9 . 3 1 1 4 . 8— 4: 1 1 Leihbibliothek Eduard ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit.?2 A. Nr. 256. Leih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur b jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ponterleden. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird bet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uopchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————-—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Ni. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1— 5. 53 ausdartige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. 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Seite Welches den geneigten Leſer ſtatt eines Vorwortes davon unter⸗ richtet, was er vom Titel dieſer Erzählung zu halten hat. 1 * Zweites Kapitel. 9 Handelt von den Eltern und der Heimath des Helden dieſer 5 Geſchichte................. 14 Drittes Kapitel. 3 Erich's Vater iſt beſorgt, ſeinen⸗Sohn in die militäriſche Laufbahn zu bringen............. 317 viertes Kapitel. Leiden und Freuden des Schullehrerſtandes auf dem Lande. Erich beginnt ſein neues Amt mit Glockengeläute und Natur⸗ geſchichte................. 60 Fünftes Kapitel. Erzählt von einer Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten, bei welcher wir die Bekanntſchaft der blonden Selma und des Herrn Vicars machen............... 79 Sechstes Kapitel. Von der Schattenſeite des Lebens, von hülfsbedürftigen Jung⸗ frauen, von Verlobung und Tod......... 101 Inhalt. Siebentes Kapitel. Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe in Zwingen⸗ berg, wohnt einem militäriſchen Manöver bei und rettet eine Batterie vor feindlichem Ueberfalle. Achtes Kapitel. Worin mancher der geneigten Leſer einen Bekannten aus früheren Jahren wiederfindet, von welchem Erich freundlich aufgenommen wird........... Neuntes Kapitel. Von dem Leben im Bivouac, ein rein militäriſches Kapitel, obgleich Zigeuner und Gaukler darin vorkommen Zehutes Kapitel. In welchem die ſchrecklichen Scenen geſchildert werden, welche den Ueberfall eines Lagers zu begleiten pflegen Elftes Kapitel. Der Held unſerer Geſchichte thut die erſten Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn..... Zwölftes Kapitel. Worin wir die Bekanntſchaft eines vornehmen Herrn machen, welcher den größten Theil des Tages in ſeinem Bette zu⸗ . bLenDt.............. Dreizehntes Kapitel. Angenehme Fortſetzung der Manövertage, mit wieder aufer⸗ ſtandenen Gefallenen und dem Herrn des Schloſſes als Geiſt der Nacht 5.. Seite 127 145 164 189 211 234 258 Erſtes Kapitel. Welches den geneigten Leſer ſtatt eines Vorwortes davon unterrichtet, was er vom Titel dieſer Erzählung zu halten hat, und worin ſich der Verfaſſer ſchließlich bemüht, den Verdacht der Nachahmung von ſich abzuwälzen. Es gibt Titel, welche man dem geneigten Leſer zu erklären ichuldig iſt, wozu auch der der vorliegenden Geſchichte gehört. an kicht, ais ob ich einen Augenblick in Zweifel wäre, daß unter dem letzten Bombardier den letzten in einer Reihe uombardieren verſtehen wird; aber doch muß ich hinzuſetzen, daes ſich hier um den zuletzt erſchaffenen ſämmtlicher Bom⸗ iere der Chriſtenheit handelt, und nicht um jenen anderen d. der vielleicht dadurch eine lange, glänzende Reihe ſchloß, nſer ſich als Unterofficier enpuppte oder vielleicht als wirklich er in ſeiner Eigenſchaft als Bombardier von dem kriegeri⸗ in Himmelspförtner gern und gaſtlich aufgenommen wurde. Ahandelt ſich alſo um jenen letzten Bombardier, nach welchem 44 1 1 weiterer mehr erſchaffen wurde, ſei es, daß man die Bom⸗ t iere zu gut für dieſe Welt hielt oder die Welt zu gut für. Bombardiere, immerhin war es aber der Letzte dieſer glän⸗ 2 Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 1 V 2 3 Erſtes Kapitel. zenden Reihe, und welcher Reihe, ah! wenn ſie vor meinem inneren Auge vorüberfliegt, dieſe Reihe von Jugend, Kraft und Schönheit, von Schwäche und Häßlichkeit, von beſtem Wiſſen und von der kläglichſten Dummheit, ſo faßt mich beinahe ein eben ſolcher Schwindel, als wenn ich eine Reihe phantaſtiſcher Wolken⸗ gebilde, vom Sturmwinde gejagt, gepeitſcht, nebel- und ſchatten⸗ haft an mir vorüber gleichfalls in die ewige Vergeſſenheit ziehen ſehe. Auch jene glänzend ſtrahlende Reihe hat ſich aufgelöſt, und es iſt nichts von ihr übrig geblieben, als ein Name, ein Begriff. Ja, ſie haben aufgehört, jene eigenthümlichen Weſen, welche man Bombardiere nannte, nicht Unterofficier, nicht Ge⸗ meiner, nicht Fiſch, nicht Fleiſch, ein Zwiſchengeſchöpf, und deßhalb wohl auch nicht fortpflanzungsfähig. Sie ſind ausge⸗ ſtrichen aus den Liſten der Armee— die Natur iſt um eine Schöpfung ärmer. Es iſt alſo der Letzte dieſes zahlreichen, gewaltigen Ge⸗ ſchlechtes, um den es ſich handelt, und wie wie vorhin ſcho⸗ angedeutet, nicht das letzte Glied einer noch beſtehenden Ket⸗ ſondern der Letzte, der je geſchaffen wurde, und hinter den was die Bombardierſchaft überhaupt anbelangt, ein kalter, trockenen Schlußſtrich wie ein Grabſtein ſteht. Statt uns aber einer gewiß gerechtfertigten Wehmuth hinzugeben, wollen wir es ver⸗ ſuchen, dem geneigten Leſer den Titel unſerer Geſchichte einiger Maßen zu erklären, indem wir ihm ſagen, was denn eigentlich ein Bombardier war. Mit der wiſſenſchaftlichen Erklärung anzufangen, ſo beſagt der Artillerie Leitfaden, daß der Bombardier auf der unterſten Stufe jener Leiter ſteht, welche das Unterofficier⸗Corps bildet, daß ihm bei der Geſchützbedienung Nr. 3 zufällt, das Richten — An den Leſer. 3 vermittels der Aufſatzſtange bei der Kanone und des Quadranten bei der Haubitze und dem Mörſer, daß er eine Wache ſelbſtändig zu commandiren hat, daß thin beim Batteriebaue nach Umſtän⸗ den die Ueberwachung beim Anfertigen der Faſchinen und Schanz⸗ körbe anvertraut werden darf, und daß er beim Appel auf dem linken Flügel der Unterofficiere vor der Fronte ſteht. Für alle dieſe Obliegenheiten hat er ein paar Pfennige täglicher Löhnung mehr, wie der Gemeine, wird ſtatt des traulichen„Du“ mit „Sie“ angeredet und gehört zu den Avancirten, weßhalb er auch berechtigt iſt, an dem Aermelaufſchlage ſeines Waffenrockes eine goldene Treſſe zu tragen. In den Augen des Brigade⸗Comman⸗ danten, wenn er nach vortrefflicher Schießübung gut gelaunt war und vom Pferde herab in irgend einer Batterie oder draußen beim Kugelfange einige paſſende Worte ſprach, war das Bom⸗ bardiercorps die Pflanzſchule der Artillerie⸗Wiſſenſchaften. Schöne Keime, durch beſſere Erziehung und einiges Wiſſen getrieben und ausgeſäet, um auf dem praktiſchen Boden des Dienſtes zu kräftigen Stämmen heranzuwachſen, um das Unterofficier⸗Corps zu jener Blüthe zu bringen, die dringend nothwendig iſt, um dadurch der ganzen Armee ein ſolides Fundament zu verleihen. Und gerade ſo erſchienen die Bombardiere alsdann auch in den Augen des Majors und Abtheilungs⸗Commandanten, der natürlich das getreue Echo des Herrn Oberſten war, und daß jener noch zuletzt mit aufgehobenem Finger hinzuſetzte:„Es wäre in der That eine wahre Freude, ein ſolches Bombardiercorps zu beſitzen, wenn nicht in den Freiſtunden— bei allen Göt⸗ tern— dies war eine Redensart, welche der Major und Ab⸗ theilungs⸗Commandant ſtets gebrauchte— mit gewiſſen Dingen ſo viel Unfug getrieben würde. Sie werden mich verſtehen, ohne 4 Erſtes Kapitel. daß ich gerade nöthig habe, von der Mißachtung des Zapfen⸗ ſtreiches zu reden, vom ungehörigen Anzuge, wozu ich bei allen Göttern beſonders Vatermörder rechne, und weiße Weſten — pfui Teufel!“ In den Augen des betreffenden Hauptmannes und Batterie⸗ Chefs erſchienen wir aber leider ganz anders, als uns die gute Laune des Brigade⸗Commandanten bezeichnet. Ich ſehe ihn als⸗ dann immer noch vor der Fronte auf und ab rennen, die Hände auf dem Rücken, mit einer heftigen Wendung des Kopfes bald nach rechts, bald nach links, als wollte er etwas Unſichtbares beißen, wobei man deutlich das Klappern ſeiner falſchen Zähne hörte, und ſehe ihn alsdann vor uns hintreten, uns kopfnickend von oben bis unten meſſend, ehe er anfing:„Nun, das muß ich geſtehen, ich hoffe nicht, daß Einer von Euch ſo vernagelt iſt, um das Lob, welches der Herr Oberſt in ſeiner unbegreiflichen Güte über das Bombardiercorps ausgoß, ſpeciell auf euch zu beziehen; iſt aber Jemand unter euch, der in der That glaubt, eines ſolch hohen Wohlgefallens würdig zu ſein, der trete vor, damit ich ihm ſage, daß ich auf Gottes weiter Welt nichts Nichtsnutzigeres kenne, nichts Schlapperes in und außer dem Dienſte, nichts Fauleres und Unwiſſenderes, nichts zu unver⸗ zeihlichen Streichen Aufgelegteres, als die Bombardiere, die ich in meiner Batterie zu commandiren das Glück habe. Herr—r r r Bombardier Schmetterer, ich bemerke auf Ihrer Phyſiognomie ein aufſteigendes Lächeln und will Ihnen nur ſagen, daß, wenn dieſes Lächeln zum Ausbruch kommt, ich Sie drei Tage aufs Holz ſchicke, Herr—r— r—r, Ihnen ſoll das grüne Gewitter auf den Kopf fahren!“ An den Leſer. In den Augen des erſten Lieutenants waren wir eine un⸗ verbeſſerliche Schwefelbande. In den Augen des zweiten Lieutenants, eines dicken, alten, ſchlagflußfähigen Officiers, deſſen Züge vom Tiefroth ins Bläu⸗ liche übergingen, ſo oft er ſein Pferd beſtieg oder den Säbel zog, ja, überhaupt bei der geringſten Anſtrengung, waren wir eben ſo viele Nägel zu ſeinem Sarge. In den drei Augen des dritten Lieutenants— er trug nämlich beſtändig ein eingeklemmtes Glas—, eines jungen Ba⸗ rons, der bei der Garde gedient hatte, exiſtirten wir gar nicht, was uns in ſo fern am meiſten verdroß, weil er ſich häufig die Miene gab, einen Bombardier vom gewöhnlichen Kanonier nicht unterſcheiden zu können. Für den Ober⸗Feuerwerker, beſonders wenn wir im Labo⸗ ratorium zu arbeiten hatten, waren wir nichts weiter, als der einſchlagende Blitz oder als vorſätzliche Brandſtiftung. Der Feuerwerker, welcher die Haubitze commandirte, bei der zuweilen acht Bombardiere die Bedienungsmannſchaft bil⸗ deten, ſprach ſich häufig dahin aus, daß es hart ſei für einen Unterofficier, wie er, welcher tadellos gedient habe, durch die niederträchtigſte Geſchützbemannung zur auffallendſten Blamage verurtheilt zu ſein.„Aber das verſpreche ich euch,“ ſetzte er hinzu,„das ſchwöre ich euch— bei— bei— nun bei irgend etwas, das ich nicht ausſprechen mag, weil ihr doch keinen rich⸗ tigen Begriff davon habt, fällt wieder, wie gewöhnlich, eine Hauptſchweinerei vor, ſo ruhe ich nicht eher, bis der Hauptmann Standrecht verfügt.“ Was nun den Unterofficier unſerer Corporalſchaft anbe⸗ langte, ſo war dies ein ſchon bejahrter Mann, der ſehr leiſe 6 Erſtes Kapitel. ſprach und dabei tief zu ſeufzen pflegte, wozu er auch einige Urſache hatte. Zum Avancement eingetreten, würde er es viel⸗ leicht auch zu den Epauletten gebracht haben, wenn er das Trinken hätte laſſen können; ſo aber verharrte er, trotz ſonſtiger vortrefflicher Eigenſchaften, bei der Wein⸗, ſpäter bei der Schnaps⸗ flaſche, und blieb ewiger Unterofficier. Statt zu fluchen oder grobe Redensarten anzuwenden, benutzte er ſeltſame Gleichniſſe oder ſein ſollende Wendungen, um uns ſeinen Unwillen zu er⸗ kennen zu geben, wobei er gewöhnlich bei Erſchaffung der Welt anfing und uns bewies, daß jedes Geſchöpf Gottes zu etwas nütze und zu gebrauchen ſei. Wir haſſen die Fliegen, ſprach er ſeufzend, und den gemeinen Miſtkäfer; auch die Kröten ſind uns widerwärtig und manchen Menſchen die Maulwürfe. Aber alle dieſe Weſen haben die Berechtigung, da zu ſein, ja, alles, was kreucht und fleucht, iſt nach reiflicher Ueberlegung geſchaffen, ein einziges Weſen ausgenommen— der Bombardier. Wozu nutzt er? Zu gar nichts. Was thut er Gutes? Nicht das Geringſte aus eigenem Antriebe. Iſt er pünktlich im Dienſte? Ja, nur wenn moraliſch die Karbatſche über ihm ſchwebt. Er iſt ge⸗ fräßig, aber ohne Nutzen, wie der Maikäfer, er iſt faul, un⸗ ordentlich, hinterliſtig, boshaft, und wenn man ſogar mit Wohl⸗ wollen irgend eine gute Eigenſchaft an ihm ſucht, ſo wird man doch keine finden, ja, man wird auf die gottesläſterliche Idee kommen, daß der Schöpfer bei Erſchaffung des Bombardiers einen unverzeihlichen Fehler begangen hat. Für den Capitaine d'armes, das i*ſt der Unterofficier, der Monturen und Waffen unter ſich hat, waren die Bombardiere ſchlimmer, als Roſtflecken und Schaben. Denn die letzteren harmloſen Thiere, wie er ſagte, gehen doch nur ihrem Lebens⸗ An den Leſer. 7 unterhalte nach und ruiniren weder Monturen noch Mäntel aus Muthwillen, ſind auch mit einem ſchmierigen Lappen zufrieden, während die Bombardiere immer geputzt ſein wollen, wie die Affen, und den Paraderock gerade ſo gut und ſo ſchlecht be⸗ handeln wie die Montirung Nr. 4. Der Kanonier allein fühlte einige Sympathie für uns, denn auch er hatte immer noch die Hoffnung, Unſeresgleichen zu wer⸗ den, und bewegte ſich beim Exercieren, beſonders aber bei Batterie⸗ und Schanzenarbeiten, behaglicher unter dem milden und nach⸗ ſichtigen Commando eines jungen, lebensluſtigen, ja, auch wohl leichtſinnigen Bombardiers, als unter dem ſtrengen Ernſte eines griesgrämigen, dienſteifrigen Unterofficiers. Um nun dieſer tief⸗ ſchattirten Schilderung einige gerechte Lichter aufzuſetzen, ſo muß ich hinzufügen, daß, was in derſelben von dem Bombardiercorps im Allgemeinen geſagt wurde, allerdings für den Werth des Einzelnen nicht maßgebend war, daß aus demſelben die bravſten Unterofficiere, die tüchtigſten Officiere hervorgegangen ſind, brauch⸗ bar im Frieden, tapfer im Kriege, und daß ich ſelbſt die Ehre gehabt, demſelben anzugehören. Es war in dieſem Corps eine eigene Zuſammenſtellung; was von Freiwilligen in der Hoffnung eintrat, ſpäter Officier zu werden— und darunter war recht viel leichtes Tuch—, brachte in den meiſten Fällen eine genügende Schulbildung mit, um raſch das Bombardier⸗Examen machen zu können, war auch intelligent genug, um mit dem Eifer, den Jeder anfänglich be⸗ ſitzt, auf dem Exercirplatze, beim Unterrichte und im Laborato⸗ rium in kurzer Zeit brauchbar zu ſein. Meiſtens waren es auch wohlgewachſene, geſunde, mitunter hübſche junge Leute aus guten Familien, welche Eigenſchaften dazu beitrugen, ihnen das erſte 8 Erſtes Kapitel. Avancement, und zwar zum Vice⸗Bombardier, ſo leicht wie mög⸗ lich zu machen. Die Bombardiere erleichterten in vielen Beziehungen den Dienſt der Unterofficiere, waren bei den Schießübungen gut zu gebrauchen, und für Manche, die zeichnen konnten und mathe⸗ matiſche Vorkenntniſſe mitbrachten, war es ein Leichtes, Batterieen auszuſtecken und Schanzen zu bauen; dagegen konnte man ſich aber nicht darüber verwundern, daß dieſe zahlreichen jungen Leute, welche mit der allerdings nicht immer begründeten Hoff⸗ nung eintraten, in Kurzem die Brigade⸗ und die Kriegsſchule beſuchen zu dürfen und Fähnrich oder Officier zu werden, nach⸗ dem ſie Jahr um Jahr Bombardier blieben und ſich die Aus⸗ ſicht auf die Zukunft immer mehr verfinſterte, endlich erlahmten, keine Freude mehr am Dienſte, deſto mehr aber an möglichſt ungebundenem Leben hatten und ſonach allerdings das Aerger⸗ niß ihrer Vorgeſetzten wurden. Hatten wir doch bei unſerer Batterie achtzehn Freiwillige, welche nach und nach Bombardiere wurden, ohne daß ein ein⸗ ziger von ihnen zu den Epauletten gelangte! Aber trotz alledem ſind bedeutende Männer aus ihnen hervorgegangen, Kaufleute und Fabricanten, Aerzte und Schriftſteller, abgeſehen von dem Erzähler dieſer Geſchichte, der häufig ein ſehr reines Gewiſſen nur affectirte, wenn der Batterie⸗Chef die Abſicht kund gab, nächſtens unter uns treten zu wollen und fürchterliche Muſterung zu halten. Ja, es ſind große Männer aus dieſen Bombardieren her⸗ vorgegangen, wovon mir glänzende Beiſpiele bekannt ſind, wäh⸗ rend mir wahrſcheinlich noch glänzendere unbekannt geblieben: große Künſtler und bedeutende Schriftſteller, Doctoren der Rech⸗ An den Leſer. 9 ten und der Linken, in politiſcher Hinſicht nämlich, der Medicin und der Philoſophie, Conſuln großer Souveraine und mächtiger Republiken. Wie oft ſchon traf ich auf meinem Lebenswege gediegene Perſönlichkeiten, Leute in Amt und Würden, die ſich nach kurzem Geſpräche durch gewiſſe geheimnißvolle Zeichen, wie bei der Freimaurerei, als ehemalige Bombardiere entpuppten! So erinnere ich mich ſpeciell eines Falles, wo mir eine anſehn⸗ liche und angeſehene Perſönlichkeit, der Ober-Ingenieur einer deutſchen Eiſenbahn, mit dem gewiſſen fuimus Proes entgegen⸗ trat und mich lachend daran erinnerte, daß ich ihn, der damals als ein blutjunger Menſch freiwillig eintrat, zum Waſchen der Caſernenfenſter commandirt habe.— O, glückliche Vergangen⸗ heit dieſer erſten Dienſtjahre, wo wir nicht nur Stall und Pferde putzten, ſondern auch Stubenboden und Caſernenfenſter, um das praktiſch ſelbſt zu betreiben, wozu wir ſpäter in den Fall kamen, Andere zu commandiren! Wenn auch nun, wie oben des Näheren aus einander ge⸗ ſetzt, mancher Batterie⸗Chef ſeine Bombardiere mit ſcheelem Auge betrachtete und mancher ſtrenge, dienſteifrige Unterofficier im Stillen ſeufzte, wenn ihm ein halbes Dutzend dieſer Officiers⸗ pflanzen zur Munitions⸗Anfertigung oder vielleicht auch zur Beaufſichtigung des Kugelfanges zugetheilt wurde, ſo gab es dagegen auch wieder andere Kreiſe der menſchlichen Geſellſchaſt, wo unſer Name einen beſſeren Klang hatte; ſo bei der Mutter unſerer Batterie, der Frau des älteſten Feuerwerkers, welche in der Caſerne einer beſcheidenen Reſtauration vorſtand und die uns bei kleinen Manövern und beſonders bei großen Schieß⸗ übungen mit Wurſt und Brod ſo wie mit Rum oder altem Fruchtbranntwein, namentlich aber mit einem längeren Credit 10 Erſtes Kapitel. thatkräftig zu Hülfe kam. Wie viel an Verzugszinſen wir ihr für ihre Gefälligkeit zu entrichten hatten, bin ich nicht genau anzugeben im Stande, und nahm man dieſe Abrechnungen gegen⸗ ſeitig nicht ſo genau, das heißt von ihrer Seite in Betreff der längeren Borgfriſt und von unſerer Seite in Betreff der zu entrichtenden Summe. Kam die glückſelige Zeit eines mit Geld beſchwerten Briefes, ſo war der erſte Gang zu Madame Wend⸗ ler, worauf ſie ihre alte Bibel hervorſuchte und ſo lange darin blätterte, bis das Conto des Betreffenden herausfiel und man alsdann mit traurigem Gefühle einſah, daß man in Summa um ſo und ſo viel Thaler leichter geworden war, dagegen mit der Ausſicht auf einen flotten und freien Verzehr während meh⸗ rerer Monate. Und daß wir damit nicht kargten, ſondern uns meiſtens das Beſte geben ließen, was die Caſernen⸗Reſtauration zu leiſten vermochte, hielt uns in gehörigem Anſehen bei der Frau des Feuerwerkers. Ja, wir waren gewiſſer Maßen ihre liebſten Gäſte, und wenn in ihrem beſchränkten Locale ſonſt kein Platz mehr zu finden war, ſo räumte ſie uns gutwillig ihr Bett ein, um das als Sopha zu benutzen. Was nun die Einwohnerſchaft der Stadt, beſonders den weiblichen Theil derſelben, anbetraf, ſo waren wir für dieſe durchaus nicht das verabſcheuungswürdige Corps wie intra merus, ſondern galten für eine Geſellſchaft luſtiger junger Leute von anſtändigen Familien, jeder mit Anwartſchaft, um Officier zu werden, ſobald es ihm gefällig war, voller Talente, welche auch jeder von uns, ſo gut er konnte, entwickelte. Jener war ein guter Tänzer, dieſer wußte auf angeborgtem Pferde ſeine angenehme Fenſterparade zu machen, ein dritter malte kleine Portraits, ein Vierter ſpielte zum Entzücken Guitarre, und An den Leſer. 11 was das Bombardiercorps als ſolches anbelangt, ſo hatte es ſtets ein minder oder mehr gutes Geſangquartett, und wenn wir in einer ſchönen Nacht vor dem Fenſter irgend welcher ſchönen Schloſſerstochter mit Brummſtimmenbegleitung ſangen: 7 Ich hör' meinen Schatz, Den Hammer er ſchwinget, Das rauſchet, das klinget, Das dringt in die Weite Wie Glockengeläute Durch Gaſſen und Platz! da konnten wir ſicher ſein, als würdige Repräſentation des Bombardiercorps erkannt zu werden. Doch brauchten wir auch das Licht des Tages nicht zu ſcheuen, viel mehr aber das Auge unſeres Capitäns oder des erſten Lieutenants, wenn wir in unſeren Freiſtunden auszogen, in einem ſo verbotenen Anzuge, als nur möglich: vom Waffenrocke nur den oberſten Knopf ge⸗ ſchloſſen, unten eine weiße Weſte ſehen laſſend, einen weißen Kragen über der ſchwarzen Halsbinde, um die Hüfte eine lackirte Officierſäbelkoppel, die feine Mütze ſo dienſtwidrig als möglich ausgeführt und ſo keck als thunlich auf den Kopf geſetzt; zum Ueberfluſſe als Verbotenſtes noch eine Reitpeitſche in der Hand ſchwingend, aber gerade durch alles dies das ganze Ideal eines flotten Bombardiers. Und nach alledem— trotz alledem— es gibt keine Bom— bardiere mehr. Sie haben geendigt, ihr Name iſt für das wirkliche Leben erloſchen. Möglicher Weiſe wird noch in einer alten Verrechnungstabelle dieſe Charge Jahre lang fortgeführt, aber mit einem kalten Striche dahinter, zum Zeichen, daß ſie aus der Reihe der Lebenden ausgeſtrichen iſt. Vielleicht hangen 12 Erſtes Kapitel. auch noch hier und da im dunkeln Winkel einer ſtaubigen Mon⸗ tirungskammer die Ueberreſte einer Bombardier⸗Uniform. Ah, wenn ſie erzählen könnte! Sie wäre vielleicht im Stande, unſer Buch zu bereichern; doch ſo wird ſie ſtill für ſich fortträumen, um ſpäter zwiſchen den rohen Fäuſten ausklopfender Kanoniere und ſtillem Mottenfraß in ein beſſeres Jenſeits hinüberzu⸗ ſchlummern. Es iſt alſo der letzte Bombardier, geneigter Leſer, von dem dieſe Blätter handeln ſollen; ja, es hat einen letzten gegeben, doch war es nicht leicht, ihn herauszufinden und genügend feſt⸗ zuſtellen, daß gerade dieſer der letzte war. Nur ein Zuſammen⸗ treffen eigenthümlich günſtiger Umſtände ließ uns ihn auffinden, wobei wir es als ein Glück betrachten mußten, daß auch ſein ferneres Leben intereſſant genug war, um es in dieſen Blättern niederzuſchreiben. Für Leute, die auf Aehnlichkeiten erpicht ſind— es gibt ſolche unglückliche Weſen, die das Geſicht jedes Fremden, der ihnen begegnet, alſogleich lächerlich ähnlich finden mit den Phy⸗ ſiognomieen ihrer Bekannten, des Herrn Müller oder des Herrn Maier, die jeden Ton in einer neuen Oper ſchon in einer älteren gehört haben, die ein Buch achſelzuckend bei Seite legen, weil ſein Titel beinahe gerade ſo, wie ſie ihn irgendwo geleſen haben—, für ſolche muß ich die feierliche Erklärung abgeben, daß der letzte Mohikaner des großen americaniſchen Schriftſtellers mit dem letzten Bombardier auch nicht die entfernteſte Aehnlich⸗ keit hat; ſpielte doch jener auf der damals noch ziemlich jung⸗ fräulichen Erde der neuen Welt, auf der Prairie und dem Ur⸗ walde, während wir uns leider mit dem übercultivirten Boden unſeres ſehr civiliſirten Deutſchlands begnügen müſſen. n An den Leſer. 3 Wo die Geſchichte ſpielt, erräth nicht einmal der Verleger; wir ſind es dem Leſer und uns ſelbſt ſchuldig, dies aufs ängſt⸗ lichſte zu verſchweigen, um edlen Charakteren, deren in unſerem Buche haufenweiſe vorkommen werden, nicht die Röthe tugend⸗ hafter Scham über zu frühes Erkanntwerden auf die Wangen zu jagen, ſo wie um das Zartgefühl ſchlechter Kerle, an denen es auch nicht fehlt, in der Hoffnung auf ihre ſchließliche Beſ⸗ ſerung nicht zu ſehr zu verletzen. Zweites Kapitel. Handelt von den Eltern und der Heimath des Helden dieſer Geſchichte, berichtet Einiges aus dem Soldatenleben im Frieden ſo wie vom Orgelſpielen und anderen unmilitäriſchen Dingen. Wo der Held unſerer Geſchichte geboren wurde oder wer ſeine Eltern waren, brauchen wir eigentlich nicht zu verrathen; wir könnten darüber ein gewiſſes bedeutſames Stillſchweigen beobachten zur Spannung unſeres Leſerkreiſes, auch um uns freie Hand zu laſſen, ihn ſpäter als den Sprößling irgend einer edlen und erlauchten Familie raſch und glücklich in die Arme irgend einer vornehmen Auserwählten zu führen, oder ihn zur Erhöhung des Intereſſes mit einer blutigen Criminalgeſchichte in Verbindung zu bringen, oder mit einem geſtohlenen Ver⸗ mögen, einem veruntreuten Teſtamtente, oder gar mit einem Urahnherrn, der vor langen Jahren in ſeinem eigenen Schloſſe von einem rebelliſchen Neffen lebendig eingemauert wurde. Von jenem alten Ritter, der das unter Hohngelächter mit ſich geſchehen ließ, dem entmenſchten Neffen die Stelle verläugnend, wo er ſeine Schätze vergraben, ein Hohnlachzen, welches in der Mitter⸗ nachtsſtunde häufig durch die Schloßgänge hallte und welches Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 15 ſich in einer Geſchichte ſo vortrefflich ausnimmt, was alles uns dann die ſchönſte Veranlaſſung gäbe, auf den wunderſamſten Kreuz⸗ und Querwegen Teſtament oder Vermögen wieder her⸗ beizuſchaffen, oder gar den eingemauerten Urahnherrn, der als⸗ dann, in ſeinem linken Stiefelabſatze eingenäht, den Zettel mit der Angabe bei ſich trüge, wo das koloſſale Familienvermögen verſcharrt wurde— doch fällt es uns nicht ein, der Wahrheit auf dieſe Art Gewalt anthun zu wollen, vielleicht weil wir auch ſchließlich über kein glückliches Wiederfinden zu berichten haben, noch über Ereigniſſe welterſchütternder Bedeutſamkeit. Es iſt eine harmloſe Geſchichte, die wir ſchreiben, beginnt in einem alten Hauſe mitten in einem dichten Gränzwalde, wo es auf einer ziemlichen Anhöhe lag, welche über majeſtätiſche Fichten und Tannen hinweg eine prachtvolle Fernſicht gewährte auf die maleriſchen Höhenzüge eines mächtigen Gebirges, auf einen weiten Landſtrich mit Wieſen, Fruchtfeldern und ein paar blinkenden Seen. Das Haus war vor langen Jahren eine Förſterswohnung geweſen, hatte einſt einen weißen, freundlichen Anſtrich gehabt, der aber ſpäter ins Kaffeebraune übergegangen war, wobei das Gebäude ſelbſt ſo entſchieden aus den Fugen ging, daß es, wie die Uhland'ſche Säule, jede Nacht hätte einſtürzen können; aber es ſtürzte nicht ein und iſt vielleicht auch bis heute noch nicht eingeſtürzt, woran übrigens die Haltbarkeit des Mörtels und die locker gewordenen Zimmerholzverbände weniger die Schuld trugen, als eine alte, wohl unbegreifliche Anhänglichkeit zwiſchen Holz und Stein. Der Förſter, der hier gewohnt, war weggezogen, weil das Haus eine entſchiedene Neigung gezeigt, den Stürmen, die zu⸗ 16 Zweites Kapitel. weilen um die Berge rasten, künftig nicht mehr widerſtehen zu wollen. Und ſo wäre es auch wohl dieſem Schickſale anheim⸗ gefallen, wenn ſich nicht ein Bewohner gefunden hätte, muthig genug, es mit dem alten Hauſe aufzunehmen, und auch geſchickt genug, um es durch einige praktiſch angebrachte Balken wieder nothdürftig zu ſtützen. b Dieſer Bewohner war ein ehemaliger Unterofficier von der Artillerie, der nach langer und treuer Dienſtzeit eine Civilver⸗ ſorgung als reitender Steueraufſeher erhalten hatte. Da aber mit dieſer Stelle ein geringes Gehalt, eine Pferderation, aber keine freie Wohnung verbunden war, ſo trachtete er, ſich eine ſolche auf die oben beſchriebene Art zu verſchaffen, was ihm auch ſo leidlich gelang, daß er drunten im Wirthshauſe von ſeinem Schloſſe droben im Walde ſprach und mit vielem Selbſt⸗ gefühl die Bemerkung abgab, daß ein tüchtiger Artilleriſt mit einem tüchtigen Manöver de force ſelbſt das unglaublich Schei⸗ nendſte zu leiſten vermöge. 3 „Wer wie ich,“ pflegte er zu ſagen,„vor dem alten Oberſten von Tuchſen mit einem Geſchütze im Feuer manövrirt hat, dem das linke Protzenrad fehlte und welches ſtatt des rechten Ge⸗ ſchützrades einen Wegweiſer untergebunden hatte, der wird ſich gewiß nicht ſcheuen, es mit einer ſo alten Baracke aufzunehmen. Selbſtverſtändlich hatte der reitende Zollaufſeher auch eine Frau gehabt, doch ſie war geſtorben, ehe er den Militärdienſt und die Caſerne verließ; ja, wenn ſie am Leben geblieben wäre, ſo würde er vielleicht doch noch nicht ſo bald eine Civilver⸗ ſorgung nachgeſucht haben, denn ſie war eine ordentliche, fleißige Frau, die ihrem Hausweſen aufs vortrefflichſte vorſtand, und das war keine Kleinigkeit, denn ihr Hausweſen beſtand damals Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 17 aus den ſämmtlichen Officieren der Batterie, denen ſie Frühſtück und Wäſche beſorgte, zuweilen auch das Abendeſſen, und ferner aus einigen zwanzig Koſtgängern, Unterofficiere, Bombardiere, Freiwillige und Gemeine. Dieſe Frau hatte zu Allem das un⸗ glaublichſte Geſchick, und wo ſie ihre Zeit hernahm, war Nie— mand zu begreifen im Stande; denn nicht nur, daß ſie Frei⸗ ſtunden hatte, in denen ſie Putzarbeiten für einige Kunden der Stadt machte, ſo fand ſie auch noch Muße, ihrem einzigen Sohne, dem Helden unſerer Geſchichte, Abends an einem alten, rappeligen Clavier, welches dem Wachtmeiſter gehörte, den erſten Muſikunterricht zu ertheilen. Dabei war aber auch die Frau Unterofficier Freiberg in allen anderen Dingen eine vortreffliche, brave Frau und von außerordentlicher Schönheit geweſen, wie ſich Manche aus damaliger Zeiteher noch erinnerten, ſogar der Batterie⸗Chef, der alte Capitän Heinzelmann, der, wenn ſie über den Caſernenhof ging mit leichten, tänzelnden Schritten, tadellos angezogen, ſich nicht enthalten konnte, ihr nachblickend, ſeinem erſten Lieutenant zu ſagen.„Sehen Sie, mein Lieber, wenn mir auf meinem Lebenswege, natürlich unter paſſenden Verhältniſſen, eine ähnliche Frau begegnet wäre, ſo würde die Armee um eine Hauptmännin Heinzelmann reicher ſein.“ Was die Vergangenheit der Frau Freiberg anbelangt, ſo iſt mit Sicherheit darüber nichts anzugeben: Einige behaupteten, ſie ſei, ſelbſt von guter Familie, in einem adeligen Hauſe Kammerjungfer geweſen und habe ſich durch einen ſehr harten Dienſt bewogen gefunden, den Bewer⸗ bungen ihres ſpäteren Mannes, eines ſehr hübſchen Militärs, nachzugeben; Andere aber wollten ſich erinnert haben, ſie ſei eine Zeit lang, allerdings in einer untergeordneten Stellung, beim Theater geweſen, habe aber dort nicht durchdringen können Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 2 18 Zweites Kapitel. und dann, wie es ſo zu gehen pflegt, aus Aerger den erſten, beſten Mann geheirathet, der ihr in den Weg gelaufen. Was ihre letztere Carrière anbelangte, ſo ſtand ſo viel feſt, daß ſie ein entſchiedenes Muſiktalent hatte und namentlich in früheren Jahren Lieder ſang, die ſie ſelber ſich auf dem Clavier begleitete, und zwar Lieder und Geſänge, die ſchon eine gewiſſe künſtleriſche Bildung vorausſetzen. Als ſie nun geſtorben war— und leider ſtarb ſie ſehr früh—, da vermochte es der Unterofficier Freiberg nicht, länger in der Caſerne auszuhalten, und da er von ſeinem Batterie⸗Chef aufs beſte empfohlen war, ſo wurde er denn auch nach einiger Zeit mit einer Civilanſtellung begnadigt und erhielt einen Dienſt, der nicht nur ſeine Zeit ſehr in Anſpruch nahm, ſondern auch ſeiner Phantaſie und ſeinem Ehrgeize ſchmeichelte. Konnte er doch, wie bisher, hoch zu Roß ſitzend, ſeinen Dienſt verſehen, und zwar auf eigenem Pferde, wobei es nicht ſelten eine recht poetiſche Verfolgung, ja, Zuſammentreffen mit Schmugglern und ähnlichem Geſindel gab! Und der ehemalige Unterofficier war bis zu einem gewiſſen Grade für Poeſie nicht unempfänglich. Wenn er bei der Morgendämmerung durch den grünen Wald ritt, ſo erfreute er ſich an dem allmählichen Erwachen der Na⸗ tur, ja, er zog oft ſeinem alten Braunen die Zügel an und ließ ihn vor einer maleriſch gefärbten Felſenſchlucht halten oder an einer Waldlichtung, die einen entzückenden Anblick bot auf die von der Morgenſonne hell beſtrahlte Ebene, aus der hervor der geſchlängelte Lauf eines Fluſſes ſo wie ein paar Landſeen in blendendem Lichte förmlich aufloderten. Hatten doch ſelbſt die dunkeln Nächte in Sturm und Regen, wenn er langſam die Gränze abritt oder auch ſtunden⸗ Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 19 lang in einem Hinterhalte auf Verdächtiges lauerte, einen ganz beſonderen Reiz für ihn, ſo daß er an ſolchen Abenden, wenn er nach Hauſe zurückkehrte und alsdann die grobe, warme Joppe angezogen hatte, beſonders dazu aufgelegt war, ſeinem kleinen Sohne dieſes Waldleben zu ſchildern und ihm auch wohl aus vergangenen Zeiten von großen Paraden und ganz beſonders gelungenen Manövern zu erzählen. Der Knabe war damals zwölf Jahre alt und erfaßte alles, was vom Militär handelte, mit dem größten Intereſſe. Er war überhaupt ein Kind von ganz glücklichen Anlagen, auf den ſich die Intelligenz ſo wie das ſinnige Weſen der Mutter vererbt hatten, wobei ihm aber als Gegengewicht der etwas eigenſinnige Charakter ſeines Vaters ſo wie deſſen Energie, von der ebenfalls Einiges auf ihn übergegangen war, ſehr zu Statten kam. Auch im Aeußeren hatte er eine angenehme Miſchung beider Eltern: von der Mutter die feinen, faſt zierlichen Bewegungen und dabei doch das ſichere Auftreten, dazu einen faſt mädchenhaft zarten Teint mit großen, dunkeln, ausdrucksvollen Augen, welche ſich gar nicht übel machten zu des Vaters blondem, krauſem Haar und die auch wieder mildernd eintraten gegenüber den kecken, faſt übermüthigen Geſichtszügen, mit denen, ſo wie in der jetzt ſchon kräftigen Geſtalt, er ganz das Ebenbild ſeines Erzeugers war. Was ſeine Gemüthsart anbelangte, ſo war eigentlich nichts Schlimmes darüber zu ſagen, doch wäre es für ihn gewiß beſſer geweſen, wenn es der ſanften, verſtändigen Mutter be— ſchieden geweſen wäre, ihn in das Jünglingsalter hinüber zu leiten und über ſeine Erziehung zu wachen, während er nach ihrem Tode leider mit wenig mehr Pflege aufwuchs, als die Blume auf dem Felde oder das junge Reis im Walde. — — — — Zweites Kapitel. Der ehemalige Unterofficier hatte eine alte Anverwandte zu ſich genommen, welche das Hausweſen führte, eine Perſon wie tauſend andere, nicht gut und nicht ſchlimm, die ſich nur dadurch auszeichnete, daß ſie beinahe vollſtändig taub war und man ſich nur mit ihr verſtändigen konnte, wenn man ſehr lang⸗ ſam, ſehr deutlich und überlaut mit ihr ſprach, was für den Knaben den Vortheil hatte, daß er ſich ein ſehr hörbares, ver⸗ ſtändliches Sprechen angewöhnte, mit lauter, tönender Stimme, ungefähr ſo, wie man vor der Fronte zu commandiren pflegt, was der Vater nicht ohne Befriedigung vernahm, denn es ſtand feſt bei ihm, daß ſein Sohn ebenfalls die Militär⸗Carrièére er⸗ greifen ſolle, aber nicht um, wie er, als Unterofficier zu vege⸗ tiren, ſondern in der Blüthe eines ſtattlichen Artillerie⸗Officiers. Etwas Anderes für dieſen zukünftigen Stand lernte der junge Freiberg ebenfalls im täglichen Verkehre mit der alten, tauben Lieſe, nämlich einen Hauptbeſtandtheil der Subordination, das gänzliche Stillſchweigen in Gegenwart älterer Leute und Vor⸗ geſetzten; denn für die alte Frau war es vollkommen gleich⸗ gültig, ob er den Verſuch machte, ihr in irgend etwas zu wider⸗ ſprechen. Sie verſtand kein Wort davon und fuhr ruhig in ihrem Gerede fort, weßhalb der Knabe das Klügſte that, was er thun konnte, geduldig ihre Rede hinzunehmen, ohne auch nur den geringſten Verſuch zu machen, ſie durch eine Gegenbemerkung zu unterbrechen. Erich— dieſen Namen hatte ihm der alte Hauptmann Heinzelmann, der ſein Pathe war, in der Taufe beilegen laſſen— ging in die Schule des benachbarten kleinen Dorfes und empfing nebenbei den Privatunterricht des Lehrers Herrn Schmelzer in allerlei nützlichen Dingen, als Zeichnen, ein wenig Mathematik Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 21 und den Anfangsgründen der franzöſiſchen Sprache, und zwar bis zu der allerdings nicht weit geſteckten Gränze ſeines eigenen . Wiſſens. Dabei angekommen, fingen beide wieder gemüthlich mit ihrem Curſus von vorn an, wodurch unſer Held ein Ge⸗ lehrter murte, leider aber nur in den erſten Buchſtaben des großen Alphabets menſchlichen Wiſſens. Deſto ausführlicher aber und gründlicher war das, was ihn das tägliche Leben lehrte, der Wald, die Haide, der benach⸗ barte tiefe und reißende Fluß. Für ihn war kein Baum zu hoch, kein Graben zu tief, kein Sprung zu gefährlich, und ſelbſt wenn dieſer Sprung von einem Felsſtücke aus in die brauſende Flut des vorhin erwähnten Stromes ging. Da tauchte er lachend 8 unter, ſchwamm unter dem Waſſer dahin, um weit, weit hinab wieder, lachend ſich ſchüttelnd, n die Oberfläche empor zu kom⸗ h men. Auch das alte Pferd ſeines Vaters diente ihm zur Be⸗ reicherung ſeiner Kenntniſſe; nicht nur, daß er nach den erſten Anleitungen in allen Gangarten auf der Decke und dem Sattel zu Hauſe war, er lernte auch die Pflege und Wartung des. ge⸗ duldigen Thieres, und wenn er es hier und da des Morgens geputzt hatte, ſo hatte der ehemalige Unterofficier ſeine große Freude an den langen und regelmäßigen Staubſtrichen, welche Erich mit dem Striegel auf das Pflaſter klopfte. Doch erlitten alle dieſe Spielereien und Beſchäftigungen an dem Tage einen bedeutenden Stoß, als Erich's Lehrer dem munteren, aufgeregten Knaben, zu dem ſich der alte, ſonſt ſo mürriſche Mann gewaltſam hingezogen fühlte, ein vergilbtes Notenheft öffnete, um ihm die Bedeutung und den Werth dieſer ſeltſamen Zeichen mit den runden oder durchſtrichenen Köpfen zu erklären. Darüber hatte ihn die Mutter allerdings nicht ————— ——õ— — — 22 Zweites Kapitel. belehren können oder wollen; doch verwunderte ſich der Schul⸗ lehrer über die Fertigkeit, mit der ihm Erich ein paar kleine Stückchen vorſpielte, und zwar auf der Orgel der Dorfkirche, da ein Clavier leider nicht zur Verfügung ſtand.. 2 Was nun dieſen Muſtkunterricht anbetraf, ſo fühlte Herr Schmelzer hier einen ganz anderen und ſoliden Grund unter 4 ſeinen eigenen Füßen und dabei einen ſo glücklichen Wiederhall in der Seele des Knaben, daß er überzeugt war, da ließe ſich mit Geduld und Zeit ein ſtattliches Gebäude aufrichten, weß⸗ halb er nicht verſäumte, alſogleich ein tüchtiges Fundament zu legen. Man hätte denken können, daß für einen vierzehnjährigen Knaben, der leidenſchaftlich ritt, ſchwamm, ſchoß, der bei Tage und bei Nacht, ſo oft ſich ihm eine freie Stunde darbot, durch die Wälder ſchwärmte, der mitt lebendigem Gemüthe für alle äußeren Eindrücke ſo empfänglich war, das trockene, abſtracte Studium der Grundzüge der Muſiklehre durchaus nichts An⸗ ziehendes gehabt hätte und daß er ſich je eher je lieber von dieſer Plage wieder weggeſehnt haben würde, aber im Gegen⸗ theil; er konnte es nicht erwarten, bis Herr Schmelzer nach beendigten Unterrichtsſtunden in die kleine Kirche ſchlich, dort hinter ſich abſchloß und ihm auf den Taſten der Orgel, deren Blasbälge allerdings zu ſo profanen Studien nicht angezogen werden durften, das praktiſch erklärte, was er ihn auf dem Notenblatte gelehrt. Ja, es war unbegreiflich, wie leicht es ihm wurde, die Intervalle, die Secunden, Terzen, Quarten, Quinten, Sexten, Septimen in verminderter oder übermäßiger Größe kennen zu lernen, die Dreiklänge auf den verſchiedenen Stufen der Tonleiter zu bilden und aus dieſen, fortſchreitend, die Accorde durch alle Kreuze und B's zu lernen. Wie glücklich . ———— Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 23 machte es den alten Mann, in ſeinem Schüler ein mehr als gewöhnliches Talent gefunden zu haben, ja, ein Genie, das durch urſprüngliche Begabung ſicher und gewandt von Satz zu Satz mit Keckheit überging, die dem alten Schullehrer nicht ſelten Schwindel verurſachte. Aber auch was die Wiedergabe des Gelernten auf der Orgel anbelangte, hatte Erich in Jahresfriſt ſolche Fortſchritte gemacht, daß der gute Schmelzer eines Tages ein altes, ſchwarzes, fadenſcheiniges Ding anzog, welches er ſeinen Frack nannte, und damit dem geſtrengen, hochwürdigen Herrn Pfarrer ſeine Aufwartung machte, um ihm die Bitte vorzutragen, an einem der nächſten Sonntage den jungen Erich Freiberg die Orgel ſpielen zu laſſen. Daß dem Geiſtlichen bei dieſer Zumuthung faſt das Weinglas aus ſeinen dicken Fingern gefallen wäre— ja, ein Glas voll echten, wirklichen Weines, nach welchem der alte Schmelzer mit einem tiefen Seufzer ge⸗ ſchielt—, darf uns nicht Wunder nehmen, denn das Verlangen des ſonſt ſo beſcheidenen Lehrers war doch zu ungereimt. Daß ein Anfänger allerdings einmal zum erſten Male die Orgel ſpielen mußte, begriff der geiſtliche Herr wohl, aber zwiſchen Anfänger und Anfänger in dieſer Richtung war denn doch ein gewaltiger Unterſchied. Ja, wenn es noch ein junger, magerer Schulamts⸗Candidat geweſen wäre, hohläugig, bleich, mit glatt herabgefallenem Haar und himmelndem Blicke— aber der da, ein Schlingel erſter Claſſe— in den Augen des Herrn Pfarrers nämlich—, der ſich nicht einmal ſcheute, die hochwürdigen Bienen des Pfarrgartens anzutaſten und den fleißigen Hahn des Hühner⸗ hofes ſchon in ſolche Nervenaufregung verſetzt hatte, daß er auf das benachbarte Scheunendach geflogen war, der Sohn eines ehemaligen Artillerie⸗Unterofficiers, deſſen Vater in ſeiner jetzigen 24 Zweites Kapitel Eigenſchaft als reitender Steueraufſeher mit Schmugglern, ja, mit Räubern und vielleicht noch ſchlechterem Geſindel in bedenk⸗ licher Verbindung ſtand—„nein, nein, nein, lieber Schulmeiſter,“ ſagte er mit ſeiner fetten Stimme,„das wollen wir doch lieber bleiben laſſen!“ Herr Schmelzer aber, der in ſeiner langjährigen Schul⸗ meiſterpraxis recht hartſchlägig geworden war, ließ ſich nicht ſo leicht abweiſen und wußte ſo viele triftige Gründe anzugeben, wobei er ſogar die unbegreifliche Keckheit hatte, dem Herrn Pfarrer gegenüber von eigener Verantwortlichkeit in Betreff des Orgelſpiels zu reden.„Da hat Ihn einmal wieder eine Scheu angepackt, von der man Ihn nur dadurch losbringen kann, daß man Ihn, wie ſchon häufig geſchehen, ad absurdum führt.— Nun, meinetwegen! Daß aber won einem Orgelſpiel bei wür⸗ diger Sonntagsfeier nicht die Rede ſein kann, das ſollte Ihm nicht ſchwer werden, einzuſehen. Um Ihnen aber zu zeigen, daß ich auch diesmal in vollem Rechte bin, ſo will ich denn geſtatten, daß der junge Menſch in meiner Gegenwart und in Seiner, Schulmeiſter, irgend etwas aufſpielt, und nur darum gebe ich dieſe Erlaubniß, weil Ihnen dadurch ein ganz beſonderer Ge⸗ fallen zu geſchehen ſcheint. Ja, ich will noch mehr thun. Ich werde ſelbſt ein Kirchenlied angeben, welches aufgeſpielt werden darf und wonach ich dann am beſten beurtheilen kann, ob be⸗ ſagter junger Menſch vielleicht in einigen Jahren ſo weit kommen dürfte, einem wirklichen Gottesdienſt orgelſpielend zu affiſtiren, und damit Gott befohlen, lieber Schulmeiſter!“ So war doch wenigſtens etwas erreicht worden, und Herr Schmelzer hatte nichts Wichtigeres zu thun, als die alte Orgel aufs ſorgfältigſte zu unterſuchen, hier und da ein Leder an den — —— Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 25 Windladen feſtzukleben, dann am Pedal etwas einzuölen, und als der große Tag gekommen war, dem er nicht ohne Bangen, Erich aber mit großer Gleichgültigkeit entgegenſah, zog er aber⸗ mals ſeinen Frack an, um den Herrn Pfarrer zur Kirche ab⸗ zuholen, der denn auch nach halbſtündigem Wartenlaſſen vor der Thür des Pfarrhauſes erſchien, und zwar in Begleitung ſeines Neffen, eines jungen Candidaten der Theologie. In dem Gotteshauſe angelangt, ſetzten ſich beide geiſtlichen Herren gegen⸗ über der Orgel auf einen der erſten Sitze, worauf der Schul⸗ meiſter einen barfüßigen Bauernbuben, der die Blaſebälge zu treten hatte, aufs genaueſte in ſeinem wichrigen Geſchäfte un⸗ terwies. Erich ſaß auf der Orgelbank, aber durchaus nicht in der demüthigen Haltung eines jungen, beſcheidenen Menſchen, der vor hoher Geiſtlichkeit ſeine Probe ablegen ſoll; vielmehr blät⸗ terte er leichtſinnig im Choralbuche hin und her, pfiff auch wohl leiſe eine Melodie aus demſelben, und nachdem das hohe Audi— torium Platz genommen, wandte er ſein rundes, friſches Geſicht mit den lebhaften, geſcheidten Augen gegen den Kirchenraum, und hätte dem Herrn Pfarrer gewiß freundlich zugenickt, wenn es ihm nicht Herr Schmelzer vorher ausdrücklich aufs ſtrengſte unterſagt hätte. Daß Herr Freiberg Vater ſich ebenfalls hinten in einem Winkel der Kirche befand, in ſchüchterner Zurückge⸗ zogenheit, weil er ſich leider hier nicht ſo gut zu benehmen wußte, als an anderen Orten, die er häufig beſuchte, verſteht ſich von ſelbſt. „So nehme Er denn, um es dem jungen Menſchen leicht zu machen, das Lied Nr. 144 vor: Eine feſte Burg iſt unſer Gott!— eben ſo ſchön, als bekannt. Sage Er ihm aber, er 26 Zweites Kapitel. ſolle ſich eines hübſchen, langſamen Tactes befleißigen, damit ich höre, ob er wenigſtens ſo viel gelernt hat, um die Gemeinde in einem anſtändigen Tempo zu erhalten und ſie nicht zum Schluſſe gelange, wie eine wild durch einander rennende Schaf⸗ heerde. Und nun ſoll er anfangen.“ Und nun begann Erich unter Beihülfe ſämmtlicher Regiſter mit kräftigen, lang ausgehaltenen Accorden, die wie ein Schlacht⸗ ruf durch die leere Kirche drangen, wie eine Aufforderung zum Kampfe, an die er ein Adagio anreihte, ſanft dahin tönend, das wie die Stille vor dem Sturme klang, wie ein Gebet vor der Schlacht, in welches er dann zuerſt faſt ſchüchtern, dann immer kräftiger anklingend die gewaltige Melodie des ſchönſten aller Choräle eintreten ließ und hierauf, dem ruhigen Strome der⸗ ſelben folgend, obgleich mit ſicher geführten Anſchwellungen bis zum Fortissimo oder mit einem weichen Decrescendo, wo es paſſend war, mit ſo feſtem, ſtrengem Tacte durchführte, daß der Herr Pfarrer, der anfänglich bedeutſam mit dem Kopfe ſchüttelnd ſeinen Neffen angeſehen, jetzt die Worte des Chorals vor ſich hinzuſummen begann. Der alte Schmelzer ſaß oben neben der Orgelbank auf einem niedrigen Schemel und blickte durch eine Spalte der Brüſtung mit ängſtlichem Auge nach dem hohen Auditorium, und ſeine Spannung löſte ſich erſt dann in ein Gefühl der Sicherheit, zugleich aber auch der Wehmuth auf, als er bemerkte, wie der Herr Pfarrer mit zufriedener Miene ſeinem Neffen einige Worte zuflüſterte. Auf die leiſe Frage Erich's, ob er jetzt aufhören ſolle, ſchüttelte der Schulmeiſter heftig mit dem Kopfe und verſank dann, das Haupt in ſeine Hände gedrückt, in ein tiefes, ſchmerz⸗ ſh — — —— — » Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 27 liches Nachſinnen, wohl durch den Gedanken angeregt, was aus ihm ſelbſt hätte werden können, wenn er mit gleichen Talenten und Fähigkeiten in die liebevolle Sorge eines tüchtigen Meiſters gekommen wäre, der ihm erſchloſſen hätte die göttlichen Wunder der himmliſchen Muſica. Er, der den Drang in ſich gefühlt, ſich auf den Strömungen des Geſanges, gleich einem lichten Schmetterlinge im Sonnenſchein, emporzuheben über das Ge⸗ wöhnliche, Alltägliche, dem aber das traurige Loos gefallen war, am Boden hinzuflattern wie ein dunkler, unſcheinbarer Nachtſchmetterling. Und ſie wollten gar nicht aufhören hervorzuquellen aus der Seele des alten Schulmeiſters, dieſe ernſten Gedanken, die aber dadurch ihren bitteren Stachel verloren, weil ſie getragen wurden von den Tonwellen des Orgelwerkes. Doch wie er ſich jetzt gewaltſam aus ſeinen Träumereien losriß, ſo vernahm er mit einigem Schrecken, daß Erich den ruhigen, ſoliden Gang des Chorals leichtſinnig verlaſſen hatte und jetzt, das Motiv desſelben variirend, mit einer Fuge ſchloß, die, wenn auch nicht correct und fehlerlos, doch aus den bis jetzt verſchloſſenen Lippen des jungen Candidaten da unten ein lautes Bravo hervorlockte. „Hm,“ machte fragend der hochwürdige Herr an deſſen Seite,„ſo biſt du der Anſicht, man wird ſich in ſeiner Stellung nichts vergeben, wenn man dieſem jungen Menſchen einige paſſende Worte der Anerkennung ſagt?“ „Gewiß nicht. Ja, ich würde mir ihn zum ſtändigen Orgelſpieler heranziehen; dein alter Schmelzer hat von jeher ſehr wenig geleiſtet, und ich ſage dir, dieſer junge Menſch hat in ſeinem Vortrage ein Tattgefühl entwickelt, das deine Bauern unfehlbar mit ſich fortreißen muß— verſuch's einmal.“ Zweites Kapitel. „Ich würde es gern thun,“ entgegnete der Pfarrer mit einem ernſten Kopfnicken,„ſcheue mich aber, ein ſo wildes Sol⸗ datenblut gegenüber der Kanzel, von der ich Gottes Wort ver⸗⸗ künde, auf die Orgel zu placiren; hätte immer die Angſt, der tolle Burſche führe mir einmal bei einer ſalbungsreichen Stelle mit einem ausgelaſſenen Schnetterengteng dazwiſchen oder triebe ſonſtige Allotria. Dieſem Volke iſt nicht zu trauen,“ ſetzte er flüſternd hinzu—„Kommödianten-, Schnurranten⸗ und Sol⸗ datenvolk.“ „Vielleicht wäre es möglich,“ erwiederte nachdenkend der junge Candidat,„ihn zum Schullehrergehilfen auszubilden, und dabei wäre ſein gutes Orgelſpiel recht brauchbar. Laß mich einmal mit ihm reden.“ „Wenn du meinſt, ſo kann man den Verſuch machen, und ich will es mich recht gern ein paar eindringliche Worte bei dem alten Unterofficier koſten laſſen.“ Nun waren aber dieſe eindringlichen Worte nicht eindring⸗ lich genug für das verſtockte Gemüth des alten Herrn Freiberg, trotzdem Schmelzer mit der Kraft eines Cicero vorgearbeitet hatte, um jenen geneigt zu machen, den einzigen Sohn für die Stelle eines Hülfslehrers zu beſtimmen, ihn, den der Vater im Geiſte nicht anders ſah, als mit den Epauletten geſchmückt, einen Artilleriezug führend, ja, eine Batterie, wenn er ſich gerade in ſeinen Träumereien eine beſondere Verſchwendung erlaubte. Ihn, dieſen friſchen, geſunden Burſchen von ſo glänzenden millitäriſchen Anlagen, ein kümmerliches Weſen werden laſſen, wie Herr Schmelzer war— nimmermehr! „Ja, das iſt alles recht gut und wohl,“ hatte ihm der Schullehrer erwiedert,„aber habt Ihr es denn ſchwarz auf weiß 8 ———ö— —-——— Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 29 verbrieft und verſtempelt, daß Erich einmal ein Officier wird; ich gebe es zu, daß ſein ganzes Naturel zum Soldaten paßt, daß man ihn gern dort annehmen wird, ihm auch die beſten Hoffnungen macht, daß er ſehr raſch das wird, was Ihr ge⸗ weſen ſeid. Aber dann kommen die ſteilen Felſen auch in jener Carrière, wo Muth, Fleiß und Ausdauer nicht allein helfen, ſondern wo man auch Protectionen braucht, wo man ſehr viel wiſſen muß und wo es auch noch etwas Anderes bedarf, was wir Beide nicht beſitzen— das Geld nämlich. Doch das wiſſen Sie beſſer, als ich, mein lieber Herr Steuer⸗Controleur, es iſt in jeder Stellung des Lebens traurig, wenn man nicht die Mittel hat, ſeinem Stande gemäß leben zu können; aber nun gar ein armer Officier, und der auf ſein tägliches Gehalt angewieſen iſt, und der dabei ſo thun muß, als ginge er be⸗ ſtändig mit gefüllter Geldbörſe umher, wißt Ihr, der in Einem fort genöthigt iſt, ſich die Zähne zu ſtochern, auch wenn er mit einer mageren Suppe hat fürlieb nehmen müſſen, nein, nehmt mir nicht übel, da noch lieber ein armer Schullehrer⸗ gehülfe, der doch nicht nöthig hat, zur Ehre ſeines doppelten Tuches mit Kummer und Noth Verſteckens zu ſpielen.“ „Protectionen habe ich für ihn. Mein alter Batterie⸗Chef, der Hauptmann Heinzelmann, hat mir feierlich verſprochen, ſich des Buben anzunehmen, auch werde ich mir kein Gewiſſen daraus machen, einen Bruder meiner Frau, der ſich allerdings nie um uns belümmerte, in dieſem beſonderen Falle unſere Verwandtſchaft ins Gedächtniß zu rufen.“ „O ja, was den Hauptmann Heinzelmann anbelangt, würde er ſich Erich's annehmen, aber er kann ihn nicht zum Examen vorbereiten, und was irgend eine Hülfe anderer Art 4 4 30 Zweites Kapitel. anbelangt,“— hier ſchob Herr Schmelzer ſeinen Daumen wiederholt über ſeinen Zeigefinger—„davon wollen wir eben ſo wenig reden, als von einer Beihülfe aus der Verwandtſchaft Eurer Frau— das kennen wir.“ „Am wirkſamſten ſchienen noch immer die Vernunftgründe des jungen Candidaten, die dieſer noch obendrein in freundlich gewinnender Weiſe dem Vater aufnöthigte.“ „Ich will Ihnen glauben,“ ſagte er,„daß Ihr Sohn Erich für den Soldatenſtand ſchwärmt, wie ſehr viele junge Leute, ja, wie die meiſten, die ſich in gleichen Verhältniſſen finden. Sie ſagen mir aber ſelbſt, daß Sie lieber Ihren Sohn alles Andere werden laſſen, wenn Sie voraus wüßten, daß er es nicht über den Unterofficier bringt; um aber dahin zu ge⸗ langen, ja, nur um ein gutes Examen in die Brigadeſchule zu machen, muß er mehr wiſſen, als Erich kann; ich habe ihn ja geſtern examinirt, und wenn ich auch in der That erſtaunt bin über das, was er weiß, ſo fehlt ihm doch noch Vieles, was ich am beſten beurtheilen kann, da ich Hauslehrer bei dem General von Schmidberg war und die jungen Herren in einigen Fächern ſo weit brachte, daß ſie nothdürftig ihr Examen machen konnten. Nun gut: Erich iſt nächſtens fünfzehn Jahre alt. Machen Sie einen Verſuch mit ihm, ob ihm das Lehrer⸗ fach nicht zuſagt. Mein Onkel, der Herr Pfarrer, glaubt, ihn bei einem Bekannten unterbringen zu könnten, wo er lehrend in ſeinen Freiſtunden ſelbſt noch Vieles lernen kann, ja, wo er ſich das Mangelnde vielleicht noch anzueignen ver⸗ mag, um, wenn es ihm gar nicht gefallen ſollte, immerhin noch den Verſuch eines Examens zu machen.“ . Daß auf ſolche Reden hin Herr Freiberg bopſſchüttelñd Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 31 mit einem trüben Lächeln ſeines Weges ging, nahm der Can⸗ didat als ein gutes Zeichen. Um nun den jungen Erich für den Plan des Herrn Pfarres zu gewinnen, mit dem Herr Schmelzer, nur auf ein ganz anderes Ziel losſteuernd, einverſtanden war, manövrirte dieſer ganz anders, als gegen den Vater, und wir müſſen ſagen, wirkſamer, da das, was er ſagte, aus voller Ueber⸗ zeugung und aus einem warmen Herzen kam. Beide ſaßen eines Tages am Rande einer bewaldeten Anhöhe, von der man auf das weite, ferne Land hinunterſah und auf die majeſtätiſche, tiefblaue Bergkette, die ſich am fernen Horizonte träumeriſch erhob. Eigentlich ſah nur Herr Schmel⸗ zer; Erich lag auf dem Rücken und ſuchte vergeblich etwas Rhythmus und Melodie in dem jubilirenden Geſang einer auf⸗ ſteigenden Lerche zu finden. Da ſagte der Schullehrer:„Weißt du auch wohl, Erich, daß du den Herrn Pfarrer durch dein Orgelſpiel gewonnen haſt und daß er gar zu gern etwas für dich thun möchte?“ „Ja, ja, ich hab' davon gehört. Sie wollen mich zum Schulmeiſter machen, und ich muß lachen, wenn ich daran denke, daß ich eine Schaar wilder Buben commandiren ſoll— commandiren will ich allerdings, aber ein gutes Geſchütz mit ſechs Pferden und acht Bedienungsmannſchaften. Batterie haalt — achthundert Schritt Diſtance mit Kartätſchen geladen— Feuer! Perrdauz— ich ſaße Ihnen, Herr Schmelzer, der Schuß hat dem Feinde eine ganze Compagnie gekoſtet. Der Oberſt reitet heran und ruft ſchon von Weitem: Ah, das hat wieder der verfluchte Freiberg gethan; wir wollen ihn ganz be⸗ ſonders zum Avancement vorſchlagen 1 Zweites Kapitel. „Ho, und wer fabelt dir dergleichen vor?“ „In dieſem Augenblicke hat's die Lerche gethan; hören Sie nur, was ſie ſingt: Officier ſoll er werden und nicht Unterofficier bleiben— Hauptmann und Major— vielleicht noch mehr— noch mehr— noch mehr!“ „Ja, ja, man kann mit deiner Phantaſie ſo etwas ſelbſt in den harmloſen Lerchenſchlag hineinlegen. Mir klingt das ganz anders; commandiren ſollſt du einſtens ganz gewiß, auch keine Schaar ſchläfriger Bauernbuben, doch eben ſo wenig ſo ein dummes, fühlloſes Geſchütz, ſo eine tückiſche Mord⸗ maſchine.“ „Meinetwegen auch eine Schwadron Cavallerie, darauf kommt mir's gar nicht an— ja, wenn wir Geld hätten!“ „Auch dann wäre es ſchade um dich. Weißt du, was du ſpäter commandiren ſollſt? Etwas ganz Anderes, etwas Schö⸗ neres und Herrlicheres, als Artillerie und Cavallerie, etwas von ſchönerer und beſſerer Wirkung, etwas Herzerhebendes.“ „Und das wäre? Aber Alles, nur keine Infanterie „Höre mich an, mein lieber Erich; was du einſt com⸗ mandiren ſollſt, das iſt ein Orcheſter von vortrefflichen Muſi⸗ kanten, von Künſtlern, denen du als der erſte befiehlſt, die du leiteſt und führſt, mit ganz anderer Wirkung, als ein Haußt⸗ mann ſeine Batterie. Sieh', das ſtelle ich mir als das Höchſte im Leben vor: du ſitzeſt auf deinem Dirigirſtuhle, du haſt ein Buch vor dir, das man Partitur nennt, eine ganze Armee von Noten, in Züge, Compagnieen, Regimenter eingetheilt, und wie ſie ſich von dir leiten laſſen, wenn du deinen Feldherrnſtab erhebſt; und nun denke dir— tauſend Augen, die nach dir 14 0 ᷣ Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. ſchauen, tauſende von Ohren, die das Niederfallen deines Taktſtockes erwarten, und Alles um dich her in jubelndem Ent⸗ zücken, dich mit Applaus und Bravo belohnend, denn das Muſikſtück, welches du vorführſt, iſt deine eigene Compoſition, und die Kränze und Blumen, die dir zufliegen, gelten einem Werke, das dein Geiſt erſchaffen und das deinen Namen tragen wird in die ferne Welt hinaus.“ „Singt das auch die Lerche?“ „Ja, die Lerche ſingt es, und mein Inneres ſagt mir, daß du die Kraft in dir haſt, Großes zu leiſten. O, mein lieber Erich, ich habe es mit angeſehen, als ich vor ein paar Jahren in der Reſidenz war, wie ein junger Componiſt dergeſtalt ſein eigenes Werk einem begeiſterten, entzückten Publikum vorführte; da hab' ich mir gedacht, wenn man mir in die eine Wagſchale legte alle Schätze der Welt, allen Ruhm, alle Würden, ja, alle Kronen, und in die andere jenen einfachen Taktirſtock mit der Kraft, damit, wie jener, ſein eigenes Werk vorzuführen, ich würde mich keinen Augenblick beſinnen— ja, bei mir hätte der ſchlimme Verſucher leichtes Spiel gehabt.“ „Das wäre allerdings ein reizendes Ziel,“ erwiederte der leicht erregbare Knabe mit leuchtenden Augen,„doch noch ſchwerer zu erreichen, als das, was ich mir vorgeſteckt.“ „Aber immerhin für dich zu erreichen, das ſchwöre ich dir zu, ich, wohl dein beſter Freund, der ſelbſt ſo viel gelernt hat, um eine Goldſtufe vom tauben Geſtein zu unterſcheiden. Du kannſt ein großer Muſiker werden und ein tüchtiger Componiſt — du lächelſt, ja, ich will es dir geſtehen, ich bin zufällig hinter deine Geheimniſſe gekommen und habe das allerdings Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 3 34 Zweites Kapitel. ſchlecht bekritzelte Notenpapier gefunden, welchem du deine Ge⸗ danken anvertraut, freilich incorrecte, wilde Gedanken, aber ich habe ſie zurecht geſchrieben, ohne ſie zu verändern, und werde ſie dir vorſpielen.“ „O, dergleichen kommt mir immer,“ ſagte der Knabe nach einem längeren Nachſinnen,„wenn ich vor der Orgel ſitze; aber ich habe nie gedacht, daß es was Rechtes ſein könne.“ „Es iſt noch durchaus nichts Rechtes, aber es kann und muß etwas Rechtes werden, und ich bitte dich dringend, dazu den richtigen Weg einzuſchlagen.“ „Und der wäre?“ „Weiter zu ſtudiren in dem, was ich mit dir angefangen. Der leichte Weg wird allerdings der ſein, dich in eine gute Muſikſchule aufnehmen zu laſſen— aber woher dazu die Mittel nehmen?“ „Ei, wenn ich einmal Soldat bin, ſo kann ich vielleicht Unterricht nehmen bei dem Capellmeiſter des Regiments.“ „Ja, wenn du einmal Soldat biſt,“ entgegnete traurig Herr Schmelzer,„dann iſt es mit dem Lernen des Anderen aus und vorbei, dann haſt du auf dem Exercierplatze und im Stalle ſo viel zu thun, daß dir zu Beſſerem keine Zeit bleibt, und deßhalb möchte ich in dich dringen, einen andern Lebens⸗ beruf zu wählen.“ „Und Schullehrergehülfe zu werden— nein, davor graut mir.“ „Was ich begreiflich finde, aber eben ſo nützlich als Mittel zum Zwecke.“ Eltern und Heimath des Helden dieſer Geſchichte. 35 „Bei Ihnen könnte ich doch nicht bleiben.“ „Das fürchte ich auch, und wenn ich dem Herrn Pfarrer je beiſtimmen muß, ſo iſt es darin, daß du dir hier, wo man den wilden, ausgelaſſenen Erich ſo genau gekannt, ſchwerlich das nöthige Anſehen verſchaffen würdeſt.“ „Und anderswo?“ „Ginge das ganz vortrefflich. Du könnteſt zu einem Dorfſchulmeiſter, wo du von drei Uhr Nachmittags an deine freie Zeit haſt; was ich an Werken für dein Studium beſitze, ich habe Einiges aus beſſerer Zeit, würde ich dir mitgeben und meine eigene freie Zeit dazu verwenden, ſchriftlich dein Studium zu überwachen, deine Arbeiten zu corrigiren, ja, dir alle nöthigen Anleitungen zu geben. Dabei wäre dein Wirken auf irgend einem Dorfe immer nur als ein Uebergang zu be⸗ trachten; bei Fleiß und redlichem Willen und der Unterſtützung von Freunden müßte es dir gelingen, bald nach der Reſidenz zu kommen, und wenn du einmal dort wäreſt, ſo dürſten ſich gewiß Gönner und Menſchenfreunde finden, welche das, was in dir ſchlummert, nicht nur erkennen, ſondern dir auch helfen würden.“ So bearbeitete der Lehrer das empfängliche Gemüth des Knaben; doch wenn auch manche ähnliche Worte, die er in ſein Herz ſäete, keimten und ausſchlugen, ſo waren das doch nur dürftige Pflänzchen, die aber nicht gedeihen konnten im tiefen Schatten des väterlichen Willens, welcher mit der Zähigkeit, die ihm eigen war, an dem ſchimmernden Bilde feſthielt, ſeinen Sohn einſtens als Officier zu ſehen. Daß er dabei noch ganz beſonders gegen die Idee ein⸗ 36 Zweites Kapitel. genommen war, ſeinen Sohn Muſik treiben zu ſehen, konnte man ihm von ſeinem Standpunkte nicht übel nehmen; denn unter Spielleuten ſchwebte ihm immer die Geſtalt eines Batterie— Trompeters vor, der, ſeiner eigenen Corporalſchaft zugetheilt, einer der nichtsnutzigſten und widerlichſten Blechpfeifer geweſen war, die der Himmel in ſeinem Zorne je erſchaffen. Drittes Kapitel. Erich's Vater iſt beſorgt, ſeinen Sohn in die militäriſche Laufbahn zu bringen, da aber den Erſteren ein Unfall trifft, ſo bemüht ſich der Letztere um eine Schullehrergehülfenſtelle auf dem Lande. Zuweilen kommt es vor, daß der Himmel unſere ſchönſten und auch unſere beſten Entwürfe, wie wir glauben, mit einem recht dicken ſchwarzen Striche durchſtreicht, wobei er häufig an⸗ ſcheinend ſo rückſichtslos gegen alle Verhältniſſe irgend ein Lebensblatt mit dem bekannten ſchwarzen Kreuze bezeichnet. So auch hier in unſerer ganz beſonders wahren Geſchichte, wo an einem trüben Decembermorgen der Zollcontroleur Herr Freiberg von einem nächtlichen Dienſte krank und elend nach Hauſe kam; er hing blaß und ziemlich entſtellt auf ſeinem hin⸗ kenden Pferde, welches Mühe hatte, ſich zum Stalle zu ſchlep⸗ pen, wo es indeſſen geduldig ſtehen blieb, bis Erich und die alte taube Anverwandte dem Vater mühſam aus dem Sattel und in die Stube geholfen hatten, ja, recht mühſam, denn er konnte eben ſo wenig das linke Bein wie den linken Arm ge⸗ brauchen; erſteres war zerbrochen und letzterer an⸗ der Söule ausgerenkt. Als man ihn zu Bette gebracht hatte, 38 Drittes Kapitel. lief der Dorfbader, nachdem er die Verwundungen angeſehen, ſelbſt in das benachbarte Städtchen, um von dort einen geſchick⸗ ten Wundarzt herbeizuholen.„Denn,“ hatte er mit aufgehobe⸗ nen Händen zu der tauben Verwandten geſagt,„das getraue ich mir nicht zuſammenzuflicken.“ Und als ihm dann eingefallen, daß ſie ihn ja nicht verſtehen konnte, hatte er pantomimiſch einen hülfloſen Menſchen dargeſtellt, der wie ein Taſchenmeſſer zuſammenknickte, und war dann mit immer noch aufgehobenen Händen davongerannt. Erich ſaß jetzt an dem Bette ſeines Vaters, welcher, nach⸗ dem er ſich bis hieher mit einer verzweiflungsvollen Anſtrengung aufrecht erhalten hatte, nun in eine tiefe Ohnmacht gefallen war, aus welcher ihn der raſch herbeigeeilte Schulmeiſter vermittelſt Eſſigs und Salmiakgeiſt wieder zu ſich ſelbſt zu rufen verſuchte; dies gelang aber erſt nach vielen Anſtrengungen. Dann öffnete der alte Freiberg ſeine Augen, und als er ſeinen Sohn Erich bleich und verſtört mit gefalteten Händen neben ſich ſitzen ſah, die großen dunkeln Augen ſtarr und angſtvoll auf ſich gerichtet, da geſchah etwas ſehr Seltenes bei dieſem ſonſt durchaus nicht weichmüthigen Manne: er weinte wie ein Kind, wobei er den Knaben mit ſeinem rechten Arme an ſich heranzog und ſeine Thränen über deſſen blondes, krauſes Haar dahinſtrömen ließ. Herr Schmelzer hatte ſich indeſſen davongeſchlichen, um nach kurzer Zeit mit einem Glaſe gewärmten und gewürzten Weines zurückzukehren, den er ſich von dem Wirthe im Dorfe erbeten.„Aber wie hat er gebeten,“ ſagte dieſer ſpäter;„mit einer Miene und einem Blicke, die ihm ungefähr gerade ſo viel ſagten, als: ‚wenn Du mir von Deinem beſten Weine nicht augenblicklich gibſt, ſo ſchlage ich dich niederx— er— mich!“ ————e Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 39 So geſtärkt, war der Steuercontroleur indeſſen im Stande, ſeinen Unfall, allerdings mit vielen Unterbrechungen, zu erzäh⸗ len. Er huſtete dabei, was er ſonſt nie zu thun pflegte, und das Athemholen war ihm ſchwer. Er hatte Schmuggler im Verdachte gehabt, daß ſie gerade die geſtrige finſtere und ſtürmiſche Decembernacht zu einem gu⸗ ten Geſchäfte benutzen wollten, war auch auf ihre Fährte ge⸗ kommen, hatte aber dabei den Weg verfehlt, und bei dem hart gefrorenen, glatten Boden rutſchte der Braune, der ſonſt ſo ſicher war, aus, und beide ſtürzten einen ziemlichen Abhang hinab. „Da lagen wir eine gute Weile, und ich glaube,“ ſagte er mit matter Stimme,„es iſt mehr als eine Stunde vergangen, bis ich meine fünf Sinne wieder bei einander hatte, daß ich um mich her ſchauen konnte. Der Mond ſchien gerade ein wenig durch die zerriſſenen Wolken, und da ſah ich Geſtalten um mich ſtehen, Kerle, denen ich mich gar nicht geſcheut hätte, im andern Falle meine Piſtole vor das Geſicht zu halten. So aber mußte ich es geſchehen laſſen, daß ſic mich recht manierlich aufhoben, wobei ich immer noch vor Schmerzen ſtöhnte, daß ſie mich auf mein Pferd ſetzten und auf die breite Waldſtraße brachten, die über Königsdorf hieher führt; dabei ſprachen ſie kein Wort mit mir, nur ſagte Einer zum Anderen flüſternd: ‚Sollen wir nicht mitgehen bis zum Dorfe?: Worauf der erwiderte: ‚Wie ich ſehe, iſt der Braune noch gut auf den Beinen und kennt auch ſeinen Weg. Aber ich kannte den Weg nicht mehr, ich bau⸗ melte auf dem Sattel hin und her, ja, als wir endlich hier ans Haus kamen, da dachte ich, wir hätten einen Ritt um die ganze Welt gemacht. Und nun— wie Gott will!“ Es dauerte nicht gar zu lange, bis der Arzt kam und mit 40 Drittes Kapitel. Beihülfe des Baders ſeine Verbände machte; auch hatte er Arz⸗ neien mitgebracht und was ſonſt nothwendig war, befahl als⸗ dann die größte Ruhe für den Kranken, ließ die Fenſter ver⸗ dunkeln und nahm den Knaben mit ſich ins Nebenzimmer, wohin auch Herr Schmelzer folgte. Dort gab er die nöthigen Anweiſungen für den Tag und die Nacht, verſprach auch, mor⸗ gen früh bei guter Zeit wiederzukommen, und ſagte auf die Frage des Schullehrers achſelzuckend:„Wiſſen Sie, bei der gu⸗ ten Geſundheit des Mannes werde ich mir aus einem Bein⸗ bruche nichts machen, noch weniger aus der verrenkten Schulter, aber hier— damit zeigte er auf ſeine eigene Bruſt— hier hat's bei dem Sturze einen Stoß gegeben, der mich Alles be⸗ fürchten läßt; vielleicht will es unſer Herrgott, daß ich mich irre.“ Aber der Wundarzt hatte ſich dieſes Mal nicht geirrt, und das fühlte Niemand beſſer, als der Steuercontroleur ſelbſt, und ſprach das unverhohlen gegen Herrn Schmelzer aus, wenn Erich fern war. Auch mußte ihm dieſer einige kleine Geſchäfte, vor Allem ein paar Briefe an ehemalige Kameraden und Vorgeſetzte beſorgen. So an den alten Hauptmann Heinzelmann, von dem aber lange keine Antwort kam, und dann nur eine ſehr unbe⸗ friedigende. Er ſchrieb ihm: „Mein lieber Steuercontroleur, ehemaliger Artillerie⸗Unter⸗ officier Freiberg! Es hat wahrhaſtig einige Zeit gedauert, ehe ich mich ſo recht auf Ihre Perſon beſinnen konnte; es gehen Einem, wie Sie ſelbſt wiſſen, ſo viele Leute an der Naſe vor⸗ über, daß es der Erinnerung an Ihre Frau, unſerer vortrefſ⸗ lichen und ſogenannten Wirthin, bedurfte, um au kait zu kom⸗ men. Ja, was ſoll ich Ihnen nun in Betreff Ihrer Anfrage — — Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 41 ſagen? Vor allen Dingen, daß ich ſelbſt mit einer magern Penſion in den Ruheſtand verſetzt bin und daß ich jeden Tag denke: hol' der Teufel dieſe langjährige Strafarbeit, die man Militärdienſt nennt! Hätte ich einen Sohn, lieber Freiberg, ſo ſollte er ſich wahrlich nicht zu dieſem glänzenden Elende beken⸗ nen dürfen, oder er müßte es ſelbſt ganz abſonderlich wollen, große Kenntniſſe haben, militäriſchen Eſprit beſitzen und unter mächtigen Protectionen ſtehen. „Was dabei von Ihrem Sohne zutrifft, von dem kann ich natürlich nur wiſſen, daß, wenn er ſich gar auf meine Protec⸗ tion verlaſſen wollte, ich ihn bedauern müßte. Was habe ich ſelbſt für mich herausgeſchlagen? Gar nichts, nicht einmal den Majorstitel. Hauptmann, dir leb' ich, Hauptmann, dir ſterb' ich, und damit leben Sie wohl, und ſuchen was Geſcheiteres für Ihren Jungen.“ Die Antwort auf ein Schreiben an den Bruder ſeiner ſeli⸗ gen Frau, welches Herr Freiberg ebenfalls dem Schulmeiſter dictirt, hatte letzterer nicht einmal für gut befunden, dem Kran⸗ ken mitzutheilen, denn der Schreiber, Kaufmann in einem fer⸗ nen Landſtädtchen, ſagte in kurzen Worten, daß er nicht begreife, wie er zur Ehre eines Briefwechſels mit dem ehemaligen Unterofficier Herrn Freiberg komme, denn wie er ſich glaube zu erinnern, ſei man ſchon vor langen Jahren ſtillſchweigend übereingekommen, eine ſogenannte Verwandtſchaft gegenſeitig zu ignoriren. Mit Hochachtung.. Eigenthümlich war es, daß Erich's Vater ſich das erſte Schreiben und damit ein Fehlſchlagen des beſten Theiles ſeiner glänzenden Luftſchlöſſer nicht zu Herzen nahm, wie man wohl hätte glauben ſollen. Ja, ſeine Leiden machten ihn nach und 42 Drittes Kapitel. nach ſo theilnahmlos, daß er nicht einmal mehr fragte, ob ſein Schwager ihn einer Antwort gewürdigt. Deſto mehr aber hing er mit einer rührenden Liebe an der Perſon des Knaben ſelbſt, und nur wenn dieſer an ſeinem Lager ſaß, ſchien er Schmerzen, Leiden und Kummer vergeſſen zu haben, ja, dann konnte er zu⸗ weilen freundlich lächeln, ſein Auge ſtrahlte und ſeine zitternde rechte Hand ſuchte immer mit ſeinem Kinde in Berührung zu bleiben, ſei es, daß er ſie auf das blonde Haupt Erich's legte oder daß ſie ſeine Finger zu umfaſſen ſuchte; wenn er auch früher nicht eigentlich barſch und rauh mit dem Knaben geweſen war, ſo hatte er doch eine gewiſſe ſoldatiſche Derbheit für den Reſpect nothwendig gehalten und ſich auf dieſe Art bemüht, zwiſchen ſich und ſeinem Sohne eine Schranke der Subordina⸗ tion zu ziehen. Was er dadurch in der Liebe ſeines Kindes ver⸗ ſäumt, ſchien er jetzt einholen zu wollen, und Erich fühlte ſich ebenfalls glücklich darin, denn ihm entgingen nicht die immer bedenklicher werdenden Blicke des Wundarztes; ja, eines Mor⸗ gens hörte er eine Aeußerung deſſelben:„Geben Sie Achtung, Herr Lehrer, er wird einmal ſanft hinübergeſchlummert ſein.“ So geſchah es auch an einem milden Märztage, wo Erich die Fenſtervorhänge hatte bei Seite ſchieben müſſen, damit ein Sonnenſtrahl in das Zimmer falle, und dieſes freundliche Licht trug wohl die Schuld, daß ſowohl der Lehrer, der leiſe eintrat, als auch der Knabe noch immer glaubten, der Kranke ſchlum⸗ mere mit einem unausſprechlich zufriedenen Ausdrucke in den Zügen, als er in Wirklichkeit ſchon geſtorben war. Was nun folgte, war ſo durch die Umſtände bedingt, ſo ernſt nothwendig, ſo tief traurig, daß wir es für beſſer halten, nicht lange bei der Erzählung deſſelben zu verweilen. zu ——— Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 43 Der alte Steuer⸗Controleur war geſtorben, und der neue Steuer⸗Controleur trat an ſeine Stelle; doch übernahm er nicht die Wohnung, weil ſie ihm zu baufällig war, wohl aber den alten Braunen, dem es beſſer als ſeinem Herrn gegangen war, denn der Thierarzt war im Stande geweſen, ihn wieder zu⸗ ſammenzuflicken, und er zog noch Jahre lang durch den Wald⸗ diſtrict der Steuergränze. Erich's taube Anverwandte hatte nach dem Begräbniſſe ihr Bündel geſchnürt, und die Frage des Knaben, wohin ſie denn eigentlich wolle, mißverſtehend, hatte ſie ihm einen Troſt zu geben geglaubt, indem ſie, an den Himmel hinaufblickend, mit dem Zeigefinger ein paar Mal nach dort oben hinaufwies. Dann war ſie trotz ſeiner Einreden geſchieden, und er hatte das müſſen geſchehen laſſen, da ihm Herr Schmelzer ſagte, die Lieſe habe eine Schweſter in der Stadt, von der ſie erwar⸗ tet würde. „Und ich— wen habe ich, der mich erwartet? Niemand— Niemand— Niemand!“ 1 Alsdann hatte ihn Herr Schmelzer mit ſich nach Hauſe genommen, ihm in einem Verſchlage neben dem Schulzimmer ein Lager zurecht machen laſſen und ihn ermahnt, ſich vor der Hand ruhig in ſein Geſchick zu fügen, damit man überlegen künne, was ferner mit ihm zu geſchehen habe. Wie hatten ſich ſeine herrlichen, glänzenden Ausſichten ver⸗ finſtert; es huſchten ſeine ſtrahlenden Soldatenbilder nur noch wie hinter trüben Schleiern an ſeiner Phantaſie vortüber, eben ſo ſchön als unerreichbar. Wie ſollte er allein ankämpfen gegen den Strom des Lebens, da alle, welche bereit waren, ihm zu helfen, ihm aus 44 Drittes Kapitel. voller Ueberzeugung anriethen, den Strom zu verfolgen und, hübſch am Ufer bleibend, eine beſcheidene, aber ſichere Zukunft zu ſuchen? Eine für ihn allerdings trübe Ausſicht, die aber Herr Schmelzer dadurch erweiterte und erklärte, indem er ihm immer und immer jenes hohe Glück als erreichbar darſtellte, das er ihm einſtens mit ſo glühenden Farben geſchildert. Unter denen, die geneigt waren, dem jungen Menſchen be⸗ dingungsweiſe Hülfe für ſein Fortkommen zu gewähren, war der Pfarrer die wichtigſte Perſönlichkeit, und ihm gelang denn auch das faſt Unmögliche, wie er ſelber ſagte, Erich eine Stelle als Schullehrergehülfe zu verſchaffen, ohne vorher durch die läuternden Flammen eines Seminars gegangen zu ſein und ohne vorher beſtandenes Staats⸗Examen, und zwar durch einen Amtsbruder, für den, wie wir ſpäter ſehen werden, die ſolda⸗ tiſche Abkunft Erich's gewiſſer Maßen eine Empfehlung war und der in ſeinem Schul- und Kirchenregimente abſolutiſtiſch genug herrſchte, um trotz Decanat und General⸗Superintendent einem jungen Menſchen weiter zu helfen, wenn ſich dieſer willig und fügſam zeigte. Was Erich's Vater hinterlaſſen hatte, wurde verkauft, und nach Bezahlung einiger Schulden blieb immer noch ſo viel übrig, um den Sohn anſtändig zu kleiden, und zwar ſeiner künftigen Beſtimmung gemäß in demüthiges Schwarz, ſo wie um ihm auch das Nöthige an Wäſche anzuſchaffen; ja, auch etwas an muſikaliſchen Werken hatte Herr Schmelzer vor den ſtrengen Blicken des Herrn Pfarrers einzuſchmuggeln gewußt, und ſo war er an einem ſchönen Morgen gerüſtet, um, mit einem Em— pfehlungsbriefe verſehen, in die Welt hinaus zu gehen. Bis zu dem alten, baufälligen Hauſe gab ihm der Schul⸗ „ zul⸗ — Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 45 lehrer das Geleite— ach, wie ſah es hier ſchon nach wenigen Monaten des Verlaſſenſeins ſo gar troſtlos aus! Wie hatte die Zerſtörung durch ihre beiden wilden Gehülfen, Sturm und Regen, in dieſer kurzen Zeit ſchon ſo traurige Fortſchritte ge⸗ macht, und welchen Contraſt bildete damit die ewig ſich ver⸗ jüngende, Alles mild vergleichende Natur! Hatte ſie doch dem Winter ein kräftiges Halt zugerufen und war ſie doch eben damit beſchäftigt, Gras und Sträucher umzukleiden und die dürren Aeſte der alten Bäume mit friſchgrünem Laube zu ſchmücken! Sproßten doch Blumen auf, wo ſich eben erſt Schnee⸗ und Eismaſſen verloren hatten, und ſtrichen die muntern Vögel doch ſchon wieder zwitſchernd und ſingend von Aſt zu Aſt, ge⸗ rade ſo, als wollten ſie jedes entrollte Blatt ganz beſonders be⸗ grüßen! Und wie frühjährlich duftete dabei die Erde, wie ſtiegen aus den friſchgeriſſenen Ackerfurchen Dankopfer empor gegen den wunderbar blauen Himmel, dem leichte, weiße Wolkenſtreifen zu einer maleriſchen Verzierung dienten, und wie tröſtlich klang heute wieder das Lied der Lerche: es wird Alles gut werden! Verſchwunden war ſie hoch in den Lüften, und die Blicke Erich's ſenkten ſich gegen die fernen, ſchneebedeckten Berge, denen er nun bald näher kommen ſollte, nachdem er vorüber gezogen war an jenem langgeſtreckten, dunkelblauen See, der mit ſeinem geheim⸗ nißvollen Aufleuchten und dem beſtändigen Wechſel ſeiner mannig⸗ faltigen Farbentöne ſchon ſehr oft und vielfach die Phantaſie des Knaben beſchäftigt. Beſonders ein Theil desſelben, den er bei klarem Waſſer ſo deutlich überblickte, wo ſich eine kleine Inſel befand, die mit ihrem tiefen Grün von hier aus gerade ſo er— ſchien, als habe eine ſpielende Hand einen zuſammengebundenen 46 Drittes Kapitel. Strauß dort hingeworfen oder einen runden Kranz auf die Wellen gelegt. 8 Endlich mußte er ſcheiden unter Thränen von der Stätte, wo er ſo glücklich geſpielt, von ſeinem treuen Lehrer, der es ſo gut mit ihm gemeint. Doch ehe er von dannen ging, ſchritt er nochmals um das ganze Haus herum und berührte mit der Hand die Mauer, das Holzwerk, zerbrochene Fenſterſcheiben, ja, vor der Hausthür bückte er ſich nieder und ſetzte ſich, vielleicht zum letzten Male, auf die ausgetretenen Treppenſtufen, wo er früher ſo oft geſeſſen, ſpielend mit Nachbarskindern oder ſeinen Vater erwartend. „Wenn es mir gut geht in der Welt,“ gelobte er ſich ſelbſt,„ſo kehre ich einſtens hieher zurück und baue mir ein ſtattliches Haus mit einem Thurme, von dem herab ich weit ſehen kann über Berg und Thal, über das Waldgebirge mit ſeinen Schluchten auf den leuchtenden See. Ein rüſtiger Fußgänger hätte Zwingenberg— ſo hieß der neue Beſtimmungsort Erich's— in einem tüchtigen Tages⸗ marſche erreichen können, das heißt vom Anbruch des Tages bis zur ſinkenden Nacht. Doch hatte Herr Schmelzer ſeinem jungen Freunde gerathen, in Königsbronn, einem kleinen Orte, den er gegen Abend erreichen würde, die Nacht über zu bleiben, damit er ſich am andern Morgen zur paſſenden Zeit dem Herrn Pfarrer Wendler, an den ſein Empfehlungsbrief lautete, vor⸗ ſtellen könnte. Der Schullehrer hatte ihm, was das Nacht⸗ lager anbetraf, ein paar Zeilen an einen Amtsbruder mitgegeben, der ihm nicht nur freundliche Unterkunft für die Nacht gab, ſondern ihn auch einem Müller aus der Gegend von Zwingen⸗ berg empfahl, der Getreide⸗Einkäufe gemacht und ihn in ſeinem — e Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 47 Wägelchen nach der neuen Heimath mitnahm. Nebenbei hatte ihm auch noch die Frau des Schullehrers eine Partie Mund⸗ vorrath mitgegeben. Es ging auf einer guten Landſtraße bergauf und bergab durch ein fruchtbares Land voll friſch aufkeimender Saaten und faſt beſtändig unter einer Allee von weitäſtigen Obſtbäumen dahin, von denen die Kirſchen ſchon ihre bouquetartigen weißen Blüthen zeigten. Ueber die Richtung ſeines Weges hatte ſich Erich indeſſen gewaltig getäuſcht, denn ſtatt der hohen Bergkette, die mit ihren ernſtzackigen, ſchneebedeckten Gipfeln in dem Gemüthe des Knaben ſtets ein Gemiſch von Grauen und Sehnſucht erweckte, näher zu kommen, war dieſe jetzt allgemach hinter ihm verſunken, und er ſah hier ſeinen Horizont nur noch begränzt von ſanft geſchwungenen Anhöhen, auf denen ſich hier und da kleine Dörfer zeigten, auch wohl weiß angeſtrichene Kirchen und Ca⸗ pellen ſo wie altersgraue Thürme aus der Römerzeit. Die Berge vermißte der Knabe eigentlich nicht ſo ſehr, als den leuchtenden Spiegel des See's mit dem kleinen, grünen Inſel⸗ punkte, der von je her für ihn etwas unbegreiflich Räthſelhaftes gehabt hatte, wo es zu ſeinen liebſten Träumen gehörte, ſpäter einmal dorthin zu kommen, auf einſamem Kahne die dunkel⸗ blaue Flut zu durchſchneiden, um auf dem ſtillen Eilande höchſt intereſſante Entdeckungen zu machen. Der Müller war ſchon ein alter Mann, nicht groß, aber von kräftigem, unterſetztem Körperbaue, und hatte ein kluges Geſicht mit immer noch lebhaften Augen. Sein Kinn, ſeine Wangen und ſeine Oberlippen waren glatt raſirt, wogegen dichtes, weißes Haar rings unter der flachen Ledermütze, die ſein breites 48 Drittes Kapitel. Haupt bedeckte, hervorſchaute. Was ſeine Kleidung anbetraf, ſo erinnerte dieſe allerdings an den ländlichen Schnitt, war aber dabei von guten, faſt feinen Stoffen und ließ einen Mann erkennen, der dergleichen gewohnt war, es aber für paſſend hielt, nicht durch einen ganz ſtädtiſchen Anzug von ſeinen Nachbarn abzuſtechen. Auch ſein kleiner Wagen war beſſer und ſolider, als man ihn auf dem Lande zu ſehen gewohnt war, faſt elegant, ſo wie auch das Geſchirr ſeines Pferdes, eines kräftigen Fuchſes. Doch alles dies ſiel Erich nur deßhalb auf, weil der Lehrer, bei dem er übernachtete, allerdings von einem Müller geſprochen, der ihn mitnehmen würde, während er dieſen Müller beim Ab⸗ ſchiede mit„Herr Doctor“ angeredet hatte, was aber gewiß nur eine ſcherzhafte Benennung war, obgleich der alte Müller nicht ſo ausſah, als ob er leicht Spaß mit ſich treiben ließe. So oft es bergauf und im Schritte ging, veranlaßte der Müller den jungen Menſchen durch eine Bemerkung oder Frage, ihm Mittheilungen aus ſeiner Vergangenheit zu machen, welcher auch kein Hehl daraus machte, daß er auf einen Empfehlungs⸗ brief hin an Herrn Pfarrer Wendler als Gehülfe bei dem Schullehrer in Zwingenberg angenommen zu werden hoffe. „Ja, ja,“ hatte der Müller darauf geantwortet, nachdem er leiſe vor ſich hingepfiffen,„das kann ſich ſchon machen, aber — ja, wenn der Herr Pfarrer will und Sie, junger Herr, den gehörigen Magen dazu haben, aber— nun, aller Anfang iſt ſchwer, und Lehrzeit iſt ſaure Zeit. Wer hat das nicht ſchon erfahren! Ich könnte ein Buch darüber ſchreiben. Uebrigens iſt der Schulmeiſter ein braver Mann, allerdings ein Bißchen heruntergekommen durch eine langwierige Krankheit ſeiner Frau, af ar hen al, — Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 49 mit der es aber endlich, und man kann ſagen: Gott ſei Dank, zu Ende geht, wenn es nicht ſchon zu Ende gegangen iſt. „He, Fuchs, hopp, hopp!— Sie kennen den Pfarrer wohl noch nicht?“ fragte der Müller nach einer Weile.„Richtig, Sie ſagten mir ja, Sie wären zum erſten Male in dieſer Ge⸗ gend.— Nun, was den Herrn Pfarrer anbelangt, ſo iſt ſchon mit ihm auszukommen; man muß ſich nur nichts aus ſeinem barſchen Auftreten und ſeinem ewigen Commandiren machen. Was hätte er für einen Corporal gegeben oder auch für einen Officier! Thut er doch immer ſo, als ob er die ganze Welt beißen wollte, nur nicht zu Hauſe, o, Gott bewahre, zu Hauſe iſt er ſtill und ſanft wie ein Lamm— ſo ſagen wenigſtens die Leute, die das wiſſen können, und ſetzen hinzu, gerade der Zorn, den er zu Hauſe ſchlucken müſſe und nicht verdauen könne, flöge von der Kanzel wie ein wildes Wetter über die Köpfe der Gemeinde dahin. Wiſſen Sie, ich habe das alles nur vom Hörenſagen, denn da meine Mühle auch Sonntags laufen muß und ich auch noch andere wichtige Beſchäftigungen habe, ſo kann ich oft nicht anders, als mir meinen Gottesdienſt ſelbſt halten. Bin deßhalb aber nicht ſchlechter, als alle die Heuler und Kopfhänger, die uns über die Achſel anſehen, als ſtänden ſie auf Du und Du mit unſerem lieben Herrgott.— Pfui, Fuchs, ich glaube, du biſt auch ſo ein Kerl, denn ſo oft du die Peitſche nicht merkſt, ſtolperſt du, daß es zum Erbarmen iſt! Wart', ich will dir deine Ohren zurücklegen, alter Mucker!“ wohlgezielter Peitſchenhieb über die Croupe des Gauls hin, daß dieſer in einem lebhaften Galopp den vorliegenden Abhang hinab⸗ und damit flog ein eilte, während der Müller in einem eigenthümlichen Lächeln Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 4 50 Drittes Kapitel. zu Erich gewandt fortfuhr:„Wiſſen Sie, junger, angehender Schulamts⸗Candidat, von allen widerwärtigen Dingen ſind mir Mucker und Scheinheilige die widerwärtigſten! ich habe von dieſem Volk viel leiden müſſen in meiner Praxis und beim Korn⸗ handel, doch ſcheint's mit der Muckerei bei Ihnen keine Gefahr zu haben. Sie haben ein offenes, ehrliches Geſicht, auch wohl ein ſolches Herz, das Ihnen Gott erhalten möge!“ „So hat der Pfarrer wohl auch häuslichen Kummer, wie der Herr Schulmeiſter?“ fragte Erich nach einer Pauſe, während der Fuchs ſich wieder zu einem ruhigeren Gange geſam⸗ melt hatte. „Ja und nein! Denn des Herrn Pfarrers Kummer iſt ganz anderer Art, o, er iſt ein wohlhabender Herr, mit einem fetten Einkommen! Aber ſie, die Frau Pfarrerin nämlich, da ſpuckt es gewaltig. Lang und hager, mit einer ſcharfen, böſen Zunge, verſtehen Sie, was wir ſo einen Knochen im Fleiſch nennen, und hält ihn in der Hand, daß er kaum wagt, zu Hauſe einmal ſeinen Kopf zu ſchütteln. Sie hat nicht nur das Geld beigebracht, ſondern ihm auch das Studium bezahlt, und da hat er ſie aus Dankbarkeit geheirathet. Ah, ſie iſt ſo vor⸗ nehm wie die Damen in der Stadt, trägt eben ſolche Kleider nach der neueſten Mode, und wenn ſie Einem auf der Straße begegnet und man hat eben noch gedacht: warte, dich grüße ich nimmer, weil du doch kaum einen Gegendank haſt!— ſo langt man doch unwillkürlich an ſeinen Hut, wenn ſie dir die ſpitze Naſe zuwendet oder mit ihren froſtigen, grauen Augen dich betrachtet. Vorigen Winter hatte man recht geſehen, wie leut⸗ ſelig ſelbſt der Herr Pfarrer ſein konnte, wenn er allein war, denn da befand ſie ſich hei ihrem Bruder in der Stadt, um Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülffenſtelle. 51 ihre Tochter an den Mann zu bringen, um ſie dort auf die Weide zu führen, wie die Bauern zu ſagen pflegen; aber es ging nicht,“ lachte er in ſich hinein,„es ging durchaus nicht! Sie hat ein Bißchen röthliches Haar; das war's aber allein nicht, obgleich wir ein Sprüchwort haben:„Roth' Haar und Erlenholz wächst auf keinem guten Grund.“ Doch ſoll ſie ſich etwas gar zu plötzlich verliebt haben, und zwar in einen Lieute— nant von der Infanterie, der weniger eine Frau als eine Heiraths⸗ Caution geſucht. Das war ſelbſt der Frau Pfarrerin zu arg, und ſie kehrte mißmuthig wieder heim, und zwar mit ihrem Sohne, der auf dem Polytechnicum in der Stadt war, dort aber nichts gethan hat, als in den Wirthshäuſern herumzulungern und einen grauen Plaid auf den Schultern zu tragen, um, wie ſie ſich ausdrücken, die akademiſche Würde, wie ſie der Herr Cultus⸗Miniſter erfunden habe, aufrecht zu erhalten. Ja, ja, es iſt eine ſchlimme Welt, und der Herr Pfarrer hat bis jetzt ſo wenig Freude an ſeinen Kindern erlebt, daß man auch ein anderes Sprüchwort auf ihn anwenden kann, ein Sprüchwort, das ich wohl ſagen darf, da es auch mir eins hinter die Ohren geben könnte, nämlich: Pfarrers Kinder und Müllers Küh' Gerathen ſelten oder gerathen nie. Und da haben wir Zwingenberg vor uns. Da rechts auf der Anhöhe, unter den großen Kaſtanienbäumen, ſchaut das Pfarr⸗ haus mit ſeinem Schieferdache hervor, ah, neu gebaut vor ein paar Jahren, nicht weil das alte nur halb ſo baufällig war, als der Stall, welcher unſere Schule vorſtellt, ſondern weil in der Landesbehörde ein Vetter der Frau Pfarrerin ſitzt. Das 52 Drittes Kapitel. alte Gemäuer auf der Höhe iſt die Zwingenburg, und links hinter dem Hügel, auf dem die kleine Capelle ſteht, liegt die Thalmühle, wo ich zu Hauſe bin. Deßhalb muß ich Sie jetzt abſetzen, mein lieber, angehender Schulamts⸗Candidat und künf⸗ tiger Proviſor, da ich von hier einen näheren Weg habe, als durch das Dorf. Ich wünſche Ihnen alles Glück, und wenn Sie einmal nichts Beſſeres zu thun wiſſen, ſo kommen Sie hinaus zur Königsbronner Mühle. Gelegentlich,“ rief er lachend, „und wenn der Herr Pfarrer nichts dagegen hat, denn wir ſtehen gerade nicht beſonders brillant mit einander!“ Kaum hatte Erich Zeit, ſeinen Dank zu ſagen, ſo war auch ſchon das leichte Fuhrwerk mit dem ungeduldigen Fuchs in dem Hohlwege verſchwunden. Da ſtand er denn wieder ganz allein auf der Straße und, wie er ſich geſtehen mußte, trotz ſeines Empfehlungsbriefes auch ziemlich allein in der weiten, weiten Welt. Statt ins Pfarrhaus wäre er viel lieber mit dem Müller gegangen, denn deſſen Ge⸗ ſicht war ihm durch die ſtundenlange Fahrt ſchon bekannt ge⸗ worden. Ach, und er ſehnte ſich nach einem bekannten Geſichte, ja, nur nach einem bekannten Gegenſtande, weßhalb er auf der Höhe, auf der er ſtand, emſig nach Süden ſpähte, um wenig— ſtens eine der hohen Bergſpitzen zu ſehen. Aber vergebens; rings umher ruhte der klare, durchſichtige Frühlingshimmel wie eine blaue Kryſtallſchale auf ſanften Anhöhen, und das hell⸗ glänzende Sonnenlicht zeigte eine fremde, allerdings lieblich weiche, aber dem Knaben nicht ſympathiſche Gegend, und doch mochte er ſich eine Zeit lang nicht trennen von dem Meilen⸗ ſteine, neben dem er ſtand und welcher ihm anzeigte, daß er von hier nach der Reſidenz zwanzig Meilen habe. Erich hatte Crich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 53 ein Gefühl, daß er ſich recht glücklich ſchätzen werde, wenn er wieder einmal hier ſtehen würde und, Abſchied nehmend, nach Zwingenberg zurückblicke. Ja, um ſich dieſes Gefühls des heutigen Morgens ſpäter wieder recht lebhaft zu erinnern, nahm er ein kleines Geldſtück aus der Taſche und verſteckte es in eine Fuge am Fuße des Meilenſteines. Eigenthümlich war es dabei, daß es dort nicht halten wollte, ſondern zweimal auf den Boden rollte und erſt beim dritten Verſuche feſt ſtecken blieb. Er ver⸗ ſchloß die Oeffnung mit etwas Erde, und damit hatte er aber auch alle Sentimentalität abgeſchüttelt und ging guten Muthes in das Dorf hinein, natürlicher Weiſe zuerſt nach dem Pfarrhauſe, um dort ſeinen Empfehlungsbrief abzugeben. Hier ſah es ſehr wohlhabend und behaglich aus; das Ge⸗ bäude war von einem wohlgepflegten Blumen⸗ und Küchengarten umgeben, wo auf ſauber hergerichteten Beeten Erbeeren blühten und Erbſen und Bohnen ihre ſaftig grünen Blätter emportrieben, Alles nach der Schnur gerichtet. Hinten in der Ecke, an der ſonnigſten Stelle, ſah man einen Bienenſtand, deſſen umherſchwärmende Bewohner den Garten mit ihrem Geſumme erfüllten, während aus einem offe⸗ nen Fenſter des Erdgeſchoſſes ein Geräuſch erſchallte, wie von einem ſich gleichförmig drehenden Kaffeeröſter. Auf einem breiten Wege, dicht am Zaune, ſchritt ein junger Mann auf und ab, der ein Buch in der Hand hielt und emſig zu leſen ſchien. Doch blieb er zuweilen ſtehen und blickte über das Buch nach dem oberen Fenſter des Hauſes und jetzt, als Erich in den Garten getreten war, nach dieſem hin mit einem langen, forſchenden Blicke, und zwar ſo lange, bis Erich die Klingel der Hausthüre zog. 54 Drittes Kapitel. Dann kam ein reinlich gekleidetes Dienſtmädchen, welches ſagte, der Herr Pfarrer ſei in ſeinem Studirzimmer, er möge ein wenig im Vorderſtübchen, deſſen Thür ſie ihm öffnete, warten, ſie wolle den Brief hineintragen und Antwort bringen. Vorher eilte ſie aber in die Küche, wahrſcheinlich üm die Kaffeebohnen vom Feuer zu entfernen. Das Vorderſtübchen ſtieß an das Studirzimmer, und ob⸗ gleich die Thür desſelben verſchloſſen war, vernahm Erich doch eine gewaltige Stimme, deren Klang, beſonders aber die Worte, welche ſie ſprach, ihn in einiges Erſtaunen verſetzten:„Wenn Ihr glaubt,“ hörte er die Stimme ſagen,„daß die himmliſchen Heerſcharen mit Poſaunen, Cymbeln und anderen köſtlichen Muſik⸗Inſtrumenten ausgerüſtet ſind, um Euren Sinn mit ſüßer Muſik zu kitzeln, ſo befindet Ihr Euch in einem gewaltigen Irrthume, denn ich kann Euch die Verſicherung geben, daß Cymbelnklang und Poſaunenſchall einſtens nur dazu dienen werden, um mit ihren mächtigen Tönen durch Eure Ohren zu dringen, die verſtopft ſind von Bosheit, Lüge und Heuchelei, um ſolchergeſtalt Euer Gewiſſen aufzurütteln, damit es ſich zitternd und bebend einfinde zum unvermeidlichen Gerichte des jüngſten Tages, ja, zum fürchterlichen, allerletzten Gerichte.... Was will Sie, Babette?“ unterbrach ſich hier die Stimme, indem ſie aus dem donnernden Tone in eine menſchlichere, aber immer noch laut tönende Sprachweiſe verfiel.„Einen Brief? Ha, ich verſtehe, aus der Reſidenz!“ „Nein, Herr Pfarrer, er wurde von einem jungen Menſchen gebracht, der draußen wartet.“ „Von einem jungen Menſchen? Ha, ich verſtehe! Er wird von meinem Freunde und Amtsbruder in Ringelheim ſein. Gib ihn her.“ — Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 55 „Der junge Menſch ſchien mir warten zu wollen, Herr Pfarrer, weßhalb ich ihn ins Vorderſtübchen geführt.“ „Ha, ich verſtehe! Er will eine Antwort haben— gut, er ſoll warten, bis ich geleſen.“ Und Erich wartete, als nun die Stimme ſchwieg; dann vernahm er, wie ſich ein paar ſchwere Tritte der Thür näherten, dann wurde dieſe aufgeriſſen, und er ſtand vor dem Herrn Pfarrer Wendler, einem großen, breitſchulterigen Manne, deſſen breites, viereckiges Geſicht von dichtem, langem, grau melirtem Haar wie von einer Löwenmähne umfloſſen wurde. Er hielt den geöffneten Brief ſeines Amtsbruders in der Hand, und nachdem er den jungen Mann mit einem ſtrengen Blicke von oben bis unten gemeſſen, ſagte er mit gemäßigter Baßſtimme, die aber trotz dem klang wie das ferne Rollen des Donners: „Ha, ich verſtehe! Sie ſind das mir in dieſem Schreiben em⸗ pfohlene Subject. Sie wollen Schullehrergehülfe werden, und zwar ſo zu ſagen ohne Sang und Klang, ohne Seminar und Examen. Junger Mann, Ihre Anſprüche ſind nicht gering.“ Hier wagte Erich, mit ſchüchterner Stimme die Bemerkung einzuflechten, daß ſeine Anſprüche ſo beſcheiden als möglich wären, ja, daß er unter den allergeringſten Bedingungen ſein erſtes Wirken hier nur als eine Probezeit betrachten wolle, von der es abhangen müſſe, ob man ihn behalten oder wieder weg⸗ ſchicken werde. 3 „So treten Sie denn zu mir ein; ich werde mir die Sache einen Augenblick, aber gründlich überlegen.“ Damit ſchloß der Pfarrer die Thür des Vorſtübchens hinter Erich und ging alsdann tief nachſinnend mit großen, hallenden Schritten vor ihm auf und ab. 56 Drittes Kapitel. Zur Erleichterung ſeines Nachdenkens nahm er ein breites Lineal von ſeinem Schreibtiſche, doch nicht in der Art, wie das gewöhnliche Sterbliche zu machen pflegen, vielmehr fing er es mit gewaltigem Schwunge wie eine Fliege von ſeinem Platze weg und fuchtelte alsdann damit in der Luft herum, als habe er ein Schwert in ſeiner musculöſen Rechten. Ja, er ſchien ſich in dieſer Idee völlig verfangen zu haben, denn ein paar Mal ſah Erich, wie er in einer Ecke des Gemaches ſtehen blieb und mit dem Lineal einen gelinden Stoß gegen die Wand führte, wobei er halblaut ausrief:„Ha, ich verſtehe!“ „Junger Mann,“ ſagte er alsdann, ſich plötzlich umwendend, „ich glaube, daß ich Ihnen auf die Empfehlung meines Amts⸗ bruders hin Beiſtand leiſten kann und daß der Schulmeiſter demnach nicht abgeneigt ſein wird, Sie als Gehülfen aufzu⸗ nehmen. Wie in dieſem Briefe ſteht“— damit ſchlug er auf das Papier, daß es patſchte—,„ſo ſind Sie der Sohn eines braven Unterofficiers. Ha, und ich verſtehe, warum mein Amts⸗ bruder Sie gerade mir empfohlen! Ich bin nämlich keiner dieſer engherzigen Zeloten, welche da glauben, daß Tugend und Sitten⸗ reinheit das Prärogativ gewiſſer Stände ſein müßten, und ich ſtelle einen braven Unterofficier auch als ſolchen höher, als einen heuchleriſchen Pietiſten, der einen frommen Lebenswandel gerade ſo als Geſchäft betreibt, wie den Verkauf ſeiner Gewürz⸗ und Ellenwaaren. Ja, mehr,“ fuhr er lächelnd fort, während er ſeine ſchwere Hand auf Erich's Schulter legte,„ich will ſogar eine Vorliebe für den ehrenwerthen militäriſchen Stand nicht verläugnen, die Wege des Menſchen ſind wunderbar, und ich erinnere mich aus meiner früheſten Jugend her eines Scheide⸗ weges, an dem ich ſtand: zur Rechten das Kleid des Pf farrers, Ie — Erich bewirbt ſich um eine Schullehrergehülfenſtelle. 57 zur Linken das Kleid des Soldaten— doch das bleibt ganz unter uns. Gut, ich werde Ihnen einige paſſende Zeilen für den Schulmeiſter geben, und Sie können mir glauben, daß er Sie aufnehmen wird. Allerdings werden Sie dort in beſchei— denen Verhältniſſen leben, finden im gegenwärtigen Augenblicke Leid und Bekümmerniß— doch wie ſagt der Lateiner.... Sie verſtehen doch Latein?“ „Leider nein, Herr Pfarrer.“ „Ha, ich verſtehe! Thut aber nichts, denn bei dieſen Bauern⸗ burſchen brauchen Sie kein Latein, aber eine ſtrenge Fuchtel. Sie müſſen dieſe Kerle unter der Zuchtruthe ſtrengſter Subor⸗ dination halten, und davon wird hoffentlich etwas in Ihrem ſoldatiſchen Blute ſtecken. Subordination— Subordination und Pünctlichkeit. Pünctlichkeit und Subordination. Ich freue mich ſchon darauf, daß, wenn ich nächſtens die Schule beſuchen werde, Ihre ſämmtlichen Schüler a tempo von ihren Sitzen in die Höhe fliegen und nicht, wie nach dem bisherigen Schlendrian, komme ich heute nicht, dann komme ich morgen. Wollen Sie ihnen das beibringen?“ „Gewiß, Herr Pfarrer, ſo viel als in meinen Kräften ſteht.“ „Ha, ich verſtehe! Sie werden Sich Ihrem Geſchäfte mit Eifer widmen. Hier leſe ich auch, daß Sie im Zeichnen nicht unerfahren ſind und in der Muſik tüchtige Kenntniſſe haben, ja, die Orgel zu ſpielen verſtehen, und was Letzteres anbelangt, ſo muß ich ſchon ſagen, daß ich mir längſt für meinen Orgel⸗ ſpieler miltäriſchen Tact und Strenge gewünſcht, denn es iſt keine Kleinigkeit, ſo ein paar Hundert Bauernkehlen im Zaume zu halten.“ Die letzteren Worte ſprach er ſchreibend an ſeinem Steh⸗ 58 Drittes Kapitel. pulte und ſchloß alsdann, indem er Erich das beſchriebene Blatt hinreichte:„Und gehen Sie mit Gott und laſſen Sie ſich nächſten Sonntag nach dem Nachmittagsgottesdienſte bei mir ſehen.“ Der junge Mann erhielt noch ein ſo gewaltiges Kopfnicken als Abſchiedsgruß, daß die Löwenmähne des Pfarrers ordentlich in die Höhe wallte; dann nahm dieſer, ohne ſich weiter um Erich zu bekümmern, ein Heft von ſeinem Pulte, blickte hinein, und ehe noch Erich die Thür des Vorſtübchens ganz hinter ſich ins Schloß gezogen hatte, hörte er ſchon wieder, wie der Pfarrer eine unſichtbare Gemeinde andonnerte:„Wenn Ihr glaubt, daß die himmliſchen Heerſchaaren mit Poſaunen, Cymbeln und an⸗ deren köſtlichen Muſik⸗Inſtrumenten angrrüjſci ſind, um Eure Sinne mit ſüßer Muſik zu kitzeln, ſo....“ Den Nachſatz hörte er nicht mehr, da er die Hausthür erreicht hatte und wieder in den Garten trat. Da war noch immer der junge, hagere Mann mit dem Buche in der Hand, nur näher am Hauſe ſtehend und nach einem der Fenſter desſelben hinaufblickend, von wo jetzt unter lautem Lachen ein Strauß Maiblumen herabflog, den jener haſtig in Empfang nahm, dann aber offenbar mit einem affectir⸗ ten verdrießlichen Geſichte betrachtete, als er des jungen Burſchen anſichtig wurde, der ihn obendrein auf ſo naſeweiſe Art anſtarrte. Dies that Erich aber nur einen Augenblick, dann zog er höflich ſeine Mütze und ging darauf ſeines Weges in das Dorf hinab. ) Viertes Kapitel. Leiden und Freuden des Schullehrerſtandes auf dem Lande. Erich beginnt ſein neues Amt mit Glockengeläute und Naturgeſchichte. Wo die Schule war, danach brauchte Erich nicht lange zu fragen, denn er begegnete bald einzeln, bald truppenweiſe ſeinen hoffnungsvollen künftigen Zöglingen, alle ſehr einfach, manche ärmlich gekleidet, mit ſchmutzigen und geflickten Jacken, die meiſten echte Barfüßler, faſt alle ohne Kopfbedeckung, nur wenige mit einer geſtrickten Zipfelmütze verſehen. Sie zeigten ihre Gelehrſamkeit: Schiefertafeln oder mit einem Riemen zuſammengebundene, ſehr defecte Schulbücher wurden auf die profanſte Weiſe benutzt theils als Fangbälle oder als Waffen zum Angriffe und zur Vertheidigung. Die meiſten dieſer kleinen Rangen mochten wohl ein ahnungsvolles Gefühl haben, daß der ſchwarz gekleidete junge Menſch, der ihnen mit ſo ernſtem Geſicht als möglich entgegenkam, ſpäter in ein näheres Verhältniß zu ihnen treten würde, denn faſt alle blieben mit aufgeſperrten Mäulern ſtehen, als er vorüber⸗ ging, manche griffen auch verſtohlen nach ihrer Zipfelmütze, und als er einen nach dem Schulgebäude fragte, zeigte ein * 60 Viertes Kapitel. halbes Dutzend auf ein niedriges, unanſehnliches, mit Stroh gedecktes Gebäude, das eher einem Stalle als einer Lehranſtalt ähnlich ſah. Erich war indeſſen durch das Aeußere ſeiner väterlichen Wohnung nicht verwöhnt und betrat die Schwelle mit dem Entſchluſſe, hier Alles gut, wenigſtens erträglich finden zu wollen. Doch gehörte dazu die ganze Kraft, der ganze, glück⸗ liche Muth, ja, Uebermuth der Jugend. Herr Schmelzer hatte auch gerade in keinem Palaſte gewohnt, aber der Hauseingang hier hatte doch gar etwas zu Verfallenes, zu Idylliſches. Auf der Thür, deren unterer Theil hinter den Schülern verſchloſſen worden war, ſaß ein Hahn mit drei, vier Hühnern, die gerade keine Spuren von Reinlichkeit hinterlaſſen hatten, als ſie nun bei Erich's Annäherung gackernd ins Haus hineinflogen. Doch hatte ihr Geſchrei das Gute, einen dürftig gekeideten, langen, hageren Mann herbeizuziehen, bleich und hohläugig, der ſich mit leiſer Stimme nach dem Begehr des Fremden erkundigte, dann aber haſtig die Hausthür öffnete, ſobald Erich den Namen des Herrn Pfarrers genannt, und ihn demüthig bat, in ein Zimmer, dicht an dem Hausflur gelegen, zu treten. Auch ſchob er einen wackeligen Stuhl herbei; doch dankte Erich und bat ihn, das Schreiben zu leſen, welches er ihm übergab. Während der Schullehrer— denn dieſer war es ſelbſt— das Blatt aus einander ſchlug, warf Erich einen etwas ſcheuen Blick in dem Zimmer umher. Auch hier war Alles dürftig und vernachläſſigt über alle Beſchreibung. Möbel waren aller⸗ dings vorhanden, ein Tiſch, einige Stühle, in der Ecke ſogar ein Ding, das wie ein Clavier ausſah, aber Alles beſchädigt, 2 Freuden und Leiden der Schullehrer. 61 abgeſchunden, farblos, altersſchwach, Tiſch und Stühle weder aus dem gleichen Holze, noch in der gleichen Werkſtatt ent⸗ ſtanden,— eine miſerable Bettlerfamilie, die ſich indeſſen hier behaglich zu fühlen ſchien zwiſchen dieſen aſchfarbigen, ſtrei⸗ figen Wänden und den verblindeten Fenſterſcheiben, ja, die mit einer Art Schadenfreude auf das arme Clavier zu blicken ſchien, welches, mit einem rothen, zerriſſenen Teppich bedeckt, noch immer den Hochmuth hatte, von beſſeren Jugenderinnerungen zehren zu wollen.. Der Schullehrer hatte das Blatt geleſen, und wenn es möglich war, daß ſich auf dieſem abgekümmerten, durchfurchten, altersgrauen Geſichte, obgleich dieſer Mann noch nicht fünfzig Jahre alt war, ein Lächeln hätte verirren können, ſo war dies jetzt der Fall. Wahrſcheinlich aber war es nur eine Nerven⸗ zuckung. „Der Herr Pfarrer iſt zu gütig,“ ſagte er,„für mich um einen Gehülfen beſorgt zu ſein, der mir allerdings bei meinen zahlreichen Schülern und bei meinem jetzt eingetretenen Unglücke erwünſcht wäre. Wir haben zwei Claſſen, jede von neunzig Kindern, von denen ich immer abwechſelnd eine unter⸗ richtete, während alsdann die andere ihre Aufgaben und Uebun⸗ gen unter der Aufſicht meiner armen Frau machte, welche immer dabei noch Zeit hatte, kleine häusliche Geſchäfte zu be⸗ ſorgen, in denen ſie auch zuweilen von den gutmüthigen Kin⸗ dern unterſtützt wurde. Das kann nun die arme Frau nicht mehr thun, denn— denn—“ hier nagte der Lehrer an den Nägeln ſeiner Finger und ſchaute mit einem ſtarren Blicke in die Ecke des Zimmers—„denn ſie iſt geſtern Morgen ge⸗ ſtorben— ja, ſie iſt geſtorben, Gott habe ſie ſelig.“ 62 Viertes Kapitel. „Ach, wie mich das ſchmerzt! O, wenn ich das gewußt hätte, wäre ich heute nicht gekommen!“ „Der Herr Pfarrer hat es wohl gewußt und hat Sie mir gerade deßhalb zur nothwendigen Beihülfe gegeben. Ja, wiſſen Sie, mein lieber Herr Proviſor— wie heißen Sie denn eigentlich?“ „Erich Freiberg.“ „Ein hübſcher Name, Herr Proviſor Freiberg. Ja, wiſſen Sie, es iſt für einen armen Schulmeiſter ſo eine Sache mit einem Lehrergehülfen.“ „O, meine Anforderungen werden recht beſcheiden ſein!“ „Beſcheiden! Aber der Menſch muß gegeſſen und getrunken haben und will auch in einem Bette ſchlafen!“ „Mir wird jedes Lager recht ſein; ich bin jung, habe einen guten Schlaf, und was Eſſen und Trinken anbelangt, ſo bin ich mit Allem zufrieden.“ „Mit Allem— ja, mit Allem; aber es muß doch— und dann erwähnte der Herr Pfarrer auch nichts von einem Gehalt für Sie, ob die Gemeinde oder der Herr Pfarrer ſelbſt— ja, der Herr Pfarrer verſteht das alles freilich ſehr genau und liebt es auch, Beſtimmungen und Verfügungen zu treffen, aber es geht doch nicht immer Alles ſo, wie er ſich es aus⸗ gedacht hat.“ „Sollte es Ihnen in der That unlieb ſein, mich da be⸗ halten zu müſſen, Herr Schullehrer?“ „Das will ich gerade nicht ſagen, aber was Ihr Gehalt anbetrifft, ſo muß ich doch mit dem Herrn Pfarrer reden.“ „Thun Sie das vorläufig lieber nicht; ich habe immer noch ſo viel, um das Andere erwarten zu können. Vielleicht n b t 1 t T Freuden und Leiden der Schullehrer. 63 ſpäter, wenn Sie ſich von meiner Brauchbarkeit überzeugt haben.“ Der Herr Schullehrer Wacker betrachtete ſeinen neuen Gehülfen mit einiger Verwunderung. War derſelbe doch außer⸗ ordentlich gut, ja, recht anſtändig gekleidet, ließ weiße Wäſche ſehen, trug gute Stiefel und wollte es mit einem baaren Gehalt bis auf Weiteres bewenden laſſen! Dabei hatte derſelbe ein friſches, aufgewecktes Auge und einen energiſchen Zug um den Mund. „Nun denn,“ ſagte Herr Wacker, jetzt in der That mit einem allerdings recht matten Lächeln, indem er dem jungen Manne ſeine magere Hand entgegenſtreckte,„ſo wollen wir es ohne Weiteres mit einander verſuchen. Es iſt, als wenn der Himmel Sie mir heute in meinem Leiden gerade geſchickt hätte. Der Herr Pfarrer hat allerdings gemeint, ich ſolle trotzdem dennoch heute meine Schule halten, zur Zerſtreuung meines Leides, wie er ſagte, aber heute Nachmittag ging es beim beſten Willen doch nicht. Wiſſen Sie, da kommt der Schrei⸗ ner, und da ſollte ich von Rechts wegen doch dabei ſein. Es thäte mir leid um die arme Frau, und ich bin feſt überzeugt, ſie hätte mich in einem ähnlichen Falle auch nicht ganz allein fremden Leuten überlaſſen. Nein, nein— gewiß nicht!“— Und dabei nagte er abermals an ſeinen Nägeln und blickte abermals und ſo anhaltend in die Zimmerecke, bis ihm die Augen überliefen und ein paar dicke Thränen auf ſeinen ab— geſchabten ſchwarzen Rockkragen tröpfelten.—„Und nun kom⸗ men Sie, ich will Ihnen die Schulzimmer zeigen.“ Sie gingen auf die andere Seite des Hausflurs und traten in ein langes, breites und ſehr niedriges Gemach mit 64 Viertes Kapitel. zerkratzten und zerſtoßenen Fachwerkwänden, mit einem Fuß⸗ boden, von dem man weder durch das Geſicht noch durch das Gehör errathen konnte, ob er von Holz ſei oder von geſtampfter Erde, mit Fenſteröffnungen, deren Fenſterflügel man der warmen Witterung wegen und zur Schonung des Glaſes ausgehoben hatte, die aber zu klein waren, um genügend friſche Luft in dieſen Stall für Menſchen einzulaſſen, denn es herrſchte hier eine Atmoſphäre, die unbeſchreiblich war. Bänke und Tiſche waren unzertrennliche Möbel, und wo ihre Verbindung durch Zeit und Umſtände etwas locker geworden war, da hatte man Leiſten quer vorgenagelt und damit wieder einigen Halt gegeben. Dies war das Schulzimmer für neunzig Kinder von zehn bis vierzehn Jahren, daneben befand ſich das für jüngere Kinder von ſechs bis zehn Jahren. Hier war Schmutz und Ein⸗ richtung wie in der erſten Claſſe, doch hatten nur die erſten vier Reihen Tiſche, während ſich die anderen bloß mit einer Holzbank begnügen mußten. „Hier iſt alſo Ihr Wirkungskreis, Herr Freiberg, und wenn Sie heute Nachmittag die Aufſicht über beide Claſſen führen wollten, ſo wäre ich Ihnen dafür ſehr dankbar. In der letzten Zeit der ſchweren Krankheit meiner armen Frau that ich das auch, indem ich die Thür zwiſchen beiden Zim⸗ mern öffnete und mich mit meinem Stuhle auf die Schwelle ſetzte. Aber man kann das nicht lange ſo forttreiben, es iſt zu ermüdend und die Kinder lernen nicht viel dabei, was doch auch in Betracht kommt. Um ein Uhr beginnt die Schule wieder, und will ich Ihnen auch meine Kinder zeigen. Arme Kinder, ſie fühlen es am meiſten, daß die Mutter todt iſt!. Sie können es ſich gar nicht denken, was die Frau alles Leiden und Freuden der Schullehrer. 65 auffand und herverſuchte, um ihnen hier und da eine kleine Freude zu machen, und wie ſie darauf hielt, daß ſie ſo ordentlich als möglich erſchienen. Das hat in ihrer langen und ſchweren Krankheit etwas nachgelaſſen, und Sie müſſen ſich nicht daran ſtoßen, wenn es jetzt in dem anderen Zimmer, wo die Kinder ſind, etwas drunter und drüber ausſieht.“ Es bedurfte nun allerdings dieſer Einleitung, um Erich beim Eintritte zur Familie des Schullehrers nicht gar zu ſehr zurückſchrecken zu machen. Es herrſchte hier eine Luft, die ihm faſt den Athem benahm, die Luft eines verſchloſſenen Schlaf⸗ zimmers, die mit übelriechenden Küchendünſten geſchwängert war. Ja, die Atmoſphäre hier erſchien ſo unheimlich, daß er unwillkürlich einen ſcheuen Blick auf das in der Ecke ſtehende Bett warf, ohne glücklicher Weiſe dort das zu ſehen, was er gefürchtet. Vielmehr ſaßen auf dieſem Bette zwei Knaben von ſechs bis acht Jahren in ſehr ärmlicher Kleidung, mit nackten Füßen, während ein Mädchen von zehn bis zwölf Jahren vor einem Waſchzuber ſtand, mit ſo ernſter und wichtiger Miene beſchäftigt, daß es ſich kaum Zeit nahm, die Eingetretenen mit einem Blicke anzuſehen. Von den Buben hatte jeder um den Arm ein ſchwarzes Band gebunden, während das Mädchen eine ſchwarze baumwollene Schürze wie ein Umſchlagetuch um ſeine Schultern trug. „Da ſind ſie alle beieinander,“ ſagte Herr Wacker mit einem traurigen Blicke, der von einem tiefen Seufzer begleitet war.„Das iſt meine Tochter Anna, die ſich, wie Sie ſehen, ſchon der Haushaltung annimmt, und das iſt der Max und der Paul.“ „Siehſt du, Anna,“ wandte er ſich an das kleine Mäd⸗ Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 5 66 Viertes Kapitel. chen,„dies iſt Herr Proviſor Freiberg, den der Herr Pfarrer ſo gütig war, für uns zum Lehrgehülfen zu beſtimmen. Er wird bei uns bleiben— aber dabei fällt mir ein, Sie haben wohl noch nicht zu Mittag gegeſſen? Wie ſteht es damit, Anna? Haſt du noch etwas übrig?“ Als das kleine Mädchen hierauf fragend ihren Vater anſah, fuhr der Schullehrer achſelzuckend fort: „Es wird damit heute ſchlecht ausſehen; bei meinem traurigen Falle iſt die Verwirrung groß im Hauſe, und das Leid, Herr Freiberg, das Leid nimmt Einem obendrein allen Appetit. Genieren Sie ſich aber durchaus nicht, wenn Sie ins Wirthshaus dort gegenüber gehen wollen, wo Sie für Billiges etwas zu eſſen kriegen. Morgen wird ſchon beſſer geſorgt werden, nicht wahr, Anna?“ „Der Bäcker hat ein weißes Brod geſchickt und der Nach⸗ bar Völker einen Topf mit Milch; Kartoffeln ſind auch noch da.“ „Ach, ſo haben wir denn morgen einen Schmaus, wie er ſich hier bei dieſer Gelegenheit ziemt,“ ſagte der Schullehrer mit gefalteten Händen, wobei er mit einem ſehr bitteren Blicke nach oben ſchaute,„wenn nur die Veranlaſſung dazu für uns nicht ſo gar troſtlos wäre!“— Das kleine Mädchen hatte große, dunkelblaue Augen, die aber jetzt ſo eigenthümlich glitzerten und ſtrahlten— ſie hatte zu waſchen aufgehört und drückte nun ihre Stirn feſt auf den Rand des Zubers. „Wenn es Ihnen recht iſt, Herr Schullehrer, ſo gehe ich nicht in das Wirthshaus,“ ſagte Erich und ließ ſeine wohl⸗ gefüllte Reiſetaſche von der Achſel herab auf eine alte Commode Leiden und Freuden der Schullehrer. 67 gleiten.„Ich war geſtern bei guten Leuten über Nacht, die mich auch obendrein für heute mit mehr als nothwendig iſt, verſorgten. Sehen Sie, da iſt Brod und kaltes Fleiſch und auch ein paar Aepfel. Sogar ein Fläſchchen haben ſie mir beigeſteckt, in dem wahrſcheinlich Wein enthalten iſt. Wenn es Ihnen recht iſt, wollen wir uns gemeinſchaftlich darüber her⸗ machen.“ „O nein, o nein,“ entgegnete Herr Wacker, wobei er ſeine Blicke von dem lockenden Gegenſtande abwandte,„wie können Sie nur ſo etwas denken— nein, gewiß nicht!“ Doch ſchienen die beiden Knaben durchaus nicht der Anſicht ihres Vaters zu ſein, denn ſie rutſchten eilfertig von dem Bette herab und ſtellten ſich mit ſehr lebhaft erregten Blicken vor der Commode auf, und als Erich lächelnd ſagte:„Es wäre vielleicht beſſer, wenn wir das im Nebenzimmer beſorgten“— ſo folgten ſie ihm auf dem Fuße nach; ja, auch die kleine Anna kam herbei, nur um eine alte Serviette über den Tiſch zu decken, und ihr folgte Herr Wacker einzig und allein in der Abſicht, um ſeinem Gaſte und Gehülfen die Honneurs zu machen, indem er fünf Stühle um den Tiſch ſtellte. Es gibt Verhältniſſe, unter denen die beſte Einladung die iſt, daß man gar keine macht, und ſo that auch Erich, indem er einfach ſeine Schätze auseinander breitete und hierauf durch den guten Appetit, mit dem er zugriff, das beſte Beiſpiel zuerſt für die Kinder und dann auch für deren Vater gab. Ah, es war ein köſtliches Mahl, das ſie hielten, und es war vielleicht auch ein guter Wein, den ſie tranken und bei dem ſie plaudernd ſitzen blieben, bis ein aus den Schul⸗ zimmern herübertönender wüſter Lärm von ſchreienden und 68 Viertes Kapitel. quiekenden Kinderſtimmen den Wiederbeginn der Lehrzeit ver⸗ kündete. Paul und Max hatten ſich in kurzer Zeit zu ihrem neuen Hausgenoſſen ſo hingezogen gefühlt, daß ſie mit in die Claſſe hinüber wollten, was aber Herr Wacker in Anbetracht ihrer Jugend nicht zugab; doch mußte Erich verſprechen, wieder zu ihnen zu kommen, ſobald er drüben fertig ſei. Die Vorſtellung des neuen Gehülfen fand bei den hundert⸗ undachtzig Schulkindern in angemeſſener Feierlichkeit und Würde Statt, und zwar unter der geöffneten Thür zwiſchen den beiden Claſſen, wobei der Schullehrer nicht verfehlte, auf die großen und umfaſſenden, ihm allerdings ſelbſt noch unbekannten Kennt⸗ niſſe Erich's aufmerkſam zu machen, und eben ſo ſehr deſſen Milde und Freundlichkeit anpries für gute und fleißige Schüler, als ſeinen Ernſt und ſeine Strenge für die unverbeſſerlichen Subjecte. Ja, er verſchärfte dieſen Schluß ſeiner Rede noch dadurch, daß er dem neuen Gehülfen ein gewiſſes, ſehr bieg⸗ ſames Inſtrument, welches auf des Schullehrers Pult lag, feierlich wie ein Scepter überantwortete. „Dem Stundenplane nach,“ fuhr er alsdann fort,„würden wir jetzt vermittelſt der Violine Geſangunterricht haben, doch wollen wir aus Gründen heute davon abſehen und dafür eine Lehrſtunde einſchalten. Nehmt eure Leſebücher hervor, und der Herr Freiberg wird beſtimmen, was er mit euch anfangen will.“ So war denn Erich in Amt und Würde eingeführt, und das alles war ſo raſch gegangen, daß es ihn förmlich ſchwin⸗ deln machte. Geſtern noch auf ſtolzen Roſſen, und heute als Thier⸗ Leiden und Freuden der Schullehrer. 69 bändiger einer Schar von einhundertundachtzig Buben, in deren weit aufgeriſſenen Augen und vorgeſtreckten Hälſen für ihn, den jugendlichen Lehrer, noch unbekannt mit dem wilden Naturel dieſer Herde, allerlei Unheil verborgen zu liegen ſchien. Und doch war es ihm gewiſſer Maßen ein recht wohlthätiges Ge⸗ fühl, das Bewußtſein, hier angeſtaunt zu werden von drei⸗ hundertundſechszig Augen und unumſchränkt zu herrſchen, er, der vor wenigen Stunden noch eingewandert und unter dem drückenden und auch vielleicht minder glücklichen Gefühle, viel⸗ leicht in der nächſten Stunde wieder auswandern zu dürfen. Und nun, als er ſeine Beſtimmung erreicht hatte, als er ſeinen Rubicon überſchritten, als er nun ſicher war, hier bleiben zu müſſen— war es ein glückliches Gefühl, welches ſeine Bruſt durchflog, oder ein ſchmerzliches? Er wußte es ſelbſt nicht. Der Empfang bei dem energiſchen Pfarrer mit dem Löwen⸗ haupte, das freundlich ſtille Haus desſelben mit dem wohl⸗ gepflegten Garten und den luſtig ſummenden Inſecten, die ſich alle da oben behaglich fühlten, hatte ihm nicht ſo übel gefallen, und von der Zeit an, als er darauf verſchiedene Stufen tiefer herabgeſtiegen war bis zu dem Schulhauſe, war ihm Alles wie ein ſeltſamer Traum vorgekommen, gerade nicht ſchön, aber doch intereſſant und ſpäter beim Erwachen wohl einmal der Mühe werth, ihn geträumt zu haben. Das mußte er ſich allerdings ſagen: hätte ihn ſein alter Lehrer, Herr Schmelzer, vermittels eines Zauberſpiegels ſchon vorher einen Blick thun laſſen können in ſein neues Wirken und ſeine neuen Verhält⸗ niſſe, wer weiß, ob er nicht auf gut Glück in die Reſidenz gewandert wäre zum Herrn Hauptmann von Heinzelmann, oder ob er nicht den fröhlichen Thalmüller um irgend eine 70 Viertes Kapitel. Anſtellung in deſſen klapperndem Werke gebeten hätte. Vor der Hand erſchien ihm hier als einziger Lichtblick die freilich immerhin traurige Wohnſtube des Schullehrers mit dem alten Clavier unter dem rothen Teppich, und dort ſah er ſich ſchon in ſeinen Freiſtunden ſitzen, von muſikaliſchen Werken umgeben, Harmonielehre und Generalbaß ſtudirend, um dann, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, in die weite, weite, fröhliche Welt hinauszuziehen. Es war eigenthümlich, daß ihn dieſer Gedanke gerade jetzt beſchäftigte, als er in dem ſchmalen Gange, der ſich zwiſchen den Bänken und Tiſchen der beiden Schulzimmer befand und welcher dieſe mit einander verband, hin und her ging, ſtaunend betrachtet von all den Kindergeſichtern, die ſein Nach⸗ ſinnen natürlicher Weiſe auf ſich bezogen und mit einem nicht ganz ſicheren Gefühle darauf hin irgend eine Exploſion erwar⸗ teten. Dabei traf es ſich äußerſt glücklich für das Anſehen des künftigen Lehrers, daß er, an den Pulten auf- und ab⸗ ſchreitend, faſt unwillkürlich die Schiefertafel eines der älteſten und keckſten Schüler, welcher dieſe bei ſeinem Herannahen ſanft umgewandt hatte, in die Hand nahm und darauf ſein eigenes Ebenbild in einigen kühnen Strichen mit einem ſehr dicken Kopfe und einem unnatürlich langen Rocke fand. Gerade dieſen Schüler, einen bekannten unartigen Schlingel, ſogleich erwiſcht zu haben, gab ihm in den Augen der Kinder eben ſo eine gewiſſe Sicherheit, als ſie ſeine Milde bewunderten, mit der er den Buben auf den Kopf pätſchelte und dann erſuchte, hervorzutreten, um dieſelbe Zeichnung mit Kreide an der groͤßen Tafel zu wiederholen, damit Alle den neuen Lehrer deutlich ſehen könnten. Das war noch nicht da geweſen, und der Leiden und Freuden der Schullehrer. 71 jugendliche Künſtler, der ſich aus ein paar derben Kopfnüſſen durchaus nichts gemacht hätte, ſtand da in ſeines Nichts durch⸗ bohrendem Gefühle und ſchämte ſich ſichtlich bei dem gellenden Gelächter der ganzen Claſſe. Ja, Erich hatte ſich dadurch die Aufmerkſamkeit ſämmtlicher Schüler gewonnen, da er jetzt nur noch das Leſebuch emporzuhalten brauchte und die Seitenzahl fünfzig anzugeben, um mit einem' gewaltigen Scharren der Füße und einem rauſchenden Umblättern der verſchiedenen Seiten tiefe Stille um ſich entſtehen zu laſſen. „Vom Maikäfer,“ ſagte er dann, nachdem er eine halbe Seite raſch durchgeleſen.„Was ein Maikäfer iſt, weiß wohl Jeder von euch; ſollte es aber Einer nicht wiſſen, ſo ſtehe er auf, und ich will es ihm ſagen.“ Natürlich rührte ſich Niemand. Selbſt die Kleinſten lächel⸗ ten im Gefühle ihrer tiefen Wiſſenſchaft. „Der Maikäfer iſt ein Inſekt, zuerſt Ei, dann Wurm, dann Larve und ſpäter erſt Käfer mit ſechs Beinen und brau⸗ nen Flügeldecken, der unbarmherzig das weiche, ſaftige Laub der Obſtbäume abfrißt und ſo großen Schaden anrichtet.“ „Wie das geſchieht, ſollſt du,“ damit wandte er ſich an einen Buben mit aufgeweckten Geſichtszügen,„mir und den Anderen vorleſen; aber ruhig und deutlich, damit wir dich Alle verſtehen.“. „So iſt es,“ fuhr der junge Schullehrergehülfe nach einer Pauſe fort, die der Knabe mit Leſen ausgefüllt,„und demnach wäre mit dem Maikäfer nichts Geſcheites anzufangen. Oder wüßteſt du vielleicht etwas,“ wandte er ſich an einen anderen Knaben, der ihn mit einem friſchen, blühenden Geſichte an⸗ lächelte. 5 72 Viertes Kapitel. „O ja, Herr Proviſor, man bindet ihnen Fäden an die Füße und macht Windmühlen daraus.“ In den friſchen, heiteren Zügen des Geſichtes dieſes Kna⸗ ben lag für Erich etwas ſo Bekanntes, daß keine Hexerei dazu gehörte, um ihm zu ſagen: Du biſt gewiß der Sohn des Thal⸗ müllers! Ein neuer Beweis von Allwiſſenheit, dem eine faſt ängſtliche Stille im Schulzimmer folgte, ſo wie eine angeſtrengte Aufmerkſamkeit, welche es dem jungen Gehülfen möglich machte, das höchſt intereſſante und lehrreiche Kapitel von den Maikäfern zu allſeitiger Zufriedenheit zum Schluſſe bringen zu laſſen, wo⸗ bei er noch, anknüpfend an den ſo nothwendigen Vertilgungs⸗ krieg des Menſchen mit dieſem Inſecte, beſonders hervorhob, auch hier ſei es bösartig und ſtreng verwerflich, dasſelbe zu quälen, wie es wohl durch Binden von Fäden an die Beine desſelben, durch Maikäferwagen oder Benutzung derſelben Be⸗ hufs Drehung kleiner Windmühlenflügel zu geſchehen pflegte. „Und nun wollen wir für heute ſchließen,“ ſagte er,„und ich will einmal ſehen, wer von Euch am ruhigſten und ſtillſten die Schule verläßt; Ihr wißt, daß die Frau Eures Herrn Leh⸗ rers geſtorben iſt, und da ſchickt es ſich durchaus nicht, daß man ein ſolches Haus lärmend und brüllend verläßt, und eben ſo nicht, daß man auf der Straße rauft und ſchreit. Ihr wer⸗ det es Eurem Herrn Lehrer zu Liebe thun und auch der armen Frau, die Euch ja Alle gekannt hat.“ Hierbei kam es Erich ſeltſam vor, daß faſt ſämmtliche Kinder bei dieſen Worten mit einem gewiſſen ſcheuen Ausdrucke nach der Wand des Schulzimmers der zweiten Claſſe blickten, an der indeſſen nichts zu ſehen war, als eine ſehr kleine Fen⸗ ſteröffnung, die von rückwärts mit einem weißen Tuche bedeckt — Leiden und Freuden der Schullehrer. 73 war, und ſpäter, als er nun allein in dem Schulzimmer ſtand, verurſachte es ihm ein eigenthümliches Gefühl, weil er nicht genau wußte, ob das, was er hinter dem weißen Vorhange vermuthete, ſich wirklich dort befände— und fragen mochte er nicht. Den Schullehrer fand er in dem ärmlichen Schulzimmer ſitzend, einen Zettel in der Hand, gerade ſo wie der, welchen er am Morgen von dem Pfarrer gebracht. Es beunruhigte ihn faſt, daß es derſelbe ſein könnte, den Herr Wacker nochmals durchſtudire; doch ſagte dieſer mit einem trüben Lächeln: „Der Herr Pfarrer beehrt mich häufig mit ſeinen Schrei⸗ ben, wie Sie ſpäter ſehen werden; da leſen Sie!“ „Wenn ich auch verſtehe,“ ſchrieb Se. Hochwürden,„daß man ſeine Zeit um ein paar Secunden verſäumen kann, ſo muß ich es doch bei aller Milde unverantwortlich finden, daß das Gebetläuten heute Morgen ſtatt um vier Uhr erſt ein Viertel auf fünf Uhr Statt fand, und wenn ich auch geneigt bin, den augenblicklichen Verhältniſſen Rückſicht zu ſchenken, ſo kann ich doch Nachläſſigkeiten nicht dulden, die ſo offenbar das Anſehen der Kirche und der Schule untergraben.“ „Was iſt das Gebetläuten?“ fragte Erich. „Nur ein ſchöner Name für eine alltägliche Beſchäftigung, denn dieſes Läuten mit der Thurmglocke hat bei uns einzig und allein den Zweck, unſerer Gemeinde das Aufſtehen zu erleichtern. Daß dasſelbe mir aber häufig ſelbſt recht ſauer wird, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, Herr Proviſor; blicken Sie mich nur an, und Sie werden ſehen, daß ich Keiner der Kräſtigſten bin. Woher ſollte das auch kommen? Von der Freudigkeit, mit welcher ich mein Amt zu verſehen im Stande bin? Man 4 74 Viertes Kapitel. ſagt, auch das gäbe Kraft und Muth. O nein, ich habe dieſe Freudigkeit nicht mehr; leider muß ich es Ihnen geſtehen, denn ich bin nur noch im Stande, mein Tagewerk zu thun, wie ein altes Uhrwerk, deſſen Räder nicht geſchmiert werden, deſſen Feder abgenutzt iſt. Woher ſollte mir denn auch die Freudigkeit kom⸗ men? Von angeſtrengtem Unterrichte in der verdorbenen Luft, in einem viel zu engen Zimmer? Vom Gebetläuten Morgens und Abends fröſtelnd im Winter, wenn ich mich vor Tagesan⸗ bruch aus meinem armſeligen Bette erheben und nach der Kirche ſchleppen muß? Oder ſoll mir vielleicht die Freudigkeit kommen, wenn ich meine armen, zuweilen hungrigen Kinder betrachte, oder wenn ich ausrechne, wie ich mein jährliches Gehalt von zweihundertfünfzig Thalern ſo einzutheilen habe, daß wir nicht Alle mit einander erfrieren oder Hungers ſterben? Der Herr Pfarrer allerdings begreift das nicht, und der Herr Pfarrer hat gut reden von der Freudigkeit, mit der man ſein Amt zu ver⸗ ſehen habe; das iſt Alles gut und wahr bei behaglichen oder nur erträglichen Verhältniſſen. Und ſo verſtehe ich denn auch die Freudigkeit, mit der Se. Hochwürden nach vortrefflichem Frühſtück und gutem Morgenimbiß die Kanzel beſteigt, um her⸗ abzudonnern auf die Häupter der Gemeinde. Mir würde das Donnern ſchon vergehen, und ebenfalls würde es mir vergehen, meinen armen Schulmeiſter mit ſolchen Zetteln zu plagen.“ Der abgehärmte und verkümmerte Mann ſagte dies, wäh⸗ rend er den Kopf tief auf die Bruſt herabſinken ließ und die gefalteten Hände mit ſeinen Knieen wie in tiefem Schmerze zuſammenpreßte. Dabei huſtete er dumpf und hohl, und auf ſeinen bleichen Wangen zeigten ſich zwei runde, rothe Flecken— Kirchhofsroſen, wie man zu ſagen pflegt. Leiden und Freuden der Schullehrer. 75 „Das muß doch auch einmal beſſer kommen,“ tröſtete Erich. „Ja, beſſer— aber wann?“ gab der Schullehrer zur Ant⸗ wort, während er langſam ſeinen Kopf erhob und mit umflorten Augen das kleine Stückchen ſonnbeglänzten Himmels betrachtete, dem ſelbſt die trüb angelaufenen Fenſterſcheiben ſeine Heiterkeit nicht zu nehmen vermochten.„Doch ich will nicht vor Ihnen klagen,“ fuhr er nach einem kurzen Stillſchweigen fort;„das nutzt alles nichts, wir können das Getriebe dieſer Welt doch nicht ändern. Was liegt auch an armen Creaturen, wie wir ſind? Sind wir ja doch nur zum Ausfüllen da, oder zum Darſtellen der ganzen Maſſe, oder um Anderen, Glücklicheren eine weiche Unterlage zu bereiten. Hier ſchon der Staub auf breitem Lebenswege, ein Schickſal, das wir ſpäter allerdings in Wirklichkeit theilen werden mit den Reichen und Mächtigen die⸗ ſer Erde— immerhin eine Hoffnung, doch hätte ich mir auch ſchon für dieſes Stückchen irdiſchen Lebens ein etwas beſſeres Loos gewünſcht. „So, meine heute beſonders traurigen Geſchäfte ſind be⸗ ſorgt, meine Kinder ebenfalls, Dank Ihrer Güte, und wenn es Ihnen recht iſt, ſo machen wir jetzt einen Spaziergang um das Dorf herum, und will ich Sie zu einer Anhöhe führen, wo man eine hübſche Ausſicht hat in eine ziemlich weite Ferne. Ich liebe dieſe Ausſicht beſonders bei Sonnenuntergang— und ganz beſonders heute, denn es iſt mir immer, als ließe mir das ſchei⸗ dende Licht einen freundlichen Gruß— auf Wiederſehen, viel⸗ leicht hier unten, vielleicht auch anderswo. Kommen Sie, zum Abendläuten ſind wir zurück.“ Daß ſich Erich ſpäter ein ganz beſonderes Vergnügen dar⸗ 76 Viertes Kapitel. aus machte, ſich das Verfahren beim Abendläuten zeigen zu laſſen, verſteht ſich von ſelbſt, eben ſo, daß er ſich erbot, dieſes Geſchäft für den kränklichen Schullehrer wenigſtens für die nächſte Zeit zu beſorgen, und zwar mit einer Pünktlichkeit, über welche ſelbſt der Herr Pfarrer zufrieden ſein ſollte. Für die erſte Nacht, die er unter dem ärmlichen Dache des Schulhauſes zubrachte, wäre ihm das Aufſtehen auch dann nicht ſauer geworden, wenn er ſich nicht ſchon von Jugend auf daran gewöhnt hätte, vor Tagesanbruch auf den Beinen zu ſein, denn bei aller Beſcheidenheit ſeiner Anſprüche war das Lager, welches ihm, und zwar auf dem Boden des Wohnzimmers, bereitet wurde, ſo hart und mangelhaft, daß ſeine ganze friſche Jugend dazu gehörle, um überhaupt einſchlafen zu können. „Morgen,“ hatte der Schullehrer geſagt,„werde ich im Stande ſein, Ihnen Ihr Schlafgemach dicht bei den Schulzim⸗ mern anzuweiſen.“ „Warum nicht heute?“ hütete ſich Erich wohl, zu fragen, denn ihm ſchwebte der ſeltſame Blick der Schulkinder vor, mit dem ſie die kleine Fenſteröffnung und den weißen Vorhang be⸗ trachteten. Auch ſpäter, als Alles vorüber war, vermied er es, ſich Gewißheit zu verſchaffen, obgleich er ſich lange eines leichten Grauens nicht erwehren konnte, ſo oft er das Gelaß betrat, das er nun ſein Zimmer nennen ſollte. Ach, dasſelbe war auch ohne alle anderen traurigen Erinnerungen armſelig über alle Beſchreibung! Es war ein Raum, der einem gewiſſen unaus⸗ ſprechbaren Gemache abgewonnen zu ſein ſchien, der wohl eben dadurch zwei moderig feuchte, übelriechende Wände hatte und ein einziges Fenſter, durch welches, wenn man es öffnete, die heiße, duftige Luft der Schulſtube eindrang, und dieſe war im⸗ — — —— — Leiden und Freuden der Schullehrer..77 merhin noch beſſer, als andere Dünſte, welche man bei offener Thür empfand. Was die Möbel anbelangt, ſo beſtanden dieſe aus einem ſogenannten Bettkaſten mit einem Strohſacke, einem Heukopfpolſter und einer Wollendecke, ferner aus einer kleinen Bank, auf der eine alte Holzkiſte ſtand, welche beide zuſammen höchſt ſinnreich eine Commode darſtellten, und ſchließlich aus einem von den Würmern zerfreſſenen Kirchenſtuhle, der mit Ueberreſten von Holzſchnitzereien immerhin noch einen ſtattlichen Anblick bot. Das war ſein Reich, und ein paar Tage ſpäter, nachdem ſein Koffer, ein Erbtheil des Vaters, mit Büchern, Wäſche und anderen Effecten gefüllt, angekommen war und dieſer Koffer nun, wie ſo manche andere Dinge, recht lebhaft an die alte und beſſere Heimath erinnerte, da gab es Augenblicke, wo es Erich vorkam, als ſei er im Stande, nach und nach auch dieſes Gemach lieb zu gewinnen. Glückliche Täuſchung der Jugend, glücklich, weil ſie beſon⸗ ders die täglichen Wechſel des Lebens als etwas Intereſſantes begrüßt und jeder Lebensphaſe eine ſchimmernde Seite abzuge⸗ winnen weiß! Hier, wo ihm Alles neu war, erſchien ihm auch Alles im höchſten Grade intereſſant und hatte Alles für ihn ſeine ſchönen Seiten; ſeine tägliche Laſtarbeit in der Schule, oft in beiden Claſſen zugleich, da ſich der Lehrer jetzt häufiger als ſonſt unwohl fühlte; das häufige Beiſammenſein mit den armen Kindern des Schullehrers, die ihm für Alles, was er ihnen Angenehmes erzeigte, ſo außerordentlich dankbar waren, welche ihm ſogar die ſpärlichen Mahlzeiten dadurch behaglich machten, daß ſie ſich mit rührender Anhänglichkeit an ihn drängten, Alles thaten, was ſie ihm an den Augen abſehen konnten, und förm⸗ 78 Viertes Kapitel. lich aufzuleben ſchienen in dem Glanze der neuen Erſcheinung dieſes wohlwollenden, freundlichen Schulgehülfen; und das Ge⸗ betläuten in der einſamen Kirche an ſtillen Abenden, wenn durch eine der Thurmluken hoch oben ein letzter Strahl der ſcheiden⸗ den Sonne eindrang und mit der Glocke koſ'te, während dieſe ſich wohlbehaglich, hell klingend hin und her ſchwang. Auch Morgens bei Tagesanbruch war es hier poetiſch ſchön, beſonders auf der Höhe des Thurmes, wenn ſich Erich durch eines der Fenſter hinausbeugte und über die ſchlummernde und träume⸗ riſche Erde hinblickte, oder wenn ſein Auge mit einem unaus⸗ ſprechlichen Gefühle der Sehnſucht und Erwartung an jenem hellen Streifen im Oſten hing und förmlich mit aufjauchzte, wenn dort nun die erſten, zitternden Strahlen emporſchoſſen. An ſolchen Morgen war es ihm nun allerdings hart, wie⸗ der in das dunſtige Schulhaus zurückzukehren, und er vermied es auch ſo viel als möglich, nahm ein Buch zu ſich und kreiste auf weiten Spaziergängen die Umgegend des Dorfes ab, wobei er auch häufig zur Thalmühle gelangte und da jedes Mal von dem freundlichen Müller eingeladen wurde, an der nahrhaften Morgenſuppe Theil zu nehmen, eine nicht unliebe Abwechslung von dem, was ihm zu Hauſe vorgeſetzt werden konnte. Es war wäſſerige Milch und ein Stück ſchwarzes Brod. Als wirkliche Lichtpunkte aber erſchienen ihm die Stunden, wo es ihm erlaubt war, auf dem wirklich guten Orgelwerke in der Kirche zu ſpielen, beſonders aber die Sonntage, wo es ihm denn auch bald gelungen war, ſich durch kräftige Führung des Kirchengeſanges die Zufriedenheit des ſtrengen Pfarrers zu er⸗ werben. Fünftes Kapitel. Erzählt von einer Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten, bei welcher wir die Bekanntſchaft der blonden Selma und des Herrn Vicars machen; beſpricht auch Unterrichtsſtunden mit einſeitigem Verſtändniß, obgleich der Pfarrer Alles verſteht, und enthält dieſes Kapitel ein Trommel⸗ concert und ſonſtige militäriſche Anklänge. Von Erich's erſtem Sonntage in ſeiner neuen Stellung müſſen wir noch nachtragen, daß er es nicht verſäumt hatte, ſich beim Schluſſe des Nachmittags⸗Gottesdienſtes wohl gekämmt und wohl gebürſtet im Garten des Pfarrers einzufinden. Hier war Se. Hochwürden im Kreiſe der Familie, und hier wurde er auch der Frau Pfarrerin vorgeſtellt, deren Portrait ihm, wie er ſchon heute Morgen in der Kirche bemerkt, vom Thal⸗ müller ohne Schmeichelei, aber auch ohne Uebertreibung geſchildert worden war. Man ſaß in einer Laube von blühendem Flieder vor einem wohl arrangirten Kaffeetiſche, der Pfarrer mit der lange Pfeife, die Pfarrerin mit der ſummenden Kaffeemaſchine beſchäftigt, der junge Mann, den er neulich leſend im Garten geſehen, zu dem duftigen Flieder aufſchauend, und eine junge Dame, die Tochter des Pfarrers, in einem feinen, hellblauen 80 Fünftes Kapitel. Gewande, das zu ihrem röthlichen Haare nicht ſchlecht ſtand, welche mit dem Zeigefinger mehr keck als graziös den Flug eines Schmetterlings nachahmte, der um ein benachbartes Blu⸗ menbeet flog. „Ha, ich verſtehe,“ rief ihm der Pfarrer mit ſeiner ge⸗ waltigen Stimme von Weitem entgegen.„Sie haben es nicht 14 vergeſſen, daß ich Sie heute zu ſehen gewünſcht!“ Worauf er, gegen ſeine Frau gewandt, mit einer bedeutenden Vermin⸗ derung ſeiner Bruſtregiſter hinzuſetzte:„Dies, meine Liebe, iſt der junge Menſch, welcher mir von unſerem Amtsbruder Spitter beſtens empfohlen wurde, der hülfreich bei dem Schul⸗ meiſter Wacker eingetreten iſt und der heute Morgen, wie du ſelbſt ſo gütig warſt zu bemerken, die Orgel nicht ohne Ver⸗ ſtändniß geſpielt. Nicht— ohne— Verſtändniß,“ wiederholte er, da ſeine beſſere Hälfte, mit der Kaffeemaſchine beſchäftigt, nicht ſogleich eine Antwort gab. Dann aber ſchaute ſie auf, und Erich, der ſonſt wohl im Stande war, Blicke ruhig auszuhalten, fühlte ſich doch bei dieſem etwas unruhig bewegt, denn gar ſo durchdringend waren dieſe ſcharfen, grauen Augen. „Sie wollen das Lehrfach ergreifen,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„es auf praktiſchem Wege erlernen, ohne ſtudirt zu haben; das iſt ein ſchweres Unternehmen, und ich weiß nicht, ob Sie dabei viel proſitiren werden. Der Schulmeiſter gefällt mir immer weniger,“ wandte ſie ſich an ihre Tochter;„denke dir nur, ich habe mir erzählen laſſen, er hätte für ſeine Kinder Trauerkleider angeſchafft— du mein lieber Himmel, Trauer⸗ kleider, wenn man nichts zu nagen und zu beißen hat!“ Wäre Erich nicht ein ſo unbefangener Neuling in der Welt — Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 81 geweſen, ſo würde er ein Zeichen der Beiſtimmung gemacht oder vielleicht auch geſagt haben, es ſei allerdings unverant⸗ wortlich, wenn man über ſeinen Stand hinaus wolle, und Trauerkleider tragen, ohne dazu die Berechtigung zu haben. So aber konnte er ſich nicht enthalten, der Frau Pfarrerin zu erwiedern,„er habe nichts von Trauerkleidern bemerkt und müſſe das eine Täuſchung ſein, entſtanden durch eine armſelige wollene Schürze, welche das kleine Mädchen als Umſchlage⸗ tuch trüge.“ Auch der Pfarrer ſetzte begütigend hinzu:„Es kann wohl ſein, es kann wohl ſein, daß es Täuſchung iſt oder Ueber⸗ treibung, wie es häufig vorkommt; wenn das, was man ge⸗ hört hat, vermehrt weiter erzählt wird— ha, ich verſtehe!“ „Nein, du verſtehſt gar nichts,“ gab ihm die Pfarrerin mit großer Ruhe zur Antwort,„ſonſt müßteſt du wiſſen, daß dergleichen Ueberhebungen dem Schulmeiſter ſehr ähnlich ſehen — doch laſſen wir das jetzt. Hier iſt Ihre Taſſe,“ ſagte ſie zu dem jungen, mageren Manne, der immer noch den Flieder betrachtete—„Selma, reiche dem Herrn Vicar den Zucker.“ Dies alſo war der Herr Vicar und die Dame im blauen Kleide die Tochter des Pfarrers, welche, wie der Thalmüller erzählt hatte, ſo vergeblich in der Reſidenz auf die Weide ge⸗⸗ führt worden war. Jetzt lächelte ſie den jungen Geiſtlichen an, und während ſie ihm neckiſch die Milch und den Zucker bot, tänzelte ſie um ihn herum, wie vorhin der Schmetterling um die Blumen. „Wie Ihnen Ihre neuen Verhältniſſe gefallen,“ ſagte der Pfarrer lächelnd, indem er den Löffel behaglich in ſeiner großen Hackländer, Der letzte Bombardier, I. 6 — 82 Fünftes Kapitel. Kaffeetaſſe umdrehte,„muß ich Sie des Anſtandes wegen doch fragen, obgleich ich mir vielleicht denken kann, daß Sie ſich Schule und Wohnung in einem beſſeren Zuſtande gedacht. Aber Gott im Himmel weiß,“ ſetzte er mit einem Augenauf⸗ ſchlagen hinzu,„unter dem Beiſtande des Höchſten thut die arme Gemeinde ihr Möglichſtes, und doch iſt ſie nicht im Stande, die Schule in einen Zuſtand zu verſetzen, der— in einen Zuſtand, welcher— in einen Zuſtand, daß man— ja, überhaupt in einen Zuſtand....“ Dieſe Variationen über den Zuſtand der Schule wurden Sr. Hochwürden durch einen außerordentlich ſtrengen Blick ſeiner Gattin entlockt, ja, durch ein furchtbares, ſchlangenartiges Fixiren derſelben, während ſie mit weichem Tone, der aber unter dem Ausdrucke eines fürchterlichen Lächelns ſtand, ſprach: „Willſt du nicht ſo gut ſein und dir lieber ein Stück Gugel— hopfen nehmen?“ wobei ſie das Wörtchen„lieber“ mit einer erſchütternden Schärfe hervorhob. „Ich danke dir, meine Theure! Allerdings iſt der Zuſtand der Schule nicht ſo troſtlos....“ „Und braucht auch eigentlich gar nicht anders zu ſein,“ warf die Pfarrerin entſchieden dazwiſchen;„es ſind dort recht behagliche Räume, wie ich mir habe ſagen laſſen, ja, der Schul⸗ meiſter beſitzt ſogar ein leerſtehendes Wohnzimmer, und das iſt ein Luxus, den wir uns nicht geſtatten dürfen.“ „Willſt du nicht vielleicht, meine Liebe, den Herrn Pro⸗ viſor zu einer.... „Wenn du überhaupt Jemanden ausreden ließeſt, ſo würdeſt du gehört haben, daß ich gerade die Vermuthung aus⸗ ſprechen wollte, der Herr Proviſor habe gewiß bereits ſeinen —— 1 Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 83 Kaffee zu ſich genommen. Nicht wahr, Sie haben?“ wandte ſie ſich an Erich. Doch war dieſer auch jetzt wieder nicht klug genug, um ſo klug zu ſein, eine Nothlüge zu ſagen, mochte auch denken, ge es ſei für den Schulmei Uſe erſprießlicher, wenn er die Ver⸗ dort ein nicht vorhandener —. „8 ſicherung gäbe, daß Artikel ſei. „Nun denn, Selma,“ erwiederte die Pfarrerin ſehr ge⸗ dehnt,„ſo magſt du dem Herrn Proviſor eine Taſſe bringen. Ich würde Sie zum Sitzen einladen, aber es iſt ſo mühſam, Stühle aus dem Hauſe hervorzuſchleppen.“ Selma überbrachte die Taſſe, wobei wir hervorheben müſſen, daß ſie es bis jetzt noch nicht der Mühe werth gefunden, ihre Aufmerkſamkeit für den jungen Geiſtlichen dadurch zu verkürzen, daß ſie Wacker's Proviſor, dem neuen Subjecte, einen Blick geſchenkt. Jetzt aber, als ſie vor ihm ſtand, ſchaute ſie ihn an mit den gleichen grauen Augen, wie die der Mutter, nur daß der Ausdruck der ihrigen durch Jugend und ein hübſches Ge⸗ ſichtchen gemildert war. Ja, ſie ſchaute ihn an, und zwar ein paar Secunden lang, wobei ſie überraſcht ſchien, ſtatt der traditionellen bleichen Züge eines jungen Schulgehülfen Erich's friſches, ſchönes Geſicht zu ſehen und ſeinen dunkeln, leuchten— den Augen zu begegnen. Ja, ſo überraſcht war ſie, daß ſie Miene machte, ihm nicht nur die Taſſe, ſondern auch einen Stuhl anzubieten, und dies vielleicht gethan hätte, wenn ſie nicht ein ſtrenger Blick der Mutter zu ihrer Pflicht zurückgerufen und wenn nicht der junge Geiſtliche mit auf die Seite geneigtem Kopfe finſter nach ihr hinüber geſchielt hätte. 84 Fünftes Kapitel. So trank denn das Subject ſtehend ſeinen Kaffee und ohne Zucker, den die Pfarrerin vergeſſen hatte hineinzuthun; doch machte er ſich nicht viel daraus. Auch fühlte er ſich durchaus nicht befangen in dieſer hohen Verſammlung, und als er ausgetrunken hatte, ſtellte er ſeine Taſſe mit ſicherer Ruhe und einer kleinen Verbeugung auf den Kaffeetiſch. „Du hatteſt, glaube ich, einen beſonderen Zweck, als du den Herrn Proviſor hieher kommen ließeſt, und ſollteſt du nun auch reden, damit du die koſtbare Zeit des Herrn Proviſors nicht zu ſehr in Anſpruch nimmſt.“ „Ha, ich verſtehe! Ja, ja, der Schuldienſt iſt nicht be⸗ ſonders anſtrengend und es ſind Freiſtunden auszufüllen, und da habe ich mir gedacht, es könnte Ihnen nicht ſchaden, wenn Sie meiner Tochter Selma zuweilen eine Muſik⸗- und Zeichen⸗ ſtunde geben würden. Meine Tochter Selma hat hübſche Kenntniſſe im Clavierſpiele, doch wäre es mir lieb, wenn ſie Gelegenheit hätte, ſich hier und da vierhändig zu üben.“ Der Pfarrer nickte nach dieſer ſeiner Rede würdevoll mit dem Kopfe, ſeine beſſere Hälfte ſchaute gerade aus weit vor ſich hin, in unabſehbare Ferne, der junge Geſſtliche blickte ſcharf nach Selma hin, welche gerade damit beſchäftigt war, ein Baumblatt vom Boden aufzuheben, während Erich ſich verbeugte und ſich mit großem Vergnügen bereit erklärte, den Wunſch Sr. Hochwürden zu erfüllen. „Wie und wann, werden wir Ihnen ſagen laſſen,“ ſprach die Pfarrerin, und da ſie dabei mit ihrem Haupte nickte, während der Pfarrer ſich erhob und ungefähr ſo that, als könnte er ſich vielleicht zu der Herablaſſung entſchließen, dem Subjecte den Zeigefinger ſeiner rechten Hand zu bieten, ſo d 1 4½ Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 85 zog Erich ſich zurück, ohne dieſe Gnade abzuwarten. Er ver⸗ ließ den Garten, und da er ſich, um die Thür deſſelben zu ſchließen, umwenden mußte, ſo ſah er noch, wie die hochblonde Selma beſchäftigt war, für den jungen Geiſtlichen, der neben ihr ſtand, einen Zweig des duftigen Flieders abzubrechen, wobei es ihm vorkam, als ſchaue ſie raſch nach der Gitterthür hin über, um zu ſehen, ob der junge Lehrgehülfe dieſelbe auch ſorgfältig geſchloſſen habe. Daß Erich ſelbſt durchaus nichts Anderes dabei dachte, darauf können wir die Hand zum Schwure erheben. Trotz alledem ging er nach Hauſe und war nicht wenig erſtaunt, hier ausnahmsweiſe zum Kaffee eingeladen zu werden; es war dies allerdings nur eine farbloſe, dünne Brühe, aber mit welcher Herzlichkeit und Liebe ſprangen ihm die beiden Buben ſchon an der Hausthür entgegen, dieſes große Ereigniß verkündigend, und mit welcher Gravität goß ihm Anna ein, nachdem ſie zuvor den beſten der Stühle mit ihrer Hausſchürze abgewiſcht hatte. Auch täglich in anderen Dingen bewieſen ihm die Kinder des Lehrers ſo wie dieſer ſelbſt, daß man ihn für einen wich⸗ tigen und ſehr geachteten Hausgenoſſen halte, und wenn Herr Wacker mit Erich über des Letzteren Zukunft ſprach, ſo drückte er ſich höchſt bedauernd darüber aus, daß der junge Mann nicht das Seminar beſucht hatte, noch ſonſt eine vollkommen correcte Schulbildung erhalten.—„Leider wird das ſpäter Ihrem Fortkommen entgegen ſtehen, denn wenn auch ich oder ein Anderer nach meinem— ein Anderer nach mir Ihnen die glänzendſten Zeugniſſe ausſtellen muß und wird, ſo zieht man Ihnen doch jeden an ſich noch ſo unbedeutenden Menſchen vor, 86 Fünftes Kapitel. wenn er nur der Zeit nach ſeine Studien abſolvirt hat.“ Worauf ihm dann Erich eines Tages geſtand, daß er das vollkommen einſehe und daß er den Anfang ſeiner Schulamts⸗ Carrière hier nur als eine Uebergangsperiode anſehe, um eine beſcheidene Stelle in der Reſidenz zu erlangen und ſich als⸗ dann dort dem Studium der Muſik vollſtändig hingeben zu können. Herr Wacker aber war ſelbſt ſo wenig muſikaliſch gebildet, daß er dieſe Neigung nicht vollkommen begriff und kopfſchüttelnd meinte, ein Lehrer ſei ſchon ein miſerables Geſchöpf, aber ob ſo ein armer Muſikant beſſer daran ſei, wäre doch noch zwei⸗ felhaft. Gleich wie dem ſeligen Steuer⸗Controleur Freiberg unter Muſikanten nichtsnutzige Stabstrompeter vorgeſchwebt, ſo dem Schulmeiſter hier die Mitglieder jener herumziehenden Banden, die auf Schützenfeſten, Kirchweihen u. ſ. w. ihr kärg⸗ liches Brod verdienen. Selbſt Erich's fertiges Orgelſpiek war nicht im Stande, ihn mit deſſen Beſtrebungen zu verſöhnen, denn ſein eigenes Orgelſpiel war ihm eine Quelle beſtändiger Anfeindungen von Seiten des Pfarrers geweſen. Wie oft hatte ihn der Pfarrer vor Beginn der Predigt in die Sacriſtei citirt und ihm dort eine gewaltige Naſe ertheilt, weil die Buben gegrölt wie die Saatkrähen, oder weil er die Bauern, die gern in einem lang⸗ ſamen Tempo hinterdrein ſchlichen, nicht mit der nöthigen Energie fortgeriſſen! Dies ging nun allerdings unter Erich's Leitung ganz anders, ja, er wagte es, die Tempi oft ſo raſch zu nehmen, daß der Pfarrer mit Schrecken die Augenblicke kommen ſah, wo die Gemeinde mit ihrem Geſange gar nicht mehr nachkommen könne; doch hatte dieſer junge Menſch dabei Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 87 eine Kraft und Gewandtheit, ſelbſt die ſchläfrigſten Seelen vor⸗ wärts zu peitſchen, daß alle ſich bemühten, öfters in einem wah⸗ ren Sturmgalop nachzukommen. Was der Pfarrer allenfalls zu tadeln gehabt, das waren ſeine oft ſehr gewagten Vor⸗ und Nachſpiele. Ja, er hatte ein⸗ mal ſeinen Ohren kaum getraut, als jener bei dem Nachmittags⸗ Gottesdienſte, wo die drückende Hitze drei Viertheilen der an⸗ dächtigen Verſammlung zu einem angenehmen Kirchenſchlafe ver⸗ holfen hatte, beim Schluſſe brauſend und ſauſend über Ohren und Köpfe hinfuhr, und zwar durch das Vorſpiel mit der be⸗ kannten Melodie des alten Deſſauers:„So leben wir, ſo leben wir alle Tage“, was aber von einer wahrhaft elektriſirenden Wirkung geweſen war und die Kirche ſo raſch wie nie geleert hatte. Herr Wacker räumte ſeinem Gehülfen bereitwillig das Wohn⸗ zimmer zu muſikaliſchen Studien ein, und nachdem dieſer das alte Clavier in eine möglichſt erträgliche Stimmung verſetzt, ſeine Bücher auf dasſelbe geſchichtet, ging er mit Luſt und Freude in ſeinen Freiſtunden an die Aufgaben, die er ſich ſelbſt geſtellt, oder die ihm brieflich von ſeinem alten Freunde und Schulleh⸗ rer Herrn Schmelzer geſtellt wurden. Als guter Orgelſpieler und nicht ſchlechter Theoretiker wurde es ſeinem unermüdlichen Fleiße möglich, ſich in kurzer Zeit auch die nöthige Fertigkeit anzueignen, um auch im Pfarrhauſe die vierhändigen Uebungs⸗ ſtunden mit Selma beginnen zu können. Mit dem Zeichenun⸗ terrichte hatte er ſchon früher angefangen, und nicht nur zur Zufriedenheit des Herrn Pfarrers, der ihm ſagte:„Ha, ich ver⸗ ſtehe, daß meine Tochter bei ſo ausgezeichneter Leiſtung Fort⸗ ſchritte machen wird!“— ſondern auch zur Beſchwichtigung 88 Fünftes Kapitel. der Frau Pfarrerin, die es Anfangs mit großem Widerwillen mit angeſehen, daß ihre Tochter Selma ſo nahe bei dem ganz gewöhnlichen Schulgehülfen ſein ſolle, obgleich es Erich bei die⸗ ſen Unterrichtsſtunden ſehr liebte, zu ſtehen und nöthige Correce turen auf die zurückhaltendſte Art zu machen. Ja er ſetzte ſich überhaupt erſt dann, nachdem er von ſeiner Schülerin, von de⸗ ren Mutter oder von dem Herrn Pfarrer dazu eingeladen war. Letzterer liebte es ſehr, den Unterrichtsſtunden beizuwohnen, und dann ging er manchmal mit großen Schritten auf und ab, wobei er ſein breites Haupt hin und her zu wiegen pflegte, was der langen Pfeife, die er frei zwiſchen den Lippen hielt, alsdann die ſanften Schwingungen eines Elephantenrüſſels ver⸗ lieh; dabei war er meiſtens in tiefe Gedanken verſunken, und wenn er, aus dieſen auffahrend, oft mit lauter Stimme rief: „Ha, ich verſtehe!“ ſo fanden es ſeine Frau und ſeine Tochter nicht der Mühe werth, zu fragen, welches Verſtändniß ihm auf⸗ gegangen ſei. „Da habe ich,“ ſagte er eines Morgens zu Erich,„eine Idee ſchon lange verfolgt, zu deren Ausführung Sie mir das geeignete Rüſtzeug zu ſein ſcheinen. Sie wiſſen, wie ſehr ich in Kirche und Schule auf militäriſche Zucht und Subordination halte, und es kann mit dem Fundamente dieſer unerläßlichen Ei⸗ genſchaften bei den kleinen Rangen nicht früh genug angefangen werden. Daher glaube ich, ſollte man den Verſuch machen, Ihren Schülern etwas militäriſchen Geiſt beizubringen, indem man ſie in den Freiſtunden zu regelrechtem Marſchiren und Exerciren anhielte, und würden ſie dadurch auch abgehalten werden, die langen Nachmittage auf der Gaſſe herumzulungern. Was meinen Sie dazu?“ — Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 89 Erich fand dieſe Idee nicht nur praktiſch, ſondern ſie ent⸗ ſprach auch ſo ſehr ſeinen Neigungen, daß er, ſobald er ſich vergewiſſert, auch der Lehrer habe dagegen nichts einzuwenden, daran ging, ſie in Ausführung zu bringen. Die Buben waren natürlicher Weiſe mit Leib und Seele dabei, und ebenſo ſtieß er auch auf keinen Widerſpruch von Seiten der Eltern, ja, die meiſten der Eltern machten ſich ein Vergnügen daraus, aus Holz etwas zuſammenzuſchnitzeln, was entfernte Aehnlichkeit mit einem Gewehr hatte. Hierauf arrangirte Erich beide Claſſen in zwei Glieder, lehrte ſie ſtehen, wenden und marſchiren und belohnte die intel— ligenteſten Knaben dadurch, daß er ſie zu Unterofficieren avanciren ließ. Er brauchte keine vier Wochen, um im Stande zu ſein, ſeine Compagnie an einem Sonntag Nachmittage dem Pfarrer draußen auf der Gemeindewieſe vorzuführen, der auch dieſer Parade unter präſentirtem Gewehr mit einer Würde und einem Ernſte anwohnte, die einem General Ehre gemacht haben würde. Und nachdem Alles vorbei war, drückte er Erich ſeine Zufrie⸗ denheit aus, und ſagte alsdann, während er ſeine Stimme, ſo viel als es ihm möglich war, dämpfte: „Etwas fehlt noch, was den Eifer der Buben außerordent⸗ lich anregen würde: eine Trommel nämlich, und auch dazu könnte, wenn wir vorſichtig zu Werke gingen, Rath geſchafft werden. Ich ſelbſt bin im Beſitze eines ſolchen Inſtrumentes, das ich, unter uns geſagt, einſtens mit Vorliebe erlernt und welches ich gern für das allgemeine Beſte hergeben würde. Laſ⸗ ſen Sie mich darüber nachdenken, wie es zu machen iſt, damit ich mich überzeugen kann, ob Ihre Jugend Sinn für dieſes hinreißende Inſtrument beſitzt. Laſſen Sie mich darüber nach⸗ 90 Fünftes Kapitel. denken— ja, ja, ſo wird es gehen— laſſen Sie Ihre Com pagnie am nächſten Sonntag, Morgens um fünf Uhr, draußen bei dem Pfarrhauſe antreten, und ſeien Sie alsdann des Wei⸗ teren gewärtig.“ Im Laufe der Woche erfuhr Erich durch ſeine Schü— ilerin, daß die Zeichenſtunde am nächſten Samstage ausgeſetzt werden müſſe, da Selma mit ihrer Mutter einen Verwandten in der benachbarten Stadt beſuche und erſt am Montag zurückkehren würde; es war ihm dies in Betreff der ſonntägigen Parade nicht unangenehm, da er leider die Abneigung der Pfarrerin für dieſe unnütze Zeitverſchwendung, wie ſie es nannte, erfahren, und führte er deßhalb an dem betreffenden Morgen ſeine Com⸗ pagnie leichteren Herzens nach dem Pfarrhofe, vor dem er ſich auf der Straße zugweiſe abgeſchwenkt aufſtellte. Hinter den dichten Büſchen der Fliederlaube ſah er d4s mächtig umwallte Haupt des Pfarrers und bemerkte, näher tre ßen Verwunderung, daß Seine Hochwürden mel und zwar in einem vollkommen ausgen ſenen Exemplare, kunſtgerecht über die Schulter gehängt hatte bereit ſchien, den Parademarſch, obgleich unſichtbar für die Knabenſchaar, ſelbſthändig zu begleiten. „Laſſen Sie jetzt ſtill ſtehen,“ ſagte er,„die Züge richten und nach einem einleitenden Trommelwirbel die Compagnie auf der Straße hin und her marſchiren, bis ich Ihnen durch einen nd, zu ſeiner gro⸗ erwähnte Trom⸗ 4 zweiten Wirbel das Zeichen zum Aufhören gebe; dann laſſet„ N. Sie die Buben nach Hauſe gehen und kommen wieder zu mir? — geben Sie Acht, wie elektriſirend dieſe Muſik auf die Beine der Jungen wirken wird.“ So war es denn wirklich auch, und die kleinen Soldaten Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 91 ſtampften den Boden, daß der Staub wirbelnd emporflog und ſie auf dieſe Art genau das Bild einer marſchirenden Colonne darſtellten. Mit welcher Kunſt wurde aber auch in der Flieder⸗ laube die Trommel geſchlagen! Wie ſcharf und genau dröhnte das Fell unter den kräftigen Schlägen! Welch entzückende Wirbel raſſelten oft minutenlang dazwiſchen! Sowohl die Sol⸗ daten ſelbſt als auch der Commandant bedauerten aufrichtig, als endlich das Zeichen zum Aufhören gegeben und die jugendliche Schaar nach Hauſe entlaſſen wurde. Ja, es war heute ſchon etwas ganz Anderes geweſen bei dieſer erhebenden kriegeriſchen Muſik. Dann ging Erich nach der Laube zurück, in welcher der Pfarrer immer noch mit großen Schritten auf und ab mar⸗ ſchirte und ſich dabei ſo zufrieden erklärte über das, was er von dem Marſche durch die Zweige geſehen, daß er ſich nicht ent— halten konnte, dem jungen Manne als Beweis ſeines Wohlwol⸗ lens eine erſte Lection auf dieſem edlen Inſtrumente, das er mit ſo großer Kraft und Gewandtheit handhabte, zu ertheilen. „Ich weiß wohl,“ ſagte er dabei,„daß die Trommel von all denen, welche ſich einbilden, etwas von Muſik zu verſtehen, über die Achſel angeſehen wird, und mit welch großem Unrechte. Ich will nicht reden über die erſtaunlichen Wirkungen eines im Kriege zur richtigen Zeit angebrachten Trommelſchlages, nicht von der Ermuthigung, die ein exactes Rataplan, Rataplan auf ermüdete Bataillone, ja, ſogar auf abgemagerte Pferde ausübt, aber ich wage, kühn zu behaupten, daß die Trommel, mit Ge⸗ ſchick und Gefühl angewandt, für den menſchlichen Geſang eine unvergleichliche Begleitung abgeben würde, nicht um das oftmals rohe Lied des Soldaten im Tact zu erhalten, ſondern für einen wirklichen, gefühlvollen Geſang. Sie ſchauen mich ſtaunend, 92 Fünftes Kapitel. zweifelnd an? Ha, ich verſtehe, kann Ihnen aber verſichern, daß, wenn ich nicht Pfarrer geworden wäre, ich es auf der Trommel zu einer unglaublichen Virtuoſität gebracht hätte!“ „Ich habe mich davon überzeugt,“ ſagte Erich,„und war erſtaunt, was Euer Hochwürden zu leiſten vermochten.“ ſchätze ich dieſes Inſtrument, ſondern weil auf ihm die feinſten Nuancen hervorzubringen ſind. Hören Sie, hören Sie! Gibt „Ha, ich verſtehe! Aber nicht des wilden Lärmes wegen es ein zarteres Decrescendo auf irgend einem andern Inſtru⸗ mente, als ich hier mit dieſem Wirbel hervorbringen kann?— Iſt es nicht zuletzt noch ein leichtes Erſterben der Töne, nur noch ein poetiſcher Hauch? Was ſagen Sie dazu?“ „In der That, Herr Pfarrer, ich bin überraſcht!“ „Ha, ich verſtehe, und wenn ich darauf die Töne unter der vollen Macht der Gefühle wieder anſchwellen laſſe, ſo— ſo— reißt es mich unwillkürlich hin, und fühlen Sie nicht Ihr Herz erſchüttern bei den letzten, gewaltigen Schlägen? Rata— plan... „Schade drum,“ fuhr er nach einer Pauſe unter einem leichten, ſchwärmeriſchen Wirbel fort,„daß mir heute die Zeit mangelt, Ihnen unſer bekanntes Volkslied ‚In einem kühlen Grunde“’ mit Trommelbegleitung meiner eigenen Compoſition vorzutragen! In meiner Jugend habe ich Entzücken damit er⸗ regt; das Lied eignet ſich aber auch vortrefflich zu dieſer Beglei⸗ tung. In weiter Ferne vernehmen Sie das melodiſche Klappern der Mühle, mit der rechten Hand ausgeführt, während ein hingehauchter Wirbel der dinken glücklich in die elegiſche Stim⸗ mung hineinleitet. „Nun Declamation: — —— Eine Kaffeegeſellfchaft im Pfarrgarten. In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad. „Dann wird eine Melodie intonirt, ein Rhythmus, den ſie ſo gerne gehört: Mein Liebchen iſt verſchwunden, Das dort gewohnet hat. „Ich kann Ihnen verſichern, es war darin eine Wirkung und eine Steigerung bis zum Schluſſe, daß bei den raſſelnden und doch wieder kurz abgebrochenen Schlägen, mit denen ich begleitete: Sie hat die Treu' gebrochen, Das Ringlein ſprang entzwei— Thränen der Rührung in die Augen der Zuhörerinnen traten. Ah, welch ſchöne Zeit! Sie iſt dahin, wie überhaupt nach und nach alle Poeſie erſtirbt.“ Er nickte zum Abſchiede gravitätiſch mit dem Kopfe und ſchritt danach dem Hauſe zu, in feſtem Marſchtempo, mit etwas auffallender Bewegung des linken Beines, wie das bei den Trommlern gebräuchlich iſt, und verſchwand dann im Hauſe unter den ſonoren Klängen eines majeſtätiſchen Parademarſches, ungehört von Frau und Tochter, welche ja in der Ferne weil⸗ ten, aber nicht ungeſehen von dem jungen Geiſtlichen, der mit eben ſo erſtaunter als ergrimmter Miene von ſeinem Zimmer in den Garten hinabſchaute. Wir dürfen hier nicht verſchweigen, daß es auch der junge Geiſtliche war, welcher die Pfarrerin von der Trommelübung Seiner Hochwürden in Kenntniß fetzte, wobei er die Sache ſo zu drehen wußte, als ſei dieſe Entheiligung des Sonntags und ihres Gartens allein durch das Schulſubject hervorgerufen wor⸗ den.—„Dieſer Soldatenbalg!“ hatte die Pfarrerin hierauf ge⸗ 94 Fünftes Kapitel. ſagt und war ſchon im Begriffe geweſen, es ein- für allemal feierlich auszuſprechen, daß er nie mehr die Schwelle des Pfarr⸗ hauſes überſchreiten ſolle, als Selma ſich ins Geſpräch miſchte, um ihren Zeichenlehrer kräftig und rückſichtslos in Schutz zu nehmen:„Du kennſt ja Papa's Leidenſchaft für die Trommel,“ ſagte ſie,„und daß er glückſelig war, ſie in unſerer Abweſen⸗ heit befriedigen zu können, wozu er den jungen Menſchen ein⸗ geladen, ja herbefohlen hat! Wie wäre es überhaupt denkbar, daß dieſer ſo ſehr beſcheidene Schulgehülfe das Verlangen an Papa hätte ſtellen mögen, ihm etwas vorzutrommeln? Ach, geht mir doch mit Euren Kindereien! Ich fühle es, daß ich bei ſeinem Unterrichte etwas Rechtes lerne, und muß Dir offen geſtehen, Mama, daß ich nicht Luſt habe, wegen dergleichen Lä⸗ cherlichkeiten meine Stunden zu verkürzen, im Gegentheil“— dieſes letzte Wort war von einem ſcharfen Blicke aus ihren heißen, grauen Augen direct gegen den jungen Geiſtlichen ge⸗ richtet geweſen, und wir müſſen geſtehen, daß Wort und Blick von der Mutter nicht ganz ohne Befriedigung empfunden wur⸗ den, denn in der benachbarten Stadt, wo ſie geweſen waren, 7. hatte ſich ein hart am Aſſeſſor ſtehender Referendar aus adeli⸗ ger Familie ziemlich auffällig mit der hochblonden Selma zu thun gemacht, und daß ſie es vorzog, die Frau eines„Regie⸗ rungsraths von“ zu werden, ſtatt die des Vicars ihres Vaters, war ihr eigentlich nicht übel zu nehmen. Deßhalb wurde Erich denn auch nicht von den Zeichen⸗ ſtunden entbunden, vielmehr kurze Zeit darauf auch zum vier⸗ händigen Clavierſpiel commandirt, deſſen erſte Stunden im Beiſein der Pfarrerin vor ſich gingen, welche in ſteifer Unnah⸗ Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 95 barkeit auf dem Sopha ſaß, geradeaus ſchauend und emſig da⸗ bei ſtrickend. Daß er dieſen Unterricht von der ernſteſten, ſtrengſten Seite nahm, dürfen wir ebenſo wenig verſchweigen, als daß Selma zuweilen ein Geplauder über Muſik im Allgemeinen oder gewiſſe Lieder vorzog; dann lehnte ſie, ſich vornüberbeugend, ihren Arm auf das Notenpult, ſtützte ihren hübſchen Kopf auf die Hand, um welche alsdann ihre blonden Locken recht maleriſch floſſen, und ſchaute ihm freundlich in die Augen, die er aber nur zu⸗ weilen gegen ſie erhob, während er es liebte, wenn ſie ſo dies und das fragte, ſeine Finger über die Taſten gleiten zu laſſen, um irgend ein Thema, von dem gerade die Rede war, melodra⸗ matiſch zu begleiten. Daß Selma alsdann dieſe Variationen ſehr hübſch und angemeſſen fand, konnte er nicht begreifen und verſtehen, und eben ſo wenig, warum ſie alsdann in einer unmuthigen Bewe⸗ gung ihren Platz wieder neben ihm einnahm, ſobald er mit ruhigem Blicke auf die Stelle zeigte, wo man aufgehört. Dergleichen kleine Neckereien und Plänkeleien glitten macht⸗ los an ſeiner gänzlichen Unerfahrenheit ab, auch führte ſie Selma nur alsdann aus, wenn der Vater als rauchender Ele⸗ phant ihre Stunde überwachte. War die Pfarrerin gegenwär⸗ tig, ſo hatte ſie andere kleine Geſchichten, um die Clavierſtunde etwas pikanter zu machen und das Angenehme mit dem Nütz— lichen zu verbinden. So fand ſie oft hartnäckig das Clavier⸗ pedal nicht und ſuchte es viel zu weit auf der linken Seite; auch fühlte ſie ſich bei Paſſagen à la Moſcheles ſehr leicht er⸗ müdet und benutzte gern die Gelegenheit, um ihre Hand auf dem Arme des Lehrers auf Augenblicke ausruhen zu laſſen. 96 Fünftes Kapitel. Wäre für Erich Gefahr vorhanden geweſen, ſo hätte dies als⸗ dann eintreten müſſen, wenn Selma, wie zuweilen vorkam, be⸗ hauptete, es ſei ihr rein unmöglich, dieſe oder jene Paſſage rich⸗ 1 tig herauszubringen, und Erich ſich alsdann genöthigt ſah, ihr dieſelbe, rechts gegen ſie geneigt, vorzuſpielen, weil ſie ſich dabei unmöglich ſo weit zurücklegen konnte, um ihn nicht mit ihrem vollen Körper ſanft zu berühren. Wenn ihn auch dabei zuwei⸗ len ein eigenthümliches Gefühl durchdrang, ſo war es ein Ge⸗ fühl des Schreckens, dem er dadurch Ausdruck verlieh, daß er ſich faſt auf die Noten herabbeugte, um— beſſer ſehen zu können. Zuweilen aber auch ging die Stunde in muſterhafter Ruhe und Ordnung und ohne irgend welche der eben geſchilderten Gefährlichkeiten vorüber, und das immer alsdann, wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin verhindert waren und ſich in ſolchen Fällen der junge Geiſtliche als Poſten vor dem Gewehr befand. Ah, dieſer ſetzte ſich niemals ſtrickend auf das Sopha oder ging im Zimmer rauchend auf und ab, vielmehr war er mit Leib und Seele bei ſeinem Amte, und ſeinen beobachtenden Augen entging nicht die kleinſte Bewegung des Lehrers oder der Schü⸗ lerin. Gewöhnlich ſtand er ſo, daß er Hände und Pedal zu gleicher Zeit im Auge hatte, und wenn dann je einmal Paſſa⸗ gen à la Moſcheles vorkamen oder wenn Erich eine Paſſage Selma's ſpielen mußte, ſo näherte er ſich mit vorgeſtrecktem Halſe, ſtierem Blicke und einer verdächtigen Röthe auf den Wangen, konnte auch wohl in letzterem Falle in einem finſteren Tone ſagen:„Sie thäten beſſer, Fräulein Selma, dieſe gewiſſe Stelle für ſich allein ſorgfältig zu ſtudiren.“ Ils⸗ Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 97 „Für mich allein— Eſel!“ hatte ſie einmal halblaut vor ſich hingemurmelt. Daß aber der junge Geiſtliche ſeinen Zorn über dieſe Un⸗ terrichtsſtunden auf das unſchuldige Haupt Erich's häufte und ihm ſeine Leidenſchaftlichkeit nicht verhehlte, war ebenſo ungerecht als dumm; denn dadurch, daß er Alles, was der junge Lehrer that, bekrittelte und bemäkelte, und obendrein in Selma's Ge⸗ genwart, brachte er die ganz entgegengeſetzte Wirkung hervor, ja, eines Tages eine Wirkung, die wir uns ſcheuen, niederzu⸗ ſchreiben; denn als der junge Geiſtliche einſtens, wo Erich eines Tages in der That eine falſche Note angeſchlagen hatte, von der Unfähigkeit zum Lehramte im Allgemeinen ſprach und ins⸗ beſondere von der unbegreiflichen Keckheit, Unterricht in Fächern ertheilen zu wollen, die man ſelbſt nicht verſtehe, und als er darauf nach beendigter Lection mit hochgerötheten Wangen und einem Zornesblicke auf Selma das Zimmer verlaſſen, hatte dieſe nach ein paar Athemzügen langſam aufſtehend geſagt:„Machen Sie ſich nichts daraus, Sie ſind doch mein lieber Lehrer“— und dann war es ihm geweſen, als berühre irgend etwas heiß und blitzähnlich ſein blondes, krauſes Haar. „Was mochte das wohl geweſen ſein?“ dachte er, als er nachdenkend nach Hauſe ging.„Hatte Selma ihre heißen Finger auf ſein Haupt gedrückt, und warum das?“ Keines ſeiner gelehrten Bücher war wohl im Stande, ihm dieſe Frage zu beantworten, und doch wurde er auf eine ſehr einfache Art ins Klare geſetzt, und zwar durch die kleine Anna, des Schulmeiſters Töchterlein, die, als er ſpäter an ſeinem Tiſche ſaß und arbeitete, hinter ihn trat, ihr Aermchen um ſei⸗ nen Hals ſchlang und ihr Geſicht an ſein Haar drückte. 5 Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 6 98 Fünftes Kapitel. „Was machſt Du da, kleine Maus?“ „Ich habe Dir einen Kuß gegeben, weil ich Dich lieb habe.“ „Weil ich Dich lieb habe?— Weil ich Dich lieb habe!“ — Das war ein Gedanke, der ihm nicht aus dem Kopfe wollte, obgleich er ſich noch durchaus keinen richtigen Begriff von dem⸗ ſelben machen konnte.„Weil ich Dich lieb habe!“— Aber es ſteckte etwas dahinter, das auf ſeine Unterrichtsſtunden im Pfarr⸗ hauſe, welche er bisher voller Freiheit des Geiſtes ertheilt, einen eigenthümlichen, beengenden Einfluß ausübte.—„Weil ich Dich lieb habe!“ erklang ihm jetzt ſo oft aus der harmloſeſten Me⸗ lodie.„Weil ich Dich lieb habe!“ las er in den heißen Blicken Selma's.„Weil ich Dich lieb habe!“ fühlte er bei jeder Be⸗ rührung ihres Körpers. Aber es war kein angenehmes Gefühl, welches ſo auf ihn einwirkte. Er hätte viel darum gegeben, von dieſen Unter⸗ richtsſtunden befreit zu ſein, und begrüßte deßhalb beinahe mit Freuden eine allerdings traurige Veranlaſſung, welche ihm ge⸗ ſtattete, ſeine Lectionen bei Selma wenigſtens zu vermindern. Der Schullehrer hatte nämlich ſeit dem Tode ſeiner Frau gekränkelt, er aß und trank ſo wenig, daß es kaum der Rede werth war, er ſchlief, wie er ſagte, oft ganze Nächte lang gar nicht und hatte beſonders in den Frühſtunden einen böſen Hu⸗ ſten, daß er darauf aus lauter Ermattung nicht im Stande war, des Morgens ſeinen Schulunterricht zu ertheilen. Ob⸗ gleich Erich ſein Möglichſtes that, ſo konnte er doch nicht beide Claſſen beaufſichtigen, weßhalb er bei dem Pfarrer das Geſuch ſtellte, bis zur hoffentlich baldigen Geneſung des Herrn Wacker Eine Kaffeegeſellſchaft im Pfarrgarten. 99 in der erſten Claſſe Vormittags bis zwölf Uhr, in der anderen Nachmittags von ein bis mfuhe Unterricht ertheilen zu können. „Ha, ich verſtehe!“ hatte der Pfarrer geantwortet.„Was Sie aber von der hoffentlich baldigen Geneſung des Schulmei⸗ ſters ſagen, ſo muß ich mir darüber einige leiſe Zweifel erlau⸗ ben, denn der Mann iſt kränker, als er ſelbſt weiß; unter uns geſagt, halte ich es für meine Schuldigkeit, die Schulbehörde darauf aufmerkſam zu machen, um im Falle— nun, Sie wer⸗ den dieſen Fall verſtehen— im Voraus geſorgt zu haben.“ „Welchen Fall denn, Herr Pfarrer?“ fragte Erich angſt⸗ voll.„Sie werden doch nicht glauben, daß der Herr Schul⸗ lehrer ſterben könnte?“ „Es iſt dies Alles für uns beſtimmt in Gottes Rath, der Eine ſpäter, der Andere früher, und, wie geſagt, ich fürchte, ich fürchte.“ Daß aber Herr Wacker etwas Aehnliches fürchtete, konnte Frich unmöglich glauben, denn ſeit er recht leidend war, war er auch recht heiter geworden; er konnte jetzt mit lächelndem Munde erzählen von dem Elende, von all den Sorgen, mit denen er vom Beginne ſeines Lebens an zu kämpfen gehabt. Und wenn er dabei die Hoffnung n eine beſſere Zukunft aus⸗ ſprach, ſo leuchteten ſeine Augen voll Freudigkeit, ja, die ärm⸗ lichen Geſtalten ſeiner Kinder betrachtend, ſetzte er hinzu:„Auch dieſen armen Geſchöpfen wird es alsdann viel beſſer ergehen,“ worauf er mit einer fieberhaften Haſt von einem Bruder ſprach, von einem wohlhabenden Maurermeiſter, der kinderlos und nicht abgeneigt ſei, ſpäter— ſpäter für ſie zu ſorgen.„Was Sie betrifft, mein lieber Herr Proviſor, ſo wird es Ihnen hoffent⸗ lich ſpäter beſſer gehen, als es mir in dieſem traurigen Leben 100 Fünftes Kapitel. ergangen. Glücklicher Weiſe haben Sie ja keine Neigung, beim Schulfache zu bleiben, was mich für Sie freut, denn ich habe Sie recht lieb gewonnen— nur nicht beim Schulfach bleiben! Ah, das iſt eine undankbare Geſchichte, und je eher man davon loskommt, deſto beſſer iſt es!“— Dieſe letzten Worte hatte er mit einem eigenthümlich aufzuckenden Blicke begleitet und dann leiſe in ſich hineingelacht wie Jemand, der ſich aufs Innigſte freut über ein bevorſtehendes glückliches Ereigniß. Sechstes Kapitel. Von der Schattenſeite des Lebens, von hülfsbedürftigen Jungfrauen, von Verlobung und Tod. 3 Seit der Schullehrer ſo krank war, ſchrieb der Pfarrer keine befehlenden Zettel mehr, kam aber häufiger ſelbſt, meiſtens in Unterrichtsſtunden, auch wohl bei der Abenddämmerung, und war dann eines Tages von Selma begleitet, die es nicht hatte unterlaſſen wollen, ſich ſelbſt einmal nach dem Befinden ihres Lehrers zu erkundigen. Wir brauchen hier wohl kaum hinzuzufügen, daß Erich ſchon ſeit einiger Zeit ſeine Unterrichtsſtunden im Pfarrhauſe aufgegeben hatte:„Hoffentlich nicht für immer,“ ſagte das junge Mädchen,„denn ich fühle es, wie ich nach und nach wieder Alles verlerne, und das iſt mir höchſt ſchmerzlich— ach, wenn Sie es wüßten, mein lieber Herr Erich, wie ſehr, ſehr ſchmerzlich!“ Sie ſtand neben ihm am Fenſter des Schulzimmers, wäh⸗ rend der Herr Pfarrer bei Herrn Wacker in der Wohnſtube war—„ach, ſo tief ſchmerzlich, daß ich nicht anders kann, als es Ihnen ſagen, mein lieber Herr Erich!“ Dabei lehnte 10²2 Sechstes Kapitel. ſie ihren Kopf an ſeine Schulter, und fühlte zu ſeinem Schrecken an dem Zucken ihres Körpers, daß ſie plötzlich und ſehr heftig anfing zu weinen. „Um Gottes willen, was fehlt Ihnen, Fräulein Selma?“ „Was mir fehlt,“ rief ſie ſchluchzend,„was mir fehlt— mir fehlt Alles, Alles auf der weiten Erdenflur! Ich bin ein bedauernswürdiges Geſchöpf, ich werde geliebt, ohne wieder zu lieben, ich liebe, ohne geliebt zu ſein! Doch Sie verſtehen das nicht, nein, Sie können das nicht verſtehen und brauchen es auch nicht zu verſtehen. Aber Eines müſſen Sie von mir anhören, aus der Tiefe meines zitternden Herzens, eine Wahr⸗ heit, die Ihnen vielleicht fürchterlich erſcheinen wird und um deretwillen Sie mir wohl einſt eine Thräne des Mitleids nach⸗ weinen werden— einſtens, wenn ich nicht mehr da bin, wenn nur noch ein Geiſt der Erinnerung, ſanft geſchlungen um den Namen Selma, über dieſe Fluren, die mich einſt ſo entzückten, ſchmerzlich trauernd dahinzieht— o, bemitleiden Sie mich, Erich, beklagen Sie mich, ein armes, wehrloſes Opferlamm, denn ich werde geopfert, ja, von einem unerbittlichen Vater, von einer hartherzigen Mutter— geopfert!“ Nun aber hatte Erich keinen rechten Begriff von einem ſolchen Opfer, und wenn er ſich auch den geſtrengen Pfarrer mit dem löwenartigen Haar und der lärmenden Stimme füglich als den Erzvater Abraham hätte vorſtellen können, ſo doch durchaus nicht Fräulein Selma in der Rolle des Iſaak; auch ſchien ihm ſo gar kein Grund vorhanden zu ſein, um in unſeren aufgeklärten Zeiten an eine ſolch gräuliche That zu glauben, weßhalb er auch in voller Ueberzeugung ſagte:„O, Sie müſſen ſich irren, Fräulein Selma! Es kann durchaus nicht Von der Schattenſeite des Lebens. 103 in der Abſicht Ihres Herrn Vaters oder Ihrer Frau Mutter liegen, Sie in irgend welcher Weiſe zu opfern. Sie müſſen ſich irren.“ „Irren,“ rief ſie und ſchüttelte dabei ihre hochblonden Locken,„irren! Allerdings wird man ſich irren, aber in mir, darauf können Sie ſich verlaſſen! Nein, ich will es nicht dulden, daß man mich in die Arme jenes Moloch ſchleudert, daß ich allen Freuden dieſes Daſeins entſagen ſoll, ohne vorher anderweitig gelebt und geliebt zu haben! Doch iſt hier nicht der Ort,“ ſetzte ſie mit ſanfter Stimme hinzu,„auch habe ich nicht die Zeit, um Ihnen dieſen ſchändlichen Verrath näher aus einander zu ſetzen, der an meinem armen, jungfräulichen Herzen begangen werden ſoll, wogegen es ſich unter allen Qualen ſträubt und auf Mittel und Wege denkt zu einer fürchterlichen Rache— und von Ihnen bin ich überzeugt, Erich, Sie werden mir in dieſem Rachewerk beiſtehen— ver⸗ ſprechen Sie mir, mich nicht ganz ſchutzlos zu laſſen, ja, mir beizuſtehen, ſobald ich es für nöthig finde, einen Ruf an Sie ergehen zu laſſen.“ Erich befand ſich in einer nicht geringen Verlegenheit, ein ſolches Verſprechen zu geben, denn er hatte damals noch die Anſicht, daß Verſprechen auch gehalten werden müßten, und konnte deßhalb in eine ſehr unangenehme Geſchichte kommen, wenn er ſich mit der aufgeregten Selma vereinigte, um Rache an dem Pfarrer, der Pfarrerin, vielleicht auch an dem jungen Geiſtlichen zu nehmen. Worin konnte eine ſolche Rache be⸗ ſtehen? Vielleicht daß man dem jungen Geiſtlichen Abends irgendwo ein Bein ſtellte, damit er in einen ſchmutzigen Graben falle, oder daß man der Pfarrerin heimlicher Weiſe Salz in 104„ Sechstes Kapitel. ihren Kaffee thäte, oder daß man ſogar ein großes Loch ſchlüge in das Trommelfell Seiner Hochwürden! Alles Dinge, zu welchen er doch nicht gern ſeine Hand bieten mochte. „Sie zaudern, Erich! Sie zaudern, mir das Verſprechen Ihrer Hülfe zu geben!“ rief das junge Mädchen leidenſchaft⸗ lich, und da ſie zu gleicher Zeit zu ſchwanken ſchien, auch ihre Augen ſchloß und alle Vorbereitungen traf, um ohnmächtig in ſeine Arme zu ſtürzen, ſo hatte er nichts Eiligeres zu thun, als ihr die Verſicherung zu geben, daß er bereit ſein würde, ihrem Rufe Folge zu leiſten, worauf ſie ungeſtüm ſeine beiden Hände ergriff, dieſelben an ihr klopfendes Herz drückte und. ihm zuflüſterte:„O, Erich, die Rache iſt ſüß!“ Glücklicher Weiſe hörte man in dieſem Augenblicke die ſchweren Tritte des Pfarrers, weßhalb Selma mit einem ſehr kalten, förmlichen Tone, dabei aber ſehr laut zu ihrem jungen Begleiter ſagte:„Ich danke Ihnen, ich werde meinen Weg allein finden!—“ Worin das Opfer, von dem Selma geſprochen und zu dem ſie auserkoren, eigentlich beſtehe, darüber ging dem jungen Manne am nächſten Sonntage ein ziemlich klares Licht auf, als der Pfarrer nach geſpendetem Segen am Schluſſe ſeiner Vormittags⸗Predigt einen kleinen Zettel entfaltete und der Ge⸗ meinde daraus verkündigte, daß ſich in den Stand der heiligen Ehe begeben würden nachfolgende Perſonen, und zwar:„Ernſt, Friedrich Schmelzig, Pfarrer zu Birnſtetten, derzeit noch wohl⸗ beſtallter Vicar dahier, und Jungfrau Selma Adelheide Leontine Wendler, eheliche Tochter des Pfarrers hieſiger Gemeinde.“ Wer Hinderniſſe wüßte, daß gemeldete Perſonen nicht ehelich zuſammenkommen könnten, der zeige es bei Zeiten an oder ent⸗ Von der Schattenſeite des Lebenz. 105 halte ſich nachher, etwas dagegen einzuwenden. Ihnen aber und uns Allen,“ ſchloß der Pfarrer mit tief bewegter, dumpf dröhnender Stimme,„verleihe der allmächtige Gott ſeinen väterlichen Segen! Amen.“ Vielleicht war es nicht ganz paſſend, daß der junge Schul⸗ gehülfe ſpäter zum Heimgange der Gemeinde, mit Beihülfe aller nur möglichen Regiſter, eine großartige Fuge über das herrliche Kirchenlied:„Nun danket alle Gott!“ ſpielte, obgleich er von dem Pfarrer darüber in wohlwollender Art belobt wurde.— Mittlerweile war der Sommer vergangen und der Herbſt gekommen, der die Vorboten einer ſtrengen Regierung, Nebel und ſcharfe Winde, jetzt häufig über Berg und Thal ſandte und der hier und da ſchon begann, die grünen Laubmaſſen mit gelben und rothen Blättern zu ſchmücken, vielleicht um ihnen allgemach durch dieſe Vorbereitungen das Scheiden von der freundlichen Erde zu erleichtern, oder auch um ſie feſtlich für das große Opfer zu ſchmücken, das des Winters eiſiger Hauch zu halten bereit war, ſobald er die Regierung angetreten. Und in der That feſtlich geſchmückt war Wald und Haide. Förm⸗ lich wie in Flammen lodernd oder wie brennende Büſche ſtanden die glänzenden, gelben Bäume und die wie glühend beſtrahlten Sträucher da unter dem Strahle der milden Herbſtſonne. Und wie beſchäftigt war alles, was Hände hatte, in Garten und Feld, einzubringen in die Scheunen und Vorrathskammern, was die gütige Erde geſpendet und was der Herbſt ſo herrlich verziert und freundlich lächelnd darbot! Erich hatte viele freie Zeit, denn es war Herbſtvacanz, und konnte ſich deßhalb dem armen Lehrer widmen, mit dem es zuſehends täglich ſchlechter 106 Sechstes Kapitel. ₰ ging. Vom Spazirengehen war bei dieſem ſchon lange keine Rede mehr, und es hatte ſeinem jungen, kräftigen Gehülfen keine kleine Mühe gemacht, ihn nochmals auf ſeinen Lieblings⸗ platz zu bringen, wohin ihn der Lehrer am erſten Tage ſeines Hierſeins geführt. Die Sonne ſenkte ſich prächtig hinter Wolken, bei unbeſchreiblich ſchöner Form und Färbung, weiß und lichtroth wie ſanft geblähte Segel anzuſehen, auf einem milden, ſeegrünen Grunde, während der jetzt unſichtbare Licht⸗ körper der Sonne einen gewaltigen Strahlenglanz in einem großen Halbkreiſe bis hinauf an den Himmel warf. Wer da ſo ſchmerz- und reulos in einen jener Wolkennachen mit ein⸗ ſteigen dürfte, langſam und immer weiter und weiter der Sonne folgend, mit unverwandtem Blicke an ihrem Strahlen⸗ antlitze hangend, bis dann endlich ſanft und ſchmerzlos die ewige Nacht einträte!„Oder,“ meinte er, als ſie langſam nach Hauſe gingen durch eine kleine Waldung hindurch, wo unter den Stämmen das abgefallene buntfarbige Laub gleich einem dicken Teppiche die Schritte unhörbar machte,„wer ſo, von einem milden Lufthauche bewegt, ſich von dem Lebensbaume ablöſen und— ein verwelktes Blatt— dahinflattern könnte in die Unendlichkeit ohne Schmerz und Klage!“— Dabei war der Gang des Kranken ſo ſchwer und er ſchien ſo ermüdet, daß Erich ihn verſchiedene Male am Wege niederſitzen ließ, was ihm ganz beſonders zu gefallen ſchien und ihn förmlich fröhlich ſtimmte durch die freundlichen Begrüßungen der Bauern, der Männer, Weiber und Kinder, die von draußen heimgingen, auf Wagen und Handkarren, in Säcken und Körben Früchte und Obſt mit ſich führend. Alle freuten ſich, den Schullehrer w une Von der Schattenſeite des Lebens. 107 wieder draußen zu ſehen, und prophezeiten ihm, daß es mit ſeiner Geſundheit gewiß bald beſſer gehen würde. „Ja, ja, das fühle ich auch,“ ſagte er alsdann, heiter in ſich hineinlächelnd,„und wenn es einmal wieder recht gut gegangen iſt, ſo werden wir uns froh und glücklich wieder⸗ ſehen!“ Zu Hauſe angekommen, ſetzte ihn Erich auf einen alten bequemen Stuhl, den er für ihn vom Thalmüller leihweiſe erhalten hatte; dann kamen die kleinen Buben, ſetzten ſich ruhig zu ſeinen Füßen auf ein niedriges Bänkchen, und Anna mußte ihm aus der Bibel eine Stelle vorleſen, die er ihr bezeichnete. Erich ging ab und zu, und es freute ihn, zu ſehen, mit welcher Milde, ja, Heiterkeit das eingefallene Geſicht des Kranken be⸗ ſtrahlt war und wie er zuweilen freundlich mit leiſer Stimme ſagte:„Sehr gut! Schön, ſchön!“— Er meinte damit eben ſo wohl die Worte der heiligen Schrift als die Fortſchritte, welche ſeine kleine Tochter im Leſen gemacht. Später, als Erich wieder hereinkam, ſaßen die drei Kinder dicht bei einander und hatten flüſternd die Köpfe zuſammen⸗ geſteckt. „Bſt, bſt,“ ſagte Anna,„der Vater ſchläft!“ Ja, er ſchlief, aber es war jener Schlaf, der uns einſtens Allen beſchieden iſt, jener feſte Schlaf, in dem uns weder gute noch böſe Träume ſtören und aus dem es diesſeits weder ein freudiges noch ſchmerzliches Erwachen gibt. „Kommt, Kinder,“ ſagte Erich furchtbar erſchüttert, ohne aber kluger Weiſe die drei armen Waiſen davon in Kenntniß zu ſetzen, was ſie ſahen und nicht verſtanden, was ſie viel⸗ leicht fühlten und nicht begriffen.„Kommt, Kinder, ihr ſollt 108 Sechstes Kapitel. jetzt zu Nacht eſſen und dann geht ihr zu Bette und ſchlaft jedenfalls.“ Er mußte ſich über ſich ſelbſt wundern, wie ruhig und gefaßt er bleiben konnte, während die Kinder ihr ſpärliches Nachteſſen bekamen und dann von einer alten Perſon, die ge⸗ wöhnlich bei häuslichen Verrichtungen aushalf, zu Bette ge⸗ bracht wurden, in das Bett ihres Vaters, wo ſie immer ge⸗ ſchlafen, während Anna auf einer kleinen Matratze am Boden lag. Daß er dabei zuweilen ein heftiges Schluchzen, das haſtig in ihm aufſtieg, gewaltſam unterdrücken mußte, war eben ſo natürlich, als daß ihm, wie er ſpäter auf die Straße trat und an den ſternbeſäeten, klaren Himmel emporſah, die Thränen unaufhaltſam aus den Augen ſtürzten. Es war das ſo natürlich in ſeiner Lage und zu gleicher Zeit ſo wohlthuend und tröſtend! Dann war ſein erſter, richtiger Gedanke, nach dem Pfarrhauſe zu gehen und dort den Tod des Schullehrers anzuzeigen. Wie linde und mild war der ſchöne Herbſt⸗ abend! Die Leute ſaßen plaudernd und ſingend vor ihren Häuſern, und durch die offenſtehende Thür erblickte man die lodernde Heerdflamme um den mit Suppe oder Kartoffeln gefüllten Keſſel. Häufig wurde ihm freundlich ein Guter Abend geboten, häufig wurde er auch, wie das oft geſchah, zum Miteſſen eingeladen; doch ſetzte er, dankend, ſeinen Weg fort, ohne aber irgend Jemanden zu ſagen, warum er noch ſo ſpät am Abend nach dem Pfarrhauſe ging. Im Pfarrhauſe angekommen, drückte Erich gewaltſam ſeine Thränen zurück, und als ihm das Dienſtmädchen die Thür öffnete, fragte er mit einer ganz ruhigen Stimme nach dem Herrn Pfarrer. Dieſer war mit der Pfarrerin über Land, und ꝗl Von der Schattenſeite des Lebens. 109 auch der junge Geiſtliche war ausgegangen; Selma aber, die den Ton ſeiner Stimme erkannt hatte, kam aus dem Wohn⸗ zimmer und nöthigte ihn, dort einzutreten. „Um Gottes willen, was iſt Ihnen geſchehen?“ rief ſie leidenſchaftlich aus.„Sie haben geweint!“ „Mir ſelbſt iſt gerade nichts geſchehen, Fräulein Selma, aber ich wollte Ihrem Herrn Vater nur ſagen, daß der Schul⸗ lehrer ſo eben geſtorben iſt.“ „Ach, wie Sie mich dauern! Und nun ſind Sie allein in dem Trauerhauſe?“ „Allein nicht, die Kinder ſind da und die alte Lisbeth, welche zuweilen aushilft.“ „O, ich kann mir denken, lieber Herr Erich, wie ſchmerz⸗ lich für Sie das geweſen iſt! Kommen Sie, ſetzen Sie ſich zu mir und erzählen Sie mir darüber oder plaudern mit mir, was Sie ſonſt wollen; das wird Sie zerſtreuen und beruhigen. Mein Vater und meine Mutter ſind nach der Stadt gefahren, von wo ſie vor eilf Uhr nicht zurückkommen können, und— er iſt ihnen entgegengegangen. Ach, wenn Sie fühlen könnten, lieber Herr Erich, wie wohlthuend im Schmerze Ihr Leid zu meinem verwundeten Herzen paßt und wie ich ſo glücklich bin, mit Ihnen, der mich gewiß verſteht, reden zu können!— Sie hatte ſeine Hand erfaßt und führte ihn nach dem alten Fami⸗ lienſopha, wo er neben ihr Platz nehmen mußte. Dann ſagte ſie mit weicher Stimme:„Doch nicht von mir wollen wir reden, ſondern Sie müſſen mir erzählen, was Sie bei jenem Verluſte gelitten und was Sie nun zu thun gedenken. Sie bleiben wohl nicht hier? Nicht wahr, Sie bleiben wohl nicht hier?“ 110 Sechstes Kapitel. Darauf vermochte nun Erich allerdings keine beſtimmte Antwort zu geben, wußte auch in der That nicht, welches paſ⸗ ſendere Geſprächsthema er ergreifen ſollte, als wenn er von dem großen Unglücke ſpreche, welches nun die drei armen Waiſen getroffen. Wie bewegt, gerührt hörte ihm Selma zu und wie innig ſchaute ſie ihn dabei an mit ihren heißen, halb geſchloſſenen Au⸗ gen, welche wie die ſeinigen von Thränen umflort waren! Wie ſchwer athmete ſie durch die leicht gehffneten, üppig geformten Lippen! Wie begreiflich war ihr inniges Mitgefühl und der ſo verſchiedenartige Ausdruck deſſelben, ihre tröſtenden Worte, der leichte Druck ihrer Hand auf ſein dichtes, krauſes Haar, dann das Anlehnen ihres Hauptes an ſeine Schulter, während ſie ihm unter Thränen verſicherte, daß auch ſie recht, recht unglück⸗ lich ſei. „Damals, als ich bei Ihnen war,“ ſagte ſie, indem ſie ſeine Rechte auf ihr Herz drückte,„damals hatte ſich mein Schickſal entſchieden, ich befand mich im erſten Stadium meines tiefen Leides, das Ihnen, Erich, wohl noch unverſtändlich iſt, dem Sie es aber zu Gute halten müſſen, wenn ich wilde Ge⸗ danken gegen Sie ausſprach, vor denen ich heute ſelbſt zurück⸗ ſchaudere. Was iſt überhaupt das Loos eines Weibes? Zu dulden und ſich in die Verhältniſſe zu ſchmiegen, und ich will das ja gewiß thun und gern thun, beſonders jetzt, wo ich über⸗ zeugt bin, daß Sie freundlich an mich denken werden, wenn ich einſt fern bin, wenn das Geſchick uns weit, weit aus einander geriſſen. Nicht wahr, das verſprechen Sie mir, Erich? Sie werden ſo gewiß an mich denken, als ich Sie nie, nie vergeſſen 71 will— nie— nie.. Von der Schattenſeite des Lebens. 111 Sein Herz war in dieſem Augenblicke ſo von Leid und Kummer erfüllt und er hatte ſich beſonders in letzterer Zeit ſo ſehr nach einem mitfühlenden Herzen geſehnt, daß ihm die innige Theilnahme Selma's wohlthat. Es überkam ihn eine Erinne rung aus ſeiner früheſten Jugend, wo er mit einer Geſſßielin, der kleinen Tochter eines Nachbars, im Walde Beeren geſucht, wo ſie, von einem Unwetter überfallen, unter reichlichen Thrä nen in einer mächtigen hohlen Eiche Schutz geſucht. Damals hatte ſich das jüngere Mädchen an ihn, den älteren Knaben, weinend angeklammert, hatte ihre heiße Wange an ſein Haar gedrückt, wie es jetzt Selma ebenfalls that, und er hatte mit tröſtenden Worten ſanft mit der Hand ihre Augen bedeckt, da⸗ mals, daß die blendenden Blitze ſie nicht erſchrecken möchten, und jetzt that er wieder ſo, weil er ſich fürchtete, vor den leuch tenden Augen des jungen Mädchens— bis damals ein furcht⸗ barer Wetterſtrahl, unter deſſen Wucht der Wald erbebte, die beiden Kinder aufſchreckend aus ihrem Verſteck trieb, und bis im gegenwärtigen Augenblicke etwas Anderes die gleiche Wir⸗ kung auf ihn und Selma ausübte, allerdings kein zuckender Blitzſtrahl, aber etwas noch viel Schrecklicheres— die Geſtalt des jungen Geiſtlichen, welcher raſch und unvermuthet die Stu benthür öffnete und erſtarrt auf der Schwelle ſtehen blieb. Erich, der wie Eſpenlaub zitterte, obgleich er durchaus nichts Böſes gethan hatte, blickte rathlos auf Selma, die eben falls im erſten Augenblicke unangenehm überraſcht ſchien; doch faßte ſie ſich mit einer erſtaunlichen Schnelligkeit, ſchüttelte ihre Locken aus dem erhitzten Geſichte und ſagte alsdann, ſich wie⸗ der breit auf das Sopha niederſetzend:„Da iſt der Herr Vi⸗ car, ſagen Sie ihm, weßhalb Sie hiehergekommen ſind und 112 Sechstes Kapitel. warum ich mich veranlaßt ſah, Sie in Ihrem gränzenloſen Kummer zu tröſten.“ Der junge Geiſtliche hatte ſich langſam genähert, und die Hände auf dem Rücken krampfhaft zuſammenfaltend, nagte er mit ſehr bleichem Geſichte an der Unterlippe und ſagte dann nach einem langen, tiefen Athemzuge:„Es wäre mir in der That ſehr erwünſcht, den genügenden Grund zu einer ſolchen Tröſtung zu erfahren.“ „Zu einer ſolchen Tröſtung?“ rief ſie ihm raſch und hef⸗ tig entgegen.„Zu einer ſolchen Tröſtung? Was verſtehen Sie unter dem Ausdrucke ‚ſolcher Tröſtung“? Fangen Sie ſchon wieder an, nachdem Papa und Mama eben erſt den Rücken ge⸗ wandt, und nachdem Sie heute Morgen noch verſprochen haben, mich freundlich und milde zu behandeln?— Nennen Sie das mich freundlich und milde behandeln, wenn Sie da ins Zim⸗ mer hereinſtürzen und Augen machen, als wenn Sie mich er⸗ morden wollten, und Sachen in Gegenwart eines Dritten zu mir ſprechen, die einer ſo häßlichen, ſchlimmen, abſcheulichen Deutung fähig ſind?— O, gehen Sie, laſſen Sie mich in Ruhe, Sie ſind unverbeſſerlich.“. „Sie werden mir doch nicht abſtreiten wollen, daß ich es geſehen, wie dieſer— junge Menſch äußerſt nahe noch bei Ihnen auf dem Sopha ſaß!“ „Auf dem Sopha ſaß!“ ſpottete ſie ihm nach.„Das werde ich gewiß nicht läugnen, aber äußerſt nahe, das iſt eine große Lüge!“ ſetzte ſie mit weinerlichem Tone hinzu, indem ſie mit dem Schnupftuche an ihre Augen fuhr.„Ja, eine große Lüge, und ich werde es Papa und Mama nicht verſchweigen, wie Sie mit mir vor fremden Leuten umgehen, ja, ich werde Von der Schattenſeite des Lebens. 113 es ihnen ſagen und mich ſchon vor Ihrer Anklage, der ich ent gegenſehe, zu rechtfertigen wiſſen.“ 1 „Noch habe ich von keiner Anklage geſprochen,“ verſetzte der junge Geiſtliche mit vor Zorn bebender Stimme,„und es gibt Sachen, die man am beſten unter ſich ausmacht!“ „Nun denn, ſo machen Sie es aus, mit wem Sie wollen! Ich will aber einmal nicht tyranniſirt ſein, jetzt nicht, ſpäter noch viel weniger— nie— nie— nie!“ Dann wandte ſie ihr Taſchentuch krampfhaft zwiſchen den Händen und verließ ſtürmiſch das Zimmer. Der junge Geiſtliche drehte ſich ſtumm gegen das Fenſter, ohne mit dem Schulgehülfen ferner ein Wort zu reden, und blickte in die dunkle Nacht hinaus, und Erich that das Beſte, was er thun konnte, nämlich langſam das Zimmer und das Pfarrhaus zu verlaſſen. Draußen blieb er noch einen Augenblick an dem Gitter⸗ thore ſtehen, ehe er dieſes hinter ſich zudrückte, und ſchaute zu— rück auf den vom Monde beſchienenen Garten und auf das ſtille Haus, welches, ſcheinbar nur Frieden athmend, vor ihm lag. Jetzt erhellte ſich daſſelbe Fenſter, aus welchem damals der Strauß Maiblumen herausgeflogen war; das war im Früh jahr geweſen, bei ſproſſendem Laube und duftenden Blüthen, und jetzt, wo der Herbſt gekommen, rauſchte das verwelkte, ab⸗ gefallene Laub unter ſeinen Füßen, recht paſſend für die trau⸗ rigen Gedanken, die ihn bewegten, wenn er daran dachte, wie er dieſen Sommer verlebt, ſo wie an das, was ihn in dem ſtillen Schulhauſe erwartete. Er hatte auf Beihülfe von dem Pfarrhauſe gerechnet, doch mußte er ſich jetzt an ein paar Nachbarn halten, von denen er Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 8 114 Sechstes Kapitel. glücklicher Weiſe auch einige fand, die noch, den ſchönen Abend genießend, vor ihrem Hauſe ſaßen. Er ſagte es ihnen leiſe, daß der Schulmeiſter geſtorben und der Pfarrer verreist ſei, worauf die Leute ſogleich mit ihm gingen, um das Nothwen⸗ digſte für die erſte Nacht zu beſorgen. Auch die nun folgenden recht traurigen Tage gingen vor⸗ über, und zwar durch Arbeit und Sorge nicht minder raſch, als eine heitere Zeit; dann kam der Bruder des Verſtorbenen, der kinderloſe Maurermeiſter, und nahm die beiden kleinen Bu⸗ ben und das kleine Mädchen mit ſich, zahlte auch die wenigen Schulden des Schullehrers und beſorgte einen beſcheidenen Denk⸗ ſtein auf das Grab ſeines Anverwandten; es war ein recht ſchmerzlicher Abſchied, den die Kleinen von Erich nahmen, ſie hingen ſich an ſeine Arme und Hände und mochten lange nicht von ihm laſſen. Ja, als ſie endlich auf den kleinen Wagen gepackt wurden, der ſie hinwegführen ſollte, ging er raſch ins Haus und ſchloß die Thüre hinter ſich zu, um dieſen Abſchied, bei dem es auf beiden Seiten nicht an Thränen fehlte, zu be⸗ endigen. Dann ging er lange in dem leeren Schlafzimmer auf und ab, betrat hierauf ſein ärmliches Zimmer, deſſen Möbel ſowie auch die der Wohnſtube von dem wohlhabenden Maurer⸗ meiſter als zu unbedeutend zurückgelaſſen worden waren. Erich hatte gerade keine glückliche Zeit hier verlebt, doch wenn er an den erſten Tag ſeines hieſigen Aufenthaltes dachte, ſo ſtahl ſich ein tiefer Seufzer aus ſeiner Bruſt, und er hätte gern alles Leid, alle Entbehrungen noch länger getragen, nur um nicht allein ſein zu müſſen. Ein Zettel des Pfarrers brachte einige Abwechslung in ſeine düſtern Gedanken. Se. Hochwürden ſchrieb ihm: da nun 115 Von der Schattenſeite des Lebens. der Schullehrer, Herr ii aee geſtorben, und in den nächſten Tagen ein jüngerer, rüſtiger Mann eintreten würde, ſo würde er ſelbſt einſehen, daß alsdann ſeines Bleibens hier länger nicht ſei. Vermehrten dieſe Zeilen ſeine Traurigkeit? Im Gegentheil, ſie ließen ihn freier aufathmen und übten die Wirkung auf ſein umdüſtertes Gemüth, wie wenn ſich an einem trüben Regenhimmel plötzlich das Gewölk zu verſchieben anfängt und eine lichte blaue Stelle zeigt. Aus eigenem An⸗ triebe hier fortzugehen, hätte er Herrn Schmelzer zu Liebe nicht gethan. Dieſen ſetzte er von allem, was ihn betraf, in Kenntniß, und ſein alter, wackerer Lehrer hatte ihm auch in Betreff der letzten Ereigniſſe geſchrieben, er ſolle ſich krampfhaft an ſeine jetzige Exiſtenz anklammern, er ſolle Alles thun, um ſich die Gunſt des neuen Lehrers zu verſchaffen; wer das ſei, hoffe er zu erfahren, und wolle er es alsdann bei demſelben nicht an guten Ermahnungen fehlen laſſen.„Du mußt in Deiner Stellung aushalten,“ ſchrieb Herr Wacker,„denn nur wenn Du ein paar Jahre zur größten Zufriedenheit Deiner Vorgeſetzten gedient haſt, wird es vielleicht möglich ſein, Dich nach der Reſidenz zu bringen.“ Da war nun freilich Alles vorbei, und wer den Zettel, den ihm der Pfarrer ſchrieb, eigentlich dictirt, darüber hatte er durchaus keinen Zweifel; ließ es ſich doch die Pfarrerin ange⸗ legen ſein, ihn auch in Kleinigkeiten ihren Haß fühlen zu laſſen. War doch ſein ehrfurchtsvollſter Gruß nach dem Gottesdienſte kaum im Stande, ihr ein unbedeutendes Neigen mit dem Kopfe abzugewinnen, und wenn ſie einmal nicht anders konnte, da der öflichkeitsbezeigung hielt, Pfarrer auf eine Erwiderung dieſer H 116 Sechstes Kapitel. ſo hatte er feine Ohren genug, einige boshafte Bemerkungen über irgend etwas zu vernehmen, die er ohne allzu großen Scharfſinn auf ſich beziehen konnte. Selma hatte er ſeit jenem Abende nicht wieder geſehen. Sie war verreist; ſie ſollte den Winter bei ihren Anverwand⸗ ten in der benachbarten Stadt bleiben und dort das Kochen gründlich erlernen. Ein Zeichen, daß und wie ſie ſein gedenke, ſchien ſie ihm allerdings noch nach ihrer Abreiſe geben zu wol⸗ len, und zwar durch einen loſen Zettel aus ihrem Geſangbuche, das ſie abſichtlich in der Kirche vergeſſen und ſich nun durch ihr Dienſtmädchen von Erich, der die Schlüſſel zur Kirche hatte, zurück erbitten ließ. Erich hatte das Buch gefunden und auch den Zettel geleſen, auf dem der Anfang des ſchönen Liedes von Freiligrath ſtand: O lieb', ſo lang du lieben kannſt, O lieb', ſo lang du lieben magſt, Es kommt die Zeit, es kommt die Zeit, Wo du an Gräbern weinſt und klagſt. Was die militäriſchen Uebungen der Schulbuben anbe⸗ langte, ſo hatten ſie über die Zeit der Herbſtferien geruht, und der Pfarrer fand ſich nun auch bewogen, den Wiederbeginn bei veränderter Sachlage und beim Herannahen der ſtrengen Jah⸗ reszeit vorläufig zu ſuspendiren. Zum guten Glücke war Erich während ſeines hieſigen Auf⸗ enthaltes mit ſeiner kleinen Baarſchaft ſehr ſparſam umgegangen und beſaß noch die Mittel, um nothdürftig leben zu können, denn ſeit dem Tode des Schullehrers bekümmerte ſich Niemand um ſeine Exiſtenz. Es war ja die Zeit der Herbſtferien, wo er nichts zu arbeiten hatte und wo er alſo auch nichts zu eſſen brauchte. Indeſſen hatte er Zeit genug, um über ſeinen Büchern Von der Schattenſeite des Lebens. 117 zu ſitzen; doch konnten bei den Mißtönen, die durch ſeine Seele zogen, ſelbſt die Regeln der Harmonielehre in ihm keinen rechten Anklang finden. So hatte er an einem trüben Herbſt⸗ tage mißmuthig das betreffende Buch auf die Seite gelegt und hätte ſich ſo gern an das Clavier geſetzt, um durch Variiren irgend eines Thema's eine freundliche Stimmung zu finden. Doch hatte begreiflicher Weiſe der Maurermeiſter das Inſtru ment verpacken laſſen und weggeſchickt. Erich griff nach einemt anderen Buche, als das, welches er eben weggelegt, und zwar nach einem ziemlich dicken Bande, der bisher unbeachtet in einem Winkel gelegen. Er kannte dieſes Buch wohl. Es war noch ein Vermächtniß ſeines Vaters, und der Name: Joachim Freiberg, Unteroffizier, ſtand auf der rechten Seite in breiten, kräftigen Zügen geſchrieben— der Leitfaden für Artillerie⸗ Wiſſenſchaften, in dem er als Knabe ſo gern geleſen, und auch jetzt wieder hatte er kaum ein Kapitel aufgeſchlagen, das ihn von jeher beſonders intereſſirt, nämlich:„Vom Verpacken der Shrapnels und Granaten,“ als er mit einem wahren Heiß⸗ hunger darüber herfiel und mit Luſt die Zeichnungen der geöffneten Wagen betrachtete, wo eines der runden Geſchoſſe neben dem anderen ſo zierlich verpackt war, die ſorgfältig ver⸗ klebten Zünder nach links gerichtet. Und dabei erweiterte ſich plötzlich ſeine Phantaſie. Er hörte wieder die Erzählungen ſeines Vaters, er ſah die weite Haide vor ſich mit der kleinen Schanze, nach der geſchoſſen wurde, er vernahm die Commando⸗ worte bei der Haubitze, die ihm ſchon als Kind ſo geläufig waren, er ſah das ziſchende Hohlgeſchoß in die Luft hinauf fliegen, ſich von oben in einem zierlichen Bogen herabneigen, und hörte es dann mit einem dumpfen Knalle explodiren. 118 Sechstes Kapitel. Erich ſah— nein, er hörte eine etwas rauhe Stimme hinter ſich, welche ſagte: „Ah, da findet man doch endlich Jemanden in dieſem verlaſſenen Hauſe, und zwar über Büchern ſitzend. Auf Cerevis eine gute Vorbedeutung!“ Erich ſprang raſch auf und ſah eine eigenthümliche Geſtalt vor ſich ſtehen. Es war ein junger Mann in den zwanziger Jahren, breit, unterſetzt, mit einem dicken, röthlichen Geſſichte, etwas ſtruppigem Haar, auf welchem eine ſo kleine dunkel⸗ farbige Mütze ſaß, daß man kaum begriff, wie ſie ſich da oben zu halten vermöge. Die Geſtalt war bekleidet mit einem grauen Flausrocke, mit einer ſchwarzen Weſte, auf welcher ſich ein dreifarbiges Band ſehen ließ, mit ebenfalls ſchwarzen Beinkleidern, und in der rechten Hand trug ſie einen derben Knotenſtock, während ſie in der linken ein Mittelding zwiſchen Reiſeſack und Ranzen hatte. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“ fragte Erich. „Ob es ein Vergnügen für Sie iſt, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne,“ gab die Geſtalt mit einem gemüthlichen Lachen zur Antwort,„weiß ich nicht ganz genau; doch ich bin weder ein ſo großer Mann, noch ein ſo ungeheurer Lump, um Urſache zu haben, meinen Namen zu verſchweigen. Ich heiße Franz Färber, alſo aus dem FF, war candidatus theolegiae, bis mich dieſer Schmiß hier auf meiner Wange von aller zu⸗ künftigen Heiligkeit befreite und mich zwang, ein Schulamts⸗ candidaten⸗Examen zu machen, und zwar ſo famos, daß ich zu einer Hülſslehrerſtelle in der Reſidenz begnadigt wurde, dort aber wegen unbedeutender Dinge, die nicht hieher gehören, mit der heiligen Inquiſition, zu Deutſch: Kirchen⸗Convent, in fatale Von der Schattenſeite des Lebens. 119 D Berührung kam und zur Ablöſung meiner Sünden hieher in dieſes Rattenneſt geſchickt wurde. Sie ſtaunen mich an, junger Menſch, ungewiß und zweifelnd, was ich bei der troſtloſen Proſa dieſes Dorfes begreiflich finde— Himmel, was iſt das für ein Neſt!— und will ich mich deßhalb ſelbſt ins Ge⸗ nießbare überſetzen, indem ich Ihnen ſage, daß ich als Lehrer hieher geſchickt wurde, um fern von Madrid darüber nachzu⸗ denken, ob denn die Liebe in der That ein gar ſo großes Verbrechen iſt.“ „Ah— der neue Herr Lehrer „Ja, ſo was Aehnliches; und Sie ſind wohl die Hülfe 14 meines Vorgängers?“ „So iſt es, Herr Lehrer. Erich Freiberg, ſeit einem halben Jahre hier in Zwingenberg.“ „O Zwingenberg,“ entgegnete der Andere ſeufzend,„welch vortrefflich paſſender Name für mich! Und doch kann ich mir noch gratuliren, denn ohne einige Schürzenbekanntſchaften, und zwar höchſt anſtändige von Seiten meiner achtbaren Frau Mama, hätten ſie mich wahrſcheinlich auf die Proſcriptionsliſte geſetzt und damit meiner künftigen Carrière einen unwider⸗ ruflichen Fußtritt verſetzt.— Aber nun ſagen Sie mir, Herr Erich Freiberg, wo kann ich etwas Vernünftiges zu eſſen und zu trinken herbekommen, denn ich habe Hunger und Durſt? Hier iſt kleine Münze. Machen Sie einige kleine Anſchaf— fungen, was wohl nothwendig ſein wird, denn dieſe kahlen Wände ſehen mir nicht danach aus, als ſeien im Keller Schätze vorhanden.“ Dies war auch allerdings nicht der Fall, doch ſorgte Erich für einen genügenden Imbiß und freute ſich über den Heiß 120 Sechstes Kapitel. hunger, mit dem der neue Lehrer über das Eſſen herfiel und das dünne Bier vertilgte. „So, die Reſtauration wäre vollbracht, und nun werden Sie ſo freundlich ſein, mir das Pfarrhaus mit ſeinen Be⸗ wohnern zu ſchildern und mir Scylla und Charybdis zu be⸗ ſchreiben. Wer iſt ſchlimmer, der Pfarrer oder ſeine beſſere Hälfte? Gibt es einen dienſteifrigen Vicar, der auf dem armen Schulmeiſter herumzureiten liebt? Und wie— ſind die Pfarrers⸗ töchter? Freundlich, von ſchöner Geſtalt, oder alt und troſt⸗ bedürftig?“ Erich berichtete gewiſſenhaft und ohne Uebertreibung über das Pfarrhaus und deſſen Bewohner, worauf Herr Färber achſelzuckend ſagte: „So komme ich alſo für die ſchöne Selma zu ſpät. Der Schatz iſt verſchwunden, aber der Drache, welcher ihn hütete, iſt geblieben. Und was dieſen Drachen anbelangt, ſo habe ich für denſelben ein gewichtiges Briefchen aus der Reſidenz mit⸗ gebracht, in welchem auf die unverantwortliche Intrigue auf⸗ merkſam gemacht iſt, welche mich hieher getrieben und die ſo die Reſidenz eines ihrer tüchtigſten Lehrer beraubte. Suchen wir alſo die Pfarrerin zu gewinnen, denn was ihn, den Jupiter tonans, anbelangt, ſo ſcheint er mir, wie leider ſo oft, auch hier Nebenſache zu ſein. Vielleicht kann ich auch etwas für Sie thun,“ ſetzte er gutmüthig hinzu,„denn ich muß Ihnen geſtehen, Sie gefallen mir, ebenfalls Ihre Lecture dort. Ich ſchaute ein Bischen hinein, als Sie den Imbiß holten, und fürchtete ſchon, vom Handwerk begrüßt zu werden und Sie beim Katechiſiren zu ertappen. Helfen Sie mir jetzt ein vo. Von der Schattenſeite des Lebens. 1 ein wenig meine Toilette machen, damit ich mich droben würdig vorſtellen kann.“ Darauf wurde der kleine Nachtſack ausgepackt, aus dem ein ziemlich anſtändig ſchwarzer Ueberrock zum Vorſchein kam, auch ein Hemdkragen nach neueſter Mode, eine hohe Cravatte von Laſting, ein Paar dunkle Handſchuhe ſo wie ein weicher, runder, ſchwarzer Hut, der, gehörig aufgeſtellt, ein recht ehr⸗ bares Anſehen hatte. Erich brachte gefällig einen kleinen Spiegel herbei, auch etwas Waſſer ſo wie ein Stück Baumwollzeug, welches als Handtuch diente; dann aber ging er discreter Weiſe auf die Seite, bis ſich Herr Färber um- und angezogen hatte. Wie erſtaunte er aber ſpäter, als er ſah, daß vermittels der oben benannten Kleidungsſtücke eine förmliche Umwandlung mit dem⸗ ſelben vorgegangen war, und nicht nur im Aeußeren, ſondern auch was ſeinen Gang, ſeine Geberden, ja, ſeine Sprache an belangte! Sein ſtruppiges Haar hatte er vermittels eines Kammes und eines Stückchens Cosmetique ſo gewaltſam ge⸗ bändigt, daß es nun melancholiſch hinter ſeinen Ohren herab⸗ hing, den weichen Hut ſo gerade als möglich aufgeſetzt, und als er nun obendrein ſeine Augen mit einer Brille be— waffnete und ſich in demüthiger Haltung, mit zuſammengefal⸗ teten Händen und lispelnder Stimme erkundigte, ob er das außerordentliche Glück haben könnte, ſich dem Herrn Pfarrer in geziemender Demuth vorzuſtellen, da mußte Erich ſich ge— ſtehen, daß er es mit einem jungen Manne von großen Talenten zu thun habe. „Wäre der militäriſch donnernde Pfarrer droben,“ ſagte der Schullehrer, in ſeinen gewöhnlichen Ton verfallend,„der 122 Sechtes Kapitel. Herr im Hauſe, ſo würde ich es vielleicht wagen können, ihm mit einem: Grüß' Gott, alter Knabe! unter die Augen zu treten; da aber ſie das Regiment führt, ſo muß ich ſchon eines liebſamen Contraſtes wegen als ſtiller Demuthspinſel auf⸗ treten. Nun behüte Sie der Himmel! Ich hoffe, Ihnen bald vermelden zu können, wie es droben ausgefallen iſt.“ Damit verließ er das Haus, und Erich ſah ihm durch das Fenſter nach, wie er mit demüthig geſenktem Haupte, die Grüße der Bauern verbindlich erwiedernd, zum Pfarrhauſe hinaufging. Auch kam er ſo bald nicht wieder und ſtatt ſeiner ein Zettel des Pfarrers, worin dieſer ſchrieb:„der neue Schul⸗ lehrer, Herr Candidat Färber, werde für einige Tage im hauſe bleiben, bis die Schulwohnung wieder in anſtändige Verfaſ⸗ Pfarr⸗ ſung geſetzt worden ſei.“ Erich konnte nicht anders, als es ſchmerzlich empfinden, daß man den neuen Schullehrer für zu gut hielt, um in den allerdings ärmlichen Mauern zu hauſen, welche ihm ſelbſt bis— her lieb und werth geweſen. Und gerade dieſer Mann, der ihm ſo eigenthümlich erſchien, der gar kein Hehl daraus machte, daß er ſeines Vortheiles wegen vor dem Pfarrer und der Pfarrerin droben eine ganz andere Geſtalt annahm, wurde mit Freundlichkeit, gewiß auch mit Achtung behandelt, während man ihn, der mit redlichem Streben hieher gekommen war, wenig beſſer als einen Hund angeſehen hatte. Der arme Erich hatte eben auch keinen Begriff von Pro⸗ tectionen im Allgemeinen und von gewichtigen Empfehlungsbriefen im Speciellen, ſonſt hätte er jene Aufnahme des Herrn Färber jp ihm In Von der Schattenſeite des Lebens. 123 begreiflich gefunden. Schrieb doch die Verwandte aus der Stadt an die Pfarrerin: „Gegenwärtige Zeilen bringt Dir Herr Färber, der Sohn des Dir bekannten Conſiſtorialrathes, der ohne Neigung zur Theologie dieſes Studium auf den Wunſch ſeiner Eltern ergriff, aber die erſte beſte Gelegenheit benutzte, daſſelbe zu verlaſſen und zum Schulfache überzugehen. Er war Lehrer an der hieſigen Hauptſchule und wurde vom Conſiſtorium durch Schi canen ſeiner ſtrengen Vorgeſetzten gewiſſer Maßen zur Strafe nach Zwingenberg verſetzt; doch kann ich ihn Dir als aus guter Familie ſo wie als einen jungen Mann von angenehmen geſellſchaftlichen Talenten beſtens empfehlen. Seine Mutter, welche noch lebt, beſitzt einiges Vermögen, und wenn er einmal ein Jahr bei Euch geweſen iſt, ſo kannſt du ja Deinen Mann veranlaſſen, recht gute Zeugniſſe über ihn einzuſchicken, worauf ich alsdann nicht zweifle, daß er durch Verwendung guter Freunde hier eine erträgliche Stelle bekkommt. Wäre das nichts für Dein Bäschen, die kleine Pauline? Alt genug wäre ſie ſchon, um ans Heirathen zu denken. Die angenehme Nach⸗ richt über Deine Selma hat mich recht gefreut. Du biſt doch eine gute Seele, das Muſter einer liebenden Mutter! So haſt Du alſo weder auf hohen Stand, noch auf großes Vermögen chen, da es galt, den Bund zweier liebenden Herzen nicht zu trennen. Mein Mann hat leider immer noch ſeine Kopf⸗ ſchmerzen. Herr Färber, der uns häufig beſuchte, wird Dir ſagen, was ich dadurch zu leiden habe.“ Da in dem Zettel des Pfarrers an Erich auch noch ſtand, man ſolle von dem Gepäcke des Herrn Candidaten nur deſſen einen, ſchon geöffneten Nachtſack hinauf ſchicken, ſo kam der 124 Sechstes Kapitel. 2 junge Gehülfe dieſem Befehle pünktlich nach, was ihm ſehr leicht wurde, da von anderen Gepäckſtücken nicht das Geringſte zu ſehen war, man hätte denn den Knotenſtock dazu rechnen müſſen. Er ſtopfte den Flausrock mit hinein, auch was noch an Büchern herum lag: die ſchwäbiſchen Pfarrhäuſer der Frau Ottilie Wildermuth, die Leiden des jungen Werther, die Job⸗ ſiade und die Räuber von Schiller. Dann verſchloß er den Nachtſack und übergab ihn dem Boten ſo wie auch den Schlüſſel, den er vorher ſorgfältig in ein Papier gewickelt. Und was ſollte er jetzt noch beginnen? Der Pfarrer ſchien es nicht einmal der Mühe werth zu halten, ihm einen förm⸗ lichen Abſchied zu ertheilen, da er ſich den Anſchein gab, als betrachtete er Erich als in keiner Weiſe angeſtellt, ſondern nicht anders, wie die übrigen zurückgebliebenen erbärmlichen Effecten des verſtorbenen Schullehrers. Bei dieſem Gedanken warf er zuweilen trotzig den Kopf in die Höhe und faßte den Entſchluß, hier zu bleiben und nur erſt dann zu weichen, nachdem man ihm eine genügende Er⸗ klärung gegeben, warum man ſeine Dienſte nicht mehr wolle, oder, was noch beſſer ſei, er beſchloß, ſich dieſe Erklärung droben im Pfarrhauſe ſelbſt zu holen, wobei es ihm aber ſo wenig Ernſt mit dieſen Beſchlüſſen war, daß er ſich gleich darauf vornahm, das Schulhaus abzuſchließen, die Schlüſſel ins Pfarrhaus zu ſchicken und mit ſeinen Effecten zum Thal⸗ müller zu gehen, der ihn für einen ähnlichen Fall ſchon häuſig freundlich eingeladen.. Ehe er dies aber ins Werk ſetzte, ſchrieb er an ſeinen alten Freund Herrn Schmelzer, erzählte ihm ausführlich die letzten Begebenheiten und theilte ihm den gefaßten CEntſchluß 8* r Von der Schattenſeite des Lebens. 125 mit, wobei er die Hoffnung ausſprach, bei dem Thalmüller ſo lange bleiben zu können, bis er in Beantwortung dieſer Zeilen einen guten Rath erhalten. Dann packte er ſeine Effecten zu ſammen, um am anderen Morgen die Schule zu verlaſſen. Mit dem anderen Morgen kam aber auch Herr Färber vom Pfarrhofe herunter, und obgleich er auch hier wieder ſo ziemlich den burſchicoſen Ton von geſtern anſchlug, ſo ſprach er doch mit großer Zurückhaltung von dem Pfarrhofe und deſſen Be⸗ wohnern, wobei er ſchließlich bedauerte, daß es ſich doch wohl nicht thun laſſe, jetzt ſchon einen Gehülfen in Anſpruch zu nehmen. „Auch fürchte ich, daß man mir unter keiner Bedingung geſtatten würde,“ ſetzte er mit aufgehobenem Finger hinzu,„Sie, mein lieber Freund, hier zu behalten, denn Sie haben ſich da droben ein ganz verfluchtes Renommée gemacht; ſchon ſo jung und noch ſo luſtig, könnte man ſagen.“ „Ich verſtehe Sie in der That nicht,“ verſetzte Erich mit großer Ruhe. „Nun, wiſſen Sie, was mich anbelangt, ſo drücke ich bei den Schwächen meiner Nebenmenſchen bereitwillig beide Augen zu, dieſelbe Duldſamkeit auch für mich in Anſpruch nehmend; aber nach ſo handgreiflichen Beweiſen darüber, welch kleiner verfluchter Kerl Sie geweſen.... „Darf ich bitten, mir zu ſagen, worin dieſe Beweiſe be⸗ ſtanden?“ „Oder, wenn Sie wollen, Anklagen, die aber von dem heiligen Trifolium droben unisono beſtätigt wurden.“ „Und welche Anklagen?“ „Nun, daß Sie, anſtatt ſich mit dem Leſen und Schreiben 126 Sechstes Kapitel Ihrer Kinder zu beſchäftigen, mit denſelben Soldatenſpiele und ſonſtige Allotria getrieben, und was man aber gütigſt Ihrem mangel⸗ haften Wiſſen, die Buben etwas Beſſeres zu lehren, zuſchreiben wolle; daß Sie aber Unterrichtsſtunden im Pfarrhauſe, die man Ihnen in wohlwollendſter Abſicht verſchafft, dazu benutzt haben, um ſüße Augen an Selma zu machen, muſ ſelbſt ich ein Bischen ſtark finden!“ Erich fand es nicht der Mühe werth, ſich gegenüber dieſen lächerlichen Vorwürfen irgendwie zu entſchuldigen, ſondern deutete als einzige Antwort auf ſeinen bereits verſchloſſenen Koffer, worauf Herr Färber lachend fortfuhr: „Ja, ja, Sie ſchleichen ſich davon, wie der Marder vom Taubenſchlage, und ich will nicht einmal ſo indis scret ſein, um mich nach Ihren Erfolgen zu erkundigen, doch nach dem Portrait der hübſchen Selma zu urtheilen, könnte ich faſt bedauern, nicht 1 Ihrer Stelle geweſen zu ſein.“ Aufrichtig geſagt, müſſen wir die wahrhaftige Verſicherung abgeben, daß Erich durchaus nicht im Klaren war über den Grund dieſes Bedauerns, daß ihm aber ſchon geſtern, und heute noch mehr, Manches in den Reden des neuen Schul⸗ lehrers ſo wenig gefiel, daß es ihm nicht ſchwer wurde, das Schulhaus zu verlaſſen. Auch Jener nahm das Scheiden leicht, und ſo trennten ſie ſich auf der Schwelle des alten Hauſes mit kurzem Wort und Gruß. Siebentes Kapitel. Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe in Zwingenberg, wohnt einem militäriſchen Manöver bei, rettet eine Batterie vor fein d⸗ lichem Ueberfalle, ſchwebt aber in Folge davon in Gefahr, von einem rothen Huſaren als Spion zuſammengehauen zu werden. H Da ſtand Erich denn wieder an dem Meilenſteine, von p wo er zum erſten Male Zwingenberg geſehen hatte, und aber⸗ mals ſchaute er tief nachſinnend auf das Pfarrhaus mit ſeinen hohen Bäumen, auf die Kirche ſo wie auf das niedrige Dach des Schulhauſes, welches er damals nicht erkannt, auf das aber heute ſein erſter und auch wieder ſein letzter Blick fiel. War er trauriger, als an jenem Tage, wo er die baufällige Hütte ſeines Vaters verließ? Im Gegentheil. Damals haftete ein viel ſchwererer Druck der Verlaſſenheit auf ihm, damals betrachtete er das Leben als ein trügeriſches Meer, in dem man untergehen müſſe, wenn man nicht ſogleich ſchwimmend eine ſichere Bucht erreichen könne. Er kannte noch nichts von jenen vergeblichen Verſuchen, von jenem Ringen mit den Wogen, das nur dazu dient, unſere Kräfte zu erproben und zu ſtärken, von jenen mißlungenen Verſuchen, die uns nach vergeblichem Kampfe 128 Siebentes Kapitel. an das Ufer zurückſchleudern und uns ſo zwingen, unſer Glück an einer anderen Stelle zu erproben— Verſuche, die unſeren Muth ſtählen, da wir erfahren, daß das Mißlingen eines Planes nicht gleichbedeutend iſt mit bedingungsloſem Untergange. Und gelernt hat er auch Manches, ſo wie ſeine Kenntniſſe vermehrt, ſowohl die Kenntniſſe, welche man aus Büchern ſchöpft, als ſolche, die man ſich im Umgange mit Menſchen aneignet, und letztere ſind wahrlich nicht die ſchlechteſten. O, er war kein ſo unreifer Neuling mehr, als an jenem Tage, wo er zum erſten Male, an dieſen Meilenſtein gelehnt, ſeinen zukünftigen Beſtim⸗ mungsort vor ſich ſah. Er hatte Menſchen kennen gelernt, und wenn er auch ſeines Nachfolgers Art und Weiſe zu handeln gerade nicht zu billigen vermochte, ſo hatte er leider doch ſehr die Erfahrung gemacht, daß man auf dem geraden Wege nicht immer am leichteſten und unangefochtenſten durch die Welt kommt. Er hatte ſie gemacht als abſchreckendes Beiſpiel, wie er ſich ſelbſt vorſagte, und ſeine Ehrlichkeit ſo wie ſeine Wahrheits⸗ liebe wurzelten noch feſt genug in ihm, um trotz alledem die krummen Wege verabſcheuungswürdig zu finden. Aber was nun beginnen auf dem geraden Wege der Land⸗ ſtraße und dem der Tugend, die beide vor ihm offen lagen? Jetzt ſchon den Reſt ſeiner Baarſchaft daran wenden und gleich einem verlorenen Sohne zu Herrn Schmelzer zurückzu⸗ kehren und ſich zu ſtellen vor dem ſtrengen Auge des dortigen Pfarrers, dem ſein Amtsbruder in Chriſto und von Zwingen⸗ berg gewiß ſchon das Nöthige über ihn mitgetheilt— ein Weg, wohl zu überlegen, welcher auch in einigen Tagen noch einzu⸗ ſchlagen war, nachdem er auf die dringend freundliche Einladung Land und ückzu⸗ rigen ngen Weg, einzu⸗ adung Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. 129 des Thalmüllers ein paar Tage bei dieſem verweilt und den klugen Rath des alten, vielerfahrenen Mannes angehört. Alſo zur Königsbronner Mühle. Doch wußte er nicht, warum es ihm ſo ſchwer wurde, den alten Meilenſtein zu verlaſſen, warum es ihn gewaltſam zurückhielt und er ſich veranlaßt ſah, immer wieder nach Zwin⸗ genberg hinzuſchauen, auf die Fluren und Wälder, welche das ſelbe umgaben, ſo wie an den klaren, leicht von feinen Wolken⸗ rändern geſtreiftee Himmel empor, an dem große Scharen Waldvögel gen Süden zogen. Ah— das war es, was ihn zurückhielt, das kleine Geldſtück, welches er in die Steinfuge verborgen hatte und jetzt wieder hervorholte und es mit tiefer Empfindung, worein ſich nun ein kleines Weh miſchte, be— trachtete. Warſt du allwiſſend? fragte er. Wollteſt du mich damals vielleicht zurückhalten, nicht nach Zwingenberg zu gehen, weil du wie prophetiſch zweimal zur Erde rollteſt, ehe du dich in dein Steingefängniß zwingen ließeſt? Am Ende hatteſt du doch Recht mit deiner Warnung, und es wäre beſſer für mich ge⸗ weſen, wenn ich nach dem Wunſche meines Vaters lieber zum Säbel gegriffen, als den Haſelſtock in die Hand genommen hätte. Er betrachtete aufmerkſam die kleine Münze und fand, daß ſie die Jahreszahl ſeiner Geburt trug. Und gerade deßhalb, fuhr er, ſie betrachtend, fort, ſcheinſt du für mich etwas zu bedeuten, und ich will es noch einmal verſuchen, dich hier auszuſetzen, dich nochmals einzuſetzen in das Spiel des Lebens. Gehen ich und du verloren, was iſt's als⸗ dann weiter? Sollte es mir aber gelingen, mich aus der Tiefe Hackländer, Der letzte Vombardier. I. 9 130 Siebentes Kapitel. heraufzuarbeiten, ſo wird es mir ein Feſttag ſein, dich, ſelbſt mühſam, wieder zu ſuchen. Er ſuchte ein noch verborgeneres Plätzchen, wo er die kleine Geldmünze ſorgfältig wieder verbarg. Wenn jetzt ein heller Geiſt über mich käme! dachte er, indem er ſeine beiden Hände auf den Meilenzeiger legte, paſſend genug wäre der Platz dafür; hier ein Opferſtein, deſſen Be⸗ rührung mich einweihte in die geheimnißvollen Zeichen, um aus dem Fluge der Vögel mein künftiges Schickſal zu leſen. Doch vergebens blickte er an den Himmel empor; es ſchien im Reiſeprogramm der wandernden Vögel gerade eine große Pauſe eingetreten zu ſein, und nichts zeigte ſich, als hoch oben ein einzelner Punct, den ſein ſcharfes Auge für einen ſchwe⸗ benden Raubvogel erkannte. Jetzt ſchoß dieſer herab, gefolgt von dem Blicke des jungen Mannes, deſſen Erſtaunen indeß kein geringes war, als er nun hinter dem hügeligen Terrain, auf welchem der Raubvogel zwiſchen einer kleinen Gebüſchgruppe verſchwunden war, plötzlich einen dichten, weißen Rauch empor⸗ qualmen ſah, gleich darauf nebenan einen zweiten, und als nun nach einer Zwiſchenpauſe von einigen Secunden ein paar dumpf dröhnende Schläge ſein Ohr trafen. Was war das? Für das Kaliber eines Jagdgewehrs waren Rauch und Knall hundert⸗ mal zu ſtark. Seine Blicke ſchweiften neugierig über das cou⸗ pirte Terrain der Ebene hin, wo jetzt auf verſchiedenen Puncten, aber in großer Entfernung ebenfalls weiße Rauchwolken auf⸗ ſtiegen, denen nach längeren Zwiſchenpauſen gleichfalls dumpfe h Schläge folgten. A— a— a-—ahl ſagte Erich nach einem freudig tiefen Athem⸗ zuge, ſollte der Flug jenes Raubvogels, an dem meine Blicke Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. 131 ſo erwartungsvoll hingen, für mich von Bedeutung geweſen ſein? Sollte ſein Niederſtoßen, wenngleich unbegreiflich, im Zuſammenhange ſtehen mit dem, was das Schickſal für mich beſtimmt? Doch lächelte er im nächſten Augenblicke über dieſe kindiſche Phantaſie, um ſich mit großer Luſt der Wirklichkeit hinzugeben, zu welchem Zwecke er ſich auf den Meilenſtein ſchwang und mit weit aufgeriſſenen, funkelnden Augen vor ſich in die Ebene hinſchaute, wo jetzt aus zwei langen, weit von einander ent⸗ fernten Parallellinien, durch weiß aufquellenden Dampf gebildet, zahlreiche Schüſſe empordröhnten. Ja, und hinter der dies⸗ ſeitigen Linie entdeckte Erich's ſcharfes Auge bald hier, bald da Bewegungen von Pferden und Menſchen, das Gefunkel von Gewehrläufen, flatternde, buntfarbige Fähnchen an langen Lanzen⸗ ſchaften, in kleinen Trupps hier und da bei einander haltend. Jetzt vernahm er auch den Ton der Signalhörner auf der ganzen diesſeitigen Linie, allerdings ſehr ſchwach und unbe⸗ ſtimmt, und dann bemerkte er deutlich, daß dieſe Signale der Befehl zum Rückzuge geweſen waren. Leider! dachte Erich, der ſchon entſchieden Partei genommen hatte für die Armee, welche vor ihm ſtand und der er beim Avanciren unbedingt durch Dick und Dünn gefolgt wäre. Der Rückzug erſtreckte ſich gegen die leichte Anhöhe, über welche die Landſtraße lief, wo ſich Erich aufgeſtellt hatte, und ſein gieriges Ohr vernahm noch einige Zeit mit Wonne das Raſſeln und Klirren der zurückkehrenden Batterieen, das Schnauben der Ca⸗ valleriepferde, den kurzen, ſcharfen Trommelſchlag der Infanterie⸗ Colonnen. Hell ſchmetterte nun abermals der Klang der Hörner und Trompeten, Halt gebietend, auf der ganzen Linie, und 132 Siebentes Kapitel. dann ging es von Neuem los, wie vorhin, aber in viel ſchönerer Nähe. Pulverrauch und Knall der Geſchütze folgten ſich un⸗ mittelbar, zerriſſen die Luft mit ihrem Donner und hätten un⸗ bedingt den Tod in die feindlichen Reihen geſchmettert, wenn die Kanonen nicht blind geladen geweſen wären. Daher denn auch wohl abermaliges Zurückgehen der un⸗ glücklichen Freunde Erich's, und näher und näher raſſelte es heran, und dort, wo die Landſtraße bei Zwingenberg eine kleine Schwenkung machte, fluteten ſchon über ſie hinweg lange Reihen Infanterie, Reiterſchwadronen und Kriegsfahrzeuge jeder Art. Welch herrlichen, beneidenswerthen Punct hatte Erich beſetzt! Befand er ſich doch inmitten der ganzen Schlacht und hatte zu ſeiner Rechten einen ſchmalen Feldweg, aus dem jetzt eine ganze Batterie in vollem Galopp der Pferde hervorbrach. Wie ſchnaubten die Thiere, wie raſſelten die Räder, wie dröhnten die ſchweren Geſchütze auf ihren Laffetten, welch maleriſches Durcheinander bildete jetzt die auf der Höhe der Chauſſee an⸗ gekommene Batterie, ein vielfarbiger, glänzender Knäuel von Reitern, Pferden, Protzen, Laffetten! Batterie ha—a—a-—lt! Mit Kugeln geladen, Rieochetir⸗ ſchuß mit zweihundert Schritt Diſtance!— Und nun wie raſch und prächtig entwickelte ſich der Knäuel, wie ſtanden nach ein paar Secunden die Geſchütze ſo wohl gerichtet neben einander, Protzen und Pferde der Bedienungsmannſchaften hinter den Chauſſeedamm zurückgezogen, dort unter dem Schutze eines Zuges Ulanen haltend, wie flogen die Leute durch einander und um die Kanonen herum! Erſtes Geſchütz Feuerrr! Per— dautz—bum! Wie krachte der Schuß des nächſtliegenden Geſchützes ſo prächtig um die Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. 133 Ohren Erich's! Doch wäre er beinahe von ſeinem Meilenſteine herunter gefallen, denn er hatte wahrhaftig den Luftdruck geſpürt und hielt es deßhalb für keine Schande, von ſeinem Stand puncte herabzurutſchen und ſich neben den Stein zu ſtellen. Ja, er war mitten in der Schlacht, in einer hitzigen, hart näckigen Schlacht. Denn obgleich die feindlichen Linien jetzt unter rollendem Kanonendonner, in den ſich auch zuweilen das Knattern der Infanteriegewehre miſchte, näher und näher heran kamen, ſo ſchien doch die diesſeitige Armee die feſte Abſicht zu haben, ihre allerdings günſtige Poſition bis auf den letzten Mann zu behaupten, und dabei krachten die Schüſſe ſo ſchön und folgten ſich ſo raſch auf einander zu Erich's unbeſchreib licher Freude. Nicht zehn Schritte von ihm entfernt hielt der Batterie Commandeur, Hauptmann v. Brandt, ein magerer, ſtreng aus ſehender Mann, mit einem gewaltigen, horizontalen, fuchsrothen Schnauzbarte und grimmig blitzenden Augen. „Hol' der Teufel die Arrangements!“ rief er ſeinem erſten Lieutenant zu, der, hinter den Geſchützen auf⸗ und abreitend, zuweilen in die Nähe ſeines Chefs kam und der nun als Ant wort hinüber rief: „Arrangements, Herr Hauptmann? Ja, wenn man eine ſolche Kette fortlaufender Schnitzböcke Arrangements nennen kann. Hat ſich nicht dort vor uns das feindliche Cuiraſſiier⸗Regiment aufgepflanzt, als wenn die Lümmel in ihren weißen Röcken ſich nur ſo aus Hohn als Zielſcheibe hinſetzten?“ „Eine wohlfeile Bravour!“ brummte der Hauptmann in ſei⸗ nen rothen Bart.„Laſſen Sie einmal die beiden Haubitzen bis dicht an den Chauſſeerand vorgehen, um dieſe unvernünftige 6 4 . 1 134 Siebentes Kapitel. Cavallerie mit Granaten zu bewerfen. Wenn man ſo darauf ſpeculirt, daß Alles nur Manöver und Schein iſt, da könnte unſer Zug Ulanen da hinten eben ſo gut vorreiten, um das ganze Cuiraſſier⸗Regiment zu attaquiren. Laſſen Sie aber immer⸗ hin ein paar feſte Granatwürfe hineinthun.“ „Wird auch nichts nützen, Herr Hauptmann, und werden ſie auch dann nicht zurückgehen oder ſich wenigſtens verdeckt aufſtellen; denn ein Kind muß einſehen, daß wir ſie aus unſerer Stellung hier oben ſchon lange zu Brei zuſammengeſchoſſen hätten.“ „Thut nichts, pfeffern Sie einmal mit Granaten hinein.“ Die beiden Haubitzen wurden nun vorgeſchoben, und zwar ſo nahe an den Meilenſtein hin, daß der Lieutenant, der die⸗ ſelben commandirte, zu Erich hinüber rief:„Mach' Er, daß Er da fortkommt, ſonſt könnte Er was Schlimmeres in die Augen kriegen, als Sand und Staub!“ Erich hätte ſeinen ſchönen Platz nicht um eine Million ver⸗ laſſen, weßhalb er den erhaltenen Befehl dadurch umging, daß er ſich hinter dem Meilenſteine zuſammenduckte. „Da unten hält der alte Oberſt von Hain auf ſ ſeinem hochbeinigen Rappen,“ ſagte der Hauptmann, nachdem die Hau⸗ bitzen einige Würfe gethan;„ich meine, ich ſehe ihn hohnlachend ſeinen Bart ſtreichen. Schauen Sie einmal hinunter, Herr Premier⸗Lieutenant, es iſt mir gerade, als rangirten ſich die Cuiraſ⸗ ſiere zu einer Attaque.“ d„O unbeſorgt, Herr Hauptmann, dazu ſind ihnen ihre Pferde zu lieb! Doch wenn Sie mit Ihrem Glaſe ein Bischen mehr links halten wollten, ſo ſehe ich da ein paar Züge rother Hu⸗ ſaren eben in einem Hohlwege verſchwinden, der wahrſcheinlich hier hinauf auf die Chauſſee führt.“ 135 Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. „Richtig, richtig! Dieſem leichten Geſindel ſähe es ähnlich, hier auf wohlfeile Art eine reitende T Batterie zu erwiſchen; wir wollen ihnen aber das Maul ſauber halten. Das Beſte iſt, wir protzen auf, gehen auf die leichte Anhöhe dort hinter der Chauſſee zurück und bedienen ſie gehörig mit Kartätſchen.“ „Das können wir auch von hier thun, wenn es Ihnen gefällig iſt, Herr Hauptmann,“ ſagte der erſte Lieutenant nach einem Blicke auf die Landkarte, die er raſch auf dem Sattel⸗ knopfe vor ſich ausgebreitet hatte.„Hier iſt der Hohlweg aller⸗ dings angegeben, ſteht auch mit der Chauſſee in Verbindung, führt aber vorher durch ein Stück dichten Tannenwaldes, ſie ſich bei all ihrer Renommage doch zu betreten hüten w verden.“ Erich hatte von dieſer Converſation kein Wort verloren, ja, er hatte ebenfalls mit ſeinem ſcharfen Auge die feindlichen rothen Huſaren in den Hohlweg drunten verſchwinden ſehen; doch wußte er mehr, als was auf des Officiers Karte verzeich⸗ net ſtand, daß jener Tannenwald nämlich vor Kurzem abgeholzt worden war, und daß es raſchen würde, über die eben entſtandene Lichtung in wenigen Minuten die Höhe der Landſtraße zu erreichen. Das Vaterland war in Gefahr, und er beſann ſich keinen Augenblick, hinter ſeinem Steine hervorzukommen, um dem Batterie⸗Chef dieſe wichtige Mittheilung zu machen; ja, er be⸗ zeichnete einen Hügelrand links der Cl hauſſee als den Punkt, in kommen müßten, um ſteile das Pferden ein Leichtes ſein auf dem die Huſaren zum Vorſche Abhänge zu vermeiden, die dort mit jenem Thale, in dem ſich Mühlen befänden, im Zuſammenhange ſtänden. „Ja, ja, ſo muß es ſein, Herr Hauptmann!“ rief eifrig der erſte Lieutenant mit einem abermaligen Blicke auf ſeine 136 Siebentes Kapitel. Landkarte.„Was meinen Sie, wenn wir die Batterie eine Schwenkung machen ließen, um jenen Hügelkamm in voller Fronte beſtreichen zu können, ſobald ſich die Huſaren dort oben in ihrem Siegesbewußtſein zeigen? Es ſind das kaum dreihun⸗ dert Schritte, und es kommt von ihnen kein Mann und kein Pferdeſchwanz geſund nach Hauſe.“ „Gut, gut,“ antwortete freudig der Hauptmann,„wir wollen ihnen ein paar volle Kartätſchenladungen verabreichen, drei wird genug ſein, und dann ſollen ſich die Leute Mühe geben, ſo raſch als möglich aufzuprotzen, um auf die von mir vorher bezeichnete Höhe zurückzukehren, während unſere Ulanen ſich damit beſchäftigen werden, das, was allenfalls von Huſaren noch übrig ſein würde, wenn wir nämlich mit Kugeln ſchießen dürften, auf dem Boden zuſammenzuleſen. He, junger Menſch,“ rief er alsdann zu Erich hinüber,„ich danke Ihnen! Wenn wir im Kriege wären, würde ich Ihnen zu einer beſſeren Belohnung verhelfen.“ „Wäre auch alsdann unnöthig, Herr Hauptmann, denn ich thäte auch dann nur meine Schuldigkeit, indem ich eine ſo ſchöne Batterie vor einem Ueberfalle warne.“ 4 „Sehen Sie etwas von den Huſaren, Herr Premier-Lieute⸗ nant?“ fragte der Hauptmann. „Nein,“ entgegnete dieſer, ſich in dem Steigbügel aufſtellend. „Haben Sie nichts dagegen,“ fragte Erich, der entzückt war, hier dienen zu können,„wenn ich auf den Meilenſtein klettere und mich umſchaue?“ „Immerhin,“ lachte der erſte Lieutenant,„die Belohnung wird um ſo größer.“ 5 Es ſah eigentlich komiſch aus, wie der junge Menſch in . Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. 137 ſeinem langen, ſchwarzen Rocke nun auf den Meilenſtein ſtieg —„wie die Kuh auf'nen Appelboom“, meinte ein alter Feuer⸗ werker, der Commandant der erſten Haubitze. Jedoch mit Un⸗ recht, denn Erich that das mit einer bewundernswürdigen Fertig⸗ keit; dann ſchaute er ſcharf in die betreffende Richtung, während ſich die Geſchütze der Batterie in aller Stille nach dem bezeich⸗ neten Hügelkamme drehten und während Unterofficiere und Ka noniere in einer Spannung daſtanden, als handle es ſich nicht darum, gewöhnliche Manöver⸗Cartouchen zu verpuffen, ſondern um einen naſeweiſen Feind mit einer Anzahl ſchöner, glatter Kugeln zu bedienen. Jetzt bemerkte Erich auf ſeinem hohen Standpunkte etwas von den Huſaren, wie ſie unten um die kleine Hügelkette herum⸗ ſchlichen, wobei ſich jeder Reiter, um nicht geſehen zu werden, gegen den Hals ſeines Pferdes bückte, und bezeichnete dies dem Batterie⸗Chef durch eine ſo verſtändliche Pantomime, daß dieſer ihn augenblicklich verſtand und ſeinem erſten Lieutenant mit der Spitze des Säbels den Platz andeutete, wo die feindliche Ca⸗ vallerie hervorbrechen würde. Nach der Art, wie die Batterie vor ihm aufgeſtellt war, wäre ſie von den Huſaren in der Flanke gefaßt und aufs unangenehmſte überraſcht worden; jetzt aber zeigte ſie ihnen eine Reihe ſchöner Zähne, und Jeder freute ſich auf das Erſtaunen der Angreifer, wenn ſie mit einer prächtigen Lage bedient würden. Und dieſer große Augenblick nahte. Säbel⸗ ſchwingend flog der erſte Zug der rothen Huſaren über die Hügelkette herauf, und der Hauptmann der reitenden Batterie ließ ihn noch ein paar Pferdelängen weiter vorkommen, um ſie dann mit ſo furchtbaren Kartätſchenladungen zu überſchütten, 138 Siebentes Kapitel. daß, wie er vorhin richtig bemerkt, kein heiler Mann, kein heiler Pferdeſchwanz davongekommen wäre. Das mochte nun der ältere von den Huſaren⸗-Officieren, der die beiden Züge commandirte, einſehen, denn er ließ zum Abſchwenken blaſen und verlor ſich eben ſo raſch, wie er ge⸗ kommen war, hinter der Hügelkette, verfolgt nicht von einer weiteren Kartätſchenladung, ſondern von dem homeriſchen Ge⸗ lächter der ganzen Batterie, in welches Erich, im höchſten Ver⸗ gnügen Hände und Füße bewegend, mit einſtimmte. „Sollen wir jetzt zurückgehen, Herr Hauptmann?“ rief der erſte Lieutenant. „Warten Sie noch einen Augenblick, ich ſehe den Brigade⸗ Adjutanten herangaloppiren, vielleicht bringt er etwas Neues.— Was haben wir?“ rief er fragend dem heranreitenden Officier entgegen. „Die Batterieen,“ gab dieſer zur Antwort,„ſollen die dritte Aufſtellung nur markiren, ohne zu ſchießen, und ſich dann zur vierten vor dem großen Defilé aufſtellen, wo Seine Excellenz der Herr General ſelbſt gegenwärtig ſein werden! Guten Mor⸗ gen, meine Herren!“ 8 „Da dauert ſie ſchon wieder das Bischen Pulver, das verknallt wird,“ bemerkte unmuthig der Batterie⸗Chef gegen ſei⸗ nen erſten Lieutenant gewandt.„Was thu' ich mit einer ſolchen ſtummen Aufſtellung, das iſt den Mäuſen gepfiffen und kein Menſch lernt etwas dabei! Na, gehen wir zurück.“ „Wir haben hier unſere Schuldigkeit gethan, und wenn mir ſpäter einer von den Huſaren⸗Officieren in die Quere kommt, ſo werde ich nicht unterlaſſen, ihm obendrein noch tüchtig den Text zu leſen.— Batterie ha—a—a-lt! Zum Zurückgehen Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. 139 aufgeprotzt!“— Und abermals entſtand für ein paar Augen⸗ blicke faſt das gleiche, lebendige Durcheinander, wie vorhin, als ſich die Batterie entwickelte und zum Schießen aufſtellte. Dann ſchwangen ſich die Brigademannſchaften auf ihre Pferde, die Trompeter gaben das Signal zum Abmarſchiren, worauf ſich raſch die Reihe formirte und die Batterie auf der Straße davon⸗ trabte, wobei es der Hauptmann unterdeſſen nicht unterließ, mit ſeinem Säbel nach Erich zurückzuwinken und ihm auf dieſe Art ſeinen Dank zu wiederholen. Auf der ganzen Ebene, beſonders links von der Chauſſee, war nun Alles in lebendigſter Bewegung; dort auf den gegenüber⸗ liegenden Anhöhen zog ebenfalls Artillerie und Cavallerie gegen Weſten, und im Thale marſchirten ſtarke Infanterie⸗Colonnen ſtaubaufwirbelnd, ſo daß man häufig nichts Anderes ſah, wie das Glänzen des Sonnenlichtes auf den Gewehrläufen und Bayonnetten; dazwiſchen Trommelwirbel, Trompeten⸗ und Horn⸗ Signale ſo wie auch von fern herübertönend die vollen Klänge der Militärmuſik. Die befreundete reitende Batterie, welcher der junge Schul⸗ gehülfe ſo gute Dienſte geleiſtet, war ſchon ziemlich weit entfernt, als nun die feindlichen Truppen auf der Chauſſee nachzuziehen begannen und zwar als Vorhut derſelben jene beiden Züge rother Huſaren, die nun im langſamſten Schritte ihrer Pferde daher⸗ kamen. An der Spitze ritten drei Officiere im eifrigſten Geſpräche, „Ich kann Ihnen verſichern, mein Herr,“ ſagte der ältere derſelben,„daß der Hauptmann der reitenden Batterie ganz in ſeinem Rechte war, nicht vor uns zurückzuweichen, was er auch, glaube ich, nicht einmal gethan hätte, wenn wir ihm wirklich in die Flanke und zwiſchen ſein Geſchütz gekommen wären.“ 140 Siebentes Kapitel. „Aber daß wir nicht wenigſtens dort hineinkamen, iſt jammerſchade,“ ſagte ein Anderer;„wir ſind doch in ſo außer⸗ ordentlich famoſer Deckung um den Hügel herumgekommen, daß ſie nichts von uns geſehen haben.“ „Die von der Batterie ſelbſt allerdings nichts!“ rief der dritte Officier und ſetzte raſch und unmuthig hinzu:„Aber/ be⸗ merken Sie wohl den verfluchten Schwarzrock dort oben/ auf dem Meilenzeiger? Ich habe dieſen Kerl ſchon von unten bemerkt und auch geſehen, wie er mit Händen und Füßen gleich einem Telegraphen arbeitete! Schade, daß wir nicht im wirklichen Kriege ſind, der Kerl müßte mir hängen, oder mich ſoll der Teufel holen! Aber fragen will ich ihn doch, was er da oben zu thun hat.“ „Laſſen Sie ihn, Graf Seefeld, Sie riskiren höchſtens eine unartige Antwort.“ „Nun, das wollen wir einmal ſehen,“ entgegnete der An⸗ dere und warf ſein Pferd, einen prachtvollen arabiſchen Schim⸗ mel, gegen den Meilenzeiger hinüber, auf welchem Erich ſtand, während er ihm ſchon auf einige Schritte Diſtanz zurief:„Was treibſt du da oben mitten in der Manövrirlinie? Wahrhaftig, ich hätte große Luſt, dich da von deinem Steine herunterzu⸗ fuchteln! Steht die Vogelſcheuche da oben und macht Einem die Pferde ſcheu! Willſt du augenblicklich herunter!“ „Nein, ich will nicht,“ gab Erich trotzig zur Antwort, in⸗ dem er ruhig die Arme über einander ſchlug,„und wenn Sie ſelbſt ein Recht hätten, mich von dem Meilenſteine herunterzu⸗ weiſen, ſo habe ich jetzt große Luſt, zu warten, bis Sie an⸗ fangen werden, mich herunterzufuchteln!“ „Burſche, weißt du, mit wem du redeſt?“ 8 8 Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. 141 „O ja, mit Jemandem, der zu Pferde ſitzt, während ich gerade ſo Jemand bin, der auf einem Steine ſteht! Das iſt vielleicht der einzige Unterſchied.“ Nach dieſen Worten ſchauten ſich die beiden jungen Leute mit zornfunkelnden Augen ins Geſicht, wobei ſich Jeder, viel leicht unbewußt, bemühte, die Züge des Anderen feſt in ſich aufzunehmen. Beide mochten in gleichem Alter ſein, jedenfalls war der Unterſchied ihrer Jahre nicht groß, denn der Huſaren Officier war ebenfalls noch ein blutjunger Menſch, dem kaum ein leichter Flaum auf der Oberlippe ſproßte. Er war kräftig und musculös gebaut, hatte aber ein bleiches, ſehr langes Ge⸗ ſicht von unreinem Teint und durchaus nicht einnehmenden Zügen, ja, von einem widerwärtigen Ausdrucke, der noch da⸗ durch verſchärft wurde, daß er ſeine Augen zuſammenkniff und den langen Hals vorſtreckte, wobei ein Zug unbeſchreiblicher Verachtung um ſeine Lippen ſpielte. Im Uebrigen war er als Cavallerie⸗Officier eine brillante Erſcheinung von ſeinem ſchönen Pferde an— da ſein edles Blut ſich in allen ſeinen Theilen kund gab und das ſich unwillig ſchüttelte unter dem reichen Muſchel⸗ und Quaſtengeſchirre— bis hinauf zum Reiherbuſche auf ſeiner Pelzmütze und hinab bis zu den Rädern ſeiner Spo⸗ ren. Alles, ſeine Uniform, ſein Pelz, ſeine Waffen zeugten von Reichthum und Eleganz. Und trotz alledem blickte ihm Erich, wenngleich aufs höchſte gereizt, doch mit einer ſolchen Ruhe ins Geſicht, allerdings mit blitzenden Augen und leicht geöffneten Lippen, aber mit einem ſolchen Ausdrucke von Entſchloſſenheit in Miene und Haltung, daß vielleicht dieſes vollkommene Bild eines kampfgerüſteten jungen Menſchen, obgleich dieſer nichts wie ſeine Fäuſte hatte, 142 Siebentes Kapitel. eben ſo viel ſchuld daran war, daß der junge Officier in dieſem Augenblicke ſein Pferd wieder herumwarf gegen die dahinziehende Truppe, als die Worte des etwas näher herangerittenen Offi⸗ ciers, der ihm in einem vorwurfsvollen Tone zurief:„Aber, Graf Seefeld, ich bitte Sie dringend, wie kann man ſich ſo vergeſſen!“ „Ja, Sie haben Recht! Wer Pech angreift, beſudelt ſich! Aber ich will dieſes Geſicht nicht vergeſſen, und wenn ich ihm an paſſenderem Orte wieder begegne, ſo ſoll er Capital und Zinſen haben!“ Etwas Aehnliches dachte Erich, wobei er feſt überzeugt war, daß dieſes unangenehme, bleichgelbe Geſicht mit dem ge⸗ häſſigen Ausdrucke in Augen und um den Mund nie aus ſei⸗ nem Gedächtniß ſchwinden werde. Als nun die Huſaren vorübergezogen waren, ſtieg er lang⸗ ſam von ſeinem Meilenſteine herab und ſetzte ſich auf das Fußſtück desſelben, ſo die anderen Truppen, die noch folgten, behaglich an ſich vorbeiziehen laſſend. Schwelgte er doch förm⸗ lich im Anblicke dieſer bunten Mannigfaltigkeit, im Betrachten der verſchiedenen Waffenarten, von denen er bis jetzt viele nur vom Hörenſagen oder aus Bilderbogen kannte! Da kam ein Regiment ſtattlicher Cuiraſſiere, kräftige Männer und kräftige Pferde. Wie luſtig klirrten Pallaſche, Bügel und Sporen zu⸗ ſammen, wie glänzten die Helme, wie leuchteten die Cuiraſſe im Strahle der Sonne! Wenn auch das nachfolgende Jäger⸗ Bataillon nicht ſo impoſant und ſtrahlend ausſah, wie die eben vorbeigezogenen Reiter, ſo war es doch für Erich ebenfalls von großem Intereſſe; hatte er doch noch keine lebendigen Jäger⸗ truppen geſehen, ſich aber oft gewünſcht, einmal die kurzen, 78 Erich verläßt ſeine Stelle als Schullehrergehülfe. 143 gedrungenen Geſtalten anſtaunen zu dürfen, die Büchſe an der Schulter hängend, die Hüte mit dem dunkeln Federbuſche keck aufgeſetzt, und wie ſie ſo ungezwungen und doch ſo raſch vorüber⸗ zogen in lockeren Reihen, unter dem eigenthümlichen Klange eines einzigen Hornes, lachend, plaudernd und ſingend. Ihnen folgten Dragoner und dann kam eine ſchwere zwölfpfündige Batterie. Bei dem Anblicke der letzteren erhob ſich Erich, ſo⸗ wohl um ſie beſſer betrachten zu können, als auch aus Ehrfurcht vor der Waffe, bei der ſein Vater gedient. Und das mußte man ſchon ſagen, ſo eine ſchwere Batterie zieht mit einem Ernſte, einer Würde vorüber, die Einem zu denken gibt, und nicht nur die dumpfdröhnenden Kanonen ſcheinen ſich ihres Werthes be wußt zu ſein, ſondern auch die ſtarken, ruhigen Pferde, von der Mannſchaft gar nicht zu reden— große, geſetzte Leute, die im Gefühle ihres Werthes ohne Sang und Klang, ohne Lachen und Plaudern vorüberzogen. Ja, zwiſchen ihnen und der nach folgenden Infanterie welch bemerkenswerther Unterſchied! Hier lief Alles ziemlich unordentlich durch einander, die ganze Breite der Chauſſee einnehmend, das Gewehr auf der rechten Schulter oder auf der linken, oder auch vermittels des Riemens an der Achſel hängend, Manche ſchweigend, müde und verdroſſen, andere Compagnieen dagegen, in denen ſich vielleicht viele ausgiebige Spaßvögel befanden, luſtig und heiter, ſchlechte Witze machend und ſingend; ſo die letzte, welche an Erich vorüberzog und die ihm ſelbſt, der an ſeinen Meilenſtein gelehnt daſtand, große Aufmerkſamkeit ſchenkte, nachdem ein Haupttheil des erſten Zuges ihn, mit der Hand am Czako, ehrerbietig gegrüßt und den Nachfolgenden als den„General⸗Feldpater“ vorgeſtellt hatte. Darauf regnete es luſtige Bemerkungen über ihn und ſeinen 144 Siebentes Kapitel. langen, ſchwarzen Rock, und als ſchon die Compagnie vorüber⸗ gezogen war, wurde ihm noch ein Hurrah gebracht und das bekannte und berühmte Lied angeſtimmt: Friedrich Wilhelm ſaß im Wagen, Zog mit uns ins Feld. Ueber ſieben Jahr' wollen wir Frankreich ſchlagen, Luſtig und fröhlich ſein, juchhe! Luſtig und fröhlich ſein! Und dieſes„Luſtig und fröhlich ſein, juchhe!“ klang noch lange in einzelnen Worten aus der Ferne zu ihm herüber, und er meinte es auch dann noch immer und immerfort zu ver⸗ nehmen, als ſchon längſt das ganze Kriegsgetümmel an ihm vorübergezogen war und als die ruhige Stille des ſchönen Herbſttages wieder die Herrſchaft über Wald und Flur an ſich genommen hatte. Achtes Kapitel. Worin mancher der geneigten Leſer einen Bekannten aus früheren Jahren wiederfindet, von welchem Erich freundlich aufgenommen wird, manch Nützliches erfährt und ſchließlich aus einem Schullehrer⸗ — gehülfen in einen Jägerburſchen verwandelt wird. Lange war Erich noch in wacher Träumerei an dem Meilenſteine ſitzen geblieben und ſeine Phantafie beſchäftigte ſich lebhaft mit dem ſoeben geſehenen, aufregend maleriſchen Schau⸗ ſpiele. Ah, jetzt begriff er es wohl und erſt recht wieder, daß ſein Vater ſo mit Liebe und Enthuſiasmus von jener Zeit er⸗ zählen mochte, wo er als Geſchützführer ein Glied, und zwar ein kleine,s bildete in jener buntfarbig glänzenden Kette, die ſo eben vor ſeinem gierigen Auge vorübergezogen war und mit deren Einzelheiten er ſich noch immer beſchäftigte! Dann blickte er ſeufzend an ſeinem langen, ſchwarzen Rocke hinunter und beklagte es tief, daß er ſich durch Herrn Schmelzer dahin hatte bringen laſſen, ſtatt ſein Glück in den Reihen jener luſtigen, glänzenden Geſellen zu verſuchen, zahm unterzutauchen in dem Alltäglichſten, was das alltägliche Leben uns bieten könnte. Damals, im erſten Anlaufe, wäre es ihm vielleicht noch ge⸗ Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 10 146 Achtes Kapitel. lungen, bei jener Batterie als Freiwilliger angenommen zu werden, in welcher der Name ſeines Vaters noch einen ſo guten Klang hatte, damals, friſch vom Hauſe weg; wenn er ſich ge⸗ meldet hätte mit der alten Dienſtmütze ſeines Vaters auf dem Kopfe, die hinter einem alten Schranke neben einem roſtigen Säbel hing, und wenn er zu dem betreffenden Hauptmanne geſagt hätte: Mein Vater iſt todt, ich bin ein Soldatenkind und will wieder Soldat werden— damals noch, in der kurzen, grauen Juppe, in der er ſich in Feld und Wald herumtrieb. Wenn er dagegen jetzt kam, in dem ehrbaren, ſchwarzen Schul⸗ meiſtersrocke, und auf die Frage„Woher?“ von ſeiner verun⸗ glückten Lehrerlaufbahn berichten mußte, wobei es nun natürlich ſo herauskam, als wollte er jetzt nichts Anderes und Beſſeres wiſſen oder als ein junger, angehender Thunichgut zum Kalb⸗ felle ſchwören, ſo konnte er es dem Hauptmanne von der Ar⸗ tillerie— natürlich war es der mit dem rothen Barte von vorhin, welcher jetzt in ſeinen Träumen eine Hauptrolle ſpielte — nicht übel nehmen, wenn er ihm zur Antwort gab: Bleiben Sie lieber bei dem, was Sie zuerſt ergriffen; der Lehrſtand und Wehrſtand paſſen nicht gut zuſammen, Erich war rathlos und tief betrübt, ja, es gab einen Au⸗ genblick, wo er ſich fragte, ob es nicht am Ende beſſer wäre, nach Zwingenberg zurückzukehren, um zu verſuchen, ob er nicht wenigſtens ſo lange dort bleiben könne, bis ihm Herr Schmelzer geſchrieben und ihm vielleicht eine andere Stelle verſchafft hätte. Doch nein, tauſendmal nein! Es erſchien ihm als unmöglich, wieder zurückzukehren in jene Verhältniſſe, jene Umgebung, die ihm jetzt als noch einmal ſo drückend, ja, als unerträglich vor⸗ kamen, nachdem ſoeben in dem friſchen militäriſchen Leben ein Ein Bekannter aus früheren Jahren. 147 ſo ſchönes, herrliches, glänzendes Bild durch ſeine Seele ge⸗ zogen war. Er verließ die Chauſſee und hatte nach einer halb ſtündigen Wanderung die Königsbronner Mühle erreicht. Es war ein großes, ſtattliches Gebäude, das Haus, wo der Müller wohnte, und wo ſich die Mühlwerke befanden, dicht an eine ſteile Felswand geſchmiegt, wo in einer halb natürlichen, halb M künſtlichen Waſſerrinne ein mächtiger Waldbach aus einem ſchmalen Seitenthale hervortrat mit ſo ungebändigter Jugend kraft, daß es ihm ein Leichtes war, vier gewaltige Räder zu treiben. Gegenüber dem Hauſe lagen Oekonomie⸗Gebäude, Scheune, Stallungen, vor welchen das Abwaſſer der Mühl werke einen ziemlichen Teich mit ſchönem, klarem Waſſer bildete, deſſen Ueberfluß erſt jetzt als ruhig ſtrömender Bach nach Zwin genberg hinabfloß. Auf dem Teiche und deſſen Uſern trieb ſich eine zahlreiche Geflügelwelt ſchnatternd und gakkernd umher. Die Räder der Mühle ſtanden ſtill, denn es war um die Mit tagszeit, und Erich ſcheute ſich faſt, gerade jetzt einzutreten. Doch blieb ihm keine Wahl, denn der große Hund des Müllers ſchlug ſo laut an, daß der älteſte Sohn des Hauſes unter die Thür trat und ihm freundlich mit der Hand winkte, näher zu kommen. „Das hat ſich gut getroffen,“ ſagte der alte Müller, als Erich in die Stube trat,„mir ſcheint, eine dicke Nudelſuppe, mit einem guten Huhne darin, iſt Ihre Lieblingsſpeiſe, und wenn das auch nicht der Fall wäre, ſo haben wir noch etwas An⸗ deres, mit dem Sie fürlieb nehmen müſſen es iſt gern ge⸗ geben.“ Es wurde ein Teller für den Gaſt aufgeſetzt, und da er wußte, wie es der alte Müller gern hatte, ſo griff er herzhaft 148 Achtes Kapitel. zu, als ihm die vortreffliche Suppe mit einem tüchtigen Stücke ſchneeweißen Huhnes vorgelegt worden war. 3 An dem großen, viereckigen Tiſche war die ganze Familie verſammelt, lauter geſunde, ſchöne, kräftige Menſchen, obenan der alte Müller mit ſeinem weißen Haar und buſchigen Augen⸗ brauen über den klaren, durchdringenden Augen, deren Ernſt übrigens, ſobald er zu ſprechen anſing, dadurch gemildert wurde, daß ſich alsdann, mit wenigen Ausnahmen, ein freundliches, faſt ſchalkhaftes Lächeln auf ſeinen Lippen zeigte. Natürlich war er das Haupt der Familie und der unumſchränkte Herr im Hauſe, letzteres um ſo mehr, da ſeine Frau ſchon vor Jahren, bei der Geburt ihres jüngſten Sohnes, den wir bereits in Erich's Schule kennen lernten, geſtorben war und die älteſte Tochter Roſine, ein kräftiges Mädchen von vielleicht dreißig Jahren, dem Hausweſen vorſtand. Rechts und links vom Müller ſaßen ſeine beiden Söhne Johannes und Gottfried, der erſte älter, der zweite jünger als die Schweſter, und unten am Tiſche, neben dem kleinen Friedrich, eine alte Anverwandte, Jungfer Lene, gewiſſer Maßen das Factotum des Hauſes, die ſich gern mit Träume⸗Auslegen und Prophezeiungen abgab und dadurch den alten Müller ſtets veranlaßte, gerade von dem, was ſie im Schlafe oder im Kaffeeſatze geſehen haben wollte, das Gegentheil zu thun. Alles in dem Zimmer, die alten, aber ſoliden Möbel, das feine Tiſchzeug mit dem ſchweren, gediegenen Porcellan⸗Service, zeugte eben von Wohlhabenheit, und war Alles einfach, aber im höchſten Grade reinlich, und doch ſah man auch Luxus⸗ möbel in dem weiten, geräumigen Gemache, deſſen Decke ſo wie der untere Theil der Wände aus Holzvertäfelung beſtand, Ein Bekannter aus früheren Jahren. 149 die vor Alter dunkelbraun geworden war. So ein ſehr bequemer Lehnſtuhl neben dem großen Kachelofen und in der Ecke des Zimmers ein verſchloſſener Glasſchrank mit einer Sammlung reich und iili ausſehender Gewehre und anderer Jagd⸗ geräthſchaften. Die faſt ſtädtiſche Kleidung des Müllers iſt uns ſchon von früher her bekannt, und eben ſo, obgleich ſehr einfach, trug ſie auch Roſine, während Gottfried, der jüngere Sohn des Hauſes, in einem ſchmucken Jagdanzuge wie gerade aus der Reſidenz gekommen zu jen ſchien. Johannes allein zeigte an ſeinem weiß beſtaubten Haar ſo wie an Mehlflecken auf ſeiner Jacke, die allerdings auch von gutem Tuche war, die Spuren der Arbeit. Nachdem die Mahlzeit beendigt war und Jungfer Lene den kleinen Friedrich fortgeſchickt hatte unter dem Vorwande, er müſſe den Katzen Heu aufſtecken, lehnte ſich der alte Müller in ſeinen Stuhl zurück und reichte Erich ſeine Hand, indem er ſagte:„Jetzt heiße ich Sie noch einmal willkommen, Herr Pro⸗ viſor, und will auch jetzt gern hören, daß es nicht nur für ein einfaches Mittagseſſen iſt, weßhalb Sie zu uns kamen, ſondern daß Sie eine Zeit lang hier bleiben an da helfen keine Einwendungen, die Roſine wird eine Wohnung für Sie beſor gen, zu der es bei uns wahrlich an Platz nicht fehlt.“ „Dagegen will ich auch gar keine Einwendungen machen, ſondern ehrlich geſtehen, daß ich hergekommen bin mit der Bitte, ob Sie mich nicht ein paar Tage dabehalten wollen. Es iſt drüben in Zwingenberg ein neuer Lehrer eingezogen, und der Herr Pfarrer findet, daß ein Gehülfe für denſelben unnöthig ſei. Er hat mir deßhalb angegei igt, daß ich das Schulhaus je eher je lieber räumen möge.“ 150 Achtes Kapitel. „Und der Lehrer war derſelben Anſicht? Iſt er verheirathet, hat er ſtarke Familie?“ „Er machte keine Miene, mich zu halten. Wie ich glaube, i*ſt er ledig, auch würde ich mich gar nicht genirt haben, denn der Pfarrer, an den er Empfehlungsbriefe hatte, lud ihn ein, in dem Pfarrhauſe zu wohnen, bis die Lehrerwohnung wieder in einen guten Stand geſetzt worden ſei.“ „So, ſo— pfeift der Wind aus dem Loche? Nun, dann bekommen wir entweder etwas ganz außerordentlich Gediegenes oder einen Hauptlumpen! Waren die Empfehlungsſchreiben an ihn oder an ſie?“ „An die Pfarrerin, wie ich glaube.“ „Na, da wiſſen wir ſchon Beſcheid; ſeien Sie aber froh, daß Sie drunten weg ſind. Chrlich geſagt, in Ihrem Geſichte ſteht geſchrieben, daß Sie nicht zum Schulmeiſter paſſen. Ich verſtehe das; Sie ſchauen viel zu frei in die Welt hinaus und können Ihre Augen nicht zur gehörigen Zeit niederſchlagen.... — So, er hat Empfehlungsſchreiben an die Pfarrerin! Dann wird dieſe am Ende bedauern, daß Fräulein Selma verſorgt iſt. Nun, mich geht's weiter nichts an. Alſo vor der Hand bleiben Sie hier, und wir wollen zu Ihrer Ankunft ein Glas Guten trinken. Jungfer Barbara, fuhr er mit einem ſchalk⸗ haften Lächeln und einem eigenthümlichen Aufblitzen ſeiner Augen fort, holen Sie mir eine Flaſche von dem gewiſſen.“ X „Gern, Herr Vetter,“ gab die alte Anverwandte zur Ant⸗ wort, ſagte aber darauf mit einem leichten Achſelzucken:„Der Herr Proviſor könnte denken, daß ich wirklich Barbara heiße, und doch iſt mein Name— Lene— Jungfer Lene....“ „Ganz richtig, Jungfer Lene, und wir werden das nicht Ein Bekaunter aus früheren Jahren. 1 G◻ — vergeſſen; aber ich muß Ihnen wiederholt verſichern, Jungfer Lene, daß Sie ſo ſehr etwas von einer Jungfer Barbara an Sich hat, zuweilen unwillkürlich in den Mund kommt. Nig für ungut!“ die ich früher einmal gekannt, daß mir der Name Jungfer Lene brachte gleich darauf eine Flaſche, aber von einer anderen Sorte, als der Müller gewünſcht, weil, ſagte ſie mit großer Wichtigkeit und aufgehobenem Zeigefinger,„um die Flaſchen, von denen Ihr gewollt, eine Spinne ihre Fäden ge⸗ zogen, ſo daß man nichts herausnehmen konnte, ohne das Ge⸗ webe zu zerreißen, und das bringt Unglück, wenn man mit ſolchem Weine Jemandes Willkommen trinkt.“ „Darin hat die Lene Recht,“ verſetzte der Müller mit großer Wichtigkeit,„und darum bitte ich Sie, dieſe eine Flaſche wieder hinunterzutragen und dafür zwei von den andern heraufzuholen, dann wird's nimmer ſchaden. Die zwei Flaſchen kamen denn auch und wurden von dem Müller, von Gottfried und von dem Gaſte geleert, während Johannes in die Mühle gegangen war und ſich die beiden Frauen⸗ zimmer zu ihren häuslichen Geſchäften entfernt hatten. Dann erzählte Erich von dem Manöver, welches er heute Morgen mit angeſehen, ſo wie auch, auf welche Art er die rei⸗ tende Batterie vor dem Ueberfalle der rothen Huſaren gewarnt und wie er dadurch mit einem der Cavallerie⸗Officiere, den die andern Graf genannt, in Wortwechſel gerathen. „Ah, das iſt der!“ rief der alte Müller, indem er mit den Fingern einen Mrarſch auf dem Tiſch trommelte.„Ja, ich glaub's wohl, einer von der Sorte, mit denen ſchlecht Kirſchen eſſen iſt, die des feſten Glaubens ſind, daß die Welt nur allein für ſie da iſt und daß alle anderen Menſchen nur deßhalb vor⸗ 15² Achtes Kapitel. handen, um ihnen auf die Köpfe zu treten, wenn's angeht— einer von denen, für die der Menſch erſt beim Baron anfängt! Blaues Blut! blaues Blut!“ „Kennen Sie die Familie Seefeld, Herr Burbus?“ „Ob ich ſie kenne! Drüben in dem Schöneichenwalde ſind wir Nachbarn. Ich werde Sie einmal da hinaufführen; es iſt lehrreich. Da haben die Seefeld einmal vor Jahren gegen alles klare Recht mit meinem Schwiegervater und mit mir einen Proceß angefangen wegen einer an ſich unfruchtbaren Schlucht, die aber einen vortrefflichen Wildwechſel hat. Sie behaupteten, die Schlucht gehöre ihnen; wir bewieſen ihnen aus Documenten das Gegentheil und gewannen auch nach hartem Streite den Proceß. Dazumal waren alle Nachbarn erſtaunt, daß wir ge⸗ meinen Leute es überhaupt gewagt, mit dem vornehmen Grafen zu proceſſiren, ja, es waren unter dieſen Nachbarn Subjecte genug, die uns aus dem Wege gingen. Aber wir gewannen den Proceß, die Schlucht blieb unſer und noch eine mächtige, hundertjährige Linde auf dem anderen Ufer, ein Baum, für den uns die Holzhändler ſchon öfter eine Maſſe Geld geboten; aber ſie ſteht noch da und wird auch hoffentlich ſtehen bleiben, ſo lange meine Kinder und Kindeskinder die Mühle im Beſitze haben.“.. Der alte Müller lächelte vergnügt vor ſich hin und trom⸗ melte ſtärker auf dem Tiſche, als er nach einer Pauſe ſagte: „Damals, als ich noch jünger war, hatte ich noch heißeres Blut und war zu luſtigen Streichen aufgelegt, weßhalb ich denn auch die alte Linde zu einem Denkmale unſeres Sieges machte und in die Rinde auf der anderen Seite ein elegantes Z und T einhieb— zum Trutz, wie es heißen ſollte und wie ſie es auch Ein Bekannter aus früheren Jahren. 153 verſtanden. Freilich ſagte mir einmal einer der Jäger von drüben, es wäre ſchade, wenn ein ſo ſchöner Baum einmal anfing zu kränkeln und einginge, oder wenn er einmal durch Unvorſichtigkeit vom Feuer verzehrt würde, worauf ich ihm zur Antwort gab, das müſſe man dem Himmel anheimſtellen, der eben ſo gut einzelne Bäume verdorren oder verbrennen laſſen könne, als ganze Wälder bei einem ſoliden Nordwinde; das verſtand er und ging davon. „Und jener Huſaren⸗Officier iſt der Sohn des Grafen Seefeld?“ fragte Erich. „O nein, er iſt der Sohn eines jüngeren Bruders desſel⸗ ben, der aber ſchon lange todt iſt, wurde indeß von dem jetzigen alten Grafen adoptirt und wird einſtens der Erbe des ganzen, ungeheuren Vermögens!“ „So hat der jetzige Beſitzer keine Kinder?“ „Nein, war auch bis vor fünf oder ſechs Jahren unver⸗ heirathet, ein alter Junggeſelle, der nur zur Jagdzeit hieher kam, ſonſt aber in der Reſidenz lebte oder auf weiten Reiſen in Italien, Frankreich und England ſich befand. Und wie hat er gelebt! Wenn der nicht von ſeinem Vater und ſeiner Mutter neben Millionen eine unverwüſtliche Geſundheit geerbt hätte, ſo müßte ſchon lange gar nichts mehr von ihm da ſein! Frei— lich iſt er auch jetzt nur noch der Schatten von einem Men⸗ ſchen, aber der lebt trotz alledem immer noch in den Tag hin⸗ ein— in die Nacht hinein, ſollte ich eigentlich ſagen, denn am Tage ſchläft oder ruht er und wird erſt mit den Fledermäuſen lebendig, um alsdann erſt wieder beim letzten Hahnenſchrei in ſein Bett zu kriechen. Dabei hat er noch, wie ich vorhin an⸗ deutete, vor fünf oder ſechs Jahren geheirathet, und zwar eine 154 Achtes Kapitel. junge, wenige zwanzig Jahre alte Dame, ebenfalls eine Gräfin Seefeld, damit auch deren Vermögen wieder bei der Familie bliebe. Dieſe junge Dame ſollte oder wollte einen jüdiſchen Baron heirathen, was dem alten Grafen als eine ſolche Ab⸗ normität erſchien, daß er ſich ſelbſt opferte, wie er ſagte, um die erlauchte Familie vor einer ſolchen Mesalliance zu bewah⸗ ren.— Doch was gehen uns dieſe Geſchichten an! Gratuliren können Sie ſich übrigens, daß der junge Graf trotz alledem heute Morgen bei guter Laune war oder ſonſt durch etwas ab⸗ gehalten wurde, ſonſt würde er ſich nichts daraus gemacht haben, Sie wirklich von Ihrem Meilenſteine herabzufuchteln.“ „Und das hätte allerdings ein großes Unglück geben kön⸗ nen,“ erwiederte Erich, finſter vor ſich niederblickend. „Denken wir nicht mehr daran,“ fuhr der alte Müller heiter fort;„trinken wir unſeren guten Wein und loben Gott, daß wir ſo geſtellt ſind, um nicht jene Kreiſe berühren zu müſſen.“ Doch konnten Erichs Gedanken noch nicht ſo bald wieder loskommen von dem blaſſen, unangenehmen Geſichte des Huſaren⸗ Officiers mit dem verächtlichen Zucken um den Mund, und er ſagte nachdenkend:„Nun, hoffentlich werde ich ihm in dieſem Leben nicht mehr begegnen, wüßte nicht, wie ſich unſere Fahrt kreuzen ſollte.“ „O, das könnte, denk' ich mir, ganz leicht geſchehen, wenn Sie, wie ich hoffe, eine Zeit lang bei uns bleiben; denn der junge Graf, dem es durch ſein koloſſales Vermögen auch nicht an der Liebe und Achtung ſeiner Vorgeſetzten fehlt, verbringt einen guten Theil der Jahreszeit hier draußen bei ſeinem Onkel und Vormund, welcher ſelbſt vom Anfange des Mai meiſtens 1 Ein Bekannter aus früheren Jahren. 155 9 Jah bis Ende December auf ſeinem Schloſſe verweilt. Und das iſt die einzige reſpectable Seite, die ich an ihm kenne, hat mir auch immer zu denken gegeben, daß, wenn man ihn in ſeiner Jugend zu beſſeren Dingen angehalten hätte, als allein zum Reiten, Fahren und Jagen— wiſſen Sie, die anderen Götter, Bacchus und Venus, kommen von ſelbſt dazu—, ſo hätte etwas Geſcheites aus ihm werden können; denn Liebe zu der ſchönen Natur kann man ihm nicht abſprechen, und wo die einmal iſt, da iſt auch nebenbei ein fruchtbares Feld, auf dem ſich das Nützlichſte und Beſte anſäen läßt. Auch Sie haben Liebe zur Natur, das ſehe ich an dem Glanze Ihrer Augen, mit dem Sie mich gerade jetzt anhören.“ „Gewiß, und es ſind meine ſchönſten Erinnerungen, die an Wald und Feld, an den klaren Himmel, an den Geſang der Vögel, beſonders an den Schlag der Lerche.“ „Na, das will bei Ihrer Jugend und Ihrem Bischen Erfahrung noch ſehr wenig heißen!“ lachte der Müller.„Aber ſehen Sie mich einmal an, mich trieb es aus der engen, dumpfen Stadt wieder hinaus in Gottes freie Natur, unter den Dom von Bäumen, den ſich der Schöpfer ſelber aufgebaut ſo hoch da droben, wie es in einem ſchönen Liede heißt— und das, nachdem ich zwanzig Jahre dort zugebracht, unter meinen Mit⸗ bürgern eine ehrenvolle Stellung eingenommen, eine Stellung, in der ich mir Vermögen erworben und in der ich, wie ich mit Stolz ſagen kann, manches Gute gewirkt. Und aber trotz alle⸗ dem fehlte uns immer etwas da drinnen, mir und meinem guten Weibe, und wenn wir in unſerer behaglichen Wohnung ſaßen, ſelbſt im Winter, wenn der Schnee unter den Rädern der Wagen knirſchte oder der Sturmwind an der Ecke des Hauſes 156 Achtes Kapitel. brüllte, ſo erinnerten wir uns trotz der weichen Teppiche, auf denen wir gingen, trotz des flackernden Kaminfeuers und trotz der hell erleuchteten Straße ſo gern und lebhaft an die weite, freie Schneelandſchaft da draußen, an die mächtigen Bäume, die jetzt allerdings mit dürren Aeſten im Winde ſo geheimni h⸗ voll rauſchten, an den ſchäumenden Bach, der an einem hellen Winterſonnentage ſo unvergeßlich blinkte und ſtrahlte, ja, an die Eiszapfen des alten Mühlenwehrs, die im Winkel hinter den großen Rädern eine Rieſenorgel von Eiskryſtallen bildeten, zwiſchen welchen der Wind auch keine ſchlechte Melodie pfiff!“ „Ah, Sie erinnerten ſich alles deſſen! So waren Sie früher auch auf dem Lande?“ 3 „Das will ich meinen! Geboren und in den erſten Jahren erzogen, und zwar in derſelben Mühle, in der wir jetzt ſitzen; allerdings nicht unter dem gleichen Dache, denn das war da⸗ mals etwas baufällig und von Stroh. „Wir Alten aber,“ fuhr der Müller nach einer Pauſe fort, während welcher er ein Glas Wein behaglich ausgetrunken, „hätten der Kinder wegen dieſe Sehnſucht wahrſcheinlich nieder⸗ gekämpft, bis man uns den hölzernen Frack angezogen und dann allerdings auf andere Art der Natur zurückgegeben hätte. Aber gerade die Kinder waren es, die dabei den Ausſchlag gaben, denn auf ſie, auf die Buben nämlich, waren die Nei⸗ gungen der beiderſeitigen Großväter übergegangen— Müller vom reinſten Waſſer, denn auch meine Frau, meine gute Sibylle, war eine Müllerstochter. „Johann, der Aeltere, warf ſich mit Leidenſchaft auf die Mechanik, hauptſächlich auf den Mühlenbau, und der da, der Gottfried, wurde Land⸗ und Forſtwirth, beſonders das Letztere, ½ Ein Bekannter aus früheren Jahren. 157 wie Sie an ſeiner grauen Juppe bemerken werden, ſo wie an dem Jägerhute dort mit Spielhahnfeder, und auch an der Gewehrſammlung in der Ecke, die ſein ſpecielles Eigenthum iſt. „Da wurde plötzlich dieſe alte Mühle, die ſchon längſt in andere Hände übergegangen war, dem Verkaufe ausgeboten, und nicht nur dieſe allein, ſondern auch ein benachbarter Bauernhof mit einem außerordentlich großen und ſehr ſchönen Areal von Fruchtfeldern und Wald, weßhalb ich zu meiner Alten ſagte: „Die Mühle will ich kaufen und daraus einen Sommeraufent⸗ halt für uns Beide machen.“ Denn damals hatte ich ſchon vor, meine ſtädtiſche Praxis zu vermindern. Bei dem Worte „Praxis“ ſehen Sie mich erſtaunt an; ja, ich habe in meiner Jugend Allerlei gelernt, wie Sie ſpäter hören werden. Meiner Frau war es recht, daß ich die Mühle kaufte, aber nicht nur dieſe, ſondern den Bauernhof dazu unter der Hand, und hatte ich daran ſehr klug gethan, denn unſere Nachbarn, die Seefelds, ließen mir, als ſie von dem Kaufe hörten, einen tüchtigen Nutzen bieten, wenn ich ihnen die Grundſtücke abtreten wolle. Ich aber ſagte quod non und legte dadurch allerdings den Grund zur Verſtimmung gegen mich, die dann auch unter Anderem zum Ausbruche kam bei dem früher erwähnten Proceſſe um die Schlucht. Mit dieſem Kaufe übrigens hatte ich einen Anker hier ausgeworfen, der unſer Lebensſchiff langſam aus ſeiner Bahn zog und hieher dirigirte. „Zuerſt war es Johannes, der ſich in das alte Mühlwerk feſtbiß und darin hantierte, daß im wahren Sinne des Wortes Trümmer und Späne umherflogen, ja, er fing an zu repariren, bis beinahe kein Stein von den alten mehr auf dem anderen war und aus der ärmlichen Waldmühle das ſtattliche Gebäude, 158 Achtes Kapitel. wie es heute da ſteht, geworden, mit einem Mühlwerke, vor dem ſelbſt die Bauern, die ſelten etwas Neues anerkennen, reſpect⸗ voll den Hut zogen; ja, die Dreſchmaſchine, vielleicht die erſte in Deutſchland, die wir aufſtellten, ſahen ſie als eine Art Hexen⸗ werk an.. „Dann kam der da, der Land⸗ und Forſtmann, und trieb es auf ſeine Weiſe, und nicht ſchlecht, wie ich zugeſtehen muß. So waren ein paar Jahre vergangen, und wir Alten waren abſichtlich fern geblieben, um uns überraſchen zu laſſen. Auch drohte damals etwas über unſerem Leben, was uns vielleicht für immer in der Stadt zurückgehalten hätte. Man bot mir nämlich die Oberleitung eines großen Spitales in der Stadt an.“ „So waren Sie Arzt?“ fragte Erich mit dem Ausdrucke des höchſten Erſtaunens. „Ja, mein Lieber, ich war ſo frei, mit tauſend anderen gewiß ehrenwerthen Männern an der Menſchheit herumzu⸗ pfuſchen, mit verbundenen Augen nach dem gewiſſen Topfe zu ſchlagen und leider auch häufig den Kranken zu treffen, anſtatt die Krankheit. Doch war ich vor allen Dingen Chirurg, und da ſieht man ſchon mehr wie und wo, als bei dem Departement des Innern, bei dem man noch immer die große Frage auf⸗ werfen kann, ob die Heilung eines tieferen Leidens oder das Mißlingen dieſer Heilung ein Ungefähr iſt. Man durchſtudirt die groß und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu laſſen, Wie's Gott gefällt! hat ein ſehr großer Mann geſagt, und unter den ſehr kleineren Männern fand auch ich, wie Recht er damit hatte. Nebenbei hat Alles ſeine Gränzen, auch die Ausübung der Chirurgie, d trieb 1 muß. waren ot mir dt an.“ rucke ineren benbei rurgie, 9 Ein Bekannter aus früheren Jahren. 159 ſelbſt für eine geſchickte Hand, wenn der Mann dieſer Hand zu fühlen anfängt, daß dieſelbe Momente des Zitterns hat. Doch genug davon. Ich ließ meiner Frau die Wahl, ob ſie Medicinal⸗ räthin, ſpäter einmal Frau von Burbus werden wolle, oder Müllerin ſchlechtweg, und da ſie ſich ohne alles Bedenken mit tauſend Freuden für Letzteres entſchied, ſo machten wir uns dieſes Privatvergnügen und daneben auch den guten Leuten in der Reſidenz den großen Spaß, mich trotz alledem für einen erzdummen Kerl zu halten, was mir indeſſen ſehr gleichgültig war, denn ſo viel kann ich Ihnen verſichern, junger Schulamts⸗ befliſſener,“ ſetzte er jovial hinzu,„daß, wie beim Militär ein Feldzug für zwei gewöhnliche Dienſtjahre zählt, ſo ebenfalls ein Jahr Landaufenthalt mit all ſeinen Freuden für zwei in der dumpfen Stadt. „So,“ ſagte der Müller, indem er bedächtig den Reſt der zweiten Flaſche vertheilte,„das von meiner früheren Lage habe ich Ihnen alles erzählt, weil auch Sie mir ſchon früher Ihr kurzes Leben geſchildert, weil eine Ehre der andern werth iſt und weil Sie wiſſen müſſen, unter weſſen Dach Sie leben. „Daß der Herr Pfarrer Ihrem Zeugniſſe,“ ſetzte er lachend hinzu,„über fortgeſetzten Lebenswandel noch ein paar dicke Striche zuſetzt, wenn er erfährt, daß Sie bei mir ſind, das haben Sie allerdings zu überlegen; ich will Ihnen aber auch, was dieſes Verhältniß anbelangt, einen eben ſo klaren, reinen Wein einſchenken, als Sie in Ihrem Glaſe haben, und das iſt bald geſchehen. Daß ich auch hier außen das Recht zu prakti⸗ ciren habe, verſteht ſich von ſelbſt, eben ſo, daß ich zum Beſten meiner Nachbarſchaft davon Gebrauch mache. Nun aber iſt der Arzt dieſes Kreiſes ein Bruder der Frau Pfarrerin, und ſo 160 Achtes Kapitel. können Sie denken, in welches Weſpenneſt ich geſtochen beim erſten armen Bauernburſchen, dem ich einen zerbrochenen Fuß einrichtete, und nicht ſchlecht, darauf können Sie ſich verlaſſen. Apropos,“ unterbrach er ſich plötzlich, aus ſeiner bequemen Stellung im Stuhle auffahrend,„ſieh' doch einmal nach, Gott⸗ fried, ob Jemand droben bei unſerem Gaſte iſt, das heißt, Je⸗ mand, der ihn ermahnt, ſeine naſſen Umſchläge gewiſſenhaft zu erneuern.“ „Ich werde nachſehen,“ ſagte der Angeredete aufſtehend; „an den ſchlurfenden Fußtritten droben glaube ich aber zu hören, daß die Lene bei ihm iſt.“ „In dem Falle bin ich ruhig, denn ſie wird ſchon dafür ſorgen, daß der Umſchlag ſtatt alle zehn alle fünf Minuten er⸗ neuert wird. Hat es ihr doch von einem Unglücksfalle geträumt, und zwar daß eine Schwalbe auf den Boden niedergefallen und mit einem fürchterlichen Krachen in vier Stücke zerbrochen, worauf dieſelben ins Waſſer geſprungen ſeien und nicht nur plötzlich wieder ganz geworden, ſondern als weiße Taube davongeflogen. „Alſo hat Waſſer dieſes Wunder bewirkt, und wird ſie deßhalb mit demſelben auf die verſchwenderiſchſte Art umgehen; wie allerdings der Artillerie⸗Officier ſich ſpäter in eine weiße Taube verwandeln ſoll, davon habe ich doch noch keinen rechten Begriff. „Sie ſehen mich fragend an,“ wandte er ſich an Erich, nachdem Gottfried fortgegangen war,„es iſt allerdings ein Artillerie⸗Officier, der droben bei mir in Pflege und Behand⸗ lung iſt; ſie machten geſtern da drüben in dem coupirten Wald⸗ terrain allerlei halsbrechende Manöver mit ihren Kanonen, unter deim Juß ſen. — Ein Bekannter aus früheren Jahren. 161 Anderem„Kehrt“ in einem ſehr ſchmalen Hohlwege, wobei das Pferd eines Officiers ſo unglücklich ſtürzte, daß er ſich das linke Handgelenk ſtark verrenkte. Da ſie keinen Arzt bei ſich hatten und er heftige Schmerzen litt, ſo ritt er hieher, und ich fand es für gut, ihn da zu behalten. „Jetzt wollen wir aber unſere lange Tafel aufheben,“ ſagte der alte Müller, trotz ſeiner Jahre raſch und lebhaft aufſtehend, „und nun, nachdem Sie bei mir gegeſſen und getrunken, ſeien Sie mir noch einmal herzlich willkommen!“ Er ſtreckte Erich ſeine beiden Hände entgegen und fuhr alsdann in einem warmen, faſt innigen Tone fort:„Nehmen Sie das nicht leicht, wenn ich Sie auf dieſe Art willkommen heiße, ich bin nicht ſo freigebig damit; doch ſagen mir Ihre freie Stirn, Ihre klaren Augen und Ihr offenes Weſen, weß Geiſtes Kind Sie ſind. Und ich weiß nicht, Sie erinnern mich in Ihrer ganzen Art, zu ſein, an einen Jugendbekannten, der trotz mancher leichtſinniger Streiche ein tüchtiger Kerl geworden iſt. Nun, die leichtſinnigen Streiche brauchen wir gerade nicht, wollen aber auf das Andere hoffen.“ Erich wollte ihm herzlich danken, doch verbat ſich das der Müller, indem er ſagte:„Wofür wollen Sie mir danken? Für das Bischen Eſſen und Trinken, das ich Ihnen gebe, oder für einen Platz in meinem Hauſe? Iſt nicht der Mühe werth, hoffnungsvoller Proviſor! Wenn Sie aber einmal einen recht guten Rath von mir kriegen, dann will ich Ihre Erkenntlichkeit annehmen.“ Gottfried kam mit der Meldung zurück, daß allerdings die Lene droben ſei und daß der Fußboden im Waſſer ſchwimme. Auch habe der Lieutenant gebeten, einen Auftrag für ihn an 11 Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 162 Achtes Kapitel. ſeinen Batterie⸗Chef zu beſorgen, der heute Nacht auf dem Haidenfeld mit den übrigen Truppen im Bivouac ſei. „So reite hinüber und richte deinen Auftrag aus. Oder meinſt du anders?“ „Wenn es dir recht wäre, ſo nähme ich meinen Jagdwagen und führe mit Friedrich und unſerem Gaſte hinüber.“ Erich's Augen ſtrahlten vor Freude, was der Thalmüller bemerkte und ſogleich zur Antwort gab:„Wenn es dir Ver⸗ gnügen macht und den beiden jungen Leuten, ſo habe ich nichts dagegen. Nimm aber einen ſicheren Knecht mit, denn deine Pferde ſind unruhig, damit, wenn ihr abſteigt und unter den Truppen umherlauft, nichts geſchieht. Noch Eines,“ ſetzte er hinzu, als Gottfried zum Weggehen ſchon die Thür in der Hand hatte—„du haſt gewiß aus deinem Kleidervorrathe noch eine Joppe für den angehenden Schulmeiſter. Er ſchont dadurch ſeinen langen, ſchwarzen, friedlichen Rock und hat auch heute Abend wärmer, wenn ihr nach Hauſe fahrt.“ „Wir wollen ihn ⸗ſchon umkleiden,“ ſagte Gottfried lachend; „und dann will ich ihm auch ſein Zimmer zeigen. Die blaue Stube, denke ich, neben meiner Wohnung?“ „Ja, ja, gib ihm die blaue Stube,“ pflichtete Herr Doctor Burbus bei und ſetzte alsdann, wie über etwas nachdenkend, hinzu:„Hatten Sie damals kein Gepäck bei ſich, als ich Sie nach Zwingenberg mitnahm?“ „Nein, damals nicht, ich....“ „Thut auch nichts, in Ihrer Jugend braucht man nicht viele Geſchichten. Etwas Wäſche ſteckt man in die Taſche.“ 3„Ich hatte damals,“ vollendete Erich mit einem Ausdrucke der Sicherheit ſeinen Satz,„meinen Koffer mit Kleidern und Ein Bekannter aus früheren Jahren. 163 Büchern vorausgeſchickt und habe ihn jetzt im Schulhauſe ſtehen laſſen, weil ich nicht wußte....“ „Ob wir Sie hier aufnehmen würden; ja, ja, ich begreif das. Der Andres ſoll nach dem Schulhauſe gehen und die Effecten des Herrn Proviſors abholen; doch wird es gut ſein, wenn Sie ihm etwas Schriftliches mitgeben wollen. Ordnung muß ſein!“ Neuntes Kapitel. Von dem Leben im Bivouac, ein rein militäriſches Kapitel, obgleich Zigeuner und Gaukler darin vorkommen. Die Truppentheile, von denen wir einige bei Zwingenberg manövriren ſahen, Artillerie, Infanterie, Cavallerie, auch ein Brückentrain, ſetzten dieſes artige Militärvergnügen noch eine Zeit lang im Laufe des Tages fort und verknallten recht viel Pulver auf eingebildete Feinde; ja, es wurden auch mitunter Heldenthaten verübt, wunderbare Proben von Ausdauer und Standhaftigkeit abgelegt, ſowohl beim Marſchiren als Exerciren, ſowohl beim Langſam⸗ und Schnellfeuer als in der Attaque auf die Wagen und Körbe der Marketenderinnen bei den ver⸗ ſchiedenen Halt⸗ und Ruhepunkten. Auch hatte ſich Se. Excelleuz im Allgemeinen mit dem heutigen Manövertage zufrieden er⸗ klärt, und darauf im Speciellen ebenfalls die Führer der ein⸗ zelnen Truppentheile bis herab zu den betreffenden Compagnie⸗ Chefs— eine Art von Vorgeſetzten, die nie zufrieden iſt— auf deren langer Brühe von Vorwürfen und Ermahnungen nur einzelne und ſehr bedingte Lobſprüche als ziemlich dürre Lorber⸗ blätter ſchwammen. 165 Von dem Leben im Bivouac. Darauf ſollte das ganze Armeecorps bivouakiren, und zwar jeder Truppentheil auf der Stelle, wo die letzten Schüſſe ge⸗ wechſelt worden waren. Daß während dieſes Bivouacs noch das außerordentliche Vergnügen einer allgemeinen Allarmirung bevorſtand, war ein großes Geheimniß, aber ein ſo öffentliches, daß beinahe jeder der Officiere bis zum Hauptmanne herab wenigſtens annähernd ganz genau die Stunde wußte, wo er überraſcht werden ſollte. Ein ſolches Bivouac, zumal bei er⸗ träglichem Wetter oder wenn man nicht gar zu dicht vor dem Feinde liegt, hat im Frieden ſeine recht behaglichen Seiten, wogegen das Bivouakiren im Kriege zu den unangenehmſten Dingen der armen Soldaten gehört, Soldaten hier in der weiteſten Bedeutung des Wortes, mindeſtens bis zum Regi⸗ ments⸗Commandeur hinauf, der vielleicht unter dem Schutze eines alten Pferdeteppichs auch keine großen Annehmlichkeiten auszuſtehen hat. Doch waren es dazumal friedliche Zeiten. Der klare Himmel eines ſchönen Herbſtabends ſpannte ſich über einen recht trockenen Boden aus; Holz zu den Wachtfeuern war in Maſſe auf die verſchiedenen Lagerplätze geſchafft worden. Das Manöver des Abkochens für die Truppen ſollte vermittels genügender Fleiſch⸗ und Kartoffelvorräthe ebenfalls ausgeführt werden, und was zu dieſer feſten Nahrung der Soldaten die flüſſige, geiſtige betraf, ſo waren neben der Sorge dafür von oben herab auch die Marketenderinnen mit gefüllten Wein⸗ und Branntweinfäßchen zur Stelle. Das Bivouac der Brigade, zu der auch die Batterie ge⸗ hörte, deren Premier⸗Lieutenant verwundet im Hauſe des Müllers zurückgeblieben, wie wir bereits wiſſen, lag eine gute Stunde —— 166 Neuntes Kapitel. von der Mühle entfernt auf einem recht paſſenden, ja, ſogar behaglichen Platze. Es war dies ein ziemlich weites Thal, von niedrigen Hügeln umgeben, von der breiten Land⸗ ſtraße durchſchnitten, deren eines Ende durch einen künſtlichen Verhau gegen den Ueberfall des Feindes geſichert war, und wo ſich zwei Geſchütze ſo wie ein Zug Cavallerie hinter einer doppelten Vorpoſtenkette von Infanterie als Vorwacht befanden. Hier wurde es für die armen Durchwanderer ſcherzhaft recht ernſtlich genommen und ſogar königliche Poſtwagen durch eine Cavallerie⸗Patrouille zuerſt an das Zelt des Commandirenden geleitet und dann über die Grenze des Lagers gebracht. An⸗ dere Wagen und Equipagen, mit Neugierigen angefüllt, ſo wie auch Reiter und Fußgänger ähnlichen Schlages führte man unter gleicher militäriſcher⸗Begleitung nach dem Aufſtellungs⸗ platze, der für ſie beſtimmt war, und hier ließ auch Gottfried Burbus ſeinen Wagen und ſeine beiden Pferde unter Andreas' Obhut, während er mit Erich und Friedrich durch das Lager ſchritt. Noch war es heller Tag und das Lagerbild zeigte ſich eben in dem maleriſchen Durcheinander, da die Soldaten im Begriffe waren, ſich für die Nacht ſo behaglich als möglich einzurichten. Die Cavallerie ſattelte ab, die Artillerie ſchirrte aus, lange Reihen Pflöcke wurden in den Boden geſchlagen, die Fouragirleinen herumgezogen und die Pferde daran gebun⸗ den, worauf man ihnen die Futterbeutel umhing. In der fernen Ecke, weit von den Plätzen, wo die Lager⸗ feuer angezündet werden ſollten, richtete man den Artilleriepark ein, zu welchem Zwecke die Geſchütze aufs genaueſte gerichtet Von dem Leben im Bivouac. 167 und in gleichen Intervallen nach der Schnur wie auf dem Exercierplatze neben einander geſtellt wurden. Die Infanterie hatte ihre Gewehre in Pyramiden zu⸗ ſammengeſtellt, Torniſter und Lederzeug daneben auf den Boden gelegt, und hier bei dieſer, die ſich nicht mit der Wartung der Pferde abzugeben hatte, ſah es am allererſten behaglich aus. Auf der entgegengeſetzten Seite des Artillerieparks brannten ſchon die Kochfeuer und ſchmorten die Kartoffeln mit Speck, Reiß und Waſſer zu einer angenehmen Brühe zuſammen, in Erwartung welches Nachteſſens ſich alle die von der Mann⸗ ſchaft, welche nicht mit einem der vielen Dienſte, die es im Bivouac gibt, bedacht waren, in Gruppen zuſammenſitzend oder bäuchlings auf der Erde liegend mit aufgeſtützten Ellenbogen, plaudernd und rauchend unterhielten, auch wohl eine gefüllte Schnapsflaſche herumgehen ließen oder ein heiteres Lied an⸗ ſtimmten; die Infanterie vielleicht: Ein Müller in ſeiner Mühle ſaß, Lauf, Müller, lauf u. ſ. w.; die Cavallerie: Wie kommen die Soldaten in den Himmel, Capitän, Lieutenant? Auf einem weißen Schimmel. So kommen die Soldaten in den Himmel, Capitän, Lieutenant, Fähndrich, Sergeant, Nehmt das Mädel bei der Hand, Kameraden, Solda—a—a-ten! wogegen die Artillerie ein anderes Lied hören ließ, mit dem Refrain:. Neuntes Kapitel. Wir führen ja den Donner Der heißen Schlacht! Wenn man zu dieſen verſchiedenen Geſängen ein gelegent⸗ lich jauchzendes Freudengeſchrei aus irgend einem dichten Sol⸗ datenhaufen nimmt, das Schnauben und Wiehern der Pferde, irgend ein Hornſignal in der Ferne oder ein Trommelwirbel, und dann mit Einem Male die vollen, prächtigen Klänge der Militärmuſik vor dem Zelte des Oberſten, ſo hatte das Ohr ſchon Beſchäftigung genug, während ſich das Auge nicht minder beſchäftigte mit den oben erwähnten Bivouac⸗Zurichtun⸗ gen, wozu noch das Aufrichten weißleinener Officierszelte kam, die wie mit einem Zauberſchlage aus dem Boden entſtanden, hier und da mit einem bunten Fähnlein geſchmückt, oder auch mit einem großen Eichenlaubkranze, den irgend ein poetiſch geſinnter Officierburſche an die Zeltſtange aufhing. Das regſte Leben und die wechſelvollſten, maleriſchſten Bilder ſah man begreiflicher Weiſe in der Nähe der Holz⸗ baracke des Commandirenden, ein ganz anſtändiges Gemach, nach einer neuen Erfindung conſtruirt, welche hier zum erſten Male probeweiſe in Anwendung kam. Vor demſelben ſpielten, wie oben ſchon erwähnt, abwechſelnd die verſchiedenen Muſik⸗ banden, und um dieſen Mittelpunkt ſchwärmte in engeren und weiteren Kreiſen alles, was ſich von ſeinem ſpeciellen Lager⸗ platze entfernen durfte und gern entfernte, nachdem abge⸗ geſſen war. Erich ſtrich mit ſeinen beiden Begleitern auf dem weiten Platze hin und her, und ſeine Augen funkelten vor Luſt und Entzücken, als er hier alles verkörpert bei einander ſah, was ſchon ſeit früheſter Jugend die Phantaſie des Knaben erhitzt 5 Von dem Leben im Bivouac. 169 hatte. Bald zog es ihn zur Infanterie hin, die gar ſo ver⸗ gnüglich bei einander ſaß, lachend und plaudernd, dabei aus kurzen Pfeifen rauchend, und wo die Flaſchen immerfort in der Runde gingen. Gab es doch hier Wetten zu vertrinken und Einſtände zu verzehren, beſonders von Einjährigen und ſonſtigen Freiwilligen, die zum erſten Male Pulver gerochen und dabei glücklicher Weiſe unverwundet geblieben waren. Dann blieb er auch wieder bei der Cavallerie ſtehen, wo Mann und Pferd in gegenſeitiger Anhänglichkeit, in Beweiſen von Sorgfalt und Pflege, ſo wie dafür in freundlicher Zuneigung eine einzige große Familie ausmachten, wo ſchon wegen der Sattelböcke und der großen Pferdedecken mehr Behaglichkeit herrſchte, wo aus Gläſern getrunken wurde und ſtatt der Pfeife häufig Cigarren geraucht. Am ſtärkſten aber feſſelte Erich der Anblick der Artillerie, die blanken und doch ſo ernſten Geſchütze, denen er ſo nahe zu kommen trachtete, als es ihm nur die auf⸗ und abſchlendernden Wachtpoſten erlaub⸗ ten. Ja, er fand auf dem Lagerplatze der reitenden Batterie eine Veranlaſſung, ſich nützlich zu machen, indem ſein ſcharfes Auge merkte, daß ein munterer Brauner durch Schütteln des Kopfes den Halſterſtrick von der Fourageleine gelöst hatte und gerade im Begriffe ſtand, davonzugehen, um ſich das übrige Lager ein Bischen anzuſehen. Vorſichtig, aber raſch trat Erich an das Pferd und befeſtigte den Halfterſtrick wieder, was ihm einen Lobſpruch von dem herbeigeeilten Unterofficier der Ar⸗ tillerie eintrug. Dann aber gingen ſie mit einander nach der Baracke des Commandanten, und der junge Forſtmann ſagte, als ſie ziem⸗ lich nahe waren, lächelnd zu Erich:„Da werden wir auch 6 18 170 Neuntes Kapitel. Ihren Freund von heute Morgen finden. Richtig, dort ſteht er ſchon! Sehen Sie, neben den beiden Dragonern. Der Huſaren⸗Officier Graf Seefeld!“ „Ja, ja, der iſt's!“ „Und da haben Sie auch die ganze Familie bei einander, von der mein Vater heute Mittag erzählte, die Seefelds nämlich. Kommen Sie etwas näher, das iſt intereſſant für Sie!“ Vor dem Gezelte des Commandanten hielt in dieſem Augen⸗ blicke ein ſchwerer, eleganter Landau mit zurückgeſchlagenem Verdecke, der, wie alle übrigen Equipagen, von einer Cavallerie⸗ Potrouille begleitet worden war und nun ebenfalls bei den übrigen Wagen Aufſtellung nehmen ſollte; doch ſagte der Ge⸗ neral, der jetzt unter der Thür ſeiner Baracke erſchien, mit einer freundlichen Handbewegung gegen den Ulanen⸗Ofſicier, der die Patrouille commandirte: „Laſſen Sie es gut ſein; wir wollen für dieſes Mal eine Ausnahme machen.“ Dann trat er an den Wagen, den ſchon verſchiedene Offi⸗ ciere umringt hatten, und reichte dem Darinſitzenden die Hand. Dies war ein ſehr alter, in ſich zuſammengeſunkener Herr; er ruhte mehr lang ausgeſtreckt in ſeinem Wagen, als er ſaß, und war dicht in einen weiten Pelz gewickelt, zwiſchen deſſen Kragen b von weichem Zobel ein gelbes, ſchattenhaftes Geſicht hervor⸗ ſchaute. Seine Mütze von Seelöwenfell hatte lange und breite Ohrenlappen, die er mit einer magern und zitternden Hand zuweilen an der betreffenden Stelle zurückſchob, um beſſer hören zu können. „Wie mich das freut,“ rief der General,„daß Ew. Er⸗ mi eine Von dem Leben im Bivouac 171 laucht trotz des kühlen Herbſtwetters uns die Ehre Ihres Be⸗ ſuches ſchenken!“ „Ja, ja,“ gab der Angeredete mit einer Stimme zur Antwort, deren Klang man aus dieſem eingeſchrumpften, ver⸗ ſchwindenden Körper nicht erwartet hätte,„habe deßhalb auch gegen meine Gewohnheit verdammt früh aufſtehen müſſen, konnte es aber nicht unterlaſſen, noch einmal alte, vergnügte Zeiten vor meinen Augen erſcheinen zu ſehen. Ha, ha, mein alter General,“ lachte er,„Sie ſehen ein altes, längſt ausrangirtes Cavalleriepferd vor ſich, das immer noch die Ohren ſpitzt, wenn es die Trommel hört!— Aber Sie haben ſich da einen hübſchen Platz ausgeſucht.“ „Es geht ſo, Erlaucht! Doch wären wir gern Ihrer Ein⸗ ladung gefolgt und hätten Ihr Schloß mit Sturm eingenommen; aber mein hochverehrter Chef, Freund und Diviſions⸗General fürchtete, Ihre reichen Kellervorräthe möchten doch ein Bischen zu luſtig auf die verehrten Officier⸗Corps einwirken!“ „Unſer verehrter Freund iſt zu ſtreng in und außer dem Dienſte; wollen ihn aber,“ ſetzte er mit einem heiſeren Lachen hinzu, wobei er unter vertraulicher Schließung des linken Auges gegen den General eine abſcheuliche Fratze machte,„wollen ihn aber doch ſo gut wie möglich hinters Licht führen. Habe einen hübſchen Fourgon zuſammenpacken laſſen. Weiß der Teufel, könnte ſchon längſt da ſein; auch deine Tante, Dagobert,“ wandte er ſich gegen den jungen Grafen Seefeld, der an der anderen Seite des Wagens ſtand, wobei er langſam den Kopf herum drehte und dann einen matten Blick über das Feld zu der bewaldeten Anhöhe hinaufgleiten ließ.„Könnteſt einmal Neuntes Kapitel. nach ihr ſehen, wenn es der Herr General erlaubt; ihre Pferde ſtanden bereit, als ich abfuhr.“ „Reiten Sie, mein lieber Graf Seefeld,“ ſagte der General im freundlichſten Tone.„Ah, wir werden das Glück haben, die Frau Gräfin bei uns zu ſehen— wie ich mich darauf freue! Reiten Sie, reiten Sie, es iſt ein Dienſtritt, zu dem ich Sie ſtrengſtens commandire!“ Der junge Huſaren-Officier ſchwang ſich mit Leichtigkeit auf einen eleganten Braunen, hochbeinig, ſchlank, von engliſcher Abkunſt, der neben demſelben von einem Reiter gehalten wurde, grüßte die Zurückbleibenden, worauf das edle Pferd den breiten Chauſſeegraben mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit nahm. „Ein junger, tüchtiger Officier!“ ſagte der General, ihm nachblickend. „Sehr jung allerdings, kann vielleicht noch einmal tüchtig werden.“ „Hat alle Anlagen dazu, Erlaucht, das ſteckt im Blut. Hätte heute Morgen mit ſeinem Zuge beinahe eine feindliche zwölfpfündige Batterie erobert. Würde es im wirklichen Ge⸗ fechte auch gethan haben, aber wir kennen ja die Artillerie; das gibt bei einem Manöver auch nicht die brillanteſte Chance zu, ſondern klammert ſich feſt an den vorgezeichneten Operations⸗ plan, bediente ſich auch obendrein eines Spions, um das Heran⸗ nahen der Cavallerie zu erfahren.“ „Nicht ſchlecht das,“ lächelte der alte Herr;„aber den Kerl hätte ich hängen laſſen!“ „Ja, im Kriege, Erlaucht— aber heutzutage! Nun, ſeine tüchtige Fuchtel ſoll er abgekriegt haben; aber wer weiß, ob wir dieſen Act der Gerechtigkeit nicht aufs empörendſte ver⸗ Von dem Leben im Bivouac. 173 dreht, als Mißhandlung dargeſtellt in den nächſten Tagen in einer dieſer naſeweiſen Zeitungen zu leſen bekommen. Eine ſchlechte Erfindung, dieſe Schmierblätter!“ „Eine verruchte Erfindung, mein lieber General! Das war zu unſerer Zeit doch ganz anders; zu meiner, ſollte ich eigent⸗ lich ſagen, denn Sie ſind ein Jüngling gegen mich.“ „Ah, Erlaucht haben ſich vortrefflich conſervirt!“ „Für meine Siebenzig, vielleicht. Lebe aber auch wie ein Karthäuſer. Bin ein förmlicher Betteinſiedler geworden, und was mich allein aufrecht erhält, iſt der Schlaf, wenigſtens die Ruhe im Bette. Mache aber auch davon den ausgiebigſten Gebrauch.“ Erich, der dieſe ganze Unterredung mit anhören mußte, ſtand zitternd vor Zorn neben dem jungen Forſtmanne und ſagte nun:„O, laſſen Sie mich vor und ihm ins Geſicht ſagen, daß der gelogen hat, welcher behauptete, ich ſei auch nur mit einem einzigen Schlage angerührt worden!“ „Kindereien!“ erwiederte Gottfried, indem er den jungen Mann, welcher heftig vorwärts ſtrebte, am Armgelenke faßte und zurückhielt.„Bleiben Sie ruhig da und machen Sie ſich keine Ungelegenheiten. Das ſchwatzt in den Tag hinein und macht ſich nichts aus ein paar Dutzend Worten, wenn auch jedes davon ein Schlag iſt auf die Ehre ſeines Nebenmenſchen; doch wäre es nicht der Mühe werth, ſich derwegen Ungelegen⸗ heiten zu machen, und die könnten wir bei einem Zuſammen⸗ treffen mit denen da wohl haben, wenigſtens unſeren vortreff⸗ lichen Platz hier verlieren, der uns manches Intereſſante ſehen läßt. So unter Anderem die Frau Gräfin, die da eben über dieſes Feld gegen uns galoppirt. Ah, eine ſchöne Frau!“ L 174 Neuntes Kapitel. In der That ſah man von der Anhöhe herab einen kleinen Reitertrupp ſich im vollen Jagdgalopp nähern. An der Spitze ein Dame, eine kecke, verwegene Reiterin, das ſah man an der Art, mit der ſie ihr Pferd, einen ſchönen Rappen, über alle kleinen Hinderniſſe des Bodens, Gräben, Buſchwerk, hinweg⸗ ſetzen ließ. An ihrer rechten Seite befand ſich Graf Seefeld, an der linken der Stallmeiſter des Grafen, während ein paar Reitknechte in gemeſſener Entfernung folgten. Der alte Graf hatte ſich mühſam im Wagen umgedreht und ſah der glänzenden Cavalcade mit ſeinen trüben Blicken entgegen, in welchen ein ſchwaches Feuer den vergeblichen Ver⸗ ſuch machte, ein wenig aufzuleuchten. Dabei bewegten ſich ſeine Lippen, als wenn er etwas ſagen wollte; doch begnügte er ſich mit einem freundlich grinſenden Lächeln, als nun die ſchöne Reiterin ihr Pferd neben dem Wagenſchlage parirte, dann den Knopf ihrer Reitpeitſche eine Secunde an den Mund drückte und dieſe hierauf grüßend gegen ihn neigte. »Bon jour, mon amie!« ſagte Se. Erlaucht.„Wir waren beſorgt um dich, und der Herr General hatte die Freundlichkeit, dir einen ſeiner Galopins entgegen zu ſchicken.“ „Eine liebenswürdige Sorgfalt, Herr General!“ ſagte die ſchöne Frau, heiter lächelnd, wobei ſie ſich tief auf den Sattel verneigte. Dann warf ſie die Zügel ihres Pferdes einem Reit⸗ knechte zu, ſtützte ſich leicht auf die Schulter des Stallmeiſters und ſprang gewandt und elaſtiſch auf den Boden. „Du biſt ein beneidenswerther Neffe!“ ſagte einer der Dragoner⸗Officiere zu dem jungen Grafen Seefeld. „Aber immerhin Neffe!“ gab dieſer achſelzuckend zur Ant⸗ leinen Spitze n der talle nweg⸗ ſedreht Blicken Ver⸗ ſeine er ſich ſchöne m den drückte waren ichkei gte die Sattel 1 Reit⸗ neiſters er der r Ant⸗ 4 24 Von dem Leben im Bivouac. 175 wort, wobei kein Zug auf ſeinem blaſſen Geſichte anzeigte, daß er dieſe Worte nicht aus voller Ueberzeugung ſprach. „Ja, aber ein Neffe, der ſchon das Glück hat, um dieſe ſchöne Frau ſein zu dürfen, ihr kleine Dienſte zu leiſten; ſie anzuſchauen, mit ihr zu plaudern, iſt beneidenswerth!“ „Das will ich meinen!“ pflichtete auch ein anderer, älterer Dragoner⸗Officier bei.„Ich werde ein wenig gegen das Zelt avanciren, um nur in ihre Atmoſphäre zu kommen; das iſt eine Frau zum Raſendwerden! Schau nur, dieſe eleganten, ge⸗ ſchmeidigen Bewegungen, dieſe Taille, und dazu dieſe pracht⸗ volle Büſte!“ „Ja, es iſt eine hölliſche Erfindung, ſo ein glatt anliegen⸗ des Reitkleid! Wenn ich mich je verheirathe, laſſe ich in den Ehecontract ſetzen:„Nie ein Reitkleid!' Denn meiner Anſicht nach braucht es nicht Jedermann zu wiſſen, wie meine Frau gewachſen iſt.“ „Du biſt als Neidhammel bekannt; es iſt ein Glück, daß andere Leute erhabenere Anſichten haben.“ „Und dazu noch,“ ſagte der ältere Dragoner-⸗Officier,„dieſe Vogelſcheuche von einem Manne! Und gerade ſo hat er ſchon ausgeſehen, als ſie ihn zur Vermählung in die Schloßcapelle geſchleppt haben mit jenem ſchönen Geſchöpfe, damals ein reizen⸗ des junges Mädchen, heute ein üppiges, glühendes Weib!“ „Nur nicht das Weib ihres Mannes.“ „So hat es allerdings den Anſchein; aber wer kann ſich rühmen, auch nur um eine Idee weiter, als bis zu einer freund⸗ ſchaftlichen Annäherung gekommen zu ſein?“ „Verſuche doch einmal dein Glück im nächſten Winter, 8 176 Neuntes Kapitel. junger Don Juan, und du wirſt eingeſtehen müſſen, daß der Liebe Müh' umſonſt iſt.“ „Schade darum, ſchade, wenn du wahr ſprächeſt!“ „Doch ſoll uns das nicht abhalten, wie ein paar verliebte Schmetterlinge um den Blumenkelch der üppigen Roſe wenig⸗ ſtens umherzuflattern, wenn es uns dabei auch geht, wie der Jäger im Nachtlager von Granada ſingt: Ich muß ſie einem Andern laſſen, Mir blühet dieſe Roſe nicht!“ „Dafür aber der Champagner; ſchau, wie vortheilhaft ſich das Innere des gräflichen Fourgons entwickelt, der vor dem Zelte des Generals hält. Er winkte ſo eben mit dem vollen Glaſe ſpeciell zu uns herüber.“ „Biſt du der Gräfin vorgeſtellt?“ fragte der ältere Dragoner⸗ Officier. „Noch nicht.“ „So komm', das werde ich en passant beſorgen.“ Mittlerweile war der Fourgon in der That angekommen und die Bedienten Sr. Erlaucht beſchäftigt, deſſen vortrefflichen Inhalt auf einen breiten Teppich, den man auf dem Boden aufgerollt hatte, aufzuſtellen, und nicht nur ſchlanke Bordeaux⸗ und dicke Champagnerflaſchen, ſondern auch eine Proviſion kalter Küche in Form von Paſteten, Wildpret und kaltem Geflügel aller Art, bei deren Anblick auch anderen Leuten als hungerigen Lieutenants das Waſſer im Munde zuſammenlief. Und mit welcher Grazie und Liebenswürdigkeit machte die Gräfin die Honneurs ihrer ländlichen Tafel, zu welchem Zwecke ſie ſämmtliche Adjutanten und Ordonnanz⸗Officiere des Ge⸗ nerals in Bewegung geſetzt hatte, um von den verſchiedenſten Von dem Leben im Bivouac. 177 Truppentheilen des Bivouacs die Officiere einzuladen, denen es Vergnügen mache, eine kleine Erfriſchung zu ſich zu nehmen. Und welchem Officier macht es kein Vergnügen, nach einem Herbſtmanöver dergleichen vortreffliche Erfriſchungen unentgeltlich zu ſich zu nehmen! Ah, es war ein heiterer Anblick, dieſes Gouter vor der Baracke des Generals! Alle die jungen und älteren Officiere durch einander, das Leuchten der Uniformen, das Glänzen der Waffen und Epauletten, die heiteren Geſichter, die ſchäumenden Gläſer an einander klingend, Alles lachend und plaudernd, ein fröhlich ſummender Lärm, beinahe die Klänge der Regiments⸗ muſik übertönend, welche, ebenfalls unter der Wirkung eines guten Weines, heiter und luſtig darauf losſpielte. Und dieſer innere, glänzende ſtrahlende, brauſende, rauſchende Kreis, deſſen Mittelpunkt der Wagen des alten Grafen Seefeld war, lockte auch Unterofficiere und Soldaten von allen Waffen in Maſſen heran, die, rings umher in kleinen Trupps bei einander ſtehend, ſich ohne Neid an der Luſtigkeit ihrer Vorgeſetzten erfreuten. Faſt wirkte es hierbei ſtörend, als nun wieder eine Reiter⸗ Patrouille von der Höhe der Chauſſee herabkam, einen kleinen Leiterwagen begleitend, der, mit weißer Leinwand überzogen, von zwei kräftigen, gut gepflegten Ponies gezogen wurde. Wer dieſe Pferde leitete, konnte man nicht deutlich ſehen, denn die Zügel reichten in das Innere des ziemlich langen Wagens, deſſen Aeußeres indeſſen wohl berechtigt war, die Neugierde der Nachblickenden zu erregen. Hintenauf waren nämlich allerlei eigenthümliche Gegenſtände gepackt, als: ein par kleine, bunt angeſtrichene Leitern, eine unförmlich große, weiße Kugel mit goldenen Sternchen, zuſammengewickelte Flaggen in den ver⸗ Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 12 178 Neuntes Kapitel. ſchiedenſten Farben, ein paar Trompeten und eine große Trom⸗ mel; auch liefen vier ausgezeichnet ſchöne, ſchneeweiße Pudel, leicht zuſammengekoppelt, hinter dem Wagen. „Ei der Teufel, was haben wir da für Gäſte?“ ſagte lachend der General, worauf der Ulanen⸗Officier meldete:„Es ſind Künſtler; wie ſie ſagen kommen ſie von Bergheim und wollen über Nacht in Zwingenberg bleiben. Werden wohl ohne Weiteres durchpaſſiren können?“ „Ja und nein!“ rief jovial der Höchſteommandirende.„Es ſcheinen mir Künſtler zu ſein, die wohl zur Unterhaltung einer ſo vortrefflichen Geſellſchaft, wie hier verſammelt iſt, etwas bei⸗ tragen können. Erkundigen Sie ſich doch, Graf Seefeld, wer die Leute ſind und ob es ihnen nicht Freude macht, etwas zu verdienen.“ „General, eine charmante Idee!“ ſagte die Gräfin.„Sehen Sie dieſe prächtigen Pudel, ich habe nie etwas Schöneres geſehen!“ Der Ordonnanz-Officier hatte ſich raſch dem Wagen, der in kleiner Entfernung hielt, genähert, und da ſich im Innern deſſelben nichts rührte, ſo hob er die Leinwanddecke empor, konnte ſich aber jetzt eines lauten Ausrufes der Ueberraſchung nicht enthalten, denn er ſchaute in die großen, glänzenden Augen eines auffallend ſchönen jungen Mädchens von vielleicht acht⸗ zehn bis zwanzig Jahren, die in einer phantaſtiſchen Kleidung von verführeriſcher Unordnung in dem Stroh des Wagens ruhte und die, ſtatt nur eine Bewegung zu machen den Lein⸗ wandüberzug des Wagens herab- oder ihr geöffnetes Mieder zuſammenzuziehen, mit einem erzwungenen Lächeln auf den jun⸗ gen Officier blickte, wobei ſie eine doppelte Reihe weißer, glän⸗ zender Zähne zeigte. Obgleich ihre Geſichtsfarbe ziemlich dunkel 179 Von dem Leben im Bivouac. s durch ihr war, ſo ſah man doch die Röthe des Blutes hre feine, aſte Haut ſchimmern. Der junge Graf bemühte ſich gar nicht, ſeine Unterſuchung raſe h; zu beendigen, vielmehr ſteckte er ſeinen Kopf in den Wa⸗ hinein, um ſich auch von dem übrigen Inhalte deſſelben zu überzeugen. Da ſah er denn, daß eine ziemlich ſchmierige alte Weibsperſon, welche eine kurze, thönerne Tabakspfeife im Munde hatte, die Zügel führte und daß im hinteren Theile noch eine andere, verhüllte Frau ſaß, über deren Schooß ein Mädchen von vielleicht zehn bis zwölf Jahren lang ausgeſtreckt lag. Dieſe Kleine öffnete ſchläfrig ihre Augen, ließ aber gleich darauf die Lider wieder zufallen und ſchmiegte ſich wie fröſtelnd in den Schooß der Frau und wurde darauf ſorgſam von der⸗ ſelben mit einem alten Stücke Teppich zugedeckt. Ihr Deutſch,“ fragte der Ordonnanz⸗Officier, „Sprecht 24 oder ſonſt eine Sprache, die nicht gar zu weit her iſt „Wir ſprechen gut Deutſch,“ ſagte das junge Mädchen und ſetzte erſt nach einer kleinen Pauſe hinzu:„Auch Böhmiſch ein Weniges.“ „Sie ſind Künſtler?“ forſchte Graf Seefeld weiter, der je lbſt nicht wuß te, warum er vom. Ihr zum Sie ülerd nangen war. „Wir bilden eine große Künf tlerfamilie, aber unſere Män⸗ ner ſind nicht da, ſondern vorausgeritten mit den anderen Wa⸗ gen, auf einem Umwege.“ An “ lachte der Huſaren⸗Officier,„um das Militär zu „Aha, vermeiden, haben vielleicht kein ganz reines Gewiſſen! Aber's iſt ſchade, daß die große Künſtlerfamilie nicht beiſammen iſt, um hier durch eine Vorſtellung etwas Tüchtiges zu verdienen.“ Bei dem Worte„verdienen“ nahm die Alte ihre Pfeife 180 Neuntes Kapitel. aus dem Munde, wandte den Kopf rückwärts zu der Frau, die hinter ihr ſaß und ſprach einige für den Grafen Seefeld unverſtändliche Worte. Dieſe beugte ſich alsdann zu dem Kinde hinab und flüſterte z etwas mit ihm, worauf das kleine Mädchen die Augen weit öffnete und, ſich raſch aufrichtend, in deutſcher Sprache ſagte: „Warum nicht, wenn es dir recht iſt.“ Die Andere, welche ſich bis jetzt noch keine Mühe gegeben hatte, ihren Anzug zu ordnen, und die furchtlos die feurigen Blicke des jungen Officiers aushielt, ſagte jetzt:„Wenn es die geſtrengen Herren befehlen, können wir eine kleine Vorſtellung geben, etwas ſpaniſchen Tanz und Kugelſpiel von dem Wunder⸗ kinde. Für ein paar Reiterſtücke taugt der Boden nicht; auch nähme es zu viel Zeit weg, die Ponies zu ſatteln und aufzu⸗ ſchirren.“ „Ah, das läßt ſich hören, meine ſchöne Esmeralda,“ lachte der Huſaren⸗Officier,„nur iſt von Befehlen nicht die Rede, ſondern von Wünſchen! Aber wie die Erfüllung dieſer Wünſche belohnt werden ſoll, davon will ich Ihnen im voraus ſchon eine kleine Probe geben.“— Er hatte raſch ſeine Säbeltaſche emporgehoben, öffnete ein kunſtvoll verſchloſſenes Etui in der⸗ ſelben und holte ein Goldſtück heraus, das er aber ſo unge⸗ ſchickt war, anſtatt in die feinen Hände des jungen Mädchens, in deſſen geöffnetes Mieder hinabgleiten zu laſſen, die darauf mit einer unmuthigen Bewegung zuſammenfuhr, dann aber ruhig mit dem Kopfe nickte und nun erſt daranging, ihr ſchwar⸗ zes, mit Gold verziertes Jäckchen über den fein gewölbten Buſen zuzuhaken. Hierauf zog ſie den Leinwandvorhang herab, und der Huſaren⸗Officier, welcher die Unterhandlungen ſomit aufs Von dem Leben im Bivouac. 181 günſtigſte beendigt ſah, meldete, zurückkehrend, dem General, ſeien nur Weiber und Kinder in dem Wagen, doch wollten dieſelben, wenn es gewünſcht würde, einen ſpaniſchen Tanz und etwas Kugelſpiel aufführen. 8 „Was meint die gnädige Frau dazu?“ rief der alte Ge⸗ neral in der heiterſten Laune. „Ganz einverſtanden, General; machen wir uns den Spaß.“ „Und Seine Erlaucht?“ „O, was mich anbelangt,“ gab der alte Graf Seefeld zur Antwort,„ſo nehme ich das Vorrecht meines Alters in An ſpruch, um mich zurückzuziehen! Ich fürchte die Abendnebel, und wenn auch der Himmel glänzend klar iſt, ſo wird es jedenfalls in Bälde kühl werden, aber was meine Frau an belangt und Sie, General, ſo bitte ich Sie dringend, laſſen Sie ſich vorſpielen und vortanzen. Iſabella wird mir das heute Abend zu meiner Erheiterung erzählen. Adieu, General! Ich hoffe, Sie in den nächſten Tagen zu einer guten Jagd bei mir zu ſehen.— Adieu, ma chère amie— bis ſpäter!“ Den Wagen ſchließen, befahl er alsdann, und nach Hauſe fahren! Während dieſes kleinen Geſpräches und bks darauf der Landauer feſt verſchloſſen war und davonfuhr, hatte der junge Graf Seefeld ein paar ſeiner Huſaren commandirt, denen im Wagen beim Ausbreiten eines großen Teppichs ſo wie beim Herabnehmen der kleinen Leitern und der oben erwähnten Kugel behülflich zu ſein. „Aber Muſik fehlt uns,“ ſagte das junge Mädchen, da die Anderen, und beſonders die Männer nicht bei uns ſind. „Nun, daran iſt kein Mangel!“ rief der General, der Neuntes Kapitel. 182 näher getreten war und mit der Miene eines allerdings alten Kenners die reizende Geſtalt und das friſche, ſinnliche Geſicht der ſchönen Zigeunerin betrachtete; doch ſah er bei Weitem nicht ſo viel, als ſein Ordonnanz⸗Officier geſehen, denn die Esme⸗ ralda, wie ſie dieſer lachend genannt und dem Höchſtcomman⸗ direnden vorgeſtellt, hatte ihren Ar nzug vollſtändig verbeſſert, auch ein rothes Tuch um ihr ſchwarzes, wellenförmiges Haar und eine goldgeſtickte Schärpe um ihre fein geformten Hüften geſchlungen.„Es wäre in der That zu bedauern,“ fuhr der General fort, indem er durch einen Wink den Capellmeiſter der Muſikbande zu ſich heranrief,„wenn ſechsunddreißig Mann Stabsmuſiker nicht einmal dazu aufzuſpielen vermöchten! He, mein Kind, was wünſchen wir?“ „Eine Cachucha.“ „Alſo eine Cachucha, Herr Capellmeiſter; Sie werden wiſſen, was eine Cachucha iſt, obendrein einer meiner Lieblings⸗ tänze.“ Und die Cachucha begann mit dem Lärm aller ſechsund⸗ dreißig Inſtrumente, und die junge Zigeunerin fing an zu tanzen. Allerdings muß man dabei nicht den Maßſtab einer Prima Ballerina anlegen, auch den unebenen Boden ſo wie das däm⸗ mernde Licht des ſcheidenden Tages in Abrechnung bringen. Wenn man aber ſo gerecht war, dieſen verſchiedenen Umſtänden Rückſicht zu tragen, ſo mußte man ſich geſtehen, daß das junge Mädchen ganz außerordentlich getanzt habe, leicht, graziös, und beſonders das herausfordernde Schluß⸗Allegro mit einer ganz immenſen Bravour. 3 Dieſe Lobſprüche und Ausdrücke wurden wenigſtens von Bon dem Leben im Bivouac. 183 den jungen Officieren, die rings umher ſtanden, unter einem raſenden Beifallsſturme und einer Menge von Bravo's mit großer Sachkenntniß angewandt. Der junge Graf Seefeld hatte ſich zu ſäinem eigenen Er⸗ götzen und zu dem ſeiner Kameraden förmlich in den Impre⸗ ſario dieſer kleinen Künſtlerbande hineingelebt und in jeder Hin ſicht für deren Bedürfniſſe geſorgt. Er hatte ein paar Huſaren zu den Ponies beordert, welche die hübſchen Pferdchen, aller⸗ dings heimlicher Weiſe, mit königlichem Hafer bewirtheten, wäh⸗ rend ſich die Alte ſeitwärts an einer Flaſche Champagner und einer halben Wildpretpaſtete gütlich that. Auch die Frau im Wagen, die ihren Platz nicht verlaſſen hatte, nahm ein kleines Glas Wein ſo wie ein Stückchen Brod, alles Andere lehnte ſie dankend ab; da aber znichts halb zu thun edler Geiſter Art iſte, ſo ließ der Huſaren⸗Officier durch ſeinen Reitknecht ein halbes Dutzend gefüllter Flaſchen ſo wie was an Imbiß aller Art übrig geblieben war, in das Stroh des Wagens ſtopfen, wobei er immer noch Zeit hatte, jetzt, nach beendigter Cachucha, dem General mit der komiſchen Grandezza eines Circus⸗Stallmeiſters zu melden, daß das Wunderkind nun die Ehre haben würde, ſeine Exercitien auf der großen Kugel zu machen. „Ah, meine Herren, das Wunderkind!“ rief der freundlich gelaunte Höchſtcommandirende.„Geben Sie Acht auf das Wunderkind!“ Nun erſchien das kleine Mädchen in weißen, baumwollenen Tricots, rothen Halbſtiefelchen und einem blauen, eng anliegen⸗ den Jäckchen, um den Kopf und die dichten, blonden Locken einen glänzenden Metallreifen. Wie alt mochte dieſes Kind —— 184 Neuntes Kapitel. ſein? Man konnte das unmöglich mit Sicherheit angeben; das blaſſe, ſchmale Geſicht und die ſchönen, großen Augen erſchienen jünger, als ihre Geſtalt, die unter dem knapp anliegenden Leib⸗ chen ſchon die erſten, zarten Spuren der beginnenden Entwick⸗ lung zeigten. Das arme Ding grüßte die Verſammlung auf jene graziös ſein ſollende Art, die beſonders bei ſo armen We⸗ ſen durch ihre Unnatürlichkeit mehr unſer Mitleiden als unſere Freude zu erregen im Stande iſt; dann ſpielte die Muſikbande eine rauſchende Polka, und die Kleine machte, hoch oben auf der Kugel ſtehend, ihre uns wohlbekannten, aber hier ohne glatte Unterlage um ſo ſchwierigeren Kunſtſtücke. Der Huſaren⸗Offizier war hinter den Wagen zu der Es⸗ meralda getreten, und während er ihr ein ſchäumendes Glas Champagner darbot, von dem ſie allerdings nur leicht nippte, fragte er mit leiſer Stimme:„Und wo bleibt ihr heute Abend?“ „In einem Dorfe, das Zwingenberg heißt, mein ſchöner Officier, nicht weit von hier.“— Wenn ſie auch die Anrede: „Mein ſchöner Officier“, mit einem freundlichen Geſichtsaus⸗ drucke ſprach, ſo klang doch etwas wie Hohn oder Spott hin⸗ durch, wurde aber verwiſcht durch die nachfolgenden, in gleich⸗ gültigem Tone ausgeſprochenen Worte:„Sie dort— damit wandte ſie den Kopf gegen die Alte hin— kennt den Weg und das Dorf.“ „Darf man dich dort aufſuchen?“ „O nein! Dort ſind die Anderen und die Männer, es würde ein ſchlimmes Aufſehen geben; was wolltet Ihr auch bei mir, einer armen Zigeunerdirne!“ „Mir mein Goldſtück von vorhin wiederſuchen,“ flüſterte er ihr leiſe zu,„um es gegen zehn umzutauſchen!“ Von dem Leben im Bivouac. 185 „O, ein Goldſtück iſt wie das andere, gnädiger Herr!“ ſagte ſie, lachend die ſchönen, we ißen Zähne zeigend. nein, das da wäre, wenigſtens für mich, unſchätzbar! Es „ iſt erwärmt von dem heißen Blute deines Herzens, deiner Bruſt.“ „Glauben Sie das nicht,“ ſagte ſie, einen Schritt zurück⸗ tretend;„ich habe kaltes Blut und kaltes Herz.“ „Bravo, Braviſſimo!“ tönte es drüben unter donnerndem Händeklatſchen aus dem Kreiſe der Officiere, und man vernahm die Stimme des Generals, der rief:„Das iſt in der That ein Wunderkind! Allen Reſpect, meine Herren, Aehnliches habe ich noch nicht geſehen!“ Das Wunderkind hatte, auf ſeiner Kugel ſtehend, dieſe mit einer unglaublichen Kraft und Behendigkeit im Kreiſe um⸗ hergetrieben und ließ ſich nun, als ſie in vollem Laufe war, ſitzend auf dieſelbe nieder, ſie mit den kleinen Händen noch immer vorwärts treibend, wobei es ausſah, als flöge die Kugel aus eigenem Antriebe noch ein paar Mal im Kreiſe umher, dns um dem kleinen Geſchöpfe Gelegenheit zu geben, ſich für den geſpendeten Beifall dankend zu verneigen. „Alſo nicht möglich, dich heute Nacht in Zwingenberg zu ſehen?“ fragte der junge Huſaren⸗Off ficier dringender. „Unmöglich.“ „Und wohin geht ihr morgen?“ „Ich weiß es nicht. Wi r bleiben noch ein paar Tage der Gegend, dann gehen wir ruc der Reſidenz.“ „Dort werde ich dich ſicher finden,“ flüſterte haſtig der Officier, denn er hörte drüben ſeinen Namen rufen, junge „vielleicht auch morgen oder übermorgen hier in der Gegend.... — Ich komme ſchon! Was giebt's denn?“ Neuntes Kapitel. Heiter lächelnd trat ihm der General entgegen.„Sie haben es alles vortrefflich arrangirt, und jetzt müſſen Sie ſich wahr⸗ haftig noch der Mühe unterziehen, die Leute in meinem Namen zu belohnen! Darf ich bitten....“— Er ſtreckte ſeine Hand gegen den jungen Officier aus, der aber, mit einer ehrfurchts⸗ vollen Verbeugung zurückweichend, ſagte: „Wenn Sie es nicht ganz ungnädig aufnehmen würden, möchte ich wirklich ergebenſt erſuchen, mir das im Namen meines Oheims zu überlaſſen. Wir ſind auf ſeinem Grunde und Bo⸗ den, und er würde es mir niemals verzeihen, wenn ich ſeine werthen Gäſte auf dieſe Art in Contribution geſetzt hätte— niemals, Herr General.“ „Streiten wir nicht darüber,“ entgegnete dieſer und ließ mit einer gewandten Handbewegung ſeine Börſe in die Taſche ſeiner weiten Beinkleider zurückgleiten,„Ihr Herr Onkel iſt ein zu vortrefflicher Mann und liebenswürdiger Wirth, als daß man nicht jede Rückſicht auf ihn nehmen ſollte.“ Die Gräfin Seefeld hatte dieſer kleinen künſtleriſchen Vor ſtellung, beſonders intereſſant durch die Improviſation und eigen⸗ thümliche militäriſche Umgebung unter dem klaren Herbſtabend⸗ himmel, an dem jetzt ſchon einzelne Sterne hervorſprangen, mit vielem Vergnügen ſcherzend und lächelnd zugeſchaut, wobei ſie daſaß wie eine Königin in ihrer Loge, von dem General, der ſich meiſtens zu ihrer Rechten befand, aufs liebenswürdigſte unterhalten und auf alles Bemerkenswerthe aufmerkſam gemacht, rückwärts umgeben von einem Halbkreiſe junger, glänzender⸗ Officiere, von denen ſich bald dieſe, bald jene der ſchönen Frau näherten oder vorſtellen ließen. In einiger Entfernung hinter dieſen befand ſich ihr Stallmeiſter, ein großer, ſchöner Mann, ⅞··—-———Q—ÿʒ3—ÿ——— Von dem Leben im Bivouac. 187 welcher, ſtets des Befehls ſeiner Herrin gewärtig, dieſelbe auch 8 hier und da nicht aus den Augen ließ, wenn er nach den Pfer⸗ den blickte, die von den Reitknechten hinter der B Baracke des Höchſtcommandirenden auf und ab geführt wurden. Die Gräfin hatte es nicht unterlaſſen, das Wunderkind nach beendigter Vorſtellung zu ſich heranzurufen, um ihm ein kleines Goldſtück zu geben und ihm ein paar freundliche Worte zu ſagen. Es war ein merkwürdiges Kind, dieſes kleine Mäd⸗ chen, ſchlank und fein gebaut, mit einem allerdings blaſſen und eingefallenen, aber höchſt edel geformten Geſichte. In ſeinem Weſen war eine auffallende Theilnahmloſigkeit an dieſer, doch für daſſelbe ungewohnten Umgebung bemerkbar; mit dem gleich⸗ gültigſten Blicke ſchaute es die ſchöne Frau aus ſeinen großen, klaren Augen an, wobei aber ſeine Blicke mehr auf das s Reit kleid der Gräfin und deren Reitpeitſche, als auf das Geſicht erſelben fielen. Als das Kind die Gabe in Empfang nahm, beugte es ſich hinab, um das Kleid der Gräfin zu küſſen, aber ganz mecha⸗ niſch, mit einer eingelernten Bewegung, ohne daß ſich auf 11, nem ruhigen Geſichte Theilnahme oder Freude blicken ließ; in Gegentheil, es ſchaute gleichgültig um ſich her, wobei ein faſt verächtliches Lächeln um ſeine Lippen flog. Jetzt erhob ſich die Veuſß und ſagte, dem General die Hand reichend:„Es iſt wahrlich Zeit, daß ich nach Hauſe zu rückkehre; wie raſch es in der Achie Viertelſtunde dunkel ge⸗ worden iſt! Schade, daß ich nicht mit Muße dort das herr⸗ liche Bild dieſer flackernden Wachtfeuer der lagernden Soldaten, kurz, dieſes prachtvolle Durcheinander mit anſehen kann! Aber wenn auch unſere Wege nach Hauſe durchaus nicht unſicher 188 NReuntes Kapitel. ſind, ſo möchte ich doch nicht gern zu tief in die Nacht hinein⸗ kommen.“ „Wogegen ich mich glücklich ſchätzen würde,“ gab der alte General galant zur Antwort,„Sie mit einer Schwadron Hu⸗ ſaren ſelbſt nach Hauſe zu escortiren oder Freiwillige zu Ihrer Begleitung aufzurufen. Was meinen Sie, meine Herren?“ Ein allgemeines Gemurmel, durch verſchiedene Aeußerun⸗ gen, als: deliciös, charmant, ſuperbe, in der That unterhaltend! — veranlaßt, zeigte zur Genüge, daß ein ſolches Freiwilligen⸗ corps im Falle recht zahlreich werden würde; doch lehnte das die Gräfin dankend ab, und auf ihren Wink näherte ſich nun der Stallmeiſter mit den Pferden, als ſich mit Einem Male das behagliche ruhige Bivouac mit den weithin leuchtenden Feuern, mit den plaudernden und ſingenden Soldatengruppen gänzlich veränderte. Zehntes Kapitel. In welchem die ſchrecklichen Scenen geſchildert werden, welche den Ueberfall eines Lagers zu begleiten pflegen. Erich rettet Frauen und Jungfrauen und wird in Folge davon für ein ſehr verabſcheuungs⸗ würdiges Subject gehalten. Während ſo, wie im vorigen Kapitel beſchrieben, Scherz und Ernſt in angenehmer Wechſelwirkung die Einförmigkeit des Lagerlebens vertrieben, gingen und ritten Patrouillen zu den Vorpoſten hinaus, um für die Sicherheit des Bivouacs beſorgt zu ſein. Natürlicher Weiſe bemerkte man auch nirgendwo etwas Verdächtiges, und die ins Lager heimkehrenden Kameraden hatten mit den draußen liegenden nicht nur vielleicht eine Flaſche Wein gegen ein halbes Dutzend guter Cigarren ausgetauſcht, ſondern auch den Betreffenden geſagt:„Macht's euch bequem, ſo gut als möglich; die Alarmirung durch den feindlichen, unvorher⸗ geſehenen Ueberfall wird nicht vor zwei bis drei Uhr ſtatt⸗ finden.“ „Hol' der Teufel den Vorpoſtendienſt!“ hatte ein junger Lieutenant von den Dragonern geantwortet, der mit ſeinem Zuge jenſeits der Chauſſee ohne Feuer und Licht in einer Nie⸗ 190 Zehntes Kapitel. derung lagerte.„Ihr treibt ja da unten ein wahres Luder⸗ leben! Mein Kamerad von der Infanterie daneben hat eine Schleichpatrouille hinabgeſchickt und mir mitgetheilt, daß ihr da drunten Zigeunermädels tanzen laßt. Na, wenn der Alte hinter dem Berge davon eine Ahnung hätte, der würde euch die Suppe komiſch verſalzen!“ „Lieber Freund, darüber ſind wir vollkommen ruhig; bei ſo vortrefflichem Vorpoſtendienſte, unter deiner ſchützenden Hand, können wir da drunten unbeſorgt fortmachen und ſpäter ein wenig ſchlafen.— Alſo nichts Neues hier?“ „Möchte wiſſen, was es hier Neues geben ſollte— ein kühler Wind und ein ſchlechter Schnaps voilà tout! Der Ka⸗ merad von der Infanterie will allerdings ſo eben unten im Thale Fuhrwerk gehört haben; was wird es aber ſein? Fracht⸗ fuhrleute oder Holzwagen! Ich habe zum Ueberfluſſe eine Pa⸗ trouille vorgeſchoben; mir ſcheint,“ ſagte der junge Dragoner⸗ Officier, indem er die Hand wie einen Lichtſchirm über die Augen hielt,„dort kommt ſie zurück.— Den Teufel auch, das iſt eine ſtarke Patrouille, und wie die Kerls daherjagen!“ „Höre, das Ding iſt mir verdächtig, ich an deiner Stelle ließe zuſammenblaſen und aufſitzen.“ „Was meinen Sie dazu, Wachtmeiſter Klingler?“ rief der junge Dragoner⸗Officier. „Mit Verlaub zu ſagen, Herr Lieutenant, mich ſoll der Teufel lothweis holen, wenn das nicht ein verdammter Ueber⸗ fall iſt! Haben doch die Kerle Feldmützen auf! Blaſen laſſen und aufſitzen, Herr Lieutenant, wenn ich mir einen guten Rath erlauben darf, und zwar ſo raſch als möglich!“ Nun hatte ſich aber in dieſem verhängnißvollen Augenblicke ————— —O Ueberfall eines Lagers. 191 der betreffende Trompeter ſeitwärts in die Büſche geſchlagen, und war dieſer verfluchte Millionenhund nirgendwo zu finden. Auch fehlten Leute genug vom Zuge, die ſich rückwärts ge⸗ ſchlichen, um von der Höhe der Chauſſee herab ein Bischen Muſik zu hören. „Da ſollen doch gleich zehntauſend Kreuzdonnerwetter drein⸗ ſchlagen!“ rief der junge Officier, indem er ſich auf ſein Pferd ſchwang, während der, Wachtmeiſter es eben ſo gemacht hatte, und die vorräthigen Leute ſammelten ſich ſo gut als möglich. „Was iſt da zu thun?“ „Für dich Alles,“ erwiederte lachend der andere Dragoner⸗ Officier, indem er ſein Pferd gegen das Bivouac herumwarf. „Du haſt eine ganz immenſe Chance; natürlich erwarteſt du hier oben die Cavallerie, läßt dich zuſammenhauen und ſtirbſt den Heldentod, während ich hinunterreite, was die Pferde laufen können, um das Lager zu alarmiren. Auch ein Privatvergnügen.“ „Meinetwegen!“ rief ihm der Andere halb verdrießlich, halb ſcherzhaft nach.„So will ich denn hier oben den Helden⸗ kod ſterben— lebe wohl, Freund, zahle meine Schulden und grüße mir Lottchen!“ Der Andere jagte davon, was die Pferde laufen konnten, und als er auf der Höhe der Chauſſee angekommen war, von wo er in das friedliche Lager hinabſchauen konnte, wo ſo harm los die Wachtfeuer loderten und wo die Muſikbande gerade das idylliſche, nervenberuhigende Lied ſpielte: Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten, Daß ich ſo traurig bin— da ſchoß der Dragoner-Officier ſeine Piſtolen in die Luft und die Reiter machten es mit ihren Carabinern eben ſo. 2A,, Sapitel 192 Zehntes Kapitel. Es traf dies aber mit dem Momente des Abſchiednehmens zuſammen, als die Gräfin von ihrem Pferde herab dem General die Hand reichte, welche dieſer ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen drückte, dann aber bei dem Krachen der Schüſſe erſchreckt zurück⸗ fuhr und, nach der Höhe blickend, ſagie„Da droben ſcheint ja der Teufel los zu ſein, was hat's da gegeben?“ Was es aber gegeben hatte, wurde im nächſten Augenblicke furchtbar klar, auch ohne die Meldung der im Carriere daher⸗ ſauſenden Dragoner-Officiere; denn oben auf der Landſtraße, deren heller Streifen ſowohl durch das Dunkel der Nacht leuch⸗ tete als auch rechts und links auf den Anhöhen ſich von dem immerhin noch glänzenden, ſtahlfarbenen Himmel abhob, ſah man ein Gemiſch und Gewühl von Geſtalten, die eine Zeit lang durch einander wogten dann leuchtete links ein ſcharfer, dem der dumpfe Knall eines Geſchützes 7. oli tt tzender Strahl auf, i gleich darauf ein zweiter Blitz, ein dritter, vierter, fünfter und ſechster. iſt ja gegen alle Abſprache und Kleiderordnung!“ 1 „Das i ſchrie der General, während ſeine Adjutanten und Ordonnanz⸗ Officiere ſich auf die Pferde geworfen hatten und die einzelnen Truppentheile alarmirten.„Wie kann man da in der gehörigen Verfaſſung ſein, wenn ein vorher bekannt gemachter Ueberfall mehrere Stunden zu früh losbricht!“ „Entſchuldigen Sie mich, gnädige Gräfin, ich muß dieſen Banditen da oben raſch etwas Cavallerie entgegenwerfen. Meinetwegen ſollen ſie handgemein werden und dieſe naſe— weiſen Artilleriſten tüchtig um ihre langen Ohren karbatſchen. Herr Oberſt von Schw venkenberg,“ rief er dem daherjagenden Commandeur der Dragoner zu,„die Vorpoſten da oben ſind Ueberfall eines Lagers. 193 von Ihrem-Regimente, das müſſen Sie unterſuchen laſſen und exemplariſch beſtrafen! Hol' der Teufel dieſe Schlafmützenwirth⸗ ſchaft! Nehmen Sie aber jetzt Ihre ſämmtlichen Escadronen zuſammen und attaquiren Sie die Batterieen da drüben! Ich werde Ihnen ſogleich Infanterie nachſchicken!“— Damit ſprengte er, nach einem flüchtigen Gruße gegen die Gräfin, ſeiner Artillerie entgegen, die dem erhaltenen Befehle gemäß zurückjagte, um ſich auf der gegenüberliegenden Höhe aufzuſtellen. Der Dragoner⸗Oberſt von Schwenkenberg warf ſein Pferd ergrimmt gegen den Regiments⸗Adjutanten herum und ſchnauzte ihn an:„Welcher von den Windbeuteln hat uns da oben ſo vortrefflich bewacht? Iſt das eine Wirthſchaft, Herr Rittmeiſter von Blankenſcheid! Da ſoll doch gleich ein Schock Schwernoth dreinſchlagen! Wer iſt der Unglückliche? Doch kommen Sie, kommen Sie, daß wir raſch über ſie herfahren. Wer iſt dieſes traurige Menſchenkind?“ „Lieutenant Graf Horn,“ antwortete der Adjutant, neben ſeinem Chef dahinjagend. „Er ſtarb den Heldentod,“ konnte ſich der Dragoner⸗-Officier, der die Patrouille geführt, nicht enthalten, einem Kameraden lachend zu ſagen.„Friede ſeiner Aſche.“ „Und ein ehrliches Begräbniß beim Stabsprofoß.“ Die ſchöne Gräfin hatte mit ſtrahlenden Augen dieſem prächtigen Wechſel der Scenerie zugeſchaut und wie der glän⸗ zende Kreis der Officiere ſo eilfertig nach allen Richtungen aus einander geſtoben war. Mit leicht geöffneten Lippen horchte ſie auf das Schmettern der Trompeten, auf das Wirbeln der Trommeln, auf den rollenden Kanonendonner, und dann, ohne ſich um die faſt ängſtlich fragende Miene ihres Stallmeiſters Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 13 194 Zehntes Kapitel. zu bekümmern, warf ſie mit einem leichten Zungenſchlage ihr Pferd herum und jagte den Dragonern nach, die jetzt in ge⸗ ſchloſſener Fronte gegen die Höhe avancirten. Daß die Zuſchauer aus dem Civilſtande, welche ſich um die Baracke des Generals zuſammengedrängt hatten, ebenfalls ihre verſchiedenen Wagen und Pferde aufſuchten, und ſo auch der junge Burbus, der, um ſeine raſchen Pferde bei dem all⸗ gemeinen Schießen beſorgt, den kleinen Friedrich an der Hand mit ſich fortzog und Erich zurief, ſogleich nachzukommen, verſteht ſich von ſelbſt. Der ehemalige Schulamtsgehülfe ſtand aber da wie ange⸗ feſſelt und ſprachlos vor Entzücken über all das unſagbare Schöne, was ſich rings um ihn her begab. Ja, ſo mußte es bei einem wirklichen Ueberfalle zugehen, bei einer echten und gerechten Schlacht, nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß als⸗ dann die Hiebe ſcharf fielen und die Geſchütze und Gewehre ein klein wenig mit Kugeln geladen waren. Für einen ſo phantaſiereichen Zuſchauer aber beſtand nicht einmal dieſer kleine Unterſchied, und er hätte es in dem Enthuſiasmus, mit dem er rund um ſich her nach allen Seiten blickte, vielleicht nicht ein⸗ mal bemerkt, wenn Kugeln rechts und links neben ihm ein⸗ ſchlagend den Boden gefurcht hätten. Das nächtliche Gefecht hatte ſich aber auch auf allen Seiten wunderbar entwickelt, und man konnte es wohl von keinem Punkte aus ſchöner betrachten, als hier in der Mitte des kleinen Thales aufblickend zu den Höhen rund umher, auf denen es nun überall hinüber und herüber krachte, daß es eine wahre Freude war. Und wie ſchön ſich ſo eine einzelne Batterie und von dieſer wieder jedes Ge⸗ ſchütz ausnahm, jetzt eine dunkle Maſſe, dann gleich darauf . v, C Ueberfall eines Lagers. 195 beim Aufblitzen des Pulvers, freilich kaum eine Secunde, die Kanoniere, Dämonen gleich, in dem hellen Lichte und dem weißqualmenden Rauche umherfahren zu ſehen! Die Angreifer ſchienen indeſſen ein wenig zu voreilig oder mit zu kleiner Macht überfallen zu haben, und obgleich ihre Batterieen auf der Höhe der Chauſſee Schuß um Schuß thaten, ſo entwickelte ſich doch nicht mehr Artillerie, während auf der anderen Seite nicht nur friſche Batterieen aufgefahren wurden, ſondern die neu ankommenden auch vorgingen und jetzt in ſo bedenklicher Nähe über das Feld hinüber zu ſchießen begannen, daß Erich trotz allem Schönen, das ihn hier umgab, anfing, an ſeinen Rückzug zu denken. Schon wollte er querfeldein nach dem Wagen des jungen Forſtmannes eilen, als er bemerkte, was er bis jetzt in der allgemeinen Luſt überſehen, daß die Zigeunerweiber bei ihrem Ponywagen wie rathlos noch immer auf derſelben Stelle hielten, und als er vernahm, daß eine heftig erregte Stimme in einer für ihn unverſtändlichen Sprache Vorſtellungen, ja, Vorwürfe zu machen ſchien. Er begriff die Lage dieſer armen Leute und trat raſch näher, um ihnen ſeine Dienſte anzubieten. Da ſtand das junge, ſchöne Mädchen, das zu Anfang getanzt und welches die Officiere Esmeralda ge⸗ nannt hatten, bebend vor Zorn neben den unruhig hin und her tretenden kleinen Pferden und ſprach heftig, ja, leidenſchaftlich in das alte Weib hinein, die, eine Flaſche in der Hand, mit einem ſtieren Lächeln, ja, hin und her ſchwankend, um ſich ſchaute. Aus dem Wagen heraus blickte das bleiche Geſicht einer kränklich ausſehenden Frau, die mit dem Wunderkind redete, und zwar in deutſcher Sprache, und ihm ſagte:„Komm herein, Blanda, komm herein; ſie reiten über dich hinweg, wenn 196 Zehntes Kapitel. du neben dem Wagen ſtehſt, wogegen ſie dem Fahrzeuge, das ſie ja ſehen müſſen, ausweichen werden. Komm herein, Blanda, ich bitte dich!“ Das Wunderkind aber blieb unbeweglich und ohne eine Antwort zu geben ſtehen, wobei es das wilde Schauſpiel rings umher wohl mit Intereſſe, aber auch mit einer großen Ruhe zu betrachten ſchien, einer Ruhe, welche vortheilhaft abſtach gegen die immer heftiger werdenden Reden und Bewegungen der Es⸗ meralda, die jetzt auf das alte Weib losfuhr und ſie derb ſchüttelte, nachdem ſie ihr die Flaſche aus der Hand geriſſen und weit in das Feld hineingeſchleudert hatte. In dieſem Augenblicke thaten die Ponies, die keinen Zügel mehr zu ſpüren ſchienen, einen Riß vorwärts und würden wahrſcheinlich davon⸗ gegangen ſein, wenn Erich ſich nicht gegen ſie geworfen und ſie feſtgehalten hätte. „Ah, mein ſchöner junger Herr,“ rief das Zigeunermädchen weinend,„helfen Sie uns aus dieſem Unglücke, helfen Sie armen Weibern, die ſchon längſt in ihrem ſicheren Lager wären, wenn man ſie hier nicht aufgehalten hätte!“ „Und wohin wollt ihr denn?“ „Nach einem Orte, der Zwingenberg heißt und wo ſchon die Anderen und die Männer ſind. Wie ſollen wir aber dahin kommen! Ich weiß weder Weg noch Steg und die Alte iſt ganz betäubt von dem ſtarken Weine, den man ihr gegeben!“ „Viel Zeit iſt allerdings nicht zu verlieren,“ ſagte Erich, indem er beſorgt um ſich blickte nach den Höhen, auf denen die befreundete Armee geſtanden, wobei er bemerkte, daß die ganze Linie im Vorrücken gegen das Thal begriffen war. Ueberfall eines Lagers. 197 „Helft uns, ſchöner Herr, und der Himmel wird Euch dafür lohnen!“ „So bringt vor allen Dingen die Alte in den Wagen, während ich das kleine Mädchen hinaufhebe. Komm, mein Kind,“ ſagte er zu dieſem,„ihr ſeid in Gefahr, wenn ihr länger hier bleibt.“ „O, ich fürchte mich durchaus nicht!“ „Das iſt wohl möglich, weil du die Gefahr nicht kennſt; aber folge mir und laß dich in den Wagen heben.“ „Meinetwegen!“ Damit faßte Erich den feinen Körper des Kindes, hob es mit Leichtigkeit empor und legte es in die Arme der bleichen Frau, die ihm mit einem freundlichen Blicke dankte. Die Esmeralda hatte mit der Alten größere Mühe gehabt, um ſie zum Einſteigen zu bringen, und dann fiel ſie in das Stroh, welches auf dem Boden des Wagens lag, wo ſie ruhig liegen blieb, während ſich die junge Zigeunerin neben Erich ſetzte, der, die Zügel der Ponies haltend, einen Augenblick ſcharf vor ſich hinſpähte, welche Richtung am beſten einzuſchlagen ſei. Auf der Chauſſee fortzufahren, davon konnte gar keine Rede ſein; alſo ins Feld hinaus. Glücklicher Weiſe erinnerte er ſich einer kleinen Brücke über den tiefen Chauſſeegraben, doch mußte er, um dieſe zu erreichen, eine gute Strecke gegen die Reihe der befreundeten Artillerie fahren, wodurch er ſo nahe an deren Linien kam, daß er nicht nur dadurch die Commandoworte, ſondern auch das Klirren der Geſchirre und das Schnauben der Pferde deutlich hören konnte. Endlich hatte er die Brücke hinter ſich und ließ nun die Ponies, welche ohnedies kaum zu halten waren, über das Feld —— — 198 Zehntes Kapitel. dahinſtreichen, wobei er ſich bemühte, ſie einen großen Bogen nach rechts beſchreiben zu laſſen, auf welche Art er ſicher war, die Straße nach Zwingenberg wieder zu erreichen. Zu ſeiner Linken bemerkte er dichte Maſſen weit voraus⸗ geſchobener Infanterie, die auf das Commando wartete, die vom Feinde beſetzte Höhe zu erſtürmen, und weiterhin ſtieß er beinahe auf einen Trupp Cuiraſſiere, von wo ihm ein lautes, aber ſcherzhaft klingendes Halt zugerufen wurde. „Fliehende Weiber und Kinder!“ gab er raſch beſonnen zur Antwort, worauf die Stimme erwiederte:„Sollten eigent⸗ lich aufgehalten werden, beſonders wenn ſie hübſch ſind!“—en Doch hatte Erich in dieſem Augenblicke ſeinen raſchen, unruhigen Ponies tüchtig eins mit der Peitſche gegeben, und ſo flogen ſie denn flüchtig über einen feſten Wieſengrund dahin, jetzt eine kleine Anhöhe hinan, während Alle mit Vergnügen bemerkten, wie nun der Lärm und das Schießen immer ferner und ferner hinter ihnen erklangen. Auch verlor der dunkle Abend jetzt ſein Recht, denn drüben weit am Horizonte erhob ſich die gelb leuchtende Scheibe des vollen Mondes, auf Alles ſein helles, mildes Licht ausgießend, und erleichterte es auf dieſe Art dem jungen Manne, um ſich her zu ſpähen und die Gegend zu erkennen, wo er ſich befand. Dank ſeiner Streifereien während des vergangenen Som⸗ mers, fand er auch ſogleich ein paar bekannte Punkte, vermittels welcher er ſich zurechtfinden konnte. Vor ſich hatte er eine etwas holperige Halde, bei der er im Hinabfahren Baumſtümpfe und einige Löcher vermeiden mußte; dann kam er unten auf einen Hohlweg, der auf einem nicht allzu großen Umwege wieder auf die Landſtraße führte. Ueberfall eines Lagers. 199 Die junge Zigeunerin hatte bei dem vollen Lichte des Mondes verſtohlen ihren Blick auf das Geſicht des jungen Mannes gerichtet, und ſchien ſie der Ausdruck desſelben voll⸗ kommen zu befriedigen; ſie hüllte ſich fröſtelnd wieder feſter in einen alten Teppich und lehnte nun, bei den heftigen Stößen des Wagens, als ſie herab fuhren, ihren Körper gegen die Schulter Erich's, der ihr freundlich lächelnd ſagte, ſie ſolle ſich durchaus keinen Zwang anthun und es ſich ſo bequem als möglich machen;„ſogleich,“ ſetzte er hinzu,„haben wir auch beſſeren Weg.“ „Und kommen wir dann nach Zwingenberg?“ fragte die Esmeralda. „So Gott will, in einer ſtarken Viertelſtunde. Hier den Hohlweg hinauf müſſen wir etwas langſam thun, von droben aber haben wir abwärts eine gute Landſtraße. Wo ſoll ich Sie in Zwingenberg hinführen? In den Schwanen oder in die Traube?“— So hießen nämlich die beiden Wirthshäuſer des kleinen Dorfes. Doch die Zigeunerin ſchüttelte lachend mit dem Kopfe und ſagte:„Nichts Schwan und nichts Traube; wir haben unſere eigene Herberge, die viel ſchöner iſt, namentlich in dieſer herr⸗ lichen Nacht. Unten ein weicher, grüner Teppich, daneben wahr⸗ ſcheinlich ein murmelndes Waſſer und über uns eine glänzende Decke mit tauſend und Tauſenden von Sternen.“ „Ah, jetzt verſtehe ich,“ antwortete Erich,„und ihre Be⸗ leuchtung iſt das prächtige Mondlicht!“ „Ja, das Mondlicht und die funkelnden Sterne und das Leuchten der Feuer; aber nicht, wie die da hinter uns,“ fuhr ſie kopfſchüttelnd fort,„umgeben von wilden Pferden und noch 200 Zehntes Kapitel. wilderen Soldaten, nein, friedlich ſanft aufſteigende Feuer, um welche man ſitzt und hineinſchaut, und deren ſpielende Flammen uns erzählen von der fernen Heimath— ah, ſchön, ah, ſchön!“ Da war die Landſtraße, und Erich mußte ſtill in ſich hinein lächeln, als er nun, raſch abwärts fahrend, in Kurzem den Meilenſtein wieder erreichte, der jetzt den Zauberkreis eines Tages abſchloß, in dem er das Unerhörteſte und Intereſſanteſte ſeines ganzen Lebens geſehen und erfahren. Und dazu noch die kleinen Lichtpunkte aus den Häuſern von Zwingenberg! Ihm war es übrigens lieb, daß er weder bei dem„Schwan“ noch bei der„Traube“ vorzufahren brauchte, wäre doch dieſe Veränderung gar zu groß geweſen! Er, der heute Morgen aus⸗ gezogen war, freilich als entlaſſener, aber immerhin ehrbarer Schulmeiſtergehülfe, im langen, ſchwarzen Rocke, jetzt zurück⸗ kehrend in der Jägerjuppe und in Begleitung einer Zigeunerfamilie! Wohin nun aber mit dieſen? Wo ihr Lager finden? Da war ſchon der Eingang des Dorfes; er ſah ſeine Begleiterin fragend an, worauf dieſe, welche ſeinen Blick wohl verſtand, ihm ſagte: „Da links am Wege iſt fließendes Waſſer, und wo an demſelben ein Wieſengrund iſt, werden wir das Lager der Unſrigen finden.“ 8 — Dazu war nun wohl der geeignetſte Platz eine unfrucht⸗ bare Allmande, auf welcher Erich früher mit ſeinen Schulbuben „. exercirt, und als er, die Ponies dahin lenkend, eine Biegun F. 7/ 8 8 des Weges am Ufer des Baches gewonnen hatte, ſah er vor ſich ein paar Feuer lodern, bei deren Erblicken die junge Zigeu— nerin freudig von ihrem Sitze emporfuhr und raſch einige Worte 7 in den Wagen hineinrief. Ueberfall eines Lagers. 201 2 Erich fuhr in die Nähe des größten Feuers und war hier ſogleich umringt von Männern, Weibern und Kindern, welche theils das Feuer verlaſſen und ihm raſch entgegen geeilt waren.— Ein eigenthümliches Völkchen; wenn auch nicht ſo phantaſtiſch und maleriſch coſtumirt, wie man es ſonſt in den Büchern ſchildert, oder wie wir es auf den Theatern zu ſehen gewohnt ſind, wich doch ihre Kleidung immerhin bedeutend von derjenigen der Einwohner Zwingenbergs ab, von denen der ehemalige Schulgehülfe gerade nicht zu ſeiner angenehmen Ueberraſchung verſchiedene in Trupps umherſtehen ſah, das Treiben der Zi⸗ geuner neugierig betrachtend. Ein großer, breitſchulteriger Mann trat an den Wagen und hob, nachdem er die Zügel auͤs den Händen Erich's ent⸗ gegen genommen, zuerſt die Esmeralda herab, welche raſch und flüchtig in ihn hinein ſprach, worauf ſich ſeine finſtern Züge etwas aufklärten. Dann warf er die Leinwanddecke des Wagens zurück, ließ einen gleichgültigen Blick über die feſt ſchlafende Alte gleiten und reichte hierauf der bleichen Frau ſorgſam ſeine beiden Hände, um ihr das Aufſtehen zu erleichtern, hob ſie alsdann wie eine Feder empor und ſetzte ſie vorſichtig auf den Boden nieder. Blanda hatten ein paar jüngere Weiber zärtlich in ihre Arme genommen, trugen ſie an das Feuer hin, ſetzten ſie dort auf einen Haufen Decken und begannen ihr die kalt gewordenen Händchen und Füßchen zu reiben, was das kleine Mädchen mit großer Gleichgültigkeit geſchehen ließ, ohne irgend welchen 3 Dank dafür zu ſagen. Das einzige Zeichen von Theilnahme gab ſie dadurch, daß ſie hier und da einem der Männer oder 202 Zehntes Kapitel. auch der Kinder flüchtig zunickte, die ſich fragend und mit freundlichen Blicken um ſie drängten. Erich hatte Mühe, ſich der herzlichen Dankesbezeigungen der Esmeralda zu entziehen, ſo wie denen des breitſchulterigen Mannes, der eine Art Autorität zu beſitzen ſchien, wie auch den ſanften Worten der blaſſen Frau, welche ihm beide Hände auf die Schultern legte und mit einem rührenden Ausdrucke ihrer ſanften Stimme ſagte: „Ich kann nichts für Sie thun, als den Himmel bitten, daß er auch Ihnen einmal einen treuen Führer ſenden möge, wenn Sie in Angſt und Noth ſind!“ Dabei war ihr bleiches, edles Geſicht vom hellen Mond⸗ lichte beſchienen, und Erich ſah jetzt an der auffallenden Aehn⸗ lichkeit zwiſchen ihr und der kleinen Blanda, daß ſie ohne alle Frage die Mutter derſelben ſein müßte. Dann wollte er ſich raſch in die Dunkelheit zurückziehen, als ein paar von den Kindern von dem Feuer herüber geſprungen kamen und ihm ſchon von Weitem zuriefen, er müſſe zu Blanda kommen, die ihm auch ihren Dank ſagen wolle. Nun dachte aber Erich, trotz ſeiner angeborenen Gut⸗ müthigkeit, es ſei nicht weiter von dem Feuer zu ihm, als um⸗ gekehrt, und wollte dieſe Dankesbezeigungen mit Einem Male dadurch abmachen, daß er mit der Hand grüßend gegen das kleine Mädchen hinüber winkte. Ehrlich geſagt, hatte er auch keine große Luſt, ſich dem hell flackernden Feuer zu nähern, da er dicht bei demſelben Geſtalten bemerkte, die nicht zu den Zigeunern zu gehören ſchienen, Bewohner des Dorfes, die von dem höchſt ſeltſamen Schauſpiele eines Zigeunerlagers heran⸗ gelockt waren. Doch faßte die Esmeralda ſeine Hand und zog oge, Ueberfall eines Lagers. 203 ihn faſt mit Gewalt in den Schein des Feuers hinein; wo er allerdings einen Kreis von Zuſchauern fand, den er am wenigſtens erwartet. „Ha, ich verſtehe!“ hörte er eine dröhnende Stimme ſagen, „das iſt ganz ſo, wie wir in Büchern leſen oder auf dem Theater ſehen. Ein Theil der Bande hat ſich hier gelagert, die Anderen eben heimkehren von ihren Gaukeleien, vielleicht auch vom Bettel. Siehſt du, Selma, dieſe junge, ſchöne Perſon könnte man füglich die Precioſa dieſer Zigeuner nennen.“ Alle Blicke richteten ſich bei dieſen Worten auf die junge, reizende Zigeunerin, die nun in ihrem phantaſtiſchen Coſtume voll von dem Feuer beleuchtet wurde und welche mit ihren Augen, ihrem ſchönen, ausdrucksvollen Geſichte und dem lä— chelnden Munde mit den weißen Zähnen allerdings eine präch⸗ tige Erſcheinung bot. Wie verblaßt ſchien dagegen Selma, und wie erblaßte ſie erſt in Wirklichkeit, als ſie nun den Begleiter jenes ſchönen jungen Mädchens erkannte, und zwar beim erſten Anblicke, trotz der grauen Juppe und ſeines Jägerhutes. „Ha— ich verſtehe!“ rief der Pfarrer, und wollte gerade hinzuſetzen:„Ganz Precioſa, denn da haben wir auch Don Alonzo!“ Doch blieb ihm der letztere Name in der Kehle ſtecken, und ſtatt deſſen drangen die allerdings nicht chriſtlichen Worte hervor:„Ei der Teufel, das iſt ja Monſieur Erich!“ Wer weiß, zu welchen Auseinanderſetzungen es hier noch gekommen wäre, wenn es Selma nicht für gut befunden hätte, ihre Lippen auf einander zu preſſen und dann zu ihrem Vater 204 Zehntes Kapitel. zu ſagen:„Laß uns gehen, Papa. Ich glaube nicht, dgß es anſtändig iſt, noch länger hier zu bleiben.“ Auch wandte ſie ſich raſch nach dieſen Worten ab, nicht aber, ohne vorher noch einen langen Blick auf den undank⸗ baren Schulamtsgehülfen zu werfen, der jetzt ſo vortheilhaft ausſah in der kleidſamen Jagdjuppe und deſſen höchſt mora⸗ liſche Geſinnungen ſich nach Ablegung ſeines langen, ſchwarzen Rockes ſo raſch und vollſtändig geändert zu haben ſchienen.— Pfui über dieſen Heuchler! Blanda hatte ſich raſch von ihrem Sitze am Feuer er⸗ hoben und trat nun auf Erich zu, wobei ſie ihm ſagte:„Ich danke dir, daß du ſo gut warſt, uns hieher zu führen! Küſſe mich, ich will dich nicht vergeſſen!“ Dabei reichte ſie mit ihren kleinen Händchen gegen ſeine Schulter hinauf, zog ihn raſch zu ſich nieder und drückte einen Augenblick ihre feinen, kalten Lippen auf ſeinen Mund.—„Lebe wohl! Lebe wohl!“ Von allem Danke, den ex empfangen, hatte ihn keiner ſo bewegt, ja, gerührt, als der des ſo theilnahmlos ſcheinenden, finſter blickenden kleinen Mädchens, und wenn er nun, raſch davon eilend, noch mehrere Male zürückblickte, ſo that er das nur, um wiederholt dem Kinde freundlich zuzunicken, das, auf⸗ recht am Feuer ſtehend, ihm nachſchaute, bis er in der Dunkel⸗ heit verſchwunden war. Er konnte das eigenthümliche Bild lange nicht vergeſſen: das röthlich lodernde Feuer und daneben die lichte Geſtalt des Kindes, deſſen feines, edles Geſicht, hell vom Monde beſtrahlt, ſo geiſterhaft bleich, ſo ernſt und traurig geweſen war. Gegen heute Morgen gerechnet, brauchte Erich nicht viel Ueberfall eines Lagers. 205 Zeit, um die Mühle wieder zu erreichen; hatte er doch jetzt keine Veranlaſſung, ſich unterwegs aufzuhalten, denn dort, wo am Morgen das Getümmel des Kampfes erſchallte und die Linien der verſchiedenen Truppenkörper hin und wieder zogen, lag jetzt eine ſtille, friedliche, vom Monde ſanft be⸗ leuchtete Ebene. Auch drängte es ihn, zu den guten Leuten zu kommen, die ihn ſo freundlich aufgenommen, und ſich vor allen Dingen bei Gottfried zu entſchuldigen. Dieſer aber empfing ihn lachend, unter der Thür der Mühle ſtehend, und er wußte ſchon um das Abenteuer des jungen Proviſors. Natürlicher Weiſe mußte dieſer aber ſeine Erlebniſſe in allen Einzelheiten dem Doctor Burbus mittheilen, der ſich nicht wenig daran ergötzte, beſonders an Erich's Zuſammentreffen mit dem Pfarrer und mit Selma. „Daß aber damit,“ ſagte er,„der gründlichſte Strich unter Ihre Schulamts⸗Carrière gemacht worden iſt, darauf können Sie in gemüthlichſter Weiſe Gift nehmen; denn er wird Sie dem hohen Kirchen⸗Convente darſtellen als ein Kind nächtlicher Finſterniß, als ein ſcheußliches Geſchöpf der Nacht, welches nicht Wohlgefallen findet in dem Umgange gleich und herrlich geſinnter chriſtlich evangeliſcher Seelen, ſondern das ſich behaglich fühlt im wüſten Gelage mit Heiden, Zigeunern und anderen Strolchen. Soll ich Sie bedauern, junger ge⸗ weſener Proviſor?“ fuhr der Doctor nach einer Pauſe fort, während er ihn mit den hellen, klugen Augen durchdringend betrachtete.„Ich glaube kaum, daß das nöthig iſt. Wer ſo, wie Sie, ſchwärmeriſch entzückt iſt von einem Manöver, wie das heutige, wer mitten im feindlichen und freundlichen Kugel⸗ regen die aufopferndſten Kundſchafterdienſte leiſtet und dann 206 Zehntes Kapitel. mit fremden Pferden bei Nacht und Nebel eine Zigeunerbande durch Wald und Feld kutſchirt, deſſen Kopf und Hand ſind am Ende auch noch zu Anderem fähig, als den Haſelſtock zu führen und in einer dumpfen Schule zu verkümmern. Ja, mein Freund, es iſt ein hartes Brod, das der Landſchullehrer, beſonders armer Gemeinden; wenn man auch noch ſo ſchöne Redensarten liest über die Verbeſſerung der Lage derſelben, ſo wird man ihnen auch mit den kärglichen Zulagen, die man nach langen Debatten für ſie herauspreßt, doch keine weich⸗ gebacknen Semmel vorzuſetzen im Stande ſein. Dieſe Krank⸗ heit liegt tiefer und hängt gewiſſer Maßen zuſammen mit dem mehr oder minder ſtarken Auftreten jenes Scharlachfiebers, das Sie heute Morgen in der Geſtalt eines Manövers beobachtet. Je höher die Wagſchale des Staates dafür ſteigt, deſto tiefer ſinkt die der armen Landſchullehrer mit Noth und Elend ge⸗ füllt zur Erde. Jene verzehren die Mittel, mit denen von Staats wegen den Landſchullehrern, dieſen wichtigſten Beamten, das Leben wenigſtens ſorgenfrei gemacht werden ſollte, und neben ihrer Armuth in leiblicher Hinſicht wird ihre Stellung und ihr Anſehen noch viel mehr dadurch untergraben, daß ſie gewiſſer Maßen privilegirte Bettelleute ſind; denn ſo ſieht der in Geld⸗ ſachen harte Bauer das Eincaſſiren des kärglichen Schulgeldes an und behandelt danach den Mann, der ſeinen ungezogenen Buben aus dem rauhen Klotze heraushauen und für ſein ganzes Leben zuhobeln ſoll. „Ich ſage Ihnen das nur,“ ſprach der alte Burbus weiter, nachdem er bedächtig ſein Glas leer getrunken,„weil ich es für meine Pflicht halte und weil ich aus Ihren eigenen Worten weiß, daß ich dadurch in Ihnen keine Illuſionen mehr zu Ueberfall eines Lagers. 207 zerſtören im Stande bin. Sagten Sie mir ſelbſt doch ſchon öfter, wie ſauer es Ihnen geworden, da unterzukriechen, und wie viel lieber Sie ſich in die andere, ſcheinbar ſo— glän⸗ zende Lebensſtellung geworfen hätten. Sie wiſſen wohl, was ich meine, das Militär. Schade, daß der gewiſſe Mephiſto⸗ pheles eines gewiſſen Goethe nicht auch Veranlaſſung nahm, dem wißbegierigen Schüler auch über dieſes glänzende Elend ein kräftiges Wörtchen zu ſagen, denn wir hätten dadurch wahrſcheinlich eine werthvolle Vermehrung dieſes geiſtreichen Katechismus erhalten.“ 1 „So laſſen Sie mich wenigſtens Ihre Anſicht darüber hören,“ ſagte der junge Mann;„o, Sie wiſſen nicht, Herr Doctor Burbus, wie gern ich Ihren kräftigen, für mich ſo verſtändlichen Worten lauſche!“ „Wenn Sie mich vollkommen verſtehen, ſo ſoll mich das ſehr freuen; doch wünſche ich auch in ſo fern nicht mißverſtanden zu werden, als beabſichtige ich in Ihnen eine Zuneigung oder Abneigung für dieſen oder jenen Stand als ſolchen hervor⸗ zurufen. Das würde auch gar nichts nutzen, denn es gibt keinen größeren Schwindel, als den wir mit den Worten: die Freiheit unſeres Handelns und unſeres Wollens, bezeichnen. Wir haben darüber durchaus keinen eigenen Willen, und wenn Sie ſpäter einmal in den Büchern des ſo eben von mir ge⸗ nannten gewiſſen Goethe leſen werden, was ich Ihnen ſeiner Zeit dringend anrathe, ſo werden Sie in einem höchſt claſſi— ſchen Trauerſpiele, Egmont, an eine Stelle kommen, welche heißt:„Wie von unſichtbaren Geiſtern gepeitſcht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unſeres Schickſals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als muthig gefaßt die Zügel V b 208 Zehntes Kapitel. feſtzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Pferde wegzulenken.“ Und dieſe Stelle ſollte ſich Jeder als den erſten Grundſatz menſchlicher Weisheit ſtets vor Augen halten; das, was wir Schickſal nennen, und was doch eigentlich nur Zufall iſt, beſtimmt über uns und unſeren Lebensweg. Nehmen Sie ſich vor, das Bächlein Ihres Daſeins ſoll dieſen oder jenen Weg durchlaufen, den Sie ſich vorge— zeichnet oder den geſcheitere Leute, die eben ſo wenig in die Zukunft ſehen können, Ihnen angewieſen, um da unten an einem gewiſſen Ziele anzukommen— Sie haben die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Es tritt Ihnen auf einmal rechts eine Felſenwand entgegen, die Sie vollſtändig aus Ihrer Bahn wirft, oder ein unvorhergeſehener Abgrund, der Sie jäh in die Tiefe reißt, und wo Sie alsdann noch zufrieden ſein können, wenn es Ihnen gelingt, einen Theil Ihres an Klippen zer⸗ ſchellten Lebens wieder mühſam zu ordnen. Sie erzählten mir von Ihrem Amtsnachfolger in Zwingenberg. Die Quart auf ſeiner Wange, das iſt ſo ein Felſen, von dem ich vorhin ſprach, der ihn aus ſeiner Bahn geworfen, und wir werden es noch erleben, daß er auch in Abgründe hineintaumelt, an die er vorher nicht gedacht. Sie ſelbſt, mein junger Freund, wuchſen in dem Gedanken auf, ein braver Militär zu werden, wie es Ihr Vater geweſen, und bei Ihnen war Herr Schmel⸗ zer mit ſeinem Orgelſpiele der jähe Abhang, der Sie beinahe willenlos anſtatt in die Caſerne nach Zwingenberg leitete.— Und wenn ich erſt von mir ſelbſt reden wollte, ich, der mit Verlaub zu ſagen in meiner Jugend ein lockerer Zeiſig war, das, was man einen verdorbenen Studenten nennt, und der ſo weit von der Doctor⸗Promotion entfernt war, wie ein 2** Ueberfall eines Lagers. 209 Kameel vom Seiltanzen! Wiſſen Sie, was mich wieder in die richtige Bahn zurückwarf? Ein menſchliches Skelett. Sie können das ausführlich nachleſen in einem Buche unter dem Titel:„Handel und Wandel,“ in welchem ein eigennütziger Freund verſchiedene Druckbogen mit der Erzählung meines an ſich ſehr unbedeutenden Lebens ausfüllte. Doch das in Paren⸗ theſe. Ich wollte nur noch ſagen, daß, wer mir damals, als ich im Gefühle meiner ärztlichen Würde das erſte Recept ſchrieb, geſagt hätte, ich würde meine Tage als Müller be⸗ endigen, dem hätte ich unter die Naſe gelacht, und wer weiß ſelbſt jetzt noch, ob ich meine Tage hier beſchließe oder nicht ſonſt wo als ein großes Thier noch viel von mir reden mache. „Doch Sie ſind nachdenklich geworden, mein lieber Schul⸗ amts⸗Candidat, trübe geſtimmt; aber es lag durchaus nicht in meiner Abſicht, Ihnen Ihre Zukunft als ſo ganz und bedin⸗ gungslos durch den Zufall gelenkt darzuſtellen. Im Gegen— theil, die Leitung liegt immerhin mehr oder minder in unſerer Hand, nur ſind wir von der Strömung des Lebens ab⸗ hängig und können, wie geſagt, nichts thun, als... Auch wollte ich Sie nur freundſchaftlichſt erſuchen, ſich keinen allzu großen Kummer zu machen über das erſte verfehlte Kaßitel Ihres Lebensbuches, in welchem Sie ja mit redlichem Streben gearbeitet und aus welchem Sie ohne Ihre Schuld vielleicht in ganz andere Bahnen hineingedrängt werden. Ich kann mir wohl denken, welche Bahn das ſein wird, und ſollen Sie in mir dabei nach beſten Kräften einen Beförderer finden.“ Der alte Mann reichte bei dieſen Wortet, Erich ſeine Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 14 210 Zehntes Kapitel. Rechte über den Tiſch hinüber, welche dieſer mit ſeinen beiden Händen ergriff und herzlich dankend drückte. „Morgen früh werde ich Sie meinem Gaſte, dem Premier⸗ Lieutenant in der Artillerie, vorſtellen, den ich beſtens für Sie eingenommen und der Ihren Kenntniſſen ein Bischen auf den Zahn fühlen ſoll. Hält er Sie für befähigt, in die Brigade⸗ ſchule aufgenommen zu werden, ſo wollen wir dafür ſorgen, ſo viel als in unſeren Kräften ſteht. Keinen Dank— um des Himmels willen, keinen Dank— ich kann es nun einmal nicht vertragen, und wenn ich feuchte Augen ſehe, ſo werde ich grob! „Und nun wollen wir zu Bette.“ Elftes Kapitel. Der Held unſerer Geſchichte thut die erſten Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn, wird zur Jagd eingeladen und kommt dadurch in Verwicklungen der allerſchlimmſten Art. Die blaue Stube war eine recht hübſche Stube, und Erich lag behaglich in ſeinem warmen Bette; ſo gut hatte er es lange nicht gehabt, eigentlich nie. Und wenn er dabei an die Worte des alten Doctors Burbus dachte, ſo drückte er ſein Geſicht mit einem ſeligen Gefühle in die Kiſſen. Dazu rauſchten die Waſſer des Mühlwehrs und erzählten ſo geheimnißvolle Dinge, denen die aufgeregten Sinne des jungen Menſchen Farbe und Geſtalt gaben. Auch vernahm er fort und fort das Drehen der ſchweren Mühlräder— denn die Werke gingen jetzt, vor Eintritt des Winters, beinahe unausgeſetzt Tag und Nacht fort, um die großen Getreidevorräthe bewältigen zu können— gleich⸗ förmig und einförmig, wie ein altes Wiegenlied, und dazu zitterte der Fußboden des kleinen Gemaches in ſo eigenthüm— licher Weiſe. Kein Wunder, daß er trotz der bunten Bilder alles deſſen, was er heute erlebt hatte, bald in einen feſten Schlaf verfiel, 212 Elftes Kapitel. und ebenfalls kein Wunder, daß er in dieſem Schlafe Dinge träumte, die auch nicht im entfernteſten Zuſammenhange mit den Erlebniſſen des heutigen Tages ſtanden, wohl aber mit ſeiner Umgebung und dem, was ihm der Doctor von dem will⸗ kürlichen Laufe des Lebensſtromes erzählt hatte; denn er hatte gewaltig viel mit ſtürzenden Waſſern und wilden Fluten zu thun, die er kämpfend durchſchritt, in denſelben ſchwer athmend, unterſinkend, dann ſich immer wieder empor arbeitend an die Oberfläche des wild bewegten Waſſers und hinauf in das roſige Licht. Es waren ihm von den tollen, unbeſtimmten Gebilden keine Einzelheiten im Gedächtniß geblieben, nur des Endes ſeines Traumes erinnerte er ſich noch nach Jahren mit großer Deutlichkeit: da ruhte er in einer behaglichen Ermüdung mit geſchloſſenen Augen in einem leiſe ſchaukelnden Nachen, und ein leichter Wind trieb ihn über die weite, leuchtende Fläche eines See's. Auf einmal vernahm er auf allen Seiten ein ſeltſames Flüſtern und Klingen, wie der Ton von Aoeolsharfen oder wie das melodiſche Aneinanderſchleifen ſchlanker Waſſerbinſen, die vom Windhauche hin und her bewegt werden— dann ſtieß der Nachen ans Ufer, und trotz ſeiner geſchloſſenen Augenlider ſah er das ernſte, bleiche Geſicht der kleinen Blanda, ſich über ihn beugend— aber nur im Traume— denn jetzt erwachte er in Wirklichkeit, um zu bemerken, daß er ſich in ſeinem Bette befand, in der blauen Stube im Hauſe des Müllers Burbus, und daß das helle Tageslicht durch die Fenſter hereinſchien. 1 f Nach dem Frühſtücke wurde er von dem Müller ſelbſt zu dem verwundeten Officier geführt, der in einem langen, grünen Schlafrocke, eine Cigarre im Munde, mißmuthig auf und ab ging. Er betrachtete einen Augenblick ſchweigend, mit finſterem nen Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 213. Stirnrunzeln den jungen Menſchen; dann ſagte er:„Na, das ſieht anſtändiger aus, als ich mir unter einem Schullehreramts⸗ Candidaten gedacht; hat auch friſche Augen im Kopfe und ſtramme Glieder am Leibe. Wie alt?“ „Sechszehn Jahre, Herr Premier⸗Lieutenant.“ „Ihr Vater war Artillerie⸗Unterofficier?“ „Zu befehlen, Herr Premier⸗Lieutenant; Joachim Freiberg, bei der vierten Batterie ſiebenter Brigade, Herr Hauptmann Heinzelmann.“ „Ich habe ihn gekannt, er iſt mit Penſion abgegangen. Und Sie wollen Soldat werden, vielleicht Officier, und wiſſen nichts Geſcheiteres mit Ihrem jungen Leben anzufangen?“ „Schon mein Vater hatte den dringenden Wunſch, daß ich Soldat werden ſolle, und zwar bei der Artillerie, und auch ich habe dazu von jeher die lebhafteſte Neigung empfunden.“ „Wie viele junge Leute haben das nicht!“ erwiederte der Artillerie⸗Officier achſelzuckend;„ja, eine Uniform ſieht gut aus, das glänzt, ſtrahlt, raſſelt und klirrt, und in den Büchern wird viel gelogen von dem luſtigen, glücklichen, ungebundenen Soldatenleben. Na, was die Luſtigkeit anbelangt, die wird Ihnen ſchon vergehen, nachdem Sie einmal ein halbes Jahr Commißbrod gegeſſen; das Glück betreffend, ſo ſchauen Sie mich an, einen vierzigjährigen Premier⸗Lieutenant, der noch wenigſtens acht Jahre zum Hauptmanne hat, und jetzt, nach fünfundzwanzigjähriger Dienſtzeit, vielleicht die Ausſicht,“ fuhr er unmuthig fort, indem er ſeinen verwundeten Arm etwas in die Höhe hob,„mit zehn Thalern monatlicher Penſion in den Ruheſtand verſetzt zu werden. Und nun gar das ungebundene Leben, das iſt das ſauerſte Kapitel, und ich möchte wiſſen, 214 Elftes Kapitel. woher die Ungebundenheit kommen ſollte, wenn man der leib⸗ eigene Knecht von hundert Herren iſt! Was ſo bei euch jungen Leuten für Ungebundenheit ausſieht, das rangirt neben den unmuthigen und widerſpänſtigen Bewegungen des jungen, friſchen, eingefangenen Stieres, der ſich eine Erleichterung zu verſchaffen ſucht, indem er ſich trotzig gegen das Joch ſtemmt, das man ihm auferlegt.— Doch laſſen wir es mit dieſer Jeremiade genug ſein, denn eine ähnliche hat bei mir nichts genutzt und wird bei Ihnen eben ſo wenig nutzen wie bei Tauſenden Ihrer glückſeligen Nachfolger. Gehen wir deßhalb darüber hinweg und thun wir unſerem freundlichen Hauswirthe den Gefallen, ein Bischen nachzuſehen, wie es mit Ihrem Wiſſen ausſieht.“ Das Reſultat dieſes ziemlich genauen Examens war nun kein allzu ſchlimmes, aber noch viel weniger ein allzu gutes. „Es könnte ſchon mit der Aufnahme gehen,“ ſagte ſpäter der Premier⸗Lieutenant zu Burbus,„wenn ſie es mit der edlen Rechenkunſt, in welcher der junge Menſch allerdings mangelhaft beſchlagen iſt, nicht zu genau nehmen. Haben Sie Bekannte?“ „Nein, Herr Premier⸗Lieutenant; ich wüßte keine lebendige Seele, die Urſache hätte, ſich meiner anzunehmen.“ „Das hat auch ſein Gutes, denn wenn Einer anfänglich ſo durch Protection fortgeſchubt wird, ſo lernt er ſelten oder nie auf eigenen Füßen ſtehen. Etwas Vermögen?“ „Noch weniger.“ „Dann muß es verflucht wenig ſein! Das iſt ſchon ſchlim⸗ mer, und weiß ich nicht, ob es ſich ohne alle Zulage auf der Schule thun wird. Sie haben allerdings Ihre einfache Löh⸗ nung, auch Brod und dergleichen; aber es gibt auch noch andere Bedürfniſſe für junge Leute Ihres Alters, für die geſorgt ſein änglich noder Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 215 muß, oder man fängt mit Schulden an, was in jeder Carrieère ſchlimm iſt, für einen Officier geradzu troſtlos.“ „Nun, vielleicht ließe ſich doch für ein Erſtes etwas We⸗ niges zuſammenbringen,“ meinte der alte Müller gutmülhig. „Sie ſprachen mir doch von einer kleinen Verlaſſenſchaft⸗Ihres Vaters.“ „Aber ſo klein,“ erwiederte Erich achſelzuckend,„daß wohl davon nichts mehr übrig ſein wird, ſobald ich die Reiſe nach meinem neuen Beſtimmungsorte gemacht habe.“ „Nun, das wird ſich allenfalls finden,“ ſagte Burbus und ſetzte hinzu, indem er ſein Geſicht ſtark gegen den Officier wandte:„Vielleicht daß man dem Sohne eines braven, lang⸗ gedienten Unterofficiers eine kleine Zulage gibt.“ Der Premier⸗Lieutenant wollte das ganz entſchieden ver⸗ neinen, doch verſtand er noch zur rechten Zeit eine Grimaſſe, die der alte Müller ſchnitt und ſagte deßhalb einlenkend:„Es iſt das wohl nicht ſo leicht, als man denkt, aber unmöglich auch gerade nicht; man muß das Beſte hoffen.“ Erich ſchrieb über ſeinen neuen Plan an ſeinen alten Freund Herrn Schmelzer, und als recht bald eine Antwort deſſelben einlief, ſcheute er ſich faſt, den Brief zu erbrechen, denn ihm ahnte der Inhalt. „Leider, daß es ſo gekommen iſt,“ ſchrieb denn auch der Schullehrer,„und wenn wir auch von allen Anſchuldigungen des Herrn Pfarrers Wendler neunundneunzig Procent abſtrei⸗ chen wollen, ſo bleibt doch immer noch ſo viel übrig, daß ich es unſerem Pfarrer nicht übel nehmen konnte, daß er beim Durchleſen der Epiſtel förmlich ſeine Hände in Unſchuld wuſch und mich mit der Frage anging: ob ich auch jetzt noch geneigt 216 Elftes Kapitel. ſei, Häuſer auf Dein Wohlverhalten zu bauen. Es iſt nun allerdings ſtark, wenn man, anſtatt die Kinder etwas Gutes zu lehren, Exercirübungen mit ihnen treibt, was aber leider bei Dir im Blute ſteckt; daß man ferner die freundliche Aufnahme in einem höchſt anſtändigen Hauſe, wie das des Herrn Pfarrers Wendler ſein muß, mit Undank belohnt; daß man ferner einem neu einziehenden Schulmeiſter unziemliche Dinge über die Fa⸗ milie ſeines Seelſorgers und kirchlichen Vorgeſetzten mittheilt; daß man nach erhaltenem Abſchiede, ſtatt reumüthig um fernere Protectionen zu bitten, dem Soldatenſpectakel nachläuft und ſich ſchließlich mit den liederlichen Weibsbildern einer Zigeunerbande umhertreibt: das iſt, wie geſagt, allerdings ein wenig zu ſtark, und wäre es Vermeſſenheit, ferner um eine ähnliche Stelle für Dich anzuhalten. Schade um die edle Muſica, die unter den Trümmern und dem Schutte eines ſolchen Lebenswandels gewiß für immer und ewig tief begraben bleiben wird! Was kann ich — ſonſt noch für Dich thun? Ich weiß es in der That nicht und halte es jetzt ſelbſt für das Beſte, wenn Du den Verſuch machſt, irgendwo beim Militär anzukommen, zu welchem Zwecke ich Dir einliegend ein Taufzeugniß, Impfſchein und Dein Confir⸗ mationsatteſt beifüge. Sollteſt Du mir aus Deiner neuen Carrière Erfreuliches zu melden haben, ſo wird demſelben alle⸗ zeit ein freundliches Ohr leihen „Dein ehemaliger Lehrer Lorenz Schmelzer.“ Erich zeigte dieſen Brief dem alten Müller, der ihm ſagte: „Sehen Sie, das iſt auch wieder eine ſolche Felſenecke, die Ihren Lebenslauf aus der vorgezeichneten Bahn ablenkt; deßhalb aber brauchen Sie nicht den Muth zu verlieren und den Kopf ſinken zu laſſen. Glauben Sie, hoffnungsvoller Zigeunerbeſchützer, Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 217 es wäre eigentlich langweilig, wenn ſich unſer Leben glatt ab⸗ wickeln würde wie ein gut gedrehter Garnknäuel; die Laſten, die der Magnet tragen muß, ſtärken ſeine Kraft, und nur die Berührung mit dem harten Schleifſteine ſchärft den Stahl. Ich habe alles das erfahren, ja, und noch Schlimmeres, und wer weiß, ob der Reſt meines Lebens ſo ſanft verfließen wird, wie es allerdings den Anſchein hat, ob mein Daſein nicht noch kümmerlich verſanden muß oder jämmerlich zerſchellen an einem noch ungeahnten Felſenſturze.“ Der Premier⸗Lieutenant, deſſen Heilung erfreuliche Fort⸗ ſchritte machte, hatte es gern, wenn Erich ihn beſuchte, mit ihm über Dies und Das plauderte oder ihm aus den Zeitungen oder auch aus Büchern vorlas. Er war ein ernſter, ſchweig⸗ ſamer Mann, an dem bittere Lebenserfahrungen ſtark gerüttelt hatten; doch liebte er es nicht, darüber zu reden, auch nicht über ſeine Militär⸗Carrière und eben ſo wenig über die Zukunft des jungen Mannes, den er nicht ungern zu haben ſchien. Im Geheimen aber hatte er an einen Freund geſchrieben, der Lehrer an der Brigadeſchule war und Erich von Nutzen ſein konnte, hatte ihm die Verhältniſſe deſſelben aus einander geſetzt, auch etwa den Grad von deſſen Wiſſen angegeben, und legte nach wenigen Tagen ein nicht ungünſtiges Reſultat dieſes Brief⸗ wechſels Erich vor, welcher daraus zu ſeiner großen Freude erſah, daß ſeine Aufnahme dorten ſich günſtiger zu geſtalten ſchien, als er in ſeinen kühnſten Träumen zu hoffen gewagt. „Mein lieber Freund!“ ſchrieb der Ober⸗Feuerwerker Doll an den Premier⸗Lieutenant Schramm.„Mit großem Leidweſen die Nachricht von Deiner Verwundung erhalten, wogegen mich ſehr freue, daß Du Dich in ſo guter Pflege befindeſt. Kann 18 Elftes Kapitel. Dir von meinem kärglichen Befinden, Gott ſei Dank, nur das Beſte mittheilen, beneide Dich aber trotz alledem um Deinen Aufenthalt, wie Du ihn mir geſchildert— Waldeinſamkeit, herbſtlich gefärbte Bäume, munter fließende Waſſer und der⸗ gleichen. Sehne mich ſehr nach Aehnlichem, um meinen Geiſt ein Bischen aufzufriſchen und ihn gewaltſam hinauszuwerfen aus der geraden Linie, aus den ſtumpfen und ſpitzen Winkeln, aus den Halbkreiſen und Spiralen, ja, aus dem ganzen mathe⸗ matiſchen Wirrwarr, in welchem ich ohne Erbarmen immer tiefer untergehe. Nächſtens iſt Alles in dieſer, an ſich ſo ſchönen Welt für mich nur noch da, um es zu vergleichen und zu be⸗ rechnen, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn man ein⸗ mal bei der Section meines Schädels ſämmtliche Boſſen des Gehirns zu lauter gleichſeiti igen Dreiecken ausgebildet fände. Was nun den jungen Menſchen betrifft, von dem Du ſchreibſt, ſo laß ihn nur kommen; Du ſchilderſt ihn als eine friſche Na⸗ türlichkeit, als ein offenes, geſundes, ehrliches Weſen, und das thut gut bei all dem Grobz zeug, was ſich zur Aufnahmeprüfung meldet, allerdings häufig vortreffliche Schulkenntniſſe mitbringt, dagegen ſo wenig körperliche Anlagen zum Artilleriſten hat, als der Eſel zum Lautenſchlagen. Als Sohn eines ehemaligen, braven Unterofficiers wird man ihm ſeine Aufnahme erleichtern, und was ſeine mangelhaften mathematiſchen Kenntniſſe anbe⸗ langt, ſo bin ich der Mann dazu, ihm ſeinen Kopf in dieſer Hinſicht zurecht zu ſtutzen. Glücklicher Weiſe iſt die Aufnahme— prüfung wegen baulicher Veränderungen in der Schule um vier Wochen hinausgeſchoben worden; doch muß er ſpäteſtens bis 25. October einrücken.“ Erich fühlte ſich jetzt viel glücklicher, als damals, wo ihm Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 219 durch ſein Orgelſpiel vor dem Pfarrer der Weg zur Schulamts⸗ Candidatur geebnet worden war. Ja, er fühlte ſich wieder froh und frei, wie in den Tagen ſeiner Jugend, wo er mehr draußen im Walde geweſen war, als zu Hauſe in der engen Stube. Die erſten Tage, welche er auf der Mühle zubrachte, hatte er wenig Luſt gezeigt, draußen mit Gottfried oder Fried rich umherzuſchweifen, ſondern viel lieber war er bei Johann geweſen, hatte dem emſigen Schaffen des Mühlwerkes zugeſchaut, und das gleichförmige Rauſchen und Klappern der Räder, das Zittern des ganzen Werkes hatte für ihn etwas Sympathiſches gehabt und konnte er dabei beſſer träumen von der doch noch glücklichen Zukunft. Jetzt aber, wo ſich ſo mit Einem Male der Horizont derſelben aufzuklären ſchien, da wunderte er ſich faſt, daß er lieber zwiſchen den Mauern des Hauſes geſeſſen, als ſich draußen bewegt hatte in der ſchönen Natur, die ſich noch einmal aufs feſtlichſte geſchmückt zeigte, ehe ſie an der Hand des Winters im Wittwenſchleier erſchien, trauernd um den dahingegangenen, friſchrüſtigen Herbſt, oder um als Nonne im grauen oder weißen Bußkleide das Ableben des alten Jahres zu erwarten. Und welch prächtige Tage hatte man— wie friſch und erquickend Morgens und Abends, wie angenehm warm um die Mittagszeit, eine echte Nachſommerzeit mit all ihren Reizen, allerdings eine reife Schönheit, aber eine dankbare, fruchtſpendende! Wie wohlig ſchwammen die weißen Sonnen— fäden daher, lange, leuchtende Geſpinnſte, und es war gerade, als bildeten ſie den Anfang einer neuen Blüthenperiode, denn wo ſie ſich um die rothen und gelben Blättchen der Sträuche wickelten, da erſchien es an den Zweigen derſelben wie neu aufbrechende Knoſpen! Und wie eigenthümlich klingt es zur 220 Elftes Kapitel. Herbſtzeit im Walde, hört man doch auf weite Entfernung den Schrei eines Raubvogels, den Schall der Axt, den Knall eines Schuſſes! Eines Tages fragte Gottfried Erich, ob er auch wohl wiſſe, was ein Gewehr für ein Ding ſei, und als dieſer mit einigem Selbſtgefühl von den Streifereien erzählte, die er ſchon als Knabe mit den Söhnen des Förſters ausgeführt, da gab ihm der junge Burbus eines ſeiner vortrefflichen Doppelgewehre in die Hand, auch Schrotbeutel und Pulverhorn, und ließ ihn wie im Exercitium das Laden auf der Stelle, auch im Vor⸗ und Zurückgehen durchmachen, eben ſo wie auf ziemliche Entfernungen nach einem Blatte Papier oder nach einem in die Höhe gewor⸗ fenen Hute ſchießen, und erſt nachdem er ſich von den Anlagen überzeugt, welche der junge Menſch auch für das edle Waidwerk hatte, nahm er ihn mit ſich in den Wald hinaus, womit der alte Müller vollkommen einverſtanden war, denn er meinte, das Aufſuchen und Ueberliſten des Wildes ſei auch ein kleiner Krieg, allerdings mit weniger Gefahr verknüpft, wie jener andere, und könne es einem angehenden Artilleriſten durchaus nicht ſchaden, wenn er auch mit dem kleinen Feuergewehr ſicher und ver⸗ traut ſei. Nun wollen wir gerade nicht behaupten, daß Erich viel zur Bereicherung der Jagdbeute beigetragen hätte; auch betrieb er ſelbſt während dem Jagen die Jägerei nur ſo nebenbei, und ihn ergötzte weit mehr das Hin⸗ und Herziehen durch die Wäl⸗ der, die prachtvolle Färbung und Beleuchtung derſelben, der ſonnig klare Herbſthimmel, das Leuchten der Sonnenſtrahlen zwiſchen den gelben und rothen Laubmaſſen und das Glitzern der klaren Bergwaſſer. Deßhalb ging er auch ſo gern in Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 221 Gottfried's Geſellſchaft, beim Pirſchgang den Schweißhund an der Leine führend, oder mit ihm auf den Anſtand bei ſinkender Nacht, am liebſten aber beim Grauen des Morgens. Gab es doch auch wohl nichts Schöneres, als das allmähliche Erwachen der Natur im Spätherbſte zu beobachten! Allerdings glich dieſes Erwachen dem eines ernſten, ſorgenvollen Mannes, wogegen man das des Frühlings mit dem erſten raſchen Augenaufſchlagen eines glücklichen, lebensfrohen Kindes vergleichen könnte, hier unter friſchen, grünen Blättern, Blumen und Blüthen, unter Amſelſang und Lerchenſchlag, während im Herbſte das Erwachen nach der langen Nacht ſchwerer, langſamer vor ſich geht, nicht ohne Kampf und Noth mit den Nebeln, überall aus den Tiefen aufſteigend, jenen tückiſchen Geſellen, die, ſelbſt wenn ſie nieder⸗ gebändigt werden, ihre Bosheit auszuüben wiſſen, indem ſie von Haar und Bart der alten, grämlichen Baumrieſen als ſchwere Waſſertropfen herniederfallen. Wir ſtehen auf einer Waldhöhe; rings um uns her ſchauen wir auf die wellenförmigen, vielfarbigen Laubmaſſen mächtiger Bäume, zwiſchen denen dunkle Tannen und Fichten wie tiefe Schatten erſcheinen, während blaugrüne Föhren und Kiefern ſo wohlthuend vermitteln zwiſchen dem grellen Gelb und dem leuchtenden Roth der Buchen und Eſchen. Nicht weit von uns rauſcht ein kleines Bergwaſſer der Niederung zu, das Geräuſch unſerer ſchleichenden Schritte verdeckend, während uns dort jene beiden mächtigen Eichen vor den Blicken des heranziehenden Edelwildes ſicherſtellen. Gehört haben wir es ſchon längſt, als uns das aufdämmernde Tageslicht kaum erlaubte die Kro⸗ nen jener hohen Eichen vor uns zu unterſcheiden; allerdings ſind ſie noch halb in Nebel gehüllt, der ſich vom Boden empor 222 Elftes Kapitel. wie ein aufwallender grauer Schleier durch die mächtigen Aeſte ſchlingt; auch hier iſt dieſer Nebel, vom Morgenwinde bewegt, wie ein kämpfender Rieſe anzuſehen, der den Himmel ſtürmen will, um das freundliche Sonnenlicht von dort zu verdrängen. Und überall, wohin wir blicken, bemerken wir dergleichen kämpfende Nebelſchaaren, mit Macht aus den Thälern und Gründen aufwärts ſtrebend, jetzt ſiegreich erſcheinend und Alles in dunſtiges Grau hüllend, dann wieder zurückweichend vor dem ſchärferen Windhauche, niedergedrückt von der Gewalt der Sonne, wo dann plötzlich auf allen Seiten die leuchtenden Helmbüſche der kämpfenden Baumrieſen ſichtbar werden. Ja, wir hören ſchon lange das mächtige Schreien eines ſtarken Hirſches, weithin dröhnende, trotzige Laute, kampfbereit und ſiegesgewiß. Endlich ſehen wir ihn noch ziemlich fern von uns aus dem Dickicht hervortreten auf eine rings umſchloſſene Waldwieſe, ruhig ſich auf ſeinem Brunſtplatze umſchauend, lang geſtreckt und mit hoch aufgehobenem Geweih, aus ſeinem ſtark gewölbten Halſe immer und immer wieder ſeinen Schlachtruf erſchallen laſſend, wobei zugleich mit den tiefen Tönen der heiße Athem als eine leichte, graue Dunſtwolke in die friſche, kalte Morgenluft hinausdringt und, von einem günſtigen Winde in der Richtung gegen uns getrieben, noch eine Seccunde ſicht⸗ bar bleibt. Wie klopft unſer Herz, wenn er ſich uns nähert, langſam und ſicher vorwärts ſchreitend und nur zuweilen raſch und zornig den Kopf mit dem mächtigen Geweih herumwerfend, wenn es vielleicht ein Beihirſch oder gar ein luſtiger Spießer gewagt, ſich ſeitwärts durchs Gebüſch heranſchleichend, der ihm anvertrauten Heerde zu nahen, die, ruhig äſend, fortzieht! Viel⸗ Erſte Schritle zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 223 leicht iſt auch zuweilen ein kleiner Kampf erſolgt, wo man dann aus weiter Entfernung die dröhnenden Schläge der ſtarken Stangen gegen einander vernimmt. Doch iſt dieſer Kampf bald vorüber bei der ungleichen Kraft der beiden edlen Hirſche; der Platzhirſch hat ſich ſchnell ſeines ſchwächeren Nebenbuhlers ent ledigt, und während der Beſiegte zurück in das Dickicht ſlieht, läßt der Sieger ein neues und ſtärkeres Kampfgeſchrei erſchallen armer, ſieggekrönter Held, und doch wurdeſt du betrogen wie manch anderer mit weniger ſichtbarem Geweih, denn wäh rend jenes heißen Kampfes von vorhin ſchlich ſich jener luſtige Spießer heran und naſchte verbotene Früchte! Noch immer aber ſtand der Hirſch nicht ſchußgerecht vor dem lauernden Jäger, die Entfernung war zu groß, und wenn auch Gottfried ſeine Büchſe erhoben hatte und den Lauf lang ſam hinabſinken ließ, ſo wagte er doch den Schuß von hier aus nicht, konnte ſich aber nicht enthalten, Erich, der hinter ihm verborgen ſtand, zuzuflüſtern, es wäre ein wahres Un glück, da zu fehlen oder unſicher zu ſchießen, denn dies ſei der ſtärkſte Sechszehnender meilenweit in der Umgegend, alle Jäger kännten ihn. Dem jungen Manne klopfte das Herz ſo gewaltig, daß er deſſen Schläge zu hören glaubte; vielleicht war es aber auch das tactmäßige Herabtropfen des Nebels über ſeinem Haupte. Der Schweißhund ſaß regungslos vor ihm, mit ſeinem klugen Auge das langſame Vorſchreiten des Hirſches betrachtend. Jetzt hatte ſich dieſer abermals genähert und ſtand nun da, mit hoch erhobenen Löchern ſuchend und windend, als finde er doch elwas Verdächtiges in ſeiner Umgebung. Hätte Erich auch rufen dürfen: „Schießen Sie“— er hätte keinen Laut hervorgebracht, die Kehle 224 Elftes Kapitel. war ihm wie zuſammengeſchnürt; doch war dies ja auch un⸗ nöthig, der Lauf der Büchſe ſenkte ſich langſam und geräuſchlos hinab. Kaum zwei Secunden blieb Gottfried in feſtem An⸗ ſchlage liegen, dann krachte der Schuß, und der Jäger machte, ſich raſch unter den Pulverdampf bückend, ein Zeichen mit der Hand und rief:„Triumph, er hat gut gezeichnet!“— Erich hatte geglaubt, der Hirſch müſſe im Feuer zuſammenbrechen; doch that dieſer einen mächtigen Riß vorwärts und brach dann, mit den Hinterläufen ausſchlagend und praſſelnd, mit zurückgelegtem Geweih in die Büſche, während ſeine Heerde nach allen Rich⸗ tungen aus einander ſtob. „Er kommt nimmer weit,“ rief Gottfried vergnügt,„und Alles würde ganz vortrefflich gehen, wenn wir uns nicht zu nahe an der Gränze unſeres Jagdreviers befänden! Folgen Sie mir mit dem Hunde ſo raſch als möglich!“ Erich hatte aber Mühe, dem gewaltig vorwärts ſtrebenden Thiere, obgleich es ihn faſt an der Leine mit ſich fortzog, nach⸗ zukommen. Jetzt hatten ſie die Stelle erreicht, wo der Hirſch angeſchoſſen worden war, und hier ließ Gottfried den Hund los, der auch ſogleich die Fährte des Hirſches aufnahm und bald darauf durch ein kurzes, ſcharfes Lautwerden ankündigte, daß er die Schweißſpur gefunden habe. Beide eilten dem Hunde nach, ſo ſchnell ſie konnten, den Hügel hinab durch das Bett des Bergwaſſers, dann über eine Waldlichtung aufwärts! „Welches Glück, dieſen Hirſch geſchoſſen zu haben,“ ſagte der junge Forſtmann im Dahinrennen,„und welches Unglück, daß es gerade hier ſein mußte!“ „Sind wir ſo nahe an der Gränze?“ „Verflucht nahe! Dort hinter jener Höhe liegt die Schlust ucht Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 225 von der Ihnen der Vater neulich erzählt; wenn er über die nicht hinausgekommen iſt, ſo iſt Alles gut, finden wir ihn aber ſehr weit im anderen Revier....“ „So werden wir ihn doch wohl nicht liegen laſſen!“ rief Erich, den Jagd und Verfolgung aufs höchſte erregt hatten, mit leuchtenden Augen. „Nicht gern, und wenn Alles ruhig bleibt im Walde, wie es den Anſchein hat, ſo kann es uns gelingen, ihn zurückzu bringen; das heißt, wir Beide allein ſind dazu nicht im Stande.“ Da lag die Schlucht vor ihnen, doch war weit und breit kein Hirſch zu ſehen, auch gab der Schweißhund nicht mehr Laut; wenigſtens hörten ſie nichts, als ſie einen Augenblick ſtehen blieben. „Das würde mich gerade nicht Wunder nehmen,“ bemerkte Gottfried;„der Packer iſt ſo vortrefflich dreſſirt, daß er keinen unnöthigen Ton von ſich gibt, ſo lange er weiß, daß ich ihm folge.— Doch horch, da haben wir ihn— hören Sie wohl? Ah, ich kann mir denken, wo er iſt! Jenſeit der Schlucht, dort, zwiſchen den mächtigen Buchen, die über das niedere Holz emporragen, iſt ein See, dahin wird der verwundete Hirſch gegangen ſein.“ „Iſt es ſehr weit von hier?“ „Weit genug für uns, wenn es heute Morgen den See⸗ feld'ſchen Jägern eingefallen iſt, gerade dieſes Revier abzu⸗ ſuchen; doch glaube ich das kaum, da ſie geſtern und vorgeſtern hier waren.“ „Aber, nicht wahr, wir laſſen den ſchönen Hirſch unter keiner Bedingung zurück?“ fragte Erich dringend. „Freiwillig allerdings nicht!“ erwiederte Gottfried lachend. 15 Hackländer, Der letzte Vombardier. I 226 Elftes Kapitel. 2 Dann ſetzte er jubelnd hinzu:„Sehen Sie, wie recht ich hatte! Dort ſchimmert der See, und da haben wir auch unſeren Hirſch! Ah, wie begierig Packer ſein Blut leckt und mit der Ruthe wedelt, aber ſchweigſam wie ein Trappiſt! O, es iſt ein vor⸗ trefflicher Hund!“ „Wo, wo, ich ſehe den Hirſch noch gar nicht „Dort neben der einzelnſtehenden Birke; ſieht allerdings 14 aus wie ein großer Haufen dürrer Blätter.“ „Ah ja, jetzt erkenne ich ihn, weil ich Packer ſehe Gottfried hatte den abgeſchoſſenen Lauf ſeiner Büchſe wie⸗ der geladen, auch nach ſeinem Hirſchfänger geſehen; doch erwies ſich dieſe Vorſicht als unnöthig. Der Hirſch, vortrefflich aufs Blatt geſchoſſen, hatte verendet und lag ausgeſtreckt da, die ſtarke Stange rückwärts gebogen, ein gewaltig ſtattliches Thier. „Bravo, Packer, Bravo,“ ſagte der junge Forſtmann, in⸗ dem er leicht den Kopf des Hundes pätſchelte,„ſo weit wären wir allerdings gekommen mit der Hülfe von Sanct Hubertus, aber was nun weiter?“— Er lauſchte in den Wald hinein, der aber feierlich ſtill rings um ſie her lag. Man vernahm nichts, als den ſcharfen Schrei eines Habicht's und immer noch das Herabtropfen des Nebels auf die dürren Blätter, welche den Boden bedeckten.—„Glücklicher Weiſe iſt es noch ſehr früh, ſieben Uhr. Ich möchte den Hirſch gern bis zu unſerer Zurückkunft mit Laub bedecken, fürchte mich aber, Geräuſch zu machen.“ „Sie haben doch ein unläugbares Recht auf den Hirſch, den Sie in Ihrem Revier geſchoſſen, wenn er auch erſt hier über der Gränze niedergefallen iſt.“ „Allerdings würden mir freundliche und wohlgeſinnte Nach⸗ 14 Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 227 barn dieſes Recht eben ſo wenig beſtreiten, als ich ihnen in gleichem Falle; doch leben wir ja in einer harten Fehde mit den Seefeld'ſchen, auf deren Grund und Boden gerade befinden.“ wir uns „Und wenn einige von ihren Jägern kämen, ehe wir den Hirſch fortgebracht hätten?“ „So hätten wir erſtens nicht mehr nöthig, ihn fortzu⸗ bringen, da ſie ihn unfehlbar nähmen; obendrein würden dabei ſo biſſige Redensarten fallen, daß weniger heißes Blut als das meinige dazu gehörte, um dabei ruhig zu bleiben. Wir können nichts thun, als nach Hauſe zurückkehren und Leute holen, um ihn wegzubringen.“ 1 „Und ihn ganz allein hier liegen laſſen?“ fragte Erich kopfſchüttelnd. „Ohne alle Gefahr, ein Einzelner, ja, Zwei, Drei tragen ihn nicht fort, und wenn ihrer Mehrere kämen, um ſich ſeiner zu bemächtigen, wäre das nur in dem vorhin erwähnten Falle. Wenn wir recht drauf losſchreiten, ſo können wir in einer kleinen Stunde wieder zurück ſein.“ „So laſſen Sie mich wenigſtens hier,“ bat der junge Menſch,„es könnten ja auch Wilderer oder ſonſt Leute kom⸗ men, die ihn ruhig liegen ließen, wenn man ihnen den Sach⸗ verhalt auseinander ſetzt! Oder ſoll ich für Sie nach der Mühle zurückkehren, denn ich kann mir in der That nicht denken, daß Sie den ſchönen Hirſch hier ohne Bewachung zu— rücklaſſen wollen?“ Gottfried dachte einen Augenblick nach, dann ſagte er: „Es iſt am Ende wahr, weßhalb ſoll ich Sie mit nach Hauſe ſprengen und wieder hieher! Noch viel weniger kann ich Sie 1 n 22 Elftes Kapitel. 8 8 8 aber allein zurückſenden, da Sie den nächſten Weg nicht finden würden. Bleiben Sie alſo. Aber Eines müſſen Sie mir verſprechen: Sich nicht auf dieſer Stelle hier aufzuhalten, ſondern mit mir bis an den Rand der Schlucht nahe bei unſerer Gränze zurückzukehren und da zu bleiben. Sie haben dort dieſen Platz hier im Auge, und es würde ſich doch nur darum handeln können, im ſchlimmſten Falle zu erfahren, wer den Hirſch gefunden und weggebracht hätte. Enthalten Sie ſich aber aller und jeder Einmiſchung, ſelbſt wenn ein ein⸗ zelner Seefeld'ſcher Jäger kommen und den Hirſch auf ſeine Schultern laden ſollte!“ ſetzte er lachend hinzu. Damit ließ er Erich am Rande der Schlucht ſtehen und verſchwand, abwärts ſpringend, mit ſeinem Hunde im Dickicht. Erich nahm ſeinen Auftrag von der wichtigſten Seite, ſchulterte ſein Gewehr und ſpazirte wie eine Schildwache auf und ab, wobei er von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Jagd⸗ beute warf.„Prächtig wäre es,“ dachte er dabei,„wenn ſich noch ſo ein unvorſichtiger Hirſch heranſchleichen würde und wir mit zweien nach Hauſe zurückkämen!“ Doch war der Tag ſchon zu weit vorgeſchritten, um noch an ſo etwas denken zu können. Glänzender Sonnenſchein leuchtete ſchon über dem herbſtlichen Walde, und man hörte näher und ferner, hier und da etwas vom Geräuſche des Tagesverkehrs, das Knarren eines Holz⸗ wagens, die Schläge einer Art. Im Uebrigen war es rings umher unter den hohen Bäumen ſtill wie in einer einſamen Kirche, und Erich fühlte ſich feierlich von der Idee des Allein⸗ ſeins angeweht. 8 Drüben auf der anderen Seite der Schlucht ſtand der Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 229. p p Baum mit dem mächtigen 2 T, von dem der Müller Burbus erzählt, frei mitten in einer kleinen Lichtung und zeigte ſo ſeine ſchöne Form und ſtattliche Größe. Heute aber, wo die prächtige Linde rings um ſich her auf den Boden verſtreut hatte die farbigen Gewänder ihres heiteren Sommerlebens, erſchien ſie mit den nackten, gen Himmel emporgeſtreckten Aeſten wie eine trauernde Wittwe, alles Schmuckes, alles eitlen Tandes entkleidet— horch, was war das? Regte ſich dort nicht etwas hinter ihm, war es ein ſcheues Wild, ein Haſe, ein Fuchs, das durch die dürren Blätter am Boden ſprang, vielleicht ein herabfallender dürrer Aſt, oder hatte er ſich geirrt? Letzteres war nicht denkbar, denn er hatte das Geräuſch zu deutlich gehört, doch war daſſelbe wohl aus einer der oben erwähnten unſchuldigen Urſachen herzuleiten. Erich blickte ſcharf und ſpähend in dem Halbkreiſe ſeines Horizontes, der ſich von der einen Seite der Schlucht bis zu der anderen er⸗ ſtreckte, jeden Gegenſtand nach der Reihe an, ob er irgend etwas Verdächtiges zu entdecken im Stande ſei, doch bemerkte er nichts. Was ihm allein auffallend erſchien, war dort der Schatten einer ſtarken Buche, der am Boden einen Anwuchs zeigte, von dem an dem glatten Stamme nichts zu ſehen war. Auch ſchien es ihm, als mache dieſer Auswuchs jetzt eine kleine Bewegung— ſeltſam! Gar zu weit war er von jener Stelle nicht entfernt, und ſo beſchloß er, die Urſache dieſes beweg⸗ lichen Schattens zu erfahren. Er nahm ſein Gewehr ſchuß⸗ bereit vor ſich, die Läufe in die Höhe haltend, und näherte ſich jenem Baume, wobei er um dieſen herum einen etwas weiten Bogen beſchrieb. Schon war er ziemlich nahe, als er — — — — — ‿ 230 Elftes Kapitel. bemerkte, daß ſich jener Schatten allerdings nun auf eine auf⸗ fallende Art bewegte, doch hatte er keine Zeit, länger dorthin zu ſchauen, da etwas Anderes und Ueberraſchenderes plötzlich ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Neben dem Baume nämlich löste ſich ein langer, ſchmaler, dunkler Gegen⸗ ſtand ab, und ehe Erich noch Zeit zu überlegen hatte, blickte er auf nicht zwanzig Schritte Diſtanz in die Mündungen eines Doppelgewehres, das in einer höchſt verdächtigen Richtung nach ſeiner Bruſt angeſchlagen war. Zugleich aber ſchob ſich auch ein menſchlicher Körper neben der Buche hervor, und eine rauhe, harte Stimme rief ihm entgegen: „Bürſchlein, wenn dir dein Leben lieb iſt, ſo lege augen⸗ blicklich dein Gewehr an den Boden! Ich ſage eins, zwei und wenn ich ohne Erfolg weiter zähle, haſt du meine Kugel im Hirnkaſten!“ Was ſollte Erich thun? Statt aller Antwort auf jenen ſchießen, der ſich indeſſen ſehr geſchickt durch den dicken Stamm der Buche zu decken verſtand? Er würde das nicht gethan haben, auch wenn er überzeugt geweſen wäre, daß er es mit einem Wilderer zu thun hätte. Was gingen ihn Wilddiebe auf der Seefeld'ſchen Jagd an! Ueberdies ſchien es nur ein Einzelner zu ſein, und es konnte nicht lange dauern, bis Gott⸗ fried mit den Leuten zurückkam. Man wird aus dieſen Gründen begreiflich finden und es dem jungen Menſchen nicht als Feigheit auslegen, daß er ſein Gewehr bei Fuß nahm und den Unbekannten aufforderte, hinter ſeiner Buche hervorzukommen und ſich über ſeine Gewaltthat näher zu erklären. Wir glauben kaum, daß ein alter, gewandter in ähnlichem Falle anders gemacht hätte, denn Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 231 Erich ſtand förmlich ungedeckt und war im höchſten Grade überraſcht, während jener ihn wie ein Stück Wild hatte ruhig herankommen laſſen. Der trat nun auch ſogleich hinter der Buche hervor, ein großer, ſtarker Mann, und war kein Wilderer, ſondern ſeinem Aeußern nach, und wie ſich auch ſogleich herausſtellte, einer der Seefeld'ſchen Jäger. „So, ſo,“ ſagte er, den jungen Menſchen mit finſteren Blicken von oben bis unten meſſend,„das pirſcht ſo ohne Weiteres in unſerem Revier herum, vielleicht ohne viel zu erlangen, kann aber doch Schaden gerug thun und muß be⸗ ſtraft werden. Gib dein Gewehr ab, Bürſchlein!“ „Mit welchem Rechte verlangen Sie mein Gewehr?“ „Zuerſt mit dem Rechte des Stärkeren, weil ich dich ſonſt, ohne einen Schuß zu thun, mit meinem Gewehrkolben nieder⸗ ſchlagen würde, und dann auch, weil es als gräflicher Revier⸗ förſter meine verdammte Schuldigkeit iſt, ſo junge Taugenichtſe unſchädlich zu machen!“ „Gut,“ ſagte Erich nach einem bitteren Kampfe und nachdem er raſch einen Blick auf die andere Seite der Schlucht geworfen, wo ſich indeſſen noch nichts ſehen ließ,„ich gebe der Gewalt nach, die allerdings auf Eurer Seite iſt, auch wenn Ihr nicht gräflicher Revierförſter wäret. Hier iſt mein Gewehr — und was nun weiter?“ „Das wird ſich auf dem Schloſſe finden, wohin du mich zu begleiten haſt.“ „Ich habe nichts auf Eurem Schloſſe zu thun.“ „O, das glaube ich wohl!— Ruhig, Pluto,“ rief der Jäger ſeinem Hunde zu, den er, an einen Riemen gekoppelt, 232 Elftes Kapitel. bei ſich hatte, indem er den unruhig zur Seite Drängenden heftig zurückriß—„ruhig, was hat das Vieh?“— Dann wandte er ſich wieder gegen Erich:„Man wird aber Euch er⸗ ſuchen, ſich über dieſes Herumſtreichen auf unſerem Reviere auszuweiſen.“ „Das iſt leicht geſchehen; es wird wohl kein ſo großes Verbrechen ſein, wenn man beim Spazirgange Eure Waldun⸗ gen überſchreitet.“ „Bei einem Spazirgange!“ lachte der Revierförſter höh⸗ niſch.„Mit ſchußbereitem Gewehr und geſpanntem Hahn vorwärts ſchleichend, das nennſt du wohl einen Spazirgang! Na, komm nur, das wird ſich alles finden— nicht dorthin, Pluto! Möchte doch wiſſen, was die Beſtie auf den See erpicht iſt, kann unmöglich durſtig ſein. Ah, das iſt über den Spaß, reißt mich der Hund doch beinahe über den Haufen und windet in der Luft, als wenn es da etwas ganz Abſon⸗ derliches gäbe!— Vorwärts, Burſche,“ rief er Erich zu, „dort in der Richtung des See's, und wenn du mir Miene machſt, nebenaus zu ſpringen, ſo fliegt dir eine Kugel nach, darauf kannſt du dich verlaſſen, oder Pluto reißt dich nieder, den wir zu aller Vorſicht loslaſſen wollen!“ Der Hund benutzte aber ſeine Freiheit augenblicklich in ausgedehntem Maße, indem er mit gewaltigen Sätzen dem kleinen See zueilte und in der Nähe deſſelben bei dem veren⸗ deten Hirſche heftig Laut gab. „Ah, da haben wir die Beſcherung!“ ſagte der Jäger, mit einem raſchen, ſicheren Blicke die Wunde des Thieres be— trachtend, worauf er ſeine grauen Augen mit einem Ausdrucke der Ueberraſchung, ja, des Staunens auf den jungen Men⸗ Erſte Schritte zum Eintritte in eine neue Laufbahn. 233 ſchen richtete und dann deſſen Gewehrläufe betrachtete.—„Habe ich doch einen Augenblick gedacht, das hätteſt du beſorgt; da hat aber eine ganz andere Büchſe gearbeitet, als das Ding da! Hm,“ machte er, plötzlich ernſt werdend, wobei er vor⸗ ſichtig rings um ſich her ſpähte,„ſollte dieſe Büchſe wohl noch irgendwo in der Nähe ſein?“ „Möglich,“ gab Erich trocken zur Antwort und ſetzte unüberlegt hinzu:„Wäre auch vielleicht im Stande, ſich ein anderes Ziel auszuſuchen, wenn Ihr mich nöthigen wollt, mit Euch zu gehen.“ „In des Himmels Namen,“ warf der Förſter raſch hin, „doch ſoll dir deine Drohung ſchlecht bekommen, Bürſchlein, darauf kannſt du dich verlaſſen! Aber nun mach', daß du vorwärts kommſt, dorthin, jenem Waldwege zu, und ſo raſch dich deine Beine tragen, wenn du nicht meinen Ladſtock ver ſpüren willſt!“— Er warf einen verdrießlichen Blick auf die Geſtalt des Sechszehnenders und brummte alsdann ſeufzend in den Bart:„Der hätte mir ein paar Ducaten eingetragen, wenn ihn der junge, gnädige Herr oder einer der Gäſte ge— ſchoſſen hätte, und jetzt muß ich ihn ſo ſchmählich im Stiche laſſen, aber wartet nur, Canaillen!“ Damit ſchüttelte er ſeine geballte Fauſt nach der Richtung der alten Linde hin, auf deren Stamm ein leuchtender Sonnenſtrahl gar deutlich das ausdrucksvolle 2Z] zeigte. Zwölftes Kapitel. Worin wir die Bekanntſchaft eines vornehmen Herrn machen, welcher den größten Theil des Tages in ſeinem Bette zubringt, ein Kapitel, in welchem Fäden angeknüpft werden, die vielleicht unbedeutend er⸗ ſcheinen, aber trotzdem ſehr wichtig ſind für den ferneren Verlauf dieſer Geſchichte. Die Beſitzung des Grafen Seefeld, wohin wir den ge⸗ neigten Leſer dem Laufe dieſer wahren Erzählung nach hin⸗ führen müſſen, die Waldburg, rechtfertigte ihren Namen in ſo fern, als dieſes Schloß am ſüdlichen Ende ausgedehnter, ſtundenlanger Waldungen lag und hier zwar auf einer Anhöhe, allerdings mit beziehungsweiſe beſchränkter Ausſicht, aber mit einem Blicke auf ein liebliches Thal, welches von einem kleinen Fluſſe durchſtrömt wurde und das nur dort, wo es ſich mulden⸗ förmig öffnete, den Blicken erlaubte, eine Fernſicht zu ahnen, die man indeſſen ſchon vom erſten Stockwerke des Schloſſes in einer entzückenden Weiſe, und zwar über die niedrigen Höhen jenes Thales hinweg, genoß. Dort hatte man ein weites und reiches Panorama vor ſich, Waldſtrecken, Fruchtfelder, Wieſen in ſchöner Abwechslung, und fern am Horizonte eine lange Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 235 Kette gewaltiger Bergrieſen, von denen ein paar der höchſten beinahe während des ganzen Sommers mit S Schnee bedeckt waren. Man wird ſich nach dieſer ſchwachen Schilderung geſtehen 6 müſſen, daß die Lage des Waldſchloſſes umſichtig und mit großem Geſchmacke gewählt war. Unten in den Anlagen vor demſelben befand man ſich ſo zu ſagen in einem engen, gemüth⸗ lichen Familienkreiſe von grünen Bergwänden, prächtigen Wald⸗ bäumen, murmelndem Waſſer; wollte man aber in die Welt hinaus, ſo brauchte man nur eine Treppe hoch zu ſteigen und hatte alsdann in der weit ausgedehnten Landſchaft einen mög⸗ lichſt großen Spielraum für Phantaſie und Träume. Wenn nun auch das Schloß in ſeiner heutigen Geſtalt und Umgebung ein Werk des jetzigen Veide war, des Herrn Chriſtian Kurt Grafen von Seefeld⸗Waldburg, ſo war er doch nicht der glückliche Auffinder der Stelle geweſen, auf der es ſtand, ſondern dieſe war ſchon zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts von frommen Kloſterbrüdern zur Erbauung eines kleinen Kirchleins mit beſcheidener Wohnung benutzt worden. Aus dem Kirchlein war aber im Laufe der Zeit eine Kirche geworden, und aus dem beſcheidenen Hauſe ein reich dotirtes, prachtvolles Kloſter, welches von dem Vater des Chriſtian Kurt mit Tauſenden von Morgen an Fruchtfeldern und Wieſen und den ſchönſten Waldungen zu jener Zeit, als man die aufge⸗ hobenen Klöſter, oft mit wenig Rückſicht auf die Kunſt⸗ und literariſchen Schätze, förmlich zu verſchleudern pflegte, beziehungs⸗ weiſe um einen beiſpiellos billigen Preis gekauft worden war. Ein anderer Gewinn, auf den der Rentmeiſter des Grafen allerdings im Intereſſe ſeines Herrn bei dieſem Kaufe ſpeculirt, hatte ſich indeſſen nicht verwirklicht: die bedeutenden Kloſter⸗ 236 Zwölftes Kapitel. ſchätze an reichen Juwelen und koſtbaren Gefäſſen in Gold und Silber nämlich, welche bei Aufhebung des Kloſters durch die betreffenden Commiſſarien ſpurlos verſchwanden; doch man war hier berechtigt, einen Unglücksfall der natürlichſten Art anzunehmen, da ſeine Collegen, welche mit ihm die Beſchlag⸗ legung ausführten, aufs glaubwürdigſte die Verſicherung ab⸗ gaben, daß der Betreffende ohne irgend welches Gepäck oder ſonſt auffallend mit etwas beladen zu ſein, das Kloſter wie zu einem Spazirgange verlaſſen habe und weder mehr zurückgekehrt ſei, noch ſonſt irgend etwas von ſich habe hören laſſen. Der Käufer hatte Klo loſter und Güter verpachtet, und erſt dem Sohne blieb es vorbehalten, die Beſitzung ſo umzuändern und herzuſtellen, wie ſie ſich jetzt befand, und man mußte ge— ſtehen, daß er das auf ſeine Art mit vielem Geſchmacke ſo wie unter Anwendung großer Mittel gethan. Herr Chriſtian Kurt war in die Armee eingetreten, um dort, wie er dachte, nur kurze Zeit zu ſeinem Vergnügen zu dienen; doch hatte ihn jene gewaltige Zeit der franzöſiſchen Kriege begreiflicher Weiſe nicht losgelaſſen, und er hätte wohl die ganze Partie, wie ſo mancher Andere, bis zum Schach und Matt mit ausſpielen müſſen, wenn ihn nicht ſchon in einer der erſten Schlachten der Hieb eines Cuiraſſiers vom Militärdienſte, beinahe aber auch von allen Leiden und Freuden des irdiſchen Daſeins befreit hätte. Doch hatte der Graf eine vortrefflich fundamentirte Geſundheit und erholte ſich, allerdings nach längerer Zeit, wieder ſo weit, daß er größere Reiſen unter⸗ nehmen konnte, beſonders nach dem damals ruhigeren England, wo er hauptſächlich die Landſitze des reichen Adels und das Leben auf denſelben ſtudirte, um ſpäter, voll von den Eindrücken Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 9 Gold dieſer vortrefflichen Einrichtungen, nach der Heimath zurückzu⸗ kehren und ſich hier mit Eifer der Herſtellung und Umän⸗ nan derung des ehemaligen Kloſters nach den geſammelten Vorbildern Act zu widmen. hlag Da er keine Koſten ſparte und zu ſparen brauchte, ſo brachte er denn auch mit Hülfe geſchickter Architekten und Gärt⸗ oder ner, wie ſchon oben bemerkt, etwas Schönes zu Stande, und 11 wer hieherkam unter der Erinnerung des ehemaligen Kloſters er ſich unter dem Namen Waldburg ein altes, ernſtes, feu— dales Gebäude vorſtellte, der fand ſich gewaltig enttaäuſcht⸗ wenn er hier ein weitläufiges, helles, freundliches Schloß fand, das mit ſeinen gewaltigen vier Flügeln eine allerüſte poetijch * Kirche gleichſam einrahmte, und wenn er ſchon eine Stunde vorher, ſich von der Seite der uralten Wälder nähernd, gleich⸗ ſam ohne Uebergang in einen unermeßlichen Park trat, von breiten Kieswegen durchſchlungen, mit feſtem, ſchönem Raſen, auf dem zahlreiche Viehherden weideten, und wo ſich auch an den Gränzen Rudel von Edelwild und Rehen ſehen ließen. Die höher liegenden Waſſermaſſen der ausgedehnten Forſten waren aufs beſte und geſchickteſte benutzt, bald hier und da Seen und Teiche bildend oder ſanft geſchlungene Bäche, deren ganzer k be Waſſerreichthum dann ſpäter geſammelt von der einen Seite des Schloſſes als reicher Waſſerfall zwiſchen maleriſch geformten Felswänden herabſtürzte gegen Thal und Fluß zu, von denen wir oben ſprachen. Doch gab es auch unterirdiſche Waſſer⸗ leitungen zum Berieſeln und Beſpritzen der großen Wieſenſtrecke, die ſich von dem Schloſſe gegen den Abhang zu nach allen Seiten ausdehnte und deren reiche Waſſermaſſe in einem der ſeitwärts zierlich angelegten Gärten hinter dem großen Palmen⸗ 238 Zwölftes Kapitel. hauſe als Fontaine, wie es von ſolcher Höhe und Stärke keine zweite im Lande gab, emporſprang. Dabei war es eine Luſt, zu ſehen, wie das alles hier, allerdings von zahlreichen Händen, nicht nur in beſter Ordnung erhalten wurde, ſondern auch Jahr um Jahr Verſchönerungen und Verbeſſerungen angebracht, wo dies nur eben möglich war, und behielt der alte Graf trotz ſeiner hohen Jahre und ſeiner Kränklichkeit die Leitung dieſer ſeiner Lieblingsſchöpfung ſeſt in der Hand. Da es ihm zu mühſam war, häufig in dem Parke und den Gärten anordnend umherzufahren, ſo hatte er ſich ein Plancabinet einrichten laſſen, wo das Schloß mit ſeiner Um⸗ gebung en relief aufs genaueſte dargeſtellt war, und hier ver⸗ brachte er manche Stunde, wobei er rings um das ganze Ter⸗ rain auf einem niedrigen Rollſtuhle umherfuhr und mit ſeinem Secretär Anordnungen und Verbeſſerungen beſprach, die er mit einem langen Stocke, den er in der Hand hielt, auf der be⸗ treffenden Stelle und gewöhnlich mit großer Sachkenntniß und vielem Geſchmacke abgab. Der Secretär hieß Herr Renaud, war der Sohn fran⸗ zöſiſcher Eltern, hatte Jurisprudenz ſtudirt, dann Architektur und Gärtnerei getrieben und war ein ſchöner Mann von vierzig Jahren, von vielem Geiſte, vielen Talenten und, wie ſchon oben bemerkt, von außerordentlichen Kenntniſſen; dabei aber wollen wir geſtehen, daß er ſich Kenntniſſe ſo verſchiedener Art nicht ohne Abſicht angeeignet, ſondern in Vorausſicht einer ähnlichen Stelle, wie er ſie jetzt bei dem Herrn Chriſtian Kurt nun ſchon ſeit Jahren ausfüllte. Der Vater des Secretärs war bereits ein, allerdings untergeordneter Beamter in dem gräflichen Schloſſe geweſen und hatte mit der Erziehung ſeines talentvollen ine Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 239 Sohnes aufs glücklichſte ſpeculirt. Herr Renaud, oder Herr von Renaud, wie ihn die Bedienten ſelbſt vor dem alten Grafen zu nennen pflegten, war in jeder Hinſicht die rechte Hand, das Factotum deſſelben. Seine juriſtiſchen Kenntniſſe befähigten ihn vollkommen zur Verwaltung des ungeheuren Vermögens, und ſein Wiſſen in Betreff der kleinen Liebhabereien des alten Grafen machte es ihm leicht, ſich auch hier aufs nützlichſte zu beweiſen, und da er nebenbei die große Kunſt beſaß, dem Herrn Chriſtian Kurt entweder ſeine eigenen Gedanken zu ſouffliren oder ſich auch, wenn es ſein mußte, ſtets mit heiterer Miene in alle Wünſche deſſelben ſcheinbar hineinzufinden, um alsdann auf Umwegen doch wieder zur Ausführung ſeines urſprünglichen Planes zu gelangen, ſo konnte man wohl ſagen, daß die Macht des Herrn Renaud nicht unter, ja, kaum neben der ſeines Herrn ſtand, ja, daß er in dieſem vornehmen und reichen Haushalte allmächtig war. Ob er das Vertrauen ſeines Herrn in irgend einer Weiſe mißbrauchte, wer konnte das wiſſen! Die Welt war natürlicher Weiſe davon überzeugt, ſo wenig Veranlaſſung er auch zu all den Gerüchten über ihn gab. Daß Herr Renaud vortrefflich geſtellt war, verſtand ſich wohl von ſelbſt. Er be⸗ wohnte ein hübſches Appartement, wo ſich auch ſeine Kanzlei befand, er hatte begreiflicher Weiſe Pferd und Wagen zu ſeiner Verfügung, und würde wahrſcheinlich auch mit der gräflichen Familie geſpeist haben, wenn zu gewöhnlichen Zeiten überhaupt eine Familientafel auf dem Schloſſe ſtattgefunden hätte. Dieſe aber ſtand der Lebensweiſe des alten Grafen, die er ſchon ſeit mehreren Jahren angenommen hatte, hindernd im Wege; Herr Chriſtian Kurt hatte einſt in einem mediciniſchen Werke geleſen, daß einem geſchwächten Körper in vorgerückten Jahren nichts 240 Zwölftes Kapitel. ſo zuträglich ſei, als unbedingte Ruhe, langes Schlafen und die Vermeidung aller geiſtigen Aufregung, weßhalb er denn beſonders bei nur einiger Maßen kühler Witterung die meiſte Zeit ſelbſt des Tages in ſeinem Bette zubrachte, wo er indeſſen begreiflicher Weiſe weder durch Beſuche noch durch Berichte und Nachrichten irgend welcher unangenehmen Art geſtört ſein wollte. Hier hatte allein Herr Renaud Zutritt, auf den ſich der Graf in dem, was unangenehme Nachrichten anbetraf, feſt verlaſſen konnte, keine dergleichen von ſeinem Secretär zu erhalten, ſondern nur Berichte angenehmer oder heiterer Art. 1 Wir wiſſen bereits, daß ſich der Herr Graf Chriſtian Kurt— ſo hörte er ſich am liebſten nennen, wie auch bei wirk⸗ lichen Souverainen der Geſchlechtsname nicht unbedingt nach⸗ geſetzt zu werden braucht, und wie ſich auch die hohen geiſtlichen Würdenträger beſcheiden mit ihrem Vornamen hinter ihrem betreffenden Titel begnügen— vor nicht allzu langer Zeit ver⸗ heirathet hatte, und zwar zum erſten Male in wirklich officieller Weiſe. Allerdings hatte man vor langen, langen Jahren unter anderen ähnlichen und wichtigeren Geſchichten von einem Ver⸗ hältniſſe gemurmelt, das erſt nach einem Eheverſprechen, ja, erſt nach einer wirklich geſchloſſenen Verbindung habe zu Stande kommen wollen; doch erfuhr man nie etwas Beſtimmtes darüber, und ſchon ſeit Jahren, wo alle die, welche allerdings mit Sicher⸗ heit darum wiſſen konnten, dieſe ſchlimme Welt mit einer beſſeren vertauſcht hatten, ſprach und dachte Niemand an das Gerede von damals, an jene Verbindung, welche, wenn ſie in der That exiſtirt, doch ohne alle Folgen geblieben ſein mußte. Wir haben auch bereits erfahren, aus welchem Grunde der alte Graf bei ſo vorgerückten Jahren zur Vermählung mit Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 241 ſeiner Nichte geſchritten war, und müſſen hinzufügen, daß der oben genannte Grund der einzige war und blieb und nichts in dem ſchon früher beſtandenen kindlichen Verhältniſſe der ſchönen jungen Gräfin zu ihrem ſchwachen, kränklichen Onkel geändert hatte, ja, er pflegte darüber gegen alle Freunde zu ſcherzen und ſagte:„Ich bin wie einer jener fabelhaften Drachen, welche das eigentlich undankbare Geſchäft beſorgen, koſtbare Schätze für Andere zu hüten.“ Daß die Gräfin das unbeſtrittene Recht hatte; ihren Gemahl zu jeder Stunde des Tages zu ſehen, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Doch machte ſie von dieſem Rechte, da ſie die Eigenheiten des Herrn Grafen Chriſtian Kurt kannte, einen ſo mäßigen Gebrauch, daß Monate vergehen konnten, ehe ſie ihn anders ſah, als Abends acht Uhr, während ſeines Diners, welches er gleich nach dem Aufſtehen einzunehmen pflegte. Aus⸗ nahmen, wie die im vorigen Kapitel beſchriebenen, waren äußerſt ſelten, und da hatte er ſich zu dieſer Extravaganz nur verleiten laſſen, um dem commandirenden Brigade⸗General, einem ſeiner Bekannten aus früherer Zeit, ſo wie dem hohen Vorgeſetzten ſeines Neffen eine unerhörte Artigkeit zu bezeigen. Wir wollen damit nicht behaupten, daß er dieſen Neffen zärtlich geliebt habe, doch trug dieſer nun einmal den Namen Seefeld⸗Waldburg und war, wie ſchon geſagt, aus der legitimen Ehe ſeines einzigen jüngeren Bruders entſproſſen, und zwar aus einer Ehe deſſelben mit der Fürſtin Werdenſtein, welche ſehr viele Ahnen, aber ſehr wenig Vermögen aufzuweiſen hatte. Es iſt Nachmittags gegen vier Uhr, und Herr Chriſtian Kurt, der, in ſeinem langen und breiten Bette ruhend, noch immer mit einer ungewöhnlichen Müdigkeit in Folge jenes Manövertages zu kämpfen hatte und welcher, mit Ausnahme Hackländer, Der letzte Bombardier. I. 16 242 Zwölftes Kapitel. eines gegen Mittag eingenommenen ſehr leichten Frühſtückes, heute noch kein Lebenszeichen von ſich gegeben, ließ jetzt eine ſilberne Glocke, die er durch einen höchſt ſinnreichen Mechanis⸗ mus beinahe mit der Leichtigkeit des Gedankens bewegen konnte, dreimal anſchlagen, worauf ſich geräuſchlos die Thür des Vor⸗ zimmers öffnete und der Kammerdiener des Grafen unhörbar in das Schlafzimmer trat. Von dieſem Kammerdiener iſt nur zu ſagen, daß er ein wahrer Künſtler in ſeinem Geſchäfte, daß er nebſt freier Station ein Gehalt von tauſend Thalern hatte, das ihm auch ſpäter als Penſion zugeſichert war, daß er ſich durch gelegentliche, reiche Geſchenke auf das Dreifache dieſes Gehaltes ſtellte und daß er ſelbſt das Anſehen eines vornehmen Mannes hatte. Sagte doch Herr Chriſtian Kurt lachend von ihm, daß er, der Graf nämlich, auf ſeinen Reiſen nach der Reſidenz oder von dort hieher zurück ſich ſtets in Acht nehmen müſſe, um von Leuten nicht umgerannt zu werden, welche ſich beeilten, ſeinem Kammerdiener ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Der⸗ ſelbe hieß mit ſeinem Vornamen Benjamin, welchen Namen aber der Graf, als von zu altteſtamentlichem Anklange ſo wie auch der Bequemlichkeit halber, in Ben verwandelt hatte. Ben alſo war in das Schlafzimmer getreten und wandte ſich hier gegen das einzige hohe und breite Fenſter dieſes Ge⸗ maches, vor welchem ein Toilettentiſch von einer faſt unglaub⸗ lichen Größe ſtand. Derſelbe hatte vorn einen halbrunden Ausſchnitt, ſo daß Jemand, der vor demſelben ſaß, all die un⸗ zähligen, unglaublichen und unbegreiflichen Gegenſtände in Gold, Silber, Elfenbein und Schildkröte, womit dieſer Toilettentiſch bedeckt war, wie eine Ausſtellung beinahe rings um ſich her hatte. Man hätte in der That glauben können, es mit einer Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 243 Ausſtellung oder mit einem Waarenlager zu thun zu haben, das hier zur Auswahl hergerichtet worden ſei, denn da waren alle uns bekannten Toilettengegenſtände, als Bürſten, Scheeren, Kämme, gleich dutzendweiſe vorhanden, wobei allerdings immer ein Exemplar oft durch eine kaum merkliche Nuance von dem anderen verſchieden war. Daneben ſah man auch Gegenſtände von eigenthümlicher Form, deren Beſtimmung ein Uneingeweihter ſich nicht klar zu machen vermochte, die aber alle höchſt nothwendig waren, um das zu erreichen, was ein gewöhnlicher Menſch mit einem Kamme, einer Zahnbürſte und höchſtens mit einer Nagelfeile zu vollbringen pflegt. Im Bette regte ſich indeſſen durchaus nichts, auch war dort nichts ſichtbar, als ein Paar geſchloſſene Augen, eine knöcherne Naſe und ein faltiger Mund, alles Uebrige war be⸗ deckt theils durch eine ſeidene Nachtmütze, theils durch die ſchwel⸗ lenden Kiſſen, in denen der Kopf des Grafen verſunken lag, ſo wie durch eine weiche Decke von feinſtem Caſchmir, die ihm bis unter das Kinn reichte. Ben hatte ein Batiſttuch ſtark mit Fau de Cologne be— träufelt, und während er damit leicht die Stirn des Grafen be⸗ tupft, nachdem er die Nachtmütze ſanft entfernt, ſagte er mit leiſer Stimme und in dem Tone, mit dem Jemand eine aus⸗ wendig gelernte Lection wiederholt:„Das Wetter iſt mild, zehn Grad Wärme, der Boden etwas feucht vom Nebel, den ein an⸗ genehmer Sonnenſchein herabgedrückt“— worauf er, ohne irgend eine Antwort abzuwarten, wieder an den Tollettentiſch zurückging, dort eine kleine goldene Doſe holte, dieſelbe auf⸗ ſchraubte und dem Grafen darreichte, nachdem er von deſſen 244 Zwölftes Kapitel. Armen und Händen die leichte Tibetdecke entfernt, unter welcher nun ein weiches, geſtepptes Bettcouvert von amaranthfarbener Seide zum Vorſchein kam. Der Graf nahm aus der kleinen goldenen Doſe ein paar ſtark und angenehm riechende Paſtillen, die er in ſeinen Mund ſteckte und dann, die Augen öffnend, ſeinen Kammerdiener fragend anſchaute. „Es iſt heute Montag, Erlaucht, der ſechzehnte October, die Herren ſind zur Jagd in den Wald geritten, die gnädige Gräfin haben ſie zu Wagen eine kleine Strecke begleitet. Ge⸗ meinſchaftliches Diner um acht Uhr in der großen Halle, wie Euer Durchlaucht geſtern befohlen haben.“ „Gut, Ben, ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden.“ „Befehlen Euer Durchlaucht, mit der Toilette fortzufahren?“ „Ja, Ben, aber ohne Uebereilung, wenn ich Sie höflich bitten darf.“ Wir müſſen hier beifügen, daß letztere Redensarten täglich zwiſchen Herrn und Diener gewechſelt wurden, und gewiß ſehr unnöthiger Weiſe, denn die Art, wie der Kammerdiener bei der Toilette verfuhr, war die unglaublich langſamſte. Das Bett des Grafen hatte eine mechaniſche Vorrichtung, um ihn in eine halb liegende, halb ſitzende Stellung zu erheben, und ſobald dies geſchehen war, ließ Ben durch einen Zug die ſchweren Seidenvorhänge rings um das Bett herabfallen, ſo ein kleines, beſonderes Bettgemach in dem Vorzimmer bildend, eine gewiß nicht unnöthige Vorſorge, denn jetzt erſchien, ohne ge⸗ rufen zu ſein, ein kleiner Lakai an der Thüre des Vorzimmers, der in ſeinen Händen eine ſilberne Schale voll lauwarmen Waſſers trug und ſich erſt nach einiger Zeit, auf ein Zeichen des Kammerdieners, dem Bette bis auf wenige Schritte näherte. Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 245 Welche Myſterien Ben unterdeſſen beſorgt hatte, erfahren wir dadurch, daß er ein äußerſt koſtbares Raſirzeug wieder auf den Toilettentiſch zurücktrug, und alsdann wieder, nachdem er duf⸗ tenden Kräutereſſig in das warme Waſſer der ſilbernen Schale geträufelt, mit dieſem hinter den Vorhängen verſchwand, zugleich mit dem kleinen Lakaien, der in das Vorzimmer zurückeilte. Als ſich aber nun kurz darauf die Bettvorhänge wieder öffneten, mußte man ſich geſtehen, daß die Toilette des Herrn Chriſtian Kurt einen bedeutenden Fortſchritt gemacht hatte, denn derſelbe ſaß jetzt faſt aufrecht da, allerdings durch Kiſſen unterſtützt, in einen blauſammtnen Schlafrock gehüllt und blickte mit geöffne⸗ ten Augen in einen kleinen ſilbernen Handſpiegel, welchen ihm Ben in die Hand gegeben hatte, worauf dieſer alsdann an das wichtige Geſchäft ging, mit den verſchiedenen Geräthſchaften, mit Pommaden und Cosmetique das graue, ſpärliche Haar Seiner Erlaucht zu ordnen. Und abermals wurden hierauf die Zeltvorhänge nicht nur zurückgezogen, ſondern auch dergeſtalt drapirt, daß ſie eine Scheidewand bildeten zwiſchen dem Oberkörper des Herrn Chri⸗ ſtian Kurt und deſſen Füßen, worauf der kleine Lakai eben ſo raſch und ungerufen wieder erſchien und jetzt in das Aller⸗ geheimſte zugelaſſen wurde, um die Füße Sr. Erlaucht mit ſtärkendem kölniſchen Waſſer zu waſchen und alsdann die Fuß⸗ ſohlen deſſelben ſanft mit wollenen Tüchern zu reiben, natür⸗ licher Weiſe unter ſpecieller Leitung des Kammerdieners. Ein weiterer Fortſchritt der Toilette geſchah jetzt wieder unſichtbar für die ganze übrige Welt, den kleinen Lakaien mit inbe— griffen, und als ſich danach die Vorhänge zum dritten Male öffneten, ruhte Herr Chriſtian Kurt auch unten, mit weichen 246 Zwölftes Kapitel. Pantoffeln und ſanften Morgenkleidern bedeckt, auf ſeinem breiten Bette; auch gab er jetzt ſchon Lebenszeichen höheren Grades von ſich, indem er mit dem Kopfe nickte und ſeine Augen auf das große Fenſter richtete, deſſen letzte Verhüllung nun von dem Kammerdiener weggezogen und ſo dem vollen, glänzenden Tageslichte Einlaß geſtattet wurde. Die Vorbereitungen, welche von Ben jetzt getroffen wurden, hätten auf ein zweites Frühſtück Sr. Erlaucht ſchließen laſſen können; er ſchob einen Tiſch, wie ihn Schwerkranke zu ge⸗ brauchen pflegen, quer über das Bette hin und bedeckte ihn mit einem ſeinen Tuche. Doch war das, was er auf demſelben jetzt ſervirte, nicht auf die oben angedeutete Art zu gebrauchen, denn es waren eine Menge kleiner Stahlſcheren, Feilen ver⸗ ſchiedener Größe und Stärke ſo wie in der Art, wie ſie die Bildhauer zum Modelliren gebrauchen, aber ſehr en miniature, und nachdem er alsdann einen Spiegel vermittels einer Vor⸗ richtung an dem Bette ſo befeſtigt, daß Se. Erlaucht, den Kopf nach der Wand gekehrt, bequem hineinſchauen konnte, ging er nach der Thür des Vorzimmers, die er alsdann weit öffnete und Herrn Renaud eintreten ließ, der ſich nun dem Bette näherte, um ſich hier auf ein Kopfnicken des Grafen in einen Stuhl niederzulaſſen. Während nun der Geſchäftsmann in ruhigem Tone ſeinen täglichen Bericht erſtattete, widmete ſich Herr Chriſtian Kurt dem wichtigen Geſchäfte, ſeine Fingernägel vermittels ſämmt⸗ licher angedeuteten Werkzeuge aufs ſorgfältigſte zu behandeln — eine Arbeit, welche gewöhnlich eben ſo lange dauerte, als der Vortrag des Herrn Renaud. Dieſer betraf nun bedeutende und unbedeutende Einkäufe und Correſpondenzen; doch mochte m Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 247 das Vorgetragene auch noch ſo wichtig ſein, ſo brachte es der Secretär ſo ruhig und leidenſchaftslos vor, ja, die ſchwierig⸗ ſten Punkte mit ſolcher Gewandtheit behandelnd, daß Se. Er⸗ laucht damit weiter keine Mühe hatte, als höchſtens beiſtim⸗ mend mit dem Kopfe zu nicken. Dabei ſchaute er aber nie Herrn Renaud ſelbſt an, ſondern nur zuweilen deſſen Bild im Spiegel, und alsdann mit offenbarer Befriedigung, wenn er gewahrte, daß der Secretär durchaus keine Miene machte, durch einen forſchenden Blick im Geſichte ſeines Herrn leſen zu wollen, was ihm unbequem geweſen wäre. Anordnungen Ew. Erlaucht in Betreff der neuen Regu⸗ lirung des Waſſerfalles auf der Südſeite des Schloſſes ſind pünktlich ausgeführt worden, und können ſich der Herr Graf ſpäter im Plancabinet überzeugen, wie hübſch ſich die kleine Brücke macht, welche oberhalb des Sturzes von einem Felſen zum anderen geſchlagen wurde. Es iſt das eine ſehr zweck⸗ mäßige Verbeſſerung, und Ihre Erlaucht die Frau Gräfin ſchienen entzückt zu ſein, jetzt auf dieſe Art inmitten des brau⸗ ſenden und ſchäumenden Waſſers ſtehen zu können.“ „Ich danke Ihnen,“ entgegnete Graf Seefeld,„und bin ſo begierig auf dieſe Aenderung, daß ich mir vielleicht erlauben werde, dieſelbe in Wirklichkeit in Augenſchein zu nehmen. Es muß ja heute ein prachtvoller Herbſttag ſein?“ „Unbeſchreiblich ſchön, Erlaucht! Und dabei ſo angenehm warm, daß Sie ſich mit Behagen im Freien bewegen werden — zu Wagen, Herr Graf?“ „Natürlich, mein lieber Nenaud, Ich weiß wohl,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Sie möchten mich hier und da zu kleinen Spazirgängen verführen; aber es thut ſich nicht mehr, gewiß, 248 Zwölftes Kapitel. es thut ſich nicht mehr. Hat mich doch neulich das Ein⸗ ſteigen in den Wagen und Rütteln auf dieſen holperigen Fel⸗ dern ſo arg mitgenommen, daß ich es heute noch in meinen Beinen ſpüre.“ „Aber die Brücke werden Ew. Erlaucht doch betreten wollen?“ „Will ſehen, ob es ſich thun läßt. „Bis dahin ſind die Gäſte Ew. Erlaucht von der Jagd zurück, und es wäre erfreulich, wenn man Ew. Erlaucht ſo rüſtig daherſchreiten ſähe.“ „Ah, eine kleine Komödie, mein Lieber! Man ſoll in der Reſidenz wohl ſagen: was iſt das noch für ein verfluchter Kerl, der alte, ſiebenzigjährige Graf Chriſtian Kurt, manövrirt da in Feldern und Wäldern umher und klettert auf Waſſer⸗ fälle! Haben wir vielleicht Hintergedanken, mein lieber Herr Renaud! Wollen am Ende meinem Neffen einen vielleicht heilſamen Schrecken einjagen?“ Bei dieſen Worten zuckte der Secretär ſo bedeutſam mit den Achſeln, daß Herr Chriſtian Kurt für einen Augenblick die Nagelfeile ruhen ließ und ſeinen Blick ſtatt dem Spiegelbilde ſeines vertrauten Beamten dem Originale ſelbſt zuwandte. „He, und was weiter?“ „Der junge Herr Graf brauchen recht viel Geld; ich habe unter meinen Papieren wieder einen Brief, in welchem mir die Bezahlung kleiner Poſten, allerdings im Geſammtbe⸗ trage von zweiunddreißigtauſend Thalern angezeigt wird. Und wenn man daraufhin allerdings im Zuſammenhange mit der, Gott ſei Dank, vortrefflichen Geſundheit Ew. Erlaucht dem jungen Herrn einen kleinen, bedeutſamen Wink geben könnte, ——— Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 249 zu welcher Schuldenmaſſe ſeinen Thorheiten noch anzuwachſen im Stande ſind, ſo glaube ich, wäre das gerade nicht unrecht.“ „Unrecht wohl nicht, mein Lieber, würde aber bei Dago⸗ bert Kurt von keiner großen Wirkung ſein. So ein Fidei⸗ commiß iſt allerdings zu Zeiten ein guter Riegel, aber auch wieder eine prächtige Handhabe. Ja, wenn wir früh gehei⸗ rathet hätten und uns der Himmel einen Sohn beſchert! Doch meinetwegen, will mich zuſammennehmen, daß man dem alten Chriſtian Kurt noch viele Jahre prophezeit. Laſſen Sie mir auch den Cäſar wieder einmal ſatteln.“ Daß dieſer letzte Befehl, der ſo ſeltſam klang, wenn man die eingehuzelte Geſtalt des alten Herrn und die zitternde Bewegung betrachtete, mit der er an ſeinen Nägeln feilte, durchaus keine Miene der Verwunderung oder des Erſtaunens auf dem Geſichte des Secretärs hervorrief, lag darin, daß Se. Erlaucht es liebte, ſich, wenn er einmal in die Gärten hinausſchlich, eines ſeiner Reitpferde geſattelt vorführen zu laſſen, um es mit der ſchwachen Hand zu ſtreicheln und ſich vielleicht jener Zeit— noch vor einigen Jahren— zu erinnern, wo er hier und da noch einen Spazirritt gewagt. Er that das gern, ohne irgend welche ſchmerzliche Empfindung, wäh⸗ rend er zuweilen lachend ſagte:„Mit achtzig Jahren kann man doch noch am Bellen Vergnügen haben, wenn man auch nicht mehr beißt.“ „Und ſonſt haben wir nichts Neues?“ „Ein unbedeutender Vorfall. Eine kleine Wilddieberei, oder wenigſtens eine Revierverletzung.“ „Sacre bleu, und das ſagen Sie mir mit einer ſo gleich⸗ 250 Zwölftes Kapitel. gültigen Miene, als handle es ſich um ein Garnichts, um eine Bagatelle. Ah, ich weiß ſchon, das kommt von dieſer neu— modiſchen Zeitrichtung unſeres aufgeklärten Jahrhunderts, welche ſtrenge Geſetze für Barbarei und nothwendige Gerechtigkeit für tyranniſche Härte erklärt.“ „Es iſt in der That ein ganz unbedeutender Vorfall, den ich Ew. Erlaucht gar nicht vorgetragen haben würde, wenn nicht der junge Herr Graf ausdrücklich darauf beſtanden hätte, hier ein Beiſpiel zu ſtatuiren.“ „Ah, in dieſer Richtung hält Dagobert auf die gute alte Sitte, und das freut mich! Nun, was iſt's?“ „Aber ich möchte um Alles in der Welt nicht Ew. Erlaucht durch ſolche Nichtigkeiten aufregen.“ „Was aufregen, mein Lieber! Das iſt höchſtens eine heilſame Blutwallung, die mir gut thut, wie der langweilige Doctor ſagt. Alſo laſſen Sie hören.“ „Heute Morgen ſuchte einer der Revierförſter mit ſeinem Hunde durch den Wald.“ „Welcher war's?“ fragte der Graf, wieder emſig mit ſeinen Nägeln beſchäftigt.“ „Der Ketteler.“ „Ein ruhiger Mann— weiter!“ „Und bemerkte dabei in unſerem Revier bei der Schlucht, wo die alte Linde ſteht....“ „Aha, die Linde unſeres guten Freundes Burbus.“ „Richtig, Erlaucht. Da bemerkte er einen jungen Bur⸗ ſchen mit ſtattlichem Gewehr und Jagdzeug, und ſah, hinter eine Buche tretend, wie dieſer junge Menſch gemüthlich durch den Wald pirſcht.“ eine weilige ſeinem ig mit hlucht, Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 251 2 „Ah, nicht übel, und der Ketteler packte ihn?“ „Ja, und nicht ohne Gefahr, denn der verwegene Burſche lag ſchon im Anſchlage, als ihm Ketteler zuvorkam.“ „Und ihn niederſchoß?“ fragte der alte Graf gleichgültig. „Nun, da werden die Gerichte wieder einmal unnöthiger Weiſe Papier und Federn en masse verſchmieren. Ein garſtiges Volk, dieſe Schreiber!“ „Das iſt wahr, Herr Graf,“ entgegnete Renaud mit einem eigenthümlichen Lächeln,„und deßhalb war es doch wohl beſſer, daß Ketteler den jungen Wilddieb nicht niederſchoß, ſon⸗ dern unverſehrt einbrachte.“ „Ja, ja,'s iſt auch ſo nicht übel, und nun?“ „Ihn einbrachte und vor den jungen Herrn Grafen führte, der den Burſchen erkannte und ausrief: Ah, das iſt derſelbe nichtsnutzige, naſeweiſe Schlingel!“ „Alſo ein Wilddieb von Profeſſion. Nun, in dem Falle wollen wir uns nicht an dieſe neueren abſurden Geſetze kehren.“ „Der junge Herr Graf befahl, ihn einzuſperren, und wir erwarten die Befehle Ew. Erlaucht.“ „Schön, erinnern Sie mich ſpäter daran; ich will das junge Ungethüm ſelbſt ſehen. Weiter haben Sie nichts?“ „Für heute nichts, Erlaucht,“ ſagte der Secretär auf⸗ ſtehend. „Alſo um acht Uhr große Abendtafel, und ſagen Sie dem Haushofmeiſter: ich laſſe ihn erſuchen, das mit der ange⸗ meſſenſten Solennität vor ſich gehen zu laſſen. Es ſind Gäſte da, die ich ehren will!“ Herr Renaud verbeugte ſich ſchweigend, und da der alte 252 Zwölftes Kapitel. Graf hierauf, ohne ſich weiter um Original und Spiegelbild zu bekümmern, fortfuhr, ſeine Nägel zu bearbeiten, ſo zog er ſich mit einer tiefen Verbeugung rückwärts gegen die Thür, hinter welcher er auf den Arzt des alten Grafen ſtieß, deſſen heitere Miene eben ſo ſehr abſtach gegen das ernſte, förmliche Weſen des Secretärs, als deſſen Kleidung, eine graue Jagd⸗ juppe, gegen den ſchwarzen Frack und die weiße Halsbinde des Geſchäftsmannes. „Was haben wir?“ fragte Doctor Herbet, ein Mann ſtark in den Vierzigen, mit einem geſunden, lebensfrohen Geſſichte, von kräftiger und unterſetzter Statur, nachdem der Andere die Thüre leiſe hinter ſich zugezogen. „Gutes Wetter, wie mir ſcheint. Man will die neue Brücke beſichtigen, Cäſar anſchauen und ſeine Gäſte in der großen Halle ſelbſt bewirthen. Alles Complimente für Sie, Doctor!“ „Vielmehr für Herrn Ben dort,“ erwiederte dieſer lächelnd, „er iſt der wahre Conſervator Sr. Erlaucht. Melden Sie mich ausnahmsweiſe an, mein lieber Freund, um hinzuſetzen zu können, ich ſei früher von der Jagd zurückgekehrt, um nach Herrn Chriſtian Kurt zu ſehen, ehe er heute die Gnade hat, ſein Bett zu verlaſſen. Vielleicht werde ich auch gar nicht ge⸗ wünſcht.“ Der Kammerdiener verſchwand in dem Schlafzimmer, und als dieſer darauf zurückkehrte, ſagte er:„O ja, Herr Doctor, man will Sie ſehen, gerade weil Sie von der Jagd zurück⸗ kommen und trotzdem Sie ſich noch in der Juppe befinden. Se. Erlaucht meinte lächelnd: der Doctor iſt eine ſcharfe Zange, man muß ihn mit Handſchuhen anfaſſen. Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. „Alſo ſind wir vortrefflich gelaunt.“ „Auf Wiederſehen, Herr Renaud!“ Als der Doctor hierauf vor das breite Himmelbett trat, nickte Herr Chriſtian Kurt in den Spiegel hinein und ſagte: „Ah, Sie bringen Waldluft mit!“ „Gewiß, Herr Graf, und iſt die beſſer, als alle Medicin.“ „Sacre bleu, das weiß ich ebenfalls! Warum ſorgen Sie mir alsdann nicht für Waldluft, Sie Egoiſt?“ „Nun, weil ich es nicht für geſund halte, Ihr Bett in irgend einem Walddickicht aufſchlagen zu laſſen, und weil ich eben ſo wenig dieſes Schlafzimmer mit Bäumen bepflanzen kann.“ „Ja, dieſes Bett iſt Ihnen allerdings ein Dorn im Auge; wohlfeile Medicin, die Sie nicht einmal verſchrieben.“ „Wohlfeil, vielleicht. Medicin, wer weiß? Doch den alten Streit, Herr Graf, wollen wir nicht fortſetzen, wenn es Ihnen gefällig iſt. Dabei kommt gar nichts heraus. Ich freue mich aber in der That, daß es Ihnen beſſer geht, als geſtern! Sie fühlen ſich heiterer, kräftiger und haben keine Schmerzen mehr in den Füßen?“ „Gott ſei Dank, nein! Und das verdanke ich alles meinem beſten Freunde.“ „Nun, ich lieb' ihn auch, dieſen Freund, aber nach Sa⸗ lomo's Vorſchriften— zu ſeiner Zeit.“ „Wie war denn die Jagd?“ fragte der alte Graf und ſetzte boshaft hinzu:„Um von etwas zu reden, lieber Doctor, was ſpeciell in Ihr Fach ſchlägt.“ „Nicht übel, Herr Graf. Ich ſchoß einen capitalen Vier⸗ zehnender.“ 254 Zwölftes Kapitel. „Sie? Das iſt mir weniger intereſſant. Und meine Gäſte?“ „Schoſſen viel, trafen ſo ſo. Iſt aber immerhin eine Jagd, daß die Herren aus der Reſidenz vor Entzücken die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlugen, beſonders der General, der ſich im Pudeln auszeichnete, dagegen aber ein Held war beim Frühſtücks⸗Rendezvous. Wehe den Feinden, die unter ſeine mächtige Fauſt fallen! Und was dieſes Frühſtück anbelangt, Herr Graf, ſo möchte ich Sie geziemend bitten, Ihrem vor⸗ trefflichen Haushofmeiſter darüber ein freundliches Wort zu ſagen. Der Mann hat ſich, wie immer, ausgezeichnet. Meinte doch der Herr General mit Thränen in den Augen, man habe dieſem Haushofmeiſter alle ſeine Lieblingsgerichte verrathen. Es war rührend anzuſehen, wie er wirklich wehmuthsvoll die Hände faltete vor einem Timbale de paté de foie gras au faisan, und Alles war delicieuse arrangirt. Ich hätte Ihnen einen Blick auf alle dieſe Herrlichkeiten gewünſcht.“ „Ja, um mir Appetit zu machen,“ erwiederte Herr Chriſtian Kurt mit ſaurer Miene;„allerdings ein beſſeres Mittel, als alle die Ihrigen.“ „Seien Sie gerecht, Herr Graf!“ verſetzte der Doctor, heiter lachend.„Was würde Ihnen ein guter Appetit nutzen bei der täglichen und ſehr langen Unterhaltung mit Ihrem beſten Freunde?“— Damit klopfte er leicht auf die feine Bettdecke.—„Ich muß wirklich Gott danken, daß es gerade ſo iſt, wie es iſt.“ „Und ich danke für dieſen Kanzleitroſt, hoffe Ihnen aber heute Abend das Gegentheil zu beweiſen. Haben Sie nach meiner Frau geſehen?“ meine Jagd, Hände al, der beim ſeine elangt, Meinte n habe rathen. oll die s au Ihnen griſtian Doctor, nutzen Ihrem e feine gerade en aher te nach Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 255 „Die gnädige Gräfin befinden ſich außevordentlich wohl. Sie war bei dem Jagdfrühſtücke gegenwärtig, ſah alsdann dem Treiben zu von der Fichtenwaldung gegen den großen See hinab, und darauf hatte ich die Ehre, ſie nebſt ihrem Stall meiſter nach dem Schloſſe zurückbegleiten zu dürfen.“ „Das Wetter iſt angenehm?“ „Angenehm und warm, wie an einem Frühlingstage. Wenn ich nicht fürchten müßte, Ihren beſten Freund zu be⸗ leidigen, ſo würde ich dringend einen Spazirgang in die freie Luft aurathen.“ „War ſchon beſchloſſene Sache, mein lieber Herr Doctor, und könnten Sie wohl ſehen, wie ſehr ich mich beeile, meine Toilette zu beendigen. „So darf ich mir wohl erlauben, mich zurückzuziehen?“ „Gewiß,“ erwiederte der alte Graf mit einem leichten Lächeln auf die Jagdjuppe des Doclors, natürlicher Weiſe im Spiegel,„damit auch Sie Zeit zu Ihrer Toilette haben.“ Der Doctor hätte gern noch etwas erwiedert; doch ſah er hierauf das kurze Kopfnicken des Herrn Chriſtian Kurt und zog ſich deßhalb mit einem muntern Geſichtsausdrucke zurück.. Obgleich nun Graf Seefeld hierauf unter Ben's Mit⸗ hülfe ſeine Toilette in der That ſo beeilte, als es ihm nur immer möglich war, ſo dauerte es doch noch eine gute Stunde⸗ bis er ſo weit gerüſtet war, um in einem dunkeln Sammtrocke, der mit koſtbarem Pelz gefüttert war, zum Ausgehen bereit zu ſein; dann empfing er weiche Biberhandſchuhe aus den Händen des Kammerdieners, ſo wie Hut und Stock, und ging hierauf mit feſteren und größeren Schritten in den Vorplatz hinaus, 256 Zwölftes Kapitel. als man dies noch vor einer Stunde für möglich gehalten hätte. Oben an der Haupttreppe empfing ihn ſein Stall⸗ meiſter, dem er beim Herabſteigen der breiten, mit Teppichen belegten Stiege die rechte Hand auf den erhobenen Arm legte, und dann ging er unten durch eine weite Halle und ein Ve⸗ ſtibul auf eine ausgedehnte Terraſſe vor dem Schloſſe, wo ihm Cäſar geſattelt und gezäumt vorgeführt wurde; auch überreichte ihm der Stallmeiſter hier eine Reitpeitſche, während, um die Komödie zu vollenden, ein Reitknecht das Pferd langgeſtreckt hinſtehen ließ, indeß der Stallmeiſter den Bügel hielt. In dieſem Augenblicke aber hörte man die ſchwerſeidenen Gewänder der Gräfin rauſchen, und die ſchöne Frau erſchien auf der Terraſſe; heiter lächelnd näherte ſie ſich dem Grafen, legte ihm die Hand auf den Arm und bot ihm ihre weiße Stirn zum Kuſſe dar. „Ah, mon enfant!“ Du biſt frühzeitig, wie immer, man könnte ſagen, munter wie die Lerche in der Luft; warſt ſchon ſo freundlich, unſeren Gäſten die Honneurs zu machen, und kommſt jetzt, um mich zu Pferde ſteigen zu ſehen!“ „Wobei ich mich einer großen Vergeßlichkeit anklagen muß,“ erwiederte die Gräfin.„Ich hätte dich fragen ſollen, ob du mich vielleicht in den Wald hinauf begleiten wolleſt. Ich bin recht unbeſonnen und muß es nun ſchon als Strafe hin⸗ nehmen, daß du ohne mich reiteſt.“ „Der Himmel ſoll mich bewahren, dir dieſen kleinen Kum⸗ mer zu machen!“ ſagte Chriſtian Kurt mit großer Entſchieden⸗ heit.„Nein, nein, ich will nicht reiten, unter keiner Bedin⸗ gung, mein liebes Herz! Laſſen Sie Cäſar zurückführen— ein andermal, vielleicht ein andermal.“ Bekanntſchaft mit einem vornehmen Herrn. 257 Damit trat er dicht an das Pferd hin, klopfte ihm leicht auf den ſchlanken Hals und nahm alsdann ein paar Stücke Zucker, welche ihm der Stallmeiſter auf einem ſilbernen Teller präſentirte, um ſie Cäſar zu geben. „Willſt du mich vielleicht auf einer Spazirfahrt begleiten?“ fragte die Gräfin. „Mit Vergnügen, mein Kind „Ich möchte gern die neue Brücke über den Waſſerfall ſehen. Vielleicht intereſſirt dich das ebenfalls?“ fragte die ſchöne Frau. „Jedenfalls— wie ſich unſere Wünſche treffen! Fahren wir alſo.“ „Mit meiner Pony⸗Equipage; ich fahre dich ſelber.“ 11 „Delicieuse!“ „Und unterwegs erzähle ich dir von der Jagd, auf der ſich unſere Gäſte ganz außerordentlich amuſirt haben und noch amuſiren.“ Hackländer, Der letzte Bombardier. I. Dreizehntes Kapitel. Angenehme Fortſetzung der Manövertage, mit wieder auferſtandenen Gefallenen und dem Herrn des Schloſſes als Geiſt der Nacht. Die große Halle des Schloſſes war ein Gemach in dem weitläuſigen Gebäude, auf welches der Graf bei der Aus ſchmückung deſſelben die größte Sorgfalt verwandt und keine, auch nicht die bedeutendſten, Koſten geſcheut hatte, wobei er ſich vernünftiger Weiſe ein berühmtes Vorbild gewählt und dieſes mit einigen nothwendigen und glücklichen Abänderungen nachgebildet. Dieſes Vorbild war die Halle von Warwick Caſtle in England, und wer dieſen prächtigen und dabei doch ſo wohn⸗ lichen Raum einmal betreten und ſich darauf hier umſchaute, der mußte geſtehen, daß die Copie nur allenfalls darin nach⸗ ſtand, daß, was dort durch einen achthundertjährigen Familien⸗ beſitz nach und nach und gleichſam von ſelbſt entſtanden war, hier mit Einem Male zuſammengeſtellt wurde, woher es denn auch natürlicher Weiſe kam, daß die ganze Einrichtung an Mobiliar, Geräthſchaften, Waffen, welche dort aus Stücken wohn⸗ haute, Angenehme Fortſetzung der Manövertage. 259 beſtand, die neben ihren wirklichen auch noch einen hiſtoriſchen Werth hatten, hier größtentheils nur den erſteren beanſpruchen konnten, obgleich Herr Chriſtian Kurt auch auf der Waldburg aus anderen ſeiner Schlöſſer alles vereinigt hatte, was im Zu⸗ ſammenhange mit ſeiner ebenfalls ſehr alten Familie ſtand. Allerdings konnte dieſe unter ihren Ahnen keinen Königsmacher Guy, wie die Warwicks, aufweiſen, und hatten ſich auch die regierenden Häupter des Landes niemals beeilt, als Gäſte auf der Waldburg zu erſcheinen. Wer aber, von alledem abſehend, hier die große Halle betrat, auf den konnte das ſtattliche Ge⸗ mach nicht verfehlen, nicht nur einen gewaltigen, ſondern auch einen anheimelnden Eindruck zu machen. Dieſer Raum, das ehemalige Refectorium des Kloſters, war größer und höher, als man ihn ſich trotz der ſtattlichen Ausdehnung des Schloſſes hätte vorſtellen mögen, und ausgedehnter, als damals, wo er den frommen Mönchen als Speiſeſaal gedient, denn Herr Chriſtian Kurt hatte nicht nur eine anſtoßende Galerie mit hinein gezogen, ſondern auch die ehemalige alte Decke des Saales zu einem ſehr kunſtvollen Gewölbe erheben laſſen. Gegen Oſten waren vier hohe und breite Fenſter, welche ſo dicht an einander ſtießen, daß man ſie wohl ein einziges hätte nennen können, und obendrein befanden ſich dieſelben in einer Niſche, die ſo geräumig war, daß, wenn man die ſchweren Vorhänge vor denſelben zuſammenzog, man ſich gleichſam in einem weiten Gange befand. Das war eben jene Galerie, von der wir oben geſprochen, und die nun auf dieſe Art be⸗ nutzt worden war, und man mußte geſtehen, mit großem Ge⸗ ſchicke, denn von derſelben, alſo jetzt von den hohen Bogen⸗ fenſtern, blickte man einen ſteilen Abhang hinab, in deſſen 260 Dreizehntes Kapitel. Tiefe die Flut rauſchte, die wir früher erwähnt, und an deſſen Ufer uralte Buchen und Eichen mit tiefdunkeln Fichten und Tannen zu einem höchſt maleriſchen Ganzen ſich verbanden, was beſonders an Abenden, wenn über die jenſeitige Höhe die helle Mondſcheibe emporſtieg und ſpäter das ſtrömende Waſſer verſilberte, von außerordentlicher Schönheit war. Gegenüber dieſen Fenſtern befand ſich das Prachtſtück des Saales, ein rieſenhafter offener Kamin, und zwar von einer Höhe und Weite, daß ein Mann mit dem Hute auf dem Kopfe nicht nur bequem darin aufrecht ſtand, ſondern auch bei mäßigen Anſprüchen einige Bewegungen in demſelben machen konnte. Der Aufſatz deſſelben war von weißem Marmor höchſt kunſt⸗ voll gearbeitet und reichte, ſich langſam zuſpitzend, beinahe bis an die Decke des Saales. Rechts und links von dieſem Ka⸗ mine war der obere Theil der langen Wand mit alten Gobe⸗ lins bedeckt, Jagdſcenen darſtellend, unter denen, und zwar rings umher um alle vier Wände der Halle, ein kunſtvoll in Holz gearbeitetes Lambris über Mannshöhe hexumlief. Wo ſonſt etwas von der Wand über dieſem Lambris ſichtbar war, bemerkte man, daß dieſelbe mit gepreßten, hier und da matt vergoldeten Ledertapeten bedeckt war; doch ſah man nur wenig dergleiche freie Flächen, da die Maſſe der Gegenſtände, welche alle Wände bedeckten, zu bedeutend war. luf der kurzen Seite der Halle, die in das Innere des Hauſes führte, waren Ahnenbilder der gräflichen Familie aufgehangen, aus deren Unterſchriften man einestheils erſah, daß von den alten Herren im Atlaßkleide ſo wie im eiſernen Harniſch die meiſten unter anderen Vornamen auch den Namen Kurt geführt, ſo wie anderntheils an den Jahreszahlen bemerkte, daß die Seefelds deſſen Angenehme Fortſetzung der Manöbvertage. 261 in der That eine alte Familie ſein mußten. Die gegenüber⸗ liegende Wand ſo wie auch die Flächen rechts und links an den Fenſtern waren mit den herrlichſten alten und neuen Waffen bedeckt, mit Rüſtungen und vergilbten Fahnen, mit Turnierſchildern und Speeren, und zwar in ſo chronologiſcher Ordnung, daß, während auf dieſer Seite die Sammlung mit der alten Sturmhaube, dem Kettenhemde und Streitkolben be⸗ gann, dieſelbe gegenüber aufhörte mit dem Hirſchfänger und dem doppelläufigen Jagdgewehr neueſter Conſtruction. Letztere, die neueren Feuerwaffen, befanden ſich in reicher Auswahl neben der Ausgangsthür an der kurzen Wand, gegen⸗ über den Ahnenbildern, welche Ausgangsthür mit zwei ge⸗ waltigen Flügeln beſtändig offen ſtand und dem Blicke erlaubte, in eine gothiſche Vorhalle zu dringen, in deren Mitte ſich ein plätſchernder Springbrunnen befand und wo verſchiedene Thüren theils nach der Küche führten, theils auf Vorplätze, von denen man hinaus ins Freie gelangen konnte. Hier waren auch Buffets und Credenztiſche aufgeſtellt, gewaltige Möbel aus ge⸗ ſchnitztem Eichenholze, deren maſſive Formen aber nicht zu ſchwer erſchienen, wenn man die Maſſe des Silbergeſchirres ſo wie die Kryſtallgefäße und Majoliken betrachtete, welche ſie zu tragen hatten. Was nun den Speiſetiſch für heute, wo ſich ausnahms⸗ weiſe eine zahlrriche Geſellſchaft verſammelt hatte, anbetraf, ſo war derſelbe in erſtaunlicher Ausdehnung, und zwar der Länge nach, mitten in der großen Halle hergerichtet, eine wahre Kunſt⸗ ausſtellung der intereſſanteſten und koſtbarſten Gefäße und Tafelaufſätze in Gold und Silber, Kryſtall und Bronze. Da es unterdeſſen auch Abend geworden war und alle Vorbereitungen 262 Dreizehntes Kapitel. zu dem Statt findenden Diner beendet erſchienen, ſo iſt es uns vergönnt, die Halle, welche ſchon am Tage ſo reich und wohnlich erſchien, jetzt bei Beleuchtung in vollſter Parade zu erblicken, und man mußte geſtehen, auch dieſe Beleuchtung war auf höchſt ſinnreiche Art angebracht, und zwar vermittels langer, ſchwerer und doch wieder zierlicher Bronzeketten, welche hoch an der Decke getragen wurden von ſo koloſſalen Hirſchgeweihen, wie der Jäger heutzutage nicht mehr ſo glücklich iſt, ihnen im Walde zu begegnen. Unten hingen an jeder dieſer Ketten paſſende Träger mit einem ſtrahlenden Bouquet von Wachs⸗ kerzen, und zwar von ſolcher Anzahl und Stärke, daß dieſer Strahlenkranz rings umher den hohen und weiten Raum weit mehr und viel glänzender als ſelbſt die Helle des Tages er⸗ leuchtete. Dabei herrſchte eine milde, höchſt angenehme Luft in dem Saale, was indeſſen nicht Wunder nehmen konnte, wenn man jetzt den rieſenhaften Kamin in voller Thätigkeit betrachtete, in welchem fußdicke, einmal geſpaltene Eichenſtämme ſenkrecht aufgeſchichtet waren, an denen nun die gewaltigen Flammen, hoch emporlodernd, mit ſichtbarer Gier zehrten. Um aber dieſes Feuer raſch und ohne Zeitverluſt beſtändig unterhalten zu können, lag neben dem Kamine ein ganzes Klafter, auf die oben beſchriebene Art geſpaltenes Eichenholz ſtets aufgeſchichtet, und wenn wir ſagen, daß ſich dieſe Holzmaſſe in dem Raume wie ein kleines Häuflein ausnahm, ſo kann man ſich von der Höhe und Ausdehnung deſſelben einen ungefähren Begriff machen. Was den Fußboden der Halle anbelangt, ſo beſtand derſelbe aus Marmorplatten, und da es unmöglich geweſen wäre, dazu einen Teppich von paſſender Größe zu finden oder anzufertigen, ſo waren hier nur unter den Tiſchen ſo wie uns nd Ind Angenehme Fortſetzung der Manövertage. 263 unter allen Sitzgelegenheiten Teppichvorlagen und Aehnliches in den dickſten Wollenſtoffen, in Bärendecken und anderen Pelzen, und zwar in ſolcher Maſſe ausgebreitet, daß der Fuß des Betreffenden tief darin einſank. Hiedurch wurde auch eine Ein⸗ förmigkeit vermieden, die bei jedem anderen Teppichmuſter un⸗ abweisbar geweſen wäre, und ſo wiederholten ſich denn die lebhaften Farben an den Wänden, an der Decke, auf dem Fußboden gewiſſer Maßen wieder: um ſo das Ganze zu einer würdevollen Harmonie zu vereinigen. Wir haben ſchon vorhin den Ausdruck gebraucht, daß ſich die große Halle jetzt in voller Parade befand, und möchte noch hinzuſetzen: und zwar in dem Augenblicke vor einer großen Parade, wo in Erwartung des commandirenden Generals das Regiment, das Bataillon, die Compagnie, oder wie der Truppen⸗ körper ſonſt heißen mag, vor den ſubalternen Officieren noch einmal einer ſtrengen Vorprüfung unterworfen wird. Dieſe Officiere in der Halle des gräflichen Hauſes wurden geführt von dem Secretär Herrn Renaud, dem der Haushofmeiſter ſo wie der Kammerdiener Benjamin auf dem Fuße folgten, und etwas weiter rückwärts der Chef der Küche in voller, ſchneeweißer Parade⸗Ausrüſtung, dann zwei Tafeldecker, der Silber⸗ und Weißzeug-⸗Verwalter, ſo wie ferner ein Schwarm von Lakaien. Herr Renaud hatte den Total⸗Eindruck des Raumes recht gut gefunden. Er pflegte ſelten oder nie ein glänzenderes Prädicat zu gebrauchen, und wenn er auch dem erſten Tafel⸗ decker dadurch einen Todesſchrecken einjagte, daß er geſagt, es ſcheine ihm, als halte der Tiſch nicht ganz genau die Mitte des Saales, ſo ließ er ſich doch durch den herbeigeholten Maßſtab eines Beſſern belehren. Auch die Temperatur wurde 264 Dreizehntes Kapitel. ſo ziemlich als die richtige erkannt, nicht minder die Anord⸗ nung der Tafelgeſchirre nach einer kleinen Abänderung, die darin beſtand, daß Herr Renaud ein antikes Trinkhorn mit der Aufſchrift:„Dem Tapfern gehört die Welt,“ vor das Couvert des Generals aufſtellen und ein paar Bordeaux⸗Träger in Form von antiken Laffetten gegen ein Couvert auf der an⸗ deren Seite richten ließ. Die Menu's für den heutigen Tag, mit Jagdemblemen verziert, befanden ſich richtig aufgelegt, und nachdem der Se⸗ cretär noch einmal mit wenigen Worten, aber dringend den Lakaien anbefohlen, ſich beim Serviren jedes, auch des aller⸗ geringſten Geräuſches zu enthalten, entließ er ſeine Beglei⸗ tung und blieb allein in dem Saale, mit dem Rücken gegen den Kamin ſtehend. Herr Renaud befand ſich jetzt ſtatt des Frackes im Ueber⸗ rocke, weil der Graf es in Anbetracht des heutigen zwangloſen Jagddiners ausdrücklich ſo gewünſcht hatte. Bald erſchienen auch von den jüngeren Gäſten, alles Of⸗ ficiere, theils in ihrer Uniform, theils ebenfalls im Civil⸗ Ueberrocke, welchen der Secretär ſo lange die Honneurs machte, bis Graf Dagobert mit einigen ſeiner Kameraden lachend und plaudernd eintrat. Dann zog ſich Herr Renaud an das untere Ende des Saales zurück. Eine Zeit lang hörte man nichts, als die Ausrufe: Wundervoll, délicieux, superbe! und es dauerte eine gute Weile, bis die Meiſten von dem Schwarm der Officiere, die Halle ringsum betrachtend, endlich vor dem großen Kamine vereinigt waren. e ſe Angenehme Fortſetzung der Manbvertage. 265 „Hat Niemand den ſeligen Horn geſehen?“ fragte Graf Dagobert.. „Seit wir von der Jagd zurück ſind, iſt er verſchwunden,“ antwortete jener Dragoner⸗Officier, der bei dem Manöver den Ueberfall des Feindes gemeldet. „Es iſt das übrigens ein ganz verfluchter Kerl; er hat heute unbedingt deinen Oberförſter beſtochen, daß dieſer ſeinen Chef, den Oberſten von Schwenkenberg, an die beſten Stellen placirt.“ „Das iſt richtig,“ ſagte ein Huſaren⸗Officier lachend,„und ich möchte Zehn gegen Eins wetten, daß er ſelbſt neben dem Oberſten im Hinterhalte gelegen und mit ſeinem Chef a tempo jenen capitalen Zwölfer ſchoß, der vor dem Oberſten im Feuer zuſammenſtürzte und worauf ſich derſelbe nicht wenig ein⸗ bildet.“ „Wißt ihr auch, wer ſonſt noch vortrefflich geſchoſſen hat?“ rief ein junger Hauptmann von der Artillerie.— „Euer Doctor, und wie der beim Ausreiten alle Hinderniſſe mit ſeinem Pferde nahm, brillant, das muß ihm der Neid zugeſtehen!“ „Reiten und Jagen gehört auch hier mit zu ſeinen Haupt⸗ beſchäftigungen,“ ſagte Dagobert etwas kurz und finſter. Herr Chriſtian Kurt ſcheint es zu lieben, wenn ſich alle ſeine Beamten ſo gut als möglich amuſiren. Ich denke darin ſchon anders. Wenn man mit dieſen Leuten gar ſo vertraut thut, ſo leidet der Dienſt, und es muß ſpäter wieder etwas militä⸗ riſche Zucht da hinein kommen.“ Während der noch ſehr junge Mann dies ſagte, wiegte er ſich auf etwas übermüthige Art in ſeinen Hüften, wobei 266 Dreizehntes Kapitel. ein unangenehmer Zug ſein ohnedies nicht ſchönes Geſicht überflog. „Ja, militäriſche Zucht, die fehlt, ſonſt wäre uns der capitale Hirſch, von dem ich euch während der Jagd erzählte, heute Morgen nicht verloren gegangen.“ „Nicht wahr, ein ſtarker Sechszehnender?“ „Ich glaube faſt, ſogar ein ungerader Achtzehner, wie auch der Oberförſter meint, der ihn ſchon einige Mal geſehen und häufig geſpürt.“ „Ich verſtehe die Milde nicht gegen dieſe Bauernlümmel! Revierförſter Ketteler hätte dem jungen Burſchen Eins auf⸗ brennen und dann bei dem Hirſche bleiben ſollen; hätte doch ſehen mögen, ob die Bauern ihn unter ſeiner Naſe hinweg⸗ geholt hätten!“ „Weiß man denn nicht, wer es geweſen iſt?“ „O ja, einer unſerer ſaubern Nachbarn, ein verrufener, aufrühriſcher Hund von einem Kerl, der ſchon Mancherlei in der Welt probirt! Soll ſtudirt haben, ſei ſogar Arzt ge⸗ weſen, und macht ſich nun ein Geſchäft daraus, die dummen Bauern, wie er ſagt, aufzuklären, das heißt, er hetzt ſie auf gegen alle beſtehenden Geſetze und gegen unſere wohlverbrieften Rechte.“ „Aber den Burſchen, um den es ſich handelt, habt ihr in Gewahrſam?“ „Feſt, und wollen ihn nachher einmal betrachten, wenn Herr Chriſtian Kurt nichts dagegen hat.“ „Pah, was ſoll er auch!“ „Nun, er hat ſo ſeine Anwandlungen, die ihm von Mon⸗ ſieur Renaud ſoufflirt werden; doch hat ſelbſt dieſer im vor⸗ in Angenehme Fortſetzung der Manövertage. 267 liegenden Falle gemeint, dieſe Angelegenheit würde ſich ſchon mit einigem Erfolge betreiben laſſen.“ „Der Graf und die Gräfin!“ Herr Chriſtian Kurt erſchien mit dem übrigen Theile ſeiner Gäſte an der Seite der Gräfin am Eingange des Saales. Er trug ein leichteres Kleid von ſchwarzem Sammt, mit grauem Pelz beſetzt, wogegen die ſchöne Herrin des Hauſes, in einem langen, ſchleppenden Gewande von weißer, matter Seide, leuchtend und ſtrahlend ausſah. Dieſes Gewand hatte oben, unterhalb ihres ſchlanken, weißen Halſes einen antiken, viereckigen Ausſchnitt, der nicht nur ihre volle Büſte prächtig hervorhob, ſondern durch welchen auch ihre ganze Erſcheinung, im Verein mit der paſſenden Friſur des reichen, dunkeln Haares ſo wie mit dem blendenden Steingürtel, an dem eine kleine Ledertaſche an goldener Kette hing, maleriſch zuſammenpaßte mit der mittelalterlichen Ausſchmückung des weit erglän⸗ zenden Raumes.— Als nun zu gleicher Zeit am unteren Ende des Saales in der weit offenen Thür der Haushofmeiſter mit ſeinem langen Stabe erſchien und hinter ihm vier Jägerburſchen, die mit aufwärts gekehrten Waldhörnern eine rauſchende Jagd⸗ fanfare blieſen, da ſchaute Mancher der jüngeren Gäſte an ſeinem einfachen Civil⸗Anzuge herunter und bedauerte lachend, nicht im farbigen Sammtkleide erſcheinen zu können, das Schwert an der Hüfte, mit Baret und lang wallender Feder. Doch machte ſich auch ohne das die Tafelrunde lebendig und glänzend, denn wenn auch, mit Ausnahme der Gräfin und ihrer beiden Geſellſchafterinnen, die Damen fehlten, ſo ſorgten die Gäſte in ſo fern für eine bunte Reihe, als Uni⸗ 268 Dreizehntes Kapitel. form⸗ und Civilrock ſo häufig als thunlich mit einander ab⸗ wechſelten. Dazu kam noch die reich galonirte Dienerſchaft des gräflichen Hauſes, rings umher hinter den Stühlen gereiht, die Lakaien, Kammerdiener, Jäger und Büchſenſpanner in Gold und Silber ſtrotzend, und um dieſe an den Wänden der reichſtrahlende Lichterglanz der unzähligen Wachskerzen, ſo ein Enſemble darſtellend, das dem Pinſel des vortrefflichſten Malers zum würdigen Vorwurfe hätte dienen können. Man kann ſich wohl das behagliche Gefühl vorſtellen, mit dem ſich die Gäſte, ältere und jüngere Officiere ſo wie ein paar Herren der benachbarten Forſtbehörde, nach einer an⸗ ſtrengenden Jagd hier an dieſer mehr als reich beſetzten Tafel niederließen, in dem weiten, glänzenden, ſanft durchwärmten Raume, in welchem durch kaum merkliche Anwendung eines feinen, aromatiſchen Odeurs ein leichter Tannenduft ſich be⸗ merklich machte. Die Officiere waren theils aus der Reſidenz hergebetene Gäſte, theils gehörten ſie Truppenkörpern an, welche nach dem beendigten großen Manöver auf verſchiedenen umliegenden Gütern des Grafen ſo wie in den dabei befindlichen Ortſchaften Cantonnirungs⸗Quartiere bezogen hatten, und deßhalb ſah man hier Infanterie, Cavallerie, Artillerie, Alles durch ein⸗ ander. „Noch niemals hat mich der Klang eines Hornes ſo ergötzt und ſo bereit zum Angriffe gemacht, wie das Signal von eben,“ ſagte ein dicker Hauptmann von der Infanterie, und betrachten Sie mir nur einmal die Batterieen vor uns auf dem Tiſche, ob man dabei nicht eine wüthende Luſt zum Angriffe verſpürt!“ — Angenehme Fortſetzung der Manöbvertage. 269 „Allerdings,“ erwiederte ſein Nachbar,„und ich bin ent⸗ zückt darüber, daß der Graf an der alten, guten Sitte feſt⸗ hält und den Wein in Krügen und zahlreichen Flaſchen vor ſeinen Gäſten aufpflanzen läßt, während es jetzt Mode ge⸗ worden iſt, die Gläſer nach Bedarf durch einen Diener, der hinter den Stühlen herumſchleicht, hier und da vollfüllen zu laſſen; doch hat das für mich immer etwas Peinliches, und ich bilde mir ein, er zählt die Gläſer, die ich vertilge, oder macht ſeine Gloſſen darüber.“ „Sie haben Recht, Herr Kamerad; alſo tapfer zum An griffe!“ „Ich kann Ihnen dieſen dunkeln Sherry zu einem Trunke nach der Suppe beſtens empfehlen.“ „Mein Herr,“ rief ein alter Major vom Geniecorps über den Tiſch hinüber,„betrachten Sie einmal dieſe prächtige Zu⸗ ſammenſtellung ſeltener Gefäße, ein wahres Muſeum! Sehen Sie hier dicht vor mir die Bordeauxträger in Lafſettenform— das erinnert mich lebhaft an eine kleine vorgeſchobene Schanze bei der Belagerung von Mainz!“ „Im vorigen Jahrhundert, nicht wahr, Herr Oberſt Wachtmeiſter?“ fragte ein junger Huſaren⸗Officier. „Nein, mein Lieber, vielmehr in einer viel näher gele⸗ genen Zeit— Sie hätten das nicht ſchon ſollen vergeſſen haben!“ „Ah, Herr Oberſt⸗Wachtmeiſter, eine ſo unbedeutende Ge⸗ ſchichte!“ „Erlauben Sie mir, das bedeutendſte Ereigniß der da⸗ 2 ſe Geſchichte maligen Zeit! Sie wiſſen, daß die Franzoſen. Wem der alte Major vom Geniecorps die 270 Dreizehntes Kapitel. eigentlich erzählte, ſind wir nicht genau anzugeben im Stande, können nur ſo viel ſagen, daß ſeine Nachbarn ſo wie auch ſeine Gegenüber in ganz andere Geſpräche verwickelt waren, wenn dieſelben überhaupt ſprachen oder ſich nicht, wie der dicke Hauptmann von der Infanterie, mit aller Andacht dem Eſſen und Trinken hingaben. Dabei liebte es derſelbe, kleine Brodkügelchen zu drehen und ſie jedes Mal, ſo oft er ein Glas geleert hatte, alsdann in zierlichen Haufen vor ſich auf⸗ zuſtellen, welcher Kugelhaufen ſich in gleichem Maßſtabe ver⸗ größerte, in welchem ſich ſeine Naſe zu röthen begann. Der Graf hatte in der Mitte an einer der Langſeiten der Tafel neben dem commandirenden General Platz genommen, während ihm die Gräfin gegenüber ſaß, um ſo ihren ſämmt⸗ lichen Gäſten näher zu ſein, wogegen Graf Dagobert ſich am oberen Ende des Tiſches befand, ſo wie Herr Renaud am unteren, letzterer hier gewiſſer Maßen den Dienſt überwachend; doch ging dieſer leicht, gewandt und geräuſchlos von Statten, wie das Herkommen in einem guten Hauſe iſt. Da vernahm man kein Klappern der Teller, kein Aneinanderklingen der ſchweren ſilbernen Beſtecke, keinen Fußtritt der aufwartenden Lakaien, alle ſchoſſen gewandt umher, aber wie körperloſe Geiſter, von dem Haushofmeiſter, der unter der Thür des Vor⸗ ſaales ſtand, mit Blicken regiert. Am lebhafteſten unter den Gäſten ging es auf der Seite zu, wo Dagobert, umgeben von jungen Cavallerie⸗Officieren, ſaß, und dorthin wendete ſich auch häufig der alte Graf Seefeld ſo wie die ſchöne Herrin des Hauſes mit einem freund⸗ lichen Blicke oder Lächeln, ſo wie auch mit erhobenem Glaſe gegen dieſen oder jenen genauen Bekannten des Hauſes. Angenehme Fortſetzung der Manbvertage. 271 Neben der Gräfin und gegenüber Herrn Chriſtian Kurt befand ſich zur Rechten der Oberſt des Dragoner⸗Regiments, von Schwenkenberg, ſo wie zur Linken der Commandeur der Artillerie⸗Brigade, ein langer, hagerer Mann mit einem ernſten, ausdrucksvollen Geſichte, ſtark ergrautem Haar und dazu mit einem Barte von ſolcher Schwärze, daß man hier künſtliche Nachhülfe vermuthen konnte. Den meiſten Lärm bei den jungen Officieren erregte das affectirt kummervolle Geſicht des ſeligen Grafen Horn— dieſes Prädicat war ihm geblieben—, und wenn er zuweilen nach ſeinem Oberſten hinüberſchielte und einem Blick deſſelben begegnete, ſo zuckte er förmlich zuſammen, zur größten Heiter⸗ keit der um ihn ſitzenden Kameraden, worauf dann der Oberſt, ihm mit dem Finger drohend, ſcherzhaft hinüberrief:„Sie haben bei allem dem das koloſſalſte Glück gehabt, junger Herr!“ „Doch auch ein klein wenig Verdienſt,“ warf der com⸗ mandirende General mit einem würdevollen Lächeln ein.— Wir müſſen hier bemerken, daß Graf Horn, als ein ſonſt brillanter Officier, das verzogene Kind des Regiments und der Liebling der ſogenannten Geſellſchaft war. Er war nämlich ſehr reich, hielt vortreffliche Pferde und war bei den Hofbällen unſchätzbar als Tänzer verſchiedener Prinzeſſinnen ſo wie als Arrangeur der ſchönſten Cotillon⸗Touren; ihm konnte ein glän⸗ zendes Avancement nicht fehlen. „Und worin beſtand das Verdienſt dieſes jungen Herrn?“ fragte der ernſthafte Officier der Artillerie mit dem ſchwarzen Barte. „Das ſoll er ſelbſt erzählen,“ rief Dagobert herüber, ———— 272 Dreizehntes Kapitel. „wenn Seine Excellenz nämlich die Gnade haben, das zu erlauben!“ „Warum nicht, und wir können alsdann, wenn die gnä⸗ dige Gräfin es geſtattet, ihn je nachdem mit einigen Gläſern Wein belohnen oder beſtrafen!“ „Erzählen Sie, Horn!“ Der junge Dragoner-Officier erhob ſich, wiegte ſich ein paar Mal coquet in den Hüften und nahm alsdann aus einem vor ihm ſtehenden Fruchtaufſatze eine Orange, die er mit der weißen Serviette anfaßte und als Zeichen ſeiner tiefen Trauer, in Ermangelung einer Citrone, hoch emporhielt, was von den Umſitzenden mit einem heiteren Lachen begleitet wurde. „Ruhig, meine Herren! Ehre dem tapferen Gefallenen!“ „Der ſelige Horn ſpricht!“ „Und hoch weg über mir ging die Gewalt der Roſſe, keinem Zügel mehr gehorchend,“ declamirte der junge Dragoner⸗ Officier,„und ich dachte in der That, von der reitenden Bat⸗ terie des Hauptmanns von Brandt, welche Dagobert mit ſeinen Huſaren an jenem Morgen beinahe genommen hätte, überritten zu werden, ſo wild jagte ſie daher, und ich ſah ſchon den rothen Schnurrbart ihres grimmigen Chefs wie ein Irrlicht durch die Finſterniß leuchten....“ „Da müſſen Sie gute Augen haben, Herr Lieutenant,“ bemerkte trocken der Commandeur der Artillerie;„ich gönne es Ihnen für ein anderes Mal.“ „Danke beſtens, Herr Oberſt⸗Lieutenant; doch waren mir in dieſem Augenblicke erſt die Augen ſo klar aufgegangen, daß ich deutlich ſah, welch Unheil ich angerichtet, und um das wieder gut zu machen, ſchlich ich mich bei der herrſchenden — —· Angenehme Fortſetzung der Manövertage. 273 Dunkelheit und dem unglaublichen Gewühl der reitenden, ab⸗ protzenden Artillerie mit meinen Leuten zwiſchen Geſchütz und Mannſchaft hindurch und war auch ſo glücklich, rückwärts in den Büſchen meinen Trompeter aufzufinden; alsdann ritten wir zurück, ſammelten uns keine tauſend Schritte vom Feinde ent⸗ fernt, und dann ließ ich, in der feindlichen Flanke angekommen, auf meiner ganzen Linie Alarm blaſen.“ „Ja, ja,“ ſagte der Oberſt von Schwenkenberg lachend, „von einem betrunkenen Trompeter vor circa z zwölf Mann.“ „Aber es gab aus, wie mir der Herr Oberſt die Gnade haben werden zu glauben, auch brüllten meine Kerle wie zwölf Teu..— bitte tauſendmal um Verzeihung, enſin—, ſie ſchrieen dergeſtalt, daß der Feind ſtutzig wurde und die Bat⸗ terie ihr Feuer einſtellte.“ „Ja, aber erſt nachdem wir Ihnen gegenüber ſo gewaltige Geſchützmaſſen aufgefahren hatten,“ ſag agte der ernſthafte Artillerie⸗ Officier. „Ganz richtig,“ warf der Rittmeiſter von Blankenſcheid, der Adjutant des Oberſten der Dragoner, dazwiſchen,„und z⸗Officiere von drüben Ordres zur Ein⸗ ſtellung des etwas voreilig engagirten Ueberfalles gebracht hatten.“ nachdem Ordonnanz⸗O „Und mit vollem Rechte,“ bemerkte der commandirende General.„Was zum Henker nützen mich vorausbeſtimmte Manöverplane, wenn ſie nicht ſtreng eingehalten werden!“ Hier flüſterte der ſelige Horn ſeinem Nachbar zu:„Das möchte ich auch eina Ueberhaupt, was nützt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt iſt!“ Hacränder, Der letzte Bombardier. I. 18 274 Dreizehntes Kapitel. 2 „Nehmen wir alſo,“ fuhr der General in heiterem Tone fort,„die Heldenthat dieſes ſonſt ſo vortrefflichen Officiers zu den Acten und geſtatten wir ihm, ein großes Glas auszu⸗ trinken!“ Daß dieſem Ausſpruche, der mit ſehr lauter Stimme ge⸗ than ward, augenblicklich Folge geleiſtet wurde, und nicht nur von dem ſeligen Horn, ſondern auch von der ganzen Tafel⸗ runde, bedarf eigentlich keiner Erwähnung; dabei klirrten die Gläſer zuſammen, und ein animirtes Geſpräch, größtentheils die Manöver betreffend, flog durch den Saal. Nur die jungen Cavallerie⸗Officiere bei Dagobert waren augenblicklich zu einem anderen Geſprächsthema übergegangen; dieſer hatte nämlich ſeinem Nachbar geſagt:„Ich habe ſpäter für uns noch etwas extra beſorgt.“ „Einen Macao oder Landsknecht?“ „Warum das? Warum ſollten wir uns gegenſeitig unſer Bischen Geld abnehmen? Nein, etwas Beſſeres. Ich habe die Zigeuner aufſpüren und hieherbringen laſſen. Herr Chriſtian Kurt machte allerdings zuerſt Einwendungen; doch half mir die Gräfin, und ſo gab er denn ſchließlich ſeine Erlaubniß, daß uns die Mädels draußen im Vorſaale etwas tanzen dürfen.“ „Eine vortreffliche Idee! Sind ihrer mehrere?“ „Etwa fünf bis ſechs hübſche Dirnen, allerdings keine ſo ſchön wie die Esmeralda.“ „Welche du wohl für dich aufgehoben haſt?“ fragte der ſelige Horn, worauf Dagobert lachend erwiederte: „Ein körperloſer Geiſt wie du ſollte an ſo etwas gar nicht denken, doch kenne ich meine Pflicht als Wirth zu genau, Angenehme Fortſetzung der Manövertage. 275 um egoiſtiſche Hintergedanken zu haben; auch könnt ihr ver⸗ ſichert ſein, daß die Zigeuner ihre Dirnen, vor allen Dingen die reizende Esmeralda, nicht allein in der Welt herumfahren laſſen. Nein, nein, die ganze Geſellſchaft iſt da und auf der anderen Seite des Schloſſes in der alten Halle untergebracht. Dort haben ſie ein Feuer angemacht, man hat ihnen Eſſen und Trinken im Ueberfluſſe gegeben, und daſelbſt befinden ſie ſich wahrſcheinlich beſſer, als heute bei der kalten Nacht unter freiem Himmel.“ „Aber ſpäter wäre es ungeheuer amuſant, dort das Zi⸗ geunerlager zu beſuchen, meinſt du nicht auch, Dagobert?“ „Vielleicht amuſant, aber nicht thunlich,“ entgegnete dieſer ſehr trockenem Tone;„ſie haben ſich alle dergleichen Beſuche verbeten, und ich glaube, Herr Chriſtian Kurt würde ein bitteres Geſicht machen, wenn er dergleichen erführe.“ „Erfährt er alles, was im Schloſſe paſſirt?“ „So ziemlich— durch Monſieur Renaud.“ „Schade drum! Nun, man muß ſich mit dem Anſehen begnügen.“ „Das denke ich auch.“ „Aber jenen jungen Burſchen, den Jagdfrevler, wirſt du uns doch in der Nähe zeigen, wie du geſagt?“ „Gewiß, wir wollen nachher dort ebenfalls im Vor⸗ ſaale, ehe die Zigeuner kommen, ein kleines Verhör mit ihm anſtellen.“ „So iſt's recht! Zuerſt die Arbeit, dann das Ver⸗ gnügen.— Was nun das Vergnügen hier im Allgemeinen anbelangte, 276 Dreizehntes Kapitel. ſo zeigte es ſich nach und nach um die Tafel herum in recht lärmender Weiſe. Schon längſt hatten die Diener die Tafel an verſchiedenen Stellen, nach Abräumung der überflüſſigen Geſchirre, mit ſchweren ſilbernen Kühlgefäßen beſetzt, die mit fein gehacktem Eiſe gefüllt waren und aus deren jedem die Hälſe von ſechs Champagnerflaſchen hervorſchauten, wobei ſich dann alsbald das Knallen der auffliegenden Pfropfen wie ein lebhaftes Pelotonfeuer vernehmen ließ. Herr Chriſtian Kurt hatte ausdrücklich befohlen, bei dieſem Jagd⸗Diner die Flaſchen un⸗ eröffnet aufzuſtellen, und man mußte ſchon geſtehen, daß dieſes Geknatter rings umher zur Belebung dieſes reichen Gelages weſentlich beitrug. Die Gräfin mit ihren Damen hatte ſich allerdings ohne Aufſehen zu erregen entfernt, dabei aber dem General, der um den Tiſch herumgekommen war, um ihr feierlich die Hand zu küſſen, das Verſprechen gegeben, daß ſie ſpäter zum Thee wieder erſcheinen würde, wogegen Herr Chriſtian Kurt trotz ſeines hohen Alters nicht nur heiter lächelnd aushielt, ſondern auch nicht ſelten den ſchäumenden Champagnerkelch leertrank; überhaupt war es höchſt merk⸗ würdig, wie der alte Herr auch körperlich friſcher und leben⸗ diger zu werden ſchien, je tiefer es in den Abend hineinging, und doch war es durchaus noch nicht ſpät geworden— hatte doch die tief dröhnende Kirchenglocke ſo eben erſt die zehnte Stunde angezeigt! Oben am Tiſche ſorgte Dagobert ausgiebig für die Gäſte, unten Herr Renaud, und beſonders aber Doctor Herbert, der nicht nur mit dem beſten Beiſpiele voranging, ſondern auch durch kleine Trinkſprüche und Schwänke aller Art die Herren Angenehme Fortſetzung der Manövertage. 277 um ſich herum ſo wirkſam anregte, daß die Augen derſelben leuchteten und ſtrahlten, daß ſich Wangen und Naſe röther färbten und daß der dicke Hauptmann von der Infanterie, der ſich nicht weit von dem Arzte befand, große Kugelhaufen um ſich herum aufgeſchichtet hatte und durchaus noch gar keine Miene machte, ſeine Beſtrebungen in dieſer Hinſicht zu mäßigen. Im Verlage von Adolph Krabbe in Stuttgart ſind erſchie⸗ nen und in allen Buchhandlungen zu haben: Edmund Hoefer's Erzählende Schriften in 12 Bänden. Mit dem Portrait des verfaſſers in Stahlſtich. Eleg. geh. 5 Rthlr. 12 Sor. 9 fl. rhein. 8 fl. 64. öſtr. W. Edmund Ho eie hat gleich von Anfang an eine hervorragende Stelle eingenommen, iſt aber in kurzer Zeit unſer erſter und beſter deutſcher Erzähler werdern Die höchſte Wahrheit und Naturtreue der Schilderungen, Originalität der Auffaſſung, tiefe Kenntniß der Natur, des Lebens und Menſchenherzens ſichern ihm dieſen Platz in der Literatur und die Liebe und Anhänglichkeit ſeiner Leſer. Die Erfindungsgabe des Verfaſſers Zeigt ſich in allen Geſchichten überaus glänzend und friſch. Nirgends wird man Behandlung, Darſtellung und Schilderung reifer und Wöner finden— nirgends lieblicher und ergreifender. Der folgende Inhalt wird beſonders den R teichthum und Wechſel des Stoffs zeigen. Aus einer Familie.— Das verlaſſene Haus.— Auf der Uni⸗ verſitätp.— Das Annecken von Seedorf.— An der Grenze.— Die alte Apfelfrau.— Die alte Erlaucht.— Der wilde Heide.— Madonna Luna.— In einer ſtillen Straße.— Der Onkel Stephan.— Das Haus van der Roos.— Helene.— Verlorene Liebe.— Ein alter Mann.— Fräulein Elſe.— Erhard Waldow.— Das Vurgfräulein. — Verhandelte Treue.— Die Dohlenkönigin.— Anno 92.— Vom großen Bart.— Rolof, der Rekrut.— Der Aufruhr.— Aus dem Freiheitskriege.— Der alte Kapitän.— Das Wyler Schlößchen.— Ein Schrei.— Das ſchwarze Schiff.— Die rothen Nelken.— Der Schäfer von Rodeck.— Musketier und Musketierin.— Es waren einmal zwei alte Soldaten.— Eine Geſpenſtergeſchichte.— Bei den zwei hohen Tannen.— Im rothen Hauſe.— Erzählungen eines alten Fiedlers.— Meluſine.— Die hellen Fenſter— Peter van Auwn.— —+‿ Kapitän Ketelhoek.— Der ſtille Kamerad.— Der B Buſchhof. Im Verlag von Adolph Krabbe in Stuttgart iſt erſchie⸗ nen und in allen Buchhandlungen zu haben: Geheimniß der Itadt. F. W. Hackländer. 3 Bände. 8. Elegant broſchirt. 2 Rthlr. oder 3 fl. 30 kr. Rhein. In dieſem Nomane Hackländers findet man nicht nur die an⸗ regende Friſche, den liebenswürdigen Humor, die treffenden Schil⸗ derungen des wirklichen Lebens wie in ſeinen erſten Schriften wieder, ſondern der Verfaſſer hat dießmal in künſtleriſch ſtreng um⸗ zogener Gränze aus einem geſunden Kern herausgearbeitet und uns ſo ein Sitten⸗, aber auch Schatten⸗Gemälde unſerer geſellſchaftlichen Zuſtände gegeben, welches nicht ermangeln wird, das lebhafteſte Intereſſe des Leſers zu erregen und bis zur letzten Seite feſtzuhalten. Das Geheimniß der Stadt—— eine Schneeflocke, aus der ſich die mächtig verheerende Lavine entwickelt— ein Samenkorn üppig ſchlimmſter Verläumdungsart, nicht nur auf dem Schauplatz unſeres Nomans zu finden, ſondern leider überall— eine harmloſe Oeffnung, die das Schiff ſtranden läßt— oft ein Lebensſchiff—— das iſt das Geheimniß der Stadt, welches Hackländer aufs Kunſtreichſte ver⸗ woben hat mit einer der intereſſanteſten Schattenſeiten der menſchlichen Geſellſchaft, mit Begebenheiten, die ebenſo wahr und feſſelnd in ihren Schilderungen, als wahr in ihrer Entſtehung ſind. rey Control Chart Green vellow Hed Magenta