleich-⸗ und Kreuzwegen vorgewagt, um nach Erich zu ſehen, und hatte kluger Weiſe zu einem Lauer⸗ poſten jene Ecke, wo er ſtand, ausgeſucht, von wo er drei 222 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Straßen überſehen konnte, auf deren einer Erich unfehlbar er⸗ ſcheinen mußte. Da ereilte ihn das Verhängniß in Geſtalt einer der Ordo nanzen des Oberſten, ein ordentlicher Kerl und guter Kamerad, und dieſes Verhängniß ſprach zu ihm in dumpfem Tone:„Bom⸗ bardier Schmoller, es iſt das eine verflucht wüſte Suppe, die ihr euch eingebrockt habt! Da drinnen iſt der junge Freiberg von der Brigadeſchule, und ich bin beauftragt, euch ebenfalls dahin zu bringen!“ An ein Ausreißen war nicht zu denken, ebenſowenig an ein ferneres Leugnen, und Schmoller, der keinen vernünftigen Grund dafür anzugeben wußte, warum er dort an der Ecke herumgelungert, anſtatt ſeinem Arreſtanten augenblicklich nachzu⸗ gehen, ſagte zum Schrecken Erich's in ſo fern d die Wahrheit, als er erzählte, er habe geſtern Abend ſeinen Säbel in einem Hauſe vergeſſen und den jungen Freiberg gebeten, ihm denſelben zu holen. Bei dieſer neuen erwicklung arbeiteten die Arme des Oberſten wie zwei wahnſinnig gewordene Windmühlenflügel, offen⸗ bar in dem Beſtreben, ſich dieſe unerhörten Frevel auch nur einiger Maßen klar und faßlich zu machen. Da ihm aber dies nicht zu gelingen ſchien, er auch die Unthat für zu groß halten mochte, um hier noch ein Wort weiter zu verlieren, ſo ſchlug er mit der Fauſt auf den Schreibtiſch der Ordonnanz und befahl, ſogleich einen Arreſtzettel zu ſchreiben für den Bombardier Schmoller, einen jener faulen Schreiberknechte, welche unſerem Herrgott die Zeit und dem königlichen Aerar Dinte und Papier abſtehlen, ſo wie für den Brigadeſchüler Freiberg, einen unverbeſſerlichen Taugenichts, und zwar für berg falls an tigen Ecke hzu⸗ aber groß n, ſo nanz den nechte, Aerar hüler i füt — Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. Unterſuchungshaft, auf Befehl des Oberſten.„Melden Sie dat auch dem Hauptmann Wetter, damit er erkennt, welche Schwefelbande er zu commandiren die Ehre hat, und dann treffen Sie alle Einleitungen, Herr Hauptmann Lindenbaum, dat dieſe Angelegenheit ihren richtigen Weg geht!“— Nach dieſen Worten ging er, ohne die beiden Verbrecher eines fer⸗ neren Blickes zu würdigen, und der Brigade⸗Adjutant folgte ihm, nachdem er raſch den verhängnißvollen Zettel unter⸗ ſchrieben. Und da waren ſie nun wieder auf demſelben Wege, wie geſtern Abend, nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß Schmoller mitleidend eingetreten war und daß ſich die Halle des heiligen Auguſtin jetzt ohne die mindeſte Schwierigkeit gaſtfreundlich für ſie öffnete. Ein Troſt war es noch, daß ihnen ein gemein⸗ ſchaftliches Zimmer angewieſen wurde, in welchem ſich zwei allerdings ärmliche Betten befanden ſo wie ein Ofen, der nach Verlauf einer halben Stunde eine ſpärliche Wärme verbreitete, von der übrigens beide nichts merkten, denn Jeder hatte ſich auf ſein Bett geworfen, Jeder hatte ſein Geſicht der Wand zu— gekehrt und Jeder war alsbald eingeſchlafen. So hatten ſie ein artiges Duett in den Tag hineinge⸗ ſchnarcht und es mochte um die Mittagsſtunde ſein, als Schmol⸗ ler durch Erwachen, nach vorhergegangenem langem Recken und Gähnen, wieder in dieſes jetzt ſo freudloſe Leben eintrat, und bald nach ihm ſah ſich auch Erich, durch einige tief aus⸗ geſtoßene Seufzer erweckt, ebenfalls dem gleichen freudloſen Daſein zurückgegeben— freudlos in dem Bewußtſein ihrer Gefangenſchaft und eines hungerigen Magens, aus welch letz⸗ terem Grunde denn auch der Bombardier nach kurzer Zeit ſein 224 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Bett mit einer heftigen Bewegung verließ und im Zimmer hin und her rennend, einen wahrhaft ergreifenden Monolog hielt, der ſich nur zuweilen in einen Dialog verwandelte, wenn nämlich Erich, wie zuweilen geſchah, Bemerkungen einwarf, wie zum Beiſpiel, daß er noch niemals gehört habe, die im Unter⸗ ſuchungsarreſte Befindlichen ſeien auch zugleich zum Hungertode verdammt. „Hat ſich was vom Hungertode,“ knurrte ihn Schmoller an;„aber iſt auch nicht viel beſſer, Wochen lang mit Menage⸗ ſuppe und Commisbrod geätzt zu werden, und das ſehe ich ſchaudernd vor mir— oder haſt du vielleicht Geld, um für uns aus irgend einem benachbarten Gaſthofe ein anſtändiges Eſſen holen zu laſſen?“ „Sonderbare Frage für dich, der du meine Verhältniſſe kennſt?“ „Nein, ich kenne deine Verhältniſſe durchaus nicht, fürchte aber, ich habe mich in dir getäuſcht.“ „Wie ſo, Schmoller?“ „Nun, nachdem ich aus deiner geſtrigen Aufführung im Circus ein anſtändig ſolides Verhältniß mit jener— wie heißt ſie denn gleich?— vorausſetzte, ein lucratives Verhältniß, das ſogar im Stande iſt, eine harte Gefangenſchaft einiger Maßen zu verſüßen.“ „Ja, darin haſt du dich allerdings in mir und in meinem Verhältniſſe getäuſcht,“ gab Erich kurz zur Antwort, während der Andre fortfuhr, in dem kleinen Zimmer hin und her zu ren⸗ nen und um zuweilen einen Blick an den grauen Himmel hinauſzuwerfen, wie um Gerechtigkeit zu verlangen für das Un⸗ recht, welches ihm hienieden geſchah. — zte Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 225 „O, Liſette,“ ſeufzte er,„ohne dieſe unglücſelige Brieftaſche würde es genügen, dich unter Betheuerung meiner fordauernden treuen Liebe von meinem Aufenthalte in Kenntniß zu ſetzen!— Ja, lache nur, ich habe in der That ſchöne Gefühle für ſie gehegt: Ich habe ſie geliebt und liebe ſie noch, Und ſtürzte der Erdball zuſammen—“* Er hatte den Kopf gegen den Fenſterrahmen geſtützt und ließ eine ziemliche Zeit vergehen, ehe er den Schluß jener Strophe von ſich gab: Aus ſeinen Trümmern ſtiegen doch Hervor meiner Liebe Flammen! Auch declamirte er nicht mit der Innigkeit im Ausdrucke, wie es wohl jene feurigen Worte verdienen; ja, er trennte das Wort Flammen ſo auffallend von einander, daß Erich, auf⸗ merkſam geworden, ſich nicht enthalten konnte, nach ihm hinzuſchauen, worauf er alsdann bemerkte, daß der Bombar⸗ dier, am Fenſter ſtehend, einen ſüß lächelnden Blick mit ſchmachtendem Augen⸗-Aufſchlage in den kleinen Gefängnißhof hinabwarf. „Und geſetzt auch,“ fuhr Erich fort, nachdem er ſich wieder auf ſein Bett ausgedehnt,„du hätteſt noch volle Berechtigung, ſie von deiner Kerkerhaft in Kenntniß zu ſetzen, wie wollteſt dur das zuwege bringen?“ „O, es gibt überall fühlende Herzen,“ antwortete Schmoller mit weichem Tone,„und gute Weſen, die jedes armen Gefangenen Unglück zu lindern vermögen!— Doch horch, die Riegel unſeres Kerkers klirren, es wird unſer Mittageſſen ſein.“ Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 15 ———V:—:—— — —— 5— — — „— — 226 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Und ſo war es auch in der That, wenn anders die irdene Schüſſel, mit Menageſuppe gefüllt, dieſen Namen verdiente. Es war dies ein ſteifer, ungenießbarer Brei, zuſammengeſetzt aus gekochten Erbſen, Kartoffeln und einigen ſpärlichen Stücken borſtigen Schweinefleiſches, und hatte derſelbe durch den Trans port über die kalte Straße oben eine ſolche zähe Haut ange⸗ ſetzt, daß der Löffel, den der Bombardier verachtungsvoll hin⸗ einſtieß, aufrecht ſtehen blieb. Und dabei hatten ſie nicht ein— mal den Troſt, von dem Kanonier, der das Eſſen aus der Kaſerne gebracht, bedient zu werden, der ihnen vielleicht Neuig⸗ keiten erzählt oder Aufträge entgegengenommen hätte, ſondern der ernſte, brummige Gefängnißwärter in eigener Perſon ſtellte die Schüſſel auf den Tiſch, legte zwei im Verhältniß zur Suppe ſehr appetitlich ausſehende Commisbrode daneben und entfernte ſich mit dem Wunſche einer geſegneten Mahlzeit. „Haſt du denn gar nichts von Geldeswerth oder was des Verſetzens würdig wäre?“ fragte Schmoller mit kummer⸗ vollem Blicke: Nicht ein Geſchmeide, nicht einen Ring, Meine liebe Buhle damit zu zieren? „O Freiberg, wir ſitzen erbärmlich in der Patſche, abgeſehen von dieſer troſtloſen Unterſuchungshaft, die allein ſchon im Stande iſt, uns elend herabzubringen— wer weiß, was uns darauf ſpäter blüht! Mich anlangend, ſo bin ich überzeugt, daß der Brigadeſchreiber, dieſes boshafte Thier, mein curriculum vitae mit Pfeffer und Salz einreibt, und daß dich der Haupt⸗ mann Wetter, ſo gut er auch ſein mag, gegen den Willen des Oberſten doch nicht durchſchlüpfen läßt, darauf darfſt du Gift nehmen!“ Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 227 „Gut, nehmen wir etwas Gift darauf,“ erwiederte Erich, indem er mit dem Löffel in die Schüſſel ſuhr und Einige dem kalten, jetzt doppelt geſchmackloſen Brei b s von hinunterwürgte. Dann ſagte er, nachdem er ſein Mittageſſen durch ein Stück von dem nahrhaften Commißbrode beendigt:„Und ich bin der ſchlafloſen Nacht recht dankbar für die Müdigkeit, die noch immer in meinen Gliedern liegt, und will den Verſuch machen, noch während ein paar Stunden das Verſäumte nachzuholen.“ „Woran du ſehr unrecht thuſt, denn wenn alsdann der dunkle, langweilige Abend kommt, kannſt du nimmer ſchlafen.“ „Dann erzählen wir uns Geſpenſtergeſchichten, das heißt, nachdem wir zu Nacht geſpeiſt.“ O weh, o weh!— Der Bomkbardier trat abermals an das Fenſter, legte den Arm gegen den Fenſterrahmen und ſeinen Kopf mit einem melancholiſchen Ausdrucke darauf, während ſich Erich wieder auf ſein Bett warf, um, wenn auch nicht zu ſchlafen, ſo doch über den geſtrigen Tag nachzudenken. Als er aber das Geſicht der Wand zukehrte, fühlte er etwas in ſeiner Bruſttaſche knittern und beſann ſich ſogleich, daß dies das Papier ſei, welches er geſtern Abend vor dem Hauſe der armen Ticzka aufgehoben; doch vergegenwärtigte ihm das ſo die traurige Lage, in der er das unglückliche Mädchen verlaſſen, und ließ ihn ſo innig, ſo ſchmerzlich, ja, ſo reuevoll an ſie denken, daß er ſein Geſicht in das Kiſſen drückte und ſo eine Zeit lang in ſchmerzlichſter Aufregung liegen blieb. An etwas Anderes zu denken, ſchien ihm eine Sünde zu ſein, und wenn die Erinnerung an den heutigen Morgen ja einmal den Ver⸗ ſuch machte, vor ihn hinzutreten, ſo flehte er die guten Augen der Kolma um Schutz an und erinnerte ſich mit tiefer Weh⸗ —— — 228 Vierundzwanzigſtes Kapitel. muth ihres kindlichen Geplauders, das ſie mit ihm, ihrer lieben Puppe, gehalten. Und wie raſch hatte dieſe liebe Puppe alles das vergeſſen! Nein, nicht vergeſſen aus freien Stücken, aber man hatte ein heißes, betäubendes Vergeſſen über ſie ausge⸗ goſſen, dem ſie erlegen war und unter welchem ſie, ſo oft ſie daran denken mußte, ſchmerzlich leidend aufſtöhnte; und ſie wollte nicht mehr daran denken, wenigſtens jetzt nicht, wo ſo viel Unangenehmes und Tolles durch ihren Kopf fuhr, wo ſie die kahlen Mauern der Gefängnißzelle ohnedies troſtlos genug anblickte. Deßhalb zog er das Papier aus ſeiner Briefaſche her⸗ vor und betrachtete es. Es war ein großes Couvert mit einem Siegel, das aber nicht von ihm und nicht durch Zufall, auf— geriſſen war und welches er überſchrieben fand:„An Seine Erlaucht den Grafen Seefeld. Eigenhändig.“ Unten in der linken Ecke, unter einem geſchwungenen Striche ſehr klein geſchrieben, ſtand der Name des Sekretärs Renaud. Hätte Erich dieſes Couvert nicht gerade da gefunden, wo er es fand, und nach dem, was vorgefallen war, ſo würde er wahrſchein⸗ lich den Verſuch gemacht haben, es unbewußt dem Verlierer wieder zuzuſtellen, ja, er hätte das trotz alledem auch dann ge⸗ than, wenn er ſich auf freiem Fuße befunden; ſo aber konnte er ſich nach allerdings längerem Ueberlegen nicht zurückhalten, die Papiere, welche im Couvert waren, näher anzuſchauen, da— bei aber in der feſten Abſicht, ſie ungeleſen wieder zuſammen⸗ zuſtecken, ſobald ſie ſich, wie er nicht anders erwartete, auf Geſchäftliches bezögen. Es waren drei einfach zuſammengelegte Briefe ſo wie ein mit zwei Siegeln verſchloſſenes Couvert in ein beſonderes Pa⸗ pier gewickelt, auf dem flüchtig geſchrieben die Worte ſtanden: — — Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller 229 „Gut und ſicher zu deponiren.“ Schon die erſten Zeilen des erſten Briefes, die er las, ja, das Datum deſſelben verſcheuchten jenen guten Vorſatz und ließen ſeine Augen mit größtem In tereſſe über die Zeilen fliegen. Der Secretär des alten Grafen Seefeld meldete in jenem erſten Briefe, welcher ſchon über zwei Jahre alt und genau aus jener Zeit war, wo Erich, der Wilddieberei verdächtig, nach der Waldburg gebracht worden, daß er die Zigeuner, die noch in derſelben Nacht das Schloß verlaſſen hätten, nicht aus den Augen verlieren würde und daß es ihm gelungen ſei, Einen von der Truppe durch eine allerdings beträchtliche Summe zu gewinnen, der ihm verſprochen, ihn von Zeit zu Zeit von dem Aufenthaltsorte derſelben zu benachrichtigen....„Was die kranke Frau anbetrifſt, ſo wurde derſelben auf Befehl der Frau Grä ſin ein Zimmer im Schloßflügel angewieſen und Doctor Her bert wußte ſie zu beſtimmen, eine Zeit lang da zu bleiben, bis ſich ihr ſehr gefährlicher Krankheitszuſtand wieder etwas ge mildert; von einer völligen Geneſung konnte übrigens keine Rede ſein, da ſie an einem vernachläſſigten, unheilbaren Bruſt übel litt, und war es überhaupt ſchwer, ſie längere Zeit da zu halten, da ſie, wie alle Kranken ähnlicher Art, durch aus nicht krank zu ſein glaubte und ihre tiefe Erſchöpfung nur einem vorübergehenden leichteren Unwohlſein zuſchrieb. „Die Frau Gräfin, deren oft eigenthümliche excentriſche Träume Eurer Erlaucht wohl bekannt ſind, ſorgte ſelbſt aufs Angelegentlichſte für ſie, und man mußte es geſchehen laſſen, daß ſie täglich mehrere Stunden lang bei der Kranken und deren Tochter blieb. Hatte ſie es doch aufs ſtrengſte verboten, dem Herrn Grafen über den Aufenthalt der kranken Frau im 230 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Schloſſe Mittheilungen zu machen, ein Befehl, der bei der be⸗ kannten Anhänglichkeit der Beamten und Dienerſchaft an die Perſon der Frau Gräfin aufs genaueſte erfüllt wurde. Daß Doctor Herbert dieſe Verheimlichung aufs eifrigſte befürwortete und betrieb, verſteht ſich von ſelbſt, und Euer Erlaucht können verſichert ſein, daß es mir keine kleine Mühe machte, nur ein paar Mal zu der Kranken gelaſſen zu werden. Ich fand in ihr eine junge Frau von vielleicht achtundzwanzig bis dreißig Jahren, mit Spuren großer Schönheit, natürlich verwiſcht durch ihren leidenden Zuſtand, dabei von einer Bildung, die wohl meine Verwunderung rechtfertigen konnte, ſie in einer Lebens⸗ ſtellung zu ſehen, die ſo gar nicht dazu paßte. Ob ſie in dieſer Richtung der Frau Gräfin oder dem Doctor Herbert Confi⸗ denzen gemacht, kann ich natürlicher Weiſe nicht ſagen; mir erzeigte ſie wahrlich kein Vertrauen, ja, meine Beſuche, ſo ſpär⸗ lich ſie auch waren, ſchienen ihr unangenehm zu ſein, ein Ge⸗ fühl, welches auch das kleine Mädchen gegen mich durchdrang, wobei es förmlich lächerlich war, welches Anſehen ſich dieſelbe unbedeutende Perſönlichkeit zu geben verſuchte— ja, ich hätte beinahe geſagt, gab. So wie ſie mich das Zimmer betreten ſah, und trotzdem ich in der That gerne gelacht hätte, ſo lag doch etwas in dem ſtrengen Ausdrucke dieſes eigenthümlichen Geſichtes, was mich unwillkürlich abhielt, ihr zuweilen ſpaß⸗ haft meine Meinung zu ſagen, wenn ſie, wie ſie zu thun pflegte, mitten im Zimmer ſtehend, mich anſtarrte, leicht mit dem Kopfe nickend, als theile ſie Gnaden aus, und dann mit ihren ernſten, faſt düſteren Blicken, ohne ein Wort zu reden, allen meinen Bewegungen folgte, bis ich wieder hinausgegangen war. „Euer Erlaucht werden aus dieſen mehr als nothwendigen ——— Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 231 Worten, welche ich über dieſelbe blonde Zigeunerin verſchwendet, erſehen, daß dieſes junge Weſen, ſo bizarr und lächerlich es ſich auch benahm, doch einen eigenthümlichen Eindruck auf mich hervorbrachte, und bitte deßhalb um Entſchuldigung, ſie hier erwähnt zu haben. Daß ſie Doctor Herbert aus Oppoſitions⸗ und Widerſpruchsgeiſt charmant fand, brauche ich wohl nicht hinzuzufügen; auch fand er ſie höchſt mittheilſam, er, wohl der Einzige im ganzen Schloſſe, und verſicherte auch, ſie habe eine reizende Stimme zum Singen. Letzteres bewies mir noch am deutlichſten, daß dieſer große Gelehrte bemüht war, ſich über uns kleine, unwiſſende Leute luſtig zu machen, denn von 1 den Bedienten und der Kammerfrau Ihrer Erlaucht erfuhr 4 ich, daß ſich die Kleine vor ihm ebenſo ſchweigſam und finſter gezeigt und daß man von ihr nur höchſt ſelten einen ſingenden Ton gehört, und zwar ein melancholiſches Geſumme des be— kannten Liedes: Marlborough s'en va-t-en guerre.“ So war der weſentliche Inhalt des erſten Schreibens, welches ſich in dem Couvert befand. und nachdem Erich das⸗ ſelbe durchflogen, warf er verſtohlen einen Blick auf ſeinen Leidensgefährten, durch welchen er aber zu ſeiner Zufriedenheit wahrnahm, daß ſich Schmoller auf eine allerdings etwas eigen⸗ 1 n thümliche Art mit Dingen zu beſchäftigen ſchien, welche außer⸗ 4 halb der gemeinſchaftlichen Kerkerſphäre lagen. Er hatte beide — Hände auf das Fenſterbrett geſtützt und blickte holdſelig lächelnd auf den Hof hinunter, blies zuweilen ſeine Backen auf, ſpitzte . auch wohl ſeinen Mund und ſchaute einige Mal mit einem ſehr affectirten Augenaufſchlage gen Himmel, wobei er alsdann mit ſeiner rechten Hand gegen die linke Bruſt ſchlug, aber Letzteres durchaus nicht mit dem Geſichtsausdrucke, als bereue 232 Vierundzwanzigſtes Kapitel. er alte Sünden, ſondern vielmehr, als ſei er im Begriffe, die Einleitung zu neuen zu treffen. Da Erich's Bett beim Herumwerfen krachte, ſo blickte der Bombardier um und ſagte in gleichgiltigem Tone:„Wahrſchein⸗ lich lieſt du Liebesbriefe.“ „Und du concipirſt welche.“ „Vielleicht,“ war die durch einen Seufzer einigermaßen ver⸗ wiſchte Antwort,„denn ſie ſcheint jung und ſchön zu ſein.“ Erich nahm unterdeſſen den zweiten Brief vor, in welchem Herr Renaud meldete, daß er in Erfahrung gebracht, die ſchöne Esmaralda habe die Zigeunerbande verlaſſen, und er ſei aber noch nicht im Stande geweſen, ihre Spur wieder aufzufinden. „So lange ſie bei den andern war,“ ſchrieb Herr Renaud, „gab mir der Zigeuner, den ich gewonnen, häufig und immer gute Nachrichten; nachdem ſie aber verſchwunden, verſicherte er mir achſelzuckend, keine Macht der Erde ſei im Stande, etwas aus ihm herauszubringen, was— er ſelbſt nicht wiſſe. Doch habe ich bereits andere Fäden angeknüpft und hoffe, nächſtens im Stande zu ſein, Ihnen Auskunft über die Verſchwundene zu geben. „Es intereſſirt Ew. Erlaucht vielleicht, zu erfahren, daß die Frau Gräfin, wie ich ganz genau weiß, noch immer, wenn auch ſehr im Geheimen, in das Schickſal des kleinen, blonden Zigeunermädchens handelnd eingreift. Dieſes hatte ſich mit ſeiner Mutter, welche jedoch inzwiſchen ſtarb, ebenfalls von den Zigeunern getrennt, und gerade in dieſem Factum glaube ich das edle, wohlwollende und uneigennützige Herz der Frau Grä⸗ ſin zu entdecken.“— Die Worte„wohlwollend“ und„un⸗ eigennützig“ waren zweimal unterſtrichen.—„Gewiß, daß ſie — Urſache hatte oder zu haben glaubte, ſich um das fernere Schick⸗ Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 233 ſal dieſes jungen Mädchens zu bekümmern. Sollte Ew. Er⸗ laucht es, wie ich, für nothwendig halten, hierüber zu Gewiß⸗ heit zu kommen, ſo will ich dazu den Verſuch mit allen Mit⸗ teln machen.“ Der dritte Brief, welcher wieder mehrere Monate ſpäter geſchrieben war, behandelte ganz andere Intereſſen, als die ver⸗ ſchwundene Esmeralda oder das kleine blonde Zigeunermädchen, obgleich von letzterem in ſo fern die Rede war, als der Brief⸗ ſchreiber ſagte, eben ſo ſehr als er die feſte Ueberzeugung habe, daß die Frau Gräfin den Aufenthalt der kleinen Zigeunerin wiſſe, ja, daß ſie ſich ihrer völlig angenommen habe, eben ſo wenig ſei er ſelbſt im Stande geweſen, etwas über derſelben Aufenthaltsort zu erfahren. Doch war das alles im Vorübergehen, ſo zu ſagen in Parantheſe, bemerkt, und der Hauptinhalt des Briefes betraf eine Erkrankung des Herrn Chriſtian Kurt, die aber ſo ernſt⸗ lich war, daß die Courierpferde Tag und Nacht geſattelt im Stalle ſtanden, die Leute dabei, mit einem Fuße im Bü⸗ gel, leider vergebens; und hieran knüpfte ſich die unglaub⸗ lichſte Geſchichte, die ſich ſeit zehn Jahren auf der Wald— burg zutrug. „Die Frau Gräfin und Doctor Herbert wußten es näm⸗ lich möglich zu machen, den Herrn Grafen zu beſtimmen, daß er ſeinen alten feindlichen Nachbar, den Bauern⸗Doctor Bur⸗ bus, von der Mühle zu einer Conſultation in das Schloß holen ließ. Und als er kam, als er durch das Vorzimmer ging, und mich und Andere unter ſeinen buſchigen Augenbrauen mit einem ſo eigenthümlichen und doch beinahe wohlwollenden 234 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Lächeln unter einer haſtigen und kurzen Verbeugung grüßte, ſagte ich zu dem Kammerdiener: Da wird ſich jemand bei uns einbürgern, der Manchem unbequem iſt!— Dazu mußte es ſich denn auch noch fügen, daß ſich Herr Chriſtian Kurt, we⸗ nige Tage nachdem Doctor Burbus bei ihm geweſen war, nicht nur bedeutend beſſer fühlte, ſondern ſich auch entſchloß, ſein Bett früher zu verlaſſen, als er bisher gethan, da ihm der Doctor Burbus geſagt:„Schauen mich Ew. Erlaucht an, ich bin beinahe eben ſo alt, wie Sie, und wenn ich vielleicht friſcher ausſehe und mich leichter bewege, ſo kommt das wahr⸗ ſcheinlich nur davon her, daß ich, anſtatt meinen Körper in der Bettwärme zu ermatten und anſtatt Medicin zu nehmen, früh Morgens und ſpät Abends friſche Luft kneipe.“— Solche Ausdrücke erlaubt er ſich und wurden dieſelben zu unſerm größten Erſtaunen von Sr. Erlaucht mit beifälligem Lächeln angehört. O, dieſer Burbus iſt ein alter, ſchlauer Fuchs! Neulich, an einem allerdings ſchönen Tage, überredete er Herrn Chriſtian Kurt zu einer Spazierfahrt und brachte ihn nach jener bekannten Linde, d. h. zu der Stelle, wo ſich jene Linde befunden, denn dieſelbe war mit Z T umgehauen und an der Stelle befand ſich eine behagliche Ruhebank, wo ſich Se. Er⸗ laucht nicht nur lachend niederließ, ſondern huldvollſt das Pro⸗ zeßobject von damals, die bewußte Schlucht, zum Geſchenke annahm, ein Geſchenk, das er allerdings am anderen Tage, dadurch vergalt, daß er den großen Wieſencomplex oberhalb der Waldmühle auf den Namen des Doctors Burbus ſchreiben ließ, wobei ich allerdings zur Ehre deſſelben nicht vergeſſen darf, hinzuzufügen, daß er von dem Rentamtmann die Ueber⸗ laſſung der ihm nothwendigen Wieſen annahm, aber nur gegen , 6 — Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 235 Erlegung des Anſchlages, woran man meinetwegen, ſagte er, den Werth jener Schlucht, wenn es der Herr Graf nicht an⸗ ders thun will, abziehen kann. Da ich aus dieſen ſo wie aus ähnlichen, allerdings ſehr uneigennützig ausſehenden Geſchichten die Ueberzeugung gewonnen habe, daß Doctor Burbus keine Ausſichten auf dergleichen Vortheile zu beſtimmen ſcheinen, die Freundſchaft,— ich kann dieſes Verhältniß bei dem beſten Willen nicht anders benennen— des Herrn Chriſtian Kurt zu culti— viren, jener ſchlaue Alte dagegen gewiß nicht ohne triftigen Grund an der ausgeworfenen Angel des Doctors Herbert an⸗ gebiſſen hat, einer Angel, deren Stiel ſich nota bene in den Händen der Frau Gräfin befindet, ſo heißt es hier allen ſeinen Scharfſinn zuſammennehmen, um gewiß auch im Intereſſe Ew. Erlaucht das Poſitive zu erfahren. Sollten mir Ew. Erlaucht darüber Verhaltungsbefehle zu geben haben, ſo wäre ich dafür ſehr dankbar.“ Eine Nachſchrift dieſes Briefes beſagte, daß Doctor Bur⸗ bus, um Herrn Chriſtian Kurt zu unterhalten, ihm ſeinen, des Doctors, eigenthümlichen Lebenslauf erzählt, und daß dagegen der alte Herr Graf, ſehr gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, auch dem Doctor Einiges von ſeinen, des Grafen, früheren Ver⸗ hältniſſen mitgetheilt. Wörtlich fügte Herr Renaud die Frage bei: „Gäbe es irgend etwas im vergangenen Leben des Herrn Kurt, was Ew. Erlaucht unbekannt wäre, was aber für die Frau Gräfin oder für Andere Intereſſe hätte? Da ich das Glück habe, Ew. Erlaucht zu den bevorſtehenden Jagden er⸗ warten zu dürfen, ſo werden Ew. Erlaucht vielleicht die Gnade haben, mir zu geſtatten, Ihnen mündlich noch Näheres und Wichtigeres mitzutheilen.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Das war der Inhalt der drei Briefe, welche der Graf Dagobert Seefeld, von den Jagden auf der Waldburg zurück⸗ kehrend, bei ſich getragen und beim Herabgleiten vom Fenſter der Ticzka verlor. Was mochte wohl das kleine, doppelt ver⸗ ſchloſſene Couvert enthalten, welches mit der ſchriftlichen Wei⸗ ſung bei den Briefen lag, es gut und ſicher zu deponiren? Hatte er ein Recht oder war nur ein halbwegs triftiger Ent⸗ ſchuldigungsgrund zu finden, wenn er dieſes Siegel erbrach? — Nein, gewiß nicht! Was konnte er auch zu finden hoffen? Gewiß wenig mehr und nicht viel Intereſſanteres, als den In⸗ halt der drei Schreiben. Für Erich hatten die Briefe nur in ſo fern Intereſſe, als er ſich freute, zu erfahren, daß die unangenehmen Streitigkeiten zwiſchen dem Grafen und dem Doctor Burbus beſeitigt, wobei er ſich nicht enthalten konnte, lächelnd darüber nachzudenken, wie ihm ſelbſt, wenn dieſes Verhältniß früher eingetreten wäre, dadurch allerdings eine unangenehme Nacht erſpart worden, er aber auch alsdann die Bekanntſchaft Kolma's nicht erneuert und nicht von dieſer erfahren, daß damals die kleine Blanda die eigentliche Urſache von ſeiner Befreiung geweſen war. Dadurch ſo wie auch durch das, was er aus den Briefen geleſen, trat ihm das Bild jenes kleinen, ernſten Mädchens wieder ſo deutlich vor die Seele, daß, wenn er jetzt ſeine Augen mit der Hand bedeckt, die nächtliche Scene auf dem Gemeindewaſen bei Zwingenberg, wo ſie ihm zum Abſchiede mit der Hand gewinkt, gerade ſo vor ihm erſchien, als ſei das geſtern Abend geweſen, ſtatt daß ſchon zwei Jahre darüber hingegangen waren. Und wo mochte ſich dieſes arme Geſchöpf jetzt befinden? Es war vielleicht zu Grunde gegangen, nachdem — Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller 237 9 ſeine Mutter geſtorben, es verdiente vielleicht ſein elendes Brod bei irgend einer anderen Gauklerbande, nachdem es ſich von den Zigeunern getrennt; es wuchs, es reifte heran, aber wahr⸗ ſcheinlich nicht zur duftigen Blüthe, ſondern vielleicht zur geiſtig verkrüppelten Blume, mit dem zerſtörenden Wurme im Kelche. Was Erich nicht begreifen konnte, war, daß die Tichzka, die doch ſelbſt in glänzenden Verhältniſſen lebte, ſich ihres Lieblings, wie ſie Blanda nannte, nicht angenommen.— Ach, die ſchöne, unglückliche Ticzka, die vielleicht jetzt ſterbend auf ihrem Lager ruhte oder ſogar ſchon geſtorben war— eine martervolle Ungewißheit, welche ihm mehr als alles Andere ſein Gefängniß zur verzweiflungsvollen Qual machte! Erich ſprang raſch auf und durchmaß den kleinen Raum mit haſtigen Schritten, mußte aber trotz der trüben, traurigen Gedanken, die ihn beſtürmten, unwillkürlich ſtaunend ſtehen blei⸗ ben, als er Schmoller betrachtete, der ſich immer noch am Fenſter aufhielt, jetzt ſehr eigenthümlich beſchäftigt. Er hatte nämlich, leicht und, wie er ſich einbildete, höchſt elegant am Fenſter lehnend, die Kohlenſchaufel nach Art einer Guitarre oder Mandoline vor ſeine Bruſt genommen, und während er hierzu die nöthigen Fingerbewegungen machte, bewegte er, auf⸗ wärts blickend, ſeine Lippen wie zu einem innigen Liede. Ja als Erich näher trat und ihn verwundert anblickte, ließ er ſich durchaus nicht ſtören, ſondern ſagte nur in kleinen, taktmäßigen Intervallen: „Du, Kameel, ſiehſt's allerdings nicht ein, daß ich mich auch für dich damit abplage! Da drunten, an dem Fenſter gegenüber, habe ich eine empfindſame Schöne, eigentlich zwei empfindſame Schönen, entdeckt; wahrſcheinlich Kerkermeiſters 238 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Töchterlein mit einer Geſpielin. Das mit Recht vermuthe ich, weil die Letztere ſo eben erſt gekommen iſt und nach einiger Nöthigung ihren Hut abgelegt. Du ſiehſt, wie wunderbar ich combinire!“ „Ja, aber bis jetzt noch unverſtändlich für mich!“ „Begreiflich, weil du nie weiter ſiehſt, als deine Naſe reicht!“ „So erkläre mir deine tiefſinnigen Combinationen wortete Erich, trotz ſeiner trüben Gedanken beinahe lächelnd, denn Schmoller ſah gar ſo komiſch aus, während er ſprach, 19 ant⸗ da er ſeine proſaiſchen Worte mit ſo begeiſterten Blicken be⸗ gleitete, welche an den grauen Winterhimmel gerichtet waren und nur zuweilen nach hochgeſchwellter Bruſt für einen Augen⸗ blick herabſanken zu Kerkermeiſters Töchterlein. „Das könnte ein Schaf einſehen!“ ſagte er jetzt.„Wir haben da unten eine jedenfalls gefühlvolle Seele, ein gelang⸗ weiltes weibliches Weſen, welches nicht abgeneigt ſcheint, mit einem Gefangenen wie ich bin, weißt du, einem hübſchen jungen Bombardier— Unterſuchungshaft unter pikanten, er⸗ ſchwerenden Umſtänden, geheimnißvolle nächtliche Unthat, ver⸗ lorener Säbel, Arreſtation durch den Oberſten ſelbſt, alles das hat ſie unbedingt ſchon längſt erfahren—, die, wie ich wieder⸗ hole, nicht abgeneigt ſcheint, eine kleine Kerkerliebſchaft einzu⸗ gehen, vor der Hand allerdings nur per Diſtance, aber das Andere findet ſich.“ „Und zu welchem Zwecke?“ „Unſchuldige Frage! Vor Allem, um durch ſie mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Meinſt du, ich wolle hier Wochen lang Menagebrei und Commißſuppe freſſen? Und Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 239 es wird Wochen lang dauern, darauf kannſt du dich verlaſſen! Ich habe vor, irgendwie, wo, weiß ich allerdings noch nicht, eine kleine Anleihe zu machen, und wenn es dir vielleicht ge⸗ fällig wäre, hier bei meiner Fenſterpantomime handelnd einzu⸗ treten, ſo werde ich dich auch ſpäter an dem Ergebniß derſelben Theil nehmen laſſen. Natürlicher Weiſe nimmſt du die Ge⸗ ſpielin über dich, die auch nicht übel iſt.“ „Meinetwegen, was habe ich zu thun?“ „Du trittſt an meine Seite, ohne aber vor der Hand hinüber zu ſchauen, und lehnſt dich mit geſenktem Haupte an meine Schulter, ſo, als wenn du meinem wehmüthigen Geſange lauſchteſt.“ „Deinem Geſange mit Ofenſchaufel⸗Begleitung!“ „Dann ſchauſt du plötzlich auf, ſcheinſt entzückt, begeiſtert, legſt darauf wie geblendet, deine Hand vor die Augen, worauf ich dich aus Zartgefühl ſchleunigſt entſerne.“ „Gut, iſt dir mein Ausſehen recht?“ „Es iſt ordentlich. Jetzt ſprich zu mir: Aber, Schmoller, das ſind ein paar wunderhübſche Mädchen— ah, der Teufel! — Gut, jetzt die Blendung vor die Augen, nun die Blendung fort, ſchieße ein paar mörderiſche Blicke hinüber, und dann verſchwinde!“ Vielleicht war der Eindruck, den dies alles auf die beiden jungen Mädchen gegenüber machte, doch nicht ganz ſo, wie ihn Herr Schmoller erwartet, ſie ſchienen luſtig aufzulachen, um aber hierauf von dem Fenſter zu verſchwinden. „Aller Anfang iſt ſchwer,“ meinte der Bombardier achſel⸗ zuckend, indem er die eiſerne Schaufel wieder in das Kohlen⸗ becken warf;„doch ſind ja einzelne Tropfen im Stande, den 240 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Stein auszuhöhlen, warum ſolche Blicke nicht ein Mädchen⸗ herz?— Ja, aller Anfang iſt ſchwer, auch in dieſem garſtigen Unterſuchungsarreſt, und obgleich es erſt vier Uhr ſein kann, ſo iſt es mir gerade, als wären wir ſchon ein Jahr in dieſem verdammten Loche; auch fängt es ſchon an, dämmerig zu werden, und wie wir dieſen erſten langen Abend und dieſe erſte lange Nacht ohne Licht und Bücher herumbringen werden, davon habe ich noch keinen rechten Begriff. Morgen werden wir zur Abwechslung ein Verhör haben, und will ich dabei, wie ich mir vorgenommen, etwas wie Melancholie, wie Zer⸗ ſtreutheit, ja, wie Geiſtesabweſenheit heucheln, um wenigſtens Bücher und Licht herauszuſchlagen.— Ach, Erich,“ fuhr er nach einer Pauſe, tief aufathmend, fort,„dieſer Contraſt, ge ſtern und heute!“ „So warſt du in der That geſtern ſo glücklich?“ „O, über alle Beſchreibung! Bis die Kataſtrophe eintrat, bis ich entfliehen mußte, mit leichtſinniger Nichtachtung nach⸗ läſſig angebrachter Fleiſchhaken— ah, das ſchmerzt!“ „Wie, der Fleiſchhaken oder der Contraſt?“ „Dummer Kerl, der Contraſt! Aber von ſo etwas haſt du ja gar keine Idee, du, der ſich mit beſchränktem Horizonte, wie des Färbers Gaul im Ringe, herumtreibt!“ „Ja wohl, ja wohl!“ erwiederte Erich aufſeufzend.„Doch,“ ſagte er nach einer ziemlich langen Pauſe, während Schmoller ſchweigend hin und her geſchritten war,„glaubſt du wohl, daß unſer Kerkermeiſter mir eine Frage beantworten wird?“ „Danach ſie iſt,“ gab er mürriſch zur Antwort, ſagte aber gleich darauf, ſtehen bleibend, mit lebhafterem Ausdrucke: „Deßhalb möchte ich ja gerade da drüben anbandeln, um nicht ge — Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 241 84 von der Außenwelt ſo troſtloſt geſchieden zu ſein. Was möchteſt du denn eigentlich fragen?“ „Ob die Kunſtreiter heute Abend eine Vorſtellung geben und ob....“ „Die berühmte Ticzka mitwirkt. Das kann ich dir allen⸗ falls beantworten.“ „Du? So ſprich, ich bitte dich!“ „Du nimmſt ein gewaltiges Intereſſe daran; doch ich bin nicht hartherzig noch viel weniger von Neid erfüllt. Als ich heute Morgen ſo ungebürlich lange auf dich warten mußte, dort in jener kleinen Kneipe las ich den Zettel der Kunſtreiter für heute Abend; allerdings iſt Vorſtellung, aber ohne die Ticzka, die ſich, wie es ausdrücklich hieß, einer leichten Ver⸗ letzung wegen für einige Tage ſchonen muß.“ „Einer leichten Verletzung wegen? Gott ſei es gedankt!“ „Höre, Erich,“ ſagte der Andere, indem er mit ge⸗ ſpreizten Beinen und einem mißtrauiſchen Blicke vor ihm ſtehen blieb,„du nimmſt wirklich ein ungewöhnliches In— tereſſe an dieſer Kunſtreiterin— haſt du ſie vielleicht ſelbſt ver— letzt?“ „Dummes Zeug! Ich kenne ſie nur ſehr oberflächlich, ich glaube, ich habe dir von unſerer Begegnung vor Jahren erzählt.“ „Nein, das haſt du nicht, Duckmäuſer!“ „Es iſt auch ſo wenig des Erzählens werth, daß ich mich in der That wunderte, als ſie mich geſtern Abend wieder erkannte.“ „Und dann?“ forſchte Schmoller weiter.“ Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 242 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Nun, und dann? Was willſt du mit dem: Und dann?“ „Dann haſt du ſie geſtern Abend nicht wieder geſehen?“ „Nein,“ erwiederte Erich mit Feſtigkeit,„ſonſt würde ich ja vielleicht wiſſen, daß ſie verletzt worden ſei!“ „Höre, Bürſchlein,“ gab Schmoller mit aufgehobenem Zeigfinger zur Antwort,„ich fange an zu glauben, daß ich mich in dir gewaltig geirrt habe und daß du ein arger Geſelle und ſchlechter Kamerad biſt; denn ſonſt würdeſt du keine ſolche Streiche machen und ſie nicht vor deinem beſten Freunde ver heimlichen wollen! Ich dachte mir ſchon geſtern Abend im Circus: dieſer Freiberg hat mehr Glück, als Ver— gnügen. Oder haſt du vielleicht Beides geſtern Abend ausgeſtanden? Schau um dich her,“ fuhr er mit komiſchem Pathos fort, „unſere Kerkerzelle füllt ſich mit dem zweifelhaften Scheine des herabſinkenden Abends. Stern der dämmernden Nacht, Schön funkelſt du im Weſten. Wie könnte es etwas Traulicheres geben, als jetzt eine ange⸗ nehme Erzählung deiner erlebten Abenteuer von geſtern Abend! Komm, wir wollen unſere Commißbetten beſteigen, und du er⸗ zählſt mir das, lullſt mich dadurch vielleicht in ſanften Schlum⸗ mer— willſt du?“ „Nein, Schmoller, das iſt mir unmöglich; ich wüßte nichts, das intereſſant genug wäre, um dir zur Unterhaltung zu dienen.“ „Geh', du biſt ein Heuchler! Aber nichts deſto weniger werde ich mich aufs Bett legen, und wenn du dich irgendwie nützlich machen willſt, ſo trabe auf und ab, wenn der Kerker⸗ meiſter erſcheint, und ſage alsdann, ich hätte verdächtige Leib⸗ 120 2 vi üßte ltung rniger ndwie — Erich. Der h. Auguſtin und Schmoller. 243 ſchmerzen, einen Zuſtand, der mich zuweilen befiele und der am beſten durch Bier und Wein zu curiren ſei.“ „Vielleicht erweicht ſich ſein Herz und er läßt ſich an— pumpen; doch iſt das immerhin zweifelhaft,“ fuhr er nach einer Weile, ausgeſtreckt auf dem Bette, fort,„und deßhalb ſei ſo gut und wirf mir das Commißbrod herüber. O Gott, wer mir ein ſolches Lied an meiner Wiege vorgeſungen hätte, an meiner Wiege, wo meine hochverehrte Mutter, die Frau von Schmoller, mich lächelnd betrachtete, ſobald mein reſpectabler Vater, der Herr von Schmoller, ſie gefragt: Wie befindet ſich Ludwig, der Stolz der Familie?— O, o, und nun in Ketten und Banden, ausgeſtoßen von der Welt, mit dem Abſchaum der Menſchheit zuſammengeſchmiedet— was du indeſſen nicht auf dich beziehen mußt, Erich, es iſt nur ſo eine poetiſche Floskel— allein— allein— allein— unter Larven die ein⸗ zige fühlende Bruſt!“ Da wurden die Riegel zurückgeſchoben, da raſſelte der Schlüſſel im Schloſſe, da öffnete ſich die Thür, und der Ge— fangenwärter trat mit einer Laterne herein, deren Schein die beiden Gefangenen ſo blendete, daß ſie augenblicklich nicht ſehen konnten, wer ihm folgte, und um ſo mehr überraſcht waren, als ſie nun die Stimme des jungen Flattich erkannten, der ihnen luſtig einen Guten Abend bot und dann ſagte: „Ich konnte es nicht unterlaſſen, noch heute zu euch zu kommen, um euch anzuzeigen, daß eure ſo verdrießlich erſchei— nende Geſchichte heute beim Appel eine unerwartet gute Wen⸗ dung genommen; der Oberſt ſelbſt hat— ich glaube indeſſen ſehr, auf Zureden des guten Hauptmanns Wetter— einen hr, g 2 244 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Brigadebefehl herunter gelangen laſſen, worin er ſagt, da es von je her ſein Grundſatz geweſen ſei, einen leichtſinnigen Streich gelinde anzuſehen, wenn nur kein Vergehen im Dienſte oder etwas Unehrenhaftes mit unterlaufen ſei, ſo wollte er die ganze Geſchichte niedergeſchlagen haben; da auch, wie bekannt, ſeine Brigade und die ihm anvertraute Brigadeſchule nur durch drei Sachen in Ordnung gehalten werden könne.. 4 „Das iſt erſtens Ordnung,“ ſagte Schmoller. „Und zweitens Ordnung,“ lachte Freiberg. „Und drittens Ordnung,“ fügte der junge Flattich hinzu —„ſo müſſe er nur dieſer Ordnung wegen auf einer exemplariſchen Strafe, aber ohne Stand⸗ und Kriegsrecht, für euch beſtehen.“ „O weh, o weh, ich ſehe acht Tage Mittelarreſt!“ „Macht eilf Tage zu meinen dreien, die ich ſchon habe.“ „Dieſes Mal habt ihr euch getäuſcht und könnt nieder⸗ knieen und der heiligen Barbara, der Schutzpatronin geſammter Artillerie, irgend etwas zum Danke verſprechen; es iſt dieſes Mal von gar keinem Arreſt die Rede.“ „Hurrah!“ ſchrie Schmoller, von ſeinem Bette auffahrend. „Aber doch etwas, das dem Freiberg vielleicht ſehr unan— genehm iſt. Du, Schmoller, biſt als räudiges Schaf aus den heiligen Hallen der Brigadeſchreibſtube verſtoßen.“ Hurrah zum zweiten Male!“ „ „Und kommſt zur Feſtungs⸗Compagnie nach der Reſidenz.“ „Hurrah zum dritten Male! Ich achte und liebe den Feſtungs⸗Artilleriedienſt, er iſt harmlos und bequem— Gott ſegne den Oberſten!“ „Und ich?“ fragte Erich beklommen. „Du thuſt mir leid, armer Kerl, aber es iſt doch nicht Erich. Der h. Auguſlin und Schmoller. 245 ſo ſchlimm, wie du wohl glauben magſt; du biſt von der Bri⸗ gadeſchule entlaſſen.“ „O, mein Gott, das thut mir weh!“ „Laß mich doch ausreden! Bis auf Weiteres entlaſſen und ebenfalls nach der Reſidenz verſetzt.“ „Alſo nicht weggeſchickt? A— a— ah?“ „Nach der Reſidenz verſetzt zu der dort befindlichen reiten⸗ den Batterie.“ „Schrei' Hurrah!“ rief Schmoller.„Denke dir, aus der Schulſtube, von den ſtaubigen Büchern hinweg zu einer reiten⸗ den Batterie!“ „Und“— ergänzte der junge Flattich in einer feierlichen Miene, ja, mit einem Anfluge von Rührung—„als Bom⸗ bardier!“ „Hurrah!“ ſchrie nun auch Erich, und„Hurrah!“ brüllte Schmoller, und„Hurrah“ rief Flattich, was aber zuſammen einen ſo gewaltigen Spectabl gab, daß der Gefängnißwärter, der ſich zurückgezoger hatte, herein lief, um ſich nach dieſem ungebührlichen Färm in den Hallen des heiligen Auguſtin zu erkundigen. Doch wußte ihn Flattich durch einige paſſende Worte und auch ſonſt durch noch etwas zu beſänftigen, daß er nick nur ſeine Laterne da ließ, ſondern auch den jungen Flattih ſelbſt— der allerdings zu einem Beſuche bei den Ge— fanſenen ſchriftlich autoriſirt war—, und obendrein noch ver⸗ ſpꝛach, dieſen nach zwei Stunden aus dem Arreſtlocale zu jen. Dann brachte Flattich aus der linken Taſche ſeines Mantels eine halbe Flaſche Rum zum Vorſchein, aus der rechten aber ein Fläſchchen Spiritus und ein altes Kochgeſchirr, und da in 246 Vierundzwanzigſtes Kapitel. dem Locale ein Waſſerkrug und ein Glas vorhanden waren, ſo ſaßen alle Drei nach kurzer Zeit um eine famoſe Grog⸗ Bowle herum und freuten ſich ihres Lebens, wobei Schmoller nur allein bedauerte, daß es ihm jetzt nicht mehr möglich ſei, das ſo famos angeknüpfte kleine Verhältniß mit den jungen Mädchen drüben zu einem erfreulichen Reſultate heranwachſen zu laſſen. ——ℳ3MN Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Stubenarreſt und Beförderung. Erich wird zu einer reitenden U Batterie verſetzt und marſchirt mit Bombardier Schmoller nach der Reſidenz. Etwas von Jagdabenteuern unangenehmer Art. Wenn auch die Begnadigung Erich's und des Bombar⸗ diers Schmoller's von Unterſuchungsarreſt und Standrecht ge⸗ rade ſo umfaſſend vor ſich ging, wie der junge Flattich die— ſelbe berichtet, ja, wenn auch Freiberg wirklich zum Bombardier ar, ſo hatte der Oberſt es doch der reitenden Batterie ernannt w für gut befunden, über die beiden Verbrecher bis zu deren Ab⸗ gang einen ſtrengen Stubenarreſt zu verhängen, um, wie er ſich in dem Brigadebefehle ausſprach, fernere Exceſſe dieſer jungen Leute in hieſiger Stadt unter ſeinen eigenen Augen zu verhüten ſo wie um ihnen Zeit zum Nachdenken zu geben über einen künftigen geregelteren Lebenswandel. Was den Bombar⸗ dier Freiberg anbelangt, hieß es weiter, ſo ſoll derſelbe wiſſen, daß von ſeinem künftigen Batterie⸗Chef vierteljährlich ein Füh⸗ ihn eingereicht wird, wonach ſich beſtens rungszeugniß über von dem Facit dieſer Führungsatteſte am zu achten, da es — 248 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Schluſſe eines Jahres abhangen wird, ob der benannte Bom⸗ bardier Freiberg wieder in die Schule aufgenommen werden kann. Daß dieſer Stubenarreſt ſtreng gehandhabt würde, dafür hatte auch, was Erich anbelangte, Hauptmann Wetter geſorgt, indem dieſer ihm nach einigen freundlichen, ermunternden Worten, worin er ihm geſagt, daß es für ſeine zukünftige Carridre durchaus nicht ſchaden würde, wenn er ein Jahr lang prak⸗ tiſchen Dienſt thue, das Verſprechen abgenommen hatte, dieſem Stubenarreſte auf das gewiſſenhafteſte nachzukommen. Nur in einem Punkte war dies hart für den Betreffenden: er hätte ſo gern etwas über Ticzka erfahren, hatte aber Niemanden, dem er ſich anvertrauen konnte und mochte. So viel erfuhr er allerdings, daß die Kunſtreitertruppe noch einige Vorſtel⸗ lungen gab, aber ohne die berühmte Kolma, deren Unwohlſein immer noch nicht gehoben war. Allerdings fand er einigen Troſt gerade in dieſem Unwohlſein, denn er hatte Schlimmeres befürchtet— ob aber am Ende nicht noch Schlimmeres zu befürchten war? Wer vermochte ihm das zu ſagen? Und ſo gab es für ihn Stunden, wo ihm dieſe Ungewißheit faſt uner träglich wurde. Nicht als ob er ein innigeres Gefühl lieben⸗ der Zuneigung für die ſchöne Ticzka empfunden, nein, es war vielmehr, als er ſie hier wiederſah, das Gefühl der Dankbarkeit, verbunden mit der Bewunderung über die groß⸗ artigen Leiſtungen, was ihn ſtolz machte, von ihr gekannt zu zu ſein, was ihn antrieb, ſie aufzuſuchen, was ihn an ſie feſſelte und was ihn auch wieder von ihr trennte. Ja, ſo hatte er für ſie gedacht und gefühlt an jenem Abende, bevor die unglückliche Kataſtrophe eintrat, und wenn auch zuweilen n⸗ —x 49 Stubenarreſt und Beförderung. einer ihrer warmen Blicke, einem Blitze ähnlich, blendend in ſein Herz fiel, ſo zündeten doch dieſe Blitze nicht, ſondern er⸗ ſchienen ihm wie ferneres Wetterleuchten, wie die Ahnung eines herrlich abkühlenden Gewitters, das vielleicht ſpäter einmal über die Landſchaft hinziehen werde, deſſen Blitze zwar jetzt nur, allerdings ahnungsvoll, ſeinen Horizont erleuchteten, ihn aber veranlaßten, ſich wie zum Schutze gegen die Wirklichkeit und wie am Herzen einer Schweſter an die ſchöne Kolma anzu⸗ ſchmiegen. Unter dieſen Gedanken und Empfindungen war er auch von ihr gegangen, troſtlos, tief ergriffen über das Un⸗ glück, welches ſie betroffen, und wenn er ſie, wie während der Nacht im Traume und Wachen oft geſchah, vor ſich ſah, bleich, mit geſchloſſenen Augen auf ihrem Lager, und er mit innigem Drucke ihre Hand ergriff oder ſich über ſie beugte, um ihre bewegungsloſen, kalten Lippen zu küſſen, da hatte er das Ge⸗ eine theure Schweſter plötzlich kennen gelernt und eben und bei allem Schmerze fühl, ſo plötzlich wieder verloren zu haben, um ſie war ihm dieſes Gefühl doch ein mildes, tröſtliches ge⸗ weſen, bis— ihm Selma entgegentrat, wie die Schlange im Paradieſe, und il worauf er denn aus ſeinem eigenen Paradieſe, aus vorden und allerdings zm eine Frucht reichte vom Baume der Er⸗ kenntniß, allen ſeinen Himmeln hinausgeworfen i zur Erkenntniß gekommen war, daß es vielleicht thöricht von ihm geweſen wäre, ſich geſtern vor dem heranziehenden Ge— witter zu verbergen.— Ah, die ſchöne, wilde und doch ſo gute Tiezka, und ihr gegenüber jene Andere, jene Selma, deren herausforderndes Weſen ihn ſchon damals abgeſtoßen hatte! Wenn er daran ſo lebhaft dachte, und das geſchah ihm häufig in dieſen Tagen, ſo preßte er den Kopf zwiſchen ſeine 250 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Hände, murmelte ein Wort des Haſſes gegen die hochblonde Pfarrerstochter und flüſterte wohl vor ſich hin: Vergib mir, Kolma, daß ich mir das angethan! Uebrigens dauerte der Zimmerarreſt der beiden jungen Leute nur kurze Zeit, und ſchon nach vier Tagen erhielten ſie beim Appel ihre nöthigen Papiere eingehändigt ſo wie auch eine Marſchroute mit Verpflegungsanweiſungen und dem Befehl, am andern Morgen nach ihrem neuen Beſtimmungsorte abzu⸗ gehen. Damit war auch der Arreſt aufgehoben und Schmoller beeilte ſich, in der Stadt umher zu traben, um ſeine dringend⸗ ſten Privatverhältniſſe abzuwickeln, während ſich Erich auch gleich von dem Appel hinweg auf den großen Platz begab, wo ſich wohl noch die Bude der Kunſtreiter befand; aber ſie ſelbſt waren nach ihrer letzten Vorſtellung geſtern Abend heute in aller Früh abgezogen. An dem öden Circus vorbei führten ihn ſeine raſchen Schritte nach dem kleinen Hauſe, wo die 7 Ticzka gewohnt; doch ſah er auch ſchon hier von Weitem an den offen ſtehenden Fenſtern und Thüren, an Stroh und Papier vor dem Hauſe, daß er zu ſpät komme. Und in der That fand er auch eine alte Frau, die damit beſchäftigt war, die Räume des leeren Hauſes nothdürftig in Ordnung zu bringen. „Seit wann haben die Bewohner dieſes Haus verlaſſen?“ fragte er die Alte, worauf ſie ihm entgegnete: „Dienerſchaft und Pferde ſind heute Morgen mit den An⸗ deren abgezogen, während die kranke Dame mit ihrem Be⸗ gleiter einem alten Manne, ſchon vorgeſtern in einem bequemen Reiſewagen abgereiſt iſt.“ „War die Dame noch ſehr krank?“ „So, ſo— blaß genug ſah ſie allerdings aus; die Leute. de — Stubenarreſt und Beförderung. 251 erzählten, die Dame hätte ſich bei einer Probe durch den Sturz ihres Pferdes verletzt. Doch ſo arg gefährlich glaube ich nicht, daß es geweſen iſt, wenigſtens ging ſie, nur leicht auf den Arm ihres Begleiters geſtützt, ohne Anſtand die Treppe hinunter.“ „Vorgeſtern war das?“ „Ja, junger Herr.“ „Und wohin ſie fuhren, wißt Ihr nicht?“ „Wahrſcheinlich den Andern voraus, die heute Morgen nachgereiſt ſind. Doch iſt das wohl leicht zu erfahren.“ „Ja, das wird wohl leicht zu erfahren ſein. Ich danke Euch.“ Erich hatte ſo gut wie gar keine Bekannte in der Stadt, da ihn der ſtrenge Schulzwang verhinderte, welche zu machen. Heute war er nicht nur von dieſem befreit, ſondern wenn er auf die goldenen Treſſen an ſeinen Aermelaufſchlägen blickte und die ehrfurchtsvollen Grüße der ihm begegnenden Gemeinen bemerkte, ſo fühlte er nicht ohne Stolz, daß er der Welt etwas geworden ſei. Ja, das Bewußtſein, jetzt die erſte, wenngleich ſehr kleine Stufe erklommen zu haben, ließ ihn ſeine Verwei⸗ ſung von der Schule nicht ſo bitter empfinden, als dies ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Der Hauptmann Wetter hatte Recht, dachte er bei ſich; es kann mir nur von Nutzen ſein, ein Jahr lang praktiſchen Dienſt zu thun, und wenn ich dann wieder als Bombardier hieher zurückkehre und, wie es ſich von ſelbſt verſteht, in die höchſte Claſſe aufrücke, da ich bei der Batterie tüchtig über ( meinen Büchern ſitzen werde, ſo wird ſich auch alsdann das langweilige Schulleben anders geſtalten. Ja, er freute ſich auf ſeine neue Beſtimmung, wie jeder andere Schüler auf eine beginnende Ferienzeit. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Es war ein kalter, aber trockener Novembertag, und ohne Zweck und Ziel ſtreifte er ein paar Stunden in der Stadt umher; Privatverhältniſſe abzuwickeln, wie Schmoller, hatte er nicht, auch brauchte er keine Schulden zu bezahlen oder ſeine Gläubiger auf die Zukunft zu vertröſten. Die einzigen Orte, die er abſichtlich aufſuchte, waren die Hallen des heiligen Au— guſtin, an denen er ſo zu ſagen, glücklicher Weiſe nur hart vorbeigeſtreift war, denn es war auch von den directen drei Tagen Mittelarreſt weiter keine Rede mehr geweſen, ſo wie ferner die Wohnung des Oberſten, die er ſich allerdings nur ſchüchtern aus der Entfernung betrachtete, ſich aber dabei leb⸗ haft des Morgens erinnernd, wo er von dem Brigade-Chef allerhöchſtſelbſt feſtgenemmen worden war; gern hätte er den guten alten Commandeur noch einmal geſehen, allerdings in nicht gar zu großer Nähe, und wurde ihm dieſes Glück auch gänzlich unverhofft, doch nicht gerade ſo, wie er es gewünſcht, zu Theil. Denn nachdem er das beſagte Haus mit der vor demſelben auf und ab wandelnden Schildwache ſo wie die Fenſter des Ordonnanzzimmers, ſchaudernd in der Erinnerung, einen Augenblick betrachtet und dann um die nächſte Straßen⸗ ecke gebogen war, ſah er den verhängnißvollen weißen Feder⸗ buſch, keine drei Schritte entfernt, auf ſich zuwackeln und konnte nichts thun, als in der erſten beſten militäriſchen Haltung Front machen. Faſt wäre der Oberſt an ihm vorbeigegangen; doch ſagte ihm ſein Begleiter, der Adjutant Lindenbaum, lächelnd ein paar Worte, worauf er ſtehen blieb und den jungen Mann mit einem majeſtätiſchen Blicke betrachtete und dann zu ſich heran winkte. —y— —— Stubenarreſt und Beförderung. 10 r — Glücklicherweiſe war Erich ſo vorſchriftsmäßig wie mög⸗ lich angezogen, hatte auch den Säbel, wie es der Oberſt gern ſah, beinahe ganz auf den Rücken geſchoben, dazu blank ge⸗ wichſte Stiefel und blank geputzte Knöpfe, reine Handſchuhe und hell leuchtende Treſſen, glücklicher Weiſe auch ſtatt ſeiner eigenen beſſeren Kopfbedeckung eine ordonnanzmäßige Dienſt⸗ mütze auf dem Kopfe. „Aha,“ rief der Oberſt, nachdem er ihn eine Zeitlang be⸗ trachtet, in launigem Tone,„dat is der Eene von den zwee Bee⸗ den, der Freiberg, den ick zur reitenden Batterie verſetzt habe. Ja, ſieht Er, mein Sohn, Ordnung muß ſind, und Er wird mir zugeben, dat ick bei allem dem ſein gnädigſter Oberſt ge— weſen bin. Doch hätte ick dieſe Gnade nicht gehabt, wenn ſein Herr Hauptmann Wetter und ſein Herr Ober⸗Feuerwerker Doll ihm nicht die beſten Zeugniſſe ertheilt. Und nun kann Er ſich tröſten, denn wenn et auch ſehr ſchön iſt, drei Jahre lang über den Büchern zu ſitzen und Federfuchſer zu ſind, ſo kann et doch eenen jungen Mann nich ſchaden, wenn er ein Jahr lang dazwiſchen den praktiſchen Dienſt erlernt. Hat Er mir ver⸗ ſtanden und begriffen?“ „Zu Befehl, Herr Oberſt, und ich bin dem Herrn Ober⸗ ſten für die gnädige Strafe dankbar!“ „Dat freut mir, und wir werden ihn im Auge behalten, nicht wahr, Hauptmann Lindenboom? Und wir haben ihn ooch zu eener ganz paſſenden Batterie gethan, zu dem Herrn Haupt⸗, mann Freiherrn von Manderfeld“— bei dem Worte Freiherr hob der Alte mit komiſcher Gravität die Hand grüßend an den Federhut—,„ein Mann, der feine Manieren hat und der eenen Premier⸗Lieutenant beſitzt, der, wat den Dienſt anbelangt, den 254 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Teufel im Glaſe fängt, der Premier⸗Lieutenant nämlich. Nun, gehab Er ſich wohl, mein Sohn, und wenn ick ihn wiederſehe, hoffe ick, nur Gutes über ihn zu hören!“ Gern hätte Erich die Rechte des guten, alten, biedern Officiers, ſo tapfer im Kriege und ſo wohlwollend für ſeine Untergebenen, der gediegenſte, prächtigſte Kern in allerdings rauher Schale, mit ſeinen beiden Händen ergriffen und an ſeine Lippen gedrückt; doch wäre ein ſolches Unterfangen gerade ſo gut geweſen, wie eine ſchon unterſchriebene Anweiſung für die Hallen des heiligen Auguſtin. Deßhalb ſtand er ſo regungs⸗ los wie möglich, in ſchönſter Haltung, den kleinen Finger an der Hoſennaht, wie es damals zu einer untadelhaften militäri⸗ ſchen Stellung erforderlich war, und that nur das Erlaubte, dem Oberſten nämlich mit langſam gewendeten Augen nach⸗ blicken, würde auch vielleicht in einem leicht begreiflichen Ge⸗ fühle der Verehrung länger ſtehen geblieben ſein, als gerade nothwendig war, wenn ihn nicht ein leichter Schlag auf die Schulter hätte umſchauen machen, wo er dann in das heitere zeſicht Schmoller's blickte, der ihm lachend verſicherte, daß die eben Statt gehabte Scene, von Weitem geſehen, ſich recht vor⸗ trefflich gemacht habe.—„Gerechter Himmel, wenn das mir paſſirt wäre, ich glaube, ich wäre abermals zum heiligen Auguſtin geſandt worden!“ Und wenn je eine Befürchtung wahr geweſen wäre, ſo dieſe, denn etwas Dienſtwidrigeres wie Schmoller's Anzug, in welchem er ſeine privaten Verhältniſſe abgewickelt hatte, war nicht leicht denkbar: ſein eigenes, wieder zuſammengeflicktes 8 Beinkleid von viel zu heller Farbe, eine weiße Weſte unter der halb zugeknöpften Uniform, einen Hemdkragen über der ſchwarzen mir ——— » Stubenarreſt und Beförderung. 255 Halsbinde und Sporen an den Stiefeln— Sporen für den Bombardier einer Feſtungs⸗Compagnie! „Du biſt wirklich ein unverbeſſerlicher Geſelle!“ ſagte Freiberg. „Was willſt du?“ entgegnete Schmoller, die Achſel zuckend. „Man iſt es ſich ſchuldig, einen vortheilhaften Eindruck zurück⸗ zulaſſen. Meine Marſchroute habe ich in der Taſche, und wenn es mir auch allerdings nicht angenehm geweſen wäre, dem Alten in die Finger zu laufen, ſo hat es mir doch wohl⸗ gethan, mit meinem Anzuge ein paar Freunde zu ärgern. Ich ſage dir, der Brigadeſchreiber iſt gelb geworden vor Neid, wie er mich ſo angeſehen, und ſämmtliche Kerls da oben, der Block und der junge Flattich hätten viel darum gegeben, wenn ſie ebenfalls zu einer Batterie nach der Reſidenz verſetzt worden wären. Doch mußt du mir einen Gefallen thun; ich muß glücklich ge⸗ noch einmal an jenem Hauſe vorbei, wo ich ſo weſen, und da es ſich viel ſchöner macht, wenn man zu Zweien lachend und plaudernd flanirt, ſo wirſt du mich begleiten.“ Erich ꝛhat das nicht gern, denn für ihn hatte jenes Haus keine angenehmen Erinnerungen; doch hatte Schmoller ſchon ſeinen Arm in den Erich's gelegt und zog ihn mit ſich fort. Da war das betreffende Haus, dem ſich Freiberg nicht ohne Herzklon näherte. Sehr angenehm war es ihm aber, von Niema geſehen, wenigſtens nicht erkannt zu werden, ein Gefühl ſich Schmoller den Anſchein gab, mit ihm zu theilen, den er ſagte achſelzuckend: „Es mir eigentlich leid um das hübſche Mädchen, das jetzt in Küche ſitzt und wahrſcheinlich um mich weint das iſt einmal nicht anders!“ V — ——— 256 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein bekanntes Geſicht hatte aber Erich, ſchüchtern auf⸗ wärts blickend, dennoch bemerkt, das des Herrn Profeſſors, der am Fenſter ſtand und an den Himmel hinaufblickte. Seine ganze Vergangenheit in Zwingenberg trat damit in einer ſo unangenehmen Lebendigkeit, zugleich mit einer anderen Erinne⸗ rung, vor ſeine Seele, daß er froh war, im nächſten Augen⸗ blicke das Haus hinter ſich zu haben und am anderen Morgen die Stadt. In jenen glücklichen Zeiten, wo es noch keine Eiſenbahnen gab, welche einen verſetzten Militär mit oft ſo unangenehmer Geſchwindigkeit an ſeinen neuen Beſtimmungsort liefern, wo Poſt⸗ und Eilwagen nur als großer Luxus betrachtet wurden, ſtrich man gemüthlich an der Hand der Marſchroute und unter dem Schutze des„Vorzeiger dieſes“ zu Fuß durch einen guten Theil der Monarchie und nahm das meiſtens wie eine Ferien⸗ oder Vergnügungsreiſe aus der Jugendzeit hin, beſonders in guten, wohlhabenden Gegenden, wo ſich der Ortsvorſteher eine Ehre daraus machte, ein paar einzeln anlangende Militärs in ſeine eigene Wohnung und Abends mit ſich ins Wirthshaus zu nehmen, wo der hübſche Unterofficier und Soldat die Augen der Dorfſchönen auf ſich zog und wo er häufig nach einem Ruhetage mit unruhigem Gemüthe weiterzog, Thränenſpuren, Verſprechungen hinter ſich laſſend, heiße Wünſche und ſonſt noch allerlei mit ſich davonnehmend. Leider war es ſchon ſehr ſpät im Herbſte, als unſere beiden Freunde über Berg und Thal ihrem neuen Beſtimmungsorte entgegenzogen, was ſie dieſe an ſich hübſche Tour nicht ſo genießen ließ, als wenn ſie dieſelbe im Frühjahre oder Sommer gemacht hätten; doch hatte es trotz Morgennebel und kühler Nächte immer noch hier und Stubenarreſt und Beförderung. 257 16 da kleine Abenteuer, die der Erinnerung werth waren, gegeben. d So verſicherte wenigſtens Schmoller ſeinem Freunde, wenn ſie 1 das betreffende Dorf eine Stunde oder ſo etwas hinter ſich ſ gelaſſen hatten, wobei alsdann der ältere Bombardier, von ü einem Hügel oder ſonſtiger Anhöhe rückwärts ſchauend, irgend e⸗ einen beliebigen Kalendernamen ſeufzend zurückrief. Erich aber, e der wohl wußte, wie gern ſein Freund in Erzählung ähnlicher 1 Abenteuer übertrieb, hatte deßhalb auch wenig Mitleiden mit en all den gebrochenen Herzen, welche nach Schmoller's Verſiche⸗ ner rung hinter ihm zurückblieben. i 1 Da indeſſen auf dieſer kleinen Reiſe nichts beſonders Be⸗ u, V merkenswerthes vorfiel, was von Intereſſe für den Lauf unſerer el Erzählung geweſen wäre, ſo wollen wir den Faden der Be⸗ en gebenheiten wieder aufnehmen am letzten Tage ihres Marſches, n- wo ſie aus ihrem letzten Quartier, ſtatt der Chauſſee zu in folgen, die ſich an der Seite eines breiten Fluſſes auf Um⸗ ne wegen durch ein weites Thal dahinzog, den näheren Weg über in einen bewaldeten Gebirgskamm nahmen, von deſſen Höhe ſie u5 um die Mittagszeit einen herrlichen Anblick genoſſen auf die en in der Ferne vor ihnen liegende, weit ausgedehnte Stadt mit an ihren Kuppeln und Thürmen. Leichte Anhöhen umgaben ſie en, in einem Halbkreiſe, und dieſe Anhöhen waren mit kleinen iſt Feſtungswerken gekrönt.„Leider wird wohl eines davon der r Schauplatz meiner künftigen Thaten ſein,“ meinte Schmoller lb 1 mit bedenklichem Kopfſchütteln;„es iſt ein ziemlicher Weg von ſie 3 da in die Stadt, und da hätte man eben ſo gut ins Kloſter ſie geſchickt werden können. Nun, wir wollen ſehen, was uns die tte Zukunft da unten bringt.“— Sie lagerten ſich auf der Höhe unter einer mächtigen Eiche und blickten in die prachtvoll herbſt⸗ Hackländer, Der letzte Bombardier. II. 17 258 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. lich gefärbte Landſchaft, die von der glänzenden und noch immer warmen Sonne eines echten Altweiberſommertages beſtrahlt wurde. Rings umher ſah man die lebendigſten und bunteſten Farben, eine wahre Muſterkarte von Roth und Gelb, während ſich der klare Himmel tiefblau darüber ausſpannte und die reine, durchſichtige Luft die ſonderbaren Verſchlingungen der Aeſte und Zweige bis zu den höchſten Spitzen der Bäume hinauf aufs deutlichſte ſehen ließ. „Welch herrliches Jagdwetter!“ meinte der ältere Bombar⸗ dier, worauf Erich hinzuſetzte:„Und wird auch zu dieſem Ver⸗ gnügen benutzt, wie mir ſcheint, denn ich habe ſchon mehrere Male das Knallen der Gewehre gehört und ſah leichten Rauch zwiſchen den entlaubten Büſchen aufſteigen. Sieh dort gerade wieder und da rechts, und dorthin weiter auch— es iſt wie ein Treibjagen, wie ein Halbkreis um uns her, und ich glaube, wir ſollten trachten, eine breitere Straße aufzufinden, damit wir nicht ſelbſt in den Trieb eingeſchloſſen werden, um ſelbſt mitzujagen oder als Wild zu dienen— danke für Beides!“ Sie hatten auf dieſem Lagerplatze ihre wohlgefüllten Brod⸗ beutel abgelegt und behaglich gefrühſtückt von dem, was ihnen im letzten, guten Quartier eine freundliche Wirthin mitgegeben. „Hier möchte ich ein paar Stunden träumen,“ meinte Schmoller, indem er die Hände unter den Kopf legte und ſich ſelbſt ſo lang er war auf die weichen, dürren Blätter aus⸗ ſtreckte,„hier möchte ich mich in Phantaſie ergehen, was mir wohl da unten beſchieden iſt, ob ich einſtens, wenn ich dieſer Stadt wieder den Rücken kehren muß und abermals auf dieſer Höhe hier angekommen, von freundlichen oder traurigen Er⸗ innerungen erfüllt bin. Denkſt du nicht auch ſo, Erich?“ mer Stubenarreſt und Beförderung. 259 Wohl dachte dieſer Aehnliches und hatte ſich ſchon längſt in ähnlichen Gedanken verloren, ja, er fühlte ſich tief bewegt, wenn er an ſeine Zukunft dachte, und ſchon zuckte ſeine Hand nach jenem kleinen Geldſtücke, das er immer bei ſich trug, um es abermals zu einem Spiel des Zufalles zu verwenden und es, von Schmoller ungeſehen, einer tiefen Spalte des Baumes anzuvertrauen. Doch ſchämte er ſich im nächſten Augenblicke, ſo zweimal auf gleiche Art das Schickſal zu verſuchen, und verbarg die kleine Münze wieder an ihrem früheren Platze. „Und nun wollen wir heiter und froh den letzten Reſt unſeres Weges machen!“ rief er aus.„Komm, Schmoller, erhebe dich! Ich fürchte in der That, wir ſind mitten in einen Jagdtrieb hineingerathen; hörſt du jetzt das Halloh der Treiber und ihr Anſchlagen an die Bäume? Komm, wenn wir uns jetzt links wenden und jenem kleinen Fußwege folgen, erreichen wir wahr⸗ ſcheinlich eine breitere Straße.“ „Was geht mich die ganze Treiberei an, ich habe weder Treiber noch Jäger eingeladen und bekümmere mich den Teufel um ſie— ſchau, Erich, was iſt das da vor uns?“ Dieſer beugte ſich raſch zu ſeinem Kameraden herab, legte ihm die Hand auf den Mund und flüſterte ihm zu:„Ein capi⸗ taler Hirſch, der weit vor den Treibern vorausgegangen iſt! Gib Acht, wie er abſtreicht, wenn er uns hier oben merkt!“ „Siehſt du denn etwas?“ „Nein, ich höre ihn nur durch die Büſche brechen und mit den Stangen die Aeſte ſtreifen. Sprich nicht mehr, Schmoller, und bleib unbeweglich liegen!“ Nach dieſen Worten kauerte ſich Erich geräuſchlos hinter Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ihm an dem Stamme der Eiche nieder, und nun hörten ſie beide das Herannahen des edlen Thieres, ja, Erich's geübtes Auge erkannte es im nächſten Augenblicke zwiſchen den grauen Stämmen hervorbrechend und hielt faſt den Athem an, um es nicht zu verſcheuchen. Nicht ſo Schmoller, welcher den capitalen Hirſch nun ebenfalls erblickte und darüber vor Vergnügen mit den Beinen ſtrampelte, aber nur die Idee einer Secunde, während welcher das edle Thier ſtehen blieb, um gleich darauf ſeinen Lauf zu ändern. In dieſem Augenblicke krachten hinter den beiden Bom⸗ bardieren zwei Schüſſe raſch nach einander, und zwar in ſol⸗ cher Nähe, daß Schmoller ſich mit ſeinem Kopfe tief in die dürren Blätter hineinduckte, und dies um ſo mehr, da gleich darauf von ſeitswärts her ein dritter Schuß knallte, deſſen Kugel, wie der Bombardier ſpäter verſicherte, er an ſeinem Ohr habe vorbeipfeifen hören. „Ah, das geht über den Spaß,“ rief er aufſpringend, „mir ſcheint, man iſt hier in der Nähe der Reſidenz im offenen Walde ſeines Lebens nicht ſicher! Erlauben Sie mir,“ wandte er ſich an einen jungen Mann in Jagdkleidung, der, ſeine Flinte ſchulternd, raſch aus den Büſchen hinter ihm hervorkam, „das ganz merkwürdig zu finden!“ „Und ich finde es ebenfalls merkwürdig,“ antwortete der Andere in hochfahrendem Tone,„wie man, gelinde geſagt, ſo unbeſonnen ſein mag, ſich mitten in den Bogen eines Treib⸗ jagens zu legen— verſtanden?“ „Allerdings verſtanden, aber nicht recht begriffen!“ gab Schmoller trotzig zur Antwort.„Ich habe nirgendwo ein — — ———ÿ—————— e n —————————— Stubenarreſt und Beförderung. 261 Plakat geleſen, daß es gefährlich ſei, dieſen Waldweg zu be⸗ nutzen! Im gewöhnlichen Leben wird man doch vor Fußangeln und Fallgruben gewarnt, auch benachrichtigt, wo man einen Hemmſchuh einzulegen hat!“ „Sie ſind ein Narr!“ gab der Andere kurz zur Antwort, indem er ſich gegen einen der Jäger umwandte, der von der anderen Seite herkam und mit verdrießlicher Miene ſagte: „Hätte der Hirſch noch ein paar Schritte weiter gemacht, ſo wäre er mir angelaufen, wie nie etwas Aehnliches! Faſt fürchte ich, ich habe ihn waidwund geſchoſſen— wäre ſchade drum, ein ſo capitales Thier, unfehlbar ein ſtarker Vierzehnender!“ „Und daß er nicht näher kam, haben wir dieſen beiden Burſchen da zu verdanken, die da in aller Gemüthsruhe mitten im Treiben liegen bleiben und das Wild verſcheuchen— hol' ſie der Teufel!“ „Den Wunſch heg' ich auch,“ ſagte der zweite Jäger näher tretend.— Dieſer war ein Mann vielleicht hoch in den Dreißigen, mit einem feinen, aber verlebten Geſichte, zierlich gedrehtem Schnurrbarte und jetzt mit Zwicker in einem Auge, den er eingeklemmt, um ſich die Betreffenden näher anzuſchauen. Er ſprach in einem ſcharfen, etwas näſelnden Tone, ſehr be⸗ dächtig und langſam, wobei er ſeinen Kopf ſehr hoch erhoben hielt und dazu unter den halb geſchloſſenen Lidern hervor ſchaute.—„Ei der Tauſend,“ ſprach er jetzt,„wen haben wir denn da eigentlich?“ „Zwei herumſtreichende Bombardiers, wie mir ſcheint, trotzige Burſche, wenigſtens der eine, der mir ſoeben eine recht naſeweiſe Antwort gab.“ Schmoller blickte auf Erich, vielleicht in der Abſicht, ſich 262 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. auf deſſen Geſichte Rath zu erholen; doch hatte ſich Jener auf⸗ fallender Weiſe abgewendet und blickte, mit dem Arme an den Stamm der Eiche gelehnt, ganz wo anders hin, als wo die beiden Jäger ſtanden. „Wollen Sie mir ſagen, was ſie hier treiben?“ fragte der mit dem Augenzwicker in hochmüthigem Tone. „Wir treiben eigentlich gar nichts, doch es ſcheint mir faſt, als ob wir ſelbſt getrieben worden wären, und finde ich das im höchſten Grade ſonderbar!“ Auf dieſe Worte trat der erſte der beiden Jäger raſch vor Schmoller hin, betrachtete ihn von oben bis unten und herrſchte ihn an:„Laſſen Sie Ihr dummes Gerede, Sie haben einen Officier vor ſich, der, obgleich in Civil, doch im Stande iſt, Sie irgendwo hin ſpaziren zu ſchicken, wohin es Ihnen wahrſcheinlich nicht angenehm wäre!“ „Gut ſo, Herr Graf,“ fügte der Andere mit einem unan⸗ genehmen Lächeln hinzu,„dieſe Herren da werden Vernunft annehmen und mich nicht zwingen, Ihnen Aehnliches zu ſagen. Ich fürchte faſt, ich werde ſpäter das Vergnügen haben, ihre Bekanntſchaft zu erneuern.“ Daß er einen Officier vor ſich habe, war dem Vombar⸗ dier Schmoller recht unangenehm in die Glieder gefahren, auch glaubte er aus Erich's Stillſchweigen ſchließen zu dürfen, daß es beſſer ſei, hier klein beizugeben und ſich ſeitwärts ſachte in die Büſche zu ſchlagen, ja, er grüßte militäriſch und wandte ſich zum Gehen. Erich, halb durch den Baum gedeckt, ſchien noch einen Augenblick unentſchloſſen zu ſein, ob er ihm folgen ſolle; doch wandte auch er ſich jetzt, wobei Schmoller zu ſeinem größten Erſtaunen ſah, wie furchtbar bleich die Geſichtszüge —‿ 4 Stubenarreſt und Beförderung. 263 ſeines Kameraden waren. Aber dieſes Erſtaunen wuchs, als er zu gleicher Zeit bemerkte, daß der erſte der beiden Jäger, der jüngere, mit einem halbunterdrückten Ausrufe einen Schritt zurücktrat; dann ſchritten ſie langſam an den beiden Jägern vorüber und hörten hinter ſich die Worte ſagen:„In der That, das iſt ſeltſam!“ Schweigend verfolgten ſie den kleinen Fußweg, der ſie in kurzer Zeit auf eine Fahrſtraße brachte, und erſt hier, als Schmoller Raum hatte, neben ſeinem Freunde zu gehen— er war ihm bisher gefolgt—, blickte er ihn von der Seite an und ſagte dann in fragendem Tone:„Nug, Freiberg, was war denn das eigentlich?“. „Ich denke mir,“ gab dieſer ruhig zur Antwort,„das waren unangenehmer Weiſe für uns ein paar Officiere von der Garniſon da unten in Civil, ein Zuſammentreffen, das ſchwerlich angenehme Folgen für mich haben kann.“ „Für mich und für dich.— Kennſt du einen derſelben— es ſchien mir faſt ſo.“ „Ja, ich glaube, ich kenne einen derſelben näher, bin aber nicht im Stande, dir heute etwas darüber mitzutheilen.“ „Höre, du biſt in der That, wie ich ſchon oft geſagt, ein heimlicher Kerl und ein Duckmäuſer, ich aber ein viel zu an⸗ ſtändiger Menſch, um mich in anderer Leute Geheimniß drängen zu wollen! Reden wir daher von etwas Anderem und er⸗ warten, was kommt.“ „Wir werden nichts Beſſeres thun können, als erwarten, was kommt,“ meinte Erich, denn an dem Reden über andere Gegenſtände ſchien er für jetzt keinen beſonderen Gefallen mehr zu finden, ſon⸗ dern ſchritt ſchweigend und einſylbig neben Schmoller dahin. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ihn hatte dieſes Wiederſehen in der That furchtbar er⸗ regt, das gelblich unangenehme Geſicht hatte ihn mit verbiſſener Wuth und dabei wieder ſo höhniſch lächelnd angeblickt. Wie war es doch ſo traurig, daß er immer wieder und wieder mit dieſem zuſammentreffen mußte, und jetzt in Verhältniſſen, die ihn fürchten ließen. Er fühlte es tief, wenn ihm je eine trau⸗ rige, unheilvolle Kataſtrophe bevorſtand, ſo mußte ſie durch dieſen kommen, durch dieſen herbeigeführt werden, und er, Erich, mußte unterliegen bei der hohen Stellung und der Macht des Anderen Nach dem rſche einer guten Stunde hatten ſie, be⸗ ſtändig abwärts ſteigend, die breite Landſtraße im Thale wie⸗ der erreicht und dann eine vierfache Allee hoher Platanen, die ſie an zierlichen Landhäuſern, ſowie an entfernter liegenden großartigen Fabrikgebäuden vorüberführte; dann durchſchritten ſie eine kleine Vorſtadt, kamen durch Parkanlagen auf einen großen, breiten, links mit Bäumen bepflanzten Platz, in deſſen Mitte ſich eine kolbſſale, bronzene Reiterſtatue befand, und er⸗ reichten endlich die Thorwache, wo ſie ſich bei dem Wacht⸗ habenden nach ihrem Beſtimmungsorte erkundigten. Erich hatte nicht ſehr weit mehr zu gehen, da ſich die Caſerne der reiten⸗ den Artillerie ſeitwärts von dem eben erwähnten großen Platze befand, wogegen Schmoller die ganze Stadt durchſchreiten mußte, um zu einer jener kleinen, außerhalb liegenden Fe⸗ ſtungen zu gelangen, wo ſich ſeine Compagnie befand und wo ihn, wie er ſeufzend ſagte, wahrſcheinlich ein ſehr langweiliges Kloſterleben erwartete. 7 h 4 hh heon ſ22⸗ ha. X WeM Rhuu,. ℳ rey Control Chart 2eesG Green vellow Hed Magenta