8 He 39J,. ., Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — 3 von.. Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„„„ 3„—„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Die Schwarzen Brüder. Biſtoriſene Ersühlung aus der Vorzeit Berlins von f. Gothe. „Alle Schuld rächt ſich auf Erden.“ Goethe. Neue veränderte Ausgabe. Dritter Band. Druck und Verlag von Albert Sacco. Zimmerſtraße Rr. 94. Wir begeben uns jetzt wieder zu dem Manne, der, ein⸗ gehüllt in geheimnißvolles Dunkel, die Schickſalsfäden der meiſten in vorliegender Erzählung genannten Perſonen in Händen zu haben ſchien— zu dem Doktor Pignetti. Wir finden ihn in der bereits früher beſchriebenen Zelle des Klo⸗ ſters der Schwarzen Brüder zu Kölln, in der er ſich ge⸗ wöhnlich aufzuhalten pflegte und in welche man vom Kor⸗ ridor aus nur durch zwei andere, ebenfalls bereits beſchrie⸗ bene Gemächer gelangen konnte. Das in Folgendem Erzählte ereignete ſich oder begann vielmehr am Abende des dem An⸗ denken der heiligen drei Känige gewidmeten Tages, alſo am 6. Januar 1441. Auf dem Tiſche lag an der Stelle, auf welche der Schein der Ampel fiel, ein großes Buch, deſſen Ausſehen ein hohes Alter bekundete. Es war noch aufgeſchlagen und ließ auf vergelbten Pergamentblättern nur undeutlich die Schriftzüge erkennen, die einer fremden Sprache anzugehören ſchienen und hier und da durch ſeltſam geſtaltete Figuren unterbrochen waren. Pignetti ſaß vor dem Tiſche auf einem Seſſel und hatte ſeinen Kopf an die Rücklehne deſſelben gelegt; ſeine Augen waren halb geſchloſſen, die Arme ruhten auf den Sei⸗ tenlehnen des Seſſels; ſeine Züge, bleicher noch als ſonſt, drückten tiefes Nachdenken aus. 1* — — RN Die im Gemach befindliche Uhr verkündete mit lautem Klange die neunte Stunde ſeit Mittag. Da erhob ſich Pignetti und ſchlug das vor ihm liegende Buch zu. — Nur noch drei Stunden! murmelte er. Und noch bin ich keinen Schritt weiter, als ich vor einer Woche war! Soll ich ihn denn auch heute wieder abweiſen? Nein, nein, um keinen Preis darf dies geſchehen! Seit acht Tagen ſchon ſuche ich des Räthſels Löſung zu finden— doch vergebens iſt all mein Mühen. Umſonſt iſt's, daß ich die Werke der großen Meiſter durchforſche— umſonſt, daß ich Geiſt und Körper aufreibe durch faſt un⸗ unterbrochenes Sinnen und Grübeln— die Meiſter des Wiſſens ſchweigen, und mein Geiſt irrt rathlos im Labyrinth ſich tauſendfach kreuzender Möglichkeiten, Vermuthungen und Zweifel, in einem Labyrinth, verworrener und dunkler noch, als jenes auf der Inſel des Mittelmeeres; aber ſeine Ariadne, die Wiſſenſchaft, hat treulos den Faden zerriſſen, der ihn wieder an das Licht des Tages führen könnte, und nirgend zeigt ſich ihm ein Ausweg. Und dennoch muß binnen drei Stunden ein ſolcher gefunden ſein— er muß gefunden werden! In der mit Büchern und Geräthſchaften angefüllten Zelle ward's ſeiner Unruhe zu eng; er begab ſich in das anſtoßende leere Gemach, welches nur vom matten Licht des Halbmondes erleuchtet ward, der vom klaren Nachthimmel hernieder durch das vergitterte Fenſter blickte. Hier hatte, wie ſein Körper, auch ſein Geiſt freieren Raum; wie jener, dem die Unruhe ſich mitgetheilt, durch keinen andern Gegen⸗ ſtand, als die Wände des Gemachs in ſeinem Bedürfniß nach Bewegung behindert ward, ſo zog auch dieſen in der halbdunklen, leeren Zelle nichts ab von dem Gegenſtande ſeines Denkens. Die hier herrſchende kühlere Luft that ihm in ſeinem erregten Zuſtande wohl. Schon nahte das Trauerſpiel— für mich ein Luſtſpiel —. AAAAAAAAAA;;;; — ſeinem Ende, ſchon kündigte ſich die wohlberechnete Ka⸗ taſtrophe, wie durch ferngrollende Donner das heranziehende Ungewitter, durch verderbende Ereigniſſe an— da verſagt eine Marionette in der Hand des Meiſters den Dienſt und der Vorhang muß fallen, bevor das Stück zu Ende geſpielt! fuhr er nach einer kurzen Pauſe in ſeinem Selbſtgeſpräche fort. Aber noch iſt's möglich, die unterbrochene Handlung zum Schluß zu bringen, wenn der Meiſter ein Mittel auf⸗ zufinden vermag, den Widerſtand ſeiner Marionette zu bre⸗ chen und zum Gehorſam zu zwingen. Aber dieſes Mittel— wer ſagt mir wohl, wo ich es finde? O, gewiß, ich würde es ſchon finden, könnte ich nur ergründen, von wannen ihr die Fähigkeit zum Widerſtande gekommen! Iſt ihr Wille plöͤtzlich ſtärker, als der meinige, dem doch das Schwerſte ſchon gelungen, indem er mein eige⸗ nes Ich bezwang— iſt meine Kraft von mir gewichen, de⸗ ren leiſeſter Hauch Stärkeren das Geiſteslicht zu verlöſchen vermochte? Nein, nein, keins von Beiden iſt hier der Fall! Aber was iſt's ſonſt— wer ſagt mir, welche von den tau— ſend Möglichkeiten die richtige iſt? Die Zeit verrinnt— zwei Stunden und eine halbe bleiben mir nur noch übrig; ich kann und darf ihn nicht zum dritten Male abweiſen, ohne mein Werk zu gefährden, ein Werk, mit dem ich mich ſeit zwanzig Jahren voller Lei⸗ den und Kämpfe unausgeſetzt beſchäftigt, dem all mein Sin⸗ nen, all mein Trachten galt, um deſſentwillen ich allem ent⸗ ſagte, was mir das verlorene Glück hätte wiederbringen oder erſetzen können! Faſt bleibt mir nur noch die Wahl, dieſes Werk ſcheitern zu ſehen am Widerſtande eines ſchwachen Mädchens, oder es blindlings fortzuführen, ohne die vollſte Gewißheit des Gelingens zu haben. Letzteres wählen, vom Zufalle abhängen, jedes vom leiſeſten Luftzug in meinen Weg gewehte Sandkörnlein fürchten zu müſſen, iſt ſchlimmer noch, als Erſteres, wie Zweifel und Ungewißheit ſchlimmer ſind, ‧«A»ꝗ»ꝑ»— als eingetroffene Befürchtung ſelbſt. Seit langer Zeit zum erſten Male ſchwanke ich rathlos hin und her, gleich dem kompaßloſen Schiffe auf hoher See. Und wenn es mir auch gelänge, den ungeduldig Har⸗ renden abermals hinzuhalten, ohne ihn meine Schwäche und Rathloſigkeit merken zu laſſen— was würde mir's nützen? Ein anderes Werkzeug herbeizuſchaffen, iſt es zu ſpät; die Ereigniſſe werden eintreffen, bevor ich ſie zu beherrſchen und zu lenken im Stande bin— ſie werden eintreffen, ohne daß ich Kunde davon habe, und ſo mein Werk zerſtören, ſtatt es vollenden. Minute auf Minute verrinnt. Nicht mehr daran den⸗ ken darf ich, das Räthſel des Hinderniſſes, auf das ich ſo plötzlich und unvermuthet geſtoßen, zu ergründen und Letzte⸗ res zu beſeitigen: es gilt nur noch, einen ſchnellen Entſchluß zu faſſen, damit ich dem, der bisher vor meiner, ſeinem blö⸗ den Geiſte unbegreiflichen Gewalt zitterte, nicht unvorbereitet entgegentreten muß. Die Wiſſenſchaft, die einzige Gottheit, die ich aner⸗ kannte— ſie, deren Dienſte ich mich nach vollbrachtem Werke weihen wollte mein Leben lang— ſie hat mir ſchnöde den Rücken gewandt, gerade da, als ich ihrer am dringendſten bedarf; wohlan denn, rufe ich eine Macht an, deren Da⸗ ſein ich bisher geleugnet, der aber, iſt ſie wirklich vorhan⸗ den, mein Werk reiche Früchte eintragen wird. Dich, Hölle, rufe ich zu meinem Beiſtand an, ſende mir deine Geiſter der Unterwelt, daß mir durch dich werde, was ich brauche! Hölle, ich vermehre dein Reich, ſo du mir hilfſt! Wiſſe, es iſt Pignetti, der dich ruft! All ihr böſen Geiſter, eilt herzu und leiht mir eure Macht und Klugheit! Kommt, kommt, kommt! Es klangen dieſe Worte ſo geiſterhaft, daß es ihm vor⸗ kam, als ſei nicht er es, der ſie rufe, ſondern ein fremder Dämon, der ſich ſeiner Lippen bediene. Seine brennenden 9 — neeeene, Blicke durchforſchten das Halbdunkel des Gemachs, als ſuch⸗ ten ſie die Gerufenen. — Auch die Hölle vermag mir nicht zu rathen! ſprach er nach einiger Zeit, als der Eindruck, den ſeine eigenen Worte auf ihn gemacht, allmälig entſchwunden war. Doch ja— ja— ſie ſendet mir ja ihre Hülfe! fuhr er plötzlich auf. Dieſer Gedanke— nur von ihr kann er kommen, ihrem tiefſten Grunde muß er entſtiegen ſein, da achttägiges Sinnen mich ihn nicht finden ließ! O, habe Dank, Dank! Du aber, elendes Werkzeug, welches ſich ver⸗ maß, ſich wider ſeinen Meiſter zu empören, während doch das Zwickern meiner Augenlider es hätte zermalmen können, Du erzittere vor der Rache deſſen, den Deine Widerſpen⸗ ſtigkeit im Gefühle ſeiner Ohnmacht erzittern ließ! Du ſollſt mir fortan als Sklavin dienen, nicht wie bisher in Ohn⸗ macht und Willenloſigkeit, ſondern unter Heulen und Zähne⸗ klappen! Zittre, zittre!. Pignetti war in dieſem Augenblicke nicht mehr Pignetti. Die ſtolze, faſt majeſtätiſche Ruhe, die er ſonſt in ſeinem Aeußern zur Schau trug, war bis auf die letzte Spur ver⸗ ſchwunden; ſeine Augen funkelten in unheimlicher Wildheit, ſeine ſonſt tief klingende Stimme glich dem Geziſch der Schlange, als er jene Drohungen ausſtieß, und aus ſeinen Zügen ſprach teufliſche Bosheit. Abſchreckend häßlich, wie das verderben⸗ ſpeiende Gewürm der giftigen Sümpfe, war ſeine ganze Er⸗ ſcheinung. Er war entſetzlich anzuſchauen. Draußen verkündeten die Thurmglocken in langſamen Schlägen die zehnte Stunde. Wir verlaſſen jetzt Pignetti's Zellen, doch damit nicht die Kloſtergebäude der Schwarzen Brüder, deren Ringmauern gar Vieles umſchloſſen, von dem nur zwei Bewohner dieſer Gebäude wußten, die andern aber auch nicht die entfernteſte * * 44 —„ AAAA;Aꝑ;;ꝑ;ꝑ Ahnung hatten. Die Beiden waren Pignetti und der da⸗ malige Prior dieſes Kloſters. Letzterer, ein Greis, ſchüttelte gar manchmal ſein graues Haupt ob des welſchen Doktors geheimnißvollen Treibens, das er nicht begriff; doch ein aus⸗ drückliches, ſchriftliches Gebot des heiligen und unfehlbaren Vaters zu Rom, Eugen des Vierten, hielt ſeine Zunge ge⸗ feſſelt. Vier ſchwarze Wände umſchließen ein Gemach, das we⸗ der ſehr geräumig, noch ſehr eng zu nennen iſt. Auf einem Kamine, deſſen Rauchfang nach unten mit ſtarken eiſernen Stäben verſehen iſt, glimmt ein ſchwaches Kohlenfeuer, bei deſſen Scheine man vergeblich nach einem Fenſter oder einer anderen Oeffnung in den Wänden ſucht; nur in der dem Kamine gegenüber befindlichen Wand erblickt man eine eiſerne Thür, die aber verſchloſſen iſt und durch die unmöglich der friſche Luftzug dringen kann, den man in dieſem Raum ge⸗ wahr wird und der die Flamme auf dem Kamine unruhig flackern läßt. Erſt wenn das Auge ſich mehr an das hier herrſchende Halbdunkel gewöhnt hat, bemerkt man in der Decke eine Oeffnung, welche der Aufgang zu einem ſehr engen, unbedeckten Thurme zu ſein ſcheint, denn man erkennt unmittelbar über der Oeffnung die Sproſſen einer ſich im Dunkel verlierenden Leiter, während hoch oben über dem ſchwarzen Gemäuer ein engbegrenztes Stück des klaren Nacht⸗ himmels ſichtbar iſt; eine am Rande der untern Ausmün⸗ dung in eiſernen Angeln hängende, mit Glasſcheiben ver⸗ ſehene Klappe zeigt an, daß die Oeffnung verſchloſſen wer⸗ den kann. Beim erſten Anblick mußte man das Gemach für einen jener Kerker des Mittelalters halten, deren Thüren ſich hin⸗ ter Vielen ſchloſſen, um ſich ihnen nie wieder zu öffnen. Doch wenn es auch urſprünglich zu ähnlichen Zwecken be⸗ ſtimmt geweſen ſein mochte, ſo war dies doch augenſchein⸗ lich jetzt nicht der Fall. Außer dem Kohlenfeuer auf dem AAAANR Kamine, welches an ſolchem Orte eine ungewöhnliche Er⸗ ſcheinung und für Gefangene eine ſchon außerordentliche Begünſtigung war, entſprach auch die übrige Einrichtung des Gemachs, abgeſehen von ſeiner baulichen Beſchaffenheit, nicht der eines Kerkers. Den Fußboden bedeckte ein wolli⸗ ger Teppich, der nur in der Nähe des Kamins die Stein⸗ flieſen ſehen ließ; ein ſchwarz behangener Betaltar, ein be— quemes Ruhebett, ein hölzerner Tiſch mit verſchiedenem Tiſch⸗ geräth, mehrere Polſterſeſſel, Gefäße mit ſeltenen Blumen und ſogar eine Harfe fanden ſich hier vor und machten den Raum zu einem wohnlichen Gemach; eine Sanduhr zeigte die Stunden an. So pflegten die Kerker nicht beſchaffen zu ſein. Aber hatten die beiden Weſen, welche ſich in dieſem Gemach befanden— zwei bleiche Frauen— nicht dennoch das Ausſehen von Gefangenen? Ihrer Kleidung nach konnte man ſie freilich nicht für ſolche halten, denn dieſe war we— nigſtens bei der jüngeren ſehr zierlich und beſtand aus Stof⸗ fen, die nur von Wohlhabenden getragen werden konnten; betrachtete man aber Beider Antlitz mit prüfendem Blicke, ſo mußte man trotz der himmelweiten Verſchiedenheit, welche auch dem oberflächlichen Beobachter— abgeſehen von dem Unterſchied der Jahre— in dem Geſichtsausdrucke der bei⸗ den Frauen nicht entgehen konnte, in ihren Zügen ein ge⸗ wiſſes Etwas erkennen, ein ſchwer zu beſchreibendes Gepräge, welches eine längere Gefangenſchaft denen, die ſie erleiden, aufzudrücken pflegt. Die jüngere der beiden Unglücksgefährten ſaß auf dem Ruhebette und hatte ihr Haupt ſinnend auf die rechte Hand geſtützt, während die linke, auf deren einem Finger ein gol⸗ dener Verlobungsring glänzte, mit einem Stücklein ſchwarz⸗ ſeidenen Bandes ſpielte, welches ſie abwechſelnd an Herz und Lippen preßte. Ihr Antlitz mit den thränenfeuchten gen und den marmorbleichen Wangen zeigte den Aus⸗ druck tiefer Trauer, aber auch muthiger Entſchloſſenheit, welch letztere beſonders dann ſich deutlich in ihren feinen Zügen offenbarte, wenn ſie hin und wieder den Blick zu der in der Decke des Gemachs befindlichen Oeffnung erhob. Das bitter herbe Leid, welches ſie erfüllte, konnte ihr aber erſt ſeit Kurzem gekommen ſein; denn noch war es nicht im Stande geweſen, die Kindlichkeit in dem Weſen der achtzehn⸗ jährigen Jungfrau ganz zu verwiſchen, welche auch jetzt noch ihrer Erſcheinung eine holde Anmuth verlieh. Die andere Bewohnerin dieſes Gemachs war bedeu⸗ tend älter, ſaß niedergekauert auf dem Teppich in der Nähe des Kamins; ſie ſah gedankenlos und ſtieren Blickes in die auf demſelben befindliche Gluth; die Arme hingen ihr ſchlaff herab; ihr erdfahles Angeſicht mit den welken, lebloſen Zü⸗ gen trug keinen andern Ausdruck, als den gänzlicher Gefühl⸗ loſigkeit und thieriſchen Stumpfſinnes. Nur wenn ihre Ge⸗ fährtin ein Wort der Frage oder Bitte an ſie richtete, kam etwas Leben in ihren ſonſt regungslos ſcheinenden Körper; willig that ſie alles, was dieſe, der ſie als Dienerin beige⸗ geben war, von ihr verlangte. Ihr ganzes Ausſehen war abſtoßend, ihr Weſen aller Anmuth baar. Wahrlich, das Gemach mit ſeiner äußeren und inneren Einrichtung und ſeinen Bewohnerinnen war eine Erſchei⸗ nung, die wohl niemand in einem Mönchskloſter— am we⸗ nigſten aber in dem der wegen ihrer Frömmtgkeit und Got⸗ tesfurcht weit und breit berühmten Schwarzen Brüder zu Kölln an der Spree— zu ſuchen ſich einfallen ließ. Es herrſchte in dieſem Raume eine ſo tiefe Stille, daß man faſt nur die Athemzüge der beiden Frauen vernahm. Die Sanduhr zeigte an ihren in die Gläſer geſchnittenen Ringen die zehnte Abendſtunde. Ein dumpf ſchallender Ton, wie von einem ſchweren Falle, ließ ſich jetzt urplötzlich vernehmen; er kam aus der Richtung der dem Kamine gegenüber befindlichen eiſernen 6 5 Thür her. Bei dieſem Tone, der die ältere Genoſſin voll⸗ ſtändig gleichgültig ließ, fuhr das junge Mädchen erzitternd zuſammen und ein kaltes Schauern durchfröſtelte ihren zar⸗ ten Körper. — O Gott, was hat er wieder vor? hauchte ſie leiſe vor ſich hin. Noch einmal, nur etwas gedämpfter als vorhin, ließ ſich jenes Geräuſch vernehmen; dann blieb alles ſtill. In beängſtigender Erwartung blickte das junge Mädchen auf die eiſerne Thür. — Wird dieſe Qual, dieſe Pein je enden? ſeufzte die Jungfrau nach einer Weile. Werde ich bald genug gebüßt haben für die Fehler meines kurzen Erdenlebens? Wird mir endlich die Stunde der Erlöſung ſchlagen oder ſoll ich verdammt ſein auf ewig, wie jene Unglückliche dort? Doch laß ſie fahren, dieſe Zweifel, mein banges Herz, und ſei nicht ferner ungerecht gegen den Allerbarmer über den Ster⸗ nen, deſſen allſehender Blick ja auch die dicken Mauern die⸗ ſes Kerkers durchdringt! Sandte er Dir doch ſchon manch milden Sonnenſtrahl der Freude in die öde Nacht deiner Trauer, um dich aufzurichten, wenn der Schmerz dich nie⸗ derwarf; verlieh er dir, dem ſchwachen Mädchen, doch die Kraft, der Macht des Gewaltigen, der der Unterwelt erſtie⸗ gen, ſiegreich zu widerſtehen und ſeinem finſteren Dienſte dich zu entreißen; er wird dir auch ferner mit ſeiner Gnade nahe ſein und dich zum Licht des Lebens zurückführen, wenn einſt die Prüfungsſtunden vorüber ſind! — Warum beteſt Du nicht weiter? fragte die Genoſſin, ihr Geſicht der Jungfrau zuwendend, als dieſe ſchwieg. Ich höre Dich ſo gern! — So vermagſt Du alſo den Sinn meiner Worte zu faſſen? erwiederte die Jungfrau erfreut. Nicht immer alſo hält des Wahnes Nacht Dich umfangen? — Wahn und Nacht— was iſt das? entgegnete die — A„ 3 8 — — Andere. Ich weiß nur, daß ich todt und begraben bin und Du biſt es auch! Die Jungfrau ſchauderte. — Komm, komm, Du Arme, laß uns mitſammen be⸗ ten! ſprach ſie, indem ſie an jene herantrat und ſie zum Betaltare zu führen verſuchte. — Nein, nicht dahin, das verſtehe ich nicht! verſetzte jene. Laß mich bei Dir ſitzen und dann rede mir von dem, welchen Du liebſt und der Dich wieder liebt; das thut mir ſo wohl, darum höre ich's ſo gern! — Du wolleeſt aber, daß ich bete! ſprach die Jung⸗ frau ſanft. — Ich weiß nicht, wie man's nennt, entgegnete die Andere ungeduldig; aber ich will, daß Du thuſt, wie ich ſagte. — Wenn es Dir denn Freude macht, ſo will ich Dir gern von dem erzählen, den ich ſo ſehr, ſo heiß, ſo innig liebe und der mir ſeine Liebe und Treue ſo heilig bewahrt, nahm die Jungfrau das Wort. Freue ich mich doch auch, dieſes Verlangen von Dir zu hören, und der Aufenthalt an dieſem Orte wird mir fortan weniger ſchrecklich ſein, da ich ein theilnehmend Herz gefunden, dem ich mein Hoffen wie mein Leiden ausſprechen kann. O Gott, wie danke ich Dir! So komm denn, Du Gute; ich werde thun, wie Du ſagteſt! Die ältere Gefährtin erhob ſich und folgte der Jung⸗ frau. Statt ſich aber, wie dieſe es wollte, zu ihr auf das Ruhebett zu ſetzen, ließ ſie ſich zu deren Füßen auf dem Fußboden nieder und beantwortete die wiederholte Bitte ih⸗ rer jüngeren Genoſſin, neben ihr Platz zu nehmen, nur durch die ungeſtüme Aufforderung, ungeſäumt ihrem Verlangen nachzukommen. — Vor wenig Wochen noch— ſo begann die Jung— frau— prieſen mich Viele als die glücklichſte meines Ge⸗ ſchlechts, und wahrlich nicht Unrecht hatten die, ſo dies thaten! Nicht allein zeitliche Glücksgüter, zärtlich für mein Wohl beſorgte Eltern und— was ſelten— eine wahre Freundin nannte ich mein; auch des Lebens Höchſtes war mir beſchieden: eines edlen Jünglings Liebe! O, nur wer ſelbſt liebte, vermag dieſes Glückes Inhalt zu faſſen! — Er ſchwur Dir Treue und brach den Schwur nicht über Nacht? warf die Zuhörende ein. — Bedarf's der Eide da, wo Herz und Auge ſprach? Sein Wort: Ich liebe Dich! ſein Blick und Händedruck war mir genug; und hätteſt Du meinen Ottokar je gekannt— nie wäre dieſe Frage über Deine Lippen gekommen. Er, deſſen Redlichkeit ſelbſt ſeine Gegner prieſen; er, der nie vor⸗ ſätzlich einen Wurm zertreten mochte: er hätte ſeine Klara— o, Sünde iſt's ſchon, ſolches nur zu denken! Der fromme Eifer, mit welchem Klara, Ottokars todt⸗ geglaubte Braut, dieſe Worte ſprach, hauchte ein ſanftes Roth auf ihre bleichen Wangen. — Du biſt gar fein und lieblich von Geſtalt und An— geſicht, Mädchen! verſetzte die ältere Genoſſin, zu der Spre⸗ chenden aufſchauend. Als Brigitta noch lebte, war ſie's auch und darum hat ſie ſterben müſſen! Du weißt doch, wer Brigitta war? — Pignetti gebot mir, Dich mit dieſem Namen zu ru⸗ fen, wenn ich Deiner bedürfe, erwiederte Klara. Du Arme haſt gewiß einſt viel Böſes erfahren. — Du ſprichſt von mir— das habe ich nicht gewollt! unterbrach Brigitta ihre Genoſſin unwillig. Warum ſprichſt Du nicht von Dir! — Wenn Du willſtt, daß ich weiter ſprechen ſoll, ſo rede nicht mehr ſo Unheimliches, entgegnete Klara. Mir graut ja ſonſt vor Dir! — Ich will ganz ſtill und folgſam ſein, verſprach Bri⸗ gitta; bin's ja auch immer geweſen, habe ja nie ein Wört⸗ lein vernehmen laſſen, wenn Du geweint und mit ihm ge⸗ AAAAAAAAAAA; ſprochen, der doch nicht hier war. Brigitta iſt krank, ſehr krank, hier ſitzt es, hier! fuhr ſie in rührendem Tone fort, indem ſie ihre Hände auf ihre Bruſt legte; aber wenn Du von ſeiner Liebe und Treue ſprichſt, dann iſt mir wohl; ſo wohl, als ich mich fühlte, da ich noch weinte! Ach, wie lange iſt das aber ſchon her! Doch ſprich nicht von den Leiden der armen Brigitta! — So höre denn, begann Klara wieder. Wo ich war, was ich auch dachte, immer ſtand mein Ottokar vor meinem inneren Auge und ſelbſt im Gebete ſah ich ihn; nicht mir galt mein Beten, für ihn ſtiegen meine Bitten wie meine Dank⸗ ſagungen gen Himmel empor. Und konnte man es denn ſo große Sünde nennen, daß es alſo war? Verdiente er es doch, wie keiner, daß meine Seele ſich in ihn ergoß und ihm mein Herz ſich ganz zu eigen gab, denn keiner iſt ihm gleich an Edelſinn und Biederkeit von allen Männen, die ich je ge⸗ ſehen! Ihn alſo liebte ich mehr, als alles auf der Welt, und darum eben war ich ſo unausſprechlich glücklich. Dem gro⸗ ßen Glück, ach! folgte bitterer Schmerz! Ottokar warb bei meinem Pflegevater um meine Hand. Der nahm den Eidam mit offenen Armen auf, wie auch meine theure Mutter; anders aber dachte mein Vormund, Herr Berend Rycke, zur Zeit erwählter Bürgermeiſter beider Städte— — Auch von dem ſollſt Du nicht ſprechen! unterbrach Brigitta die Jungf von mir! rau mit Heftigkeit. Weder von ihm, noch — Ich habe auch nicht mehr von ihm zu ſagen, als daß er beſtändiger Widerſacher meines Pflegevaters, wie auch meines Geliebten war, fuhr Klara fort; und daher mochte es kommen, daß er als Vormund uns ſeine Einwilligung zu unſerem Ehebund vorenthielt. Doch das war eben nicht ein großes Unglück, denn alſobald erklärte Ottokar, daß er gern warten wuͤrde, bis ich meine Volljährigkeit erreicht und ſo⸗ NRNRjSjM D mit Herrn Rycke's Gewalt aufgehört habe. Doch änderte ſich bald des Vormunds Sinn und ich ward Ottokars er⸗ klärte Braut. Schon maß ich die Zeit bis zu der Stunde, die mich auf immer dem geliebten Manne verbinden ſollte, nicht mehr nach Monden, ſondern nur nach Wochen und Tagen, und ſchon ſah ich mit ſeligem Vergnügen die Mutter und die Freundinnen ſich emſig mühen an den Vorbereitungen zu meinem Hochzeitstage, da warf mich eine Krankheit auf das Lager. Um meinem Ottokar, dem gerade damals die Ange⸗ legenheiten der beiden Städte viel Sorge machten, nicht all⸗ zutiefen Kummer zu bereiten, verbarg ich ihm ſorglich das Wachſen meines Uebels. So ging er denn auch— nicht ahnend, was bevorſtand— nach einer nahen Hanſaſtadt mit frohem Muthe; es galt ja, dort für ſeiner Mitbürger Wohl zu wirken. Man ſprach in beiden Städten viel von wunderbaren Heilungen, die Pignetti an armen Kranken vollbracht; auch an mein Krankenlager rief man dieſen Mann— — Warun ſchweigſt Du wieder? fragte Brigitta nach kurzer Pauſe. — Hörteſt Du nicht auch ſeine Schritte in dem Gange, in den man durch die Eiſenthür gelangt und der zu den ſchauerlichen Grabgewölben führt? entgegnete Klara. — Ich höörte ſie, doch waren's nicht die ſeinen! ant⸗ wortete Brigitta. — Wenln er's nicht war, den wir im Gange hörten, wer ſollte es dann geweſen ſein? ſprach Klara mit leiſem Erbeben. Vor wenigen Minuten drang aus den Gewölben ein dumpfer Ton. — Sollen die Todten denn beſtändig ſchlafen? erwie⸗ derte Brigitta gleichgültig. Was kümmert's Dich— erzähle weiter, Mädchen! Mehr um ihre Gedanken von den Schauern der Todes⸗ NRNRVDB L ſtätte abzulenken, als aus Luſt zur Mittheilung, erfüllte Klara das Begehren ihrer Genoſſin. kon — Schon bei ſeinem erſten Erſcheinen an meinem Kran⸗ hör kenlager begann Pignetti ſeine finſtere Macht zu üben, und Wo „ohne Widerſtand mußte ich mich ihr anfangs beugen, ſo ken ſprach ſie weiter. Ich bat den Himmel, mir ein Mittel zu zeigen, wodurch ich jenem mich entziehen könne— und ſiehe ſer da, meinem Flehen ward Gewährung: ich durfte nur des hie fernen Geliebten Geiſt zu meinem Schutze herbeirufen, und vor ohne Wirkung blieb Pignetti's Machtgebot. ebe Endlich am ſelben Tage, wo nach des Welſchen Spruch von mein Leben enden ſollte, kehrte mein Ottokar zu mir zurück, abe denn ein treuer Diener hatte ihm jenen Ausſpruch eilig hin⸗ die terbracht. Nach einigen Stunden reinen, ſeligen Glücks, das mir lieb die Gegenwart des Theuren brachte, beſchlich allmälig meinen ſer Körper eine Mattigkeit, die endlich an des Geliebten treuer Ot Bruſt auch meinen Geiſt in tiefen Schlummer wiegte. ſei Plötzlich erweckte mich ein Schmerzensgeſchrei. Ich ſei get geſtorben— alſo hörte ich Pignetti ſprechen. Da wollte ich Za reden, doch meine Zunge verſagte mir den Dienſt; mich auf⸗ Ge zurichten, war ich nicht vermögend, denn meine Glieder waren wie mit Blei gefüllt, und nicht vermochte ich ſie zu bewegen. an Das Blut in meinen Adern ſchien geronnen, ich fühlte nicht auf mehr meines Herzens Schlag und eiſige Kälte durchdrang als mein Gebein. Doch war ich auch nicht meiner Glieder mäch⸗ ten 6 tig, ſo war's doch alſo nicht mit meinen Sinnen: ich hörte in und fühlte alles, was um mich her vorging. Der Freunde tiefe Trauer, der Eltern Kummer und* hei des Geliebten bitteren Verzweiflungsſchmerz— das alles mei nahm ich deutlich wahr, doch fehlte mir die Macht, die fell Theuren zu tröſten und zu beruhigen. Ich litt mit ihnen, Se ſowie ſie um mich; denn wahrlich, größeren Schmerz kann's ten auf dieſer Welt kaum geben, als den Geliebten, ihn, den eD ſtarken Mann, dem bisher nur die Freude Thränen entlocken konnte, dem ſchwachen Kinde gleich klagen und weinen zu hören, ohne ein Wort des Troſtes ihm geben zu können. Was er gelitten, habe ich empfunden, doch meine Leiden kennt nur Gott allein! Schon in der nächſten Nacht ward ich inne, daß die⸗ ſer mein Zuſtand, den ich für eine Folge meiner Krankheit hielt und der— wie ich glaubte— ſelbſt Pignetti täuſchte, von dieſem Manne gerade hervorgerufen war, und daß er ebenſo, wie ich, von meinem Leben überzeugt war. Ein Wort von ihm hätte Aller Schmerz in Freude kehren können; er aber ſchwieg, denn ſchwarzen Plänen ſollte ich als Werkzeug dienen. Was ich dabei empfand, beſchreiben keine Worte! Umſonſt verſuchte ich, wie in der letzten Zeit, des Ge⸗ liebten guten Geiſt zu meinem Beiſtand anzurufen, denn die⸗ ſer ſchien mit der Stunde meines vermeintlichen Todes von Ottokar gewichen und ein finſterer Dämon der Nacht an ſeine Stelle getreten zu ſein, der meinem Rufe keine Folge geben konnte oder wollte. Wehrlos ſah ich mich jetzt in des Zauberers Macht; er, nicht ich, gebot fortan über meinen Geiſt, und ſchon ſeine bloße Annäherung verurſachte mir unſägliche Pein. Als meines Ottokars Schweſter mir den Todtenkranz aufſetzte— der einſt mein Brautſchmuck werden ſollte— als alle Lieben jammernd mich umſtanden und des Verlob⸗ ten heiße Thränen meine Wangen brannten— da blutete in Wahrheit mir das Herz. So ſehr ich vorher den wirklichen Tod gefürchtet, ſo heiß ſehnte ich mich nach ihm, denn nur durch ihn ſchienen meine Leiden ihr Ende erreichen zu können. Nur die Vor⸗ ſtellung war mir ſchrecklich, in einer Todtengruft einſam die Seele auszuhauchen. Weder mein Sehnen, noch mein Fürch⸗ ten ging in Erfüllung. Man behandelte mich zwar gleich einer Todten, doch Die ſchwarzen Brüder. III 2 den Körper erhielt mein Peiniger durch einen Saft, den er bei nächtlicher Weile mir einflößte. Als des engen Sarges Dunkel mich umgab, glaubte ich der Erdenleiden nun enthoben zu werden— doch es geſchah dies nicht; mein Peiniger hatte alles wohlberechnet zu entfernen oder zu verhüten gewußt, was mir das Ende meiner Leiden hätte bringen können. Man ſenkte mich in die Gruft. Den Schmerzensſchrei, den Ottokar hören ließ, ihn rief meine Seele in Verzweif⸗ lung nach. Mitleidige Bewußtloſigkeit umhüllte meine Sinne. Als ich erwachte, hatte ich auch die Herrſchaft über die Glieder meines Körpers wiedererlangt; ich fand mich in die⸗ ſem Gemach, auf dieſem Lager. Du kauerteſt, wie immer, am Fußboden; Pignetti ſtand vor mir. Er gebot mir, wie er ſchon im Hauſe meiner Pflege⸗ eltern gethan, geiſtig zu ſehen und ihm Antwort zu geben. Wieder rief ich meines Ottokars Schutz an, doch vergebens; der finſtere Geiſt war noch nicht von dem Theuren gewichen; unter unſäglichen Qualen mußte ich meinem Peiniger zu Willen ſein. Mir wurde alles, deſſen ich bedurfte; auch alle Erleich⸗ terung, die mir irgend meine Gefangenſchaft weniger ſchreck⸗ lich machen konnte, ward mir von ihm gewährt. Gewiß gebot ihm ſolches nur die Klugheit, denn nimmer konnte ich durch Bitten ihn erweichen, mich lieber zu tödten, als fer⸗ ner zu peinigen. Doch das alles weißt Du ja, unterbrach Klara ihre Erzählung, ich kann daher wohl Vieles über⸗ gehen. — Du ſollſt von Dir erzählen, alles, was Du weißt, denn ſelten iſt es der armen Brigitta vergönnt, menſchliche Reden zu verſtehen, gab die aufmerkſam Zuhörende Klara zur Antwort.. — Neue Qualen machte mir die Gewißheit, als Werk⸗ zeug finſterer Pläne dienen zu müſſen, begann Klara wie⸗ A der, denn auch dem jungen Mädchen war es Bedürfniß, das volle Herz durch Worte zu erleichtern. Er zwang mich, ihm die geheimſten Gedanken verſchiedener Menſchen zu ent⸗ hüllen, die ich, ſobald er mich durch ſeine Zaubergewalt ſehend gemacht, gleich meinen eigenen deutlich erkannte; er ſandte meinen Geiſt an entfernte Orte, um Kunde zu brin⸗ gen von Ereigniſſen, die dort geſchahen. O, Vieles ſah ich, von dem ich ſonſt nicht eine Ahnung hatte, und was mit Furcht und Schrecken mich erfüllte. Doch ward ich unter Anderem auch inne, daß außer mir es noch ein Weſen giebt, deſſen Herz meinem Ottokar angehört und das, wie ich, mit ganzer Seele ihn liebt. Dieſe Entdeckung machte ein Gefühl in mir rege, das mir bisher ſtets fremd geweſen. Helene, des reichen Bürgermei⸗ ſters Tochter, ſo ſprach ich zu mir ſelbſt, hat ferner keinen Grund, ihre geheime Leidenſchaft vor ihm zu bergen; er aber wird die Gunſt des Himmels preiſen, die ihm ſo ſchnell Erſatz für die Todte gewährt. Ottokar wird ſeine Liebe ihr zuwenden— ſo wird die arme Klara, die Todtgeglaubte, bald vergeſſen ſein und ſelten nur wird Ottokar im Arme des glücklicheren Weibes der todten Braut gedenken, die ihn ſo heiß und innig liebt und einſam und verlaſſen unter fort⸗ währenden Qualen ihr trauriges Daſein dahinſchleppen muß! O, bittere Thränen habe ich da geweint! Doch Gott erbarmte ſich jetzt meiner Noth; er ſandte mir Gedanken zu, die mich erhoben über meinen Schmerz. Hat Dir Dein Ottokar, ſo ſprach es in mir, durch ſeine Liebe nicht mondenlang das ſüßeſte Glück bereitet, deſſen Er⸗ innerung noch jetzt Deines Lebens Nacht ſo ſanft und mild erhellet und Dich vor Verzweiflung bewahrt? Litt er nicht auch unſäglich bei ſeiner Klara vermeintlichem Tode? Und deß zum Dank erfüllt es Dich mit Bitterkeit, daß ihm ein Schimmer neuen Glücks ſich zeigt? O, das ſei ferne, Klara! — ſprach es in mir weiter— befördere Du im Gegentheil 2 — 182 * d 3 * NNRRRR; ſein Glück, ſo viel Du immer kannſt; es iſt der Liebe hei⸗ ligſte Pflicht, für das Glück deſſen, dem ſie geweiht, kein Opfer, auch das ſchwerſte nicht, zu ſcheuen. Haſt Du ihn je geliebt, ſo erfülle dieſe Pflicht! Je länger ich mich dieſem Gedanken überließ, je linder ward der Schmerz in meiner Bruſt, und endlich fand ich ſüße Wonne in der Vorſtellung, daß wenigſtens für Otto⸗ kar auf Erden noch ein Glück zu hoffen ſei; mein heißer Wunſch war nun, beitragen zu können, daß ihm dieſes werde. Dann aber galt es auch, zu verhindern, daß ſpätere Zwei⸗ fel oder Vorwürfe ihm ſein Glück vergällten. Ich ſann und ſann, bis endlich ich das Rechte gefunden zu haben meinte. Vielleicht wird dann ſein finſterer Geiſt gebannt— ſo dachte ich dabei— und Dein Entſagungsmuth trägt die Frucht, daß Ottokar Dir wieder Schützer ſein wird. Mußt Du Dein Leben dann auch hier vertrauern— denn nimmer wird Pignetti Dir die Freiheit geben— ſo kann er ferner Dich doch nicht mehr als ſein willenloſes Werkzeug peinigen. Unter banger Furcht, meine Abſicht von dem Welſchen durchſchaut und dann mich an der Ausführung derſelben verhindert zu ſehen, gab ich ihm zitternd meine Bitte kund. Solches ſchien er nicht erwartet zu haben, denn deutlich merkte ich ihm ſeine Ueberraſchung an. Nach langem Sin⸗ nen aber ward mir die erwünſchte Gewährung; er brachte mir ein Stück Linnen aus meinem leeren Sarge, dazu Schreib⸗ geräth, und mit rother Flüſſigkeit mußte ich auf das Linnen niederſchreiben, was er mir vorſagte. Mit dem Inhalte des Schreibens aber war ich vollkommen einverſtanden, denn Ottokar ward dadurch in ſeinem Gewiſſen vor dem Vor⸗ wurfe der Untreue gegen mich bewahrt. Dann forderte Pignetti dieſen Ring von mir, nahm das beſchriebene Lin⸗ nen und ging. Am andern Morgen— es war noch Nacht— erſchien er wieder. Nachdem er mich durch ſeine geheime Macht in AAE jenen Zuſtand verſetzt, in dem mein Geiſt entfernte und ver⸗ borgene Dinge ſchaut, befahl er mir, über meine Kleider ein weites, ſchwarzes Gewand zu ziehen, welches er mit⸗ gebracht, und das meine Geſtalt vom Scheitel bis zur Fuß⸗ ſohle verhüllte. Ferner gab er mir ein Kruzifix und jenes Linnenſtück in die Hand, welches letztere zu einem Knäul gerollt und durch ein Band von meinem Sarge zuſammen⸗ gehalten war. Jetzt nahm er mich bei der Hand und führte mich durch jene eiſerne Thür dort in einen finſtern Gang, der in dem Grabgewölbe der Schwarzen Brüder ausmün⸗ det; in dieſem fanden wir dann eine Treppe, welche wir hinanſtiegen und ſo in das Schiff der Kloſterkirche gelangten. Pignetti öffnete hier eine Thür, führte mich über den Fried⸗ hof nach der Pforte in der Mauer und öffnete auch dieſe. „Gehe jetzt nach dem Hauſe Deines Verlobten, gebot er mir nun mit leiſer Stimme, nachdem er eine Weile aufmerkſam gehorcht, klopfte dort an eine Fenſterlade des untern Stock⸗ werks und laß den Diener, der ſich zeigen wird, auf das Kruzifir ſchwören, ſeinem Herrn, aber nur dieſem getreulich das Päcklein zu übergeben, das Du in der Hand trägſt. Laß ihn auch ſchwören, daß weder er, noch ein Anderer als ſein Herr das Päcklein öffnen wird. Dann aber kehre ohne Säumen ſchnell hierher zurück.“ Er ließ mich geheu. Schon als mich die friſche Morgenluft auf dem Fried⸗ hofe anwehte, verſuchte ich, angeſtachelt von ſchnell erwachter Freiheitsluſt, mich meinem Zuſtande, welcher mich ganz in die Gewalt ſeines Willens gab, zu entreißen und alsdaͤnn zu fliehen. Doch weder vorhin, noch jetzt war mir dies möglich; wie im Schlafe taumelte ich die Gaſſe entlang und hatte nicht die Kraft anders zu thun, als wie er mir ge⸗ boten. Auch als ich die Beſtellung ausgerichtet, vermochte ich nicht einen Schritt zu thun, der mich vom Kloſter ent⸗ fernte; mit übernatürlicher Macht zog's meinen ſträubenden RRRR Fuß nach dem Orte zurück, wo Pignetti meiner harrte, und wider meinen Willen mußte ich dem Zauber folgen, der mich in ſeinen Banden gefangen hielt.. Faſt hatte ich die Kirchhofsmauer erreicht, als mir eine Schaarwacht Halt zurief. O, wie gern hätte ich dem Ge⸗ bote der Stadtſöldner Folge geleiſtet, wenn dies in meiner Macht geſtanden hätte! Einer von ihnen trat jetzt an mich heran, warf die Kapuze zurück, die mein Haupt bedeckte, und ließ den Schein der Leuchte, die er in ſeiner Hand trug, auf mein Antlitz fallen. Ich erkannte in ihm einen Diener meines Vaters, der erſt vor kurzer Zeit Stadtſöldner gewor⸗ den. Auch er hatte mich erkannt, und da er glauben mußte, in mir ein Geſpenſt zu ſehen, ſo übermannte ihn das Ent⸗ ſetzen, daß er mit einem Schreckensſchrei zu Boden ſtürzte. Mich aber trieb Pignetti's geheime Macht weiter; er öffnete mir wieder die Pforte in der Kirchhofsmauer und führte mich auf demſelben Wege, den er vorhin mit mir ein⸗ geſchlagen, in dies Gemach zurück. Hier gab Pignetti mir, als wolle er mich ſtärken, einen Trank; bald aber fühlte ich, daß mir wurde, wie an dem Tage, den man als den meines Todes anſah; die Glieder wurden ſteif und ſchwer wie damals, und das Bewußtſein ſchwand mir bald darauf. Gewißlich war dies eine noth⸗ wendige Vorbereitung zu der Scene, die ich ſah, als ich end⸗ lich wieder meiner Sinne mächtig ward. — Zwei Tage ſah ich Dich ohne Regung liegen, ver⸗ ſetzte Brigitta; nur Deine Lippen bewegten ſich, um ihm Antwort zu geben auf ſeine vielen Fragen. Am Abende des zweiten Tages aber nahm er Dich in ſeine Arme und trug Dich behutſam fort durch jene Eiſenthür; erſt nach mehreren Stunden brachte er Dich wieder zurück; da warſt Du aber wach und hohe Freude ſprach aus Deinen Blicken. Bri⸗ gitta hatte ſeit langer Zeit kein frohes Antlitz mehr geſehen, drum ward ihr auch ſo ſonderbar um's Herz bei Deinem ;; Anblick. Doch weil ich todt war— doch ſtill, das willſt Du ja nicht hören— erzähle weiter! — Es mag ſich wohl ſo zugetragen haben, wie Du ſagſt, nahm Klara wieder das Wort; denn ich erinnere mich dunkel, während jenes Zuſtandes Vieles geſehen zu haben, was meinem Gedächtniß wieder entfallen iſt. Als ich wieder zum Bewußtſein gelangte, war es mir, als hörte ich meinen Ottokar reden. Ja, es war der wohl⸗ bekannte, liebe Ton ſeiner Stimme, den ich vernahm! Er war da, ganz in meiner Nähe— ach, und ich konnte ihm nicht ſagen, daß ich noch lebe, konnte ihn nicht bitten, mich zu befreien; denn meiner Glieder war ich noch nicht mächtig! Ich hörte, wie der Gute mich um Verzeihung bat, daß er der Helene Rycke nicht Herz und Hand bieten könne, wie ich durch jene Schrift von ihm verlangt! Ich ſollte ihm verzeihen, daß er mir ſeine Treue bewahrt, daß mir, der Tod⸗ ten, wie einſt der Lebenden, ſein Herz gehört und ewig ge⸗ hören werde! O, mein Ottokar, dieſer Stunde werde ich gedenken, wenn ich einſt vor dem Throne des Ewigen ſtehe; wird mir droben für meine vielleicht noch langen Leiden Er⸗ ſatz gewährt, ſo will ich von dem Allgütigen nur Dein Gluͤck erflehen, und die Gewährung dieſer Bitte wird mich den Seligſten beigeſellen! Bei meinem Angedenken gelobteſt Du, tugendhaft zu bleiben, damit Du mich dermaleinſt wieder⸗ ſehen dürfteſt— und ich gelobte zu derſelben Stunde, daß Du Deine Klara in den Wohnungen der Seligen nicht ver⸗ geblich ſuchen ſollſt, wenn ich vor Dir von binnen ſcheide! Gott ſegne Dich, mein Ottokar! Als er nun den Ring wieder an meinen Finger ſteckte, als er von Neuem ſich mit mir verlobte, als ſein Herz an meiner Bruſt ſchlug, ſeine heißen Thränen meine Wangen netzten und ſeine Lippen küſſend die meinigen berührten— da urplötzlich begann der Zauber zu weichen, der meinen Körper gefangen gehalten; ein warmes Leben ergoß ſich durch — — meine Adern; ich fühlte das Klopfen ſeines treuen Herzens, fühlte die Thränen auf meinen Wangen und empfand die ſüßen Wonneſchauer ſeiner Küſſe! Freudige Hoffnung erfüllte meine Seele, ich glaubte das Ende meiner Leiden erreicht zu haben! Schon vernahm ich, daß Ottokar die Spuren meines Lebens entdeckt, ſchon nahm er mich in ſeine Arme, ſchon hielt ich mich für gerettet— da fühlte ich Pignetti's un⸗ heimliche Nähe, der Mönch, der Ottokar in das Gewölbe geführt, ward vor Schrecken und Entſetzen des Todes— in gerechtem Zorne fuhr Ottokar auf den Verderber unſeres Glückes ein. Ich hörte, wie die Beiden mit einander rangen, und zitterte für den Geliebten, dem ich nicht helfen, nicht einmal zurufen konnte, denn noch war ich zu ſchwach, um mich er⸗ heben zu können, und meine Zunge verſagte mir noch den Dienſt. In unnennbarer Angſt erwartete ich den Ausgang des Kampfes und ſlehte aus tiefer Bruſt zum Himmel um des Geliebten Sieg. Endlich hörte ich ihn ſtöhnend niederſinken— in mei—⸗ ner Seele ward es finſtere Nacht. Da plöͤtzlich hallte eine menſchliche Stimme laut durch das Gewölbe, die meinem Ottokar Muth zurief und Hülfe verſprach. Pignetti wich in den Gang zurück, der vom Ge⸗ wölbe in dies Gemach führt. Gott ſei Dank, noch lebt er! murmelte der Fremde, und meine Seele rief es ihm jauchzend nach. Er nahm Otto⸗ kar in ſeine Arme und trug ihn weg von dem unheimlichen Orte des Todes. Möge der Himmel den edlen Retter jen⸗ ſeits belohnen, wie es ſicherlich mein Ottokar hier auf Erden thun wird. Nach des Fremden Entfernung mit Ottokar erſchien Pignetti wieder. Ich hörte, wie er den todten Mönch hin⸗ 25 auf in's Schiff der Kirche trug, wo man ihn wahrſcheinlich gefunden hat, ohne die Urſache ſeines Todes zu ahnen. Zu mir zurückgekehrt, flößte mir der Welſche einen Trank ein, der mir alsbald die Kraft verlieh, mit ſeiner Hülfe aus dem Sarge zu ſteigen, den er wieder mit dem Deckel verſchloß. Dann führte er mich in dies Gemach zurück. Die Gewißheit, daß mein Ottokar mich noch immer liebe, die rührenden Beweiſe ſeiner unverbrüchlichen Treue, die mir geworden, und die Seligkeit, in die mich ſeine Ge— genwart verſetzt hatte— dies alles erfüllte mich mit jener hohen Freude, die Du bei meiner Rückkehr, wie Du ſagſt, in meinen Zügen laſeſt. Als die erſte ſtürmiſche Erregung vorüber war und die Freude ſich in ſanfteren Wogen durch Herz und Seele er⸗ goß, da überdachte mein Geiſt das ſeltſame Ereigniß und alles, was ich dabei gehört und empfunden, und ein neuer Hoffnungsanker zeigte ſich plötzlich meinem ſuchenden Blicke. Des Geliebten Berührung, vielleicht ſchon ſeine bloße Ge— genwart vermochte den Zauber zu löſen, der mich gefeſſelt, alſo ſprach ich zu mir ſelbſt. Und was ſchon ſeine bloße Nähe, ſeine körperliche Berührung vermochte— ſollte ein Gleiches ſeinem hohen Geiſte unmöglich ſein? Der finſtere Dämon, der mir die Huͤlfe weigerte, ſo oft ich den Gelieb— ten zu meinem Schutze anrief— gewißlich iſt er jetzt von ihm gewichen und ſeines Geiſtes Reinheit habe ich's zu dan⸗ ken, daß mir in jener Stunde durch das Entſchwinden des Zaubers, der meine Sinne gefangen hielt, ſo hohe Freude ward— und ſicherlich wird er auch jetzt wieder, wie früher ſchon, vermögen, des Welſchen Machtgebot die Kraft zu rau⸗ ben, wenn ich zu meinem Beiſtand ihn beſchwöre! Kaum konnte ich die Zeit erwarten, wo meine Hoffnung ſich als wahr erweiſen ſollte. Und dieſe Hoffnung hat mich nicht getäuſcht! Verge⸗ bens hat Pignetti es ſeitdem verſucht, ſeinem Willen mich NANR wieder dienſtbar zu machen— ich rief meines Ottokars Geiſt herbei, ſo oft des Welſchen Zauber mich umſtricken wollte, und immer habe ich ſo obgeſiegt. Doch größere Freude noch, als alles dieſes, macht mir die dadurch gewordene Gewiß⸗ heit, daß auch ſein Geiſt jetzt frei iſt von den Banden, die ihn ſeit meinem vermeintlichen Tode gefeſſelt hatten. Ja, völlig glücklich wäre ich geweſen— denn unſere Seelen, innig vereint, verkehrten mit einander faſt unausgeſetzt in dieſer Zeit— wenn nicht unnennbare Sehnſucht nach dem Geliebten meine Bruſt erfüllte, daher mir die Gefangenſchaft, wie milde ſie auch immerhin ſein mag, der Qualen mehr noch als vordem bereitet. Gott und die heilige Jungfrau werden's mir verzeihen, wenn mein heiß verlangend Herz, uneingedenk der ihm gewordenen Freude, mit ſeinem Schick⸗ ſal nicht zufrieden iſt! Seit jenem Abend nun iſt Pignetti mehr als ſonſt be⸗ müht, all' meine Wünſche, die nicht auf meine Freilaſſung gerichtet ſind, zu befriedigen, weil er hofft, ſo wieder mich ihm willfährig zu machen. D'rum zeigte er ſich alſobald be⸗ reit, jene Schrift, die Ottokar von mir geworden, wieder in meine Hände zu ſchaffen— ſie ſollte mir ein ſtetes Andenken der Stunde ſein, in der ſich des Geliebten unwandelbare Treue ſo ſchön und glänzend offenbarte. Pignetti ahnt nicht, daß die Erfüllung dieſes Wunſches die Kraft meines Wider⸗ ſtandes ſo ungemein erhöht hat; denn wen Gott ſtürzen will, den macht er blind! So ſteigen meine Bitten denn zum Himmel auf, daß er mir ſtets den Muth und die Kraft verleihen möge, die dazu gehören, mich in kindlicher Ergebung und chriſtlicher Geduld in mein ſchwer Geſchick zu fügen, bis es ihm gefällt, Ent⸗ ſagung und Leid in Freud und Wonne zu kehren, ſei's ſchon hier unten, ober erſt dort oben! Meinem Ottokar aber und meinen Lieben allen verleihe er ſeinen Segen, daß ſie glück⸗ lich ſein mögen hier zeitlich und dort ewiglich; iſt es ihnen nicht nen, in d und einſt der für All vert ner lich blic Me Häͤu zuri nicht vergönnt, mich zu befreien— o, ſo mögen ſie nie ah⸗ nen, welch herbes Leid die arme Klara tragen muß, die ſie in den Wohnungen der Seligen wähnen! O Gott, verzeihe Deinem Kinde, wenn herber Schmerz und Kummer mich bewältigt; wohl gabſt Du mir des Glücks einſtens viel und ſendeſt jetzt noch manch ſanften Lichtſtrahl der Freude in den dunklen Kerker— doch wahrlich iſt es für mich nichts Geringes, in ſo jungen Jahren, getrennt von Allem, was mir lieb und theuer, mein Leben einſam hier vertrauern zu müſſen! O Gott, mein Gott, verlaß mich fer⸗ ner nicht! Uebermannt von der Gewalt eines Schmerzes, der plötz⸗ lich mit Rieſenſtärke ihr Gemüth erfaßte in einem Augen— blicke, wo ſie den Himmel anrief für das Wohl ihr theurer Menſchen, bedeckte Klara ihr thränennaſſes Antlitz mit den Händen und ſank ſchluchzend in die Kiſſen des Ruhebettes zurück. Verwundert blickte Brigitta zu ihr auf. — Warum weinſt und jammerſt Du, Mädchen? fragte ſie. Iſt Dir Dein Liebſter doch treu geblieben; was willſt Du mehr? Auf, nimm die Harfe und ſinge ein Lied, wie Du es öfter ſchon gethan; dann wird ſicherlich uns Beiden wohl ums Herz! Wie eine höhere Mahnung erklangen Klara dieſe Worte aus dem Munde eines Weſens, an dem ſie nach wochenlan⸗ gem Beiſammenſein in der gegenwärtigen Stunde die erſten Zeichen menſchlichen Gefühls gewahrte. Sie ſtillte ihrer Thränen reichen Lauf, blickte dankend nach oben und nahm die Harfe zur Hand. Sinnend griff ſie in die Saiten und nach einigen ein⸗ leitenden Akkorden begann ſie mit ihrer glockenreinen Stimme einen frommen Pſalm, deſſen einfache und doch ſo ergreifende Melodie ſie mit den klangreichen Tönen des Inſtruments begleitete. Brigitta hielt anfangs die Blicke unverwandt — ——— 5= Aꝑꝑæꝑ auf die Singende gerichtet; bald aber ſenkte ſich ihr Haupt auf ihre Bruſt. Noch bevor Klara den Pſalm beendet, hielt ſie plötzlich inne; ſie erbleichte und zitterte. Auch Brigitta erhob zu glei⸗ cher Zeit den Kopf und ſtarrte nach der in der Decke des Gemachs befindlichen Oeffnung. Von oben her ließen ſich Schritte vernehmen. Dann hörte man ein durch das Entriegeln einer Thür entſtehendes Geräuſch, und eine Leiter ſenkte ſich aus jener Oeffnung auf den Fußboden des Gemachs herab. Pignetti's Geſtalt ward in dem Halbdunkel ſichtbar; ſeine Augen funkelten wie die eines Tigers, der ſich auf ſeine Beute zu ſtürzen im Be⸗ griffe iſt. 2. Klara's zitternden Händen entſank die Harfe. Brigitta flüchtete in den dunkelſten Winkel des Gemachs. Langſamen Schrittes trat Pignetti auf Klara zu. — Ich will, daß Du ſchläfſt und ſiehſt; ſprach er in einem Tone, der das arme Mädchen erbeben machte, indem er ſeine Hand auf ihre Stirn legte und ſeinen brennenden Blick auf ihre Augen richtete. Wie von unwiderſtehlicher Gewalt gebeugt, zuckte Klara bei Pignetti's Berührung zuſammen, ihre Augenlider ſchloſſen ſich und matt ſank ihr Haupt in die Kiſſen. In Pignetti's Zügen malte ſich Triumph.— Plötzlich aber raffte ſich Klara wieder empor, ließ ſich vor dem Ruhebette auf ihre Kniee nieder, küßte Ring und Band und faltete dann die Hände zu ſtillem Gebet. Pignetti trat einige Schritte zurück, kreuzte ſeine Arme t über d terdrüͤ einer nach druck tis Nich die ei darf faſt reiche Du! ſelber ihb verm ruhig durch des ſter, könne gehal RRN uͤber die Bruſt und ſah ihrem Beginnen zu, zitternd in un⸗ terdrückter Wuth. — Du bieteſt mir noch immer Trotz? ſprach er nach einer Weile, ſich zu ruhigem Tone zwingend. Klara antwortete nicht. — Höre, was ich Dir jetzt ſagen werde! hob Pignetti nach kurzer Pauſe wieder an, auf jedes ſeiner Worte Nach⸗ druck legend. Es iſt mein Wille— hörſt Du— Pignet⸗ ti's Wille iſt es, daß Du mir fortan gehorchſt, wie früher. Nicht eitle Luſt läßt mich dies von Dir fordern, mich zwingt die eiſerne Nothwendigkeit zu meinem Verlangen. Ich be⸗ darf Deines Gehorſams, um ein Ziel zu erreichen, dem ich faſt meine ganze Lebenszeit geopfert habe, und das ich er⸗ reichen muß— merke wohl auf: ich muß das Ziel erreichen. Du haſt bereits Proben meiner Macht geſehen und an Dir ſelber meine uͤbernatürliche Kraft erfahren; aber alles, was ich bis jetzt gezeigt, iſt nur ein kleiner Theil deſſen, was ich vermag. Meinſt Du nun, Mädchen, ich, Pignetti, werde ruhig dulden, daß ſein großer Zweck zu Schanden werde durch den trotzigen Eigenwillen eines ſchwachen Geſchöpfes, des ſchwächſten Deiner Art? Meinſt Du, der große Mei⸗ ſter, dem alle Kräfte der Erde unterthan und dienſtbar ſind, könne nicht Deinen Trotz beſiegen? Haſt Du für Schwäche gehalten, daß ich Dich einige Zeit lang mitleidig ſchonte, und meinſt nun, mir für immer Trotz bieten zu können? Iſt ſolcher und ähnlicher Wahn die Urſache Deines Ungehor⸗ ſams, ſo rathe ich Dir, Mädchen, entſchlage Dich deſſen; mit Entſetzen würdeſt Du Deinen Irrthum inne werden! Du haſt vernommen, daß ich Dich ferner brauchen muß; hoffe alſo fortan weder auf Mitleid, noch Schonung, wenn Du auf Deinem Ungehorſam verharrſt, und wiſſe, daß end⸗ loſe Qual und Pein, wie ſie die Hölle ſelbſt nicht kennt, Deiner wartet, mußt Du gezwungen thun, was ich von Dir verlange! Daß ich Dich aber zwingen werde, daran darfſt 4— ☚—— — 4 — — 30, Du nicht zweifeln, denn ich ſagte Dir ſchon, daß ich's muß! Hingegen aber mache ich Dir auch kund, daß bald Dir die Entlaſſung aus meiner Gewalt winkt, ſo Du Deine Wider⸗ ſpenſtigkeii fahren läßt und zum Gehorſam zurückkehrſt, denn nur wenige Tage noch und ich bedarf Deiner nicht mehr; dann laſſe ich Dich frei von hinnen gehen und in die Arme Deines Verlobten zurückkehren. Faſſe daher wohl zuſam⸗ men meiner Worte Sinn: Gehorſam befreit Dich in kur⸗ zer Zeit von aller Pein und giebt Dich dem Leben und dem Glücke wieder; Ungehorſam dagegen verdammt Dich zu endloſer, namenloſer Qual, ohne daß Du es vermagſt, mir ferner zu trotzen! Wohlan, wähle jetzt das Beſſere, wo es noch Zeit iſt! Siehe auf jene Sanduhr; mit dieſer Stunde läuft auch Deine Bedenkzeit ab, und unrettbar verfällſt Du Deinem ſchrecklichen, ſelbſtverſchuldeten Verhängniß! Klara erhob ſich jetzt; Entſchloſſenheit und muthige Zuverſicht ſprachen aus ihren Blicken, als ſie ſich zu Pi⸗ gnetti wandte. — Höre auch mich anl ſprach ſie mit feſter Stimme. Siehe, ich, das ſchwache Mädchen, trotze Deinen Drohun⸗ gen, wie ich Deine Verheißungen verachtel Ich trotze Dei⸗ nen Drohungen, weil Du ſie nicht erfüllen kannſt, und ver⸗ achte Deine Verheißungen, weil ich nicht irdiſches Glück durch mein Seelenheil erkaufen will! Wohlan, verſuche es doch, mich zu zwingen! Wie, Du, der große Meiſter, dem alle Kräfte der Erde unterthan ſind, Du erzitterſt und knirrſchſt in ohnmächtiger Wuth bei dem Widerſtande eines ſchwachen Mädchens, das Dich durchſchaut? Erfülle Deine Drohun⸗ gen, Unhold, wenn Du es vermagſt! Siehe, Du kannſt es nicht, denn ſo groß auch Deine hölliſche Macht iſt, ſie muß der göttlichen, hohen ſich beugen, die mir zur Seite ſteht und mich ſchützt vor Dir! Nimmer aber werden Deine Ver⸗ heißungen mich kirren! Haſt Du nicht das Gelübde meines Ottokar vernommen, da er an meinem Sarge ſtand? Haſt Du ne Guten der S Meinſ leichtf Verb⸗ ich denn würd die⸗ Dir 3h tiger, niede ſuchu et eb vin, Dhn er al fen 2 men war. nur auf mußt durch er no derkni regun vorgi⸗ hjerh 31 AAAAAAANN; Du nicht gehört, daß er gelobte, fortan auf dem Wege des Guten zu wandeln, damit auch er einſt in die Wohnungen der Seligen gelangt, wo er mich jetzt ſchon wähnt, der Edle? Meinſt Du, ich werde ſolch hohes, unausſprechliches Glück leichtſinnig verſcherzen dadurch, daß ich Mitſchuldige Deiner Verbrechen werde? Gott wird mir's nicht anrechnen, daß ich wider meinen Willen Deine ſchwarzen Pläne förderte, denn er, der Allwiſſende, kennt ja meine Unſchuld; aber er würde mich verdammen, thäte ich ſolches ferner, da er mir die Macht gegeben, Dir zu widerſtehen! Weiter habe ich Dir nichts zu ſagen; thue, was Du willſt— und kannſt! Ich habe nur eine Waffe gegen Dich, aber ſie iſt mäch⸗ tiger, als Deine Gewalt! Sie trat zu dem Betaltar, knieete auf deſſen Stufen nieder und rief Gott an um Kraft und Stärke, allen Ver⸗ ſuchungen des Böſen widerſtehen zu können. In Pignetti's Innerm ging es fürchterlich her; was er eben vernommen aus dem Munde ſeiner bisherigen Skla⸗ vin, hatte er ſich nie als möglich gedacht. Er ſah ſeine Ohnmacht erkannt und verſpottet in einem Augenblicke, wo er allmächtig ſcheinen wollte und mußte; er ſah ſeinen ſchar⸗ fen Verſtand, ſein tiefes Wiſſen überflügelt von der from⸗ men Einfalt eines Mädchens, das faſt noch Kind zu nennen war; die Gliederpuppe in ſeinen Händen verſagte ihm nicht nur ferner den Gehorſam, ſie verlachte ihn noch dazu! Dar⸗ auf war er nicht gefaßt geweſen. Rächen, entſetzlich rächen mußte er ſich, das ſtand feſt bei ihm; nur wie er dies thun, durch welche Martern dies geſchehen ſollte— darüber war er noch nicht mit ſich einig, als Klara vor dem Altare nie⸗ derknieete, und darum ſtand er jetzt, einer Bildſäule gleich, regungslos und ſtarr, nicht gewahrend, was um ihn her vorging, und des eigentlichen Zweckes vergeſſend, der ihn hierher geführt hatte. Klara betete zum Himmel, Pignetti beſchwor die Hölle. 32 Ein heiſeres Gelächter ließ ſich plötzlich hören. Pignetti fuhr auf aus ſeinem finſtern Brüten. Der Schall kam aus der in der Decke des Gemachs befindlichen Oeffnung. Die letzten Sproſſen der Leiter, welche Pignetti vorhin niederge⸗ laſſen und mittelſt welcher er herabgeſtiegen war, verſchwan⸗ den eben über jener Oeffnung. Gleich darauf ward eine Thür zugeſchlagen, und der Schall von Tritten ließ ſich hö⸗ ren, als ob jemand über der einen Hälfte des Gemachs hin und her liefe. Ein Augenblick reichte hin, Pignetti dies alles gewah⸗ ren zu laſſen; ſeine Augen durchforſchten den Raum, in welchem er ſich eben mit Klara und Brigitta befand— Letztere war nicht mehr da. Dieſer Zwiſchenfall gab Pignetti's Gedanken eine an⸗ dere Richtung. — Iſt's ſo weit mit mir gekommen, ſprach er bei ſich ſelbſt, iſt mein Geiſt ſo ganz und gar ſchwach geworden, daß ich nicht mehr vermag, die ſo lange gezügelten Leiden⸗ ſchaften der Wuth und des Ingrimms zu beherrſchen, und mich ihnen blind hingebe in einem Augenblicke, wo alles auf dem Spiele ſteht? Wahrlich, nicht viel fehlte, daß ich in blinder Raſerei das Werkzeug zerſtörte, deſſen ich zur Voll⸗ endung meines Werkes vor Allem Andern bedarf! Ha, der war mein Freund, welcher der Blödſinnigen den Entſchluß eingab, meine Unachtſamkeit zu benutzen; ich ward dadurch wieder zu mir ſelbſt gebracht! Schweigt denn jetzt, Wuth und Grimm; ihr ſollt geſäͤttigt werden, wenn die Zeit da iſt! Doch will ich nicht gleich zum Aeußerſten ſchreiten und den letzten Pfeil verſchießen, ſprach er nach kurzem Sinnen bei ſich weiter. Alles auf einen Wurf zu ſetzen, deſſen Mißlingen das ganze Spiel unrettbar verloren machte, hieße wahnſinnig handeln! Das blödſinnige Weib mag immerhin ſich in meinen Zellen vergnügen; weiter kann ſie nicht, denn die Thuͤren derſelben ſind feſt verſchloſen, und der außer RNE mir die Schlüſſel zu derſelben hat, bleibt noch über eine Stunde aus. Bis dahin aber werde ich hier zu Ende ge⸗ kommen und auf jenem Wege— er blickte auf die eiſerne Thur, die zu den Gewölben führte und deren Schlüſſel er ſtets bei ſich trug— dort angelangt ſein. Laß jetzt das Beten, Mädchen, und vernimm, was ich Dir noch zu ſagen habe, ſprach Pignetti jetzt laut und in einem Tone, der ruhig klingen ſollte, dem man aber die innere Erregung ſehr wohl anmerkte. Er trat dabei auf Klara zu und zog ſie empor zu den Stufen des Betaltars. Ich meine es gut mit Dir, ſonſt ſtände es wahrlich in die⸗ ſem Augenblick ſchlimm um Dich! — Spare Deine Worte, denn ſie vermögen nichts über mich! erwiederte Klarag. Sie ſetzte ſich wieder auf das Ruhebett und ſah mit gleichgültiger Miene dem hüpfenden Spiele des verlöſchen⸗ den Feuers auf dem Kamine zu. — Du glaubſt, ich ſinne auf Verbrechen, hob Pignetti wieder an; dem iſt aber nicht ſo— würde ich ſonſt ſolche Dinge hier dulden— er deutete dabei auf den Betaltar mit dem Kruzifir— würde man mich in den gottgeweihten Räu⸗ men eines Kloſters finden? Wohl hat Manches, was Du mich thun ſahſt, den Schein des Böſen; doch iſt Gott, deſ⸗ ſen Diener ich bin, nicht auch ein ſtrafender und rächender? — Frevle nicht mit dem Namen des Allerheiligſten; um ſo ſchneller wird Dich ſeine Rache ereilen! ſprach Klara. Haſt Du bisher geglaubt, ich durchſchaue Dich nicht ganz und gar— ich wiſſe nicht, daß Du jene heiligen Geräthe und Zeichen in vermeſſenem Frevel mißbrauchſt, um Deine ſchwarzen Thaten ſicher zu verüben, indem Du Dir das An⸗ ſehen eines Frommen giebſt— ſo fürchte ich Dich bei ſo grobem Irrthum, bei ſo großer Kurzſichtigkeit um ſo weni⸗ ger, ſetzte ſie hinzu. Elender, ich verachte Dich ſammt Dei⸗ nen Prahlereien! Die ſchwarzen Brüder. III. 3 A — Du wäͤrdeſt nicht wagen, ſo zu mir zu reden, haͤtte nicht meine milde Behandlung, die ich Dir bisher angedei⸗ hen ließ, Dich ſo kühn gemacht! drohte Pignetti. Doch meine Langmuth und Güte können zu Ende gehen, ehe Du es denkſt, und dann ſchützt Dich kein Gott vor meiner Rache! Bedenke, Mädchen, daß Du völlig in meiner Gewalt iſt. Dies Gemach kennt außer mir niemand auf der Welt; Deine ſchwachen Kräͤfte reichen nicht hin, die Schlöſſer jener Eiſen⸗ thür dort zu ſprengen, und der Weg durch die Oeffnung der Decke, von wo aus ein Gang zu meiner Zelle führt, wird ebenfalls durch eine Eiſenthür verwahrt, die ich verſchließe, wenn ich dieſen Ort verlaſſe. Deiner Stimme Schall dringt von hier aus zu keines Menſchen Ohr, denn tief unter der Erde liegt dies Gemach und dick und feſt ſind die Mauern, die es trennen von der Oberwelt; Dein Angſtruf, wie Dein Schmerzgewinſel verhallen ungehört in dieſem Raume. Be⸗ denke dies alles, ſage ich Dir, und laß ab von Deinem Trotze, bevor es zu ſpät iſt. Und in einer Stunde iſt es zu ſpät; die Zeit der Milde und Geduld iſt dann vorüber! — Du wagſt es, Ungeheuer, von Deiner Milde und Gute zu ſprechen, während alles, was Du irgend thuſt oder unterläßt, nur der Erreichnng Deiner verbrecheriſchen Ab⸗ ſichten dienen ſoll? rief Klara. Und ungehört, ſagſt Du, werden meine Seufzer hier verhallen? O, der argen Täu⸗ ſchung! Einen giebt es, in deſſen Ohr ſie dringen wer⸗ den, trotz dieſer dicken Mauern, denn dieſer Eine iſt allwiſ⸗ ſend und allgegenwärtig! Tödte mich doch, wenn Du nicht zu feig biſt! Mir iſt der Tod ja erwünſcht! Siehſt Du nun, wie arg Du Dich verrechnet haſt? — Hat ſich jemand hier verrechnet, ſo biſt nur Du es, Kurzſichtige! rief ihr Pignetti drohend zu. Meinſt Du, ich ſei ein welſcher Bandit, der ſeine elende Rache nur in dem leiblichen Tode ſeines Feindes ſucht? Nein, leben ſollſt Du zu Deiner Qual, bis Du, verzweifelnd an Gott und Men⸗ 35 AAAAA ſchen, Dich und die Stunde verfluchend, die Dich einſt in's Daſein rief— bis Du, ſage ich, entweder mit frevelnder Hand ſelbſt dieſem Daſein ein Ende machſt, oder Mitſchul⸗ dige, Theilnehmerin meiner Verbrechen wirſt, wie Du meine Thaten nennſt! Siehe, ich habe jetzt die Maske von mir geworfen; zweifle nicht, daß es mit meinen Drohungen Ernſt ſei! — O, mein Gott, was hat er mit mir im Sinne? lispelte Klara erbleichend, denn der teufliſche Ausdruck, den die Züge ihres Peinigers angenommen, ließen ſie diesmal nicht die Wahrheit ſeiner Worte bezweifeln. Mein Heiland, habe ich denn ſo ſchwer gefehlt, ſo viel geſündigt in mei— nem kurzen Leben, daß Du mich ſo ganz und gar verlaſſen? Iſt's denn nicht genug, daß ich hienieden ſo ſchwer büße, ſoll mir auch die Hoffnung auf ein beſſeres Jenſeits genom⸗ men werden? Ach, ich bin ja nur ein ſchwaches Mädchen, das nicht für immer den endloſen Martern widerſtehen kann, wenn ſich niemand ſein erbarmt! — Umſonſt iſt es, daß Du Götter und Menſchen um Erbarmen anrufſt, Mädchen! ſprach Pignetti im Tone bitte⸗ ren Hohnes. Die Götter kümmern ſich nicht um das Schick⸗ ſal einzelner Sterblichen, und von den Menſchen Mitleid und Erbarmen zu erwarten, ſelbſt wenn ſie Dich hören könnten, iſt eine Thorheit,; deren Größe Du einſt noch inne werden wirſt, wenn Du, wie ich, dies Geſchlecht in Wahrheit er⸗ kannt haſt! Nur bei Dir ſelbſt findeſt Du Hülfe, indem Du Dich mir gehorſam erzeigſt! Du fürchteſt, Dein Ge⸗ wiſſen zu belaſten, wenn Du mir ferner dienſt? O Mäd⸗ chen, dieſe Skrupel will ich von Dir nehmen; ich will Dir zeigen, was an dem ganzen Geſchlechte iſt; Du ſollſt inne werden, daß nur glühenden Haß, bittere Verachtung es ver⸗ dient ſtatt der Liebe, die Du, die auch ich ihm einſt weihte; Du ſollſt erkennen, daß Du nur ein Werkzeug der Gerech tigkeit biſt, wenn Du mir dienſt! Du ſollſt die Geſchichte . 3 5 AAAANNAR;NN meiner Leiden erfahren, die mir von dieſem falſchen, hinter⸗ liſtigen Geſchlechte zugefügt worden, das Du bald in ſeiner ganzen Haͤßlichkeit erſchauen wirſt, und kein Zweifel, kein Skrupel wird Dich dann ferner darob plagen, daß Du mein Werk vollenden halfeſt! Habe ich aber mein Ziel erreicht, dann, Mädchen, gebe ich Dir die Freiheit zurück; dann magſt Du in den Kreis der Menſchen zurückkehren, wenn Du un⸗ ter ihnen Dein Glück zu finden meinſt; dann werde ich Dich — biſt Du von dieſer Täuſchung zurückgekommen, mit offe⸗ nen Armen als meine Schülerin aufnehmen und Dich ein⸗ weihen in die Tiefen der Wiſſenſchaft, die allein göttlich und wahrhaftig iſt und Erſatz gewährt für alle bitteren Täu⸗ ſchungen des Lebens! Folge daher meinem Rathe, Mäd⸗ chen; er iſt wahrlich gut gemeint. — Du haſt mich ſchwach geſehen und glaubſt nun das Eiſen ſchmieden zu können, dieweil es noch warm iſt! er⸗ wiederte Klara. O, wie hat die Hölle Dich doch gar ſo ſehr umſtrickt, daß Du, der Gebieter finſterer Geiſter und Kräfte, noch immer nicht einſiehſt, wie vergebens all Dein Mühen iſt! Und welchen Preis bieteſt Du für meine Hülfe? Die Menſchen willſt Du mich haſſen lehren, durch die mir Gott der Wohlthaten ſo viele erwieſen und die mich ſtets mit Güte und Liebe überhäuft— ja, die nachſt Gott zu lieben noch jetzt mein einzig Glück iſt? Wahrlich, ſolchen Dank kann nur die Hölle bieten und genehm finden! In Deine Wiſſenſchaft willſt Du mich einweihen, durch die ich Dich bisher des Böſen viel, des Guten nichts verrichten ſah, die alſo ihren Meiſter nimmer glücklich machen kann? Behalte ſie für Dich zu Deiner eigenen Strafe; mich aber möge der Himmel vor ihrer Kenntniß gnädiglich bewahren! Und wie gering iſt ſie dazu, trotz Deines Pochens auf die Macht, die ſie geben ſoll! Vermag ſie doch nicht einmal den Widerſtand eines ſchwachen Mädchens zu brechen und muß noch knirſchend deſſen Spott ertragen! Geh, Unhold An geh; Deine Verſucherkünſte richten nichts aus; Du biſt ein ſchlechter Schüler Deines ſchwarzen Meiſters! — Nun wohlan, ſo muß ich denn zum Aeußerſten ſchrei⸗ ten! ſprach Pignetti, indem ſeine Stimme jenen ziſchenden Ton wieder annahm. Meine Geduld iſt erſchöpft, denn ich ich habe kein gelinderes Mittel unverſucht gelaſſen, Deinen ſtarren Trotz zu beugen! Du willſt es nicht anders! Jetzt iſt die Reihe an Dir, zu zittern! — Ich zittere nicht mehr, ſeit ich Deine Ohnmacht ge⸗ ſehen! verſetzte Klara. Ich beuge mich nur vor meinem Gott! — Doch das Mittel, das Deinen Trotz bricht, ſoll Dir zugleich Strafe ſein, darum ſollſt Du wiſſen, was mit Dir geſchehen wird, bevor Deine Schwäche wieder Bewußtloſig⸗ keit hervorruft, fuhr Pignetti fort. Siehe, noch giebt es Einen, der beſtändig Deiner in Liebe gedenkt— ich weiß es! Er muß ſterben, gänzlicher Vernichtung anheimfallen— da⸗ durch wird Dein Herz gebrochen. In einer Stunde kommt jemand, der ſchon eine Mörderhand beſtellt hat für den, deſ⸗ ſen Namen ich ihn nennen werde— ahnſt Du nicht, wie dieſer Name lauten wird? Ottokar Reinhold! Wahrlich, ich hätte ihn geſchont: ich hätte es genug ſein laſſen an dem Bewußtſein jenes Mannes, ſchon eins ſeiner Kinder ge⸗ mordet zu haben; der, welcher jetzt als zweites Opfer fal⸗ len muß, ſollte mich auf andere Weiſe rächen. Doch jetzt, jetzt muß Dein Verlobter ſterben, und wiſſe, Elende, Dein Trotz iſt's, der ihn mordet, Du biſt's, die den Dolch für ihn ſchleift, den ſein eigener Vater durch fremde Hand ge⸗ gen ihn zücken läßt; denn der Mann, dem ich Deines Ver⸗ lobten Namen nennen werde, er iſt Deines Ottokars leib⸗ licher Vater, ohne daß er es ahnt! Siehe, ſo trägſt Du nicht allein den Tod Deines Verlobten auf Deinem Gewiſ⸗ ſen, ohne dadurch der Mitſchuld an meinen Thaten zu ent⸗ gehen, da ich Dich zum Gehorſam zwingen werde— Du 38 AAAANNNNNS bewaffneſt auch die Hand des Vaters gegen ſein leiblich Kind, und dieſer Vater wird Dir fluchen, denn es ſoll ihm nicht verborgen bleiben, daß in Deiner Macht es geſtanden! die entſetzliche Schuld von ihm abzuhalten! Wiſſe, daß Deine Reue zu ſpät kommen und daß dies Eine hinreichen wird, Dich auf ewig zur Hölle zu verdammen, denn Du machſt Dich einer Todſünde ſchuldig, die nimmer vergeben wird! — Gott im Himmel, Du ſiehſt und hörſt den unge⸗ heuren Frevel— und dennoch ſendeſt Du keine Blitze, den Frevler zu zermalmen? rief Klara aus. Mein Ottokar, in der Blüthe Deiner Jahre ſollſt Du dem Wütherich zum Opfer fallen— vielleicht zum Tode unvorbereitet ſollſt Du ihm anheimfallen? Und ich muß dies wiſſen, ohne Dich warnen, ohne Dich ſchützen, ohne mit Dir ſterben zu kön⸗ nen? O Gott, biſt Du nicht mehr ein Vater Deiner Kin⸗ der— biſt Du nicht mehr ein Gott der Gerechtigkeit? Doch nein, nein, Unhold, Du freueſt Dich zu früh, noch verzweifle ich nicht an Gott, der ja auch ein Gott der Gnade und Liebe iſt und mir die Worte in dieſer bangen Stunde nicht allzuhoch anrechnen wird. Mein Ottokar, wie auch ich, ſte⸗ hen ja in ſeiner Hand; Du biſt nicht im Stande, uns ein Haar zu krümmen gegen ſeinen Willen! Siehe, auch dieſe entſetzliche Drohung, ich verachte ſie! Alles, was Du ſprichſt, iſt Lüge, muß Lüge ſein, denn in Deinen Reden ſelber ſtrafſt Du Dich Lügen, da ſie voller Widerſprüche ſind! — Wohl mag in Deiner Behauptung Wahrheit ſein, denn obwohl entſchloſſen, bis zum Aeußerſten zu gehen, jam⸗ merte mich doch Deiner, und dies ungewohnte Gefühl mag meinen Worten Unklarheit beigemiſcht haben, verſetzte Pi⸗ gnetti. Ich ſage Dir dies, um jeden Zweifel in Dir zu erſticken! Doch bin ich noch nicht zu Ende; darum höre weiter— und verzweifle. Siehe, Du biſt noch rein und unbefleckt, wie Du einſt aus der Hand der ſchaffenden Na⸗ tüuͤr hervorgingſt— ich weiß es. Aber mir iſt die Gewiß⸗ AAANANNRVRRDD heit gekommen, daß eben dieſer Umſtand Dir die Kraft ver⸗ leiht, meinem Willen widerſtehen und trotzen zu können. Darum muß die Reinheit Deines Gemüths vernichtet, die Unſchuld Deiner Seele vergiftet, ſomit die Kraft Deines Willens gebrochen, und Dir das Vermögen genommen wer⸗ den, irgend eine höhere Macht zu Deinem Beiſtande anzu⸗ rufen, denn nur denen, ſo rein und unbefleckt an Seele wie an Gemüth ſind, iſt dies vergönnt! Iſt dies geſchehen, dann biſt Du mein willenloſes Werkzeug und keine Macht der Welt kann Dich dann aus meiner Gewalt erretten! und dann wird eintreffen, was ich Dir vorhin gedroht! — Du ſprichſt im Wahnſinn, denn ich verſtehe Deine Rede nicht! ſprach Klara im Tone tiefſter Ergebung in Got⸗ tes Willen und ſah mit ruhigem, fragendem Blicke auf ih⸗ ren Peiniger, als Pignetti inne hielt, als erwarte er eine Antwort. Was iſt der Inhalt dieſer neuen Drohung? Sprich ſie deutlicher ans, damit ich weiß, was alles ich zu leiden habe, wie Du ja auch vorhin noch gewollt! — Ha, Du verſtehſt mich nicht? rief Pignetti. Siehe, Du haſt gewiß ſchon eins jener elenden Weſen geſehen, die, im grauen Büßergewande an den Kirchthüren knieend, die Vorübergehenden um ihre Verzeihung anriefen und dann durch den Büttel aus den Marken der beiden Städte ge⸗ peitſcht wurden! Solche Unglückliche muß ich Dich werden laſſen, und zwar zur Stelle, denn Deine Bedenkzeit iſt ab⸗ gelaufen! Begreifſt Du nun mit Schrecken und Entſetzen, welch Schickſal Du Dir ſelbſt bereitet haſt? Vor Klara's Augen ward es dunkel bei dieſen Wor⸗ ten; mit einem Schreckensſchrei brach ſte zuſammen. Pignetti betrachtete ſie ſo einige Augenblicke; in ſeinen Zügen war ein heftiger Kampf zu leſen. — Und wenn ich mich geirrt hätte, murmelte er dumpf in ſich hinein; wenn ich dennoch nicht mein Ziel erreicht! N Doch, es gilt kein Zaudern mehr; chen gegen Dich ſelber! Klara hörte, wie Pignetti näher trat. Da raffte ſie all ihren Muth zuſammen. Mit dem Rufe: — So verzeihe mir Gott, ich kann nicht anders! ſprang ſie auf, eilte zum Betaltar, riß das metallene Kruzifix von demſelben und ſuchte ſich damit gegen den auf ſie eindrin⸗ genden Pignetti zu vertheidigen. Da ertönte plötzlich ein donnerndes Krachen, daß es im Gemach widerhallte. Schlag auf Schlag fiel gegen die dem Kamine gegenüber befindliche Eiſenthür, daß die Wand erzitterte. Pignetti ließ ab von ſeinem Opfer und ſtarrte auf die wankende Thür. Klara wußte nicht, waren dieſe Donner⸗ ſchläge ein Werk des Himmels oder der Hölle; zitternd ſank ſte auf ihre Kniee, um zu beten. Die ſchon ſeit längerer Zeit im Verlöſchen begrifſene Flamme auf dem Kamine beleuchtete, noch einmal hell auf⸗ flackernd, Pignetti's zum Entſetzen bleiches Angeſicht— im nächſten Augenblicke herrſchte dunkle Nacht im Gemach; nur auf dem Kamine ſelbſt verbreiteten etliche verglimmende Koh⸗ len einen matten Schimmer. Faſt zugleich mit dem Erlöſchen der Flamme ſprang die Eiſenthür unter donnerndem Getöſe auf. Die dunklen Um⸗ riſſe einer menſchlichen Geſtalt wurden in der Oeffnung ſichtbar.. In demſelben Augenblicke ſprang Pignetti zum Kamine, griff mit der linken Hand in die Kohlen und ſtreckte die rechte gegen die Geſtalt aus. Ein Blitz, dem ein krachen⸗ der, dumpf widerhallender Donner folgte, erleuchtete auf einen Augenblick das Gemach, das zugleich eine Wolke ſtik⸗ kender Luft erfüllte. Das war alles, was Klara wahrneh⸗ men konnte, denn gleich darauf herrſchte wieder eine tiefe Finſterniß. Mitleid iſt hier Verbre⸗ A Klara hörte, wie der Fremde ſich auf Pignetti ſtürzte und wie die Beiden mit einander rangen, bis ſie mitſam⸗ men zu Boden ſtürzten. Keiner von ihnen ſprach ein Wort; nur einzelne, abgeriſſene Laute der Wuth und des Grimmes und dumpfes Stöhnen ließen ſie hören. In banger Erwar⸗ tung, getheilt zwiſchen Furcht und Hoffnung, harrte das junge Mädchen des Ausgangs dieſes Kampfes. Endlich erhob ſich der Fremde, während Pignetti am Boden liegen blieb. Der Erſtere wandte ſich zu Klara. — Komnt, liebe Jungfer, laßt Euch weg von hier führen! ſagte er zu ihr nicht ohne Anſtrengung. Oder viel⸗ mehr: führt Ihr mich weg von hier; denn der Höllenhund hat mir eins zwiſchen die Rippen geſchickt, daß ich Mühe hatte, mit ihm fertig zu werden! — O Gott! Ihr ſeid verwundet! Ihr blutet! rief Klara, als ihr der Fremde die Hand reichte und eine warme Fluth auf ſie herniederträufelte. Ich muß Euch einen Ver⸗ band anlegen! — Mir kommt's auch ſo vor, als hätte ich mehr Blut verloren, als gerade nöthig iſt! verſetzte der Fremde. Doch nichts für ungut, liebe Jungfer, aber mit dem Verbande wartet nur, bis Ihr dazu ſehen könnt; nachher werde ich mich ſchon vom Blute wieder reinigen; jetzt aber, glaube ich, thun wir am beſten, wenn wir uns auf⸗ und davon⸗ machen! Ich kann die Zeit nicht erwarten, bis ich Euch in Sicherheit weiß! Von neu und mächtig erwachender Freiheits⸗ und Le⸗ bensluſt beſeelt, bedachte ſich Klara keinen Augenblick, der Aufforderung des Freundes zu folgen. Zuvor aber gab ſie ihm ihr Buſentuch, mit der Bitte, damit vorläufig das ſtark aus einer Bruſtwunde quillende Blut zu ſtillen, bis ſie im Stande ſei, einen ordentlichen Verband zu machen. Den Fremden, der nur mit Mühe zu gehen vermochte, unterſtützend, betrat ſie mit ihm durch die geſprengte Thür 42 AAAN den unterirdiſchen Gang, welcher in die Grabgewölbe des Kloſters der Schwarzen Brüder führte. Pignetti lag noch immer regungslos am Boden. — O Gotw,, iſt es denn keine Täuſchung— iſt es denn wahr, daß ich wieder das Licht des Lebens erblicken, wie⸗ der in die Arme der Lieben zurückkehren ſoll? ſprach Klara, während ſie mit dem Fremden langſam den Gang entlang ſchritt. Furchtbar und entſetzlich wäre das Erwachen aus ſo ſchönem Traume! — Es iſt kein Traum, liebe Jungfer! verſetzte der Fremde. Unſer Herrgott wird nicht zugeben, daß Eure Ret⸗ tung mißlingt, und in wenig Minuten ſchon werdet Ihr ſei⸗ nen Himmel mit Mond und Sternen erblicken. Aber Euren Verlobten könnt Ihr heute noch nicht ſehen; der iſt erſt vor Kurzem von einer ſchweren Krankheit geneſen und da würde die plötzliche Freude ihm ſchaden. Vorläufig werde ich Euch daher zu der Lieſel bringen, die iſt ein gutes Mädel, dabei Trennerts Tochter und meine Braut; die wird Euch pfle⸗ gen und warten, bis Herr Reinhold im Stande iſt, Euch heimzuholen! — Aber wer ſeid Ihr, edelmuͤthiger Mann, der Ihr Euch der armen, todtgeglaubten Klara annehmt, ohne daß mein Ottokar davon weiß? fragte Klara im Tone innigſter Dankbarkeit. — Peter Steffen iſt mein Name, erwiederte dieſer, und ich war bis vor etlichen Tagen Herrn Reinholds treuer Diener. Doch die Luft hier unten iſt ſo ſtickig— würdet Ihr mich vielleicht ein wenig ſchneller führen können, liebe Jungfer? — Gern will ich dies thun, wenn nur Eure Kräfte es erlauben, entgegnete Klara. — Ja, freilich, es geht nicht ſo recht mit mir! ſeufzte Peter, indem er nach wenigen Schritten ſtehen blieb. Viel⸗ leicht hilft mir ein Biſſel Ruhe. Der Unhold da hinten wird er d an Pet we wo zu ſeßte ſein, mei Pel denn mir Kun was wir dar und und find lich in wird uns nicht mehr ſtören, dem habe ich eins verſetzt, daß er das Aufſtehen vergeſſen wird! — Der Himmel möge gnädiglich verhüten, daß Ihr an Eurem Leben Schaden nehmt! rief Klara in Angſt, als Peter in ihren Armen matt zu Boden ſank. — Ich wuürd's auch nicht gern ſehen, ſchon der Lieſel wegen! ſprach Peter. Aber ſeht, mir wird ſchon wieder wohler; die Schwäche wird bald vorüber ſein! — Und Gott wird auch nicht wollen, daß der, den er zu meiner Rettung geſandt, für mich als Opfer falle! ver⸗ ſetzte Kklara. Mein Glück würde dann nur unvollkommen ſein, denn ſchrecklich ſchon iſt mir der Gedanke, daß Pignetti meinetwillen getödtet ward! — Der Böſewicht hat den Tod verdient! entgegnete Peter. Habe alles gehört, was Ihr durch ihn gelitten, denn wohl eine Stunde lang lauſchte ich an der Thür, da mir's eigentlich verboten war, etwas Anderes zu thun, als Kundſchaft einzuziehen. Wenn aber der fromme Pater hört, was geſchehen ſollte, als ich die Thür mit der Art einſchlug, wird er meine That wohl billigen! Doch da ich gerade daran denke: wollt Ihr nicht zurückgehen, liebe Jungfer, und die Art holen, die bei der geſprengten Thür liegen wird, und den Dolch dazu, den Ihr neben der Leiche des Unholds finden werdet? Aber nein, laßt's nur ſein; habe ja ſämmt⸗ liche Thüren offen gelaſſen; zudem wird's Euch unheimlich in der Nähe des Todten ſein! — Wenn's Euch zur Beruhigung dient, ſo will ich gern die Sachen Euch holen, erwiederte Klara. Auch wird Euch ein Trunk Waſſer gut thun, woran ich bis jetzt nicht gedacht habe, und den finde ich ebenfalls in jenem Gemach. — Ja, meine Zunge klebt mir am Gaumen! ſagte Peter. Herr Reinhold hat Recht, Ihr ſeid ein wahrer Engel, liebe Jungfer! Klara, die mit ihren Armen den am Boden ſitzenden A Verwundeten unterſtützte, ließ dieſen ſanft herniedergleiten, und erhob ſich zum Gehen. Da erhellte plötzlich wieder ein Blitz die dichte Finſter⸗ niß, dem ganz ebenſo wie vorhin ein donnerndes Krachen folgte. Klara ſtieß einen gellenden Schrei aus, wankte und ſank auf Peter nieder. — Was war das? rief Peter. Habe ich das Herz des Unholds verfehlt, oder hat er keins und iſt daher nicht tödtlich getroffen? Aber— um Gottes willen— iſt's mein oder Euer Blut, Jungfer, das mir ſo heiß über mein Ge⸗ ſicht rinnt— ſeid auch Ihr verwundet? — Jetzt gilt's nur noch, daß Ihr Euch rettet, wacke⸗ rer Mann!l ſprach Klara mit matter Stimme, indem ſie ver⸗ ſuchte, Peter von ihrer Laſt zu befreien. Gott will nicht, daß ich in die Arme meines Ottokar zurückkehre! Eilt, daß Ihr in Sicherheit kommt— und ſagt ihm, wie Allen, die mich lieben— daß ich mit ihren Namen auf den Lippen— von hinnen ſcheiden werde! Sagt ihnen, daß ſie mich nicht betrauern mögen, da der Tod mich befreit von unſäglichen Leiden— ſagt ihnen, daß ſie mich nicht rächen ſollen— denn ich— vergebe Allen, die mir Böſes zugefügt— wie mir Gott vergebe! — Nein, nein, nicht ohne Euch gehe ich! rief Peter, indem er ſich mit großer Anſtrengung erhob. Ich werde noch Kraft genug haben, Euch wenigſtens bis auf die Gaſſe zu tragen, wo ich Hülfe herbeirufen kann! In demſelben Augenblicke, wo er ſich wieder bückte, um Klara vom Boden außzuheben, ſchritt Pignetti an den Bei⸗ den vorüber. Peter wollte ihn ergreifen, doch gewandt wich ihm Pignetti aus. Gleich darauf hörte man eine ſchwere Thür zufallen und verſchließen. — Ha, jetzt ſitzen wir wie Mäuſe in der Falle! rief Peter. O, über meine Zimperlichkeit, die mich nicht war⸗ ten ließ mit dem Ausruhen, bis wir in Sicherheit waren! Doch dieſe ſucht doch Ver ver des H Nag jene ich Eiſ find ftaͤn bei aus die nich gew des zur fan geft kon Gen mein Dan daß 45 ò Doch, ich werde, ich muß noch Kraft genug haben, auch dieſe Thür zu ſprengen mit der Art, die ich mitgebracht! Er ſchleppte ſich wieder zu dem Gemach zurück und ſuchte hier mit den Händen am Boden umher; er fand je⸗ doch die Art nicht— Pignetti hatte ſie mit fortgenommen. — So iſt denn alles vergebens geweſen! ſtöhnte er jetzt. Vergebens war's, daß ich mich Tag und Nacht in der Kirche verbarg, um nach des Paters Anweiſung die Geheimniſſe des Kloſters zu erforſchen! Vergebens war's, daß ich mit Hüͤlfe der Art und mit unſäglicher Mühe einen eiſernen Nagel zum Schlüſſel formte, um die Schlöſſer und Riegel jener Thür damit zu öffnen; die Schlöſſer derſelben könnte ich zwar auch jetzt noch öffnen, aber nicht die mächtigen Eiſenriegel, die auf der Seite des Gewölbes vorgeſchoben ſind! Der Pater hatte wohl Recht, als er mir jede ſelbſt⸗ ſtändige That verbot; aber konnte ich denn anders handeln bei den Drohungen, die der Satan gegen das arme Kind ausſtieß? Doch, ich Unvorſichtiger vergeſſe ganz der Armen, die ſich da vielleicht verbluten muß! Warum er uns aber nicht vollends getödtet hat, da ihm das doch ein Leichtes geweſen wäre? Ein brennender Durſt peinigte ihn. Da gedachte er des Stahls und Feuerſteins, ſowie der Wachskerze, die er zur Vorſicht bei ſich führte. Schnell machte er Licht und fand auf dem Tiſche einen Krug mit trinkbarem Waſſer an⸗ gefüllt. Als er ſich gelabt, fühlte er ſich neu geſtärkt und konnte ſo ſeiner Leidensgefährtin gleiche Erquickung bringen. — Wenn's Euch möglich iſt— ſo bringt mich in das Gemach zurück, daß ich vor dem Bilde des Gekreuzigten mein Leben aushauchen kann! bat Klara dann. — Herzlich gern will ich Euren Wunſch erfüllen, liebe Jungfer, entgegnete Peter; aber erlaubt mir zuvor, an Euch daſſelbe zu thun, was Ihr vorhin an mir gethan! Er riß bei dieſen Worten ein Stück Zeug von ſeinem AA Wammſe und verband beim Schein der Kerze die Wunde, die ſich zwiſchen Klara's Hals und rechter Schulter zeigte. Die Wunde ſcheint nicht ſehr tief zu ſein! ſprach er, als er ſie gereinigt und den Verband angelegt hatte. Klara hatte, während er ſich mit ihr beſchäftigte, kein Wort geſprochen. Peter gewahrte jetzt mit neuem Schrecken, daß ſie bewegungslos in ſeinen Armen lag. Die Angſt er⸗ ſetzte ihm die fehlenden Kräfte und ſo ſchnell es in dem en⸗ gen Gange anging, trug er ſie in's Gemach, wo er ſie auf das Ruhebett legte und ihr Antlitz mit Waſſer beſprengte. Bald ſah er zu ſeiner Freude, daß Klara die Augen wie⸗ der öffnete. Sie dankte ihm durch Blick und Händedruck und ſchien dann leiſe zu beten. Peter knieete vor dem Bett und ſann auf ein Mittel zur Rettung aus dieſem Kerker. Allgemach aber ward es dunkel vor ſeinen Augen; noch einmal gedachte er ſeiner Lieſel und lautlos ſank er dann auf den Teppich nieder, der den Fußboden des Gemachs bedeckte.— Klara's leiſer Schreckensruf war das Letzte, was er noch vernahm. 3. Am Mittage des Tages, in deſſen letzten Stunden ſich das eben Erzählte innerhalb der Mauern des Kloſters der Schwarzen Brüder ereignete, hatte Ottokar ein Schreiben erhalten, das ihm Boytin durch einen vertrauten Boten aus Spandow geſandt. Dieſer meldete ihm darin, daß er am Abend des folgenden Tages insgeheim in den beiden Städ⸗ ten eintreffen werde, um mit Ottokar einer geheimen Ver⸗ ſammlung der Geſinnungsgenoſſen beizuwohnen, zu welchem Zwecke ſich der junge Mann bereit halten möge. AAAAæAᷓꝑ;ꝑ;́;́ „Gar wunderliche Dinge haben ſich in den letzten Tagen zugetragen— ſo hieß es weiter in dem Schrei⸗ ben— aus denen klar erhellet, wie Gott im Bunde mit unſerer gerechten Sache iſt. Mündlich wirſt Du, lieber Ottokar, ein Näheres hierüber von mir erfahren. Mit Deiner Schweſter Lisbeth, die Dich freundlich grüßen läßt, iſt ebenfalls etwas ganz Beſonderes vor⸗ gefallen, deſſen Mittheilung an Dich ſie ſich aber ſel⸗ ber vorbehalten hat. Die Förmlichkeiten wegen ihrer Aufnahme an Kindesſtatt ſind zwar bereits beendet; aber dennoch dürfte es noch einige Zeit dauern, bevor ſie Spandow verläßt, denn ein Geſchäft feſſelt ſie hier, das ihrem edlen, milden Herzen ganz entſpricht und bei dem ihr meine wackere Hausfrau treulich Hülfe leiſtet. Sei nicht böſe, daß ich nicht deutlicher ſpreche; allein mein Wort bindet mich; nur das kann ich Dir ſagen, daß es gut mit uns Allen ſteht, denn mit uns iſt Gluck und Sieg. Gehab Dich wohl, bis wir uns morgen wiederſehen, wo Du zwar nicht alles, aber doch Vieles erfahren wirſt. — Immer und ewig Geheimniſſe! ſprach Ottokar lä⸗ chelnd für ſich, als er das Schreiben zu Ende geleſen. Selbſt Lisbeth hat deren, wie's ſcheint! Doch kann mich ſolches ja nicht wundern, denn bin ich mir nicht ſelber ein Geheimniß und iſt nicht alles, was ich in der letzten Zeit erlebt und geſehen, mit einem undurchdringlichen Schleier bedeckt, hinter dem ſich ebenfalls tiefe Geheimniſſe bergen? Und ſchien ſolche nicht ſelbſt der fromme Mann zu haben, dem ich nächſt Gott meine Geneſung danke? Denn ſö oft ich die Worte, die er mir zu wiederholten Malen geſagt über die wunderbaren Führungen Gottes, recht ihrem eigentlichen Sinne nach überdachte, ſchien mir in ihnen, ſo einfach ſie auch ſind, doch ebenfalls ein Geheimniß zu liegen, worauf auch ſchon, die Vegelte Schrift hindeutet, die er mir bei ſeiner Abreiſe übergeben und die ich nur unter gewiſſen Umſtänden öffnen ſoll!. Der Eintritt des Hauswärtels unterbrach Ottokars Selbſtgeſpräch. — Nun, was läßt mir der junge Herr ob ſeines lan— gen Ausbleibens ſagen? fragte dieſer. Gewiß kann er ſich nicht von ſeiner Braut trennen. — Ich habe den Peter, oder vielmehr Herrn Steffen nicht geſprochen, entgegnete dieſer, und konnt's auch nicht, weil er nicht in Meiſter Trennerts Hauſe war, wo er ſich überhaupt ſeit den beiden letzten Tagen nicht hat ſehen laſſen. Die Jungfer wie auch ihr Vater glaubten, der Dienſt um Euch habe ihn fern gehalten und das Mädel jammerte gar kläglich, als ſie hörte, daß auch Ihr ihn ſucht; kaum daß der Alte ſie einigermaßen durch das Verſprechen beruhigen konnte, daß er gleich Anzeige auf dem Rathhauſe von ſeines zukünftigen Eidams Verſchwinden machen wollte, damit man etliche Knechte ausſende, ihn zu ſuchen. Meiſter Trennert will ſich auch ungeſäumt auf den Weg hinüber nach Ber⸗ lin machen. — Was hat das wieder zu bedeuten? ſprach Ottokar beſorgt. Es muß ihm etwas widerfahren ſein, denn wenn ihn irgend ein Geſchäft fern hielte, hätte er doch gewiß Einem davon geſagt! Der Hauswärtel— im Herzen froh, des läſtigen Auf⸗ ſehers, der ſich nie zu einer Unredlichkeit gegen ſeine Herr⸗ ſchaft hatte verſtehen wollen, ledig zu ſein— zuckte mit den Achſeln. — Mirr wenigſtens hat er nie geſagt, was ihn in der letzten Zeit, beſonders Abends und Nachts, aus dem Hauſe fern gehalten, verſetzte er. Einmal nur habe ich mir her⸗ ausgenommen, ihn vor dem Ausgehen am ſpäten Abende zu warnen, da der Schwarze Teufel, der Mordbrenner, inner⸗ halb der beiden Städte iſt und man ſich von dem nichts 49 RRNRRRæEǽꝝꝑ Gutes verſehen darf; aber da hat er mich einen Horcher und unberufenen Rather geſcholten, und daher habe ich nicht mehr mit ihm von ſeinen nächtlichen Geſchäften geſprochen. Da Ottokar nichts erwiederte, ſo entfernte ſich darauf der Hauswärtel. — Wann werden dieſe Räthſel aufhören, mich beſtän⸗ dig neckend zu verfolgen? ſprach Ottokar für ſich, als er allein war. Er verſank in tiefes Sinnen. — Doch darf ich hier nicht müßig weilen, ſo lange ich nicht Gewißheit über Peters Schickſal habe, rief er nach einer Weile, ſich ſeinen Gedanken gewaltſam entreißend. Ich habe ihm mehr, als das Leben zu danken und muß daher alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um ihm im Un⸗ glück beizuſtehen! Aber eben, was ſoll, was kann ich thun! fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort. Wo ſoll ich ihn ſuchen? Wahrlich, wäre mein dem Mönche gegebenes Gelübde nicht — ich fühlte mich verſucht, bei dem welſchen Wundermann Auskunft zu holen, denn ich kann nicht eher ruhen, bis ich weiß, was dem wackern Burſchen begegnet iſt! Da kam ihm der Einfall in den Sinn, das Gemach zu unterſuchen, welches Peter bisher bewohnt hatte, und nachzuſehen, ob ſich dort vielleicht Spuren ſeines Verblei— bens finden würden. Da es Peter bei ſeiner Entfernung verſchloſſen, ſo hatte es noch niemand betreten. Ottokar nahm daher den Schlüſſel, der alle Gemächer des Hauſes öffnen konnte, und verfügte ſich dorthin. Wirklich fand er auf dem Tiſche ein verſiegeltes Schrei⸗ ben, deſſen Aufſchrift an ihn gerichtet war. Haſtig erbrach er es und las Folgendes: „Sollte ich nach dreien Tagen nicht wiederkom⸗ men, ſo ſagt meiner Lieſel, lieber Herr, daß mir in Ausübung eines Werkes, das nicht das ſchlechteſte Die ſchwarzen Brüder. III. 4 d meines Lebens iſt, etwas Menſchliches begegnet ſei, und bittet das Mädel, daß ſie ſich tröſte und für mein Seelenheil bete. Wenn der Franziskanermönch, der Euch in Eurer Krankheit beigeſtanden, von ſeiner Reiſe zurückgekehrt, wird er Euch vielleicht Aufklärung über mein Verbleiben geben können.“ — Ein neues Geheimniß! murmelte Ottokar, als er die Schrift zu wiederholten Malen geleſen. Ein Geheim⸗ niß, das Peter mir verborgen hat, deſſen Mitwiſſer aber jener Mönch zu ſein ſcheint! Aus dieſen Zeilen geht deut⸗ lich hervor, daß er ſich in Gefahr befindet— ja, daß er darin vielleicht bereits umgekommen! Peter, Peter, warum haſt Du mir das gethan— warum ſchenkteſt Du mir nicht Vertrauen, daß ich wenigſtens die Gefahr mit Dir theilte, nachdem Du für mich ſo viel gethan! O, das iſt nicht recht von ihm gehandelt! Aber er, der einfache, ſchlichte, jederzeit ſo offenherzige Menſch— welch' Geheimniß konnte er haben, das er vor aller Welt verſchweigen mußte; welch' Vorhaben kann er hegen, deſſen Wichtigkeit ihn die Gefahr verachten und ihn ſich ſelbſt über das zerſtörte Lebensglück, über den Kummer und Gram der von ihm ſo warm und innig geliebten Braut hinwegſetzen ließ? Er ſpricht von der Ausübung einer gu⸗ ten That; alſo um eines Andern willen— Ha, welche Vermuthung— nein, Gewißheit— drängt ſich mir da urplötzlich auf! unterbrach er ſich ſelber, Ja, ich darf nicht zweifeln: ich bin's, dem jene gute That gilt, um meinetwillen begab ſich der Treue in Gefahr; alle Umſtände, auch das Einverſtändniß mit dem Mönche, deu⸗ ten darauf hin! Bin ich denn dazu beſtimmt, alles, was in meine Nähe kommt, alles, was mich liebt, in mein Verhängniß mit hin⸗ einzuziehen? O, dieſe Vorſtellung iſt ſchrecklich— aber den⸗ noch wahr! 51 Aber was kann ich thun, wo muß ich ihn ſuchen? fuhr er nach einer Weile tiefen Sinnens wieder fort. Wo finde ich eine Spur ſeines Verbleibens? Er kehrte in ſein Gemach zurück. Der Gedanke, daß Peter um ſeinetwillen ſich in irgend eine Gefahr begeben und aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeinen Untergang gefunden habe, verfolgte ihn fortwährend und ließ ihm keine Ruhe, obwohl er ſich nicht erklären konnte, welcher Zweck Peter dabei geleitet haben mochte. — Wäre nicht ausdruͤckliche Bedingung der mir er— theilten kirchlichen Abſolution, Pignetti ſtreng zu meiden, wahrlich, keinen Augenblick würde ich anſtehen, des Welſchen Kunſt zu meiner Hülfe anzurufen! ſo ſprach er bei ſich ſel⸗ ber, und faſt reute es ihn, durch jenes Gelübde die kirch⸗ liche Freiſprechung von ſeinen Sünden, die er ſich ſelber vorwarf, erkauft zu haben. Bald erſchien der Hauswärtel wieder und meldete die Ankunft des Meiſter Trennert mit ſeiner Tochter, die Beide mit Herrn Reinhold zu ſprechen wünſchten. Ottokar gebot, ſie zu ihm zu führen. — Was ſoll ich dem armen Mädel ſagen? dachte Ot⸗ tokar. Noch iſt ja Peters Tod nicht erwieſen— er kann heute, morgen oder übermorgen wieder erſcheinen und dann hätte ich den Beiden unnütz Gram und Kummer bereitet. Am beſten iſt's, ich ſpreche ihnen Hoffnung und Muth ein. Ottokar ahnte nicht, welche unheilvolle Folgen dieſe ob⸗ wohl geringe und gutgemeinte Abweichung von der Wahr⸗ heit oder vielmehr Verleugnung ſeiner Ueberzeugung für ihn nach ſich ziehen würde! Er bedachte nicht, daß er ſelber erſt vor wenig Tagen feierlich gelobt, nicht wieder um eines Haares Breite vom geraden Wege abzuweichen. Der Viehmäſter trat mit ſeiner Tochter in's Gemach. — Ich bringe Euch hier mein armes, troſtloſes Kind, verehrter junger Herr! wandte er ſich in betruͤbtem, nieder⸗ 4* 5² NRMR geſchlagenen Tone zu Ottokar, als dieſer die Beiden freund⸗ lich aufgefordert, auf den Seſſeln Platz zu nehmen. Das Mädel vergeht mir faſt vor Angſt und Bekümmerniß, was auch ganz natürlich iſt, wie Ihr wohl ſelber an Euch ge⸗ ſehen haben werdet, als Ihr Eure Jungfer Braut— Gott habe ſie ſelig, das gute Kind— verlieren mußtet. Ja, die Lieſel iſt ganz untröſtlich und ich weiß nicht, was ich an⸗ fangen ſoll, um ſie zu beruhigen. Zwar hatte ich mir vor⸗ genommen, den hochedlen Rath zu bitten, daß er Leute aus⸗ ſchickt, den Vermißten zu ſuchen; aber ſeht, Herr Reinhold, ich bin nur ein geringer Mann und der Peter auch, obwohl er der wackerſte Burſche in den beiden Städten iſt, wie meine Lieſel ſagt— und da habe ich und die Lieſel wenig Hoff⸗ nung, daß die hochedlen Herren meine Bitte erhören werden. Wenn Ihr aber, lieber Herr, ein gut Wort für uns ein⸗ legen wolltet, ſo wäre das eine andere Sache und Euch darum zu bitten, ſind wir zu Euch gekommen. Nichts für ungut, lieber Herr! — Zur Stelle will ich thun, was Ihr verlangt, Herr Trennert! erwiederte Ottokar, dem Viehmäſter die Hand drückend. Und Du, liebes Kind, wandte er ſich zu dem ſchluchzenden Mädchen, gieb Dich zufrieden; wir werden Deinen Bräutigam ſchon finden, wenn er nicht etwa von ſelbſt ſich wieder einſtellen ſollte. Mir ſelbſt ſollt's leid thun um den Peter, denn einen heſſeren und treueren Freund er⸗ fand ich nimmer und werde daher alles thun, was nur ge⸗ ſchehen kann. Doch wie geſagt, noch glaube ich nicht, daß ihm ein Unfall zugeſtoßen. Der Peter iſt ein munterer Burſche und hat Dich herzlich lieb; er wird Dir wohl eine heimliche Freude haben machen wollen und iſt nach einem benachbarten Städtchen gegangen, wo Jahrmarkt iſt, um Dein Brautkleid zu kaufen. Da giebt's denn immer viel zu ſchauen und geht's auch immer luſtig und hoch her und ein junger Burſche frägt dann nicht, wie viel es an der Zeit ————— 53 ſei. Ich denke, daß wir ihn morgen tüchtig ausſchelten wer⸗ den für die Angſt, die er Dir durch ſein Ausbleiben bereitet. — Siehſt Du, Lieſel, da hörſt Du faſt daſſelbe, was ich Dir ſchon unterwegs geſagt habe, ſprach Trennert zu ſeiner Tochter. Und da Herr Reinhold auch der Meinung iſt, kannſt auch Du glauben, daß es ſich ſo verhält!. — Ihr ſprecht nur ſo, um mich zu beruhigen, während Euer bekümmertes Geſicht doch ſagt, daß Ihr ſelbſt nicht daran glaubt! ſchluchzte das Mädchen. Seht doch nur Herrn Reinhold an; jeder Zug in ſeinem blaſſen, verſtörten Geſicht ſpricht zu mir: Mädchen, Du haſt keinen Bräutigam mehr, denn ich weiß wohl, daß er todt iſt! Und ſo iſt es auch; Herrn Reinholds düſteres Schweigen, ſein tiefes Seufzen giebt mir die Gewißheit, daß ich ſein Ausſehen ſo deuten muß! O, ich bin das unglücklichſte Mädel in den beiden Städten! — Verſündige Dich nicht, Kind! Vertraue auf Gott und füge Dich in ſeinen Willen! ſprach Trennert, dem der Jammer ſeiner Tochter faſt das Herz brach, zumal er ſich ſelber ſagen mußte, daß ihre Behauptung in Betreff Otto⸗ kars vollen Grund habe. Euch aber, lieber Herr, wandte er ſich zu dem jungen Mann, Euch bitte ich, uns nicht mit falſchen Hoffnungen zu täuſchen, wenn Ihr wißt, wie's mit dem Peter ſteht! Es iſt beſſer, wenn der Schlag uns plötz⸗ lich und ſchnell trifft, als wenn wir langſam den Giftbecher hineinſchlürfen müſſen! Sagt's uns gerade heraus, was Ihr wißt, lieber Herr! Ottokar blutete das Herz bei dem Schmerz und Kum⸗ mer der Beiden, deren Gefühle auch er ja theilte; aber eben darum vermochte er nicht zu geſtehen, daß auch er wenig oder keine Hoffnung habe, weil er fühlte, daß er mit dieſem Geſtändniß dem armen Mädchen vollends das Herz brechen würde. — Beſſer, etwas Hoffnung, als gar keine! dachte er AANNANNNVN / ô bei ſich. Die Gewißheit des Unglücks kommt dann immer noch früh genug! Er bedachte aber dabei nicht, was er ſelber ſchon ſo tief empfunden hatte: daß Ungewißheit ſchlimmer iſt als b Gewihheit! — Wenn ich Euch ein betrübtes Angeſicht gezeigt habe, nahm er daher auf Trennerts Bitte das Wort, indem er ſeine ganze Verſtellungskunſt aufbot— ſo bedenkt, daß der Anblick Eurer Angſt und Eures Schmerzes mich nicht gleich⸗ gültig laſſen konnte! Freilich kann ich Euch nicht zuſchwö⸗ ren, daß dem ſo iſt, wie ich ſagte; doch iſt es meine Ueber⸗ zeugung. Und daß ich alles aufbieten werde, um den Ver⸗ ſchwundenen zu finden, deß ſeid verſichert. Zur Stelle werde ich mich zum Bürgermeiſter begeben und ich zweifle nicht, daß binnen einer Stunde Stadtſöldner und Knechte nach 4 allen Richtungen ausgeſandt ſein werden! — Nun ſiehſt Du, Lieſel, der junge Herr würde ſicher⸗ lich nicht ſo ſprechen, wenn er nicht Grund dazu hätte! ſagte Trennert zu ſeiner Tochter. Vielleicht hat Peter von 1 ſeiner Abſicht mit dem Brautkleide etwas zu Herrn Rein⸗ hold fallen laſſen und dieſen gebeten, nichts auszuplaudern, weil er Dir eine heimliche Freude machen wollte— und n das ſieht dem guten Burſchen auch ganz ähnlich! Nur über 7 ſein langes Ausbleiben iſt Herr Reinhold bekümmert, aber auch da halte ich ſeine Vermuthung für die richtigſte; denn ſ obwohl man dem Peter nicht Leichtſinn und Lüderlichkeit nachſagen kann, ſo iſt er doch noch in einem Alter, wo man z bisweilen über die Stränge ſchlägt. Und da Herr Rein⸗ V 1u hold mir nicht widerſpricht, ſo iſt's auch ganz gewiß ſo und wir dürfen ihn nicht zum Plaudern verleiten, wenn er dem Peter Schweigen verſprochen. Komm, Kind, wir wollen nach V d Hauſe gehen, damit Herr Reinhold ſich zum Herrn Bürger⸗ V meiſter begeben kann. Ja, es iſt dem Peter ſchon recht, wenn ihn die Stadtſöldner unterwegs oder in einer Schänk⸗ 55 bude aufgreifen; warum macht er uns aber auch ſo vielen Kummer! — Gebe Gott, daß Ihr Recht habt, Vater, ſeufzte das Mädchen, indem ſich die Beiden zum Gehen anſchickten. Ottokar entließ ſie mit freundlich beruhigenden Worten und Verſicherungen. — Schickt mir doch den Hauswärtel herauf! rief er ihnen noch nach. — Ja, ſo werde ich's machen, ſprach er für ſich; dann habe ich wenigſtens das Bewußtſein, nichts unterlaſſen zu haben, was ich in dieſer Sache thun konnte! Das Uebrige muß Gott überlaſſen bleiben. Er nahm die in Peters Gemach gefundene Schrift, ſchlug ſie in ein anderes Stück Pergament ein und verſie⸗ gelte daſſelbe. Dann trat er an eine Stelle einer Wand ſeines Gemachs und allſogleich ſprang ein verborgenes Fach auf, das faſt ganz mit Goldrollen angefüllt war. — Das Eigenthum des wahren Erben— er wird es nicht um einen Gülden geſchmälert finden! ſprach er vor ſich hin, indem er eine der Rollen herausnahm. In dem Augenblicke trat der Hauswärtel ein. Er ſah noch, wie Ottokar jenes Fach vermittelſt der verborgenen Feder wieder ſchloß. — Sattle Dir eiligſt ein Roß und jage auf ihm, ſo ſchnell das Thier zu laufen vermag, nach der Stadt Prag in Böhmen, ſagte Ottokar zu dem Diener. Dort gehſt Du zu dem hochwürdigſten Provinzial des Franziskaner⸗Ordens und bitteſt den Prälaten um Gottes willen, Dir den Aufent⸗ halt des Mönches zu ſagen, der vor etlichen Tagen aus dem grauen Kloſter zu Berlin zu ihm gekommen. Haſt Du den Pater gefunden, ſo giebſt Du ihm dies Pergament und merkſt wohl auf, was er Dir dann ſagen wird. Die Ant⸗ wort des ehrwürdigen Mannes bringſt Du dann ſo ſchnell, wie's nur irgend angeht, zu mir zurück. Dieſe Rolle Gol⸗ 56 AAAAAAAAAAAA;;ꝙ des iſt mehr als genügend, Deine und des Thieres Bedürf⸗ niſſe auf der Reiſe zu beſtreiten, ſelbſt wenn Du Dir ein anderes Pferd mietheſt, ſobald das meinige nicht mehr ſchnell genug fort kann; doch ſoll der Ueberreſt des Goldes Dir gehören, wenn Du Dich der größten Eile befleißigſt. Ich gehe jetzt fort und werde einen Schlüſſel zum Hauſe mit⸗ nehmen, damit Du, ſobald Du reiſefertig biſt, nur mit dem Deinigen das Haus zu verſchließen brauchſt und davonjagen kannſt. Aber eile, eile! Mit der Verſicherung, treu dem Gebote ſeines jungen Herrn nachzukommen, nahm der Hauswärtel Pergament und Goldrolle und eilte hinab in den Stall, das Pferd für ſich zu ſatteln. Auch Ottokar bekleidete ſich ſchnell mit Mantel und Barett und eilte nach dem Hauſe des Bürgermeiſters. — Daß ich ein Narr wäre und ſo köſtliche Gelegen⸗ heit unbenutzt vorübergehen ließe! ſprach der Hauswärtel für ſich, als er Ottokars Entfernung wahrnahm. Bin lange genug Diener geweſen und habe auch mal Luſt, den Herrn zu ſpielen! Er nahm den Mantelſack und eilte hinauf in Ottokars Gemach, der in ſeiner Argwohnloſigkeit nicht einmal die Thür zu ſeinem Vorgemach verſchloſſen hatte. Es gelang ihm, mittelſt der verborgenen Feder das geheime Fach zu öffnen und ſeine Augen funkelten in wilder Begier, als er etliche Rollen zerbrochen und die blanken Goldſtücke ihm ent⸗ gegenblitzten. In gieriger Haſt füllte er den Mantelſack an mit dem Golde, von dem er auch nicht ein Stück zurückließ. — Hiüätte traun nicht gedacht, daß dies kleine Gemach ſo große Schätze enthielte! ſprach er bei ſich, indem er das Fach wieder in die Wand zurückſpringen ließ. Hei, welch ein Leben ſollen ſie mir bereiten. Und günſtiger konnten ſich die Umſtände gar nicht treffen; man wird das Verſchwinden der Goldgülden gewiß erſt dann gewahren, wenn der Mönch 57 AAAAAAA; aus Prag zurückkehrt; aber bis dahin habe ich Zeit genug, um mein Schäflein ins Trockne zu bringen! Gut, daß es draußen allgemach dunkel wird! Keuchend ſchleppte er den Mantelſack mit dem geraub⸗ ten Gut hinab, ſchnallte ihn auf dem Thiere feſt, führte es auf die Gaſſe, verſchloß das Haus und jagte dann auf dem Pferde zum Köpenicker Thore hinaus, als ob er wirklich die Straße nach Sachſen und ſomit auch nach Böhmen einſchla⸗ gen wolle; kaum aber hatte er den Wald erreicht, als er plötzlich eine andere Richtung einſchlug. Nichts ahnend von der niederträchtigen Untreue des Hauswärtels— er hatte freilich nicht darauf geachtet, daß jenes Fach in des Dieners Gegenwart, wenn auch nur auf Augenblicke, offen geſtanden— ging Ottokar ſchnellen Schrit⸗ tes der Spandower Straße zu. — Hätte Herrn Rycke eigentlich ſchon längſt beſuchen ſollen, um ihm meinen Dank zu erſtatten ob der freund⸗ ſchaftlichen Hülfe, die er durch ſeinen Diener meinen treuen Freunden während meiner Krankheit geleiſtet, ſprach er un⸗ terwegs bei ſich. Dann aber werde ich ihn vorſichtig aus⸗ forſchen, ob er noch bei der am zweiten Tage des Weih⸗ nachtsfeſtes insgeheim zu mir ausgeſprochenen nnd Tags darauf halbwegs gezeigten Abſicht verharrt, ſich der Sache der Bürgerſchaft gegen die Patrizier anzuſchließen; ein Mann wie er wäre wahrlich kein kleiner Gewinn für uns! Vor allen Dingen aber muß ich mit ihm wegen des Peter reden. Zwar fühle ich mich jetzt bedeutend beruhigter, da ich für den armen Burſchen gethan, was unter ſo bewandten Um⸗ ſtänden geſchehen konnte; und wenn ich mir's recht überlege, ſo kann's immer noch ſein, daß die Ausführung ſeines un⸗ bekannten Vorhabens ihn längere Zeit als zwei Tage fern⸗ hält; doch werde ich nicht eher Ruhe haben, bis ich ihn geſund und wohlauf wiederſehe. Hoffentlich wird ſolches auch geſchehen; gewiß hat ihn ſein Vorhaben nach einem AAANANNVRVDN, entfernten Orte geführt, denn ſonſt würde er nicht zwei Nächte auszubleiben brauchen und würde wenigſtens Zeit haben, um hin und wieder etliche Augenblicke bei ſeiner Braut einſprechen zu können. Auch ſind ja die drei Tage ſeines Ausbleibens, von denen er in ſeinem Schreiben ſpricht, erſt morgen Abend vorüber. Hatte aber bisher noch nicht ge— wußt, daß der Peter des Schreibens kundig iſt. So ſuchte er ſeine Beſorgniſſe über des liebgewonnenen Freundes Schickſal zu zerſtreuen, um ſeine ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit den Angelegenheiten der Bürger ſchenken zu kön⸗ nen, deren Entſcheidung nahe herangerückt war. Das Be⸗ wußtſein, für den Augenblick nichts weiter für Peter thun zu können, ſowie die Ueberzeugung, daß Gott ja auch das Schickſal des Freundes lenke, kamen der Erfüllung jener Ab⸗ ſicht zu ſtatten; äußerlich wenigſtens ruhig ſcheinend, langte er daher im Hauſe des Bürgermeiſters an und ließ dieſem durch Ehrig ſeine Anweſenheit melden. Rycke empfing ihn in ſeinem Gemach freundlich und zuvorkommend, lehnte de Dank des jungen Mannes wegen der durch den Diener gewährten Hülfe in höflichen Worten ab und zeigte ſich ſogleich bereit, Ottokars Bitte in Betreff des Verſchwundenen zu erfüllen, indem er ſeinen im Hauſe wohnenden Schreiber nach dem Rathhauſe ſandte, um die Ausſendung etlicher Leute zu bewerkſtelligen. Dann lenkte Ottokar das Geſpräch auf die ſtädtiſchen Angelegenbeiten und insbeſondere auf die Mißverhältniſſe zwiſchen den Patriziern und den Gewerken oder der eigentlichen Bürgerſchaft. Mit geheimer Freude ging Rycke beſonders auf den letz⸗ ten Gegenſtand ein; er hoffte Ottokar mit leichter Mühe ausforſchen zu können über Alles, was der junge Mann und ſeine Geſinnungsgenoſſen zu thun gedachten. Doch ſo ſehr er ſich auch der ſo oft und meiſterhaft geübten Verſtel⸗ lung befleißigte und alles aufbot, um ſeine Ueberzeugung von der Gerechtigkeit der Volksſache und ſeine Anhänglich⸗ keit und Treue für dieſelbe in glänzenden Farben und unter dem Deckmantel der Aufrichtigkeit gegen Ottokar zu ſchil⸗ dern— es gelang ihm diesmal nicht, das Vertrauen des jungen Mannes zu erwerben oder vielmehr das bereits er⸗ worbene ſich ferner zu erhalten. Ottokar ſtellte unwillkürlich Vergleichungen an zwiſchen Boytin und Rycke, welche ſehr zum Nachtheile des Letzteren ausfielen. Boytins kurze, geduungene Geſtalt, ſein volles, lebensfrohes Geſicht, ſeine faſt beſtändig lachenden Augen flößten von vornherein Zutrauen ein, während Rycke's hoher, aber dürren Körperbau, die wie Pergament über die her⸗ vorſtehenden Knochen geſpannte, gelbgraue Haut ſeines Ge⸗ ſichts, ſowie deſſen tiefliegende Augen mit dem ſtechenden und doch wieder ſo unſtäten Blicke, überhaupt alle Geber⸗ den ſeines Körpers viel eher abſtießen als anzogen. Doͤch waren es nicht gerade dieſe Aeußerlichkeiten der beiden Män⸗ ner, die Ottokar dem Einen Vertrauen ſchenken, dem Andern es verſagen ließen, denn er kannte Beide ſchon längere Zeit unter derſelben Geſtalt und nie waren ihm ihre Verſchie⸗ denheiten ſo grel⸗ or's Auge getreten; aber er fühlte es jetzt in dieſer Stünde, wenn auch nur unbeſtimmt, heraus, welch gewaltiger Unterſchied in ſittlicher Beziehung zwiſchen Boytin und Rycke obwaltete. Konnte er auch nicht immer und in allen Fällen mit des Erſteren Thun und Laſſen, be⸗ ſonders wenn Parteirückſichten daſſelbe leiteten, einverſtanden ſein, ſo trug doch alles, was Boytin that aund ſprach, das unverkennbare Gepräge ſeiner, wenn auch hier und da in etwas irregeleiteten Ueberzeugung an ſich. Ein Gleiches aber ließ ſich von Rycke nicht ſagen, ſo ſüß und freundlich auch ſeine Worte klangen und wie bereitwillig er auch auf die Wünſche und Meinungen des jungen, von warmem Eifer für das Wohl der Mitbürger beſeelten Mannes einging, ſo hatte doch des Bürgermeiſters ganzes Weſen etwas Froſti⸗ ges, Gezwungenes an ſich, das ſich mehr fühlen, als an 2 AAAAAE gewiſſen Merkzeichen, Geberden ꝛc. erkennen und trotz aller Verſtellungskunſt einem wahren, offenen Gemüthe gegenüber ſich nie verbergen läßt. Ottokar fühlte dies beſonders heute mehr als ſonſt, und ſo kam es, daß ſich während dieſes Zwiegeſpräches bei ihm eine gewiſſe Unbehaglichkeit, faſt Beklemmung geltend machte, die ihn verhinderte, dem Bürgermeiſter ſein Ver⸗ trauen zu erſchließen. 1 Nach einiger Zeit brach Ottokar daher die Unterredung mit einer höflichen Wendung ab und ging nach ſeiner Woh⸗ nung zurück, nachdem er zuvor erſt noch in Meiſter Tren⸗ nerts Hauſe eingeſprochen und dieſen, wie deſſen Tochter durch die Mittheilung von der bereits geſchehenen Ausſen⸗ dung etlicher Leute zum Aufſuchen in etwas beruhigt hatte. 4. Nach Ottokars Entfernung warf ſich Rycke nachdenkend in ſeinen Lehnſtuhl. — Muß wolhl nicht vorſichtig und fein genug bei der Unterredung geweſen ſein, ſprach er für ſich; denn wohl merkte ich, daß der junge Herr, der augenſcheinlich etwas auf dem Herzenghatte, das er mir vertrauen wollte, allge⸗ mach verſchloſſener und kälter ſich zeigte! Wahrlich, ein Wunder wär's eben nicht, wenn ich mich hin und wieder vergäße; denn mein armer Kopf iſt zum Berſten angefüllt mit Gedanken, Plänen und Berechnungen. Doch nicht im Kopf allein, auch hier innen in der Bruſt ſieht's wieder gar bunt und kraus aus! fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort. O, Pignetti, wäre ich durch Dich nicht ſo feſt von meinem höheren Berufe überzeugt, wie ich's von —— ꝙᷣ— — 2· — Deiner Frömmigkeit bin; hätteſt Du mir nicht ſo klar dar⸗ gethan, wie auch die Männer, welche in den heiligen Schrif⸗ ten als auserwählte Werkzeuge eines höheren Weſens be⸗ zeichnet ſind, mitunter Mittel zur Erfüllung ihrer Sendung brauchten, die man heutzutage böſe und verbrecheriſch nen⸗ nen würde; vor allen Dingen aber, hätte ich nicht Verge⸗ bung und Ablaß für alle begangenen und zur Erreichung meines Zweckes noch nothwendigen Sünden vom Oberhaupte der Chriſtenheit ſelbſt empfangen durch das mir gewordene Breve— wahrlich, ich müßte ablaſſen von dem Wege, den ich eingeſchlagen, denn ich wäre zu ſchwach, ihn bei den immer und ewig mir wiederkehrenden, entſetzlichen Zweifeln weiter zu verfolgen! Ob jenes Theobalds war ich bereits beruhigt, denn— doch genug davon; Brigitta's hatte ich vergeſſen, da ſie doch nimmer mein Weib werden konnte; auch meine früheren ehrgeizigen Pläne hatte ich im Laufe der Zeit aufgegeben, denn wenn ich's recht überlege, fehlte zur gänzlichen Erfüllung meiner Wünſche nur noch der we⸗ ſenloſe Name, da ich in Wirklichkeit Herrſcher war und noch bin— ſomit„alſo hätte ich in Ruhe und Genuß meine Lebenszeit hinbringen köͤnnen, in Ruhe des Gewiſſens we⸗ nigſtens— denn was mir ferner zu erreichen auch noch wünſchenswerth geweſen; ich hätt's erreicht allein durch mei⸗ nen Muth und meine Kraft und durch die Mittel, die mir zu Gebote ſtanden, ohne durch ſie mir einen nagenden Wurm an's Herz zu ſetzen. Da aber erſchien er, der Wunderbare, und berauſchte mich durch all die hohen Ausſichten, die mei⸗ nem Ehrgeiz er eröffnete; es war, als hätte er das geheimſte Getriebe meiner Gedanken erforſcht, ſo genaue Kunde hatte er von ihnen! Jetzt ließ es mich nicht ruhen und nicht raſten; von Stufe zu Stufe erklimmte ich die ſteile Bahn, an deren Ende mir der Erde Höchſtes entgegenſtrahlt und was im Wege war, das mußte fallen! Doch hätte ich mich nicht ſo weit verſtiegen, ich wäre umgekehrt auf halbem Wege, AAAAA;A;AN;;; wenn nicht Pignetli, der gottgeweihte Prieſter, mahnend und ſtrafend mir zur Seite geſtanden hätte. Ihm— ja, nur ihm opferte ich, uneingedenk des Stroband und noch An⸗ derer, meinen Sohn, den ungerathenen zwar, doch immer meinen Sohn, mein Fleiſch und Blut— denn er gab ja den Anſtoß zu ſolcher That durch ſeine ernſte Mahnung; um ihm mich ſtark zu zeigen, entſchlug ich mich der Tochter, des einzigen Weſens, das mich auf der Erde liebte, wenn dieſe Liebe ſich auch ungewöhnlich äußerte— ich bin gewiß, hätte ich dem Ottokar Helenens Neigung, wie ich wollte, anvertraut, er hätte des Mädels Entſchluß wankend gemacht und ſie zurückgeführt in meine Arme, wo ich doch zweie dann gehabt hätte als freiwillige Begleiter durch das Le⸗ ben, während jetzt—. O, mir vergeht die Kraft zum fer⸗ neren Handeln bei ſolchem düſteren Nachdenken, dem über⸗ haupt ich mich gern entſchlüge, wenn ich nicht ihm mich hin und wieder überlaſſen müßte, um dadurch meine Zweifel zu zerſtreuen! Das aber ſagt mir jeder Augenblick: iſt Pi⸗ gnetti nicht eben der, für welchen ich ihn halte, iſt Täu⸗ ſchung und Betrug dabei im Spiele: damn wehe mir auf ewig— dann bin ich jetzt ſchon der Elendeſten, der zum Entſetzlichſten Verdammten einer! Dann wäre mir beſſer, wenn ich nie geboren! Doch nein, o nein, das kann ja nimmer ſein! Der Menſch, der Böſes thut, hat einen Zweck dabei, ſei es ſein Vortheil, ſei es Rache, genug, er hat doch einen Zweck. Was aber ſollte Pignetti aus dem fernen Süden, dem ſchö⸗ nen Welſchland, hergetrieben haben in unſere rauhen Mar⸗ ken? Sein Vortheil? Nimmermehr! Denn jegliche Beloh⸗ nung, von mir ihm angeboten, hat er bis jetzt verächtlich ausgeſchlagen und welchen andern Vortheil könnt's ihm, dem Fremden, bringen, wenn er mich zu Thaten verleitet, die ihm nimmer zu Gute kommen? Und wofür ſollte er, den ich früher nie geſehen, Rache an mir zu nehmen haben AAAARR; — und da die Thaten, zu denen er den mittelbaren Anlaß giebt, mir zur Erreichung eines hohen, von mir jetzt heiß erſehnten Zieles dienen, worin beſtände alſo ſeine Rache? Nein, es iſt klar, nur Furcht und Kleinmuth ſind's, die all die Zweifel in mir heraufbeſchwören und nicht die Stimme des Gewiſſens, wie jene mir dann einzureden ſuchen! Und doch— nein, nein! Er ſprang auf und ging mit ungeſtümen Schritten im Gemach auf und nieder, indem er ſich Mühe gab, die Me— lodie eines fröhlichen Liedes von ſeinen Lippen ertönen zu laſſen. Doch wollte ihm dies nicht recht gelingen; bald wur⸗ den auch ſeine Schritte langſamer und wieder nachdenkend wie vorhin ſeine Miene. — Wunderbar genug iſt's mir ergangen mit meinem Vorhaben und meine Zweifel ſind mir wahrlich nicht allzu ſehr zu verargen! fuhr er nach einiger Zeit wieder fort. Schon glaubte ich am Ziele zu ſein und war es auch, ſo daß ich nur die Hand noch auszuſtrecken brauchte— da bricht das Unglück von allen Seiten über mich herein; mich ſelber trifft Kerkerhaft, den Vertrauten ebenfalls, und die Heeresmacht, die ich durch viele Opfer mir verſchafft, ſie wird in einer einzigen Nacht vernichtet! Warum iſt ſolches nicht verhütet worden? Pignetti ſagte mir zwar, die Zeit ſei noch nicht dageweſen; das aber iſt wahrlich auch der einzige Grund, der ſich für ſolch Ge⸗ bahren— des Schickſals— auffinden ließe! Und wandelbar iſt auch die höhere Hand, die mich leitet! Der junge Mann, der vorhin von mir ging, ihn hatte ich mir zum Werkzeug erſehen— denn ein beſſeres konnte ich nimmer finden— und damit ſchien man auch ganz einverſtanden zu ſein; da wird mir plötzlich geboten, einen andern Weg, als den bisherigen, einzuſchlagen, und der, deſſen Hülfe mir ſo viel genützt hätte, ſoll jetzt zum Opfer fallen! Nur gut, daß alle Pfaffen lehren, daß des ;EG Weltenlenkers Wege unbegreiflich für uns ſind, denn wahr⸗ lich ſonſt— Ungern nur opfere ich den Ottokar, das muß ich mir bekennen! begann Rycke erſt nach Verlauf einer längeren Zeit wieder. Er hat ſo etwas an ſich, was mich abhält, ihn gleich den Uebrigen zu behandeln. Doch ſchwer ward's mir ja auch bei dem Bernhard! Und eigentlich thue ich ja nur meine Pflicht als Stadtoberhaupt, wenn ich den Re⸗ bellen gegen die beſtehende Ordnung der gerechten Strafe überliefere! In dieſer Nacht ſoll mir endlich die nöthige Kunde wer⸗ den, wenn Pignetti nicht etwa wieder durch ein höheres Ge⸗ ſchäft verhindert wird! Welcher Art nur ſolche Geſchäfte ſein mögen!. Als er beim letzten Male mich abwies und mir dabei ein Wort des Unmuths entſchlüpfte, da reichte er mir den Schlüſſel zu ſeiner Zelle, und faſt wollte mir's ſcheinen, als thäte er dies, um ſich zu zwingen, daß er heute mein Be⸗ gehr erfülle. Gar eigenthümlich und ſeltſam iſt doch alles an dem Manne! Begierig bin ich doch, wer die Kinder jenes— Theo⸗ bald— ſein mögen! Auch iſt's die höchſte Zeit, daß ich dem Hauptmann ſein Opfer bezeichne, denn länger will er nicht mehr warten. Iſt auch dieſe That geſchehen, dann bin ich einer großen Sorge ledig und brauche dann nicht mehr die Plauderhaftigkeit der eigenen Tochter zu fürchten! Wie ſüß wird's ſein, wenn ich über all dieſe Sorgen und Anfechtungen hinaus bin und endlich die Früchte meines Strebens genießen kann! Doch wahrlich, weit hinaus gerückt iſt jetzt das Ziel! Der Weg, den ich auf Pignetti's Geheiß einſchlagen mußte, führt ſehr weit um und iſt ſehr unbequem! Mit dieſem Stroband, dieſem Heydicke ſoll ich für's Erſte Hand in Hand gehen, der Löwe mit dem Wolf! Doch freilich, nach dem Unglück all, das mich betroffen, iſt's noch der einzige Weg, der mir geblieben. Ein böſes Omen iſt, daß morgen am ſiebenten Tage des Monats der Rath die Wahl des Bürgermeiſters vor⸗ nimmt! Da es jedoch nicht mehr zweifelhaft iſt, daß wie⸗ der ich der Auserwählte bin, ſo trifft dies ungünſtige Vor⸗ zeichen nicht auf mich, ſondern auf die Narren, die mich auf ihren Schultern zur Herrſchaft erheben, wähnend, die ihrige dadurch zu ſichern! Sie ſelber haben's mir im Ver⸗ trauen eingeſtanden, daß ſie während der Zeit, wo ein ſelt⸗ ſam Mißverſtändniß mich im Kerker hielt, recht deutlich fühl⸗ ten, daß ſie ohne mich nichts vermögen! Nur gemach, Ihr Herren; bin ich erſt Euer Herzog, ſo tränke ich Euch jenes Mißverſtändniß ein! So von Gedanken zu Gedanken, von Vorſtellung zu Vorſtellung ſpringend, ſuchte Rycke die ſtrafende Stimme des Gewiſſens zum Schweigen zu bringen. Allein wie begierig er auch nach Allem haſchte, was zu dieſem Zwecke dienen konnte; wie feſt er ſich an all den Truggründen anklam⸗ merte, die ſein im Böſen umnachteter Geiſt raſtlos zu finden bemüht war, ihre Stichhaltigkeit zu unterſuchen nicht wa⸗ gend, wie eifrig er ſich bemühte, Bilder künftigen Glanzes und Glückes vor ſich heraufzubeſchwören und ſich in ehrgei⸗ zige Träumereien zu verſenken— immer wieder, immer ſtär— ker erhob ſich der rächende Mahner in ſeiner Bruſt; ſtatt der Bilder künftiger Macht und Hoheit erſchienen Schaffot und Hölle vor ſeinem Blick; ſtatt der dem gekrönten Glück⸗ lichen zujauchzenden Höflinge fah er nur bleiche Schatten drohend die Hände gegen ihn erheben, und den Ablaßbrief des heiligen Vaters, ſonſt ſeine letzte und ſichere Zuflucht, verzehrte vor ſeinem inneren Auge hölliſches Feuer zu nutz⸗ loſem Zunder. — O, wenn's nur erſt Mitternacht wäre, daß ich zu ihm gehen könnte! ächzte er tief und ſchwer unter der Laſt Die ſchwarzen Brüder. III. 5 AAANAANANAÄNBÄVX ſolcher Qualen. Er muß mir ein Mittel an die Hand ge⸗ ben, das ſolche Stunden von mir fern hält, denn ſonſt erliege ich unter dem Drucke des mir Auferlegten! Ehrig erſchien mit dem Nachteſſen, welchem ein Schop⸗ pen warmen Weins beigefügt war. Haſtig ſtürzte Rycke den Trank hinunter. — Ha, das kühlt! Wein, mehr Wein, und vom ſtärk⸗ ſten! Hörſt Du nicht! donnerte er dem beſtürzten alten Diener zu. Schnell, ſchnell! Ohne diesmal eine Vorſtellung zu wagen, was er ſich ſonſt wohl erlaubte, erfüllte Ehrig das Verlangen ſeines Herrn. Mit tiefem Kummer mußte er ſehen, wie Rycke Zug um Zug den ſtarken Wein hinunterſtürzte. — So war's gut, mein Alter! ſagte Rycke endlich. Jetzt iſt mir wohl und leicht um's Herz, weil mir der Kopf ſchwer iſt! Da ſieht man deutlich, daß man's ſelber nur mit ſeinem dummen Grübeln iſt, der all das bunte Zeug erſtehen läßt! Nun, Alter, harre im Vorgemach, bis die Glocke elf ſchlägt, dann komm herein und rufe mich wach— vergiß es aber beileibe nicht! Rycke taumelte nach ſeinem Ruhebett und warf ſich angekleidet auf daſſelbe. Hätte ihn ein rachedurſtiger Tod⸗ feind, der noch eine Spur des Menſchen an ſich hatte, ſo geſehen— wahrlich, er hätte das Maaß der Rache für ge⸗ füllt gehalten und Mitleid wäre an die Stelle des Haſſes getreten. Zur beſtimmten Zeit trat Ehrig wieder ein und weckte den vom übermäßig genoſſenen Wein Betäubten. Wirr und wüſt im Kopfe, erhob ſich Rycke vom Lager und warf ſich in die Verkleidung, die er auf ſeinen gehei⸗ men Wegen in der Regel zu tragen pflegte, um nicht von jedem Begegnenden erkannt zu werden. Dann nahm er aus einem Schrank einen Schlüſſel, bewaffnete ſich mit einem langen Dolche, den er unter dem Mantel verbarg, und ſchlich ſich dann zum Hauſe hinaus, deſſen Thür ihm Ehrig leiſe und vorſichtig öffnen und hinter ihm ebenſo verſchließen mußte. Ohne Säumen ſchlug er dann den Weg zum Klo⸗ ſter der Schwarzen Brüder zu Kölln ein, indem er ſich im— mer auf der Seite der Gaſſe hielt, die nicht vom Mond⸗ ſchein erhellt war. Er war erſt wenige Schritte von ſeinem Hauſe ent⸗ fernt, als die Thür eines andern, ſeinem gegenüberliegenden Hauſes gleichfalls leiſe geöffnet ward und zwei ſorgfältig verhüllte Geſtalten ihm mit unhörbaren Tritten folgten, als ob ſie ſeine Schatten wären. Rycke bemerkte ſeine Beglei⸗ ter nicht. An der Pforte des Dominikaner⸗Kloſters blieb Rycke ſtehen und klopfte. Seine Begleiter blieben in geringer Ent⸗ fernung ſtehen. Bald fragte die Stimme des Mönches, welcher jetzt den Pförtnerdienſt verſah, hinaus, wer Einlaß begehre. Rycke nannte leiſe den Namen des Doktor Pignetti. Gleich darauf ward ein Riegel von Innen zurückgeſcho⸗ ben und die Pforte geöffnet. Rycke trat ein. — Mein hochwürdiger Beichtiger iſt alſo heute geneigt, mir Gehör zu ſchenken? ſprach Rycke zu dem Mönch, wäh⸗ rend dieſer die Pforte wieder verſchloß. — Der hochwürdige Herr befahl mir heute, Euch nicht mehr, wie in den letzten Tagen geſchehen, abzuweiſen, ſon⸗ dern Euch vielmehr zu ſagen, daß Ihr kommen möget, ver⸗ ſetzte der Mönch. Findet Ihr die Zelle des Hochwürdigen? Rycke bejahte dieſe Frage und ſchritt die gewundenen Stiegen hinan. Durch mehrere Kreuzgänge gelangte er end— lich an Pignetti's wohlbekannte Eingangsthür. Jetzt zog er den mitgebrachten Schlüſſel hervor, öffnete und trat ein. Die von einer tief herabgebrannten Kerze erleuchtete, wie alle andern im Kloſter ausgeſtattete Zelle bot den ge⸗ wöhnlichen Anblick dar. Pignetti war nicht anweſend. 5 AAAAAARRPDO — Es iſt noch nicht ganz Mitternacht, werde daher wohl etwas warten müſſen, ſprach Rycke für ſich, indem er ſich auf den hölzernen Schemel niederließ. Wenn's nur nicht allzu lange dauert, bis es ihm gefällt, mir Gehör zu geben! Iſt dieſer Ort auch nur eine einfache Kloſterzelle, ſo wehen doch unheimliche Schauer mich hier an. Und kalt iſt's hier, daß mir die Glieder zittern! Er hüllte ſich dichter in ſeinen Mantel und ſchloß die Augen. Der Weindunſt war noch nicht ganz aus ſeinem Kopfe verflogen und ſchon begann der Schlaf ſeine Sinne zu umnebeln, als er plötzlich emporfuhr. Er glaubte im Nebengemach, das mit dieſer Zelle durch eine Thür verbun⸗ den war, Schritte und ein heiſeres Lachen vernommen zu haben. Lauſchend richtete er den Kopf in die Höhe. Das Lachen wiederholte ſich nicht; dagegen vernahm er deutlich die Schritte eines Menſchen, der in jenem Ge⸗ mach auf und nieder ging. — Es wird Pignetti ſein, der drinnen ſeine Künſte treibt! dachte Rycke. Das Lachen aber werde ich wohl nur im Traume vernommen haben! Er erhob ſich, huſtete leiſe und ging gleichfalls in der Zelle auf und nieder, um ſo ſeine Gegenwart kundzugeben. Bei dem erſten Schall ſeiner Tritte aber verſtummte das Geräuſch im Nebengemach. Rycke wartete noch eine Weile; dann trat er an die Thuͤr und fragte leiſe: — Seid Ihr's, Hochwürdiger?— Der Bürgermeiſter Rycke iſt's, der alſo frägt. Da ihm keine Antwort ward, aber die Schritte ſich wieder vernehmen ließen, ſo wiederholte er ſeine Worte mit etwas lauterer Stimme. — Biſt Du es, Berend? Warum kommſt Du nicht? tönte es jetzt von Innen. — Des Doktors Stimme klingt heut ja ſeltſam weich! dachte Rycke. Doch finde ich denn den Wundermann nicht jedes Mal verändert? Durch die letztere Erwägung ſeine Bedenken beſeitigend, verſuchte Rycke, die Thür zu öffnen. — Die Thür iſt verſchloſſen! ſprach er wieder laut, als ſeine Bemühung nichts fruchtete. — So öffne ſie— haſt Du es denn verlernt? tönte es zur Antwort. Ich habe Dir den Schluͤſſel ja gegeben zu meinem Kämmerlein— weißt Du's nicht mehr? Frei⸗ lich iſt's etwas lange her! — So kurz iſt aber mein Gedächtniß nicht, daß ich's von geſtern ſchon vergeſſen hätte, wär's mir geſagt, daß je⸗ ner Schlüſſel auch für dieſe Thür iſt! erwiederte Rycke, indem er zu der Eingangsthür der Zelle trat und den mit⸗ gebrachten Schlüſſel aus deren Schloß zog. Gleich werde ich bei Euch ſein, Hochwürdiger, denn mich verzehrt die Ungeduld, bevor ich mit Euch rede! Wirklich paßte der Schlüſſel auch zu der Thür des Nebengemachs. Schon ſeit geraumer Zeit hatte Rycke dieſe Thuͤr ge⸗ öffnet und noch immer harrte ſein Fuß wie gebannt auf der Schwelle der uns bereits bekannten leeren Zelle; ſeine Augen aber ſtierten eine weibliche Geſtalt an, die in jenem Gemach ſtand, und um die das Licht des Mondes, das durch das Fenſter drang, einen bleichen Schimmer webte. Uebeweglich, wie die Geſtalt, ſtand auch er— nur in ſeinem ſich empor⸗ richtenden Haar ſchien noch Leben zu ſein. Plötzlich ſtreckte die Geſtalt die Arme nach ihm aus und kam ihm hüpfend näher. Von kaltem Grauſen geſchüt⸗ telt, bleiche Furcht in ſeinen Zügen, taumelte Rycke zurück. Da ließen ſich vom Korridor her Schritte vernehmen; die Thür ſprang auf und Pignetti erſchien in derſelben. Auch er war entſetzlich bleich. Mit einem Blicke überſchaute er die nächtliche Scene. RRD Kaum ward die Geſtalt ſeiner anſichtig, als ſie ſich auch ſogleich ſcheu zurückwandte. Pignetti ſchritt bei Rycke vorüber in die leere Zelle, deren Thür er hinter ſich ver⸗ ſchloß. Der Bügermeiſter bedurfte längere Zeit, ehe er ſich wieder einigermaßen zu faſſen vermochte. — Das war Brigitta's bleicher Schatten— oder ſie ſelber! ſtammelte er bebend. Sie war es, wie ich ſie einſt gekannt— ſogar die Kleider waren noch dieſelben! Iſt dies die Beruhigung, die ich hier zu finden hoffte? Bald trat Pignetti wieder ein. Sein Antlitz war noch bleicher, als ſonſt; doch eine eiſige Ruhe lag in ſeinen Zügen. — O, Hochwürdiger, warum habt Ihr mir das ge⸗ than! ſprach Rycke klagend. — Was bedeuten dieſe Worte, Herr Rycke? entgegnete Pignetti in ſtrengem Tone, den brennenden Blick feſt auf den Zagenden richtend. — Ihr könnt noch fragen, Herr? gab Rycke zur Ant⸗ wort. Habt Ihr doch ſelber geſehen das Geſpenſt, das dem Todtenreich entſtiegen, um auch ſein Theil dazu beizutragen, mich irre zu machen auf dem Wege, den ich auf Euer Ge⸗ heiß betreten. War's eine Prüfung meiner Kräfte nur— ſo war ſie faſt zu ſtark und auch wohl nicht vonnöthen nach dem, was ich bisher gethan. Pignetti trat zu Rycke und legte ſeine Hand auf deſſen ſchweißbedeckte Stirn. — Ihr ſeid noch voll des ſüßen Weines, der Eure Sinne verwirrt hat; ſprach er nach einer Weile in zürnen⸗ dem Tone. Darum nahmt Ihr die Truggeſtalten Eurer wüſten Träume beim Erwachen für Wahrheit. Geht nach Hauſe, Herr, und laßt Euch in's Bett tragen. — O, wie viel wollte ich darum geben, wenn Ihr auch diesmal Recht hättet, Hochwürdiger! ſprach Rycke zweifelnd. Aber ich weiß, daß ich vollkommen wach war. —. gV——+——,—— 2 ————— —— 71 AAAAAAANNN;Aæ;E — So übt alſo auch jetzt noch die Trunkenheit ihre Gewalt über Euch aus! ſagte Pignetti mit verächtlichem Ton und Blick. Geht, geht, ſolche Gegenwart verträgt nicht dieſer Ort! — Ihr wollt mich wieder unverrichteter Sache fort— ſchicken, Hochwürdiger? rief Rycke erſchrocken. O, dann vernichten mich die fürchterlichen Zweifel! Wahr iſt's— und Eurem Wiſſen iſt es nicht entgangen— daß ich vor etlichen Stunden einige Maaß ſtarken Weines mehr getrun⸗ ken, als mir gerade dienlich war; aber wenn Ihr nur den kleinſten Theil deſſen ahntet, Hochwürdiger, was mich dazu getrieben— nicht verachten, auch nicht bedauern, nein: be⸗ wundern würdet Ihr mich, bewundern ob meines feſten Mu⸗ thes, mit dem ich trotz aller Anfechtungen, die wohl aus der Hölle ſtammen mögen, die eingeſchlagene Bahn auch ferner zu verfolgen geſonnen und entſchloſſen bin! Ja, wahr⸗ lich, mühſam und dornigt iſt der Weg, den ich nach Eurem Willen wandern muß, und wohl hat mein Gehorſam es verdient, daß Ihr mir hin und wieder Euren ſtützenden Arm leiht! O, thut dies auch heute, lieber Herr; gern will ich Euch zu Willen ſein und zugeben, daß jene Erſcheinung nur ein Spiel meiner Phantaſie geweſen— aber helft mir ſie bezwingen, dieſe gräßlichen Zweifel, denn glaubt mir, auch der Stärkſte muß da unterliegen, unde ich bin eben doch auch nur ein ſchwacher Menſch! In Pignetti's Bruſt regte ſich wilde Freude, als er die flehenden Bitten des Bürgermeiſters vernahm, aus denen die höchſte Angſt der Verzweiflung unverkennbar ſprach. Doch keine Bewegung ſeines kalten Geſichts deutete auf die in ſeinem Innern, als er dem Bittenden in eiſigem Tone antwortete: — Nicht ich war es, Herr Rycke, der Euch auf jenen Weg geleitet, den Ihr jetzt ohne meine Hülfe nicht weiter verfolgen zu können meint, ſprach er; Euer freier Wille und RT Entſchluß trieb Euch dazu. Glaubt Ihr denn, Gott hätte nicht andere Rüſtzeuge ſeines Willens finden können, die we⸗ niger kleinmüthig geweſen wären? Ich rieth Euch d'rum zuvor, Euch wohl zu prüfen— habt Ihr Euch nun geirrt, ſo iſt's Eure Sache wie auch Euer Schade! Fühlt Ihr Euch jetzt zu ſchwach, ſo iſt's am beſten, Ihr kehret unge⸗ ſäumt um und überlaßt einem Würdigern das Feld! Doch ſagte ich Euch damals auch zugleich— denn jeglichen Fall, alſo auch dieſen, führte ich Euch damals vor die Augen— daß dann über Alles, was Ihr bisher gethan, ſtrenges Ge⸗ richt gehalten werden wird, denn dann gereichten jene Tha⸗ ten nicht zur Ausſäbrung eines höheren Willens, und ver⸗ antworten müßt Ihr ſie, wie jeder andere Sterbliche einſt ſein Thun und Laſſen droben verantworten muß! Das alles und mehr noch habe ich Euch geſagt; Ihr aber tratet keck die Sendung an und Euer iſt daher allein die Schuld, wenn Ihr auf halbem Wege ſtecken bleibt! Ja wahrlich, beſſer iſt's, Ihr kehret um. — O, ſprecht nicht ſo, Hochwuͤrdiger, nur nicht ſo! flehte Rycke. O, Ihr, der Ihr höher ſteht, als andere ge⸗ wöl itiche Menſchen— der Ihr vielleicht der Engel einer ſeid— Ihr mögt es freilich nicht begreifen, welch harte lunfechtangen wir ſchwache Geſchöpfe zu beſtehen haben! Und mir beſonders dürft Ihr nicht ſo zürnen ob meiner Klagen; ſehet, mußte ich nicht bereits zwei Kinder opfern — während Abraham das eine ſchon geſchenkt ward, als er zum Opfer ſich bereit erzeigte? Ja, wenn Ihr einem in den beiden Städten ſagt, der Rycke habe vor Euch geklagt und geweint: er wird es Euch nicht glauben; und wenn s glaubt, ſo wird er ſicher meinen:„Es muß den Rycke mehr denn Höllenqual getroffen haben, daß er alſo vor Men⸗ ſchen ſich geberdet!“ Glaubt mir's, die ärgſte Feuerpein iſt Wolluſt gegen dieſe Folterqualen, die durch die ewig wiederkehrenden, durch AAAAAAAAŔÖ Menſchenmacht nicht zu beſiegenden Zweifel in meiner Seele erwachſen! Ich bitte Euch ja nicht darum, mir dieſes oder jenes, was ich thun muß, zu erlaſſen— ich flehe Euch ja nur um ein Mittel an, wodurch ich dieſen Zweifeln fürder kann begegnen! Ihr, die Ihr doch ſo vieles könnt, für Euch iſt die Gewährung ſolcher Bitte nur ein Kleines! O, ſeid barmherzig und gewähret mir! — Nicht von mir hängt es ab, Euch dieſe kindiſche Bitte zu gewähren, entgegnete Pignetti; ich muß darüber mich bei meinem Gott und Herrn befragen. Vergönnt der's mir, ſo bringe ich ſelber den Beſcheid. Bis dahin aber müßt Ihr ſchon den Feind, der ſich im eignen Innern gegen Euch erhebt, mit eigenen Waffen zu bekämpfen ſuchen. Wer ſo, wie Ihr, das Höchſte will erreichen, der muß auch das Schwerſte zu erdulden bereit ſein, denn nur nach Kämpfen winkt die Siegerpalme! Habt Ihr zu ſolchem Kampfe aber weder Luſt noch Muth, ſo— wiederhole ich Euch— wird's wahrlich beſſer ſein, wenn Ihr die für Euch unerfüllbare Sendung einem Andern überläßt. — Und mir ſollte dann nur das Bewußtſein bleiben, daß all die Qualen, die ich litt und leiden werde, doch ver⸗ geblich und umſonſt geweſen ſind! rief Rycke aus. Nie und nimmer kann ich ſolchen Rath befolgen! — Ich ſage Euch ja, Ihr habt ganz freien Willen— wie ſchon damals, als ich zuerſt mit Euch hierüber ſprach, wie auch noch jetzt! verſetzte Pignetti kalt. — Nein, vorwärts muß ich, koſte es, was es wolle! fuhr Rycke fort. Was ich bis jetzt gethan, geht ja nicht mehr ungeſchehen zu machen! Entziehet mir nur fürder nicht Euren Rath und Eure Hülfe, ſo ſollt Ihr noch mit mir zufrieden ſein! Wird's lange währen, Hochwuürdiger, bis Ihr mich von meinen Zweifelsqualen befreit? — Das liegt in der Hand deſſen, dem ich diene! er⸗ wiederte Pignetti. Doch dieſer Dienſt nimmt jeden Augen⸗ ———jä— 3— p mit Euch in müßigen Plaudereien mich ergehen. Ihr woll⸗ blick meiner Zeit in Anſpruch, d'rum darf ich länger nicht tet von mir wiſſen, wer es ſei, der Euch bedroht durch An⸗ ſprüche, die er als rechtmäßiger Sohn Eures älteren Bru⸗ ders an Euch machen könnte— war's nicht ſo? Rycke machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopfe. — Eures Bruders Sohn nennt ſich Ottokar Reinhold. Der Bürgermeiſter wich erſchrocken zurück. — Der alſo iſt's? ſtammelte er. — Der und kein Anderer iſt's! wiederholte Pignetti. Die andere Frage aber kann ich Euch erſt löſen, wenn mir von Gott die Antwort iſt geworden. — Nach dieſer Löſung verlange ich jetzt nicht mehr ſo dringend, ſprach Rycke dumpf. Denn Euer Gott, wohl hat er es gewußt, daß dieſer Ottokar nicht viel Zeit mehr zu geheimen Verſchwörungen übrig haben wird, ſobald die Kunde mir geworden, daß er des Theobald Sohn iſt!. — So gehet denn und thut, was Euch nothwendig duͤnkt! verſetzte Pignetti. Sobald ich weiß, daß ich Cuch dienen kann, ſollt Ihr ungeſäumt von mir hören! Rycke verließ mit tiefem Seufzer des Italieners Zelle; er hatte keineswegs das gefunden, was er hauptſächlich hier geſucht. — Der entgeht mir nicht mehr! murmelte Pignetti nach Rycke's Entfernung. Aber welcher Unterſchied zwiſchen dieſem, dem ſtarken Manne, wie er ſich ſonſt dünkte, und jenem da unten! fuhr er nach einigem Sinnen fort. Was aber mag nur die Urſache dieſes ſo gewaltigen Unterſchie⸗ des ſein? Noch kurze Zeit verweilte er in dieſer Zelle; ungewöhn⸗ liche Gedanken ſchienen in ihm aufzutauchen. Als er aber gewahrte, daß warme Blutstropfen unter ſeinem Talar auf den Fußboden hinabrannen und ein ſtechender Schmerz ſei— nen Körper durchzuckte, verfügte er ſich in die letzte der ihm ei 75 eingeräumten Zellen, wo er eine Wunde verband, die ſich in der linken Seite ſeiner Bruſt, unmittelbar über dem Herzen, zeigte. Als die Kloſterpforte ſich wieder hinter dem Bürger— meiſter geſchloſſen hatte und dieſer mit verwirrten Sinnen ſeinem Hauſe zueilte, traten auch die beiden Männer, welche vorhin den Schritten Rycke's ſo heimlich gefolgt waren, aus dem dunkelen Schatten der dem Kloſtergebäude gegenüber befindlichen Mauer, wo ſie während Rycke's Anweſenheit im Kloſter verweilt hatten, hervor, und ſchlugen gleichfalls den Weg nach der Spandower Straße ein, ohne jedoch, wie vor⸗ hin, dem Bürgermeiſter auf dem Fuße zu folgen. Vielmehr ließen ſie dieſen einen kleinen Vorſprung gewinnen, um, wie es ſchien, deſto ungeſtörter ihr leiſes Zwiegeſpräch führen zu können. — Nun, ſeid Ihr jetzt mehr geneigt, meiner Meinung beizupflichten, Herr Stadthauptmann? nahm einer der Bei⸗ den das Wort. Wenigſtens habt Ihr Euch jetzt überzeugt, daß es mit den heimlichen, nächtlichen Ausgängen des Bür⸗ germeiſters, von denen Euch Euer Vetter, der dem Rycke gegenüber wohnt, Kunde gebracht, nichts weiter auf ſich hat, als was ich längſt vermuthete: daß er nämlich jetzt anfängt, ein Kopfhänger und Betbruder zu werden und allnächtlich ſeinem Beichtiger ſeine Sünden bekennt. Und ſolcher Mann iſt doch wahrlich nicht zu fürchten, oder wenigſtens doch lange nicht gefährlich genug, um uns ſeiner Beſeitigung wegen einer noch größern Gefahr auszuſetzen. — Freilich ſcheint es, als ob Ihr mit Eurer Vermu⸗ thung Recht hättet, Herr Heydicke, obwohl ich dieſe plötz⸗ liche Veränderung mit Rycke's bisherigem Weſen und Cha⸗ rakter nicht gut zuſammenreimen kann, erwiederte der alte Stroband. Wenn nun aber auch angenommen werden kann, AAAE. daß Roycke jetzt nicht mehr auf Verrätherei ſinnt— was man immer noch nicht mit Gewißheit ſagen kann— ſo iſt doch hinlänglich erwieſen und dargethan, daß er früher Ver⸗ rath geſponnen und daß das Gelingen ſeines Vorhabens nur an gewiſſen Umſtänden geſcheitert iſt— geht dies nicht aus den Entdeckungen, die hierorts ſowohl, als in Frank⸗ furt an der Oder gemacht wurden, ſonnenklar hervor? Und da dächte ich denn doch, daß es unſere Pflicht erheiſchte, ſolchen Frevel zu ahnden, wie unſere Geſetze es vorſchrei⸗ ben, nämlich durch das Schaffot! — Ich pflichte Euch in ſofern bei, Herr Stroband, als wir das Recht hätten, dem Bürgermeiſter zu Leibe zu gehen, entgegnete Heydicke; ob es aber klug gehandelt wäre, das, meine ich, iſt eine andere Frage, die zu allererſt er⸗ wogen werden muß. Bedenkt unſere jetzige unſichere Stel⸗ lung, lieber Herr; der Anhänger ſind leider wenige, der Gegner aber viel. Nun ſind unter denen, die dem Rathe oder vielmehr den Patriziern noch zugethan ſind, wieder die meiſten perſönliche Anhänger Rycke's, der ſie ſich auf irgend eine Art zu verpflichten gewußt hat, und die mit des Bür⸗ germeiſters Sturze, großen Nachtheil für ſich befürchten; ſol⸗ len wir uns auch die noch zu Feinden machen? Erwägt ferner, Herr Stroband, daß bei den vielſeitigen Gefahren, die uns ſowohl von Oben wie von Unten her drohen, die höchſte Einigkeit uns vonnöthen iſt; denn nur mit vereinten Kräften dürfen wir hoffen, dem doppelten Sturme ſiegreich widerſtehen zu können. Dazu kommt nun noch das Ge⸗ ſchrei, welches die Kurfürſtlichen erheben würden, wenn einer der Unſrigen des Landesverraths— denn ſolcher liegt doch in Rycke's Verbrechen vor— angeklagt und überwieſen würde; denn ein heimlich Gericht wollt Ihr ja am wenig⸗ ſten! Hätten die Fürſten, die ohnehin ſchon unter ſich einen Bund gegen die Städte geſchloſſen, dann nicht den längſt⸗ erſehnten Grund, uns unter dem Scheine des Rechtes un⸗ .2* ——g ſerer Gewalt zu entkleiden, indem ſie das Verbrechen des Einen, wie's immer geſchieht, der ganzen Genoſſenſchaft zu— ſchreiben würden; und würde ihnen dann nicht Kaiſer und Reich bereitwillig Hülfe leiſten gegen die verhaßten Krämer und Geldſäckel, wie ſie uns gemeinhin nennen? Und auf weſſen Hülfe ſollten wir uns alsdann verlaſſen? Auf die der Hanſa, deren Glieder ſelbſt mit ſich zu thun haben, da in allen bedeutenden Städten des Bundes blutiger Aufſtand gegen die Patrizier ausgebrochen iſt oder eheſtens ausbre⸗ chen wird? Auf die der wenigen Anhänger, die wir dann noch haben würden, und auf die der Stadtſöldner, denen in einem ernſtlichen Kampfe am wenigſten zu trauen iſt? Die Antwort auf dieſe Fragen iſt wahrlich leicht zu geben! Seht, Herr Stroband, wie und von welcher Seite man die Sache auch betrachten mag, immer iſt es gefährlich, dem Rycke anzuthun, wie er's verdient hat; und das haben un⸗ ſere werthen Freunde und Bundesgenoſſen, die hochweiſen Herren zu Frankfurt an der Oder, ebenfalls wohl erwogen, als ſie die Augen zudrückten ob der Verrätherei, die von ihnen ſelber— freilich auf Eure Mittheilungen und Anre⸗ gungen— entdeckt worden, und als ſie uns riethen und er— ſuchten, gleich ihnen in dieſer Angelegenheit zu verfahren. Wir haben von vorn herein übel daran gethan, ſo viel Macht und Gewalt in eines Menſchen Hand zu legen, und dürfen jetzt froh ſein, dieſen Mißgriff nicht noch anders büßen zu müſſen, als unſerer gerechten Rache diesmal Schwei⸗ gen aufzuerlegen. Darum iſt meine Meinung und auch die der übrigen Rathsherren, daß wir nur den Rycke auf gute Art für die Zukunft unſchädlich machen, und dazu bietet ſich morgen eben die beſte Gelegenheit dar; wünſchenswerth wär's nun, wenn auch Ihr, Herr Stroband, dieſe Meinung Eurer Amtsgenoſſen theiltet. — Die Gründe, die Ihr da angegeben— ich muß es bekennen— ſind der Klugheit und unſerem Vortheile gemäß, — — nahm der Stadthauptmann nach einer Weile das Wort; und nicht das allein iſt's, was mich Eurer Meinung halb und halb beiſtimmen läßt, ſondern vielmehr die Ueberzeu⸗ gung, daß das Wohl der Bürger ſolches erheiſcht. Aber offen bekenne ich, daß mir, der ich gewohnt bin, nur immer auf geradem Wege zu wandeln, dies Gebahren bis in's Innerſte zuwider iſt und daß ich lieber all jenen Gefahren ausgeſetzt ſein möchte, als mir den Vorwurf machen zu müſſen, dem Rechte auch nur um eines Haares Breite ver⸗ geben zu haben. Doch eben aus Rückſicht auf Euch ſowohl, als auch auf die Bürger dieſer Städte mag's für diesmal ſo hingehen. Wenn ich nun aber auch nicht mehr darauf dringe, dem Rycke wegen des gegen die beiden Städte ver⸗ ſuchten und theilweiſe auch ausgeführten Hochverraths den Prozeß zu machen, ſo muß ich doch nichtsdeſtoweniger dar⸗ auf beharren, daß die Anklage gegen ihn wegen Todtſchlags an dem Waldwärtel Stephan erhoben werde. Vermag er, ſich dieſerhalb zu reinigen, ſo ſoll's mir lieb ſein; doch bin ich nicht geſonnen, ſo arge Verbrechen mit Stillſchweigen zu übergehen und werde auf eine Unterſuchnng wegen dieſer Sache um ſo mehr dringen, als hierbei nicht gleiche Klug⸗ heitsgründe zu berückſichtigen ſind. Ich denke, Euch gleicher Anſicht zu finden, Herr Heydicke. — Ich bin in ſofern Eurer Meinung, Herr Stadt⸗ hauptmann, als auch ich es lieber ſehen würde, wenn die ſtrafende Gerechtigkeit, ſo in unſere Hand gelegt, ihren Lauf haben könnte, entgegnete Heydicke, und begreife gar wohl, daß die Art und Weiſe, in der wir leider dieſe Angelegen⸗ heit behandeln müſſen, Eurem geraden und biederen Sinne widerſteht. Doch nachdem Ihr einmal zugegeben, daß uns Klugheitsgründe gebieten, den Hochverrath frei ausgehen zu laſſen, ſo wird's Euch bei näherer Erwägung ſicherlich eben ſowohl einleuchten, daß wir dann auch über Alles, was jenem dienen oder ihn befördern ſollte, hinwegſehen müſſen, alſo auch über die Tödtung des Waldwärtels, die doch jeden⸗ falls mit dem von Rycke verſuchten Hochverrath in enger Verbindung ſteht— wir können nicht, meine ich, die Mittel, durch welche Rycke ſeine Zwecke erreichen wollte, an den Tag ziehen, ohne damit zugleich auch den letzteren für alle Welt zu offenbaren. Die Gefährlichkeit ſolchen Beginnens habt Ihr aber bereits zugeſtanden, Herr Stroband. — Freilich bin ich nicht ſo erfahren und gewandt im Wortſteit und in der Auslegung von Worten, um Euch lar darlegen zu können, was von Euren Gründen Schein, was Wahrheit iſt, verſetzte der Stadthauptmann; aber fra⸗ gen muß ich Euch, Herr Heydicke, ob Ihr's mit Eurem Ge⸗ wiſſen werdet vereinigen können als Ehrenmann, wenn Ihr künftig als Gerichtsbeiſitzer einen Dieb oder dergleichen ver⸗ urtheilen ſollt, während Ihr einen Mörder wiſſentlich un⸗ geſtraft ließet. — Ihr bedenkt nicht, Herr Stadthauptmann, daß die Schuld des Bürgermeiſters an dem Morde nicht hinlänglich erwieſen iſt, erwiederte Heydicke, ohne ſich jedoch von den Worten des Stadthauptmanns gereizt oder gekränkt zu zei⸗ gen. Der Waldwärtel kann's nicht mehr ſagen, wer ihn umgebracht, und die, ſo bei dem Morde geholfen, werden ſich wohl hüten, zu plaudern, da es ihnen ſelbſt an den Hals gehen könnte. Habt Ihr doch ſelber erfahren, wie leicht man ſich irren kann, wenn man auch die ſtärkſten Verdachtsgründe zu haben meint; ich erinnere Euch nur an die Geſchichte mit dem Boytin am dritten Weihnachtsfeier⸗ tage, wo Ihr glaubtet, wichtige Zeugniſſe über ſein verbre⸗ ſcheriſches Einverſtändniß mit dem hohenzollerſchen Anhange in Händen zu haben— ſowie auch an das Hinabſtürzen der Kiſte in den Hungerthurm, wo bei Euch kein Zweifel mehr war, daß jene Kiſte Euren Sohn oder deſſen Leichnam enthielte; und doch mußtet Ihr ſelber Euch in beiden Fällen von der Grundloſigkeit Eures Verdachtes überzeugen. Könnt's ; nicht ebenſo auch diesmal der Fall ſein? Was nun aber den Tod des Waldwäͤrtels ſelbſt anlangt, ſo beruhige ich mich über dieſen um ſo eher, als der heuchleriſche Schurke ſo wie ſo dem Strange nicht entgangen wäre, hätte Herr Thomas Wyns, unſer Kämmerer, etwas früher die Wald⸗ rechnungen durchgeſehen und ſo die unerhörten Betrügereien des Hallunken entdeckt, der ſich Aller Vertrauen zu erſchlei⸗ chen gewußt; es iſt dem Stephan alſo nur geſchehen, was er verdient hat, und deshalb werde ich künftig jeden Dieb verurtheilen können, ohne Gewiſſensbiſſe darüber zu empfin⸗ den, daß ich den Tod des Waldwärtels ungerächt gelaſſen. Stroband ſchwieg eine Zeit lang. — Noch immer habe ich den Bürgermeiſter in Ver⸗ dacht, daß er meinen Sohn heimlich über Seite geſchafft, ſprach er endlich. Aber eben deswegen will ich mich für jetzt in Euer Verlangen fügen, damit's nicht heiße, ich ſtelle meine Rache über das gemeinſame Wohl Aller; obwohl nur die Sorge für dieſes und mein Gewiſſen mich jene Ein⸗ wände machen ließ. Wohlan denn, Herr Heydicke, ich werde nicht Störer ſein der Eintracht, welche jetzt den Mitgliedern des Rathes und allen Patriziern ſo noth thut; darauf ver⸗ laßt Euch! — Das haben wir auch von Euch erwartet, Herr Stadthauptmann, erwiederte Heydicke, Strobands Hand drük⸗ kend. Ihr aber werdet morgen ſehen, daß wir auch als Männer zu handeln wiſſen, wenn es gilt, den bereits über⸗ mächtig Gewordenen unſchädlich zu machen. Da ſie eben an der Stelle angelangt waren, wo die Wege zu ihren beiderſeitigen Häuſern ſich trennten, ſo ſchie⸗ den jetzt die beiden von einander, um jeder ſein Lager auf⸗ zuſuchen. — Es behagt mir nicht, wie ein Dieb auf Schleich⸗ wegen zu wandeln, ſprach Stroband für ſich, indem er ſei⸗ nem Hauſe zuging; iſt's mir doch auch ſchon hinlänglich AAAAAN;E verleidet worden, als ich das Zwiegeſpräch des fremden Mönches mit dem verhafteten Bürgermeiſteer belauſchen wollte und dabei die Stiege hinabſtürzte, daß es faſt das Anſehen hatte, als ſollte ich das Laufen für immer laſſen; aber jener Mönch war ſicherlich nicht, was es ſchien, ſonſt hätte er nicht mit Zurücklaſſung ſeiner Kleider ſich einen Weg durch den Fluß geſucht. Es ſchlug ein Uhr. Der Mond war untergegangen und dichte Finſterniß lag auf den damals noch von keiner Laterne erleuchteten Gaſſen und Plätzen der beiden Städte. Wie viel Leid, Angſt, Noth, Trauer, Sorge und Schmerz bedeckte die dunkle Nacht mit ihrem ſchwarzen Fittig, und wie verſchieden und doch auch wieder wie ſo nahe verwandt waren die Urſachen dieſer Bedrängniſſe bei den Einzelnen, die von ihnen nach dem oben Erzählten heimgeſucht waren! 0. — Nun, da bin ich zur beſtimmten Zeit, wie ich Dir in meinem geſtrigen Schreiben verſprochen! ſagte Boytin nach den erſten Begrüßungen zu Ottokar, als er ſich am folgen⸗ den Tage um die Abenddämmerung, angethan mit derſelben Verkleidung, wie vor ſieben Tagen, im Gemach des jungen Mannes eingefunden hatte. Doch muß ich Dir ſagen, Sohn, daß mir ganz unheimlich zu Muthe ward, als ich die Stie⸗ gen zu Deinem Gemach hinauſſchritt; ſcheint's doch, als ſei das ganze Haus rein ausgeſtorben, denn kein Menſch ließ ſich blicken, trotzdem ich etliche Male leiſe den Schlägel an der Hausthür niederfallen ließ, bevor ich merkte, daß die Thür offen war. — Ich ſelber öffnete die Thür vor kurzer Zeit, damit Ihr nicht allzulaut Eure Ankunft zu verkünden brauchtet, Die ſchwarzen Brüder. III. 6 AANRRRR was Euch— ich weiß es— nicht lieb geweſen wäre, er⸗ wiederte Ottokar, indem er ſich zum Lächeln zwang. — Eine ſehr löbliche Vorſicht! ſagte Boytin, beifällig nickend. Deshalb haſt Du auch wohl Deine Leute, den Peter und den Hauswärtel, zuvor entfernt? Ottokar erzählte ihm von Peters unerklärlichem Ver⸗ ſchwinden, ſowie von der Sendung des Hauswärtels nach Prag und der Abſchickung mehrerer Leute in der Umgegend der beiden Städte, welch Letztere aber bereits heimgekehrt ſeien, ohne auch nur die geringſte Spur von dem Vermiß⸗ ten entdeckt zu haben. — Wohl habt Ihr Recht, Herr Boytin, dieſes Haus ein unheimliches zu nennen, ſo ſchloß er ſeine Erzählung; es ſcheint ein Fluch auf ihm zu laſten, der nicht eher getilgt ſein wird, bis es ſeinem rechtmäßigen Eigenthümer zurück⸗ gegeben iſt. Das ſoll aber geſchehen, ſobald er ſich meldet; jetzt, wo ich durch Eure großherzige Fürſorge Lisbeth nicht mehr bedroht weiß von Schmach und Elend, jetzt brenne ich vor Ungeduld und kann kaum den Augenblick erwarten, wo ich mich dieſer Laſt entledigen kann. — Fange nur nicht wieder an, Dich ſo truͤben, ſchwar⸗ zen Vorſtellungen hinzugeben! verwies ihm Boytin. Wer kann wiſſen, was der Peter vor hat und wo er ſteckt; er wird ſchon wieder zum Vorſchein kommen. Und hat er ſich in Gefahr begeben, ſei's für wen es ſei, ſo iſt's ſeine Schuld, wenn er darin umkommt; haſt Du's ihm doch nicht gehei⸗ ßen! Und wenn Deines Vaters Bruderſohn, oder wer ſonſt ſich als rechter Erbe ausweiſt, kommt, ſo kann die Sache immer noch ganz im Stillen abgemacht werden, ohne daß einer erfährt, daß Du Deinen Vater nicht kennſt. Im Uebri⸗ gen, beſonders was Deinen künftigen Namen und künftige Stellung in der Welt betrifft, iſt ja für Dich ebenſo wie für Lisbeth geſorgt; und wenn Du dabei bedenkſt, daß un⸗ ſer gnädigſter Kurfürſt, der durch mich Dir ſeine huldvoll⸗ AAAA ſten Grüße ſendet, treue Dienſte nie unbelohnt läßt, ſo kannſt Du mindeſtens ebenſo freien und heiteren Blickes in die Zu⸗ kunft ſchauen, als wärſt Du Herrn Reinholds rechtmäßiger Sohn und unangefochtener Erbe ſeines Nachlaſſes. Freilich weiß ich, daß es Dir nicht gerade allzuſehr um dieſe ver⸗ gänglichen, dabei aber doch ſehr ſchätzenswerthen Glücksgüter zu thun iſt, und ſehe wohl, wo's eigentlich bei Dir ſitzt; aber Du ſollteſt denn doch auch wieder bedenken, daß keine unſerer Klagen, keiner unſerer Seufzer uns die Dahinge⸗ ſchiedene zurückbringt, und daß Klara da oben immer noch beſſer aufgehoben iſt, als es hier auf dieſer Erde immer nur der Fall ſein kann. Nichts mehr alſo davon; laßt uns ſprechen von dem, was wir vorhaben, und höre, welche wich⸗ tige Neuigkeiten ich für Dich mitgebracht. Oltokar erwiederte auf dieſe wohlgemeinte Ermahnung kein Wort; ſtumm drückte er Boytins Hand und deutete an, daß er bereit ſei, die neue Kunde zu empfangen. — Du weißt bereits, daß unſer gnädigſter Herr in der Neujahrsnacht durch ſeinen wackern Kammermeiſter, den Ritter Georg von Waldenfels, die Rotte des Schwarzen Teufels gefangen nehmen ließ, die ſich nahe beim Poſtamp⸗ ſchen Werder ein gar behäbiges Lager erbaut hatte, ſo be⸗ gann Boytin ſeine Erzählung. Aber was da noch außer⸗ dem gefunden ward, weißt Du ſicherlich nicht und wirſt es auch kaum errathen können, wenn ich's Dir nicht ſage. — Ihr macht mich in Wahrheit neugierig, Herr Boy⸗ tin, verſetzte Ottokar lächelnd, als der Erzähler inne hielt. Etwas Abſonderliches und Werthvolles muß es ſchon ſein, da Ihr ſo wichtig und geheimnißvoll damit thut. — Etwas Abſonderliches— da haſt Du Recht, fuhr Boytin fort; was aber das Werthvolle betrifft, ſo wirſt Du's freilich nicht beim erſten Blick herausfinden— ob⸗ gleich ſich's auch damit ſo verhält— wenn Du hörſt, daß der junge Herr Rycke, der Bernhard, und ſein ſauberer 6* ANAANMNRjdD Kumpan, des Stadthauptmanns Stroband Sprößling— unſer neuer Paris, da auch er eine Helene entführte— daß dieſe Beiden, ſage ich, es waren, die man inmitten des Raubgeſindels vorfand. — In der That, das hatte ich nicht erwartet! rief Ot⸗ tokar erſtaunt. Und doch ſieht's den beiden jungen Herren ganz ahnlich, die Gemeinſchaft ſolcher Leute aufzuſuchen und an ihren Verbrechen Theil zu nehmen! Und ich hegte ſo argen Verdacht gegen den Bürgermeiſter. — Es ſcheint, als ob Du Dich in zwiefachem Irr⸗ thume befändeſt, lieber Sohn! verſetzte Boytin. Obgleich dieſe ganze Geſchichte in ein dichtes Dunkel gehüllt iſt, ſo iſt doch wenigſtens klar, daß die Beiden nicht gerade auf dem beſten Fuße mit dem Naubgeſindel ſtanden, denn man fand ſie als Gefangene vor, denen anfangs übel mitgeſpielt worden; was aber unſern damaligen Verdacht gegen den Bürgermeiſter wegen des Hungerthurms betrifft, ſo iſt noch lange nicht erwieſen, daß Rycke ganz reine Hand in dieſer Sache hat. Doch wird der Schleier, der über der ganzen ſeltſamen Angelegenheit ausgebreitet iſt, wohl nie ganz ge⸗ lüftet werden, denn der Eine von den Beiden, die allein darüber etwas ſagen könnten, ſchweigt hartnäckig, und der Andere iſt in die weite Welt gelaufen, wo er bald den längſt verdienten Galgen finden wird. — Und hat man dem Bürgermeiſter und dem Stadt⸗ hauptmann ſchon die frohe Kunde hinterbracht? fragte hier⸗ auf Ottokar. — Dazu war's noch nicht an der Zeit, erwiederte Boy⸗ tin. Es gilt zuvörderſt, aus der unerwarteten Entdeckung ſo vielen Nutzen zu ziehen, wie nur irgend thunlich iſt. — Wie— darf man um des Vortheils willen ſo ar— ges Spiel mit Vaterherzen treiben? rief Ottokar in edlem Unwillen. — Urtheile nicht voreilig, Sohn! entgegnete Boytin. 85⁵ AAAN;ꝑ Was alles in dieſer Sache gethan oder unterlaſſen ward, geſchah zwar auf meinen Rath, aber nicht ohne Wiſſen und Willen unſeres gnädigſten Landesherrn, und Du kennſt das milde Herz des Kurfürſten zu gut, um länger zu argwöh⸗ nen, Herr Friedrich könne ſo heilige Naturtriebe, wie das Vatergefühl iſt, mit Füßen treten. Freilich erwächſt unſerer guten und gerechten Sache ein kleiner Vortheil aus der Ver⸗ heimlichung unſerer Entdeckung; aber ſicherlich hätten wir ſolchen gern aufgegeben, wäre nicht auch für die Betheiligten ſelber dieſe Verheimlichung von einigem Nutzen. Der Stadt⸗ hauptmann nämlich— dem ich übrigens alles Gute wünſche, obwohl er zu unſeren Gegnern gehört— Herr Stroband alſo hält bis zu dieſer Stunde ſeinen Sohn, trotz der Ent⸗ führungsgeſchichte doch nur für einen lockeren Zeiſig, höch⸗ ſtens aber für einen Taugenichts, der einſt ſein Erbe mit liederlichen Dirnen verſchwelgen und ſeinem Namen nicht allzuviel Ehre machen, und wenn er am Leben bliebe, einſt an der Landſtraße ſein Brot erbetteln würde; ja, die Ver⸗ muthung, daß ihn Herr Rycke durch heimliches Gericht bei Seite geſchafft, hat für den armen alten Mann in ſofern etwas Tröſtliches, als er ſeinen Sohn aller ferneren Schande enthoben und die ſchmälichen Laſter deſſelben durch deſſen Tod gewiſſermaßen geſühnt meint. Wäre es nun eine Freude und Erquickung für das Vaterherz des Stadthauptmanns, wenn man ihm ſagte: Siehe, Dein Sohn iſt nicht allein ein Taugenichts und liederlicher Geſell, ſondern er iſt ein Dop⸗ pelmörder, der in dieſem Augenblick unſtät und flüchtig um⸗ herirrt und den ſchimpflichen Tod durch Henkershand er⸗ wartet, ſobald man ſeiner habhaft wird!— ſprich, Ottokar, wäre es nicht vielmehr eine Grauſamkeit gegen den Vater, ließe man ihm ſolche Schreckenspoſt früher zukommen, als unumgänglich nöthig iſt? Mit dem Rycke verhält ſich's nun zwar nicht ebenſo; allein deſſen Sohn, der Bernhard, hat ſelber gebeten, man möge ſeinem Vater verheimlichen, daß NNRNRR·;: er noch am Leben ſei; auf dieſe Weiſe hofft er nämlich, ſei— nen Vater um ſo eher zum Guten bekehren zu können. Der ganze Vortheil, den wir für unſere Sache aus der Geheim⸗ haltung der Geſchichte ziehen können, iſt nun der Gebrauch, den wir mit unſerer Wiſſenſchaft von derſelben machen, um unſere Gegner, den Bürgermeiſter und den Stadthauptmann, zu gelegener Zeit locken oder drohen, überhaupt kirren zu können; mit einem Worte: die Beiden, ob in unſerer Ge⸗ walt oder nicht, ſollen uns als Geiſeln dienen. Solches aber iſt nichts Unerlaubtes, denn man hat häufig bei gro⸗ ßen und frommen Männern geſehen, daß ſie ſich ganz deſ⸗ ſelben Mittels bedienten, wie Du in alten Geſchichtenbüchern geleſen haben wirſt. Du ſiehſt alſo auch jetzt wieder, daß wir zur Erreichung eines guten und gerechten Zweckes nur erlaubte und gute Mittel anwenden— iſt's nicht alſo? — Ich weiß nur nicht, wie der Bernhard Rycke, an dem ſelber faſt kein gutes Haar iſt, dazu kommt, ſeinen Vater zum Beſſeren bekehren zu wollen! warf Ottokar zwei⸗ felnd ein. — Du thuſt dem Bernhard Unrecht, Sohn, wenngleich wohl nicht mit Vorſatz, da Du von ſeiner erfreulichen Ver⸗ änderung noch nichts weißt! erwiederte Boytin. Doch laß mich nur den Hergang der Geſchichte erzählen, wie ich ihn theils von zuverläſſigen Zeugen gehört, theils ſelber wahr⸗ genommen habe: Als der Ritter von Waldenfels die Beiden im Lager der Räuberhorde gefunden, glaubte er nicht anders thun zu dürfen, als ſie mit nach Spandow zu nehmen, da es ihm denn doch etwas ſeltſam ſchien, die Söhne der beiden An⸗ geſehenſten unter den widerſpenſtigen Patriziern der beiden Städte in ſo ſchlechter Geſellſchaft zu finden. Auch hatten ſie durch verſchiedene Widerſprüche in dem Verhöre, welches er mit ihnen an Ort und Stelle vorgenommen, ſeinen Ver⸗ dacht erregt, daß ihre Gegenwart im Lager wohl mit der ùEERXSSQOT Aufſäſſigkeit der Patrizier im Zuſammenhange ſtehen könne. — In Spandow wurden ſie in ein gemeinſames, ſicheres, aber anſtändiges Gewahrſam gebracht, wo ſie bleiben ſoll⸗ ten, bis ſich die Sache aufgeklärt hätte. Nun hatte zwar der Stroband zu wiederholten Malen um ein geheim Gehör nachgeſucht, indem er verſicherte, wichtige Aufſchlüſſe geben zu können; allein man hatte es ihm verweigert, weil der Bernhard hoch und theuer behauptete, daß man dem Stro⸗ band durch Gewährung ſeiner Bitte Anlaß zum Meineid geben würde, und unſer gnädigſter Landesherr, an den die Sache berichtet ward, viel zu religiös geſinnt iſt, um ſo ſchwerem Verbrechen Vorſchub zu leiſten, ſelbſt wenn's zu ſeinem Vortheil gereicht hätte— und dann hatte ſich der Bernhard auch erboten, eidlich zu erhärten, daß keinerlei böſe Abſicht gegen den Kurfürſten ihn und ſeinen Gefährten in das Räuberlager geführt, und ſolchen Eid auch wirklich feierlich abgelegt. Man konnte dem Bernhard um ſo mehr Glauben ſchenken, als durch die fleißigſten Nachforſchungen und Verhöre, die man mit den verſchiedenſten Mitgliedern jener gefangenen Rotte anſtellte, unzweifelhaft erwieſen ward, daß die Beiden wirklich in grauſamer Gefangenſchaft von den Räubern gehalten, ſogar mit ſchweren Ketten belegt und letztere ihnen erſt kurze Zeit vor der Eroberung des Lagers von dem Weibe des Hauptmanns abgenommen worden ſeien; auch bezeugten ſowohl die Wächter, wie die Geiſtlichen, die zu den Gefangenen kamen, daß der junge Mann ſich eines wahrhaft frommen und chriſtlichen Wandels befleißige. So hätte eigentlich der Freilaſſung der Beiden nichts mehr im Wege geſtanden, wenn ſie nicht eben als Geißeln dienen ſollten; denn wenn auch der eigentliche Grund ihrer Anweſenheit unter den Räubern nicht völlig aufgeklärt war, ſo gehörten ſie doch, da kein Landesverbrechen vorlag, unter die Gerichtsbarkeit der beiden Städte, deren Rechte der Kur⸗ fürſt nicht antaſten mag, ſo lange ſie in Kraft beſtehen und RN; welcher Gerichtsbarkeit alſo auch die fernere Unterſuchung und Anklage, die zu erheben wir keine Urſache hatten, über⸗ laſſen bleiben mußte. Nun hatte man vergeſſen, den Beiden die Urſache ihrer verlängerten, übrigens aber ſehr leichten Haft mitzutheilen, und der Stroband, deſſen Gewiſſen ihm wahrſcheinlich allerlei Schreckbilder vorſpiegelte, mochte daher — weil man ſeinem beſſeren Gefährten manchen Vorzug zu Theil werden ließ— glauben und fürchten, man ſei Ver⸗ brechen auf die Spur gekommen, deren er wohl manche ins⸗ geheim verübt haben mag; genug, er beſchloß, ſich der Haft durch die Flucht zu ziehen, koſte es auch, was es wolle. Am vierten Tage ihrer Gefangenſchaft theilte er nun dieſe Abſicht ſeinem Gefährten mit, weil er ſie nur durch deſſen Beihülfe in's Werk ſetzen konnte; der Bernhard aber, ohne den er nicht fliehen wollte, weil er ſonſt von ihm Verrath fürchtete, weigerte ſich ſtandhaft, darauf einzugehen, ermahnte ihn viel⸗ mehr, wie er ſchon öfter gethan, ſeinen böſen Sinn zu än⸗ dern und in Geduld zu erwarten, was Gott weiter über ſie verhängen werde. Dies brachte nun den Stroband in ſolche Wuth, daß er ſich plötzlich auf den Ahnungsloſen ſtürzte, ihn zu Boden warf und ihn unfehlbar erwürgt haben würde, wäre nicht auf Bernhards Angſtruf ihr Wächter herzuge⸗ ſprungen, der den Raſenden wegriß von ſeinem Opfer. Ehe ſich's aber der Reiſige verſah, hatte ihm Stroband das Schwert aus der Scheide gezogen und es ihm durch den Leib gerannt, daß er lautlos niederſank. Bernhard, der dem Unglücklichen zu Hülfe eilen wollte, erhielt von dem Mörder einen Hieb über den Kopf, daß auch er bewußtlos dalag. Stroband ſteckte ſich jetzt in die Kleider des Wächters, nahm ihm den Schlüſſel ab und entkam ſo unangefochten aus Spandow, bevor die That ruchbar ward und ihm nachge⸗ ſetzt werden konnte, was bei der inzwiſchen hereingebrochenen Nacht erfolglos war. Es ergab ſich, daß der Wächter todt, der Bernhard aber noch am Leben und nur betaͤubt von -»ꝗ»xꝑę» dem gewaltigen Hiebe war, weswegen man den Letzteren ſogleich in ein Gemach der kurfürſtlichen Burg brachte und einen Heilkundigen herbeirief. Der ſagte denn auch, daß die Wunde wohl gefährlich, doch nicht tödtlich ſei und der Verwundete bei guter und ſorgſamer Pflege bald geneſen könne. Da fügte es ſich nun, oder vielmehr— doch genug, meine wackere Hausfrau, die ſehr erfreut war ob des jun⸗ gen Mannes Umkehr zum Guten, glaubte ſeine geiſtige Beſ⸗ ſerung noch mehr fördern zu können, wenn ſie, was in ihren Kräften ſtehe, auch zu ſeiner leiblichen Geneſung beitrage, und übernahm daher gern die Pflege des Kranken; daß Deine Schweſter Lisbeth ſie dabei wacker unterſtützt, brauche ich Dir nicht erſt zu betheuern, und unter den ſorgſamen Händen der beiden Frauen ward es von Stunde zu Stunde beſſer mit dem Bernhard, ſo daß der Heilkundige heute meinte, ihn längſtens nach einer Woche wieder auf den Fü⸗ ßen zu ſehen. Das ſind nun die gar wunderlichen Dinge, ſo ſich in Spandow ereignet haben und von denen ich Dir geſtern ge⸗ ſchrieben. — Alles, was ich ſeit etlichen Wochen geſehen und ge⸗ hört, iſt ſo ſeltſam, als wär's nicht in der wirklichen Welt, ſondern in einem Feenmährchen vorgekommen! verſetzte Otto⸗ kar kopfſchüttelnd. Immer geſchieht, was ich nicht erwartet hatte und auch nicht erwarten konnte, und ich bin jetzt ſchon ſo daran gewöhnt, immer nur etwas ganz Außergewöhnliches ſich begeben zu ſehen, daß es mich ſchier nicht wundern würde, wenn der Peter hier friſch und geſund einträte und meine Klara lebend mir entgegenführte, oder, was eben ſo unmög⸗ lich iſt, wenn die Spree plötzlich dahin zurückflöſſe, von wan⸗ nen ſie kommt! Was iſt da alle menſchliche Klugheit und Berechnung gegen das Walten des Schickſals! — Ja, ja, der Menſch denkt und Gott lenkt! meinte NRRVeV Boytin. Das iſt nun einmal wahr! Doch rüſte Dich jetzt, Sohn; es iſt an der Zeit, daß wir uns dahin begeben, wo die Freunde und Genoſſen unſerer warten. Ottokar bewaffnete ſich mit einem langen Dolche, huͤllte ſich in einen Mantel, drückte ſich das Barett tief in's Ge⸗ ſicht und verließ ſodann mit Boytin das Haus, welches er verſchloß. Auf den Gaſſen war es finſter und öde, denn ein kalter Regen fiel herab. Boytin und ſein Begleiter gingen die Brüderſtraße hinauf dem jetzigen Schloßplatze zu, wandten ſich dann rechts durch den ſchmalen Gang, der ſich zwiſchen der Kirchhofsmauer des Dominikaner-Kloſters und einigen Gartenzäunen bis zur heutigen Breiten Straße(damals die Große Straße genannt) hinzog, und kamen über die Lange Brücke auf die Berliner Sadtſeite. Hier führte zur Linken zwiſchen den Zäunen der zur Heiligen Geiſtgaſſe gehörigen Gärten und dem Fluſſe ein ſchmaler, durch Schutt und ſonſtigen Unrath faſt nngangbar gemachter Weg nach dem ſogenannten Walk⸗ oder Tuch⸗ macher⸗Garten, welcher letzterer ziemlich den Raum zwiſchen der Spree, dem heutigen Joachimsthalſchen Gymnaſium, der Spandower Straße und dem Wurſthofe einnahm und den Tuch⸗ oder Gewandmachern zum Gebrauche diente. Da, wo dieſer Raum an die Spandower Straße ſtieß, unfern des gleichnamigen Thores und des Hospitals zum Heiligen Geiſt, ſtand das Gewerkshaus dieſer Innung, in welchem auch der Altmeiſter derſelben ſeine Wohnung hatte. Jenen Weg am Ufer des Fluſſes entlang, auf welchem kaum am Tage hin und wieder ein Menſch zu ſehen war, ſchlugen Boytin und Ottokar jetzt ein und gelangten bald an die Umzäunung des Tuchmachergartens, wo der erſtere leiſe an eine Pforte klopfte. Als Antwort auf dieſes Zeichen ließ ſich ein dreimaliges Huſten vernehmen. Als Boytin darauf das Wort„Span⸗ xt„ dow“ ausgeſprochen, ward die Pforte geöffnet und die Bei⸗ den eingelaſſen; ein Mann deutete ſchweigend auf das nur ein einziges erhelltes Fenſter zeigende Gewerkshaus. Nicht ohne Schwierigkeiten— denn in der Finſterniß liefen ſie häufig gegen die zum Aufſpannen der Tuche hier aufgeſtell⸗ ten großen Rahmen— erreichten ſie das Haus, wo ſie nach denſelben Zeichen eingelaſſen und eine finſtere Treppe hinab⸗ gewieſen wurden. Endlich gelangten ſie in einen matt erleuchteten Keller⸗ raum, wo ſie ſchon viele Perſonen, wie ſie bis zur Unkennt⸗ lichkeit vermummt, anweſend fanden. Der Altmeiſter des Tuchmachergewerks trat ihnen hier entgegen. — Seid mir gegrüßt, werthe Herren, in dieſem Raume, der zwar kein Prunkſaal iſt, uns aber unberufene Lauſcher fern hält, redete er ſie an. Ihr findet der wackern Geſin⸗ nungsgenoſſen ſchon viele beiſammen, und die noch fehlen, werden hoffentlich nicht allzu lange auf ſich warten laſſen. Während der Hochedle Rath, den Gott verdamme ſammt und ſonders, im hohen Rathhausſaale die Jahreswahlen vornimmt, wollen wir zur ſelben Zeit in dieſem unterirdiſchen Raume in ernſte Erwägung ziehen, was geſchehen muß, um zu unſerem Recht zu gelangen; ich denke, die ſtolzen Herren, ſo dies Recht bisher frech mit Füßen getreten, ſollen bald in die Keller hinabkriechen, während wir, die Bürger, auf dem Rathhauſe gebieten! — Ich glaube zuverſichtlich, daß dieſes ſchon in kürze— ſter Zeit der Fall ſein wird! entgegnete Boytin. Doch ſagt, Herr Altmeiſter, Ihr habt doch mit Eurer gewöhnlichen Klug⸗ heit und Vorſicht dafür geſorgt, daß nicht Fremdes hier ein⸗ dringen kann? — Ganz gewiß, Herr Geheimer Rath! verſicherte Holz⸗ müller, der Altmeiſter. Ich habe es ſo zu veranſtalten ge⸗ wußt, daß nicht eine fremde Maus, geſchweige denn ein fremder Menſch uns wahrnehmen kann, der nicht gleiches A Schickſal, wie wir, von einem etwaigen Verrath zu erwar⸗ ten hätte! — Ich weiß, daß Verlaß auf Euch iſt, lieber Meiſter! verſetzte Boytin, ihm freundlich die Hand drückend. Doch laßt hier, wo wir unter Freunden ſind, nur immer den Titel weg, mit dem mich unſer gnädigſter Herr unverdient in ſei⸗ ner Huld beſchenkt hat; hier bin ich ein Bürger unter Bür⸗ gern. Uebrigens drängt es mich, Euch noch einmal meinen herzlichſten Dank abzuſtatten für den Freundſchaftsdienſt, den Ihr mir in Bezug auf die von dem Stadthauptmann aus meinem Hauſe mitgenommenen wichtigen Schriften geleiſtet habt, und den ich Euch nimmer vergeſſen werde! — J nun, die Sache ging mich ſo nahe an, wie Euch, werther Herr! meinte Holzmüller lächelnd. In jenen Schrif⸗ ten ſtand doch ſo Manches, was mich mindeſtens um all mein Bischen Hab und Gut gebracht hätte— denn die ewige Verbannung aus den beiden Städten war mir gewiß, ſobald die Herren da oben ihre Naſen in die Pergamente ſteckten. Der Streich war übrigens auch leicht genug aus⸗ zuführen, denn mein älteſter Geſelle— derſelbe, welcher am erſten Weihnachtstage den Bürgermeiſter am Hungerthurme belauſchte— ein ſchlauer und verwegener Burſche, hat eine Magd im Hauſe des Stadthauptmanns zur Liebſten, und da war es ihm ein Kleines, ſich in des Alten Gemach ein⸗ zuſchleichen und die Schriften mit anderen zu vertauſchen, welche er vorher aus Eurem Haufe während der tollen Plünderung geholt. Er iſt es, den ich draußen an die äußere Pforte hingeſtellt habe. Ihn freute es, den hoch⸗ weiſen Herren ein artiges Schnippchen ſchlagen zu können, und mir war's lieb, daß Ihr und ich aus der Klemme be⸗ freit wurden. — Nun, mir wurde am meiſten damit geholfen, da ich in ihrer Gewalt war, ſagte Boytin. Mit Eurer Verban⸗ nung hätt's nicht viel auf ſich gehabt, denn unſer gnädig⸗ ſter Landesherr pflegt die nicht zu verlaſſen, die um ſeiner gerechten Sache willen leiden müſſen! Sagt Eurem Geſel⸗ len, daß er ſich bei mir melden möge, und laßt uns jetzt auch die andern Genoſſen, die da eben eintreten, freundlich willkommen heißen. Ottokar hatte ſich inzwiſchen unter den Verſammelten umgeſchaut und zu ſeiner Verwunderung manchen gefunden, von dem er nimmer geglaubt hätte, daß er ein Anhänger der Kurfürſtlichen ſei. Wie ihm, ſo erging es auch allen neu Ankommenden, denn Boytin hatte es, wie wir bereits wiſſen, ſo einzurichten gewußt, daß keiner von denen, die er insgeheim für ſeine Partei gewonnen, die Andern kannte, damit im Falle einer vorzeitigen Entdeckung nicht Alle in's Unglück geſtürzt werden konnten. Zu der heutigen Verſamm⸗ lung hatte der Altmeiſter Holzmüller, der von Boytin ein Verzeichniß der Verbündeten erhalten, jeden einzeln durch zuverlaͤſſige Männer einladen laſſen. Bald waren Alle, die ihr Erſcheinen zugeſagt— wohl über hundert an der Zahl— beiſammen, und die geheime Berathung nahm ihren Anfang. Boytin eröffnete ſie durch das Verleſen eines Schrei⸗ bens vom Kurfürſten„an ſeine lieben und getreuen Bürger von Berlin und Kölln,“ worin er den beiden Städten im Allgemeinen die Rechte und Freiheiten zuſagte und zum beſ⸗ ſeren Schutze derſelben die Forderungen ſtellte, über welche er ſich ſchon zu Ottokar bei deſſen Anweſenheit in Span⸗ dow ausgeſprochen hatte. Da niemand daran dachte, an dieſen Bedingungen etwas auszuſetzen, ſo ging man dann zu der Frage über, wie man es anzufangen habe, die verhaßte Herrſchaft der Patrizier von ſich abzuwerfen. Jetzt wurden die Verhandlungen lebhafter, und es ka— men die verſchiedenſten Vorſchläge an den Tag. Etliche riethen zu heimlicher Liſt, Andere zu offner Gewalt und wie⸗ AAAA der Andere wollten wieder anders; ja, einige junge Hitz⸗ köpfe gingen gar ſo weit, zu verlangen, daß die Anweſen⸗ den— da ſie mit Waffen verſehen— ſchnurſtracks nach dem Rathhauſe eilen, die unvorbereiteten Stadtſöldner nie⸗ derhauen und den gerade zu den Wahlen verſammelten Rath gefangen nehmen und in die Kerker werfen oder am liebſten auch gleich tödten ſollten. Gleichermaßen ſollte auch mit den übrigen Patriziern verfahren und ſo der Streich vollbracht werden, ehe die Leute zur Beſinnung gekommen, was denn eigentlich vorgehe. Inzwiſchen aber ſollte der Kurfürſt eiligſt von dem Unternehmen benachrichtigt werden, damit er im Nothfall den Aufſtand durch ſeine Reiſigen unterſtützen und alsbald als unumſchränkter Herr in den beiden Städten ein⸗ ziehen könne. Faſt ſchien es, als ſollten die Tollkühnen mit ihrem gefährlichen Verlangen durchdringen, denn dadurch, daß ſie ſich auf den Muth und die Unterthanentreue der Verſam⸗ melten beriefen und nicht müde wurden, den Sieg als leicht und ſicher darzuſtellen, zogen ſie allmälig auch die Beſon⸗ nenen und dabei Muthigen zu ſich herüber und die, denen es eben an Muth fehlte, wagten auch keinen Widerſpruch; da aber erſchien es Ottokar denn doch an der Zeit, nun einmal ſeine Stimme hören zu laſſen. — Nicht alſo, Ihr Leute! nahm er ruhig und ent⸗ ſchloſſen das Wort. Ihr alle habt gehört, daß unſer gnä⸗ digſter Landesherr nicht geſonnen iſt, ſich in die innern An⸗ gelegenheiten der beiden Städte zu miſchen, ſo lange ihm die Befugniß dazu durch die wohlverbrieften Rechte und Frei⸗ heiten derſelben abgeſprochen wird, und daher duͤrft Ihr auf ſeine Hülfe zum Sturze des jetzigen Rathes nicht rechnen. Vielmehr iſt es ſein Wille, daß kein Bürgerkrieg entzündet und kein Bürgerblut vergoſſen werde, denn ſonſt wäre es ihm ſicherlich ein Kleines, ſich ſelber mit Gewalt diejenigen Rechte zu verſchaffen, die er für unſer Wohl erſprießlich 95 AAAANANANANPRP hält. Etwas Anderes dagegen iſt es, wenn die beiden Städte, das heißt die Mehrzahl ihrer Bürger ſelber und freiwillig alles deſſen ſich entäußern, wodurch er verhindert wird, kräf⸗ tig zu ihrem Schutze aufzutreten; und ſolches zu bewirken, Freunde, muß fortan unſere Aufgabe ſein! Auch mögt Ihr wohl bedenken, daß wir, die wir hier mit einander Raths pflegen, nur ein ſehr kleiner Theil der Bürgerſchaft von Berlin und Kölln ſind und uns daher nicht das Recht anmaßen dürfen, über die Angelegenheiten unſe— rer Mitbürger wider ihren Willen, oder wenigſtens ohne ſie⸗ gefragt zu haben, zu entſcheiden; denn ſonſt wären wir nicht beſſer, als jene, die wir eben ihrer Willkür wegen ſtürzen wollen. Ferner werdet Ihr einſehen, daß wir durch die Ausübung Eures Vorſchlags, bei der nur die perſönlichen Freunde des Landesherrn mitwirkten, den Verdacht auf uns laden, als ſei es uns nur darum zu thun geweſen, den Kur⸗ fürſten zu größerer Macht und Gewalt zu verhelfen auf Koſten des Wohls der Bürger, nur um ſeiner Landesherr⸗ lichkeit vermehrten Glanz zu verleihen, was doch keineswegs die Abſicht unſers edlen Fürſten iſt, der nur zum Heile ſei⸗ ner Unterthanen jene Forderungen ſtellte; und werdet ſodann auch leichtlich begreifen, daß ſolche Meinung alle die gegen uns aufbringen und zu unſern Feinden machen wird, die zwar den Patriziern und deren unrechtmäßiger Herrſchaft gram ſind und die Befreiung davon ſehnlich wünſchen, aber auch nicht wollen, daß auch nur ein Jota von den Rechten und Freiheiten der beiden Städte, einem Andern zu Gefal⸗ len, genommen werde, und deren Hülfe gegen unſern mäch⸗ tigen Unterdrücker wir gar ſehr benöthigt ſind— ja, es ſteht zu befürchten, daß alle dieſe Leute, deren Zahl nicht gering iſt, es dann lieber mit den Patriziern, als mit uns halten werden, und dann wehe uns und unſerer gerechten Sache! Darum, meine Freunde, iſt meine Meinung und mein K n AN Vorſchlag: daß jeder von uns, ſo viel er nur vermag, ſeine Bekannten, Nachbaren und Gewerksgenoſſen von der wohl⸗ wollenden, väterlichen und redlichen Abſicht des Landesherrn in Kenntniß ſetze und ſie von der Nothwendigkeit freiwilli⸗ ger Gewährung der Forderungen überzeuge, die der Kurfürſt zur Erreichung dieſer guten Abſichten geſtellt hat. Iſt ſol⸗ ches nun hinreichend geſchehen, ſo kommen wir wieder hier zuſammen, um einen Tag feſtzuſetzen, an welchem wir alle Bürger auf einem Platze unter freiem Himmel verſammeln wollen, um ihnen noch einmal die Sache dringend an's Herz zu legen und ſie aufzufordern, mit uns eines Sinnes zu ſein. Solche Verſammlung, Freunde, hat dann das Recht, die Forderungen des Kurfürſten zu gewähren und die An⸗ gelegenheiten der beiden Städte nach ihrem Dafürhalten zu entſcheiden; ſolche Verſammlung wird dann auch freudig das dargebotene Mittel ergreifen, ſich frei zu machen vom verhaßten Joche; und dem ſo einmüthig oder doch von der großen Mehrzahl der Bürger kundgegebenen Willen wird und kann der Rath und ſein Anhang ſich nicht widerſetzen! Dann haben wir unſere Freiheit in Frieden erlangt und ſie wird uns heilbringender ſein, als hätten wir ſie im bluti⸗ gen Waffenkampfe erſtritten! Sollten aber dennoch unſere Unterdrücker in frechem Frevelmuth es wagen, unſer geſetzliches Beginnen zu weh⸗ ren und zu zerſtören durch ihre unrechtmäßige Macht und Gewalt— dann, Freunde, iſt es an der Zeit, zu den Waf⸗ fen zu greifen und mit dem Schwerte zu kämpfen um unſer gutes Recht, wie es wackeren Männern geziemt— dann werden alle freigeſinnten Bürger zu uns ſtehen wie ein Mann— dann wird uns der Landesherr ſeine Hülfe nicht verſagen, da wir alle friedlichen Mittel erſchöpft haben— und dann wird auch der Sieg unſer ſein, denn noch nimmer hat Gott die gerechte Sache verlaſſen, für die mit reinen Händen geſtritten ward! Das vergoſſene Blut aber komme X dX AAAAAAAAA;ꝑ dann über die, ſo uns gezwungen, das Schwert zu ziehen! Amen! 3 Das, Freunde, iſt meine Meinung und mein Ruth in dieſer Angelegenheit! ſo ſchloß der junge Mann nach kurzer Pauſe ſeine Rede. Gern ſähe ich's, wenn Ihr mir folgtet; doch prüfet und erwäget wohl, bevor Ihr Euren Entſchluß faſſet; nicht überreden mag ich Euch, ſondern Euch über⸗ zeugen!. Tiefe Stille herrſchte in der Verſammlung, als Ottokar geendet. Das Gewicht ſeiner Gründe, die Kraft der Ueber⸗ zeugung, die aus ſeinen Worten ſprach, hatten einen mäch⸗ tigen Eindruck auf ſeine Zuhörer gemacht, der durch das An⸗ ſehen und das Vertrauen, welches er genoß, noch bedeutend erhöht wurde. Einige Sekunden lang dauerte das Schwei⸗ gen, dann aber wurden ihm von allen Seiten Beifallszeichen zu Theil. Boytin drückte ihm hocherfreut die Hand und alle Verſtändigen dankten ihm für das Wort zu rechter Zeit. Zwar verſuchten noch etliche, dennoch ihre unüberlegte Mei⸗ nung von vorhin geltend zu machen, allein ſie kamen jetzt nicht mehr damit auf; und als noch Boytin und der Alt⸗ meiſter Holzmüller zur Eintracht unter einander ermahnt hat⸗ ten, da wurde einſtimmig beſchloſſen, nach Ottokars Vor⸗ ſchlag, der als der beſte erfunden war, zu handeln. Da das Wichtigſte ſomit abgethan war, ſo wollte man eben die Verſammlung ſchließen, als noch ein neuer Ankömm⸗ ling erſchien, dem auf ſein Verlangen, da er ihnen als zu⸗ verläſſiger Mann bekannt war, von Boytin und Holzmüller erſt noch das Wort verſtattet wurde. — Ich komme ſoeben vom Platze vor dem Rathhauſe, wo ich meinen Vetter, den Amtsſchreiber, erwartet hatte, der mir über die Rathswahlen Kunde geben ſollte, berichtete der Mann. Das hat er denn auch gethan und ſo habe ich er⸗ fahren, daß Herr Rycke von dieſer Stunde an nicht mehr Bürgermeiſter iſt! Die ſchwarzen Brüder III. 7 AAAAAN;;E;EÖ Keine Nachricht konnte den Verſammelten unvermutheter kommen, als dieſe. Man war es ſchon ſo ſehr gewohnt, trotz dawiderſprechender Beſtimmungen in der ſtädtiſchen Verfaſ⸗ ſung, Rycke immer wieder zum Bürgermeiſter gewählt oder vielmehr von etlichen Patriziern ernannt zu ſehen, daß nie⸗ mand daran gedacht hatte, es könne anders ſein, ſo lange die Patrizier überhaupt noch am Ruder wären. — Wie iſt das zugegangen? fragte man den Verkün⸗ diger dieſer Nachricht von allen Seiten. — Wie mir mein Vetter, der Amtsſchreiber, erzählt— fuhr der Mann fort— ſo ergänzte ſich zuerſt der Rath; das heißt, ſtatt daß die Hälfte ſeiner Mitglieder nach dem Geſetz ausſcheiden und dafür Neuwahlen ſtattfinden ſollten, legte nur ein einziger Rathsherr— ich habe vergeſſen, wer es iſt, aber einer von denen, die nur immer Ja ſagen— ſein Amt nie⸗ der, an deſſen Stelle ein Anderer aus der Mitte der Patrizier eintrat. Dann wählten ſie einen neuen Syndikus, und das wurde ein fremder Rechtsgelehrter, den ihnen die Herren zu Frankfurt an der Oder dringend empfohlen hatten. Zuletzt nun kam die Reihe an die Bürgermeiſterwahl und mit ſtolzer Zuverſicht ſah Rycke auf die Urne, in welche die Rathsherren die zuſammengerollten Pergamentſtücke warfen, auf die ſie die Namen ihres Auserwählten geſchrieben hatten; aber wie vom Donner gerührt ſtand er da, als nicht er, ſondern Heydicke einſtimmig zum Stadtoberhaupt gewählt war! Die Raths⸗ herren traten nun zwar an ihn heran und ſagten ihm mit ſüßen Worten, daß ſie's ihm nicht länger zumuthen könnten, die ſchwere Bürde der Regierung noch zu tragen, nachdem er ſo viele Jahre ſie immer wieder treu und unverdroſſen auf ſich genommen, und daß ſie daher, um ihm die verdiente Ruhe zu gönnen, beſchloſſen hätten, auch einmal einem An⸗ dern die Laſt und Sorge der Städte auf den Hals zu ſchie⸗ ben— und er dankte ihnen auch für dieſen guten Willen in höflicher Rede und lieferte dem neuen Bürgermeiſter alſo⸗ AAAAAAA;ꝑ gleich die Zeichen ſeiner Würde aus; aber man ſah's ihm doch an, wie empfindlich ihn der Schlag getroffen hatte. So erzählt's mein Vetter, der Amtsſchreiber, und ſo hat's ſich auch zugetragen. — Was mag das wieder zu bedeuten haben? wandte ſich Boytin ſinnend zu Ottokar. — Ich ſagt's Euch ja, wir leben nun einmal in einer Zeit des Ungewöhnlichen! erwiederte dieſer lächelnd. Doch iſt's wohl Zeit, daß wir nach Hauſe gehen, Herr Boytin; hoffentlich werdet Ihr mir doch geſtatten, daß ich Euch be⸗ herberge? — Ich bleibe die Nacht in dieſem Hauſe, lieber Sohn, gab Boytin zur Antwort. Morgen mit dem Früheſten muß ich wieder nach Spandow hinüber und da ich hier nahe am Thore bin, ſo habe ich bereits die freundliche Einladung des wackeren Altmeiſters angenommen. Brauch ich ſo doch nicht morgen viele Gaſſen zu durchwandeln. Unter den obwaltenden Umſtänden konnte Ottokar nichts hiergegen haben und ſo verabſchiedete er ſich denn von Boy⸗ tin, ihm herzliche Grüße auftragend, während auch die Uebri⸗ gen, in kleine Schaaren getheilt, in aller Stille den Ort ver⸗ ließen, um ohne Aufſehen ihre Häuſer zu erreichen, wobei ihnen die dichte Finſterniß der regnigten Nacht ſehr zu Stat⸗ ten kam. 6. Auf St. Petri hatte es eben zwölf Uhr geſchlagen, als zwei Männer ſich dem Hundemarkt von der Roſchergaſſe her näherten. Sie hatten ſich, wahrſcheinlich des eiſigen Regens wegen, dicht in ihre kurzen Mäntel gehüllt und redeten mit einander in einer Sprache, die keinem Begegnenden verſtänd⸗ 7* 100, lich geweſen wäre, wenn man überhaupt bei dieſem Wetter und zu ſo ſpäter Stunde in dieſer Gegend außer den Beiden noch andere Leute auf der Gaſſe angetroffen hätte, als etwa die von der Nachtrunde, die aber dann eiligen Trittes vor⸗ überzogen, um nur ſo ſchnell wie möglich das warme Wacht⸗ zimmer zu erreichen. Die beiden nächtlichen Spaziergänger aber waren niemand anders, als Oſiris, der Zigeunerfürſt, und Nikolas, ſein Vertrauter. 2 — War das alſo Dein letztes Wort, Herr? fragte der Letztere, nachdem das Geſpräch eine Weile geſtockt, mit einer Stimme, der man ein leiſes Zittern anmerkte. — Nimm Vernunft an, Nikolas, und Du wirſt ein⸗ ſehen, daß ich wahnwitzig handelte, wollte ich Dir folgen, entgegnete Oſiris. — O Herr, hat Dich Dein hoher Muth ſo ganz und gar verlaſſen? ſprach Nikolas im Tone düſterer Trauer. Oder gilt Dir Roswitha, unſere Königin, gar ſo wenig, daß⸗ Du ſie gleichgültigen Sinnes ihrem Geſchick überlaſſen willſt? Laß mich noch einmal die Sache vor Dir darlegen, fuhr er dann bittend fort. Siehe, während ich that, was Du mir in Betreff des fremden Mannes aufgetragen, in— dem ich deſſen Geheimniß mit einem kleinen Theil Deiner Schätze erkaufte und dieſe ſelbſt Dir getreulich überlieferte — während dieſer Zeit, ſage ich, ſandte ich meine Zeliska, das ſchlaue Mädel, gen Poſtamp, um Kunde einzuziehen über die arme Herrin, die ſie auf der dortigen Burg nebſt vielen der Unſrigen gefangen halten. Es gelang der Liſt und Verſchlagenheit meines Mädels, in die Burg zu kom⸗ men. Da ſah ſie denn die geliebte Herrin, wie ſie in Be⸗ gleitung zweier Nonnen, einer alten und einer jungen, und bewacht von einem kurfürſtlichen Reiſigen, auf dem engen Burghofe auf und nieder wandelte. Wie mußte ſie aber die wiederfinden, ſo noch vor Kurzem Herrſcherin über ein ganzes Volk geweſen! Roswitha trug nicht mehr die könig⸗ ¹91. lichen Prachtgewänder, in denen ſie ſo herrlich anzuſchauen geweſen, ſondern ein grobes, haariges Büßergewand be⸗ laſtete ihre edlen und zarten Glieder. Verſchwunden war das Lächeln ihrer Lippen und die Roſenfarbe ihrer Wan⸗ gen; ihre Augen waren roth vom Weinen und häufige Thränen benetzten ihr blaſſes Antlitz, während ſie den Wor⸗ ten ihrer Begleiterinnen zuhörte und in ihren abgezehrten Händen ein Kruzifix hielt, das ſie hin und wieder an ihre bleichen Lippen drückte! Zeliska mußte mit aller Macht an ſich halten, um nicht zu der Herrin hinzuſtürzen und durch Weinen und Jammern ſich und ihre Abſicht zu verrathen; aber es gelang ihr, unerkannt die Burg wieder zu verlaſſen, um mir die frohe Kunde zu bringen, daß die Gefangenen nur von wenig Reiſigen bewacht werden, zu deren Ueber⸗ wältigung es nur etlicher entſchloſſener Männer bedürfe; das Mädel getraut ſich auch, uns auf ſicherem Wege in die Burg zu führen, wo wir dann mit Hülfe der Befreiten bald jeden Widerſtand beſiegen können, der ſich etwa noch vorfinden ſollte. Siehe, Herr, ein Streich, wie wir deren wohl ſchon hundertmal ausgeführt haben, würde Dir nicht allein einen Theil Deines Volkes zurückgeben und Dich wie⸗ der ſo mächtig wie zuvor machen; er würde auch Roswitha, Deine Königin, Dein geliebtes Weib in Deine Arme wie⸗ der zurückführen, die doch um Deinetwillen, da ſie ſich wohl hätte retten können, in die Gefangenſchaft gegangen iſt! Siehe, in einer einzigen Nacht könnten wir's vollbringen ohne große Gefahr und Anſtrengung; alle die Unſern, die dem Tode und der Gefangenſchaft entgangen, brennen vor Begierde, die Freunde zu rächen, und harren Deines Win⸗ kes, Herr! O, wenn Dir Deine Unterthanen auch zu wenig gelten, ſo gedenke der Roswitha, die Dich ſo treu geliebt und die jetzt nach Zeliska's Beſchreibung ſo unglücklich iſt; rette wenigſtens ſie, Deine Königin und Dein Weib! Thue es, Herr, o thue es! —————Q—Q—CQO—Q—— 402,— Nikolas hielt den Zigeunerfürſten bei den letzten Worten am Arme feſt, als hinge ſein oder des Anderen Leben von jedem ferneren Schritte ab, und ſeine Bitten klangen dabei ſo eindringlich, faſt verzweiflungsvoll, als bäte er um Gnade für ſich ſelber. Doch auf ſeinen Begleiter machte dies alles keinen Eindruck. — Du verſuchſt es vergebens, mich anderen Sinnes zu machen, ſagte Oſiris, ſich von ſeinem Begleiter losmachend und, gefolgt von dieſem, über den Hundemarkt der Brüder⸗ ſtraße zuſchreitend. Was die Roswitha, das treu liebende Weib, betrifft, ſo iſt ſie ja eigentlich nie mein Weib geweſen und ihre Treue gegen mich iſt nicht weit her nach dem, was mir Zeliska geſagt hat von ihrem nächtlichen Beſuche bei den beiden fremden Gefangenen, von denen des Jüngeren Milch⸗ bartsgeſicht ihr wahrſcheinlich beſſer geftel, als das ihres Herrn und Königs; unter anderen Umſtänden hätte ſie den Frevel gegen mich hart büßen ſollen, jetzt aber ſchiert mich ihr Schickſal nicht mehr, als das des Wurmes, der unter meinen Füßen im Staube ſich krümmt. Ebenſo wenig bin ich geneigt, für die feigen Hallunken, die ſich nicht einmal ihrer Haut wehren konnten, als es keine Beute zu machen galt, mein Leben auf's Spiel zu ſetzen jetzt, wo ich endlich das Ziel erreicht, nach dem ich ſo lange getrachtet, und um deſſentwillen ich geworden, was ich bin. Sieh, Nikolas, ich bin nicht undankbar gegen die, ſo mir wirklich Dienſte erwieſen, wie Du und Deine Zeliska, und ich meine es wahrlich gut mit Euch, wenn ich Euch mit mir nehmen will weit weg von hier und dem Schauplatze unſerer früheren Thaten, wo uns Niemand kennt! Ja, Ni⸗ kolas, wir werden künftig ein ruhiges und glückſeliges Leben führen, Du an der Seite Deines Mädels, ich an der Seite meines Sohnes, deſſen Liebe mich alles vergeſſen laſſen wird, was ich um ſeinetwillen gethan, indem ich nur um ſeinet⸗ willen all die reichen Schätze ſammelte, die uns unſere Tha⸗ ten eingebracht! O, ich habe ihn ſchon geſehen, ehe ich's ahnte, daß er's ſei; ein gar ſtattlicher Burſche iſt's, das ſage ich mit Stolz, und einen mannhaftern Kerl haſt Du nie geſehen, Nikolas; er hat mich zwar faſt zum Hauſe hinausgeworfen, aber dennoch konnte ich ihm nicht böſe wer⸗ den— die Stimme des Bluts regte ſich bei mir, ſobald ich ihn nur ſah. Und auch Du wirſt ſein Freund werden, Nikolas, denn er gleicht Dir an Muth und Zuverläſſigkeit; aber nie darf er wiſſen, woher unſer Reichthum ſtammt und wer wir früher waren, denn in Ruhe ſoll er genießen, was ich für ihn geſammelt! Daß man uns aber an unſerm neuen Wohnort nicht erkennt, dafür habe ich geſorgt durch dieſe Urkunde, in der mir das Oberhaupt dieſer beiden Städte im Namen des geſammten Rathes bezeugt, daß ich hierſelbſt als Bürger und Handelsherr ein ehrbares und ordentliches Leben geführt; zwar ſollte ich dieſe Urkunde durch einen Mord erkaufen, allein ich habe ſie ohne dieſen durch Dro⸗ hungen zu erlangen gewußt heute kurz zuvor, als Du mir die Gewißheit brachteſt, wer mein Sohn ſei; ich wollte keine That begehen, deren leichtes Mißglücken mich auf's Schaf⸗ fot, ſtatt in die Arme meines einzigen Kindes geführt hätte. Und darum weigere ich mich ja auch hauptſächlich, Deinem Anſinnen Folge zu leiſten; würde eine ſo gewagte That, wie Du ſie von mir verlangſt, nicht das ganze Land gegen uns in Bewegung ſetzen und uns den größten Gefahren preis⸗ geben? Daher nichts mehr davon, Nikolas; folge vielmehr mir, und wir alleſammt werden fortan ein Leben des Glückes und der Ruhe führen! Nikolas erwiederte hierauf nichts; in düſterem Schwei⸗ gen ging er neben dem Zigeunerfürſten her, bis dieſer dar⸗ auf vor Ottokars Hauſe ſtehen blieb. — Sieh, hier in dieſem Hauſe weilt er als niederer Diener! nahm jetzt Oſiris wieder das Wort. O, noch ahnt er nicht, daß er der rechtmäßige Beſitzer dieſes Hauſes iſt; 104 NARARARVTROVNü noch ahnt er nicht, daß ſein Vater vor der Thür ſteht, der dem geliebten Sohne Reichthümer zu geben vermag, gegen welche die ſeines Herrn, den er vielleicht manchmal beneidet hat, nur eines Bettlers Eigenthum zu nennen ſind! Peter, Peter, ſagt Dir Dein Herz nicht, wer jetzt vor des Hauſes Pforte ſteht? Doch nein, nein; nach dem rauhen Herren⸗ dienſt liegſt Du jetzt auf Deinem Lager, auszuruhen von des Tages Laſt und Mühen, und träumſt vielleicht von neuen Laſten, die Dein Herr Dir auferlegt! Und doch iſt dieſer elende Baſtard, der ſich Dein Herr nennt und bisher von Deinem Eigenthum gezehrt hat, fürder nicht werth, Dir die Riemen Deiner Schuhe aufzulöſen! Aber er ſoll dennoch behalten, was er bisher unrechtmäßig beſeſſen, wenn er vor Dir freiwillig bekennt, welcher Schuld er ſich theilhaftig ge⸗ macht, damit Du mir um ſo eher Glauben ſchenkſt, daß Du mein Sohn biſt, wenn die von dem Fremden erhaltenen Do⸗ kumente Dir etwa nicht genügend erſcheinen ſollten oder Du deren Sinn und Inhalt nicht verſtehſt! Sieh, ſchon halte ich den Schlüſſel in der Hand, den ich ſelber nach dem vom dienſtfertigen Hauswärtel erhaltenen Wachsabdruck mit vie⸗ ler Mühe zurechtgefeilt; noch wenige Sekunden und des Vaters Stimme weckt Dich aus dem Schlafe, und in ſei⸗ nen Armen, an ſeiner Bruſt geht Dir ein neues Leben, ein Leben der Freude und Wonne auf! O, daß ich Dich nicht im Triumphe durch die Gaſſen führen kann, ſondern mich wie ein Died in der Nacht mit Dir wegſtehlen muß, damit nicht etwa einer mich erkennt! Aber gleichviel— habe ich Dich doch! Du aber, Nicolas, wandte er ſich jetzt zu dem Zigeu⸗ ner, Du kehre jetzt nach unſerer Herberge zurück, damit dort alles zur ſchleunigen Reiſe bereit iſt, wenn ich mit ihm komme! Sieh, wie ich zittere vor Verlangen und Sehn⸗ ſucht; Du ſahſt mich doch in mancher Gefahr, in manchem gefährlichen Strauße auf Leben und Tod, aber Du wirſt ———— 2— nie gewahrt haben, daß ich dabei auch nur mit den Wim⸗ pern gezuckt— und jetzt klopft mein Herz, daß Du's hören mußt; ermeſſe danach, wie mächtig das Gefühl iſt, das mich beherrſcht, und Du wirſt begreifen, daß ich an nichts An⸗ deres denken kann, als nur an ihn! Kehre aber jetzt nach der Herberge zurück, guter Nikolas, damit nachher alles bereit iſt! Den Schlüſſel in der Hand, ſchritt Oſiris jetzt der Haus⸗ thür zu, um dieſe zu öffnen. Schon ſteckte der Schlüſſel im Schloſſe, als Nikolas, der ſchweigend und zaudernd dage⸗ ſtanden hatte, wieder zu ihm herantrat. — Haſt Du auch alle Folgen Deines Thuns wohl be⸗ dacht, Oſiris, und war dies wirklich alles, was Du mir zu ſagen haſt? fragte er ſeinen Gebieter mit tonloſer Stimme. — Nenne mich nicht mehr Oſiris, da Du doch meinen rechten Namen jetzt weißt! entgegnete dieſer. Und die Fol⸗ gen meines Thuns können nur gute ſein, denn wohl über⸗ legt iſt alles, was— — Aber Du haſt vergeſſen, Verblendeter, daß die Ge⸗ ſetze unſeres Stammes für den Verräther den Tod erheiſchen! Nikolas rief's mit grimmigem Hohne; wild ſchwang er einen blitzenden Dolch in ſeiner Fauſt und ſtieß ihn bis an's Heft in des Gebieters Bruſt, bevor diefer darauf denken konnte, den Todesſtreich abzuwehren. Des Getroffenen Hand ließ den Schlüſſel fahren, er taumelte etliche Schritte zurück und ſank dann ſtöhnend zu Boden. — Nikolas— das— mir? ächzte er nach einer Weile. Seine Anſtrengungen, den Stahl aus ſeiner Bruſt zu ziehen und ſich aufzurichten, waren vergebens. In dumpfer Betäubung ſtarrte der Mörder auf ſein ſich am Boden wälzendes Opfer. — Dein Geſchick erheiſchte es ſo, Oſiris! murmelte er. Wenn Du Deinen Sohn findeſt, wird Dein Stern unter⸗ gehen— ſo ſtand es geſchrieben im Buche der Geſtirne, ·‧xòxꝙꝶQp denen Du nie Glauben ſchenkteſt; und ſiehe, Dein Stern iſt untergegangen, ſchwarz und dunkel wie der Tod hängt der Himmel über Dir! Bald darauf ließ ſich von der Gegend des Kloſters der Schwarzen Bruüder her der Schall ſchwerer Tritte verneh⸗ men, die von mehreren Männern herrühren mußten. Da ließ der Trieb der Selbſterhaltung den Mörder aus ſeiner Betäubung, in die ihn das Bewußtſein ſeiner That verſetzt, erwachen und an ſeine Sicherheit denken. Er wollte in der entgegengeſetzten Richtung entfliehen, doch von daher ertönte durch die Stille der Nacht der Widerhall jener Tritte, und er glaubte, daß ſich auch von dieſer Seite Leute nahten. Wenngleich die Todesfurcht den Mörder nicht zur klaren Beſinnung kommen und ihn ſeine Täuſchung nicht gewahren ließ, ſo gaͤb ſie ihm doch um ſo eher ein Mittel ein, ſich der Gefahr zu entziehen. Schnell drehte er den im Schloſſe der Hausthür ſtecken gebliebenen Schlüſſel um und die Thur ſprang auf. Faſt abſichtslos zog er den Schlüſſel wieder heraus, ſchloß von Innen zu, ſchlich ſich leiſe über den dun— kelen Korridor über den Hof, ſchwang ſich hier behende über eine niedere Mauer und verſchwand in dem Buſchwerk der dort befindlichen Gärten. Seine Flucht war das Werk we⸗ niger Sekunden geweſen. Die Tritte kamen näher. Es war die Schaarwacht der Stadtſöldner, die, von der Langen Brücke herkommend, ihre Nachtrunde durch Kölln machte. — Was grunzt da am Boden wie ein Schwein! rief einer der Söldner, als er das Stöhnen des Schwerverwun⸗ deten vernahm. Gewiß iſt's ein Schlemmer, der in der Dunkelheit nicht weiter kann! Warte, Du beſoffenes Vieh, auf der harten Diele der Wachtſtube ſollſt Du Deinen Rauſch ausſchlafen! Er zog eine Blendleuchte unter ſeinem Mantel hervor und trat an Oſtris heran. eine am ſtes aus na — Um Gott! ſchrie er alſobald auf. Hier haben ſie einen Menſchen ermordet! Die Andern eilten herbei und ſtarrten entſetzt anf den am Boden Liegenden. Doch hatte einer noch ſo viel Gei⸗ ſtesgegenwart behalten, das Wamms aufzuneſteln, den Stahl aus der Wunde zu ziehen und den Verſuch zu machen, das nachſtürzende Blut durch ein Sacktuch, das er ſchnell her⸗ vorzog, einigermaßen zu ſtillen. — Das iſt ſicherlich ein Streich des Schwarzen Teu⸗ fel! meinte der erſtere, vor Furcht zitternd. Was fangen wir nun an? — In dem armen Kerl ſcheint noch etwas Leben zu ſein, meinte der, welcher die Wunde verband. Wir müſſen zuſehen, ob wir's ihm erhalten können! — Aber wir müſſen auch wiſſen, wo der Mörder ge⸗ blieben, ſagte der vorige wieder, ſich ſcheu umblickend, denn ſonſt fährt uns morgen der Herr Stadthauptmann auf den Leib und ſchilt uns unnütze Knechte und Haßenfüße. Wißt Ihr's nicht? wandte er ſich an den Verwundeten. Oſiris machte eine gewaltſame Anſtrengung und deutete mit der Hand auf Ottokars Haus. — Da hinein alſo iſt er entwiſcht? fuhr der Söldner fort. Ja, ja, das muß ſein, denn ich hörte ganz deutlich, wie wir noch da oben waren, daß eine Hausthür zugeſchla⸗ gen und verſchloſſen ward. Seht, ſeht! rief er dann ſeinen Kameraden zu, indem er mit der Leuchte gegen das Haus hin ging, hier führen ganz friſche Blutſpuren bis zur Thür! Ob wir's wagen? fragte er dann in furchtſamem und un⸗ ſchlüſſigem Tone. — Das wollen wir lieber bleiben laſſen! verſetzte der dritte der Stadtſöldner, aus denen die Schaarwacht beſtand. Das iſt Herrn Reinholds Haus und es möchte uns übel bekommen, zur Nachtzeit ungerufen bei einem ſo angeſehenen Köllner Bürger einzudringen. Zudem kann man auch nicht wiſſen, wer und was da alles hinter der Thuͤr ſteckt! Sicherlich war es der letztere Grund, der den Stadt⸗ ſöldner zu ſeiner Weigerung bewog und auch den Frager ihm beiſtimmen ließ. — Wir wiſſen wenigſtens, wo der Mörder hin iſt, und das iſt ein genügend Zeugniß unſerer Wachſamkeit! meinte dieſer. Inzwiſchen war der Stadtſöldner, welcher hier das Amt des Wundarztes verſah, mit dem Verbande fertig geworden. — Das Nöthigſte wäre geſchehen, meinte er, allein es langt nicht zu, Eurem Leibe die arme Seele zu erhalten, und mit meiner Kunſt iſt's jetzt am Ende! Könnt Ihr uns nun ſagen, wohin wir Euch zu beſſerer Pflege brinen ſollen? — In die— Herberge— beim— Köpenicker Thor! preßte Oſiris mit Mühe heraus. — Ach, Ihr ſeid fremd in den beiden Städten? ver⸗ ſetzte der vorige. Das iſt ſchlimm! Ich hoffte, Ihr würdet hier einen Freund oder Bekannten in der Nähe haben! Aber bis zur Herberge am Köpenicker Thor können wir Euch nicht mehr bringen, denn Ihr ſterbt uns unterwegs unter den Händen. Wir wollen verſuchen, ob Euch die frommen Frauen im Hauſe der Beguinen da drüben aufnehmen; das iſt nur etliche Schritte von hier. Oſiris ſchien ſich gegen dieſe Anordnung zu ſträuben; allein die Söldner achteten nicht darauf. Er ward von zweien aufgehoben und fortgetragen, während der dritte mit der Leuchte voranging. Die Hände des Zigeunerfürſten ruhten dabei auf ſeiner Bruſt, aus der der ſtechende Schmerz noch immer ein halb unterdrücktes Aechzen hervorpreßte. Doch trotz dieſes Schmerzes, der ſich bei jeder Bewegung vermehrte, gewann er es über ſich, eine der Schriften, die er in den Taſchen ſeines Wammſes trug, heimlich hervor⸗ zuziehen und in kleine Stücke zu zerreißen, ohne daß einer — ☛ 2 — ᷣæ der Stadtſöldner ſolch Beginnen gewahrte. Dieſe Schrift aber war das von Rycke als Bürgermeiſter ausgeſtellte Zeug⸗ niß, daß der Inhaber derſelben ſeit langer Zeit in den bei⸗ den Städten anſäßig ſei. Da das ſogenannte Beguinen-Haus ebenfalls in der Brüderſtraße und zwar auf der Seite des Dominikaner⸗ Kloſters gelegen war, ſo langte man nach wenigen Sekun⸗ den dort an. Ein Stadtſöldner zog die Glocke, und nach einer kurzen Unterredung mit dem Pförtner ward man ein⸗ gelaſſen. Der laute Schreckensruf des Stadtſöldners, der den Verwundeten zuerſt geſehen, ſowie die ebenfalls laut geführte Unterredung derſelben, während ſie auf der Gaſſe verweil⸗ ten, hatte etliche Nachbarn aus ihrer Ruhe gebracht, die dann natürlich ihre Fenſterläden geöffnet und getheilt zwi⸗ ſchen Neugier und Schrecken die Kunde der nächtlichen That vernommen hatten. Sie theilten jetzt einander ihre Befürch⸗ tungen und Vermuthungen mit, wodurch ſodann immer Meh⸗ rere bewogen wurden, ihre Köpfe zu den Fenſtern hinaus⸗ zuſtecken, um zu fragen, was es gebe. Alle waren natür⸗ lich der Meinung, daß ſolche That nur von dem Schwarzen Teufel verübt ſein könne, und als die Stadtſöldner aus dem Beguinen⸗Hauſe zurückkehrten, wo ſie den Verwundeten ge⸗ laſſen, wurden ſie durch dieſe in ihren Vermuthungen auch beſtärkt. Bald ſchloſſen ſich die Fenſterladen wieder; jeder bedauerte herzlich Herrn Reinhold, der doch gewiß ebenfalls unter den Händen des entſetzlichen Räubers verbluten müſſe, unterſuchte dann ängſtlich den Verſchluß ſeiner Thür und kroch endlich unter verſchiedenen bangen Stoßſeufzern in ſein Bett zurück, um von Mord und Brand zu träumen. Die Stadtſöldner aber eilten ſpornſtreichs, ihre Runde zu vollenden, und dann beim Rottmeiſter in der Wacht⸗ ſtube auf dem Rathhauſe die Meldung von dem Geſchehe⸗ nen zu machen. ——— eR;/, Kaum eine halbe Stunde nach der geſchehenen That war's in der Brüderſtraße wieder ſo ſtill und öde, wie vorher. (. Nichts ahnend von dem blutigen Vorgange dieſer Nacht, langte Ottokar, von der Verſammlung im Gewerkshauſe der Tuchmacher heimkehrend, eine Stunde nach Mitternacht vor ſeinem Hauſe an. Auf die Thür zuſchreitend, ſtrauchelte plötzlich ſein Fuß auf einer ſchlüpfrigen Stelle des Erdbo⸗ dens, ſo daß er auf ein Knie niederſtürzte. Da die Gaſſen der beiden Städte zu jener Zeit, wie auch leider noch klange nachher, durchaus keine Muſter der Reinlichkeit abgeben konnten, ſo kam's ihm nicht in den Sinn, die Urſache die⸗ ſes kleinen Unfalls näher zu unterſuchen; er bemühte ſich nur, die Hausthür ſo leiſe wie möglich zu öffnen und hin⸗ ter ſich wieder zu verſchließen, um nicht durch lautes Ge⸗ räuſch den etwa zufällig wachenden Nachbarn ſeine unge⸗ wöhnlich ſpäte Heimkehr zu verrathen. Auch zündete er aus demſelben Grunde nicht erſt Licht an auf ſeinem im erſten Stockwerke belegenen Gemach, deſſen Fenſter auf die Gaſſe hinausging, ſondern zog es vor, ſich im Dunkeln zu ent⸗ kleiden und ſein Lager aufzuſuchen, wo ihn aber die vielen Gedanken und Sorgen, die in der letzten Zeit ſeine ſteten Begleiter geweſen, erſt ſehr ſpät den Schlaf finden ließen. Das Tageslicht drang ſchon ſeit geraumer Zeit durch die herabgelaſſenen Vorhänge des Fenſters, als er durch das wirre Geräuſch vieler Stimmen geweckt wurde, das von der Gaſſe herauftönte und mit jedem Augenblicke zuzunehmen ſchien. Einen Aufſtand oder ein ſonſtiges Unglück befürch⸗ tend, verließ er ſchnell ſein Ruhelager und eilte ohne Wei⸗ ——— 8— -———————————— —. 111 4 teres an's Fenſter, deſſen Vorhang er ein wenig von der Seite bewegte, um nur vorerſt zu ſehen, was ſich da unten ereigne. Die Gaſſe war angefüllt mit Männern, Weibern und Kindern, welche theils vor ſeinem Hauſe einen Kreis gebil⸗ det hatten und öfters mit heftigen Geberden und Worten auf den Erdboden innerhalb dieſes Kreiſes wieſen, theils in dichten Haufen vor dem Beguinen⸗Hauſe ſtanden, welches dem ſeinigen ſchräg gegenüber belegen war. Alle fragten und erzählten wirr durcheinander und in ihren Mienen las man theils Unglauben und Zweifel, theils rohe Schaden⸗ freude oder bangen Schrecken. Ottokar überſchaute die Scene mit ſchnellem Blicke und griff dann nach den Kleidungsſtücken, die noch von der ver⸗ gangenen Nacht vor ſeinem Bette lagen, um ſich ſchnell an⸗ zukleiden und hinunterzueilen, als eine laute Weibsſtimme vor ſeinem Hauſe alle andern übertönte, daß er die Reden der Sprecherin deutlich verſtehen konnte. Unwillkürlich be⸗ gann er zu lauſchen. — Könnt mir's glauben, daß ich's am beſten von Euch Allen weiß, wie's auch immer der Fall iſt! rief die Stimme, welche natürlich keiner Andern, als Meiſter Trennerts ge⸗ ſchwätziger Gevatterin angehörte. Hab's brühwarm von meiner Baſe, deren Nachbarin mit einer Wartefrau von da drüben gute Freundſchaft hält. Der arme Mann, kommt von weit her, ſeinen verlornen Sohn zu holen, geſtern Abend hier an;'s läßt ihm keine Ruhe, muß mitten in der Nacht hin, wo er geglaubt ihn zu finden, aber er findet ihn nicht, ſondern er ſelber wird gefunden, von der Schaarwacht, grau⸗ ſam erſtochen, mitten durch die Bruſt. Sind aber mitlei⸗ dige Leute, unſere wackeren Stadtſöldner; ſie tragen ihn zu den frommen Frauen da drüben, wo er auch aufgenommen wird. Die ganze Welt, die's noch in der Nacht erfuhr, ſchiebt'Is auf den Schwarzen Gottſeibeiuns— na, ſchwarz —————O—Q—ę—ę—ęn A;;e genug muß ſein Herz freilich ausſehen, der's gethan hat! Wird ſchnell ein Heilkundiger gerufen, der verbindet. Der Gemordete kommt zu ſich, erzählt, warum er gekommen, ſagt aber, daß er den Mörder nicht kennt. Fragen ihn endlich, wer ſein Sohn iſt, wollen ihn rufen; da ſagt er's: der iſt's! Darauf ſchreit die Wartefrau, die mit der Nachbarin mei⸗ ner Baſe gute Freundſchaft hält:„Das iſt ja, der die Braut hat aus der Grünſtraße! Der ſchmucke Burſche iſt todt, haben ihn überall geſucht, aber nicht gefunden!“ Der Heil⸗ kundige winkt, ſoll's Maul halten, iſt aber nun einmal raus. Der arme Vater, ſtiert ſie an, wird raſend, rauft ſich's Haar zum Gotterbarmen, müſſen ihn feſthalten, daß er nicht den Verband losreißt! Endlich ruhiger, ſchläft, wacht auf; wollen ihm einen Geiſtlichen ſchicken, will's nicht haben, ſon⸗ dern einen Gerichtsmann. Herr Wilke Blankenfeld iſt Schöffe, kommt. Giebt ihm Urkunden, die beweiſen's ſo klar, wie's Licht der Sonnen, daß der Sohn der rechtmäßige Herr, der aber ein elender Baſtard! Wird wiedeyr gefragt, ob denn gar kein Verdacht? Jetzt ſagt der arme Vater ja; hat's erſt nur nicht ſagen wollen, weil gedacht, daß es ihm ganz allein gegolten! Den jungen Burſchen, weil ſchon gewußt, wie's ſteht, heimlich bei Seite geſchafft; nun den Vater des Burſchen auch, damit alles aus dem Wege ſei! Herr Blan⸗ kenfeld will's nicht glauben, weil immer ſo rechtſchaffen ge⸗ than; aber die Urkunden, alle unterſiegelt und beſtätigt; Blut vor dem Hauſe, Spuren bis an die Thür! Schaar⸗ wacht wird gerufen, hat kurz vorher das Haus ſchließen hören— kein Zweifel: erſt den Sohn, dann den Vater; nun gedacht, daß alles ſein iſt! Aber die Schaarwacht, ihm zu früh gekommen, ſonſt ſicherlich ganz kalt und ſtumm ge⸗ macht! Herr Heydicke, geſtrenger, neuer Bürgermeiſter, gerufen; Herr Stroband, der Stadthauptmann, gerufen— weiß auch noch nicht, wo ſein Sohn ein Ende genommen — wird ſich aber alles finden! Die Herren ſind jetzt drü⸗ 113 æÖCÄꝑÖQ˖—C—ͥ/ ben beim Gemordeten; zum Meiſter Schloſſer geſandt, weil, Nachbarn ſagen, daß ſie ſeit zwei Tagen keine Seele im Hauſe geſehen, der Vogel aber gewiß entflogen— werden ſchon kriegen! Ja, hat abgeſtritten, keine Zeichen und Wun⸗ der ſoll's gegeben haben, die doch viele gute Chriſtenmen⸗ ſchen geſehen; freilich, ſolche Zeiten, hätt's nicht geglaubt von ihm, hab's mir aber immer gedacht, faſt ihm angeſehen! Armes Mädel, arme Braut, heulet, daß ein Stein ſich er⸗ barmen mag! Wehe, dreimal wehe, ſolche Zeiten! Bei Anhörung dieſer Erzählung, die von verſchieden⸗ artigen Aeußerungen und Kundgebungen der unten Verſam⸗ melten begleitet ward, fühlte Ottokar, wie das Blut allmälig aus ſeinen Wangen wich und eiſeskalt durch ſeine Adern rieſelte. Zwar war er weit entfernt davon, den eigentlichen Zuſammenhang zu begreifen; doch die Gewißheit, daß er ſelber eine der Hauptperſonen des blutigen Drama's ſei, drang ſich ihm mit unwiderſtehlicher Gewalt auf und machte ihn verwirrt und zum Wollen oder Denken unfähig. Sein Zuſtand glich dem eines Thieres, das durch des Baſtlisken Giftblick bezaubert iſt; Leben und Bewegung ſchienen ihn mit jedem der matten Schläge ſeines Herzens immer mehr zu verlaſſen. Das wirre Geſchrei, welches ſich nach Beendigung je⸗ ner Erzählung von Neuem erhoben hatte, verſtummte plötz⸗ lich, denn Heydicke, der neue Bürgermeiſter, trat eben in Begleitung des Stadthauptmanns Stroband und des Raths⸗ herrn Wilke Blankenfeld aus dem Hauſe der Beguinen. Gefolgt von etlichen Stadtſöldnern und dem ganzen Troſſe der auf jener Stelle harrenden Leute ſchritten ſie der Woh⸗ nung Ottokars zu. Gleich darauf hörte dieſer, wie man heftig an die Haus⸗ thür donnerte. — Im Namen des Raths und der Gerichtsbarkeit der beiden Städte— öffnet! tönte es dabei herauf. Die ſchwarzen Brüder. III. 8 ꝑQ/·‚ęQꝗę́Aů Dieſer Ruf rüttelte ihn plötzlich wach; ſtatt der bis⸗ herigen Bewegungsloſigkeit bemächtigte ſich ſeiner eine faſt fieberhafte Haſt. Hurtig kleidete er ſich an und eilte dann hinab. Auf dem unteren Korridor kamen ihm ſchon die drei Mitglieder des Rathes entgegen; denn da nicht jener Auffor⸗ derung ſchnell Folge geleiſtet ward, ſo hatte man die Haus⸗ thür durch den anweſenden Schloſſer öffnen laſſen. Stadt⸗ ſöldner ſtanden im Eingange und hielten das nachdrängende Volk zurück. Als die Kommenden des jungen Mannes an⸗ ſichtig wurden, blieben ſie unwillkürlich ſtehen und ihr Stau⸗ nen zeigte deutlich genug, daß ſie ſein Erſcheinen nicht er⸗ wartet hatten. — Wen ſucht Ihr in dieſem Hauſe, Ihr Herren, und was bedeutet ſolch ungeſtümes Eindringen? redete Ottokar die Kommenden an. Mit welchem Rechte konntet Ihr Euch unterſtehen, die Thür öffnen zu laſſen! — Bei Gott, ſo zu fragen, heißt die Frechheit auf's Höchſte treiben! rief Stroband empört. — Sollte Euch unſer Kommen wirklich unerwartet ſein, Herr Reinhold, nahm Heydicke zugleich mit Stroband ent⸗ ſchuldigend das Wort, ſo werdet Ihr's gewiß bei dem Drange der Umſtände verzeihlich finden, wenn Ihr erſt er⸗ fahren habt— — Wozu dieſe Umſtände, Herr Heydicke! unterbrach ihn Stroband. Seht Ihr denn nicht an ihm das unzwei⸗ felhafteſte Zeichen des verübten Verbrechens? Er deutete dabei auf die Beinkleider, welche Ottokar trug. Alle blickten dorthin und auf ihren Geſichtern malte ſich Abſcheu und Entſetzen. Ottokar ſelber ward noch blei⸗ cher als zuvor; große Blutflecken hafteten an dieſem Theile ſeiner Bekleidung. — Ergreift den Verbrecher und führt ihn weg! rief Stroband darauf den Stadtſöldnern zu. ——õA AAA Schweigend duldete es Ottolkar, daß man ihm Feſſeln anlegte. Das wirkliche Hereinbrechen eines finſteren Ver⸗ hängniſſes, das ihm bisher in dunkler Ahnung vorgeſchwebt, mußte nach den Erlebniſſen der letzten Wochen auch den ſtärk⸗ ſten Geiſt darniederbeugen. Seine ſtumme Ergebung in dies Verhängniß erſchien den Anweſenden natürlich als ein neuer Beweis ſeiner Schuld, und mit dem Ausdrucke tiefſten Ab⸗ ſcheues überließen ſie ihn den Söldern, während ſie ſelbſt ſich in das Innere des Hauſes begaben, um die nöthigen gerichtlichen Prozeduren daſelbſt vorzunehmen. Das draußen verſammelte Volk empfing den Gefange⸗ nen anfangs mit tiefem Schweigen; bald aber wurden ein⸗ zelne Schmähungen gegen ihn laut, die ſich mit jedem Schritte vermehrten. Bei dem Rafe:„Mörder! Dieb!“ blickte er mit ſtolzer Verachtung auf die ihn umgebende tobende Rotte; als er aber vernahm, wie man ihn einen ehrloſen Baſtard nannte, da ſenkte ſich ſein Blick zu Boden, wie von dem Gewichte ſchwerer Schuld belaſtet. Die Schmähungen und das Geſchrei des Pöbels wur⸗ den immer ärger.„Da iſt er, der zwiefache Mörder, der verruchte Heuchler, der niederträchtige Baſtard!“ ſo hieß es, und mur mit Mühe vermochten ihn die Stadtſöldner vor rohen Mißhandlungen zu ſchützen. Die ehrbaren Bürger gingen kopfſchüttelnd von dannen; aber niemand wagte die Stimme zu ſeiner Vertheidigung oder Entſchuldigung zu er⸗ heben. Vergeſſen war alles, was er je für den Einzelnen oder die Geſammtheit Gutes gethan. Da gedachte Ottokar des jubelnden Empfanges, der ihm vor kaum zwei Wochen bei ſeiner Rückkehr aus Span⸗ dow geworden, ſowie der faſt göttlichen Ehren, die man ihm dabei angethan, und wie damals zuckte ein bitteres Lächeln um ſeine Lippen. — Hab's ja vorausgeſehen, daß es ſo kommen würde! murmelte er. Das finſtere Verhängniß hat ſich einmal an 8* 116 ꝑꝗꝑQꝗæꝗꝑꝗꝑ— meine Sohlen geheftet; ich konnte ihm nicht entrinnen! O, wenn Klara dieſe Stunde hätte erleben müſſen! Glücklicherweiſe war die Entfernung bis zum Rath⸗ hauſe, wohin man ihn führte, nicht allzu groß. Bald hatte ſich die Eiſenthür eines feſten Kerkers hinter ihm geſchloſſen und ihn wenigſtens von den Schmähungen einer rohen und undankbaren Rotte befreit. Nach Verlauf etlicher Stunden öffnete ſich die Kerker⸗ thür wieder, indem ein Rathsdiener mit Stadtſöldnern er⸗ ſchien, um den Gefangenen zum Verhör zu führen. Bald nach Ottokar's Eintritt in den ſchwarz ausgeſchlagenen Saal erſchien auch Heydicke, der als Bürgermeiſter zugleich das Amt des Stadtſchultheißen zu verwalten hatte, mit den Bei⸗ ſitzern des Gerichts oder den Schöffen, welche Rathsherren waren. Rycke war ebenfalls unter den Letzteren, doch Stro⸗ band fehlte. Mit feierlichem Ernſte nahmen die Richter am grünen Tiſche Platz. Unter tiefem Schweigen der Uebrigen verlas der neu beſtallte Syndikus die gegen Ottokar gerichtete ſchwere An⸗ klage, welche nach dem damaligen ſchnellen Verfahren kurz und bündig drei Hauptpunkte umfaßte und dahin lautete: daß der Angeklagte erſtens ein ehrloſer Baſtard ſei, der ge⸗ gen beſſeres Wiſſen ſich einen fremden Namen fälſchlich an⸗ gemaßt habe, um das hinterlaſſene Gut eines zu Köoͤlln ver⸗ ſtorbenen Bürgers, der ſich ſeiner einſt barmherzig angenom⸗ men, dem rechtmäßigen Erben deſſelben zu entziehen und ſich das Erbe anzueignen; daß er zweitens den Sohn des wahren Erben heimlich durch Meuchelmord aus dem Wege geräumt, und drittens ein Gleiches mit dem Letzteren ſelber verſucht und ausgeführt habe, als dieſer gekommen, Erbtheil und Sohn von ihm zu fordern. Dann folgten die Beweiſe, welche die Schuld des Angeklagten faſt unzweifelhaft machten. Als der Syndikus mit dem Vorleſen zu Ende war, er— hob ſich Heydicke und wandte ſich zu Ottokar. 117 AAᷓAANRNAAòù — Wie iſt Euer Name? fragte er, und Alle harrten geſpannt der Antwort.“ — Herr Reinhold, mein Pflegvater, nannte mich Ot⸗ tokar, erwiederte der junge Mann in ruhiger Faſſung. Der Name meines Erzeugers iſt mir unbekannt. — So geſteht Ihr alſo die Euch zur Laſt gelegten Ver⸗ brechen ein? fragte Heydicke weiter. — Ich bekenne mich ſchuldig, wiſſentlich mich für Rein⸗ holds Sohn ausgegeben zu haben, der ich nicht bin, ſprach Ottokar. Die übrigen mir zur Laſt gelegten Verbrechen aber habe ich weder im Sinne gehabt, noch ausgeübt. — So ſprechen alle Verbrecher, über die Gericht ge⸗ halten wird! verſetzte Heydicke. Doch mögt Ihr immerhin den Verſuch machen, den ſchweren Verdacht, ſo auf Euch laſtet, von Euch abzuwälzen. Wir werden Euch geduldig Gehör ſchenken. — Zuvörderſt wollte ich darum bitten, mir zu ſagen, wer der Sohn des rechtmäßigen Erben war, den ich heim⸗ lich durch Meuchelmord bei Seite geſchafft haben ſoll, ſagte Ottokar. — Hoffet nicht, uns durch derlei Winkelzüge irre zu führen, rief ihm Heydicke in ſtrengem Tone zu. Habt Ihr doch den armen Burſchen, der ſeine Abſtammung nicht kannte, hinterliſtig als Diener zu Euch genommen, um ihn um ſo leichter aus dem Wege räumen zu können! Doch damit ich Euch Eure Frage beantworte: Peter Steffen nannte er ſich, weil er's nicht beſſer wußte. — Meine Ahnung! murmelte Ottokar. — Wenn Ihr verſuchen wollt, Euch zu reinigen von dem ſchweren Verdachte, ſo thut es ungeſäumt! mahnte Hey⸗ dicke in befehlendem Tone, als Ottokar ſich einige Augen⸗ blicke ſchmerzlichen Betrachtungen überließ. — Wohlan denn, Ihr Herren, ich werde thun, was in meinen Kräften ſteht, um Euch meine Unſchuld zu be⸗ AAQAQꝗQÖQꝑQꝑQQQ—ꝑ weiſen! nahm Ottokar mit ruhiger Würde das Wort. Wenn ich aber jetzt die Stimme zu meiner Vertheidigung erhebe, ſo geſchieht's nicht, meinem finſtern Verhängniß zu entrin⸗ nen, in welchem ich die Strafe des Himmels erkenne für das, was ich wirklich Unrechtes begangen— es geſchieht nur, weil es meine Pflicht iſt, vor Euch, meinen Richtern, die vollſte, reinſte Wahrheit zu ſagen und nichts zu ver⸗ ſchweigen, was nur irgendwie auf dieſe Angelegenheit Be⸗ zug hat. So höret denn. Er begann nun damit, ſeinen ganzen Lebenslauf, von dem Tode ſeines Pflegvaters an, klar und offen darzulegen, wie er es bereits vor Boytin am Abende des zweiten Weih⸗ nachtsfeiertages in Martha's Hütte gethan hatte. Er ver⸗ ſchwieg weder, wie ihm die Entdeckung, daß er nicht Rein⸗ holds leiblicher Sohn ſei, geworden, noch die Kämpfe mit ſich ſelbſt, welche durch dieſe Entdeckung hervorgerufen wur⸗ den; ſowie er auch die Beweggründe ſeines Schweigens über dieſe Sache angab, indem er ſich hauptſächlich auf die ſchrift⸗ liche Ermächtigung ſeines Pflegvaters hierzu berief, obwohl er keinen Augenblick beſtritt, daß er damit großes Unrecht gethan habe. Dann erzählte er, wie er ſich raſtlos bemüht habe, den Bruder ſeines Pflegvaters oder deſſen Erben auf⸗ zufinden, um ihnen ihr Erbtheil zu übergeben, und wie er ſelbſt weite Reiſen zu dieſem Zwecke unternommen habe; daß ihm aber die Erreichung ſeiner Abſicht trotz der ſorgfältig⸗ ſten Nachforſchungen nicht allein gänzlich mißlungen, ſon⸗ dern daß ihm gerade durch dieſe Nachforſchungen die Ueber⸗ zeugung von dem Tode der rechtmäßigen Erben geworden ſei. Nun habe er im Rechte zu ſein geglaubt, wenn er die Sache auf ſich beruhen ließe, da ihm ſolches in dem letzten Willen ſeines Pflegvaters für dieſen Fall verſtattet worden; doch habe er ſich vom Tage jener Entdeckung an immer nur als Verwalter jenes Erbtheils angeſehen und ſich jeden Augen⸗ blick bereit gehalten, dem rechtmäßigen Erben, falls er ſich AAAAAA; wider Erwarten noch einſtellen ſollte, jeden Augenblick Rech⸗ nung ablegen zu können von ſeinem Eigenthum. Zum Be⸗ weiſe dieſer Behauptung bezeichnete er das geheime Wand⸗ fach, in welchem man ſowohl den Werth des Nachlaſſes im Golde, wie auch die Rechnungen über daſſelbe finden werde, woraus klar hervorgehe, daß er nie die Abſicht gehabt, je⸗ mand ſein Eigenthum unrechtmäßiger Weiſe vorzuenthalten. Hierauf berichtete er das Zuſammentreffen mit dem Fremden am zweiten Weihnachtsfeiertage, und wie er deſſen Anſinnen, ihm ſein Geheimniß und die Beweiſe für das Vorhanden⸗ ſein eines rechtmäßigen Erben abzukaufen, mit Entrüſtung von ſich gewieſen und dem Erſcheinen des Letzteren nicht al⸗ lein mit Ruhe entgegengeſehen, ſondern ſogar ſehnlichſt ge⸗ wünſcht habe, da er ſich gern der ihn drückenden Laſt ent⸗ ledigt hätte. Daß ſein Diener Peter Steffen, der ſich nicht von ihm verlockt, ſondern freiwillig zu ſeinem Dienſte gemeldet habe, der Bruderſohn ſeines Pflegevaters ſei, habe er leider nicht gewußt und erſt während ſeines Aufenthalts im Kerker, wo er alles Gehörte und Geſehene überdacht, ſei ihm dieſe Ver⸗ muthung gekommen. Dann erzählte er Peters ſeltſames Verſchwinden, ſeine Unruhe darüber, ſowie das Auffinden jener Schrift in Pe⸗ ters Gemach, und daß er ſeinen Hauswärtel nach der Böh⸗ menſtadt geſandt, um von dem Mönch, der nach jener Schrift Kunde von Peters Verbleiben haben müſſe, darüber Auf⸗ klärung zu erlangen. Bei der großen Eile, die er dem Haus⸗ wärtel befohlen, ſei deſſen Zurückkunft ſchon in etlichen Ta⸗ gen zu erwarten, wo ſich dann hoffentlich ſeine Unſchuld an dem Tode des Dieners, der ihm in der kurzen Zeit, wo er ihn kannte, ein lieber Freund geworden, klar herausſtellen werde. — Jetzt, Ihr Herren, komme ich zu dem ſchwierigſten Punkte der Anklage, fuhr Ottokar nun fort. Hier ſprechen 120 AANNNRMRNR;RE alle Umſtände gegen mich, und der einzige Beweis, den ich für meine Unſchuld beibringen kann, iſt eben nur die Be⸗ theuerung vor Gott und Menſchen, daß ich unſchuldig bin! Man hat einen Mann, tödtlich verwundet, vor der Thür meines Hauſes liegend gefunden; er iſt der rechtmäßige Erbe und klagt mich als ſeinen Mörder an in einem Augenblicke, wo ihn ſtündlich der Tod ereilen kann; Blutſpuren führen in mein Haus hinein, deſſen Thür die hinzukommende Schaar⸗ wacht unmittelbar nach der That verſchließen hörte; an mei⸗ nen Kleidern zeigen ſich große Blutflecke— das alles ſind Umſtände, deren ſeltſames, unbegreifliches Zuſammentreffen nicht vom Zufall herrühren, ſondern nur durch einen höhern Willen herbeigeführt ſein kann, in deſſen Hand die Geſchicke der Menſchen ruhen. Ich bin nicht im Stande, vor Euch, meinen Richtern, dieſe Umſtände aufzuklären; nur über einen derſelben, wie das Blut an meine Kleider gekommen, ver⸗ mag ich Auskunft zu geben, wobei es Euch anheimgeſtellt bleibt, ob Ihr mir Glauben ſchenken wollt, denn andere Be⸗ weiſe, als mein Wort, kann ich nicht geben. Nachdem die blutige That geſchehen und man den Verwundeten bereits fortgeſchafft hatte, kehrte ich von einem anderen Orte nach Hauſe zurück. In der Finſterniß trat ich in die Blutpfütze, die von dem Mordverſuche herrührte, ſtrauchelte und fiel, ohne zu gewahren, was an meinen Kleidern haftete. Das, ſowie alles, was ich jetzt hier geſprochen, iſt die reinſte und lauterſte Wahrheit. Gott, der Allwiſſende, den ich zum Zeu⸗ gen anrufe, kennt meine Unſchuld an den mir zu Laſt ge⸗ legten Verbrechen; iſt's aber ſein heiliger Wille, daß die Wahrheit für jetzt nicht an's Licht kommen ſoll, ſo werde ich's als die Strafe für die übrigen Vergehungen meines Lebens anſehen und in ſtiller Ergebung hinnehmen, was er über mich verhängt! Nochmals aber betheuere ich hier im Angeſichte Gottes und der Menſchen meine Unſchuld und bin gewiß, daß ſie dereinſt an den Tag kommen wird, wenn ꝑæÖ; ich dann auch nicht mehr athme! Weiter habe ich Euch nichts zu ſagen. Mit ungläubigem Lächeln hatte die Mehrzahl ſeiner Richter Ottokars Vertheidigung angehört. Jetzt erhob ſich Heydicke wieder und wandte ſich an den Gefangenen. — Dergleichen Betheuerungen ſind nichts Seltenes an dieſem Orte, ſagte er. Wir haben ſie ſchon von Vielen ver⸗ nommen, deren Schuld noch klarer erwieſen war, als die Eurige, obgleich bei dieſer kaum noch ein Zweifel möglich iſt. Ich ermahne Euch, junger Mann, ein reumuͤthiges Bekenntniß Eurer Schuld abzulegen, was allein uns zur Milde ſtimmen könnte, und warne Euch vor fernerem Leugnen, damit wir nicht gezwungen ſind, die Wahrheit durch die Folter zu er⸗ forſchen. Bedenkt Euch wohl, da es noch Zeit iſt! — Ich wiederhole es, daß ich die lauterſte Wahrheit geſprochen habe und kein Wort widerrufen kann! eutgegnete Ottokar. Da wandte ſich Rycke zu Heydicke und flüſterte ihm leiſe einige Worte ins Ohr. Heydicke nickte bejahend und wandte ſich dann wieder zu Ottokar. — Ihr erklärt die Blutflecke an Euren Kleidern durch einen Fall, den Ihr nach geſchehener That an der Stätte, wo ſolche verübt worden, gethan haben wollt, ſagte er. Die That ſelber aber iſt um die Mitternachtszeit verübt worden; wollt Ihr uns nun ſagen, von welchem Orte her Ihr ſo ſpät noch gekommen ſeid, und was Euch ſo ungewöhnlich lange dort beſchäftigen konnte? Nun— Ihr ſchweigt— das iſt wahrlich kein Beweis für Eure Behauptung! Einige Augenblicke lang fühlte ſich Ottokar verſucht, mehrere Leute, unter Anderen auch den Altmeiſter Holzmül⸗ ler, als Zeugen zu nennen, daß er wirklich bis zu dieſer Zeit außer dem Hauſe geweſen; allein er ſah weitere Fragen ſei⸗ ner Richter nach dem Zwecke ſolcher nächtlichen Zuſammen⸗ 12een kunft voraus und mochte weder durch eine wahrheitsgemaͤße Antwort Anderen ſchaden, noch ſich einer Unwahrheit ſchul⸗ dig machen. Dieſe Erwägung war die Urſache ſeines Schwei⸗ gens, das von ſeinen Richtern im übelſten Sinne gedeutet ward und auch noch diejenigen unter denſelben an ſeine Schuld glauben machte, die bisher im Hinblick auf ſeinen früheren Lebenslauf noch mehr oder minder daran gezweifelt hatten. In Rycke's höhniſchen Blicken ſpiegelte ſich boshafte Freude und Triumph. — Es iſt meine Beſtimmung, zu unterliegen! ſprach Ottokar auf die wiederholte Mahnung, die Frage zu beant⸗ worten, mit Reſignation. Ich habe Euch nichts mehr zu ſagen! Heydicke erklärte das Verhör jetzt für beendet und ließ den Angeklagten in das Gefängniß zurückführen; die Richter aber blieben noch zu fernerer Berathung beiſammen. Am folgenden Tage, als es bereits zu dunkeln begann, ward Ottokar abermals aus ſeinem Kerker in den Gerichts⸗ ſaal gefuͤhrt. Hier fand er außer den drei Stadtſöldnern, die in jener Nacht den Verwundeten gefunden und jetzt als Zeugen geladen waren, auch noch den Viehmäſter Trennert ſammt ſeiner Tochter. Das Mädchen, mit Trauerkleidern angethan, ſaß auf einem Schemel und barg ſchluchzend ihr Haupt an der Bruſt des ihr zur Seite ſtehenden Vaters, aus deſſen Mienen die tiefſte Bekümmerniß ſprach. Dieſer Anblick ergriff Ottokar ſo ſehr, daß er darüber faſt ſeines eigenen Geſchickes vergaß und einige tröſtende Worte an das weinende Mädchen richtete. Bei ſeiner Anrede aber ſtreckte ſie wie abwehrend den Arm gegen ihn aus, ohne ihn an⸗ zuſehen, und ihr Schmerz ſchien bei jedem ſeiner Worte nur um ſo heftiger auszubrechen. V/ — O Gott, hält mich denn alles für ſchuldig! ſprach Ottokar in tiefem Schmerz, als er die Wirkung ſeiner Be⸗ mühung inne ward. Darf ich denn nicht wenigſtens den Troſt in meinem Herzen hegen, daß, wenn auch die Richter nach dem Buchſtaben des Geſetzes mich verdammen müſſen, doch hin und wieder jemand iſt, in deſſen Bruſt ſich eine Stimme für mich regt? O, das iſt hart, ſehr hart! — Gott allein kann wiſſen, wie's mit Euch ſteht, gab Trennert gebrochenen Tones zur Antwort; ich mag Euch nicht verdammen, denn es ſtehet geſchrieben: Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet! Aber habt Ihr wirklich dem Peter ein Leids gethan, dann habt Ihr deren drei auf dem Gewiſſen! Das arme Mädel treibt's nicht mehr lange ſo; und ich— Gott wird ja barmherzig ſein und mir eine Stätte neben meinem einzigen Kinde bereiten! Ottokar wandte ſich ab; ſeine Augen ſuchten das Fenſter und wandten ſich dann hinauf zum klaren Abendhimmel; ſeine Lippen ſchwiegen zitternd, aber in ſeinen Blicken lag eine bange Frage. Gleich darauf traten die Richter wieder ein, die vor ſeiner Ankunft nur auf kurze Zeit den Saal verlaſſen hatten. Ein Geiſtlicher im Prieſterornat folgte ihnen und knieete in leiſem Gebet vor dem Altar nieder, der an einer Wand des Saales ſich erhob und zur Vereidigung der geladenen Zeu⸗ gen diente. Die Richter nahmen mit gemeſſener Wuͤrde ihre Plätze am Tiſche ein; auf ihren kalten Geſichtern war nicht die leiſeſte Spur von Theilnahme zu leſen, was geſtern doch wenigſtens bei einigen der Fall geweſen. Als der Geiſtliche mit ſeinem Gebet zu Ende war, er⸗ hob ſich Heydicke und wandte ſich zu Ottokar. — Seid Ihr heute gewillt, ein offenes, reuiges Bekennt⸗ niß Eurer Schuld vor uns abzulegen? fragte er ihn. — Was ich bisher als Schuld auf meinem Gewiſſen trug, ich habe es Euch geſtern ohne Hehl bekannt! erwie⸗ ANNRNNS mich frei! — Bei meinem Haupt, das hatte ich nicht erwartet! rief Heydicke mit unverſtellter Entrüſtung. Ein Fünkchen Mitleid regte ſich bis jetzt noch in mir trotz Eures geſtrigen Leugnens; da Ihr's aber heute noch mit frecher Stirn ver⸗ ſucht, durch gleißneriſche Worte uns zu bethören, ſo weicht fortan die von Euch verſchmähte Milde der ſtrengſten Ge⸗ rechtigkeit! — Muß ich, des ſchwerſten Verbrechens Angeklagter, Euch erſt erinnern, daß Euer Amt als Richter ja eben nur die ſtrengſte Gerechtigkeit erheiſcht? ſprach Ottokar. Iſt die⸗ ſer erſt genug geſchehen, dann mögt Ihr immerhin die Milde walten laſſen, obgleich von mir ſie nicht beanſprucht wird. Mögt Ihr als Richter nimmer dies vergeſſen! — Glaubt ſicherlich, wir werden dieſer Mahnung ein⸗ gedenk ſein, wenn Ihr auch bald das fürwitzige Wort be⸗ reuet! verſetzte Heydicke. Zur Sache denn. Ihr wieſet geſtern den Vorwurf ſtolz zurück, daß Ihr der niederen Habſucht zu fröhnen Euch für den rechtmäßigen Sohn Eures Wohlthäters ausgegeben habt, und führet an zur Widerlegung dieſes Vor⸗ wurfs, daß Ihr in blankem Golde den Werth des Erbtheils ſammt den Rechnungen an einem geheimen Orte aufbewahr⸗ tet, um ſolches einſt dem wahren Erben, wenn er kam, zu übergeben. Sprecht, war's nicht ſo? — Ich ſagte es, denn alſo iſt's die Wahrheit, von der Ihr leicht Euch überführen konntet! entgegnete Ottokar in ruhiger Zuverſicht. Alle Richter fuhren bei dieſen Worten zornig auf; auch Trennert ſchüttelte mit ſchmerzlichem Ausdrucke ſein graues Haupt. — Nicht kann gerechter ſein, Ihr Herren, als Eure Entrüſtung ob ſolcher Frechheit, ſprach Heydicke, ſich zu ſei⸗ nen Amtsgenoſſen wendend; doch bitte ich Euch, haltet ſo derte Ottokar. In allem Uebrigen ſpricht mein Bewußtſein AAAAᷓ;A;RAòæòQ; viel wie möglich an Euch, daß nicht die Würde dieſes Ortes durch Zornesrede beeinträchtigt werde! Doch Euch, Menſch, rief er Ottokar zu, Euch diene zum Beſcheide, daß dieſe Lüge Euch gerichtet hat! Bedurft's für Eure Schuld über⸗ haupt noch eines Beweiſes, ſo haben wir ihn hiermit jetzt erhalten! Wiſſet denn, daß wir bereits uns überführt ha⸗ ben, wie Ihr mit Lug und Trug uns keck berücken wolltet, denn jenes geheime Fach, wohl ward es aufgefunden, doch keine Spur von Geld war drinnen zu ſehen, und was die Rechnungen anbetrifft— — Das iſt eine ſchändliche Lüge, und Ihr ſeid's, der ſich deren ſchuldig macht! fuhr Ottokar empört auf, denn er konnte jetzt nicht anders glauben, als daß man ihn vorſätz⸗ lich verderben wollte. Vor allen Zeugen wiederhole ich's, daß Ihr lügt und frevelnd Euren Richterſtuhl entweihet! — Genug, genugl fiel ihm Heydicke gebieteriſch in's Wort. CEuer frevelnder Mund begeifert nicht mich allein, ſondern auch die andern edlen Herren, die bei der Durch⸗ ſuchung zugegen geweſen, und um ihretwillen thue ich Euren Läſterreden Einhalt; ich verachte ſte! Ich war's, der nach Eurer Wegführung in's Gefängniß alle Truhen, Schränke und Thüren Eures Hauſes unter Siegel legte, doch ſtand der würdige Stadthauptmann mir dabei zur Seite und die⸗ ſer, an deſſen bewährtem Biederſinn Eure Verleumdungen machtlos zerſchellen, hält ſelber mit etlichen Söldnern Wache, in dem Hauſe, daß Niemand weder aus⸗ noch eingehen kann. Heute Vormittag begab ſich Herr Rycke mit dem Syndikus im Auftrage des Gerichts der beiden Städte dorthin, um die Wahrheit Eurer geſtrigen Ausſagen zu erforſchen; da⸗ mit aber männiglich überzeugt ſein ſollte, daß alles dabei mit rechten Dingen zugehe, nahmen die Beiden noch etliche unbetheiligte Bürger als Zeugen und außerdem auch noch den Meiſter Trennert mit dorthin. Herr Stroband ſelber geleitete ſie zu Eurem Gemach, deſſen Siegel von Allen un d⸗ ꝗꝑęꝑęꝑꝗA»ꝗÖVꝑÖ verſehrt befunden wurden; und alle dieſe werthen Herren können es bezeugen, daß jenes Fach nicht einen Deut ent⸗ hielt. Herr Rycke und der Syndikus unterzogen ſich als⸗ dann der Mühe, im Beiſein der Zeugen das ganze Haus⸗ geräth zu durchſuchen; doch was ſie fanden, waren höchſtens fünfzig Goldgülden, während der Werth des nachgelaſſenen Erbes wohl das Hundertfache ſolcher Summe beträgt. Wer⸗ det Ihr's wagen, mit frecher Stirn ſo achtbare Zeugen Lügen ſtrafen zu wollen? Ottokar wußte nicht, was er hierauf erwiedern und überhaupt davon denken ſollte; unwillkürlich blickte er auf Trennert, in der gewiſſen Erwartung, daß dieſer, ein grund⸗ ehrlicher Mann, Heydickes Behauptungen der Unwahrheit zeihen werde. Als Trennert aber die Worte des Bürger⸗ meiſters in allen Stücken beſtätigte und ihm auch die übri⸗ gen Zeugen— ihm bekannte ehrenwerthe Männer— nam⸗ haft gemacht wurden, da ſchwindelte ihm ſein Kopf, vor ſeinen Augen ward es dunkel und kraftlos ſank er auf die hinter ihm ſtehende Bank. Uebermannt von all dem Unbe⸗ greiflichen, was ihm in den letzten Tagen begegnet, war er jetzt nahe daran, ſelber zu glauben, daß er wirklich die ihm zur Laſt gelegten Verbrechen verübt habe! Nach kurzer Pauſe nahm Heydicke wieder das Wort. — Obwohl es überflüſſig ſcheint, noch fernere Beweiſe für Eure Schuld vorzubringen— denn nach dieſer Probe Eurer Keckheit im Lügen wird uns niemand zumuthen, an Eure übrigen Geſchichten, die Ihr uns erzählt habt, zu glau⸗ ben— ſo erachten wir es doch als unſere Pflicht, Euch alles mitzutheilen, was die bisherige Unterſuchung gegen Euch ergeben, um Euch zu einem offenen Geſtändniß, Eures eigenen Beſten willen zu bewegen— ſo wandte er ſich zu Ottokar. Hört mir alſo ferner zu. Ihr ſprachet von einer Schrift, die Ihr in dem Gemach des Peter Steffen— oder mit ſeinem rechten Namen: des Peter Reinhold— nach ſei⸗ AAAÄANANAE nem vermeintlich freiwilligen Verſchwinden gefunden haben wollt. Dieſe Schrift aber hat niemand geſehen; Ihr ſagtet zwar, daß Ihr dieſelbe durch Euren Hauswärtel gen Prag zu dem Mönche geſendet hättet, allein es fehlt aller Grund zu ſolchem Thun von Eurer Seite, denn eine einfache Frage hätte zu Eurem Zwecke genügt. Von uns aber zweifelt niemand, daß Ihr den Hauswärtel nur fortgeſchickt, um eines läſti— gen Beobachters enthoben zu ſein. Ferner haben Meiſter Trennert ſowohl, wie auch deſſen ehrbare Tochter in abge⸗ ſondertem Verhör übereinſtimmend ausgeſagt und durch einen körperlichen Eid bekräftigt, daß Ihr Ihnen kein Wörtlein von jener Schrift geſagt, was doch gewiß den Beiden mehr zur Beruhigung gereicht hätte, als Eure heuchleriſchen Troſtes⸗ worte; auch mußten Beide der Wahrheit gemäß berichten, daß Ihr's Euch ſehr angelegen ſein ließet, ihre Befürchtun⸗ gen eines Unglücks zu widerlegen, während Euer verſtörtes unſtätes Weſen, das an Beſtürzung grenzte, und Euer gan⸗ zes Ausſehen Euren beruhigenden Worten widerſprach— was natürlich eine Folge des böſen Gewiſſens und der Furcht vor Entdeckung war. Ferner iſt's durch eben dieſe Zeugen erwieſen, daß der Gemordete weder des Leſens, noch des Schreibens kundig geweſen, denn er ſelber hat den Mangel dieſer Fertigkeiten off beklagt; demnach kann er alſo auch nicht jene Schrift für Euch zurückgelaſſen haben. Was wer⸗ det Ihr nun hierauf uns entgegnen? Ottokar, der kaum auf Heydicke's Worte geachtet hatte, ſchwieg. Was hätte er auch erwiedern ſollen! — Wir wiſſen dieſes Euer Schweigen wohl zu deuten, fuhr Heydicke nach einer abermaligen Pauſe fort, während welcher ein leiſes Geflüſter durch die Reihen der Richter ge⸗ gangen war; doch wenn für uns auch Euer ſtilles Geſtänd⸗ niß genügend iſt, ſo gebieten uns doch gewichtige Gründe, daß wir Euch ſolches laut und vor Zeugen ablegen laſſen. Wohlan denn, ſo fordere ich Euch zum letzten Male auf, 128 AAAANAAAARV frei und offen Eure Verbrechen zu bekennen; wir werden, thut Ihr dies, dann auch die Milde walten laſſen, die im⸗ mer nur mit unſerer Pflicht und mit dem Geſetz ſich ver⸗ einigen läßt, während dem Verſtockten die härteſte Strafe widerfahren wird! Ottokar ſchwieg auch jetzt. — Wahrlich, ich begreife Euch nicht! rief Heydicke, als er eine Zeit lang vergebens auf eine Antwort des Angeklag⸗ ten geharrt hatte. Ihr müßt Euch doch ſelber ſagen, daß Ihr überführt ſeid, daß nur ein reumüthiges Bekenntniß Eure harte Strafe mildern könnte und daß Ihr auch ohne ſolches der Verurtheilung gewiß ſeid! Habt Ihr etwa Ent⸗ ſchuldigungsgründe für Eure That vorzubringen, ſo iſt's noch Zeit, ſie anzugeben; wir werden ſie bei unſerem Urtheils⸗ ſpruch berückſichtigen. Vielleicht ſeid Ihr durch Andere zu Eurem Verbrechen verleitet worden— ſagt's frei heraus, denn Schonung von Eurer Seite wäre wahrlich zur Unzeit angebracht! Es iſt ſchon unter uns die Rede davon gewe⸗ ſen, daß Eure Schweſter gleichen Vortheil— wo nicht grö⸗ ßeren— von Eurer That zu hoffen hatte, und daß Ihr ſtets bemüht geweſen, deren Wünſche zu erfüllen; ſollte ſie Euch etwa angetrieben und verleitet haben, ſo würde Eure Schuld dadurch gemildert werden— — Nicht weiter ſprecht, Herr! rief Ottokar jetzt mit vorgeſtrecktem Arm, indem er von ſeinem Sitze emporfuhr; es ſchien, als hätten ihn erſt Heydicke's letzte Worte deſſen Abſicht erkennen laſſen. Nicht weiter mehr, denn in jedem Eurer ferneren Worke liegt der größte Frevel, den Ihr je begehen könnt! O, ich bitte Euch, zieht nicht auch ſie noch in ein finſteres Geſchick hinein, fuhr er mit weicher Stimme fort; es iſt ja für mich hart genug, daß ſchon meine Klara dem Verhängniß als Opfer fallen mußte um meiner gehei⸗ men Schuld willen, die ich auf mich lud, als ich verſchwieg, daß ich— ein Baſtard ſei! Seht, ich bin gewiß, daß ich —— F V- AAAAAARA;RA;R; von Euch zum Tode verurtheilt werde und habe daher trif⸗ tige Urſach, all mein Sehnen, all meine Hoffnungen dem Jenſeits zuzuwenden; bei meiner Seelen Seligkeit aber ſchwöre ich— und Gott möge mich in den tiefſten Abgrund der Hölle verdammen, ſo ich lüge— daß Lisbeth unſchuldig iſt an Al⸗ lem, was man mir zur Laſt legt, unſchuldig wie die Sterne droben am Himmel! Nie habe ich mich je ſo hoch vermeſſen und darum könnt Ihr mir wohl Glauben ſchenken! Sie weiß bis dieſen Augenblick noch nicht, daß ſie nicht jenes Rein⸗ holds Tochter, denn wie Alle, täuſchte ich auch ſie! O, glaubt mir diesmal nur und ich will Euch noch ſegnen, wenn ſchon des Henkers Hand nach meinem Leben greift! Sagt mir's, daß Ihr es glaubt. Der Gedanke, daß auch Lisbeth, die geliebte Schweſter, mit in ſein Verderben hineingezogen werden ſollte, erfüllte ihn mit der entſetzlichſten Angſt, die ſich in ſeinen Blicken, in jedem ſeiner Worte kund gab und ihm ſogar Thränen entpreßte. Mehrere der Richter waren augenſcheinlich tief ergriffen von ſeinem Flehen; ſelbſt Heydicke konnte ſich nicht enthalten, ihm zu ſagen, daß er nicht an Lisbeths Mitſchuld glaube und ſie nicht vrrfolgen werde. Ottokar dankte ihm in rührenden Worten. Inzwiſchen hatte der anweſende Geiſtliche mit Heydicke einen Blick des Einverſtändniſſes gewechſelt; er nahm jetzt das Kruzifix vom Altar und trat damit zu Ottokar. — Dein Herz iſt jetzt weich geſtimmt, mein Sohn, ſagte er zu ihm in väterlich mahnendem Tone. O, laß dieſen Augenblick nicht ungenützt vorübergehen und bedenke, daß droben nur dem reuigen Sünder, der ſein Verbrechen bekennt, Gnade zu Theil wird! Siehe, bei dem Bilde des Gekreuzig⸗ ten, der auch für Dich gelitten und ſein Blut vergoſſen hat, beſchwöre ich Dich, abzulaſſen von dem Bunde des Teufels der Dich zum Leugnen verführt, und Dich wieder zu Deinem Gotte zu wenden, bei dem allein Heil iſt und der auch in Die ſchwarzen Brüder. III. 9 — 130 ;òò der letzten Stunde ſich des Sünders erbarmt, ſo er reuig und zerknirſcht ſich ihm naht! Nochziſt's Zeit dazu, mein Sohn, und kraft meines prieſterlichen Amtes verheiße ich Dir die Vergebung der Sünden durch die heilige Kirche und Gnade und Erbarmung vor dem himmliſchen Vater, wenn Du in Reue und Demuth Deine Verbrechen bekennſt. Kannſt Du noch ferner zaudern? — Ich habe nichts zu bekennen, was ich nicht ſchon reuig bekannt hätte! erwiederte Ottokar. Ich wiederhole es, ich bin unſchuldig an dem Tode meines armen Dieners, der noch nicht einmal erwieſen iſt; wie ich auch unſchuldig bin an dem Morde ſeines Vaters, den ich nie geſehen habe! Sollten mir auch die gräßlichen Qualen, der Folter eine falſche Selbſtanklage abpreſſen, ſo widerrufe ich ſie ſchon jetzt im Voraus und werde ſie auch noch auf dem Blutgerüſte widerrufen! Euch aber, meinen Richtern, ſage ich hiermit: wie auch Euer Urtheil lauten möge, ich werde Euch ob deſ⸗ ſen nicht zürnen, denn ich ſelber würde an Eurer Stelle unter gleichen Umſtänden Eure Meinung theilen; auch nicht Ihr, ſondern eine höhere Gewalt bricht mein irdiſches Leben, und ich halte ihr demüthig ſtill. Aber mag ich auch den ſchmachvollen Tod vor dem Richterſtuhle des Allwiſſenden durch früheres Thun verdient haben— um der Verbrechen willen, deren man mich jetzt anklagt, leide ich ihn unſchul⸗ dig, deß rufe ich eben den Allwiſſenden zum Zeugen an! Das iſt mein letztes Wort! Kopfſchüttelnd und betrübten Blickes trat der Geiſtliche von ihm zurück. Heydicke gebot, den Angeklagten und die Zeugen hin⸗ auszuführen, bis man ſie wieder rufen werde. In Gegenwart der Gerichtsherren hatte Trennerts Toch⸗ ter, unterſtützt durch die ihrem Stande und Geſchlechte eigene Scheu, es vermocht, laute Aeußerungen ihres Schmerzes nie⸗ derzuhalten; jetzt aber machte ſich ihr Herzensweh in Jam⸗ AAANN mern und Klagen Luft, daß es jedem, der ſie hörte, durch die Seele ſchnitt und auch die anweſenden Stadtſöldner die Arme aufs Tieſſte bemitleideten. Umſonſt verſuchte es Mei⸗ ſter Trennert, dem ſelber die Thränen reichlich in den grauen Bart hinabfloſſen, ſie zu beruhigen und zur Standhaftigkeit zu ermahnen; der Jammer ſeines Kindes drohte auch ihm das Herz zu brechen. — O, wer hätte das damals geahnt, als der gute Burſch ſo freudig und faſt athemlos geſprungen kam und verkündete, welch guten Dienſt er gefunden! ſo machte der Alte auch ſeinem Herzen endlich Luft. Ja wohl, ein guter Dienſt das! Und als er gar mit dem Karren und den Gäulen kam, die ihm geſchenkt worden! O, ſie ſollen mir auch aus dem Hauſe, keinen Augenblick dulde ich ſie länger in Stall und Hof; hinaus auf die Gaſſe werde ich ſie brin⸗ gen, da mag nehmen, wer Luſt dazu hat! Doch nein, nein, verſchenken will ich ſie an die ſchwarzen Brüder, die ſollen Meſſen dafür leſen für ſeine arme Seele und für meine und der Lieſel ihre, denn bald werden wir ihrer wohl bedürftig ſein! Ach, hättet Ihr ſein gutes Herz gekannt und gewußt, wie er Euch zugethan geweſen, der Peter, der gute, wackere Burſche, dann wär's auch wohl anders gekommen! wandte er ſich zu Ottokar. Gewiß, hättet Ihr's ihm geſagt, er hätte brüderlich mit Euch getheilt und alles wäre ganz in der Stille abgethan worden, und Ihr hättet immer noch genug gehabt für Euch. Wie habt Ihr Euch ſo ſehr vom Böſen verblen⸗ den laſſen. Sei ruhig, mein Kind! Gott legt ja keinem mehr auf, als er zu tragen vermag! Sei ruhig— Deinem Verlobten iſt ja jetzt wohl! Seht her, Herr; bricht ſolcher Jammer Euch nicht das Herz! Ottokar blickte nach oben, als wollte er fragen:„Iſt's denn noch nicht genug?“ Aber bei den harten Anklagen des alten Trennert wider ihn, in welche die andern Anweſenden mit einſtimmten, trieb das Gefühl bitterer Kränkung Zornes⸗ 9 ¾ röthe auf ſeine bleichen Wangen und heftige Worte traten auf ſeine Lippen; als er aber in das kummervolle Angeſicht des Vaters blickte, gebot er ſeinem Zürnen Schweigen und trauernd ſenkte ſich ſein Blick zu Boden. — Ihr Schmerz iſt ja ſo gerecht, ſprach er bei ſich ſelbſt, und ſie wiſſen ja auch nicht, was ſie thun! In Geduld und Ergebung will ich den bittern Leidenskelch bis auf den Grund leeren; endlich muß es ja doch ein Ende haben!. Die Berathung der Richter währte lange und ſchien et⸗ was ſtürmiſch zu ſein, denn man hörte ſie heftig und eifernd reden, aber ohne ihre Worte verſtehen zu können. Endlich führte man den Angeklagten und die Zeugen wieder in den Saal. Noch ſah man die Geſichter der Richter erhitzt vom Wortkampfe, der ſtattgefunden hatte, und beſon⸗ ders aus Rycke's Blicken ſprach Unzufriedenheit und finſterer Groll. Ottokar erwartete, jetzt ſein Urtheil zu vernehmen und waffnete ſich mit all ſeiner männlichen Feſtigkeit. Daß an Freiſprechung nicht zu denken ſei, ſagte er ſich ſelbſt. Heydicke war es natürlich wieder, dem es als Bürger⸗ meiſter und Stadtſchultheißen oblag, das Wort zu nehmen. Als der Angeklagte und die Zeugen ihre Plätze eingenommen hatten, erhob er ſich und wandte ſich zu Ottokar. — Wir, Stadtſchultheiß und beigeordnete Schöffen des peinlichen Gerichts der beiden Städte— ſo ließ er ſich ver⸗ nehmen— haben alles, was Ihr zu Eurer Rechtfertigung und Vertheidigung vorgebracht, wohl erwogen und geprüft in Unparteilichkeit und Gerechtigkeit und wären wohl im Stande, ſchon jetzt unſer Urtheil zu fällen nach Recht und Geſetz. Weil Ihr aber von jeher unſer Feind und Wider⸗ ſacher geweſen, auch unſer Regiment bitter getadelt und Volk und Bürgerſchaft wider uns verhetzt, ſo möchte es den Schein gewinnen, zumal bei Eurem halsſtarrigen Leugnen, als wären wir aus Rache gegen Euch zu ſchnell zu Werke gegangen, wenn wir unſern Spruch gefällt, bevor Ihr eingeſtanden habt, — 133 òx oder bevor klar und unbeſtreitbar erwieſen iſt, daß alles, was Ihr vorgebracht, Lüge und Trug war. Von allen Euren Angaben, außer einer einzigen, iſt dies zwar bereits erwieſen, aber auch die Unwahrheit dieſer einen ſoll noch an's Licht gebracht werden, damit Niemand ſagen kann, wir hätten etwas bei Eurem Prozeß verabſäumt. Ihr habt Euch auf einen Franziskanermönch berufen, der von ſeinem Obern gen Prag geſandt ſei und der von dem Verbleiben Eures Dieners Kunde geben könne. Zwar habt Ihr Euch auch bei dieſer Angabe einer Lüge ſchuldig gemacht wegen der Schrift von Eurem Diener, der nicht ſchreiben konnte; aber es iſt wenigſtens ſo viel Wahres an der Geſchichte, als der bezeichnete Mönch wirklich gen Prag geſandt wor⸗ den, wie wir von dem hochwürdigen Obern unſeres Fran⸗ ziskaner⸗Kloſters zu Berlin, den wir gefragt, erfahren ha⸗ ben. Weitere Auskunft aber konnte uns der geiſtliche Herr über dieſe Sache nicht geben, und auch nicht ſagen, ob und wann der Mönch zurückkehre. Darum nun ſind wir Wil⸗ lens, einen Boten gen Prag zu ſenden, der den Mönch be⸗ frage und uns Nachricht bringe, wie's mit ſeiner Kunde ſich verhält. Danach aber ſoll das Urtheil über Euch geſprochen und ungeſäumt vollzogen werden, ohne weiteres Leugnen und Einwandmachen zu beachten. Alſo iſt's beſchloſſen worden von uns zu dieſer Stunde. Er winkte und die Gerichtsdiener führten Ottokar in ſein Gefängniß zurück; auch die Zeugen wurden entlaſſen. Die Gerichtsſitzung war zu Ende. — Glaubt mir, Ihr Herren, ſagte Heydicke, als er nach ſeinem Hauſe unterwegs war, zu einigen ihm beſon⸗ ders befreundeten und vertrauten Mitgliedern des Gerichts, die ihn begleiteten— glaubt mir, Ihr habt ſehr wohl daran gethan, meinem Vorſchlage beizuſtimmen. Unſer alter Starrkopf, der Stadthauptmann, hat mir zugeſchworen, daß er die Sache mit dem Rycke an's Tageslicht bringen werde, N OegTDege wenn wir nur das Geringſte unterließen, was dem Ange⸗ klagten von Nutzen ſein kann. Und Ihr wißt doch, wie ſehr uns unſer Vortheil gebietet, Rycke's Treiben mit Stillſchwei⸗ gen zu bedecken! Unſer würdiger Freund iſt im Punkte der Gerechtigkeit allzu kitzlich; er hätte wahrlich ſein Wort ge⸗ halten und wir mußten daher ſchon nach ſeinem Willen thun. Auch wird's dazu dienen, unſere Gerechtigkeitspflege bei Volk und Bürgerſchaft in helles Licht zu ſetzen; die anweſenden Zeugen werden's ſchon ausplaudern. Herr Rycke ahnte frei⸗ lich nicht, wie ſehr er ſeinen eigenen Kopf in Gefahr brachte, als er ſich aus allen Kräften gegen jeden Aufſchub des Ur⸗ theilsſpruches und deſſen Vollſtreckung ſträubte, und ich war wahrlich nahe genug daran, gegen ihn herauszuplatzen; aber beſſer iſt's, daß es nicht geſchehen! Noch Mancherlei ſprachen die Rathsherren von dem Prozeſſe; aber keiner dachte auch nur einen Augenblick dar⸗ an, daß Ottokar unſchuldig ſein könne. Alle hielten ſeine Schuld für ausgemacht. Mitternacht war längſt vorüber und noch ſaß Rycke in ſeinem Gemach, mit einem Manne in geheimes Zwiegeſpräch vertieft, auf deſſen Angeſicht deutlich zu leſen war, daß er ſich die blanken Goldſtücke verdienen wolle, die vor ihm auf dem Tiſche aufgezählt lagen. Es war ein Handelsmann aus der Vorſtadt, von dem Rycke aus Erfahrung wußte, daß er für guten Lohn zu allem bereit ſei, wobei es mehr auf Schlau⸗ heit und Liſt, als auf Muth und Entſchloſſenheit ankomme, denn die letzteren Eigenſchaften beſaß er in weit geringerem Grade, als die erſteren. Er hatte ihn ſchon zu manchem Dienſt gebraucht, den er ſelbſt ſeinem ihm treu ergebenen Diener Ehrig aufzutragen nicht gewagt hätte, und immer waren Beide zufrieden mit einander geweſen. 135 AANNNANNRR Rycke hatte ihn nach der Gerichtsſitzung insgeheim zu ſich beſcheiden laſſen. — Ich habe Dir nun alles deutlich und klar geſagt, was Du zu thun und wie Du's anzufangen haſt, ſo ſchloß Rycke ſeine Unterweiſung. Wirſt mich doch nun in allen Dingen verſtanden haben? — Gewiß, gewiß! verſicherte der Handelsmann. Und damit Ihr ganz beruhigt ſeid, will ich Euren Auftrag Wort für Wort wiederholen. Mit dem Früheſten ſpanne ich meine beiden Gäule vor den Karren, in dem die ſchon oft ge⸗ brauchte graue Mönchskutte nebſt Zubehör verborgen iſt. Solch Mönchskleid, lieber Herr, iſt doch ein herrlich Ding; mit ihm kommt man durch die ganze Welt, zumal wenn man ein wenig Latein aufgeſchnappt hat— von keinem wird man da nach Wohin oder Woher gefragt! Dann geht's fort nach der Stadt Prag in Böhmen, ſo ſchnell, wie's die Thiere nur immer aushalten; wenn nun, wie Ihr ſagt, der Amtsſchreiber erſt einen Tag ſpäter ſich auf den Weg machtz ſo bin ich eines Vorſprungs von zwei Tagen gewiß, und das iſt Zeit genug, um den Frauziskaner⸗Mönch ausfindig zu machen und auf ſchlaue Weiſe von ihm zu erfahren, wie's mit der Ausſage des Baſtards ſich verhält, ohne daß er merkt, wie's jetzt mit dieſem ſteht und wo's mit meinen Fragen hinaus ſoll. Iſt's nun ſo, wie der Angeklagte ge⸗ ſagt, dann laure ich als Mönch vermummt dem Amtsſchrei⸗ ber auf und bin der Erſte, der ihm auf den Gaſſen von Prag begegnet, ſobald er nur den Fuß in's Thor geſetzt. Meine Begrüßung als Landsmann und daß ich ihn überhaupt kenne, wird ihn befremden und erfreuen zugleich, und er wird mir auf meine Frage nicht verſchweigen, weshalb er nach Prag gekommen. Da gebe ich mich denn für den aus, welchen er ſucht, rufe Zeter und Wehe über den Böſewicht, der zwei Morde begangen und es wagt, ſich auf mich frommen Mann zu berufen, um noch etliche Tage länger ſeine gerechte Strafe ĩ— —ᷣ—ᷣ—ÿ—ͦ—x—x—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—x ½ 6 47 4 aufzuſchieben— ſchwöre bei allen Heiligen und Märtyrern, daß ich kein Sterbenswörtlein von dem Verbleiben des un⸗ glücklichen Dieners weiß und entbrenne ſo ſehr in heiligem Eifer gegen den Frevler, daß ich mich erbiete, zur Stelle mit dem Amtsſchreiber nach Berlin zurückzukehren, um den teufliſchen Böſewicht zu entlarven. Es iſt gar kein Grund vorhanden, daß mir der Amtsſchreiber nicht glauben ſollte, da er doch den wirklichen Mönch nicht kennt. Freilich wird er nicht zur Stelle mit mir umkehren, ſondern ſich erſt ein wenig in Böhmens Hauptſtadt von den Beſchwerlichkeiten der Reiſe erholen wollen; das aber mag er dreiſt thun, denn ich weiß in Prag Beſcheid, wie in den beiden Städten, und werde ihn ſchon wo hinführen, daß er mit dem Richtigen nicht zuſammentreffen ſoll. Auf der Heimreiſe nun werde ich aus lauter Aerger ob des ſchändlichen Mißbrauchs mei⸗ nes Namens krank, kann nicht weiter und bitte den Amts⸗ ſchreiber um des Himmels willen, nur recht zu eilen, damit man hier recht bald erfahre, wie arg getäuſcht der Ange⸗ klagte das Gericht hat. Auf Umwegen kehre ich dann bei Nacht und Nebel in mein Häuslein draußen zurück, hole mir bei Gelegenheit die andere Hälfte des ausbedungenen Lohnes von Euch und laſſe getroſt für alles Uebrige Eure Weisheit ſorgen. — Gut ſo! verſetzte Rycke zufrieden. Ich ſehe, Du wirſt immer verſtändiger, und glaube Dir noch manch ſchö⸗ nes Stück Geld verdienen laſſen zu können. Und wegen des Hauswärtels, der ebenfalls nach Prag geſandt ſein ſoll, kann ich ohne Beſorgniß ſein, meinſt Du? — Ganz gewiß, denn den kenne ich, Herr! verſicherte der Handelsmann. Habe ſchon manch artiges Geſchäft mit ihm gemacht! Wegen des Verſchwindens der großen Sum⸗ men aus dem geheimen Fache habe ich ſo meine Vermu⸗ thungen! Sollte er aber wirklich ſeinen Auftrag ausgerichtet haben, ſo muß ich ihm ja begegnen und dann ſtehe ich für Alles ein, da ich weiß, daß es Euch auf etliche Goldgülden mehr oder weniger nicht ankommt; für eine Hand voll Geld verräth der Kerl noch den Teufel, wenn er ſelber ſchon in der Hölle bratet! — Nun denn, ſo nimm hier die erſte Haͤlfte Deines Lohnes! ſagte Rycke, auf die Goldſtücke deutend. Und wenn Du alles nach Wunſch ausgerichtet haſt, iſt Dir die andere ebenfalls gewiß. Wenn Dich nur der Amtsſchreiber nicht etwa erkennt. — Das ſoll er wohl bleiben laſſen! lachte der Han⸗ delsmann, das Gold einſcharrend. Wuͤrdet Ihr mir be⸗ gegnen, ſo wette ich darauf, daß Ihr mir unbedenklich in den Beichtſtuhl folgtet, wenn Euch Eure Suͤnden juſt druͤck⸗ ten, und meine Abſolution würde Euch vollkommen beru⸗ higen. — So gehe denn und mache Deine Sache gut! ſagte Rycke das Zwiegeſpräch abbrechend. Er rief Ehrig, daß er den Fremden heimlich aus den Hauſe laſſe, und ging dann nachdenkend im Gemach auf und nieder. — Der Plan iſt gut ausgedacht und wird auch ge⸗ lingen, ſprach er für ſich; es war ein Gedanke, der mir zu gelegener Zeit kam! Der Amtsſchreiber wüthet gegen den Angeklagten, um deſſentwillen er in dieſer Jahreszeit vom warmen Stübchen weg und eine weite und beſchwerliche Reiſe machen muß; er wird dem Pſeudo⸗Mönch gern ſein Ohr leihen und nichts Eiligeres zu thun haben, als uns von dem Erfolge ſeiner Sendung Bericht zu erſtatten. Auf den Andern aber kann ich mich verlaſſen; der wird's ſchon ſo machen, daß der Amtsſchreiber auf die Wahrheit ſeiner Aus⸗ ſage die heiligſten Eide ſchwört. Ehe man aber hier den Betrug gewahr werden kann, hat der Henker ſein Amt be⸗ reits verrichtet und meine Amtsgenoſſen ſelber müſſen dann alles aufbieten, daß des Gerichteten Unſchuld nicht an den AAANRANRnRRdDd Tag kommt; das Volk würde ſie ja zerreißen! Es würde ſich dann auch ſchon ein Mittel finden, um einen armen Mönch zum Schweigen zu bringen! Etliche Male ſchien's mir bei dem Streite, der ſich vor dem Ende der Sitzung über den verlangten Aufſchub des Prozeſſes erhob, als ob's Heydicke um meinetwillen ſo gedreht hätte! fuhr er nach einer Pauſe fort. Doch mag dieſe Wahrnehmung wohl nur eine Täuſchung geweſen ſein, denn weder er, noch ſonſt einer kann ja auch nur im Ent⸗ fernteſten ahnen, wie nahe mich die Geſchichte berührt und wie gefährlich es für mich iſt, wenn Ottokars Unſchuld un⸗ zweifellos dargethan wird! Zwar glaube ich ſelber nicht an ſeine Unſchuld und mag auch nicht daran glauben— aber dennoch— Alſo im Kirchenbuche zu Rycksdorf ſoll er die Namen ſeiner rechtmäßigen Erben finden— ſo ſtand auf jenem verſtegelten Blatt, das— zufällig oder wie man's ſonſt nennen mag— mir bei der Durchſuchung ſeines Hauſes in die Hände fiel und das ich geſchickt den Späherblicken der Andern zu entziehen wußte! ſprach Rycke nach einer Weile wieder. Wahrſcheinlich hat er weder von dem Da⸗ ſein dieſes Blattes, noch von deſſen Inhalte je etwas ge⸗ wußt, denn ſicherlich hätte er ſonſt ſolche Kunde benutzt und wäre mit ſeiner Forderung gegen mich aufgetreten; aber von wem kann das Blatt, deſſen Schriftzeichen noch faſt friſch ſind, herrühren— wer kennt außer mir noch das für mich ſo gefährliche Geheimniß ſeiner Abſtammung, das ich ſelber erſt vor Kurzem durch übernatürliche Offenbarung erfahren? Doch gleichviel— jene Zeugniſſe im Kirchenbuche zu Rycks⸗ dorf ſollen bald nicht mehr vorhanden ſein und der, in deſ⸗ ſen Händen ſie eine furchtbare Waffe gegen mich wären, verfällt in kurzer Zeit als Doppelmörder dem Henker. Seine Schweſter Lisbeth, das ſchwache Mädchen, brauche ich, iſt er nur todt, auch dann nicht zu fürchten, wenn ihr wirk⸗ —— 139 lich ſichere Beweiſe ihrer Herkunft werden ſollten; ſie wird nicht wagen, allein gegen mich aufzutreten, und wer würde ſich der Schweſter eines hingerichteten Mörders wider einen mächtigen und einflußreichen Mann annehmen! Wenn die Geſchichte mit dem Amtsſchreiber gut ausfällt, ſo habe ich wahrlich von dieſer Seite her nichts zu fürchten! Alles geht nach Wunſch; der— Zufall oder was es ſonſt iſt— konnt's wahrlich nicht günſtiger fügen! Mein früherer Verbündeter weigert ſich, den mir ſo gefährlichen jungen Mann aus dem Wege zu ſchaffen— er ſelbſt aber wird tödtlich verwundet und klagt jenen als ſeinen und ſei⸗ nes Sohnes Mörder an! Der Hauptmann kann mir jetzt nicht ſchaden, denn er hegt noch immer leiſe Hoffnung auf das Wiederfinden ſeines Sohnes. Sollte er aber auch ſter⸗ bend noch Geſtändniſſe machen, ſo hat man ja keine Be⸗ weiſe für die Wahrheit ſeiner Behauptungen, denn das von mir ihm ausgeſtellte falſche Zeugniß— das Einzige, was eine Schuld beweiſt— hat er ja zu ſeiner eigenen Sicher⸗ heit vernichtet, wie er mir ſagte und wie ich auch beſtätigt gefunden habe durch etliche kleine Stückchen der Schrift, welche ich am andern Morgen insgeheim von der Gaſſe aufgeleſen habe! Ich war's alſo nicht, der ihm durch irgend ein Mittel zum Schweigen zwang, wie ich mir ſchon vorge⸗ nommen hatte— ebenſo wenig fällt der junge Mann durch mich. Ich kann ruhig dem Schickſal der Beiden zuſehen, das den Einen durch Mörderhand, den Andern durch Hen⸗ kershand mir aus dem Wege räumt! Beide ſterben ohne mein Zuthun. Ohne mein Zuthun? wiederholte er mechaniſch. Habe ich denn nicht erſt— doch hinweg— hinweg! Ich will Ruhe, Ruhe! Er riß ſich gewaltſam los von ſeinen Gedanken und begann ſich zu entkleiden, um ſich zur Ruhe zu begeben. Doch plötzlich hielt er auch hiermit wieder inne. — Nein, nein! ſprach er bei ſich. Noch hat ſich mein Geiſt nicht hinreichend zerarbeitet, noch ſind die Werkzeuge meines Denkens und Empfindens nicht genug abgeſtumpft, um mich ſchon der Ruhe überlaſſen zu können, einer Ruhe, gegen welche das Liegen auf einem bloßen glühenden Roſte ein erquicklicher Mittagsſchlaf iſt! Nein, nein— arbeiten, denken, grübeln muß ich, bis das Hirn unfähig iſt, auch nur einen Gedanken zu gebären und auszuſpinnen— bis das, was hier in der Bruſt iſt, ſich heiſer gerufen hat— bis die Augenlider ſich gewaltſam ſchließen und der Körper ſtumpf und fühllos zu Boden ſinkt! Dann habe ich Ruhe, dann iſt mir wohl, dann umfängt mich der Zuſtand höch⸗ ſter Glückſeligkeit: Unbewußtſein, Vergeſſenheit meiner ſelbſt! Und wieder vertiefte er ſich in düſteres Brüten. Nicht mehr wagte er ſich mit der Vorſtellung zu tröſten, das aus⸗ erleſene Werkzeug einer höheren Macht zu ſein und unter deren Schutze zu ſtehen, und ſelbſt die Erinnerung an den Ablaßbrief des Oberhaupts der Chriſtenheit vermochte nur auf Augenblicke den Schrei des Gewiſſens zu erſticken. Auch vermochte er ſich nicht mehr in ſtolze Träume künftiger Macht und Hoheit zu verſenken, um darin Erſatz für ſeine innere Pein zu finden: es galt ihm nur noch, ſich des von Außen und Innen zugleich auf ihn einſtürmenden Verderbens zu erwehren. Wenn ihn dann die inneren Qualen zu wild ſchüttelten, dann füllte er den ſilbernen Becher aus der gro⸗ ßen Kanne, die Chrig jetzt jeden Abend auf ſeinen Tiſch ſtellen mußte, und ſtürzte gierig den ſtarken Wein hinunter. So trieb er es, bis ihm die Sinne ſchwanden, die Augen⸗ lider ſchwer auf die gerötheten, ſtier blickenden Augen her⸗ abfielen und der Körper ſtumpf und fühllos zu Boden ſank. Dann fand er etliche Stunden Ruhe, dann umfing ihn die höchſte Glückſeligkeit, deren er noch theilhaftig werden konnte: Unbewußtſein, Vergeſſenheit ſeiner ſelbſt! In einem kleinen Gemach der kurfürſtlichen, früher den Herren von Rochow zugehörigen Burg zu Poſtamp ſaßen etwa eine Woche ſpäter drei Frauen an einem eichenen Tiſche, der nebſt drei hölzernen Schemeln, einer Lagerſtätte und einem Betaltar mit Kruzifix, über welchem ein Madon⸗ nenbild hing, das einfache Geräth des Gemachs bildete. Zwei von den Frauen trugen Nonnengewänder, während die dritte durch ein grobes, haariges Gewand, wie die Büße⸗ rinnen es zu tragen pflegten, mehr belaſtet als bekleidet war. Eine der Nonnen, eine würdige Matrone, las mit lauter Stimme aus einem Brevier vor und die Blicke des jungen blaſſen Mädchens im Büßergewande hingen in frommer An⸗ dacht an ihren Lippen, während die andere Nonne, gleich der Zuhörenden noch in dem Alter, wo Jungfräulichkeit mit Kindlichkeit Hand in Hand geht, ihre Augen gedankenvoll dem Fenſter zuwandte und die Blicke bald zu den grauen Wolken emporſchweifen ließ, die ein naßkalter Weſtwind über Stadt und Burg jagte, bald der Gegend zu richtete, wo, leicht verhüllt in wäßriges Nebelgewölk, die winterliche Abend⸗ ſonne mit gelblich bleichem Scheine hinter die dunklen Föh⸗ renwälder der hügelichen Havel⸗Ufer ſank. Hin und wieder rollte langſam eine Thräne ihre bleichen Wangen hinab, ohne daß ſie dieſe Verrätherin ihrer Gefühle zu gewahren ſchien. Sonſt aber ſchien es, als walte ein heiliger Friede in dieſem kleinen Gemach. — Die Leſende ſchwieg endlich, legte das Buch aus der Hand und blickte mit mütterlicher Zärtlichkeit auf die ihr zur Seite ſitzende junge Träumerin. Als dieſe die Stimme der Ehrwürdigen nicht mehr vernahm, erwachte ſie aus ih⸗ ren ſtillen Träumereien, und als ſie ſich beobachtet ſah, barg ſie das erglühende Antlitz an der Bruſt der Matrone. òQ — Nicht alſo, Helene, meine Tochter! ſprach dieſe, ſanft das Haupt des jungen Mädchens wieder emporrich⸗ tend. Du brauchſt Dich Deiner Gefühle nicht vor uns zu ſchämen, denn ſie kommen aus reinem, jungfräulichem Her⸗ zen, und Deine Thränen darf Dir Niemand wehren, denn ſie hat Dir Gott gegeben, zu lindern den herben Entſagungs⸗ ſchmerz Deiner wunden Bruſt. Lebe nur immerhin in der unſchuldigen Welt ſchöner Erinnerungen und Träume; noch darfſt Du's ja, denn noch haſt Du nicht das heilige Ge⸗ lübte gethan, das Dich auf ewig dem himmliſchen Bräuti⸗ gam vermählt, dem von da an all Dein Sehnen, Hoffen und Bangen gehört, und noch darfſt Du träumend Deinem Her⸗ zen gewähren, was Du wachend ihm verſagt haſt! Dein Schmerz um ein Glück, das Du edel ſelber Dir verſagteſt, iſt gerecht, mein Kind; aber dennoch bietet ſolcher Schmerz ſo ſelige, ſüße Luſt, daß es grauſam wäre, Dir ihn zu weh⸗ ren, ſo lange nicht die volle Uebernahme der eiſernen Pflich⸗ ten unſeres heiligen Standes es gebietet. Hänge Deinem Schmerze nach, meine Tochter, denn dieſer veredelt Dich und wird Dir das Scheiden von der Welt und ihren Freuden erleichtern, das ſtets dem jungen Herzen ſo bitter iſt! — Nicht bitterer, herber Schmerz war es in dieſem Augenblicke, der mir jene Thränen entlockte, würdige Mutter, erwiederte mild lächelnd Helene, die als Novize vorläufig dieſen Namen behalten hatte; es war die ſüße Ahnung beſ⸗ ſerer Tage, die in leiſen Hoffnungstönen durch meine Seele zog. Ich ſah die Wolken flüchtig dahineilen; wie viele ihrer aber auch vorüberzogen, immer wieder kamen neue und folgten den früheren. Da dachte ich: ſo iſt es auch mit den Hoff⸗ nungen der Menſchen. Kaum heraufgezogen, entſchwinden ſie auch und machen neuen wieder Platz, die ebenſo wie jene dahineilen. Nur droben über den Wolken herrſchet ewiger Ruhe, ewiger Friede; iſt die letzte der Wolken, iſt die letzte der Hoffnungen aufgeſtiegen und untergegangen AAAAAᷓAæᷓꝑREREO am Horizonte des Lebens, dann ſtrahlt der Himmel uns entgegen in unvergleichlicher und unveränderlicher Klarheit und höchſtem Glanze, und ewige Ruhe, ewiger Frieden ſenkt ſich von ihm auf uns hernieder. Ich ſah die Sonne, die majeſtätiſche Königin des Tages, wie ſie niederſank von ihrer hohen Bahn, gehüllt in einen bleichen Thränenſchleier. Da ſprach es in mir: ſo iſt es auch mit den Freuden der Men⸗ ſchen. Stolz leuchten ſie einen Tag lang und verklären ſein Antlitz mit goldenem Schimmer; aber der Tag iſt vorüber, die Freude entſchwindet und Thränen nur hinterläßt ihre Spur. Wohl denen, für die es ſolchen Wechſel nicht mehr giebt, ſie brauchen nicht mehr bange zu zagen ob des Un⸗ tergehens ihrer Freudenſonne, aber ſie dürfen auf den Auf⸗ gang einer anderen hoffen, die nimmer untergeht und ewig herniederſendet ihr beſeligendes Licht, denn nach der längſten, bangſten Nacht bricht ja an ein ewiger Tag! Das, fromme Mutter, war's, was mir der Alliebende zeigte in den Wer⸗ ken ſeiner erhabenen Schöpfung, in der ja das Kleinſte, was geſchieht, eine heilige Deutung in ſich birgt; und ſolche Deu⸗ tung machte, daß ich weinte— doch wahrlich nicht im Schmerz! — Doch geht gar deutlich aus Deinen Worten der Sinn hervor, daß Du Deine letzte Lebenshoffnung entflohen wähnſt und für Dich keine Freudenſonne mehr auf dieſer Welt erhoffſt; denn meinteſt Du anders, ſo könnte Dich ja jene Deutung nicht ſo ſüß durchbeben! ſprach die Matrone mit mildem Ernſt. Kind, Kind, das iſt nicht wohl gethan; das heißt dem heiligen Willen des Allmächtigen vorgreifen, der für uns Menſchenkinder unerforſchlich iſt! — O, richtet nicht ſo ſtreng die Worte eines unwiſ⸗ ſenden Mädchens, fromme Mutter! bat Helene, die Hand der Ehrwürdigen demüthig küſſend. Ich ſprach ja nur die Gefühle aus, die eben mein Inneres bewegten und die mich zu freudigem Danke gegen Gott ſtimmten. War's nun Un⸗ NNRNRNRR recht, was ich ſagte, ſo habe ich wohl nicht verſtanden, meine Gefühle in die richtigen Worte zu kleiden, und er, der in mein Herz ſieht, wird mir darob nicht zürnen, denn er kennt ja meine Schwachheit! Statt der Antwort legte die Matrone ſegnend die Hände auf das Haupt ihrer geiſtlichen Tochter und aus ihren Blik⸗ ken ſprach die reinſte Liebe. — Ja, es würde Frevel und ſchwarzer Undank gegen den Allgütigen zu nennen ſein, wollte ich in Wahrheit ſagen, daß keine Freudenſonne auf dieſer Erde mir mehr leuchte! fuhr Helene fort. Konnte mir je höhere Freude widerfah⸗ ren, als in dieſen Tagen geſchehen? Zerknirſcht, erdrückt von der Laſt der Schuld, die ich auf meine Seele geladen, klopfte ich zagend an die Pforte des gottgeweihten Hauſes zu Spandow, das nur ein Aſyl der reinen Seelen ſein ſoll, faſt in der gewiſſen Erwartung, mich nach Verdienſt von den frommen Bewohnerinnen abgewieſen zu ſehen. Man fragte mich nicht, liebend nahm man mich auf. Ich aber war ſtrenger gegen mich und bekannte, wie ich einem edlen Jüngling, deſſen Herz ſchon einer Andern, wenn auch Ver⸗ klärten, gehörte, in ſündiger Liebe zugethan ſei; ja, daß ich dieſe Liebe ſelbſt da nicht aus meinem Herzen auszurotten vermocht hätte, als mir durch eine göttliche Fügung die Er⸗ kenntniß geworden, daß verwandtſchaftliche Bande uns um⸗ ſchlingen, die durch das Band der heiligen Ehe noch feſter zu knüpfen, von den Geſetzen unſerer heiligen Kirche ver⸗ dammt wird. Ferner bekannte ich, daß mir die ſicherſte Kunde, unterſtützt durch die unwiderlegbarſten Beweiſe, da⸗ von geworden, daß faſt alles irdiſche Gut, welches mein Vater jetzt ſein nennt und von dem auch ich bisher genoſſen, nicht dieſem oder mir, ſondern nach Recht und Gerechtigkeit demſelben Jüngling zugehöre, für welchen ich ſolche verwerf⸗ liche Liebe fühle— und geſtand dann endlich ein, daß ich es in ſtrafbarer, frevelnder Verblendung nicht über mich ver⸗ mocht, dem Beraubten von ſeinem Rechte zu ſagen und zu ſeinem Gute zu verhelfen, weil— der es ihm vorenthielt— mein Vater war, und daß ich mich begnügt, dem Letzteren nur von dieſem meinem Wiſſen Kunde zu geben, ohne ihm den Beraubten zu nennen, von deſſen Daſein er ſelber kaum Ahnung hatte, wie ich glauben darf. Zitternd erwartete ich, daß man mich nach ſolcher Beichte ausſtoßen werde aus der Gemeinſchaft der Frommen; ſtatt deſſen richtete man mich mit liebevollen Worten auf, ſprach mir Troſt und Beruhigung zu und gab mir Belehrung, wie ich mein ſchweres Unrecht wieder gut zu machen habe, was ich auch— ſo mir Gott hilft— thun werde nach der empfangenen Unterweiſung. Dann übergab man mich der frommen Sorgfalt dieſer wün⸗ digen Nachfolgerin unſeres großen und erhabenen Vorbilde und was hat ſie in der kurzen Zeit bereits an mir gethan. Um Gott, Magdala— Roswitha— was iſt Dir? unter⸗ brach Helene ihre Erzählung. Was betrübt und bekümmert Dich plötzlich ſo ſehr, daß Du ſo bitterlich ſchluchzeſt und ſo heiße Thränen vergießeſt? O ſprich, geliebte Schweſter, woher kommt der tiefe Kummer, der aus Deinen Zügen ſpricht? Sie trat bei dieſen Worten zu ihrer jungen Gefährtin im Büßergewande und ſchloß ſie mit inniger Theilnahme und Beſorgniß an ihr Herz. Auch die ehrwürdige Matrone forſchte mit liebevollen Worten nach der Urſache des Kum⸗ mers, der die Weinende ſo plötzlich betroffen. — Deine Worte ſind's, die mich ſo traurig und bekuͤm⸗ mert machen! ſchluchzte Roswitha, die jetzt Magdala genannt ward. Wenn Du ſo ſchwer Dich anklagſt wegen Deines ge⸗ ringen Fehls und kaum auf Gnade und Vergebung zu hoffen wagſt— welche Hoffnung bleibt dann mir, die ich ſo viel und ſchwer geſündigt habe? — Muß ich es Dir denn ſtets wiederholen, theure Schweſter, daß ich bei Weitem ſtrafbarer bin, als Du, und Die ſchwarzen Brüder. III. 10 —— 146 AANNNNRNRNNN; daß eine einzige meiner Vergehungen ſchwerer wiegt vor dem Allwiſſenden und Gerechten, als alles, was Du bisher ge— than oder unterlaſſen haſt? entgegnete Helene. Mir wurden die heiligen Lehren des Chriſtenthums ſchon früh eingeprägt durch eine liebende Mutter, die freilich viel zu früh für mich von hinnen ſcheiden mußte, und durch fromme Lehrer und Prieſter; ich wußte alſo, was Recht und Unrecht war, und dennoch that ich das Letztere. Du aber, Arme, von einer unglücklichen Mutter geboren, von einem verblendeten Vater verleugnet, Du wuchſeſt auf, ohne daß Dir jene unſchätzbare Unterweiſung zu Theil ward; Du brachteſt Deine Jugend zu unter Menſchen, deren böſes Beiſpiel Dir täglich vor Augen ſtand; ſo lange Du unter ihnen weilteſt, hörteſt Du das Böſe preiſen und das Gute verachten und tadeln; war's da möglich, daß Du frei bleiben konnteſt von Verirrungen? Und dennoch öffnete ſich Dein Herz ſo ſchnell und willig dem Guten; dennoch ſtrebſt Du ſo eifrig Deiner Beſſerung nach und bereueſt ſo bitter und aufrichtig alles, was Du je gegen Gottes heilige Gebote gethan haſt— biſt Du alſo nicht gerechter vor dem Herrn, als ich? Glaube mir, der Ewige, der allwiſſend iſt, richtet die Menſchen nicht nach ihren Thaten allein: er richtet ſie auch nach ihrer größeren oder geringeren Fähigkeit zum Guten! Iſt's nicht ſo, meine geiſtliche Mutter? Die Matrone ſtimmte ihr bei, und dem vereinten tröſt⸗ lichen Zuſpruche der beiden Benediktiner⸗Nonnen gelang es, Roswitha's zagendes Herz zu beruhigen und wieder mit gläubiger Zuverſicht zu erfüllen. — Laßt mich jetzt fortfahren in der Aufzählung der Freuden, die mir durch die Gnade des Herrn widerfahren zu einer Zeit, wo ich derſelben am unwürdigſten war, nahm Helene darauf wieder das Wort. Des himmliſchen Vaters Huld und Güte zu rühmen, iſt ja auch ein Gottesdienſt. Die liebreichen Tröſtungen der frommen Kloſterſchweſtern 46. und beſonders Euer geiſtlicher Zuſpruch, gute Mutter, waren wohl geeignet, mir den Frieden der Seele zurückzugeben; aber es nagte noch ein ſchwerer Kummer an meinem Her⸗ zen: die Verblendung meines leiblichen Vaters und das be⸗ klagenswerthe Geſchick meines Bruders, der, wie ich glauben mußte, mitten in ſeinen Sünden und Laſtern den Tod ge⸗ funden hatte und der nun vor dem Nichterſtuhl des Ewigen ſtand, ohne ſeinen Wandel bereut und ſich gebeſſert zu ha⸗ ben! Das ewige, unabwendbare Verderben des Bruders er⸗ füllte mich am meiſten mit Schmerz, denn er war ja unrett⸗ bar verloren, während der Vater ja noch lebte und ſomit die Möglichkeit vorhanden war, daß ihm auf dieſer Erde noch die Stunde der Erkenntniß ſchlagen könne. Bald aber ward mir die frohe Kunde, daß Bernhard nicht allein noch lebe, ſondern daß er ſich auch zu Gott gewandt und ſich der himmliſchen Erbarmung theilhaftig gemacht habe. Solches erfüllte mich mit dem innigſten Dank gegen den Herrn; und als ich zu gleicher Zeit erfuhr, daß etliche Kloſterſchweſtern nach der Burg zu Poſtamp geſandt werden ſollten, um ihr frommes Bekehrungswerk an den unglücklichen Menſchen zu verſuchen, die man gefangen hierher gebracht hatte und die unſere heilige Religion nur dem Namen nach kannten— da bat ich flehentlich die Oberin, auch mich zu ſolchem Werke auszuſenden, denn es drängte mich, gleichfalls Theil zu neh⸗ men an der Rettung einer Seele, um auf dieſe Weiſe einen Theil meiner Schuld und meines Dankes abzutragen. Freund⸗ lich gewährte man mir meine Bitte und ich kam hier an in der feſten Ueberzeugung, viel Mühe und Qual zu haben mit den armen Verirrten, bevor es mir gelänge, in einer derſel⸗ ben auch nur ein einzig Saamenkörnlein zu ihrem Seelen⸗ heil zu legen. Abermals jedoch ſollte mir eine hohe, uner⸗ wartete Freude werden, indem man mich zu Deiner geiſt⸗ lichen Pflegerin beſtimmte, theure Schweſter; nicht allein, daß ich in Dir an untrüglichen Zeichen eine leibliche 10* AAAANANRRRRRD Schweſter erkannte, von deren einſtigem Daſein ich wohl ſichere Kunde beſaß, die ich aber längſt verloren gegangen wähnte und deren leiblichen und geiſtlichen Tod ich meinem ohnehin ſchon unglücklichen Vater mit tiefem Schmerze zuge⸗ ſchrieben hatte— ich fand auch in Dir einen ſo günſtigen Boden für die Erfüllung meines ſehnlichſten Wunſches, dem Herrn eine Seele zuzuführen, daß ich ſchon in wenig Tagen mein Werk für beendet halten und einer Anderen meinen Fleiß zuwenden konnte! Nun ſage ſelbſt, würdige Mutter — ſind dies nicht Freuden, die dem Himmel entſtammen? Und wenn auch meine Worte von vorhin den Sinn enthiel⸗ ten, daß ich auf keine irdiſchen, vergänglichen Freuden mehr hoffe— ſo war ich doch weit entfernt davon, zu zweifeln, daß mir auf Erden noch Freuden zu Theil werden könnten:; nur meinte ich eben ſolche, wie die ſind, von denen ich jetzt geſprochen. — O Gott, ich danke Dir, daß Du mir noch in mei⸗ nen alten Tagen das hohe Glück ſchenkſt, dieſe Beiden meine geiſtlichen Kinder nennen zu dürfen! ſprach die würdige Ma⸗ trone, ihre Blicke in freudiger Rührung gen Himmel erhe⸗ bend. Jetzt kann ich getroſt von hinnen ſcheiden, da ich weiß, daß ſtatt meiner zwei Weſen zurückbleiben, die in die⸗ ſer Zeit des Unglaubens und der Gottloſigkeit durch Lehre und Beiſpiel mächtige Streiter für Dein himmliſches Reich ſein werden, wozu Du ihnen Deinen väterlichen Segen ge⸗ ben wolleſt! — Amenl betete Helene in frommer Demuth. Dann ſich zu Roswitha wendend, ſagte ſie: Wirſt Du auch jetzt noch Zweifel hegen ob Deines himmliſchen Berufes, theure Schweſter, da Dir die fromme Mutter vor dem Herrn ſolch Zeugniß giebt? Betrachte Gottes wunderbare Fügung in Betreff Deiner— wie er Deine Seele für das ewige Heil empfänglich machte, wo Tauſende an Deiner Stelle unterge⸗ gangen wären in Sünde und Laſter— und Du mußt Dir ————— 149 ſelber ſagen, daß er Dich unter Vielen auserwählt hat für ſein himmliſches Reich! — Und wenn dem wirklich ſo iſt— wem verdanke ich's nächſt Gott anders, als Dir, Du Reine und Gute!l verſetzte Roswitha, der Freudenthränen die Wimpern netzten. Siehe, Schweſter, fuhr ſie eifrig fort, als Helene ihr widerſprechen wollte, ſiehe, Du haſt ſelber geſagt, daß Du manch inbrün⸗ ſtiges Gebet zum Himmel ſandteſt für unſern Bruder Bern⸗ hard, der ſich früher der Gottloſigkeit und den Laſtern hin⸗ gab; und ſeine plötzliche Umkehr zu Gott iſt ſicherlich eine Folge Deiner frommen Fuͤrbitten. Bernhard aber war ja der erſte, der durch ſeine muthige Ergebung in den Tod, durch ſein hoffendes Vertrauen auf ein einſtiges beſſeres Sein mich ahnen ließ, daß es noch etwas Höheres gebe, als dieſe Welt, als dieſes Leben; er war es ja, der durch die tiefe Reue, die er an den Tag legte ob des Unrechts, das er früher begangen, auch mich nachdenkend machte über meinen bisherigen Wandel; ſein Beiſpiel, als er nichts vor ſeinem Leidensgefährten voraus haben wollte, machte es ja, daß auch ich das Schickſal der Meinigen theilte, obgleich ich mich hätte retten können, und ſo durch Euch Beide der Un⸗ terweiſung in den himmliſchen Dingen theilhaftig ward, deren ich ſonſt verluſtig gegangen und ohne die ich unrettbar dem ewigen Verderben anheimgefallen wäre! Somit alſo gebührt Dir, Schweſter, nächſt Gott das Verdienſt, mich auf den Weg des Heils gebracht zu haben. Der helle Ton einer Glocke, der zur gemeinſamen Abend⸗ andacht rief, unterbrach für jetzt dieſe kindlich frommen Ge⸗ ſpräche. Die drei Frauen erhoben ſich und gingen hinab zur Burgkapelle, wo auch eine Anzahl der übrigen Gefangenen, die man ſolcher Begünſtigung werth erachtete, unter der Be⸗ wachung etlicher Reiſigen von der Beſatzung, zum Gottes⸗ dienſte verſammelt waren. Als Roswitha in die Kapelle trat, machte ſich ein Flüſtern unter ihren Mitgefangenen bemerkbar, ANNANRNNNNRS und etliche derſelben ſuchten ſich in ihre Nähe zu drängen. Sie aber, die ſonſt ſo ſtolz gebietende Königin dieſes Volkes, gewahrte nichts von dieſer ungewöhnlichen Bewegung; ge⸗ ſenkten Hauptes ſchritt ſie demüthig neben Helene und der ehrwürdigen Nonne ihrem gewohnten Platze zu, ließ ſich hier auf ihre Kniee nieder zu inbrünſtigem Gebet und erhob nur ihre Blicke, um ſie auf den frommen Burgkaplan zu richten, der in eindringlichen Worten die Sünder zur Reue und Beſſerung ermahnte und ſie zum Glauben an den aufrief, durch den allein ſie ihrer Sündenlaſt entledigt werden konnten. Nach beendetem Gottesdienſt verharrte Roswitha noch eine Weile in inbrünſtigem Gebete vor dem Bilde des Ge⸗ kreuzigten und kehrte dann mit ihren Begleiterinnen wieder auf ihr Gemach zurück, wo ſie mit ihnen ihr einfaches Mahl einnahm. Die Nacht war inzwiſchen völlig hereingebrochen und mit ihr hatte ſich draußen ein ſtürmiſches Unwetter erhoben. Der Wind fuhr heulend längs des Fluſſes daher, deſſen ſchäumende widerſtrebende Wogen dumpf brauſeten, und peitſchte den mit Schnee und Hagel vermiſchten eiſigen Re⸗ gen gegen das Fenſter des Gemachs, daß die Scheiben 4 klirrten. Undurchdringliche Finſterniß erfüllte die Gegend ringsum. — Gott nehme ſich der Armen an, die bei ſolchem Wetter obdachlos umherirren und deren es gar viele geben magl ſprach die Matrone, als ſich Sturm und Regen immer heftiger erhoben. — Dieſe Nacht gleicht jener, in der die kurfürſtlichen Reiſigen in unſer Lager drangen, ſeufzte Roswitha. Damals freute ich mich, daß er durch ſeine Abweſenheit der Gefangen⸗ ſchaft entging; heute würde ich mich freuen, theilte er glei⸗ ches Schickſal, gleiche Hoffnung mit mir! — Von wem ſprichſt Du, Schweſter? fragte Helene. 151 AANANANNRRNS — Von ihm, deſſen Weib ich mich einſt nannte! ver⸗ ſetzte Roswitha. Mit Schaudern denke ich des Gerichts, das ſeiner einſt oben wartet! O, könnte ich zur Rettung ſeiner Seele beitragen— mit Freuden wollte ich mich der härteſten Buße, ſelbſt dem Tode unterziehen! Aber leider bin ich deren für mein eigen Heil noch zu ſehr bedürftig, als daß ich hoffen könnte, je für das ſeinige etwas zu thun! — Du rufſt ja täglich zu Gott, Tochter, daß auch ihm die Stunde der Erkenntniß ſchlagen möge, ſagte die Matrone. Auch haſt Du Dich ja freiwillig harter Buße unterworfen, von der Du nur auf meine ernſte Mahnung abließeſt, weil ſie Dein Leben in Gefahr brachte. Hoffen wir, daß ihm davon zu Gute komme, was für Dein Heil nicht nothwen⸗ dig geweſen wäre. — Ach, fromme Mutter, Ihr urtheilt in Eurer Güte und Nachſicht viel zu gelind über mich! ſprach Roswitha traurig. Gott, der gerecht iſt, wird mich einſt anders rich⸗ ten, wenn ich mich nicht durch lange Buße und ein gott⸗ ſeliges Leben zu reinigen vermag! Seht, Ihr Lieben, eben die Buße, der ich mich unterzog, lehrte mich die ungeheure Zahl meiner Sünden erkennen! Des Beiſpiels unſers Bru⸗ ders eingedenk, der es um nichts beſſer haben wollte, als ſein Leidensgefährte, ſchämte ich mich, daß ich beſſer daran ſein ſollte, als meine Schickſalsgenoſſen, und beſtand nun darauf, daß man mich gleich dieſen behandele und feſſele, was mir erſt auf meine dringendſten Bitten von dem wür⸗ digen Anführer der Reiſigen und nachdem ich ihm den Grund meines Verlangens angegeben, gewährt ward, denn vorher hatte ich in meiner Verblendung beſſere Behandlung gefordert und von ihm zugeſagt erhalten. Als nun die rau⸗ hen Banden mir empfindlichen Schmerz verurſachten, da ge⸗ dachte ich, wie viele meiner früheren Unterthanen auf meinen Befehl ein Gleiches hatten erdulden müſſen, eines geringen Fehls, oftmals gar nur meines Uebermuthes willen, und 1e eine Stimme in mir rief mir zu, daß auch das kleinſte Un⸗ recht, was ich alſo begangen, an mir geſtraft werden würde. In tiefer Reue und Bekümmerniß kam ich hier an, wo mir zwar durch Dich, geliebte Schweſter, und durch den ehr⸗ würdigen Prieſter dieſer Burg Hoffnung auf Gottes Gnade und Vergebung gemacht, dadurch aber nicht die ſtrafende Stimme meines Innern zum Schweigen gebracht ward. Da hörte ich ſprechen von den harten Bußübungen, die ſich fromme und heilige Chriſten freiwillig auferlegt hatten zu ihrer Selbſtreinigung, und ich ward begierig, ſolches auch mit mir zu thun, denn im Hinblick auf meine Sündenlaſt zitterte ich bei dem Gedanken an die einſtige Vergeltung. Ihr ſahet, daß Euer Abmahnen fruchtlos blieb und ließet endlich gewähren, was Ihr trotz Eurer Milde und Güte nach den Satzungen der heiligen Kirche nicht hindern konntet. Als nun die Schmerzen der Geißelung meine Glieder durch⸗ zuckten, da fiel mir wieder ſchwer guf's Herz, wie Viele ich zu meinen Füßen in wilden Qualen ſich krümmen ſah, ohne auf ihr Winſeln und Flehen zu achten, und ihrer Schmer⸗ zen wohl gar noch lachenden Muthes ſpottete, obwohl ſie ſolche Strafe oftmals nicht verdient hatten! Und doch iſt dies Alles noch das Geringſte, das ich mir vorzuwerfen habe! Theilte ich nicht auch die Verbrechen, die Oſiris be⸗ ging, indem ich mich ihrer freute, und ihn zu neuem Frevel anſpornte? O, lebte ich auch noch hundert Jahre, ſie wä⸗ ren doch nicht hinreichend, während ihrer Dauer meine eige⸗ nen Sünden abzubüßen; wie könnte ich alſo hoffen, für Oſiris etwas zu thun? Und doch würde ich mit Freuden das Schwerſte für ihn erdulden, denn ich liebte ihn ja einſt, und er meinte es auch immer— wenigſtens nach ſeinem Sinne— gut mit mir! — Entſchlage Dich doch dieſer trüben Gedanken, Schwe⸗ ſter; Du wußteſt es damals ja nicht beſſer! bat Helene. Gott aber wird ſicherlich Dein frommes Gebet erhören und Oſiris in ſich gehen laſſen, daß er ſich der Beſſerung zu⸗ wendet! — Und ich erinnere Dich, Tochter, nahm die würdige Matrone in ernſtem Tone das Wort, daß ſolche Bußübun⸗ gen, denen Du Dich unterzogen haſt, zwar ſehr nützlich und heilſam ſind, daß ſie Dich aber um keinen Schritt dem Him⸗ mel näher bringen, hegſt Du nicht dabei den lebendigen Glauben an die Vergebung der Sünden durch den Gottes⸗ ſohn, durch deſſen Leiden und Sterben allein uns Erlöſung wird! — O, fehlte mir dieſer Glauben, ich müßte ja ver⸗ zweifeln und finſterer wär's in meiner Seele, als draußen die Nacht iſt! rief Roswitha. Jene Bußen ließ ich ja nicht über mich ergehen, um mir ein Verdienſt zu erwerben, ſon⸗ dern um der Stimme meines Gewiſſens, um mir ſelber ge⸗ nug zu thun. Und wenn auch noch Augenblicke kommen, wie vorhin, in denen ich zweifle, daß mir je vergeben wer⸗ den könne, ſo habe ich ja Euch, Ihr Guten, die Ihr mich gelehrt habt, den Heiland zu lieben und auf ihn zu hoffen, und die Ihr auch jetzt mir noch beiſteht mit Eurem Rathe und Troſte, wenn ich kleingläubig zage! Und ſeht, da ich zu Euch ſpreche, zieht auch für Oſiris Hoffnung in meine Seele ein, indem ich der Liebe gedenke, mit der ſein Herz erfüllt iſt für ſein Kind, das er ſchon ſo lange eifrig ſucht; wer ſo zarte Triebe noch zu hegen vermag, iſt dem Guten und der Beſſerung ſicherlich noch nicht ganz verloren. Viel⸗ leicht iſt es Gottes Wille, ihn durch ſein wiedergefundenes Kind zu ſich zu ziehen! 4 Helene's Bruſt entrang ſich ein ſchmerzlicher Seufzer bei dieſen Worten: ſie konnte nicht Gleiches von dem ſagen, den auch ſie ſo gern auf dem Wege des Heils geſehen hätte — ihr Vater hegte jene Triebe nicht! — So laſſet uns denn jetzt unſere Nachtandacht ver⸗ richten, meine Kinder, und mit ihr dieſen Tag beſchließen, da die Zeit bereits vorgerückt iſt, nahm die Matrone nach einer Weile das Wort, indem ſie wieder das Brevier zur Hand nahm, aus welchem ſie ſchon am Abend vorgeleſen. Mit andächtiger Aufmerkſamkeit hörten Helene und Ros⸗ witha ihr zu; denn ſie hatte das Kapitel vom Glauben an Jeſum und von der Sündenerlöſung durch ihn gewählt, und ein ſanfter, ſtiller Gottesfriede zog je länger je mehr in ihre Seelen ein und ſpiegelte ſich in ihren Zügen. Nachdem dann jede noch ein leiſes Gebet vor dem Betaltar verrichtet, folgte Helene der geiſtlichen Mutter in ein Nebengemach, das ih⸗ nen Beiden zum Schlafkämmerlein diente, und auch Ros⸗ witha ſuchte geſtärkt und getröſtet ihr Lager auf, wo das Bedürfniß der Jugend, der Schlaf, bald ihren frommen Be⸗ trachtungen für jetzt Einhalt that. 9. Das Unwetter draußen ließ nicht nach, ſondern nahm eher noch zu. Im nahen Städtchen drang kein Lichtſtrahl mehr durch die Fugen der Fenſterladen, und auch in der Burg war's überall ſtill und finſter bis auf die beiden klei⸗ nen Wachthäuſer, von denen eins neben dem feſten Thore an der Zugbrücke ſtand, die auf der Stadtſeite über den Burggraben führte, das andere aber vor dem Eingange in die unterirdiſchen Verließe ſich erhob, in welchen man einen Theil der gefangenen Zigeuner untergebracht hatte. Auf jedem der vier runden Wartthürme, die ſich an den Ecken der äußeren Burgmauer erhoben, war zwar wie gewöhnlich ein Wachtpoſten ausgeſtellt: allein die Reiſigen, die das Wächteramt zu verſehen hatten, kauerten im Innern des Thurmes, da ſie außen in der dichten Finſterniß nicht drei ꝑAꝑꝑ́;ꝙ́»ꝑ́ Schritte weit vor ſich ſehen und bei dem Heulen des Stur⸗ mes, dem Brauſen des Fluſſes und dem Plätſchern des Re⸗ gens kaum den Schall ihrer eigenen Tritte vernehmen konn⸗ ten— auch war ja Friede und Ruhe im Lande und kein Angriff zu befürchten. Die vier Reiſigen, welche in dem Wachthauſe an der Zugbrücke harrten, bis die Reihe des Poſtenſtehens an ſie kam, ſtreckten ſich ſchlaftrunken auf ih— ren hölzernen Wachtbänken; denn die Thüren waren ja feſt verſchloſſen und niemand konnte außerdem die Kerker ver⸗ laſſen, ohne hart bei ihnen vorüberzugehen, da der Weg durch jenes zweite Wachthaus führte. Der kurfürſtliche Hauptmann, welcher in der Burg befehligte, ſeit ſie ſich in der Gewalt des Landesherrn befand, hatte ſich beim Ein⸗ bruch der Nacht von der Beobachtung der gewöhnlichen Vor⸗ ſichtsmaßregeln überzeugt; er hielt ſich daher der Wachſam— keit ſeiner Untergebenen verſichert und pflegte gleich den übrigen Bewohnern der Burg ſorglos der Ruhe. Es war um die zwölfte Stunde, als von der Richtung des Babertsberges her ein Nachen der Burg ſich näherte, den etliche in demſelben befindliche Männer mit leiſen Ru— derſchlägen über den wogenden Havelfluß trieben. Vorſichtig und geräuſchlos lenkte man den Nachen zu einer Stelle der öſtlichen Burgſeite, wo zwiſchen der Mauer und dem Fluſſe ein ſchmaler Uferrand geblieben war, den hier und da nie⸗ driges Buſchwerk und Geſträuch bedeckte. Kein menſchlicher Laut ließ ſich in der Burg vernehmen. In dem Augenblicke, wo der Nachen den Uferrand er⸗ reichte, erhob ſich einer der Männer, blickte ſcharf aus und flüſterte leiſe: — Zeliska! — Nikolas! ertönte auf dieſelbe Weiſe als Antwort. Zugleich ward auf dem Uferrand der dunkle Umriß einer menſchlichen Geſtalt ſichtbar, die ſich hinter einem Weiden⸗ ſtumpf erhob. ;=Z — Iſt alles bereit? fragte Nikolas in der Zigeuner⸗ ſprache, indem er aus dem Nachen ſtieg. — Ich habe meine Zeit wohl zu benutzen verſtanden, erwiederte Zeliska. Die Tochter des jüdiſchen Handels⸗ mannes— für die ich mich ausgegeben, um unter dem Vorwande des Handels mit allerlei Zierrath in die Burg zu gelangen— hat wie immer Augen und Ohren offen ge⸗ habt und alles iſt nach Wunſch gegangen— — Es kann uns doch hier Niemand hören oder ſehen? unterbrach ſie Nikolas. — Fürchte nichts! beruhigte ihn Zeliska. Die näch⸗ ſten fremden Ohren ſind die der Wachtpoſten auf den bei⸗ den Thürmen, welche zur Rechten und zur Linken in einer Entfernung von mindeſtens fünfzig Schritten von uns ſtehen. Können wir uns doch kaum hören; daß die Reiſigen auf jenen Thürmen unſer Geflüſter vernehmen, iſt daher ebenſo unmöglich, als daß ſie uns mit den Augen gewahren ſollten. Dieſe Nacht iſt wie erkoren von den Schickſalsmächten für unſer Vorhaben. — Wie gelangen wir nun aber in die Burg? fragte Nikolas wieder. — Laß mich nur ausſprechen, Nikolas, dann weißt Du alles! verſetzte Zeliska. Der alte einäugige Narr, der Gefängnißwärter, iſt täppiſch in die Falle gegangen, die ich ihm geſtellt, und iſt bis zur Raſerei verliebt in die himm⸗ liſche Rebekka— wie er mich nennt. Er hat's beim Rott⸗ meiſter, der die Aufſicht über's Burgthor hat, ausgewirkt, daß ich frei ein⸗ und ausgehen konnte, ſo lange ſich mein vermeintlicher Vater des Handels wegen im Städtchen auf⸗ hält, und fleißig habe ich dieſe Erlaubniß benutzt zur größ⸗ ten Freude des verliebten Gecken, der ſich feſt einbildet, daß auch er mir gleiche Leidenſchaft eingeflößt hat, was er dar⸗ aus entnahm, daß ich nie mit leeren Händen erſchien, ſon⸗ dern immer ein Krüglein guten Getränks für ihn in mei⸗ RNZ?—Rꝛ nem Tragkorbe führte. Schon am dritten Tage verſprach ich ihm, meinem Vater zu entfliehen, mich dann taufen zu laſſen und ſein Weib zu werden, und ſeit jener Zeit kannte ſein Entzücken keine Grenzen. Geſtern nun, als ich meiner Sache ziemlich gewiß war, brachte ich ſtatt eines Krüg⸗ leins deren zwei mit, und er trank ſo eifrig auf mein Wohl, daß er bald nicht mehr im Stande war, ſich vom Lehn⸗ ſtuhle zu erheben; das verſetzte ihn aber in große Verlegen⸗ heit und Angſt, denn die Stunde war da, wo er den Ge— fangenen Brod und Waſſer bringen mußte und er fürchtete, daß ſie über eine Verſäumniß groß Geſchrei erheben und ſo die Aufmerkſamkeit des Burghauptmanns auf ſein Ver⸗ gehen lenken würden, was üble Folgen für ihn haben mußte. Da ließ ich mich denn von ſeiner Angſt bewegen und erbot mich, das Geſchäft aus Liebe für ihn zu verrichten, wobei ich mich ſcheinbar ſtellte, als koſte es viele Ueberwindung von meiner Seite, mich ganz allein zu ſo fürchterlichen Böſe⸗ wichtern zu begeben. Voller Freude ob ſolcher Gefälligkeit zeigte er mir den Schrank, wo die Schlüſſel aufbewahrt wer⸗ den, und wies mir alles an, was ich brauchte. Da man von ſeinem Gemach aus gleich in die Gefängniſſe hinab⸗ ſteigt, ſo fand ich weiter keine Hinderniſſe. Die Unſern machten zwar jedes Mal große Augen, ſo oft ich in eine Zelle trat, aber ein Wink von mir hieß ſie ſchweigen, und ſo konnte ich Alle von Deinem Vorhaben in Kenntniß ſetzen und ihnen den Ort bezeichnen, wo ſie die für ſie beſtimmten Waffen finden würden; ſie ſind bereit, mit Dir zu leben und zu ſterben. Nachdem dies geſchehen, brachte ich mei⸗ mem trunkenen Verehrer die Schlüſſel zurück, und er entließ mich unter tauſend Dankſagungen, die ſo feurig waren, wie der Wein, den er getrunken. Heute nun, nachdem ich die Witterung beobachtet und Dir den Boten geſandt hatte, kam ich früher als ſonſt und ſagte ihm, daß mein Vater wegen wichtiger und unaufſchiebbarer Geſchäfte in dieſer Nacht ab⸗ 158 reiſen müſſe; wenn er mich nun bei ſich behalten könne, gelan dann wäre ich frei und könne ſchon morgen mich vom Burg⸗ mit kaplan im Chriſtenthum unterweiſen laſſen, um alsbald ſein leiter Weib zu werden. Du kannſt Dir denken, daß der Tropf ſtie faſt außer ſich gerieth vor Glück und Wonne und daß er aunf ſich keinen Augenblick bedachte, meine Bitte um ein Nacht⸗ 1 MNa lager zu gewähren— ſe — Warte, Hallunke, Deine Brunſt ſoll abgekühlt wer⸗ aauf den! murmelte Nikolas zwiſchen den Zähnen. Gen Zeliska lächelte über die Eiferſucht ihres Geliebten und gehe fuhr dann in ihrer Erzählung fort: ſigen — Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich auch heute wie⸗ über 1 der auf einen guten Trunk bedacht geweſen, in den ich aber lich diesmal etliche jener Pülverchen gemiſcht hatte, die einen Jhr ſelbſt unter der Folter nicht aus dem Schlafe erwachen laſ⸗ Die ſen. Als es nun Nacht ward und mein Beſchützer mit all Sch ſeinen Dienſtverrichtungen fertig war, richtete er ein leckeres gen 1 Mahl zu, um ſein Glück würdig zu feiern, und ließ ſich da⸗ ſche bei meinen Wein ſehr wohl munden. Bald thaten denn mer auch die Pülverchen ihre Wirkung und beſinnungslos wie zu ein Todter ſank er zu Boden. Um mich ſeiner ganz zu ver⸗ übe ſichern, knebelte ich ihm Hände und Füße und verſtopfte ihm wol den Mund. Dann nahn ich die Schlüſſel aus dem offenen gen Schranke, öffnete leiſe und geräuſchlos die Gefängniſſe, ſagte ic den Unſern, daß ſie ſich bereit halten ſollten, bei dem erſten 1 Zeichen herauszubrechen, und kehrte dann in das Gemach des de d Gefängnißwärters zurück. Da ich wußte, daß man von hier Eir aus nur auf den Burghof gelangen kann, indem man durch ter das Wachthaus geht, ſo zog ich es vor, mich aus dem nicht ſehr hohen Fenſter zu entfernen und ließ mich vorſichtig an vei einem Stricke herab, den ich zu dieſem Zwecke mitgebracht ſi V und befeſtigt hatte; zuvor aber löſchte ich die Ampel aus, N die im Gemach brannte. Außer den wachthabenden Söld⸗ m nern ſchlief alles in der Burg, und genau Beſcheid wiſſend, 7 gelangte ich unangefochten an die äußere Mauer, die ich mit leichter Mühe erſtieg. Oben befeſtigte ich die Strick⸗ leiter, die ich unter meinen Kleidern verborgen getragen hatte, ſtieg auf ihr von Außen hinab und harrte hier Eurer An⸗ kunft. Wenn Ihr nun die mitgebrachten Waffen über die Mauer geſchafft habt, ſo führe ich Euch zu dem Orte, wo. ſie unſere Gefährten finden ſollen, und während ich dann auf demſelben Wege, den ich vorhin genommen, durch das Gemach des ſchlafenden Gefängnißwärters zu den Unſrigen gehe und ſie hinausführe, müßt Ihr die ſchlaftrunkenen Rei⸗ ſigen im Wachthauſe vor dem Eingange in die Gefängniſſe überfallen und die Nichtsahnenden ſo geräuſchlos wie mög⸗ lich abthun, was Euch nicht ſchwer fallen kann; dann thut Ihr ein Gleiches mit den Söldnern im Wachthauſe am Thor. Die Unſrigen haben ſich inzwiſchen bewaffnet, die aus dem Schlafe Geſchreckten werden niedergemacht und die Gefan⸗ genen ſind frei, bevor man im nahen Städtchen das Ge⸗ ſchehene ahnen und den Leuten in der Burg zu Hülfe kom⸗ men kann. Iſt nun die Sache vorbei, ſo bringe ich Euch zu einer Brücke, die bei der Stadt nach dem Teltow hin⸗ überfuͤhrt, und einzeln begeben wir uns dann nach unſeren wohlbekannten Schlupfwinkeln, bis wir uns wieder vereini⸗ gen können. Jetzt weißt Du alles, Nikolas; ſage an, habe ich meine Sache gut gemacht? — Du biſt wahrhaft würdig, einſt die Beherrſcherin Deines Stammes zu werden! verſetzte Nikolas. Aber noch Eins. Haſt Du Roswitha geſprochen, oder iſt ſie ſonſt un⸗ terrichtet von unſerem Vorhaben? — Leider ging dies nicht an, erwiederte Zeliska. Du weißt, daß man ſie gleich Anfangs von den Uebrigen ab⸗ ſonderte, ſo ſehr ſich die gütige Herrin auch gegen dieſen Vorzug ſträubte. Ich ſah ſie noch geſtern, aber ich durfte mich ihr nicht zu erkennen geben, da zwei Nonnen ſie ſtets wie ihr Schatten begleiten; die geringſte Unvorſichtigkeit aber konnte leicht eine Entdeckung herbeiführen. Aber ich kenne den Weg zu ihrer Zelle, und ſie wird wahrlich nicht an⸗ ſtehen, uns zu folgen, denn ihr ganzes Ausſehen giebt Kunde, wie ſehr ſie hier leiden muß. — So wollen wir denn nicht länger ſäumen! verſetzte Nikolas. Er wandte ſich jetzt zu den im Nachen zurückgebliebe⸗ nen Gefährten und gab dieſen ein Zeichen, worauf ſie eine Kiſte, die mit Schwertern und ähnlichen Waffen angefüllt war, aus dem Fahrzeug hoben und behutſam auf den Ufer⸗ rand niederſetzten; hier hoben ſie den Deckel derſelben ab. Nikolas nahm nun ſo viele von den Waffen, wie er in einem ſeiner ſtarken Arme zu tragen vermochte, klimmte an der Strickleiter empor, die er, oben auf der Mauer ſtehend, nach ſich zog, ließ ſich auf der anderen Seite hinab, legte die Waf⸗ fen am Boden nieder, deren Geklirr der heftige Sturm und Regen nicht hören ließ, und kehrte dann zu ſeinen außen harrenden Gefährten zurück. Nachdem er dies zu drei oder vier Malen wiederholt hatte, waren ſämmtliche Waffen hin⸗ übergeſchafft. Zeliska und die Anderen überſtiegen nun gleichfalls die Mauer und die Verwegenen befanden ſich im Innern der Burg, ohne daß die Wachtpoſten auf den Wart⸗ thürmen der Mauer das Geringſte von dem Vorgange wahr⸗ genommen hätten. Eine Viertelſtunde ſpäter hallten alle Räume der Burg von Waffengeklirr, Angſtgeſchrei und Wuthgebrüll, und der grelle Schein der Fackeln erleuchtete die finſtere Nacht zur Tageshelle. Nicht ſo ſtill und lautlos, wie Zeliska es ge⸗ dacht, war die Befreiung der Gefangenen vor ſich gegangen. Zwar war der Widerſtand der Reiſigen, die das Wachthaus vor dem Eingange der Gefängniſſe beſetzt hatten, bald be⸗ ſeitigt und die durch Zeliska Befreiten konnten ſich mit den auf einer Stelle des Burghofes liegenden Waffen verſehen; aber nicht ebenſo gut gelang es den Zigeunern mit der 161. Beſatzung des Wachthauſes am Burgthor. Hier war man eben im Begriff, die Wachtpoſten auf den Thürmen abzu⸗ löſen, als man plötzlich das Laufen und Rennen im Hofe, ſowie das Waffengeklirr vernahm. Sogleich gab man auf dem zu dieſem Behufe im Wachthauſe befindlichen Signal⸗ horn das Nothzeichen und verrammelte das Wachthaus, ſo gut es in der Eile anging. Als daher Nikolas mit den Seinigen, ihrem Plane gemäß, hier anlangte, fand er einen tapfern und hartnäckigen Widerſtand, der ihn hinderte, auf dieſem Wege aus der Burg zu entkommen. Das Hornſignal und das Getöſe des ſich auf dieſer Stelle entſpinnenden Kampfes hatte hingereicht, die Schläfer in der Burg zu erwecken. Die Reiſigen der Beſatzung, die nicht eben den Wachtdienſt zu verſehen gehabt, liefen eiligſt hinab in den Hof, wo aber viele der noch Schlaftrunkenen geraden Weges in die Waffen der Zigeuner ſtürzten, von denen ſich ein großer Theil vom Wachthauſe hinweg und hierher gewandt hatte. Da im Norden der Mark jeden Tag der Ausbruch eines Krieges zu erwarten ſtand, ſo waren die Feſten im Süden des Landes nur ſchwach bewehrt und die Anzahl der Männer auf der Burg zu Poſtamp ſtand in keinem Verhält⸗ niß zu der Menge der hier verwahrten Gefangenen, die jetzt frei und hinlänglich mit Waffen verſehen, leicht die geringe Beſatzung überwältigen konnten, da auch die Weiber ihren Männern beiſtanden und ihnen noch der erſte Schrecken und die Beſtürzung der alſo Ueberfallenen zum Vortheil gereichte. Racheſchnaubend und beutegierig ſtürmten jetzt die Zigeuner gegen die nur ſchwach bewehrten Eingänge zu den inneren Gebäuden der Burg; ſchon waren etliche Thüren erbrochen und Mord und Plünderung bedrohte alles, was in der Burg wohnte. Aufgeſchreckt durch das Getöſe und Geſchrei im Burg⸗ hofe, begriff Roswitha ſogleich, um was es ſich handele, Die ſchwarzen Brüder. III. 1 11 162 Aæꝙò denn ſie vernahm die Sprache ihrer früheren Gefährten und verſtand wohl, was Zeliska's Rufen zu bedeuten habe, die, ſchon auf dem Wege zu ihrer Herrin, aber durch herbei⸗ eilende Reiſige zur Umkehr gezwungen, jetzt auf dem Hofe laut ihren Namen rief und ihr die Nähe der Befreiung ver⸗ kündete. Etliche Augenblicke verharrte Roswitha in bangem Schrecken; dann aber kam ihr plötzlich ein kühner Gedanke in den Sinn; ihre Augen blitzten voll Muth und Entſchloſſen⸗ heit, ihre bleichen Wangen röthete ein edler Zorn und ihre Stirn erhob ſich ſtolz und gebietend, wie ehemals. Einige Worte, die Nikolas den Zigeunern zurief, hatten dieſen Ge⸗ danken erweckt. Eilig zog ſie einen Kaſten hervor, der unter ihrer Lagerſtätte ſtand und die Kleider enthielt, die ſie früher getragen; und mit größerer Schnelligkeit, als ſonſt ihre Die⸗ nerinnen vermocht hatten, legte ſie ſich jene Prachtgewänder an. Jetzt war ſie nicht mehr Magdala, die reuig büßende Sünderin— jetzt war ſie wieder Roswitha, die ſtolze Be⸗ herrſcherin des Zigeunervolkes. Eben war ſie mit ihrer Bekleidung fertig und warf nur noch einen Blick auf das Muttergottesbild über dem Betaltar, als die Thür des Gemachs ungeſtüm geöffnet ward und der Burghauptmann in Begleitung zweier Reiſigen, die Fackeln trugen, in das Gemach ſtürzte. Als er ſeine Gefangene ſo angethan erblickte, lachte er ingrimmig auf. — Ha, verrätheriſche, heuchleriſche Dirne! donnerte er ihr dann zu, indem er ſein Schwert auf ſie zückte. Dein Leben gegen das unſerer Mannen, unſerer Weiber und Kinder! In demſelben Augenblick fiel ihm Helene, die unmittel⸗ bar hinter ihm gekommen, in den aufgehobenen Arm. — Gnade! Gnadel flehte ſie. Die Arme iſt ſicherlich unſchuldig! — Seht doch, fromme Schweſter, iſt dies nicht das ſicherſte Zeichen des Einverſtändniſſes mit den Empörern? rief der Hauptmann, auf Roswitha's Kleider deutend, in⸗ 463, dem er zugleich ſeine Arme von Helenens Händen zu be⸗ freien ſuchte. Zu gleicher Zeit hörte man das Krachen der Thür, die vom Hofe aus in dies Gebäude führte, ſowie das Triumph⸗ geſchrei der Zigeuner und die eiligen Schritte der die Stiegen hinanfliehenden Reiſigen, die der Uebermacht der Andringen⸗ den weichen mußten. Der Hauptmann erbleichte. — Laßt mich! rief er wüthend, indem er Helene heftig von ſich ſtieß. Seit dem Eindringen des Hauptmanns hatte Roswitha weder handeln noch reden können, denn von da an bis jetzt waren kaum einige Sekunden verfloſſen. In dem Augenblick aber, wo der wilde Kriegsmann die bittende Schweſter von ſich ſtieß, eilte ſie an ihm vorüber und der Thür zu, rief mit drohenden Blicken den in derſelben ſtehenden Reiſigen entgegen:„Gebt Raum, oder Ihr ſeid des Todes!“ entriß dem Einen die Fackel, kam ungehindert hinaus und flog mit Blitzesſchnelle die Stiegen hinab, während die ihr entgegen⸗ kommenden Flüchtlinge erſchrocken zur Seite wichen. Sie be⸗ fand ſich ſchon unter den bereits durch die geſprengte Hof⸗ thür eingedrungenen Zigeunern, bevor der Hauptmann Be⸗ fehl geben konnte, ſie zu verfolgen und ſich ihrer um jeden Preis zu bemächtigen. — Hinaus auf den Hof! befahl Roswitha hier den Ihrigen, die ſie mit Jubel begrüßten. Man leiſtete ihr ohne Widerſpruch Folge. Sie ſelbſt blieb in der Thür ſtehen. Als die noch in großer Anzahl auf dem Burghofe wei⸗ lenden Zigeuner ihre Königin in ihrer früheren Pracht er⸗ ſchauten, erſchütterte ein neues Jubel⸗ und Siegesgeſchrei die Luft; auch diejenigen von ihnen, welche ſchon in das Innere der Gebäude gedrungen waren, eilten mit brennen⸗ den Fackeln, die ſie gefunden, herbei, um zu ſehen, was in dem Hofe vorgehe. Zeliska aber knieete zu den Füßen der 11* ꝗꝑꝑnꝑQxOò;ę;—C— geliebten Herrin und küßte ehrfurchtsvoll den Saum ihrer Gewänder. — Auf, Königin, führe Du uns; wir folgen Dir! er⸗ ſcholl es von allen Seiten. Zum Tode mit Allen, die Dir ein Leids anthaten! Nieder mit ihnen, die Dich gefangen hielten! Sprich ein Wort, Königin, und wir ſtürzen ſie mit Weib und Kind von den Zinnen dieſer Burg! Dieſe Burg ſammt Allem, was ſie enthält, gehört Dir! Roswitha überſchaute von ihrem durch einige ſteinerne Stufen erhöhten Platze aus einige Sekunden lang wie im Streite mit ſich ſelbſt das wilde Getümmel; ihre Augen ſuchten Oſiris. Endlich gebot ſie durch ein Zeichen mit der Hand Ruhe. Alsbald verſtummte das wirre Geſchrei und Aller Blicke hafteten erwartungsvoll an ihren Lippen. — Wo iſt Oſiris, Euer Herrſcher und Führer? fragte ſie dann. Jetzt richteten ſich Aller Blicke auf Nikolas, der mit bluttriefendem Schwerte in der Fauſt wenige Schritte vor Roswitha ſtand. Der junge Zigeuer ſenkte die Augen zu Boden. — Er iſt nicht hier, denn ſein Stern iſt untergegangen vor zehn Tagen! ſprach er endlich, nachdem jene Frage wie⸗ derholt worden. Roswitha ſandte einen Blick zum dunklen Nachthimmel empor, den Keiner von denen, die ihn gewahrten, zu deuten vermochte. Dann aber trat ſie ſtolz einen Schritt vor und rief mit erhobener Stimme: — So bin ich Eure alleinige Gebieterin, bis dreißig Tage der Trauer um ſind, denn dann erſt darf nach den Geſetzen unſeres Volkes des todten Herrſchers Nachfolger ſich mit den Zeichen ſeiner Würde ſchmücken! — So iſt's, Königin! Befiehl über uns und unſer Leben; wir gehorchen Dir willig! gaben die Zigeuner zur Antwort. 165 — Fluch über Euch und Eure Kinder, wenn Ihr Eurer Königin den Gehorſam weigert! ſprach Roswitha weiter. — Fluch über uns und unſere Kinder, wenn wir Dir den Gehorſam weigern! tönte es wieder. — Wohlan, ſo vernehmt meinen Willen. Ich befehle Euch, die Waffen von Euch zu werfen und ohne Säumen in Eure Gefängniſſe zurückzukehren! Hätte Roswitha den Zigeunern geboten, den Himmel zu erſtürmen— es hätte ihnen ſolcher Befehl nicht uner— warteter kommen können, als der, den ſie eben vernommen. Erſt ſtanden ſie ſtarr und regungslos wie Bildſäulen; bald aber lief ein dumpfes Gemurmel durch ihre Reihen. — Wer wagt's, zu murren gegen meine Befehle! rief Roswitha ſtolz drohend. Nieder auf die Kniee mit Euch Allen vor Eurer Königin! Wer auch nur mit den Wimpern gegen mich zuckt, iſt des Todes! Sie ergriff bei dieſen Worten ein am Boden liegendes Schwert und ſtieg entſchloſſen und feſten Blickes die drei oder vier Stufen hinab, die ſie von dem Haufen der Zigeuner trennten. Keine Lippe regte ſich mehr. Seit langen Jahren an ſklaviſchen Gehorſam gewöhnt und eingeſchüchtert durch die Drohungen der Gebieterin, die mit entblößtem Schwerte furchtlos auf ſie zuſchritt, wagten es die Vorderſten im Haufen nicht, ſich ihr zu widerſetzen. Sie ließen beſtürzt die Waffen fallen und ſanken auf ihre Kniee. Stolz ſetzte Roswitha ihren Weg fort. Zitternd folgte ihr Zeliska; doch ließ ihr Blick nicht ab von Nikolas, der ſich bei Roswitha's Vorſchreiten mehr hinterwärts begeben hatte und ſich in du⸗ ſterem Schweigen auf ſein entblößtes Schwert ſtützte. Sein Geſicht war ſchrecklich bleich. Aber auch Roswitha hatte das Gebahren des jungen Zigeuners bemerkt; ſie lenkte ihre Schritte geraden Wegs auf ihn zu. Scheu wich alles vor ihr zur Seite und beugte ſich unter ihren herriſchen Willen⸗ ARRNMNR Endlich befand ſie ſich Nikolas gegenüber, der unbe⸗ weglich in ſeiner Stellung verharrte. Sein Blick war zu Boden geſenkt. Roswitha nahm ihre ganze Kraft zuſammen, um keine Schwäche zu zeigen. — Haſt Du mein Gebot nicht vernommen, das Allen ohne Ausnahme galt? fragte ſie im Tone der Verwunderung, indem ſie ihn mit feſtem Blicke maß. Fort mit der Waffe und nieder zu den Füßen Deiner Herrin! Ueber Nikolas' bleiches Geſicht flog ein leiſes Zucken; ſonſt aber regte er ſich nicht. — Ergreift den Widerſpenſtigen und zwingt ihn zum Gehorſam! befahl Roswitha jetzt den Zigeunern, die eben in ihrer Nähe ſich befanden. Dann trat ſie zur Seite, um Raum zu geben zur Aus— führung ihres Befehls. Wirklich erhoben ſich etliche von den knieenden Männern und drangen auf Nikolas ein. Der aber trat jetzt einige Schritte zurück und ließ ſein Schwert mit gewaltiger Kraft um ſich herum ſauſen, daß die Angreifenden ſchleunigſt wichen und ſich ihm nicht wieder zu nahen wagten. — Höre mich jetzt, Roswitha! ſprach er dann zu die⸗ ſer. Sicherlich haſt Du ſolchen Befehl nur gegeben, um Dich von dem Gehorſam Deiner Unterthanen zu überzeugen; und ſicherlich glauben dies auch Alle, die Deinem Gebot Folge leiſteten. Wohlan, Du haſt ihre Folgſamkeit geſehen trotz der harten Prüfung; daher laß es jetzt genug ſein, denn es iſt hohe Zeit, daß wir mit unſerer Arbeit zu Ende kommen. Schon beginnen die bereits von uns Beſiegten ſich in den Gebäuden zu verzweifeltem Widerſtande zu rüſten; wenn es ihnen gelingt, von Außen Hülfe zu erlangen, bevor jenes Wachthaus dort, wo des engen Raumes wegen nur ige von uns kämpfen können, in unſern Händen iſt, ſo ſind wir alleſammt gefangen wie Mäuſe in der Falle. Gieb daher Befehl zum letzten Angriff! ——,— 167 AAꝑAꝑAæAæEAꝑ;E — Elender, Du wagſt es, die Gebote Deiner Herrin deuteln und ihr gar Vorſchriften machen zu wollen? herrſchte ihm Roswitha zu, indem ſie ſich wieder zu ihm wandte und das Schwert, welches ſie noch in ihrer Hand hielt, drohend gegen ihn erhob. Zum letzten Male ſage ich— nieder auf Deine Kniee, bevor das Schwert Dich zur Unterwürfig⸗ keit zwingt! Da fuhr urplötzlich wie ein ſauſender Blitz des jungen Zigeuners Waffe gegen Roswitha's Bruſt. Einen Todes⸗ ſchrei— ein dumpfes Ziſchen hörte man. Nikolas zog das rauchende Eiſen zurück— ein dunkelrother Blutſtrahl ſchoß aus klaffender Wunde. Roswitha trat entſetzt zurück. Zeliska aber wankte, taumelte dann wie trunken auf den Mörder zu, griff mit den Händen in die Luft, als wollte ſie ſich an etwas halten, und ſank vor Nikolas zu Boden. Sie war die Einzige, die ihres Verlobten Abſicht geahnt, und hatte die geringſte ſei⸗ ner Bewegungen mit Falkenblicken überwacht. In demſelben Moment, wo ſich die Spitze ſeines Schwertes erhob, warf ſie ſich ihm entgegen; Nikolas hatte die Mordwaffe nicht mehr in ſeiner Gewalt und ſo bohrte ſich das für Roswitha beſtimmte Eiſen in Zeliska's treue Bruſt. Mit Blitzesſchnelle war die That geſchehen. Als Roswitha des Geſchehenen inne ward, warf ſie Schwert und Fackel von ſich, knieete neben Zeliska nieder, lehnte der Freundin todesbleiches Haupt an ihre Bruſt und ſuchte dem Ausſtrömen des Herzblutes Einhalt zu thun; in namenloſer Angſt irrten ihre Blicke bald zu der tiefen Wunde, bald zu den halbgeſchloſſenen Augenlidern der Sterbenden, und leiſe Klagen um die Freundin tönten über ihre Lippen. Nikolas ſprach kein Wort, er ſchien den gräßlichen Ausgang ſeiner That nicht mit ſeinen Sinnen faſſen zu können; mit beiden Händen ſtützte er ſich auf das noch vom Blute rau⸗ chende Schwert; ſein erdfahles Angeſicht war nach vorn ge⸗ RNRÖÖ beugt und ſeine glanzloſen Augen ſtarrten wie die eines Blödſinnigen auf die Verlobte zu ſeinen Füßen. Die übrigen Zigeuner, Männer, Weiber und Kinder, umgaben lautlos in bangem Schrecken dieſe Gruppe, auf welche die vom Winde bewegten Flammen etlicher Fackeln ihre unſtäten Lichter warfen. Nach kurzer Zeit öffnete Zeliska ihre Augen und wandte die ſterbenden Blicke zu der Herrin empor. — Aus den Waſſern der Krampnitz— haſt Du mich gerettet— Roswitha— ſprach ſie mit matter Stimme; heut habe ich's Dir vergolten— wir ſind quitt! Nikolas— ich ſterbe. Ihre Stimme ging in ein dumpfes Röcheln über. Noch einmal blickte ſie auf zu Nikolas und verſuchte die Arme zu ihm zu erheben; aber kraftlos fielen dieſe wieder zurück und ihr Haupt ſank todesmatt hernieder. Nur an dem krampf⸗ haften Wogen ihrer Bruſt ſah man, daß das Leben noch nicht ganz aus ihr entflohen war. — Nein, nein, Du darfſt nicht ſo ſterben— nicht ſo unvorbereitet! rief Roswitha jetzt. O Gott, erbarme Dich ihrer! Sie nahm die Sterbende in ihre Arme und eilte, von Angſt getrieben, mit ihr dem Eingange des Gebäudes zu, in welchem ihr Gemach belegen war; die Zigeuner machten ihr mechaniſch Platz. Es war die höchſte Zeit, daß ſie jenen Eingang erreichte, denn etliche entſchloſſene Reiſige waren eben damit beſchäftigt, die geſprengten Thüren wieder zu ſchließen und zu verrammeln; wenige Sekunden ſpäter und Roswitha hätte die Thür ſo feſt verwahrt gefunden, daß das Oeffnen derſelben— ſelbſt wenn man dazu geneigt ge⸗ weſen wäre— mehr Zeit erfordert hätte, als ihr für ſich und ihre Freundin übrig war. Der unerwartete Ausgang ſeiner blutigen That und der Anblick ſeines ſterbenden Mädchens hatten Nikolas ſo der AAAAAA Beſinnung und Faſſung beraubt, daß er nicht zu begreifen vermochte, wie es zugegangen, daß Zeliska ſtatt der Ros⸗ witha zum Tode getroffen am Boden lag; an das Walten der Vorſehung, die hier das Amt der rächenden Nemeſis übernommen, dachte er nicht, denn nach ſeinen Begriffen war ja ſeine bei der That gehegte Abſicht erlaubt und geboten! So lange die blutende Zeliska vor ihm lag, war es ihm, als erblicke er nur ein Trugbild, als müſſe jeden Augen⸗ blick die Sterbende die Geſtalt ſeiner Geliebten von ſich ab⸗ ſtreifen und dagegen die der Roswitha annehmen, der ja ſein Todesſtreich gegolten hatte; er glaubte nicht an die Wirk⸗ lichkeit deſſen, was er ſah, oder wollte wenigſtens nicht daran glauben. Als aber Roswitha die Sterbende in ihre Arme nahm und mit ihr davoneilte— als ſeine ihr folgenden Blicke dann von dem Eingange des Gebäudes zurück auf ſeine Gefährten ſchweiften, auf deren Geſichtern noch das Entſetzen ob ſeiner That zu leſen war und deren Lippen Ze⸗ liska's Namen als den einer Todten murmelten— da er— faßte ihn das Bewußtſein des wirklich Geſchehenen mit Ge⸗ walt, da ward er inne, daß ſeine Hand die Geliebte ermordet hatte; da ſchlug wilder Verzweiflungsſchmerz die eiſernen Krallen in ſein Herz, denn er hatte ja die Gemordete ge⸗ liebt mit glühender Leidenſchaft! Wie es gewöhnlich bei heftigen und leidenſchaftlichen Charakteren der Fall iſt, ſo geſchah es jetzt auch bei ihm: kaum empfand er die erſten Zuckungen des Schmerzes, ſo trieb ihn dieſer zu wüthender Raſerei. Kaum war Roswitha mit ihrer Bürde innerhalb des Gebäudes verſchwunden, ſo ſtuͤrzte Nikolas auch ſchon durch die Neihen der Zigeuner ihr nach; in dem Augen⸗ blicke aber, wo er die äußeren Stiegen des Eingangs er⸗ reichte, verſchloß man von Innen die Thür und verwahrte ſie durch das Anſtemmen ſchwerer Balken; die Thuͤr erzit⸗ terte bei ſeinem wiederholten Anlauf, aber ſie wich nicht. — Warum weilt Ihr da ſo müßig? rief er jetzt den — — ꝛ— 170 AARAAAᷓA;A;E;En Zigeunern zu. Sie haben mir meine Zeliska geraubt! Mord und Brand auf ſie! Dieſer Zuruf verfehlte ſeine Wirkung nicht, denn mit Roswitha's Entfernung waren ja die Bande des Gehor⸗ ſams geſprengt, mit welchem die Macht der Gewohnheit die Zigeuner an den Willen der Gebieterin gefeſſelt hatte, und ihr gieriger Beutedurſt that auch das Seine, ſie Roswitha's Befehle vergeſſen zu laſſen. Wildes Beifallsgeſchrei beant⸗ wortete daher Nikolas' Aufforderung und alles machte ſich daran, in die Gebäude einzudringen. 4 Die Beſatzung der Burg hatte inzwiſchen die Zeit wäh⸗ rend der Vorgänge im Hofe wohl zu benutzen gewußt; wenn während dieſer Vorgänge— von Roswitha's Erſcheinen bei den Zigeunern bis zu dem erneuerten Angriffe der Letzteren — auch kaum eine halbe Stunde verfloſſen war, ſo hatte dieſe Friſt für die wackeren Reiſigen doch hingereicht, ſich von der erſten Beſtürzung, die mit jedem plötzlichen Ueber⸗ falle verbunden iſt, zu erholen und wirkſame Vertheidigungs⸗ anſtalten zu treffen. Die Stürmenden fanden daher alle Zugänge zu den inneren Räumen feſt verwahrt, und als ſie es verſuchten, die hölzernen Laden an den Fenſtern der un⸗ teren Stockwerke zu zertrümmern, um von hier in die Ge⸗ bäude zu dringen, wurden ſie von den Hellebarden und Schwertern der Reiſigen unſanft und mit blutigen Köpfen zurückgewieſen; aus den oberen Stockwerken aber ward von den Weibern und ſolchen Bewohnern der Burg, die nicht Kriegsleute waren, ein dichter Hagel von Steinen und an⸗ dern ſchweren Gegenſtänden auf die Angreifer herabgeſchleu⸗ dert, und die Geſchoſſe etlicher gut poſtirten Armbruſtſchützen verfehlten nie ihr Ziel. Da wich ſchon nach wenigen Minuten die wilde Beute⸗ und Mordgier der Zigeuner dem Triebe der Selbſterhaltung. Nikolas, ſelber aus einer Kopfwunde blutend, mußte zähne⸗ knirſchend davon abſtehen, ſeine Geliebte den Händen der Feinde zu entreißen und ſeinen Grimm in Roswitha's und der Burgbewohner Blut zu kühlen; denn ſeine Gefährten verließen ihn und ſtürzten wieder dem befeſtigten Wachthauſe am Burgthore zu, um nochmals den Verſuch zu machen, ſich hier einen Ausweg ins Freie zu erzwingen. Vielleicht wäre es ihnen gelungen, durch beharrliches Anſtürmen den Widerſtand der kleinen Beſatzung im Wacht⸗ hauſe, welche ſich inzwiſchen durch die Wachtpoſten aus den beiden zunächſtgelegenen Wachtthürmen verſtärkt hatte, zu brechen und ſo ihre Befreiung zu vollenden— allein es war bereits zu ſpät. Die Wächter im nahen Städtchen hatten das Nothſignal und das Kampfgetöſe vernommen und ihre Hörner die Bürger aufgerufen zum Beiſtande der bedräng⸗ ten Burgleute. Die wackeren Einwohner von Poſtamp hat⸗ ten noch nicht vergeſſen, wie viel Gutes ihrer Stadt unter dem Regimente der Hohenzollern zu Theil geworden; und vor Allen waren es die Fiſcher, welche am Ufer des Fluſſes zwiſchen Stadt und Burg wohnten“), die zuerſt vor der Zug⸗ brücke anlangten und von den erfreuten Reiſigen in dem Augenblicke eingelaſſen wurden, wo die Zigeuner bereits das Dach des Wachthauſes erklettert hatten. Es entbrannte nun ein erbitterter Kampf im Burghofe. Die Zigeuner, jetzt ſel— ber von allen Seiten angegriffen, wehrten ſich zwar mit dem Muthe, den die Verzweiflung hervorruft, allein die Fiſcher und andere Bürger, welche nach und nach herbeieilten, wa— ren zu ergrimmt auf alles Raubgeſindel, von dem ſie früher ſo viel zu leiden gehabt hatten, und ſchlugen im Verein mit den Burgleuten ſo wacker darauf los, daß den Zigeunern bald nichts weiter übrig blieb, als ſich auf Gnade und Un⸗ gnade zu ergeben. Sie wurden alleſammt, Männer und Weiber, mit Stricken und Ketten gebunden und wieder in *) Später ward dieſe Niederlaſſung der Altſtädter Kiez genannt und iſt die heutige Burgſtraße. die Kerker geworfen; nur Wenigen war es geglückt, über die d Mauer zu klimmen und ſich in den Nachen zu retten, der ¹ Nikolas mit ſeinen Gefährten hierhergebracht, oder ihr Heil it durch Schwimmen zu verſuchen. 8 1 Als die Thurmglocke der nahen St. Katharinen⸗Kirche ie zu Poſtamp die zweite Stunde nach Mitternacht verkündete, ſ war alles vorbei. 3 10. m al Am folgenden Tage verſammelten ſich ſämmtliche Burg⸗ T bewohner mit Vielen aus der Stadt in ihrer Kapelle, um 1 Gott ihren Dank darzubringen für die glückliche Rettung 0 aus großer Gefahr und zugleich dem Meßopfer für die Tod⸗— ten der vergangenen Nacht beizuwohnen, welche man auf 9 ſchwarzbehangenen Bahren neben dem Altare ausgeſtellt hatte. g Es waren ihrer ſechs, die dort lagen: drei Reiſige von der f Beſatzung, ein Fiſcher, Zeliska und der Gefangenwärter. Letzterer war von Nikolas im Schlafe ermordet worden. Die d — bei weitem größere Anzahl der todten Zigeuner hatte man g ohne viele Ceremonien noch während der Nacht verſcharrt. Als der Gottesdienſt, dem Danke und der Trauer zu⸗ d gleich gewidmet, vorüber war und die Andächtigen die Ka⸗ 5 pelle verließen, trat der Burghauptmann zu Roswitha, die d ihre Prachtgewänder wieder mit dem Bußkleide vertauſcht j G hatte und jetzt neben ihrer Schweſter Helene betend vor Ze⸗ 1 liska's Bahre knieete. d 1— Du haſt uns einen Dienſt erwieſen, Mädchen, den fi wir Dir nimmer vergeſſen werden, ſprach er zu ihr; denn d ohne Dein kluges und furchtloſes Benehmen hätten die Hal⸗ ſ lunken uns ſammt und ſonders den Garaus gemacht, bevor ſ wir Zeit zu unſern Vertheidigungsanſtalten gewinnen und NRD die wackeren Bürger uns zu Hilfe eilen konnten. Es ſoll Deiner auch beſonders gedacht werden in dem Berichte, den ich dem Kurfürſten ſenden werde ſobald ich den ganzen Her⸗ gang durch Unterſuchung aufgeklärt habe. Du kannſt Dei⸗ ner Belohnung, wie die Schuldigen der Beſtrafung gewiß ſein; haſt Du aber einen beſonderen Wunſch auf dem Her⸗ zen, ſo ſprich ihn aus und ich will für ſeine Erfüllung ein Wort einlegen bei unſerm gnädigſten Herrn! — Nachdem Ihr meiner treuen Zeliska ein chriſtliches Begräbniß verſtattet, habe ich nur den einen Wunſch: daß man das Vergehen meiner früheren Gefährten nicht weiter ahnden möge, erwiederte Roswitha. Sie wußten ja nicht, was ſie thaten, als ſie ſich gegen Euch auflehnten! — Hm!l da zweifle ich faſt, daß der Landesherr dar⸗ auf eingehen werde, der Gerechtigkeit willen, verſetzte der Burghauptmann. Doch ſoll in Spandow Deine Bitte an⸗ gebracht werden. Schade iſt's, daß wir den Anſtifter der Empörung nicht in unſere Gewalt bekommen haben; er ſollte für alle anderen büßen! Er entfernte ſich, um nach den Verwundeten zu ſehen, die unter der Pflege etlicher frommen Schweſtern in einem geräumigen Gemach der Burg untergebracht waren. Noch einen Kuß, den letzten, hauchte Roswitha auf Ze⸗ liska's bleiche Lippen; dann verließ auch ſie mit Helene die Kapelle, und jede ging auf ihr kleines Wohngemach, um dort der Stunde zu harren, wo man ſie wieder zur Ablöſung der jetzt bei den Verwundeten beſchäftigten Kloſterfrauen rufen werde, welchem frommen Dienſte ſie bereits bis zum Beginn der kirchlichen Feier obgelegen hatten. Auf ihrem Gemach fiel Roswitha's Blick auf ihre Prachtgewänder, die noch von der vergangenen Nacht her auf ihrem Ruhebette lagen. In ſtummer Trauer betrachtete ſie eine Zeit lang dieſe Zeichen früherer Herrlichkeit. — Wie anders war es doch an jenem Tage, als ich ANR;R; innerung verſenkt. Wie fühlte ich mich da ſo hoch beglückt, denn er erklärte ja durch ſolche Gabe, daß er fortan mich Jals ſein Weib betrachte! Wenn ich auch wußte, daß ihn, den Gewaltigen, nicht zarte Neigung zu mir geführt— er wählte mich, weil ich kein Sprößling des Volkes war, dem er gebieten, doch nicht angehören mochte— ſo fühlte ich mich nicht einſam mehr und fremd, wenn andere Mädchen ihre Eltern prieſen, von Brüdern und Schweſtern ſprachen; Oſiris war mir alles das und mehr! Wie wogte mir die Bruſt in hoher Freude, als Alle riefen: Heil Dir, Königin! Wie ſchlug mir da das Herz vor ſtolzer Luſt, als die Ge⸗ ſpielinnen in mir die Herrin grüßten, wetteifernd unter ſich, wer meiner Gunſt am meiſten würdig ſei durch treues Die⸗ nen! Ja, als mein Auge euch zum erſten Male ſah, da war ich aller Weſen glücklichſtes; da war ich über alles Leid er⸗ haben, und wie das Diadem ſich um mein leiblich Haupt, ſo wand der Frohſinn ſich um meinen Geiſt. Des Waldes Rauſchen und der Quelle Murmeln, der Wieſen Grün, des Himmels reines Blau, der Sonne glänzend Licht, des Mon⸗ des ſanfter Schein, der Sterne Pracht, der Wolken Farben⸗ ſpiel, der Vögel Sang, des Donners brüllend Toſen— das alles war nur da, mich zu ergötzen; denn ich war ja die Herrin der Natur, ſo weit der Wälder Umfang immer reichte! Wie ſüß empfand ich da des Daſeins Wonne; es blühte roſig mir des Erdenslebens Glück und wohl war mir in Gottes ſchöner Welt! So war es damals— aber wie iſt's jetzt! fuhr ſie nach einer Pauſe fort, indem ſchmerzliche Seufzer, ihr ſelber unbewußt, ſich ihrer Bruſt entrangen. Entſchwunden iſt der Frohſinn meiner Seele und bitteres Weh nimmt ſeinen Platz jetzt ein! Wohin ich blicke— öder Winter iſt's; kein ſon⸗ niger Freudenſtrahl erwärmt mein inneres Sein und düſtere, kalte Nacht iſt's um mich her! So iſt es jetzt, ſo wird's euch aus Oſiris Hand empfing! ſprach ſie endlich, in Er⸗ 175 AAN; auch ferner ſein; denn bald wird ſich des Kloſters Zelle öffnen, um mich auf ewig in ſich zu verſchließen: dann bin ich todt für dieſe ſchöne Welt! Dann glänzt für mich nicht mehr am blauen Himmel der Sonne Majeſtät, der Sterne Pracht; für mich belaubt ſich dann nicht mehr der Wald, wenn Lenzeswonne die Natur durchdringt; dann hör' ich nicht der Vöglein muntere Lieder, der Quelle Murmeln und der Bäume Rauſchen; für mich iſt alles, alles todt und ſtarr! In meiner Zelle düſteren Kerkermauern bin ich dann allein mit meinem Gram und Schmerz; da dringt kein Freudenlaut hinein, kein Lächeln erblickt das Auge auf den bleichen Lippen trüber Geſtalten, wenn um Mitternacht der Glocke Ruf die Leidsgefährten ſammelt zum Bußgebet in kal⸗ tem Kirchenraum! Da muß ich meine Jugend ſtumm ver⸗ trauern, hinſterben ſeh'n des jungen Leibes Blüthe und keine Hoffnung winkt mir, als der Tod! O, welcher Tauſch, o, welche Wandelung! Ueberwältigt vom bittern Wehgefühl, durch den Ver⸗ gleich zwiſchen Sonſt und Jetzt hervorgerufen, barg ſie laut ſchluchzend ihr thränenbenetztes Antlitz in die Strohkiſſen ih⸗ res Ruhelagers. Da trat Helene in's Gemach. — Welch tiefes Leid beugt Dich ſo ſehr darnieder, traute Schweſter, daß ich Deine klagende Stimme und Dein ſchmerzhaftes Weinen im Nebengemach vernahm? fragte ſie bekümmert, indem ſie ſich zu Roswitha ſetzte und ſie ſanft aufzurichten ſuchte. Trauerſt Du alſo um die todte Freun⸗ din? O, dann thuſt Du Unrecht, Schweſter! Sterbend erkannte ſie ja den Erlöſer und rief ihn an ihrer letzten Noth; betend ging ſie ein in jenes beſſere Leben, wo ihr ſchon jetzt der Lohn wird für den Opfertod, zu dem ihr treues Herz ſie für Dich trieb! Ja, wahrlich, ſie iſt beſſer daran, als wir; denn ſie hat ja ſchon alles überwunden, während unſerer vielleicht noch manches Leiden, manche Trübſal, 176 RRRRND=R=òÖ manche ſchwere Anfechtung harrt, um uns zu läͤutern für ein beſſeres Sein, dem wir alles Erdenglück opfern müſſen! In linder Wehmuth denke der Todten, aber laß fahren die⸗ ſen bitteren Schmerz! — Ja, wahrlich, ſie iſt glücklich, da es für ſie keine Anfechtungen mehr giebt! wiederholte Roswitha, indem ſte ſich aufrichtete und langſam ihre Thränen trocknete. O, Helene, wie iſt es doch ſo ſchwer, der Welt und ihren Freu⸗ den zu entſagen; wie ſehr hängt noch immer unſer Herz an ihr, wenn wir es ſchon längſt losgeriſſen wähnen von allem irdiſchen Trachten und Verlangen! Laß uns beten, Schwe⸗ ſter, daß uns der Herr vor allen Anfechtungen bewahren möge! Und dieſe Ueberreſte früherer Zeiten, die ich mir thö⸗ richt erbat, um ſie als Angedenken zu bewahren: ſie ſollen nimmer wieder mein Herz abziehen von des Himmels ewi⸗ gem Heil! ſetzte ſie hinzu, auf ihre Herrſcherkleider deutend. Sorge, Schweſter, daß man ſie verkaufe und aus ihrem Er⸗ lös ein dem Herrn wohlgefällig Werk ſtifte! Jetzt, Helene, laß uns inbrünſtig beten! Freudig und gern folgte Helene dieſer Aufforderung. Keinen Laut vernahm man von den Lippen der beiden Schwe⸗ ſtern, als ſte vor dem Betaltare knieeten; aber wie milde Opferdüfte wallten ihre Seufzer himmelwärts. Sie gewahr⸗ ten es nicht, daß mit Einbruch des Abends ein ungewöhn⸗ lich Geräuſch und Gelaufe im Burghof und auf den Gän⸗ gen ſich vernehmen ließ; ihre im Verklärungsglanze ſtrah⸗ lenden Blicke waren auf das Ewige gerichtet. Betend fühl⸗ ten ſie in heiligem Schauer des Hocherhabenen Gegenwart, deſſen Himmelsfrieden lind ſich in ihr krankes Herz ergoß, und ſahen im Geiſte ſchon die lichten Höhen, wo die Ueber⸗ winderkrone ihrer harrte. Ein Pochen an die Thuͤr rief die Betenden in die Außen⸗ welt zurück. Sie erhoben ſich; Roswitha zündete das Licht — ·————— 177 NAANANNÖSNN der Ampel an den verglimmenden Kohlen des Kamins an, während Helene die vorhin von ihr verſchloſſene Thuͤr öff⸗ nete. Der Burghauptmann trat ein und grüßte die Beiden mit der Achtung, die ihm Helenens geiſtlicher Beruf und Roswitha's in der vergangenen Nacht bewieſene muthige Entſchloſſenheit geboten. — Ich bringe Euch eine gute Mähr, Ihr frommen Kinder! ſagte er dann zu ihnen. Vor einer halben Stunde haben die wackeren Fiſcher den Rädelsführer der Meuterei, der im Gewirre der Nacht entſprungen war, gefangen und hier eingebracht. Er iſt zwar bereits mehr todt als leben⸗ dig, doch ſoll alles aufgeboten werden, ihn dem verdienten Strafgerichte zu erhalten. — Möge Gott ſich des Armen erbarmen und ihm Friſt ſchenken zur Reue und Beſſerung! ſprach Roswitha. Aber ach, es wird wieder viel Blut gefloſſen ſein bei ſeiner Ge⸗ fangennehmung, denn ich kenne Nikolas! fügte ſie ſchwer ſeufzend hinzu. Wird Zeliska's Fürbitte vermögen, die Blut⸗ ſchuld von ſeinem Haupte zu nehmen? — Die Ergreifung des Burſchen iſt ohne Blutvergie⸗ ßen vor ſich gegangen, erzählte der Ritter. Er mochte wohl die Unmöglichkeit einſehen, den nach ihm ausgeſandten Ver⸗ folgern zu entrinnen, die ſich große Mühe gegeben, ihn zu fangen; denn ich hatte im Namen des Kurfürſten einen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt; zudem war er verwundet und der Blutverluſt hatte ihn ſehr ermattet. Darum zog er es vor, ſich etlichen Fiſchern freiwillig zu übergeben, als ſich länger wie ein Stück Wild hetzen zu laſſen. — O, wenn dem ſo iſt, ſo hat auch Gott ſein Gemüth bereits gerührt; er hätte ſich ſonſt bis zum letzten Bluts⸗ tropfen gewehrt! rief Roswitha freudig bewegt. Laßt mich zu ihm, Herr; ich bin gewiß, daß meine Bitten, meine Troſt⸗ worte ihn ſtärken werden in ſeiner Wandelung und kann ſo wieder gut machen, was ich in der vergangenen Nacht Die ſchwarzen Brüder. III. 12 AAAAAAꝑNAꝑ;E gegen ihn und die Seinen gethan! Um des Dankes willen, den Ihr mir ſchuldig zu ſein vorhin verſichert habt, gewährt mir meine Bitte, Herr! — Sie iſt Dir gewährt, gutes Kind, und um ſo lie⸗ ber, da ich eben gekommen, Dich zum Beſuche des Gefan⸗ genen zu bewegen, erwiederte der Burghauptmann. Er wünſcht nämlich eine geheime Unterredung mit Dir, um Dir Wichtiges zu vertrauen; und da es nun möglich iſt, daß er noch wichtige Entdeckungen zu machen hat, vielleicht von ge⸗ raubtem Gute, das irgendwo verborgen liegt, ſo hegte ich kein Bedenken, Dir das Verlangen Deines früheren Gefähr⸗ ten mitzutheilen. Ich werde Dich ſelber zu ihm führen. — Ich bin bereit! verſetzte Roswitha, und ſchickte ſich an, dem Ritter zu folgen, als Helene ſie zurückhielt. — Wie, Roswitha, Du willſt wirklich allein bei dem Schrecklichen weilen, der in der vergangenen Nacht die Mord⸗ waffe auf Deine Bruſt gezückt? fragte ſie. Thue es nicht, Schweſter, oder geſtatte mir wenigſtens, daß ich Dich be⸗ gleite! Ich mag ja nichts hören von Eurer Unterredung, nur bei Dir bleiben will ich, daß er Dir nichts Böſes zufügt! — Könnteſt Du ſolches im Ernſt von mir verlangen, Schweſter? ſprach Roswitha dagegen. Dem Gefährten mei⸗ ner Kindheit ſollte ich verweigern, um was er mich ſterbend bittet? Das ſei ferne! Er will mich ohne Zeugen ſpre⸗ chen und große Sünde wäre es, wollte ich ſo geringfügigen Wunſch unerfüllt laſſen! — Ich wollte Anfangs die Bitte des Gefangenen nur unter der Bedingung gewähren, daß ich oder ein Anderer noch bei der Unterredung zugegen ſei, verſetzte der Burg⸗ hauptmann; allein er ſchwur, daß kein Laut über ſeine Lip⸗ pen kommen werde, wenn man ſein Verlangen nicht ſo er⸗ füllt, wie ex es geſtellt. — Und er wiürde ſicherlich Wort halten! ſagte Ros⸗ witha. Dann aber wäre es vielleicht um ſein Seelenheil geſchehen, und ſo große Verantwortung darf ich nimmer auf mein Haupt laden! — Der Gefangene iſt ſo gut verwahrt, daß er Keinem etwas anhaben kann, bemerkte der Burghauptmann, der ſich wichtige Entdeckungen zu verſprechen ſchien. — Und wäre dies auch nicht der Fall, ich ginge doch zu ihm! ſprach Roswitha. Kann mir ein Haar gekrümmt werden gegen Gottes Willen? — Wohl ſehe ich ein, daß ich Unrecht that, Dich von dem frommen Werke zurückzuhalten, ſagte Helene; aber es überfiel mich plötzlich eine bange Beſorgniß um Dich. — Die Deiner treuen Schweſterliebe entſprang! ver⸗ ſetzte Roswitha. Fürchte nichts, Du Gute; es wird mir nichts Böſes widerfahren. — So gehe denn— und Gott behüte Dich, ſprach Helene, in ihr Gemach zurückkehrend. Roswitha aber folgte dem vorangehenden Ritter, der ſie über den Burghof nach dem Gebäude führte, in welchem die Gefängniſſe gelegen waren. In dem Wohngemach des Gefängnißwärters, durch wel⸗ ches ihr Weg ſie führte, gewahrte man noch die friſchen Blutflecke von dem Morde der vergangenen Nacht; Ros⸗ witha ſprach ein leiſes Gebet, da hier, vielleicht in Liebes⸗ träumen ſchwelgend, der Wärter durch Nikolas ein ſo ſchmäh⸗ liches Ende gefunden hatte. — Hier iſt's! ſagte der Ritter, als er vor einer Eiſen⸗ thür ſtehen blieb, an die er pochte. Ein Bewaffneter öff⸗ nete von Innen. Der Burghauptmann befahl dieſem, außer⸗ halb der Thür Wache zu halten, ſo lange Roswitha im Kerker weile, und ſich bereit zu halten, derſelben auf den erſten Ruf beiſpringen zu können. Mit der Mahnung, recht vor⸗ ſichtig zu ſein und ihn ſogleich zu benachrichtigen, wenn der Gefangene ihr etwas Wichtiges entdeckt, ließ er dann Ros⸗ 12* 180 ANNNNSD V witha in den Kerker treten und die Thür hinter ihr ver⸗ h ſchließen. Nikolas lag auf einem Strohbündel und hatte die Augen geſchloſſen. Sein Geſicht war bleich und ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich krampfhaft unter ſeinen ſchweren Athemzügen. Um die Stirn, ſowie um den linken Arm trug er einen Verband, durch den an einigen Stellen Tropfen dicken und 1 ſchwärzlichen Blutes drangen. Der rechte Arm und die Füße des Gefangenen waren mit kurzen eiſernen Ketten an den Fußboden gefeſſelt, ſo daß er ſich nicht erheben konnte. Ne⸗ ben ihm auf den Steinflieſen ſtand ein Krug, auf dem ein Stück Brod lag. Der Kerker ward durch eine mattglim⸗ h mende Ampel erleuchtet, welche auf einem hölzernen Sche⸗ mel ſtand. 1” Obgleich auf ſolchen Anblick vorbereitet, konnte ſich doch . Roswitha eines kalten Schauers nicht erwehren, als ſie die 16 ſchweren eiſernen Riegel hinter ſich ſchließen hörke und ſich nun in dem engen, düſtern Raum mit Nikolas allein ſah. 1 Doch der Gedanke, daß Gott ja überall ſei, flößte ihr Muth ein und ohne Zagen ſchritt ſie auf den Gefangenen zu. Jetzt blickte Nikolas zu ihr auf; Beide betrachteten ſich 1 eine Weile ſchweigend. — Du haſt mich rufen laſſen, Nikolas, um mit mir zu reden, begann Roswitha endlich in ſanftem Tone. Sprich daher, ich bin bereit, Dich anzuhören und Deine Wünſche zu erfüllen, wenn's irgend möglich iſt! — Wann ſtarb Zeliska? fragte der junge Zigeuner nach einer Pauſe. — Als nach der Schreckensnacht der Tag zu grauen begann, ſtieg ihre Seele im Gebete für Dich zum Himmel empor! erwiederte Roswitha. Sie hat bereut und ſtarb als 1 Chriſtin! Es entſtand wieder eine ſtumme Pauſe; Nikolas ſchien ſich in finſteres Brüten zu verlieren. 181 AæE;ᷓò — Du haſt Dich freiwillig dem Arm der irdiſchen Ge⸗ rechtigkeit überliefert, Nikolas, unterbrach Roswitha endlich das peinliche Schweigen. Dieſes Gebahren widerſpricht Dei⸗ nem bisherigen Thun und Treiben ſo ſehr, daß ich es für ein Zeichen halte— — Der Feigheit meinſt Du? fuhr Nikolas wild auf. Bei den finſtern Schickſalsmächten— nein, ich bin's nicht! Schwach war ich wohl, doch nicht feig! — Wer ſpricht davon, Nikolas? entgegnete Roswitha. Du haſt den größten Sieg errungen durch Deine Umkehr, und ferne ſei es von mir, Dich der Schwäche oder Feigheit zu zeihen! Doch laß uns nicht die koſtbare Zeit, die Dir zur Vorbereitung auf das Jenſeits noch vergönnt iſt, mit irdiſchen Dingen verſchwenden; richte vielmehr Deinen Blick nach Oben, wie Zeliska es that, die mahnend jetzt vielleicht auf uns herabſieht. Nikolas betrachtete die Sprechende mit ſeltſamen Blicken. — Ich habe mit Dir viel zu reden, Roswitha, ſagte er nach einer Pauſe; doch bin ich matt und erſchöpft vom Blutverluſt und lechze nach einem erfriſchenden Trunk! Er⸗ bitte Dir einen Becher guten Weines; man wird Dir ſo Geringes nicht verweigern. Roswitha eilte, den Wunſch des Gefangenen zu erfül⸗ len, und kehrte bald mit dem Verlangten zurück. Nikolas ergriff den Becher; als er ihn aber zum Munde führte, fiel ſein Arm zurück und die Hälfte des Weines ward verſchüttet. — Sieh, wie ſchwach ich bin! ſagte er, ſich zum Lä— cheln zwingend. Ich fürchte, wie das Gewicht des Bechers meinem Arm zu ſchwer, wird ſeines Inhalts Feuer meinen Sinnen zu ſtark ſein. Ergänze daher das Verſchüttete durch Waſſer aus dieſem Kruge. Roswitha nahm den Becher aus der Hand und that nach ſeinem Willen; es war gerade noch genug Waſſer im Kruge vorhanden, um den Becher damit zu füllen. Als ſie ihm aber jetzt den Trank darreichte, wies er ihn zurück. — Nicht alſo, Roswitha! ſagte er. Du mußt mir den Willkommstrank kredenzen, wie's bei unſerm Volke Sitte iſt. Trinke mir zu! 1— Wie magſt Du jetzt an ſo eitle Dinge denken? er⸗ wiederte Roswitha. Erquicke Dich, Nikolas, und alsdann laß uns von dem reden, was Dir noththut. — Du wirſt mich eher hier zu Deinen Füßen vor Durſt verſchmachten ſehen, als daß ich um eines Haares Breite abwiche von der ſchönen Sitte meiner Väter! verſetzte Ni⸗ kolas. Du aßeſt Brod in meiner Eltern Hütte und nahmſt von den Beeren, die ich als Knabe im Walde pflückte; warum weigerſt Du Dich heute, aus einem Becher mit mir zu trinken? Roswitha mochte den Jugendgeſpielen, der hier ver⸗ wundet und gefangen vor ihr lag, nicht durch fernere Wei⸗ gerung kränken und reizen; ſie ſetzte daher den Becher an ihre Lippen und trank daraus. 4 Nikolas ward in dieſem Augenblicke noch bleicher, als zuvor; Fieberfroſt durchſchüttelte ſeine Gebeine, daß die Ket⸗ ten klirrten. — Das Wundfieber hat Dich ergriffen, Nikolas, ſagte Roswitha, noch den Becher in ihrer Hand haltend; es wäre beſſer, ich ließe ein anderes Getränk für Dich bereiten. — Nein, nein! rief Nikolas, indem er haſtig beide — — —— 4 M.* —— — —— — Arme nach dem Becher ausſtreckte, als gelte es ſein Leben. Gieb mir, gieb! Und in gierigen Zügen leerte er ihn bis auf den Grund. 1— Es iſt geſchehen, was geſchehen mußte! murmelte er dann. Die finſtern Mächte hatten's ſo beſtimmt! Jetzt, 4 Roswitha, Königin, jetzt höre, was ich Dir ſagen werde. — Ich bin bereit, Nikolas! ſprach Roswitha nach einer Pauſe, als der Zigeuner nicht fortfuhr. 183 AAAANANANANRN Nikolas hatte ſeine Blicke ſtarr auf einen Punkt der ihm gegenüber befindlichen Kerkerwand gerichtet; es ſchien, als hätte er Roswitha's Erinnerung nicht vernommen. In dem Ausdruck ſeines Geſichts aber lag etwas Unheimliches, Grauenerregendes, was Roswitha mit großer Bangigkeit erfüllte. — Was willſt Du, Zeliska? ſtieß der Zigeuner endlich dumpf heraus. Warum ſiehſt Du mich ſo drohend an? Biſt Du nicht gerächt an Deinen Mördern? — O, das Wundfieber wirft den Armen in wirre Träume! ſprach Roswitha beſtürzt. Allgütiger, laß ſeines Geiſtes Licht nicht für immer ſchwinden, damit ich ihn noch Dich erkennen lehre, bevor er vor Deinen Richterſtuhl treten muß! flehte ſie zum Himmel. Schwer mögen ſeine Sünden auf ihm laſten, doch iſt er d'rum nicht ſchuldiger, als ich, denn auch er wuchs ja auf in der Wildniß unter Sünde und Verbrechen! O, ſchenke auch ihm Gnade um des Leidens und Sterbens Deines heiligen Sohnes willen! Nikolas machte gewaltige Anſtrengungen, ſich vom Bo⸗ den zu erheben; er ſchien nicht mehr zu wiſſen, daß er mit ſchweren eiſernen Ketten an demſelben befeſtigt war. Roswitha knieete an ſeiner Seite nieder und ſuchte ihn zum Bewußtſein zurückzurufen. — Beſinne Dich doch, Nikolas! ſprach ſie ihm ſanft zu. Zeliska iſt ja eingegangen in die Gefilde des ewigen Friedens und kein Verlangen nach Rache trübte ihre letzten Augenblicke! Sie hat Dir verziehen, wie ſie dort oben auf Verzeihung harrt! — Nein, nein, ſie glaubt mir's nicht! Sie hat mich feig geſehen und hält mich noch für feig! rief Nikolas, in⸗ dem er Roswitha's Hand ergriff und ſie feſthielt, wie mit eiſernen Klammern. Sage Du's ihr doch, Roswitha, daß ich meine Pflicht gethan, daß ich ihren blutigen Tod gerächt habe! Sage Du dem bleichen, drohenden Schatten dort, daß 184 »ꝙ» er ruhig zurückkehren möge in ſeine dunkle Gruft, denn ſeine Mörder folgen ihm bald nach! — Nikolas, ſprich doch nicht ſo Entſetzliches! rief Ros⸗ witha, von Grauſen erfaßt, und machte vergebliche Anſtren⸗ gungen, ihre Hand ſeiner eiſernen Fauſt zu entwinden. Was Du zu ſehen wähnſt, iſt nur ein Trugbild Deiner wirren Fieberträume; Zeliska weilt in jenen lichten Räumen, wo ewiger Friede herrſcht und kein ſündiges Verlangen nach Rache die Seligkeit der Vollendeten trübt! Bete, Nikolas, wie ich es thue, damit auch wir einſt nicht verworfen wer⸗ den vor dem Richterſtuhl des Allwiſſenden! — Ha, immer näher kommt ihr bleicher Schatten! ſtöhnte der Zigeuner. Ihr eiſiger Hauch dringt mir durch Mark und Bein, daß mir das Blut erſtarrt! Viielleicht iſt ihr die Sühne noch nicht groß genug, denn jenes Gift übt ſeine Wirkung ſchmerzlos! O, ſage ihr doch, Roswitha, daß dies meine Schuld nicht iſt; ſage ihr, daß ich nichts Anderes hatte und erlangen konnte, da man mich verfolgte und hetzte, wie ein wildes Thier! — Er redet irre, anders kann's nicht ſein! ſprach Ros⸗ witha zu ſich ſelber, als wolle ſie eine bange Ahnung von ſich weiſen. Beruhige Dich, Nikolas; glaube mir, es iſt ein Trugbild nur, was Dich ſo peinigt, wandte ſie ſich dann zu dieſem, indem ſie mit ihrer freien Hand den Angſtſchweiß von ſeiner Stirn trocknete; es wird entſchwinden, wenn das Fieber weicht, das Deine Wunden hervorgerufen haben. Laß mich jetzt, daß ich den Burgkaplan herbeirufe; er iſt erfahren in der edlen Heilkunſt des Leibes und mehr noch in der heiligen der Seele. Für Beides iſt Dir ſeine Hülfe nöthig! Doch Nikolas hörte nicht auf ſie; er ſchien ſich mit aller Macht gegen ein drohendes Geſpenſt zu wehren, das ſicher⸗ lich nichts Anderes war, als die geheimnißvolle und doch ſo mächtige Stimme des Gewiſſens, dem aber die mit der Mut⸗ termilch eingeſogene Anſchauungsweiſe des Zigeuners Zeliska's Namen und Geſtalt gegeben. Große Seelenangſt ſprach aus ſeinen wirren Blicken, wie aus jeder ſeiner unſtäten Be⸗ wegungen. — Sage ihr doch, Roswitha, daß nicht Fügung des Geſchickes mich hierher zuruͤckgetrieben, nachdem ich ſchon in Sicherheit war, ſo fuhr er fort. Nur wenige kurze Stunden ſahen mich ſchwach, dann aber ließ ich mich freiwillig fan⸗ gen, um hier zu thun, was ich ihr ſchuldig war. Du weißt es ja, Roswitha; ſag's ihr doch. Und wilder wurden ſeine Worte und Geberden. Ros⸗ witha ward es immer banger und unheimlicher um's Herz; ſie war ſchon im Begriff, den vor der Kerkerthür harrenden Reiſigen herbeizurufen, daß er ſie befreie aus der Gewalt des Wahnſinnigen und aus dem Kerker führe, denn auch körperlich fühlte ſie ſich beklommen und matt; aber ſie konnte es nicht über ſich gewinnen, den leidenden, vielleicht ſterben⸗ den Gefährten ihrer Kindheit ohne allen Troſt und ohne alle Hülfe in der Einſamkeit des Kerkers ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Sie raffte daher all ihren Muth zuſammen, um geduldig auf den Zeitpunkt zu harren, wo die Fieberhitze des Gefangenen verflogen und er ihren Tröſtungen und Ermah⸗ nungen zugänglich ſein werde. Eiſeskälte durchdrang allmälig ihre Glieder, immer ſchwerer ward es ihr, ſich auf den Knieen zu erhalten und nicht hinzuſinken neben Nikolas; doch hielt ſie muthig aus. Nach einer Weile richtete Nikolas mit irrem Lächeln ſeine Blicke auf ſie. — Zeliska iſt befriedigt, ſagte er dabei, ſie hat an Dei⸗ nen bleichen Lippen die Wahrheit meiner Betheuerungen er⸗ kannt, denn deutlich zeigen ſie des Todestrankes Spuren! Sei luſtig, Koͤnigin; nur eine kurze Spanne Zeit noch und wir ſind im Schattenreiche angelangt, wo Oſiris und Ze⸗ liska unſerer ſchon harren zum munteren Geiſterreigen im luftigen Revier! Doch ſage— fühlſt Du nicht gleich mir ;ꝑEÖ des Trankes Kraft, die noch viel ſtärker iſt, als unſer jun⸗ ges Leben— — Allgütiger— wenn in der irren Rede eine ſchreck⸗ liche Wahrheit verborgen wäre! ſtammelte Roswitha erbe⸗ bend. Ha, welch entſetzlich Licht geht mir da auf! Sein un⸗ V geſtümes Begehr, mit ihm zu trinken— die ungewöhnliche V — ·—-—,,— Angſt, die meine Bruſt beklemmt— die träge Mattigkeit, die ſich ſchwer wie Blei durch meine Glieder zieht— das Flim⸗ mern vor meinen Augen— der graue Bodenſatz in dieſem Waſſerkruge— dazu die Reden— ja, es iſt gewiß! Un⸗ glücklicher, Du zwangſt mich, Dir den Todesbecher zu kre⸗ denzen, denn jenes Waſſer war mit Gift vermiſcht! — Hörſt Du's, Zeliska? ſprach der Zigeuner wieder. Sie beſtätigt meine Worte. — Hier ſoll ich einſam und verlaſſen ſterben, ohne des letzten Händedrucks der theuren Schweſter, ohne der Trö⸗ ſtungen und Segnungen der heiligen Religion theilhaftig zu werden? klagte Roswitha. O, wie ſo plößlich tritt der Tod an mich heran— und ich erkannte ihn erſt, als ſeine kalte Hand ſchon um mein Herz ſich legte! Ich möchte rufen— doch es iſt zu ſpät, denn ſchon verſagt die Zunge mir den Dienſt! O Gott, iſt's denn Dein Wille, daß ich ſo früh ſchon ſterben ſoll? O, ſo erbarme Dich in meiner letzten Noth! — Warum klagſt Du, daß Du der Freundin folgſt, die doch für Dich ihr Herzblut treu vergoß? ſprach Nikolas, deſ⸗ G ſen Irrſinn allmälig zu ſchwinden ſchien. Du gehſt ja nicht allein, ich gebe Dir das Geleit! Roswitha lehnte matt ihr Haupt an die kalte, feuchte Kerkerwand;: noch einmal ging ſie im Geiſte ihr kurzes Leben durch. Sie erinnerte ſich an alles, worin ſie gefehlt; aber ſie gedachte auch ihrer tieſen Reue und Buße, und gottver⸗ trauend richtete ſie den Blick auf die Ewigkeit. Tiefe Stille herrſchte jetzt in dem Kerkerraume, denn auch Nikolas regte ſich nicht. 187 AAAAAAAAARD Bald vermochte Roswitha ſich nicht mehr aufrecht zu erhalten; ſie machte noch eine letzte Anſtrengung, ſich von des Zigeuners Hand zu befreien, doch auch jetzt gelang ihr es nicht. Lautlos ſank ſie neben Nikolas auf die kalten Steinflieſen nieder. Die Ampel war ihrem Verlöſchen nahe, da hob ein tiefer Seufzer Roswitha's Bruſt. — Nikolas, tönte es leiſe von ihren Lippen— ich habe Dir verziehen! Möge Dir Gott ein gnädiger Richter ſein, wie mir! Helene— Ihr andern guten Frauen, die ſich meiner ſo liebevoll angenommen— Gott wird's Euch ver— gelten!.. Zeliska.. Gott!.. Mein Heiland! Ihr letzter Athem entfloh mit dieſem Rufe. Da wandte Nikolas den todesſtieren Blick zu ihr hin. — Es iſt erfüllt, wie es im Buche des Schickſals ge⸗ ſchrieben ſtand! murmelte er dumpf. Es mußte ſo kommen, denn die Schrift der Sterne hat noch nie getrogen. Es ward ein fremder Zweig auf unſers Volkes Stamm gepfropft, da⸗ durch verdorrte der herrlich grünende Baum. Zwar war es möglich, dies Unheil abzuwenden, wenn Oſiris Entſagungs⸗ muth genug beſeſſen hätte— doch er glaubte ja nicht an ge⸗ heimes Wiſſen und ſpottete meiner Warnungen, wie meiner Bitten. Ich that nur, wozu die dunklen Schickſalsmächte mich geirieben und was der Rache Pflicht mir ſtreng gebot! Mags mir ergehen fortan, wie es will— ich lebte hier und ſtarb als meines Volkes würdiger Sohn! Allmälig verfiel er wieder in wirre dirte eden, in de⸗ nen er Zeliska's Namen häufig nannte. Nach einer Stunde aber verſtummten auch ſeine Lippen. Die Ampel verloſch. Dem Reiſigen draußen auf dem Gange vor dem Kerker ward endlich doch die Zeit zu lang. Er legte ſein Ohr an die Thür und da er nicht den leiſeſten Laut, nicht das min⸗ deſte Geräuſch vernahm, ſo ſchob er den Riegel zurück und blickte hinein. Drinnen war es finſtere Nacht. Als man auf ſeinen Ruf mit Licht herbeieilte, fand man zwei Leichen neben einander liegen. Auf des Zigeuners ſtarren Zügen lag noch der Ausdruck trotzigen Stolzes; Roswitha's liebliches Antlitz umſchwebte mildes, verklärtes Lächeln. Inmitten der andern Opfer jener verhängnißvollen Nacht nahm eine gemeinſchaftliche Gruft Roswitha's und Zeliska's ſterbliche Ueberreſte auf. Faſt alle Bewohner der Burg und der Stadt gaben ihnen das Trauergeleit. — Ruhe ſanft, Du arme und doch glückliche Schweſter! ſprach Helene leiſe, als ſie den Grabhügel verließ. Dir iſt wohl, denn Dein Herz fühlt nicht mehr der Entſagung bit⸗ teres Weh! Ruhe ſanft, bis wir uns wiederfinden und ver⸗ eint vor des Allmächtigen Throne um Gnade für unſeren Erzeuger flehen! Ruhe ſanft und wohl! Nach langen Zeiten ſah man noch auf dem Friedhofe, der die Kirche umgab, ein einfaches, ſchwarzes Kreuz, die Vorübergehenden zu ſtillem Gebet auffordernd, die Stätte bezeichnen, wo die Beiden der Auferſtehung entgegenharren, und Jahrhunderte lang erhielt ſich das Andenken an Ros⸗ witha, welche ſpätere Sagen zu einer von Zigeunern ge⸗ raubten Fürſtentochter erhoben, im Munde der umwohnenden Fiſcher, indem ein Volkslied ihren Heldenmuth, wie auch Zeliska's Opfertreue pries. Il. Einen Kerker an dem Ufer der Havel verlaſſen wir, um uns nach einem andern am Ufer der Spree zu be⸗ geben. Es iſt dieſer zweite Kerker derjenige, in welchem Ottokar nun ſchon ſeit Wochen der Entſcheidung ſeines Schick⸗ ſals harrt. An einem Abende zu Ausgang des Monats war es, als der Kerkermeiſter mit einem Schlüſſelbunde am Gürtel und einer Leuchte in der Hand den ſchmalen Gang entlang ſchritt, der zu Ottokars Gefängniß führte. Ihm folgten ſchwei⸗ gend drei Perſonen: ein junges Mädchen, mit Trauerklei⸗ dern angethan, und zwei Mönche, deren graues Gewand ſie als dem Orden der Franziskaner angehörend bezeichnete. Den Augen des Mädchens entrannen häufige Thränen und die Züge ihres blaſſen Antlitzes trugen das Gepräge tiefen Kummers, obwohl ſie ſich ſichtlich bemühte, Ruhe und Faſ⸗ ſung zu zeigen. Was die beiden Mönche betrifft, ſo hatten ſie ihre Kapuzen— wahrſcheinlich der winterlichen Kälte wegen— ſo weit nach vorn über ihre Köpfe gezogen, daß man von ihren Geſichtern nur wenig gewahren konnte, wenn ſie ſich auch nicht in ſolcher Entfernung hinter dem vorleuch⸗ tenden Kerkermeiſter gehalten hätten, daß ihre Geſtalten im tiefſten Schatten blieben; nur ſo viel ließ ſich allenfalls er⸗ kennen, daß der Eine in vorgerücktem Mannesalter ſich be⸗ fand, der Andere aber kaum die erſten Jünglingsjahre hinter ſich hatte. Trübſelig, wie der enge Raum, durch den er ſich bewegte, war der Zug dieſer vier Leute anzuſehen. Vor einer gut verwahrten Thür ſetzte der Führer ſeine Leuchte nieder, öffnete ein großes Schloß und ſchob mehrere gewichtige Eiſenriegel zurück; dann hieß er ſeine Begleiter eintreten. — Nach einer Stunde bin ich wieder hier, ſagte er dann, indem er ſich anſchickte, die Thür hinter ihnen wie⸗ der zu ſchließen; die Leuchte nehmt mit hinein, damit Ihr drinnen ſehen könnt. — Gut, mein Freund, erwiederte der ältere Mönch mit leiſer Stimme; ſolltet Ihr aber zufällig abgehalten werden, zur beſtimmten Zeit zu kommen, ſo werden wir über einen AAAAANAN;N;N längeren Aufenthalt keine Klage bei Euren Vorgeſetzten er⸗ heben. Er ließ bei dieſen Worten ſehr geſchickt ein Stück Gel⸗ des in die Hand des Kerkermeiſters gleiten, welches dieſer durch ein bedeutſames Nicken des Kopfes erwiederte. Die Thür ward wieder verſchloſſen und der Kerkermeiſter ging nach ſeinem Gemach. Während der Schließer noch an der Thür beſchäftigt war, eilte die Jungfrau mit ausgebreiteten Armen auf die Lagerſtätte zu, auf welcher ſie beim Schein der Leuchte Ot⸗ tokar gewahrte. Doch plötzlich blieb ſie ſtehen. — O, ſeht— er ſchläft! wandte ſie ſich mit leiſer Stimme an den älteren Mönch. Er ſchläft ſo ruhig, daß ſelbſt das Raſſeln der Riegel ihn nicht erweckte! O könnten ihn doch ſo ſeine Ankläger ſehen und Alle, die Zeter und Wehe uüber ihn rufen— wer würde dann noch wagen, ihn eines Doppelmordes zu zeihen! Ach, mein Bruder, um ſo ruhigen Schlummer könnten Viele Dich beneiden! — Ja, wahrlich, entgegnete der Angeredete in tiefer Bewegung, indem er näher trat. Das iſt der Schlummer des Gerechten und mancher ſeiner Richter, der morgen viel⸗ leicht den Stab über ihn brechen wird, möchte ſich wohl gleiche Ruhe für ſeine Nächte wünſchen! Der jüngere Mönch blieb ſchweigend im dunklen Hin⸗ tergrunde des Gefängniſſes. — Er träumt vielleicht von ſeiner Klara; denn ſüße Heiterkeit malt ſich in ſeinen lieben Zügen! begann Lisbeth wieder. Faſt iſt es grauſam, ihn daraus zu wecken, doch muß es ſein, denn karg, ſehr karg nur iſt die Zeit uns zu⸗ gemeſſen! Sie beugte ſich über ihn und hauchte einen leiſen Kuß auf ſeine Stirn. „Ddttokar öffnete die Augen, ſchloß ſie aber, vom Schein der Leuchte geblendet, alſobald wieder. li 191 RR — Ottokar! mein theurer Bruder! rief Lisbeth in zaͤrt⸗ lichem Tone. Da richtete ſich Ottokar ſchnell empor und ſchaute mit unſicheren, zweifelnden Blicken um ſich. — Lisbeth, geliebte Schweſter! rief er dann aus. Biſt Du es denn wirklich— träume ich auch nicht? Weinend ſank Lisbeth an des Bruders Bruſt; auf ihre reine Stirn fielen Ottokars heiße Thränen; innig und feſt, als wollten ſie ſich nimmer wieder laſſen, hielt ſich das Ge⸗ ſchwiſterpaar umſchlungen. Der ältere Mönch fuhr ſich wiederholt mit dem weiten Aermel ſeines Gewandes über die Augen; ſein jüngerer Ge⸗ noſſe war noch mehr in den Schalten zuruͤckgetreten, ſo daß man ſein Verhalten nicht gewahren konnte, ſelbſt wenn einer der Anweſenden darauf geachtet hätte. — So iſt es denn wahr, daß mir's vergönnt iſt, Dich noch einmal zu ſehen, Du Theure? ſprach Ottokar, deſſen Stimme vor Freuden zitterte. O, ſolches Glück wagte ich hienieden nicht mehr zu erhoffen! Nur träumend, wie ſo eben, glaubte ich, ſei's mir noch geſtattet, mit meinen Lie⸗ ben zu verkehren! — Wie, mein Bruder, konnteſt Du von mir Dich ver⸗ geſſen wähnen? erwiederte Lisbeth mit ſanftem Vorwurf. — O, verzeihe mir, Lisbeth! bat Ottokar bewegt. Siehe, nicht Zweifel ſetzte ich in Dein ſchweſterlich Herz— ich war gewiß, daß Du ſtets meiner dachteſt und für mich beteteſt! Aber ich fürchtete, daß die Größe der Schuld, ſo man auf mich gewälzt, vor dem Verbrecher Dich ſcheu und erbebend zurückſchrecken laſſen würde, während Du um den Bruder weinteſt! Doch Deine Liebe, Du Gute, iſt größer— — Nicht weiter ſprich, mein Bruder! unterbrach ihn Lisbeth mit erhobener Stimme. Meinſt Du, daß ich, Deine Schweſter, Dich für ſchuldig halten könnte? O, hätten ſelbſt RRRRc meine Augen geſehen, was man Dir zur Laſt legt, ich würde meine Augen der Täuſchung und des Truges zeihen und vor aller Welt, ſelbſt vor Gott, Deine Unſchuld behaupten! Sollte ich, Deine Schweſter, nicht beſſer Dein Herz kennen — Dein Herz, das ich ſtets ſo edel, groß und rein erfun⸗ den habe, und an deſſen Vorbild ſich das meine erhob zum Guten? Ja, eher hätte ich das Daſein Gottes geleugnet, als an Deine Schuld geglaubt, mein Bruder! — O, habe Dank, Du Vater im Himmell betete Ot⸗ tokar, in deſſen Augen Thränen freudiger Rührung erglänz⸗ ten. Habe Dank, denn Du läßt mich mit dem Bewußtſein von hinnen gehen, daß es doch eine Seele noch auf Erden giebt, die ſich nicht in Abſcheu von mir wendet! Leichter wird mir der Tod durch dieſen Troſt! — Mein armer Bruder, was mußt Du hier von den Menſchen erlitten haben, daß Du Dich von Allen verlaſſen und verdammt wähnſt! ſchluchzte Lisbeth. Doch dem iſt nicht ſo, Ottokar! Noch giebt es Viele, deren Glauben an Deine Unſchuld durch nichts erſchüttert werden konnte; blicke um Dich, mein Bruder, und leſe in den Augen Deines väter⸗ lichen Freundes die Beſtätigung meiner Worte! Jetzt erſt ward Ottokar inne, daß Lisbeth nicht allein gekommen. Mit wehmüthigem Lächeln reichte er dem älte⸗ ren Mönch die Hand. — Seid mir willkommen, Herr Boytin, ſagte er zu ihm, und nehmt meinen heißen Dank für Eure Freundſchaft! Mein Herz ſagt mir, daß es Euch einen großen Theil des Gluͤckes zu danken hat, hier auf Erden noch einmal an der Schweſterbruſt geruht zu haben! — Mein theurer Sohn, erwiederte Boytin, als er ſei⸗ ner tiefen Bewegung Herr geworden, noch wollen und kön⸗ nen wir hoffen, daß es nicht zum Aeußerſten kommt mit Euch; denn noch habt Ihr Männer zu Freunden, die Alles für Euch zu thun entſchloſſen ſind! ERùNRN;́ — Nicht davon jetzt, mein väterlicher Freund! entgeg⸗ nete Ottokar. Mein Verhängniß wird ſich erfüllen, ſei's zum Guten oder zum Böſen; darum laßt uns dieſe Stunde der Erinnerung und der Freundſchaft weihen. Doch ſehe ich hier noch Einen, gleich Euch bekleidet mit einem from⸗ men Gewand; iſt es ein frommer Bruder, der gekommen iſt, mich vorzubereiten auf das dunkle Jenſeits, oder iſt's ein Freund, wie Ihr, Herr Boytin? Weshalb hält er ſich dann ſo fern? Lisbeth, deren Arme bisher des Bruders Bruſt um⸗ ſchlungen hielten, erhob ſich jetzt und ging zu Boytins jün⸗ gerem Begleiter, nahm ſeine Hand und führte den Zögern⸗ den zu Ottokar. Dieſer erhob ſich gleichfalls und trat dem Fremden entgegen, der ſeine Blicke nicht vom Boden erhob. Als jetzt das volle Licht der Leuchte auf das Geſicht des Fremden fiel, trat Ottokar unwillkürlich einen Schritt zurück und ließ den bereits zum Händedruck ausgeſtreckten Arm wieder ſinken. — Herr Bernhard Rycke! ſprach er dabei in einem Tone, der das höchſte Befremden ausdrückte, während ſeine Züge deutlich zeigten, wie unangenehm ihn deſſen Gegen⸗ wart berühre. Ihr hier in meinem Gefängniſſe und zu dieſer Stunde? Es entſtand eine Pauſe, während welcher das tiefſte Schweigen herrſchte. Ottokar blickte Alle der Reihe nach an, als erwarte er von ihnen Aufſchluß über die Gegen⸗ wart eines Menſchen, deſſen Lebenswandel ihm die tiefſte Verachtung gegen ihn eingeflößt und der ſich von jeher als ſein Feind gezeigt. Doch plötzlich fiel ihm ein, was Boytin an dem Abend, bevor er ſich mit ihm in die geheime Ver⸗ ſammlung begab, über Bernhard geſprochen; er ſah der Schweſter Antlitz bald erglühen, bald erbleichen; er bemerkte Bernhards Zittern und ſeinen demüthig zu Boden geſenkten Die ſchwarzen Brüder. IIlI.. 13 AAAANA;ARAN;N;N Blick— und jetzt erſt verſtand er den Sinn jener geheim⸗ nißvollen Andeutungen, die Boytin damals ihm gegeben. Noch einiger Zeit bedurfte es freilich für Ottokar, um die aus Bernhards Vergangenheit herrührenden Empfindungen gegen denſelben zurückzudrängen und zu überwinden; bald aber erhellten ſich ſeine Züge in wohlwollender Freundlich⸗ keit. Er trat wieder an Bernhard heran und nahm deſſen Hand in die ſeinige. — Seid auch Ihr mir willkommen, Herr Rycke! ſprach er dabei im Tone aufrichtiger Herzlichkeit. Möget Ihr mir mein Benehmen von vorhin verzeihen; ich bereue es um ſo mehr, als ich mich jetzt alles deſſen erinnere, was mir Herr Boytin neulich von Euch geſagt! Noch einmal, ich heiße Euch herzlich willkommen und freue mich wahrhaft, daß Ihr meiner nicht vergeſſen! — O, Ihr ſeid ein wahrhaft edler Mann und ſchwe⸗ rer als je fallen mir jetzt alle die Kränkungen auf's Herz, deren ich Euch ſo viele bereitet! entgegnete Bernhard, ſchwan⸗ kend zwiſchen Freude und Niedergeſchlagenheit. Ich wage nicht, meinen Blick zu Euch zu erheben. — Nicht alſo, Freund, unterbrach ihn Lisbeth, unter Thränen lächelnd. Noch jetzt verkennſt Du meinen Bruder, wenn Du meinſt, er bewahre auch nur noch den Schatten eines Vorwurfs gegen Dich in ſeiner großen Seele! O, ich habe mich nicht getäuſcht, als ich Dir verhieß, er werde Dein Bruder ſein! — Und wen könnte ich freudiger als meinen Bruder an mein Herz ſchließen, ſprach Ottokar, als den von meiner trauten Lisbeth alſo Empfohlenen? Bernhard— vergangen iſt, was war; ich ſehe in Dir einen Freund und Bruder, den ich nach langer Trennung wieder zum erſten Male be⸗ grüße, und weiß, daß ich als ſolchen Dich betrachten darf! Hier, Bernhard, meine Bruderhand darauf! — Wenn's nöthig wäre, wuͤrde auch ich mich für ihn 195 bei Dir verwenden, fügte Boytin, zu Ottokar gewandt, hinzu, waͤhrend die beiden jungen Männer ſich ſtumm die Hände drückten. Ich weiß, daß er entſchloſſen iſt, Dir wahrhaft Freund zu ſein! — O, Herr Boytin, macht das Wort, was Ihr ſoeben geſprochen, zur Wahrheit! rief Bernhard. Wendet all Euren Einfluß auf, den irgend Ihr durch treue Freundſchaft Euch bei Lisbeths Bruder erworben— wendet all Eure Ueber⸗ redung an, daß er mir vergönne, den Beweis zu führen, wie ſehr ich danach trachte, ſeiner würdig zu ſein! Ihr wißt ja, wodurch mir ſolcher Beweis nur möglich iſt; bewegt ihn, daß er meinen heißen Wunſch gewähre! Ich werde es thun, mein junger Freund, wenn ich ſehe, daß uns das Eine nur noch übrig bleibt! entgegnete darauf Boytin mit leiſer Stimme. Bis dahin aber wartet in Geduld! — Was ſprichſt Du, Bernhard, von Beweiſen, die Du mir geben willſt? meinte Ottokar zu dieſem. Iſt nicht Deine Gegenwart hier Beweis genug für Deine aufrichtige, brü⸗ derliche Geſinnung? Glaube mir, wem ich meine Hand als Freund reiche und wen mein Mund als ſolchen nennt, gegen den giebt's keinen Zweifel mehr in meiner Seele! O, mein Bruder, mein Bruder! ſchluchzte Lisbeth. Müſſen auf dieſer Welt denn ſtets die Beſten leiden— muß alles denn, was edel iſt und groß, die Schuld der Andern auf ſich nehmen? — Verſündige Dich nicht in Deinem Schmerz, Lis⸗ beth! ſprach Ottokar in ernſtem, doch mildem Tone und ſeine Stirn bewölkte ſich in tiefer Trauer. So hart und ungerecht das Schickſal, ſo mich erwartet, Dir auch ſcheint, und ſo ſchuldlos ich auch bin an den Verbrechen, welche man mir zuſchreibt, ſo trifft mein Leiden dennoch mich nicht unverdient! Du, Schweſter, weißt vielleicht noch nicht, welch arger Täuſchung, welch großer Lüge ich mich ſchuldig machte, 13 AAAAANANANNRNRP gegen Dich ſowohl, wie gegen alle Welt. Zwar hatte ich gehofft, dieſes Geſtändniſſes gegen Dich überhoben zu ſein — doch es ſei. — Lisbeth weiß alles, Sohn, bemerkte Boytin. Ich ſagte es ihr, weil ich's für beſſer hielt, als daß auf andere Weiſe ihr zu Ohren kam, was jetzt ihr nicht mehr verſchwie⸗ gen bleiben konnte. — Und Lisbeth zürnt mir nicht, daß ich ſo lange Zeit hartnäckig ſie belog? fragte Ottokar. — O Bruder, Du verwundeſt mein Herz durch ſolche Frage! erwiederte Lisbeth. Wie, ich ſollte Dir zürnen dar⸗ um, daß Du die Ruhe und das Glück meiner Jugend mir bewahrteſt, daß Du die Furcht vor Scham und Schande von mir fern hielteſt, indem Du allein des entſetzlichen Geheimniſſes Laſt ſtill trugeſt, das mich zermalmt und jede Lebensſtunde mir vergiftet haben würde, wäre es mir frü⸗ her bekannt worden, als jetzt, wo dieſes Biedermanns und ſeiner edlen Gattin Güte mich gegen Schimpf und äußeres Elend geſichert! O, ich erkenne wohl die Größe des Opfers, das Du mir gebracht, indem Du jenes Geheimniß in Deine treue Bruſt verſchloſſeſt und mir ein freundlich lächelnd Auge zeigteſt, während bange Angſt und Sorge Dein Herz erfüllte! Daß ich bisher vor den Leuten frei meinen Blick erheben, daß ich der Freundſchaft Glück empfinden durfte— wem danke ich dies anders, als nur Dir allein! Und zürnen ſollte ich Dir? O, Ottokar! — Das aber iſt der ſchnöden Lüge Strafe, daß ſie be⸗ wirkt, was ſie verhindern ſollte! ſprach Ottokar, in trübes Sinnen verſenkt. Vor Schmach und Schande wollte ich Lisbeth wahren, und doppelt häufe ich jetzt den Schimpf auf ihr unſchuldig Haupt. Man darf ihr freilich nicht mehr den Makel ihrer Geburt vorwerfen, denn ſie hat jetzt ein wacke⸗ res Elternpaar; doch immer wird man von ihr ſagen, daß ich ihr Bruder war, ich, der Lügner und der Doppelmörder, ꝑgòÖ den Henkershand gerichtet hat! Und nimmer, fürchte ich, wird dieſer Schimpf ſich tilgen laſſen! Höher färbten ſich bei dieſen Worten Lisbeths Wangen; ſtolz richtete ſie ſich empor, und ihre Augen glänzten in ſchö⸗ ner Begeiſterung, als ſie mit erhobener Rechten ausrief: — Und ſollte wirklich Gott geſchehen laſſen, daß auf dem Blutgerüſt Dein edles Leben endet durch Henkershand — ſo werde ich ſtolz vor allen Leuten rufen: Seht, ich bin ſeine Schweſter, die Schweſter des beſten Mannes, der je in den Mauern Eurer Städte weilte; ich bin die Schweſter des Mannes, den an Edelſinn und Bürgertugend keiner uͤbertraf, der Eurem Dienſt ſein ganzes Leben weihte, und den zum Dank dafür Ihr mit dem Blutgerüſt gelohnt! Wo iſt die Jungfrau in den beiden Städten, die ſich gleich mir eines ſolchen Bruders rühmen kann! Und kommt dann einſt der Tag— und er wird kommen— wo Alt nnd Jung zu Deinem Grabe wallt und bittere Reuethränen dort vergießt: dann, Ottokar— o, Du mein Bruder! Ueberwältigt von der Heftigkeit ihrer Gefühle, warf Lisbeth wieder ſich an ihres Bruders Bruſt. — Und ich, der ſich Deinen zweiten Vater nennen darf, und Alle, die ſich zu Deinen wahren Freunden zählen— wir werden uns ſtolz Deiner rühmen immerdar! fügte Boytin Lisbeths Worten hinzu. — O, Ihr Lieben, das iſt zu viel— Euer Freundes⸗ herz führt Euch zu weit! ſprach Ottokar in tiefer Bewegung. Ihr macht mich irre an mir ſelber und an meinem Geſchick, ja ſelbſt an Gott, wenn Ihr alſo fortfahret. Denn bisher ſah ich in meinem Unglück die gerechte Strafe früherer Schuld und konnte in Demuth ſtill halten dem Allmächtigen, ihm dankend noch, daß ich, ſchon hinieden durch Leiden und Tod gereinigt und entſühnt, auf ein beſſeres ſeliges Leben bei meiner Klara droben hoffen darf; doch wenn Eure Worte mich zu dem Glauben verführten, daß ohne Schuld mich ———;õ—— = — 198 AAANò das Verderben trifft, ſo könnte ich leichtlich freveln gegen Gott, denn ich bin ſchwach, wie jeder andere Menſch, und bitter tritt der Tod meiner Jugend an— das habe ich erſt erfahren, ſeit er mich im Ernſt bedroht! Und dennoch— um keinen irdiſchen Preis möchte ich dieſe Stunde miſſen, in der Ihr alſo zu mir ſprachet; dennoch, Ihr Guten, thut Eure Rede meinem Herzen wohl! Noch in dem letzten Augen⸗ blick werde ich ihrer gedenken! — Mein Bruder, dieſer Augenblick wird ja ſo bald nicht kommen! nahm Lisbeth wieder das Wort. Noch giebt es ja einen Gott, deſſen Hilfe da am nächſten, wo die Noth am höchſten iſt; noch haſt Du wackere Freunde; die Dir die Hand zur Rettung reichen, und noch ſchützt Dich Dein rit⸗ terlicher Fürſt, der ſelber großherzig und edelmüthig wie ſel⸗ ten Einer, auch nicht an Deine Schuld zu glauben vermag. Hoffe und vertraue, mein Bruder, und es wird alles gut werden! — Hoffe und vertraue, und es wird ſich alles zum Beſten wenden! Alſo ſprach auch, als er zum letzten Male von mir ſchied, jener fromme Mönch, dem ich nächſt Gott meine Geneſung verdanke— ich habe darauf gehofft und vertraut und mein Verhängniß traf mich alſobald über Nacht! — Ottokar ſprach dies mit wehmüthigem Lächeln.— Doch, Ihr Lieben, laßt uns nicht die gewiß nur karg zugemeſſene Zeit unſeres Beiſammenſeins durch düſtere Betrachtungen noch mehr verkümmern; laßt uns plaudern von vergangenen glücklichen Tagen, und erzählt mir von den guten Menſchen, die meiner ſich in Liebe noch erinnern, daß ich ihre Namen ſegnen kann. Vor Allem aber ſagt mir, durch wen von meinen Richtern dem armen Gefangenen die ungewöhnliche Gunſt geworden, Euch hier ſehen zu duͤrfen; ſei's wer es ſei— er hat ſich meinen tiefſten Dank erworben! — Bei Gott, ja, Du haſt Recht, die Zeit verrinnt, be⸗ vor wir zum Ziele kommen, wenn wir ſie läͤnger durch mü⸗ ANNRNSRNSD; ßige Klagen und Betheuerungen verſchwenden! rief Boytin. D'rum laßt uns jetzt ein ernſtes Wörtlein reden, und gebe Gott, daß es bei Dir, Ottokar, ſeine rechte Stelle finde! Doch um Dir eine zweite Frage zu erſparen, ſo wiſſe, daß Lisbeth, ſobald ſie wußte, wie es um Dich ſteht— ſo lange es anging, verheimlichte ich's ihr— zuerſt bei Rycke ein⸗ ſprach, der ſo ſehr um Deine Freundſchaft einſtens warb. Der aber wies die Arme höhniſch und mit harten Worten ab und ſandte ſie zu Heydicke, dem neuen Bürgermeiſter. Ob dieſer ihr gewillfahrt hätte, ſteht dahin; zum Glück aber war gerade der würdige Stadthauptmann Stroband anwe⸗ ſend und der gewährte ihre Bitte ſo freundlich und in ſo beſtimmter Rede, daß Herr Heydicke wahrſcheinlich keinen Einſpruch wagte. Auch tröſtete er Lisbeth mit ſanften Wor⸗ ten, und als ſie, dadurch ermuthigt, ihn ferner bat, daß man auch uns den Eintritt in den Kerker geſtatten möge— frei⸗ lich ſagte ſie ihm nicht, wer wir ſind, da wir uns am Tage fein verborgen hielten— da willigte er auch hierin ohne Bedenken ein. Wenn ſich das Glück nun wieder zu Dir wendet, ſo wirſt Du wenigſtens die Freundſchaft ſolcher Leute, wie des früheren Bürgermeiſters, zu würdigen wiſſen. — Gott möge Dein graues Haupt vor neuem Kummer ſchützen, guter, alter Mann! ſprach Ottokar für ſich, der über Strobands Biederkeit Rycke's Falſchheit gern vergaß. — Jetzt aber laßt uns alleſammt niederſetzen, damit wir in Ruhe beſprechen können, was zu thun iſt, mahnte Boytin wieder, und man that nach ſeiner Aufforderung, ſo weit Ottokars dürftige Lagerſtätte und der einzige hölzerne Schemel ſeines Gefängniſſes, das eins der beſten im Rath⸗ hauſe war, ſolches zuließ. — Vor Allem, Ottokar, muß ich Dir ſagen, daß Deine Sache ſich nur dann günſtig für Dich wenden kann, wenn Du— nächſt Gott— allein Dich Deinen Freunden anver⸗ trauſt! nahm Boytin in ernſtem Tone das Wort. Auf ein freiſprechend Urtheil Deiner Richter darfſt Du nicht mehr hoffen, wenn Du's je thateſt; denn morgen mit dem Frühe⸗ ſten wird Dir der Stab gebrochen, und wenn der Tag als⸗ dann zu Ende geht, ſo— — Wie— morgen ſchon? unterbrach ihn Ottokar, als hätte er ſo ſchnelle Entſcheidung nicht erwartet, obwohl er ſchon von Tag zu Tag ihrer harrte. Sagt, hat man einen Boten gen Prag geſandt zu jenem Mönch, auf den ich mich berief? — Man hat's gethan, entgegnete Boytin; doch als der Rath dieſe Sendung beſchloß, hatte mein Bote ſicherlich ſchon die Hälfte des Weges nach der böhmiſchen Haupt⸗ ſtadt zurückgelegt. Ich ſandte ihn ſogleich, als ich erfuhr durch meine Freunde, daß Du das Zeugniß jenes Mönches angerufen; ſeit länger als einer Woche iſt er nun zurück, und heute Mittag kehrte auch des Rathes Bote wieder.— Glaube nicht, Sohn, daß wir während Deiner Gefangen⸗ ſchaft die Hände in den Schooß gelegt. — Aber der Mönch— welche Auskunft gab er den beiden⸗Boten? fragte Ottokar in natürlicher Ungeduld. — Ein treuer und gar kluger Mann war's, den ich ſandte, fuhr Boytin fort. Doch er kam wieder, ohne Jenen getroffen zu haben, da man im erzbiſchöflichen Palaſt ihm ſagte, daß der Prälat ſchon ſeit länger als einer Woche auf einer weiten Reiſe abweſend ſei; Niemand aber konnte ſich eines Franziskaners aus Berlin erinnern, der vor oder wäh⸗ rend der Abweſenheit des hochwürdigſten Kirchenfürſten ſich im Palaſt gemeldet, oder gar eines Mannes, wie ich dem Boten Deinen Hauswärtel beſchrieb, der nach jenem Mönch gefragt hätte. Zwar forſchte mein Bote nicht allein in den dortigen Klöſtern der Franziskaner ſowohl, als auch der an⸗ deren Orden, ſowie in allen Herbergen der großen Stadt nach jenen Beiden, doch überall ward ihm die gleiche Ant⸗ wort, keiner wußte etwas von denen, welche er ſuchte. AAAAANANRR — Des Mönches alter Körper wird wohl unterwegs den Beſchwerlichkeiten der Reiſe erlegen ſein, damit nun mein Geſchick ſich ganz erfülle! ſprach Ottokar mit trübem Aus⸗ druck. Aber der Hauswärtel— — Das war des Kurfürſten erſter Gedanke, wie auch der meinige, erwiederte Boytin; und kaum hatte uns der Bote ſeinen Bericht erſtattet, als auch ſchon etliche Reiſige zu Roß auf der Straße dahinflogen, die der Mönch einge⸗ ſchlagen hatte, in der Hoffnung, ihn in irgend einer Her⸗ berge auf dem Krankenlager zu finden. Am Tage ſeiner Ab⸗ reiſe hatte er in Britz eingeſprochen, um uns Deine lieben Grüße zu überbringen, und von da aus verfolgten ſie, ge⸗ ſchützt durch einen Brief der landesherrlichen Kanzlei, ſeine Spur bis nahe zur Stadt Dresden in den Meißener Lan⸗ den; da aber verſchwand ſie plötzlich und weder in jener Stadt, noch in der ganzen Umgegend war ſie wieder auf⸗ zufinden. Geſtern Abend empfing ich dieſe Kunde. — Und brachte des Rathes Bote gleiche Nachricht? fragte Ottokar. — Der war glücklicher als meiner! antwortete Boytin mit einem bittern Lächeln. Von ihm ward der Mönch ſchon aufgefunden, als er kaum den Fuß in Prags Thore geſetzt hatte. — Gott ſei gelobt! rief Ottokar. Doch ſprecht: wißt Ihr, welchen Bericht er dem Rath erſtattete? — Ich hab's erfahren durch des Amtsſchreibers Vetter, verſetzte Boytin mit finſterer Miene. Der Mönch hat Alles, was Du von ihm vorgebracht, für freche Lüge und Betrug erklärt. — Das iſt nicht wahr, der Bote hat gelogen! rief Ottokar, heftig aufſpringend. So wahr ich meinen leiblichen Vater nie geſehen, ſo wahr iſt's, daß der Bote ſchändlich lügt! — So kommſt Du endlich doch dahinter, mit welchen Waffen unſere Gegner kämpfen wider uns! ſprach Boytin. ANOPO Bald käme dieſe Erkenntniß für Dich zu ſpät, wenn nicht — doch davon ſprechen wir nachher. Ja, Ottokar, Du muß⸗ teſt inne werden, wie unſer Landesherr und Deine Freunde es inne geworden ſind: froh darüber, daß ein unerklärliches Verhängniß Dich auf eine kurze Zeit geſtürzt, ſuchen die Pa⸗ trizier, Deine Feinde, nun aus allen Kräften Dich für immer zu verderben! Wie, ſollte der Mönch, ſammt dem Fuhrwerk und dem Knechte, der dieſes führte, für alle Menſchen, nur nicht für den Amtsſchreiber, unſichtbar geweſen ſein, daß ihn Niemand als der Letztere geſehen hat? Oder ſollte der würdige Prieſter eitel Poſſenſpiel mit Dir getrieben haben? Das iſt doch ſicherlich der Fall nicht, wenn ich auch zugeben will, daß es mit dem Verſchwinden des Hauswärtels ſeine Richtigkeit haben mag, denn dieſem traue ich einen Schurkenſtreich wohl zu! Du wirſt nun ferner nicht mehr zweifeln können, daß von ſolchem Gericht unmöglich Ge⸗ rechtigkeit erwartet werden darf! Doch nur gemach— bald wird die Stunde ſchlagen, wo kein Bürger dieſer beiden Städte von ſeinen offenbaren Feinden gerichtet werden wird, ſondern er wird ſein Recht empfangen da, wo ſich's gebührt: vor dem unparteiiſchen Richterſtuhle ſeines Landesherrn, dem fern ſind jeder Trug und alle Ränke! Du, Ottokar, haſt früher ſelbſt Dich gegen ſolch Anmuthen geſträubt; jetzt muß Dir Deine eigene Ueberzeugung ſagen, wie wahrhaft wohl der Landesherr es meint, wenn er verlangt, daß Recht und Urtheil nur von ſeinem Gericht allein ausgehen ſoll! Es entſtand eine Pauſe, während welcher ſich Jeder ſeinen Gedanken und Empfindungen ſchweigend überließ. Ottokar war der erſte, der dies Schweigen unterbrach. — Wißt Ihr nicht, ob der Reinhold, meines Pfleg⸗ vaters Bruder, den ich durch einen Dolchſtoß niedergeworfen haben ſoll, noch am Leben iſt? fragte er. Ich glaube vom Kerkermeiſter gehört zu haben, daß er ſich auf dem Wege der Geneſung befindet. — ANNNNNSSD — Dem iſt auch ſo, erwiederte Boytin. Wie ich ver⸗ nommen, wird er morgen vor Gericht als Zeuge gegen Dich auftreien. — Und hat es wirklich ſich erwieſen, daß er derſelbe iſt, für den er ſich ausgiebt? fragte Ottokar weiter. — Die Schriften und Zeugniſſe, ſo er bei ſich führt, ſind geprüft und als richtig erfunden worden, fuhr Boytin fort. Auch hat man, um den Schein des Rechten ſich zu wahren, ältere Leute aus Köpenick— wo er mit ſeinen El— tern früher wohnte, wie Du weißt, herüberkommen laſſen, und die haben's einſtimmig beſtätigt, daß ſie den damaligen wilden Burſchen ſehr wohl in dem Verwundeten wieder er⸗ kennen; auch hat er auf alle ihre Fragen über Sachen aus damaliger Zeit ſo zutreffende Antworten gegeben, daß bei Keinem auch nur der geringſte Zweifel übrig geblieben, der Fremde ſei wirklich jenes älteren Reinholds Sohn und Dei⸗ nes Pflegvaters Bruder. O, ich habe über Alles wohl ge⸗ naue Kunde eingezogen, habe aber dabei auch leider geſehen, daß auf dem Wege richterlichen Prozeſſes, ſo lange das Ur⸗ theil in den Händen des patriziſchen Rathes ruht, für Dich kein Heil zu erwarten iſt; denn wer dieſe Ränke all geſpon⸗ nen, der hat fürwahr den Höllenfürſten übertroffen an Schlau⸗ heit, Liſt und Bosheit! — Je länger ich dies alles überdenke, je klarer wird es mir, daß mein Verderben keines Menſchen Werk iſt! ver⸗ ſetzte Oitokar düſter. Es iſt mein finſteres Verhängniß, das mich jetzt ereilt hat und das ich lange vorher ſchon dunkel und unbeſtimmt geahnt; wir ſprachen ja noch davon an je⸗ nem Nachmittage, als ich von Peters unerklärlichem Ver⸗ ſchwinden ſagte— wißt Ihr's noch? Nun ſeht, ich hatte damals ſchon, ich habe auch heute Recht: es iſt die Nemeſis, die mich verfolgt ob jener großen Lüge und die alles in mein Verderben mit hinabreißt, was ſich in Liebe und Freund⸗ ſchaft mir naht! Mir bangt auch für Euch, Ihr, meine — 4 2 — . —— — —— 1 ☛-2 f 4 2 3. —.——j———*—— 204 —-ęê»êꝑ Lieben! Doch noch Eins: hat man von meines wackeren Dieners Schickſal nichts erfahren können? — Nicht das Geringſte weiß man von ſeinem Verblei⸗ ben, antwortete Boytin. Deine Freunde alle und auch ich haben rund umher nach ihm ſuchen laſſen; doch nicht die leiſeſte Spur von dem Verſchwundenen iſt zu finden. — Ja, ja, unabwendbar geht mein finſteres Schickſal in Erfüllung und nichts vermag das Verderben aufzuhalten, das mich unter ſeinen Rädern zu zermalmen unwiderruflich beſtimmt iſt! ſprach Ottokar dumpf vor ſich hin. Vergebens ſuchte ich anzukämpfen gegen meines Verhängniſſes geheim⸗ nißvolles Walten; mehr und mehr, gleich unheilſchwangeren, ſchwarzen Wetterwolken, zog ſich's an meinem Lebenshimmel über mir zuſammen, bis endlich vom heitern Aetherblau die letzte Spur verſchwand und kein Sternchen ſich mehr ſehen ließ. Der Augenblick iſt da, daß ſeine Schläge ſich ent⸗ laden; ihr Ziel iſt dieſes Haupt, iſt dieſes Herz. Düſter ward der Ausdruck ſeiner Züge, bleicher ſeine Stirn und Wangen bei dieſen Worten, als je zuvor. Krampf⸗ haft preßte er die Hände gegen ſeine Bruſt, als wolle er den gewaltſamen Ausbruch ſeiner Gefühle wieder zurückwo⸗ gen laſſen in die Tiefe ſeines Herzens; er wollte weiter ſpre⸗ chen, doch er vermochte es nicht, denn Schluchzen erſtickte ſeine Stimme. Nicht mehr fähig, ſeinem Schmerze zu ge⸗ bieten, ließ er ſein Haupt hinabſinken auf die Schulter der an ſeiner Seite ſitzenden Schweſter, und ſeine Augen wein⸗ ten bittere Thränen. — Mein Bruder, was iſt ſo urplötzlich über Dich ge⸗ kommen— was vermochte Dich ſo mächtig zu erſchüttern? fragte Lisbeth in bangem Schrecken, den auch Boytin und Bernhard theilten. Dein hoher Muth, o Ottokar, verläßt Dich? Doch nein, das kann nicht ſein! Dein Herz war ja im Unglück ſtets am ſtärkſten! O Gott— dringt denn Dein Auge nicht in dieſes Kerkers Nacht, daß Du den Ar⸗ R men ganz und gar verläßt? Mein Bruder, Du, ſo gut und doch ſo unglücklich! Es vergingen mehrere bange Minuten, während wel⸗ cher Zeit die beiden Andern tief bekümmert, aber ſtumm— denn Troſtesworte ſchienen ihnen kleinlich bei ſo großem Schmerz— auf das weinende Geſchwiſterpaar blickten. Da erhob Ottokar wieder ſein Haupt und tilgte die Thränen⸗ ſpuren von ſeinem Angeſicht. — Beruhigt Euch, Ihr, meine Lieben, ſprach er dabei; es iſt ja ſchon wieder vorüber und mir iſt wohler jetzt als zuvor! Des Menſchen Herz iſt doch ein wunderliches We⸗ ſen, fuhr er mit mattem Lächeln fort; ſelbſt wenn es aller Hoffnung bereits entſagt hat, ſo hofft es dennoch insgeheim und ſich ſelber unbewußt fort, ſo lange es noch, auch in der weiteſten Ferne, einen ſchwachen Strohhalm auf der ſtürmi⸗ ſchen See, wo es Schiffbruch erlitt, dahintreiben ſieht, und glaubt an ihm ein Rettungsſeil zu haben. Iſt aber dieſer ſchwache, ferne Strohhalm endlich entſchwunden, dann bricht erſt ſeines Unglücks ganze Schwere über ihn herein; dann iſt ihm, als hätte dieſer Augenblick ihm erſt den Schiffbruch gebracht— und doch hatte es vorher ſich überredet, daß es auf keine Rettung mehr hoffe. Auch ich mit meinem Her⸗ zen machte davon keine Ausnahme. Es iſt mir keine Stunde hier vergangen, in der ich mir nicht geſagt hätte, daß ich dem Geſchick, von einer höheren Hand für mich beſtimmt, nie und nimmer entrinnen könne, und daß es Thorheit ſei, nur eine Hoffnung, auch die leiſeſte, für eine günſtige Wen⸗ dung deſſelben zu hegen; auch bildete ich mir feſt ein, daß ich mich aller Hoffnung ſchon längſt begeben. Und dennoch hoffte ich insgeheim fort, wenn ich dies auch vor mir ſel⸗ ber verbarg! Ich hoffte auf des Boten Wiederkehr aus Prag, der günſtige Kunde bringen ſollte; ich hoffte, daß meines Pflegvaters Bruder, der mich des Mordanfalls auf ihn angeklagt, mit zunehmender Geneſung ſeinen Irrthum 3 87 erkennen oder im Augenblick des Todes ſeine wiſſentlich falſche Anklage bereuen und widerrufen werde; ich hoffte endlich auch auf Peters Auferſtehung aus der geheimnißvollen Dun⸗ kelheit ſeines Verſchwindens— und all dies Hoffen, war es nicht gleich dem Strohhalm, den ein Ertrinkender in wei⸗ ter Ferne erblickt und nach dem er haſcht noch mit den letz⸗ ten Kräften? Und als nun eben durch Eure Mittheilungen auch dieſer ſchwache Strohhalm ſchwand— da war es mir, als bräche erſt in dieſem Augenblicke das Verhängniß auf mich ein, als würde ich jetzt erſt mein unvermeidliches Ver⸗ derbniß inne, als hätte vorher gar nichts mich bedroht; da drückte mich des Unglücks Rieſenlaſt darnieder, wie wenn ſie urplötzlich und auf ein unvorbereitetes Herz gewälzt wor⸗ den wäre, und preßte alles Weh und allen Schmerz, den dieſes in ſeinen Tiefen noch barg, mit Allgewalt heraus. So alſo mußte auch ich der menſchlichen Schwäche den ſchul⸗ digen Tribut entrichten; doch dieſer letzte Kampf, er iſt jetzt überwunden und leicht und wohl iſt mir wieder ums Herz! — Noch iſt ja nicht Alles verloren, mein armer Bru⸗ der! ſprach Lisbeth. Auch jetzt darfſt Du ja noch hoffen! — Doch es wird Zeit, daß etwas geſchehe! nahm jetzt Boytin das Wort. Mehrere Wege, Sohn, bieten ſich Dir dar, um Dich aus dieſem Kerker zum Leben, zum Glück und zur Freude zu führen. Laß mich daher Dir dieſe Wege zeigen, damit Du einen unter ihnen auswählſt; die koſtba⸗ ren Minuten verſtreichen ſonſt unbenutzt. — Ich bin bereit, Euch anzuhören, mein väterlicher Freund! erwiederte Ottokar. Nicht daß ich neuer Hoffnung Raum geben wollte, ſondern um mich Eures unermüdlichen, treuen Freundeswirkens zu erfreuen! — ⸗H ———— AAAA 12. — Kaum war mir die Kunde von Deinem Unglück zu Ohren gekommen, begann Boytin, ſo theilte ich ſie auch dem Kurfürſten mit. Der gnädige Herr zweifelte keinen Augen⸗ blick, daß die Anklage gegen Dich ein Gewebe ſchändlicher Lügen ſei, bezweckend, ihn eines treuen Unterthans und wak⸗ keren Freundes zu berauben; er gelobte, Alles daran zu ſetzen, um Dich den Klauen der Tiger zu entreißen. Auch ſandte er alsbald Einen vom Hofe nach den beiden Städten, um ſich von Allem zu unterrichten, was man gegen Dich vor⸗ nehme. Sein Glauben an Deine Unſchuld wankte auch da noch nicht, als er alle nähern Umſtände der Dir zur Laſt gelegten Verbrechen erfuhr, durch welche freilich der Ver⸗ dacht gegen Dich zur Wahrſcheintichkeit erhoben ward. —„Der Mann, der ſo frei und muthig vor mir für ſeine Mitbürger ſprechen konnte, der kann kein niederer Ver⸗ brecher ſein! ſprach der edle Fürſt. Wenn Alles an ihm Lug und Trug wäre— bei Gott, nicht Einem würde ich wieder trauen und faſt mir ſelber nicht; denn deutlicher kann eine edle Seele ſich nicht offenbaren, als in dieſes jungen Mannes ganzem Weſen! Nein, er iſt nur ein Opfer ſeiner hinterliſtigen und niederträchtigen Feinde! Und ich, der Lan⸗ desherr, ich, der ich von Gott eingeſetzt bin, in den mir an⸗ vertrauten Landen Recht und Gerechtigkeit zu üben, kann und darf ihren ungerechten Todtſchlag nicht einmal verhin⸗ dern! Weil meine Vorgänger in früherer Zeit, uneingedenk der großen Verantwortlichkeit ihres hohen Berufes, nur dar⸗ auf ſannen, ihre Seckel zu füllen und ihre Macht nach Außen zu vermehren, um ſich mit falſchem Glanze zu umgeben; darum verkauften ſie, was doch unveräußerlich iſt: ſie ent⸗ ſagten ſich für Geld und andere Dienſte der heiligen, von 208 n Gott ihnen auferlegten Pflicht, über das Leben, das Wohl und das Recht ihrer Unterthanen zu wachen; um ſchnöden Vortheils willen beraubten ſie die ſchwächegen Bürger des Rechts, bei ihrem Fürſten Schutz zu ſuchen gegen die Un⸗ gerechtigkeiten derer, die ſich die alleinige Ausübung der durch Geld erkauften Gerichtsbarkeit angemaßt haben und dieſe für ſich ausbeuten! Und ſolche Schutzloſigkeit gegen die Unter⸗ drückung und Verfolgung etlicher ihrer Mitunterthanen nen⸗ nen die Bürger wohlerworbenes Recht und wohlverbriefte Freiheit und murren gegen mich, wie ſie's ſchon gegen mei⸗ nen in Gott ruhenden Vater thaten, daß wir, durchdrungen von den Pflichten unſerer hohen Würde, ſolch ſchreiend Un⸗ recht zu beſeitigen ſuchen; ſie ſchmähen uns, wenn wir trotz alles erfahrenen Undanks unter Sorge und Mühe ihr wah⸗ res Wohl zu fördern ſuchen! Doch werde ich mit Gottes Hülfe es ſchon noch ſo weit bringen, daß jedem Unterthan ſein Recht durch Richter werde, über deren gewiſſenhafte Un⸗ parteilichkeit ich wachen darf, und daß es jedem Angeklagten vergönnt iſt, ſich auf den Richterſpruch des Fürſten zu be⸗ rufen, der Gottes Stellvertreter hier auf Erden iſt— und daß ich dieſen Ottokar muß fallen ſehen als Opfer jenes Unweſens, iſt eine ernſte Mahnung mehr für mich, es aus⸗ zurotten, wo es ſich eingeniſtet hat!“ So ſprach der edle Fürſt und pflegte mit mir Raths, wie wir Dich retten könnten, ohne die Satzungen zu ver⸗ letzen, die doch nun einmal als ein Recht beſtehen, wenn⸗ gleich ſie ein ſchreiend Unrecht ſind. Da fiel mir plötzlich ein, daß Du, Sohn, ja nicht der Gerichtsbarkeit der beiden Städte unterworfen biſt; denn in den alten Freiheitsbriefen, auf welche ſich die Gegner der landesherrlichen Gewalt be— rufen, heißt es ausdrücklich, daß die Gerichtsbarkeit des Rathes ſich auf alle Bürger und deren Angehörige und Hausgenoſſen erſtrecken ſoll. Nun aber kann doch, nach al⸗ tem Rechte und Gebrauch, ein Baſtard— verzeihe mir dies nn⸗ lich den fen, be⸗ des und al⸗ dies AE harte Wort, mein lieber Sohn— nimmer ein Bürger dieſer beiden Städte ſein; und da ſie Dich einmal für ſolchen hal⸗ ten und Du auch zu keines andern Bürgers Hauſe gehörſt, ſo ſtehſt Du auch nicht unter dem Gericht des Rathes, ſon⸗ dern vielmehr unter dem des Landesherrn, und dieſem nur kommt es zu, Dich zu richten. Ungeſäumt theilte ich dem Fürſten dieſe meine Meinung mit. —„Ich glaube ſelbſt, daß Du Recht haſt, Boytin, ſprach der gnädigſte Herr, als er eine Weile darüber nach⸗ gedacht hatte. So freilich könnten wir den jungen Mann ihrer ungerechten Gewalt entreißen. Dem Recht und Geſetze ſoll deswegen doch ſein freier Lauf gelaſſen werden— behüte mich Gott, daß ich ihm je hinderlich bin— den Angeklag⸗ ten will ich nur vor ein Gericht ſtellen laſſen, welches alle Gründe gewiſſenhaft prüft und erwägt und dann ſein Urtheil fällt nach Geſetz und Recht, ohne ſich durch Haß und Rach⸗ begier leiten zu laſſen. Wird Ottokar wirklich als ſchuldig befunden, ſo geſchieht ihm hier, wie's ſeine Schuld gebietet; ich aber habe dann doch die Gewißheit, daß er nicht durch die Tücke ſeiner und meiner Feinde fiel!“ Um ſeiner Forderung, Dich auszuliefern an das lan⸗ desherrliche Gericht, mehr Kraft und Nachdruck zu verleihen, ſandte der Kurfürſt ſeinen Hofrichter zu Spandow, den wak⸗ kern Balthaſar Haak, an den Rath der beiden Städte, da⸗ mit er ihm das Recht ſeiner Forderung klar beweiſe und ſonſt noch Dein Beſtes wahrnehme. Allein weit entfernt, dem wohlbegründeten Begehren ihres Fürſten ungeſäumt nachzukommen, machten die Widerſpenſtigen zuerſt allerlei Winkelzüge und weigerten ſich endlich ganz entſchieden, in⸗ dem ſie als Grund ihres frechen Ungehorſams vorbrachten, daß die Verbrechen, welcher Du angeklagt biſt, innerhalb des Gerichtsbezirks der beiden Städte verübt worden, daß Du ferner bis zum Augenblick Deiner Ergreiſung das Bür⸗ gerrecht beſeſſen und daß Du endlich die Zuſtändigkeit ihres Die ſchwarzen Brüder III. 14 * Gerichtes ſelber anerkannt, indem Du Dich vor ihm ver⸗ theidigt haſt. Ja, ſo weit trieben ſie die Frechheit, zu be⸗ haupten, daß ſie durch Deine Auslieferung Dich ſelber in Deinem Rechte kränken würden, indem keiner aus den bei⸗ den Städten gegen ſeinen Willen vor ein fremdes Ge⸗ richt geſtellt werden dürfe und ihr Gewiſſen ſolch ungeſetzlich Thun nicht zulaſſe, und was dergleichen leere Ausflüchte noch mehr waren— als nun aber Herr Balthaſar Haak ſie erſuchte, daß man ihm geſtatte, mit Dir ſelber über Deine Auslieferung Rückſprache zu nehmen, wies man ihn höhniſch ab und erlaubte ihm auch nicht, bei den Verhandlungen Deines Prozeſſes zugegen zu ſein. Unverrichteter Sache mußte der Hofrichter die beiden Städte verlaſſen. Da un⸗ ternahm ich's denn, zu Dir zu dringen und zu bewirken, daß Du ſelber auf das Gericht des Landesherrn Dich be⸗ rufſt; thuſt Du nun dies, ſo hat der Kurfürſt unter ſo be⸗ wandten Umſtänden nicht nur das Recht, ſondern auch die Pflicht, Deinem Verlangen zu willfahren, und wie immer, wird er auch diesmal ſeine Pflicht erfüllen durch alle Mittel, welche er durch ſeine ihm von Gott verliehene Macht beſitzt, und wäre es auch durch Gewalt; er iſt nicht geſonnen, ſo ofſenbar ſich Hohn ſprechen zu laſſen da, wo das Recht un⸗ beſtreitbar auf ſeiner Seite iſt. Doch kurz und gut— ich habe Alles mitgebracht, was nöthig iſt; mit dieſer Feder ſchreibe Deinen Namen unter dieſe Schrift, und morgen ſchon ſtehſt Du vor unparteiiſchen Richtern. Boytin zog bei dieſen Worten ein beſchriebenes Perga⸗ mentblatt hervor, welches er in ſeinem Mönchskleide verbor⸗ gen gehalten hatte, und reichte es Ottokar dar. Auch für Schreibgeräth hatte er wohlbedacht geſorgt. Ottokar las die Schrift flüchtig durch, legte dann das Pergament zuſammen und gab es Boytin wieder zurück. — Daß mein Geſchick den edlen Fürſten betrübt und er ſo warm ſich meiner annimmt, erfüllt mein Herz mit hoher Freude und ſüßem Troſt, ſprach er dabei. Doch ſeinen Wunſch, ſo wohlgemeint und gerecht von ſeinem Standpunkte aus er auch iſt— ich kann ihn nicht erfüllen. — Und warum nicht, Sohn? fragte Boytin mehr nie⸗ dergeſchlagen als überraſcht, denn er hatte die Möglichkeit dieſer Weigerung vorausgeſehen, obwohl er auch gehofft hatte, durch ſeine vorausgeſchickten Bemerkungen Ottokars Zweifel zu beſtegen. Wird Deine Weigerung nicht den Fürſten kränken? — Gewiß nicht, denn er denkt zu bieder, als daß er meine Gründe nicht achten werde, verſetzte Ottokar. Was der Rath gegen die verlangte Auslieferung vorgebracht, be⸗ ruht zum größten Theil auf Freiheiten und Rechten, in deren Beſitz die beiden Städte ſich befinden, und iſt ſomit zum Ge⸗ ſetz geworden, das ſo lange unbekümmert gelten muß, wie es beſteht; ich ſelber würde mich jener Forderung widerſetzt ha⸗ ben, und der Rath erfüllt nur ſeine Pflicht durch dieſe Wei⸗ gerung. Auch habe ich frei und offen meine Rechte als ſolche anerkannt und darf dies doch nicht widerrufen, wenn ich nicht noch den Vorwurf auf mich nehmen will, als ſuchte ich den Gang der Gerechtigkeit durch Winkelzüge zu hemmen, was Jedermann mit Recht als einen neuen Beweis meiner Schuld anſehen würde. Doch wenn ich auch ſchwach genug wäre, zu thun, was Ihr mir rathet— wozu würde es mir hel— fen? Sprechen nicht alle Beweiſe gegen mich und müßte mich nicht auch jedes andere Gericht verurtheilen? Und dann iſt auch zuletzt noch zu hedenken, daß ein ſolcher Schritt großen Nachtheil für unſere gute Sache haben könnte. Gewißlich würden unſere Gegner dann zu dem Volke ſagen: Seht, er, der ſtets behauptet hat, der Städte und der Bürger gutes Recht gegen Uebergriffe zu vertheidigen, er reizte Euch nur auf gegen uns, die wir es ſo wohl mit Euch meinen, um durch unſern Fall Euch ſchutzlos zu machen gegen die Ge⸗ walt des Kurfürſten— denn er verleugnet ja Eure koſtbare 14*½ 212,— Freiheit, die darin beſteht, daß Keiner aus den beiden Städ⸗ ten ſich einem fremden Richter zu geſtellen braucht— und die Menge, ſo ſehr geneigt, Böſes zu glauben gerade von denen, die ihr ganzes Leben dem Wohl ihrer Mitbürger widmen, wuͤrde nun auch die Wenigen verlaſſen, die mit mir gleiches Streben theilen. Das aber ſoll man mir dereinſt nicht nachſagen, daß ich um irgend welchen Vortheiles willen Abbruch gethan hätte der Sache, die ich bisher als gut und recht verfochten! — Nun, Bernhard, iſt's an Euch, den Verſuch zu ma⸗ chen, nahm Boytin nach kurzem Schweigen das Wort. Seht zu, daß es bei Euch beſſer gelingt, als mir! — Was habt Ihr ferner noch für mich erſonnen, fragte Ottokar lächelnd. — Laßt mich ihn bitten, ſprach Lisbeth, zu Boytin und Bernhard gewandt; mir, ſeiner Schweſter, etwas zu verwei⸗ gern, wird ſicherlich ihm allzu ſchwer ſein! Noch einen an⸗ dern Rettungsweg giebt es für Dich, mein Bruder, ſagte ſie dann zu Ottokar. Herr Bernhard Rycke hat es nicht vergeſ⸗ ſen, daß ihm auf ſeinem Leidenslager, auf das des tückiſchen Stroband Dolchſtoß ihn geworfen, von der würdigen Frau Katharina und von mir einige Pflege iſt zu Theil gewor⸗ den, und ſeine Dankbarkeit ließ ihn nicht raſten, bis er ein Mittel gefunden, jene geringe Mühe tauſendfach vergelten zu können. Er hat ſich erboten, an Deiner Statt, mein Bru⸗ der, hier zurückzubleiben, während Du in ſeiner Verkleidung mit Herrn Boytin und mir dieſen Ort verläßt. Deine der ſeinigen ähnliche Geſtalt, die Dunkelheit des Abends und unſere für dieſen Fall bereits getroffenen Veranſtaltungen werden ſicherlich mit Gottes Hülfe Deine Flucht gelingen laſſen. Vor dem Thore harrt ſchon ein Diener mit zwei guten Roſſen und anderen Kleidern; und auch für andere Nothdurft hat Herr Boytin geſorgt. Bevor hier Einer Deine Entfernung ahnt und bevor man an Deine Verfol⸗ 213 ANNNNR gung denkt, kannſt Du bereits die Grenzen der Mark hinter Dir haben und dann an einem ſtill verborgenen Orte, ge⸗ ſchützt vor Noth durch Deiner Freunde Fürſorge, die Zeit abwarten, wo die dunkeln Räthſel ſich aufklären werden und Deine Unſchuld glänzend an das Licht kommen wird. Und dieſer Tag muß doch einmal kommen, denn ſtets ſiegt ja die Wahrheit über Trug und Täuſchung! Ich bin gewiß, daß unſer gnädiger Landesherr uns ſolchen Schritt verzeihen und darum nicht ſchlechter denken wird von Dir, daß ſo Dein Leben Du zu retten ſuchſt, ein Leben, welches für Viele noch ſo nutzlich ſein wird! Bei Deiner Liebe zu mir, Deiner Schweſter, Ottokar, beſchwöre ich Dich, daß Du meine Bitte nicht zurückweiſen mögeſt! Bedenke, wie Viele Dein Tod be⸗ trüben würde, da ſie von Dir ihr künftiges Heil erwarten; denke an meinen Schmerz, Bruder, der nie vergehen wird, und betrete den Rettungsweg, der ſich Dir darbietet, ohne Dein Gewiſſen zu verletzen! O Gott— ſchon ſagen uns die dröhnenden Schläge der Thurmuhr von St. Nikolai, daß die Stunde verfloſſen iſt, die bei Dir zu weilen uns ver⸗ gönnt war; gleich wird der Schließer wieder hier ſein, und biſt Du dann nicht fertig mit dem Umkleiden, ſo iſt's um Deine Rettung geſchehen! O eile, Bruder, eile, daß es nicht zu ſpät wird! Lisbeth bat ſo bewegt, ſo angſtvoll, daß Ottokar auf's Innigſte gerührt ward. Dennoch aber ſchüttelte er den Kopf, als ſie geendet. — Ich kann nicht thun, was Du verlangſt, meine Schweſter! ſagte er. Ich kann das Opfer, das Bernhard mir zu bringen entſchloſſen iſt, nicht annehmen, denn— — O, ſchlage nicht zu hoch an, was ich für Dich thun will! unterbrach ihn Bernhard ſchnell. Es iſt ein Leichtes nur für mich— es iſt nichts weiter, als daß ich eine Nacht in Deinem Kerker weile, denn morgen ſchon wird man den Tauſch gewahren! Und nichts zu fuͤrchten habe ich darob 85 4 W von Deinen Feinden! Du kennſt ja das Anſehen, das mein Vater beim Rathe genießt; nun wohl— ich werde ihm und allenfalls etlichen anderen Herren ein Wörtlein in die Ohren raunen, daß ſie mich höflichſt bitten werden, ebenſo unbemerkt wieder zu verſchwinden, wie ich gekommen! Ich ſchwöre Dir's zu, Ottokar, daß ich mich nicht der geringſten Gefahr ausſetze, wenn ich für eine Nacht Deine Stelle hier einnehme; d'rum ſäume nicht— hier, wirf Dir dies Ge⸗ wand über— der Schließer kann jetzt jeden Augenblick kommen. Doch Ottokar verharrte auch diesmal unerſchütterlich bei ſeiner Weigerung. — Durch ſolche Flucht würden auch die Wenigen, die außer Euch noch an meine Schuldloſigkeit glauben, an mir irre werden, entgegnete er auf die vereinten und wiederholten dringenden Bitten der Anweſenden, und ſollten ſpäter ſich Be⸗ weiſe meiner Unſchuld finden, ſo würde man doch zweifelnd den Kopf ſchütteln, ſich auf den alten Ausſpruch ſtützend, daß nur der Schuldbewußte ſeinen Richtern zu entfliehen ſucht. Und wollte ich wirklich durch feige Flucht verſuchen, mir ein elendes Daſein, beladen mit Schimpf und Schande, zu bereiten: es würde mir dies nicht einmal gelingen; denn feſt, wie von Eurer Liebe, bin ich überzeugt, daß mein Ge⸗ ſchick mich dort wie hier ereilen würde! Nicht von ohngefähr iſt dies Alles über mich gekommen; ein hoher Wille hat es alſo beſtimmt! D'rum werdet Ihr mir ſicherlich beiſtimmen darin, daß es beſſer iſt, mich, demüthig dieſem Willen zu beugen, als ferner fruchtlos gegen ſein mächtiges Walten anzukämpfen, wie ich bis heute noch gethan. Doch glaubt nicht, daß ich darum all Eure Freundesdienſte, zu denen Ihr Euch großherzig erboten, minder hoch ſchätze und mich minder ihrer freue, weil ich ſie nicht annehmen kann; ſeid vielmehr gewiß, daß ich bis zum letzten Augenblicke Eurer in Liebe und Dankbarkeit gedenken werde! 2¹⁵.„ Lisbeth und Bernhard ſchwiegen betrübt; Boytin aber nahm Ottokar am Arm und führte ihn in den entlegenſten Winkel des Gefängniſſes. — Wenn Du denn weder um Deinetwillen, noch um Deiner Freunde oder um unſerer guten Sache willen Dich retten magſt; wohlan, ſo wird doch hoffentlich die Mitthei⸗ lung, die ich Dir jetzt machen werde, Deinen düſteren Ent⸗ ſchluß ändern! ſagte er hier mit ſo leiſer Stimme, daß nur Ottokar ihn verſtehen konnte. Was ich Dir aber auch ſa⸗ gen werde: gieb durch keinen Laut, durch keine Geberde Deine Ueberraſchung kund, damit Lisbeth nicht jetzt ſchon erfahre, was ſie erſt ſpäter wiſſen darf— und frage mich auch nicht um die Urſache ſolcher Heimlichkeit; ſie muß be⸗ obachtet werden zu Deiner Schweſter Beſtem! — Sprecht, mein väterlicher Freund; ich werde mein Verhalten nach Eurem Willen einzurichten ſuchen! verſetzte Ottokar erwartungsvoll. — Wohlan, mein Sohn, nahm Boytin in feierlichem Tone, doch leiſe, wie vorhin, wieder das Wort, indem er zugleich Ottokars beide Hände erfaßte, ich habe Deine Mutter gefunden— willſt Du nicht um ihretwillen leben? Ottokar drängte noch zu rechter Zeit den Schrei von ſeinen Lippen zurück, den ſolche Nachricht aus dem Inner⸗ ſten ſeines Herzens emporſchnellen ließ; er ſchwieg einige Sekunden lang, doch Boytin fühlte, wie die Hände des jun⸗ gen Mannes vor innerer Erregung zitterten, und ſah das wechſelnde Erröthen und Erblaſſen ſeiner Wangen, je nach⸗ dem hohe Freude oder tiefe Trauer— Beides erklärliche Empfindungen unter ſo bewandten Umſtänden— Ottokars Gemüth erfüllte. — Meine Mutter? wiederholte er endlich. Um Gott, ich habe eine Mutter? Und Ihr täuſcht mich nicht in die⸗ ſem Augenblick, Herr Boytin? A Boytin machte ein ernſt verneinendes Zeichen. — Sagt mir, wo ſie iſt, und ich will zu ihr! ſprach Ottokar ſo lebhaft, daß Lisbeth aufmerkſam ward. Man darf und wird mich nicht daran verhindern! Eilt, Herr Boytin, o eilt und meldet mein Verlangen dem Stadthaupt⸗ mann! — Um GCottes willen, ſchweige! fluͤſterte ihm Boytin erſchrocken zu. Noch iſt's nicht an der Zeit, daß Einer un⸗ ter uns um Deine Abſtammung wiſſen darf, am wenigſten aber Lisbeth! — Von wem ſprichſt Du, mein theurer Bruder? fragte Lisbeth. Gieb mir Dein Verlangen kund, daß ich's Herrn Stroband hinterbringe, denn Herr Boytin— Du vergaßeſt es— darf ſich ja dem Stadthauptmann jetzt nicht zeigen! Sie wollte an Ottokar herantreten, doch Boytin nahm ſie bei der Hand und führte ſie zu ihrem fruͤheren Platze zuruck. — Laß mich allein mit Deinem Bruder reden, liebe Tochter, beruhigte er ſie; was ich mit ihm zu ſprechen habe, taugt nicht für Dein Ohr; doch ſei gewiß, daß es ſeinem Wohle gilt. Ich hoffe ja, ihn noch anderen Sinnes zu machen, bevor die Zurückkunft des Kerkermeiſters meine Pläne ſtört, wenn Du es vermagſt, nicht durch fernere Fragen un⸗ ſer Zwiegeſpräch zu unterbrechen. Was Du auch hörſt, achte nicht darauf, und es wird Dir leicht werden, meine Bitte zu erfüllen! — Gern will ich mich auch noch härteren Bedingun⸗ gen unterwerfen, als die Bezwingung meiner Neugier iſt, wenn Euch nur Cuer edler Vorſatz gelingt, erwiederte Lis⸗ beth. Ich werde inzwiſchen mit Bernhard mich berathen, wie's möglich iſt, den Bruder uns zu erhalten, wenn auch diesmal Euer Bemühen fruchtlos ſein ſollte! Bernhard geht's ja ſo nahe an, wie uns! — Thue dies, mein Kind! verſetzte Boytin, indem ſeine 1 AARRRSRS;; Augen lächelnd auf Bernhard gerichtet waren, deſſen tiefe, freudige Bewegung bei Lisbeths letzten Worten ihm nicht entging. Er küßte väterlich des Mädchens Stirn und wandte ſich dann zu Bernhard. — Auch für Euch, mein junger Freund, iſt's beſſer, wenn Ihr nichts von dem vernehmt— jetzt wenigſtens noch nicht— was ich mit Ottokar zu reden habe, ſagte er leiſe zu ihm. Erlaubt mir daher die Frage, ob Ihr der latei⸗ niſchen Sprache mächtig ſeid? — Ihr wißt ja, daß mein früheres Treiben mich alles Erlernte ſchnell vergeſſen ließ! entgegnete dieſer. Könnte ich doch auch mein bisheriges Leben ſo ſchnell vergeſſen machen! ſetzte er mit einem ſchüchternen Blick auf Lisbeth hinzu. Zufrieden, ein Auskunftsmittel gefunden zu haben, um ſein Geheimniß als ſolches Bernhard und Lisbeth gegen⸗ üͤber bewahren zu können, ohne fernere laute Kundgebungen von Seiten Ottokars, die ſo natürlich waren, unterdrücken zu muͤſſen, wandte er ſich wieder zu Letzterem, der jetzt in trübes Sinnen verſenkt zu ſein ſchien. — Wohlan, mein Sohn, gieb dem heißen Drange Dei⸗ nes Herzens, der ſich in Deinen letzten Worten ſo laut aus⸗ ſprach, nach, ſagte er zu ihm in lateiniſcher Sprache. Nimm Bernhards Erbieten an, und in weniger als einer Stunde haſt Du Deine Mutter geſehen. — Vor Allem, mein väterlicher Freund, beantwortet etliche Fragen, die ich an Euch zu richten habe, nach Eurem beſten Wiſſen und Gewiſſen! erwiederte Ottokar. Gebt mir als Antwort das, worauf meine Frage lautet, nicht mehr und nicht weniger. Sprecht, wollt Ihr dieſe Güte mir noch erweiſen? — Die Zeit drängt, Ottokar, mahnte Boytin. Zwar habe ich durch ein klein Geſchenk den Schließer bewogen, uns längere, als die geſtattete Friſt zu ſchenken, doch kann er jeden Augenblick kommen und dann wäre es zu ſpät. —— ———— —— —, 4 4 — ₰ 2Ä — ——— 218 NNRNRN Sind wir in Sicherheit, dann ſollſt Du über Alles volle Auskunft haben. — Es handelt ſich nicht um meine Flucht, entgegnete Ottokar mit trübem Lächeln, aber in feſtem Tone; denn thö⸗ richt wäre es, den Verſuch zu wagen, mich meinem Ver⸗ hängniſſe zu entziehen; ich bin gewiß, daß er mißlingen wird, und hätte dann noch den Schmerz, auch Euch in mein Verderben mit hinabgezogen zu haben. Darum, wenn Ihr mich liebt, ſo ſprecht nicht davon mehr. — Mein Sohn, ich fürchte, daß das ſchwerſte Unrecht, wegen deſſen Du Dich einſt dort oben zu verantworten ha⸗ ben wirſt, eben in der Hartnäckigkeit beſteht, mit der Du es verſchmähſt, Dein Leben aus der Gewalt Deiner Feinde zu retten! verſetzte Boytin ernſt. Faſt kommt's mir vor, als begingeſt Du dadurch einen Selbſtmord! — Begeht denn der Verbrecher, der reuig ſich dem Arm der Gerechtigkeit überliefert, dadurch einen Selbſtmord? ent⸗ gegnete Ottokar. Und iſt dies denn nicht mit mir der Fall? Trage ich denn nicht die Schuld an Klara's frühem Tode? — Wie— Dud rief Boytin aus. — Ich habe, dünkt mich, mit Euch hierüber ſchon ge⸗ ſprochen, und zwar an dem Tage, wo Ihr mich nach lan⸗ gem Suchen in der Hütte der armen, kranken Martha fandet, verſetzte Ottokar trübe. Von dem Augenblicke an, wo der Verklärten letzter Seufzer entfloh, trug ich in meinem In⸗ nern die Gewißheit, daß ſie ſterben mußte, weil Gott nicht wollte, daß ſie als mein Weib mein Elend und meine Er⸗ niedrigung theilen ſollte. Nur daß ich frevelnd dieſe reine, holde Blume für mich begehrte und nicht zurückſchrak vor dem bejammernswürdigen Looſe, das ich ihr bereitete, wenn einſt meine Lüge an den Tag käme— das nur allein war ihres Todes Urſache, und jetzt empfange ich die Strafe dieſes Frevels! Daß ich mich dieſer Strafe nicht entziehe — das dürft Ihr nimmer einen Selbſtmord nennen! Glaubt mir's, Boytin, mir wird das Sterben ſchwer, wie jeder Kreatur; Ihr habt's vorhin geſehen, aber ich weiß, daß ich den Tod verſchuldet und leide ihn, wie man eine Strafe leiden muß! — Ich ſehe, daß ich gegen Dich nicht aufkomme und daß ein fernerer Streit uns nur die wenigen Augenblicke trüben würde, die wir noch beiſammen ſein dürfen! nahm Boytin nach kurzem Schweigen das Wort. D'rum wollen wir von anderen Dingen ſprechen, Ottokar. — Ich bat Euch vorhin, mir etliche Fragen zu beant⸗ worten, ſagte Ottokar; ſie betreffen meine Mutter. — Glaubſt Du, mein Sohn, daß ich's mit Dir ſo⸗ wohl, als auch mit Lisbeth redlich meine? unterbrach ihn Boytin, ſeine Hände erfaſſend. — Wie könnte ich daran zweifeln nach all dem Lieben und Guten, das Ihr mir und meiner Schyeſter ſchon er⸗ zeigt! verſetzte Ottokar. Doch— — Wohlan, ſo frage mich nicht weiter über Deine Eltern! fuhr Boytin fort. Wahr iſt's, ich kenne Deine Mut⸗ ter und auch Deinen Vater habe ich einſt gekannt; da Dich aber nichts beſtimmen kann, Dein Leben zu erhalten, ſo iſt es beſſer, für Dich ſowohl, als auch für Lisbeth, wenn der Schleier, der für Eure Augen Eure Abkunft bedeckt, noch ungelüftet bleibt. Glaube mir, Sohn, es iſt beſſer ſo! Doch etwas magſt Du immerhin wiſſen, nämlich daß Deine Eltern ſchuldlos ſind an Deinem harten Geſchick, das ſie nicht ein⸗ mal kennen. Deine Mutter vermag nicht zu ahnen, daß Du ihr Sohn biſt, und von Deinem Vater weiß man nicht anders, als daß er ſchon vor Deiner Geburt geſtorben, ob⸗ gleich es Zweie giebt, die da behaupten, daß er lebe; doch dieſe Beiden— können leicht ſich irren! Begnüge Dich mit dieſer Auskunft. — Gern thue ich's, denn dieſe Auskunſt enthielt ja Alles, was ich wiſſen wollte! entgegnete Ottokar. Nur wenn — —— ☛ n Re meine Mutter, von der Ihr ſprachet, um mein traurig Schick⸗ ſal wußte, dann wollte ich zu ihr, um ſie zu tröſten und zu beruhigen; doch nimmer ſollte der Friede ihrer Seele durch mich zerſtört werden, wenn ſie nicht ahnte, daß der Unglückliche, für den ſie morgen betet, wenn der Ton der Armenſünder⸗Glocke durch die Lüfte hallt, ihr Sohn ſei. Da dies Letztere nun, Gott ſei gedankt, der Fall iſt— ſo werde ich ſterben, ohne das Angeſicht meiner Mutter geſehen zu haben, obgleich ich oftmals ſolches Gluͤck mir unter Thra⸗ nen heiß erſehnte, ſelbſt in den Zeiten, wo die Leute mich vollkommen glücklich prieſen! Zwar hätte ich meiner Eltern Namen gern gewußt, doch da Ihr meint, daß mir Unkunde hierüber beſſer ſei, ſo will ich auch danach nicht weiter fragen. — Wahrlich, er gleicht jenen Heroen des Alterthums! murmelte Boytin vor ſich hin. — Das Bildniß meiner Mutter, welches ich Euch an dem Tage überließ, als Ihr mich in Martha's Hütte fan⸗ det, mögt Ihr an Lisbeth geben, ſuhr Ottokar fort; ſie mag es aufbewahren ſowohl zum Andenken ihrer Mutter, als auch ihres Bruders; denn dies Bild iſt ja Alles, was mir rechtmäßig gehört und ich ihr hinterlaſſen darf! Und ſolltet Ihr jemals hören, daß meine Mutter oder mein Vater, wenn auch dieſer etwa noch lebt, ihres Sohnes trauriges Schickſal erfahren haben und ihn beweinen, dann, mein väterlicher Freund, dann mögt Ihr zu ihnen eilen und ihnen ſagen, daß ich ihnen keine Schuld beilege an meinem Un⸗ glück, daß ich vielmehr bekenne, daſſelbe verdient zu haben und ſie durch Euch um Verzeihung bitte ob des Kummers, den die Kunde von meinem ſchmählichen Ende vielleicht über ſie gebracht hat. Ich weiß, daß Ihr dieſen Wunſch zu ſei⸗ ner Zeit erfüllen werdet! — Gewiß, mein Sohn; denn Dein Vermächtniß wird mir heilig ſein! verſicherte Boytin mit warmem Händedruck. Die geheime Unterredung der Beiden war ſomit beendet. Als Lisbeth an Boytins trübem Ernſte erkannte, daß auch diesmal ſeine Bemuhungen fruchtlos geblieben, da ent⸗ ſchloß ſie ſich zu einem Schritte, an den ſie zwar ſchon frü⸗ her gedacht, von deſſen Ausführung ſie aber bisher eine un⸗ überwindliche Scheu zurückgehalten, und von dem ſie ſelbſt nicht einmal zu ſprechen gewagt hatte. Jetzt aber ſiegte die Angſt um den Bruder über alle Bedenken, und ſie nahm ſich feſt vor, dieſen Schritt noch in derſelben Nacht zu thun. Der Hülfe Bernhards und der Zuſtimmung Boytins hielt ſie ſich dabei verſichert, wenn ſie ihn auch vor dem Bruder verbergen zu müſſen glaubte. Ottokar aber, für den der Schweſter Antlitz der klare, nimmer täuſchende Spiegel ihres reinen, von Trug und Heu⸗ chelei fernen Gemüths war, erkannte auf den erſten Blick, daß etwas Ungewöhnliches in ihrer Seele vorgehe. Er ſetzte ſich wieder zu ihr, nahm ihre Hände in die ſeinigen, blickte ihr in die treuen Augen und fragte zärtlich beſorgt, was die kalte, faſt düſtere Entſchloſſenheit, die ſo plötzlich aus ih⸗ rem ganzen Weſen ſpreche und die dennoch eine geheime Un⸗ ruhe durchblicken ließe, zu bedeuten habe. Zwar verſuchte Lisbeth, ihrem Vorſatze getreu, ſich ſeinen Fragen zu ent⸗ ziehen und dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben; doch ſie erhöhte dadurch nur Ottokars Beſorgniß, und drin⸗ gender wurden daher ſeine Bitten, ihm zu offenbaren, mit welchem Gedanken ſie eben umgehe. Unerfahren in der Kunſt der Verſtellung und von jeher gewohnt, keinen andern Wil⸗ len haben zu wollen, als den des Bruders, konnte Lisbeth dem Ernſte, mit welchem Ottokar in ſte drang, nicht lange widerſtehen; doch ſuchte ſie ſich wenigſtens noch den Anſchein azu geben, als handle es ſich nur um etwas Geringes, das kein Opfer von ihr erheiſche. — Nun wohl, ſo magſt Du es denn wiſſen! ſagte ſie daher mit lächelndem Antlitz. Ja, es iſt wahr, daß ich mit einem Vorſatze umgehe, den ich aber nur darum geheim hal⸗ AAANANNNE ten wollte, um nicht der Prahlerei bezüchtigt zu werden, wenn ich ſagte, daß ich mit meinem geringen Verſtande die Räthſel löſen werde, an denen ſich Herr Boytin und andere weiſe und hochgelahrte Männer ſeit Wochen vergebens ab⸗ gemüht haben! Ottokar, ich habe es unternommen, Deine Unſchuld an den Tag zu bringen, und mit Gottes Hülfe wird es mir gelingen, dies zu thun, bevor es zu ſpät iſt! Damit mir nun aber von den beiden Herren hier keiner zuvorkomme und mir dadurch die Freude raube, ganz allein Dich gerettet zu haben, ſo werde ich das Geheimniß meines Vorhabens für mich behalten, zumal die Ausführung deſſelben ſo leicht iſt, daß ich kaum einer Hülfe dabei bedarf. Und dieſe Freude, Ottokar, würdeſt Du mir verderben, wenn Du mich zwingſt, noch mehr von der Sache zu offenbaren— und das wirſt Du doch ſicherlich nicht wollen! — Weder Dein Lächeln, noch der ſcherzende Ton, den Du annimmſt, vermag mich zu täuſchen, Schweſter! erwie⸗ derte Ottokar ernſt. Deine Liebe für mich treibt Dich zu einer That, gegen welche ſich Dein Gefühl ſträubt, vor wel⸗ cher Deiner Seele graut und Dein Herz ſich entſetzt. Lis⸗ beth, Dein Vorhaben macht mich zittern! — Was kannſt Du Schreckliches darin ſehen, mein Bruder, daß ich Deine Unſchuld an den Tag bringen will? fragte Lisbeth, die jetzt weder zu lächeln, noch die Augen zu Ottokar zu erheben vermochte, mit geſenkter, kaum ver⸗ ſtändlicher Stimme. — Du ſinnſt auf etwas Anderes, Lisbeth, erwiederte Ottokar; denn was Du eben ſagteſt, kann nur Gott, weil dazu Allmacht und Allwiſſenheit erfordert wird! — Haſt Du nicht ſelber erfahren, daß es zuweilen Menſchen giebt, die mehr vermögen, als wir mit unſeren Sinnen faſſen und begreifen können? ſprach Lisbeth faſt unhörbar. — Ha— Du meinſt Pignetti! rief Ottokar betroffen. 223 AAAAARAAANANRNNòN Lisbeth, ich ſchwöre Dir bei Allem, was heilig iſt— lieber will ich tauſendfach den bitterſten Tod erleiden, ja lieber Dich vor meinen Augen ſterben ſehen, als Dich unter der un⸗ heimlichen Gewalt des finſtern Geiſtes wiſſen, den Gott in ſeinem Zorn geſandt hat, mich zu ſtrafen! Dieſer Welſche, Schweſter, iſt der Dämon, der mich verfolgt und tödtet; er iſt das finſtere Verhängniß in Menſchengeſtalt, das ſich an meine Sohlen geheftet hat; mit ihm nahte ſich mir das Un⸗ glück und das Verderben, dem ich von demſelben Augen⸗ blicke an verfiel, wo ich ihn zum erſten Male ſah— und von dieſem, Lisbeth, erwarteſt Du Rettung und Heil für mich? O, er wüͤrde auch Dich hinabreißen in ſein finſte⸗ res Reich, denn einmal in ſeinen Banden, ſind Deine Kräfte zu gering, Dich wieder zu befreien! Schweſter, wenn Du mich je geliebt haſt— wenn Du willſt, daß ich ruhig und gefaßt meiner letzten Stunde entgegenſehe, ſo gelobe mir, den Welſchen zu meiden jetzt und immerdar! — Mein Bruder, der Mann, von dem Du alſo ſprichſt, iſt ein Priſter, deſſen hohe Frömmigkeit die Leute rühmen, und wohnt in eines Kloſters gottgeweihten Räumen! wagte Lisbeth ſchüchtern zu erwiedern. — Er iſt ein Zauberer, der es mit unſeren Feinden hält, und nimmer dürfen wir von ihm für uns Heil er⸗ warten, verſetzte Boytin. Sein pfäffiſches Weſen macht mich nicht irre, und daß er ſeinen Aufenthalt in einem Kloſter genommen, wo ihn der Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht erreichen kann, beſtärkt mich und Andere in dieſem Glauben, den auch unſer gnädigſter Landesherr theilt, ſeit ich ihm des Welſchen Gebahren zu Britz geſchildert. Und wäre es wahr, was jüngſt als ein Gerücht zu meinen Ohren drang, daß er Klara's todten Körper— doch nur Geduld, bald wird es ſich erweiſen! Boytin ſprach die letzten Worte mehr für ſich, als zu den Andern, daher ſie von dieſen nicht gehört oder verſtan⸗ Aò den wurden, um ſo weniger, als inzwiſchen auch Bernhard ſich zu Lisbeth gewandt hatte. — Es iſt vergebens, Lisbeth, was Du thun willſt, ſagte er zu ihr. Ich ⸗weiß es, denn ich hab's bereits ver⸗ ſucht! — Du— Bernhard? fragte Lisbeth zweifelnd. Du ſagſt dies nur um mich zurückzuhalten. — Ich ſpreche die Wahrheit! fuhr Bernhard fort. Während Du, von dem Altmeiſter Holzmüller begleitet, zu meinem Vater und zu Heydicke Dich begabſt, um uns den Eintritt in dieſen Kerker zu erwirken, gedachte ich Pignetti's und alſobald entſchloß ich mich, ſeine Hülfe für Ottokar an⸗ zurufen, und zweifelte nicht, daß er meine Bitte erfüllen werde. Denn auch ich habe ja ſeine hohe Macht erfahren, aber in gutem Sinne, wenngleich ſehr ſeltſam ſein Gebah⸗ ren war. Als es dunkel ward, eilte ich in Verkleidung nach dem Schwarzen Kloſter und ließ den Doktor durch den Pfört⸗ ner um ein kurz Gehör bitten, indem ich zugleich dem Letz⸗ teren, der erſt ſeit Kurzem dieſes Amt verſieht und mich nicht kannte, ein verſiegelt Stück Pergament für Pignetti einhändigte, auf das ich vorher meinen Namen geſchrieben. Bald kehrte der Kloſterbruder zurück und führte mich unge⸗ ſäumt zu Pignetti's Zelle, wo gleich darauf der Wunder⸗ mann erſchien, der heute bleicher war, als ich ihn je ge⸗ ſehen. Ich brachte nun mein Anliegen vor und bat ihn, Ottokar zu retten durch die geheime und gewaltige Macht, über die er gebietet, und ſagte ihm, wie nahe Ottokars Ge⸗ ſchick das meinige berühre. Er hörte mich ſchweigend an, fragte dann nach Mancherlei, was mich betraf, und gab mir den Beſcheid, daß er für Ottokar auch nicht das Ge⸗ ringſte weiter zu thun vermöge, als was er ſchon gethan habe, nämlich für ihn zu beten. Umſonſt war's, daß ich mich zu ſeinen Füßen warf und ihn bei Allem, was ihm heilig ſei, beſchwor, mein Flehen zu erhören; unerſchütterlich ———=—— Se — verharrte er auf ſeiner Weigerung, obgleich mir's manchmal ſchien, als ſei er bewegt, und unverrichteter Sache mußte ich ihn verlaſſen. — Ich danke Dir fuͤr dieſen Freundſchaftsdienſt, Bern⸗ hard! ſprach Ottokar, deſſen Hand druückend. Doch mehr noch danke ich Dir dafür, daß Du mir beiſtehſt, Lisbeth von ihrem Vorhaben abzumahnen. — Laß mich doch wenigſtens den Verſuch machen! bat Lisbeth wieder. Wenn auch Bernhards Bitten nichts ver⸗ mochten über das Herz des Wundermanns, ſo wird er doch den meinigen nicht widerſtehen, er wird die Schweſter nicht zurückweiſen, die um das Leben ihres Bruders fleht! Ich will ja keineswegs an ihn das Verlangen ſtellen, daß er ſelber ſich zu Deiner Rettung herbeilaſſe, was ihm vielleicht trotz ſeiner Macht verwehrt iſt; er ſoll mir nur auf wenige Minuten die Kraft verleihen, mit der einſt Klara auf ſein bloßes Geheiß begabt ward, daß ich wie ſie leſen kann in den Herzen und Seelen der Menſchen, und wie ſie tief ver⸗ borgene Dinge ſehen und entdecken kann. Du wirſt Dich ſicherlich deſſen erinnern, mein Bruder, was Klara uns auf ihrem Krankenlager von jener wunderbaren Kraft geſagt. Erfüllt Pignetti meine Bitte, ſo kann ich leichtlich erforſchen, wo unſer armer Diener iſt und was aus ihm geworden, und wer in jener Nacht den Dolchſtoß auf ſeines Vaters Bruſt geführt; das alſo Erforſchte aber werde ich Deinen Richtern ofſenbaren und von ihnen fordern, daß ſie thun, was Rechtens iſt. Dann, Ottokar, kommt Deine Unſchuld an den Tag und Du biſt frei! Pignetti aber wird mir ſicherlich gewähren, was ich von ihm erbitte, wenn ich ihm ſage, daß ich gern bereit bin, auch ihm Auskunft zu geben über Alles, was er zu wiſſen begehrt; denn da Klara, wie ſie uns gleichfalls mitgetheilt, jede Antwort auf ſeine Fra⸗ gen ihm vorenthielt, ſo wird mein Anerbieten ihm willkom⸗ Die ſchwarzen Brüder. III. 15 ANANRNRNRNRN men ſein. Sieh, mein Bruder, könnte ich wohl weniger für Dich thun, als dies? — Hat uns nicht Klara auch geſagt, welche unaus⸗ ſprechliche Qualen ſie unter des Welſchen unheimlicher Ge⸗ walt erleiden mußte? verſetzte Ottokar. Haſt Du vergeſſen, Lisbeth, wie ſie uns beſchwor, uns nimmer mit Pignetti einzulaſſen, weil dieſes Unholds Herrſchaft ſchrecklich und ſchwer abzuwälzen ſei? O, wäre ich der Verklärten War⸗ nung in allen Stücken eingedenk geweſen— wer weiß, ob nicht vielleicht— doch dieſe Reue kommt für mich zu ſpät! — Wenn ich auch gleiche Pein wie Klara leiden müßte — was liegt daran, wenn ich Dich retten kann? erwiederte Lisbeth. Auch hoffe ich, daß, wie es Klara einſt gelang, des Welſchen mächtigem Willen zu widerſtehen, auch ich mich werde ſeiner Gewalt entziehen können, wenn ich inne werde, daß er wirklich ein böſer Zauberer iſt! Und ſollte dieſe Hoffnung mich betrügen: ſollte mir fehlen, was Klara Schutz gewährte; ſollte es für mich jene höhere Macht nicht geben, die Klara zu ihrem Beiſtande anrufen durfte; ſollte derje⸗ nige, von dem ich gleiche Hülfe erhoffe, wie Klara fand, mir ſolche nicht gewähren können, weil er nicht in ſich trägt das hohe Gut, deß Allgewalt der göttlichen faſt gleichkommt— dann, Bruder, bleibt mir ja noch eine Zufluchtsſtätte, wo⸗ hin des Welſchen Macht mich nicht verfolgen kann, wo ich vor allen bitteren Täuſchungen dieſer Welt bewahrt bin! Ja, Ottokar, ich würde mich an dieſen Zufluchtsort begeben, weil ich dann weiß, daß ich dort am beſten aufgehoben bin, auch wenn ich nicht vor Pignetti's Gewalt zu fliehen brauchte; daher glaube nicht, daß Deine Rettung die Urſache iſt, die mich dann zwingt, die Einſamkeit und die Vergeſſenheit des Kloſters aufzuſuchen; ſie wird ja nur der Prüfſtein ſein, der mich erkennen läßt, ob ſich mein Herz zum zweiten Male betrog— und iſt dies der Fall, dann iſt für mich das Kloſter ja die beſte Wahl! — Du bönnteſt wirklich in ein Kloſter gehen wollen? fragte Bernhard Rycke mit hörbar zitternder Stimme. Ge⸗ denkſt Du nicht mehr deſſen, was Du mir zugeſagt— — Fürchtet nicht, daß Lisbeth einen ſo unüberlegten Entſchluß ſo bald ausführen könnte! unterbrach ihn Boytin. Freiwillig hat ſie mir väterliche Rechte über ſich eingeräumt, die vom Landesherrn beſtätigt worden, und Lisbeth denkt zu edel und gut, als daß ſie mich durch Ungehorſam kränken möchte; denn nun und nimmer würde ſie zu ihrem Eintrit in ein Kloſter meine Einwilligung erlangen. Er küßte Lisbeth väterlich auf die Stirn, als wollte er dadurch den Anflug der Strenge mildern, der in ſeinen Wor⸗ ten lag. Ottokar allein hatte ſeine Schweſter verſtanden; ihm, der keine Sylbe von dem vergeſſen, was Klara auf dem Sterbelager geſprochen, ihm war der eigentliche Sinn, der beſonders in Lisbeths Schlußworten lag, nicht entgangen; er wußte, was ſie damit ſagen wollte und wen dieſe Worte eigentlich betrafen. Unruhig und zweifelnd fiel dabei ſein Blick auf Bernhard; aber er ſah ſchmerzliche Trauer auf deſſen Geſicht ſich malen, als Lisbeth vom Kloſter ſprach, er hörte das Zittern ſeiner Stimme, als Bernhard jene bange Frage an ſie richtete, und Unruhe und Zweifel wichen bei ihm einem hoffenden Vertrauen. Doch mußte er vor allen Dingen darauf denken, Lisbeth eindringlich abzureden von ihrem Vorſatze, Pignetti um Hülfe anzugehen; denn feſter als vorhin ſchien ſie jetzt auf ihrem Vorhaben zu ver⸗ harren, von welchem ſeine Ueberzeugung ihm ſagte, daß er ſie ins Verderben ſtürzen würde. Daher ergriff er alſobald nach Boytin das Wort. — Höre mich, Lisbeth! ſagte er. Siehe, während der langen, einſamen Stunden meiner Kerkerhaft habe ich über ſo Manches nachgedacht, was mir in meinem Leben begeg⸗ net, insbeſondere aber über die geheimnißvollen Ereigniſſe, 15* ſo ſeit Klara's Tode, dem Anfange meines Unglücks, mir widerfahren ſind. Glaube mir, Schweſter, in ſolchen Stun⸗ den, unbeirrt und unberührt von der Außenwelt, fällt Einem Manches bei, was man früher überſah oder vergaß, und mancher Umſtand, den man ſonſt bei dergleichen Betrachtun⸗ gen als zu geringfügig bei Seite ſchob, gewinnt dadurch an Gewicht und an Bedeutung und trägt häufig dazu bei, ein neues Licht auf Dinge und Ereigniſſe zu werfen und dieſe in ihrer wahren Geſtalt nnd in ihrem wahren Zuſammen⸗ hange zu erkennen. So iſt in mir zur feſten Ueberzeugung geworden, was ich vorhin Dir von Pignetti ſagte, und feier⸗ lich wiederhole ich's: der Welſche iſt der Dämon, deſſen Geſtalt das Schickſal angenommen, das mich ſo hart ver⸗ folgt; in ihm vereinigen ſich die Fäden des Netzes, mit dem mich das Verderben umſtrickt hat; er iſt der Geiſt der Un— terwelt, von der Nemeſis erkoren, mich zu verfolgen. Um mich gewiſſer zu erreichen, verſchlang er diejenigen, welche mir in Liebe und Anhänglichkeit zugethan waren: ſo Klara, Andreas, Peter; daß er Dich, Lisbeth, und die anderen Freunde noch nicht hinabgeriſſen hat in den Schlund mei⸗ nes Verderbens: vielleicht ſoll's mir ein Zeichen ſein, daß Gottes Zorn verſöhnt iſt durch den Tod, der mich erwartet; und dieſes werde ich daran erkennen, wenn Du, Schweſter, Deinem Vorhaben entſagſt, denn andernfalls würde mir die traurige Gewißheit meine letzten Stunden verbittern und mich der Verzweiflung zuführen, daß mein Tod noch nicht meine Schuld zu tilgen vermag, da auch Du derſelben noch zum Opfer fällſt! Doch nicht allein im Wachen und im Den⸗ ken erkannte ich den Welſchen als meinen böſen Dämon: auch in den Träumen mußte mein entfeſſelter Geiſt dieſe Wahrheit inne werden! Schon damals, als ich auf dem Krankenlager mit dem Tode rang und meine Seele nur noch mit den lockerſten Banden an dem ſiechen Körper hing, ſchon damals ſah n ich ihn, wie er in ſeiner Hand mein Geſchick, mein gutes und mein böſes, hielt und wog; er hatte die Macht zu wäh⸗ len für mich zwiſchen beiden, und er wählte mein Verderben! So erſchien er mir beſtändig in den wirren Träumen, die ich auf meinem Krankenlager ſah und die Dich mit ſo ban⸗ ger Angſt erfüllten; immer war er der Dämon, der mich verfolgte und meinen Weg mit Finſterniß umgab; und nur, wenn Klara's Geiſt vom Himmel herab mir ſich nahte, dann mußte er— ob unwirrſch auch und langſam— zurückwei⸗ chen vor ihrer Liebe heiligem Walten, ſeine Finſterniß ent⸗ ſchwand allgemach vor ihrer Verklärung reinem Lichte, bis er endlich ganz meinem inneren Geſicht entſchwand und ich genaß an Körper wie an Seele! Doch leider währte Klara's Sieg nicht lange; mit meines Dieners geheimnißvolles Ver⸗ ſchwinden gewann der Dämon wieder die Oberhand, und ſelbſt noch jetzt, wenn meine Seele es verſucht, ſich aufzu⸗ ſchwingen zu den lichten Höhen, wo die Geliebte weilt, ſo iſt er es, ſein finſterer Geiſt, der meiner Seele dieſen Flug verwehrt und ihre Schwingen lähmt; er iſt es, der im Wachen wie im Traume ſich zwiſchen mich und Klara's holdes Bild drängt! Mit einem Wort: wer er und was er auch ſei und von wannen er auch ſtamme: der Welſche iſt mein böſes Geſchick, der Urheber meines Unglücks und der Vollſtrecker des Straf⸗ gerichts, ſo über mich verhängt worden iſt! Und von ihm ſollte für mich Rettung und Glück zu erhoffen ſein! Gewiß, auch Du, Lisbeth, zweifelſt jetzt daran, nachdem ich Dir dies Alles geſagt! Doch noch Eins: laß mich Dir zeigen, daß ich die Hülfe des Welſchen, ſelbſt wenn er ſolche gewähren wollte, nicht anrufen und annehmen darf um meines See⸗ lenheils willen, das mir doch über mein irdiſches Leben gehen muß; wiſſe, Lisbeth, daß mir die Abſolution der heiligen Kirche nur unter der Bedingung ward, fortan den Welſchen, ſo viel an mir iſt, auf allen Wegen zu meiden und mich —* — 230 RMRRD jeder Gemeinſchaft mit ihm auf immerdar zu enthalten— und ſolches gelobte ich auch vor Gott und ſeinem Diener. Würde ich mich nicht in meinen letzten Stunden eines Cid⸗ bruches ſchuldig machen und jeder Hoffnung auf Vergebung und Seligkeit entſagen, wenn ich geſchehen ließe, was Du thun willſt? Lisbeth, meine theure Schweſter, mir iſt's ver⸗ gönnt geweſen, Deine edle Seele in ihrer ganzen Erhaben⸗ heit und Größe, Deine uneigennützige, reine Liebe in ihrer ganzen Fülle zu erkennen; doch nun laß es genug ſein und gehe nicht weiter, damit Dich Deine Liebe nicht auf Irrwege leite und bange Angſt um Dich und herber Schmerz an die Stelle der hohen, ſtolzen Freude trete, die Deine ſelbſtver⸗ leugnende, erhabene Schweſtertreue in mir hervorgerufen! Ich weiß gewiß, Du kannſt mir ſolches Leid nicht anthun! Er ſtand vor Lisbeth, hielt ihre Hände in den ſeinigen und ſah bittend zu ihr hernieder. Lisbeth vermochte ihm jetzt keine Antwort zu geben; aber er fuͤhlte an dem Zittern ihrer kalten Hände, er gewahrte an dem Schauer, der ihren zarten Körper durchfröſtelte, daß ſeine Schilderung von Pi⸗ gnetti einen mächtigen Eindruck auf ſie gemacht; er erkannte, daß ſie ſeine Geſühle, ſeine tiefe Abneigung gegen den Wel⸗ ſchen getheilt hatte, und konnte danach die ganze Größe des Opfers ermeſſen, welches ſte ihm zu bringen bereit geweſen, indem ſie ihm zu Liebe die Scheu vor Pignetti und ſeiner unheimlichen Gewalt unterdrücken und ſich, wenn auch mit Furcht und Schaudern, unter des Welſchen geiſterhafte Macht begeben wollte. In innigſter Rührung ſchloß er Lisbeth an ſeine Bruſt und Schmerz und Seligkeit durch⸗ wogten ihn. Auch auf die beiden andern Zuhörer hatten ſeine Worte tiefen Eindruck gemacht, der ſich in dem lautloſen Schweigen offenbarte, welches ſie eine Zeit lang beobachteten, bis Boy⸗ tin ſeinen unheimlichen Gefühlen durch Sprechen Luft zu machen ſuchte. ——· ͤ ͤ ͤ——-——4 ͤ—: 1 231 AAAAAAAAAAꝑæAæRæ;EROQOQ — Ja, wahrlich, von Allem, was in der Holle ſeinen Urſprung hat, ſteckt etwas in dem Welſchen! ſagte er. Und ſeine Macht ſtammt ſicherlich auch von dort, denn obwohl wir ſelber ſie geſehen und mehr noch empfunden haben, und ich nicht daran denke, ſie zu leugnen, ſo iſt ſie dennoch eitel Trug und Täuſchung und Lüge. Die arme Klara, begabt von ihm mit wunderbarer Kraft, ſah ſie durch dieſe Kraft nicht ihres Lebens Ende hinausgerückt in weite Ferne noch? Und dennoch traf der Tod ſie bald darauf! Und ſicherlich würde es Lisbeth auch alſo ergehen; ſtatt der Beweiſe von des Bruders Unſchuld würde ſeine Zaubermacht nur neue trügeriſche Zeichen gegen ihn heraufbeſchwören— deß bin ich überzeugt! — Dirum laßt uns ſeiner nicht mehr gedenken, verſetzte Ottokar, den Boytins Bemerkung über Klara's ſeltſame Be⸗ hauptung wegen ihres ferneren Lebens an alle die Zweifel, Befürchtungen und Hoffnungen erinnert hatte, welche durch die geheimnißvolle Ueberſendung ihres Ringes und Schrei⸗ bens, ſowie durch die nächtliche Scene im Grabgewölbe der Schwarzen Brüder, in ihm erweckt worden waren; aber er mochte ſich ihnen nicht von Neuem wieder hingeben, denn er hatte manche bange Stunde ſchon ſich vergeblich an der Löſung dieſer dunklen Räthſel abgemüht. D'rum laßt uns ſeiner jetzt nicht mehr gedenken, damit er keine Macht mehr über uns gewinne! — So giebt's denn wirklich nichts auf dieſer Erde, was Dich retten kann? ſprach Lisbeth, die den Gedanken an Ottokars Tod noch immer nicht ertragen konnte. Iſt auf der ganzen weiten Welt keine Hülfe für Dich, wenn der Leute Reden wahr ſind und ſie morgen den bitteren Tod über Dich verhängen? — Meinſt Du denn, Schweſter, daß das Sterben allzu ſchrecklich für mich ſein wird, und glaubſt Du, daß ich den Tod allzu ſehr fürchten muß, weil er mich vor den Richter⸗ we92. ſtuhl des Höchſten führt? fragte Ottokar mit wehmüthigem Lächeln. — Nein, mein Bruder, das iſt's wahrlich nicht, was mir ſo tiefen Kummer macht! betheuerte Lisbeth. Denn ſiehe, als in Deiner letzten Krankheit Dir der Tod ſo nahe an's Herz trat, daß auch der heilkundige Mönch nicht mehr auf Deine Geneſung hofſfte, da erfüllte mich auch wohl bange Trauer, doch nur um meinetwegen, daß ich Dich verlieren ſollte; aber Dich, Ottokar, beklagte ich nicht, denn Du ſtan⸗ des ja an der Pforte eines beſſeren, ſchöneren Daſeins der Freude und des Glücks an der Geliebten Seite, deren Namen Dein Mund ſo oft genannt in Deinen Fieberträumen— ja, Ottokar, damals beneidete ich Dich faſt! Auch heute, mein Bruder, iſt es meine innerſte, heiligſte Ueberzeugung, daß Du durch den Tod eingehen wirſt zu jener ewigen Herrlichkeit, die Gott den Seinen verheißen hat; denn wenn irgend ein Menſch, ſo darfſt Du durch Deinen irdiſchen Wandel trotz Deiner Selbſtanklagen Dich zu den Seinen zählen! Aber eben der Tod, wie er Dich erwartet in ſeiner entſetzlichſten Geſtalt, als eine Strafe für Verbrechen, die Du nicht begangen— dieſer Tod iſt's, der, wenn ich an ihn denke, mich der Ver⸗ zweiflung nahe bringt! — Wolltoſt Du lieber, daß ich ſchuldig den Tod er⸗ litte? fragte Ottokar wieder. — O, Du denkſt immer nur darauf, wie Du die Lei⸗ den Anderer mildern kannſt, und hältſt beſtändig Troſt für ſie bereit, waͤhrend Du Deine Leiden, Deinen Schmerz ſtill in Dein edles Herz verſchließeſt! ſprach Lisbeth. Wahrlich, Bruder, ſolche Seelengröße kann nur Dir eigen ſein! — Man kommt— wir werden jetzt getrennt! verſetzte Ottokar. Und dieſe Trennung wird die letzte ſein! ſetzte er leiſe ſeufzend hinzu. In der That hörte man die Tritte des Schließers und das Klirren ſeines Schlüſſelbundes draußen auf dem Gange. L ———— ———y— ———„. m 233 — Ihr ſeht, Herr Pater, daß ich mich wirklich um eine ganze Stunde verſpätet habe! ſagte er, als er vor der Thür des Kerkers angelangt war und ſich anſchickte, dieſelbe zu öffnen. Hoffentlich werdet Ihr keine Beſchwerde führen ob meiner Unachtſamkeit! — Nein, mein Freund; doch kommt Ihr juſt zur Un⸗ zeit, denn eben iſt der Gefangene im Begriff, mir zu beich⸗ ten; erwiederte Boytin, der zu verhindern ſuehte, daß ſie Gegenwart des Schließers ihnen bei den Abſchiedsworten Zwang auferlege, mit erkünſtelter Salbung. Geht daher noch auf etliche Augenblicke zurück bis an's Ende des Ganges; ich werde Euch rufen, wenn wir fertig ſind, und Euer Schade wird's auch eben nicht ſein! Der Schließer, bei dem die Freigebigkeit des vermeint⸗ lichen Franziskaners noch von vorhin in gutem Andenken ſtand, that ohne Widerrede, was Boytin von ihm verlangte. — So vernehmt denn jetzt meine letzten Wünſche, Ihr Lieben! nahm Ottokar das Wort. An Euch, Herr Boytin, richte ich die Bitte, dem edlen Fürſten meinen tiefen Dank zu überbringen für die Huld und Güte, die er mir und Lisbeth erwieſen. Sagt ihm, daß ich ihm Glück, Heil und Segen wünſche bei Allem, was er zum Wohle ſeines Vol⸗ kes unternimmt; ſowie ich auch aus vollem Herzen wünſche, daß ſeine Regierung eine lange und glorreiche ſein und daß ſein erlauchter Stamm nimmer erlöſchen, vielmehr ein leuch⸗ tend Vorbild ſein möge allen Fürſten bis in die fernſten Zeiten. Sagt ihm aber auch, daß ich von ihm hoffe, er werde ſtets den beiden Städten ein gütiger Vater ſein und vergeſſen, was ſie früher gegen ihn gethan, wenn er in den Beſitz der Rechte und der Gewalt gelangt ſein wird, die er für ſich beanſprucht; und daß ich ferner mir von ihm ver⸗ ſpreche, er werde jener Rechte, wenn ihrer ſich die Burger vertrauensvoll zu ſeinen Gunſten entäußert haben, ſich nur zum Schutz und Schirm und zum Wohle der Bürger be⸗ —.— *——— —y— 234 A dienen, nie aber zur Unterdrückung heilſamer Burgerfreiheit ſie gebrauchen. Dann aber legt ihm dringend noch an's Herz, daß er nach friedlich errungenem Siege großmüthig Milde walten laſſe gegen ſeine Widerſacher und daß er auch denen verzeihen möge, die ſeine und ſeines Hauſes perſön⸗ liche Feinde waren. Nur wenn der Fürſt alſo ſich zeigt, kann er für immer ſeine und der Bürger Feinde entwaffnen und unſchädlich machen; nur wenn er in dieſem Sinne ſeine vermehrte Gewalt gebraucht, kann wahrhaft der beiden Städte wie der geſammten Marken Wohl gedeihen und ſeine Herr⸗ ſchaft dauernd ſich begründen! Der Landesherr wird mir nicht zürnen ob dieſer Mahnung, wenn er bedenkt, daß ich es unternahm, die Buͤrger von ſeinen wohlwollenden Abſich⸗ ten zu überzeugen, und daher auch einen Theil der Verant⸗ wortlichkeit zu tragen habe. — Der edle Fürſt zürnt wahrlich nicht ob eines freien Wortes, wenn es nur wohlgemeint iſt! verſetzte Boytin. Und Deinen Rath wird er ſicherlich ehren, um ſo mehr, da er dankend anerkennt, wie Du unſere gute Sache, die auch die ſeinige iſt, durch Klugheit und durch Mäßigung geför⸗ dert haſt. Denn ſchon zeigen ſich die Folgen Deines guten Rathes, den Du unſern Freunden im Gewerkshauſe der Tuchmacher ertheilteſt; täglich wächſt die Zahl derer, welche bereit ſind, ſich vertrauensvoll in die Arme ihres rechtmä⸗ ßigen Herrn und Beſchützers zu werfen, um der ungerechten und unerträglichen Tyrannei der Patrizier durch ſeine Hülfe ein Ende zu machen; bald werden Alle, die nicht im Solde dieſer Unterdrücker ſtehen, einmüthig zu ihrem Fürſten hal⸗ ten, der bei Allem, was er thut, nur auf ſeiner Unterthanen wahres Wohl bedacht iſt. Dazu iſt Gott ſichtlich mit uns im Bunde, denn er hat unſere Feinde mit Blindheit ge⸗ ſchlagen, daß ſie nicht ſehen, was unter den Bürgern vor⸗ geht, und in trügeriſcher Sicherheit zu unterlaſſen, Vorkeh⸗ rungen gegen den drohenden Sturm zu treffen. Auch iſt's 235 für uns ein großer Vortheil, daß ſie dem Rycke das Bur⸗ germeiſteramt entzogen und dadurch nicht allein der Stärk ſten unter ihnen bei Seite geſchoben, ſondern auch Uneinig⸗ keit unter ſich gebracht haben, die ſie im Augenblicke der Noth an kräftigem Handeln hindern wird, zumal auch der alte Stroband, wie es heißt, ſein Amt niederlegen will. Doch wie ſehr auch alle Umſtände ſich günſtig für uns ge⸗ ſtalten, immer wird Dir ein großer Antheil aff dem Siege der guten Sache zugeſchrieben werden müſſen, die Du ſchon früher förderteſt durch muthiges Ankämpfen gegen die Be⸗ drückung und den Uebermuth der Patrizier, und durch Auf⸗ klärung der Bürger über ihre wahren Rechte den Stadt⸗ tyrannen gegenüber; und deshalb wird der Fürſt Dir immer hold und gewogen bleiben und wenigſtens Dein Angedenken ehren, wenn er auch Dich zu retten aus Deiner Feinde Klauen verhindert wird durch freche Anmaßung, die leider noch den Namen des Rechtes ſich beilegen darf! — Zu Euch, Herr Boytin, ſpreche ich nicht von dem großen Danke, den ich Euch ſchulde! fuhr Ottokar fort, als Boytin ſo wieder ſeinem Herzen Luft gemacht hatte. Ihr habt zu viel für mich gethan, als daß ich es mit Worten ſagen könnte; auch weiß ich, daß Euch nicht verlangt nach eitlen Dankſagungen, weil Euer Bewußtſein Euch genug iſt! Auch brauche ich Euch nicht erſt die Sorge um Lisbeth an das Herz zu legen; Ihr wollt ihr Vater ſein, und das ſchließt ja alles Andere in ſich! D'rum habe ich nur etliche Bitten noch an Euch zu richten. Vor Allem bringt Frau Katharinen, Eurer wuͤrdigen und hochverehrten Hausfrau, meinen ehrerbietigen Gruß; daß ſie mich nicht vergeſſen und meiner im Gebete denken wird, deſſen bin ich gewiß. Nehmt Euch auch ferner meines wackeren Andreas an; bringt end⸗ lich auch Allen, die es gut mit mir gemeint, meine letzten Grüße, und ſollte Jemand ſein, den ich irgendwie gekränkt, ſo möge er mir verzeihen, wie ich ein Gleiches thue denen, 236 AAAAANAANANAO;A;;RD ſo mir Schmerz bereitet! Und wegen meiner Eltern— ſetzte er leiſe hinzu— kennt Ihr meine Wünſche! Boytin gelobte durch Wort und Händedruck die Erfül⸗ lung deſſen, was der Gefangene ihm aufgetragen. — Auch Dir, Bernhard, danke ich noch einmal für die Freundſchaftsdienſte, die Du in meinen letzten Stunden mir erzeigt! wandte ſich Ottokar jetzt zu dieſem. Sei Du der Ueberbeinger der Grüße, die ich Helenen, Deiner Schwe⸗ ſter, ſende. Sage ihr, daß Klara, Lisbeth und Helene die Namen der drei edlen Perlen ſind, deren reiner Licht⸗ glanz den dunkelſten Abſchnitt meines Lebens erhellte, und daß, wenn Klara auch den erſten Platz einnahm— doch nein, ſage ihr nichts von dem, unterbrach er ſich ſelber; ſage ihr nur, daß ſie mich nicht für ſchuldig halten möge der gräß⸗ lichen Verbrechen, deren man mich angeklagt, und daß— ich hoffe es— ſie mich einſt dort wiederfinden wird, wo kein irdiſcher Schmerz, kein irdiſches Verlangen den reinen Bund verwandter Seelen trübt und wo die Liebe allumfaſſend thront! Das magſt Du ihr ſagen, Bernhard! — O, ich verſtehe wohl der Botſchaft tröſtenden Sinn! erwiederte Bernhard. Und wahr iſt's, was Lisbeth vorhin von Dir ſprach— auch wenn Dein eigen Herz im Todes⸗ ſchmerze blutet, fühlſt Du noch der Andern Leid und ſuchſt durch milden Balſam es zu lindern! Und Du mußt ſterben, während ich— nein, nein. — Dir aber, Schweſter, was kann ich Dir ſagen, wenn ich nicht der Trennung bitteres Weh verlängern will! ſprach Ottokar zu Lisbeth, während Bernhard einige Worte vor ſich hin murmelte.-Sprich, Schweſter, hegſt Du in Deinem Herzen irgend einen Wunſch, der Dich— nicht mich— betrifft; trägſt Du in Deiner Seele ein Verlangen, das ich erfüllen kann? Verſchweige mir ſolchen Wunſch, ſolches Ver⸗ langen nicht; denn was ich irgend zu thun vermag, ſei's zur Förderung Deines Gluͤckes oder auch nur zur Beruhi⸗ gung Deines Gemüthes, das, traute Schweſter, wird gewiß geſchehen! Du ſchweigſt, Lisbeth? fuhr er nach kurzer Pauſe fort, indem er das geſenkte Haupt der Weinenden ſanft empor⸗ richtete und ihr freundlich lächelnd in das Antlitz blickte. Nun, ferne ſei's von mir, daß ich auf ein Geſtändniß drin⸗ gen ſollte, das auszuſprechen Dir jungfräuliche Scheu ver⸗ bietet; ich fragte nur, um meiner Sache gewiß zu ſein. — O Bruder, mußt Du mir nicht zürnen oder mich wohl gar verachten? ſtammelte Lisbeth, ihr erglühendes Ant⸗ litz wieder an Ottokars Bruſt bergend. Denn leugnen kann ich nicht, daß ich undankbar und ſelbſtſüchtig genug war, etwas mir von Dir zu erwünſchen in einem Augenblicke, wo Du Deiner ganzen Stärke bedarfſt, um muthig Deines Unglücks ſchwere Laſt zu tragen! Verzeihe meines Herzens Schwachheit, Ottokar, und zürne mir nicht. — Nicht alſo, theure Schweſter! unterbrach ſie Ottokar. Meinſt Du, daß mich das Unglück hart und ungerecht ge⸗ macht, und ich vergeſſen hätte, daß es ein Gefühl giebt, dem zu gebieten nimmer dem Sterblichen gelingt, weil es ewig iſt, wie Gott ſelber, dem es entſtammt? So tief, Lis⸗ beth, bin ich noch nicht geſunken! Doch unterbrich mich nicht, daß wir zu Ende kommen! Bernhard, es gab einſt eine Zeit, wo Du um Lisbeth Dich bewarbſt! wandte ſich Ottokar darauf zu dieſem, indem er ihn herzuwinkte. Ich hielt Dich damals dieſes Kleinods nicht würdig, uneingedenk, daß ich nach einer gleich edlen Perle meine unreine Hand auszuſtrecken gewagt hatte. Doch zwiſchen dem Damals und dem Heute liegt eine große Kluft!. Wohlan, Bernhard, ich frage Dich vor Gott: biſt Du gewillt und fühlſt Du die Kraft in Dir, Lisbeth als Deine Gattin ſo glücklich zu machen, wie ſie es verdient? — Wenn treue, heiße Liebe, ſowie aufrichtiges, raſt⸗ loſes Streben, ihrem Bruder in allen Stücken gleich zu wer⸗ 238 — 1 den, Lisbeth zu ihrem Glück genügt, ſo kann ich freudig und 4 getroſt mit Ja antworten! erwiederte Bernhard, und ſeine 1 ſo leuchtenden Blicke beſtätigten, was ſeine Lippen bebend ge⸗ ſel V ſprochen. h 1— Und iſt Lisbeth mit dieſem Gelöbniß zufrieden? fragte an Ottokar. T — Sie iſt's, ich weiß es! gab Boytin an Lisbeths Statt zur Antwort. — So lege ich denn Eure Hände in einander, fuhr Ottokar bewegt fort, und ſegne Eurer Herzen ſchönen Bund! 1m Der Allgütige wird mein Gebet erhören, das aus treuem 1u Bruderherzen kommt, und Glück und Heil auf Euch hernie⸗ der ſenden! Doch wie auch immer des Himmels Rathſchluß Euer Schickſal lenkt: wandelt in Eintracht und in Liebe durch das Leben und tragt gemeinſam, was Euch Gott be⸗ G ſchieden, ſei's Freude oder Leid! Lisbeth, Bernhard— möge V Euch das Glück zu Theil werden, das ich mir einſt ge⸗ träumt an Klara's Seite! ſo lautet Eures Bruders letzter Wunſch; und ſeine letzte Bitte iſt: daß Ihr— meinem An⸗ ib gedenken— dann und wann— eine ſtille Thräne— nicht — verſagt— wenn ich— längſt ſchon— kl Wie ſehr er auch nach Faſſung rang, er konnte nicht weiter ſprechen; die mächtige Bewegung ſeines Innern er⸗ ſtickte ſeine Stimme. Laut weinend ſank Lisbeth an ſeine 1 Bruſt; Bernhard knieete zu ſeiner Seite und ſtammelte einige durch Schluchzen unverſtändlich gemachte Worte zu ihm em⸗ 2 por, und Boytins Augen zeugten davon, wie tief ihn dieſer Augenblick ergriff. Lautes oder verhaltenes Weinen erfüllte g den Kerkerraum. — Jetzt iſt's genug, Ihr Lieben! preßte Ottokar nach einer Weile mit großer Anſtrengung heraus. Herr Boytin, ruft den Schließer; es überwältigt mich ſonſt! Boytin trat an die Thür und klopfte; man hörte den Schließer kommen. ——nnnnmmmn —½ en — Erhebe Dich, Bernhard; man darf Dich nicht in ſolcher Stellung finden! ſagte Boytin zu dieſem, indem er ſelber ſich das äußerliche Weſen eines Mönches gab. Bern⸗ hard folgte ſeiner Weiſung; Lisbeth aber klammerte ſich feſter an den Bruder und weinte heftiger, als ſei erſt jetzt der Trennung bitterer Schmerz über ſie gekommen. Inzwiſchen hatte der Schließer geöffnet. — Es iſt die höchſte Zeit! mahnte er. — Faſſe Dich, Schweſter! bat Ottokar. Die Tren⸗ nungsſtunde hat geſchlagen; was nutzt es uns, ihre Qual zu verlängern? Seine ganze männliche Stärke aufbietend, drückte er den Abſchiedskuß auf ihre bebenden Lippen und legte ſie ſanft in Boytins Arme, der ſie nach ſtummem Gruße gegen Ot⸗ tokar hinausführte. Bernhard trat an Ottokar heran, als wolle er noch zu ihm ſprechen; aber ohne einen Laut her⸗ vorgebracht zu haben, wandte er ſich ſchnell wieder ab und eilte Boytin nach. Der Schließer nahm die Ampel und folgte ihnen; der Gefangene blieb allein zurück im Kerker. — O, mein Bruder! mein Bruder! rief Lisbeth weh⸗ klagend, die Arme gegen ihn ausſtreckend. Nur mit Mühe konnte ſie Boytin verhindern, wieder zu Ottokar zu ſtürzen und die bange Abſchiedsſcene zu er⸗ neuern. — Gott ſchütze Dich, Schweſter! Lebt wohl— lebt Alle wohl! Die Kerkerthür fiel krachend in's Schloß, die ſchweren Riegel dröhnten. Finſtere Nacht war's im Gefängniß. — Ottokar, mein ungluͤcklicher Bruder! Wir werden uns wiederfinden! — Dort oben, Lisbeth, ich hoffe es! Und Ottokar ſtand an der Thür und rief der Schei⸗ denden Troſtesworte nach, bis Lisbeths Weinen in der Ferne verhallte und Alles finſter und ſtill wie das Grab um ihn 240 AAAAAANANANRNRN,?⁴ war. Da taumelte er zu ſeinem Lager, fiel auf ſeine Kniee und drückte ſein Antlitz in die Strohkiſſen. — Mein Gott, o mein Gott! Krampfhaftes Schluchzen rang ſich aus ſeiner Bruſt, die heißer Schmerz durchwühlte. Er, der für Alle Troſt hatte, fand ſolchen nicht für ſich. Seine männliche Kraft hatte ihn verlaſſen; ſeine Seele war aufgelöſt in bitteres Todesweh; in immer größerer Nähe wehte der Verzweif⸗ lung eiſiger Hauch ihn an. — Mein Got,, verlaſſe mich nicht! Wohl gegen eine Stunde währte der ſchwere Kampf. Da richtete er ſich plötzlich auf und lauſchte. „Warum, mein Herz, willſt du verzagen, Wenn dich des Kummers Drang erfüllt? Meinſt du, es werde nimmer tagen. Weil jetzt dich dunkle Nacht umhüllt? O wiſſe: nach der bangſten Noth Bricht an der Freude Morgenroth!“ Es war ein heimkehrender Fiſcherknabe, der in ſeinem Nachen auf dem Fluſſe unter Ottokars Fenſter vorüberfah⸗ rend, ſich ein frommes Lied ſang. Für Ottokar aber waren es Himmelstöne, die er hörte; als ſie verklungen, beugte er wieder ſeine Kniee, aber diesmal zum Dankgebete vor Gott. Ein linder Thränenſtrom erleichterte ſeine Bruſt und ſtiller Friede, vertrauendes Hoffen erhoben ſeine Seele. 13. Unfern des Rathhauſes, an der„Brücke bei den ſtäd⸗ tiſchen Mühlen,“ harrte der aus Ottokars Kerker Zuruck⸗ kehrenden der Altmeiſter Holzmüller. Als Boytin ihn ge⸗ wahrte, ließ er Bernhard mit Lisbeth langſam vorangehen und trat zu dem Altmeiſter. AAAAAAAA;R;;n — Es war Alles vergebens! ſagte er leiſe zu dieſem. dee— Ich dacht's mir wohll erwiederte dieſer ſeufzend. So bleibt's demnach bei unſerer Verabredung? .— Es bleibt dabei! verſetzte Boytin. Konnten wir den uſ, Freund und Bundesgenoſſen nicht retten— und Gott weiß, ſ daß nichts unverſucht geblieben iſt— wohlan, ſo ſoll ſein aſt Tod noch unſerer guten Sache förderlich ſein! Wer den res Armen heute noch verdammt, wird morgen ihn für unſchul⸗ ef dig halten, wenn erſt ſein Blut gefloſſen iſt— das iſt ſo der Welt Lauf; und wenn wir das Volk zur Rache für ihn 1 gegen die verhaßten Patrizier aufrufen, wird Alles zu uns pf. halten! Sorgt nur, daß wir die Stunde ſeines Todes er— fahren und benachrichtigt mit Vorſicht die Unſeren. — Das ſoll geſchehen! verſicherte Holzmüller. Doch glaubt Ihr, daß der Kurfürſt unſer Thun billigen werde? — Sicherlich nicht, und darum verſchwieg ich ihm mei⸗ nen Plan, entgegnete Boytin; möglich iſt's ſogar, daß uns darob ſein Zorn trifft. Doch wir dienen ihm ja nicht um des ſchnöden Vortheils willen; hat ſeine gute Sache nur gen geſiegt, ſo finden wir den ſchönſten Lohn in unſerem Be⸗ ni⸗ wußtſein. Und ewig wird er uns ja auch nicht zürnen, ren denn ſein mildes Herz, das ihn ſo gern dem Feinde ver⸗ et zeihen läßt, kann ſich gegen treue Diener nicht dauernd wii verhärten. Unſer Wahlſpruch iſt: Alles für den Kurfürſten iler und unſer gutes Recht! — Alles für den Kurfürſten und unſer gutes Recht! bekräftigte Holzmüller. Gehabt Euch wohl, Herr Boytin! — Auf fröhliches Wiederſehen, mein wackerer Meiſter! Nach biederem Handſchlag trennten ſich die beiden Män⸗ ner, und bald hatte Boytin die Vorangegangenen eingeholt. aͤd⸗ Er führte ſie zu der Herberge am Köpenicker Thor, wo ein ück⸗ Fuhrwerk ihrer harrte. Boytin hob Lisbeth hinein und ſetzte g ſich an ihre Seite. ten— Begleitet Ihr uns nicht, Bernhard? fragte er den Die ſchwarzen Brüder. III. 16 242 rIIIIIrrr jungen Mann, als dieſer von Lisbeth Abſchied nahm für einige Tage. — Ich will verſuchen, noch einige Tage Aufſchub für Ottokar zu erhalten, und ſollte ich auch bis zum Aeußerſten gehen! erwiederte Bernhard. Damit, denke ich, wird viel gewonnen ſein. Morgen aber mit dem Früheſten will ich hinüber zu meiner Schweſter, die noch immer auf der Burg zu Poſtamp weilt; Helene— das weiß ich ſicherlich— ver⸗ mag Manches zu thun in dieſer Sache. Die Arme, noch ahnt ſie nicht des Freundes Unglück; doch endlich muß ſie es ja doch erfahren! Boytin dachte etliche Augenblicke über etwas nach. — Koönntet Ihr wohl bei mir in Britz einſprechen, be⸗ vor Ihr zu Eurer Schweſter Euch begebt? fragte er dann. Der Umweg iſt eben nicht allzu groß, und gern möchte ich Euch ein Brieflein mitgeben an den wackeren Hofrichter, Herrn Balthaſar Haak, ſowie an den edlen Kammermeiſter Ritter von Waldenfels. Beide Herren wurden vor etlichen Tagen vom Kurfürſten eiligſt nach Poſtamp geſandt, weil dort unter dem gefangenen Raubgeſindel Ungewöhnliches vor⸗ gegangen iſt und einer von ihnen Wichtiges zu entdecken ver⸗ ſprach, wenn ihm ſein elendes Leben geſchenkt würde. Ich aber möchte gern die Herren von einer gewiſſen Sache in Kenntniß ſetzen. Wollt Ihr mir alſo den Gefallen thun? — Herzlich gern, Herr Boytin, werde ich Euren Auf⸗ trag übernehmen! verſicherte Bernhard. Er wartete, bis das Fuhrwerk zum Köpenicker Thore hinaus war, und kehrte dann langſam durch die Roſcher⸗ gaſſe zurück nach dem Köllniſchen Markte, wo er ſich rechts gegen die„Brücke bei den ſtädtiſchen Mühlen“ wandte. Als das Fuhrwerk die köllniſchen Scheunen hinter ſich hatte, ritt ein Reiter an daſſelbe heran, der ein lediges Hand⸗ pferd am Zügel führte; es war der Knecht, der Ottokar auf ſeiner Flucht hatte begleiten ſollen. Boytin befahl ihm, dem r 243 Fuhrwerk zu folgen, und in ſchnellem Trabe ging's jetzt auf der ſächſiſchen Landſtraße dahin, welche durch Britz führte. Obgleich es bereits zehn Uhr und darüber war, als ſie bei Martha's Hütte vorüberkamen, die unfern des We⸗ ges ſtand, ſo drang dennoch ein heller Lichtſchein durch die Fugen einer hölzernen Fenſterlade derſelben, was eine ziem⸗ lich ungewöhnliche Erſcheinung war, da die Kranke ſammt ihrer Wärterin ſonſt um dieſe Zeit ſchon zu ſchlafen und während der Nacht kein Licht zu brennen pflegte, zumal in der Kammer, aus der, wie Boytin gewahrte, jener helle Schein drang. Schon wollte er dem Knechte, der das Fuhr⸗ werk lenkte, anzuhalten gebieten; aber plötzlich ſchien er wie⸗ der anderen Sinnes zu werden. — Gewiß iſt nur die Wärterin noch wach bei einer Arbeit, dachte er bei ſich. Was ſollte anders jenes Licht in der Kammer bedeuten? Und Lisbeth kann ich ja nicht mit den beiden Knechten allein im Fuhrwerk zurücklaſſen zu dieſer Stunde; ich würde alſo nicht einmal ein Wörtlein reden können, denn ſie darf ja nicht ahnen, wie ſie eigent⸗ lich mit Bernhard d'ran iſt, bis der Kurfürſt für ſie und ihn die Sache mit dem päpſtlichen Stuhle in Richtigkeit ge⸗ bracht hat! Hätte eigentlich den Bernhard gern bei der morgenden Geſchichte zugegen gehabt; ſein plötzliches Er⸗ ſcheinen und Auftreten auf unſerer Seite würde gewaltigen Eindruck gemacht haben. Allein, da er meint, für Ottokar noch etwas thun zu können, ſo iſt's ſo beſſer; wird er uns ſpäter doch von großem Nutzen ſein! Auch Lisbeth hatte den Lichtſchein bemerkt; zum erſten Male unterbrach ſie das traurige Schweigen, welches ſie ſeit der Abfahrt von der Herberge beobachtet hatte. — Wie oft, ſo ſprach ſie leiſe, wie oft beklagte ich die Arme druüͤben in der Hütte, daß ſie lebendig todt war für die ſchöne Welt, in der ſie lebte, ohne ihre Freuden empfin⸗ den zu können; ach, ich ahnte nie, daß eine Zeit kommen 16*G ,‧ꝑ werde, wo ich ſie ob ihrer Gefühlloſigkeit beneiden möchte! Doch viel muß ſie gelitten haben, bevor ihr Herz des Schmer⸗ zes ſo gewöhnt ward, daß ſein Stachel keine Wunde mehr hervorbringt; die Arme, ſie brachte ja ein einziger Tag um den Verlobten und um ihre Kinder! O, es iſt ein bitterer zwar, doch immer noch ein Troſt, wenn man ſich ſagt, daß Andere noch ein größeres Leid getragen! Nimmer hätte ich je gedacht, daß ich an Martha's Unglück mich einſt in mei⸗ nem Schmerze aufrichten werde! Gott möge ihr einſt reich vergelten, was ſie hier erduldet! Boytin drückte ihr die Hand, doch ohne auf ihre Worte etwas zu erwiedern. Bald war man im Herrenhauſe zu Britz angelangt, wo Frau Katharine in Angſt und Sorgen ihrer harrte. Lis⸗ beths Thränen ſagten ihr, daß der Verſuch, Ottokar zu ret⸗ ten, mißlungen ſei; mitfühlend ſchloß ſie die Weinende— jetzt ihre Tochter— an ihr mütterliches Herz und verwies ſie in ſanften Worten auf den, der Alles, Freude wie Leid, zum Beſten ſeiner Menſchenkinder ſendet. Boytin verfügte ſich alsbald auf ſein Gemach, wo er, nachdem er ſich ſeiner Verkleidung entledigt, tief ſinnend auf und nieder ſchritt. Endlich ergriff er den Armleuchter, auf dem zwei Wachskerzen brannten, und ging nach dem Ge⸗ mach, in welchem Andreas, Ottokars alter Diener, bei ſei⸗ nem Gebreſte verpflegt ward. Erſtaunt blieb er auf deſſen Schwelle ſtehen, denn der Kranke, der dies Gemach noch nie verlaſſen ſeit jener Nacht, wo ihm das Unglück ſo plötzlich zugeſtoßen, er war jetzt nicht anweſend. Der offenſtehende Schrank, in welchem des Kranken Kleider ſonſt verwahrt wurden, war gleichfalls leer. Eilig ſchellte Boytin dem Diener, welchem ſeit der Ge⸗ ſchwiſter und Peters Abweſenheit die Pflege des Kranken übertragen worden. Dieſer kam herbei und war nicht we⸗ niger beſtürzt, als ſein Gebieter, als er ſeines Pflegebefoh⸗ „245. lenen heimliche Entfernung gewahrte; denn eine nähere Un⸗ terſuchung ließ keinen Zweifel übrig, daß Andreas nicht nur das Gemach, ſondern auch das Haus verlaſſen habe. Auf Boytins Fragen erzählte der Diener, daß er dem Kranken, wie gewöhnlich, um die ſechste Stunde den Abend⸗ Imbiß gebracht habe. Er fand dieſen auf dem Rande ſeines Bettes ſitzend, wie Andreas immer zu thun pflege, wenn er ſeine„guten Stunden“ habe. Weniger wortkarg, als ſonſt, habe der Kranke gefragt, warum er ſeinen jungen Herrn ſo lange nicht geſehen; und da er ſo vernünftig ſich geberdete, habe er, der Diener, kein Bedenken getragen, zu ſagen, was er von Herrn Reinhold wiſſe, zumal da man ihm geboten, des Kranken Wünſche in allen Stücken zu erfüllen. Hierauf ſei Andreas nachdenkend geworden, habe Mancherlei vor ſich hin geſprochen, was dem Diener unverſtändlich geblieben, und habe auch hin und wieder ſogar gelacht; was Alles vom Diener für ein gutes Zeichen angeſehen worden. Nach⸗ dem dieſer nun Alles für die Nacht beſorgt, habe er des Kranken Gemach verlaſſen und, da Andreas nicht weiter nach ihm verlangt, daſſelbe auch nicht wieder betreten, bis ihn ſein Herr eben gerufen: auch habe er nichts von des Kranken Entfernung wahrgenommen. Kopfſchüttelnd ſann Boytin darüber nach, was dieſer Vorgang wohl bedeuten könne. Bald glaubte er des Räth⸗ ſels Löſung gefunden zu haben. — Gehe hinab in den Stall und ſattle zwei Roſſe, eins für mich, das andere für Dich, und mache Dich zu einem Ritt bereit! befahl er dem Diener. Richte Alles ſo ſtill wie nur möglich aus und führe die Thiere durch die kleine Pforte in den Garten, damit meine Hausfrau meine Entfernung nicht gewahre; ſie würde ſonſt ſich ängſtigen. Während der Diener eilte, den Befehl zu vollziehen, ging Boytin nach ſeinem Gemach zurück. Er gürtete hier ſein Schwert um, bekleidete ſich mit Mantel und Barett und 246 AAAAAAARNRNRNR; hatte nach wenigen Minuten Britz hinter ſich, indem er den⸗ ſelben Weg einſchlug, den er erſt kurz zuvor gekommen. Sein Pferd trieb er zum ſchnellſten Trabe an, daß kaum der Die⸗ ner ihm in der Finſterniß zu folgen vermochte. Zu der Stunde, wo Lisbeth mit ihren beiden Begleitern das Gefängniß ihres Bruders verließ, oder auch wohl etwas ſpäter, ſaß der ehemalige Bürgermeiſter Rycke in ſeinem Ge⸗ mach an einem Tiſche, auf dem eine hübſche Summe in blan⸗ ken Goldgülden aufgezählt lag, und vor ihm ſtand jener Handelsmann aus der Vorſtadt, der in ſeinem Auftrage die Reiſe nach Prag gemacht hatte, um den vom Rathe nach der Böhmenhauptſtadt geſandten Amtsſchreiber zu berücken. Daß ihm der Streich nur zu gut geglückt war, wiſſen wir bereits aus Boytins Erzählung in Ottokars Kerker. Der Handelsmann wußte des Ruͤhmens kein Ende, wie ſchlau er es angeſtellt habe, den Rathsboten hinter's Licht zu führen; doch obwohl es den Anſchein hatte, als mache ihn das Lob, welches er ſich ſelber ertheilen durfte, reichlich belohnt für den ſeinem Gönner geleiſteten Dienſt, ſo ſtrich er doch nichts⸗ deſtoweniger mit ſichtlichem Wohlbehagen die aufgezählten Goldſtücke ein, welche die zweite Hälfte des bedungenen Loh⸗ nes bildeten, nachdem er zuvor, wie es einem vorſichtigen Handelsmann geziemt, jedes einzelne in ſeiner Hand gewo⸗ gen, deſſen Gehalt geprüft, und ſich durch den Augenſchein uͤberzeugt hatte, daß es wohl gerändert war. Rycke ſah ihm mit verächtlichem Gleichmuth zu. — Hoffentlich biſt Du mit meiner Pünktlichkeit zufrieden! nahm der Letztere das Wort, als das letzte Goldſtück in den ledernen Beutel des Handelsmanns gefallen war. Ich denke wenigſtens, daß Du's ſein kannſt. — Gewiß, Herr Rocke, nie hatte ich einen beſſeren Kundmann, als Ihr ſeid! verſicherte dieſer ſchmunzelnd, in⸗ in dem er den Beutel mit dem Gelde an ſeinen Gürtel neſtelte. Und um Euch zu beweiſen, daß dem ſo iſt, will ich Euch eine Neuigkeit mit in den Kauf geben, ohne Bezahlung dafür zu fordern, obwohl ſie für Euch ſicherlich von großem Werthe iſt. So hört denn. Als ich auf dem Rückwege von Prag plötllich erkrankte, um eine Urſache zu haben, nicht mit dem Amtsſchreiber zu⸗ gleich hier einzutreffen, hielt ich es nach deſſen Weiterreiſe doch für gerathen, ebenſo ſchnell wieder geſund zu werden, als ich erkrankte, und mich etwas ſeitwärts von der Straße abzuziehen; denn man kann manchmal nicht wiſſen, wie der Gottſeibeiuns mit Einem ſein Spiel treibt. So kam ich denn am Abend des dritten Tages nach meiner Trennung vom Amtsſchreiber an ein kleines Köhlerdörflein mitten im böh⸗ miſchen Waldgebirge, in deſſen elender Herberge ich zu über⸗ nachten beſchloß, weil in dieſer Wildniß, wohin ſich ſelten ein Reiſender verirrt, von Wegelagerern und anderem Raubge⸗ ſindel nichts zu fürchten iſt. Kaum war ich in das niedere Gaſtgemach getreten— wen erblicke ich da auf einem elen⸗ den Strohlager liegend? Niemand anders, Herr, als den Hauswärtel, den der Reinhold, oder wie er ſonſt heißt, gleichfalls nach Prag geſandt, zu dem Franziskaner aus Berlin. Das Erſchrecken des alten Burſchen, als er mich ſah— denn wir kennen uns— gab mir die Gewißheit, daß mich die Vermuthung, die ich auch zu Euch ausgeſpro⸗ chen wegen der verſchwundenen Goldgülden aus Reinholds Seckel, nicht betrogen.„Da iſt ein prächtiger Fang zu machen!“ ſo ſprach ich zu mir ſelber, und im Augenblicke war mein Plan fertig. Da wir eben allein im Gemache waren, ſo ſagte ich ihm den Diebſtahl auf den Kopf zu, er⸗ zählte ihm ferner, daß ich nur um ſeiner habhaft zu werden mich auf den Weg gemacht und ſeine Spuren von Ort zu Ort verfolgt habe, weil ein hoher Preis auf ſeinen Kopf geſetzt ſei. Zugleich drohte ich, die Dorfbewohner zu ſeiner 248. Ergreifung aufzurufen, welche die Gelegenheit, auf leichte Weiſe ein gut Stück Geld zu verdienen, gern benutzen wür⸗ den; ſprach von Pranger, Beil, Galgen und Rad und ließ ſogar ein Wörtlein vom ewigen Feuer fallen, um ihm nur recht wacker einzuheizen. Der arme Schelm, der weder gehen noch ſtehen konnte— denn des Reitens längſt entwöhnt, hatte die ſchnelle Flucht nach dem Bayerlande, wo er Ver⸗ wandte hatte, ſeine morſchen Glieder in Grund und Boden zerarbeitet— der arme Schelm geſtand in ſeiner Angſt mir Alles ein und bat nur gar kläglich um Mitleid und Erbar⸗ men; er hatte eine arge Scheu vor dem Meiſter Hans und ſeinen Geſellen in der Bödelgaſſe*). Ich ließ mich denn auch erweichen und bald wurden wir Handels einig. Der Mantel⸗ ſack, den er unter dem Kopfende ſeines Strohlagers liegen hatte, enthielt ein artiges Sümmchen, lauter vollgewichtiges Geld! Zweihundert Stücke zählte ich für den Schelm ab, die übrigen aber— nun, ich habe ſie mir ehrlich verdient; denn was man einem Räuber abjagt, iſt wohlerworbenes Eigen⸗ thum. Gelt, Herr Rycke, ein ſchöner Fang das? — Den Du mir zu verdanken haſt, vergiß das nicht! ſprach Rycke kalt, welcher der Erzählung mit großer Span⸗ nung zugehört hatte, dies ſich aber nicht merken laſſen wollte. Warum ſagſt Du mir aber erſt jetzt davon, nachdem Du Deinen Lohn eingeſtrichen? Haſt Du etwa gefürchtet, ich würde Dir dieſen vorenthalten, da das Glück Dich ander⸗ weit begünſtigte? Ich dächte, von ſolcher Seite wäre ich Dir nicht bekannt! — J nun, wenn ich ſolches auch keineswegs vom ge⸗ ſtrengen Herrn befürchtete, ſo iſt's doch löblicher Gebrauch im Handel und Wandel, immer ſo ſicher wie möglich zu gehen! entgegnete der Handelsmann. Aber ich habe Euch *) Bödel- oder Büttelgaſſe hieß ehedem die heutige Heidereuter⸗ gaſſe, in welcher die Scharfrichterei belegen war. noch nicht Alles geſagt; wiſſet, daß ich außer den ſchönen Goldgülden im Mantelſack noch etwas fand, das unter ge⸗ wiſſen Umſtänden auch nicht ganz werthlos iſt. — Gut für Dich, wenn dem ſo iſt; mich aber wird's wohl wenig kümmern! verſetzte Rycke. D'rum freue Dich Deines Fundes, wenn Du daheim biſt; jetzt habe ich noch wichtigere Dinge mit Dir zu ſchaffen. — Gern werde ich mich Euren ferneren gütigen Auf⸗ trägen unterziehen, wenn ſonſt das Geſchäft vortheilhaft iſt, erwiederte der Handelsmann. Doch denke ich, wird's für Euch wichtig ſein, zu wiſſen, daß ich im Mantelſacke auch jenes Schreiben fand, das Reinholds ſpurlos verſchwundener Diener zurückgelaſſen haben ſoll. Wahrſcheinlich hat's der Hauswärtel dem Mönche überbringen ſollen. — Du haſt das Schreiben? fuhr Rycke haſtig auf. Zeig's her, wo iſt es; ich kauf's Dir ab! Unwillkürlich fuhr der Handelsmann bei dieſen Worten mit der Hand in eine inwendig angebrachte Taſche ſeines Wammſes; doch plötzlich ſich beſinnend, zog er die Hand langſam wieder heraus. Ich hab's nicht bei mir! ſagte er und neſtelte dabei das Wamms ſorgfältig zu, als hätte er darunter einen Schatz zu bewahren. — So bring's mit, wenn Du wieder hierher kommſt, gebot Rycke. Für Dich hat's nicht mehr Werth, als jedes andere Stucklein Pergament; dennoch ſoll Dir guter Finder⸗ lohn dafür werden. Verwahr's indeſſen aber gar ſorgfältig; wenn Dus verlierſt, biſt Du Deines Lohnes quitt! — Sorgt nicht, Geſtrenger, werde es ſorglich hüten! verſetzte der Handelsmann; und in Gedanken fügte er hinzu: Man kann nicht wiſſen, wozu es mir noch dienen kann, denn große Herren hahen öfters ſonderbare Launen, und wenn ſie Einen nicht mehr gebrauchen, dann— — Höre, was Du ferner zu thun haſt, nahm Rycke jetzt das Wort. Morgen mit dem Früheſten mußt Du hin⸗ — aus nach Rycksdorf zu dem dortigen Pfarrer und dieſen bit⸗ ten, daß er Dir für Geld und gute Worte die Einſicht in das Kirchenbuch ſeines Sprengels verſtatte! damit Du Dir über wichtige Familienſachen Auskunft verſchaffen kannſt. Höchſt wahrſcheinlich wird der geiſtliche Herr mit Dir nach ſeiner Kirche gehen, oder den Sakriſtan Dich begleiten laſſen; ſollte er aber Jemand auftragen, das Buch herbeizuholen, ſo mußt Du höflich darum bitten, daß man um Deinetwillen ſich nicht mehr bemühe, als eben nöthig iſt, und ohne Wei⸗ teres mit zur Sakriſtei gehen. Haſt Du das Buch nun vor Dir, ſo ſuchſt Du die Seite auf, welche Du auf dieſem Per⸗ gament verzeichnet findeſt— er gab bei dieſen Worten dem Handelsmann das Pergament, welches der Mönch für Otto⸗ kar bei ſeiner Abreiſe zurückgelaſſen und das Rycke aus dem Gemach des jungen Mannes bei der gerichtlichen Durch⸗ ſuchung deſſelben heimlich entwendet hatte— und iſt dies geſchehen, ſo fühlſt Du Dich plötzlich ſehr unwohl und bitteſt den, der bei Dir iſt, daß er Dir ein Glas Waſſer, Wein, oder was Du ſonſt willſt, bringe, wofür Du ihm, wenn's nicht etwa der Pfarrer ſelber iſt, ein Trinkgeld verſprichſt. Man wird nicht anſtehen, Dein Begehr zu erfüllen, und während Du Dich in der Sakriſtei allein ſiehſt, trennſt Du ſchnell das Blatt aus dem Buche und verbirgſt es bei Dir, daß man es nicht gewahre. Dann kannſt Du zum Schein noch eine Weile blättern und endlich thun, als hätteſt Du das Geſuchte gefunden. Das ausgetrennte Blatt aber bringſt Du mir alsbald, und um ein gut Stück Geldes biſt Du wieder reicher. Du ſiehſt, ich ſinne Alles wohl für Dich aus, daß Du es leicht haſt und nur meiner Anweiſung zu folgen brauchſt, um des Gelingens gewiß zu ſein. Sollten wider Erwarten andere Umſtände ſtörend dazwiſchen treten, dann freilich gilt's, Deine eigene Schlauheit an den Tag zu legen. Nun, verſtanden wirſt Du mich wohl haben— alſo morgen mit dem Fruͤheſten. n ——õ+⏑———2 254 — Ja, Herr Rycke, verſtanden habe ich wohl, wie im⸗ mer! entgegnete der Handelsmann mit bedenklichem Geſicht, indem er das empfangene Pergament zu ſich ſteckte. Doch ſagt, Geſtrenger, der Ihr die Geſetze kennt, die weltlichen, wie auch die geiſtlichen— iſt auf den Kirchenraub nicht das Rad geſetzt und vorher Zwicken mit glühenden Zangen? — Was fällt Dir ein? verſetzte Rycke. Ein Blatt des Kirchenbuches iſt kein geheiligtes Geräth und ſeine Einwen⸗ dung daher nimmer Kirchenraub zu nennen. Auch wird Nie⸗ mand Deine That erfahren, wenn Du's nur einigermaßen geſchickt anzufangen weißt! In wenigen Stunden haſt Du ein Stück Geld verdient, für das Viele Deines Standes mondenlang ſich's müſſen ſauer werden laſſen. — Ja, wenn das ſchöne Geld nicht wäre! ſeufzte der Handelsmann. Doch ſagt, geſtrenger Herr, wie hoch beläuft ſich der Lohn, den Ihr für dieſen ſchweren Dienſt beſtimmt? Rycke wollte eben antworten, als der Handelsmann ihm plötzlich durch ein Zeichen zu verſtehen gab, daß er ſchweigen ſolle. Faſt in demſelben Augenblick ergriff er mit der linken Hand den Armleuchter, der auf einem Tiſche ſtand, zog mit der rechten einen blitzenden Dolch aus ſeinen Gürtel, ſprang gegen die Thür zu, die er zu gleicher Zeit durch einen kräf⸗ tigen Fußſtoß ſprengte, und eilte auf den Korridor hinaus. Nach einigen Minuten, bevor ſich Rycke von ſeiner Beſtüͤr⸗ zung ob ſo ſeltſamen Benehmens hatte erholen können, kehrte oder wankte vielmehr Jener in das Gemach zurück; ſein Ge⸗ ſicht war leichenbleich und ſein Haar ſträubte ſich— ſo ſtellte er ein treues Bild des Entſetzens dar. — Was iſt Dir begegnet? fragte Rycke, als Jener er⸗ ſchöpft auf einen Seſſel niederſank. Dein Ausſehen erſchreckt mich! Rede! — Sagt mir, Herr Rycke, erwiederte der Handelsmann mit einer Stimme, welcher die Furcht allen Klang benommen, ſagt mir: iſt es wahr, was Ihr mir jüngſt erzählt— iſt 2⁵52 Euer Sohn, der Bernhard, auf einer Reiſe um's Leben ge⸗ kommen? — Freilich iſt's wahr; ich wollt's nur noch nicht ſtadt⸗ kundig machen, weil die Umſtände ſeines Todes ſeltſamer Art ſind und ich den Klatſchmäulern nicht Stoff zu ihrem Gewäſch geben wollte, bis ich die Sache aufgeklärt. Aber was hat das mit meiner Frage zu thun? — Ich habe ihn eben geſehen. — Den Bernhard? Der Handelsmann machte ein bejahendes Zeichen. — Das iſt unmöglich! Ich weiß ganz ſicher, daß er todt iſt; es hat mir's Einer geſagt, der ſich nie irrt. — So war's ſein Geiſt— und das iſt viel ſchlimmer! verſetzte der Handelsmann ſchaudernd. — Narr, was todt iſt, bleibt todt! ſagte Rycke, obgleich ihm ſelber ganz unheimlich zu Muthe war. — Ich erkannte ihn zu deutlich, obgleich er ein Mönchs⸗ gewand trug! behauptete Jener. — Deine Geſpenſterfurcht hat Dich genarrt! rief Rycke mit erzwungenem Lachen. Wenn's wirklich ein Geiſt geweſen wäre, was Du geſehen zu haben glaubſt, ſo würde er un⸗ möglich in frommer Mönchsgeſtalt Dir erſchienen ſein; denn der Bernhard, der ein Trinker, Spieler und Säufer geweſen, wie Jedermann weiß, und ſogar ſeine eigene Schweſter an den Stroband verhandelt hat, der könnte nur in der Geſtalt eines ſchrecklichen Ungethüms einherwandeln, wenn er in ſei⸗ nem Grabe keine Ruhe gefunden. — Mag dem nun ſein, wie ihm wolle— ich habe ihn geſehen! fuhr der Handelsmann in ſeiner Behauptung fort, ſich wiederholt bekreuzigend. Als wir vorhin mit einander redeten, war's mir plötzlich, als hörte ich draußen an der Thür ſich etwas bewegen. Da Ihr nun dem Chrig befoh⸗ len, weder Jemand heraufzulaſſen, noch ſelber ungerufen zu kommen, ſo fürchtete ich, es habe ſich Einer heimlich einge⸗ 75 —— ☛̈O— —— 2—— — lt ſchlichen und belauſche uns. Solches ihm zu verleiden, ſtürzte ich hinaus und ſah deutlich, wie etwas, das Eures Sohnes Geſicht und Geſtalt hatte, im Schatten des langen Ganges verſchwand, ohne daß ich auch nur das leiſeſte Ge— räuſch von Tritten vernahm. Was ich geſehen, habe ich wirklich geſehen! Sein Geſicht war geſpenſterbleich, ſeine Augen funkelten wie glühende Kohlen! Rycke ließ eine Glocke erſchallen. Wenn Deine Augen nicht durch die Furcht getäuſcht worden ſind, ſo kann's nur ein Fremder geweſen ſein, der uns durch ſolche Vermummung berücken wollte, ſagte er. Da kommt Ehrig ſchon— wir werden's gleich wiſſen. Er öffnete die Thür und fragte den aus dem untern Stockwerk heraufkommenden alten Diener, ob Einer zum Hauſe hineingekommen während dieſer Zeit, wo er mit dem Fremden ſich unterredet, oder eben hinausgegangen ſei. Ehrig ſtellte Beides beſtimmt in Abrede. Man ſufchte auf dem Gange nach; alle Thüren, die auf denſelben führten, waren verſchloſſen; auch überzeugte man ſich, daß ſowohl die vom Hausflur nach der Gaſſe, als auch die auf den Hof hin⸗ ausgehende Thür feſt verriegelt und verſchloſſen waren.— Rycke gebot dem Diener, ſorgfältig Acht zu geben, und ging mit dem Handelsmann wieder hinauf auf ſein Gemach. — Du ſiehſt alſo, daß Du Dich getäuſcht! ſagte er hier wieder zu dieſem. Du ſchwatzteſt vorhin von Kirchen⸗ raub, vom Rade und von glühenden Zangen; da hat die Furcht Dein Gehirn und Deine Augen geblendet— weiter war's nichts. Laß uns daher zu Ende kommen mit unſerm Geſchäft. Du fragteſt, was Dir der Weg nach dem nahen Rycksdorf einbringt. Wenn ich Dir nun antworte; fünfzig Goldgülden— was meinſt Du dazu? Als der Handelsmann die bedeutende Summe ausſpre⸗ chen hörte, verſchwanden bei ihm alle Bedenken. — Das läßt ſich allerdings hören! Und Ihr zahlt— 7 — Wie immer; die Hälfte jetzt, und den Reſt zu der Stunde, wo Du mir das Verlangte bringſt! verſetzte Rycke. — Und Ihr meint, daß ich's nicht mit Meiſter Hanſen zu thun kriege, im Falle es ſchief gehen ſollte? — Die Sache iſt— zumal für Dich— zu leicht, als daß Du dabei verunglücken könnteſt, entgegnete Rycke. Sollte Dir aber wirklich etwas begegnen, ſo werde ich ſchon Sorge tragen, daß Dir nicht allzu hart mitgeſpielt wird. — So mag's d'rum ſein! ſagte Jener. Aber zur ſpäten Abend- oder Nachtzeit komme ich nicht wieder in dies Haus! — Du biſt kindiſch! lächelte Rycke, indem er fünfund⸗ zwanzig Goldſtücke aufzuzählen begann. Wenn Du Dich ſo furchtſam zeigſt, werde ich Dir nichts wieder auftragen können. Nachdem er dem Handelsmann nochmals eingeſchärft, wie er ſich zu benehmen habe, auch ihn an das Mitbringen der Schrift erinnert hatte, die er dem Hauswärtel abgenom⸗ men, rief er Ehrig. — Laß den Mann zum Hauſe hinaus und verwahre dann wieder ſorglich die Thür, ſagte er zu dieſem. Danach magſt Du mir den Nachttrunk bringen. Der Spuk mit dem Bernhard kann nur Täuſchung geweſen ſein! ſprach er vor ſich hin, als Ehrig mit dem Handelsmann das Gemach verlaſſen. Vielleicht aber hat ſich der habgierige Hallunke nur verſtellt, um mir einen hö⸗ heren Lohn abzupreſſen! Ja, ſo wird's ſein, ganz gewiß! Gut iſt's nur, daß ich ihn ferner nicht mehr brauche! Habe während der letzten Zeit verdammt tief in den Seckel greifen müſſen! Aber es ſtand auch Viel oder viel⸗ mehr Alles auf dem Spiele! Vor dem Ottokar brauchte ich mich zwar nicht zu fürchten und weniger noch vor ſeiner Schweſter, wenn ſich dieſer nicht mein alter Widerſacher ſo rege angenommen hätte. Der Boytin iſt ein ſchlauer Fuchs; er thut nichts, ohne daß mehr dahinterſteckt, als es auf den erſten Augenblick den Anſchein hat, und wer weiß, ob er ——— nicht irgend eine Fährte ausgewittert hat, die ihn auf den rechten Weg führen könnte! So um nichts und wider nichts hat er das Mädel— die Schweſter eines dem Henker Ver⸗ fallenen, an der ewig ein Makel haften bleibt— wahrlich nicht als ſein eigen Kind an- und aufgenommen! Aber ich denke, ihm gewachſen zu ſein; morgen Abend ſchon iſt es für ihn zu ſpät, ſeiner Pflegebefohlenen Rechte geltend zu machen. Die Freude, dem Rycke dieſen Streich zu ſpielen, ſoll er nicht hahen! Sollte der Ottokar in der That unſchuldig ſein? begann er nach einer Weile wieder. Doch immerhin— was küm⸗ mert's mich? Wenn er nur morgen Abend ſtirbt! Habe ich ihn doch nicht angeklagt; auch ſitze ich nicht allein über ihn zu Gericht und verurtheile ihn auch nicht allein; ja, ich kann ihn immerhin für ſchuldlos erklären, ohne daß da⸗ durch ſein Geſchick auch nur im Geringſten gemildert wird! Mich kann daher in Bezug auf ihn kein Vorwurf treffen! Wenn nur der Hauptmann morgen bei ſeiner Ausſage ver⸗ harrt! Doch denke ich ob ſeiner keine Beſorgniß hegen zu brauchen, denn er glaubt ja ganz feſt, daß der Ottokar ſei⸗ nen Sohn über die Seite gebracht hat, und hat geſchworen, dieſen zu rächen. Auch hat er ſeine Ausſage ſchon beſchwo⸗ ren und kann ſie um deswillen nicht mehr widerrufen! Pignetti hat mir verheißen, daß nach Ottokars Beſei⸗ tigung ſich mir neue Wege zeigen würden, auf denen ich ſchnell und ſicher an mein hohes Ziel gelangen könnte! Ach, ich hatte all die glänzenden Pläne aufgegeben, da ich in der letzten Zeit alle Kräfte aufbieten mußte, nur um mich mei⸗ ner Haut zu wehren; doch da ſich das Alles nun ſo glück⸗ lich gemacht, werde ich um ſo eifriger mich wieder jenen Plänen hingeben, die auszuführen ja meine Beſtimmung iſt! Sicherlich iſt Pignetti ein frommer und von Gott mit hohen Gaben ausgerüſteter Mann, da er ja die Macht der Engel beſitzt; aber warum muß ich ſelber Alles thun und voll⸗ NNNNDBeDS bringen, was er doch durch ſeine Macht viel leichter ge⸗ ſchehen laſſen könnte? Doch ſtill davon, daß ich nicht ſelber wieder jene qualvollen Zweifel in mir hervorrufe, die leider nur zu oft ungerufen kommen und gegen die alle Ermah⸗ nungen Pignetti's nichts ausrichten! Manchmal wird's mir wirklich zu heiß um's Herz, wenn ich an Alles denke; und hätte ich nicht den Ablaßbrief des heiligen Vaters, ich machte es wie Helene und verſuchte im Kloſter Ruhe zu finden! Ehrigs Eintritt, der den Nachttrunk brachte, lenkte ihn für jetzt ab von jenen Gedanken. Er befahl dem Diener, für die folgende Nacht ſein Lager neben dem ſeines Herrn aufzuſchlagen. Er hoffte, daß die Gegenwart des frommen Alten jede Anfechtung von ihm fernhalten werde. Der Nachttrunk machte, daß Rycke bald einſchlief, oder vielmehr hatte der reichliche und ſtarke Wein ſeine Stimme betäubt, daß er bewußtlos dalag. Nicht ſo Ehrig. Obwohl er gewiß müde war, da er ſich jetzt von früh bis ſpät wacker tummeln mußte, um das Hausweſen in Ordnung zu er⸗ halten, um welches ſich ſeit Helenens Entfernung Niemand weiter kümmerte— und obwohl Geſundheit und ein gut Gewiſſen ihm ſonſt einen ruhigen Schlaf verſtatteten: heute blieb er ihm fern. Seufzend und betend verbrachte er den größten Theil der Nacht: hin und wieder aber murmelte er vor ſich hin:„Wer hätte das gedacht!“ In dem Augenblicke, wo Ehrig das Haus hinter dem fortgehenden Handelsmann wieder verſchloß, bog die aus drei Stadtſöldnern beſtehende nächtliche Schaarwacht, von ihrem erſten Rundgange durch Berlin zurückkehrend, aus der Georgen⸗ in die Spandower Straße ein, um ſich nach ihrem Wachtplatze im Rathhauſe zu begeben. Es war um die elfte Stunde; ſelten ließ ſich noch irgendwo ein Licht in den Bürger⸗ häuſern erblicken und auch die Gaſſen waren öde und leer. An Rycke's Hauſe waren die Stadtſöldner bereits vor⸗ über, als ein halb erſtickter Angſtruf in ihre Ohren drang, der vom Nikolai⸗Kirchhofe herüberzukommen ſchien. Sie blieben lauſchend ſtehen; doch ließ ſich weiter nichts verneh⸗ men und ruhig ſetzten ſie darauf ihren Weg fort. Doch alsbald mußten ſie abermals innehalten; denn als ſie an die Gaſſe gelangten, die neben der Berliniſchen Propſtei von der Spandower Straße nach dem Kirchhofe führte, vernahmen ſie von dorther Aechzen und Keuchen, und dumpfes Geräͤuſch und Geſtampf ließ ſich hören, wie wenn Zweie heftig mit einander ringen. Sehen aber konnten ſie bei der Finſterniß nicht das Geringſte. — He, was giebt's da unten! rief der Führer der Schaarwacht, indem er die Blendleuchte emporhielt, deren Licht aber nur einen kleinen Raum vor ihm erhellte. Wer balgt ſich da noch zu ſo ſpäter Stunde? Da keine Antwort erfolgte, das Geräuſch aber fort⸗ dauerte, ſo machten ſich die Stadtſöldner jetzt auf den Weg nach dem Orte, von woher die Töne kamen, um die Stö⸗ renfriede, die dort ſich balgten, auseinanderzubringen. Als ſie die Gaſſe zu Ende waren, hörten ſie, wie Einer, deſſen Stimme vor Wuth keuchte, ſeinem Gegner zurief:„Jetzt iſt's mit Dir vorbei, Du Hund!“ — Hollah, da ſoll Einem der Garaus gemacht wer⸗ den! rief der Führer der Schaarwacht wieder, ſeine Schritte beſchleunigend. Haltet inne, Ihr da auf dem Kirchhofe, und ſteht uns Rede, im Namen des hochedlen Rathes! Einen Augenblick ward's ſtill auf dieſen Ruf. Dann aber hörten die Stadtſöldner den Schall von Tritten, die ſich in haſtiger Schnelle entfernten. — Da laufen die Hallunken davon; es ſind ihrer mehrere! rief der Stadtſöldner ſeinen Gefährten zu. Hurtig, Burſchen, ſetzt ihnen nach, daß Ihr Einen erwiſcht, indeß ich hier nachſehe, wo der Ermordete liegt! Die ſchwarzen Brüder. III. 17 NNRNRNNRRRR— Während er auf dem Platze umherleuchtete, liefen die beiden andern Stadtſöldner den Flüchtigen nach, dem Schalle ihrer Tritte folgend, der ſie nach der Georgenſtraße und der Langen Brücke zu führte. Als ſie in jene Straße einbogen, hörten ſie bei der Brücke einen ſchweren Körper in den Fluß fallen, deſſen Waſſer geräuſchvoll und hoch aufſpritzte; auch konnten ſie aus dem Schall der Fußtritte auf den Bohlen der hölzernen Brücke mit Sicherheit entnehmen, daß nur noch Einer die Flucht fortſetzte und nach Kölln hinüberlief; der Andere mußte in den Fluß geſtürzt ſein. An der Brücke ſtanden die Stadtſöldner ſtill; jenſeits derſelben war vom Ufer bis zum Kloſter der Schwarzen Brüder und ihrem Kirchplatz hinüber, und zur Rechten bis zur Köllniſchen Stadtmauer, ein großer, theils ſandiger, theils moraſtiger Platz, der mit den hier aufgefahrenen Schutt⸗ haufen in der finſtern Nacht viele Schlupfwinkel darbot und auf deſſen weichem Grunde die Fußtritte des Fliehenden nicht zu hören waren, daher ſie hier die weitere Verfolgung als nutzlos aufgaben und am Ufer auf und ab gingen, laut fra⸗ gend, ob Jemand verunglückt ſei und ihrer Hülfe bedürfe. Aber ſie hörten in der damals öden abgelegenen Gegend außer ihren eigenen Stimmen nur das Klappern der ſtäd⸗ tiſchen Mühlen und das Brauſen des Fluſſes. Des Suchens müde, wollten ſie den Rückweg antreten, als ihr Führer mit der Leuchte erſchien; auch er hatte weder einen Leichnam, noch einen Verwundeten auf der Stelle gefun⸗ den, wo dem Schall nach ein Kampf ſtattgefunden haben mußte. — Das iſt doch ſeltſam! ſagte er, als er den Bericht ſeiner Gefährten angehört hatte. Einer will den Andern morden, und wie wir dieſem zu Hülfe kommen, läuft er ſammt dem Mörder davon und ſchlägt denſelben Weg mit ihm ein! Das geht nicht mit rechten Dingen zu! — Es müſſen juſt zwei geweſen ſein, die ihre Sache ganz allein unter ſich ausfechten wollten, wie's die Ritter A zu thun pflegen, meinte ein Anderer. D'rum ſind ſie mit⸗ ſammen vor uns davongelaufen. Sicherlich aber hat Einer den Andern von der Brücke hinabgeſtürzt. — Wollen doch noch mal verſuchen, dem Dinge auf den Grund zu kommen, nahm der Vorige wieder das Wort. Er trat an das abſchüſſige, hin und wieder mit Dorn⸗ geſträuch beſetzte Flußufer und ließ an mehreren Stellen den Schein ſeiner Leuchte über das Waſſer hinſtreifen. — Da liegt er! riefen nach einer Weile die beiden andern Stadtſöldner zugleich, als ihr Führer ſich mit der Leuchte der Brücke näherte. Es iſt ein Mönch! In der That entdeckte man an einem Brückenpfahl ein Mönchsgewand, welches von einer unmittelbar über dem Waſſer befindlichen Kramme feſtgehalten ward, während ſein Untertheil im Fluſſe trieb. Es war das graue Ordens⸗ kleid der Franziskaner, von ſeinem Beſitzer jedoch keine Spur. — Ein Prieſtermord alſo! ſprachen die Stadtſöldner unter einander. Den werden die beiden Städte wieder mit dem Interdikt büßen müſſen, wenn's ruchbar wird, wie vor Zeiten die Ermordung des Bernauiſchen Propſtes! — Dem iſt nicht ſo, ſagte der Führer, denn den bei— den Städten ward ſpäter die päpſtliche Zuſicherung ertheilt, daß hinfort für die Verbrechen Einzelner gegen die Kirche oder deren Diener die Geſammtheit nicht mehr büßen ſolle, wenn anders der Verbrecher dem geiſtlichen Gerichte nicht verweigert wird. Das Schlimme bei der Sache iſt nun freilich, daß Niemand weiß, wer dieſen Mord begangen hat. — Nun, wir haben gethan, was unſere Schuldigkeit war, ſagte der Dritte. Aber ſeltſam bleibt's doch, daß der Mönch gleichfalls davonlief. — Er war's vielleicht, der den Andern unter hatte, als wir dazu kamen, meinte der Erſte wieder. Oder er hielt uns für Kumpane ſeines Gegners. Wie es aber nur ge⸗ kommen ſein mag, daß er im Waſſer ſein Kleid verloren? 17* 260 — Gewiß hatte er ſich deſſen entledigt, um ſich leichter herausarbeiten zu können, bemerkte der Vorige. Aber wäh⸗ rend dieſes am Brückenpfeiler ſitzen blieb, riß ihn die Strö⸗ mung mit ſich fort. — In Spandow werden ſie ihn ſchon auffiſchen, ver⸗ ſetzte der Führer. Da wir hier aber doch nichts weiter an den Tag bringen können, ſo iſt's am beſten, wenn wir uns alſobald auf den Rückweg machen. Mag der hochwuͤrdige Convent dann zuſehen, wie er den verruchten Mörder des geiſtlichen Bruders auswittert. Uns bleibt nur übrig, das gerettete Ordenskleid unſerer Obrigkeit abzuliefern. Kommt! Einer von der Schaarwacht nahm das triefende Mönchs⸗ gewand über den Arm; dann ging's nach dem Rathhauſe. — Wunderbare und erſchreckliche Dinge haben ſich in dieſen Tagen zugetragen, wie man deren kaum in den Zei⸗ ten gewöhnt geweſen, wo die Quitzows und die andern Her⸗ ren von Adel die Seckel der beiden Städte brandſchatzten! ſo ſprachen die Stadtſöldner unterwegs miteinander. Und die Geſchichte mit dem vormaligen Syndikus! Wer hätte dem Reinhold je dergleichen zugetraut? — Ob er denn wirklich ſchuldig iſt? — Gegiß iſt er's; ſtimmen doch alle Beweiſe überein, daß gar kein Zweifel wehr ſein kann! War früher ein ſo wackerer junger Mann, wie nur irgend Einer, und muß ſich ſo vom Gottſeibeiuns verblenden laſſen! Aber das lei⸗ dige Geld— was thut das nicht Alles! — Morgen in der Frühe ſoll ihm das Urtheil geſpro⸗ chen werden und danach alſogleich die Hinrichtung ſtattfinden. — Es iſt aber doch zu merken, daß er früher mit im Rathe geſeſſen, da man mit ihm ſo viele Ausnahmen macht. — Ja, es iſt wahr, die Hinrichtung ſoll nicht auf gewöhnlichem Richtplatze, ſondern im Gefängniß, aber vor Zeugen, vor ſich gehen, wie man hört. Wenn ſie's nur mit allen Verurtheilten ſo machen wolltent!, Mir wenigſtens ————* 261 Vr TTr will's nicht gefallen, daß bei dergleichen immer ein Aufzug gemacht wird, als ſei's eine große Feierlichkeit oder ein gro⸗ ßes Feſt! Um der leidigen Neugier willen ſtrömt da das Volk zuſammen; ein Beiſpiel aber nimmt ſich Keiner d'ran. Hat man doch gar erlebt, daß Etliche ein Verbrechen be⸗ gangen haben, nur um ihrer Eitelkeit zu fröhnen! Sie fan⸗ den Gefallen daran, in feierlichem Aufzuge durch die Gaſſen geführt zu werden, unter Glockenklang und dem Sterbegeſang der Mönche, und dann vor der verſammelten Menge oben auf dem Blutgerüſt zu ſtehen, angethan mit dem weißen Ar⸗ menſünderkleide, das mit langen ſchwarzen Schleifen geziert iſt! Mir iſt's ganz recht, daß ſie's in der Stille, aber in Gegenwart von Zeugen abmachen wollen mit dem Reinhold! — Daß ſie's mit dem Reinhold ſo halten wollen, ge⸗ ſchieht nur, weil ſie Unruhen befürchten, wenn ſie ihn auf öffentlichem Platze vor allem Volk den Kopf abſchlagen laſ⸗ ſen; denn es giebt doch noch Viele, die da meinen, daß er unſchuldig ſei und daß der Rath Alles nur ſo gedreht hätte, um ſich ſeiner zu entledigen, der den Patriziern ſchon längſt ein Dorn im Auge war. Darum haben die hochedlen Her⸗ ren auch beſchloſſen, zu dem morgenden Gerichte über den Reinhold viele angeſehene Bürger aus den Gewerken vor⸗ zuladen, damit dieſe ſich überzeugen ſollen, daß Alles ſeine Richtigkeit hat. Der Rath will zeigen, daß er Gerechtigkeit übt ohne Anſehen der Perſon! Es thut auch Noth zu dieſer Zeit, daß die Machthaber in den beiden Städten den Bürgern darthun, daß ſie auf rechtem Wege wandeln. In den letzten Wochen, ſeit der Reinhold gefangen ſitzt, iſt's mir ganz unheimlich vorgekom⸗ men unter den Leuten. In den Wein- und Bierhäuſern geht's gar nicht mehr her wie ſonſt, wo ſie weidlich auf den Landesherrn ſchmähten und das Joch der Patrizier laut ver⸗ wünſchten, wenn ſie glaubten, daß Niemand da ſei, der es den Herren hinterbringe. Sie ſteckten jetzt entweder die Köpfe AVAN zuſammen und tuſcheln heimlich mit einander; oder ſie ſitzen ernſt und ſchweigſam da und hören ſtill zu, wenn hin und wieder ein Hitzkopf ſich über dieſen oder jenen Vorgang im Regimente der Stadt ereifert. Und gerade dieſer ſchwei⸗ gende Ernſt ſcheint mir eine ſchlimme Vorbedeutung. Wenn die Leute ihren Unmuth in Worten austoben, ſo kommt's zu keiner ordentlichen That, weil der Drang zu ſolcher mit dem Worte verfliegt; wenn Sie aber ihre Gedanken ſtill in ſich verſchließen, dann bricht ſich's endlich auf andere Weiſe Bahn, und ſolcher Ausbruch verhaltenen Grolles iſt immer gewaltiger Natur. Wie geſagt, mir kommt's ſo unheimlich und ſchwül vor, als ob von ferne ein Unwetter daher brauſete! — Und auch die, ſo ſonſt am meiſten gegen den Kur⸗ fürſten geeifert, weil ſie meinten, daß er der Städte Rechte und Freiheiten antaſten wolle, ſie hört man jetzt anders re⸗ den. Wozu dienen uns all die Rechte und Freiheiten— ſo ſprechen ſie— da ſie doch nur den Patriziern zu Gute kom⸗ men? Die Patrizier allein ſind's, die von Allem den Vor⸗ theil ziehen, während unſer Seckel die Koſten zahlen muß! Wer weiß es denn, ob der Kurfürſt wirklich darauf ſinnt, uns zu ſchmälern; denn ſind es nicht eben die Patrizier, die uns allen Argwohn eingeflößt und uns zu allermeiſt gegen den Landesherrn aufgehetzt haben? Und was giebt denn dieſen Leuten das Recht, allein über uns herrſchen zu wollen— ſind ſie denn mehr, als wir? Sie waren nur ſchlau und häuften durch gewinnbringenden Handel ohne große Mühe Reichthümer an, während wir in unſeren Werk⸗ ſtätten weidlich uns quälten! Saßen doch unſere Voreltern auch im Rath, bevor es etlichen Handelsgeſchlechtern gelang, den Gewerken auf liſtige Weiſe die Gewalt aus den Hän⸗ den zu winden! Und ſollen wir doch einmal beherrſcht wer⸗ den, ſo iſt's immer beſſer, es geſchieht durch Einen, der als Fürſt und Landesherr dazu berufen iſt, als durch Leute, die ſich ſtolz über uns erheben wollen, ob ſie gleich nicht mehr 263 RRRNNNNRS ſind, als wir! Zudem iſt Herr Friedrich voll echten ritter⸗ lichen Sinnes und von hoher Gerechtigkeit; vor ihm gilt der Knecht dem Erſten im Lande gleich, wenn es ſich um's Recht handelt; auch ſind wir ihm und ſeinem Vater vielen Dank ſchuldig, daß er uns die Stellmeiſer und alles andere Raub⸗ geſindel vom Halſe geſchafft! So ſprechen die Leute jetzt, wenn von dergleichen Dingen die Rede iſt. Da ſieht man deutlich, daß die Patrizier nur wenig Anhänger haben. — Auch Mancher, der es mit den Patriziern und dem Rathe gehalten hat, weil er glaubte, daß dieſe es dennoch mit den beiden Städten wohl meinen, ſchüttelt jetzt bedenk⸗ lich den Kopf, da es heißt, daß Herr Stroband, der Stadt— hauptmann, ſein Amt niederlegen und ganz ausſcheiden will aus dem Rathe. Daß es ſeines vorgerückten Alters wegen geſchieht, glaubt Niemand, denn Herr Stroband iſt heute noch ſo rüſtig, wie er es vor Monden war, und ihm liegt die Wohlfahrt der beiden Städte zu ſehr am Herzen, als daß er in ſo ruhigen Zeiten ihnen ſeinen Arm entziehen ſollte, ſelbſt wenn ihm der Dienſt beſchwerlich wäre. Alle wiſſen aber, daß der Stadthauptmann ein gerechter Mann iſt, der nie Fünfe gerade ſein läßt und ſich nie zu etwas Unrechtem herbeiläßt; darum meinen denn Viele jetzt, daß wohl nicht Alles ganz richtig ſein mag im Rathe und daß Stroband es nur verſchweigt, um ſeine Partei nicht bloßzu⸗ ſtellen, der er in der Ueberzeugung angehört, daß das Wohl oder Wehe der beiden Städte die Begütertſten am meiſten betrifft, und dieſe daher ſchon um ihrer ſelbſt willen das beſte Regiment führen werden. Man munkelt gar Vielerlei über die Urſachen ſeines Austritts— doch was kümmert's uns; wir ſtehen im Dienſte des hochedlen Rathes und ha⸗ ben nicht uͤber ihn zu richten! — Aber unſer Sold fließt aus den Seckeln der Bür⸗ ger; das duͤrfen wir nicht vergeſſen! Wenn ſich das Blatt einmal wendet, ſo ſind's die Patrizier ſicherlich nicht, die uns vor dem Hungertode bewahren. Jetzt freilich müſſen wir unſere Schuldigkeit thun und des Rathes Befehle vollziehen; doch wenn es die Bürgerſchaft einmüthig mit dem Landes⸗ herrn hält, ſo ſind wir des Kurfürſten Unterthanen wie jeder Andere!— So denke ich und ich weiß, daß Ihr und noch Mancher unter uns dieſe Meinung theilt! Unter ſolchen und ähnlichen leiſen Geſprächen langten die Stadtſöldner in ihrer Wachtſtube auf dem Rathhauſe an, wo ſie dem wachthabenden Rottmeiſter ihr Abenteuer berichteten und ihm das aus dem Waſſer gezogene Mönchs⸗ gewand übergaben, damit er die nöthige Meldung darüber mache. Nachdem dieſer ihre Erzählung angehört, rückte er einen Seſſel vor die Flamme des Kamins und breitete das Ordeskleid darüber aus, um es morgen früh ſeinen Vor⸗ geſetzten in trockenem Zuſtande zu weiterer Unterſuchung ab⸗ liefern zu können. Damit noch beſchäftigt, ſchien plötzlich etwas an dem Gewande ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Lebhaft zog er es der Flamme näher. — Ich irre nicht, ſagte er; dies Gewand trug der jüngere der beiden Franziskaner⸗Mönche, von denen Rein⸗ holds Schweſter begleitet ward, als ſie am heutigen Abend den Gefangenen beſuchte. Unzweifelhaft erkenne ich's wie⸗ der an dem verlängernden Streifen, welchen man der Ka⸗ puze angeſetzt hat und der von hellerer Farbe, als der ur⸗ ſprüngliche Stoff iſt. Dieſe ungewöhnliche Abweichung aber gewahrte ich, als ich den Dreien bei ihrem Weggehen in der erleuchteten Treppenhalle begegnete. Nun, die Entdek⸗ kung wird ſicherlich dazu dienen, das Dunkle in dieſer Be⸗ gebenheit bald aufzuklären. * S —— Colour& Grey Sorttrol Chart 220 Cyan Green Vellow Hed Magenta