—— „----= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. ) 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1ſ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ d den angenommen. 8 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „ 2 7 11 u1 8*— 9„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird Illbeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr⸗ Pf. ) 3 3 4 . Die Schwarzen Brüder. 4— Biſtoriſene Erzühung aus der Vorzeit Verlins von f. Gothe. „Alle Schuld rächt ſich auf Erden.“ Goethe.. Neue veränderte Ausgabe. 4 Vierter Band. 4 Berlin. b Druck und Verlag von Albert Sacco. Zimmerſtraße Nr. 94. Die Kunde, daß am andern Tage über Ottokar Gericht gehalten und ihm das Urtheil geſprochen werden ſolle, hatte ſich durch beide Städte verbreitet; es konnte daher nicht Wunder nehmen, daß ſchon am frühen Morgen eine große Anzahl von Leuten auf dem Platze vor dem Rathhauſe ſich verſammelt hatte, um ſo ſchnell als möglich Nachricht von dem Ausgange eines Prozeſſes zu erhalten, an dem ſie ſo⸗ wohl in Bezug auf die in demſelben verhandelten Verbre⸗ chen, als auch wegen der Perſon des Angeklagten den reg⸗ ſten Antheil hegten, wenn dieſer auch bei den Einzelnen aus den verſchiedenartigſten Urſachen ſich herleitete. Schon vor ſieben Uhr waren ſie herbeigeſtrömt aus bei⸗ den Städten und hatten ſich an der großen Freitreppe auf⸗ geſtellt, die zum Haupteingange des Rathhauſes hinaufführte; und obwohl ihrer nicht weniger waren, als am Vormittage des dritten Weihnachtsfeiertags, wo man den Rath um Nicht⸗ befolgung des landesherrlichen Gebots wegen Aufhebung der Kalande angehen wollte, ſo hatte der Rath doch nicht die kriegeriſchen Schutzmaßregeln getroffen, wie damals; der Ein⸗ gang zum Rathhauſe ſtand offen und ward nur von einem Stadtſöldner bewacht, um die allzu ſehr Zudringlichen zu⸗ rückzuweiſen. Das Volk ſollte diesmal ſehen, daß die Stadt⸗ AAA·-,;́ô Obrigkeit in dem vorliegenden Falle die Oeffentlichkeit nicht zu ſcheuen brauche und zu dieſem Zwecke hatte ſie auch die angeſehenſten Bürger aus den Gewerken beider Städte ge⸗ laden, um Zeugen der Verhandlungen und des Urtheils⸗ ſpruches zu ſein. Dieſe waren denn auch die Erſten, welche ſich heute auf dem Rathhauſe einfanden. Stolz auf den ihnen ge⸗ wordenen Vorzug, ſchritten ſie mit würdevollen Mienen durch die verſammelte Menge, wohl wiſſend, wie ſehr ſie von die— ſer wegen des erhaltenen Vorrechts beneidet wurden. Bald darauf trug man in einer Sänfte den Bruder des verſtorbenen Reinhold herbei, gegen den Ottokar einen Meuchelmord verübt haben ſollte; wie ſehr ſich aber auch Alles neugierig herzudrängte und die Hälſe reckte, um den Ankommenden zu ſehen: die von allen Seiten wohl ver⸗ wahrte Saͤnfte ließ ſie den in derſelben Sitzenden nicht ge⸗ wahren; es hieß, der Verwundete könne die rauhe Winter⸗ luft noch nicht vertragen und habe ſich deshalb ſo gut ver⸗ wahren laſſen. Dann erſchien Meiſter Trennert, an deſſen Hand ſeine Tochter einherwankte. Des Alten kummervolles Angeſicht, ſowie der tiefe Schmerz, der aus den bleichen Zügen der Lieſel ſprach, welche Jedermann ſonſt als ein blühendes, hei⸗ teres Mädel gekannt hatte, erregte das Mitleid aller An⸗ weſenden; ein dumpfes Gemurmel lief durch ihre Reihen und manche Verwünſchung ward laut gegen den, welcher der Urheber des Unglücks der Beiden ſein ſollte. Doch währte dieſe Stimmung nicht lange, denn gleich darauf langte der neue Syndikus an, den Viele noch nicht geſehen hatten und über welchen jetzt verſchiedene Gloſſen gemacht wurden; man war allgemein mißvergnügt darüber, daß zu dieſem wichtigen Amte Keiner aus den beiden Städ⸗ ten, ſondern ein Fremder willkürlich vom Rathe auserſehen worden, denn man hatte es noch nicht vergeſſen, daß ſein —— 5 NNNR Vorgänger durch den einmüthigen Willen der geſammten Bürgerſchaft ſein Amt erhalten und in demſelben trotz der kurzen Zeit Manches zum Vortheile der Bürger gegen die Patrizier durchgeſetzt und jederzeit kräftig für die Rechte des Volkes in die Schranken getreten war, während der neue Syndikus ſich bisher nur als ein williges Werkzeug der herrſchenden Partei erwieſen hatte. Ihm folgte der Amtsſchreiber, mit einem mächtigen Stoß Akten unter dem Arme; er ſchritt mit gar wichtiger Miene einher, denn noch nie war ihm in einer Sache eine ſo bedeutende Rolle ertheilt worden, wie ihm diesmal durch die Sendung nach Prag geſchehen, und er rechnete ſich's zu großem Verdienſte an, daß er durch die kluge und gewiſ⸗ ſenhafte Erfüllung ſeines Auftrages den gegenwärtigen Pro⸗ zeß zu Ende gefördert hatte. Herr Stroband war von den Mitgliedern des Rathes der Erſte der erſchien. Würdevoll, doch freundlich grüßend, ſchritt er durch die Verſammelten, die ihm ehrerbietig Platz machten. Er war in der halb kriegeriſchen Tracht, in der man ihn gewöhnlich ſah, wenn er ſeinen Verrichtungen als Stadthauptmann oblag; hieraus ſowohl, als auch aus dem Umſtande, daß er nicht die Stiegen zum großen Sitzungs⸗ ſaal hinaufſchritt, ſondern in die neben dem unteren Korri⸗ dor gelegene Wachtſtube eintrat, wie man durch die offen ſtehenden Thüren des Haupteinganges gewahren konnte, er⸗ ſah man, daß das Gerücht, welches geſagt hatte, daß Stro⸗ band nicht Theil nehmen wolle an Ottokars Verurtheilung, ſehr wohl gegründet geweſen, und vielerlei Vermuthungen wurden ausgeſprochen über die Urſache ſolchen Benehmens von Seiten des Stadthauptmanns, der ſelbſt von ſeinen Geg⸗ nern als ein biederer und gerechter Mann geachtet ward. Allgemach langten nun auch die Mitglieder des Rathes, angethan mit den langen, ſchwarzen Talaren, die ihre rich⸗ terliche Würde bezeichneten, bei dem Rathhauſe an und wur⸗ AAAAAAA;EAꝙ;AE den vom Volke mit tiefem Schweigen empfangen; wohin die hochedlen Herren blickten, gewahrten ſie nur Geſichter, aus denen ein düſterer Ernſt ſprach. Kein Ruf, weder der Zu⸗ neigung, noch des Haſſes, ließ ſich aus der Menge verneh⸗ men; aber ſobald ſie den Blicken der Verſammelten ent⸗ ſchwunden waren, erhob ſich wieder ein Gemurmel, das eben nicht durch Lobſprüche oder Kundgebungen der Liebe und Anhänglichkeit verurſacht ward. Auch der ehrwürdige Propſt von St. Nikolai erſchien in ſeinem geiſtlichen Ornate, grüßte das ihm ehrfurchtsvoll Raum gebende Volk mit frommen Segensſprüchen und ſchritt die Stiegen zum Sitzungsſaal hinan, um dem Gerichte bei⸗ zuwohnen. Zuletzt noch, als Alle, welche die Pflicht aufs Rath⸗ haus rief oder die als Zeugen geladen worden, dort ange⸗ langt waren, drängte ſich ein junger Kloſterbruder von den Franziskanern, der von ſeinen Obern gewöhnlich zum Boten⸗ dienſt gebraucht ward, durch die Verſammelten und ſchritt keck die Stiegen der Freitreppe hinan. Zwar ward er am Eingange von dem dort ſtehenden Stadtſöldner angehalten; doch nachdem er mit dem herbeigekommenen Stadthauptmann etliche Worte geſprochen, ließ man ihn ungehindert hinauf⸗ gehen nach dem Saale, in welchem das Gericht ſtattfand. Was der geringe Mönch dort zu thun haben könne, dar⸗ über zerbrachen ſich die unten Stehenden jetzt den Kopf, aber nur ſo lange, bis ein neuer Umſtand ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Man ſah nämlich, wie der Rathsdiener von Oben her⸗ unterkam, in die Wachtſtube trat, nach kurzer Zeit in Be⸗ gleitung des Kerkermeiſters und zweier Stadtſöldner wieder heraustrat und ſich mit dieſen in das Innere des Gebäu⸗ des verfügte, woraus man ſchloß, daß man den Angeklagten jetzt ſeinen Richtern vorführen werde. So war dem auch. Nach kurzer Zeit kehrten die Genannten zurück, den Gefan⸗ — AANDO genen in ihrer Mitte führend. Alles drängte ſich jetzt ſo nahe als möglich herzu, um dieſen zu ſehen. Ottokars Angeſicht war blaß; aber ſein Gang und ſeine Haltung waren feſt und eine ruhige Faſſung, eine muthvolle Ergebung in ſein Schickſal ſprach unverkennbar aus ſeinen Zügen. Nichts deutete darauf hin, wie nahe er noch geſtern Abend der Verzweiflung an Gottes Vatergüte geweſen, als der letzte Abſchied von ſeinen Lieben und die Gewißheit deſ⸗ ſen, was ihm bevorſtehe, ihn erſt die ganze, erdrückende Schwere ſeines Geſchicks empfinden ließ, und keine Spur war an ihm zurückgeblieben von dem heißen, bitteren Kampfe ſei⸗ ner Seele gegen jene Verzweiflung, die ihn faſt überwältigt hätte, da er auch nicht frei war von der allgemeinen menſch⸗ lichen Schwachheit— man ſah es ihm vielmehr an, daß er ſich mit ſeinem Gotte wie mit der Welt abgefunden hatte. Daher ward auch keine einzige Schmähung, kein einziges Schimpfwort laut, als die Menge ihn erblickte; und obwohl faſt Alle von ſeiner Schuld überzeugt waren, ſo wünſchten ihm in dieſem Augenblicke doch nur Wenige ſein trauriges Loos. Man rief ſich jetzt Alles in's Gedächtniß zurück, was er je in ſeinem Leben Gutes gethan; man pries ſeinen ſo oft bewieſenen Wohlthätigkeitsſinn, ſeine Gerechtigkeitsliebe, ſeine muthvolle Verfechtung der Volksrechte, ſein unermüd⸗ liches, raſtloſes Wirken für die Verminderung der Noth un⸗ ter dem niederen Volke und ſein beſonnenes und kräftiges Auftreten, wenn es galt, einer neuen Unterdrückung deſſelben zu begegnen, von welcher Seite ſie auch gekommen ſein möge — was Alles er erſt jüngſt bei der Geſchichte mit den Ka⸗ landen recht deutlich an den Tag gelegt hatte. Dazu kam noch, daß Etliche unter den Verſammelten es ſich angelegen ſein ließen, trotz aller uͤberzeugenden Beweiſe die Unſchuld des Angeklagten zu behaupten und ihn als ein Opfer ſeiner Anhänglichkeit für die Sache des Volkes gegen die Patrizier darzuſtellen; und immer allgemeiner ward der Wunſch laut, daß es Ottokar gelingen möge, das drohende Verderben von ſich abzuwenden. Doch verhielten ſich Alle ruhig und ſtill und unter⸗ drückten ſorgfältig alles laute Geſchrei, um die Verhand⸗ lungen oben im Gerichtsſaale nicht zu ſtören. Dieſe hatten auch nach des Angeklagten Ankunft ſogleich begonnen. Der anweſende Geiſtliche eröffnete ſie mit einem inbrünſtigen Gebet, indem er Gott anrief, daß er das Herz des Schuldigen erweichen, die Zeugen vor falſchen Ausſagen bewahren, den Richtern aber Einſicht und Weisheit verleihen möge, damit die Wahrheit an den Tag komme und recht gerichtet werde. Sodann ward die Anklage vorgeleſen, in welcher die Verbrechen, die man Ottokar zur Laſt gelegt, in „grellen Farben mit allen ihren Nebenumſtänden geſchildert und die Beweiſe für die Schuld des Angeklagten aufgeführt waren. Als dies geſchehen, richtete Heydicke als Stadtſchult⸗ heiß an Ottokar die Frage, ob er ſich jetzt als ſchuldig be⸗ kennen wolle. Ottokar verneinte es. — So frage ich Euch ferner, ob Ihr den Mann, der ſich Reinhold nennt und als Kläger gegen Euch aufgetreten iſt, als den Bruder des von den Quitzow'ſchen getödteten Köllniſchen Bürgers Reinhold, Eures Wohlthäters, aner⸗ kennen mögt? fuhr Heydicke fort.. — Deutlich erkenne ich auf dem Angeſicht des Fremden die Züge meines theuren Pflegvaters wieder, wenngleich ih⸗ nen der milde, freundliche Ausdruck fehlt, der ſich in meinem Gedächtniſſe ſehr wohl erhalten hat! entgegnete Ottokar. — So legt Euer Zeugniß ab vor dem verſammelten Gericht der beiden Städte, Herr Reinhold, wie Ihr es be⸗ reits vor Einem aus unſerer Mitte abgelegt und durch einen körperlichen Eid bekräftigt habt! wandte ſich Heydicke zu Oſiris. Der Zigeunerhauptmann, der bis jetzt mit niederge⸗ ſchlagenen Blicken auf einer Bank geſeſſen, erhob ſich. Nur unter großer Anſtrengung— denn ſeine Wunde war noch nicht vollkommen geheilt— vermochte er zu ſprechen, wobei ſeine düſtern Blicke ruhelos im Raume umherſchweiften. Matt und ausdruckslos waren ſeine Worte; nur als er von dem Sohne ſprach, den er Jahre lang vergebens geſucht, für den er das Schwerſte erduldet und freudig Mangel und Ent⸗ behrung getragen habe, um ihn, wenn er ihn wiederfände, glücklich machen zu können, da röthete ſich ſein bleiches An⸗ geſicht und ſeine Augen belebten ſich in höherem Glanze; alle Anweſenden ſchenkten ihm ihr Mitleid und ihre Theil⸗ nahme. Er gab vor, in fremden Kriegsheeren gedient und durch die ſtrengſte Einſchränkung von ſeinem Sold und der gemachten Beute ſo viel für den Sohn geſpart zu haben, um dieſem eine ſorgenfreie Zukunft zu gewähren. Dann erzählte er, daß er, als er ſeines Sohnes Aufenthalt erfahren, eilig hierhergekommen und gleich nach ſeiner Ankunft, obwohl es Mitternacht war, zu Ottokar gegangen ſei, weil ſein Vater⸗ herz ihm keine Ruhe gelaſſen, bevor er den Wiedergefundenen, der in Ottokars Dienſte ſtand, ſein Glück verkündet und ihn umarmt hätte; auch führte er an, wie gut er es mit dem Angeklagten im Sinne gehabt, dem er Peters Erbe über⸗ laſſen wollte, weil dieſer deſſen nicht bedürfe— und alle Zuhörer erſtaunten ob ſolcher Großmuth. Zuletzt nun be⸗ hauptete er, Ottokar auf der Gaſſe getroffen und ſich ihm entdeckt zu haben; vor ſeinem Wohnhauſe habe ihm der Angeklagte plötzlich einen Dolch in die Bruſt geſtoßen und ſei dann in's Haus entflohen; er würde ſicherlich um's Le⸗ ben gekommen ſein, wären nicht etliche Augenblicke ſpäter die Stadtſöldner herbeigeeilt, die ihn nothdurftig verbunden und dann zu den frommen Beguinen gebracht hätten. Schließ⸗ lich erbot er ſich, ſeine Ausſagen nochmals durch einen Eid zu erhärten.* 1 — Habt Ihr hierauf etwas zu entgegnen? fragte Hey⸗ dicke den Angeklagten. — Sprecht, Herr Reinhold, wandte ſich Ottokar ſtatt der Antwort zu Oſtris, ſprecht, ob Ihr nicht wenigſtens zu⸗ gebt, daß Ihr Euch in jener Nacht irren konntet; und dann fragt Euer Gewiſſen, ob ſich kein leiſer Zweifel in ihm regt, daß ich, der ich hier vor Euch ſtehe, auch wirklich und wahr⸗ haftig derſelbe bin, der Euch in jener Nacht den Dolch in die Bruſt geſtoßen hat! Bedenket wohl, daß Euer Irrthum meinen ſchmählichen Tod zur Folge hat und daß Ihr der⸗ maleinſt Rechenſchaft von Euren Worten zu geben habt! — Wico, ich ſollte mich irren in Dir, dem Mörder mei⸗ nes Sohnes, dem Vergifter meines Glücks, für das ich mehr als mein Leben eingeſetzt habe? rief Oſiris mit haßfunkeln⸗ den Blicken. Meine Ausſage ſollte ich widerrufen, um Dich, verfluchter Baſtard, vor meiner eigenen Rache zu retten? Ha, und wenn der Geiſt meines Sohnes hier erſchiene und ſelber für Dich Zeugniß ablegte und für Dich bäte, ich wuͤrde dennoch rufen: Ja, Du biſt es, der mich ermorden wollte! — Frevle nicht, Menſch, denn was Dein Mund jetzt ſpricht, könnte geſchehen, wenn es zu ſpät für Deine Reue iſt! rief ihm Ottokar mit erhobener Stimme zu. Wenn auch nicht ſein Geiſt, doch er ſelber, der Lebende, könnte eines Tages vor Dich hintreten und Dir ſagen: Vater, der Ge⸗ richtete hat mich nicht gemordet, alſo hat er es auch an Dir nicht verſucht; er hat ſich mir ſtets fréundlich erwieſen, er hat mich ſeinen Bruder genannt, als ich noch ſein Die⸗ ner war; er hätte nimmer mich meines Erbtheils beraubt! Vater, Du haſt falſch Zeugniß gegen ihn abgelegt, und darum mußte er ſterben! Wenn Dein Sohn ſo zu Dir ſpricht und ſchaudernd Deine dargebotene Hand zurückweiſt, was wirſt Du ihm alsdann antworten? Ja, Herr Reinhold, ſo kann es eines Tages geſchehen, denn ich habe Curen “ AAò;; Sohn nicht ermordet, das ſchwöre ich Euch zu Gott! Noch habt Ihr auch keine Gewißheit von ſeinem Tode, denn nir⸗ gend hat man ſeinen Leichnam gefunden; er kann eines Ta⸗ ges wiederkehren und dann wird er Euch auf offenem Markte des falſchen Zeugniſſes zeihen, deß ſeid gewiß! Ich behaupte dies, weil ich ſeine treue Liebe und Anhänglichkeit für mich kenne! — Ha, wenn dem ſo wäre— wenn Du meinen Sohn wirklich nicht gemordet hätteſt! murmelte Oſtris vor ſich hin, auf den Ottokars zuverſichtliche Worte einigen Eindruck ge⸗ macht hatten. Rycke, der keinen Blick von ihm abwandte, errieth ſeine Gedanken und ein geheimer Schrecken überfiel ihn. Augen⸗ blicklich wandte er ſich zu Heydicke. — Es iſt, dünkt mich, an der Zeit, daß man dem An⸗ geklagten nicht ferner geſtatte, die Zeugen, deren Gemüth ohnehin aufgeregt iſt, durch allerlei Vorſpiegelungen von Geſpenſtern und dergleichen einzuſchüchtern! ſagte er laut. Herr Reinhold hat aus eigenem Antriebe ausgeſagt, daß Jener dort den Dolchſtoß gegen ſeine Bruſt geführt, und kann dies Zeugniß nicht mehr widerrufen oder abändern, ohne ſich ſelber des Meineids ſchuldig zu machen; nach den in den beiden Städten geltenden Geſetzen aber wird der Meineidige dem Henker uüberliefert, ſeine Kinder werden ehr⸗ los aus unſern Mauern gewieſen und ſeine ganze Habe verfällt dem Gericht. — Eure Rede iſt eine Einſchüchterung, Herr Rycke! rief ihm Ottokar zu. — Nein, nein! Ich bezeuge es, der Angeklagte iſt ſchuldig! rief Oſiris zugleich. Und ſollte mein Sohn einſt kommen, ſo wird, ſo muß er— Er konnte nichts weiter herausbringen; die Kräfte des von ſeiner Wunde noch nicht geneſenen Korpers waren ſei⸗ ner Aufregung nicht gewachſen; der Amtsſchreiber mußte V —— herzuſpringen und ihn zu der Bank führen, von der er ſich im Eifer ſeiner Erzählung entfernt hatte. — Es ſteht Euch frei, Euch von hier fortbringen zu laſſen, Herr Reinhold, wenn die Aufregung, in die Euch der Anblick des Angeklagten und das Zuhören dieſer Ver⸗ handlung nothwendig verſetzen muß, Euer Siechthum ver⸗ mehrt, ſprach Heydicke zu Oſiris. Euer Zeugniß war ſo klar und deutlich, daß wir keiner ferneren Auskunft von Euch bedürfen werden. Oſiris gab zu verſtehen, daß er bleiben wolle. Es kamen nun die Stadtſöldner an die Reihe des Zeug⸗ nißablegens. Sie ſagten aus, daß ſie kurz vor dem Auf⸗ finden des Verwundeten die Thür zu Ottokars Hauſe ver⸗ ſchließen hörten und daß der Verwundete ferner auf ihre Frage nach dem Mörder auf eben dieſelbe Hausthür gezeigt, bis zu welcher auch friſche Blutſpuren geführt hätten. Dazu kam noch das Zeugniß etlicher Bürger, welche bei der Verhaftung des Angeklagten zugegen waren und ſo⸗ wohl ſein verſtörtes Weſen, wie auch die Blutflecke an ſei⸗ nen Kleidern wahrgenommen hatten. Sodann ward Meiſter Trennert mit ſeiner Tochter ver⸗ nommen. Sie mußten bekunden, daß Ottokar ſchon an dem Tage, wo ſie Peters Verſchwinden erfahren, ſehr verſtört ausgeſehen und ſie mit eitlen Hoffnungen und Tröſtungen zu beruhigen geſucht habe. Auch wiederholten ſie die Ver⸗ ſicherung, daß Peter des Schreibens nicht kundig geweſen, alſo auch keinen Brief für ſeinen Herrn hinterlaſſen haben könne, von welchem ihnen Ottokar auch nichts geſagt, ob⸗ gleich er ſie dadurch am leichteſten beruhigt haben würde. Dies Alles ſprachen ſie unter Schluchzen und Thränen; und als man ſie fragte, ob ſie demnach den Angeklagten für ſchuldig hielten, ſprach Trennert in gebrochenem Tone: — Ich mag keine Anklage gegen den erheben, welchem der arme, wackere Burſche vielleicht ſchon verziehen hat, ℳ 8 66 13 AANAᷓ”A;A;nn denn dort droben ſoll es ja keine andere Rache geben, als deſſen, der da ſpricht: die Rache iſt mein, ich will ver⸗ gelten! Das Mädchen aber konnte vor Thränen nicht ſprechen; ihr herber Schmerz um den Verlobten ſchnitt Vielen durch die Seele, daß ſie tief ergriffen waren davon, wie man deutlich gewahren konnte. Wie gern hätte Ottokar ſie zu tröſten verſucht und ſie an ſeine Schweſter Lisbeth verwieſen, hätte er nicht gefürchtet, daß ſeine Annäherung diejenige erſchau⸗ dern laſſen und ihren Schmerz nichtsdeſtoweniger vermehren würde, für deren zukünftiges Glück er eifrig beſorgt geweſen und für welches er wenigſtens etwas gethan zu haben ſich ſagen durfte!. Noch waren die Boten zu verhören, welche zum Auf⸗ ſuchen des Verſchwundenen auf Ottokars Erſuchen von Rycke noch an jenem Tage ausgeſandt wurden, an welchem Peter zuerſt vermißt ward— welche Ausſendung übrigens Rycke's letzte Amtshandlung als Bürgermeiſter geweſen war. Die Boten beeideten, trotz alles Suchens, Fragens und Nachforſchens an demſelben ſowohl, wie auch noch am fol⸗ genden Tage, nicht die geringſte Spur von dem Vermißten gefunden zu haben, obwohl ſie ihre Nachforſchungen auf alle Dörfer ringsum und ſelbſt bis auf die Herbergen der nächſten Städte ausgedehnt und keine Begegnenden unbe⸗ fragt gelaſſen hätten. — Freilich, meinte Einer von ihnen, hätten wir unſere Nachforſchungen unter der Erde, ſtatt auf derſelben anſtel⸗ len können, ſo würden wir den Geſuchten ſicherlich gefun⸗ den haben, wenn dieſer dann auch nicht mehr hätte ſagen können, durch wen er begraben worden! Den Schluß des Zeugenverhörs bildete der Bericht des Amtsſchreibers über ſeine Sendung nach Prag. Mit größ⸗ ter Umſtändlichkeit berichtete er Alles, was ihm auf ſeiner Reiſe begegnet war, wie und wo er den vermeintlichen Mönch AAAAAANANNSSy getroffen, führte in weitſchweifiger Rede jedes Wort an, was dieſer zu ihm geſprochen, und vergaß auch nicht, die Ent⸗ rüſtung des frommen Mannes ob ſolchen Frevels von Sei⸗ ten des Angeklagten in's gehörige Licht zu ſetzen. Obgleich Ottokar nicht wußte, was er davon denken ſolle, ſo zweifelte er doch nicht im mindeſten an der Wahr⸗ heit der Ausſage des Amtsſchreibers, den er zwar als einen einfältigen, in ſeinem geiſtestödtenden Amte verkommenen Menſchen kannte, den er aber gerade um deswillen keiner ſo hinterliſtigen Verſtellung und keiner ſo boshaften Lüge für fähig hielt. Er ward dadurch immer feſter von der Ueber⸗ zeugung durchdrungen, daß eine höhere Macht dies Alles ſo gefügt habe, um ihn zu ſtrafen wegen ſeiner Vergehun⸗ gen; doch hatte er Stärke und Muth genug gefunden, ſich in das Unabwendbare, wie er meinte, zu ſchicken und im Stillen Gott zu danken, daß es ihm vergönnt ſei, die Strafe ſeiner Sünden ſchon hier abzubüßen, um geläutert dort oben eingehen zu können, wo er die verklärte Geliebte bereits ſei⸗ ner harrend wähnte! Ueberhaupt trug die Erzählung des Amtsſchreibers, trotz ihrer Weitſchweifigkeit und trotz der Wichtigthueret des Er⸗ zählenden ſo deutlich und unverkennbar das Gepräge der Wahrheit und Gewiſſenhaftigkeit, daß bei Keinem der Zu⸗ hörenden der leiſeſte Verdacht einer Täuſchung aufſteigen konnte, außer bei Rycke; und dieſer wußte ja hinwiederum am beſten, daß das, was Jener von ſeinen Begegniſſen er⸗ zählte, die lauterſte Wahrheit ſei! Während der Amtsſchreiber noch ſprach, trat ein Raths⸗ diener ungerufen in den Saal. Er hielt ein Schreiben in der Hand und trat auf Heydicke zu. Der Bürgermeiſter runzelte drohend die Stirn ob der Frechheit, in feierlicher Gerichtsſitzung ungerufen zu erſchei⸗ nen, und wollte den Eindringling mit harten Worten ſo grobe Ungebühr verweiſen; doch der Gerichtsdiener zeigte auf das große rothe Wachsſiegel*) des Schreibens, indem er leiſe ſagte: — Verzeiht, geſtrenger Herr; aber der Ueberbringer band mir's auf die Seele, es Euch ungeſäumt zu übergeben. Als Heydicke einen Blick auf die Inſchrift des Siegels geworfen, ſchwand augenblicklich ſein Zorn gegen den Raths⸗ diener. Er gebot dieſem nur durch ein Zeichen, ſich zu ent⸗ fernen, erbrach das Schreiben und nachdem er es geleſen, legte er es wieder zuſammen und that es zu den andern Schriften, die vor ihm auf dem grünen Tiſch lagen. Rycke, dem nichts entging, was im Saale vorging, und der nichts mehr fürchtete, als daß irgend ein Zufall Otto⸗ kars Unſchuld an den Tag bringen könne, wandte keinen Blick von Heydicke, während dieſer das Schreiben las; als er aber nicht die geringſte Veränderung in dem Geſicht ſei⸗ nes Nachfolgers gewahrte, welche auf eine wichtige Nach⸗ richt hingedeutet hätte, athmete er wieder leichter und ſeine Unruhe ſchwand. Endlich hatte der Amtsſchreiber ſeinem Bericht nichts mehr hinzuzufügen. Da Ottokar keine Zeugen für ſich aufgeſtellt, ſo ergriff Heydicke wieder das Wort, indem er ſich zu Ottokar wandte. — Ihr habt gehört, was hier von unverdächtigen Zeu⸗ gen gegen Euch vorgebracht worden iſt, ſagte er. Hoffent⸗ lich werdet Ihr eingeſehen haben, daß ferneres Leugnen Euch nur Schimpf und Schaden bringt, und es vorziehen, ein offenes, reumuthiges Bekenntniß Eurer Schuld abzulegen. Doch ſei es Euch vergönnt, Alles zu ſagen, was Ihr zu Eurer Rechtfertigung oder zur Milderung Eurer Schuld dien⸗ lich haltet; danach werden wir unſer Urtheil fällen. Ottokars Erwiederung hierauf war nur kurz. Er wie⸗ *) Mit rothem Wachs zu ſiegeln, war damals nur den höchſten Behörden und fürſtlichen Perſonen als ein Ehrenvorrecht geſtattet. f 1 5 4 5 5 47 „ 8 5 5 p . A;R;S; derholte noch einmal, was er ſchon im erſten Verhör über ſein vergangenes Leben geſprochen, und ſchloß damit, daß er vor Gott und Menſchen ſeine Unſchuld an den ihm zur Laſt gelegten Verbrechen feierlich betheuerte, und verſicherte, daß er auch bis zum letzten Augenblicke ſeine Schuldloſigkeit be⸗ haupten werde. — So würdet Ihr uns einer Ungerechtigkeit zu zeihen wagen, wenn unſer Urtheilsſpruch gegen Euch ausfällt? rief Heydicke. — Dem iſt nicht ſo! entgegnete Ottokar. Ihr, meine Richter, ſeid gleich mir ſchwache und ſterbliche Menſchen und nicht mit höheren Kräften begabt, als Gott der Menſchheit im Allgemeinen verliehen. Höherer als menſchlicher Kraft und Einſicht aber würde es bedürfen, die dunklen Räthſel zu löſen, an die mein Geſchick geknüpft iſt. Niemand noch hat das Triebwerk des unſichtbar waltenden Verhängniſſes zu durchſchauen vermocht und ich darf es auch von Euch nicht verlangen; nur fühlen und empfinden können wir dies unſichtbare Walten und müſſen uns in Demuth beugen, denn ſein Urheber iſt Gott! Darum, ſo laut ich hier vor Euch meine Unſchuld betheure— ſo offen bekenne ich, daß ich an Eurer Statt nicht anders richten würde und könnte! Fern iſt es mir daher, Euch den Vorwurf der Ungerechtigkeit zu machen. — Wohlan, ſprach Heydicke, dem viel daran gelegen war, wenigſtens etwas, einem Geſtändniſſe Aehnliches von Ottokar zu erlangen; wohlan, wir ſind mit dieſem Bekennt⸗ niſſe zufrieden, und ich denke, daß es Jedermann genügen wird, der es vernommen! Es mag Euch allzu ſchwer an⸗ kommen, ein offenes Geſtändniß abzulegen, da Ihr bisher als ein Muſterbild der Tugend angeſehen wurdet, und wir nehmen billige Rückſicht darauf. Ihr aber, meine Genoſſen, Rathsherren und verordnete Schöffen beim Gericht der bei⸗ den Städte, laſſet uns jetzt zuſammentreten zu einmüthigem v —— — RRRRRNRR Rath, daß wir gewiſſenhaft erwägen die Schuld oder Un⸗ chuld des Angeklagten und danach den Spruch fällen und ſthun, was Rechtens iſt! Und die Richter gingen ſchweigend und ernſt hinaus, um ſich in einem dazu beſtimmten Gemach zu berathen und ihre Meinungen gegen einander abzuwägen. Eine Zeit lang herrſchte feierliches Schweigen unter den im Sitzungsſaale Zurückgebliebenen. Endlich aber konnte es Meiſter Trennert nicht mehr mit anſehen, wie Oſtris, deſſen ſtarres, finſteres Brüten er für den Ausdruck herbſten Kummers hielt, ſo ganz allein und verlaſſen, allen Troſtes entbehrend, daſaß. Seine Gutmüthigkeit ließ ihn über frem⸗ den Schmerz ſeinen eigenen vergeſſen; er trat an Oſiris heran. — Verſchließt Euren Gram nicht ſtill in Eure Bruſt, wo er Euch das Herz zerfrißt! ſagte er theilnehmend. Be⸗ denkt, Herr Reinhold, daß Mittheilung auch den herbſten Kummer lindert! Wo aber fändet Ihr einen beſſern Ort dazu, als an meiner Bruſt und in meiner niedern Hütte? Verlor ich doch gleich Euch an ihm, den wir beweinen, einen theuren Sohn! Kommt, laßt uns mitſammen klagen und unſern Schmerz ausweinen miteinander, daß unſer Herz ſich erleichtere! Und auch das arme Kind, die Lieſel, ſeine verlobte Braut— — Was wollt Ihr von mir! fuhr Oſtris ſo heftig auf, daß Trennert erſchrocken zurückwich. Meint Ihr, ich würde um ſeinetwillen Alles das auf mich geladen haben, um ihn zum Chemann einer Betteldirne, zum Pferdeknecht zu machen? — Herr— ſtammelte Trennert. Ich meinte es gut! Und Ihr— vor den Ohren des armen Mädels! — Laß ihn, Vater! ſprach Trennerts Tochter, die unter ihren langen Wimpern hervordringenden Thränen trocknend. Laß ihn; er hat Recht! Der Peter, den wir beweinen, iſt der arme, niedere Diener, der mein Verlobter war; des rei⸗ chen Mannes Sohn, den Erben großer Reichthümer, den Die ſchwarzen Brüder. IV. 2 „ 6 8 kannten wir ja nicht, der warb ja nicht um mich, den liebte ich ja nicht! Laß ihn alſo reden, Vater, denn er hat Recht! — O, mein armes, viel geprüftes und noch ſo ſtand⸗ haftes Kind! ſchluchzte Trennert. Na, Gott vergebe es ih⸗ nen, was ſie an Dir gefehlt! — Hört mich an, Herr Reinhold, nahm Ottokar das Wort; hört mich an, Ihr vernehmt die Stimme eines Ster⸗ benden, denn ſobald jene Thür dort ſich öffnen wird, werdet Ihr mein Todesurtheil vernehmen. Wenn Ihr auch ein Werkzeug, in einer höheren Hand ſein mögt, ſo habt Ihr doch Theil an meinem Tode— ob wiſſentlich oder unwiſ⸗ ſentlich, das weiß außer Euch vielleicht nur Gott! Doch wie dem auch ſein möge, ich ſichere Euch feierlich meine Verzeihung und meine Fürbitte bei Gott zu, ſollte mir ſolche vergönnt ſein, wenn Ihr mir verſprecht, den Wünſchen Eures Sohnes nicht entgegen zu ſein, im Falle Ihr ihn lebend wiederfinden ſolltet, was ich noch immer hoffe! Er liebt dies Mädchen mit aller Innigkeit ſeines treuen Gemüthes, und Ihr würdet ihn und Euch unglücklich und elend machen, zwänget Ihr ihn, im Kampfe zwiſchen Liebe und Pflicht der letzteren zu entſagen; denn von ſeinem Mädel läßt er nim⸗ mer! Verſprecht mir alſo, ihn im Falle des Wiederfindens ſeinem Herzen folgen zu laſſen, und ich werde Euch ſegnen hier und dort, möget Ihr auch ſchwerere Schuld tragen an dem Verderben, das mich betroffen, als Einer unter uns zu ahnen vermag! Bedenkt wohl, Herr Reinhold, daß Eure Stunden gezählt ſein könnten, denn Euer Körper iſt ſiech und matt; wollt Ihr den Abend Eures Lebens nicht durch ein gutes Werk verſchönern, das zumal Eurem Sohne gilt, für den Euer Herz heiß erglüht? — Was ſprichſt Du beſtändig von meinem Sohne, als lebte er noch? herrſchte ihm Oſtris zu. Weißt Du von ſei⸗ nem Leben, ſo ſag's, und bei allen Göttern, an die Du glaubſt oder nicht glaubſt, es ſoll Dein Schade nicht ſein; AAAAAANAE denn ich, ich bin Einer, der vor den Federfuchſern und vor den Krämern ſich nicht zu fürchten hat! Doch nein— bleibe mir vom Leibe, elender Baſtard, der Du Sohn und Vater gemordet und mich jetzt mit ſüßen Worten zu berücken gedenkſt! Bei der Hölle und ihren Teufeln ſchwöre ich's Euch Allen— mein Sohn— er ſoll— Der heftige Schmerz ſeiner Wunde, durch die Anſtren⸗ gung des Sprechens und durch die Erregung ſeines Grim⸗ mes verurſacht, zwang ihn, wieder innezuhalten. Keuchend wogte ſeine Bruſt. — Ach, mein Bruder, ich fürchte, es iſt nicht Alles bei Euch, wie es ſein muß, wenn Ihr getroſten Muthes Eurem Heimgange entgegenſehen wollt! ſprach der Geiſtliche zu Oſtris. Beſinnt Euch und geht in Euch, da es noch an der Zeit iſt; ach, es könnte bald zu ſpät dazu ſein; ſelbſt wenn Gott Eurer Tage noch viele werden läßt! Oſiris machte eine heftig abwehrende Bewegung gegen ihn und deutete durch Zeichen an, daß er ſchweigen möge. Tief bekümmert wandte ſich darauf der würdige Propſt zu Ottokar. 4 — Und Du, mein Sohn, ſprach er zu dieſem, was habe ich von Dir zu halten? O, wenn Du nicht der ver⸗ worfenſte Böſewicht, der vollendetſte Heuchler biſt, dann biſt Du der Cdelſten Einer, ein wahrer Chriſt nach dem Sinne unſeres göttlichen Meiſters! Gott, Gott, gieb uns Allen ein Zeichen, woran wir erkennen, was Wahrheit und was Trug iſt. Allgerechter, laß nicht geſchehen, daß dieſer den Henkertod ſterbe, wenn er rein und unſchuldig iſt; oder ſende Deinen Blitzſtrahl hernieder, daß er den verſtockten Heuch⸗ ler zermalme und wir von bangen Zweifeln erlöſt ſind! Sohn, Sohn, fordere Gottes ewiges Strafgericht nicht fre⸗ velnd heraus, daß Du Dich bis zum letzten Augenblicke verſtellſt! — Mein Vater, die Zeit iſt vorüber, wo Gott um eines 2* ——-—O AAAARRRRd Einzelnen Willen Zeichen und Wunder geſchehen ließ, erwie⸗ derte Ottokar. Dennoch aber wird einſt der Tag kommen, an welchem er meine Unſchuld vor aller Welt enthüllt! Dieſer Tag wird kommen, wenn ſeine Weltenpläne es er⸗ heiſchen— möget Ihr ihn erleben, mein Vater! — Die Zeit iſt noch nicht vorüber, wo Gott für ſeine Kinder Wunder thut! entgegnete der Geiſtliche. Er thut deren alle Tage, obwohl unſere blöden Augen ſie nicht zu erkennen vermögen; er wird auch— ich hoffe es— an Dir ſeine hochherrliche Macht offenbaren, wenn Du ſein wahr⸗ haftes Kind biſt. — Oder ſeine unergründliche Weisheit es nicht anders über mich beſtimmt hat! fügte Ottokar hinzu. Seht, Hoch⸗ würdiger, jetzt wird es ſich entſcheiden! Die Richter traten wieder in den Saal und nahmen ihre Plätze am grünen Tiſche ein. Nach kurzem, feierlichem Schweigen erhob ſich Heydicke. Er ſprach im Namen des Gerichts der beiden Städte das Schuldig über den Ange⸗ klagten aus; der Stab ward ihm gebrochen. Das Urtheil lautete auf Todesſtrafe durch das Henkerbeil. — Zwölf Stunden geben wir Dir Zeit, für Dein un⸗ ſterblich Theil Sorge zu tragen, ſchloß Heydicke die Verkün⸗ digung des Urtheils. Danach wird Gott mit Deiner Seele ſchalten; Deinen Leib aber übergeben wir dem Büttel, daß ihm geſchehe nach Urtheil und Recht! Ihr aber, Bürger der beiden Städte, die Ihr heute hier anweſend ſeid, mögt allem Volk verkünden, wie der vereinigte Rath von Berlin Recht und Urtheil ſpricht nach der Gerechtigkeit ohne An⸗ ſehen der Perſon; doch ſeid Ihr zugleich geladen, Euch nach Verlauf von zwölf Stunden wieder hier einzufinden, da Ihr Zeugen ſein ſollt der Urtheilsvollſtreckung; aus gewichtigen Gründen iſt beſchloſſen, die Strafe an dem Angeklagten im Hofe des Rathhauſes zu vollziehen. Der Gerichtstag iſt zu Ende. men chem nge⸗ hheil Seele daß ürger mögt erlin An⸗ nach Ihr igen 1 im g iſ 21 A Mit ruhiger Faſſung hatte Ottokar den Urtheilsſpruch angehört, den er ſo milde kaum erwartet. Jetzt wandte er ſich an den Propſt mit der Bitte, ihm die letzten Segnungen der heiligen Kirche zu Theil werden zu laſſen, und als die⸗ ſer ihm willig und gern zugeſagt, grüßte er freundlich alle Anweſenden und verließ an des Geiſtlichen Seite den Saal. Im Vorgemach nahmen ihn einige Stadtſöldner in Em⸗ pfang. Trennert folgte ihm mit ſeiner Tochter; auch Oſiris gab das Verlangen kund, fortgebracht zu werden, welchem alſo⸗ bald Folge geleiſtet ward. Darnach ſchickten ſich auch die als Zeugen der Verhandlung geladenen Bürger zum Gehen an; doch blieben etliche von ihnen neugierig zurück, als ſie gewahrten, daß ein Streit unter den Rathsherren ſich zu erheben beginne. In dem Augenblicke nämlich, wo das verhängnißvolle „Schuldig!“ leiſe murmelnd im Saale wiedertönte, lauter in dem Vorgemach und auf den Gängen erſcholl und end⸗ lich auf dem Platze vor dem Rathhauſe in hundertſtimmigem Echo die Luft erſchütterte— in dieſem Augenblick ward leiſe die Thür, welche aus dem Vorgemach in den Sitzungsſaal führte, geöffnet, und der Franziskaner, welcher ſich bei Be⸗ ginn des Gerichts unten durch die Menge gedrängt und während der dem Urtheilsſpruche vorangegangenen Verhand⸗ lungen im Vorgemach geharrt hatte, trat in den Sitzungs⸗ ſaal. Ruhig wartete er, an der Thur ſtehen bleibend, bis Heydicke mit ſeiner Rede zu Ende war. Dann trat er dreiſt durch die Schranken, welche den Richtertiſch umgaben, und ſchritt keck auf den Bürgermeiſter zu. Da der Eindruck, welchen die Urtheilsverkündigung auf die Anweſenden gemacht, dieſe noch in ſeiner ganzen Stärke beherrſchte, ſo hatte Niemand auf den Mönch geachtet, bis dieſer ſich ſelbſt bemerkbar machte, indem er Heydicke ein klei⸗ nes verſiegeltes Schreiben übergab mit den Worten: — Dies ſendet Euch der hochwürdige Guardian“) mei⸗ nes Kloſters. — Was iſt damit fragte Heydicke. — Was Ihr damit thun ſollt, findet Ihr in der Auf⸗ ſchrift des Schreibens vermerkt! verſetzte der Mönch, und entfernte ſich, ohne weitere Fragen abzuwarten. Heydicke las: — Dem vereinigten Rathe von Berlin und Kölln; doch erſt zu öffnen und zu leſen eine Stunde vor der Urtheils⸗ vollſtreckung an dem weiland Syndikus, ſo ſich bisher Otto⸗ kar Reinhold genannt hat. — Was mag das zu bedeuten haben? fragte der Bürgermeiſter den neben ihm ſitzenden Rathsherrn Thomas Wyns, indem er dieſem die ſeltſame Aufſchrift des Schrei⸗ bens zeigte. Sollen wir dem Verlangen des Guardians will⸗ fahren? — Es ſcheint den Verurtheilten zu betreffen, erwiederte Wyns. Aber in deſſen Sache läßt ſich nichts mehr ändern; daher dächte ich, wir ließen das Schreiben ganz unberück⸗ ſichtigt, zumal uns dadurch das ſeltſame Anſinnen geſtellt wird, am ſpäten Abend eine neue Sitzung abzuhalten. Doch bin ich der Meinung, daß Ihr die andern Herren gleichfalls befragt und ihre Anſicht hört. Dies geſchah. Alſobald aber gaben ſich zwei verſchie⸗ dene Meinungen über den vorliegenden Fall unter den Raths⸗ herren kund. Während Etliche verlangten, daß man dem Wunſche des geiſtlichen Herrn willfahren ſolle, weil vielleicht Wichtiges und für den Verurtheilten Günſtiges in dem Schreiben enthalten ſei, und man es vermeiden müſſe, auch nur den leiſeſten Anſchein der Parteilichkeit bei dieſer Sache *) Die Franziskaner oder graue Brüder nannten ihre Kloſter⸗ Vorſteher„Guardian“; bei den Dominikanern oder ſchwarzen Brüdern führten ſie den Titel„Prior“. — — ÿ—— NRRR N ẽ Na auf ſich zu laden— waren Andere wieder durchaus gegen ſolche Willfährigkeit, indem ſie in dem Verlangen des Guar⸗ dians eine Einmiſchung der Geiſtlichkeit in die Gerichtsbar⸗ keit des Rathes ſehen wollten, der man durch Zurückweiſung jenes Verlangens vorbeugen müſſe. Daß Rycke den Letzteren angehörte, braucht kaum erwähnt zu werden. Er war es beſonders, der hervorhob, daß man ſich keiner Parteilichkeit gegen den Verurtheilten theilhaftig mache, wenn man das Begehren des Guardians unerfüllt laſſe; Ottokars Schuld ſei klar erwieſen, was er ja auch ſelbſt eingeſtanden habe; und ſollten ſich etwa aus dem Schreiben Umſtände ergeben, die ſeine Schuld milderten, ſo würden dieſe doch nichts an dem Schickſal des Verurtheilten ändern, da ihm ohnehin ſchon die gelindeſte Strafe zuerkannt und eine weitere Mil⸗ derung derſelben nicht zuläſſig ſei, wolle man das Geſetz nicht ganz und gar zu Gunſten eines Einzelnen bei Seite ſchieben und dadurch den Vorwurf der Ungerechtigkeit und Parteilichkeit erſt recht auf ſich laden. Zudem habe man den geiſtlichen Herrn bereits früher um Auskunft erſucht in Bezug auf den von ihm nach Prag geſandten Mönch; dies Begehr ſei aber ſo wenig erfüllt worden, daß ſo gut wie gar keine Antwort erfolgt ſei. Habe nun der Guardian da⸗ mals etwas verſchwiegen, ſo ſei dies ſeine Schuld und er möge dies mit ſeinem Gewiſſen abmachen. Auch ſehe es aus wie Spott und Hohn, daß der Guardian erſt den Ur⸗ theilsſpruch fällen laſſe und dann mit irgend einem Zeug⸗ niſſe auftreten wolle; in keinem Falle dürfe man ſolch Ge⸗ bahren durch unzeitige Nachgiebigkeit noch ermuntern. Man habe ſich das Recht errungen, in Gerichtsſachen keinen Ein⸗ ſpruch, weder weltlichen noch geiſtlichen, dulden zu brauchen, und das Errungene müſſe man zu wahren wiſſen. Der Streit ward hitziger, da Keiner ſeine einmal ge⸗ faßte Meinung fahren laſſen wollte und Heydicke nicht Energie genug beſaß, um dem Wortgefechte, bei dem bald — ———— E— ANANNANNAN;R;;; Alle wirr durch einander ſtritten, ein Ende zu machen. Doch hatte die von Rycke ausgeſprochene Anſicht die meiſten An⸗ hänger unter dem Rathe, deſſen größerer Theil ſeine Macht und ſein Recht von keiner Seite her geſchmälert wiſſen wollte. — Da trat der Stadthauptmann Stroband in den Saal. Nachdem er erfahren, um was es ſich handle, ſprach er ſeine Meinung dahin aus, daß man das Begehr des Geiſt⸗ lichen erfüllen müſſe. — Dadurch vergeben wir weder unſerem Rechte, noch unſerer Pflicht etwas, ſetzte er hinzu. Erſehen wir aus dem Schreiben, daß es Ungebührliches enthält, ſo ſteht uns immer noch frei, zu thun oder zu laſſen, wie's uns gut dünkt. — Der Guardian hätte vor Gericht erſcheinen müſſen, um ſein Zeugniß ablegen zu können, wie ſich's geziemt! rief Rycke dagegen. Daß er's nicht gethan, iſt ein Beweis ſei⸗ nes geiſtlichen Hochmuths; er dünkt ſich zu erhaben, um vor ein weltliches Gericht zu treten, und ſolcher Duͤnkel muß durch Nichtachtung geſtraft werden! — Es können, zumal bei einem Geiſtlichen, viele Gründe obwalten, die ein öffentliches Auftreten verbieten, verſetzte Stroband. Aus dem Verlangen aber, die Eröff⸗ nung deſſelben erſt eine Stunde vor der Hinrichtung vorzu⸗ nehmen, geht ziemlich deutlich hervor, daß ſolche Gründe vorhanden ſind. — Nun, Ihr habt freilich Urſache, das Gebahren des geiſtlichen Herrn zu vertheidigen, weil Ihr es ebenſo macht, wie Jener! ſagte Rycke boshaft. Aus der Sitzung bleibt Ihr hochmüuthig fort, aber hinterher erhebt Ihr allerlei Quärul! — Ich mied die heutige Sitzung, weil's meinem Ge⸗ wiſſen widerſtreitet, Einen zu verurtheilen, während Andere wegen größerer Verbrechen frei ausgehen durfen! erwiederte Stroband in ſcharfem Tone. Aǽðꝓ́ — Oder vielleicht auch, weil Ihr den Haß des Pöbels fürchtet, der Euch treffen könnte, wenn Ihr Theil habt an der Verurtheilung ſeines Lieblings! höhnte Rycke, der nicht ahnte, worauf Strobands letzte Worte ſich bezogen. Darum möchtet Ihr auch den Rath zum Pfaffendiener machen! — Wahret Eure giftige Zunge, Herr Rycke, oder, bei Gott, Ihr möchtet ihr Geifern bereuen! rief Stroband dro⸗ hend. Ich habe nicht Luſt, mich von Euch, gerade von Euch, ungeſtraft beſchimpfen zu laſſen! Seht Euch wohl vor, rathe ich Euch! Rycke fuhr wüthend auf: — Ihr ſeid es, der beſchimpft! Ihr beſchimpft den ge⸗ ſammten Rath durch Eure Feigheit! Man ſahe es Stroband an, wie der Zorn in ihm kochte. Heydicke bat den Wyns, Rycke von weiteren Schmähungen zurückzuhalten, und er ſelber trat zu dem Stadthauptmann und richtete mit leiſer Stimme bittende Worte an ihn. Es gelang den Beiden, die Erhitzten für jetzt wenigſtens ſo weit zu beſchwichtigen, daß ſie ihren Wortwechſel nicht er⸗ neuerten. Jetzt nahm Heydicke das Wort. — Ich denke, Ihr Herren, wir ſetzen die Entſcheidung uͤber dieſe Sache aus, bis nach der Erfüllung einer Oblie⸗ genheit, die wohl etliche Stunden unſerer Zeit in Anſpruch nehmen dürfte. Inzwiſchen mag Jeder noch einmal mit ſich zu Rathe gehen, und können wir uns dann nicht gütlich einigen, ſo muß die Anſicht obſtegen, welcher die Meiſten unter uns zugethan ſind. Was nun die Obliegenheit an⸗ langt, welche wir unterdeß zu erfüllen haben, ſo wiſſet, daß ich während der Sitzung ein Schreiben erhielt von unſerm geiſtlichen Oberhirten, dem hochwürdigſten Biſchof zu Bran⸗ denburg, der ſeit heute Morgen in unſern Mauern weilt. Der Prälat ertheilt uns ſeinen geiſtlichen Segen und läßt den geſammten Rath beider Städte ſchleunigſt zu ſich ent⸗ » ——————— t. bieten in den biſchöflichen Palaſt. Zwar iſt in dem Schrei⸗ ben nicht bemerkt, wozu man unſerer dort bedarf, doch ahne ich, daß man uns rufen läßt wegen eines Franziskaners, den man in der Spree an der Langen Brücke ertränkt hat; wenig⸗ ſtens iſt mir dergleichen gemeldet worden. Laſſet uns daher eilen, unſer Richtergewand mit der Amtstracht zu vertauſchen und uns dann wieder hier zuſammen zu finden, damit wir in einmüthigem Aufzuge uns zu unſerem hochwürdigſten Biſchof begeben können, wie der Herr es wünſcht. Er gebot dem Amtsſchreiber, das Schreiben des Guar⸗ dians, den Gegenſtand des Streites von vorhin, einſtweilen in das Archiv des Rathhauſes zu legen und darauf Acht zu geben, daß Niemand es öffne; dann verließ er, begleitet von Stroband und deſſen Meinungsgenoſſen, den Saal, wäh⸗ rend Rycke mit den ſeinigen noch zurückblieb und ſich mit ihnen zu feſtem Widerſtande gegen den Stadthauptmann ver⸗ band. Da ſie in der Mehrzahl waren, ſo war es ſo gut wie gewiß, daß dem Begehren des Guardians keine Folge ge⸗ geben werden würde. Der oben im Rathsſaal ſtattgehabte Streit war indeſſen der unten auf dem Platze verſammelten Menge nicht ver⸗ ſchwiegen geblieben; etliche von den als Zeugen vorgeladenen Bürgern hatten den Wortwechſel mit angehört und unten davon und über die Urſache deſſelben geſprochen. Die Leute waren der feſten Meinung, daß jenes Schreiben etwas Gün⸗ ſtiges für Ottokar enthalte, und obwohl Viele unter ihnen waren, die geſtern den jungen Mann in den tiefſten Abgrund verdammt und den Stab über ihn gebrochen hatten, ſo war doch jetzt, beſonders nach ſeiner Verurtheilung, jedes Vor⸗ urtheil und alle Schadenfreude dem Mitleid und Bedauern gewichen, und Alles wünſchte ſehnlich, daß irgend ein un⸗ vorhergeſehener Umſtand dem Verurtheilten zu Hülfe kommen möge. Als der Bürgermeiſter mit dem Stadthauptmann und einigen Rathsherren das Nathhaus verlaſſen wollte, erhob ſich daher ein wüthendes Geſchrei unter dem verſammelten Volke; man wollte die Rathsherren nicht eher von dannen gehen laſſen, ſie hätten denn zuvor ihr Wort darauf ver⸗ pfändet, das Schreiben des Guardians zur beſtimmten Zeit zu öffnen und deſſen Inhalt laut kund zu machen. Umſonſt war's, daß Heydicke verſicherte, die Sache ſei noch nicht ab⸗ gethan und werde ſich erſt entſcheiden, wenn man vom Biſchofe zurückgekehrt ſei; man verlangte mit Ungeſtüm die ſofortige Erklärung, daß dem Willen des Guardians genügt werden würde. Erſt als Stroband die Verſicherung des Bürgermeiſters beſtätigte und die Leute bat, ihn nicht zu zwingen, daß er noch in den letzten Tagen ſeiner Amts⸗ führung ſein Schwert gegen ſie ziehen müſſe zur Herſtellung der Ruhe und des Gehorſams gegen die Obrigkeit, ließen ſie ſich endlich bewegen, die Rathsherren ungehindert ziehen zu laſſen, und ſich ſelbſt nach Hauſe zu begeben. Die Mei⸗ ſten thaten dies jedoch mit dem feſten Vorſatze, ſich zu rech⸗ ter Zeit wieder hier einzufinden; wenn dann der Rath ſich weigere, den Inhalt jenes Schreibens zu veröffentlichen, ſo wollten ſie ihn wo möglich dazu zwingen.“ Als Rycke mit ſeinen Meinungsgenoſſen herunterkam, war der Platz vor dem Nathhauſe bereits leer. Er verab⸗ ſchiedete ſich jetzt von dieſen und eilte nach ſeinem Hauſe, das ihm ſtatt des alten Ehrig heute ein anderer Diener öffnete, obgleich es bisher ein Vorrecht Ehrigs geweſen, den Hausherrn zu empfangen, ſobald das beſondere Zeichen mit dem Schlägel deſſen Ankunft verkündete. Doch ohne nach der Urſache dieſer Veränderung zu fragen, ſtieg Rycke haſtig die Treppe zu ſeinem Gemach hinan, wo er den Handelsmann mit dem Blatt des Kirchenbuchs ſchon vorzufinden erwartete. Er fand jedoch Niemand dort; als er ungeduldig ſchellte, er⸗ ſchien der Diener, der ihm die Hausthür geöffnet. — Iſt Jemand in meiner Abweſenheit hier geweſen unde⸗ hat nach mir gefragt? fragte er dieſen. — Kein Fremder hat das Haus betreten, ſeit Ihr es heut fruͤh verließet, geſtrenger Herr, antwortete der Diener. — Wo iſt Ehrig? fragte Rycke nach einigem Beſinnen weiter. — CEhrig iſt gleich nach Euch weggegangen, indem er mir auftrug, für das Haus Sorge zu tragen, lautete der Beſcheid. — So hilf Du mir beim Umkleiden? gebot Rycke. Nach einer halben Stunde begab er ſich, angethan mit der Amtstracht als Rathsherr, nach dem Rathhauſe, von wannen etwas ſpäter der geſammte Rath beider Städte auf⸗ brach, um ſich nach dem Palaſt des hochwürdigſten Biſchofs von Brandenburg zu begeben, welcher Prälat die geiſtliche Jurisdiktion über Berlin und Kölln auszuüben hatte. Dort angelangt, wurden ſie ſogleich in das Empfangsgemach des geiſtlichen Herrn geführt, wo ſie außer vielen höheren und niederen Geiſtlichen und Mönchen auch einen alten Mann vorfanden, deſſen Kleidung ihn als dem Gelehrtenſtande angehörig bezeichnete, und deſſen Geſichtsbildung und ge⸗ bräunte Farbe, ſowie die Gluth ſeiner dunklen Augen, die ſeltſam mit ſeinem ehrwürdigen weißen Haupt⸗ und Bart⸗ haar kontraſtirte, in ihm den Südländer erkennen ließen. Mit dieſem Manne, ſowie mit einem alten Franziskaner⸗ Mönch, war der Prälat in eifrigem Geſpräch, das in la⸗ teiniſcher Sprache geführt ward, begriffen, das er jedoch beim Eintritt der Mitglieder des Rathes abbrach, um deren ehrfurchtsvolle Begrüßung zu empfangen. 2. n. Während ſich das in Obigem Erzählte in und vor dem einigenhauſe zutrug, verweilte Pignetti— der welſche Wun⸗ —————ä— — dermann, wie ihn das Volk, der Zauberer, wie ihn Boytin, der böſe Dämon, wie ihn Ottokar nannte— in der letzten der drei Zellen, die ihm im Kloſter der Schwarzen Brüder zu Kölln eingeräumt waren. In dieſer Zelle war während der Zeit, wo wir ihn zuletzt darin ſahen, eine große Ver⸗ änderung vorgegangen. Die Büchergeſtelle, welche die Wände deſſelben bedeckten, waren ihres in damaliger Zeit ungemein koſtbaren Inhalts entleert; von den Geſimſen, dem Tiſche und dem Fußboden waren die ſeltſamen Apparate und Prã⸗ parate verſchwunden, und von Allem, was dieſe Zelle ſonſt Ungewöhnliches aufzuweiſen hatte, war keine Spur mehr zu finden. Dagegen war die daneben belegene zweite Zelle, welche ſonſt nur die nackten Wände zeigte, angefüllt mit mächtigen, wohl verwahrten Kiſten und Koffern, welche augen⸗ ſcheinlich Alles das in ſich bargen, was in der dritten Zelle vermißt ward. Nur die erſte der drei Zellen, in die man unmittelbar vom Korridor aus gelangte und deren Ausſtat⸗ tung ſich nicht von der der andern Zellen im Kloſter unter⸗ ſchied, war unverändert geblieben. Es hatte den Anſchein, als ſei von Pignetti ein Verlaſſen ſeines bisherigen Wohn⸗ ortes beabſichtigt. Pignetti ſelber finden wir— wie bereits geſagt— in jener dritten Zelle. Auch mit ihm ſchien eine Veränderung vorgegangen zu ſein, die ſich wenigſtens in äußerlichen Zei⸗ chen an ihm offenbarte. Sein Gang, als er im jetzt leeren Gemach auf und ab ſchritt, war nicht mehr ſo feſt und ſicher, ſeine Haltung nicht mehr ſo ſtolz und aufrecht wie früher; vielmehr deuteten die nach vorn gebogenen Schultern, der etwas eingezogene Hals und die häufigen unwillürlichen Bewegungen ſeiner Hände nach einer Stelle ſeiner Bruſt darauf hin, daß ein heftiger körperlicher Schmerz ihn quälte, deſſen laute Kundgebungen nur die gewaltige Willenskraft⸗ des Leidenden unterdrückte;— Peter hatte es bei jenem Zuſammentreffen in Klara's Gefängniß ſehr ernſtlich ge⸗ „ — ͦ—————* — ANNE meint! In Pignettis bleichem Angeſicht aber las man nichts⸗ deſtoweniger den Ausdruck einer gewiſſen Zufriedenheit, die nur hin und wieder und dann auch nur auf kurze Zeit einer innern Unruhe zu weichen ſchien. Seine Augen, wenn nicht eben ein heftiger Schmerzanfall ſeiner Wunde ſie trübte, zeigten ihr gewöhnliches unheimliches Lächeln. Der helle Ton einer kleinen Glocke ließ ſich von der erſten Zelle her vernehmen; es war das Zeichen, daß Je⸗ mand aus dem Kloſter Einlaß begehre. Lebhafte Erwartung malte ſich in Pignetti's Zügen. Haſtig ſchritt er durch das mittelſte Gemach nach jener erſten Zelle, deren auf den Korridor führende Thür er öff⸗ nete, nachdem er diejenige, durch welche er eingetreten, feſt verſchloſſen hatte. Ein Kloſterbruder ſtand draußen auf dem Gange.- — Ich habe Euer Gebot erfüllt, Hochwürdiger, und bringe Euch Nachricht, ſagte dieſer. Vor einer Viertelſtunde haben ſie den Angeklagten zum Tode verurtheilt. — Wann wird das Urtheil vollzogen? fragte Pignetti mit halbgeſchloſſenen Augen, wie es im Verkehr mit den Leuten ſeine Weiſe war, um ſeine Gedanken beſſer zu ver⸗ bergen. Habt Ihr's erfahren, frommer Bruder? — Nach zwölf Stunden, heißt es, verſetzte der Mönch. Alſo gegen elf Uhr in der Nacht. — So muß ich denn für den armen Sünder beten, ſprach Pignetti. Sorgt daher, daß man mich nicht ſtöre. Er verſchloß die Thür und kehrte in die andere Zelle zurück, wo er ſich auf eine der Kiſten niederließ. — Mein Werk iſt vollendet! ſprach er für ſich. Voll⸗ endet, ehe ich's dachte; vollendet durch die Hülfe der Hölle, die ich nicht vergebens angerufen habe! Mein Werk aber war die Rache; ich habe ſie vollbracht, meinen Leiden an⸗ gemeſſen und meiner würdig! Schrecklich und entſetzlich iſt ſte für die von ihr Getroffenen; aber nicht ungerecht! — Nein, meine Rache iſt nicht ungerecht, fuhr er in Erinnerungen verſenkt fort. Mir war einſt vom Geſchick ein Leben ſtillen Glückes und ſanfter Freude beſchieden; aber Habſucht, Bosheit und Niederträchtigkeit der Menſchen ha⸗ ben es mir geraubt und ließen mich ſtatt deſſen lange Jahre tiefſten Elends und der Verzweiflung koſten! Und nicht mich allein hatte ich zu rächen; auch Martha, deren junges Blü⸗ thenleben ſie mit frevelnder Hand geknickt, und die beiden Weſen, meine Kinder, die entweder umgekommen ſind in Mangel und Noth, oder ein elendes Daſein mit ſich herum⸗ ſchleppen und vielleicht ihren Erzeuger verfluchen— auch ſte mußten gerächt werden. Und ſie ſind gerächt, daß man in ſpäten Zeiten noch davon ſprechen wird! Nach einer Weile düſteren Sinnens ging er wieder in die erſte Zelle, ſetzte ſich dort an den Tiſch und begann emſig zu ſchreiben. Was er ſchrieb, war ungefähr Folgendes: „Zerfallen mit der Welt und mit mir ſelber, belaſtet mit dem Vaterfluche, ſo mußte ich heimlich bei der Nacht dem Orte meiner Geburt den Rücken kehren, um dem Gift⸗ becher und dem Dolche des eigenen Bruders zu entfliehen! Und warum? Weil ich dem Mädchen, dem ich Treue ge⸗ ſchworen, den Eid nicht brechen wollte, und weil ich, ver⸗ blendet von der Leidenſchaft, den argliſtigen Rathſchlägen des Bruders gefolgt war! O, wie gern wäre ich geſtorben, aber ich mußte ja leben, um Martha's, der Entehrten wil⸗ len; ich mußte ja leben, um einſt gut zu machen, was ich in Raſerei an ihr verbrochen! Wie ich gerungen und ſelbſt niedere Dienſtbarkeit nicht ſcheute, um einſt vor den harten Vater hintreten zu können und ihm zu ſagen: Siehe, ich habe mir durch eigene Kraft erworben, was ich brauche, um glücklich mit dem geliebten Mädchen zu ſein, und Martha wird mein Weib trotz Dei⸗ nes Zornes!— das weiß nur ich! Es gelang mir nicht auf dieſem Wege, mein Ziel zu erreichen n; aber dennoch mußte und ſollte mein Gelübde erfüllt werden— des⸗ halb ſchlug ich einen andern Weg ein! Und ſiehe, was V dem ſauren Schweiße des Rechtſchaffenen verſagt ward, das ſtrömte reichlich dem Betrüger zu. Da ward ich inne, daß 8 Glaube und Tugend nur leerer Wahn und nur durch Klug⸗ heit und Selbſtſucht allein etwas zu ſchaffen ſei. Doch wenn ich jetzt auch jene Gefühle verachtete, ſo war mein Herz noch immer nicht erſtorben für die Liebe, und immer träumte ich 3 noch von künftigem Glück! Ff Mit Gold beladen kam ich nach etlichen Jahren in dieſe Gegend. Mein Thun in der letzten Zeit gebot mir Vorſicht, und heimlich ließ ich jenem Diener, auf deſſen Treue ich feſt baute, Kunde von meiner Gegenwart zukommen. Er 0⁰ war's geweſen, der des hinterliſtigen Bruders ſchändliche Anſchläge durchſchaut und vereitelt hatte; er hatte bei un⸗ ſerer Trennung mir geſchworen, für Martha und für das Weſen unter ihrem Herzen Sorge zu tragen, und ihm glaubte ich mich ſicher anvertrauen zu dürfen. Er kam, ſtellte ſich hocherfreut ob meines Wiederſehens, und ohne Hehl berich⸗ tete ich auf ſeine dringenden Fragen, wie's in der Fremde mir ergangen und wie ich's getrieben. So ſehr ich vorher mich nach einer Kunde von Martha auch geſehnt, jetzt wagte ich kaum nach ihr zu fragen, denn hätte ich was Gutes von ihr zu hören erwarten dürfen, ſo hätte Andreas nicht ſo eiſeskalte Mienen angenommen, als ich nur einmal ihren Namen nannte. Doch bald kam er ſelber mit ſeiner Un⸗ glücksbotſchaft heraus: Martha todt, meine Kinder todt, mein Vater todt, mein Treiben bekannt in den beiden Städten — ſo lautete ſein Bericht, nach welchem er mir kalt den Rücken wandte. Ha, wie da die Furien des Grimms und der Verzweiflung mich von dannen trieben! Rache wollte iſt einſt nehmen, entſetzliche Rache an dem Urheber meines Elends, an dem Menſchen, der ſich mein Bruder nannte,. dem ich nur Gutes erwieſen von Kindesbeinen an, und der ——— — 5——. 8— —,———— eene 8 zum Dank dafür mir Alles dies gethan! Doch nicht an ihm allein— die ganze Menſchheit ſollte es mir büßen! Ich kam nach Welſchland, und in den Fehden zwiſchen den Fürſten und den Freiſtaaten ward's mir leicht, meinen Durſt nach Rache an der Menſchheit zu befriedigen; gar viele Opfer ſind ihr da gefallen. Doch wie ich an dem Einen mich rächen ſollte, wußte ich noch nicht, der qual⸗ vollſte Tod war mir dazu noch nicht genügend! Da ſchickte ſich's, daß ich in einem Scharmützel von einem Wurſſpieß zu Tode getroffen niederſank; es iſt die⸗ ſelbe Wunde, welche des wagehälſigen Burſchen Eiſen mir neulich wieder öffnete. Mitleidige Mönche fanden mich, brachten mich in ihr Kloſter und riefen einen berühmten Heilkundigen herbei, der in der Nähe wohnte. Es gelang ihm, mich der Geneſung zuzuführen; doch jetzt begann mein eigentliches Leiden. Des Gewiſſens Stimme ward jetzt in mir rege; in den langen ſchlafloſen Nächten ſahe ich die ſchuldloſen Opfer meiner Rache ſich meinem Lager nahen und mit Entſetzen und neuer Verzweiflung er⸗ füllte ſich meine Bruſt! O, keine Sprache hat ein Wort, das ſolche Qualen würdig bezeichnet! Schon die Erinnerung an ſie macht mich noch jetzt erbeben. Stündlich faſt erneuerte ich den Schwur, es dem An⸗ ſtifter meines Elends einſt entgelten zu laſſen. Jetzt wußte ich ja, wie ich mich rächen mußte, die Qualen, die ich ſel⸗ ber eben litt, er ſollte gleichfalls ſie empfinden, und ich ſel⸗ ber wollte ſie in ihm hervorrufen. Der heilkundige Pignetti gewahrte an verſchiedenen Zei⸗ chen, daß ich mich in meiner Jugend mit den Wiſſenſchaften beſchäftigt und es ziemlich weit gebracht hatte. Theilnehmend forſchte er nach meinem Schickſale und ich theilte ihm mit, was ich für gut befand. Als ich völlig geneſen war, ließ er mich eines Tages zu ſich kommen. Die ſchwarzen Brüder. IV. 3 NNNNNNE — Du haſt viel gelitten, ſagte er zu mir, und Vieles wirſt Du noch zu leiden haben, wenn Du fortwandelſt auf der Bahn, die Du betreten. Darum wende um, mein Sohn; willſt Du Dich mir anvertrauen, ſo hoffe ich, Dich noch zum Glücke zu führen, indem ich Dich einweihe in die Wiſ⸗ ſenſchaften, die Dir ohnehin nicht ganz fremd ſind. Wiſſen führt zur Weisheit, und Weisheit zum Glücke, indem ſie uns die wahren Freuden der Welt kennen und genießen, die falſchen hingegen verachten und meiden lehrt. Der gute Mann wußte nicht, daß ich nur in der Rache mein Glück finden konnte; dennoch aber nahm ich ſein An⸗ erbieten an und ward ſein Schüler. Jetzt entfaltete der gelehrte Mann des Wiſſens Schätze vor meinem erſtaunten Blick; er hatte ſie geſammelt auf wei⸗ ten Reiſen in Indien, Arabien und Aegypten. Täglich ſah ich Neues, Größeres in dieſem Reiche, und mit glühendem Eifer gab ich mich dem Studiren hin. Alles konnte ich da⸗ bei vergeſſen, nur meine Rache nicht; an ſie zu denken und zu ihrer Ausführung Pläne zu erſinnen, das war die ein⸗ zige Erholung, die ich mir gönnte— andere verlangte ich auch nicht. Der Meiſter war mit meinem Fleiße wohl zufrieden, und ſchenkte mir ſein ganz Vertrauen. So trieben wir es wohl zehn Jahre lang. Eines Morgens ſahe ich ihn, angethan mit Reiſekleidern, in mein Gemach eintreten. — Höre, Theobaldo, ſagte er zu mir, Du haſt die Stufe in dem Reiche der Wiſſeenſchaft erſtiegen, auf der ich ſelber ſtehe; weiter Dich zu führen, vermag ich daher für jetzt nicht, doch denke ich es ſpäter noch zu thun. Ich habe von einem viel berühmten Mann gehört, der in Afrika un⸗ ter den Mauren wohnt und der des Wiſſens Gipfel faſt erſtiegen haben ſoll. Zu dieſem will ich hin, um noch von ihm zu lernen; ich denke reiche Schätze mitzubringen aus *⁴ ————— 5—— ——————-—— AARRK ſeiner Unterweiſung und ihrer ſollſt auch Du theilhaftig werden. Ich reiſe heute ab; Du aber bleibſt zurück bei mei⸗ nen Büuchern und verwahrſt ſie mir; daß Du's getreulich thun wirſt, traue ich Dir zu. Iſt Dir nach Ablauf zweier Jahre aber keine Kunde von mir zußkonnen ſo magſt Du Dich als den Herrn anſehen Alles deſſen, was ich beſitze. Mache gute Anwendung von dieſen Schätzen, ſo wirſt Du immer glücklich ſein. Jetzt lebe wohl! Er ging. Da ich jetzt allein war, ſo trat lebendiger als ſonſt der Gedanke an mein Rachegelübde vor meine Seele; immer klarer ward es mir, was meines Bruders Tücke mir geraubt, denn wäre mein Herz nicht ausgebrannt geweſen und abgeſtumpft für jede wahre Freude, die Wiſſen⸗ ſchaften hätten mir die Erde zum Paradies gemacht! Mit meinem Plane war ich jetzt fertig; ich wartete nur auf Pignett's Rückkehr, um alsdann mein Rachewerk zu be⸗ ginnen. Wie aber, wenn der, dem meine Rache galt, mir in⸗ zwiſchen durch den Tod entzogen ward?! Dieſe Befürch⸗ tung, an die ich früher nie gedacht, fiel plötzlich mit zer⸗ malmendem Gewicht auf meine Seele und ließ mir keine Ruhe. Nur wenig Wochen fehlten noch an dem von Pignetti feſtgeſetzten Zeitraum und keine Kunde war mir von ihm geworden. Lebte er noch, ſo hätte er ſicherlich Mittel und Wege gefunden, mir Nachricht von ſich zu geben; und un⸗ nütz war daher ein längeres Zaudern. Ich nahm, was mir mein Lehrer hinterlaſſen, und brach nach Deutſchland auf, wo ich ſeinen berühmten Namen mir beilegte, und dies mit Recht! Nach eiliger Reiſe langte ich hier wieder an. Bald hatte ich mit Hülfe meiner Wiſſenſchaft den Ort gefunden, der ſich am beſten für meine Abſichten eignete, und vol⸗ ler Ehrfurcht nahm man in dieſem Kloſter den Doktor 3*¾ 36 AæAꝗꝑÖꝑÖNÖÖꝑÖÓV́ Pignetti auf, da ich ein päpſtliches Breve vorzeigte, das dem Prior befahl, in allen Stücken mir zu Willen zu ſein. Der Ruf von meiner großen Kunſt und Macht erfüllte bald die beiden Städte; denn alſo mußte es ſein, wenn mir mein Werk gelingen ſollte. Brigitta, das Mädchen, das er verführt und dann ver⸗ ſtoßen, ſie ward mein erſtes Werkzeug zur Erfüllung meiner Rache. Zu meinem Streben geſellte ſich das Glück; bald kannte ich meines Feindes geheimſtes Thun und Trachten und ſein vergangenes Leben lag wie ein aufgeſchlagen Buch vor mir— ich warf das Netz aus und er war mein. Als Brigitta unfähig ward, mir die Dienſte zu leiſten, deren ich zu meinem Werk bedurfte, führte er ſelber mir ein ander Werkzeug zu, indem er mich an das Krankenbette des Mädchens rief, die ihm im Wege war. Ich ſollte ſie be⸗ ſeitigen; er ſagte es nicht laut, doch wünſchte er's insge⸗ heim, in der Hoffnung, daß ich ihn verſtehe. Faſt ſchon am Ziele, ſchien es plötzlich, als ſollte mein Werk an dem Eigenwillen jenes Mädchens ſcheitern, den zu beſtegen alle Wiſſenſchaft und Kunſt zu ſchwach war. Da rief ich die Hölle zu meiner Hülfe an und ſie gewährte mir bereitwillig, was mir die Wiſſenſchaft verſagte. Zwar kam nun Alles anders, als ich es gewollt, doch es kam gräßlicher dafür. Hat die Hölle auch den Ausſchlag hier gegeben, ſo that ſie's doch auf meine Veranlaſſung— und daher habe ich ſelber mich gerächt! Damit mein Todfeind aber meiner Rache ganze Schwere fühle, ſo mag er wiſſen, daß er ſeinen eigenen Sohn gemor⸗ det hat in jenem Ottokar, den er allein dem Henker über⸗ lieferte. Ottokar und Lisbeth ſind die Kinder der Brigitta. Den Bernhard und ſeinen Gefährten, welche Beide er im Hungerthurme elend umkommen laſſen wollte, befreite ich, als ich durch meine Wiſſenſchaft dazu die Mittel fand; ſie ſollten mir zu beſſerer Rache dienen, doch hat die Hölle es 8 ———— ——— AAAAAANANRNRS anders gefügt und ich bin's zufrieden. Meines Feindes Schuld ward dadurch nicht geringer, doch meine Rache glän⸗ zender, denn wenn dieſe Schrift in ſeine Hand gelangt, wird Bernhard ſeine leibliche Schweſter als ſein Eheweib umarmt haben. Daß aber dem ſo i*ſt, wie es hier geſchrieben ſteht, habe ich durch Hülfe meiner Wiſſenſchaft erfahren, die nim⸗ mer zu trügen vermag; genaue Nachforſchungen werden es klar beweiſen.“ G Als Pignetti mit dem Schreiben fertig war, legte er das Pergament ſorgfältig zuſammen und verbarg es bei ſich. — Er ſolbs erhalten, zu gehöriger Zeit, murmelte er. Schon jetzt haben ihn des Gewiſſens Furien gepackt; hat er dieſes hier geleſen, ſo mag er ſich und die Welt ver⸗ fluchen; Entſetzen und Verzweiflung im Herzen, ſein elendes Daſein dahinſchleppen und nirgend Ruhe finden auf der Erde; er wird die Todten beneiden und doch vor ſeinem Tode ſcheu erzittern— dafür habe ich geſorgt. So allein iſt die Rache meiner würdig! Seit ich dieſes mein Werk vollbracht, regt ſich wie⸗ der ein Verlangen in meiner Seele, das ich in den letztver⸗ floſſenen Wochen nicht ohne Ueberwindung unterdrückte! fuhr er nach einer Pauſe fort. Ob ich ihm jetzt nachgebe? Und wird ſeine Erfüllung mir das Glück gewähren, welches es ſchmeichelnd mir verheißt? Soll dieſes Herz noch menſchlich fühlen trotz Allem, was ihm widerfuhr— ſoll mein Sinn noch der Freude zugänglich ſein trotz Allem, was ich aus⸗ gedacht und vollführt? 3 Ja, es ſei, es ſei, ich will es wagen! Ich will es wagen, weil ich nichts dabei verlieren, wohl aber gewinnen kann! 4 Zum guten Glücke habe ich meiner Gefangenen Leben bisher erhalten, um für alle Faͤlle gerüſtet zu ſein. Zwar liegt jetzt Klara in den letzten Zügen, doch um ſo geringer iſt ihr Widerſtand, den ich diesmal gewiß beſiegen werde. 8 38 AAAAAAAAAQæRACÖOÖꝑÖ Und jener Burſche ſoll mich heute nicht verhindern, das Mädchen meinem Willen dienſtbar zu machen; ich ſchonte ihn bisher, um Klara's Ende nicht zu beſchleunigen, doch heute räume ich das Hinderniß hinweg. In einer Stunde alſo werde ich wiſſen, wodurch ich Martha's Gebreſte heilen kann; in einer Stunde werde ich wiſſen, ob meine und ihre Kinder leben, und wo ich ſie finde. Alles iſt zu meiner Abreiſe bereit. Zu derſelben Stunde, wo die Armenſünder⸗Glocke durch die Lüfte heult, daß mein Feind ſeinen eigenen Sohn ermordet, verlaſſe ich mit dieſen meinen Schätzen die Mauern dieſer beiden Städte, führe Martha, die Einzige, ſo mir treu geblieben, mit mir, und auch die Kinder, wenn ſie noch am Leben. Dann aber eile ich nach Welſchland zurück; unter des Südens mildem Him⸗ mel wird Martha, ſowie ich geneſen, und unſere Kinder ſol⸗ len uns erfreuen bis an unſers Lebens ſpätes Ende; ſie ſollen meines Wiſſens Schätze einſt ererben! Du aber, göttliche Wiſſenſchaft, du ſtehe mir nun zur Seite, daß mir's gelingt, was ich jetzt thun will! Du wei⸗ gerteſt dich, meiner Rache ſo zu dienen, wie ich es wollte: wohlan denn, diene nun meinem Glück und du ſollſt mich nicht undankbar erfinden! Noch eine kurze Zeit verweilte er, als müſſe er erſt mit ſich ſelber Vorbereitungen treffen für ſein Vorhaben; dann aber ging er in die zweite Zelle und trat hin zu derſelben Stelle der Wand, an der Rycke am Weihnachtsabende jene wunderbaren Bilder erblickte. Durch eine Bewegung ſeines Armes wich das ſcheinbare Mauerwerk plötzlich zurück, und es zeigte ſich ein langer dunkler Gang, wie ſich deren in den Kloſtergebäuden aus jener Zeit noch häufig vorfinden. Pignetti betrat den Gang und hinter ihm verſchloß die Wand ſich wieder. 2—— ———— 8 Ä 39 AAANANANNV; 3. Während Pignetti noch oben in ſeiner Zelle weilte und ſchrieb, ging es an einem andern Orte deſſelben weitläufti⸗ gen Kloſtergebäudes, nämlich in dem unterirdiſchen Gemach, das mit dem Kirchengewölbe durch einen geheimen Gang in Verbindung ſtand, gar traurig her. Auf dem Ruhebette, das in dieſem ziemlich gut ausge⸗ ſtatteten Gemach ſich befand, lag Klara todesmatt darnieder. Ihre Wangen und Lippen waren bleich und welk, der Glanz ihrer Augen erloſchen; nur an dem lieblichen Lächeln, das noch hin und wieder ihr Antilitz verklärte, erkannte man Klara's kindlich holde Züge wieder. Brigitta kauerte auf dem Teppich vor dem Ruhebette und blickte unverwandt auf ihre leidende Gefährtin. Am unteren Ende des Lagers aber ſtand Peter Steffen, der treue Diener und Freund, der nicht ahnte, was Alles während ſeiner Gefangenſchaft vorgegangen war in der Außenwelt; mit großer Mühe und Anſtrengung erhielt er ſich aufrecht, um ſeine Schwäche den Blicken der Jungfrau zu verbergen, während aus ſeinen vom vielen Wachen gerötheten Augen große Thränen über ſein abgezehrtes Geſicht rannen. Die Scene, welche ſich hier zeigte, war ein rührendes Seitenſtück zu der, welche am geſtrigen Abend in Ottokars Gefängniß ſtattgefunden hatte. — Nun aber hört, mein wackerer Freund und Be⸗ ſchützer, was ich von Euch erbitte! fuhr Klara in dem Ge⸗ ſpräche fort, welches ſie ſchon vorhin mit Peter geführt, bevor ihre Mattigkeit ſie zwang, daſſelbe auf eine Weile zu unterbrechen. Wenn Ihr's irgend vermögt, o ſo ſorgt da⸗ für, daß man mich nicht mit den Kleidern, die jetzt mich be⸗ decken, in mein letztes, enges Häuslein legt, ſondern daß 40 AAAꝑEꝑÖꝑÖCQꝑOQꝑ;C;; man mich wieder mit dem Sterbegewand anthue, auf das die Thränen meiner Lieben ſo reichlich herniedergefloſſen ſind! Brigitta wird wiſſen, wo es zu finden iſt. — Ach, liebe Jungfer, ſprecht doch nicht davon, als ob's ſchon ſo ganz gewiß wäre! ſagte Peter ſchluchzend. Das Herz im Leibe dreht ſich mir herum. Man hat ſich ja ſchon ſo manchmal geirrt mit dem Sterben, wie's ja auch bei Euch vorgekommen iſt— und Ihr ſelber habt mir ja erzählt, daß Ihr geſehen, wie Eures Lebens Ende noch ſo fern iſt: alſo wird's auch diesmal nichts mit dem Tode ſein. Und der alte Herrgott lebt ja auch noch, der wird ſchon zu rechter Zeit dazwiſchen kommen! — Ich fühle es, daß die Stunde meiner Erlöſung nahe iſt, erwiederte Klara. Ihr ſolltet Euch darob freuen, wie ich es thue! — Da ſoll man ſich wohl freuen, wenn man ſieht, wie ein ſo liebes, gutes Kind, wie Ihr ſeid, umkommen muß, verſetzte Peter, und noch dazu, wenn man weiß, daß es in den beiden Städten Einen giebt, der Euch ſo glück⸗ lich machen würde, wenn Ihr am Leben bliebet! Ach, wenn es mein armer, guter Herr wüßte! Aber ich bitte Euch, ſprecht nicht ſo viel; als Herr Reinhold dem Tode nahe war, da verbot ihm der heilkundige Mönch das Reden und er iſt wirklich geſund worden. — Doch wahrlich nicht vom Schweigen allein! unter⸗ brach ihn Klara matt lächelnd. Wenn ich aber nicht ſpre⸗ chen ſoll, ſo könnt Ihr ja nicht ausrichten, was ich von Euch noch Alles wünſche, und es iſt gewiß nicht Eure Ab⸗ ſicht, Euch meinen Bitten zu entziehen! — Daran habe ich nicht gedacht! verſicherte Peter. „So redet denn in Gottes Namen! — Hoffentlich wird mein Tod Euch auch befreien! fuhr Klara fort: denn Pignetti— — Wird mich alsdann frei ausgehen laſſen, meint Ihr? — 41 NNRNRòSòRSò; fiel Peter ihr in's Wort. Daraus wird wohl nichts wer⸗ den; im Gegentheil bin ich des Glaubens, daß er mir nach Eurem Tode keine Nahrung mehr herunterlaſſen wird, was er bisher nur Euretwillen that. Kann's ihm ſo eigentlich nicht verdenken; denn ich habe ihm ja mehr als einmal ge⸗ ſagt, daß ich ihm den Hals umdrehen werde, ſobald ich an ihn kommen kann— und in dieſem Stücke kennt er mich bereits! — Verhüte Gott, daß Eure Befürchtung eintrifft! ſprach Klara erſchrocken. Nein, ſo entſetzlich grauſam wird Pignetti nicht handeln; er wird Euch vielleicht einen Eid ablegen laſſen, daß Ihr ſchweigt, bis er die beiden Städte verlaſſen hat, wovon er jüngſt ſprach. Höchſtens aber nur bis zu dieſem Zeitpunkte wird er Euch hier zurückhalten. — Na, darum wollen wir uns jetzt noch nicht grämen! verſetzte Peter. Wie's kommen ſoll, ſo kommt's, und wenn wir uns auch noch ſo ſehr ängſtigen und den Kopf zerbrechen. D'rum fahrt nur fort, liebe Jungfer, und ſagt mir Alles, was Ihr mir aufzutragen habt; werde es getreulich erfüllen, wenn's angeht! — Wenn Ihr nun frei ſeid und kein Eid mehr Eure Zunge bindet, ſo mögt Ihr meinem Ottokar berichten, daß die Beweiſe ſeiner unverbrüchlichen Liebe und Treue, ſo mir im Grabgewölbe von ihm geworden, mir die letzten Stunden meines kurzen Daſeins verſchönten, daß ich darüber vieles Leid vergaß; ſagt ihm, daß auch ich ihm gleiche Liebe, gleiche Treue bewahrt hätte, wäre mein Geſchick ein anderes ge⸗ weſen; ſagt ihm, daß ich ſterbend ihn geſegnet habe. Er hat ein edles, großmüthiges Herz, das gern zum Verzeihen geneigt iſt; doch könnte es ſein, daß diesmal ihn der Schmerz um mich zur Rache antreibt gegen meinen Mörder. Werdet Ihr ſolches inne, o, ſo beſchwört ihn in meinem Namen, daß er dem Welſchen verzeihe, wie ich es that; ich bin gewiß, er wird alsdann auf Eure Stimme hören! Dann zum An⸗ AANRNRR gedenken bringt ihm dieſen Ring— doch nein, dies Zeichen ſeiner Liebe und Treue laßt mich mit in die Gruft nehmen, auch noch im Tode möchte ich von ihm nicht getrennt ſein; er wird auch ohne ein ſichtbares Erinnerungszeichen ſeines todten Mädchens nicht vergeſſen! — Eurer vergeſſen wird er nie, das weiß ich! ſchluchzte Peter. — Meinen theuren Pflegeeltern, ſowie Lisbeth, meiner ſchweſterlichen Freundin, und Allen, die in Liebe meiner ſich erinnern, bringt meine Grüße dar, fuhr Klara mit ſchwächer werdender Stimme fort. Euch aber, wackerer Mann, Euch möge der Himmel lohnen hier und dort, was Ihr an mir gethan; ſagt meinem Ottokar, daß Ihr mein Beſchützer waret gegen des Welſchen rohe Gewalt, damit er Eurer aufopfern⸗ den Freundestreue ſtets eingedenk ſei. Und auch für Bri⸗ gitta, die trotz ihres Gebreſtes treulich für mich ſorgte und redlich that, was ihr Pignetti zu thun gebot zur Linderung des Schmerzes, den meine Wunde mir verurſachte— auch für ſie ſprecht ein Wort bei meinem Ottokar. In dieſem Augenblick erhob ſich Brigitta vom Teppich, blickte ſcheu nach der in der Decke angebrachten Oeffnung und flüchtete ſich nach der entgegengeſetzten Seite des Ge⸗ machs hin. Dies aber war ein ſicheres Zeichen, daß Pi⸗ gnetti kam. Klara ſchloß die Augen und barg ihr Antlitz in die Kiſſen des Ruhebettes; Peter raffte all ſeine Kraft zuſammen und trat vor Klara hin, entſchloſſen, ſie auch heute gegen des Welſchen Gewalt zu ſchützen. Die Klappe vor der Oeffnung fiel herab; der untere Theil von Pignetti's Geſtalt ward ſichtbar und man hörte ſeine Stimme. — Klara, ich frage Dich zum letzten Mal, ob Du Dich endlich meinem Willen beugen willſt! rief er. Ich ſchwöre Dir bei meinem Leben, daß ich nichts Böſes vorhabe und . daß ich Dich freigeben werde, ſobald Du Dich gefügig zeigſt; wagſt Du es aber, mir, auch ferner zu trotzen, ſo wirſt Du Deinen Ungehorſam ſchmerzlich bereuen. Entſcheide Dich hurtig. Klara ſchwieg. Noch einmal, aber haſtiger und in dro⸗ henden Ausdrücken wiederholte Pignetti ſeine Aufforderung. — Kannſt Du Scheuſal denn nicht einmal Dein Opfer ruhig ſterben laſſen? rief ihm Peter zu. Willſt Du auch des armen Kindes letzte Athemzüge noch für Dein Höllen⸗ werk benutzen? — Sie ſtirbt? Nein, nein, ſie darf nicht ſterben, bevor ſie mein Verlangen erfüllt hat! ließ ſich Pignetti hören. So ſei es denn— ſie hat es ſo gewollt! Ich habe keine Zeit mehr mit Worten zu verlieren! Eilig ſchickte er ſich an, die Leiter in das Gemach hin⸗ abzulaſſen. — So iſt's recht, komm nur herunter! frohlockte Peter, deſſen Zorn und Verwegenheit ihn ſeine Schwäche vergeſſen ließ. Daß Du nicht wieder von dannen gehen wirſt, deß ſei gewiß! — Ha, Burſche, wenn Du es denn ſo haben willſt, ſo nimm hin! Ein Feuerſtrahl blitzte auf, ein donnerndes Krachen folgte hinterdrein und eine dichte Dampfwolke erfüllte das Gemach. Ein Ruf des Schreckens drang über Klara's Lippen. — Aengſtigt Cuch nicht, Jungfer, ich bin unverſehrt! beruhigte ſie Peter. Von da oben herunter läßt ſich's ſchlechter treffen, als damals in dem geraden und engen Gange. — Aber endlich würdet Ihr ſeinem Geſchoß doch er⸗ liegen, da Ihr in dieſem Raume nicht ausweichen könnt! verſetzte Klara. Sie erhob ſich bei dieſen Worten entſchloſſen vom Lager und trat mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte vor Peter hin, Ag bevor dieſer ihre Abſicht begriff und ſie daran verhindern konnte.. — Jetzt verſuch's, ihn zu verwunden, ohne mich zu tödten! rief ſie zu Pignetti hinauf. Siehe zu, ob Deine Höllenmacht dies vermag! — Um Gott, er wird auch Euch tödten; ſprach Peter ängſtlich. Weicht zurück, um's Himmels willen! — Dann ſterbe ich— etliche Augenblicke— früher— und er vermag— dann nicht— — Mein Gott, Ihr ſterbt ſchon jetzt! ſchrie Peter, die Niederſinkende mit ſeinen Armen auffangend. Gebt mir Ant⸗ wort. Hört Ihr mich noch? Klara ſchlug die Augen zu ihm auf. — Lebe wohl, Du treues Herz, lispelte ſie leiſe. Ver⸗ giß nicht— meinen Ottokar— Du weißt ja. — Mein Gott, was ſoll ich thun! ſtöhnte Peter, als er Klara mit großer Anſtrengung auf das Bett niedergelegt hatte. Brigitta, bringe Waſſer dort aus dem Kruge; viel⸗ leicht, daß es dann wieder vorübergeht! Mir ſelber wird's finſter vor den Augen— ich kann nicht— einen Schritt mehr gehen! Hörſt Du, Brigitta? Die Gerufene regte ſich nicht, denn ſoeben ließ Pignetti die Leiter herab und betrat die Stufen derſelben. — Ha, da iſt er! fuhr Peter mit wirrem Blick auf Pignetti fort. Und ich— ich kann nichts thun für ſie— nichts, nichts— als mit ihr ſterben! Gott im Himmel— mein armer Herr— meine arme Lieſel! Unvermögend, ſich aufrecht zu erhalten, ſank er vor dem Bett in die Kniee. Inzwiſchen hatte Pignetti das Gemach erreicht und die Leiter nach ſich gezogen. Nicht bleich wie ſonſt— erdfahl war ſein Geſicht; in wahrhaft entſetzlicher Wildheit funkel⸗ ten ſeine Augen; fieberhaft bebten ſeine bläulichen Lippen. Etliche Sekunden lang blieb er unter der Oeffnung ſtehen; 4 42, dann machte er eine ſchnelle Bewegung nach der verſchloſ⸗ ſenen eiſernen Thür zu, welche in den Gang zu dem Kirchen⸗ gewölbe führte; doch ſchon in der Mitte des Gemachs hielt er ſeine Schritte an— über ſein Geſicht zuckte es unheim⸗ lich und wild. — Was zögerſt Du, Unhold! ſprach Peter. Fürchteſt Dich wohl noch vor dem Halbtodten? Hätte ich doch nur noch— ein Fünkchen Kraft in meinen Gliedern! Aber ſie hat nur— ſo lange gereicht— wie zu ihrem Schutze nö⸗ thig war. Gegen den Tod vermag ich nichts. Pignetti ſtand regungslos, eine Bildſäule gleich, noch immer auf derſelben Stelle. — Alle Wetter— hier iſt der Fußboden zu Ende! rief eine tiefe Stimme von der Deckenöffnung her. Wo geht's nun weiter, Herr Prior? Doch halt— hier unter mir iſt Licht— das muß ein Gewölbe ſein— aber für einen Sprung iſt's mir doch ein wenig zu tief! 4 — Es muß eine Leiter vorhanden ſein! hörte man die zitternde Stimme des Priors antworten. — Ja, ich ſehe die Leiter, tönte es zuruͤck; aber ſie liegt unten im Gewölbe. Horch, da kommen ſie jetzt auch von der andern Seite! Schlag auf Schlag fiel auf die Eiſenthür, wie damals, als Peter durch dieſelbe eindrang. Krachend flog ſie auf. Ich nächſten Augenblicke war das Gemach angefüllt von Bewaffneten, Fackelträgern, Geiſtlichen und Rathsherren. Der Biſchof von Brandenburg ſelber war's, der den Be⸗ waffneten befahl, ſich Pignetti's zu bemächtigen. — Wer nich anrührt, iſt des Todes! rief dieſer mit geiſterhafter Stimme, indem er den auf ihn Eindringenden etwas entgegenhielt, das wie ein Zauberſtab geformt war. Ihr habt's mit einem Höheren zu thun! — Fürchtet Euch nicht! ertönte eine fremdartig klingende Stimme. Er iſt ein Menſch, wie Ihr! NNRRSSʒS — Ha— wer rief da? ſtieß Pignetti heraus, wild im Kreiſe umherblickend. Ein alter Mann mit weißem Haar trat hervor. — Erkennſt Du mich, Theobaldo? fragte er. — Entweiche Trugbild! rief Pignetti beim Anblick des Greiſes, indem er ſelber etliche Schritte zurückwich. — Kein Trugbild ſteht vor Dir! fuhr Jener fort. Es iſt Dein Lebensretter, Dein Wohlthäter, Dein Lehrer, deſſen Eigenthum und Namen Du geraubt haſt, der jetzt zu Dir ſpricht, Undankbarſter der Sterblichen! Schnöde brachſt Du Dein Wort und entflohſt mit meinen Schätzen, bevor die Zeit verfloſſen, die ich Dir geſtellt! War mein Thun an Dir ſolchen Dankes werth? — Was iſt Euch, Herr Rycke? hörte man in demſelben Augenblicke den Stadthauptmann Stroband fragen. Dünkt's Euch zu heiß hier? — Warum zögerſt Du noch, Berend? rief Brigitta, ſich durch die Anweſenden zu Rycke drängend. Siehe, da ſteht der Altar, dort der Prieſter und hier die Zeugen! Aber mein Kind fehlt noch! — Was willſt Du, Weib, von mir? Ich kenne Dich nicht! ſtieß Rycke heraus. — Haſt mich doch ſonſt gekannt, Berend! fuhr Bri⸗ gitta fort. Willſt Du mich wieder verleugnen, wie damals, als ich Dir Dein Kind brachte? O Herr, wandte ſie ſich dann zu dem Biſchof, ſagt ihm doch, daß ich die arme Bri⸗ gitta bin. — Was hat die Arme vor? Erklärt mir's doch, Herr Prior! fragte der Biſchof dieſen, dem man die Leiter gereicht hatte, daß er in's Gemach gelangen konnte. — Ich weiß am wenigſten davon, erwiederte der Prior zitternd. Man übergab mir ein päpſtliches Breve, das de Befehl für mich enthielt, den geiſtlichen Doktor nach Gefal⸗ len ſchalten zu laſſen in meinem Kloſter, ohne mich um ſein furchtbaren Sündenregiſter zuhörten, deſſen zermalmendes 47 »»»ꝑ² Thun zu kümmern. Und gehorſam bin ich dem Befehle nach⸗ gekommen. — Das Breve iſt falſch, wie Alles an dem Manne! entgegnete der Prälat. Der heilige Vater hat mit keinem Betrüger zu ſchaffen! Ihr ſelber hättet bei einiger Auf⸗ merkſamkeit bald dahinter kommen müſſen, daß dieſer Menſch kein Prieſter ſein kann, und großer Vorwurf trifft Euch alſo! — Er iſt kein Prieſter? Und Alles— auch der Ab⸗ laßbrief— iſt Trug? rief Rycke, dem kalter Todesſchweiß auf die bleiche Stirn trat. Wer iſt er denn? Da trat Pignetti vor ihn hin. — Du frägſt, wer ich bin? rief er in einem Tone, der allen Anweſenden durch Mark und Bein drang. Wohlan, Du ſollſt es hören! Ich bin der Engel der Rache und der Vergeltung, der Gericht gehalten hat über Deine Thaten! Du haſt durch Deine Hinterliſt Martha's junges, der Liebe und dem Glücke geweihtes Daſein zertreten— Du haſt Dei⸗ nen eigenen, leiblichen Bruder Theobald, der Dir nur Gutes erwieſen, um ſchnödem Gewinnes willen mit dem Fluche des Vaters belaſtet— Du haſt ihm den Gijftbecher gereicht ſtatt der ſtärkenden Arznei— Du haſt ſeine Kinder hinausgeſto⸗ ßen in's Elend und Dich mit ihrem Erbe bereichert— Du haſt Brigitta verführt und ſie und Dein eigen Fleiſch und Blut hinausgejagt in Schmach und Schande— Du haſt Verrath geübt gegen Dein Vaterland und gegen Deine Mit⸗ bürger— Du haſt Deinen eigenen ehelichen Sohn und deſſen Genoſſen dem Hungertode preisgegeben, weil ſie Deine ſchwar⸗ zen Pläne durchkreuzten— Du haſt die Mörderfauſt gedun⸗ gen gegen Dein und Brigitta's Kind, weil Du es für das Deines Bruders hielteſt— Du wollteſt— doch Tage noch würde ich brauchen, wollte ich alle die Frevel aufzählen, die Du, Verſluchter, verübteſt. 8 Enntſetzen ergriff Alle und lähmte ihre Zungen, die dem ANNNNNRVRO— Gewicht den Schuldigen darniederſchmetterte, daß er ſich wand und krümmte wie der Wurm im Staube. Aber wie der Wurm noch in ſeinen Todeszuckungen den Stachel zückt gegen den, der ihn zertritt, ſo auch Rycke. — Ja, es iſt wahr, ich habe einſt Theobald verleumdet, verrathen, vergiftet— ſagte er, aber ich habe dieſe Thaten bereut, bitter bereut und abgebüßt! Ich ſorgte für Martha, wie ich's vermochte; doch für ihre Kinder konnte ich nichts thun, da ich ſie für todt hielt!. Es iſt auch wahr, daß ich an Brigitta verbrochen, was Du geſagt haſt; aber es ge⸗ ſchah in jugendlichem Leichtſinn, und als ich's auch an ihr gut machen wollte, war es zu ſpät, denn auch ſie hielt ich für todt! Alles Andere aber, deſſen Du mich zeiheſt, iſt es nicht Dein Werk, verruchter, entlarvter Betrüger? Haben mich nicht Deine Gaukelkünſte umſtrickt, und waren es nicht Deine trügeriſchen Vorſpiegelungen, die mich zu meinen ſpä⸗ teren Verbrechen trieben? Schreckte ich nicht beſtändig zu⸗ rück vor ihnen und waren es nicht immer Deine gleißneri⸗ ſchen Worte, welche die Stimme meines Gewiſſens zu unter⸗ drücken wußten? Warſt Du es nicht, der meine geheimſten Neigungen aufſtachelte und nährte, daß ſie zu raſenden Leidenſchaften anwuchſen? Ja, ich bin reif zum Blutgerüſt, aber ich beſteige es gern, denn Du wirſt mit mir denſel⸗ ben Pfad wandeln, deß ſei gewiß! Beweiſen werde ich's, zweifellos und klar, daß Du ein größerer Böſewicht biſt, als ich— daß Du der Urheber der Verbrechen biſt, die ich begangen— Ruhig, ja lächelnd, hatte ihm Pignetti zugehört; jetzt aber nahm dieſer das Wort. — Ihr irrt Euch, Herr Rycke, ſagte er gelaſſen; ich habe Euch keineswegs zu all den Schandthaten verleitet, die Ihr verübtet! Erinnert Euch vielmehr, daß ich Euch ſtets die Rathſchläge verweigerte, die Ihr von mir fordertet, und Euch immer nur das thun hieß, was Ihr ſelber für gut fändet! Habe ich Euch etwa geheißen, den Waldwärtel zu morden, Euren und Strobands Sohn in den Hungerthurm zu werfen und Meuchelmörder gegen den vermeintlichen Sohn Eures älteren Bruders zu dingen? Habe ich Euch ange⸗ trieben zu Hochverrath, Betrug und Kirchenraub? Mich dünkt, Ihr allein nur hättet ſo ſchwarze Verbrechen erſinnen und ausführen können! Meint Ihr etwa, es hätte mir ge⸗ nügt, Euch nur irdiſche Strafe erdulden zu laſſen, bei wel⸗ cher Ihr Euch in Eurem Innern tröſten und beruhigen konntet mit dem Gedanken, daß Ihr verführt und verleitet worden ſeid? Solches hätte ich leichter haben können durch einen Dolchſtoß! Ich wollte nicht einmal, daß Ihr der irdi⸗ ſchen Gerechtigkeit anheimfallen ſolltet; denn ihre ſchärfſten Strafen— was ſind ſie gegen die, welche ich für Euch be⸗ ſtimmt habe! Nein— nicht ſterben ſolltet Ihr, ſondern leben— leben mit dem gefräßigen, aber langſam nagenden, nie verzehrenden Wurm am Herzen— leben, gehetzt von den Furien des Gewiſſens— leben, umkrallt von dem Grimme gegen Euch ſelber! Am Tage ſolltet Ihr die Nacht herbei⸗ wünſchen, um Euch ſelber zu entfliehen, und Nachts auf dem von bleichen und drohenden Schreckgeſtalten umſtandenen Lager ruhelos und mit Zähnklappen dem Tage entgegenſtöhnen— Ihr ſolltet in jeder Stunde Euer Daſein verfluchen und von kaltem Entſetzen gepackt werden, wenn Ihr der Stunde Eures Todes gedenkt— mit dem Kainszeichen auf der Stirn von Ort zu Ort getrieben werden und nirgend ein Plätzchen für Euch finden— ſo ſolltet Ihr leben, bis endlich der Ver⸗ zweiflung ſengendes Gift das letzte Atom Eures Hirns ver⸗ brannt und Eure letzten Blutstropfen eingetrocknet hatte! Bereits habt Ihr ein Pröbchen ſolcher Strafe empfunden, nicht ſo, Herr Rycke? Ihr meintet ſelber zu mir, die Hölle habe all' ihre Qualen über Euch ausgegoſſen; und dennoch waren ſie nur der ſchwache Vorgeſchmack derer, die Euch, den Verfluchten, von dieſer Stunde an erwarten! Die ſchwarzen Brüder. IV. 4 *— vwwvapwe Dieſe mit kaltem Hohne geſprochenen Worte, die von einem Teufel aus der Hölle zu kommen ſchienen, ließen jeden Mund verſtummen; nur Rycke ward von ſeiner Verzweif⸗ lungsangſt zum Reden getrieben. — Ja, es iſt wahr, Du haſt Deinen Zweck bei mir erreicht, ſchwarzes Ungeheuer, ächzte er. Ich habe bereits das Leben gekoſtet, das Du eben meinteſt! Aber dennoch ſollſt Du nicht triumphiren; ich kann noch Manches gut machen und— doch nein, nein! Dich aber, Teufel, Dich werden meine Qualen verzehnfacht treffen, denn Du biſt dennoch der Urheber meiner ſpäteren Verbrechen— mein erſtes, an Theobald begangenes habe ich durch meine Sorge für Martha und durch Reue und Buße geſühnt! Ich werde Dich einſt anklagen und Du wirſt dann meine verlorene Seele zu verantworten haben, denn Du haſt kein Recht, über mich zu richten, wer Du auch immer ſei'ſt! Wer von den Anweſenden Rycke's Charakter kannte oder zu kennen geglaubt hatte, mußte jetzt Mitleid und Erbarmen für ihn ffühlen, als der ſonſt ſo ſtarke und willenskräftige Geiſt des Mannes ſich krümmte und wand unter dem ge⸗ waltigen Drucke der plötzlich offenbarten Schuld, die er zu läugnen nicht einmal den Verſuch machte. Anders aber Pi⸗ gnetti; höher und drohender richtete er ſich auf vor Rycke, und ſeine Stimme erklang geiſterhaft durch den Raum, als er rief: — Du meinſt, die Mahnen Deines ermordeten Bru⸗ ders geſühnt zu haben und ſprichſt mir das Recht ab, über Dich zu richten, Berend Rycke? Wiſſe denn, es iſt Theo⸗ bald ſelber, der vor Dir ſteht; der Geiſt der Rache hat ihn, den Ermordeten, geweckt, um mit Dir, dem Mörder, in's Gericht zu gehen! Und zweifelſt Du, ſo ſiehe dies Zeichen, Dir wohlbekannt aus früherer Zeit! Er entblößte dabei ſei⸗ nen linken Arm, auf dem ein Muttermaal zu ſehen war. Jetzt ſprich, ob ich ein Recht habe, Dich zu richten! ANSD Glanzlos ſtierten Rycke's Augen mehrere Sekunden lang auf ſeinen Bruder, der ſo ſich ihm zu erkennen gab. Im⸗ mer unheimlicher wurde ſein Blick. — Biſt Du denn der Todte, ſo fahre hinab zu den Todten! ſchrie er plötzlich auf. Er riß einen Dolch von ſeinem Gürtel und ſtieß ihn in demſelben Augenblicke unter ſchauerlich klingendem Hohn⸗ gelächter in ſeines Bruders Bruſt. Dann wandte er ſich, mit dem Ausdruck des Wahnſinns in ſeinen Zügen, nach der aufgeſprengten Thür, wo ihm die Bewaffneten ſcheu Platz machten, und lief den finſtern Gang entlang, der von ſeinem Gelächter widerhallte. Ihm faſt auf dem Fuße folgte Brigitta. — Eilt ihm nach und ergreift ihn! rief Stroband, der zuerſt das Grauen und Entſetzen überwältigte, das dieſe Scene den Anweſenden verurſachte, den Bewaffneten zu. — Nein, man laſſe ihn! gebot Pignetti dagegen, der die Mordwaffe aus ſeiner Bruſt gezogen hatte und ſeine Hand auf die neue Wunde preßte. Was könntet Ihr ihm noch thun? Seine Gewalt über die Leute war noch ſo groß, daß Niemand weiter an Rycke's Verfolgung dachte. 4 — O, Theobald, was iſt aus Dir geworden? nahm jetzt deſſen greiſer Lehrer betrübt das Wort. Zu einem glück⸗ lichen Weiſen wollte ich Dich machen— und muß Dich hier finden, elender und unglücklicher, als damals, wo ich mich Deiner annahm. — Jeder findet das Glück in ſeines Strebens Ziel, mein Vater! entgegnete Pignetti, oder vielmehr Theobald Rycke. Meines Strebens Ziel war aber die Rache; ich habe es erreicht, vollkommen erreicht, und bin nicht unglücklich! Zwar war ich ſchwach genug, nach vollbrachter Rache auch noch auf ein anderes Glück zu hoffen— doch ich bin's auch ſo zufrieden! 4* 5² Jetzt trat ein alter Franziskaner⸗Mönch an ihn heran, ergriff ſeinen Arm und führte ihn durch den Kreis der er⸗ ſtaunten Rathsherren und Geiſtlichen an das Ruhebett, wel⸗ ches ſich in dieſem Gemach befand. Hier war der Mönch bisher mit Klara und Peter beſchäftigt geweſen, ohne daß einer der Anweſenden, deren Aufmerkſamkeit allein auf Pi⸗ gnetti gerichtet geweſen, auf das, was hier vorging, ge⸗ achtet hätte. — Wenn Du denn der Theobald Rycke biſt, ſagte der Mönch, als er mit dieſem vor dem Ruhebette ſtand, ſo ſprich, was hatten dieſe Beiden mit Deiner Rache zu ſchaffen, die Du gegen Deinen Bruder ausübteſt? Willſt Du, Unhold, Angeſichts dieſer Opfer noch behaupten, daß nur die Rache Dich zu Deinen Frevelthaten trieb? Betroffen und mit Entſetzen blickten die Rathsherren auf Klara und Peter, deren Leichen ſie wohl zu erkennen vermeinten. Der Gefragte aber nahm ſtolz das Wort. — Dieſer Burſche hier— ſagte er, auf Peter deutend — gehörte nicht in meinen Racheplan hinein; er büßt durch eigne Schuld nur ſeinen Vorwitz. Doch anders iſt's mit dieſem Mädchen; ſie war das Werkzeug zur Vollbringung meiner Rache, die ſich nicht auf die Perſon des Schuldigen allein, ſondern auf deſſen ganze Sippſchaft erſtreckte. Nicht mich allein, auch Martha und meine Kinder hatte ich zu rächen; wie dies geſchehen, werdet Ihr einſt inne werden! — Was aber that Dir der Verlobte dieſes armen Mädchens, daß Du ihm die Braut entriſſeſt? fragte der Mönch. Weißt Du, Theobald Rycke, gegen wen Du dabei wütheteſt— weißt Du, wer der unglückliche junge Mann, der Ottokar Reinhold iſt? — Er iſt der Sohn des Verfluchten, über den eben Gericht gehalten! verſetzte Theobald. Sein eigener Vater mordet ihn; ſo wollte ich's! — Ja wohl, ſein eigener Vater mordet ihn! rief der 53 ARNR 4 Mönch erſchüttert. Unſeliger, Du biſt's, Du, ſein leiblicher Vater, der ihn mordet; denn Ottokar und Lisbeth ſind Deine und Martha's Kinder! — Du biſt von Sinnen, Mönch! ſprach Theobald, er⸗ bebend vor dem Gedanken, daß Jener die Wahrheit ſprechen könnte. — Genug der Spiegelfechterei! rief Heydicke zugleich. Wohl merke ich, worauf's hier abgeſehen iſt! Weder iſt dieſer, der hier leibhaftig vor uns ſteht, der Theobald Rycke denn deſſen Gebeine modern längſt in den Gewölben von St. Nikolai— noch ſind— — O, diesmal ſprach der Unglückliche die Wahrheit, wie ich ſie ſpreche! unterbrach ihn der Mönch. Seinem treuen Diener, dem er vor wenig Wochen zum Danke für ſeine damalige Rettung das Geiſteslicht raubte, gelang es damals, ihm das Leben zu erhalten, und wohl erkenne ich in dieſem Menſchen, der ſich Pignetti nennt, den Theobald Rycke wieder; denn ich, damals Pfarrer zu Rycksdorf, ich legte, während er bewußtlos in meinem Hauſe lag, Mar⸗ tha's Hand in die ſeinige und verband ſie kraft meines Am⸗ tes durch prieſterlichen Segen. Daß dem alſo iſt, kann und werde ich Euch beweiſen; daß ich aber bisher geſchwiegen, daran war ein Eid ſchuld, deſſen ich in dieſen Tagen durch meinen geiſtlichen Oberhirten, den hochwürdigſten Biſchof von Brandenburg, der jetzt hier zugegen iſt, entbunden wor⸗ den bin. — Nein, nein, Du lügſt dennoch! rief Theobald mit vor Schrecken und körperlichem Schmerz faſt erſtickter Stimme. Denn wäre es wahr, was Du ſagſt, dann wäre alle Wiſ⸗ ſenſchaft nur Betrug und Lüge. — Nicht die Wiſſenſchaft hat Dich betrogen, denn ſie iſt wahr und göttlich, wie ihr Urquell über den Sternen! nahm der greiſe Pignetti in ernſtem Tone das Wort. Doch wer ihr nicht mit lauterem und reinem Herzen dient, dem ——õÿ 54 6₰ SBDyyDDd entſchwindet ſie und er geräth auf Irrwege. So iſt's auch mit Dir der Fall. — War es denn nicht gerecht, was ich vorhatte? mur⸗ melte Theobald Rycke, der ſich kaum noch aufrecht erhalten konnte. Hat der Elende denn nicht verdient, daß ich mich ſo an ihm rächte? — Du mußteſt Gott, der es in Deiner Verirrung noch gut mit Dir meinte, die Beſtrafung des Schuldigen über⸗ laſſen, denn ſein iſt die Rache. — Willſt Du nicht in Deinen letzten Stunden Dich zu Gott wenden, Menſch? fragte jetzt der Biſchof. Willſt Du nicht durch Reue und Buße die ſchweren Frevel Deines Lebens ſühnen und ſo Dich des Allgütigen Gnade theilhaf⸗ tig machen? — O, noch iſt's nicht ſo weit mit mir, wie Ihr meint! erwiederte der Angeredete, der zu den Stufen des Betaltars wankte und ſich dort niederließ. Pignetti, mein Lehrer, eilt hinauf nach meiner Zelle; dort werdet Ihr— im Wand⸗ ſchrank— das Elixir finden— welches das Leben verlän⸗ gert. Bringt es mir, denn ich will leben, Allen zum Trotz! Wir wollen beweiſen, daß allein die Wiſſenſchaft— — Meinſt Du, die Wiſſenſchaft ſtände höher als Gott, der alles Leben erſchafft, erhält und ihm gebietet? verſetzte Pignetti, als er die beiden Bruſtwunden ſeines ehemaligen Schülers beſichtigt hatte. Höre mich, Theobaldo, und auch Ihr Alle, die Ihr hier anweſend ſeid, hört auf meine Worte, fuhr er dann traurig fort. Als ich damals Dich, Theo⸗ baldo, in die Pforten der höheren Wiſſenſchaften einführte, glaubte ich der Menſchheit einen hohen Dienſt zu erweiſen. Du ſollteſt der Erbe meiner Kenntniſſe werden, zu deren Erlangung ich mehr denn ſechszig Jahre meines Lebens ver⸗ wendete, und die in dieſem Welttheil Keiner weiter beſaß. Schon früher hatte ich feſt geglaubt, daß alles Unheil, ſo die Menſchheit bisher betroffen, bewältigt und für immer 55 2 AAAæ; 82 ausgerottet werden könne durch die Erkenntniß aller Dinge, und dieſe Erkenntniß zu erlangen, um ſie ſpäter aller Welt mitzutheilen, war meines glühenden Strebens Ziel. Unter tauſendfachen Drangſalen und Beſchwerden durchpilgerze ich bekannte und unbekannte Länder und lernte von den Weiſen aller Völker. Endlich glaubte ich alles Wiſſen erſchöpft zu haben und am Ziele zu ſein; deshalb kehrte ich in mein Vaterland zurück. An Alles hatte ich indeſſen gedacht, nur nicht daran, daß ich während meiner mühſamen Lehrzeit ein ſchwacher Greis geworden, dem zwar nicht die Liebe für ſeine edlen Zwecke erloſchen, aber deſſen Kraft mit ihm ge⸗ altert war. Nur friſcher Jugendeifer— das ſah ich jetzt ein— konnte vollbringen, was ich mir vorgenommen; nur jugendlicher Feuereifer konnte die Kämpfe beſtehen, die ent⸗ ſtanden, als ich es kaum verſuchte, die große Maſſe anzu⸗ regen für die höhere Erkenntniß; es gehörte der Jugend nie verſiegende Hoffnung auf endliches Gelingen eines großen Werkes dazu, um nicht an den Hinderniſſen zu erlahmen und matt vor ihnen zurückzuweichen, die ſich meinem Stre⸗ ben bei jedem Schritte in den Weg ſtellten. Ward ich nun auch inne, daß ich nimmer mein Ziel erreichen konnte, ſo verzagte ich dennoch nicht ganz. Wohlan, ſo tröſtete ich mich, was Du nicht mehr ver⸗ magſt, das ſoll ein Jüngerer vollbringen. Du brauchteſt ſechszig Jahre, um die in der Welt zerſtreut und theilweiſe begraben und verborgen liegenden Schätze des Wiſſens zu ſammeln; aber jetzt, da der geſammte Schatz in Dir ver⸗ einigt iſt, wird es nur einiger Jahre bedürfen, um ihn einem Andern mitzutheilen. Dieſer Gedanke erfüllte mich mit hoher Freudigkeit, und in dem Umſtand, daß ich zu derſelben Zeit Dich, Theobaldo, fand, ſah ich des Himmels Wink. Der Eifer, mit dem Du Dich dem Unterrichte hingabſt, erwarb Dir mein unbegrenz⸗ tes Vertrauen, ſo daß ich's unterließ, Dein Herz und Dein 56 ꝑꝑQꝑQ Sinnen zu erforſchen, wie ich's wohl gekonnt hätte mit Hülfe meines Wiſſens. Bald hatte der Schüler den Meiſter erreicht; doch war es mir bei dem Unterrichte klar geworden, daß mir noch Vieles fehlte zur völligen Erkenntniß. Früher ſchon hatte ich von einem weiſen Manne gehört, der in Afrika unter den Mauren wohnt, und deſſen Wiſſen unbegrenzt ſein ſollte; als ich aber zum erſten Male von ihm hörte, glaubte ich von meinem Wiſſen daſſelbe und hatte es daher unter⸗ laſſen, auch von ihm zu lernen. Jetzt, wo ich meinen Man⸗ gel inne ward, beſchloß ich das Verſäumte nachzuholen und ſchiffte mich nach Afrika ein. Dir, Theobaldo, ſagte ich noch nicht, wozu ich Dich herangebildet; ich hoffte ſicherlich, Dich erſt zur Vollkommenheit zu erheben, deren Du zu dem großen Werke, zu deſſen Vollbringung ich Dich erkoren glaubte, bedurfteſt. Glücklich langte ich bei dem weiſen Manne an, gewann ſeine Freundſchaft und fand bald, daß die Fama nicht zu viel von ihm erzählte; mein Wiſſen war Stückwerk gegen das ſeinige. Ich ſprach mit ihm von meinem Vorſatz, durch Wiſſen die Menſchheit zur Erkenntniß und zum Glück zu führen und ſagte ihm von meiner Hoffnung, dies in kurzer Zeit durch meinen Schüler vollbracht zu ſehen. Da ſchüt⸗ telte der Weiſe lächelnd, doch ernſt ſein ehrwürdiges Haupt. — Nicht alſo, Freund! ſprach er zu mir. Gelänge es Dir auch, das Unmögliche, und könnteſt Du die Menſchheit während eines Lebensalters zur vollkommenen Erkenntniß führen, ſo— glaube mir's— Du würdeſt das Unheil da⸗ durch erſt recht und in erhöhtem Maße auf ſie herabbe⸗ ſchwören. Viel haſt Du Dir geſammelt auf allen Gebieten des Wiſſens, doch in einer Sphäre biſt Du unbekannt, näm⸗ lich in der Kenntniß des Menſchenherzens; wäre dem an⸗ ders, Du würdeſt ſelber zurückſchrecken von Deinem Vor⸗ ſatze. Dem edlen, guten Menſchen nur frommt die Erkennt⸗ AAAANRNRNRRRNR niß, in den Händen des Böſen aber wird ſie zur Geißel durch Mißbrauch und Eigennutz. Auch haben Größere, Er⸗ habenere als ich und Du bereits dies Werk verſucht; noch heute verehren Millionen Lippen ihre Namen: doch haben ſie ihr göttlich Ziel erreicht? Werden nicht noch heute ihre er⸗ habenen, himmliſchen Lehren gemißbraucht vom böſen Willen und vom Unverſtande Derer, die ſie glücklich machen wollten? Iſt es dem Erhabenſten, Reinſten und Vollkommenſten unter ihnen gelungen, das Böſe aus den Herzen der Menſchen durch ſeine beiſpielloſe Liebe zu verdrängen? Siehe, dieſer Eine, den ich meine, er wirkt noch heute unter den Menſchen durch ſeinen heiligen Geiſt; aber wie Wenige gab es bisher, die wahrhaft durch ihn erleuchtet und glücklich wurden! Hat Er, der erhabene Meiſter, jemals der Möglichkeit gedacht, durch ſeine himmliſche Lehre alle Menſchen gut und edel zu machen? Und Du— ein Nichts gegen ſeine Macht und Herrlichkeit— Du wollteſt Solches vollbringen? Laß ab, Freund, von dieſem Gedanken; ſchon der bloße Verſuch ſei⸗ ner Ausfuͤhrung wird Dich und viele Andere mit Dir in's Verderben ſtürzen! So ſprach der Weiſe zu mir, und ob ich mich auch da⸗ gegen ſträubte, ich mußte ihm Recht geben. — So wird denn ewig Nacht und Finſterniß bleiben auf dieſer ſchönen Erde, klagte ich, und immer wird auf ihr das Böſe und die Lüge herrſchen! — Auch dem iſt nicht ſo! tröſtete der Weiſe. Licht und Wahrheit werden einſt ihren Thron aufſchlagen hier auf Erden, wenn die Zeit gekommen iſt. Wie der Tag all⸗ mälig aus dem Dunkel ſich erhebt; wie die Fluren des Nor⸗ dens nach der Erſtarrung des Winters ſich allmälig mit friſchem Grün bekleiden; wie Alles, was die erhabene Natur durch ihre Kraft ſchafft und hervorbringt, nicht mit einem Schlage erſteht: alſo wird auch die geiſtige Nacht, die jetzt noch auf der Menſchheit lagert, allmälig der hellſten Er⸗ kenntniß weichen; und je klarer und reiner dieſe ſtrahlt, je mehr wird das Böſe verſchwinden von der Erde. Daß einſt eine ſolche Zeit für unſere Erde anbrechen wird, das lehrt uns die erhabene Natur, wenn wir mit reinem Sinn in ihrem Buche leſen; aber ſie zeigt uns auch in ihrem eigenen Wirken, wie es geſchehen wird. Ihr Gang iſt durch ein ewiges Weltgeſetz geregelt; ihm vorzugreifen, heißt ihm wider⸗ ſtreben, und ſolches bringt ſtets nur Unheil und Verderben! Darum, mein Freund, höre meine Stimme und laß ab von dem Beginnen, an deſſen Klippen Beſſere und Weiſere zer⸗ ſchellten. Daß Einzelnen der höheren Erkenntniß Quell er⸗ ſchloſſen ward, ſei Dir ein Zeichen, daß er einſt der ganzen Menſchheit rinnen wird, wenn auch Jahrhunderte bis dahin noch vergehen werden. Vor Allem aber merke Dir die Wahrheit: Willſt Du je Einen durch Erkenntniß zum Glück führen, ſo mußt Du zuvor ſein Herz dem Guten und dem Edlen öffnen können; gelingt Dir Dieſes nicht, ſo laß auch Jenes ſein, denn anſtatt zum Glücke, führſt Du ihn und Andere ins Verderben! In der Gewalt des Böſen wird der Erkenntniß hellſtes Licht zu⸗Lüge und Finſterniß! Noch Vieles ſprach er mit mir über dieſen Gegenſtand, und täglich lernte ich mehr von ihm. Ich beſchloß, meine übrige Lebenszeit bei dem Weiſen zuzubringen, nachdem ich auch Dich ihm zugeführt, und da der Zeitpunkt nahete, bis zu welchem Du meiner Rückkehr warten ſollteſt, ſo machte ich mich auf den Weg, um Dich zu holen. Daß ich weder Dich noch mein Eigenthum, das Dir noch nicht gehörte, wiederfand, war die erſte Beſtätigung jener weiſen Lehren; faſt vollendete Erkenntniß war Dir durch mich zu Theil ge⸗ worden, und dennoch hatteſt Du ſchnöde Dein gegebenes Wort gebrochen, hatteſt Deinen Wohlthäter verlaſſen und beraubt. Durch dieſen Raub war ich außer Stande, zur Stelle Deinen Aufenthalt zu erforſchen, wie ich's ſonſt wohl ver⸗ 59 ꝓꝑꝑꝑꝓ ☛ᷣ mocht hätte; daher mußte ich mühſam Deine oft verloren gehende Spur verfolgen, um Dich zu finden. Zu Branden⸗ burg erhielt ich endlich durch den Prälaten, an den ich mich gewandt, ſichere Kunde von Dir und Deinem Treiben, faſt in demſelben Augenblick, wo ſie ihm ſelber zuerſt ward; und ungeſäumt begab ich mich mit ihm hierher, um gut zu machen, was Du Böſes angerichtet. Dann wollte ich, beruhigt über die Folgen meiner Unvorſichtigkeit— wenn's möglich war, mit Dir— zu jenem weiſen Manne zurückkehren, wie ich es beſchloſſen, als ich vor zwei Jahren ihn verließ. Doch lei⸗ der ſehe ich ein, daß ich zu ſpät gekommen bin— zu ſpät für Dich ſowohl, als auch für mich. Denn daß ich arglos Dir vertraute, hat Vielen Unheil und Verderben gebracht. Zwar bin ich dadurch reicher geworden an Weisheit, doch theuer muß ich dieſen Erwerb erkaufen durch die Ruhe mei⸗ ner alten Tage. Wird man auch mich nicht einſt zur Rechen⸗ ſchaft ziehen ob des Böſen, das Du gethan, indem Du die Macht, die ich Dir durch das höhere Wiſſen gab, frevelnd mißbrauchteſt? Du bateſt mich vorhin, Dein Leben zu ver⸗ längern durch jenes Elirir, deſſen Zubereitung und Wunder⸗ kraft ich ſelber Dich einſt kennen lehrte; wohlan, dieſe meine Erzählung ſollte Dir als Antwort darauf dienen. Lieber würde ich den Heiltrank in Gift verwandeln, als Dir durch ihn die Möglichkeit gewähren, noch ferner Böſes zu vollbrin⸗ gen. Doch iſt es ohnehin mit Dir zu Ende; denn ſchon iſt Dir der Tod au's Herz getreten und ſelbſt jenes Elirir ver⸗ mag Dich nicht mehr zu retten! — Nein, nein— Ihr ſprecht die Wahrheit nicht, ich ſehe es Euch anl verſetzte der Verwundete. Ihr könnt mich retten, doch Ihr wollt es nicht. Und doch kann mir kein Anderer den Heiltrank reichen; ein einziger Tropfen zu we⸗ nig, ſo bleibt er ohne Wirkung; ein Tropfen zu viel giebt mir den Tod zur Stelle. ARR; — Könnt Ihr ſein Leben noch erhalten, ſo thut es; ich erſuche Euch darum im Namen der heiligen Kirche! nahm auch der Biſchof das Wort. — Es iſt zu ſpät, Hochwürdigſter, ſonſt würde ich es dennoch thun! verſicherte der Greis. Doch was geſchehen kann, will ich nicht unterlaſſen. Er nahm ein Sacktuch, tauchte es in das Waſſer, wel⸗ ches er im Kruge vorfand, und begann die Wunde auszu⸗ waſchen, um ſie dann zu verbinden. — Ha, denkt Ihr, ich bettle nur um mein Leben? murmelte Theobald Rycke, als er das Beginnen ſeines ehe⸗ maligen Lehrers gewahrte, und indem er dieſen von ſich abzuwehren ſuchte. Auch ich— ich wollte gut machen— Doch Ihr, Ihr wollt es nicht! Es mag drum ſein— es iſt auch beſſer ſo! Ich ſterbe inmitten des Triumphes, den die Hölle, die treueſte und zuverläſſigſte Freundin meiner Rache, gewährte! — Unglücklicher, Du riefeſt die Hölle auf zu Deinem Dienſt, und ſie diente Dir nach Art der Hölle! rief der greiſe Gelehrte erſchüttert. Der Teufel iſt ein Lügner von Anfang an; indem er Dir beiſtand, betrog er Dich zu⸗ gleich! — Und doch will ich nicht ſterben! fuhr der Verwun⸗ dete fort, indem er jetzt ſeinem Arzte ſtill hielt. Ich will leben— und werde leben! Ha, wie mit dieſem Entſchluſſe neue Kräfte mich beleben; bald, bald werde ich wieder ich ſelber ſein! — Es ſtände Dir jetzt beſſer an, zu beten, anſtatt zu trotzen! mahnte der Biſchof. Mich dünkt, Du haſt es ſehr nöthig!. — Was wollt Ihr? verſetzte Theobald Rycke. Iſt's meine Schuld, daß ich nicht mehr beten kann, wie einſt? Iſt's meine Schuld, daß ich an keinen Gott mehr glaube ANERRD — nicht mehr glauben will! Gott hat mich verleugnet, und ich verleugne ihn! — Schweig, Ungluͤckſeliger! rief der Biſchof entrüſtet. In Deinen letzten Augenblicken noch frevelſt Du ſo unerhört, daß für Dich nimmer wird Gnade und Erbarmung walten können. — Nie verlangte ich Gnade und Erbarmung— nur Gerechtigkeit wollte ich und habe ſie mir ſelber verſchafft! rief der Verwundete. Doch ſorget nicht um mein Seelen⸗ heil; giebt's einen Gott, der ſo iſt, wie Ihr lehrt, ſo werde ich, bevor ein neuer Tag anbricht, ihn erkannt haben an einem Zeichen! Bis dahin werde ich noch leben— und dann— Die Schmerzen ſeiner Wunde nöthigten ihn zum Schwei⸗ gen. Schaudernd wandte ſich der Biſchof von ihm ab. Jetzt trat der alte Franziskaner⸗Mönch, der ſchon vor⸗ hin ſich mit Klara und Peter beſchäftigt hatte, zu dem ge⸗ lehrten Greis. — O Herr, wenn Eure Kunſt und Wiſſenſchaft mehr als Gewöhnliches vermag, ſo verſucht ſie an jenen Beiden! bat er, ihn zu dem Ruhebette führend, auf welchem Klara regungslos ruhte, während Peter auf dem Teppich vor dem⸗ ſelben hingeſtreckt lag. Sie ſind es Beide werth, daß Ihr Euch ihrer annehmt. — Wie— leben Sie denn noch? Ich hielt ſie ſchon für todt, als ich ſie vorhin ſah! verſetzte der Greis. Ein ſchwacher Lebensfunke iſt freilich noch in ihnen, fuhr er nach kurzer Pauſe mit traurigem Kopfſchütteln fort; doch iſt der Funke, wie geſagt, zu ſchwach, als daß Hoffnung vorhanden wäre, ihn wieder zu einer Flamme anzufachen, wie ſie er⸗ fordert wird; es wird vergebens ſein. — Ich dacht's mir faſt! ſprach der Mönch mit tiefem Schmerz. Daß die gewöhnlichen Mittel der Arzeneikunſt hier nichts mehr auszurichten vermögen, wußte ich ſchon aus meiner eigenen Erfahrung; doch ſetzte ich eine leiſe Hoffnung auf jenes Elixir, von dem vorhin geſprochen ward— — Ha, das Elixir! rief der Greis lebhaft. Es wird uns wenigſtens Gewißheit geben! Herr Prior, ſagt mir, wo iſt die Zelle des Unglücklichen, der einſt mein Schüler war? In einem Wandſchrank derſelben ſoll es ſich befinden. — Ich werde Euch führen, wenn Se. biſchöfliche Gna⸗ den es geſtatten! erwiederte dieſer zaghaft. Der Biſchof gab durch ein Zeichen ſeine Genehmigung zu erkennen und alsbald ſtieg der Prior mit Jenem die Lei⸗ ter zu der Oeffnung in der Decke hinan, von wo man in die bezeichneten Zellen gelangen konnte. 4. Schon während der Zeit, als der greiſe Pignetti davon redete, welche Abſichten er in Betreff ſeines ehemaligen Schü⸗ lers einſt hegte, hatten ſich die Mitglieder des Rathes, welche ohnehin von jener Erzählung nicht viel verſtanden, auf einen Wink ihres Oberhauptes in eine Ecke des Gemachs zurück⸗ gezogen und hier leiſe aber eifrig mit einander geſprochen. Stroband hatte ſich jedoch nicht zu ihnen geſellt; in trübes Sinnen verſenkt, ſtand er nach Rycke's, des früheren Bür⸗ germeiſters Entfernung an einem Pfeiler des Kamins, und nur hin und wieder ſtreifte ſein verdüſterter Blick über die Anweſenden. Die Aufmerkſamkeit des Biſchofs und ſeiner Geiſtlichen war zu ſehr auf die eben geſchilderten Vorgänge und die bei denſelben betheiligten Perſonen gerichtet geweſen, als daß man auf jene leiſe Unterredung beſonders geachtet hätte. Als jetzt durch die Entfernung des gelehrten Greiſes und des Priors ein Stillſchweigen unter den übrigen An⸗ 63 AAAAAAAAA;A;;ꝝE weſenden eintrat, brachen auch die Rathsherren ihre Unter⸗ redung ab und Heidicke wandte ſich zu dem Biſchof. — Verzeiht, hochwuͤrdigſter Herr, daß ich im Namen des Raths dieſer beiden Städte Euch an Euer Verſprechen demüthig erinnere, nahm er in ehrerbietigem Tone, der aber deſſenungeachtet nicht ganz frei von einem gewiſſen Trotz war, das Wort. Als wir auf Euren Ruf ungeſäumt, wie ſich's für uns geziemt, in dem Palaſte Ew. biſchöflichen Gnaden erſchienen, wurde uns von Euch das Gebot, Euch hierher zu begleiten, indem Ihr zugleich verſprachet, die Be⸗ weggründe Eures Verlangens ſowie Weiteres noch uns an Ort und Stelle kund zu thun. Gehorſam ſind wir dem Befehle nachgekommen; doch ſchon gegen eine halbe Stunde harren wir vergebens auf Eure gnädiglich verheißene Auf⸗ klärung. Bedenket, hochwürdigſter Biſchof, daß unſere ganze Zeit dem Dienſte der beiden Städte gewidmet iſt und auch von ihm reichlich in Anſpruch genommen wird, und Ihr werdet keine Verletzung der unſerm geiſtlichen Oberhirten ſchuldigen Ehrfurcht darin finden, wenn wir Euch in ge⸗ ziemender Ehrfurcht um baldige Erklärung und Abfertigung bitten. Zudem müſſen wir ſammt und ſonders Ew. biſchöf⸗ lichen Gnaden bekennen, daß wir nicht vorbereitet waren auf die Scenen, die hier ſich uns darſtellten, und daß wir daher ſobald als möglich dieſen Ort verlaſſen möchten. Dem Prälaten entging keineswegs der Hochmuth, wel⸗ chen die Worte des Sprechenden ausdrückten und der durch deſſen äußerliche Demuth nur ſchlecht verhüllt ward. Doch hatten ſich die Bürger, insbeſondere aber die Patrizier der beiden Städte, bisher dem Klerus ebenſo wenig wie dem Landesherrn unterwürfig gezeigt, als daß ihr heutiges Be⸗ nehmen unerwartet ſein konnte. In ruhigem Tone ward ihnen daher vom Biſchof Antwort. — Gewiß ſchon längſt, Ihr Herren, erwiederte er, wäre Euch die erwünſchte Aufklärung von uns geworden, AAAAAAARARR hätten nicht auch wir hier Dinge ſchauen müſſen, die wir ebenſo wenig wie Ihr an dieſem Orte zu finden vermutheten und über die wir Euer auf einige Augenblicke vergaßen. So höret denn jetzt. Als uns zu Magdeburg von dem wür⸗ digen Bruder Franziskaner, den Ihr hier anweſend ſeht, zuerſt die Kunde ward von dem geheimnißvollen und ver⸗ dächtigen Treiben jenes falſchen Prieſters, entſchloſſen wir uns, nach Erledigung der dringendſten Amtsgeſchäfte hierher zu eilen, um die uns zuſtehende Unterſuchung an Ort und Stelle zu führen. Auf dem Wege zu dieſen beiden Städten brachten wir in Erfahrung, daß vor hieſigem Gericht ein peinlicher Prozeß geführt werde gegen einen jungen Mann, und zwar wegen vermeintlich von ihm begangener Verbre⸗ chen, die augenſcheinlich in engem Zuſammenhange mit den Geheimniſſen dieſes Kloſters ſtehen mußten, wenn wir— wie es ſich jetzt gezeigt— vom Mönche recht berichtet waren. Darum nun, Ihr Herren, die Ihr verordnete Richter am Schöppenſtuhl dieſer beiden Städte ſeid, darum entboten wir Euch zu uns, daß Ihr zugegen ſein ſolltet bei unſerer Un⸗ terſuchung, und erwarten jetzt von Euch, daß Ihr Euer be⸗ reits geſprochenes Urtheil nach Alle dem, was Ihr hier ge⸗ ſehen und gehört, wiederruſen werdet, wie es Eure richter⸗ liche Ueberzeugung von Euch erheiſcht; und hoffen und er⸗ mahnen Euch kraft unſeres geiſtlichen Amtes, ſo uns aus Gottes Erbarmung und des heiligen apoſtoliſchen Stuhles Gnade geworden, daß Ihr hinfüro Euch größerer Vorſicht und Gewiſſenhaftigkeit befleißiget in Eurem Richteramte und täglich und ſtündlich den Herrn anrufet, daß er Euch höhere Einſicht verleihen und Ihr künftig recht richtet, wie es Gott gefällig iſt und die, ſo unter Euer Gericht gegeben ſind, von Euch erhoffen. Dazu möge Euch der Allgütige und Allwiſſende Kraft und Stärke geben, wie wir Euch unſern geiſtlichen und beſten Segen dazu ertheilen. Amen! Jetzt, Ihr Herren, mögt Ihr gehen und Eure Schuldigkeit thun! 65 AANARN Heydicke ſchaute während dieſer Ermahnung und Straf⸗ predigt zu ſeinen Genoſſen mit einem Blick hinüber, als wollte er ihnen ſagen: Gelt, wir hatten Recht, als wir ahnten, wo's hinaus ſollte!— Als aber der Prälat zu Ende war mit ſeiner Rede, nahm er wieder, zu dieſem gewandt, das Wort. — Wir Alle, hochwürdigſter Biſchof, ſind von Eurer hohen Einſicht und Erleuchtung überzeugt in allen Dingen, welche die Angelegenheiten der heiligen Kirche betreffen, und ordnen uns in dieſer Hinſicht ſtets Euren Befehlen willig und gehorſam unter, wie ſich's für uns als gute Söhne der Kirche geziemt. Etwas Anderes aber iſt es mit den Ange⸗ legenheiten, die unſer Amt als Rathsherren und Richter be⸗ treffen. Hierin haben wir uns durch ſchwere Opfer gänz⸗ liche Freiheit von jeder geiſtlichen wie weltlichen Autorität errungen, und wir ſind wahrlich nicht gemeint, dieſe unſere Freiheit auch nur um eines Haares Breite ſchmälern zu laſſen, ſelbſt nicht von unſerm hochwürdigſten Biſchof, dem wir ſonſt in kirchlichen Dingen, wie ich ſchon ſagte, freudig und gern Gehorſam leiſten. Was nun das Uttheil betrifft, dem Ihr— wie mich dünkt— den ſchweren Vorwurf der Ungerechtigkeit macht, ſo iſt daſſelbe nach unſerm beſten Wiſ⸗ ſen und Gewiſſen geſprochen und wird in Kraft bleiben, da unſere Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten jetzt noch dieſelbe iſt, wie bei der Abfaſſung des Spruches. Für den uns ertheilten geiſtlichen Segen aber mögt Ihr, hochwürdigſter Prälat, unſern demüthigſten Dank huldvoll entgegen nehmen. — Wiel rief der Biſchof, erſtaunt und entrüſtet zu⸗ gleich und ſein geiſtliches Gefolge ſtimmte ihm bei, wie, die Schuld des Angeklagten ſoll jetzt noch dieſelbe ſein, trotz Al⸗ lem, was wir hier erfahren?! Sprecht, Herr Bürgermeiſter, wie mögt Ihr dies verantworten? Die ſchwarzen Brüder. IV. 5 66 A;; — Ich ſowohl, wie auch meine Genoſſen werden dies verantworten, hochwürdigſter Herr! erwiederte Heydicke, und diesmal ſprach er im Tone der Ueberzeugung. Und unſere Gründe wollen wir Ew. biſchöflichen Gnaden nicht vorent⸗ halten. Zum Erſten iſt anzuführen, daß der Angeklagte ſeine Schuld ſo gut wie eingeſtanden hat. Dann wird deſſen todt⸗ geglaubter Diener an einem Orte gefunden, an den er wahr⸗ lich nicht freiwillig ſich begeben hat— an einem Orte, wo des Angeklagten leiblicher Vater, wie es heißt, ſein unheim⸗ lich Weſen trieb. Auch finden wir hier den Leichnam eines Mädchens, das wir Alle mit tiefem Bedauern vor zwei Monden in das Grabgewölbe verſenken ſahen und deſſen Tod vielleicht auch, wie Ihr ſelber vorhin ſagtet, in engem Zuſammenhange mit jenen Verbrechen ſtehen mag; doch den Schleier dieſes Geheimniſſes zu lüften, ſteht uns nicht zu, denn dieſes Kloſter ſteht unter der Gerichtsbarkeit Ew. biſchöf⸗ lichen Gnaden. Zum Dritten aber iſt noch zu bedenken, daß die etwaige Unſchuld des Angeklagten an dem Tode ſeines Dieners ihn keineswegs von der ſchweren Anklage entbin⸗ det, einen meuchleriſchen Mordanfall auf den Vater des hier vor uns liegenden jungen Mannes ausgeführt zu haben; alle Anzeichen, auch das unverwerfliche Zeugniß des Ange⸗ fallenen, ſprechen für ſeine Thäterſchaft, der er auch nicht einen Beweis ſeiner Unſchuld entgegenzuſetzen hat. Nach brandenburgiſchem und ſächſiſchem Rechte, das uns zur Richt⸗ ſchnur dient, iſt aber ſchon auf das letztere Verbrechen allein die Todesſtrafe geſetzt; demnach würde alſo unſer Urtheils⸗ ſpruch zu Recht beſtehen und vollzogen werden müſſen, ſelbſt wenn der Angeklagte an allem Andern wirklich ſchuldlos ſein ſollte, wie Ihr, Hochwürdigſter, anzunehmen ſcheint. Hieraus aber wird Jedermann erkennen, daß ich und meine werthen Genoſſen die Behauptung wohl vor Gott, den Men⸗ ſchen und unſerem Gewiſſen verantworten können, welche ich vorhin ausgeſprochen: daß unſere Ueberzeugung von der 67 AnAAAA; Schuld des Angeklagten bisher durch Nichts wankend ge⸗ macht werden konnte! — Mich dünkt, als ob Ihr mit größerer Eile in dem Prozeſſe verfährt, als bei der Wichtigkeit, die ein Menſchen⸗ leben hat, gut iſt! entgegnete der Biſchof. Bedenkt, Ihr Herren, daß des jungen Mannes früherer tadelfreier Lebens⸗ wandel in grellem Widerſpruch mit dem ihm zur Laſt ge⸗ legten Verbrechen ſteht, wie mir Alle bezeugten, die ich be⸗ fragte über den obſchwebenden Prozeß, der um ſo mehr mei⸗ nen wärmſten Antheil hervorgerufen hat, als ſelbſt Seine Kurfürſtliche Gnaden, Euer Landesherr und mein würdigſter Sohn im Geiſte, meine prieſterliche Vermittelung und Ein⸗ wirkung in dieſer Sache erbeten hat;— ſicher würde ein ſo ritterlicher, frommer und gerechter Fürſt ſo außerordentliche Fürſprache keinem Unwürdigen angedeihen laſſen. Dann, Ihr Herren, mögt Ihr auch nicht außer Acht laſſen, daß die Stimme des Volkes, nachdem die erſte Aufregung über die vermeintlichen Verbrechen des Angeklagten vorüber iſt, dieſen jetzt laut für unſchuldig erklärt; und mögt Euch dabei an den alten Spruch erinnern: Des Volkes Stimme iſt Gottes Stimme! — Verzeiht, hochwürdigſter Biſchof, daß ich Eure ſal⸗ bungsreiche Rede unterbreche! fiel Heydicke ein. Es geſchieht aber nur in der gewiß löblichen Abſicht, das gute Einver⸗ nehmen zwiſchen den beiden Städten und ihrem geiſtlichen Oberhirten nicht um nutzloſen Wortſtreites willen, der in ſeiner Fortſetzung zu ernſtlichen Zwiſtigkeiten führen könnte, zu ſtören. Doch bevor ich mich mit meinen Genoſſen von Euer biſchöflichen Gnaden verabſchiede, iſt es wohl meine Pflicht als zeitiges Oberhaupt des Rathes, die gewiß wohl⸗ gemeinten aber unverdienten Vorwürfe, die wir eben zu un⸗ ſerer größten Betrübniß vernahmen, kurz und bündig zu widerlegen. Daß wir den Werth eines Menſchenlebens wohl zu würdigen wiſſen, geht eben aus der gerechten Strenge 5 E;R;R;E;; hervor, mit der wir diejenigen verfolgen, welche ſich der Tödtung eines Menſchen ſchuldig machten. Der bisherige Lebenswandel des Verurtheilten kann nur in geringen Be⸗ tracht kommen bei uns, die wir durch längere Ausübung des Richteramtes die immer mehr um ſich greifende Heuchelei und Verſtocktheit der Menſchen an jedem Gerichtstage mit immer größerem Entſetzen wahrzunehmen die traurige Ge⸗ legenheit haben. Das Fürwort des Kurfürſten, deſſen Ab⸗ ſichten und Plänen der Verurtheilte vielleicht manchen Vor⸗ ſchub zu leiſten verſprochen, kann und wird uns in gewiſſen⸗ hafter Ausübung der Gerechtigkeitspflege ebenſo wenig be⸗ irren, als die Meinung des blinden Haufens, der heute ſo und morgen anders denkt. Mit einem Worte: Der Rath von Berlin und Kölln wird ſeine Unabhängigkeit zu wahren wiſſen ſonder Furcht und Wanken gegen jegliche unbefugte Zumuthung, komme ſie von welcher Seite es immer ſei; we⸗ der ein gnädiges Lächeln der Vornehmen, noch das Murren des Pöbels wird ihn davon zurückhalten. Dies, Hochwür⸗ digſter, iſt unſer letztes Wort— — Es iſt es nicht! nahm Stroband, jetzt herzutretend, das Wort. Nach Allem, was wir hier geſehen und gehört, läßt ſich's nicht leugnen, daß die Sachen etwas anders ſtehen, als am heutigen Morgen. Die Gerechtigkeit erheiſcht von uns, daß wir noch einmal unterſuchen, wie weit des Ange⸗ klagten Schuld ſich erſtreckt, und wäre es auch nur, damit dieſer nicht im Verdacht größerer Verbrechen ſtirbt, als er wirklich begangen hat. Da nun der hochwürdigſte Prä⸗ lat— wenn ich ihn anders recht verſtand— eben nur eine nochmalige Unterſuchung wunſcht, ſo ſtimme ich ihm um ſo lieber bei, als ich auch jetzt wieder in dem Verlangen kei⸗ nerlei Verletzung oder Beeinträchtigung unſerer Gerechtſame zu erblicken vermag, da uns ja in jedem Falle der Urtheils⸗ ſpruch überlaſſen bleibt. Damit nun aber die Vollziehung des Urtheils, falls es daſſelbe bleibt, keinen Aufſchub erlei⸗ ANA;;E det— denn ſolches wäre gegen Recht und Herkommen— ſo iſt es meine Meinung, daß wir nach zwei oder drei Stunden uns wieder zu Gericht verſammeln, nachdem wir Seine biſchöfliche Gnaden geziemend gebeten, uns Alles mit⸗ theilen zu laſſen, was auf die Anweſenheit des Dieners Pe⸗ ter Reinhold an dieſem Orte Bezug hat, und worauf es in dem Prozeſſe insbeſondere ankommt. Die beſte Auskunft würde uns freilich Jener dort ertheilen können— er deutete dabei auf Theobald Rycke— doch da er des Angeklagten leiblicher Vater ſein ſoll, ſo dürfen wir leider ſein Zeugniß nicht annehmen. Ich denke, Ihr Herren, Ihr werdet dieſen meinen Vorſchlag nicht zurückweiſen. — Mit Freuden erkenne ich in Euch einen biedern und gerechten Mann, Herr Stadthauptmann! ſprach der Biſchof, Strobands Hand mit Wärme drückend. Und Ihr habt Recht; nichts weiter wünſchte ich vom Rathe, als was Ihr ſelber eben ſagtet, weil ich hoffe, daß ſo die Wahrheit an den Tag kommen wird. Stellt ſich's dann doch heraus, daß der junge Mann ſich todeswürdigen Verbrechens ſchuldig machte, ſo werde ich kein Wörtlein mehr zu ſeinen Gunſten fallen laſſen wider Euch! — Auch ich verlange im Namen Gottes und der Ge⸗ rechtigkeit von Euch gehört zu werden in dieſer Sache! miſchte ſich jetzt auch der alte Franziskaner in die Reden der An⸗ dern. Ich habe gar wichtiges Zeugniß abzulegen, das hof⸗ fentlich etwas Licht in das Gewirre dieſes Prozeſſes bringen wird. Begreife übrigens gar nicht, wie ſolche Confuſion entſtehen konnte. — Ihr wißt, daß ich mich immer gern Eurer Meinung anſchließe, Herr Stadthauptmann, nahm Heydicke das Wort, ohne auf die Bemerkung des Mönches zu achten; noch am heutigen Vormittag bewies ich dies. Aber ich muß beken⸗ nen, daß ich inzwiſchen der Anſicht geworden bin, welche von der Mehrzahl unſerer Genoſſen bisher gehegt ward; AAᷓANARERNWD denn zu augenſcheinlich— doch, man wird mich ſchon ver⸗ ſtehen. Im Uebrigen jedoch bin ich meines Theils nicht allzu ſehr abgeneigt, Euch auch diesmal zu willfahren, vorausge⸗ ſetzt, daß auch die andern Herren gleichermaßen bereitwillig ſind. Er wandte ſich mit fragenden Blicken zu den Raths⸗ herren und dieſe, gern oder ungern, gaben ſchweigend ihre Zuſtimmung durch Kopfnicken zu erkennen, als ſie an Stro⸗ bands Haltung und entſchloſſener Miene ſahen, daß des würdigen Greiſes ſtarre Rechtlichkeit ihn nicht zum Nach⸗ geben geneigt machen werde. — So ſei es, begann Heydicke wieder. Laßt uns denn nach Hauſe eilen, da wir Alle wohl der Erholung und Stärkung bedürftig ſind, um uns alsdann mit dem Glocken⸗ ſchlage der fünften Stunde wieder auf dem Rathhauſe ein⸗ zufinden. Wir geben nach, nicht weil wir müſſen, ſondern um abermals zu zeigen, daß unſer Urtheilsſpruch gerecht iſt trotz aller Anfechtung. Der vereinigte Rath von Berlin und Kölln wird ſein Recht mit ſtarkem Arm zu ſchützen wiſſen! Kommt denn, werthe Herren; der hochwürdigſte Prälat wird uns erlauben, ihm noch einmal in ſeinem Palaſt unſere Ehr⸗ furcht zu bezeigen. Mit tiefer Demuth, aus der nichts deſtoweniger hoch⸗ fahrender Stolz blickte, grüßte er den Biſchof und deſſen Ge⸗ folge und ſchritt mit den übrigen Rathsherren dem Gange zu, durch welchen ſie vorhin gekommen waren. Diejenigen von den Bewaffneten und Fackelträgern, die im Solde des Rathes ſtanden, folgten. In der geſprengten Thür aber vertrat ihnen der alte Franziskaner den Weg. — Ein Wort noch, Ihr Herren! rief er ihnen zu. Um der Menſchlichkeit willen beſchwöre ich Euch, zu verhindern, daß der Angeklagte etwas erfahre von Dem, was wir hier geſehen! Es iſt leider faſt gewiß, daß das arme Mädel, ——————— X△ 71 AAAAAANNNNRR ſeine heißgeliebte Braut, nicht eher aufftehen wird, als am jungſten Tage; erfährt er's nun, daß ſie noch am Leben war, ſo hat er den ganzen gewaltigen Schmerz ob ihres Todes noch einmal zu tragen und ſchwerlich würde er diesmal ihm gewachſen ſein. — Des Henkers Hand würde dieſem neuen Schmerz, den Ihr ſo rührend ſchildert, bald ein Ende machen! ſpottete Heydicke. Im Uebrigen aber glaube ich gern, frommer Pa⸗ ter, daß Euch viel daran gelegen iſt, derlei Kloſtergeſchichten mit dem Mantel chriſtlicher Liebe vor den Augen der böſen Welt zu bedecken. — Euer Wunſch iſt billig und gut, frommer Bruder, verſetzte Stroband. Verlaßt Euch wegen ſeiner Erfüllung auf mein Wort. Hört Ihr's, Ihr Herren— ich habe mein Wort dem Mönch verpfändet! ſagte er dann in nachdrück⸗ lichem Tone zu ſeinen Amtsgenoſſen. In finſterem Schweigen ſchritten die Rathsherren den Gang entlang und hüllten ſich fröſtelnd in ihre Mäntel, als ſie durch das Grabgewölbe gingen. Auch Stroband ſprach weiter kein Wort. An der Pforte der Mauer, welche die Kirche des Kloſters mit dem Friedhofe umſchloß, trat ein Mann an Stroband heran und übergab ihm ein Schreiben. — Leſ't ſogleich, geſtrenger Herr, ſagte er dabei. Der es mir gab, ſchärfte mir die größte Eile ein und ich habe ſchon viel Zeit verſäumt mit dem Hin⸗ und Herlaufen; denn vom Rathhauſe, wo ich Euch zuerſt ſuchte, ſchickte man mich nach Eurem Hauſe, von da nach dem biſchöflichen Palaſt und von da endlich hierher, wo ich auch ſchon eine gute Weile warte, da man mich weder einlaſſen noch Euch rufen wollte. Inzwiſchen hatte Stroband das Schreiben erbrochen und geleſen. Jetzt rief er zwei Stadtſöldner zu ſich und eilte mit dieſen und dem Fremden ſchnellen Schrittes die Brüderſtraße hinunter, während die andern Rathsherren uüͤber den wuͤſten Platz der Langen Bruͤcke zu gingen. — Eure Zunge war heute ſchärfer, als ich je wahr⸗ genommen, lieber Freund, wandte ſich der reiche Thomas Wyns im Gehen zu Heydicke. In früheren Zeiten, als wir noch nicht frei waren vom geiſtlichen Gericht, hättet Ihr Solches nicht wagen dürfen, ohne daß unſere Seckel eine erkleckliche Erleichterung verſpürt hätten. — Möchte man nicht raſend werden, wenn man ſo etwas wahrnehmen muß! entgegnete Heydicke. Da haben wir uns erſt in die Hände des eigenſinnigen Graukopfes, des Stroband, gegeben, um die alten Geſchichten mit dem Rycke— den ich in den tiefſten Abgrund verwünſche— zu unterdrücken; und zwar nur darum, damit die Aufſeher nicht neues Waſſer auf ihre Mühlen bekommen und die Bürger nicht wieder Stoff haben ſollten, auf uns zu ſchmähen;— und nun muß noch viel Aergeres an den Tag kommen, was bald durch die Klatſchmäuler von Stadtſöldnern ausgeträtſcht ſein wird! Und gerade jetzt muß es ſo kommen, wo der Prozeß gegen den Baſtard— der nun freilich keiner mehr ſein ſoll— die Läſterzungen ohnehin genug gegen uns in Bewegung ſetzt. Gebt Acht, Herr Wyns, ob die Geſchichte nicht auf einen Streich gegen uns auslaufen ſollte! Faſt möchte ich darauf ſchwören, daß der Ottokar dem Spiele nicht ganz fremd iſt. Bedenkt nur, daß er ſich ſtets als Feind der hohenzollernſchen Uebergriffe gezeigt hat; jetzt giebt ſich der Kurfuͤrſt alle Mühe, ihn vom Kerker zu erretten, und die Pfaffen ſuchen uns die Hölle heiß zu machen und eifern gegen uns, als wären wir der Antichriſt! Wo die Falle, ſo man uns geſtellt, eigentlich verborgen liegt, weiß ich jetzt noch nicht; aber es wird mir ſchon gelingen, ſie zu entdecken— und dann wehe Allen, die auf faulem Pferde getroffen werden! Sind wir nur erſt des mürriſchen Stadt⸗ hauptmanns ledig, der ſein Amt niederzulegen gedenkt, ſo —— ꝑ——— ——— ⏑———— — +ꝗʒ x8⁸— NRRSTS u wollen wir anders, als bisher, mit unſeren Feinden um⸗ ſpringen! Seht, ich hegte keinen Haß gegen den vormaligen Syndikus und hätte ſogar lieber geſehen, wenn wir den Pro⸗ zeß zu unterdrücken vermochten oder er ſich vom Verdacht gereinigt hätte; jetzt aber, wo ich ſolchen Argwohn auf ihn werfen muß, jetzt kann ich die Stunde kaum erwarten, in der ſein ſchuldig Haupt fällt! Und fallen wird es, denn den Mordanfall gegen den Bruder ſeines Pflegvaters wird der Angeklagte nimmer ableugnen können. Die Ausſagen der Stadtſöldner, das Blut vor ſeiner Thür und an ſeinen Kleidern, ſein verſtörtes Weſen und endlich der von ihm Angefallene ſelber, das Alles iſt ein unwiderlegbares Zeug⸗ niß ſeiner Thäterſchaft, dem er nichts entgegen zu ſetzen ver⸗ mag. Hofft er aber auf die Hülfe ſeiner Freunde und Ge⸗ noſſen, ſo wird er bald ſeines Irrthums mit Schrecken inne werden; denn ich werde ſolche Vorkehrungen zu treffen wiſ⸗ ſen, daß ſie einen derartigen Verſuch wohl bleiben laſſen ſollen! Es iſt an der Zeit, darzulegen, daß wir uns weder vor dem Kurfürſten, noch vor unſern ſonſtigen Feinden, noch vor dem aufgehetzten Pöbel fürchten; und die Gelegenheit bietet ſich uns heute dar. Zudem iſt Recht und Gerechtig⸗ keit auf unſerer Seite— wer wollte uns etwas anhaben? Laßt uns nur einig ſein unter einander, ſo können wir jeder⸗ zeit unſern Feinden die Spitze bieten! Dies und Mehreres noch ſprach unterwegs der Gereizte zu ſeinen Freunden, den ihn begleitenden Rathsherren und die meiſten derſelben gaben ihrem zeitigen Oberhaupte voll⸗ kommen Recht. Nach längerem Suchen erſt fand der greiſe Pignetti das Elirir und kehrte damit in das Gewölbe zurück, als die Rathsherren daſſelbe eben verlaſſen hatten. Vorſichtig flößte er nun Klara und Peter davon ein. Erwartungs⸗ voll harrte der Biſchof und ſeine geiſtliche Begleitung des Erfolges. Minute auf Minute verging, ohne daß ſich eine Wir⸗ kung des Trankes wahrnehmen ließ; endlich aber hob ein leiſer Seufzer Peters Bruſt; ſeine Pulſe bekamen Leben. — Dieſen zu retten, wird mir gelingen! ſagte jetzt der Greis. Doch dem holden Mägdlein wird meine Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt nicht mehr helfen. Mit tiefer Betrübniß vernahmen die Umſtehenden den letzteren Ausſpruch. Da Niemand von ihnen Ottokars Un⸗ ſchuld und demgemäß ſeine Freilaſſung bezweifelte, ſo beklagte Jeder das harte Geſchick und den frühen Tod der lieblichen Jungfrau, deren kindlich reines Gemüth noch jetzt aus ihren bleichen Zügen ſprach. Noch einmal nahm der Greis mit zitternder Hand die Phiole, welche das Elirir enthielt. — Betet, Ihr Prieſter, betet, daß Gott den letzten, kühnen Verſuch mit ſeinem Segen begleite! ſprach er zu den Anweſenden. Der enge Raum eines einzigen Tröpfleins von dieſem Tranke umſchließt des Mädchens Leben— oder ihren Tod; der Wirfel iſt gefallen, ſobald der Tropfen des Mäd⸗ chens Lippen benetzt! Ich muß es wagen, ſei's zum Leben oder zum Tode— Ihr aber betet! Alle Anweſenden, außer ſeinem ehemaligen Schüler, folgten dieſer Aufforderung. Theobald Rycke— auf den Niemand achtete, weil er todesmatt vor dem Betaltar nie⸗ dergeſunken war— verfolgte mit dem brennenden Blicke ſei⸗ ner Augen jede Bewegung des Greiſes. Dieſer führte die Phiole behutſam zu Klara's bleichen, halbgeöffneten Lippen; noch aber war der Tropfen, der am Rande des Glaſes hing, nicht herniedergefallen, als Theo⸗ bald Rycke mit wildem Ungeſtüm den Kreis der Betenden durchbrochen und der zitternden Hand des Greiſes die Phiole entwunden hatte. Mit etlichen Tropfen des Elixirs benetzte ANAN er einen ſeiner Finger, führte ihn an ſeinen Mund und ſchleuderte im ſelben Augenblicke das Glas in die Kohlen⸗ gluth des Kamins, wo es zerſprang, während ſein flüſſiger Inhalt ziſchend ſich in röthlichen Dampf auflöſte. Schnell und unerwartet, wie ein Raubthier ſich auf ſeine Beute ſtürzt, hatte Theobald Rycke ſeine Abſicht vollführt und nahm mit einem flüchtigen Lächeln auf den Lippen bereits wieder ſeinen vorigen Platz ein, bevor die Mehrzahl der Anweſen⸗ den das Geſchehene begreifen konnte. — O Theobaldo, was haſt Du gethan! ſprach der greiſe Pignetti tief bekimmert. Warum willſt Du, daß dies Mägdlein ſterbe; warum verhinderſt Du, daß ich gut mache, was Du Böſes gewirkt? Undankbarer, wie lohnſt Du mein väterlich Wohlwollen! — Man binde den verruchten Böſewicht und bewache ihn ſcharf, daß er nicht ferneres Unheil anrichtet durch ſeine teufliſche Frevelluſt! befahl der Biſchof den Bewaffneten, welche einen Theil ſeines Gefolges bildeten. Ruhig, ohne daß ſich die geringſte Veränderung in ſei⸗ nen bleichen, marmorkalten Geſichtszügen zeigte, ließ Theo⸗ bald Rycke den Befehl des Prälaten an ſich vollſtrecken und blieb bei den Kundgebungen des Abſcheus, welchen ſeine That den Anweſenden einflößte, ebenſo gleichgültig, wie er es vorhin bei dem Streite der Rathsherren mit dem Biſchofe geweſen. — Iſt es nicht möglich, das Elirir ſchnell wieder her⸗ zuſtellen, gelehrter Herr? fragte der Franziskaner⸗Mönch. Gewiß finden wir in der Zelle jenes Frevlers die nöthigen Apparate; bei der Zubereitung aber kann ich Euch zur Hand gehen, denn ich bin nicht ganz unbekannt in dieſer Kunſt. Der Greis ſchüttelte traurig das Haupt. — Ein Jahr und mehr gehört dazu, bevor das Arca⸗ num die erforderlichen Kräfte und Eigenſchaften gewinnt! ſeufzte er. Wir müſſen die Hoffnung für das arme Mägd⸗ 76 AAAAAA;E; lein aufgeben und uns zu tröſten verſuchen mit dem Gedan⸗ ken, daß meine Abſicht doch immerhin ein Wagniß war, welches zwar Rettung, aber auch augenblicklichen Tod her⸗ beiführen konnte! Theobald Rycke ſprach einige Worte in einer fremden Sprache, die außer ſeinem Lehrer Niemand weiter verſtand. Zweifelnd ſah ihn der Greis einige Augenblicke an; dann machte er eine verneinende Bewegung. — Ich kann Dir nicht mehr trauen, Theobaldo! ſagte er dabei. Aber es bleibt mir ja nichts weiter übrig, ſetzte er gleich darauf mit trübem Lächeln hinzu; ich muß das arme Kind ja ſeinem Schickſale überlaſſen! Wieder ſprach Jener etliche Worte in der fremden Sprache, aber in ſo unverkennbar gleichgültigem Tone, daß Alle, die ihn nicht verſtanden, daraus entnahmen, daß es ſich nur um eine ganz geringfügige Sache handle. Der ge⸗ lehrte Meiſter aber beugte ſein Antlitz hernieder auf das des regungsloſen Mädchens. Es verging wohl eine Mi⸗ nute, bevor er ſich wieder erhob. — Du haſt Recht, Theobaldo, wandte er ſich zu die⸗ ſem. Aber dennoch begreife ich Dich nicht! — Werdet Ihr meines Rufs gewärtig ſein? fragte Theobald Rycke. — Gewiß werde ich's ſein! verſicherte der Greis. Dann ſich zum Biſchof wendend, ſprach er weiter: — Mein ehemaliger Schüler ſcheint etwas auf dem Herzen zu haben, das er mir nach einer gewiſſen Zeit ver⸗ trauen will. Zwar kenne ich den Grund dieſes Eigenſinns nicht, den ich vergebens zu bekämpfen verſuche; doch glaube ich, daß es gut ſein wird, wenn ich ſein Geheimniß erfahre. Darum wollte ich Euch, hochwürdigſter Herr, um die Er⸗ laubniß angehen, Euren Gefangenen ſprechen zu dürfen, ſobald er mich rufen läßt. — Gern gewähre ich's Euch! erwiederte der Biſchof. 77 ‧ꝓ Obgleich es meine Abſicht war, den Frevler gegen Gott und die heilige Religion mit mir hinüberzuführen gen Branden⸗ burg, um dort Gericht über ihn zu halten, ſo willige ich doch jetzt darin, daß er einſtweilen hier in dieſem Kloſter gefangen gehalten werde, bis Ihr Euren Zweck erreicht habt. Sollte er aber ungebührlich lange zögern mit ſeinem Ge⸗ ſtändniß gegen Euch, ſo meldet es mir; in Brandenburg werden ſich dann ſchon Mittel finden, ihn zum Sprechen zu bewegen. — Sorgt nicht, Herr Biſchof, ſagte der Greis; wenn er in dieſem Leben mir noch etwas anvertrauen will, ſo muß er's ſchon bald thun, denn ſeine Stunden ſind gezählt. Ihn aber nach Brandenburg zu ſchaffen, iſt ohnehin un⸗ möglich, wenn Ihr anders ihn lebend dort haben wollt. Ueber die Züge desjenigen, dem dieſe Worte gleichſam das Todesurtheil ſprachen, flog ein faſt unmerkliches Lächeln; doch im nächſten Augenblicke ſchon nahmen ſie wieder den Ausdruck ſtarrer Unempfindlichkeit an. Inzwiſchen hatte ſich bei Peter die Wirkung des Elixirs von Minute zu Minute bemerkbarer gemacht, immer hör⸗ barer wurden ſeine Athemzüge, fühlbarer das Klopfen ſeiner Pulſe. Er lag auf dem Teppich vor dem Ruhebette. Der alte Franziskaner knieete ihm zur Seite und beobachtete ſei⸗ nen Pulsſchlag; ein anderer Mönch aus dem Gefolge des Prälaten erhielt den Oberkörper des Bewußtloſen in beque⸗ mer, etwas emporgerichteter Lage. Jetzt durchflog ein leiſer Schauer Peters Körper. Bald darauf öffnete er ſeine Augen, doch wie geblendet vom grel⸗ len Lichte der brennenden Fackeln, ſchloß er ſie ſogleich wie⸗ der; ein tiefer Seufzer drang aus ſeiner Bruſt. Nach wenigen Sekunden ſchlug er abermals die Augen auf und ſchaute mit wirrem Blicke um ſich. Allmälig aber, wie ſein Bewußtſein zurückkehrte, wurden auch ſeine Blicke feſter und klarer. Eine Zeit lang betrachtete er mit ſichtlichem Staunen die geiſtlichen Gewänder der Anweſenden; als aber ſeine Blicke auf Theobald Rycke fielen und er ſeinen Feind ge⸗ feſſelt und von Bewaffneten bewacht ſah, da nickte er mit dem Kopfe. — Ja, ja, der alte Herrgott lebt noch immer! ſprach er dabei. Hab's gleich geſagt, daß er ſchon kommen wird, wenn's an der Zeit iſt! — Freilich lebt er noch und wird immer leben! ver⸗ ſetzte der Franziskaner. Wär's nicht ſo, und wäre der Herr⸗ gott nicht die Liebe und Güte ſelber, ſo müßteſt Du jetzt oder doch bald Deinen Fürwitz im Fegfeuer bereuen. Habe ich Dir nicht ausdrücklich befohlen, nur zu forſchen und zu beobachten, aber verboten, irgend etwas zu thun, bevor ich wieder da wäre? — Ach, Ihr ſeid's, Herr Pater! ſagte Peter. Glaubt mir's, ich bin Euch gehorſam geweſen, ſo lange es anging; aber hättet Ihr gehört, was ich hören mußte: Ihr hättet gethan, wie ich, und wenn's Euch der liebe Gott ſelber ver⸗ boten hätte! Es wäre jetzt auch ſchon Alles gut, wenn nicht der Höllenhund da mit einem Dinge, das einer Donner⸗ büchſe ähnlich, nur viel kleiner iſt, mir etwas zu viel Blut abgezapft hätte. Doch wenn ich auch die Arme nicht ret⸗ tete, ſo habe ich ſie doch beſchützt, bis— bis— — Ja, ja, wir wiſſen's ſchon! entgegnete der Mönch. Schweige jetzt nur ſtill, damit die Bemühung des gelehrten Herrn, der Dich noch einmal dem verdienten Tode entriſſen, nicht vergebens war. — Schweigen— das iſt Eure Arzenei, Herr Pater! ſagte Peter lächelnd. Will ſie gern hinnehmen; ſagt mir nur, wie es mit der Jungfer Klara ſteht und wie es mei⸗ nem guten Herrn ergeht und Jungfer Lisbeth, und was die Lieſel und Meiſter Trennert macht, die Ihr doch wohl ſchon getröſtet haben werdet? AAA — Wirſt es hören, wenn's an der Zeit iſt, erwiederte der Mönch. Jetzt in Gegenwart Sr. biſchöflichen Gnaden von Brandenburg und vieler anderen hochwürdigen Herren ſchickt ſich's nicht, daß wir mitſammen ſchwatzen. Faſſe Dich nur in Geduld, denn ſieh, der weiſe Meiſter in der edlen Arzneikunſt will nach Deiner Wunde ſehen. Während dies geſchah und die Wunde nochmals ordent⸗ lich gereinigt und verbunden ward, verſank Peter auf's Neue in Bewußtloſigkeit, was der Heilkundige aber nicht als ein übles Zeichen deutete, ſondern im Gegentheil Peters baldige Geneſung mit Beſtimmtheit verhieß. — Gott wird Euch die Mühe lohnen, Herr! ſagte der Mönch zu dem Greis, als er den Ohnmächtigen ſanft auf den Teppich niederließ. Ihr rettet den wackerſten Burſchen, das treueſte Herz von der Welt! Während Pignetti ſich wieder mit Klara beſchäftigte, nahm der Biſchof das Wort. — Da nun an dieſem Orte nichts mehr zu thun übrig bleibt, ſagte er, ſo mögt Ihr, Herr Prior, jetzt die Mönche dieſes Kloſters in der Kirche verſammeln, damit ſie ſich ein neues Oberhaupt erwählen und wir ſie zur Obedienz gegen daſſelbe verpflichten; Ihr ſelber ſeid zu ſchwach, um ferner dieſer Würde vorſtehen zu können, und werdet mir nach Bran⸗ denburg folgen. Geht jetzt und ruft die Brüder zuſammen. Demüthig küßte der alſo ſeiner Würde entſetzte Prior die Hand ſeines geiſtlichen Oberherrn und ging alsdann, um deſſen Befehle gehorſam zu erfüllen. — Ihr, Herr Pater, wandte ſich der Prälat zu dem Franziskaner, Ihr mögt jetzt Eurem Guardian bezeugen, wie ungerecht ſein Vorurtheil war, als er meinte, daß wir nicht ſtrenge Unterſuchung und Gericht halten würden, weil wir außer unſerer biſchöflichen Würde noch Mitglied und oberer Vorſteher des Ordens ſind, dem dieſes Kloſter ange⸗ hört und der mit dem des heiligen Franziskus in Zwiſt ge⸗ ANNNNS rathen iſt. Hätte er Euch, ſtatt Euch erſt die vergebliche Reiſe nach Prag machen zu laſſen, alſogleich zu uns geſandt, ſo wäͤre vielleicht Vieles nicht geſchehen, was uns jetzt mit Betrübniß erfüllt. — Gewiß, hochwürdigſter Herr, mein Guardian ſetzte nicht den geringſten Zweifel in Euch! erwiederte der Mönch beſcheiden. Nur hielt er ſich für zu gering, um mit Ew. beſchöflichen Gnaden anders, als durch unſern hochwürdig⸗ ſten Ordensoberſten verkehren zu können. Als ich unterwegs vernahm, daß der Prälat nicht anweſend ſei an ſeinem bi⸗ ſchöflichen Sitze zu Prag, da mußte ich's freilich wagen. — Wir haben in Euch einen würdigen Diener der Kirche erkannt, ſprach der Biſchof freundlich. Seid gewiß, wir werden nie des Dienſtes vergeſſen, den Ihr jener und uns durch Euren Eifer, den Betrug außzudecken, erwieſen habt. In kurzer Friſt werdet Ihr von uns hören. Er reichte dem Mönche wohlwollend die Hand, welche dieſer ehrerbietig küßte, und wandte ſich dann zu dem grei⸗ ſen Pignetti. — Wir werden uns hoffentlich noch einmal wieder⸗ ſehen, bevor Ihr nach Welſchland zurückkehrt, gelehrter Herr, ſprach er zu ihm; zu Brandenburg ſeid Ihr willkommen. Doch bedürft Ihr irgendwie noch eines Dienſtes oder einer Hülfe bei Eurem frommen Werke, ſo ſagt es und Euer Ver⸗ langen ſoll erfüllt werden. Daß Ihr über die Räume und Bewohner dieſes Kloſters— ſo weit es thunlich— verfü⸗ gen dürft, wißt Ihr bereits. — Nichts, Herr Biſchof, bedarf ich, als Eures Segens und Eures Gebetes! erwiederte der Greis. Bittet bei Gott für mich, daß er mich des Guten möglichſt viel vollbringen laſſe, damit ich mein müdes Haupt ohne harte Vorwürfe ob meiner Unvorſichtigkeit zur Ruhe legen darf. — Es wird geſchehen; verlaßt Euch darauf! verſprach der Prälat. Doch wär's mir lieb, könntet Ihr mir Beru⸗ 8¹ higung wegen dieſes armen Mägdleins mit auf den Weg geben. Der Greis ſchuͤttelte traurig den Kopf. — Bei Gott iſt kein Ding unmöglich! ſprach er. Doch menſchliches Wiſſen und menſchliche Kunſt werden ſchwerlich etwas an ihr vermögen. — Was unſer Gebet für ſie vermag, ſoll ſicherlich ge⸗ ſchehen! wiederholte der Biſchof, Klara mit tiefem Bedauern betrachtend. O, daß den Frevyler nicht die Unſchuld rühren konnte, die himmliſch rein aus dieſen kindlichen Zügen ſpricht! Bewacht ihn ſcharf, gebot er dann den Bewaffneten; er mag hier bleiben, bis der neue Prior ein paſſendes Gefängniß für ihn ausgewählt hat. Noch einmal ertheilte der Prälat dem greiſen Pignetti und dem Franziskaner ſeinen geiſtlichen Segen, ſprach ein kurzes Gebet für Klara und Peter und verließ dann mit ſeinem Gefolge den Ort, indem er ſich durch den unterirdi⸗ ſchen Gang nach der Kirche des Kloſters begab. Noch an demſelben Abend trat er den Rückweg nach ſeinem Biſchofs⸗ ſitze an. Nach einer Stunde kam der neu erwählte Prior in Be⸗ gleitung etlicher Kloſterbrüder, um zu ſehen, ob man ſeines Beiſtandes bedürfe. Der Franziskaner hatte ſich inzwiſchen mit dem Gelehrten über die Behandlung der beiden Todt⸗ kranken dahin vereinigt, daß Peter, als der minderer Kunſt Bedürftige, vom Erſteren, Klara vom Letzteren ärztliche Hülfe und Beiſtand erhalten ſolle. Auch kam man darin überein, daß Peter einſtweilen im Kloſter der Schwarzen Brüder ver⸗ bleiben, Klara aber beim Einbruch der Nacht behutſam und ganz im Stillen zu den frommen Beguinen gebracht werden ſolle, deren Haus nur wenige Schritte vom Kloſter entfernt war, damit ſie der weiblichen Pflege und Wartung nicht ent⸗ behre, im Fall ſie derſelben bedürftig würde, — Wahrſcheinlich iſt's nicht, ſondern faſt unmöglich, 6 Die ſchwarzen Brüder, IV. AAARDR daß dem Mägdlein die Hülfe noch frommt, ſprach der Greis betrübt; doch dürfen wir nicht unterlaſſen, dem Willen des Allmächtigen zu dienen, wenn er vielleicht eins ſeiner Wun⸗ der thut. Theobald Rycke hatte inzwiſchen zu dem Prior etliche Worte geſprochen. — Es ſei Euch gewährt, erwiederte dieſer; zwei Mönche ſollen thun, was Ihr verlangt. Jetzt aber wird man Euch in Euer Gefängniß abführen! Ein Kloſterbruder ſtieg voran, die Leiter hinauf, um den Bewaffneten, die den Gefangenen in ihre Mitte nahmen, den Weg zu zeigen. Der Letztere, obwohl ſeine körperliche Schwäche ihn zwang, ſich der Unterſtützung ſeiner Begleiter zu bedienen, verrieth in ſeinen bleichen Zügen nicht die ge⸗ ringſte Bewegung, als er ſeinen greiſen Lehrer und den Schauplatz ſeiner geheimnißvollen Thaten vielleicht fur immer verließ. — So iſt es wirklich Euer ernſter Wille, daß Euer hohes Wiſſen mit Euch zu Grabe getragen werden ſoll? iskaner zu Pignetti, als er ſich nach einiger ſprach der Franzi Zeit von ihm verabſchiedete. Bedenkt, daß Jahrhunderte vergehen werden, bevor die Menſchheit auf dem langſamen Wege des allmäligen Fortſchreitens die Stufe der Erkenntniß erreicht hat, welche Ihr jetzt ſchon inne habt; und daß ein Undankbarer, der ſchnöden Mißbrauch mit dem Himmelsgute trieb, nicht der Maßſtab ſein kann, nach dem Ihr alle Eure Zeitgenoſſen meſſet. — Mein Entſchluß ſteht unwiderruflich feſt, ſo ſehr mich auch ſeine Nothwendigkeit betrübt, entgegnete Pignetti. Glaubt mir's, ich faßte ihn nicht ohne harten Kampf mit mir ſelber; doch die Gewichtigkeit der Gründe, die für ihn ſprachen, beſiegten mich. Ihr ſprecht von Einem, der ſchnöden Mißbrauch trieb; aber hättet Ihr die Welt, hättet Ihr die Menſchen ſo kennen gelernt, wie ich leider während ᷓARAꝑᷓꝑᷓÖꝗÖæAæVêE: der letzten zwei Jahre, während welcher Zeit ich halb Europa nach dem Entflohenen durchſuchte— ſo würdet Ihr wie ich die traurige Wahrheit erkannt haben, daß Theobaldo nur that, was unter gleichen Verhältniſſen von Zehntauſenden vielleicht nur Einer unterlaſſen hätte. Sollte ich es aber unternehmen, und würde es mir gelingen, den Einen unter Zehntauſenden herauszufinden? Nimmer würde ich dies wa⸗ gen. Sagt mir nicht, man könne das Herz des Auserwählten vorher prüfen; wie lange Zeit und ernſtliche Forſchung gehört dazu, um das eigene Herz kennen zu lernen, das ſich vor uns doch nicht allzu ſehr verſtellen kann! Wendet anch nicht ein, daß unter Zehntauſenden vielleicht nicht Einer iſt, bei dem gleiche Verhältniſſe obwalten, wie bei Theobaldo; wozu Die⸗ ſen die Begier nach Rache trieb, dazu wird Andere die an⸗ geborene Bosheit, Eigennutz oder böſe Leidenſchaft treiben! Wir ſprechen wohl noch Mehreres hierüber, weil ich Euch für der beſſern Menſchen einen halte; doch meinen Entſchluß zu erſchüttern, das verſucht nicht ferner mehr, weil ſolch Be⸗ ginnen nur vergebliche Mühe iſt. Mein Wiſſen, meine Er⸗ kenntniß ſinkt mit mir in die verſchwiegene Gruft, wenn auch Jahrhunderte verfließen werden, bevor dies Himmelsgut Ge⸗ meingut der Menſchheit wird! — Trotz ſeines hohen Wiſſens gehört er zu den Schwa⸗ chen, die in überſchwenglicher Liebe das Weltall umfaſſen und jedes Geſchöpf beglücken möchten, weil ſie an Alle den Maß⸗ ſtab ihres eigenen Gefühls anlegen, dachte der Mönch bei Pignetti's Antwort; aber nur einmal enttäuſcht im Leben, werden ſie an Allen irre. Auch jener Theobald Rycke ſcheint einer dieſer Leute zu ſein; ſtatt eines Verbrechers an der Menſchheit wäre er vielleicht ihr größter Wohlthäter gewor⸗ den, wenn ſein Charakter an Stärke ſeinem mächtigen Geiſte geglichen hätte. — Ich kann Euch jetzt hierauf nicht antworten, gelehrter Herr, ſagte er dann zu dem Greis. Zuvörderſt muß ich nach 6* 84 AAAARARNEE;N meinem Kloſter eilen und dem Guardian, der von meiner Ruckkehr noch nichts weiß, Bericht erſtatten uͤber meine Sen⸗ dung; ſodann aber muß ich mich vor Gericht begeben, um durch mein Zeugniß einen edlen jungen Mann von ſchimpf⸗ lichem Verdachte zu befreien. Dem Burſchen dort wird in⸗ zwiſchen Eure Obhut ſicherlich mehr frommen, als die meine. Er ging; Pignetti blieb allein bei Klara und Peter zurück. 5. Ohne die leiſeſte Ahnung zu hegen von den ihn ſo nahe angehenden Vorfällen, die eben erzählt wurden, hörte Otto⸗ kar in ſeinem Gefängniß andächtig auf die frommen Tröſtun⸗ gen des würdigen Propſtes; bald ſprach er mit ihm über Tod und Unſterblichkeit der Seele, bald betete er mit ihm. Je dunkler draußen der Abend hereinbrach, um ſo lichter ward es in ſeinem Geiſte; irdiſches Hoffen, irdiſches Sehnen ent⸗ ſchwand aus ſeinem Herzen und immer mehr richtete ſich ſein Gemüth empor zu dem Ewigen, Unvergänglichen. Die Welt, das Erdenleben lag jetzt hinter ihm. Draußen auf dem Gange dröhnten die ſchweren Tritte etlicher Bewaffneter und klirrte das Schlüſſelbund des Schlie⸗ ßers. Der Propſt, welcher eben ſprach, hielt inne und horchte. Die Schritte näherten ſich der Thür des Kerkers. Schon ſeit geraumer Zeit hatte der Schließer auf das Gebot des Geiſtlichen eine brennende Ampel gebracht, um den Kerker, in welchem nur während etlicher Stunden des Tages ein mattes Dämmerlicht herrſchte, nothdürftig zum Leſen des Breviers zu erhellen. Weder der Propſt noch Ottokar hatten die Stunden gezählt, welche ſeit der Verkün⸗ digung des Urtheils verfloſſen waren. 4 8⁵ AANNNN — Man ruft mich zum Tode! ſprach Ottokar unter flüchtigem Erbleichen, als die Kommenden vor der Kerker⸗ thüͤr ſtehen blieben und der Schließer mit den Schlöſſern und Riegeln knarrte. Jetzt noch einen kurzen Kampf, mein Vater, und Alles iſt überſtanden— hoffentlich auch uber⸗ wunden! — Schon jetzt? fragte der Propſt erſchreckt und zitternd. O, das iſt entſetzlich! — Werdet Ihr mich begleiten bis dahin, wo man mei⸗ ner wartet, Hochwürdiger? fragte Ottokar, der bereits ſeine ruhige Faſſung wieder gewonnen hatte. Es iſt ja nur ein kurzer Weg bis dahin. — Gewiß werde ich dies thun, mein Sohn, erwiederte der Geiſtliche, obwohl dieſer Gang der ſchwerſte in meinem Leben iſt. — Auch bei mir iſt dies der Fall! ſprach Ottokar mit mattem Lächeln. Doch— muß es ſein! Und feſten Schrittes trat er dem Rottmeiſter entgegen, der jetzt mit etlichen Stadtſöldnern in der geöffneten Thuüͤr erſchien. — Ich bitte, mir zu folgen, junger Herr, ſagte der Rottmeiſter im mildeſten Tone, deſſen er bei ſeiner langen Dienſtzeit fähig war. Es ſoll noch einmal über Euch Ge⸗ richt gehalten werden. — Was ſagt Ihr— ich verſtehe Euch nicht, entgeg⸗ nete Ottokar. Ihr ſollt mich doch zum Blutgerüſte führen? — Dazu wär's volle vier Stunden zu früh, lieber Herr! verſetzte der Rottmeiſter. Der mir gewordene Auftrag lautet nur dahin, Euch wieder in den Gerichtsſaal zu führen, wo ſie noch einmal über Euch richten wollen, wie ich ſchon ſagte. — Was ſoll das heißen! rief Ottokar betroffen. Es iſt gegen Brauch und Geſetz, nach gefälltem Urtheilsſpruch und vor deſſen Vollziehung noch ferner den Verurtheilten zu beläſtigen— 86 NNNNNe — Es bedeutet, Sohn, daß Gott Deine Unſchuld an den Tag gebracht hat, oder dies geſchehen laſſen will! fiel ihm der Propſt mit freudezitternder Stimme in's Wort. Ja, ja, ſo und nicht anders iſt's! Gott ſei geprieſen! — Gott, mein Gott! murmelte Ottokar, abermals er⸗ bleichend und einige Schritte wie im Taumel zurückwankend, während der Geiſtliche in ungeduldiger Haſt von dem, ſeine Unkenntniß vorſchützenden Rottmeiſter vergebens die Beſtäti⸗ gung ſeiner Hoffnung verlangte. Gott, mein Gott! Er preßte die Hände gegen ſeine Stirn und ſah etliche Augenblicke ſtill vor ſich nieder. — Nein, nein! rief er dann. Keine neue Hoffnung, wenn Ihr barmherzig ſeid! Nicht noch einmal laßt mich den bitteren Todeskelch leeren, welchen die Enttäuſchung mir reichen würde! Sagt's nur gerade heraus, Herr Rottmei⸗ ſter, daß man nichts weiter will von mir, als einige Auf⸗ ſchlüſſe über den Reſt des Erbes, welches Herr Reinhold, mein Pflegvater, hinterließ; oder daß es ſonſt etwas der⸗ gleichen iſt, weswegen man mich kommen läßt. Oder man hat vielleicht Verdacht wegen neuer Verbrechen auf mich geworfen. Ich beſchwöre Euch: verſchweigt mir auch die ſchlimmſte Wahrheit nicht! — Ich weiß es ja ſelber nicht, was man eigentlich von Euch will, lieber Herr! verſicherte der Rottmeiſter mit unverkennbarer Theilnahme. Geduldet Euch doch nur kurze Zeit; Ihr werdet's ja erfahren! — Waffne Dich mit Gottvertrauen und Todesfreudig⸗ keit zugleich, mein Sohn, ſo wird keine irdiſche Gewalt, kein irdiſcher Schmerz vermögen, Dich darniederzubeugen! ſprach der fromme Prieſter. Jene mächtigen Waffen aber haſt Du Dir ja errungen in gläubigem Gebet! — Glaubt mir, hochwürdiger Herr— hätte man mich jetzt zum letzten ſchweren Gange abgeholt, ich würde feſten Schrittes zum Blutgerüſt hinanſteigen und mein Haupt ohne AAAAAAANANNRVm Zagen dem Nachrichter darbieten! entgegnete Ottokar. Doch würde ich mich jetzt neuer Erdenhoffnung überlaſſen und fände mich nachher getäuſcht, ſo könnt's wohl ſein, daß der wiederkehrende bittere Todesſchmerz dem Nachrichter die Aus⸗ übung ſeines traurigen Amtes für diesmal erſpart. So lange des Menſchen Herz noch ſchlägt, ſo lange liebt er auch das Leben heiß, wenn auch die Seele ſich nach dem Himmel ſehnt und ihm der Tod nicht ſchrecklich mehr erſcheint. Dies zeigt ſich erſt recht klar, wenn ihm, wie eben mir, ein Schimmer irdiſcher Hoffnung wird; es klingt ſeltſam und iſt doch ſo! Doch laßt uns gehen, Hochwürdiger; ich bin jetzt wieder ruhig und gefaßt, wie ich je vorher war! Der Propſt reichte ihm die Hand und Beide folgten dem voranſchreitenden Rottmeiſter. Die Stadtſöldner gingen hinter ihnen her. In der Mitte des Hofes gewahrte man ein niedriges Gerüſt, das etliche Leute beim Scheine einer Fackel mit ſchwarzen Decken belegten. Ottokar und ſeine Begleiter er⸗ kannten die Bedeutung des Gerüſtes wohl, doch keiner ſprach ein Wort; der Propſt drückte nur die Hand des jungen Mannes. Als ſie in den unteren Korridor des Hauptgebäudes traten, der auf den Platz hinausging, bemerkte Ottokar nicht ohne Befremden, daß die Thürflügel des Haupteinganges zum Rathhauſe feſt verſchloſſen waren. Auf dem Korridor ſelber war eine Abtheilung Stadtſöldner kampffertig aufge⸗ ſtellt; und aus dem Klirren der Hellebarden zu ſchließen, die hin und wieder draußen auf die Steinflieſen der großen Freitreppe geſtoßen wurden, mußten auch dort Bewaffnete des Rathes poſtirt ſein. Vom Platze vor dem Rathhauſe her aber tönte ein wirres Summen und Schwirren, wie wenn Hunderte von Leuten dort ſtänden, die Alle miteinan⸗ der redeten, ohne jedoch ein lautes Geſchrei zu erheben. Es 88 nAAᷓÖAAA;RAR; ſchien, als ſollte ſich heute noch ein längſt drohendes Unwet⸗ ter entladen. Ottokar konnte ſich nach dieſen Wahrnehmungen nicht enthalten, auf der Hälfte der Treppe, die in das obere Stock⸗ werk des Rathhauſes führte, einige Augenblicke zu verwei⸗ len, um durch ein daſelbſt befindliches Fenſter auf den Platz herniederzublicken. Da ſah er den ganzen Platz angefüllt mit Leuten, ſo viel ihrer nur Raum hatten; Alte und Junge, Wohlhabende und Arme ſtanden bunt durcheinander; Einige ſogar trugen brennende Fackeln und beleuchteten ſo die un⸗ gewöhnliche Verſammlung mit grellem Feuerſchein, bei wel⸗ chem Ottokar auch hin und wieder Waffen zu erkennen ver⸗ meinte, wenn im Gedraͤnge hier und da die Falten eines Mantels ſich verſchoben. Bei dem Scheine derſelben Fackeln erkannte er aber auch im Hintergrunde die Pickelhauben der Stadtſöldner, welche in kleinen Abtheilungen zu Pferde den Platz im Halbkreiſe umgaben. Der Altmeiſter Holzmüller war alſo ſeiner geſtern Abend mit Boytin gepflogenen Verabredung treulich nachgekommen; aber auch der Bürgermeiſter Heydicke hatte das heute bei der Rückkehr aus dem Kloſter ſeinen Freunden gegebene Ge⸗ löbniß erfüllt: hüben und drüben hatten ſie ſich für jeden Fall gerüſtet. Es blieb für Ottokar keine Zeit, um über den gehabten Anblick nachdenken zu können; er mußte dem Rottmeiſter folgen, der ihn in das geräumige Vorgemach führte, welches an den Gerichtsſaal ſtieß. In einer Fenſterecke des Gemachs ſtanden Bernhard und der Stadthauptmann Stroband, die in leiſem Geſprãch miteinander begriffen waren. Der Erſtere hatte ſeine Ver⸗ kleidung von geſtern Abend abgelegt; Beider Geſichtszüge zeigten den Ausdruck tiefer Bekümmerniß. In der andern Fenſterecke ſtand ein widerlich ausſehender Mann, der ein Gefangener zu ſein ſchien, da zwei Stadtſöldner ihn be⸗ 4 wachten. Das Gemach war angefuͤllt von Stadtſöldnern, Rathsdienern und anderen hierher gehörenden Leuten und t ward durch eine von der Decke herabhängende Ampel er⸗ 3 leuchtet. 3 Als die Thür aufging und Ottokar hereingeführt ward, brachen jene Beiden das Geſpräch ab und Bernhard eilte dem Ankommenden entgegen. —— Muth, Muth, mein Bruder! ſagte er, den immer mehr Erſtaunenden an ſeine Bruſt drückend. Noch kann ſich's 4 fuͤr Dich zum Guten wenden! — Ach, möge dieſe Hoffnung ſich erfüllen! ſprach der würdige Propſt, die Hände faltend. — Um Himmelswillen, Bernhard, ſage mir, was dies Alles zu bedeuten hat! rief Ottokar. Die Ungewißheit kann ich nicht ertragen! — Auch ich kenne noch nicht alle die merkwürdigen Er⸗ eigniſſe, die ſich ſeit heute Mittag zu Deinem Gunſten zuge⸗ tragen, erwiederte Bernhard. Doch weiß ich gewiß, daß ein Theil Deiner Unſchuld bereits erwieſen iſt! — Vom Verdacht des Mordes an Eurem Diener ſeid Ihr frei, junger Mann! nahm der herzugetretene Stadt⸗ hauptmann das Wort, indem er Ottokars Hand mit war⸗ mer Theilnahme drückte. Gebe der Himmel, daß es Euch gelingen möge, auch den Verdacht des Mordanfalls gegen den Bruder Eures Pflegvaters von Euch abzuwälzen! — So hat man den Vermißten gefunden? rief Otto⸗ kar mit freudeſtrahlendem Geſicht. O, ſagt mir, daß er lebt, der Wackere! — Er lebt, der gute Burſche! ließ ſich eine bekannte Stimme hinter Ottokar vernehmen. Betroffen wandte ſich dieſer um und ſah den Sprechen⸗ den zweifelnd an. — Ihr hier, Herr Pater? fragte er verwirrt, als er den alten Franziskaner⸗Mönch erkannte, der von ſeinem ——— 90 ꝑꝑꝑꝑꝑ˖ꝓò Guardian nach Prag geſandt worden war. Seid Ihr's wirklich? — Freilich bin ich's! verſetzte dieſer, gutmüthig lächelnd. Euer Staunen wundert mich nicht, denn eben erſt an dieſer Stelle habe ich von dieſen beiden Herren erfahren, welch frevelhaftes Spiel man ſich mit meinem Namen erlaubt hat! Seht, fuhr er fort, indem er auf den Mann zeigte, den die Stadtſöldner bewachten, dort ſteht der Böſewicht, der den albernen Rathsſchreiber ſo arg berückte, indem er ſich in Prag, wohin ich gar nicht gekommen bin, für mich ſelber ausgab. Doch Gott hat's nicht gewollt, daß der ſchändliche Betrug verborgen bleiben ſollte; d'rum ließ er mich noch zu rechter Zeit hier eintreffen, daß ich meinen Mund aufthun kann. Wie der geſtrenge Herr ſagte: die Geſchichte mit dem Peter iſt abgethan; mit der andern, die Ihr noch auf dem Halſe habt, wirds hoffentlich auch ſo gehen. Man darf Euch ja nur in's Geſicht ſehen, um gewiß zu ſein, daß Ihr we⸗ der gemordet habt, noch je es wolltet! — So hätte Boytin Recht gehabt, als er ſagte, daß dies Alles ein Werk meiner Feinde ſei? murmelte Ottokar vor ſich hin und ſein Antlitz verdüſterte ſich. Doch bald gab er wieder anderen Gedanken Raum. — Mein guter Peter lebt alſo! ſagte er und ſein Blick erhellte ſich wieder. Doch wundert's mich, daß ich ihn nicht hier ſehe! — Er kann nicht kommen, denn er iſt krank, erwiederte der Franziskaner. Auch weiß er nicht, was Euch widerfah⸗ ren iſt, denn ſolche Kunde wuͤrde ſeiner Geneſung ſchaden. In drei oder vier Tagen wird er ſicher ſo weit geſund ſein, daß er Euch an das treue Herz drücken kann! — Wie mögt Ihr nur ſo ſprechen, ehrwürdiger Vater! verſetzte Ottokar kopfſchüttelnd. Ihr wißt doch, welch' ſchwere Anklage noch auf mir ruht; die Zeichen alle ſprechen gegen mich und keins von ihnen vermag ich zu entkräften. Unten ——O— 91 NNN;R;NR;R im Hofe bauen ſie ſchon am Blutgerüſt; nur wenige Stun⸗ den noch— und es iſt mit mir vorüber. Sei es des dunk— len Schickſals Walten, ſei's Menſchenbosheit, zu deren Opfer ich erkoren bin: genug, daß ich nun einmal das Opfer bin. — Und Gottes Allmacht und Gerechtigkeit—2 fragte der Mönch. — Ich hoffe, daß mir droben Gnade zu Theil wird! ſprach Ottokar. — Hört, junger Mann, das iſt nicht recht von Euch, daß Ihr alſo die Hoffnung aufgegeben, verſetzte der Pater; der Menſch ſoll hoffen bis zum letzten Athemzuge. Gott iſt gerecht; doch offenbarte ſich ſeine Gerechtigkeit nur dort oben, wer wäre dann der Hölle nicht verfallen! Nein, droben waltet des Göttlichen Gnade, Liebe und Erbarmung; aber hier unten ſeine Gerechtigkeit! Seht, als Euer Diener, dem es nicht beſſer ergangen iſt, als Euch, ſeine Rettung inne ward, da war das erſte Wort, das ſeine Zunge ſtammelte: der alte Gott lebt noch! Nie wahrer hat ſein ſchlichter Mund geſprochen und darum wiederhole ich zu Euch: Der alte Gott, das heißt der allwiſſende Gott der Liebe, Gnade und Gerechtigkeit, er lebt und wirket heut wie immerdar! — Ich habe nicht an Gottvertrauen verloren, ſeitdem das Unglück über mich gekommen, erwiederte Ottokar. Nur habe ich einſehen gelernt, daß Gottes Wege nicht die unſe⸗ ren ſind. Bei ſeinen weiſen Weltenplänen kommt's wohl vor, daß Einer untergehen muß um des Glückes willen von vielleicht Millionen; und dieſer Eine iſt vielleicht der Glück⸗ lichſte— dort oben! Seht, ſo dachte ich mir die Urſache meines Geſchicks und tröſtete mich damit, wenn mir der Ge⸗ danke zu ſchwer und bitter ward, daß mein Leiden die Strafe meiner Sünden ſei, während Andere doch frei ausgingen toot größerer Sünde! Auch habe ich die Nichtigkeit alles irdiſchen Hoffens erkannt. Seht, Ehrwürdiger, als Ihr von mir ginget, um gen Prag zu reiſen, da ſagtet Ihr mir: „ Hoffet und vertrauet; durch Schmerz und Leiden führt Gott AAAArRRDkMäC- die Menſchen ein zu Glück und Freude! Eure Worte gin⸗ gen mir zu Herzen: ich hoffte und vertraute bis geſtern noch, aber nur Irdiſches. Doch habe ich eingeſehen, daß wohl irdiſche Leiden, irdiſcher Schmerz gemeint war; das verhei⸗ ßene Glück, die Freude aber ſoll uns erſt in jenem Leben zu Theil werden— ſo meinte es ſicherlich der, ſo jenen Ausſpruch zuerſt gethan! Doch laßt uns abbrechen dieſen Streit, ſetzte er lächelnd hinzu; der morgende Tag wird ihn entſchieden haben. — Ich hoffe es, daß Ihr mir dann Recht geben und Euren Irrthum bekennen werdet! ſprach der Mönch mit feſter Zuverſicht. Bernhard, ein ſchweigender Zuhörer dieſes Geſprächs, wandte ſich jetzt zu Ottokar. — Sollte wirklich Deine trübe Ahnung ſich erfüllen, ſagte er traurig, o, ſo verſprich mir, Dich nicht von gerech⸗ tem Zorn hinreißen zu laſſen und Deinem ärgſten Feinde, meinem Vater, zu fluchen. Glaube mir, er leidet ſchon jetzt eine Strafe, die entſetzlicher iſt, als Alles, was ihn treffen konnte. Was er auch verſchuldet haben mag: er verdient Dein Mitleid mehr, als Dein Verdammnißwort! — Sei ohne Sorge, mein Bruder! erwiederte Ottokar. Zwar regte ſich vorhin ein böſes Gefühl in mir; doch iſt's ſchon wieder vorüber. Wenn mir dort verziehen wird, wie ich hier verzeihe, ſo trete ich ohne Furcht vor Gottes Thron. Auch danke ich Dir, Bernhard, daß Du dieſe Bitte aus⸗ ſprachſt; ſie giebt mir Zeugniß, daß Dein Herz in Wahr⸗ heit geläutert iſt von den trüben Schlacken, die es früher hegte, und ſichere Bürgſchaft iſt mir dies für meiner trauten Schweſter Glück. Ein inniger Händedruck bekräftigte ſeine Worte. Bern⸗ hard wandte ſich ab; ſeine Augen ſchwammen in Thränen, die er den edlen Freund nicht ſehen laſſen wollte. 93 AAAANRNRRS Stroband, welcher inzwiſchen mit dem Propſt ein leiſes Geſpräch geführt hatte, nahm jetzt Ottokar bei der Hand und führte ihn beiſeit, ſo den unberufenen Lauſchern, die ſich neugierig herzugedrängt hatten, zu erkennen zu geben, daß ſie fern bleiben ſollten. — Laßt mich noch ein ernſtes Wort mit Euch reden, junger Mann, begann der würdige Stadthauptmann zu Ot⸗ tokar. Seht, obwohl ich der Erſte war, der Eure Schuld für erwieſen hielt, ſo ſind doch ſeit heute Mittag Zweifel dagegen in mir aufgeſtiegen, und nach einigen Mittheilungen, die mir der würdige Propſt eben nur geben konnte, ohne das Beichtgeheimniß zu verletzen, bin ich auch von Eurer Unſchuld in Bezug auf das zweite Verbrechen vollkommen überzeugt. Da der Bruder Eures Pflegevaters nicht den geringſten Vortheil von Eurem ſchmählichen Tode zu erwar⸗ ten hat, ſo läßt ſich zwar nicht behaupten, daß er wiſſent⸗ lich falſch gegen Euch gezeugt habe; aber ſicherlich hat er ſich in der Perſon ſeines Mörders geirrt und Euch ange— geben, weil die That vor dem von Euch bewohnten Hauſe geſchehen, und dann auch, weil es hieß, daß Ihr ſeinen Sohn umgebracht hättet und es dadurch wahrſcheinlich ward, daß Ihr auch gegen ihn den Streich geführt habt. Durch das Auffinden des Vermißten ſtehen aber die Sachen nun anders. Deshalb drang ich vorhin bei meinen Amtsgenoſ⸗ ſen darauf, daß auch er, der Bruder Eures Pflegvaters, noch einmal vor Gericht gezogen werde, indem ich hoffte, er werde jetzt erklären, daß er ſich in Curer Perſon geirrt habe, oder daß er wenigſtens die Möglichkeit eines Irrthums, einer Verwechſelung zugeben werde. Er iſt bereits hier; da er noch ſehr matt und elend von ſeiner Wunde iſt und ihn die Gegenwart vieler Leute beläſtigt, ſo bat er, ihn in ein abgeſondertes Gemach zu bringen und erſt dann vor Gericht zu führen, wenn ſein Zeugniß erfordert wird— und darum ſeht Ihr ihn nicht in dieſem Gemach. Als man ihn brachte, 94 GnAAnA;; wußte er bereits, daß man ſeinen Sohn lebend gefunden habe und dieſe frohe Kunde ſchien ihn mit hoher Freude zu erfüllen— wie es auch wohl ganz natürlich iſt! Der Stadthauptmann ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſchmerzlichen Seufzer. — Da hielt ich es denn für gut, ihn ernſtlich zu vermah⸗ nen, daß er ſeine Ausſage gegen Euch noch einmal reiflich prüfe und wohl bei ſich erwäge, ob er ſeiner Sache in Be⸗ zug auf Eure Perſon auch ſo gewiß wäre, daß er Euren Tod, den ſein früheres Zeugniß nach ſich führe, dermaleinſt verantworten könne; auch ſagte ich ihm, wie freundlich Ihr ſtets ſeinem Sohn geweſen und wie deſſen erſte Frage ſei⸗ nem guten Herrn gegolten. Meine Worte machten großen Eindruck auf ihn, wie man aus ſeinen Mienen und aus ſeinem nachdenklichen Schweigen deutlich entnehmen konnte; ſicherlich hätte er auch eine für Euch günſtige Erklärung abgelegt, wenn man ihm nicht über den Mund gefahren wäre. In dem Augenblicke nämlich, wo er die Lippen zum Sprechen öffnete, nahm einer aus dem Rathe, der Euer Feind iſt und deſſen Namen ich Euch daher verſchweige, wie von ungefähr das Wort, indem er zu Eurem Anklä⸗ ger ſagte: „Sollte Euer Zeugniß ſammt Eurem Eide falſch ge⸗ weſen ſein, Herr Reinhold, ſo wäre es Eurem Sohne beſſer, Ihr hättet ihn nie gefunden. Euch würden wir ſtrafen nach Geſetz und Recht und mit Eurer ganzen Habe, ſie beſtehe, worin es ſei, den Seckel der beiden Städte bereichern; Euer Sohn aber— der Sohn eines Meineidigen— würde als ehrloſer Bettler mit Schmach und Schande vom Büttel aus unſerer Gemarkung gebracht werden.“ Als das der Bruder Eures Pflegvaters abermals hörte — ſchon heute Vormittag hatte er von einem Andern die⸗ ſelbe Drohung vernommen, wie Ihr wißt— ſo verfärbte ſich ſein Geſicht trotz ſeiner Bläͤſſe und ſeine Blicke drückten AAANN wieder den finſtern Trotz aus, gepaart mit einer duͤſteren, wilden Gluth, wie ich es am Vormittag an ihm gewahrte. nit„Ich habe die Wahrheit bezeugt, ſo ſagte er jetzt, und kann um keines Haares Breite von meinen Ausſagen ab⸗ weichen; ich bin bereit, mein bereits abgelegtes Zeugniß durch 3 zehnfache Eide wiederholt zu bekräftigen!“ ze⸗ Und dabei blieb er denn auch, trotz aller meiner Vor⸗ der ſtellungen und trotz meiner bündigen Verſicherung, daß es 4 u bei Weitem nicht ſo ſchlimm mit ihm werden würde, wenn ör er ſich in ſeinem erſten Zeugniß eines Irrthums ſchuldig ge⸗ ſi⸗ macht, den er jetzt widerrufe; er wird auch vor Gericht bei zen ſeiner Ausſage gegen Euch verharren. us Nun ſeht, junger Mann, ich ſpreche jetzt nicht als Rich⸗ te; ter, auch nicht als Patrizier und Stadthauptmann der bei⸗ ng den Städte, ſondern als ein Freund zu Euch, der an Eurem Geſchick den wärmſten Antheil nimmt. Wie ich Euch ſchon 4 ſagte, ſind mir durch den würdigen Propſt, dem Ihr Euch 6 ün ganz anvertraut, Mittheilungen geworden, die mich hoffen. 3 laſſen, daß Ihr nöthigenfalls durch Zeugen den Beweis füh⸗ G ren könnt, zur Zeit des Mordanfalls an einem ganz ande⸗ li⸗ ren Orte geweſen zu ſein; hieraus würde dann ganz von ſelbſt hervorgehen, daß Ihr jene That nicht begangen habt. 4 Leider darf der würdige Prieſter des Beichtgeheimniſſes we⸗ 5 gen nicht mehr ſagen; ich aber beſchwöre Euch um Eurer ch ſelbſt und um der Gerechtigkeit willen: laſſet Euch durch kei⸗ he⸗ nerlei Rüͤckſicht beſtimmen, einen Umſtand zu verſchweigen, uer der allein Cure Unſchuld erweiſen kann! Hört auf meinen Ils Rath; er iſt wahrlich wohl gemeint! ni Ottokar ſann eine Weile über das Gehörte nach. Er verſtand wohl, daß Stroband auf die heimliche Verſamm⸗ re lung hinzielte, welche an dem Abende, bevor jenes Verbre⸗ le chen begangen ward, im Gewerkshauſe der Tuchmacher⸗In⸗ bie nung ſtattgefunden und welcher er mit Boytin beigewohnt ten hatte. Er ſelber hatte ſchon daran gedacht, Holzmüllers und 55 96 — etlicher Anderen Zeugniß aufzurufen, dafür, daß er ſich zu der Zeit, wo nach der Ausſage der Stadtſöldner das Ver⸗ brechen geſchah, noch in ihrer Geſellſchaft befunden habe; aber da dadurch nicht auch die Anklage wegen Peters ver⸗ meintlicher Ermordung gefallen wäre, ſo hatte er es unter⸗ laſſen, um ſeine Bundesgenoſſen nicht nutzlos einer Gefahr auszuſetzen. Jetzt freilich ſtanden, wie Stroband ſagte, die Sachen anders; die Anklage wegen ſeines Dieners war be⸗ reits gefallen und es handelte ſich nur noch darum, auch die zweite gegen ihn erhobene Anklage zu entkräften. Er zweifelte keinen Augenblick, daß Holzmüller und die Anderen die Wahrheit ausſagen würden; aber würden ſie auch mit Gewißheit angeben und beeiden können, zu welcher Zeit er die Verſammlung verließ? Und es kam hierbei faſt auf Minuten an! Wenn nun der Bruder ſeines Pflegvaters, wie es doch gewiß war, dennoch bei ſeiner Ausſage ver⸗ harrte— welchem der beiden einander widerſprechenden Zeug⸗ niſſe wuͤrden dann die Richter Glauben ſchenken? Nach den bisher gemachten Erfahrungen doch ſicherlich dem des An⸗ klägers! Konnte man ihm und ſeinen Parteigenoſſen nicht eine Falle ſtellen wollen— war es nicht möglich, daß Stro⸗ bands Aufforderung ſolche Abſicht zu Grunde lag— hatte er nicht der bittern Erfahrungen über die Bosheit der Men⸗ ſchen genug gemacht? Zwar verwarf er den gegen den Stadt⸗ hauptmann gerichteten Verdacht ebenſo ſchnell wieder, wie er in ihm entſtanden war, doch konnte Stroband ja ein arg⸗ loſes Werkzeug ſeiner Feinde ſein! — Nein, nein, ſprach er endlich bei ſich; Schweigen iſt hier beſſer denn Reden! Komme es, wie Gott will; nim⸗ mer werde ich ein Verräther meiner Freunde und Genoſſen! Herzlich danke ich Euch ſowohl für die gute Meinung, die Ihr meinetwegen hegt, als auch für die wahrhafte Theil⸗ nahme, die Ihr mir erweiſet, Herr Stroband! ſagte er dann laut. Doch Euren Rath kann ich nicht befolgen, ſo wohl⸗ 3 ;E— gemeint er auch iſt. Zum Erſten würde es mir keinen Nutzen bringen, wenn ich etliche Zeugen für mich aufriefe, und zum Andern darf ich es auch nicht thun; Pflicht und Gewiſſen ſtreiten dagegen. Ich bitte Euch, nicht weiter in mich drin⸗ gen zu wollen; ich bin feſt überzeugt, Ihr an meiner Stelle würdet Euch ebenſo verhalten! Stroband blickte trübe vor ſich hin. — Nun, wie Ihr wollt! ſprach er nach einer Pauſe. Ihr müßt freilich am beſten wiſſen, was Ihr zu thun habt und warum Ihr's ſo und nicht anders macht! — Doch eine Bitte will ich noch an Euch richten, Herr Stroband, nahm Ottokar wieder das Wort; ſie ſei Euch ein Beweis, wie gern ich Eure gütige Geſinnung für mich benutzen mag. Ihr wißt, daß der Kurfürſt mich be⸗ auftragte, für die Umgeſtaltung der Kalande in ſeinen Lan⸗ den zu wirken. Demgemäß habe ich nach meiner beſten Ein⸗ ſicht ein Statut für dieſelben entworfen, welches dieſe früher ſo ſegensreichen Vereinigungen von den eingeſchlichenen Miß⸗ bräuchen reinigen und ſie wieder auf den Standpunkt füh⸗ ren ſoll, den ein fröhliches und kräftiges Gedeihen zum Nutzen und Frommen ihrer Mitglieder, wie anderer Leute erheiſcht. Bei der Durchſuchung, die auf Befehl des Rathes in dem von mir bewohnten Hauſe vorgenommen worden iſt, wird man dies Statut gefunden haben. Nun möchte ich Euch alſo bitten, daß Ihr die Schrift dem Kurfürſten überſendet, damit er das Statut prüfen und die Mängel deſſelben be⸗ ſeitigen und durch Beſſeres erſetzen laſſe. Möge das Werk die von mir gewünſchten Früchte tragen! — Gern unterziehe ich mich dieſem Auftrage! verſicherte Stroband. Und da es Cuch Fkellde machen wird, ſo mögt Ihr wiſſen, daß ich ſelber das Statut durchgeſehen habe und mir gute Wirkung davon verſpreche. Darum habe ich's auch, wenn auch nach hartnäckigem Streite, im Rathe durch⸗ geſetzt, daß dieſe Eure Schrift dem hieſigen Kalands⸗Vor⸗ Die ſchwarzen Brüder. IV. 7 AAARRDi ſtande zur Erwägung und Kundgebung vorgelegt wurde, in deſſen Händen ſie ſich auch noch befindet. Doch verlaßt Euch darauf, daß das Statut oder eine getreue Abſchrift deſſelben dem Kurfürſten überſandt werden wird. Ottokar dankte dem Wackern durch Wort und Hände⸗ druck. Da ſeine Unterredung mit Stroband ſomit zu Ende war, ſo wollte er ſich eben wieder zu Bernhard und dem Mönche begeben, um von ihnen noch Aufklärungen über Pe⸗ ters Schickſal zu erlangen, als die in den Gerichtsſaal füh⸗ rende Thür geöffnet ward und der Autsſchreiber in derſel⸗ ben erſchien. — Der Angeklagte und die Zeugen mögen eintreten! rief er in das Gemach hinein. Dem Rottmeiſter wird be⸗ fohlen, darauf zu achten, daß Niemand weiter zugelaſſen werde, auch keinerlei Störung entſtehe während des Gerichts! Ottokar, begleitet von zwei Stadtſöldnern und dem Propſt, trat zuerſt in den Saal und verfügte ſich an den für ihn beſtimmten Platz. Ihm folgten der Franziskaner⸗Mönch und Bernhard; Stroband, der gleichfalls als Zeuge erſchienen war, und der Handelsmann, den zwei Stadtſöldner bewach⸗ ten, kamen ſodann. Hinter ihnen ward die Thür von Außen geſchloſſen.— Gleich darauf erſchienen von einer andern Seite her die Mitglieder des Gerichts und ſetzten ſich unter finſterem Schweigen an den grünen Tiſch. Die Fenſtervorhänge des Saales waren heruntergelaſ⸗ ſen; eine kleine Wachskerze vor dem Kruzifix, ſowie zwei größere, die auf dem Richtertiſche brannten, waren nicht ver⸗ mögend, das Halbdunkel in dem geräumigen und hohen Saale zu bannen. Dunkel, wie das Walten des Schickſals, war es um den Angeklagten. Nach kurzer, lautloſer Pauſe erhob ſich Heydicke und eröffnete das Gericht. Als die einleitenden Förmlichkeiten vorüber waren, ward zuerſt dem Franziskaner⸗Mönch das Wort verſtattet. — Ich heiße mit meinem Kloſternamen Johannes und war vordem Pfarrer zu Rycksdorf, begann dieſer. Zwanzig Jahre oder etwas drüber mögen's her ſein, da ward in einer Nacht an die Laden meiner Pfarrwohnung gepocht, und als ich öffnete, trat ein Mann ein, der mir ſehr wohl bekannt war. Er war aus Rycksdorf gebürtig und hatte in ſeiner Jugend, als das Dorf noch den Nachkömmlingen ſeines Erbauers zugehörte“), in den Dienſt des damaligen Stadthauptmanns Rycke treten müſſen, des Vaters des Be⸗ rend Rycke, der bis vor etlichen Wochen Bürgermeiſter die⸗ ſer beiden Städte geweſen; als das Dorf in fremden Beſitz überging, hatte er es vorgezogen, im Dienſte des Stadt⸗ hauptmanns oder Relmehr deſſen älteſten Sohnes zu bleiben. Dieſer Diener nun bat mich, ihm zu einem Kranken zu fol⸗ gen, der in der Hütte ſeines im Dorfe wohnenden Schwä⸗ hers darniederliege, und ungeſäumt erfüllte ich ſein Begehren. Am Orte angelangt, ſah ich auf einem ſchlechten Lager einen jungen Mann liegen, in dem ich mit Entſetzen den älteſten Sohn des Stadthauptmanns, den Theobald Rycke, erkannte, welcher, nachdem ſein Liebeshandel mit einer jungen Dirne * *) Rycksdorf ward im dreizehnten Jahrhundert von dem Stamm⸗ herrn der Familie Rycke gegründet, in deren Beſitz das Dorf blieb, bis es kurz vor der Zeit, in welber dieſe Erzählung handelt, an den Johanniterorden verkauft war, der es bald darauf ſammt dem Tempel⸗ hof und einigen andern Dörfern den beiden Städten überließ. 7* 100 AAAQOQ”N; aus dem Dorfe ruchbar geworden, vor mehreren Tagen ge⸗ ſtorben ſein ſollte. Der Diener aber führte mich an das Lager; als ich den vermeintlichen Todten genau betrachtete, ſah ich, daß noch Leben in ihm war, und odnete ſchnell einige Mittel an, ihm dieſes zu erhalten. Inzwiſchen er⸗ zählte mir Andreas, der Diener, unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit, was ſich mit ſeinem Herrn zugetragen. Längſt ſchon hatte er gemerkt, daß der jüngere Bruder Alles auf⸗ bot, um den älteren mit dem ſtrengen Vater zu entzweien, um jenen wo möglich erblos zu machen. Die Leidenſchaft des Theobald für die Martha gab ihm die erwünſchte Ge⸗ legenheit. Ihr werdet Euch der Sache wohl noch entſinnen können; genug, Berend Rycke, als er ſah, daß ſeines kran⸗ ken Bruders Angelegenheit ſich wieder zum Beſſern wende, faßte er den Plan, dieſen durch Gift aus der Welt zu ſchaffen. Der treue Diener hatte aber aus verſchiedenen Umſtänden etwas dergleichen geargwöhnt und ſeinen Herrn durch ein unſchädliches Gegengift, das er einſt von einem welſchen Kräuterhändler gekauft, zu ſchützen geſucht. Zwar wich Andreas nie vom Lager des Kranken, um dem jünge⸗ ren Rycke die Gelegenheit zur Ausführung ſeines ſchwarzen Vorhabens zu benehmen; doch in einer Nacht, als ihn der langentbehrte Schlaf bewältigte, gelang es dem Böſewicht, ſeine Abſicht auszuführen. Das Gift, welches er ſeinem Bruder beigebracht, war ſo ſtark, daß dieſer trotz des vor⸗ ſichtig angewandten Gegenmittels in ununterbrochenen Starr⸗ krampf verfiel, der ihn in todtenähnlichen Zuſtand verſetzte, daß ihn Jedermann wirklich geſtorben wähnte. Nur der treue Diener, der auch jetzt nicht von der Seite ſeines Herrn wich, erkannte den Irrthum, und alſobald beſchloß er, ihn zu Gunſten ſeines Herrn zu benutzen. Er wußte, daß Theo⸗ bald, wenn er wieder geneſen, bald als Opfer ſeines hab⸗ ſüchtigen, hinterliſtigen Bruders fallen würde; denn wer hätte ihm, dem niedern Knecht, geglaubt, wenn er die Wahr⸗ AA heit an den Tag bringen wollte, für die ihm überhaupt auch as jeder andere Beweis fehlte, als eben ſeine Ausſage, daß er te, in dem Augenblicke erwacht ſei, wo der Brudermörder das ell Gemach des Kranken verließ, und daß er an den Lippen des ·er Letzteren noch etliche Tropfen des eingeflößten Giftes gefun⸗ er⸗ den habe; Bald hatte demnach Andreas ſeinen Plan gemacht; gt ſein Herr ſollte gerettet werden, während Alle, insbeſondere nü⸗ aber deſſen Bruder, in dem Glauben an ſeinen vermeintlichen jen, Tod erhalten und beſtärkt wurden. Zu dem Ende ſprach er aft heimlich mit ſeiner Schweſter Mann, einem wackern Bauern he⸗ zu Rycksdorf, und dieſer ſagte bereitwillig ſeine Mithülfe zu. nen Ddie Kunde von dem Tode ſeines älteſten Sohnes, den er an⸗ trotz der gegen dieſen bewieſenen Härte ſehr liebte, erſchütterte de, den Stadthauptmann und die bittere Reue, die er über ſeine u Härte empfand, der er Theobalds Tod zuſchrieb, warf auch nen ihn auf's Krankenlager. Da nun die Mutter nicht mehr ern lebte, und Berend es vermied, in der Nähe ſeines Opfers em zu weilen, indem er heuchleriſch ſeinen großen Schmerz vor⸗ var ſchützte, der durch des Bruders Anblick neue Nahrung erhalte nge⸗— ſo war es Andreas leicht, die Täuſchung durchzuführen, um ſo mehr, da man aus dieſen Gründen ihm, dem Diener, der die beim Leichenbegängniſſe ſeines Herrn nöthigen Verrich⸗ ict, tungen ſehr gern ganz allein überließ. nem— Wenn Ihr ſo umſtändlich, wie Ihr begonnen, Eure vor⸗ Erzählung zu Ende führen wollt, Herr Pater, ſo möchte die ar⸗ zur Urtheilsvollſtreckung beſtimmte Stunde ſchlagen, bevor eht Ihr fertig ſeid! unterbrach Heydicke den Sprechenden. Ihr der müßt Euch der Kürze befleißigen, wenn Ihr wollt, daß wir ern Euch anhören ſollen; denn Ihr ſeid hier nicht im Predigt⸗ ihn ſtuhl. Auch erzählt Ihr uns da Dinge, die, dünkt mich, in keinerlei Beziehung zu dem Zwecke ſtehen, welcher uns hier heo⸗ het⸗ verſammelt hat. wer— Mit Gunſt, Herr Bürgermeiſter, traut mir zu, daß ahr⸗ ich unterſcheiden kann, was zu meinem Zwecke gehört und AAnAꝑAꝑꝑQꝑAQæÖꝑüOæQÖꝑVò was nicht! entgegnete der Mönch. Und was die Kürze und das Ende meiner Erzählung betrifft, ſo würdet Ihr Beides fördern und beſchleunigen, wenn Ihr mich nicht wieder un⸗ terbrecht. Ich fahre demnach folgendermaßen fort: Nicht minder gelang es dem treuen Diener mit Hülfe ſeines wackeren und verſchwiegenen Schweſtermannes, ſeinen regungs⸗ und beſinnungsloſen Herrn, auf einen Bauerkarren wohl verborgen, hinaus nach Rycksdorf und in das Kämmer⸗ lein zu ſchaffen, wo ich ihn vorfand, während ſein über die gelungene Schandthat triumphirender Bruder, ſowie alle an⸗ dern Leute keine Ahnung von ſeinem Leben hatten. Dies und Mehreres noch erfuhr ich von Andreas, während ich am La⸗ ger des Scheintodten mit klopfendem Herzen die Wirkung der angewandten Mittel beobachtete. Bald hatte ich denn auch die Freude, den Starrkrampf allmälig ſchwinden zu ſehen, und konnte, als ich ging, dem beſorgten Diener die beſte Hoffnung auf ſeines Herrn baldige Geneſung machen. Er verſprach, die von mir zu dieſem Zwecke gemachten Anord⸗ nungen pünktlich zu erfüllen und ich gelobte ihm unverbruͤch⸗ liches Stillſchweigen, deſſen Nothwendigkeit mir unter ſo be⸗ wandten Umſtänden ſehr wohl einleuchtete. Am andern Morgen, noch ehe es völlig Tag war, fand ich mich wieder in der Hütte ein; doch nicht ſehr Erfreuliches fand ich dort: die Erſtarrung war zwar vollſtändig gewichen, aber das hitzige Fieber, an dem er vorher gelitten, war in doppelter Kraft zurückgekehrt. Vergebens war's, daß ich meine ganze Kunſt aufbot; weder mein Gebet, noch das Jam⸗ mern des treuen Dieners, noch mein geringes Wiſſen— ſo ſchien es— vermochten der zerſtörenden Gewalt der Krank⸗ heit Einhalt zu thun. So vergingen zwei Tage. Da erſchien ſpät Abends, als ich mich eben der ſeit zwei Nächten ent⸗ behrten Ruhe hingeben wollte, der unermüdliche Diener, um mich zu ſeinem Herrn zu rufen. 103 AAAAAAæꝝAᷓ;; — Bereitet Euch vor, ihm die letzten Weihen zu er⸗ theilen, da er den folgenden Morgen ſchwerlich erleben wird! ſagte Andreas dabei. Erſchrocken legte ich die geiſtlichen Gewänder an, eilte zur Sakriſtei, um die nöthigen heiligen Geräthe zu holen, und ging dann mit dem Diener, der unter dieſen Umſtänden die Stelle des Sakriſtan verſehen mußte. Als ich das Ge⸗ mach betrat, blieb ich betroffen an der Thür ſtehen, welche Andreas wie gewöhnlich hinter mir verſchloß, wobei er aber diesmal den Schlüſſel zu ſich ſteckte. Das Gemach bot einen ungewöhnlichen Anblick dar. Der Fußboden war mit grünen Tannenreiſern zierlich beſtreut und der Tiſch war in einen Altar umgewandelt, auf dem ein Kruzifir zwiſchen zwei bren⸗ nenden Wachskerzen ſtand. Noch mehr aber als dies befrem⸗ dete mich die Anweſenheit der unglücklichen Martha, die, wie Ihr Alle wißt, nach der Kundwerdung ihres Fehltritts in ſtillen Irrſinn verfallen war, aber Niemand dadurch zur Laſt fiel. Das arme Mädchen war angethan mit Kleidern von reichen Stoffen— Geſchenke ihres Geliebten— und ein Brautkranz ſchmückte ihre Schläfe. Die Schweſter des An⸗ dreas und ihr Ehemann ſtanden in ernſtem Schweigen an des Kranken Lager. Noch hatte ich keine Frage thun können, als Andreas ſich zu mir wandte. — Mein armer Herr wird nur wenige Stunden noch leben, ſagte er, und daher iſt es nöthig, ihm die letzte Oelung zu Theil werden zu laſſen. Doch nicht dies allein iſt es, warum ich Euch gerufen, Ehrwuͤrdiger; hört mich ruhig an. Das Schickſal will nicht, daß meinem Herrn ſeines Dieners Hülfe frommt; wohlan, möge mein gewagtes Thun wenigſtens ſeinem Kinde zu Gute kommen, welches Martha, vor Gott bereits ſein Weib, unter ihrem Herzen trägt. Ich will nicht, daß ſein Kind einſt, ein Baſtard, verachtet und ehrlos in der Welt umherirren ſoll; darum, Herr Pfarrer, verlange ich von Euch, daß Ihr durch Euern AAò prieſterlichen Segen die beiden Verlobten hier auf dieſer Stelle und in dieſer Stunde ehelich verbindet. Was Ihr dazu bedürft, iſt vorhanden; die Zeugen ſind jene beiden wackern Leute dort und ich. Natürlich weigerte ich mich, einem Verlangen zu will⸗ fahren, deſſen Folgen ſich gar nicht ermeſſen ließen; doch Andreas beſtand darauf. — Ich habe Eure Weigerung vorhergeſehen, Herr Pfarrer, ſagte er, und mich darauf gefaßt gemacht, von Euch durch Gewalt zu erzwingen, was Ihr nicht freiwillig thun wollt. Ihr werdet wahrlich nicht von dannen gehen, Ihr hättet denn meine Forderung erfüllt! Weniger ſeine wiederholten Drohungen, die er doch wohl ſchwerlich ausgefuhrt hätte, als vielmehr die ſanften und rührenden Bitten ſeiner Schweſter, wie die verſtändigen Vorſtellungen ſeines Schwähers beſtimmten mich endlich, ſei⸗ nem Verlangen Folge zu geben. Eigentlich wollte ich nur dadurch beweiſen, daß die Trauung der Beiden unmöglich ſei, da ſie nicht im Stande waren, auf die vorgeſchriebene Frage das Jawort auszuſprechen, was doch nach kirchlichen und weltlichen Satzungen Bedingniß zur Gültigkeit zur ehe⸗ lichen Verbindung iſt. Doch kurz und gut: das Bett des Kranken ward vor den Altar gerückt, Theobalds Hand in die ſeiner Verlobten gelegt, und da der Eigenthümer der Hütte und ſein Weib ihre Trauringe hergaben, alles ſonſt Nöthige ebenfalls vorhanden war, ſo ging die Trauhand⸗ lung vor ſich. Theobald lag in Fieberhitze, doch verhielt er ſich ungewöhnlich ruhig, ſeinen Blick wie gebannt auf ſeine Braut richtend; des Mädchens Augen, aus denen ihr trau⸗ riges Gebreſte ſprach, blickten ſo ſtarr zu mir auf, daß ich gezwungen war, die meinigen zu Boden zu ſenken. Der ent⸗ ſcheidende Augenblick erſchien; ich richtete die Frage an Theo⸗ bald— und ſiehe da: er beantwortete ſie mit einem lauten und vernehmlichen Ja! Zitternd wandte ich mich zu Martha ———— AANRRRR — und auch von ihr hörte ich das Wort. Da kam es über mich, als hätte Gott ſelber mir ſeinen Willen kund⸗ gegeben; begeiſtert ſprach ich den Segen über das Paar und legte ihre Hände zum ewigen Bunde ineinander im Namen Gottes, kraft meines heiligen Amtes und meiner Vollmacht als geweihter Prieſter des Herrn. Der Ehebund der Bei⸗ den hatte bindende Kraft; er war gültig und iſt es noch heute und in alle Ewigkeit nach kirchlichem und weltlichem Geſetz! Einige Augenblicke hielt jetzt der Mönch inne, um von der Anſtrengung des Redens zu raſten. Tiefes Schweigen herrſchte im Saal, welches ſelbſt am Richtertiſche beobachtet wurde und erſt wieder durch den Pater unterbrochen ward, der folgendermaßen fortfuhr: — Als meine geiſtlichen Amtsverrichtungen beendet wa⸗ ren und ich gehen wollte, forderte Andreas wiederum das Gelöbniß der Verſchwiegenheit von mir, das ich ihm auch bereitwillig ablegte. Mit Theobalds Krankheit ward es wider Vermuthen von Stund' an beſſer; es ſchien, als hätte die heilige Handlung— von der ihm, wie ich ſpäter er⸗ fuhr, keine Spur der Erinnerung geblieben— Wunder ge⸗ wirkt. Er genas in verhältnißmäßig kurzer Zeit. Andreas ſetzte ihn von ſeinen Schickſalen in Kenntniß; er rieth ihm, die Gegend zu verlaſſen, in der ſein Leben beſtändig in Ge⸗ fahr ſchwebe, und auswärts ein ruhiges Plätzchen für ſich und Martha zu ſuchen, was zu finden ihm bei ſeinem aus⸗ gebreiteten nützlichen Wiſſen nicht allzu ſchwer fallen könne. Theobald ſah die Nothwendigkeit ein, ſeines treuen Dieners Rath zu befolgen, und als alle ſeine Kräfte hinreichend zu⸗ rückgekehrt waren, trat er, verſehen mit gutem Reiſepfennig vom Erſparten des Andreas und unkenntlich gemacht durch die Folgen der Krankheit und durch winterliche Kleidung, ſeine Wanderung an, die vorerſt nach Sachſen gerichtet war. Ob ihm Martha in der Nähe des Dorfes begegnet iſt und AAAAAAAAANS er mit ihr von ſeiner Wiederkehr geſprochen, weiß ich nicht:; aber es war am Tage St. Luciä, als er hinausging in die Welt; und dieſer Tag iſt es, an welchem die arme Irrſin⸗ nige ſtets ſeiner Rückkehr harrte. Doch genug hiervon, daß mich nicht der Vorwurf un⸗ nützer Weitſchweifigkeit in Wahrheit treffe. Andreas kehrte nun nicht wieder in des Stadthauptmanns Haus zurück, ſondern blieb bei ſeiner Schweſter in Rycksdorf, um über die unglückliche Martha zu wachen, von der freilich Niemand ahnte, daß ſie des reichen und angeſehenen Patriziers Rycke Schwiegertochter ſei, und die kurze Zeit nach Theobalds Ent⸗ fernung eines Zwillingspaares genas, ohne daß in der Krank⸗ heit ihres Geiſtes eine Aenderung eintrat. Faſt zu derſelben Zeit geſchah es, daß Andreas mich um eine geheime Unterredung erſuchte, welche ich ihm ge⸗ währte. Da erzählte er mir denn, daß er ſeit Jahren einen rechtſchaffenen Mann kenne, der in einer benachbarten Stadt Handelsgeſchäfte betreibe und deſſen Zutrauen er ſich durch einen großen Dienſt erworben, den er Jenem einſt geleiſtet. Dieſer Handelsherr— ſo erzählte er ferner— hatte vom Vater ſeiner Chefrau ein u ht geringes Vermögen ererbt, jedoch nur unter dem ſeltſame Bedingniß, daß das reiche Erbgut an einen entfernten Vene aallen ſollte, falls die Frau ſtürbe, ohne Kinder zu hinterlaſſen. Daß dieſer Vetter nun gehörig Acht gab auf Alles, was in der Handelsherrn Hauſe vorging, verſteht ſich von ſelbſt; zumal er ein Verſchwender und ſchlechter Haushalter war, der das Seinige mit lieder— lichen Leuten durchgebracht hatte. Doch ſchien ſeine Hoff⸗ nung nicht in Erfüllung gehen zu ſollen, denn bald ein Jahr nach der Hochzeit ſchaukelte der Handelsherr einen munte⸗ ren Knaben auf ſeinen Knieen, und wiederum ein Jahr dar⸗ auf ein Töchterlein. Um dieſe Zeit nun fügte ſich's, daß der Handelsherr ſeiner Geſchäfte wegen eine weite Reiſe machen mußte; ſeine Ehefrau ſammt ſeinen Kindern nahm ̈8—½‿— 107 rT er mit ſich zu einem guten Freunde in einer Stadt an der Elbe, wo ſie ſeine Ruͤckkehr erwarten ſollten. Als er nun nach glücklich vollbrachter Reiſe vergnügt und froh die Sei⸗ nigen in die Arme ſchließen wollte, fand er ſich bitter ge⸗ täuſcht; beide Kinder waren einer Peſtkrankheit erlegen, die im Orte wüthete, und ſeine Frau hatte der Gram um die Verlorenen auf's Krankenlager geworfen. Als ſich nun die Frau immer ſchwächer fühlte, ſagte ſie eines Tags zu ihrem Mann, wie ſehr es ſie bekümmere, daß nun ihr Heirathsgut an jenen Vetter gelange, der ſo ſchnöden Mißbrauch mit dem Reichthum triebe, während ihr Gatte ihn bisher immer zu Nutz und Frommen der Seinigen, wie auch der Bedürftigen und Nothleidenden angewandt habe, und forderte ihn auf, ein Mittel zu erſinnen, wie dem zuvorzukommen ſei. Zwar wollte der Mann in ſeinem Schmerze nichts davon wiſſen; doch die Frau, die ihn über Alles liebte und wohl wußte, welch empfindlicher Schlag die Herausgabe des Erbes ſein würde für ihn, redete ihm ſo dringend zu, daß er bald mit dieſem Gedanken vertrauter ward. Nun aber war kein an⸗ deres Mittel, in Beſitz des Vermögens zu bleiben, als dem Vetter den Tod der Kinder zu verheimlichen; und wenn es gelang, andere herbeizuſchaffen, ſo war keine Entdeckung zu befürchten. In dem Orte, wo die Kleinen geſtorben, war der Handelsherr und ſine Frau nur dem Gaſtfreunde be⸗ kannt, und auf den onnten ſie ſich verlaſſen. Daß aber der Vetter ſelber oder die Leute im Wohnorte des Kaufmanns hinter die Sache kommen ſollten, war nicht zu befürchten, denn Jener erkundigte ſich zwar bei Anderen hin und wie⸗ der nach dem Leben der Kinder, hatte dieſe aber nie geſe— hen; und die Leute im Orte hatten die Kleinen auch nicht gekannt, da der Handelsmann mit ſeiner Eheſrau ſehr ein⸗ gezogen und häuslich gelebt hatte. Inzwiſchen aber hatte er ſeine Frau von dem Orte des Todes weg und nach ih— rem Geburtsorte Kölln an der Spree gebracht, wo er ein — — 108. Haus beſaß; ſchon lange ging er übrigens mit dem Vor⸗ ſatze um, ſich hier gänzlich niederzulaſſen, und jetzt dachte er natürlich ernſtlicher als je daran, umſomehr, als ſeine Frau gern da begraben ſein mochte, wo ſie zuerſt das Licht der Welt erblickte. Hier hatte er denn auch den Andreas ge⸗ troffen und da er ihn als einen treuen und zuverläſſigen Mann erkannt hatte, ihm Alles offenbart und ihn gebeten, zur Ausführung ſeines Vorhabens behülflich zu ſein. Dies Alles theilte mir Andreas in jener geheimen Un⸗ terredung mit; aber mein Staunen ward zur Entrüſtung, als er nun mit dem Vorſchlage herausrückte, Theobald und Martha's Kinder dem Handelsherrn zu überlaſſen. Er ließ mich aber gar nicht dazu kommen, meinen Gefühlen Worte zu leihen, ſondern ſtellte mir vor, wie gut es für die Klei— nen wäre, wenn ihnen alſo geſchähe, denn ſein Freund habe heilig gelobt, die Kinder als wirklich ſein eigen zu halten. Auch ſagte er mir, daß Theobald, wenn er zurückkehrte, nicht um ſein Vaterrecht geſchmälert würde; denn dann würde jener Vetter, den er ſehr wohl kenne, längſt den Folgen ſei⸗ ner wilden Ausſchweifungen erlegen ſein, und dann hätte der Handelsherr, der noch dazu dem Andreas eine darauf lautende Handſchrift ausſtellen wolle, keine Urſache, die Kin⸗ der dem rechtmäßigen Vater vorzuenthalten. Das Alter der Kinder aber würde bei der Sache gar nichts thun, denn da ſie in Kölln blieben, ſo würde ſie in der erſten Zeit Nie⸗ mand weiter ſehen; und ſpäterhin, nach etlichen Jahren könne man den Knaben dreiſt für älter ausgeben, als er wirklich ſei, ohne daß dies gar zu deutlich zu merken ſei. Sodann ſtellte er mir vor, daß der, ſo dem Vater der beiden Kin⸗ der nach dem Leben getrachtet, auch dieſe über die Seite zu räumen ſuchen würde, wenn er durch irgend einen Zufall erführe, welches Recht dieſe einſt geltend machen könnten; und daß es daher ſehr gut wäre, wenn man die Kinder ebenſo wie den Vater für todt hielte. AAAAAAANÖNR;R Ich ſträubte mich zwar gewaltig gegen dieſe neue Zu⸗ muthung; doch hat man erſt einmal A geſagt, ſo iſt es ſehr ſchwer, nicht auch B ſagen zu müſſen— und im Grunde genommen war es ja am beſten für die armen Kleinen. Zudem war die Ausführung ſehr leicht; die Mutter lag an ihrem traurigen Gebreſte darnieder, und weder um ſie, noch um die beiden armen Weſen kümmerte ſich damals Jemand weiter als wir, die wir um das Geheimniß wußten; mehr f aber als Alles trug mein Amt als Pfarrer dazu bei, die. Sache in's Werk zu ſetzen, ohne daß irgend Einer den ge⸗ ringſten Verdacht ſchöpfen konnte. Der Handelsherr erhielt durch Andreas die Kinder, deren wahre Abſtammung ihm dieſer, um beſſerer Verwahrung des Geheimniſſes willen, verſchwieg und vorgab, ſie ſelber nicht zu kennen; und alle Welt pries die Vorſehung, welche die armen Weſen aus dieſer Welt, in der ſie doch nur Elend und Schande erwar⸗ tete, durch ihren Tod in eine beſſere verſetzt habe. 3 Die ganze Begebenheit verzeichnete ich treulich nach der Wahrheit im Kirchenbuche des Dorfes, und zwar bei der als Stelle, wo die Nachricht von der vollzogenen Trauung Theo⸗ balds mit Martha zu leſen iſt, und bezeugte die Wahrheit durch das Pfarrſiegel und durch meine Namensunterſchrift, wie ich es auch von Andreas und den beiden Andern thun ließ. Die Schweſter des Andreas und ihr Ehemann ſind unterdeſſen geſtorben; aber daß ſie ſelber mit eigener Hand das beſtätigende Zeichen unter meine Angabe im Kirchen⸗ buche machten, kann und werde ich beeiden, und Andreas, der noch lebt, wird es auch können, wenn er je wieder in 1 den vollen Beſitz ſeines Geiſteslichtes gelangt. Und nun, Ihr Herren, iſt es kaum noch nöthig, Euch Namen zu nennen, die Ihr ſchon kennt; doch der Ordnung wegen muß ich's thun. Wiſſet denn: der Handelsherr, von dem ich ſprach, nannte ſich Reinhold, und jene Kinder heißen Ottokar und Lisbeth! nne Die Erſchöpfung zwang den Pater, abermals auf kurze Zeit innezuhalten. Alle Anweſenden, auch die Mitglieder des Rathes, hatten ihm mit großer Spannung zugehört, wie es der Gegenſtand ſeiner Erzählung mit ſich brachte. Dem Angeklagten kam Alles wie ein wirrer Traum vor; er konnte ſich nicht zurechtfinden in dem, was er erſt in die⸗ ſer verhängnißvollen Stunde vernahm; ſeine Empfindungen dabei waren ſo verſchiedener Natur und ſo widerſtreitend mit einander, daß er ſie durch keinen Laut kundzugeben ver⸗ mochte. Der Propſt drückte ermuthigend des jungen Man⸗ nes Hand und ſprach leiſe ihm Hoffnung und Troſt zu. — Iſt das Alles, was Ihr uns zu ſagen habt, Herr Pater, und ſeid Ihr fertig mit Eurem Zeugniß? fragte Hey⸗ dicke nach kurzer Pauſe. — Noch nicht, Herr, erwiederte der Mönch; doch werde ich bald zu Ende ſein; das Schwerſte liegt hinter mir! Dann ſprach er weiter: — Andreas hatte dem ſcheidenden Theobald gelobt, ſtatt ſeiner die Vaterpflicht zu üben; und dies Gelöbniß ließ ihn Alles thun, was er den Kindern erſprießlich glaubte. Darum trat er jetzt auch ſcheinbar in Reinholds Dienſt, der aus guten Gründen ſein Hausgeſinde in Köpenick entließ. Reinhold und ſeine Ehefrau gewannen ihre Pfleglinge ſo lieb, wie ihnen ihre eigenen Kinder geweſen: auch erholte ſich die Letztere noch einmal wieder und ſtarb erſt zwei oder drei Jahre darauf an einer anderen Krankheit, nachdem auch ihr Vetter ſeinen früheren Ausſchweifungen erlegen war, wie Andreas vorausgeſagt hatte. Mit dieſer Nachricht zugleich theilte dieſer mir mit, daß Theobald zwar zurückgekehrt ſei, aber leider unter Verhältniſſen, die es wünſchenswerth mach⸗ ten, daß er auch ihn über das Leben der Kinder täuſchte und daß er, der Diener, ſich jetzt ſeines Werkes erſt recht freue. Ich erfuhr, daß Theobald gerade das Gegentheil von dem geworden, was er früher war; man mußte ihn— was — ⏑ANRðR&——s— 111 ſchlimmer war, als ſein leiblicher Tod— fur ſittlich todt halten— und Andreas hatte ſein Gelöbniß, treulich für die Kinder Sorge zu tragen, ſeiner Meinung nach nicht beſſer erfüllen können, als daß er ſie da ließ, wo ſie eben waren, denn ihr leiblicher, wie geiſtiger Untergang war gewiß, wenn er ſie dem tief geſunkenen Theobald übergab, um den er, wie um einen Todten trauerte, da von ſeinem früheren Herrn nur die äußere Geſtalt geblieben war, alles Edle und Gute aber gemeiner Niederträchtigkeit und Ruchloſigkeit Platz ge⸗ macht hatte.. Dieſe Kunde beſchwichtigte zwar auf einige Zeit die Gewiſſensbiſſe, die mir jener Betrug verurſachte, der wohl in der beſten Abſicht unternommen ward, aber doch immer ein Betrug blieb und ein frevelhafter Eingriff in die Vor⸗ fehung, die ſicherlich auf andere Weiſe für die unſchuldigen Kinder geſorgt hätte. Aber bald wurden die Schläge mei⸗ nes Gewiſſens wieder ſtärker; uud wie ich durch ſchwache Nachgiebigkeit geſündigt hatte, indem ich mich unter den Wil⸗ len Anderer beugte, ſtatt dieſe kraft meines Berufes zu be⸗ herrſchen— ſo beſaß ich auch jetzt wieder nicht Willens⸗ ſtärke genug, um meinem Oberen meine Schuld zu bekennen und mich frei zu machen von dieſer, indem ich ergeben und demüthig ſeine Strafe auf mich nahm. Vielmehr wollte ich mir ſelber Buße auferlegen, um mein Gewiſſen zu beruhi⸗ gen und dabei mein Vergehen verſchweigen zu dürfen, wozu ich ſchon durch mein freilich ſündhaftes Gelöbniß gezwungen ward. So beſchloß ich denn, meine gute Pfarre zu verlaſ⸗ ſen, in ein Kloſter zu gehen und fortan als ein niederer Mönch zu leben und zu ſterben; zugleich nahm ich mir vor, ein treuer Diener und Helfer der Kranken und Leidenden zu werden, wobei mir meine Erfahrungen in der Arzenei⸗ kunde wohl zu ſtatten kamen. Doch ehe ich meiner Pfarre den Rücken kehrte, nahm ich ein Stück Pergament, legte es auf jenes Blatt des Kirchenbuches und ſiegelte es mit mei⸗ —— AAANNSN nem eigenen Zeichen an den vier Ecken mit dieſem zuſam⸗ men, ſo daß die den Theobald und die Kinder betreffende Nachricht nur zu leſen war, wenn man mein Siegel brach. Von meinem Nachfolger im Amte aber, einem lieben Be⸗ kannten, ließ ich mir verſprechen, die Siegel erſt nach mei⸗ nem Tode zu löſen, es ſei denn, daß ich ihn von ſeinem Verſprechen entbinde; er hat dies Verſprechen treulich ge⸗ halten. So hoffte ich, wie geſagt, mein Gewiſſen zu beſchwich⸗ tigen, ohne mein Geheimniß entdecken zu müſſen; und es gelang mir vollkommen. Nach des alten Stadthauptmanns Tode gelangte Berend Rycke in den Beſitz aller väterlichen Reichthümer und mit dieſen erhielt er zugleich ſo großen Einfluß beim Rathe der beiden Städte und wußte ihn ſo ſchlau ſich zu erhalten und zu benutzen, daß es ihm ein Leichtes geweſen wäre, ſeines Bruders Kinder über Seite zu räumen, was auch ſicherlich geſchehen wäre, hätte er ge⸗ ahnt, welche Rechte Ottokar und Lisbeth geltend zu machen vermochten! Was aber am meiſten dazu beitrug, mich ſel⸗ ber mein Vergehen in milderem Lichte ſehen zu laſſen, das war das herrliche Aufblühen des Geſchwiſterpaares, welches ich insgeheim beobachtete! Aus dem beſcheidenen, wißbegie⸗ rigen Knaben ward ein Jüngling, gleich ausgezeichnet an Geiſt wie an Gemüth, und aus dem fröhlichen und doch ſo ſanftmüthigen Mägdlein erblühte eine Jungfrau, deren Hold⸗ ſeligkeit nur von der Reinheit ihres Herzens überſtrahlt wer⸗ den konnte! Wo verband je ein Geſchwiſterpaar innigere Liebe, als dieſes? Welcher Unglückliche betrat je ihre Schwelle, ohne ſie mit Freudenthränen zu verlaſſen; wo iſt der Be⸗ drängte, der Ottokar vergebens um Schutz und Beiſtand ge⸗ beten hätte; wer ſuchte fleißiger die Hütten der Armen und Kranken auf und verſtand beſſer Noth und Kummer zu ver⸗ ſcheuchen, als Lisbeth; wer ſprach und handelte kräftiger und furchtloſer, wenn's galt, der Unterdrückung zu widerſtehen, —— △ K ANNANNAN; als Ottokar; und wer erfreute ſich mehr am Glücke Anderer, als er? Und hier muß ich ihn ſehen, angeklagt wegen gräß⸗ licher Verbrechen, ihn, den Edelſten und Beſten, den je die Mauern dieſer Städte in ſich ſchloſſen! fuhr der Mönch in tiefer Bewegung fort. Hier muß ich ihn ſehen, dem elen⸗ deſten Böſewicht gleich geachtet, ihn, deſſen Streben und Trachten nur ſeiner Mitmenſchen Wohl galt! O, verzeihe mir, Ottokar, daß ich Dich weich mache in einer Stunde, wo Du Deiner ganzen Stärke bedarfſt; aber ich kann nicht anders— es bricht mir das Herz ab— es bewältigt mich! Unfähig, weiter zu ſprechen, wankte der alte Mann auf Ottokar zu und ſchloß ihn weinend an ſein Herz Ueber Ottokars bleiche, düſtere Züge flog ein wehmüthiges Lächeln. — O, mein Vater, ſprach er nach einigen Augenblicken, ich wünſchte, es wäre Alles vorüber! Der Propſt, ſowie Stroband und Bernhard waren mächtig ergriffen von dieſer Scene, und ſelbſt die im Saale anweſenden Stadtſöldner konnten ſich der Rührung nicht er⸗ wehren; nur die Richter, ſolcher Auftritte gewohnt, blieben kalt und unbewegt. 6 — Macht ein baldiges Ende, Herr Pater, wenn Ihr wollt, daß wir Euch ferner Gehör ſchenken! herrſchte Hey⸗ dicke dem Mönche zu. Wenn Ihr aber glaubt, unſer Ur⸗ theil durch Seufzen und Thränen zu beſtechen, ſo warne ich Euch vor ſolchem Irrthum, in den Ihr zum Beſten Eures Schützlings nicht wieder verfallen möget! — Doch ſtill, mein Herz, ſtill! murmelte der Mönch, der weder Ottokars Worte verſtanden, noch deſſen fieberhaf⸗ tes Zittern gewahrt hatte, und auch Heydicke's gebieteriſche Stimme überhört zu haben ſchien. Still, mein Herz, wie⸗ derholte er, indem er ſeinem früheren Platz zuſchritt; Du darfſt nicht rechten mit dem Allerhöchſten. Die Jahre vergingen— ſo hob er dann nach kurzer Sammlung wieder an— und immer mehr ward ich in mei⸗ Die ſchwarzen Brüder. IV. 8 AnANANNRNRPP nem Gewiſſen beruhigt ob der Täuſchung, zu der ich einſt meine Hand geboten oder ſie doch wenigſtens nicht verhin⸗ dert hatte; ja, ich pries bei mir ſelber mein damaliges Ver⸗ halten, da es für das Geſchwiſterpaar ſowohl, als auch für Alle, die mit den Beiden in Berührung kamen, ſo erſicht— lich gute Folgen hatte. Da geſchah es in der Woche nach dem letzten Weihnachtsfeſte, daß Ottokar urplötzlich ſchwer erkrankte und man meine geringe Arzneikunſt zu ſeiner Hülfe anrief. Bald ward ich inne, daß ſein Gemüth ſo krank wie ſein Körper war und daß ein unbekanntes, geheimnißvolles Etwas ſein Herz ſchwer bedrückte. Ihn dieſer Bürde zu entledigen, die ſeine völlige Geneſung verzögert oder gar verhindert hätte, forderte ich ihn zur Beichte gegen mich auf, als er mit Gottes Hülfe Kraft genug gewonnen, um mein Verlangen erfüllen zu können. Bereitwillig öffnete er mir ſein Herz und da erfuhr ich denn, was ihn in Bezug auf das damals ihm ſelber unbekannte, heute erſt offenkundig gewordene Geheimniß ſeiner Geburt bedrohte. Aber ich er⸗ kannte jetzt auch die ganze Größe ſeiner edlen Seele; denn nicht die Furcht vor der ihm drohenden Gefahr war's, die ihn bedrückte: es waren die ſtrengen Selbſtvorwürfe, die er ſich machte über die Bewahrung jenes Geheimniſſes, in welcher er ein großes Unglück erblickte, wofür ihn nur ver⸗ diente Strafe treffe. Ich aber frage laut, wo iſt der Mann, der anders gethan hätte an ſeiner Stelle? O, unter der geſammten Menſchheit giebt es wahrlich Wenige, die ſo ge⸗ wiſſenhaft, wie er, dabei verfahren wären! Nicht ohne ge⸗ heimen Schrecken vernahm ich dieſe Kunde; denn wollte ich ihn nicht dem unverdienteſten Schickſal überlaſſen, ſo mußte ich jetzt jene Täuſchung offenbaren! Doch auch noch über etwas Anderes erſtreckten ſich des jungen Mannes Bekenntniſſe: ich ſchöpfte aus ihnen den Verdacht des heilloſen, frevelvollen Betruges, den wir heute, Ihr Herren, mit eigenen Augen geſchaut haben; und dieſer 115 AAA; Verdacht ward bei mir zur unumſtößlichen Gewißheit, als es mir gelang, mich mit dem Stadtſöldner zu verſtändigen, der in Folge einer geheimnißvollen Erſcheinung in der Brü⸗ derſtraße die Sprache verloren hatte und heute noch im Hospital St. Georg darniederliegt. Ich that nun, was ich thun mußte; nachdem wir Ot⸗ tokar geſtattet, von ſeinen Bekenntniſſen den Gebrauch zu machen, der mir gut ſcheinen würde, legte ich vor meinem hochwürdigen Guardian nicht allein meinerſeits ein vollſtän⸗ diges Geſtändniß ab, ſondern theilte ihm auch Alles mit, was ich ſonſt noch von Ottokar erfahren und worauf ſich mein Verdacht gründete. Demüthig erwartete ich die mir aufzuerlegende Buße und bat nur um Rath und Beiſtand zur Enthüllung des Frevels, von deſſen Daſein ich überzeugt war. Mein geiſtlicher Oberer, wie immer mild und freund⸗ lich, warf das Gute, was ich bisher durch Gottes Gnade ausgerichtet, in die Wagſchaale gegen mein früheres Fehl und ertheilte mir vollſtändige Abſolution; doch legte er mir als Strafe meines langen Geheimhaltens auf, zu ſeiner Zeit auch vor der Welt ein offenes Bekenntniß abzulegen. In Bezug auf die Enthüllung des Frevels, die auszuführen nicht in ſeiner Macht ſtand, gebot er mir, eiligſt gen Prag zu reiſen, um unſerem hochwürdigſten Ordenshaupt meinen Ver⸗ dacht mitzutheilen, damit der Prälat die nöthigen Schritte thue. Da es aber bei dem Zwiſte, der unſern Orden von dem des heiligen Dominikus trennt, wohl möglich war, daß der Pralat ſich dieſerhalb nach Rom wenden und ſich dabei meiner geringen Perſon bedienen könnte, ſo mußte ich zuvor auf das Geheiß des Guardians eine genaue Erzählung von der ganzen Sache niederſchreiben, damit ein Zeugniß da war, wenn mir auf der weiten Reiſe etwas Menſchliches begeg⸗ nen, oder mein Zeugniß nöthig werden ſollte, bevor ich zu⸗ rückgekehrt war. Dieſes Zeugniß, Ihr Herren, iſt in dem Schreiben enthalten, welches Euch durch meinen geiſtlichen 8*x 4ℳ— —— 116 AêAAêAꝑꝑÖAæAꝑÖꝙÖAÖꝑEE; Obern heut zugeſandt wurde und welches Ihr eine Stunde vor der Urtheilsvollſtreckung erbrechen und leſen ſolltet. Warum der hochwürdige Guardian alſo that, werdet Ihr wohl begreifen. Das Geheimniß über Ottokars und Lis⸗ beths Geburt ſollte erſt dann aufgedeckt werden, wenn wirk⸗ lich die Nothwendigkeit dazu vorhanden war; da dieſe aber leichtlich vor meiner Rückkehr eintreten konnte und ich nicht wollte, daß das Geſchwiſterpaar auch nur einen Augenblick die Schmach unehelicher Geburt tragen ſollte, ſo übergab ich Ottokar vor meiner Abreiſe eine verſiegelte Schrift, in der das ihn und ſeine Schweſter angehende Blatt des Kirchen⸗ buches verzeichnet war, und gebot ihm, die Schrift zu leſen und danach zu thun, wenn der Augenblick käme, wo er den Namen Reinhold ablegen müſſe, oder wenn er die Kunde meines Todes erhielte. Wie ich vorhin erfahren, hat nicht er, ſondern ein An⸗ derer dieſe Schrift geöffnet und geleſen, wie Euch das Zeug⸗ niß des jungen Bernhard Rycke ſagen wird. Um nun aber nichts zu unterlaſſen, was die Enthül⸗ lung des von mir mit Recht geargwöhnten Frevels fördern und ſichern könnte, beauftragte ich den Diener des Ange⸗ klagten, deſſen Muth und Unerſchrockenheit ich kannte, mit der Beobachtung und heimlichen Unterſuchung der Stätte, wo die Ausübung jenes Frevels muthmaßlich ſtattfand, um zu ſeiner Zeit mit triftigen Beweiſen hervortreten zu können, wenn etwa meine allerdings kühne und bis dahin unerhörte Behauptung bei den betreffenden geiſtlichen Obern keinen Glauben finden ſollte. Der wackere Burſche, der wohl be⸗ griff, wie nahe die Sache das Lebensglück ſeines guten Herrn berührte, ging willig und muthig darauf ein; und mit welch' großem Eifer er dabei zu Werke ging, deß ſind wir heut Zeuge geweſen. Ihr Herren auf den Richterſtühlen wißt, warum ich nicht deutlicher ſpreche; mögt auch Ihr Euch gleicher Vorſicht befleißigen. Das Schreiben, welches man AAAAAAA;E; auf dem Gemach des Dieners vorfand, als man ihn ver⸗ mißte, iſt von meiner Hand, wie eine Vergleichung mit an⸗ derer Schrift von mir leicht beweiſen wird; ich gab es ihm, von einer unbeſtimmten Ahnung getrieben, die leider ein⸗ getroffen iſt. Bei dem Allen aber vergaß ich nicht, in Rycksdorf nach⸗ zuſehen, ob das Kirchenburch noch die für Ottokar und Lis⸗ beth ſo wichtigen Zeugniſſe enthalte. Zwar erfuhr ich ſchon im Pfarrhauſe, daß der Zahn der Zeit die Anlegung eines neuen Regiſters nothwendig gemacht, doch fand ich die Blät⸗ ter des alten Buches ſorglich aufbewahrt und unter ihnen auch das, welches ich ſuchte. Nachdem ich meinem Amts⸗ nachfolger aufgetragen, das Blatt an Ottokar auszuhändi⸗ gen, ſobald dieſer es verlange, eilte ich nach Britz, um wo möglich Rückſprache zu nehmen mit Andreas, dem auf ſelt⸗ ſame Weiſe Martha's trauriges Geſchick zu Theil geworden. Zu meiner Freude traf ich ihn gerade zu einer Zeit, in wel⸗ cher ſein Geiſt weniger umnachtet iſt, als ſonſt, wie dies bei vielen Unglücklichen dieſer Art öfter eintritt; und es gelang mir, mich ſo weit mit ihm zu verſtändigen, daß er mich mei⸗ nes ihm geleiſteten Gelöbniſſes, über Ottokars und ſeiner Schweſter Herkommen Stillſchweigen zu bewahren, entband. Nun glaubte ich Alles gethan zu haben, um das dro⸗ hende Ungemach von dem Geſchwiſterpaare fern zu halten und ſetzte getroſten Muthes meine Reiſe nach der Böhmen⸗ hauptſtadt fort. Als ich aber bis zur Stadt Dresden in den Meißener Landen gekommen war, erfuhr ich von einem Ordensbruder, der aus Prag kam, daß der hochwürdige Prälat zur Zeit in dieſer Stadt nicht anweſend ſei, viel⸗ mehr ſich nach Mainz zu ſeinem erlauchten Verwandten, dem dortigen Kurfürſten, begeben habe, um mit dieſem und andern hohen Prälaten über Angelegenheiten der Kirche in Deutſchland zu berathen. Sogleich änderte ich meinen Weg und wandte mich dem Rheine zu; aber ſchon nach einigen —— 118 NNNNRNRò=f Tagen warfen mich die Beſchwerlichkeiten der Winterreiſe auf's Krankenlager, auf dem ich länger als eine Woche ver⸗ harren mußte. In dieſen einſamen Stunden fiel mir ſchwer auf's Herz, wie viel Zeit noch vergehen würde, bevor ich nach Mainz und von dort zurück wieder nach den beiden Städten käme, und mit Schrecken dachte ich an das viele Unheil, das inzwiſchen noch vom Kloſter zu Kölln ausgehen könne. Da beſchloß ich denn kurz und gut, mich ſogleich an den hochwürdigſten Biſchof zu Brandenburg zu wenden, mit dem ſich ja ohnehin unſer Ordensoberhaupt verſtändi⸗ gen mußte, bevor etwas in der Angelegenheit des Domini⸗ kaner⸗Kloſters geſchehen konnte, welches wie alle Klöſter die⸗ ſes Ordens in der Mark unter der geiſtlichen Aufſicht des Erſteren ſteht; und kaum hatte ich die nothdürftigſten Kräfte wiedererlangt, ſo ſchlug ich den Weg nach der alten mäͤr⸗ kiſchen Hauptſtadt ein. Was ich dort ausrichtete, iſt Euch bekannt, Ihr Herren! Somit habe ich denn hinreichend dargethan, wer der Angeklagte iſt— ſchloß der Mönch ſeine Ausſage— ich habe ferner gezeigt, daß er ſchuldlos iſt an dem, was ſei⸗ nem Diener widerfahren. Auch wird Jedermann aus mei⸗ ner Erzählung leicht entnehmen können, wie unglaublich es iſt, daß der Angeklagte meuchleriſch den Dolch auf den Bru⸗ der ſeines Pflegvaters gezückt habe, nachdem ich getreulich berichtet, wie er es ſich als große Schuld anrechnete, ein Geheimniß ohne Anderer Schaden bewahrt zu haben, das in gleicher Lage Keiner von uns ausgeplaudert haben wurde. Dann endlich wißt Ihr jetzt— und werdet darüber noch das Nähere vernehmen— daß ſich Euer Bote arg berücken ließ zu Prag und daß es mit der Antwort, welche ihm von mir geworden ſein ſoll, eitel Lug und Trug iſt. Zuletzt aber werdet Ihr bekennen müſſen, wie wahrſcheinlich es iſt, daß diejenigen, welche die Prager Geſchichte zum Verderben des Angeklagten erſonnen und ausgeführt haben, auch die Hand AAAAAAAAAARNRDDD im Spiele hatten bei dem Mordanfall gegen den Reinhold, um mit teufliſcher Schlauheit den Verdacht ſolcher That auf das Opfer der Tücke zu wälzen. Dies Alles nun, verbunden mit dem bisherigen vor⸗ wurfsfreien Wandel des Angeklagten, ſpricht deutlich genug für ſeine Unſchuld. Vor Gott, dem Allwiſſenden, aber be⸗ theure ich, daß mein Zeugniß in allen Punkten lautere Wahr⸗ heit enthält, die auch durch viele andere Beweiſe erhärtet werden kann. Indem ich aber dies Zeugniß nach Pflicht und Gewiſſen ablegte, erfüllte ich zugleich die mir von mei⸗— nem geiſtlichen Obern auferlegte Buße und bekannte offen vor der Welt mein früheres Fehl, das mir jetzt vergeben iſt. Möge allen wahrhaft reuigen Sündern gleiche Milde zu Theil werden! Amen. — Wahrlich, Ihr habt Urſache, Euch der Milde Eurer Kirche zu freuen, der allein das Gericht über Euch zuſteht! verſetzte Heydicke boshaft. Ein weltliches Gericht würde den von Euch getriebenen Kinderhandel mit anderer Strafe ahn⸗ den! Sicherlich aber würden wir den argen Betrug an Euren Mitſchuldigen ſtrafen, hätte dieſe nicht ſchon Gottes Hand getroffen, indem der Eine von ſchwerem Gebreſte heimge⸗ ſucht ward, während die beiden Andern ſtarben. Was nun Euer Zeugniß betrifft, Herr Pater, ſo ſteht es nur uns Rich⸗ tern zu, daraus Folgerungen zu ziehen, nicht aber Euch, wie Ihr eben Euch vermaßet! Der Mönch nahm dieſe verletzende Rede mit ruhiger Gelaſſenheit hin und beantwortete kurz und bündig die Fra⸗ gen, die ihm vorzulegen die Richter für gut befanden. In Ottokars Kopf brauſte ein Meer wirrer Gedanken; in ſeiner Bruſt ſah es nicht ruhiger aus. In den verhängnißvollen Stunden ſeines Lebens, die aller Wahrſcheinlichkeit nach auch ſeine letzten werden wür⸗ den, erhielt er die erſte ſichere Kunde über ſeine Eltern, über ſeine Geburt. Er war kein Baſtard; er gehörte ſogar einem der er⸗ ſten und vornehmſten Geſchlechter der beiden Städte an; ja, nach dem geltenden Rechte der Erſtgeburt war er das jetzige Haupt dieſes Geſchlechtes, welcher Vorzug keineswegs ein unbedeutender zu nennen war bei den damals obwaltenden Verhältniſſen. Er hatte einen Vater, mit dem man ihn ſelber oftmals verglichen hatte, wenn man ſeine warme und thätige Men⸗ ſchenliebe und ſeinen Kampf gegen jegliche Unterdrückung pries und von deſſen vermeintlichem frühen Tode die Beſſe⸗ ren mit Bedauern ſprachen. Zwar ſollte dieſer ſein Vater abgewichen ſein vom Pfade des Guten; aber dies beruhte einzig und allein auf dem Zeugniß des Andreas gegen den Pater; konnten den alten Diener nicht vielleicht unabweis⸗ bare Rückſichten— vielleicht ſeine eigene Sicherheit— zu ſolchem Vorgeben bewogen haben? War es nicht möglich, daß dieſer ſein Vater noch jetzt lebte und um ſeine Kinder trauerte? Er hatte eine Mutter, deren trauriges, unverdientes Geſchick er oftmals tief bedauert hatte und die, wenn ſie auch keinen Mangel litt, dennoch die Pflege liebender Kin⸗ der entbehren mußte! Was aber ſollte aus Bernhard und Lisbeth werden, da nach den damals geltenden Satzungen der Kirche das AAAÄAARAA;E jetzt aufgedeckte Verwandtſchafts⸗Verhältniß der Beiden ein zu nahes war, als daß ſie einen Ehebund eingehen durften! Und Boytin, der dies verwandtſchaftliche Verhältniß gekannt hatte, wie ſeine Reden bei ſeinem geſtrigen Beſuche im Ge⸗ fängniß vermuthen ließen— Boytin begünſtigte ſogar noch die Liebe der Beiden, die ſie unter ſolchen Umſtänden un⸗ glücklich machen mußte, ſtatt ihr einen wohlthätigen Damm entgegenzuſetzen! Von welchem Frevel, von welchem Betrug, den der Mönch durch Peters Hülfe enthüllt hatte, war hier die Rede? Warum bezeichnete der Mönch dieſen Frevel, der ihn, Ottokar, doch nahe anzugehen ſchien, nicht näher? Warum ſprach er überhaupt ſo vorſichtig, ſo geheimnißvoll und forderte ebenſo auch die Andern zur Vorſicht in ihren Reden auf? Dem Pater war die Vermuthung ſolchen Frevels aus Ottokars Beichte geworden— und in dieſer Beichte war— außer ſeiner Geburtsangelegenheit— nur noch von ſeinem Verhältniß zu Pignetti, von Klara's geheimnißvoller Ueber⸗ ſendung des Ringes und der Schrift auf ihrem Leichentuche, ſowie von ſeinem Erlebniß in der Todtengruft der Schwar⸗ zen Brüder die Rede geweſen; etwas Anderes hatte er in ſeinem damaligen Bekenntniſſe nicht berührt. Um was konnte es ſich alſo bei jenem Frevel, bei jenem heilloſen Betruge handeln, von deſſen Daſein der Mönch wiederholt geſprochen und von dem auch die Mitglieder des Rathes ſichere Kunde zu haben ſchienen? Zudem war dem Pater zum Oefteren das Wort„Dominikaner“ entſchlüpft; und war es nicht ein Dominikaner⸗Kloſter, in welchem Pignetti wohnte, in wel⸗ chem ſeine Klara im Todesſchlafe ruhte und von wo ihm Uebernatürliches gekommen, wo er ſolches ſelber erlebt hatte? Sollte an Klara ein Frevel verübt worden ſein— o Himmel, wenn dem ſo wäre! Solcherlei Vorſtellungen und Gedanken durchwogten Ottokars Hirn beim Schluſſe der Erzählung des Mönches. RRR hQSun — Gott, Gott! ſeufzte er, wo ſoll das Alles hinaus — wie wird das enden? Und tauſend wirre Fragen traten auf ſeine Lippen, als der Pater nun mit ſeiner Ausſage fertig war. Doch noch ehe er einer von ihnen Worte leihen konnte, drängte ſie ein plötzlicher Entſchluß wieder zurück. — Nein, nein! murmelte er vor ſich hin. Soll ich denn ſterben— was frommt es mir, etwas zu wiſſen, das man vor mir doch nur deshalb verheimlicht, weil es mir neuen Schmerz bereiten würde? Zudem werde ich bald mei⸗ ner ganzen Faſſung und Stärke bedürfen! Hier unten iſt doch nur Alles Lüge und Trug, droben nur leuchtet die ewige Wahrheit; darum gedulde Dich nur etliche Stunden, mein Herz— dann wird dir ihr reinſtes und hellſtes Licht werden! Und obwohl ihm ſein Kopf brannte, während kalter Fieberfroſt die übrigen Theile ſeines Körpers durchſchüttelte, ſo kam doch keine Klage, kein Seufzer, kein Laut des Schmer⸗ zes über ſeine bleichen Lippen. Inzwiſchen hatte der Mönch die Fragen beantwortet, die man ihm vorlegte und die größtentheils ſich um den von ihm behaupteten Umſtand drehten, daß Ottokar nie im Sinne hatte, den wahren Erben ſeines Pflegvaters, falls dieſer ſich fand, das Seinige vorzuenthalten. Heydicke forderte jetzt Bernhard zum Sprechen auf, da Stroband auf die an ihn gerichtete Frage erklärte, daß ſein Zeugniß nur den Zweck hahe, Bernhards Ausſage zu be⸗ kräftigen. Bernhard begann mit der Erklärung, daß ihn die feſte Ueberzeugung von Ottokars Unſchuld zu dem Verſuche ge⸗ trieben habe, ſeinen Vater, den er noch jetzt, wie früher, für die Seele des Rathes gehalten, zu Gunſten des Angeklagten umzuſtimmen. Gewiſſe Urſachen, beſonders aber Rückſichten für ſeinen Vater, hätten es ihm wünſchenswerth gemacht, von Niemand weiter in den beiden Städten erkannt zu werden, und er habe ſich zu dieſem Zweck der Verkleidung als Mönch bedient. Ehrig, der ihm auf ſein leiſes Klopfen das Haus öffnete, ſei ob ſeines Erſcheinens ſehr erſchrocken geweſen, da er ihn ſchon zu den Todten gezählt habe; nachdem er ſich mit dem alten Diener verſtändigt und ihm ſein Verlangen, den Vater insgeheim zu ſprechen, kund gethan, habe dieſer ihm geſagt, daß eben ein Handelsmann aus der Vorſtadt bei ſeinem Herrn ſei und daß man ihm ſtreng verboten habe, Niemand hinaufzulaſſen. Da Bernhard aber aus eigener Erfahrung wußte, zu welchen Zwecken ſein Vater dieſen Mann gewöhnlich zu gebrauchen pflegte, ſo habe er ſich mit Ehrigs Zuſtimmung dennoch hinauf zu ſeinem Vater begeben wollen, um dieſen von irgend einer That zurückzuhalten, die er ſpäter zu bereuen Urſache hätte haben können Leiſe, des andern Geſindes wegen, ſei er darauf die Treppe zu dem bekannten Gemach hinangeſtiegen, aber ſchon im Begriff an die Thuͤr zu klopfen, habe er von den in dem Zimmer an⸗ weſenden Perſonen Dinge verhandeln hören, die es ihn ohne Bedenken vorziehen ließen, draußen zu lauſchen, da man in ſeiner Gegenwart ſchwerlich weiter davon geſprochen haben würde, und es für den Zweck ſeines Hierſeins von der höchſten Wichtigkeit war, der Sache vollſtändig auf den Grund zu kommen.. Und nun theilte Bernhard ohne Rückhalt Wort für Wort die Unterredung mit, welche am Abend zuvor— wie wir wiſſen, zwiſchen Rycke und dem Handelsmann ſtattge⸗ funden hatte und welche des Letztern Reiſe nach Prag und ſeinen dort gegen den Amtsſchreiber ausgeführten Betrug, dann ſein glückliches Abenteuer mit Ottokars entflohenem Hauswärtel und endlich Rycke's Auftrag in Bezug auf das Kirchenbuch zu Rycksdorf betraf. Höchlichſt verwundert, ſahen die Rathsherren dabei auf ihren Amtsſchreiber, deſſen Geſicht ſich gewaltig verlängerte, als er inne ward, in welche gar plumpe Falle man ihn ſammt ſeiner ſelbſtgerühmten Klugheit geführt hatte. — Eine unwillkürliche Bewegung meines Körpers ließ den Handelsmann entdecken, daß ſeine Unterredung mit mei⸗ nem Vater nicht ohne Zeugen war— ſo fuhr Bernhard jetzt fort. Aber auch ich gewahrte an dem plötzlichen Stok⸗ ken des Redenden die mir drohende Gefahr und hatte gerade noch ſo viel Zeit übrig, etliche Schritte zurückzuweichen, als er mit dem Armleuchter in der einen, dem blitzenden Dolch in der andern Hand, die Thür aufriß und mit wüthender Geberde auf den Korridor ſtürzte. Den Athem anhaltend, zog ich mich geräuſchlos in eine tiefe Mauerblende des Gan⸗ ges zurück, entſchloſſen, ihm durch einen ſchnellen Anfall die Waffe aus der Hand zu winden, wenn er ſich meinem Ver⸗ ſtecke nähere. Doch der Schein der Kerzen fiel auf meine Geſtalt, bevor ich meinen Entſchluß ausführen konnte. In demſelben Augenblicke gewahrte ich aber auch den Ausdruck höchſten Schreckens und Entſetzens auf meines Gegners Geſicht und ſeinen Lippen entfuhr ein Schrei der bleichen Furcht. Sogleich kam mir die Vermuthung, daß auch er mich wahrſcheinlich für todt halte, und dieſen Umſtand ſchnell benutzend, beugte ich meinen Körper tiefer in den Schatten der Blende. Meine Vermuthung hatte mich nicht getäuſcht; denn mehr taumelnd als gehend kehrte er in's Gemach zu meinem Vater zurück, wo er auf deſſen Frage behauptete, ein Geſpenſt geſehen zu haben. Aber auf dem Korridor durfte ich nicht länger verweilen; überhaupt hatte ich leider genug erfahren, um einzuſehen, daß ich meine urſprüngliche Abſicht aufgeben und ganz andere Mittel zur Erreichung meines Zweckes ergreifen müſſe. Leiſe und unhörbar ging ich die Stiege wieder hinab, indeſſen mein Vater den Han⸗ delsmann zu beruhigen ſuchte, langte glücklich in Ehrigs Gemach an, das zu ebener Erde an der Hausthür gelegen iſt, und hatte dieſem bereits in der Kürze mitgetheilt, was er wiſſen mußte, als er gerufen ward, um Auskunft zu ge⸗ ben, ob irgend Jemand gekommen ſei oder das Haus ver⸗ laſſen habe. Da Ehrig dieſe Frage verneinte und mein Vater nichts von Geſpenſtern wiſſen wollte, ſo war er der feſten Meinung, daß der Handelsmann ſich geirrt habe; auf des alten Dieners Ausſage aber verließ ſich mein Vater zu jeder Zeit und gewiß war's auch das erſte Mal in ſeinem Leben, daß Ehrig gegen beſſeres Wiſſen eine Unwahrheit geſprochen hatte. Als Ehrig wieder zu mir in ſein Gemach zurückgekehrt war, verſtändigte ich mich kurz mit dem Wak⸗ kern und bereitwillig übernahm er es, in der Frühe des Morgens hinauszueilen nach Rycksdorf, um den Pfarrer ſo weit von dem Plane mit dem Kirchenbuche zu unterrichten, wie eben nöthig war, um jene Abſicht ſcheitern zu laſſen, ſowie er ſich auch einer ähnlichen Beſtellung unterzog, die in Britz auszurichten war. Dann entließ er mich heimlich durch eine ſeit langen Jahren verſchloſſen gehaltene Seiten⸗ pforte des zum Hauſe gehörigen Hofes, deren Riegel und Hespen er zuvor mit Oel tränkte, um ihr lautes Knarren zu verhindern, was auch gelang; und außer Ehrig von Allen unbemerkt, wie ich gekommen, verließ ich wieder meines Va⸗ ters Haus. Inzwiſchen war ich über das, was ich nun zu thun hatte, mit mir in's Reine gekommen; ich mußte mich wo möglich des Handelsmannes verſichern, um von ihm— ſei es durch Güte oder Gewalt— die Herausgabe jener bei⸗ den Schriften zu erzwingen, auf die es mir hauptſächlich anzukommen ſchien, und deren eine er dem Hauswärtel ab⸗ genommen hatte, während ihm die andere von meinem Vater üͤbergeben worden. Dadurch hoffte ich Ottokars Unſchuld bis zur Gewißheit erweiſen zu können, ohne zugleich eine ſchwere Anklage gegen meinen Erzeuger richten zu müſſen; auch durfte ich mich ja der Hoffnung hingeben, mein Vater werde, ſobald er am audern Morgen von mir den Stand AAAAA;Eg der Sache erfahren, alles ihm nur irgend Mögliche thun, um ſeine Freunde, die mit ihm über Ottokar zu richten hat⸗ ten, an deſſen Unſchuld glauben zu machen. Freilich ahnte ich nicht, was heute über meinen Vater kommen werde; daß ich ihn aber zu ſchonen trachtete— Dus wird mir ſicherlich nicht zum Böſen gerechnet werden von dem, welchen es ſo nahe angeht! ich wollte meinen Vater ſchonen, ſo lange ich es thun durfte! Ottokar, deſſen Augen düſter zu Boden gerichtet waren, blickte bei dieſen Worten zu Bernhard hinüber und in ſei⸗ nem Blicke war zu leſen, daß er ſolches Benehmen des Soh⸗ nes gegen den Vater wohl begreife und vollkommen billige. Dies war aber faſt das einzige Zeichen, daß Ottokar noch auf etwas achte, was um ihn her vorging; ſtill und in ſich gekehrt ließ er die Verhandlung an ſich vorübergehen. Bern⸗ hard aber fuhr fort: — Da ich mit Recht muthmaßte, der Handelsmann werde auf dem Rückwege nach ſeiner Behauſung durch die Gaſſe an der Berliniſchen Propſtei und über den Friedhof von St. Nicolai kommen, und die Einſamkeit dieſer Orte für meinen Zweck ſehr wohl paßte, ſo erwartete ich ihn bei letzterem. Es wäͤhrte auch nicht allzu lange, bis er wirk⸗ lich dort erſchien. Ich mußte fürchten, daß er bei meinem Anblick die Flucht ergreifen würde; darum hielt ich ihn, als er in der Finſterniß an mir vorübergehen wollte, unver⸗ ſehens am Arme feſt und forderte in drohendem Tone von ihm die Herausgabe jener wichtigen Schriften. Im erſten Augenblicke zitterte er vor Schrecken und Entſetzen gleich dem Espenlaub, als ich aber, um keine Zeit mit ihm zu verlie⸗ ren, die Drohung fallen ließ, ihn der Gerechtigkeit zu uͤber⸗ liefern, da ſiegte die Angſt um ſein Leben über ſeine Ge⸗ ſpenſterfurcht— von der ihn auch wohl mein Vater zurück⸗ gebracht haben mochte— ſo daß er ſich gegen mich zur Wehr ſetzte und mit mir rang. Der Kampf war ungleich, Aæ;E denn ich war kaum geneſen von einer gefährlichen Wunde, die ich vor Kurzem erhielt; und ſo gelang es meinem Geg⸗ ner, mich zu Boden zu werfen. Schon zückte er fluchend den Dolch gegen meine Bruſt und nur mit größter Anſtren⸗ gung konnte ich den Todesſtoß noch um etliche Augenblicke verzögern— als die Schaarwacht herzueilte. Der Han⸗ delsmann ließ mich frei und entfloh; auch ich that desglei⸗ chen, weil ich die Erklärungen vermeiden wollte, die ſtatt⸗ finden mußten, wenn die Stadtſöldner mich fanden und er⸗ kannten. Verfolgt von dieſen, ſchlug ich denſelben Weg ein, den mein Gegner nahm, weil es der einzige war, auf dem ich mit Sicherheit zu entkommen hoffen durfte; ich lief der Langen Brücke zu, um in dem Ufergebüſch des Fluſſes oder drüben hinter den Schutthaufen auf dem Platze am Domi⸗ nikaner⸗Kloſter ein Verſteck zu finden. Der Handelsmann, der ſich auch von mir verfolgt wähnte, drohte mich zu töd⸗ ten, wenn ich ihm nahe käme; als ich deſſen ungeachtet im⸗ mer dicht hinter ihm blieb, ſo wandte er ſich dicht bei der Langen Brücke plötzlich um, ſeine Drohung auszuführen. Indem ich ihm ſchnell ausweichen wollte, ſtrauchelte mein Fuß auf dem ſchlüpfrigen Boden und ein kräftiger Stoß von meinem Gegner machte, daß ich den ſteilen Uferrand hinabglitt. Der Trieb der Selbſterhaltung ließ mich im Fallen nach einem Gegenſtande greifen, um meinen Sturz in die brauſende Tiefe des Fluſſes abzuwenden; aber ich er⸗ faßte nur einen am Ufer liegenden Stein, der mir voran mit großem Geräuſch in die Wogen fuhr, daß das Waſſer hoch aufſpritzte. In dem Augenblicke, wo der Stein in's Waſſer ſtürzte, hörte ich den Handelsmann höhniſch ſagen: — Nun biſt Du wohl und weich gebettet, Mönchlein! und zugleich vernahm ich, wie er ſeine Flucht über die Bruͤcke fortſetzte. — Da iſt Einer in's Waſſer geſtürzt! riefen auch die etwas zurückgebliebenen Stadtſöldner. Indeſſen hatte die Bewegung des Greifens nach dem Steine doch die Heftigkeit meines Sturzes gemildert und im nächſten Augenblicke ſtand ich wieder auf meinen Füßen, die das Waſſer bereits benetzt hatte. Die Stadtſöldner naher⸗ ten ſich; es galt kein langes Beſinnen, wenn ich ein Zuſam⸗ mentreffen mit ihnen vermeiden wollte; ein guter Gedanke durchblitzte meinen Kopf, und ungeſäumt machte ich mich an ſeine Ausführung. Mit meinen Armen konnte ich das un⸗ tere Traggebälk der Brücke erreichen, ich ſchwang mich be⸗ hende hinauf, entledigte mich des Mönchsgewandes, das ich über meinen Kleidern trug und welches mir jetzt hinderlich war, und kletterte weiter in das Gebälk hinein, wo ich bei der hier herrſchenden undurchdringlichen Finſterniß vorläufig eine Entdeckung nicht zu fürchten brauchte. Daß ich dies Alles mit der größten Schnelligkeit that, iſt daraus zu er⸗ ſehen, daß ich ſchon in einem guten Verſteck in Sicherheit war, als die Stadtſöldner an der Brücke anlangten. — Vermuthlich verübtet Ihr Euren luſtigen Streich an derſelben Stelle, wo vor etlichen Stunden Euer Vater die Brigitta, eine ſeiner früheren Liebſten, von der Brücke in's Waſſer ſtürzte, als die Verlaſſene ihn verfolgte, um ihn an ſein heiliges Ehegelöbniß zu mahnen! unterbrach Heydicke den Sprechenden mit kaltem Hohne. Doch wird's ihm keine guten Früchte tragen; denn obwohl es ihm gelang, ſich aus dem Staube zu machen, bevor wir ſeine Ergreifung bewerk⸗ ſtelligen konnten, ſo wird man ihn in dieſem Augenblicke doch ſchon wieder eingefangen haben, da er ſich zu Fuß auf den Weg gemacht, wenn anders unſer Stadthauptmann, der hier zugegen iſt, meiner dringenden Aufforderung nachgekom⸗ men und alsbald Stadtſöldner zu Pferde hinausgeſandt hat auf die Landſtraße nach Sachſen, die, wie wir wiſſen, der flüchtige Mörder eingeſchlagen hat! Er warf dabei einen fragenden Blick auf Stroband, den dieſer aber unbeantwortet ließ. 129 ANNN- — Hat mein ungluͤcklicher Vater ſeinen früheren Tha⸗ ten noch dieſe hinzugefügt, ſprach Bernhard traurig und mit geſenkter Stimme, ſo that er es in halbem Wahnſinn; und wie Gott in ſeiner Gnade meines Vaters meiſte und größte Miſſethaten vereitelte und ungeſchehen machte, ohne daß die⸗ ſer es ahnte, ſo wird er ihm hoffentlich dermaleinſt die heu⸗ tige That nicht allzu ſchwer anrechnen; denn gewiß iſt er nach dem kurz vorher Geſchehenen ſeines Willens nicht mehr mächtig geweſen. — Wir ſind eben nicht ſehr daran gewöhnt, Euch in ſolchem frommen Tone und von Gott ſprechen zu hören, Herr Bernhard Rycke! verſetzte Heydicke auf eine Weiſe, die Staunen ausdrücken ſollte, während ſie doch den abſichtlichen Spott nicht verkennen ließ. Doch fahrt nur fort, daß die Sache einmal zu Ende kommt. Bernhard ließ Heydicke's erſtere Bemerkung unbeachtet und begann ſeine unterbrochene Erzählung auf's Neue. — Zwar ſuchten die Stadtſöldner beim Schein ihrer Leuchte rings umher, ſprach er weiter; aber da ſie einen im Waſſer Verungluͤckten, nicht aber Jemand im Verſteck finden wollten, ſo entdeckten ſie wohl das fortgeworfene Mönchs⸗ gewand, nicht aber mich ſelber, der ich im finſterſten Schat⸗ ten des Gebälks unter der Brücke, wohin der Schein ihrer Nuchte nicht drang, wohl verborgen war. Das Auffinden des Mönchsgewandes gab ihnen die Gewißheit, daß deſſen Beſitzer in den Wellen den Tod gefunden; alsbald entfern⸗ ten ſie ſich und ich konnte mein Verſteck verlaſſen. Da ich die Behauſung des Handelsmannes wohl kannte, ſo ſchlug ich jetzt ohne Säumen den Weg nach dem Ger⸗ traudten⸗Thore ein. Das Thor war bereits ſeit einer Stunde verſchloſſen. Der dortige Wachthabende erkannte mich und nachdem ich ſeine Neugier befriedigt, wie ich's für gut hielt, und das Verſprechen ſeiner Verſchwiegenheit durch Erzäh⸗ lung eines anderen Märchens über den Zweck meines ſpäten Die ſchwarzen Brüder. IV. 9 0. Ausgehens und durch ein gutes Trinkgeld mir erworben— fragte ich wie von ohngefähr, ob Jemand kurz vor mir durch dies Thor die Städte verlaſſen habe, was von ihm verneint ward. Dies war mir in ſofern lieb, als ich jetzt hoffen durfte, früher als der Handelsmann in deſſen Behauſung einzutreffen; denn jeder andere Weg, den dieſer hatte ein⸗ ſchlagen können, zwang ihn zu bedeutendem Umwege. Nach⸗ dem man mir das Thor geöffnet, hatte ich bald mein Ziel erreicht. Oefter ſchon war ich im Auftrage meines Vaters bei dem Handelsmann geweſen und kannte daher ſein Haus ziemlich genau. Dieſes iſt ſammt dem Gehöft, auf welchem es ſteht, von einer Mauer umgeben, die ich überſteigen mußte, da ich die Thür in derſelben natürlich verſchloſſen fand. Zwei gewaltige Rüden, die im Hofe an der Kette lagen, erhoben alsbald ein lautes Gebell, daß ein altes Weib, welches das Haus verſieht, eine Lade öffnete und ſcheltend die Urſache des Gebells zu erforſchen ſuchte. Inzwiſchen aber hatte ich ein Stück altes Karrengeſtell, welches an die Mauer in der Nähe der Hundehütte gelehnt war, auf dieſe geworfen, um den Glauben zu erregen, der ſich heftig er⸗ hebende Wind habe das Geräth umgeworfen und ſo die Wuth der Ruͤden veranlaßt; und da ſich eben wieder ein Windſtoß kund gab, ſo warf ich noch ein ander Stück um, was wieder lauteres Gebell verurſachte. Die Alte gebot den Thieren Ruhe und ſchloß die Lade wieder; als ihr Ge⸗ bot aber nichts fruchtete, kam ſie nach einer Weile mit einer Leuchte auf den Hof, um zu ſehen, ob irgend etwas Ande⸗ res den Thieren aufgeſtoßen ſei. Dieſen Augenblick benutzte ich, um durch die offen gelaſſenen Thüren in das Wohnge⸗ mach des Handelsmannes zu ſchlüpfen und mich dort unter deſſen Lagerſtätte zu verbergen. Brummend über den Eigen⸗ ſinn der Rüden, die nicht eher das Bellen laſſen wollten, als bis die vermeintliche Urſache des Aufruhrs wieder an AA— ihren Ort gebracht, kehrte darauf die Alte in's Gemach zu⸗ rück und ſetzte ſich an ihren Spinnrokken, ohne die Anwe⸗ ſenheit eines Fremden zu ahnen. Erſt nach Verlauf von zwei bis drei Stunden erſchien der Handelsmann. Ich konnte von meinem Verſteck aus gewahren, daß er bleich und verſtört ausſah. Er befahl dem Weibe, ihm ſtarken Wein zu bringen, und trank dieſen dann in haſtigen Zügen, während er einen gleichzeitig vor⸗ geſetzten Imbiß unberührt ließ. Die Alte mußte das Ge⸗ mach verlaſſen. Endlich— es war ſchon gegen Morgen— warf er ſich auf's Lager, wo er nach dem genoſſenen Weine bald einſchlief, während mich natuͤrlich während der ganzen Nacht kein Schlaf ankam. Anfänglich war es mein Wille gewe⸗ ſen, meine Abſicht auszuführen, während er ſchlief; aber nach einigen Worten, die er beim Trinken laut vor ſich hin geſprochen, hatte ich die Sache anders anzugreifen beſchloſ⸗ ſen und wartete geduldig den Tag ab. Schon hatte die zehnte Stunde geſchlagen, da erwachte der Handelsmann endlich und erhob ſich fluchend von ſei⸗ nem Lager. — Verdammt! daß ich ſo lange geſchlafen! murmelte er vor ſich hin. Ich ſollte jetzt ſchon von Rycksdorf zurück⸗ gekehrt ſein und die Goldgülden im Seckel haben! Wüthend rief er nach der Alten, daß ſie ihm das Mor⸗ genbrod bringe, ſchalt ſie aus, weil ſie ihn nicht geweckt hatte, und machte ſich zum Ausgehen bereit. Bevor er aber das Gemach verließ, zog er eine Schrift aus der Taſche ſeines Wammſes und verſchloß ſie in einen großen Schrank, deſſen Schluſſel er wieder zu ſich ſteckte. — Ihr könnt lange warten, Herr Rycke, bevor Ihr die beiden Pergamentfetzen bekommt! ſprach er dabei. Derlei Dinge ſind manchmal ſehr nützlich, wenn die großen Herren meinen, daß ſie Unſereinen nicht mehr brauchen. Das Blatt 9* aus dem Kirchenbuche will ich Euch bringen, aber damit müßt Ihr Euch ſchon für diesmal begnügen. Darauf verließ er das Haus, und ich ließ ihn unge⸗ hindert gehen, weil ich mit Recht annehmen durfte, daß Ehrig bereits in Rycksdorf geweſen ſei und den Pfarrer be⸗ wogen habe, das Verlangen des Handelsmannes dieſem rundweg abzuſchlagen. Dadurch wurde meines Vaters Ab⸗ ſicht vereitelt, ohne daß dieſe von einem Uneingeweihten ent⸗ deckt ward. Als ich nun im Gemach allein war, verließ ich mein Verſteck, ergriff ein in einer Ecke ſtehendes entblößtes Schwert und trat damit leiſe zur Thür. Es währte nicht lange, ſo erſchien die Alte wieder, um das Gemach zu reinigen; aber kaum hatte ſie den Fuß über die Schwelle geſetzt, ſo fuhr ich auf ſie ein, warf ſie zu Boden und drohte ſie zu durch⸗ bohren, wenn ſie nur einen einzigen Laut von ſich gebe. Dies war ſchnell genug vor ſich gegangen, um ſie ſprachlos vor Schrecken zu machen; und bevor ſie ſich von dieſem er⸗ holen konnte, hatte ich die Thür verſchloſſen, der Alten mit Stricken, die in einem Winkel lagen, Haͤnde und Füße ge⸗ bunden, und ihr mit meinem Sacktuche den Mund verſtopft, ſo daß ſie weder entfliehen, noch Hülfe rufen konnte, wenn anders ihr Gewiſſen ſo rein war, um Letzteres zu wagen. Eben wollte ich mich daran machen, jenen Schrank zu er⸗ brechen, der die wichtigen Schriften enthielt, als mir plötzlich etwas aufſtieß, woran ich bisher nicht gedacht hatte. Wer wird dir Glauben ſchenken und die Echtheit der Schriften anerkennen, wenn du nicht ſagen darfſt, wie du in ihren Beſitz gekommen? ſo fragte ich mich und ward dar⸗ über ſehr betrübt. Wenn noch ein einziger Zeuge vorhan⸗ den wäre, dem die Richter unbedingten Glauben ſchenkten und der ihnen betheuerte, daß die Schriften echt ſeien, ohne meinen Vater zu verrathen— dann möchte es wohl gehen! Ich ſann hin und her; und glaubt mir, Ihr Herren, es ANN war kein leichter Kampf; hier galt es meinem leiblichen Va⸗ ter, dem ich mein Leben dankte, dort einem unſchuldig Ange⸗ klagten, der mir Freund war und mehr noch! Wofür ſollte ich mich entſcheiden? Für Ottokar wollte ich thun, was in meiner Kraft ſtand, das war feſt bei mir— aber mein Va⸗ ter—? Gewiß, Ihr Herren, ich war in einer bemitleidens⸗ werthen Lage. — Was kümmern uns Eure Empfindungen! fuhr Hey⸗ dicke ihn an, als der junge Mann, fortgeriſſen von der Er⸗ innerung an die Qualen ſeiner Seele in jenen Augenblicken, alſo ſprach. Sagt kurz und bündig, was Ihr zu ſagen habt, und ermüdet nicht unſere Geduld durch viel unnützes Geſchwätz. Stroband aber, ſowie die beiden Geiſtlichen und auch Ottokar, der ſich hin und wieder einer gewiſſen Betäubung zu entreißen ſchien, drückten Bernhard durch Blick und Hände⸗ druck ihre Theilnahme aus. — Endlich glaubte ich einen Ausweg aus dieſem La⸗ byrinth quälender Zweifel und Erwägungen gefunden zu haben— und ich hatte ihn mit Gottes Hülfe wirklich ge⸗ funden! begann darauf Bernhard wieder. Ich gedachte des Stadthauptmannes; ſeinem Zeugniß würden die Richter Glauben ſchenken und auf ſein Wort durfte ich mich unbedingt verlaſſen; ihm wollte ich mich da⸗ her anvertrauen ohne Rückhalt und thun, wofür er ſich ent⸗ ſcheiden würde. Alsbald machte ich mich an die Ausführung dieſes Entſchluſſes; was zum Schreiben nöthig, fand ich im Ge⸗ mach vor, und nachdem ich die Schrift ſo abgefaßt, daß ihr Inhalt den würdigen Mann wohl bewegen konnte, ungeſäumt meiner Bitte Folge zu leiſten, ſchrieb ich meinen Namen dar⸗ unter, verſiegelte ſie und trat damit vor das Gehöft, um ſie einem Vorübergehenden gegen gute Belohnung zur Beſtel⸗ lung zu übergeben. Die Rüden, die im Hofe an der Ein⸗ gangsthür lagen, bellten mich jetzt nicht an— ſei es, daß ſie mich am Tage beſſer kannten, als in der Nacht, ſei es, daß die Ueberreſte vom Morgenbrod ihres Herrn, die ich ihnen vorwarf, ſie freundlich geſtimmt hatten— und ſo konnte ich frei hinausgehen, einem eben nach den beiden Städten gehenden Mann das Schreiben einhändigen und dann im Gemach die Ankunft des Stadthauptmanns erwarten. Es verging eine geraume Zeit, bevor Herr Stroband mit etlichen Begleitern erſchien— die Urſachen dieſer Zöge⸗ rung ſind Euch bekannt. Unruhig ging ich inzwiſchen im Gemach auf und nieder, denn jeden Augenblick war die Rück⸗ kehr des Handelsmannes zu erwarten und dann war meine ganze Anſtrengung vergeblich geweſen. Doch endlich ſah ich die Erſehnten vom Thore herkommen und eilte hinaus, den von Innen verriegelten Thorweg zu öffnen, um die Ankom⸗ menden einzulaſſen, ohne bei den Nachbarn Aufſehen zu er⸗ regen. Als ich Herrn Stroband Alles mitgetheilt, erfuhr ich auch von ihm, was inzwiſchen meinem Vater begegnet war; und ſo betrübend dieſe Kunde für mich auch war; ſo ath⸗ mete ich doch unwillkürlich freier auf, da mir durch die Schonung gegen ihn, die ihm leider nicht mehr zu Gute kam, nicht ferner die Hände gebunden waren. Sogleich machten wir uns nun an das Werk; der Schrank ward er⸗ brochen und außer den geſuchten Schriften fanden wir zu⸗ gleich noch, in einem ledernen Beutel wohl verwahrt, die vollſtändige Summe Goldes, welche der Handelsmann dem ſchurkiſchen Hauswärtel abgenommen hatte. Die Schriften ſowohl, wie der Beutel mit dem Golde ſind Euch, Ihr Her⸗ ren, übergeben worden. Da dem Stadthauptmann nun daran gelegen ſein mußte, den Mann ſelber in ſeine Gewalt zu bekommen, ſo ſollte er durch Liſt gefangen werden. Die Alte ward ihrer Banden entledigt und mußte ſich mit ihrem Spinnrokken an das Fen⸗ RRM ſter ſetzen, als ob nichts vorgefallen wäre. Natürlich wurde ſie mit dem Tode bedroht, ſobald ſie dem Zurückkehrenden das geringſte Zeichen geben würde. Die Stadtſöldner wa⸗ ren im Gemach zu beiden Seiten der Thür aufgeſtellt, um den Eintretenden alsbald zu ergreifen, während Herr Stro⸗ band mit mir hinter die langen Vorhänge des Bettes trat. Kaum waren dieſe Maßregeln getroffen, ſo kehrte der Handelsmann— ſehr mißvergnügt, wie es ſchien, zurück; denn ſchon im Hofe ſchalt er ſeine Haushälterin, daß ſie im warmen Gemach ſitze, ſtatt nach der Küche und dem Kel⸗⸗ ler zu ſehen. Sobald er aber nur mit einem Fuße in's Gemach trat, hatten ihn die Söldner auch ſchon ergriffen und Herr Stroband und ich ſchritten auf ihn zu. Schon als er den geöffneten Schrank gewahrte, ward er todtenbleich; als ſein Blick aber auf mich fiel, ſank er in die Kniee und flehte um Gnade und um ſein Leben, in⸗ dem er betheuerte, Alles geſtehen zu wollen. Das that er denn auch in des Stadthauptmanns und der Stadtſöldner Gegenwart und erzählte den Zuſammenhang der Sache der Wahrheit gemäß, wie Ihr's ſoeben von mir vernommen. Ottokar hat demnach wirklich und wahrhaftig nie im Sinne gehabt, dem rechtmäßigen Erben ſeines Pflegvaters das ihm gebührende Eigenthum vorzuenthalten, da er es ſo ſorglich aufbewahrte; und es iſt daher unmöglich zu glauben, daß er um dieſes Erbes willen ſich eines Mordes ſchuldig ge⸗ macht hätte. Dies, Ihr Herren, iſt mein Wiſſen von dieſer Ange⸗ legenheit; ſo ſchloß Bernhard jetzt. Ich habe die lauterſte Wahrheit vor Euch geſprochen, deß rufe ich Gott, den All⸗ wiſſenden, zum Zeugen an. Sofern Ihr mir aber deſſen⸗ ungeachtet keinen Glauben ſchenkt, ſo wird der hier anwe⸗ ſende Gefangene, welcher jener Handelsmann iſt, die Be⸗ ſchuldigungen gegen ihn nicht ableugnen können; vor Allem aber wird das Zeugniß des würdigen Stadthauptmanns ARRDd meine Ausſage in ihren wichtigſten Theilen bekräftigen. Ich habe nichts mehr hinzuzufügen. Heydicke nahm jetzt wieder das Wort. — Wohl iſt es nöthig, daß wir, eingedenk Eures frü⸗ heren, nicht eben rühmlichen Verhaltens, Eure Ausſage durch anderweitiges Zeugniß beglaubigen laſſen, Herr Bernhard Rycke! ſagte er. Doch bevor wir dies thun, werdet Ihr aufgefordert, auf etliche Fragen, die Euch vorgelegt werden ſollen, laut und deutlich Antwort zu geben, nach Eurem beſten Wiſſen und Gewiſſen. Ihr werdet dabei auf den kör⸗ perlichen Eid verwieſen, durch welchen Ihr nachher die Wahr⸗ heit Eurer Ausſagen erhärten müßt, und auf die zeitigen und ewigen Strafen, die dem Meineide folgen. — Ich bedarf dieſer Erinnerung nicht, Herr Bürger⸗ meiſter! entgegnete Bernhard mit der Röthe tiefſten Unwil⸗ lens auf dem Angeſicht. Fragt und ich werde antworten. — Ihr ließet in Eurer Ausſage einige Aeußerungen fallen, die eine weitere Erklärung erheiſchen. Zum Erſten frage ich Euch alſo: Welche Gründe waren es, die Euch um Eures Vaters Willen nöthigten, vermummt in den bei⸗ den Städten einherzuwandeln? Zum Andern wollt Ihr uns Auskunft geben, durch welche Mittel Ihr Euren Vater günſtig für den Angeklagten ſtimmten wolltet, bevor Ihr jene Unterredung erlauſchtet. Endlich zum Dritten: Woher kommt es, daß Euch, wie Ihr ſelber ſagtet, die Leute für todt hielten— wo waret und was thatet Ihr während Eurer geheimnißvollen Ab⸗ weſenheit von den beiden Städten, während welcher Euer eigener Vater nicht um Euer Leben oder Tod wußte— und was war die Urſache dieſer Eurer Abweſenheit? Dieſe Fragen, Herr Bernhard Rycke, wolltet Ihr uns jetzt beantworten. — Ich werde auf dieſe Fragen nicht antworten, Herr Bürgermeiſter! entgegnete Bernhard mit Feſtigkeit. Sie haben er den ANNNN mit meinem Zeugniß für Ottokar nichts zu ſchaffen und es iſt mit ihnen nur darauf abgeſehen, mich zu einer weiteren Anklage gegen meinen unglücklichen Vater zu verleiten, was ich aber nun und nimmer thun werde! — Ah, werdet Ihr jetzt erſt inne, junger Herr, welch' böſe Suppe Euch da Euer ſeltſamer Eifer für den Angeklag⸗ ten eingebrockt— ein Eifer, deſſen Urſachen uns gar wohl bekannt ſind! rief Heydicke mit dem Lächeln der Schaden⸗ freude auf den Lippen. Werdet Ihr jetzt erſt gewahr, wie Eure Ausſage dazu dienen muß, Eurem Vater den peinlichen Prozeß zu machen? Habt Ihr in Eurem Eifer vergeſſen, daß er ſich wahrſcheinlich ſchon in unſerer Gewalt befindet? Ihr wißt doch, daß es nach altem Herkommen in unſerer Macht ſteht, einen wegen ſolcher Verbrechen Verurtheilten auch noch an Hab und Gut zu ſtrafen, daß ſeine Sippſchaft als Bett⸗ lerpack von dannen ziehen muß! Und verurtheilen werden wir Euren Vater auf Grund des von Euch abgelegten Zeugniſſes, auch wenn es ſich ergeben ſollte, daß ſeine früheren Ver⸗ brechen nicht wirklich geſchehen, oder im Wahnſinn von ihm ausgeübt worden ſind; wir werden ihn verurtheilen und dem⸗ gemäß ſtrafen— darauf verlaßt Euch! — Mit nichten werdet Ihr das thun, Ihr Herren! fuhr Stroband gegen Heydicke auf. Ich ſchwöre es Euch bei Gott, Ihr werdet dem Rycke nicht den Prozeß machen, ſo lange ich noch etwas gelte in den beiden Städten! Wiſſet denn, daß ich Eurer Aufforderung nicht nachgekommen bin und daß ich nicht die Söldner ausſandte zur Verfolgung des Flüchtigen, der jetzt bereits Eurem Arm entronnen ſein wird. Darum that ich es nicht, weil ich ſeine Strafe, die er jetzt ſchon erleidet, für groß genug hielt. Will Gott noch weiter mit ihm in's Gericht gehen, ſo wird er ihn zu finden wiſſen, wo er auch immer ſein möge; Ihr aber habt kein Recht mehr, über ihn zu richten, denn Ihr habt Euch dieſes Rechts entäußert, als Ihr Euch vor wenigen Wochen erſt aus ſelbſt⸗ AAANANAN;N;NRòéV ſüchtiger Abſicht weigertet, ihn vor Gericht zu ſtellen, obwohl ſein Verbrechen damals ſo klar am Tage lagen, wie heute! Als er noch ſcheinbar im Glücke war, wagtet Ihr nicht, die Hand der Gerechtigkeit gegen ihn ſich ausſtrecken zu laſ⸗ ſen; heute, wo ihn Gott geſchlagen hat, dürft Ihr es nicht thun! Leider ließ ich mich damals durch Eure glatten Worte bereden, ſolche Ungerechtigkeit wenigſtens ſtillſchweigend zu dulden, wenn ich ſie auch nicht billigte; und deswegen trage ich gleiche Schuld wie Ihr— aber ich bin zur Erkenntniß gekommen und— doch davon ein ander Mal. Jetzt aber wiederhole ich Euch: Ihr habt kein Recht mehr an dem Rycke; und wenn er hier zur Stelle wäre, ſo müßte er frei ausgehen— ſo wahr ich lebe! Nach dieſer kräftigen Meinungsäußerung ließ ſich der biedere Greis gelaſſen und ruhig wieder auf den Platz nie⸗ der, den er vorher eingenommen hatte. Die beiden Geiſt⸗ lichen traten an ihn heran und drückten ihm ſchweigend und doch ſo beredt die Hand, und wenn Bernhard nicht Gleiches ſich geſtattete, ſo drückten ſeine Blicke doch genug aus, mehr als ſich ſagen ließ; ſelbſt Ottokars Angeſicht erhellte ſich bei ſeinen Worten. Heydicke zerbiß in verhaltener Wuth ſeine Lippen; und die andern Rathsherren am Richtertiſche ſahen ärgerlich und betroffen bald auf den Bürgermeiſter, bald auf den Stadt⸗ hauptmann. Niemand im Saal gab einen Laut des Beifalls oder Mißfallens kund. — Es iſt wohl jetzt nicht an der Zeit, darüber zu ver⸗ handeln, nahm Heydicke nach kurzem Schweigen das Wort. Gefällt's Euch, Herr Stroband, ſo wollet jetzt Eure Aus⸗ ſage hören laſſen, die Ihr in dem obſchwebenden Prozeſſe zu machen habt. Während Stroband dieſer Aufforderung nachkam, indem er Alles beſtätigte, was ihn in Bernhards Ausſage betraf, und während der Handelsmann ſein Geſtändniß wiederholte AAAAAARRDSD und um Gnade flehte— ward auf ein von Heydicke gege⸗ benes Zeichen Oſiris von zwei Leuten in den Saal geführt, da er zu ſchwach war, um ohne Hülfe ſich längere Zeit auf⸗ recht zu erhalten. Der Handelsmann ward darauf in ein Gefängniß abgeführt. 8. Oſiris ward durch dieſelbe Thür eingeführt, durch welche vorhin die Richter in den Saal getreten waren. Langſam und behutſam ward er zu einem bequemen Seſſel geleitet, welcher— eine an dieſem Orte ſelten an den Tag gelegte Ruͤckſicht— eigens für ihn dort hingeſtellt war. Wie ſchon geſagt worden, ward im Saale nur ein klei— ner Raum vor dem Kruzifix und der Richtertiſch nothdürftig durch die Wachskerzen erhellt; im uͤbrigen Raume herrſchte ein unbeſtimmtes Halbdunkel; an der Stelle aber, wo Oſiris Platz zu nehmen hatte, war es faſt finſter, weil dieſer vor⸗ gegeben hatte, das helle Licht nicht ertragen zu können. Man gewahrte nur von ihm die unbeſtimmten Umriſſe ſeiner Ge⸗ ſtalt, die noch dazu, trotz der gelinden Witterung, mit allerlei Pelzwerk reichlich verhüllt war. Daher fiel es weder dem Pater ein, ſich des zudringlichen Dieners zu erinnern, den Rycke in erheuchelter Freundſchaft zu Ottokar während deſſen Krankheit in's Haus geſandt hatte, noch ſtieg bei Bernhard auch nur die leiſeſte Ahnung auf, daß die gebrechliche Geſtalt, welche dort zuſammengekauert in dem Lehnſtuhle ſaß, jener furchtbar anzuſehende Zigeunerfürſt ſei, deſſen Gefangener er vor noch nicht langer Zeit geweſen. Was Ottokar und die übrigen Anweſenden betraf, ſo hatten ſie Oſtris an dieſem Tage zum erſten Male geſehen. — Ihr wißt bereits, Herr Reinhold, welche für Euch — — gewiß ſehr erfreuliche Ereigniſſe Eure abermalige Herkunft, wenn nicht nothwendig, doch wünſchenswerth machten! redete Heydicke Jenen mit einer Höflichkeit an, die man in dieſer Sitzung noch nicht wahrgenommen hatte. Es kommt nur darauf an, von Euch zu hören, ob Ihr noch, wie es wohl wahrſcheinlich iſt— bei Eurer Ausſage verharrt, die Ihr über den frevelhaften Mordverſuch gegen Euch und über die Perſon des Thäters zu wiederholten Malen vor uns und vor andern achtungswerthen Zeugen abgelegt und deren lau⸗ tere Wahrheit Ihr durch Euren Eid erhärtet habt. Iſt dies nun der Fall, ſo bedarf es nur Eurer einfachen und bün⸗ digen Erklärung; es iſt dies übrigens das letzte Mal, daß wir Euch zu einer für Euch ſo ſchmerzlichen und peinlichen Verhandlung vorladen mußten. Beliebt es Euch, ſo mögt Ihr Euer Zeugniß jetzt ablegen. — Geſtattet mir noch zuvor ein Wort, Herr Bürger⸗ meiſter! rief der Propſt. Dann ſich zu Oſiris wendend, ermahnte er ihn in ern⸗ ſtem, eindringendem Tone, ſich durch keine Menſchenfurcht, durch kein Bedenken etwaiger Folgen abhalten zu laſſen, ſein früheres Zeugniß zu widerrufen, falls ſein Gewiſſen ihm ſage, daß jenes falſch geweſen, und beſchwor ihn feierlich und beweglich, die reine, unverfälſchte Wahrheit zu bekennen. Dann knieete er nieder zu lautem Gebet und rief Gott an, daß er ſelber Zeugniß ablegen und die Wahrheit offenbaren möge, nicht allein um des Angeklagten willen, ſondern um dem ſündigen Geſchlechte ſich kund zu geben in ſeiner Herr⸗ lichkeit und Größe, daß männiglich inne werde, daß er herrſche und regiere in ewiger und unwandelbarer Gerechtigkeit jetzt und immerdar. Mächtig und tief drangen ſeine Worte in die Herzen derer, die an Ottokars Unſchuld glaubten; und als er das Amen ſo zuverſichtlich ſprach, da dachten Jene, daß jetzt das n Wunder geſchehen müſſe. Doch Oſtris verharrte in finſte⸗ rem, trotzigem Schweigen und man hörte nur Heydicke's zürnende Stimme. — Es ſcheint, Hochwürdiger, als ob Ihr Herrn Rein⸗ hold durchaus zum Lügner und Meineidigen ſtempeln wollt! verſetzte er. Wenigſtens haltet Ihr nur bei Ihm Eure Er⸗ mahnungen nöthig, während Ihr die anderen Zeugen aus⸗ ſagen ließet, ohne ſie mit einem Wort zur Wahrheit anzu⸗ halten. Meines Dafuürhaltens wuürdet Ihr Eures Amtes erſprießlicher warten, wenn Ihr den Angeklagten zu wieder⸗ holtem, offnerem Bekenntniſſe anhieltet! — Ueber die Ausübung meines heiligen Amtes zu ur⸗ theilen, ſteht Euch nicht zu! entgegnete der Propſt mit ruhi⸗ ger Würde. Ich warte ſeiner nach meiner wahrhaften Ueber⸗ zeugung, und Rechenſchaft darob zu geben, bin ich nur Gott und meinem Gewiſſen ſchuldig! — Ihr wurdet verhindert, der Aufforderung des Ge⸗ richts Folge zu geben, Herr Reinhold! wandte ſich Heydicke, da er dem Propſt nichts erwiedern konnte, zu Oſiris. Wenn Ihr jetzt Eure Erklärung geben wollt, ſo darf Euch Nie⸗ mand mit einer weitern Einrede kommen. Etliche Sekunden war es ſtill im Saale und kaum hörte man die Athemzüge der Anweſenden. Man vernahm nur das allgemach ſtärker werdende Gemurmel und Geſumm, welches aus der draußen auf dem Platze harrenden Menge herauftönte. — Ich bleibe bei dem, was ich ſagte, und widerrufe nicht, was ich beſchworen! So lauteten die Worte, durch welche Oſiris das drük⸗ kende Schweigen unterbrach und denen abermals tiefe Stille folgte. — Angeklagter, habt Ihr dem Gericht noch etwas zu ſagen? fragte Heydicke nach einer Pauſe. Ottokar machte eine verneinende Bewegung. —— RNNòNE Die Richter verließen den Saal, um über das Urtheil zu berathen. Ottokar ſaß auf einem Schemel, die brennend heiße und doch ſo bleiche Stirn auf die eiſeskalte Hand geſtützt; ſein Blick wurzelte am Boden. Die Freunde umſtanden ihn trauernd und wußten nicht, was ſie ihm ſagen ſollten, ob⸗ wohl ſie ihn ſo gern getröſtet und ſeinen geſunkenen Muth aufgerichtet hätten. Ein ſtummer Händedruck, ein Seufzer, eine Thräne— ſie hatten nichts weiter für ihn. — O, Ihr Lieben, ſprach er nach einer Weile mit ſchmerzbewegtem Ton und Blick, die fieberglühenden Augen zu ihnen erhebend— ich bin Euch großen Dank ſchuldig ob Eures vielen Bemühens um meine Rettung; aber den⸗ noch— mir wäre beſſer, Ihr hättet es gelaſſen, wie es war! Ruhig, ja freudig hätte ich den Tod erlitten, ich war ja verſöͤhnt mit Gott und hatte abgeſchloſſen mit der Welt; aber jetzt— ich weiß nicht, ob ich's ertragen werde, bis der Nachrichter ſein traurig Amt an mir verrichtet! Seele und Leib leiden über alle Maßen! — Muth, Muth, theurer Sohn! ſprach der Mönch. Es iſt die bange Ungewißheit, die Dein Herz bald erwei⸗ tert, bald zuſammenzieht und das erregte Blut mit heißem Ungeſtüm durch Deine Adern treibt. Bald wird ſie ja en⸗ den; und iſt die Spannung vorüber, dann wird Dir wie⸗ der Ruhe werden, wie zuvor. Ottokar verſuchte zu lächeln. — Ich hoffe es! erwiederte er. Das wirre Geſumm aus der unten auf dem Platze verſammelten Volksmenge tönte immer lauter herauf und erhob ſich allgemach zum Geſchrei, ohne aber daß man irgend etwas verſtehen konnte. Stroband trat an ein Fenſter des Saales, ſchob den Vorhang zuruͤck und blickte hinab auf den hin und wieder von Fackeln und Windlichtern erleuchteten Platz. Von der Brücke an den ſtädtiſchen Mühlen her kam ein bedecktes Fuhrwerk, das ſich einen Weg durch den dich⸗ ten Menſchenknäuel bahnen zu wollen ſchien; mehrere Be⸗ waffnete zu Roß— ob Stadtſöldner oder Andere, konnte Stroband nicht unterſcheiden— umgaben es. Dorthin aber drängte ſich Alles und von dorther erſcholl auch das Rufen und Schreien. Das Fuhrwerk konnte nur langſam Schritt vor Schritt weiter kommen und mußte nach jedem Anziehen der Pferde wieder anhalten, da, je näher dem Rathhauſe, die Menſchenmaſſe immer dichter ward. Es gab in beiden Städten vielleicht nicht Einen mit geſunden Gliedern, der heute daheim geblieben war. Plötzlich wandte ſich Stroband weg vom Fenſter, ging ſchnell nach der von Außen verriegelten Thür, die in's Vor⸗ gemach und von da auf den oberen Korridor führte, und gebot dem im Vorgemach wachehaltenden Rottmeiſter, ihm die Thür zu öffnen. Alsdann eilte er hinab. Die Berathung der Richter war nur kurz geweſen. Gleich nach Strobands Entfernung traten ſie wieder in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Heydicke ward alsbald die Abweſenheit des Stadthaupt⸗ manns inne und ein zufriedenes Lächeln— unten war es wieder ruhiger geworden— ſpielte bei dieſer Wahrnehmung um ſeine Lippen. Dann aber legte ſich ſein Geſicht wieder in ernſte Falten und er wandte ſich zu Ottokar. — Steht auf, Angeklagter, und vernehmt das Urtheil! gebot er ihm. Ottokar erhob ſich, wie es die Achtung vor Gericht er⸗ heiſchte. Der Mönch und Bernhard reichten ihm die Arme, auf die er ſich ſtützen mußte. — Wir Buürgermeiſter und Rathsherren von Berlin und Kölln, als Schultheiß und Schöppen am Gericht der beiden Städte, ſo hob Heydicke an, haben— nachdem un⸗ gewöhnliche Ereigniſſe uns bewogen, nach bereits gefälltem AANAANAꝑAꝑAꝑÖONQꝑꝑꝓ Spruch nochmals zu Gericht zu ſitzen über den Angeklagten — die Ausſagen der neu aufgetretenen Zeugen wohl und reiflich geprüft und ſie als glaubwürdig zu erachten und ihnen Beweiskraft beizulegen beſchloſſen, obwohl das Zeug⸗ niß des Bernhard Rycke wegen zu naher Verwandtſchaft mit dem Angeklagten gerechten Bedenken unterlag. Demnach aber haben wir den heute in dieſer Sache gefällten Spruch abgeändert, wie folgt: „Des Verbrechens, das Erbtheil des hier verſtorbenen Reinhold zum Schaden der rechtmäßigen Erben auf betru⸗ geriſche Weiſe an ſich geriſſen zu haben— erachten wir den Angeklagten für nicht ſchuldig. Ferner: des Verbrechens, des hier gegenwärtigen Rein⸗ hold Sohn, mit Vornamen Peter, umgebracht oder ſonſt ſich ſeiner entledigt zu haben— erachten wir den Angeklagten für nicht ſchuldig. Und endlich: des Verbrechens aber, den hier gegen⸗ wärtigen Reinhold, des hier verſtorbenen Reinhold Bruder, durch einen meuchleriſchen Dolchſtich ſchwer verwundet und in der Abſicht, ihn zu tödten, dem Tode nahe gebracht zu haben— erachten wir den Angeklagten für ſ chuldig; möge er dies Verbrechen verübt haben, aus welchem Grunde es immer ſei. Dieſer Spruch iſt von uns gefällt worden nach ſorg⸗ lichſter Erwägung und aus beſter Ueberzergung, wie wir es vor Gott und unſerem Gewiſſen zu verantworten haben!“ Eine Pauſe von einigen Sekunden trat hierauf ein. Dann ließ ſich Heydicke alſo wieder vernehmen: — Laſſet hören, Herr Syndikus, mit welcher Strafe derjenige belegt werden muß nach Recht und Gerechtigkeit, welcher ſich ſolchen Verbrechens ſchuldig gemacht, wie in un⸗ ſerm Spruch benannt iſt. Der an Ottokars Statt vom Rath beſtallte Syndikus ſchlug einen Folianten auf, der auf dem Gerichtstiſche vor „———— 145 AAAAAA; — ihm lag. Es war dies der ſogenannte„Sachſenſpiegel,“ ein Strafgeſetzbuch, welches damals in Kriminalſachen ziem⸗ lich in ganz Deutſchland Geltung hatte. Als der Syndikus die betreffende Stelle gefunden, las er mit lauter Stimme etwa Folgendes vor: „Wer mit Vorbedacht Jemandes Leib beſchädigt, mit einer Waffe oder ſonſt einem Inſtrument, und im Sinne hatte, ihn zu tödten, wenn es ihm auch nicht gelungen iſt: dem ſoll man vom Büttel den Kopf abſchlagen laſſen. Iſt aber der alſo Beſchädigte ein Anverwandter, Vormund, Mei⸗ ſter, Lehrherr oder ſonſt Einer, dem der Miſſethäter beſon⸗ dere Liebe ſchuldig war: ſo ſoll ihm der Büttel zuvor die rechte Hand vom Arme trennen und alsdann ihm erſt den Kopf abſchlagen.“ Damit ſchloß der Syndikus das Buch. — Demnach, begann Heydicke wieder, beſtätigen wir trotz des veränderten Spruches unſer bereits gefälltes mildes Urtheil in allen Stücken, alſo daß es an dem Angeklagten vollzogen werden ſoll nach Ablauf der Friſt, die ihm bei der erſten Verurtheilung vergönnt worden; das heißt nach zwei Stunden von jetzt an gerechnet. Das Urtheil iſt gefällt und verkündigt nach Recht und Gerechtigkeit; ſomit iſt dieſer Pro⸗ zeß beendet und entſchieden. — Noch nicht, Ihr Herren! rief der Mönch dagegen. Noch ſteht dem Verurtheilten die Berufung an den Schöp⸗ penſtuhl der Stadt Brandenburg zu), und dort muß Euer Urtheil beſtätigt werden, bevor es Geltung und Kraft er⸗ langt! — Mit nichten, Herr Pater! wies ihn Heydicke ab. Der Angeklagte hat zu wiederholten Malen erklärt, ſich un⸗ ²) Der Schöppenſtuhl(ſtädtiſches Gericht) zu Brandenburg war zugleich gewiſſermaßen ein Appellations⸗Gericht für die Gerichte in den Kurmärkiſchen Städten, welche, wie Berlin und Kölln, die unge⸗ theilte Jurisdiktion innerhalb ihrer Gemarkung auszuüben befugt waren. Die ſchwarzen Brüder. IV. 10 AAA ſerm Urtheil zu unterwerfen, und wir ſind nicht geſonnen, mit uns ſpielen zu laſſen! — Es ſteht dem Angeklagten jederzeit zu, ſeine Erklä⸗ rung wieder zurückzunehmen! entgegnete der Pater. Thue alſo, Ottokar, und ſie müſſen es gewähren laſſen! — Nimmermehr! rief Heydicke zornig. Auch Ottokar ſchüttelte den Kopf. — Es wäre vergebens! erwiederte er leiſe. Ich wuͤrde mich dem Gericht zu Brandenburg nicht ſtellen können. Und matt ſank er auf den Schemel zurück. Er wußte wohl, daß es nicht geiſtiges Leiden allein ſei, was ihn ſo kraftlos machte; er fühlte, wie auch ſein Körper von wilder Fiebergluth durchraſt ward, wenngleich Alle glaubten, es ſei die Todesangſt, die ihn ſo heftig erzittern ließ. — O, Ihr Herren, nahm der Propſt noch einmal das Wort; gewiß iſt es nur der Buchſtabe des Geſetzes, der Euch den jungen Mann verdammen läßt, während Ihr ihn in Eurem Innern vielleicht wie wir unſchuldig glaubt. Wenn Ihr ihn nach dem Geſetze auch verurtheilen mußtet, ſo ſteht Euch doch das Recht zu, die Strafe zu mildern. O, übt dies eine Mal dieſes Euer Recht aus; wandelt die Todes⸗ ſtrafe, die nach der Vollſtreckung nicht wieder zurückgenom⸗ men und aufgehoben werden kann, in Gefängniß um. Be⸗ dinkt, welch' wunderbare Dinge heute an den Tag gekommen ſind, von denen Ihr vorher keine Ahnung hattet und die Euch zwangen, den bereits gefällten Spruch zu ändern; wie leicht könnte auf gleiche Weiſe des Angeklagten völlige Un⸗ ſchuld an den Tag kommen— und dann wäre es zu ſpät! Im Namen Gottes flehe ich Euch an, meiner Bitte Gehör zu geben! — Nicht der Buchſtabe des Geſetzes allein, ſondern unſere wahrhafte Ueberzeugung hat uns das Urtheil fällen laſſen, entgegnete Heydicke; und nimmer werden wir das uberdies gemilderte Urtheil wieder abändern! Freilich ſind gar —— ⏑— ⏑ 2 NN ſeltſame Dinge hier kund geworden, aber wir haben ſie auch wohl berückſichtigt. Wir haben erfahren, daß der Angeklagte dem Geſchlechte der Rycke angehört. Häufig hat man uns in blindem Wahne vorgeworfen, ſetzte er boshaft hinzu, daß wir die Mitglieder der Patrizier⸗Geſchlechter vor Gericht be⸗ günſtigten; nun wohlan denn, ſo mag man auch diesmal erkennen, welch' ein Unrecht man uns durch jenen Vorwurf gethan! — O, verhärtet Euer Herz nicht abſichtlich, liebe Her⸗ ren! fuhr der Propſt bittend fort. Bedenkt, daß der kein niederer Verbrecher ſein kann, für den ſo viele gar wackere und würdige Leute, ja, ſelbſt die Stellvertreter Gottes auf Erden, der Landesfürſt ſowohl, wie der hochwürdigſte Biſchof ihre Stimmen erheben! Und nicht die allein ſind's, welche an die Unſchuld des jungen Mannes glauben; hört Ihr nicht die Stimmen des Volkes ebenfalls ertönen, das eben Euer Urtheil vernommen haben mag! Hört, wie die ver⸗ ſammelte Menge plötzlich— — Genug, genugl brauſete Heydicke zornig auf. Merkr's Euch, Herr Propſt; als Richter ſind wir die Stellvertreter Gottes auf Erden, und wir werden unſer Amt ausüben, wie's uns gut dünkt! Und ſind meine Genoſſen gleichen Sinnes mit mir, ſo laſſen wir die Hinrichtung zur Stelle vollziehen— dem herrſchſüchtigen Klerus, wie dem rebelli⸗ ſchen Pöbel zum Trotz! Man befehle dem Büttel, ſich be⸗ reit zu machen! — Welch ein Hochmuth! ſeufzte der Geiſtliche tief be⸗ trübt. Aber es ſtehet geſchrieben: Hochmuth kommt vor dem Fall! Heydicke wollte eben die Sitzung für beendet erklären, als er mitten in der Rede inne hielt und ſtirnrunzelnd nach dem Eingange des Saales blickte. Auch die Rathsherren richteten ihre Blicke betroffen dorthin. In dem Vorgemach, wo es bisher ganz ſtill geweſen, 10s 448 AANARERNNRN erhob ſich plötzlich ein Tumult. Es ſchien auf dem Korridor, an welchen das Vorgemach ſtieß, etwas vorzugehen. — Ich ſage Euch, Ihr Herren, ich darf Euch nicht einlaſſen, es iſt mir ſtreng verboten worden! ſo hörte man die Stimme des Rottmeiſters rufen, der im Vorgemach die Wache hatte. — Haſt Du nicht gleiche Achtung vor dem Abgeord⸗ neten Deines Landesherrn, deſſen Farben und Wappen Du ſtehſt, wie Dein würdiger Hauptmann, der uns doch unten einließ? ertönte eine andere Stimme, die den Rathsherren wohl bekannt war. Wahre Dich, Burſch, daß Du die Frech⸗ heit nicht büßen mußt! — So mögt Ihr mit den kurfürſtlichen Trabanten ein⸗ treten, ſprach der Rottmeiſter etwas gefügiger; den andern Leuten aber, zumal den Bewaffneten, wehren wir den Ein⸗ tritt mit unſern Hellebarden! — Seht zu, was Eure Waffen vermögen gegen ein ſchwaches Mädchen! rief eine weibliche Stimme. Ich thue, was ich nicht laſſen kann! — Lisbeth! tönte es von Ottokars und Bernhards Lippen zugleich. — Bei Eurem Leben, Stadtſöldner, laßt mir Niemand ein! donnerte Heydicke, ſich haſtig erhebend. Draußen entſtand ein wirres Geräuſch. Noch ehe Hey⸗ dicke die Thür des Saales erreicht hatte, ward dieſelbe ge⸗ öffnet und mit freudeglänzenden Blicken flog Lisbeth an Ot⸗ tokars Bruſt. — Meinntheurer Bruder— gerettet— ge⸗ rettet! Bildſäulen gleich ſtanden die Anweſenden ob dieſes un⸗ erwarteten, ihnen noch unerklärlichen Ereigniſſes. — Was ſoll das heißen? fuhr Heydicke dann wieder auf. Da aber trat der kurfürſtliche Hofrichter von Span⸗ dow, Herr Balthaſar Haak, in den Saal; ihm folgten zwei 149 A Trabanten in landesherrlichen Wappenröcken. Draußen aber ſah man noch etliche andere fremde Leute und kurfürſtliche Reiſige. — Was wollt Ihr zu ſo ungewöhnlicher Zeit, Herr Hofrichter, und was bedeutet Euer ungeſtümes Eindringen, ſogar mit Bewaffneten, wie ich ſehe? fragte Heydicke erſtaunt und finſter. — Sobald Ihr mir geſtattet, meinen Auftrag auszu⸗ richten, werdet Ihr erfahren, weshalb ich alſo that, ent⸗ gegnete der Hofrichter. Zeit und Weiſe meines Erſcheinens ſind mir durch die Umſtände geboten! — So ſprecht! ſagte Heydicke, nachdem er ſeinen Platz wieder eingenommen hatte. Balthaſar Haak trat gegen den Richtertiſch vor und hob dann mit lauter Stimme an: — Herr Kurfürſt Friedrich der Zweite, unſer Aller Fürſt und Landesherr, entbietet den beiden Städten Berlin und Kölln ſeinen gnädigen Gruß! Und zwar hat er mich, ſei⸗ nen Diener, geſandt, zu fordern in ſeinem Namen die Aus⸗ lieferung des gräulichen Mordbrenners, Räubers und Lan⸗ desbeſchädigers, ſo von den Seinigen Oſiris genannt wird, aber von den Leuten ob ſeiner entſetzlichen Thaten mit dem Namen„der ſchwarze Teufel“ belegt ward. Der Landes⸗ fürſt verſieht ſich von den beiden Städten der ungeſäumten Willfährigkeit bei Ausführung ſeiner wohlbegründeten For⸗ derung. — Keinen Augenblick wird der Rath der beiden Städte anſtehen, dem Verlangen des Kurfürſten zu willfahren, ſo⸗ bald er es vermag! entgegnete Heydicke. Aber es iſt eine alte Regel, Herr Hofrichter, daß man Einen nicht henket, man hätte ihn denn zuvor. Da trat der Hofrichter auf Oſtris zu, legte ſeine Hand auf deſſen Schulter und ſprach: — Dieſer iſt es, den wir ſuchen! 150 AAꝑæqÖðÖ&ꝝ¾ Ein Laut des Staunens und der höchſten Ueberraſchung gab ſich im Saale kund. — Ihr irrt Euch wohl in dem Manne, Herr Hof⸗ richter! verſetzte Heydicke mit ungläubiger Miene. Wenig⸗ ſtens iſt es an Euch, zu beweiſen, daß Eure Behauptung in der Wahrheit begründet iſt, bevor wir Euch einen Mann überliefern können, der uns bewieſen hat, daß er ein ehr⸗ barer Bürger Namens Reinhold iſt. — Ihr fordert Beweiſe? rief der Hofrichter. Seht, wie ihn die ungeheure Laſt der Schuld erdrückt; ſeht, wie Schrecken und Wuth ſein bleiches Geſicht verzerren— und Ihr habt darin ſchon Beweiſes genug! Doch will ich Euch alle Zweifel benehmen. Er winkte bei dieſen Worten den beiden Trabanten zu; dieſe gingen hinaus und kehrten gleich darauf mit zwei ge⸗ fangenen Zigeunern zurück, welche von kurfürſtlichen Reiſigen bewacht wurden. — Heda, Ihr Leute, wer von den Anweſenden hier iſt Euer ehemaliger Hauptmann? rief dieſen der Hofrichter ent⸗ gegen. Die Zigeuner deuteten ſogleich auf Oſiris. — Er iſt's, der unſer Volk verrathen und verlaſſen und den des Nikolas Dolch gezüchtigt hat! ſagten ſie dabei. — Hört Ihr's, Ihr Herren? rief der Hofrichter den betroffenen Rathsherren zu, indem er näher an den Richter⸗ tiſch trat. Einer der Seinigen war's, der ihm den Dolch in die Bruſt ſtieß! Der Mörder iſt todt; doch vor mehr denn hundert Zeugen hat er zuvor ſich ſeiner That gerühmt! — Und dem iſt ſo! verſetzte Oſiris mit ſeltſam tönen⸗ der Stimme. Ich legte falſch Zeugniß ab um meines Soh⸗ nes willen; ich geſtehe die Wahrheit jetzt, damit der Ange⸗ klagte dort, der zehnmal beſſer iſt, als ſeine Richter, ſich ſeines armen Dieners, meines Sohnes, anzunehmen und ihn zu ſchützen vermag gegen die Ungerechten, die des Vaters Verbrechen an den Kindern rächen. Sie, die Richter ſelber, zwangen mich, das falſche Zeugniß vorhin zu beſtätigen, das ich aus Haß und Rache gegen den vermeintlichen Mör⸗ der meines Sohnes abgelegt und das ich ſchon zu wider⸗ rufen Willens war. Er iſt unſchuldig— Fluch, tauſend⸗ facher Fluch ſeinen Richtern! — Das Zeugniß kommt ſpät, aber— Dank ſei dem Himmel— noch nicht zu ſpät für den Unſchuldigen! ſprach Balthaſar Haak. Dich aber, Unſeliger, wandte er ſich zu Oſiris, Dich erwartet zu Spandow das Gericht für Deine Miſſethaten, deren Zahl Legion iſt! Dein eben abgelegtes Bekenntniß möge Deine Schuld vor dem Ewigen mildern; vor dem irdiſchen Richter vermag es dies nicht! — Ihr werdet mich nicht vor Gericht ſtellen! murmelte Oſiris. — Ich meine, Ihr Herren, daß Ihr nicht ferner Be⸗ denken tragen werdet, den Verbrecher mir zu überlaſſen! ſagte Haak zu den Richtern. Und ihr Schweigen richtig deutend, ſchritt er auf Oſtris zu, um ihn ſeinen Bewaffneten zu übergeben— als er plötz⸗ lich entſetzt zurückwich. — Ha— was iſt das? rief er aus. — Ihr werdet mich nicht vor Gericht ſtellen! wieder⸗ holte Oſtris in dumpfem Tone. Man ſoll meinem Sohne nicht nachſagen, ſein Vater ſei durch Henkershand geſtorben. — Unſeliger— zu Deinen übrigen Verbrechen fügſt Du noch ein neues hinzu, indem Du mit frevelnder Hand Deinem Leben ein Ende machſt! rief der Hofrichter beſtürzt, als er ſah, daß Oſiris ſein Wamms aufgeneſtelt, den Ver⸗ band von der Wunde und dieſe ſelber aufgeriſſen hatte und daß ein Strom ſchwärzlichen Blutes den Seſſel und den Fußboden färbte. O, wäre doch ein Heilkundiger zur Stelle! Auf die letzten Worte des Hofrichters nahm der Mönch, der wie die meiſten Anweſenden ein ſtummer Zuſchauer und Zuhörer dieſes unerwarteten Auftritts geweſen, eine der vor den Richtern auf dem Tiſche brennenden Kerzen und eilte damit zu Oſiris, da es auf deſſen Platze ziemlich dunkel war. Als er aber beim Scheine der Kerze die Wunde betrachtet und die Farbe des Blutes gewahrt hatte, trat er kopfſchüt⸗ telnd wieder zurück.„ — Er wird vor einem höheren Richter ſtehen, bevor wir dieſen Ort verlaſſen! ſagte er zu Balthaſar Haak. Dies gemahnte den Propſt an ſein heiliges Amt. Auch er trat zu Oſiris und hielt ihm das Kruzifix vor. — Bereueſt Du Deine Sünden, Menſch, ſprach er in ſanftem Tone, ſo küſſe deß zum Zeichen das Bild des Ge⸗ kreuzigten, damit Dir die Segnungen der heiligen Kirche zu Theil werden können. — Sagt meinem Sohne, frommer Mann, daß er ſei⸗ nem Vater nicht fluchen möge, ſprach Oſtris mit großer Anſtrengung; ſagt ihm, daß ich das Alles that, um ihn reich und glücklich— doch nein; ſagt ihm das Letztere nicht! — Es ſoll geſchehen, erwiederte der Propſt. Doch be⸗ ſchwöre ich Dich, Deine letzten Augenblicke nicht ungenützt vorübergehen zu laſſen! Bedenke, daß Du noch heute vor dem Throne des Höchſten ſtehen wirſt und bereue hier noch, daß Dir droben Gnade werde! — Es iſt zu ſpät, Hochwürdiger! — Noch am Kreuze wurde dem reuigen Schächer Gnade zu Theil! Denke an die Ewigkeit! Auch für Dich ſtarb der Erlöſer! — Bittet Gott— für meinen Sohn— und legt ein Fürwort ein— bei dem Angeklagten dort. Wenn dieſer verſpricht— meinem Sohne Freund zu bleiben— ſo bin ich beruhigt über ſein Schickſal— mag mir's nun ergehen — wie ich's verdient. — Um's Himmels willen— verſuche wenigſtens zu beten! rief der Propſt, als er mit Schrecken ſah, daß Oſiris' A Augen brachen. Bete, bete, daß der Höchſte nicht mit Dir ins Gericht gehe nach Deinem Verdienſt. — Sagt ihm— daß ich viel— viel Gold— ver⸗ graben— auf der Feldmark— bei— Jetzt drang ein Blutſtrahl auch aus ſeinem Munde; eine krampfhafte Bewegung ſeines Körpers noch, ein dum⸗ pfes Röcheln— und ſein Kopf ſank ſchwer auf ſeine Bruſt hinab. Er war todt. — Hier hat Gott gerichtet! ſprach der Geiſtliche, als Oſiris geendet hatte. — Ja, wahrlich, der Höchſte ſelber hat Zeugniß ab⸗ gelegt! ſetzte der Mönch hinzu. Doch laſſet uns beten, daß Gott der Seele des Sünders gnädig ſei! Während alle Anweſenden— auch die Rathsherren— mehr oder minder tief ergriffen ihre Blicke dieſer erſchüttern⸗ den Sterbeſcene zugewandt hatten, war Lisbeth einzig und allein mit Ottokar beſchäftigt; die mächtige Gewalt einer ſchweſterlichen Liebe, wie man ſie nur ſelten findet, ließ ſie nichts denken, nichts empfinden, als daß der Bruder gerettet ſei! Sie drückte ihn an das überwallende Herz, ſie ſtrich ihm ſanft die herabgefallenen Locken aus dem Geſicht, ſie kuͤßte ſeine bleiche Stirn, ſeine kalten Lippen; ſie benetzte ſeine Hände mit ihren Thränen und rief ihn mit all den ſüßen Namen, welche die Schweſterliebe ihr eingab. Endlich aber ward ſie inne, daß Ottokar keine ihrer zärtlichen Freu⸗ denbezeigungen, ja, nicht einmal ihren Händedruck erwiedere. Sie erhob ſich von ſeiner Bruſt— und ſah, wie ſeine Arme kraftlos hinabſanken; ſein Haupt aber mit dem bleichen Ant⸗ litz, den geſchloſſenen Augen und halbgeöffneten bläulichen Lippen war nach hinten gebeugt und ruhte auf der Lehne des Schemels. — Ottokar— was iſt mit Dir? ſchrie Lisbeth auf. O Gott— mein Bruder— er ſtirbt! — Er ſtirbt—? rief da eine Stimme in dem Vor⸗ RRcpcPOH gemach und herein trat haſtig ein in einen Mantel gehüllter Mann. — Er ſtirbt— 2 Auch der Hofrichter und die beiden Geiſtlichen wandten ſich auf dieſen Schreckensruf beſtuͤrzt zu Ottokar. Bernhard hielt Lisbeth, der die Füße den Dienſt verſagen wollten, in ſeinen Armen. Der Mönch fühlte Ottokars Pulsſchlag und that ſonſt noch, was ſeine Erfahrung in der Arzneikunſt ihm gebot. — Es iſt die Wiederkehr der Krankheit, von der er erſt vor etlichen Wochen genas, und die ihn jetzt mit ver⸗ doppelter Wuth heimſucht! ſprach er traurig. Freilich— wie könnte es auch anders ſein! — CEure vielbewährte Kunſt, mein Bruder, läßt ſie Euch kein heilend Mittel finden? fragte der Propſt. — Ich weiß nicht, was ich beginnen ſoll! erwiederte der Pater kopfſchüttelnd. Doch— wie konnte ich vergeſſen — ſchnell, ſchnell— ſendet zu Pignetti, dem greiſen Mei⸗ ſter der Wiſſenſchaft; man wird ihn im Schwarzen Kloſter oder im Hauſe der Beguinen finden! Vielleicht, daß er zu helfen vermag! Da zuckte es wie jäher Schrecken über Ottokars Antlitz. — Pignetti— verfolgt er mich noch bis in des Todes Nacht! murmelten ſeine Lippen und ſeine Augen blickten wirr im Kreiſe umher. Zurück, Dämon der Hölle— Du haſt keinen Theil mehr an mir! Fahre hinab zu den Ver⸗ dammten. — Halt inne, Ottokar! rief Bernhard, ſich vergeſſend. Fluche nicht Deinem Erzeuger! Ottokar blickte eine Weile trüb vor ſich hin. — Laßt mich ruhen— nur eine Stunde ruhen! ſeufzte er dann. Mein Herz iſt welk, mein Geiſt matt, mein Leib ſiech und krank, wie bei dem abgelebten Greiſe! Wie wohl wird mir die Ruhe ſein! Er ſchloß die Augen wieder und neigte das müde Haupt auf die Bruſt. — Gott ſei gedankt— er hat mein unvorſichtig Wort nicht verſtanden! ſprach Bernhard leiſe vor ſich hin. — Wohl glaube ich's, daß ſich ſein armes Herz nach Ruhe ſehnt! ſchluchzte Lisbeth. Wer hat wie er gelitten und iſt wie er ſtandhaft geblieben unter herben Todesſchmerzen! O, möge beim Erwachen ihm ſeine Klara hold entgegen⸗ lächeln— ſei's hier oder dort oben! — Verzaget nicht, liebes Kind! nahm der Mönch das Wort, deſſen Blicke aufmerkſam auf Ottokar ruhten. Jetzt iſt mehr Hoffnung für ſein Leben vorhanden, als vorhin. Des Fiebers wilde Gluth mildert ſich mit jedem Pulsſchlag; und iſt der Kranke erſt in Eurer Pflege, ſo wird des weiſen Meiſters Kunſt und meine Sorgſamkeit ihn zur Geneſung führen, wenn Gott es nicht etwa anders mit ihm beſchloſ⸗ ſen hat! Heydicke verſuchte jetzt, dieſem für ihn und ſeine Amts— genoſſen ſo peinvollen Auftritte ein Ende zu machen, indem er mit Ottokars Freiſprechung begann. Doch der Mann, welcher zuletzt in den Saal getreten war, unterbrach ihn alsbald. — Sprecht es nicht aus, das Anerkenntniß ſeiner Un⸗ ſchuld; denn wie Hohn erklingt das freiſprechende Wort aus Eurem Munde, nachdem Ihr ihn gemordet habt! rief er den Rathsherren furchtlos zu. Ja, wenn er ſtirbt, ſo habt Ihr ihn gemordet, deß zeihe ich Euch vor aller Welt, und Jeder⸗ mann ſoll es erkennen, welch frevelnd Spiel Ihr mit dem Richteramt getrieben! Doch furchtbar wird ſich ſolcher Frevel an Euch räͤchen, deß ſeid verſichert! — Ja, es iſt wahr, Ihr Herren, Ihr könnt nicht leug⸗ nen, daß Ihr in dem Prozeß Euch gröbliche Fehler und Uebereilungen zu Schulden kommen ließet— und Euer Ver⸗ dienſt iſt's wahrlich nicht, wenn ein Juſtizmord weniger be⸗ —— AAAꝑ;ʒ;; gangen ward! bekräftigte der Hofrichter. Gewiß iſt's, daß die Begier, den verhaßten Gegner zu ſtürzen, Euch blind und taub gemacht gegen Alles, was zu Gunſten des Ange⸗ klagten ſprach. Und ob Ihr auch hiergegen ſtreiten möget — ich werde es beweiſen mit triftigen Gründen, Cuch und allem Volk! — Daß Ihr, Herr Hofrichter, alſo vermeſſen ſprecht, nimmt mich nicht Wunder, denn Euch ſchützt ja Euer jetzig Amt als Abgeordneter Eures Herrn! verſetzte Heydicke; und ſich zu dem Andern wendend, fuhr er drohend fort: Doch Ihr, Boytin, wenn Ihr's noch einmal wagt, uns frech der Ungerechtigkeit zu zeihen— — O, noch mehr wage ich, Herr Heydicke! unterbrach Boytin ihn abermals, und ſeinen Augen entſchoſſen drohende Blitze. Er trat dabei an ein Fenſter, ſchob den Vorhang bei Seite und riß die hohen Flügel auf, daß die Glasſchei⸗ ben hell erklirrten. Ich wage es, Euch zu ſagen, daß meinem Mitleid Ihr's verdankt, wenn Euch zu dieſer Stunde nicht blutige Vergel⸗ tung trifft für Alles, was Ihr bisher an Euren Mitbürgern gefrevelt habt! Schaut hinab auf die wogende Menge dort unten, die Euch, ihre Tyrannen, laut verwünſcht; hört, wie Eure Söldner in dieſe Verwünſchungen— hier leiſe, dort laut— mit einſtimmen und ſeht, wie ſie ihre Plätze ver⸗ laſſen, weil ſie es müde ſind, für Euch den Haß des Volkes auf ſich zu laden! Ein Wort nur rufe ich hinab und das Blutgerüſt, von Euch für einen Unſchuldigen errichtet, wird von Eurem Blute gefärbt; ein Wink meiner Hand und Eure 4 Häuſer, Eure Reichthümer, an denen der Schweiß und die Thränen Eurer unterdrückten Mitbürger kleben, ſinken in Staub und Trümmer! Doch fürchtet nichts, Ihr bleichen Feiglinge, die Ihr nur muthig ſeid wehrloſen Opfern gegen⸗ über und in der Mitte Eurer Söldlinge— fürchtet nichts! Die Stunde, in der Eure Tyrannengewalt zuſammenbricht, 1. ſie hat geſchlagen; und darum ſage ich Euch: Fürchtet nicht um Euer elendes Leben, das Ihr freilich längſt verwirkt habt, denn die gerechte Sache iſt großmüthig in ihrem Siege! Dieſen Sieg aber, ich verkündige ihn hiermit laut und öffentlich! fuhr er mit erhobener Stimme fort, und das plötzlich unten auf dem Platze eintretende Schweigen deutete an, daß man dort auf ſeine Worte hörte. Auf dieſer Stätte, von wo aus ein Jahrhundert lang die Tyrannei ihre blutige Geißel gegen unterdrückte Bürger ſchwang; von wo aus ſeit drei Jahrzehenden Empörung und Verrath gegen die edelſten Landesfürſten, wo Recht und Gerechtigkeit frech mit Füßen getreten wurden: auf dieſer Stätte verkündige ich laut die Befreiung vom ſchmählichſten Joche, unter dem jemals frei— geborne Bürger ſeufzten! Nicht mehr wird in dieſen Räumen Herrſchbegier und Habſucht ihr freches Spiel treiben; freie Bürger werden künftig hier die Wohlfahrt freier Bürger berathen und fördern, kräftig geſchützt und unterſtützt durch ihren rechtmäßigen Landesherrn; und keine bevorzugten Ge⸗ ſchlechter werden ferner der Städte Mark verpraſſen und un⸗ recht Gut ſammeln durch der fleißigen Bürger Schweiß! So ſteht es mit Euch, Ihr eben noch ſo übermüthigen Herren; und ſo wird's geſchehen und kommen in dieſen beiden Städten, ſo wahr ich Euch in dieſem Augenblicke vor mir erbleichen und feig erzittern ſehe! Verſucht es doch, Eure bewaffneten Rotten gegen Eure Mitbürger zu hetzen, wie Ihr ſonſt zu thun nie angeſtanden habt! Ihr wagt es nicht, weil Euch auch Euer böſes Bewußtſein ſagt, daß es dann ein Ende mit Schrecken mit Euch nehmen würde! So gehet denn, ver⸗ kriechet Euch in die Winkel vor dem gerechten Zorn der von Euch Unterdrückten und um das Ihrige Betrogenen; an die⸗ ſer Stätte iſt Eures Bleibens nicht meyr! Ihr vermaßet Euch, über einen Beſſeren, als Ihr ſeid, zu richten und habt Euch ſelbſt gerichtet! Euer Urtheil iſt geſprochen! Der durch die geöffneten Fenſter dringende Luftzug hatte die Kerzen verlöſcht bis auf die eine, die im Hintergrunde des Saales vor dem Kruzifix glimmte; aber die unten auf dem Platze brennenden Fackeln warfen ein unheimliches Licht in den gewölbten Raum. Oſiris lag noch auf derſelben Stelle, wo er ſein Leben ausgehaucht, und rings um ihn war der Fußboden mit ſei⸗ nem Blute überſchwemmt. Ottokar ruhte in Bernhards und Lisbeths Armen; die Stadtſöldner, die ihn bewachen ſollten, hatten ſich ſchweigend entfernt. Der Mönch war hinaus⸗ gegangen, um Anſtalten zur Fortbringung des Kranken zu treffen; der Propſt aber betete leiſe für die Seele des todten Zigeunerfürſten. Die gefangenen Zigeuner ſtanden theilnahm⸗ los in der Mitte ihrer Wächter hinter Balthaſar Haak, der mit großer Spannung des Ausgangs dieſes Drama's harrte, das ſo folgenreich zu werden verſprach. Am Richtertiſch aber ſaßen die Rathsherren mit erdfahlen Geſichtern, auf denen mehr Schrecken und Furcht, als Zorn und Wuth ausgeprägt war— denn man vernahm wirklich, wie die zu ihrem Schutz aufgeſtellten Stadtſöldner ſich nach verſchiedenen Richtungen hin entfernten— und wagten es kaum, die Blicke zu Boytin zu erheben, dem im Feuer der Rede der Mantel entfallen war und der ſtolz aufgerichtet in ſeiner Waffenrüſtung ihnen gegenüberſtand. Solch Bild— traurig, entſetzlich und tröſtend zugleich — hatte der hohe Rathsſaal noch nicht gezeigt, ſeit ſtolze Patrizier von hier aus die Geſchicke der beiden Städte will⸗ kürlich beſtimmten. Ein ſtürmiſches Beifallsgeſchrei erhob ſich auf dem Platze vor dem Rathhauſe, als Boytin jene Donnerworte geſprochen hatte. Stolz ging dieſer an den Rathsherren vorüber und trat zu Ottokar. — Armer Freund, ſagte er, ſeine Hand auf des jungen Mannes Haupt legend, es war Dir nicht vergönnt, Deine hochmüthigen Feinde in dieſer Stunde ihrer tiefſten Ernie⸗ 3—— 3—— —————— AAAA;n drigung zu ſehen; aber hoffentlich wirſt Du den Tag er⸗ ſchauen, an dem die gerechte Sache, für die Du vereint mit mir kämpfteſt und um derentwillen Du litteſt, ihren herr⸗ lichſten Triumph feiert! Und gar bald wird dieſer Tag er⸗ ſcheinen! — Wahrt Euch, Herr Geheimer Rath des Kurfürſten! ſtieß Heydicke, in welchem Haß und Wuth der Furcht und Klugheit noch einmal die Spitze boten, drohend gegen Boy⸗ tin heraus. Ihr wißt, es iſt eben noch nicht allzu lange her, daß Ihr unſer Gefangener waret, und nicht immer werdet Ihr ſo leichten Kaufes davon kommen. Seht Euch alſo wohl vor! — Ich ſpotte Eurer ohnmächtigen Drohungen und lache Eures Grimmes! verſetzte Boytin verächtlich. Euer Geifern berührt mich nicht! — O, noch ſind wir nicht ſo ohnmächtig, wie Du meinſt! knirſchte Heydicke. Noch ſitzen wir im Regimente, um Hochverräther zu ſtrafen! Du ſollſt büßen für Alles, was der von Dir aufgehetzte Pöbel thut! Dein Leben für die geringſte Gewaltthat, die man ſich gegen uns heraus⸗ nimmt!. Er öffnete die Thür zum Vorgemach, um den Stadt⸗ ſöldnern den Befehl zu Boytins Verhaftung zu geben. Das Gemach aber war leer; es ſchien, als wage Niemand an der Stätte zu weilen, wo Gott ſelber ſo ſichtlich die Rolle des irdiſchen Richters übernommen hatte. Knirſchend vor Wuth kehrte er in den Saal zurück und ſchwur hoch und theuer, den Schimpf dieſer Stunde nicht ungerächt zu laſſen. Etliche vom Rathe, da ſie den Bürgermeiſter ſcheinbar ſo muthig und unerſchrocken ſahen, ſtimmten ihm bei; Andere aber ſchüttelten die Köpfe ob des unſinnigen Tobens ihres Oberhauptes, oder ſaßen ſtill in ſich gekehrt gleich Bild⸗ ſäulen da und wagten weder zu gehen, noch zu bleiben, weil Gehen wie Bleiben unter den obwaltenden Umſtänden gleich gefahrvoll ſchien. Pater Johannes kehrte jetzt in Begleitung zweier Leute, die eine Sänfte trugen, in den Saal zurück. Man legte Ottokar in die wohlverwahrte Sänfte und trug ihn hinweg. Zu beiden Seiten der Bahre gingen der Propſt und der Mönch; Lisbeth folgte an Bernhards Arm dem Bruder, und Boytin, ſowie der Hofrichter und ſeine Begleiter ſchloſſen ſich dem ſchweigenden Zuge an. Die Rathsherren blieben mit dem blutigen Leichnam des Zigeunerhauptmanns allein zurück. 9. Heydicke machte jetzt ſeinen Genoſſen den Vorſchlag, die ſtets bereite Hülfe der mächtigen Hanſa aufzurufen, um dem drohenden Volksaufſtand durch fremde Waffengewalt zu be⸗ gegnen. Er ſelber wollte eilends hinüber gen Frankfurt an der Oder, um die Ankunft der Hanſatruppen zu beſchleuni⸗ gen, und rieth ſeinen Freunden, bis zum Eintreffen derſelben und bis zur Unterdrückung des Aufruhrs ebenfalls die bei⸗ den Städte zur Sicherung ihrer Perſonen zu verlaſſen, was mittelſt der für ſolchen Fall ſtets auf dem Fluſſe hinter dem Rathhauſe bereitliegenden Fahrzeuge leicht und unbemerkt geſchehen könne. Dem Einwurf, daß man dann ſein Eigen⸗ thum preisgeben müſſe, begegnete er damit, daß man ſich nachher aus dem Gute der Vertriebenen und aus dem Stadt⸗ ſeckel reichlich zu entſchädigen vermöge. Im Eifer der Unterredung gewahrte Heydicke nicht, daß Stroband inzwiſchen in den Saal getreten war. Schweigend hörte der Stadthauptmann des Bürgermeiſters Rathſchläge an, denen jetzt ſämmtliche Rathsherren beiſtimmten; als aber æòù Heydicke zur ungeſäumten Ausführung ſeines Planes auf⸗ forderte, da nahm der würdige Greis in kräftigem Tone das Wort. — Hört mich an, Ihr Herren, bevor Ihr einen Ent⸗ ſchluß auszuführen verſucht, der Euch alsbald gereuen dürfte! rief er ihnen zu; und als Alle ſchwiegen, fuhr er alſo fort: Dreißig Jahre ſind's, daß ich im Rathe der beiden Städte geſeſſen, und zwanzig Jahre lang führte ich für ſie das Schwert. Treu und redlich habe ich mit Euch, Ihr Her⸗ ren, während dieſer Zeit gehalten und mich nie geweigert, Eure Rathſchlüſſe auszuführen, weil ich Euch ſchärferen Ver⸗ ſtand als mir beimaß und weil ich Euch, gleich mir, erfüllt glaubte, von raſtloſer Sorge um das Wohl unſerer beiden Städte. Die letzten Tage haben mich gelehrt, wie ſehr ich mich, wenigſtens in letzterem Stücke, getäuſcht. Nicht das Wohl der beiden Städte und ihrer Bürger lag Euch am Herzen, ſondern nur für Euch und Eure Sippſchaft ſorgtet Ihr gegen Geſetz und Gerechtigkeit! Darum ſage ich mich in dieſer Stunde los von Euch und Eurem Treiben, denn ich will nicht ferner Euer Genoſſe und Mitſchuldiger ſein beim Verrathe an den beiden Städten! Doch will ich auch verhindern, daß Ihr fernerhin fortfahrt, wie Ihr bisher ge⸗ than, und dadurch einen Theil meiner Schuld abtragen. Wollt Ihr mich nun nicht zwingen, als Euer Feind und Widerſacher zu handeln, ſo merkt wohl auf, was ich Euch jetzt ſage, und folgt meinen Worten, die redlich gemeint ſind. Eine neue— wolle Gott auch eine beſſere— Ordnung der Dinge wird in den beiden Städten eintreten— das iſt jetzt unvermeidlich; bis dies aber auf hoffentlich friedliche Weiſe geſchieht, ſollt Ihr Euer Amt fortführen, da die Städte nicht ohne Obrigkeit bleiben können, die das Regiment führt. So⸗ fern Ihr Eure Pflicht nicht überſchreitet, bürge ich mit mei⸗ nem Leben für Eure und Eures Eigenthums Sicherheit, wofür ich ſchon jetzt Sorge getragen habe; aber wehe Euch, Die ſchwarzen Brüder. IV. 11 AAAAAAANANNRDSDS wenn Ihr es verſuchtet, in Eure alte Weiſe zu fallen: Euer Untergang wäre gewiß! Um Eurer ſelbſt willen thut alſo, wie ich Euch ſage. Gehet ruhig heim jetzt. Volk und Bür⸗ gerſchaft wird Euch nichts Leides thun und gegen raub⸗ luſtiges Geſindel, das ſich etwa erheben ſollte, werden Euch auf meinen Befehl die Stadtſöldner ſchützen, die erklärt ha⸗ ben, mir— aber nur mir allein— in allen Stücken Ge⸗ horſam zu leiſten. Eine genügende Anzahl derſelben habe ich bereits nach Euren Häuſern geſandt und die Andern findet Ihr im Hofe zu Eurer Begleitung bereit. Thut alſo nach meinen Worten— ſo ſage ich Euch nochmals— und Ihr werdet fortan in Frieden leben und es nimmer bereuen! Verharret Ihr aber in Eurem hochmüthigen Trotze oder folgt Ihr gar den ebenſo wahnwitzigen wie verbrecheriſchen Rath⸗ ſchlägen, die Euch von Eurem verblendeten Oberhaupt ge⸗ worden— dann, Ihr Herren, habt Ihr mich zum Feinde auf Leben und Tod; ich werde Eure böſen Anſchläge zu ver⸗ eiteln wiſſen, koſte es, was es wolle, und ſollte ich ſelber kurfürſtliches Kriegsvolk gegen Euch führen! Mein gerech⸗ ter Zorn würde meinem Arm Jünglingskraft verleihen und nicht ruhen noch raſten würde ich, bis ich mit Gottes Hülfe Euer Werk zu Schanden gemacht! Ihr wißt, mit wem Ihr's zu thun habt und daß eitle Worte und Drohungen nie aus meinem Munde kamen; was ich Euch eben geſagt, werde ich halten in allen Stücken, ſei's zum Guten oder zum Böſen! Bedenket Euch und wählet das Beſte, um ſpäterer Reue überhoben zu ſein, und damit Gott befohlen für heute, Ihr Herren! Er ging und gleich darauf erſchienen etliche Knechte, um den Leichnam des Oſiris fortzuſchaffen. Noch einmal wollte Heydicke die Rathsherren zu einem energiſchen Schritte antreiben; aber Einer nach dem Andern verließ ſchweigend den Saal. Als er ſich zuletzt faſt ganz allein ſah, da ſank auch ihm der nur durch den Ingrimm 163 g bei ihm zu ſo ſeltener Höhe geſteigerte Muth und ſcheuen Schrittes folgte er mit den Wenigen noch Zurückgebliebenen den bereits Vorangegangenen. Unten im Hofe fanden ſie die zu ihrem Schutze beſtellten Stadtſöldner, die ſich in fin⸗ ſteren Schweigen zwar, doch willig um die einzelnen Raths⸗ herren ſchaarten, wie Stroband geſagt hatte. Etliche Zim⸗ merleute trugen die letzten Balken des Blutgerüſtes ab, das für Ottokar beſtimmt geweſen. Ein Schauer durchrieſelte Alle, denn die Thurmuhr von St. Nikolai verkündete eben die Stunde, bei deren erſtem dröhnenden Schlage des Ver⸗ urtheilten Haupt hatte fallen ſollen. Die Stätte aber, wo heut ein Anderer, als die Rathsherren, Gericht gehalten hatte— der Saal mit ſeinen ſchwarzen Blutflecken, erloſche⸗ nen Kerzen und den beiden verhangenen Fenſtern, während die Flügel des dritten, welches Boytin geöffnet, vom Winde knarrend hin und her geworfen wurden— ſie blieb auf Strobands Befehl längere Zeit unverändert ſo, wie ſie von den Rathsherren verlaſſen worden, ein mahnendes und ver⸗ ſtändliches Wahrzeichen für Jedermann. Als Boytin, Ottokars Sänfte begleitend, das Rathhaus verließ, begegnete ihm auf dem untern Korridor der Stadt⸗ hauptmann, der eben nach dem Sitzungsſaal hinauf wollte. die beiden bisherigen Gegner ſprachen nur wenige Worte mit einander, aber die kurze Unterredung reichte zu ihrer gegenſeitigen Verſtändigung hin. Der heutige Tag hatte ſie, wenn nicht vereinigt, doch einander näher gebracht und ein biederer Handſchlag beſiegelte ihren Vorſatz, künftighin freundſchaftlicher als bisher mit einander zu verkehren. Im Begriff, die Freitreppe des Rathhauſes hinabzu⸗ ſteigen, ſah Boytin den Altmeiſter Holzmuͤller auf ſich zu⸗ kommen. Alsbald eilte er ſeinem Bundesgenoſſen entgegen und ſchloß ihn in ſeine Arme. — Der Sieg iſt unſer, Freund! ſagte er zu ihm. Gott iſt mit unſerer gerechten Sache! 11* —— 464— — Habe mit großer Freude gehört, wie Ihr ihn von da oben herab verkündetet! erwiederte der Altmeiſter. Ich denke, den geſtrengen Herren werden noch lange die Ohren davon gellen. Doch ſeht, fuhr er fort, auf das verſammelte und größtentheils mit Waffen verſehene Volk deutend, wie ich Euer Gebot erfüllt habe; wir waren auf Alles vorbe⸗ reitet! Doch iſt's ſicherlich beſſer, daß es eben ſo und nicht anders kam. — Ja, mein wackerer Altmeiſter, es iſt wahrlich beſſer und am beſten ſo! bekräftigte Boytin. Zum Erſten um un⸗ ſeres jungen Freundes, zum Anderen aber auch um unſerer guten Sache willen hat es der liebe Gott ſo gefügt. Der Kurfürſt— ſo ſagte mir Herr Balthaſar Haak— will um keinen Preis, daß Bürgerblut vergoſſen werde um ſeinet⸗ willen; wollen ſich aber die Bürger freiwillig unter ſeinen Schutz begeben und ſich freiwillig zu ſeinen Gunſten der Rechte entäußern, die ihn bisher daran hinderten, der Un⸗ terdrückung des Rathes zu ſteuern, dann wird er die Bür⸗ ger zu ſchirmen wiſſen auch ohne Blutvergießen. Nun, ich denke, unſere Feinde erlitten heute eine Niederlage, die nicht zermalmender für ſie ſein könnte, als der vollſtändigſte Waf⸗ fenſteg! Im Uebrigen, lieber Holzmüller, ſeid bedankt ob Eures Eifers und beſonders ob der Eile, mit der Ihr uns die Kunde von den Ereigniſſen im Schwarzen Kloſter zu⸗ kommen ließet. — Mir wurden dieſe Nachrichten von dem Vetter des Amtsſchreibers, verſetzte Holzmüller, und ich hielt ſie für wich⸗ tig genug, Euch alsbald davon in Kenntniß zu ſetzen. Doch wißt Ihr ſchon, Herr Boytin, wie es jetzt um Euer holdes Pflegkind ſteht? — Mein erſtes und vornehmſtes Geſchäft rief mich vor allen Dingen hierher, erwiederte Boytin; doch iſt meine wackere Hausfrau ſogleich nach dem Hauſe der Beguinen geeilt, von wo ſie mir Nachricht ſenden wird. Mein Him⸗ — „ 165 AAAA;E;E mel, ſollte mir das Glück noch werden, Klara an Ottokars Arm zu ſehen und dazu den Landesherrn im Beſitze ſeiner Rechte und unſere Mitbürger befreit von ihrem Tyrannen — dann, mein Freund, iſt das kühnſte Hoffen meines Le⸗ bens erfüllt, ja übertroffen! Aber kommt, Herr Holzmüller, und begleitet mich ein wenig, wenn's Euch beliebt; noch Manches haben wir mit einander zu beſprechen. Wir dür⸗ fen jetzt nicht läſſig ſein und die Hände in den Schooß legen, vielmehr müſſen wir das Eiſen ſchmieden, da es noch heiß iſt. Inzwiſchen hatte ſich das Gerücht von Ottokars Er⸗ krankung bereits unter der harrenden Menge verbreitet, ob⸗ wohl Keiner wußte, wie bedenklich ſein Zuſtand war; und darum ward der Freigeſprochene nicht mit ſo lautem Jubel⸗ ruf auf dem Platze empfangen, wie ſonſt wohl geſchehen wäre. Doch war man kaum der Sänfte anſichtig gewor⸗ den, als ſich die Angeſehenſten aus der Bürgerſchaft herzu⸗ drängten und ſich um die Ehre ſtritten, den jungen Mann auf ihren Schultern tragen zu duͤrfen. Zahlreiche bewaff⸗ nete Bürger gaben ihm das Ehrengeleit; diejenigen, welche Fackeln trugen, gingen theils dem Zuge voran, theils neben⸗ her, und alle Uebrigen ſchloſſen ſich ihm in guter Ordnung an, ſo daß man Ottokar wie im Triumph davon führte. Hätte Ottokar dies Treiben gewahren können, er würde vielleicht mit denſelben Gefühlen auf die ihn umwogende Menge geblickt haben, wie er bei ſeiner letzten Rückkehr von Spandow und bei ſeiner Abführung ins Gefängniß gethan; doch Lisbeth und ſeine Freunde, die unmittelbar hinter der Sänfte folgten, dünkte dieſe Kundgebung ſo allgemeiner Theil⸗ nahme und Freude eine geechte und ſchöne Genugthuung für ſeine überſtandenen Leiden. Als der Zug bei der Kirche St. Petri zu Kölln an⸗ langte, drängte ſich haſtig ein Mann zu den Bürgern, welche die Sänfte trugen. — Haltet an, liebe Herren, nur etliche Augenblicke haltet an, daß ich ihm hier auf den Knieen und vor allem Volk abbitten kann die harten Beſchuldigungen und Reden, die ich und meine Tochter gegen ihn geſprochen! O, ſteht ſtill, liebe Herren, daß ich's thun kann und Ruhe habe vor mir und dem Mädel! — Nicht jetzt, Meiſter Trennert! ſagte Boytin, ihn beim Arm nehmend, damit er den Zug nicht ins Stocken bringe. Der junge Mann iſt ſchwer krank; Cuer Vorhaben könnte ihm Schaden bringen. Findet Euch morgen oder nach etlichen Tagen in ſeinem bisherigen Wohnhauſe ein; da wird man Euch ſagen, ob Ihr ihn ſprechen dürft. — Es iſt mir nicht ſo ſehr um meinetwegen zu thun — denn ich weiß wohl, daß mir's Herr Ottokar nicht allzu hoch anrechnen und lange nachtragen wird— als vielmehr um des Mädels willen, fuhr Trennert fort. Die fürchtet, der Peter werde ſie nicht ferner anſehen, wenn er von Herrn Ottokar erfährt, wie wir ſeinem Herrn die Güte vergolten, ſo er uns und dem Peter erwieſen. — Beruhigt Euch, mein lieber Meiſter, nahm Lisbeth das Wort. Ihr ſagtet es ja ſchon ſelber, daß mein Bru⸗ der Euch eine Kränkung nicht nachtragen wird, und ich ver⸗ ſichere Euch deſſen. Was aber den Peter betrifft, ſo will ich gern ein gut Wort bei ihm einlegen, wenns Noth thun ſollte. Es wird noch Alles gut werden! — Habt Dank, edle Jungfrau! verſetzte Trennert. O, Ihr ſeid eben ſo guten Herzens, wie Euer Bruder! Und wir konnten ſo Arges von ihm denken! War es aber doch, als ſei Alles mit Blindheit geſchlagen, denn Alle glaubten die fürchterlichen Beſchuldigungen, ſo man gegen ihn richtete. Na, möge Gott ihm die unverdiente Trübſal reichlich ver⸗ gelten— das werden wir, ich und mein Mädel, täglich Morgens und Abends beten! — Kommt doch Morgen in den Frühſtunden zu mir 8 Eé in mein Haus, vor dem wir eben ſtehen, Herr Trennert, rief Boytin dem Gehenden nach. — Gern, geſtrenger Herr; werde mich gewiß einfinden! verſicherte der Viehmäſter und eilte leichten und frohen Her⸗ zens ſeinem Hauſe in der Grünſtraße zu. Gleich darauf langte man vor Ottokars bisherigem Wohnhauſe in der Bruderſtraße an. Der Mönch war vorangeeilt und er und der greiſe Pignetti, der kurz zuvor eingetroffen, hatten bereits die noth⸗ wendigſten Vorbereitungen im Gemach zur Aufnahme des Kranken getroffen. Man brachte ihn hinauf, während Boy⸗ tin noch eine kurze, kräftige Anrede an die Menge hielt, welche dem Zuge gefolgt war. Auch einige von den ange⸗ ſehenen Bürgern ladete er zu derſelben Zeit, wie Trennert, zu ſich ein in ſein Haus am Hundemarkte(Petri⸗Platz) und ermahnte ſchließlich Alle, ruhig und friedlich auseinan⸗ derzugehen und ſich daheim vorzubereiten auf Wichtiges, was in den nächſten Tagen geſchehen werde. Dann verfügte er ſich mit dem Altmeiſter Holzmüller in Ottokars Haus, wo⸗ hin die anderen Freunde des Freigeſprochenen bereits vor⸗ angegangen waren. Als ſie ins Gemach traten, legte man eben den Kran⸗ ken auf's Bett. Nach kurzer Zeit öffnete Ottokar die Augen und ſah ſich rings um in dem kleinen, traulichen Gemach. — Ach, es war ein banger, ein ſchwerer Traum! ſeufzte er nach einer Weile leiſe. Dann wandte er ſein Geſicht der Wand zu und ließ nichts mehr von ſich vernehmen. Pignetti ließ Alle, bis auf den Pater Johannes, ſich entfernen; doch ward es Lisbeth geſtattet, im Vorgemach zu bleiben, um bei der Hand zu ſein, wenn weibliche Huͤlfe nöthig würde. Um Mitternacht verließ der greiſe Gelehrte das Haus. Der Franziskaner⸗Mönch blieb allein bei dem Kranken zuruck. Aꝑꝑꝑę́»ęę»ęòò Nach kurzer Zeit ward Boytin, der bis dahin viel mit Holzmüller und dem Hofrichter in einem abgeſonderten Ge⸗ mach geſprochen, von einer Wärterin eilends nach dem Be⸗ guinen⸗Hauſe gerufen. Ungeſäumt folgte er dieſem Rufe; auch Holzmüller und Haak gingen jetzt/* Erſterer nach dem Hauſe des Tuchmacher⸗Gewerks, wo er wohnte, Letzterer nach dem Hohen Hauſe, wohin er ſchon vom Rathhauſe aus das Fuhrwerk, mit welchem er gekommen, ſowie die bei⸗ den gefangenen Zigeuner und die kurfürſtlichen Reiſigen von ſeiner Begleitung geſandt hatte. Bernhard hielt ſich in einem Gemach zu etwaigen Hulfeleiſtungen für Ottokar bereit.. Bis lange nach Mitternacht wogte das Volk auf den Gaſſen und in den überfüllten Wein⸗ und Bierhäuſern hatte man es ſchier vergeſſen, daß die Bürgerglocke ſchon geläutet hatte, ehe man in die wirthlichen Hallen getreten war. Ueberall ſprach man von dem heutigen Gericht und ſchmähte weidlich auf den Rath, der einen ganz Unſchuldigen gerichtet hätte ohne die Dazwiſchenkunft des kurfürſtlichen Hofrichters. Auch von gar ſeltſamen Dingen, die ſich im Kloſter der Schwarzen Bruder ereignet haben ſollten, erzählte man ſich, und da wußte man ſo Vieles, Eins immer erſchrecklicher und wunderbarer, als das Andere, daß Mancher etliche Nächte nicht ſchlafen konnte vor Grauen und Furcht. Selten aber war Einer, der das Wahre wußte, und unter dieſen war wiederum noch ſeltener Einer, der's ohne Zuſätze und Ver⸗ größerungen erzählte; und ſo kam es, daß die alten Chro⸗ niken aus jener Zeit darüber gar wunderliche, unerhörte Dinge berichten, deren Wiedererzählung billig beanſtandet werden muß. Auch am folgenden Tage ging es mit dem Gerede ſo fort. Ottokars Namen war in Aller Munde und Jeder pries und lobte ihn jetzt eben ſo ſehr, wie er ihn vor wenigen Tagen vielleicht verdammt hatte. Wer es aber im Lob⸗ AAAAAANNAN;ÖA;ÖRN;R; preiſen am weiteſten brachte und darin den Mund am voll⸗ ſten nahm, das war natürlich Meiſter Trennerts Gevatterin. Da gab es ja keinen Heiligen, keinen Engel im Himmel, der ſich nach ihrer Meinung an Vollkommenheit mit Otto⸗ kar meſſen konnte. Sie hatte auch, wie ſie ſagte, gleich ge⸗ wußt, daß der Angeklagte ſo unſchuldig ſei, wie ein neuge⸗ boren Kind an den Thaten, ſo man ihm zur Laſt gelegt, und hatte längſt vorhergeſehen, daß es ſo kommen würde, wie's gekommen iſt, daß es ſie gar nicht Wunder genommen habe. Und wenn auch hier und da Einer war, der ſie daran erinnerte, daß ſie ja am erſten und am lauteſten Zeter und Wehe über den jungen Mann geſchrieen und damals behauptet habe, von ſeiner Bosheit und Heuchelei ſchon lange überzeugt geweſen zu ſein— ſo ließ ſie ſich dadurch nicht im Geringſten anfechten, ſondern erhöhte nur um ſo mehr ihren Zungenſchlag zu Gunſten des nunmehr Freige⸗ ſprochenen; und Alle, die damals gleich ihr geſchmäht hat— ten, thaten's ihr jetzt auch im Lobpreiſen nach. Das iſt nun einmal ſo die Weiſe der Welt— damals ſchon und noch heute. Bevor wir die Schilderung der Ereigniſſe dieſes wich⸗ tigen Tages ſchließen, müſſen wir noch einmal zum Kloſter der Schwarzen Brüder zu Kölln, zu Theobald Rycke, zurück⸗ kehren. Wir finden ihn nicht in einer der drei bisher von ihm bewohnten Zellen, ſondern in einem andern, wohl ver⸗ wahrten Gemach unter der Erde, das als Kerker benutzt ward, um vorkommende Vergehen zu ſtrafen. Theobald lag auf einem Strohbette; an einem vor ihm ſtehenden Tiſche ſaß ein Kloſterbruder und ſchrieb beim trü⸗ ben Lichte einer mattglimmenden Ampel nieder, was ihm der Gefangene diktirte. Manchmal ſchien es, als könne er nicht weiter ſchreiben; denn das Haar ſeiner Tonſur ſträubte ſich AAAAAANNNRR,RSʒ empor und die Feder entfiel ſeiner Hand, die ein Kreuz über das andere ſchlug; aber ein gebietendes Wort Theobalds zwang ihn immer wieder von Neuem zu der beſchwerlichen Arbeit— der neue Prior, ein ſtrenger Mann, hatte ihm befohlen, dem Gefangenen zu Willen zu ſein und er mußte gehorchen. Daher entrang ſich denn auch ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt und er athmete noch einmal leicht, als Theo⸗ bald ihm endlich ſagte, daß er ihm nun das Geſchriebene reichen ſolle, da er zu Ende ſei. Auch erhielt er die Er⸗ laubniß, ſich zu entfernen; das Schreibzeug aber und die Ampel mußte er zurucklaſſen. Eine geraume Zeit beſchäftigte ſich der Gefangene mit der Durchleſung des Geſchriebenen, das er hin und wieder etwas änderte, was ihm aber jedesmal große Anſtrengung verurſachte. Zuweilen trank er auch aus einem Glaſe, das auf dem Tiſche ſtand, und als er den Inhalt deſſelben ge⸗ leert, legte er ſich zurück auf ſein Lager und ſchloß die Augen. Es währte nicht allzu lange, ſo öffnete ſich die Thür ſeines Kerkers und ein Mönch trat ein— aber nicht der⸗ ſelbe, welcher vorhin geſchrieben. Theobald richtete ſich auf. — So eben tragen ſie ihn, deſſen Unſchuld erkannt, im Triumph nach ſeinem Hauſe! ſagte der Eingetretene. — Man rufe mir Pigxettil ſprach Theobald nach etli⸗ chen Sekunden des Schweigens. Der Mönch ging. Noch einmal nahm der Gefangene die Feder und ſchrieb langſam unter die Schrift, welche er dem Mönche diktirt hatte: — Ich glaube wieder an einen gerechten Gott. Danach legte er ſich wieder auf ſein Lager zurück und erwartete die Ankunft deſſen, nach dem er geſandt hatte. Aber erſt gegen Morgen ſah er ihn bei ſich eintreten. Gegen eine halbe Stunde ſprachen die Beiden leiſe mit einander, denn die Wache draußen an der Thür ſollte ſie —;—ꝛ—x4ꝛ 171 nicht belauſchen. Das Anfangs ſtrenge Angeſicht des Grei⸗ ſes ward dabei allgemach milder. — Ihr ſeht demnach, daß ich nicht läſſig geweſen bin im Forſchen und Lernen, ſett Ihr mich verlaſſen! ſprach Theobald, als der Greis über etwas, das ſein ehemaliger Schüler ſagte, ſich erſtaunt zeigte. — Hätteſt Du Dein Wiſſen doch beſſer angewandt! ſeufzte der Gelehrte. Und noch bis zu dieſem Augenblicke ſpielſt Du ein gewagtes, frevelhaftes Spiel! — Das ich aber gewinnen werde! verſetzte der Gefan— gene zuverſichtlich. Ihr werdet mir alſo die Erlaubniß ver— ſchaffen, zu gewiſſen Zeiten dieſen Ort verlaſſen zu dürfen? — Gott gebe das Erſtere; wegen des Andern werde ich mit dem Prior reden und mich, weigert er's, ſelbſt an den Biſchof wenden, entgegnete Pignetti. Nur zweifle ich, daß Du dieſe Erlaubniß je benutzen wirſt. Theobald lächelte bei dieſer Aeußerung ſeines Lehrers. Dieſer erhob ſich zum Gehen. — Noch Eins, Herr! nahm der Gefangene das Wort. Dieſe Schrift mögt Ihr verſiegeln— auch zuvor leſen, wenn Ihr wollt— und dann Sorge tragen, daß ſie der erhält, an welchen die Aufſchrift lautet. Der Greis nahm die dargebotene Schrift und warf einen flüchtigen Blick hinein, der aber bald auf dem Schluſſe derſelben haften blieb. — O, Sohn, ſagte er nach einer Weile mit Thränen im Auge; wie danke ich dem Höchſten, daß er Dein Herz erweichte! Erkennſt Du den gerechten Gott— wohlan, ſo wirſt Du auch den barmherzigen und gnädigen Gott erkannt haben und Dich in Reue und Demuth— — Nichts davon! unterbrach ihn Theobald, und aus ſeinen Blicken flammte ein ſtolzer, unbeugſamer Trotz. Nichts davon! Mögen Andere um Gnade und Barmherzigkeit win⸗ ſeln; ich, Theobald Rycke, verlange nur von ihm Gerechtig⸗ AAANEꝑ;E;E keit! Mit dieſer Forderung werde ich unverzagt hintreten vor ihn; er wird, er muß ſie mir gewähren! Weiter be⸗ darf's für mich in jenem Leben nichts! Wohl unternahm der fromme Gelehrte es wiederholt, die Vermeſſenheit ſeines Schülers in Demuth zu wandeln, doch bald ſah er ein, daß ſein Mühen durchaus vergebens ſei. Tief betrübt, doch auch wiederum hoch erfreut, verließ er mit Tagesanbruch das Kloſter und begab ſich nach dem nahe gelegenen Hauſe der Beguinen. ſ 10. Die Wahrheit des alten Spruches:„Wen der Himmel verderben will, den ſchlägt er zuvor mit Blindheit“— be⸗ währte ſich auch hier wieder bei dem Verhalten des patri⸗ ziſchen Rathes im Laufe des Tages, deſſen Begebenheiten im vorſtehenden Abſchnitte erzählt wurden. Hätte er, ſtatt im hochmüthigen Trotze auf ſeine Macht und Gewalt zu pochen, den von ſo vielen und ſo verſchiedenen Seiten aus⸗ geſprochenen Wünſchen nachgegeben und den Prozeß gegen Ottokar durch ein anderes Gericht entſcheiden laſſen, ſo wäre es ihm ſicherlich gelungen, das ſchon ſeit längerer Zeit, aber immer nur von fern grollende Ungewitter für diesmal noch von ſich abzuleiten. Statt aber klüglich einzulenken und da⸗ durch einen Theil ſeiner Gegner zu entwaffnen, hatte der Rath durch ſein unvorſichtiges Gebahren noch einen neuen Feind mehr gegen ſich herausgefordert, nämlich die Geiſt⸗ lichkeit. Zwar war dieſe der Patrizierherrſchaft in den bei⸗ den Städten nie ſonderlich hold geweſen, da der Rath ihr ſtets energiſch entgegentrat, ſobald ſie über ihre Beſugniſſe hinausging; aber ſie durfte von einer Bürgerregierung auch nicht mehr Gefügigkeit in ihre Wünſche erwarten, und darum 173 A;=RÖœÖ; hatte ſie bisher in dem Streite zwiſchen Rath und Buͤrger⸗ ſchaft eine gewiſſe Neutralität beobachtet. Nach der ſchnöden Behandlung, die ihr Oberhaupt und Einzelne ihrer Mit⸗ glieder von Seiten des Erſteren erfahren hatten, nahm ſie jetzt offen Partei für die Letztere, oder vielmehr für die Sache des Kurfürſten; und bei der großen Gewalt, die ſie über die Einzelnen beſaß und jederzeit zu benutzen wußte, ward ſie, wie geſagt, einer der gefährlichſten Gegner des patri⸗ ziſchen Rathes. Dazu kam noch, daß der Rath zu gleicher 4 Zeit ſeines thätigſten und kraͤftigſten Mitgliedes, des ehe⸗ maligen Bürgermeiſters Rycke, beraubt ward; denn wie ſelbſt⸗* ſüchtige Zwecke Rycke auch immer verfolgt hatte: er war es doch immer geweſen, der die ſchwierigſten Lagen überwunden und in dem allein ſie ſich ſtark und allen Anfechtungen ge⸗ 1 wachſen gefühlt, weshalb ſie ihm auch Jahre lang die Lei⸗ tung ihrer Angelegenheiten ganz allein überlaſſen hatten. Der neue Bürgermeiſter war nicht der Mann, um Rycke's Stelle zu erſetzen; das hatte ſich an jenem verhängnißvollen 4 Tage klar herausgeſtellt. Heydicke hatte zwar verſucht, ſei⸗ nen Mangel an Energie durch Ungeſtüm und Heftigkeit zu verdecken; allein dies Gebahren war's eben hauptſächlich, wodurch er den Rath in ſo ſchiefe Lage gebracht und außer⸗ dem noch Uneinigkeit unter den eigenen Genoſſen heryorge⸗ rufen hatte. Großen Abbruch that ferner dem Rathe das Auftreten des Stadthauptmanns, das ſchnell genug bekannt ward. Stroband war der Einzige, der dem Patrizier⸗Re⸗ 1 giment bisher ein gewiſſes moraliſches Anſehen verlieh, wo⸗ 1 durch beſonders ein Theil der wohlhabenden Bürger bewo⸗ gen ward, es mit dem Rathe zu halten; durch die offenkun⸗ dige förmliche Losſagung des Stadthauptmanns von ſeinen 1 früheren Genoſſen verloren dieſe daher ihren letzten Anhang in den beiden Städten. Freilich gab es noch Manche unter Buͤrgerſchaft und Volk, die es ihres Vortheils wegen gleich⸗ falls mit den Patriziern hielten; allein was ſolche Anhänger ANNN ‿ zu bedeuten haben im Falle der Noth, das iſt bekannt genug. Auch ward der Rath von einer gewiſſen Seite her ange⸗ ſchuldigt, den Prozeß gegen Ottokar, wenn nicht ſelber an⸗ gezettelt, ſo doch höchſt parteiiſch und ungerecht geführt zu haben, um ſich des Gegners zu entledigen; wenn ihm dies auch nicht erwieſen werden konnte, ſo ward's doch auch nicht widerlegt und fand allgemein beim Volke vollen Glauben— was keineswegs beitrug, ihm Freunde zu verſchaffen. So ſah ſich der Rath, der eben noch eine faſt unein⸗ geſchränkte Herrſchaft über die beiden Städte ausgeübt hatte, plötzlich von allen Seiten bedrängt und ſogar aller Mittel ledig, etwas gegen den heranbrauſenden Sturm thun zu können. Daran aber war größtentheils ſein Gebahren in dem Prozeſſe gegen Ottokar ſchuld; und wohl hatte der würdige Propſt von St. Nikolai Recht, als er dem Bürger⸗ meiſter und den Rathsharren in der letzten Sitzung zurief: Hochmuth kommt vor dem Fall! Je weniger der patriziſche Rath für ſeine Erhaltung zu thun im Stande war, um ſo rühriger arbeiteten die Gegner an ſeinem Sturze. Vor allen Andern war natürlich Boytin die Seele der ganzen Bewegung. Obgleich zu der Zeit nicht frei von ſchwerer häuslicher Sorge, zeigte er ſich doch raſt⸗ los und unermüdlich in der Förderung des Werkes, dem er ſein Leben geweiht hatte. Mit großer Klugheit wußte er alle ſeiner Sache günſtigen Umſtände zu benutzen, zu denen be⸗ ſonders die letzte Dazwiſchenkunft des kurfürſtlichen Hofrich⸗ ters in Ottokars Prozeß gehörte, durch welche des Ange⸗ klagten völlige Unſchuld offenbart ward. Da er's mit ſei⸗ nem Streben aufrichtig meinte und Bürgerfreiheit ihm kein leeres Wort war, wenn ſie ſich mit dem Rechte ſeines Für⸗ ſten nur irgend vertrug und nach ſeiner Anſicht der allge⸗ meinen Wohlfahrt nicht ſchadete, ſo gelang es ihm bald, ſich volles Vertrauen zu erwerben auch bei denen, die ihm früher wegen ſeiner bei jeder Gelegenheit an den Tag ge⸗ legten Vorliebe für das kurfürſtliche Haus Argwohn und Mißtrauen gezeigt hatten. Im Uebrigen verfuhr er ganz den Rathſchlägen Ottokars gemäß, welche dieſer in der heim⸗ lichen Verſammlung im Gewerkshauſe der Tuchmacher⸗In⸗ nung gegeben hatte, und bald ward er der hohen Trefflich⸗ keit jener Rathſchläge inne. Bei den Zuſammenkünften der verſchiedenen Innungen in den Gewerkshäuſern, im Kalands⸗ hofe, in den Wein⸗ und Bierhäuſern, in häuslichen Kreiſen, genug überall, wo Leute zuſammenkamen, da hörte man ſie reden von der Nothwendigkeit, daß man ſich unter den Schutz des Landesherrn begeben müſſe, um mit deſſen Hülfe das tyranniſche Joch der Patrizier abzuwerfen. Es ſei doch im⸗ mer beſſer— meinten ſie— etlicher Rechte ſich zu begeben, die man nimmer genoſſen, um andere, wichtigere dadurch zu erlangen und in ihrem Beſitz geſchützt zu werden. Diejenigen von der Bürgerſchaft und dem Volke, welche bisher dem Kurfürſten ebenſo feind, wie dem patriziſchen Rathe geweſen, weil ſte von ihm gleicher Unterdrückung ſich gewärtigten, neigten ſich immer mehr der Partei des Erſte⸗ ren zu, je mehr deſſen Anhänger ihnen bewieſen, daß der Landesherr nichts weniger wolle, als ihre Bürgerfreiheit unterdrücken; daß er im Gegentheile nur darum nach grö⸗ ßerem Einfluß in den Staͤdten ſtrebe, um alle Bürger in ihrem Rechte ſchützen zu können. Mehr noch als dies Alles trugen zu dieſer Vereinigung der demokratiſchen Partei mit den Anhängern des Kurfürſten die Nachrichten bei, welche man eben über die Bürger⸗Aufſtände aus mehreren bedeu⸗ tenden niederſächſiſchen Städten erhalten hatte, In Braunſchweig, Wolffenbüttel, Hannover, Bremen, Lübeck, Wismar u. ſ. w. hatten die Bürger, d. h. die Hand⸗ werks⸗Innungen durch blutige Kämpfe das Joch der Patri⸗ zier abgeworfen und ihre bisherigen Unterdruͤcker theils ent⸗ hauptet, theils verbannt. Allein die Sieger ſollten ſich nicht lange der errungenen Freiheit freuen; ſie hatten den Kampf 4 176 AAAAAAANANNNN; begonnen ohne Einwilligung der Landesfürſten, und dieſe— vielleicht nicht mit Unrecht beſorgt für ihre eigene Macht über die Aufſtändiſchen— hatten ſich überall der Patrizier an⸗ genommen, ſich mit den Verjagten verbunden und ſie durch Waffengewalt wieder zurückgeführt in die leicht beſiegten Städte, in denen nun Hunderte von Bürgern das Blutge⸗ rüſt beſteigen mußten und die Tyrannei und Unterdrückung ärger ward, denn je zuvor, daß viele angeſeſſene Bürger, die das Henkerſchwert verſchont hatte, freiwillig ſich ver⸗ bannten mit Weib und Kind und lieber in der Fremde als Bettler umherzogen, als daheim in ihrem Eigenthum blie⸗ ben, das nun von den Patriziern dem Geſindel verliehen ward, ſo für Geld zu ihnen gehalten. Solche Nachrichten nun, verbunden mit den Verſiche⸗ rungen der kurfürſtlich Geſinnten, daß der Landesherr nur der Bürger Beſtes wolle, ſowie die Beweiſe, welche man bereits von der Gerechtigkeitsliebe des Kurfürſten, von ſei⸗ nem Edelſinn und von ſeinem Wohlwollen gegen ſeine Unter⸗ thanen in vielen einzelnen Fällen geſehen hatte— führten immer mehr der Ueberzeugung zu, daß nur in einem Bunde mit dem Kurfürſten Heil zu erwarten ſei für die Bürger und ihre gerechte Sache. Bald gab es in den beiden Stãd⸗ ten nur eine Stimme, nur eine Meinung über dieſe Ange⸗ legenheit. Täglich hörte man von Verſammlungen der In⸗ nungen und Gewerke, in denen nur noch darüber geſprochen ward, auf welche Weiſe eine Vereinbarung mit dem Kur⸗ fürſten zu bewerkſtelligen ſei. Boytin erhielt durch ſeine perſönlichen Freunde ſtets die genaueſte Kunde von der herrſchenden Stimmung, und als er nun ſah, wie das Werk durch Befolgung der Rathſchläge, die Ottokar gegeben, ſo herrlich gedieh, da hielt er es an der Zeit, dem Werke den Schlußſtein aufzuſetzen: er berief eine allgemeine Verſammlung auf den Sonntag Septuage⸗ ſimä, in der Mitte des Februar 1441, welche nach der 177 AðQÖQᷓÖæOQÖæÖæOQꝑÖꝑᷓꝑQꝑ;Q—;ᷓꝑ Frühmeſſe in den Räumen des Kalandshofes ſtattfinden ſollte. Jeder, der eine Nahrung in den beiden Städten betrieb, ward dazu geladen. Dem Rathe war natürlich ſolches Treiben nicht ent⸗ gangen und er hatte auch wiederholte Verſuche gemacht, es zu hindern, aber ohne dadurch etwas ausrichten zu können. Strobands feſte Haltung ihm gegenüber, die Thatſache, daß die Stadtſöldner nur ihrem greiſen Hauptmann gehorchten, ſowie das einmüthige Zuſammenhalten der Bürger, die ſich nicht mehr durch die Furcht vor Uebergriffen des Kurfürſten ſchrecken ließen, machten die ohnehin nur geringen Anſtren⸗ gungen der unter ſich ſelber uneinigen Patrizier völlig wir⸗ kungslos. Auch mögen die obenerwähnten Vorgänge in den niederſächſiſchen Städten, die größtentheils Mitglieder der Hanſa waren, nicht ohne Eindruck auf ſie geblieben ſein; denn wenn auch, wie geſagt, jene Aufſtände ſpäter durch landesherrliche Hülfe und Waffen unterdrückt wurden, ſo hatte doch vorher manches Patrizierhaupt auf dem Blutgerüſt fallen müſſen. Als die Patrizier nun inne wurden, wie mißlich die Sachen in den beiden Städten ſtanden, da thaten ſie denn das Klügſte, was unter ſolchen Umſtänden von ihrer Seite geſchehen konnte: ſie machten gute Miene zum böſen Spiel. Viele von ihnen ſchloßen ſich ſogar ſcheinbar der Bewegung an, um für ſich zu retten, was zu retten war; Alle aber vertröſteten ſich auf günſtigere Zeiten, indem ſie ihre Hoff— nungen auf den oft bewieſenen Wankelmuth des Volkes richteten. Als der Tag jener Verſammlung erſchien, da konnte die geräumige Halle des Kalandshofes kaum die Menge derer faſſen, die ſich eingefunden hatten; denn auch die Geiſtlichen hatten von den Kanzeln herab zu zahlreicher und allgemeiner Betheiligung aufgefordert, und kaum war die Meſſe in derden verſchiedenen Kirchen beendet, ſo ſah man die Bürge: Die ſchwarzen Brüder. IV. 12 AAA langen Zügen dem beſtimmten Orte zuwallen. Jeder aber befleißigte ſich der beſten Ruhe und Ordnung. Auch Viele von der Geiſtlichkeit waren erſchienen und nach einem Gebet des Propſtes von St. Nikolai und einer einleitenden Rede Boytins begannen die Verhandlungen, bei denen Boytin und der Altmeiſter Holzmüller den Vorſitz führten. Der Vorſchlag, daß man durch eine Deputation mit dem Kurfürſten über eine neue ſtädtiſche Verfaſſung, deren Gewährleiſtung und Beſchützung dieſer dann übernehmen müſſe, und über ſeine desfallſigen Forderungen unterhandeln ſolle, fand allgemeine Zuſtimmung; nur meinten Viele, daß man zuvor Ottokars Meinung in dieſer Sache einholen müſſe, da dieſer ſich ſtets als wahrer Freund der Bürger erwieſen und ſeine Rathſchläge ſich immer als gut und nütz⸗ lich gezeigt hatten, und wollten daher, daß man einen feſten Beſchluß und deſſen Ausführung aufſchiebe, bis der vor⸗ malige Syndikus, den man zur Wiederannahme ſeines Amtes zu bewegen hoffte, von der ſchweren Krankheit geneſen ſei, die ihn immer noch ſo darnieder hielt, daß ſich mit ihm von dieſer Angelegenheit nicht reden ließ. Als aber Boytin, Holz⸗ müller und andere augeſehene Bürger, welche der heimlichen Verſammlung im Tuchmacher⸗Gewerkshauſe beigewohnt hat⸗ ten, einſtimmig bezeugten, daß Ottokar ſelber ſolche Rath⸗ ſchläge gegeben, da ſprach Niemand mehr dagegen. So⸗ gleich wurden ſechs Bürger gewählt— unter ihnen Boytin und Holzmüller— und ihnen im Namen der geſammten Buͤrgerſchaft der beiden Städte die Vollmacht ertheilt, mit dem Kurfürſten nach ihrem Ermeſſen zu unterhandeln und einen gültigen Vertrag mit ihm zu ſchließen. In der Frühe des andern Morgens ſollte die Deputation nach Spandow abgehen. Nachdem dieſer Beſchluß gefaßt war, ſprach der Propſt weoer ein inbrünſtiges Gebet, daß Gott den heutigen Tag AAAAAAAA einen glücklichen und geſegneten für die beiden Städte ſein laſſen möge, wozu dann männiglich Amen ſprach; und freu⸗ digen Herzens, aber ruhig und ordentlich, wie ſie gekommen, gingen die Verſammelten nach Hauſe. — So iſt es wirklich Euer feſter Wille, Euer Amt nie⸗ derzulegen beim Eintritt der neuen Ordnung in den Städten, Herr Stadthauptmann? ſprach Boytin zu Stroband, als er dieſem über den Verlauf der heutigen Verſammlung den ge⸗ wünſchten Bericht abgeſtattet hatte. Ginge es nach meinem Wunſche, ſo thätet Ihr es nicht. Erſtens iſt es Eure vor⸗ zügliche Befähigung zu dieſem wichtigen Amte und Euer oft bewieſener Eifer für die Erfüllung der Pflichten deſſelben, was mich den Wunſch und die Bitte kundgeben läßt, Ihr möchtet dieſen Euren Entſchluß zurücknehmen; und dann— ich will's Euch offen geſtehen— halte ich's für gut und der von mir vertretenen Sache nützlich und förderlich, wenn Ihr mit dem Gewicht Eures Anſehens Euch öffentlich mit der neuen Ordnung einverſtanden erklärt, was Ihr eben am beſten durch Euer Bleiben im Amte kundgeben würdet. Auch wäre es ſonſt noch gut, wenn Einer aus dem alten Rathe in den neuen mit einträte— auf Ottokar, wißt Ihr, iſt leider nicht zu rechnen— und dadurch gewiſſermaßen einen Zuſammenhang zwiſchen dem Sonſt und Jetzt bildet. Wie geſagt, Herr Stroband, es wäre wirklich gut, wenn Ihr meiner Bitte folgtet. — Ich kann's nicht, lieber Boytin, ich kann's nicht! erwiederte der Stadthauptmann betrübt, aber feſt. Wohl mag die Einführung einer neuen Ordnung den Städten nothwendig, nützlich und heilſam ſein, was ich gern aner⸗ kenne; aber ich habe mich ſo in die alte Weiſe hineingelebt und meine ganze Vergangenheit, wie mein ganzes Weſen iſt zu eng mit ihr verbunden, daß ich mich in den neuen Ver⸗ hältniſſen nicht zurechtfinden, vielmehr rechts und links an⸗ ſtoßen und ihr ſo gerade durch mein Bleiben im Amte den 12*⁸ ————— AAAANANRANRNRNNRRN ſchlechteſten Dienſt erweiſen würde. Zudem fuͤhle ich, daß es raſch mit mir zu Ende geht. Seht mich an; mein Haar iſt ergraut im Dienſte der Stadt, mein Kopf und Arm ſind ſchwach, die vielen Täuſchungen des Lebens, ſo ich erfahren, haben mich lebensſatt gemacht und ich ſehne mich nach Ruhe. Auch hat die Geſchichte von meinem Sohn, wie ich ſie von Euch und dem Bernhard erfahren, mein Herz gebrochen und mit Jammer erfüllt, wenn ich's mir auch nicht ſo merken laſſe; wie lange wird's dauern, ſo hat's mich aufgerieben. Nein, mein Freund, redet mir nicht ferner zu, meinen Ent⸗ ſchluß aufzugeben; für Euch wie für mich iſt's am beſten ſo, wie ich's mir vorgenommen! — Nun, ich glaube, daß ich an Eurer Stelle gleich Euch thun würde! verſetzte Boytin nach einer Pauſe. Ich kann mich wohl hineindenken in Eure Lage und begreife und ehre Eure Gründe, die Ihr mir angegeben. Leid aber thut mir's ſehr, das verſichere ich Euch. — Laßt uns daher nicht weiter davon reden, nahm Stroband das Wort. Sagt mir lieber, wie's jetzt in Eurem Hauſe und in dem Eures jungen Freundes ſteht, und erfreut mich, iſt's möglich, mit gutem Beſcheid. Boytin zuckte betrübt mit den Achſeln. — Mit Ottokar iſt's immer noch beim Alten, erwiederte er. Die Krankheit ſetzt ihm ſo hart zu, daß ſelbſt der greiſe Gelehrte aus Welſchland zuweilen mit dem Kopfe ſchüttelt, wenn die Fieberanfälle trotz aller Arzeneien immer ſtärker werden. Seit geſtern freilich, wo ihn ſein Vater nach ein⸗ geholter biſchöflicher Erlaubniß beſuchte, ohne daß ihn der Kranke erkannte, hat das Fieber etwas nachgelaſſen, aber ich zweifle, daß es von Dauer ſein werde. Was nun meine arme Klara betrifft, die ich vor einigen Tagen in mein nun wieder hergeſtelltes Haus am Hunde⸗ markt bringen ließ, ſo iſt ſie zwar von der Wunde, die ihr die ſeltſame Schießwaffe des Theobald beibrachte, ziemlich 181 AAAAAANAAᷓARA;;AA;;ꝑ geneſen, aber die Nachwirkungen der unheimlichen Gewalt, ſo der Theobald durch ſein geheime Kunſt auf ſie ausge⸗ übt, und der Behandlung, die ſie von ihm dabei erhielt, ſind ſchlimmer und bedenklicher noch, als jene war. Ihre Kräfte ſind ſo geſchwächt, daß ſie ſich nicht vom Lager er⸗ heben kann, bei dem geringſten Geräuſch jach zuſammenfährt und aus einer Ohnmacht in die andere verfällt. Dazu muß ich auch für Lisbeth ernſtlich fürchten, die, wie Ihr wißt, ich als mein eigen Kind angenommen habe. Unausgeſetzt und raſtlos theilt ſie ihre ganze Zeit zwiſchen Klara und Ottokar; kein Reden bringt ſie davon ab, und wie lange wird's dauern, ſo liegt auch ſie darnieder wie die andern Beiden. Der Peter freilich, Ottokars vormaliger Diener, der iſt bereits wohlauf; ſeine bewieſene ſeltene Treue, die er jetzt noch an den Tag legt, hat ſolchen Lohn auch wohl verdient; es iſt eine ordentliche Erquickung, nach ſo viel er⸗ fahrener Falſchheit und Bosheit ſolch treues Herz zu finden. Wie geſagt— um das arme Brautpaar, den Ottokar und die Klara, ſteht's ſehr ſchlecht; und längſt hätte ich alle Hoff⸗ nung für ſie aufgegeben, wenn nicht der fremde Gelehrte, deſſen hohe Kunſt und großes Wiſſen nicht bezweifelt wer⸗ den kann, ſtets von der Geneſung der Beiden ſpräche, wie von etwas, an das er feſt glaubt. Doch erlaubt, Herr Stadthauptmann, daß ich Euch einſtweilen Lebewohl ſage; morgen mit dem Früheſten muß ich hinüber gen Spandow und habe heute noch Vieles zu beſorgen. Er reichte Stroband die Hand zum Abſchiede und die⸗ ſer geleitete ihn mit dem beſten Wunſche für das gute Ge⸗ lingen ſeines Werkes in Spandow, als auch für Ottokar und Klara, bis zur Thür ſeines Hauſes. Vorübergehende ſahen dies und am Abende deſſelben Tages freute ſich Alles in den beiden Städten über das gute Einvernehmen, ſo zwi⸗ ſchen Boytin und dem Stadthauptmann herrſchte. Boytin aber zog mit den anderen Fünfen der erwählten Deputation AAAAANNNANANò gen Spandow und viele angeſehene Buürger gaben ihm das Geleit bis zur Grenze der ſtädtiſchen Gemarkung. Nach zwei Tagen ſchon kehrte die Deputation wieder zurück und alsbald war's überall in den beiden Städten be⸗ kannt, wie freundlich und wohlwollend man die Abgeord⸗ neten der Bürger am kurfürſtlichen Hofe empfangen habe, wie bereitwillig der Landesherr ihre Wünſche gehört und ihnen entgegengekommen, und daß das, was ſie drüben aus⸗ gerichtet, mehr ſei, als ſie erwartet hätten. Mit dem Schlage der Vesperglocke eilten nun die Bürger wieder nach dem Kalandshofe, wie es in der letzten Verſammlung beſtimmt worden, um den Bericht ihrer Abgeſandten zu empfangen; und Viele, ſo nicht das Bürgerrecht beſaßen, begaben ſich nach dem neuen Markte, um ſchnell Kunde zu haben von dem, wie es künftig in den beiden Städten ſein werde. Boytin, der von den Mitgliedern der Deputation am meiſten in der Rede bewandert war, ergriff in dieſer Ver⸗ ſammlung Behufs der Berichterſtattung das Wort. Zuerſt erfuhr man, daß der Kurfürſt mit den Wünſchen der Bür⸗ gerſchaft, eine andere, wo möglich aber die alte ſtädtiſche Verfaſſung zu erhalten, vollkommen einverſtanden ſei, und daß er ſelber die Grundzüge dieſer neuen, eigentlich alten Verfaſſung angegeben habe. Danach ſolle der Rath der beiden Städte künftig beſtehen aus Mitgliedern, die von und aus der geſammten Bürgerſchaft gewählt würden und von denen alljährlich die Hälfte ausſcheiden ſollte, um neuen Platz zu machen. Der Rath ſolle, wie bisher, für Berlin und Kölln gemeinſchaftlich ſein; um aber Gewißheit zu ha⸗ ben, daß keine der beiden Städte zum Nachtheil der andern ein Uebergewicht im Rathe erlange, ſollten die Berliner Raths⸗ herren von den Köllnern, die Köllner Rathsherren aber von den Berlinern gewählt werden, wie es auch vordem ſchon gehalten worden. An der Spitze des Rathes ſollten fortan zwei Bürgermeiſter ſtehen, welche aus den Viergewerken in AAAAA;R;R; derſelben Weiſe von allen Bürgern gewählt würden, wie die Rathsherren, und von denen gleichfalls alljährlich Einer abtreten und ein neuer an deſſen Stelle kommen ſolle. Die⸗ ſet Behörde ſoll die unabhängige Verwaltung aller ſtädti⸗ ſchen Angelegenheiten überlaſſen bleiben; doch dürften die Gewerke in ihrer Geſammtheit ihm bei etwaigen Ungerech⸗ tigkeiten Einſpruch thun, und bei deſſen Erfolgloſigkeit ſich an das Schiedsgericht des Landesherrn wenden. Alle Ge⸗ rechtſame und Freiheiten aber, welche die beiden Städte be⸗ ſaßen, als die Münzgerechtigkeit, die Gerichtsfreiheit, das Recht der Niederlage, die Zollerhebungen zu Köpenick und Saarmund, die Zollfreiheit in mehreren märkiſchen Städten und was ſonſt noch zu ihren Rechten und Freiheiten, deren ſehr viele waren, gehörte, ferner alles Eigenthum und Be⸗ ſitzthum der beiden Städte, als der Wedding, die Mühlen am Rathhauſe(der heutige Mühlendamm) und alle Dörfer, Weiler, Feldmarken, Wieſen und Wälder— das Alles ſollte unverkürzt den beiden Städten bleiben und vom Kurfürſten ihnen eigens beſtätigt werden. Die Einkünfte, die Freihei⸗ ten und Gerechtſame ſollten fortan jedem Bürger in den beiden Städten zu Gute kommen und darüber vom Rath alljährlich den Gewerken Rechnung gelegt werden. Auch wollte der Kurfürſt den beiden Städten geſtatten, im Hanſa⸗ bunde zu bleiben, ſo lange ſie dieſen Städtebund nur zur Ausbreitung und Verbeſſerung ihres Handels und Wan⸗ dels, nicht aber zur Unterſtützung bei Aufruhr und derglei⸗ chen benutzten. Dagegen verlangte der Kurfürſt aber für ſich die frei⸗ willige Gewährung und Anerkennung des Oeffnungsrechts von Seiten der beiden Städte; ferner die ſofortige Entlaſ⸗ ſung der Söldnerſchaaren bis auf Wenige, ſo zum Dienſt unumgänglich nothwendig wären; auch ſollte ein von ihm ernannter Hofrichter den Vorſitz im ſtädtiſchen Gericht füh⸗ ren, um die Unparteilichkeit deſſelben zu ſichern; ſodann for⸗ 184 AAAAAAAAAAA; derte er das Recht, etwaige Streitigkeiten zwiſchen Rath und Bürgerſchaft, ſowie zwiſchen den einzelnen beiden Städten vor ſein Gericht ziehen und endgültig entſcheiden zu können, damit künftighin die bewaffnete Selbſthülfe der Bürger gegen einander aufhöre; und zuletzt noch verlangte er die Erlaub⸗ niß für ſich, auf dem Platze neben dem Prediger⸗(Schwar⸗ zen) Kloſter, zwiſchen der köllniſchen Stadtmauer und dem Fluſſe, nach Gefallen bauen zu dürfen. Würde die Bürgerſchaft ihm dieſe ſeine Forderungen willig gewähren, ſo ſollten ihnen alle ihre übrigen Rechte und Freiheiten für immer beſtätigt werden; außerdem würde ſich der Kurfürſt verpflichten, die neue Verfaſſung und die Rechte der Bürger zu ſchirmen gegen Jedermann und das Wohl der beiden Städte zu fördern auf alle Weiſe und durch alle Mittel, die ſeine fürſtliche Macht ihm darböte; und ſollte dieſer Vertrag Geltung haben für ewige Zeiten, es ſei denn, daß offener Anfruhr gegen die landesherrliche Gewalt die beiden Städte dieſer Gunſt verluſtig machte. Zuletzt noch führte Boytin an, daß der Kurfürſt das — von Ottokar entworfene Statut für den Kaland, deſſen In⸗ halt bereits bekannt und von Jedermann gut aufgenommen worden war, ſeinerſeits beſtätigt und daß er auch für die Beſtätigung von Seiten des päpſtlichen Stuhles ſeinen gan⸗ zen Einfluß aufzubieten verſprochen habe. Auch ſei für Alles, was bisher von Einzelnen oder der Geſammtheit in h beiden Städten gegen den Fürſten und ſeine Landeshoheit geſprochen und gethan worden, volle Verzeihung und ewige Vergeſſenheit zugeſichert. Laute, ſtürmiſche Jubelrufe und Kundgebungen des Bei⸗ 4 falls und der Freude erfüllten die weite Halle und ſchienen — kein Ende nehmen zu wollen, als die Verſammelten ſolchen all Bericht vernahmen; und die draußen auf dem neuen Markte b ſtimmten tapfer mit ein, zumal als unter ihnen die Nachricht wegen des Kalands bekannt ward. Es gab wohl Wenige, 185 RᷓRAᷓAᷓꝑᷓÖꝗꝑÖꝑÖæÖOÖ;E die ſolche Mäßigung von Seiten des Kurfürſten erwartet hatten bei dem Vielen, was er ihnen verſchaffte. Waren doch die Forderungen die er geſtellt hatte, nicht einmal Opfer zu nennen! Das Oeffnungsrecht hatte ſich der Kurfürſt ja bereits erzwungen und es ausgeübt. Die Entlaſſung der zahlrei⸗ chen Stadtſöldner, die von den Bürgern ernährt wurden, damit ſie von den Patriziern ſicherer beherrſcht und geknech⸗ tet werden konnten, ward von Allen ſchon längſt ſehnlichſt gewünſcht und man freute ſich jetzt um ſo mehr über dies Verlangen, da man unter der Hand von den Mitgliedern der Deputation erfuhr, daß der Kurfürſt ſich erboten habe, diejenigen Stadtſöldner in ſeine Dienſte zu nehmen, welche Weib und Kinder hatten. Daß ein kurfürſtlicher Beamter im Gerichte den Vorſitz führen ſolle, war ihnen zwar weni⸗ ger lieb, doch ſahen ſie darin eben nichts Nachtheiliges, da ja doch die aus der Bürgerſchaft gewählten Schöppen das Urtheil zu ſprechen hatten. Ebenſo leicht tröſteten und be⸗ ruhigten ſie ſich über den Verluſt der Freiheit, nach welcher ſich früher der Landesherr nicht in die innern Angelegenhei⸗ ten der beiden Städte miſchen durfte; glaubten ſie doch nun und nimmer, daß zwiſchen dem von und aus der Bürger⸗ ſchaft gewählten Rathe und den Bürgern je ſich Streit er⸗ heben könne, ebenſo wenig wie zwiſchen den beiden jetzt gleiche Intereſſen verfolgenden Schweſterſtädten, und ſomit— mein⸗ ten ſie— werde nie der Fall eintreten, wo ſie ihre Ange⸗ legenheiten der Entſcheidung des Kurfürſten unterwerfen müßten, wodurch jenes von dieſem erlangte Recht zu einem bloßen Scheinrecht würde. Und was vollends die letzte For⸗ derung betraf, ſo ſah Niemand ein, warum man dem Lan⸗ desherrn, der ſich ſo wohlwollend gegen die Bürger erwies, die Erlaubniß verſagen ſollte, auf jenem moraſtigen, wuſten Platze nach Gefallen zu bauen! Freilich ahnte damals wohl noch Niemand, daß gerade dieſe ſo unweſentlich ſcheinende AA Forderung ſpäter der Gegenſtand eines Zwiſtes werden ſollte, der von Kämpfen begleitet ward, gegen die Alles, was in gegenwärtiger Erzählung vorgekommen, nur kleines Vorſpiel zu nennen war. Jetzt dachte, wie geſagt, Niemand daran, in dieſer Forderung irgend etwas Nachtheiliges oder auch nur Verfängliches für die beiden Städte zu erblicken; und Alle gaben ſich der Freude hin, ſo Großes durch ſo geringe Opfer erlangt zu haben. Als nach mühſam wiederhergeſtellter Ruhe Boytin die Frage aufwarf, ob man in die Forderungen des Kurfürſten willige und mit den Grundzügen der neuen Verfaſſung ein⸗ verſtanden ſei, da war ein einſtimmiges Ja und der Ruf: „Es lebe unſer Landesherr!“ die Antwort darauf. Sofort ward dieſelbe Deputation, welche die Unterhand⸗ lung mit dem Kurfürſten geführt hatte, mit der Ausarbei⸗ tung der neuen Verfaſſung beauftragt, welche ſie dann dem Landesherrn zur Beſtätigung überreichen und ihn dabei in geziemender Demuth und im Namen der geſammten Bürger⸗ ſchaft bitten ſollte, die Einfuͤhrung derſelben in eigener Per⸗ ſon vorzunehmen. Somit war dieſe Verſammlung beendet und jetzt drängte ſich Alles zu den Mitgliedern jener Deputation, ihnen zu danken für ihre gute Verrichtung zu Spandow. Beſonders aber ward Boytin gerechtes Lob zu Theil, als Einer der Abgeordneten laut erzählte, wie der Kurfürſt auch das Ver⸗ langen geſtellt hatte, daß man den Boytin aus dem Stadt⸗ ſeckel entſchädige für die an dem verhängnißvollen dritten Weihnachtsfeiertage geſchehene Zertrümmerung und Berau⸗ bung ſeines werthvollen Hausgeräths, was dieſer aber groß⸗ müthig abgelehnt habe. Des Dankens und Lobens nahm ſchier kein Ende und bis zu ſeinem Hauſe gaben ihm die achtbarſten Bürger das Geleit. Es verging keine halbe Stunde nach dem Schluſſe der Verſammlung, ſo waren die ſonſt ſo dunklen Gaſſen der bei⸗ den Städte tageshell erleuchtet durch unzählige Kerzen, ſo an allen Fenſtern ſtanden; auch der Aermſte hatte ſein Scherf⸗ lein beigetragen, um alſo ſeine Freude zu bezeugen. Auf dem Neuen Markte aber ordnete ſich ein langer Zug von Fackelträgern, der ſich dann, die Stadtpfeifer vorauf, nach dem Hohen Hauſe begab und vor demſelben unter dem Klange ſchmetternder Fanfaren donnernde Lebehochs auf den Kurfürſten ausbrachte. Es währte denn auch nicht lange, ſo trat der Befehlshaber des Hohen Hauſes auf den Altan, dankte den Verſammelten im Namen ſeines erlauchten Herrn und ſprach laut den Wunſch aus, daß es den beiden Städ⸗ ten und ihren wackeren Bürgern ſtets wohl ergehen und die Einigkeit zwiſchen Fürſt und Volk nie wanken möge. Und als nun plötzlich auf der Zinne des Hauſes aus ehernen Becken mächtige Freudenfeuer aufflammten und das ſtolz wehende Banner mit den Farben der Hohenzollern und dem Wappen der beiden Städte hell erleuchteten und zugleich die Burgthore ſich öffneten und Jedem Einlaß auf den Hof ver⸗ ſtattet ward, da ertönte der Jubel noch lauter und brüder⸗ lich umarmten ſich Bürger und kurfürſtliche Kriegsleute. Und wahrlich— die guten Bürger von Berlin und Kölln hatten auch volle Urſache zu ſolcher Freude! Nicht allein, daß ſie ſich auf ſo leichte Weiſe, ohne ihr Zuthun und faſt ehe ſie es ſich gedacht, in den Beſitz ihrer natur⸗ gemäßen, ſo lange unterdrückten Rechte geſetzt und von einer Tyrannei befreit ſahen, die um ſo härter und unerträglicher geweſen, da ſie von Ihresgleichen ausgeübt ward; auch der pekuniäre Gewinn, den ihnen dieſer Sieg brachte, war be⸗ deutend genug, um ſo ungewöhnlichen Jubel zu rechtfertigen und bei Vielen war— wie auch heute noch— gerade die⸗ ſer Punkt die Hauptſache. So lange die Patrizier, das heißt die durch den Han⸗ del zu großen Reichthümern gelangten Geſchlechter, allein das Regiment in den beiden Städten geführt hatten, war 188 AANᷓAAANA den übrigen Bürgern, den Handwerkern und den von Acker⸗ bau und Viehzucht ſich Nährenden, gar wenig von den ein⸗ träglichen Rechten, Freiheiten und Beſitzthümern der beiden Städte zu Gute gekommen. Den Handel hatten die Patri⸗ zier zu ihrem alleinigen Monopol gemacht und ihnen allein erwuchs daher aus der mannigfachen Zollfreiheit, welche Berlin und Kölln beſaßen, ein Vortheil; die ausgedehnten Beſitzungen der beiden Städte an Dörfern, Vorwerken, Müh⸗ len, Feldern, Wieſen, Forſten, Fiſchereigerechtigkeiten, Zoll⸗ erhebungen u. ſ. w. waren faſt alle nur in den Händen eben dieſer Patrizier, die nur des Scheines wegen ein geringes, kaum nennenswerthes Pachtquantum an die Stadtkaſſe zahl⸗ ten, ſie dagegen aber an niedere Bürger um hohes Entgelt wieder verpachteten, wenn ſie es nicht vorzogen, dieſe Aecker ꝛc. ſelber zu bewirthſchaften; ebenſo verhielt es ſich mit den Ein⸗ künften, die aus der Münzgerechtigkeit, der Gerichtsbarkeit, dem Recht der Niederlage, ferner aus dem Marktſtättegeld, der Ertheilung des Bürgerrechts— mit dem die Patrizier große Willkür ausübten und es nach Gutdünken dieſem ver⸗ weigerten, jenem gewährten— aus der ſtädtiſchen Brauge⸗ rechtigkeit ꝛc. floſſen. Daher kam es, daß trotz dieſer großen Reichthümer der beiden Städte den Bürgern immer neue Abgaben auferlegt und mit größter Härte beigetrieben wur⸗ den, von denen man die zahlreiche Söldnerſchaar unterhielt. Da niemals Rechnung vom Rathe gelegt ward über Ein⸗ nahmen und Ausgaben, ſo waren die Bürger nie zur vollen Erkenntniß dieſer ſchreienden Ungerechtigkeiten gekommen, bis ſie von Ottokar darüber aufgeklärt wurden; und hatte ſich ja einmal Einer aus der Bürgerſchaft gegen dies Treiben erhoben, ſo ward er als Hochverräther, Aufrührer und Ver⸗ leumder von der patriziſchen Obrigkeit zu ewigem Schwei⸗ gen gebracht, die überhaupt jede freie Regung durch ihre bewaffnete Macht im Keime zu erſticken wußte. Geſchah es aber, daß aus irgend einem Verſehen ein wohlgeſinnter Pa⸗ AAAA,;ꝑ trizier in den Rath kam, ſo gaben ſie ihm ſchlau ein Amt, das ihn fern hielt von den Geſchäften der eigentlichen Ver⸗ waltung, wie ſie es mit Stroband gemacht hatten. Dies war nun mit einem Schlage anders geworden; man war frei, durfte an den Vortheilen der Zollfreiheiten und des Hanſabundes theilnehmen und gelangte in den Beſitz des unrechtmäßig vorenthaltenen Eigenthums, eines Eigen⸗ thums, das bedeutend genug war, um urplötzlich all' die drückenden und kaum noch zu erſchwingenden Auflagen auf⸗ hören zu laſſen, die man bisher hatte zahlen müſſen. Von der Größe des ſtädtiſchen Beſitzthums aber kann man ſich einen ungefähren Begriff machen, wenn man erfährt, daß die allein zu Berlin gehörige Feldmark ein Areal von 120 Hufen in ſich faßte, ſich gegen Oſten bis Stralow, Roſen⸗ felde(jetzt Friedrichsfelde), Lichtenberg und Hohen-Schön— hauſen, gegen Norden bis Weißenſee und Pankow, gegen Weſten über die Ländereien des Wedding und bis zur Spree hinunter erſtreckte; zu Kölln gehörte eine Feldmark von mehr als 60 Hufen, deren Grenzen ſich bis gegen Treptow, Ryks⸗ dorf, Tempelhof, Schöneberg und Lietzow an der untern Spree erſtreckten; wobei die ſogenannte Myrica, ein Geſchenk des Markgrafen Otto vom Jahre 1251, zwar mit inbegriffen war, nicht aber die Feldmarken der Dörfer, die man theils aus dem Stadtſeckel, theils auf andere Weiſe erworben hatte. Rechnet man nun die oben genannten Einkünfte, Gefälle ꝛc. hinzu, ſo hatten die beiden Städte ein ganz artiges Beſitz⸗ thum, deſſen Ertrag, zum Nutzen der Geſammtheit wohl ver⸗ waltet, auch ſicherlich dem Einzelnen auf angenehme Art fühlbar ward. Noch einmal: die Berliner und Köllner hatten volle Urſache zur Freude— und ſie freuten ſich denn auch. Bis tief in die Nacht hinein währte das frohe Trei⸗ ben auf den Gaſſen und an den gewöhnlichen Zuſammen⸗ kunftsorten. Man war dermaßen vergnügt, daß man ſogar AAꝑAꝑꝑꝙðAꝙOꝑ vergaß, auf die Patrizier zu ſchmähen, und hatte auch voll⸗ auf zu thun mit dem Lobe des Kurfürſten und der wackeren Männer, die am großen Werke geholfen hatten. Ottokar war dabei nicht der Letzte, deſſen man ehrend gedachte; er war es ja, der den Leuten zuerſt die Augen geöffnet über ihre ſchmählich mit Füßen getretenen Rechte und über das ſchändliche Treiben ihrer Unterdrücker, wozu nicht geringer Muth erforderlich geweſen; ſeine Rathſchläge hatten die Be⸗ freiung ſo glänzend und leicht gelingen laſſen und ſein un⸗ verdientes Leiden hatte den eigentlichen Anſtoß zu ſchnellem Beginn des Befreiungswerkes gegeben! Dafür wollten ihm auch die, ſo mit Fackeln und Muſik nach dem Hohen Hauſe gezogen waren, unter großem Zulauf des Volkes unter ſei⸗ nem Fenſter eine Nachtmuſik bringen, wie ſie es ſchon den Mitgliedern der Deputation gethan hatten, und nur die ernſt⸗ liche Einſprache des heilkundigen Pater Johannes und die dringende Abmahnung des herbeigeeilten Boytin konnten ſie davon abbringen; doch mußte Lisbeth von etlichen Auser⸗ wählten den Dank des Volkes für den kranken Bruder in Empfang nehmen. So groß aber auch der Freudentrubel war; es fielen doch keine Ungehörigkeiten weiter vor. Das aber muß man unſern Altvordern laſſen: was ſie einmal zu thun Willens waren, das geſchah denn auch ſchnell und ohne Säumen. In einer Friſt, die heutzutage kaum hinreichen würde, um die erſten Vorbereitungen zu treffen, war die ſtädtiſche Verfaſſung von der Deputation ausgear⸗ beitet, von der Bürgerſchaft einſtimmig angenommen und vom Kurfürſten beſtätigt worden. In der Mitte des Februar hatten ſich die ſtädtiſchen Abgeordneten zum erſten Male in dieſer Angelegenheit gen Spandow begeben und an einem dor erſten Tage des März kehrten ſie zum zweiten Male von dort zurück mit dem Be⸗ ſcheide, daß der Landesherr verheißen, nach zweien Tagen AAARARARNRNNRNRNRRNR; in ſeine getreuen beiden Städte einzuziehen, um auf den de⸗ müthigen Wunſch der geſammten Bürgerſchaft die neue oder eigentlich die alte Verfaſſung einzuführen und ſeinen gnädi⸗ gen Vertrag mit der Bürgerſchaft zu beſtegeln. Da ſah man denn an dieſem und dem folgenden Tage ein gar reges Treiben auf den Gaſſen ſowohl, als auch an den Verſammlungsorten der Gewerke und Innungen; denn es galt ja, den Landesherrn und Befreter würdig zu em— pfangen. Zwar hatte der Fürſt allen Aufwand um ſeinet⸗ willen verboten und die ihm durch die Deputation gewordene ehrerbietige Einladung zu einem glänzenden, auf Koſten der beiden Städte zu veranſtaltenden Bankett rundweg ausge⸗ ſchlagen; allein man wollte ihm doch nun einmal die Liebe und Dankbarkeit der Bürger an den Tag legen und ſuchte dem Fürſten einen ſo glänzenden Empfang zu bereiten, wie es die kurze Friſt und die Ungunſt der Jahreszeit nur immer verſtatteten. Und als er nun erſchien, der feſtliche Tag— es war der Montag vor dem Beginn der Faſten— da eilte ſchon in den frühen Morgenſtunden Alt und Jung, was nicht einem Gewerk, einer Innung oder ſonſt einer Körperſchaft ange⸗ hörte, dem Spandower Thore zu, oder ſuchte einen guten Platz an dem Wege zu erhalten, den der Kurfürſt einſchla⸗ gen mußte, um nach dem Rathhauſe zu gelangen. Bald kamen die Innungen, ihre Mitglieder prangend im Waffen⸗ ſchmuck, und ſtellten ſich an den für ſie beſtimmten Plätzen auf, um das Spalier zu bilden. Dem Thore zunächſt ſah man die Fleiſcher und Bäcker, hoch zu Roß, wie ſich's für ſie gebührte; dann kamen die Tuchmacher und Schuſter, welche mit den Vorgenannten die Viergewerke bildeten; hin⸗ ter dieſen folgten die Innungen der Schneider und Kürſch⸗ ner und dann die übrigen Bürger mit ihren zünftigen Ge⸗ ſellen, nach ihren Vierteln geordnet und Alle bewaffnet. Den Beſchluß machten die Schulkinder beiderlei Geſchlechts 192 AAAANAN;N;N;N und wem ſonſt noch der Raum geſtattete, ſich dort aufzu⸗ ſtellen. Vor dem geöffneten Thore aber hatte man auf der Zugbrücke eine Chrenpforte errichtet und ſie mit Gewinden von Tannenzweigen und mit farbigen Tüchern, Bändern und flatternden Fähnlein gar ſtattlich ausgeſchmückt. Obenauf prangte in der Mitte das kurmärkiſche Wappen mit dem Brandenburgiſchen Adler und den Farben der Hohenzollern und daneben zu beiden Seiten die Wappen von Berlin und Kölln und den andern märkiſchen Städten. Unter der Ehren⸗ pforte warteten der Ankunft des Fürſten zwölf holde Jung⸗ frauen— Bürgertöchter aus den beiden Städten— ange⸗ than mit weißen Gewändern, jedoch jetzt noch ſorglich ſich einhüllend in wärmendes Pelzwerk, denn der Morgen war hell und klar, aber kalt; Jede hielt einen Strauß künſtlich in Gewächshäuſern gezogener Blumen in der Hand. Ferner waren noch allda die Mitglieder der Deputation, ſowie der Geiſtlichkeit und des alten Rathes, alleſammt angethan mit den prächtigſten Kleidern, Gewändern und Ornaten. Etwas zur Seite ſtand auch der Stadtmuſikus und ſeine Geſellen mit Poſaunen und Trompeten und überhaupt war nichts verabſäumt worden, was dem Landesherrn zur Freude und Ehre gereichen konnte. Und es währte auch nicht gar ſo lange, da ließen die Glocken von St. Marien ihre ehernen Zungen ertönen und alle Glocken in den beiden Städten ſtimmten ein in das feier⸗ liche Geläute. Das aber war das Zeichen, daß der Kur⸗ fürſt eben die ſtädtiſche Gemarkung überſchritten habe und von den ihm bis dahin entgegengeſandten Abgeordneten aller Innungen mit gebührender Freude empfangen worden ſei. Bald ſah man denn auch eine Reiterſchaar auf der Straße von Spandow daher kommen, in deren Mitte das Branden⸗ burgiſche Banner ſtolz im Sonnenſchein prangte. Vorauf ſprengte der Kurfurſt ſelbſt, nicht in kriegeriſcher Rüſtung, AAANARNARNRQRQNRRᷓNRAᷓR;;ᷓ ſondern in der Tracht des Friedens und umwallt vom Für⸗ ſtenmantel; an ſeiner Seite aber ſah man den erlauchten Bruder des Landesherrn, der zu Tangermünde reſidirte, ſo⸗ wie den hochwürdigſten Biſchof von Brandenburg; ihnen folgten Herr George von Waldenfels, Herr Balthaſar Haak, Herr Joachim Heidenreich, der würdige Kanzler, noch viele andere edle Herren und Diener des Fürſten, ſowie die eiligſt herbeigekommenen Abgeordneten der kurmärkiſchen Städte und der Ritterſchaft mit ihren Panieren, und den Beſchluß machte ein Fäͤhnlein kurfürſtlicher Reiſigen. Unter dem ſchmettern⸗ den Klange luſtiger Trompetenfanfaren ſprengten die Ankom⸗ menden gegen das Thor heran. Als der Kurfürſt mit ſeinen Begleitern bei der Ehren⸗ pforte anlangte, ſchwiegen die Trompeten. Aus dem Kreiſe der Jungfrauen aber trat mit ſittig holdem Erröthen des Altmeiſters Holzmüller blühendes Töchterlein und begrüßte den Landesherrn durch ein gar feines, wohlgeſetztes Feſtge⸗ dicht, ſo ſie mit gutem Ausdruck vor ihm ſprach und deſſen Schlußverſe, in unſer heutiges Hochdeutſch übertragen, alſo lauteten: „So nimm denn, hoher Herr, aus meinen Händen Der Mägdelein beſcheidne Gabe hin; Nicht güld'nen Werth hat's, was wir alſo ſpenden, Doch geben wir's mit dankerfülltem Sinn. Denn wie der Gärtner dieſe Blümlein pflegte Und ſchützte vor des Winters Sturm und Noth Und wie er ſie im warmen Häuslein hegte, Als draußen ſie der rauhe Nord bedroht': So hegteſt Du im liebewarmen Herzen — Trotz der Verkennung und des Argwohns Schmäh'n Und trotz des oft erfahrnen Undanks Schmerzen— Des Volkes Glück, der Bürger Wohlergehn. So nimm den Strauß, den Dankbarkeit gewunden Und den die Treue Dir, die Liebe weiht; Gott aber gebe Dir zu allen Stunden, Was immer nur Dein fürſtlich Herz erfreut!“ Die ſchwarzen Brüder. IV. 13 AAAANANNS Dabei reichte ſie ihm ihren Blumenſtrauß dar. Freund⸗ lich neigte ſich der Kurfürſt zu ihr hernieder und nahm huldreich dankend den Strauß aus ihrer Hand, den er als⸗ bald an ſeiner Bruſt befeſtigte. Daſſelbe thaten auch ſein erlauchter Bruder und die edlen Herren ſeines Gefolges, die gleiche Gaben aus den Händen der andern Jungfrauen erhielten, und meinten, daß der Blumen ſchönſte die holde Geberin ſelber ſei. Danach nun trat der Propſt von St. Nikolai zu dem Fürſten und begrüßte ihn in frommer Anſprache im Namen der geſammten Geiſtlichkeit beider Städte; und Herr Fried⸗ rich erwiederte ihm ſolche Worte, wie man ſie von ſeiner wahren Frömmigkeit erwarten durfte. Sodann begann der Syndikus des Rathes, nachdem er ſich tief vor dem Fürſten verneigt, eine lange, lange Rede in zierlichem Latein, worin er den Landesherrn mit Lobpreiſungen förmlich überſchuͤttete. Er hatte bereits gehört, daß ihn die Bürger im Amte be⸗ laſſen wollten, falls ſein Vorgänger daſſelbe nicht wieder bekleiden könne; denn da die Sache der Patrizier verloren war, ſo hatte er ſich den Bürgern angeſchloſſen, weil es ihm gleich war, wem er diente, wenn er nur bezahlt ward. Jetzt nun aber wollte er ſeine gute Geſinnung recht klar an den Tag legen und darum ſprach er alſo. Eine Weile hoͤrte ihn der Fürſt auch mit großer Geduld an; als aber des Lobens kein Ende nehmen wollte, da unterbrach er ihn und zwar in gutem Deutſch: — Das reichliche Lob, das Ihr Uns zuſchreibt, iſt Uns darum lieb, weil es Uns erinnert, wie Wir beſchaffen ſein ſollten; aber jetzt laßt's genug ſein, Herr, denn wenn Ihr ſo fortfahrt, beweiſet Ihr Uns zuletzt, daß Wir Unſeres ho⸗ hen Berufes nicht würdig ſind in Euren Augen! Als nun der Syndikus, der eine ganz andere Wirkung von ſeiner wohleinſtudirten Rede erwartet hatte, ziemlich ver⸗ blüfft bei Seite trat, da nahm Holzmüller das Wort, um 495 im Namen der geſammten Bürgerſchaft beider Städte dem Kurfürſten Dank zu ſagen für die huldvolle Bereitwilligkeit bei dem Werke der Reformation; es war nicht viel, was er ſprach, aber es war kernig und man hörte, daß es aus dem Herzen kam; darum gab ihm auch der Kurfürſt den freundlichſten Beſcheid und verſprach, das Beſte der beiden Städte fördern zu wollen zu jeder Stunde und auf jede Weiſe. Danach kam Heydicke und überreichte dem Fürſten auf einem ſammetnen Kiſſen die Schlüſſel der beiden Städte, als Zeichen des nunmehr erlangten Oeffnungsrechts. Zugleich erklärte er, daß der geſammte Rath hiermit ſein Amt nieder⸗ lege und that dies auf ſolche Weiſe, als wäre dieſer Schritt ein freiwilliger Entſchluß. Der Kurfürſt nahm es auch ſo an, denn es ſollte ja Alles vergeben und vergeſſen ſein, und dankte ihm in höflichen Worten für ſeine Bemühung; nur gegen Stroband ſprach er in anerkennenden Worten ſein Bedauern über deſſen Rücktritt vom Amte aus. Somit waren denn die Begrüßungen und feierlichen Anreden am Spandower Thore vorüber und jetzt ging's un⸗ ter ſchmetterndem Trompetenklang in die Stadt hinein. Da begann aber nun erſt der rechte Trubel. Tauſend⸗ ſtimmige Vivats erſchütterten unabläſſig die Luft und über⸗ tönten ſelbſt den Trompetenjubel; dazu läuteten alle Glocken in den beiden Städten und vom Kalandshofe her donnerten die Karthaunen tapfer mit drein, denn dort war die ge⸗ ſammte Artillerie der Mark(drei Geſchütze nur, aber von reſpektablem Kaliber, welche geſtern erſt von Spandow her⸗ übergebracht worden, aufgeſtellt, und die Konſtabler waren nicht faul im Laden und Abbrennen. Die Bürger aber ſa⸗ lutirten mit ihren Waffen, die Zuſchauer ſchwenkten unter jauchzendem Zuruf die Baretts hoch empor, und an den Fenſtern ſtanden Frauen und Jungfrauen und wehten mit ſchwarzweißen Fähnlein und Tüchern. Es war ein Jubel 13* 496.— uͤber Alles! Und er, der fürſtliche, männliche Held.— wie er ſo ſtolz und doch ſo anmuthig zu Roſſe ſaß und unauf⸗ hörlich nach Rechts und nach Links ſo huldvoll grüßte, da gewann er ſich Aller Herzen, am meiſten aber die der hol⸗ den Frauen, die hinter den Fenſtervorhängen nicht genug die herrliche kriegeriſche Geſtalt und die edle ritterliche Hal⸗ tung des jungen, kaum achtundzwanzigjährigen Fürſten be⸗ wundern konnten; und welche von ihnen ſein Feuerblick traf, die fühlte es gewiß noch lange nachher. Das Trompeten⸗ blaſen, Zurufen, Jubeln, Läuten, das Donnern der Kar⸗ thaunen, das Schwenken mit Fähnlein, Tüchern und Ba⸗ retts währte immer fort, bis endlich der glänzende Zug vor der St. Nikolai⸗Kirche angelangt war, wo man vor allen Dingen dem Höchſten ein Lob⸗ und Dankopfer darbringen wollte, wie es der fromme Sinn des gottesfürchtigen Fürſten erheiſchte. Auch der nun abgetretene patriziſche Rath nahm des guten Scheines wegen Theil daran, obwohl es den Her⸗ ren ſauer ankommen mochte, die Freude über ihren Fall auf allen Geſichtern zu ſehen. Doch ließ ſie Niemand fühlen, wie verhaßt ſie waren; der neuen Freiheit Wonnegefühl ließ ſie jede frühere Unbill vergeſſen.* Als das feierliche Hochamt, das der hochwürdigſte Bi⸗ ſchof ſelber unter Aſſiſtenz der geſammten Geiſtlichkeit beider Städte abhielt, zu Ende war, begab ſich der Kurfürſt, be⸗ gleitet von ſeinem fürſtlichen Bruder, von dem Prälaten und den beiden Pröpſten von St. Nikolai und St. Petri, ſowie allen übrigen Herren ſeines Gefolges und von den Mitglie⸗ 1 dern des alten Rathes, der Deputation und der Viergewerke, nach dem mit grünen Tannenzweiggewinden feſtlich geſchmück⸗ ten Rathhauſe, über deſſen Eingang der Brandenburgiſche I Adler neben dem Bären der beiden Städte in guter Ein⸗ tracht prangte, während hoch oben auf dem Giebel das mächtige ſchwarz⸗weiße Banner der Hohenzollern, umgeben von den kleineren der kurmärkiſchen Städte, ſtattlich im Winde AAANANANRNRNRARNARNANRANRRSS; flatterte. Die übrigen Bürger ſtellten ſich in guter Ordnung unten auf dem Platze vor dem Rathhauſe auf. Im großen, mit Fähnlein, Panieren, Wappen und Ge⸗ winden reich verzierten Rathsſaale war ein Thronhimmel errichtet, unter dem auf einer Erhöhung drei prachtvolle Lehnſeſſel für den Kurfürſten, ſeinen erlauchten Bruder und den Prälaten bereit ſtanden und auf denen die drei hohen Herren auch alſobald Platz nahmen. Die übrigen Anwe⸗ ſenden bildeten einen Halbkreis, alſo, daß die Abgeordneten der kurmärkiſchen Ritterſchaft zur Linken, die der Städte zur Rechten des Fürſten ſtanden, während die Hofbeamten, des Winkes ihres Gebieters harrend, ſowie die beiden Pröpſte ſich unmittelbar neben dem Thronhimmel, dieſem gegenüber aber die Mitglieder des Rathes, der Deputation und der Viergewerke aufgeſtellt hatten. In der Mitte dieſes Halb⸗ kreiſes befand ſich der Tiſch mit dem Schreibgeräth. Nach einer kurzen einleitenden Rede Boytins trat nun auf ein Zeichen ſeines Herrn der kurfürſtliche Kanzler an den Tiſch und las, gegen den Thronhimmel gewandt, mit lauter Stimme die neue Verfaſſung der beiden Städte Ber⸗ lin und Kölln vor. Sie enthielt alle die Beſtimmungen, welche oben angeführt worden und die auch ſchon in der alten, von den Patriziern nach und nach beſeitigten Ver⸗ faſſung enthalten waren. Die landesherrliche Beſtätigungs⸗ Urkunde war derſelben angehängt. Während des Vorleſens und der darauf folgenden Hand⸗ lung ward wieder mit allen Glocken geläutet und der Don⸗ ner der Karthaunen verkündete weithinaus den glänzenden Sieg einer guten und gerechten Sache. Nach beendeter Vorleſung wandte ſich der Kanzler zu denen, ſo aus den beiden Städten im Saale anweſend wa⸗ ren, und forderte ſie auf, als Vertreter der Bürgerſchaft den Eid auf die ſtädtiſche Verfaſſung zu leiſten; und Alle ge⸗ lobten, das neue Geſetz unverbrüchlich zu halten und danach — „423., zu thun in allen Stücken und auch die Rechte, ſo dem Lan⸗ desherrn durch daſſelbe eingeräumt waren, jederzeit anzu⸗ erkennen und heilig zu halten. Darauf erhob ſich auch der Kurfürſt und gelobte ſei⸗ nerſeits, die neue Verfaſſung aufrecht zu erhalten und zu ſchützen gegen Jedermann, auch der beiden Städte Beſtes wahrzunehmen und ihre Rechte zu erweitern bei jeder Ge⸗ legenheit und wo es ihn zum Heil der Bürger förderlich dünkte. Der Vertrag aber, der durch dieſe Verfaſſung gleich⸗ ſam zwiſchen dem Landesherrn und den beiden Städten ge⸗ ſchloſſen ward, ſollte für immer Geltung haben, es ſei denn, daß ſich die Letzteren des offenen Aufruhrs gegen die lan— desherrliche Gewalt ſchuldig machten; wie dies auch aus⸗ drücklich in der Beſtätigungs⸗Urkunde geſchrieben ſtand. Nachdem der Kurfürſt dies Gelöbniß laut und feier⸗ lich abgelegt, trat er an den Tiſch, wo ihm ſein Kanzler die Verfaſſungs⸗Urkunde zur Unterſchrift vorlegte, welche er alſogleich vollzog und mit eigener Hand das landesherrliche Siegel in rothem Wachs darunter drückte. Nach ihm kam Markgraf Albrecht, ſein erlauchter Bruder, und ſchrieb gleich⸗ falls ſeinen Namen darunter; was auch der Prälat, der Kanzler und die Hofbeamten, die Vertreter der kurmärki⸗ ſchen Nitterſchaft und der Städte, die beiden Pröpſte und zuletzt auch die aus Berlin und Kölln im Saale Anweſen⸗ den thaten. Somit war die neue Verfaſſung für die beiden Städte rechtskräftig gegeben und eingeführt und ſogleich ward die Vollziehung des wichtigen Aktes der unten harrenden Bür⸗ gerſchaft vom Fenſter aus verkündet. Stürmiſcher Freuden⸗ ruf erhob ſich, Trommeten⸗Fanfaren ſchmetterten darein und Aller Herzen ſchlugen dem Landesherrn entgegen, der ſich ſeinen Unterthanen ſo hold erzeigte. Inzwiſchen nun, während ſich der Kurfürſt mit den Anweſenden freundlich unterhielt, wurde die Wahl zweier 199 — æòùB Bürgermeiſter für das erſte Jahr bewerkſtelligt, damit bei der Amtsniederlegung des früheren Rathes die beiden Städte nicht ohne Obrigkeit ſeien; die Wahl der Rathsherren, zu welcher größere Vorbereitungen und längere Zeit erforderlich waren, ſollte bis auf den folgenden Tag verſchoben bleiben. Da man ſchon vorher uber die Perſonen einig geweſen, ſo kam man mit der Wahl bald zu Stande. Aus der Köllni⸗ ſchen Wahl ging hervor der Berliner Bürger und Altmeiſter Holzmüller, aus der Berliniſchen aber der Köllniſche Bürger und Bäckermeiſter Bergner. Die beiden neuen Bürgermeiſter empfingen vom Kur⸗ fürſten und den meiſten Anweſenden herzliche Glückwünſche, von Heydicke aber die Inſignien ihres Amtes, mit denen ſie ſich alſobald bekleideten, ohne ſich an die ſauren oder ſpöt⸗ tiſchen Geſichter der frühereren Rathsherren zu kehren. Der Kanzler that jetzt kund, daß Seine kurfürſtliche Gnaden von dem Rechte, dem ſtädtiſchen Gericht einen Vor⸗ ſitzenden zu ernennen, zum Heile der beiden Städte Gebrauch gemacht und den früheren Hofrichter zu Spandow, den ge⸗ lahrten und rechtſchaffenen Herrn Balthaſar Haak, zu die⸗ ſem wichtigen Amte beſtimmt habe. Ferner wurden ſämmt⸗ liche Anweſende auf den Abend zu einem.Bankett eingeladen, welches der Kurfürſt im Hohen Hauſe zu Ehren dieſes Ta⸗ ges geben wolle und bei welchem eine ſo große Anzahl Bür⸗ ger beider Städte mit ihren Frauen und Töchtern Zutritt haben ſollten, als nur immer die Räume der kurfürſtlichen Reſidenz zu faſſen vermöchten. Dieſe Mittheilungen wurden ſehr gut aufgenommen. Sogleich traten die Mitglieder der Viergewerke zuſammen und beſchloſſen, aus ihren Mitteln ſo viel herzugeben, daß auch das ärmere Volk dieſen Tag feſtlich beſchließen könne, zu welchem Zwecke im Kalandshofe und auf den Herbergen Jedermann frei bewirthet werden ſolle. Etliche von ihnen wurden mit der Ausführung dieſes Beſchluſſes beauftragt; dann aber eilten ſie hinab, um dem Kurfürſten, der bereits zu Roſſe ſaß, das Geleit nach dem Hohen Hauſe zu geben. Der Weg dahin ward auf dieſelbe Weiſe, wie der vom Spandower Thore nach dem Rathhauſe zurückgelegt und noch mancher Freudenruf tönte vom Burghofe hinauf zu den kur⸗ fürſtlichen Gemächern, bevor die frohe Menge ſich verlief, um ſich zu den Feſtlichkeiten des Abends, deren Veranſtal⸗ tung ſchnell bekannt worden, zu rüſten. Der Kurfürſt beſprach ſich noch längere Zeit mit ſei⸗ nem Kanzler, ſowie mit Boytin und den beiden Bürger⸗ meiſtern, die ihm auf ſein Gebot gefolgt waren, über Vie⸗ lerlei, was den beiden Städten frommte. Boytin aber blieb auch noch bei dem Landesherrn zurück, als die Andern huld⸗ voll entlaſſen wurden. — Du kommſt alſo nicht zum Bankett? fragte der Kur⸗ fürſt beim Schluſſe der geheimen Unterredung, die er mit dem treuen Diener geführt. Freilich kann ich's Dir unter ſo bewandten Umſtänden nicht verargen, daß Du nicht Theil nehmen magſt an rauſchenden Vergnügungen; weiß ich ja doch, daß Du es treuer und redlicher mit mir meinſt, als Alle, die mich heute Abend mit Lobpreiſungen überſchütten werden. Gott möge mir noch lange in Dir den treueſten Freund erhalten! — Iſt es doch eine Luſt und Freude, Euch, mein ho⸗ her Herr, zu dienen, erwiederte Boytin, denn man dient ja dabei ſich ſelber und ſeinen Mitbürgern! Immer nur ſeid Ihr auf das Wohl und Glück Eurer Unterthanen bedacht, unbekümmert darum, ob ſie's anerkennen und Euch danken oder nicht! Und wie hoch wißt Ihr dabei die geringen Dienſte, ſo Euch, gnädigſter Herr, geleiſtet werden, zu be⸗ lohnen; iſt nicht dies— er deutete dabei auf eine mit meh⸗ reren Siegeln verſehene Schrift, welche er eben von ſeinem Gebieter empfangen— iſt nicht dies wieder ein neuer, glän⸗ zender Beweis dafür? 201 ꝙ— ℳ Möge die huldvolle Bereitwilligkeit des heiligen Stuh⸗ les unſerem armen jungen Freunde noch nützen! verſetzte Friedrich. Er hat vollauf verdient, was ich für ihn thue. Dich aber, mein wackrer Boytin, würdig zu belohnen, bin ich nicht im Stande; Dein Bewußtſein muß Dir genügen. — Wie mögt Ihr, mein hoher Herr, alſo von den geringfügigen Dienſten ſprechen— nahm Boytin beſcheiden das Wort. — Gar viel iſt's, was Du in der Angelegenheit mit dieſen beiden Städten für mich und mein Haus gethan! unterbrach ihn der Kurfürſt. Jetzt erſt bin ich wirklich Lan⸗ desherr in der Mark; vorher war ich's nur dem Namen nach; denn Berlins und Köllns Aufſäſſigkeit begann bereits die andern märkiſchen Städte anzuſtecken. Nun kann ich auch, ſollte es noch Noth thun, getroſten Muthes zur Wah⸗ rung wohlerworbener Rechte meines Hauſes mit dem Kriegs⸗ heere aus dem Lande ziehen; früher durfte ich's kaum wa⸗ gen, wenn ich nicht hinter meinem Ruͤcken eines Aufſtandes gewärtig ſein wollte, und darauf ſcheint man in Mecklen⸗ burg und Pommern auch gebaut zu haben, als man ſo keck gegen meine gerechten Anſprüche hervortrat jetzt, wo die Geltendmachung derſelben nahe bevorſteht. — Weigern ſich die Herzoge zu Mecklenburg und Pom⸗ mern⸗Wolgaſt noch immer, den Erbvertrag anzuerkennen, den Markgraf Ludwig der Aeltere von Brandenburg mit Pommern⸗Stettin geſchloſſen, und wonach das letztere Land bei dem Ausſterben ſeines Regentenſtammes an Euer er⸗ lauchtes Haus fallen muß? fragte Boytin. Mir ſagte der Kanzler, daß die Angelegenheit erledigt ſei. — Nicht gerade erledigt, man hat nur in etwas nachge⸗ geben und die feſte Entſcheidung hinausgeſchoben, da man meinen ernſtlichen Willen gewahrte, zu erzwingen, was man mir unrechtmäßig verweigerte! entgegnete Friedrich. Die Herren glaubten vielleicht, der Brandenburgiſche Aar werde 202 NNNNN ſich durch das ungeberdige Toben des Mecklenburgiſchen Stie⸗ res ohne Weiteres einſchüchtern laſſen; da dies aber nicht geſchah, ſo ſpannten ſie einſtweilen andere Saiten auf, ohne jedoch die Angelegenheit zu Ende bringen zu laſſen. Wahr⸗ ſcheinlich hoffen ſie auf günſtigere Zeiten; aber ſie ſollen er⸗ fahren, daß mit jedem Tage die Schwingen des Branden⸗ burgiſchen Adlers an Kraft zunehmen und ſeine Krallen ſchärfer werden und daß er allenfalls im Stande ſein wird, noch ſtärkeren und mächtigeren Feinden mit ſeinen Fängen zu begegnen! Doch mögen dieſe Dinge einſtweilen auf ſich beruhen, bis die Zeit ihrer Entſcheidung da iſt. Du, mein wackerer Freund, gehe jetzt heim, um auch für Deine Ange⸗ legenheiten Sorge tragen zu können, nachdem Du ſo eifrig und aufopfernd für die meinigen und Deiner Mitbürger gewirkt haſt. Gern würde ich Deinem Hauſe einen Beſuch abſtatten; doch morgen mit dem Früheſten rufen mich die Pflichten des Fürſten ſowohl, wie die des Gatten wieder hinüber gen Spandow in meine Kanzlei und an das Kran⸗ kenlager meiner edlen Gemahlin und heute habe ich noch Vieles hier zu ſchaffen in der kurzen Zeit. Richte meine freundlichſten Grüße aus an Alle, die zu Deinem Hauſe gehören und ihm zugethan ſind, insbeſondere aber an Deine würdige Hausfrau, und tröſte an meiner Statt die Beküm⸗ merten, wie Du es vermagſt. Es iſt mein heißeſter Wunſch, daß ſich Alles bei Euch zum Guten wende und fröhliche Hochzeiten die Tage der Trauer vergeſſen machten. Gott befohlen, mein wackerer Boytin, bis ich auf's Neue Deine treuen Dienſte in Anſpruch nehme! Als Boytin, erfreut ob ſolcher Beweiſe der Huld ſei⸗ nes Fürſten, auf ſeinem Heimwege am Rathhauſe vorüber⸗ kam, bot ſich ſeinen Blicken eine ergreifende Scene dar. Mit Blitzesſchnelle hatte ſich nämlich in den beiden Städten das Gerücht verbreitet, daß der Kurfürſt auch noch auf andere Weiſe, als durch rauſchende Feſtlichkeiten den 203,— heutigen Tag feiern wolle, und bald ſah man von allen Seiten her ärmlich gekleidete Frauen und Greiſe, größten⸗ theils junge Kinder mit ſich führend, dem Rathhauſe zueilen und auf dem Platze vor demſelben harrend ſtehen bleiben; auf ihren bleichen, von Kummer, Gram und Elend abge⸗ zehrten Geſichtern lagerte freudige Erwartung, vermiſcht mit bangen Zweifeln. Es währte auch nicht gar ſo lange, ſo öffnete ſich eine Thür des Rathhauſes und man ſah einen langen Zug von Männern die Freitreppe herabſteigen; auch ihr Aeußeres verrieth Elend und lange Entbehrung, aber aus ihren Mienen ſprach das höchſte Glück; Jeder hielt einen kleinen Beutel mit Geld in der zitternden Hand. Kaum aber wurden die herbeigeeilten Weiber, Greiſe und Kinder die vom Rathhauſe Kommenden gewahr, da kehrten ſich ihre bangen Zweifel in jubelnde Freude. Das Weib eilte dem Gatten, der Greis dem Sohne, die Kinder dem Vater an den Hals. Die alſo Empfangenen waren die Unglücklichen, welche einer Geldſchuld wegen im Gefängniſſe geſchmachtet und bei dem damaligen harten Schuldengeſetz, das ſie in der Behandlung den ſchwerſten Verbrechern gleich⸗ ſtellte, nimmer auf Erlöſung gehofft hatten; die Großmuth ihres Fürſten aber hatte die Riegel ihrer dumpfigen Kerker geöffnet und ſie den Ihrigen zurückgegeben, in deren Armen und an deren Bruſt jetzt ihren Augen die hellen Freuden⸗ thränen entrannen. Und nicht allein die Freiheit verdankten ſie dem edlen Landesherrn: Jeder von ihnen hatte auch noch ein genügend Stück Geldes empfangen, um ſein Geſchäft wieder zu beginnen und die Seinigen vor fernerem Mangel ſchützen zu können. Da war es denn wohl erklärlich, daß man eine geraume Zeit lang nichts weiter vernahm auf dem Platze, als Lachen, Weinen, Jauchzen, Schluchzen, Jubeln und Gebet, his allmälig die Gruppen ſich trennten, um da⸗ heim dieſe Scene von Neuem zu beginnen. Wie viel Ge⸗ bete aber für den erhabenen Wohlthäter in dieſen Stunden aus dankerfüllten Herzen zum Himmel emporſtiegen, das weiß nur Gott allein, bei dem ſie ſicherlich ihre Stelle fanden! Auch Boytin, der den Auftritt von Anfang bis zu Ende mit angeſehen hatte, ſetzte jetzt ſenen Weg nach Hauſe fort. — Dieſe That ſieht ihm ähnlich und iſt ſeiner würdig! ſprach er bei ſich, indem er ſich mit der Hand über die naſſen Augen fuhr. Und er vollbrachte ſie mit nicht d gem Opfer, ohne ſich etwas davon merken zu laſſen! O, mein edler Fürſt, Dir ſoll mein Leben geweiht ſein jetzt und immerdar! Könnte ich doch einſt für Dich und in Deinem Dienſte ſterben! Ungeachtet es allgemach dunkelte und er ſchon ſeit dem frühen Morgen, ohne einen Augenblick der Erholung ſich zu gönnen, auf den Füßen geweſen, ſo ging er doch ſeinem Hauſe vorbei, um zuerſt nach ſeinem jungen Freunde zu ſehen. Mit dem hereinbrechenden Abend füllten ſich nun die geräumigen, hell erleuchteten und behaglich erwärmten Hallen des Hohen Hauſes mit den eingeladenen Gäſten. Gegen zweihundert Bürger, reiche und arme, erſchienen mit ihren Angehörigen; fröhlich wogten ſie in den Sälen auf und nieder und nur heitere Geſichter waren zu ſehen; Neid, Mißgunſt und Ueberhebung ſchienen verſchwunden aus den beiden Städten. Bald erſchien auch der Kurfürſt und ward mit donnerndem Zuruf und mit Trompetenklang empfangen. Leutſelig miſchte er ſich unter die Verſammelten und ſprach in freundlicher Herablaſſung mit Jedem, der in ſeine Nähe kam, ſo daß Alle, beſonders aber die Frauen, ſein freund⸗ liches Weſen entzückte. Als man dann an den reichbeſetzten Tiſchen Platz ge⸗ nommen, ward manch' ſinniger Trinkſpruch ausgebracht un⸗ ter Pauken- und Trompetenſchall und viele Lebehochs auf den Kurfürſten und ſein erlauchtes Haus. Nachher aber ging es zum Tanze, an dem auch der Kurfürſt theilnahm und durch ſeine ritterliche Galanterie alle Frauenherzen er⸗ ARNRBVNR;=Öe oberte. Erſt lange nach Mitternacht verließen die Gäſte zu⸗ frieden und froh den Ort des Feſtes. Im Kalandshofe aber und auf den Herbergen ging's nicht minder luſtig zu; man that ſich umſomehr nach Kräften gütlich, als die langen, trüben Faſten vor der Thür waren, die damals noch mit großer Strenge gehalten wurden. Alle waren über die Maßen erfreut und Jeder pries den Kur⸗ fürſten als den beſten, edelſten und gütigſten Landesherrn; es hatte den Anſchein, als ſei nichts auf der Welt im Stande, die Eintracht zwiſchen dem Fürſten und ſeinem Volk zu ſtören. Bis zum lichten Morgen währte der Jubel, wie man ihn nie wieder in den beiden Städten erlebte. So war denn Berlins und Köllns Befreiung vom Joche der Patrizier vollbracht. Während die Bürger anderer Städte ihr Recht durch blutige Kämpfe erringen mußten, um bald darauf ihre Frei⸗ heit in den Strömen ihres eigenen Blutes erſtickt und ſich ärger denn zuvor geknechtet zu ſehen, waren Berlins und Köllns Bürger auf leichte Weiſe und mit geringen Opfern frei geworden und zu ihrem Recht gelangt, weil ihre Führer den Fehler vermieden hatten, welchen Jene ſich zu Schulden kommen ließen, als ſie ihr Heil in der Empörung gegen den Landesherrn und nicht im Bunde mit dieſem ſuchten. Dort waren die Fürſten gezwungen geweſen, im Verein mit den verjagten Patriziern die neue, ſchwer erkämpfte Bürgerfrei⸗ heit blutig zu unterdrücken, um ſich ihre Kronen zu wahren; hier trat der Landesfürſt ſelber als Befreier der Unter⸗ drückten und als Schirmherr der Befreiten auf; verſchieden, wie die eingeſchlagenen Wege, war auch das Endziel der Beſtrebungen hier und dort. Hätten nur die beiden Städte auch nun verſtanden, das ſo leicht Errungene ſich zu wahren, indem ſie die mahnende 4 7 ———— ——— AAAAA;A;E;E ihres Schickſals mit dem anderer Städte aufdrängen mußte! Und wenn ihnen ſpätere Ereigniſſe einen andern als den bisherigen Weg, welcher ſie zum Siege geführt, einzuſchlagen geboten: hätten ſie dann nur bedacht, daß nur feſtes, einiges Zuſammenhalten ihnen die früher gehabte mächtige Hülfe erſetzen konnte! Aber ſie beherzigten weder das Eine, noch das Andere und darum mußten ſie ſchon nach wenigen Jah⸗ ren und nach harten Kämpfen ihre Herrſchaft durch dieſelbe Hand ſtürzen ſehen, welche ſie jetzt ſo hoch erhoben. Freilich ward ihr jäher Sturz die Urſache künftiger Größe, denn ohne die eben angedeuteten Begebenheiten wäre nimmer Berlin ge⸗ worden, was es heute iſt; aber dennoch iſt es ein trauriger Anblick, ein ſo ſchönes Gebäude der Freiheit, wie es hier errichtet worden, nach kurzer Zeit durch ſeinen eigenen Er⸗ bauer wieder zerſtört zu ſehen! Doch gehört die Darſtellung der wichtigen Ereigniſſe, welche die faſt völlige Vernichtung der kaum erlangten Bür⸗ gerfreiheit in den beiden Städten herbeiführten und begleite⸗ ten, nicht in dieſe Erzählung; in den nachfolgenden Kapiteln ſoll dem freundlichen Leſer, welcher dieſer Erzählung mit rühmenswerther Geduld bis hierher folgte, nur noch einige Nachricht über diejenigen Perſonen ertheilt werden, deren bis jetzt noch in Ungewißheit ſchwebendes Schickſal möglicherweiſe einige Theilnahme erregt hat. * Wie das Neue immer das Alte und das eigene In⸗ tereſſe das fremde verdrängt, ſo dachte man auch in den bei⸗ den Städten nach den zuletzt erzählten Begebenheiten nicht mehr der Dinge, die im Kloſter der Schwarzen Brüder ſich Lehre beherzigten, welche ſich ihnen bei der Vergleichung 207 AAAÄNAAANRAAAARARA zugetragen haben ſollten und von denen einige Tage lang ſo viel geſprochen wurden. Die Bürger und die Mitglieder des Kalands, welche den Kern der weniger wohlhabenden Be⸗ völkerung bildeten, hatten bei der Einführung der neuen Ord⸗ nung ſo reichlich zu thun, die müßigen Leute ſo viel zu gaffen gehabt; es gab auch bei ſo plötzlicher Veränderung faſt aller bisherigen Verhältniſſe noch nachher ſo Mancherlei zu be⸗ ſprechen, umzugeſtalten und einzurichten und man erfuhr täg⸗ lich ſo viel Neues bald über dieſe, bald über jene Sache, daß Alles, was nicht von allgemeiner Wichtigkeit war und nicht Bezug hatte auf die politiſchen Angelegenheiten, bei Seite geſetzt und vergeſſen ward. Daher achtete Niemand weiter, als höchſtens die kleine Zahl dabei Betheiligter auf den fremden Greis mit dem weißen Haar, den feurigen Augen und dem ſüdländiſchen Geſichtsausdruck, wenn er— bald allein, bald in Begleitung des vermeintlichen Pignetti und etlicher Kloſterknechte— aus dem Schwarzen Kloſter nach Boytins oder Ottokars Hauſe, manchmal auch nach dem Hospital St. Jürgen ſich begab; ebenſo wenig kuͤmmerte ſich die Bürgerwacht am Köpenicker Thore um des Greiſes Thun, wenn er in einem Boytin zugehörigen Fuhrwerk mit dem Pater Johannes und ſeinem frühern Schüler die Städte verließ und erſt nach Tagen wieder in dieſelben zurückkehrte. Als er einige Wochen nach dem Einzuge des Kurfürſten in einem Reiſefuhrwerk, dem ein mit Büchern und ſeltſamen Geräthen wohlbepackter Karren folgte, die beiden Städte für immer verließ, wobei ihm Boytin und etliche Andere, darun⸗ ter der Prior des Schwarzen Kloſters und Pater Johannes, der heilkundige Franziskaner aus dem Grauen Kloſter, das Geleit gaben— da blieb wohl hier und da Einer ſtehen und ſah dem ungewöhnlichen Auszuge verwundert nach; aber das war auch faſt die einzige Aufmerkſamkeit, welche man dem fremden Greiſe und ſeinem Kommen, Verweilen und Gehen ſchenkte. 208 AAAAANANANRNRB Gleiche Vergeſſenheit ward— wie ſchon geſagt— Allem zu Theil, was eben in keiner ſichtlichen Beziehung zu den öffentlichen Angelegenheiten der beiden Städte ſtand. Inzwiſchen war dem im Allgemeinen milden, aber trüben und naſſen Winter ein rauhes und kaltes Frühjahr gefolgt; Schnee und Eis bedeckten die Erde bis in den Monat April hinein und ein beſtändig bewölkter Himmel machte den langen Nachwinter noch fühlbarer und unangenehmer. Es ſchien, als ſollte ſtatt des Frühlings der Winter von Neuem be⸗ ginnen. Trübſeliger noch, als draußen im Freien, ſah es aber in dem Hauſe der Brüderſtraße aus, welches Ottokar vor ſeiner Verhaftung bewohnt und in das man ihn nach ſeiner Freiſprechung wieder gebracht hatte. Zwar war die ſchwere Krankheit allmälig von dem jungen Manne gewichen, aber ſeine Umgebung konnte ſich kaum ſeiner Geneſung freuen. Schien es doch, als ſei er gar nicht mehr derſelbe wie frü⸗ her und als wäre von dem Ottokar, den Alle, die ihn näher gekannt, um ſeines gleich ausgezeichneten Geiſtes und Herzens willen bewundert und geliebt hatten, nur noch die äußere Geſtalt übrig geblieben. Düſter, verſchloſſen und wortkarg ging oder ſchlich er vielmehr im Hauſe einher; nichts er⸗ regte ſeinen Antheil, ſogar die Erinnerung an die jüngſt vergangenen Tage ſchien ihm entſchwunden zu ſein, denn gleichguͤltigen Angeſichts ſah er ſeinen alten Andreas mit ge⸗ wohnter Emſigkeit die Dienſte im Hauſe verrichten und Peter, ſeinen treuen, todtgeglaubten Freund, bei ſich ein⸗- und aus⸗ gehen, ohne daß eine Frage wegen dieſer Beiden über ſeine Lippen kam. Um ihn aus dieſer Verſunkenheit zu reißen, erzählte ihm Boytin von der glänzend vollbrachten Befreiung der beiden Städte, von der Herrſchaft der Patrizier und von der Freude und Dankbarkeit der Einwohner; aber auch dieſe Mittheilungen machten keinen ſichtlichen Eindruck auf ihn. Er hörte Alles ruhig an, was man ihm ſagte; ſelten gab ,209,2 er durch einen Blick oder durch ein kurzes Wort ſeine Theil⸗ nahme zu erkennen. Nur manchmal, wenn Lisbeth mit ab⸗ gehärmten Wangen und rothgeweinten Augen zu dem Bruder trat, dann ſchien es, als blitze das frühere Feuer ſeiner edlen Seele urplötzlich wieder in ihm auf, ſeinen Geiſt erhellend und ſein Herz erwärmend; in ſolchen Momenten ſtrahlte wie⸗ der die reinſte innigſte Liebe aus ſeinen Blicken und es ge⸗ ſchah dann wohl auch, daß er die Schweſter an ſeine Bruſt zog und zwei heiße Thränen aus ſeinen Augen auf Lisbeth herniederfielen. Doch immer nur kurze Zeit währten ſolche Kundgebungen eines noch vorhandenen inneren Lebens; bald ſanken ſeine Arme, welche kaum die Schweſter umſchloſſen hatten, wieder herab, ſeine Augen wurden wieder glanz⸗ und ausdruckslos wie vorhin und leiſe weinend mußte Lisbeth den Bruder in ſeinen traurigen Zuſtand zurückſallen ſehen, in welchem er unzugänglich für jede Regung war und im Gegenſatze zu ſeiner früheren raſtloſen Thätigkeit ſtundenlang vor ſich hinſtarrte, ohne das geringſte Verlangen nach irgend einer Beſchäftigung kundzuthun. Es war ein ſchmerzlicher Anblick, den er ſo darbot. Pater Johannes erſchien täglich; aber auch er vermochte nichts zu ändern an Ottokars betrübendem Zuſtand und im⸗ mer bedenklicher ſchuͤttelte er den Kopf, wenn er ſeinen Schütz⸗ ling betrachtete. Im Uebrigen aber führte er das Regiment im Hauſe; es durfte nicht das Geringſte in Bezug auf Ot⸗ tokar geſchehen; er hätte es denn erlaubt oder ſelber ange⸗ ordnet. Hin und wieder nahm ihn Lisbeth bei Seite, leiſe mit ihm redend, und ihre thränenfeuchten Augen blickten dabei mit ſo rührendem Flehen zu ihm auf, daß auch ihm das Waſſer in die Augen trat. Aber ſtets verſagte er die Gewährung ihrer Bitte. — Es darf nicht ſein! müſſen erſt in Geduld abwarte Die ſchwarzen Brüder. IV. ſprach er dabei zu ihr. Wir n, wie es mit ihm wird. Die 14 210 AAAAAAAAAAAAN;NAÄ Uebereilung eines Augenblicks kann das Uebel tauſendfach verſchlimmern! Als der Mönch gewahrte, daß Ottokar nie von ſelbſt die Vergangenheit berührte, und daß ſich ſogar häͤufig ſein Zuſtand verſchlimmere, wenn man ihn an gewiſſe Sachen erinnerte, ſo hatte er von Stund' an verboten, im Beiſein des jungen Mannes von der Vergangenheit zu ſprechen. Wenn ſich auch hin und wieder Einer— namentlich Peter— vergaß, ſo ward doch im Allgemeinen dem Verbote gefolgt und Jeder befleißigte ſich der Vorſicht. In der erſten Hälfte des Monats April erreichte der ſtrenge Nachwinter ſein Ende; es trat Thauwetter ein und nachdem ſich der Himmel geklärt, ſchien die Sonne ſo mild und warm hernieder, als wolle ſie die Verſäumniß nach⸗ holen und lockte Gras und Blüthen ſo ſchnell und reichlich hervor, daß männiglich hinausging in's Freie, um die er⸗ quickende Frühlingsluft einzuathmen und ſich zu erholen von den Entbehrungen des langen Winters. Pater Johannes hatte mit Schmerzen auf den Eintritt der milden Witterung geharrt; er hoffte, daß der Anblick der erwachenden Natur einen wohlthätigen Einfluß auf Ottokars Gemüth ausüben und auch ſeine Seele erwecken werde, daher er denn jetzt in ihn drang, einen Gang in's Freie mit ihm zu machen. Doch was er auch that und ſagte, um Ottokar zum Aus⸗ gehen zu bewegen— es war Alles vergeblich; mit einer Beſtimmtheit, die ſeit ſeiner Krankheit bei ihm nicht gewöhn⸗ lich war, ſchlug Ottokar jedes derartige Verlangen ab und ſelbſt Lisbeths ſanfte Bitten vermochten nichts auszurichten. Da verzweifelte auch der heilkundige Mönch an jeder Hoffnung auf Beſſerung bei dem geiſtig Kranken. Inzwiſchen rückte das Oſterfeſt heran, welches in die andere Hälfte des Monats fiel. Am Charfreitage wollte Peter— oder wie er jetzt hieß: Herr Petrus Reinhold— auf kurze Zeit zu ſeiner Lieſel 211., nach der Gruͤnſtraße hinübereilen, denn er hatte ſeine Braut ſchon etliche Tage nicht geſehen; als er aber auf die Gaſſe trat, ſah er Bernhard mit Reiſekleidern angethan, vom Pre⸗ diger⸗Kloſter her auf das Haus zukommen. Sogleich eilte er dieſem entgegen und bot ihm mit herzlichem Gruße die Hand zum Willkommen. — Gott ſei gelobt, daß Du wieder da biſt, Bernhard! ſagte er weiter zu ihm. Habe ich doch nun wieder Einen, zu dem ich meine Bekümmerniß frei ausſprechen kann! Wäh⸗ rend Du draußen warſt, konnte ich's nicht. Der alte An⸗ dreas iſt ein Brummbär, mit dem ſich wenig reden läßt: Lisbeth aber weint, ſobald ich nur von Ottokar beginne, daß mir's bis tief iu die Seele weh thut; und mit meiner Lieſel— na, wenn's mir möglich iſt, ſpreche ich mit der gern von andern Dingen. Darum ſchon biſt Du mir herz⸗ lich willkommen! — So iſt's alſo immer noch mit Ottokar beim Alten? ſprach Bernhard bekümmert, indem er mit Peter in das Haus trat. Vielleicht würde es beſſer, wenn man ihm frank und frei ſagte— — Pſt! Pſt! Um's Himmels willen, ſchweige von dem, was Du da ſagen wollteſt! unterbrach ihn Peter haſtig. Pater Johannes hat's uns Allen auf die Seele gebunden; nicht einmal daran denken ſollen wir, geſchweige denn da⸗ von reden! Ich bitte Dich, ſei ſtill davon; wenn der alte Graukopf es hörte, litt er Dich nicht hier im Hauſe! — Nun, er iſt ein weiſer Mann und meint es gut mit unſerem Freunde, darum wollen wir uns in ſeinen Wil⸗ len fügen, verſetzte Bernhard. Eigentlich iſt es grauſam von ihm— doch ſprich, wie ergeht es meiner Lisbeth? Woll⸗ teſt Du ſie wohl von meiner Ankunft benachrichtigen, indeß ich mich vom Staube der Landſtraße reinige? — Lisbeth iſt nicht anweſend im Hauſe, erwiederte Peter. Frau Martha wird täglich ſchwächer, und da ſie . 14* AAAAANANARNRNRNNRNNRòB ſich durchaus nicht trennen will von dem Orte, wo ſie zwan⸗ zig traurige Jahre zubrachte, ſo iſt Lisbeth, wie ſchon öfter, ſo auch heute zu ihr hinaus, um dort eine ebenſo gute Toch⸗ ter zu ſein, wie ſie ſich hier als Schweſter und Freundin zeigt. Wenn ich die Lieſel nicht hätte, Bernhard, ſo würde ich am Ende Neid gegen Dich hegen! Doch wenn Du willſt, ſo kannſt Du Deine Braut hier erwarten; bereits iſt Herr Boytin mit ſeinem Fuhrwerk hinaus, um ſie heimzuholen, da der Abend naht. Komm mit mir in mein Gemach, daß Du Dich von der Reiſe erholen kannſt. Biſt wohl noch nicht in Deinem Hauſe geweſen? — Vor Allem mußte ich ja hierher eilen! entgegnete Bernhard, der Einladung folgend. Auch habe ich Aufträge an Lisbeth von meiner Schweſter Helena auszurichten, die ich heut im Kloſter zu Spandow geſprochen. — Haſt Du den Zweck Deiner Reiſe erreicht? fragte Peter nach einer Weile, als er im Gemach für Bernhard Sorge getragen. — Ach, Freund, Du biſt glücklich! ſprach Bernhard traurig. Ja, ich habe meinen Vater gefunden— aber wie? Großer Gott— als wahnſinnigen Bettler! Du biſt glück⸗ lich gegen mich; als Dir Kunde von Deinem unglücklichen Erzeuger wurde, da war er ja ſchon eingegangen zur Ruhe und Du darfſt an ſeinem Grabe weinen! — Als wahnſinnigen Bettler! wiederholte Peter. Ja, Bernhard, Du haſt Recht; ich bin hierin glücklicher als Dul — Stelle Dir's vor, wie mir zu Muthe ward, als ich ihn zum erſten Male wiederſah! fuhr Bernhard fort. Am Eingange eines ſächſiſchen Städtchens ſtand er und hielt mir mit wahnſinnigem Lachen ſeine Hand entgegen, um eine Gabe von mir— hörſt Du, von mir— zu empfangen! Ich, der ich alle ſeine ſtolzen Pläne und Hoffnungen ge⸗ kannt, ich fand ihn als Bettler; er, der einſt die Hand nach dem Herzogsmantel ausgeſtreckt, er hielt jetzt dieſe Hand 213 den Leuten hin um eine milde Gabe! O, Freund, wäre Lisbeth nicht— Gott, ich weiß nicht, was ſchon geſchehen wäre!— — Ergieb Dich darin, Bernhard! ſuchte ihn Peter zu tröſten. Denke daran, was der arme Ottokar Alles erdulden mußte, und er hat's ſtandhaft getragen, bis— bis— Aber weiter konnte er nicht ſprechen; die Augen gingen ihm über. — Ich warf mich an ſeine Bruſt, aber er erkannte weder mich, noch Ehrig, ſprach Bernhard nach einer Pauſe weiter. Vergebens bot ich Alles auf, um ihm verſtändlich zu machen, wer ich ſei und was ich wolle; vergebens be⸗ ſchwor ich ihn, mit mir zurückzukehren, indem ich ihm die großmüthige Verzeihung ſeines edlen Fürſten mittheilte: das Einzige, was ich von ihm hörte, war die Bitte um eine milde Gabe! O, es war die Strafe dafür, daß ich ihn ſo oft gekränkt, daß ich ſo oft vergeſſen habe, in ihm den Vater zu ehren! Faſt mußte ich Gewalt anwenden, um ihn nur fortzubringen von dem Orte. Doch ſchon in der nächſten Nacht gelang es ihm, aus dem Gaſthauſe zu entfliehen, und obwohl wir ſogleich die ſorgfältigſten Nachforſchungen an⸗ ſtellten und ich eine große Summe auf die Wiederbringung des Unglücklichen ſetzte, ſo war doch während einer vollen Woche keine Spur von ihm zu ermitteln. Da zog's mich hierher zu Lisbeth, daß ich dem Drange nicht länger wider⸗ ſtehen konnte; ich überließ einſtweilen Ehrig die Fortſetzung der Nachforſchungen und eilte hierher, indem ich den Weg über Spandow nahm, um das Verſprechen zu erfüllen, wel⸗ ches ich meiner armen Schweſter bei der Abreiſe gegeben. — Ja, das iſt wirklich eine recht traurige Geſchichte! nahm Peter, der ſich inzwiſchen wieder geſammelt hatte, das Wort. Faſt möchte ich wünſchen, daß ich kurfürſtlicher Rei⸗ ſiger geblieben wäre; dann wüßte ich doch von all dieſem Herzeleid nichts! Nie hätte ich früher gedacht, daß es ſo bös 214 AD in der Welt zugehen könne! Aber Du läßt ja Speiſe und Trank unberührt ſtehen, Bernhard, ſicherlich biſt Du doch einer Stärkung bedürftig! Bernhard machte eine verneinende Bewegung. — Einer andern Stärkung, als leibliche Nahrung, bin ich bedürftig! ſprach er trübe. — Suche Dich zu tröſten, Bernhard, da es doch nun einmal nicht anders iſt! begann Peter wieder, der Alles her⸗ vorſuchte, um ſeinem Freunde Beruhigung zu verſchaffen. Denke daran, daß Dein Vater doch Manches gethan hat, was Strafe nach ſich zieht— — Halt inne, Peter; denn was Du ſagen willſt, iſt kein Troſt für mich! unterbrach ihn Bernhard. Steht es mir etwa zu, meines Vaters Handlungen zu richten und ihn ob ſolcher zu verdammen— mir, der ich noch tiefer als er in den Abgrund geſunken waͤre, wenn Gott nicht ein Wunder an mir gethan hätte? Soll ich, der ich ſelber der Verzeihung und Nachſicht ſo ſehr bedarf— ſoll ich zu mir ſagen: Dein Vater hat ſein Elend verdient! Soll das mir eine Beruhigung ſein? — Wahrlich, ſo meinte ich's nicht, Bernhard! be⸗ theuerte Peter. Ich wollte damit nur ſagen, daß ihm die Buße dieſes Lebens dermaleinſt angerechnet wird, und daß Dir daher doch der Troſt bleibt, ihn nicht allzu lange im Fegefeuer ſchmachten zu ſehen, wenn's hier unten mit uns und ihm aus iſt. Bernhard drückte ihm ſchweigend und mit trübem Lä⸗ cheln die Hand. — Ich will hinaus, Lisbeth entgegen, ſagte er dann; es iſt mir in dieſen Mauern zu eng; der Anblick der Ge⸗ liebten wird mir wohl thun! — Ich begreife Deine Sehnſucht! verſetzte Peter. Gehe immerhin; Du kannſt ſie auf dem Wege nicht verfehlen. Aber ich bitte Dich, mache ihr das Herz nicht noch ſchwerer durch Deine trüben Klagen; ſie hat wahrlich ſchon genug zu tragen! — Befürchte nichts! erwiederte Bernhard; ich will ja nur aus ihren holden, treuen Blicken leſen, daß ich ihr wirk⸗ lich etwas gelte und daß ſie zu vergeſſen vermag, wer ich früher war! Fern von ihr, beſchleichen mich trübe, quälende Zweifel; in ihrer Nähe aber iſt mir wohl; nicht, daß ich mich dann beſſer fühlte, ſondern weil dann der Odem der milden, verzeihenden Liebe mich umweht! Gehab Dich wohl indeſſen, Peter; wir ſehen uns heute noch. Peter blieb nach Bernhards Entfernung im Gemach zurück, in welchem er ſinnend auf- und abſchritt; den guten, ſonſt ſo heitern und harmloſen Burſchen hatten die jüngſten Ereigniſſe das Nachdenken gelehrt. — Der ſtolze, reiche und mächtige Bürgermeiſter Rycke iſt jetzt ein Bettler und wahnſinnig dazu! ſprach er vor ſich hin. Das iſt doch ein großes Unglück für den armen Mann, obwohl ihm damit nicht Unrecht geſchieht! Gott im Himmel, wenn Du die Böſen ſo gewaltig heimſuchſt, aller Welt zur Lehre und zur Warnung— warum belohnſt Du nicht in gleichem Maße die Guten? Da gäbſt Du doch den Leuten ein rechtes Beiſpiel! Ob ich zu der Lieſel hinübergehe? ſprach er nach einer Weile wieder. Nein, will's lieber jetzt ſein laſſen, denn ich bin nicht in der Stimmung, mit dem Mädel zu koſen. Mor⸗ gen oder an den nächſten Tagen iſt's auch noch Zeit dazu! Mit dem hereinbrechenden Abend kehrte Lisbeth in Boy⸗ tins und Bernhards Begleitung zu dem Bruder zuruͤck. Ottokar befand ſich in ſeinem gewöhnlichen traurigen Zuſtande; doch richtete er einen langen, ſeltſamen Blick auf Bernhard, an deſſen Hand Lisbeth in ſein Gemach getreten war. Nach kurzer Zeit drückte er das Verlangen aus, allein zu ſein, und man willfahrte ihm, indem man ſich in das 216 AAANANARNNR anſtoßende größere Gemach begäb, das durch eine nur mit einem Vorhang verſehene Thüröffnung mit dem des Kranken in Verbindung ſtand. Hier ſprach Bernhard und Boytin und Lisbeth über die Erlebniſſe ſeiner Reiſe, deren Erfolg er ihnen ſchon unter⸗ wegs in der Kürze mitgetheilt hatte. Dann erfuhr er auch von den Beiden, was inzwiſchen in den beiden Städten Be⸗ merkenswerthes vorgefallen war. Das an und für ſich nicht heitere Geſpräch ward von den daran Theilnehmenden nur mit leiſer Stimme geführt. — So iſt er alſo todt! ſprach Bernhard nach einer ein⸗ getretenen Pauſe. Wohl ihm; er iſt beſſer daran, als ſein unglücklicher Bruder, an dem ſein Fluch ſo gräßlich in Erfül⸗ lung geht! O, meine Lisbeth, möge durch die Liebe der Kin⸗ der der Haß der Väter droben geſühnt werden! Doch, ſagt mir, nahm er vielleicht jenen Fluch beim Sterben zurück? — Als der Bruder Deines Vaters ſtarb, war nur ſein greiſer Lehrer und Pater Johannes bei ihm und keiner der Beiden hat bis jetzt von ſeinen letzten Augenblicken geſprochen, gab Boytin zur Antwort. Man hört aber von den Mönchen des Prediger⸗Kloſters erzählen, daß ſein Ableben von gar ſeltenen Umſtänden begleitet geweſen ſein ſoll— wie es ſich ja an Martha deutlich ofſenbarte. In jenen ſeltſamen Um⸗ ſtänden mag auch wohl das tiefe Schweigen der Beiden über Theobald Rycke's Ende ſeinen Grund haben. — Möge er im Grabe Ruhe gefunden haben nach den Schmerzen, Täuſchungen und Irrthümern ſeines Lebens! ſprach Lisbeth. Es war ja nicht Luſt am Böſen, was ihn bei ſeinem Thun geleitet; hat ihm ja doch ſein greiſer Lehrer, als er von uns ſchied, das Zeugniß gegeben, daß er reichlich dazu gethan, das Böſe, was er angerichtet, wieder gut zu machen! Auch Klara, meiner armen Freundin, begegnete er mit jeglicher Rückſicht, obgleich ſie ſeinem Verlangen, ihm bei ſeinem Werke Beiſtand zu leiſten, nie ſich fügte; darum konnte AAAAAe er auch gegen Euch, Herr Boytin, mit Stolz behaupten, daß Ihr und wir Alle ihm Klara's wegen Dank ſchuldig ſind, da ohne ihn— Lisbeth hielt plötzlich mit dem Sprechen inne, denn aus dem Gemach des Kranken drang ein Ton, wie ein tiefes, ſchmerzliches Seufzen: auch war es ihr, als ſie ihre Blicke auf den Eingang in jenes Gemach richtete, als ob deſſen Vorhänge ſich bewegten. Doch war es bereits zu dunkel, um den letzteren Umſtand mit Gewißheit wahrnehmen zu können. — Wenn Ottokar nur nicht unſer Geſpräch vernom⸗ men hat! flüſterte ſie den Beiden erſchrocken zu. Pater Jo⸗ hannes hat ſo ſtreng uns Vorſicht befohlen, weil er meint, daß dem Bruder großer Schaden aus einem einzigen Wört⸗ lein erwachſen könne. — Es iſt nicht gut möglich, daß er etwas gehört hat, beruhigte ſie Boytin. Wir verließen ihn ja, in ſich ſelber verſunken, auf ſeinem Bett im Hintergrunde des Gemachs ſitzend, bis wohin unſere leiſen Stimmen nicht dringen; auch bezeigt er ſich leider ſo theilnahmlos an Allem, was um ihn vorgeht, daß es ihm ſicherlich nicht einfällt, unſer Geſpräch zu belauſchen. Doch laß uns von etwas Ande⸗ rem ſprechen, mein gutes Kind; von etwas, das Dich Dei⸗ nen Kummer auf einige Zeit vergeſſen läßt. Es heißt in der Schrift: das Weib ſoll Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne anhängen; wohlan, vergiß auf einige Zeit das Geſchick Deines Bruders, dem Gott allein helfen kann und wird, und richte Deine Gedanken auf den Mann, dem Du über Alles theuer biſt! Habe ich nicht Recht, Bernhard? So gelang es dem freundlichen, ſtets auf Lisbeths Auf⸗ heiterung bedachten Mann— denn er fürchtete das Schlimmſte von dem ſteten Kummer der treuen Schweſter— das Ge⸗ ſpräch auf einen Gegenſtand zu bringen, der unter allen Umſtänden und immerdar ein liebendes Herz erfreut. NNRNRN O Als die Kerzen angezündet waren und ſich der kleine Kreis durch Peter und Andreas vergrößert hatte, ſetzte man ſich in die Nähe des traulichen Kamins und baute Luft⸗ ſchlöſer für künftige Tage, auch für Ottokar; denn man mochte ja die Hoffnung nicht ganz aufgeben, ihn aus ſei⸗ nem Scheinleben noch zu wirklichem Leben erwachen zu ſehen. Doch gehorſam den Anordnungen des heilkundigen Mönches, vermied man es ſorgfältig, gewiſſe Namen auszuſprechen und von Ereigniſſen zu reden, deren Erwähnung Pater Jo⸗ hannes ſtreng verpönt hatte. So vergaß man auf eine Stunde das herbe Leid, das allen Anweſenden durch Ottokars traurigen, unerklärlichen Zuſtand erwuchs. Als Boytin und Bernhard ſich nach Hauſe begeben hatten, konnte es Lisbeth nicht über ſich gewinnen, auf ihr Kämmerlein zu gehen, ohne noch einmal nach dem Bruder geſehen zu haben. Trotz ſeines vorhin kundgegebenen rau⸗ hen Verlangens, ihn für den Abend allein zu laſſen, wagte ſie es dennoch, die Vorhänge auseinanderzuſchlagen und ihm mit leiſer Stimme eine gute Nacht zu wünſchen. Ottokar ſaß auf ſeinem Lager; ſein Kopf war auf die Bruſt hinabgeſunken, die Hände ruhten in träger Ruhe auf ſeinen Knieen. Bei Lisbeths ſanften Worten aber erhob er ſein bleiches Angeſicht zu der Schweſter und reichte ihr mit mattem Lächeln die Hand. Als Lisbeth nun näher trat, gewahrte ſie die Spuren von Thränen an ihm. Weinend ſetzte ſie ſich zu ihm und lehnte ihre Stirn auf ſeine Schulter. Mit unbeſchreiblich liebevollem Ausdruck blickte Ottokar auf die weinende Schweſter; er zog ſie an ſeine Bruſt und zu wiederholten Malen öffnete er die Lippen, als träte ihm das Herz auf die Zunge. Doch immer war es, als ob ir⸗ gend etwas das Wort wieder von ſeinen Lippen verdrängte, wenn er eben es ausſprechen wollte. Lisbeth aber ward in ihrem Schmerze dies nicht gewahr. RR — Laß mich jetzt wieder mit mir allein, Lisbeth, ſprach Ottokar endlich, indem er ſich von ihrer Seite erhob. Und willſt Du mir eine Liebe erzeigen, ſo ſorge dafür, daß ich auch morgen und die anderen Tage keines Menſchen Ange⸗ ſicht ſehe— es ſei denn, daß ich Jemand rufe! Auch auf Dich, traute Schweſter, wie auf Pater Johannes, erſtreckt ſich dieſer mein Wunſch. Ich weiß, Du wirſt ihn erfüllen. Dabei wandte er ſein Geſicht zur Seite, um den kum— mervollen Blicken der Schweſter nicht zu begegnen; als aber Lisbeth ſchluchzend von ihm ging, da eilte er ihr nach und geleitete ſie an ſeiner Hand bis an ihr Kämmerlein. Hier küßte er ſie zum Abſchied auf die Stirn. — Beruhige Dich, armes Herz! ſprach er darauf leiſe. Es währt ja kein Ding ewig auf dieſer Welt, alſo auch nicht der Schmerz! Damit verließ er ſie und begab ſich in ſein Gemach zurück. Lisbeth aber wankte bekümmerter als je in ihr ſtilles Kämmerlein. — So hat mich meine Ahnung nicht getäuſcht! klagte ſie hier. Er iſt dem finſtern Menſchenhaß verfallen, der nim⸗ mer weicht, hat er einmal Wurzel gefaßt! Er ſieht unſern Kummer und will uns tröſten mit ſeinem Tode! Unglück⸗ licher Bruder! Du dreifach unglückliche, ſchweſterliche Freun⸗ din— Helenens Geſchick iſt zu preiſen gegen das Deine! 12. Der Oſtermorgen war erſchienen. Freundlich und mild ſandte die Sonne ihre erwärmenden und belebenden Strah⸗ len hernieder, als wolle auch ſie das große Auferſtehungs⸗ feſt des Herrn feiern. 220 ne Schon am Abend vorher und beim erſten Morgengrauen hatten alle Glocken in den beiden Städten durch feierliches Geläute das hohe Feſt, das Feſt der Freude nach der lan⸗ gen, trübſeligen Faſtenzeit, froh begrüßt, und beim zweiten Male hatte weithin tönender Poſaunenſchall von den Thür⸗ men herab ihren hehren Klang begleitet; als aber die ſie⸗ bente Stunde des Morgens herannahte, da erhoben ſie aber⸗ mals ihre ehernen Stimmen, um die Glaäubigen zu rufen zum feierlichen Hochamt, das zu dieſer Stunde in allen Kir⸗ chen abgehalten ward. Und männiglich, was der Botſchaft von der Auferſtehung des Todesüberwinders gläubig ver⸗ traute, machte ſich froh zur Feier bereit und freute ſich des ſchönen Feſtes. Nur in dem uns wohlbekannten Hauſe der Brüderſtraße ſchien die Freude nicht eingekehrt zu ſein. Zwar hatte Lis⸗ beths ſtilles häusliches Walten dafür geſorgt, daß Alles vorhanden war, was die althergebrachte Sitte für dieſes Feſt erheiſchte; alle Räume des beſcheidenen Hauſes hatten ein feſtliches Anſehen erhalten und waren mit friſchem Tan⸗ nenreis belegt, und auf dem Tiſche des gewöhnlichen Ver⸗ ſammlungsortes der Hausbewohner— in dem Gemach, wel⸗ ches neben dem des Kranken belegen war— dampften ſchon ſeit ſechs Uhr Morgens die friſchen, duftigen Oſterfladen neben der Kanne mit dem würzigen Oſterwein, und war Beides einladend genug zubereitet und aufgeſtellt; allein Nie⸗ mand im Hauſe dachte daran, ſich nach den Tagen der Faſten am leckeren Mahl zu laben. Als Lisbeth den Tiſch ſauber gedeckt, das Gebet geſprochen und die Hausgenoſſen mit freundlichem Blick und Wort zum Zulangen aufgefordert hatte, verließ ſte das Gemach und ging wieder auf ihr Käm⸗ merlein, um einestheils den Andern durch ihre kummervolle Miene das Mahl nicht zu verleiden, dann aber auch, um ſich vorzubereiten auf den Gottesdienſt, dem ſie heute we⸗ nigſtens beiwohnen wollte, nachdem ſie ihn am Charfreitage 221 RRRR der leidenden Mutter wegen verſäumt hatte. Ihre Dienerin aber, der das trübſelige Schweigen im Gemach nicht behagte, folgte alſobald dem Beiſpiel der Gebieterin, um des Feſtes ſich auf ihre Weiſe zu freuen, und Peter ſowohl wie An⸗ dreas traten Jeder an ein Fenſter und ſchauten traurigen Blickes und ſchweigend hinab auf die ſonnige Gaſſe, auf der die Nachbarn, angethan mit ihren beſten Kleidern, zufriede⸗ nen und heiteren Muthes und ſich gegenſeitig durch from⸗ men Zuruf begrüßend, der Kirche St. Petri zuwallten, deren Glocken nach kurzen Pauſen immer wieder von Neuem ihren feierlichen Ruf ertönen ließen. So blieb das leckere Gebäck und das edle Getränk un⸗ berührt auf dem Tiſche ſtehen, als ob es gar nicht genieß⸗ bar wäre. Wer aber konnte es den Hausgenoſſen verargen, daß trotz des hochherrlichen Feſtes keine Freude ſich bei ihnen kund gab! Stand es doch um den, welchem ſie Alle mit gleicher Liebe zugethan waren, ſchlimmer als je! Während des ganzen vorhergegangenen Tages hatte Niemand ſein Gemach betreten dürfen; ſelbſt Speiſe und Trank hatte er hartnäckig verſchmäht. Als Pater Johannes und Boytin gekommen, um ihm— der Eine ernſt ermah⸗ nend, der Andere freundſchaftlich bittend— Vorſtellungen zu machen ob ſolchen Gebahrens, da hatte er ſie kurz und rauh abgewieſen und ihnen endlich gar keine Antwort mehr gege⸗ ben, ſo daß der Mönch, der bisher immer noch die Hoffnung der Uebrigen aufrecht zu erhalten geſucht hatte, jetzt geſtand, daß er nun ſelber keine mehr hege. Wie ſollte man unter ſolchen Umſtänden ſich der Freude hingeben können? — Es iſt ſo ſtill drinnen im Gemach des Kranken! unterbrach Peter endlich das Schweigen. Ob der arme Herr noch ſchläft? Man hört doch ſonſt wenigſtens ſeine ſchweren Athemzüge! 222 AAAAN; Andreas antwortete nicht darauf; er trommelte leiſe mit den Fingern gegen die Fenſterſcheiben, wie er ſchon vorher gethan. — Wahrlich, es herrſcht drinnen eine unheimliche Stille, fuhr Peter nach einer Weile fort. Mir wird ganz ſeltſam bang dabei zu Muthe! Ich wage es, trotz ſeines ausdrück⸗ lichen Verbots, hineinzugehen! — Ihr werdet es nicht thun, denn ich leide es nicht! nahm Andreas jetzt in gemeſſenem Tone das Wort. Bisher ward es ſtets ſchlechter mit ihm, wenn man gegen ſeinen Willen that! Im Uebrigen iſt er aber mein Herr und nicht der Eure; ich habe für ihn zu ſorgen, nicht Ihrl! Das wollet Euch ein für alle Mal merken! Peter wagte noch eine leiſe Einwendung, aber der fin⸗ ſtere Blick des Alten hielt ihn von der Ausführung ſeines Vorhabens ab. Der Herr des Hauſes beugte ſich vor dem Willen eines treuen, ihm ſelber aber eigentlich fremden Die⸗ ners und traurig kehrte er auf ſeinen vorigen Platz am Fen⸗ ſter zuruck. Andreas aber ſetzte ſein voriges Spiel mit den Fingern nicht fort; mit angehaltenem Athem lauſchte er, ob ſich denn gar kein Zeichen des Lebens im Gemach nebenan vernehmen ließe. Ein Geräuſch, wie vom Wegruͤcken eines Seſſels oder ähnlichen Geräthes, ließ nicht lange darauf die Beiden freier aufathmen; die bangſte Befürchtung ward dadurch von ihren Herzen genommen. Jeder ſuchte des Andern Blick und ſie verſtanden ſich auch ohne Worte. Bald aber fuhren Beide— Andreas ſowohl wie Pe⸗ ter— in jähem Schrecken auf, als ihnen urplötzlich eine wohlbekannte, aber unerwarteter als die Poſaune des Welt⸗ gerichts tönende Stimme im Gemach den Morgengruß bot. Meinend, ein Geſpenſt zu ſehen, ſtarrten Beide den Spre⸗ chenden an. 223 AAAAᷓRARARAᷓ;Rꝑ Doch es war ja keine Täuſchung möglich; es war ja heller Tag, um Fleiſch und Bein gewahren zu können. Ja es war Ottokar ſelber; aber nicht, wie er in der letzten Zeit geweſen, ſtand er vor ihnen, nein, er war wieder der Alte! Wie ſchon der Ton ſeiner Stimme dies bewieſen, ſo zeigte es noch mehr das freundliche Lächeln auf den Lippen, der ſanfte Ernſt ſeiner Züge, der wohlwollende Blick ſeines Auges, daß er wieder der alte, gute, von allen redlichen Menſchen, die ihn kannten, verehrte und geliebte Ottokar ſei. Nichts weiter, als die Bläſſe ſeines Angeſichts und auf demſelben die Spuren der vor Kurzem überſtandenen Krankheit ſeines Körpers erinnerten noch an die jüngſt vergangene traurige Zeit. Als er nun, den freundlichen Gruß wiederholend, auf die Beiden zuſchritt, da eilten ſie ihm mit lautem Freuden⸗ ruf entgegen und bedeckten ſeine Hände mit Küſſen und Thränen. — Ihr Guten, ſprach Ottokar mit inniger Rührung, wie viel Kummer, wie viel Herzeleid habt Ihr um mich gehabt! — O, ganz und gar nicht, lieber Herr! unterbrach ihn Peter, den die Freude nicht merken ließ, was er eigentlich ſagte. Gewiß, ganz und gar nicht, Ihr braucht Euch des⸗ halb nicht etwa neuen Kummer zu machen! Ach, ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll! — Laßt ab, Ihr Lieben, von Eurem Beginnen! fuhr Ottokar fort. Mir kommt es zu, Euch zu danken— aber womit könnte ich dies? Solche aufopfernde Treue kann nur der Himmel lohnen! Andreas— Peter— könnte ich's doch in Worte kleiden, was ich fühle! — Wir können's ja auch nicht, lieber Herr! ſchluchzte Peter. Andreas' Lippen ſchwiegen; doch um ſo beredter waren die Thränen und die Blicke des alten Dieners. — Wenn ich Dein Herz nicht beſſer kennte, Peter, ſo AAAAA; müßte ich glauben, Du willſt mein Bruder nicht ſein, da ich Dir Dein Eigenthum ſo lange vorenthielt, ſagte Ottokar. Freilich würdeſt Du mich dann auch nicht in Deinem Hauſe geduldet haben! Doch wenn Du nicht willſt, daß ich den⸗ noch ſolches von Dir glaube, ſo begegne mir fortan als Deinem Bruder und Freund und nenne mich nicht Deinen Herrn, der ich nicht bin und eigentlich auch nie war! Andreas rieb ſich bei Ottokars letzten Worten höchſt vergnügt die Hände und blickte mit ſchadenfroher Miene auf Peter. — Wißt Ihr denn noch von all dieſen Geſchichten, lie⸗ ber— rief der Letztere erſtaunt. Doch ſich ſchnell beſinnend, fuhr er fort: Nun, wenn's denn ſein muß, Herr Bruder, ſo ſei's! Ach, ich bin ja ſo froh, daß ich mit Freuden Alles thun will, was Du nur immer verlangſt, und wenn's auch das Schwerſte wäre! Ottokar drückte ihm lächelnd die Hand. — Es iſt heute das Auferſtehungsfeſt unſers Herrn, ſprach er dann ernſt; es ziemt ſich wohl für mich, daß ich ihm auch an heiliger Stätte meinen Dank darbringe für ſeine unendliche Gnade, die Niemand reichlicher erfahren hat, als ich! Hat er mich nicht gleichſam von den Todten er⸗ wecket? Wenn ich mich zum Ausgehen angekleidet habe, be⸗ gleitet Ihr mich wohl zur nahen Kirche! Eilig lief Andreas nach dem Schranke, um die Feſt⸗ kleider ſeines jungen Herrn, die lange dort geruht hatten, hervorzuholen und Ottokar beim Anlegen derſelben behülflich zu ſein. Auch Peter wollte dabei hülfreiche Hand leiſten: doch unſanft wies ihn Andreas zurück. — Seid doch nicht immer ſo garſtig, Alter! ſchalt Peter. Die Zeit iſt kurz und Eure zitternden Hände halten auf, ſtatt zu fördern! — Sie zittern vor Aerger ob Eures ungebuͤhrlichen Benehmens! verletzte Andreas. Wenn Ihr Euch aber auf X—— AAR;R=; Eure jungen Gliedmaßen etwas einbildet, warum lauft Ihr dann nicht zu Jungfer Lisbeth, die ſich noch immer abhärmt, und ſagt Ihr von unſerer Freude? — Gelt, Alter, ich glaube faſt, daß Ihr diesmal Recht habt! rief Peter mit einem fragenden Blick auf Ottokar. — Ja, thue es, Peter! bat Ottokar. Zwar gedachte ich Lisbeth zu überraſchen, wie ich's mit Euch gethan; aber es iſt wohl beſſer, wenn man ſie erſt vorbereitet. Peter eilte, Ottokars Wunſch zu erfüllen. Einige Minuten ſpäter trat Lisbeth an ſeiner Hand in das Gemach. Weinend ſank ſie dem mit ausgebreiteten Ar⸗ men ihr entgegeneilenden Bruder an die Bruſt. Der plötz⸗ liche Uebergang von herbem Kummer zu hoher Freude konnte ſich bei einem ſo zarten Gemüth nicht durch jubelndes Froh⸗ locken kundgeben. Lange währte es, bevor ſie auf Ottokars liebreichen Zuſpruch zu antworten vermochte. — So iſt denn wahr, daß Du zu neuem Leben erſtan⸗ den biſt? ſchluchzte ſie. Täuſchſt Du Dich auch nicht ſelber, mein Bruder— haſt Du in Wahrheit den finſtern Men⸗ ſchenhaß ſiegreich überwunden? — Gott erzeigte ſich ſtark in dem Schwachen, als ich mich in gläubigem Vertrauen zu ihm wandte! ſprach Otto⸗ kar feierlich. Frage mich jetzt nicht über die jüngſtvergan⸗ gene Zeit, theure Schweſter; wie ich während derſelben ge⸗ litten und gekämpft, Ihr Alle ſollt es erfahren— noch heute! Doch höre— von Neuem ertönt der Glocken mahnender Ruf; laß uns vor Allem dem Höchſten unſern Dank dar⸗ bringen. — O, könnte ich ihn preiſen mit Engelszungen! rief Lisbeth, ihre feuchten Augen gen Himmel richtend. Meine Seele, mein Empfinden und Denken iſt aufgelöſt in Andacht, Entzücken und Ehrfurchtsſchauer; aber Worte habe ich nicht, es auszuſprechen, was ich doch aller Welt zurufen möchte! — Sprechen nicht Deine Thränen, Deine verklaͤrten Die ſchwarzen Brüder. IV. 15 AAAANANANANANANVVD Blicke, Dein hochklopfendes Herz mehr, als die reichſte Sprache auszudruͤcken vermag? erwiederte Ottokar. Doch ſage mir, traute Schweſter— biſt Du denn auch ſo ganz glücklich, ſtellt ſich kein feindliches Hinderniß der Erfüllung Deiner Wünſche und Hoffnungen entgegen? — Ach, ich bin ja zu glücklich jetzt, als daß ſich mein Sinn auf neue Wünſche richten könnte, ſprach Lisbeth innig. Doch ja, einen, aber nur einen Wunſch hege ich noch, fuhr ſie mehr zu Andreas und Peter, als zu ihrem Bruder ge⸗ wandt fort; ich wünſchte, der Pater Johannes wäre in die⸗ ſem Augenblicke hier zugegen. — Dieſer Dein einziger Wunſch ließe ſich leicht erfül⸗ len, wenn Du Dich gedulden wollteſt, bis wir aus der Kirche zuruckgekehrt ſind, verſetzte Ottokar lächelnd. Ich aber möchte außer dem würdigen Pater auch noch Herrn Boytin und Bernhard bitten laſſen, ſich hier einzufinden. Iſt Jemand da, die Beſtellungen auszurichten? — Ich ſelber will ſogleich Herrn Boytin von Deinem Wunſche in Kenntniß ſetzen! ſprach Lisbeth mit einer Haſt, als häͤtte ſie etwas Verſäumtes einzuholen. Während Du Dich zum Ausgehen ankleideſt, habe ich die Beſtellung aus⸗ gerichtet und wir begegnen uns an der Kirche. Gewiß wird Herr Boytin auf meine Bitte auch Jemand zu dem Pater und zu Bernhard ſenden. In größter Eilfertigkeit verließ ſie den Bruder. Ottokar ſah ihr lächelnd nach und ging dann mit An⸗ dreas in ſein Gemach, um die Feierkleider anzulegen, wie es ſich an einem ſo hohen Feſttage ziemte. — Ihr habt währggh der Nacht nicht geſchlafen, lie⸗ ber Herr! bemerkte der alle Diener jetzt. Euer Bett iſt noch unberührt. — Ich habe gebetet, Andreas! erwiederte Ottokar ernſt. Nach kurzer Zeit trat er, von Andreas und Peter be⸗ gleitet, den Weg zur Kirche an. AAAAAAAAAAR; Auf dem Kirchplatze angelangt, hemmte er plötzlich ſeine Schritte. Indem er ſeine Augen auf Boytins Haus richtete, glaubte er an einem Fenſter— halb verborgen von den Vor⸗ hängen deſſelben— Klarg's Geſtalt zu ſehen. Als er aber ſchärfer hinſah, gewahrte er nur Frau Katharine, die ihm freundlich grüßend zuwinkte. Zu gleicher Zeit trat Lisbeth in Boytins Begleitung aus dem Hauſe. Eine Thräne heim⸗ lich zerdrückend, ging er den Beiden entgegen, wechſelte mit Boytin nur einen ſtummen Händedruck— und ſchweigend betrat man das Gotteshaus. Das feierliche Hochamt begann; in frommer Andacht beugte Ottokar die Kniee vor der Gegenwart des Aller⸗ höchſten. Als aber unter Orgelklang und Poſaunenſchall das Jubelwort verkündet ward:„Chriſt iſt erſtanden! Tod, wo iſt Dein Stachel! Hölle, wo iſt Dein Sieg!“— da floſſen reichlich ſeine heißen Thränen und in heiliger Rührung hob ſich betend, dankend und preiſend ſein Geiſt zum Himmel empor. Als Ottokar nach beendetem Gottesdienſt die Kirche ver⸗ ließ, erhielt er von vielen Leuten, reichen und armen, man⸗ nigfache Beweiſe der Theilnahme und der Freude an ſeiner Geneſung; aber den ihn nur in müßiger Neugier Umrin⸗ genden wußten ihn Boytin und Andreas baldigſt zu entziehen. — Es iſt heut ein ſo ſchöner, milder Früͤhlingstag und das Gefängniß wie die Krankheit haben mich ſo lange zwi⸗ ſchen engen Mauern gebannt gehalten, daß es mich jetzt mächtig hinauszieht ins Freie, zu Feld und Wald! ſprach Ottokar draußen auf dem Kirchplatze zu ſeinen Begleitern. Ein Stündchen mich im warmen Sonnenſchein zu ergehen, würde mir ſicherlich erſprießlich und wohlthuend ſein. — Gewiß, mein Bruder! erwiederte Lisbeth, insgeheim ſehr erfreut über dieſe Aeußerung Ottokars, und auch die Andern ſtimmten ihr bei. Gern würde ich Dich auch dabei begleiten; doch habe ich noch ſo Vielerlei zu thun für das 155 TDDc BNU heutige hohe Feſt, daß ich auf dies Vergnügen verzichten muß. Bleibe aber nicht ſo lange aus, ſetzte ſie mit vielſa⸗ gendem Lächeln hinzu, damit man nicht allzu ſehnſüchtig Deiner Wiederkehr harren muß! Zudem iſt auch bereits nach dem ehrwürdigen Pater Johannes geſandt worden. — Auch mich verhindert Mancherlei, jetzt mit Dir zu gehen, wie ich ſonſt gern thäte, nahm Boytin das Wort. Doch wenn Herr Petrus Reinhold und Andreas Dich be⸗ gleiten, bin ich verſichert, daß ſie ſorgſam Alles von Dir fern halten, was Dir nach der kaum überſtandenen Krank⸗ heit irgendwie Schaden bringen könnte. Gehab Dich wohl unterdeß, Ottokar; nachher ſiehſt Du mich bei Dir und ich denke, wir werden dann den heutigen Tag doppelt feiern. Er drückte Ottokars Hand, winkte Andreas und Peter bedeutſam zu und ging dann mit Lisbeth nach ſeinem Hauſe. Ottokar aber wandte ſich mit den beiden Andern dem Gertraudten⸗Thore zu, auf welchem Wege man von der Petri⸗ Kirche am ſchnellſten aus der Stadt und ins Freie gelan⸗ gen konnte. Langſam zwiſchen ſeinen beiden Begleitern dahinwan⸗ delnd, ließ Ottokar, als er das Thor hinter ſich hatte, die Landſtraße mit ihren ſchmutzigen Gehöften, ſowie den theils ſandigen, theils moraſtigen wüſten Werder zu ſeiner Rechten und ſchlug einen Fußweg ein, der ihn links hinter dem Hos⸗ pital St. Gertrud vorbei, über die mit grüner Winterſaat beſtandenen Köllniſchen Felder dem nahen Walde in der Richtung der Jeruſalems-Kapelle zuführte. In vollen Zü⸗ gen trank er die erquickende Frühlingsluft; ſein Auge letzte ſich am jungen Grün des Feldes und der Wieſen und ſein Ohr lauſchte entzückt dem Liede, welches hoch über ihm die Lerchen ertönen ließen. Mit jedem Schritt fühlte er ſich ſtärker und lebensmuthiger. Andreas ging, ſchweigend wie ſein Herr, neben dieſem her. Peter aber vermochte nicht ſeiner Freude zu gebieten, AAAAAAAAA die ſich in fröhlichem Geſchwätz Luft machen mußte; er war wieder der heitere, ſorgloſe Burſche von früher. Bald hatte man den hehren Tempel der Natur, den Wald, erreicht. Zwar prangte er noch nicht in ſommerlichem Schmucke, dennoch aber kam es Ottokar vor, als hätte er ihn noch nie ſo ſchön gefunden, wie eben jetzt. Unter den Füßen der Wanderer raſchelte noch dürres Laub, aber dazwiſchen ſchimmerte friſch ſchwellendes Moos, junges Gras reckte ſeine zart grünenden Spitzen überall her⸗ vor und ſüß duftende Veilchen erhoben ſchüchtern ihr bläu⸗ liches Haupt. Noch entbehrten die Eichen, Linden und Bu⸗ chen ihres ſchattigen Laubgewölbes, aber das reine Blau des Himmels ſah man durch ihr Gezweig und überall er⸗ ſchloſſen ſich die Knospen und entfalteten ein neues junges Leben. Auf den Zweigen wiegte ſich der muntere Buchfink; Hänfling und Rothkehlchen flatterten fröhlich von Aſt zu Aſt und das flinke Eichhörnchen ſprang und kletterte in luſtiger Haſt baumauf und baumab. Buntfarbige Schmetterlinge umſchwirrten die grünenden Geſträuche und ſummende Käfer entfalteten ihre goldigen Flügel im Sonnenſchein. Von fern her aber trug ein leiſer Wind die ſanften Klänge eines from⸗ men Liedes, das der Hirte, umtönt vom harmoniſchen Ge⸗ läute ſeiner Heerde, auf ſeiner Flöte erſchallen ließ zum Preiſe des Herrn. Der Odem der Auferſtehung durchwehte die erwachende Natur. — O, wie ſchön iſt's doch auf dieſer Welt! ſprach Ot⸗ tokar, nachdem er auf einer von freundlicher Hand unter einer mächtigen Eiche in der Nähe der Waldkapelle errich⸗ teten Ruhebank eine Weile ſchweigend geſeſſen und Geiſt, Herz und Sinne erlabt hatte am Walten des Frühlings. Wie ſchön iſt Alles, was Gottes Hand erſchuf; nur die Menſchen machen einander das Paradies zur Einöde. Doch den düſteren Gedanken, die ihn unwillkürlich üͤber⸗ kamen, ſich ſchnell entreißend, fuhr er fort: 5 — Man ſagt, daß es Leute gebe, die den Glauben an Gott und Unſterblichkeit verloren hätten! O, warum führt man dieſe Unglücklichen nicht hinaus in Feld und Wald? Zeugt nicht Alles, was man hier ſieht, der Grashalm wie die gewaltige Eiche, der Luftzug, der unſere Schläfe fächelt, wie der glüͤhende Sonnenball am Firmament von ihres Schöpfers Allmacht und Größe? Seht das dürre Laub zu unſeren Füßen; der Winter tödete es, ſeine rauhen Stürme warfen es darnieder und bald wird es zu Erde. Aber bleibt es ewig todt? Mit nichten; obſchon verweslich, iſt es doch unvergänglich, denn aus ſeinem Staube erſprießt ein neues Leben, das ſich uns als Grashalm, Kraut oder Blume zeigt. Der Tod verändert nur die Geſtalt jeglichen Dinges, aber er vernichtet es nicht. Und ſehen wir das Wunder der Auferſtehung geſchehen am geringfügigſten Dinge der Schöpfung— wie dürfen wir da zweifeln, daß es auch an uns geſchehen werde, an uns, die wir Gottes Ebenbild ſind? Alles von Gott Erſchaffene trägt den Keim der Auferſtehung in ſich, und nur ſeinen Menſchen ſollte es mangeln? Wir allein unter den Mil⸗ lionen der Schöpfung ſollten nach kurzem Leben zu ewiger Vernichtung verdammt ſein? Nimmermehr! Iſt's mir doch, als ſpräche jeder Grashalm, jedes ſich in der Knospe ent— faltende Blättlein zu mir: Siehe, ich war todt und lebe wieder; alſo wirſt auch du einſt wieder leben! Mit welcher Freudigkeit erfüllt dieſe Gewißheit meine Bruſt; wie fühle ich mich ſo groß bei dieſem Gedanken! Ja, unglücklich iſt der Menſch, der dieſe Gewißheit nicht theilt, in dem ſelbſt die Stimme Gottes, die allerwegen in ſeinen Werken zu ihm ſpricht, nicht einmal die Ahnung der Unſterblichkeit erweckt! Er iſt in Wahrheit todt, wenn er gleich noch athmet! — Das war fürwahr eine rechte Oſterpredigt, Ottokar! ſprach Peter nach einer Pauſe des Schweigens, die Otto⸗ kars Worten gefolgt war. Oft ſchon hörte ich reden und 221. lehren von der Auferſtehung und ich glaube auch daran, weil ich ein Chriſt bin und daher glauben muß, was die Prieſter uns lehren. Als ich aber eben Dich ſo reden hörte und auf Deine Beiſpiele und Gleichniſſe merkte, da war mir's, als hätte ich nimmer davon gewußt und als hörte ich heute zum erſten Male von der Sache ſprechen. Wie Du zuletzt von der Stimme Gottes in ſeinen Werken ſprachſt, die uns die Unſterblichkeit predigt, da ſchaute ich um mich und ſiehe, wie Schuppen fiel's plötzlich von meinen Augen, denn Alles, was ich ſah, nickte mir ein„Ja!“ zu. Geſchah es Euch nicht auch ſo, Andreas? — Habe mein Lebtag' immer zu viel irdiſche Dinge im Kopf und zu ſehr mit dieſem Leben zu thun gehabt, als daß ich mich um das Jenſeits hätte viel kümmern kön⸗ nen! entgegnete Andreas mit weicherer Stimme, als ihm ſonſt eigen war. Das aber iſt vollkommen wahr, lieber Herr, was Ihr zu Anfang ſagtet— wandte er ſich zu Ot⸗ tokar— wenn Ihr nämlich damit meintet, daß man nur unter Gottes freiem Himmel, umgeben von ſeinen Werken, ſich wahrhaft erbauen könne. Mir wenigſtens iſt es immer ſo vorgekommen— und vor wenig Tagen erſt erfuhr ich's von Neuem— als ob mein Herz ſich nur in der Einſam⸗ keit des Waldes oder der Felder zu wahrer Andacht erhe⸗ ben könne. Seht, es war am grünen Donnerstage, als mich ein Auftrag von Jungfer Lisbeth hinausführte vor's Köpenicker Thor— — Zu Martha, meiner armen Mutter! unterbrach ihn Ottokar. Doch— fahre nur fort in Deiner Rede. — Nun ja, wenn Ihr's ſchon wißt, kann ich's ja auch ſagen, verſetzte Andreas. Jungfer Lisbeth ſchickte mich hin⸗ aus zu Frau Martha, um Mancherlei zu beſorgen, was für den folgenden Tag, wo auch Eure Schweſter hinaus wollte, nöthig war. Ihr wißt, lieber Herr, daß ich nie vom vie⸗ len Beten, Singen und Kirchengehen etwas gehalten— iſt's eine Suͤnde, ſo kann ich nicht dafür, es iſt einmal ſo bei mir! Aber ſo hin und wieder kommt es dann urplötzlich über mich, daß ich ein Beduͤrfniß, ja eine wahre Sehnſucht empfinde, mit dem lieben Gott wieder einmal ein paar Worte zu reden. So geſchah es mir am grünen Donnerſtage. Mancherlei Verrichtungen hatten mich verhindert, den Weg zu Frau Martha früher als gegen Abend anzutreten. Als ich nun bei St. Petri vorüberkam, die Glocken zum Gottes⸗ dienſt riefen und die erleuchteten Kirchenfenſter ſo einladend winkten, da ſprach ich zu mir ſelber: „Sollteſt auch mal wieder in das Gotteshaus treten, Alter, und dein Herz vor deinem Schöpfer ausſchütten!“ Das that ich denn auch, das heißt— ich ging hinein; aber meinen Zweck konnte ich nicht erfüllen. Das Schau⸗ ſpiel, das die Leute Gottesdienſt nennen, hatte eben begon⸗ nen; Prieſter und Mönche liefen emſig durch alle Gänge der Kirche und gaben ſich große Mühe, recht ängſtlich ſich da⸗ bei zu geberden, um den Verſammelten zu zeigen, mit welcher Angſt die Jünger ihren Herrn ſuchten im Garten zu Geth⸗ ſemane, in der Nacht, da ihn der ſchändliche Judas verrieth. Den Faſtnachts⸗Mummenſchanz nicht weiter beachtend, knieete ich ſtill in einem Winkel nieder, um zu beten; aber es ge⸗ lang mir dieſer Vorſatz nicht, das Herz war mir wie zuge⸗ ſchnürt. „Willſt warten, bis das Poſſenſpiel voruͤber iſt, dann wird's beſſer gehen, dachte ich bei mir ſelber; die Verſäum⸗ niß an Zeit holſt du nachher ſchon wieder ein!“ Ich wartete denn auch, bis die Meſſe begann, wo Alle beten. Aber es wurde wieder nichts daraus; nur meine Lippen ſprachen, mein Herz aber wußte nichts davon; ſo ſehr ich mich auch anſtrengte, es zur Andacht zu zwingen, es zog ſich immer enger zuſammen, ſtatt ſich aufzuthun. In heißem Verlangen war ich in's Gotteshaus getreten, mit erkalteter Seele verließ ich es wieder und ſetzte mißmuͤthig n, meinen Weg fort. Meine Stimmung hatte ſich noch nicht geändert, als ich bei Frau Martha ankam. Ich richtete meine Aufträge aus und ſprach dabei mit Martha über Mancherlei, über frühere Zeiten und dergleichen. Nun giebt es gewiſſe Dinge im Jugendleben, deren Erinnerung Einen im hohen Alter nicht ganz gleichgültig läßt; es wird Einem ſo wohl dabei— und doch muß man weinen— weiß ſelber nicht, warum! Es iſt Narrheit— — Schäme Dich Deiner Thränen nicht, Andreas! ſprach Ottokar, als er die große Anſtrengung des Alten gewahrte, mit welcher dieſer die verrätheriſchen Zeugen ſeiner tiefen Be⸗ wegung zu verbergen ſuchte. Du weinſt ſo ſelten— ich we⸗ nigſtens habe Dich kaum ein Mal weinen ſehen— daß dieſe Thränen Dir ſehr wohl anſtehen! — Ja, ja, das Alter iſt ſchwatzhaft, wie die Kindheit! verſetzte Andreas, wie mit ſich ſelbſt redend. Das Herz läuft Einem mit der Zunge davon, ehe man ſich deſſen verſieht! Doch weiter. Ich machte mich nun auf den Rückweg. Der Aufenthalt in Martha's Hütte hatte mich freilich ſchon weich geſtimmt; als ich aber hinaustrat in die ſtille Mondnacht, da wurde mir ganz wunderſam zu Muthe, eine recht fromme Stimmung überkam mich. Ehe ich's mir eigentlich klar vor⸗ genommen, hatte ich mein Haupt entblößt, die Hände ge⸗ faltet und blickte ſo recht herzinniglich zum klaren Himmel auf. Meine Lippen regten ſich nicht; aber tief in meinem Innern ſprach etwas laut und vernehmlich und das ſagte Alles, was mir das Herz bedrückte, ohne daß ich das Ge⸗ ringſte dazu zu thun brauchte. Je länger ich ſo ſtand, je wohler und freier ward's mir in der Bruſt; bis endlich eine Stimme, die ich nicht hörte, aber doch deutlich wahrnahm, zu mir ſprach:— „Gehe heim in Frieden, du alter Knecht: dein Klagen und Bitten hat ſeine Stätte gefunden!“ Da erſt ward ich inne, daß ich gebetet hatte; und ich ſage Euch, lieber Herr, es war eine Andacht, die ich da abgehalten, wie man ſie in keiner Kirche finden kann. Kein Marmor, kein bunter Prunk umgab mich; aber hoch oben am Himmelsdome leuchtete, flimmerte und blinkte es ſo freundlich zu mir herab, wie es keine geweihte Kerze vermag; das Zir⸗ pen der Heimchen im Graſe dünkte mich lieblicher, als der Chorgeſang der Mönche, und majeſtätiſcher als Orgelklang deuchtete mir das Rauſchen im nahen Tannenwalde. Be⸗ ruhigt und getröſtet ging ich nun nach Hauſe zurück. Seht, lieber Herr, in der Kirche war ich nicht dazu gekommen, mein Herz ordentlich auszuſchütten; aber draußen im Freien ging's um ſo beſſer. Darum meine ich auch, daß man der koſtſpieligen Kirchen und der vielen Prieſter gar nicht be⸗ dürfte. Wen's zum Beten treibt, kann's anderswo auch; und treibt's Einen nicht dazu und man thut's dennoch, ſo i*ſt's nur Heuchelei und Augendienerei. Und die vielen Feſt⸗ tage, an denen ſie ſagen: heute ſollſt und mußt du fromm ſein und beten, die ſind erſt recht zu entbehren, denn ſie be⸗ fördern nur den Müßiggang; die wahre Andacht kehrt ſich an keine Zeit und ihr genügt auch eine Viertelſtunde, um das Herz frei zu machen von Allem, was es bedrückt. Wenn man nur Gott fürchtet, und das Rechte thut, ſo kann man, meine ich, es ruhig darauf ankommen laſſen, wie's mit Einem wird, wenn das letzte Stündlein ſchlägt. — Um Gottes und ſeiner Heiligen willen, Andreas, wie mögt Ihr nur ſo ketzeriſch reden! rief Peter beſtürzt. Wenn das ein Prieſter hört, werdet Ihr zu irdiſchem und ewigem Feuer verdammt! Rede Du ihm doch in's Herz, Ottokar, daß er ſich von ſeiner Ketzerei bekehrt. Andreas zuckte mitleidig mit den Schultern und wollte eben etwas darauf erwiedern, als Ottokar das Wort nahm. Wenn ich in Deiner Meinung auch nicht Ketzerei erblicke, Andreas, ſo kann ich ihr doch nicht vollkommen bei⸗ pflichten! ſprach er ernſt. Wahr iſt's, daß man Gott zu —— 8 2 Tm jeder Zeit und an jedem Orte, beſonders inmitten ſeiner erhabenen Schöpfung, dienen kann; doch ſind darum die Tempel, von Menſchenhänden erbaut, die Prieſter und die Feſttage keineswegs überflüſſig, ſelbſt abgeſehen davon, daß Gott ſelber deren Errichtung und Einſetzung geboten und angeordnet. Wären wir Menſchen vollkommen, ſo bedürf— ten wir dergleichen freilich nicht; aber bei unſerer großen Schwachheit iſt es nothwendig, daß wir beſtändig erinnert werden an das Eine, ſo uns noth thut. Wie oft erweckt der Anblick des Gotteshauſes, das Geläute der Glocken und manches Andere, was hierzu gehört, fromme und gute Ge⸗ danken in uns, die uns ſonſt fern geblieben wären? Und iſt es nicht ſo ſchön, ſo erhebend, an geweihter Stätte, in Ge⸗ meinſchaft ſeiner Mitmenſchen, die ein gleicher Drang beſeelt, Gott dem Herrn ſeinen Dank darzubringen? Bedarf unſer noch nicht entfeſſelter Geiſt doch noch allzuoft der Hülfe der Sinne, um ſich emporzuſchwingen über Raum und Zeit; und all die kirchlichen Ceremonien ſind ja nur dazu da, um un⸗ ſere Sinne für ſolchen frommen Dienſt anzuregen und taug⸗ lich zu machen! Iſt doch jede einzelne ein Symbol, das uns an unſern Herrn und Meiſter erinnern und uns unſere Pflicht gegen ihn in's Gedächtniß rufen ſoll! Wenn die feierlichen Geſänge, die majeſtätiſchen Orgelchöre durch die Hallen des Tempels brauſen und Weihrauchsdüfte zitternd emporwallen — erfaßt uns da nicht ein heiliger Schauer und iſt dieſer nicht ein Zeichen der Gegenwart des Allerhöchſten, der da ſpricht: Wo Zwei oder Drei verſammelt ſind in meinem Na⸗ men, da bin ich mitten unter ihnen! Gewiß, es wird einſt eine Zeit kommen, wo der Geiſt des Chriſtenthums ſich über manche beengende Schranken erhoben hat, und dann wird unſer heutiger Gottesdienſt einer reineren, geiſtigen Gottes⸗ verehrung Platz machen, dann werden die Chriſten keiner äußeren Sinnesanregungen bedürfen, ſondern Gott im Geiſt und in der Wahrheit anbeten; bis dahin aber und vielleicht ſelbſt dann noch können und dürfen wir uns all dieſer äußer⸗ lichen Dinge ohne Gefahr für unſer Seelenheil nicht ent⸗ äußern. Darum, Andreas, verachte mir nicht die Kirche und ihre frommen Gebräuche; ſie werden in allen Zeiten, wenn auch nicht nothwendig, doch immer ſehr nützlich ſein und blei⸗ ben. Noch weniger aber darfſt Du auf die Sonn⸗ und Feſt⸗ tage ſchmähen, wenngleich ich einer allzu großen, willkürlich vermehrten Zahl derſelben auch eben nicht das Wort reden mag. Aber die Sonntage und all die Feſttage, die uns an irgend eine Begebenheit aus dem irdiſchen Wandel unſeres erhabenen Herrn und Meiſters erinnern— hat ſie nicht Gott ſelber eingeſetzt und macht er ſie nicht unſeren Sinnen auf wunderſame Weiſe kenntlich? Haſt Du nie wahrgenom⸗ men, Andreas, oder iſt es Dir wenigſtens nie vorgekommen, als ob an dieſen Tagen die ganze Natur ein Feierkleid an⸗ lege, als ob an ihnen die Sonne herrlicher ſtrahlte, des Himmels Bläue klarer und der Wolken Farbenglanz ſchöner wäre? Wenn Du am Sonntagsmorgen Dein Fenſterlein öffneteſt, haben Dir nicht Sonne, Wolken und Luft verkün⸗ det, welch ein Tag ſei, ehe Du deſſen noch gedacht? Ja, die ganze Schöpfung durchweht an dieſen Tagen ſein heiliger Odem, die ganze Schöpfung feiert des Herrn Feſte und Alles in ihr ruft uns zu: Auch du, Menſch, ſollſt den Feiertag heiligen! Sieh, Andreas, wir hören in dieſem Augenblicke das Flattern und Zwitſchern der Vöglein, das Summen der Käfer, das Schwirren der Schmetterlinge, das Rauſchen des Windes; wir hören die Flötenklänge des Hirten, das har⸗ moniſche Geläute ſeiner Heerde— und dennoch, welch ſtille Feier, welch feierliche Sabbathruhe weht uns aus all dieſen Tönen entgegen! Und auch die Thierwelt fühlt die Heilig⸗ keit dieſes Tages. Sieh, jenes Reh, das dort am Hügel ſorglos weidet und nur hin und wieder zu uns herüber⸗ blickt; iſt es nicht, als wolle uns ſein kluges Auge ſagen: „Wohl weiß ich, daß ihr Menſchen mir und meinen armen — NR Mitgeſchöpfen nachſtellt; aber heute fuͤrchte ich euch nicht, denn heute ſchweigt euer Hifthorn und euer wildes Huſſah und Halloh; heute erſchreckt kein Rüdengebell die friedlichen Bewohner des Waldes, heute ſauſt kein tückiſcher Pfeil durch die Luft und kein Jagdſpieß bedroht unſer junges Leben— denn heute iſt der Tag des Herrn!“ Gewiß, Andreas, das Heilighalten der Feiertage iſt ein göttlich Gebot, und nim⸗ mer möchte ich ſie dahin geben um irdiſchen Vortheils willen! Wie den müden Landmann nach der Ruhe des Abends ver⸗ langt, alſo verlangt es meine vom Geräuſche des irdiſchen Treibens ermattete Seele nach der erquickenden, andächtigen Ruhe des Sabbaths, der mir ein Symbol iſt des großen, ewigen Sabbaths, welcher der Mühe, der Laſt und den Lei⸗ den dieſes Lebens dereinſt folgt! Und wie dieſes, ſo ſind ja auch alle unſere kirchlichen Gebräuche Sinnbilder von etwas Höherem, Unvergänglichem und Unbegreiflichem, und als ſolche müſſen wir ſie ehren und achten zu unſerem eige⸗ nen Heile. — Wie Du Alles ſo hübſch ſagen kannſt, Ottokar! verſetzte Peter, der aufmerkſam zugehört hatte. Und wahr iſt's auch, was Du vorbrachteſt; beſonders aber war das, was Du von den Sonntagen ſagteſt, mir ſo recht aus der Seele geſprochen. Sieh, in meinen Knabenjahren, als ich Hirtendienſte verrichtete, gab's für mich keinen Feſttag, und ſpäter, als ich kurfürſtlicher Reiſiger geworden, war's noch ebenſo, denn auch Sonntags müſſen die Gäule abgewartet und der Dienſt beſorgt werden. Dennoch aber, als Knabe ſowohl wie als Reiſiger, freute ich mich dieſes Tages, weiß jetzt ſelber nicht warum; wenn es an ihm auch nicht anders zuging, wie an den Wochentagen, ſo war mir doch froher zu Muthe, eben weil's Sonntag war. So iſt's auch bis in die jüngſt vergangene Zeit geblieben. Im Anfange, als Du mich zu Dir nahmſt, war eigentlich jeder Tag ein Feſt⸗ tag für mich und doch freute ich mich am Sonntage immer AAAAAꝑAꝑ;A;ꝑ;ꝑ noch mehr. Solches iſt gewiß ein ſicheres Zeichen, daß Du Recht haſt! — Noch ſicherer iſt's ein Zeichen Deines unverdorbenen Gemüthes, Du Guter! ſprach Ottokar mit Wärme. — Ihr aber, Andreas, Ihr ſolltet wohl beherzigen, was Euch auf Eure Reden von vorhin erwiedert wurde! wandte ſich Peter gleichzeitig zu dem alten Diener. Es ge⸗ hört doch nun einmal zum Seligwerden, daß man Alles das glaubt und befolgt, was die Kirche lehrt und gebietet, und es wäre doch jammerſchade, wenn Ihr dereinſt wegen ſolcher geringen Dinge ewig in der Hölle bleiben müßtet— ich würde mich ſelbſt im Himmel darob betrüben, wenn ich hinein komme! Seht, es iſt wohl nachgerade Zeit, daß Ihr an Eure Seele denkt! — Euer Rath iſt gut gemeint, aber für mich nicht tauglich! verſetzte Andreas. Selbſt wenn ich gewiß wüßte, daß unſer Herrgott auf ſolche Nebendinge ſähe, ſo könnte ich mich doch nicht ändern, denn ſolches liegt nicht in mei⸗ nem Weſen. Auch glaube ich, daß es jetzt bei mir zu ſpät wäre mit der Beſſerung; ich würde ſein, wie Einer, der erſt dann an's Bezahlen ſeiner Schulden gehen will, wenn er nichts mehr hat, womit er bezahlen könnte! Was nun die große Abrechnung da oben betrifft, ſo weiß ich freilich nicht, ob Alles ſo genau ſtimmen wird, wie's ſein ſollte; die Summa meines Schuldbuches mag wohl größer ſein, als die meines Guthabens. Das aber überlaſſe ich getroſt dem lieben Gott, der wird ſchon wiſſen, wie er ſich am beſten mit mir abfinden kann. „— Er wird Deine aufopfernde Treue gegen mich und Lisbeth in die Waagſchaale legen zu Deinen guten Werken und ſie allein wird ſchwerer wiegen, als die Vergehungen Deiner menſchlichen Schwachheit! ſprach Ottokar, die Hand des treuen Dieners drückend. Doch, Ihr Lieben, wir ſpre⸗ chen von Tod und Gericht, während Alles um uns her neues Leben athmet und uns zuruft: Gott iſt die Liebe! Kommt jetzt, Freunde; laßt uns wieder heimwärts gehen, ſetzte er hinzu, indem er ſich erhob. Was ich hier ſuchte, habe ich gefunden: Muth, Stärke und Vertrauen. Laßt uns daher gehen; mich verlangt es, die Entſcheidung meines Geſchickes zu erfahren. Welches es auch ſein werde, jetzt kann und werde ich es tragen als Chriſt und als Mann! Kommt! Er ging langſam dem Ausgang des Waldes zu; An⸗ dreas und Peter folgten ihm, Jeder ſchweigend ſeinen Ge⸗ danken nachhängend. In den beiden Städten läuteten die Glocken zum an— dern Mal zum Gottesdienſt und wie am Morgen, ſo ſah man auch jetzt viele Leute den Kirchen zueilen. Aber man ſah es dieſen Leuten an, daß nicht fromme Andacht ſie zur Kirche trieb; auf ihren Geſichtern las man weder Demuth, noch Dankgefühl, ſondern nur die Erwartung eines luſtigen Vergnügens. Es ſchien, als wolle man einem Faſtnachts⸗ ſcherz, nicht aber dem Gottesdienſte in den Kirchen bei⸗ wohnen. Und dem war auch ſo; es ſollte ja jetzt in den Kirchen das ſogenannte Oſtergelächter ſtattfinden. Die Geiſt⸗ lichen der damaligen Zeit hielten es nämlich für nöthig, nach den langen, ſtrengen Faſten ihrer Gemeinde eine kleine Erholung und Erheiterung zu bereiten, gleichſam als Ent⸗ ſchädigung für die Entbehrungen der Faſten, und glaubten dies nicht beſſer thun zu können, aus wenn ſie den Vormit⸗ tags⸗Gottesdienſt des erſten Oſtertages in ein Narrenſpiel verwandelten. Der Eine nun erzählte ſeinen heute mehr als„ ſonſt aufmerkſamen Zuhörern allerlei luſtige Schwänke vom Predigtſtuhl herab; ein Anderer geberdete ſich wie ein Trun⸗ kener; ein Dritter gab ſeiner Gemeinde ſchalkhafte Räthſel auf, deren Auflöſung das Blut in die Wangen geſitteter Frauen getrieben haben würde; ein Vierter ahmte während AA‧;́ einer vollen Stunde den Ruf des Kuckucks nach u. ſ. w. Dieſe Unſitte war in Deutſchland ſo allgemein verbreitet, daß man ſie ganz in der Ordnung fand. Erſt die Refor⸗ mation machte ihr auch in der katholiſchen Kirche ein Ende. Wäre es Andreas darum zu thun geweſen, ſeine vor⸗ hin kundgegebene Meinung hartnäckig zu behaupten, ſo hätte er in dem Oſtergelaͤchter ein neues, ſchwer zu widerlegendes Argument gefunden; allein ſeine Gedanken waren jetzt auf etwas ganz Anderes gerichtet. Ebenſo war es mit Ottokar und Peter und ſtill gingen die Drei neben einander der Bruͤderſtraße zu. 13. Vor dem Hauſe, zu dem ſie ihre Schritte richteten, ſtand ein Diener Boytins und ſchien der Ankommenden zu war⸗ ten; denn kaum ſah er dieſe vom Hundemarkte in die Gaſſe einbiegen, als er auch alſobald in das Innere des Hauſes eilte. Nur Andreas und Peter hatten ihn bemerkt und da⸗ bei einen vielſagenden Blick mit einander gewechſelt; Otto⸗ kars Blicke waren auf das Fenſter in Boytins Hauſe ge⸗ richtet geweſen, hinter welchem er am Morgen auf dem Wege nach der Kirche die Geſtalt ſeiner Klara zu ſehen geglaubt hatte. Auf dem untern Korridor kam Lisbeth ſchon den An⸗ kommenden entgegen und empfing ſie mit freundlichem Gruße; aus ihren Blicken leuchtete Glück und Zufriedenheit. Schwei⸗ gend drückte Ottokar die Schweſter an ſein Herz und folgte ihr dann mit ſeinen beiden Begleitern zu dem im oberen Stockwerk belegenen Familiengemach der Hausbewohner, an welches das ſeinige ſtieß. ate des auf pbkar der 241 AnAꝑAAᷓAA;ANA Lisbeths emſig waltende und ordnende Hand hatte die⸗ ſem Gemach während der Zeit, welche Ottokar mit ſeinem Ausgange in's Freie zugebracht, ein feſtliches Anſehen ge⸗ geben. Der Fußboden war mit Teppichen bedeckt; rings an den Wänden waren Kränze, zierlich von friſchem Moos und Wintergrün gewunden, und Gehänge von Tannenzwei⸗ gen angebracht, aus deren dunklem Grün einige frühe Mai⸗ blümchen freundlich und mild herniederblickten. In der Mitte des Gemachs aber ſtand ein ſauber und einladend gedeckter Tiſch, wie am Morgen mit dampfenden Oſterfladen und an⸗ deren Feſtſpeiſen, ſowie mit würzigem Honigwein beſetzt, um ihn herum ſtanden neun Seſſel und für ebenſo viele Perſonen war Tiſchgeräth vorhanden. Die Fenſter waren mit ſeltenen, blühenden Topfgewächſen aus Boytins Garten⸗ hauſe beſetzt, durch deren uppiges Blättergewebe die goldi⸗ gen Sonnenſtrahlen mit ſanftem grünlichen Schimmer das Gemach erfüllten. Die ſo einfache und doch ſo freundliche Ausſchmückung des Gemachs machte einen ſo angenehmen und wohlthuenden Eindruck auf Ottokar, daß ſich ſeine Züge, die auf dem Rückwege allmälig einen trüben, oder doch ſchwer⸗ muthigen Ausdruck angenommen, allſogleich wieder erhellten. Boytin, Pater Johannes und Bernhard erwarteten ihn hier bereits. — Ich danke Dir, traute Schweſter, für dieſe Ueber⸗ raſchung, ſo Dein zarter Sinn mir bereitet! ſprach Ottokar gerührt zu Lisbeth, die ſeine Freude mit dem Lächeln inni⸗ ger Zufriedenheit gewahrte. Möchte ich doch im Stande ſein, Dir Deine Liebe zu vergelten! Euch aber, Ihr Her⸗ ren und Freunde, wandte er ſich mit feierlichem Ernſt zu den Dreien, die er bei ſeiner Ankunft bereits im Gemach vorgefunden, während Lisbeth mit Andreas bei Seite trat und eifrig zu dieſem ſprach: Euch gebürt nicht minder Dank ob der freundlichen Bereitwilligkeit, mit der Ihr nach mei⸗ nem Wunſche Euch hierher bemuhtet. Ich denke Euch züt 16 Die ſchwarzen Brüder. IV. en — — —— 242 überzeugen, daß ich Euch nicht müßiger Kurzweil wegen bemühte. Seid mir willkommen und gegrüßt in dieſem Ge⸗ mach, das Schweſterliebe ſo recht wie zum letzten Abſchiede geſchmückt; ſeid mir willkommen in dieſem Hauſe, in dem ich bisher ein Fremder war und in dem ich Euch heute zum letzten Male empfange! — Da ſei Gott vor! rief Peter beſtürzt. Das gebe ich nimmermehr zu! Ein Wink des Paters brachte ihn zum Schweigen. Ottokar aber trat zu ihm und ergriff ſeine Hand. — Ja, mein guter Freund, ſagte er, es iſt heute der letzte Tag, an welchem ich dies Haus als das meinige be— trachte. Zu lange ſchon habe ich Dir Dein Eigenthum vor⸗ enthalten; es iſt Zeit, daß Du endlich deſſelben froh wirſt. Sorge indeſſen nicht um mich und Lisbeth; meine Schweſter findet einen neuen, ihr gewiß lieben Wohnplatz und auch ich hoffe einen ſolchen zu finden— wo? das denke ich noch heute zu erfahren. Zudem erinnere ich mich, daß heute, auf Oſtern, Deine Hochzeit ſein ſollte, ſetzte er lächelnd hinzu, wie kommt es, daß ich keine Veranſtaltungen zur Feier ge⸗ wahre? Biſt Du Deinem Liebchen etwa untreu worden? — Ganz gewiß wäre heut mein Hochzeitstag, wenn's Alles ſo geblieben wäre, wie's zu Weihnachten war, oder wenn man hätte wiſſen können, daß Du gerade heut geſund werden würdeſt, verſetzte Peter. Wir Alle wünſchen ja ſehn⸗ lich, daß auch u— dabei ſein mögeſt. Ottokar unterdrückte ein leiſes Seufzen und wandte ſich wieder zu den Dreien, welche er hatte hierher beſcheiden laſſen. — Verzeiht, daß ich den Gruß meiner Lippen noch nicht nach deutſcher Weiſe durch Händedruck bekräftigt, ſagte er zu ihnen, indem er wieder zu lächeln verſuchte. Peter trägt die Schuld an dieſer Verſäumniß, die ich hiermit nach⸗ holen möchte! AAAAAAᷓAᷓAARA;A; Boytin und Bernhard erwiederten ſeinen Händedruck ſchweigend; nicht alſo aber Pater Johannes. — Ihr ſeid mir ein gar wunderlicher Heiliger! ſagte er kopfſchüttelnd. Erſt thut Ihr, als wäret Ihr vom böſen Geiſt beſeſſen, daß männiglich an Euch irre wird und ver⸗ zaget, ſeid gegen Eure beſten Freunde hart und ſtoßet ihren wohlgemeinten Rath widerſpenſtig und barſch zurück, und jetzt ſeid Ihr die Freundlichkeit und Sanftmuth ſelber. Was hattet Ihr in der jüngſten Zeit eigentlich vor? doch ſchützt ob Eures ſeltſamen Benehmens nicht etwa Krankheit vor; Ihr wart längſt geneſen, als Euer Gebahren uns Alle in größere Sorge und Angſt verſetzte, als uns Euer Gebreſte verurſacht hatte. Wie werdet Ihr dies rechtfertigen? Sprecht! — Ich weiſe den Vorwurf, der in Curen Worten liegt, nicht zurück, ehrwuͤrdiger Herr! erwiederte Ottokar in ern⸗ ſtem, doch ſanftem Tone, während alle übrigen Anweſenden mit Staunen, ja mit Unwillen auf den Mönch blickten. Die Beantwortung Eurer Frage aber werdet Ihr in dem finden, zu deſſen Mittheilung ich Euch heut rufen ließ. Ich hoffe, Ihr werdet mich, nachdem Ihr mich gehört, wenn nicht recht⸗ fertigen, doch entſchuldigen— oder bedauern. — Warum plötzlich wieder ſo trübe, mein Bruder? ſprach Lisbeth, die heimliche Unterredung mit Andreas ab⸗ brechend, welche dieſer jetzt mit Peter fortſetzte. Hat Dich der Vorwurf des ehrwürdigen Herrn verletzt, ſo wird er Dir ſagen, daß er's nicht ſo böſe damit meinte. Du kennſt ja ſeine Weiſe, die Gefühle ſeines theilnehmenden Herzens unter einer rauhen Sprache zu verbergen. — Dem iſt nicht ſo, Theure! entgegnete Ottokar. Hatte das, was ich eben ſagte, einen truͤben Anſtrich, ſo war es nur der Nachklang ſchwerer, mehr als trüber Stunden. Fortan wirſt Du mich ſtets lächeln ſehen, ſo oft Du mein Angeſicht erblickſt. — Das hoffen wir ja Alle, mein Bruder! verſetzte 16* 244 AAARNARNARND Lisbeth. Doch Euch, Ehrwürdiger, wollte ich bitten, mei⸗ nem Bruder die Antwort auf Eure Frage vorerſt noch zu erlaſſen. Seht, das Mahl iſt zugerichtet und wartet des freundlichen Zuſpruchs. Es könnte leicht ſein, daß Otto⸗ kars Mittheilungen Gegenſtände betreffen, die ihm und uns die Luſt am Mahl vermindern; hat er aber— das wage ich dreiſt zu behaupten, erſt von meinem für ihn zubereite⸗ ten Zaubertränklein genoſſen, ſo wird es anders ſein. Ver⸗ derbt mir meine kleine Freude nicht, Ehrwürdiger; Ihr wart ja vorhin mit mir einverſtanden! Und auch Du, Bruder, willfahre meiner Bitte: was Du uns auch zu ſagen haben magſt— es iſt Zeit genug, wenn wir's nachher erfahren. Folge mir, Ottokar; es wird Dich ſicherlich nicht gereuen! — Es wäre undankbar von mir, Schweſter, wollte ich Dir nicht dies kleine Opfer bringen! entgegnete Ottokar. Wohlan denn, Ihr Freunde, vergönnt mir, zum letzten Male die Pflichten des Wirthes in dieſem Hauſe auszuüben. Neh⸗ met Platz am Tiſche und laͤſſet Euch freundlich munden, was meiner trauten Lisbeth beſcheidenes häusliches Wirken bereitet. Denket, es ſei ein Abſchiedsmahl! Ehrwürdiger Herr, Euch gebührt der erſte Platz. Nun, Ihr zögert—? Der Mönch ſchien noch unentſchloſſen zu zaudern. — Habe ich Cuch durch mein Benehmen in der letzten Zeit gekränkt, Herr Pater, begann Ottokar wieder, ſo rechtet mit mir darüber, nachdem Ihr mich gehört. Gern hätte ich zwar zur Stelle Euch Aufſchluß gegeben und dadurch eine Pflicht erfüllt, die ich je eher je lieber abgethan hätte— — Das war's eben, was ich wollte! verſetzte der Pater. Meine Worte ſollten Euch zum Reden auffordern, weil mir bei Eurem erſten Anblick ſolches nöthig ſchien. Doch Euer krankhaftes Weſen iſt ſo wunderbar, daß Cure völlige Hei⸗ lung nur durch ein Wunder bewerkſtelligt werden zu können ſcheint. Wohlan denn, verſuchen wir's in Gottes Namen mit dem Wundertränklein Eurer Schweſter! mei⸗ h zu des ötto⸗ uns vage teite⸗ Ver⸗ wart uder, zaben hren. een! te ich tokar. Male Reh⸗ den, zitken ndiger 7 — AAAAAAARA;ꝑ; — Ich bin nicht mehr krank, Ehrwürdiger, erwiederte Ottokar lächelnd. Wäre ich es noch, ſo vermöchte mich doch weder Eure noch meiner Schweſter Arzenei von meinem Ge⸗ breſte zu befreien. Das konnte nur die Gnade des Herrn. Pater Johannes ſetzte ſich ſchweigend an den für ihn beſtimmten Platz; Boytin, Bernhard und Peter thaten auf Ottokars freundliche Aufforderung daſſelbe. — Auch für Dich, Andreas, iſt ein Platz beſtimmt! wandte ſich Lisbeth inzwiſchen zu dem alten Diener, der emſig am Tiſche ordnete, obwohl Alles auf demſelben be⸗ reits wohlgeordnet war. Dir, meinem und meines Bruders Wohlthäter, gebührt fortan ein Platz in Deiner Kinder Mitte! — So iſt es recht! ſprach Ottokor zuſtimmend. Ich wollte Andreas daſſelbe ſagen, wäreſt Du mir nicht zuvor⸗ gekommen. Es iſt, als könnteſt Du meine Wünſche leſen, noch ehe ich ſie durch das geringſte Zeichen kundgegeben! — Das habe ich Dir abgelernt, lächelte ihm Lisbeth zu und drückte ſanft des Bruders Hand. Ich wünſche nur, daß ich's recht gelernt haben möge! Doch, Andreas, zögere nun nicht länger— — Nun, heute mag's d'rum ſein! verſetzte Andreas gerührt. Aber fernerhin laßt's mit mir, wie's bisher ge⸗ weſen. Gern möchte ich meine Tage beſchließen mit dem Bewußtſein, Euch treu gedient zu haben bis zu meinem letz⸗ ten Augenblick. Das habe ich mir ſelber einſt gelobt und möchte daher nicht noch in meinen alten Tagen wortbrüchig werden. Als nun jetzt Jeder ſeinen Platz am Tiſche eingenom⸗ men hatte, gewahrte Ottokar, daß noch zwei Plätze übrig blieben. — Erwarteſt Du noch Jemand, Lisbeth? fragte er ſeine Schweſter. — Ja, mein Bruder! entgegnete dieſe. Es ſind der Gaͤſte Zweie noch geladen zu Deinem Geneſungsfeſte! — — 5 8 5 4 D „ AAAAAAAA — Gewiß iſt es Meiſter Trennert mit ſeiner Tochter, meinte Ottokar. Es gehörte ſich eigentlich, daß wir ihrer Ankunft warten, bevor wir mit dem Mahl beginnen. — Gern hätte ich den wackeren Meiſter ſammt unſers jungen Freundes tugendſamer Braut geladen— denn ſo ge⸗ bührte es ſich— doch Beide traf mein Bote nicht im Hauſe — erwiederte Lisbeth. — So ſind es Fremde, die noch kommen ſollen? fuhr Ottokar fort. Zwar hätte ich's gern geſehen, wenn in den Stunden, die ich hier noch weilen darf, nur dieſe treu be⸗ währten Freunde hier zugegen wären; wen meine traute Schweſter aber auch geladen hat: er ſoll willkommen ſein. Doch— irre ich nicht— ſo kommen Deine Gäſte ſchon. In der That hörte man ſchwerfällige Tritte auf dem Korridor, die ſich dem Gemach näherten. Die Anweſenden ſahen ſich betroffen fragend an; nur Ottokar erhob ſich ſchnell, um die Thür zu öffnen. Ein Mann in Bauerntracht trat grüßend in's Gemach. — Ich ſuche den Herrn Boytin, wandte er ſich zu den Anweſenden. In ſeinem Hauſe wieſen ſie mich hierher. — Der bin ich, guter Freund! nahm Boytin das Wort. Doch was Ihr mir zu ſagen habt, könnt Ihr getroſt an einen meiner Diener ausrichten; ſo ſehr dringend wird hof⸗ fentlich Euer Auftrag nicht ſein. Euch ſchickt mein Haus⸗ verwalter zu Britz— nicht ſo? — Nein, Herr, verſetzte der Mann; ich habe nur eine Beſtellung auszurichten von der Wärterin, die bei der kran⸗ ken Martha iſt. — Es betrifft meine Mutter! rief Ottokar aus. O, Herr Boytin, gebt mir zu Liebe dem Boten alſogleich Ge⸗ hör und zögert nicht, mir alsdann von ſeiner Botſchaft mit⸗ zutheilen, was nicht etwa nur Euch allein angeht! Fürchtet nicht, daß mich etwas allzu heftig erſchüttern könne; ſelbſt das Schlimmſte trifft mich vollkommen vorbereitet! 247 AAAAAAAæ;E; — So ſagt denn, was man Euch aufgetragen hat, ſprach Boytin zu dem Boten. — Ich ſoll Euch ſagen, begann der Mann, daß es mit der Kranken ſehr ſchlecht ſteht. Sie ſelber meint den Tag nicht zu überleben und hat deshalb nach den Sterbe⸗ Sakramenten verlangt, die ihr auch gleich nach dem Gottes⸗ dienſte von unſerm ehrwürdigen Pfarrherrn werden ſollen. Dann hat ſie aber noch den Wunſch kundgegeben, ihre Kin⸗ der vor ihrem Ende bei ſich zu ſehen, wie ſie auch den Herrn Boytin, ſammt dem ehrwürdigen Pater Johannes von den Franziskanern und den alten Andreas noch einmal ſprechen möchte. Das Euch zu ſagen, trug mir die Wärterin auf, indem ſie meinte, Ihr würdet ſchon Sorge tragen, daß der Kranken Wunſch erfüllt wird. — Ganz gewiß werde ich das thun! verſetzte Boytin, indem er dem Boten ein Stück Geld gab. Sagt der Wär⸗ terin, ſte möge die arme Kranke deswegen beruhigen. Der Bote bedankte ſich und ging. Ein Schweigen von einigen Minuten herrſchte unter den Anweſenden, die ſich ſämmtlich von ihren Plätzen er⸗ hoben hatten. — So laßt uns denn den Wunſch der Sterbenden erfüllen! nahm Ottokar zuerſt das Wort. Es ſoll nicht ſein, daß mich die letzten Stunden in dieſem Hauſe fröhlich fin⸗ den. Weinend brachte man mich einſt hinein; unzählig ſind die Thränen, die ich in ſeinen verſchwiegenen Mauern ver⸗ goſſen; weinend ſcheide ich von ihm. Kommt, Freunde, kommt! Am Todtenbette meiner unglücklichen Mutter ſollt Ihr mehr von mir hören. — Noch iſt's nicht Zeit zum Gehen, Ottokar, bemerkte Boytin. Wir würden nur den Prieſter ſtören, der am Lager der Kranken ſein frommes Amt verrichtet. — Es iſt wahr! verſetzte Ottokar. So will ich denn die kurze Zeit benutzen, zu thun, was mir obliegt. Vor 248 AAAANARNANANRRRR Allem, muß ich Dir, Peter, gerecht werden, damit ich mei⸗ ner ſterbenden Mutter in Wahrheit ſagen kann, ich ohabe begangenes Unrecht gut zu machen geſucht. Folgt mir auf mein Gemach, Ihr Alle, damit ich in Eurem Beiſein dem Beſitzer dieſes Hauſes Rechenſchaft ablege und ſein Eigen⸗ thum übergebe. Daß ich dies kann und nicht als boshafter Betrüger— wenigſtens dem Scheine nach— jetzt vor Euch ſtehen muß, das habe ich nächſt Gott Dir, Bernhard, zu verdanken. Ich bin Dir bei weitem mehr noch als mein Leben ſchuldig! Er wandte ſich bei dieſen Worten ſeinem Gemach zu; doch Peter vertrat ihm ſchnell den Weg. — Laß dies Geſchäft ruhen, Ottokar, bis Du es mit dem Meiſter Trennert abthun kannſt! bat er etwas verwirrt. Ich verſtehe mich ja nicht auf Eure Ziffern und Geſchreibe! Zudem iſt heut ein Feiertag, den man durch ſolche Dinge nicht entheiligen darf. Auch Andreas, der ſeit der Botſchaft von Martha ſtill für ſich geweint hatte, war eilig herbeigekommen. — Ihr könnt in dieſem Augenblick nicht zu dem Schrank gelangen, in welchem Eure Briefſchaften verwahrt ſind, lie⸗ ber Herr! ſagte er mit einem Blick auf Lisbeth. Die Ge⸗ räthſchaften dieſes Gemachs, welche bei der Ausſchmückung vorhin in das Eurige gebracht wurden, verſperren Euch den Weg. — So muß es denn bleiben, da Peter verlangt, daß ich dem Meiſter Trennert Rechnung ablegen ſoll, wogegen ich nichts einwenden darf, ſprach Ottokar. Doch Du, Schwe⸗ ſter, gieb mir Antwort auf eine Frage. Wenn unſere Mut⸗ ter mich nun fragen wird, wie ich als Bruder für Dein Wohl geſorgt— darf ich dann dreiſt behaupten, daß ich Dir wenigſtens den guten Willen gezeigt? — O, Bruder, unſere Mutter weiß bereits, wie ſehr Du jederzeit und Tag für Tag auf Deiner Schweſter Wohl⸗ ergehen bedacht warſt! verſicherte Lisbeth. Sie wird Dich ſegnen, Ottokar. — Noch eine Ungewißheit nimm von meiner Seele, Lisbeth, fuhr Ottokar fort. Schon einmal haſt Du heut auf meine Frage betheuert, daß Du ſo glücklich ſeieſt, wie man auf Erden immer nur ſein kann; und dennoch wird meine Freude darüber noch durch bange Zweifel getrübt. Im Kerker legte ich damals Deine und Bernhards Hand in ein⸗ ander zum ewigen Bunde; ich wußte damals ja noch nicht, welch naher Grad der Blutsverwandtſchaft nach unſeren kirchlichen Satzungen ſtreng verbietet, als Gatten Euch ein⸗ ander anzugehören. — Iſt's nur dies, was Dich ſo ſchwer bekümmert, ſo ſoll ſich allſogleich Deine Sorge in Freude kehren! nahm Boytin an Lisbeths Statt ſchnell das Wort. Lies dieſe Schrift— als Lisbeth Pflegvater bewahrte ich ſie bisher auf und brachte ſie mit hierher, weil ich wohl denken konnte, daß wir von dieſem Gegenſtande ſprechen würden. Er zog bei dieſen Worten aus einer Taſche ſeines Wammſes eine jener Schriften hervor, welche er am Tage des Einzuges des Kurfürſten von dieſem empfangen hatte, und gab ſie an Ottokar. — Was ſehe ich! rief Ottokar mit Staunen und Ehr⸗ furcht zugleich. Die päpſtliche Einwilligung zu einer ehe⸗ lichen Verbindung zwiſchen Bernhard und Lisbeth, trotz des entgegenſtehenden kirchlichen Verbotes, und vermitttelt durch den hochwürdigen Legaten des heiligen Stuhles für Deutſch⸗ land! Woher uns geringen Leuten ſo hohe, außerordentliche Gunſtbezeigung? — Unſer gnädigſter Landesherr, ſtets darauf bedacht, Glück und Freude um ſich her zu verbreiten, hat dieſe Er⸗ laubniß von der Kirche, die ihn mit Recht als einen ihrer frömmſten Söhne ehrt und achtet, durch ſeine huldvolle Für⸗ ſprache erwirkt, verſetzte Boytin. AAAANRRäè K — Er hat ſeinen ganzen Einfluß aufgewandt, um den Sohn ſeines feindſeligſten Widerſachers glücklich zu machen; fügte Bernhard hinzu. — Möge Gott es ihm vergelten! ſprach Ottokar weiter. Doch nun vergönnt mir, daß auch ich noch für Euer Glück thue, was ich eben vermag; ſo gering es auch iſt, ſo macht es mir doch hohe Freude! Zu Bernhard ſich wendend, fuhr er fort: — Du weißt, Freund, daß meine Abſtammung mir ge⸗ wiſſe Rechte verleiht an dem, was Dein Vater einſt ſein Eigenthum nannte. Zürne mir nicht, Bernhard, daß ich Dich an dieſen Umſtand erinnere; ich mußte es thun, um Dir jetzt ſagen zu können, daß ich allen Anſpruch, der ſich aus jenen Rechten herſchreiben könnte, an meine Schweſter Lisbeth ab⸗ getreten habe. Da ich nichts Anderes habe, ſo möge man dieſe Entſagung als das Heirathsgut betrachten, welches ich meiner geliebten Schweſter mitgebe. Möge Gott und unſere Mutter Euren Ehebund ſegnen! — Nicht alſo, Ottokar! erwiederte Bernhard gerührt. Dies Opfer iſt zu groß, als daß ich es von Dir annehmen dürfte. Auch iſt das Gut, das uns von dem Erbtheil un⸗ ſeres gemeinſamen Vorfahren übrig geblieben, noch mehr als hinreichend für zwei nicht allzu große Haushaltungen. Mir iſt ja in meiner Lisbeth ſchon ein ſo reicher Schatz des Glucks unverdient geworden! — Es iſt kein Opfer, dieſe meine Gabe! entgegnete Ottokar. Fortan bedarf ich für mich nur wenig und dieſes Wenige iſt mir von dem geblieben, was mein Pflegvater einſt für ſolchen Fall für mich beſtimmte. — Ottokar, bedenkſt Du nicht, daß es noch außer uns ein Weſen giebt, daß Deiner Fürſorge künftig anvertraut ſein wird? ſprach Lisbeth in erhöhtem Tone. Sagt Dir denn nicht der Pulsſchlag Deines Herzens— — Sei unbeſorgt, meine Tochter, unterbrach ſie Boytin. 251. Was Ottokar hinfort für ſich bedarf und für ſein Haus, das wird ihm nimmer mangeln. Denn er beſitzt als Eigen⸗ thum den Herrenhof zu Britz, ſammt dem Dorfe und Allem, was an Feldmark, Wald und Wieſen dazu gehört, und zwar laut der Schenkungsurkunde, ausgeſtellt am Datum ſeiner Freiſprechung, welche ſich bereits in den Händen meines wuür⸗ digen Freundes, des Hofrichters Herrn Balthaſar Haak, für ihn befindet. Dieſe Beſitzung nun, denke ich, wird genügen, ihn vorläufig aller leiblichen Sorge zu entheben. — Eure Großmuth gegen mich kennt keine Grenzen, edler Mann! ſprach Ottokar, Boytins Hand ergreifend. Doch weniger, weil ich ſie auf keiner Weiſe verdient, als vielmehr, weil ich Euer faſt fürſtliches Geſchenke nicht zu be⸗ nutzen vermag, bitte ich Euch, es mit meinem aufrichtigſten und herzlichſten Danke wieder zurückzunehmen. Die wohn⸗ lichen Hallen des Hauſes würden verfallen und den Eulen und Fledermäuſen zum Aufenthalte dienen, der Hof mit Gras überwachſen, die Felder und Wieſen nur Unkraut und Diſteln tragen und die Wälder verwildern, wie herrenloſes Gut! Mit dem Tode meiner Mutter zerreißt ja das letzte Band, welches mich noch an die Gemeinſchaft der Menſchen gefeſſelt hätte; mit ihr ſinkt die letzte meiner Hoffnungen in's Grab! Fortan muß ich vereinſamt durch das Leben wan⸗ deln, in mir ſelber den einzigen Freund, den einzigen Tröſter ſuchen, mir ſelber genug ſein! Mein Weg trennt ſich fortan von dem Euren; doch werde ich Euch deswegen nicht gänz⸗ lich verlaſſen, werdet Ihr mir nicht gänzlich verloren ſein. Wir Alle, auch ich, werden glücklich ſein, Jeder nach ſeiner Weiſe! Es ſchien, als uͤbermanne ihn ſeine tiefe Bewegung; er wollte noch weiter ſprechen, doch nach einigen unverſtänd⸗ lichen Worten wandte er ſich ab und trat an ein Fenſter, welches er öffnete, als bedürfe er der friſchen Luft. Kopf⸗ ſchüttelnd ſahen Boytin und Pater Johannes ſeinem Beginnen 252 AAAAꝑAꝑAꝙ; zu; Andreas war ſeit den letzten Worten, die er zu Ottokar geſprochen, an den Kamin getreten, auf deſſen Geſimms er ſein graues Haupt ſtützte, ſcheinbar theilnahmlos gegen Al⸗ les, was um ihn her vorging; Peter und Bernhard hatten am andern Fenſter des Gemachs Platz genommen und ſahen traurig und rathlos vor ſich hin; Lisbeth aber begab ſich in das anſtoßende Gemach, den Vorhang, welcher den Ein⸗ gang in daſſelbe bildete, vorſichtig hinter ſich zuziehend. Ein beängſtigendes Schweigen herrſchte unter den Anweſenden: nur aus jenem Nebengemache hörte man jetzt ein leiſes Weinen. Boytin wollte Lisbeths Beiſpiele folgen; doch am Vor⸗ hang blieb er ſtehen und winkte den Pater zu ſich herau. — Bevor ich einen entſcheidenden Schritt thue, möchte ich Euch um Eure Meinung bitten, Ehrwürdiger! ſagte er mit gedämpfter Stimme zu dem Mönch. Was haltet Ihr jetzt von Ottokars Benehmen? — Ich meine, daß unſer Aller Freude eine voreilige geweſen! entgegnete der Pater gleichfalls in leiſem Tone. Er iſt jetzt kränker, als zuvor; denn das, was wir als Zei⸗ chen der Geneſung begrüßten, war nichts weiter, als ein plötzliches Aufflackern ſeines Geiſteslichtes, wie man es häufig bei dergleichen Kranken findet, dem aber in der Regel ein um ſo tieferer Rückfall in die geiſtige Nacht folgt, wie wir es ja eben wahrgenommen. Unmöglich kann die Nachricht von dem bevorſtehenden Ende ſeiner Mutter allein die düſtere Stimmung hervorgerufen haben; da er, wie es doch den ge⸗ wiſſen Anſchein hat, die Erinnerung von Allem, was früͤher war und geſchehen iſt, behalten oder wiedererlangt hat, ſo muß er ſich ja ſelber ſagen, daß der armen Martha der Heimgang wohl zu gönnen iſt. Geiſt und Gemüth ſind zer⸗ rüttet und ſolche Krankheit niſtet leider allzu tief ſich ein. Wenn man erwägt, was Alles ihm begegnet, ſo muß man ſich geſtehen, daß man es kaum anders erwarten durfte; AAAAAAᷓAARA;Anꝑ diejenigen aber, die ihn ſo weit gebracht, ſie werden es der⸗ maleinſt ſchwer zu verantworten haben! — Und was rathet Ihr mir nun zu thun? fragte Boy⸗ tin weiter. — Ich wüͤrde Euch erſuchen, mit Eurem armen Freunde hinauszureiſen in die weite Welt, erwiederte der Mönch; doch weiß ich ſchon, daß er darauf nicht eingeht. Was Ot⸗ tokar zu thun Willens iſt, glaube ich aus ſeiner Rede ent⸗ nommen zu haben, und leider haben wir in der letzten Zeit geſehen, daß ſich ſein Wille nicht beugen läßt. D'rum kön⸗ nen wir nur noch darauf denken, zu verhindern, daß mit dem ſeinigen nicht noch ein ander Herz breche und ſo aus einem Unglück zwei für uns erwachſen. Das erhebende Beiſpiel einer Freundin, die bei gleich ſchwerem Geſchick Troſt und Frieden in ſtiller Zurückgezogenheit des Kloſters und in Ausübung gottſeliger Werke gefunden, wird auch auf die Arme tröſtend und beruhigend einwirken, daß ſie allmäͤlig vergißt, was nicht zu ändern iſt! Ihr verſteht mich wohl. — Ihr meint, ich ſoll ſie hinüberſenden gen Spandow in's Kloſter der Benediktinerinnen, wo Helene eine Zuflucht gefunden hat! verſetzte Boytin. O, Herr Pater, was die⸗ ſer Troſt und Frieden gab, wird ihr gebrochenes Herz nicht aufzurichten vermögen! Helenens ganzes Weſen zog ſie zum Kloſterleben hin, während— — Ich meine damit nicht, daß die Arme für immer dort verbleiben ſoll, unterbrach ihn der Mönch, ſondern nur ſo lange, bis ſie ſich in das Unvermeidliche ruhig zu ſchicken vermag. Wenn nun Ottokar geſtorben wäre— wie wir doch Alle gefürchtet hatten— wäre es dann anders? Auch kann es ſich ja immer noch mit ihm ändern, denn bei Gott iſt kein Ding unmöglich; ſein duͤſterer Trubſinn kann ſich mildern oder auch ganz verlieren und ſein finſterer Men⸗ ſchenhaß, der ſo ſtark zu ſein ſcheint, wie früher ſeine Liebe geweſen, kann ſchwinden, wie der Stachel ſich abſtumpft, 254 AAAE;ꝑ den ſeine durch böſe Menſchen herbeigeführten Leiden in ſei⸗ nem Gemüth zurückgelaſſen haben; aber dies wird lange währen, und bis dahin iſt es beſſer, wenn wir ihn für todt halten, damit— wenn auch dieſe entfernte Hoffnung uns täuſcht— damit wir uns und beſonders ſie mit dem Ge⸗ danken an ſolchen Verluſt vertraut machen können, ohne gleich alle Hoffnung aufzugeben. Ich werde jetzt mit ihm langſam vorausgehen zu Frau Martha, damit Ihr das Uebrige hier beſorgen könnt. Das herrliche Doppelfeſt, das Lisbeth ſo ſchön ausgedacht und ſo freundlich eingeleitet, wird für uns ein Tag doppelter Trauer ſein! — Nicht alſo, mein Vater! ſprach Lisbeth, die inzwi⸗ ſchen aus dem Seitengemach zurückgekehrt war und den letz⸗ ten Theil des Geſpräches mit angehört hatte. Wir werden noch, deß bin ich feſt überzeugt, dieſen Tag als ein Dop⸗ pelfeſt feiern, geheiligt durch den Verklärungsglanz am Sterbe⸗ lager unſerer Mutter! Nicht bitterer Groll gegen ſein Ge⸗ ſchick, das ihm ſo herbe Leiden bereitete, iſt die Urſache ſei⸗ nes Trübſinns und noch weniger hat ungerechter Menſchen⸗ haß ſeine Seele verfinſtert; wir thun ſeinem Herzen Unrecht, wenn wir ſolcher unedlen Gefühle es für fähig halten! Zwar ließ auch ich mich durch Euer Aller einſtimmiges Urtheil, unterſtützt durch den Schein, bis geſtern täuſchen; doch heute ward ich inne, wie ſehr ich mich in ihm geirrt, den ich doch beſſer kennen ſollte! Ihr habt Recht, daß noch immer etwas ſein Gemüth bedrückt, worüber ihn ſein edles Herz ſchwei⸗ gen hieß, um uns Schmerz und Kummer zu erſparen; aber was Ihr meint, iſt es ſicherlich nicht. Darum überlaßt ihn mir; habe ich ſeinen Kummer richtig erkannt— und ich hoffe es zuverſichtlich— ſo werde ich heute noch meiner Mutter ſagen können: Auch ich that für ihn, was in den Kräften eines ſchwachen Mädchens ſtand! — Laßt ſie gewähren, Ehrwürdiger! bat Boytin. Wie oft ſchon hat das zarte Gefühl eines Weibes gefunden, was ——— AAA,Ez wir Männer mit all unſerem Verſtand und Wiſſen verge⸗ bens zu ergründen ſuchten! Vielleicht gelingt es Lisbeth, zu vollbringen, was uns unmöglich dünkt. — Und gern will ich dann ihre Ueberlegenheit aner⸗ kennen und künftighin nie etwas gegen ihren Willen anord⸗ nen! verſetzte der Pater. So thue denn, meine Tochter, was ich Dir doch nicht verbieten kann. Möge der Herr Dich recht erleuchtet haben und Dein Vorhaben ſegnen. Mit einem Blick des Dankes und des Vertrauens ver⸗ ließ Lisbeth jetzt die Beiden und wandte ſich zu dem Bru⸗ der, der noch immer auf derſelben Stelle am Fenſter ver⸗ harrte, wo er kein Wort von der leiſe geführten Unterre⸗ dung am Ausgang des Gemachs vernehmen konnte. Er wandte ſich erſt um, als Lisbeth ſeinen Arm mit ihrer Hand berührte. Boytin und Pater Johannes blickten in größter Span⸗ nung auf das Geſchwiſterpaar. Il. — Es iſt wohl Zeit, daß wir hinaus zu Martha ge⸗ hen, liebe Schweſter? fragte Ottokar, augenſcheinlich aus tiefem Sinnen erwachend. Mich zieht es unwiderſtehlich hin zu ihr und ungern verſäume ich hier die koſtbaren Augen⸗ blicke, die ich bei ihr verbringen könnte. — Bald, mein Bruder, werden wir am Sterbelager unſerer hier auf Erden ſo unglücklichen Mutter ſtehen, die freudig und hoffnungsvoll den herannahenden Tod begrüßt! nahm Lisbeth in ernſtem Tone das Wort. Aber glaube mir, Ottokar, Dein Anblick wird die letzten Augenblicke der Ster⸗ benden trüben, denn er wird ihr ſagen, daß ihre Kinder nicht ſo glücklich ſind, wie ihr Mutterherz es wünſcht— 256 AAANANNANNRNRRNNZSN und wie ſie es ſein könnten. Unterbrich mich nicht, Otto⸗ kar, es ſei denn, um meine Fragen zu beantworten. Siehe, Ottokar, Du machteſt uns vorhin ſo frohe Hoffnung, Dich fortan glücklich zu ſehen; doch mit der Kunde von dem bal⸗ digen Hinſcheiden der Mutter ſahen wir dieſe Hoffnung wie⸗ der vernichtet und aus dem düſtern Sinn Deiner Reden geht hervor, daß wir für immer ihr entſagen ſollen, weil Du meinſt, daß mit Martha das einzige Weſen in die Gruft ſinkt, an deſſen Seite Du noch Freude und Glück empfun⸗ den hätteſt! Ottokar, mein Bruder, iſt die Stimme Deines Herzens denn ſo ganz verſtummt, regt ſich denn nicht die leiſeſte Ahnung in ihm, die Dir ſagte, daß noch ein Herz in Deiner Nähe ſchlägt, welches unter heißen, blutigen Thrä⸗ nen Gebete für Dich gen Himmel ſendet— ein Herz, das mit tauſend Freuden den letzten Tropfen ſeines Blutes da⸗ hingeben würde, könnte es durch ſolch Opfer Dein Glück erkaufen? Sprich, Ottokar, ſchweigt Dir auch jetzt noch die Stimme Deines Innern? — Du haſt meine Worte von vorhin mißverſtanden, traute Schweſter, entgegnete Ottokar ausweichend, indem er ſich ſicht⸗ lich Mühe gab, die tiefe Erregung zu verbergen, welche Lis⸗ beths Fragen in ihm entzündet. Ich habe an meinem Gluͤck noch nicht verzweifelt und darum ſchlage ich getroſt den Weg ein, der jetzt allein mich zum Frieden und damit zum Gluͤcke führen kann. An der Seite meiner Mutter hätte ich freilich noch einen andern Weg einſchlagen können, einen ſonnenhellen und weniger einſamen, den mir nun ihr Tod verſchließt. Doch wenn ſich meine Bahn fortan auch von der Euren trennt, ſo dürft Ihr, lieben Freunde, deswegen nicht glau⸗ ben, daß ich ſie betrete, weil ich an Eurem Herzen zweifle; das ſei ferne! Wie von meinem Daſein, ſo bin ich von Curer unveränderten Liebe und Güte gegen mich überzeugt; aber Ihr vermögt mir nicht zu bieten, was ich am Herzen der Mutter gefunden hätte. Sie hätte mit mir geweint, mit AAAAÄAARARᷓnAᷓᷓᷓAAg mir getrauert, mit mir geklagt und darin eben hätte ich den ſüßeſten Troſt gefunden; kann ich, darf ich ein Gleiches von Euch verlangen? Unbillig wär's, wenn ich ein ſolch An⸗ ſinnen Euch ſtellte! Seht, die Ihr hier zugegen ſeid, Ihr ſeid die Einzigen, die ich meine Freunde nenne; alle Uebri⸗ gen laſſen mich kalt und ſind mir fremd. Zu wem von Euch ſollte ich meine Zuflucht nehmen? Wuͤrde Andreas, ſo treu und wacker er auch iſt, mich und mein Leid, meine Klagen verſtehen, er, der nie die Liebe, die ich meine, kannte? Darf mir Herr Boytin ſeine Zeit widmen, von der jeder Augen⸗ blick ſeinem Fürſten und ſeinem Berufe gehört? Thäte ich nicht Unrecht, wenn ich des guten Peter wohlverdientes Gluck durch meinen Kummer trübte? Und Du, Lisbeth, lege es mir nicht übel aus, wenn ich auch Dir daſſelbe ſage! Sieh, ich weiß, wie innig Du mich liebſt, wie nahe Dir mein Ge⸗ ſchick geht; nimmer würde ich mich von Dir trennen, könnte ich ohne Beeintraͤchtigung Deines Glückes in Deiner Nähe bleiben! Ein gütiges Geſchick hat Dir beſchieden, was es mir verſagte; ein neues, ſchönes Daſein erblüht Dir an der Seite des Gatten, dem fortan alle Deine Liebe, Deine Sorge, Dein Sinnen und Trachten, Dein Thun und Walten ge⸗ hört. Dein und Bernhards ſtilles, häusliches Gluͤck würde aber verbittert werden durch meine trübſelige Gegenwart, mein Klagen und mein Leiden würde Eure Freude tödten; wie ein Mißton in zarter Harmonie, alſo würde ich in Eurem Hauſe ſein! Das darf und ſoll nicht geſchehen! Doch was ich da ſage, klingt faſt, als legte ich mir um Euretwillen eine Entſagung auf, als unterzöge ich mich um Euretwillen eines Opfers, fuhr er düſter fort, indem er ſich insbeſondere zu Lisbeth und Bernhard wandte. Dem aber i*ſt nicht ſo; nein, nein— ich will aufrichtig ſein gegen Euch! Meint Ihr, ich könne täglich Zeuge Eures Glückes ſein, ohne daß jeder Augenblick mich daran erinnert, was ich verloren? Wäre nicht der beſtändige Anblick Eures Glückes Die ſchwarzen Brüder. IV. 17 ————— 258 AAANANANAAN eine nie verſiegende Quelle bitteren Leidens für mich? Rechtet nicht mit mir darob, Ihr Glücklichen; Gott weiß, daß ich Euch dies Glück gönne und mich deſſen freue; aber ich bin zu ſchwach, um ohne Bitterkeit gegen mein Geſchick die be⸗ ſtändige Erinnerung des mir widerfahrenen unerſetzlichen Verluſtes tragen zu können! In der Einſamkeit der Kloſter⸗ zelle aber, wo Pater Johannes mich unterweiſt, wie man Kranken und Leidenden ein Engel des Troſtes wird, im em⸗ ſigen Erlernen der Arzneikunde und in der Ausübung die⸗ ſes ſchönen Berufes werde ich allmälig vergeſſen, was ich verlor, und mir ſelber genug ſein; habe ich dies erlangt, dann, Ihr Lieben, werden die Stunden, die ich in Eurer Mitte zubringen kann, meines Lebens Leuchtſterne ſein; denn dann iſt nicht nagender Schmerz, ſondern füße Wehmuth die Gefährtin der Erinnerung! Laßt mich vergeſſen lernen, da⸗ mit ich mich ſelber wiederfinde— dann werde ich auch glüͤck⸗ lich ſein! Dazu aber giebt es keinen anderen Weg, als den, welchen ich eben bezeichnete, er wird mich ſicher zum Ziele führen! Als hätte ihn die Anſtrengung des Sprechens erſchöpft, warf ſich Ottokar bei den letzten Worten auf einen Seſſel; ſeine Hände ſtützten das matte Haupt und ſeine Bruſt keuchte unter ſeinen ſchweren Athemzügen. Vielleicht war er der ihn in dieſem Augenblicke bewegenden Gefühle ſich ſelber nicht bewußt. Seinen Zuhörern, außer Lisbeth, ſah man es an, daß dieſe ſeine Antwort nicht geeignet war, ihre ſchwachen Hoff⸗ nungen zu ſtärken oder neue zu erwecken. — Es iſt leider gewiß, daß Geiſt und Gemüth bei ihm kränker ſind, als jemals! fluͤſterte Pater Johannes dem neben ihm ſtehenden Boytin zu und dieſer erwiederte ſodann betrübt: — Nie hörte ich ihn verworrener und unklarer ſprechen, als eben jetzt! Es wird uns nichts Anderes übrig bleiben, ——᷑ als die Befolgung Eures Rathes, ſo ſchmerzhaft dies auch gerade für mich in doppelter Beziehung iſt! Gleichen Eindruck ſchien Ottokars Rede auf Peter ge⸗ macht zu haben.— — Wie er ſich ſo plötzlich wieder verändert hat! wandte er ſich leiſe zu Bernhard. Du hätteſt ihn hören müſſen drau⸗ ßen im Walde; da war's eine wahre Freude, daß man ihm Stunden lang hätte zuhören mögen! Tag und Nacht ſind ſich ähnlicher, als ſeine Reden von vorhin und jetzt! Bernhard ſah bekuͤmmert und ſchweigend vor ſich nieder. Andreas hatte nur einmal, als Ottokar von ihm ſprach, aufgeſehen; ſeine Seele war an einem andern Orte. Das feſtlich geſchmückte Gemach bildete einen grellen Gegenſatz zu der düſtern Stimmung, die unter den Anwe⸗ ſenden herrſchte, Lisbeth allein ſchien nicht die bangen Zweifel und Be⸗ fürchtungen der Uebrigen zu theilen. Sie meinte den Bru⸗ der beſſer zu kennen, als daß ſie dieſe ſeine Worte für den lichen Vermuthungen beſtätigte; doch wollte ſie mit der größ⸗ ten Vorſicht zu Werke gehen. Nach einer kurzen Pauſe, die ſie für Ottokar nothwendig hielt, nahm ſie wieder das Wort. — Sage mir, Ottokar, begann ſie mit feſter Stimme, indem ſie dicht vor ihn hintrat, ſage mir, ob Du auch dann noch bei Deinem Entſchluſſe verharren würdeſt, wenn nur ein böſer Traum Dich geäfft hätte— wenn Du beim Er⸗ wachen fändeſt, was Du während des Traumes verloren wähnteſt? Wie, wenn heute, am Feſte der Auferſtehung, der Herr auch Dich erwecket hätte zu neuem Leben! Aber — um Gott! Ottokar!— Was ficht Dich an? Ottokar hatte ſich erhoben; ſeine Blicke hatten einen geiſterhaften Ausdruck; ſein Geſicht war zum Entſetzen bleich und große Schweißtropfen traten auf ſeine Stirn. 175 AAARARNARNRARNRARZD — Lisbeth, wehe Dir und mir! rief er der Erſchrok⸗ kenen zu. Du haſt einen Geiſt in mir heraufbeſchworen, den Du nicht wieder zu bannen vermagſt! Was ich durch all mein Leiden und Kämpfen in der letzten Zeit ſo ſchwer errungen, Du haſt es vernichtet in einem einzigen Augen⸗ blick; ich muß zu Grunde gehen, wenn ich den Kampf noch einmal beginnen ſoll! O, Lisbeth, warum haſt Du mir das gethan? — Ottokar! Dieſe plötzliche Veränderung! ſtammelte Lisbeth zitternd. Ich verſtehe und begreife Dich nicht! — Wohlan denn, Du ſollſt mich verſtehen und begrei⸗ fen lernen! rief Ottokar mit einem Ausdruck, der faſt an Wildheit grenzte, indem er einige Schritte vortrat. Hört mich, Ihr Alle, damit Ihr mich ferner nicht mehr durch eitle Troſtverſuche martert! Aber wenn Euch mein Leben lieb iſt— ſprecht kein Wort, das beſtimmt iſt, mich zu täuſchen und hinzuhalten— doch nein, nein, Ihr vermöchtet es ja nicht! Doch bitte ich Euch, ſchweigt, bis ich geſprochen! In banger Furcht ſahen die Anweſenden einander an. — Was werden wir nach ſolcher Einleitung hören? Dieſe bange Frage ſprach aus dem Blicke jedes Einzelnen. Ottokar wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. — Man ſagt, begann er, der Menſch ſei wahrhaft un— glücklich, ſo lange er ſich nicht jeder Hoffnung entſchlagen habe; ich aber habe das Gegentheil erfahren, denn ſeit der Stunde, welche Klara von meiner Seite riß, war ich da am glücklichſten, als ich, der Abführung zum Tode gewärtig, jeder irdiſchen Hoffnung entſagt hatte. Wäre ich doch ſtark und wachſam genug geweſen, dem Falſchen, Trügeriſchen fur immer den Rücken zu kehren! Sobald aber die Krankheit meines Körpers nachließ und die Erinnerung des Geſchehe⸗ nen in mir zurückkehrte, da zog auch, unmerklich und leiſe, die Hoffnung wieder in meine Seele ein. Ich rief mir wäh⸗ rend der langen Nächte, in denen Ihr mich ſchafend wähntet, 2641 all die ſeltſamen Umſtände in's Gedächtniß zurück, die ich vorher nicht begriffen hatte; jetzt aber, als ich ſie mit ver⸗ ſchiedenen Aeußerungen verglich, die dem Pater Johannes und Andreas unwillkürlich vor Gericht entfallen waren, jetzt nahmen alle jene Umſtände eine Bedeutung für mich an, die mich erzittern ließ. Ja, ich geſtehe es, ich gab abermals der Hoffnung Raum, hier auf Erden noch glücklich, das heißt der höchſten Seligkeit theilhaftig zu werden, welche die Liebe nur dem Sterblichen zu bieten vermag. Aber als ich mir dieſer Hoffnung bewußt ward, fühlte ich auch zugleich, daß ich ein abermaliges Aufgebenmüſſen derſelben nicht ertragen, daß es mich zu Grunde richten würde! Darum verbarg ich, was in mir vorging; denn hätte man mir geſagt, daß mein Hoffen eitel ſei— wahrlich, ich hätte gegen Gott, gegen mich und gegen die Menſchheit gewüthet! Verdammt mich nicht ob dieſer Rede, die Euch vielleicht Thorheit und Frevel zugleich dünkt, bedenkt, daß meine Hoffnung in dem Wahn beſtand, mir ſei Klara wiedergeſchenkt, daß mit dem Schwin⸗ den dieſer Hoffnung mir die Geliebte ja zum zweiten Male entriſſen wurde— und dann verſuche, wer von Euch die Liebe kennt, ob er mich ſchelten kann! O, ich hatte Klara, als ſie noch an meiner Seite wandelte, ſo unausſprechlich heiß geliebt; aber von dem Augenblicke an, der ſie mir ent⸗ riß, ward ich erſt inne, was ſie mir geweſen, was ich an ihr verloren; ja, meine Liebe war heiliger, aber auch inniger, unauflöslicher und die Sehnſucht nach ihr mit jedem Tage heißer geworden! Und jetzt flüſterte mir die Hoffnung zu: Du haſt Klara nicht verloren; eine tuͤckiſche Hand hatte ſie Dir geraubt, aber der Gott der Liebe führt ſie Dir wieder zu ſchon in dieſem Leben! Aber, ſo ſprach höhnend eine andere Stimme zu mir, worauf beruft ſich denn die Hoffnung? Welche Gewißheit kann ſie Dir geben, daß Dir die Geliebte lebt? So ſchwankte ich zwiſchen Furcht und Hoffnung und AAANAR hatte doch nicht den Muth, dieſem qualvollen Zuſtande durch eine Frage an Euch ein Ende zu machen; mehr als die ewige Verdammniß fürchtete ich Eure Antwort: Thor, welch nich⸗ tiger Hoffnung gabſt Du Dich hin! Ich hatte nicht den Muth, ſelber die Entſcheidung her⸗ beizuführen; Ihr würdet— ſo dachte ich— ſchon unaufge⸗ fordert von der Sache zu mir reden und dann war's noch immer früh genug für mich, zu erfahren, daß ich jetzt un⸗ glücklicher, elender ſei, als zu der Zeit, wo ich glaubte, den Becher des Unglücks bis auf die Hefe geleert zu haben; die Hoffnung öffnete meine Lippen zur Frage, die Furcht ſchloß ſie wieder! Ihr aber, als Ihr gewahrtet, daß die Krankheit des Leibes von mir gewichen, Ihr ſprachet mit mir von Din⸗ gen, die zu jeder andern Zeit wohl meine Theilnahme im höchſten Grade erregt hätten, für die ich jetzt jedoch keinen Sinn hatte; von dem Einen, das ſo mächtig meine Seele bewegte, ſprachet Ihr mir kein Wort. Ich grübelte und ſann nach, was dies Euer Gebahren zu bedeuten habe und bald fand ich etwas, das geeignet geweſen wäre, meine neu er⸗ wachte Hoffnung urplötzlich zu Boden zu ſchlagen, wenn ſich menſchliches Hoffen überhaupt ertödten ließe. Duͤ Thor— ſo rief ich mir zu, nachdem ich Alles er⸗ wogen und bedacht hatte, was meiner Hoffnung zu Grunde lag— Du Thor, wie konnteſt Du nur einen Augenblick daran denken, daß Klara Dir erhalten ſei? Selbſt wenn ſie lebend aus dem ſchrecklichen Grabe hervorging, in welches teufliſche Bosheit ſie bannte, ſo iſt's doch faſt gewiß, daß ſo unerhörte Begegniſſe, wie der Aufenthalt in dumpfen Grüften unter vermoderten Gebeinen— o, ſchon der Gedanke daran läßt mich entſetzen und ſchaudern— des zarten Mädchens Lebenskeim erſtickt haben, daß ſie nur dem Grabgewölbe ent⸗ ſtieg, um ſchnell dahin zu welken! Und wenn dem auch nicht ſo war, wenn Gottes Allmacht, wenn Klara's kindlich gläu⸗ biges, gottvertrauendes Gemüth die Schrecken und Entſetzen 263 AAAmAꝑAꝑæQꝑQꝑæꝑæꝑêꝑêV der Grüfte ſpurlos an ihr vorübergeführt und des Todes kalten Hauch von ihr abgewandt hatte— ſtand es dann nicht ſchlimmer noch mit mir und meinem Hoffen? Sie mußte ja alsdann erfahren, welchen Frevel ich an ihr begangen, als ich um ihre Liebe warb— konnte ich damals doch nicht ahnen, ob und wie ſich das Geheimniß meiner Geburt ent⸗ hüllen werde; mußte ich mich doch als eltern⸗ und namen⸗ loſen Findling, als Baſtard betrachten und jeden Augenblick meiner Entlarvung gewärtig ſein, die dann auch Schmach, Schande, Elend und Entehrung auf ihr unſchuldig Haupt gebracht hätte! Sie mußte ja alsdann inne werden, wie ich ſie, die ſo vertrauensvoll ihr Geſchick an das meinige knupfte, hinterging, indem ich ihr wie aller Welt jenes Geheimniß verſchwieg, das früh oder ſpät ſich gelüftet haben würde, weil Nichts unter der Sonne verborgen bleibt. Mit welcher Verachtung mußte ſie ſich nach ſolchen Erfahrungen von mir wenden— ja, ſie dankte vielleicht Gott, daß ſeine wunder⸗ bare Führung durch Todesgrauen und Grabesnacht ſie vor dem ſchmählichen Schickſal bewahrte, das meine gewiſſenloſe Selbſtſucht ihr zu bereiten im Begriff geweſen. Verlangt nicht, daß ich Euch die Hölle ausmale, welche bei ſolcher Vorſtellung in meinem Buſen tobte! Freilich kamen auch wieder Stunden, die ſanftſtärkenden Balſam auf mein zerfleiſchtes Herz träufelten; es waren dies die Stunden, in denen ich mich Klara's himmliſcher Liebe erinnerte, deren heiliger Allgewalt ſich ihr reines, ſchuldloſes Gemüth vertrauend überlaſſen, wie das Kind dem Gängel⸗ bande der Mutter. Das Weſen der Liebe— ſo tröſtete ich mich— iſt ja Verſöhnung und Milde, darum wird auch Klara dir verzeihen; o gewiß, ſie wird ihrem Ottokar ver⸗ zeihen, was er aus Liebe zu ihr gefehlt; ſie wird ſeine bit⸗ tere Reue, ſein Ringen und Dulden als Sühne ſeiner Schuld annehmen! Ach, es waren ſelige Stunden, die mir ſolche Tröſtung brachten! Und dennoch ſchien es mir immer, als 264 AAAAAAAARANR ob ſie nicht des Himmels, ſondern der Hölle Werk wären. Ja, der Hölle! Gönnt doch auch der Henkersknecht dem todes⸗ matten Verurtheilten auf der Folterbank kurze Zeit der Er⸗ holung und ruft den Halbtodten durch erquickende und ſtär⸗ kende Tränke ins Leben zurück, um die Qualen ſeines Opfers zu vermehren und zu verlängern! So geſchah es auch mir. Nicht allein, daß ich durch ſie verhindert ward, meine thörichten Hoffnungen, die Quelle meiner Leiden im Keime zu erſticken— ihnen folgte auch jedes Mal, ohne Ausnahme, um ſo tiefere, düſtere Verzweif⸗ lungsnacht, je freundlicher der Hoffnungsſtern meiner Seele geleuchtet hatte. Denn wenn mein Herz ſich aufgethan, wenn linde Thränenfluth die heißen Wangen kühlte, wenn ich die Arme ausſtreckte, um Einen von Euch an das Herz zu ſinken und wenn die Lippen ſchon ſich öffneten, um mein Hoffen, Sehnen und Verlangen, mein Fürchten und Bangen Euch zu entdecken— dann trat urplötzlich ein finſterer Dämon zwiſchen mich und Klara's Lichtgeſtalt, welche in ſolchen Stunden freundlich und mild meiner Seele vorſchwebte; und dieſer Dämon, er trug die Züge meines Erzeugers! O, jetzt drangen alle Ungeheuer der Hölle auf mich ein, um mein Herz zu zerfleiſchen und als leichte Beute unter ſich zu thei⸗ len! Mein leiblicher Vater war's ja, der mit kalter Grau⸗ ſamkeit Klara zur Folterbank geſchleppt hatte. Was Alles die Arme von ihm erduldet— ich wußte es nicht; aber gräß⸗ liche Bilder malte ſich meine Phantaſie und das mildeſte unter dieſen war, daß Klara durch ihn getödtet worden! Solche Vorſtellung war noch ſüß gegen die andern, die raſt⸗ los vor meine geängſtigte Seele traten! Was konnte nicht Alles geſchehen ſein in den finſtern, unterirdiſchen Katakom⸗ ben, wohin kein menſchlich Auge drang, in denen der Angſt⸗ ſchrei des gemarterten wehrloſen Opfers verhallte! Und wenn es mir nach unſaͤglicher Anſtrengung gelang, meinen geiſtigen — Blick abzuwenden von dieſen Gebilden der Nacht und der Hölle, dann trat Klara vor mein Angeſicht. Nicht aber war ſie dann die holde Tröſterin meiner ſchönen Träume, nicht die Klara, wie ich ſie ſonſt gekannt, aus deren Blicken der innigſten Liebe ſonniger Strahl erglänzte, auf deren blühen⸗ den Wangen der Jugend Frühling thronte, auf deren reiner Stirn der Unſchuld ſüßer Friede ruhte, auf deren roſigen Lippen der Tugend kindliche Heiterkeit lächelte; nein, dann ſah ich einen bleichen Schatten auf mich zuwanken und aus den erlöſchenden Blicken der glanzloſen Augen, aus den Thrä⸗ nenſpuren der welken Wangen, aus den Schmerzfurchen der gramumwölkten Stirn, aus dem düſtern Verſtummen der blei⸗ chen Lippen ſprach es zu mir: „Wir ſind getrennt auf ewig; denn Dein Vater war es, der meines Lebens ſchönſte Blüthen zerknickte, der den Frieden meiner Seele vergiftete, der meiner Unſchuld Roſe entblätterte; Dein Vater war es, der das Herz mir brach, darum darfſt Du nimmer mir nahen!“ Ha, dann erfaßte mich wilder Wahnſinn; meine Arme ſtreckten ſich aus zur Rache, meine Lippen öffneten ſich zum Fluche, aber zugleich donnerte mir eine Stimme in's Herz: „Unſeliger, dem Deine Rache, Dein Fluch gilt, er iſt Dein Erzeuger!“ Doch laßt mich ſchweigen von dem, was in ſolchen Augenblicken in mir vorging; wiſſet nur noch, daß kein Tag verging, der mir nicht Alles das gebracht hätte, wovon ich Euch geſprochen: Hoffnung und Verzweiflung, Himmelsſelig⸗ keit und Höllenqualen, linde Ruhe und wilde Verfolgung der auf mich eindringenden Furien! Mit jedem Tage ſchwand mir immer mehr der Wille und die Kraft, dieſem Zuſtande beſtändigen Hin⸗ und Herhetzens ein Ende zu machen durch eine Frage an Euch; denn entſetzlicher als Alles dünkte mich die Gewißheit, daß meine finſterſten Vorſtellungen ſchreckliche Wahrheit wären. Und doch ſagte ich mir dabei oft: Wozu AARRZ;˖ Sꝙt bedarf es noch des beſtätigenden Wortes; iſt nicht das be⸗ harrliche, mitleidige Schweigen Deiner Umgebung, iſt nicht Klara's Fernbleiben, wenn ſie noch lebt, Dir Antwort ge⸗ nug? Wahrlich, nur Gottes mächtiger, gnädiger Wille be⸗ wahrte mich vor dem Aeußerſten! Ottokar mußte hier eine Pauſe machen; die Erſchöpfung nach der Anſtrengung des Redens nöthigte ihn dazu. Mäch⸗ tig erſchüttert waren die Anweſenden von dem, was ſie ver⸗ nahmen; ſie glaubten auch dann noch den bald leidenſchaft⸗ lichen, bald ſanften, bald düſtern und bald klagenden Ton ſeiner Stimme zu vernehmen, mit der er ihnen ein von Kör⸗ perkrankheit wie von Seelenleiden gleich ſehr verwundetes und zerriſſenes Gemüth geſchildert hatte, als er bereits ſchwieg. Solches zu hören hatten ſie nicht erwartet; ſeine Worte, un⸗ aufhaltſam wie ein wilder Strom dahinbrauſend, riſſen ſie mit fort, daß ſie alles Andere und ſich ſelber vergaßen. Kein Laut regte ſich jetzt im Gemach, als nur die Athemzüge der Anweſenden; das Gerälttſch und Geſchwätz der vom Oſter⸗ gelächter aus der Kirche kommenden Leute, welches von der Gaſſe heraufdrang, verhinderte, daß man ein geheimniß⸗ volles, klagendes Tönen vernahm, das wie leiſes Weinen durch das Gemach zitterte. Ehe Einer der Zuhörer des durch Ottokars Mitthei⸗ lungen empfangenen tiefen Eindrucks Herr zu werden ver⸗ mochte, nahm dieſer aufs Neue das Wort. — So blieb es mit mir bis ehegeſtern, begann er wie⸗ der. Da fügte es Gottes Vorſehung, daß ich, im Begriff, in dieſes Gemach zu treten, einige Worte des Geſpräches vernahm, welches nach Lisbeths Rückkehr von Martha am Abend hier von Mehreren von Euch geführt ward. Dieſe wenigen Worte ſagten mir, daß mein Vater nicht mehr am Leben ſei. Rechte mit mir, wer will; ich dankte Gott für dieſe Kunde! Doch weiter erfuhr ich noch, daß er nicht die Frevel an Klara verübte, deren Vorſtellung ein Werk mei⸗ —— ner verdüſterten Phantaſte geweſen. Nach dem, was Ihr vorhin von mir vernommen, brauche ich Euch nicht erſt zu ſagen, was ich dabei empfand! Im erſten Augenblick wollte ich mich Euch entdecken; doch die Befürchtung, daß Ihr dann ſchweigen würdet, ſowie die gleich große Scheu, die mein zagendes Herz vor der Entſcheidung ſeines Geſchickes hegte, hielten mich davon zurück. Weiter vernahm ich nichts mehr von Eurem Geſpräch, denn Ihr hattet mein Lauſchen ge⸗ wahrt und ſprachet alsdann behutſamer und leiſer. Das Schwerſte war von meinem Herzen genommen; es handelte ſich nur noch darum, ob Klara, wenn ſie noch am Leben, mir verzeihen könne, ob ihre Liebe, die nach Klara's häufig ausgeſprochenen Worten meine beſſeren Eigenſchaften in ih⸗ rem reinen Herzen hervorgerufen hatten, bei der Kunde mei— nes Vergehens erſtorben war! Noch eine Zeit lang rangen in mir die einander feind— lich widerſtrebenden Gewalten, die Ihr jetzt kennt; dann aber ward ich endlich inne, daß ſolches Kämpfen mich aufreiben werde, ohne mich zum Ziele zu führen und nun griff ich zu dem einzigen Mittel, das allein mir Hülfe gewähren konnte, deſſen ich aber während der Nacht meines Geiſtes gänzlich vergeſſen: ich griff zum Gebet! Lange währte es, ehe dieſe lange von mir vernachläſſigte Waffe gegen die Macht des Böſen ſeine Wirkung übte, aber ſie blieb nicht aus; mit dem Anbruche des heiligen Oſtermorgens, als die Glocken das Feſt der Auferſtehung verkündeten, durch welche unſer Herr und Meiſter die Hölle und den Tod beſtegt hatte— da hatte auch ich die Hölle in mir beſiegt! Jetzt erhob ich freudig und gläubig wieder meine Blicke gen Himmel, denn ich fühlte die Kraft in mir, fortan mein Geſchick— welches es auch ſein möge— muthig und gottergeben zu tragen. „Iſt dir Klara, die Heißgeliebte, nicht für dieſes Leben beſtimmt, ſo ſprach ich getröſtet zu mir ſelber, ſo wird ſie dir doch nach kurzem Erdenleben dort oben auf ewig ange⸗ —— —— AAAANNANAN hören! Zwar wirſt du nie vergeſſen können, was du an ihr verloren; aber wenn dich die Wehmuth der Erinnerung übermannt, dann giebt es ja ein Herz, das deine Klagen verſteht, das mit dir weint und ſanft dich tröſtet und auf⸗ richtet, ohne daß du fürchten mußt, eines Andern Glück durch dein Klagen zu ſtören und zu beeinträchtigen; es iſt ja das Mutterherz, an welchem du eine ſichere Zuflucht finden wirſt, wenn das deinige ſich nach ſolcher ſehnt.“ Jetzt hielt ich mich ſtark genug, die Entſcheidung mei⸗ nes Schickſals zu erfahren; denn ich wußte ja, daß ich nicht ganz unglücklich werden könne. Zuerſt aber drängte es mich, dem Herrn in ſeinem Tempel meines heißen Opfers Dank darzubringen; dann ſolltet Ihr mir ſagen, was mir doch nicht immer verſchwiegen bleiben konnte. Deshalb ließ ich Euch hierher beſcheiden. Noch einmal ward meine Feſtig⸗ keit auf die Probe geſtellt, als ich an dem Fenſter des Ge⸗ machs, das Klara während ihres kurzen, ſchönen Lebens bewohnt hatte, ihre holde Geſtalt zu ſehen glaubte und plötz⸗ lich trat die ganze Größe meines Verluſtes wieder vor mein kaum geneſenes, darum noch ſo reizbares Gemüth. Die hei⸗ ligen Schauer der Gegenwart des Allerhöchſten in ſeiner Kirche, die hohe Bedeutung des feierlichen Gottesdienſtes er⸗ hoben mich während der Dauer deſſelben über mich ſelber; und als ich ſie verließ— Doch wozu bedarfs noch weiter der Worte! unterbrach ſich der Sprechende plötzlich und in einem ſo veränderten Tone, daß Alle erſchraken. Euer Benehmen ſeit meiner Zu⸗ rückkunft aus Kirche Uund Wald— mancherlei Rede, die Ihr vor mir geführt— beſonders was Lisbeth vorhin zu mir ſprach— Alles dies hat auf's Neue den Kampf der Hoffnung mit dem Zweifel in mir entzündet! Die Unge⸗ wißheit, welche ich vor Kurzem noch der Gewißheit vorzog, iſt mir jetzt marternder, als das Schlimmſte, was mir die letztere bringen könnte! Mit übermenſchlicher Anſtrengung & 8X——— AAAAꝑAꝑAQAQAOÖRÓ;’E habe ich bis jetzt an mich gehalten; aber das wildfluthende Meer durchbricht den künſtlich errichteten Damm; Ihr wißt ja jetzt, was ich von Euch will; o ſo ſprecht. Bei dieſer plötzlichen, an und fur ſich zwar natürlichen, ihnen aber ganz unerwartet kommenden jähen Wendung wußten die Anweſenden im erſten Moment der Ueberraſchung und Betroffenheit ſich nicht zu faſſen; verwirrt und unſchlüſſig ſuchte Jeder aus den Blicken der Andern einen Rath zu leſen. — Warum ſchweigt Ihr, fuhr Ottokar gleich darauf fort. O, ſeht meine Angſt— ſeid barmherzig und entreißt mich der Folter! Ha— was höre ich— welche Stimme— — Ottokar, mein Ottokar! rief es im Nebengemach. O, haltet mich nicht länger zurück, theure Mutter; tödtet ihn mein Anblick, wie Ihr ſagt, nun ſo werde ich mit ihm ſterben! — O, mein Gott! Iſt's Wahrheit? ſtammelte Ottokar, bleicher als zuvor. Lisbeth ergriff ſeine Hand. In dieſem Augenblicke wurden die Vorhänge im Ein⸗ gange des Nebengemachs zurückgeſchlagen. An Frau Kathari⸗ nens Hand, angethan mit weißem Gewando, geſchmückt mit einem Veilchenſtrauße, trat Klara ein. — O, mein Gott, laß mich nimmer erwachen, wenn ich jetzt träume! murmelte Ottokar. — Du biſt erwacht, mein Bruder! rief Lisbeth, ihm Klara entgegenführend. Der böſe Traum iſt nun vorüber! — Warum ſo ſtumm und trübe, mein Geliebter? ſprach Klara, als Ottokar bebend und geſenkten Blickes vor ihr ſtand. Zürnſt Du mir, daß ich Dich ſo lange mied? — Klara, wo ſoll ich die Worte hernehmen, die da ſagten, was mich in dieſem Augenblick bewegt? erwiederte Ottokar mit zitternder Stimme. Unzureichend ſchon iſt alle Sprache, um den tiefſten Schmerz auszudrücken; am ärm⸗ A/AæAæAꝗꝑæÖꝑE ſten aber iſt ſie dann, wenn es gilt, das höchſte Glück, die höchſte Freude kundzugeben! Die Worte verſagen mir— laß meine Thränen ſprechen! Die höchſte Freude iſt ſtumm; ſie läßt ſich weder in den Rahmen der Worte faſſen, noch ſonſt mit einem andern Bilde vergleichen. Selbſt das eines zum Tode Verurtheil⸗ ten, dem auf dem Schaffot plötzlich Gnade wird, iſt nur ein ungenügender Vergleich. Darum wird Niemand hier eine Schilderung erwarten von dem, was die Liebenden in dieſem Augenblicke fühlten, empfanden, dachten. Vielleicht waren ſie ſich deſſen ſelber nicht bewußt. Ottokar hatte ſich auf einen Seſſel niederlaſſen müſſen. Er hielt Klara in ſeinen Armen; ihr Haupt ruhte an ſei⸗ ner hochwallenden Bruſt. So hielt er die Geliebte auch damals, als man ihm ſagte, ſie wäre todt. Damals ver⸗ mochte er nicht zu faſſen, daß ſie ihm entriſſen ſein ſollte; jetzt vermochte er kaum zu glauben, daß ſie ihm wiederge⸗ geben war. Ihr Liebe und Glück ſtrahlender Blick, ihr war⸗ mer Lebenshauch, das hörbare Klopfen ihres reinen, ſchuld⸗ loſen Herzens, ihr Lächeln durch Thränen, wie ihr ſanfter Händedruck mußten ihn immer wieder auf's Neue davon überzeugen. Um ſie herum ſtanden die Freunde und freuten ſich ſtill und mit naſſen Augen der Beiden Glück. Auch Peter, den ſonſt die Freude ſo ſchwatzhaft machte, hätte es ſich nicht vergeben können, durch ein unpaſſend Wörtlein den Engel der Liebe und Freundſchaft zu verſcheuchen, deſſen Gegen⸗ wart— unſichtbar zwar, doch fühlbar— dieſen Augen⸗ blicken eine höhere Weihe verlieh. — Du weißt Alles, Klara, und dennoch blieb mir —— ⏑ W Ö;E Deine Liebe? begann Ottokar, nach längerer Zeit zuerſt das feierliche, ſo beredte Schweigen unterbrechend. Entſetzte ſich nicht Dein Herz, als Du hörteſt, was Alles Dich als mein Weib getroffen haben würde, wenn Gottes gnädige Fügung es nicht verhindert hätte? — Wie konnteſt Du alſo von Deiner Klara denken, Ottokar, erwiederte ſie mit ſanftem Vorwurf. Fern ſei es von mir, wider Gottes Schickung zu murren; aber das Schlimmſte, das mich nur immer treffen konnte, iſt mir durch die Trennung von Dir, Geliebter, widerfahren. Mit Dir zu dulden, Dich tröſten zu können, wenn Alle Dich verlaſſen hätten— wie ſüß wäre dies geweſen, wie ſtolz hätte es mich gemacht! Und wieg viel habe ich Dir, Deiner Liebe, Deiner unwandelbaren Treue zu danken! Du warſt ja mein Schützer und Erretter, mein Helfer in der höchſten Noth, wenngleich Dich Kerker und Banden von mir entfernt hiel⸗ ten! Darum, mein Geliebter, trübe mein Glück nicht ferner durch ſolchen Verdacht gegen Deine Klara! — Verzeihe mir's, Du Gute! ſprach Ottokar im Tone innigſter Dankbarkeit und Verehrung. O, ich verdiente die Leiden der letzten Zeit, als ich an Deiner himmliſchen, ver⸗ gebenden Milde zweifelte! Hätte ich nur ein einzig Mal in Dein liebeſtrahlendes Auge blicken dürfen, ſo wäre es ſo weit nicht gekommen mit mir! Dein Fernbleiben— — Rechne mir's nicht zu, Ottokar! unterbrach ihn Klara bittend. O, mit unausſprechlicher Sehnſucht zog es mich hin an Dein Schmerzenslager! Wie oft ſtreckte ich die Arme nach Dir aus und rief unter bittern Thränen Deinen theu⸗ ren Namen, wenn ſie mir verwehrten, dem heißen Drange meines Herzens zu folgen! Wie oft machte ich den lieben Eltern das Herz ſchwer und bekümmert, wenn ſie mir die Erfüllung meiner Bitte, Dich nur zu ſehen, nur einen Augen⸗ blick in Deiner Nähe verweilen zu dürfen, verſagen mußten! — O, warum hat man mir das gethan! ſeufzte Ottokar. ANANRNRNNRLRSZ;B — Zürne ihnen nicht deswegen, mein Geliebter! fuhr Klara fort. Sie meinten es ſo gut mit Dir, denn ſie lie⸗ ben Dich ja Alle, weil Du ihrer Liebe ſo werth biſt! — Ja, die Abſicht war gut, nahm Pater Johannes jetzt das Wort, nur das Mittel war dumm gewählt. So iſt es, wenn ſich der Menſch allzu ſehr auf ſeine eigene Weisheit verläßt. Ich allein trage die Schuld, weil ich Euch ſo arg verkanntv; ich bildete mir ein, daß Ihr mit Gott und Menſchen grolltet wegen Eures Geſchicks, daß finſterer Menſchenhaß in Euch Wurzel gefaßt habe wegen der Lei⸗ den, die durch die Bosheit Etlicher Euch wurden! Ich ge⸗ dachte nicht, welche Nachſicht gegen die Vergehen Anderer, welche Strenge gegen Eure eigenen Schwächen Ihr immer an den Tag gelegt hattet. Wie aber konnte man auch ah⸗ nen, was in der Tiefe Eures Herzens vorging, wenn man nicht rein und ſchuldlos, wie Klara und Lisbeth, iſt! Sie allein wurden nicht gänzlich irre an Euch! Sie legten den Maßſtab ihres eigenen Herzens an Euch; ich aber urtheilte nach den Erfahrungen, die ich an Anderen gemacht, ohne zu bedenken, daß Ihr kein gewöhnlicher Menſch ſeid und achtete weder der Bitten, noch der Thränen der beiden gu⸗ ten Kinder, die Euer Herz beſſer kannten. Doch was ſchwatze ich da Alles durcheinander zu meiner Entſchuldigung. — Ihr entſchuldigt Euch nicht, ſondern Ihr klagt Euch ſelber auf ungerechte Weiſe an, Ehrwürdiger! verſetzte Boytin, des Paters Hand drückend. Euer Irrthum, den auch wir theilten, war natürlich und verzeihlich. Ottokar erhob ſich. — Man ſagt, derjenige iſt glücklich zu preiſen, der einen Freund, im Unglück bewährt, ſein nennt! ſprach er in tiefer Bewegung. Mir ward mehr beſchieden; denn Alle, die hier zugegen ſind, darf ich mit vollem Rechte mit die⸗ ſem ſchönen Namen nennen! Gab es je theurere Herzen, als die Eurigen? Eure Freundſchaft, Eure Liebe macht mich G. „ il ich Gott ſſterer Lei⸗ h ge⸗ derer, mmer h ah⸗ man Sie — den heilte ohne und n gu⸗ zwahze Euch ſoytin, Hwit „der ich et Alle, t die⸗ erzen, 1 mich 2 ſo überſchwenglich glücklich und ich ſollte Euch zürnen, da Ihr Tag und Nacht für mich ſorgtet und wachtet? Kam ein Wort über meine Lippen, dem ſolche Bedeutung entnom⸗ men werden kann, ſo rechnet mir's nicht an, denn ich wußte nicht, was ich ſprach. Man wird im Glück ſo leicht unge⸗ recht, wie im Unglück! Freundſchaft und Liebe, dieſe Himmelsſchweſtern, feierten nie ein ſchöneres Feſt, als in dieſem kleinen Gemach, unter dieſem trauten Kreiſe von Leuten, ſo ungleich einander an Jahren, Bildung und Lebensſtellung, ſo verwandt mit ein⸗ ander in Allem, was den Menſchen wahrhaft ziert und ihm Werth verleiht! Die Vorhänge am Eingang in das Nebengemach wa⸗ ren zurückgeſchlagen. Es war feſtlich geſchmückt gleich dem, in welchem man ſich befand. Dem Eingange gegenüber, an der Stelle, wo Ottokars Krankenlager geſtanden, erhob ſich ein Altar, reich geſchmückt mit Kränzen, Blumen und Gewinden. Ottokar ward jetzt inne, was Lisbeth ſo freund⸗ lich mit ihm im Sinne gehabt, und es that ihm faſt leid, durch ſein Benehmen ihre kindliche Freude geſtört zu haben. Mit ſeligem Lächeln blickte Lisbeth auf Ottokar, deſſen Ge⸗ danken ſie errieth. — Wenn es auch anders gekommen, als ich mir aus⸗ gedacht, ſo bin ich deswegen doch nicht weniger erfreut, mein Bruder! ſagte ſie zu ihm. Er drückte dankend der Schweſter Hand und trat dann mit Klara zu dem Altar, auf deſſen Stufen er an ihrer Seite niederkniete. Alle Anweſenden folgten ſeinem Beiſpiele. Bald aber gemahnte es Ottokar an ſeine Mutter und ein Gefühl wehmüthiger Trauer miſchte ſich in die Seligkeit ſeines Glückes.. — Während wir uns hier im feſtlichen Raume freuen, ringt meine Mutter in ärmlicher, einſamer Hütte mit dem Die ſchwarzen Brüber. IV. 18 AAAꝶ Tode und ſtreckt vergebens die verlangenden Arme aus nach ihren Kindern! ſprach er. O, daß ich ihrer vergeſſen konnte! Laßt uns eilen, Ihr Lieben, damit ich ihren Segen empfange, bevor der Tod ihre bleiche Lippe auf ewig ſchließt! — Und mich laß mit Dir gehen, mein Ottokar! fügte Klara bittend hinzu. Auch ich ſehne mich nach ihrem Mut⸗ terherzen! — So ſei es, Geliebte! erwiederte Ottokar. Gewiß, ſie wird ſich Deiner als ihrer Tochter freuen und den Bund unſerer Herzen durch ihren Segen heiligen! Boytin ließ eilig ſein Fuhrwerk herbeikommen und bald waren Alle, welche Martha hatte zu ſich beſcheiden laſſen, auf dem Wege zu der Sterbenden. Keiner von ihnen ahnte wohl, was ſie dort vernehmen ſollten. Peter aber eilte ſpornſtreichs nach einem gewiſſen Hauſe in der Grünſtraße. Er konnte ſeine Freude nicht länger ſtill in ſich verſchließen, er mußte Jemand haben, dem er ſie mittheilen konnte. 55. Der Tag neigte ſich zu Ende. Durch Immergrün, welches das Fenſter umrankte, web⸗ ten ſich die milden Strahlen der Abendſonne in das Käm⸗ merlein, welches Martha's letzte Augenblicke umſchließen ſollte. Hier hatte ſie die längſte Zeit ihres Lebens einſam und düſter vertrauert; hier wollte ſie den Tod— fuͤr ſie eine lächelnde Lichtgeſtalt— empfangen. Zu beiden Seiten ihres Lagers ſtanden Ottokar und Lisbeth, Jeder eine Hand der theuren Mutter in der ſeini⸗ gen haltend. Klara ſtand neben dem Geliebten; Bernhard an Lisbeths Seite. Boytin, Pater Johannes und Andreas web⸗ Kam⸗ ſollte⸗ und eine und ſeini⸗ han draus ſtanden am Fußende des Lagers. Alle lauſchten aufmerkſam den Worten der Sterbenden. Thränen— nicht des Schmer⸗ zes, ſondern heiliger Rührung— netzten jedes Auge. Eine Zeit lang hatte Martha mit den Anweſenden über Mancherlei geſprochen, was dieſen und beſonders ihren Kin⸗ dern zu hören frommte und von den Letzteren mit ſeligem Lächeln den Tribut der Liebe, Kuß und Thränen hingenom⸗ men. Mit der tiefer ſinkenden Sonne aber ſanken auch ihre Kräfte und häufig mußte ſie ſich eine Pauſe der Erholung gönnen. — Bevor ich nun die Erde verlaſſe, gemahnt es mich, den edlen Wohlthätern, die ſich der Kinder der armen Mar⸗ tha annahmen, meinen Dank auszuſprechen und ſie zu ſeg⸗ nen! begann ſie nach einer Pauſe. Ihr, Pater Johannes, bliebet ihnen ferne; aber Euer Herz hing an ihnen, Ihr betetet für ſie und an Euch hatten ſie einen Schutzgeiſt, der ſie umſchwebte, ohne daß ſie es gewahr wurden; Ihr be⸗ wachtet ihr junges Daſein und waret bereit, ſo oft ihnen Gefahr drohte! Der Herr wird Euch dafür ein ruhiges, ungetrübtes Alter und— wenn die Stunde da iſt— einen ſchmerzloſen, ſanften und ſeligen Tod verleihen; deß ſeid gewiß! — Möge Gott das Amen ſprechen zu dem, was Ihr mir verheißt, wenn ich's gleich nicht verdiente! ſprach der Mönch bewegt. — Ihr, Herr Boytin, fuͤhr Martha, zu dieſem gewandt, fort, Ihr erzeigtet Euch gütig gegen Ottokar und Lisbeth von ihrer Kindheit an, und als mein Sohn vor Euch trat, von Euch das Glück ſeines Lebens, das höchſte, begehrend, da ſtandet Ihr nicht an, ihm das Liebſte und Beſte zu ge⸗ ben, was Ihr beſaßet— Ihr gabt ihm Eure Klara, die koſtbarſte Perle. Doch Ihr habt mehr noch und Größeres an meinen Kindern gethan. Als die Stunde der Prüfung und der Trübſal für Ottokar gekommen, als ſich zu ſeinem 18* NNNRHD tiefen Schmerz um die verlorene Geliebte ſeines Herzens, noch bitterer Kummer und Sorgen um ſeiner Schweſter Schickſal, noch die ſchreckliche Erwartung des Elends, der Schande und Schmach geſellte, als er zagend und wehkla⸗ gend in dieſer Hütte weilte und ſich ausgeſtoßen wähnte aus der Gemeinſchaft der Menſchen— ach, mir blutete das Herz und ich konnte ihm doch nicht helfen, denn nur dieſes lebte in mir während jener Stunde, mein Geiſt war todt— in dieſer bangen Stunde, Herr Boytin, waret Ihr es, der den Armen aufrichtete und tröſtete. Ihr bekämpftet Eure Vor⸗ urtheile und nahmt Euch des Verlaſſenen an, nicht mit Wor⸗ ten allein, ſondern mit der That. Ihr verließet ihn auch nicht, als er in Kerker und Banden ſchmachtete, als Alle die, denen er ſein Leben, ſeine Mühen und Arbeiten gewid⸗ met, ihn verhöhnten und ihm den Stab brachen. Darum wird das Glück Euch begleiten auf Erden; Eure Thaten wird das Gelingen krönen und der Sieg demjenigen werden, für den Ihr ſtreitet. Ehre, Anſehn und Reichthum werden Euch umgeben, ſo lange Ihr lebet! — Wahrlich, es ſind hohe und glänzende Verheißun⸗ gen, die mir durch Euch werden, verſetzte Boytin; aber ich zweifle nicht an ihrer Erfüllung, denn dieſelbe Gabe, die Euch Dinge wiſſen läßt, welche Euch bis zu dieſer Stunde verborgen blieben, ſie läßt Euch ſicherlich auch hinter der Zukunft dunkeln Schleier blicken. Nehmt meinen Dank für Eure prophetiſchen Worte; denn ſie werden mich ſtärken und ermuthigen, wenn Hinderniſſe ſich der Erreichung meines Lebenszieles entgegenthürmen. Ein mattes Lächeln glitt bei Boytins Worten über Martha's Züge; dann aber ließ ſie ihren Blick mit unbe⸗ ſchreiblichem Ausdruck auf Andreas ruhen, der bleich und zitternd, die Augen zu Boden gerichtet, am Fußende des Krankenlagers ſtand. — Dir aber, Andreas, gebührt der Preis vor Allen! AAAAAAE begann ſie nach kurzer Pauſe. Wer hat, gleich Dir, an Ot⸗ tokar und Lisbeth gethan? Du wehrteſt alles Ungemach und Leid ab von ihrem jungen Daſein, als Du kaum Dein eigenes Weh zu tragen vermochteſt; Du ergötzteſt die Klei⸗ nen heiteren Angeſichts durch fröhliches Spiel, während ihr Anblick Dich erinnerte, daß Dir ſelber keine Freude mehr erblühe; Du ſorgteſt raſtlos für ihre Zukunft, als Dir die Deinige nur hoffnungsloſen Entſagungsſchmerz bieten konnte; Du lebteſt für ſie, als für Dich das Leben öde und todt war! Und von wannen kam der Sturm, der alle Blüthen der Freude von Deinem Lebensbaum verwehte— — O, ſprich nicht davon, Martha! ſchluchzte Andreas. Laß uns mit ins Grab nehmen, was wir ſo lange Jahre in tiefſter Bruſt verborgen getragen; es wird ja nicht ſo ſehr lange mehr dauern, bis ich Dir nachfolge. Laß uns ſchweigen, Martha, wie bisher! — Nicht alſo, Andreas! erwiederte Martha. Ottokar und Lisbeth ſollen die ganze Größe Deines Opfers erken⸗ nen; nicht, damit ſie Dir's lohnten— die Erde hat keinen Lohn für ſolche Treue— ſondern damit ſie ihren Kindern und Kindeskindern davon erzählen und Dein Vorbild ſie und ihre Nachkommen ſtärke und erhebe, wenn Gott ſie heim⸗ ſucht mit Trübſal und Leid! Und zu den Uebrigen gewandt, fuhr Martha alſo fort: — Andreas' Eltern und die meinigen waren Nachba⸗ ren; im Kindesalter war er der Gefährte meiner Spiele und ſpäterhin mein Genoſſe bei der Arbeit wie bei der Er⸗ holung. Weder die Eltern, noch Andere vermochten den ungeſtümen Sinn des Knaben und Burſchen zu zügeln; doch ein Wort, ein Blick von mir machte ihn zum Lamm, denn ſchon im Herzen des wilden, früh ſelbſtſtändigen Knaben ent⸗ brannte die Liebe zu mir, die mit den Jahren, als er ſich ihrer bewußt ward, nicht an ihrem Feuer verlor, wohl aber noch an Innigkeit zunahm und ſich mit faſt abgöttiſcher Ver⸗ AAANANANRNRNRNRSMN ehrung paarte. Ich aber ließ mir die tauſendfältigen und bei jeder Gelegenheit ſich kundgebenden Beweiſe ſeiner Ge⸗ fühle und Hoffnungen ſehr gern gefallen; glaubte ich doch ſeine Liebe zu erwiedern, indem mich Gewohnheit und ge⸗ ſchwiſterliche Zuneigung an ihn feſſelte. Bald ſollte ich meine Selbſttäuſchung inne werden. Andreas war in den Dienſt des Stadthauptmanns Rycke oder vielmehr deſſen Sohnes, Theobald, getreten. Es fügte ſich, daß dieſer mich ſah und in gleicher Liebe zu mir wie Andreas entbrannte. Unbekannt mit ſeines Dieners Nei⸗ gung, wußte er ſich mir zu nähern und in beredten Worten ſeine Gefühle zu entdecken. Wie ein Blitz zündeten ſie in meinem Herzen; ich vermochte der Gewalt des mir bis da⸗ hin ganz unbekannten Gefühls, das urplötzlich über mich kam, nicht zu widerſtehen; Andreas mußte weichen. Da er das Vertrauen ſeines jungen Herrn in allen Stücken beſaß, ſo blieb ihm ſein Unglück nicht lange ver⸗ borgen. Er kam zu mir und fragte mich ſelber. Ich ver⸗ hehlte ihm natürlich die Stärke meiner Liebe zu Theobald nicht. Da wandte er ſich zur Seite und weinte bitterlich; es war das erſte Mal, daß ich ihn weinen ſah, und meine Thränen floſſen ſo reichlich wie die ſeinigen. Als er dies gewahrte, bezwang er ſich. „Beruhige Dich, Martha, ſagte er zu mir. Glaube nicht, es mache mir Kummer, daß Du ihn mehr liebſt, als den armen Andreas. Im Gegentheil macht mir dies Freude; Theobald hat ein edles Herz, er liebt Dich wahr und auf⸗ richtig und Du wirſt ſehr glücklich werden! Aber ſage ihm nicht, was zwiſchen uns vorgegangen; es würde ihn betruͤ⸗ ben und vielleicht würde es ihn auch bewegen, mich aus ſeiner Nähe zu entfernen. Ich aber möchte ſo gern um Dich bleiben, auch wenn Du ſein Weib ſein wirſt: das iſt das Einzige, das ich von Dir erbitte! Sei verſichert, daß keine ine Silbe, keine Miene Dich erinnern ſoll an das Vergangene; ich begehre nur, Dir und ihm zu dienen!“ 4* Ich verſprach's ihm, weil ich wußte, daß ſein Wort ihm eilig ſein würde. Ihr Alle wißt, wie es darauf mit Theobald und mir kam. Andreas rettete das Leben deſſen, der ihm— unwiſ⸗ ſentlich zwar— ſein Lebensglück raubte; er verſetzte ſeiner Hoffnung auf meinen Beſitz mit eigener Hand den Todes⸗ ſtoß, indem er es ſchaffte, daß Theobald auch vor den Men⸗ ſchen mein Gatte ward, der er vor Gott ſchon lange ge⸗ weſen. Feierlich gelobte er dem Fliehenden, für mich und Euch, meine Kinder, Sorge zu tragen und uns nie zu ver⸗ laſſen. Andreas liebte mich damals noch ſo heiß wie fruͤher und dieſe Liebe hat er mir ſtill im Herzen bewahrt bis zu dieſer Stunde. Wie er ſein Gelöbniß hielt, deß ſind Ottokar und Lis⸗ beth Zeuge! Der Sorge um mich ward er zwar durch die zu ſpäte Reue enthoben, welche Theobalds Verwandte ob ihres Benehmens gegen dieſen fühlten; aber um ſo raſtloſer ſorgte er für Euch, meine Kinder. Ihr wißt es! Was Andreas litt, als er mir entſagen mußte, und wie mein trauriges Geſchick ſein Herz zerriß— das weiß nur Gott und er! In der erſten Zeit dieſer Truͤbſal fand ſein Schmerz Linderung, wenn er zu mir kommen, die Wärterin aus dem Gemach entfernen und an meinem Krankenlager ſich ausweinen konnte. Da erfuhr er einſt von der Wär⸗ terin, daß mein Zuſtand ſich verſchlimmert habe, ſo oft er bei mir geweſen. Von Stund' an verſagte er ſich auch dieſen geringen Troſt. Die Jahre vermochten nicht den Stachel des Schmerzes in ſeiner Bruſt abzuſtumpfen; beſtändig und unwandelbar, wie ſeine Jugendliebe, war auch ſein Schmerz, der aus ihr entſproſſen. Er trug ihn verborgen in tiefſter Bruſt. Ins⸗ 280 AAAAAANNNASWDV geheim floſſen ſeine Thränen; ſein Herz bun aber duldete ſtumm. Sein kräftiger Körper ward m d alterte, ſein Haar bleichte vor der Zeit, der Kumme an ſeinem Leben; aber er ſchwieg und keine Klage über ſeine Lippen. Sicherlich wäre es ihm beſſer gewordet hätte er ſein Leid offenbart, ſtatt es in ſich zu verſchließen. Doch er wollte es nicht um Euretwillen; er fürchtete dann mehr zu ſagen, als er ohne Gefahr für Euch ſagen durfte. Er hatte ſich Stillſchweigen gelobt und hielt ſein Gelübde bis zu dieſer Stunde, ob es ihm auch theuer zu ſtehen kam! Jetzt, Ihr Lieben, kennet Ihr erſt Euren Andreas! Es war ſchwer zu ſagen, welchen Eindruck Martha's Erzählung auf die Zuhörenden gemacht. Keiner von ihnen hatte ſich ſolches auch nur im Entfernteſten träumen laſſen von Andreas. Staunen, Bewunderung und Chrfurcht im tiefbewegten Gemüthe, blickten ſie ſchweigend auf ihn; Worte des Lobes, der Anerkennung und des Dankes in dieſem Augen⸗ blicke hören zu laſſen, hätten ſie für ſchnöden Frevel an ſei⸗ ner Seelengröße gehalten. So geht Mancher, gleich Andreas, durch das Leben hin. Wir ſehen an ihm nur die marmorkalte Außenſeite, aber wie es in ihm tobt und ſtürmt und was er trägt und duldet, das ahnen wir nicht. Könnten wir das Innere ſolcher Men⸗ ſchen erſchauen, wie anders und weniger hart würden wir alsdann urtheilen über ſie, denen wir lieblos und ſtolz Ge⸗ fühl und Empfindung abſprechen, weil ſie, edler und größer als wir, nicht mitleidbettelnd ihr Weh zur Schau tragen— weil ihnen, ttiiefer empfindend als wir, ihr Schmerz zu heilig iſt, um ihn den profanen Blicken der Menge preiszugeben, die ihn weder zu verſtehen, noch zu würdigen vermag! — So komm denn her zu mir, Andreas, und reiche mir zum Abſchiede vor der letzten, kurzen Trennung Deine treuen Hände! begann Martha wieder. Und als Andreas an der Seite ihres Lagers knieete RSSS und heiße Thränen auf ihre Hände weinte, fuhr ſie mit bebender Stimme fort: — Sch kann Dir keine Verheißung geben, welche Deine Tteue ſchon hier belohnte; aber wenn ſie vollendet iſt, die Bn9 Deines irdiſchen Lebens, dann, Andreas, wirſt Du yn empfangen; Du warſt getreu bis an den Tod, mein Blick erſchaut Dich in Lichtgeſtalt am Throne öchſten; ich höre ſeine Stimme: Du frommer und enecht, gehe ein zu Deines Herrn Freude! Und Träume Deiner Jugend aus denen Du einſt ſo achen mußteſt, ſie gehen in nie geahnte, herrliche zwir ſind wieder die fröhlichen Kinder, wir ſingen en wie ehemals und ewige Jugend, unvergängliche Freude ſind unſere Begleiter. Der allliebende Va⸗ ma und m Luſt ui te ter im Mnnel aber ſchaut mild lächelnd auf unſere Kindes⸗ 3 ſeligkeit nir lobſtngen und preiſen ihn aus kindlichem . Herzen u Engekzungen! Freue Dich, Andreas; bald, bald wird err Dich rufen und ich hole Dich dann 1s! 3 e nicht zu ſprechen; ſchluchzend erhob 1 itte biaus MAlg er nach einer 2 Seine Thrä⸗ ir ⸗ er 31 n beg nn Mall en zu bewerk⸗ ſtelligen, daß iter Umgebung — ddieſer Hütte we h. Hier, wo ich die Hälfte verlebte, hier, wo e 5 4. , zu kennen und zu 6 verſtehen ſchiefttirt Geiſtes, hier möchte ng der großen Auf⸗ ich auch begraß 4 wird Dir die Krone des ewigen Lebens werden! 282 AAAAAAANANRNRR; erſtehung den neu erweckten Leib mit der unſterblichen Seele wieder vereint! — Die Erfüllung dieſes Wunſches ſoll Deinen Kin⸗ dern eine heilige Pflicht ſein, Mutter! betheuerte Ottokar. Und zu ziiſ Stätte werden wir wallfahrten, wie zu der Reliquie einer heiligen Märtyrerin; die Erinnerung an Deine langen Leiden wird uns im Glücke Mitleid einflößen gegen Unglückliche, im Unglücke aber wird ſie uns lehren, wie man den Schmerz und das Leid tragen muß! So wirſt D nen Kindern auch dann noch Heil und Segen bereſten! — Glaubt nicht, daß der Allgütige meiner vergeſſ en hätte während der Zeit, wo ich hier weilte! fuhr Marth— mit ſanftem Lächeln fort; ſein Vaterauge blickte auch in die Einſamkeit dieſer Hütte! Seht, die Jahre rauſchten anen mir vorüber wie ein Traum; die Nacht meines Geiſtes ließ mich mein Elend nur ſelten gewahren, wohl aber genoß ſch, wenn auch deſſen nicht deutlich bewußt, ein ſtilles Glüch, denn meine Seele lebte der Vergangenheit. Der Tage u und der Jahres⸗ zeiten Wechſel berührte mich nicht, denn in der Welt, der ich angehörte, grünte ein beſtändiger Frühling. Nur an einem Tage im Jahre war es anders. Ihr wißt wohl, welchen ich meine; da ſtürmte es inn und trieb m. hinaus; doch war dieſer Tag vorber fard Alles d der wie zuvor. Sagt ſelben ob ich a ude glücklich rach es mir nuh. meines Geiſtes Nacht ſtundenlang in nln erwandelte. Dann tut ich hinaus vor die Hütts nd zärung war's, daß ich mich am Anblick meiner Kinder erfreuen durfte; denn ſtets ge⸗ ſchah es, daß Ihr, Oiſokäar und isbeih, Guch hinausbegabet iebten und Freundin, bder von dort zu⸗ agdes Andreas nc be⸗ r ſe W ief mir Und wohl verborgen hinter Geſträuch, damit Euch der armen Martha Anblick nicht betrübe, ſah ich Euch nach, ſo weit meine Augen reichten, und Freudenthränen floſſen mir reichlich, bis die Nacht wieder meinen Geiſt umhüllte! Solche Augenblicke aber hätten ein ganzes Leben des Schmerzes auf⸗ gewogen! Nur da, als ich Dich, Ottokar, und mit Dir die treue Schweſter unglücklich wußte, als ein langer Trauer⸗ zug an dieſer Hütte vorüberwallte und Du einer ſchwarz behangenen Bahre nachwankteſt— nur da litt ich wirklich. Aber Gott ließ mich nicht allein in meinem Schmerze; er ſandte mir einen ſeiner Engel, der ſich Helene nannte und ſüß tröſtend und lindernd an meinem Lager weilte! — Auch wir kennen den Engel in Menſchengeſtalt, von dem Du ſprichſt, theure Mutter! verſetzte Ottokar. Aber warum ſchwiegſt Du, als Dein Herz uns erkannt? fuhr er traurig fort. Du ſtreckteſt ſehnſüchtig die Arme nach Deinen Kindern aus; wir aber gingen unbekümmert, hochſtens mit kaltem Bedauern an Dir vorüber. O, warum ſchwiegeſt Du und legteſt Dir ſelber ſo harte Entſagung auf. — Konnte ich weniger für meine Kinder thun, als durch mein Schweigen ihres Herzens Ruhe erhalten? unter⸗ brach ihn Martha. Ich ſah Euch ja glücklich; hätte ich wie eine Mutter gehandelt, wenn ich Euch zurief: Die arme, wahnſinnige, von Euch bemitleidete Martha iſt Eure Mut⸗ ter? Wäre nicht von dieſem Augenblick an Eure Freude in Traurigkeit verwandelt worden? Nimmer hätte eine Mutter ſolches an ihren Kindern gethan! — Wahrlich, ſolcher Entſagung, ſolchen Opfers iſt auch nur ein Mutterherz fähig! ſprachen Pater Johannes und Boytin, Beide tief bewegt, unter einan r. — Und Deinem treuen Mutterherzen ſollte nur ver⸗ gönnt ſein, Deine Kinder ſterbend zu ſegnen? rief Ottokar. O nein, der Herr wird Dich noch nicht von hinnen rufen; Du wirſt leben, damit die Liebe und Dankbarkeit Deiner AANR;N Kinder ihre Schuld wenigſtens in etwas zu tilgen, damit ſie das ſo lange Verſäumte einigermaßen nachzuholen ver⸗ mögen! Sollte Dir hienieden jeglicher Lohn mangeln? O gewiß, Du wirſt leben, Du wirſt uns erhalten bleiben! — Ich werde Euch erhalten bleiben dort oben ewiglich! ſprach Martha. Hier auf Erden aber iſt dieſer Tag mein letzter; wenn ſeine Sonne geſunken iſt, wird dieſen Leib der Tod umfangen haben! Bittet Gott nicht, daß meine Seele noch hier zurückgehalten werde, denn dort oben hat ſie eine große, eine heilige Pflicht zu erfüllen! Aus Martha's Angeſicht ſprach ſo feſte Ueberzeugung, ſo freudige Zuverſicht, aus ihren Worten klang ein ſo feier⸗ licher Ernſt, daß Alle darauf ſchwiegen. Als wolle ſie aber auch den leiſeſten Zweifel verbannen, nahm ſie noch einmal das Wort. — Obſchon weder Theobalds, noch ſeines weiſen Leh⸗ rers Bemühungen, die Beide, wie Ihr wißt, in letzterer Zeit ihre Kunſt an mir verſuchten, das Gebreſte meines Geiſtes zu heilen vermochten, ſo bewirkten ſie doch, daß mein Zu⸗ ſtand ſich gegen ſonſt merklich veränderte; ſo erzählte Martha nach einer Weile. Ich lebte wieder in der wirklichen Welt, ich begriff, was um mich vorging und was man wollte; nur war mein Zuſtand gleich dem eines Halbwachen, der gleichfalls die Gegenſtände um ſich her wahrnimmt, ſie und ihre Bedeutung auch erkennt, aber ſich doch nicht zu vollem Erwachen, zu gänzlicher Losreißung aus der Dämmerung des Schlafes erheben kann. So lag ich auch auf dieſer Stelle, als der Tag der Fruühlings⸗Nachtgleiche ſich ſeinem Ende zuneigte, und ſah dem Untergange der Sonne zu, ſo gut die trüben Fenſterſcheiben und das Blätterwerk des Immergrüns mir den Anblick dieſes Schauſpiels geſtatten wollten. Als nun der letzte Strahl der Tagesleuchte im Weſten erloſch, als trübe, wäſſerige Nebel ſeinen gelblichen Widerſchein mit grauem Schleier umhüllte und des Abends AÖ;; Dämmerlicht der Dunkelheit unterlag, ſchloſſen ſich auch meine müden Augenlider. Da vernahm ich plötzlich neben mir ein banges, ſchmerzliches Seufzen, wie eines Sterbenden, und zugleich berührte eine kalte Hand meine Stirn. Ich öffnete die Augen. Theobald war es, der vor mir ſtand. Seine Blicke waren auf mich gerichtet; tiefe Schwermuth ſprach aus ihnen und aus den bleichen Zügen; ſeine Geſtalt war wie aus trübem Dunſte gewebt, durchſichtig zwar, doch von Dunkel umgeben. „Martha, ich ſcheide jetzt von der Erde, um vor Gott zu treten, ſprach er zu mir und ſeine Stimme klang dabei ſo traurig, daß ich's nie vergeſſen könnte. Bevor ich aber ſein Angeſicht ſehe, habe ich noch eine Bitte an Dich zu richten. Siehe, von dieſem Augenblicke an wird Dich das Gebreſte verlaſſen— es iſt das Einzige, was ich für Dich thun konnte— und was mir hier nicht mehr vergönnt war, wird Dir zu Theil werden: Du wirſt unſere Kinder glück⸗ lich ſehen und Dich ihrer Liebe freuen; aber Dir wird auch Vieles kund werden von mir, viel Böſes wird man Dir von mir erzählen. Doch auch Du wirſt nur noch kurze Zeit auf Erden weilen; wenn am erſten Oſtertage die Sonne hinter jene Hügel ſinkt, wird ſich Dein leiblich Auge für immer ſchließen. Ich ſpreche ſo zu Dir, Martha, weil Dich der Tod nicht erſchreckt und weil Dir dieſes nicht verborgen bleiben darf um meiner Bitte willen. Dieſe Bitte aber lautet, daß Du für mich beten und Fürſprache einlegen wolleſt bei Gott, denn ich bin— im Augenblick meines Hinſcheidens erkenne ich's— denn ich bin ſeiner Gnade und Vergebung ſehr be⸗ dürftig. Sprich, Martha, wird das Böſe, ſo Du von mir hören wirſt, wird die kurze Zeit, die Dir für Dich und die Kinder nur noch bleibt auf Erden— wird Alles dies Dich an der Erfüllung meiner Bitte nicht verhindern; wirſt Du⸗ für mich Augenblicke übrig haben, in denen Du thuſt, um was ich Dich gebeten?“ 286 ò; Alſo ſprach Theobald zu mir. Ich aber erwiederte ihm: „Nicht nur hier auf Erden will ich für Dich beten, ſo viel ich vermag: auch droben, wenn's mir vergönnt iſt, will ich flehen für Dich ohne Unterlaß, bis der allgütige Vater mich erhört! Meinſt Du, meine Liebe ſtirbt mit meinem Kör⸗ per; meinſt Du, meine Seele empfaͤnde des Himmels Wonne, wenn die Deinige auf ewig verdammt wäre?“ Da verlor ſich der höchſt duſtere Trauerausdruck ſeiner Züge. „Habe Dank, Marthal tönte es ſanft von ſeinen Lippen. Ich weiß, daß Du Dein Verſprechen halten wirſt und trete beruhigt vor den Thron des Ewigen; denn Dein Gebet iſt wie das Gebet eines Kindes und dieſes vermag mehr, als die Lebenden ahnen! Habe Dank!“ Ich fühlte ein lindes Berühren meiner Lippen, wie von ſeinem Kuſſe, und leicht und leiſe, wie ein Hauch der Luft, entſchwand er mir, ohne daß ich ſah, wohin. Ihr ſeht nun alſo, Ihr Lieben, daß meine Zeit gekommen, ſetzte Martha ihrer Erzählung nach kurzer Pauſe hinzu. Weinet nicht um mich, daß ich von Euch gehe; die Trennung währt nur kurze Zeit. Habe ich dort oben mein Verſprechen gegen Theobald erfüllt, dann wird mein Geiſt Euch ſtets nahe ſein! Ottokar und Lisbeth hatten in dieſem Augenblicke nur Sinn für die Mutter, die ihnen, kaum gefunden, entriſſen ward; denn wenn ſie auch gefaßt auf das Kommende an ihr Sterbelager getreten waren und Martha's Freudigkeit und lebendige Hoffnung auf das Jenſeits ihren Kinderſchmerz gemildert und in ſanfte, wehmüthige, ihnen wohlthuende Rührung gewandelt hatte, ſo ward ihnen doch ums Herz ſo ſchwer und weh, als ſich allmälig die Vorzeichen der nahen Auflöſung bei der Sterbenden einfanden, und immer banger ward ihr Schmerz, je näher der gefürchtete Augenblick her⸗ anrückte. Daher gab ſich ihr Kindesgefühl lauter kund, als Martha mit ſo großer Beſtimmtheit von ihrem nahen Ende ſo ill AAAAAAAAAAAAgA Anders aber war es bei den übrigen Anweſenden, die — außer Andreas— nicht ſo unmittelbar durch Martha's Tod berührt wurden; auf dieſe hatte die Erzählung von jener Erſcheinung einen mächtigen Eindruck gemacht, dem ſich ihr Geiſt nicht ſogleich entziehen konnte. War doch Martha wirk⸗ lich von der Stunde an geneſen, in welcher Theobald von ihr geſehen worden, und dieſer hatte, wie Alle wußten, zur ſelben Zeit zu leben aufgehört! Beſonders ſichtbar war dieſer Eindruck bei Pater Johannes, welcher bei Theobalds letzten Augenblicken zugegen geweſen. Martha's Stimme war während ihrer letzten Erzählung allmälig ſchwächer geworden; ihr ganzes Weſen, ihr Aus⸗ ſehen deutete darauf hin, daß ihr letzter Augenblick nicht mehr fern ſei. Sie hatte die Hände gefaltet und betete ſtill in ihrem Herzen. Ihre Augen waren geſchloſſen. Nach einer Weile blickte ſie auf und ſah nach dem Fen⸗ ſter. Durch die Ranken des Immergrüns ſah man die unter⸗ gehende Sonne, deren unterer Rand bereits den Horizont be⸗ rührte. Gold und Purpur ſtrahlte der leicht bewölkte Abend⸗ himmel. Eine Zeit lang betrachtete Martha ſinnend das erhabene Schauſpiel. 4 — Das Tagesgeſtirn ſinkt; bald hat es ſeinen irdiſchen Lauf für heute vollendet, mit ihm vollende ich den meinigen für immer! ſagte Martha, als man nur noch die Hälfte der Sonnenſcheibe über dem Horizont gewahrte. Noch ſehe ich Euer Angeſicht, meine Kinder; aber ſchon beginnt es zu dunkeln vor meinen leiblichen Augen. Ehe ſie ganz erlöſchen und meine Lippen verſtummen, laßt mich Euch ſegnen— zum letzten Male auf dieſer Erde! Ihr, meine Kinder, die ich unter meinem Herzen getragen, und Ihr, die Ihr Martha durch die Liebe Eure Mutter nennt— kommt herzu, daß ich Euch ſegne! AANNRMM HB Ottokar und Klara knieeten zu der einen, Lisbeth und Bernhard zu der andern Seite des Lagers. Martha legte betend die Hände auf ſie. Leiſes Weinen und verhaltenes Schluchzen ließ ſich im Kämmerlein vernehmen; dazwiſchen hörte man die Worte der Sterbenden: — Bleibet gut, meine Kinder, ſprach ſie, fürchtet Gott und liebet einander, ſo werdet Ihr immerdar glücklich ſein, auch dann noch, wenn Euch Trübſal heimſuchen ſollte! Thut Gutes, ſo viel Ihr vermögt, ſo wird es Euch ſtets wohl⸗ ergehen auf Erden, ſelbſt wenn Ihr Mangel leiden müßtet. Gott der Herr ſei mit Euch auf allen Euren Wegen; ſein heiliger Engel geleite Euch auf Eurer Lebensbahn und führe Euch, ſeid Ihr einſt am Ziele, wieder in die Arme Eurer harrenden Mutter! So lebet denn wohl, Ihr Alle, lebet wohl! Seid glücklich, bleibet gut— und denket auch meiner hin und wieder! Lebt wohl— lebt wohl! Ihre Arme wurden ſchwerer; matt ſanken die müden Augenlider herab. Noch bewegten ſich leiſe ihre Lippen. — Und wenn Ihr— CEures Vaters gedenkt— o, ſo thut es— nicht mit Haß oder Bitterkeit! ſo hörte man ſie nach einer kurzen Pauſe wieder. Er hat viel gefehlt— er irrte weit ab vom rechten Wege— aber— er hat auch viel gebüßt— er hat— auch viel gelitten!— Darum, Ihr, ſeine Kinder— gedenket auch ſeiner— in Liebe! Reichlicher floſſen der Geſchwiſter Thränen; lauter hörte man ihr Schluchzen. — Ja— meine Kinder— wiederholte die Sterbende noch einmal— ja— glaubt mir's— Euer Vater— war — ſehr— ſehr unglücklich. Der Herr— laſſe Euch— ſo viel Freude— zu Theil— werden— wie Theobald— Schmerz getragen! Ich aber— muß jetzt— für— ihn — beten! Sie verſuchte ihre Hände zu falten; doch ſchon man⸗ gelte ihr die Kraft dazu. 289 Andreas, der jetzt von Allen die meiſte Faſſung bewahrte, legte ihr die Hände in einander. Der letzte Streif der Sonnenſcheibe ſank unter den Ho⸗ rizont hinab. — Dunkle Nacht umgiebt mich— tönte es jetzt von Martha's Lippen— aber von fern her dämmert mir ein neuer Tag! O, wie herrlich ſtrahlt mir die Morgenröthe entgegen! Und immer lichter wird es in der Höhe! Ha, wel⸗ cher Glanz, welche Klarheit, welch blendendes Lichtgewand! Sei mir willkommen, Du Engel des Todes, des Friedens, der Vollendung! Und wer iſt Jener dort? Ja, er iſt es— Theobald! Wie anders iſt er jetzt, als das letzte Mal! Nicht düſtere Schwermuth, ſondern milder, heiterer Ernſt leuchtet aus ſeinen Zügen! Seine Geſtalt iſt klarer, heller geworden! Er naht ſich, er lächelt ſeinen Kindern ſanft und freundlich zu! Er winkt und deutet auf den Engel im Lichtgewand! Lebt wohl, meine Kinder! Vater im Himmel, nimm mich auf bei Dir! Theobald— ich— komme! Ihr Lieben— lebt wohl! Bleibet gut! Noch einmal ſuchte ihre irrende Hand die Häupter ihrer Kinder. Ein verklärtes Lächeln flog über ihr Angeſicht. Ihr letzter Athemzug war entflohen. Im nahen Gebüſch tönte klagend das Lied der Amſel. Der Abendwind rauſchte durch die Wipfel des Tannenwal⸗ des und ſäͤuſelte leiſe und geheimnißvoll in den Blättern des Immergrüns am Fenſter. Wie fernes Läuten wehte es ſanft durch die abendliche Stille herüber. Andreas beugte ſich über die entſeelte Hülle Martha's, drückte ihr ſanft die Augen zu und hauchte einen Kuß auf ihre bleiche Stirn. Dann verließ er, ohne ein Wort zu ſprechen, das Gemach. 1 Ottokar und Lisbeth benetzten die kalten Hände der Ver⸗ blichenen mit ihren Thränen. Klara und Pater Johannes Die ſchwarzen Brüder. IV. 19 -— — 2+— ſſſ——— —— AAAꝑ;;; knieten im ſtillen Gebete; Boytin und Bernhard beobachteten ein feierliches Schweigen. Die Wärterin kam mit Licht; ihr folgte der Pfarrer des nahen Dorfes und Andreas. Die Knieenden erhoben ſich. Noch ſchwebte das Lächeln der Verklärung auf Martha's Zügen. Stumm und wehmuthsvoll betrachtete ſie Ottokar eine Zeit lang. — Sie iſt dahin! ſprach er dann. Schnell verblühte ihres Lebens Mai; ihm folgte ein langer, öder Winter! Sie ward geboren, litt und ſtarb— das iſt auch ihres Daſeins trauriger Inhalt! — Die Dulderin hat ausgelitten; ſie weilt jetzt da, wo ihr ein ewiger Frühling grünt, wo unvergängliche Freude ihr zu Theil wird! erwiederte ernſt der Pater Johannes. Und während ſie noch mit uns redete, gehörte ihr Geiſt ſchon dieſen höheren Gefilden an; wie hätte ſie ſonſt, die Tochter eines ſchlichten Landmannes, mit uns von ſolchen hohen Dingen ſprechen können, wie wir ſie aus ihrem Munde ver⸗ nahmen? — Aber für uns iſt ſie todt! ſeufzte Ottokar. — Tod iſt Leben! nahm Andreas das Wort. Der Tod verändert nur die Geſtalt jeglichen Dinges. Was hier zu Staub und Aſche ward, das erblüht dort zu neuem, ſchöne⸗ rem Leben! Sagtet Ihr nicht ſo oder ähnlich, als wir heute Morgen im Walde von dergleichen ſprachen? Ottokar drückte ihm die Hand. Dann aber trat er zu Lisbeth, die ihre Thränen um die Mutter noch nicht zu ſtillen vermochte, obgleich Bernhard und Klara ſie zu tröſten und zu beruhigen ſuchten. Sanft zog er die Schweſter an ſeine Bruſt. — Der Hingeſchiedenen letzte Worte waren;„Bleibet gut!“ ſagte er jetzt. Wohlan, laſſet uns an dieſer heilgen Stätte geloben, ihrem letzten Gebote nachzukommen. Laſſet uns bei ihrem Andenken geloben und möge ihr Segen dazu AARRRge mögen! — Wir wollen es! ſprachen Klara und Lisbeth. — Und ich will verſuchen, nach Eurem Vorbilde es zu werden! ſetzte Bernhard hinzu. — Du biſt es ſchon, Bernhard! ſagte Lisbeth. Und Dein Verdienſt iſt größer, denn Du mußteſt erſt den Feind in Dir beſiegen! Boytin blickte mit tiefer Rührung auf den herrlichen Kreis, welcher Ottokar und Klara, Bernhard und Lisbeth in innigſter Liebe vereinte. Sagte ihm doch ſein Herz, daß auch er einigen Antheil habe an der Begrundung ihres Glückes! Man mußte an die Heimkehr denken. Andreas erklärte, daß er die Nacht in der Hütte zubringen wolle. Ottokar wollte ſeinem Beiſpiele folgen; doch die Vorſtellungen der Freunde, die für ihn fürchteten, und beſonders Klara's ſanfte Bitten bewogen ihn, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen. Durch Kuß und ſtilles Gebet nahm man Abſchied von der Verſtorbenen und legte in bewegter Stimmung den Weg nach den beiden Städten zurück. 16. Wehmüthige Trauer erfullte Ottokars Herz, wenn er während der nächſten Tage der Hingeſchiedenen gedachte; Himmelswonne durchbebte ihn, wenn er in der wiederge⸗ ſchenkten Geliebten holdes Auge blickte. Die Wehmuths⸗ thräne um die Mutter, welche der Wimper entrann, ſah oftmals das Lächeln des Glückes auf ſeinen Wangen, bevor ſie ihren kurzen Weg zurückgelegt. Mit jedem Tage ward die Trauer milder, mit jedem Tage gab er ſich mehr und 19* thun, daß wir, ſo viel an uns iſt, gut ſein und bleiben mehr ſeinem Glücke hin, das er erſt allmälig ganz zu em⸗ pfinden vermochte. Wer wollte mit ſeinem Herzen darob rechten, daß die dem Grabe entſtandene Geliebte die hinge⸗ ſchiebene Mutter, das Leben den Tod in den Hintergrund drängte. Natürlich weigerte er ſich jetzt nicht ferner, das ihm von Boytin vorgeſchriebene reiche Beſitzthum anzunehmen, welches die Mitgift ſeiner Klara ſein ſollte und in dieſer Form ihm übergeben ward; wie er jetzt auch gern Peters freundlichem Anerbieten nachkam, mit Lisbeth ſo lange in dem Hauſe der Brüderſtraße zu weilen, bis in Britz Alles wohnlich eingerichtet ſei. Zu wiederholten Malen machte Ottokar, von Lisbeth und Klara unterſtützt, in dieſen Tagen den Verſuch, Andreas zum Aufgeben ſeiner dienenden Stellung und zur Annahme eines Ruheplätzchens zu bewegen, damit er aller Laſt und Mühe enthoben ſei und im Kreiſe ſeiner dankbaren Schütz⸗ linge den Reſt ſeines Lebens in behaglicher Unabhängigkeit und Sorgloſigkeit verbringen könne. Aber jegliche Ueber⸗ redungskunſt ſcheiterte an der Hartnäckigkeit des Alten, mit welcher er auf ſeinem Entſchluß beharrte. Er wollte nun einmal bis an ſein Ende bleiben, was er bisher geweſen, und wollte auch von keinem Gehülfen wiſſen, den ihm Otto⸗ kar zur Erleichterung aufzudringen verſuchte. Man mußte es endlich bei ſeinem Willen bewenden laſſen. Am dritten Tage wurden Martha's irdiſche Ueberreſte der letzten Ruheſtätte übergeben an dem Ort, welchen ſie ſich ſelber dazu erſehen. Die hierzu erforderliche biſchöfliche Ge⸗ nehmigung hatte man mit leichter Mühe erhalten. Als mit dieſem Akte gleichſam die Zeit der ſchweren Prüfung, die Schule der Leiden— welche für Ottokar be⸗ gonnen hatte mit ſeiner eiligen Rückkehr aus Frankfurt am Tage St. Luciä des vorigen Jahres— geſchloſſen war, da drängte es ihn denn auch, Aufſchlüſſe zu erhalten üͤber man⸗ NNREE cherlei ihm jetzt noch unklare Begebenheiten und Umſtände, welche jene Prüfungszeit begleitet oder ihr ein Ende gemacht hatten, und ſo finden wir denn am erſten Abend nach den Oſtertagen den kleinen Freundeskreis im Hauſe des Herrn Boytin verſammelt, um im traulichen Gemach ſich der trü⸗ ben Vergangenheit zu erinnern und ſich der ſonnenhellen Gegenwart um ſo mehr zu freuen. Ottokars feuchte Blicke hingen aufmerkſam an der Ge⸗ liebten Lippen und ſein Ohr lauſchte begierig ihren Worten, als Klara ihm ihre Erlebniſſe während jener Zeit mittheilte. Sorgfältig verſchwieg das gute Kind ihm Alles, oder ging wenigſtens leicht darüber hinweg, was nur irgend geeignet war, bittere Empfindungen in ihm zu erregen, und ſprach nur von den Freuden, die ihr durch die Beweiſe ſeiner un⸗ verbrüchlichen Liebe und Treue geworden. Und als ſie ihm mit ſüßem Lächeln ſchilderte, wie ſie in Noth und Angſt den Schutz und Beiſtand des entfernten Geliebten angerufen und wie es ihr gelungen, mit dieſer Waſſe jede Anfechtung zu beſiegen— da war es ihm, als habe er ſich noch nie ſo beſeligt, ſo groß gefühlt; er zog die liebliche Braut an ſeine hochwallende Bruſt und ſeine trunkenen Blicke, das Klopfen ſeines Herzens ſprachen deutlich und verſtändlich, wie glück⸗ lich er ſei. Aber auch Peters hochherzige, muthige Aufopfe⸗ rung ſchilderte ihm Klara mit beredten Worten, wie ſehr auch Peter dagegen eiferte, und Ottokar geſtand, daß er für immer des wackeren Freundes Schuldner bleiben müſſe. Pater Johannes erzählte ihm darauf von ſeinem Va⸗ ter und gab ihm jenes Schreiben, welches Theobald im Ker⸗ ker einem Mönche diktirt und dem er dann die Bemerkung, daß er wieder an einen Gott glaube, beigefügt hatte, als ihm Ottokars Freiſprechung berichtet ward. Im Allgemeinen enthielt es daſſelbe, was wir ſchon aus dem für Rycke, ſei⸗ nen Bruder und Todfeind, beſtimmten Schreiben und aus ſeinen verſchiedenen Selbſtgeſprächen erfahren haben, und auch vom ewigen Tode und machte mich eines Glückes fähig, 2934. drückte nur noch den Wunſch aus, daß ſeine Kinder vor einem ähnlichen Schickſale bewahrt bleiben möchten. Tief bewegt legte Ottokar das Schreiben aus der Hand. — Ja, es iſt wahr, er hat den großen Irrthum ſeines Lebens abgebüßt, er hat viel gelitten! ſprach er. Gewiß iſt er jetzt mit ſeinem Gott verſöhnt; die Bemerkung von ſeiner Hand am Schluſſe des Schreibens, wie Martha's Reden in ihrer Sterbeſtunde laſſen mich dies hoffen. O, was hätte er uns und ſeinen Nebenmenſchen ſein können, hätten ihm in der Stunde der Anfechtung ſo treue Freunde zur Seite geſtanden, wie ſeinem Sohne! Daß er dieſe nicht beſaß, iſt die Urſache ſeines Falles! Möge es ihm dort oben wohl⸗ ergehen! — Amen! fügte Lisbeth dem Wunſche des Bruders fromm hinzu. — Ein unermeßlicher Schatz des Wiſſens ſank mit ihm in die Nacht des Grabes und Jahrhunderte werden ver⸗ gehen, bevor es wieder an's Tageslicht gebracht wird! ver⸗ ſetzte Pater Johannes. Welch eine Fülle von Macht gab ihm dieſes Wiſſen— denn durch dieſes allein verbrachte er all die Wunder, die wir von ihm geſehen— und wie viel Gutes hätte bewirkt werden können! Doch fern ſei es von mir, darob einen Stein auf ihn zu werfen; hat er doch auch dies ſein Wiſſen angewandt, um ſo viel als möglich das Böſe, was er angerichtet, in Gutes zu verwandeln! Wahrlich, er war mehr unglücklich, als ſchlecht! — Und war er nicht in vielen Stücken ein Werkzeug der göttlichen Gnade? nahm Bernhard das Wort. Ohne ihn wäre ich in meiner Sünde umgekommen. Um meinen Vater, ſeinen Todfeind, zu verderben, indem er dem Landes⸗ herrn insgeheim den Aufenthalt des Oſiris verrieth, befreite er mich aus dem entſetzlichſten Gefängniſſe, damit ich gegen meinen eigenen Vater zeuge— und dadurch rettete er mich 22A wie ich es jetzt in Lisbeths Liebe beſitze! Möge ihm dieſe That dort oben zum Guten gerechnet werden! Auf Ottokars theilnehmende Frage ſprach Bernhard jetzt von dem Schickſal ſeines Vaters, des ehemaligen Bürger⸗ meiſters Rycke. — Chrig iſt in dieſen Tagen zurückgekehrt, ſetzte er hinzu, als er mit ſeinem Berichte bis zur heimlichen Flucht des Unglücklichen gekommen war. Eine Tagereiſe von dem Orte ſeiner Flucht hat man ſeinen Mantel ſammt ſeinem Barett und Stabe am abſchüſſigen Rande eines Mühlbachs gefunden und alle Umſtände laſſen muthmaßen, daß er ſel⸗ ber ſeinem Daſein ein Ende in den Wellen gemacht! Mit ſtiller Theilnahme ehrte man die in Worten und Mienen ſich kundgebende Trauer des jungen Mannes über das harte Geſchick, welches ſeinen Vater, obgleich wohlver⸗ dient, getroffen. — Auch ich darf eben nicht viel Rühmens von dem Urheber meines Daſeins machen, äußerte Peter im weiteren Verlaufe des wieder begonnenen Geſprächs; aber es tröſtet mich doch und ſöhnt mich mit ihm aus, daß er ſeines Soh⸗ nes nicht vergeſſen, vielmehr ihm eine wirklich große Liebe bewahrt hat. Dafür ſchließe ich ihn auch ſtets in meine Gebete ein und habe mir auch vorgenommen, eine Seelen⸗ meſſe für ihn zu ſtiften. Der liebe Gott hat's aber ganz wohl gemacht, daß er's mit ihm ein Ende nehmen ließ, be⸗ vor ich ihn wiederſah. Ich hätte doch ſeine Zuneigung nicht erwiedern, noch durch kindlichen Gehorſam vergelten können; mein Widerwille war zu ſtark, das bemerkte ich ſchon, wie er hier als Diener im Hauſe war; keine Stimme ſprach damals in mir zu ſeinen Gunſten! Viel Gold, ſagt man, habe er für mich vergraben; nun, wenn ſich's auch fände, nicht einen Deut würde ich davon berühren! Nein, nein, hier auf Erden ſchickten wir uns nicht für einander; dort oben wird es hoffentlich anders ſein! 296 AAAAAAAANANANNRS Dieſes aufrichtige Bekenntniß zeigte von Neuem, wie fremd dem Herzen des Wackeren alle Verſtellung und Falſch⸗ heit war, und gewann ihm die Achtung und Zuneigung Aller, die dem kleinen Kreiſe angehörten, in erhöhtem Maße. Von Boytin erfuhr Ottokar, daß dieſer aus dem Bild⸗ niß, welches ihm der junge Mann gegeben, als ihn Boytin troſtlos in Martha's Hütte fand, Ottokars und Lisbeths Abſtammung errathen, da Boytin in jenem Bilde alsbald Martha erkannte, wie er ſich ihrer aus früherer Zeit erin⸗ nerte. Er wußte jedoch nicht, daß eine kirchliche Trauung ſtattgefunden hatte und hielt es daher für beſſer, das Ge⸗ heimniß zu bewahren, obgleich er insgeheim ſeine Nachfor⸗ ſchungen fortſetzte. An dem Abende, wo er von dem Be⸗ ſuche in Ottokars Gefängniß mit Lisbeth nach Britz zurück⸗ gekehrt war und dienheimliche Entfernung des alten Andreas erfuhr, vermuthete und fand er dieſen bei Martha, zu der ſich Andreas begeben hatte, um die Kranke am andern Mor⸗ gen vor die Richter zu führen und das Geheimniß zu ent⸗ decken, denn Andreas glaubte, daß eben jenes Geheimniß Schuld an Ottokars Unglück ſei. Hier erhielt nun auch Boytin die Gewißheit über jene wichtige kirchliche Trauung und beſchloß demgemäß zu handeln. Doch die Entdeckungen, die Bernhard an demſelben Abend im Hauſe ſeines Vaters machte, und die Sendung des alten Ehrig zu dem Pfarrer von Rycksdorf; ferner die Geſtändniſſe und Offenbarungen, welche von einigen in der Burg zu Poſtamp gefangenen Zi⸗ geunern dem kurfürſtlichen Hofrichter gemacht wurden; end⸗ lich die Mittheilungen, welche der Altmeiſter Holzmüller in ziemlich genauer Weiſe über die Vorgänge im Kloſter der Schwarzen Brüder am andern Nachmittag an Boytin ge⸗ langen ließ— dies Alles hatte den Lauf der Ereigniſſe ſo geſtaltet, daß jene Kataſtrophe vor Gericht in anderer, er⸗ ſchütternderer Weiſe herbeigeführt ward, als irgend Einer vorher hätte ahnen und vermuthen können. AAAAAAAAR;Eꝑ Mehr als je ward Ottokar durch dieſe Erzählung das Walten der Vorſehung inne und Dank gegen Gott, wie gegen diejenigen, welche durch ihre Freundſchaft fähig wa⸗ ren, zu Werkzeugen der Vorſehung zu dienen, erfüllte ſein Herz. Endlich kam auch Andreas an die Reihe. Den größten Theil der Erklärungen, welche dieſer zu geben hatte, kannte Ottokar bereits aus der Ausſage des Pater Johannes vor Gericht, wie aus dem, was Martha über das Leben des alten Dieners geſagt hatte, und Andreas fügte nur hinzu, daß er noch bei Lebzeiten des verſtorbenen Reinhold, Otto⸗ kars Pflegvater, Kunde von deſſen Bruder erhalten und dieſe benutzt habe, dem zu Prag wohnenden Weibe und Kinde deſſelben ſein eigenes Einkommen, deſſen er in ſeinem Dienſte nicht bedurft, als Unterſtützung zukommen zu laſſen. — Ich ſelber machte öfter die Reiſe dorthin— ſo ſchloß er ſeine Erzählung— da mir Cuer Pflegvater in allen Stücken freie Hand ließ. Euch aber ſage ich jetzt davon, weil ich auch nicht das kleinſte Geheimniß mehr mit mir herumtragen mag, ſeit das größte Euch offenbar geworden. Habe ich nun Unrecht daran gethan, daß ich Eurem Pfleg⸗ vater ſowohl, wie Euch ſelber mein Wiſſen verſchwieg, ſo muß ich's geſchehen laſſen, daß man mich deswegen zur Verantwortung zieht; das Gelübde, deſſen Erfüͤllung der Zweck meines Lebens war, gebot mir nun einmal, ſo zu thun. — Seht, jetzt weiß ich auch, warum mir das Geſicht des Andreas ſo bekannt zu ſein ſchien, als ich ihn draußen in Britz ſah! rief Peter, dem eine dunkle Erinnerung plötz⸗ lich klar ward. Ja, es iſt wahr, Andreas; Ihr ſeid es ge⸗ weſen, der uns in der höchſten Noth, als mein Vater mit den Huſſiten ausgezogen war, die reichliche Unterſtützung brachte! O, wie oft hat Euch meine arme Mutter als un⸗ ſern guten Engel geſegnet! Gott lohne es Euch, guter Alter, was Ihr damals an uns gethan! RRS Keiner der Anderen, am wenigſten Ottokar, hatte das Verfahren des Andreas gut heißen können; ja, Ottokar ſchmerzte es tief, daß um ſeinetwillen ſolch Unrecht begangen worden von Andreas, in welchem er bisher ein Muſter der Redlichkeit, neben dem der Treue, zu ſehen gewohnt geweſen. Wem aber ſtand es noch zu, einen Tadel laut werden zu laſſen, nachdem Peter, dem das Unrecht geſchehen, durch ſeine Aeußerung gezeigt, daß er ſelber weit davon entfernt ſei, gegen Andreas einen Vorwurf zu erheben? Freilich war dieſes Benehmen von Peter nur bei einem Charakter wie der ſeinige erklärlich und natürlich. Nachdem man nun gleichſam mit der Vergangenheit abgeſchloſſen hatte, hielt man es an der Zeit, die Zukunft in Erwägung zu ziehen, und kaum hatte man begonnen, von dieſer zu ſprechen, als auch der letzte Schatten, den jene in den Gemuͤthern zurückgelaſſen, ſpurlos entſchwand. Bald be⸗ rührte das Geſpräch eine gar wichtige Angelegenheit, welche ſelbſt dem ernſten Andreas zu wiederholten Malen ein ver⸗ gnügtes Lächeln entlockte und den Pulsſchlag verſchiedener Herzen beſchleunigte, aber auch Lisbeth und Klara bewog, ſich unvermerkt dem Kreiſe der Sprechenden zu entziehen. Dieſe beriethen ſehr eifrig weiter, ſahen aber bald ein, daß ihre Berathung zu keinem beſtimmten Entſchluſſe führen könne, ſo lange noch Jemand dabei fehle, der gleichfalls uber die verhandelte Sache ein Wörtlein mitzuſprechen habe. Peter zeigte ſich ſogleich ſehr bereit, den noch Fehlenden her⸗ beizuholen, verſprach auch, noch einen andern Auftrag, der ihm von Frau Katharina ward, mit auszurichten, und eilte ſpornſtreichs von dannen. Nicht lange währte es, ſo ſah man ihn in Begleitung zweier Perſonen über den Platz dem Hauſe zuſchreiten, und wer ihn jetzt ſo betrachtete, der mußte ſich geſtehen, nie ein vergnügteres Geſicht geſehen zu haben. Seine beiden Be⸗ heiter aber waren, wie der Leſer auch ohnedies ſchon wiſſen wird, Niemand anders, als Meiſter Trennert und deſſen Jungfer Tochter. Auf dem Korridor wartete Frau Katharine bereits der Kommenden und Peter mußte ſich einſtweilen von ſeiner etwas ſchüchternen Braut trennen, die von der freundlichen Haus⸗ frau in Klara's Gemach geführt und dort von Klara und Lisbeth als Schweſter begrüßt ward. Nicht minder herzlich ward Meiſter Trennert von dem Hausherrn und den Uebrigen empfangen, als er mit Peter zu dieſem in's Gemach trat. Nichtsdeſtoweniger verſuchte er es, einige Worte an Ottokar zu richten, die wie eine Bitte um Verzeihung klangen; doch ließ ihn der junge Mann nicht dazu kommen, ſein Vorhaben auszuführen. Weniger Se⸗ kunden bedurfte es nur, um ihn in dem kleinen Kreiſe ſo heimiſch zu machen, als ſei er ſeit langer Zeit ein beſtändi⸗ ges Glied deſſelben geweſen, und ungeſäumt nahm die vor⸗ hin abgebrochene Berathung jetzt wieder ihren freudevollen Anfang. Dieſe war nur kurz, denn in der Hauptſache waren alle Betheiligte ſchon längſt mit einander einig geweſen und bei den größtentheils von Boytin in Vorſchlag gebrachten Nebendingen hielt man ſich nur ſo lange auf, als zu ihrer Erwähnung und einſtimmigen Gutheißung nöthig war. Der Beſchluß, bei welchem es nicht erſt der Abſtimmung bedurfte, fiel ſichtlich zu Aller Zufriedenheit aus. Ließ nun gleich der Umſtand, daß Klara und Lisbeth, ſowie auch Jungfer Trennert ſich von dieſer Berathung fern hielten, auf ihre geringe Theilnahme an dem verhandelten Gegenſtande ſchließen, ſo ſchienen doch die Berathenden ſelber anderer Meinung zu ſein. Denn kaum hatten dieſe ihren Beſchluß gefaßt, als ſie auch alsbald eine Deputation aus ihrer Mitte beauftragten, Jene von dem Inhalte deſſelben in Kenntniß zu ſetzen. Gewiß nur zufällig fügte es ſich, daß zu dieſem Geſchäft die drei jüngſten Mitglieder der Ver⸗ ſammlung, nämlich Ottokar, Bernhard und Peter, erſehen— wurden. b 1„ Welchen Dank die drei Geſandten empfingen, als ſie, 1 V eingeführt durch Frau Katharine, ihrer Botſchaft ſich ent⸗ ledigt hatten, und wie lange ſie ſich am Orte ihrer Sendung aufhielten, bis ſie durch Frau Katharine an die Rückkehr zu V de ihren Auftraggebern erinnert wurden— darüber finden ſich keine zuverläſſigen Nachrichten in den alten Chroniken. Und 6 auch von dem Gegenſtande der Verhandlung— die keine b öffentliche geweſen— verlautet nichts Beſtimmtes. Nur ſo viel hat man mit ziemlicher Gewißheit erfahren können, daß Alle, die an der Berathung Theil genommen, ſowie auch V 1 Diejenigen, an welche die erwähnte Geſandtſchaft abgeſchickt b worden, nach einem einfachen Mahle noch über eine Stunde V e in Herrn Boytins Hauſe traulich bei einander blieben, daß 6 während dieſer Zeit alles überſtandene Ungemach vergeſſen ward und daß Meiſter Trennerts auf Alles aufmerkſame d Nachbarin und Gevatterin deutlich vernahm, wie Peter, als G er vor einem gewiſſen Hauſe in der Grünſtraße ſeiner Lieſel für heute den letzten Kuß gegeben, vernehmlich und ſehn⸗ h ſüchtig vor ſich hin ſeufzte:„Ach, wenn doch nur erſt Pfingſten wäre!“ 8 1 17. 3 Zu derſelben Zeit, wo im Hauſe des Herrn Boytin die oben mitgetheilten Geſpräche und Berathungen ſtattgefunden, d hatte auch der ehemalige Stadthauptmann Stroband etliche Herren zu ſich geladen, die ſonſt— mit Ausnahme des Geiſt⸗ d lichen— nicht zu den gewöhnlichen Gäſten ſeines Hauſes gehörten. Dieſe Herren waren der ehrwürdige Propſt zu St. Nikolai, der kurfürſtliche Hofrichter Balthaſar Haak, der 1 ,ò neuerwählte Bürgermeiſter Holzmüller und der Syndikus des Raths der beiden Städte. Ungewöhnlich, wie ihre Anwe⸗ ſenheit in dieſem Hauſe, ſchien auch die Veranlaſſung zu derſelben zu ſein. Man befand ſich in der geräumigen Halle, welche in den Häuſern wohlhabender Bürger nur bei beſondesen Ge⸗ legenheiten, bei Feſten und größeren Gaſtgeboten benutzt ward, und in welcher gewöhnlich auch die Familien⸗Kleinode, wie Bildniſſe, beſondere Geräthſchaften, Waffen u. dgl. auf⸗ bewahrt wurden. Die drei erſtgenannten Herren ſaßen in Lehnſtühlen an einem Kredenztiſche; ihre Mienen zeigten tiefen Ernſt, faſt Niedergeſchlagenheit; die vor ihnen ſtehenden Erfriſchungen blieben unberührt. Schweigend hörten ſie auf das, was Stroband dem an einem andern Tiſche emſig ſchreibenden Syndikus von Zeit zu Zeit in die Feder diktirte. Das Jubeln und die Luſt der unter den Fenſtern auf dem Neuen Markte ſpielenden Kinder bildeten einen grellen Gegenſatz zu dem, was in der Halle des greiſen Stadt⸗ hauptmanns verhandelt ward. — Das Verzeichniß Eures Eigenthums iſt fertig, ge⸗ ſtrenger Herr, ſo weit Ihr ſelber es angegeben, nahm der Syndikus das Wort, als er nach einer Weile mit ſeiner Beſchäftigung inne hielt und das Geſchriebene dem Stadt⸗ hauptmann reichte. Wollet es noch einmal prüfen, ob ſei⸗ ner Vollſtändigkeit nichts mangelt. — Das Verzeichniß enthält Alles, was ich mein Eigen⸗ thum nenne, ſagte Stroband, als er es nach der Durch⸗ leſung dem Syndikus zurückgab. Wohlan denn, laſſet uns das Werk beenden! Und in diktirendem, aber vor innerer Bewegung ge⸗ dämpftem Tone fuhr der Stadthauptmann nach kurzer Ein⸗ leitung folgenderweiſe fort: — So vermache ich denn den beiden Kirchen zu St. — ſ AAAAAAAAAAANRR Nikolai und St. Marien Alles, was von meinem Eigen⸗ thume außerhalb der Mauern beider Städte gelegen iſt, als Aecker, Wieſen, Gärten, Scheunen, Waldantheile und was ſonſt nach dem beigefügten Verzeichniß an Grund und Bo⸗ den mir gehört, ſammt allen darauf ruhenden Gerechtigkei⸗ ten und Freiheiten, und mit allen auf dieſem Grund und Boden ſtehenden Gebäuden und Geräthſchaften, wie es bei meinem Tode gefunden wird. Dies Alles ſoll der beiden Kirchen Eigenthum ſein, doch unter dem Beding, daß in ihnen täglich ein Prieſter eine Seelenmeſſe lieſet für mich, für meine in Gott ruhende Ehefrau und für meinen Sohn, und zwar von dem Tage meines Todes an. Ferner vermache ich dem Berliniſchen Kalande mein Haus am Neuen Markte zu Berlin ſammt dem dazu gehö⸗ rigen Garten zum beſtändigen Eigenthume, unter dem Be⸗ ding, daß mein alter Diener und ſeine Ehefrau darin woh⸗ nen bleiben, ſo lange es den beiden gefällt. Sämmtliches Hausgeräth aber— mit Ausnahme des güldenen und ſilber⸗ nen und des im beigefügten Verzeichniſſe als in dieſer Halle befindlichen— ſoll meinem Diener und ſeiner Chefrau, nach deren kinderloſem Ableben aber dem Hospital zum Heiligen Geiſte angehören. Endlich iſt es mein Wille, daß dem vormaligen Syn⸗ dikus beim Rath der beiden Städte, bisher genannt Otto⸗ kar Reinhold, und Enkel des weiland Stadthauptmanns Rycke, bei meinem Tode uͤbergeben werde Alles, was ich am heutigen Tage laut gerichtlicher Beſcheinigung und bei⸗ gefügtem Verzeichniß an gemünztem und ungemünztem Gold und Silber niedergelegt habe zur gerichtlichen Verwahrung in die Hände des kurfürſtlichen Hofrichters Herrn Balthaſar Haak, dem Vollſtrecker gegenwärtigen Vermächtniſſes. Auch ſoll derſelbe Ottokar Reinhold erhalten das Geräth von ede⸗ lem Metall, welches ſich laut beigefügtem Verzeichniß in meinem Hauſe befindet, ſowie ſämmtliches Geräth, welches dDd AðæAGAÖ;V; dieſe Halle bei meinem Tode enthält; was man aber an gemünztem Golde oder Silber in dieſem Hauſe finden wird, ſoll unter die Armen vertheilt werden. Dies Alles ſoll dem Ottokar Reinhold zu ſeiner unumſchränkten Verfüugung über⸗ geben werden, unter dem einzigen Beding, daß er vom Tage meines Todes ab meinem alten Diener und deſſen Chefrau, Beiden bis zu ihrem Ableben dreifachen Lohn auszahle, als ihnen bisher von mir geworden. Und ſoll dies Alles der Ottokar Reinhold als ſein Eigenthum betrachten und damit ſchalten und walten nach ſeinem alleinigen Gutdünken; denn ich weiß, daß er guten Gebrauch davon machen wird. Stroband hatte ſeinem letzten Willen nichts mehr hin⸗ zuzufügen. Der Syndikus ſetzte die gewöhnlichen Schluß⸗ formeln unter das Inſtrument, las den Inhalt deſſelben mit lauter Stimme vor und reichte es dem Stadthauptmann zur Unterſchrift. Dieſer las es noch einmal ſtill für ſich und nahm dann die Feder. Da aber erhob ſich der ehrwürdige Propſt. — Vergönnt mir zuvor ein Wort, Herr Stroband, bevor Ihr den Inhalt dieſes Inſtruments durch Eure Un⸗ terſchrift beſtätigt! wandte er ſich zu dieſem. Ihr habt Euer Haus beſtellt, wie es dem Chriſten, dem Menſchen und Bür⸗ ger geziemt; doch bedenket wohl, daß Ihr außerdem noch Vater ſeid. — Ich habe keinen Sohn mehr, hochwürdiger Herr! erwiederte Stroband trübe. Der, welchen ich einſt ſo nannte, iſt todt für mich auf dieſer Welt, wenngleich er noch ath⸗ men mag! Auch wird Euch Herr Balthaſar Haak ſagen, daß ein geächteter Mörder nimmer ein Erbe haben oder an⸗ treten darf! ſetzte er mit bitterm Lächeln hinzu. Was ich für Henning noch thun konnte, iſt durch die Stiftung der Seelenmeſſe für ihn geſchehen. Der Geiſtliche ſah aus dieſer Antwort, daß jeder fer⸗ nete Verſuch zu Gunſten des Ungluͤcklichen, deſſen er ſich AAAANNRNRRPZDYB'B angenommen, vergeblich ſein würde und ſchwieg daher. Stro⸗ band unterſchrieb und unterſiegelte das Teſtament; dann ſetz⸗ ten auch die übrigen Anweſenden, als Zeugen, ihren Namen darunter. Zuletzt ward es mit einem Umſchlag verſehen und auch dieſer verſiegelt. So ward es dem Hofrichter im Bei⸗ ſein ver Zeugen übergeben. — Nun, werthe Herren, nehmt meinen Dank für Eure Bemühung, ſprach Stroband jetzt zu den Letzteren. Es war ein traurig Geſchäft, zu dem ich Euch gerufen, doch mußte es abgethan werden, denn es iſt hohe Zeit dazu. — Cs iſt gut, wenn man ſein Haus beſtellt hat, ent⸗ gegnete der Hofrichter; man kann dann um ſo ruhiger dem letzten Stündlein entgegenſehen, auch wenn es nach aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit noch in ſo weite Ferne hin⸗ ausgerückt iſt, wie das Eure, Herr Stadthauptmann! Stroband ſchüttelte lächelnd den Kopf. — Mein letztes Stündlein iſt nahe, ſehr nahe, ſprach er dabei. Doch Gott ſei Dank, daß ich ihm ohne Furcht und Zagen entgegenſehen darf! — Das dürft Ihr gewiß! beſtaͤtigte nicht ohne Rührung der Geiſtliche. — Und habt es in den früheren Fehden der beiden Städte bewieſen, daß Ihr Euch nie vor den Tod gefürchtet! ſetzte der Buͤrgermeiſter Holzmuller hinzu. — Gern würde ich Euch erſuchen, werthe Herren, es Euch in meinem Hauſe gefallen zu laſſen, nahm Stroband wieder das Wort, als die Andern ſich zum Gehen anſchick⸗ ten, wenn ſolch Begehren nicht ein Mißbrauch Eurer Güté wäre. Doch bevor Ihr ſcheidet, laßt uns wenigſtens noch einen Becher leeren! Alle traten an den Kredenztiſch und nahmen die noch gefüllten Trinkgefäße zur Hand. — Da es uns durch die Umſtände nicht vergönnt iſt, auf das Wohl und das fernere Gedeihen Eures Hauſes die ———j ᷣ —„— ‧AQæQAꝝ Becher zu leeren, ſo wollen wir es thun auf die Erfuüͤllung ꝛen Eurer Wuüͤnſche! ſprach Holzmüller. nd Stroband blieb nach ſeiner Gäſte Entfernung allein in ei⸗ der Halle zurück. Sein Blick weilte trübe auf den Gegen⸗ ſtänden, welche ſie enthielt. Hier ſah man, auf Holz gemalt, de aber ſorglich erhalten, die Bildniſſe mehrerer Vorfahren des var Stadthauptmanns, welche ſich durch hohe Bürgertugenden ißte ausgezeichnet und um das Wohl der beiden Städte verdient gemacht hatten, dort im offenen Schranke ſah man die oft ent⸗ koſtbaren Weihgeſchenke, welche Liebe, Achtung und Dankbar⸗ dem keit bei beſondern Gelegenheiten dargebracht hatten und wo⸗ iller von jedes irgend ein frohes Ereigniß in der Familie bezeich⸗ hi⸗ nete; auch andere Koſtbarkeiten, Erzeugniſſe des Kunſtfleißes, Andenken u. dgl. zierten die Halle. Alle dieſe Gegenſtände waren vielleicht ſeit Jahrhunderten Eigenthum der Familie geweſen, in der ſie immer vom Vater auf den Sohn fortgeerbt rcht und als Reliquien der Verſtorbenen heilig gehalten wurden: jetzt aber ſollten ſie in die Hände Fremder übergehen, die, bei aller Pietät gegen den letzten Beſitzer, doch dieſe Heilig⸗ din thümer mit kalten Blicken betrachten und den eigentlichen den Werth derſelben nicht würdigen konnten! Und das Haus, btet in dem ſeine Vorfahren geboren wurden und ſtarben; die Halle, die Zeuge geweſen der Freude oder Trauer bei jedem 66 Ereigniſſe, welches der Familie geworden, in deren Raum lah jubelnd die Becher erklangen, wenn der glückliche Vater ſei⸗ tic⸗ nen Neugebornen den Freunden zeigte, wenn der Jüngling Güt die holde Braut vom Altar in das väterliche Haus führte, noch wenn Jahr auf Jahr die frohen Wiegenfeſte wiederkehrten; die Halle, welche der bewährten Freunde Tröſtungen vernahm, wenn die Hausgenoſſen eine ſchwarz behangene Trauerbahre cj... n weinend umſtanden; die Mauern, in welchen die Schatten 1i der Vorfahren wandelten: ſie ſollten jetzt fremdes Eigenthum ü 4 werden; bald ſollten Fremde in ihnen wohnen, für die es 5 D kein geweihtes Plätzchen frommer Erinnerung im Hauſe gab! Die ſchwarzen Brüder. IV. 20 AAAA Ihn ſelber ſollten in ſeinem letzten Stündlein Fremde um⸗ ſtehen, Fremde ſeinen letzten Seufzer hören, nur auf Fremde ſein letzter Blick fallen, Fremde ſeine Augen ſchließen und ihn zur letzten Ruheſtätte geleiten! Sein Name, ſeit mehreren Menſchenaltern unzertrennlich von den Schickſalen der Vater⸗ ſtadt— die damals dem Bürger die Welt bedeutete, und die er wiederum als eine erweiterte Familie und ſich als verbundenes Glied derſelben betrachtete— ſein Name ſollte untergehen mit ihm; man ſollte ihn nicht nennen hören, wenn in der Folge hohe Bürgerthaten den Glanz der Vater⸗ ſtadt vermehren! Und doch hätte dies Alles anders ſein kön⸗ nen! Ihm war ja ein Sohn, ein Erbe ſeines Eigenthums, ein Erbe ſeines Namens geworden, der höchſt wahrſcheinlich noch am Leben war; er hatte Nichts verabſäumt, weder Lehre, Strafe, Ermahnung, ja ſelbſt Erhebung zu Ehren⸗ ſtellen, um in dieſem Sohne einen der Vorfahren würdigen Träger des Namens Stroband zu hinterlaſſen— aber er hatte eine Hoffnung nach der andern, die er auf dieſen ge⸗ ſetzt, verwelken ſehen müſſen und mußte dazu noch fürchten, daß ſein Name mit Schande und Schmach bedeckt, daß der Letzte ſeines Geſchlechts— eines Geſchlechts, welches auf ſeine makelloſe Bürgerehre faſt ebenſo ſtolz geweſen, wie der edelſte Ritter in der Mark auf ſein unbeflecktes Wappenſchild — den ſchimpflichſten Tod durch Henkershand erleiden, oder auf elende Weiſe, einem gehetzten Thiere gleich, an der Landſtraße umkommen würde! Das ſollte der Ausgang ſei— nes an Bürgertugend und gottesfürchtigem Wandel ſo aus⸗ gezeichneten Geſchlechts ſein! Solche Betrachtungen hatten dem alten Mann während der letzten Zeit manche trübe Stunde verurſacht; jetzt aber ſtimmten ſie ihn trauriger als je. War es nicht ſein ein⸗ ziger Sohn, der ihm ſo ſchweres Herzeleid verurſachte und ſein Leben, ohnehin nicht allzu reich an Freuden, durch her⸗ ben Gram und Kummer noch im hohen Alter vergiftete?⸗ AAAANANNANA; — Ich will nicht an ihn denken, will ſeiner gänzlich vergeſſen! murmelte er vor ſich hin, indem er ſich erſchöpft auf einen Lehnſeſſel niederließ. Ich ſagte es ja ſchon, daß ich längſt keinen Sohn mehr habe! Aber je mehr er ſich anſtrengte, ſeinem Vorſatze treu zu bleiben, um ſo weniger gelang ihm dies. Das Jubeln der unter den Fenſtern ſich fröhlich tummelnden Kinder erfüllte ihn mit Bitterkeit und lenkte ſeine Gedanken immer wieder auf Henning, ſeinen Sohn. Beſtändig ſtand deſſen Bild vor ihm, flüchtig, verfolgt, ſterbend, die Hände flehend gegen ihn ausſtreckend. — Nein, nein, ich kann ihm nie verzeihen! rief er nach einer Weile heftig, indem er ſich wieder erhob. Er bedeckte meine grauen Haare mit Schmach, denn ſeine Thaten fallen auf mich zurück! Sein Blick fiel auf die leeren Becher, welche noch auf dem Kredenztiſche ſtanden. — Auf die Erfüllung meiner Wünſche wurden ſie ge⸗ leert! ſprach er mit bitterem Lächeln. Was ſollte mir noch zu wünſchen frommen, als ein baldiges Ende? Allgemach verſtummte die laute Fröhlichkeit der ſpielen⸗ den Kinder, denn die Dunkelheit des Abends war bereits hereingebrochen. Stroband gewahrte es kaum, daß man vergaß, ihm Licht zu bringen. Endlich kam der Diener und ſtellte den Armleuchter mit den brennenden Wachskerzen auf den Tiſch. Er meldete da⸗ bei ſeinem Herrn, daß ein Fremder ihn dringend zu ſprechen wünſche. — Was kann man von mir altem Manne zu ſo un⸗ gewöhnlicher Zeit wollen! ſprach Stroband. Doch gleichviel; laß den Fremden heraufkommen. Der Diener ging und kehrte bald darauf mit Jemand zuruͤck, dem er die Thür öffnete. Er ſelber blieb draußen auf dem Korridor ſtehen, als wolle er Wache halten. 20* geſchehen kann! verſetzte Henning, indem er kaltblütig einen 308 AA,;ꝑꝓÖ8; Der Fremde ſchritt langſam dem Tiſche zu, an welchem Stroband, ſeine Anrede erwartend, ſtand. Als der volle Schein des Kerzenlichts auf Jenen fiel, fuhr Stroband be⸗ troffen zurück. — Unſeliger, was willſt Du hier? ſprach er, ſeine Arme wie abwehrend gegen den Fremden ausſtreckend, in düſterem Tone. Welch böſer Geiſt treibt Dich her zu mir? Der Fremde ſah einige Augenblicke ſtarr auf den Greis. — Man hat mir nicht zu viel geſagt, ſprach er dann, mehr zu ſich ſelber, als zu Stroband gewandt. Die Ge⸗ ſchichten der letzten Zeit ſtehen gar deutlich auf Eurem An⸗ geſicht verzeichnet; ſie haben Euch um viele Jahre älter ge⸗ macht! — Biſt Du gekommen, Bube, mir Hohn zu ſprechen? rief Stroband, getheilt zwiſchen Zorn und Schmerz. Iſt's nicht Dein Werk, daß ich, mit Jammer und Schmach bedeckt, meine Tage beſchließen muß? Und Du wagſt es noch, Deines Opfers zu ſpotten? — Wahrlich, Ihr ſchreibt mir zu viel Verwegenheit zu, wenn Ihr meint, ich ſei in des Löwen Höhle gekommen, um Kurzweil mit ihm zu treiben! verſetzte der Andere. Denn wenn Ihr gleich mein Vater ſeid— — Der Vater eines Mörders! unterbrach ihn Stroband. — Denn wenn Ihr gleich mein Vater ſeid, fuhr Jener mit kalter Ruhe fort, ſo wuͤrdet Ihr den Geächteten doch ſicherlich den Gerichten übergeben, wenn ich neben Eurem Gerechtigkeitseifer auch noch Euren Zorn durch Spott und Hohn aufſtachelte. Und ich möchte nicht, daß an dieſer Stätte geſchieht, was geſchehen muß! — Ha, daß Du mich an meine Pflicht erinnerſt! ſprach der Stadthauptmann. Bin ich es nicht meinem Bürgereide ſchuldig, daß ich thue, wie Du ſagteſt? — Ich bin darauf bedacht geweſen, daß Solches nicht 3090. zweiſchneidigen Dolch hervorzog, den er aber ſogleich wieder unter ſeinem Mantel verbarg. Weder Ihr, noch irgend ein Anderer wird mich antaſten. — Du wagſt es, mir mit Deiner Mordwaffe zu drohen? rief Stroband mit zorngeröthetem Geſicht, indem er heftig auf ſeinen Sohn zuſchritt. Ha, Bube! Henning wich zur Seite. — Ihr irrt Euch diesmal, Herr! entgegnete er gelaſſen. Wenn dieſe Stätte jetzt mit Blut beſudelt wird, ſo iſt es weder das Eure, noch das Eurer Helfer. Ich bin nicht hierher gekommen, um eine— That zu begehen! Er ſprach die letzten Worte in ernſtem, ſchwermuͤthigem Tone. Dieſe Rede, ſowie die ganze Haltung ſeines Sohnes erregten Strobands Aufmerkſamkeit; ſeine zornige Aufwal⸗ lung— größtentheils hervorgerufen durch das Bittere ſei⸗ ner augenblicklichen Lage— legte ſich, als er prüfend in das Geſicht des Sohnes ſah und in deſſen Ausdruck weder Hohn, noch Trotz, wohl aber die kalte Entſchloſſenheit der Ver⸗ zweiflung erkannte. Schweigend ſtanden ſich Vater und Sohn einige Augen⸗ blicke gegenüber. — So ſprich— weshalb biſt Du gekommen? nahm Stroband in milderem Tone das Wort. Sage kurz, was Du von mir begehrſt, und verlaß mich dann, da wir doch auf ewig von einander geſchieden ſind. Hennings Züge verdüſterten ſich bei den letzten Worten ſeines Vaters. — Sagt mir, iſt es wahr, daß der Ottokar Reinhold wie ein Wunder errettet ward, als ſchon das Beil des Nach⸗ richters für ihn geſchliffen war? fragte er nach kurzer Pauſe. Iſt's ferner wahr, daß er ſeine todtgeglaubte Braut wieder⸗ gefunden hat— daß er jetzt vollkommen glücklich iſt? — Es hat ſich zugetragen, wie Du ſagſt! verſetzte Stro⸗ L —y— 7 — — AAAAAANAN;N band. Und wenn ein vorwurfsfreies Gewiſſen, wenn die Liebe eines engelgleichen Mädchens, ein unbeſcholtener Ruf, die Achtung aller Mitbürger und der Beſitz hinreichenden irdiſchen Gutes ein vollkommenes Glück verleiht, ſo iſt Nie⸗ mand glüͤcklicher, als Ottokar Reinhold! — Und der Bernhard Rycke, mein früherer Gefährte — er iſt wirklich anders— oder beſſer— geworden, ſeine Umwandlung iſt wirklich ernſt gemeint und nicht blos von der Todesangſt erzeugt und mit dieſer wieder vergangen? fragte Henning weiter. Lisbeth, Ottokars Schweſter, iſt ſeine Braut und es geht ihm auch ſonſt noch wohl? — Bernhard Rycke ſtrebt mit Ernſt danach, ſeinen frü⸗ heren unwürdigen Wandel durch Gottesfurcht und Tugend⸗ übung vergeſſen zu machen und iſt ihm dies zum größten Theile auch bereits gelungen, entgegnete Stroband. Und von dem Uebrigen, deſſen Du erwäͤhnteſt, glaube ich gehört zu haben, daß ſich's ſo verhält. O, warum haſt Du nicht gethan, wie er! — Ihr habt mir meine Fragen beantwortet und mein Geſchäft iſt hier zu Ende! verſetzte Henning düſter. Lebet wohl! Er ſchritt der Thuͤr zu; doch ſein Gang und ſeine Hal⸗ tung ließen zweifeln, daß er ſich wirklich entfernen wolle. Kurz vor der Thür blieb er zögernd ſtehen und ſchien etliche Sekunden lang mit ſich zu kämpfen. Dann aber wandte er ſich entſchloſſen dem Ausgange zu. Stroband, dem dies ſeltſame Benehmen nicht entging, rief ihn zurück. — Wo willſt Du hin und was haſt Du im Sinne? fragte er ihn. — Fürchtet nicht, daß ich etwas Böſes gegen irgend Jemand im Sinne führe! entgegnete Henning. Ihr werdet künftig mit mir zufrieden ſein; aber mein Geſchäft iſt hier zu Ende! 311 AAAAANRÄNRNRR — Du haſt dennoch etwas vor, was Du vor mir ver⸗ bergen willſt, Henning! ſprach Stroband. Nimmermehr kann ich glauben, daß Du nur gekommen biſt, um eine Auskunft von mir zu erhalten, die Dir jedes Kind im weiten Umkreiſe der beiden Städte geben konnte; denn jene ungewöhnlichen Ereigniſſe und ihre Folgen ſind in Jedermanns Munde! Henning zögerte mit der Antwort. Als aber Stroband weiter in ihn drang, ſtand er ihm Rede. — Wohlan, ſo hört denn, begann er. Ihr werdet be⸗ reits wiſſen, auf welche Weiſe ich in die Gefangenſchaft des Kurfürſten gerieth. Ich entwich dieſer Gefangenſchaft, weil ich mit Recht die Entdeckung gewiſſer Dinge zu fürchten hatte. Daß ich bei der Entweichung einen Menſchen getödtet hatte, kümmerte mich weiter nicht; die Nothwehr hatte mich ja⸗ dazu gezwungen. Flüchtig irrte ich nun umher; Kälte und Hunger zwangen mich, Mancherlei zu unternehmen, was ich ſonſt nicht gethan hätte; der Trieb der Erhaltung ließ mich über die angewandten Mittel beruhigt ſein, aber ich that nicht mehr, als die Befriedigung der dringendſten Beduͤrf⸗ niſſe eben erheiſchte. Vor etlichen Wochen, als ich mich in der Herberge eines Dorfes aufhielt, erfuhr ich von einem Handelsmann aus dem Magdeburgiſchen, der eben von einer Reiſe nach den beiden Städten zurückkehrte, daß man hier den Syndikus Ottokar Reinhold auf Tod und Leben ange⸗ klagt und bereits das Urtheil gegen ihn geſprochen habe; an demſelben Tage, an deſſen Nachmittagsſtunden der Han⸗ delsmann die beiden Städte verlaſſen, habe auch die Voll⸗ ſtreckung des Todesurtheils an dem Angeklagten ſtattfinden ſollen. Natürlich forſchte ich, anfangs ungläubig, weiter und erfuhr ſo von dem ziemlich gut unterrichteten Manne den ganzen Verlauf des Prozeſſes und konnte nun nicht an der Wahrheit der Beſchuldigungen gegen den Angeklagten zwei⸗ feln. Nie war ich dieſem ſonderlich hold geweſen, in der letzten Zeit hatte ich ſogar einen tödtlichen Haß auf ihn ge⸗ AAAAAAAAA;ꝑ worfen— aber ſtets hatte ich mir ſelber geſtanden, daß er unendlich beſſer ſei, als ich. Jetzt nun war es gerade um⸗ gekehrt; ich hatte mein ſchlechtes Thun nie verhehlt, er aber ſeine ärgeren Thaten ſcheinheilig mit dem Mantel der Heu⸗ chelei bedeckt. Ich freute mich ob dieſer Erkenntniß, denn ſie diente mir zur Entſchuldigung meines böſen Wandels und erſtickte vollends die ſchwachen Regungen meines Ge⸗ wiſſens. „Es giebt keine guten, keine edlen Menſchen— ſo ſprach ich frohlockend bei mir ſelber— und die minder Schlechten ſind diejenigen, welche ihr Thun und Treiben nicht zu ver⸗ bergen ſuchen. Das Böſe iſt dem Menſchengeſchlechte eigen und ihm angeboren; Niemand kann ſeinem Hange zur Sünde widerſtehen und Jeder folgt ihm auf die Weiſe, wie es Ver⸗ hältniſſe und Umſtände ihn eben thun laſſen.“ Erlaßt mir die Aufzählung der Thaten, welche eine Folge ſolcher Lehre waren. Man war mir bald auf der Spur; ich ward genöthigt, in der Ferne mir einen ſicheren Zufluchtsort aufzuſuchen. Drei Wochen ſind es her, als ich, einen Wald des Thü⸗ ringerlandes durchſtreifend, das leiſe Wimmern eines Men⸗ ſchen vernahm. Nicht eben um zu helfen, ging ich dem Tone nach, glaubte aber meinen Augen nicht trauen zu duͤrfen, als ich den mir wohlbekannten Hauswärtel des Ottokar Reinhold mit dem Tode ringend fand. Sogleich erinnerte ich mich aller Umſtände des Prozeſſes gegen den Letzteren, wie ich ſie im Magdeburgiſchen erfahren— die vom An⸗ geklagten behauptete Sendung des Hauswärtels gen Prag, ſowie die vom Gericht bewirkte des Rathsſchreibers— und die Neugier bewog mich, dem Sterbenden helfend beizuſtehen, ſo gut es eben anging. Bald hatte ich ihn ſo weit gebracht, daß er mich erkannte und meine Fragen zu beantworten vermochte. Er hatte ſich mit dem ſeinem Herrn geraubten Gute òꝶ nach Baiern begeben wollen, war aber durch Krankheit und Schwäche genöthigt worden, in einer elenden Herberge lie⸗ gen zu bleiben. Hier fand ihn von ungefähr ein Handels⸗ mann aus den beiden Städten, der ihn durch Drohungen zur Herausgabe faſt des ganzen Raubes zwang. Dieſer Umſtand, der ihm eine Fügung des Himmels ſchien, und das wochenlange einſame Krankenlager hatten ſein Gewiſſen erweckt und ihn das Gelübde thun laſſen, nach den beiden Städten zurückzukehren und ſein Verbrechen zu bekennen, wenn er die nöthigen Körperkräfte wieder erhalte; er wollte lieber den Tod durch Henkershand erleiden, als ewig ver⸗ dammt ſein. Er genas auch in der That und machte ſich auf den Rückweg hierher; kaum aber hatte er bewohntere Gegenden erreicht, ſo ward auch ihm die Kunde von dem Prozeſſe gegen ſeinen früheren Herrn, doch nicht ſo aus⸗ führlich und umſtändlich, wie ich ſie ſchon ſeit länger denn einem Monate erhalten hatte. Der Gedanke, daß ſeine Un⸗ treue ſchuld haben könne an Reinholds Unglück, brachte ihn faſt bis zum Wahnſinn und trieb ihn unaufhaltſam weiter. Im Walde verirrte er ſich, Anſtrengung und Entbehrung erſchöpften ſeine letzten Kräfte und Reue und Angſt rieben ſie vollends auf. So fand ich ihn in den letzten Zügen liegend. Durch dieſe Erzählung des Hauswärtels kam ich auf die Vermuthung, daß der Angeklagte, den ich bereits hin⸗ gerichtet glaubte, unſchuldig ſein könne; ich kannte gar wohl den Handelsmann, von welchem der Sterbende geſprochen, und deſſen geheime Verbindung mit dem Bürgermeiſter Rycke, und je länger ich darüber nachdachte, um ſo mehr nahm meine Vermuthung an Wahrſcheinlichkeit zu und ward zur Gewißheit, als mir der Hauswärtel über verſchiedene Vor⸗ gänge im Hauſe ſeines Herrn, die dem Raube vorangingen, Auskunft gegeben. Er beſchwor mich hoch und heilig, nach Berlin zu eilen und ſein Zeugniß an ſeiner Statt abzulegen, weil ſonſt ewige Verdammniß ſeiner warte; höhniſch erwie⸗ derte ich ihm, daß das Haupt des Angeklagten bereits un⸗ ter dem Henkerbeil gefallen ſei. Dumpf ächzend ſank er bei dieſer Antwort auf das Moos zurück, ſeine Augen verkehr⸗ ten ſich, Verzweiflung verzerrte ſeine Züge und mit einem Weheruf gegen ſich hauchte er ſein Leben aus. Die Reue und die furchtbare Angſt des Elenden hatten einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Unſtät irrte ich um⸗ her, ohne zu wiſſen, was ich beginnen ſolle. Zwei oder drei Tage ſpäter, als ich gegen Abend vor einem kleinen Städt⸗ chen im Meißenſchen anlangte, ſprach mich ein Bettler um ein Almoſen an. Die Stimme des Bettlers war mir be⸗ kannt, forſchend ſah ich ihm in's Geſicht— es war der ſtolze, reiche Bürgermeiſter Rycke, der hier als wahnſinniger Bettler vor mir ſtand! „Gottes Strafgericht hat auch ihn betroffen! ſo rief eine Stimme in mir. Es trifft alle Miſſethäter!“ Von den Furien meines Gewiſſens gehetzt, floh ich ent⸗ ſetzt von dannen und lief, als ob ich ihnen entrinnen könnte, die ganze Nacht hindurch ohne Weg und Steg, bis es mir erging, wie dem Hauswärtel, und ich am andern Tage er⸗ ſchöpft zu Boden ſank. Mitleidige Mönche, die vom Ter⸗ miniren zurückkamen, fanden mich endlich und brachten mich in ihr Kloſter. Nach wenigen Tagen hatte ihre Pflege mei⸗ nen Körper wieder erſtarkt, aber ihre Bemühungen, auch meine Seele zu heilen, deren Gebreſte ſie wohl erkannten, blieben ohne Erfolg; ſobald ich Kräfte genug beſaß, verließ ich das Kloſter, wo man mich ſo gern zurückgehalten hätte. In einer Herberge, unweit von hier an der Landſtraße, wo ich heute ankam, erfuhr ich Alles; die Kunde von Ottokar Reinhold und Bernhard Rycke erſchütterte mich tief. Jener war ſtets gut geweſen, dieſer war es geworden und Beide ſind jetzt glückliche Menſchen! Nun empfand ich erſt die ganze Größe meines Elends; aber ich ward zugleich auch AAANNNNRZ O inne, was nur allein noch mir zu thun obliegt. Doch zu⸗ vor wollte ich Euch ſehen, wollte von Euch die Beſtätigung deſſen hören, was man mir von Ottokar und Bernhard ge⸗ ſagt und wollte Euch— die letzte Nachricht von mir zukom⸗ men laſſen. Das iſt nun geſchehen. Henning ſchwieg. Er ſchien einer Antwort zu harren. Sein Blick, welcher während ſeiner ganzen Erzählung am Fußboden wurzelte, erhob ſich nur eben auf einen Augen⸗ blick zaghaft und ſcheu empor und ſenkte ſich dann wieder nieder. — Und was willſt Du nun thun? fragte Stroband mit bewegter Stimme. — Die Welt von einem Elenden und mich von der Welt befreien! verſetzte Henning in dumpfem Tone. — Durch einen Selbſtmord willſt Du Dein Leben en— den— ein Verbrechen, das nie geſühnt werden kann, ſoll Deinen übrigen Thaten die Krone aufſetzen? rief Stroband, dem Schmerz und Abſcheu das Herz zuſchnürten. — Was bleibt mir weiter übrig? fuhr Henning fort. Bliebe ich am Leben, was würde dann zuletzt aus mir wer⸗ den? Oder ſoll ich mich etwa dem Gericht überliefern? Das werdet Ihr ſelber nicht wollen! Ich denke Eurer Zuſtim⸗ mung gewiß zu ſein, wenn ich Sorge trage, daß der Letzte Eures Geſchlechts nicht dem Henker anheimfällt. Ich gehe ſtill und unerkannt aus dieſer Gegend, wie ich gekommen. Irgend ein Mühlbach, ein Felſenabgrund, fern von hier, erweiſt mir den letzten Dienſt. Wenn man dann meine Ge⸗ beine findet, wird man ſie am erſten, beſten Orte einſchar⸗ ren, da Niemand ſie kennt. Hier aber, in den beiden Städ⸗ ten, wird man nie wieder etwas von mir hören und meiner für immer vergeſſen, als ob ich nie dageweſen wäre. Wenn man dann vom Ausgange der Strobands ſprechen wird, ſo wird man ſagen: Dies in den beiden Städten angeſehene und hochgeehrte Geſchlecht erloſch mit dem würdigen Stadt⸗ — A ‿ ℳ 3 5 ₰ —— ——— hauptmann dieſes Namens, welcher keine Nachkommen hin⸗ terließ! Iſt der freiwillige Tod nicht auch eine Sühne wie der auf dem Blutgerüſt? Und iſt dies nicht der Fall— nun, ſo mag's drum ſein; ich bin Euch dies Opfer ſchuldig— es iſt das einzige, wodurch ich den Kummer, der Euch durch mich geworden, in etwas mildern kann! Eine Thräne ſtahl ſich unbewußt aus dem Auge des Stadthauptmanns, als er dieſe Worte von ſeinem Sohne vernahm, und ſein Schmerz wie ſein Abſcheu wichen einer Bewegung, die einer matten Freude glich. Er nahm dar⸗ auf wieder das Wort.— — Nicht alſo, Henning, ſagte er. Nicht Zufall war's, daß Du an dem Hauswärtel und an Rycke inne wurdeſt, welche Strafe den Unbußfertigen erwartet. Gott wollte Dein Gewiſſen an Jener Beiſpiel erwecken, Dein Herz ſollte mit Schrecken den Weg zum Verderben erkennen, den es wan⸗ delte, und umkehren. Siehe, Henning, Dein Geywiſſen iſt erwacht, Du biſt zur Erkenntniß Deiner Sünde gekommen, ja, Du bereueſt ſie— das ſagt mir Dein Weſen, Deine Rede— wohlan, thue auch Du das Deinige, zu Deiner Rettung vom ewigen Verderben, dem Dich Gottes Gnade und Langmuth entreißen will! Lebe, um durch Reue und Buße Deine Schuld zu ſühnen; lebe, um fortan Gutes zu thun, um durch gute Werke Dich der Verzeihung des Höch⸗ ſten theilhaftig und würdig zu machen! Folge mir, Hen⸗ ning, es wird Dich nimmer gereuen! Henning ſchüttelte trübe den Kopf. — Wo und wie ſollte ich fortan leben? verſetzte er. Soll ich mich in ein Kloſter begeben? Nimmermehr würde ich dort meinen Zweck erreichen, wenn ich mich gleich den 6 ſtrengſten Bußübungen unterzöge. Die Einſamkeit der engen Zelle würde ſtets die Bilder der Vergangenheit heraufbe⸗ chwören und mich zum Wahnſinn treiben; mein Gebet an AAAAAANNRNRRSS heiliger Stätte würde zum Fluch gegen mich ſelber werden. Zudem widerſtrebt mein Sinn, mein ganzes Weſen dem Mönchsleben; ich fühle es, daß bald ein unbewachter Augen⸗ blick kommen würde, wo ich, mein Gelübde brechend, die ſelber auferlegte Feſſel abzuwerfen trachtete; der Schade würde größer ſein, denn zuvor. Wie von meiner Schuld, ſo auch davon bin ich überzeugt, daß das Kloſterleben mir nicht zum Heile, ſondern zu noch größerem Verderben ge⸗ reichen würde! — Das war's auch nicht, was ich meinte, entgegnete Stroband. Nicht in trägem Hinbrüten, nicht in unnatür⸗ lichen Selbſtpeinigungen, die keinem Deiner Mitmenſchen— vielleicht nicht einmal Dir ſelber— zu irgend einem wah⸗ ren Nutzen gereichen, ſollſt Du Deine Schuld ſühnen; ſon⸗ dern indem Du Dich beſtrebſt, Gutes zu wirken, wie Du bisher Böſes thateſt; indem fortan all Dein Sinnen und Trachten dahin gerichtet iſt, Deinem Mitmenſchen zu dienen, unermüdlich und mit Aufopferung Deiner ſelbſt. Solche werkthätige Reue und Buße wird dann der Herr ſicherlich ſegnen! Darum, Henning, gehe hinaus in die Ferne, wo Dich Niemand kennt. Gutes zu thun, findeſt Du überall vollauf und Du kannſt es, ſo lange Dir Gott Geſundheit und Leben erhält, auch wenn Du arm an irdiſchen Gütern biſt! Blicke auf Bernhard und richte Dich an ſeinem Bei⸗ ſpiel auf. — Bernhard hat keine Blutſchuld auf ſich geladen, wie ich! ſagte Henning in ſchwermüthigem Tone. Was er Bö⸗ ſes beging, geſchah aus Leichtſinn und ich verleitete ihn in vielen Stücken; vielleicht wäre er nie vom rechten Wege ge⸗ wichen, hätte ſein Vater Euch geglichen. Darum ward ihm die Umkehr nicht allzu ſchwer; ſie ward ihm erleichtert noch durch die Ausſicht auf irdiſches Glück! Anders aber iſt es mit mir. Das Gewicht meiner Schuld drückt mich darnie⸗ der; was ich gethan, kann nicht ungeſchehen gemacht wer⸗ den und dieſer Gedanke raubt mir Hoffnung und Muth. Ich kann nicht leben, wie Ihr es wünſcht, denn es fehlt mir die Kraft dazu; ſtatt meine Schuld zu tilgen, würde ich ſie bis ins Unendliche vermehren! Als Bernhard in mich drang, gleich ihm vom Böſen zu laſſen, da wollte Gott mich für dieſes Leben retten: das ward ich inne, als ich erfuhr, daß Bernhards Umkehr vom Böſen wirklich ſtattgefunden. Da⸗ mals war es auch für mich noch an der Zeit; jetzt iſt es zu ſpät. Den Ruf der Gnade, der damals an mich erging, habe ich verachtet; darum muß ich der Strafe anheimfallen. Ottokar Reinholds Geſchichte giebt mir die Gewißheit, daß⸗ ſchon hier auf Erden Vergeltung geübt wird, und mit tau⸗ ſend Stimmen ruft's in meinem Innern mir zu: Der Mör⸗ der hat nimmer Ruhe auf Erden, denn das vergoſſene Blut ſchreit um Rache! Daher muß ich ſterben, ich muß; der Tod iſt für mich eine Nothwendigkeit, darum wird's mir leichter, zu ſterben, als zu leben! Doch welchen Tod ich ſterben ſoll— dieſe Entſcheidung ſei Euch anheimgeſtellt, mein Vater! Denkt, Ihr ſäßet wie ſonſt zu Gericht über einen Mörder. Wollt Ihr, daß ich mich dem Henker überliefern ſoll, ſo werde ich es thun. Stroband ſchauderte, als ſein Sohn ein ſolches Ver⸗ langen an ihn ſtellte. Er ſelber hatte bisher ſtreng nach den Geſetzen gerichtet und das Todesurtheil ausgeſprochen, ſo oft dieſe es erheiſchten. Ein Mörder hatte ſich jetzt ſei⸗ nem Ausſpruch unterworfen; ſollte er milder als ſonſt rich⸗ ten, weil der Schuldige ſein Sohn war— ſollte er ſelber ſein Fleiſch und Blut auf das Schaffot bringen— ſollte er den Selbſtmord anrathen? Zwar hätte er das geſtellte Ver⸗ langen von ſich weiſen können; war dies aber etwas An⸗ deres, als ſtillſchweigend einen Selbſtmord geſchehen laſſen? Dazu hatten ihn ſeines Sohnes letzte Reden einen Blick in deſſen Gemüth thun und ihn erkennen laſſen, daß Wahnſinn und Verzweiflung ſchon begierig auf ihre Beute lauerten:; AAANANANNAARS blieb er am Leben, ſo muß er dieſen finſtern Mächten an⸗ heimfallen— und war dies nicht ſchlimmer, als leiblicher Tod? Henning wartete auf eine Antwort; was ſollte er ihm ſagen? Es war der ſchwerſte Augenblick ſeines Lebens. — Mein Gott, wie ſchwer ſuchſt Du mich heim am Abend meiner Tage! ſo ſeufzte er im Innern ſeines Her⸗ zens. Reden oder Schweigen, Beides ladet eine fürchter⸗ liche Laſt der Verantwortlichkeit auf mein ſchwaches Haupt! Soll ich geſtraft werden dafür, daß ich einige Augenblicke lang den Wunſch hegte, den ungluͤcklichen Sohn noch ein⸗ mal vor meinem Ende an das Vaterherz zu drücken? O nein, gewiß nicht! So gieb Du mir denn Licht, o Hern daß ich den rechten Weg erkenne, der allein über dieſen ent⸗ ſetzlichen Abgrund führt! Vom Kirchthurme herab dröhnte ein Glockenſchlag durch die Stille des Abends; ihm folgten in kurzen Pauſen ein zweiter und ein dritter. Da war es dem Greiſe, als hätte Gott ſein Gebet er⸗ hört und ſpreche zu ihm durch den ehernen Klang der ge⸗ weihten Glocke. — Hörſt Du das Zeichen? wandte er ſich zu ſeinem Sohne. Es ruft die Leute auf zum Gebet wider die wil⸗ den Horden der Osmanen, welche der Chriſtenheit den Un⸗ tergang drohen; doch auch Kämpfer erfordert die Sache unſerer heiligen Religion! König Ladislaus, Polens und Ungarns tapferer Beherrſcher, ſammelt ein Heer gegen die Feinde unſeres Glaubens, die wuthſchnaubend, ſengend und mordend bereits Griechenlands blühende Gefilde überzogen haben und unaufhaltſam weiter dringen, Alles, was chriſt⸗ lich iſt, mit Feuer und Schwert vertilgend. Wohlan, mein Sohn, ſchließe Dich den Streitern für die heiligſte Sache an und ſuche im Kampſe einen rühmlichen Tod! Solcher Tod wird Dich entſühnen, denn Du erleideſt ihn um unſers heiligen Glaubens willen, Du erleideſt ihn für Deine chriſt⸗ —ꝛ—— ANANNNENRNR=ñ lichen Mitbrüder, für Dein Vaterland, denn auch dieſes wird von den Ungläubigen bedroht! Du riefſt meine Entſchei⸗ dung an, Gott ſelber aber giebt Dir ſeinen Willen auf deut⸗ liche Weiſe kund; wirſt Du ihm ferner widerſtreben? — Nein, mein Vater! entgegnete Henning, bei dem die Begeiſterung des Greiſes nicht ohne Einwirkung blieb. Ich folge der Stimme, die aus Euch ſo mächtig und eindring⸗ lich zu mir ſpricht! — So gehe denn ohne Säumen an's Werk! fuhr Stro⸗ band fort. Der Diener ſoll Dir mein Roß ſatteln— ich hätte es ohnehin nicht mehr beſtiegen; es wird Dich ſchnell an die Grenze des Polenlandes bringen. Im Schranke mei⸗ nes Gemachs findeſt Du eine Summe Geldes— es iſt Alles, worüber ich in dieſem Augenblicke noch frei verfügen kann; nimm davon, ſo viel Du deſſen bedürftig biſt. Dann aber eile, daß Du aus der Stadt kommſt, bevor die Thore ge⸗ ſchloſſen werden. Gott wird Dich behüten, damit Du un⸗ angefochten Dein Ziel erreichſt, bis wohin Dich der Diener begleiten ſoll. Sollteſt Du aber unterwegs erkannt und an⸗ gehalten werden, ſo verſprich mir, Dich ergebenen Sinnes in Dein Geſchick zu fügen; denn dann iſt nicht Gottes Wille, was ich als ſolchen zu erkennen glaubte. Verſprich mir dies, Henning! — Ich verſpreche es Euch! erwiederte dieſer. — Nun, ſo gehe denn! ſprach Stroband weiter, werde ein rüſtiger Streiter für die Sache der Chriſtenheit und er⸗ eilt Dich der Tod im Kampfe, ſo finde er Dich als Chriſt und als Mann! Gott geleite Dich! Henning ging hinaus und ertheilte dem auf dem Kor⸗ ridor harrenden Diener die für ſeine Reiſe nöthigen Auf⸗ träge. Die Stimme ſeines Vaters rief ihn in die Halle zurück. Stroband hielt ſein Schwert in der Haud. — Nimm dieſe Waffe, mein Sohn! wandte ſich der Greis tief bewegt zu Henning. Sie ward mir von meinen Vorfahren und ich führte ſie, wie Jene, lange Jahre im Dienſte und zum Schutze der beiden Städte gegen deren Feinde. Es war früher mein Lieblingstraum, ſie einſt mei⸗ nem Sohne zu gleichem Zwecke zu geben— doch— es iſt anders gekommen. So nimm denn dies Schwert und denke dieſer Stunde, ſo oft Du Dich mit ihm umgürteſt. Führe es zur Ehre Gottes, erhalte es rein von unſchuldigem Blut und zeige Dich in fernem Lande Derer würdig, die es vor Dir trugen! Er vermochte nicht weiter zu ſprechen und gebot ſeinem Sohn durch eine Bewegung der Hand, das Schwert zu neh⸗ men. Dieſer ſchien einige Augenblicke zu zögern; dann aber trat er ſchnell auf ſeinen Vater zu und ſiel vor ihm auf die Kniee nieder. — O, mein Vater— rief er weinend— Euer Ver⸗ zeihungswort, Euren Segen, damit ich getroſten Muthes— ſterben kann! Naſſen Blickes legte Stroband ſeine zitternden Hande auf des Sohnes Haupt. — Ich verzeihe Dir, mein Sohn, wie uns dereinſt Gott verzeihen möge! Gott ſtärke Dich im Guten, er bewahre Dich vor ferneren Anfechtungen des Böſen und erbarme ſich Dei⸗ ner in Deinem letzten Stündlein. Die Gnade des Herrn ſei mit Dir! Er zog ihn empor und ſchloß ihn an ſeine Bruſt. — Gehe jetzt, ſprach er dann nach einer Pauſe; meine Gebete geleiten Dich. — Lebt wohl, mein Vater! ſchluchzte Henning. Mir ſchimmert die Hoffnung, wenn auch in weiter Ferne, daß wir uns einſt wiederfinden! O, wie iſt mir ſo wohl, daß ich weinen konnte! Zum erſten Male wieder nach ſeiner Kindheit küßte er des Vaters Hand, nahm ſodann deſſen Schwert und eilte hinaus. Die ſchwarzen Brüber. IV. 21 1 2 — * 1 8 1* — — AAAAANNNRON Stroband trat zum Fenſter und blickte dankend hinauf zum Sternenhimmel, wo der Allgütige thront, der des Grei⸗ ſes letzten Wunſch ſo unerwartet erfüllt hatte. Bald darauf hörte er den Hufſchlag der beiden Roſſe, auf denen Henning und der Diener über den menſchenleeren Marktplatz dem Georgenthore zuſprengten. Vier Wochen waren ſeitdem vergangen. Stroband konnte trotz des herrlichen Frühlingswetters ſein Gemach nicht mehr verlaſſen; mit ſchnellen Schritten eilten ſeine letzten Kräfte von dannen. Er ſelber erwartete in heiterer Ruhe ſein letz⸗ tes Stündlein, auf welches er ſich in jeder Beziehung würdig vorbereitet hatte. 4 In der Frühe eines ſchönen Maimorgens erweckte ihn ein ungewöhnliches, unheimliches Tönen aus ſeinem leiſen Schlummer. Mit bangem Schrecken erhob er ſich und lauſchte. Er täuſchte ſich nicht; die Armeſünder⸗Glocke ließ ihren ein⸗ förmigen, ſchrillenden Ruf vernehmen, die Leute auffordernd zum Gebet für die Seele eines Unglücklichen, den man eben zum Richtplatz führte, wo er den irdiſchen Lohn ſeiner Tha⸗ ten empfangen ſollte. Haſtig gab Stroband das Zeichen, auf welches alſobald die alte Dienerin erſchien. — Wem gilt dies? rief er, mit der Hand auf den nahen Kirchthurm deutend, von welchem herab die traurigen Toͤne ſich hören ließen. — Sie richten heut den Handelsmann hin, der ſich von dem ehemaligen Bürgermeiſter erkaufen ließ, den nach Prag geſandten Amtsſchreiber irre zu führen, wodurch der Herr Reinhold beinahe um ſein Leben gekommen wäre, berichtete die Frau. Man ſagt, daß Herr Reinhold ſich für ihn ver⸗ wandt habe, allein es ſollen ſo viele böſe Dinge von ihm nnte nehr räfte let⸗ rdig ihn leiſen ſchte. ein⸗ dernd eben Tha⸗ obald f den grigen h von Prag Hert ichtete 1 vel⸗ z ihn — 323 AA/;AAE;E; zu Tage gekommen ſein, daß ſie ihm keine mildere Strafe ertheilen konnten. Stroband athmete tief auf. — Wir wollen für ihn beten, daß Gott auch ſeiner Seele gnädig ſei! ſagte er. Nach kurzer Zeit hielt ein Reiter vor dem Hauſe an. Es war der Diener, der Henning das Geleit gegeben und der jetzt mit der Nachricht zu ſeinem Herrn zuruͤckkehrte, daß ſein Sohn ungefährdet die Grenze des Polenlandes er⸗ reicht und Aufnahme im Kriegsgefolge des Woiwoden von Poſen gefunden habe, welcher an allen Orten ſeiner Provinz Leute zu dem bevorſtehenden Heereszuge gegen die Ungläu⸗ bigen ſammeln laſſe. Stroband ſandte ein inbrünſtiges Gebet gen Himmel. Nach drei Tagen trug man ihn unter dem ffeierlichen Geläute aller Glocken nach ſeiner letzten Ruheſtätte. Vor⸗ nehm und Gering, Alt und Jung ſchloß ſich dem Trauer⸗ zuge an. Das Patrizierthum in ſeiner edelſten Bedeutung verlor in ihm den letzten würdigen Träger. Der Name Stroband verſchwand aus der Geſchichte der beiden Städte. 18. Es nahte heran, das ſchöne Feſt des Fruͤhlings, das Feſt der Luſt, der Freude und der grünen Maien; das herr⸗ liche Feſt der Pfingſten nahte heran. Am Vorabende des Feſtes herrſchte zu Britz ein unge⸗ wöhnlich reges Treiben. In den Hütten des Dorfes ward von den Frauen emſig geſcheuert, gewaſchen und geputzt, als gelte es, jedem Staubfäſerchen für immer den Garaus zu 21* 324 AARAŃ machen und jede Spur des täglichen Gebrauches an den Geräthſchaften zu vernichten. Die Männer, aus vielfacher Erfahrung die anmuthigen Launen ihrer Ehegeſponſinnen bei ſo eifriger Beſchäftigung wohl kennend, gingen ihnen behut⸗ ſam aus dem Wege, indem ſie mit dem Inhalt der Kleider⸗ ſchränke, von Vater und Großvater ererbt, in die entlegenſten Winkel der Gehöfte ſchlichen und dort mit Klopfen und mit Bürſten ſich die Zeit vertrieben und ſich ihrer Jugend er⸗ innerten, wo ſie in denſelben Feſtwämmſern, denen ſie jetzt ihre Aufmerkſamkeit und Theilnahme widmeten und mit gro⸗ ßen Blumenſträußen in den Händen um ihre Grete freieten; und je mehr ſie ſich in ſolche Erinnerungen vertieften, um ſo derber knallte der Haſelnußſtock, um ſo ſchonungsloſer kratzte die Bürſte. Auf dem grünen Platz in der Mitte des Dorfes aber ging es nun gar erſt munter und laut her; da ſaßen die jungen Burſche und Dirnen und wanden Kränze und Gewinde von Laub und Blumen, ſcherzten, neckten, ſchäkerten, ſangen und lachten dabei, daß es ein Vergnügen geweſen wäre, hätte man ihnen zuſehen und zuhören können. Die Materialien zu ihren Arbeiten wurden ihnen von den Kin⸗ dern, Knaben und Mädchen, im Schweiße ihres Angeſichts zugetragen, die von nichts Anderem ſchwatzten, als von dem leckern Kuchen, den ihre Eltern aus dem von der Herrſchaft ihnen geſchenkten feinen Mehl und Honig gebacken, und von den großen Roſinen, die ſie auf demſelben geſehen hatten. Auch die Knechte und Mägde, die man heute allein auf's Feld geſchickt hatte, kehrten früher als ſonſt heim, um noch fleißig mit Hand anzulegen, wo es noth that, damit nur Alles recht zeitig fertig werde. So große Vorbereitungen hatte man noch zu keinem Pfingſtfeſte in Britz gemacht. Nicht minder rege, als im Dorfe, war es bereits ſeit etlichen Tagen im Herrenhauſe daſelbſt zugegangen; auch hier waren großartige Vorbereitungen getroffen worden, die AAAAAA;E jetzt aber größtentheils ſchon been et waren. Wenn man heute nun auf den großen Hof trat, der vor dem Hauſe nach dem Dorfe zu lag, ſah man, daß hier eine ungewöhn⸗ liche Verwandlung vor ſich gegangen war. Der ganze Raum des Hofes war mit feſtgeſtampftem Kies, wie der Fußboden eines Saales, geebnet und in der Mitte deſſelben war gar ein Platz mit Holz gedielt und ein Leinwandsdach darüber geſpannt. An der Umzäunung, ſowohl vorn an der langen Seite gegen das Dorf, als auch an den beiden kürzeren Seiten zur Linken und Rechten, welche an den herrſchaft⸗ lichen Garten grenzten, waren geräumige Lauben errichtet und mit Tiſchen und Bänken verſehen. Schien demnach im Hofe bereits Alles ſeinem Zwecke gemäß fertig eingerichtet zu ſein, ſo war dies auch im Hauſe ſelber— mit Aus⸗ nahme der Küche— der Fall. Alle Räume des zur da⸗ maligen Zeit ſehr umfangreichen Gebäudes, die ſich nur irgend dazu eigneten, waren zu wohnlichen Gaſtgemächern eingerichtet und Korridore, wie Treppen, beſonders der im oberen Stockwerk gelegene Bankettſaal, hatten ein feſtliches Ausſehen erhalten. Herr Boytin durchmuſterte mit Frau Katharine die ganze Zurüſtung des Hauſes, in welchem Klara, ihr Lieb⸗ ling, an der Seite ihres Ottokars fortan als Hausfrau walten ſollte. Während dann Frau Kathärine ging, um die noch nicht vollendeten Geſchäfte der Küche zu beaufſich⸗ tigen, befahl Boytin einem Diener, im Dorfe nachzuſehen, ob man ſich dort auch einrichte zur nächtlichen Beherbergung von Gäſten, wenn deren Zahl etwa zu groß würde, um ſie Alle im Herrenhauſe unterzubringen; dann begab er ſich in den Bankettſaal, wo Andreas und Ehrig die werthvollen Geſchirre ordneten für den Dienſt an der Feſttafel, deſſen Ausuübung ſie ſich nicht hatten nehmen laſſen. Lächelnd ſah Boytin dem emſigen, vergnügten Treiben der beiden Alten zu und trat dann hinaus auf den Altan, auf welchen man — ——= AANNNNRNRRSO vom Saale aus gelangte, um von hier noch einmal die zu dem morgenden Feſte nothwendigen Zurüſtungen im Herren⸗ hof und Dorf zu überblicken, bevor er Diejenigen auſſuchte, denen Alles dies galt und die durch ſeine und ſeiner Haus⸗ frau Fürſorge unberührt blieben von all dem geſchäftigen Trubel um ſich herum. In einer duftigen Laube des zu dem Herrenhofe gehö⸗ renden weitläuftigen Gartens, unfern eines kleinen See's, deſſen unbewegte Fläche den purpurnen und goldigen Glanz 6 der Abendſonne ſanft zurückſtrahlte, befanden ſich um dieſe Zeit die Glücklichen, die ganz Britz beneidete. Klara und Lisbeth in ſchweſterlicher Traulichkeit bei einander ſitzend, hörten aufmerkſam Ottokar zu, der einen Brief von Helenen vorlas; Bernhard, eben von einem Beſuche bei ſeiner im 1 Benediktinerinnen⸗Kloſter zu Spandow weilenden Schweſter 1 zurückgekehrt, war der Ueberbringer dieſes Briefes, deſſen Inhalt den Leſenden wie die Zuhörenden mit theilnehmender Freude erfüllte. — Habe Dank, Bernhard, daß Du uns ſo frohe Bot⸗ VAW ſchaft gebracht! nahm Ottokar nach geendigtem Vorleſen das Wort. Möge Helenen das Glück, das ſie ſelber ſich in ih⸗ rem frommen Herzen bereitet, bis an's Ende ihres Lebens geleiten! II— Und nie entſprang ein Glück aus reinerer Quelle! 3 ſetze Bernhard hinzu. Was ihr demüthiger Sinn weder ihre Lippen dem Bruder ſagen, noch ihre Hand niederſchrei⸗ 1 ben ließ, habe ich von der Oberin des Kloſters erfahren. Helene iſt glücklich, weil es ihr durch Lehre und Beiſpiel gelang, den größten Theil der zu Poſtamp gefangen gehal⸗ tenen Zigeuner dem zeitlichen und ewigen Verderben zu ent⸗ 1 reißen und durch ihre Fürbitte das den Armen zugedachte traurige Loos ewiger Kerkerſchaft in nützliche, ihnen und An⸗ deren ſegenbringende Freiheit zu wandeln, die ſie in ſtiller, ländlicher Niederlaſſung unter weltlicher und geiſtlicher Auf⸗ ee's, lang dieſe und end, nen im eſter eſſen nder ſicht fortan genießen ſollen. Wie eine Heilige wird ſie von dieſen Leuten verehrt! — Eine ſolche iſt Helene in der That! ſprach Klara. Deiner Liebe, mein Ottokar entſagen zu können, ohne in bitterem Schmerz zu vergehen, ohne den Muth zum Leben zu verlieren: das kann allein nur eine von allem irdiſchen Verlangen reine Seele! O, nie werde ich mich zu ſolcher Höhe erheben können! Deine Klara, mein Geliebter, wird immerdar ein ſündiges Erdenkind bleiben, denn all mein Trachten und Fühlen geht nicht über das Irdiſche hinaus; wenn ich es auch der Welt entrücken wollte, es kehrt doch immer wieder zu ihr zurück, zu Dir, mein Ottokar, denn Du biſt meine Welt, in Dir, in Deiner Liebe lebe und athme ich! Ottokar zog das holde, kindliche Weſen an ſein beſelig⸗ tes Herz und küßte Klara's engelreine Stirn. — Und doch wollteſt Du einſt meiner Liebe entſagen um der Freundin willen, ſprach er lächelnd; Du ſelber for⸗ derteſt mich auf, von Dir zu laſſen. — O, nicht Helenens, ſondern meinetwillen that ich dies, erwiederte Klara; mich und mein Glück einer Andern zu opfern, hätte ich nimmermehr vermocht, denn ich bin im Guten viel zu ſchwach und meine Seele hängt zu ſehr an irdiſchem Glück! Aber damals durfte ich ja nicht mehr hoffen, Dich, mein höchſtes Gluͤck, zu beſitzen; ich hatte ja die Gewißheit, lebend nimmer meinem Gefängniß entriſſen zu werden— und da war es nicht eben verdienſtlich, wenn ich weggab, was ich mir verſagt glaubte, zumal ich mir da⸗ durch die hohe Freude erkaufen wollte, Dich, meinen Otto⸗ kar, glücklich zu wiſſen! Und wie unendlich glücklicher machte mich Deine Weigerung! Ach, die Selbſtſucht beherrſchte mich auch damals noch! — Du gutes, unſchuldsvolles Kind! ſprach Ottokar in inniger Bewegung. O, daß ich, als ich an Deinem ver⸗ — —i — — B — —— 1 — — meintlichen Sarge ſtand, ſo verblendet ſein konnte, um nicht zu durchſchauen, was man mit Dir gethan! Wie leicht hätte ich Dich damals— dazu auch noch einen Andern— retten können! — Verdüſtert Euch nicht die ſonnenhelle Gegenwart durch die Erinnerung an die trübe Vergangenheit! nahm Lisbeth das Wort. Seht, da kommt Herr Boytin, unſer Aller väterlicher Wohlthäter; laßt uns ihm heiteren Ange⸗ ſichts entgegengehen, denn er ſcheint uns rufen zu wollen. Gern folgte man dieſer Mahnung und gleich darauf ſah Boytin die beiden glücklichen Paare auf ſich zu eilen. Mit vergnügtem Lächeln forderte er ſie auf, die nunmehr beendeten Zurüſtungen für das morgende Feſt in Augenſchein zu nehmen und ihre Meinung darüber abzugeben. — Wie freundlich iſt es von Euch, mein theurer Va⸗ ter, und von meiner gütigen Mutter, daß Ihr Euch für uns all den Vorbereitungen unterzogen habt! ſagte Klara unter⸗ wegs, indem ſie ſich in kindlicher Freude an Boytins Arm hing. Es iſt ſo ſchön, wenn man ſich in ungeſtörter Ruhe freuen kann! — Dennoch hätte ich es nicht zugegeben, daß die guten Eltern allein ſo große Laſt auf ſich nahmen, wüßte ich nicht gewiß, daß ihnen dies Alles Freude macht, verſetzte Ottokar. Es wäre undankbar von mir geweſen, hätte ich ſie an der Ausübung geringerer Wohlthat hindern wollen, nachdem ſie ſo Großes an mir gethan und ich es von ihnen ſo gern hingenommen! — Sprich nicht davon, mein Sohn! entgegnete Boytin. Wiegt nicht Deine Bereitwilligkeit, künftighin meinen Na⸗ men tragen, künftighin Dich meinen Sohn nennen zu wol⸗ len, hundertfach Alles auf, was ich je an Dir thun konnte? Darf ich nicht mit Recht ſtolz auf ſolchen Sohn ſein und iſt dies nicht das herrlichſte Geſchenk, das mir nur irgend werden kann? AAAANAÄARARR — Und ſollte mir es noch gelingen, ſetzte er lächelnd hinzu, Dich zur Annahme eines der Aemter zu bewegen, die Dir von beiden Städten in ehrender Anerkennung Deiner Verdienſte um ihre Freiheit angetragen worden ſind, ſo würde ich die Quelle meines Glücks erſtiegen haben! — Es ſchmerzt mich, daß ich in dieſem Punkte Euren Wünſchen entgegen ſein muß, theurer Vater! erwiederte Ot⸗ tokar. Nicht ſtörriſcher Eigenwille iſt's, der mich jede An⸗ nahme eines ſtädtiſchen Amtes ablehnen läßt, ſondern die feſte Ueberzeugung, das ich in kommenden ſtürmiſchen Zeiten — und glaubt mir, dieſe werden nicht ausbleiben, deß bin ich leider gewiß— daß ich in kommenden ſtürmiſchen Zei⸗ ten meinen Mitbürgern als einfacher Bürger nützlicher ſein werde, als wenn ich in irgend einem ſtädtiſchen Amte ſtehe. Ich bin nicht mehr der kecke, friſch unternehmende Ottokar Reinhold von früher; auch habe ich eingeſehen, daß zu einem Führer des Volkes mehr gehört, als guter Wille, um nicht mit ſeiner Sache an einer der tauſend Klippen zu ſcheitern, die unter der Oberfläche des öffentlichen Lebens in ſtürmi⸗ ſchen Zeiten verborgen ſind. Zwiſchen zwei einander wider⸗ ſprechenden Pflichten gedrängt, würde ich untergehen, ohne irgend Jemand dadurch nützen zu können. Bietet ſich mir durch Euer großmüthiges Geſchenk doch ein ſo reiches Feld dar, meinen Mitmenſchen nützlich zu ſein! Seht die Ein⸗ wohner dieſes Dorfes, die fortan meiner Fürſorge in ſo vie⸗ ler Beziehung anvertraut ſind— kann ich nicht auch für ſie meine geringen Kräfte aufwenden? Gewiß, ſo Gott mir beiſteht, denke ich in dieſem kleinen Kreiſe des Guten mehr zu thun, als ich es in dem größeren, in dem Ihr mich zu ſehen wünſcht, je auszurichten im Stande ſein würde! — Wenn ich gleich die nächſte Zukunft der beiden Städte nicht in ſo truͤbem Lichte erblicke, wie Du, mein Sohn, ſo iſt es mir doch fern, länger mit Wünſchen in Dich zu drin⸗ gen, deren Erfüllung ſich nicht mit Deiner Ueberzeugung æꝑ vereinigen läßt! nahm Boytin das Wort. Möge Gott Euch Allen, die ich freudigen Herzens meine Kinder nenne, durch den morgenden Tag ein dauerndes Glück zu Theil werden laſſen, dann wird es auch mir nicht daran mangeln! — O gewiß, wir werden Alle glücklich, recht glücklich und die geliebten Eltern werden es mit uns ſein! ſprach Klara zuverſichtlich und Ottokar Bernhard und Lisbeth ſtimmten ihr aus vollem Herzen bei. Gerührt ſchloß Boytin ſeine Kinder in ſeine Arme und Frau Katharine, die ſchon während Ottokars letzter Rede herzugekommen, ſprach betend Ja und Amen zu ihrer Toch⸗ ter froher Verheißung. Das Geraſſel eines Fuhrwerks, welches die Straße des Dorfes in geſtrecktem Trabe unter luſtigem Peitſchengeknall und Jubelrufen durchflog, daß die Heerden der Gänſe und Enten mit ängſtlichem Gekreiſch auseinanderſtiebten, wandte die Aufmerkſamkeit der ſechs Perſonen dem Eingange des Herrenhofes zu, vor welchem bald darauf das Fuhrwerk an⸗ hielt. Es war ein einfaches Landfuhrwerk, aber ſtattlich mit bunten Bändern und Kränzen ausgeputzt. Der Führer deſ⸗ ſelben, der kein anderer, als unſer Freund Peter war, ſprang hurtig hinab, um erſt dem Meiſter Trennert, dann aber ſeiner Jungfer Braut und zuletzt einer Freundin derſelben beim Verlaſſen des Fuhrwerks behülflich zu ſein. Mit freundlichem Gruße wurden die Ankommenden von den bereits Anweſenden auf das Herzlichſte empfangen. — Da ſind wir! rief Peter mit fröhlich lachendem Ge⸗ ſicht, als ein herbeieilender Knecht ihm die Sorge um das Fuhrwerk abgenommen. Kennſt Du den Karren, Ottokar? wandte er ſich zu dieſem, auf das Fuhrwerk deutend. Es iſt derſelbe, den wir da drüben im Walde erbeuteten, als ich Dich kennen lernte und den Du mir nachher geſchenkt haſt; die Pferde ſind auch dieſelben. So lange ich lebe, ſoll er mir ein Angedenken ſein jenes Tages, dem ich mein AAAAAANRANRRRRRR großes Glück verdanke. Nun, heute ſieht's hier ganz an⸗ ders aus, als damals, wo ich zum erſten Male einſprach! Wie wunderbar es zugeht in der Welt, das ſehe ich heute recht deutlich! Ja, ja, die Lieſel lachte mich aus, als ich ihr zu Weihnachten ſagte, ich könne noch einmal ein reicher Mann werden, und kaum ſind fünf Monate vergangen, ſo zeigt ſich's, daß ich Recht hatte! Na, ich kann's dem Mä⸗ del nicht verdenken, daß ſie damals über meine unverſtän⸗ dige Rede lachte, denn ich ſelber hätt's nie geglaubt, daß es ſo kommen wuͤrde, wie's gekommen iſt, und wohl Keiner hat ſich's träumen laſſen. Aber der Menſch denkt und Gott lenkt, das iſt nun einmal wahr! Während ſo Peter dem Drange ſeines von Freude und Luſt überſtrömenden Herzens folgte, war man im Bankett⸗ ſaal angelangt, wo den Ankommenden nach alter guter Sitte der Ehrentrunk kredenzt ward. Aber auch hier ſetzte der Ueberglückliche ſein munteres Geplauder fort, daß männig⸗ lich— ſelbſt Andreas und Ehrig— von ſeiner lauten Fröh⸗ lichkeit ergötzt und angeſteckt ward. Da es allgemach Abend ward, ſo langten bald mehr Gäſte zu Britz an, unter Andern der kurfürſtliche Hofrichter, die beiden Bürgermeiſter und mehrere Rathsherren der bei⸗ den Städte; daß Pater Johannes nicht fehlen durfte, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Sie alle waren zu dem morgenden Feſt — deſſen Bedeutung die freundlichen Leſer gewiß bereits er⸗ rathen haben— von Herrn Boytin eingeladen; da jedoch die Feier ſchon in den Morgenſtunden des erſten Pfingſtta⸗ ges beginnen ſollte, Britz aber eine Meile Weges von Ber⸗ lin entfernt iſt, ſo kamen ſie ſchon heute mit ihren Frauen, um zu rechter Zeit an Ort und Stelle ſein zu können. Für ihr Unterkommen hatte Boytin, wie wir wiſſen, nach Mög⸗ lichkeit geſorgt. Sie kamen zu Roß und zu Wagen und Keiner ließ es an feinen Ehrengeſchenken für die Braut⸗ paare fehlen. 4 3 3 4 - 4 4 △* 1 — ——— — 332 —— Aber es erſchienen auch gar Viele, die man nicht hatte einladen können, deren Erſcheinen aber doch zu Britz große Freude verurſachte. Es war nämlich in den beiden Städten ruchbar geworden, was während der Pfingſten zu Britz vor ſich gehen ſolle; da hatten ſich denn die zahlreichen Mitglie⸗ der des Berliniſchen Kalands beredet, die Gelegenheit wahr⸗ zunehmen, dem Erhalter und zweiten Stifter des für ſie ſo wohlthätigen und nützlichen Bundes ihre Dankbarkeit und Verehrung öffentlich zu bezeigen, und die Vorſteher der Brü⸗ derſchaft, die Dechanten und Kalandsherren, hatten gern ihre Einwilligung zu dieſem Vorhaben gegeben. Als nun der von Boytin für das Feſt gedungene Stadtmuſikus mit ſeinen Geſellen hinausfuhr, ſchloſſen ſich ihm nicht allein die Mit⸗ glieder des Kalands— theils zu Roß, theils zu Wagen, ſo viel deren in den beiden Städten zu haben waren— mit ihren Panieren an, ſondern auch Viele von den Gewerken zogen mit hinaus, daß es ein gar anſehnlicher Zug ward. Vor dem Dorfe aber machten ſie Halt, ſtellten ſich in Reihen und zogen dann in klingendem Spiel und in guter Ordnung nach dem Herrenhofe, wo ihre Ankunft, wie ſchon geſagt, die allgemeine Freude erhöhte. Nachdem Einer im Namen Aller in einfachen, aber herzlichen Worten die Abſicht, welche ſie hierher geführt, ausgeſprochen, dankte ihnen Ottokar, von dieſem Beweiſe der Liebe und Achtung tief gerüht, und gab ihnen ſeine beſten Wünſche für das fernere ſegensreiche Ge⸗ deihen des Bundes kund. Donnernde Hochs auf Ottokar und ſeine holde Braut, auf die beiden andern Brautpaare, auf Boytin und ſein Haus u. ſ. w., begleitet von den jubeln⸗ den Fanfaren, folgten darauf. Inzwiſchen hatten die Diener des mit allem Nöthigen verſehenen Hauſes allerlei Erfriſchungen herzugetragen und die Tiſche der auf dem Hofe errichteten Lauben damit be⸗ laſtet. Ottokar ladete die Anweſenden freundlich zum Zulan⸗ gen ein und dieſe ließen ſich ohne vieles Nöthigen die treff⸗ lichen Biere und den guten Wein herrlich munden. Auch die Dorfbewohner eilten jetzt, nach beendetem Tagewerke, herbei, und als nun die Muſikanten die bekannten Tanz⸗ weiſen erklingen ließen, da zog man ohne Weiteres die Dörf⸗ nerinnen heran und begann mit ihnen den luſtigen Reigen, zum größten Verdruß der anfangs von fern zuſehenden jun⸗ gen Bauernburſchen. Bald aber wurden auch ſie von der allgemeinen Luſt fortgeriſſen und nun tanzten, ſangen, lach⸗ ten, jubelten und tranken Städter und Landleute in buntem Gemiſch und ungeſtörter Einigkeit durch einander, während oben im Bankettſaal die eingeladenen Gäſte an der reichbe⸗ ſetzten Tafel ſich nicht minder der Luſt und der Fröhlichkeit überließen. Plötzlich ſchwieg unten die Muſik inmitten des Tanzes ſtill und ein leiſes Gemurmel trat an die Stelle des lauten Jubels. Noch konnten ſich die im Saal Befindlichen nicht erklären, was da unten vorging, als Boytin, der ſchnell an eins der offenen Fenſter getreten war, mit dem haſtigen Rufe: „Folge mir ſchnell, Ottokar!“ eilig den Saal verließ. Ottokar folgte ungeſäumt der Aufforderung. Jetzt hörte man aber, wie mehrere Reiter in den Hof ſprengten; eine ſchmetternde Trompetenfanfare ertönte und der donnernde Ruf:„Heil dem Kurfürſten! Heil der Kur⸗ fürſtin!“ erſchütterte die Luft. Da erhoben ſich Alle im Saal in freudiger Beſtürzung von ihren Plätzen. Es war in der That der Landesherr, der mit ſeiner jungen Gemahlin und einem kleinen reiſigen Gefolge durch die Reihen der auf dem Hofe Verſammelten ſprengte, die ihm ehrfurchsvoll Platz machten. — Gott zum Gruß, mein wackerer Boytin! rief er die⸗ ſem zu und ſprang vom Rappen, ehe Boytin ſeine Abſicht erreichen und ihm den Steigbügel halten konnte. Wir haben vernommen, welches Feſt hier zu Britz gefeiert werden ſoll, und uns bewogen gefunden, daran Theil zu nehmen, ſelbſt * * 2. — — — — auf die Gefahr hin, als ungebetene Gäſte zurückgewieſen zu werden! — Nie hätte ich's, mein gnädigſter Fürſt, gewagt— ſtammelte Boytin, die dargebotene Hand ſeines Gebieters ehrfurchtsvoll küſſend. So hohe Ehre— o könnte ich Euch würdig empfangen! — Deine ungeheuchelte Freude ob unſeres Kommens iſt der würdigſte und beſte Empfang, der uns werden kann, erwiederte Friedrich. Dann trat er zu ſeiner Gemahlin, die auf Ottokar ge⸗ ſtützt, eben vom Zelter herabſtieg, und reichte ihr den Arm. — Habt Dank für dieſen Dienſt, den ich verſäumte, ſagte er lächelnd zu Ottokar, bevor dieſer ſeinen ehrerbietigen Gruß ausſprechen konnte. Darauf nannte er ſeiner Gemahlin den Namen des jungen Mannes und aus den freundlichen Worten, welche die junge Fürſtin an Ottokar richtete, konnte man deutlich erkennen, welch einen guten Klang dieſer Name am Hofe hatte. Unter dem wiederholten Rufe der verſammelten Menge: „Heil unſerm Kurfürſten!“ begab ſich das hohe Paar in das Haus, auf deſſen Schwelle es von Frau Katharine ge⸗ bührend empfangen ward. Zwei Edelknaben aus dem Ge⸗ folge, Jeder ein ſauberes Käſtlein tragend, folgten ihrer Herrſchaft. Nach den ehrfurchtsvollen Begrüßungen im Bankettſaal und deren huldvoller Erwiederung und nachdem Boytin den erlauchten Gäſten die ihnen unbekannten Anweſenden vor⸗ geſtellt, rief der Kurfürſt Ottokar und Klara zu ſich heran und er wie ſeine Gemahlin gaben dem Brautpaare in herz⸗ lichen Worten ihre Theilnahme zu erkennen. — Wie viel haſt Du in ſo zarter Jugend ſchon erdul⸗ den müſſen, armes Kind! ſagte die Kurfürſtin unter Anderem zu Klara. Möge Dir der Allgütige hinfort reiche Freuden . 335 —* ſchenken, in denen Du die überſtandenen Leiden vergeſſen kannſt. — Habt Dank für dieſen gütigen Wunſch, gnädigſte Fürſtin, erwiederte Klara. Doch weiß ich wahrlich nicht, welch Glück mir noch werden könnte, was ich nicht ſchon beſäße. Theure Eltern, einen geliebten Mann, treue Freunde, irdiſches Gut und zu dem Allen noch die Gnade meiner fürſtlichen Herrin: iſt dies nicht mehr als ein gewöhnliches Glück? Die überſtandene kurze Trübſal aber vermag meine Freude nicht zu trüben; ſie erſcheint mir nur noch wie ein böſer Traum, nach deſſen Verſchwinden man ſich um ſo wohler fühlt. Wahrlich, wäre mein Sinn nicht allzu leicht⸗ fertig, ich müßte mich betrüben, daß ich meinem Gott nicht dankbar genug bin. — Cott erhalte Dir dieſen leichtfertigen Sinn, wie Du es nennſt, Du gutes Kind! ſprach die erlauchte Frau, ſchloß Klara in ihre Arme und küßte ſie. Mit ſichtlichem Wohlgefallen ſah Kurfürſt Friedrich dem Thun ſeiner Gemahlin zu und wandte ſich dann wieder zu Ottokar, dem man es anſah, daß er dem Wunſche der Kur⸗ fürſtin mit ganzer Seele beiſtimmte. — Ich habe vernommen, Freund, daß Ihr Euch ge⸗ weigert, ein Amt bei den beiden Städten zu bekleiden, ſagte der Kurfürſt zu Ottokar. Ich kenne Eure Grunde bei die⸗ ſer Weigerung nicht; doch welche es auch ſein mögen, gewiß ſind ſie Eurer würdig und ich ehre ſie, indem ich nicht nach ihnen forſche, ja, ſie nicht einmal erfahren will. So leid mir dieſer Euer Entſchluß nun auch um der beiden Städte willen thut, ſo iſt er mir auf der andern Seite wieder faſt lieb, denn ich habe ein neues Verlangen an Euch zu ſtellen und kann dies jetzt thun, ohne zu fürchten, Euch allzu ſehr zu überbürden. Ich habe nämlich eingeſehen, daß die Ka⸗ landsgenoſſenſchaften, deren Nützlichkeit ich durch Euch er⸗ kannt, in ihrer neuen Geſtalt einer beſtändigen Leitung und —— 2. — 4 r* 22 — ——— 2 5 4 4 —— 8 Oberaufſicht bedürfen, ſoll das Gute, zu dem Euer neues Statut den Grund gelegt, in vollem Umfange aus dem Ka⸗ landsbunde entſprießen. Wer aber würde ſich beſſer zu ſol⸗ chem Amte ſchicken, als der beredte Fürſprecher, der wärmſte Freund und der verſtändige und einſichtige Ordner des Ber⸗ liniſchen Kalands? Wohlan, ſo wollet denn das Amt an⸗ nehmen, welches ich mit Genehmigung der kirchlichen Auto⸗ rität fuͤr Euch beſtimmte, und zwar unter dem Namen eines weltlichen oberſten Vorſtehers ſämmlicher märkiſchen Kalands⸗ gilden, mit dem Vorrechte vor allen Dechanten und Kalands⸗ herren. Erlaubt, daß Euer Fürſt Euch mit dem Zeichen Eurer neuen Würde belleidet. Die Edelknahen traten herzu; der Kurfürſt nahm aus dem einen Käſtlein eine ſchwere goldene Kette von der ſau⸗ berſten Arbeit und hing ſie dem Ueberraſchten um. Zugleich aber erhielt Klara ein koſtbares Geſchmeide aus der Hand der Kurfürſtin. Im Saale gaben ſich laute Aeußerungen der Freude und des Beifalls kund und Jedermann pries beſonders die feine und den Geber wie den Beſchenkten gleich ehrende Weiſe, mit welcher der Landesherr ſeine Gnadenbezeigungen zu er⸗ theilen wiſſe. Ottokar erklärte freudig die Annahme des Amtes, in deſſen gewiſſerhafter Verwaltung er dem Fürſten den Be⸗ weis ſeiner Dankbarkeit zu liefern verſprach. Darauf ward Bernhard mit Lisbeth vor das Fuͤrſten⸗ paar gerufen und auch ſie wurden unter freundlichen Wor⸗ ten nicht minder reich beſchenkt. Der Kurfürſt ſprach nur von Bernhards Vergangenheit, als dieſer ſelber ſie erwähnte, und bezeigte ihm um ſo größere Anerkennung über ſeinen jetzigen untadelhaften Wandel, obwohl er dem jungen Manne beiſtimmte, als dieſer das größte Verdienſt an ſeiner Beſſe⸗ rung Lisbeths verzeihender Liebe zuſchrieb. Zu Lisbeth aber ſagte die Kurfuͤrſtin mit verſtelltem Unmuth: — 2 recht böſe zu ſein? Ich hatte mich ſo ſehr gefreut, als mir mein Herr und Gemahl verhieß, in Dir eine ſeit Langem — mjt gewünſchte Gefährtin und Freundin mir zuzuführen, mir 4 5 gleich an Alter, Geſinnung und Neigung, und dieſe Freude 3 6 haſt Du Böſe mir verdorben durch Deine ſtolze Weigerung. 3 . Doch zürne ich Dir nicht mehr deswegen, ſetzte die Fürſtin dns lächelnd hinzu, als Lisbeth verwirrt einige Entſchuldigungen de vorzubringen verſuchte; die triftigſte Entſchuldigung ſteht Dir nds⸗ ja zur Seite! 3* chen Als nun aber das dritte Brautpaar an die Reihe kom⸗ 5* men ſollte, war der Bräutigam nicht im Saale zu finden als und Niemand wußte, wo er geblieben. Bald aber hörte* ſau⸗ Ottokar, der an ein Fenſter getreten war, ſeine laute Stimme, eich und als ſeine Blicke dem Schalle folgten, ſah er denn, was and den Vermißten von der Seite ſeiner Lieſel entfernt hatte. In dem Kreiſe der Reiſigen des kurfürſtlichen Gefolges und* ſtand Herr Petrus Reinhold, ehrſamer Bürger zu Kölln, eine und kredenzte ihnen den vollen Humpen, welchen er ſelber eiſe, nebſt zugehörigem Imbiß herbeigeſchleppt hatte. Dabei er⸗ et⸗ kundigte er ſich theilnehmend nach allen Freunden und Be⸗ kannten und erzählte den ſtaunenden Zuhörern, welches Glück in ihm geworden und welch ein Prachtmädel ſeine Braut ſei. Be⸗ Man ſah und hörte es ihm an, wie ſehr er ſich des Wie⸗ derſehens ſeiner früheren Gefährten freute. iene⸗ Ottokar theilte lächelnd ſeine Entdeckung mit. Jor⸗-⸗— Fürwahr, ihn hat die unvermuthete Wendung ſeines nutr Geſchicks weder ſtolz noch hochmüthig gemacht— ein leider nte, gar ſeltener Fall! ſprach der Kurfürſt. Es gereicht ihm dies nen Benehmen zu großer Ehre! Doch warum iſt die laute Luſt une der Leute da unten, die uns ſchon vor dem Dorfe zu unſerer ſſe⸗ Freude entgegenſchallte, jetzt verſtummt? wandte er ſich fra⸗ ber gend zu Boytin. Die ſchwarzen Brüder. IV. 22 338 — Die Ehrerbietung, welche die Gegenwart ihres Für⸗ ſtenpaares ihnen auferlegt— erwiederte Boytin. — Wie! Ich will nicht hoffen, daß die Leute in ihrem Landesherrn einen Freudenſtörer ſehen! rief Friedrich. Man ſage ihnen, daß man ſich meinetwegen nicht den geringſten Zwang anthun ſoll! Boytin, dem Ottokar ſchnell einige Worte zuflüſterte, eilte hinab und wiederholte mit lauter Stimme die Worte des Kurfürſten; auch machte er Ottokars Ernennung zum Kalandsoberſten kund und zuletzt erfuhren die Dorfbewohner noch von ihm, daß der neue Beſitzer des Herrenhofes ihnen ſchon am erſten Tage ſeines Beſitzes ſämmtliche Frohnden erlaſſen und daß der Dorfſchulze ſchon das Geld empfangen habe, welches ſie für die ſeit letzten Oſtern geleiſteten als Vergütigung erhalten ſollten. Nicht zu beſchreiben iſt der Jubel, welcher dieſer drei⸗ fachen Mittheilung folgte. Inzwiſchen hatte man Peter mit ſeiner Braut zu dem Kurfrſten geführt, der ihn ſehr belobte und ungemeines Gefallen fand an ſeinen munteren, kecken Antworten, die, ſo drollig ſie ſich auch anhörten, doch immer von Verſtand und Herz zeugten. Der Kurfurſt und ſeine Gemahlin unterhiel⸗ ten ſich längere Zeit mit ihm und er wie ſeine Lieſel erhielten ebenſo reichliche Beweiſe der fürſtlichen Huld, wie die beiden Brautpaare vor ihm. Bis in die Nacht hinein währte der Freudentrubel auf dem mit anbrechender Dunkelheit von vielen Fackeln hell er⸗ leuchteten Hofe, dem der Kurfürſt mit ſeiner Gemahlin vom Altan aus eine Weile zuſchaute und ſich ſehr ergötzte an dem bunten Gewimmel der Tanzenden, Trinkenden und Sin⸗ genden, welches in der grellen Beleuchtung ein gar ſeltſames Bild darbot. Als aber die Thurmglocke des Dorfes die elfte Stunde anzeigte, ließ man es für heute genug ſein; die Dorfbewoh⸗ ☚☛‿—— 339 AAAÄANAN;RR ner waren ſchon früher nach ihren Behauſungen gegangen, um zum Empfange der ihnen angekündigten fremden Gäſte bereit zu ſein, deren Unterbringung daſelbſt durch die uner⸗ wartete Ankunft des Kurfürſten nöthig geworden. Die Mit⸗ glieder der Kalandsgilde und diejenigen aus den beiden Städten, welche ſich ihnen bei dem Zuge nach Britz ange⸗ ſchloſſen, ordneten ſich jetzt wieder in Reihen, bedankten ſich für die gute Bewirthung durch donnernde Hochs auf das kurfürſtliche Haus, auf die beiden Städte und deren Obrig⸗ keit, auf die Kalande und deren Oberen, auf die Braut⸗ paare ꝛc., und bei jedem Hoch ließen ſich die Trompeten wacker vernehmen. Dann zogen ſie unter luſtiger Muſik und geleitet von fackeltragenden Dienern durch das Dorf nach dem Platze, wo die Fuhrwerke ihrer harrten, die ſie nach den beiden Städten zurückbrachten. Die Muſikanten gingen nach dem Dorfkruge, welcher ihnen zur Nachtherberge be⸗ ſtimmt war. Im Bankettſaal blieb man noch eine Stunde in ge⸗ müthlichem Geſpräch beiſammen, an dem die erlauchten Gäſte auf eine allen Anweſenden erfreuliche Weiſe Theil nahmen, und welches ſich um die Begebenheiten der letzten Zeit, be⸗ beſonders um Ottokars ungewöhnliche Schickſale und Erret⸗ tung drehte. — Es lehren uns dieſe Geſchichten alle, nahm der Kur⸗ fürſt gegen Ende des Geſprächs das Wort, daß das Böſe in der Welt, wenn es auch eine Zeit lang zu triumphiren ſcheint, dennoch nie den Sieg davon trägt; das Gute, wenn es auch zu unterliegen meint, darf nicht verzweifeln, denn der Tag, wo es Jenem die Palme des Sieges aus der Hand windet, bleibt nimmer aus! Dem Guten ergeht es ſtets am Schluſſe noch gut! — Es lehren uns dieſe Begebenheiten nicht minder, ſagte Ottokar, daß auch das kleinſte, das anſcheinend ge⸗ ringſte Unrecht, deſſen wir uns ſchuldig machen, ſich immer⸗ 22* * — 1 4 340 êÖêO dar an uns rächt und zwar um ſo furchtbarer, je mehr wir es vor der Welt zu verbergen, je eifriger wir ſelber uns einzureden ſuchen, daß wir das Unrecht nur begangen, weil wir nicht anders konnten! Stets werden wir dann inne werden, daß wir nie thörichter gegen uns ſelber handelten⸗ als da wir mit Aufwendung aller unſerer Klugheit meinten gefunden zu haben, daß wir durch ein uns nur gering dün⸗ kendes Unrecht ein großes Uebel beſeitigen könnten! Wohl dem Menſchen, der ſich durch Nichts vom geraden Wege des Rechtes abbringen läßt; er iſt der Weiſeſte, wenn ihn gleich die Welt oft einen Thoren nennt! — Und Alles in Allem genommen, erſieht man aus dieſen Geſchichten, verſetzte Pater Johannes, daß unſer Herr⸗ gott, wenn es ihm die Leute zu bunt treiben und ſeiner ganz und gar vergeſſen haben, urplötzlich mit ſo wunderbaren, erſchütternden Ereigniſſen unter ſie fährt, wie an jenem Tage, als unſerm jungen Freunde das Urtheil geſprochen werden ſollte. Und warnend ruft daraus uns ſeine Stimme zu: Ich bin noch da, Ihr Leute, und ſehe Alles und komme wie der Dieb in der Nacht, den Guten zum Troſte und den Böſen zum Schrecken! Darum, wer Ohren hat zu hören, der höre! — Ja, wunderbar genug iſt Alles dabei zugegangen, meinte Peter, der mit aufmerkſamem Schweigen bisher den Geſprächen und Meinungen zugehört hatte. Und wenn's nicht Alles wahr wäre, ſo würde man's ſchier nicht glauben können! Alle lächelten ob dieſer Rede; der Kurfürſt aber nickte ihm freundlich Beifall zu und gab dann das Zeichen zum Aufbruch, indem er ſich erhob. Boytin führte ſeinen erlauchten Herrn in das für ihn beſtimmte Schlafgemach und gleichen Dienſt verrichtete Frau Katharine bei der Kurfürſtin. Ottokar, Klara und Lisbeth ließen es ſich angelegen ſein, auch den älteren Gäſten, die ANANR; im Herrenhauſe Platz fanden, je nach ihrem Geſchlecht die⸗ ſen Dienſt zu leiſten; die Uebrigen waren gern mit einem Unterkommen im Dorfe zufrieden, wohin ſie von den Die⸗ nern geleitet wurden. Und als nun der Pfingſtmorgen angebrochen war in ſeiner ganzen Pracht und Herrlichkeit, als die Gräſer und Blätter den erquickenden Nachtthau eingeſogen hatten und die Lerchen aus den grünen Kornfeldern ſich emporſchwan⸗ gen zum blauen, wolkenloſen Himmel und hoch in den Lüf⸗ ten dem Herrn ihr Loblied ſangen, da erklangen ernſt und feierlich die Glocken der einfachen Dorfkirche und die Töne eines frommen Liedes, das die Stadtmuſikanten vor dem Herrenhauſe blieſen, begrüßten den feſtlichen Tag und waren, harmoniſch ſich verſchmelzend mit den Glockenklängen, weit⸗ hin zu hören durch die ſtille Morgenluft. Im Herrenhauſe aber ordnete ſich der glänzende Zug, welcher drei glückliche Brautpaare zum heiligen Traualtar geleiten ſollte und an dem auch der Kurfürſt und ſeine Ge⸗ mahlin Theil nahmen und die Dorfbewohner in ihrem Sonn⸗ tagsſtaat und mit Blumenſträußen in den Händen ſich an⸗ ſchloſſen. Viel Pracht und Herrlichkeit an Gold und koſt⸗ baren Stoffen ſah man in dieſem Zuge ſich entfalten, aber darin kamen Alle, die ihn geſehen, überein, daß die drei holdſelig blickenden Bräute in ihren einfachen weißen Ge⸗ wändern, und als einzigen Schmuck nur den blühenden Myrthenkranz im Haar, das Schönſte in demſelben gewe⸗ ſen waren. Unter Glockengeläute und feierlicher Muſik zog man ſo⸗ dann in die mit Blumenkränzen und Laubgewinden feſtlich geſchmückte Dorfkirche. Nach beendetem Pfingſtgottesdienſt traten die Braut⸗ ———mm 342 paare und die Zeugen vor den Altar, wo der ehrwürdige Pfarrer von Britz die Traurede hielt; in ergreifenden Wor⸗ ten ſprach er von den wunderbaren Fügungen des Höchſten, der ſtets Alles ſo herrlich hinausführt, und rührte ſeine Zu⸗ hörer, beſonders die zarten Frauen und Jungfrauen, bis zu Thränen, die ihm ſelber reichlich in den grauen Bart hinab⸗ rannen. Darauf ermahnte er ſo herzlich die Brautpaare, Jegliches mit einander nun auszuharren in unwandelbarer Liebe und Treue, gemeinſam zu tragen Freude und Leid und Einer des Andern Vorbild zu ſein im Gottvertrauen und chriſtlichen Wandel, daß auch Mancher von den anderen Zu⸗ hörern in ſich ging und ſich mit Ernſt vornahm, künftighin es ſtrenger zu nehmen mit dem Geluͤbde, welches er einſt an gleicher Stätte abgelegt. Als nun das inhaltsſchwere Ja! ſo freudig den Lip⸗ pen der Brautpaare— hier laut, da leiſe— enttönt und das bedeutungsvolle Wechſeln der Ringe geſchehen war, da legte der fromme Prieſter die Hände auf die zu den Stufen des Altars Knieenden, ertheilte dem Bunde ihrer Herzen die Weihe der heiligen Kirche und rief inbrünſtig des Himmels Segen auf Sie herab. Und als er das Amen geſprochen, meinten Viele ein wunderbares Klingen in der Kirche zu vernehmen, wie wenn der Segen von Geiſterſtimmen wieder⸗ holt und beſtätigt würde und das erſt ſanft vertönte, als der feierliche Schlußgeſang„Herr Gott, Dich loben wir!“ durch den Tempel brauſete. Ottokar und Lisbeth aber wa⸗ ren ſich in freudigem Erbeben bewußt, die Stimme ihrer verklärten Mutter vernommen zu haben. In tiefer Bewegung verließen Alle nach beendeter Feier⸗ lichkeit das Gotteshaus. Draußen empfingen die Brautpaare die zahlreichen und herzlichen Gluckwünſche, die ihnen ſowohl vom Kurfürſten und ſeiner Gemahlin, wie auch vom niedrigſten Dorfbewoh⸗ ner dargebracht und von ihnen mit gleichem Danke hinge⸗ 1' ”ÖO;; nommen wurden. Dann ordnete man ſich wieder wie vor⸗ hin und unter dem Klange luſtiger Muſik trat man den Rückweg nach dem Herrenhauſe an, wo bald die Freude und Luſt unumſchränkt herrſchten. Daß man im Bankettſaale die Tiſche mit den herrlich⸗ ſten Speiſen und Getränken beſetzt fand, braucht nicht erſt beſonders verſichert zu werden. Heiterkeit und Frohſinn würzten das Mahld; viele ſinnige Trinkſprüche wurden aus⸗ gebracht unter Trompetenklang und Paukenwirbel und ju⸗ belnd ſtimmten in jedes Hoch die Bewohner des Dorfes mit ein, welche unten in den Lauben des Hofes reichlich bewirthet wurden. Nach dem Mahle zerſtreuten ſich die Gäſte in die ſchattigen Gänge des Gartens und Jeder gab ſich ohne Rückhalt der Freude und dem Vergnügen hin, wo⸗ für ſo reichlich geſorgt war. Niemand aber gab ſeine Freude offener kund, als Herr Petrus Reinhold. Er verſicherte dem ihm lächelnd zuhörenden Ottokar, daß Kurfürſt Friedrich der vortrefflichſte Fuͤrſt im ganzen Reiche ſei; daß er nie ein edleres Herz gefunden, als bei ſeinem Vetter Ottokar; daß Herr Boytin und Meiſter Trennert die wackerſten Männer in den beiden Städten ſeien; daß in der ganzen Kleriſei es nicht frömmere und geſcheidtere Prieſter gebe, als Pater Johannes und der Pfarrer zu Britz es wären; und daß ſeiner Lieſel kein Mädel gleichkomme, ausgenommen ſeine holden Mühmchen Klara und Lisbeth, die noch beſſer ſeien; daß aber auf der ganzen Welt Keiner zu finden ſei, der ſich an Glück mit ihm meſſen könne. Als der Abend hereinbrach, rief die Muſik zum Tanze und oben im Saale, wie unten auf dem Hofe wogte der fröhliche Reigen. Wieder bis in die Nacht hinein währte die Luſt und als der Kurfürſt mit ſeiner Gemahlin zu ſpäter Stunde den Ort des Feſtes verließen, um nach dem Hohen Hauſe in Berlin ſich zu begeben, verſicherten die fürſtlichen Gäſte ihren erfreuten Wirthen, ſelten ſo ſchöne und fröh⸗ , 4 5 —— AD liche Stunden verlebt zu haben, wie geſtern und heute in ihrer Mitte. Der größte Theil der Gäſte aber blieb in Britz, oder kehrte an den andern beiden Tagen dahin zurück, an denen es ebenſo herging, wie am erſten, und nie hat man wieder ſolch großes und wahrhaftes Freudenfeſt erlebt zu Britz bis auf den heutigen Tag. In ländlicher Zurückgezogenheit erblühte fortan für Ot⸗ tokar an Klara's Seite ein reines Glück, das ſelbſt die bald darauf eintretenden Zerwürfniſſe in den beiden Städten nicht zu zerſtören vermochten, denn er wirkte im Stillen für ſie und durfte ſich ſpäter ſagen, daß er es geweſen, der ſie vor dem größten Unheil bewahrt hatte. Zwar ward ihm ſein Wunſch, einen blühenden Kinderkreis um ſich zu ſehen, vom Geſchick verſagt, doch tröſtete er ſich bald daruber mit dem Gedanken, daß kein Glück auf dieſer Welt vollkommen ſei, und war um ſo mehr bemüht, jedes, auch das kleinſte trübe Wölkchen von der Gattin fern zu halten, die ſein Beſtreben durch ihre innigſte Liebe und nie verſiegende Heiterkeit be⸗ lohnte. Den Bewohnern von Britz war er ſtets ein theil⸗ nehmender und helfender Berather und Freund. Wie er ſein Amt als oberſter Vorſteher der märkiſchen Kalandsgil⸗ den verwaltete, darüber herrſchte nur eine Stimme des Lo⸗ bes unter den Mitgliedern; er hatte die Freude, daß man auch in andern Ländern dieſe Genoſſenſchaften nach ſeinem Beiſpiel reformirte und daß ſie— wenigſtens ſo lange er lebte— fröhlich gediehen und ſegensreich für das Volk wirkten. Das ihm nach dem letzten Willen des Stadthaupt⸗ manns Stroband zugefallene Vermögen ſchmälerte er um keinen Deut zu ſeinem Nutzen, verwaltete es vielmehr mit — een J42,, großer Umſicht und Gewiſſenhaftigkeit, ſo daß es ſich inner⸗ halb zweier Jahre bedeutend vermehrte. Nach Ablauf die⸗ ſer Friſt aber erhielt er ein Schreiben zugeſtellt, welches, durch glaubhafte Zeugniſſe verbürgt, die Nachricht enthielt, daß Henning Stroband als Unteranführer in der polniſch⸗ ungariſchen Reiterei in der Mordſchlacht von Varna gegen die Türken einen rühmlichen Tod gefunden, indem er den König Ladislaus, der ebenfalls in dieſer blutigen Schlacht den Heldentod ſtarb, bis zum letzten Augenblicke gegen die ihn umgebenden Schwärme der Ungläubigen vertheidigte; das Schreiben aber rührte von einem Geiſtlichen her, dem ſich Stroband vorher anvertraut und der ihm hinſichtlich ſeines chriſtlichen Verhaltens das beſte Zeugniß ertheilte. Jetzt wandte Ottokar jenes Vermögen an, indem er mehre⸗ ren wackern, aber armen Geſellen, die nicht die Mittel be⸗ ſaßen, um ſich ſelbſtſtändig niederzulaſſen, zur Gründung eines eigenen Heerdes verhalf und ſtattete mit dem Reſt deſſelben etliche arme, tugendhafte Bräute aus; dadurch glaubte er des Stadthauptmanns Willen nach beſten Kräften erfüllt zu haben. Andreas freute ſich noch ein Jahr lang an dem Glücke ſeiner geliebten Herrſchaft und ſtarb eines ſanften und ge— wiß auch ſeligen Todes. Er ruht nach ſeinem letzten Wunſche an Martha's Seite. Bernhard ward bald einer der angeſehenſten Handels⸗ herren und geachtetſten Bürger Berlins, deſſen früherer Le⸗ bensweiſe Niemand mehr in böſem Sinne gedachte. Lis⸗ beth reuete es nie, ihr Schickſal an das ſeine geknüpft zu haben; ſtets ſah ſie ſich von ihm treu geliebt und als ſei— nen guten Genius verehrt. Ein blühendes Kinderpaar ward von den beiden Gatten zur Tugend und Gottesfurcht erzo⸗ gen und außerdem ward ihnen nach einigen Jahren die Freude zu Theil, nach dem Tode der bisherigen Oberin der Die ſchwarzen Brüder. IV. 23 346 AAARæùꝑ Benediktinerinnen zu Spandow die Schweſter Helene zu die⸗ ſer hohen Würde einſtimmig von ihren Mitſchweſtern er⸗ wählt und von der vorgeſetzten kirchlichen Autorität beſtätigt zu ſehen. Herr Petrus Reinhold widmete ſich der Feldwirthſchaft mit vielem Erfolg und ward durch ſeinen Fleiß der ſtatt⸗ lichſte Grundbeſitzer zu Kölln. Meiſter Trennert brachte ſeine alten Tage ſorgenlos bei ſeinem Eidam zu, der ſich die Liebe und Achtung ſeiner Mitbürger erwarb und bis an ſein Le⸗ bensende ſo redlich, gutherzig, zufrieden und glücklich blieb, wie wir ihn bisher kennen gelernt. Zwar ging das Gerede, daß er ſeiner Lieſel mehr Gewalt im Hausregiment einge⸗ räumt, als ſich mit ſeiner hausherrlichen Würde vertrüge; allein ſolche Behauptung war gewiß nur ſchändliche Ver⸗ läumdung und von Trennerts klatſchſüchtiger Gepatterin aus Aerger und Rache erſonnen, weil Peter, der ihr's nimmer vergeſſen konnte, daß ſie einſt von Ottokar und Lisbeth Uebles geredet, ihre Einladung zu ſeinem Hochzeitsfeſt hintertrieben hatte. Auch ſtörte ſolch Gerede Peters Glück nicht im min⸗ deſten, das konnte man recht deutlich ſehen, wenn ihm, nach des Tages Arbeit aus den Feldern in ſein Haus in der Brüderſtraße zurückgekehrt, ſeine liebe Lieſel Hand und Lip⸗ pen zum freundlichſten Willkommen darbot und ſeine mun⸗ teren, rothwangigen Buben, die in allen Stücken ſein Eben⸗ bild waren und deren Anzahl ſich eine geraume Zeit lang Jahr um Jahr vermehrte, an ihm hinaufkletterten oder ihm lächelnd die kleinen runden Aermchen aus der Wiege ent⸗ gegenſtreckten. Dann pflegte er oft zu ſagen: — Ich möchte wohl wiſſen, ob man denn im Himmel auch ſo glücklich ſein kann! Uebrigens verband die innigſte, traulichſte Freundſchaft ihn und ſeine Hausfrau ſowohl mit Ottokar und Klara, wie mit Bernhard und Lisbeth, und ſehr häufig fanden ſich die drei verwandten Ehepaare an ſchönen Sonn⸗ und Feſt⸗ tagen in Britz zuſammen, wo auch Herr Boytin und Frau Katharine oft und gern verweilten. Ueber Boytins fernere Erlebniſſe theilen wir hier nur mit, daß Martha's glänzende Verheißung ſpäter in vollem Umfange an ihm in Erfüllung ging. Von Pater Johannes iſt zu berichten, daß ihn Kurfürſt Friedrich, der ihn während ſeiner Anweſenheit zu Britz ken⸗ nen und achten gelernt, bald nachher zu ſeinem Beichtiger ernannte, in welcher ehrenden und wichtigen Stellung er ein hohes, von keinem Leiden getrübtes Alter erreichte. Das Kloſter der Schwarzen Brüder(Dominikaner) zu Kölln, früher eins der reichſten, verlor ſeit jener Zeit ſehr an Anſehen; noch vor Einführung der Reformation ward es gänzlich aufgehoben; heute iſt keine Spur mehr von ihm vorhanden und kaum kennt man noch die Stelle, auf der es einſt geſtanden. Das Kloſter der Grauen Brüder(Fran⸗ ziskaner) zu Berlin hingegen überlebte die Reformation; noch heute dient ſeine Kirche, der man neuerdings ihre ur⸗ ſprüngliche, ehrwürdige Geſtalt wiedergegeben, den Bewoh⸗ nern Berlins zum Gottesdienſt; ſein Name aber lebt in der trefflichen Bildungsanſtalt fort, welche man ſpäter in ſeinen Räumen errichtete und der gewiß Mancher unſerer Leſer ſeine Bildung verdankt. —— 2 2