-⸗—------- 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 1. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme —. de —--—.——.— „ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 1 „— 2 —,. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ottokar ward daher ſogleich eingelaſſen. Der Kurfürſt empfing ihn in ſeinem Gemach. — Seid mir willkommen, Herr Syndikus! rief er ihm freundlich entgegen. Da man mir meldet, daß Ihr mein Gefangener ſeid, ſo gedenke ich Euch ſo bald nicht wieder freizugeben; doch verſpreche ich Euch ritterliche Haft! — Ihr ſeid ſtets freundlich gegen mich geſinnt, mein gnädiger Fürſt, ſprach Ottokar nach ehrfurchtsvoller Ver⸗ beugung; doch daß Ihr's auch zu dieſer Stunde ſeid, erfüllt mich mit um ſo freudigerem Muthe, je mehr ich einen üblen Empfang befürchten mußte. — Nun, ich bin froh, Euch lebend und geſund zu ſehen! nahm der Kurfürſt wieder das Wort. Wohl habt Ihr mir viel unruhige Stunden gemacht, denn herzlich leid hätt's mir um Euch gethan, wenn Ihr ein Opfer unſerer Feinde wur⸗ det; und obgleich aus Eurem Tode unſerer guten Sache Er⸗ ſprießliches erwachſen konnte, ſo wiederhole ich's doch aus aufrichtigem Herzen: ich bin wahrlich froh, daß es ſo iſt 4* 4 AAANARRRTDSDN ‿ und nicht anders! Aber nun ſagt mir, wie kommt Ihr hier⸗ her? Verſtehe ich die Meldung meines wackeren Kammer⸗ meiſters recht, ſo ſeid Ihr hier, um für die Treue der bei⸗ den Städte mir Bürge zu ſein; ſprecht, iſt dem ſo— und was gab Euch dazu Veranlaſſung? — Ich bin gekommen, Euch, mein gnädiger Fürſt, zu bitten, daß Ihr den beiden Städten nicht entgelten laßt, was ſte, bewogen durch ein ſeltſam Mißverſtändniß, anſcheinend Unrechtes gegen Euch gethan. Und daß, ſobald dies Miß⸗ verſtändniß aufgeklärt iſt, jedweder feindſelige Schritt von ihrer Seite unterlaſſen und widerrufen wird, dafür bin ich mit meinem Leben zu bürgen gern bereit. — Ich verſtehe nicht, wie Ihr das meint, Herr Syn⸗ dikus, gab Friedrich zur Antwort. Welch Mißverſtändniß waltet hier denn ob— und was iſt drüben in den beiden Städten geſchehen? — Eure Fragen, durchlauchtigſter Herr, beſtätigen das, was ich ſoeben ſagte, erwiederte Ottokar, und geben in mir der frohen Hoffnung Raum, daß ſich alles zum Guten wen⸗ den werde. Die beiden Städte glaubten ſich von Euch be⸗ droht; Ihr wolltet, hieß es, mit Gewalt der Waffen Euch ihrer bemächtigen und ihre wohlerworbenen Freiheiten un Rechte vernichten. Die Kunde, daß ein großer Haufe Erx Reiſigen, mehr denn Tauſend an der Zahl, in der Jungfe haide verborgen liege, gaben dieſem Wahne den Anlaß. — Wie, iſt's ſo weit gekommen, daß man uns d Stellmeiſern gleich achtet, denen mein in Gott ruhender V ter zum Wohl der Städte den Garaus machte? rief Fri drich mehr gekränkt als zornig aus. Und gerade, um d Freiheit der Bürger zu ſchützen und aufzurichten, ließ i meine wackeren Reiſigen dorthin aufbrechen! Ihr werdet die ja ſelber wiſſen, Herr Syndikus! — Der Ritter Waldenfels verſicherte mich deſſen, ent⸗ gegnete Ottokar; und wenn ich gleich dem Worte des edlen 8 8 ——— 8 8 4 ANNNN Ritters glaubte, ſo iſt's mir dennoch lieb und macht mir große Freude, es von Euch ſelbſt, mein gnädigſter Kurfürſt, beſtätigen zu hören. — Berichtet mir doch, was ſeit geſtern ſich zugetragen hat, gebot der Kurfürſt; ich ſehe noch nicht klar in dieſer Sache. Ich brauche Euch wohl nicht erſt zu erſuchen, daß Ihr der ſtrengſten Wahrheit Euch befleißigen mögt. — Von geſtern Abend kann ich nichts melden, denn ich verließ die Städte nach kurzem Aufenthalte ſchon um Mittag, begann Ottokar. Am heutigen Morgen erſt gelangte nach Britz die Kunde, daß Unruhen entſtanden ſeien wegen des Verbots der Kalande— ob gegen Euch, mein Fürſt, ob gegen den Rath, das konnte man uns nicht ſagen. Herr Boytin und ich, wir machten uns ſogleich auf, weil unſere Gegenwart vonnöthen ſein konnte. Während Boytin ſchon vor der Stadt vom Pferde ſtieg und zu Fuß unerkannt nach ſeinem Hauſe eilte, begab ich mich nach dem gemeinſamen Rathhauſe, vor dem ich eine Menge Volks verſammelt fand. die ziemlich ruhig ſich verhielt. Kaum aber hatte ich an der Berathung Theil genommen, als die Schreckenskunde erſcholl, daß Eure Reiſigen in vollem Anzuge ſeien. Jetzt riefen die Sturmglocken zur Vertheidigung auf, die Bürger eilten zu den Waffen und beſetzten Thore und Wälle, während andere Nachrichten die drohende Gefahr beſtätigten. Es ward auch nach der Hülfe der Hanſa ausgeſchickt. Da aber bis zum Einbruch des Abends kein feindlicher Angriff auf unſere Mauern erfolgte, ſo ſandte man mich aus, wo möglich die Abſicht der Reiſigen zu erforſchen. Schon die ungemeine Sorgloſigkeit, die ich in ihrem Lager wahrnahm, drängte mir die Vermuthung eines Irrthums auf, und die Gewiß⸗ heit eines ſolchen gaben mir die Verſicherungen des Ritters, der die Reiſigen befehllgt. Doch da er glaubte, ich wäre heimlich abgeſandt vom Rathe, die von den Bürgern ver⸗ langte Hülfe zu hintertreiben, ſo blieb ich ihm als Geißel zurück, während er einen ſeiner Unterhauptleute nach den Städten ſchickte, gleichfalls als Bürgen, daß nichts Feind⸗ ſeliges im Werke ſei. Ich aber bat mir die Erlaubniß aus, hierher eilen zu dürfen, um Euch, mein gnädiger Fürſt, die Bitte an das Herz zu legen, Ihr wollet ob des Geſchehe⸗ nen nicht mit den Bürgern rechten. Finſter umwölkte ſich Friedrichs Blick bei dieſer Erzäh⸗ lung. — Zwar ſind wir Fürſten ſchon gewohnt, unſere edel⸗ ſten und uneigennützigſten Beſtrebungen verkannt zu ſehen von den Leuten, denen ſie gelten, nahm er nach kurzem Schweigen das Wort; doch ſo arges Mißtrauen hätte ich nimmermehr erwartet. Hält man mich nicht dem ſchlimm— ſten Räuber gleich? Alſo nicht einmal in der Nähe der Städte darf ich meine Mannen verweilen laſſen, ohne daß man fremde bewaffnete Hülfe anruft gegen den Landesherrn, dem man den Eid der Treue geſchworen! Das ſoll anders werden, ich ſchwör's bei Gott! Hat mein ſeliger Vater den rebelliſchen Raubadel gezüchtigt und ſeine Widerſpenſtigkeit gebrochen, ſo will ich ein Gleiches mit den Bürgern thun und ihnen den ſtrengen Herrſcher zeigen, da ſie den gütigen Vater mit der Fauſt in's Geſicht ſchlagen! Bin ich nur erſt mit den Mecklenburgern und Pommern fertig, dann ſoll auch deine Zeit gekommen ſein, du übermüthige eidbrüchige Dop⸗ pelſtadt, die allein mir Trotz zu bieten wagt in den Marken! Herr Syndikus, Ihr ſeid für heut entlaſſen; wir werden morgen ein Weiteres über die Sache ſprechen. — So gerecht auch Euer Zorn iſt, gnädigſter Fürſt— ich wage dennoch den Verſuch, ihn zu entwaffnen, ſprach Ottokar. Geſtattet mir nur— — Heute nichts mehr davon! unterbrach ihn Friedrich in beſtimmtem, doch nicht gerade unfreundlichem Tone. Wir Fürſten ſind eben auch Menſchen, und wenn wir das Rich⸗ teramt im Zorne üben, ſo kann's wohl hin und wieder ge⸗ ſchehen, daß wir uns rächen, wo wir nur ſtrafen wollten. Und das ſei fern! Dr'um, was Ihr mir auch noch zu ſa⸗ gen habt: laßt es bis morgen; ich werde Euch dann ruhi⸗ ger anhören und das Geſagte prüfen können! — Wahrlich, mein Fürſt, dies Wort iſt Eurer werth! O, möchten's nur Alle, denen von Gott eine gleich hohe Stellung in der Welt verliehen ward, es ſo wie Ihr beher⸗ zigen; es würde dann um Vieles beſſer mit den Völkern! Er grüßte den Fürſten durch ehrerbietige Verbeugung und verließ das Gemach. Draußen harrte ſeiner ein Page, der ihn in ein wohnliches Zimmer führte, wo ein mit Wild⸗ pret und Geflügel gut beſetzter Tiſch ſeiner harrte. Lächelnd gewahrte er ſein Schwert, das in einer Ecke des Gemachs ſtand. Den Pagen, der hinter ſeinem Stuhle Platz nahm, um ihn beim Eſſen zu bedienen, ſchickte er wieder hinweg und ließ nun ſeinen Diener Peter rufen. — Du ſollſt mir helfen, der Gaſtfreundſchaft des Kur⸗ fürſten die gebührende Ehre zu erweiſen, mein Burſche, ſagte er zu dieſem, indem er auf den Tiſch deutete. Komm, ſetze Dich zu mir; der weite Ritt wird Deinen Magen empfäng⸗ lich gemacht haben für dieſe Speiſen. — J nun, das kann ich gerade nicht leugnen, erwie⸗ derte Peter, und die Sächelchen ſind's ſchon werth, daß man ſich ihrer annimmt. Von dem, was Ihr mir übrig laßt, ſoll auch nicht ein einziger Biſſen umkommen. — So war's nicht gemeint, entgegnete Ottokar. Du ſollſt mit mir eſſen, nicht nach mir. Wir ſind ja Beide hier Gefangene, wie Du weißt, und müſſen jedes Ungemach gemeinſam tragen. — Wenn's in Pommern und Mecklenburg bekannt wird, wie der Kurfürſt ſeine Gefangenen behandelt, ſo möchte ich faſt wetten, daß das ganze feindliche Kriegsvolk alsbald die Waffen ſtreckt, verſetzte Peter, der ſich nicht lange mehr nö⸗ AAAAA thigen ließ, der Einladung ſeines Herrn Folge zu leiſten. Werden wir lange hierbleiben, Herr Syndikus? — Hoffentlich nicht, erwiederte Ottokar. Wenn alles gut geht, ſind wir vielleicht ſchon morgen Mittag wieder in den beiden Städten. — Das wäre wirklich ſchade! meinte Peter. Ich hätte gern das Mittagseſſen abgewartet, das doch jedenfalls dem Abendimbiß entſprechen würde. — Liebſt Du ſo ſehr die Freuden einer leckern Tafel? fragte Ottokar. Ich dachte, daß Dir die Nähe Deines Mäd⸗ ches lieber wäre. — So iſt es auch, Herr Syndikus. Aber Ihr mögt bedenken, daß Britz auch eben nicht in der Nachbarſchaft der Grünſtraße liegt. Sehen und ſprechen kann ich die Lieſel demnach ſo wie ſo nicht; wir können uns in unſeren Muße⸗ ſtunden nur in Gedanken einander nähern, und dabei kommt's auf eine Strecke Weges mehr oder weniger nicht viel an. — Wir ziehen wieder in die Stadt, ſobald ich nach Britz zurückgekehrt bin, ſagte Ottokar. Du brauchſt nicht erſt wieder mit hinaus, und kannſt nachholen, was Du am heutigen Tage bei Deiner Braut verſäumen mußteſt. — Ja, das iſt freilich etwas Anderes, entgegnete Peter. Dann frage ich viel nach dem morgenden Mittagseſſen und möchte lieber noch in dieſer Nacht fort. — Das ſteht Dir frei, ſprach Ottokar; denn ich glaube nicht, daß man Dich hindern wird, dieſe Stadt zu verlaſ⸗ ſen, wenn ich bleibe. Zudem kann ich länger hier aufge⸗ halten werden, als ich denke. — Auf hohes Löſegeld für mich darf der Kurfürſt frei⸗ lich nicht hoffen, deshalb würde man mich ſchon gehen laſſen. Aber ich ziehe es doch vor, bei Euch zu bleiben; habt Ihr Euch erſt meines Dienſtes entwöhnt, ſo könnte es leicht ge⸗ ſchehen, Ihr fändet Einen, der Euch beſſer gefällt. Nein, nein, ich will mich ſolcher Gefahr nicht ausſetzen. — Und dennoch mußt Du Dich eheſtens nach einem andern Dienſt umſehen, mein guter Burſche, ſagte Ottokar. Es hat ſich geſtern und heute viel geändert; ich werde Dich nicht lange mehr behalten können. Peter ließ bei dieſen Worten die Gabel fallen und ſah ſeinen Herrn groß an. — Ihr ſeid heute Abend ſehr zum Scherzen aufgelegt, Herr Syndikus! meinte er endlich. — Ich ſcherze nicht, mein Freund, gab Ottokar zur Antwort. Nicht etwa laſſe ich Dich gehen, weil ich unzu⸗ frieden mit Dir wäre, fügte er hinzu; im Gegentheil, ich liebe Dich ob Deiner treuen Anhänglichkeit, und wünſchte wohl, Dich mir als Freund zu erhalten— ſondern weil ich ferner Deine Dienſte nicht mehr werde belohnen können. Mit einem Worte, weil ich binnen zwei Wochen ärmer als Du ſein werde. Doch vielleicht gelingt mir's, Dich bei Herrn Boytin unterzubringen.. — Das kann nicht Euer Ernſt ſein, Herr Syndikus! rief Peter, der bei Ottokars Worten Eſſen und Trinken ver⸗ geſſen. Ihr habt ein feſtes Amt, das Euch ein gutes Ein— kommen gewährt und ſeid ohnehin reich an Geld und Gut. — Reichthum und Aemter gehören zu den irdiſchen Glücksgütern, die vergänglich ſind. Das Hab und Gut, das Du das meine nennſt, gehört mir ſchon nicht mehr, und das Amt, ſo ich bekleide, wird man mir gewißlich abnehmen. — Mit Verlaub, Herr Syndikus, das Alles begreife ich nicht, und was ich nicht begreifen kann, das glaube ich nicht! verſetzte Peter kopfſchüttelnd. — Du wirſt's wohl glauben müſſen, wenn's ſo weit i*ſt, ſprach Ottokar. Doch höre mich, Peter. Ich ſage Dir's darum, damit Du in der Zwiſchenzeit Dir einen anderen Dienſt ſuchen kannſt. Doch mußt Du mir verſprechen, dies bis zu ſeiner Zeit als ein Geheimniß zu bewahren, ins⸗ beſondere aber gegen meine Schweſter Lisbeth davon zu AAAAAAANANRNRNRNRRRdu ſchweigen. Es ſind nicht gerade ſchlechte Gründe, die mich zu dieſer Bitte bewegen. — Iſt's denn alſo wirklich wahr, lieber Herr? fragte Peter, dem bereits das Waſſer in die Augen trat. Und kann Euch denn nicht noch geholfen werden? Ihr habt ja der Freunde ſo viel in den beiden Städten, da Ihr Euch Jedem ſtets gefällig erwieſen; ſie werden Euch ſicher nicht im Stiche laſſen, wenn Ihr ihre Hülfe anruft. — Kennſt Du nicht das leider wahre Sprüchlein: Der Freunde in der Noth gehen viele auf ein Loth—? gab Ottokar zur Antwort. Doch hat ſich einer von ihnen ſchon großmüthig zur Hülfe erboten, und ich habe ſie angenom⸗ men, nicht für mich, aber für meine Schweſter Lisbeth, die vom Unglück härter betroffen wird, als ich. Meinſt Du, ich könne vom Gnadenbrote anderer Leute leben, wenn ſie's auch gern und bereitwillig mir ſpenden? O nein, mein Freund, das Elend hat auch ſeinen Stolz! — Ihr aber braucht Euch ja nichts ſchenken zu laſſen! warf Peter ein. Wenn Euch ein Schurke Eure Güter ſtiehlt und die Dickbäuche beim Rath Euch das Amt entziehen, weil Ihr ihrem unlautern Streben im Wege ſeid— wohlan, die Welt iſt größer und weiter, als der Umfang der beiden Städte! Verſucht wo anders Euer Glück; hier in Span⸗ dow zum Beiſpiel! ich bin gewiß, daß der Kurfurſt mit bei⸗ den Händen zugreift, wenn Ihr ihm Eure Dienſte anbietet. — Ich will nicht, daß Du meinetwegen von den Leu⸗ ten Schlimmes denken ſollſt, verſetzte Ottokar, und daher magſt Du wiſſen, daß ich nur Verwalter, nicht Eigenthü⸗ mer der Güter war, die man bisher mein nannte, und daß der rechtmäßiger Beſitzer kommen wird, um ſie aus meiner Hand zurückzunehmen. Was das Amt betrifft, ſo iſt es wider Brauch und Herkommen, daß ich's ferner noch bekleide. Dies mag Dir auch genügen, um einzuſehen, daß ich daran nichts mehr zu ändern vermag. Deinen Vorſchlag aber an⸗ 11 ,;Bò langend, ſo iſt es allerdings mein Wille, mein Glück, wie Du es nennſt, anderswo zu verſuchen; nur hier in Span⸗ dow nicht; der Kufkfürſt würde, ſo leid es ihm auch thäte, doch mein Geſuch zurückweiſen müſſen, aus Gründen, die auch Du ſpäter anerkennen wirſt.. — So nehmt mich mit, wohin Ihr geht! bat Peter. Ich habe Euch wahrlich ſo lieb, als wenn Ihr mein Bru⸗ der wäret, und obwohl wir erſt ſo kurze Zeit beiſammen ſind, ſo würde mir doch unſere Trennung großes Herzeleid verurſachen. Was kommt's darauf an, ob ich die Lieſel etliche Monden früher oder ſpäter heirathe; wir haben ſo lange warten müſſen und können's auch noch ferner. Wenn Ihr Euch dann emporgeſchwungen habt, was Euch nicht fehlen kann, ſo mag der alte Trennert ſeine Wirthſchaft verkaufen und zu mir und ſeiner Tochter ziehen; das geht alles! — Wir wollen ſehen! ſprach Ottokar gerührt. Doch möchte ich gern, daß Du für alle Fälle einen neuen Dienſt erhältſt, denn gar ungewiß iſt, ob Deine Prophezeihung wegen meiner Zukunft ſo ſchnell und ob ſie überhaupt in Erfüllung geht. Es würde mir wahrlich großen Kummer machen, wenn Deine ſeltene Treue gegen mich Deinem wohl⸗ verdienten Glücke im Wege ſtände; es möchte gar leicht kom⸗ men, daß Du nie Deine Lieſel zur Frau nehmen könnteſt. Bedenke das wohl, mein Freund! Peter ſaß eine Weile ſtill und in ſich gekehrt da. — Erinnert Ihr Euch noch der Geſchichte von der Teufelserſcheinung in der Brüderſtraße, die uns gegen Abend die Bürgerfrau am Spandower⸗Thor erzählte? fragte er dann plötzlich, etwas ſcheu zu Ottokar hinüberblickend. — Allerdings erinnere ich mich dieſer Erzählung, er⸗ wiederte Ottokar verwundert; aber wie kommſt Du jetzt zu dieſer Frage? — Glaubtet Ihr daran? fragte Peter weiter. * A — Aus meinen Reden war wohl deutlich zu entneh⸗ men, daß ich gar ſehr daran zweifelte, verſetzte Ottokar. Doch ſage mir, was haſt Du jetzt mit dieſem Geſchwätz zu ſchaffen? — Es iſt die Sache nicht ſo ganz erdichtet, entgegnete Peter; ſie betrifft Euch näher, als Ihr denkt. — Sollte der Schrecken ob des Dir eben von mir Mit⸗ getheilten in Deinem Kopfe ſpuken? ſprach Ottokar lächelnd. Was ſollte ich denn mit der Geſchichte zu ſchaffen haben, wenn wirklich etwas Wahres daran wäre— ſprich! — Und wollt Ihr mir nicht übel nehmen, lieber Herr, was ich Euch ſage? fragte Peter weiter. — So ſprich doch nur! drängte Ottokar. Hoffentlich wirſt Du mich nicht ſelbſt für den Böſen halten, und für alles Andere ſichere ich Dir im Voraus meine Verzeihungg zu. — Ihr ſagtet mir vorhin, Herr Syndikus, daß Ihr nur Eures Eigenthums Verwalter wäret und daß in kurzer Zeit der eigentliche Eigenthümer kommen würde, um es von Euch zurückzufordern. War's nicht ſo? — Nun freilich ſagte ich ſo, wie ſich's auch in der That verhält! verſetzte Ottokar.— — So weiß ich alles, lieber Herr; Ihr braucht mir ferner nichts mehr zu verſchweigen, ſagte Peter mit trauriger Miene. Doch giebt es noch ein Mittel, Euch zu helfen, wenn Ihr es nur befolgen wollt. Den Teufel zu betrügen iſt ja keine Sünde! — Wenn Du denn alles weißt, mein Freund— ob⸗ wohl ich dies nicht recht begreife— ſo wird Dir doch auch wohl bekannt ſein, daß ich, um den Schlag von mir abzu⸗ wenden, nicht den Teufel, ſondern meine Mitmenſchen be⸗ trügen müßte! gab Ottokar in ernſtem Tone zur Antwort. Doch ſprich Dich deutlich aus. — Wenn Ihr's denn durchaus wiſſen wollt, ſo ſoll's geſchehen, ſprach Peter. Ich glaub's Euch übrigens gern, * — 4 ; daß Ihr nicht dafür könnt! Wohl oft ſchon habe ich da⸗ von erzählen hören, daß manche Leute ſich für irdiſche Glücks⸗ güter dem Teufel verſchreiben, und daß dieſe Glücksgüter, die vielmehr Höllengüter ſind, ſich auf Kind und Kindes⸗ kind vererben, bis endlich die Zeit des Paktes abgelaufen iſt, und wen's dann gerade trifft, der muß dafür hinab. Ich habe in Böhmen, als ich noch ein Knabe war, eine ähnliche Geſchichte ſelbſt erlebt. Mir kam's ſchon vorhin ſeltſam vor, als Ihr mir ſagtet, daß Ihr nur Verwalter Eurer Güter wäret, die, ſowie alle Welt, auch Ihr zum Oefteren vor meinen Ohren Euer Eigenthum genannt; doch dachte ich mir weiter nichts dabei, bis plötzlich mir die Er⸗ ſcheinung einfiel, die ich heute in der Frühe des Morgens gehabt, und die mit dem, was uns die Bürgerfrau erzählte, in nahem Zuſammenhange ſteht. Es meldete ſich nämlich Einer— der Leibhaftige wird's wohl ſelbſt geweſen ſein— „vor Eurem Hauſe und übergab mir etwas für Euch. Zwar graute mir vor ihm, als ich aber ſah, daß er der Mah⸗ nung der Betglocke willig folgte, ſo nahm ich's an; doch iſt der Teufel voller Lug und Trug, wenn's gilt, eine arme Seele zu erhaſchen, und hat wohl nur gethan, als ob er bete, um mich zu täuſchen. Mir konnte übrigens das Ding nichts anhaben, denn ich beſprengte es alsbald mit geweih⸗ tem Waſſer; Euch aber, lieber Herr, Euch wird es ſchaden, denn ſicherlich iſt es der abgelaufene Pakt, den Euch der Böſe ſchlau überſendet, und wenn Ihr ihn annehmet, ſo ſeid Ihr ein Kind des Todes. Ihr werdet's mir glauben, denn aus Euren Worten muß ich ſchließen, daß Ihr ſehr gut wißt, wie dieſer Höllenpakt bald abgelaufen iſt. Gott will nicht Euren Untergang, darum wußte er es zu verhindern, daß ich Euch nicht früher davon ſagte und das Empfangene Euch übergab! Mein Rath iſt nun, Ihr rührt das Ding nicht an, entſaget Euch, bevor die Zeit um iſt, des aus ſol⸗ chem ſündhaften Vertrag herrührenden Eigenthums und über⸗ AAR macht es der Kirche. So ſeid Ihr am beſtimmten Tage nicht mehr im Beſitz deſſelben und die Zurückgabe des Pak⸗ tes an Euch iſt nicht erfolgt; ſo kann Euch der Böſe nichts anhaben und Ihr behaltet wenigſtens Euer Amt. Glaubt mir, Herr Syndikus, das iſt das einzige Mittel, das Euch retten kann; denn nicht blos auf die Zurückgabe der Güter iſt's vom Satan abgeſehen, ſondern auch insbeſondere auf Euer ewiges Seelenheil. Dies Mittel, ſage ich Euch, hat, wo's in dieſen Fällen angewendet wurde, immer und un⸗ fehlbar geholfen; darum unterlaßt auch Ihr es nicht! Ottokar wußte nicht, ob er lachen oder zürnen ſollte über den Aberglauben ſeines Dieners, der übrigens der Bil⸗ dung der niederen Volksklaſſen in damaliger Zeit ganz an⸗ gemeſſen war. — Bei meinem Leben, nie hätte ich gedacht, daß einer mich in ſo nahe Beziehung mit dem Leibhaftigen bringen würde! rief er aus, als Peter mit Sprechen inne hielt. Gieb mir die Sache, die für mich beſtimmt, und Du ſollſt ſehen, wie grundlos Deine Befürchtungen ſind. — Herr, Ihr wollt es dennoch wagen? rief Peter ent⸗ ſetzt. Bei Allem, was Euch heilig iſt und was Ihr liebt, beſchwöre ich Euch, verſucht nicht Gott und den Teufel zu⸗ gleich! — Sei nicht närriſch, Peter! fagte Ottokar lächelnd. Ich würde es nicht fordern, wenn ich Schaden zu erwar⸗ ten hätte. — O, glaubt mir's, lieber Herr, der Satan verblen⸗ det Euch in dieſem Augenblick, ſonſt würdet Ihr nicht ſolch Verlangen ſtellen! rief Peter. Laßt's wenigſtens vorher von einem Geiſtlichen unterſuchen. — Da mir die Sache auf ſo geheimnißvolle Weiſe zu⸗ geſtellt wird, ſo iſt's möglich, daß damit ein Geheimniß ver⸗ bunden iſt, was vielleicht nicht einmal mich allein angeht, ſprach Ottokar ernſt. Ich habe daher weder das Recht, ————— — — noch die Luſt, es einem Dritten, wer es auch ſei, zu offen⸗ baren. Du wirſt mir doch nicht den Gehorſam weigern? — Es iſt wahr, ſprach Peter zögernd, mir wurde da⸗ bei geſagt, ich ſollte es Euch nur allein übergeben und den Inhalt weder ſelbſt unterſuchen, noch einem Andern dies ge⸗ ſtatten; auch mußte ich, dies befolgen zu wollen, auf das Kruzifix und im Namen Gottes ſchwören. Doch der Teufel geht in allem ſeinen Thun gar ſchlau zu Werke— wagte er's doch einſt, auf dem Berge der Verſuchung an den Herrn heranzutreten, warum ſollte er ſich ſcheuen, deſſen Namen auszuſprechen! Hu, ich fühle noch die Berührung der blen⸗ dend weißen, eiſeskalten Hand! Laßt Euch erbitten, lieber mal, ſei kein Narr, Peter, verſetzte Otto⸗ vas mein oder doch für mich beſtimmt iſt. es denn, da Ihr darauf beſteht; ich aber waſche meine Hände in Unſchuld! ſagte Peter, ſeinem Herrn das Kügelchen übergebend. — Schau her, Du Furchtſamer, ſprach Ottokar, in⸗ dem er ſeinem Diener das in Form eines Kreuzes ver⸗ ſchlugene Band zeigte, welches das runde Päckchen zuſam⸗ menhielt. Verſcheucht nicht das Zeichen des heiligen Kreuzes, das Du hier ſiehſt, den letzten Reſt Deiner Zaghaftigkeit? Peter erwiederte nichts; er ſah nur aufmerkſam zu, wie ſein Herr das Band löſte und das zuſammengelegte Leinenzeug behutſam aus einander ſchlug. Plötlliich rollte ein kleiner, glänzender Ring, der in dem Zeuge gelegen ha⸗ ben mußte, auf den Tiſch hinab. Während Ottokar den Ring ergriff und ihn gegen das Licht der Kerze hielt, ließ er den linnenen Umſchlag ebenfalls auf den Tiſch fallen. — Ha, ſehe ich recht— iſt's nicht ein Blendwerk der Hölle— ſo iſt dies Klara's Verlobungsring, den ſie mit in die Gruft genommen! tönte es gleich darauf von Otto⸗ kars Lippen.. AARRRR — Wehe! Da liegt der Höllenpakt, mit Blut geſchrie⸗ ben! Ich habe ferner keinen Theil an Euch! rief in dem⸗ ſelben Augenblicke Peter im höchſten Entſetzen, indem er wild aus dem Gemache ſtürzte. Keiner von den Beiden hatte des Andern Worte ver⸗ nommen. Ottokar ſtand unbeweglich, die brennenden Blicke ſtarr auf den Ring gerichtet. — Es iſt kein Zweifel, murmelte er endlich; dies iſt ihr Ring, ſie trug ihn noch am Finger, als man vor mei⸗ nen Augen den Sarg für alle Zeit bis zum Auferſtehungs⸗ tage verſchloß. O, meine Klara, kommt dies Zeichen von Dir, ſo laß mich wiſſen, was es bedeutet! Mein armer Kopf erfaßt dies Wunder nicht! Als ob er eine Antwort erwarte, ſchweiſte ſeine Blicke im Gemach umher und blieben endlich auf dem Stück Lin⸗ nenzeug haften, das vor ihm auf dem Tiſche lag. Er ge⸗ wahrte darauf die wohlbekannten Schriftzüge der Geliebten, die er ſie zum Theil ſelber einſt gelehrt; die Schrift war offenbar mit Blut geſchrieben— mit dem ihrigen vielleicht — und ehe Ottokar noch dieſes Gedankens völlig mächtig werden konnte, hatte er dieſe Schriftzüge mit heißen Thränen und Küſſen bedeckt. — Nun, Klara, laß mich Deinen Willen wiſſen, ſprach r endlich, indem er ſich anſchickte, die Schrift zu leſen; er ſoll mir heilig ſein für's ganze Leben! Er las: „Erſchrick nicht, Geliebter, wenn Dir Deine Klara Kunde von ſich giebt; ſie liebt Dich noch bis über das Grab hinaus—— — O, habe Dank, Du Verklärte, für dieſe beſeligende Gemißheitt unterbrach ſich Ottokar in ſchwärmeriſchem Ent⸗ zücken. O, habe Dank dafür! Dann las er weiter: 17 ANNZ „—— und moöchte Dich ſo gerne glücklich wiſſen Wie aber kann man wohl anders glücklich ſein, als daß man liebt und wiedergeliebt wird? Wie ſchön habe ich dies empfunden in meinem kurzen Erdenleben! Mir, mein Ottokar, war es nur auf kurze Zeit vergönnt, Dich dieſes Glücks theilhaftig zu machen; aber Gott hat Dir ein an⸗ der Herz geſchenkt, in dem der Liebe reine Flammen für Dich lodern; ich ſpreche von Helene, des Bürgermeiſters Tochter. Sie wird Dir Erſatz geben für das, was Du durch meinen Tod verloren, und gern entbinde ich Dich des Gelöbniſſes der Treue für die Hingeſchiedene durch die Zurückgabe Deines Pfandes. Sei glücklich, Geliebter, dann wird auch Deine Klara glücklich.“ — Um Gott, Klara, was verlangſt Du von mir! rief Ottokar aus. Eine andere ſollte Deinen Platz in meinem Herzen auszufüllen vermögen? Haſt Du das Weſen meiner Liebe nicht erkannt? Iſt dies wirklich Dein Wille, oder iſt das alles Blendwerk und Spiegelfechterei? Doch es ſind Deine lieben, wohlbekannten Schriftzüge— dies Linnen iſt ein Stück von Deinem Leichentuche, ich erkenne es an dieſer Myrthen⸗ krone, die meine Schweſter Lisbeth ſelbſt hineingeſtickt! O Klara, meine Klara, gieb mir Licht! Die Bruſt will mir zerſpringen vor hoher Luſt und tiefer Traurigkeit, in meinem Kopfe ſcheint ſich alles in, wirbelndem Kreiſe zu drehen! Wache oder träume ich, ich weiß es nicht! Und wieder und immer wieder flog ſein brennender Blick über die rothen, doch ſchon ausgebleichten Schriftzüge. — Ich möchte zweifeln, und ich möchte glauben, doch vermag ich keins von beiden! ſprach er nach einer Weile wieder. Hier ihr Ring, das Leichentuch und ihre Hand⸗ ſchrift, ſie rühren von der irdiſchen Hülle her, die doch nichts weiter iſt, als Staub und Moder; und dennoch ſind's Beweiſe, die ich ſehen und erfaſſen, daher nicht leugnen kann! Was aber hat ihr ſeliger, verklärter Geiſt mit dieſen Die ſchwarzen Brüder. II. 2 18 AAAANANE irdiſchen Dingen noch zu ſchaffen— klebt er noch immer an dem Erdenſtaube, ſtatt frei zu ſein in jenen lichten Höhen, wo unſerem Glauben nach die Gottheit thront? Vernunft und Sinne liegen mit mir im Streit, und auch mein Herz quält dieſer Widerſpruch!„Dann wird auch Deine Klara glücklich ſein!“ So lauten ihre letzten mit ihrem Blute nie⸗ dergeſchriebenen Worte. So iſt ſie's alſo bisher nicht ge⸗ weſen und ich ſoll ſie erſt glücklich machen, indem ich ihrem Willen folge! O, Klara, gieb mir Licht in dieſen Zweifeln; willſt Du wirklich, daß ich mein Heiligſtes, meine Liebe zu Dir, einer Andern opfern ſoll? Mich, fürchte ich, wird das nicht glücklich machen, und doch ſoll nur mein Glück das Deinige bereiten, der reinen Himmliſchen Glück von dem des ſündigen Erdenpilgers abhängen! Er lehnte ſeine Stirn an die mit dünnem Eiſe bedeckten Fenſterſcheiben; ſie kühlten zwar ſeine brennend heiße Stirn, doch ſeiner Bruſt ſchien die Luft zu mangeln; er riß das Fen⸗ ſter auf und legte ſich in die dunkle Nacht hinaus. Ueber ſich ſah er den Himmel von ſchwarzen Wolken bedeckt, durch die nur hin und wieder das ſchwache Licht eines einſamen Sternes blickte; zu ſeinen Füßen hörte er das Gebrauſe der beiden märkiſchen Flüſſe, deren einer ſich hier in den andern ergießt, und drüben jenſeits der Gewäſſer wogte der ſchwarze Föhrenwald. Lange ſchaute er in die finſtere Nacht und un⸗ nennbares Weh erfaßte ihn wieder, wie am Abende nach Klara's Tode, als er in Boytins Garten zu Britz umher⸗ irrte. Wie damals beſtürmten ihn quälende Zweifel, und wie's auch mit unnennbarer Sehnſucht in ſeinem Herzen nach der Geliebten rief: keine Stimme gab ihm Antwort auf die bangen Fragen. Endlich ſchloß er das Fenſter wieder und trat an den Tiſch zurück. — Wie's nun auch ſein mag, murmelte er, indem er das Linnenzeug und den Ring an Herz und Lippen deückte, ten ern, en⸗ ber rch nen der etn irze un⸗ ach her⸗ und rzen auf den er ckte, 19 AAANꝑ ich bin gewiß, daß dieſe Dinge von ihr kommen. Bald werde ich ſie ja auch ſehen und mit ihr ſprechen dürfen, und könnte es ja nicht, wenn ſie ein körperloſes Weſen iſt! Und dennoch ſträubt ſich alles in mir gegen dieſe Vorſtellung, die erſt mit dem Anblick dieſer ſichtbaren Zeichen in beſtimmter Geſtalt vor meine Seele getreten! Nach kurzem Sinnen ſprach er wieder: — Sie muß es ſelber geweſen ſein, die dieſe Dinge meinem Diener brachte. Wen ſollte ſie auch anders ſenden können? Ihre Erſcheinung, die man jetzt für die des Böſen auslegt, war's, die den Stadtſöldner, einen früheren Diener ihres Pflegevaters, wie man ſagt, zum Tode erſchreckte und ihn ſeing Sinde beraubte! Ihr Schatten verſchwand dann ja auch an den Mauern des Kloſters, in deſſen Grüften ihre irdiſche Hune ruht. Klara, wenn Dir's geſtattet iſt, noch auf der Erde umherzuwandeln, warum lenkteſt Du nicht Deine Schritte zu mir ſelber, damit ein Wort von Dir die Zweifel löſte? Biſt Du auch jetzt noch an Raum und Zeit gebunden? O, fahre hin, du ſchöner Glaube vom ſeligen Walten ihres verklärten Geiſtes in den himmliſchen Gefilden über den Sternen; du warſt ein Wahn, wie alles andere, worauf ſich jemals meine Hoffnung ſtützte! Vielleicht aber iſt es die geheimnißvolle Macht Pignetti's, durch die Klara's Geiſt an ihren irdiſchen Staub gefeſſelt wird— vielleicht i*ſt dieſer ſelſſame Fremde das Hinderniß, daß ihr Geiſt ſich nicht emporſchwingen kann zu den ſeligen Gefilden des Frie⸗ dens und des Glückes! O, wer mir hierüber die Gewiß⸗ heit gäbe! Nach einer Weile fuhr er wieder fort: — Und Helene, des ſtolzen Bürgermeiſters Tochter, liebt mich? Das Patrizierkind liebt den Baſtard, der weder Na⸗ men noch Reichthum beſitzt? O Gott, bin ich denn dazu be⸗ ſtimmt und verdammt, die reinſten Perlen mir angehörig zu machen, ohne ſie jemals beſitzen zu dürfen? Was haben dieſe 2 AAAAAANANANANANNòRRò Unſchuldigen gethan, daß ſie die Strafen meines Verbrechens büßen müſſen.. So quälte er ſich noch eine geraume Zeit lang mit wir⸗ ren Gedanken und Vorſtellungen, die ihn, ſtatt zu beruhigen, nur immer mehr in ein bodenloſes Meer peinigender Zwei⸗ fel verſenkten, daß er an allem irre ward, was Vernunft und Glaube ihm bisher als feſte, heilige Wahrheit einge⸗ prägt und mit ſeinem Weſen verſchmolzen hatte. Um ihnen zu entgehen, warf er ſich endlich auf ſein Lager und ſchloß die Augen; allein in ſeinem Gehirn arbeitete es raſtlos fort und marternde Träume bemächtigten ſich ſeines Geiſtes, als ſein Körper dem ſich geltend machenden Bedürfniß nach Ruhe unterlag. 2. Die matten Strahlen der winterlichen Morgenſonne glitzerten bereits durch die bunten Glasſcheiben der Fenſter, als der Eintritt eines Pagen, der Ottokar zum Kurfürſten beſchied, ihn vom Lager emporſchreckte. Er rief nach ſeinem Diener; doch ſtatt deſſen erſchien ein Trabant, der ihm mel⸗ dete, daß Peter in der Frühe des Morgens ſein Roß geſat⸗ telt und die Stadt verlaſſen habe. Da man glaubte, dies geſchähe im Auftrage ſeines Herrn, den man auf Befehl des Kurfürſten in nichts behindern dürfe, ſo hatte man ihn un⸗ geſtört gewähren laſſen.— Ein ſchmerzliches Lächeln umzog Ottokars Lippen bei dieſer Nachricht, denn augenblicklich er⸗ innerte er ſich des Aberglaubens ſeines Dieners und erklärte 1 ſich, der Wirklichkeit gemäß, deſſen Verſchwinden als Folglge deſſelben. Er ordnete ſchnell ſeinen Anzug und begab ſich zum Kurfürſten.—. 4 3 ——— 2 nne ter, ſten nem nel⸗ ſat⸗ dies des NN Friedrich II. war bereits in voller Rüſtung, bis auf den gewichtigen Helm, der auf dem Marmortiſche des Ge⸗ maches ſtand. — Jetzt, Herr Syndikus, bin ich bereit, mit Euch über der beiden Städte Angelegenheit zu ſprechen, nahm er bei Ottokars Eintritt das Wort. Laßt Euch nicht durch mein kriegeriſches Ausſehen ſchrecken; meine Rüſtung gilt des Landes Feinden, den Mecklenburgern und Pommern, gegen die ich noch vor Mittag ziehen will, nicht aber meinen Bür⸗ gern in den Städten.— Doch ſagt, was iſt Euch wider⸗ fahren, Herr? Ihr ſeht verſtört und bleich aus. — Ein böſer Traum, mein hoher Herr, iſt daran ſchuld! verſetzte Ottokar. Nichts konnte jedoch die trüben Bilder, die eben noch meine Seele verdüſterten, ſchneller ver⸗ ſcheuchen, als Eure Worte, die Ihr, mein Fürſt, ſoeben ſpracht; ſie zeigen mir, daß Euer edles Herz, wie immer, ſo auch heute zur Milde und Verſöhnung bereit iſt. — Zur Milde bin ich jederzeit geneigt, ſobald ich ſehe, daß ſie nicht ſchädlich iſt, erwiederte der Kurfürſt ernſt; doch ſtatt„Verſöhnung“ wolltet Ihr wohl„Verzeihung“ ſagen. — Ich wage dennoch, gnädigſter Herr— wandte Ot⸗ tokar ein. — Wir haben jetzt nicht Zeit, um Worte zu ſtreiten, unterbrach ihn der Kurfürſt, denn meine Augenblicke ſind gezählt. Zur Sache alſo. Nach Eurer Mittheilung, Herr Syndikus, die ich reiflich überdacht, bin ich auch der Ueber⸗ zeugung, daß ein Mißverſtändniß obwaltete; und wenngleich dadurch der beiden Städte verbrecheriſches Beginnen nicht entſchuldigt wird, ſo war es doch der Anlaß zu demſelben und deshalb findet Ihr mich für diesmal zur Verzeihung geneigt, ſobald mir die Gewißheit wird, daß ſich die Bür⸗ ger nicht mehr gegen meine rechtmäßige Gewalt empören wollen. Wir werden gleich hierüber ſprechen; doch zuvor —,— — will ich, ſo viel an mir liegt, zur Aufklärung jenes Irr⸗ thumes beitragen. Bedient Euch eines Seſſels, Herr Syn⸗ dikus. Ottokar folgte in geziemender Ehrerbietung dieſer Auf⸗ forderung. — In der vorletzten Nacht traf hier an meinem Hofe ein Bote meines wackeren Boytin ein, fuhr der Kurfürſt fort. Er brachte mir ein Brieflein, deſſen Inhalt mich beſtürzt und traurig machte, denn es ſprach die Vermuthung, ja die Gewißheit aus, daß Ihr, Herr Syndikus, als Opfer Eurer und meiner Feinde gefallen ſeid. Obwohl aus jedem Worte des kurzen Schreibens die tiefe Betrübniß über Euer ver⸗ meintliches Unglück ſich zu erkennen gab, ſo iſt Boytin doch ein zu guter Diener ſeines Landesherrn, als daß er nicht zu jeder Zeit und Stunde meines Vortheils eingedenk wäre. Er gab mir daher den Rath, mich bereit zu halten, den Bürgern beizuſtehen, wenn dieſe, was bei Eurer Beliebt⸗ heit, Herr, unzweifelhaft war, einmüthig ſich erhoben, um Euren Tod an den verhaßten Patriziern zu rächen, die man als Urheber des an Euch begangenen Frevels doch anſehen mußte. Daher nun kam es, daß ich dem Kammermeiſter Georg von Waldenfels ungeſäumt den Befehl zuſandte, mit ſeinen Reiſigen zur Stelle zu ſein, ſobald die Bürger dieſe Hülfe wünſchten. Ich wiederhole es Euch, Herr Syndikus, Niemand iſt froher, daß Boytins Befürchtungen nicht ein⸗ getroffen ſind, als ich, wenngleich ich nicht leugnen kann, daß mir ein bedeutender Vortheil daraus erwachſen konnte. — Und dieſe Geſinnung, mein Fürſt, ehrt Euch wahr⸗ lich mehr, als hättet Ihr zehn Städte durch Euren tapfern Arm bezwungen! ſprach Oittokar. Doch Herrn Boytin muß jetzt mein Vorwurf treffen ob ſeiner Uebereilung ſowohl, durch die ein unermeßliches Unheil erwachſen konnte, als auch ob der allzu ſchlimmen Meinung, die er von ſeinen ( —— —— —ꝗ— — —, 70 Gegnern immer hegt, die leider er als a feins perſoͤnlichen Feinde jederzeit betrachtet. — Und daran thut er auch vollkommen Recht! fiel der Kurfürſt ihm in's Wort. Von keinem meiner Unterthanen, wer's auch ſei, verlange ich die Unterwürfigkeit des Skla⸗ ven; im Gegentheil, ich achte jeden freigeſinnten Mann, ſo⸗ bald ſich nicht ſelbſtſüchtiges verrätheriſches Thun hinter der Maske ſeiner Freiheitsliebe birgt; aber ich kann mit Fug und Recht verlangen, daß jeder gute Bürger die Leute ſeine Feinde nennt, die ſich unterfangen, mit frecher Hand mein Streben für des Landes Wohl zu hemmen, denn ſie ſind's auch in der That. Doch eins nur nimmt mich Wunder von Boytin: daß nämlich er nichts that, um mir den Irrthum in Bezug auf Euer Schickſal aufzuklären. — Deswegen iſt er zu entſchuldigen, ſagte Ottokar. Erſt ſpät in der Nacht ward er ſeines Irrthums inne und ſchon am frühen Morgen erhielt er gleich mir die Kunde von den Vorgängen in den Städten. Gewiß wollte er erſt ſelber ſich überzeugen, wie die Sachen ſtanden, bevor er Euch eine fernere, ungewiſſe Nachricht ſandte, und eilte deshalb mit mir nach Berlin und Kölln. Da nun bald darauf die Thore geſchloſſen wurden, aus Furcht vor Euren Reiſigen, ſo war es ihm unmöglich, Euch zu benachrichtigen; ſicher⸗ lich hätte er's ſonſt gethan. — Nun weiter alſo, nahm der Kurfürſt wieder das Wort. Ich habe mir's inzwiſchen überlegt, daß es nicht gut iſt, wenn die Bürger in bewaffneter Empörung ſich ge⸗ gen ihren Rath erheben. Leider ſieht man in dieſer Zeit, daß der böſe Geiſt des Aufruhrs überall ſein Haupt erhebt, und ich mag ihm nicht gerade Vorſchub leiſten; die Bürger, die heute ihren Rath verjagen, ſie könnten's morgen ſich gelüſten laſſen, ihren neu erweckten Muth auch an dem Lan⸗ desherrn zu erproben, wie ja das Beiſpiel anderer Städte zeigt. Zu Stralſund, Hamburg, Lübeck, Bremen, Hanno⸗ —— —— — 4. —— ver, Braunſchweig, Wolfenbüttel, überhaupt im ganzen Nor⸗ des des deutſchen Reiches, haben die Bürger erſt die ſtäd⸗ tiſche Obrigkeit theilweiſe hingerichtet und verbannt, und dann ſich auch gegen die Gewalt ihrer Fürſten vermeſſen. Nicht, daß ich für mich vor ſolchem Beginnen fürchtete— ich habe Kraft genug, jedweden offenen Aufſtand zu däm⸗ pfen— mir liegt des Volkes Wohl zu ſehr am Herzen, als daß ich's dieſen Gefahren ausſetzen möchte. — Vergönnt mir in dieſer Sache einige Worte, mein Fürſt! bat Ottokar. Was in jenen Städten, die Ihr nann⸗ tet, geſchah, mußte ſo kommen, früher oder ſpäter. Wie in Berlin und Kölln, ſo auch dort und faſt in allen Städten herrſcht der Patrizier übermüthig Regiment. Die Reichthü⸗ mer, welche dieſen Leuten der Handel bringt, den ſie allein ſich angemaßt, haben ſie zu Herren der ärmeren Bürger ge⸗ macht, die als Handwerker faſt alle von den reichen Kauf⸗ leuten abhängen, und ſie benutzen tyranniſch dieſe Gewalt, um jede Freiheit des Niederen zu unterdrücken ihres Vor⸗ theils wegen; iſt's doch auch drüben in Berlin und Kölln nicht anders! Da richteten ſich die Blicke der alſo Unterdrückten, von ihren eigenen Mitbürgern Geknechteten, vertrauend auf ihre Fürſten. Hier aber wies man die Hülferufenden ab, denn man glaubte den gleißneriſchen Vorſpiegelungen der reichen Patrizier mehr, als dem einfachen Wort der niede⸗ ren Bürger, und ärger ward es in den Städten als zuvor. Verzweiflungswuth ergriff nun die Unterdrückten; ſie erho⸗ ben ſich bewaffnet gegen ihre bisherigen Tyrannen und ſtürz⸗ ten ſie. Hatten die Bürger vorher in ihrer Noth weder Hülfe noch Schutz bei ihrem Landesherren gefunden, ſo glaubten ſie jetzt derſelben für alle Zeiten entbehren zu kön⸗ nen; nachdem ſie ſelber das drückendſte Joch abgeworfen, wollten ſie auch das leichteſte nicht dulden, und ſo artete in Emporung gegen die göttliche Ordnung aus, was urſprüng⸗ lich nur gerechte Nothwehr gegen diejenigen war, die, wahr⸗ lich wider den Willen der getäuſchten Fürſten und zu deren Schaden, das Mark des Volkes ausſogen und ſeine Rechte mit den Füßen traten! So kam's, daß die Fürſten bewaff⸗ net gegen ihre eigenen Unterthanen ziehen mußten— eine bittere Nothwendigkeit, vor der Euch, mein hoher Herr, der Himmel gnädiglich bewahren wird— doch darf man nicht die Schuld allein auf jene unterdrückten Bürger wälzen, vielmehr muß Jedermann geſtehen, daß größere Schuld noch ihre Gegner tragen. — Ihr ſeid ein warmer Vertheidiger der Bürger, ja, allzu warm, denn faſt will's ſcheinen, als wolltet Ihr die Aufſtände derſelben gegen den Landesherrn gutheißen oder doch rechtfertigen, verſetzte der Kurfürſt. Doch eines macht mir klar; wolltet Ihr durch Eure Rede etwa ſagen, daß in den märkiſchen Städten Gleiches geſchehen werde, wie in denen, die ich vorhin nannte? — Mein gnaͤdiger Fürſt und Herr weiß bereits, daß in meinen Worten Lüge und Verſtellung nicht zu finden ſind, ſprach Ottokar. Was ich durch meine Darſtellung bezweckte, war nur der Beweis, daß nicht frevelnder Uebermuth und Luſt an Mord und Blutvergießen die Bürger jener Städte zum Aufruhr trieb, ſondern nur die durch den härteſten Druck hervorgebrachte Verzweiflung, die zur Raſerei wird, wenn ſie von aller Hülfe ſich verlaſſen ſieht; ſo war es dort, ſo wird es überall ſein, wo gleiche Urſachen vorhanden ſind. Tumulte eines aufgehetzten Pöbels meine ich jedoch hiermit nicht. Und ebenſo aufrichtig, wie ich dieſe meine Meinung ausſprach, beantworte ich jetzt Eure Frage, hoher Herr. So lange Ihr, mein Fürſt, das Regiment führet, ſind die Marken vor ähnlicher Gefahr geſichert, weil hier nicht gleiche Urſachen, wie dort, vorhanden ſind. Gelingt es Euch nur, die Bürger durch die That zu überzeugen, daß Ihr's nicht auf den Untergang der Städtefreiheit abgeſehen, wie's ihnen eifrig von den Patriziern gepredigt wird, ſo werdet Ihr ſie ſtets Euch freudig zugethan und treu finden. Es wird wohl anerkannt, was Ihr, mein Fürſt, und Euer Haus bisher gethan, und nur die angeborne und vom Rath klüg⸗ lich genährte Eiferfucht auf ihre alten, wohlerworbenen Rechte hält die Bürger noch zurück, ihr Wohl und Wehe einzig nur Euch anheimzuſtellen. Theilte ich ſelbſt doch noch vor wenig Wochen dieſe Eiferſucht! Nicht, daß ich jetzt nicht mehr daſſelbe wollte, wie damals; ich habe Euch, mein ho⸗ her Herr, erkannt, und bin gewiß, daß Ihr nur Gutes wollt, wenn ich auch geſtern auf kurze Zeit an Euch irre ward. Auch die andern Bürger werden Euch erkennen und Friede, Eintracht und Wohlſtand wird dann Fürſt und Volk be⸗ glücken. — Ich danke Euch für Eure gute Meinung, die mir darum ſehr werth iſt, weil Ihr, Herr Syndikus, ſie eben hegt, erwiederte Friedrich. Das Lob des freigeſinnten Man⸗ nes, nicht des Schmeichlers, vermag mich zu erfreuen. Doch hört jetzt: Den beiden Städten ſoll Verzeihung für die Vor⸗ fälle des geſtrigen Tages werden, wenn ſie verhindern, daß die Kriegsleute der Hanſa mein Gebiet betreten, und unter der ausdrücklichen Vorausſetzung, daß man den Burgfrieden des Hohen Hauſes nicht verletzt, auch keinem meiner Freunde ein Leids zugefügt hat. Ich ſagte Euch vorhin, daß ich nicht eine bewaffnete Erhebung der Bürger gegen den Rath wünſche, und bleibe auch jetzt noch dabei! Wohl, weiß ich, daß ich nach der verbrieften Freiheit der Städte mich in ihre inneren Angelegenheiten nicht miſchen darf; ſo ſchädlich für die Bürger ſelber auch dieſe Satzung iſt, ſo will ich ſie doch ſo lange nicht verletzen, als ſie Geltung hat.. Die Bür⸗ ger ſelber können nur dies für ſie nachtheilige Recht auf⸗ heben, und iſt dies geſchehen, dann will ich ſehen, was ich für ſie thun kann. Ihr, Herr Syndikus, könntet ſolches wohl bewirken, wenn Ihr meine Anſicht theilt. — Zuvörderſt danke ich Euch, mein Fürſt, daß Ihr Es aus lüg⸗ ſchte inzig vor nicht ho⸗ vollt, ard. lede, be⸗ mit eben gan⸗ Doch Vor⸗ daß unter jeden unde ich Rath ich, ch in dlich ch ſie Bür⸗ auf⸗ 3 ich ches Iht 2 den beiden Städten nicht nachtragen wollt, daß ſie, veran⸗ laßt durch jenes Mißverſtändniß, ſich geſtern gegen Euch be⸗ waffneten, nahm Ottokar das Wort. Im Uebrigen iſt's auch mein heißer Wunſch, daß meine Mitbürger ohne Gewaltthat zu ihrem Recht gelangen mögen, und freudig will ich alles dafür thun, was ich vermag. Wie aber denkt Ihr Euch, mein Fürſt und Herr, die neue Ordnung der Dinge, die Ihr dann eintreten laſſen wollt? Es iſt wahrlich nicht Miß⸗ trauen, was mich zu dieſer Frage veranlaßt, ſondern ich ſtelle ſie nur, um keine falſchen Hoffnungen und Erwartun⸗ gen aufkommen zu laſſen, deren Nichterfüllung immer üble Folgen mit ſich bringt. — Ich will auch hierin Euch zu Willen ſein, damit man ſpäter keinen Vorwand zur Unzufriedenheit habe, ſprach der Kurfürſt. So hört denn. Zum Erſten fordere ich, daß die beiden Städte ungeſäumt dem Hanſabund entſagen. Es iſt Euch nicht recht, daß ich ſo Euer eigen Werk zerſtöre, Herr Syndikus? — Nicht dünkler Stolz läßt mich Euch bitten, von die⸗ ſem Verlangen abzuſtehen, mein gnädigſter Kurfürſt, entgeg⸗ nete Ottokar. Der Hanſabund gewährt den Städten hohen Wohlſtand und fördert ihr Gedeihen, wenn die Vortheile dieſer Verbindung nicht mehr, wie bisher, einzelnen wenigen Familien, ſondern allen Bürgern zugänglich ſind. — Ihr kennt das Weſen dieſes Bundes nicht, wie ich es kenne, verſetzte Friedrich. Der Hanſa Zweck iſt haupt⸗ ſächlich auf die Losmachung der Städte von der Gewalt der Fürſten gerichtet, und zwar zum Schaden der Bürgerſchaft, über welche die Patrizier in den Städten dann um ſo un⸗ umſchränkter herrſchen wollen. Doch hoffentlich gelingt mir's noch durch Gottes Beiſtand und die Hülfe meiner nord⸗ deutſchen Mitfürſten, der übermüthigen Hanſa verderbliche Macht zu brechen und die Zwecke dieſes Bundes dahin zu⸗ rückzuführen, was ſie geweſen ſind, als er geſtiftet ward: 25 Ausbreitung des deutſchen Handels und ſomit Hebung der bürgerlichen Gewerbe. Iſt dann die Hanſa wieder, was ſie früher war, dann gebe ich Euch mein Wort darauf, daß ich die beiden Städte nicht behindern will, Mitglieder dieſes Bundes ferner zu ſein und zu bleiben. Dieſe Zuſicherung wird Euch, Herr Syndikus, zufriedenſtellen. Sodann aber halte ich dafür, daß künftighin der Rath der beiden Städte, aus welchen Männern er nun auch beſtehen mag, nicht mehr herrſchen, ſondern nur verwalten darf. Soll wahrhaft des Landes Wohlfahrt gedeihen, ſo darf's kein Mittelding geben zwiſchen Fürſt und Volk, das unter dem Schein des Rechts den weiſen Anordnungen des Erſteren entgegentreten und das Letztere zu ſeinem alleinigen Vortheil knechten kann. Darum alſo iſt es mein Wille, daß ſich der Rath der treuen und gewiſſenhaften Verwaltung des Eigenthums der beiden Städte, an dem ein jeder Bürger Antheil hat, befleißige, dem Landesherrn aber, wie ſich's gebührt, die weitere Re⸗ gierung überlaſſe. — Ich pflichte dieſer Eurer Anſicht bei, mein Fürſt, ſagte Ottokar, indem ich zu Euch das Vertrauen hege, Ihr werdet ſtets die Schranken inne halten, welche weiſes Re⸗ gieren von willkürlichem Herrſchen trennen. — Indem ich bei der Huldigung gelobte, die Rechte auch des Geringſten meiner Unterthanen zu achten und zu ſchützen, habe ich mir dieſe Schranken bereits ſelbſt geſetzt, erwiederte der Kurfürſt. Weiter verlange ich— und dies iſt nur eine nothwenige Folge der eben beſprochenen For⸗ derung— daß die beiden Städte ihre Söldnerſchaaren ent⸗ laſſen, die es an Zahl faſt mit den Reiſigen aufnehmen, die ich, der Landesherr, in Friedenszeiten halte, und die dem Rathe eine Macht verliehen, durch die er nicht allein die Bürger zügeln, ſondern auch dem Landesherrn trotzen konnte. — Wär's nach meinem und der Bürger Willen bis⸗ her gegangen, ſprach Ottokar, ſo hätten dieſe Söldner, die g der was daß diſes zerung mabet ftädte, mehr hrhaft elding n des atreten kann. nur dem Rathe als Leibwache dienen, aber aus der Bürger Seckel erhalten werden, ſchon längſt den Laufpaß erhalten. Die beiden Städte zählen genug wehrhafte Bürger, um, wenn es Noth thut, ihre Mauern vertheidigen zu können. — Ihr ſeht demnach, daß ich nichts verlange, was den beiden Städten zu irgend einem Nachtheile gereichen könnte, fuhr der Kurfürſt fort. Nun kommt die letzte meiner For⸗ derungen, die hoffentlich auch Euren Beifall erlangen wird. Zur Herſtellung einer gleichmäßigen Gerichtspflege im gan⸗ zen Lande iſt's meinem Dafürhalten nach unumgänglich nö⸗ thig, daß die Gerichtsbarkeit, welche die beiden Städte, oder beſſer geſagt, der patriziſche Rath bisher allein ausgeübt, mit dem Eintritt der neuen Ordnung von dem Landesherrn und den Bürgern gemeinſchaftlich verwaltet werde, und zwar in der Art, daß ich den Oberrichter, die Bürger aber die Beiſitzer erwählen. — Die unumſchränkte Gerichtsbarkeit der beiden Städte über ihre Bürger, mein Fürſt, iſt ein ſo altes und geheiligt Recht, wandte Ottokar ehrerbietig ein, daß ich nie meine Hand zu einer Abänderung bieten werde. — Ein altes Unrecht iſt's und früheren Landesherren in der Bedrängniß abgetrotzt! rief Friedrich. Unbedingt ver⸗ harre ich auf dieſer Forderung und werde ihr Geltung zu verſchaffen wiſſen, auch wenn die Bürger in ihrer Verblen⸗ dung ſich ferner mit dem Rathe, der allein ihre Rechte un⸗ terdrückt, gegen mich verbinden! Ich muß die Macht in mei⸗ nen Landen haben, die Schuldigen zu ſtrafen, wer ſie auch ſeien und gegen wen ſie ſich auch vergingen. Damit aber Niemand argwöhne, ich ſtellte dieſe Forderung nur, um nach Willkür die Städte zu ſtrafen, wenn ſie ſich künftig gegen mich vergehen, ſo gebe ich mein fürſtlich Wort darauf, ein unparteiiſch Schiedsgericht, beſtehend aus den Landſtänden der Mark, zwiſchen mir und ihnen dann entſcheiden zu laſ⸗ ſen. Doch wie geſagt, hiervon gehe ich nicht ab und werde 30 AAAAA. meinen Willen, den ich als gut und heilſam erkannt, durch⸗ ſetzen, früher oder ſpäter. — Das iſt ein Punkt, mein Fürſt, für den ich mich uicht zur Stelle entſcheiden kann, nahm Ottokar wieder das Wort; doch thut das eben nicht ſehr viel zur Sache, und gehen nur die Bürger darauf ein, ſo kann ich, ein Einzel⸗ ner, nichts dagegen haben. — Und dennoch hätte ich gewünſcht, Herr Syndikus, daß Ihr begriffet, wie weder Gefahr noch Schaden für die beiden Städte aus dieſer meiner wohlerwogenen Abſicht er⸗ wachſen, ſprach der Kurfürſt. Ihr mögt Euch übrigens, wenn Ihr daheim ſeid, reiflich überlegen, ob's beſſer für die beiden Städte iſt, wenn ſie mich zwingen, den fortdauernden Empörungen ihres widerſpenſtigen Rathes endlich mit Ge⸗ walt ein Ende zu machen, oder wenn ſie mir die Hand bie⸗ ten zur friedlichen Herſtellung eines ordentlichen und gedeih⸗ lichen Zuſtandes, der jedes Einzelnen Rechte verbürgt, und dann nach Eurer gewonnenen Ueberzeugung thun. Dabei merkt Euch aber wohl, daß ich nicht gewohnt bin, mit mir feilſchen zu laſſen. — Wenn nun die Bürger ihr altes Recht, ihre inneren Angelegenheiten ſelbſtſtändig zu ordnen, aufgeben, und unter Annahme Eurer auch noch andere bisherige Rechte be⸗ ſchränkenden Bedingungen die landesherrliche Vermittelung zwiſchen ſich und dem Rathe anrufen, werden dann dieſe vier Forderungen in der That die letzten ſein, gnädigſter Kurfürſt? ſprach Ottokar nach kurzer Pauſe, in Stimme und Haltung den Ausdruck tiefſter Ehrerbietung legend. — Wie, zweifelt denn auch Ihr an meinem Wort? rief Friedrich erſtaunt, doch nicht zornig. — Wäre dies der Fall, ich würde es aufrichtig be⸗ kennen, und hinge über mir das Schwert des Damokles! entgegnete Ottokar. Doch handelt es ſich hier ja nicht um meine Angelegenheik, in der nur mein Vertrauen nöthig ——— gGP„ t mit imneren unter e be⸗ telung dieſe digſter je und Wort? wäre; auch haben mich die Bürger nicht hierher geſandt, bevollmächtigt, mit Euch, mein Fürſt, nach eigenem Ermeſſen einen Vertrag abzuſchließen; ich ſtehe hier vor Euch viel⸗ mehr als Euer Abgeſandter an die Bürger, um dieſe von Eurem Willen in Kenntniß zu ſetzen und dahin zu wirken, daß ſie ihn zu dem ihrigen machen. Wenn ſie mich nun fragen, hoher Herr, welche Bürgſchaft ich ihnen geben kann dafür, daß die Opfer, die ſie Euch bringen— denn ſolche ſind in ihren Augen Eure Forderungen— auch ſicher ihre Früchte tragen, ohne noch größere nach ſich zu ziehen; was ſoll ich ihnen dann zur Antwort geben? — Ihr thatet nicht eben ſonderlich wohl daran, mich zu erinnern, daß man mich gleich einem Landesfeinde bearg⸗ wöhnt, ſprach der Kurfürſt, und zwar in einem Augenblicke, wo meine angeborne Milde mich unterhandeln läßt, ſtatt zu gebieten. Doch merke ich wohl, daß Euch die Erfüllung die⸗ ſer vermeintlichen Pflicht ſchwer ankam, und ich zürne Euch deswegen nicht. Wohlan denn, ſagt dieſen Leuten, daß in dem Augenblick, wo ſie durch Wort und Schrift meine For⸗ derungen als recht und billig anerkennen, eine Beſtätigungs⸗ urkunde in ihre Hände niedergelegt werden ſoll, welche ihnen in meinem und meiner Nachkommen Namen alle übrigen Rechte und Freiheiten— und deren ſind wahrſcheinlich noch viel— feierlich zugeſichert und ihnen deren Beſitz verbürgt, wenn ſie ſich deren etwa nicht durch ferneren Aufruhr und Hochverrath verluſtig machen; ein hierauf lautender Spruch ſoll jedoch nur von den geſammten Landſtänden der Mark nach deren richterlicher Entſcheidung ausgehen dürfen. Um den Genuß dieſer Rechte und Freiheiten aber Jedem zugäng⸗ lich zu machen, ſollen Bürgermeiſter und Rath der beiden Städte künftig von allen Bürgern der vier Gewerke gewählt werden, und jeder Bürger ohne Unterſchied, wenn ihn die Andern deſſen würdig halten, ſoll ſolches Amt bekleiden. Auch ſoll der Rath künftig gehalten ſein, den Gewerks⸗ meiſtern alljährlich genaue Rechnung abzulegen. Zu dieſem Rechte will ich verhelfen mit allen Mitteln, die mir als Reichsfürſt und Landesherr zu Gebote ſtehen. Alles Eigen⸗ thum, was die beiden Städte bisher beſeſſen, ſoll ihnen auch ferner ungeſchmälert bleiben, wie ſich das ſchon von ſelbſt verſteht. Dahin gehören außer den bedeutenden Beſitzthů⸗ mern an Dörfern, Vorwerken, Wäldern, Feldern, insbeſon⸗ dere die Zölle zu Köpenick, Sarmund, die Stapelgerechtigkeit zu Berlin, ſowie alle Lehen an Dörfern, Zinſen, Mühlen⸗ pächten, Wäldern, Haiden, Fiſchereien, und was ihnen ſonſt von meinen Vorgängern freiwillig gewährt worden oder ſie dieſen abgetrotzt haben. Dieſer geſammte Beſitz ſammt allen daran haftenden Gerechtſamen ſoll ihnen durch die von mir erwähnte Beſtätigungsurkunde verbürgt werden— und nun ſprecht, Herr Syndikus, bleibt den beiden Städten nicht faſt alles, was ſie bisher beſeſſen, und dient das Wenige, was ich mir ausbedungen, denn nicht einzig und allein nur dazu, die Bürger in den rechtmäßigen Beſitz ihres Eigenthums zu ſetzen und zu erhalten, ihres Eigenthums, das bisher die Patrizier allein für ſich benutzten, während die Bürger alle Laſten tragen mußten? H Ich zweifle nicht daran, mein gnädigſter Herr, daß die größere Mehrzahl der Bürger um dieſen Preis in Eure Forderungen willigen wird, verſetzte Ottokar. — Und verſprecht Ihr mir, Herr Syndikus, dahin zu wirken, daß allen Bürgern dieſe meine wahrhaft wohlwol⸗ lende Geſinnung gegen ſie bekannt werde, und wollt Ihr treu mit allen Euren Kräften dahin wirken, daß man nicht ferner arge Zweifel ob meiner redlichen Abſichten hege? fragte der Kurfürſt. — Ich verſpreche Beides Euch mit freudigem Herzen, mein Fürſt, verſicherte Ottokar; denn wohl erkenne ich, daß dies der einzige Weg iſt, der Tyrannei der Patrizier in den beiden Städten ein Ende zu machen, ohne das Werk der Befreiung durch Verbrechen und Blutvergießen zu ſchänden. ſem Es bleiben freilich mir nur wenige Tage, um meinen gerin⸗ als gen Einſluß geltend zu machen; doch was ich in dieſer Zeit Pen⸗ noch zu wirken vermag, ſoll ſicherlich geſchehen! auch— So nehmt den wärmſten Dank Eures Fürſten im ſanſ Voraus und ſeid verſichert, daß Euch der Eurer Mitbürger thü⸗ gleichfalls nicht entgehen wird, denn rein und lauter iſt für⸗ eſon⸗ wahr mein Wille! ſprach Friedrich, ihm die Hand reichend. gkeit Jetzt kann ich frohen Muthes ausziehen, des Landes Feinde hlen⸗ zu bekämpfen— und daß ich Eurer nie vergeſſen werde, ſonſt deß ſeid gewiß! Nun aber, da wir die wichtigeren Geſchäfte, tt ſie die uns heut zuſammengeführt, vorläufig abgethan haben, ſo allen laßt uns jetzt an unſere eigenen Angelegenheiten denken, für mir die ich etliche Minuten noch übrig habe. Vor allen Dingen nun ſagt mir nun, Herr Syndikus, wie Eure holde Schweſter faft meinen Antrag aufgenommen. was— Lisbeth erkennt die Größe der ihr zugedachten Gnade dazu, dankbar an, mein hoher Herr, erwiederte Ottokar; doch fühlt ns zu ſie ſich nicht der hohen Stellung gewachſen, die ſie bei Eurer die fürſtlichen Gemahlin einnehmen ſoll, und läßt Euch daher t ale durch mich bitten, Eure Wahl auf eine Andere, Würdigere zu lenken. daß— Nun, zwingen kann ich ſie freilich nicht zu ihrem Eure Glück, verſetzte der Kurfürſt, indem er ſich erhob. Aber ich kann Euch ſagen, daß meiner Gemahlin, der ich ſchon da⸗ din zu von geſprochen, dieſe abſchlägliche Antwort nicht lieb ſein hlwol⸗ wird— ſie freute ſich ſo ſehr, ein ſittenreines, tugendhaftes t Iht Mädchen mehr dem kleinen Kreiſe ihrer Freundinnen zuge⸗ nicht ſellt zu ſehen. Doch wie geſagt, ich kann ſie ja nicht zwin⸗ fragte gen. So lebt denn wohl einſtweilen, Herr Syndikus; ich habe Eile, mit meinem Bruder heute noch zuſammenzutref⸗ zerzen, fen, der ſchon von Tangermünde nach Spandow unterwegs 9, daß iſt, um mit ihm über den bevorſtehenden Krieg mit dem 1n den Pommer und Mecklenburger Rückſprache zu nehmen; die Kur⸗ er der Die ſchwarzen Brüber. II. 3 fürſtin wird ſchon zum Abſchiede meiner warten. Dieſen Brief hier übergebt dem Kammermeiſter Georg von Wal⸗ denfels bei Eurer Rückkehr. — Noch eine Bitte, Herr Kurfürſt, wollet mir erlauben, nahm Ottokar das Wort. Die große Wichtigkeit— — Betrifft ſie Euch ſelbſt, ſo iſt ſie ſchon gewährt, unterbrach ihn Friedrich; ich bin Euch die Gewährung einer ſolchen ja noch ſchuldig. Sprecht ohne Umſchweife Euer Anliegen aus. — Ich halte Euch beim Wort, mein fürſtlicher Herr! Wohlan, ſo bitte ich Euch, nehmt die Verordnung wegen der Kalande wieder zurück! — Ihr bittet nicht für Euch, ſondern für die Kumpan⸗ ſchaften der Säufer und Schlemmer, entgegnete der Kurfürſt; in Bezug auf dieſe aber habe ich Euch nichts verſprochen, und kann Euch auch die Bitte nicht gewähren. Es wundert mich, Herr Syndikus, daß Ihr Euch für eine ſo böſe Rotte bei mir zu verwenden wagtet. — O, hört mich an und urtheilt dann! bat Ottokar. — Das Urtheil iſt bereits gefälſt, und zwar nach ge⸗ nauer Unterſuchung und Erwägung, verſetzte Friedrich, wie vorſchnelles Handeln überhaupt nicht meine Sache iſt! Doch ſagt, Herr Syndikus, iſt Euch denn das Treiben der Ge⸗ noſſenſchaften ganz unbekannt geblieben, daß Ihr für dieſe Leute Euch verwendet? — Keins von beiden iſt bei mir der Fall, gnädigſter Herr! erwiederte Ottokar. Doch halte ich dafür, daß es beſſer iſt, die eingeſchlichenen Mißbräuche auszurotten und den Bund wieder auf ſeine frühere Geſtalt zurückzuführen, in der er ſo viel Gutes wirkte, als daß man ſeinem Be⸗ ſtehen mit einem Schlage ein Ende macht. Bedenkt, Herr Kurfürſt, daß die Kalande es waren, welche einzig und al⸗ lein dem Armen, dem Bedrängten und von den Reichen Be⸗ drückten Hülfe und Schutz gewährten; daß ſie es waren, ———-½— ͤ= H AAAARAARRRDSDD welche Bildung, Sittlichkeit und Frömmigleit am meiſten unter dem niederen Volke verbreiteten, und daß ſie wenig⸗ ſtens den erſteren Zweck bis auf die heutigen Tage verfolg⸗ ten, weshalb ſie auch den Vornehmen oder vielmehr den⸗ jenigen, denen mit der Dummheit und Knechtung des Vol⸗ kes gedient iſt, ein Dorn im Auge waren! Wie leicht wird es ſein, all das böſe Zeug auszukehren, was ſich in den letzten Zeiten allgemeiner Sittenverderbniß auch hier einge⸗ niſtet hat, und den Bund wieder ſo rein hinzuſtellen, wie er urſprünglich geweſen! Ihr ſagt's ja ſelbſt und habt's auch oft bewieſen, mein Fürſt, daß Ihr der Vater aller Eurer Unterthanen, des Höchſten wie des Niedrigſten ſeid; o, beweiſt es auch jetzt wieder, indem Ihr dem Armen und Unterdrückten ſeine Zufluchtsſtätte wiedergebt! Ihr hättet Eure und des Volkes Feinde, die Patrizier, im Rathe der beiden Städte ſehen ſollen, wie ſie ſich dieſer Eurer Ver⸗ ordnung freuten und auf ihren bisherigen Verbündeten, den Bürgermeiſter, einfuhren, der mit der Ausführung derſelben zögerte, in der Hoffnung, dieſelbe noch rückgängig machen zu können. Nicht ich allein, alle Einſichtsvollen und Wohl⸗ meinenden, auch Herr Boytin, ſind dieſer meiner Anſicht, und wäre der letztere hier, ſo würde er meine Bitten kräftig unterſtützen; er meinte geradezu, es ſei gefährlich, in ſolchen Zeiten ſich das niedere Volk zu entfremden, und als geſtern am frühen Morgen uns in Britz mit der Kunde von der Verordnung auch die Nachricht ward, daß der Bürgermei⸗ ſter geſonnen ſei, ſich des Kalands anzunehmen, da fuhr er jäh empor und rief:„Der will jetzt das gemeine Volk auf ſeine Seite ziehen, damit es untreu der gerechten Sache des Landesherrn werde!“ Zum Schluſſe aber noch, mein hoher Herr, berufe ich mich auf Euer mir gewordenes fürſtliches Wort; das Beſtehen oder Untergehen der Kalande betrifft auch mich perſönlich, denn bald vielleicht werde ich, umher⸗ 32 irrend, der Hülfe der Genoſſenſchaften bedürfen! Laßt mein Bitten nicht vergebens ſein! Der Kurfürſt, der ſchon bei ſeinen letzten, an Ottokar gerichteten Worten mit dem Helme unter dem Arme bis zur Thür des Gemachs geſchritten war, kehrte bei der eindring⸗ lichen Rede des jungen Mannes wieder zurück, ſetzte den Helm auf den Marmortiſch und ſchritt nachdenkend im Ge⸗ mach auf und nieder; beſonders ſchien die Erwähnung ſei⸗ nes treuen Boytin, ſowie deſſen angeführte Worte in Bezug auf den Bürgermeiſter Eindruck auf ihn zu machen, denn ſeine blitzenden Augen verkündeten einen ſchnellen Entſchluß. Noch während Ottokar ſprach, zog er die Glockenſchnur. Die letzten Worte deſſelben hatte er ganz überhört. — Man rufe mir den Kanzler! befahl Friedrich den eintretenden Pagen. — Ich glaube, Ihr habt mir diesmal einen großen Dienſt geleiſtet, Herr Syndikus! ſagte er nach kurzer Pauſe gedan⸗ kenvoll zu dieſem, aus deſſen Blicken hohe Freude ſprach. — Deß bin auch ich überzeugt, mein Fürſt! ſprach Ottokar. Des Volkes Wohl iſt ja auch das Eure— o, möchten alle Fürſten gleich Euch ſtets dieſer Wahrheit ein⸗ gedenk ſein! — Wäret Ihr bereit, die nothwendige Umwandlung und Reinigung vorerſt mit den Kalanden der beiden Städte vorzunehmen? fragte der Kurfürſt. — Wenn Ihr dies befehlt, mein Fürſt, ſo will ich gern meine ſchwachen Kräfte daran ſetzen, entgegnete Ottokar. Ich fürchte nicht, daß dies Werk allzu ſchwer ſein wird, denn ſicher werden ſich alle Mitglieder willig finden, zur guten alten Ordnung zurückzukehren. Und kann ich innerhalb zweier Wochen den Zweck nicht vollſtändig erreichen, ſo wird der Weg dazu dann doch ziemlich geebnet ſein. — Ihr braucht's ja nicht gerade in ſo kurzer Zeit zu vollbringen, denn ein gut Werk will immer Weile haben, den verſetzte der Kurfürſt. Doch müßt Ihr's thun unbeſchadet deſſen, was ich vorhin Euch aufseiragin, und wozu Ihr gleichfalls Euch bereit erklärt. Das Erſcheinen des Kanzlers Unterbtach das Geſpräch. Der Kurfürſt gebot ihm, eine Urkunde aufzuſetzen, durch welche die Auflöſung der Kalande einſtweilen ausgeſetzt und dem Syndikus Ottokar Reinhold die Reorganiſation übertragen ward. Der Kanzler drückte das landesherrliche Siegel in rothem Wachs auf das Pergament und Friedrich beſtätigte es durch ſeine Unterſchrift. — Nun geht mit Gott, Herr Syndikus! wandte ſich der Kurfürſt dann wieder zu Ottokar, indem er ihm die Ur⸗ kunde übergab. Ueberbringt den Bürgern von Berlin und Kölln meinen landesväterlichen Gruß, ſowie Eurer holden Schweſter und dem Boytin nebſt ſeiner Gattin meinen Gruß als Freund. Noch Eins, mein lieber Reinhold, wollet Ihr beherzigen. Zu Allem, was Ihr in der Angelegenheit, die wir zuerſt beſprachen, unternehmt, holt erſt den Rath des wackeren Boytin ein und ſucht Eure Anſicht mit der ſeinigen in Einklang zu bringen; er kennt die Menſchen und die Ver⸗ hältniſſe, und bisher habe ich ſeine Meinung immer als die richtige befunden. Gehabt Euch wohl! Möge uns der Him⸗ mel ein fröhliches Wiederſehen ſchenken! Er reichte Ottokar zum Abſchiede die Hand und verfügte ſich dann zu den Gemächern der Kurfürſtin. Als Ottokar auf ſeinem Gemach wieder angelangt war, überdachte er noch einmal alles, was er mit dem Kurfürſten geſprochen und von dieſem erwirkt hatte. — O Gott, ich danke Dir, daß Du mich gewürdiget, etwas Gutes zu vollbringen! betete er dann in freudiger Rührung. Gieb mir nun auch die Kraft, in der kurzen Zeit, die mir noch bleibt, das alles zu einem erſprießlichen Ende zu führen, und willig und ohne Murren will ich dann in die Dunkelheit des Elends und der Vergeſſenheit hinab⸗ 38 ſteigen, wenn Dein Rath nicht noch anders über mich be⸗ ſchließt. Er erſuchte einen Trabanten, ihm ſein Roß zu ſatteln, gürtete ſein Schwert und machte ſich überhaupt zum Rückweg bereit. Klara's Ring und das Stück ihres Leichentuches ver⸗ wahrte er unter ſeinem Wammſe auf der Bruſt. — So weit ich es vermag, werde ich mir in der nächſten Nacht Ueberzeugung verſchaffen! ſprach er dabei für ſich. Auf dem Hofe fand Ottokar etliche Reiſige, die ihm als Chrengeleit beſtimmt waren. Ohne weiteren Verzug beſtieg er ſein Roß und trieb es zu ſchnellem Trabe an, denn es drängte ihn, ſeinen Mitbürgern die frohen Botſchaften zu bringen. Dem Ritter Waldenfels übergab er den Brief des Kurfürſten und dieſer brach ſogleich mit ſeinen Reiſigen in der Richtung nach Bötzow auf. 3. Kaum ward man am Thore, von deſſen Warte aus man den Abzug der Kurfürſtlichen bereits wahrgenommen, des Syndikus anſichtig, ſo verbreitete ſich die Nachricht von ſeiner glücklichen Wiederkehr mit Blitzesſchnelle durch die bei⸗ den Städte, und alles ſtrömte zum Spandower Thore, um den erwarteten Beſcheid zu vernehmen. Nur mit Mühe konnte Ottokar bis zum Neuen Markte gelangen, wo mehr Raum für die immer noch mehr anwachſende Menge vor⸗ handen war. Auf der Mitte des vor der Kirche gelegenen Platzes hielt er an und gebot Ruhe; alles lauſchte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit auf ſeine Worte. Als er dem Volke dargethan, daß kein Angriff des Kurfürſten auf ſeine Rechte und Freiheiten zu befürchten ſei, indem ſich dieſer bereit zeige, gleich den früheren Landes⸗ e herren dieſelben ausdrücklich und urkundlich zu beſtätigen, und als er ferner mittheilte, daß der Kurfürſt keinen Groll wegen der Vorgänge des geſtrigen Tages hegen wolle— da unterbrach lauter Jubelruf die eingetretene Stille. Kaum aber gab Ottokar durch Zeichen zu verſtehen, daß er noch mehr zu ſagen habe, ſo machte das Freudengeſchrei abermals tiefer Ruhe Platz. Ottokar las jetzt den Verſammelten die neue landesherr⸗ liche Verordnung vor, wonach die Auflöſung der Kalands⸗ geſellſchaften unterbleiben ſollte. Aber noch hatte er das letzte Wort kaum ausgeſprochen, als der Jubelruf des Volkes ſich von Neuem erhob. Ein Hoch auf den Kurfürſten und die Hohenzollern erhob ſich nach dem andern, und auch Otto⸗ kars ward dabei nicht vergeſſen. Nach wenigen Minuten ſchon wehte aus einem Fenſter des nahen Kalandshofes ein großes Banner mit den Farben der Hohenzollern, und von allen Lippen tönte das Lob des Landesherrn, vor dem man geſtern noch die Thore geſchloſſen und mit Bewaffneten be⸗ ſetzt hatte. Ottokar konnte nicht verhindern, daß man den Prachtwagen des Biſchofs von Havelberg herbeiholte, ihn ſelber aber vom Roſſe hob und in den Wagen trug, welcher nun vom Volke im Triumph nach dem Rathhauſe gezogen wurde, während ein anderer Haufe nach dem Hohen Hauſe zog und hier ſeine Freude durch wiederholte Hochs auf den Kurfürſten zu erkennen gab. Mit ſchmerzlichem, faſt bitterem Gefühl blickte Ottokar auf die wogende Volksmenge, die ſeinen Triumphzug umgab und folgte, und unter der er auch viele angeſehene und acht⸗ bare Bürger gewahrte. — Wenn dieſe Leute heute ſchon wüßten, was ſie bin⸗ nen zwei Wochen wiſſen werden, dachte er dabei, ſte würden den elenden, verachteten Baſtard, der ſo lange ſie getäuſcht, mit Ruthenhieben über die Stadtgrenzen jagen, ſtatt ihm ſo unwürdige Ehrenbezeugung zu erweiſen! 140 Sowie der Zug in die Spandowerſtraße einbog, ertönte das Geläute aller Glocken. Die Fenſter der Häuſer wurden geöffnet und Frauen und Jungfrauen winkten mit weißen Tüchern dem jungen Manne ihren Gruß. Es war, als halte ein mächtiger Fürſt ſeinen Siegeseinzug. Als man bei des Bürgermeiſters Hauſe vorüberkam, warf Ottokar unwillkürlich einen Blick hinauf zu dem Fen⸗ ſter, an welchem Helene in der Regel mit ihrer Handarbeit zu weilen pflegte. Es war ihm lieb, ſie nicht dort zu ſehen, denn eine gewiſſe Beänſtigung ergriff ihn, wenn er ihrer Liebe zu ihm gedachte, von der ihm ſo geheimnißvolle Kunde geworden. Vor der Thür ſtanden mehrere Diener des Hau⸗ ſes, in deren Zügen er Beſtürzung und Traurigkeit zu leſen glaubte. Bald darauf langte der Zug vor dem gemeinſchaftlichen Rathhauſe an, das heute nicht, wie geſtern, von den Stadt⸗ ſöldnern abgeſperrt ward. Ottokar mußte es wieder dulden, daß man ihn aus dem Wagen hob und auf den Schultern der Leute die Freitreppe zum Rathhauſe hinantrug. Hier aber gelang es ihm endlich, ſich jeder weiteren ihm ſo lä⸗ ſtigen Ehrenbezeigung zu erwehren und das Volk zu ermah⸗ nen, in Ruhe jetzt zu der gewohnten Beſchäftigung zurück⸗ zukehren, damit aus der allgemeinen Freude nicht noch Nach⸗ theil erwachſe. Während er ſo ſprach, trat der ihm wohlbekannte Ge⸗ werksmeiſter der Tuchmacher⸗Innung an ihn heran. — Wenn Ihr Herrn Boytin im Gefängniſſe ſprecht, Herr Syndikus, raunte ihm der Altmeiſter in's Ohr, ſo ſagt ihm doch, daß er wegen der bei ihm gefundenen Schriften ohne Sorge ſein möge; ſie befinden ſich bereits in unſerer Hand! — Was iſt das? fragte Ottokar betroffen. Was iſt während meiner Abweſenheit geſchehen? Der Gewerksmeiſter machte ſtatt aller Antwort ein Zei⸗ 2*—— —jj— chen, daß er ſchweigen ſolle, und miſchte ſich unter die Volks⸗ menge. Nachdenkend ſtieg Ottokar die Stufen zum Sitzungs⸗ ſaale hinan. Die meiſten Mitglieder des Rathes hatten ſich hier be⸗ reits eingefunden, unter ihnen auch Rycke und Stroband. Der Stadthauptmann begrüßte den Syndikus durch herzliche Worte und Händedruck, der Bürgermeiſter aber durch ein ſchmerzliches Lächeln, das dem heute ſo blaſſen Angeſicht deſſelben einen faſt düſteren Ausdruck verlieh. Ottokar em⸗ pfand Mitleid mit ihm, ohne ſich der Urſache dieſes Ge⸗ fühls klar bewußt zu ſein. Nachdem Ottokar vor dem Rath noch einmal von ſei⸗ nen Ausrichtungen Bericht erſtattet— wobei er natürlich verſchwieg, welches Abkommen er auf eigene Hand mit dem Kurfürſten in Bezug der Befreiung der Bürger vom Joche der Patrizier getroffen— ließ es ſich jener vor allen Din⸗ gen angelegen ſein, die geſtern für die Dauer der Gefahr in die Hände des Bürgermeiſters niedergelegte Gewalt als erloſchen zu erklären, und Rycke ſelbſt ſtimmte zu Aller Stau⸗ nen ohne den geringſten Widerſpruch dieſer Erklärung bei und forderte zur Abſendung eines neuen Boten nach Frank⸗ furt auf, um das verlangte Hulfsheer der Hanſa abzuhal⸗ ten, das Gebiet der Kurmark Brandenburg zu überſchreiten. Jetzt erfuhr Ottokar auf ſein Befragen auch von Stroband, was in der vergangenen Nacht mit Boytin und deſſen Eigen⸗ thum geſchehen. Er konnte ſich nicht enthalten, dem Bürger⸗ meiſter ſeine tiefe Mißbilligung uͤber das von dieſem ange⸗ ſtiftete Werk, welches den Zorn des Kurfürſten auf's Neue erregen könne, zu erkennen zu geben. Rycke hörte ihn, ganz gegen ſeine ſonſtige Weiſe, mit übereinandergeſchlagenen Ar⸗ men und zu Boden geſenkten Augen an, ohne ein einziges Wort zu erwiedern; nur ein fiebriſches Zittern ſeiner Lippen und ein bitteres Lächeln, das hin und wieder über ſeine Züge ò N= glitt, deuteten an, daß er Ottokars ernſte Vorwürfe verſtehe und wiſſe, wem ſie gelten. Trotz ſeiner Ermüdung trug Ottokar jetzt darauf an, die dem Boytin zur Laſt gelegten Vergehen zu unterſuchen, damit man ſehen könne, ob eine fernere Haft deſſelben ge⸗ rechtfertigt und eine Anklage gegen ihn vorzubringen ſei. Es kam vor allen Dingen darauf an, den Inhalt der Schriften zu kennen, die der Stadthauptmann, nachdem er deren Ver⸗ nichtung durch Feuer am vorigen Abend gehindert, in Ver⸗ wahrung genommen hatte. Stroband bezeichnete dem Raths⸗ ſchreiber den Ort, wo er dieſe Schriften niedergelegt hatte, und dieſer eilte nach deſſen Hauſe, um ſie herbeizuholen. Ottokar gedachte hierbei wohl der Worte, die ihm der Alt⸗ meiſter vorhin zugeraunt, doch hielt er es für beſſer, von einer Sache zu ſchweigen, über die er keine nähere Auftlaͤ⸗ rung zu geben vermocht hätte. Bald kehrte der Rathsſchreiber mit einem Bündel Schriften zurück, die Stroband als diejenigen zu erkennen meinte, welche er Boytin abgenommen. Man ging jedes ein⸗ zelne Blatt durch, doch fand man nur kaufmänniſche Briefe, Rechnungen und dem Aehnliches vor, die ſich ſammt und ſonders aus der Zeit datirten, wo Boytin dem Handelge⸗ ſchäft obgelegen, aber keine Schrift, die in irgend einer Be⸗ ziehung zu den politiſchen Angelegenheiten der beiden Städte geſtanden hätte. — Fürwahr, da begreife ich das Benehmen des Boytin nicht, ſagte kopfſchuͤttelnd der Stadthauptmann, als man mit dieſer Unterſuchung zu Ende war. That er doch, als ob ſein Leben von der Vernichtung dieſer Schriften abhinge. — Seid Ihr auch überzeugt, Herr Stroband, daß es dieſelben ſind, die Ihr in Verwahrung genommen? fragte Ottokar. — Allerdings ſind es dieſelben, erwiederte Jener, wie ſollten dieſe ſonſt in mein Haus gekommen ſein? Zudem ehe habe ich die Schriften gezählt, bevor ich ſie in einen Schrank meines Gemachs legte, und es iſt noch dieſelbe Anzahl. Rycke konnte ſich unmöglich verhehlen, daß er eine ſchwere Verantwortung auf ſein Haupt geladen, wenn Boy⸗ tin unſchuldig erfunden ward, und man durfte daher um ſo mehr vorausſetzen, daß er großen Antheil an der vorliegen⸗ den Angelegenheit nehmen müſſe, da ſie ja ſeinen erklärten Todfeind betraf; doch zu Aller Verwunderung ſchien er die Sache gar nicht ſeiner Aufmerkſamkeit werth zu halten, denn während der ganzen Verhandlung ſtand er an einem der Fenſter des Rathhauſes und malte mit den Fingern die Fi⸗ guren der bunten Scheiben nach. Als ihn Ottokar jetzt fragte, ob er der Meinung ſei, daß man den Gefangenen vorführen laſſe, um einige Fragen an ihn zu richten, fuhr er wiederholt mit der Hand über ſeine Stirn, als müſſe er ſich erſt beſinnen, wo er ſei und was man von ihm wolle, und ſprach dann den Wunſch aus, daß die Sache ohne ihn abgemacht werden möge, da er außer Stande ſei, der Sitzung ferner beizuwohnen. Er nahm auch ſogleich Barett und Mantel und verließ das Rathhaus. — Dem Bärgermeiſter muß was Beſonderes wider⸗ fahren ſein, ſagte Stroband zu Ottokar während der Pauſe, die Rycke's ungewöhnliches Benehmen hervorrief; ſchon wäh⸗ rend des ganzen heutigen Tages bezeigt er ſich ſo ſeltſam, daß man faſt glauben möchte, er habe den Verſtand ver⸗ loren. — Es iſt die Furcht vor dem gerechten Zorne des Kur⸗ fürſten, da er doch eigentlich der Urheber des an Boytin verübten Frevels iſt, meinte ein Rathsherr, der gewaltig kurfürſtlich geſinnt war, ſeit das Volk die Herrſchaft der Hohenzollern auf allen Gaſſen jubelnd pries. — Dies iſt nicht der Fall bei ihm, erwiederte Stro⸗ band, da kenne ich ihn zu gut. Wäre er ſich irgend einer Gefahr bewußt, ſo würde er nicht unthätig zittern, ſondern ò Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, um ihr zu begegnen. Es muß etwas Anderes, etwas Gewaltiges ſein, was ihn ſo zu lähmen vermochte— oder es iſt dies alles nur Ver⸗ ſtellung. Sollte ein häusliches Unglück über ihn gekommen ſein? nahm Ottokar das Wort. Ihr ſprachet geſtern von dem geheimnißvollen Verſchwinden ſeines Sohnes— — Still jetzt davon! unterbrach ihn Stroband leiſe. Erinnert Euch, daß ich Euch um Verſchwiegenheit in dieſer Sache erſucht habe. — Ich hätte ſie nicht gebrochen, erwiederte Ottokar mit einem flüchtigen Lächeln; nur andeuten wollte ich, daß in dieſen Zeiten Dinge ſich ereignen, die auch die ſtärkſte Man⸗ neskraft zu Boden werfen und den hellſten Verſtand ver⸗ wirren. Auch giebt es ungewöhnliche, dem fremden Auge verborgene Verhältniſſe und Lagen, die ein ebenſo unge⸗ wöhnliches Verhalten gebieten; darum hüte man ſich, ein voreiliges, hartes Urtheil auszuſprechen. Die Meldung, daß der Gefangene im Vorſaal harre, machte dem Zwiegeſpräch ein Ende. Jakob Heydicke, der nach Rycke's Entfernung als zweiter Bürgermeiſter deſſen Stelle einnahm, gebot, Boytin vorzuführen. Dieſer trat gleich darauf ein; er war blaß, aber ruhig und gefaßt. Ohne die Gegenwart der Rathsherren, die, ohnehin ſeine politi⸗ ſchen Gegner, auch größtentheils ſeine perſönlichen Feinde waren, zu beachten, ſchritt er auf Ottokar zu und reichte dieſem vertraulich die Hand zum Gruße. — Ich habe in meinem Kerker vernommen, daß Ihr druͤben in Spandow geweſen ſeid, ſagte er dabei; wie mag es zugehen, daß der Kurfürſt die eidbrüchigen Empörer noch nicht nach Verdienſt gezüchtigt hat? Wohl erkenne ich Lang⸗ muth an als Fürſtentugend, doch muß ſie ein Ende⸗haben, wenn, wie hier— — Wir, der vereinigte Rath, der beiden Städte recht⸗ mäßige Obrigkeit, haben Euch nicht kommen laſſen, um zu fragen, ſondern um Rede und Antwort zu geben! unter⸗ brach ihn Heydicke. Deß mögt Ihr eingedenk ſein, Herr Boytin! Als Bürger der beiden Städte kommt mir nur zu, vor dem ordentlichen Schöppengericht Rede und Antwort über mein Thun und Laſſen zu geben, erwiederte Boytin; nim⸗ mer aber werde ich das vor Euch thun, die Ihr Euch die Herrſchaft angemaßt, um der Bürger Freiheit und Recht mit Füßen zu treten— für Euch, Ihr Herren, die Ihr durch frevle Empörung gegen den von Gott eingeſetzten Landes⸗ herrn ſchon längſt dem Strick des Henkers verfallen ſeid, habe ich nur Haß und Verachtung; ich ſpotte Eures Grimmes! — Der Strafe des ordentlichen Gerichts ſoll Eure freche Beleidigung nicht entgehen, obwohl es Euch ſchlecht anſteht, die Rechte und Freiheiten der beiden Städte für Euch an⸗ zurufen, die an die Hohenzollern zu verrathen bisher das Streben Eures Knechtſinnes geweſen! donnerte ihm Hey⸗ dicke wüthend zu. — Ihr vergeßt Euch! rief Stroband. Wollt Ihr den Fehler des Bürgermeiſters noch verſchlimmern? Sagt dem Boytin, um was es ſich eigentlich handelt, und laßt die Zänkereien bei Seite! — Soll ich ſtill dazu ſein, wenn die Läſterzunge des Gefangenen uns begeifert? grollte Heydicke. — Darüber werden wir ſpäter reden, erwiederte Stro⸗ band; jetzt gilt es vorerſt, die Angelegenheit zu erledigen, wegen welcher Boytin hier vor uns iſt. Ihr werdet nicht ferner die Antwort verweigern, Herr Boytin, wandte er ſtich dann zu dieſem, wenn ich Euch ſage, daß wir keinesweges über Euch Gericht halten wollen, wie Ihr zu wähnen ſcheint. Zuvor aber mögt Ihr wiſſen, daß die offenen Feindſeligkei⸗ ten, die geſtern zwiſchen dem Kurfürſten und den beiden Städten auszubrechen drohten, in einer ſeltſamen, bis jetzt AAAAANANANRNR;Rò; noch nicht aufgeklärten Urſache ihren Grund hatten, und jetzt durch die Vermittelung unſeres wackeren Syndikus be⸗ ſeitigt ſind. Der Bürgermeiſter Rycke glaubte in Euch jene Urſache zu finden, daher die Behandlung, ſo Euch wider⸗ fahren. Beweiſe gegen Euch ſind bis jetzt nicht vorzubrin⸗ gen, ſonſt hätten wir ſicherlich nicht mit der gerichtlichen Klage gezögert. Was wir jetzt nun mit Fug und Recht von Euch verlangen, iſt die Erklärung auf Wort und Hand⸗ ſchlag, daß Ihr Euch in Hinſicht des gegen Euch gehegten Verdachtes rein fühlt. Hättet Ihr Euer Benehmen von vornherein ſo eingerichtet, wie es dem guten Bürger dem rechtmäßigen Stadtregiment gegenüber geziemt, ſo würdet Ihr in dieſem Augenblicke, wenn Ihr ſonſt die Verſicherung Eurer Unſchuld mit gutem Gewiſſen geben könnt, gewiß ſchon frei ausgehen können. Herr Heydicke, an Euch iſt's nun, die Sache weiter zu Ende zu führen. — Ich habe Euch ruhig angehört, Herr Stadthaupt⸗ mann, weil ich Euer Alter ehre und ſodann auch aus wirk⸗ licher Achtung für Eure Perſon, nahm Boytin ſchnell das Wort, um Heydicke zuvorzukommen. Habe ich mich in mei⸗ ner Vorausſetzung geirrt, ſo iſt mir das um der Bürger willen lieb; doch haben ſich die Leute, die ſich ausſchließlich das Regiment der beiden Städte angemaßt, bisher ſo viele Ungerechtigkeiten zu Schulden kommen laſſen, daß man den Irrthum erklärlich finden muß. Der mir geſtellten Zumu⸗ thung werde ich aber erſt dann Folge leiſten, wenn mir die Schriften wieder ausgeliefert werden, die Ihr, Herr Stadt⸗ hauptmann, mir geſtern in meinem Hauſe entriſſen. — Haben dieſe Schriften ſo große Wichtigkeit für Euch, Herr Boytin? fragte Stroband, indem er einen forſchenden Blick auf dieſen richtete. — Sie ſind ein Theil meines Eigenthums! verſetzte Boytin kurz, deſſen ſcharfer Verſtand ihm ſchon während Strobands Auseinanderſetzung geſagt hatte, daß in Bezug — ich AAAAN auf dieſe ein für ihn vortheilhafter Irrthum ſtattfinden mußte, über den er um jeden Preis ins Klare kommen wollte. — Wollt Ihr mir— aus Achtung vor meinem grauen Haupte— nicht ſagen, warum Ihr die Schriften den Flam⸗ men übergeben wolltet? fuhr Stroband fort. — Ich wollte nicht, daß irgend etwas von meinem Eigen⸗ thum, ſo geringfügig es auch ſei, in die Hände von Leuten falle, die kein Recht daran haben, antwortete Boytin. — Noch eine Frage möchte ich an Euch ſtellen, Herr Boytin, begann der Stadthauptmann wieder. Um die Ge⸗ wißheit zu haben, daß dieſe Schriften auch wirklich Euch gehören, und nicht etwa bei mir eine Verwechſelung vorge⸗ fallen iſt, würde es mir lieb ſein, Eure Meinung über den ungefähren Inhalt derſelben zu hören. — Dies Begehr kann ich nicht erfüllen, erwiederte Boytin. Ich kam geſtern von Britz hierher, um diejenigen Sachen zu ordnen, die ich mit hinausnehmen will, da ich bis zum künftigen Herbſt auf meinem ländlichen Eigenthum zu verweilen gedenke. So hatte ich's mit Vielerei zu thun und kann jetzt nicht mehr wiſſen, mit welchen Schriften ich mich juſt beſchäftigte, als man plötzlich mein Hausrecht ſo arg verletzte. Stroband ſah vielleicht ein, daß es ihm nicht gelingen werde, den gewandten Gegner zu fangen, oder er mochte auch wohl deſſen Antworten Glauben ſchenken; genug, er forſchte nicht weiter. Heydicke fragte jetzt die Mitglieder des Rathes, ob man dem Boytin die Schriften übergeben ſolle, bevor dieſer die verlangte Erklärung abgelegt habe, und alle bejahten dieſe Fragen bis auf Ottokar, welcher ſchwieg. Boytin nahm die Papiere und trat damit zum Fenſter. — Dieſe alten Skripturen hatte ich geſtern Abend wahr⸗ lich nicht in meinem Gemache, ſprach er bei ſich, nachdem er ſie flüchtig durchblättert; ſie liegen ſchon ſeit langen Zei⸗ ··‚;ꝗęꝑꝑ ten in den alten Schränken der Rumpelkammer; wie ſoll ich mir dieſen ſeltſamen Umſtand deuten? Doch hütete er ſich wohl, ſeine Gedanken durch irgend ein äußeres Zeichen zu verrathen. — Wir erwarten jetzt von Euch, daß Ihr thut, was wir von Euch verlangen, Herr Boytin! nahm Heydicke das Wort. Ihr legt, wie Euch ſchon geſagt worden, die Erklä⸗ rung ab, daß Euer Gewiſſen Euch freiſpricht von dem Ver⸗ dachte, den der Bürgermeiſter Rycke gegen Euch laut wer⸗ den ließ, und bekräftigt Euer Wort durch Handſchlag jedem hier anweſenden Mitgliede des vereinigten Raths der beiden Städte, und empfangt dafür von jedem Einzelnen die Zu⸗ ſicherung, daß er Euch glaubt und dieſer Sache nie wieder erwähnt werden ſoll, weder im Guten noch im Böſen. Seid Ihr dazu bereit? — Geſtattet mir zuvor ein Wort, rief Ottokar, ſich er⸗ hebend. — Sprecht, Herr Syndikus, erwiederte ihm Heydicke. Die Anweſenden blickten mit großer Spannung auf den jungen Mann, denn jeder erwartete, daß er irgend eine wich⸗ tige Entdeckung in Bezug auf die vorliegende Sache mitthei⸗ len werde. Hätte man auf Boytin Acht gegeben, ſo würde man auf deſſen Angeſicht den unverkennbaren, obwohl ſchnell wieder verſchwindenden Ausdruck banger Beſorgniß bemerkt haben. — Ich erkläre hiermit vor den Anweſenden, als Zeu⸗ gen, daß ich in dieſem Augenblicke mein Amt als Syndikus beim Rath der beiden Städte niederlege, ſprach Ottokar mit lauter und feſter Stimme. Wohl weiß ich, daß die Zeit meines Amtes noch nicht abgelaufen iſt, doch ſteht mir das Recht der freiwilligen Entſagung zu und ich nehme es in Anſpruch! Einige Augenblicke verharrten Alle in ſprachloſem Stau⸗ nen, ja in Beſtürzung; denn obwohl die Rathsherren, viel⸗ leicht mit alleiniger Ausnahme des alten Stroband, wie ſchon erzählt worden, den Syndikus nur gezwungen in ihrer Mitte duldeten, ſo erblickten ſie doch ſeit den Ereigniſſen des ver⸗ gangenen Tages in ihm den Ableiter der Gefahren, die ſie bei einem gefürchteten, gerade nicht ſehr unwahrſcheinlichen Volksaufſtande bedrohten, denn ſie kannten ſeinen Einfluß und rechneten auf ſeine Großmuth. Boytin, der freilich ein anderes Intereſſe an dem Verbleiben des jungen Mannes in ſeiner wichtigen Stellung hatte, war der Erſte, der ſeiner Ueberraſchung Worte lieh. — Ihr ſeid raſend, Ottokar! rief er dieſem zu. Was könnte Euch bewegen, dieſen Leuten das Feld zu räumen? Bedenkt, was auf dem Spiele ſteht, und nehmt Euer vor— eiliges Wort zurück, ich beſchwöre Euch! — Ihr, Herr Boytin, ſolltet doch am erſten die Gründe zu würdigen wiſſen, die mich zu dieſem Schritte zwingen! erwiederte Ottokar in einem Tone, der nicht ganz frei von einer gewiſſen Bitterkeit war. — Ihr habt allerdings das Recht der freiwilligen Ent⸗ ſagung, nahm Stroband das Wort. Doch werdet Ihr als Syndikus auch wiſſen, daß es dem Rathe anheimgeſtellt iſt, ob er Euch Eures Amtes entbinden will, oder nicht! — Nicht aus den Händen des Rathes empfing ich die⸗ ſes Amt, entgegnete Ottokar ſtolz; es ward mir durch die freie Wahl faſt der geſammten Bürgerſchaft, und als ich es annahm, behielt ich mir, wie Jedermann weiß, das Recht vor, es wieder niederlegen zu dürfen, ſobald mir die Ueber⸗ zeugung werde, durch daſſelbe dem Volke nicht ſo dienen zu können, wie es erwartete. — Um aller Heiligen willen, wenn Ihr ſo vor dem Volke draußen ſprecht, verderbt Ihr uns ſammt und ſonders! rief Thomas Wyns in höchſter Angſt. — Ich erinnere Euch jetzt an unſer geſtriges Zwiege⸗ ſpräch auf der Warte am Spandower Thorel ſprach Stro⸗ Die ſchwarzen Brüder. II 4 band wieder. Es muß Euch einleuchten, daß gerade das Wohl des Volkes es von Euch erheiſcht, auf Eurem Platze zu bleiben! Ihr werdet mir nicht gleiche Furcht, wie die des Herrn Wyns, zutrauen, wenn ich Euch als Freund ſowohl wie als Bürger der beiden Städte erſuche, von Eurem Vor⸗ ſatze abzuſtehen. —, Ich gebe Euch die Verſicherung, Herr Stadthaupt⸗ mann, daß ich Euch treu zur Seite ſtehen werde, ſo lange ich es vermag, ſollte das von Euch Befürchtete ſich beſtäti⸗ gen, erwiederte Ottokar. Ihr mögt mir indeß glauben, daß mein Gewiſſen in dieſem Augenblicke gebieteriſch dieſen Schritt von mir fordert. Stroband ſchüttelte in trübem Nachdenken wiederholt ſein Haupt, während die anderen, auch Boytin, immer von neuem auf Ottokar eindrangen, die Ausführung ſeines Vor⸗ ſatzes wenigſtens noch auf einige Zeit hinauszuſchieben; doch war ihr Mühen vergebens. — Wuürdet Ihr uns nicht wenigſtens der Angabe Eurer Gründe werth erachten, Herr Reinhold? begann Stroband wieder. — Ich könnte Euch glauben machen, dieſe ſeien in dem mir gewordenen Auftrage wegen des Kalands zu ſuchen, antwortete Ottokar nach kurzem Schweigen. Doch wenn ich Euch auch für jetzt meine Gründe nicht mittheilen kann, ſo will ich Euch aber auch nicht belügen. — Gründe, die man ſich ſcheuen muß, offen auszu⸗ ſprechen, pflegen ſelten ſehr ehrenwerthe zu ſein, Herr! ſagte der Stadthauptmann mit ſcharfer Betonung. — Herr Stadthauptmann! fuhr Ottokar mit blitzenden Augen auf. Aber ſchon in der nächſten Sekunde gewann er ſeine gewöhnliche Ruhe wieder. Gedenkt Eures grauen, ehrwürdigen Hauptes, Herr Stroband! ſetzte er faſt bittend hinzu. — Es war nicht darauf abgeſehen, durch einen Schwert⸗ 8 51 A,, kampf unſere Kräfte und Geſchicklichkeit zu erproben, ent⸗ gegnete Stroband; nur die Gewohnheit, mit meiner Mei⸗ nung nicht hinter dem Berge zu halten, ließ mich ſo ſpre⸗ chen. Und frei und offen ſei es Euch geſtanden: es macht mich mißtrauiſch, daß Ihr mir geſtern Abend bei unſerem traulichen Zwiegeſpräch nichts von einem Entſchluſſe ſagtet, mit dem Ihr jetzt hervorrückt, nachdem Ihr drüben am kur⸗ fürſtlichen Hofe geweſen. Wollt Ihr nicht wenigſtens mit der Niederlegung Eures Amtes ſo lange warten, bis Herr Boytin ſeine Erklärung in Eure Hand niedergelegt und Ihr ihm die Verſicherung gegeben, daß Ihr ſeinen Worten Glau⸗ ben ſchenkt? — Ich habe mein Amt bereits niedergelegt, ſprach Ot⸗ tokar. Möge man nun von meinem Thun denken, was es immer ſei; ich folge meiner Ueberzeugung und meinem Ge⸗ wiſſen und füge jetzt nur noch hinzu, daß man mir binnen wenigen Wochen nicht verzeihen wird, erſt ſo ſpät gethan zu haben, worin man heut Verrath und Untreue zu ſehen meint. — Es würde mich wahrlich ſehr betrüben, müßte ich inne werden, daß ich mich in Euch ſo lange getäuſcht! ſagte Stroband, ſichtlich bewegt, indem er es zuließ, daß Ottokar ſeine Hand wie zum Abſchiede drückte. — Euer Entſchluß iſt alſo unwiderruflich, Herr Rein⸗ hold? fragte Heydicke. — Er iſt es wenigſtens für jetzt! erwiederte Ottokar. — Verſprecht Ihr uns aber auch, den Pöbel nicht ge⸗ gen uns und unſer Eigenthum aufzuhetzen? fragte Wyns in Angſt. Ottokar warf ihm nur einen Blick der Verachtung und des Mitleids zu und ſchickte ſich an, den Sitzungsſaal zu verlaſſen. — Eine Warnung noch möchte ich Euch auf den Weg mitgeben, Herr Reinhold, nahm Stroband noch einmal das 4 ⁴ Wort. Was Ihr auch vorhaben mögt: baut nicht zu viel auf veränderliche Volksgunſt. Dieſelben Leute, die Euch vorhin mehr denn königliche Ehre erwieſen, werden ſpäter, wenn das Glück ſich gegen Cuch erklärt, ihren jetzigen Lieb⸗ ling mit Füßen treten. Dieſe Wahrheit mögt Ihr nie ver⸗ geſſen. — Seid überzeugt, Herr Stadthauptmann, daß ich ihrer ſtets eingedenk geweſen, erwiederte Ottokar. Nie habe ich um die Gunſt des Volkes gebuhlt; bei allem, was ich für daſſelbe that, folgte ich meiner Ueberzeugung und meinem Gewiſſen. — Wann ſehen wir uns in Britz, Ottokar? fragte ihn Boytin. — Morgen, denke ich, antwortete Ottokar. Er grüßte dann die Rathsherren und verließ den Saal. Stroband ſah ihm betrübt nach. — So habe ich wieder einen mehr zu bewachen, dachte er bei ſich. Nach kurzer Pauſe ward Boytins Angelegenheit wieder aufgenommen. Er legte ſeine Erklärung dahin ab, daß er nie Verrath oder irgend eine feindliche Abſicht gegen die beiden Städte oder ihre Bürger im Sinne gehabt, und be⸗ kräftigte dies durch Handſchlag. Er mußte noch Urfehde ſchwören und konnte dann frei und ungehindert gehen. Die Rathsſitzung war hiermit beendet.— — Dieſen Ausgang der Sache hätte ich nimmer erwar⸗ tet, murmelte Boytin für ſich, als er das Rathhaus hinter ſich hatte; im Gegentheil, ich war auf das Aeußerſte ge⸗ faßt, und mußte es ſein, wenn nicht ein ſo ſeltſamer Irr⸗ thum in Bezug auf dieſe Schriften ſtattgefunden hätte. Ob ich mich oder ſie ſich geirrt haben— ich weiß es nicht und kann es nicht entſcheiden, und doch hängt davon faſt mein Leben ab, denn wenn ſich ſpäter noch die Schriften finden ſollten— ——— — — 53 AAAAAAAAANANNRNVꝛ Der Gruß einer bekannten Stimme unterbrach ſein Selbſtgeſpräch. Es war der Altmeiſter des Tuchmacherge⸗ werks, der an ihn herantrat. Beide Männer ſprachen eif⸗ rig, aber leiſe mit einander, indem ſie langſam über die „Brücke an den ſtädtiſchen Mühlen“ gingen. Bei der Ro⸗ ſchergaſſe übergab der Altmeiſter dem Boytin verſtohlen ein kleines Päckchen, welches dieſer ſorglich bei ſich verbarg. Dann trennten ſich die Beiden, nachdem ſie einen herzlichen Händedruck mit einander gewechſelt; der Altmeiſter ging ſei⸗ ner Wohnung am Spandower Thore zu und Boytin, der erſt im Sinne gehabt, ſein zerſtörtes Haus am Hundemarkt zu beſuchen, zog es jetzt vor, unverweilt nach Britz zurück⸗ zukehren, wo Frau Katharine bereits um ihn trauerte. Die Ruhe in den beiden Städten war wieder herge⸗ ſtellt. Die Bürger hatten ihre Waffen abgelegt und ihre gewöhnlichen Beſchäftigungen vorgenommen, und der beute⸗ und tobſüchtige Pöbel der Vorſtädte war ſcheu in ſeine ſchmutzi⸗ gen Höhlen zurückgekrochen. Nie aber war die allgemeine Stimmung dem Landesherrn ſo günſtig geweſen, als gerade jetzt.— So endete der durch Rycke gefliſſentlich geſchürte Aufſtand, der ihn an das Ziel ſeines tollkühnen Ehrgeizes hatte führen ſollen! 4. In Zwieſpalt mit ſeinen Gefühlen, aber doch im Be⸗ wußtſein, das Rechte gethan zu haben, hatte Ottokar das Rathhaus verlaſſen und dem Rathsdiener, der ihm ſein Roß vorführte, geboten, daſſelbe nach ſeinem Hauſe in der Brüder⸗ Straße zu bringen, wohin er ſelber ſich zu Fuß begeben wollte, um ſo die Aufmerkſamkeit der ihm Begegnenden we⸗ niger auf ſich zu ziehen und ihren lauten Begrüßungen und NRN”=BOR Fragen zu entgehen. In ſeinen Mantel gehüllt, ward er auf ſeinem Wege nicht erkannt. Vor Boytins zerſtörtem Hauſe blieb er ſtehen und be⸗ trachtete die angerichtete Verwüſtung. — Stroband hat Recht! ſprach er bei ſich. Von Allen, auf deren Lippen heut das Lob des Kurfürſten ertönte, hat ſich auch nicht Einer erhoben, um das Eigenthum des eifrig⸗ ſten Anhängers deſſelben zu ſchützen; von den vielen Freun⸗ den, die Boytin vorzüglich hier in Kölln zählt, wagte kei⸗ ner dem Frevel der böſen Rotte Einhalt zu thun— und hätte Klara noch gelebt, würde wohl Niemand von denen, die mich heut auf ihren Schultern trugen, ſich herbeigelaſſen haben, ſie den Mißhandlungen des rohen Pöbels zu ent⸗ ziehen! Es drängte ihn, das Haus zu betreten, in dem er ſo viele glückliche Stunden mit der Geliebten verlebt, und un⸗ willkürlich lenkte er ſeine Schritte zu dem kleinen Gemach, welches Klara einſt bewohnt hatte. In dem kleinen Raum deſſelben hatte er immer ſo gern verweilt; hier wehte der ſtille Frieden eines reinen und tugendhaften Gemüthes ihn an, ſo oft er über die Schwelle ſchritt; die geringfügigſte Anordnung des einfachen Geräths deutete auf das Walten einer kindlich reinen Seele, und nie hatte er es anders als mit dem ehrfurchtsvollen Gefühle betreten, das man in den Räumen eines geweihten Heiligthums empfindet. Auf ſeine Bitten hatte man dies Gemach unverändert ſo gelaſſen, wie es bei Klara's Leben geweſen, und indem er jetzt die Treppe zu demſelben hinaufſtieg, gewahrte er kaum die Spuren der Verwüſtung, die ſich überall im Hauſe zeigten; er dachte nur daran, wie er jetzt eine glückliche Stunde der Erinnerung durchleben wolle, die ihm wohl zu gönnen ſei. Doch grau⸗ ſam ſah er ſich getäuſcht, als er auf dem Korridor anlangte, der zu ſeinem ſtillen Heiligthume führte— er hatte unwill⸗ kürlich gehofft, daß die rohen Zerſtörer es nicht gewagt ha⸗ ben würden, es zu entweihen. Die Wilden hatten keine Schonung gekannt; die Thür hing geſprengt in ihren Angeln, das Geräth des Gemaches war fortgenommen oder zerbro⸗ chen, und ſelbſt der kleine Betaltar, vor dem die Hingeſchie⸗ dene ſo oft in frommer Andacht geknieet und gläubige Ge⸗ bete für das Heil des Geliebten zum Throne des Höchſten geſandt, war umgeſtürzt und all des zierlichen Schmuckes beraubt, den ihre Hände einſt im ſinnigen Kunſtfleiß zur Ehre Gottes gefertigt! Ein bitterer Schmerz durchzog bei dieſem Anblick ſeine Seele. — Das haben die gethan oder geſchehen laſſen, denen alle meine Arbeit, all mein Mühen bisher gegolten! ſprach er vor ſich hin. O Gott, gieb mir Kraft und Selbſtüber⸗ windung, daß ich nicht dem finſteren Menſchenhaß verfalle! So gut es anging, gab er dem Gemach ſein früheres Ausſehen wieder und verließ traurigen Sinnes das verödete Haus. Schon im Begriff, den Klöpfel an der Thür des ſeinigen zu erheben, beſann er ſich plötzlich und ging dem am Ende der Straße gelegenen Kloſter der Schwarzen Brü— der zu, mit deſſen Pförtner er ein längeres geheimes Zwie⸗ geſpräch unter vier Augen führte, das mit dem Verſprechen des Kloſterbruders endete, dem jungen Manne zu Willen zu ſein. Dann in ſeinem Gemache angelangt, ſuchte er ſich aller grübelnden Gedanken und Vorſtellungen zu entſchlagen, indem er eifrig an der Entwerfung eines Planes für die Reorganiſation der Kalandsgilden arbeitete. Es war ſchon ſpät am Abend, als er plötzlich den Bür⸗ germeiſter Rycke bei ſich eintreten ſah. Er war mit ärm⸗ lichen Kleidern angethan, deren er ſich gewöhnlich zu bedie— nen pflegte, wenn er unerkannt durch die Gaſſen ſchleichen wollte. Stumm ließ er ſich auf einen Seſſel nieder und be⸗ antwortete Ottokars höflichen Willkommsgruß nur durch ein ſchmerzliches Lächeln. — Was fehlt Euch, Herr Rycke? fragte Ottokar theil⸗ A nehmend. Ihr ſeht ſehr leidend aus, was ich übrigens ſchon auf dem Rathhauſe wahrnahm. — Ihr habt wohl Recht, ich bin ſehr elend! ſeufzte Rycke. — Kann ich Euch in irgend etwas zu Dienſten ſein, Herr Rycke? fragte Ottokar nach einer Pauſe, während wel⸗ cher der Bürgermeiſter mit zu Boden geſenkten Blicken und über einander geſchlagenen Armen in düſteres Grübeln ver⸗ ſunken war. Gern will ich Euch helfen, wenn es mir mög⸗ lich iſt. — Ich war ausgegangen, um beruhigenden Aufſchluß zu erhalten, ſagte Rycke, der Ottokars Worte nicht verſtan⸗ den zu haben ſchien; aber der, welcher ihn mir allein geben kann, weigert ſich, dies zu thun, und vertröſtet mich auf ſpätere Zrit; ach, er iſt nicht immer ſo geweſen! Zurückkeh⸗ rend gewahrte ich den Lichtſchein aus Eurem Fenſter; es trieb mich, zu Euch hinaufzugehen, um meinen Kummer mit Euch zu theilen, mit Euch, von dem ich weiß, daß Ihr Euch nicht meines Unglücks freut, wie die Anderen! — Ihr ſprecht von Eurem Sohn, von dem man nicht weiß, wo er iſt, wie ich gehört habe? ſagte Ottokar. — Thut mir die Liebe und erinnert mich nicht auch noch an den! verſetzte Rycke, indem er mit der Hand eine abwehrende Bewegung machte, als wolle er etwas von ſich fern halten. Wenn ich deſſen noch gedenken ſoll, ſo muß ich fürchten, vollſtändig der Hölle anheimzufallen! Aber die Helene, die Helene! O Gott, warum haſt Du mir das ge⸗ than, wenn ich Dein auserwähltes Werkzeug bin. Oder iſt alles Lüge und Täuſchung, was mir der Fremde geſagt? Dann wehe mir! — Kommt zu Euch, Herr Rycke! ſprach Ottokar ſanft, dem die letzten, ihm natürlich unverſtändlichen Worte des Bürgermeiſters glaubend machten, der Schmerz habe deſſen Sinne verwirrt. Wenn Ihr wollt, daß ich Euren Kummer theilen ſoll, ſo ſagt mir, was geſchehen iſt. Vielleicht laſſen ſich dann Mittel finden, ihn zu lindern. — Ach ja, Ihr wißt's noch nicht, daß ich mein Kind, mein einzig Kind, meine Helene, verloren habe! ſagte Rycke ſich beſinnend. — Was ſagt Ihr? rief Ottokar erſchreckt. Eure Toch⸗ ter Helene iſt todt? — Hört nur, wie's gekommen, fuhr Rycke fort. Geſtern, während des Tages, habe ich ſie kaum geſehen; erſt am Abend, oder vielmehr ſpät in der Nacht, als ich nach Hauſe gekommen und ſie mir den Nachttrunk brachte, konnte ich mit ihr reden. Wir ſprachen mit einander, doch bald ließ ich ſie in ihr Kämmerlein gehen, denn ſie ſchien krank und leidend zu ſein an Körper wie an Gemüth— und könnte doch ſo glücklich werden, wenn ſie's nur wollte! Auf dem Gange wandte ſie ſich noch einmal um und warf ſich an meine Bruſt, als wollte ſie Abſchied nehmen für die Ewigkeit, und ihre Worte klangen auch faſt ſo, allein ihr Benehmen iſt, wie ſchon von jeher, ſo beſonders in der letzten Zeit immer ſeltſam geweſen und darum fiel mir dies nicht eben auf. Am heutigen Morgen nun wartete ich in meinem Gemach auf den würzigen Frühtrunk, den ſie ſeit dem Tode meines Wei⸗ bes immer ſelbſt für mich zu bereiten und ihn mir auch ſelbſt zu bringen pflegte; aber ſie erſchien nicht und ſendete auch keinen Diener, der mir den Trunk an ihrer Stelle brächte. Voll Beſorgniß, daß dem Mädel etwas zugeſtoßen ſei, ging ich nach ihrem Kämmerlein, deſſen Thür nicht verſchloſſen war. Statt ihrer fand ich nur auf dem Tiſche einen Brief. Doch leſet ihn ſelbſt. Er reichte Ottokar ein zerknittertes Stück Papier, das mit feinen, aber durch Waſſer oder Thränen halb verwiſch⸗ ten Schriftzügen beſchrieben war. Nur mit Mühe konnte er dieſe entziffern, und es ergab ſich aus ihrem Inhalt, daß Helene das väterliche Haus verlaſſen habe, um fortan in — — —— ——— —— —* E einem Kloſter ihre Tage, deren nur noch wenige ſein wür⸗ den, zu beſchließen. Auf eine rührende Weiſe bat ſie ihren Vater um Verzeihung und um ſeinen Segen und nahm Ab⸗ ſchied von ihm; aber ſie gab auch zu erkennen, daß dieſer ihr Entſchluß unwiderruflich ſei, und daß Rycke daher nicht verſuchen möge, ſie davon abzubringen, wenn es ihm etwa gelingen ſollte, ihren Aufenthaltsort, den ſie nicht angegeben, zu entdecken; doch fügte ſie das Verſprechen hinzu, daß er Nachricht erhalten werde, wenn ſie, wie ſie hoffte, zu einem beſſeren Leben eingegangen ſei. Der Schluß des Schreibens fehlte; der Papierſtreifen, auf dem er wahrſcheinlich geſtan⸗ den, war abgeriſſen. — Bin ich nicht ein unglücklicher Vater? ſtöhnte Rycke, als Ottokar ihm das Schreiben zurückgab. Mein einziges Kind verläßt mich; einſam ſtehe ich nun an der Grenze des Alters, denn ich fühle, daß meine Manneskraft gebrochen iſt; ich werde fortan nichts vollbringen können. — Ihr ſeht zu ſchwarz, Herr Rycke, ſprach Ottokar nach kurzem Sinnen. Ich muß Euch auch leider den Vor⸗ wurf der Unthätigkeit machen, denn hättet Ihr am heutigen Morgen ſogleich Nachforſchungen angeſtellt, ſo hättet Ihr Eure Tochter ſicherlich wieder gefunden, da die Thore ver⸗ ſchloſſen waren und ſie ſomit die Stadt nicht hatte verlaſſen können; bei Oeffnung der Thore aber konnte Befehl an die Wachen ertheilt werden, auf jeden Ausgehenden ſcharfes Augenmerk zu haben. Ich begreife nicht, wie Ihr ſo ein— fache Maßregeln unterlaſſen konntet. Doch noch kann das Verſäumte nachgeholt werden, wenn Ihr eiligſt Boten nach allen Richtungen ausſendet. — Das alles wollte ich auch im erſten Augenblick an⸗ ordnen, ſagte Rycke. Allein wozu hätte das genützt? O, Ihr kennt Helenens Charakter nicht, wenn Ihr meint, ſie würde ſich haben bewegen laſſen, ihrem Vorſatze zu entſa⸗ gen! Früher oder ſpäter würde ſie ihn ja doch ausgeführt „ 59. haben! Glaubt mir, Herr Syndikus, daß ich dennoch alles aufgeboten hätte, um der Flüchtigen habhaft zu werden; aber ich durfte ja nicht— — Was durftet Ihr nicht, Herr Rycke? fragte Otto⸗ kar, als dieſer nicht weiter ſprach. — Ihr wißt noch nicht alles, Freund, ſagte der Bür⸗ germeiſter nach einer Pauſe, Ihr habt den Brief noch nicht ganz geleſen. O, es giebt Dinge auf der Welt, von denen ſich die andern Menſchen nichts träumen laſſen, weil ihr Dichten und Trachten ſich ſelten über die Bedürfniſſe des kümmerlichen Lebens erhebt.— Dinge, ſage ich Euch, die den Verſtand verwirren und den kühnſten Muth zu Boden drücken! Man weiß von ihnen nicht, von wannen ſie plötz⸗ lich kommen, aber ſie erſcheinen gerade dann, wenn man nach aller menſchlichen Berechnung glauben muß, daß dies un⸗ möglich iſt. Wahrlich, die Ereigniſſe dieſes nnd der näch⸗ ſten Tage wären andere geweſen, hätte ſich das Eintreffen dieſer Dinge nur um kurze Zeit verzögert, denn dann würde ich ihrer gelacht und ihnen getrotzt haben; aber jetzt zer⸗ malmen ſie mich durch ihre gewaltige Schwere, und ſelbſt wenn es gelingt, mich von ihnen wieder zu befreien, ſo iſt doch meine Kraft für lange Zeit, wo nicht für immer ge⸗ brochen! — Und das ſteht alles mit dem Entſchluſſe Eurer Toch⸗ ter, in's Kloſter zu gehen, in Verbindung? fragte Ottokar nach einer Pauſe. Doch es iſt nicht meine Abſicht, in Eure Geheimniſſe zu dringen, fuhr er fort, als Rycke keine Ant⸗ wort gab; ich fragte nur deshalb, weil ich ein Mittel zu kennen glaube, durch das Helene vielleicht bewogen wird, ihrem Entſchluſſe wieder zu entſagen. — Ich möchte mich Euch wohl anvertrauen, junger Mann, ſprach Rycke nachdenkend. Wahrlich, es fehlt mir Jemand, der in dieſer Zeit mich beſtändig erinnert, wer ich bin und was meine Beſtimmung iſt; vielleicht, daß dann ArAAA ſich meine gebrochene Kraft ermannt und mein geſunkener Muth ſich aufrichtet. Aber wird Eure Jugend auch der Laſt dieſes Vertrauens gewachſen ſein? — Das müßt Ihr wiſſen, Herr Rycke, der Ihr ja die Größe Eures Geheimniſſes kennt, verſetzte Ottokar, der jetzt aus Rycke's ganzem Weſen entnehmen zu müſſen glaubte, daß der Verluſt der Tochter eigentlich nur der Name war, mit welchem der Bürgermeiſter ein für ihn noch größeres Unglück belegte, um letzteres jedem uneingeweihten Blicke zu entziehen. — Es ſei— ich will es thun! rief Rycke. Sei es eine gute Stunde, die uns hier zuſammenführt! Ihr, Rein⸗ hold, ſeid der rechte Mann! Kommt mit mir, gleich zur Stelle; in meinem Hauſe habe ich alles beiſammen, was zu Eurer Unterrichtung dient. — Habt Ihr ſo große Eile, Euch Eurer Geheimniſſe zu entäußern? fragte Ottokar lächelnd. Manch Anderer an Eurer Stelle würde ſich mehr bedenken. — Glaubt Ihr, ich würde mich ſo ſchnell entſchließen, wenn ich nicht ſchon lange mit dem Gedanken umgegangen wäre, Euch zu meinem Vertrauten zu machen? entgegnete Rycke. Freilich ſollte dies in Bezug auf andere Dinge ge⸗ ſchehen; doch gleichviel. — So laßt die Sache wenigſtens bis morgen, ſagte Ottokar; Ihr mögt wiſſen, Herr Rycke, daß ich Euch in dieſer Nacht nur noch wenige Stunden widmen kann. — Eine, höchſtens zwei Stunden werden vollkommen genügen, erwiederte Rycke, deſſen ſich eine fieberiſche Haſt bemächtigt hatte. Laßt uns eilen, denn ich hege die Hoff⸗ nung, Euch nicht allein zu meinem Vertrauten, ſondern auch zu meinem Verbündeten zu machen, und gelingt mir dies, dann kann noch alles gut werden, wenn wir ſchnell handeln. Ottokar zauderte noch. Er fürchtete, ein Geheimniß hören zu müſſen, deſſen treue Bewahrung ſich nicht mit ſei⸗ mANRNRR ner Pflicht und mit ſeinem Gewiſſen vereinigen ließe, und gegen jegliche Art von Verrath ſträubte ſich ſein gerader Sinn; doch Rycke ließ nicht nach mit Bitten, und ſo ent⸗ ſchloß er ſich denn, dieſem wenigſtens nach ſeinem Hauſe zu folgen. — Ich kann ja bei dem leiſeſten Anſchein, daß meine Befürchtung gegründet iſt, mich weigern, weiter in ſein Ge⸗ heimniß zu dringen, ſprach er bei ſich, indem er ſich zum Mitgehen rüſtete; und es iſt auch möglich, daß ich den Bürgermeiſter von irgend einem Unrecht zurückhalten oder ihn bewegen kann, ein ſchon begangenes wieder gut zu machen. Er dachte dabei an die Mittheilungen, des Stadthaupt⸗ manns, die dieſer ihm geſtern Abend gemacht. Still gingen die Beiden auf der Gaſſe neben einander her. Ottokar überdachte noch einmal alles, was ihm Rycke geſagt. In Bezug auf deſſen Tochter hegte er keinen Zwei⸗ fel, daß Helene nur durch die hoffnungsloſe Liebe zu ihm bewogen worden ſei, in's Kloſter zu gehen, und ihn jam⸗ merte des jungen Mädchens. Wie aber, wenn er den Wil⸗ len ſeiner verſtorbenen Geliebten erfüllte— wenn Rycke's Schmerz wirklich aufrichtig wäre und er um ſeiner Tochter willen— — Nein, nein! rief er ſich zu, indem er ſich den Ge⸗ danken entriß, die ihn plötzlich beſtürmten; ich darf mich keiner ferneren Täuſchung hingeben! Als ſie beim Rathhauſe vorübergingen, warf Ottokar zufällig einen Blick hinauf zu den Fenſtern des Sitzungs⸗ ſaales und gewahrte, daß durch die geſchloſſenen Laden der⸗ ſelben Lichtſchein drang. — Hält der Rath jetzt eine Sitzung? fragte er ſeinen Begleiter, indem er dieſen darauf aufmerkſam machte. — Die Rathsdiener werden den Saal reinigen, erwiederte Rycke. Zu einer Sitzung müßtet Ihr doch auch geladen ſein. 4 AAAR;́n —— Ihr wißt nicht, daß ich mein Amt niedergelegt habe? verſetzte Ottokar erſtaunt. — Das habt Ihr gethan? rief Rycke, indem er un⸗ willkürlich ſtehen blieb. Iſt dieſer Tag denn nur dazu da, mir Unheil zu bereiten? — Kann Euch nur der Syndikus, nicht aber der Menſch dienen, ſo iſt's noch Zeit, Euer Geheimniß für Euch zu be⸗ halten, ſprach Ottokar, den dieſe Worte befremdeten. — Kommt, kommt, entgegnete Rycke, Ottokars Arm ergreifend. Es überraſchte mich dieſe Nachricht nur, weiter nichts. Ich bin ſeit heute Morgen nicht in meinem Hauſe geweſen, ſonſt würde ich's gewußt haben, da man mir es doch gemeldet haben wird. Bald darauf war man vor dem Hauſe des Bürger⸗ meiſters angelangt. Rycke wollte eben den eiſernen Klöpfel niederfallen laſſen, als aus dem Schatten der Pfeiler, die ſich neben dem Eingange erhoben, ein Mann hervortrat und ſeine Hand auf Rycke's Schulter legte. — Im Namen des Rathes der beiden Städte fordere ich Euch auf, mir zu folgen, Herr Rycke! ſprach er dabei. — Was ſoll das bedeuten, Herr Stadthauptmann? fuhr Rycke auf. — Zwingt mich nicht, Gewalt anzuwenden, entgegnete Stroband kalt, indem er auf mehrere Stadtſöldner deutete, 3 die jetzt ebenfalls aus dem Dunkel der Pfeiler zu beiden Seiten hervortraten und auf deren glänzenden Hellebarden ſich das Sternenlicht ſpiegelte. Niemand kennt beſſer als Ihr die Folgen ſolcher Widerſetzlichkeit! — Und wohin beliebt es Euch, mich zu führen? fragte Rycke, gelaſſener als vorhin. — Vorerſt nach dem Rathhauſe, erwiederte Stroband. — Gut, ich werde Euch folgen, ſprach Rycke, nachdem er ſich etnige Sekunden bedacht. Verzeiht, Herr Reinhold, wandte er ſich dann zu dieſem, daß ich Euch vergebens be⸗ ꝑZꝓBò müht habe; konnte ich doch nicht ahnen, welchen Faſtnachts⸗ ſcherz man ſich mit mir erlauben werde. Uebrigens werde ich dieſem mir ungelegenen, etwas unzeitigen Schwank bald ein Ende zu machen wiſſen und werde Euch dann des Wei⸗ teren benachrichtigen; einſtweilen gehabt Euch wohl. Er reichte dem jungen Mann die Hand zum Abſchiede, wickelte ſich feſter in den Mantel und ſchritt ſchnell und in ſtolzer Haltung dem Rathhauſe zu; Stroband folgte ihm mit den Stadtſöldnern. Ottokar war ſo betroffen ob dieſes unerwarteten Vor⸗ falls, daß er dem Bürgermeiſter kein Wort zu erwiedern ver⸗ mochte; die Ereigniſſe der letzten Tage, ohnehin ſchon un⸗ gewöhnlicher Art, waren einander zwar ſo ſchnell, gleichſam Schlag auf Schlag gefolgt, daß man auch des Seltſamſten gewärtig ſein mußte, und Strobands Aeußerungen in Bezug auf Rycke's Treiben hätten Ottokar auch auf einen ſolchen Fall, wie der gegenwärtige, vorbereiten müſſen: doch war die Verhaftung des Bürgermeiſters, der Jahr um Jahr an der Spitze des Stadtregiments geſtanden und mit kräftiger Hand die Zügel deſſelben geführt, von Seiten des Rathes, deſſen Intereſſen Rycke, wie die der übrigen Patrizier, vor Allem gewahrt und der ſtets mit ihm Hand in Hand ge— gangen, etwas ſo Unerhörtes, nie Gedachtes, daß Jeder an Ottokars Stelle ſeine Betroffenheit, die an Beſtürzung grenzte, getheilt haben würde. Stroband hatte nur beim Hervor⸗ treten aus dem Dunkel einen ſcharfen, durchdringenden Blick auf den Begleiter des Bürgermeiſters geworfen, ſonſt aber gethan, als kenne er den jungen Mann gar nicht. Gedankenvoll trat Ottokar den Rückweg nach der Brü⸗ derſtraße an. — So hält der Rath doch eine Sitzung, ſprach er für ſich, als er beim Rathhauſe vorüberkam und abermals einen Blick zu den Fenſterladen des Sitzungsſaales hinaufwarf. Sollte Stroband in ſeinen Vermuthungen dennoch Recht AANW haben? Schier reut es mich jetzt, daß ich ſchon heute mein Amt niedergelegt habe, denn es iſt immerhin möglich, daß man dem Bürgermeiſter nur um deshalb ſo plötzlich gram geworden iſt, weil er in den letzten Tagen zu Gunſten des Volkes den Patriziern nicht immer zu willen geweſen— ſprach er mir doch ehegeſtern von ſeiner gänzlichen Sinnes⸗ änderung, und vielleicht iſt jenen etwas davon zu Ohren gekommen! Doch Mitglied des Rathes konnte ich ja keine Minute ferner bleiben, ohne entweder dem Boytin in's Ge⸗ ſicht zu ſagen, daß er die Unwahrheit ſpreche, oder durch die Verſicherung, daß ich ſeiner Betheuerung Glauben ſchenke, ſelber mich einer Lüge ſchuldig zu machen; in beiden Fällen hätte ich zum Schaden der guten Sachen gehandelt, und wenn mein Schritt, den ich gethan, auch in etwas der Auf⸗ richtigkeit ermangelte, ſo bin ich doch mit meinem Gewiſſen darüber einig, daß ich recht gethan, ſo weit die Umſtände es zuließen; zudem hätte ich ja morgen oder übermorgen doch das Amt niederlegen müſſen, wollte ich thun, was ich dem Kurfürſten gelobt und was nach meiner Ueberzeugung zum Wohle der Bürger gereicht. Hätte traun nicht gedacht, daß Boytin damals nicht ganz Unrecht hatte, als er mir in Britz nach ſeinem Streite mit dem Bürgermeiſter ſagte, daß man unter gewiſſen Umſtänden nicht immer den geraden Weg einſchlagen könne! Die Macht der Lüge iſt leider ſo groß, daß ſie, ange⸗ than mit dem Mantel der Nothwendigkeit, auch die beſſeren Menſchen zwingt, ſich ihr hin und wieder und ehe ſie es ahnen oder ſich deſſen bewußt werden zu ergeben— freilich immer nur auf kurze Zeit, denn gerade bei den unverdorbe⸗ nen Gemüthern folgt dem wenn auch unbewußten Abweichen vom rechten Wege die Strafe faſt ſtets auf dem Fuße nach, und die Wahrheit bricht ſich ſiegend Bahn. Auch Ottokar ſollte es inne werden, daß ein guter, ſelbſt der beſte Zweck nie und nimmer durch Mittel er⸗ AAAAA; reicht wird, welche auch nur um eines Haares breit vom ſtets geraden Wege des ewigen Rechtes abweichen, wenn es auch manchmal ſcheint, als ſei es nicht möglich, anders zum Ziele zu gelangen. 5. Bald befand ſich Ottokar wieder in ſeinem Gemach. Er verſuchte wieder an die Beſchäftigung zu gehen, in der ihn Rycke unterbrochen, doch war es ihm nicht möglich, ſeine volle Aufmerkſamkeit der Arbeit zuzuwenden; je weiter der Zeiger der Wanduhr vorrückte, um ſo mehr ſtieg ſeine Un⸗ ruhe. Es waren aber andere Gedanken, als vorhin, die ſich ſeiner jetzt bemächtigt hatten. — Keine Schwachheit, Ottokar! ſprach er zu ſich ſel⸗ ber, als die Mitternachtsſtunde heranrückte. Dir muß Ge⸗ wißheit, volle Ueberzeugung werden, ſollen dieſe Zweifel nicht bald Deine Thatkraft lähmen. Es muß geſchehen! ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. Ungewöhnliche Lagen rechtfertigen ungewöhnliches Thun! Mit dem erſten Schlage der Mitternachtsſtunde verließ er ſein Gemach, entriegelte leiſe die Hausthür und trat, vor⸗ ſichtig um ſich blickend, auf die Gaſſe. Kein lebendiges We⸗ ſen außer ihm ſchien ſich auf derſelben zu befinden; kein Lichtſtrahl aus den Fenſtern der Häuſer erhellte die tiefe Dunkelheit der engen Straße. Mit leiſen Schritten ging er an den Häuſern entlang der dem Hundemarkte entgegenge⸗ ſetzten Richtung zu. Am Ende der Gaſſe, auf dem heutigen Schloßplatze, zog ſich von der Linken zur Rechten die düſtere Mauer ent⸗ lang, welche die zum Kloſter der Schwarzen s Mrädes gehö⸗ Die ſchwarzen Brüder II. 66 ANNNS rige Kirche mit dem Friedhofe deſſelben umſchloß. Die Ge⸗ gend war ſehr einſam; auf dem Raume der heute nach der Breiten Straße zu gelegenen Häuſer der Brüderſtraße zwi⸗ ſchen der Neumannsgaſſe und dem Schloßplatze befanden ſich damals noch Gärten, deren nördliche Einfriedigung nur einen ſchmalen Gang zwiſchen ſich und jener Mauer übrig ließen, der nach der Breiten Straße führte; der übrige Theil des Schloßplatzes war eine ſumpfige Wüſte; wo jetzt das Schloß ſich erhebt, zog ſich die köllniſche Stadtmauer hin und trennte den damals unergründlichen Moraſt des heutigen Luſtgar⸗ tens von dem eigentlichen Kölln. Die nächtliche Andacht der Kloſterbrüder war noch nicht vorüber; durch die bunten Fenſter der Kirche drang ein mat⸗ tes Licht, welches aber nur die Dunkelheit auf dem genannten Gange zwiſchen der Brüder- und Breiten Straße noch ver⸗ mehrte, und man vernahm den Geſang der Mönche. Otto⸗ kar hüllte ſich feſter in ſeinen Mantel und trat in eine Blen⸗ dung der Kloſtermauer; er ſchien auf jemand zu warten. Von der Langen Brücke her, die damals ihren Namen mit Recht führte, indem ſie bis zur heutigen Poſtſtraße ſich erſtreckte(die heutige Burgſtraße ſteht auf einer ehemaligen Inſel der Spree, über welche die Brücke hinwegging), ver⸗ nahm Ottokar nach kurzer Zeit den einförmigen Schall der Tritte, welche das Kommen der nächtlichen Wachtrunde ver⸗ kündeten. Er hielt den Athem an, um nicht von dieſer be⸗ merkt zu werden. In ſeiner unmittelbaren Nähe hielt der vorderſte der drei Stadtſöldner, aus denen die Wachtrunde beſtand, plötz⸗ lich ſtill. — Ich habe nicht rechte Luſt, Ihr Leute, wandte er ſich zu ſeinen Gefährten, zu jetziger Stunde hier oben in die Brüderſtraße einzubiegen; es könnte uns juſt ſo gehen, wie unſerm armen Kameraden, dem der Gatſecbeiuns in den Weg getreten iſt. 67 AAAAæᷓR;R Die Andern ſchienen die Meinung des Sprechenden zu theilen, denn auch ſie blieben zaudernd ſtehen. — Wenn's nur nicht herauskommt, daß wir die Runde nicht vollſtändig durchgemacht haben! ſagte jedoch einer. — Wie ſollte das geſchehen? nahm jener wieder das Wort. Es iſt ja kein Menſch auf der Gaſſe. Ich denke, wir warten hier ein Weilchen, denn in der Kirche iſt noch Gottesdienſt und da kann's uns nichts anhaben. Nach der Zeit, die wir brauchen würden, um von hier nach der Spree⸗ gaſſe und wieder zurück zu kommen, gehen wir die Breite Straße hinab und kehren dann nach der Wacht im Rathhauſe zurück; ſo merkt Niemand, daß wir nicht das obere Kölln ganz durchgemacht haben. Die beiden Andern hatten gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwenden. — Weiß denn keiner, warum wir den Bürgermeiſter in Haft nehmen mußten? hob einer nach einer Pauſe an. — Es wird ſo Allerlei auf dem Rathhauſe gemunkelt, erwiederte der, welcher zuerſt geſprochen, aber unſereins muß ſich wohl hüten, ſich das Maul zu verbrennen! — Kannſt's immer ſagen, was Du weißt; die in der Kirche hören uns nicht; andere Leute ſind nicht in der Nähe, und wir werden's nicht verrathen. — Man ſagt, Herr Rycke habe Verrath geſponnen gegen die beiden Städte; in Frankfurt ſoll's rausgekommen ſein. Aber ich glaub's noch nicht. — Der Bürgermeiſter wird's doch nicht mit dem Kur⸗ fürſten halten? — Nun, das wohl gerade nicht, denn dann hätte er wohl nicht ſo gegen den Boytin gehandelt; es muß alſo wohl eine andere Bewandtniß mit ihm haben. Ich meines Theils wenigſtens denke mir was ganz Anderes. — So laß hören, was Du denkſt. — Iſt es Euch nicht aufgefallen, daß vorhin, als wir 5* 68 AQAQCÄꝑEC; den Bürgermeiſter in Verhaft nahmen, der Syndikus, der heute abgedankt, ganz vertraulich mit ihm des Weges daher kam und wahrſcheinlich in des Bürgermeiſters Haus treten wollte? Die Beiden waren doch früher Feinde, denn Herr Rycke hielt's mit den Vornehmen, Herr Reinhold aber mit dem Volke; ſeit etlichen Tagen habe ich aber bemerkt, daß ſte ganz freundſchaftlich mit einander verkehren. Gewiß nun— — Warum ſprichſt Du nicht weiter? fragten die Zu⸗ hörenden, als der Sprechende plötzlich inne hielt. — Habt Ihr nicht geſehen, wie ſich da unten, wo die kleine Pforte geradeüber der Brüderſtraße auf den Kloſter⸗ Kirchhof führt, eben was Schwarzes bewegte? — So weit kann man in der Finſterniß ja gar nicht ſehen, ward ihm in einem Tone geantwortet, der die aber⸗ gläubige Furcht nicht verleugnen konnte. Gewiß haſt Du Dich geirrt! — Jetzt ſehe ich auch nichts mehr, aber darum iſt's doch wahr, was ich ſagte. Es iſt in der Gegend nicht ge⸗ heuer, behaupte ich! — Male den Teufel nicht an die Wand, er erſcheint auch ungerufen! — Komnt, laßt uns wieder umkehren nach der Brei⸗ ten Straße zu. — Nein, laßt uns hier nur noch warten; um nach der Wacht zurückzukehren, iſt's noch zu früh, und wenn wir uns wo anders aufhalten, könnte leicht ein Rathsherr dazu kom⸗ men, der aus der Sitzung nach Hauſe geht. Hier aber geht keiner um dieſe Stunde vorüber, und vor allen Anfechtungen des Gottſeibeiuns ſind wir ſicher, ſo lange man hier die frommen Geſänge und Gebete hört. — Ich fürchte mich ſonſt nicht, wenn ich's mit Menſchen oder Thieren zu thun habe, verſicherte der eine; aber mit Gei⸗ ſtern, guten oder böſen, habe ich nicht gern was zu ſchaffen. -— nt — Wir wollen nicht beſtändig davon reden! mahnte ein Anderer. Du ſprachſt ja vom Bürgermeiſter und vom Syndikus; was meinteſt Du denn von den Beiden? — Nun, daß die ſich vereinigt haben, um den Rath zu ſtürzen! Denn ſeht, Ihr traut doch ſicherlich dem Rein⸗ hold nicht zu, daß er's jetzt nur mit dem Bürgermeiſter halte, weil er, der Syndikus nämlich, anderen Sinnes geworden; deswegen aber glaube ich, daß dies mit dem Bürgermeiſter der Fall iſt, und daß Herr Rycke ſich jetzt des Volks mehr annehmen will, als ſonſt. Hörtet Ihr nicht ſchon am drit⸗ ten Weihnachtsfeiertage ſo etwas, als die Geſchichte wegen des Kalands im Gange war? — Das traue ich aber wieder dem Bürgermeiſter nicht zu, denn er iſt doch ein Patrizier. Und dann hätte der Rath doch auch gewiß den Syndikus Reinhold gleich mit in Ver⸗ haft nehmen laſſen. — Da werden ſie ſich wohl vor hüten, ſo lange es geht! Wenn die Leute morgen hören, was mit dem Bür⸗ germeiſter geſchehen, ſo werden ſie zwar die Köpfe zuſam⸗ menſtecken, wie ſie's immer thun, wenn mal etwas Außer⸗ gewöhnliches geſchieht; aber die meiſten, deß bin ich gewiß, werden ſich darüber freuen, denn Herr Rycke hat ſich ihnen gar oft hart und ſtreng gezeigt. Aber den Lärmen möchte ich als Stadtſöldner wahrlich nicht erleben, wenn's hieße, ſie hätten den Reinhold geſangen geſetzt; die Wacht auf dem Rathhauſe möchte ich zu ſolcher Stunde nicht haben! Das wiſſen aber die da oben auch recht gut, darum zthun ſie ſo und nicht anders! — Wenm's wirklich ſo iſt, wie Du ſagſt, dann wird der Syndikus aber auch nicht die Hand in den Schooß legen, wenn man ſeinem Verbündeten ſo arg mitſpielt. So Du nun alſo Recht hätteſt mit Deiner Vermuthung von einem Bündniß der Beiden, ſo könnte morgen doch am Ende gerade geſchehen, was der Rath vermeiden will, indem er ˖ den Syndikus frei ausgehen läßt. Und wenn der Syndi⸗ kus an der Spitze der Empörung ſteht, dann wird's mit uns armen Stadtſöldnern ſchlimm! — Nun, wer von uns geſcheidt iſt, wird wiſſen, was er dann zu thun hat. — Was würdeſt Du denn thun? Vor uns kannſt Du ganz dreiſt ſprechen, das weißt Du ja, und ein anderer Menſch hört uns nicht! — Ich will's gerade herausſagen, wie ich's waißen werde, nahm der dritte das Wort, als der Gefragte vor⸗ ſichtig ſchwieg. Nicht ferner habe ich Luſt, um geringen Sold meine Haut zu Markte zu tragen für Leute, die das niedere Volk, zu dem wir doch auch gehören, immer mehr mit Füßen treten, und deren Suͤndenbock wir nachher ſein müſſen, wenn's mal ſchief mit ihnen geht. Sobald ich ſehe, daß es vom Volke ernſtlich gemeint iſt, ſo reiße ich das Stadtwappen ab von meinem Wammſe und ſcheere mich den Henker um die Patrizier. Und ſo wie ich denken faſt alle unſere Gefährten. — Das iſt auch meine Meinung! verſicherte jetzt der Stadtſöldner, der dieſe nicht zuerſt ausſprechen wollte. — Recht habt Ihr ſchon, ſagte der andere; aber den Kürzeren ziehen wir dabei nun einmal, wie's auch immer kommen mag. Behält der Rath die Oberhand, ſo macht der nachher nicht viel Federleſens mit uns, wenn wir ihm untreu worden; ſiegt aber das Volk, ſo jagt es die unnützen Brodfreſſer, wie wir genannt werden, zum Thore hinaus und wir können verhungern, ehe uns wieder einer in ſeine Dienſte nimmt. — Wenn wir thun, wie wir uns eben vorgenommen, und unſere Gefährten machen's ebenſo, dann wird's mit uns nicht ſo ſchlimm, wie Du fürchteſt. Denn erſtens iſt gar nicht daran zu denken, daß die Patrizier mit ihrem gerin⸗ gen Anhang die Oberhand behalten, wenn wir nicht für AAANAN; ſie kämpfen; und wegen eines Unterkommens nachher trage ich keine Sorge. Der Kurfürſt hält's, wie wir's erſt heute wieder bei der Kalandsgeſchichte geſehen haben, mit dem Volke, und da der gnädige Herr juſt in Krieg verwickelt iſt, wie man heute geſagt hat, ſo wird er uns gewiß gern als Reiſige annehmen, wenn er hört, daß wir auf Seite der Bürger geſtanden haben. Im ſchlimmſten Falle wird der Syndikus ſchon für uns ſorgen. Das alles haben wir uns ſchon längſt überlegt. Aber wir thun auch nur dann ſo, wenn Herr Reinhold den Aufſtand billigt; denn ſonſt wird doch nichts daraus, weil dann auch die Bürger zu Hauſe bleiben, wie's geſtern Vormittag der Fall war. — Ja, geſtern vor dem Rathhauſe hätte auch ich noch meinen Mann geſtanden, denn ich fand's nicht recht, daß man am Feiertage Händel anfangen wollte; und wäre auch der Propſt von St. Nikolai nicht dazwiſchen gekommen, ſo wäre aus einem Aufſtand doch nichts Rechtes geworden, das ſah wohl jeder von uns ein. — Herr Reinhold iſt jetzt doch nicht mehr, der er fru⸗ her war, als ſeine Braut noch lebte, nahm ein Stadtſöld⸗ ner nach einer kurzen Pauſe wieder das Wort. Ich hatte am dritten Feiertage meinen Platz am Spandower Thore, wo auch er ſich faſt den ganzen Tag über aufhielt, und konnte ihn da recht beobachten. Sonſt war er immer ſo heiter und zum Scherzen aufgelegt, aber das ſcheint nun bei ihm vorbei zu ſein. Man ſieht's ihm an, daß er ſich recht ſehr grämt. — Das iſt auch gar nicht zu verwundern; eine Braut, wie die Jungfer Klara, findet er in der ganzen Welt nicht mehr. Und es kam ſo ſchnell mit ihr! — Da ſieht man doch, daß der welſche Doktor nicht alles kann, wie es immer von ihm hieß. — Wenn Herr Reinhold und Herr Boytin wüßten, was ich weiß— —————— AAAAAA;ò — Was ſollteſt Du denn Beſonderes wiſſen? Kannſt Du's uns nicht auch ſagen? — Wenn Ihr mir verſprecht, nicht davon zu plaudern— — Das verſprechen wir. — Nun gut. Iſt's Euch nicht ſonderbar vorgekommen, daß Herrn Reinholds Braut in den Gewölben dieſer Kloſter⸗ kirche beigeſetzt wurde, und nicht in denen von St. Petri, wo doch Herrn Boytins Familien⸗Begräbniß iſt? — Freilich. Sprich nur weiter. — Nun ſeht, auch andere Leute wunderten ſich dar⸗ über, und ſo kam es, daß, als kurz vor dem Feſte ein Raths⸗ herr den Bürgermeiſter beſuchte und viel Wein getrunken wurde von den Beiden, jener davon ſprach. Nun habe ich einen guten Freund, der iſt der Liebſte von einer Magd, die im Hauſe des Bürgermeiſters dient; die war gerade im Ne⸗ bengemach, ohne daß Herr Rycke es wußte, und konnte deut⸗ lich die Antwort des Bürgermeiſters verſtehen, die er dem Rathsherrn gab. Er ſagte ihm nämlich, daß der welſche Doktor dies ſich von vornherein zur Bedingung gemacht habe, weil er, wie er zu dem Boytin geſagt, den Schwarzen Brü⸗ dern die Sporteln verſprochen für das Begräbniß und für die Seelenmeſſen Aller, denen er ärztliche Hülfe geleiſtet; denn die Mönche müßten ihm dafür die Arzneien bereiten helfen. Aber dies ſei nicht der wahre Grund geweſen, ſagte der Bürgermeiſter zu dem Rathsherrn; vielmehr ſei die Bei⸗ ſetzung der Leiche in den Kloſtergewölben nur deshalb von dem Welſchen verlangt worden, weil er den todten Körper mit einem Meſſer zu zerſtückeln und dadurch ſeine Kunſt— — Herr Gott— ſeht Ihr's— jetzt iſt's dicht bei uns? In höchſtem Entſetzen ſtieß ein Stadtſöldner dieſe Worte heraus. Einen Moment ſtanden die drei wie angewurzelt am Boden, während ihre Haare faſt die ſchweren Pickel⸗ hauben von ihren Köpfen hoben; dann aber ergriffen ſie ie ꝑ ſammt und ſonders die Flucht und liefen in paniſchem Schrek⸗ ken die Breiteſtraße hinunter. Diesmal war es Ottokar, der, in ſeinen dunklen Mantel gehüllt, mit einer unwillkürlichen, raſchen Bewegung aus der Mauerblende hervortretend, ihnen dieſen abergläubigen Schrecken eingejagt hatte. Der junge Mann befand ſich aber gleichfalls in zu großer Aufregung, um auch nur durch ein Wort den Fliehenden ihren Irrthum aufklären zu können. — Wenn es wahr iſt, was dieſer geſagt, ſprach Ot⸗ tokar nach einer kurzen Pauſe dumpf vor ſich hin, während er krampfhaft den Griff eines Dolches umfaßte, den er beim Weggehen zu ſich geſteckt; wenn der Welſche es gewagt, dieſen reinen Tempel Gottes mit ſeiner Hand zu entweihen und zu vernichten— dann, Pignetti, wehe Dir! Ich er⸗ würge Dich, wo ich Dich finde, ſei es ſelbſt an den Stu⸗ fen des Hochaltars! Dieſen Frevel ſollteſt Du mit Deinem verruchten Leben büßen! Aber nein, es kann ja nicht ſein! fuhr er fort. Iſt Klara doch meinem Diener körperlich erſchienen. O, werden dieſe Mönche denn heute gar nicht mit ihrem Gottesdienſt zu Ende kommen? Als hätte es nur dieſes Wortes bedurft, ſo unmittel⸗ bar darauf verſtummte der Geſang in der Kirche des Klo⸗ ſters. Bald darauf hörte man die leiſe murmelnden Stim⸗ men der Mönche, die nach ihren Zellen zurückkehrten. End⸗ lich ward alles ſtill. 6. Mit leiſen, unhörbaren Schritten ging Ottokar an der Mauer entlang wieder der Brüderſtraße zu, wo er an einer kleinen Mauerpforte ſtehen blieb. Hätte er mehr Aufmerk⸗ AAANNRNRR ſamkeit für die Außenwelt gehabt, ſo hätte er gewahren müſ⸗ ſen, wie in dem Maße, in dem er ſich der Pforte näherte, ein dunkler Schatten an der Mauer in entgegengeſetzter Rich⸗ tung fortglitt. Er hatte aber nur Acht auf das, was etwa jenſeits der Kirchhofsmauer ſich vernehmen ließ. Es währte nicht lange, ſo raſchelte es in dem welken Laube, das den Friedhof bedeckte, und gleich darauf ward von innen leiſe dreimal an die Pforte geklopft. Ottokar er⸗ wiederte dies Zeichen in derſelben Weiſe; man hörte das Knarren eines Riegels, und gleich darauf öffnete ſich die Pforte. Ottokar trat auf den Kirchhof. Ein Kloſterbruder hatte die Pforte geöffnet, die er jetzt wieder verriegelte. Dann bedeutete er den jungen Mann durch ein Zeichen, zu ſchweigen und ihm zu folgen, und ſchritt ihm voran zwiſchen den Gräbern der Thür zu, die in die Sakriſtei der Kirche führte. Im Begriffe, dieſe zu öffnen, hielt er plötzlich lauſchend inne. — Hörtet Ihr nicht ein Geräuſch an der Mauer, Herr Syndikus? fragte er dann mit flüſternder Stimme. — Es war der Nachtwind, der durch die hohen Ulmen des Friedhofes fuhr, frommer Pater! erwiederte Ottokar ebenſo. Der Mönch horchte noch eine Weile; da er aber nichts Verdächtiges weiter vernahm, ſo öffnete er geräuſchlos die Thür und Beide traten in die Sakriſtei, die durch eine auf dem Tiſche ſtehende Leuchte erhellt ward. — Verharrt Ihr auch jetzt noch auf Eurem Vorſatze, Herr Syndikus? fragte der Mönch. — Feſter noch als heute Nachmittag! erwiederte Ottokar. — Ach, Herr, Ihr habt mein Gelöbniß, und ich muß es halten, ſagte der Pater. Aber ich gebe Euch zu beden⸗ ken, daß es für die Lebenden nicht gut iſt, die Ruhe der Todten zu ſtören und zumal zu ſolcher Stunde! — Ihr konntet mir ja keine andere Zeit beſtimmen, Herr Pater! entgegnete Ottokar. — Weil man zu anderer Zeit Euer Vorhaben entdek⸗ ken und verhindern würde, verſetzte der Mönch. Aber ich bitte Euch wiederholt, davon abzuſtehen! — Soll ich dieſen peinigenden Zweifel noch länger in meiner Bruſt tragen? ſprach Ottokar mehr für ſich, denn als Antwort. Nimmermehr! Es bleiben mir ihrer dennoch genug bis zur Entſcheidung an der Jahreswende! — Was meint Ihr, Herr Syndikus? fragte der Pater. — Nichts, Ehrwürdiger! verſetzte Ottokar kurz. Laßt uns an's Werk gehen, daß wir fertig werden, bevor die Frühandacht wieder beginnt. — Wenn Ihr denn nicht anders wollt— ſagte der Mönch ſeufzend, ſo muß ich thun, was Ihr verlangt. Nim⸗ mer aber hättet Ihr mich dazu bewogen, ohne das Ver⸗ ſprechen, Euch für meines Bruders Sohn, die arme Waiſe, beim Kurfürſten zu verwenden, daß er ein kleines Amt bei der landesherrlichen Kanzlei erhält. Was thut man nicht alles um der lieben Verwandten willen! Er bückte ſich bei dieſen Worten nieder und zog eine eiſerne Brechſtange und einen Schraubenzieher hervor, die unter einem Schranke lagen. Dann nahm er die Leuchte vom Tiſche und öffnete die Thür, die in das Schiff der Kirche führte und welche er hinter ſich und Ottokar wieder verſchloß. Ottokar überlief ein leiſer Schauer, als er in das leere Gotteshaus trat, in welchem eine über dem Hochaltar bren⸗ nende ewige Lampe den einzigen Lichtpunkt bildete, denn der Mönch barg ſeine Leuchte unter ſeinem weiten Gewande. Die hoch emporſtrebenden, in Dunkelheit ſich verlierenden gothiſchen Pfeiler der Kirche erſchienen ihm wie rieſige Ge⸗ ſtalten, die drohend ſich ihm entgegenſtellten, und die Bilder der Heiligen, auf die das Flackern der ewigen Lampe hin ———— 5 — —— 3— ᷣ NRS; und wieder ein mattes Streiflicht warf, ſchienen zürnend auf den nächtlichen Eindringling hernieder zu blicken. Doch faßte er ſich bald wieder und folgte ruhigen Schrittes dem vor⸗ angehenden Mönch. Dieſer fuͤhrte ihn zu dem Becken, welches das geweihte Waſſer enthielt, und benetzte ſich und Ottokar unter Segens⸗ ſprüchen damit reichlich. — So kommt denn nun an's Werk, Herr Syndikus, ſagte er dann. Möge der dreieinige Gott und ſeine Engel und Heiligen alle böſen Geiſter von uns fern halten. Vor dem Hochaltar blieb der Mönch ſtehen. — Dies iſt die Stelle! ſprach er, auf eine Marmor⸗ platte des Fußbodens deutend, die einige Schritte entfernt war von der Stätte, wo man Klara's Sarg hinabgelaſſen, und die durch ein in den Fußboden eingefügtes ſchwarzes Kreuz bezeichnet war. Er ſtellte ſeine Leuchte auf die Stufen des Altars und zwängte die Brechſtange zwiſchen die Fugen der Marmor⸗ platte. Beide Männer mußten wiederholt neue Kräfte ſam⸗ meln, bevor es ihnen gelang, den gewichtigen Stein auch nur zu bewegen. Als ſie aber endlich die eine Seite des⸗ ſelben um ein Geringes gehoben hatten, richtete er ſich durch eine unter dem Fußboden angebrachte Vorrichtung von ſelbſt in die Höhe und blieb in ſenkrechter Stellung ſtehen. Es ward ein dunkler Schlund ſichtbar, der in ein Gewölbe hin⸗ abführte; oben gewahrte man beim Schein der Leuchte die Stufen einer ſchmalen, halb verfallenen Treppe. — Dies iſt der Weg, den wir zu wandeln haben, ſagte der Mönch fröſtelnd. Wollt Ihr auch jetzt noch nicht abſtehen von Eurem Vorhaben? — Bleibt zurück, wenn Euch die bleiche Furcht anwan⸗ delt, verſetzte Ottokar. Gebt mir die Leuchte und das In⸗ ſtrument zum Herausziehen der Schrauben; ich werde allein hinabſteigen. AAAææò;ò;ò — Ihr würdet Euch da unten nicht zurechtfinden und könntet etwas thun, wodurch man ſpäter unſere heutige That entdeckte, erwiederte der Pater. Sonſt ließe ich Euch recht gern allein Euer unheimliches Werk beenden. Gebete murmelnd und die Leuchte vor ſich hinhaltend, betrat er die hinabführenden Stufen. Ottokar folgte ihm. Modergeruch wehte ihnen von unten her entgegen. Die Treppe ſchien endlos zu ſein. Plötzlich blieb der Mönch wieder ſtehen und blickte mit einem vor Schrecken bleichen Geſicht rückwärts hinauf zu Ottokar. — Was giebt's? fragte dieſer. — Hörtet Ihr nicht auch den Ton oben in der Kirche, als ob man eine Thür oder ein Fenſter gewaltſam öffnete? ſprach der Kloſterbruder mit bebender Stimme. — Ihr ſeid ſehr furchtſam, frommer Pater! erwiederte Ottokar unmuthig. Dergleichen Töne, wie der eben auch von mir vernommene, werdet Ihr zu jeder Zeit und an je⸗ dem Orte hören, wo ſich viel Holzgeräth befindet und wo es ſo ſtill iſt, wie jetzt oben im Schiffe der Kirche. Ich bitte Euch, ſäumt nicht länger; wir wiſſen nicht, auf welche Hinderniſſe wir da unten bei unſerem Vorhaben vielleicht noch ſtoßen, und leicht könnte uns die Stunde des Früh⸗ gottesdienſtes überraſchen, bevor wir Zeit gehabt, die Spu⸗ ren unſeres nächtlichen Beginnens zu vertilgen. Dieſe Mahnung wirkte bei dem Zögernden. Schnell ſtieg er die noch fehlenden Stufen hinab. Man befand ſich in dem Todtengewölbe des Kloſters der Schwarzen Brüder. Dumpf hallten die Schritte der Beiden wieder in dem öden Raume. Rings um ſich, ſo weit der Schein der Leuchte reichte, ſah man große, mit vielen Zierathen verſehene metallene Särge, deren Inſchriften andeuteten, daß ihr jetziger Inha⸗ ber einſt ein gottſeliger Prior des Kloſters oder ſonſt ein er 5 4 17 ——————= — — AAN gar frommer, vornehmer Mann geweſen. Ueberall gewahrte man Symbole des Todes an dieſer kalten, ſchaurigen Stätte. — Es iſt gut, daß der Meiſter Erzgießer den für Klara beſtimmten metallenen Sarg noch nicht anfertigen konnte, dachte Ottokar bei ſich, indem er durch die Reihen der Särge ſchritt, das Werk würde mir um Vieles erſchwert, wenn nicht gar unmöglich geweſen ſein! Faſt zu Ende des geräumigen Gewölbes hielt der vor⸗ auf gehende Pater ſeine ſcheuen Schritte an. — Wir ſind am Ziele! ſprach er leiſe. Auf einem niederen Balkengerüſt ſtand ein einfacher höl⸗ zerner Sarg. Immortellen- und Moos⸗Kränze, die auf dem Deckel deſſelben lagen, waren durch die feuchte Moderluft bereits zerſtört und ließen die Inſchrift leſen, welche Klara's Namen, ſowie die Tage ihrer Geburt und ihres Hinſchei⸗ dens bezeichnete. Die Hände auf der Bruſt gefaltet, in wehmüthige Be⸗ trachtungen verſunken, ſtand Ottokar ſchweigend an der letzten Ruheſtätte der Geliebten; zwei heiße Thränen rollten lang⸗ ſam ſeine bleichen Wangen hinab und benetzten hernieder⸗ fallend ſeine Hände; krampfhaft hob und ſenkte ſich ſeine Bruſt. Der Mönch wagte kaum zu athmen; man hörte nur Ottokars ſchwere Athemzüge und das leiſe Nagen des Holz⸗ wurms. Der dumpf herabſchallende Ton der Glocke auf dem einen der beiden Thürme dieſer Kirche, der die erſte Stunde nach Mitternacht verkündete, und bei dem der Pater jach zuſammenfuhr, mahnte Ottokar zur Eile. Stumm deutete er mit der Hand auf den Sarg. — Laßt's genug ſein jetzt, lieber Herr! flehte der zit⸗ ternde Mönch. Betet ein frommes Paternoſter am Sarge Eurer Braut und laßt uns dann zurückkehren. Warum wollt Ihr ſie in ihrer ſtillen Ruhe ſtören? Bedenkt, es ſind be⸗ reits funfzehn Tage verfloſſen, ſeit der Herr ſie abrief; ge⸗ 79 AAA ù ₰ wiß hat der Zahn der Verweſung an ihrem früher ſo blü⸗ henden Körper ſchon ſein Zerſtörungswerk begonnen, und immer wird Euch ſolcher Anblick die Erinnerung an ſie ver⸗ gällen! Statt aller Antwort nahm Ottokar dem Pater den eiſer⸗ nen Schraubenzieher aus der Hand und ſetzte ihn an eine der Schrauben, die den Deckel des Sarges mit dem unteren Geſtelle deſſelben verbanden. Mit ungemeiner Leichtigkeit bewegte ſich die Schraube in ihrem Gewinde, ſo daß er ſie mit den Fingern herausdrehen konnte; auch mit allen übri⸗ gen war dies der Fall. — Helft mir jetzt den Deckel abnehmen, Ehrwürdiger! ſprach der junge Mann nach einer Pauſe, während welcher er ſich auf jeden Anblick vorbereitet hatte, der ſich ſeinen Augen darbieten konnte. Der Mönch ſtellte ſeufzend die Leuchte auf ein Wand⸗ geſimms in der Nähe und that zögernd, was Ottokar von ihm verlangt hatte. Dann nahm er die Leuchte wieder und hielt dieſelbe ſo, daß ihr voller Lichtſchein gerade auf den geöffneten Sarg fiel. Da lag Klara im blendend weißen Sterbegewand, mit dem junfräulichen Myrthenkranze auf dem Haupte. Kein Zug ihres lieblichen Antlitzes ſchien von der zerſtörenden Hand des Todes berührt worden zu ſein; und dieſes ſelbſt trug wohl den Ausdruck tiefer Trauer, der der Hingeſchie⸗ denen im Leben fremd geweſen, doch nicht das ſtarre, eiſige Gepräge und die fahle Farbe, welche man ſonſt an Todten wahrnimmt. Es ſchien, als ſei ſie ſoeben ſanft und mild eingeſchlummert; nur die Lilienbläſſe ihrer Wangen, die feh⸗ lende Lebenswärme und die ſtockenden Pulſe deuteten auf den ewigen Schlaf der holden Jungfrau hin. Von heiligen Gefühlen übermannt, knieete Ottokar am Sarge nieder; er war ſich des Inhalts ſeiner Gedanken und Empfindungen in dieſem Augenblicke nicht klar bewußt; jede —— 1 —. 3.——— — Regung ſeines Herzens löſte ſich auf zu einem inbrünſtigen wortloſen Gebete. Auch bei dem Mönche ſiegte die Rührung etliche Augen⸗ blicke über die abergläubige Furcht; aber eine andere Be⸗ ſorgniß bemächtigte ſich nach und nach ſeiner, als Ottokar gar nicht wieder ſeinen Platz verlaſſen zu wollen ſchien. Die Minuten wurden ihm zu Ewigkeiten, und endlich legte er ſeine Hand auf des jungen Mannes Schulter. — Laßt uns jetzt gehen, lieber Herr, bat er dabei. Euer Wille iſt ja nun erfüllt; Ihr habt die wiedergeſehen, nach deren Anblick Ihr ſo unnennbares Verlangen truget, und Euer heißes Sehnen iſt ſomit geſtillt. Kommt jetzt fort von hier, die zweite Morgenſtunde iſt nicht fern und der Bruder Sakriſtan könnte uns im Gotteshauſe überraſchen. Ottokar erhob ſich ſeufzend. — O hüätte ich doch ſo ſterben können! ſprach er leiſe, die Hand auf's Herz preſſend. Was wäre ſelbſt ein ganzes Leben der Freude gegen ſolchen Tod? Plötzlich ward er ſich des eigentlichen, verſchwiegenen Zweckes ſeines Hierſeins bewußt; wie der Blitz fuhr ſein Blick zu der Todten linker Hand— der Verlobungsring, den ſie mit in den Sarg genommen— er fehlte; er fehlte ebenſo wie eine Ecke ihres Leichentuches. Haſtig riß Ottokar ſein Wamms auf, zog das Stück Linnen hervor, das ihm auf ſo geheimnißvolle Art gewor⸗ den, und hielt es an die fehlende Stelle; es paßte ganz ge⸗ nau daran. — Wahr— alſo doch wahr! ſprach er dumpf vor ſich hin; hier waltet keine Täuſchung, kein Betrug der Sinne ob. O, Klara, meine Geliebte, ſo warſt Du es alſo ſelber, ſo iſt es wirklich Dein Wille. Er konnte nicht weiter ſprechen; ein herber, unſäglicher Schmerz zog ſein Herz zuſammen und beraubte ihn der die Bruſt erleichternden Worte. Bald zwar milderte ein mit⸗ le leidiger Thränenſtrom das bittere Wallen ſeines Gemüths wieder, aber die wohlthäthige Fluth vermochte nicht die Flam⸗ men der Liebe zu löſchen, die immer heller emporloderten, je länger er den umflorten Blick auf den theuren Zügen ruhen ließ. Sich ſeinen Empfindungen zu entreißen, dem Anſchauen der Geliebten zu entſagen, dazu hatte er weder den Willen noch die Kraft. Die wiederholten dringenden Mahnungen des Mönches gingen ungehört an ſeinem Ohr vorüber. — Verzeihe mir, Klara, wenn ich Dir nicht gehorchen kann! ſprach er ſchluchzend, als er wieder Worte hervorzu⸗ bringen vermochte. Dir, nur Dir allein gehört mein Herz, nie und nimmer kann ich es einer Anderen weihen! Du warſt ja meine erſte, meine einzige Liebe; ſie iſt ja nicht mit Dir erſtorben und wird auch nie vergehen! O, Klara, laß mich immer, immer nur Dir angehören— laß mir das einzige Glück, das mir auf dieſer Erde noch geblieben! Ich liebe Dich ja noch immer ſo heiß, ſo innig, wie zu den Zei⸗ ten unſeres Glückes— ich werde Dich immer und immer ſo lieben! Der gewaltige Sturm ſeiner Gefühle trieb dieſe bis zur Leidenſchaft empor. — Klara, Du wirſt nicht ferner wollen, was mir un⸗ möglich iſt! rief er, alles außer ſich vergeſſend, mit lauter Stimme, daß es im Gewölbe widerhallte. Siehe, wie einſt im Leben, ſo verlobe ich mich auch im Tode mit Dir! Nimm wieder hin das Zeichen meiner Treue, das Du mir zurück⸗ geſandt! Ewig, ewig, ſei's auf Erden, im Himmel oder in der Hölle, bleibe ich der Deine! Er ergriff ihre kalte Hand, bedeckte ſie mit glühenden Küſſen und ſteckte ihren Ring wieder an ſeinen früheren Ort. Als wäre mit dieſer Handlung dem Sturmdrange der Lei⸗ denſchaft Stillſtand geboten, ſo augenblicklich ruhig ward es Die ſchwarzen Brüder. II. 6 in ſeiner Bruſt, und ſanfte, tröſtende Wehmuth trat an die Stelle des wild raſenden Schmerzes. — So ſchlummere denn weiter in Gott, Du, meine Geliebte, meine Verlobte auf ewig! ſprach er nach einer Weile wieder. Schlummere ſanft; und möge Dein verklärter Geiſt mich ſchirmend und ſchützend umſchweben, daß auch ich einſt meine Lebenstage ſo beſchließen kann, wie Du, und daß Du am großen Auferſtehungstage nicht vergebens meiner harreſt in den Wohnungen der Seligen. — Amen! Anenl! ſetzte der tiefergriffene Mönch mit leiſer Stimme hinzu. Ottokar beugte ſich nieder, um den Abſchiedskuß auf Klara's bleiche Lippen zu drücken— da war es ihm, als ſei der Ausdruck der Trauer vom Antlitz der Geliebten ent⸗ ſchwunden und als ſchwebe ein ſanftes Lächeln auf ihren holden Zügen. — O Gott— Klara, ſollte dies Täuſchung ſein? rief er. Nein— ich irre mich nicht— Deine Wangen— ſie röthen ſich! O Gott, mein Gott— all' dieſe Wunder! Bin ich denn nicht ein ſündiger Menſch? Faſt außer ſich vor Freude und Hoffnung zerriß er mit gewaltiger Kraft das ſeidene Band, welches von beiden Sei⸗ ten des Sarges quer über Klara's Todtenlager gezogen war, und haſtig brachte er ſeine Arme unter der Geliebten Nacken, um ſie aufzurichten. Der hinter ihm ſtehende Pater ſtieß plötzlich einen gel⸗ lenden Schrei aus, fiel erſt auf Ottokar und ſtürzte darauf zu Boden. Die Glasſcheiben der Leuchte zerbrachen und ihr Licht verlöſchte. Der Gefallene ächzte dumpf und ſchwer. Ottokar fuhr in die Höhe. Wenige Schritte vor ſich, nach der Hinterwand des Gewölbes zu, zeigte ſich eine menſchliche Geſtalt, angethan mit einem langen weißen Gewande, aus dem ſie einen Arm drohend gegen Ottokar ausſtreckte. Ein matter, bläulicher ARRRò Lichtſchein umgab die Erſcheinung. Verwirrt blickte Ottokar darauf hin. Die Geſtalt winkte ihm gebieteriſch, ſich zu ent⸗ fernen, und als er dennoch auf ſeinem Platz verharrte, kam ſie mit unhörbaren Schritten, als ob ſie ſchwebe, näher und wiederholte, gebieteriſcher noch und drohender als zuvor, ihr ſtummes Gebot. Vor den Augen des jungen Mannes flimmerte es; er war jetzt nur eines Gedankens, nur einer Vorſtellung fähig: man wollte ihn von der Geliebten trennien, trennen von ihr, die, wie er wähnte, in ſeinen Armen zu neuem Le⸗ ben erwachen würde. Eine furchtbare Wuth bemeiſterte ſich ſeiner; ſchnell ließ er Klara's Körper aus ſeinen Armen gleiten und ſtürzte mit hochgeſchwungenem Dolche auf die Erſcheinung zu. Im nächſten Augenblick hatte er ſie erreicht, und gleich⸗ zeitig zückte er die Mordwaffe mit gewaltiger Kraft; aber eine noch größere Kraft feſſelte den blitzenden Stahl an einen Stab, den die Geſtalt in der ausgeſtreckten Hand hielt. Es gelang ihm zwar mit großer Anſtrengung, den Dolch wieder frei zu machen, doch ein zweiter Stoß mit demſelben hatte gleichen Erfolg wie der erſte. Ottokar ließ die Waffe fahren. — Ich erwürge Dich, Unhold! knirſchte er dumpf und drang mit den Händen auf die Geſtalt ein. Dieſe hatte während ſeiner erſten Angriffe faſt regungs⸗ los dageſtanden, als ob ſie ſeiner Wuth ſpotte; jetzt aber be⸗ wegte ſie beide Arme, Ottokar fühlte, wie ihm eine eiſerne Kette über den Kopf geworfen und an ſeinem Halſe gleich einer Schlinge zugezogen ward; in demſelben Augenblicke wich die Geſtalt zurück und ein eigenthümlicher Ton ließ ſich hören. Mit vermehrter Wuth griff Ottokar nach der Kette, um ſich von ihr zu befreien; kaum aber hatte ſeine Hand ſie be⸗ rührt, als ein jäher Schlag ſeinen Körper vom Wirbel bis 6* — 55 — 4— ☛ 84 AARRRRS; zur Fußſohle durchzuckte. Wild blickte er um ſich, um zu ſehen, von woher dieſer plötzliche Schlag gekommen war; doch konnte er in ſeiner Nähe nichts entdecken, und die Ge⸗ ſtalt war mehrere Schritte von ihm entfernt. Abermals verſuchte er, ſich von der Kette zu befreien; aber bei der leiſeſten Berührung derſelben mit ſeiner Hand wiederholte ſich auch der ſnn von einer unſichtbaren Hand geführte Schlag, der einen ganzen Körper erſchüt⸗ terte. Ein wilder Fieberwahnſinn ergriff ihn; immer wieder zerrte er an der Kette, und immer wieder fühlte er die Wir⸗ kung davon. Erſchöpft ſank er nach kurzer Zeit ſtöhnend zu Boden.. Jetzt näherte ſich ihm die Geſtalt wieder; er verſuchte es, ſich emporzuraffen, doch vermochte er es nicht; er ſah, wie die Geſtalt ſich über ihn beugte, und konnte nichts thun, als einen matten Hülferuf ausſtoßen. Da ertönte eine laute menſchliche Stimme als Antwort: — Muth, lieber Herr! Warte, Satanas, hier iſt einer, über den Du Höllenvieh keine Macht haſt! Wo aber finde ich Euch? Noch einmal machte Ottokar eine verzweifelte Anſtren⸗ gung, ſich zu erheben, doch er ſank matt zurück. Er fühlte, daß ihm ſein Peiniger die Kette abnahm, und ſah dieſen an der dunklen Wand verſchwinden. Gleichzeitig verließ ihn der letzte Reſt ſeiner in der jüngſten Zeit durch die beſtändigen Aufregungen auf's Höchſte angeſpannt geweſenen Kräfte; die Sinne vergingen ihm in dem Augenblicke, wo eine bekannte Stimme ſeinen Na⸗ men rief: — Zu derſelben Stunde, wo Vorſtehendes ſich in den Grabgewölben der Kloſter⸗Kixche der Schwarzen Brüder er⸗ eignete, fuhr in der Richtung von Köpenick her ein mit drei kleinen, unanſehnlichen Pferden beſpannter ſogenannter Plan⸗ wagen den beiden Städten zu. Er ſchien einem reiſenden Krämer anzugehören— wenigſtens bedienten ſich dieſe der⸗ gleichen Fuhrwerks— und der Inhaber ſehr große Eile zu haben, denn der Knecht, der die Zügel führte, ermunterte beſtändig die ſchäumenden, im ſchnellſten Trabe laufenden Pferde durch Schnalzen mit der Zunge und durch Zurufen in einer fremden Sprache zu immer größerer Kraftanſtren⸗ gung, ſo lange ſich die Fahrſtraße noch in einiger Entfernung von der Stadt hinzog; an der Stelle aber, wo ſich dieſe mit der über Britz nach Sachſen führenden Landſtraße vereinigte, und ſo in gerader Richtung dem Köpenicker Thore zuführte, zog er die Zügel an, ſprach rückwärts zu dem hintern Raume des Wagens gewandt einige Worte in fremder Sprache, die auf gleiche Art erwiedert wurden, und fuhr dann langſamen Schrittes weiter dem Thore zu. In kurzer Entfernung von demſelben, wo die Köllni⸗ ſchen Scheunen ſich bis zum Thore hinzogen, hielt der Wa⸗ gen an. — Wir ſind an Ort und Stelle, Herr! wandte ſich der Knecht wieder an einen ſich im Wagen befindlichen Mann. — Iſt alles ſicher? fragte dieſer. — Ja, Herr! erwiederte der Knecht, nachdem er einige Sekunden in der Dunkelheit ſcharf um ſich geſchaut, als hätte er die Augen einer Katze. Der Andere ſtieg aus dem Wagen. Er war ein Mann in mittlerem Lebensalter; ſein Körper war hoch und dürr RSDZ mit einem knochigen Geſicht, dem ein dichter Knebelbart, deſ⸗ ſen Farbe ſo glänzend ſchwarz, wie die ſeines Haupthaares war, und ein blitzendes Augenpaar mit buſchigen Brauen einen drohenden Ausdruck verliehen. Der Griff eines Dol⸗ ches funkelte in dem Gürtel ſeines ſchwarzen Tuchwammſes. Seine übrige Bekleidung beſtand in Beinkleidern von Leder, die offenbar dazu eingerichtet waren, um Reitſtiefel darüber zu ziehen, jetzt aber unter dem Knie zuſammengebunden wa⸗ ren, ſowie in Strümpfen und groben Lederſchuhen. Sein Kopf war unbedeckt, als er aus dem Fuhrwerk ſtieg. Auch er ſah ſich ſcharf nach allen Seiten um und langte dann mit der Hand nach dem Wagen zurück, aus dem man ihm mehrere Sachen entgegenreichte. Zuerſt warf er eine graue Mönchskutte über ſeine übrige Bekleidung, ſtrich dann ſein langes Haar aus Geſicht und Nacken und bedeckte ſei⸗ nen Kopf mit einer fleiſchfarbenen, eng anſchließenden Wachs⸗ platte, ſo daß es ſchien, als trage er die Tonſur, und be⸗ deckte den unteren Theil des Geſichts mit einem falſchen Bart von grauer Farbe, ſo daß man keine Spur ſeines ſchwarzen Knebelbartes gewahren konnte. Dann umgürtete er ſich mit einem hanfenen Strick, an dem Kruzifir und Ro⸗ ſenkranz befindlich waren, ſchlug die Kapuze über den Kopf und gab ſich ſo das vollkommene Ausſehen eines Franzis⸗ kaner⸗Mönches, deren Kloſter ſich in Berlin in der heutigen Kloſterſtraße befand und noch heute mit dem Namen des „Grauen Kloſters“ belegt iſt. — In Schonenberg) warteſt Du meiner, ſagte er dann zu dem Knecht. Bin ich aber bis zum Mittag nicht dort, ſo fährſt Du weiter.. — Ich verſtehe, Herr! gab der Knecht zur Antwort, indem er den Wagen von der Landſtraße ab auf einen in weſtlicher Richtung führenden Nebenweg lenkte. *) Schöneberg. tete do⸗ opf is⸗ gen des ann ort, ort, in Die Unterredung war von Anfang an in einer fremd⸗ ländiſchen Sprache geführt worden. Der Pſeudo⸗Mönch wartete, bis er das Rollen des Wagens nicht mehr vernahm, und ging dann langſam und gebrechlichen Schrittes, als ſei er ein hochbetagter Mann, dem Thore zu, wo er ſeine Anweſenheit durch Händeklatſchen kund gab.. — Wer begehrt Einlaß? fragte der wachthabende Söld⸗ ner von der Thorwacht herab. — Ein Franziskaner, der von einem Krankenbeſuche heimkehrt, antwortete der Fremde in geläufigem Deutſch, in⸗ dem er die Stimme eines Greiſes annahm, was ihm ſehr gut gelang. Der Wachthabende gab denen unten das Zeichen; als⸗ bald ward die Zugbrücke niedergelaſſen und das Thorgatter aufgezogen. Der Fremde trat in die Stadt. — Euren Segen, frommer Vater! bat der Stadtſöldner, der ihn eingelaſſen. Als hätte er ſolchen bisher alle Tage ertheilt, ſo geübt ſprach er die Formel aus, wankte dann weiter die Roſcher⸗ gaſſe entlang, ging über den Köllniſchen Fiſchmarkt und über die Brücke bei den ſtädtiſchen Mühlen und gelangte ſo un⸗ angefochten auf den Platz vor dem Rathhauſe. Hier aber hielt er ſeine Schritte an. Eben ward der Eingang des Rathhauſes von Innen geöffnet und auf dem erleuchteten unteren Korridor deſſelben bemerkte man ein reges Treiben. Rathsdiener und Stadt⸗ ſöldner kamen die Treppen herunter oder gingen hinauf. — Wie's ſcheint, ſo hält der Rath eine nächtliche Siz⸗ zung, ſprach der Fremde für ſich. Dann iſt aber auch der Bürgermeiſter dabei. Doch muß ſie jetzt wohl beendet ſein, denn die Beiden, die jetzt eben das Rathhaus verlaſſen, ſind jedenfalls Rathsherren, die nach Hauſe gehen. Am beſten iſt's, wenn ich den Bürgermeiſter hier erwarte. 88 Q In der That war die Sitzung beendet, und die Raths⸗ herren begaben ſich nach Hauſe. Der Fremde, an den Stamm einer Linde gelehnt, deren mehrere auf dem Platze ſtanden, faßte jeden Einzelnen ſcharf ins Auge; doch immer war es nicht der Erwartete. Endlich trat auch Heydicke mit dem Stadthauptmann heraus, ſie verweilten auf der äußeren Treppe in leiſem, eifrigem Geſpräch; hinter ihnen wurden die Thüren des Rathhauſes geſchloſſen und das Licht auf dem unteren Korridor verſchwand. — Herr Rycke hat der Sitzung nicht beigewohnt, ſprach der Fremde jetzt für ſich. Iſt er nicht anweſend in Berlin — iſt er krank? Oder ſollte mir einer zuvorgekommen ſein? Doch das wäre nicht möglich. — Die Beiden ſcheinen den Morgen dort auf der Treppe erwarten zu wollen, fuhr er nach einer längeren Pauſe fort, als Heydicke und Stroband noch immer nicht Miene mach⸗ ten, ihr eifriges Geſpräch abzubrechen. Nun wohl, ſchwatzt, ſo lange Ihr wollt; hätt's zwar gern geſehen, daß keine Menſchenſeele auf der Gaſſe geweſen wäre, wenn ich an des Bürgermeiſters Haus klopfe, doch wird man es nicht gerade ſeltſam finden, wenn ein frommer Mönch bei ihm einſprechen will. Hoffentlich wird man mich auch nicht lange warten laſſen. Er verließ ſeinen Platz und ging der Spandowerſtraße zu. — Mein alter morſcher Körper iſt der rauhen Zugluft der kalten Winternacht nicht mehr gewachſen, ſagte Stroband nach des Fremden Entfernung zu Heydicke, und doch iſt der Gegenſtand ſo wichtig, daß ich unſer Geſpräch nicht gern abgebrochen ſehen möchte, bevor wir nicht völlig einig und im Klaren darüber ſind, was nun zu thun. Iſt's Euch ge⸗ nehm, ſo gehen wir mitſammen nach meinem Hauſe, welches uns von hier aus näher iſt, als das Eurige, und ſetzen dort im traulich warmen Gemach und bei einem guten Trunk unſere Unterredung fort. Heydicke erklärte ſich mit dieſem Vorſchlage einverſtan⸗ den und die beiden Rathsherren ſchlugen jetzt ebenfalls den Weg nach der Spandowerſtraße ein. Inzwiſchen hatte der Pſeudo⸗Mönch an Rycke's Haus⸗ thür zu wiederholten Malen den Schlägel niederfallen laſſen, ohne daß ſein Bemühen etwas anderes zur Folge hatte, als daß hier und da ein neugieriger Nachbar den Kopf zum Fenſter hinausſteckte. In der Bürgermeiſterei aber regte ſich Niemand. — Mit dieſer Todtenſtille im Hauſe ſcheint's eine be⸗ ſondere Bewandtniß zu haben, ſprach der Fremde bei ſich, und allerlei Beſorgniſſe ſtiegen in ihm auf, die der Wahr⸗ heit ſehr nahe kamen. Jetzt kamen Stroband und Heydicke des Weges daher. Sie hatten ſein Klopfen vernommen und traten herzu. — Wen ſucht Ihr hier, frommer Vater? fragte der Stadthauptmann. — Könnt Ihr Herren mir ſagen, wo ich den Bürger⸗ meiſter finde? entgegnete der Fremde. — Was wollt Ihr von dem? fragte Heydicke. — Ich bringe ihm eine Botſchaft, die ebenſo wichtig wie eilig iſt, verſetzte jener. Wenn Ihr mein Begehr er⸗ füllen könntet, ſo würdet Ihr Euch dem geſtrengen Herrn zu großem Dank verpflichten. — Glaub's ſchon, erwiederte Stroband. Doch ſagt mir, Herr Pater, für wen verrichtet Ihr dieſen Botendienſt? — Wollt oder könnt Ihr mir nicht ſagen, wo ich den geſtrengen Herrn finde, ſo verſchont mich wenigſtens mit Fra⸗ gen, die Euch nicht geziemen, entgegnete der Fremde. Ich bin nicht geſonnen, müßiger Neugierde Rede zu ſtehen. — Ei, ei, Herr Pater, ſo trotzige Rede ziemt weder Eurem ehrwürdigen Alter noch Eurem heiligen Kleide! ſagte Stroband in nachdrücklichem Tone. Ein wahrhafter Diener der Kirche trägt wenigſtens äußerliche Demuth zur Schau! —y, — e— ᷣ 90 Wir aber haben ein Recht, Euch ſo zu fragen, denn dies iſt nicht die Stunde, wo man Botſchaften auszurichten pflegt, die das Tageslicht nicht zu ſcheuen brauchen! — Seid Ihr etwa ein arger Huſſite oder Waldenſer, daß Ihr ſo freche Rede gegen mich wagt? ſagte der Fremde. Hütet Euch vor ferneren Beleidigungen, Herr; ſie treffen nicht mich, den Geringſten unter den Knechten Got⸗ tes, ſondern den, der mich geſandt. Das mögt Ihr wohl beherzigen! — Keinen Streit weiter, Ihr Herren! ſagte Heydicke begütigend, der, von Natur furchtſam, gerade in dieſer Zeit nichts mehr fürchtete, als die Erweckung eines neuen, viel⸗ leicht ſehr mächtigen Feindes gegen die Stadtbehörde, und die gefährlichſten Feinde waren damals eben die Geiſtlichen. Glaubt's uns, frommer Vater, fuhr er fort, die trüben Zu⸗ ſtände dieſer Städte gebieten uns ſolch Gebahren, das Ihr unter andern Verhältniſſen freilich für ungebührlich halten müßtet. Herrn Rycke zu ſprechen, geht in dieſem Augenblick nicht an; wir ſind Rathsherren der beiden Städte und ver⸗ bürgen mit unſerem Wort, daß Eure Botſchaft in die rechten Hände kommt. — Was ich dem Bürgermeiſter zu ſagen habe, ſind Dinge, die ein Sterbender einem hohen Geiſtlichen mitge⸗ theilt, um ſie an Herrn Rycke gelangen zu laſſen, entgeg⸗ nete der Fremde. Es würde dem hochwürdigſten Prälaten, der mich ſendet, ſehr unlieb ſein, müßte ich unverrichteter Sache zurückkehren. Morgen aber iſt es zur Mittheilung zu ſpät. Ich beſcheide mich indeſſen, ſetzte er nach augen⸗ blicklichem Beſinnen hinzu, wenn Ihr mich in den Stand ſetzen wollt, meinem Oberen die Urſache Eurer Weigerung angeben zu können. Wenn ich ungeſäumt zu ihm zurück⸗ kehre, wird der Hochwürdige in ſeiner Erleuchtung ein Mittel finden, den großen Schaden von der heiligen Kirche abzu⸗ AAAAAANANARNRNRSOS wenden, der dieſer durch die Unmöglichkeit, meinen Auftrag auszurichten, erwächſt. — Was meint Ihr dazu, Herr Stroband? fragte Hey⸗ dicke unſchlüſſig. — Ich meine, daß wir dem Begehren des ehrwürdigen Gottesmannes willfahren müſſen, und wäre es auch nur, um den Zorn der Kirche nicht auf uns zu laden, verſetzte Stroband. — Aber bedenkt Ihr auch wohl— wandte Heydicke zweifelnd ein. — Hier iſt nichts weiter zu bedenken, unterbrach ihn Stroband, als daß wir den frommen Herr Pater um Ver⸗ zeihung zu bitten und unſer Unrecht wieder gut zu machen haben. Ihr müßt zu unſerer Entſchuldigung wiſſen, from⸗ mer Vater, daß Herr Rycke gegenwärtig wegen des Ver⸗ dachtes eines hochverrätheriſchen Unternehmens in ſtrengem Stadtgewahrſam iſt, und es wird Euch bekannt ſein, daß man ſolche Angeſchuldigten nicht gern mit der Außenwelt ver⸗ kehren läßt. Wo es aber gilt, die heilige Kirche vor Schaden zu bewahren, da müſſen alle anderen Rückſichten ſchweigen. Wir ſind daher bereit, Euch ungeſäumt zu dem Gefangenen zu führen. — Der Kirche Segen über Euch, meine Brüder! ſprach der Fremde mit Salbung. Er folgte den Beiden zum Rathhauſe, deſſen Thür ſich ihnen auf Strobands Gebot alſobald öffnete. Der Stadt⸗ hauptmann befahl einem Rathsdiener, den Kerkermeiſter zu rufen. — Eine Bitte habe ich noch an Euch zu richten, Ehr⸗ würdiger, welche Ihr der Lage der Umſtände, nicht aber dem Argwohn gegen Euch zuſchreiben möget, wandte ſich Stro⸗ band inzwiſchen zu dem Fremden. Schwört uns bei dem Namen Gottes, daß Ihr, wenn Euch Herr Nycke etwa er⸗ ſuchen ſollte, irgend Jemand Nachricht von ſich zu geben, g nichts dergleichen thun, uns im Gegentheil alles mittheilen wollt, was Ihr von dem Gefangenen über ſein Verbrechen etwa erfahret. — Wenn Ihr, wie ſich's von ſelbſt verſteht, nicht ver⸗ langt, daß ich Euch auch dasjenige mittheilen ſoll, was mir etwa unter dem Siegel der heiligen Beichte kund wird, ſo bin ich gern bereit, in Euer Begehr zu willigen, gab der Fremde zur Antwort. Da ſich Stroband hiermit einverſtanden erklärte, ſo lei⸗ ſtete er den verlangten Eid. Der Kerkermeiſter erſchien. — Führe den ehrwürdigen Herrn zu Rycke, gebot ihm der Stadthauptmann, und laſſe ihn mit dem Gefangenen allein, ſo lange es dem frommen Pater beliebt. Vergiß auch nicht, während dieſer Zeit eine brennende Ampel in das Ge⸗ fängniß zu ſetzen, damit der Ehrwürdige nicht im Finſtern zu weilen braucht. Der Fremde folgte dem Kerkermeiſter. — Sind wir auch nicht zu unvorſichtig geweſen, Herr Stadthauptmann? fragte Heydicke beſorgt. Zwar haben wir den Eid des Mönches— — Glaubt Ihr, ich ſei nicht im Stande, es in der Schlauheit ſelbſt mit einem Pfaffen aufzunehmen, wenn der Fremde wirklich einer iſt? verſetzte Stroband lächelnd. Dann öffnete er die auf den untern Korridor des Ge⸗ bäudes führende Thür, welche derjenigen entgegengeſetzt ſich befand, durch die der Kerkermeiſter mit dem Fremden abge⸗ treten war. — Niemand darf das Rathhaus anders, als mit mir zugleich verlaſſen! ſagte er dem wachthabenden Stadtſöldner. Ihr aber wollet jetzt mit mir gehen, Herr Heydicke, wandte er ſich darauf wieder zu dieſem, indem er dem Hofe des Rathhauſes zuſchritt. Dort öffnete er eine kleine unverſchloſſene Pforte und 93 ſtieg leiſen Ttrittes etliche Stufen hinab, die auf einen dunk⸗ len Gang führten. — Verſteht Ihr jetzt, Herr Heydicke? ſchien er zu fra⸗ gen, als er lächelnd dieſen durch eine Handbewegnng auf⸗ forderte ihm zu folgen. Heydicke nickte mit dem Kopfe und beide verſchwanden in der Dunkelheit des unterirdiſchen Raumes. Durch dunkle Gänge und nachdem man wiederholt meh⸗ rere Stufen hinabgeſtiegen war, gelangte der Fremde end⸗ lich an eine mit mächtigen Riegeln und Schlöſſern verſehene eiſerne Thür. Sein Begleiter gab ihm die mitgenommene Ampel, ſchob die ſchweren Riegel zurück, öffnete die Schlöſſer und deutete ihm an, daß er eintreten möge. Hinter ihm ſchloß ſich die Thür des Kerkers wieder. Er befand ſich in einem jener unterirdiſchen Verließe, deren ſich die mittelalterliche Barbarei zur Aufbewahrung ſchwerer Verbrecher bediente. Der Kerker war gerade ſo groß, daß ein Menſch ausgeſtreckt darin liegen konnte und allenfalls noch Raum für einen eichenen Block vorhanden war, der als Seſſel und Tiſch zugleich diente, und auf dem in der Regel ein Stück groben Brodes und ein Waſſerkrug ſich befanden; über dem Block hing an einer ſchweren Kette ein Halseiſen. In der, der Thür gegenüberſtehenden Wand befand ſich ganz oben die enge, mit dicken Eiſenſtäben wohl verwahrte Fenſteröffnung, die nur in geringer Höhe über dem Waſſerſpiegel der Spree angebracht ſein konnte, wie man aus dem dumpfen Rauſchen des Fluſſes, deſſen Wellen gegen das Gemäuer ſchlugen, und aus der kalten, feuchten Zugluft entnahm, die durch die Spalten der Lade drang“). Doch ſchien dieſer Kerker mehr des ſicheren Gewahrſams *) Es iſt ſchon früher geſagt worden, daß damals das gemein⸗ ſame Rathhaus der beiden Städte auf dem Platze des heutigen Amts Mühlenhof ſtand. — AAAAN willen, als aus abſichtlicher Grauſamkeit gegen den Gefan⸗ genen gewählt zu ſein; dieſer brauchte nicht auf dem bloßen Stroh zu liegen, das ſpärlich die kalten Steinfließen bedeckte, ſondern man hatte einen dicken Teppich darüber ausgebreitet und ihm eine wollene Decke zum Schutze gegen die Kälte gegeben; auch ſah man auf dem Block eine Schüſſel mit guter Speiſe und einen Becher mit Wein. Der Gefangene trug keine Feſſeln. Rycke hatte eben geſchlafen— wenn man jenen Zuſtand zwiſchen Wachen und Träumen, wo der Körper jeder Em⸗ pfindung unfähig, der Geiſt aber raſtlos bemüht iſt, wirre, unklare Bilder in matten Umriſſen vor ſein inneres Auge heraufzubeſchwören, überhaupt Schlaf nennen kann. Seine Wangen waren bleich und hohl und die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Bei dem Geräuſch, das durch das Oeffnen der Kerkerthür verurſacht ward, fuhr er empor und richtete die unſtäten, durch das helle Licht der Ampel geblendeten Blicke auf den Fremden, der an der Thür ſtehen blieb. — Kommt Ihr ſchon, mich zum letzten Stündlein vor⸗ zubereiten? fragte er mit heiſerer Stimme. Man begeht einen heimlichen Mord an mir, denn noch iſt nichts von dem er⸗ wieſen, was mir zur Laſt gelegt wird. Und wenn auch alles wahr wäre, ſo berufe ich mich doch auf das Gericht des Kurfürſten; denn den Landesherrn, nicht aber jene elenden Krämer betreſſen die Verbrechen, deren man mich zu zeihen wagt! Ich berufe mich darauf und werde es laut und bis zum letzten Augenblicke thun! Auch will ich von keinem Franziskanermönch getröſtet ſein; mein Beichtiger iſt der hoch⸗ würdige Doktor Pignetti im Dominikaner⸗Kloſter der Schwar⸗ zen Brüder zu Kölln, und dieſen verlange ich zu ſprechen. Das iſt ein⸗ Begehr, welches man ſelbſt dem Vatermörder nicht verweigert. Der Fremde achtete wenig auf das, was Rycke ſprach, ſondern legte ſein Ohr lauſchend an die Thür. Als er aus dem Schall der ſchweren Tritte des Kerkermeiſters entnahm, daß dieſer am andern Ende des langen Ganges auf und nieder ſchreite, ſetzte er ſchnell die Ampel auf den Holzblock, ſchlug die Kapuze zurück, warf die Mönchskutte ab, befreite ſich von dem falſchen grauen Bart und der künſtlichen Ton⸗ ſur, kreuzte dienglrme auf der Bruſt übereinander und blickte mit trotzigem Lächeln auf den Gefangenen. Rycke ſtarrte mit weit geöffneten Augen den alſo Ver⸗ wandelten an. — Du— Du biſt's, Hauptmann? ſtammelte er nach einiger Zeit. Dich hier zu ſehen, hatte ich wahrlich nicht erwartet! — Das will mir auch ſo ſcheinen, entgegnete dieſer in ſeinem natürlichen Tone und mit ſchlecht verhehltem Spotte. Wahrlich, Eure herzogliche Gnaden empfangen Euren ge⸗ treueſten Freund nicht gerade in einem Prunkgemach, und die lange Litanei, die ich eben von Euren Lippen hörte, klang auch juſt nicht ſo, als ſprächet Ihr vom Throne herab. Bei meiner Königin, Herr Herzog, Euer Verbündeter beneidet Euch nicht um Euren fürſtlichen Palaſt! — Man hat Dich alſo nicht in Frankfurt in den Ker⸗ ker geworfen und Dir durch die Foltern ein Geſtändniß abgepreßt, wie ich nach dem Verhöre von vorhin glauben mußte? fragte Rycke, der ſich noch immer nicht von ſeinem Staunen erholt hatte. — Ihr meint, ich werde mich von ſo elenden Spieß⸗ bürgern fangen laſſen? verſetzte der Fremde mit verächtlichem Lächeln. Hat man mich in Mähren und Schleſien nicht zehn Jahre lang den ſchwarzen Teufel genannt und habe ich mich je dieſes Namens unwerth gezeigt? Doch iſt's wahr, daß man mir ſehr hart auf den Ferſen geweſen. Aber ſagt, wie iſt's nur möglich, daß man hier ſchon weiß, was durch die Plumpheit Eures Dieners vor kaum zwölf Stunden in Frankfurt verrathen ward? - E— E. — 8 6 4 4 *₰ A,;òò Rycke zuckte mit den Schultern. — Man wird mich mit Kundſchaftern umſtellt haben! ſprach er. Aber was bewog Dich zu dem Wagniß, nach Berlin zu kommen? fragte er darauf. — Ich wollte Euch warnen, erwiederte der Fremde. Wenigſtens aber mußte ich wiſſen, wie'shier ſteht, und wollte am liebſten von Euch ſelber Auskunſk haben. — Wenn der Himmel nicht ein Wunder thut, ſo iſt alles verloren! ſprach Rycke düſter. — Der wird ſich freilich nicht mit einem ſolchen über⸗ eilen! ſpottete der Fremde. Doch erlaubt, daß ich mich wie⸗ der in einen Mönch verwandle; Euren Wächter könnte die Neugier ankommen, und es würde ſehr üble Folgen für ihn und Euch haben, wenn er entdeckte, daß ich zu etwas Beſ⸗ ſerem, als zu einem Pfaffen tauglich bin. — Wie iſt es Dir aber gelungen, hier Einlaß zu er⸗ langen? fragte Rycke. — Der geſtrenge Herr Stadthauptmann ſelber war's, der, obwohl im Anfang etwas unwirſch, doch ſich bald be⸗ wegen ließ, dem frommen Prieſter zu willfahren, antwortete der Fremde, indem er ſich wieder das Anſehen eines Mön⸗ ches gab. Er und noch einer, der Heydicke heißt, nahmen mir aber einen Eid ab, Euch nicht behülflich zu ſein. — Du biſt mit Strobands Vorwiſſen hier? rief Rycke, vernichtet zurückſinkend. O, jetzt iſt mir alles klar! — Was giebt's? fragte der Fremde. — Die ſchwache Hoffnung, die mir durch Dein uner⸗ wartetes Erſcheinen wurde, hat mich gräßlich getäuſcht! ſtöhnte Rycke. Unſeliger, Du kamſt, mich vollends zu ver⸗ derben— und Dich mit! Wir werden vereint zum Blut⸗ gerüſte wandeln! — Holla! Es hat doch nicht Eile? rief der Fremde, den Dolch aus dem Gürtel ſeines Wammſes ziehend und dro⸗ hend um ſich blickend. ù — Du haſt Dich durch eine plumpe Liſt fangen laſ⸗ ſen! fuhr Rycke fort. Siehſt Du die Stelle dort an der Wand, über dem Holzblock, die ausſieht, als wäre der Mörtel von den Steinen gefallen? Sie iſt aber nur künſtlich mit durchſtchtigem Linnen überzogen und bedeckt eine große Oeff⸗ nung in der Mauer, die dazu dient, um von dem anſtoßen⸗ den Gemach aus die Reden und das Thun der in dieſem Kerker befindlichen Gefangenen zu belauſchen, von denen dem Beobachtenden nicht ein Wort, nicht eine Bewegung ent⸗ geht. O, ich kenne dies Geheimniß nur gar zu wohl, denn oft habe ich mich ſeiner bedient— und dennoch dachte ich erſt daran, als es zu ſpät war! Sie haben Dich geſehen in Deiner wahren Geſtalt und auch Deine Reden ver⸗ nommen. 3 Ein flüchtiges Erbleichen und ein leiſer Fluch in frem⸗ der Sprache bekundeten den Schrecken, den dieſe Erklärung dem Pſeudo⸗Mönch verurſachte. Doch hatte Rycke kaum ausgeſprochen, als auch ſchon jedes Zeichen des Schreckens wieder verſchwunden war. — Wahrlich, Herr, Ihr habt eine ſehr geringe Mei⸗ nung von Eurem Freunde, wenn Ihr auch nur einen Augen⸗ blick fürchten konntet, ich werde mich von einem erbärmlichen Spießbürger hinter's Licht führen laſſen! rief er mit lautem Lachen. Mir wäre es wahrlich nicht entgangen, wenn er Verſtellung geübt hätte; ich kenne dieſe Leute zu gut, um in eine Falle zu gehen. Ihr mögt Euch deswegen beruhigen, Herr Rycke; ich ſetze meinen Kopf ein, daß die Beiden noch vorn im Gemach ſitzen, wo ich ſie verlaſſen habe, und der Entdeckungen harren, die ich ihnen über Euch machen ſoll. Uebrigens würde den Herren der Spaß übel bekommen, denn zu Eurer Freude mögt Ihr wiſſen, daß außer mir noch zwanzig meiner Geſellen in den beiden Städten ſind, die hhöchſtens noch eine Stunde meiner Wiederkehr harren, dann Die ſchwarzen Brüder. II 5 4 — — — — 4 4 „9.e aber mich da ſuchen würden, wo ich zu finden bin. Und verwegene Burſche ſind's, das glaubt mir! — Wehe uns, wenn Du Dich täuſchteſt! ſprach Rycke zagend. — Uebrigens habe ich nicht ferner Luſt, von Euch Klage⸗ lieder zu vernehmen, verſetzte der Fremde. Wie ich ſehe, habt Ihr Euer für einen Gefangenen ſehr leckeres Nacht⸗ eſſen noch nicht berührt; ich aber bin hungrig und durſtig. Ihr mögt mir daher Eure Meinung ſagen, was ich für Euch thun kann, während ich mich über die Speiſe und den Wein hermache. Ueberraſcht man mich bei dieſer Be⸗ ſchäftigung, ſo wird man nicht zweifeln, daß ich ein echter Pfaffe bin. Mit der größten Kaltblütigkeit ließ er ſich auf den Holz⸗ block nieder, nahm die Schüſſel vor ſich auf die Kniee und begann ihr ſo tapfer zuzuſprechen, als ſäße er im Refekto⸗ rium am Kloſtertiſche. Ryecke, deſſen Muthloſigkeit ſeiner früheren Vermeſſen⸗ heit gleichkam, ſchöpfte aus der ſorgloſen Zuverſichtlichkeit und Sicherheit des Fremden neue Hoffnung und verſuchte es, deſſen Aufforderung nachzukommen. Der Letztere warf nur hin und wieder ein kurzes Wort während des Eſſens ein, als ließe dieſes ihm keine Zeit zu größeren Bemer⸗ kungen. Mitten in dieſer Beſchäftigung, als man glauben mußte, daß er nur Sinn für die Befriedigung ſeiner Eßluſt habe, ließ er die Schüſſel auf den Fußboden gleiten, erhob ſich, und wie ein Blitz fuhr ſein Arm mit dem Dolche durch die bezeichnete Stelle in der Wand, ſo weit er nur reichen konnte. Dieſe Bewegung war das Werk faſt eines einzigen Augen⸗ blicks, und geſchah ſelbſt für Rycke ſo ungeahnt und plötz⸗ lich, daß er die Abſicht des Fremden erſt begriff, als dieſer ihm lächelnd die blanke Klinge ſeines Dolches zeigte, an der keine Spur andeutete, daß ſie einen andern Gegenſtand als nd das ſchwache Linnen berührt habe. Der Gefangene athmete jetzt etwas freier auf. — Jetzt bin auch ich üͤberzeugt, daß man an jene Liſt nicht gedacht hat, ſagte er; Dein guter Dolch wäre ſonſt mit dem Lauſcher in unſanfte Berührung gekommen, oder man hätte wenigſtens einen Ruf oder ſo etwas vernehmen müſſen, denn die auf der andern Seite der Wand waren gewiß ebenſo wenig gefaßt auf Dein Beginnen, wie ich es war. Und wenn ſie nicht dicht an der Oeffnung ſtanden, konnten ſie uns weder ſehen noch hören. — Jetzt erſt bin auch ich von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugt, die ich vorhin mehr bezweifelte, als vielleicht Ihr ſelber! verſetzte der Fremde, indem er ſich ru⸗ hig wieder auf den Holzblock niederließ. Nun aber fahrt fort, Herr Rycke, mir Eure Anſicht mitzutheilen; wenn Ihr dann fertig ſeid, ſollt auch Ihr hören, wie ich's anzufangen gedenke, unſer Vorhaben trotz aller Hinderniſſe dennoch zu einem guten Ausgang zu bringen. — Wahrlich, ich weiß nicht, ob ich Deine Kaltblütigkeit oder Deine muthige Entſchloſſenheit mehr bewundern ſoll, Hauptmann! konnte ſich Rycke nicht enthalten, zu ſagen. Ge⸗ wiß ſind beide Eigenſchaften ein Erbtheil Deines Stammes. Der Fremde lächelte nur bei den letzten Worten und wiederholte ſeine Aufforderung. Beide ſaßen wohl noch eine Stunde beiſammen, in ern⸗ ſtes Geſpräch vertieft. Als ſich endlich der Fremde erhob, ſagte er zu Rycke in einem Tone, der faſt weich klang, ob⸗ gleich er unverſtellt war: — Seid gewiß, Herr Rycke, daß ich alles thun werde, um Euer großes Vorhaben in's Werk zu ſetzen; was aber Eure Tochter betrifft, ſo verlaßt Euch darauf, daß ich ſie finden werde. Ich ehre Euren Schmerz um die Verlorene, rdigen! lebt wohl, bis auf baldi⸗ denn ich weiß ihn zu ges Wiederſehen! 100 AAARNRRT D — Wenn Eure Hulfe nur nicht zu ſpät kommt! ſeufzte Rycke. Ich fürchte, daß man mich heimlich bei Seite zu ſchaffen gedenkt. Vor allen Dingen aber beſorgt meinen Auf⸗ trag an den Doktor Pignetti. Sie ſchüttelten ſich zum Abſchied die Hände und der Fremde gab das Zeichen, daß er den Gefangenen wieder verlaſſen wolle. Der Kerkermeiſter kam herbei, öffnete die Thür, nahm die Ampel, und nachdem er den Kerker ſorglich durch Riegel und Schloß verwahrt, ſchritt er dem ihm lang⸗ ſam und gebrechlichen Trittes nachfolgenden Pſeudo⸗Mönch voran. Ueber den mit breiten Flieſen gepflaſterten Hof gehend, über welchen ihn der Kerkermeiſter jetzt führte, gewahrte der Fremde beim flackernden Schein der vor ihm hergetragenen Ampel friſche Blutſpuren, die auf das Vordergebäude des Rathhauſes hinführten. Dies machte ihn ſtutzig. Zugleich gewahrte er, daß der Flur deſſelben, an deſſen Ende ſich der Hauptausgang befand, mit Bewaffneten angefüllt und der letztere feſt verſchloſſen war. Dieſe Wahrnehmungen waren für ihn drohend genug, um einen ſchnellen Entſchluß zu faſ⸗ ſen; es war keine Zeit zu verlieren. Er warf einen ſchnellen, die Dunkelheit der Nacht durch⸗ dringenden Blick um ſich. Das Rathhausgebäude beſtand aus drei Flügeln, von denen der vornehmſte, in dem ſich die Amts⸗ und Gerichtszimmer befanden, parallel mit dem Lauf des Fluſſes ſich erhob und ſeine Vorderfronte der Nikolai⸗ Kirche zukehrte, ſo die Nordſeite des Hofes bildend, wäh— rend die Oſt⸗ und Weſtſeite deſſelben von den beiden bis zur Spree reichenden Seitenflügeln begrenzt ward, welche am Flußufer durch eine ſtarke und hohe, mit eiſernen Spitzen beſetzte Mauer verbunden wurden, welche letztere alſo, dem Hauptgebäude gegenüber, im Süden den Hof umſchloß. Dies alles zu erkennen, war das Werk eines Augenblicks. Schnell und geräuſchlos entledigte er ſich der Moͤnchs⸗ 101 kutte, die ihn an der freien Bewegung hinderte, und erreichte in einigen Sätzen das hintere Ende des Hofes. Hier ſchwang er ſich mit großer Behendigkeit auf die der Mauer zunaͤchſt befindliche Fenſterbrüſtung des rechten Seitenflügels, warf den hanfenen Strick, der dem abgeworfenen Gewande als Gürtel gedient hatte, um eine der auf der Mauer angebrachten eiſernen Spitzen, ſo daß er die beiden Enden des Strickes in ſeiner Hand behielt, und gelangte mit deſſen Hülfe von dem Fenſtergeſims auf die Mauer, ohne jene Spitzen zu achten, die ſeine Arme nnd Kniee beim Hinaufklimmen blu⸗ tig ritzten. Vor ſich ſah er die dunkle Fluth mit dumpfem Brauſen den nahen ſtädtiſchen Mühlen zuwogen; ihm ſchau⸗ derte doch etwas, als er hinabblickte und die Entfernung bis zum entgegengeſetzten Ufer berechnete. Die Flucht war ſo ſchnell und mit ſo wenigem Geräuſch vor ſich gegangen, daß der Kerkermeiſter erſt bei den Stufen, die vom Hofe auf den Korridor des Gebäudes führten, den Fremden vermißte. Wo ſeid Ihr geblieben, Herr Pater? rief er jetzt, indem er die Ampel emporhob, deren Schein aber nur einen kleinen Umkreis zu erleuchten vermochte. Es entſtand zugleich eine plötzliche Bewegung unter den Stadtſöldnern, die auf dem Vorderflur des Rathhauſes wa⸗ ren, wie man aus dem von dort herſchallenden Waffeenklir⸗ ren entnehmen konnte. Der Fremde ſprang hinab in den Fluß; über ſeinem Haupte ſchlugen die Wogen zuſammen. Bald aber tauchte er wieder empor und theilte die Fluthen mit kräftigen Ar men, dem jenſeitigen Ufer zuſchwimmend. Glücklich erreichte er ſein Ziel. Ohne ſich aufzuhalten, lief er über das ge⸗ frorene Erdreich der Felder in der Richtung nach Scho⸗ nenberg zu; der Näſſe und Kälte ſpottete ſein abgehärteter Körper. AAAAAARARARA;R;R;E;N Die Glocke der Dorfkirche verkündete die vierte Mor⸗ genſtunde, als er bei Schonenberg anlangte. Er wandte ſich zu einem ſeitwärts auf dem Felde gelegenen Bauern⸗ gehöft und ſchwang ſich über die Einfriedigung deſſelben. Ein großer Hofhund ſtürzte mit wüthendem Bellen auf ihn ein; aber ein einziger Zuruf reichte hin, das Thier zu be⸗ ſänftigen, welches nun mit freundlichem Wedeln um ihn herumſprang. Er klopfte an eine Fenſterlade der auf dem Gehöfte ſtehenden Hütte. Eine Stimme von Innen fragte, wer da ſei. — Der Königl lautete die ſtolze Antwort. Gleich darauf ward der Riegel von der Thür der Hütte weggezogen und ein Bauer, mit einem brennenden Kien⸗ ſpahn in der Hand, führte den Fremden in das einzige Ge⸗ mach der Hütte, wo Weib und Kinder des Eigenthümers noch in tiefem Schlummer lagen. — Wo ſind meine Leute! fragte der Fremde. — Sie ſchlafen im Stall bei Euren Pferden, Herr, antwortete der Bauer. — Wecke Dein Weib und Deine Kinder und ſchicke ſie hinaus! befahl der Fremde. Zünde auch ein Feuer im Ka⸗ min an und ſage dem Nikolas, daß er mir trockene Kleider bringe. Eile Dich! Der Bauer erfüllte die ihm gewordenen Befehle mit großer Haſt und ohne ein Wort der Frage oder des Wi⸗ derſpruchs. Bald praſſelte die Flamme im Kamine, und ein junger Mann mit dunkelgelbem Geſicht und glänzend ſchwar⸗ zem Haar, mit einem Schafpelz angethan, brachte trockene Kleidungsſtücke Als der letztere eintrat, mußte auch der Bauer das Gemach verlaſſen, um einen Imbiß für ſeinen Gaſt zu beſorgen. — Beim Lucifer, Herr, Du gleichſt einem gebadeten Pudel! rief in fremder Sprache der junge Mann lachend, als er den Andern gewahrte. War die Hitze ſo groß, daß Du ein kaltes Bad nehmen mußteſt? — Das Feuer brannte mir die Ferſen, Nikolas, erwie⸗ derte jener, ich mußt's daher mit dem Waſſer verſuchen! Hilf mir nur, daß ich mich des naſſen Zeuges entledige; ich will noch vor Tages Anbruch fort. — Giebt's etwas zu thun, Herr? fragte Nikolas, in⸗ dem er dem Andern beim Umziehen behilflich war. — Vorläufig nur für Dich allein, Sohn, entgegnete ihm der Gebieter; Du ſollſt mir Arbeit auskundſchaften. — Ich darf Dich alſo nicht begleiten, Herr? ſprach der junge Mann niedergeſchlagen. — Du mußt hier in dieſem Dorfe bleiben, Nikolas, antwortete jener. Was Dir zu thun obliegt, wirſt Du bald erfahren. Nikolas ſchwieg. — Ich würde die Sache einem Andern übertragen, fuhr der Gebieter fort; aber ſie erfordert jemand, der mein ganzes Vertrauen beſitzt; wer ſollte es alſo anders ſein— Des jungen Mannes Augen erglänzten in freundlichem Stolze. — Befiehl, Herr, und ich bin bereit, das Kühnſte zu Hollbringen — Ich weiß es, Nikolas! Doch ſollſt Du Deiner klei⸗ nen Zeliska nicht lange entbehren; noch heute ſiehſt Du ſie, denn die kluge Dirne ſoll Dir bei Deinem Werk behilflich ſein. — Habe Dank, Herr! rief Nikolas feurig, des Gebie⸗ ters Hand küſſend. Dieſer lächelte. — Glaubſt Du wohl, Nikolas, daß mich die Spieß⸗ bürger faſt in einer ſehr plumpen Falle gleich einer dummen — — 5 e — —— ᷓ Maus gefangen hätten? ſagte er nach einer Pauſe, während welcher er ſich's in den trockenen Kleidern auf einer Bank am Kamin bequem gemacht hatte. — Du ſcherzeſt, Herr! ſagte Nikolaus mit ungläubigem Lächeln. Du wirſt in keine Falle gehen. — Denkſt Du, ich habe zur Kurzweil ein kaltes Bad genommen? fragte jener. Er erzählte dem jungen Manne alles, was ihm be⸗ gegnet war. — Nur Eins kann ich nicht begreifen, ſchloß er ſeinen Bericht. Wenn man uns wirklich belauſcht hatte, wie ich aus allen ſpäteren Anzeichen ſchließen mußte— warum ließ man mich dann wieder aus dem Kerker gehen, wo man mich doch ſchon gefangen hatte? Nikolas öffnete eine Fenſterlade und ſah zum Nacht⸗ himmel auf. — Sieh, wie hell Dein Stern glänzt, Herr, ſprach er zu ſeinem Gebieter gewandt. So ſtrahlte er ſchon, als Du vom Fuhrwerk ſtiegſt, d'rum hegte ich keine Furcht um Dich, als Du allein in die Stadt gingſt, und darum konnten Dir die Feinde nichts anhaben. So lange er in unverändertem Glanze am Firmament ſteht, kennt auch Dein Glück keine Grenze! — Meinſt Dus verſetzte der Andere gedankenvoll. — Ich weiß, woran Du wieder denkſt! fuhr der junge Mann trübe fort. Ich muß Dich undankbar gegen Dein gutes Geſchick ſchelten! Biſt Du nicht im Beſitze alles deſ⸗ ſen, was das Glück den Sterblichen nur gewähren kann? Es nahm Dich mein Stamm vor ungefähr zehn Jahren mit⸗ leidig auf, als Du, krank, verfolgt und gehetzt gleich einem wilden Thiere, zum Tode matt in den mähriſchen Wäldern nievergeſunken warſt. Unſere damalige Königin erkannte Deinen Glücksſtern: die Kunſt unſerer Weiber pflegte, der Arm unſerer Männer beſchützte Dich, und wir Knaben hör⸗ ——— — BX — ⏑—— ten Dir gern zu, wenn Du von Deinem fruͤheren Kriegs⸗ leben erzählteſt. Du bewieſeſt Muth und Entſchloſſenheit, das Glück verließ Dich auf keinem Deiner Schritte, darum betrachteten wir Dich als Stammesgenoſſen und machten Dich zum König, als Deines Vorgängers, meines Vaters, Stern erblich. Der Deinige ſtrahlte nun heller als je; Du erwarbſt Reichthümer auf Reichthümer, weil jede Deiner Thaten das Glück krönte! Du wurdeſt mächtiger, als je ein König, der in unſerem Volke geherrſcht— ſchau hin auf unſere Stämme in Polen und Böhmen; kann ſich ir⸗ gend ein Herrſcher ſo treuer und gehorſamer Unterthanen rühmen, wie wir ſind? Dazu haſt Du eine Königin, die Dich liebt, und um deren Schönheit und Jugend Dich auch die anderen Fürſten beneiden müſſen— mit einem Worte: Du biſt des Glückes Auserwählter! Und dennoch murreſt Du gegen das Geſchick, weil es Dich einen Sohn vergebens ſuchen läßt, der vielleicht ſchon lange todt iſt, obwohl Du Spuren ſeines Daſeins gefunden zu haben meinſt. Was willſt Du mit dieſem? Bin ich Dir nicht genug, und haſt Du nicht vor allem Volk gelobt, mich immer als Sohn an⸗ zuerkennen? Der Gedanke an den Verlorenen vergällt Dir den Genuß Deines Glückes— und Du weißt nicht einmal, ob er ſich Deiner freuen würde, wenn Du ihn wiederfändeſt, während ich in Deinen Augen Deine Wünſche zu leſen be⸗ müht bin! — Du mußt nicht ungerecht ſein gegen mich, wenn Dll mich auch nicht begreifen magſt, erwiederte der Gebieter. Du weißt ja, daß der Wiedergefundene Dich weder in mei⸗ ner Zuneigung, noch in Deinen Hoffnungen für die Zukunft beeinträchtigen wird. Im Gegentheil werde ich Dir dann noch mehr zugethan ſein, denn Du wirſt meines Sohnes Freund werden; meine Würde bleibt nur Dein Erbthell, wie ich Dir zugeſagt vor allem Volk, als Du noch ein Knabe warſt, und die Hälfte meiner Reichthümer gehören —— — er 1 4 2 2 — 106 ANANN— Dir und Zeliska an dem Tage, wo ich meinen leiblichen Sohn finde. Wie mag Dich alſo mein heißer und natür⸗ licher Wunſch kränken, da dies nicht einmal bei Roswitha, meiner Königin, der Fall iſt, die doch wahrlich mehr Ur⸗ ſache hätte, als Du, der Erfüllung meines Wunſches ent⸗ gegen zu ſein! — Möge nie Dein Stern erbleichen, Herr! ſprach Ni⸗ kolas traurig. — Ich muß mich wahrlich hüten, in Deiner Gegen⸗ wart ein Wort fallen zu laſſen, was ſich nur im Entfern⸗ teſten auf meinen Wunſch bezieht, ſagte der Andere kopf⸗ ſchüttelnd. So aufgeräumt und heiter Du ſonſt biſt, ſo mißgeſtimmt macht es Dich, wenn ich von meinem Sohne ſpreche. Kennte ich Dich nicht beſſer, ſo müßte ich faſt glauben, Du trauteſt meinen Worten und Verſprechungen nicht, die ich meinen Unterthanen nie gebrochen. Sei kein Thor, Nikolas; ſei mir zu Liebe wieder fröhlich, wie ich Dich ſo gern ſehe! — Ich will's verſuchen, Herr! entgegnete der junge Mann. Am beſten wird's gelingen, wenn Du mir jetzt ſagſt, was ich und Zeliska zu thun haben, um Deine Pläne auszuführen. — Das iſt doch wenigſtens wieder vernünftig geſpro⸗ chen, ſagte lächelnd der Gebieter. Doch ſieh, man bringt uns den Imbiß; während wir ihm zuſprechen, ſollſt Du al⸗ s erfahren, was Du wiſſen mußt. Nikolas ließ ſich trotz ſeiner Niedergeſchlagenheit nicht lange nöthigen, dem Mahle ſeine, Thätigkeit zuzuwenden. Doch hörte er dabei aufmerkſam auf das, was ihm ſein Gebieter mittheilte, und beſonders prägte er die Namen Pi⸗ gnetti, Stroband, Reinhold und Boytin ſeinem Gedächtniſſe feſt ein. Als die Thurmglocke die fünfte Morgenſtunde anzeigte, erhob ſich der Andere. — Es iſt Zeit, daß ich aufbreche, ſagte er, denn es iſt möglich, daß man mich ſucht. Laß eins von den Pfer⸗ den ſatteln, die wir aus Frankfurt mitgebracht haben; die übrigen ſammt dem Fuhrwerk bleiben hier, wie auch unſere beiden Knechte, damit Du oder Zeliska Euch ihrer in jedem Augenblick bedienen könnt. Bringe mir auch Mantel und Barett. Nikolas ging hinaus, um die Aufträge ſeines Gebieters zu beſorgen. — O bönnte er doch gleich mir in den Sternen leſen! ſeufzte er, indem er dem Stalle zuſchritt. Aber er glaubt ja nicht an geheime Wiſſeenſchaft! Nach wenigen Minuten ſchwang ſich der Fremde auf das geſattelte Pferd. — Handle ſchlau und ſei nur dann verwegen, wenn's ſein muß, ſagte er beim Abſchiede zu Nikolas. Deine Ze⸗ liska ſiehſt Du noch heute! Er wickelte den Mantel feſter, drückte das Barett mehr ins Geſicht und jagte ſodann durch die geöffnete Pforte. Draußen ſchlug er die Richtung nach dem Teltower Walde (dem heutigen Grunewald) ein, indem er quer über die Fel⸗ der ritt. Als er dieſen erreicht hatte, mußte er ſein Pferd langſamer gehen laſſen, denn er befand ſich auf keinem ge⸗ bahnten Wege und undurchdringliche Dunkelheit herrſchte noch in dem düſteren Walde. Doch mußte er mit der Ge⸗ gend genau bekannt ſein, denn bald hatte er den Weg ge⸗ funden, den er geſucht zu haben ſchien und den er nun in ſüdlicher Richtung verfolgte. Ungefähr eine Stunde lang ließ er ſorglos ſein Pferd im Trabe laufen, dann aber zog er die Zügel wieder ſtraffer. — Ich muß nahe am Wan⸗See ‚ein, ſprach er für ſich, und daher auf unſern ſchmalen Steg merken, der an der un⸗ tern Verengung des See's über das Waſſer führt, damit ihn das Thier nicht verfehlt. — 3—= △ — — — Wirklich befand er ſich nach wenigen Sekunden an der bezeichneten Stelle des Wan⸗See's und ritt vorſichtig über die hier befindliche kleine Brücke, die nur aus zwei oder drei nebeneinander liegenden Baumſtämmen beſtand, welche die beiden Ufer des hier nur ſehr ſchmalen Gewäſſers mit ein⸗ ander verbanden. Drüben verließ er den gebahnten Weg wieder, wandte ſich rechts und ritt durch den Wald, über Berge und Thäler dem Havelufer zu. Bald vernahm er das Brauſen des Fluſſes zu ſeinen Füßen, der in ſeinem brei⸗ ten Bette majeſtätiſch dahinwogte. Jetzt ſtieg er vom Pferde und führte es behutſam die ſteilen Bergabhänge hinab, welche auf dieſer Seite das Flußufer bilden. Der Tag begann zu grauen. Mit ſcharfem Blick muſterte er das jenſeitige Ufer und führte ſein Thier dann einer Stelle zu, der gegenüber eine Halbinſel weit in den Fluß hineinragte und ſo das Bett deſſelben bedeutend verengte. Hier ſchwang er ſich wieder auf das Pferd, ſo daß er mit den Füßen auf dem Sattel ſtand, und trieb es in den Fluß hinein. Muthig durchbrach das Thier die ſchäumenden Wellen, als ſei es dergleichen ſchon gewohnt, und ſein Herr ſtand ſo feſt auf ſeinem oft vom Waſſer überſpülten Sattel, als wäre dieſer der Boden eines ſanft dahingleitenden Nachens. Mit freudigem Wie⸗ hern langte es auf dem jenſeitigen Ufer an und ſchüttelte ſich das Waſſer aus der langen Mähne; ſein Herr aber rieb ihm mit dem Sacktuche Kopf, Bruſt, Rücken und Bauch trocken, ſo gut es anging, bedeckte es mit dem weiten Man⸗ tel, den er auf dem Wege von Schonenberg bis hierher ge⸗ tragen, und ritt dann, damit es ſich wieder erwärme, in ſcharfem Trabe am waldigen Ufer des ſich hier von der Havel abzweigenden Weißen See's entlang. Da, wo ein anderer See, die Krampnitz genannt, be⸗ ginnt, der ſich ſein Bett in nördlicher Richtung eine Viertel⸗ meile weit zwiſchen waldigen und ſchroffen Anhöhen gewühlt RRRR hat, und unfern der Stelle, wo der Weiße See in den Jung⸗ fern⸗See tritt, erhebt ſich noch heute ein hoher, ſteiler Erd⸗ wall, mit uralten Bäumen beſetzt und mit einem Moraſt um⸗ geben, den man die„Römer⸗Schanze“ nennt, weil man ehe⸗ dem annahm, daß die Römer bis hierher vorgedrungen ſeien und jener Wall, der allerdings nicht von der Natur gebildet iſt, ſondern viele Spuren einer künſtlichen Anlage zeigt, ein Ueberreſt ihres in der Regel befeſtigten Lagers wäre— was jedoch durch neuere Unterſuchungen unzweifelhaft widerlegt worden iſt. Ein breiter Moraſt umgab damals dieſen Wall auf der Landſeite und machte ihn ganz unzugänglich; und näherte ſich ihm auch hin und wieder ein Fiſcher auf der Krampnitz, ſo vermied er doch ſorgfältig, ihn zu beſteigen, denn ſchauerliche Sagen gingen von dem, was er umſchlie⸗ ßen ſollte, bei den Bewohnern der Gegend von Mund zu Mund, und Viele behaupteten, zur Nachtzeit in den Wipfeln der Bäume, die ihn bedeckten, ein unheimliches, geiſterhaftes Leuchten und Glühen geſehen zu haben, deſſen Urſache er⸗ forſchen zu wollen, ſich Niemand einfallen ließ. Gewiß iſt, daß der Ort wegen ſeiner Abgelegenheit und Unzugänglich⸗ keit häufig den Räuberbanden zum Aufenthalt diente, die in den früheren ſehr unruhigen Zeiten in dieſer Gegend ihr Weſen trieben, und über welche ſchon ein halbes Jahrhun⸗ dert vor der Zeit, in welcher die hier erzählten Begeben⸗ heiten ſich ereigneten, Herzog Rudolph von Sachſen bittere Klage führte, als über Leute, die„nur alltäglich gröblich roben, ſchinden und beſchedigen, und werden gehuſet, geheget zu Spandow, uff den Werder zu Potsdamp, uff den Teltow, und uff andern unſers Ohms egenen Gebiete.“ Noch heute trägt dieſer Ort und ſeine Umgebung den Charakter einer düſteren Waldeinſamkeit. Vor dem Moraſte, welcher den Wall umgab, ſtieg der Fremde vom Pferde und führte es auf einen mit großer Kunſt und vielem Fleiß angelegten Damm, der in vielfachen — nung und Rauchabzug diente. Die Gaſſen liefen zwiſchen 110,— Windungen den Moraſt durchſchnitt, aber durch Schilf und andere Sumpfgewächſe ſo güt verdeckt war, das ihn nur das Auge mit ſeinem Vorhandenſein Vertrauter entdecken und ſich ſeiner bedienen konnte, ohne Gefahr zu laufen, von ihm ab und in den Moraſt zu gerathen. Am Fuße des Walles, auf feſtem Grunde, ließ er ſein müdes Pferd ſtehen und bahnte ſich einen Weg durch dichtes Brombeergeſträuch, in deſſen Mitte er drei Male mit dem Fuße ſtampfte, wobei ſich der Ton einer etwas entfernten Glocke hören ließ. Nach kurzer Zeit knarrte es, als ob eine Thür ſich in ihren Angeln be⸗ wege, und in dem Walle ward eine Oeffnung ſichtbar, durch die zur Noth ein Pferd gehen konnte. Der Fremde nahm das ſeinige ſogleich beim Zuͤgel und führte es in die Oeff⸗ nung, die man von Innen ſehen konnte, eine hölzerne, von Außen künſtlich mit Moos und Raſen bedeckte Thür war und in den von dem Walle umſchloſſenen Raum führte. Ein mit einem Schafpelz bekleideter, unterſetzter Mann, deſſen braunes Geſicht ſcharf markirte Züge zeigte, mit ſchwarzem, ſtruppigem Haupthaar, ſchien die Thür geöffnet zu haben und blickte aus ſeinen dunklen Augen trotzig auf den Eintretenden; doch erkannte er ihn ſogleich und grüßte ihn in ſtummer Ehrer⸗ bietung, indem er ſeine Arme auf der Bruſt über einander legte und demüthig den Kopf ſenkte. Der Fremde ſchritt gleichgültig an ihm vorüber. Der vom Walle umſchloſſene Raum bot einen Anblick dar, den ein Anderer, vielleicht durch Zufall hierher gera⸗ then, in dieſer öden Einſamkeit nimmer vermuthet hätte. Der Platz war von mehr denn hundert in geordneten Gaſ⸗ ſen angelegten Hütten bedeckt, die größtentheils aus Stäm⸗ men von jungen Bäumen errichtet und von Außen mit Fich⸗ tenzweigen belegt, von Innen aber mit Lehm oder Thon be⸗ kleidet waren, und einen mit einem Vorhange von grobem Zeuge verſehenen Eingang hatten, der zugleich als Lichtöff⸗ ꝑꝑ hohen Eichen und Fichten ſternförmig nach einem in der Mitte befindlichen Platz aus, auf dem ſich eine den andern ähnliche, obwohl bedeutend größere Hütte erhob. Auf den Gaſſen ſah man hier und da Männer, Weiber und Kinder, die dort bei dem Dämmerlichte des neuen Tages häusliche Arbeiten verrichteten, zu denen der Raum der Hütte zu eng war. Die Männer, ältere wie jüngere, trugen im Ganzen und ſelbſt bis auf die Bekleidung das Ausſehen desjenigen, der dem Fremden den Zugang geöffnet hatte; auch die Wei⸗ ber, von denen man die meiſten der jüngeren ſchön nennen konnte, waren von etwas dunkler Geſichtsfarbe, zu der ihr ebenfalls meiſt dunkles Haar ſehr gut paßte, während ihre Bekleidung, auf morgenländiſche Art angelegt, ein wunder⸗ lich Gemiſch von Reichthum und Duürftigkeit zeigte— an einem und demſelben Weibe ſah man oft goldene Zierrathen auf groben, wollenen, halbzerriſſenen Gewändern, während wieder andere mit koſtbaren, aber beſchmutzten und unordent⸗ lich auf dem Leibe hängenden Kleidern angethan waren; die Kinder aber liefen trotz der keineswegs milden Winter⸗ luft größtentheils halb nackt einher: alles deutete an, daß hier ein Völkchen hauſete, daß keineswegs dem deutſchen Bo⸗ den entſproſſen war, wenn nicht ſchon die fremde Sprache, die ſie unter einander redeten, dies zur Genüge dargethan hätte. Es war dies ein Stamm jenes räthſelhaften Volkes, deſſen Urſprung noch bis heute dunkel und unaufgeklärt iſt, obgleich es ſelbſt das ferne Egypten als ſein Vaterland an⸗ giebt, und das man mit dem Namen„Zigeuner“ belegt hat, Um das Jahr 1440 herum waren dieſe Leute in großen Schaaren mit Weibern und Kindern aus Ungarn nach Deutſchland gekommen, und überall, ſelbſt durch die größeren Städte, gewährte man ihnen freien Durchzug, da ſie vor⸗ gaben, nur ein wenig bewohntes, unbekanntes Land auf⸗ ſuchen zu wollen, um ſich dort niederzulaſſen. Die meiſten A 112 AAꝗAꝑAᷓA;ꝑ;ARA;ARÄ;R;ER;RE Stämme, deren jeder einem Befehlshaber unterthan war, den ſie Herzog oder König nannten, zogen auch über die weſt⸗ lichen Grenzen des Reiches; aber viele ſchlugen ſich in die unzugänglichen Wälder Böhmens, Mährens und Schleſiens und führten dort ein unabhängiges und nicht immer tadel⸗ freies Leben, welches ſie theils durch ihre Fertigkeiten und Künſte, theils durch Diebereien friſteten, wobei ihnen die Dummheit und der Aberglaube des Volkes, ſowie die in je⸗ nen unruhigen Zeiten beſchränkte Macht der Fürſten trefflich zu ſtatten kamen. In den nördlichen Gegenden Deutſchlands und beſonders in der Mark waren ſie damals noch nicht zu finden, und es mußte eine beſondere Veranlaſſung geweſen ſein, die dieſen vereinzelten Stamm bewogen hatte, das Ge⸗ biet des Kurfürſten Friedrichs II. von Brandenburg, des Eiſen⸗ zahns, zu betreten, der als ein kräftiger Regent bekannt war und ſicherlich nicht viel Federleſens mit den Zigeunern ge⸗ macht haben würde, wenn ſie es gewagt hätten, unerlaubte Dinge zu treiben; die Wahl des Aufenthaltortes zeigte auch genugſam an, daß ſie ihre Gegenwart in der Mark nicht oſſenkundig machen wollten. Hatte der Fremde, in dem man wohl ſchon das Ober⸗ haupt der hier lagernden Zigeuner erkannt haben wird, in ſeiner Unterredung mit Nikolas einen gewiſſen Grad von Gutmüthigkeit und Vertraulichkeit an den Tag gelegt, ſo zeigte er jetzt ſeinen„Unterthanen“ in Haltung und Geberde nur den ſtrengen Herrſcher. Stolz, und die ehrerbietigen Grüße der Zigeuner kaum eines Blickes würdigend, ſchritt er dem freien Platze zu, der in der Mitte der luftigen Stadt ſich be⸗ fand, und auf dem ſein Königspalaſt errichtet war, der dem Aeußeren nach eben nicht viel glänzender eingerichtet zu ſein verſprach, als Rycke's dumpfiges Prunkgemach im Rathhauſe zu Berlin. Den Zügel ſeines Pferdes hatte er einem her⸗ beieilenden Knaben übergeben. Noch hatte der Zigeunerfürſt den Platz nicht erreicht, 113 TRTTT als die Thür ſeines Hauſes geöffnet ward und ein junges Weib jauchzend ihm entgegeneilte. Es war Roswitha, ſeine Gattin— wenn man dieſen Ausdruck bei dem laxen ehe⸗ lichen Verhältniß der damaligen Zigeuner gebrauchen darf— oder nach der Ausdrucksweiſe dieſes Volkes ſeine Königin. Roswitha ſchien das zwanzigſte Lebensjahr kaum über ſchritten zu haben, und war, wenn auch nicht eine vollen— dete Schönheit, doch jedenfalls das anmuthigſte weibliche Weſen in dieſem entlegenen Aufenthaltsorte. Von den übri⸗ gen Weibern und Mädchen des Zigeunerſtammes unterſchied ſie ſich durch die hellere Farbe ihrer Haut, deren Weiße die Sonne und die Luft nicht ganz zu vertilgen vermocht hatten, ſorbie durch ihr blondes Lockenhaar und den ſanften, milden Ausdruck ihrer großen blauen Augen, während die dunklen Augen der andern Frauen ihrer Umgebung in der Regel Feuerblitze entſendeten. Ihre Geſtalt war klein und ſchlank, ihr Gang leicht und zierlich, ihre Glieder ſtanden in voll⸗ kommenem Ebenmaaß zu einander. Sie ſchien ſich eben vom Lager erhoben zu haben, denn ſie war nur flüchtig mit einem Pelzüberwurf bekleidet, der die bloßen Füße und Arme ſehen ließ, welche letztere im Winter auffallende Erſcheinung je⸗ doch bei dieſem durch den jahrelangen Aufenthalt in den rauhen deutſchen Wäldern bereits abgehärteten Volke eben nichts Ungewöhnliches war. — Biſt Du endlich wieder da, Oſiris, Du, mein Hoff⸗ nungsſtern, mein Lebenslicht? rief Roswitha, indem ſie dem Kommenden an die Bruſt ſank. O, wie oft habe ich die Geſtirne nach Deiner Rückkehr befragt, und immer nicht ward mir die erſehnte Kunde, daß Du, mein Geliebter und mein König, auf dem Wege zu Deiner Roswitha ſeieſt, die nach Dir ſchmachtete, wie das hinwelkende Waldblümlein nach dem erquickenden Thau! Aber in der verwichenen Nacht ſtrahlte Dein ſtolzer Stern ſo freundlich und verheißend auf mich hernieder, daß ich in ſüßer Wonne bis zum Morgen Die ſchwarzen Brüder. II. 8 —. — — — zu ihm aufſchaute; und als ich, von leiſem Schlummer um⸗ fangen, den Einlaß begehrenden Ton der Glocke vernahm, rief es mit tauſend Stimmen in mir: Er iſt da! Und Du biſt da! Der Zigeunerfürſt, der ſich den Namen Oſiris beige⸗ legt hatte, bückte ſich lächelnd und küßte Roswitha's Stirn. Dann nahm er ſie in ſeine Arme und trug ſie nach ſeiner Behauſung, die beiden Zigeuner kaum gewahrend, die auf dem Platze vor derſelben mit auf dem Rücken geſchnürten Händen im Stocke lagen und die ſcheuen Blicke nicht zu erheben wagten. Das Innere des Hauſes beſtand aus einem geräumi⸗ gen Gemach und einem kleinen, das als Küche diente. Das erſte war mit einer gewiſſen Pracht ausgeſtattet, welche der äußere Anblick des Hauſes nicht ahnen ließ. Die Wände waren mit nicht gerade ganz plumpen menſchlichen Figuren von Holz umſtellt, die auf ihren Köpfen Gefäße mit blü⸗ henden und ſorgſam gepflegten Gewächſen trugen; den Fuß⸗ boden bedeckte ein ſchwellender Teppich; im Hintergrunde befand ſich ein mit ſchneeweißem Zeuge überzogenes Him⸗ melbett; mehrere gepolſterte Seſſel und ein gut gearbeiteter Tiſch, auf dem man allerlei ſilbernes Geräth und mehrere alte Bücher erblickte, ſowie die wärmende und leuchtende Flamme auf einem kunſtgerecht angebrachten Heerd vollen⸗ deten die behagliche Wohnlichkeit des Gemachs. Mehrere junge Zigeunerinnen in reinlicher und zierlicher, ſogar rei⸗ cher orientaliſcher Tracht harrten des befehlenden Winkes. Oſiris ließ ſich hier auf einen Seſſel nieder und befahl den Dienerinnen, Speiſe und Trank zu bringen. Roswitha ſchien gar nicht Worte genug zu haben, um ihre Freude üͤber die Rückkehr des geliebten Mannes ganz ausdrücken zu können, eine Freude, die bei aller Gluth des liebenden Weibes dennoch etwas Kindliches an ſich hatte, was die Kundgebung derſelben ungemein rührend machte. Sie über⸗ 115 AAA häufte ihn mit tauſend Liebkoſungen, die er freundlich dul⸗ dete, ohne ſie zu erwiedern; darüber hinaus ſchienen aber auch ihre Wüͤnſche gar nicht einmal ſich zu erſtrecken. Bald ward die verlangte Stärkung gebracht. — Während ich mich erlabe, magſt Du Dich anklei⸗ den laſſen und mir dabei berichten, wie Du in meiner Ab⸗ weſenheit das Regiment geführt, ſagte er zu ihr, indem er ſie ſanft aus ſeinen Armen ließ. Ich hofſe es nicht bereuen zu müſſen, daß ich Dir die Gewalt übertragen. — Der ſtrahlende Glanz Deines Sternes iſt durch mich nicht matter geworden, mein König und Gebieter! ent⸗ gegnete Roswitha mit kindlichem Stolz. Ich habe mich in Allem nach Deinem hohen Vorbilde gerichtet. — So laß jetzt hören; was iſt Wichtiges geſchehen? — Zuerſt, mein Gebieter, habe ich Deinen Befehl er⸗ füllt und durch geſchickte Leute kräftige Burſchen, die nicht unſeres Stammes ſind, anwerben laſſen, fuhr Roswitha fort, die ſich bereits unter den Händen der Dienerinnen befand. Es war eine leichte Arbeit, Herr! Der Fürſt, der ſich Herr dieſes Landes nennt, obgleich Du mächtiger biſt, als er, wirbt Söldner an zum Kriege; da er nun aber ſehr wäh⸗ leriſch iſt und keinen haben will, der nicht durch gutes Zeug⸗ niß ſagen kann, von wannen er kommt, ſo kehrten viele un⸗ verrichteter Sache von dem nahen Spandow zurück und die Beſten von ihnen ſind nun für Dich ausgeſucht und befin⸗ den ſich hier wohlauf, Deiner Befehle gewärtig. Ich habe es ihnen nach Deinem Willen an nichts fehlen laſſen, mit Ausnahme von zweien, die ich feſſeln und in ſicherem Ge⸗ wahrſam halten ließ, weil ſie mich belügen wollten und ich ſie daher für Kundſchafter halte; ſie wurden nämlich nicht von unſern Leuten angeworben, ſondern ſtellten ſich vor drei Tagen am ſpäten Abende hier ein, indem ſie vorgaben, daß jemand, den ſie nicht nennen konnten, ihnen von unſerer Anweſenheit geſagt und ſie zu uns geſandt habe. Wer aber, 8 ι AAAANR frage ich Dich, Herr und König, wer weiß außer uns, wo wir ſind? — Du haſt Recht gethan, Roswitha, ſo mit den Hun⸗ den zu thun, ſprach der Zigeunerfürſt. Gieb Befehl, daß man die beiden Burſche herführe; ich will ſie mir anſehen und dann ihr Schickſal beſtimmen, obwohl Du mir dieſe Arbeit hätteſt erſparen können, indem Du kurzes Federleſen mit ihnen machteſt. Doch ſage, Königin, haſt Du auch ge⸗ ſorgt, daß keiner der Anderen, dem vielleicht der Handel leid geworden iſt, entrinnen konnte? — Fürchte nichts, Herr, entgegnete Roswitha, nach⸗ dem ſie einer Dienerin geboten, den Befehl des Gewaltigen zu vollziehen. Sie ſind ſammt und ſonders in der feſten Höhle eingeſchloſſen und unſere beſte Mannſchaft bewacht ſie unausgeſetzt. O weh, Zeliska, Du zauſeſt meine Locken, daß mich's ſchmerzt; ich muß Dich nachher ſtrafen! — Verzeihe, Königin! bat die hinter ihr ſtehende, mit dem Ordnen des Haars ihrer Gebieterin beſchäftigte Die⸗ nerin. — Du glaubſt nicht, Herr, wie zerſtreut und nachläſſig die Zeliska iſt, ſeit Nikolas mit Dir gegangen, wandle ſich Roswitha lächelnd zu Oſiris. Neulich erſt vergaß ſie ſich ſo ſehr, daß ſie, indem ſie mir die Schuhe anziehen wollte, mit ihrem Knie auf meinen vorgeſtreckten Fuß niederfiel, ſo daß ich's wohl über eine Stunde lang empfand. Ich mußte ſie der Andern wegen in den Stock legen, denn ich mochte ſie nicht ſchlagen, da ſiee ja meine Freundin iſt. — Nun, der Burſche mag ſich freuen, der die Zeliska in den Stock gelegt hat! ſagte der Zigeunerfürſt lachend. Wenn Nikolas erfährt, weſſen Hände ſeine Braut berührt haben, ſo ſchlägt er ſie dieſem entzwei, weil er ſonſt ſeine Ehre verletzt meint! — O, hältſt Du mich für ſo böſe, daß ich meinem Halbbruder auf irgend eine Weiſe Kränkung bereiten könnte? u. verſetzte Roswitha im unſchuldigſten Tone. Zeliska mag's Dir erklären, wie fein ich's angefangen habe, um weder ihre noch ihres Verlobten reine Ehre zu verletzen. — Ja, Herrin, keine Deines Geſchlechtes kommt Dir gleich an Weisheit und Güte, und keine kann ſich Deiner Huld mehr rühmen, als Zeliska! ſprach das junge Mädchen mit Stolz, als ſei ihr die höchſte Auszeichnung von der ehe⸗ maligen Gefährtin ihres Kindesalters geworden. Du ließeſt den ſchweren Stock in Dein herrliches Gemach bringen, und da ſich die Fußöffnungen für mich als zu groß erwieſen, neue in den Block hineinſchlagen, in welche Du ſelbſt meine Füße legteſt, auch ſelbſt den obern Block niederließeſt und ihn an den untern feſt ſchloſſeſt, ſo daß mich keine andere Hand be⸗ rührte, als die Deine. Wahrlich, der geübteſte Schließer hätte mir die Füße, mit denen ich gegen Dich geſündigt, nicht feſter einklammern können, ſo daß mich heute noch faſt jede Stunde vor dem begangenen Fehler warnt. — Du liebliche Schmeichlerin! ſagte Roswitha mit auf⸗ richtiger Freundlichkeit, die Hand der trauten Dienerin koſend ſtreichelnd. Der Zigeunerfürſt ſchien in dem Thun ſeines jungen Weibes nichts Seltſames zu finden, oder ſchon an ſolche Dinge gewöhnt zu ſein; er nickte ihr lächelnd Beifall. — Dieſe mir erzeigte, gewiß hohe Ehre iſt aber noch gar nichts gegen die Geſchichte auf dem Eiſe, fuhr Ze⸗ liska fort. — Wer hat Dir erlaubt, zu reden? unterbrach ſie Roswitha, ſich zornig zu ihr umwendend. Das Mädchen ſchwieg zitternd. — Was iſt's damit, Zeliska? fragte Oſiris, ein Stück Wildpret zerlegend. Vor dem ausgeſprochenen Wunſche des Gebieters wagte auch ſeine Königin keinen Widerſpruch. Zeliska mußte er⸗ zaͤhlen. — — — * 3 ¹ A ——— X . — ARRRR — Es war vor ungefähr zwei Wochen, begann ſie, als in einer hellen Mondſcheinnacht der Herrin die Luſt anwan⸗ delte, ſich auf dem Eiſe zu ergehen, das vor dem eingetre⸗ tenen Thauwetter den See bedeckte, und ſie mir befahl, ihre Begleiterin zu ſein. Mir gefiel es ſo ſehr auf der ſpiegel⸗ glatten Fläche, die einige unſerer Burſche vorher vom Schnee befreit hatten, daß ich übermüthig ward und mich dahin wagte, wo die Strömung des Waſſers am heftigſten und die Eisdecke daher am ſchwächſten iſt. Mein Vorwitz ward be⸗ ſtraft, denn das Eis brach unter mir ein, und nur durch die Verzweiflungskraft meiner Arme, die ich über den zerbröckeln⸗ den Eisrand geſtreckt hielt, vermochte ich mich auf einige Zeit vor dem Tode zu ſchützen, der unfehlbar eintreten mußte, wenn mir nicht ſchnelle Hülfe wurde. Durch meinen Angſt⸗ ruf ward die klügere Herrin, die ſich am Ufer vergnügte, meine Gefahr gewahr und eilte zu meiner Rettung herbei, ſo ſehr ich ſie auch bat, etliche Männer herbeizuholen.„Bis dieſe hier ſind, ertrinkſt Du mehr als einmal!“ ſagte ſie zu mir, wagte ſich unter eigener Lebensgefahr, doch vorſichtig, zu mir heran, und ſchlug mit den Füßen eine Waſſerbahn frei, durch welche ich mich mit ihrer Hülfe aus der Strö⸗ mung des See's heraus und zu den Stellen hinarbeiten konnte, wo das Eis feſter war und ich aus der kalten Fluth emporſteigen konnte. Herr, das Leben Deiner Königin war bei dieſem Rettungswerk faſt ebenſo gefährdet, wie das meine, und ſie verließ die Dienerin dennoch nicht, und ſorgte nach⸗ her für mich, als wäre ich ihre Herrin. Ich habe nichts mehr zu ſagen, Gebieter! — Das iſt etwas, was die Pfaffen eine gute That nennen, Roswitha! verſetzte Oſiris, indem er zu ihr trat und ſie küßte. Auch glaube ich faſt, fügte er dann lächelnd hinzu, daß Dir der Nikolas für dieſe mindeſtens ebenſo dankbar ſein wird, wie für die Schonung ſeiner Ehre bei der Geſchichte mit dem Stock. — Wasv's denn nicht ganz natürlich, was ich that? er⸗ wiederte Roswitha mit ebenſo unverſtellter Aufrichtigkeit, wie vorhin. Iſt doch Zeliska ſo gut wie meine Schweſter und wird einſt auch Königin, wie ich es jetzt bin! Und in gutmüthiger Spielerei entzog ſie der Dienerin ihre Hand, die dieſe dankbar küſſen wollte, und gab ihr mit derſelben einen leichten Schlag auf die Wange. — Sieh, Zeliska, bald hätte ich vLergeſſen, den Gruß des Nikolas an Dich zu beſtellen, ſagte Oſiris. Er denkt Tag und Nacht Deiner! — O, Dank, Herr, für dieſe froͤudige Botſchaft! ſtam⸗ melte das Mädchen erglühend. Wird auch er bald wieder⸗ kehren, Gebieter? — Vererſt noch nicht, mein Kindlein, erwiederte jener muthwillig. Jetzt aber habe ich Dir etwas mitzutheilen, was Dir leider Schmerz bereiten wird. — Sprich, Gebieter! ſagte Zeliska mit leiſer Stimme, als Oſiris zu zögern ſchien. — Iſt's nicht möglich, Herr, daß ihr der Schmerz er⸗ ſpart wird? bat Roswitha. — Du liebſt Deine Herrin ſehr, Zeliska? fuhr Oſiris fort. — Du kannſt fragen, Herr? ſprach das Mädchen be⸗ ſtürzt. — Und mehr noch als den Nikolas? fragte der Ge⸗ bieter weiter. Zeliska ſchwieg erröthend und zitternd. — Du mußt Deine Gebieterin noch in dieſer Stunde, verlaſſen! ſprach Oſiris nach einer kurzen Pauſe in ſtrengem Tone. — O, Gnade, Herr, Gnade für die Arme! flehte Ros⸗ witha für die durch den harten Ausſpruch faſt vernichtete Dienerin. Sie muß ihn ja mehr lieben, als wich! — Sobald Du Deine jetzige Verrichtung bei der Her⸗ e 1 — 120 æòEÖ rin beendet und das Frühmahl zu Dir genommen, entledigſt Du Dich Deiner reichen und koſtbaren Tracht und ſteckſt Dich in die groben Kkeider eines jungen Bauernburſchen, fuhr der Zigennerfürſt fort. Dann begiebſt Du Dich zum See, wo unſere Nachen verſteckt ſtehen, und fährſt in einem derſelben die Havel hinauf bis nach Spandow, und biegſt dann in die Spree ein, wo Du Dich immer rechts hältſt, damit Du mein Fuhrwerk nicht überſiehſt, das an irgend einer Stelle des linken Flußufers Deiner harren wird. Dort befeſtigſt und verbirgſt Du den Nachen ſo, daß ihn kein An⸗ derer als nur Du findet— denn Du wirſt ſeiner noch oft bedürfen, und beſteigſt den Wagen, den Dir Nikolas durch den Knecht entgegengeſandt hat, wenn er's nicht vorgezogen haben ſollte, ſelber Dich abzuholen, wie ich's ihm erlaubt. Was Dir dann zu thun obliegt, wirſt Du wohl erſt in Schonenberg bei unſerem Gaſtfreund erfahren, denn unter⸗ wegs wird ſich ſchwerlich ein Augenblick zu ſolcher Mit⸗ theilung finden. Mit wechſelnden Empfindungen hatte das glühend lie⸗ bende Mädchen dieſen Worten zugehört; jetzt aber ſtürzte ſie zu den Füßen des Gebieters und ſtammelte in gebrochenen Lauten ihren heißen Dank. Roswitha lachte, daß ihr die Thränen in die Augen traten. — Nun iſt's genug des ſcherzenden Schwatzens! nahm Oſitris wieder das Wort. Die beiden Kundſchafter, oder was ſie ſonſt ſein mögen, harren draußen. Biſt Du fertig, Roswitha? — Ja, Herr! erwiederte dieſe, ſich den geſchäftigen Händen ihrer Dienerinnen entwindend und ſich nicht ohne Eitelkeit in einem ihr vorgehaltenen Spiegel von venetiani⸗ ſchem Glaſe betrachtend. Sie war in der That reizend. Unter einem funkeln⸗ den Diadem auf dem Haupte fiel das ſeidene Lockenhaar in anmuthigen Ringeln über Schläfe und Nacken herab und 421. erhöhte den jugendfriſchen Ausdruck des lieblichen Antlitzes, auf deſſen unſchuldsreinen, kindlichen Zügen ein heiteres Lächeln ſchwebte; der blitzenden Ohrgeſchmeide hätte es wahr⸗ lich nicht bedurft, denn der ſanfte Glanz ihrer blauen, von langen Wimpern beſchatteten Augen leuchtete reiner noch, wenn auch weniger prahlend, als Gold und Edelgeſtein. Von den Schultern herab bis zum Knie wallte ein faltiges, himmelblaues Gewand aus koſtbarem Stoffe und reich mit Silber durchwirkt. Ueber dieſem Gewande trug ſie einen kürzeren, mit weißem Pelzwerk verbrämten Ueberwurf von dunkelrothem Sammet, der nach den Schultern zu bogen⸗ förmig ausgeſchnitten war und über den Hüften durch einen goldgeſtickten Gürtel zuſammengehalten wurde, der den ſchlan⸗ ken Wuchs der jungen Frau vortheilhaft hervorhob. Die weiten Aermel des Ueberwurfs bedeckten nur die obere Hälfte der Arme, deren volle Rundung das hier enganſchließende und an den Handgelenken durch werthvolle Spangen ver⸗ zierte Unterkleid gewahren ließ. Nach orientaliſcher Sitte trug ſie ferner weite Beinkleider von glänzend weißem Sei⸗ denzeug, die unten am Fuße zuſammengezogen waren und die zierlichen gelben Schnürſtiefelchen mit den feinen ſilber⸗ nen Sporen ſehen ließen. Was der Anmuth ihrer Erſchei⸗ nung in ſedem andern Auge, als in den eines Zigeuners hätte Abbruch thun können, war der an ihrer linken Seite aus einer kleinen Gürtelſcheide hervorragende Stiel der kur⸗ zen von Lederriemen geflochtenen Peitſche, mit welcher ſie die Vergehen ihrer Dienerinnen zu züchtigen pflegte. Die⸗ ſen Umſtand abgerechnet, mußte man ſie viel eher für eine milde und wohlthätige Fürſtentochter des Orients, als für ein verachtetes Zigeunerweib halten. Auch Oſtris ergötzte ſich an ihrem lange nicht genoſ⸗ ſenen Anblick— nicht wie der Liebende am Anblick der ge⸗ ſchmückten Geliebten, auch nicht wie ein glücklicher Vater an dem ſeiner Tochter, ſondern mit dem Wohlgefallen, mit dem, * 8* ——— — RD das Kind irgend ein Lieblingsſpielwerk oder dergleichen be⸗ trachtet. Er bückte ſich zwar nieder, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu drücken, doch hätte jeder geübte Blick erkannt, daß er dies nur that, als wolle er ihr dadurch ſeine Zu— friedenheit mit ihrer Anſtrengung, ihm zu gefallen, zu er⸗ kennen geben. Roswitha ſchien ſich entweder in ſeinem Benehmen zu täuſchen, oder ſie betrachtete ſeine Zufrieden⸗ heit als das höchſte Erreichbare; ſie klammerte ihre Hände um ſeinen Nacken und bedeckte das Antlitz des geliebten Mannes mit Küſſen, denen er ſich jedoch bald entzog. — Bringe mir mein Schwert, Roswitha, ſagte er. — Nicht auch die Maske, Herr? fragte die junge Frau. — Dieſe iſt nicht nöthig, entgegnete Oſiris; die Bei⸗ den werden ſchwerlich je dahin kommen, wo ſie mich ver⸗ rathen könnten. Die Gehorſame brachte ihm hold lächelnd ein mäch⸗ tiges zweiſchneidiges Schwert mit goldenem Griff. Er ließ ſich jetzt auf einen Seſſel nieder, ſenkte die Spitze der ent⸗ blößten Waffe zu Boden und ſtützte ſich auf den Knauf— Nach⸗ dem Roswitha an ſeiner linken Seite Platz genommen, gab er das Zeichen, die beiden fremden Gefangenen vorzuführenan 9. Es waren zwei junge Männer in wohlhabend bürger⸗ licher, aber von Straßenkoth beſchmutzter Tracht. Sie waren ſehr bleich. An Händen und Füßen trugen ſie ſchwere eiſerne Ketten, die ihnen das Gehen faſt unmöglich machten. Die Beiden mußten ſo nahe vortreten, daß der Schein der im Kamine brennenden Flamme auf ſie fiel. Kaum aber hatte der Zigeunerfürſt den forſchenden Blick auf den jün⸗ 123 geren Gefangenen geworfen, als er mit einem Ausrufe des Erſtaunens und Frohlockens von ſeinem Sitze emporſprang. Das Erkennen war gegenſeitig geweſen; in demſelben Augenblicke trat der jüngere Gefangene beſtürzt einen Schritt zurück. — Sieh da, Herr Bernhard Rycke! nahm Oſtris gleich darauf in höhniſchem Tone das Wort. Es iſt recht hübſch von Euch, junges Herrchen, daß Ihr mich hier in meinem Hauſe aufſuchet, nachdem Ihr mich am Vorabende des Chriſt⸗ feſtes ohne Abſchied plötzlich in Frankfurt verlaſſen! Gewiß denkt Ihr den dort begonnenen Verrath hier bequemer fort⸗ ſetzen zu können! Nun, ich denke, an Muße zum Ausſpin⸗ nen Eures Plans wird es Euch ſeit Eurer Anweſenheit an dieſem Orte nicht gefehlt haben; doch werdet Ihr Euch mit der Ausführung deſſelben beeilen müſſen, denn ich fürchte, es wird Euch nur wenig Zeit dazu übrig bleiben! Doch ſprecht, Ihr werthen Herren, womit kann ich Euch vorläufig dienen? — Mit dem, was ich von Euch, Herr Hauptmann, als von einem im Solde meines Vaters ſtehenden Manne verlangen darf! verſetzte Bernhard, der ſich inzwiſchen von ſeiner Beſtürzung erholt hatte, in ziemlich ruhigem Tone. Ich verlange die Behandlung, die meinem Stande und Eurem Verhältniß zu mir geziemt! — Dieſe Behandlung wird Euch in reichlichem Maße zu Theil, vorwitziges Bürſchlein! rief der Zigeunerfürſt. Wünſcht nicht, daß ſie ſo bald Eurem Verhältniß zu mir noch angemeſſener werde, denn der Ausgang des Verräthers iſt der Strang, der aber bleibt Euch wahrlich gewiß genug! — Ich übte keinen Verrath, wenigſtens nicht an der Sache, der Ihr dient! verſetzte Bernhard. Ich wäre ſchon am folgenden Tage wieder nach Frankfurt zurückgekehrt, hätte mein Vater mich zuvor gehört, ehe er mich dem ſchmählich⸗ ſten Tode weihte! AAA;Ö — Bube, Du wagſt es, mir zu ſagen, ein Vater könne den Sohn zum Tode verdammen, bevor er die vollkommenſte Ueberzeugung von einem mehr als todeswürdigen Verbrechen deſſelben erlangt hat? donnerte ihm Oſiris mit fürchterlicher Stimme zu, vor der ſelbſt Roswitha erbebte. t — Mein Verbrechen beſtand nur darin, daß ich die⸗ ſem hier zu dem Beſitze meiner Schweſter, die er als Gattin heimzuführen geſchworen, verhelfen wollte, erwiederte Bern⸗ 4 8 hard, auf den anderen Gefangenen deutend; ich mußte dies 47 thun, denn meine Freiheit und Ehre hatte er in ſeiner Hand. Auch ich will nicht leugnen, daß ich in der Hitze ein un⸗ 21 vorſichtig Wörtlein ausgeſtoßen, was meinem Vater Gefahr 1 bringen konnte. Aber das iſt alles, deſſen ich mir in dieſer 7 Sache bewußt bin! 5— Um einer Jugendthorheit willen ſollte in ſeinem 1 Vater der Entſchluß gereift ſein, den einzigen leiblichen Sohn 23 elendiglich verhungern zu laſſen! Was ſagſt Du zu dieſem artigen Mährlein, Roswitha? wandte ſich der Zigeunerfürſt. zu dieſer. Nicht wahr, Königin, der junge Herr eignete ſich ſehr gut dazu, uns durch ſeine kurzweiligen Erfindungen die langen Winterabende zu verkürzen!. 3 Roswitha zuckte mit den Schultern. 4 — Ich weiß nicht, welch größeres Verbrechen ich be⸗ gangen habe, daß meine Eltern Gleiches über mich beſchloſ⸗ ſen! ſagte ſie in gleichgültigem Tone. — Mit Dir verhält es ſich anders, als mit dieſem, denn ſicherlich giebt es Keinen auf der Welt, den Du Vater nennen darſſt, verſetzte Oſtris. Und dann giebt es Leute, die in jüngeren Jahren nicht wiſſen—. Doch genug! Sein Vater hatte nicht nöthig, ihn aufzuopfern, wenn's nicht ge⸗ ſchah, um ſich vor dem giftigen Biſſe der Natter zu wah⸗ ren, die er an ſeinem Buſen gehegt! Wie ſollt's denn auch kommen, daß ſeines Vaters geheimſter Plan, um den außer mir und einem jetzt unglücklichen Frankfurter Rathsherrn nur noch dieſer Bube gewußt hat, urplötzlich in Frankfurt und Berlin zugleich entdeckt werden konnte; denn ſelbſt des alten Dieners Ungeſchicklichkeit konnte nicht ſo ſchnell und ungeahnt den Schlag herbeiführen, wenn nicht ſchon alles im Voraus verrathen geweſen wäre! Kam ich doch ſelbſt kaum mit dem Leben davon! Bei den letzten Worten erbleichte Roswitha. In ban⸗ gem Schrecken ſtreckte ſie ihre Arme gegen die Gefangenen aus. — Und ſie athmen noch? ſtieß ſie dabei hervor. — Beruhige Dich, mein Täubchen! ſprach der Zigeu⸗ nerfürſt lächelnd. Iſt's ſo, wie ich glaube, ſo wäre ihnen wahrlich beſſer, ſie athmeten nicht mehr! Und Roswitha ſah mit zufriedenem Lächeln zu ihm auf! — Den Glanz Deines Sternes vermag ja kein Sterb⸗ licher zu trüben, mein König und Herr! ſprach ſie mit kind⸗ lich froher Zuverſicht. — Wie ſollte es ferner gekommen ſein, daß dieſe Bei— den aus dem feſten Thurm entweichen konnten, wenn nicht Verrath im Spiele geweſen? fuhr Oſiris jetzt in ſeiner vor⸗ hin unterbrochenen Rede fort, die er mehr zu ſich ſelbſt, als zu den Anweſenden geſprochen. Und wie ſollte es möglich geweſen ſein, daß ſie gerade zu dieſem Ort ihre Schritte lenkten, deſſen Nähe ſonſt jeder vermeidet gleich der ſchwar⸗ zen Peſt, wenn man dieſen entlegenen Schlupfwinkel nicht vorher ſchon ausgeſpürt hätte! Holla, iſt da noch Zweifel? Zittert, Ihr Hunde, Eure letzte Stunde hat geſchlagen! Doch die Freude ſollt Ihr nicht mit zur Hölle nehmen, daß Euer Verrath geglückt ſei! Ich ſchwör's Euch bei meinem heiligſten Eide, bei dem Leben meines Sohnes, daß ich den⸗ noch mein und des Bürgermeiſters Vorhaben durchſetzen werde, wenn auch vielleicht bald die kurfürſtlichen Reiſigen hier ſein werden, und wenn auch Rycke ſeit geſtern im Ker⸗ ker ſchmachtet und wegen Hochverraths am Landesherrn und 7 — 126 rAN an den beiden Städten auf Leben und Tod angeklagt und ſein Urtheil in dieſem Augenblicke vielleicht bereits gefällt iſt! — Was ſagt Ihr, Herr! Mein Vater——? rief Bernhard. Ueber Strobands bleiches Angeſicht zuckte ein ſchaden⸗ frohes Lächeln. — Ja, Bube, Dein Vater iſt in den Kerker geworfen und beſteigt vielleicht ſchon morgen das Blutgerüſt, wenn ich ihn nicht rette! donnerte der Zigeunerfürſt. Begreifſt Du erſt jetzt die Folgen Deines Frevels? — O, ſo eilt und rettet ihn! flehte Bernhard auf ſei⸗ nen Knieen. Nehmt mein Blut, mein Leben, nur rettet ihn! — Das wird auch ohne Deine Verwendung geſchehen, wenn's möglich iſt! verſetzte Oſiris. Glaubſt Du etwa, mich durch Deine heuchleriſchen Thränen zu erweichen? — So laßt mich Euch beiſtehen! fuhr Bernhard fort. Ich kann Euch ſichere Wege und Mittel zeigen, und mein Rath wird Euch noch nützen, wenn neben Euch mein Blut verſpritzt!. — Das wäre wahrlich ſo übel nicht! lachte jener. Aber leider bin ich ſeit mehr denn zehn Jahren nie ſo wenig geneigt geweſen, eine Thorheit zu begehen und den Bock zum Gärtner zu machen, als gerade jetzt! Doch will ich mich nicht hartherzig erweiſen; wenn's irgend angeht, ſo ſollt Ihr erſt die Befreiung Eures Vaters erfahren, bevor ſich Euer Geſicht im letzten Todeskrampf verzerrt! — Dann werde ich dankbar Eure Hand küſſen und Euch ſterbend ſegnen, wenn Ihr mir ſagt, daß mein Vater mir nicht ſeinen Fluch nachſenden will in die Ewigkeit! rief Bernhard. — Bubo, willſt Du mich mit Gewalt bethören? ſprach der Zigeunerfürſt, vor Bernhard hintretend und ihn mit fun⸗ kelnden Blicken meſſend. Doch nein, nein! Fort mit Euch zum Tode! Roswitha, gehe mit ihnen und hole das in mei⸗ —— 427 AAAAAAAAA ner Abweſenheit Verſäumte nach, indem Du das Nöthige beſorgſt. Hätteſt mir den Anblick der Verräther erſparen ſollen! — Verzeihe, Herr, wenn ich diesmal fehlte! entgeg⸗ nete Roswitha, indem ſie ſich erhob, um dem Befehle nach— zukommen. Doch wäre es gut, wenn Du Dir zu Deiner Erhaltung und zur Kurzweil unterdeſſen von den Beiden die Mähr erzählen ließeſt, wie ſie hierher gekommen. Sie wird Dir, glaube ich, bis dahin die Zeit vertreiben, wo Du ihrem Tode zuſehen kannſt. — So ſei es! verſetzte Oſiris, der ſich nicht merken laſſen wollte, daß Bernhards Benehmen auf ihn einen Ein⸗ druck gemacht, dem er auf die Dauer nicht widerſtehen zu können fürchtete. Sprecht, Burſchen; aber wieder bei dem Leben meines Sohnes ſchwöre ich Euch, tauſendfache Mar⸗ tern zu erſinnen, ertappe ich einen von Euch bei der ge⸗ ringſten Lüge! Vergeßt nicht, daß viele geheime Wiſſen⸗ ſchaften mir zu Gebote ſtehen, ſobald ich die Wahrheit er⸗ forſchen will! — Ihr ſollt die Wahrheit erfahren, Herr, entgegnete Bernhard; nicht, weil ich Eure Drohungen fürchtete, ſon⸗ dern, weil Ihr geſchworen, meinen Vater zu retten. So höret denn: Wir wurden, wie Ihr vielleicht ſchon wißt, am frühen Morgen des erſten Weihnachtsfeiertages in dem Hauſe des Waldwärtels Stephan, wo ich mit Stroband eine nächtliche Zuſammenkunft haben wollte, von Stadtſöldnern und Bürgern, die meinem Vater treu ergeben ſind, über⸗ fallen und nach kurzer Gegenwehr überwunden. Ich be⸗ theuerte den Leuten meine Unſchuld, denn aus einigen ihnen entfallenen Worten hatte ich mit ziemlicher Gewißheit ent⸗ nommen, weswegen man ſo gegen uns verfuhr, und bat eindringlich, man möge mich vor meinen Vater führen, da⸗ mit ich mich rechtfertigen könne. Allein mein Flehen war vergebens; wir wurden geknebelt, gewaltſam in eine enge — 6e *. 24 a 4 2 — 2x ———— 128 NNRDN Kiſte von feſtem, ſtarkem Holz gezwängt und ſo auf einen Karren geladen, ohne daß wir im Stande geweſen wären, auch nur einen Laut von uns zu geben; kaum daß wir die nöthige Luft ſchöpfen konnten. An dem Geraſſel des Fuhr⸗ werks merkte ich, daß man uns in die Stadt bringe. End⸗ lich, nach einer mir ewig ſcheinenden Qual der Ungewihheit, hielt der Karren an und wir fühlten, daß die Kiſte mit uns wieder abgeladen ward; gleich darauf hörten wir das Knarren einer ſchwerfälligen Thür, und ich harrte während einiger Sekunden in bangſter Erwartung der kommenden Dinge. Plötzlich ſtürzte die Kiſte unter donnerndem Gepol⸗ ter mit uns in einen Abgrund und ſchlug heftig auf dem Steinwerk unten auf; doch da wir feſt eingezwängt waren und der übrige Raum in der Kiſte, zwiſchen unſern Leibern, mit Stroh ausgefüttert war, ſo nahmen wir bei dem jähen Fall keinen bedeutenden Schaden und überdies fügte es der Zufall oder Gottes Wille, daß wir nicht mit dem Kopfe nach unten, ſondern zur Seite zu liegen kamen, denn in er⸗ ſterem Falle wäre ſchneller Tod die Folge geweſen: Gleich darauf verſank ich in eine wohlthätige Betäubung. Als der Schmerz, den mir die unnatürliche Lage meines Körpers in der Kiſte verurſachte, mich aus meiner Ohnmacht wieder erweckte, war alles finſter und ſtill um mich her; ich ver⸗ nahm nur das keuchende Athmen meines Gefährten und das Nagen des Ungeziefers an den Holzwänden der Kiſte. Jetzt erſt ward ich mit Gewißheit inne, welches Schickſal mir be⸗ vorſtehe, und eine gräßliche Verzweiflungswuth ergriff mich: doch als ich mich immer matter und matter fühlte, da ge⸗ dachte ich der Ewigkeit und des großen Gerichts, das dort meiner harre. Eine bittere Reue über meinen bisherigen gottloſen Lebenswandel ergriff mich; meine brennenden Augen⸗ höhlen blieben trocken, doch mein Herz weinte blutige Thrä⸗ nen, die es allmälig erleichterten. Da verſuchte ich es, nach langer Zeit zum erſten Male wieder, meine Seele im Gebete 129, zu Gott zu erheben— und ſiehe da, es gelang! Ich flehte zu Gott, mir nur noch einige Tage irdiſchen Lebens zu ſchenken, damit ich meine Suͤnden bereuen und ſo viel wie möglich gut machen könne, und mit dieſem Gebete, dem noch viele andere folgten, zog Hoffnung und Zuverſicht in meine Seele ein. Eine mir endlos däuchtende Zeit verging, wo es Nacht um mich her blieb und nicht das geringſte Zeichen das Na⸗ hen eines Rettungsengels ankündigte, und manchmal wollte es auch in mir ſelber wieder Nacht werden, doch bot ich jetzt muthig der eindringenden Verzweiflung Trotz und der endliche Sieg und die Erfüllung blieb nicht aus. Ein dumpfer Klang in unſerem Kerker ließ ſich hören; es war, als ob ein mächtiger Stein einige Fuß tief hinab⸗ fiele. Gleich darauf drang ein matter Lichtſchimmer durch die engen Luftlöcher der Kiſte. Meine Seele jauchzte dan⸗ kend und preiſend auf zum Herrn des Himmels, dem All⸗ barmherzigen und Allmächtigen. Nach wenigen Sekunden ward ein Brecheiſen an den Eiſenverſchluß der Kiſte gelegt; mächtige Hammerſchläge dröhnten im Gewölbe wieder und bald ſprang der Deckel in die Höhe. Man zerſchnitt mit ſcharfem Meſſer unſere Banden. Wir entſtiegen dem engen Sarge. Ein hochge⸗ wachſener Mann, in einen dunklen Mantel gehüllt und eine Maske vor dem Geſichte tragend, war damit beſchäftigt, viele Pergamentſtücke auf dem Boden des Gewölbes nieder⸗ zulegen. Mein erſtes Gefühl war der Drang, dem Fremden, den ich für einen Engel Gottes hielt, dankend zu Füßen zu ſinken; doch ſein gebieteriſcher Wink hielt mich davon zurück. Er forderte uns durch eine Handbewegung auf, in eine ziemlich geräumige, nur um ein Geringes über dem Fuß⸗ boden in der Mauer befindliche Oeffnung zu ſteigen, die durch das Hinabfallen eines großen Steines ennſtanden war. Die ſchwarzen Brüder II. 130 AAAAANRR Eine hanfene Schlinge war um den Stein befeſtigt. Die Oeffnung führte in einen unterirdiſchen Gang, in dem man etwas gebückt ſtehen mußte. Der unbekannte Retter folgte uns und wir mußten ihm helfen, den Stein wieder herauf⸗ zuziehen und in ſeine Fugen einzuſetzen. Dann gingen wir eine weite Strecke in dem unterirdiſchen Gange hin, wobei der Fremde uns mit einer Leuchte voranging. Endlich öff⸗ nete er eine nach oben führende Fallthür, wir ſtiegen hinauf und befanden uns auf freiem Felde in dichtem Erlengebüſch hart am Ufer der Spree, und die kühle Nachtluft wehte uns erquickend an. Unſer Retter zog jetzt etwas Brod und Wein hervor, das er in ſeinem Mantel mit ſich geführt, und ſtärkte uns durch Speiſe und Trank. Jetzt konnte ich nicht länger den heißen Drang zurückhalten. Nenne mir wenigſtens Deinen Namen, Du Edler, damit ich weiß, wem des Bürgermei⸗ ſters Rycke Sohn ſein Leben, ſeine Freiheit, und mehr noch als dieſes, ſeine Rückkehr zu ſeinem Gott und zu ſeinem ewigem Glücke zu danken hat! rief ich, flehend ſeine Hand erfaſſend. Er zog ſie haſtig zurück und ſtand einige Sekunden ſtarr gleich einer Bildſäule vor mir. Dann öffnete er zum erſten Male den Mund zum Sprechen, indem er mit hörbar ver⸗ ſtellter Stimme uns dieſen Ort beſchrieb, wo wir weilen ſoll⸗ ten, bis er uns wieder in Sicherheit zurückrufen könne, auch gebot er uns, den hier hauſenden Leuten unſere Dienſte an⸗ zubieten, die man nicht ausſchlagen werde. Zum Schluſſe fragte er uns, ob wir ihn etwa am Ton ſeiner Stimme oder ſonſt an irgend einem Zeichen erkannt. Trotz ſeiner beabſichtigten Täuſchung hatte ich ihn den⸗ noch an ſeiner Stimme erkannt; ich nannte ihm ſeinen Namen. „So ſchwört mir, daß Ihr meine Hülfe bei Eurer Flucht als ein Geheimniß treu und unverbrüchlich bewahren wollt für ewige Zeiten!“ gebot er uns. Die Dankbarkei hätte uns auch ein minder leicht zu hal⸗ tendes Verſprechen abzulegen geboten. Er ſagte uns einen gräßlichen Eid vor und wir ſchwuren. So ſind wir denn hier angekommen, nicht ahnend, Dich hier zu finden. Häͤtten wir nun Verrath gegen Deine Sache geſponnen, ſo würden wir auch gewußt haben, daß Du hier Herr biſt, und hätten dann wohl Bedenken getragen, uns in Deine Gewalt zu begeben. Ich ſage dies nicht um meinetwillen, denn ich bin mit Freudigkeit zum Sterben bereit, weil ich mit meinem Gott verſöhnt bin. Aber ich fürchte, daß dies bei meinem unglücklichen Gefähr⸗ ten nicht der Fall iſt. Darum verſprich mir noch einmal, daß Du meinen armen Vater retten und ſeine Verzeihung aller früheren ihm von mir zugefügten Kränkungen erwirken willſt— meine fromme Schweſter Helene— ſowie noch ein anderes gutes und reines Weſen— haben mir ſicherlich ſchon verziehen— und gelobe mir, meinem Gefährten we⸗ nigſtens Zeit zur Reue und Beſſerung zu laſſen, ſo will ich Dir die hier mit Unrecht erlittene ſchmähliche Behandlung freudig verzeihen, und mein letzter Seußzer ſoll ein Gebet für Dich zum Himmel ſein! Bernhard ſchwieg. Stroband ſpielte mit den Ringen ſeiner Ketten. Roswitha war kurz vorher eingetreten und hatte die letzten Reden des Reuigen vernommen. Der Zigeunerfürſt ging mit übereinander geſchlagenen Armen im Gemach ſinnend auf und nieder. Er hatte ge⸗ hofft, daß Bernhards Erzählung den Eindruck, den das Benehmen des jungen Mannes auf ihn gemacht, als von der Gefahr ſeines Vaters die Rede war, wieder verwiſchen werde; dieſe Erwartung war nicht in Erfüllung gegangen, die einfache, den Stempel der Wahrheit tragende Erzählung hatte ihn im Gegentheil wunderbar ergriffen. Seit langer Zeit war er zum erſten Male unſchlüſſig über ſein Thun und Laſſen. 9*⅔ 132 AANNNANNNRRD Gern hätte er den beiden Gefangenen das Leben ge⸗ ſchenkt; aber war es nicht dennoch möglich, daß eine Ver⸗ rätherei obwaltete? Er hatte viele Fremde angeworben— konnten nicht auch unter dieſen Verräther ſein, und war dann nicht ein abſchreckendes Beiſpiel höchſt nothwendig? Da fiel ſein Blick auf Roswitha. — Der Einfall eines Weibes hilft oft ſchneller und ſiche⸗ rer zum Ziel, als alles Grübeln des Mannes! dachte er. Er theilte Roswitha in der Sprache der Zigeuner ſeine Zweifel und ſeine Bedenken mit, ſo weit er dies für nöthig hielt, und forderte ſie auf, die Entſcheidung zu treffen. Roswitha trat vor die beiden Gefangenen und betrach⸗ tete ſie prüfenden Blickes. — Dieſen hier laß leben, wandte ſie ſich dann in der⸗ ſelben Sprache zu Oſtris, indem ſte auf Bernhard deutete; er wird dankbar ſein und Dir viel dienen. Den Anderen aber, der ſtets zum Verrath bereit iſt, laß tödten zur Suͤhne für die Gefahr, in der Du geſchwebt. Stroband verſtand kein Wörtlein der Zigeuner; aber die Geberden des jungen Weibes hatten ihm nichtsdeſtoweniger geſagt, um was es ſich handle. 1 — Ihn alſo will man leben laſſen und mich tödten? rief er wüthend. Nein, das kann, das darf nicht ſein! Er iſt nicht weniger ſchuldig, als ich; wir haben Beide den Tod verdient, und ich will ſterben, aber nicht ohne ihn; mit ihm will ich zur Hölle fahren, der er ſich durch ſeine Heucheleien zu entziehen denkt! Ich ſterbe nicht allein, ich kann nicht allein ſterben— ich will es nicht! Bernhard begriff ſeines Gefährten Reden nicht, denn Roswitha's Beginnen war ihm unverſtändlich geblieben. Doch wiederholte er ſeine Fürbitten für Stroband. — Siehſt Du, daß ich recht gewählt hatte, Gebieter? wandte ſich Roswitha zu Oſiris, während Stroband knir⸗ ſchend ſich unter den ſtarken Fäuſten zweier Zigeuner wand. 133 A die den Wüthenden auf ihres Fuͤrſten Wink erfaßt hatten. Es iſt gut, daß ein ſo häßliches Gewürm von der Erde kommt! — Thue mit Beiden nach Deinem Wohlgefallen! ſprach der Zigeunerfürſt. Es gelang Stroband, ſich der Gewalt der beiden Zi⸗ geuner zu entreißen und ſich auf Bernhard zu ſtürzen. — Du mußt mit, brüllte er, indem er ihn zu erwür⸗ gen ſuchte. — Macht ein Ende! rief Roswitha den Zigeunern zu. Dieſe warfen dem Raſenden eine Schlinge um den Hals und zogen ſie ſo lange zu, bis er kraftlos die Arme ſin⸗ ken ließ. — Gnade, Herr, Gnade für den Armen! bat Bernhard. — Führt ihn hinaus! befahl Roswitha. Jetzt verſuchte Stroband, von der Todesangſt getrieben, ſich zu Roswitha's Füßen ſtürzend, heulend um Gnade zu flehen. Sie ſchleuderte ihn durch einen Fußſtoß zurück. — Wer war ees, der Euch befreite? wandte ſich der Zigeunerfürſt plötzlich zu Bernhard. — Ihr kennt ja unſern Eid, Herr Hauptmann! er⸗ wiederte dieſer. — Was kümmert mich Euer Eid; ich will es wiſſen! donnerte Oſiris. — Der Doktor Pignetti war's! ſtöhnte Stroband. Sieh, Herr, ich bin aufrichtiger als dieſer! — Wie vermagſt Du, Unglücklicher, in der Todesſtunde noch Deinen Eid zu brechen? ſprach Bernhard entſetzt. — So iſt's alſo wahr, was der Elende ſpricht? rief Oſiris erſtaunt, der Strobands Antwort keinen Glauben geſchenkt hatte. Der Doktor Pignetti im Kloſter der Schwar⸗ zen Brüder zu Kölln war's, der Euch hierher zu mir ſandte. Hunde, wenn Ihr es wagtet, mich jetzt noch zu belügen, um mich auf eine falſche Fährte zu locken! ꝑꝑ — Stroband ſprach diesmal auf Koſten ſeiner Seele die Wahrheit! ſagte Bernhard, in der Hoffnung, ſeines Ge⸗ fährten Loos zu mildern. Oſiris gebot den Zigeunern, die den ſich verzweifelt ſträubenden Stroband hinausſchleifen wollten, von dieſem abzulaſſen, und ging heftigen Schrittes im Gemach auf und nieder. Endlich blieb er wieder vor den beiden Gefangenen ſtehen. — Ihr ſollt leben, ſprach er zu ihnen, aber nur, um unter tauſendfältigen Martern zu ſterben, ſobald ich mich überzeugt, daß Ihr gelogen! Iſt dem aber ſo, wie Ihr ſagt, und kommt der Verrath von anderer Seite, als ich erwartet, dann— ja, dann ſoll man den Schwarzen Teufel kennen lernen, und ſollte ichs auch mit tauſend Zauberern zu thun haben! Führt die Beiden wieder an ihren vorigen Ort! gebot er den Zigeunern. Bei dem Namen des„Schwarzen Teufels“— einem Namen, bei deſſen Nennung man in Böhmen, Mähren und Schleſien zitterte und deſſen ſchrecklicher Ruf ganz Nord⸗ deutſchland erfüllte— bei dieſem Namen erbleichten beide Gefangene. — Ihr ſeid der Schwarze Teufel? rief Bernhard ent⸗ ſetzt, der bisher in ihm nur einen Kriegsmann geſehen hatte, der ſich, wie es damals in Italien gebräuchlich war, mit ſeinen Leuten demjenigen verdingte, der ſeine Dienſte am beſten belohnte. — Und mit Euch iſt mein unglücklicher Vater ein Bündniß eingegangen——? 4 Der Zigeunerfürſt winkte abermals, und ſchnell führte man die Gefangenen aus dem Gemach. Oſiris ließ ſich wieder auf den Seſſel nieder, von dem er ſich im Laufe des Verhörs erhoben hatte, und neigte den Kopf nachdenklich auf den Knauf ſeines Schwertes. Ros⸗ witha ſchalt auf ihre Dienerinnen, die zitternd in einem Winkel des Gemachs ſtanden. So verging eine geraume Zeit. — Roswitha! rief der Zigeunerfuürſt endlich, ohne auf⸗ zublicken.. Die Gerufene flog herbei. — Was befiehlſt Du, Herr? fragte ſie. — Haſt Du mir ſonſt nichts Wichtiges zu berichten? Hat ſich niemand von unſeren Unterthanen eines ſchweren Vergehens ſchuldig gemacht? — Ich hielt nach Deinem Gebot ſtrenge Zucht, Herr, entgegnete Roswitha; daher mag's kommen, daß ich nur eine Klage vor Dein Ohr zu bringen habe wegen eines Verbrechens, worauf nach Deinem Geſetz der Tod ſteht. — Was iſt's, ſprich ſchnell! Mich drängt's, ein To⸗ desurtheil auszuſprechen! verſetzte Oſiris, indem er ſeine wildfunkelnden Augen erhob. — Zwei Schuldige ſind's, die Dein ſtrenges Gebot, auf dem Gebiete der Mark Brandenburg keinen Raub zu verüben, frech übertraten und es dann noch wagten, ihrer Königin Trotz zu bieten. — Ueber Todte kann ich nicht mehr richten! ſprach der Zigeunerfürſt in unwirſchem Tone. — Die Schuldigen erwarten Deinen Ausſpruch, mein Gebieter! erwiederte Roswitha. Noch leben ſie. — Weib, wie durfteſt Du ſelber mein Gebot über⸗ treten? fuhr er zornig auf. Habe ich Dir nicht ſtreng be⸗ fohlen, jeden Ungehorſam augenblicklich zu ſtrafen? — Das iſt geſchehen, Gebieter, ſprach Roswitha zit⸗ ternd. Die Schuldigen liegen ſeit zwei Tagen und ſeit zwei Nächten draußen im Stock. — Und das nennſt Du Strafe? fragte der Zigeuner⸗ fürſt. — Deinem Gericht ſollten ſie alſo aufbewahrt werden, antwortete Roswitha. Ich mochte ihr Urtheil anders nicht ausſprechen, da ſie Dir, meinem Könige, einſt das Leben gerettet. — Wenn einer dieſes Stammes den Tod verdient, ſo ſchützt ihn nichts! verſetzte Oſiris. Hat man mir einſt das Leben gerettet, wie ich mich ſehr wohl erinnere, ſo habe ich mehr gethan an dem ganzen Volke. Als mich der Stamm, deſſen König ich jetzt bin, unter ſich aufnahm, waren dieſe Leute elende Hungerleider, die ſich ihr kärgliches Brod durch Wahrſagen und Zeichendeuten in den Dörfern und durch den Tanz und das Zitherſpiel ihrer Weiber erbetteln mußten. Ich allein war's, der ſie reich machte, indem ich ihre Feig⸗ heit überwand und ſie antrieb, mit dem Schwerte in der Fauſt, wie's dem Muthigen geziemt, ſich das Leben zu er⸗ obern, ſtatt ſich's, wie ſonſt, zu erſtehlen und zu erbetteln! Aus verachteten und gehetzten Füchſen machte ich gefürchtete Löwen; aus dem Bettlerhaufen entſtand durch mich ein an Gold und Silber reiches Volk, dem nur noch ein feſter Wohnplatz fehlt, um in den vollkommenen Genuß aller irdi⸗ ſchen Glücksgüter zu gelangen; dieſen feſten Wohnplatz zu errichten, iſt das Ziel meines Strebens und meiner Sorge, die jch dieſen Leuten widme. Meine Schuld habe ich da⸗ her dieſen Leuten mit Wucherzinſen abgetragen; ſie ſind jetzt meine Schuldknechte, mit denen ich ſchalten darf nach mei⸗ nem Belieben, und ich thue recht, wenn ich ſklaviſchen Ge⸗ horſam von ihnen verlange. Wer ſich meinem Gebote wi⸗ derſetzt, iſt des Todes. Du kannteſt dies Geſetz, Roswitha; warum thateſt Du nicht danach? 137 AAAAAANANRNNRN;N — Die Schuldigen ſind die beiden Zigeuner, die Dich, Herr, einſt aus der Gewalt der mähriſchen Reiſigen befrei⸗ ten, in deren Hände Du gefallen warſt, entgegnete Ros⸗ witha ſchüchtern. Auch iſt die Uebertretung Deines Gebotes nicht aus Habgier entſprungen, ſondern ſie meinten, nichts Böſes dabei zu thun. Ich wollte ihnen daher eine gelindere Strafe auferlegen: da ſie ſich aber erkühnten, mir das Recht, ihr Urtheil zu ſprechen, ſtreitig zu machen, ſo ließ ich jene Strafe an ihnen vollziehen und behielt ſie wegen des letzte⸗ ren Vergehens trotz ihrer ſpäteren Abbitte, Deinem Gerichte auf. So glaubte ich Deinem Gebote genug zu thun und doch der Stimme der Dankbarkeit zu gehorchen, denn mit Deinem Leben retteten ſie ja einſt mein Glück! — Sie ſollen mir vorgeführt werden; befahl der Zigeu⸗ nerfürſt. Dies geſchah. Die beiden Angeklagten erwarteten in ſchweigender Demuth die Anrede des ſtrengen Gebieters. — Ihr habt's gewagt, mein ausdrückliches Gebot zu übertreten! herrſchte Oſiris ihnen zu. Wußtet Ihr nicht, welche Strafe Euer Ungehorſam nach ſich zieht? — Wir glaubten bei unſerer That Deinem Gebote nicht zuwider zu handeln, Herr, entgegnete der eine Angeklagte. Du gabſt es, wie Du ſelbſt ſagteſt, damit die Aufmerkſam⸗ keit der Bewohner der Umgegend nicht auf uns gelenkt und ſo unſer Daſein dem mächtigen Herrn dieſes Landes nicht früͤher verrathen würde, als in Deiner Abſicht liegt. Durch den Roßdiebſtahl, den wir nicht für uns, ſondern für Dich⸗ Herr, ausführten, wird nicht herbeigeführt, was Du durch jenes Gebot verhindern wollteſt; wir nahmen das herrliche Thier einem, der es ſelber irgendwo entwendet hatte, und ſich daher über unſere That eben nicht ſehr laut beklagen wird. Das Roß aber, Herr, beſtimmten wir für Dich, denn es iſt ein wahrhaft königliches Thier. — Wie vollführtet Ihr die That? fragte Oſiris in etwas gemäßigterem Tone. Doch bedenkt, wie ich jeder Lüge auf die Spur zu kommen, und wie ich zu ſtrafen weiß. — Da meine und meines Gefährten Vorräthe an Le⸗ bensmitteln erſchöpft waren, berichtete der Zigeuner, ſo nah⸗ men wir mit der Erlaubniß der Königin jeder eins unſerer Böte, um neuen Vorrath einzukaufen, wobei uns unſere älteſten Buben begleiteten. Hier in der Umgegend aber hat⸗ ten ſchon Andere vor uns alles aufgekauft und wir mußten daher nach den entfernteren Orten uns begeben, denn in die Städte Spandow und Poſtamp, wo dergleichen genug zu haben iſt, haſt Du zu gehen uns verboten. So gelangten wir nach einem Dorfe, welches Lietzow heißt und zwiſchen Spandow und Kölln am Ufer der Spree gelegen iſt. Dort fanden wir, was wir ſuchten. Im Begriff, bei Anbruch des Abends die Rückfahrt anzutreten, ſahen wir einen Mann aus dem Walde gegen das Dorf zu reiten, deſſen durftige Kleidung nicht zu dem edlen Thiere paßte, auf dem er ſehr unbeholfen ritt. Eingedenk Deines Gebotes, geeignete Leute für Deinen beſonderen Dienſt zu werben, kehrten wir in die Herberge zurück, in die der Fremde einſprach, und machten uns an ihn, um zu erforſchen, welch Geiſtes Kind er ſei. Sein Geſicht verrieth uns, daß er bisher kein ruhiges und behagliches Leben geführt. Der heiße Wein machte ihn bald warm und löſte ſeine Zunge; um ihn noch zutraulicher zu machen, lobten wir ſein Pferd und ließen den Wunſch hö⸗ ren, es ihm abzukaufen. Er war ſogleich bereit, hierauf einzugehen, und ging mit uns nach dem Stalle, damit wir das Thier genauer anſehen könnten. Das reiche Riemzeug überzeugte uns vollends, daß der Fremde nicht der recht⸗ mäßige Beſitzer des herrlichen Roſſes ſein könne, zumal er für das Thier einen Preis forderte, der kaum die Häͤlfte des Werthes aufwog; doch hätten wir ſicherlich einen ehr⸗ lichen Kauf mit ihm abgeſchloſſen, denn wir hatten das Pferd zu einem Geſchenk für Dich beſtimmt, wenn wir Beide die verlangte geringe Summe bei uns geführt hätten. Wir be⸗ riethen miteinander in unſerer Sprache, wie wir die Summe zur Stelle ſchafſen könnten, als der Fremde uns mit ſchlauem Lächeln unterbrach, indem er uns ſagte, daß er ſchon bei unſerem erſten Anblick in uns Zigeuner vermuthet habe, und daß dieſe Vermuthung durch die Laute unſerer Sprache, die er auf ſeinen Wanderungen oft gehört, zur Gewißheit ge⸗ worden ſei. Unſer Widerſpruch vermochte ihn nicht davon abzubringen; doch ſuchte er uns durch die Verſicherung zu beruhigen, daß in dieſer Gegend nicht ſo leicht einer unſere Abſtammung erkennen würde, da man hier bisher noch keine Zigeuner geſehen habe. Ferner theilte er uns mit, daß er ein entlaufener Mönch ſei, was er auch durch Entblößung ſeines Hauptes, auf dem die Spuren der früheren Tonſur deutlich zu erkennen waren, hinlänglich bewies, obgleich ſeine Entfernung aus dem Klboſter ſchon vor Jahren geſchehen ſein mußte. Auf ſeine Fragen nach unſerem jetzigen Aufenthalte nannte ich ihm das Fiſcherdorf Heiligenſee oberhalb Span⸗ dow an der Havel, deſſen Namen ich zufällig gehört hatte, um ihn nicht auf unſere Fährte zu bringen, und forderte ihn auf, uns einen Ort anzugeben, wohin wir das Kauf⸗ geld ſenden und das Thier abholen laſſen könnten. Der Fremde beſann ſich eine Weile und machte dann einen an⸗ deren Vorſchlag. „Mir liegt daran, das Thier ſo ſchnell als möglich zu veräußern, ſprach er, und darum bot ich es Euch für eine Summe feil, deren doppelten Betrag mir gewiß jeder Roßkamm mit Freuden gewähren würde; auch wünſchte ich das Geld bald in meinen Händen zu haben, denn ich be⸗ ſitze kaum einen Weißpfennig, um dem Wirthe morgen früh Zehrung und Nachtlager bezahlen zu können, und doch darf ich nicht länger als eine Nacht hier bleiben; zudem noch würde ich es gern ſehen, wenn Ihr mich bei Euch in Eurem Fiſcherdorfe auf zwei Wochen beherbergen könntet, was ge⸗ AeAAAAAAARARò; wiß leicht angeht. Darum würde es unſer beiderſeitiger Vortheil ſein, wenn Ihr mich und das Thier zur Stelle mitnähmet; ich wäre der Sorge um ein Unterkommen ent⸗ hoben und Ihr ſetztet Euch nicht der Gefahr aus, bei Eurer Rückkehr mit dem Gelde das Thier bereits anderweitig ver⸗ kauft zu ſehen. Was meint Ihr dazu?“ Wir gaben zur Antwort, uns das Anerbieten bei einer Kanne Weines überlegen zu wollen, und der Fremde be⸗ gleitete uns wieder in das Gaſtgemach, wo er dem Getränk wacker zuſprach. Dabei theilte er uns noch vertraulich mit, daß er im Beſitze von Schriften ſei, die, an den geeigneten Mann gebracht, wohl hundertfach mit Gold aufgewogen werden und den Verkäufer reich machen würden, und die, da er ſie in dem Archive ſeines Kloſters aufgefunden, die Veranlaſſung ſeiner Flucht geweſen wären. Er zeigte uns eine alte lederne Taſche, welche den Schatz enthalten ſollte; auch machte er uns im Laufe der Unterredung noch das Anerbieten, ihm beim Verkaufe der Schriften behilflich zu ſein, und zwar auf eine Weiſe, die er uns zu ſeiner Zeit noch näher bezeichnen würde, wofür er uns goldene Berge verhieß. Die Verſuchung, Herr, das Roß ſammt dem Schatze in unſere Hände zu bekommen, war um ſo lockender, als durchaus keine Gefahr bei dieſer Unternehmung vorhanden war oder aus ihr erwachſen konnte, denn der Fremde hatte es zu deutlich merken laſſen, daß Beides nicht ſein recht⸗ mäßig erworbenes Eigenthum ſei und er ſich daher wohl hüten wuͤrde, viel Geſchrei von der Sache zu machen. Zu⸗ dem aber hatte ich ſowohl, als mein Gefährte einen ſtarken Verdacht gegen den Fremden gefaßt, der Leuten, die er nicht kannte, ſeine Geheimniſſe preisgab, die ihn doch leichtlich in das Halseiſen bringen konnten. Wir Beide verſtändigten uns daher durch Blicke, während jener trank, ſagten ihm unſere Einwilligung zu und nahmen ihn auf das eine, das 444, Roß aber auf das andere Boot, welche Anordnung er ſich auch ohne Widerrede gefallen ließ. Inzwiſchen war die Nacht völlig hereingebrochen und ihre Dunkelheit begün⸗ ſtigte unſer Vorhaben. Als wir mit den Böten in die Ha⸗ vel einbogen und uns nun, um nach Heiligenſee zu gelangen, rechts wenden mußten, verſetzte ich dem Fremden mit der Ruderſtange unverſehens einen Schlag auf den Kopf, warf mich auf ihn, ſtopfte ihm ein bereit gehaltenes Tuch in den Mund, daß ihm das Schreien verging, entriß ihm die Taſche mit den Schriften und ſtürzte ihn mit Hülfe meines Buben in den Fluß. Dann ſetzten wir wacker die Ruder ein, wand⸗ ten uns zur Linken in die Havel, und da es ſtromabwärts ging, hatte ſicherlich der Fremde alle Spur von uns ver⸗ loren, bevor er ſich von ſeiner Betäubung erholen und das rettende Ufer erreichen konnte, welches freilich nicht allzufern war. So langten wir glücklich mit unſeren Lebensmitteln und unſerer Beute hier an, wo wir der Königin ohne Hehl berichteten, auf welche Weiſe wir uns in den Beſitz des Pferdes geſetzt hatten, denn wir Beide glaubten nicht, durch unſere That Dein zu unſerer Sicherheit gegebenes Gebot verletzt zu haben, und daher geſchah es auch, daß wir uns bei dem unerwarteten Richterſpruche der Königin, von der wir Lobſprüche zu erhalten gehofft hatten, uns ſo weit ver⸗ gaßen, ihr zu widerſprechen und uns auf Dein Gericht, Herr, zu berufen. Mögeſt Du unſerem Irrthum, dem dieſe Vermeſſenheit entſprang, Verzeihung angedeihen laſſen, Ge⸗ bieter! — Und das Pferd? fragte der Zigeunerfürſt. — Es iſt bei unſeren Thieren, Herr! gab Roswitha zur Antwort. Die Taſche mit den Schriften befindet ſich bei dem Sattelzeug, denn ich mochte von dem Raube, den Du verboten, nicht ein einziges Stück unter dieſem Dache bewahren. — Du haſt mir die Wahrheit geſagt? wandte ſich er 6 5.4 à 5 1. * — 8 F 142 Oſiris mit durchdringendem Blick zu dem Zigeuner, der den Hergang der Sache berichtet. — Laß die Geſtirne befragen und tödte mich dann, wenn ich Dich belogen! erwiederte dieſer. — Das Leben habt Ihr ohnehin durch Ungehorſam und Widerſpenſtigkeit verwirkt! verſetzte der Zigeunerfürſt. Hättet Ihr mich noch dazu belogen, ſo könnten nur die ent⸗ ſetzlichſten Martern und der Tod Eurer Weiber und Kinder den Frevel ſühnen. Die Angeklagten flehten um Gnade. — Wohlan! nahm Oſtris nach kurzem Bedenken das Wort; als Ihr mich einſt aus den Händen der mähriſchen Reiſigen befreitet, glaubtet Ihr wenigſtens, Euch dadurch Dank erworben zu haben, obgleich Ihr nichts thatet, als was Euch die Pflicht und Euer eigenes Heil geboten; denn was wäret Ihr ohne mich? Doch will ich Großmuth üben und Euch jene That nach Eurer eigenen Schätzung anrech⸗ nen: Ihr ſollt frei ausgehen— wir ſind jetzt quitt! Doch merkt Euch wohl, nicht zum andern Male bleibt Euch ein ſolch Vergehen ungeahndet! Nicht zum Scherz und zur Kurz⸗ weil habe ich Euch vor Monden mühſam einzeln hierher geführt, um Euch ein müßiges Leben führen zu laſſen, und nicht ohne triftigen Grund ſchärfte ich Euch des Verbot des Raubens und Stehlens während der Dauer unſeres Hier⸗ ſeins ein! Wer fortan nur mit einem Wort, mit einer Miene ſich gegen meine oder der Königin Befehle vergeht, iſt ohne Gnade des Todes! Sagt dies allen, damit ſich jeder danach richte! Ich habe wahrlich nicht Luſt, meine Pläne an dem Ungehorſam eines Einzelnen von Euch ſchei⸗ tern zu ſehen! Jetzt fort mit Euch aus meinen Augen! Die beiden Zigeuner warteten nicht erſt ab, ob der Gebieter ihre Begnadigung nicht widerrufen werde, ſondern machten ſich eiligſt hinaus. Oſiris überließ ſich wieder wie vorhin ſeinen grübeln⸗ 143, den Betrachtungen, denen ihn ſelbſt Roswitha's ſchüchterne Bitten nicht entziehen konnten, bis er ſelber ſich ihnen ge⸗ waltſam entriß. — Weiter iſt nichts von Bedeutung vorgefallen, Ros⸗ witha? fragte er gleichgültig. — Nein, Herr, erwiederte dieſe. Einzelne kleine Ver⸗ gehen habe ich durch Stock und Peitſche gezüchtigt. — So komm' und laß mich die Angeworbenen ſehen, fuhr Oſiris fort; dann aber wollen wir prüfen, ob die von den Beiden gemachte Beute ihren Lobpreiſungen entſpricht. Das wird mich in etwas zerſtreuen. — Iſt's wieder die alte Sehnſucht, die Dich ergreift, mein Gebieter? fragte Roswitha, indem ſie mit dem Zigeu⸗ nerfürſten hinaustrat in das Freie. — Weiß ich's doch ſelbſt nicht, was mich ſo wunder⸗ bar beengt und beunruhigt, gleichſam wie eine Ahnung oder Erwartung ſchweren Unheils! verſetzte Oſiris. Und doch iſt mir wiederum zu Muthe, als gehe eine Verwandlung mit mir vor, die ich mit keinem Namen zu belegen weiß. Aber es mag wohl ſein, daß die Erzählung, die wir von dem Sohne des Berliner Bürgermeiſters gehört, der von ſeinem Vater ohne Grund auf unerwieſenen Verdacht hin, wie er behauptet, zum ſchrecklichſten Tode verurtheilt worden, und dem dennoch ſo viel an deſſen Segen gelegen, es mag wohl ſein, meine ich, daß dieſe Erzählung das Verlangen nach meinem Sohne in verſtärktem Maße als ſonſt hervorgeru⸗ fen und ſo meinen ungewöhnlichen Zuſtand herbeigeführt hat. .— Und iſt es Dir nicht gelungen, während Deines Aufenthaltes zu Frankfurt etwas über ihn zu erkunden? fragte Roswitha weiter. Oſiris ſchüttelte mit dem Kopfe. — Alles, was ich von ihm weiß, beſchränkt ſich dar⸗ auf, daß er nach der Mordſchlacht, in welcher ich zwei Tage laug unter einem Leichenhügel liegen blieb, von einem Edel⸗ mann der Umgegend aufgenommen und als Hirtenbube ge⸗ braucht wurde, welchen Dienſt er aber bei vorgeruͤcktem Alter heimlich verließ, wahrſcheinlich von derſelben Leidenſchaft er⸗ griffen, die mich in meiner Jugend aus einem ruhigen Le⸗ ben in die weite Welt trieb. Wohin der Knabe gekommen, habe ich noch nicht erforſchen können. — O, ich begreife Deine Sehnſucht wohl, was auch Nikolas dagegen ſprechen mag! ſagte Roswitha. Iſt's mir doch ebenſo ergangen, bevor ich Dich lieben lernte. Wie oft habe ich mir da einen Bruder gewünſcht, an dem ich einen theilnehmenden Beſchützer hätte, wie ihn die andern jungen Mädchen hatten, bevor ſie einer ſich zur Braut er⸗ ſehen! Der rauhe Nikolas war doch eigentlich nicht mein Bruder, und ich würde auch jetzt ganz verlaſſen ſein, wenn Du Dich nicht meiner angenommen hätteſt, Du, mein Ge⸗ liebter und Herr! 3 — O, man erkennt nur dann den Werth eines Gutes, wenn man es verloren hat! fuhr der Zigeunerfürſt fort, mehr mit ſich ſelber, als zu Roswitha ſprechend. Mitten im wildeſten Treiben überfiel mich's mit ſolcher Macht, daß ich mich heimlich und unter ſteter Gefahr nach der böhmiſchen Königsſtadt ſtehlen mußte, um den Grabhügel meines ar⸗ men verlaſſenen Weibes zu ſehen, die ich durch mein wüſtes Leben und durch meine Untreue in Elend und Tod geſtürzt hatte. Dort erfuhr ich, daß jemand, den man nicht kannte, nach meinem Sohne gefragt. Da erwachte die Stimme der Natur, die lange geſchlummert, mit deſto größerer Heftigkeit und trieb mich hin nach dem Felde der Schlacht, um zu forſchen nach dem Verwaiſeten. Seit der Zeit habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, ihn wiederzufinden, und wäh⸗ rend ich zuvor nur aus Noth, dem Fuchſe gleich, raubte und plünderte, um mir und den Leuten, die mich gaſtlich unter ſich aufgenommen, zur Zeit des Hungers, die dem Huſſitenkriege folgte, das Leben zu friſten, ſo ward ich ſetzt nein benn Ge⸗ ttes, fon, n im jich ſchen 3 ar⸗ uſtes ſtürg unnte, e der ſtigkeit im ül ch die waͤh⸗ raubte aſtlch 3 dent ch jetz 145 AAAANRRBDDZ zum beutegierigen Wolſ; denn jetzt galt es ja nicht mehr, den Lebensunterhalt zu erringen; jetzt galt es, Reichthümer zu erbeuten für den Wiedergefundenen! Aber er darf nicht wiſſen, durch welche Opfer dieſe Reichthümer erkauft ſind; er darf nicht ahnen, welch Leben ſein Vater bisher geführt. Und nicht⸗Reichthümer allein, auch Namen und Rang will ich ihm verſchaffen; er ſoll der erſte ſein im neuen Herzog⸗ thum! — Du wirſt ihn ſicherlich finden, Gebieter! ſprach Ros⸗ witha. Das Glück, welches Dich ſtets begleitet bei allen Deinen Thaten, wird Dich auch hierbei nicht verlaſſen. O, wie freue ich mich darauf, einen Sohn zu haben, der Dir ähnlich iſt und mich Mutter nennt! Ein ſeltſames Lächeln überflog bei dieſen Worten das Angeſicht des Zigeunerfürſten; aber er erwiederte nichts. Inzwiſchen war das Paar, begleitet von den unter⸗ würfigen Begrüßungen der Unterthanen, durch die Hütten⸗ reihen des Lagers an einen Ort gekommen, wo man mit vielem Fleiß ein großes unterirdiſches Gewölbe angelegt hatte, das ſonſt zum Aufbewahren der Verbrecher benutzt ward. Einige handfeſte Zigeuner hielten Wache vor dem Eingange, der aus einem ſtarken Gatter beſtand, zu dem eine Treppe hinabführte. Das Gatter ward geöffnet und Oſtris trat mit ſeinem Weibe in das geräumige Gewölbe, das jetzt mit roh gezimmerten Tiſchen und Bänken beſetzt war. Ein gro⸗ ßes Feuer unter einem Rauchfange, der durch die Decke ins Freie ging, gab dem Orte Licht und Wärme. Es war dies jetzt der Aufenthalt der Leute, die auf Befehl des Zigeuner⸗ fürſten angeworoen waren. Oſtris trat in die Nähe der Flamme und ließ ſich je⸗ den Einzenen vorführen, um ihn zu prüfen. Den meiſten ſtand der Hang zum Böſen auf dem Geſicht geſchrieben, und obwohl niemand von ihnen ahnen mochte, in weſſen Dienſt er ſich begeben, ſo ſah man es ihnen doch an, daß dies ihre Die ſchwarzein Brüder. II. 10 A 36, geringſte Sorge war; es war ihnen guter Unterhalt, reich⸗ licher Lohn und das Recht auf jegliche Beute, die ſie machen könnten, zugeſagt worden, und keiner hatte gefragt, was er dafür zu thun habe. Da man ſie Nachts mit verbundenen Augen und größtentheils zu Waſſer hergebracht hatte und den wachthabenden Zigeunern bei Todesſtrafe verboten war, mit ihnen zu ſprechen, ſo wußte auch niemand von ihnen, wo er ſich eigentlich befand. — Wenn dein Sohn unter dieſen Leuten wäre! dachte Oſiris ſchaudernd und beſonders ſcharf faßte er die jüngeren ins Auge und forſchte ſie über ihre früheren Verhältniſſe aus; doch bei keinem fand er irgend einen Anknüpfungspunkt, der ſeine Befürchtungen beſtätigte. Nach kurzer Zeit entfernte er ſich wieder mit Roswitha und Beide gingen nach den Ställen, wo das den Zigeunern gehörige Vieh aufbewahrt ward. In dem Raume, wo ſich die Pferde, meiſtens kleine Thiere, befanden, ſtand das Roß, welches die beiden Zigeuner dem Fremden abgenommen. Oſiris betrachtete es mit großer Aufmerkſamkeit. — Wahrlich ein ſeltſamer Zufall! ſprach er dabei für ſich. Ich wuͤrde dies Thier unter Tauſenden herausgefunden haben— denn ich habe es ſammt ſeinem Reiter oft genug während des Winters zu Frankfurt geſehen— wenn nicht ſchon das Zeichen in der Satteldecke ein untrügliches Merk⸗ mal wäre! Sicherlich hat man's ihm entwendet! — Das iſt ein ſtattliches Roß, Geliebter! bemerkte Roswitha. Ich freue mich ſchon darauf, Dich auf ihm zu ſehen! — Dieſes Thier gehört einem Manne, der mein Freund iſt und der mir nahe ſteht, ohne daß er es ahnt, erwiederte Oſtris. Dieſer Umſtand wird meinen Abſichten ſehr förder⸗ lich ſein; denn wenn er durch mich ſein Eigenthum wieder⸗ erlangt, ſo wird's nicht ſchwer halten, ihm Vertrauen ein⸗ zuflößen. Sorge dafür, daß das Thier auf's Befie verpflegt 147 AAAAAAAᷓANAᷓR;RE; werde, befahl er dem Zigeuner, der die Pferde unter ſeiner Obhut hatte. Dann nahm er die Ledertaſche, welche die werthvollen, ebenfalls jenem Fremden abgenommenen Schrif⸗ ten enthalten ſollte, und kehrte nach ſeiner Behauſung zurück, wo er die Taſche öfſnete, um ihren Inhalt zu prüfen. Sie enthielt in der That mehrere beſchriebene Pergamente. Oſtris entfaltete eins derſelben und betrachtete es in ge⸗ täuſchter Erwartung, denn es war in der ihm fremden la⸗ teiniſchen Sprache abgefaßt. — Was nutzen mir dieſe Dokumente, die ich wohl le⸗ ſen, doch nicht verſtehen kann, ſprach er bei ſich ſelber. Wie kann ich wiſſen, für wen ſie ſo großen Werth haben, wenn ich ihren Inhalt nicht kenne? Schon wollte er die Schrift bei Seite ſchieben, als ſein Blick plötzlich auf einer Stelle derſelben haften blieb. — Was iſt das? rief er aus. Wie kommt mein und meines unglücklichen Weibes Name auf dies Pergament? Und auch der Vorname meines Sohnes iſt hier zu leſen! In zitternder Haſt griff er nach den übrigen Schriften und ein Ruf der Freude entfuhr ſeinen Lippen, als er dieſe in deutſcher Sprache abgefaßt fand. Mit großer Begierde begann er die ſchon unleſerlich gewordenen Schriftzüge zu entziffern. Seine Züge verriethen eine heftige innere Be⸗ wegung. Endlich ließ er ein wildes Lachen erſchallen. — Sind dieſe beſchmutzten Blätter wirklich von ſo ho⸗ hem Werth, wie behauptet wird? fragte Roswitha, die ſein Benehmen auf ihre Weiſe deutete. — Alles, was ich jetzt beſitze, wollte ich mit Freuden darum geben, hätte ich dieſe Schriften zu der Zeit gehabt, wo ich die erſte Kunde von dem Leben meines Sohnes er⸗ hielt! rief der Zigeunerfürſt. Ich Raſender häufte Unthat auf Unthat, um Reichthuümer für ihn zu erwerben, deren er nicht bedarf! O, damals noch wäre alles ganz anders ge⸗ kommen! 10* ‧˖‧ꝑꝗ»ꝑvꝑꝑꝙ Er durchſchritt in düſterem Sinnen den Raum des Ge⸗ machs; ſeine Stirn war bleich und in ſeinen Augen leuchtete ein unheimliches Feuer. Roswitha wagte nicht weiter zu fragen. — Die beiden Zigeuner, die das Pferd gebracht haben — ruft ſie ſchnell herbei! befahl er endlich. Roswitha ſelbſt eilte hinaus, um ſeinen Befehl zu voll⸗ ziehen. Bald erſchienen die Gerufenen und traten, bleich vor Schrecken, vor den Gebieter. — Ihr habt den Mann, dem Ihr Pferd und Schriften genommen, alſo nicht getödtet? fragte ſie Oſiris. — Wir wollten Dein Gebot nicht durch einen Todt⸗ ſchlag brechen, Herr, denn ein ſolcher hätte Gerede gemacht! gab ihm der eine Zigeuner zur Antwort. Deshalb richteten wir's ſo ein, daß er mit dem Leben davon kommen konnte. — Hundert Goldgülden ſind Euer, wenn Ihr mir den Mann ſchafft! rief Oſiris. Die beiden Zigeuner ſahen ſich mit freudigem Stau⸗ nen an. — Iſt's gleich, ob wir ihn lebendig oder todt bringen? fragte einer von ihnen. — Lebendig muß ich ihn haben, denn er ſoll mir Rede und Antwort geben, verſetzte der Zigeunerfürſt. Sagt ihm, daß er ſich reichlichen Lohn erwerben werde, wenn er mir die Auskunft geben kann, die ich von ihm verlange. Nehmt Bu⸗ ben oder ſonſt wen mit, und wenn Ihr den Fremden gefun⸗ den, ſo gebt dem Nikolas zu Schonenberg Nachricht davon; er wird Euch ſagen, wo ich ihn erwarte. Aber ſäumt nicht; je früher Ihr meinen Willen vollführt, je freigebiger werde ich Euch lohnen! Die Zigeuner gelobten, ſelbſt ihr Leben, wenn es nöthig ſei, an die Ausführung ihres Auftrages zu ſetzen, und eilten hinaus. Unruhigen Schrittes ging der Zigeunerfürſt nach ihrer Entfernung wieder auf und ab. n 149 ˖ꝙò́»ᷓ́» — Laßt ein Pferd für mich ſatteln! rief er plötzlich, von einem raſchen Entſchluß ergriffen. Der, welcher bisher in meinem und meines Sohnes Beſitzthum in Ruhe geſchwelgt, muß mir Auskunſt geben— und wehe ihm, wenn ſich mein Verdacht beſtätigt! — Du willſt wieder von mir gehen, Geliebter? wagte Roswitha zu klagen. Kann nicht Nikolas oder ein An⸗ derer— — Schnell ein Pferd! rief Oſiris wild. Er hat's ge⸗ wußt, daß er ein Baſtard iſt, und iſt doch ruhig im un⸗ rechtmäßigen Beſitz geblieben— er muß daher ſichere Kunde vom Verbleiben des rechtmäßigen Erben haben, daß er ihn nicht fürchtet! Vielleicht— Er ſprach nicht aus, was er dachte; doch ſeine beben⸗ den Lippen, ſeine krampfhaft geballten Hände und die wilde Gluth ſeiner Augen ſprachen deutlicher, als Worte es ver⸗ mocht hätten. Wie ſchon vorhin, war auch jetzt Roswitha ſelbſt hin⸗ ausgeeilt, um den Befehl des Oſiris auszurichten; bald kehrte ſie zurück, um ihm zu ſagen, daß ein Pferd für ihn bereit ſtehe. Oſtris ſchien inzwiſchen etwas ruhiger geworden zu ſein. Er entfernte den Bart aus ſeinem Angeſicht und ver⸗ langte andere Kleider. — Es iſt jetzt kaum Mittag, Herr! begann Roswitha ſchüchtern. Bevor es dunkel wird, müſſen noch vier Stun⸗ den vergehen. Du zogſt ſonſt das Sternenlicht dem Son⸗ nenſcheine vor. — Haben die Beiden, die ich vorhin entſandte, ihren Weg ſchon angetreten? fragte der Zigeunerfürſt, als hätte er Roswitha's Worte überhört. — Ich ſah ſie mit ihren Buben der Pforte zueilen, als ich eben hierher zurückkehrte, erwiederte dieſe. Du haſt uns immer ſo große Vorſicht geboten, ſetzte ſie hinzu; kann — — AARNNNR; nicht jetzt, da es doch Tag iſt, ein Fiſcher oder Köhler in der Nähe ſein und Curen Ausgang entdecken? Mir ahnt. ein Unglück, lieber Herr! — Lebe wohl, Roswitha; durch Nikolas oder Zeliska ſoll Dir Kunde von mir werden! ſprach Oſiris kalt, indem er die Schriften wieder in die Ledertaſche ſteckte und dieſe in ſeinem Wammſe wohl verwahrte. Bis dahin halte mir gut Regiment! Er winkte ihr mit der Hand zum Abſchiede, verließ, ohne weiter ein Wort zu ſagen, das Gemach, und eilte der Pforte des Erdwalles zu, wohin man bereits das Pferd geführt hatte. Roswitha trat in die Thür ihres Wohn⸗ hauſes und blickte ihm nach, bis ſich die Pforte hinter ihm ſchloß. In ihren Augen glänzten Thränen. — Ein Bruder würde ſo nicht von mir gehen! ſeußzte ſie. Doch er iſt ja mein Herr und mein Gebieter! II. Es war eine Stunde vor Mitternacht. Ein eiſtger Wind fuhr durch die Gaſſen der beiden Städte und fegte den am Tage gefallenen Schnee zu dichten Wolken auf, als ein Franziskaner⸗Mönch in Begleitung eines anderen Mannes ſein neben dem Hohen Hauſe zu Berlin gelegenes Kloſter, gewöhnlich das„Graue“ genannt, verließ und den Weg nach Kölln einſchlug. Schweigend gingen die Beiden neben einander her, denn ſie hatten Mühe, in dem ihnen entgegen⸗ ſtürmenden Unwetter, das ſie faſt der Luft beraubte, vor⸗ wärts zu kommen. Obgleich die Gaſſe, wie es die ſpäte Stunde mit ſich brachte, öde und leer war und man auf ihnen durch das — AAEAE;R;E;E;E Pfeifen des Windes nur hin und wieder den ſchrillenden Ton einer Wetterfahne oder das Aufſchlagen eines vom Sturm herabgeworfenen Dachziegels vernahm, ſo ſchien es im Innern der Häuſer doch noch ungewöhnlich lebhaft zu ſein, denn aus den meiſten Fenſtern ſchimmerte noch Licht. In der Brüderſtraße angelangt, trat der Mönch mit ſeinem Begleiter in das Haus, wo man ſie ſchon erwartet hatte, denn die Thür deſſelben war nach dem erſten leiſen Klopfen geöffnet worden. Der Hauswärtel leuchtete dem Franziskaner zu der ins obere Stockwerk führenden Treppe, die ſie leiſen und vorſichtigen Trittes erſtiegen; der mit dem Möoͤnche gekommene Mann war unten in des Hauswärtels Gemach eingetreten. Oben auf dem Korridor entließ der Mönch den Haus⸗ wärtel und öffnete leiſe die Thür eines Gemachs, das durch ein Feuer im Kamin erleuchtet ward. Eine nur mit einem Vorhang verſehene Thüröffnung in einer Seitenwand führte von hier aus in ein Nebengemach. Kaum hatte der Mönch die Thür wieder hinter ſich geſchloſſen, als ihm aus jenem Nebengemach, ſchweigend grüßend, ein junger Mann mit bekümmertem Geſicht ent⸗ gegentrat, deſſen Kleidung den Diener erkennen ließ. — Noch immer ſo unermüdlich, mein wackerer Burſche? redete der Mönch den Diener mit gedämpfter Stimme an, während dieſer ihm einen Seſſel herbeiholte. Doch ſage mir vor Allem, wie es dort im Krankengemach ſteht; iſt noch alles ſo, wie Du mir ſagen ließeſt? — Ja, ehrwürdiger Herr! erwiederte der Diener leiſe. Seit zwei Stunden ſchon hat der Kranke keinen Laut mehr von ſich gegeben. Ich fürchte, daß die kommende Stunde, von der er in ſeinem Fieberwahn ſo oft geſprochen, ſeine letzte ſein werde! Wenn ich doch nur ein einzig Wort mit ihm reden könnte! — Obgleich es ſcheint, daß Dein Herr durch dieſen NN Schlaf zu einem ſanften Tode eingehen werde, ſo iſt's doch immer noch möglich, daß ſein jetziger Zuſtand, den wir Arz⸗ neikundige die Kriſis der Krankheit nennen, der Vorbote der Geneſung iſt, wie es denn überhaupt bei Gott kein unmög⸗ lich Ding giebt! verſetzte der Mönch. Weine nicht, guter Peter; wenn er ſtirbt, ſo ſtirbt er im Herrn, denn ſein Wandel war ſo rein, wie er's bei uns ſündigen Menſchen⸗ kindern nur ſein kann, und was ſeine letzte That betrifft, die freilich ein Frevel gegen bie heilige Kirche war, ſo hat er ſie ſchwer genug gebüßt, und unſer Herr und Heiland hat ja auch für ihn zur Vergebung der Sünden ſein Blut am Kreuze vergoſſen! Auch hat er ja alles empfangen, was unſere heilige Kirche dem Dahinſcheidenden für die Ewig⸗ keit Erſprießliches mitzugeben vermag, und von Allen, die ihn kannten, folgen ihm gewiß die frommſten Wünſche nach! Doch noch iſt's nicht Zeit zur Leichenrede, denn Gott kann ihm ebenſo leicht Geneſung ſchenken, wie er ihm den Tod ſenden kann. — Mein guter und doch ſo unglücklicher Herr! ſchluchzte Peter, der nicht mehr an ſich zu halten vermochte. Und ich — ich konnte— — So ſchweige doch! flüſterte der Pater, indem er ihn am Arme rüttelte. Ich höre, daß die Jungfer Lisbeth am Krankenlager iſt, was Du mir hätteſt ſagen müſſen. Der⸗ gleichen zarte Seelen werden leicht zu heftig erſchüttert durch Worte, wie wir ſie eben gewechſelt haben. — Nicht erſchüttert, ſondern himmliſch getröſtet haben mich Eure frommen Worte, ehrwürdiger Vater! ſprach Lis⸗ beth, die bei der Grabesſtille, die hier herrſchte, kein Wort von der Unterredung verloren hatte und die jetzt zu den Beiden hinaustrat. Ja, Ihr habt Recht! ſetzte ſie hinzu; ihm wird droben im Himmel Gnade werden, denn er war hier auf Erden gut und edel; er wird droben glücklich ſein, denn er findet ja dort die wieder, die er ſo ſehr, ſo innig liebt, und deren keiner ſo würdig war, als er! Der Tod entriß ihm ſeine Klara, der Tod giebt ſie ihm wieder! Gottes heiliger Wille ſei geprieſen! — Amenl betete der Mönch gerührt. Peter war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. — Laßt uns hineingehen zu ihm, ſprach Lisbeth nach kurzer Pauſe wieder, unſere leiſen Gebete werden ſeine ſanfte Ruhe nicht ſtören! Wir wollen an ſein Lager treten, da⸗ mit er, wenn in der Scheideſtunde zum letzten Mal ſein Auge um ſich blickt, bevor es bricht, damit er dann die um ſich ſieht, die's in den letzten Stunden treu mit ihm gemeint, als er im Fieberwahn von Allen ſich verlaſſen glaubte! Kommt, Ihr Wackeren! Der prieſterliche Arzt und der Diener des Kranken er⸗ füllten gern den Wunſch ſeiner treuen Schweſter und folg⸗ ten ihr ſchweigend in das von einer Ampel matt erleuchtete Nebengemach, wo auf einem Ruhebette Ottokar ſanft zu ſchlummern ſchien. Sein Antlitz war bleich, ſeine Augen geſchloſſen, aber ſeine Lippen umſchwebte ein mildes Lächeln. In tiefer Bewegung blickten Lisbeth und Peter auf ihn nie⸗ der, während der ſorgſame Mönch den faſt unhörbar Ath⸗ menden mit dem Blicke des Arztes aufmerkſam betrachtete. Jetzt verkündeten die Thurmuhren die Mitternachts⸗ ſtunde; kaum aber war der zwölfte Glockenſchlag verhallt, ſo ertönte von den höchſten Zinnen von St. Petri und St. Nicolai mit Poſaunenklang„Herr Gott, Dich loben wir!“ und alle Kirchenglocken in beiden Städten begleiteten mit harmoniſchem Geläute den feierlichen Lobgeſang, ſo die erſte Stunde des Jahres 1441 begrüßend. Aus allen Häuſern erſcholl lauter Becherklang und tauſendſtimmiger Jubelruf hallte durch die Gaſſen, den Anbruch eines neuen Jahres freudig und frohen Muthes verkündend. Selbſt die Natur ſchien den Jahreswechſel feiern zu wollen; denn der Sturm jagte eben die letzten ſchwärzlich grauen Wolken gen Oſten, AAAAAAAANANNRRDj und als wäre nun ſeine Aufgabe erfüllt, ließ er ab von ſeiner Heftigkeit und trug die feierlichen Klänge der Po⸗ ſaunen und der Glocken von allen Seiten in ſanften Schwin⸗ gungen durch die Luft herüber und hinüber. Am Firmament Jaber blinkten freundlich die Sterne und der Mondſichel ſil⸗ bernes Licht ſchmiegte ſich traulich durch die Fenſtervorhänge des Krankengemachs, verwebte ſich in ſpielendem Tanze mit dem der mattglimmenden Ampel und erfüllte ſo den engen Raum mit magiſchem Scheine. Es war, als wollte das neue Jahr in ſeiner erſten Stunde Hoffnung und Muth in Aller Bruſt ſenken. Die das Krankenlager Umſtehenden blickten tief ergrif⸗ fen einander an; der feierliche, bedeutungsvolle Augenblick erhob auch ſie über die bange Beſorgniß der Gegenwart, und ſtumm, aber mit deſto beredterem Ausdruck im Ange⸗ ſicht reichten ſich die drei an Alter wie an Lebensſtellung ſo verſchiedenen Perſonen die Hände. — Laſſet uns beten, meine Kinder! nahm endlich der Mönch das Wort. Während alle Zungen draußen im Ju⸗ belton die Gnade des Herrn verkünden, der ſie das neue Jahr, einen neuen Zeugen ſeiner Macht und Güte, in Freude und Geſundheit erleben ließ, wollen wir in ſtillem Gebete nicht minder ihn preiſen, da er uns Leid und Kummer ſen⸗ det; denn alles, was von ihm kommt, Leid und Luſt, ge⸗ reicht zu unſerem Heile! Und während draußen der Jubel immer lauter tönte, ſtiegen hier, wenn auch nicht ſo freudig, doch aus andäch⸗ tigen Herzen kommend, drei lautloſe Gebete zum Himmel empor, die in inbrünſtigem Wunſche für den Kranken ſich vereinten und Gott gewiß nicht minder angenehm waren, als das Glockengeläute, der Chorgeſang und die Loblieder“ der in die Kirchen geſtrömten Menge. Ein Geräuſch auf dem Krankenbett lenkte die Aufmerk⸗ ſamkeit der Betenden dorthin. 155⁵ ‧;DBD Ottokar hatte die Augen geöffnet und blickte ſuchend und verwundert um ſich. — Warum hat mich Klara verlaſſen? fragte er. Wo weilt ſie jetzt, und warum ſind die Schwingen meiner Seele, die mich durch die fernſten Räume ſo leicht und ſanft zu der Geliebten trugen, urplötzlich ſo gelähmt? Wo bin ich? Lisbeth wollte ſich mit einer raſchen, freudigen Bewe⸗ gung an die Bruſt des Bruders werfen; doch der vorge⸗ haltene Arm des Mönches, der ihr und Peter durch einen Wink Ruhe gebot, hinderte ſie daran. Der Mönch beugte ſich zu dem Kranken nieder und fühlte ſeinen Puls. — Wie befindet Ihr Euch, lieber Herr, fragte er dabei. Ottokar ſah mit verwirrtem Staunen zu ihm auf. — Wo bin ich? wiederholte er ſeine Frage; und wer biſt Du, der Du Dich zwiſchen mich und das Bild der Ge⸗ liebten drängſt? Der Mönch nahm von dem am Krankenbette ſtehenden Tiſch eine kleine Phiole, tröpfelte etwas von der darin be⸗ findlichen dunkelbraunen Flüſſigkeit in einen Löffel und reichte dem Kranken den Trank mit den Worten dar: — Nehmet, lieber Herr, die Arznei wird Euch wohl thun! Ottokar ſtarrte ihn einige Augenblicke mit erhöhtem Staunen an; dann blickte er auf ſeine Umgebung und fuhr endlich mit den Händen nach Bruſt und Kopf, gleichſam, um ſich von ſeinem körperlichen Daſein zu überzeugen. — O, ich bin noch auf der Erde, und glaubte doch ſchon den Qualen des irdiſchen Daſeins entrückt zu ſein! ſtöhnte er. Nach ſo ſchönem Traume iſt das Erwachen herb und ſchmerzlich! — Ihr ſeid zu ſchönerem Daſein erwacht, lieber Sohn! nahm der Mönch mit ſanfter Stimme das Wort. Es iſt Gottes gnädiger Wille, daß Ihr hier auf Erden noch des —4— — 32 Guten viel thun ſollt, darum rief er das ſchon halb erlo⸗ ſchene Leben in Euch wieder wach. Eure Pflicht iſt nun, Eure Geneſung, ſo viel an Euch liegt, zu fördern. Nehmt daher dieſen ſtärkenden Saft und fügt Euch gehorſam den Anordnungen, welche der raſchere Fortgang Eurer Gene⸗ ſung erheiſcht. Ottokar ließ ſich jetzt willig den Trank einflößen. — So war denn wirklich alles nur ein Traum? ſeufzte er dann. Ach, er war ſchön! Doch der Eingang zu dem Himmel, in dem ich ſo ſelig, ſo glücklich war, er führte durch die ſchauerlichen Abgründe der Hölle! ſetzte er nach kurzer Pauſe mit innerem Schaudern hinzu. O, ſagt mir, waren jene Qualen, jener Todesſchmerz, jenes Verlaſſenſein von Gott und Menſchen, war all das Schreckliche, was ich em⸗ pfand und durchlebte— ſagt mir, war das alles auch nur Traum? Er erfaßte mit zitternden Händen den Arm des Mön⸗ ches und blickte mit einem Ausdruck zu dieſem empor, der den alten Mann im Innerſten erzittern ließ. — Beruhigt Euch, lieber Herr, ſprach er, ſeine Hand auf die glühende Stirn des Fragenden legend; alles, was Euch jetzt noch dunkel ſcheint, es wird Euch klar werden, wenn Euer Geiſt ſich wieder frei gemacht hat von den Ban⸗ den, in die die Krankheit ihn geſchlagen; und was jetzt Euer Herz vielleicht mit Grauen erfüllt, wird fliehen vor der Kraft unſeres heiligen Glaubens, wie auch die finſterſte Nacht endlich dem Licht des Tages weichen muß! Daher noch ein⸗ mal, beruhigt Euch und freut Euch des wiedergeſchenkten Daſeins. — Und doch wollte ich mit Freuden noch einmal all' die Qualen, all' die Schreckniſſe der Hölle durchleben, könnte ich mir damit nur einige Minuten der Seligkeit zurücker⸗ kaufen, die ich empfand, bevor ich erwachte! ſprach Ottokar. So muß, ſo kann nur der Himmel ſein! ——¼— — Und vermag Euch die Erde keinen Erſatz zu bieten? entgegnete der Mönch, dem darum zu thun war, den Ge⸗ danken des jungen Mannes eine andere Richtung zu geben und ihn vor allen Dingen dem düſteren Grübeln zu entrei⸗ ßen, zu dem der Kranke vorzugsweiſe geneigt ſchien. Giebt es für Euch nichts auf dieſer Welt, nach dem Euer Herz ſich ſehnt? — Wohl ſah ich inmitten meiner Träume das Weſen, welches meinem Herzen nach Klara am nächſten ſtand, mich hold und ſanft tröſtend umſchweben, ſprach Ottokar nach einer Pauſe, während welcher er ſeine Erinnerungen geſam⸗ melt zu haben ſchien; aber auch dieſe Erſcheinung mag wohl eben nur ein Traum geweſen ſein, denn Lisbeth wäre ſicher⸗ lich nicht fern, wenn auch die Gegenwart des Schuldbela⸗ denen— — Mein geliebter, theurer Bruder! rief Lisbeth, die jetzt nicht länger an ſich halten konnte. Sie knieete vor ſeinem Lager nieder und benetzte ſeine Hände mit Thränen des Schmerzes und der Freude. — Lisbeth! ſtammelte Ottokar. Habe ich Dir denn nicht alles bekannt, und Du liebſt mich dennoch? War mir's doch, als wüßteſt Du alles— und bliebſt mir dennoch treu? Haſt mich nicht verlaſſen, wie die Andern alle? — O, Bruder, vermagſt Du noch nicht, den wilden Fie⸗ berträumen Dich zu entreißen, die mich während dreier Tage mit namenloſer Angſt erfüllten! ſprach Lisbeth. Sind es auch nur Wenige, die Dein Schmerzenslager umſtehen, ſo ſind doch Alle, die Du liebteſt, auch noch Dir in unveränderter Liebe zugethan und werden mit jubelndem Frohlocken die Kunde Deiner Geneſung empfangen! — Ja, Du biſt noch die gute, die treue Schweſter! ſprach Ottokar, ſie mit inniger Dankbarkeit anblickend; Du verließeſt mich nicht, als der Hölle Schrecken mich umgaben! Doch die Andern, ſetzte er mit einer verneinenden Bewegung AAAAA;A;A;;E des Hauptes hinzu, ſie verließen mich ſchon, noch ehe ſie ahnen konnten, welch' dunkle Schatten auf meiner Seele lagen. Ein lautes, krampfhaftes Schluchzen zog ſeinen Blick nach dem weniger hellen Theil des Gemachs. — Dort iſt noch jemand, ſagte er, wen kann's noch ge⸗ ben auf dieſer Welt, der um mich weint, und warum bleibt er ſo fern! Peter trat hinzu. — Mein lieber, mein guter Herr! das war alles, was er hervorzubringen vermochte. — Auch Du hier, Peter? fragte Ottokar. Sagt, war denn alles, alles nur ein Traum? Träume ich noch? — Ihr habt geträumt, ſchwer geträumt, Sohn! nahm der Mönch das Wort. Doch jetzt ſeid Ihr erwacht, darum entreißt Euch den wüſten Gebilden der Nacht, die Eure Seele noch geſpenſtiſch umgaukeln, und wendet Euren Blick dem hellen, freundlichen Lichte der Gegenwart zu; dann werdet Ihr auch den Himmel wiederfinden, von dem Ihr vorhin ſprachet! — So tretet denn herzu, Ihr Lieben, haltet mich in Euren treuen Armen, damit die Beſorgniß von mir weiche, Ihr könntet mir wieder entſchwinden, wie der verklärten Ge⸗ liebten holdes Bild! bat Ottokar. Denn immer noch kann ich nicht unterſcheiden, wo ſich die Wirklichkeit vom Traume trennt! Mit zärtlicher Sorgfalt kam man ſeinem Wunſche nach. — Ja, es iſt wahr, Ihr ſeid nicht Truggeſtalten, denn Euer warmer Odem weht mich an und aus dem treuen Blicke Eurer Augen ſtrahlt mir des Lebens Willkommsgruß entge⸗ gen! ſprach Ottokar ihnen zulächelnd. So möchte ich ruhen, bis die Stunde kommt, wo Klara's Geiſt mich ruft zu an⸗ derem Leben! — Nicht doch, Sohn! mahnte der Mönch in ernſtem ————ꝑꝑ— 159 Tone. Wohl ziemt Euch Ruhe jetzt, doch wenn Ihr einmal denkt, ſo denket an das Leben, das irdiſche mein' ich, das Gott Euch neu verliehen, und von dem nur er Euch rufen wird, wenn es ſein Wille iſt. Doch Sünde war's, was Ihr da eben ſagtet. — Heißt's denn nicht in der Schrift, Gott ſendet ſeinen Engel, wenn er den Erdenpilger zu ſich heimruft! ſprach Lis⸗ beth mit bittendem Blick zu dem Mönch, da ſie befürchtete, daß der Verweis des Paters den Kranken wieder in die finſteren Selbſtanklagen, die ſie ſeinem krankhaften Zuſtande zuſchrieb, verfallen laſſen werde. Und iſt der Tugendreinen verklärter Geiſt denn nicht ein Engel Gottes? Denn ſo nur hat mein Bruder es gemeint! — Der fromme Mann hat hier vollkommen Recht! ver⸗ ſetzte Ottokar. Hat Gott ein neues Leben mir geſchenkt, ſo will er nicht, daß ich in träger Ruhe es verbringe. Es war ein ſündiger Wunſch, den ich da hegte! Das Erſcheinen eines Dieners im Vorgemach rief den Mönch hinaus. Von dem, was er mit dieſem ſprach, konnte man nur hören, daß der Pater wiederholt und heftig„Nein! nein!“ rief. — Ich hätte Euch noch viel zu fragen, meine Lieben, fuhr Ottokar inzwiſchen nach kurzer Pauſe fort; aber ich fühle wohl, daß es dazu jetzt noch nicht an der Zeit iſt. So ſehr ich mich auch abmühe, ſo weilt mein Geiſt doch immer bei den Gegenſtänden, die ihm im Traume, wie Ihr ſagt, erſchienen. Doch Eines ſaget mir; ich ſehe an dem Schein der Ampel, ſowie am Licht des Mondes, das an den Vor⸗ hängen des Fenſters vorbei in dies Gemach dringt, daß längſt die Nacht hereingebrochen iſt; und dennoch höre ich von nah und fern der Glocken feierlichen Klang ertönen— ſagt, was bedeutet dieſes nächtliche Geläute? Lisbeth und Peter ſahen einander unſchlüſſig an; doch der in dieſem Augenblicke zurückkehrende Mönch entriß ſie —=* — * 1 A,Re dieſer Verlegenheit, indem er ſofort ſtatt ihrer das Wort nahm: — Wir feiern eben jetzt der Jahresſcheide wichtige Stunde, lieber Sohn, mit der Euch die Geneſung wieder⸗ kehrte. Ein gutes Omen, denke ich, iſt's für Euch! — Wto, Neujahr iſt's? ſprach Ottokar und verſank dann in nachdenkliches Schweigen, während die drei in banger Er⸗ wartung verharrten. Zwar vermag ich noch immer nicht zu unterſcheiden, was Traum, was wirklich Erlebtes iſt von je⸗ nen Bildern, die die Erinnerung in mir hervorruft, fuhr er dann nach einer Pauſe fort; doch iſt es mir, als knüpfte ſich an dieſe Stunde ein freudig Hoffen und ein banges Fürchten. Es ſollte, glaube ich, dieſelbe Stunde der Wendepunkt in meinem Leben ſein. — Was Eurem Geiſte in unbewußter Ahnung vor⸗ ſchwebte, es hat ſich ja erfüllt, denn dieſe Stunde iſt in Wahrheit ein wichtiger Wendepunkt in Eurem Leben, ver⸗ ſetzte der Mönch. Doch jetzt genug von Euren Träumen; Ihr müßt jetzt ruhen, lieber Sohn, denn ich ſeh's Euch an, daß Eure Kraft dem Denken und dem Reden bei weitem nicht gewachſen iſt. — Ich fühle, daß Ihr Recht habt, frommer Mann, erwiederte Ottokar. Der Körper hat der Kräfte wohl ge⸗ nug, doch der Geiſt iſt träg und matt; ich will verſuchen, ob nicht ein wenig Schlaf ihm neue Kräfte leiht. Mir iſt, als hätte ich gar viel zu thun! — Und Gott geſegne Deinen Schlummer, theurer Bru⸗ der! fügte Lisbeth hinzu, indem ſie ihn ſanft aus ihren Ar⸗ men in die Kiſſen zurückſinken ließ. Nach kurzer Zeit ſchon deuteten des Kranken tiefe Athem⸗ züge an, daß ein ruhiger, erquickender Schlaf ſich auf ihn herniedergeſenkt hatte. Der Mönch beobachtete ihn einige Zeit und nickte dann zufrieden mit dem Kopfe. — Sagt mir jetzt, ehrwürdiger Herr, wandte ſich Lis⸗ beth nun mit leiſer Stimme zu dieſem, ſagt mir, iſt in Wahr⸗ heit auf Geneſung zu hoffen, oder galten Eure Worte nur der Beruhigung des Kranken? Ich beſchwöre Euch, mir nichts zu verhehlen! — Dem gewöhnlichen Laufe der Natur nach, und wenn Gott es etwa nicht anders beſchließt, ſo iſt auf baldige Ge⸗ neſung zu hoffen, verſicherte der Mönch. Des Kranken Kör⸗ perkräfte haben trotz des ſchweren Gebreſtes, wie ich mich überzeugt, ſo wenig gelitten, daß man faſt an ein göttlich Wunder glauben möchte; und nur der Geiſt liegt noch ge— fangen in den Banden ſeiner Krankheit, die mehr in dieſem als im Körper wurzelte. Des Geiſtes Klarheit nun zurück⸗ zurufen, giebt es zwei Mittel, die unfehlbar ſind; das eine iſt die Kraft des heiligen Glaubens, die alle Nachtgebilde ſchnell verſcheucht; das andere iſt der Freundſchaft treues Walten, durch Wort und That, durch milden Ernſt und ſanfte Zaͤrtlichkeit. An beiden Mitteln, denk' ich, wird's nicht fehlen! — Gewiß nicht, frommer Herr! ſprach Lisbeth im Tone froher Hoffnung. Das erſte Mittel vermag ihm niemand beſſer zu ſpenden, als Ihr, und ich bin gewiß, daß Ihr Euch deſſen freudig unterzieht; und was die Freundſchaft dieſes treuen Mannes— auf Peter deutend— und innige Schwe⸗ ſterliebe für den Kranken thun können, das wird fürwahr zu ſeinem Heil geſchehen. — Und Gott wird unſer Mühen lohnend ſegnen! fügte der Mönch hinzu. Jetzt aber kommt mit mir in's Vorgemach, daß nichts des Kranken Ruhe ferner ſtöre; dort wollen wir das Weitere beſprechen. Lisbeth hauchte noch einen leiſen Kuß auf des Schla— fenden Stirn und folgte dann den beiden Männern in das erwähnte Vorgemach. — Lieber Herr Pater, nahm hier Peter das Wort, beide Hände des Mönches erfaſſend, daß Ihr meinem guten Die ſchwarzen Brüber. II 11 34 34 4 5 AAAAA;Aò;; Herrn ſo treulich beigeſtanden habt, rechne ich Euch wahr⸗ lich ebenſo hoch an, als hättet Ihr's meiner Lieſel gethan, und obwohl ich nur ein armer, ſchlichter Burſche bin, ſo möchte ich mich Euch doch gern dankbar erweiſen. Sagt mir, kann ich irgend etwas für Euch thun— habt Ihr viel⸗ leicht einen Feind, oder iſt einer, der Euch beleidigt hat, und an dem ich Euch Genugthuung verſchaffen könnte? Das wäre denn doch etwas! Oder ſoll ich für Euer Seelenheil beten? O ſprecht doch, womit ich Euch dienen kann, und wenn's in meinen Kräften ſteht, ſoll's gewiß geſchehen, dar⸗ auf verlaßt Euch! — Gieb Gott die Ehre, wackerer Burſche, und zeige Dich ihm dankbar, indem Du Deinem Herrn nach wie vor treu dienſt! erwiederte der gerührte Mönch. Mir gebühret und nützet Deine Dankbarkeit nicht! — Das iſt wirklich recht ſchade! verſetzte Peter. Ich fühle mich ob der Geneſung meines Herrn ſo glücklich, wie ich vorhin unglücklich war, und weiß mich vor lauter Freude kaum zu laſſen. Da möchte ich denn auch Euch, der Ihr das Meiſte dazu gethan habt, ebenfalls glücklich machen, wenn ich nur wüßte, womit? — Laß es jetzt nur gut ſein, Menſch, beruhigte ihn der Franziskaner lächelnd. Wenn ich Deiner bedarf, werde ich mich gewißlich an Dich wenden.— — Thut das ja, lieber Herr! bat Peter. Nach meinem guten Herrn und meiner Lieſel ſeid Ihr allzeit der erſte! Aus Lisbeths Blicken ſprach innigeres Dankgefühl, als Worte es auszudrücken vermocht hätten. — Jetzt ſagt mir vor allen Dingen, meine Kinder, wer iſt der Mann, der ſeit geſtern Morgen hier im Hauſe Dienerſtelle verſieht? fragte der Mönch. Ich meine den, der mich in dieſer Nacht gerufen. Peter zuckte mit den Schultern. — Wir wiſſen weiter nichts von ihm, Herr Pater, AEAÖEÖÄÖÄᷓÖRÖ;RÖRAR; als daß er ein Diener des Bürgermeiſters Rycke iſt, erwie⸗ derte er; denn dieſer ſandte ihn geſtern früh, als er erfah⸗ ren, daß Herr Reinhold krank ſei. Da meine Gebieterin, die Jungfer Lisbeth, ſowie auch ich, ſehr wohl wußten, daß Herr Reinhold in der letzten Zeit mit dem Bürgermeiſter auf gutem Fuße geſtanden, ſo nahmen wir des Letzteren Anerbieten, uns den Diener zu unſerer Hülfe zu überlaſſen, ſehr gern an; denn wie Ihr wißt, wagte ſich von Herrn Boytins Dienerſchaft niemand in die beiden Städte, und wir waren mit dem griesgrämigen Hauswart ganz allein im Hauſe. Wir haben, glaube ich, nicht einmal nach ſei⸗ nem Namen gefragt. — Der Mann gefällt mir nicht! verſetzte der Mönch. Leider ſind es jetzt böſe Zeiten, und der Teufel übt ſeine Macht mehr über die Menſchen, als ſonſt; darum trau, ſchau, wem? Könnt Ihr ſeiner Dienſtleiſtungen nicht entbehren, ſo verhütet wenigſtens, daß er dem Kranken zu nahe kommt; ich fürchte, er hat nicht eben die reinſten Abſichten. — Wenn ich Unrath merke, ſo breche ich dem Wicht Arme und Beine entzwei! ſagte Peter. Am beſten aber iſt's wohl, wenn ich ihn alſogleich zum Hauſe hinausjage. Er ſchickte ſich an, ſeinen Worten die That folgen zu laſſen. Lisbeth hielt ihn davon zurück. — Handle nicht zu ſchnell, Peter! ſprach ſie zu ihm. Obwohl ich die Meinung des ehrwürdigen Herrn theile, daß das Angeſicht des Menſchen nicht viel Gutes verheißt, ſo dürfen wir doch nicht verkennen, daß er uns willig in Allem zur Hand gegangen iſt, was wir von ihm verlangten, und daß ſich ſogar eine gewiſſe Theilnahme für den Kran⸗ ken bei ihm kund gab. Auch möchte es Herrn Rycke, der eben erſt eine ungerechte, wenn auch kurze Haft überſtan⸗ den, und der in den letzten Tagen noch anderweites Unglück erfahren, gewiß bitter kränken, wenn wir die ſo freundlich 11* , — 65 3.33 2 464.— geſendete Hülfe ohne triftigen Grund jetzt plötzlich zurück⸗ weiſen. Leider iſt der alte wackere Ehrig, der heut ſich nach dem Kranken zu erkundigen kam, erſt in der vergangenen Nacht von einer Reiſe zurückgekehrt, ſonſt hätte er uns ſicher⸗ lich dieſen geſandt. — Ihr habt in Allem Recht, mein Kind, entgegnete der Mönch; und ich wollte auch nur zur Wachſamkeit an⸗ gerathen haben. Beſonders aber warne ich davor und ver⸗ biete es Euch kraft meines Amtes als Seelſorger und Arzt, dem Verlangen des Menſchen, mit dem Kranken allein ſpre⸗ chen zu dürfen, nachzugeben, wenn er ein ſolches auch an Euch, wie vorhin ſchon an mich, richten ſollte. Ich verbiete es Euch ausdrücklich, ſage ich, und will, daß er ſelbſt durch Gewalt entfernt werde, wenn er dennoch auf ſeinem Verlan⸗ gen verharren ſollte. Ueberhaupt darf außer Euch Beiden niemand, wer's auch immer ſei, mit dem Kranken ſprechen, wenn ich nicht zugegen bin— hört Ihr? — Was könnte dieſer Kerl mit meinem Herrn geheim zu ſprechen haben? verſetzte Peter. Seid unbeſorgt, Chr⸗ würdiger, Eure Anordnungen ſollen befolgt werden, als brächte ſie ein Engel vom Himmel— und was etwa fremde Eindringliche betrifft, ſo verlaßt Euch getroſt auf mich; ich weiß damit Beſcheid, wie man Ueberläſtigen die Wege wei⸗ ſet, wenn ſie ſonſt Fleiſch und Blut haben, wie wir. — Schweige mit Deinem einfältigen Geſchwätz, deſſen Ungrund ich Dir bereits dargethan habe! erwiederte der Mönch verweiſend. — Es war ſo, wie Ihr denkt, wahrlich nicht gemeint, ehrwürdiger Herr! verſetzte Peter. Gott ſoll mich ſtrafen, wenn auch nur die leiſeſte Spur jenes unwürdigen Ver⸗ dachtes— — Genug davon! unterbrach ihn der Pater. Die Glok⸗ ken draußen ſind bereits verſtummt— die erſte Stunde des neuen Jahres iſt mithin verfloſſen— und es iſt Zeit, daß te 165 AAAAAAᷓAᷓAᷓ;AE;Eꝑ männiglich an ſeine Ruhe denkt, wer deren ſo wie ich be⸗ dürftig iſt. Des Kranken Schlaf wird ſicherlich bis zum Tagesanbruch währen, und ſo bedarf's nur Eines, der mich ruft, wenn irgend etwas ſich ereignen ſollte. Sobald er jedoch erwacht, ſei's, wann es ſei, muß man mich gleichfalls rufen. Um ſolches Euch nun zu erleichtern, wünſchte ich, daß ich auf irgend einem Ruhebett in Eurem Hauſe dieſen Zeitpunkt erwarten könnte. Geht dies wohl an? — Mit großer Beruhigung werde ich Euch, ehrwür⸗ diger Herr, unter unſerem Dache wiſſen! entgegnete Lisbeth. Ich eile, Eurem Wunſche, der auch der meine iſt, zu ge⸗ nügen. — Vieler Umſtände bedarf es meinetwegen nicht, mein Kind, fuhr der Mönch fort. Die Zellen meines Kloſters ſind keine Prunkgemächer und ihre Lagerſtätten kennen nicht den weichen Pfühl. Vier Wände und ein Ruhebett genügen. Er betrat noch einmal das Seitengemach, um ſich von dem ungefährlichen Zuſtande des Kranken zu überzeugen, und kehrte zufriedenen Blickes in das Vorgemach zurück, als auch Lisbeth wieder dort erſchien. — Es ſteht alles gut, ſagte er; das wilde Fieber, das in dem Kranken während dreier Tage tobte, hat den Kör⸗ per nicht verwüſten können, und ſeine heiße Gluth hat aus⸗ gelodert. Ich bin gewiß, daß Euer Bruder ſein Lager bald verlaſſen darf. — Und wie der Körper, ſo wird auch der Geiſt ge⸗ ſunden! ſprach Lisbeth. Nicht ſo, ehrwürdiger Herr, das iſt Eure wahrhafte Meinung! — Gewiß, gewiß! bekräftigte der Mönch. Ihr hab doch oft gehört, in welchem Tone— bald grauſe Furcht, bald ſelige Hoffnung ſprach aus ihm— der Kranke in der Fieberhitze oftmals die Stunde erwähnte, die eben jetzt ver⸗ floſſen iſt. Auf ſeine Frage nach der Bedeutung der unge⸗ wöhnlichen Glockenklänge gab ich mit Fleiß ihm die genü⸗ 166 AAAAAꝑAꝑꝓQQꝑQ;ᷓꝑÖOüOOk3 gende Antwort, denn ſie ſollte der Probirſtein ſeiner Gei⸗ ſtesbeſchaffenheit ſein. Das Reſultat fiel ſehr günſtig aus; es war erſichtlich, daß die Fieberphantaſieen nicht mehr ſei⸗ nen Geiſt beherrſchten, denn nur gleich einer leichten Nebel⸗ wolke zog die Erinnerung aus ſeinen Träumen an ihm vor⸗ über, ohne ihn bewältigen oder erſchüttern zu können: ein ſicheres Zeichen, daß der Geiſt wohl matt und leidend, doch keineswegs zerrüttet iſt. Es laſtet etwas auf ihm, wie es ſcheint; doch jene Mittel, von denen ich vorhin ſprach, wer⸗ den die wirkſamſte Arznei gegen das uns unbekannte Uebel ſein. — Ja, es iſt wahr, was Ihr da ſagt, ehrwürdiger Herr! nahm Lisbeth nach kurzem Sinnen wieder das Wort. Schon ſeit dem Tode der geliebten Braut bedruckte ſichtlich etwas ſein Gemüth, das er vor mir ſorfältig geheim hielt, obwohl ſonſt ſeine Seele für mich ein unverhüllter, klarer Spiegel war. Gott gebe, daß es mit der Krankheit weiche! Jetzt aber dürft Ihr nicht mehr länger ſäumen, der Ruhe Euch hinzugeben, fügte ſie hinzu. Peter wird Euch in Euer Schlafgemach geleiten, das auf dem Gange zur Rechten liegt; und ſeid gewiß, daß ich Euch rufen werde, wenn's irgend nöthig ſcheint— — Mit nichten, liebe Tochter! verſetzte der Mönch. Ihr werdet Euch gleichfalls jetzt durch ſanfte Ruhe von den Anſtrengungen der drei letzten Tage erholen, denn Euer zarter Körper iſt ihnen nicht länger mehr gewachſen. Auch dürft Ihr nicht den Burſchen dort erzürnen— fuhr er, auf Peter deutend, lächelnd fort— da Ihr ſeine Hülfe ferner brauchen werdet; man ſieht's ihm an, daß er nicht geſon⸗ nen iſt, ſein Vorrecht als treuer Diener, dem mit Fug und Recht das Schwerſte zu thun gebührt, gutwillig aufzugeben. Ich rathe Euch, laßt ihm diesmal ſeinen Willen! — Ihr ſeid fürwahr ein rechter Mann, Ehrwüuͤrdiger! ſagte Peter, dieſem treuherzig die Hände ſchuͤttelnd. Wäre el ich der Papſt, Ihr müßtet Biſchof ſein— oder umgekehrt wär's wohl beſſer noch! Na, mich habt Ihr zum Freunde Euer Leben lang, und wenn mich oder die Lieſel jemals etwas anficht, ſo laſſe ich nur Euch holen, und wenn's auch mit⸗ ten in der Nacht iſt— darauf verlaßt Euch! — Ich bin mit dieſem Dank zufrieden, ſollten auch, wenn Du ihn ausübſt, meine morſchen Knochen dagegen eifern! erwiederte der Mönch mit freundlichem Lächeln, in⸗ dem er ſich anſtrengte, ſeine Hände dem kräftigen, wohlge⸗ meinten Drucke Peters zu entziehen. Doch nun genug der unnützen Geſchwätze; ein Jeder eile jetzt zu ſeiner Pflicht; die unſere, liebe Jungfer, iſt: zu ruhen. Er verabſchiedete ſich von Lisbeth mit väterlichem Gruße, den dieſe ehrerbietig erwiederte, und verließ in Peters Be⸗ gleitung das Gemach. — Nun, Herrin, folgt dem Gebot des weiſen Mannes, ſprach der Letztere, nachdem er wieder zurückgekehrt war. Es iſt wahrlich an der Zeit. Für meinen guten Herrn werde ich ſchon ſorgen. — Gute Wacht denn, Peter! entgegnete Lisbeth. Nie waren Herr und Diener ſo einander werth! Ich fürchte faſt, Du wirſt den armen Andreas vergeſſen machen! — Wahrlich, außer meiner Lieſel gleicht Euch Keine! verſicherte der durch jenen Lobſpruch auf's höchſte geſchmei⸗ chelte Diener, indem er ſeine junge Gebieterin aus dem Ge⸗ mach geleitete. 12. Als Peter allein war, ging er hinein zu dem Kranken und ſetzte ſich an deſſen Lager nieder, um jede Bewegung des Schlummernden ſogleich wahrzunehmen. Doch bald nö⸗ — 7 —— A —* E 163,„ thigte ihn die ſich fühlbar machende Kälte, die erlöſchende Flamme im Kamin des Vorgemachs, welche Ottokars Schlaf⸗ kämmerlein mit erwärmen mußte, anzuſchüren und mit neuer Nahrung zu verſehen. Er kehrte daher wieder dorthin zurück. — Es ſind nur noch wenige Scheite Holz vorhanden, ſprach er für ſich, indem er ſich bückte, um dieſe aus ihrem Gelaß unter dem Kamin hervorzuholen, und doch weiß ich, daß deren mindeſtens doppelt ſo viele blieben, als ich das letzte Mal auflegte, und dieſe hier ſind noch dazu feucht. Gewiß hat Jungfer Lisbeth inzwiſchen die Flamme verſehen, ohne daß ich's gewahrte. Ich werde noch neues Holz her⸗ beiholen müſſen. Er nahm den ganzen Reſt und warf ihn in die Gluth. Kniſternd ſchlugen die Flammen empor und verbreiteten ſtarke Wolken eines durchdringenden, doch nicht unangenehmen Dunſtes im Gemach. Peter erſtaunte ob dieſer ungewöhn⸗ lichen Eigenſchaft des Holzes; da der Geruch aber immer ſtärker ward, zog er ſorglich den Vorhang am dem Eingange zum Krankenzimmer feſt zuſammen, damit nichts von dem Dunſt dort eindringe, und öffnete dann eine im Fenſter zu dieſem Behufe angebrachte Klappe, um friſche Luft von Außen hereinzulaſſen. Als er ſeinen Zweck erreicht zu haben glaubte, verſchloß er die Klappe wieder, um die Wärme im Gemach zu behalten. — Der ſchläfrige Hauswärtel wird ſich vergriffen ha⸗ ben in dem Holz, meinte er bei ſich, denn dieſes war ge⸗ wiß zu etwas anderem beſtimmt, als im Kamin verbrannt zu werden, und mag ſehr werthvoll ſein. Weenn er den Schaden erſetzen müßte, würd's ihm gar nicht ſchaden. — Jetzt aber fühle ich's doch, daß ich ſeit drei Tagen und drei Nächten nicht aus den Kleidern gekommen bin, fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er ſchon durch Auf⸗ und Abſchreiten im Gemach gegen den plötzlich mit unwiderſtehlicher Gewalt auf ihn eindringenden Schlaf anzukämpfen geſucht hatte. Meine Glieder ſind ſo ſchwer, als wären ſie von Blei, auch meine Augen fangen an zu ſchmerzen. Eine luſtige Sylveſternacht, dieſe! Er ließ ſich auf einen Seſſel nieder; es fiel ihm ſchwer, fich auf den Füßen zu erhalten. — Hineingehen zu dem Kranken darf ich jetzt nicht, ſprach er für ſich; denn ich muß Acht geben, daß der Dunſt nicht überhand nimmt, wenn er von Neuem wieder aufſtei⸗ gen ſollte. Aber ich muß mich hüten, daß ich nicht ein⸗ ſchlafe; ich werde die Augen ſchließen, da ich ſie nicht offen halten kann, und an die Lieſel und die Hochzeit denken, das wird mich wach erhalten. Geſagt, gethan. Aber es war dem guten Burſchen nicht ſo leicht, dem löblichen Vorſatze, nicht zu ſchlafen, unerſchüt⸗ terlich treu zu bleiben; die nach ſo langer Anſtrengung un⸗ ausbleibliche Ermattung, ſowie die Wärme machten ihm den „Kampf ſehr ſchwer, und das einförmige tiefe Athemholen des im Nebengemach Schlafenden, welches aus dem Praſſeln der Flamme im Kamin das einzige Geräuſch war, das in ſeine Ohren drang, trug dazu bei, ihn der Gewalt des mächtigen Bedürfniſſes gegenüber immer widerſtandsloſer zu machen. Die ſeinem inneren Auge vorſchwebende Geſtalt der Lieſel ward immer undeutlicher in ihren Umriſſen, und ſtatt ihrer erſchienen bald höhniſch neckende Kobolde, bald drohende, rieſige Ungeheuer. Dieſem halbwachen Zuſtande— in wel⸗ chem man ſich bewußt iſt, daß man träumt— ſich zu ent⸗ reißen, ſtrengte er ſich an, die Augen wieder zu öffnen. Er ſchien aber dadurch nichts gewonnen zu haben, denn nach⸗ dem er ſchlaftrunkenen Blickes vier bis fünf Sekunden vor ſich hingeſtarrt hatte, fielen die müden Lider wieder matt herab, der Kopf ſank ihm auf die Bruſt, in brummendem Tone ſprach er etwas von„Träumen mit offenen Augen“ und mußte ſich endlich willenlos dem magnetiſchen Zauber hingeben, der Geiſt und Körper immer feſter umſtrickte. Ein ‧‧ꝑò leiſes, doch nicht unbehagliches Fröſteln— ein wohlthuendes Zucken in den Schultern— und er ſchlief. Plötzlich fuhr er jach empor und ſah mit weit aufge⸗ riſſenen Augen nach der Thür, die auf den Gang hinaus⸗ führte. Mehr taumelnd als gehend bewegte er ſich zu die⸗ ſer hin, öffnete ſie und ſchaute mit ungewiſſen Blicken rechts und links um ſich. Der Schein des Feuers drang durch die offene Thür, aber er gewahrte nichts, was ihm ver⸗ dächtig ſcheinen konnte; auch nicht das mindeſte Geräͤuſch ließ ſich hören. Er trat in das Gemach zurück und machte die Thür wieder zu, die er aber diesmal noch mit dem Rie⸗ gel verſchloß. — War mir's doch im Schlafe, ſprach er dann für ſich, indem er ſich die Augen rieb, als wenn jemand hart an mir vorüberſtrich; auch ſchien's zugleich, als würde die Thür geöffnet, denn die kalte Luft von draußen wehte mich an. Habe mich aber doch geirrt! Er ſah nach dem Kamin. Die Flammen praſſelten noch luſtig empor und hatten das Holz noch nicht zur Hälfte ver⸗ zehrt: ein Zeichen, daß er nur ſehr kurze Zeit geſchlafen hatte. Jetzt fühlte er ſich völlig wach. Die Thurmuhren verkündeten den Ablauf der zweiten Morgenſtunde. Von der Gaſſe herauf tönte der Ruf;„Halt!“ und gleich darauf vernahm der Lauſchende den Schall ſchwe⸗ rer Tritte von etlichen Männern, die ſich ſpornſtreichs nach St. Petri zu entfernten. Im Begriff, ein Fenſter zu öffnen, um zu ſehen, was unten vorging, hörte Peter den Kranken tief ſeufzen. Das Pflichtgefühl ließ ihn die Neugierde vergeſſen. Leiſen Schrit⸗ tes begab er ſich in das Nebengemach. Ottokar hatte die Augen geſchloſſen. Meinend, daß der Kranke ſchlafe, zog er ſich geräuſch⸗ los in den Hintergrund des Gemachs zurück und lehnte ſich ſtehend an die Wand, um ſeinerſeits dem Schlafe, wenn 171 AAAANANNRARNR dieſer ſich wieder bei ihm geltend machen ſollte, beſſer wi⸗ derſtehen zu können, indem er ſich zugleich vornahm, nicht wieder hinauszugehen. Nach kurzer Zeit bemerkte der treue Wärter, daß Otto⸗ kar die Augen aufſchlug, ſcheu den Kopf zur Seite wandte, wo der Tiſch mit Arznei⸗ und Trinkgläſern ſtand und dann mit dem Arme eine Bewegung dorthin machte. — Wiuunſcht Ihr etwas, lieber Herr? fragte Peter jetzt, indem er an das Bett trat. Der Kranke ſchreckte bei dem erſten Worte ſichtbar zu⸗ ſammen. Als er aber ſeinen Diener erblickte, der ſich, ſeine Frage wiederholend, über ihn beugte, athmete er beruhigt auf. — Du biſt's, Peter? ſprach er dann. Sage mir, was wollte denn jener? — Wen meint Ihr, Herr Reinhold? entgegnete Peter aufhorchend. — Haſt Du ihn nicht geſehen? fragte Ottokar. Oder kommſt Du erſt jetzt? — Ich war ja immer bei Euch, lieber Herr! ſprach der beſtürzte Diener. Wen aber meint Ihr, der hier ge⸗ weſen ſei? — Dann habe ich, wie alles Andere, auch dieſes wohl nur geträumt, erwiederte Ottokar mit mattem Lächeln. Und doch glaubte ich ihn ſo deutlich, wie jetzt Dich, hier am Tiſche ſtehen zu ſehen. Ich weiß nicht, warum mir ſein Anblick Furcht und Grauen einflößte, welche Gefühle ich doch ſonſt nie gekannt; darum eben kann ſeine Erſcheinung hier auch nur ein Spiel meiner Phantaſie geweſen ſein. Gieb mir doch ein wenig zu trinken, guter Peter; mich dür⸗ ſtet gar ſehr! — Jungfer Lisbeth hat fuͤr friſchen Trank geſorgt, wäͤh⸗ rend ich den Pater in ſein Schlafgemach führte, dachte Peter, als er ſah, daß der Trinkbecher des Kranken, in welchem die vom Mönche verordnete Labung zubereitet ward, und der 172 AAAAAARARAᷓA;N;RAN; leer geweſen, als er mit dem Pater und Lisbeth das Ge⸗ mach verlaſſen, jetzt bis zum Rande gefüllt war, was er ſelber zu thun vergeſſen hatte. — So braucht mein Herr doch nicht wegen meiner Unachtſamkeit noch länger Durſt zu leiden! Er reichte dem Kranken den Trank. Schon berührten Ottokars Lippen den Becher, als Pe⸗ ter dieſen plötzlich mit ſo großer Heftigkeit wieder zurückriß, daß faſt ſein ganzer Inhalt auf den Fußboden verſchüttet ward. Einem drohenden Geſpenſte gleich war der Gedanke in ihm aufgeſtiegen: — Wenn ſich dennoch jemand eingeſchlichen hätte— wenn der Becher Gift enthielte. Und blitzſchnell war dem Gedanken die unwillkürliche Bewegung gefolgt. — Was beginnſt Du, Peter? fragte Ottokar, verlan⸗ gend die Hände nach dem Becher ausſtreckend. — Der Trunk war verdorben, Herr! ſtammelte der Diener. Er hätte Euch geſchadet! Einmal von Argwohn erfüllt, wagte Peter jetzt nicht, von dem Inhalt der frei auf dem Tiſche ſtehenden Flaſchen und Gläſer ein anderes Getränk zu bereiten; er eilte hinunter in den Hof, wo ſich ein Brunnen befand, und kehrte athem⸗ los mit einer Kanne friſchen Waſſers zurück. — Trinkt hiervon, lieber Herr! bat er. Unſer Herr⸗ gott kann ja dem Waſſer dieſelbe Kraft verleihen, wie den künſtlichen Arzneien. Ottokar trank das Waſſer in langen Zügen. — Habe Dank, Du treue Seele! ſprach er, nachdem er ſich erlabt. 3 — Ach, Herr Rekhold, ich bin Euch ja mehr als dies ſchuldig! erwiederte Peter. Ich thue überdies nur meine Pflicht, während Ihr mich immer mit Güte überhäuft habt. Wahrlich, ich müßte undankbarer als der Kukuk⸗Vogel ſein, ————— »———.—— 173 ANAAAARRNARæE wenn ich für Euren Dienſt nicht Tag und Nacht bereit ſein wollte! — Ich werde Euch nur noch kurze Zeit zur Laſt fal— len, fuhr Ottokar fort. Bald wird es anders mit mir ſein. — Ihr irrt Euch gewaltig, lieber Herr! verſetzte Peter eifrig. Noch recht lange wird es ſo mit Euch bleiben— das heißt: auch wieder nicht. Nun, kurz und gut, Ihr wer⸗ det bald geneſen, ſtatt zu ſterben; das iſt ſchon ausgemacht! — Ich meinte es nicht ſo, wie Du's verſtandeſt, erwie⸗ derte Ottokar lächelnd. Er reichte dem Diener die Hand, welche dieſer küßte, und wandte ſich dann zur Seite. Peter ſtellte ſich wieder an den Platz, den er vorhin eingenommen. Es ward dem Burſchen doch ſchier ſonderbar zu Muthe, als er jetzt Zeit hatte, Ottokars Reden mit dem zu vergleichen, was er ſelber im Schlafe gewahrt zu haben glaubte. Eine früher ſchon gehegte Beſorgniß tauchte wieder in ihm auf und erfüllte ihn mit Furcht und Zweifel. Er bekreuzte ſich und in Gedanken auch den Kranken ein Mal über das an⸗ dere, und rief im Stillen Gott und alle Heiligen an zum Schutze für ſich und Ottokar. Des Letzteren Ruf unterbrach nach einiger Zeit ſeine fromme Beſchäftigung. — Sage mir, ob Du jemals den Doktor Pignetti ge⸗ ſehen haſt? fragte ihn der Kranke. — Nein, lieber Herr! antwortete Peter. Ich trage auch nicht großes Verlangen danach, denn von ſeinen Wun⸗ dern, von denen ſo viel Aufhebens gemacht wird, halte ich nicht mehr viel, ſeit ich erfahren, daß er nicht einmal Eure Jungfer Braut geſund machen konnte. Und bei Euch war's doch der Mühe werth, daß er ſeine Kunſt bewies! Ottokar ſeufzte ſchmerzlich. — Du warſt wirklich in dieſer Nacht beſtändig um mich? fragte er nach einer Pauſe weiter. — Das heißt, ich war im Vorgemach, erwiederte Peter verl egen. Und da— da— 174 AAAAAᷓAAAA — Da ſahſt Du ihn! fuhr Ottokar heraus. — Ich war dort nur auf etliche Augenblicke einge⸗ ſchlafen, was ich ſchon vorhin zu bekennen mich ſchämte, geſtand jetzt Peter. Ich vermocht's nicht über mich zu ge⸗ winnen. Ottokar ſchloß ſinnend die Augen. — Mirr iſt erinnerlich, als hätte ich ſagen hören, daß in dieſer Nacht ein neues Jahr angebrochen ſei, begann er nach einer Weile wieder. Sprich, Peter, iſt dem ſo? — Denm iſt ſo, Herr, beſtätigte der Diener. Ottokar nickte bedeutſam mit dem Kopfe. — Ihn hinderte nichts am Worthalten! murmelte er leiſe vor ſich hin. Er war hier— warum erfüllte er nicht ſeine Zuſage? — Sagtet Ihr mir eben etwas, Herr Reinhold? fragte Peter. — Nein, wackerer Burſche, entgegnete Ottokar. Mache Dir meinetwegen keine Sorge; ich will verſuchen, wieder ein wenig zu ſchlafen, denn dann iſt mir am wohlſten! Peter trat wieder zurück und gewahrte bald, daß Ot⸗ tokar in Schlummer ſank. Sehnſüchtig wünſchte er den Mor⸗ gen herbei; die ſonſt ſo leicht befiederten Schwingen der Zeit ſchienen heute von Blei zu ſein und die Stunden dünkten ihn Ewigkeiten. Noch vor Tagesanbruch jedoch ward leiſe an die von ihm verriegelte Thür des Vorgemachs geklopft. Es war der Mönch, der Einlaß begehrte. — Bin ſchon früh wieder da, Sohn! ſagte dieſer. Das Alter ermattet zwar ſchneller, als die friſche Jugend, aber es begnügt ſich auch mit kürzerer Ruhe. Doch woher der betäubende Dunſt, den ich hier wahrnehme— und wie ſtehſt Du aus, Burſche? Sprich, was iſt vorgefallen wäh⸗ rend der wenigen Stunden meiner Abweſenheit— wie iſt es dem Kranken ergangen? — Mit dem Kranken ſteht es gut— und was ſich weiter in der Nacht ereignet, ſollt Ihr bald von mir er⸗ fahren, verſetzte Peter, indem er ſich von dem Mönch los⸗ machte. Schon lange erſehnte ich dieſen Augenblick, der meinen Herrn ſicheren und treuen Händen übergiebt, um der Sache auf den Grund zu kommen. Eure Warnung war ſehr nöthig, Herr! Er ließ den ihm betroffen nachblickenden Mönch in der geöffneten Thür ſtehen und eilte die Stiegen hinab. Unten an der Thür des Hauswärtels verweilte er lau— ſchend einige Augenblicke; dann trat er ſchnell ein. Ein zwiefacher Neujahrsgruß ſcholl ihm entgegen. Er fand den Hauswärtel noch im Bette liegend; der fremde, von Rycke geſandte Diener aber hockte vor dem Ka⸗ mine und bereitete die Morgenſuppe. Bei Peters Eintritt hatte er ſich haſtig zu dieſem umgewandt. — Wie ſteht es mit dem kranken Herrn, mein Freund? fragte er ihn. Wird er nicht bald wieder das Bett ver⸗ laſſen können? — Der Henker mag vielleicht Dein Freund ſein! ver⸗ ſetzte Peter halblaut, doch ſo, daß jener es hören mußte, und wandte ſich dann zu dem Hauswärtel, mit der Auf⸗ forderung, ihm ungeſäumt zu folgen, da er ihm beim Kran⸗ kendienſt behülflich ſein ſolle. — Weshalb nimmt man mich nicht dazu? fragte der Fremde wieder. Hat mich Herr Rycke doch zu dieſem Zwecke hergeſandt! — Darum geziemt es Dir, zu gehorchen, nicht zu fra⸗ gen, entgegnete Peter. Wenn man Deiner bedarf, wird man Dich rufen. — Du biſt ſehr ungeſchliffen gegen Deines Gleichen! erwiederte jener. Magſt in der Neujahrsnacht wohl nicht gut geſchlafen haben— wie? Peter würdigte ihn keiner Antwort; er trieb den lang⸗ NRN ſamen Hauswärtel zur Eile an und verließ, als dieſer ſich bekleidet, mit ihm das Gemach. — Der Burſche ſcheint mir nicht recht zu trauen, ob⸗ wohl ich mich in Allem unverdroſſen zeige, ſprach der Fremde jetzt für ſich. Und dennoch muß ich ihn für mich gewinnen, denn nur durch ihn gelange ich zum Kranken, den er, gleich⸗ wie der Drache einen Schatz, bei Tag und Nacht behütet. Was freundliche Reden nicht bewirken, das thut vielleicht ein ander klingend Mittel. Und heute noch muß ich in's Reine kommen; es können viele Tage noch vergehen, bevor der Kranke das Gemach verläßt, und alles Mögliche habe ich bereits gethan, um meine fieberhafte Ungeduld nur noch bis jetzt zu zügeln. Geht es nicht anders, nun, ſo muß ge⸗ ſchehen, was nöthig iſt. Obwohl der Burſche mir ſehr wohl gefällt, ſo darf er mir doch ferner nicht im Wege ſtehen, und Zigeuner, Mähre, Schleſter oder Märker— im Grunde bleibt es ſich doch immer gleich! Und Oſiris— der unter der Verkappung eines ge⸗ ſchmeidigen Dieners ſich in dieſes Haus einzuſchleichen ge⸗ wußt— Oſiris war in dieſen Augenblicken, wo er ſich al⸗ Alein ſah, ganz ſo, wie ihn ſeine Zigeuner zu ſehen gewohnt waren. — Du ſollteſt glimpflicher mit unſerem Gefährten um⸗ gehen, ſagte der Hauswärtel zu Peter, als Beide über den Korridor ſchritten. Er verdient nicht, daß Du ihn ſo rauh behandelſt, denn niemand kann freundlicher und gefälliger ſich erweiſen, als er. Ich habe mir vorgenommen, unſern Herrn bei erſter Gelegenheit anzugehen, ihn in ſeinen Dienſt zu nehmen, zu dem er große Luſt zu haben ſcheint. Peter war nicht geneigt, dem Alten hierauf zu ant⸗ worten. Er führte ihn in ein abgelegenes Kämmerlein, deſſen Thür er zu ſeines Begleiters größter Verwunderung ſorgfältig verriegelte. — Wenn Du mich ferner zum Freunde willſt, wandte ——— er ſich jetzt zu dem Hauswärtel, ſo verſchweige beileibe nichts von dem, was Du auf meine Fragen zu antworten weißt! Das Leben unſers Herrn, und ſomit Dein ferneres Brod, hängt von der Wahrheit ab; und läßt Du Dich bei einer Lüge ertappen, ſo genade Dir Gott— das merke Dir vor allen Dingen! — Um aller Heiligen willen— was haſt Du mit mir vor? entgegnete der durch dieſe Drohungen erſchreckte Haus⸗ wärtel, der ſich nach dieſer Einleitung nichts Gutes ver⸗ ſehen mochte. — Gieb Antwort, alter Schleicher, aber winſele nicht! fuhr ihn Peter an. Was hat Dein Bettgefährte in der ver⸗ gangenen Nacht gemacht? Du ſchweigſt? Heraus mit der Sprache, ſage ich Dir, oder— — Werde nicht gleich ſo wüthend, Menſch, ſprach der Hauswärtel, furchtſam zurückweichend. Hätte freilich nicht daran Theil nehmen ſollen, bin aber auch dafür geſtraft worden. Hat doch jeder ſeine Schwachheiten! — Und die meinige iſt, Dich zu erwürgen, wenn Du mich noch länger hinzuhalten verſuchſt! drohte Peter. Woran haſt Du Theil genommen, frage ich Dich! Keine Ausflüchte weiter, ſonſt mußt Du zur Stelle den Dienſt meiden, dar⸗ auf verlaß Dich! Die letztere Drohung ſchien dem Hauswärtel, der wohl ſelten ein rein Gewiſſen haben mochte, gewichtiger noch als die erſte, denn Peter hatte ſich durch ſeine treuen, unermud⸗ lichen Dienſtleiſtungen ein großes Anſehen im Hauſe, be— ſonders bei der jungen Gebieterin, erworben, welches dieſer Drohung den gehörigen Nachdruck zu verleihen wohl im Stande war. Da er vermuthete, daß Peter einen Theil deſſen, was er ihm gern verſchwiegen hätte, ſchon wußte, ſo entſchloß er ſich, die volle Wahrheit zu bekennen. — Ich will ja gern alles geſtehen, wenn Du mir dar⸗ über gegen die Herrſchaft zu ſchweigen verſprichſt, begann er. Die ſchwarzen Brüder. II. 12 mA Als der fremde Diener mit dem Mönch zurückkehrte, fror mich ſehr in meinem Gemach, denn die Nacht war kalt, das Holz verbrannt und ich hatte nicht Luſt, um Mitternacht neues zu holen. Da es Neujahrsnacht war, ſo machte mir jener den Vorſchlag, noch eine Kanne heißen Weines zu leeren, und ging ſelbſt nach Keller und Küche, um das Ge⸗ tränk zu bereiten. — Du gabſt ihm die Schlüſſel? fuhr Peter auf. — Ich weiß wohl, daß ich gegen meine Pflicht fehlte, erwiederte der Alte; doch dachte ich auch wieder: der Keller enthält ſo viel des edlen Weines, daß Herr Reinhold gewiß nicht darob erzürnt ſein würde, wenn ich einen Becher auf ſeine baldige Geneſung leerte. Und ſo geſchah es auch. Wir ſprachen viel vom guten Herrn, und auch von Dir, lieber Peter, war die Rede. Unſer Gefährte wünſchte recht ſehr, mit Dir gute Freundſchaft und Brüderſchaft zu halten! — Um auch mich bei erſter Gelegenheit meiner Pflicht abwendig zu machen! verſetzte Peter. Während Dein armer Herr oben zwiſchen Leben und Tod ſchwankte, fuhr er fort, ſoffeſt Du Dich alſo unten voll, bis Du das Biſſel Beſin⸗ nung, was Du noch haſt, vollſtändig verlorſt, wie eine Ratte ſchliefſt und den ſchlauen Hallunken ſchalten und walten lie⸗ ßeſt nach Wohlgefallen— nicht ſo? — Leider war's juſt umgekehrt, entgegnete der Haus⸗ wärtel. Kein Auge konnte ich zuthun in der ganzen Nacht, während der Andere gleich einem Murmelthier ſchlief und nicht zu erwecken war, obgleich ich, zum Tode erſchreckt, ihn rüttelte und ſchüttelte nach allen Kräften. Bin jetzt noch ganz krank von der ausgeſtandenen Angſt. Hu— es war gräßlich in dem Augenblicke, und hätte mich nicht mein Ge⸗ fährte vorhin weidlich ausgelacht und mir bewieſen, daß es nur der Zugwind geweſen, der mich geneckt— ich glaube, ich ſtürbe jetzt noch vor Angſt! fror das nacht mir 3 zu Ge⸗ olte, eller ewiß auf Wir leber ſehr, dcht rmer fort, — Was gab's denn? fragte Peter, dem ſelbſt ganz unheimlich zu Muthe ward. — Ich ſaß behaglich im Lehnſtuhl, denn der heiße Wein war mir gut bekommen, während der Andere mit dem Kopfe auf dem Tiſche lag und ſchlief, fuhr der Hauswärtel fort. Da kam's— tripp! trapp!— die Stiege herunter. Ich glaubte, Du ſeiſt es, und machte leiſe die Thür auf, um Dich hereinzurufen, denn es war noch ein Reſtlein von dem Trank vorhanden und ich meinte es gut mit Dir. Wie ich hinaustrete, faßt es mich eiskalt an, ohne daß ich wen ſehe, und huſch! fährt's zur Hausthür hinaus, die plötzlich halb offen ſteht, obgleich ich d'rauf ſchwören möchte, daß ich ſie hinter dem Mönch verſchloſſen hatte. Gleich darauf ging oben eine Thür auf und wieder zu. Halbtodt taumelte ich in's Gemach zurück und ſuchte meinen Gefährten zu erwecken — aber vergebens. Ich verkroch mich unter die Bettdecke und habe kein Auge zugethan während der ganzen übrigen Zeit bis jetzt, denn an den Zugwind dachte ich nicht. Peter ſchwieg nachdenklich, bis ihn endlich der Haus⸗ wärtel fragte, ob er nun wieder gehen könne, da die Mor⸗ genſuppe gewiß fertig ſei. — Kannſt Du auf Deiner Seelen Seligkeit beſchwö⸗ ren, daß alles wahr iſt, was Du da geſagt haſt? fragte Peter. — Gleich zur Stelle will ich's thun! betheuerte der Hauswärtel. — Nun ſage ich Dir noch Eins, fuhr Peter nach einer Weile fort. Wenn Du Dich unterſtehſt, von der Geſchichte nur ein einzig Wörtlein weiter zu plaudern, ſo— — Ich will ja gern ſchweigen, wenn Du nur daſſelbe thun willſt! unterbrach ihn der Hauswärtel froh. Mir liegt wahrlich nichts daran, daß die Herrſchaft meine Schwach⸗ heit erfährt! Peter öffnete die Thür. — — So gehe jetzt und bringe Holz herauf, aber nicht wieder ſolches, wie das von geſtern Abend! gebot Peter. Sperre Deine Augen beſſer auf, daß Du Dich nicht wieder an dem vergreifſt, was nicht dazu beſtimmt iſt, die Gemä⸗ cher zu erwärmen. Ohne auf die widerſprechende Antwort des Hauswär⸗ tels zu achten, wollte er ſich zu dem Kranken begeben. Im Vorgemach fiel ſein Blick auf den Kamin, deſſen Flamme wieder dem Verlöſchen nahe war, und zugleich gewahrte er, daß an dem gewöhnlichen Platze noch Holz vorräthig lag, obgleich er ſich bewußt war, kurz zuvor, ehe ihn die Mü⸗ digkeit überwältigt hatte, den letzten Reſt verbraucht zu haben. — Muß doch wohl halb im Schlafe geweſen ſein! dachte er. Aber mit dem Zugwind hat's eine eigne Be⸗ wandtniß. Großer Gott, wenn's doch der Gottſeibeiuns geweſen wäre, der meinen armen Herrn— Lisbeth trat in dieſem Augenblicke ein. — Ich komme, Deine Stelle einzunehmen, lieber Peter, ſagte ſie nach freundlichem Morgengruß zu ihm. Du mußt endlich der Ruhe pflegen, denn man ſieht's Dir an, daß Dir ſolche nöthig iſt. Schläft mein Bruder noch? — Vor einer Viertelſtunde war er noch nicht erwacht, erwiederte Peter. Obgleich dieſe Worte nur in gedämpftem Tone gewech⸗ ſelt worden, ſo ſteckte doch der Mönch den Kopf durch den Vorhang und legte zum Zeichen, daß man ſchweigen möge, den Finger auf ſeinen Mund. Als ſich Lisbeth ihm mit fragendem Blicke nähern wollte, winkte er gebieteriſch mit der Hand, daß ſie fern bleiben ſolle, und zog dann den Vorhang dicht zuſammen. — In bangem Fürchten blickte Lisbeth auf Peter, um von ihm durch ein Zeichen Auskunft zu erhalten; doch die⸗ ſer, ſelbſt auf's Höchſte betroffen, zuckte nur mit den Achſeln. —— 181 AAANRSD Keiner von den Beiden wagte ſich von der Stelle zu rühren, wo ſie eben ſtanden. Aus dem Seitengemach her vernahm man Ottokars Stimme, der in dem gedämpften, undeutlichen Tone eines Träumenden ſprach. Aus den bald längeren, bald kürzeren Pauſen, die der Kranke machte, ſowie aus dem abwechſeln⸗ den Heben und Senken der Stimme ſchien hervorzugehen, daß er im Traume mit Jemand ſpreche. Doch mit ſo gro⸗ ßer Spannung und Aufmerkſamkeit Lisbeth und Peter auch lauſchten— der durch den feſt zugezogenen Vorhang noch mehr gedämpfte Klang der Stimme ließ ſie kein Wort des Kranken verſtehen. Endlich ſchien der Kranke erwacht, zu ſein, denn man hörte, wie er ſich auf ſeinem Lager bewegte, und vernahm zugleich ſein tiefes Aufathmen. Der Mönch ſprach einige leiſe Worte zu ihm, die Ottokar mit: — Ja, mein Vater! beantwortete. Noch wagten die im Vorgemach Harrenden nicht, ſich zu nähern. Jetzt hörte man an dem Klirren einiger Gläſer, daß der Mönch im Begriff ſei, dem Kranken einen Trank zu bereiten. Dies wahrnehmen, ſeines Argwohns von vorhin gedenken, mit dem Rufe:„Halt! halt!“ in das Kranken⸗ gemach ſtürzen und dem Pater die eben in der Hand gehal⸗ tene Phiole entreißen— das alles war bei Peter das Werk weniger Sekunden. Mit zürnender Miene wandte ſich der Mönch zu dem Ruheſtörer; doch mochte er deſſen Gedanken alſobald aus dem Entſetzen, welches Peters Angeſicht ausdrückte, errathen, denn noch ehe dieſer ein Wort weiter hervorbringen konnte, legte er haſtig ſeine Hand auf deſſen Mund, um jede Un— vorſichtigkeit zu verhindern, ſah ihn einige Sekunden for⸗ ſchend an, nuhm ihm dann die Phiole wieder aus der Hand, die er ſorgfältig prüfend gegen das Licht der Ampel hielt, — - und träufelte von der darin enthaltenen Flüſſigkeit einige Tropfen auf ſeine flache Hand, von der er ſie langſam und bedächtig aufſog. Nachdem er den Inhalt der anderen noch auf dem Tiſche befindlichen Gläſer einer gleichen Prüfung unterzogen, welche Peter in höchſter Spannung, Lisbeth aber, die dieſem unwillkürlich gefolgt war, in beſtürztem Staunen zuſchaute, ſchuͤttelte er endlich, zu Peter gewandt, lächelnd mit dem Kopf, bereitete ohne fernere Bedenklichkeit den Trank und flößte Ottokar, der auf nichts, was um ihn her geſchah, zu achten ſchien, etliche Löffel voll von demſelben ein. Er deutete den Beiden noch einmal an, daß ſie ſchweigen ſoll— ten, ſetzte ſich dann zu dem Fußende des Bettes nieder und betrachtete aufmerkſam das Antlitz des Kranken, deſſen Augenlider ſich wieder geſchloſſen hatten. Dann und wann erhob er ſich, um Ottokars Pulsſchlag zu prüfen. Nach einer Stunde ungefähr, als bereits das Licht des Tages durch die Fenſtervorhänge drang und die Glocken zum Gottesdienſte riefen, wandte ſich der Mönch zu Lisbeth. — Eurer Obhut, meine Tochter, übergebe ich jetzt den Kranken, ſagte er zu ihr. Mich rufen die Glocken jetzt in den Tempel, um dort meine Pflicht gegen Gott, nicht min⸗ der aber auch die gegen Euern Bruder zu erfüllen, und der arme Burſche dort bedarf des Schlafes, ſonſt giebt er noch mehr ſo unſinnigen Zeuges an, wie Ihr vorhin geſe⸗ hen. Doch würde ich Euren ſchwachen Kräften nicht allein die Krankenwacht zumuthen, wüßte ich nicht, daß dieſer Dienſt keine großen Anſtrengungen fordert, denn bis um Mittag, wo ich wieder hier ſein werde, wird der Kranke nichts be⸗ dürfen; auch habt Ihr nicht zu fürchten, daß er Euch durch wirre Fieberreden erſchrecken wird, wie an den vergangenen Tagen, denn ſein Schlaf iſt feſt und ruhig. — Geht mit Gott, mein Vater, entgegnete Lisbeth, die Hand des Mönches küſſend, und ſeid überzeugt, daß ich meine Pflicht keine Sekunde aus den Augen ſetzen werde, 183 ; wozu Ihr Gottes Beiſtand für mich anrufen möget. Und auch Du, Peter, folge dem Gebot des frommen Herrn, da⸗ mit mein Bruder bei ſeiner Geneſung die Freude hat, trotz Deiner unſäglichen Anſtrengungen und Sorgen um ihn Dich dennoch wohlauf zu ſehen. — Komm gleich mit mir, wandte ſich der Mönch zu Peter, mit dieſem insgeheim einen Blick des Einverſtänd⸗ niſſes wechſelnd. Komm gleich mit mir, damit ich mich über⸗ zeuge, daß Du meinem Befehl Folge leiſteſt. Des Arztes Pflicht iſt nicht allein, die Geneſung der Kranken zu för⸗ dern, ſondern auch das Cekranken der Geſunden nach Kräf⸗ ten zu verhindern. Er nahm Peter bei der Hand und ging mit ihm nach dem Gemach, in welchem er ſelber die Nacht zugebracht hatte. — Nun, ſage mir, Burſche, was Dir während der Nachtwache zugeſtoßen iſt, nahm er hier das Wort. Ich ſehe Dir's an, daß etwas geſchehen ſein muß, was Dir wenigſtens außergewöhnlich ſcheint, und daß Dir die Ge⸗ heimhaltung deſſelben faſt das Herz abſtößt. Nun, ſprich's frei heraus; ich werde Deinen Albernheiten in chriſtlicher Geduld zuhören. Nicht ohne hin und wieder einen ſcheuen Blick um ſich zu werfen, berichtete Peter mit gewohnter Umſtändlichkeit, die oftmals die angelobte Geduld des Mönches auf harte Probe ſtellte, alles, was er ſelber geſehen und gehört zu haben meinte, ſo wie er auch die von Ottokar in der Nacht an ihn gerichteten Fragen und ſeine ſpätere Unterredung mit dem Hauswärtel Wort für Wort wiederholte. — Hml brummte der Mönch für ſich, als Peter end⸗ lich mit ſeinem Berichte fertig war. Wenn man das Ge⸗ trätſch des Burſchen mit den Traumreden des Kranken von vorhin vergleicht, ſo muß man doch am Ende, ſo ſehr man ſich auch dagegen ſträuben möchte, zu der Ueberzeugung 184 Z kommen, daß irgendwie eine finſtere Macht hier ihr Spiel treibe. — Um Gott, Herr Pater, ſollt's wirklich ſo um mei⸗ nen armen Herrn ſtehen, wie ich gleich von Anfang an glaubte? rief Peter in Angſt. Giebt's denn kein Mittel, dem Gottſeibeiuns den Braten aus den Klauen zu reißen— oder könnt Ihr ihn nicht hercitiren, daß ich ihn faſſen kann? Er ſoll mir dann nicht wieder entwiſchen, wie vor etlichen Tagen da unten, und wir ſind dann für immer von ihm befreit! — Halte das Maul mit Deinem aberwitzigen Gewäſch! fuhr ihn der Mönch ärgerlich an. Wer heißt Dir, mich zu belauſchen, fürwitziger Burſche? Schau hin, dort ſteht er hinter Dir und ſtreckt die Krallen nach Dir aus. Peter, dem jene Worte in der Angſt ſeines Herzens entfahren waren, ſprang jach zurück, griff nach dem Kreuze, welches mit dem Roſenkranze am Gürtel des Paters hing, und ſtarrte mit einem Geſicht, dem das Entſetzen aus allen Zügen ſprach, nach der Stelle hin, auf die der Mönch ge⸗ deutet hatte. — Das war die Strafe für Deine Prahlerei, Du, mein rechter Held! rief dieſer jetzt lachend. Merke Dir's, der Menſch ſoll ſich nie vermeſſen, etwas thun zu wollen, das über ſeine Kräfte geht; die Strafe folgt ſonſt auf dem Fuße nach. Doch laß es jetzt nur gut ſein, ſetzte er freundlich hinzu, als er Peters tiefe Beſchämung gewahrte; Du haſt's bei der Geſchichte in jener Nacht gezeigt, daß Dir das Herz auf dem rechten Flecke ſitzt; aber wahre künftig beſſer Deine Zunge! — Es war übrigens eine ſehr löbliche Vorſicht, daß Du dem Kranken nicht von den Arzneien gabſt, die auf dem Tiſche ſtanden! fuhr der Mönch nach kurzem Sinnen fort. Dies iſt im Stande, mich mit Deinen übrigen Dummheiten und Fehlern auszuſöhnen. Der Verdacht einer beabſichtigten 185 Vergiftung lag freilich auch zu nahe, als daß ſelbſt ein Menſch wie Du nicht hätte darauf fallen ſollen, beſonders nach meiner vorhergegangenen Warnung. Gott ſei Dank, daß ſich dieſer Verdacht nicht beſtätigt hat! — Ihr ſeid doch deſſen ganz gewiß, Ehrwürdiger? wagte Peter zu fragen. — So iſt's, erwiederte der Pater. Das kleinſte Atom eines fremden Stoffes hätte ich aus meiner Arznei heraus⸗ gefunden. Dennoch aber räth die Sache zu fernerer Vor⸗ ſicht. Thue es daher Deinem Herrn zu Liebe und ſchlafe auf dem Lehnſtuhl im Vorgemach, damit Du zur Hand biſt, wenn etwas Fremdes kommen ſollte. Dein Körper wird auch dort Erholung finden, und ein gut Gewiſſen iſt jeder⸗ zeit das beſte Ruhekiſſen— — Mit Freuden will ich alles thun, wenn's meinem guten Herrn gilt! verſicherte Peter. — Noch Eins! fuhr der Mönch fort. Sage der Jung⸗ fer nichts davon, was Du ſammt dem betrunkenen Haus⸗ wärtel in der Nacht geträumt haſt, und mache irgend eine Nothlüge, wenn ſie Dich frägt, warum Du ein ſo unbe⸗ quemes Ruhelager Dir erſehen. Gott wird Dir und mir die Sünde vergeben. Doch kannſt Du ihr ſagen, daß ich den fremden Diener fortgeſchickt habe, da Ihr ohne ihn fer⸗ tig werden könnt. Wenn Du den Hauswärtel ſiehſt, ſo ſchärfe ihm ebenfalls noch einmal ein, daß er das Maul hält; daß Du dies ſchon vorhin thateſt, iſt ein Zeichen, daß doch wenigſtens hin und wieder ein Fünkchen Verſtand in Dir aufblitzt, was für die Zukunft einige Hoffnungen für Dich erweckt. Und zum Letzten: Da Du jetzt die Rechnun⸗ gen für das Haus führſt, ſo magſt Du mir zehn bis zwölf Weißpfennige) geben, deren ich bedarf. *) Ein Weißpfennig war eine klleine Silbermünze und hatte den Werth von 9 Pfennigen unſeres Geldes. MRÖl. — Und wenn der Kranke erwacht, oder ſonſt etwas mit ihm vorfällt, darf ich Euch dann aus Eurer Kirche hier⸗ herrufen laſſen— und wen ſoll ich alsdann ſchicken? fragte Peter, dem Mönch einige kleine Münzen reichend. — Der Kranke wird bis Mittag und länger noch nicht erwachen, denn er hat einen Schlaftrunk erhalten, der ihm ſehr dienlich war, entgegnete der Mönch ausweichend. Ich werde zu rechter Zeit hier ſein. Behüte Euch insgeſammt Gott! Er reichte Peter mit väterlichem Wohlwollen die Hand und verließ mit dieſem das Kämmerlein. Peter verfügte ſich, der erhaltenen Anweiſung gemäß, wieder in des Kranken Vorgemach, und der Mönch ſtieg die Treppe hinab. — Habe nie einen wackerern und auf ſeine Art ver⸗ ſtändigern Burſchen gekannt, als den Peter, dachte der Letz⸗ tere bei ſich. Aber ich laß es ungern einem merken, daß ich ihm beſonders gewogen bin, wenn ich ihm auch hin und wieder gerechtes Lob zur Aufmunterung ertheile; es iſt beſ— ſer ſo! Unten trat er in des Hauswärtels Gemach, wo er Rycke's vermeintlichen Diener vorfand. — Man bedarf hier im Hauſe Deiner Hülfe nicht mehr, ſagte er zu Oſiris; Jungfer Lisbeth hat mich daher beauftragt, Dich mit dem beſten Danke für die erwieſene Freundlichkeit Deinem Herrn zurückzuſenden. Nimm dieſe Kleinigkeit für Deine Dienſte! fügte er hinzu, ihm die von Peter erhaltenen Geldſtücke darbietend.. Oſtris Lippen umzuckte höhniſche Verachtung beim An⸗ blick der für damalige Zeiten und für ihren Zweck verhält⸗ nißmäßig nicht ganz geringen Summe, von der ein Tage⸗ löhner wohl mehrere Tage leben mußte und damals auch leben konnte; doch ſchnell ſeiner angenommenen Maske ge⸗ denkend, ſtreckte er gleich darauf ſeine Hand nach dem Ge⸗ AAA ſchenk aus und ſteckte unter mehreren widrig freundlichen Dankſagungen und mit einem überaus tiefen Bückling das Geld zu ſich. — Darf ich meinem geſtrengen Herrn die glückliche Kunde von Herrn Reinholds Geneſung bringen? fragte er dann. — Das magſt Du thun, erwiederte der Mönch. Gehe indeſſen nur immer nach Hauſe und beſtelle Jungfer Lis— beths freundlichen Gruß. Oſiris hüllte ſich in den alten Mantel, den er als Pſeudo⸗Diener getragen, und verließ Gemach und Haus, nachdem er noch unbemerkt einen beſondern Blick mit dem Hauswärtel gewechſelt hatte. — Du verſchließe hinter mir das Haus, ſagte der Mönch jetzt zu dem Letzteren, und laſſe vor meiner Zurück⸗ kunft niemand ein. Frägt jemand nach der Urſache der Zu⸗ rückweiſung, dem magſt Du ſagen, daß Dein Herr ſich auf dem Wege der Beſſerung befinde, aber keinen ſehen noch ſprechen darf, und Jungfer Lisbeth zu erſchöpft ſei, um Gäſte zu empfangen. Richte Dich übrigens genau nach meiner Vorſchrift. Der Hauswärtel gelobte dies, und der Mönch hörte wirklich, daß die Hausthür hinter ihm verriegelt ward. Er ſchlug jetzt die Richtung nach der Langen Brücke ein, ging über dieſelbe und dann die Georgenſtraße(Königsſtraße) hinab zum Georgenthor hinaus. Endlich klopfte er an die Pforte des vor dieſem Thore gelegenen Hospitals gleichen Namens und begehrte auf die Frage des Pförtners zu dem Stadtſöldner geführt zu werden, den man am dritten Weih⸗ nachtsfeiertage hier krank eingebracht hatte, und von dem die Sage ging, daß ihm in der Frühe jenes Tages in der Brüderſtraße der leibhaftige Böſe begegnet ſei; jetzt war dieſe Sage, zu deren Verbreitung Meiſter Trennerts Gevatterin nach Kräften beigetragen hatte, jedoch durch die nachfolgen⸗ —— — —— — AAAA den wichtigen politiſchen Begebenheiten faſt wieder in Ver⸗ geſſenheit gerathen.— Mit dieſem Stadtſöldner blieb der Mönch mehrere Stunden allein. 13. — So bin ich alſo aus meinem eigenen Hauſe ge⸗ worfen! ſprach Oſiris für ſich, mehr im Spott, als im Grimm, indem er hurtigen Schrittes der Bürgermeiſterei in der Spandower Straße zueilte. Nun, des Biſſel Hab's und Guts wegen bin ich freilich nicht hineingegangen, das hätte ich dem armen Schelm gern gegönnt, und gönn's ihm auch noch, wenn er mir dagegen den Sohn, den lebenden, ver⸗ ſchafft. Wenn ich mein Eigenthumsrecht freilich früher ge⸗ kannt hätte—— Doch nichts mehr davon, Michael; was geſchehen iſt, iſt geſchehen— und wenn er's mit dem recht⸗ mäßigen Erben nicht allzu ſchlimm gemacht hat, ſo werden wir bald Handels einig werden, was wahrlich beſſer für uns Beide iſt. Seltſam, daß ich dieſen vernünftigen Ge⸗ danken, mich ſo mit dem Eindringling zu einigen, erſt vor wenigen Minuten, und nicht gleich anfangs faßte; hätte mir manche Stunde verbiſſenen Grimmes in dieſen Tagen erſparen können; bedarf ja des Bettels von Haus und Hof, und was ſonſt dazu gehört, garnicht! Und dſicherlich geht er ſolchen Vertrag freudig ein! 9 Gut iſt's, daß auf den Gaſſen d nicht völlig der Tag herrſcht, ſprach er nach einer Weile wieder. Bisher hat ſich's immer ſo glücklich geſchickt, daß ich im Dienſte des Kranken nicht zur Tageszeit die Gaſſe zu betreten brauchtez es iſt nicht nöthig, daß jeder Spießbürger mein Angeſicht kennt. ——— Ob ich dem Bürgermeiſter jetzt mittheile, weshalb mir ſo viel daran lag, in ſeines jungen Freundes Haus zu kom⸗ men— könnte er mir zur ſicheren Erreichung meines Zweckes⸗ behülflich ſein? Doch nein; beſſer iſt's, ich behalte meine Angelegenheiten für mich und begnüge mich mit der Kunde der ſeinigen. Mag er daher auch ferner glauben, ich habe mich nur ſeinetwegen in die Mauern dieſer Städte gewagt und habe nur die Förderung ſeiner Pläne als Zweck meines Aufenthalts in jenem Hauſe vor Augen gehabt. Unter dieſen und ähnlichen Gedanken und Erwägungen hatte er bald Rycke's Haus erreicht und klopfte an deſſen Thür. Sogleich ward dieſelbe durch den alten Ehrig geöffnet. — Deine Pünktlichkeit freut mich, Alter! redete Oſiris dieſen leiſe und vertraulich an. Ich liebe es nicht, lange auf der Gaſſe zu harren. Iſt Dein Herr ſchon wach? — Schon vor länger als einer Stunde hörte ich ihn in ſeinem Gemach, erwiederte der Diener ebenfalls mit ge⸗ dämpfter Stimme. Der Herr mag Euch wohl ſchon länger erwartet haben, denn er ſchärfte mir ein, mich immer ſo viel als möglich und zu jeder Zeit in der Nähe dieſer Thür zu halten, damit ich Euch, den ich von Frankfurt aus kenne, gleich einlaſſen kann, wenn Ihr kommt.⸗ — Das iſt eine löbliche Vorſicht Deines Herrn in einer Zeit, wo den unſchuldigſten und edelſten Abſichten von den Leuten Eigennutz und Verrath unterlegt wird, wie Herr) Rycke ſelber ſchmerzlich erfahren mußte, ſagte der Zigeuner mit dem Anfluge boshaften Spottes, der ihm eigen war, ſobald man ihn nicht zum Grimm gereizt hatte, oder ſeine Bruſt nicht von einem edleren Gefühl erregt war, das ſich in ihm vorfand, wie eine Oaſe mitten in der alles Lebende vernichtenden Wüſte. Doch hat Dich der geſtrenge Herr auch darüber unterrichtet, wer ich hier im Hauſe bin? fragte er, indem er mit Ehrig die Treppe hinanſtieg. — Ihr ſeid mein Vetter, den ich in Frankfurt zufällig 190 NNR gefunden und den Herr Rycke mir zu Liebe in ſeinen Dienſt gekommen, bis ſich ein ander Unterkommen für ihn findet, verſetzte der Alte. — Gut ſo, ſagte Oſiris, den Diener lachend auf die Schulter klopfend. Nimm mich auch ferner unter Deinen Schutz, guter Vetter! Vorläufig nimm dieſen kleinen Be⸗ weis meiner Dankbarkeit. Der Zigeunerfürſt wollte dem Alten die von dem Mönch erhaltene kleine Münze reichen; doch Ehrig wies das Ge⸗ ſchenk zurück. — Ich diene nur meinem Herrn und erhalte von ihm Brod und Lohn ſagte er. Von Euch etwas anzunehmen, geziemt mir nicht! Er öffnete die Thür zu Rycke's Gemach, deutete jenem an, dort einzutreten, und ging dann wieder die Treppe hinab. — Die Leute in dieſen Städten ſcheinen ſich nur Leib⸗ diener zu halten, die wohl ſehr ehrlich, aber wenig höflich und geſchmeidig ſind, ſprach Oſiris bei ſich, indem er an Peter gedachte. Sonſt findet man immer das Gegentheil. Er trat in das Gemach. — Dein Erſcheinen kommt mir juſt gelegen, Haupt⸗ mann! ſprach Rycke zu ihm, ſich von dem Lehnſtuhle erhe⸗ bend, in welchem er nachdenkend geſeſſen. So ungern ich auch dem Kranken Deine Hülfe entziehen möchte, ſo würde ich Dich doch haben abrufen laſſen, denn ich habe Wichti⸗ ges mit Dir zu beſprechen. Sage mir aber vor Allem: iſt dort irgend etwas vorgefallen, was Deine Herkunft ver⸗ anlaßte? — Der junge Herr iſt auf dem Wege der Geneſung, man brauchte mich alſo nicht mehr und ließ mich gehen, verſetzte Oſiris. — Ich wünſche Herrn Reinhold Glück zu ſeiner Ge⸗ neſung! ſprach Rycke lächelnd. Ich freue mich deſſen um ſo mehr, als ich nicht im Stande geweſen wäre, ihm meinen Diener ferner zu überlaſſen. Du dürfteſt auch im entgegen⸗ geſetzten Falle für's Erſte nicht dorthin zurückkehren, Haupt⸗ mann, denn meine nächſten Abſichten könnten dadurch ver⸗ eitelt werden. — Mein hoher Bundesgenoſſe, der bald mein gnädiger Gebieter ſein wird, hat über mein Thun und Laſſen zu be⸗ ſtimmen, ihm folge ich in allen Stücken! ſagte der Zigeuner⸗ fürſt mit einer Miene, die Rycke für den Ausdruck der Un⸗ terwürfigkeit hinnahm. — Haſt auch wirklich keinen Grund, anders zu thun! erwiederte der Letztere. So reicher Lohn für Deine Mit⸗ hülfe würde Dir von keinem Anderen geboten werden, und Du magſt den Tag für einen glücklichen halten, an dem ich Dich, den abgedankten ſächſiſchen Hauptmann, auf einer Reiſe in der elenden Dorfherberge fand. Freilich erkannte ich in Dir ſogleich den Mann, den ich brauchte, und habe mich auch nicht geirrt. Es wird juſt ein Jahr her ſein. Oſtris verbarg das ſpöttiſche Lächeln, das um ſeine Lippen ſpielte, durch eine tiefe Verbeugung, durch welche er für die ihm gezollte Anerkennung zu danken ſchien. Dann fragte er in ehrerbietigem Tone, welche Befehle er ferner auszuführen habe. — Laß Dich auf einen Seſſel nieder, ſagte Rycke, denn unſere Unterredung dürfte längere Zeit währen. Zuvörderſt magſt Du wiſſen, nahm er nach kurzer Pauſe wieder das Wort, daß ich den bei Deiner Ankunft von uns gemein⸗ ſchaftlich gefaßten Plan wieder verworfen, oder vielmehr deſſen Ausführung bis auf unbeſtimmte Zeit hinausgeſcho⸗ ben habe; und zwar habe ich dieſen Entſchluß erſt am heutigen Morgen und nach zweitägigem reiflichen Bedenken gefaßt. Rycke hielt hier inne, in der Erwartung, daß ſein Ge— fährte etwas einzuwenden haben werde; dieſer nickte aber nur mit dem Kopfe, und der Bürgermeiſter fuhr daher fort: * — — AAANRRN-] — Du weißt ſelber, wie mißlich nach meiner Verhaf⸗ tung hier und der des Rathsherrn Pirkheimer und meines Dieners zu Frankfurt meine Sachen ſtanden. Nur ein Wunder konnte mein Haupt dem Henkerblock entziehen. Zwar durfte ich mit gutem Fug und Recht ein ſolches erwarten, doch geſchah nichts dergleichen, und nur einem zufälligen Zuſammentreffen mehrerer glücklichen Umſtände habe ich Le⸗ ben und Freiheit zu danken. Obgleich nun dies alles ſehr natürlich zugegangen iſt, ſo habe ich dennoch bis jetzt nicht Urſachen und Wirkungen ergründen und mit klarem Blick in die Verhältniſſe eindringen können. Man nimmt mich hier in Verhaft, wirft mich in den feſteſten Kerker und er⸗ hebt eine Anklage auf Leben und Tod gegen mich, die ſich auf Sachen ſtützt, die nur mir und Dir, nicht einmal dem Bernhard, bekannt waren, weshalb ich glauben mußte, daß Dich in Frankfurt ein gleiches Schickſal getroffen und man von Dir ein Geſtändniß erpreßt habe. Dies war aber nicht der Fall; Du entkamſt glücklich den Dir gelegten Schlingen und langteſt in der Verkleidung eines Franzislaner⸗Mönchs hier an. Meinen Beichtiger ſprechen zu dürfen, hatte man mir hartnäckig verweigert; dagegen läßt man Dich, den Fremden, Unbekannten, der den Verdacht der beiden hoch— weiſen Herren in hohem Grade erregt hat, ungehindert mit mir verkehren und bedient ſich nicht einmal der gewöhn⸗ lichen Liſt, um unſer Zwiegeſpräch zu belauſchen. Dennoch glaubſt Du beim Weggehen aus verſchiedenen Anzeichen Argwohn ſchöpfen zu müſſen; mit großer Verwegenheit er⸗ greifſt Du die Flucht. Man findet Deine auf dem Hofe zurückgelaſſene Verkleidung, und alle Rathsherren glauben der einfältigen Erzählung des doch nur für die Folgen ſei⸗ ner Fahrläſſigkeit beſorgten Schließers, daß Du durch die Lüfte von dannen geſauſet ſeieſt, und hält Dich für den Gottſeibeiuns, der im frommen Gewande gekommen, um mich zu verſuchen, aber durch die Stärke meines Glaubens nicht — 02= —— ich nich er⸗ ſich ꝑ zum Ziele gelangt ſei. In den Vormittagsſtunden des näch⸗ ſten Tages läßt man mich vorführen und verkündet mir meine Freiheit ſammt der Wiedereinſetzung in mein Amt mit dem Hinzufügen, daß die mir gewordene Behandlung auf einem Irrthume beruhe, läßt mich wegen des Geſchehenen Urpfede ſchwören*), was ich leider in der erſten Freudenaufregung thue und alles iſt vorbei und abgethan. Faſt ebenſo ergings dem Pirkheimer und meinem Ehrig zu Frankfurt; Beide wurden an demſelben Tage aus dem Gefängniß entlaſſen, und der Letztere fand ſogar in der Sat⸗ teltaſche des Pferdes, das ihn nach Frankfurt gebracht, die wichtigen Brieftaſchen noch unverſehrt, die man doch nach dem, was man ihm vorgehalten hat, gefunden haben mußte. Endlich erfuhr ich erſt geſtern, daß mein heftigſter Wi⸗ derſacher im Rathe und einer von den beiden Herren, die Dich in mein Gefängniß eingelaſſen, daß der Stadthaupt⸗ mann Stroband an demſelben Abende, wo Du bei mir warſt, im Rathhauſe von einer Treppe geſtürzt, dabei in ſein eigen Schwert gefallen ſei und ſo ſich gefährlich verwundet habe. Dies alles zuſammengenommen aber macht mich miß⸗ trauiſch und ſchärft mir um ſo mehr Vorſicht ein, als ich an den beiden letzten Tagen wohl bemerkt habe, wie arg⸗ wöhniſch man mein Thun und Laſſen bewacht. Doch nur gemach, Ihr elenden Krämerſeelen; Ihr ſeid wahrlich die Leute nicht, den Rycke zu überliſten! Ihr hattet mich in Eurer Gewalt und konntet mich verderben; daß Ihr's aber dies eine Mal nicht gethan, iſt entweder ein Beweis Eurer Furcht und Schwäche, oder Ihr dünkt Euch ſtark und klug genug, mich als brauchbares und doch unſchädliches Werk⸗ zeug gegen Eure Feinde nach unten und nach oben benutzen *)„Urpfede ſchwören“ hieß eidlich angeloben, daß man wegen einer erlittenen Strafe, einer Unterſuchungshaft u. dgl. ſich weder rächen, noch Genugthuung oder ſonſt Rechenſchaft von jemand fordern werde. Die ſchwarzen Brüder. II. 13 AAAANAARANR;R; zu können, das man einſt zerbricht, wenn es ſeine Dienſte geleiſtet! Vielleicht auch dachtet Ihr, mich durch Euer Ver⸗ fahren für alle Zeiten einzuſchüchtern; doch obwohl Ihr den günſtigſten Zeitpunkt dazu gewählt hattet, wo alles, von Innen und von Außen, auf mich einſtürmte und das Un⸗ glück von allen Seiten ſein drohend Haupt gegen mich er⸗ hob, ſo habt Ihr doch nicht bedacht, daß der Rycke nicht der Mann iſt, den dergleichen auf die Dauer niederzubeugen vermag! Ich ſetze noch meinen Fuß auf Euren Nacken, wenn Ihr's am wenigſten denkt! — Ihm ſchwillt der Kamm im Glück gewaltig an, dachte Oſiris bei ſich, während er Rycke's Worten beifällig zuzulächeln ſchien; im Kerker zeigte er ſich anders! — Vernimm denn, wie ich mich für die nächſte Zukunft zu verhalten beſchloſſen habe, fuhr Rycke fort. Du mußt dies wiſſen, um auch Dein Verhalten danach einrichten zu können, denn Du ſollſt noch heute fort aus den beiden Städ⸗ ten, wo Deine Gegenwart gefahrbringend für uns Beide iſt, und bis zu der Zeit, wo ich Dich rufe, dürfen wir weder einander ſehen, noch von einander hören, damit dem Ver⸗ dacht und dem Argwohn nicht von Neuem Nahrung geboten werde. — Ich bin bereit, Eure Befehle zu vernehmen, Herr Rycke, ſagte Oſiris, da Rycke nicht weiter ſprach. — Man pocht unten, entgegnete der Bürgermeiſter. Laß mich erſt gewiß ſein, wer es iſt, damit ich weiß, ob Du in dieſem Gemach bleiben darfſt. Die Hausthür ward geöffnet und auf dem unteren Korridor ließen ſich alsbald die Tritte mehrerer Männer vernehmen, welche ſich der in das obere Stockwerk führenden Treppe näherten. Zugleich hörte man nach dem Bürger⸗ meiſter fragen. — Das ſind etliche vom Rathe, die Dich nicht hier zu ſehen brauchen, ſagte Rycke jetzt zu Oſiris. Eile hurtig 195 AA durch jene Thür dort; ſie führt in eine Rumpelkammer, wo niemand hineinkommt. Der Zigeunerfürſt befolgte das Gebot und war bereits verſchwunden, als die Kommenden— mehrere Rathsherren, unter ihnen auch Heydicke und Wyns— in das Gemach traten, wo ſie der Bürgermeiſter mit freundſchaftlichem Will⸗ kommsgruß empfing. — Es iſt des heutigen Tages wichtige Bedeutung, die uns zu Euch führt, Herr Rycke! nahm Heydicke in freund⸗ lichem, herzlich klingendem Tone das Wort. In dieſer ern⸗ ſten Stunde des neuen Jahres, noch unfern der Grenze des alten, laſſet uns den alten Bund der Eintracht und des Frie⸗ dens erneuern, den fernerhin kein Hader, keine Zwietracht mehr unterbrechen möge! Vergeſſet, um unſers gemeinſa⸗ men Rechtes willen, was in den letzten Tagen geſchehen, und ſeid uns und allen unſeren Freunden wieder, was Ihr früher waret: unſer Führer uud Berather in Freud' und Leid, in Sturm und Sonnenſchein. Wollt Ihr das, Herr Rycke, ſo ſchlaget ein in unſere dargebotenen Hände und wir ſind Eure treuen Freunde und Gefährten, auf die Ihr in jeglicher Drangſal und Gefahr ſicher rechnen könnt! — Nichts auf der Welt, Ihr Herren, konnte mir für unſer Aller Heil von beſſerer Vorbedeutung ſein, als Euer Erſcheinen und Euer Begehr in dieſen Erſtlingsſtunden des Jahres! rief Rycke, ſein Erſtaunen über dieſes unvermuthete Ereigniß meiſterhaft verbergend. Fröhlich und freudig ge⸗ lobe ich, treu zu Euch zu halten in Allem, was da kommen mag, und die letztvergangene, trübe Zeit auszulöſchen in mei⸗ nem Gedächtniß ewig und immerdar, wie ich es vor Euch, werthe Herren, und anderen lieben Zeugen erſt kürzlich feier⸗ lich gelobt! Nehmt mit meiner Hand auch mein Herz hin; zwar gehörte es Euch immer an, ſonder Wanken, auch wenn ſeltſame Mißverſtändniſſe kalte Nebelſchleier zwiſchen uns ausgebreitet hatten, denn nimmer war's mein Wille, Euch 13* AAAAꝑꝑꝓ;ꝓ; und ſomit auch mir zu ſchaden:— doch heute erhaltet Ihr es neu wieder, denn das ſchier im Gram und Kummer des Verkanntſeins vergangene ward ja durch Eure Worte wie⸗ der neu geboren! Hier alſo meine Freundes- und Bruder⸗ hand! Er ſchüttelte jedem Einzelnen ſeiner Gäſte die darge⸗ botene Rechte und küßte ihn dann. Wer ſollte durch dieſen Judaskuß verrathen werden? — Nun aber, Ihr Herren und lieben Freunde, nahm Rycke danach wieder das Wort, laßt uns die Stunde des neu geſchloſſenen Bundes feiern, wie es deutſchen Männern, insbeſondere wackeren Märkern und freien Bürgern geziemt! Ihr werdet mein Haus nur verlaſſen, um mit mir zum Hoch⸗ amt nach St. Nikolai zu gehen, wohin uns alte Gewohn⸗ heit und Pflicht ruft, und bis dahin bleiben uns noch zwei Stunden. Wir wollen inzwiſchen einen Becher vom Beſten auf unſere fernere Freundſchaft leeren! Niemand hatte etwas dagegen; Rycke ſetzte Küche und Keller in Aufruhr, und bald ſaßen die neuen Freunde um den wohlbeſetzten Tiſch, während die gefüllten Becher die Runde machten und heiteres Geſpräch und Scherz das Ver⸗ ſöhnungsfeſt würzten. Doch allmälig berührte das Geſpräch auch die öffent⸗ lichen Angelegenheiten der beiden Städte, und obgleich in den nächſten Wochen die Wahl eines neuen Bürgermeiſters bevorſtand, ſo ging man doch über dieſe, als eine bereits abgemachte Sache, bald hinweg, wogegen die durch Otto⸗ kars Abdankung nothwendig gewordene Wiederbeſetzung des Syndikats, wegen der man unter den Wirren der letzten Tage noch nicht zu einer Einigung im Rathe gelangt war, bei weitem mehr die Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. — Diesmal, denke ich, werden wir uns nicht wieder ſo nachgiebig gegen den Pöbel zeigen, wie's bei der Erwäh⸗ lung des Herrn Reinhold der Fall geweſen, nahm Wyns ——— AAAAAAANAÄANAN;S hierüber das Wort. Uns allein kommt es zu, den Mann nach unſerem Gefallen auszuſuchen, der mit dem wichtigen Amt betraut werden ſoll, und keiner ſoll uns wieder zwin— gen, den erſten beſten jungen Laffen in unſerer Mitte auf⸗ zunehmen, blos weil er's verſtand, den Leuten die Köpfe zu berücken mit alten Geſchichten, wonach früher alles anders geweſen ſein ſoll! Denkt Ihr nicht auch gleich mir, Herr Heydicke? — Ich theile ſo weit Eure Meinung, als durch ſie Herr Reinhold, der Freund und Schützling unſeres wacke⸗ ren Wirthes, nicht verletzt wird, verſetzte der Gefragte mit feinem Lächeln. Wie ſteht es mit dem jungen Manne, Herr Rycke, wandte er ſich dann zu dieſem. Iſt Herr Reinhold wirklich ſo gefährlich erkrankt, wie man ſagt? Ihr müßt dies ja wiſſen, denn ich habe gehört, daß Ihr in freund⸗ ſchaftlicher Fürſorge ihm einen Diener zur Hülfeleiſtung in ſein Haus geſandt habt. — Herr Reinhold iſt auf dem Wege der Geneſung, erwiederte Rycke kalt. Mir wär's am liebſten geweſen, er hätte das neue Jahr nicht mehr erlebt! — Ihr ſeid ja wahrlich ein recht zärtlicher Freund! rief Wyns lachend. — Zwiefache Hochverräther zähle ich nicht mehr zu meinen Freunden! verſetzte Rycke wie zuvor. Auf's Schaffot mit ihnen! — Wie? Was ſagt Ihr? rief man von allen Seiten. — Ich ſage, was ich weiß, fuhr Rycke fort, und ich weiß, daß Herr Reinhold damit umgeht, das Volk unter der Vorſpiegelung größerer Freiheiten und Rechte zu bethören, daß es die gerechte Sache der beiden Städte verläßt und ſich dem Kurfürſten in die Arme wirft. Das aber iſt ein zwiefacher Verrath: einmal an uns, zum andern am Volke ſelber, und die Leute, ſo ſolches im Schilde führen, habe ich nie Freunde genannt. — 5* 7 4 69 17 AAAæüĩÄðð&ĩò& — Wenn Ihr aber ſolches wißt, Herr Bürgermeiſter, ſo hättet Ihr dem Reinhold doch ſchon längſt den verdien⸗ ten Lohn zukommen laſſen müſſen, ſtatt ihn uns gegenüber in ſeinen wahnwitzigen und ideſenin Plänen zu un⸗ terſtützen, wie Ihr's erſt jüngſt bei der Angelegenheit wegen der Kalande gethan habt! verſetzte ein Rathsherr. — O, über die Kurzſichtigen! rief Rycke, ärgerlich und mitleidig zugleich ſcheinend. Werden ſolche Geheimniſſe denn auf offener Gaſſe gepredigt, oder erzählt ein Verſchwörer jedem, daß und welchen Verrath er ſpinnt? Müſſen nicht ſchon alle Künſte der Liſt und Verſtellung angewandt wer⸗ den, bevor nur der Verdacht gerechtfertigt iſt, geſchweige denn, wenn die Muthmaßung zur gewiſſen Ueberzeugung werden ſoll? Und vorſichtig und fein muß ich bei dieſer Entlarvung zu Werke gehen, denn ich habe nicht Luſt, da⸗ durch zum Verrath aufzumuntern, daß auch dieſer Verräther wieder aus Mangel an Beweiſen frei ausgehen ſoll, wie's bei dem Boytin der Fall war. Bei friſcher, doch noch un⸗ ſchädlicher That will ich ihn ertappen, und Ihr All⸗ ſollt dabei Zeugen ſein! — Es gilt! riefen mehrere Rathsherren, Ottokars Feinde. Wir halten Euch beim Wort, Herr Rycke! — Dem jungen Menſchen hat's die güldene Kette an⸗ gethan, welche Boytin in ſeinem Beiſein vom Kurfürſten empfangen! meinte Heydicke kopfſchüttelnd. Da Ihr uns nun aber einmal etwas von der Sache mitgetheilt, Herr Rycke, ſo ſagt uns doch noch ferner, bis zu welcher Zeit Ihr die Verräther, deren es doch mehrere ſein werden, zu entlarven gedenkt. — Das wird höchſt wahrſcheinlich bald geſchehen, er⸗ wiederte Rycke. Ich weiß mit ziemlicher Gewißheit, daß die Verſchworenen nur der Stunde harren, in der ihr Füh⸗ rer das Gemach wieder verlaſſen darf, um etwas Entſchei⸗ dendes zu unternehmen. Heydicke ward nachdenkend, und auch Rycke zeigte ſich ſchweigſamer, als zu Anfang des Schmauſes, während die anderen Rathsherren über Verrath und Verräther tobten und bei jedem Trunk Weines ihren Feinden den Untergang ſchwuren. Endlich war die zum Aufbruch nach der Kirche mah⸗ nende Stunde erſchienen. Während die Rathsherren im Prunkſaale ſeiner harrten, ließ ſich Rycke in ſeinem Wohn⸗ gemach von Ehrig die Amtstracht anlegen, denn es war Sitte, daß der vereinigte Rath beider Städte an dem heu⸗ tigen Feſttage dem feierlichen Hochamte zu St. Nikolai, der alten Pfarrkirche Berlins, von Amtswegen auf den für ihn beſtimmten Ehrenplätzen beiwohnte. Kaum aber war Oſiris inne geworden, daß Rycke mit dem vertrauten Diener allein war, als er ſogleich ſein Ver⸗ ſteck verließ und zu dieſem herantrat. — Iſt das Wahrheit, was Ihr vorhin von Reinholds Verſchwörung ſagtet? fragte er. — Jedes Wörtlein davon iſt wahr und ebenſo bin ich feſt entſchloſſen, das zu thun, was ich den Rathsherren we⸗ gen des Reinhold und ſeiner Mitverſchworenen verſprochen, erwiederte Rycke, in der Meinung, ſein Verbündeter ſei über ſeine plötzliche Sinnesänderung gegen Ottokar erſtaunt. Es gehört dies Vorhaben in meinen veränderten Plan, den ich Dir vollſtändig mittheilen werde, wenn ich aus der Kirche zurück bin. Gehe jetzt nur ſo lange wieder dort hinein, bis ich mit meinen Gäſten das Haus verlaſſen; es iſt nicht gut, wenn einer von ihnen hier eintritt und Dich erblickt. — Und Ihr wißt mit Beſtimmtheit, daß Ihr ihn beim erſten Male fangen werdet, wo er das Gemach verläßt? fragte der Zigeunerfürſt weiter. — Ja, ja, ich weiß dies, wie ich Vieles weiß! verſetzte Rycke ungeduldig. Kümmert Dich denn des Reinholds Schick⸗ ſal ſo ſehr? 200 Aᷓò Jetzt wandte ſich Ehrig zu Oſiris. — Unten iſt ein Bauernknabe, der den neuen Diener des geſtrengen Herrn dringend zu ſprechen wünſcht, ſagte er zu ihm. — Das wird Zeliska ſein, dachte Oſiris. Führe den Knaben ſchnell herauf, Alter! gebot er dem Diener. — Es würde nur Staunen und unniützes Geträtſch unter den andern Dienſtleuten dieſes Hauſes erregen, wenn einer, den ſie für ihres Gleichen halten, das Vorrecht ha⸗ ben ſollte, in den Gemächern des Gebieters und in deſſen Gegenwart ſeine eigenen Angelegenheiten abzumachen, ent⸗ gegnete Ehrig. — Nun, zum Henker, ſo führe mich zu ihm! fuhr der Zigeunerfürſt ungeſtüm auf. Der Burſche wird wahrlich nicht einer Kleinigkeit wegen hergeſandt! — Sagteſt Du mir nicht im Kerker, ein Bauernburſche werde Nachricht bringen, ſobald meiner Tochter Aufenthalt gefunden ſei? fragte Rycke haſtig. Der Bürgermeiſter erhielt keine Antwort mehr, denn da Ehrig nicht allſogleich Miene machte, den Willen des Oſiris zu vollziehen, ſo eilte dieſer allein hinab, um den Gegenſtand ſeiner Ungeduld aufzuſuchen. — Laufe ihm nach, Ehrig, befahl Rycke, und führe Beide an einen Ort, wo ſie ungeſtört ſind. Bleibe aber bei ihnen, und ſo Du hörſt, daß von der Helene die Rede iſt, kehre ſchnell hierher zurück. Eile Dich, mein Alter! 14. Wirklich war es Zeliska, das Zigeunermädchen, welche in der Tracht eines Bauernknaben auf dem unteren Kor⸗ ridor harrte. 201 AAA — Sendet Dich Nikolas, um mir zu ſagen, daß die beiden ausgeſchickten Zigeuner den Mann gefunden haben, den ſie des Pferdes und der Schriften beraubt? rief Oſtiris ihr in der Sprache ihres Volkes entgegen, ſobald er ſie erblickte. — O, Herr, wäre ich doch lieber nie geboren, als daß ich die Verkündigerin ſo großen Unglücks ſein müßte! weh⸗ klagte die Zigeunerin. — So iſt der Mann wohl todt— oder betrifft's etwa meinen Sohn? — Hier iſt nicht der Ort für ſo laute, wenn auch jedem Chriſtenmenſchen unverſtändliche Zwiegeſpräche, redete der jetzt ebenfalls unten anlangende Ehrig dazwiſchen. Folgt mir— — Nun ſprich, was haſt Du mir zu verkünden— aber rede mit mir in der Sprache Deines Volkes! ſagte der Zigeunerfürſt, als Ehrig die Beiden in ein abgelegenes Käm⸗ merlein geführt hatte, wo er, eingedenk des Befehles ſeines Herrn, an der Thür verweilte. — Herr, Dein und unſer Aller Glück hat eine einzige Stunde des Unglücks zertrümmert; unſer ganzes Volk, auch Deine Königin, liegt in den Ketten des Fürſten dieſes Lan⸗ des; unſere Wohnſtätten ſind in Feuer aufgegangen und unſere Reichthümer in die Hände der Reiſigen gefallen! Alles, alles iſt dahin! — Du träumſt, Unglückskind! verſetzte Oſiris. Wie ſollte das zugegangen ſein? — Niemand von denen, die gerettet ſind, weiß es, er⸗ wiederte Zeliska. Es iſt geſchehen, wie ich Dir ſage; aber niemand weiß, von wannen das Unheil kam! — Unſer Schlupfwinkel iſt alſo entdeckt, man hat ihn uͤberfallen und es mit uns gemacht, wie wir es zum Oefteren in Schleſten und Mähren getrieben— nicht ſo? fragte Oſiris nach einer Pauſe mit mehr Gelaſſenheit, als vorhin. 20²2 òò — Ja, Herr! ſprach das Mädchen. Auch nicht eine Armſpange, nicht eine Viehklaue haben ſie uns gelaſſen! Und dazu haben ſie Roswitha, Deine Königin, ſammt Allen, die nicht entrinnen konnten und nicht getödtet wurden, ge⸗ fangen weggeführt! Doch läßt Dir Nokolas ſagen, Herr, daß noch etliche entſchloſſene Männer übrig geblieben; und er meint, daß unſerer wohl genug wären, Roswitha aus der Burg zu Poſtamp zu befreien, wenn Du eilig mit mir kommſt, bevor Hunger und Furcht die Leute zerſtreut. Oſtris gab hierauf keine Antwort, obgleich Zeliska einer ſolchen zu warten ſchien. Handelt es ſich hier um die arme Jungfer Helene, des Bürgermeiſters Töchterlein? fragte Ehrig. Herr Rycke⸗ wünſcht Beſcheid zu haben, bevor er zur Kirche geht! — Sage Deinem Herrn, daß er ſich ruhig zur dirie begeben mögezadenn die Nachricht betrifft ihn nicht! ent⸗ gegnete der Zigeunerfürſt. Nach Ehrigs Entfernung wandte er ſich dann zu Zeliska. — Sage mir alles, was Du von der Begebenheit weißt, ſprach er. Warſt Du zugegen, als unſer Lager überfallen ward? —„Leider mußte ich das Unheil mit meinen Augen ſchauen, erwiederte Zeliska. Nikolas hatte mich, wie Du weißt, Herr, bei Deiner Ankunft aus dem Lager, als Du Dich hierher begabeſt, zu der Königin geſandt, um noch etliche Leute nach Schonenberg zu rufen, da Du deren bei Deinem Vorhaben zu bedürfen glaubteſt. Die Leute wur⸗ den alſobald abgeſchickt, und ſie ſind nebſt den Beiden, die Du ſelber zur Aufſuchung des Fremden ausſandteſt, die ein⸗ zigen, die außer uns dem Tode oder der Gefangenſchaft entronnen ſind; ich aber blieb auf Befehl der Königin im Lager zurück, denn ſie war ſehr traurig, faſt krank— ge⸗ wiß die Vorahnung des Unheils— und verlangte nach mir, ihrer Freundin und Geſpielin von Jugend auf. Aber ob⸗ gleich ich faſt zwei Tage bei ihr weilte und beſtändig um ſie war, ſo ſprach ſie doch nur wenig, und wenn es geſchah, ſo ſprach ſie nur von mir und Nikolas, wie wir uns lieb⸗ ten, und ich mußte ihr erzählen, was Nikolas in ſeiner Liebe für mich thue, und dergleichen Dinge mehr; die Herrin iſt ſo gütig und liebevoll gegen mich! So ſaßen wir Beide allein am geſtrigen Abend im Gemach und lauſchten im Ge⸗ fühle ſeiner behaglichen Wärme auf das Heulen des Win— des, der über die Krampnitz herüberfuhr und die knarrenden Föhren zu Boden beugte, und auf das heiſere Gekrächz der Raben, die ſchaarenweiſe durch den Forſt flohen. Auch die Gewäſſer des See's wogten ungeſtümer als je, und ihr Ge— brauſe übertönte faſt den Laut des Sturmwindes. Hin und wieder trat die Herrin an die Fenſteröffnung und ſchaute empor zum Himmel, an dem die grauen Wolken vor dem Sturme dahinflogen; aber ihnen folgten ſtets neue und dunk⸗ lere, und kein freundlicher Stern ließ ſich blicken— es war eine Nacht, würdig des finſtern Verhängniſſes, das ſie unter ihrem ſchwarzen Mantel für uns barg. Immer ſchmerzlicher hörte ich der Herrin Seufzer, ſo oft ſie hinausſchaute; ſie ſuchte vergebens Deinen Stern und den ihrigen, Herr, und bange Ahnung mochte ihr Gemüth beklemmen. Mitternacht war nicht mehr fern und immer hatte die Herrin meinen Bitten, doch zur Ruhe zu gehen, eine ver⸗ neinende Bewegung ihres Hauptes entgegengeſetzt. Sie blickte ſchon ſeit einer geraumen Zeit ſchweigend und gedankenvoll in die praſſelnde Glut des Feuers, die Hände auf ihrer Bruſt gefaltet. Ich ſaß zu ihren Füßen, die auf meinem Schooße ruhten, und gewahrte mehr als eine Thräne, die ihre Wangen herabrollte, ohne daß ſie dies inne zu wer⸗ den ſchien. — Eine entſetzliche Nacht iſt dieſe! unterbrach die Herrin das Schweigen, als die Wände des Gemachs unter der Ge⸗ walt des Sturmes erbebten und krachten. Wie mag es den AAAAAANANRNNS; armen hülfloſen Gefangenen in ihrem kalten Kerker ergehen! Sie ſenkte bei dieſen Worten ihr Haupt auf die Bruſt. Plötzlich fuhr ſie wie aus einem Traume empor. — Was ſitzeſt Du müßig? ſchalt ſie mich, indem ſie mich mit ihren Füßen antreibend berührte. Nimm etliche Maaß Weines, thu' Gewürz daran und laſſe ihn am Feuer heiß werden! Schnell lief ich, ihren Befehl zu vollziehen. Beſiehlſt Du, Herrin, daß ich Dir kredenze? fragte ich, als das Getränk bereitet war. Sie ſah mich ſtaunend an und gebot dann, einen Tep⸗ pich und eine wollene Decke zuſammenzuraffen und eine Fackel anzuzünden. Als auch dies geſchehen, nahm ſie die Fackel, hieß mir, die Kanne mit dem Getränk und den Teppich ſammt der Decke zu nehmen und ihr zu folgen. Wir traten hinaus, doch mehrmals noch mußte die Herrin zurückkehren, um die vom Winde verlöſchte Flamme der Fackel am Feuer wieder anzuzünden, bevor es ihr gelang, ſie im Freien bren⸗ nend zu erhalten. Wir ſchlugen den Weg zu der Stätte ein, wo unſere Gefangenen aufbewahrt werden.—— Doch — Du wirſt ungeduldig, Herr? unterbrach ſich Zeliska, als ſie einen Blick auf des Zigeunerfürſten drohendes Angeſicht warf.. — Sprich weiter— und verſchweige mir nicht das Geringſte— bei Deinem Leben fordere ich dies von Dir! rief Oſiris der Erzählenden zu. Auch nicht den kleinſten Umſtand ſollſt Du mir verhehlen! Ohne zu ahnen, daß ihre Erzählung ihrer jungen Ge⸗ bieterin zum Verderben gereichen könnte, fuhr Zeliska fort: — Die wachthabenden Männer am unterirdiſchen Ker⸗ ker ſtreckten uns drohend ihre Waffen entgegen, die ſte aber alſobald demüthig ſenkten bei der Stimme der Gebieterin, die ihnen befahl, den Kerker zu öffnen. Dies geſchah. Es war nicht ſo eiſig kalt da unten, wie ich vermuthet ⸗ 2 hatte; aber um ſo empfindlicher durchſchauerte uns die feuchte Luft in dem Raume, an deſſen Wänden der Reif im Scheine unſerer Fackel glitzerte. Zwei junge, nicht aus unſerem Volke ſtammende Männer lagen auf ſpärlichem, fauligem Stroh; der ältere von ihnen heulte uns in häßlichen Tönen ent⸗ gegen und klirrte wild mit ſeinen ſchweren Ketten, während der jüngere ſein Geſchick mit mehr Ergebung zu tragen ſchien, obgleich auch ihn heftige Schauer durchſchüttelten. Gewiß, dies Gefängniß, das ich vorher nie betreten, iſt ein ſchreck⸗ licher Aufenthalt für Menſchen, und die Höhle der Bären in den polniſchen Wäldern ein Königsſchloß dagegen; das fühlte auch wohl die Herrin, denn ſie blieb am Eingange ſchaudernd ſtehen, und wieder ſah ich, wie zwei Thränen ihren milden Augen entrollten. — Wenn er ſeinen Sohn ſo fände! ſprach ſie nach kur⸗ zer Pauſe leiſe vor ſich hin. Des Zigeunerfürſten Stirn zog ſich in drohende Falten, als Zeliska ihr Mitleid mit dem Zuſtande der Gefangenen ſo offen zu erkennen gab. Doch die letzten Worte der Er⸗ zählerin machten einen mächtigen Eindruck auf ihn; er legte ſeine Stirn an die kalten Fenſterſcheiben und deutete dem bei dieſer Bewegung innehaltenden Mädchen an, mit ihrem Berichte fortzufahren. Zeliska erzählte weiter! — Die Herrin befahl mir darauf, den Teppich am Boden auszubreiten. Während ich dies that, löſete ſie einen Schlüſſel von ihrem Gürtel, trat zu dem jüngeren Gefan⸗ genen und befreite den Staunenden, ſolcher Güte nicht Ge⸗ wärtigen von ſeinen ſchweren Feſſeln. — Laß Dich auf den Teppich nieder und hülle Dich in die warme Decke, nachdem Du dieſen Trank zu Deiner Stär⸗ kung zu Dir genommen! ſagte ſie zu ihm. Gern möchte ich Dir die Freiheit geben oder Dich wo anders unterbringen, allein ich darf es nicht! fügte ſie wie entſchuldigend hinzu. Der junge Mann fiel der Herrin zu Füßen und dankte 3 9 5 1 — L 206.— ihr in rührenden Worten. Sie aber erhob ihn mild lächelnd und führte ihn ſelbſt zu dem von mir bereiteten Lager⸗ Als der andere Gefangene ſolches gewahrte, kroch auch er herzu, um gleicher Gunſt theilhaftig zu werden. Kaum aber ward die Herrin ſein Beginnen inne, als ſie ihn heftig mit dem Fuße zurückſtieß und dies mit einem Peitſchenhiebe begleitete, daß der Gefangene heulend zuſammenbrach. — Nicht für Dich, Du häßliches Gewürm, iſt dieſe La⸗ bung! rief ſie ihm zu und wandte ſich dann zum Eingange, wo ſie einem Zigeuner befahl, den älteren Gefangenen an den eiſernen Ring der ſtarken Thür zu ſchließen, damit er dem Andern nicht hinderlich werden könne. Als ſie ſich dann aber zu dem jüngeren Gefangenen wandte, hatte dieſer das Lager verlaſſen und ſich wieder auf ſein naſſes Stroh gekauert. — Nimm alles, was Du für mich allein beſtimmt haſt, mit Dir und feſſele mich wieder, wie vorhin, ſprach er, in⸗ dem er mit den Augen auf ſeine am Boden liegenden Ket⸗ ten deutete und der Herrin die Hände zum Feſſeln hinhielt, Ich mag keine Vergünſtigung, die mein Leidensgefährte nicht mit mir theilen darf! Er ſprach dies in einem Tone, dem man es anhörte, daß es ihm mit ſeiner Weigerung vollkommen Ernſt war. Die Herrin ſchien erzürnt ob dieſer ſchnöden Zurück⸗ weiſung; ſie nahm die Ketten vom Boden, zog den Schlüſſel derſelben wieder hervor, trat auf den Gefangenen zu und ſchickte ſich an, nach ſeinem Willen zu verfahren und ihm die Feſſeln wieder anzulegen, indem ſie mir befahl, ihr bei dieſem Geſchäft mit der Fackel zu leuchten. Als aber der Schein derſelben auf das trauernde und doch ſo ergebene Angeſicht des jungen Mannes fiel, ließ ſie ſeine von ihr ſchon ergriffene Hand wieder fahren, die Ketten entſanken der ihrigen; ſchweigend trat ſie dann nach kurzem Sinnen zu dem andern Gefangenen und befreite auch dieſen von 297 ſeiner eiſernen Bürde. Jetzt befolgte der junge Mann freu⸗ dig den Willen der Gebieterin, indem er mit ſeinem Ge⸗ fährten Labetrunk und Lager theilte, und küßte beim Ab⸗ ſchiede dankend die Hände des mildthätigen Engels, wie er die Herrin nannte. Nachdem Roswitha verſprochen, am Morgen wiederzukehren, verließen wir den Ort. Ach, ſie wußte nicht, daß ſie um dieſe Zeit übler daran ſein werde, als ihr Schützling! Du weißt, Herr, daß Zeliska das feinſte Gehör hat von Allen unſeres Stammes. Kaum befanden wir uns im Freien, als ich durch das Brauſen des Windes und durch das dumpfe Gerölle der Wogen des nahen See's den ge— dämpften Ton vieler Ruder vernahm, die man mit Zeug umwickelt hat, damit der Schall ihrer Schläge nicht weithin vernehmbar ſei. Ich theilte meine Wahrnehmung der Herrin mit, indem ich zugleich meine Befürchtung einer nahenden Gefahr ausſprach, denn man konnte nicht glauben, daß um dieſe Zeit und bei ſolchem Wetter Fiſcher auf dem See hau⸗ ſen ſollten; doch da die Herrin nicht gleich mir den gedämpf⸗ ten Schall der Ruderſchläge vernahm, ſo verwarf ſie mei— nen Rath, durch die wachenden Männer ſchleunigſt alle Be⸗ waffneten zuſammenzurufen und für den Fall der Noth die verborgenen Böte zur Rettung für ſie und ihre Schätze in Bereitſchaft halten zu laſſen— vielmehr verwies ſie mich auf die wie immer ausgeſtellten Wachen und verbot mir endlich, weiter davon zu ſprechen. Zürne der Königin nicht deswegen, Herr; im Buche des Schickſals deſſen Schrift⸗ zeichen die nimmer trügenden Geſtirne ſind, ſtand das Ver⸗ derben ſchon geſchrieben, und demnach war es unwiderruf⸗ lich beſchloſſen. Nikolas ſagte mir heute, daß es ſo kommen mußte; er wußte aber auch, daß Dich ſelber das Unheil nicht treffen würde. Bei dieſen Worten machte Oſiris ein Zeichen der Un⸗ geduld. 208 RNRR. Wir waren noch nicht lange im Gemach der Herrin wieder angelangt, erzählte Zeliska weiter, als einer von den wachthabenden Zigeunern eintrat, deſſen Bekleidung ganz mit Schnee bedeckt war, den der Wind vom Ufer des See's her⸗ aufgeweht hatte. Er berichtete, daß er mit noch einem oben auf dem Walle geſtanden und das Plätſchern von Rudern gehört habe, als das Brauſen des Windes ein wenig nach⸗ gelaſſen. Da aber ſein Kamerad nichts vernommen, ſo meinte er, ſich geirrt zu haben. Doch eben wäre durch das vom Sturme zerriſſene Gewölk die Mondſichel auf etliche Augenblicke hervorgetreten und deutlich hätte er auf dem See mehrere mit Menſchen angefüllte Böte entdeckt, die geräuſchlos dem Ufer und insbeſondere der Stelle zutrieben, wo der Wall ganz leicht zu erklimmen ſei. Dem Gefährten ſtrengſte Wachſamkeit gebietend, ſei er hierhergeeilt, und da er aus dem Schatten an der erhellten Fenſteröffnung wahr⸗ genommen, daß die Herrin ſich noch nicht zur Ruhe bege⸗ ben, auch ungeſäumt eingetreten, um die Befehle der Kö⸗ nigin zu vollziehen, wenn dieſe der Meinung ſei, daß ſeine Entdeckung die Nähe einer Gefahr verkünde. Ich hatte ſchon bei dem unvermutheten Eintritt des Mannes mit dem bereits begonnenen Entkleiden der Herrin unwillkürlich inne gehalten und beeilte mich jetzt, obwohl zitternd vor Schrecken, ihren Anzug wieder zu vervollſtän⸗ digen, denn Roswitha, ruhiger und gelaſſener noch, als der Mann, befahl ihm, zur nächſten Hütte zu eilen und ſo ſtill wie möglich die Leute in derſelben zu wecken; dieſe ſollten dann ein Gleiches mit den Bewohnern der andern Hütten thun, welche dann ebenfalls wieder Andere wecken ſollten, und ſo fort, bis alles auf den Beinen und ihrer weiteren Befehle gewärtig ſei. Der Zigeuner eilte von dannen und noch war ich mit meiner Arbeit nicht ganz zu Ende, als ſich's draußen allgemach zu regen begann. Wir konnten wahr⸗ errin den mit her⸗ oben dern ach⸗ „ſo das kliche dem die teben, hrten dd da ahr⸗ dege⸗ Kö⸗ ſeine t des zerrin bwohl llſtan⸗ ſs der ſo ſtill ſollten Hütten ſollen eiteren n und , als waht⸗ ARARRRRS nehmen, daß der Königin weiſer Befehl mit Eifer und Klug⸗ heit befolgt ward. — Du hatteſt vorhin Recht, Zeliska, ſprach die Herrin zu mir, als wir das Gemach verließen. Doch werden die Leute in den Böten wohl nur Bauern ſein, die zu einem Markt in der Umgegend rechtzeitig eintreffen wollen. Unſere Wächter werden uns bald wieder beruhigen, denn ſieh— eben jagt der Wind die letzten Wolken vorüber und für die ſcharfen Augen der Unſrigen iſt das Licht der Mondſichel hell genug, um die Beſtätigung meiner Vermuthung zur Ge⸗ wißheit zu machen. Sieh, ſieh, dort ſtrahlt auch meines Königs Stern! Sie deutete mit der Hand gen Himmel. Aber der Deinige, Herrin, iſt im Verbleichen! So wollte ich eben in banger Befürchtung ausrufen, denn blaſſe Nebeldünſte umlagerten ihn— als mir das Wort auf der Zunge erſtarb. Man hörte plötzlich Waffenklirren, Todesſchrei, wilden Schlachtruf, ſchmetternden Hörnerklang. Von der nach der Krampnitz zu gelegenen Seite des Walles klimmten in Eiſen gehüllte Krieger hernieder, Bolzen pfiffen durch die Luft, Weiber und Kinder heulten, Hunde bellten, alles rannte und ſchrie wild durcheinander— der Sturm aber ſchwieg und mild ſchaute der Mond hernieder. Nur kurze Zeit blickte Roswitha regungslos in das plötzliche Getümmel; dann aber kam Dein Geiſt, Herr, über ſie. Mit lauter, mächtig ſchallender Stimme gebot ſie, daß alles, was ſich regen könne, zu den Waffen greife und ſich in dichten Schaaren um ſie verſammele; mit eigenen Hän⸗ den trieb ſie die Feigen, die ſich verſtecken wollten, aus den nächſten Hütten und zwang etliche verwirrt hier und dort⸗ hin Laufende zum Stehen und zur Achtung ihrer Befehle— vergebens war aber alles, was ſie that. So oft das Ge⸗ tümmel ſtärker ſich erhob, ſtobel die Wenigen, die ſie um Die ſchwarzen Brübder. II. 14 210 AAANANR;TPD ſich geſammelt, wieder auseinander— die Herrin ſah ein, daß es ihr nicht gelingen werde, dem immer näher dringen⸗ den Feinde eine Wehr entgegenzuſtellen. Schon brannten einige Hütten und die Flammen erleuchteten den Lagerplatz zur Tageshelle. Das Angſtgeſchrei der Weiber und Kinder hörte ſich entſetzlich an. Können wir nicht für Oſiris ſiegen, wandte ſich Ros⸗ witha jetzt mit ſchwermüthigem Lächeln zu mir, ſo wird es uns vergönnt ſein, für ihn zu ſterben. Er muß dann doch unſerer hin und wieder gedenken! Sie entwand einem Vorübereilenden die Waffe und eilte dem Getümmel zu. Dies Beginnen brachte plötzlich Leben in mein erſtarr⸗ tes Blut. Ich lief der Herrin nach und holte ſie ein. Du darfſt nicht ſterben, Du mußt Dich retten! flehte ich. Ich weiß, daß ein ſicheres Verſteck vorhanden iſt, Du ſelbſt haſt mir einmal lächelnd von dieſer Vorſicht unſeres Königs ge⸗ ſagt! Nenne mir den Ort, daß ich Dich dorthin bringe! Sie war dazu nicht zu bewegen. — Er wollte jedes Ungemach mit ſeinem Gefährten thei⸗ len, der ihn doch vor Oſiris zu verderben getrachtet, und ich ſollte weniger thun bei denen, die mir von Kindesbeinen auf Gutes erwieſen? ſo ſprach Roswitha zu mir. Das ſei ferne! Doch magſt Du Dich retten— jenes Verſteck— Mehrere fremde Krieger drangen in dieſem Augenblick auf uns ein. In meiner namenloſen Angſt, die mir unge⸗ wöhnliche Kräfte verlieh, nahm ich die Herrin in meine Arme und lief pfeilſchnell mit ihr der Seite des Walles zu, wo ſich der Eingang in das Lager vom Walde her befindet, und von woher noch kein Waffengeräuſch erſcholl. Glücklich hatte ich die bereits geöffnete ſchwere Thür erreicht— da aber gewahrte ich zu meinem Schtrecken, wie auf dem ein⸗ zigen Pfade, der über den Moraſt führt, einer der Unſrigen mit gebundenen Händen einen Trupp der fremden Krieger herü woll Ang Atn ſen mei⸗ gab ihre tor und her war AAAAAAAAANANARARR;S; herüberführte; gewiß hatte er ſich auf dieſem Wege retten wollen und war ſo den Feinden in die Hände gefallen. Von Angſt gehetzt, die ſich heftig ſträubende Herrin feſt in meinen Armen haltend, lief ich jetzt mit ihr Deinem Hauſe zu, geſ⸗ ſen Thür ich hinter mir verriegelte, und dde hene fen meine Bitten von vorhin— doch vergebens. 14 — Du haſt wohl daran gethan, mich hierher zu bringen, gab ſie mir zur Antwort. Es geziemt dem Weibe, das Haus ihres Herrn zu vertheidigen bis zu ihrem letzten Bluts⸗ tropfen! Du aber ſollſt Dich retten! Sie trat mit dieſen Worten an eine Stelle der Wand, und alſobald öffnete ſich eine Thür in derſelben, die ich vor⸗ her nie geſehen; in der Oeffnung aber wurden einige ab⸗ wärts führende Stufen ſichtbar. — Tritt hinein! ſagte ſie weiter zu mir. Dieſe Stufen führen zu einem geräumigen, unterirdiſchen Gemach, in dem Du auch Lebensmittel vorfinden wirſt. Dort kannſt Du ſicher weilen, bis es hier oben ruhiger worden; ſollte Dir aber auch da Gefahr drohen, ſo findeſt Du zur Linken einen Gang, deſſen jetzt offene Thür Du, ſobald Du ihn betreten, verriegeln kannſt und der Dich bis zum See führt, wo er in dichtes Gebüſch ausmündet. Deine hier in der Umgegend übliche Knabentracht wird Dich dann leicht entkommen laſ⸗ ſen; Du magſt dem Oſiris dann berichten, was hier ge⸗ ſchehen, und ihn zu meiner Rettung auffordern, wenn ich dieſe Nacht überlebe, oder ihm wenigſtens meine letzten Grüße bringen! Schnell, ſchnell— wenn Du nicht an der Liebe Deines Nikolas zweifelſt, für den Du leben mußt, ſo ſäume nicht länger! Sie ſtieß mich faſt in die Oeffnung und verſchloß die geheime Thür. Mehr, als alles Andere, hatten ihre Worte wegen der Liebe des Nikolas auf mich gewirkt, auch ſollte ich Dir ja von ihr Kunde bringen! Doch wollte ich dennoch abwarten, 4 14* 3 3 AAAAAAAARNANRTRVYD was mit ihr geſchehen werde, und war feſt entſchloſſen, die gütige Herrin und Freundin nicht zu überleben, falls wirk⸗ lich der Tod ſie treffen ſollte. Der finſteren Mächte Zorn iſt nicht ſo weit gegangen. Auf der erſten Stufe ſtehen bleibend, mit meinem Leib dicht gegen die geheime Thür gepreßt, konnte ich durch das dünne, die Farbe der Wand tragende und über einen Holz⸗ rahmen geſpannte Linnenzeug derſelben alles ſehen und hö⸗ ren, was im Gemach vorging, das ſowohl vom Feuer im Kamine, als auch von dem durch die Fenſteröffnungen drin⸗ genden Scheine, den der Brand einiger Holzhütten verur⸗ ſachte, hell erleuchtet war. Nur der Theil des großen Ge⸗ machs, wo ſich jene Thür befand, war davon ausgenommen. Das laute Geheul der Weiber und Kinder war allge⸗ mach verſtummt; aber deſto wilder ward der Waffenlärm, und das Getümmel wälzte ſich immer mehr Deinem Hauſe zu. Aber dies währte nur noch eine kurze Zeit; denn die jetzt, wie man deutlich hörte, von allen Seiten in das Lager dringenden Krieger hatten den letzten Widerſtand, den ein⸗ zelne der Unſeren noch leiſteten, überwunden, bevor das Blut⸗ vergießen den Vorplatz Deines Hauſes betrat, uͤnd an der Stelle des Kampfgetöſes erſcholl bald jubelnder Siegesruf, vermiſcht mit dem Schmettern luſtiger Fanfaren. Roswitha hatte inzwiſchen das große Schwert— das Zeichen Deiner hohen Würde, Herr— herbeigeholt und ſich damit dem Eingange gegenüber aufgeſtellt. — Was mir Verderben bringt, iſt ſeine Rettung, denn unſere Feinde ſind ja die Freunde unſerer Gefangenen! Ich aber ſterbe würdig als Oſiris' Weib! 1 So und ähnlich hörte ich die Herrin mit ſich ſelber reden. Klirrende Tritte näherten ſich dem Hauſe und gleich darauf krachte die verſchloſſene Thür deſſelben auseinander. Roswitha erfaßte das gewichtige Schwert mit beiden Hän⸗ 213 AAAAAEA den und führte damit einen gewaltigen Streich gegen den vorderſten der Eindringenden. Dieſer jedoch, ein alter, aber kräftiger Mann, der ganz in Eiſen gehüllt war und einen mächtigen Buſch ſchwarzer und weißer Federn auf dem Helme trug, wich dem drohenden Streiche gewandt aus und hielt das Schwert ſchon im nächſten Augenblicke feſt in ſeinen Stahlhandſchuhen; Roswitha war entwaffnet. — Das iſt ein ſeltſam Spielzeug in ſo zarten Händen! rief der Ritter lachend, das Schwert in den ſeinigen wie⸗ gend. Doch ſeht, rief er dann ſeinen Begleitern zu, hättet Ihr ein ſo ſchmuckes Kind unter dieſem Geſindel vermuthet? Wenn mich nicht alles trügt, iſt dies Mädel auch nicht ein Kind dieſes Volkes; es gleicht, die Bekleidung ausgenom⸗ men, faſt den Töchtern unſerer Mark mit ſeinen blauen Augen und blondem Seidenhaar! Wer biſt Du, mein Kind, und wie kommſt Du unter dieſe ſaubere Sippſchaft? wandte er ſich dann wieder zu Roswitha. — Ich bin des Oſiris Weib und die Königin dieſes Volkes! erwiederte ihm Roswitha ſtolz. Der Ritter fuhr zurück, als hätte er das Ziſchen einer giftigen Natter vernommen. — Hörte ich recht! ſprach er nach kurzer Pauſe; Du ſollteſt die Gefährtin und alſo die Mitſchuldige des von Tau⸗ ſenden Verfluchten, des verruchteſten Böſewichtes ſein, den Gottes Zorn je von dieſer Erde tragen, von ſeiner Sonne beſcheinen ließ? Nimmermehr kann ich das glauben! Nimm dies Wort zurück, Mädel, denn Du weißt nicht, was Du ſprichſt! Man hat Dich aus irgend einem Grunde zu die⸗ ſer falſchen Ausſage vermocht, von der Du nicht ahnſt, daß ſie Dich, beharrſt Du bei ihr, auf das Rad bringt! Wi⸗ derrufe, ſage ich Dir! Er ſah ſie faſt bittend an. — Ich verharre bei meiner Ausſage, weil ſie die Wahr⸗ heit enthält, welche Euch alle bezeugen können, die Euer ARD Schwert etwa verſchont haben ſollte! gab Roswitha zur Ant⸗ wort. Auch bin ich bereit, mein Wort mit dem Tode zu beſiegeln, mit dem Tode für Oſiris, deſſen treue Gefährtin ich in Leid und Freude war! In Allem, was er that, war ich ſeine Genoſſin! Sie ſprach dies im Tone des Triumphs. Der Ritter wandte ſich wieder zu ſeinen Begleitern. — Seht dieſes Weib an, Ihr Herren, ſagte er zu ih— nen. Scheint es nicht, als ſei ſte der ausgeſtoßenen Engel einer? Unglückliche, möge Dir der Himmel in den letzten Stunden Deines kurzen, für die Vermehrung Deiner Schuld aber viel zu langen Lebens gnädig ſein! Doch einen Theil Deiner ſchweren Schuld iſt Dir abzutragen vergönnt durch eben ſo offene Antwort, wie Du uns bisher gegeben: War der Hauptmann dieſer Höllenbande zur Zeit unſeres Ueber⸗ falles in Eurem Raubneſt zugegen? — Ach, Ihr wißt nicht, wo er weilt! rief Roswitha freudigen Tones. — Antworte, Weib! Ich gebiete es Dir! donnerte ihr der Ritter zu.— — Mir gebietet nur mein Herr und König, und der iſt Oſiris! entgegnete Roswitha in feſtem Tone. — Verſtockte, ſoll Dir erſt die Folter die Zunge löſen? fragte der Ritter mit mehr Schmerz als Zorn. — Verſucht es! lächelte Roswitha. — Wahrlich, man muß ſie mehr bemitleiden, als ver⸗ dammen! ſprach der Ritter. Bringt ſie zu den Uebrigen. Er winkte. Aus ſeinem Gefolge trat ein Knecht, einen ſtarken Le⸗ derriemen in der Hand haltend, auf Roswitha zu. Kaum aber gewahrte die Herrm ſeine Abſicht, als ſie blitzſchnell dem Kamine zuſprang. — Wagt es, mich, der Sklavin gleich, feſſeln zu wol⸗ len, ſo werden dieſe Flammen mich der Schmach entreißen! rief ſie dem Ritter und ſeinen Leuten zu. 215 mm, Ihre Blicke ſprühten dabei nicht minder lodernde Flam⸗ men, als die waren, in welche ſie ſich zu ſtürzen im Be⸗ griff ſtand. — Laßt ſie ungefeſſelt, doch bewacht ſie ſcharf! gebot der Ritter. Mein Wort darauf, Weib, ſo lange Du in meiner Gewalt biſt, und Du nicht zu fliehen verſuchſt, ſolll Dein Wille geſchehen! ſagte er zu Roswitha, die noch im⸗ mer bereit ſtand, ihre Drohung auszuführen. In dem Weſen des Ritters lag etwas, das Vertrauen erwecken mußte, und ſo trat denn jetzt Roswitha ohne Zö⸗ gern in die Mitte mehrerer Reiſigen, die gerufen worden, um ſie hinwegzuführen. In der Thür aber wandte ſie ſich noch einmal zu dem Ritter um. — Du oder die Deinigen werden in einem unterirdi⸗ ſchen Kerker zwei Gefangene gefunden haben, ſagte ſie zu ihm. Beide gehören nicht zu uns und einer von ihnen iſt gewißlich unſchuldig; Du wirſt ihn ſchon vom anderen un⸗ terſcheiden. Laß den Unſchuldigen frei ausziehen; er hat genug gelitten. Verſprich mir dies, alter Mann! Bittend trat ſie ihm näher. Der Ritter blickte fragend im Kreiſe umher. — Es iſt richtig, edler Herr, daß wir in einem dum⸗ pfigen Loche zwei Leute gefunden haben, die ihrem Ausſehen und ihrer Kleidung nach nicht zu dieſem Geſindel gehören, und die wir zu den Uebrigen gethan haben, nahm ein Krie⸗ ger das Wort, der ein Unterhauptmann zu ſein ſchien. — Und weswegen wurden ſie gefangen gehalten— wer ſind ſie? fragte der Ritter die Herrin. — Dies mögen ſie ſelber Euch ſagen, wenn ſie wollen, erwiederte Roswitha. Daß ſie aber nicht zu uns gehören⸗ dafür bürgt Euch mein Zeugniß! Sie wollte gehen. Der Ritter gebot den Reiſigen, zu warten. — Deine Fürſprache ſowohl, wie das Zeugniß von ſolchen Lippen gereicht Deinen Schützlingen eben nicht zum großen Vortheil und zur Empfehlung, ſagte er dann lächelnd zu Roswitha. Doch will ich die beiden Vögel in Deiner Gegenwart ſehen und verhören und dann urtheilen. Er befahl die Beiden vorzuführen, ließ ſich auf einen Seſſel nieder und forderte ſeine vornehmeren Begleiter auf, ein Gleiches zu thun. — Der Räuber- und Mordbrenner⸗Hauptmann hat ſich's hier wahrlich hüͤbſch wohnlich eingerichtet, ſagte er dann, ſich im Gemach umſehend. Hatte wahrſcheinlich im Sinn, ſich in dieſem unzugänglichen Schlupfwinkel noch recht lange aufzuhalten, um während des bevorſtehenden Krieges wo wir mit dem Kurfürſten oben an der Oſtſee uns auf⸗ halten müſſen, ganz ungefährdet in den vom Kriegsvolk ent⸗ blößten Marken ſengen und brennen zu können. Nun, auf dem Rade wird ihm und ſeinem Geſindel dies Gelüſte wohl vergehen müſſen! Die Andern ſtimmten ihm lachend bei. Bald brachte man die beiden Gefangenen. — Sehe ich recht, Ihr Herren? rief der Ritter bei ih⸗ rem Anblick erſtaunt. Was in aller Welt führte Euch hier⸗ her, Herr Rycke und Herr Stroband? Hätte traun alles Andere vermuthet, als zwei angeſehene Patrizier aus den beiden Städten hier zu finden! Doch ſagt, wie kommt Ihr an dieſen Ort? Auch ſeine Begleiter ſahen erſtaunt und fragend ein⸗ ander an. — Ihr erſcheint uns gleich einem Engel des Himmels, Herr Kammermeiſter! nahm der ältere der beiden Gefan⸗ genen, der Stroband heißt, das Wort. Wir wurden von den Räubern bei einem Jagdritt gefangen und in ſchmäh⸗ licher Haft gehalten, um ein hohes Löſegeld von uns zu er⸗ preſſen. Ich begrüße Euch— Weiter konnte er aber nicht ſprechen. = ͤͤ=— e —==— AAANANANANA;; — Das lügſt Du, nichtswürdiger Schurke! rief Ros⸗ witha, an ihn herantretend und die Hand zur wohlverdien⸗ ten Züchtigung erhebend. Der Ritter winkte ſogleich den Reiſigen, daß ſie die Herrin von ihm wegführten. — Du haſt nur zu reden, wenn ich Dich frage! ſagte er zu ihr. — Dennoch muß ich als Wahrheit bekennen, daß der Zorn des räthſelhaften Weſens gerecht iſt! erklärte der junge Rycke. Man hat uns nicht gewaltſam hierher geführt; frei⸗ willig ſind wir gekommen. Doch eben ſo wahr iſt, daß keiner von uns Beiden wußte, wer dieſe Leute ſind! — Ihr widerſprecht Euch in Euren Ausſagen, Ihr Herren; das iſt ein ſchlimmes Zeichen! verſetzte der Ritter. Habt Ihr vielleicht gewußt, was Ihr hier wolltet? Ihr ſchweigt? Nun, ich dächte doch, jeder Mann hätte bei Al⸗ lem, was er thut, eine Abſicht. Er blickte ſie ſcharf forſchend an. — Ihr ſeid ein Chriſt und Ehrenmann, Ritter von Waldenfels, und werdet daher wiſſen, daß man einen Eid nicht brechen darf, nahm der junge Rycke wieder das Wort. Wir aber haben einen Eid geleiſtet, der uns das Reden verbietet! — Das iſt eine ſchlimme Sache! meinte der Ritter. Die Anweſenheit zweier Patrizier der beiden faſt immer auf— ſtändiſchen Städte unter ſolchen Leuten und an ſolchem Orte, wie hier, muß allerlei Gedanken erregen, die durch Eure Widerſprüche von vorhin nicht beſeitigt werden. So leid mir's daher thut, Ihr Herren, ſo heißt's doch vorläufig: Mit gefangen, mit gehangen! Das wird nun zwar nicht wörtlich von Euch genommen werden brauchen, hoffe ich, aber in Haft muß ich Euch behalten, bis man in Span⸗ dow in Eurex Sache entſchieden hat. Doch verſteht es ſich von ſelbſt, daß Ihr Euch von mir anderen, Eurem Stande ——» — 4* 8 38 3 3³ herrn, dem Recht und der Ehre gewidmet, den Sieg ver⸗ 218 NRNNRNRNNN angemeſſeneren Gewahrſams zu verſehen habt, als Euch hier zu Theil geworden zu ſein ſcheint. Auf Wiederſehen, Ihr Herren! Er winkte dabei mit der Hand, daß man die Gefan⸗ genen abführen möge. — Wollt Ihr mir ein Wörtlein unter vier Augen mit Euch vergönnen, edler Herr? fragte Stroband mit einem tückiſchen Seitenblick auf ſeinen Gefährten. Ihr dürftet dann in dieſer Angelegenheit plötzlich klarer ſehen können, als Ihr jetzt ahnt, Herr Kammermeiſter! — Bei Eurer Seligkeit, Ritter, gewährt ihm ſeine Bitte nicht! rief Rycke. Ihr möchtet einſt ſeinen Eidbruch zu ver⸗ antworten haben! — Thue, was Dir dieſer ſagt, alter Mann! ſprach Roswitha, auf den jungen Mann deutend. Ich weiß, daß er die Wahrheit ſpricht! — Ich aber weiß es nicht, denn ſein Leumund ſpricht nicht viel Gutes von ihm! verſetzte der Ritter, mehr zu ſich ſelber, als zu den Anderen redend. Führt die Gefangenen ab, befahl er dann ſeinen Reiſigen; laßt es ihnen, wie allen Uebrigen, an nichts fehlen, insbeſondere aber iſt es mein Wille, daß man die beiden Herren aus Berlin und Kölln gut und anſtändig halte und ihnen jede Erleichterung und Bequemlichkeit gewähre. Man führte die drei hinweg. — Seltſame Dinge ſcheinen mir hier obzuwalten! ſprach der Ritter für ſich. Was mag es an der Zeit ſein? fragte er ſeine Begleiter.. — Eine Stunde nach Mitternacht iſt's! ſagte einer von dieſen. — So laſſet uns Gott danken, daß er uns das neue Jahr durch einen Sieg beginnen ließ! ſagte der Ritter. Möge er auch ferner die Waffen unſeres gnädigſten Landes⸗ WN Z? leihen; möge er im neuen Jahre allen Zwiſt, Hader und Unfrieden aus der Marken Grenzen verbannen und Ein⸗ tracht und Frieden einziehen laſſen in Städte und Dörfer! Darum laſſet uns und auch die Reiſigen beten! Er ſandte hinaus, um ſeinen Befehl vollziehen zu laſſen. Gleich darauf verſtummten die jubelnden Trompeten⸗ klänge im beſiegten Lager und ein feierlicher Choral erſcholl an ihrer Stelle in langgezogenen Tönen durch die Nacht. Die im Gemach Anweſenden entblößten andächtig das Haupt, knieeten nieder und ſprachen leiſe Gebete. Als die Andacht beendet war, befahl der Ritter, die Reiſigen durch Speiſe und Trank, die ſich in reichem Maße vorgefunden hatten, zu erquicken, und auch er und ſein Ge⸗ folge labten ſich im Gemach an unſern Vorräthen. Manch kräftig Wort ward dabei geſprochen und mancher Becher auf das Wohl des herrſchenden Fürſtenſtammes geleert. Alle meinten aber, daß der, welcher dem Ritter auf ſo uneigen⸗ nützige Weiſe— indem er ſeinen Namen in dem Brieflein nicht genannt— Nachricht von dieſem Räuberſchlupfwinkel gegeben und ſo den Kurfürſtlichen einen leichten und fröh⸗ lichen Sieg verſchafft, ein gar wackerer Mann ſein müſſe. Bald aber ließ der Ritter durch die Trompeten zum Aufbruch blaſen. Er ordnete an, daß die Gefangenen zur Hälfte nach Spandow und zur Hälfte in die Burg zu Po⸗ ſtamp gebracht werden ſollten, weil in einem Orte nicht Raum genug für ſo viele ſei. Auch alles, was ſich an Gold, Silber und werthwollen Stoffen vorgefunden habe, ſolle man nach Spandow bringen, um es den rechtmäßigen Eigenthü⸗ mern eieaeen können, wenn ſich ſolche etwa melden würden; was abek an minder werthvollen Sachen, an Klei⸗ dern, Geräthen und Lebensmitteln im Lager vorhanden ſei, das ſolle man den Reiſigen, ſowie den Bauern und Fiſchern der Umgegend überlaſſen, welche dem Zuge beigewohnt und — — — 220 AAAAAAANANANR durch Umſtellung des Lagers von Außen ſo gute Dienſte ge⸗ leiſtet hatten. Als der Ritter und ſeine Begleiter das Gemach ver⸗ laſſen, wagte ich mich hinaus, denn ich mußte ja erforſchen, wohin man die Herrin bringen würde. Große Gefahr konnte nach dem, was der Ritter von den Fiſchern und Bauern ge⸗ ſagt, nicht für mich vorhanden ſein, denn ich trug ja die Kleidung der Letzteren und rede ihre Sprache; zudem war es Nacht. Ach, welch ein Anblick bot ſich mir dar, als ich in's Freie trat! Des Mondes blaſſes Licht, das vorher zu unſerem Verderben verhüllt geweſen, beleuchtete jetzt eine Stätte der Verwüſtung, wo Uebermuth und Hohn ſtolz und kühn einherſchritten und Jammer, Elend und Verzweiflung ihre Krallen wetzten! Einem Heuſchreckenſchwarme gleich fielen die Bauern über unſere Hütten her und ſchleppten keuchend an der ſchweren Laſt unſeres Gutes. Einzelne Todte lagen unbeachtet am Boden; wo aber das Stöhnen eines Schwerverwundeten ſich hören ließ, da hockte auch ein fin⸗ ſterer Mönch und predigte der armen Seele Buße und Reue. Wilder Jubel, Aechzen, Lachen, Flüche, Zankgeſchrei, Schmerz⸗ gewinſel und Wuthgebrüll erſchollen in ſchauerlichem Verein und begleiteten das heiſere Freudenlied der Raben und Krä— hen, die begierig der Spur des gegen uns heranziehenden Verderbens gefolgt waren. Zerſtörung und Plünderung hier und dort. Mich aber trieb es dahin, wo im Scheine des verglim⸗ menden Brandes einiger beim Beginn des Kampfes ange⸗ zündeten Hütten die Speere und Stahlhauben der Reiſigen erglänzten, denn dort mußte ja die gelichte Herrin ſein! Eben ordnete man die Gefangenen im Aufbruch. Die Weiber, welche Säuglinge auf ihren Armen trugen, ſowie die jungen Kinder hatte man ſchon unter ſichrer Bewachung außerhalb des Lagers gebracht, wo inzwiſchen etliche Fuhr⸗ werke zu ihrer Fortſchaffung angelangt waren; allen Uebrigen 0 221 AAAAAAAę́;́ aber, Männern und Weibern, Buͤrſchen und Dirnen hatte man die Hände auf den Rücken geſchnürt und je zwei und zwei mit den Armen an einander gebunden, und theilte ſie jetzt für die beiden Orte, wohin ſie gebracht werden ſollten, ab. Aus den Reden der Reiſigen entnahm ich, daß man Dich unter den Gefangenen wähnte. Erſt nach längerem Spähen gewahrte ich die arme Her⸗ rin; man hatte ſie ihres reichen Schmuckes beraubt, und das ihr von dem Ritter gegebene Wort ſchnöde gebrochen, denn man hatte ſie ebenſo wie die übrigen Gefangenen gefeſeelt. Und dies war mit Vorwiſſen des Ritters geſchehen, denn er ſtand bei ihr und ſprach mit ihr, ohne ſie von den ſchmach⸗ vollen Banden zu befreien! Plötzlich hieß es:„Auf und vorwärts!“ Die beiden Züge ſetzten ſich in Bewegung, der eine durch den Wald nach Spandow, der andere aber nach dem Ufer des Weißen See's, um in mehreren Böten über das Waſſer geſchafft zu werden. Unter dem letzteren Zuge befand ſich Roswitha. Mir wollte das Herz zerſpringen, als man ſie fortführte, und wenig fehlte, ſo hätte ich mich jammernd zu ihren Füßen geworfen; nur ihr ſtrenger, verbietender Blick, als ſie mich gewahrte, hielt mich davon zurück. Als die Herrin meinen Augen entſchwunden, litt es mich nicht mehr an dieſer Stätte. Glücklich erſpähte ich am Ufer einen unbewachten Fiſchernachen, deſſen ich mich be⸗ mächtigte und eilends in ihm von dannen fuhr. Der dunkle Schatten, welchen die ſchwarzen Föhren am Uferrand über den See hinwarfen, begünſtigte meine Flucht, und bald hatte ich den Havelſtrom erreicht. Dem Dorfe Kladow gegenüber, von wo aus ich ſchon öfter den Weg nach Schonenberg ge⸗ macht habe, ſtieg ich an's Land, ließ den Nachen von den Wogen forttreiben und eilte durch Wald und Feld dorthin, wo ſich Nikolas mit den Zigeunern, die Du durch mich aus dem Lager rufen ließeſt, verborgen hält. — — 1 321 rrr e Obgleich erfreut ob der Rettung ſeines Mädchens, war Nikolas doch tief bekümmert wegen des harten Geſchickes, das ſo ſchnell und furchtbar über Roswitha und unſer Volk hereingebrochen war, und ſchwur, ſein Leben daranzuſetzen, um die Herrin zu befreien. Mich aber ſandte er alſogleich zu Dir, Herr, um Dir die Trauerbotſchaft zu überbringen.“ Zeliska hatte ihren Bericht, der ſich dem Befehle des Zigeunerfürſten gemäß über alle dieſe Einzelnheiten erſtreckt hatte, ſchon ſeit geraumer Zeit beendet und noch verharrte Oſtris in düſterem Schweigen, obgleich langes Zaudern und Erwägen ſonſt nicht ſeine Sache war. Begieb Dich wieder zu Nikolas und ſage ihm, daß er ſelber kommen möge, wandte er ſich endlich zu Zeliska. In der Kirche St. Petri zu Kölln wird er mich finden, wenn er ſie betritt, ſobald die Glocken zur Vesper läuten. Staunend über die Wahl des Ortes, den Oſiris zur Zuſammenkunft beſtimmt hatte, verließ Zeliska des Bürger⸗ meiſters Haus. 15. Am Mittage kehrte Rycke in Begleitung mehrerer Raths⸗ herren aus der Kirche zurück; ſchon beim Austritt aus dem Gotteshauſe hatte er das Gerücht von den Ereigniſſen der vergangenen Nacht vernommen, welches Leute, die am Vor⸗ mittage von Spandow herübergekommen waren, verbreitet hatten. In eifrigem Geſpräch hierüber langte er mit ſei⸗ nen Begleitern vor ſeinem Hauſe an. — Glaubt mir, Ihr Herren, an der ganzen Sache iſt wenig oder nichts Wahres! ſagte er zu dieſen. Eine ſo große Räuberbande ſollte ſich kaum eine Tagereiſe von hier ſeit längerer Zeit eingeniſtet haben, ohne daß man von gro⸗ dum ver fel 223 AAAAA;A;R; ßen Raubanfällen und Mordbrennereien gehört hätte? Man wird etliche Strauchdiebe gefangen haben und giebt ſich nun das Anſehen, als hätte man uns von großen Gefahren be⸗ freit! Ich ſage Euch, die Anhänger der kurfürſtlichen Par⸗ tei bieten alles auf, offen und insgeheim, um das niedere Volk auf ihre Seite zu ziehen und uns zu ſtürzen, und zu dieſem Zwecke haben ſie auch dieſe neue Mähr erſonnen. Aber ich denke ihnen derart den Daumen auf's Auge zu ſetzen, daß ihnen ihre Gelüſte bald vergehen ſollen! Laßt uns nur in der Zukunft einmüthig handeln und durch kein verläumderiſches Geſchwätz ferner uns gegenſeitig das Ver⸗ trauen zu einander entziehen, ſo werden wir auch ferner allen Anfechtungen ſtegreich widerſtehen und unſeren Geg⸗ nern den Fuß auf den Nacken ſetzen! Gehabt Euch wohl, lieben Freunde— und vergeßt nicht, daß alles, was wir heut beſprochen, und insbeſondere, was ich Euch wegen des Boytin und des Reinhold geſagt habe, unſer tiefes Geheim⸗ niß bleiben muß! Sobald er ſich in ſeinem Gemach befand, ließ er durch Ehrig ſeinen Verbündeten rufen, mit dem er ſich einſchloß. Ehrig, der auf dem Gange draußen auf und abſchritt, hörte ſeinen Herrn bald drohen, bald bitten, während der Andere nur kurze, trotzige Antworten gab. Endlich vernahm man, daß Rycke ſich an ſeinen Schreibtiſch ſetzte, während jener in kurzen Pauſen ſprach, als ob er dem Schreibenden diktire. Bald erhob ſich Rycke wieder. — Es iſt alſo Dein feſter Entſchluß? fragte er. — Er iſt's! erwiederte Oſiris. — Und Du fürchteſt nicht die Gefahren, denen Du durch Dein eneahe Begehren, für das ich nicht einen vernünftigen Grund finde, entgegengehſt? — Nachdem Du nicht mehr, wie ſonſt, daran zwei⸗ felſt, daß ich wirklich der bin, als den ich mich vor Dir — — — 224 AAAAANAANN;Aꝑ;E;E; ohne Scheu ausgegeben, ſollteſt Du von Furcht nicht ſpre⸗ chen, es ſei denn von der Deinigen! verſetzte Oſiris. — Du ſprachſt vorhin von einem wichtigen Dienſte, den Du mir als Preis meiner Nachgiebigkeit leiſten wür⸗ deſt, begann Rycke nach einer Pauſe wieder. Unter der von mir verlangten Schrift fehlt nur noch mein Amtsſiegel; ſo⸗ bald Du mir den Preis nennſt und ich ihn würdig genug finde, erhältſt Du die in allen Stücken vollkommen gültige Urkunde. Demnach alſo magſt Du Dich erklären. — Ich müßte Eurem Mißtrauen das meinige entgegen⸗ ſetzen, doch mag ich's nicht, entgegnete Oſiris. So hört denn: Ihr habt Eure beiden Kinder verloren. Ihr ſelber habt mir geſagt, daß Eures Sohnes unerklärbares geheim⸗ nißvolles Verſchwinden aus dem Kerker Euch ebenſo unru⸗ hig und beſorgt macht, wie Eurer Tochter freiwillige Ent⸗ fernung Euch Herzeleid und Kummer verurſacht. Es iſt daher wohl nichts Geringes, wenn ich mich erbiete, Euch nicht allein den Schlüſſel zu des Erſteren Entkommen zu ge⸗ ben und Euch ſeinen jetzigen Aufenthalt zu entdecken, damit Ihr der Gefahr, die Euch von dieſer Seite droht, entgehen könnt— ſondern mich auch noch verpflichte, binnen drei Tagen Euch Kunde von Eurer Tochter zu bringen. Was meint Ihr zu ſolchem Preis? — Ich meine, daß ich ihn nicht eines Pfifferlings werth erachte! verſetzte Rycke mit verächtlichem Lachen. — Wie— eine Kunde von Deinen Dir verlorenen Kindern iſt Dir nichts werth, Menſch? rief der Zigeuner⸗ fürſt, der ſolche Antwort nicht erwartet hatte. — Vor Allem muß ich Dich erſuchen, und zwar zu Deinem eigenen Beſten, mir gegenüber deſr Ton innezuhalten, der dem Diener, als welcher Du doch in meinem Hauſe giltſt, ſeinem Herrn gegenüber geziemt, ſprach Rycke kalt. Man könnte Dich hören. Sodann aber muß ich Dir ſa⸗ gen, daß ich die ſicherſte Kunde von dem Jode der Beiden aus un irg bete ren an ber ger⸗ entf als auf geg nich um ner ich 225 aus dem Hungerthurm Entkommenen ſchon ehegeſtern erhielt; und was meine Tochter betrifft, ſo mag ſie immerhin in irgend einem Nonnenkloſter ihre Tage verſeufzen und ver⸗ beten— weiß ich doch, daß ſie die Familienverhältniſſe, de⸗ ren Mitwiſſerin ſie durch irgend einen Zufall geworden, nicht an fremde Leute entdecken kann und wird. Ihr mir ſtets bewieſener Undank aber, der faſt der Verrätherei ihres un⸗ gerathenen Bruders gleichkommt, hat auch ſie meinem Herzen entfremdet, und ich kann ihre Gegenwart um ſo eher miſſen, als ich, wie Du weißt, meinen Plan wegen des Ottokar auf den Rath eines weiſen, ſtets untrüglichen Mannes auf⸗ gegeben. Ich werde dennoch meinen Weg durch das Leben nicht einſam zu wandeln haben, und bin noch nicht zu alt, um die Hoffnung gänzlich aufzugeben, einſt noch einen mei⸗ ner wüirdigen Erben— doch das kümmert Dich weiter nicht; ich wollte Dir eben nur zeigen, welchen Werth ich in die Dienſte ſetze, durch welche Du meine Bereitwill ligkeit zu loh⸗ nen meinſt. Oſtris ſchaute den Sprechenden eine Weile an, als hätte ſich der Bürgermeiſter einer für ihn unverſtändlichen Sprache bedient. — Kann ein Vater ſolches denken und ſprechen? mur⸗ melte er dann vor ſich hin. O, gegen dieſen bin ich wahr— lich ein Engel! — Was ſprichſt Du da? fragte Rycke. — Nichts, was Dich kümmert! verſetzte der Zigeuner⸗ fürſt. Doch ſage mir jetzt, biſt Du bereit, meinem Verlan⸗ gen zu willfahren? — Ja und nein— je nachdem Du Dich in mein Verlangen fügſt n. ewiederte der Bürgermeiſter. — So werde ich Dich zwingen! ſprach Oſtris, indem er einen langen Dolch dhersued. und zwiſchen Rycke und die Eingangsthür trat. Zur Stelle verlange ich das fertige Dokument; jedes fernere Zaudern iſt unnütz und der erſte Die ſchwarzen Brüder. II. 15 — — —— — 1* 1 1 „ 226 NANNRNRNNRS, Ruf nach Hülfe oder der geringſte Fluchtverſuch zieht Deinen Tod nach ſich! Rycke erblaßte und machte eine Bewegung, als wollte er an den Schreibtiſch treten, um den Willen des Zigeuner⸗ fürſten zu erfüllen. Plötzlich aber blieb er ſtehen. — Es fällt mir da eben ein, daß das Amtsſiegel noch in den Händen des Rathsherrn Heydicke iſt, ſprach er. Am Tage nach meiner Verhaftung ließ man es holen und hat es bis jetzt noch nicht zurückgebracht. — Du wagſt es, Ausflüchte zu machen? verſetzte Oſiris, indem er drohend näher trat. — Ich ſpreche die Wahrheit! entgegnete Rycke. Der Zigeunerſürſt ließ den bereits gehobenen Arm wie⸗ der ſinken. — Er iſt zu feige, um mir zu trotzen, wenn er mein Verlangen erfüllen könnte, dachte er. Auch würde mir ſein Tod nichts nützen! Der Bürgermeiſter ſchien die Gedanken ſeines Gegners zu errathen. — Laß uns vernünftig mit einander reden, ſo werden wir Beide zum Ziele kommen, ſagte er. Wir können ein⸗ ander viel nützen, wogegen keiner dem Andern Schaden zu⸗ fügen kann, ohne zugleich ſein eignes Verderben zu bereiten. Ueberdies würdeſt Du mich nicht zu tödten vermögen, denn ich bin zu etwas Anderem beſtimmt, als um durch Deinen Dolch zu fallen. — Weshalb weigerſt Du Dich, nach meinem Willen zu thun? fragte Oſiris. — Ich weigere mich nicht, ich verlange nur einen Ge⸗ gendienſt von Dir! entgegnete Rycke. Sobald Du mir die⸗ ſen geleiſtet, iſt auch Deine Forderung erfüllt. — Welche Bürgſchaft kannſt Du mir geben, daß Du dann Dein Wort nicht brichſt? ſprach der Zigeunerfürſt nach kurzem Beſinnen. „ — Genügt Dir mein Eid? fragte Rycke. — Dein Eid? verſetzte Oſiris. Was ſoll mir der? Haſt Du nichts Beſſeres? — Nun, ſo mag Dir mein Vertrauen als Beweis die⸗ nen, daß ich's aufrichtig meine, ſagte Rycke; denn welche Bürgſchaft könnte ich Dir ſonſt geben? Stecke den Dolch wieder an ſeinen Ort und höre mir ruhig zu. — Sprich! gebot der Zigeunerfürſt. — Mein Vater hatte zwei Söhne, von denen ich der jüngere war, hob Rycke an. Mein älteſter Bruder hatte alle Ausſicht, einſt den größten Theil des elterlichen Gutes zu erhalten, denn es war ihm gelungen, ſich zum Liebling des Vaters zu machen. Da ſich aber ſolches in meine zu jener Zeit gehegten Pläne ſchlecht ſchickte, ſo kann's nicht Wunder nehmen, wenn ich dem nach Kräften entgegenarbeitete. Das Schickſal war mir günſtig; mein Bruder vergaffte ſich in ein armes Bauermädel, und als ihm mein Vater natür⸗ lich die Einwilligung zu ſolcher Heirath verſagte und dem Widerſpenſtigen mit ſeinem Fluche drohte, war es mir ein Kleines, den von wilder Leidenſchaft und Verzweiflung er⸗ griffenen Tollkopf zu einem Schritte zu bewegen, deſſen Fol⸗ gen den Vater zwingen ſollten, dem Verlangen meines Bru⸗ ders zu willfahren. Wie ich's berechnet, ſo geſchah es: Fluch und Enterbung trafen den ſonſtigen Liebling, den darauf eine Krankheit darniederwarf. Ich wäre mit dieſem Ergebniß meiner Mühen zufrieden geweſen, hätte ich nicht wahrge⸗ nommen, daß des Vaters Feſtigkeit zu wanken begann; ich mußte fürchten, daß meines Bruders Geneſung ihn in die Arme des Verzeihenden zurückführen werde. Da galt kein Bedenken; mein Bruder erlag ſeiner Krankheit und ward begraben; das Mädchen aber verfiel in Irrſinn. Plötzlich entſtand ein Gerede unter den Leuten und drang auch bis zu meinem Vater, daß der Verſtorbene mit dem Mädel heim⸗ lich vermählt geweſen. Der Tod des Lieblingsſohnes, den 15* — — ☛ᷣ‿—ĩ 228— er ſeiner Härte zuſchrieb, hatte den Alten weich geſtimmt; ich hörte ihn ſagen, daß er ſeinen Enkel als ſolchen aner⸗ kennen wolle, ſobald er jenes Gerücht beſtätigt finde; er ſtellte auch zu dieſem Zwecke insgeheim die ſorgfältigſten Nachfor⸗ ſchungen an und ließ ſeine vermeintliche Schwiegertochter auf's Beſte verpflegen. Schon war ich zum Aeußerſten ent⸗ ſchloſſen, um dies neue Hinderniß zu beſeitigen, als die Irr⸗ ſinnige eines todten Zwillingspaares genas. Da ſomit meine Beſorgniſſe gehoben waren, ſo kümmerte ich mich um meines Vaters Nachforſchungen um ſo weniger, als er nie das Ge⸗ ringſte darüber verlauten ließ. Auch die Irrſinnige, für de⸗ ren weitere Pflege bis an ihr Lebensende mein Vater in ſeinem letzten Willen geſorgt hatte, ſprach immer nur davon, daß ſie meines Bruders Verlobte, nicht aber ſeine Gattin geweſen, obwohl ſie dabei ſtets behauptete, daß ſowohl Theo⸗ bald als ſeine Kinder, welche man ihr geſtohlen haben ſollte, noch am Leben ſeien. Die letztere Behauptung fand ich ge⸗ rechtfertigt, als ich einſt insgeheim die Gräber öffnen ließz aber es wollte mir nicht gelingen, Aufſchluß über dieſen Umſtand zu erhalten, und ſo ließ ich die Sache auf ſich beruhen. Eine Reihe von Jahren iſt nun ſeit jener Geſchichte verfloſſen, während welcher Zeit mir's nie einfiel, von die⸗ ſer Seite her Gefahren zu fürchten. Da fügte es ſich auf irgend eine ſeltſame Weiſe, daß meine Tochter Helene Kunde erhielt von jenen Ereigniſſen, und nicht allein von den aller Welt bekannten, ſondern auch von allen den Umſtänden, die ich als das tiefſte Geheimniß in meiner Bruſt bisher ver⸗ ſchloſſen und von denen niemand auch nur eine leiſe Ahnung haben konnte. Die Folge dieſer wunderbaren und unerklär⸗ lichen Entdeckung meiner Tochter, die ſie mir übrigens ſorg⸗ fältig verbarg, war nun, daß Helene im Stillen die Nach⸗ forſchungen meines Vaters fortſetzte und bald mehr wußte, als ich ſelber. An dem Morgen nun, wo ſie mein Haus 229 AAAAAAAAAANANR; heimlich verließ, fand ich von ihr ein langes Schreiben. Die erſte Hälfte deſſelben enthielt faſt nur Abſchiedsworte, der letzte Theil aber die Mittheilung, daß ſie um jene Geheim⸗ niſſe wiſſe. Sie ſagte darin ferner, daß ſie unbeſtreitbare Beweiſe von der Ehe meines Bruders gefunden, und daß es ihr gelungen, deſſen noch jetzt lebende Kinder zu ermit⸗ teln, welchen ſie jene Beweiſe zuzuſtellen geſonnen ſei, um ſo die Schuld ihres Erzeugers zu tilgen. Wie dies alles zugegangen und welche die vermeintlichen Kinder meines Bruders ſeien, verſchwieg ſie und beſchwor mich nur noch zum Schluſſe, auch meinerſeits alles zu thun, um das be⸗ gangene Unrecht zu ſühnen. Du wirſt Dir's vorſtellen können, was ich beim Leſen dieſer Schrift empfand! Ein Entſchluß folgte auf den an⸗ dern, aber keinen wagte ich auszuführen; der eine, der mir allein Rath und Hülfe angedeihen laſſen konnte, verſchloß hartnäckig ſein Ohr vor mir. Endlich entſchloß ich mich dazu, den Syndikus in mein Vertrauen zu ziehen; er ſollte Helene aufſuchen und ſie von ihrem Vorſatze abbringen, denn ich wußte, daß, wenn überhaupt einem Menſchen, nur ihm dies möglich war. Doch faſt ſchon⸗ im Begriff, mich ihm ſo weit, wie's nöthig ſchien, zu entdecken, ward ich ver⸗ haftet. Daher meine tiefe Niedergeſchlagenheit im Kerker; — mußte ich nicht jeden Augenblick erwarten, auch noch wegen dieſer Sache vor Gericht geſtellt zu werden, und war ſolche Befürchtung nicht geeignet, meine Thatkraft zu zermalmen? Meine Verhaftung, die ich anfangs als den Gipfel meines Unglücks anſah, war aber in ſofern ein Glück für mich, als ich durch ſie verhindert ward, meinen letzten Ent⸗ ſchluß auszuführen. Kaum aus dem Kerker befreit, eilte ich zu Pignetti und fand jetzt willigeres Gehör, als ich hoffte. Da er ſchon, wie immer, im Voraus wußte, was ich von ihm wollte— ··qðqò«QAꝗECꝑOꝓꝑ denn dieſer Mann beſitzt übermenſchliche Macht, wenn er dies auch beſtreitet— ſo konnte ich mich um ſo beruhigter fühlen, als er mir ſagte, daß Helene nicht im Stande ſei, ihren Vorſatz auszuführen, und daß ich keine Entdeckung zu beſorgen habe. Nachdem er mich auch wegen des Bern⸗ hard zufriedengeſtellt, hätte ich gern noch erfahren, was es für eine Bewandtniß mit dem Allen habe, und insbeſondere wünſchte ich nähere Kunde über meines Bruders Kinder zu beſitzen; aber ich konnte nur das Verſprechen erlangen, daß mir nach drei Tagen die erbetene Auskunft werden ſolle, die mir beſonders in Bezug auf jene Kinder wichtig iſt, denn Dein Verſtand wird Dir ſagen, daß es mir eben nicht viel Freude macht, ſolche Vetterſchaft am Leben und vielleicht gar, von Allem unterrichtet, in meiner Nähe zu wiſſen. Rycke hielt hier inne und ſchien eine Antwort oder Be⸗ merkung ſeines Zuhörers zu erwarten. Oſiris aber, welcher die ganze Erzählung ziemlich gleichgültig angehört und nur bei Pignetti's Erwähnung ein Zeichen lebhafterer Aufmerk⸗ merkſamkeit von ſich gegeben hatte, achtete nicht darauf und ſchwieg. — Du wirſt demnach begriffen haben, welcher Art der Gegendienſt iſt, den ich von Dir verlange, begann Rycke wie⸗ der. In drei Tagen werde ich Dir die Leute bezeichnet ha⸗ ben, und es ſteht dann bei Dir, unſern Handel zu unſerer beiderſeitigen Zufriedenheit zu erledigen. — Ich ſoll dies Dokument durch zwei Morde erkaufen? verſetzte Oſiris. Beim Lucifer, das ſcheint mir doch ein etwas hoher Preis!. — Für jeden Andern laß ich Deinen Ausſpruch gelten, doch für Dich iſt's doch nur ein Geringes! erwiederte Rycke. Doch bleibt Dir völlig freie Wahl; wem der Preis zu hoch iſt, mag den Kauf unterlaſſen.. — So ſei es denn! ſprach der Zigeunerfürſt. Was ich durch dieſe Urkunde zu erreichen hoffe, iſt mehr wohl werth, 231 —-ę’nꝑ als zwei Deiner Sippſchaft, und ſelbſt auf einen Dritten käm's nicht an! — Es iſt der Handel alſo abgemacht, ſagte Rycke in⸗ dem er die Urkunde in einen Schrank ſchloß. Jetzt aber gehe auf das Dir angewieſene Gemach, damit Dich nie⸗ mand ſieht; es wird wohl heute noch viel aus und ein bei mir gegangen werden. So trennten ſich für jetzt die Beiden. Rycke empfing bald darauf mehrere Beſuche aus ſeiner Freundſchaft und Alle prieſen den Mann hoch, der trotz des Kummers, den ihm das unerklärliche Verſchwinden ſeiner beiden Kinder ver⸗ urſachte, und trotz der kaum erſt überſtandenen geſtrengen Haft, in die er unſchuldig gerathen, dennoch die Pflicht des Wirthes ſo angenehm und freundlich zu erfüllen wußte. Ob Heydicke oder Stroband, die zu derſelben Zeit im verriegelten Gemach des Letzteren in ernſtem Zwiegeſpräch begriffen waren und oft des Bürgermeiſters Namen nannten, ein eben ſo günſtiges Urtheil über dieſen fällen mochten? 16. Der heilkundige Franziskaner⸗Mönch hatte ſich nicht geirrt, als er für Ottokar einen längeren, ruhigen Schlum⸗ mer vorherſagte; als er kurz nach Mittag aus dem St. Georgen⸗Hospital zurückkehrte, war der Kranke noch nicht erwacht, doch alle Anzeichen ſprachen zu Gunſten einer bal⸗ digen Geneſung. Lisbeth und Peter weilten an ſeinem La⸗ ger und der Mönch geſellte ſich zu ihnen. Gegen Abend endlich ſchlug Ottokar die Augen auf. Sein Blick war rein und klar; er ſprach mit den Anweſen⸗ den über Mancherlei und nichts deutete darauf hin, daß ſeines Geiſtes Kräfte merklich gelitten. ———— — 8 8 33 4 2 ò — Mich drängt es, meine Seele zu erleichtern durch die heilige Beichte! nahm Ottokar das Wort, nachdem der Mönch, der wohl einſehen mochte, daß dem Kranken ſolche Erleichterung wohlthätig ſei, zu wiederholten Malen von der Nützlichkeit dieſes Sakraments geſprochen. Zuvor aber möchte ich wiſſen, was in den letzten Tagen mit mir geſchehen iſt; noch immer verſchmelzen ſich Erinnerungen und Träume vor meinem geiſtigen Blick zu einem wirren Chaos, daß mir's unmöglich iſt, das wirklich Geſchehene daraus zu ſondern. — Solche Auskunft wird Euch Niemand beſſer geben können, als Euer Diener, der Peter, ſagte der Mönch. Er war in dieſer Zeit faſt beſtändig um Euch. — So erzähle, Du wackerer Burſche, was ſeit dem Abend in Spandow, wo Du mich verließeſt— wenn meine Erinnerung mich nicht trügt— mit mir vorgegangen, wandte ſich Ottokar zu Peter. Denn gewißlich haſt Du Dich nicht allzu lange von mir entfernt gehalten. — Leider trügt Euch Eure Erinnerung nicht, mein lie⸗ ber, guter Herr! entgegnete Peter niedergeſchlagen. Ich war undankbar genug—— — Das wiſſen wir Alle! unterbrach ihn der Mönch. Nicht aber um Deine vielen Fehler, ſondern um Deine Wiſ⸗ ſenſchaft über das, was Deinem Herrn begegnet, biſt Du befragt worden. — Laßt ihn reden, wie ſein Herz ihm befiehlt! ſprach Ottokar, die Hand des Dieners freundlich drückend. Ich weiß, daß es Bedürfniß ſolcher Naturen, wie die ſeinige, iſt, ihre vermeintlichen Fehler andern Leuten zu klagen, um von dieſen Entſchuldigung oder Freiſprechung zu erlangen, die ſie ſelber ſich zu ertheilen nicht Nachſicht genug mit ihren all⸗ gemein menſchlichen Schwächen haben. Thu' Dir daher nicht den geringſten Zwang an, Peter; wir Alle werden Deine Aufrichtigkeit zu ſchätzen wiſſen. — Ihr ſprecht, als ob Ihr ſelber in mir ſtecktet, lie⸗ — var ber Herr, verſicherte Peter; denn ſo etwas, wie Ihr eben ſagtet, glaube ich, iſt es eben, was mich ſo ſchwatzhaft macht, wie mir der ehrwürdige Pater zum Oefteren vorgeworfen. Aber ich werde mich zuſammennehmen, daß ich mich recht kurz faſſe in meiner Erzählung und bald zu Ende mit ihr komme. — Dazu gehört aber, daß Du überhaupt einen An⸗ fang mit ihr machſt, erinnerte der Mönch. — Freilich muß ich das! verſetzte Peter. Und nachdem er ſich ordentlich geräuſpert, begann er ſeinen Bericht. — Bevor ich zu Euch komme, lieber Herr, muß ich erſt von mir ſelber ſprechen, was Ihr mir ja auch erlaubt habt, hob er an. Nachdem ich den mir gewordenen Auf⸗ trag erfüllt und Euch das kleine Päckchen übergeben, das ich auf ſo geheimnißvolle Weiſe für Euch erhalten, ward ich in meiner Dummheit, wie der ehrwürdige Pater ſagt, durch die rothen Schriftzüge auf dem Linnenzeug beſtärkt und glaubte nicht anders, als daß dies der Pakt ſei, den Ihr mit dem Gottſeibeiuns geſchloſſen. Da erfaßte mich ein Grauſen, das mich aus Eurer Gegenwart verſcheuchte, und nach einer in Furcht und Angſt durchwachten Nacht war ich entſchloſſen, Euch ſchnöde zu verlaſſen, indem ich mir einredete, daß ich wohl meinen Leib, nicht aber meine Seele zu Eurem Dienſt verdingt habe— als ob ich durch Untreue nicht erſt recht Gefahr lief, mein unſterblich Theil dem Teufel zu überliefern! Noch graute der Morgen nicht, als ich Vater Trennerts Roß, auf dem ich Euch begleitet, ſattelte und dann von dan⸗ nen ritt. Ich ſchlug aber nicht den Weg ein, auf dem wir nach Spandow gekommen waren; ein unreines Gewiſſen macht Furcht, und ich fürchtete mich daher vor den Kur⸗ fürſtlichen, die in der Jungfernhaide lagerten. So alſo ver⸗ folgte ich den Weg, der am andern Spreeufer über Lietzow 1 RR N nach den beiden Städten führt. Aber die Strafe meiner Untreue ſtellte ſich gar bald ein. Waren nicht alle meine Hoffnungen und auch die der Lieſel durch mein Gebahren zerſtört? Wo hätte ich in ſolchen Zeiten einen Dienſt fin⸗ den ſollen, der mir geſtattete, die Lieſel als mein Weib heim⸗ zuführen? „Was nun beginnen?“ fragte ich mich jetzt. Gleichſam als hätte er mein Frage vernommen, trat jetzt ein Kerl aus dem Walde auf mich zu und erbot ſich, mir einen guten Dienſt bei einem reichen und mächtigen Herrn zu verſchaffen. Als er auf mein Befragen verſicherte, daß meiner Heirath. mit der Lieſel nichts im Wege ſtehen würde, da faſt alle Diener ſeines Herrn Weib und Kinder hätten, ſo war ich geneigt, das Anerbieten anzunehmen, denn ich dachte, es bleibt ſich gleich, ob ich in den beiden Städten oder auf einem Herrenſchloſſe in der Umgegend diene. Als aber der Fremde mir das ſeltſame Anſinnen ſtellte, mich von ihm mit verbundenen Augen zu ſeinem Herrn führen zu laſſen, und er mir weder den Namen deſſelben, noch deſſen Wohnſitz nennen wollte, kam mir die Sache bedenklich vor und ich ritt meines Weges weiter. Schon jetzt that mir mein undankbar Beginnen gegen Euch leid, und gern wäre ich nach Spandow zurückgekehrt, aber mit welcher Entſchuldigung ſollte ich Euch unter die Augen treten, wenn Ihr mich fragtet, wo ich unterdeſſen geweſen? In trüber Stimmung langte ich am Gertraudten⸗Thore an, welches ich aber verſchloſſen fand, weil man ſich immer noch von den Kurfürſtlichen befehdet glaubte. Hätte ich ge⸗ ſagt, daß ich Euer Diener ſei, ſo hätte man mich gewiß eingelaſſen; aber ich ſchämte mich, ohne Euch zu kommen, und wartete draußen in einer Herberge, bis man die Thore öffnete. In Kölln war alles Jubel und Freudez ich aber ſchlich mich ſtill und betrübt in Trennerts Häuslein, denn ich glaubte, daß jedermann mir meine Untreue anſehen müſſe; auch hatte ich ſchon auf der Gaſſe Eure Heimkehr erfahren und fürchtete, daß Ihr von meiner ſchnöden That geſprochen hättet. Aber ſtatt der erwarteten bitteren Vorwürfe des Alten und der Lieſel empfingen mich Beide mit offenen Ar⸗ men, denn ſie glaubten, ich wäre mit Euch zurückgekehrt. Das Mädel war ſo erfreut und der Alte ſo Eures Lobes voll, daß ich auch jetzt nicht wagte, ihnen reinen Wein einzu⸗ ſchenken, um der Lieſel die Freude nicht allzu ſchnell zu ver⸗ derben und dem Alten die Mahlzeit, die er eben hielt, nicht zu vergällen. Bisher hatte ich mir auch, trotz aller Vor⸗ würfe meines Gewiſſens, eingeredet, recht gethan zu haben, obgleich ich mich deſſen ſchämte; als ich aber jetzt das Pferd in den Stall führte und das mir von Euch geſchenkte Ge⸗ ſpann dort ſtehen ſah, da fiel mir mein Unrecht mit Cent⸗ nerſchwere auf's Herz. Zudem ſahen mich die beiden Gäule an, als wollten ſie ſagen: Pfui über Dich, Du ſchlechter, undankbarer Bube, der Du die Wohlthaten Deines guten Herrn mit Untreue vergiltſt in einem Augenblicke, wo er Deiner Dienſte vielleicht am dringendſten bedarf! Alles Gute, was ich je von Euch gehört, fiel mir dabei ein und ich weinte bitterlich. Endlich aber entſchloß ich mich, wieder zu Euch zu ge— hen, mein Unrecht zu geſtehen, Euch um Verzeihung und auch darum zu bitten, daß Ihr mich wieder in Euren Dienſt aufnehmen möchtet, obgleich ich mich ſolcher Gunſt nicht würdig gezeigt hatte. Bevor ich dies aber ins Werk ſetzte, wollte ich mich gegen alle Anfechtungen des Teufels ſicher⸗ ſtellen und begab mich nach St. Petri, wo ich dem Prieſter mein Vergehen und deſſen Urſache unter dem Siegel der hei⸗ ligen Beichte anvertraute. Dieſer abſolvirte mich und machte mich auf meine Bitte durch die Berührung mit heiligen Re⸗ liguien und durch Beſprengen mit dem geweihten Waſſer, ſowie durch Gebete zu jeglichem Widerſtande gegen den Böſen fähig und geſchickt. Ich muß geſtehen, daß ich mit etlicher Furcht des Augenblicks gedachte, wo ich vor Euch hintreten und Eurem ſtrafenden Blicke begegnen ſollte; darum ent⸗ ſchloß ich mich, den andern Tag abzuwarten, wo ſich Euer gerechter Zorn in etwas gelegt haben würde, und ſo blieb ich an jenem Abend im Gemach des Hauswärtels, dem ich verſchwieg, was zwiſchen uns Beiden vorgefallen, und ließ mich nicht vor Euch ſehen. Nachdem Ihr von dem Aus⸗ gange mit dem Bürgermeiſter zurückgekehrt, begab ſich der Hauswärtel zur Ruhe und ich that ein Gleiches. Aber der Schlaf blieb aus; ich empfand eine Beängſtigung, die ich der Ungewißheit über mein ferneres Schickſal zuſchrieb und die mit jedem Augenblick zunahm. Um Mitternacht hörte ich, wie Ihr leiſe das Haus verließet. Da kamen mir aller⸗ hand Gedanken in den Kopf; ſchnell kleidete ich mich an, um Euch zu folgen und zu Eurer Hülfe bereit zu ſein. Da ich abſichtlich die Schuhe zurückgelaſſen, ſo konnte ich mich Euch in der Dunkelheit unbemerkt nähern; über die von Euch eingeſchlagene Richtung hatte mir der wenn auch leiſe Schall Eurer Schritte beim Weggehen Auskunft gegeben. Als Ihr in den Gang tratet, der ſich zwiſchen den Gärten und der Kirchhofsmauer des Schwarzen Kloſters befindet, war ich dicht hinter Euch und befolgte Euer Beiſpiel, indem ich wie Ihr in eine Blendung jener Mauer trat, erwartend, was Ihr weiter beginnen würdet, und vernahm wie Ihr die Ver⸗ ſchwörung der Stadtſöldner, deren dumme Furcht mich bei⸗ nahe verrathen hätte, als ich verſuchte, mich Euch noch mehr zu nähern. Daß ich Euch nachher auch in die Kirche folgte, verſteht ſich ganz von ſelbſt, und hier waren es wieder die feinen Ohren des Pförtners, die bald meine Entdeckung her⸗ beigeführt hätten. Euer Hinabſteigen ins Gewölbe erfüllte mich mit Grauen; doch gewann ich's über mich, vor der Oeffnung niederzukauern und zu lauſchen auf das, was Ihr unten beginnen würdet. Ich hörte Euch ſprechen, ohne Euch — nich verſt nicht vf und vern ſcha an Sche Mut denn Sar mer. könn ſiegt ein wuß es ohn trun ſollt jffir Rge Euc nert dem rufe mir zu Mo ich Un *hie W D verſtehen zu können. Weiter zu gehen, wagte ich anfangs nicht, dazu fehlte es mir an Muth; als jedoch plötzlich der Pförtner einen gellenden Schrei ausſtieß, der mir durch Mark und Bein drang, und ich gleichzeitig einen dumpfen Fall vernahm, trieb mich die Angſt um Euch hinab. Unten war's ſchaurig; die Finſterniß ließ mich keinen Schritt thun, ohne an Särge zu ſtoßen; Euch aber hörte ich ſtöhnen und ächzen. Schon wollte ich Euch meine Gegenwart verkünden, um Euch Muth zu machen, als dieſer mir ſelber wieder entſchwand; denn bei einer Wendung des ſchmalen Ganges zwiſchen den Särgen ſah ich die Geſtalt des Böſen in bläulichem Schim⸗ mer. Doch das Bewußtſein, daß er mir ja nichts anhaben könne, ſowie die Wuth über ſeinen Angriff gegen Euch be⸗ ſiegten meine Furcht wieder; ich drang entſchloſſen auf ihn ein— und ſiehe da, er mußte weichen. Euch fand ich be— wußtlos am Boden liegen, nahm Euch in meine Arme, und es gelang mir, Euch hierher in Euer Gemach zu bringen, ohne daß irgend einer uns begegnete. Da mit dem ſchlaf⸗ trunkenen Hauswärtel nichts anzufangen war und ich auch nicht wußte, wo ich in der ſpäten Nacht einen Arzt ſuchen ſollte, deſſen Ihr doch bedürftig wart, ſo nahm ich das Kru⸗ zifir dort von der Wand, legte es auf Euch zum Schutz gegen die ferneren Anfechtungen des Gottſeibeiuns, empfahl Euch der Obhut aller Heiligen und eilte zu Meiſter Tren⸗ nert, der auch alſogleich Rath wußte und ſich ſelber nach dem Grauen Kloſter begab, um den ehrwürdigen Herrn zu rufen, der ihm ſchon bekannt war, während die Lieſel mit mir gehen mußte, um die Hülfsleiſtungen in der Küche zu verſehen, die etwa nöthig ſein möchten. Der fromme Mann erſchien auch ohne Säumen; am Morgen aber ſandte ich die Lieſel hinaus nach Britz, um Jungfer Lisbeth Euren Unfall zu herichten, welche ebenfalls nach etlichen Stunden hier eintraf. Sorget aber nicht, lieber Herr, daß ich aller Welt Euer nächtliches Begegniß bekannt machte; niemand als wir, die wir jetzt hier im Gemach ſind, kennt es; ſelbſt der Hauswärtel, ſowie die Lieſel und ihr Vater wiſſen kein Wort davon und denken, Ihr ſeid hier im Gemach erkrankt. Auch haben wir während Eurer wirren Fieberreden jeden von Euch fern gehalten. Während Peter ſeinen Bericht erſtattete, wandte der Mönch keinen Blick von Ottokar; ſo ſehr es ihn auch hin und wieder drängte, den Erzählenden durch eine Bemerkung zu unterbrechen, ſo ließ er dieſen doch ruhig ausreden, denn er ſah, daß Ottokar mit großer Spannung zuhörte. — Nun, mein lieber Herr, wißt Ihr alles, was ſich mit Euch zugetragen! begann Peter nach kurzer Pauſe wie⸗ der, während welcher auch die Uebrigen geſchwiegen hatten. Könnt Ihr mir verzeihen, o ſo thut es, thut es der Lieſel zur Liebe; Jungfer Lisbeth hat's ebenfalls gethan und mir verſprochen, ein Wort für mich einzulegen bei Euch—— — Was ich hiermit thue, ſprach Lisbeth. Hätte Peter wirklich ſich eines Vergehens ſchuldig gemacht, ſo wäre doch ſolches durch ſeine treuen, unermüdlichen Dienſte tauſendfach aufgewogen! — Auch ich erhebe meine Stimme für den Burſchen, obgleich er ſich noch ſehr zu beſſern hat, verſetzte der Mönch, als Ottokar mit der Antwort zu zögern ſchien. — Deutet mein Zögern nicht falſch, Ihr Lieben! ſprach Ottokar. Mußte ich nicht vor allen Dingen Gott danken, der mich ſtets mit ſo treuen Menſchen umgab, wie Andreas und Peter? Und konntet Ihr wirklich glauben, daß ich dem Letzteren wegen eines Thuns zürne, welches ſo natürlich war, und dabei— wenn man's recht überlegt— als eine Fü⸗ gung des Himmels angeſehen werden muß, der mich durch ihn aus der Gewalt einer finſteren Macht retten wollte? Reiche mir Deine Hand, Peter; mein Diener kannſt Du zwar nicht ferner ſein, das habe ich Dir ſchon in Span⸗ dow geſagt, aber ſei von jetzt an, was Du ſchon in der Bruder! Schlage mir dieſe Bitte nicht ab, Peter! — Ach, mein lieber Herr, ſtotterte Peter, Ihr ſeid— — Nicht alſo, Peter! unterbrach ihn Ottokar. Laß uns ferner auch als Brüder mit einander ſprechen! Nur um eins bitte ich Dich: denke nicht, daß ich Dir ſo meinen Dank abtragen will— das ſei ferne! Nur ich bin's, der dabei gewinnt! Hoffentlich wird meine Schweſter Lisbeth den neuen Bruder anerkennen! wandte er ſich lächelnd zu dieſer. Statt aller Antwort ergriff Lisbeth Peters Hand, der nicht wußte, was er dazu ſagen ſollte, und legte ſie in die dargebotene Ottokars. — Ich bin's, die hier des Himmels höchſte Gunſt er⸗ fährt! ſagte ſie dann. Noch geſtern fürchtete ich, den beſten der Brüder durch den Tod zu verlieren, und heute gab er mir deren zweie! — Und Du, Peter— Du ſchweigſt? fragte Ottokar. — So iſt's wirklich Euer Ernſt? ſprach Peter. Ich ſoll fortan Euer Bruder ſein? Was wird da die Lieſel ſagen! — Sie wird uns eine liebe Schweſter ſein! verſicherte Lisbeth. — So laßt uns denn den Geſchwiſterbund beſiegeln, nahm Ottokar das Wort. Gieb mir den Bruderkuß, Peter! Unter Freudenthränen erfüllte Peter dieſen Wunſch; gerührt ſegnete der Mönch den Bund dieſer drei guten Menſchen. — Jetzt, meine Lieben, ſehnt ſich mein Herz, die Laſt, die es noch immer trägt, in der heiligen Beichte von ſich abzuwälzen, ſprach Ottokar nach einiger Zeit. Dieſem ehr⸗ würdigen Herrn, den ich ſchon als Knabe gekannt, bepor er zum Erſtaunen und Bedauern der Leute ſeine Pfarre auf⸗ That warſt, auch dem Namen nach: mein Freund, mein —õ— — H43 gab und in das Kloſter trat, ihm will ich mich anvertrauen, wenn er mein Bekenntniß entgegennehmen will. — Mit Freuden ſeht Ihr mich hierzu bereit! erwie⸗ derte dieſer. — So laß uns gehen, Peter, ſagte Lisbeth zu dieſem. Und wenn es Dir gefällt, ſo laſſen wir den Hauswärtel kommen, um ihm Deine neue Stellung in dieſem Hauſe mit⸗ zutheilen, damit er ferner Dich, gleich Ottokar und mich, als ſeine Herrſchaft ehre! Ottokar ſah den Beiden mit ſchmerzlichem Lächeln nach. — Die Arme ahnt nicht, wie kurze Zeit wir hier nur noch die Herrſchaft üben! ſprach er leiſe für ſich. Doch hat Boytin mir ja verſprochen, ſich ihrer anzunehmen; für Pe⸗ ter, der mir jetzt ſo nahe ſteht, wie ſie, werde ich hoffent⸗ lich ein Unterkommen finden. Mit aufmerkſamem Ohr horchte der Mönch auf Otto⸗ kars Bekenntniſſe, der ihm nichts von dem verſchwieg, was ihm in der letzten Zeit begegnet und was er gethan. Er befragte den Beichtenden über die geringfügigſten Umſtände, welche ſowohl deſſen Verhältniß zu Pignetti, als Klara's wunderbare Botſchaft, wie auch Ottokars Erlebniſſe im Ge⸗ wölbe des Schwarzen Kloſters betrafen, und immer ernſter ward ſein Blick. Er verlangte auch das Stück Linnen zu ſehen, worauf jene Botſchaft geſchrieben war, und durch⸗ ſuchte zu dieſem Zwecke und auf Ottokars Wunſch die im Gemach befindlichen Kleider, welche derſelbe bei ſeiner nächt⸗ lichen Unternehmung getragen; allein weder Linnen noch Ring war zu finden, Ottokar mußte Beides im Gewölbe zurück— gelaſſen oder ſpäter verloren haben. 4 Endlich bekannte Ottokar auch die Verheimlichung der ihm in den nachgelaſſenen und für ihn beſtimmten Schriften ſeines Pflegvaters gewordenen Eröffnungen und die nach ſeiner Meinung damit verbundene unrechtmäßige Führung fremden Namens und Benutzung fremden Eigenthums. Wuen, tande, ara's Ge⸗ rnſtet n zu durch⸗ ie in nächt⸗ Ring urüc⸗ 241 ;’ ☛ᷓ Schweigend und mit ruhigem Ernſt hörte der Mönch dieſe Mittheilungen an; als aber Ottokar den Fremden er⸗ wähnte, der ihm am Nachmittage des zweiten Weihnachts⸗ feiertages auf dem Wege nach Britz begegnete, und deſſen Drohungen gedachte, da konnte der Pater eine plötzliche tiefe Bewegung nicht verbergen, obgleich er ſie nicht durch Worte zu erkennen gab. Bald jedoch ſchien er ſie wieder bewäl⸗ tigt zu haben und ſcheinbar ruhig, wie zuvor, hörte er den Schluß von Ottokars Beichte an. Nachdem Ottokar, dem ausdrücklichen Verlangen des Paters gemäß, das Gelöbniß abgelegt hatte, ſich jeder fer⸗ neren Berührung mit dem Doktor Pignetti zu enthalten und dieſen nach Kräften zu meiden, es ſei denn, daß der Pater ſelbſt oder einer ſeiner geiſtlichen Obern ihn dieſes Gelöb⸗ niſſes wieder entbinde, ward ihm von ſeinem Beichtiger die vollſtändigſte kirchliche Abſolution ertheilt. — Die unter dem Siegel der Beichte gemachten Offen⸗ barungen und Bekenntniſſe müſſen nach den ausdrücklichen Beſtimmungen unſerer heiligen Kirche in der Bruſt des Prie⸗ ſters verſchloſſen bleiben, der ſie empfing, nahm der Mönch das Wort, nachdem er eine Weile nachdenklich geſchwiegen hatte. Doch iſt es erlaubt, hiervon eine Ausnahme zu ma⸗ chen, wenn der Beichtende dies zugiebt, und durch ſolche Ausnahme Unheil verhütet oder ein gutes Werk gefördert werden kann. Letzteres iſt hier der Fall. Wenn Ihr mir geſtattet, die Mittheilungen, die Ihr mir in Bezug auf den Doktor Pignetti gemacht, meinen geiſtlichen Oberen kund zu thun, ſo wird mit Gottes Hülfe nicht allein großes Unheil verhütet, ſondern auch ein Werk gefördert werden, das Vie⸗ len, insbeſondere aber Euch zum Segen gereichen wird. Ich gebe Euch mein prieſterliches Wort, daß nur meine vollſte Ueberzeugung mich ſo ſprechen läßt; mehr aber darf ich Euch jetzt nicht ſagen. Die ſchwarzen Brüder. II. 16 AAAAAARRRDM Ottokar erwog reiflich, ob er das Begehr des Mön⸗ ches erfüllen könne, während dieſer ſchweigend ſeiner Ent⸗ ſchließung harrte. — So ſei es denn! ſprach er endlich. Ich vertraue Euch in allen Stcken. Thut mit meinen Mittheilungen, wie es Euch gefällt, ehrwürdiger Vater, und möge der Him⸗ mel Euer Vorhaben, das ſicherlich ein gutes iſt, mit ſeinem Segen krönen! — Darum wollen wir ihn inſtändig bitten! erwiederte der Mönch. Jetzt aber, da alle Sünde von Euch genom⸗ men, gebt keinen finſteren Gedanken mehr Raum; hoffet und vertrauet vielmehr auf Gott, der die Menſchen durch Trüb⸗ ſal und Leid zu um ſo größerer Freude führt, und der auch den herbſten, bitterſten Schmerz in Glück und Wonne zu kehren vermag. Seid dieſer meiner Worte ſtets eingedenk, mein Sohn! Ottokar verſprach dies und bat, Lisbeth und Peter zu rufen, um mit den Lieben dieſer Stunde, welche er als die ſeiner doppelten Geneſung anſehen duüͤrfe, durch trauliches Beiſammenſein feiern zu können. Der Mönch, der alles gern beförderte, was das Gemüth des jungen Mannes auf⸗ zuheitern und zu deſſen völliger Geneſung beizutragen ver⸗ mochte, beeilte ſich auch jetzt, deſſen Wunſch zu erfüllen, und bald waren wieder alle im Gemach verſammelt, die an den vorhergegangenen Tagen das Krankenlager in Bangigkeit und Sorge umſtanden hatten. Auch der Pater nahm noch kurze Zeit an ihren traulichen Geſprächen Theil. Eben hatte ſich der Letztere erhoben, um nach ſeinem Kloſter zurückzukehen, als der Hauswärtel mit der Mel⸗ dung erſchien, daß ein Franziskaner⸗Mönch den jungen Herrn dringend um ein kurzes Gehör bitten laſſe. — Einer meiner Ordensbrüder— was kann er wol⸗ len? ſprach der Pater für ſich. xAðAðRÖAÖAÖ;EE;E;E;E;R;; — Laß ihn kommen, gebot Ottokar. Ihr aber, meine Lieben, braucht Euch nicht zu entfernen; der fromme Mann kann nichts mit mir vorhaben, was für Euch ein Geheim⸗ niß bleiben müßte. Gleich darauf trat der Angemeldete ein. Er warf einen ſchnellen Blick um ſich; dann entledigte er ſich ſeines grauen Gewandes und ein Mann in bürgerlicher Tracht ſtand vor den Erſtaunten. 17. — Was ſehe ich— Herr Boytin! rief Ottokar. Und unter ſolcher Vermummung? — Der ehrwürdige Herr dort wird's verzeihen, wenn ein armer Verbannter ſein frommes Kleid dazu gebrauchte, um unter ſolcher Hülle unangefochten hier erſcheinen zu kön⸗ nen, wohin ſein Herz und Freundespflicht ihn rief! ſprach Boytin lächelnd. Ich denke doch hier willkommen zu ſein! — Im ganzen Umfange der beiden Städte iſt kein Ort, wo Ihr's mehr ſeid, als hier! erwiederte Ottokar, ihm freund⸗ lich die Hand reichend. Und daß Ihr ſelbſt Gefahren nicht ſcheut, um einen kranken Freund zu beſuchen, macht Eure Gegenwart noch beſonders werth! Nach gleichen herzlichen Begrüßungen von Seiten Lis⸗ beths und nachdem er auf einem Seſſel Platz genommen und Auskunft über das Befinden ſeiner Hausfrau gegeben hatte, wandte ſich Boytin wieder zu Ottokar. — Ich bin der Ueberbringer einer frohen Botſchaft, die heute durch die Huld des Landesherrn mir wie Euch geworden, fagte er. Vor wenig Stunden erſt wurde ſie mir 16* òxꝑæ durch einen kurfürſtlichen Trabanten, und da derſelbe mich zugleich nach Spandow berief, wo der gnädigſte Herr mei⸗ nen Rath in Angelegenheiten der beiden Städte hören will, ſo konnte ich unmöglich an den Fürſtenhof eilen, bevor ich Euch von der neuen Huld und Gnade, ſo uns von unſerm Fürſten widerfahren, benachrichtigt hätte, und ſo im Stande wäre, dem Landesherrn außer dem meinigen auch Euern Dank bei meiner Ankunft dort zu Füßen zu legen. Auch glaubte ich, daß meine Botſchaft beſſer wirken würde, als alle Arzneien dieſes frommen und gelehrten Mannes. So nehmt's denn hin als Angebinde dieſes Tages. Er zog bei dieſen Worten ein beſchriebenes, mit einem großen Siegel verſehenes Pergament hervor und übergab es Ottokar. — Ein landesherrlicher Erlaß! ſprach dieſer erſtaunt. Doch iſt's nicht hell genug auf meiner Lagerſtätte, daß ich die Schrift entziffern könnte. — So geſtattet mir, daß ich den Inhalt derſelben Euch vorleſe, verſetzte Boytin. Er nahm das Pergament wieder und erhob ſich von ſeinem Sitz; die Anweſenden außer Ot⸗ tokar erhoben ſich gleichfalls, um in geziemender Ehrfurcht den Willen des Landesherrn zu vernehmen. Boytin aber las mit lauter, feierlicher Stimme Fol⸗ gendes: „Wir Friedrich der Zweite, von Gottes Gnaden Markgraf von Brandenburg, des heiligen römiſchen Reiches Erzkämmerer und Kurfürſt ꝛc., thun hiermit kund und zu wiſſen jedermann, der dieſe Urkunde lieſet, daß Wir auf den Antrag und die inſtändige Bitte Unſeres lieben und getreuen Geheimen Rathes und Bürgers Unſerer Stadt Kölln an der Spree, des ehren⸗ feſten Herrn Balzer Boytin, ſowie auch auf den glei⸗ chermaßen lautenden Antrag und Wunſch ſeiner ehr⸗ mich mei⸗ will, or ich nſerm tande Cuern Auch als ſtaunt. aß ich Euch wieder er Ot⸗ rfurcht 6 Fol⸗ Gnaden miſchen hiermit e lieſet⸗ e Bite 2s und ehren⸗ 1 glei⸗ r ehr⸗ AAAA; baren und lieben Ehegattin, Frau Katharina Boytin, Nachſtehendes genehmigt, beſtätigt und verordnet haben kraft Unſerer landesherrlichen Rechte und Befugniß. Wir geſtatten hiermit vornehmlich und ausdrücklich beſagtem Boytin und ſeiner Ehegattin, daß ſie den Ot⸗ tokar Reinhold, weiland Syndikus beim Rathe von Berlin und Kölln, ſowie auch deſſen Schweſter, Lis⸗ beth Reinhold, als eheleibliche Kinder bei ſich an⸗ und aufnehmen können, vorbehaltlich deren Einwilli⸗ gung und freien Entſchließung, und beſtätigen dem Ottokar und der Lisbeth Reinhold alle Rechte, die ih— nen durch ſolches in Bezug auf das einſtige Erbe ihrer Adoptiv⸗Eltern erwachſen, unbeſchadet jedoch der Rechte ſpäterer Leibeserben, welche der Himmel dem Boytin und ſeiner Ehefrau noch etwa ſchenken ſollte, in wel⸗ chem Falle Wir gewillt ſind und Uns hiermit bereit erklären, dem Ottokar und der Lisbeth Reinhold aus Unſerem Uns eigenen Gute ein billiges Entgelt zu lei⸗ ſten; ſowie Wir auch verordnen, daß Beide von dieſer Stunde an ihren früheren elterlichen Namen ablegen und fortan den Namen ihrer lieben Adoptiv⸗Eltern führen ſollen, welches ein Bedingniß dieſer Genehmi⸗ gung und Beſtätigung ſein ſoll. Zugleich wollen Wir und gebieten es, daß der Ottokar ſammt ſeiner Schwe⸗ ſter fortan als eheleibliche, rechtmäßige und eheliche Kinder des Boytin und ſeiner Ehefrau von jedermann angeſehen und geachtet werden, und Allen und Jeden, die irgend etwas wüßten, was den Beiden, in Bezug auf ihr früheres Kinderverhältniß zu dem als Bürger zu Kölln an der Spree durch den Landesbeſchädiger Quitzow erſchlagenen Reinhold nachtheilig wäre, ein ewiges Stillſchweigen auferlegt werden ſoll. Der all⸗ maͤchtige und allwiſſende Gott aber möge dem Boytin — — * 3 AR und ſeiner Ehegattin ſo edles Thun reichlich lohnen und an ihren lieben Adoptiv⸗Kindern eitel Freude und Segen bis in ihr ſpäteſtes Alter haben laſſen. Amen. Gegeben in Unſerer getreuen Stadt Spandow, und deß zur Urkunde beſtätigt durch Unſere eigenhändige Namensunterſchrift und durch Beifügung Unſeres lan⸗ desherrlichen Inſiegel, am letzten Tage des Jahres der Gnade Eintauſend Vierhundert und vierzig.“ Tiefes Schweigen herrſchte im Gemach, als Boytin zu Ende geleſen; er blickte lächelnd auf ſeine Zuhörer und wei⸗ dete ſich an ihrer Ueberraſchung. — Nun, Ottokar, Lisbeth, darf ich Euch als meine lieben Kinder an meine Bruſt ſchließen? nahm er endlich mit bewegter Stimme das Wort.— Darf ich mich fortan des Glückes rühmen, zwei ſolche Kinder mein zu nennen? Mein Herz ſehnt ſich nicht weniger nach Euch und liebt Euch nicht weniger, als es bei unſerer theuren und un⸗ vergeßlichen Klara der Fall war; ſprecht, Ottokar, Lisbeth, wollt Ihr mir dieſe erſetzen? Lisbeth blickte fragend auf Ottokar, in deſſen Augen Thränen freudiger Rührung erglänzten. Dieſer deutete ſchwei⸗ gend auf Boytins geöffnete Arme, und Lisbeth eilte an die Bruſt des Mannes, der künftig Vaterſtelle an ihr vertreten wollte und der jetzt den erſten väterlichen Kuß auf ihre Stirn drückte. — Und Du, mein Sohn? wandte ſich Boytin nach kur⸗ zer Zeit zu Ottokar, — Vergönnt mir zuvor ein Wort, Ihr Leute, und hört auf einen alten, vielerfahrenen Mann, der großen Antheil nimmt an der beiden Geſchwiſter Geſchick, nahm der Mönch das Wort, bevor Ottokar antworten konnte. Ich bitte, ja ich beſchwöre Euch bei Eurem und Eurer Lieben Glück, handelt nicht zu ſchnell in dieſer wichtigen Sache; vor Allem —— NNNRNND; aber ſchiebt die erforderliche gerichtliche Willenserklärung auf, bis ich ſelber Euch zu ſolcher rathe, oder bis die höchſte Noth— Ihr beiden Männer verſteht mich wohl— es er⸗ fordert. Bedenkt, daß ſolcher Schritt nachher nicht unge⸗ ſchehen gemacht werden kann. — Meint Ihr, Herr Pater, man knüpft ein ſo inni⸗ ges, heiliges Band, wie das, wovon die Rede iſt, um es bei irgend einer Gelegenheit wieder zu löſen? ſprach Boytin ernſt. Mit Gunſt, Ehrwürdiger; allein ich muß bekennen, daß ich ſolche Rede für unziemend halte Eurem heiligen Stande. — Wohl nennt Ihr meinen Stand mit Recht einen ge⸗ heiligten, Herr Geheimer Rath, entgegnete der Mönch mit ruhiger Würde; doch eben, weil er ein ſolcher iſt, gebietet er ſeinen Mitgliedern um ſo eindringlicher, über das Wohl und Wehe, das irdiſche ſowohl als das ewige, ihrer Mit⸗ menſchen zu wachen. Und wiederholt beſchwöre ich Euch daher, meinem Rathe und meiner Bitte zu folgen, deren Gründe ich Euch jetzt noch nicht mittheilen kann; glaubt mir's auf mein prieſterlich Wort, daß mein Begehren Euch allerſeits zum Heile gereicht, und zwingt mich nicht, offen Einſpruch gegen Euer Vorhaben zu erheben. — Mit welchem Rechte ſtände Euch ſolcher Einſpruch zu? fragte Boytin. — Verbittert Euch dieſe ſchöne Stunde nicht durch un⸗ nützes Hadern, lieben Freunde! nahm Ottokar das Wort. Hört auf mich; vielleicht gelingt's mir, Euren beiderſeitigen Wünſchen zu entſprechen. Mit dankbarem und freudigem Herzen erkenne ich Euch, Herr Boytin, als meinen Vater an, der Ihr ja ohnehin ſchon ſeid durch Klara, Eure Pflege⸗ tochter und meine verlobte Braut; doch wenn Euch meine Bitte etwas gilt, ſo ſetzt die äußeren Förmlichkeiten ſo lange aus, bis wir das gemeinſame Ziel, welches uns bisher in 248 unſerem Streben vereinte, mit Gottes Hülfe erreicht, was hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit geſchehen wird. Was hingegen meine Schweſter Lisbeth anbetrifft, ſo bitte ich Euch inſtändig, daß Ihr ohne Zögern thun mögt, was ge⸗ ſchehen muß, um ſie vor den Leuten als Eure Tochter an⸗ erkannt zu ſehen. Fürwahr, Herr Boytin, nicht beſſer und Eurer würdiger konntet Ihr Euer Wort löſen, das Ihr in jener verhängnißvollen Stunde mir gegeben; Gott ſegne es Euch! — Gott hat's bereits gethan, denn wahrlich, nichts Kleines iſt's für ein kinderloſes Elternpaar, ſo plötzlich nun von allen ſonſt glücklicheren Eltern ſich beneidet zu ſehen, erwiederte Boytin mit aufrichtiger, ſtolzer Freude. Und wie Du's wünſchteſt, Sohn, ſo ſoll's geſchehen; denn wohl be— greife ich, mit welcher Sorglichkeit Du vor der Welt auch ſelbſt den Schein zu vermeiden ſuchſt, als verbände Dich äußerer Vortheil, nicht Deine innerſte Ueberzeugung, mit mir zur Verfechtung unſeres gerechten Streites. Doch um ſo ſchneller ſoll die Sache mit Lisbeth in Ordnung gebracht werden. Da ich durch die ſchnöde gegen mich verhängte Verbannung jetzt wenigſtens nicht den beiden Städten unter⸗ worfen bin, ſo iſt der landesherrliche Hof zu Spandow der zuſtändige Ort, wo wir die Sache bald und ohne vieles Auf⸗ ſehen in's Reine bringen werden; vorausgeſetzt, daß Lisbeth es zufrieden iſt und dieſer ehrwürdige Herr auf ſein ver⸗ meintliches Einſpruchsrecht verzichtet. — Nicht hindern, ſondern fördern wollte ich das Glück der Geſchwiſter, verſetzze der Pater. An Eurer jetzigen Ver⸗ abredung habe ich nichts auszuſetzen und ſpreche freudig Ja und Amen zu Eurem ſchönen Vorhaben! — Begreife ich gleich nicht alles, was hier geſprochen wird, nahm auch Lisbeth das Wort, ſo bin ich doch feſt überzeugt, daß es beſonders zu meinem Wohle iſt! Wie könnt's auch anders ſein, da Ottokar, mein Bruder, ja ein⸗ verſtanden iſt mit Allem, was mich in dieſer Sache angeht! Darum, Ihr Lieben, ſeht Ihr mich bereit, das große herr⸗ liche und unſchätzbare Geſchenk freudig dankend anzunehmen, ſo mir von Klara's Eltern dargeboten wird, und alles gern zu thun, was mir dabei zu thun obliegt. — So ſind wir alſo denn damit im Reinen! ſprach Boytin. Sobald es angeht, rufe ich Euch, Ottokar und Lisbeth, zu mir nach Spandow, wo ich wohl einige Zeit verweilen werde; denn da Du, Sohn, noch Deiner Schweſter Vormund biſt, ſo iſt Deine Gegenwart zur gerichtlichen Er⸗ klärung vonnöthen. Laß mir's nur kund thun, wenn Deine Kräfte der kurzen Reiſe gewachſen ſind. — Und dieſer Zeitpunkt, hoffe ich, wird bald erſcheinen, gab Ottokar zur Antwort. Viel ſchon haben, nächſt Gottes Hülfe, die Arzeneien dieſes frommen und gelehrten Herrn, ſowie auch Lisbeths und Peters treue und unermüdliche Pflege, zu meiner gänzlichen Geneſung beigetragen; ſie wird vollendet durch den frohen Muth, mit welchem ich jetzt der Stunde entgegenſehen kann, in der ich dem wahren Erben ſein Eigenthum ungeſchmälert zu übergeben vermag, ohne An⸗ dere durch meine Schuld elend zu machen! Haltet mich nicht für undankbar, Herr Boytin, wenn ich in dem hohen Glück, ſo mir heute widerfahren, meiner verklärten Klara liebevolles Walten zu erkennen meine; es liegt ſo ſüße Luſt in dieſem Gedanken!. — Gern gönne ich Dir dieſen frommen Glauben, er⸗ wiederte Boytin. Doch dürfen wir dabei auch nicht ver⸗ geſſen, welch großen Dank wir unſerm gnädigen Landesherrn ſchuldig ſind, von dem allein die Gewährung meines Wun⸗ ſches abhing! — Fürwahr, wenn ich die kurze Zeit ermeſſe, ſeit der Ihr im Beſitze meines Geheimniſſes Euch befindet, ſo muß — 250 AAAAAAARRR mich's wundern, daß der Kurfürſt, der doch jetzt viele wich⸗ tigere Dinge vorhat, dieſe Angelegenheit— ſo viel an ihm lag— bereits erledigt hat! verſetzte Ottokar. — Man erſeeht daraus, wie eifrig unſer edler Fürſt das Wohl des Landes, wie auch das des Einzelnen zu för⸗ dern ſtets bereit iſt, entgegnete Boytin. Du erinnerſt Dich wohl, daß uns am andern Morgen, nachdem mir Deine Mit⸗ theilungen geworden, die Kunde von dem Aufſtande eilends nach den beiden Städten rief. Die Pflicht des Unterthanen und des Bürgers geſtattete uns nicht, unſerer beſonderen An⸗ gelegenheiten zu gedenken, wo es dem Gemeinwohl galt, und ich konnte mich daher den erſteren erſt widmen, als ich, der Haft entlaſſen, wieder in Britz angelangt war. Sogleich be⸗ ſprach ich mich mit meiner wackeren Hausfrau, und da Ka⸗ tharine in allen Stücken mit mir einig war, ſo ſandte ich noch an demſelben Tage einen treuen Boten mit meinem Anliegen nach Spandow hinüber. Der gnädige Herr war zwar zur Zeit nicht dort anweſend, doch ſchon am Abend des andern Tages kehrte er in Begleitung ſeines fürſtlichen Bruders, der von Tangermünde in der Altmark gekommen, nach Spandow zurück, empfing mein Bittſchreiben und ſandte mir ſchon heute, nach kaum drei Tagen, ſeine huldreiche Ge⸗ währung zu. Er iſt fürwahr ein Vater ſeiner Unterthanen, wie dieſe ihn nicht beſſer wünſchen können. O, möge bald die Zeit erſchienen ſein, wo alle es zu ihrem Glücke ein⸗ ſehen! — Ich habe Euch gar viel noch zu ſagen, was unſer gemeinſames Ziel betrifft, nahm Ottokar nach kurzer Pauſe das Wort. Wenn's Euch genehm iſt— — Beſſer iſt's, wir verſchieben jede weitere Beſprechung in dieſer Angelegenheit bis zu meiner Wiederkehr aus Spandow, verſetzte Boytin. Gar wichtigen Dingen ſcheint man dort auf die Spur gekommen zu ſein, und ſehr leicht 251 AAAAæᷓ;R; möglich wär's, daß wir alles, was heut von uns beſchloſſen wird, nicht mehr zweckdienlich und tauglich fänden, nachdem wir erfahren, was ſich inzwiſchen zugetragen. Ich weiß wohl, daß Dich's drängt, mit mir über gewiſſe Vorfälle zu reden, fügte er lächelnd hinzu! auch weiß ich, daß Du mit meinem Thun in allen Stücken nicht ganz einverſtanden biſt, denn dies gewahrte ich deutlich, als wir uns zuletzt auf dem Rathhauſe ſahen; doch ſollſt Du zu ſeiner Zeit vollſte Aus⸗ kunft haben, und ich bin im Voraus verſichert, daß Du mir dann beiſtimmen wirſt. Peter, der während des letzten Geſprächs ſich ſtill in den Hintergrund des Gemachs zurückgezogen hatte, trat jetzt an Ottokar heran. — Nun Ihr, wie's ſcheint, durch Herrn Boytin wieder zu Geld und Gut gelangt, lieber Herr, ſo kann ich auch wohl fortan meine Stelle bei Euch und ſomit mein Brod behalten, fragte er treuherzig. Denn wenn Ihr, wie Ihr in Spandow geſagt, dies Haus mit Allem, was dazu gehört, auch einem Andern abtreten müßt, ſo werdet Ihr doch wahr⸗ ſcheinlich als der Sohn dieſes reichen Herrn ſo viel haben, um Euch einen Diener halten zu können— nicht ſo, Herr Boytin? — Ich habe dieſe Demüthigung verdient, da ich Dich bei der Freude, ſo mir widerfahren, faſt vergeſſen, erwiederte Ottokar. Nennt Ihr mich fortan Euren Sohn, Herr Boy⸗ tin, ſo müßt Ihr auch dieſen Wackeren als ſolchen anſehen, den ich von heute an auch dem Namen nach als Freund und Bruder betrachte. Und damit ich ganz offen bin:— nicht ſeine treuen Dienſte, nicht, daß ich ihm mein Leben und damit ein beſſeres Daſein verdanke, hat mich bewogen, ihn zu bitten, daß er fortan mein Bruder ſein und heißen möge— ein Gleiches hätte mein armer Andreas auch ge⸗ than, und ſolches würdig belohnen zu können, ſteht nicht in AAAAAæQæOÖOÖOÖÖOÖ́’; meiner Macht, es iſt vielmehr ein geheimer Zug meines Her⸗ zens, der unwiderſtehlich mich antrieb, ſo zu handeln, wie ich eben handelte, und das ſchon vom erſten Augenblick an, wo ich ihn kennen lernte! — Das glaube ich gern, denn ging es mir nicht ganz ebenſo mit Euch? verſetzte Peter. Es zog mich zu Euch hin mit aller Macht, faſt ebenſo wie zu meiner Lieſel; und nach dem Mädel waret Ihr mir der erſte, das iſt gewißlich wahr! — Und gern erkenne ich ihn als Deinen Bruder an, wenn ich ihm auch nicht dieſelben Rechte gleich Dir einzu⸗ räumen vermag, ſprach Boytin lächelnd, zu Ottokar gewandt. Ihm ſitzt das Herz— ich weiß es— auf dem rechten Fleck, und ſolche Leute können wir juſt brauchen, vorausgeſetzt, daß er ſeine Treue auch als Bruder und Freund bewährt, wie er's als Diener gethan. — Verſucht es, lieber Herr, ſagte Peter zu Boytin; und Ihr ſollt ſehen— — Ich glaube Dir's auch ohne dieſe Probe! lachte Boytin. Doch da mein Sohn Dich ſeinen Bruder nennt, ſo will die Dienerkleidung nicht für Dich ſich ſchicken. Otto⸗ kar mag daher für andere ſorgen— für Bürgerkleidung, meine ich. Und was Dein künftig Brod anlagt, ſo wird ſich wohl für Dich ein Amt im Dienſte des Landesherrn finden, dem Du gewachſen biſt und das Dich und die Dei⸗ nigen ernährt— darauf verlaſſe Dich! — Wahrlich, nie hätte ich gedacht, daß außer meiner Lieſel und Meiſter Trennert es noch mehr ſo gute Leute in den beiden Städten giebt! rief Peter, dankbar im Kreiſe der Anweſenden umherblickend. Auch Euch, Herr Pater, meine ich mit meinen Worten, denn ohne Euch— wer weiß, wie's jetzt mit uns ſtände! — Die Zeit iſt da, ich muß Euch jetzt verlaſſen; am 253 AAAAAAARARA;ERAR;RòR Spandower Thor harret mein der Knecht mit den Pferden! hob Boytin wieder an. Gehabt Euch alſo wohl für jetzt; bald ſollt Ihr von mir hören! Nach kurzem Abſchiede und nachdem er ſeine Verklei⸗ dung wieder angethan, verließ er das Haus. — Auch ich darf nicht mehr länger bei Euch weilen, nahm der Mönch nach Boytins Entfernung das Wort. Doch kann ich nicht gehen, ohne Euch, junger Mann, wie⸗ derholt zu bitten, ſtets meiner Lehren eingedenk zu ſein und ſie wohl zu beherzigen. Vermeidet alles, was Euch wieder dem welſchen Doktor nähern könnte; der Grund, weshalb Ihr früher ſeine Wiſſenſchaft in Anſpruch nehmen wolltet, fällt ja nun weg, da Ihr die Ausſicht habt, den wahren Erben baldigſt erſcheinen zu ſehen— nicht zum zweiten Male dürfte Euer guter Genius dem heilloſen Einfluß jenes Mannes Euch entreißen können! Zum Andern aber blickt getroſten Muthes in die Zukunft; gedenket ſtets, daß bei Gott kein Ding unmöglich iſt und daß er, wie ich Euch vorhin ſchon ſagte, die guten Menſchen durch Leiden und Trübſal zu Freude und Wonne führt, wenn ſie ihm vertrauen und ſich nicht von ihrem Schmerze auf Wege und Bahnen füh⸗ ren laſſen, die zu wandeln er dem Menſchen in ſeiner ewi⸗ gen Weisheit und Güte verboten hat. Bald, denke ich, werdet Ihr auch von mir hören! Jetzt, da die drei, Ottokor, Lisbeth und Peter, im Ge⸗ mach allein waren, warf ſich Lisbeth an ihres Bruders Bruſt. — Mein Ottokar, mein treueſter Freund auf Erden, was iſt mit Dir, welch Geheimniß umgiebt Dich und mich? Ach, Bruder, Bruder, ich fürchte faſt, daß ich es bin, für die Du eine ſchwere Laſt auf Dein Herz genommen! faſt fürchte ich, daß Deine Liebe zu mir Dich zu weit geführt! Sprich, mein Ottokar, iſt dem ſo? . 9 7 42 4 4 — — — 254 AAAAAAAAAN — Nein, traute Schweſter, dem iſt nicht ſo! entgegnete Ottokar liebreich. Zwar habe ich viel gefehlt, doch nicht die Schuld von eines Senfkorns Schwere ruht davon auf Dir. Doch glaube mir, Lisbeth, wie groß auch mein Fehl geweſen: ich habe es geſühnt durch ebenſo große Buße, de⸗ ren Entſetzlichſtes die Vorſtellung war, daß Klara, ſie, die Reine, Unſchuldigſte von Allen, um meines Fehls willen den bittern Tod koſten mußte! Gott aber iſt gnädiger, als wir ſündige Menſchen faſſen und begreifen können, denn in die⸗ ſer Stunde nach ſo kurzen Leiden ward mir die Gewißheit, daß mir verziehen ſei; nahm er doch die Befürchtung von mir, daß auch Du, Lisbeth, noch die Strafe meines Ver⸗ gehens tragen ſollteſt! Und daß mir ſolche große Gnade worden, wem danke ich's anders, als ihr, der Seligen, Ver⸗ klärten, ihren Fürbitten am Throne des Ewigen? O, Schwe⸗ ſter, dieſer Gedanke, dieſe Vorſtellung wird mich künftig alle Anfechtungen überwinden und alles Böſe beſiegen laſſen durch das Bewußtſein, von ihr geſehen, von ihr umſchwebt zu ſein. Darum ſei auch Du getroſten Muthes und fürchte nicht, daß ich je wieder dem finſtern Geiſt, einem Zuſtande verfallen werde, der Dich ſo ſehr bekümmert und Dich— ich weiß es wohl— mit ſo quälenden Zweifeln erfüllt hat. Sobald Du des wackeren Boytin anerkannte Tochter biſt, ſollſt auch Du das Geheimniß meiner Schuld erfahren— und meine Schweſter, meine Lisbeth, wird mir dann ſicher⸗ lich verzeihen, wie's ja auch ſchon unſere theure Verklärte droben gethan! Lisbeth verſchloß ihm den Mund mit Küſſen, und die Geſchwiſter hielten einander in ſo inniger Liebe umſchlun⸗ gen, als hätten ſie ſich nach langer Trennung wiedergefun⸗ den; Peter aber zerbrach ſich vergebens den Kopf darüber, welch Verbrechen Ottokar, der Gute, wohl begangen haben könnte, wenn's nicht das war, was ihn zur Fucht aus AAAᷓAANANANRVR Spandow bewogen. Doch bald gab er unter den heftigſten Vorwürfen und innerlichen Schmähreden gegen ſich ſelbſt dieſen Gedanken wieder auf, wie er auch von jedem ferneren ähnlichen Verſuche abſtand. 18. — Hätte nimmermehr gedacht, daß noch nach ſo lan— ger Zeit der Vorwurf, den ich einſt auf mich geladen, an's Licht des Tages kommen könnte! murmelte der Mönch, als er auf die Gaſſe hinaustrat. Ja, ja, der Menſch denkt und Gott lenkt! Könnt's freilich verſchweigen, denn nichts zwingt mich zur Entdeckung— doch o pfui, Alter! Könnte mich entſchuldigen mit der Gewalt, durch die man mich zur Ver⸗ letzung meiner Amtspflicht zwang— könnte mich berufen auf die harte und lange Buße, die ich mir ſelber auferlegt— könnte es als Schickung Gottes ausgeben, der auf dieſe Weiſe und als Folge meines begangenen Unrechts mich zum Retter vieler Kranken und Leidenden machte.— Doch nichts von dem Allen! Mein Gewiſſen hat mich noch nicht völlig freigeſprochen, mag daher mein geiſtlicher Oberer das Rich⸗ teramt ausüben; es iſt beſſer ſo! Ein Glück noch iſt's, daß ich nichts Schwereres ihm zu bekennen habe. Doch eins bleibt mir dabei zur Beruhigung: ich kann ein gutes, verdienſtliches Werk verrichten faſt in demſelben Augenblicke, wo ich mein Vergehen an's Tageslicht bringen muß. Und ſo mir Gott hilft, ſoll es auch geſchehen! Dem Frepler, der mit frecher Hand in Gottes ewige Weltordnung einzugreifen ſich ſtolz vermeſſet, will ich das Handwerk legen — oder dem liſtigen, niederträchtigen Betrüger abreißen die — Q— verruchte Maske, die er zu lange leider ſchon getragen— den Wolf im Lammesfell will ich vor aller Welt in ſeiner wahren Geſtalt zeigen— das ſei meines Strebens nächſtes Ziel! Und bereitwillige Hülfe und Vorſchub wird mir da⸗ bei von meinen geiſtlichen Obern zu Theil werden, denn hält er's nicht mit jenen Schwarzen, die unſerm Orden ſich beſtändig nur als Feinde und als Gegner zeigen, und nie⸗ dere Verläumdungen ſelbſt am Stuhle des heiligen Vaters nicht ſcheuen, gilt's ihre Zwecke gegen uns durchzuſetzen! Und dieſer Umſtand, hoffe ich, wird die über mich zu verhängende Buße wohl in etwas mildern! Doch ſage, Alter, war's wohl Recht, was Du da eben dachteſt? Unter dieſen Gedanken war der Franziskaner auf dem Hundemarkte angelangt, wo eben der Abendgottesdienſt in St. Petri beendet war und die Menge unter dem Klange der Orgel aus den geöffneten Thüren der hellerleuchteten Kirche ſtrömte. — Einem offenen Gotteshauſe ſoll man nicht vorüber— gehen! ſprach er bei ſich und drängte ſich mit Mühe in die Kirche, wo er in einer Seiten-Kapelle ſeine Andacht ver⸗ richtete. Eben wollte er den Ort wieder verlaſſen, als er in ſeiner Nähe zwei Menſchen ein leiſes Zwiegeſpräch führen hörte. Sie ſchienen hinter einem der mächtigen Pfeiler zu ſtehen, die den dunklen Bogengang an den Seiten des Kir⸗ chenſchiffjs nach Innen zu begrenzten. Der Mönch würde hierauf nicht weiter geachtet haben und ſeines Weges ge⸗ gangen ſein, hätte er nicht in der Stimme des Einen die des Dieners erkannt, den Rycke während Ottokars Krank⸗ heit in deſſen Haus geſandt, und der des Paters Mißtrauen in ſo hohem Grade erweckt hatte. Ohne gerade die Abſicht des Lauſchens bewußt zu hegen, verharrte er doch in ſeiner knieenden Stellung. 257 rAANANRNRRDS — Der Mann will alſo den Namen, den mein Sohn jetzt führt, der nach ſeiner Ausſage in den Mauern dieſer Städte weilt, nicht anders nennen, es ſei denn, daß der geforderte Lohn ihm im Voraus werde— iſt's nicht ſo, Nikolas? — Ja, Herr, ſo ſagten wenigſtens die beiden Leute, die Du nach ihm ausgeſandt, erwiederte der Gefragte. Doch willſt Du nicht daran denken, wie wir Roswitha aus dem Kerker befreien? Oſiris ſchwieg eine Zeit lang. — Höre, Nikolas, ich will Dir einen hohen Beweis meines Zutrauens geben, ſagte er endlich. — Sprich Deinen Willen aus, Herr, verſetzte Nikolas, und befiehlſt Du mir, ganz allein die Burg zu Poſtamp mit bewaffneter Hand zu erſtürmen— ich werde mich deß nicht weigern. — Ich darf Berlin nicht verlaſſen, jetzt wenigſtens nicht, nahm Oſiris das Wort. Daher will ich Dir den niemand weiter als mir bekannten Ort bezeichnen, wo meine Schätze verborgen liegen. Davon magſt Du ſo viel nehmen, wie nur immer nöthig iſt, dem Fremden ſein Geheimniß abzu⸗ kaufen, und dann— iſt dies geſchehen— ſchnell wieder hierher zurückkehren. — Es kommen Leute, Herr; wollen wir nicht in un⸗ ſerer Sprache mit einander reden? fragte Nikolas in flüſtern⸗ dem Tone weiter. — Nein, das würde die Aufmerkſamkeit der Vorüber⸗ gehenden auf uns ziehen, entgegnete Oſiris. Doch wollen wir uns in eine leere Kapelle begeben, die wir jetzt wohl finden werden. Haſt Du nun dieſen meinen Auftrag be⸗ wirkt, Nikolas, dann ſoll's auch der Roswitha gelten. Mehr konnte der Mönch von dem Geſpräch der Beiden Die ſchwarzen Brüder. II. 17 nicht hören, denn ſie verließen den Ort, den ſie wahrſchein⸗ lich erſt eingenommen hatten, nachdem er ſelber ſchon in der Kapelle ſich befand. Er erhob ſich jetzt und trat in den Bogengang, doch gewahrte er ſie nicht mehr. — Was geht Dich denn auch das Vorhaben der bei⸗ den Leute an, ſprach er für ſich. Betraf ihr Geſpräch auch ſeltſame und geheimnißvolle Dinge, ſo war's doch eigentlich nichts Böſes, zu dem ſie ſich verabredeten. Du aber haſt keine Zeit zu verlieren. Hab's mir aber doch gleich ge⸗ dacht, daß der Menſch, den der Rycke geſandt, kein gewöhn⸗ licher Diener ſei! Mit dieſen Worten verließ er die Kirche und ging nach ſeinem Kloſter in der Kloſterſtraße. Nachdem er ſich hier kurze Zeit in ſeiner Zelle aufge⸗ halten, ließ er den Prior bitten, ihm im Beichtſtuhl Gehör zu ſchenken. Nach beendigter Beichte folgte er dem Oberen in deſſen Zelle, die er erſt um Mitternacht wieder verließ, nicht aber, um wie dieſer der nächtlichen Andacht beizuwoh⸗ nen, ſondern um ſich auf das ausdrückliche Geheiß des Priörs in ſeine Zelle zu begeben, wo er ſich bis gegen Morgen emſig mit Schreiben beſchäftigte. Nach einer kurzen Ruhe begab er ſich dann wieder zu ſeinem Vorgeſetzten und legte dieſem das in der Nacht Geſchriebene vor, welches der Prior auf⸗ merkſam durchſah und ihm ſeine Zufriedenheit darüber zu erkennen gab. Während dieſer Zeit hatten die Kloſterknechte ein Fuhrwerk beſpannt und auf dieſem nahm der Pater Platz, nachdem er vom Prior den Segen empfangen. Ein Knecht führte die Zügel. Als das Fuhrwerk den Kloſterhof verlaſſen, lenkte es der Knecht in die Stralower Straße ein, fuhr beim Rath⸗ hauſe vorbei und über die Brücke bei den ſtädtiſchen Mühlen. Im Begriff, in die Roſchergaſſe einzubiegen, hielt er auf das Geheiß des Paters die Pferde an. AAAAAAA;AN;E Der Mönch ſprach jetzt einige Worte im bittenden Tone zu dem Knechte. Dieſer bedachte ſich kurze Zeit und gab dann ſeine Zuſtimmung zu erkennen. Jetzt ſtieg der Mönch von dem Karren, und während der Knecht das Fuhrwerk in langſamem Schritte zum Köpenicker Thore hinaus und auf die Landſtraße nach Sachſen führte, ſchlug jener den Weg über den Hundemarkt nach der Brüderſtraße ein, wo er in Ottokars Haus trat. Dieſer hatte heute zum erſten Male ſein Lager verlaſ⸗ ſen und ſaß eben mit Lisbeth und Peter— welcher Letztere bereits ſeine Dienerkleidung abgelegt hatte— beim einfachen Frühmahl, als der Mönch erſchien. Man begrüßte ihn von allen Seiten als einen lieben Bekannten und Freund. Er freute ſich herzlich, den jungen Mann ſo wohl zu finden; doch die freundliche Einladung, am Mahle Theil zu nehmen, ſchlug er aus. — Ich bin gekommen, von Euch Abſchied zu nehmen, ſagte er, und obwohl ich mich dadurch einer Pflichtverletzung ſchuldig mache— denn der Befehl meines Oberen lautet dahin, mich ungeſäumt nach Prag zu dem hochwürdigſten Provinzial unſeres Ordens zu begeben— ſo denke ich doch, daß mir der liebe Gott dieſe kleine Uebertretung nicht allzu hoch anrechnen wird. Wäre lieber hier geblieben, wo es eigentlich Wichtigeres für mich zu thun giebt; aber Unter⸗ werfung unter den Willen der Oberen iſt die erſte Pflicht der Ordensglieder, und ich kann auch mit dieſer gelinden Buße wohl zufrieden ſein. — Wir werden Euch doch bald wiederſehen? fragte Ottokar. Denn hoffentlich werdet Ihr uns nicht auf immer verlaſſen? — Ich hoffe und wünſche das Erſtere! gab der Mönch zur Antwort. Doch iſt's leicht möglich, daß mich der hoch⸗ würdigſte Prälat des hohen Glückes würdigt, mich nach Rom 17* AAAAAAAAE zum heiligen Vater zu ſenden. Der Weg dahin aber iſt weit, und meine Kräfte ſind nicht mehr die eines jungen Mannes. Wenn ich alſo aufrichtig ſprechen ſoll, ſo wuͤnſchte ich wohl, daß man einen Anderen, Würdigeren zu jener hohen Ehre auserſehen möge. Der liebe Gott aber wird's ſchon machen, wie's am Beſten iſt. Nun aber wollte ich Euch, Herr Reinhold, nochmals meine Ermahnungen von geſtern einſchärfen; thut danach und es wird Euch nicht zum Schaden gereichen. Vor Allem aber bewahrt dieſe verſiegelte Schrift, die ich Euch hiermit übergebe; Ihr mögt ſie jedoch erbrechen und leſen, wenn Herrn Boytins Abſicht, Euch und Eure Schweſter als leibliche Kinder an- und aufzunehmen, an irgend einem Hinderniß ſcheitern ſollte— was doch im⸗ merhin möglich iſt— und dann Gebrauch von ihr machen, wie Ihr's für gut befindet; imgleichen mögt Ihr daſſelbe thun, ſobald Ihr ſichere Kunde von meinem Tode erhalten. Treten nun beide Fälle nicht ein, ſo gebt Ihr mir die Schrift bei meiner Rückkehr unerbrochen zurück. Verſprecht Ihr mir dies? Ottokar gelobte ihm mit Mund und Hand, ſeinem Wil⸗ len unverbrüchlich nachzukommen. — So ſcheide ich beruhigter von Euch, fuhr der Mönch fort; was nun auch geſchehen mag, ich habe meine Pflicht erfüllt! Fragt mich aber nicht, Kinder, was meine Geheim⸗ nißkrämerei, die Euch wohl wundern mag, zu bedeuten habe; ich muß nun einmal ſo und nicht anders thun. Und wenn Ihr einſt die Schrift leſen ſolltet, ſo bedenket, daß wir all— zumal Sunder und in Sünde geboren ſind, und richtet nicht zu ſtreng! — Fern ſei es von uns, irgendwie Mißtrauen oder Zweifel an Euch zu hegen, ehrwürdiger Herr, ſprach Ot⸗ tokar. Seid gewiß, daß unſere beſten Wünſche Euch auf Eurem weiten Wege geleiten, und daß wir Eurer ſtets in AAANNRRDd Dankbarkeit gedenken werden, was uns auch dieſe Schrift offenbaren mag! — Glaub's Euch, weil ich Euch kenne, und daher weiß, daß nicht zweierlei Rede in Eurem Munde iſt! ver⸗ ſetzte der Mönch, Ottokars Hand drückend. Nun aber mal zu Dir, Petex, wandte er ſich dann zu dieſem. Auch Du haſt mir Dankbarkeit gelobt; will jetzt ſehen, ob's auch Dein Ernſt geweſen. — Was ſoll ich für Euch thun, ehrwürdiger Pater? rief dieſer ſichtlich erfreut aus. Sagt's nur frei heraus, und wenn's nicht etwa meinem Herrn Bruder oder meiner Jungfer Schweſter zum Schaden gereicht, ſo ſeid Ihr meiner gewiß! — Du ſollſt mich die Strecke Weges begleiten, die ich zu Fuß zurücklegen muß, da das Fuhrwerk bereits voraus iſt und mich in Britz erwartet, erwiederte der Pater. Ich bin alt und meine Füße möchten ohne Unterſtützung den Weg als zu weit für ſie finden. — Ich gebe Euch wohl noch weiter das Geleit, wenn Ihr's verlangt! verſicherte Peter. Der Mönch fragte, ob man in Britz vielleicht etwas zu beſtellen habe, was er dann ausrichten wolle. Otkokar und Lisbeth trugen ihm herzliche Grüße an Frau Katharine auf und Erſterer bat ihn, auch nach ſeinem Diener Andreas zu ſehen, ob es dieſem auch an nichts fehle. — Gern würde ich den Armen hierher bringen und ihn unter meinen Augen verpflegen laſſen, ſetzte Ottokar hinzu, allein er müßte ja doch bald wieder hinaus nach Britz mit uns, und der doppelte Weg in dieſer Jahreszeit möchte ihm mehr Schaden zufügen, als unſere ſorgſamſte Pflege ihm nützen könnte. Ich bin verſichert, daß Frau Katharine ihn nicht vergeſſen hat, Nachdem der Mönch dem Geſchwiſterpaare ſeinen geiſt⸗ N —— * 1 AAAAAANANANN; lichen Segen ertheilt, trat er mit Peter ſeine Wanderung an. Ottokar verſchloß die empfangene Schrift ſorgfältig, und während Lisbeth ihren häuslichen Verrichtungen nachging, machte er ſich wieder an die Arbeit, behufs Reorganiſation der Kalandsgilden, welche er bereits an dem Abend begonnen hatte, bevor er ſich in die Gewölbe der Dominikaner⸗Kirche begeben. Als der Mönch und ſein Begleiter bei der Roſchergaſſe anlangten, gewahrten ſie einen kurfürſtlichen Trabanten, der, gefolgt von etlichen Stadtſöldnern zu Pferde, vom Rathhauſe her über die Brücke nach Kölln ritt. Auf dem Fiſchmarkte hielt der Zug an, und nachdem ein Stadtſöldner durch eine große Handglocke, die er ertönen ließ, viele Leute an die Fen⸗ ſter und vor die Häuſer gelockt hatte, entfaltete der Trabant ein beſchriebenes Pergament und las mit lauter Stimme Fol⸗ gendes der aufhorchenden Menge vor: „Wir Friedrich der Zweite, von Gottes Gnaden Markgraf von Brandenburg, des heiligen römiſchen Reiches Erzkämmerer und Kurfürſt ꝛc., entbieten allen Bürgern und Einwohnern Unſerer beiden Städte Ber⸗ lin und Kölln an der Spree, Unſeren lieben und ge⸗ treuen Unterthanen, Unſeren landesherrlichen und gnä⸗ digen Gruß, und thun ihnen hiermit zur Nachachtung kund und zu wiſſen: Nachdem es Uns durch den Bei⸗ ſtand des allmächtigen Gottes, ſowie durch die Tapfer⸗ keit Unſeres lieben und getreuen Kammermeiſters Rit⸗ ter Georg von Waldenfels und der von ihm geführten wackeren Neiſigen gelungen, die zahlreiche Räuberhorde des verruchten Böſewichts, genannt der Schwarze Teu⸗ fel, ſo es frech gewagt, ſich heimlich in Unſer landes⸗ herrliches Gebiet einzuſchleichen, ſammt und ſonders zu tödten oder gefangen zu nehmen, haben wir in ſichere Erfahrung gebracht, daß der heilloſe Anführer der Räu⸗ berhorde, der obigen Beinamen führt, weder getödtet noch gefangen iſt, ſondern ſich vielmehr innerhalb der beiden Städte in Sicherheit befinden ſoll. Wir thun alſo den Bewohnern von Berlin und Kölln ſolches hier⸗ mit kund und verſehen Uns ſowohl von ihrem Rathe, als von der geſammten Bürgerſchaft, wie auch von jedermann, daß niemand dem hundertfältigen Mörder, Räuber und Mordbrenner, deſſen Ausſehen beſchrieben werden wird, irgendwie Vorſchub oder Hülfe ange⸗ deihen laſſen, vielmehr auf ihn fahen, ihn anhalten und an den Befehlshaber Unſeres Hohen Hauſes ab⸗ liefern werde, wo er ihn ſehe oder finde; und ſetzen zu mehrerem Eifer einen Preis von hundert Goldgülden für Alle und Jeden aus, der den Gemeinſchädlichen— ſei es lebendig oder todt, am liebſten aber lebendig— in Unſere Gewalt liefert— wie Wir aber auch zur Warnung und Nachachtung hiermit kund thun laſſen, daß Jeglicher, ſei es Mann oder Weib, Vornehm oder Gering, Alt oder Jung, der ſich unterfängt, Unſerem ausdrücklichen Verbot zuwider, dem Räuber und Mord⸗ brenner Vorſchub und Hülfe zu leiſten, oder ihm zur weiteren Flucht behülflich zu ſein; imgleichen jeder, der Wiſſenſchaft von ſeinem verborgenen Verſteck haben oder erlangen ſollte und ſolches verſchweigt— dem Räuber gleich erachtet und ihm, was Rechtens iſt, geſchehen ſoll. Wonach ſich männiglich zu richten und danach zu handeln hat.“ Es folgten nun viele ſehr umſtändliche Angaben, an welchen der Geächtete zu erkennen ſein ſollte. Nachdem dann der Stadtſöldner ein Zeichen mit der Glocke gegeben, ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung, um auch auf den an⸗ deren Plätzen von Kölln die Botſchaft des Landesherrn zu verkündigen. * à — — — Der liebe Gott behüte die beiden Städte in Gnaden vor ſolchem Bürger! ſprach der Mönch, der mit Peter ſtehen geblieben, um die Botſchaft anzuhören. — Hundert Goldgülden iſt ein ſchöner Preis, den ich mir ſchon gern verdienen möchte, meinte Peter. Solche Summe würde dem Vater Trennert für ſeine Wirthſchaft wohl zu Statten kommen! Habe aber auch genau auf die Beſchreibung gemerkt und werde den Räuber ſchon erkennen, wenn ich ihn ſehe. Ein fürchterlich Ausſehen muß der Kerl aber doch nach der Beſchreibung haben! Die Beiden ſetzten jetzt ihren Weg fort. Peter dachte anfangs nur daran, wie er ſich die hundert Goldgülden ver⸗ dienen könne; bald aber nahmen ſeine Gedanken eine andere Richtung, denn der Mönch ſprach mit ihm von Dingen, die ſeine höchſte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. — Laß uns eine kleine Erfriſchung zu uns nehmen, deren ich wenigſtens bedürftig bin, ſagte der Mönch, als man in der Nähe von Rycksdorf war, in welchem Orte er vor langen Jahren Pfarrer geweſen. Peter war mit dem Vorſchlage zufrieden, und ſo lenkten Beide ihre Schritte dem Kruge des Dorfes zu, in welchem ſie bei einer Kanne warmen Bieres ihre Unterredung leiſen Tones fortſetzten, die nach manchen Ermahnungen des Mön⸗ ches endlich damit endigte, daß ihm Peter gelobte, alles wohl zu beherzigen und danach zu thun, auch ſich der Vorſicht und Schweigſamkeit befleißigen zu wollen. — Du begreifſt jetzt wohl, daß ich mich einer Unwahr⸗ heit ſchuldig machte, als ich Deine Begleitung nur zu mei⸗ ner Unterſtützung auf dem Wege verlangte, nahm der Mönch dann das Wort. Gott wird dereinſt, des guten Zweckes wegen, nicht allzu ſtrenge mit mir deswegen rechten, denn ich mußte es doch ſo einrichten, daß Deine Schweigſamkeit nicht auf allzu harte Probe geſtellt wird. Du magſt daher A; jetzt, da Du alles weißt, was zur Verhütung neuen Fre⸗ vels Dir zu wiſſen nöthig iſt, nach Hauſe zuruͤckkehren. Ich habe hier in meiner ehemaligen Pfarre noch andere Dinge zu thun. Gehe mit Gott, mein Sohn! Nach Peters Entfernung begab ſich der Mönch in die Wohnung des damaligen Pfarrers zu Rycksdorf, dem er wohl bekannt war und der ihm auf ſeine Bitte ohne Weiteres die Schlüſſel zu ſeiner Kirche anvertraute, in welche ſich der Mönch allein verfügte. In der Sakriſtei derſelben öffnete er den Schrank, in welchem alle auf das Gotteshaus be⸗ züglichen Dokumente und Urkunden verwahrt wurden, und ſuchte emſig darin umher. Zufriedenen Blickes las er dann eine Schrift durch, welche der Gegenſtand dieſes ſeines Su⸗ chens geweſen, legte ſie wieder an ihren vorigen Ort, ver⸗ ließ die Kirche, deren Schlüſſel er dem Pfarrer wieder ein⸗ händigte, und ſetzte ſeinen Weg fort. Als er Martha's Hütte erblickte, blieb er einige Augen⸗ blicke unſchlüſſig ſtehen. — Es würde mir jetzt doch nichts helfen! ſprach er dann für ſich. Will aber ſehen, wie's in Britz ſteht. Dort angelangt, richtete er ſeinen Auftrag an Frau Katharine aus und ließ ſich dann zu dem kranken Andreas führen, der heute, wie ſich Peter immer auszudrucken pflegte, ſeine guten Stunden zu haben ſchien. Mit dieſem blieb er eine Zeit lang allein im Gemach. Endlich eilte er nach dem im Dorfe befindlichen Gaſthauſe, wo der Knecht mit dem Fuhrwerke ſeiner harrte, und ſetzte ungeſämt ſeine Reiſe fort, mit dem feſten Vorſatze, all die kleinen Verſäumniſſe fortan durch um ſo größere Eile wieder gut ⸗zu machen. Ottokar und Lisbeth ſahen es Peter bei ſeiner Zurück⸗ kunft wohl an, daß etwas Beſonderes auf dem Herzen hatte, denn ſein ganzes Weſen war ungewöhnlich ernſt und nachdenkend. Da er aber auf ihre theilnehmenden Fragen Die ſchwarzen Brüder. II. 18 verſicherte, daß ihm nichts Unangenehmes widerfahren, ſo drangen ſie nicht weiter in ihn, zumal Ottokar ſchon in den nächſten Tagen das Räthſel ſeiner Verwandlung ergründet zu haben glaubte, als er gewahrte, daß Peter plötzlich ein eifriger Kirchengänger geworden, was er den Ermahnungen des frommen Mönches zuſchrieb. Daß Peter aber nicht den täglichen Gottesdienſt in St. Petri, ſondern in der Kirche des Dominikaner⸗Kloſters beiwohnte, ward von ihm nicht weiter beachtet. Schon an dem folgenden Tage begab ſich Lisbeth in Frau Katharinens Begleitung nach Spandow, wohin ein inzwiſchen für ſie eingetroffenes Schreiben von Boytin ſie dringend rief. In den nächſten Tagen ſprach man in den beiden Städ⸗ ten von nichts Anderem, als von dem berüchtigten Räuber⸗ anführer, der Schwarze Teufel genannt, der nach der lan⸗ desherrlichen Kundmachung in ihren Mauern weilen ſollte. Viele trachteten danach, ſich den auf die Habhaftwerdung des Geächteten geſetzten Preis zu verdienen, aber nur ſehr Wenige gab es, die ſich Abends allein über die Gaſſe wag⸗ ten, aus Furcht vor dem, den ſie doch ſuchten. Doch da in der nächſten Zeit keine Brandſtiftung vorftel, man auch von keiner Mordthat hörte, wie man gefürchtet, ſo kam die Sache allgemach in Vergeſſenheit, zumal viele Leute geradezu behaupteten, daß jene Bekanntmachung nur erlaſſen ſei, um die Bürger einzuſchüchtern und bei vorkommender Gelegen⸗ heit von energiſchem Widerſtande nach Außen abzuhalten. Es füllten ſich Abends die Wein⸗ und Bierhäuſer wieder, die vorher leer geblieben, da man den Heimweg zu ſpäter Stunde ſcheute; man ſprach über die bevorſtehende Beſetzung des Syndikats— daß Rycke wieder zum Bürgermeiſter er⸗ wählt werden würde, daran zweifelte niemand— und ſtritt ſich über die Perſon, welcher der Rath jenes wichtige Amt anvertrauen werde. Inzwiſchen hielt der Rath, welcher eben⸗ falls ſich theilweiſe erneuern mußte, nach wie vor ſeine or⸗ dentlichen Sitzungen, doch nichts verlautete von dort über die vorzunehmenden Wahlen. Dann wieder gab die Angelegenheit der Kalande Stoff zu Unterhaltungen in den Feierſtunden; man wußte, daß Ottokar unausgeſetzt an der Umgeſtaltung und Verbeſſerung dieſer wichtigen Vereine arbeitete, daß er zu dieſem Zwecke häufig Unterredungen mit den Kalandsherren habe; und Alle, beſonders die Mitglieder dieſes Bundes, ſahen mit Spannung den zu erwartenden neuen Einrichtungen ent⸗ gegen. Endlich tauchte auch das ſtets wiederkehrende Gerucht von einer Verſchwörung der Kurfürſtlichen in den beiden Städten wieder auf und erhielt neue Nahrung durch die Nachricht, daß die Reiſigen, die zum Zuge gegen Mecklen⸗ burg und Pommern beſtimmt waren, ruhig in Spandow und den umliegenden Ortſchaften blieben. So alſo hatten die Wortführer auf den Wirthsbänken Stoff vollauf für ihre Kannegießereien, und über viele ein⸗ zelne nicht ganz gewöhnliche Vorfälle jener Zeit, die ſonſt ſtadtkundig und wochenlang wiedergekäuet worden wären, hörte man um deswillen kaum reden, weil ſie in keinem Zuſam⸗ ſammenhange mit jenen Tagesfragen zu ſtehen ſchienen. rey Control Chart Green vellow- Hed Magenta † 4 A*. r 3. 4 B5 1