——— 11 L— 882A 7 · 6 ₰ 2₰ 2 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8„ er von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Teſebedingungen. i1. 0ſffensein der Bibliothek. Die Wiuliorher ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 2 ag von Morgens , 7 Uhr bis Abend s 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 „ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir.. 8. 145 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: mutzte, ver⸗ Pichte ſo iſt en B GlESSEN k⸗ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Eanan arappann Afhpc* Mhamnhnneccg f. 2 11 352 683 B0CRH-ONR., 11,., 852,. 688 90 00 2 △ 00 — — — — Leil deutſcher, engl Eduard Schle Teih 1. Offensein der pfangnahme und Rüch 7 Uhr bis Abends 8. 2. Lesepreis. Bei jedem Tag 5 Pf. beza den angenommen. 3. Caution. Unbel eines Buches, eine de hinterlegen, welche b. wird. 4. Abonnement. T beträgt: 1 für wöchentlich 2 — auf 1 Monat: 1 N fr 3 5. Auswärtige Abor der Bücher auf ihre e 6. Schadenersatz. defecte Bücher(namen Ladenpreis erſetzt werd lorene oder defente Bu der Leſer ſum Erſatz d 7. Ausleihezeit. D beſonders darauu der Bücher nich M ſelben von mir 1 „---——— 1 — 8UCHNE 9 1 1eeSoo ———— Streif- und Jagdzüge durch die vereinigten Stanten Mord-Amerikna. Von Friedrich Gerſtäcker. Zweiter Band Zweite durchgearbeitete und verbeſſerte Auflage. Leipzig, 6 Arnoldiſche Buchhandlung. 1856. * . 7 — 4 2 . 8. 1 41 4 3 2 * * 2 Inhalts-erzeichniß. Seite Verſuch eines geregelten Lebens 1 Deutſche Anſiedlung in Arkanſas...... 26 Jagdzug.... 750 — Zug in die Ozarkgebirge......... 137 Aufenthalt in Louiſiana und Heimfahrtt..287 * 2* * — Verſuch eines geregelten Lebens. Es war ein eigenthümliches Gefühl mit dem ich, als ich Cincinnati betrat, das wilde Wald⸗ und Jagdleben gewiſſer⸗ maßen von mir abſchüttelte, und hier nun mit der Abſicht an⸗ langte, von da an mir mein Brod nicht mehr à la Streifſchütz ſondern„im Schweiß meines Angeſichts“ zu erwerben. Die beſten Vorſätze hatt' ich dafür, das weiß Gott, aber Sorgen macht ich mir auch nicht im Mindeſten, denn der Wald lag hinter mir, und ich wußte recht gut daß mich der, falls es hier oben zwiſchen den ſo entſetzlich praktiſchen Men⸗ ſchen nicht gehen ſollte, doch wieder mit offenen Armen empfing. Er war ja ein alter bewährter Freund, und als ich ihn verließ, hatte er überdies den Kopf geſchüttelt, und gar nicht geglaubt daß ich Ernſt mache. In Cincinnati, wo ich von meinen dortigen Freunden auf das Herzlichſte empfangen wurde, ſuchte ich jetzt demnach ernſtlich Arbeit— aber Du lieber Himmel, wie ſah es dort aus. Alle Wirthshäuſer lagen gedrängt voll von Menſchen, die nach Arbeit jammerten, und gern„für die bloße Koſt“ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 1 2 Arbeitsnoth. an irgend ein Geſchäft gegangen wären. Ganze Familien mit Gott weiß wie vielen Kindern, und noch alten gebrechli⸗ chen Leuten dazu in den Kauf— Alle hier herübergekommen, ihr Glück zu machen— fanden nicht einmal Brod, und waren in der hilfloſeſten Lage. Schöne Verſprechungen hatte man ihnen allerdings genug über das Meer hinübergeſchrieben, und 1 Dollar per Tag für jede Arbeit ſchien das geringſte, was ſie davon erwartet. Als ſie aber ankamen, zahlten die Farmer nicht mehr als fünf, höchſtens ſechs Dollar den Monat, und konnten dann noch vier Fünftel von ihnen nicht gebrauchen. Die armen Teufel dauerten mich, aber es ging mir ſelbſt nicht beſſer, und ich lief manchen vergeblichen Weg irgend eine beſtimmte Arbeit zu bekommen. Ich erinnere mich, daß mich damals eine Buchhändler⸗ anzeige lockte. Ein Buchhändler in Cincinnati zeigte nämlich in der Zeitung an, daß er einen jungen Mann ſuche, der fertig deutſch und engliſch ſpräche, ihm guten Erwerb nach⸗ zuweiſen: Ich ging zu ihm, frug was es ſei und erfuhr hier, daß mich der gute Mann, der mit meiner Perſönlichkeit voll⸗ kommen einverſtanden ſchien, mit einer Ladung Bibeln in das Land ſchicken wollte, ſie zu vertreiben und dann davon Procente zu ziehen. Natürlich dankte ich. Da kam es denn, als ſich Tag nach Tag nichts anderes zeigte, daß ich wieder auf einen anderen, früher wahrlich nicht geahnten Erwerbszweig geſtoßen wurde, und zwar zu nichts Geringerem als— Schachtelmachen. Davon verſtand ich nun allerdings nicht das Mindeſte, doch iſt die Noth eine treffliche Lehrmeiſterin, und ich fand mich bald hinein. —,— Verſchiedene Gewerbe. 3 Apotheker Vogel, der auf die Idee gekommen war in Amerika deutſche Kaiſerpillen zu machen, da er das Recept wußte und ſonſt auch in allen derartigen Sachen geſchickt war, be⸗ durfte nur noch der kleinen, runden Schachteln, die Pillen hineinzuthun und dadurch die Aehnlichkeit mit den ächten vollkommen herzuſtellen. Mit regem Eifer wurde ans Werk gegangen; ein Tiſchler hobelte die Spähne, die Deckel und Boden wurden ausgeſchlagen, mit Fernambuk färbte ich die Seitenwände, und bald war die Schachtelfabrik in vollem Gange. Ich machte Pillenſchachteln, als ob ich mein Leben lang keine andere Beſchäftigung gekannt hätte. Doch hat Alles ein Ende, ſo auch dies, und ich lag wieder eine kurze Zeit brach. Da half Vogel auf's Neue und ich wurde Choco⸗ latenfabrikant, die ich, da weiter keine Vorrichtung dazu vor⸗ handen war, in einem eiſernen Mörſer ſtieß und dabei täglich etwa einen Dollar verdiente. In dieſer Zeit hörte ich von einem Tabaksfabrikanten, daß das Schilf oder Rohr, welches in den ſüdlichen Staaten an feuchten Stellen und beſonders an den Ufern der Flüſſe wächſt, und das in den nördlichen Staaten vielfach zu Pfeifen⸗ röhren gebraucht wird, beinahe ganz fehle, da alle Flüſſe ſo ungeheuer geſtiegen waren, und Niemand ſich in die mit Schlangen und Mosquitos gefüllten Sümpfe bei hohem Waſſerſtand wagen wollte. Das war wieder etwas, das mir zuſagte, denn das lange Stillſitzen in Cineinnati hatte ich ſchon ſatt bekommen. Mit einem andern jungen Manne ver⸗ abredete ich das Nöthige, und mit wenigen Thalern in der Taſche, aber doch genug die nothwendigſten Ausgaben damit . 1* 4 Rohrſchneiden. zu beſtreiten, fuhren wir in den erſten Tagen des April auf dem Dampfboot„Algonquin“ den Ohiofluß hinab wieder in den Miſſiſſippi, und dieſen hinunter bis Teneſſee, wo das Boot eines Nachmittags anlegte, Holz einzunehmen. Dort wuchs Schilf genug; ich ſprach mit dem Eigen⸗ thümer des Holzes, der ein kleines Häuschen daneben hatte, und der ließ ſich willig finden, uns in ſeine Wohnung auf⸗ zunehmen, und gegen zwei Dollar die Woche(für die Perſon) zu beköſtigen. Im Nu waren unſere Sachen am Ufer, und ſchon am nächſten Morgen begannen wir unſere Arbeit. Das Rohr, das wir auf dieſe Art ſchnitten, wuchs in ungeheuren Dickichten am Ufer des Miſſiſſippi, doch konnten wir nur, da es zu Pfeifenröhren beſtimmt war, das Schwächſte davon gebrauchen, das ungefähr ſo ſtark wie eine dicke Feder⸗ ſpuhle, dicht über der Wurzel abgeſchnitten, etwa 4—5, oft 6 Fuß hoch ſein mochte, und an dem die einzelnen Glieder 8— 16 Zoll lang waren. Dies ſchnitten oder hackten wir vielmehr mit dazu eigens verfertigten und mitgebrachten Meſſern ab, ſtreiften die Blätter, welche Sommer und Win⸗ ter grün ſind, und von denen das Vieh vorzüglich im Winter lebt, herunter und banden die kahlen Ruthen, immer 500 in ein Bündel, zuſammen. Das gab immer einen recht tüchtigen Arm voll, da überdies Rohr, wenn noch grün, außerordent⸗ lich ſchwer iſt. Für das Hundert bekamen wir in Cincinnati 50 Cent(etwa 20 Groſchen). Der Mann, bei dem wir uns ſo plötzlich einquartirt hat⸗ ten, zeigte ſich ſehr artig und freundlich und wir wurden bald recht gut bekannt mit einander. Glücklicher Weiſe, um uns — Whiſtpartie in Rohrdickicht. Beleuchtung. 5 die Zeit in den langen Abenden zu vertreiben, hatte er ein altes Spiel Karten, wo er dann, wir beiden und noch ein weitläufiger Verwandter von ihm der bei ihm wohnte, Whiſt ſpielten. Oft habe ich damals gewünſcht, daß manche meiner lieben Freunde einmal eine von unſeren Whiſtpartieen geſehen hätten, ſei es auch nur, den Unterſchied zwiſchen einer Whiſtpartie im alten Deutſchland und einer in Teneſſee im Rohrdickicht zu beobachten. Auf jeden Fall hatte die unſere den Vorzug der Einfachheit. Ein ganz roher, oben etwas abgehobelter Tiſch wurde in die Mitte der Stube gerückt, und wir ſetzten uns auf Seſſel und Kaſten um ihn herum. Da aber die Mosquitos dort ſo fürchterlich peinigend waren, wie ich ſie noch auf keinem anderen Flecke gefunden habe, ſo wäre es eine reine Unmöglichkeit geweſen, dieſer Plagegeiſter wegen ſtille zu ſitzen. Deshalb hatten wir unter unſerem Tiſche einen großen eiſernen Topf mit glühenden Kohlen ſtehen, in den die kleinen Negerjungen, welche zum Hauſe gehörten, von Zeit zu Zeit Stücke faulen Holzes werfen mußten, dicken Rauch zu unterhalten. Der kam dabei ſo dick und beißend unter dem Tiſch herauf, daß man ſich mit der Bruſt nothgedrungen dicht an die Platte anlegen mußte, da man ſonſt nicht im Stande war, es mit den Augen auszuhalten. Das wäre jedoch noch Alles gut geweſen, hätte nur unſere Beleuchtung etwas beſſer ſein können, denn unſer einziges Brennmaterial war Speck; um aber auf die Idee zu kommen, dieſen als Licht zu benutzen, muß man wirklich in einem Rohrdickicht wohnen. Eine Stange wurde abgehauen, die Dielen, auf denen 6 Speck als Leuchtmaterial. Fiſchfang. wir ſaßen, etwas auseinander geſchoben(es war überflüſſiger Platz da) und jene dann da hineingerammt. Nun wurde der Speck in lange, dünne Streifen geſchnitten, mit baumwolle⸗ nen Lappen umwickelt, und an die Stange in mäßiger Er⸗ höhung gebunden und angezündet. Er brannte ganz capital, zwar etwas düſter aber doch hell genug, um, wenn man nicht eine Karte erwiſchte die etwas ſchmutziger als die übrigen war, oder der Rauch von dem unter dem Tiſche ſtehenden Topfe die Augen nicht zu arg zum Thränen reizte, ziemlich genau zu erkennen, ob man ſchwarz oder roth in der Hand hielt. Beiläufig muß ich hier noch erwähnen daß wir um nichts Geringeres als— Bärenfelle ſpielten, und ſpäter trotz hart⸗ näckiger Jagd nicht einen einzigen bekommen konnten. Viel Vergnügen gewährte mir außerdem noch der Fiſch⸗ fang, wo ich mit der Harpune eine Menge ſogenannter buffalofish fing, die, da der Miſſiſſippi ſtieg, durch kleine Vertiefungen im Ufer in das Innere des Sumpfes wollten. Das Land am MNiſſiſſippi, etwa 100— 150 Schritt vom Strome zurück, iſt nämlich bedeutend niedriger als das wirkliche Ufer, und im Winter und Frühjahr ſammelt ſich das Waſſer auf dieſem niedrigen Boden, das dann im Som⸗ mer und Herbſt austrocknen muß und nicht allein dieſe Myria⸗ den von Mosquitos und anderen Inſecten erzeugt, ſondern auch die Luft verpeſtet und Fieber und Seuchen hervorbringt, aber zum Fiſchefangen iſt er vortrefflich. Ich fing in einem Nachmittage, in eirca 2 ½ Stunden, 15 Fiſche, von denen der kleinſte etwa 10 Pfund wog.— Wir arbeiteten bis Ende April, bis zu welcher Zeit wir ,— —— — Jüdiſche Krämer. 7 etwa 18000 Röhre geſchnitten hatten, und das erſte Boot abpaſſend, das den Fluß hinaufging, riefen wir es an, brach⸗ ten unſere Beute an Bord und landeten am 30. April wieder in Cincinnati. Schnell verkauften wir dort, was wir mitgebracht hatten; der Bedarf aber war immer noch bedeutend, und ich hatte große Luſt, die Reiſe noch einmal zu machen. Doch war ich feſt entſchloſſen das nächſte Mal allein zu gehen, da ich nur zu gut bemerkt hatte, daß mein Compagnon wohl den Ver⸗ dienſt, nicht aber die Mühe, wie es ſich gehörte, theilte. Ohne weiteres mochte ich aber auch nicht wieder an die Ar⸗ beit gehen, und gedachte mich erſt ein paar Tage in Cin⸗ cinnati auszuruhen. Damals traf ich auch mehre von meinen früheren Schiffs⸗ genoſſen, und es war mir intereſſant etwas Näheres über viele Reiſegefährten zu hören. Die ich in Cincinnati fand waren lauter Juden, welche gleich von Anfang an, durch in New⸗York gefundene Freunde und Verwandte belehrt, Han⸗ del trieben und ſo klein, wie es ihnen die Mittel erlaubten, anfingen. Sie hatten Alle, ohne Ausnahme, Geld verdient, und einige waren ſogar in der kurzen Zeit, für ihre Verhält⸗ niſſe wenigſtens, reich geworden. Der gewöhnliche Anfang dieſer Söhne Iſraels iſt folgender: Sie packen, im Fall ſie genug Geld haben, Kattun, Schnupftücher, Nadeln, Zwirn, Band, Kämme und einige falſche Bijouterien und Argen⸗ tan⸗Löffel in einen langen Kaſten, der mit Fächern und Schiebladen verſehen, verſchloſſen werden kann, und keuchen mit der, oft ſehr ſchweren Laſt, die mit ledernen Riemen auf 8 German silver. ihrem Rücken befeſtigt iſt, durch das Land. In jedem Farm⸗ hauſe halten ſie und der Farmer muß kaufen, ſei es auch nur, um den Juden wieder los zu werden. Ihre Sachen nehmen ſie meiſtens von einem Kaufmanne, den ſie Anfangs bezahlen, dann, wenn ſie bekannt werden, von ihm borgen, und den ſie zuletzt, allerdings mit einigen Ausnahmen, wenn ſie einen ziem⸗ lichen Credit haben, mit ihren Namen in ſeinen Büchern ver⸗ laſſen, in einem anderen Staate ihr Weſen von vorn anzufangen. Ungeheuer viel Geld haben dieſe guten Leute, hauptſäch⸗ lich Deutſche, und 99⁄100 Juden, mit den Argentanlöffeln in Amerika verdient. Das Argentan heißt nämlich im engliſchen German silver(deutſches Silber), und dieſe Krämer oder pedlars, wie ſie genannt werden, machten ſich kein Gewiſſen daraus, den armen Landleuten die Löffel für Silber aufzu⸗ ſchwatzen, die ſie dann, im Fall dieſen ja die gelbe Farbe auf⸗ fallen ſollte, als german silver anprieſen und ſagten, daß daſſelbe nur eine andere Art, ſonſt aber eben ſo gut als das amerikaniſche Silber ſei. Natürlich giebt es auch Ausnahmen unter dieſen Händlern, und ſolche, die ehrlich und redlich ihr Geſchäft betreiben. Dieſe müſſen aber faſt ſtets bald wieder aufhören, weil ſie entweder ſolche Mittel und Wege, Waaren zu erhalten, wie die anderen einſchlagen, verſchmähen, oder zu ehrlich ſind ihre Sachen über den Preis zu verkaufen; in bei⸗ den Fällen machen ſie Bankerott, denn ſie können mit ihren Concurrenten nicht gleiche Preiſe halten. Ein Jude Namens Wald, dem ich, wenige Wochen nach unſerer Ankunft in New⸗York begegnete, trug einen Korb, in welchem er Kämme, Bürſten, Band, Nadeln, Fingerhüte, — —— Geſchäftsgang. Eine zweite Rohrfahrt. 9 Nadelbüchſen ꝛc. zum Verkauf hatte. Ich frug ihn wie denn die Geſchäfte eigentlich gingen, und er gab mir zur Antwort: „ſehr ſchlecht! in de klane Haiſer haben ſe kan Geld, wenn ſie werklich kafen wollten, un in de großen ſchmaßen ſe Einen 'naus.“ Den nämnlichen fand ich 1840 in Cincinnati wieder, und er hatte ſich mehre tauſend Dollar verdient. Einer der ehrlichen pedlar, den ich in Cincinnati kennen lernte, war ein junger v. L........ n., er mußte das Han⸗ deln aber auch aufgeben, da er, ſo ehrlich wie er es trieb, mit ſeinen lieben Collegen nicht concurriren konnte. Der Fluß ſtieg höher, und ich machte jetzt ernſtliche An⸗ ſtalten, einen zweiten Zug ins Rohr zu unternehmen. Meine Schulden hatte ich alle bezahlt, noch einiges Geld übrig behalten, und fuhr Ende Mai auf dem„Mediator“ einer zweiten Ernte entgegen, beabſichtigte diesmal aber, weiter ſüdlich zu gehen, da ich auch Angelruthen aus demſel⸗ ben Rohre, von 30— 40 Fuß hoch und 1 ½— 2 Zoll dick, ſchneiden wollte, das jedoch in den ſüdlichen Staaten ſtärker als in den nördlichen wächſt. Wir kamen aus dem Ohio in den NMiſſiſſippi, aber, all⸗ mächtiger Gott! wie ſah es da aus.— Von Cairo, dem kleinen Städtchen, das auf der Landſpitze von Illinois liegt, wo der Ohio in den Miſſiſſippi mündet, war faſt gar Nichts mehr zu ſehen, das Wirthshaus und die Factory, ein großes Backſteingebäude, ausgenommen. Die Stadt bot einen troſtloſen Anblick. Cairo liegt überhaupt auf einem böſen Platze, auf den die Compagnie der es gehört, ſchon ungeheuere Summen⸗ 10 Cairo. darangewandt hat es zu erhöhen, und ſtets vergeblich. Die fortwährenden Ueberſchwemmungen des Miſſiſſippi und Ohio (die übrigens jedes Schaltjahr höher ſteigen und zerſtörender wirken als in anderen Jahren) bedecken es ſtets, und reißen manches der kleinen Holzhäuſer mit ſich fort. Man erzählt ſich, daß ein Mann ein kleines, von Bre⸗ tern leicht aufgeſchlagenes Haus gehabt, das er, als das Waſſer des Ohio zu ſteigen anfing, mit einem Bootsſeil um⸗ ſchlungen, an einen der ungeheueren Baumwollenholz⸗Bäume (populus canadensis) befeſtigt habe. Die Thüre ſeines Hauſes ſchaute vorn auf den Ohio, und er ſaß noch mehre Stunden darinnen, den wilder und wilder niederſtrömenden Waſſern zuſchauend, bis es endlich in ſeine Hütte hineinlief und auch er mit ſeinen Sachen Schutz in einem Boote ſuchte, den Miſſiſſippi hinunter, an das nächſte Hügelland zu fahren. Der Ohio fiel endlich, aber der Miſſiſſippi fing an zu ſteigen, und zwar ſo reißend, daß er bald die Waſſer des ruhigeren Ohio in ſein Bette zurückdrängte, und Cairo lebte nur noch in der Erinnerung der Bewohner(man ſagt, die Leute hät⸗ ten mit langen Stangen gefühlt, ob ihre Häuſer noch an Ort und Stelle ſtänden). Im Auguſt endlich erſchöpfte ſich der gewaltige Strom und kehrte in ſein Bett zurück, auf Allem, was er bedeckt hatte, einen dicken, zähen Schlamm zurücklaſſend. Cairo kam wieder zum Vorſchein; der Platz mindeſtens, auf dem es geſtanden, mit einigen wenigen Häuſern. Unter dieſen war auch das angebundene, aber„launiges Spiel der — Das verdrehte Haus. Die Deutſchen. 11 Natur“— es ſchaute jetzt mit der Thür in das Innere und kehrte dem Ohio verächtlich den Rücken zu.* Die Ufer waren ſämmtlich, einige Hügel an der linken Seite des Stromes ausgenommen, auf denen aber kein Schilf wuchs, unter Waſſer, und erſt in Louiſtana, wo der Damm oder die ſogenannte levée beginnt, fand ich trockenes Land. Dort ließ ich mich auf's Gerathewohl an's Ufer ſetzen, um nicht ganz mit nach New-Orleans zu kommen, und war nun einmal wieder unter wildfremde Leute, und zwar in eine franzöſiſche Anſiedelung hineingeſchneit, wo eine Plantage dicht an der anderen lag. Doch durch Fragen wird man klug, ſo erfuhr ich auch hier von einem Creolen, daß etwas weiter den Fluß hinunter Deutſche wohnen ſollten, die ich auf jeden Fall erſt ſehen wollte, etwas Näheres über das Land zu hören. Ich kam zu einem deutſchen Pflanzer, der mich noch wei⸗ ter hinunter zu einem deutſchen Gaſtwirth ſandte, und in dieſem fand ich einen äußerſt lieben und zuvorkommenden Mann, von dem ich herzlich aufgenommen wurde. Er bot mir auch ſein kleines Schiff an, um darin jeden Tag an das gegenüberliegende Ufer zu rudern, wo ich ſo viel Schilf holen konnte, als ich ſchneiden mochte. Geſagt, gethan! am nächſten Morgen ſchon machte ich den Anfang und fuhr auf Entdeckung aus. Das war aber eine ſchöne Gegend; Alles unter Waſſer, Alles, ſelbſt das Rohr, das ſonſt noch immer im Sumpflande die höchſten Stel⸗ len einnimmt, ſtand im Waſſer, und wo hie und da trockene Landflecke waren, wimmelte es von allen nur möglichen Arten 83 7——— — à—·„ 1 5 .——ꝛʒõ— 12 Schlangen. von Schlangen, während die Luft durch Mosquitos ordentlich verdichtet war. Hier half aber kein Beſinnen, ich war ein⸗ mal an Ort und Stelle und mußte arbeiten. Daß ich damals geſund blieb, und nicht wieder das kalte Fieber bekam iſt mir noch jetzt ein Räthſel. Den ganzen Tag ſtand ich meiſt bis an die Knie im Waſſer, und der warme, in der heißen Sonne aufſteigende Dunſt war oft kaum zu ertragen. Nie im Leben und an keiner Stelle habe ich dabei eine ſolche Unmaſſe von Schlangen zuſammengeſehn, wie gerade hier. Klapperſchlangen gab es beim Dutzend, Königsſchlan⸗ gen, Moccaſins, cotton-mouth, und wie ſie alle heißen. Wenn ich ſo im Waſſeer ſtand, konnte ich überall, wo nur irgend ein trockener Fleck war, auch ſicher darauf rechnen daß dort eine Schlange lag— manchmal ein paar. Faſt alle dieſe waren giftig, die cotton-mouth⸗Schlange ſoll aber die gefährlichſte ſein und nicht einmal der Indianer, wie die Hinterwäldler behaupten, ſweiß ein Mittel dagegen. Man ſagt daß wenn ein Eingeborener von einer ſolchen Schlange gebiſſen würde, wickele er ſich, in ſein Schickſal ergeben, in ſeine Decke, und lege ſich zum Sterben nieder. Nichts deſtoweniger aber daß ich zwiſchen dieſen Beſtien im wahren Sinn des Wortes lebte, bin ich nicht ein einziges Mal von ihnen gebiſſen worden, und habe auch in der That in den langen Jahren, die ich mich in Amerika aufgehalten nur ſehr wenige und ſehr vereinzelte Beiſpiele gehört, daß Leute vom Biß einer Schlange getödtet wären. Wunderſchöne Angelruthen wuchſen hier, und ich hieb Der freundliche Wirth. Demokraten. Freiſchulen. 13 eine große Menge von ihnen um, wobei ich alles fertige Schilf zuſammenband und auf einen der höchſten Plätze hin⸗ ſchaffte, es ſpäter mit einem größeren Boote zuſammen ab⸗ zuholen. Abends aber kehrte ich ſtets nach dem rechten Ufern des Fluſſes, zum„Ferry⸗Hotel“ zurück. So verlebte ich vier ſehr vergnügte Wochen, theils in der Geſellſchaft der Deutſchen, theils mit meiner Arbeit be⸗ ſchäftigt, und ſchaffte dann meine Sachen an Bord des Boo⸗ tes„Independence,“ nach Cineinnati beſtimmt, nahm herz⸗ lichen Abſchied von allen dort gewonnenen Bekannten, beſonders vom Hrn. Rtkn., meinem freundlichen Wirthe, der unter keiner Bedingung für meinen dortigen Aufenthalt Be⸗ zahlung annehmen wollte, fuhr mit ungeheuerer Schnelle den angeſchwollenen Strom hinauf, in den Ohio hinein, und lan⸗ dete am 3. Juli in Louisville, wo ich einen Theil meines Rohres verkaufte und den Reſt nach Cincinnati mitnahm. Schnell brachte ich auch das an den Mann, und war wieder frei, zu thun und zu laſſen, was ich wollte. Die Demokraten und Whigs lagen ſich um dieſe Zeit ſehr in den Haaren nnd ſchimpften und fluchten auf einander in öffentlichen Blättern, und ſchimpften und ſchlugen auf einander in öffentlichen Häuſern, daß es eine Luſt war. Die Demokraten in Cineinnati aber, und vorzüglich die deutſchen, denn faſt alle Deutſche dort ſind Demokraten, hatten es bei der Regierung des Ohioſtaates durchgeſetzt, Freiſchulen zu be⸗ kommen, in denen engliſch und deutſch gelehrt werden ſollte. Die lieben deutſchen Schullehrer aber, die dort lebten, hielten zurück und fürchteten ſich vor dem Examen, das ihrer harrte. 14 Vorbereitung zum Examen. Da redeten mir mehre meiner guten Freunde zu, doch das Examen zu machen und Schullehrer zu werden, wo ich gleich im Anfang 25— 30 Dollar Gehalt bekommen könnte. Die Sache leuchtete mir ein, d. h. nicht Schulmeiſter zu werden, ſondern das Examen zu machen, denn es war etwas Neues und ich verſprach mir vielen Spaß davon. Nothwendig war es aber jetzt, daß ich zu dieſem Zwecke eine Zeitlang ordentlich ſtudiren mußte, denn mit meiner engliſchen Grammatik ſah es noch trübſelig aus, mit der Geographie auch nicht beſonders(die vereinigten Staaten ausgenommen, wo ich ziemlich zu Hauſe war), das Rechnen ſetzte aber Allem die Krone auf, denn das Wenige, das ich einmal früher gewußt, hatte ich faſt alles wieder verlernt. Mit ungeheuerem Fleiße fing ich daher an zu arbeiten, lernte die Grammatik faſt auswendig, prägte mir ordentlich die Geographie der vereinigten Staaten ein, und warf mich mit wahrer Wuth über drei verſchiedene Rechenbücher her. Der verhängnißvolle Tag erſchien. Außer mir waren noch zwei Deutſche, die ſich examiniren ließen, nebſt drei Amerikanern, und 5 oder 6 jungen Damen für den weib⸗ lichen Theil der Schule. Irgend eine Form wurde dabei nicht verlangt. Man mußte ſich nur melden, und von irgend einem Bürger der Stadt ein Zeugniß über guten moraliſchen Charakter bei⸗ bringen. Das hatte mir mein früherer Lehrherr oder Arbeit⸗ geber des edlen Silberſchmiedewerkes auf ſehr glänzende Weiſe gegeben, und da nicht einmal ein ſchwarzer Frack ver⸗ langt wurde— denn ich ging in meinem Staubhemd zum 8 Schullehrer⸗Examen. 15 Examen, fand ich mich zur rechten Zeit ein, und betrat mit leichtem Herzen den Saal, wo ſchon fünf, ſehr ehrwürdig ausſehende Herren ſaßen. Es war mir wirklich höchſt gleich⸗ giltig, ob ich im Examen durchfiel oder nicht. Die beiden Deutſchen waren zwei Schullehrer; einer, ein gewiſſer H...... ,ein Erzſchulmeiſter, im vollen Sinn des Worts, der andere ein gewiſſer H. Pöppelmann, ein ſehr gebildeter junger Mann, der ſich dadurch für ſpätere Zeiten eine beſtimmte Exiſtenz zu gründen dachte und, mit allen nöthigen Kenntniſſen verſehen, beſonders gut engliſch ſprach. Die Damen ſaßen ſchon, und da ich ſah, daß Keiner von uns gern den Anfang machen wollte, ſetzte ich mich höchſt gemüthlich oben an. Unſere Namen wurden angegeben, in⸗ dem Jeder den ſeinigen auf eine herumgehende Tafel ſchrieb. Es galt das gewiſſermaßen als Einführung. Das Examen wurde eröffnet und einer der Herren be⸗ merkte, daß ſie zuerſt Geographie vornehmen wollten, ſtand dann auf und begann folgendermaßen:„Now Mr. Kres- deger!“ Gerstäcker Sir.„Oh!l excuse me, now Mr. Kerseker, will you be so kind, as to give us the boundaries of Ohio?“ Yes Sir, on the north etc.*) Auf dieſe höfliche Art ging er alle durch und richtete an Jeden mehre Fragen, die auch von allen, unſeren H....... ausgenommen, ziemlich richtig beantwortet wurden. *)„Nun Herr Kresdeger!“ Gerſtäcker mein Herr!„Oh! entſchul⸗ digen Sie, nun mein Herr Kerſeker, wollen Sie wohl ſo gut ſein, uns die Grenzen von Ohio zu nennen?“ Jawohl mein Herr, im Norden ꝛc. Schullehrer⸗Examen. Nun examinirte der gute Mann über Deutſchland und fragte mich plötzlich, aus welchem Staate ich komme.„Aus Sachſen.“ „Wie iſt Sachſen eingetheilt?“„In fünf Diſtricte.“ „Wie heißen die?“ Wenn er mich todtgeſchlagen hätte, wären mir in dem Augenblicke die Namen nicht eingefallen. Da half mir meine ungeheuere Keckheit, da ich doch ver⸗ muthen konnte, daß er die Diſtricte ebenſowenig wiſſe, noch dazu, da er aus dem Kopfe examinirte, und ruhig antwor⸗ tete ich:„Leipzig, Dresden, Grimma, Meißen und Oſchatz.“ Er war vollkommen zufrieden mit der Antwort, und Hr. Pöppelmann, der es wohl beſſer wiſſen mochte, biß ſich in die Lippen. Eine kurze Zeit examinirte er noch in der Geographie weiter, dann ging er zur Grammatik über, die ſehr genau durchgenommen wurde, und wo H. förmlich ſtecken blieb. Nach dieſem wurde buchſtabirt, d. h. die Abtheilung der Wörter, die im Engliſchen ziemlich ſchwierig iſt, vorge⸗ nommen. Nach dieſem kam das Rechnen, und hier rettete mich nur die etwas kurze Zeit, die uns übrig geblieben war, da man ſich zu ſehr bei den früheren Sachen aufgehalten, vor einem ſchrecklichen Durchfallen. Zu guter Letzt mußten wir noch, als Schreibübung, Jeder ſeinen eigenen Namen auf ein Stück Papier, mit einer ganz neuen Feder, zierlich hinmalen. Wir wurden jetzt entlaſſen und bedeutet, am nächſten Mittwoch wieder anzufragen, unſere Entſcheidung zu ver⸗ nehmen. Der nächſte Mittwoch kam, aber keine Entſcheidung, — — 8 —— — Neues Examen. Dritte Schilfreiſe. 17 wohl aber eine neue Prüfung, die noch ſoviel langweiliger als die erſte war. Wieder wurden wir dann auf den 5. Auguſt hinbeſchieden. Wir drei Deutſchen gingen zuſammen, und ſiehe da, Hr. Pöppelmann und ich erhielten unſere Atteſtate, der arme H. aber war durchgefallen. Wehmüthig ſchlich er von dannen und meinte, da für ihn kein Atteſtat ausgefer⸗ tigt war, ſehr naiv,„ſie werden mich wohl vergeſſen haben.“ Ich hatte mich aber mit dem Spaße länger aufgehalten, als es eigentlich meine Abſicht geweſen war, denn im Traum wär' es mir nicht eingefallen, trotz dem Zureden meiner Freunde, wirklich Schullehrer zu werden. Das wär' ein Leben für mich geweſen. Da gefiel mir das Schilfſchneiden beſſer, und ich machte mich jetzt ſchnell fertig, eine dritte Schilfreiſe zu unternehmen. Von Louſiana hatte ich auch das letzte Mal einige Naturalien mitgebracht, als ausge⸗ ſtopfte Vögel, Schlangen und Eidechſen in Spiritus, Käfer und einige lebendige Schlangen, die ich erſt nach Deutſchland zu ſchicken beabſichtigte. Ich konnte aber nicht Geld genug entbehren, den Transport und das Verpacken zu beſtreiten, und war daher genöthigt, ſie an das Muſeum von Cin⸗ cinnati für einen Spottpreis zu verkaufen. Am 6. Auguſt ging der„Ocean,“ ein kleines Dampf⸗ boot, bis zur Mündung des Ohio. Auf dieſem nahm ich Paſſage und ſetzte von dort auf dem weit größerem Boot „Maſſachuſetts“ meine Reiſe, den Miſſiſſippi hinunter fort. Ich ging diesmal nicht weiter als bis Teneſſee hinab, wo ich, wenige Meilen unter meinem erſten Rohrſchneide⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II.. 2 18 Jagdzug an den Tironia⸗Fluß. platze, mich ausſetzen ließ und dort, bei Verwandten meines früheren Wirthes, wieder auf's Neue an die Arbeit ging. Doch erſt wenige Tage hatte ich Rohr geſchnitten, als ein paar Nachbarn und mein Wirth D. ſelber, einen Jagd⸗ zug an den Tironia⸗Fluß machen wollten, der gegenüber in Arkanſas lag, und da ſie blos die Abſicht hatten, 14 Tage wegzubleiben, beſchloß ich, auf jeden Fall mit von der Partie zu ſein. Wo waren meine Vorſätze.— Ein Pferd und eine Büchſe bekam ich geborgt, und in wenig Tagen waren wir wieder in Arkanſas. Da es aber nicht meine Abſicht iſt, hier dieſe Jagd weit⸗ läufig zu beſchreiben, will ich nur kurz die Umriſſe davon geben. Wir blieben ungefähr eine Woche am Tironia⸗Fluß, und zwar da, wo er mit big creek zuſammenfließt, und ſchoſſen 3 Bären, freilich in ſehr ungünſtiger Jahreszeit. Die Bären waren nicht allein mager, ſondern die Felle derſelben auch fuchſig und nichts nütze. Zufällig fanden wir dort einen jungen Mann, Namens Woodsworth, der eben nach meinen alten Sümpfen am Bay de view und Cash-river gehen wollte, um jetzt, da dieſe ausgetrocknet waren, einen Büffel zu ſchießen. Etwas Ge⸗ legeneres hätte mir nicht kommen können. Leicht wurden meine Jagdgefährten überredet, und ſchon in 5 Tagen waren wir, da der junge W. die Gegend genau kannte, im Weide⸗ grund der Büffel. Selige Erinnerungen! Die Büffeljagd hier näher zu beſchreiben gebricht mir der Raum, nur ſoviel genüge dem Leſer daß wir drei Tage. Büffeljagd. 19 vergebens jagten und endlich mitten im furchtbarſten Sumpf, einen kleinen Trupp von ungefähr 16 Stück antrafen. Eine Kuh mit einem Kalbe waren die letzten der Heerde, und wir ſchoſſen alle unſere Büchſen auf die Kuh ab, in der Hoffnung, das Kalb dann lebendig zu bekommen. Die Kuh ſtürzte nach wenigen Sätzen, aber zu unſerem Aerger ſetzte das wilde, fette Kalb in langen Sprüngen der Heerde nach und war uns bald aus den Augen.— Was für einen Braten hatten wir aber an der Kuh!— gut gegerbtes Sohlenleder wäre eine Delicateſſe dagegen geweſen, und wenn wir ein Stück davon eine Weile mit den Zähnen verarbeitet hatten, ſchwoll es ſo auf, daß wir es kaum wieder zwiſchen ihnen herausbe⸗ kommen konnten. Die Markknochen waren das einzige Ge— nießbare am ganzen Thiere. D. und W. ſchnitten das Fell der Länge nach durch und jeder nahm eine Hälfte auf ſein Pferd. So wandten wir uns wieder nach Nordoſt, ritten, ohne in irgend ein Haus einzukehren, ja ohne wahrſcheinlich irgend einem auf zehn oder zwanzig Meilen nahe zu kommen, bis wir die Sumpfſtraße wieder erreichten, nach Memphis, ſetzten dort über den Strom und zogen am Ufer des Miſſiſſippi nach D's. Wohnung wie⸗ der hinauf. So hatte ich denn endlich, trotz allen guten Vorſätzen zu jagen, richtig einmal eine Büffeljagd mit gemacht, und in den wenigen Wochen alles Elend, alle Strapatzen der Sümpfe im reichlichen Maße wieder überſtanden und mit welchem Er⸗ folg?— nur eine halbe Büffeldecke kaum durch Dornen und Schlingpflanzen durchzubringen, und zum Tode matt Gott 2* 4 zu danken als wir endlich einmal wieder einen begangenen Weg erreichten. Wieder hatte ich allerdings die Arkanſaniſchen Sümpfe herzlich ſatt bekommen und ſchwur noch einmal ſie— nie mehr zu betreten— aber ich glaubte mir ſchon ſelber nicht mehr. Soxdoft ich indeß das halbe Büffelfell anſah, mußte ich an den kleinen Branntweinbrenner Magnus denken. An Ort und Stelle wieder angekommen, wo wir von den Frauen nicht wenig ausgelacht wurden, als wir ein hal⸗ bes Büffelfell und zwei paar magere Bärenkeulen, klein ge⸗ ſchnitten und getrocknet, mit heimbrachten, ging ich gar ſcharf an meine Arbeit und ſchnitt Rohr bis Ende Octobers, wo ich dann einige 30,000 Stück zuſammenbrachte, mit denen ich mich auf dem Dampfboote„Buckeye“ wieder nach Cin⸗ einnati einſchiffte. Doch begannen die Leute in dieſer letzten Stadt Pfeifenröhre genug zu haben, und ich beſchloß damit 1 nach Pittsburg, in Pennſylvanien, hinaufzufahren, wo ich mein Rohr theils dort, theils in den vielen kleinen Städten, die an den Ufern des Ohio liegen, abſetzen konnte. Geſagt, gethan, und Ende Octobers war ich in Pittsburg. Hier aber, wie in allen Städten, durch die ich jetzt ge⸗ kommen, herrſchte reges Leben, denn die Präſidentenwahl war vor der Thüre, und Whigs und Demokraten überboten ein⸗ ander, wer von ihnen den größten Unſinn treiben konnte. Doch übertrafen die Whigs auf jeden Fall die andere Partei, ſowohl in dieſer Hinſicht als auch ſpäter in der Erwählung. Um General Harriſon(den Candidaten der Whigs gegen —————————;—— 20 Rückkehr nach Cincinnati. Whigs und Demokraten.* Harriſonismus. Election.. 2 van Buren) dem Volke als einen Freund des Volkes darzu⸗ ſtellen, wurden die tollſten Gerüchte in Umlauf gebracht, wie er z. B. in einem Blockhauſe wohne ꝛc., und in Folge hier⸗ von prangten bald in allen Städten, Harriſon zu Ehren, Blockhäuſer in Lebensgröße, mit einem Faſſe Aepfelwein als Kern in der rauhen Schale, da auch dies eine Anſpielung ſein ſollte daß er nichts Beſſeres tränke. Blockhäuſer en miniature waren aber überall angebracht, theils von Stücken Holz zuſammengeleimt auf Häuſern, auf Dampfbooten, über Thüren und in Zimmern, theils in allen möglichen Metallen geprägt auf Knöpfen, Tuchnadeln, Ringen, Metallen ꝛc.; Pfähle waren aufgerichtet, und oben darauf prangte ein ganz kleines Blockhäuschen; Fahnen wehten und ihr Sinn⸗ bild war ein Blockhaus, Schnupftücher flatterten, und ſelbſt die Kattundruckereien hatten ein Blockhaus auf dem Ge— wiſſen. Das war aber noch nicht Alles; wo Blockhäuſer ſtehen iſt gewöhnlich Wald, wo Wald iſt, ſind Waſchbären (Racoons), wo Raccoons ſind, ſchießt ſie der Farmer und hängt die ausgeſpannten Felle am Hauſe auf, ergo mußten auch die Whigs ſolche Racoonsfelle im Wappen führen, ſie wurden an Blockhäuſer angenagelt und flatterten in Pitts⸗ burg, Steubenville und Wheeling, an Seile gebunden, quer über die Straßen ꝛc. Zu viel ſolcher Sachen wurden erfun⸗ den, um ſie nur alle merken zu können. Ich war während der Erwählung in Pittsburg, die wider allgemeines Erwarten ſehr ruhig und ordentlich ab⸗ lief, obgleich an den„polls“(Stimmkaſten) die Lebensge⸗ ſchichten beider Candidaten mit fürchterlichen Lobpreiſungen 22 Pittsburg. feil gehalten wurden, während eine Blockhütte auf der einen, eine Hickoryſtange(das Sinnbild des alten Jackſon, des zähen Hickory, von den Demokraten auf van Buren über⸗ tragen,) auf der anderen prangte. General Harriſon wurde jedoch mit einer ungeheueren Stimmenmehrheit gewählt und ſollte den 4. März ſein ehren⸗ volles Amt antreten. Ich machte am oberen Theile des Ohio ziemlich gute Geſchäfte und hatte meinen Vorrath bald verkauft, hielt mich daher auch nicht länger in Pittsburg auf, als es unumgäng⸗ lich nothwendig war, denn der fürchterliche Steinkohlendunſt, der fortwährend über der Stadt hängt, iſt für den nicht daran Gewöhnten unerträglich. Oft lagert er ſo dick in den Straßen, daß es nicht möglich iſt, weiter als 30— 40 Schritte— zu ſehen. Pittsburg liegt jedoch ſehr ſchön auf der Landſpitze, die der Monongahela⸗ und Alleghanyfluß bilden, welche in der Vereinigung„Ohio“ genannt werden, und iſt von maleriſchen Hügeln umgeben. Leider bekommt man dieſe aber nur höchſt ſelten zu ſehen, da der dichte Kohlendampf ſich nicht oft(wäh⸗ rend der Zeit, daß ich dort war, nur einmal)h hinlänglich aufklärt, die am anderen Ufer liegende Landſchaft zu er⸗ kennen. Von Pittsburg ſelber führen über die beiden erſtgenann⸗ ten Flüſſe eine Maſſe bedeckter Brücken nach den, auf der anderen Seite liegenden Städtchen. Das Ueberſchreiten der Brücken koſtet übrigens einen Zoll— ſelbſt der Fußgänger muß 1 Cent bezahlen(etwa 4 Pfennige). Abermaliger Zug nach Süden. 23 In Pittsburg fand ich eine große Anzahl Deutſche, und alle Wirthshäuſer waren mit ihnen angefüllt, ſelten ein gutes Zeichen. Die Wenigen, die ich ſprach klagten auch ſehr über ſchlechte Zeiten, und Mancher wäre gern wieder nach Europa zurückgekehrt; aber theils hatten ſie kein Geld mehr, theils, wie mir Mehre geſtanden, ſchämten ſie ſich, da ſie mit ſo un⸗ geheueren Erwartungen ausgewandert waren. Von Pitts⸗ burg ging ich wieder nach Cincinnati zurück, wo ich mich einige Wochen aufhielt. Einen Plan, was jetzt eigentlich mit mir werden ſolle, hatte ich nun allerdings nicht, denn einestheils machte ich mir nie einen ſolchen, und dann zog mich auch ſchon wieder der verwünſchte Miſſiſſippi gen Weſten. Ich konnte die rau⸗ ſchenden Wälder nicht vergeſſen, und ihre Strapazen und Beſchwerden verloren in der Ferne all ihr Schrecken. Ueber⸗ dies war in Cincinnati gar keine Arbeit zu bekommen, und eigentlich recht apropos traf mich in der Zeit ein Brief aus Louiſiana, von Hr. Rtkn, der mich damals ſo freundlich auf⸗ genommen, und worin er mich eben ſo freundlich wieder ein⸗ lud zu ihm hinunter zu kommen, und den Winter bei ihm zu⸗ zubringen.. Nun hatte mir allerdings ſchon wieder, die Jagd in Ar⸗ kanſas im Kopf gelegen, wenn ich auch nicht wieder in die Sümpfe, ſondern diesmal in die Berge wollte; eine einfache deutſche Büchſe war auch ſchon wieder angeſchafft worden. Nichts deſtoweniger folgte ich fürs Erſte der Einladung, und war bald wieder, von allen Freunden herzlichen Abſchied neh⸗ mend, auf einem neuen Zug nach dem Süden. — 24 Ankunft in Louiſiana. Das Dampfboot„Artiſan,“ mit Rindvieh, Hühnern, Mehl, Paſſagieren und Whiskey beladen, trug mich den ſchönen Ohio hinunter; es war aber kalt, und den zweiten Tag, als wir noch in Louisville lagen, etwas mehr Fracht einzunehmen, fing es furchtbar an zu ſchneien. Als wir an die Mündung des Ohio kamen, lag der Schnee 8 Zoll hoch, und ſo das ganze Ufer des Miſſiſſippi entlang, bis unterhalb Memphis, wo die nördliche Gränze vom Miſſiſſippi Staat beginnt. Von dort an wurde der Schnee dünner, bis er, zwiſchen Vicksburg und Natchez nur noch wie ein leichter Reif auf der Erde lag und unterhalb Natchez ſpurlos verſchwand. In der Nacht ſetzte mich das Boot an dem, wie ſie glaub⸗ ten, richtigen Flecke aus, doch war es außerordentlich dunkel und ich kam zwiſchen 7— 8 Meilen zu hoch an's Land, wo ich dann zu Fuß, nach Rtkn.s Haus, den Fluß hinuntergehen und am nächſten Morgen meine Sachen von einer Plantage, auf der ich ſie in der Nacht eingeſtellt hatte, abholen mußte. „Herrzlich wurde ich von Rtkn. empfangen, und hörte hier bald zu mieinem Erſtaunen daß er geſonnen ſei ſein ſehr ſchönes und gut gelegenes Hotel im Point⸗Coupee zu ver⸗ kaufen und mit ſeiner ganzen Familie nach Arkanſas in die Berge zu ziehen. Ich redete ihm darin allerdings, ſchon der Familie wegen ab, Rtkn. aber behauptete das Klima von Louiſiana ſei die⸗ ſer viel gefährlicher, als das von Arkanſas, und er müſſe hier ſogar fürchten die Seinigen, die in einem fort kränkel⸗ ten, durch den Tod zu verlieren. Auf mich hatten ſie dabei Auswanderung nach Arkanſas. 25 gerechnet daß ich mitgehn würde, und außer mir war noch ein Freund Rtkns., ein Gerber aus Indiana Namens Hlr., und ein junger Kaufmann Krn.— der aber früher ſtudirt hatte— ſodaß wir zu vieren dort eine Anſiedlung beginnen wollten. Rtkn. und Hlr. hatten Familie, Krn. und ich aber waren ledig. So, während Krn. einſtweilen bei den Frauen zurück⸗ blieb und die Wirthſchaft führte, beſchloſſen Rtkn., Hlr. und ich vor allen Dingen einmal voraus nach Arkanſas zu gehn, und dort zu recognosciren. Wenn uns die Gegend dann gefiel ſollte ein Platz in Beſchlag genommen werden, und die Frauen konnten dann nachkommen. Anfang Januar waren wir ſoweit bereit; das vorbei⸗ brauſende Dampfboot Amazone nahm uns an Bord, und bald ſtrebten wir unſerem neuen Ziel brauſend und ſchäumend entgegen. — ——y—— Deutſche Anſiedlung in Arkanſas. Unſer nächſtes Ziel war dabei little Rock, von wo aus wir, für jetzt wenigſtens noch, beabſichtigten, nach Fort Smith, an der weſtlichen Grenze des Staates Arkanſas, hinaufzugehen Der Plan, auf den dieſe Auswanderung gegründet war, mochte ungefähr folgender ſein. Rtkn. hatte das Geld, etwa 4000 Dollar, wir Anderen hatten Nichts; um aber nun das Ganze gleichmäßig zu ver- theilen, wollten wir uns Alle auf einem Landſtriche nieder⸗ laſſen und dieſen zuſammen bebauen; Rtkn. wollte Waaren mit dorthin nehmen und einen Handel anfangen, und das Alles ſollte gemeinſchaftlich betrieben werden. Dafür aber hatte er für das ausgelegte Capital 4 Procent zu empfangen, um ihn für die Auslage zu entſchädigen. Solche Contrakte und Pläne werden in Amerika gewöhnlich entſetzlich leicht⸗ ſinnig unternommen und betrieben. Dadurch nun, daß er über alles Geld disponirte, wurde er gewiſſermaßen zum Oberhaupt, doch ſtanden wir auf —1 Ankauf. ſolch' freundſchaftlichem Fuße, daß es Keinem von uns auf⸗ fiel oder irgend wie drückend geweſen wäre, und die Sache ging vor ſich. Wir hörten in Little Rock von mehren Deutſchen einen kleinen Fluß, den fourche la fave, ſehr rühmen, deſſen um⸗ liegendes Land man uns beſonders anpries. Wir wanderten dahin und wurden von einem dortigen Anſiedler, Hrn. Klfr., herzlich aufgenommen. Er lief mit uns in der ganzen Gegend umher, zeigte uns Alles und that wahrlich, ſoviel nur in ſeinen Kräften ſtand, uns gefällig zu ſein. Wir konnten übrigens vom Lande ſelbſt nicht viel ſehen, da Schnee lag, doch kannte es Klfr. genau, und verſicherte uns, daß es gut ſei; der Weidegrund für Vieh war vorzüg⸗ lich, die Jagd ebenfalls gut. Klfr. ſchien uns allen ein freund⸗ licher, lieber Nachbar, und bald waren wir über unſere Wahl einig. Es lagen zwei Felder, jedes mit einem Wohnhauſe ver⸗ ſehen, nicht weit von einander entfernt und gehörten einem Amerikaner, Namens Wilſon, der ſich, der amerikaniſchen Sitte gemäß, gleich willig finden ließ, zu verkaufen. In einer halben Stunde hatten wir den Handel ins Reine ge⸗ bracht und die beiden„improvements,“ wie dieſe Plätze genannt werden, mit dem preemtion right oder Vorkaufs⸗ recht für 250 Dollar erſtanden*). *) Dieſe 250 Dollar waren aber Arkanſas⸗Geld, das damals 30 Procent ſchlechter als Louiſiana⸗Geld ſtand(verſteht ſich Papiergeld), alſo im Ganzen etwa 175 Dollar. 28 Preemption-right. Dazu gehörten zwei urbar gemachte, und mit Fenzen umgebene Felder, zuſammen circa 13 bis 14 Acker Land. Zu jedem dieſer Felder gehörte ein Wohnhaus in wenig⸗ ſtens erträglichem Zuſtand. Dies Alles lag aber noch auf ſogenanntem Congreßland, d. h. es gehörte der Regierung der vereinigten Staaten, und der, der ſich zuerſt darauf an⸗ ſiedelte, hatte das erſte Kaufrecht, oder wie es in den amerika⸗ niſchen Geſetzen angegeben iſt, das preemption-right. Die Vortheile, die dieſes beſonders dem armen Anſiedeler ge⸗ währt, ſind folgende. Ich ſetzte den Fall, ich laſſe mich im Walde an irgend einer Stelle, die mir gefällt und zuſagt, nieder, und das Land iſt noch von keiner Privatperſon an⸗ gekauft und bezahlt, gehört alſo noch den vereinigten Staa⸗ ten, ſo kann ich es bebauen und mich dort einrichten, als wenn es das meinige ſei, und kein Menſch hat ein Recht, mich zu vertreiben, bis das Land vermeſſen und zum öffent⸗ lichen Verkauf in der Staatszeitung angezeigt und ausge⸗ boten wird. Jetzt habe ich zwar das Vorkaufsrecht zu einer Viertel⸗Section oder 160 Acker(kann jedoch auch blos 40 Acker nehmen, nur nicht weniger), muß aber nun auch das Land bezahlen, wobei ich es, und wenn ein Anderer auch 5 Dollar für den Acker bieten wollte, dennoch für den Congreßpreis von 1 ½¼ Dollar bekomme. Bezahle ich es dann nicht, ſo verliere ich das Recht darauf und ein Anderer kann es ankaufen. Wilſon hatte ein ſolches preemption- right auf das Land, das er an uns verkaufte, und übergab uns daher mit dem improvement auch das Recht des Erſt⸗ kaufes. Little Rock. 29 Nachdem der Handel abgeſchloſſen war, gingen wir zu— ſammen nach Little Rock zurück, und zwar Rtkn., um nach Louiſiana zurückzufahren und ſeine und Hr.'s Familie, ſo⸗ wie Kn. abzuholen; Hr. und ich aber, um uns Lebensmittel zu kaufen und dann am Fourche la fave unſere nöthige Ein⸗ richtung zu treffen. Little Rock hatte ſich in den paar Jahren, in denen ich es nicht geſehen, ungemein vergrößert und ſehr zu ſeinem Vortheil verändert, doch gefiel es mir noch immer nicht. Beſonders war mir an der Stadt der Kirchhof zuwider, der dicht dabei, und zwar höher als die übrigen Gebäude, liegt, ſo daß ich nicht umhin konnte, in jedem Glaſe Waſſer das ich dort trank, etwas Leichenähnliches zu ſchmecken. Uebrigens mag die Einbildung da wohl auch das Ihrige thun; es iſt jedoch auf keinen Fall angenehm. Da wir nahe am Fluſſe f. I. f. wohnten, war es un⸗ umgänglich nothwendig daß wir ein kleines Schiff oder Fahrzeug kauften, theils unſere Sachen darin hinauf an den Ort unſerer Beſtimmung zu ſchaffen(unſere Wohnung lag, zu Waſſer von Little Rock, etwa 30 Meilen den Arkanſas⸗ und 40 Meilen den f. I. f.⸗Fluß hinauf), theils auch um uns dort deſſelben zur Ueberfahrt zu bedienen. Wir erhandelten einen recht guten Kahn für 10 Dollar, kauften dann etwas Mehl, Kartoffeln, Kaffee, Zucker ꝛc., nebſt einigem Handwerkszeug, und fuhren wohlgemuth den Arkanſas hinauf, unſerem neuen Wohnorte, am f. J. 1. wieder zu. In Little Rock hatte ich dabei no einen jun⸗ gen Hund von guter Race geſchenkt bekommen, den ich 5 30 Nachtlager unter dem Regenſchirm. ebenfalls mit in's Boot nahm, ihn oben für mich zu dreſſiren. Gegen Abend des zweiten Tages erreichten wir die Mündung des Fourche la fave und liefen ein, konnten aber vor Dunkelwerden keine Wohnung mehr erreichen, und mußten im Freien campiren. Am nächſten Tage regnete es, was vom Himmel herunter wollte, und wir waren ſehr froh ein Haus zu erreichen, in dem wir, wenigſtens in etwas, vor den fürchterlichen Regen⸗ güſſen geſchützt waren; ich ſage„etwas,“ denn das Dach gehörte keineswegs zu den beſten, und beſonders tröpfelte mir, wo ich die Nacht lag, fortwährend das kalte Waſſer auf den Hals und in das Geſicht! Glücklicher Weiſe hatte ich, ehe wir uns hinlegten, einen alten baumwollenen Regen⸗ ſchirm(beiläufig geſagt, ein ſehr ſeltenes Meubel in der Hütte eines Farmers) in einer Ecke entdeckt, ſpannte dieſen auf und ſchlief, unter dem Schutze deſſelben, den übrigen Theil der Nacht ſehr behaglich. Am nächſten Abend erreichten wir Klfr.'s Farm, der uns ſehr gaſtfreundlich aufnahm, und am darauf folgenden Tage den Ort unſerer Beſtimmung. Dort ſah es noch öde und wüſt wie im einſtigen Chaos aus, und die vier Wände waren Alles, was wir zur Be⸗ quemlichkeit empfingen. Doch richteten wir uns gar bald häuslich ein, was freilich mit ſehr wenig Umſtänden ver⸗ knüpft war. Wir hatten jetzt eigentlich weiter nichts zu thun, als die Fenzen um die Felder herum ein wenig in Stand zu ſetzen. — —— Unglück beim Anfange. 31 Außerdem gedachten wir, ſobald das Wetter nur hinläng⸗ lich kalt wurde, eine Partie Schweine einzuſchlachten, Win⸗ tervorrath für die Compagnie zu haben. Die Junggeſellenwirthſchaft aber, die wir nun führten, war wirklich reizend und wird mir ſtets eine ſehr heitere Erinnerung ſein. Ich hatte gleich im Anfang unſeres häus⸗ lichen Stilllebens Unglück gehabt, da ich am ſchlüpfrigen Flußufer ſtürzte, mir die linke Hand aufriß und ſpäter, in Folge deſſen, als ich ein Bret durchhacken wollte, und es mit der verwundeten Hand nicht ordentlich halten konnte, mir daſſelbe entgleiten ließ, mit dem Tomahawk in die ſchon verkrüppelte hineinhieb und nicht allein den Hand⸗Knochen zerſchlug, der vom linken Zeigefinger niederführt, ſondern auch alle Sehnen auf dem oberen Theile der Hand ſchwer verletzte. Heilmittel hatten wir nicht, Hr. riß aber eins von meinen Hemden entzwei und verband die Wunde. Da mich dies auf eine ſehr lange Zeit an aller Arbeit hinderte, übernahm ich das Kochen, wie ſämmtliche häuslichen Verrichtungen, und die Jagd, von der Hlr. ohnedies Nichts verſtand. Unſere Kocherei beſtand aber ungefähr in Folgendem. Erſtlich hatten wir ein Faß Weizenmehl, wovon wir uns zu jeder Mahlzeit Brod backen mußten, dann Speck, der, in ſchmale Scheiben geſchnitten, gebraten wurde, dann Kaffee, und in einem Papier, auf einem Stück Bret, in der Ecke, lag etwas brauner Zucker, zu dem wir, wenn wir deſſen be⸗ durften, hingingen und uns, was wir gerade brauchten, auf einem Eßlöffel herbeiholten. 32 Kocherei. Aerger und ſeine Folgen. Schweineſchlachten. Dies war unſer Morgen⸗-, Abend⸗ und auch Mittageſſen, nur bei letzterem mit Hinweglaſſung des Kaffees und Hin⸗ zufügung eines Glaſes Whiskey. Die Kocherei war übrigens im Anfang angenehmer als nach drei Wochen, da ich eines Morgens, wo ich mich über irgend etwas geärgert hatte, die Bratpfanne aus der Thür warf und den Henkel abbrach, die nachher ſehr unbequem anzufaſſen war, während Hr. der blechernen Kaffeekanne, die ihm einmal im Wege ſtand(ich hatte ſie der Bequemlich⸗ keit wegen hinter die Thür geſetzt), einen Tritt gab, um ſich Platz zu machen, was die unangenehmen Folgen hatte, daß wir ſie ſpäterhin jeden Morgen am Boden mit Mehlpappe zukleiſtern mußten. Das Kochen hätte aber noch gehen mögen, wäre nur das langweilige Geſchirraufwaſchen nicht geweſen. Meine Hand beſſerte ſich jedoch nach und nach etwas, und da es ſich jetzt auch mit dem Wetter änderte und eine, wenigſtens für dieſes Land, grimmige Kälte eintrat, be⸗ 4 ſchloſſen wir, die zehn Schweine, die wir gekauft hatten und 4 die circa 200 Pfund das Stück wiegen mochten, zu ſchlach⸗ ten und einzuſalzen. Ein junger Amerikaner, den wir noch für dieſe Zeit mit zum Arbeiten angenommen hatten, fällte einen ſtarken Saſſafrasbaum und höhlte ein halbes Dutzend Tröge aus, um in fünf derſelben das Fleiſch und in einen das ausgelaſſene Schmalz zu thun. 1. Die Schweine wurden in eine Einfenzung getrieben, die Nachbarn zur Hilfe eingeladen, und eins nach dem anderen 2 geſchoſſen, abgeſtochen, abgebrüht, gereinigt und ins Haus Das Schweinabbrühen. 33 hinaufgeſchleppt. Da wir aber keinen großen Keſſel hatten, mußte das Abbrühen auf echt arkanſiſche Manier vorgenom⸗ men werden. Ein Faß, an welchem der obere Deckel eingeſchlagen iſt, wird zu dieſem Zwecke, etwas ſchräg, halb in die Erde ge⸗ graben und dann mit Flußwaſſer gefüllt. Dicht daneben wird ein großer Holzhaufen errichtet, angezündet und mit einer Menge Steinen belegt. Sind dieſe glühend, ſo werden ſie in das Faß geworfen und eine wollene Decke darüber gedeckt, daß die Hitze darin bleibt, wornach das Waſſer in wenigen Minuten die erforderliche Hitze erlangt. Das Schwein wird nun ganz bequem ein paar Mal in das Faß hineingetaucht und in unglaublich ſchneller Zeit durch fünf bis ſechs Hände von allen Borſten befreit. Gegen Abend waren wir mit Allem fertig, und hatten die Gedärme zurück⸗ gelegt, um von dem Fett derſelben Seife zu kochen. Außerdem gebrauchte ich noch die Vorſicht, ſie auf einen etwas erhöh⸗ ten Platz zu legen, damit die Hunde(wir hatten deren zwei) ſie nicht erreichen konnten. Die guten Leute, die uns geholfen hatten, fingen nun an zu trinken und Hr. half ihnen redlich, ſo daß in etwa anderthalb Stunden keiner von ihnen mit Gewißheit mehr anzugeben wußte, ob er auf dem Kopfe oder auf den Füßen ſtehe; doch ließ ich ſie ruhig gewähren, bis ich ſah, daß ſie wirklich betrunken waren,— und ein Mann ſoll nicht eher als betrunken angeſehen werden können, bis er auf der Erde liegt und Arme und Beine ausſtreckt nicht tiefer zu fallen.— Dann aber packte ich ſie auf, legte jeden, ſoweit meine Tröge Gerſtäcker, Streif⸗ u. Jagdzüge. II. 3 34 Wölfe. reichten, in einen derſelben und ließ ſie ruhig ausſchlafen. Hr. und der junge Amerikaner hatten ſich, ehe ſie ihre Sinne ganz verloren, noch ewige Freundſchaft geſchworen und waren ſich zärtlich um den Hals gefallen. In dieſer Stellung blie⸗ ben ſie auch bis ſie einſchliefen, da jeder nicht ohne Grund befürchtete, auf dem nichtswürdig ſchwankenden Boden, ſo⸗ bald er losließe hinzuſinken. Endlich ſchloſſen ſich ihre Augen, ihre Arme und Kniekehlen erſchlafften, und beide fielen um wie die Mehlſäcke. Am nächſten Tage, als wir wieder ein wenig freies Spiel hatten, zerlegten wir die Schweine, ſalzten ſie in die Tröge ein, die im Rauchhauſe aufgeſtellt wurden, und gingen dann gegen Abend zu unſerem nächſten Nachbar, einen Keſſel zu borgen das Fett darin auszulaſſen. Als ich indeſſen Nachmittags das Gedärmefett für die Seife in Sicherheit bringen wollte, war der größte Theil fort, und zwar nicht von den Hunden, ſondern von den Wöl⸗ fen geholt, deren Fährten ich deutlich im feuchten Sande am Bache, keine 15 Schritte vom Hauſe, erkennen konnte. Doch behielten wir immer noch genug übrig. Das Fleiſch wurde in den Trögen ganz mit Salz bedeckt, die bei nur einiger⸗ maßen warmen Wetter immer wieder vorkommenden Schmeiß⸗ fliegen abzuhalten, das Schmalz ausgelaſſen und in einen derſelben, den es faſt füllte, gegoſſen, und wir waren nun verproviantirt.„½ Ich konnte jetzt auch wieder größere Jagden machen und fand beſonders viel Vergnügen an der Truthahnjagd. Mit dem Frühjahr nämlich rückte die Balzzeit derſelben heran, Truthahnjagd. 35 und das Kullern der Truthähne ſchallte bei Tagesanbruch weit hinaus in die kalte Morgenluft. Von Hügel zu Hügel beantwortet, iſt es für den lauſchenden Jäger ein wonniger Laut. So ſcheu und wild der Truthahn aber iſt, und ſo un⸗ möglich, oder doch wenigſtens ungemein ſchwierig ich es ſtets gefunden habe, an ihn hinanzuſchleichen, ſo leicht kann man ihn in dieſer Zeit, wenn man den Ton der Henne gut nach⸗ ahmt, heranlocken. Um dies nun mit Vortheil zu thun, verfährt der ameri⸗ kaniſche Jäger auf folgende Art, und manchen ſtattlichen Truthahn habe ich ſo geſchoſſen: Früh Morgens, ehe ſich noch im fernen Oſten der erſte, bleiche Schimmer der Dämmerung zeigt, zieht der Jäger nach der Gegend, in der er Truthähne weiß oder ver⸗ muthet. Hat er ſich der Stelle hinlänglich genähert, ſo verhält er ſich ganz ruhig, bis es leiſe an zu dämmern fängt. Nun ahmt er den Ton der Nachteule nach, die dort ſehr laut und klagend ruft, und der ſich in der Nähe befindende Truthahn, der den Ton nicht leiden kann, kullert aus Leibeskräften. Erlaubt es der Boden(im Fall nicht zu viel dürres Laub liegt, oder das Buſchwerk zu dicht ſteht, um geräuſchlos hin⸗ ankriegen zu können), ſo ſchleicht der Jäger in Schußweite an den Baum und ſchießt den Truthahn, ehe es vollkommen Tag wird, herunter. Glaubt er aber nicht unbemerkt ſich ihm nähern zu können, oder iſt der Tag vielleicht, ehe er die Nähe des Balzenden erreicht hat, zu weit angebrochen, dann legt er ſich ruhig hinter einen umgeſtürzten Baumſtamm, legt 3* 36 Das Locken. die Büchſe ſchußfertig auf und fängt an zu locken. Die Locke beſteht aber aus dem zweiten, dünnen Flügelknochen der Truthenne, der, an beiden Seiten abgeſchnitten, vom Marke befreit wird und, mit einem Ende zwiſchen den Lippen, mit dem anderen zwiſchen beiden hohlen Händen gehalten, mit der angezogenen Luft den Ton der Henne täuſchend nachahmt. Der Truthahn, den lockenden Ton der Henne hörend, kullert jetzt wie raſend, fliegt von dem Zweige, auf welchem er übernachtete, herunter und kommt, rauſchend ſeine Flügel auf der Erde nachſchleppend, Kamm⸗ und Schnabelbehang roth und blau angeſchwollen, den Schweif pfauenartig aus⸗ geſpreizt, mit ſtolzen Schritten heranmarſchirt und gar oft dem Jäger auf wenige Schritte nah— vorausgeſetzt näm⸗ lich daß dieſer vollkommen verſteckt liegt und kein Glied rührt, ja nicht einmal mit den Augen blinzt. Ehe man mit der Kugel auf den alſo herankommenden Vogel ſchießt, denn ein Schrotgewehr führt dort Niemand, iſt es indeſſen wohlgethan ihn zu ſchrecken, da in dem gewal⸗ tig aufgeblaſenen und geſträubten Federn der Körper ſo ver⸗ ſteckt liegt, daß man ihn manchmal auf wenige Schritte fehlt. Das Schrecken geſchied am Beſten durch einen leiſen kurzen Pfiff. Beim Pfiff richtet ſich der Truthahn ſchnell und auf⸗ merkſam empor, indeß er ein warnendes, erſchrecktes„Kitt!“⸗ ausſtößt, und nun iſt die Zeit des Abdrückens für den Jiäger, der ſchon geſpannt und geſtochen haben muß, ge⸗ kommen. Verſäumt er den Augenblick ſo iſt der Truthahn 8 2 Kn.s Ankunft. 37 unwiederbringlich für ihn verloren, wahrſcheinlich ſchon im nächſten Moment im Dickicht verſchwunden. Der Schuß kracht jetzt, der Truthahn ſpringt hoch in die Höhe und ſtürzt todt zu Boden. Dieſe Jagd hat ſo viel Anziehendes, daß ich wenige Morgen verſäumte und manchen ſchönen Truthahn nach Hauſe ſchleppte, doch mußte ich auch manches Lehrgeld be⸗ zahlen und glaubte oft ſchon, einen mühſam herangelockten ſicher zu haben, der ſich dann, durch irgend eine unvorſich⸗ tige Bewegung, oder einen unnatürlichen Ton der Lockpfeife ſcheu gemacht, mit langen Schritten empfahl. Endlich, nachdem wir uns ſo über acht Wochen allein beholfen hatten, kam eines Morgens Kn., welcher Rtkn.s und Hr.'s Familien an der Mündung des f. J. f. verlaſſen hatte, ihre Ankunft zu melden. Rtkn. hatte nämlich in Little Rock ein großes Flatboot gemiethet, dort ſeine von Louiſiana mit gebrachten Waaren hineingepackt, und war mit ſeiner Familie von einem Dampf⸗ boot bis an die Mündung des gerade ſehr angeſchwollenen Fourche la fave gebracht worden. Von da aus mußte er ſich dann freilich allein, und mit noch in Little Rock gemietheten Leuten heraufarbeiten, da auf dem Fourche la fave keine Dampfer liefen. Hr. ging ſogleich mit dem Schiffe hinunter ihnen ent⸗ gegen, und Kn. und ich blieben oben. Kn. hatte ſich am vorigen Abende ſchon verirrt und nur noch zufälliger Weiſe ein Haus gefunden, in dem drei Ge⸗ ſchwiſter, ein junger Mann mit ſeiner Frau und zwei ſehr 38 Der die Ausſicht verſperrende Prediger. hübſchen, jungen Mädchen wohnten, die ihn gaſtfreundlich aufnahmen. Dort war ihm, kaum in Arkanſas angelangt, ſchon ein Prediger in die Quere gekommen, und wir beide lachten herzlich über den Streich, den ihm jener geſpielt. Der Prediger hatte nämlich auch, gleich nach Kn.s Ankunft, am Hauſe gehalten und um Nachtquartier gebeten. Wie nun aber die amerikaniſche Sitte iſt, ſo ſchla⸗ fen Alle in einem Hauſe, da die Häuſer nur aus einer Stube beſtehen, auch in einer Stube und, der lieben Mode gemäß, immer zwei und zwei in einem Bette. So ſchlief Kn. und der Prediger in einem, das junge Paar in dem zweiten und gegenüber die beiden jungen, hübſchen Mädchen in dem dritten. Kn. erwachte, als es gerade zu dämmern anfing, und hörte nach einer kleinen Weile die Mädchen ſich zum Auf—⸗ ſtehen rüſten. Der Prediger lag vorn im Bette, die langen Glieder ausgeſtreckt, und die dürren Hände fromm auf dem ſcharfen Bruſtknochen gefaltet, und Kn., dem die beiden Mädchen ſehr gefielen, hob ſich leiſe auf dem linken Ellenbogen in die Höhe, um beim Ankleiden einen unbemerkten Zuſchauer abzugeben. Aber der Mann Gottes durchſchaute ſein freches Begehren, da er ebenfalls wachend im Bette lag. So alſo ſeine beiden dünnen, mit dem wollenen Decken behangenen Kniee herauf⸗ ziehend, verſperrte er dem Armen alle Ausſicht, während er ſelbſt, fromm aufſeufzend, mit gefalteten Händen zur Decke hinaufblickte, ſo daß Kn. um nicht bemerkt zu werden, inner⸗ lich fluchend, auf ſein Kopfkiſſen zurückfiel. 4 4 1 Tauſchhandel. 39 Reges Leben kam jetzt in unſere Wirthſchaft und es wurde gewaſchen, geſcheuert, gebaut und hergerichtet, daß es eine Luſt war. Rtkn. hatte eine Menge Waaren mitgebracht und wir ſchafften Alles in ein kleines Haus, das wir kurz vorher er⸗ richtet hatten und nun noch einen Verſchlag anbauen mußten. In wenigen Tagen ſtanden Laden und Waarenlager fertig aufgerichtet. Der Hauptbeſtandtheil der mitgebrachten Güter war Kaffee, Zucker, Salz, Pulver, Blei, Kattune und eine Aus⸗ wahl von ſolchen kurzen Waaren, die am häufigſten im Walde gebraucht wurden. Dieſe Sachen ſollten eigentlich nur für baares Geld verkauft werden, da aber baares Geld gerade dasjenige iſt, was in Arkanſas ſehr ſchwer zu finden ſein möchte, ward gar bald ein Tauſchhandel eröffnet und Rind⸗ vieh, Schweine, Pferde, eingeſalzenes Fleiſch, Butter, Hüh⸗ ner, Eier, Felle und geräucherte Hirſchkeulen gegen die mit— gebrachten Waaren angenommen, welche Sachen dann wieder nach Little Rock geſchafft wurden, um dafür dort theils Geld, theils wieder andere Waaren zu erhalten. Die Güter in einem Schiffe nach Little Rock und wieder andere, dafür an den f. I. f. zu ſchaffen, beſorgte ich, da ich mit der Waſſerfahrt ziemlich vertraut war und mir die Be⸗ ſ chäftigung auch am Beſten zuſagte. Uebrigens war, es keines⸗ wegs leichte Arbeit, den Arkanſas erſt 30 Meilen und dann den anderen Fluß 40 Meilen, gegen den Strom, allein zurückzurudern. 40 Feuerjagd. Rtkn. hatte noch mehre Arbeiter angenommen, und wir bereiteten die Felder zum Maisbau vor. In dieſer Jahreszeit hatte ich nun auch beſonderes Ver⸗ gnügen auf der Jagd, die ich wieder leidenſchaftlich trieb. Da wir jedoch am Tage beſchäftigt waren, ging ich nur Nachts mit der Pfanne aus, was etwa auf folgende Art betrieben wird. Eine gewöhnliche Bratpfanne wird dazu genommen, und unter dem langen Stiele derſelben noch ein ſchmales Bret befeſtigt, ſo daß der dadurch etwa vier Fuß lang gewor⸗ dene Griff ſich nicht auf der Schulter herumdrehen, und den brennenden Kien ausſchütten kann. In dieſe Pfanne nun kommt feingeſpaltener Kien der eine hohe, helle Flamme giebt, die Pfanne wird auf die linke Schulter, die Büchſe in die Hand genommen, und die Zurüſtung iſt fertig. Hat der Jäger jedoch Niemanden mit, der ihm den Kienvorrath trägt, ſo muß er dieſen ſelbſt, in einem Sacke über die Schulter, mitſchleppen, um immer wieder friſch nachzulegen. Um ſicherer ſchießen zu können, wird auch noch ganz vorn am Griffe ein kleiner, gabelartiger Zapfen eingebohrt, in den die Büchſe beim Zielen zu liegen kommt. Der Jäger hat nun ſeine Pfanne mit der Flamme ſo zu halten, daß ſich ſein Kopf zwiſchen dem Feuer und den auf ihn gerichteten Augen des Wildes befindet, die bei Nacht dann, und in dieſer Stellung, wie glühende Kohlen leuchten. Der Hirſch, an die häufigen Waldbrände gewöhnt, ſcheut die Flamme nicht im mindeſten. Der Jäger, ſobald er in der Ferne die Lichter eines Hirſches entdeckt, die in mehren Feuerjagd. 41 hundert Schritt Entfernung wie eine einzige Feuerkohle aus— ſehen und erſt, wenn man näher kommt, ſich in zwei be⸗ ſtimmte, glühende Kugeln abſondern, muß darauf ſehen ſich dem, ſeiner wenig achtenden Wilde, gegen den Wind und mit ſo wenig Geräuſch als möglich, zu nähern, legt dann, nahe genug herangekommen, den Lauf in die Gabel vorn an der Pfanne, zielt(was er, da das Feuer gerade hinter ihm iſt, mit größerer Sicherheit als am Tage thun kann) dem Hirſch entweder zwiſchen die beiden Lichter oder, kommt er nahe genug heran, die Umriſſe ſeiner Geſtalt zu erkennen, auf's Blatt und braucht dann nur eine feſte Hand, faſt jedes⸗ mal ſeiner Beute gewiß zu ſein. Am f. I. f. giebt es nun aber eine Maſſe Salzlecken, die ſowohl vom Wild wie von den Rindern, ſehr ſtark beſucht werden, was meiſtens, beſonders vom erſteren, in der Nacht geſchieht. Zu dieſem Zwecke geht der Jäger in Amerika auf den Anſtand, und zwar ebenfalls bei dem hellen Lichte einer Kienflamme. Die Vorrichtung wird auf folgende Art getroffen. Vier Pfähle werden, etwa 5 Fuß von einander entfernt, in die Erde gerammt und oben mit Querſtangen belegt, darauf mit Laub oder Moos und dann mit Sand oder Erde 4— 5 Zoll dick bedeckt, auf welcher Erdſchicht, die Nacht über, ein helles Feuer unterhalten wird. Der Jäger ſitzt unter dieſem Dache, das er gewöhnlich 20— 30 Schritt von der am ſtärkſten beſuchten Salzlecke errichtet, im tiefſten Dunkel, während er ſelber auf wenigſtens 50— 60 Schritte ſchießen und 70— 80 Schritt Alles ſehen kann, was ſich be⸗ 42 Ticks. wegt. Der Hirſch, der des Feuers nicht achtet, kommt nun in ſtiller Nacht ſchweigend, mit langſam abgemeſſenen Schrit⸗ ten an und nähert ſich der Lecke, wo er von des Jägers ſicherem Blei erreicht, zum Tode getroffen, zuſammenſtürzt. Manche Nacht lag ich in der milden, warmen Luft im Walde. Doch ſo lieblich und erfriſchend die Natur auch war, ſo ſtörend waren wieder einige Inſecten, die den im Freien Ruhenden oft faſt zur Verzweiflung treiben. Es ſind dies theils die Mosquitos, theils die Ticks oder Holzböcke. Sobald das Feuer einmal angezündet iſt, und dunkle Nacht ſich auf die ſtille Erde gelagert hat, hört das Stechen der Mosquitos ziemlich auf, da ſich dieſe alle nach der hellen Flamme ziehen und dort elendiglich umkommen, aber die Ticks werden dann um ſo wüthender. Da jedoch meine lieben Landsleute in Deutſchland, in einer, für ſie höchſt glücklichen Unwiſſenheit über eben dieſe beſagten Ticks, die eine wirkliche Landplage der ſüdlichen Staaten von Nord⸗ amerika ſind, ſchweben, ſo möchte es hier wohl am rechten Platze ſein, eine kurze Biographie dieſer lieben Thierchen zu geben. Die Ticks oder, wie man ſie in Deutſchland nennen würde, Holzböcke, bevölkern hier im wahren Sinne des Wortes von Ende April an die Wälder und ſind dem Neu⸗ ling fürchterlich läſtig. Die alten, die die Größe eines groben Schrotes erreichen, gehen übrigens noch an, denn dieſe kann man im ſchlimmſten Falle, wenn ſie anfangen ſich einzubeißen, erwiſchen und umbringen; im Juli aber kom⸗ men die kleinen ſogenannten seedticks(Samen⸗Holz⸗ Zwiſtigkeiten. 43 böcke, die Mohnſamen ähnlich ſehen, nur daß ſie noch bedeu⸗ tend kleiner ſind) und bedecken die Büſche zu Millionen, daß ich mich oft von ihnen faſt überzogen gefunden habe. Das einzige Mittel gegen die letzteren iſt Tabaksrauch, der ſie augenblicklich tödtet. Aber nicht der Menſch allein wird von dieſen gepeinigt, das arme Wild wird ebenfalls auf eine fürchterliche Art von ihnen zerſtochen und ausgeſogen. Mehre Stück Wild die ich ſchoß, waren, beſonders am Gehör, wo ſie dieſelben nicht erreichen konnten, ſo dicht damit bedeckt, daß man auch nicht eine Spur von der Farbe der Haare ſehen konnte. Das erſte kalte Wetter vertreibt ſie, doch findet man einzelne den ganzen Winter hindurch. Unſere Arbeit ging jetzt ruhig vor ſich, und der Mais wurde gepflanzt; unſere gegenſeitigen Verhältniſſe aber ſchie⸗ nen in ein ganz anderes Licht, als wir früher erwartet hatten, zu treten. Rtkn., der ſich bis jetzt nur höchſt freundlich und liebe⸗ voll gezeigt hatte, wurde herriſch und oft ſehr kurz angebun⸗ den und befahl mir ſogar einige Male etwas in einem Tone, den ich von keinem Menſchen ertragen mochte. Da er aber noch gar zu kurze Zeit in Arkanſas war, nahm ich ihm das nicht ſo ſehr übel, ſondern lachte ihn aus, ſchulterte die Büchſe und ließ mich in den erſten 24 Stunden nicht wieder ſehen. Kehrte ich dann zurück, ſo war er klug genug ſtets zu thun, als ob nicht das Mindeſte vorgefallen ſei, da er bald einſah, daß er mit Befehlen Nichts ausrichtete. Auch das Verhältniß zwiſchen ihm und Kn. wurde geſpannt, und 44 Gewöhnliches Ende deutſcher Anſiedelungen. einige Male hatte er mit ihm bedeutende Streitigkeiten. Hlr. allein hielt ſich noch am beſten, da dieſer Rtkn.s Eitelkeit ſchmeichelte und ihm in allen Stücken, wenigſtens in ſeiner Gegenwart, Recht gab, was er jedoch keineswegs hinter ſeinem Rücken that. So kam der Juni heran und mit ihm ein förmlicher Bruch, da Rtkn. einſt, während ich auf der Jagd war, Kn., der überhaupt ſchwächlich war, mißhandelte; Kn. riß zwar gleich ſeine Büchſe vom Nagel und hätte ihn auch niederge⸗ ſchoſſen, aber Hlr. ſprang dazwiſchen und verhinderte ſo die gerechte Rache, einestheils allerdings zum Glück, da Rtkn. Familie hatte. Das freundſchaftliche Verhältniß aber, in dem wir bis⸗ her geſtanden hatten, hörte jetzt gänzlich auf. Kn. kam zu Hr.'s hinüber, wo ich wohnte, und wir beide zogen uns von dem gemeinſchaftlichen Vertrage zurück. Das war nun frei⸗ lich ein böſer Strich durch Rtkn.s Rechnung, der genau wußte daß wir kein Geld hatten, und uns dadurch voll⸗ kommen ſicher in Händen zu haben glaubte. Doch hatte der gute Mann nicht daran gedacht, daß es in Arkanſas Wild gab und ich eine Büchſe hatte, und daß der Fluß nach New⸗ Orleans ſtrömte, wo ſich Kn., der ein ausgezeichnet geſchick⸗ ter Buchhalter war, bald eine neue Carrière eröffnen konnte. Wir waren beide zum Abmarſch gerüſtet, und ich wollte nur noch vorher Kn.s Sachen in einem Canoe nach Little⸗ Rock ſchaffen, wohin er ſelbſt dann ſpäter zu Pferde folgen ſollte. Da aber der 4. Juli, der amerikaniſche Befreiungs⸗ tag, in wenigen Tagen fiel, wo ein Farmer am f. I. f. einen Frolicks. 45 Schmaus geben wollte, ſo beſchloſſen wir, dieſen noch mit abzuwarten, um auch einmal einem Feſte in Arkanſas beizu⸗ wohnen. Ich hatte ſelber noch nie etwas Aehnliches geſehen. Der Amerikaner thut indeſſen ſelten oder nie etwas, ohne einen Zweck im Auge zu haben, ſo hatte dieſer freundliche Gaſtgeber z. B. ebenfalls die Hoffnung, das nächſte Mal als Mitglied der Legislatur erwählt zu werden, und hoffte, durch dieſen öffentlichen Schmaus die Leute günſtig für ſich zu ſtimmen. Im Frühjahr ſind dieſe Feſte oder„frolicks,“ wie man ſie dort nennt, häufig. Wenn z. B. die Stämme der umge⸗ ſtürzten Bäume vom Farmer zerhauen in den Feldern liegen, ſo ruft er die Nachbarn zuſammen, das Holz auf Haufen zu rollen und anzuzünden. Dann wird ein ſogenannter„log rolling frolick*)“ hergerichtet. Sind Frauen im Hauſe, ſo richten dieſe es gewöhnlich ſo ein, daß ſie irgend eine Steppdecke(quilt) zu nähen haben, die ſie aus bunten, drei⸗ und viereckigen Stückchen Kattun zuſammenſetzen. Hierzu werden dann die jungen Mädchen aus der Nachbarſchaft ein⸗ geladen und das Ganze heiſt nun ein„quilting frolick**)“. Gegen Abend folgt dann der Arbeit gewöhnlich ein fröhlicher Tanz oder ein Pfänderſpiel. Ich war bis jetzt auch noch nie zu einer dieſer Ver⸗ gnügungen gegangen, denn ich hatte mich nicht unter Men⸗ ſchen geſehnt, und war lieber allein geblieben. Da ich aber *) Klötze⸗Rollen⸗Feſt. **) Steppdecken⸗Feſt. 46 Der 4. Juli. Verſchiedene Gäſte. jetzt wieder in den Wald ging, vielleicht erſt in langen Mon⸗ den zu geſelligem Leben zurückzukehren, wollte ich auch wenig⸗ ſtens noch einmal vergnügte Menſchen ſehn. Der 4. Juli brach an, und gegen 10 Uhr wanderte ich ohne Büchſe dem etwa 4 Meilen entfernten Verſammlungs⸗ orte zu. Da indeſſen eine Maſſe Heidelbeeren am Wege wuchſen, hielt ich mich ſehr bei dieſen auf und gelangte erſt gegen Mittag an den Ort der Beſtimmung. Hier war reges Leben, denn die ganze Umgegend hatte ſich verſammelt, und die rauhen„backwoodsmen“(Hin⸗ terwäldler) wogten in bunten Gruppen durcheinander; manche in Jagdhemden, worunter auch ich gehörte, viele in wollenen, von ihren Frauen ſelbſt gewebten Röcken, und mehre, der Bequemlichkeit wegen, in Hemdsärmeln. Im Freien waren Feuer angezündet, wo mächtige Braten dampf⸗ ten, und an einem ſchattigen Platze, nahe am Hauſe, ſah ich mehre Frauen beſchäftigt, einen gewaltigen, langen Kaffee zu kochen. Schon von ferne tönte mir die ſchrille Muſik einer ein⸗ zigen Violine entgegen, und ich fand richtig in dem einen Flügel des Doppelhauſes das junge Volk im eifrigen Tanze begriffen. Da ich nicht einmal unſere heimathlichen Walzer und Rutſcher zu tanzen verſtand, alſo viel weniger die ſon⸗ derbar beweglichen Tänze Amerikas, drängte ich mich natür⸗ lich nicht zu dieſem Vergnügen, und amüſirte mich damit, die Ankommenden zu beobachten, die in bunten Gruppen von des Countys Ecken und Enden hergeſchneiet zu ſein ſchienen. Eine große Anzahl junger Mädchen fanden ſich ein, dis, Mittagseſſen am 4. Juli. 47 leicht und anmuthig auf ihren kleinen Pferden daher galo⸗ pirend, vom ſchnellen Ritte erhitzt, mit gerötheten Wangen, lieblich und intereſſant genug ausſahen. Sie ſchienen aber mehr auf einer Pilgerfahrt begriffen, als zu einem Tanze zu kommen, denn alle hatten kleine, manche auch ziemlich große Bündel an den Sattelknöpfen hängen; jedoch achtete ich nicht weiter darauf und half mehren, mit denen ich bekannt war, von den Pferden. Unter der Zeit war Mittag herangerückt; eine lange Tafel wurde vor dem Hauſe gedeckt, und Bänke und Stühle herbeigeſchafft, um Sitze genug zu haben. Da aber der Tiſch unmöglich Alle faſſen konnte, ſo nahmen die Damen (ganz gegen die ſonſtige häusliche Sitte der Amerikaner) zuerſt Platz, und die jungen Leute warteten auf, wo ich dann natürlich nicht der letzte war. Das NMittageſſen beſtand aus Rinder- und Schweinebraten, ſüßen und anderen Kar⸗ toffeln, Maisbrod, Kuchen, Milch und Kaffee, und ging ruhig vorüber. Rtkn. hatte überdies noch für die Damen ein Kiſtchen Wein mitgebracht, das dieſe denn auch gar bald ausleerten. Nach dem Eſſen wurde eine kurze Anrede an das ver⸗ ſammelte Publicum, zu Ehren des 4. Juli, des Geburtstages der vereinigten Staaten, gehalten, und wieder von Neuem ging der Tanz los; aber eine Menge verſchiedener Gruppen, die mich viel mehr intereſſirten und die ſich auf ihre eigene Art beſchäftigten, waren maleriſch um das Haus herum ver⸗ theilt. Hier lag eine Partie kräftiger, ſonnverbrannter Ge⸗ ſtalten im Graſe gelagert und erzählte ſich ihre Jagdaben⸗ 48 Der Tanz. teuer; dort ſaßen zwei auf einem umgeſtürzten Baume, wie auf einem Pferde, und ſpielten auf dem Stamme zwiſchen ſich Karten. An jener Seite übten ſich einige im Springen, die mit einem ſchweren Steine in jeder Hand, um ſich in Schwung zu bringen, wahrhaft erſtaunenswerthe Sätze machten, und an dieſer lag eine Reihe langer Burſchen, die gemüthlich ihre Sieſta hielten und ſich weiter nicht bewegten, als nöthig war, im Schatten des Baumes, unter dem ſie lagen, zu bleiben und den, immer weiter hinunterſchießenden Sonnenſtrahlen auszuweichen. Kn. und ich ſchlenderten ruhig zwiſchen allen dieſen herum und amüſirten uns ſehr gut damit, unſere verſchie⸗ denen Bemerkungen über die umherlagernden Gruppen zu machen. Dann und wann gingen wir auch wohl in den Tanz⸗ ſaal, im Fall ein kleines Blockhaus, 16 Fuß breit und 18— 20 Fuß lang, ſo genannt werden kann. Die Luft darinnen war faſt erſtickend heiß, das Bild aber, das ſich uns zeigte, theils zu lieblich, theils zu komiſch, um ſchnell wieder davon weg⸗ kommen zu können. Zwar waren die jungen Mädchen, die hier mit ihren kleinen Füßchen den Takt zu den ſchnellen jigs, reels und hornpipes ſchlugen allerliebſt und wohl geeignet einen ſolchen Verehrer von„Naturſchönheiten,“ als ich bin, eine Zeit lang zu feſſeln, doch nahm bald ein Amerikaner meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch und nie werde ich je das Bild vergeſſen das er bot. Er war ein Mann mittler Größe, aber ſehr dünn und etwas ſchwach in den Knieen, der ſich in einen dunkelblauen 1 Die Cravatte. Whiskey. 49 Frack mit gelben Knöpfen und hellblauen Nähten eingeknöpft hatte. Unmöglich aber konnte dieſer für ihn gemacht ſein, die Aermel waren augenſcheinlich 3 Finger breit zu kurz und die ſchmalen Schöße wenigſtens 14 Zoll zu lang; in dem einen derſelben hatte er noch dazu ein ungeheueres Stück Kautabak ſtecken, an das er beim Springen immer mit dem Abſatze anſchlug, und endlich genöthigt war es herauszu⸗ nehmen und in die Bruſttaſche zu ſchieben. Das Schönſte aber an der ganzen Figur war die Cravatte, in der er im wahren Sinne des Wortes manchmal verſchwand; eine ſolche Cravatte war noch gar nicht dageweſen. Sie war hoch und weit und ſo gebaut, daß mir ſein Kopf vorkam wie eine Obertaſſe, die in einer ungeheueren, tiefen Unterſchale ſtand. Sein Kinn war vollkommen unſichtbar, und gar oft, bei einem recht gewaltigen Sprunge, tauchten Mund und Naſe mit unter, hinter das ſchwarze Bollwerk. Dabei lief ihm das Waſſer, von der harten Anſtrengung in den engen Kleidern, ſtromweiß die erhitzten Wangen und Stirn hinun⸗ ter und verlor ſich ebenfalls dort, wohin ſich der untere Theil des Geſichts dann und wann zurückzog, und als er ſich nach einem Tanze einmal in einer Ecke auf einem niedrigen Stuhle hinkauerte, ſchaute er mit ſeinen dunkeln, glühenden Augen gerade über der ſteifen Halsbinde hervor und war einer Spinne nicht unähnlich, die ſich in ihr Verſteck zurückgezogen hat, eine, ſich ihr unvorſichtig nähernde Fliege zu erhaſchen. Gegen Abend brachten wir eine 4händige Partie Eucre (ein dort gebräuchliches Spiel, das einige Aehnlichkeit mit unſerem„beſten Buben“ hat) zu Stande und vertrieben uns Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 4 50 Der fertige Violinſpieler. einige Stunden damit die Zeit, während verſchiedene Whis⸗ keyflaſchen überall im Kreiſe umhergingen, und die Gemüther anfingen ziemlich aufgeregt zu werden. Auch des Kartenſpielens überdrüſſig, wandte ich mich wieder dem Tanze zu, der eben, einer kleinen Störung wegen, aufgehört hatte, doch begannen die ſchrillen Töne der ein⸗ ſamen Violine gleich wieder, und ich drückte mich durch die enge, von Menſchen vollgefropfte Thüre in eine der Ecken, wo ich gerade neben den unglücklichen Violinſpieler zu ſtehen kam. Dieſen aber hatte eine eigene Laune erfaßt, und gar ſonderbare Stücke kratzte er auf ſeinem Inſtrumente herun⸗ ter. An Takt war gar nicht mehr zu denken; aus einem wilden Allegro ging er plötzlich in weiche, wehmüthige Phan⸗ taſien über, brach aber auch in dieſen ab und fragte mich, ob ich nicht einen Biſſen Kautabak bei mir habe. Auf meine Verneinung ſtrich er wieder mit ein paar gewaltig kühnen Zügen über das gequälte Inſtrument, daß es laut aufſchrie, verdammte dann in höchſt unzarten Ausdrücken die Augen der ganzen Geſellſchaft, daß ſie ihn ſo trocken daſitzen ließen (er allein hatte nämlich 2 Flaſchen Whiskey ausgetrunken), ſah ſich wild im Kreiſe um, fing an zu weinen, fiel ſchluchzend dem dürren Männchen im blauen Frack um den Hals, wobei er dieſen ganz in die Binde hineindrückte, und wurde dann von vier jungen Leuten ohne weitere Umſtände aufgepackt und hinausgetragen. 1 Der Tanz hatte natürlich, während dieſes kleinen Inter⸗ mezzos, aufgehört, doch erbot ſich einer der Männer, einen “ Wechſeln der Kleider auf dem Balle. 51 nüchternen Violinſpieler herbeizuſchaffken. Da dies aber das Vergnügen zu lange unterbrochen hätte, ſtellte ſich ein langer Burſche, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, vor das Kamin hin, und die Aermel aufſtreifend und ein klein wenig in die Kniee ſinkend, fing er an mit gewaltig ſchallen⸗ den und blitzſchnell aufeinander folgenden Schlägen den Takt mit flachen Händen auf ſeinen Knieen zu pauken. In zwei Minuten war Alles wieder in Ordnung. Endlich kam auch der verſprochene Muſiker, aber nicht in dem verſprochenen Zuſtande, nämlich nicht nüchtern; doch war es zu hoffen, daß er, wie ein neben mir Stehender ſehr ruhig und mit einer Kennermiene bemerkte: would do, till twelve o' clock,“ d. h.„bis 12 Uhr halten würde.“ Zu meiner Verwunderung bemerkte ich jetzt mehre weiße Kleider an jungen Damen, an denen, wie es mir wenigſtens däuchte, ich den ganzen Abend ein dunkelfarbiges Kleid ge⸗ ſehen hatte, doch da ich nie auf ſolche Sachen viel achte und mich geirrt zu haben glaubte, fragte ich einen Amerikaner deßwegen, und dieſer gab mir nicht allein Recht, ſondern ſagte auch, daß die meiſten der jungen Mädchen ihre Kleider ſchon zum dritten Male gewechſelt hätten, und wenn ich auf⸗ paſſe, könne ich das noch einige Male ſehen. Und er hatte in der That recht, denn aufmerkſam darauf gemacht, fand ich es nicht allein beſtätigt, ſondern ſogar daß einige der jungen Damen, die den größten Kleiderreichthum beſaßen, ſich fünf Mal, von Mittag an bis nächſten Morgen, umge⸗ zogen hatten. Die armen Mädchen bekommen ſo ſelten Gelegenheit, 4 5² Das weiche Lager. ihre Kleider zeigen zu können daß ſie, um jede ſich bietende benutzen, dann doch wenigſtens ihr Möglichſtes thun. Wie mir geſagt wurde, würde dort im Wald ebenſo die Naſe gerumpft werden, wenn eine junge Dame in ein und dem⸗ ſelben Kleide eine ganze Nacht tanzen wollte, als ob in Deutſchland eine junge Dame zweimal mit demſelben Kleide in einem Winter an zwei verſchiedenen Bällen erſchiene. Ein Farmer, der weiter unterhalb am f. l. f. wohnte, hatte mir ein altes Canoe verſprochen, das nicht weit von ſeinem Haufe am Fluſſe angebunden lag. In dieſem wollte ich nämlich Krn.'s Sachen nach Little-Rock ſchaffen, und der Farmer ſagte mir, daß ich das Canoe, in Little Rock an⸗ gekommen, nur ſolle ſchwimmen laſſen, denn es ſei kaum das Zerhacken werth. Ich beſchloß alſo am nächſten Morgen mit ihm nach ſeinem, etwa 4 Meilen entfernten Hauſe zu gehen, das Canoe nach Rtkn.'s Platz hinaufzurudern, dort die Sachen einzuladen und dann nach Little-Rock hinunter⸗ zufahren. Es war etwas nach 12 Uhr, und der Prophezeiung des alten Amerikaners gemäß, hatten ſie eben den zweiten Violin⸗ virtuoſen am Kragen hinaus in's Gras geſchleppt, dort ſei⸗ nen Rauſch auszuſchlafen. Ein dritter hatte jetzt deſſen Stelle eingenommen. Ich ſelber war aber zu müde gewor⸗ den, den wilden Lärm länger mit anzuſehen, legte mich daher vor dem Hauſe unter einen Baum, mit dem Kopfe auf einen dort befindlichen Schleifſtein und ſchlief, trotz dem harten Kopfkiſſen und den gellenden, ſchrillen Tönen der gepeinigten Violine, ſanft bis zum nächſten Morgen Das alte Canve. 53 Die Sonne ſandte ſchon ihre warmen Strahlen über die Baumwipfel hinweg in das Innere der kleinen Lichtung; aber immer noch wurde getanzt, während Andere in ſanfter Ruhe und in mannichfachen Gruppen umhergeſtreut auf dem Platze herum lagen. Im Ganzen wurden aber doch jetzt ernſtliche Anſtalten zum Aufbruch getroffen, und die Pferde, die alle die Nacht über an Büſchen und an der Fenz ange⸗ bunden geſtanden hatten, oder auch wohl in eine kleine Ein⸗ friedigung getrieben und mit Mais gefüttert waren, geſattelt. Hie und da verſchwand ſchon ein Trupp von Männern und Frauen in dem dichten, grünen Walde. Auch ich machte mich jetzt, mit meinem Amerikaner und deſſen Frau, auf den Weg, aber noch weit hin ſchallten uns die Töne der unermüdlichen Geige nach. Das Canoe fand ich, aber der gute Mann hatte wahr⸗ lich recht als er ſagte, es ſei kaum das Zerhacken werth, denn wer nicht ſehr gut mit ſolchem ſchwanken Fahrzeuge umzu⸗ gehen wußte, hätte ſich in dies wohl nicht hineinwagen dür⸗ fen. Es war kaum mehr als ein roh ausgehauener Trog, 10 Fuß lang und 1 ½ Fuß breit; doch entſprach es dem Zwecke, und mit einem leichten Ruder verſehen, trat ich meine Rückfahrt an. Ich hatte auch einen langen Weg vor mir, denn obgleich die Entfernung von Rtkn. zu Lande höchſtens 8 Meilen betragen konnte, war es doch der vielen Biegungen des Fluſſes wegen, wenigſtens 20 Meilen zu Waſſer. Die Sonne lag eben auf dem grünen Blättergewölbe, die Luft, die den Tag über drückend heiß geweſen war, wurde etwas kühler, und mit langſamen Ruderſchlägen zog ich leiſe 54 Die Wölfe. * den Fluß hinauf, deſſen überhängende Weiden mir hinläng⸗ lichen Schatten gaben, als ich etwa hundert Schritt vor mir, auf einer etwas in den Fluß hinausragenden, flachen Kies⸗ bank, vier Wölfe ſah, die ſpielend bald in's Waſſer ſprangen, bald am Ufer, wie junge Hunde mit einander ringend, um⸗ herrollten. Sie hatten mich nicht bemerkt, und geräuſchlos ruderte ich auf die Seite des Fluſſes, auf der ſie ſpielten, zog das Canoe etwas auf den Sand, nahm das Ruder heraus und kroch, mir ſelbſt eigentlich nicht bewußt, was ich vorhatte, den nichts Böſes ahnenden Wölfen näher, die mir ein hoher Stein jetzt verbarg. Unter deſſen Schutz glaubte ich auch hinanſchleichen zu können; doch haben die Wölfe zu feine Witterung und plötzlich ſprangen alle vier, gerade als ich behutſam meinen Kopf etwas erhob, zu ſehen wo ſie wären, auf und waren in wenigen Sätzen im dichten Gebüſch. Mißmuthig kehrte ich in mein Canoe zurück, ärgerte mich daß ich die Büchſe zu Hauſe gelaſſen hatte, und fuhr weiter. Doch war ich noch keine hundert Schritte höher, gerade an den Rand eines dichten Rohrdickichts gekommen, als ich, diesmal zu meiner rechten, die Büſche raſcheln hörte. Ein Aſt von einem, im Fluſſe feſtgeſchwemmten Baume, der etwas über die Oberfläche des Waſſers hervorragte, war dicht neben mir, und ich erfaßte dieſen augenblicklich, mein Canoe daran ſo ruhig als möglich zu halten. Gleich darauf trat ein ungemein großer, pechſchwarzer Wolf, mit einem kleinen weißen Stern vorn auf der Bruſt, dicht an das Ufer, augenſcheinlich in der Abſicht, zu ſeinen — Wolfsjagd.. 55 Gefährten hinüberzuſchwimmen. Als er mich ruhig und 5 unbeweglich im Fluſſe halten ſah, ſtutzte er. Er konnte nicht herausbekommen was eigentlich auf dem Waſſer ſchwimme, und drehte den Kopf, ganz auf Hundeart, bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Endlich, da ich mich noch immer nicht rührte und nur meine Augen unver⸗ wandt auf ihn geheftet hielt, faßte er ſich ein Herz, trat in das Waſſer, watete ein paar Schritte am Ufer hinauf und ſtrich, da er an eine tiefe Stelle kam, nach dem anderen Ufer aus, gerade vor meinem Canoe, etwa 15 Schritte entfernt, wegſchwimmend. Ich ließ ihn bis ungefähr in die Mitte des Fluſſes, der an dieſer Stellé 60 Schritt breit ſein mochte, ſchob mich dann durch einen raſchen Stoß vor, nnd das Ruder mit aller nur möglichen Kraft und Schnelle gebrauchend, näherte ich mich raſch dem ſo plötzlich überraſchten Wolf. Da er im erſten Augenblick nämlich nicht wußte, an welches Ufer er zuerſt fliehen ſolle, hielt er den Strom gerade hinauf. Das dauerte aber nicht lange, denn da er bald ſah daß ich ihn auf dieſe Art mit wenig Ruderſchlägen überholen mußte, wandte er ſich kurz und behielt ſeine erſte Richtung nach dem anderen Ufer bei. Hierdurch gewann er nun wieder einige Fuß Vorſprung, da ich den unbehülflchen Kaſten, der mir zum Fahrzeuge diente, nicht ſo ſchnell wenden konnte, doch hatte er immer noch über 20 Schritt zu ſchwimmen, und wir verſuchten beide das Aeußerſte, der Erſte am Lande zu ſein. Nur noch wenige Fuß davon entfernt, war ich an der 56 Fahrt nach Little⸗Rock und Abſchied von Kn. Seite des, wüthend für ſein Leben arbeitenden Raubthieres und richtete mich, den nichtswürdigen Bau meines Kahnes vergeſſend, auf, mit der ſcharfen Ruderſchneide dem Wolf das Rückgrat zu zerſchlagen und ihn dann mit dem Meſſer abzufangen. Er war jetzt dicht unter mir und warf einen ſcheuen Seitenblick nach mir hinauf; zum gewaltigen Schlage ausholend, hob ich das ſcharfe Holz,— da, indem ich mich zu weit vorbog, fuhr das leichte Ding von einem Fahrzeuge unter meinen Füßen fort, ich verlor das Gleichgewicht, und ſtürzte gerade hinter dem, jetzt zum letzten Rettungsſprunge anſetzenden, Wolfe, der in dem Augenblicke feſtes Land be⸗ rührte, in's Waſſer. Zwar war es dort nicht tief, ich wurde aber doch durch und durch naß und hatte, außer dem Aerger, mir die ſchon ſo ſicher geglaubte Beute entgangen zu ſehen (ein Wolfsſcalp gilt 3 Dollars in Arkanſas), auch noch das Vergnügen ein Stück hinter dem Canoe herzuſchwimmen. Ohne weitere Unfälle kam ich den nächſten Tag zu Hr.'s, lud dort Kn.'s Sachen auf und ſchaffte ſie nach Little⸗Rock, zugleich meine Thierfelle mitnehmend, die ich dort beſſer als am f. I. f. verkaufen konnte. In wenigen Tagen war auch ich reiſefertig und verließ ſchon am nächſten Morgen die Anſiedelung, um, den Fluß weiter hinauf, in die Gebirge zu gehen und dort den Som⸗ mer über zu jagen. Krn. traf ich, als ich zu Fuß an den f. I. f. zurückkehrte, unterwegs auf ſeinem Weg nach Little⸗Rock und nahm dort herzlichen Abſchied von ihm. Er verſprach bald zu ſchreiben, und ſprengte auf ſeinem kleinen Pferd raſch gen Süden. Verbindungen und Anſiedelungen. 57 Hr. lebte zwar noch auf Rtkn.s Lande, ſchien aber, ſeinen Reden nach, nur auf eine günſtige Gelegenheit zu war⸗ ten, ſich von ihm loszumachen, und ſo hatte denn die große deutſche Anſiedelung ein ſchmähliches Ende genommen. Mir blieb nur wenigſtens bei alle dem der Troſt, daß es uns nicht allein ſo ging, ſondern daß es das Schickſal aller übrigen, deutſchen Anſiedelungen durch die ganzen vereinigten Staaten ſei. In keiner von alle dieſen fehlt ein kleiner Despot, der ſich nach und nach zu erheben ſucht, und ſelten ſtimmt das mit dem Freiheitsgefühl der Anderen überein. Am ſeltenſten gedeihen die, in Deutſchland geſtifteten Verbindungen, die dort, ohne die geringſte Kenntniß vom Lande und den Sitten und Gebräuchen deſſelben, in dem ſie exiſtiren ſollen, geſchloſſen werden. Ich habe die Spuren und Ueberbleibſel einer Maſſe ſolcher Geſellſchaften hier gefunden, und keine einzige von allen bis jetzt unternommenen(Rapp's ausgenommen, die ſich allein auf religiöſen Zwang gründet) iſt noch in Amerika durchgeführt worden. Gar traurig geht es auch gewöhnlich denen, die ſich Be⸗ diente oder Dienſt⸗ und Arbeitsleute mitbringen, und dann noch glauben das Dienſtverhältniß auf deutſchem oder euro⸗ päiſchem Fuße hier fortſetzen zu können Der Arbeitsmann erfährt in wenig Wochen daß er hier frei iſt, und thun und laſſen kann was er will. Sei er bisher auch noch ſo ſelaviſch und knechtiſch geweſen, eine Ahnung, daß er eigentlich auch ein Menſch iſt, erwacht hier in ihm, und wenn er nicht öffent⸗ lich rebellirt, läuft er heimlich davon. 58 Grave-liek. Die Quellen des Washita. Mit den an Ort und Stelle geſchloſſenen Verbindungen geht es noch eher. Die Leute, die zuſammentreten wollen, kennen dann gewöhnlich ſchon Land und Leute und haben ſchon meiſtens ihre Erfahrungen theuer erkauft; nur muß, wie es bei uns der Fall war, der, dem nothwendiger Weiſe die Leitung des Ganzen obliegt, ſehr vorſichtig ſein, daß er nicht zu ſehr den Befehlshaber ſpielt, die Sache nimmt ſonſt ſtets ein unfreundliches Ende.. Klfr., der uns früher ſo gaſtfreundlich aufgenommen hatte, bot mir ſehr gütig den Sommer über eins von ſeinen Pferden zum Gebrauch an, das ich mit herzlichem Danke annahm, und mit neuem, fröhlichem Muthe ritt ich den Fluß hinauf. Eigentlich wußte ich allerdings nicht recht wohin? doch das blieb ſich ja auch gleich, und das„wohin“ war ja von jeher meine kleinſte Sorge geweſen. Sobald ich nur erſt einmal wieder im Gange war; einen Platz zum Jagen fand ich ſchon noch. Weiter oben am f. J. f. erfuhr ich, daß die Jagd in der Gegend unfern der„grave lick“(das Grab an der Salz⸗ lecke, wo einſt zwei Indianer von einem Panther getödtet worden waren), vorzüglich ſein ſolle. In der Gegend dort angekommen, machte ich Bekanntſchaft mit einem dort ange⸗ ſiedelten Amerikaner, und da dieſer ebenfalls Luſt bezeigte einen Jagdzug zu unternehmen, beſchloſſen wir gemeinſchaft⸗ lich auszuziehen. Dort jagten wir erſt an den Waſſern des f. l. f. und gingen nachher weſtlich an die Quellen des Washita. Ueberall war indeß der Wald, der ſeit Jahren nicht angezündet wor⸗ Der Schwindel⸗Anfall. 59 den, ſo dicht mit Buſchwerk verwachſen, daß es zu einer reinen Unmöglichkeit wurde die wenigen Hirſche die ſich dort auf⸗ hielten zu finden, und wir konnten kaum Wild genug erlegen unſer Leben zu friſten. Fünf Wochen hatten wir gejagt, als ich mich eines Morgens, neben H. herreitend, plötzlich unwohl und ſchwindelig fühlte(wir waren den Abend vorher von einem furchtbaren Gewitterſchauer überraſcht worden, und meine Kleider noch feucht). So ſchnell aber kam dies Uebelbefinden, daß ich kaum Zeit hatte, zu H. zu ſagen mir werde recht ſonderbar zu Muth, als ſich Alles vor mir im Kreiſe zu drehen ſchien. Schwarz und dunkelblau wurde es mir vor den Augen, und ohnmächtig ſtürzte ich, ehe mich mein Begleiter erfaſſen konnte, vom Pferde hinunter. Nach wenigen Minuten kam ich zwar wieder zu mir, wurde aber ſehr krank und konnte kaum wieder auf's Pferd kommen und mich im Sattel halten. Glücklicher Weiſe hat⸗ ten wir von dort ab nicht weit zu dem Hauſe eines gewiſſen Collmar und ich hielt mich tapfer an Sattelkopf und Mähne an, wie ein Betrunkener dabei hin- und herſchaukelnd, bis wir endlich das Haus(wenn ein aus Bretern aufgeſchlagener Schuppen ſo genannt werden kann), erreichten. Dort nah⸗ men mich die Leute freundlich auf und es dauerte zwei Tage, in denen ich in wilder Fieberhitze lag ehe ich wieder im Stande war, aufzuſtehen. Erſt am dritten Tage konnte ich mein Pferd wieder beſteigen und über die Berge, die den linken Arm des f. l. f. von dem Hauptſtrome trennen, nach Slowtrap. Hozart's Hauſe zurückkehren, der mich dann unter keiner Bedingung fortlaſſen wollte, bis ich ordentlich wiederher⸗ geſtellt ſei. Nicht weit von dort wohnte ebenfalls ein alter Jäger, Slowtrap, mit dem ich recht gut bekannt wurde, und der ſolch ehrlich, herzliches Gemüth zeigte, daß ich ihn bald recht liebgewann. Doch ſehnte ich mich wieder einmal nach Deut⸗ ſchen, hatte auch Klfr.s Pferd ſchon eigentlich etwas zu lange und wollte doch ſeine Güte nicht mißbrauchen. So brach ich denn im Auguſt wieder von H.'s auf und ritt, immer noch fieberkrank, nach Klfr.s Farm zurück, der mich nicht allein mit alter Herzlichkeit empfing, ſondern bei dem ich bald wie ein Kind im Hauſe war. Er ſelber, früher an ein ruhiges, behagliches Leben ge⸗ wöhnt(er war Theolog und, in Deutſchland, Prediger ge⸗ weſen), hatte das Superintendenten⸗Joch der alten Welt abgeſchüttelt, das freie unabhängige Farmerleben der ameri⸗ kaniſchen Wälder dafür einzutauſchen, und fühlte ſich in ſeinem kleinen Familienkreiſe glücklich und zufrieden. Seine junge Frau, ein wahres Muſter der Häuslichkeit, und vier geſunde, prächtige Kinder bildeten ſeinen ganzen Hausſtand, und faſt Alles was er brauchte, zog er ſich ſelber. Trotzdem, daß er in ſeiner Jugend nicht an harte Arbeit gewöhnt war, beſtellte er ſein Land ganz allein, und gab keinem Amerikaner in der Führung der Art etwas nach. Auch ſeinen Tabak baute er ſelbſt und hatte ausgezeichnet ſchöne Rindvieh⸗ und Schweinezucht. Der Gerichtstag. 61 Ich fühlte mich, im Anfange wenigſtens, ſehr elend und miſerabel, die freundliche Pflege der Madame Klfr. ſtellte mich jedoch nach einiger Zeit wieder her, und ich konnte theils auf der Farm ein wenig mit helfen, theils auf der Jagd um⸗ herſchlendern und dann und wann einen Truthahn oder Hirſch ſchießen. Um dieſe Zeit nun fiel es, daß Court oder Gerichtstag am f. l. f. war, und mehre Advocaten, theils von Little⸗Rock, theils aus der Umgegend, kamen nach Perryville, wo ſie ſich bei verſchiedenen Farmern in der Nachbarſchaft ein⸗ quartirten. Auch Klfr. nahm einen derſelben, einen ſehr netten jungen Mann, in ſein Haus. Er hatte ſelbſt einige Streitigkeiten, die an dieſem Gerichtstage entſchieden werden ſollten. Jetzt kam Leben in die ſonſt ſo ſtille Gegend, und das kleine Städtchen Perryville, etwa 2 Meilen von Klfr.s Hauſe(es beſtand aus einem kleinen Laden und der Woh⸗ nung des Fährmanns, der zugleich Poſtmeiſter war), wurde der Sammelplatz des ganzen Countys. Der Laden, der eigentlich den Hauptbeſtandtheil der ganzen Stadt ausmachte(er bildete auf jeden Fall die Hälfte derſelben), gehörte einem Deutſchen, der ein zu gutes Muſter⸗ bild einer gewiſſen Claſſe ſeiner Landsleute in Amerika iſt, um nicht hier eine etwas genauere Beſchreibung zu verdienen. Bockenheim, oder wie es die Amerikaner ausſprachen „Buckinham,“ muß früher einmal, meiner Vermuthung nach, Beſenbinder geweſen ſein, denn er beſaß große Fertigkeit in dieſer ſchönen Kunſt. Hier aber verſuchte er nun durch 62 Der deutſche Krämer. Kleinhandel ſeinen Lebensunterhalt zu erwerben, und in Ar⸗ kanſas, wo er ſich zufällig niederließ und wo die Leute ge⸗ zwungen waren von ihm, dem einzigen Kaufmann in der Umgegend zu kaufen, brachte er bald ein ziemlich anſtändiges Geſchäft in Gang. Natürlich bot er Alles, was er nur irgend anſchaffen konnte, zum Verkauf aus und trieb dann, ebenſo wie Rtkn., Tauſchhandel. Rtkn. hatte ihm im An⸗ fange ſehr viel Schaden gethan und faſt alle Kunden, da er nur wenige Meilen von ihm entfernt wohnte abwendig ge⸗ macht, doch in neuerer Zeit ein ſo ſtolzes, herriſches Betra⸗ gen angenommen, daß er die meiſten wieder verſcheuchte, und nur die noch un ſich behielt, die ihn zu ihrem Vortheile zu benutzen hofften. 1 Bockenheim lebte nun gewiſſermaßen noch im Zuſtande des Paradieſes, denn er redete eigentlich keine gewiſſe Sprache. Urſprünglich hatte er einmal plattdeutſch geſpro⸗ chen, denn er iſt ein Oldenburger oder Hannoveraner, hatte wohl auch einige ſchwache Verſuche im Hochdeutſchen gemacht, dann aber, nach Amerika gekommen, ſich ganz des Engliſchen befliſſen. Da ihm aber wahrſcheinlich ſeine Mutterſprache auch Schönheiten und feine Nüancen zu haben ſchien, behielt er einen großen Theil des Plattdeutſchen, und um nicht ein⸗ ſeitig zu ſein, auch des Hochdeutſchen bei, und kauderwälſchte nun ein ſo fürchterliches Zeug zuſammen, daß man im An⸗ fange, wenn man mit ihm ſprach, ſtets in Ungewißheit ſchwebte, ob er eigentlich deutſch oder engliſch oder gar in⸗ dianiſch rede. Einem eben von Deutſchland gekommenen Einwanderer wäre es auch nicht möglich geweſen, ihn zu 4 Das geſchworene Gericht. 63 verſtehen, und ebenſo mußten die Amerikaner immer nur er⸗ rathen, was er eigentlich wolle. Doch kam er durch und befand ſich ganz gut dabei. Er hatte ſich dabei durch ſeinen Handel und Kram etwas verdient und ſchrieb das natürlich, wie alle dieſe guten Leute, ſeiner Klugheit zu. In der anderen Hälfte der Stadt wurde nun Gerichts⸗ tag gehalten, zu welchem der Poſthalter die Hälfte ſeines Hauſes einräumte. Das neugetaufte Städtchen hatte näm⸗ lich noch kein Gerichtshaus. In des Poſthalters Wohnung alſo war nun, als ich eines Morgens dort hinkam, die ganze Cleriſei verſammelt, und es wurde folgendermaßen zu Werke geſchritten. Der Richter, der dieſen Bezirk bereiſte, war von Little⸗ Rock aus mit mehren Advocaten angekommen und hatte auf einem der Rohrſtühle, am Kamine, Platz genommen. In der Mitte der Stube, etwas mehr gegen den Kamin hin, bildeten zwei Tiſche eine lange Tafel, und die Advocaten wie der Ge⸗ richtsſchreiber ſaßen an derſelben. Eine Schlägerei war das erſte, was verhandelt wurde, und die Jury, das Gericht der Geſchworenen, wurde erwählt. Zu dieſem dürfen aber nur anſäſſige Leute genommen wer⸗ den, die ſowohl von der verklagten als der klagenden Partei gewählt werden dürfen, d. h., jede dieſer Parteien hat das Recht, von 12 vorgeſchlagenen Jurymännern die Annahme von ſechſen zu verweigern, wofür kein weiterer Grund anzu⸗ geben iſt, und andre gewählt werden müſſen. Iſt die Jury endlich, mit Verwerfen und Annehmen, beſtimmt, ſo nimmt die Sache ihren Anfang. 64 Das Geſchworengericht. Die Jury wurde vom Gerichtsſchreiber eingeſchworen, daß ſie ihr Urtheil nach Recht und Gewiſſen abgeben wollte, und ſetzte ſich dann auf eine lange Bank an die Wand. Der „prosecuting attorney“ oder der Staatsanwalt eröffnete dann die Verhandlung, indem er der Jury die Klage vortrug und ſie auf die verſchiedenen Geſetze, die wider dieſes Ver⸗ gehen angegeben ſind, aufmerkſam machte, dabei rief er ſeine Zeugen auf. Als er geendet, begann der Advocat, der den Verklagten vertheidigte, rief ſeine Zeugen auf und ſchloß mit einer langen Rede an die Jury, worin er dieſer einige Schmeicheleien über ihr geſundes, richtiges Urtheil ꝛc. ſagte. Als auch dieſer geendigt, erhob ſich der verklagende Attorney noch einmal, verſuchte einige von des Anderen Beweisgrün⸗ den lächerlich zu machen und legte der Jury zum zweiten Male an's Herz, dem Verklagten ja ordentliche Strafe zuzu⸗ dictiren, denn„ſolcher Fall ſei ihm in ſeinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen.“* Nun erhob ſich der Richter, trug der Jury das hierüber beſtehende Geſetz vor, d. h. daß, wenn ſie ſich auf die eine Seite neigen, dieſes, wenn auf die andere, jenes Verfahren zu beobachten ſei, und ſchloß mit der ſchönen Bemerkung, welche jedesmal der Jury ins Gedächtniß gerufen wird, daß: „wenn irgend ein Zweifel in ihrer Bruſt aufſtiege, der irgend einem Theile den Ausſchlag gebe, das Geſetz es vorſchreibe, daß dieſes dem Verklagten zu Gunſten ſei, und daß ſie alſo, wenn ſeine Schuld blos zweifelhaft wäre, ihm eher verzeihen als ihn verdammen ſollten.“ Nach dieſem ſetzte er ſich wieder und die Jury ſollte ſich in ein entferntes Zimmer zurückzie⸗ S Ausübung des Geſetzes. 65 hen, um ſich dort über den Urtheilsſpruch zu berathen, da ſie einſtimmig entweder begnadigen oder verurtheilen muß. Ein Einziger, der anderer Meinung iſt wie die 11 Uebrigen, kann das ganze Urtheil umwerfen. Da nun aber leider am f. l. f. weder ein entferntes, noch ein näheres Zimmer weiter zu haben war, indem die Raths⸗ verſammlung ſchon den vierten Theil der ganzen Sundt ein⸗ nahm, das Wetter aber zu ſchrecklich war im Freien, wie es ſonſt gewöhnlich geſchieht, die Sache abzumachen, ſo wurden die zwei Pferde, die in dem etwas aus dem Wege liegenden Stalle ſtanden, zu den übrigen hinaus in den Wald gejagt, und die 12 Geſchworenen wateten durch den dicken Schmuz in denſelben hinein, wo ſie ſich dann über das Wohl und Wehe des armen verklagten Schluckers beriethen Später wurde ein intereſſanterer Fall vorgenommen, da der Verklagte ein achtbarer Farmer war, der einem anderen eine Kuh im Walde erſchoſſen, heimgefahren und dann ver⸗ zehrt haben ſollte. Eine Maſſe Zeugen wurden hierzu auf⸗ gerufen, und beſonders geſpannt waren Alle deßwegen, da das Vergehen ſchon vor Jahren ſollte verübt worden ſein und die damalige Strafe dafür, die jetzt freilich verändert iſt, in Stockſchlägen und Gefängniß beſtand. Die Jury er⸗ klärte jedoch den Verklagten, nachdem ſie eine ſehr lange Zeit im Stalle zugebracht hatte, für unſchuldig. Die Gerichtsſitzung währte mehre Tage, und nach und nach verlief ſich Alles wieder. In dieſer Jahreszeit, hat der Mais ſeine vollkommene Reife noch nicht erlangt und wenn auch nicht mehr milchig, Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 5 66 Geriebenes Maismehl. Neue Jagdluſt. iſt er doch noch weich, und das alte Wälſchkorn gemeiniglich ſchon verbraucht. Der Farmer holt dann zu jeder Mahlzeit die Maiskolben aus dem Felde, und reibt dieſelben auf einem Reibeiſen, welches er ſich gewöhnlich ſelbſt macht, indem er in einen alten Kaffeetopf, mit einem ſcharfen Nagel, Loch an Loch hineinſchlägt, das Ganze, die rauhe Seite nach außen, auswölbt und auf ein Bret nagelt. Dadurch erhält er ein feuchtes Mehl, in welchem der ganze Zuckerſtoff des noch nicht zur völligen Reife gediehenen Maiſes enthalten iſt und das ein vorzügliches Brod liefert. Es iſt dies aber eine keineswegs leichte Arbeit und, des vielen Bückens und Reibens wegen, höchſt anſtrengend. Ich weiß, daß Klfr. einmal ſehr böſe wurde, als er faſt mit Reiben fertig war, das ſchöne, hellgelbe Mehl aufgehäuft auf der weißen Ser⸗ viette vor ſich liegen hatte, und plötzlich eines der zahmen Ferkel, von denen viele um das Haus herumliefen, einen Zipfel der Serviette erwiſchte und mit einem Ruck das ganze mühſam Zuſammengeriebene in den Staub riß. Von Krn. hatte ich bis jetzt immer noch keinen Brief er⸗ halten, hörte aber von Little⸗Rock aus, daß er ſich dort ein kleines Schiff gekauft habe und mit einem anderen jungen Deutſchen nach Louiſiana den Fluß hinunter gerudert wäre. Ich bereute jetzt faſt, daß ich nicht mitgegangen ſei. Hier aber ruhig ſitzen zu bleiben war mir auch nicht nach Wunſch — ich ſehnte mich darnach wieder einmal einen größeren Jagdzug zu machen, wußte aber noch nicht recht wohin. Nur nicht in die Sümpfe, denn die hatte ich ein für alle Mal verſchworen. Unentſchiedenheit. 67 Sehr viel war mir von den etwa 150 Meilen von dort entfernten Ozarkgebirgen erzählt worden, und ich hätte mich gern dorthin gewandt, traute aber auch den verſchiedenen Berichten noch nicht recht, durch die ich ſchon ſo oft war angeführt worden, und wollte jedenfalls erſt warten bis ich im Stande wäre glaubwürdige Perſonen zu hören. Rtkn. hatte ich ſeit ſehr langer Zeit nicht wieder geſehen; überhaupt machte er ſich in der ganzen Umgegend ſehr ver⸗ haßt, da er für die ſchlichten Landleute von Arkanſas ein viel zu abſtoßendes Benehmen beibehielt. Er hatte ſich mit ungeheueren Koſten ein kolloſſales Blockhaus bauen laſſen; damit ging der größte Theil ſeines baaren Geldes darauf und es brachte ihm trotzdem nachher wenig Nutzen. Doch trieb er den Landbau ziemlich ſtark, und da er ein ausgezeich⸗ net guter Farmer, wie auch ſonſt ein in allen anderen Arbei⸗ ten ſehr geſchickter Mann war, ließ ſich wenigſtens hoffen daß er, wenn ſein Geld ausgegeben wäre, andere Saiten aufſpannen würde und noch ein behagliches, zufriedenes Leben dort führen könne. Ich lebte jetzt wieder viel mit meinem Hunde(demſelben, den ich von Little⸗Rock mitgebracht hatte, und der groß und ſtark geworden war) im Walde, und war im Ganzen noch mit mir ſelbſt nicht recht einig, was ich eigentlich thun und ob ich nach Süden oder Norden gehen ſollte. Die freie Na⸗ tur war aber zu verführeriſch und der Nordweſten, den ich noch nicht kannte, übte dabei nicht geringe Anziehungskraft. Im Süden fürchtete ich mich vor den warmen Sümpfen. Ein alter Bekannter von mir, der eines Abends zu Klfr.s * 5* 68 Der alte Slowtrap auf der Wanderung. kam und dort übernachtete, gab da plötzlich den Ausſchlag. Es war der alte Slowtrap, der mit einer Ladung von allen möglichen Gegenſtänden auf ſein Pferd gepackt, eines Abends bei Klfr's. eintraf und dort übernachtete. Die ver⸗ ſchiedenartigſten Dinge hatte er, wie er ankam, auf dem Sattel liegen, und ſaß ſelber oben darauf. Wie er mir ſpäter erzählte, hatte er auf dieſe Art auch vor ganz kurzer Zeit ſeine ganze Familie, wie alle anderen Hab⸗ ſeligkeiten transportirt, und ich erinnerte mich nun, ihn ſelbſt einmal mit 4 Stühlen und einem großen Baumwollen⸗ Spinnrad auf dem Pferde ſitzen geſehen zu haben. Dem Spinnrade war es aber übel ergangen, denn da ſich das Pferd davor ſcheute, hing er es unterwegs an einen Buſch, um es das nächſte Mal mitzunehmen. Irgend ein Jäger aber hatte das dürre Laub in der Gegend dort in Brand ge⸗ ſetzt, und wie mir S. verſicherte, kam er gerade noch zur rechten Zeit an die Stelle wo ſein Rad hing, um zu ſehen, wie es auseinandergebrannt, in zwei Theilen, von dem Buſche herab in die Gluth fiel. Am unbequemſten, behauptete er, ſeien die lebendigen Sachen zu transportiren, und auch diesmal hatte er, in einem Korbe, eine der großen, weißen muskoviſchen Enten bei ſich, mit der er, ſeinen eigenen Worten nach, ſeit den letzten drei Jahren, ſchon viermal zu einem anderen Orte ge⸗ zogen war. So ziehen dieſe Leute mit Weib und Kind ſtets weiter und weiter in den Wald hinein, oft nur, weil die Weide für ihr Vieh dicht um das Haus herum etwas dünner wird, und * Familienlager. 69 ſie dann wohl gar gezwungen wären einen oder zwei Acker mehr mit Mais zu bebauen. Im oiltrove bottom am White river ſah ich einſt eine Familie, die in einem ſogenannten Camp oder Schuppen zehn ganze Monate wohnte. Der Schuppen war allerdings mit Bretern gedeckt, und bot an drei Seiten nothdürftigen Schutz gegen Sturm und Regen, die vierte aber blieb jedem Wetter preisgegeben. In dieſem Verſchlage ſtanden, auf der bloßen feuchten Erde, auf der ſich bei recht naſſer Wit⸗ terung kleine Pfützen ſammelten, 4 Betten, in denen der Mann mit ſeiner zweiten Frau, einem noch jungen, rüſtigen Weibchen, ihren zwei erwachſenen Stieftöchtern, zwei oder drei Knaben von 6— 10 Jahren und einem Säugling von wenigen Monden, ſchlief. Solcher Art verbrachte die Familie den ganzen Winter unter Schnee und Eis, wo⸗ bei denn natürlich faſt alle vom kalten Fieber auf fürchter⸗ liche Art geplagt wurden. Miræiſt es noch jetzt ein Räthſel, wie die ſchwachen Frauen das Alles aushalten. Slowtrap nun erzählte mir viel von ſeinem Schwieger⸗ vater in den Ozarkgebirgen, der ein alter eifriger Bären⸗ jäger ſein ſollte, nnd machte mir gewaltige Luſt dorthin. Da er aber noch hinzuſetzte, daß er ſelber in wenigen Wochen den Weg dorthin machen werde und ich mit ihm kommen ſolle, und daß er mich bei dem alten Manne einführen wolle, da war mein Entſchluß im Nu gefaßt, und mein Marſch auf nächſten Morgen feſtgeſetzt.„Kurze Haare ſind bald ge⸗ bürſtet,“ ſagt man, und die Zurichtung meines Gepäckes nahm nur wenige Minuten in Anſpruch. 70 Jagdzug. Leid that es mir Klf.'s zu verlaſſen, die ich recht liebge⸗ wonnen hatte und die auch mich mehr wie zur Familie ge⸗ hörig als wie einen Fremden behandelt hatten. Doch war das von je mein Schickſal geweſen ſtets von denen, die mir theuer geworden, ſcheiden zu müſſen, ſo fand ich mich denn auch in dies. Ueberdies hatte ich ja die Hoffnung ſie bald wiederzuſehen. Jagdzug. Es war an einem kalten, unfreundlichen Novembermor⸗ gen, als ich mit meinem Begleiter die Wanderung antrat. Mein Gepäck war unbedeutend, die Beine und Füße, mit hirſchledernen leggins und moccasins bekleidet, trotzten den Dornen, und ein dünnes Jagdhemd von leichtem Sommer⸗ zeuch, nebſt einer blauen, ſchottiſchen Mütze, machten den übrigen Theil meines Anzuges aus. Das Jagdhemd wurde durch einen breiten ledernen Gürtel zuſammengehalten, in dem rechts der Tomahawk, links das breite Jagdmeſſer ſtak, und der auch auf dem Rücken noch einen blechernen Becher hielt. In meiner wollenen Decke, welche ich zuſammenge⸗ rollt über den Schultern trug, hatte ich etwas Pulver und Blei, ein kleines Säckchen mit gebranntem Kaffee, ſowie ein reines Hemd eingewickelt, und ein ſelbſtverfertigtes Pulver⸗ hborn, von dem Schädel der damals erlegten Büffelkuh ab⸗ Ziehen der Amerikaner. 71 geſchlagen, das an einer kleinen ledernen Kugeltaſche hing, vollendete meine Ausrüſtung. Mein Reiſegefährte, obgleich auch ein alter Jäger, war nicht ſo jagdmäßig angezogen, denn da er erſt zu Hauſe wollte, hatte er alle ſeine Jagdgeräthſchaften dort gelaſſen. Wohl aber war er mit anderen Sachen zur Genüge bepackt. Wie ich ſchon geſagt habe, hatte er unfern der Mündung des f. I. f. gewohnt, war jetzt 40— 50 Meilen weiter in das Land gezogen und monatelang mit ſeinem Kochgeſchirr, Handwerkszeug, ſeinen Betten ec. gequält geweſen, all dieſe Sachen nach und nach und oft in langen Zwiſchenräumen zu Pferde nach der neuen Heimath zu ſchaffen. Dabei hatte er noch Rindvieh und Schweine getrieben und Frau und Kinder transportirt. Wie beſchwerlich das Ziehen für den armen Amerikaner ſein muß iſt wohl einzuſehen, und dennoch kenne ich Fami⸗ lien, die drei Mal in einem Jahre ſolche Touren durchge— macht haben. So mein alter Freund Slowtrap, der ſich in dem Aufzuge, in welchem er vor mir herritt, gar herrlich ausnahm. Er war ungefähr 6 Fuß hoch und ſo ſtarkknochig, wie es ſich nur irgend mit ſeiner Figur vertrug, gebaut. Ein Paar grundehrliche Augen ſchauten aus dem gutmüthigen, vom Wetter hart mitgenommenen Geſicht heraus, die jedoch ſtets aufmerkſam von einem Orte zum anderen umherſchweiften, und dadurch der ſonſt etwas plumpen Geſtalt viel Lebhaftes mittheilten.. 3 durch gewiſſermaßen zwiſchen ihn und den Korb zu gehen, Slowtrap. Niemand hatte ihn noch lachen ſehen, obgleich die, welche näher mit ihm bekannt waren, aus einem etwas Breiterwer⸗ den des Mundes und einem Zuſammenziehen des linken Augenwinkels ſchließen konnten, daß er ſich eben in guter Laune befinde. Ebenſo lebte Niemand, der ihn je in einer ſchnelleren Bewegung als in einem ſcharfen Gange geſehen hatte,— er verachtete es zu laufen. Ein ſchwarzer, ſehr abgetragener Frack, mit ungeheuer breiten Schößen und noch größeren Taſchen darin, der ihm einzig und allein oben auf den Schultern paßte, hing um ihn herum, und ein Paar helle, trotz der etwas rauhen Jahres⸗ zeit, ziemlich dünne Sommerbeinkleider, die ihm beim Reiten weit genug hinaufgerutſcht waren, ein Paar außerordentlich muskulöſe Waden zu zeigen, vollendeten ſeinen Anzug. Ein Paar ſehr kurze Socken und grobe, ſelbſtgemachte Schuhe bedeckten ſeine Füße, und dazu hing ihm noch ein eingedrück⸗ ter, einmal ſchwarz geweſener Filzhut, der eher jede andere Fagon hatte, als gerade die welche er haben ſollte, ins Geſicht. Der Sack aber, der auf dem Pferde lag und auf der einen Seite Salz auf der anderen eine Menge Kleinigkeiten enthielt, wollte, da das Salz viel ſchwerer als die anderen Sachen war, gar nicht die Balance halten, und Slowtrap war des Gleich⸗ gewichts wegen genöthigt, ſich ganz hinüber auf die linke Seite des Pferdes, und zwar auf die leichteren Gegenſtände, zu ſetzen, während er den Korb mit der Ente auf die Seite des Sackes ſtellte, in der ſich das Salz befand. Das Pferd kam da⸗ County-road. 73 was dem ganzen Zug ein höchſt abenteuerliches Ausſehen gab. Vorn auf dem Sattelknopfe hatte er noch dabei eine alte, ungeladene Flinte liegen, die er irgendwo für eine ver⸗ jährte Schuld angenommen. Unſer Weg zog ſich die ſogenannte county-road ent-⸗ lang, und Slowtrap, neben dem ich herging, theilte mir eine Menge ſeiner drolligen Erzählungen mit, von denen er Tauſende wußte. Dabei ſchaute er mich dann und wann ſo wunderkomiſch mit ſeinen trockenen Geſichtszügen an, daß ich nicht umhin konnte, faſt ſtets laut aufzulachen. Die„county-road“ iſt eine Straße, die der Bezirk (county) aushauen läßt, um einen Fahrweg durch die Wild⸗ niß zu bekommen. Soll eine ſolche Straße ausgeſchlagen werden, ſo wird ein Aufſeher oder Director ernannt, der dann zur beſtimmten Zeit die ganze männliche Bevölkerung des Bezirks vom 18. bis 45. Jahre zuſammenruft. In kurzer Zeit fällen dieſe kräftigen Waldſöhne die im Wege ſtehenden Bäume und ſchaffen ſie auf die Seite, ſo daß ein Wagen ſich bequem zwiſchen ihnen durchwinden kann(denn gerade Richtung nehmen ſie nur in den vom Staate ausge⸗ hauenen Straßen an, um kluger Weiſe den zu ſtarken Bäumen etwas aus dem Wege zu gehen). Löcher und Unebenheiten, wenn nur die geringſte Wahrſcheinlichkeit vorhanden iſt daß ein Wagen dieſelben ohne umzuwerfen paſſiren kann, wer⸗ den nicht ausgefüllt oder geebnet, und es läßt ſich etwa den⸗ ken, welche Bequemlichkeiten für den Reiſenden eine ſolche Straße ſpäter bietet. Wir zogen den f. J. f. hinauf, doch bekamen wir den N — — 74 Weide und Wege. Fluß, der ſich durch dichte Schilfbrüche oder Rohrdickichte hinſchlängelt, ſehr ſelten zu ſehen, da wir uns, ſoviel wie möglich, an den Hügeln hielten, trockenen Weg zu haben. Der Hauptcours deſſelben iſt von Weſt nach Oſt, und herr⸗ liches Land liegt in dem bottom oder Flußthale, an ſeinen beiden Ufern, das zugleich ausgezeichnete Winterweide für das Vieh bietet. Das niedere Land iſt dicht mit dem immer⸗ grünen Rohre bedeckt, während die Bergrücken, die ſich an beiden Seiten deſſelben ebenfalls von Weſten nach Oſten ſtrecken, eine ausgezeichnete Sommerweide bieten. Die Berge ſind mit den dichteſten Pechkieferwäldern bewachſen. Der Weg war übrigens ſeit langer Zeit nicht revidirt, und eine Maſſe heruntergebrochener Aeſte und umgeſtürzter Bäume lagen quer darüber hinweg, ſo daß das Weiterkom⸗ men oft mit großen Schwierigkeiten verknüpft war. Slow⸗ trap ſah dies jedoch als etwas ganz dahin Gehöriges an, und behauptete ſteif und feſt, daß eine Fichte nicht anders als über den Weg fallen würde, wenn ſie ihn nur irgend erreichen könnte, ebenſo wie ein„sweet gum“(eine eigene Art Bäume, deren Holz gar nicht zu ſpalten iſt, da es ſo merkwürdig in einander verwächſt) ſtets über eine Fenz ſtürze, wenn er nahe genug ſtünde. Unſer Weg führte an einer Schule vorbei, doch darf man ſich darunter ja keine Schule denken, die mit denen unſeres lieben Vaterlandes die geringſte Aehnlichkeit hätte. Wie ſehr verſchieden ſind von denen die Schulen der back- woods. In der ungefähren Mitte der Anſiedelung, und ſo gelegen daß die in die Schule zu ſchickenden Kinder 4 Amerikaniſche Schule in den back-woods. 75 höchſtens drei bis vier Meilen zu machen haben, wird aus rohen Stämmen ein Blockhaus aufgeſchlagen, gedeckt, ein Kamin von Lehm aufgeführt und die Oeffnungen oder Spal⸗ ten zwiſchen den Stämmen, eine einzige ausgenommen, die ſich ungefähr vier Fuß über der Erde an einer Seite hin⸗ zieht, verſtopft. Die letztere aber bleibt offen, weil ein lan⸗ ges Bret ſchräg davor befeſtigt wird, um von den Kindern als Schreibetiſch benutzt zu werden, und die lange Spalte ihnen ſpäter dazu dienen ſoll, hinlängliches Licht zu erhalten. Sonſt iſt, wie in allen anderen Blockhütten, kein Fenſter in dem Schulhauſe, und ſelten ein Breterboten gelegt, ſo daß die Thüre Winter und Sommer aufſtehen muß. Iſt es recht kalt draußen, ſo erlaubt der Lehrer den Kin⸗ dern dann und wann ein wenig aufzuſtehen, um ſich am lodernden Kaminfeuer, an dem er ſich ſelbſt, auf dem einzigen Stuhle, ſehr breitbeinig niedergelaſſen hat, zu erwärmen. Die entfernter Wohnenden kommen ſtets zu Pferde und binden die Thiere, während der Schulzeit an die umher⸗ ſtehenden Bäume. Ihr Mittagseſſen bringen ſie ſich na⸗ türlich mit, und treten erſt wieder gegen Abend den Heim⸗ weg an. Die gewöhnlichen Waldſchulen beſchäftigen ſich faſt aus⸗ ſchließlich mit Buchſtabiren, Leſen, Schreiben und Rechnen; ſelten verſteigen ſie ſich zur Geographie und Geſchichte, die ſich dann auch nur auf die der vereinigten Staaten be⸗ ſchränkt. 76 Amerikaniſche Schulen in den back-woods. Höchſt ſelten iſt es, daß die Lehrer ſelbſt mehr wie leſen und ſchreiben können, wobei ihnen dann natürlich nicht viel daran liegt, ihre Schüler geſcheiter zu machen als ſie ſelbſt ſind. Ich ſah ſogar einen jungen Mann in den Sümpfen Unterricht im Schreiben geben, deſſen Schüler(und er hatte deren bis zu einem Alter von 18 und 20 Jahren) nicht einmal das leſen konnten was ſie ſchrieben, ſondern nur die Buchſtaben ungefähr mit demſelben Vortheil für ihre Aus⸗ bildung nachmalten, mit dem wir Hieroglyphen zeichnen würden. Es mochte 12 Uhr ſein, als wir am Schulgebäude vorüberkamen, und Lehrer und Schüler waren gerade eifrig beſchäftigt Ball zu ſchlagen, bei ſchönem Wetter die gewöhn⸗ liche Erholung. Nachher geht dann die ganze Geſellſchaft (es waren faſt lauter erwachſene, junge Leute) mit deſto größerem Eifer wieder an das Buchſtabiren. Das Wetter hatte ſich bis jetzt ziemlich gehalten; dunkle Wolken drohten aber eine Aenderung, und es dauerte auch gar nicht lange daß der Regen anfing mit gutem Willen einzuſetzen. Da wir beide in keiner großen Eile waren, und Slowtrap mir ſagte, daß einer ſeiner beſten Freunde kaum eine halbe Meile vom Wege ab wohne, ſo ſchlugen wir uns links, und ſtanden bald vor einem kleinen Blockhauſe, aus deſſen Kamin der Rauch luſtig emporwirbelte und uns ein gutes Feuer vermuthen ließ. Der alte Behrens, dem der Platz gehörte, war nicht zu Hauſe, doch ſeine Söhne, Knaben von 10 und 15 Jahren, empfingen uns ganz freundlich. Wir fanden das Zimmer —1 — 1 Die vorzügliche Stahlmühle. ſchon durch drei, früher gekommene Fremde beſetzt, jedoch machten ſie uns Platz, und ein flackerndes Feuer erwärmte bald unſere etwas ſteif gewordenen Glieder. Zwei der Fremden unterhielten ſich ſehr angelegentlich von Wettrennen, die in kurzer Zeit dort in der Gegend ge⸗ halten werden ſollten, und an denen ſie, wie es ſchien, An⸗ theil nehmen wollten. Der dritte mußte ſehr ermüdet ſein, denn er ſaß in ſeinem Stuhle zurückgebeugt und ſchlief ſanft. Da es aber immer ſpäter wurde und noch keine Anſtal⸗ ten zum Abendeſſen gemacht, auch keine Frauenzimmer im Hauſe waren, ſo gingen wir bald mit vereinten Anſtrengun⸗ gen an das Werk, holten einige Maiskolben aus der„corni- crib“(Verſchlag, wo der Mais aufbewahrt wird) und mahl⸗ ten die abgeſchälten Körner auf der Stahlmühle zu ziemlich feinem Mehl. Aber, was für eine Stahlmühle! wir leierten und leierten über eine Stunde bis wir genug für eine kaum hinlängliche Mahlzeit bekommen konnten, feuchteten dann das Mehl mit Waſſer an, thaten es in eine eiſerne, flache Pfanne, ſetzten dieſe auf Kohlen, bedeckten den Deckel derſelben eben⸗ falls mit Kohlen und ließen es durchbacken. Milch und geräucherte Hirſchkeule vollendete unſere Mahlzeit. Nachdem wir den Eingeſchlafenen mit Mühe aus ſeiner Lethargie aufgeſchüttelt, ſetzten wir uns zuſammen nieder, und ſehr ſchnell wurden wir mit den Kleinigkeiten fertig. Selbſt unfer ſchläfriger Freund ſchien auf kurze Zeit allen anderen Gedanken entſagt zu haben, denen ausgenommen, auf welche Art die aufgetragenen Gerichte am beſten zu be⸗ 78 Der Schläfer. ſeitigen ſeien. Er hatte jedoch kaum den letzten Biſſen im Munde, ſo ſchloß er ſchon wieder die Augen, und bald zeigte nur noch die ſchaukelnde und nickende Bewegung des Kopfes, daß er am Leben ſei. Wir fühlten uns übrigens alle ſehr ermüdet, und da keine Betten weiter im Hauſe waren, breiteten Slowtrap und ich unſere beiden Decken auf die Erde; die Knaben gaben uns noch zwei andere zum Zudecken, und bald lagen wir alle fünf, friedlich neben einander hingeſtreckt, einer anderen Sonne harrend. Mit Tagesanbruch ſtanden wir auf und machten uns, der Stahlmühle zu entgehen vor der ich allen Reſpect bekommen hatte, noch vor dem Frühſtück wieder auf den Weg. Das Pferd, das ſich die Nacht über an einem guten Maisfutter gelabt, wurde wieder aufgezäumt und der Sack mit dem Salz und anderen Sachen oben darauf gethan. Mein alter Kamerad kletterte dann hinauf, ich reichte ihm ſeine Ente und das alte Schießeiſen nach, warf meine Decke auf den Rücken, und unſeren zwei neuen Bekannten, der dritte ſchlief noch, die Hand ſchüttelnd, zogen wir weiter gen Weſten, der Wohnung meines Reiſegefährten zu. Das Wetter hatte ſich wieder aufgeklärt, und leichten Schrittes wanderten wir den ziemlich betretenen Weg ent⸗ lang, mein Beargreaſe(Bärenfett, wie ich meinen Hund genannt hatte) vor uns her, meiſtens die Naſe am Boden die Fährten des Wildes witternd, das in der Nacht über den Weg gezogen war. Jedesmal aber wenn er an eine friſche Fährte kam, blieb er ſtehen unb ſchaute mich mit bit⸗ Indianiſche Hügel. 79 tenden Blicken an, als ob er um Erlaubniß bäte, dem Wilde zu folgen. Es war jedoch nicht unſere Abſicht, jetzt die Zeit mit irgend einer Jagd zu verſäumen und wir zogen fürbaß. Nur einen Truthahn ſchoß ich unterwegs für Proviant. Die Straße zog ſich etwa eine halbe Meile durch ſoge⸗ nannte mounds, oder kleine Erdhügel hin, die beſonders in dieſem Theile von Arkanſas ſehr häufig vorkommen und meiſtens auf niederem Lande ſtehen. Daß dieſe Erdhügel in uralten Zeiten einmal von Menſchen angelegt wurden, kann wohl keinem Zweifel unterliegen, denn ſie ſind durch⸗ gängig, wie regelmäßige Wohnungen, in Straßen angelegt. Die Hügel liegen 20—40 Schritt auseinander, ſind ſelten höher als 6— 7 Fuß und etwa 12 Fuß im Durchmeſſer; oft jedoch findet man unter denſelben(die fonſt alle rund ſind) einen von länglicher Form, der wahrſcheinlich zu einem öffentlichen Gebäude gedient haben mag, denn dieſer liegt faſt ſtets im Mittelpuncte des Ganzen. Ich habe ſie häufig 12 bis 20 Reihen ſtark gefunden, wo in jeder Reihe 10 bis 20, ja 25 Hütten oder Hügel lagen, die ſich ſtets in regel⸗ mäßiger Entfernung, einer vom anderen, erhoben. Viele Amerikaner habe ich geſprochen, die, in der Hoffnung ver⸗ borgene Schätze an das Licht zu fördern, nachgegraben hatten, doch dieſe haben ſelten mehr als einige Kohlen, Scher⸗ ben von irdenen Gefäßen und, ſehr ſelten, Menſchenknochen gefunden. Die mounqds ſind ſtets auf dem fruchtbarſten Lande an⸗ — gelegt, die Indianer wiſſen übrigens Nichts von ihnen, weder 80 Slowtrap's Haus. Amerikaniſche Gleichgültigkeit. wer ſie gebaut hat, noch wie ſie überhaupt dorthin gekommen ſind, ſie müſſen einer längſt ausgeſtorbenen Nation angehören. Die jetzigen Indianer werfen zwar auch Hügel auf, oft von ſehr anſehnlicher Höhe(wie einer bei St. Louis, ein anderer in Cineinnati ſteht, und ſich mehre noch an verſchie⸗ denen anderen Orten finden), doch dienten dieſe blos zu Be⸗ gräbnißplätzen oder Monumenten, denn ihre Wohnungen ſind weit leichterer Art. Endlich hatten wir die ſumpfigen Stellen hinter uns und waren, nachdem wir eine kleine Prairie und alte Buffalo Salzlecke durchzogen, bald an Slowtrap's Wohnung. Auf einer Spitze des Hügellandes, die in das niedere Thalland hinauslief, lag das Haus, das ſich in nichts We⸗ ſentlichem von all' den anderen amerikaniſchen Blockhütten unterſchied. Es war 16 Fuß lang, 16 Fuß breit und 9 bis 10 Fuß hoch, hatte eine Thüre in der Fronts, ein unge⸗ heueres Kamin an der rechten Seite, kein Fenſter und ein rohes mit Pfählen beſchwertes Dach. Daneben war ein 6— 7 Acker großes, mit Mais bepflanztes Feld. Slowtrap's Frau und Kinder ſtanden als wir ankamen in der Thür, doch, obgleich ich wußte daß ſie einander herz⸗ lich lieb hatten, recht glücklich mit einander lebten und der Alte faſt drei Wochen entfernt geweſen war, wurde auch nicht das geringſte Wort, das einer Begrüßungsformel hätte gleichen können, gewechſelt. „Take my saddle in“*), ſagte S. zu ſeinem älteſten *) Nimm meinen Sattel hinein. Amerikaniſche Gleichgültigkeit. 81 Sohne, einem Jungen von etwa 8 Jahren, der ſich ruhig an die Fenz gelehnt hatte und uns betrachtete, als ob wir ganz wildfremde Menſchen wären. Endlich, nachdem das Pferd beſorgt und Alles in Ord⸗ nung gebracht war, ging Slowtrap in das Haus, ſetzte ſich, nahm das jüngſte Kind auf den Schooß und bewies mit einem „how do you do, all of you?“*) daß er doch noch nicht ganz verlernt habe den Mund aufzuthun. Das fremde zurückhaltende Benehmen der Amerikaner, ſelbſt in ihren eigenen Familien, habe ich übrigens faſt überall gefunden, und gar oft war es gerade das, was mir mit kal— ter Hand an das Herz griff und mich die liebe Heimath ſoviel mehr vermiſſen ließ. Mann und Fau behandeln ſich gewöhnlich ſo fremd, wenigſtens dem Anſcheine nach, als ob ſie einander zum erſten Mal begegneten. Ich habe ſchon Amerikaner ihr Haus in der Abſicht, Monate lang wegzubleiben, verlaſſen ſehen, ohne der Frau beim Abſchiede die Hand zu drücken, ja ohne nur ein kaltes „good bye“ zu ſagen, wie ſie es denn eben nicht beſſer bei ihrer Zurückkunft machen. Ich will übrigens zur Ehre der Amerikaner glauben, daß dies kalte Weſe blos Angewohn⸗ heit und nicht Mangel an Herzlichkeit iſt, denn ich habe viele Beiſpiele geſehen, die eine recht herzinnige Liebe bezeugten, jedoch wird es ſtets einen gar böſen Eindruck auf den Euro⸗ päer machen. Ein viel häßlicheres Gefühl aber läßt es *) Wie geht es Euch Allen?. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. 11. 6 82 Slowtrap's Haus. zurück, wenn man Deutſche, um den Amerikaner zu ſpielen, dieſes Betragen nachäffen ſieht, wie ich das leider oft gefun⸗ den habe. Im Hauſe angekommen, ließ ich meine Augen ein wenig im Zimmer umherwandern, um mir die innere Einrichtung deſſelben zu betrachten. In zwei Ecken des kleinen Gebäu⸗ des ſtanden zwei ungeheuere Bettſtellen, auf denen gewaltige, buntfarbige Steppdecken lagen. Zwiſchen den Bettſtellen war ein kleines Bret, etwa 4 Fuß von der Erde, befeſtigt, das noch ein paar eben ſolcher Decken, mit der wenigen Waͤſche der Familie trug, die höchſt ſelten aus mehr als 3— 4 Stücken für jede Perſon beſteht. Die Meubel voll⸗ endeten noch ein paar ſogenannte„gums“, abgeſägte Stücke eines hohlen Baumes, ungefähr einen Fuß im Durchmeſſer, von 2 3½ bis 3 Fuß Höhe, unter die, als Boden, ein Stück Bret genagelt iſt, und die zu allerlei Zwecken, ſehr häufig zu Bienenkörben, verwendet werden. Hier, wie ich ſpäter fand, dienten ſie dazu, in dem einen Maismehl, in dem an⸗ deren Salz aufzubewahren. Ueber der Thür waren zwei hölzerne Haken angebracht, auf denen die lange Büchſe meines Wirthes ruhte, und von einem derſelben hing die Kugeltaſche mit dem Pulverhorn herunter. Daneben war wieder ein kleines Bret, das etwas Schuhmacher⸗Handwerkszeug, ein dickes mediciniſches Buch von Dr. Gun, eine Familienbibel,„the life of Washington, life of Marion, Essays of Benjamin Franklin“*²) und *) Waſhington's Leben, Marion's Leben, Aufſätze von B Franklin. hing Slowtrap's Haus und Familie. 83 einen Kalender trug, und oben darauf lag eine etwas abge⸗ griffene Landkarte der vereinigten Staaten. Ueber dem Kamin, in den Ritzen der Stämme, aus denen das Haus aufgeführt war, ſtaken verſchiedene Ahlen, Feilen, abge⸗ brochene Meſſer ꝛc., nebſt einem Kugellöffel und einer Kugel⸗ form, und links vom Kamine waren zwei kurze Breter über einander befeſtigt, die vier Teller, zwei Ober⸗ und drei Un⸗ tertaſſen, wie mehre Blechbecher, nebſt einer großen, blechernen Kaffeekanne enthielten, was Alles ſauber und nett ge⸗ ſcheuert war. Neben dem Kamine ſtand eine eiſerne Bratpfanne, mit einem Deckel verſehen, um Brod darin zu backen, ein etwas tiefer eiſerner Topf, aus dem der Griff mit einem dazu ge⸗ hörigen Stück herausgebrochen war, und ein großes eiſernes Gefäß, das zum Waſchen, Färben ꝛc. diente. Ueber dem Kamine aber, ganz oben unter dem Dache, hingen noch Ueberreſte von geräuchertem Schweinefleiſch: ein Seitentheil, zwei Schultern und eine Keule, nebſt zwei getrockneten Hirſchſchinken. Stöcke, die oben angebracht waren, trugen in Streifen geſchnittene Kürbiſſe, zum Trocknen aufgehangen. Dieſe letzteren geben den Winter hindurch ein nahrhaftes und delicates Gemüſe, da ſie, beſonders in den ſüdlichen Staaten, ſehr ſüß und ſchmackhaft ſind, und auch von den Farmern oft in ungeheuerer Maſſe in ihren Mais⸗ feldern gezogen werden. Der ſchon erwähnte Knabe, ſeine, etwa 2 Jahr ältere Schweſter nebſt einem kleinen blauäugigen, blondhaarigen und rothbackigen Mädchen von ungefähr 4 Jahren, das fleißig 6* 84 Geſchick der Amerikaner. an einer wilden Weintraube nagte, und das Jüngſte, das mein Alter auf dem Schooße hatte, bildeten die kleine⸗Fami⸗ lie, die mich noch etwas ſcheu betrachtete, obgleich ich vor 6 Monaten ſchon einmal dageweſen und ihnen daher nicht ganz fremd war. Wir hatten uns nun zwar verabredet ſogleich in die Gebirge aufzubrechen, doch da Slowtrap noch, wie er ſich ausdrückte, einige Geſchäfte in dortiger Gegend zu beſorgen hatte, ſo wurde es auf nächſte Woche verſchoben und ich verſuchte mir bis dahin die Zeit ſo gut als möglich zu ver⸗ treiben. Da ich ſchon früher in der Nachbarſchaft geweſen war, nahm ich meine Büchſe auf die Schulter und fing an herum⸗ zuziehen, meine alten Bekannten aufzuſuchen. Am 12. December jedoch war ich wieder bei Slowtrap's, theils der naßkalttn Witterung wegen, theils auch meine Moccaſins auszubeſſern, an denen die Sohlen bedeutend durch die ſcharfen Steine der benachbarten Berge gelitten hatten. Mein Alter war ebenfalls beſchäftigt, ein paar Schuhe wieder in Stand zu ſetzen. Die Backwoodsmen machen und repariren überdies ihr Schuhwerk gewöhnlich ſelbſt, daher iſt auch dort Nichts ſeltener als ein Schuhmacher. Ueberhaupt haben die Ame⸗ rikaner, da ſie von Jugend an auf ſich ſelber angewieſen ſind, eine eigene Fertigkeit Alles, was nur irgend in ihr Fach ſchlägt, ſelbſt zu machen. Beſonders geſchickt ſind ſie in den Arbeiten, zu denen ſie eine Axt gebrauchen können(und ſie gebrauchen eine Arxt faſt zu Jedem). Ausbeſſern unſerer Schuhe. 85⁵ Natürlich lernen ſie dieſelbe ſchon von frühſter Jugend an führen, und komiſch genug kommt es ihnen dann vor, wenn ein neuangekommener Deutſcher dies Inſtrument in die Hand nimmt und ſich gar ſo hölzern und ungeſchickt dabei anſtellt. Ihre Häuſer bauen ſie mit der Axt, machen Dach und Fußboden, Kamin und Thüre mit derſelben, ohne auch nur ein anderes Stück Handwerkszeug als vielleicht einen Bohrer zur Thür zu gebrauchen. Ferner machen ſie ſich ihre Schuhe ſelber und verſtehen auch gewöhnlich genug von der Gerberei, ſelbſt das Leder zuzubereiten; ſchäften ſich ihre Pflüge und Gewehre, graben ſich ihre Brunnen und thun, in Kurzem, Alles, was nur irgend in ihrer Wirthſchaft vorkommt, und wofür der Europäer eben ſo viele verſchiedene Handwerker gebrauchen würde Wir ſetzten uns nun zuſammen au's Kamin, unſer ver⸗ ſchiedenes Schuhwerk ausbeſſernd, und nicht ſchwer hielt es dabei ihn aus ſeinem früheren bewegten Waldleben zum Er⸗ zählen zu bringen. Da eine dieſer Erzählungen eine kurze Skizze der damaligen Entbehrungen und Gefahren der Pioneere enthält, will ich ſie, ſoweit ich mich derſelben erin⸗ nere und ziemlich mit den eigenen Worten des alten Jägers herſetzen. „Kentucky,“ fing er an,„war noch eine Wildniß, als mein Vater, mein Onkel und ich dorthin, wo Daniel Boone lebte, kamen. Wir wollten nämlich das Land beſehen und einen Fleck ausfinden, der uns gefiele, denn North⸗Carolina, wo wir damals wohnten, fing an, zu dicht angebaut zu wer⸗ v 7/ 86 Erzählung von Kentucky. den. Nur um einen erbärmlichen Truthahn zu ſchießen, denn weiter gab es ſchon faſt gar kein Wild mehr in der dortigen Gegend, wurde man ſchon todtmüde, ehe man nur eine halbe Stunde weit kam, ſo viel nichtswürdige Fenzen gab es zu überklettern.“ „Ich war damals erſt 18 Jahre alt, aber ſtark wie ein vierjähriger Bär und freute mich auf Nichts mehr, als mit den Indianern einmal zuſammen zu kommen.“ „Es war im Herbſt, ungefähr in dieſer Zeit, als wir zuerſt die Grenze von Kentucky betraten, und Wild ſahen, daß uns wahrhaftig das Herz im Leibe lachte. Bären, Hirſche und Büffel waren im Ueberfluſſe vorhanden, und Truthühner gingen uns kaum aus dem Wege. Zu langwei⸗ lig wäre es, wollte ich all den Spaß erzählen den wir auf der Jagd hatten, denn kein Land auf der Welt konnte exiſtiren, wo es mehr Ueberfluß an Wild gab wie vor etwa 25 Jah⸗ ren in Kentucky. Jetzt iſt's freilich nicht viel beſſer dort, als es damals in North-Carolina war, und in 5 Jahren wird der, der einen Bären in Arkanſas ſchießen will, auch manche lange Meile umherſtiefeln müſſen.“ „Wir waren gegen Abend an die äußere Grenze eines Rohrdickichts gekommen und beſchloſſen, da es ein herrlicher Weideplatz für unſere überhaupt ermüdeten Pferde ſchien, dort die Nacht zu lagern.“ „Wir hobbelten die Pferde,“(d. i. banden ihnen mit Papao⸗Rinde die Vorderbeine ſo zuſammen, daß ſie nur ganz kurze Schritte machen konnten), und befeſtigten eine kleine Glocke um den Hals der Stute die mein Onkel ritt. 2 —1 Erzählung von Kentucky. Aber dennoch nicht recht ſicher, der Aufmerkſamkeit der In⸗ dianer ganz entgangen zu ſein, hielten wir abwechſelnd Wache. Uebrigens zeigte ſich nichts Verdächtiges, außer daß in der Nacht, etwas nach 12 Uhr, die Glocke des Pferdes aufhörte anzuſchlagen. Das fiel mir, der ich damals gerade die Wache hatte, allerdings auf, da ſich die Pferde ſonſt erſt gegen Morgen niederzulegen pflegen. Auch waren die Hunde etwas unruhig, und jedes Mal, wenn der Wind von jener Seite, wo die Pferde ſein mußten, kam, begann ein alter, auf der Bärenjagd ergrauter Hund, den wir bei uns hatten, jämmerlich zu heulen. Ich mochte die beiden Alten nicht wecken, doch verbrachte ich eine unruhige Nacht.“ „Gegen Morgen hörte ich die Glocke wieder, aber weit entfernt und mehr zur Rechten.“ „Vor Tagesanbruch wachte mein Vater auf und ich ſagte ihm was mich beunruhigt hatte. Auch ihm ſchien die Sache nicht zu gefallen, doch meinte er, die Pferde wären wahrſcheinlich ein wenig umhergeſtrichen, das ſüßeſte Schilf aufzuſuchen.“ „Wie es Tag wurde hing er ſeinen Zaum um, nahm die Büchſe und ging mit dem alten Hunde, der Watch hieß, dem Schalle der Glocken nach, die Pferde zu holen.“ „Mein Onkel war unter der Zeit aufgeſtanden und wir hatten eben einige delicate Stücke Fleiſch an's Feuer geſteckt, an dem ich beſchäftigt war mit einem Stück Baumrinde das herunterträufelnde Fett vom Bärenfleiſch aufzufangen und über den Truthahn zu gießen, als mein Vater, und zwar ohne Pferde, zurückkam. Er verſicherte dabei, daß er un⸗ 88 Erzählung von Kentucky. trügliche indianiſche Zeichen nahe bei unſerem Lager geſehen habe, und ſich mit uns berathen wollte was am beſten zu thun ſei“ „Mein Onkel verlangte die Zeichen ſelbſt zu unter⸗ ſuchen, und wir ſchulterten Alle unſere Büchſen und gingen dem Platze zu, wo am Abend vorher die Pferde geweidet hatten.“ „Dort, auf einem etwas feuchten Flecke, ließ ſich ſehr deutlich die Spur eines Moccaſins erkennen; auch hatte der unvorſichtige Wilde auf einen alten Baumſtamm getreten, an deſſen faulem Holze der Fuß ein Stück herunter⸗ gerutſcht war.“ „In dem Augenblicke hörten wir Etwas das Rohr nie⸗ dertreten und im Nu waren unſere drei Büchſen dem Ge⸗ räuſche zugekehrt, doch drohte uns diesmal keine Gefahr. Es war mein Wallach, der die Ohren aus dem Dickicht ſteckte, und freudig wieherte als er uns gewahrte.“ „Mein Onkel war jetzt kurz entſchloſſen. Mit den in⸗ dianiſchen Liſten und Schurkereien am beſten bekannt, ließ er ſich nicht davon abbringen die Pferde allein holen zu wollen. Er nahm meines Vaters Zaum, den dieſer noch über der Schulter hängen hatte, fing meinen Wallachen und ſaß in wenig Augenblicken auf dem Rücken des Thieres, langſam und ſorgfältig die Spuren der Pferde von dort aus verfol⸗ gend. Wir verloren ihn bald aus den Augen und gingen zum Lager zurück, nach unſerem Frühſtück zu ſehn. Faſt eine Stunde mochten wir gelegen haben, fortwährend hor⸗ chend, ob wir die Schelle ſich nicht nähern hören könnten, als Erzählung von Kentucky. 89 plötzlich ein Schuß fiel und gleich darauf noch drei, ſchnell hintereinander.“ „Im Augenblick waren wir auf den Füßen und flogen mehr als wir liefen dem Orte zu, von wo der Knall der Ge⸗ wehre herüberſchallte, als wir raſch aufeinanderfolgende Huf⸗ ſchläge hörten. Gleich darauf ſprengte mein Onkel in voller Flucht durch das Dickicht. Bei unſerem Anblick riß er das Pferd in die Zügel, daß es bäumte und ſtand, und eine halbe Minute wohl ſah er uns ſtarr mit glanzloſen Augen an. Er war merkwürdig blaß, ſchwankte im Sattel und fiel in meine, ihn auffangenden Arme.“—„Ein Glück für uns, daß ihm die Indianer nicht gefolgt waren, wir wären ſonſt ihre leichte Beute geworden.“ „Mein Onkel erholte ſich jedoch nach einer Weile wieder und erzählte uns mit ſchwacher Stimme, daß er den Spuren gefolgt ſei und endlich die Glocke ſeiner Stute deutlich, nicht weit entfernt, gehört habe. Vorſichtig, denn er habe der ſtillen Ruhe nicht getraut, ſei er weiter geritten und habe ſie mit meines Vaters Pferde ruhig an einem umgeſtürzten Baume ſtehen ſehen. Er ritt dann auf ſie zu, dennoch ſorg⸗ fältig überall umherſpähend, und faßte ſie eben, ſich nach ihr hinüberbiegend, in den ledernen Gurt, der die Schelle hielt, um ſie herumzuziehen, als nicht 15 Schritt von ihm, ein Indianer aus einem Dickicht auftauchte, die Büchſe anlegte und auf ihn ſchoß.“ „Er fühlte, daß er getroffen ſei und ließ die Stute los, riß aber die Büchſe von der Schulter, ſeinen Feind nieder⸗ zuſchießen, als ſich mit Blitzesſchnelle links und rechts dunkele 90 Erzählung von Kentucky. Geſtalten, aus dem dichten Laube und hinter Baumſtämmen hervor, erhoben. Sein Pferd herumreißend, ſtieß er dieſem jetzt die Hacken in die Seite, hinter ihm drein aber krachte die Salve der Feinde.“ „Der Blutverluſt hatte ihn erſchöpft, matt ſank er zurück und das ſchwarze Blut quoll, als wir ihm die Kleider öffneten, aus ihnen hervor. Drei Kugeln hatten ihn verwundet, zweie tödtlich, und er wurde immer ſchwächer. Nach wenigen Minuten richtete er ſich wieder empor, reichte uns die Hände, die wir ſtill drückten, athmete noch ein Mal tief auf und ſank todt zurück.“ „Wir begruben ihn an der Stelle wo er geſtorben war, und ſchwuren furchtbare Rache.— Wir haben ſie gehalten; über der friſchaufgeworfenen Erde, die ſeinen Begräbnißplatz deckte, zerrten, wenige Nächte darauf, die Wölfe drei er— ſchlagene Indianer umher.“ Mein alter Freund ſaß, als er geendet hatte, ſtill, den Kopf in die Hand geſtützt und der alten, vergangenen Zeiten gedenkend, da. Auch die Frau war, in ſich verſunken, ſanft eingeſchlafen; ſie mochte die Geſchichte wohl ſchon verſchie⸗ dene Male gehört haben. Es war unter der Zeit ſpät ge— worden und wir alle ſuchten die Ruhe. In der Nacht ſchlugen die Hunde mehrmals an und machten, beſonders 1 ½ Stunde vor Tage, einen fürchter⸗ lichen Lärm; wir ſtanden daher auf und nahmen, da wir ver⸗ mutheten daß es Racoons oder Waſchbären ſeien, unſere Flinten, pfiffen den Hunden und gingen bei einer Finſterniß . S in die ſchneidend kalte Morgenluft hinaus, daß man die Hand Morgenjagd auf Waſchbären. 91 nicht vor den Augen ſehen konnte. Dabei machte der feuchte und häufig mit dünnem Eiſe bedeckte Boden die Jagd keines⸗ wegs zu einer angenehmen, beſonders da meine Moccaſins von dünnem Hirſchleder augenblicklich durchnäßten und mir an den Füßen froren. Unſere Hunde ſuchten jedoch brav, und nicht lange, ſo zeigte ihr Geheul daß ſie irgend Etwas auf einen Baum gejagt hatten. Da es noch viel zu dunkel zum Schießen war, und unſere Füße jämmerlich froren, ſchlugen wir Feuer, und bald loderte unter dem dicken Baume eine freundliche Flamme empor, die uns die halberſtarrten Glieder gar angenehm erwärmte. Auch unſere Hunde ſchienen ſich der behaglicheu Glut zu erfreuen, verwendeten indeß kein Auge von dem Baume, auf dem ſich ihre Beute befand, und ſtießen dann und wann ein kurzes, ungeduldiges Geheul aus. Endlich zeigte ſich der erſte, lichte Schein im Oſten. Nach und nach wurde es hell genug, die nächſten Gegenſtände zu erkennen, und Slowtraps Büchſe brachte bald darauf mit ſicherer Kugel den dicht an einen Zweig gedrückten Waſch⸗ bär herunter und zwiſchen die Hunde, die luſtig über ihn herfielen. Wir gingen jetzt wieder zum Hauſe zurück und legten uns bis zur Frühſtückszeit noch ein wenig aufs Ohr. Nach dem Frühſtück machte ich mich auf einen Truthahn zu ſchießen, die es in Maſſe dort herum gab, fand aber, als ich in das niedere Flußthal kam, eine ſolche Menge wilder Weintrauben(ſogenannter wintergrapes), daß ich gar nicht weiter ans Jagen dachte, ſondern mir eine gehörige Portion 92 Wilder Wein. Wilde Bienen. zuſammenſuchte, mich dann unter einen Baum legte und mit einem erſtaunenswerthen Eifer zu eſſen anfing. 4 Unter abwechſelndem Eſſen und Ausruhen mochte ich ein paar Stunden dagelegen haben, als ich plötzlich mehre Truthühner einander rufen hörte; ich ſprang auf, nahm meine Lockpfeife zur Hand und hatte mich kaum hinter einem alten, umgeſtürzten Stamme hinlänglich verborgen, als 10 oder 12 der Burſchen langſam aus dem Gebüſch geſchritten kamen. Ich ließ ſie auf 16— 20 Schritt herankommen, pfiff, daß ſie ſtehen blieben, und ſchoß den, der mir der größte zu ſein ſchien, durch den Kopf. Zufrieden mit meiner Beute kehrte ich zu Slowtrap's Hauſe zurück, hatte mir aber mit den Weintrauben das Mittagseſſen total verdorben. Da das Wetter, um 1 Uhr etwa, ſehr angenehm und ſogar recht warm wurde, ſo beſchloſſen wir, in den Wald zu gehen, um einem Schwarme wilder Bienen nachzuforſchen, den wir ſchon vor 6 Monaten vergebens geſucht hatten. Wir nahmen unſere Lockſpeiſe und gingen nach dem, etwa eine halbe Meile entfernten Platze. Um Bienen aber im Herbſte zu bewegen die Lockſpeiſe anzunehmen, und zu arbeiten anzufangen, wählt der Jäger in irgend einer Gegend, wo er Bienen vermuthet, einen kleinen offenen Platz, und wenn der nicht in natura vorhanden iſt, haut er mit Meſſer und Tomahawkt ſchnell einen ſolchen aus, in deſſen Mitte er einen Stock in die Erde ſchlägt, ein Bündel Blätter darauf ſteckt, und dann verdünnten Honig darüber hinwegſpritzt. Nicht lange dauert es, ſo finden die Bienen die ſüße Lockung, und nachdem ſie ſich ſchwer damit beladen haben, Bienenjagd. 93 ſteigen ſie erſt in kleinen, dann größer werdenden Kreiſen in die Höhe, und ſchießen plötzlich in ſchnurgerader Richtung ihrem Baume zu, das Geſammelte im allgemeinen Waaren⸗ hauſe niederzulegen. Der Bienenjäger muß nun genau auf die Richtung achten, in der die beladene Biene fortzieht, wozu natürlich ein gutes Auge gehört. Dann trägt er ſeine Lockſpeiſe 2— 300 Schritte in der bemerkten Richtung weiter. Bald finden die in der Nähe vorbeiſtreichenden Bienen auch dieſe und fangen aufs Neue an. Behalten ſie noch immer denſelben Cours bei, ſo iſt es ein Zeichen daß der Baum noch weiter entfernt ſei, und immer weiter werden die mit Honig beſpritzten Blätter ihnen nachgetragen, bis ſie zurückfliegen. Der Jäger weiß nun, daß er am Baume vorbei iſt und daß die Bienen ſich zwiſchen ſeinem jetzigen und ſeinem letzten Haltpuncte befinden müſſen, und nicht ſchwer fällt es dann ſie aufzufinden. Iſt er dicht am Baume und die Bienen arbeiten, ſo zeigt ihr ungewiſſes Aufſteigen und Zickzackfliegen die ſichere Nähe der Zellen an. 1 Erſt ein Mal hatten wir unſere Lockſpeiſe vorwärts ge⸗ tragen, als die Bienen ſchon zurückflogen und wir nun wuß⸗ ten, daß wir uns kaum 100 Schritt vom Baume befinden mußten; wir beobachteten daher nicht weiter die Arbeitenden, ſondern fingen an zu ſuchen; die eintretende Dunkelheit aber verhinderte uns, das Waarenhaus der Bienen noch an dieſem Abend zu finden. Den anderen Morgen um 10 Uhr, als es anfing ein * 1 Bienenjagd. wenig warm zu werden, begaben wir uns wieder auf unſeren Poſten und fanden, nach kaum viertelſtündigem Suchen, ſchon die Oeffnung, wo die kleinen Arbeiter aus⸗ und ein⸗ ſchwärmten. Sie war in einer, ſchon faſt ganz verfaulten, nicht über⸗ großen„postoack“(einer Eichenart, die am liebſten auf feuchtem Boden, oft aber auch auf Bergen wächſt und kleine, ziemlich ſüße Eicheln trägt. Das Holz derſelben iſt ſehr dauerhaft und fault ſchwer in der Erde. Ich xitt ſchnell zum Hauſe zurück(denn wir hatten das Pfe rd für dieſen Fall mitgenommen), holte einen Eimer, eine Art, ein Meſſer und einen Löffel, und beim Baume wieder angelangt, fiel derſelbe in kurzer Zeit unter unſeren Streichen.. Rauch wurde gemacht, die Bienen betäubt, ſchnell eine Oeffnung gehauen, durch die wir den Honig bequem heraus⸗ nehmen konnten, und der ſchönſte Anblick, den ſich ein Bie⸗ nenjäger nur wünſchen kann, eine Unmaſſe wohlgefüllter Honigſcheiben, lachte uns entgegen. Wir füllten den Eimer mit den beſten und aßen ſoviel von dem Uebrigen, als unſere Magen nur faſſen konnten, ſteckten dann den geplünderten Baum in Brand, daß uns die vertriebenen Bienen beim nächſten Suchen nicht irre machen ſollten, und kehrten zum Hauſe zurück. Da dort aber mehre Kleinigkeiten zu beſorgen und in Stand zu ſetzen waren, blieben wir und halfen, was wir hel⸗ fen konnten, ſchlugen Feuerholz und ſchleppten es zum Hauſe, mahlten auf der ausgezeichnet guten Hand⸗Stahlmühle, die — — Die Schrotflinte. 95 Slowtrap hatte, Mehl ꝛc., und ſetzten uns, als die Abend⸗ ſchatten anfingen lang zu werden, ans praſſelnde Kaminfeuer wo mein Alter, nach der geglückten Jagd bei Laune, wieder anfing, einige Geſchichten zu erzählen. Wir hatten den Tag über einen Mann mit einer Schrot⸗ flinte vorübergehen ſehen, und da Schrotgewehre, oder glatte Büchſenläufe, im weſtlichen Theile der vereinigten Staaten wenig gefunden werden, in den„backwoods“ aber eine wahre Seltenheit ſind, indem faſt Jeder eine gezogene Büchſe trägt, ſo drehte ſich bald das Geſpräch auch um dieſen Gegenſtand. „Ich hatte,“ fing Slowtrap an,„auch einmal ſo eine Art von Schrotgewehr, ſo'ne Muskete, und nicht weit von dem Hauſe wo wir damals lebten, war ein kleiner See, wo ſich ſtets eine Unmaſſe wilder Enten aufhielt. Eines Morgens nahn ich den alten Stößer(denn es ſtieß fürchter⸗ lich) und ſchlenderte um den See herum, eine Ente zum Schuß zu bekommen. Ich war nicht lange am Ufer hinge⸗ ſchlichen, als ich eine ganze Maſſe, an der anderen Seite eines dicken Gebüſches, ruhig ſchwimmen ſah. Ein umge— ſtürzter und gerade in den See gefallener Baumſtamm ſchien mir eine herrliche Brücke, leiſe und nahe zu den, keine Ge⸗— fahr ahnenden Enten hinanzukommen. Endlich, als ich die äußerſte Spitze des abgebrochenen Baumes erreicht hatte und ungefähr noch 60 Schriit von den ſorglos Schnatternden entfernt ſein mochte, hob ich meine alte ſchwere Muskete auf und fing an zu zielen. Wohl wiſſend aber, wie der alte Killdevil ruckte, lehnte ich mich ſoweit vor, als es nur 96 Die falſche Berechnung. irgend möglich war, mit der feſten Ueberzeugung, daß mich das Gewehr gerade wieder auf den alten Stamm zurück⸗ ſtoßen würde. Drei von den Enten waren in einer Linie, und dies als den rechten Zeitpunkt betrachtend, drückte ich los, mich im Abdrücken wo möglich noch etwas mehr vor⸗ lehnend. Da verſagte der alte Satan, das erwar⸗ tete und berechnete Zurückſtoßen erfolgte nicht, und kopfüber ſah ich mich auf einmal im See, oder ſah mich eigentlich nicht, denn ich hatte Augen, Ohren, Maul und Naſe voll Waſſer. Mit Mühe ſchaffte ich meinen Leichnam wieder ans Ufer und habe weder Muskete noch Enten je wieder geſehen.“ Er ſah mich dabei von der Seite an, zog den linken Mund⸗ und Augenwinkel etwas in die Höhe und machte da⸗ durch ein ſo ernſtkomiſches Geſicht, daß ich nicht umhin konnte in helles Gelächter auszubrechen. Der Himmel verſprach, wenigſtens für eine Zeit lang, günſtige Witterung, und da noch keine Ausſicht war daß Slowtrap urplötzlich in die Gebirge aufbrechen würde— er war furchtbar langſaͤm mit Allem was er vorhatte— be⸗ ſchloß ich, eine kleine Jagdpartie auf eigene Hand zu unter⸗ nehmen. Die Jagd auf der Nordſeite des Fluſſes war nicht ſo gut als die auf der Südſeite, da ſich auf dieſer weniger An⸗ ſiedelungen befanden, und ich beſchloß daher hinüberzugehen und dort mein Glück zu verſuchen. Dicht am Fluſſe, an der Südſeite deſſelben, wohnte ein junger Mann Namens Curly, der zwar in ſtarkem Verdachte wegen Pferdediebſtahls ſtand, jedoch ſonſt ein herzensguter Curly. 97 Kerl und ein ſehr guter Jäger war. Der kleine Fehler, daß er Pferdefleiſch ein wenig zu ſehr liebte, war mir ziem— lich gleichgiltig; mir ſtahl er keins. Ich ging an den Fluß, rief ein paar Mal mein ſchallen⸗ des Halloh! hinüber, und da er ein Canoe an der anderen Seite hatte, kam er bald und ſetzte mich über. Leicht war er zu bewegen ein paar Tage mit auf die Jagd zu gehen, nur wollte er ſich noch einige Proviſionen zurecht machen und dann ſogleich mit mir aufbrechen. Er wohnte in einem kleinen Blockhäuschen gerade am Fluſſe, rings von Wald umgeben und lebte, ohne auch nur einen Zoll breit urbar gemachten Landes um ſich zu haben, meiſten⸗ theils von der Jagd. Auch er war erſt kürzlich hierher ge⸗ zogen, und bewohnte mit ſeiner Frau, Mutter und Schweſter gemeinſchaftlich das kleine Blockhaus. Da er kein Mehl, um Brod zu backen, vorräthig hatte, mußte er ſchnell mahlen. Es war aber eine ſonderbare Mühle, auf der er anfing zu arbeiten, und ſah eher einem Mörſer als einer Mühle ähnlich. Leider wird aber dieſe Art ſehr häufig in Arkanſas gefunden. Ein geſunder Baumſtumpf, von dem der Stamm etwa 3 Fuß über der Erde abgehauen iſt, wird ausgebrannt und mit Feuer, Meiſel und Meſſer inwendig ſo glatt als nur irgend möglich, und ſoweit ausgearbeitet, daß er faſt einen Eimer Waſſer hält. Zu dieſer Höhlung wird ein, mit zwei Handgriffen verſehener Stößer von hartem Holze gefertigt, der, an einer ſchwingenden Stange befeſtigt, Aehnlichkeit mit Gerſtäcker, Streif⸗ u. Jagdzüge II. 7 98 Arkanſaniſche Mühle. unſeren Brunnen hat, wie man ſie häufig auf den Dör⸗ fern findet. Soll nun der Mais in Mehl verwandelt werden, ſo faßt der Stoßende die beiden Handgriffe, die ſich am Stößer be⸗ finden, und fängt an die Körner zu bearbeiten, wobei er blos niederzuſtoßen braucht, da die Stange an welcher der Stößer befeſtigt iſt, denſelben immer wieder in die Höhe zieht. Man kann ſich wohl leicht vorſtellen, daß dies eine ſehr langweilige und ermüdende Arbeit iſt, beſonders noch, da es zu jeder Mahlzeit vorgenommen wird, und man nur ſehr wenig auf einmal ſtoßen kann. Diejenigen bedienen ſich aber auch nur dieſes Mittels, Mehl zu bekommen, die zu arm ſind ſich eine Stahlmühle zu kaufen. Endlich hatten wir ungefähr ſoviel, als wir(im Fall wir nichts ſchießen würden) in ein oder zwei Tagen zu be— dürfen glaubten. Curly wickelte dann Alles was er mit⸗ nehmen wollte in ſeine wollene Decke, hing ſeinen Blechbecher und Tomahawk an die Seite, und fröhlich zogen wir hinein in die freie, herrliche Gottesnatur bis wir mit Dunkelwerden einen guten Lagerplatz erreichten. Nächſten Morgen, als kaum ein grauer Dämmerſtreifen im fernen Oſten den nahenden Tag verkündete, verzehrten wir unſer Frühſtück und fütterten unſere Hunde. Als die um⸗ liegenden Gegenſtände ſich deutlicher dem Auge zeigten, nahmen wir jeder unſere vorherbeſtimmte Richtung an und glitten in der Dämmerung leiſe und vorſichtig durch den ſtillen Wald. Nichts war zu erſpähen, doch hörte ich kurz vor Son⸗ Friſches Fleiſch. 99 nenaufgang den Krach von Curly's Büchſe, nach wenigen Minuten wieder, und nach einem zweiten Zwiſchenraume zum dritten Male. Ich ſtand lauſchend wohl eine Viertelſtunde ſtill, um zu erwarten ob ein aufgeſcheuchter Hirſch vielleicht bei mir vorbeifliehen würde, ſetzte jedoch, da ſich Nichts regte, meinen Weg wieder fort. Nicht lange war ich gegangen als ich, aufmerkſam um⸗ herſpähend, einen majeſtätiſchen Bock heranſchreiten ſah, der auf der Spur einer doe(Hirſchkuh) dahinging. Die Brunft⸗ zeit hatte begonnen, und die Hirſche zogen unſtät im Wald umher. Ich kroch leiſe in einem rechten Winkel, auf ſeine Marſchlinie zu, ihm den Weg abzuſchneiden, und auf 80 Schritt hinangekommen, rief ihn ich an. Er ſtutzte, und meine Kugel ſaß ihm auf dem Blatte. Nur wenige Sprünge noch und zuckend lag er auf dem gelben Laube. Mein Hund ſprang auf ihn zu, doch da er ihn ſchon ver⸗ endet fand, leckte er ihm blos die Schußwunde und legte ſich ruhig neben ihn nieder, ſeinen Theil der Beute erwartend. Ich ſtreifte den Hirſch ſchnell ab, nahm die Keulen, hing ſie an einen Baum und das Fell darüber her, ſchnitt meinem Hunde einige Stücken von dem Uebrigen herunter und ver⸗ folgte, das andere den Aasgeiern und Wölfen überlaſſend, meinen Weg.. Nicht hundert Schritt vor mir, an der anderen Seite eines kleinen Dickichts, fiel jetzt ein Schuß und ich ging darauf zu, um zu ſehen wer geſchoſſen habe. Es war Curly, der einen Truthahn erlegt hatte; er lag unter einem Baume und erzählte mir mit gar trauriger Miene, daß er einen Bock 7* 8* 8 100 Curly's Unglück. Das Gewitter. angeſchoſſen und, im Eifer der Verfolgung über die lockeren Steine, die die Hügel bedecken, ſich den Fuß dermaßen ver⸗ treten habe, daß er kaum von der Stelle könne und das an⸗ geſchoſſene Wild ſeinem Schickſale habe überlaſſen müſſen. Da wir ziemlich in einem Zirkel gejagt hatten und uns nicht mehr weit von unſerem Lagerplatze befanden, half ich ihm, ſo gut ich konnte, dorthin. Curly war aber die Luſt zum Jagen vergangen, und er machte ſich mit langſamen Schrit⸗ ten und mit Hilfe eines gewaltigen Stockes auf, ſein Haus ſobald als möglich wieder zu erreichen, um dort ſein Bein zu pflegen. Ich konnte mich indeß noch nicht von meinem neugefun— denen Jagdgrunde trennen, und beſchloß die Jagd allein fortzuſetzen, holte mir die aufgehangenen Keulen mit der Hirſchdecke zum Lager, richtete mich dort ordentlich ein, auch ſchlechterem Wetter allenfalls Trotz zu bieten, und legte mich dann ruhig zum Schlafen nieder. Um Nitternacht ungefähr weckte mich ein fürchterlicher Donnerſchlag, und gleich darauf begann mein Hund gräulich an zu heulen; dicht hinter mir ſtand eine Eiche in hellen Flammen. Blitz folgte jetzt auf Blitz, Schlag auf Schlag, und der ganze Wald ſchien in einem ſchwefelgelben Flammenmeer zu ſchwimmen. Da entluden ſich die Wolken und herunter ſtürzte das Waſſer in ſo gewaltigen Strömen, daß in einer halben Stunde der Bach, an dem ich lag, und in dem noch vor kurzer Zeit das Waſſer in einzelnen Lachen geſtanden hatte, toll und ſchäumend an mir vorbeibrauſte. Die Störung. 101 Von dem Augenblicke an ließ das Gewitter nach, und ordentlich, als wenn ſich der Sturm erſchöpft hätte, verſank wieder Alles in die alte Ruhe und Finſterniß; nur ſchwankten noch die Baumwipfel rauſchend aneinander, der Regen fiel ſtark und gerade herunter, und im Oſten blitzte und mur⸗ melte es noch immer mit verhaltenem, verbiſſenem Zorne. Meine aufgeſpannte wollene Decke zeigte ſich übrigens probat, denn trotz dem ziemlich anhaltenden Gießen wurde ich auch nicht im mindeſten naß und ſchlief bald darauf wieder ein. Gegen Morgen klärte es ſich wieder auf und ich hatte jetzt das herrlichſte Jagdwetter das man ſich nur wünſchen kann; war auch mit Tagesanbruch auf den Füßen, und um 10 Uhr ſchon hingen drei von mir erlegte Hirſche aufge⸗ brochen im Walde. Zwei von dieſen waren Böcke und das Fleiſch, der Brunftzeit wegen, ziemlich ſchlecht, der dritte aber, eine kleine Doe, war ſo fett und delicat, als ich je eine ge⸗ koſtet habe. Die nächſte Nacht wurde ich geſtört, und zwar durch meines Hundes wiederholtes Bellen und ſcharfes, ängſtliches Geheul. Meine Hand auf ihn legend, brachte ich ihn zum Schweigen, doch ſtanden alle ſeine Haare wie Borſten in die Höhe. Ich vermuthete Wölfe in der Nähe und lauſchte auf⸗ merkſam, hörte auch endlich deutlich in dem gefrorenen, raſchelnden Laube den leiſen, behutſamen Tritt eines ſchweren Thieres. Ich hatte das Feuer wieder angeſchürt und Kien, der in 102 Der nächtliche Beſuch. Maſſe dort umherlag, darauf geworfen, daß es hell auf⸗ loderte, und ſtellte mich nun zwiſchen das Geräuſch der Tritte und das Feuer, um den Schein der Augen meines nächtlichen Beſuches zu ſehen und danach zu ſchießen. Drei Mal zeig⸗ ten ſich mir zwei glühende Feuerballen, verſchwanden jedoch eben ſo ſchnell wieder und überzeugten mich dadurch, daß ich es mit einem Panther zu thun habe. Er ging mehre Male um das Feuer herum, doch nie nahe genug ſeine Geſtalt erkennen zu können, und in der ge⸗ ſpannteſten Erwartung brachte ich wohl eine halbe Stunde im Anſchlage zu, während mein Hund, dicht an meine Seite geſchmiegt, gleich mir mit ſeinen Augen und allen Sinnes⸗ werkzeugen dem Geräuſche folgte, das die Tritte des Thieres im raſchelnden Laube machten. Jedes Mal, wenn der Pan⸗ ther unter den Wind kam, ſtieß er dabei ein langes, klagen⸗ des Geheul aus. Die Beſtie ſchien nicht Muth genug zu haben den An⸗ griff zu wagen, und zog ſich leiſe zurück. Ich blieb indeſſen noch eine gute Viertelſtunde auf meinem Poſten, bis ſich ſelbſt mein Hund überzeugt hatte, daß Alles ſicher ſei, und ſich wieder hinlegte. Nun folgte auch ich ſeinem Beiſpiele, wickelte mich in meine Decke und war bald, wie er, ſanft eingeſchlafen. Es war ein grimmigkalter Morgen, und da ich Nichts an den Füßen hatte als ein Paar Moccaſins von dünnem Hirſchleder, ſelbſt nicht einmal Strümpfe oder Socken, ſo dachte ich eines Mittels, das ich einmal von einem alten Jäger gehört hatte. Ich badete nämlich meine Füße in dem — Der Klageruf. 103 eiskalten Waſſer des vorbeiſtrömenden Baches, trocknete ſie gut ab und zog die Moccaſins darüber. Solche Wirkung aber hatte dies Verfahren, daß ſie mir gleich nach dem Bade ordentlich glühten und auch den ganzen Morgen warm blieben. Mit Tagesanbruch war ich wieder auf und zog an dem kleinen Bache hinunter; das Gebüſch wurde aber immer ſtruppiger und dichter, und ſchon wollte ich wieder umkehren und über den Hügel hinüber an einem anderen Bache hinauf zurückjagen, als ich an meiner rechten Seite einen herrlichen Bock ruhig ins Dickicht ſchreiten ſah. Um ihm den Weg abzuſchneiden, da ich nicht ohne Grund vermuthete, daß er auf der anderen Seite wieder heraus⸗ kommen und den Hügel hinaufgehen würde, umſchlich ich daſſelbe ſchnell und geräuſchlos. In demſelben Augenblicke hörte ich das Klagen des Hirſches, auf eine herzzer⸗ reißende Art. Mein erſtes Gefühl war, vorwärts zu ſtürzen, und bei der erſten Bewegung, die ich zu dieſem Zwecke machte, flog Beargreaſe in wilder Eile dem Platze zu, ich beſann mich aber ſchnell eines Beſſeren; ein ſcharfer Pfiff feſſelte meinen gehorſamen Hund an die Stelle wo er ſich gerade befand, ein zweiter, ganz leiſer, brachte ihn an meine Seite zurück, und hinter einem dicken Baumſtamme verborgen, überlegte ich jetzt was zu thun ſei. Der Klagelaut kam von dem Hirſche, und nichts als ein Panther konnte ihm denſelben ausgepreßt haben. Hätte ihn nämlich ein Wolf angefallen, ſo wäre nicht ſo plötzlich Alles 104 Das Anſchleichen. ruhig geweſen, weil dieſer unmöglich einen Hirſch ſo ſchnell überwältigen kann. Nun hatte ich aber ſchon oft alte Amerikaner darüber reden hören, wie der Panther ſich auf ſeine Beute ſtürzt und ſie in einem Augenblick erwürgt, ſich dann vollfrißt und das Uebrige verſcharrt oder bedeckt und zu ſeinem Vorrathe ſpä⸗ ter zurückkehrt. Ich beſchloß alſo eine kurze Zeit zu warten, den Panther erſt ſicher zu machen, und dann wo möglich an ihn hinanzuſchleichen. Ich wußte damals noch nicht wie ſchwer es ſei einen Panther zu überliſten; doch war das Glück mir günſtig. Eine kleine halbe Stunde mochte ich wohl geſtanden haben, ehe ich glaubte den Verſuch wagen zu können, und leiſe und vorſichtig ſchlich ich dem Gebüſche zu, mein Hund, wohl wiſſend, was ich beabſichtige, ebenſo leiſe hinter mir her. Eben hatte ich den äußeren Rand des Dickichts erreicht und ſuchte ſcharf mit den Augen umher, den beſten Platz zu finden, ohne viel Geräuſch in das buſchige Holz eindringen zu können, als ich ein leichtes Raſcheln hörte. Mein Herz fing an zu klopfen, als ob es mir hätte die Bruſt zerhämmern wollen. In dem Augenblick theilten ſich aber auch die Büſche und die zwei dunkelen Augen des Pan⸗ thers ſchauten zu mir herüber. Es war nicht zu verkennen, daß er im erſten Augenblick nicht recht wußte was er aus mir machen ſollte. Doch dauerte die Ueberraſchung nicht lange. Ein Panther hat ein böſes Gewiſſen und vermuthet nicht mit Unrecht in jedem lebenden Weſen, das nicht gerade zu ſeiner Race gehört, einen Feind. Der Panther. 105 Daher leiſe zuſammenkriechend, ſchmiegte er ſich, kaum mehr als 15 bis 20 Schritt von mir entfernt, ins gelbe Gras; ich wußte nicht, ob zum Sprunge oder, wie ich wohl ver⸗ muthete, ſich zu verbergen. Doch auch ich war nicht müßig geweſen, und in dem Augenblicke als er ſich niederduckte, hatte mein Arm ſeine ganze Feſtigkeit erlangt; der Schuß krachte und hochaufſpringend ſtürzte das zum Tode getroffene Thier verendend zu Boden. Beargreaſe war im Nu auf ihm und ſchien mit abſon⸗ derlicher Wolluſt das Fell ſeines grimmigſten Feindes zu zerarbeiten; er nahm übrigens, noch manchen ſehnſüchtigen Blick auf den todten Gegner zurückwerfend, auf mein Geheiß die Fährte deſſelben auf, und bald kam ich zu der Stelle, wo der Bock war getödtet worden. Der Panther hatte ihn ganz mit Laub bedeckt, doch konnte ich das Fell nicht mehr gebrauchen, es war ganz zerſetzt. Ich ſtreifte jedoch den Panther ab und machte mich auf den Rückweg, mein Lager wieder zu erreichen, entſchloſſen, jetzt zum alten Slowtrap zurückzukehren und meinen Marſch in die Ozarkgebirge ſo⸗ bald als möglich anzutreten. Ich ſchnürte, dort angekommen, meine Felle mit Baum⸗ rinde zuſammen und hatte, obgleich ich nur ſehr wenig vom Fleiſche mitnehmen konnte, doch eine ziemliche Laſt, mit der ich gegen Abend in Curly's Wohnung anlangte. Da es ſchon zu dämmern anfing und ich nicht Luſt hatte in der Nacht über den Fluß zu gehen, eine halbe Stunde lang im Finſtern durch das Rohrdickicht zu kriechen und mir vielleicht 106 Curly’s Haus. Die Enten. die Augen aus dem Kopfe zu ſtoßen, blieb ich den Abend bei Curlys. Die kleine Familie deſſelben wohnte auch in einem ſehr kleinen Häuschen, in dem noch überdieß 2 mächtig große Bettſtellen, ein Tiſch und drei Stühle ſtanden. Ein paar Teller und Taſſen machten den ganzen Hausrath aus, und ein Loch in der Wand diente einem abweſenden Fenſter zur Entſchuldigung. Wir verbrachten übrigens den Abend höchſt angenehm. Curly wußte eine Maſſe Lieder, beſonders mehre komiſche irländiſche, die er ſehr nett ſang, und endlich vom Singen und Lachen, wie von der Anſtrengung des Tages ermüdet, ſtreckte ich, in meine Decke gehüllt, die matten Glieder am Kamine hin. Mit Tagesanbruch war ich am nächſten Morgen auf und konnte, da der Fluß bedeutend gefallen war, hindurchwaten, worauf ich bald an Slowtrap's kleiner Hütte anlangte und dort meine Felle aufſpannte. Slowtrap war mit der Büchſe fortgegangen wilde Enten zu ſchießen, die ſich an einem kleinen Flüßchen, das nicht weit von dort in den f. I. f. mündet, in ſolcher Menge aufhielten, wie ich ſie noch in meinem Leben nicht geſehen habe. Sie bedeckten ordentlich das Waſſer, und mit einer guten Dop⸗ pelflinte hätte man Unmaſſen erlegen können, da die ſteilen Ufer das Heranſchleichen ſo ſehr begünſtigten, und Niemand auf mehr als 20 bis 30 Schritt zu ſchießen brauchte. Meinen Alten nicht weit entfernt glaubend, nahm ich meine Büchſe und ſchlenderte am Rande des Waſſers hin. — Die Enten. 107 Plötzlich ſah ich dicht vor mir, auf höchſtens 15 Schritt, eine ganze Kette Enten ruhig ſchnatternd auf dem Waſſer umherſchwimmen; ſie ſaßen zu verführeriſch nahe, ich hob die Büchſe und ſchoß der größten von ihnen den goldgrün ſchim⸗ mernden Kopf weg, dann lud ich wieder, fiſchte meine Beute heraus und wollte eben weiter am Flüßchen hinauf gehen, als ich Slowtrap's Büchſe, wohl eine Meile entfernt, krachen hörte. Das war mir doch zu weit, ich nahm alſo meinen Enterich beim Kragen und ging heim.— Heim? wo hatte ich denn meine Heimath? Dort, wo ich mich den Augenblick befand, wo ich mein Rindendach er⸗ richtet, meine Decke ausgeſpannt, oder nur mein Feuer ange⸗ zündet, war meine Heimath; dort, wo mich das gaſtliche Haus eines Farmers oder Jägers aufnahm, mein Vaterland und Vaterhaus; weiter hatte ich keins, und ſchon der nächſte Morgen fand mich vielleicht wieder, mit all meinen Habſelig⸗ keiten auf dem Rücken(ich hatte wenigſtens nicht ſchwer zu tragen), einen neuen Jagdgrund und mit ihm eine neue Heimath aufzuſuchen. Ich ging alſo heim, beſſerte meine alten moccasins noch einmal aus, und ſchnitt mir aus einem neuen gegerb⸗ ten Fell das ich beſaß, zugleich ein Paar neue aus, denn einen langen Marſch würden die alten doch nicht mehr ausge⸗ halten haben. Unter der Zeit wurde es dunkel, und mein Alter kam mit 7 Enten zu Hauſe, von denen er dreien den Kopf abgeſchoſſen hatte. Nachdem Slowtrap ſichs bequem gemacht, d. h. Hut, Büchſe und Kugeltaſche abgelegt, Schuhe und Strümpfe, die 108 Slowtrap's Heimkehr. naß geworden waren, ausgezogen und einige Stücke kalten Truthahns, nebſt der gehörigen Quantität Maisbrod und gekochten Kürbis zu ſich genommen hatte, ließ er ſich behag⸗ lich auf einen Seſſel, mit den Füßen gegen das Feuer hin, nieder, und fing an, von ſeinem Sitze einen Span abſchnei⸗ dend, ſich ſehr ſelbſtzufrieden die Zähne zu ſtochern— das ſicherſte Zeichen auf der Welt, daß er ſich behaglich befand. Well, what's the news*)? waren die erſten Worte, welche er hören ließ, nachdem er ſchon faſt ¼ Stunde in der Stube ſaß. Da die Antwort nicht ſehr befriedigend ausfiel, entſtand wieder eine lange Pauſe, bis es endlich ganz dunkel wurde und ich ein tüchtiges Feuer im Kamine angefacht hatte. Seine Frau brachte uns dann etwas Milch und Brod, von dem er wieder einen ganz anſtändigen Theil zu ſich nahm, und nun endlich begann er aufzuthauen und von ſeinem Jagd⸗ glücke zu erzählen, wie er 11 Mal geſchoſſen und ſein Ge⸗ wehr 27 Mal geſchnappt hätte(eine Eigenſchaft, die der guten, mit einem höchſt zweckwidrigen Steinſchloſſe ver⸗ ſehenen Büchſe eigenthümlich war), doch hatte er 7 Enten mit nach Hauſe gebracht und ebenfalls eine friſche Panther⸗ fährte geſehen. Der Panther war von einem Baume, wahr⸗ ſcheinlich durch ihn verſcheucht, heruntergeſprungen und entwiſcht. Er beſah mein Pantherfell aufmerkſam und meinte, daß ſich eine Maſſe der Beſtien dort herum aufhielten, daß aber *) Gut, was giebt's Neues? Der weibliche Panther. 109 in Kentucky früher doch mehr als noch einmal ſoviel ge⸗ hauſt hätten. „Es war im Herbſt“ fing er an, indem er ſeinen ausge⸗ kaueten Tabak in das Feuer ſpie und ein neues Stückchen in den Mund ſchob,„es war im Herbſt, in der Brunftzeit in Kentucky, damals, als noch ein Jäger ſeine 5— 6 Hirſche vor dem Frühſtück ſchießen konnte, und ich war vor Tages⸗ anbruch hinausgegangen, hatte zwei herrliche Böcke erlegt und war einem dritten ſchon über eine halbe Meile nachge⸗ ſchlichen, als dieſer mich plötzlich witterte und ſich ſchleunigſt empfahl.“ „Von der Anſtrengung ermüdet und, da mich ein ſchänd⸗ licher Panther, der immer um mich herum heulte und mehre Male dem Feuer ſo nahe kam daß ich für einen Augenblick die Umriſſe ſeiner Geſtalt erkennen konnte, nie aber lange genug hielt, ihm eine Kugel ſicher zuzuſenden, die vergan⸗ gene Nacht faſt keinen Augenblick hatte ſchlafen laſſen, warf ich mich unter einen Baum, um ein klein wenig zu ruhen und meine Jagd dann weiter fortzuſetzen. Gegen meinen Willen fielen mir bald die Augen zu, und ich kann nicht ſagen wie lange ich wohl ſo gelegen haben mag, als ich, halb im Traume, ein ſtarkes Geräuſch in den dürren Blättern, die mich dicht umgaben, hörte und mich gleich darauf von denſelben überſchüttet fühlte, ſo daß ich in wenigen Minuten ganz und gar bedeckt war. Ueberraſchung erſt, dann Ahnung einer Gefahr, die ich ſelbſt nicht recht begriff, hielten mich be⸗ wegungslos am Boden, den Ausgang ruhig abzuwarten. Ehe ich übrigens noch zu einem feſten Entſchluſſe kommen 110 Der weibliche Panther. konnte, hörte ich Etwas leiſe davongehen, und vorſichtig den Kopf erhebend, konnte ich gerade noch die Geſtalt eines Panthers erkennen, wie er in ein Dickicht hineinſchlüpfte. „Meine erſte Bewegung war, aufzuſpringen und friſches Pulver auf die Pfanne zu ſchütten, da ich aber die Beſtie nicht mehr ſehen konnte, jedoch ſicher genug war daß ſie wie⸗ der zurückkehren würde, beſchloß ich, Liſt mit Liſt zu beſiegen. Hatte mich doch die Canaille richtig für ein Stück Proviant angeſehen und hier, für eine nächſte Mahlzeit ſauber einge⸗ ſcharrt. Die Idee wollt ich ihm übrigens verſalzen. Das Stück eines heruntergebrochenen Aſtes, das unfern von dort lag, ſchleppte ich an meiner Statt auf die Stelle, wo ich ge⸗ legen hatte, und bedeckte dieſes ſorgfältig wieder mit dem trockenen Laube. Dann band ich mir meine Büchſe auf den Rücken und kletterte eine kleine Eiche hinan, geduldig das Ende des Abenteuers zu erwarten. Meine Büchſe war in Ordnung und mit Herzklopfen ſah ich der Rückkehr des Pan⸗ thers entgegen, der jeden Augenblick erſcheinen konnte.“ 4 „Ungefähr eine halbe Stunde mochte ich ſo dageſeſſen haben, meine Augen feſt auf den Platz geheftet wo er ver⸗ ſchwunden war, als ſich die Zweige bewegten und der, wie es ſich jetzt auswies, weibliche Panther, von zwei Jungen begleitet, zurückkehrte; denn keinem Zweifel war es mehr un⸗ terworfen, daß es die alte Pantherkatze geweſen war, die mich dort für ihr Adendeſſen aufbewahrt hatte.“ „Die Rechnung war übrigens ohne den Wirth gemacht worden, und ich wollte nur jetzt gern wiſſen, was ſie wohl. Der weibliche Panther. 111 angeben würde, blieb daher ruhig und unbeweglich im Baume ſitzen, die Büchſe jedoch ſtets im Anſchlage haltend.“ „Bis auf etwa 15 Schritt von dem Platze, wo ſie mich, gut zugedeckt, zurückgelaſſen hatte, ſchlich ſie mit geräuſch— loſen Schritten, kauerte ſich nieder, die grünen Augen feſt auf meinen verſteckten, unſchuldigen Holzklotz gerichtet, und ſich mit gewaltigem Sprunge plötzlich auf ihn ſtürzend, um⸗ klammerte ſie denſelben, die ſcharfen Fänge feſt in das faule Holz einſchlagend.“ „Ich ließ ſie nicht lange in Zweifel; in dem Augenblick, als ſie ſich getäuſcht ſah und ganz verdutzt in derſelben Stel⸗ lung blieb, zerſchmetterte meine Kugel ihr das Hirn, und lautlos brach ſie auf ihrer vermeintlichen Beute zuſammen. Die Jungen erlegte ich dann mit leichter Mühe.“ Er hatte kaum geendet, als die Hunde wie wüthend draußen anſchlugen, und zu gleicher Zeit ſprangen wir beide auf, zu ſehen was es gebe. Es war ein Nachbar von der anderen Seite der Berge, Namens Collmar, der mit ſeinem„Halloh!“ die Hunde zu überſchreien verſuchte. „Begone, begone, damn you!“*) und einige andere freundliche Redensarten brachten die Hunde endlich zur Ruhe, und ein freundliches,„light, light,“**) den alten Collmar in unſere Mitte an das Feuer. 3 Ich ging hinaus und nahm den Sattel ab, welchen ich *) Fort, fort, verdamm euch! **) Steigt ab, ſteigt ab! 112 Einladung zum Hausbau. in dem Hauſe unter das Bette legte, band dann das Pferd mit dem Zügel an einen jungen Baum, ſchob ihm einen roh ausgehauenen Trog hin, den ich mit Mais füllte, und bald bewies ſein herzhaftes Kauen, daß es mit der Behandlung vollkommen einverſtanden war. Collmar war über die Berge gekommen, um uns zum Aufrichten eines neuen Hauſes einzuladen. Er hatte die Baumſtämme ſchon alle zum Platze, wo er ſeine neue Woh⸗ nung aufrichten wollte, hingefahren, und rief nun nach amerikaniſcher Sitte die Nachbarn zur Hilfe, die ſchweren Stämme mit heben zu helfen. Slowtrap war ſein zweitnächſter Nachbar, er wohnte 9 Meilen von dort, der nächſte war 8 Meilen von ihm entfernt. Ich verſprach auf jeden Fall zu kommen, doch konnte mein Alter es noch nicht recht gewiß verſprechen, denn erſtens war es gegen ſeine Grundſätze bis zum weiten Tage etwas feſt zu beſtimmen, und zweitens befanden ſich auch ſeine Fral und das jüngſte Kind nicht recht wohl. 3 Mit verſchiedenen Erzählungen und Anekdoten verkürzten wir uns den Abend und warfen uns endlich, ſchläfrig gewor⸗ den, auf die Decken. Collmar brach mit früher Dämmerung auf, um noch zum nächſten Tage mehre Vorbereitungen zu treffen, und ich nahm meine Büchſe, einen Truthahn zu ſchießen, und ſchlenderte mit meinem Hunde langſam in den Wald. Noch keine halbe Meile vom Hauſe entfernt, jagte auch ſchon Beargrease einen Gang in die Bäume; doch war der Der Truthahn. 113 Wald ſo dicht und verwachſen, daß, ehe ich hinlaufen konnte, um zu ſehen, in welche Bäume ſie geflogen, jene ſich ſchon ſo an die Zweige und hinter dieſelben(eine gewöhnliche Liſt der Truthühner) verſteckt hatten, daß auch von keinem mehr die Spur zu erkennen war. Ich pfiff alſo meinem Hunde, und warf mich unter einen Baum, die Zeit abzuwarten in der ſie, ſich ſicher glaubend, einander locken würden um wie⸗ der zuſammenzukommen. Nicht ſehr lange hatte ich geſeſſen, als überall der Lock⸗ ton laut wurde und, mir gerade gegenüber, ungefähr 100 Schritte entfernt, ſich langſam ein mächtig großer Trut⸗ hahn auf einem Zweige in die Höhe hob, wo er, von mir unbemerkt, die ganze Zeit gekauert hatte. Ohne zu verſuchen näher an ihn hinanzuſchleichen, erhob ich mich, zielte, und der Truthahn flatterte verwundet vom Baume. Aber ſolch ein Dickicht war dort, daß ich ihn wohl ſchwerlich bekommen hätte, wenn ſich Beargrease, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit vom Lauſe meiner Büchſe auf den Vogel und wieder urückgeſchaut, nicht jetzt mit wahrer Todesverachtung in die Dornen und Schlingpflanzen, in die der Verwundete zur Erde fiel, geſtürzt hätte. Der Trut⸗ hahn aber, deſſen Sturz durch wilde Weinranken gemildert war, hatte kaum den Boden berührt, als er mit ſchnellen Schritten in das Rohrdickicht verſchwand, aber nicht ohne meinen treuen Hund jauchzend und bellend auf der Fährte zu haben. Als ich, durch das dichte Rohr brechend, den Wahlplatz erreichte, bot ſich meinen Blicken ein höchſt intereſſanter 3 Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 8 Nordwind hatte ſich unter der Zeit erhoben, und da ich in 114 Ritt nach Collmar's Hauſe. Kampf dar. Mein Hund war noch jung, der alte Truthahn aber ein Burſche von 20 bis 22 Pfund, und da Beargrease wußte, daß er ihn nicht beſchädigen durfte, ſo verſuchte er immer nur ihn mit den Pfoten niederzuhalten. Dazu war er aber dem ſtarken Vogel nicht gewachſen; dieſer, nur leicht am linken Flügel geſtreift, raffte ſich immer wieder empor, wurde aber ſtets wieder im Nu von Beargrease erwiſcht und niedergeworfen. Nachdem ich lange genug zugeſehen, machte ich dem Kampfe dadurch ein Ende, daß ich mit meinem ſchweren Meſſer den Kopf des Truthahns abſchlug und mit ihm heimzog. Dort angekommen ſattelte ich Slowtrap's alten Poney, um noch denſelben Abend Collmar's Wohnung zu erreichen, und trat, Beargrease zurücklaſſend, den Weg über die Ge⸗ birge an.— Die Berge und Flüſſe an der Südſeite des Arkanſas laufen faſt alle, wie der letztere Fluß, von Weſten nach Oſten, dabei haben die Gebirge eine ganz eigene Bildung. Die „backbone ridge,“ oder die Mittelreihe, iſt die höchſte, und gewöhnlich ſind noch an jeder Seite 2— 3 kleinere Berg⸗ rücken, die mit der Hauptreihe parallel laufen, ſich aber immer mehr und mehr gegen das Thal zu abdachen. Alle die kleinen Flüſſe, die ſich auf dieſer Seite in den Arkanſas ergießen, als petit Jean, fourche la fave, Washita ꝛc,, haben dieſe Art von Gebirgen zwiſchen ſich. 8 Aufmerkſam nach Wild umherſpähend, ritt ich langſam die ſteilen Abhänge bald hinauf, bald hinunter. Ein ſcharfer Der Fuchs. 115 Hemdsärmeln war(ich hatte mein Jagdhemd bei Slowtrap gelaſſen), fror mich ein wenig, doch wollte ich meine wollene Decke, die auf dem Sattel lag, immer noch nicht umhängen, als ich plötzlich an der anderen Seite eines kleinen Baches, am Abhange eines Hügels, einen Fuchs bemerkte, der vor⸗ ſichtig nach mir herüberſah. Langſam erhob ich mich im Sattel, legte an, und die Kugel pfiff hinüber, doch war ich von der kalten Luft ſo durchfroren, daß mir die Hand zitterte und ich ihn gänzlich fehlte. Nach dem Knall, und als ſich der Rauch verzogen hatte, war der Fuchs verſchwunden. Ich ſprang vom Pferde und ging dem Platze zu wo er geſtanden hatte, um zu ſehen, ob irgend ein Zeichen meiner Kugel zu finden ſei. Ich konnte aber nichts entdecken, blieb alſo, die Büchſe wieder ladend, auf der Stelle ſtehen und kehrte dann langſam zu meinem Pferde zurück, das unter der Zeit ruhig graſ'te. Mit dem linken Fuße in den Steigbügel tretend und das rechte Bein über den Sattel werfend, ſchaute ich jetzt noch einmal nach der eben verlaſſenen Stelle zurück; wer beſchreibt aber mein Erſtaunen, als ich den verwünſchten Fuchs wieder auf derſelben Stelle ſtehen ſah, und zwar ſo unbekümmert, als ob gar nichts vorgefallen ſei. Diesmal mußte ich, um ſchießen zu können, mein Pferd herumreißen, und der Fuchs drehte ſich zur Flucht. Ich pfiff ſtark und einen Augenblick blieb er ſtehen, ſich umzu⸗ ſchauen was es gäbe. Ehe ich aber abdrücken konnte, eilte er ſchon wieder in einem langen Trabe dem Dickicht zu, jedoch nicht ſchnell genug, daß ihn meine Kugel nicht doch erreicht hätte. Ein Sprung den er machte, zeigte mir daß er ge⸗ 8* 116 Der Fuchs. troffen ſei, und mich raſch vom Pferde werfend, eilte ich ihm nach. Wie er mich durch die Büſche raſcheln hörte, blieb er ſtehen, um zu horchen, ſo daß ich dicht an ihn hinankam. Die Kugel hatte ſeinen linken Hinterlauf zerſchmettert, und Alles von mir werfend, was mich im Laufen hinderte, blieb ich ihm dicht auf den Ferſen. Er rannte, den abgeſchoſſenen Lauf hinterherſchleifend, am Hügel hin und näher und näher kam ich an ihn heran, endlich, als er einſah, daß er mir auf dieſe Art nicht entgehen konnte, wandte er ſich den Hügel hinauf. Mir war aber der Athem unter der Zeit ausgegangen, denn wir mochten wohl eine halbe Meile gelaufen ſein, und ich mußte ſtehen bleiben, wo ich ihn bald aus den Augen verlor. Ermüdet und ſehr erhitzt, marſchirte ich zu meinem Pferde zurück, auf dem Rückwege alle weggeworfenen Gegen⸗ ſtände, als Büchſe, Mütze, Kugeltaſche und Pulverhorn, wieder ſammelnd, lud mein Gewehr, wickelte mich in meine Decke, und den geduldig harrenden Gaul beſteigend, war ich bald auf dem höchſten Gipfel des trennenden Bergrückens, der die Waſſer des f. l. f. und ſeines linken Armes von ein⸗ ander ſchied. 1 An der Südſeite des Berges, dem Laufe eines kleinen Baches folgend, ritt ich hinunter und erreichte nach etwa anderthalb Stunde den Bauplatz des alten Collmar, der mit zwei früher Gekommenen beſchäftigt war, noch mehr der Stämme zuzuhauen. Der Grund zum Hauſe war ſchon gelegt, auch die Die⸗ len behauen, und nach und nach verſammelten ſich noch einige Collmar's Wohnung. 117 Nachbarn mit ihren Büchſen und Hunden, ſo daß in kurzer Zeit der ganze Platz lebendig von Lachenden und Erzäh⸗ lenden war. Wie es dunkel wurde, hobbelten wir unſere Pferde an einem kleinen Schilfbruche aus, ſchütteten ihnen auf einem trockenen Platze etwas geſchälten Mais hin, und kehrten zu Collmar's Camp oder Schuppen, in welchem dieſer mit ſeiner Familie wohnte, zurück. Es war unterdeſſen ziemlich dunkel geworden und als wir in das ſonderbare Gebäude eintraten, bot ſich ein gar wildes Gemälde unſeren Blicken dar. Das Ganze war eine, aus geſpaltenen Bretern zuſam⸗ mengenagelte Hütte,(dieſelben in der ich früher einmal zwei Tage krank gelegen) die in der Mitte durch hölzerne Gabeln geſtützt war, und an deren einer Seite drei rohgearbeitete Bettſtellen, an der anderen ein Webeſtuhl und zwei Baum⸗ wollen-Spinnräder ſtanden. Das ganze Gebäude mochte ungefähr 50 Fuß lang und 20 Fuß breit ſein, hatte aber natürlich keinen anderen Fußboden als den, welchen Gott der Herr der umliegenden Gegend ebenfalls gegeben. Büchſen waren an verſchiedenen Orten angebracht und in einer Ecke lagen mehre Sättel; drei Paar Hirſchſchinken zierten den einen Winkel der Wohnung, während getrocknete Kürbiſſe, auf Stangen gereiht, den Himmel dieſes Para⸗ dieſes bildeten. In der einen Ecke der wahrhaft charakteriſtiſchen Woh⸗ nung lagen ungeheuere Klötze aufgehäuft, die, in voller Gluth ſtehend, die Flamme faſt bis an die glänzend ge⸗ 118 Collmar's Wohnung. ſchwärzten Breter aufſandten und es mehre Male nöthig machten, daß wir einen Eimer Waſſer hinaufwarfen, die glühenden zu löſchen. Das hinaufgegoſſene Waſſer ſtürzte dann natürlich in das Feuer zurück, den ganzen Raum mit einem feinen Aſchenregen füllend. In der Gluth der Flammen ſtanden Bratpfannen, Töpfe und alle mögliche andere Geſchirre, und ſeitwärts, an einer Stange, ſchmorte ein fetter Truthahn, neben dem von der Decke herab, an gedrehter Baumrinde, ein fettes Opoſſum hing. Trotz meinem längeren Aufenthalt aber zwiſchen Leuten, die leidenſchaftlich gern dies letztere Geſchöpf verzehrten, habe ich mich nie mit dem Rattenkopf und Schwanz und den, mit faſt menſchlichen Fingern verſehenen Klauen deſſelben befreun⸗ den können. Ebenſowenig trugen ſeine ſonſtigen känguruh⸗ artigen Eigenſchaften in Hinſicht der Jungen, die es noch lange nach der Geburt in einem Beutel mit ſich führt, dazu bei, meinen Appetit auf dieſes liebe Thier zu vermehren. Die Proſpecte eines Abendeſſens waren übrigens für ſolch hungrigen Magen als ich hatte, einladend genug, hätte nicht ein anderer, viel intereſſanterer Gegenſtand meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen. Es war dies der Handel von zwei alten Jägern um eine Kuh. Doch, ehe ich auf dieſen weiter eingehe, will ich verſuchen die Perſonen, welche die Hütte erfüllten, etwas näher zu beſchreiben. Collmar's Frau, eine große, ſtarke Figur, etwa 34 — 35 Jahre alt, mit ihren zwei Töchtern von 10 und 14 Jah⸗ ren, bildeten das weibliche Perſonal und waren emſig um das Feuer herum beſchäftigt, bald mit einem ungeheuer lang⸗ Collmar's Wohnung. 119 beſtielten Löffel die Fleiſchſcheiben in den Pfannen umkeh⸗ rend, bald den Truthahn und das Opoſſum mit Fett begie⸗ ßend, während 4 oder 5 kleine Geſtalten mit Blechbechern voll Milch in der einen und einem Stück Maisbrod in der anderen Hand, ſich ziemlich dicht um das Feuer herum⸗ drängten, mit offenen Mäulern die Neuangekommenen an⸗ ſtarrend*). 2 Unſere Wirthin machte uns aber, die Kinder zu Bette ſchickend, Platz, und bald ſaßen wir in weitem Kreiſe behag⸗ lich um ein Feuer herum, von dem ſich ein Europäer keinen Begriff machen kann, ausgenommen er denkt ſich eine Klaf⸗ ter Buchenholz, in einer Ecke der Stube liegend, in hellen Flammen. Die Töchter waren kleine gedrungene Geſtalten, aber fett und geſund, und eine blühende Geſichtsfarbe erſetzte das, was ihnen ſonſt vielleicht an Schönheit abging. *) Ein amerikaniſcher Dichter hat in einem kleinen Scherz„travel- ling in the west;“(Reiſen im Weſten), eine ſolche Scene gar nicht übel beſchrieben. The stranger stoops, to enter in, The entrance closing with a pin, And manifests a strong desire To seat him by the log-heap frre, Where half a dozen Hoosheroons, With mush and milk, tincups and spoons, White heads, bare feet and dirty faces, Seem much enclined, to keep their places; But Madam, anxious to display Her rough and undisputed sway Her offspring to the ladder leads And euffs the youngsters to their beds. etc. 120 Der Kuhhandel. 6 Die beiden, bei weitem intereſſanteſten Figuren, um die wir uns jetzt herumgelagert hatten(denn es waren in der letzten halben Stunde wohl noch ſechs oder ſieben Nachbarn hinzugekommen), waren jedoch die zwei ſchon erwähnten alten Anſiedler und Jäger, von denen jeder eine von ſeinen Kühen gegen die des anderen vertauſchen wollte, und die nun, an⸗ ſtatt ihre eigenen Kühe zu loben, um einen guten Handel zu machen, den entgegengeſetzten Weg einſchlugen und einander ihr gehörntes Eigenthum ſo ſchlecht machten, daß ſich die Kälber hätten ſchämen müſſen. Die verſchiedenen Wendungen die das Geſpräch dabei nahm, nur immer wieder der anderen Kuh neue Schlechtig⸗ keiten nachzuſagen und durch die Umhergelagerten zu beweiſen, würden einer deutſchen Kaffeegeſellſchaft Ehre gemacht haben. Nachdem ſie ſich endlich durch ſtundenlanges Aufzählen der Mängel und Fehler ihres gehörnten Eigenthums, die Anklagen, die ſie vorbrachten ſelbſt eingeredet hatten, ſchwuren ſie beide, daß ſie des Anderen Kuh nicht umſonſt haben möchten, und gaben ſogar nicht undeutlich zu ver⸗ ſtehen, daß ſie, im Fall eines der guten Thiere krepiren ſollte, ſelbſt an der Güte der Haut zweifelten. Die Frauen, die den roh gearbeiteten Tiſch in die Mitte gerückt und Klötze, Seſſel und Kaſten als Sitze um ihn herumgeſtellt hatten, machten jetzt dem Handel ein Ende, in⸗ dem ſie das Eſſen auftrugen, und die längſt erwarteten, längſt erſehnten Töne„supper is ready“(Abendeſſen iſt ange⸗ richtet) ſchlugen wie Sphärenmuſik an unſer Ohr. hahn⸗, Hirſch⸗ und Schweinefleiſch, Opoſſum, Maisbrod Trut⸗ Abendeſſen. 121 und das Labſal des weſtlichen Jägers, Kaffee, machten die Beſtandtheile des Mahles aus, die ſich auch mit ordentlich furchtbarer Schnelle verminderten, bis nur noch von dem Opoſſum die Knochen, vom Brod die Erinnerung, vom Trut⸗ hahn das Gerippe und vom Kaffee der Satz übrig war. Einer nach dem Anderen ſtand jetzt geſättigt vom Tiſche auf und die Frauen, die kluger Weiſe etwas für ſich zurück⸗ behalten hatten, ſetzten ſich nieder. Dies iſt eine der weſtlichen Sitten, die mir immer miß⸗ fallen hat, daß die Frauen nämlich ſtets nach den Männern, und zwar von den ungewaſchenen Tellern derſelben eſſen. Höchſtens ſitzt die Frau vom Hauſe, den Kaffee oder Thee einſchenkend, mit am Tiſche. Eine andere Sitte, die mir aber mehr zuſagt, iſt die, daß die Amerikaner, ohne die mindeſte Rückſicht auf die noch Sitzenbleibenden zu nehmen, oder ohne auch nur daran zu denken, das nichtsſagende„Geſegnete Mahlzeit,“ oder „Wünſche wohl geſpeiſt zu haben“ herzuplappern, wenn ſie geſättigt ſind aufſtehen und fortgehen. Nach dem Eſſen lagerte ſich Alles in bunten Gruppen umher, doch machte die Jagd, die Weide, das erſt kürzlich in der Gegend vermeſſene Land, und zuletzt gar noch Religion, die Hauptunterhaltung aus, wobei das Geſpräch beſonders hitzig wurde, da ſich einige Methodiſten, Baptiſten, Presbyterianer und auch mehre höchſt ungläubige Chriſten dabei befanden. Glücklicher Weiſe gab noch der Whiskey dem Geſpräch eine andere Wendung, nach welchem Collmar ſeinen älteſten Sohn, einen Burſchen von etwa 15 Jahren, über die Berge 4 122 Whiskey. Der zahme Bär. nach einem 10 Meilen entfernten Laden geſchickt hatte, und der erſt jetzt mit 2 großen Krügen(jeder etwa vier Flaſchen haltend) zurückkam. Alte Jagdgeſchichten, Gefechte und nächtliche Ueberfälle der Indianer ꝛc. verkürzten uns ſchnell die Zeit, während der Whiskey luſtig im Kreiſe herumging. Beſonders amüſirte die alten Bärenjäger die Erzählung eines Mannes, der erſt kürzlich von Nordkarolina gekommen war und einen gar traurigen Bericht von der Jagd in dieſem Staate gab. Um aber auch dort einmal eine Bärenjagd zu halten, hatten mehre Farmer vor wenigen Jahren einen zah⸗ men, zweijährigen Bären losgelaſſen, ihm eine halbe Stunde Vorſprung gegeben und waren dann mit Hunden und Pfer⸗ den hinterhergehetzt. „Der Bär,“ erzählte der Farmer,„nahm richtig ſeinen Weg in die Gebirge, und mit lautem Halloh folgten wir, bis ihn die Hunde endlich, nach etwa anderthalbſtündigem Rennen, einholten und auf einen Baum jagten.“ „Es lag nicht in unſerem Plane ihn umzubringen, auch hatte Keiner von uns eine Büchſe mit, da aber etwa eine halbe Meile von dort entfernt ein Haus war, ſprengte ich dahin und holte eine Art, den Baum umzuhauen und Pätzen wiederzubekommen.“ „Mit neugierigen Augen beobachtete dieſer von oben herab den unten Hauenden, bekam aber erſt eine Ahnung ſeiner Gefahr, als der Baum krachte und mit fürchterlichem Praſſeln niederſchlug.“ „Wir warfen uns jetzt mit den unden auf den halb Der zahme Bär. 123 Betäubten und banden ihn, um ihn wieder mit zurückzuneh⸗ men. Die Mehrzahl ſtimmte indeß für eine zweite Jagd, die Hunde wurden daher gekoppelt, der Bär wieder los⸗ gelaſſen und nach einer Weile ging die Hetze von Neuem los.“ „Diesmal dauerte es länger, da der Bär durch einen kleinen Fluß ſchwamm und wir, um nicht naß zu werden, eine Viertelmeile an demſelben hinaufreiten mußten, eine kleine Brücke zu erreichen. Dadurch gewann er ein langes Stück Wegs Vorſprung. Endlich jagten ihn die Hunde zum zweiten Male auf eine ſehr ſtarke Fichte, und unter dem Baume angekommen war wirklich guter Rath theuer, denn Keiner wußte, wie wir den Bären wieder herunterbekommen ſollten.“ „Wir waren jetzt mehre Meilen von irgend einem Hauſe entfernt, hatten auch die Axt vergeſſen mitzunehmen und gar ſicher ſaß diesmal der ſchwarze Burſche auf ſeiner, für uns unzugänglichen Höhe. Trotz dem bezeigte er ſich aber ſehr unruhig und ſchaute bald auf einer, bald auf der anderen Seite der Fichte herunter, die die Hunde winſelnd und heulend umſprangen. Das brachte einen alten Virginier, der bei uns war, auf eine neue Idee. Er ſprang ein paar Schritte vom Baume hinweg, wo viele„pine knots“(die ſchweren Kienäſte der Fichte, die, wenn auch das übrige Holz um ſie herum verfault, doch unverſehrt bleiben) lagen, ergriff einen der längſten und ſchwerſten und ſchlug, zum Baume zurückkehrend, ein paar Male mit aller Gewalt an den⸗ ſelben.“.. „Er hatte nicht nöthig ſein Experiment viele Male zu 124 Das Hausaufſetzen. wiederholen, denn ſchon beim erſten Schlage war der Bär wie elektriſirt zuſammengeſchreckt, und beim zweiten und dritten kam er mit Blitzesſchnelle an der rauhen Rinde der Fiſch herunter, mitten zwiſchen die Hunde hineingefahren, die ihn jauchzend bedeckten.“ Er glaubte jedenfalls der Baum werde wieder umfallen, und dachte gar nicht daran einen zweiten ſolchen Sturz abzuwarten. „Wir banden ihn nun wieder und nahmen ihn mit nach Hauſe, wo er noch ein paar Jahre herumlief, bis er endlich merkwürdig fett und geſchlachtet wurde.“ Der Nordkaroliner endete ſo ſeine Erzählung, und viel wurde über die Angſt gelacht, die das arme Thier vor einem zweiten Sturze gehabt hatte. Erſt ſpät wickelten wir uns in unſere Decken und ſchliefen, auf den kalten Boden hinge⸗ ſtreckt, ſanft und ruhig, um nur dann aufzuwachen, wenn vielleicht Einer, um einmal zu trinken, aus dem hinteren Raume des Camp aufſtand und über die weiter nach vorn Liegenden hinausſtolperte. Man konnte ſich gratuliren wenn der Stolpernde nur Maccaſins trug. Mit Tagesanbruch waren wir auf und rüſteten uns, den neuen Hausbau zu beginnen. Ein tüchtiges Feuer wurde an Ort und Stelle angemacht, Hände und Füße zu erwär⸗ men, und bald war Alles in Gang. An jeder Ecke des aufſteigenden Hauſes ſtand Einer der Männer mit einer Axt, um die Endſtücken zu beſchlagen und aufeinander zu paſſen, und wir anderen, ſieben an der Zahl, mußten die behauenen, aber ſehr ſchweren Fichtenſtämme hinaufreichen, was beſonders dann, als es höher hinauf ging, Rückkehr zu Slowtrap. 125 keine Kleinigkeit war. Doch wiſſen die Amerikaner bei dieſer Arbeit eine ſolche Menge Handgriffe, daß Schwierigkeiten dabei überwunden wurden, die ich oft für kaum ausführ⸗ bar hielt. Gegen Abend hatten wir das Haus bis unter das Dach fertig, und da es ein wenig zu regnen anfing, wodurch die Blöcke zu ſchlüpfrig wurden darauf zu ſtehen, mußten wir die Beendigung deſſelben auf trockenes Wetter hinaus⸗ ſchieben. Dieſe Nacht blieben wir noch bei Collmar, machten uns aber am nächſten Morgen, nach einem ſehr frugalen Früh⸗ ſtück(wir hatten dem armen Teufel faſt Alles aufgezehrt), auf den Heimweg über die Berge. Das Wetter war naßkalt und neblig, und ich war froh, als ich Hozart's Haus an dieſem Abende noch erreichte. Am nächſten Tage erſt kehrte ich nach Slowtrap's Hauſe zurück, dem ich die Geſchichte mit dem Fuchs und das ſon⸗ derbare Betragen deſſelben erzählte. r lächelte darüber und erzählte mir manche ſchnur⸗ rige Anekdote von Füchſen, ja ſogar eine, wo ein Fuchs einſt, als er ſelbſt noch ein Kind war, an ſeiner älteſten Schweſter hinauſggeſprungen wäre und verſucht hätte ſie zu beißen. Doch kommen ſolche Fälle wohl höchſt ſelten vor, und ich habe nid wieder von einem ähnlichen gehört. Wilde Katzen ſind, vagegen viel bösartiger und fallen dann und wann wohl eiſſen Menſchen an. Einem alten Manne in den Caſh⸗Sümpfen, Namens itchell, konnte es einmal in dieſer Hinſicht ſehr ſchlecht 126 Die wilde Katze. gehen. Er war Morgens früh, in der Balzzeit der Trut⸗ hühner, hinausgegangen einen Hahn zu ſchießen, und da er nicht weit von ſich entfernt einen alten Burſchen aus Leibes⸗ kräften kullern hörte, ſo legte er ſich hinter einen umgeſtürz⸗ ten Baum, und mit ſeinem Lockknochen die Töne der Henne nachahmend, verſuchte er den Hahn heranzurufen. Eine wilde Katze mußte indeſſen in einem benachbarten Baum ent⸗ weder ihr Lager haben oder war auch, durch den Lockton ver⸗ führt, vielleicht herangeſchlichen, denn noch hatte der Jäger gar nicht ſo lange gelockt, als ſie auf den nichts Arges Ahnenden hinabſprang und in voller Wuth ihr Beſtes ver⸗ ſuchte ihm die Halsadern aufzubeißen. Der zum Tode er⸗ ſchrockene Mann war auch nicht im Stande ſie herunterzu— ziehen, und mit ſeinem Scalpirmeſſer mußte er die Beſtie auf dem eigenen Rücken umbringen. Mehre Wochen lang hatte er nachher das Bette zu hüten, ehe er von den äzalkiün Wunden der Katzenkrallen genas. Das Wetter hatte ſich am nächſten Morgen wied ſauf⸗ geklärt, Slowtrap war mit ſeinen Vorbereitungen abe Fnoch immer nicht fertig, und ſchien wirklich meine Geduld alf die äußerſte Probe ſetzen zu wollen. Mit einer ſolchen Gejnüth⸗ lichkeit vertrödelte er dabei die Zeit, daß man ihm trotz alle dem nicht böſe werden konnte, und ein Tag verging nach dem anderen, und immer noch wurde der langbeſpros hen und vorbereitete Zug nicht angetreten. Das in Vorrath gemahlene Mehl war indeſſen auch aſt wieder aufgezehrt worden, und wir mußten noch einmal vorn an zu mahlen fangen. 1 Waſchtag. 127 Slowtrap's Frau hatte indeſſen ebenfalls die nothwendig gewordene Wäſche von Tag zu Tag verſchoben, ſie nach unſerer Abreiſe vorzunehmen, da wir aber eben nicht ab⸗ reiſten, ſo konnte ſie auch nicht mehr länger damit warten, und auf den nächſten Tag wurde die Wäſche feſtgeſetzt. Curly's junge Frau und Schweſter wollten indeſſen Slow⸗ trap's Frau bei dieſer Arbeit helfen, und mir wurde der ehrenvolle Auftrag zu Theil ſie abzuholen. Ich ſchnallte eine wollene Decke auf's Pferd und ritt hinüber, doch da wir nicht alle drei zugleich auf demſelben ſitzen konnten, mußte ich den Weg zwei Mal machen. Die Amerikanerinnen ſind übrigens faſt alle beherzte Reiterinnen; leicht ſchwang ſich die junge Frau hinter mich auf den breiten Rücken des Pferdes, ſich dort an meinem Gürtel feſthaltend, und in vollem Galop gings erſt durch den ſchäumenden, aber nicht tiefen Fluß, und dann durch den dichten Wald meines Alten Wohnung zu. Von hier aus galopirte ich wieder zurück, das junge Mädchen nachzuholen, und dachte, da ich auch dieſe an Ort und Stelle abgeliefert hatte, nun auch auf meine eigene Sicherheit. Es fiel mir gar nicht ein, an einem Waſchtag allein zwiſchen drei Frauen aus⸗ zuhalten. Ein paar Tage hatten wir jetzt naſſes, unangenehmes Wetter und konnten weiter Nichts vornehmen als Holz hacken und daſſelbe zum Hauſe ſchaffen. Als aber die Sonne zum erſten Mal wieder durch die grauen, zeriſſenen Wolken auf die feuchte, dampfende Erde herunterſchaute und Slow⸗ trap noch immer keine Anſtalt zum Aufbruch machte, ging — 128 Martin. 4 ich wieder hinüber zu Curly's um wo möglich, ehe wir ab⸗ zögen, noch einen Hirſch zu ſchießen. Den alten Collmar fand ich auch drüben, nebſt einem anderen jungen Manne, Namens Martin, und dieſen kann ich nicht umhin, ein klein wenig genauer zu beſchreiben. Es war ein Original. Etwa 24 bis 25 Jahr alt, hatte er auch nicht ein ein⸗ ziges Haar mehr auf dem Kopfe. Ueber die Urſache ſeiner Glatze wußte er dabei die ſonderbarſten Geſchichten zu erzäh⸗ len, verwickelte ſich aber dabei ſtets dermaßen, daß er zuletzt aufſprang, aus der Thüre floh und ſich den ganzen Tag nicht wieder blicken ließ. Eine Art ſtiller Wahnſinn trieb ihn zu gleicher Zeit, wenn er auf irgend einem Platze eine Zeit lang gearbeitet hatte, denſelben heimlich zu verlaſſen und nicht allein ſeinen Arbeitslohn, ſondern auch ſehr häufig noch einen Theil ſeiner Kleider im Stich zu laſſen. Das, erſt einmal bekannt, wurde natürlich von Vielen benutzt, und Martin war überall ein gerngeſehener Arbeiter. Wir hatten ihm ſo nach und nach weiß gemacht, daß er in Illinois geheirathet und eine ſtelzfüßige Frau dort ſitzen gelaſſen habe. So verächtlich er die Sache im Anfange be⸗ handelte, ſo zweifelhaft wurde er bald nachher, und zuletzt redeten wir ihm den Unſinn dermaßen ein, daß er es ſelber an zu glauben fing. Wenigſtens habe ich ſelber gehört wie er Freunden verſicherte, er ſei in Illinois verheirathet. Die tollſten Geſchichten erzählte er von dem, was er Alles erlebt und erfahren habe; aber jedesmal wenn man Nachtjagd. 129 ihn darum fragte, anders, wurde jedoch wüthend, ſobald man nur den geringſten Zweifel aufwarf. Unter Erzählen und Lachen verging der Nachmittag, als es aber anfing dunkel zu werden, nahmen Curly und ich unſere Feuerpfannen wieder auf, um unſer Glück noch ein Mal mit der Nachtjagd zu verſuchen. Wir gingen erſt ſüdlich von ſeinem Hauſe in die Berge, und hielten uns dann nach Weſten. Die Sterne ſchienen im Anfange hell, und wir verſprachen uns ſchon eine ſchöne Nacht, doch lagerte ſich nach und nach im Norden ein dun⸗ keler Wolkenſaum und es plitzte ein paar Mal. Wir zogen in der einmal angenommenen Richtung ruhig weiter, konnten aber keinen Hirſch zu ſehen bekommen, und mochten wohl ſchon drei Viertelſtunden langſam fortgegan⸗ gen ſein, als wir, an einem etwas größeren, offenen Fleck angelangt, um uns zu orientiren wieder nach den Sternen ſehen wollten. Hier fanden wir zu unſerem Schrecken, daß eine dichte Wolkenmaſſe das ganze Firmament verhüllte. Meinen Compaß hatte ich nicht mitgenommen, und der Wind ſpielte von allen Seiten, dabei fing es wieder an zu blitzen, und ein ſchwacher, zwar jetzt noch entfernter, aber doch drohender Donner, machte uns ganz freundlich darauf aufmerkſam, daß er uns in gar kurzer Zeit mit einem Gewitter über⸗ raſchen wolle. Nichts iſt leichter, als ſich des Nachts mit der Fackel zu verirren. Der Schein des Feuers beleuchtet nur wenige Schritte weit den Wald und giebt den Bäumen ein ganz eigenes, fremdartiges Anſehen, wogegen dann alles Andere, Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 9 zug 130 Verirren. das weiter als 30 Schritt entfernt iſt, in völlig ſchwarzer Finſterniß daliegt und ſich die vier Weltgegenden ſo ähnlich ſehen wie ein Ei dem anderen. Die Noth ſchärft die Sinne. Ich erinnerte mich jetzt im Anfang beobachtet zu haben, daß es gerade unter dem Nordſtern blitzte, der damals noch nicht von dem düſteren Wolkenſaume erreicht war, und wir ſchloſſen, daß, wenn ſich das Wetter ja nach irgend einer Himmelsgegend gezogen habe, dies mehr nach Oſten geſchehen ſein müſſe. Ein ſtär⸗ kerer Donnerſchlag erinnerte uns, daß wir gar keine Zeit mehr zu verlieren hätten, und im Geſchwindmarſch traten wir unſeren Rückweg an, indem wir die Himmelsgegend, wo es blitzte, auf unſerer linken Seite behielten. Wohl 2 Meilen mochten wir von Curly's Hauſe ent⸗ fernt ſein, und ſtärker und leuchtender wurden die Blitze, häufiger und lauter der Donner; aber wie zwei geſcheuchte Geiſter flohen wir mit der wehenden Kienflamme(den Sack mit dem Kien hatten wir ſchon lange an einen Baum gehan⸗ gen) dem ſicheren Obdach zu. Furchtbar grell zuckte ein ge⸗ waltiger Blitz jetzt durch die rabenſchwarze Nacht, und ſchon hörten wir im entfernten Rauſchen und Praſſeln der Bäume das ſich reißend ſchnell nahende Unwetter. Aber Curly hatte jetzt auch im letzten Scheine des Blitzes das Dach ſeiner Wohnung entdeckt, und ſo ſchnell uns die Füße tragen woll⸗ ten, ging es darauf zu. Wir erreichten das Haus, ſprangen hinein und hatten die Thür noch nicht hinter uns zugemacht, als ein ſolch furchtbar ſchmetternder Hagel aufs Dach nie⸗ derdonnerte, daß er die Breter auf dem Hauſe zu zaaten Das Hagelwetter. 131 drohte. Wir ſahen uns beide einen Augenblick an, dann kam uns aber die Sache ſo komiſch vor, daß wir, wie verab⸗ redet, in ein unmäßiges Gelächter ausbrachen, von dem wir uns faſt gar nicht wieder erholen konnten. Das ganze Völkchen war durch unſeren plötzlichen, ge⸗ räuſchvollen Eintritt, das praſſelnde Hagelwetter und fürch⸗ terliche Lachen wieder munter geworden, und Martin, dem das Tuch, das er ſich Nachts um den Kopf wand, von der ſonſt ſorgfältig bedeckten Glatze gerutſcht war, ſah uns mit ſeinem kahlen Kopfe ganz verwildert an. Auch der alte Collmar war wieder unter ſeiner Decke vorgekrochen und wärmte ſich an dem friſchauflodernden Feuer die Fußſohlen. Der Hagel hatte jetzt nachgelaſſen und ein furchtbarer Platzregen löſte ihn ab; doch geht ja das alte Sprüchwort: „geſtrenge Herren regieren nicht lange,“ und als wir nach einer Weile hinausſchauten, blinkten die lieben Sterne wie⸗ der freundlich von oben nieder. Stürme ſind überhaupt etwas ſehr Häufiges in Arkanſas, beſonders die ſogenannten„Hurricane's,“ die oft Strecken, Meilen breit und Gott weiß wie viel Meilen lang, nieder⸗ blaſen, daß auch kein Baum ſtehen bleibt. Ein ſolch ver⸗ wüſteter Landſtrich, wo die geſtürzten Rieſen des Waldes haufenweiß aufeinander liegen, verwächſt mit Brombeerran⸗ ken und grünen, dornigen Schlingpflanzen ſo, daß er ſtellen⸗ weiß ganz undurchdringlich und dann der Lieblingsaufenthalt der Bären wird, die darinnen nur zu häufig Schutz gegen den ſie verfolgenden Jäger finden. 9 132 Hurricane’s. Gnade Gott dem armen Streifſchützen aber, der gerade in einem ſolchen Striche, über den der Hurricane geht, ſein Nachtlager aufgeſchlagen hat. Er iſt ſpurlos verſchwunden, und nur durch Zufall werden ſeine Gebeine vielleicht einmal wieder, unter einem umgeſtürzten Baume hervorragend, auf⸗ gefunden. Die Frauen, die durch das Toben des Sturmes ängſt⸗ lich geworden waren, warfen uns unſer gottloſes Lachen und Toben vor, während ſich der liebe Gott alle mögliche Mühe gäbe uns begreiflich zu machen, was wir für Sünder wären. Dadurch aber kam das Geſpräch wieder auf Religion und Collmar ſagte, daß er eine recht hübſche Geſchichte wiſſe. Das war uns gerade recht, denn an Schlaf dachte doch jetzt Keiner mehr; ich band daher ſchnell meine Decke auf und breitete ſie ans Feuer, ſchürte dies noch ein wenig auf und der Alte begann. „Ihr kennt alle den Curtis drüben auf der anderen Seite vom Fluſſe? Nun, der gehörte früher mit zur Secte der Methodiſten, d. h. er wohnte dicht neben dem„meeting- house“(Verſammlungs⸗Haus) der Gläubigen, und da er der nächſte Nachbar war, zündete er alle Sonntag⸗Morgen ein Feuer darin an, ſtäubte die Bänke ab, kehrte aus und ſah auch zugleich danach, daß die Schweine oder das liebe Rindvieh nicht etwa hineinbrachen(ausgenommen Sonntags), da keine Fenz das Haus umgab.“ „Der Beguemlichkeit wegen ſchloß er ſich ebenfalls der Secte an, obgleich böſe Mäuler ſeiner Frau die Schuld gaben und ſagen wollten, daß er blos religiös geworden ſei, Der gottloſe Curtis. 133 um Sonntags eine gute Ausrede zu haben aus dem Hauſe zu gehen.“ „Sei dem wie ihm wolle, die Reden des Prieſters muß⸗ ten nicht ſo eindringlich geweſen, oder Curtis Herz ſo ver⸗ ſtockt ſein, kurz, anſtatt ſich in erbaulichen Reden und im Singen zu üben, fluchte und ſchwor er, ſtieß einſtmals, wäh⸗ rend eines Gewitters, gottesläſterliche Reden aus, benutzte heimlicher Weiſe den Zucker, den ſich ſeine Frau mühſam durch Baumwollenſpinnen erwarb ihren Kaffee zu verſüßen, benutzte den Zucker, ſag' ich, um ihn mit Whiskey und Waſſer vermiſcht zu trinken, und hatte vor allen Dingen am letzten Sonntag nicht nur allein verſäumt, Feuer im Gottes⸗ hauſe anzumachen,(noch dazu bei einer zweckwidrigen Kälte), ſondern auch die Bänke nicht ab⸗, die Stube nicht ausge⸗ fegt und ſogar noch gegen ein Mitglied der chriſtlichen Ge⸗ meinde geäußert:„he didn't care a damned“(es wäre ihm verdammt gleichgültig).“ „Die Schlußfolge von alle dem nun war, daß ihm in einer beſonderen Kirchenverſammlung, und zwar in einer langen Rede, vorgehalten wurde wie er, unwürdig ferner ein Mitglied der gottesfürchtigen Gemeinde zu heißen, über— haupt ein Heretick ſei.“ „Der Büßende hatte ſein ganzes Sündenregiſter(die Augen feſt auf das große, hölzerne Dintefaß, das mitten auf dem Tiſche ſtand, gerichtet) mit einer lobenswerthen Auf⸗ merkſamkeit angehört. Beim letzten Wort„Heretick“ jedoch ſtutzte er, ſah Einen nach dem Anderen in der Verſammlung ſtill an, und ſeinem alten Filzhute mit beiden Fäuſten eine * 134 Der gottloſe Curtis. wo möglich noch ſchlechtere Façon gebend, drückte er denſel⸗ ben ſich auf den Kopf und verſchwand durch die Thüre, den Aelteſten der Kirche kein kleines Aergerniß, ſeines unanſtän⸗ digen Betragens wegen, gebend.“ „Ihm aber gingen andere Dinge im Kopfe herum; Heretick, Heretick? was war das? Glücklicher Weiſe be⸗ gegnete ich ihm, und ohne weiter ein Wort zu ſagen, faßte er mich mit der Linken bei einem Knopfe, wobei er mir, um mir nicht gerade in die Augen zu ſehen, anfing, die Weſte auf- und zuzuknöpfen. Dabei fragte er mich mit halb ſcheuer halb trotziger Stimme, was ein Hereding ſei?“ „Lange ſchon hatte ich gehört daß die Methodiſten den Säufer aus ihrer Mitte ſtoßen wollten, und konnte mir leicht denken was vorgefallen war. Ich antwortete ihm daher ganz ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, daß Heretick das lateiniſche Wort für Pferdedieb ſei, und machte ihm das ſogleich durch die Ueberſetzung begreiflich: Here— horse(Pferd), tick— thief(Dieb), dann knöpfte ich meine Weſte wieder zu, die er wie ſeinen Mund offen ſtehen ließ.“ „Einen Augenblick ſtand der arme Tropf da und wußte nicht was er thun ſollte; der Gedanke aber, vor allen Leu⸗ ten Pferdedieb, und noch dazu auf Lateiniſch genannt zu ſein, war doch zu ſtark. Er ließ meinen Rockknopf fahren und lief mehr als er ging dem Verſammlungshauſe wie⸗ der zu... „Dort hineinſpringen, den Rock abwerfen und die Aermel aufſtreifen, war das Werk eines Augenblicks, und mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, daß die Der gottloſe Curtis. 135 Dinte hoch aufſpritzte, ſchwor er zum Entſetzen der acht friedlichen Stellvertreter des Methodismus unter den ent⸗ ſetzlicſſten Verwünſchungen, daß er eine ganze Stube voll ſolch erbärmlicher Kerle zuſammenſchmeißen könne; nannte ſie„verdammte Lügner,“ und„hartgeſottene Sünder,“ und betheuerte noch zu guter Letzt, daß, wenn noch Jemand es wage, ihn Hereding zu nennen,„er ihn einſchmieren, die Ohren zurückbinden und ganz hinunterſchlucken werde.“ Er wäre kein Pferdedieb, er wäre ein ehrlicher Mann; und gab zuletzt der ganzen Verſammlung mit höchſt deutlichen Wor⸗ ten zu verſtehen, daß ſie ihn alle auf ein ander Mal be⸗ ſuchen könnten.“ „Die acht Schriftgelehrten ſaßen dort wie vom Donner gerührt, denn ſie ahneten nicht was den Mann ſo aufge⸗ bracht haben konnte. Einer von ihnen ſtand aber endlich auf und bat ihn das Haus zu verlaſſen, da ſie ſich über heiligere Gegenſtände berathen wollten.“ „Es war vergebene Mühe, dem Manne jetzt mit ruhigen Worten etwas begreiflich zu machen. Einen Augenblick hörte er wohl ganz ruhig zu, dann aber, zum zweiten Mal mit ſeiner, keineswegs unanſehnlichen Fauſt auf den Tiſch ſchmetternd, betheuerte er, daß er verdammt ſein wolle wenn er vom Platze ginge, bis ſie ihm bewieſen hätten daß er ein Hereding wäre, und was er mit den Pferden, die er geſtohlen haben ſolle, gemacht habe. Seine Freunde führten ihn endlich hinaus und beruhigten ihn.“ Martin, der natürlich mitgeglaubt hatte, daß Heretick ein Pferdedieb ſei, war zufrieden als er hörte daß der Be⸗ 136 Der gottloſe Curtis. leidigte es erfahren habe, und war bald eingeſchlafen. Auch wir ſuchten nun, ermüdet von der gehabten Anſtrengung, unſer Lager. Nach Slowtrap's Hauſe zurückgekehrt, begann der Alte aber doch am nächſten Morgen ernſtliche Vorbereitungen zu dem ſo lang beſprochenen und aufgeſchobenen Marſch. Wir mahlten noch einmal etwas Mehl, ſetzten unſere Meſſer und Büchſen in guten Stand und begannen am 19. December Morgens unſere lang beſprochene Wanderung. — Zug in die Ozarkgebirge. Es war ein kühler, heiterer Wintertag in der letzten Hälfte des Monat December, an dem der alte Slowtrap und ich, mit unſeren drei fröhlich nebenher ſpringenden Hun⸗ den ausrückten. Der Alte ſaß auf ſeinem Klepper, auf dem er einen Sack mit Proviſionen, unſere Decken und meine Felle aufgeladen hatte, während ich ohne Ladung, mit Moccaſins, Leggins*) und Jagdhemd bekleidet, ein ungegerbtes Waſchbärenfell als Mütze auf dem Kopfe, rüſtig voranſchritt. Mein Alter, wie er ſo auf dem Pferde kauerte, ſah übrigens aus, als ob er wenigſtens 300 Pfund wiegen müßte, ſo hatte ihn ſeine Frau mit Ober⸗ und Unterkleidern heraus⸗ ſtaffirt, während ich nichts als Sommerzeug trug(beiläufig geſagt, hatte ich keine Winterkleider). Doch fühlte ich beim Marſchiren die Kälte nicht, und luſtig wanderten wir, einen ſchmalen Fahrweg entlang, durch den dichten Wald. ) Lange lederne, indianiſche Gamaſchen. 138 Ausmarſch. Anlage von Städten. Unſere Straße zog ſich im Anfange etliche Meilen durch ſumpfiges Land hin, wir erreichten aber bald die Hügel, die den kleinen Fluß„petit Jean“ vom f. l. f. trennen, und mit ihnen trockenen Weg. Dicht am petit Jean hatte die County(das Gebiet) Yell(nach dem Gouverneur von Arkanſas ſo benannt) einen neuen Gerichtsſitz oder ſogenannten„county seat“ ausge⸗ ſucht, was dann natürlich ſogleich den Anfang einer kleinen Stadt bezweckte, die genau denſelben Umfang als Perryville hatte, d. h. zwei Häuſer und einen Stall. Eigenthümlich iſt der Anfang einer Stadt in Amerika. Die Straßen werden abgeſteckt und oft eine halbe Meile lang angedeutet, was dadurch geſchieht daß in der Richtung, in der ſie laufen, kleine Stückchen Rinde von den Bäumen ab⸗ geſchlagen und an die verſchiedenen Straßenecken Bretchen angeſchlagen werden, auf die mit ſchwarzer Farbe geſchrieben iſt:„mainstreet— secondstreet— walnutstreet— elmstreet“*) ꝛc. Mitten im Walde entdeckt man oft dieſe Zeichen beabſichtigter Cultur, und erfährt dann erſt, daß man ſich in der Hauptſtraße einer Stadt befindet. Iſt die Lage des neugeborenen und ſogleich getauften Städtchens gut, ſo wächſt es unglaublich ſchnell, denn der Amerikaner ſpeculirt ungeheuer. Liegt es aber nicht beſon⸗ ders, vielleicht noch dazu in einer Ecke des Gebiets oder Diſtricts, daß ein Theil der zum County Gehörenden zu weit zu den Gerichtsſitzungen zu gehen hat, und daß daher *) Hauptſtraße— zweite Straße— Wallnußſtraße— Ulmenſtraße. * Anlage von Städten. 139 aus dieſem Grunde der county seat von dem nur wenige Jahr alten, noch unmündigen Städtchen verlegt wird, dann ſieht es freilich betrübt für das letztere aus. Die Handels⸗ leute ziehen ſich hinweg, angefangene Bauten werden ver⸗ nachläſſigt, die verlaſſenen Blockhäuſer, vom Sturme abge⸗ deckt, verfallen, und das Gerichtshaus wird, wie ich das unfern des White river ſah, in eine„corncrip“ ver⸗ wandelt. In„Danville,“ wie der Ort genannt wurde, war ein kleiner Laden, der ſich anfing zu etabliren, d. h. ein ſpecu⸗ lirender Geiſt hatte vom Arkanſasfluß(etwa 20 Meilen von dort entfernt) ein Faß Whiskey hinzuſchaffen gewußt und kaufte nun für baar Geld oder Whiskey, natürlich bedeutend unter dem Preiſe, alle Felle und Pelze, die er bekommen konnte. Er hatte übrigens auch Pulver, Blei, amerikaniſche Zündhütchen(beiläufig geſagt, ſehr ſchlechtes Zeug), Kaffee und Zucker, und ich vertauſchte, was ich an Fellen hatte, für Pulver, Blei und Kaffee. Auf dieſe Art etwas leichter geworden, zogen wir an dem dicht angeſiedelten Bache„spring creek,“ wo wirklich eine hübſche Farm an der anderen lag, hinauf, bis an einer Waſſermühle vorbei, wo die letzten Anſiedelungen aufhörten. Erſt als es an zu dunkeln fing, und der Himmel ſich eben⸗ falls umzog, ſahen wir uns nach einem Lagerplatz um. An einer umgeſtürzten Fichte hielten wir, nahmen die Laſt vom Pferde, gaben ihm etwas vom mitgenommenen Mais und gingen dann raſch an die Arbeit, erſtens Holz genug zur Feuerung für die ganze Nacht zuſammenzutragen, 140 Zubereitungen zum Lager. und dann auch eine Art Wetterſchutz gegen den etwa heran⸗ ziehenden Regen zu bauen. Fichtenrinde lag im Ueberfluß um uns herum, und obgleich ſie zu dieſem Zwecke, der vielen Löcher wegen die der Holzwurm hineinbohrt, nicht ſehr vor⸗ züglich iſt, benutzten wir ſie, in Ermangelung einer beſſeren Art, dennoch, legten ſie doppelt und dreifach aufeinander und brachten ſo ein ziemlich wetterfeſtes Dach zu Stande. Bald war es fertig, und ermüdet warf ich mich neben das Feuer hin; aber mein Gefährte war noch lange nicht zu⸗ friedengeſtellt. Immer mehr große Stücken Rinde ſchleppte er zuſammen, um ſie an der Seite und am Rücktheil aufzu⸗ ſtellen, wie auch ebenſo einen Theil derſelben auf die bloße Erde zu breiten, damit die erſteren den Wind abhalten, die anderen aber dazu dienen ſollten, unſere Körper von dem feuchten Boden entfernt zu halten. Wohl oder übel, ich mußte wieder auf und Rinde tragen helfen, bis er endlich ſelber erklärte„that II do“(das thut's). Unſer einfaches Abendbrod war bald beendet. Er zog jetzt ſeinen alten, abgeſchabten Rock aus und faltete ihn bedächtig zuſammen, um ihn, neben ſeinem Sattel, als Kopfkiſſen zu gebrauchen, legte ſeine wollene Decke der Länge nach auf die Fichtenrinde, und zwar den einen Rand gegen das Feuer, daß er, ſich auf denſelben legend, die Decke über ſich herüber, gegen die Gluth zu ſchlagen konnte, ſchürte den Holzſtoß noch einmal tüchtig auf, zog dann ſeine Schuhe aus und ſtellte ſie, die Sohlen nach oben, neben ſich, damit, im Fall es regnen ſollte, ihm das Waſſer nicht hinein⸗ laufe, hing die Strümpfe über ſich, gerade unter das Rin⸗ “ 8 Nachtlager. Der Pflaumengarten. 141 dendach, daß ſie ordentlich trocken und warm blieben, legte ſich dann ſacht und behutſam nieder, deckte ſich zu und war bald eingeſchlafen Ich hatte noch keine Ruhe und warf mich dicht am Feuer hin, die Gluth mit einem abgehauenen Stecken aufſtörend, daß die Funken kniſternd und wirbelnd emporfuhren und von dem ſich etwas erhebenden Winde oft weit, weit in die dun⸗ kele Nacht hinausgejagt wurden. Einzeln fallende Tropfen mahnten mich endlich ebenfalls das trockene Lager zu ſuchen. Die aufgehende Sonne fand uns ſchon wieder auf dem Marſche, und weiter nichts Bemerkenswerthes ſahen wir den ganzen Tag, als gegen Abend, nicht weit vom Ufer des Arkanſas, einen alten Pflaumengarten der Cherokeſen. Es war ein offener Platz, wohl mehre Meilen im Um⸗ fange, dicht mit kleinen, von 2— 6 Fuß hohen Pflaumen⸗ büſchen bedeckt, die noch von den Cherokeſen herrührten und auch Cherokee-plums genannt werden. Die Büſche tragen kleine runde, außerordentlich ſüße Früchte, die etwa im Auguſt reifen. Aehnliche Pflaumenanlagen ſind an mehren Stellen am Arkanſas und Miſſiſſippi. Noch vor Dunkelwerden erreichten wir den Arkanſas, der kleinen Stadt Pittsburg gerade gegenüber, und ließen uns überſetzen. Da unſer Kaſſenbeſtand ſehr ſchwach war, gingen wir gar nicht in die Stadt hinauf, ſondern blieben gleich unten am Ufer, zündeten ein Feuer an, richteten einige Breter, die der Fluß dort, wahrſcheinlich von einem verſunkenen Boote, 142 Transport der Indianer. * angeſpült hatte, auf, daß ſie ein ziemlich gutes Dach bildeten, und waren ſehr bald wieder häuslich eingerichtet. Da wir ſcharf marſchirt waren und unſere Hunde, aus Furcht ſie zu verlieren, vom Jagen ſtets zurückgehalten, übrigens auch nicht einmal einen Truthahn auf unſerem Marſche geſehen hatten, ſo gingen unſere Proviſionen jetzt ziemlich auf die Neige, und das Pferd hatte von nun an weiter Nichts als meines Reiſegefährten wohleingepackte Perſon, oder auch mich wohl ein Mal abwechſelnd zu tragen. Doch richteten wir unſere Lebensmittel ſo ein, daß wir noch Abendeſſen und Frühſtück für uns und die Hunde behiel⸗ ten, und legten uns dann ruhig auf's Ohr. Den nächſten Tag zogen wir ein großes Stück Weges dieſelbe Strecke entlang, auf welcher vor vielen Jahren die öſtlichen Indianer nach dem Weſten transportirt wurden, und noch überall zeigen viereckige, ausgehauene Löcher in den umgeſtürzten Bäumen die Stellen an, wo die indianiſche Squaw ihren Mais ſtieß, um für den Krieger das Brod zu backen. Aber viel traurigere Zeichen ſind die Pferde⸗ und ſelbſt noch dann und wann Menſchenknochen, die wenige hundert Schritt von der Straße ab zerſtreut liegen. Mancher tapfere Häuptling, manche junge Squaw fand dort auf der Straße durch Krankheiten, die unter den armen Vertriebenen herrſchten, ihren Tod. Selbſt die nächſten Ver⸗ wandten und Freunde konnten nichts weiter für fie thun, als ſie in ihre Decken wickeln, mit Pfählen und Reißern be⸗ decken, um die Aasgeier abzuhalten(die, wie mir alte Ameri⸗ kaner erzählten, zu Tauſenden fortwährend über dem Zuge 8⁴ Transport der Indianer. 143 hinſchwebten und demſelben folgten), und ſie dann ihrem Schickſal überlaſſen. Ihre weißen Treiber ließen ihnen ja nicht einmal Zeit ſie zu begraben. Die Wölfe, die fortwährend dem Zuge in mäßiger Ferne folgten, riſſen dann natürlich ſchon denſelben Abend die ſchwache Schutzwehr ein und zerrten die Gebeine der aus ihrem Vaterlande Verjagten im Walde umher. Traurige Folgen der Civiliſation. Hierbei aber zeigte ſich auch ganz wieder der ſchändliche Schachergeiſt, mit dem Alles in Amerika rein kaufmänniſch betrieben wird, in ſeinem grellſten Lichte. Die Regierung hatte ſich verpflichtet die Indianer, nach⸗ dem dieſe ihr Land an die vereinigten Staaten abgetreten hatten, auf den ihnen bewilligten Boden, Hunderte von Meilen entfernt, frei hinzuſchaffen, und accordirte nun, um weniger Umſtände zu haben, mit Privatleuten den Trans⸗ port, welche dann für eine gewiſſe Summe, die ihnen ausge⸗ zahlt wurde und die auch hinlänglich geweſen ſein würde, Alle auf die bequemſte Art fortzuſchaffen, das Ganze über⸗ nahmen. Die armen Indianer aber verhungerten und ver⸗ kümmerten faſt unterwegs, und die, die den Accord gemacht hatten, wurden reiche Leute. Man transportirte ſie aller⸗ dings, aber mehr wie eine Sendung Waaren als lebende Weſen, und was unterwegs zu Grunde ging brauchte eben nicht länger verköſtigt zu werden. Und nicht einmal ſatt zu eſſen bekamen die Unglücklichen dabei, denn Farmer, die ſowohl in den Sümpfen, als in den Gebirgen an der Straße wohnten, auf der die Indianer — 144 Die falſche Fährte. fortgeſchafft wurden, haben mir mehrmals verſichert, daß dieſe das Letzte verkauft hätten, um nur Brod anzuſchaffen. Pferde verhandelten ſie für 2— 3 Dollar, Büchſen und Tomahawks für Brod; und Medicin war gar nicht für ſie angeſchafft, ſo daß, beſonders auf der Straße, auf welcher wir jetzt gingen und wo die Kolik auf eine fürchterliche Weiſe unter ihnen ausbrach, Unmaſſen ſtarben. Selbſt von denen, die nicht unterwegs den Anſtrengungen er⸗ lagen, ſtarben Tauſende, ſobald ſie ihre neuen Wohnörter erreichten. Ungefähr 3 Uhr Nachmittags kamen wir an die Ozark⸗ gebirge und zogen, dort angelangt, dicht vor den Gebäuden einer Farm vorüber. Mehre zahme, ganz weiße Truthühner gingen im Wege herum, und mein Hund, der ganz vorzüglich auf der Truthahnjagd war, bis jetzt aber nur wilde, und folglich ſchwarze, geſehen hatte, betrachtete ſie wohl ein paar Mal von der Seite, nahm jedoch weiter keine Notiz von ihnen, bis ihm einer gerade über den Weg lief und er ſo auf die ganz friſche Fährte kam. Blitzſchnell ſolgte er und war augenblicklich dicht hinter dem weißen Vogel, bald die Fährte, bald dieſen beriechend, als wenn er ſagen wollte: „wie paßt ihr beide denn eigentlich zuſammen?“ Doch der Truthahn ſchritt mit großen Schritten weiter, ſich nur fort⸗ während von beiden Seiten nach ſeinem, ihm ſtets auf die Hacken tretenden, neugewonnenen Freunde umſehend, dem er doch nicht ſo recht trauen mochte. Slowtrap, den noch Nie⸗ mand hatte lachen ſehen, lächelte. Ich pfiff ihm endlich, und ſcharf weiter wandernd zogen Kleine Anſiedelungen. 145 wir, dem Laufe eines kleinen Baches entgegen, zwiſchen ſteilen Bergwänden ein in die ſo lang erſehnten Gebirge. Das Thal, durch welches das kleine Waſſer ſich ergoß, war ſehr ſchmal; dennoch fanden wir Häuſer an Stellen, wo Niemand, keine vernünftige Seele wenigſtens, eine menſch⸗ liche Wohnung vermuthet haben würde, da oft kaum 5— 6 Acker nutzbares Land in der Nähe lagen. Ein Platz amüſirte mich beſonders, wo wir weiter Nichts als ein kleines Rübenfeld ſahen, etwa 60 Schritt lang und eben ſo viele breit, an deſſen einer Ecke Rauch in die Höhe ſtieg. Da auch nicht die Idee von irgend einem Gebäude, alſo auch von keinem menſchlichen Weſen zu ſehen war, ſo wollte ich gern wiſſen wo der Rauch herkam, und ging darauf zu, erſtaunte aber, an der Ecke des Feldes angelangt, nicht wenig, als ich gerade in den Schornſtein hinunterſah. Das Haus war unten in eine Schlucht hinein gebaut, wahrſcheinlich um das kleine Stückchen fruchtbares Land, das oben lag, nicht noch mehr zu beſchränken. Was Leute veranlaßt haben kann ſich in ſolchen Win⸗ keln niederzulaſſen, da doch ungeheuere Strecken herrlichen Landes in Arkanſas noch zu haben ſind und unbenutzt liogen, weiß ich wahrlich nicht. Wir hielten uns jetzt links und erſtiegen den erſten„Spur“ 5 oder die erſte auslaufende Spitze, um auf den„theilenden Bergrücken“ zu kommen, der die Waſſer des„Mulberry“ von denen des Arkanſas trennt. Der Abhang, an dem wir hinauf mußten, war ſehr ſteil, „Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 10 146 Slowtrap's Vergnügen. doch erreichten wir ihn glücklich und hatten nun zur Beloh⸗ nung eine recht freundliche Ausſicht über die durchwanderte Strecke. Doch war es etwas zu trübe weit zu ſehen, auch fing ſich der Himmel im N. W. an wieder bedeutend zu umziehen. Slowtrap hatte in der Zeit, in der ich mich dem Genuß der Fernſicht überlaſſen, ruhig, und ohne ein Wort zu ſagen, einen großen Stein an einen Abhang gewälzt, ſtieß ihn jetzt plötzlich hinab und hetzte die Hunde, die, blos das Geräuſch hörend, toll und blind in wilder Eile den ſteilen Abhang hinunter folgten. Der Stein rollte im Anfange langſam bergab, aber nur etwas in Schuß gekommen machte er, von Abſatz zu Abſatz ſpringend, auch Sätze von 20— 30 Fuß, hie und da einen kleinen Baum losreißend und mit ſich fortnehmend, und langte erſt nach langem Poltern und furchtbarem Spectakel unten im Thale an, unſere Hunde wie die wilde Jagd hinter ihm her. Mir war übrigens gar nicht wohl bei der Sache, denn ich fürchtete nicht mit Unrecht, daß ſie Hals und Beine brechen könnten. Doch war Beargreaſe geſcheiter als die übrigen geweſen und kam, ſich duckend und mit dem Schwanze wedelnd, als wenn er wüßte daß er eine Dummheit began⸗ gen habe, bei mir wieder an. Nach einiger Zeit folgten auch 4 die anderen, keuchend und ſchnaufend. Slowtrap ſchien ſich übrigens ſehr gut bei der ganzen Sache amüſirt zu haben, denn den Zügel um den linken Arm geſchlungen, hatte er ſich behaglich auf ein Felsſtück 2* Den Weg verloren. 147 geſetzt und der Hetze zugeſchaut, ohne jedoch eine Miene zu verziehen. Wir gedachten noch an dieſem Abende einen langen Marſch, wohl an 10 Meilen, zu machen, um das erſte etwa in dieſer Entfernung liegende Haus zu erreichen, denn wir hatten weder etwas für uns ſelbſt, noch für unſer Pferd zu eſſen. Die Dämmerung brach aber immer merklicher herein, und mit langen Schritten zogen wir auf dem Hügel hin, dem wir, wie mir Slowtrap ſagte, 6— 7 Meilen folgen mußten, ehe wir an den„Mulberry“ hinunterſteigen, und erwarten konnten ein Haus zu finden. Immer dunkler wurde es, und nur ein ſchmaler, ſeit langer Zeit nicht betretener und mit gelbem Laube bedeckter Fußweg war unſer einziger Führer; auf dem hielt ich mich aber aufmerkſam, während Slowtrap langſam hinter mir herritt. Es wurde jetzt ganz Nacht und ein feiner, aber durch⸗ dringender Regen fiel aus den drohend zuſammengeballten Wolken; doch unermüdlich und faſt mit dem Geſichte auf dem Boden folgte ich der beinah unſichtbaren Wegſpur bis ungefähr 10 Uhr. Plötzlich aber jede Fährte verlierend, blieb ich ſtehen und erklärte meinem Alten, daß der Weg hier entweder aufhöre oder ich ihn überſehen habe; ich könne Nichts mehr erkennen. Der Alte, der bis jetzt geduldig und ohne nur ein Wort zu ſagen, mir gefolgt war, fragte mich, ob ich, wenn ich ein Stück zurückginge, wohl den verlorenen Pfad wiederfinden könne. Das Wetter war nicht ſehr paſſend zu Unterhaltung, 10* 148 Der Weg verloren. und ich ſchulterte ſchweigend meine Büchſe, ging eine kurze Strecke zurück, beſchrieb einen Zirkel und fand bald wieder den etwas dunkleren Streifen im Laube. Ich rief, und der Alte, der abgeſtiegen war, kam, ſein Pferd führend, heran und ſagte mir, ich möchte hinaufſteigen und er wolle den Weg verfolgen, da ſeine Augen doch beſſer mit dem Walde vertraut ſeien als die meinigen. Mir war es ganz recht; ich war müde vom vielen Laufen, kletterte ſchnell auf's Pferd, während Slowtrap mit vorge⸗ beugtem Leibe etwa 200 Schritt vor mir herzog; doch unge⸗ gefähr auf derſelben Stelle, wo wir früher gehalten hatten, blieb auch er jetzt ſtehen und ſchwur: er wolle verdammt ſein wenn der Weg nicht da aufhöre. Weit konnten wir übrigens nicht mehr von dem Abhange des Berges, wo er ſich nach den Waſſern des Mulberry hin⸗ unterzog, ſein, denn der Wald wurde lichter vor uns und Slowtrap ſagte mir, daß er glaube, wenn es hell wäre könnten wir das ganze Mulberrythal überſehen. Jetzt aber war es dunkel und wir ſahen Nichts als unſer eigenes Elend, in dem wir wohl eine halbe Stunde umherſuchten einen Pfad zu finden. Es hat nämlich in dieſen Bergen nicht geringe Gefahr im Stockfinſteren umherzuwandern, indem oft ſenkrechte Abhänge häufig an ſolchen Stellen gähnen, wo man ſie am wenigſten vermuthet, und wir in der Dunkelheit mit dem Pferde irgend wo einzuſtürzen fürchteten. Dabei goß der Regen jetzt in Strömen herunter, und wir waren naß wie die Katzen. 8 Endlich, da wir auch gar Nichts mehr erkennen konnten, Mulberryfluß. 149 beſchloſſen wir, gerade hinabzuſteigen; mochten wir nun hin⸗ kommen wohin wir wollten; näſſer konnten wir auf keinen Fall werden. Steil und ſchlüpfrig ging's hinunter, und obgleich wir das Pferd führten, waren wir doch oft in Gefahr, in eine der ſteilen Klüfte zu ſtürzen, von denen wir an einer ſo dicht vorbeikamen, daß wir die Steine, die von dem Huftritt unſeres Pferdes abgeſtoßen wurden, in die Tiefe rollen hörten. Es mochte 11 Uhr ſein, als unſere Hunde die erſten Lebenszeichen mit Knurren und dumpfem Bellen von ſich gaben und der älteſte(ein alter gedienter Burſche, mit man⸗ cher breiten, ehrenvollen Narbe auf dem Leibe) ſtehen blieb, die Naſe in die Höhe ſtreckte und ein kurzes, klagendes Ge⸗ heul ausſtieß. Es wurde aus der Ferne durch ein ſcharfes Gebell be⸗ antwortet, das uns Allen neue Lebenskräfte gab, und mit erneuerter Anſtrengung und friſchem Muthe klommen wir bergab, immer dem Gebell der Hunde zu, das wir leicht, im Fall es ein Mal nachließ, durch das nachgeahmte Heulen eines Wolfes wieder anreizen konnten. Endlich, am Fuße des Berges und zugleich an einem Waldſtrome angekommen, erreichten wir ein kleines Haus, von welchem aus wir die Hunde gehört hatten. Wir traten natürlich ein und erhielten Obdach, bekamen aber keine beſonders freundlichen Geſichter zu ſehen. Slowtrap und ich waren am nächſten Morgen eines Sinnes. Theils mit unſerem Wirthe nicht zufrieden, dem 150 White river. ſehr wenig an uns gelegen zu ſein ſchien, theils nach dem nächtlichen Regen das Anſchwellen des Mulberry fürchtend, was in den Gebirgen außerordentlich ſchnell erfolgt, brachen wir mit Tageslicht wieder auf, durchkreuzten den etwa knie⸗ tiefen Fluß und gingen zu einem Farmer Namens Davis, der uns herzlich und gaſtfreundlich empfing. Mr. Davis, der, wie ich ſpäter erfuhr, nicht allein Far⸗ mer, ſondern auch zu Zeiten Prediger war, wollte uns auf keinen Fall ſogleich wieder fortlaſſen. Es hatte nämlich die ganze Nacht in Strömen gegoſſen und alle Bäche und Flüſſe in den Gebirgen glichen mehr Waſſerſtürzen, als ge⸗ wöhnlichen Bergſtrömen. Die Leute behandelten uns wirklich auf das Freundlichſte; aber ſelbſt am nächſten Tag wurde es uns nicht ſo leicht durch die immer noch angeſchwollenen Waſſer zu kommen, beſonders da wir nur ein Pferd hatten. Mein Alter war in der dortigen Gegend jedoch zu gut bekannt, als daß wir von jetzt an die Nächte hätten im Walde zu bleiben brauchen, und ſo erreichten wir denn auch an dieſem Abende, naß und müde, mit auf dem Leibe ange⸗ frorenen Kleidern, das Haus eines alten squatters. An dieſem Tage hatten wir auch den Haupt⸗Bergrücken, die ſogenannte„Boston divide,“ überſtiegen, der die Waſſer des White river von denen des Mulberry trennt, und befanden uns jetzt an erſterem Strom, der freilich hier ſo klein war, daß man hinüberſpringen konnte, obgleich ihn weiter unten, nach der Mündung zu, Dampfboote befahren. Die Gegend und der Wald ſahen hier auch ganz anders — Fruchtbare Berggipfel. 151 aus als weiter ſüdlich an der anderen Seite des Arkan⸗ ſasfluſſes. Von dem grünen Nadelholze war keine Spur mehr zu ſehen; nur dürr und kahl bedeckten Eichen, Buchen und Hickory die grauen Gebirge und gaben, wenigſtens für das an die grünen Schluchten gewöhnte Auge, dem Ganzen einen traurigen, monotonen Anblick. Beſonders auffallend war es mir übrigens, daß das fruchtbarſte, ſchönſte Land gerade auf dem höchſten Gipfel der Berge lag, und dort oben, wo, beſonders am f. l. f., immer nur der ſchlechteſte Boden iſt, gediehen der ſchwarze Wall⸗ um, die wilde Kirſche(und zwar von 18— 20 Zoll im meſſer), der„black locust“(amerikaniſche Akazie) eer Zucker⸗Ahorn, lauter Bäume, die nur auf dem fet⸗ teſten Boden gut fortkommen. Der„black locust“ war beſonders häufig zu finden, und die langen, ſpitzen Dornen deſſelben machten keineswegs eine Annehmlichkeit unſeres Marſches aus. Am 24. December näherten wir uns endlich unſerem Ziele, dem Wohnorte von Slowtrap's Schwiegervater. Gegen Nachmittag kamen wir an einem kleinen Häus⸗ chen vorbei, in deſſen Thüre ein dicker, rothköpfiger Mann ſtand. Slowtrap, nachdem wir ein Stückchen an der Thür vor⸗ bei waren, ſah mich an und erzählte mir, bedeutend dazu mit dem linken Augenwinkel blinzend, daß der Mann vor 4 Jah⸗ ren eine Wanduhr gekauft habe, wegen der, als ſie ein paar Tage gegangen, Zweifel in ihm aufſtiegen, ob ſie auch in⸗ — —— 152 Konwell's Haus. wendig überhaupt in Ordnung ſei. Er nahm ſie daher her⸗ unter, ſchraubte ſie ganz auseinander, überzeugte ſich ſelbſt, ſetzte ſie, nachdem er alles darin genau geſehen hatte, wieder zuſammen, und ſoll nachher behauptet haben,„er hätte noch Räder genug übrig behalten, eine neue Uhr damit in Gang zu bringen.“ Es fing jetzt an zu dunkeln;— es war Weihnachts⸗ abend, und mir ward es wieder für eine kurze Zeit gar weh um's Herz. Alle die alten, fröhlichen Bilder der lieben Weihnachtszeit tauchten auf in meiner Seele, und zeigten mir um ſo greller die leere Einſamkeit, in der ich mich befand. Daß Erinneruug ſo ſüß, und doch dabei ſo bitter ſein kann 3 Noch zur rechten Zeit kamen wir zu Slowtrap's S—. gereltern, zu den alten Konwells. Sie lebten in einer kleinen Blockhütte, rings von waldigen, ſteilen Gebirgen umgeben und dicht am Ufer des White river, der hier jedoch noch ſo ſchmal iſt, daß darüber hinweggeſtürzte Bäume zu Brücken dienen. Um ein flackerndes Feuer war Konwell's Familie ver⸗ ſammelt; er ſelbſt war nicht da. Eine freundliche Matrone ſtand von ihrem Sitze auf. Ihren Schwiegerſohn erkennend, bot ſie ihm herzlich die Hand, und zwei rüſtige Knaben, von 8 und 11 Jahren, ſprangen ebenfalls auf, ihn zu begrüßen. Noch war eine andere Geſtalt im Zimmer, ein junges ſchlankes Mädchen, das ſich beſcheiden zurückhielt, doch kam auch ſie endlich her⸗ 3 vor ihrem Schwager die Hand zu bieten, der ſie Sophie anredete. Der alte Konwell. 153 Auch der Fremdling wurde nicht vergeſſen und von Allen herzlich begrüßt. Mir aber, dem es noch vor einem Augenblicke ſo weh geweſen war, der ich mich ſo unendlich verlaſſen und elend gefühlt hatte, kam auf einmal, wie ich das freundliche, ehr⸗ liche Geſicht der alten Frau, die ſanften Züge des jungen Mädchens und die offenen Geſichter der Knaben ſah, ein ſtiller Frieden ins Herz. Mir war es, als ob ich wieder einmal eine Heimath gefunden habe, und endlich wieder zu Hauſe angelangt ſei. Noch nie in meinem Leben habe ich mich bei fremden Leuten, und zwar gleich vom erſten Augen⸗ blicke an, ſo wohl, ſo heimiſch gefühlt. Eine halbe Stunde mochten wir ungefähr geſeſſen haben, als der alte Konwell eintrat. Habe ich je die Biederkeit einem Geſichte eingeprägt geſehen, ſo war es das ſeinige. Ein alter Mann mit ſchneeweißen Haaren, aber rüſtig, als wenn er 20 Jahre alt wäre, in Jagdhemd und moccasins und bloßem Halſe. Nachdem wir einander die Hand ge⸗ ſchüttelt und eine Stunde beiſammen geſeſſen hatten, ſchien es mir, ols ob ich ihn von Kindesbeinen an gekannt hätte, und der Abend verflog mir mit unglaublicher Schnelle. Am erſten Weihnachtstage war es bitter kalt, und wir hatten eben ein herrliches Feuer im Kamine angemacht, als John, der jüngſte der Knaben, hereingeſprungen kam und uns ſagte, daß wieder ein ganzer Gang Truthühner im Kornfelde ſei. Ich nahm ſchnell meine Büchſe, pfiff Beargrease und war im Augenblick im Felde. Beargrease hatte aber kaum * 154 Beargrease als Wächter. 4 die Truthühner gewindet und das Loſungswort gehört, als er wie ein Pfeil unter ſie hineinbrach, und ſchnell flatterten ſie in die das Feld umgebenden Bäume. Ich ſchoß einen herunter, lud wieder und verſuchte den jetzt Entflohenen zu folgen, um noch einen zweiten zu erlegen, ließ aber Bear- grease bei dem geſchoſſenen zurück, da viele Schweine in der Nachbar umherliefen. Nicht wieder zum Schuß gekommen kehrte ich zu meiner Beute zurück, und fand dort daß Bear⸗ greaſe alle Hände voll zu thun hatte einem anderen, weit größeren Hund, der ihm den anvertrauten Truthahn wahr⸗ ſcheinlich wollte ſtreitig machen, zu beweiſen daß er gar nichts bei der Sache zu thun haben. Er hatte ihn über einen da⸗ nebenliegenden, umgefallenen Baumſtamm geworfen und hielt ihn dort mit dem grimmigſten Geſichte von der Welt feſt. Nur als er mich kommen ſah wedelte er mit dem Schwanze; vorn bös und hinten freundlich, wie Janus. Ich befreite den armen Teufel aus ſeiner bösartigen Lage und Beargrease, der, noch fortwährend knurrend, dem anderen die grimmigſten Blicke zuwarf, ſtreichelnd und zu⸗ ſprechend, bezeigte ich ihm meine ganze Zufriedenheit und Dankbarkeit für ſein gutes Betragen. Ein paar Tage lang amüfirte ich mich mit Truthahn⸗ ſchießen, meinem alten Slowtrap erſt Zeit laſſend dort zu beſorgen was er zu beſorgen hatte, als dieſer mir auf ein⸗ mal kundthat, daß er ſeine Geſchäfte ſchneller als er im An⸗ fange glaubte beendigt habe, und gleich zu ſeinem Hanſo zurückkehren wolle. 4 Seine Abreiſe war mir aus zwei Urſachen ſehr unange⸗ 4 Slowtrap und die Kuh. 155 nehm; erſtens weil er ein höchſt angenehmer Geſellſchafter war, zweitens aber, weil er alle die Gebirge dort genau kannte. Er wollte ſich jedoch nicht zurückhalten laſſen, und ſein Abmarſch wurde auf den nächſten Morgen feſtgeſetzt. Am Nachmittag, da die Sonne recht warm und freund⸗ lich auf die kalte Erde herabſchien, hatten wir uns vor das Haus begeben und erzählten uns etwas. Slowtrap aber, dem das Liegen auf der feuchten Erde nicht gefallen wollte, war auf die ungefähr 5 Fuß hohe Fenz geſtiegen, die das Feld einſchloß, und gab uns eben eine ſeiner launigen Ge⸗ ſchichten zum Beſten, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen. Mehre Kühe hatten ſich unter der Zeit gerade hinter ihm eingefunden. Nun trug er, wie ich ſchon erwähnt habe, einen alten, abgetragenen Frack, deſſen Schöße an der anderen Seite der Fenz weit hinunterhingen, während in der einen Taſche deſſelben ſein von Schweiß feuchtes Taſchentuch ſteckte. Er hatte an demſelben Morgen ſchon mehrere Berge erſtiegen und ſich ſehr erhitzt. Die Kühe aber ſind ſtets hinter Salz oder ſalzigen Gegenſtänden her, und hatten wahrſcheinlich ge⸗ wittert, daß ſich etwas derartiges in ſeiner Taſche befand. Kurz, eine von ihnen, etwas dreiſter als die übrigen, war leiſe herangekommen, hatte ſeinen Frackzipfel in das Maul genommen und kauete daran. Ich hatte erſt dem ganzen Proceſſe mit Vergnügen zuge⸗ ſehen, bis ich zuletzt glaubte daß doch wohl ſein Rock in Gefahr kommen könnte zerkaut zu werden, und ihm zurief, hinter ſich zu ſehen. Er ſah ſich um, und die Kuh bemerkend, 156 Slowtrap und die Kuh. die ihn mit ungemeiner Gemüthsruhe hinten am Rockſchooße hatte, warf er einen ſeiner langen Arme herum, ſie fort⸗ zujagen. Armer Slowtrap! Die Kuh, durch den langen Arm ſcheu gemacht, fuhr zurück, hatte aber unglücklicher Weiſe beim Kauen einen der unteren Frackknöpfe zwiſchen die Zähne bekommen, und da⸗ durch meinem armen Slowtrap, der ſo ſchon blos in der Balance ſaß, einen plötzlichen Ruck gebend, ſtanden ſeine Beine für einen Augenblick wie die Schornſteine eines Dampf⸗ bootes in die Höhe, und folgten dann, dem Gleichgewicht des Körpers nachgebend, dem langen Leibe in die innere Ein⸗ friedigung. Was weiter geſchah kann ich nicht genau ſagen, denn wir Anderen alle, die wir unten waren, wälzten uns augen⸗ blicklich vor Lachen auf dem Boden. Am 27. December Morgens beſtieg mein alter Gefährte ſein Pferd, und mir und ſeinen Verwandten die Hand ſchüt⸗ telnd, war er bald im dichten Walde verſchwunden. Ich fing jetzt an meine Siebenſachen zuſammenzupacken, in die Gebirge zu ziehen, und eine Jagd allein zu beginnen. Da ſagte mir der alte Konwell daß er gern mit mir jagen wolle, nur hätte er noch etwas zu Haus und in der Nachbar⸗ ſchaft zu thun, das ihn wenigſtens auf einige Tage abhalten würde. Ich erwiderte ihm dann daß ich vorausgehen wolle, weil ich ihm nicht ſo lange zur Laſt liegen möchte. Da wurde er aber ordentlich böſe, verſicherte mir daß ich nicht ohne ihn fort dürfe, und ſchloß ſeine freundliche Ein⸗ — N Freundliche Einladung. Jagdzug. 157 ladung, in ſeinem Hauſe zu bleiben, mit den herzlichen Worten:„you are as welcome as the flowers in May“ (ſo willkommen, wie die Blumen im Mai). Solch' liebe— voller Einladung konnte ich nicht widerſtehen, und ich blieb gern. Am 28. December ritt er fort und kam erſt gegen Abend des nächſten Tages wieder. Den Nachmittag fing es an zu ſchneien und ſchneite bis ſpät in die Nacht hinein, ſo daß wir ſchon glaubten herrliches Jagdwetter zu bekommen. Die Freude währte aber nicht lange, es war zu warm. Denſelben Abend bereiteten wir jedoch noch Alles vor, was wir zur morgenden Jagd brauchten, beſſerten unſere moccasins aus, goſſen Kugeln, ſchliffen die Meſſer ꝛc., und am 30. Decem⸗ ber, Morgens, zogen wir dem„pilotrock“(Lootſenfelſen) an den Quellen des Hurricanefluſſes zu. Nachdem wir wieder über die ſogenannte„boston divide“ hinüber waren, hielten wir uns im Niederſteigen am Ab⸗ hange des Berges hin, ſchlugen, als wir eine Quelle mit köſtlichem Waſſer gefunden, Feuer und, um ein Jägerwort zu gebrauchen,„struck camp“ d. i. bereiteten uns vor, dort zu lagern. Die Nacht war klar und kalt, doch hatte das warme Wetter den Tag über all den ſchönen Schnee verdorben, und wir waren daher blos auf Pirſchen angewieſen. An einem praſſelnden Feuer hingeſtreckt, ruhten wir unſere Glieder von den Anſtrengungen des Tages aus und ſchliefen bald, unſere Hunde neben uns, gar ſanft und ſüß. Da wir noch nicht am rechten Jagdgrunde angelangt 158 Die Gebirge. waren, brachen wir ſehr früh auf, ſtiegen den Berg hinunter, gingen über den Hurricane, und an der anderen Seite des⸗ ſelben unſeren Lagerplatz für die nächſte Nacht beſtimmend und dort Konwell's Pferd, unſere Decken und Proviſionen zurücklaſſend, fingen wir an von verſchiedenen Seiten den Berg zu erſteigen, um irgend etwas zum Schuß zu be⸗ kommen. Der Hurricane iſt ein kleiner Bergſtrom, der ſeinen Namen eigentlich von einem alten„hurricane“*) hat, der an der Mündung deſſelben einmal in früheren Zeiten wüthete, von dem aber noch jetzt die Spuren ſehr deutlich zu ſehen ſind. Er ergießt ſich in den Mulberry und ſtrömt dann mit dieſem in den Arkanſas. Konwell hielt ſich links, ich rechts, und ſteile Felſen hinaufklimmend, wo ich oft meinen Hund vor mir her heben mußte, erreichte ich endlich eine Art flacher Terraſſe. Es iſt eine Eigenthümlichkeit dieſer Gebirge, daß ſie ter⸗ raſſenförmig gebildet ſind und, von unten betrachtet, gar nicht hoch ausſehen, weil man immer nur höchſtens den Gipfel der zweiten Abdachung zu ſehen bekommt. Erklettert man aber eine, ſo hat man wieder eine andere, ebenſo hohe vor ſich, und die Jäger haben ein Sprichwort, daß, wenn man auch auf die oberſte käme, doch immer noch eine darüber wäre. Ich hatte, von unſerem Lagerplatz aus, kaum die dritte Terraſſe erſtiegen, als ich mich in Schußnähe von einem feiſten Schmalthier fand. Natürlich war ich nicht blöde, denn für *) Orkan. —-ℳ— Die erſten Bärenzeichen. 159 unſer Lagerfeuer bedurften wir Wildpret. Ich hing es auf und zog weiter, und fand bald darauf, am Ende der Terraſſe, wo ſich eine Quelle ſteil den Berg hinunterſtürzte, die erſten Bärenzeichen. Der alte Burſche hatte dort viele Steine um⸗ gedreht, um Würmer zu finden, und auch einige Saſſafras⸗ Büſche abgebiſſen. Da ich aber weiter keine Merkmale ent⸗ decken konnte, beſchloß ich, zum Lager zurückzukehren, um morgen mit Hilfe meines Alten die Unterſuchung fort⸗ zuſetzen. Ich ging an der Stelle vorüber wo mein Schmalthier hing, lud mir die Hälfte deſſelben auf und ſtieg zum Lager hinunter, wo ich Konwell ſchon beſchäftigt fand einen merk⸗ würdig feiſten Truthahn zurechtzumachen. Ermüdet vom vielen Klettern, warfen wir uns jetzt auf unſere Decken, ein wenig zu verſchnaufen, aber die ſinkende Sonne und die immer ſchärfer und ſchneidender werdende Kälte ließ uns nicht lange ruhen, und ermahnte uns an Feuerung und zwar bedeutende Feuerung für die Nacht zu denken. Holz war übrigens im Unmaſſe in der Nähe und wir brauchten es nur eine kleine Strecke zum Lager zu ſchlep⸗ pen, wo denn auch in wenigen Minuten ein praſſelndes Feuer gegen den geſtirnten Nachthimmel emporſchlug. Kaum hatte die Sonne die Baumwipfel der höchſten Kuppen ver⸗ laſſen, als es auch ſchon in der Schlucht, wo wir lagen, rabenſchwarze Nacht war. Die Dämmerung dauerte keine 10 Minuten. Es war Sylveſter Abend. 3 In der Heimath flogen jetzt bei rauſchender Muſik fröh⸗ 160 Sylveſter. liche Paare Arm in Arm durch die erleuchteten Säle und vergaßen im Taumel der Freude vergangenes Leid, vergan⸗ genen Schmerz; wie anders war es mir. Neben dem kniſtern⸗ den Feuer hingeſtreckt, nach dem blauen Sternenhimmel hinaufſchauend, links neben mir den treuen Hund, rechts die BMüchſe, am Schluſſe eines wieder traurig dahingeſchwun⸗ denen Jahres, war es mir nicht wie tanzen und ſpringen. Seit 7 Monaten hatte ich keine Nachricht aus der Hei⸗ math und kam mir, hineingeklemmt zwiſchen die ſteilen, wil⸗ den Berge wie ich war, vor wie einer, hinter dem die Welt abgeſchloſſen ſei und der nur vorwärts, nie mehr zurückkönne. Auch die Zukunft zeigte mir keine lockenden Bilder. Von allem, was mir lieb und theuer war entfernt, allein— allein in der endloſen Wildniß, ſah ich mich ſchon mit weißen Haaren, auf meine Büchſe gelehnt, in den Bergen ſtehen, ein einſamer freundloſer Jäger. Dem alten Hawkeye muß es doch manchmal recht weh um's Herz geweſen ſein. Mein Alter hatte unter der Zeit, auf ſeinen linken Ellenbogen geſtützt, in die Flammen und die ſich verzehren⸗ den Kohlen geſchaut, und ſich auch wohl wie ich der Erin⸗ nerung an die Vergangenheit hingegeben. Die ſeinige mußte aber freundlicherer Art ſein, denn er lächelte oft ſtill in ſich hinein. Er hatte ein thätiges, bewegtes Leben hinter und ein freundliches Greiſenalter vor ſich, lebte im Kreiſe ſeiner 4 kleinen, lieben Familie, in der Nachbarſchaft mehrer verhei⸗ ratheter Kinder, und war ſelbſt noch ſtark und rüſtig genug; warum ſollte er traurig ſein? ..* Ich war aufgeſtanden, um mich ein wenig zu zerſtreuen, — und rgan⸗ ſtern⸗ mmel ts die wun⸗ en. Hei⸗ wil⸗ Welt önne. ilder. in— eißen ehen, muß inken hren⸗ Frin⸗ außte ſich und einer rhei⸗ nug; uen, Des Greiſes Erinnerung. 161 ſchürte das Feuer an, warf die durchgebrannten Stücken zu⸗ ſammen und hatte mich eben wieder auf meine Decke zurück⸗ gelehnt, als Konwell das Geſpräch aufnahm und mir ſagte, daß er heute Abend gerade 62 Jahre alt ſei. Er war am Sylveſterabend 1779 geboren und noch ſo munter und kräf⸗ tig, daß ich tüchtig zuſchreiten mußte wenn ich in den Ber⸗ gen mit ihm Schritt halten wollte. Er erzählte mir jetzt von ſeinem vergangenen Leben, wie zder fortwährend als Pioneer der Civiliſation vorausgezogen ſeiz erſt in Carolina, dann in Kentucky, dann in Teneſſee, dann in Miſſouri gelebt habe, und nun in die Ozarkgebirge gezogen ſei, daß ihm aber auch hier die Leute ſchon wieder zu ſehr auf den Leib rückten und er nicht übel Luſt habe einen ſtilleren Fleck auszuſuchen. Er erzählte mir wie glücklich und vergnügt er mit ſeiner Familie lebe, er erzählte von ſeinen Kindern;— und wie ich ihm zuhörte, kam auch wieder ſtiller Frieden in meine eigene Bruſt; es war mir, als ob ich von meiner eigenen Familie reden hörte. So lagen wir, bis uns beiden endlich der Schlaf die Augenlider zu ſchwer machte, und uns in die Decken ein⸗ hüllend, war bald Vergangenheit und Zukunft vergeſſen. Am nächſten Morgen, als die Bäume auf dem Gipfel der weſtlichen Gebirge den erſten Sonnenſtrahl zeigten, er⸗ hoben wir uns erſt von unſerem Lager, und den Reif von den Decken ſchüttelnd, athmeten wir mit froher Bruſt die friſche, klare Morgenluft ein. Es war übrigens bitterkalt; das Waſſer, welches wir in unſeren Blechbechern neben uns ſtehen hatten, war hart ge⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge 11. 11 162 Das Bad. froren, ebenſo das Wildpret, doch bald dampfte vor uns ein delicates Frühſtück, wie ſich es kein Fürſt hätte beſſer wünſchen können. Saftiger Hirſchbraten, fetter Truthahn, ein Becher hei⸗ ßen, ſtarken Kaffees und geröſtetes Maisbrod— wo war das Hotel, mit deſſen Koſt wir hätten tauſchen mögen?— Der Menſch iſt aber unerſättlich und mein Alter ſeufzte nach Bärenfleiſch. Ehe das Frühſtück ganz fertig war, ging ich an den creek, der wenige Schritte von unſerem Lager vorbeifloß, mich zu waſchen, fand aber ein ziemlich tiefes Loch mit eryſtallhellem Waſſer, das an dem kalten Morgen ordentlich dampfte, warf meine Kleider ab und tauchte unter in dem klaren Elemente. Es war ein herrlicher Genuß, und ich empfand erſt die Kälte, als ich wieder herauskam. Doch im Nu war ich bei der hochauflodernden Flamme, und kaum hatte ich wie⸗ der meine trockenen Kleider an, als eine belebende Wärme mir durch den ganzen Körper ſtrömte, daß ich mich ſo kräftig und ſtark fühlte, als ob ich Eichen hätte aus der Erde reißen können. Der alte Konwell hatte mir lächelnd zugeſehen, doch meinte er, es ſei dieſen Morgen für ihn ein wenig zu kalt, ganz hineinzugehen, und begnügte ſich damit Geſicht, Bruſt, Hände und Füße darin zu baden. Nachdem wir uns auf dieſe Art im kalten Elemente tüchtig gekräftigt, ſetzten wir uns zum Frühſtück nieder, und Trut⸗ hahn, Hirſchbraten, Kaffee und Maisbrod verſchwanden mit einer Entſetzen erregenden Schnelle. Selbſt mein Hund 4 gnn Das Frühſtück. Die Suche. 163 ſchien ſich darob zu verwundern, und vor uns ſitzend, ſah er mit offenem Maule zu, was ich eben ſeinem Erſtaunen zu⸗ ſchrieb; Konwell aber behauptete, er hätte das Maul blos der Bequemlichkeit wegen offen, damit er die Biſſen, die ich ihm von Zeit zu Zeit zuwarf, leichter auffangen könnte;— er mochte vielleicht Recht haben. Nachdem die Kleinigkeit(ein halber Truthahn und der größte Theil einer Hirſchkeule) zur allſeitigen Zufriedenheit in Sicherheit gebracht war, machten wir uns auf den Weg, den Bären aufzuſpüren, deſſen Zeichen ich am vorigen Tage gefunden hatte. An Ort und Stelle angelangt, fingen unſere Hunde ſo⸗ gleich an unruhig zu werden, und den ſteilen Abſatz der Terraſſe hinunterjagend, hörten wir ſie kurze Zeit darauf unten bellen. So ſchnell uns unſere Füße tragen konnten, folgten wir ihnen, und kamen bald bei dem Flecke an wo eine Höhle, unter einem ungeheueren Felsblocke hin, in den Berg hineinlief. Der Bär war darin, denn die abgebiſſenen Zweige bewieſen es zur Genüge, hätte ihn auch nicht ſeine Loſung verrathen, die an mehren Orten unfern des Ein⸗ ganges lag. Die Hunde vollführten einen wüthenden Lärm, und um zu ſehn wo der Bär eigentlich ſtecke, legte ich meine Büchſe hin, meine Kugeltaſche daneben und wollte eben mit dem Meſſer in der Hand ein wenig im Inneren recognosciren, als Braun Unrath merkte. Er mußte dicht vor der Oeff⸗ nung gelegen haben, die Höhle war nämlich nur 8 Fuß tief, und nur eine kleine Krümmung hatte ihn unſeren Augen ver⸗ 11* 3 n — 164 Die Ueberraſchung. borgen. Das Bellen der Hunde würde ihn übrigens ſchwer⸗ lich aus ſeinem Gleichmuth gebracht haben, als ich mich ihm aber näherte, hatte ich den Wind gerade im Rücken, und kaum ſpürte er mich, als er blaſend und ſchnaubend heraus⸗ und fortſprang, wobei er mich beinahe über den Hau⸗ fen rannte. Der Seitenſprung den ich machte, hätte einem Voltigeur zu Ehre gereicht; mein Alter aber, der dergleichen Jagden ſchon mehr geſehen, war ruhig am Eingange des Schlupfwinkels ſtehen geblieben, meine Zurüſtungen allerdings beobachtend, aber auch die Büchſe geſpannt in der Hand, und ehe ich und die Hunde uns von unſerem Erſtaunen erholen konnten, hörten wir auch ſchon den ſcharfen Knall ſeiner Büchſe. Der Bär ſchien übrigens feſt entſchloſſen zu ſein, ſich durch Nichts aufhalten zu laſſen, und war bald in den Klüf⸗ ten verſchwunden. Doch mit ihm auch unſere beiden Hunde, die erſt durch den Schuß wieder zu ſich ſelbſt gekommen waren. 4 Der alte Mann lachte herzlich als er mich, mit dem Meſſer in der Hand, ganz verdutzt vor der leeren Höhle ſtehen ſah, und bedauerte nur, daß er meinem Luftſprunge nicht ſeine ganze Aufmerkſamkeit hatte widmen können, da ihn die fliehende Beſtie zu ſehr beſchäftigte. Wir folgten nun den Hunden, und auf den Felſen, über die wir den Bär hatten ſpringen ſehen, genau nachſuchend, fanden wir dunklen Schweiß mit Loſung vermiſcht. Er war waidwund geſchoſſen. Von Blutverluſt ermattet konnte er auch nicht weit laufen, Die Bärenjagd. 165 ehe ihn die Hunde einholten. Da ſie aber beide jung und unge⸗ übt waren, koſtete es ihm nicht viel Mühe ſie ſich vom Leibe zu halten; doch ſtellten ſie ihn wenigſtens. Wir kamen gerade auf dem Kampfplatze an, als der Bär die Hunde zurückgeſchlagen hatte und eben einen ſteilen bluff(Abhang) hinaufkletterte. Ich zielte nach dem Kopfe und zerſchmetterte ſeine rechte Vordertatze. Ueberſtürzend kam er zurück, wo ihn die Hunde wieder in Empfang nahmen. Mein alter Gefährte war jetzt auch herangekommen, und ruhig zielend, ſandte er dem, ſich nur noch matt Verthei⸗ digenden eine Kugel durch das Herz. Es war ein zweijähriger, junger Bär, ziemlich feiſt, und verſprach einen delicaten Braten, daher beſchloſſen wir ihn nach Konwell's Wohnung zu ſchaffen. Während ſich alſo nun mein Alter darüber hermachte, ihn auszuweiden und abzufließen“*), ging ich zurück zum Lager, um unſere Decken ꝛc. zuſammenzupacken und das Pferd zu unſerem Wildpret zu holen. Ich ritt auch dort vorbei, wo der Reſt meines Schmalthiers hing. Es war zu ſchönes Wildpret, es zurückzulaſſen. Unſer Pferd hatte ſo circa 200 Pfund zu tragen, und da der Tag ſchon ziemlich weit vorgerückt war, beſchloſſen wir, an der nächſten Quelle die wir erreichen würden, zu übernachten. Auf einer ebenen Fläche über den Gipfel des Berges hin⸗ gehend, hörten wir plötzlich einen ganzen Gang Truthühner *) Das Fett des Bären abſtreifen to fleece. 166 Die Truthühner. einen gräulichen Spectakel vollführen(ein ſicheres Zeichen von herannahendem, ſchlechtem Wetter). Der Alte war wie ein Blitz vom Pferde herunter, und wir beide liefen dem Jelpen und Rufen zu. Nahe genug hinangekommen, hetzte ich aber meinen Hund, und in dem Augenblicke war es auch, als ob der ganze Wald von Trut⸗ hühnern lebendig wäre, denn im Nu ſchwärmten die Bäume ordentlich von den dicken, dunkeln, unbeholfenen Geſtalten. Den mir nächſten ſchoß ich herunter, aber noch im wieder laden begriffen, ſah ich wie mein Alter, mit aufgehobener Büchſe, bedächtig zwiſchen den, lange Hälſe machenden Bur⸗ ſchen herumging und alle aufmerkſam betrachtete. Plötzlich hielt er, zielte, und der Truthahn ſchwankte auf dem Aſte, erholte ſich jedoch und blieb ſtehen. Ich hatte jetzt auch wieder geladen, und einen anderen alten Kerl auf's Korn nehmend, brachte ich den zwei⸗ ten nieder. Der größte Theil des Ganges hatte ſich jetzt fortgemacht, doch der, nach dem mein alter Gefährte geſchoſſen hatte, ſaß noch— er war ſchwer verwundet. Obgleich jedoch der Schweiß an ihm heruntertröpfelte, hielt er Stand. Konwell hatte nun auch wieder geladen und ſchoß ihn durch den Kopf. Auf meine Frage, warum er nicht lieber einen anderen geholt habe, da ihm dieſer doch ziemlich gewiß blieb, gab er mir zur Antwort daß es der fetteſte und ſchwerſte im ganzen Gange geweſen ſei, und wir doch genug Vorrath hätten. Sein Truthahn wog auch in der That wohl 3 Pfund mehr als irgend einer von denen die ich Die Truthühner. Rückkehr zu Konwell's Haus. 167 geſchoſſen hatte, und er behauptete lachend ſich nicht umſonſt den beſten herausgeſucht zu haben.„Seht“ ſagte er,„wenn die Truthühner, plötzlich von den Hunden aufgeſcheucht, ſo auf den Bäumen ſitzen wie ſie eben ſaßen, dann iſt es nicht nöthig in aller Eile den erſten, beſten herunter zu ſchießen. Ein guter Jäger nimmt erſt den fetteſten, und den zu finden iſt eine Kleinigkeit. Ein kurzer, dicker Hals iſt das untrüg⸗ lichſte Zeichen. Je magerer der Truthahn, deſto dünner und länger iſt der Hals, und deſto größer erſcheint der Vogel; aber nur nach dem kurzhalſigen geſchoſſen, und ich wette darauf,„er i*ſt nicht ſo bös zu verzehren“(he ain't so bad to take). Durch lange Erfahrung habe ich ſeine Behauptung wohl beſtätigt gefunden, doch gehörte einige Zeit dazu, ehe ich mir die herumſitzenden Truthühner kaltblütig genug anſehen konnte, meine Auswahl zu treffen. Wir„zogen ſie aus“(denn merkwürdig iſt es, wie ſchnell ſie, ſelbſt bei kaltem Wetter, verderben, wenn nicht auf der Stelle die Eingeweide herausgenommen werden), warfen zwei über das Pferd, während ich den dritten ſchulterte, und mar⸗ ſchirten an dieſem Abend nur noch eine ganz kurze Strecke, als wir zu ſehr gutem Waſſer kamen und uns dort bald wie⸗ der für die Nacht behaglich einrichteten. Am nächſten Tag erreichten wir bei guter Zeit das Haus meines alten Jagdgefährten, und einſetzender Regen ver⸗ hinderte uns hier augenblicklich wieder an einem neuen Auf⸗ bruch zu denken. Wir machten es uns alſo ſo bequem als möglich, ſchaff⸗ 168 Erzählung des alten Jägers. Die Tuskarores. ten Holz genug zum Hauſe und poſtirten uns im Halbzirkel um die kniſternde Flamme, als Konwell uns ſagte, er wolle eine Geſchichte aus ſeinem früheren Leben zum Beſten geben, und folgendermaßen begann. „Es ſind nun ungefähr 40 Jahre her, als meine Eltern in die Cumberland⸗Gebirge zogen; und da das Land frucht⸗ bar und geſund, und die Berge mit Wild gefüllt waren, hatte ſich dort bald eine kleine Anſiedelung geſammelt. Wir befanden uns recht wohl, zogen⸗ſoviel Mais, als wir brauchten, hatten Hirſch⸗ und Bärenfleiſch, ſowie wilden Honig in Menge, und aus den niederen Anſiedelungen konn⸗ ten wir immer für unſer Bärenfett und die Felle, Kaffee, Pulver und was wir ſonſt brauchen mochten bekommen. Jeder wird eingeſtehen müſſen daß wir dort ein ganz gutes Leben hätten führen können, wäre nicht ein Umſtand ge⸗ weſen, der uns das Daſein verbitterte und oft unzähligen Gefahren ausſetzte.“ „Es war ein Stamm der Tuskarore⸗Indianer, die ſich aus dem Norden, wahrſcheinlich von den Franzoſen vertrie⸗ ben, zu uns heruntergemacht hatten, und plünderten und mordeten, wo ſich ihnen nur irgend eine Gelegenheit dazu darbot. Beſonders hatten ſie eine Menge Pferde, und zwar auf ſo liſtige Weiſe, geſtohlen, daß ſie lange unſeren ſcharfen Nachſpürungen entgingen. Die Gebirge liefen nämlich dort, wo wir wohnten, nach einer Stelle zu in einen, mehre Meilen langen und an 30— 50 Fuß hohen bluff oder Abhang aus, der ſo ſteil war daß kein Bär vielweniger ein Pferd, dort hinunter gekonnt hätte. Sobald alſo nun Pferde vermißt Die Tuskarores. 169 wurden, ſo ſuchten die, welche nach jener Seite des bluffs geſchickt wurden, blos an den beiden Enden deſſelben, und konnten nie eine Spur der Geſtohlenen finden.“ „Ich war damals etwa 22 Jahre alt und eines Tages mit meinem Hunde(ich habe ſeit der Zeit keinen ſolchen Hund wieder geſehen, obgleich„old beef“ hier auch ſeine guten Tage gehabt hat) einem feiſten fetten Bären auf die Spur gekommen. Feiſt mußte er ſein, dafür hatte ich zwei untrügliche Beweiſe; erſtlich war er durch das ſandige Bett einer Quelle gegangen, wo ſich ſeine Fußtapfen deutlich ab⸗ drückten, und die Ballen waren tief und voll in den Sand eingepreßt, er war ſchwer, und zweitens hatte er, wo ich ſeine Loſung fand, die Eichelſchaalen nicht mit verſchluckt, ſondern die Eicheln geſchält— allemal ein untrügliches Zei⸗ chen. Ich war, wie ich glaubte, dicht hinter ihm, und folgte ſchnell auf ſeiner Fährte.“ „Der Bär hatte ſeinen Weg gerade nach dem bluff zu genommen und war, nicht mehr 200 Schritte von dem ſteilen Abhange entfernt, durch ein ſ chmales, aber ungeheuer ſteiniges Flußbett gegangen und demſelben gefolgt. Leiſe und ſchnell hinter meinem Hunde hergehend und die Augen nur dann von der Fährte abwendend, wenn ein etwas erhöhter Stand⸗ punct, oder eine plötzliche Biegung mich hoffen laſſen konnte, etwas von der Beſtie zu ſehen, erſtaunte ich nicht wenig, auf einmal Pferdeſpuren in dieſen Klippen zu finden, die gerade nach dem bluff zu liefen.“ „Erſt vor wenigen Nächten waren uns wieder zwei herr⸗ liche Pferde weggekommen, und umſonſt hatten wir überall 170— Die Tuskarores. nach ihren Spuren geforſcht; zum bluff zu gehen, hatte natürlich Jeder für nutzlos gehalten. Wie groß aber war mein Erſtaunen, als ich an die Stelle kam, wo ſich nach heftigem Regen der Bach hinunterſtürzte, der aber bei trockenem Wetter keinen Tropfen Waſſer enthielt, und dort, wo der Abhang wenig über 20 Fuß betragen mochte, zwei Fichten umgehauen fand, die ſchräg gegen die Felſen lehnten, und zwar ungefähr ſo weit von einander, daß ein Pferd auf ihnen hinunterrutſchen, nicht aber hindurchfallen konnte. Daß ſie übrigens zu dieſem Zweck benutzt waren, unterlag gar keinem Zweifel mehr; denn hätte auch nicht der Boden vor der Rutſchbahn es deulich verrathen, da hier die Pferde ungeheuer geſtampft hatten, ſich der Procedur zu widerſetzen, ſo zeugten eine Maſſe Pferdehaare, die an beiden Stäm⸗ men hingen, hinlänglich für meinen gleich gefaßten Verdacht.“ „Hier zeigte ſich's auch wo mein Bär hingekommen war, denn dieſer hatte die Gelegenheit ebenfalls benutzt und eine der Fichten als Leiter gebraucht. Seine Spuren waren deutlich im weichen Holze zu ſehen.“ „Meinen Hund hätte ich doch nicht dort hinunterſchaffen können, die Nachricht war auch zu wichtig um lange ver⸗ ſchwiegen gehalten zu werden, und ich machte mich deßhalb ſo ſchnell ich konnte auf den Rückweg, den Meinigen die Ent⸗ deckung mitzutheilen. Wir hatten nicht nöthig lange zu warten, um davon Gebrauch zu machen.“ „Die Indianer, die erſt vor wenigen Nächten ein paar Pferde geſtohlen hatten, glaubten den Transport wahrſchein⸗ lich zu klein und kamen an demſelben Abend wieder. Glück⸗ Die Tuskarores. 171 licher Weiſe gaben unſere Wachen frühzeitig genug den Alarm, und kaum waren die rothen Schurken mit ihrer Beute fort, als wir auf einem näheren Wege, den ſie nicht wagen durften zu nehmen, ihnen vorauseilten. Um ſo wenig als möglich Spuren zurück zu laſſen, mußten ſie nämlich den ſteinigſten und weiteſten Pfad einſchlagen.“ „Morgens 9 Uhr ungefähr erreichten wir die gefällten Fichten und erwarteten, uns in Bäume und hinter Felſen verbergend, ihre Ankunft. Faſt fingen wir an zu glauben, daß ſie durch Zufall auf unſere Spur gekommen und ver⸗ ſcheucht wären, weil die Sonne ſchon hoch im Mittag ſtand und ſich immer noch nichts blicken ließ, doch beſchloſſen wir zu warten, bis es vollkommen dunkel ſein würde.“ „Unſer Haufen beſtand aus 15 Mann, und wir hatten feſt beſchloſſen nicht zu ſchießen, bis wir alle zugleich einen ſicheren Schuß haben könnten. So horchten wir denn mit Herzklopfen auf das kleinſte Geräuſch.“ „Als wir kaum noch die Ankunft der rothen Diebe er⸗ warteten, kam plötzlich ein einzelner Krieger, in ſeine weiße wollene Decke gehüllt, die er ſich um den Leib geſchnallt hatte, die Anhöhe heruntergelaufen. Er war zum Recog⸗ nosciren vorangeſchickt, doch hatte er nicht die mindeſte Ahnung von Gefahr, bis er plötzlich, am Rande des Ab⸗ hangs, gerade an meinem Onkel Ben vorbeilief. Der Alte nun— ob er glaubte, daß er doch geſehen ſei, oder ob er der Verſuchung, der rothen Canaille eins auf den Pelz zu brennen, nicht widerſtehen konnte,— ich weiß es nicht, kurz, ſo bedächtig er ſonſt auch war, ſeine Büchſe knallte. Der 172 Die Tuskarores. Wilde ſprang hoch in die Höhe und ſtürzte, ohne einen Laut von ſich zu geben, auf das Geſicht. Das hielt aber die Uebrigen nicht ab. „Vielleicht glaubten ſie auch ihr Kundſchafter habe etwas geſchoſſen, oder hielten ſich ſelbſt für ſtark genug einem einzelnen Jäger, den der Zufall etwa dahin geführt hätte, die Spitze bieten zu können. Es dauerte wenigſtens keine fünf Minuten, ſo zeigte ſich der ganze Trupp auf dem Gipfel der Anhöhe, ungefähr 80 Schritte von da wo wir verſteckt lagen. Pferde hatten ſie nicht, die vier ausgenommen die ſie uns in der letzten Nacht geſtohlen, und da wir recht gut wußten daß wir den einmal aufmerkſam gemachten Indianern ver⸗ gebens in den ſteilen Schluchten nachgeſpürt wären, nahm jeder ſtillſchweigend ſein Ziel. Die ganze Bande beſtand aus 9 Mann, 4 zu Pferde und 5 zu Fuß und leicht hätten wir ſie alle niederſchießen können, wären wir nicht zu hitzig geweſen, die Pferde wiederzuerhalten. So bekamen die vier Berittenen die Ladungen aus ſämmtlichen Büchſen.“ „Ich hatte nicht ſo ſchnell wie die Uebrigen geſchoſſen, und als ich die Viere von den Pferden ſtürzen und die Anderen Ferſengeld geben ſah, nahm ich einen der Fliehenden auf's Korn, gerade als er im Dickicht verſchwinden wollte. Beim Schuß ſprang er in die Höhe und warf die wollene Decke, die er, wie alle Anderen, um den Leib befeſtigt hatte, zurück und das rothe Blut ſah ich darauf hinunterfließen. Aber augenblicklich war er im Gebüſch, und ich glaube wohl, daß er davon gekommen iſt, wenigſtens konnte ich ſeinen Leichnam nirgends finden.“ 1 Erzählung von Europa. Neuer Jagdzug. 173 „Wir nahmen die Waffen und Decken der' Getödteten, banden ſie auf die Pferde und hielten, die Leichen den Aas⸗ geiern überlaſſend, noch denſelben Abend unſeren Triumph⸗ Einzug in der Anſiedelung. Es dauerte aber eine lange Zeit, ehe wir aufs Neue einen Tuskarore zu ſehen bekamen, denn durch den Hinterhalt ſchüchtern gemacht, zogen ſie ſich wieder nördlich gegen den Ontario⸗See.“ Das Mittageſſen war jetzt fertig und nach dem Eſſen hielten wir eine kleine Sieſta, dann wurde ein wenig geleſen, erzählt und ſo ſchnell entſchwand die Zeit, daß der Abend faſt unbemerkt wieder einbrach. Den Abend mußte ich nun beſonders viel erzählen, und genau wollten ſie wiſſen, wie es denn eigentlich in der alten Welt hergehe, ob der König die Leute könne köpfen laſſen wann er wollte, und wie ſie dort die Häuſer bauten, wenn ſo wenig Holz da wäre, und was ſie im Winter machten. Am meiſten ſetzte ſie aber in Erſtaunen, daß wir hier keine Fenzen um die Felder brauchen, daß wir all unſer Vieh ein⸗ geſperrt halten, daß wir Holz pflanzen(die Kinder ſchüttelten ungläubig die Köpfe, und der Aelteſte meinte, ich wollte ihnen etwas aufbinden) und keinen Mais bauten. Dann wollten ſie auch noch wiſſen, ob der König und die Königin immer mit der Krone und dem Scepter einhergingen, und wie die Adeligen ausſähen. Die Zeit flog uns ſchnell vorüber, und erſt ſpät ſuchten wir das Lager. Der nächſte Morgen jedoch fand uns ge⸗ ſchäftiger, und als die Sonne die höchſten Gipfel der Bäume mit einem matten, gelben Scheine vergoldete, wanderten wir 174 Schlechte Jagd. ſchon bergauf, diesmal eine andere Richtung einſchlagend, nach den Waſſern des„Richland“ und„Wareagle“ zu. (Beides kleine Flüſſe, die ſich in den White river er⸗ gießen.) Wir hatten diesmal aber gar Nichts von Proviſionen mitgenommen, ſondern blos jeder ſeine Decke auf eines der Pferde gelegt, und waren an den Ort hingeritten, wo mein Alter meinte daß wir Wild genug finden würden. Dort angekommen ließen wir die Pferde frei, die auch alsbald an zu weiden fingen und ihren Cours wieder nach Hauſe zu nahmen. Wir begannen indeß unſere Jagd, jeder dabei ſeine eigene Richtung verfolgend. Vorher hatten wir jedoch ver⸗ abredet, am Abend dort wo unſere Decken hingen, wieder zuſammenzutreffen. Ich marſchirte wohl an die 6 Meilen in die Runde und jagte ſorgfältig und langſam, konnte aber weder Hirſch noch Truthahn zum Schuß bekommeu, doch hatte ich Konwell einmal ſchießen hören. Als ich zu unſerem Verſammlungsplatz zurückkam, machte ich ein gutes Feuer an, breitete meine Decke aus, legte meine Büchſe darauf und ſtreckte mich neben ſie hin, ein wenig auszuruhen. Die Schatten fingen ſchon an ſehr lang zu werden, als ich einen leiſen Schritt nahen hörte. Erſt glaubte ich, es ſei ein Stück Wild, doch war es mein Alter, und zwar ohne Wildpret und Hund. Er ſetzte ſich neben mich auf die Decke, und wohl bemerkend daß ich bedeutenden Appetit habe, lachte er mich aus, indem er behauptete, er könne mit größ⸗ Unerwartete Beute. 175 ter Bequemlichkeit bis morgen Abend faſten. Er hatte gut lachen! Sein Hund war, wie er mir ſagte, hinter einem ange⸗ ſchoſſenen Hirſch hergejagt, dem Schweiß nach zu urtheilen, ſei aber die Kugel durch den Schenkel gegangen— eine lange und wahrſcheinlich vergebliche Hetze, denn ein ſo leicht verwundeter Hirſch läßt ſich nicht ſo leicht von einem Hund einholen. Wir machten uns auch ſchon ganz darauf gefaßt die Nacht hungrig zu Bett zu gehn, als mein Beargreaſe die Naſe hoch emporhob und windete. Konwell meinte ſein eigener Hund käme wahrſcheinlich auf ſeiner Fährte und der meinige wittere ihn. Da ich daſſelbe glaubte nahm ich weiter keine Notiz davon, plötzlich war es mir aber, als ob ich ein kurzes An⸗ ſchlagen hörte, und Beargreaſe knurrte leiſe und ſah mich bedeutend an. Ich ſprang wieder auf und nahm meine Büchſe zur Hand, als ich ganz in der Nähe das Laub raſcheln hörte. Keine Minute ſpäter kam ein herrlicher Hirſch, das Geweih zurückgelegt, in vollen Sprüngen die Schlucht her⸗ unter und paſſirte, kaum 20 Schritte vom Lager, an uns vorbei. Ich ſandte ihm, als er in gerader Richtung mit mir war, meine Kugel zu und mein Hund, der noch friſch und uner⸗ müdet war, folgte ihm dicht auf den Ferſen; doch lief der Verwundete nicht weit mehr. Meine Kugel hatte ihm den linken Hinterlauf zerſchmet⸗ tert und war ihm durch den rechten gegangen. So rannte er ungefähr noch 200 Schritt, und dann in den„Richland,“ 176 Der geſtellte Hirſch. an deſſen Ufer wir lagerten, hineinſpringend, ſchien er ent⸗ ſchloſſen, ſein Leben wenigſtens ſo theuer wie möglich zu verkaufen. Die Hunde waren zwar herangekommen, da ſie aber ſchwimmen mußten, wo er noch feſten Grund und Boden hatte, trieb er ſie mit leichter Mühe zurück; ich ergriff da⸗ her Konwell's Büchſe, der bis jetzt ruhig liegen geblieben war, als ob ihn die Sache auch nicht das Mindeſte anginge, ſprang an das Ufer und zerſchmetterte dem gequälten Thiere das Hirn. Ohne Klagelaut brach er zuſammen, und ich mußte ſelbſt in's Waſſer hinein, ihn herauszuholen. Jetzt war Wildpret im Ueberfluß da, und ehe es noch vollſtändig dunkelte, hat⸗ ten wir ihn ſchon zurechtgemacht, abgeſtreift, die Keulen auf⸗ gehangen, die Rippen am Feuer geröſtet und die Hunde gefüttert. Wir ſchliefen die Nacht koſtbar und waren früh wieder auf, unſere Jagd fortzuſetzen. Das Laub war aber ſo trocken, daß wir Nichts zum Schuſſe bekommen konnten, und ein Truthahn, den Konwell mit zum Feuer brachte, war unſere ganze Beute; übrigens fing ſich der Himmel an zu beziehen, und da wir noch Vorrath genug hatten, verließ uns auch die Hoffnung nicht. Der Wind fing an, ſcharf von Norden her zu blaſen, doch war unſer Lager von dieſer Seite durch einen etwa 10 Fuß hohen, ſteilen Bluff geſchützt, und obgleich wir nicht, der ſcharfen Steine wegen, dicht darunter liegen konnten, hielt er doch den kalten Wind ſehr ab, ſo daß uns ein tüch⸗ Der verlorene Maccafin. 177 tiges Feuer an der Sandſeite Wind und Kälte bald ver⸗ geſſen ließ. Wir waren mit unſerem Abendeſſen fertig, und Kon⸗ well hatte eben einen ſeiner Moccaſins ausgezogen, einen kleinen Stein herauszunehmen, der ihm beim Gehen hinein⸗ gekommen war, als er ſich lächelnd zu mir wandte und mir ſagte, daß ihn das an einen Spaß erinnere, der ihm begegnet ſei als er noch ein Kind war,„long time ago“*). Schon hatte ich mich in meine Decke eingehüllt; als ich aber bemerkte, daß er Luſt zum Erzählen habe, ſprang ich wieder auf, ſchürte das Feuer tüchtig, daß die Funken kniſternd umherſtoben, und mich dann zurücklehnend und mir Bear⸗ greaſe unter den Kopf ſchiebend, dem das ſehr zu gefallen ſchien, erwartete ich den Anfang. Als ich aufgeſtanden war, hatte Konwell geſchwiegen, doch jetzt fuhr er ſich mit der Fläche der Hand über das Ge⸗ ſicht und begann. „Ich war ungefähr 5 bis 6 Jahr alt, als mein Vater mir die erſten Moccaſins machte. Wir Kinder hatten bis dahin nur Schuhe getragen, während der Vater dagegen die leichteren Moccaſins vorzog. Natürlich ging unſer ganzer Ehrgeiz dahin das gleiche mit ihm zu tragen. Als ich ſie erhielt wurde mir aber ganz beſonders eingeprägt, ſie nicht zu verlieren. „Denſelben Tag war ein pedlar oder wandernder Krä⸗ mer in unſerem Hauſe geweſen und hatte meinem Vater ein *) Vor langer Zeit. d G erſtäcker, Streif⸗ u. Jagdzüge. II. 12 — 8 N⁸ 178 Der verlorene Moccaſin. Paar große Stiefeln aufgeſchwatzt, bei„außerordentlich ſchmuzigem Wetter“ zu tragen. Da es gerade viel geregnet hatte zog er ſie an, nahm ſeine Büchſe und ging in den Wald.“ „Er war kaum fort, als ich meine neuen Moccaſins an⸗ ziehen wollte und zu meinem Entſetzen fand daß einer fehlte. Umſonſt ſuchte ich das ganze Haus von oben bis unten ab, umſonſt kroch ich unter daſſelbe und darum herum, einer war und blieb verſchwunden, und der andere ſchien nur übrig ge⸗ blieben zu ſein, um mich daran zu erinnern, wie er die Ur⸗ ſache einer gar derben Tracht Schläge werden würde.“ „Mit Herzklopfen ſah ich meinen Vater früher, als ich ihn erwartet hatte, zurückkehren, und durch das naſſe Wetter und eine mißlungene Jagd überdies ärgerlich geworden, frug er mich barſch warum ich barfuß liefe. Weinend er⸗ zählte ich ihm, daß ich den einen Moceaſin nicht finden könne und daß ich glaube, die Katze habe ihn fortgeſchleppt.“ „Er wollte mich bekatzen, ſagte er und machte mir mit kurzen Worten bemerklich, daß, wenn ich gegen Abend nicht den anderen herbeigeſchafft habe, mein Rücken die Zeche be⸗ zahlen müßte. Mit thränenden Augen fing ich wieder an zu ſuchen, und alle meine Brüder halfen mir.“ „Unter der Zeit hatte ſich mein Vater an's Feuer ge⸗ ſetzt, fluchte, daß ihn den ganzen Tag etwas in dem ver⸗ dammten Stiefel gedrückt habe und brachte, als er ihn aus⸗ zog,— meinen verloren geglaubten Moccaſin mit zu Tage. Noch lachend in der Erinnerung, wickelte ſich der Alte in ſeine Decke, und zurückſinkend war er bald eingeſchlafen. Der Panther. 179 Mir war es noch nicht wie ruhen; durch ſeine kleine, launige Erzählung waren andere Bilder in mir wach ge⸗ worden, und ſinnend ſchaute ich in die, tauſend abenteuer⸗ liche Figuren bildende Gluth. Mein Hund hatte, dicht an mich angeſchmiegt und ſeine Schnauze auf meine linke Schulter gelegt, ſchon mehre Mal den Kopf in die Höhe gehoben und gewindet, ſich jedoch immer wieder beruhigt; jetzt wurde er aber auf's Neue auf⸗ merkſam und knurrte leiſe vor ſich hin. Nun war es mir ſelbſt ſo als ob ich etwas höre, und hinter mich auf den Bluff blickend, ſah ich zu meinem größten Erſtaunen ein paar glühende Augen auf mich geheftet. Da mein Kopf nämlich zwiſchen den Augen des Thieres und dem Feuer war, konnte ich ſie deutlich ſehen, und wie zwei rothglühende Feuerbälle lagen ſie dicht auf dem Felſen. Es mußte ein Panther ſein, und nach der Stellung zu urtheilen, die er angenommen hatte, war er zum Sprunge fertig, oder betrachtete ſich nur erſt unſer Lager. Die Büchſe lag wie jede Nacht, dicht neben mir, und mich halb aufrichtend, daß das Feuer hinter mir gerade auf Korn und Viſir fiel, zielte ich zwiſchen die beiden Augen, und der Krach der Büchſe hallte donnernd zwiſchen den Felſen wider. Der alte Konwell fuhr, ſein Gewehr aufgreifend, wie der Blitz in die Höhe, und die Hunde ſchlugen an, und ſuch⸗ ten, in wilder Haſt überall umher, doch Alles war ſtill wie im Grabe, und lachend begann ich wieder zu laden. Der Alte ſchüttelte mit dem Kopfe und frug, wonach ich 12* 180 Die beiden Hirſche. denn um Gotteswillen nur geſchoſſen hätte. Ich lud aber, ohne ihm zu antworten, erſt fertig, nahm dann einen Feuer⸗ brand und ſtieg die etwa zwanzig Schritt vom Lager ent⸗ fernte ziemlich ſteile und an manchen Stellen ſchroff nieder⸗ fallende Felswand auf, wo ich denn auch richtig einen ſehr ſtarken, alten Panther verendet fand. Ich warf ihn den Abhang hinunter, und mein Alter ſchleppte ihn zum Feuer. Die Kugel war ihm durch das rechte Auge in's Gehirn gegangen. Es war ein ſtarkes Thier, hatte entſetzliche Fänge und wir fanden, als wir ihn aufſchnitten, auch nicht das Mindeſte in ſeinem Magen. Hunger hatte ihn auf jeden Fall ſo nahe zum Feuer getrie⸗ ben, doch meinte Konwell, er hätte nur das friſche Wildpret gewittert. Sei dem, wie ihm wolle, wer weiß, ob er nicht den Sprung gewagt hätte, ſobald das Feuer niedergebrannt war; übrigens konnten die Hunde den Wind nicht gut von ihm bekommen, da er gerade über uns lag. Wir ſtreiften ihn ab und warfen den Cadaver in den„Richland,“ unterhalb unſeres Lagers. Die Hunde mochten das Fleiſch nicht freſſen, obgleich es zart und gut ausſah. Der Amerikaniſche Panther, der über den ganzen unge⸗ heueren nördlichen Continent ziemlich gleich verbreitet iſt, wird nicht größer, wie etwa ein ſtarker Bullenbeißer und mißt von der Naſenſpitze bis zum Schwanzende ſechs bis ſieben Fuß. Er hat ziemlich die Farbe des Wildes, und nimmt ebenfalls im Winter, während er im Sommer röthlich aus⸗ ſieht, eine blauere Schattirung an. Sein glattes Fell zeigt — Aufhängen des Wildes. 181 kaum bemerkbare kleine dunklere Ringe, die an manchen Thieren ſogar gänzlich fehlen. Er iſt dem Menſchen nur dann gefährlich wenn er gereizt oder angeſchoſſen wurde, und die Beiſpidle wo er lagernde Jäger angeſprungen habe, ſind ungemein ſelten. Nur der äußerſte Hunger könnte ihn dazu treiben. Merkwürdiger Weiſe haben indeß die Backwoodsmen Amerikas die Sage, daß er ſchwangere Frauen anfiele. In wie weit ſich das beſtätigt weiß ich nicht. Gefährlich iſt er jedenfalls den jungen Rindern und Pferden, und thut den oft beträchtlichen Schaden. Am nächſten Tage ſchoß ich, was ſehr ſelten zu geſchehen pflegt, zwei Stück Wild mit einer Kugel— ein alt Thier mit einem Schmalthier, der Decken wegen. Beide waren ausnehmend feiſt, und ich trug ſie zuſam⸗ men und hing ſie auf. Beim Aufhängen des Hirſches ſind übrigens eine Menge Sachen zu beobachten, ohne die der Jäger wenig Nutzen von dem erlegten Wilde haben würde. Iſt ein Schütze lange im Walde, ſo merken ſich die Aas⸗ geier ſchon ſeinen Aufenthalt, und kaum hat er geſchoſſen, ſo ſind ſie da, Theil an der Beute zu nehmen. Die einzige Art, um die läſtigen Thiere von dem Hirſche abzuhalten, deſſen Fell ſie mit ihren ſcharfen Schnäbeln ruiniren würden, iſt, ihn beim Kopfe aufzuhängen, wo ſie dann keinen Haltpunct haben, auf dem ſie ſitzen können, und ſich begnügen müſſen, am Schädel des erlegten Wildes herumzuhacken. Aber auch eine große Art Raben, die jedoch der Haut 182 Der Wolf. keinen Schaden thun, kommen herbei und ſtehlen den Talg aus dem aufgebrochenen Thiere, das man, damit es kalt wird, aufſtehen laſſen muß. Ein paar weiße Hölzchen oben querüber befeſtigt, halten jedoch auch dieſe Burſchen ab, die ſich nicht getrauen ihren Kopf zwiſchen die kleinen, weißen Querſtücken hineinzuſchieben. Meinen Weg weiter fortſetzend, ging ich an der einen Seite eines Baches, der ſich in den Richland ergießt, hinauf, als plötzlich, etwa 80 Schritt von mir entfernt, und zwar auf der anderen Seite der Schlucht, die das Waſſer bildete, ein Wolf aus einem kleinen Dickicht aufſprang. Er lief etwa 50 Schritt, hielt einen Augenblick, war aber, ehe ich Zeit zum Zielen nehmen konnte, zwiſchen den Felſen ver⸗ ſchwunden. Ich ging über den Bach und ſtieg an der anderen Seite in die Höhe auf das Dickicht zu, aus dem er gekommen war, um zu ſehen wie ſich Beargreaſe auf der friſchen Wolfsfährte benehmen würde. In dem Augenblicke, wo er an das noch warme Lager kam, ſträubten ſich alle Haare an ihm empor, dann ging er zweimal im Kreiſe um den Platz herum, krümmte den Rücken und— merkte ſich die Stelle. Es war ſchon ſpät am Nachmittag, und ich auf meinem Rückwege zum Lager, als ich eine, wie es mir ſchien, friſche Bärenfährte fand. Mein Hund nahn ſie augenblicklich an, und obgleich ſie ſich wieder nach einer entgegengeſetzten Rich⸗ tung als die, welche ich zu gehen beabſichtigte, hinzog, be⸗ ſann ich mich doch nicht lange ihr zu folgen. Das Blätterlager. 183 Der Regen fing unter der Zeit an ſtärker zu fallen, und als wir an einen breiten Bach kamen, durch den der Bär ge⸗ gangen war, verlor mein Hund die Fährte und konnte ſie, trotz all meinem Zureden, nicht wieder finden. Nutzlos wäre es geweſen, noch weitere Verſuche zu machen ihn aufzufinden, auch war ich zu weit vom Lager, daſſelbe noch zu erreichen, denn ſchon fing es an zu dämmern und ich hatte wenigſtens noch vier Meilen bis dorthin. Da war es mir denn ſehr lieb, daß ich eine Höhle fand, in die der Wind wohl ein zwei Fuß hohes Lager von dürren Blättern hineingeweht hatte. Natürlich durfte ich kein Feuer davor anmachen, was auf jeden Fall gefährlich geweſen wäre. Ich kroch daher raſch hinein, nahm Beargreaſe, der es ſich gern gefallen ließ, zum Kopfkiſſen, und war bald, überall von den Blättern bedeckt, trotz meinen naſſen Kleidern ſanft eingeſchlafen. Gegen Morgen ſchüttelte mich zwar der Froſt ein wenig, doch kauerte ich mich zuſammen und ſchlief bis zum hel⸗ len Tage. Am nächſten Morgen ſuchte ich das Lager wieder auf; Konwell hatte es aber ſchon verlaſſen, und ich zog gleichfalls noch einmal aus. Ich erlegte an dieſem Morgen auch wieder einen jungen Bock, aber auf eine Weiſe die mir ſelbſt heute noch, wenn ich daran denke, eine unangenehme Erinnerung zurückgelaſſen hat. Der Menſch iſt doch jedenfalls das grauſamſte Ge⸗ ſchöpf der Erde. Am Abhang einer kleinen Schlucht hin pirſchend, war ich nämlich in Schußnähe eines ſich dort ruhig äſenden jungen 184 Der Sturz. Bocks gekommen, hatte meine Büchſe auf einen Stein gelegt, ſorgfältig gezielt und abgedrückt. Beim Schuß brach das Wild auch wie vom Blitz gerührt zuſammen, wie ich aber eben wieder im Laden war, ſah ich daß es ſich plötzlich wie⸗ der auf die Vorderläufe aufzurichten ſuchte, und wußte jetzt daß hier keine Zeit mehr zu verlieren war. Die Kugel hatte ihn jedenfalls nur oben am Nacken geſtreift, und für den Augenblick betäubt, und wenige Secunden ſpäter wär er friſch und geſund wieder aufgeſprungen und geflohn. Raſch warf mich jetzt auf ihn, mein Hund hatte ihn ebenfalls ge⸗ packt, und eben wollte ich ihm das Meſſer in die Kehle ſtoßen, als er ſich mit einem raſchen Ruck wandte und wir alle drei den, etwa 9 bis 10 Fuß hohen Abhang herunterſtürzten. Im Fallen hatte ich mein Meſſer losgelaſſen, das zwiſchen die Steine rollte, und that mir empfindlich am Kopfe und der linken Seite weh, doch ließ weder ich noch Beargreaſe unſere Beute fahren. Ich hatte aber nun kein Meſſer und durfte auch nicht loslaſſen, denn das zum Tode geängſtigte Thier arbeitete mit ſolcher furchtbaren Kraftanſtrengung, ſich zu befreien, daß ich es ſelbſt mit Hülfe des Hundes kaum niederzuhalten vermochte. Das einzige Mittel, was mir übrig blieb, war ein grau⸗ ſames, es war aber das einzige, denn den Hirſch hätte ich nicht wieder losgelaſſen und wenn ich ihm mit den Zähnen hätte die Halsadern durchbeißen ſollen. Ich warf ihn auf die Seite und zerſchmetterte ſeine beiden Vorderläufe mit einem ſcharfen Steine. “ . Rückkehr zum Hauſe. 185 So verkrüppelt, ließ ihn mein Hund ſchon nicht mehr fort, und ich ſprang auf, ſuchte und fand mein Meſſer und fing das arme, gequälte Thier ab. Mit unendlicher Mühe hing ich es auf, denn meine linke Seite ſchmerzte mich unge⸗ mein, doch kletterte ich den Abhang wieder hinan, meine Büchſe zu holen, lud und hinkte dem Lager zu, nicht geſon⸗- nen, den Tag noch weiter zu marſchiren. Dort angekommen, fand ich meinen Alten, der mich erwartete. Er hatte 4 Hirſche geſchoſſen und die Keulen mitgebracht. Es waren lauter Böcke, von denen das Fleiſch in dieſer Jahreszeit, die Keu⸗ len ausgenommen, nicht beſonders iſt. Wir wollten den nächſten Tag nach ſeinem Hauſe zu jagen, dort Pferde neh⸗ men und das erlegte Wild hineinholen, machten uns daher früh Morgens auf und zogen Südweſt, der Wohnung des alten Konwell zu. Unter Weges ſchoß ich einen, und mein Alter zwei Truthühner und nahmen ſie mit, ſuchten den Abend noch, bei ſeinem Hauſe angelangt, die Pferde und ruhten unſere ermüdeten Glieder einmal wieder in dem lieben Familien⸗ kreiſe des Alten aus. Um 12 Uhr Nachts fing es an zu regnen und goß gegen Morgen in Strömen. An das Hereinholen des Wildes war bei dem Wetter nicht zu denken, und um das Feuer herum⸗ ſitzend, erzählten wir uns alte Geſchichten und Anekdoten. Das Geſpräch kam dabei auch auf die Prairieen und Konwell erzählte mir von dieſen, aus dem Schatz ſeiner Jagderin⸗ nerungen folgendes Abenteuer. „Vor nicht langen Jahren,“ hub er an,„als ich noch 186 Das Büffelfell. an der Kickapoo-Prairie in Miſſouri wohnte, machten wir, unſerer vier, uns einſt eines Morgens auf einen Büffel zu ſchießen. Es war bitter kalt, und ſchnell ritten wir über die gefrorene Steppe.“ „Auf einer kleinen Anhöhe angelangt, ſahen wir in der Ferne eine Heerde Büffel und machten Jagd auf ſie. Bis auf eine halbe Meile etwa herangekommen, bekamen ſie Wind von uns und fort ging's; wir aber hinterher wie Gottes Zorn.“ „Der letzte von den Büffeln, eine Kuh, war ſo feiſt, daß ſie nicht mit den Uebrigen fort konnte, und auf ſie hatten wir es jetzt alle abgeſehen.“ Es war ein herrliches Rennen, und eine Weile neben ihr hergalopirend, bekam ſie alle unſere Kugeln; ſie brach zuſammen und wir fingen ſie ab. Der Wind blies jetzt von Nordweſt über die Prairie, daß uns das Mark in den Knochen fror, und kaum konnten wir von trockenem Büffeldünger*) ein Feuer zu Stande bringen, ſo waren uns die Hände gefroren.“ „Das nächſte Holz war etwa eine Meile von dem Platze, wo wir die Kuh erlegt hatten, entfernt, und es blieb nun die Frage, ob wir das Holz zum Büffel, oder den Büffel zum Holze ſchleppen ſollten.“ „Wir hielten das Letztere für das Leichteſte, und einer, Namens Turner, machte ſich darüber her, ihn abzuſtreifen; *) Bekanntlich haben die Jäger in den großen weſtlichen Prairieen die gänzlich von Holz entblößt ſind, kein anderes Brennmaterial als trockenen Büffeldünger. Das Büffelfell. 187 wir wollten ihm helfen, er litt es aber nicht, und ihm gern das kalte Geſchäft überlaſſend, unterhielten wir das kleine Feuer, damit er ſich dabei die Hände wärmen konnte. Nach⸗ dem die Kuh abgeſtreift war, ſchnitten wir die beſten Fleiſch⸗ ſtücken herunter, löſten die Markknochen heraus, und die Proviſionen ins Fell packend und über ein Pferd werfend, brachten wir es zum nächſten Gebüſch, wo wir glücklicher Weiſe auch Waſſer fanden. Mit unſeren vier Tomahawks hackten wir bald Holz genug zuſammen, und nicht lange dauerte es, ſo flammte ein wackeres Feuer empor.“ „Nachdem wir hinlänglich Kohlen hatten, legten wir die Markknochen erſt mit einem Ende in die Gluth, und als ſie halb gar waren, mit dem anderen, und delicateres Eſſen giebt es ſicher nicht für den weſtlichen Jäger als Büffelmark — fette Bärenrippen und Honig ausgenommen. Das Fleiſch ſelbſt war übrigens etwas zäh und nicht beſonders.“ „Es fing jetzt an dunkel zu werden, wir ſchickten uns an, unſer Lager aufzuſchlagen, und einer ſchlug vor, anſtatt ſich einzeln in die Decken zu wickeln, das Büffelfell auszu⸗ breiten und uns auf daſſelbe hinzulegen. Es ſei groß genug uns allen zur Unterlage zu dienen, und wir könnten uns ja dann gemeinſchaftlich unter die mitgebrachten Decken legen.“ „Turner proteſtirte jedoch dagegen und meinte, umſonſt habe er nicht die alte Kuh allein abgeſtreift, er wolle nun auch allein die Nacht darin ſchlafen und trete uns ſeinen Platz am Feuer ab, beanſpruche aber die Büffelhaut, für dieſe Nacht wenigſtens, für ſich allein.“ 188 Das Büffelfell. „Uns war es einerlei; wir hatten jeder eine gute Decke, und bei einem hellen Feuer konnten wir's ſchon aushalten, lagerten uns daher dicht um die Gluth herum, und Turner, ſich in die ſchwere Haut, die Haare nach innen, einſchlagend, war bald, eben ſo wie wir, feſt eingeſchlafen.“ „Es wurde die Nacht grimmig kalt und wir waren mehre Male genöthigt, aufzuſtehen und friſches Holz aufzu⸗ werfen, um die wahrhaft ſchneidende Kälte abzuhalten; Turner jedoch rührte und regte ſich nicht in ſeinem war⸗ men Felle.“ „Gegen Morgen drehte ſich der Wind nach Nord⸗Oſt herum, und dichte Schneewolken zogen herauf:; wir beſchloſſen daher, ſo ſchnell wie nur irgend möglich, aufzubrechen, um unſere Häuſer noch vor dem nahenden Sturme zu erreichen, oder doch wenigſtens nicht in der Steppe erwiſcht zu werden. Wir bereiteten deshalb unſer Frühſtück und ſattelten unſere Pferde, die am Abend vorher das trockene Gras abgeweidet hatten, gegen Morgen aber doch zu uns und ſo nahe wie möglich zum Feuer gekommen waren. Mehre Male riefen wir indeſſen Turner bei Namen, um ihn zum Aufſtehen zu bewegen; eine leichte Bewegung des ganzen Felles war die einzige Antwort, die wir für eine gute Weile bekamen. End⸗ lich rief eine dumpfe Stimme aus dem Felle heraus um Hilfe.“ „Erſchrocken ſprangen wir auf, weil wir glaubten, daß ihm etwas zugeſtoßen ſei, doch wie wurde der arme Teufel ausgelacht, als wir fanden, daß er eingefroren war.“ „Die fleiſchige, blutige Seite war nämlich auswendig — 3 Das Büffelfell. 189 ſteif und hart gefroren, und dem drin Steckenden auch nicht die geringſte Bewegung erlaubt. Ueberall hatte ſich das naſſe Fell an ihn angeſchmiegt und war durch den Froſt in Stein verwandelt worden, am Kopfe ausgenommen, wo der warme Athem es weich erhalten hatte.“ „Unter ungeheuerem Gelächter wurde er nun zum und um das Feuer herumgewälzt, bis die Haut etwas aufthaute und wir ihn endlich herausſchälen konnten. Durch das Rollen und die Hitze inwendig war er ganz ſchwindlig ge⸗ worden, doch brachte ihn ein heißer Markknochen bald wieder zu ſich, und mit dem jetzt aufgethauten Felle und dem übrigen Fleiſche uns auf die Pferde werfend, erreichten wir die Hei⸗ math gerade vor dem Unwetter, das mit ungeheuerer Ge⸗ walt noch an demſelben Abende hereinbrach.“ Eine Erzählung jagte nun die andere bis am ſpäten Abend. Noch regnete es am nächſten Morgen, und gar betrübt ſchaute es draußen im Freien aus; der Himmel hing wie ein alter, geflickter Salzſack über den, vom Regen triefenden Bäumen, und tiefer und tiefer ſanken die ſchweren Wolken auf die Gebirge, als wollten ſie in der Nähe der Erde Schutz gegen den wilden Nordweſt ſuchen, der ſie aus den Felſenge⸗ birgen herabjagte. Alles zahme Vieh kam in die Nähe des Hauſes, und das Rindvieh ſtand, die Kehrſeite dem Wetter preisgebend, mit herunterhängenden Ohren da und ſah ſehr klein⸗ müthig aus. Glücklicher Weiſe hatte mein Alter noch ein paar Bücher, 190 Arkanſaniſche Literatur. als unter anderen„Dialogue of Devils, Life of Marion, Life of Washington, Pilgrims progress, United States reader*)“ und einige der Art(hierbei erinnere ich mich auch, daß ich in den Cash-Sümpfen einſt eine engliſche Ueberſetzung des Abällino fand), und mit dem Durchblättern derſelben tödtete ich einen Theil der Zeit. Der Regen dauerte bis den 12. Januar Abends fort, die Bäche und Flüßchen waren eben ſo viele Waſſerfälle und Ströme geworden, und wir genöthigt, bis zum 14. Januar, Morgens, im Hauſe zu bleiben. Unſer Fleiſchvorrath war unter der Zeit ziemlich aufgezehrt und wenig Hoffnung vor⸗ handen auch nur das Geringſte von dem noch gebrauchen zu können, was wir im Walde gelaſſen. Doch machten wir uns ſo ſchnell als möglich auf, wenigſtens die Häute zu retten. Die Waſſer waren noch ungeheuer geſchwollen, und ohne die Pferde wären wir ſchwerlich durchgekommen; gegen Mit⸗ tag langten wir jedoch an Ort und Stelle an und fanden, wie erwartet, das Wildpret ſchon angegangen und Tauſende von Aasgeiern darum verſammelt, die auch den größten. Theil ſchon verzehrt hatten. Die aufgeſpannten Felle glaubten wir noch retten zu können, obgleich ſie auch ſchon rochen, und ſpannten ſie ſtraffer aus. Der Wind und die, ein klein wenig hervor⸗ ſchauende Sonne mußten dann das übrige thun. *) Dialog der Teufel, Marion's Leben, Waſhington’s Leben, Pil⸗ grims Fahrten, Leſeübungen der vereinigten Staaten. — Nachtlager. 191 Da es ſich ſchon ſtark gegen Abend neigte und wir wei⸗ ter keine Proviſionen als etwas Brod und Salz mitgenom⸗ men hatten, machten wir uns mit den Hunden auf, noch einen Truthahn zu ſchießen, fanden auch einen Gang derſelben, gerade als ſie in ihr Nachtquartier, in die Wipfel der Bäume, hinaufflogen, und ſchoſſen zwei von ihnen. Leicht hätten wir noch mehre herunterholen können, wir hatten aber gerade genug verdorbenes Fleiſch in der Nähe. Ungefähr eine halbe Meile von unſerem alten Lager ent⸗ fernt, und zwar ſo, daß wir das Wildpret, das bösartig zu duften anfing, nicht mehr riechen konnten, ſchlugen wir unſer Lager auf und ſpannten die Decken aus, denn ein feiner durchdringender Regen fiel, und wir hatten gerade nicht im Sinne, wieder naß zu werden, hobbelten unſere Pferde aus und fütterten ſie mit dem mitgenommenen Mais; die ganze Nacht aber heulten die Wölfe auf eine gräuliche Weiſe um unſer früheres Lager herum und ſchienen ſich um die Hirſch⸗ keulen zu beißen, vor denen ſie ſich, da ſie aufgehangen waren, bis jetzt noch immer geſcheut hatten. Gegen Morgen hörte es auf zu regnen, die Wolken be⸗ gannen ſich zu zertheilen, und ich machte mich auf, zu ver⸗ ſuchen, ob ich nicht vor Tage an einen der Wölfe anſchleichen könnte, ihm ein klein wenig das Heulen zu vertreiben. Das Laub war naß, und das Lager umgehend, damit ſie nicht den Wind von mir bekommen ſollten, ſchlich ich mich wohl 200 Schritt, auf den Knieen rutſchend, bis hin⸗ ter einen dicken Baum, wo ich acht Wölfe zählen konnte, die 192 Die Wölfe. ſich eben zum Aufbruch rüſteten, wieder in ihre Schlupf⸗ winkel zurückzukehren. Obgleich ich ihnen vollkommen den Wind abgewonnen hatte, hob doch einer die Naſe in die Höhe, und plötzlich ſich ſcharf herumdrehend, ſprang er mit dem, dieſen Thieren eigenen, langen Galop dem Dickicht zu. Ich wußte wohl, daß jetzt zum Schießen die höchſte Zeit war, und hielt auf einen der Größten, der mit ſeinem eigenen Körper noch einen Anderen deckte. Nach dem Krach der Büchſe, als ſich der Rauch verzog, war auch kein Wolf mehr zu ſehen, ſie ſchienen wie durch Zauberei verſchwunden, doch näher herangehend, fand ich den, nach dem ich geſchoſſen hatte, in ſeiner Fährte verendet. Der andere, der hinter dem erſten geſtanden hatte, war, nach dem Schweiß zu urtheilen, ſchwer verwundet, doch bekam ich ihn nicht wieder zu ſehen; auf jeden Fall haben ihn die anderen Wölfe zerriſſen, denn nie laſſen ſie einen einmal ange⸗ ſchoſſenen Kameraden leben. Ich ſcalpirte den erlegten(der Scalp galt 3 Dollar) und ging zurück zum Lager. Mein Alter hatte unter der Zeit um das ganze Feuer herum Truthahnfleiſch ſtecken, und wir hielten ein delicates Frühſtück. Nach dem Eſſen gingen wir wieder jagen, und ich kam auch an der Stelle vorbei, wo ich meinen Bock, um deßwillen ich bald den Hals gebrochen, aufgeha⸗ igen hatte; von dieſem war aber nicht viel übrig geblieben; die Wölfe hatten ihn herabgezerrt und wenig mehr als die Knochen zurückgelaſſen. — 8 Der verdächtige Baum. 193 Ich ſchoß übrigens einen anderen, nebſt einer wilden Katze, und kam Nachmittags zum Lager zurück, wo mein Alter eben auch eingetroffen war. Er hatte zwei Hirſche erlegt, und wir beſchloſſen, das Wild zum Lager zu ſchaffen, da zu viel Wölfe in der Gegend umherſtreiften und wir diesmal doch das erlegte erhalten wollten. Da aber auch nicht eine einzige Bärenfährte zu finden war, beſchloſſen wir, den Richland zu verlaſſen und wieder an die Waſſer des Mulberry zurückzukehren. Am nächſten Morgen bepackten wir unſere Pferde und zogen heimwärts. Plötzlich, gerade am Fuße einer ſtarken Eiche, am Ab- hange eines Hügels, hielt mein Alter, betrachtete aufmerk⸗ ſam die Rinde des Baumes und betheuerte nach einer Weile, daß ein Bär entweder in dem Baume ſei oder ihn ganz kürz⸗ lich verlaſſen habe, denn die Zeichen ſeien unverkennbar. Das Wetter hatte ſich wieder verändert und war ziemlich kalt geworden, ließ daher das Beſte hoffen; doch zum Um⸗ hauen des Baumes blieb uns nichts als unſere Tomahawks, und die waren nicht einmal ſehr ſcharf. Jedoch war die Eiche glücklicher Weiſe hohl, wie ſich nach einigem Hauen ergab, und wir gingen hart an die Arbeit. Nach etwa Zſtündigem Hacken, denn Hauen konnte man das eigentlich nicht gut nennen, fing der Baum an zu krachen. Mit Blitzesſchnelle ſprangen wir nach unſeren Büchſen, riefen den Hunden und eilten nach der Gegend hin, nach der er ſtürzen mußte, um, ſollte wirklich ein Bär darin ſtecken, ihn ſogleich in Empfang zu nehmen. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. 11. 13 194 Der verdächtige Baum. Erſt krachten ein paar kleine Späne, dann ein ſtärkerer, dann fing ſich der Gipfel an langſam den Hügel hinunterzu⸗ neigen, und nun ſtürzte er praſſelnd und alle Zweige zer⸗ ſchmetternd den Abhang hinab Vergebens warteten wir auf einen Bären, der Vogel war ausgeflogen und das Neſt leer, denn daß früher einmal, und noch ſogar vor ſehr kurzer Zeit, ein ſolcher die Höhlung der Eiche bewohnt hatte, unterlag gar keinem Zweifel mehr. Sie war inwendig ganz ſchön glatt ausgearbeitet und ſauber gereinigt. Ungefähr 5 Fuß unter dem Loche, wo der Bär ſeinen Ein⸗ und Ausgang hatte, war ein Aſt herausgewachſen, und hier mußte vor Jahren einmal ein Indianer geſtanden haben, denn er hatte verſucht, mit dem Tomahawk eine Oeffnung in die Höhlung, wo der Bär lag, zu hauen, aber nicht das Innere erreicht, da der alte Burſche, durch das Klopfen böſe gemacht, wahrſcheinlich früher herausgekommen war. Der Rinde nach mußte das vor etwa 4 oder 5 Jahren ge⸗ ſchehen ſein. Indem wir noch die Höhlung betrachteten, fragte mich mein Alter, was die Hunde da unten hätten? Dieſe waren nämlich ſehr eifrig beſchäftigt, etwas von der Erde aufzu⸗ lecken, und wir ſahen augenblicklich, daß wir zufälliger Weiſe einen Bienenbaum umgehauen hatten. Das kalte Wetter hatte die Bienen erſtarrt, und die Hunde ließen ſich den Honig, der durch das Zerſchmettern des Aſtes zum Vorſchein gekommen war, trefflich ſchmecken. Unſer Plan war bald gemacht. Süßer Lohn. 195 Mein Alter ging aus, einen Hirſch zu ſchießen, deſſen auf beſondere Weiſe abgeſtreifte Haut dann zum Schlauch zu gebrauchen, den Honig darin fortzuſchaffen, und ich nahm indeſſen meinen Tomahawk, eine Art Trog auszuhauen. Da es übrigens an zu frieren fing, war es nicht nöthig den Trog tief zu machen, indem der Honig in der kalten Luft nicht auslief, und damit fertig geworden, häufte ich die deli⸗ cateſten Scheiben, die ſich nur ein Menſch denken kann, darin auf. Dies vollendet, machte ich ein gutes Feuer an und be⸗ gann ſchon Holz zuſammenzuſchleppen, weil ich nichts Anderes erwartete, als daß wir die Nacht würden dort lagern müſſen; plötzlich hörte ich meines Alten Büchſe ganz in der Nähe und gleich darauf ſeinen Ruf. Ich antwortete und war bald an ſeiner Seite. Er hatte eine ziemlich große doe geſchoſſen, die aber außerordentlich feiſt war, und wir hingen ſie an den Hin— terläufen auf, einen Sack aus der Haut zu fertigen. Oben zwiſchen den Keulen wurde ein Einſchnitt gemacht und nun das ganze Fell über den Körper des Thieres ge⸗ ſtreift, ohne das Meſſer wieder anzuſetzen, es ſei denn, die vier Läufe an den Knieen und den Kopf abzuſchneiden. Das beendigt, wurden alle Oeffnungen, wie das Kugel⸗ loch, feſt verſtopft, durch welches erſt ein kleines, zugeſpitztes Hölzchen hindurchgeſteckt wurde, damit der Riemen, mit dem die Oeffnungen umwunden wurden, nicht rutſchen könne; dann drehten wir es um, die Haarſeite nach außen, und ſteck⸗ ten den Honig hinein, der Alte reichte mir den Sack vorn 13* 196 Ein Hirſchfell⸗Schlauch. auf's Pferd und fort gings nach Hauſe, wobei wir faſt das ganze, zuletzt erlegte Thier zurücklaſſen mußten. Wir waren nicht ſchlecht beladen und ſehr froh, als wir Dach und Fach erreichten, hatten aber kaum die Füße aus den Steigbügeln, als ſie uns auch ſchon mit einer Neuigkeit entgegenkamen. Einige, dort in den Bergen jagende Chero⸗ keſen ſollten nämlich eine Höhle entdeckt haben, in der ſicher⸗ lich ein Bär ſtecke, hätten aber nicht gewagt weit darin vor⸗ zudringen, weil ſie ſo eng und lang ſei. Das war Waſſer auf unſere Mühle. Die Felle und das Fleiſch wurden in Sicherheit gebracht, die Gewehre losge⸗ ſchoſſen und gereinigt, die Pferde gefüttert, und wir berei⸗ teten uns jetzt zu einer ordentlichen Jagd vor. Den Abend brachten wir damit zu, uns Anekdoten über Bären zu erzählen, wo beſonders der alte Konwell mir eine intereſſante Beſchreibung von dem Winterſchlafe derſelben zum Beſten gab. „In dieſem, ſchon etwas ſüdlichen Klima, geht der Bär gewöhnlich erſt um Weihnachten oder Anfang Januar, wenn das kalte Wetter beginnt, in ſeine Höhle und bleibt bis Ende Februar darin.“ „Iſt das Wetter ſehr mild, ſo kommt er dann und wann heraus, bleibt auch wohl ganz und gar draußen und bereitet ſich in einem dichten Gebüſch, von Zweigen, die er abbei 1 und zuſammenträgt, ein Lager; dann ſucht er aber jedesmal die rauheſten und wildeſten Plätze auf, die ſelten ein menſch⸗ licher Fuß betritt.“ „Geht er nun in ſeine Höhle, ſo liegt er, ohne Nahrung Winteraufenthalt der Bären. 197 zu ſich zu nehmen, da und ſaugt, wenn er nicht ſchläft, an ſeinen Tatzen, wobei er einen winſelnden Laut von ſich giebt. Das Saugen geſchieht aber jedenfalls nur aus Langer⸗ weile, und keineswegs davon zu zehren. „Fällt er endlich in ſeinen Winterſchlaf, ſo liegt er mit dem Bauche und der Stirn auf der Erde, ſo daß die Naſe gegen die Bruſt gedrückt iſt, und hat die beiden Vorder⸗ pfoten über oder um den Kopf zuſammengelegt.“ Mein Alter verſicherte mir, daß er in den Höhlen an ſie hinangekrochen ſei und ſie erſt mit dem Laufe der Büchſe ge⸗ ſtoßen habe, um ſie zu bewegen den Kopf in die Höhe zu heben, damit er ſie bequem in's Gehirn ſchießen konnte. Der Bär ſoll in der Höhle, ausgenommen dann wenn er Junge hat, ſehr feig ſein. In dieſem Falle kämpft er wohl manchmal, doch muß ihm auch gar keine andere Wahl gelaſſen ſein. Bei recht warmen Tagen verläßt er dieſelbe, um zu trin⸗ ken, geht aber immer nur zum nächſten Waſſer, und es iſt ſonderbar, wie genau er dann ſtets wieder in ſeine alte Fährte tritt. Wenn ein Bär eine Höhle bewohnt und ſchon mehre Male heraus an den Bach gegangen iſt, kann der Jäger deshalb leicht ſeine Spur finden, da ſeine Fährte, durch das immer wieder Hineintreten in dieſelben Spuren, tief und deutlich wird. Dieſe Fährte nennen die Jäger„stepping path.“ Da es ſpät wurde, legten wir uns nieder, um bis zum nächſten Tage tüchtig auszuruhen. In der Nacht wurde es 198 4 Der Gang zur Höhle. bitterkalt, und wir bekamen den herrlichſten Jagdtag den man ſich nur wünſchen konnte. Mit uns ging der Sohn meines Alten, der in der Nach⸗ barſchaft verheirathet war, dann ein junger Mann, Namens Smith, und als wir an der Schule vorbeiritten, auch der Schulmeiſter, der ſogleich alle ſeine Jungen und Mäd⸗ chen fortjagte und auf jeden Fall mit vdn der Partie ſein wollte. Wir hatten geſpaltenes Kienholz, um Fackeln daraus zu machen, mitgenommen, und der junge Smith, der einer von denen war die den Bär verfolgt hatten, ſich aber aucht nicht weiter als die Indianer hineingeträute⸗ machte den Führer. Nachmittags 2 Uhr kamen wir an Ort und Stelle an und bereiteten eine gute Mahlzeit, um uns im Voraus etwas zu unſeren Anſtrengungen zu ſtärken. 4 Während nun das Fleiſch am Feuer briet, beſah ich mir die Außenſeite der Höhle ein wenig. Es war eine ſteile Felswand, wohl 30 Fuß hoch und vielleicht 300 Fuß l aus limestone oder Kalkſteinfelſen beſtehend und hatte vier verſchiedene Höhlen oder Eingänge, die eine der größten Naturmerkwürdigkeiten ausmachen, welche ich wenigſtens je geſehen habe. Nachdem wir uns gehörig erquickt, machten wir uns fertig in die Höhle einzutreten. Wir nahmen nur eine Büchſe mit, da wir Einer hinter dem Anderen herkriechen mußten, und durch das Losgehen einer Büchſe in der rauhen Höhle leicht Jemand verwundet Die große Höhle. 199 werden konnte. Jedoch gürtete Jeder ſein großes Jagd⸗ meſſer um, während ich mir noch mein Pulverhorn feſt an den Leib ſchnallte. Die Büchſe in der Rechten, eine Fackel aus geſpaltenen Kienſpähnen, von wenigſtens 20 Zoll Länge, in der Linken, betrat ich denn den dunkeln Gang, der ſich etwa 4 Fuß hoch und 2 breit in den Berg hineinzog. Hinter mir kam der junge Konwell und dann der Alte; der erſtere noch mit einer anderen Fackel, der letztere ein Bündel fein⸗ geſpaltenen Kien tragend, um unſere Fackeln wieder zu er⸗ neuern, im Falle ſie herunterbrennen ſollten. Die Höhle beſtand aus feſtem Felſen, und 70 bis 80 Schritt gingen wir ganz bequem vorwärts, dann aber machte ſie einen ſtarken Ellenbogen zur rechten, und hier mußten wir, um fortzukommen, auf die Knie nieder. Der Boden, der bis jetzt felſig hart geweſen war, wurde nun auch weicher, beſtand aus ſteifer Thonerde und zeigte ſehr deutlich Bärenfährten, von denen eine beſonders ganz friſch war und, wie es ſchien, erſt vor wenigen Stunden ge⸗ macht ſein konnte. Je weiter wir aber eindrangen, deſto enger wurde die Höhle, und bald mußten wir auf dem Bauche fortkriechen. Bis dahin waren auch die Indianer gekommen, denn wir fanden mehre Stücke Kien, die ſie dort hatten liegen laſſen, ſowie die Eindrücke ihrer Kniee und Ellenbogen in der weichen Erde, weiterhin jedoch keine Spur mehr von ihnen. Der Gang wurde jetzt ſo enge, daß ich, auf dem linken Ellenbogen mich hinziehend, mit den Füßen nachſchiebend 200 Die große Höhle. und flach auf dem Boden liegend, mit der Fackel in der linken, die Büchſe in der rechten Hand, durch die engſten Spalten preſſen mußte. Merkwürdig genug war die Höhle an dieſen Stellen faſt ganz rund, und die Wände derſelben an beiden Seiten glatt und ſchwarz gerieben, daß ſie ordentlich fettig ausſahen. Es konnte das nur durch das Ein⸗ und Auskriechen von wilden Thieren geſchehen ſein, die dieſelbe, ſeit Jahrhunder⸗ ten ſchon, zu Schlaf⸗ und Winterquartieren benutzt haben mochten. Tropfſtein hing überall von der Decke herab, was auch das Fortbewegen hinderte, da der freie Raum an wenigen Stellen über 2 Fuß hoch war und mehre Plätze vorkamen, wo ich wirklich nur mit genauer Noth hindurch konnte. Es war augenſcheinlich, daß wir die erſten Weißen, ja die erſten Menſchen waren, die in dieſem engen Schreckens⸗ orte vordrangen, denn der weiche Boden gab getreu jede Spur wieder, die ſeit langen Jahren in ihn eingedrückt war, an manchen Stellen fanden wir ſogar verſteinerte Bärenfähr⸗ ten, die vielleicht vor Jahrhunderten der damals weichen Erde eingeprägt worden. Einmal wohl kam mir ein Gedanke an den Rückweg, wenn wir ihn nicht wieder finden ſollten und vielleicht in dieſem Grabe verſchmachten müßten; doch ich hatte ja die Büchſe und kroch weiter, alle meine Sinneswerkzeuge darauf gerichtet, den ſchlafenden Bären zu erſpähen. Intereſſant waren die Unmaſſen von Fledermäuſen die überall mit den Hinterbeinen an der Decke hingen und, Die große Höhle. 201 durch das dicht unter ihnen hingehende Feuer aufgeſtört, einen ſchrillen Ton, faſt wie das Raſſeln einer Klapper⸗ ſchlange, von ſich gaben. Heimchen fanden wir ebenfalls in Menge, ſogar einige Schmeißfliegen. Meine Fackel war ziemlich ausgebrannt, da ich von An⸗ fang an, um Kien zu ſparen, nur wenige Stücke gehabt hatte, und ich hielt jetzt an, mir von meinem Nachfolger Keinige Späne geben zu laſſen. Indem ich mich einen Augenblick ruhig verhielt, war es mir, als höre ich, nicht ſehr entfernt, ein leiſes Wimmern, —„huſch“— Alles war todtenſtill, und deutlich vernahm ich jetzt in geringer Entfernung den Laut, welchen junge Bären beim Saugen von ſich geben. Dabei ließ ſich ein leiſes Brummen hören, und es war keinem Zweifel mehr unterwor⸗ fen, daß wir uns dem Lager einer ſäugenden Bärin näherten. Ich befand mich gerade an einer etwas geräumigeren Stelle, wo ich mich halb aufrichten konnte, und die ich ge⸗ wählt hatte einen Augenblick auszuruhen, wandte mich daher zu den beiden Konwells zurück und fragte ſie, ob ſie eben⸗ falls den Laut vernommen? Sie gaben ein ziemlich kleinlautes Ja von ſich und wir hielten jetzt eine kurze Berathung, wie wir uns nun ver⸗ halten ſollten. Erſtlich fing die Höhle an ſo enge und unbequem zu werden, daß wir uns nur mit der äußerſten Anſtrengung fortbewegen konnten, und dann hatten wir darauf gerechnet —yÿ— 202 Die große Höhle. einen ſchlafenden Bären, nicht aber eine wachende Bärin mit Jungen zu finden. Es war auch in der That noch faſt zu früh in der Jahreszeit dafür, doch verſicherte mir ſpäter mein Alter daß er in Arkanſas ſchon um Neujahr herum junge Bären getroffen habe. Die Sache blieb aber jetzt an und für ſich dieſelbe. Wer ſchon je eine Bärin mit zurückgelegten Ohren und auf⸗ geriſſenem Rachen ihre Jungen hat vertheidigen ſehen, kann ſich ungefähr von dem was wir fühlten, einen ſchwachen Be⸗ griff machen. Wir waren auch ſchon alle drei auf Bären⸗ jagden geweſen und wußten genau, welchen Gefahren wir in dem engen, jede Bewegung verſagenden Raume entgegen⸗ gingen. Wir waren aber einmal da, der Bär war da, und Keiner feige genug auf einen Rückzug auch nur hin⸗ zudeuten. Ich unterſuchte nun meine Büchſe, ob auch Alles in gutem Stande ſei, und uns langſam wieder fortbewegend, gab mir noch der Alte die Warnung, ja einen ſicheren Schuß zu thun, und fügte dann ganz trocken den Troſt hinzu, daß es ja eigentlich auch zu meinem eigenen Beſten wäre, indem ich, wenn ich fehlte, als der Erſte von der gereizten Beſtie auch zuerſt abgefertigt werden würde. Näher und näher kamen wir der brummenden Bärin, die uns lange gehört haben mußte und jetzt gewiß mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit horchte. Endlich war ich ſo nahe gekommen, daß das Gewinſel der Jungen und das drohende Brummen der Alten dicht Die große Höhle. 203 vor mir ſchien, und die Fackel hinter meinen Kopf haltend, ſah ich deutlich ihre beiden glühenden Augen. Ich hielt jetzt, reinigte das Viſir meiner Büchſe, in das ſich etwas von der thonartigen Erde eingeſetzt hatte, friſchte meine Fackel auf und kroch, ohne weiter einen Laut zu wagen, gegen den ſchwarzen Klumpen vor, den ich nun deutlich er⸗ kennen konnte. Der Augenblick der Entſcheidung ſchien gekommen, und als ich den Kopf der Beſtie aus dem ihn umgebenden Dunkel hervorſchimmern ſah, begann ich meine Vorbereitungen, in eine ſchußrechte Lage zu kommen. Die Bärin hatte ſich im Lager aufgerichtet, ſaß mit ihrer gewöhnlichen, ſchwankenden Bewegung auf den Hinter⸗ tatzen, und ich verſuchte eben, eins ihrer Augen auf's Korn zu nehmen, als ſie plötzlich aufſtand und augenblicklich in der faſt handgreiflichen Finſterniß hinter ihr verſchwand. Am Lager angekommen, fanden wir drei Junge, präch⸗ tige kleine Dinger, die luſtig aufſchrieen, als ſie das unge⸗ wohnte, niegeſehene Licht erblickten. Nicht ohne Grund befürchteten wir allerdings daß das Wehklagen der Jungen die Mutter zur Wuth reizen möchte, wollten aber doch gern die Kleinen lebendig erhalten, und baten den alten Konwell bei ihnen zu bleiben, ſie zu beſchwichtigen und dabei ein Feuer zu unterhalten, während wir anderen Beiden vordringen und verſuchen wollten die Bärin zu erlegen. Konwell war es zufrieden, kauerte ſich bei ihnen nieder, und ihnen die Finger in das Maul ſteckend, an denen ſie emſig zu ſaugen begannen, brachte er ſie bald zur Ruhe. — 204 Die große Höhle. Nicht 10 Fuß vom Lager theilte ſich übrigens die Höhle, und zwei gleichgroße Oeffnungen liefen, die eine rechts, die andere links. Hier verrieth aber der weiche Boden die erſt vor wenigen Minuten eingedrückte Spur in der rechten Höhle, und dieſer folgten wir. Das Geſchrei der Jungen, das in kurzer Zeit wieder mit erneueter Kraft begann, fing aber an uns bedenklich zu werden, denn in einer gar böſen Lage wären wir geweſen, hätte die Bärin ihren Jungen zu Hülfe eilen wollen und den Weg dann durch unſere Körper verſperrt gefunden. Freilich wäre ihr dann, an der Stelle wenigſtens wo wir uns gerade befanden, auch nichts weiter übrig geblieben, als uns umzubringen und ſich, im wahren Sinne des Wortes, durchzufreſſen, denn über oder neben uns hinweg hätte ſie mit dem beſten Willen nicht gekonnt. Indem wir uns noch leiſe darüber berathſchlagten, hörte das Geſchrei plötzlich auf und wir zogen wieder lautlos, mit friſchem Muthe in der Bruſt, weiter. Nach Allem, was wir bis jetzt von der Bärin geſehen hatten, mußte ſie außer⸗ ordentlich feige ſein, und das war ein Troſt. Die Höhle ſchien aber kein Ende zu haben und weiter und weiter krochen wir und ſchoben uns durch die rauhen Steine, unſeren Ellenbogen und Rippen keineswegs zum Vortheil. Eine Eigenthümlichkeit hatte dieſe Höhle die ich ſpäter auch nicht in einer einzigen weiter gefunden habe. Es waren dies flache Steine, die von ungefähr 1—2 Zoll Dicke, im Inneren derſelben wie Gefache oder Regale hin⸗ Die große Höhle. 205 liefen und wenn man leiſe mit dem Finger daranſchlug, einen Klang wie Stahl von ſich gaben. Eine Stelle, unge⸗ gefähr 50— 60 Fuß lang, war ganz vorzüglich ſonderbar gebaut, in welcher ſolch flache Steine an beiden Seiten der Höhle hinliefen und in der Mitte bis auf nicht ganz 6 Zoll zuſammenkamen, ſo daß man faſt in ſitzender Stellung durch— kriegen konnte, wenn man den Hals zwiſchen die beiden Re⸗ gale hineinſchob und den Kopf in der oberen Höhle hielt. Dann gehörten aber, für die kurze Strecke wenigſtens, Kopf und Körper jeder in ein anderes Gefach hinein, welches, das Wenigſte zu ſagen, eine höchſt unbequeme Stellung war, beſonders wenn die Bären unter ſolchen Verhältniſſen den Angriff verſucht hätte. Nachdem wir endlich durch dieſen doppelten Engpaß hin⸗ durch waren, kamen wir zu einer Quelle, die hier eine Strecke lang durch die Höhle lief, und dann nach rechts ver⸗ ſchwand. Auf jeden Fall war ſie hier vom lieben Gott nur zur Bequemlichkeit der Bären ſo eingerichtet worden. Die Quelle hatte eine ungefähr 18 Zoll tiefe und etwa 8 bis 9 Zoll breite Rinne ausgewaſchen und mit einem Fuß in derſelben ſtehend, erleichterten wir uns unſer Fortkommen bedeutend. Nachdem ich mich gerade wieder durch einen, etwas mehr als unbequemen Platz durchgearbeitet hatte und eben, ſo gut es die Höhle erlaubte, aus tiefer Bruſt Athem holen wollte, hörte ich plötzlich, und wie es mir ſchien dicht vor mir, das tiefe Brummen der Beſtie. Obgleich ich nun ſeit mehren Stunden jeden Fußbreit 206 Die große Höhle. auf eben dieſes Brummen gehorcht und gewartet hatte überraſchte mich der plötzliche Ton deſſelben, und zwar mir, dicht vor der Naſe, ſo, daß ich beinahe den Kien hätte fal⸗ len laſſen. Jedoch erholte ich mich bald von meiner Ueber⸗ raſchung, und die Fackel, zur Qual und zum Entſetzen einiger unſchuldigen Fledermäuſe, ſo hoch, wie nur irgend möglich haltend, ſah ich die Bärin deutlich, nicht 10 Schritte von mir entfernt, aufrecht ſitzend, mit den Fängen ſchnappend, die Erde vor ſich mit den ſcharfen Krallen zerwühlend und, wie es ſchien, in der übelſten Laune von der Welt. Der junge Konwell, der dicht hinter mir war, legte jetzt ſeine Hand auf meinen Fuß und wisperte mir zu, daß er die Bärin höre. Da ich dieſelbe Bemerkung ſchon ſelbſt gemacht hatte, bedeutete ich ihn ſtille zu ſein, und noch leiſe ein paar Schritte vorkriechend, kam ich an einen Platz, von dem aus ich ſchießen zu können glaubte. Ich ließ den rechten Fuß in die von der Quelle gebil⸗ dete Höhlung hinunter, richtete mich, ſo viel es mir möglich war, auf dem linken Knie in die Höhe, und hob die Büchſe. Mein Hintermann, der jede meiner Bewegungen ängſtlich beobachtet hatte, ermahnte mich jetzt, um Gotteswillen be⸗ dächtig zu zielen, denn wenn ich einen ſchlechten Schuß thue, ſei es um uns beide geſchehen. Obgleich ich nun aber der Gefahr näher war als er, hätte ich doch nicht mit ihm tauſchen mögen, denn da er von dem was vorging auch nicht das Mindeſte ſehen konnte, mußte er natürlich immer das Schlimmſte befürchten, und ich will in ſolch en Fällen Die große Höhle. 207 lieber ſtets der nächſten Gefahr ausgeſetzt ſein, als in fort— währender Ungewißheit ſchweben. Die Bärin, der mein Näherkommen gar nicht behagen wollte, ſchnappte grimmg um ſich herum, dabei glühten ihre Augen wie Feuer, und die kurzen Ohren zurückgelegt, be⸗ wegte ſie ſich mit dem ganzen Körper in fortwährender Un⸗ ruhe hin und her. Mir war, da ſie etwas gebückt ſaß, keine andere Wahl gelaſſen, als nach dem Kopfe zu ſchießen, wo mir dann immer noch die Hoffnung blieb, daß, wenn ich die⸗ ſen wirklich verfehlen ſollte, die Kugel auf jeden Fall die Bruſt des Thieres durchbohren mußte. Als ich aber ſo zielend da lag, fuhr mir, warum ſoll ich es leugnen, einen Augenblick der Gedanke durch's Hirn, wie hilflos ich nun da eingeklemmt ſei, im Fall der Schuß mißglücke, und die Erinnerung an meine Lieben in der Hei⸗ math zog mit Gedankenſchnelle an mir vorüber. Es war aber auch nur ein Augenblick, und in der Aufregung der Gegen⸗ wart vergaß ich Vergangenheit und Zukunft. Ich zielte, da der Bär keine Seeunde ruhig blieb, lange, dennoch berührte der Finger den Stecher zu ſchnell. Dichter Rauch füllte augenblicklich die Höhle, und ein banges Stöh⸗ nen verkündete daß die Beſtie verwundet ſei. Wir nahmen uns aber keine Zeit, den Stand der Dinge genauer zu unterſuchen, ſondern krochen, ſo ſchnell es uns der ſchmale Raum erlaubte, rückwärts, einen höheren Platz zu erreichen, die Büchſe wieder zu laden und dann zum Kampfplatze zurückzukehren. Aber noch keine 100 Schritte waren wir krebsartig ge⸗ 208 Die große Höhle. krochen, und eben hatte ich an einem dazu paſſenden Flecke gehalten, als ich das verwundete Thier ſchnaubend und mit den Zähnen zuſammenſchlagend, daß es weit in der Höhle hinſchallte, kommen hörte. Mein erſter Gedanke war„ade Tageslicht!“ doch blieb mir zum Ueberlegen nicht viel Zeit und nur ſchnell rief ich dem jungen Konwell zu, wenn ihm ſein und mein Leben lieb ſei, zu eilen, denn die Alte käme. Es wäre unnöthig ge⸗ weſen ihn weiter anzutreiben, und nie habe ich Krebſe ſchneller rückwärts kriechen ſehen, als wir jetzt verſuchten vom Platze zu kommen. Wie groß aber auch unſere Eile und wie nahe die Gefahr ſein mochte, nur langſam ging die Rückfahrt, und näher und näher kam das Schnauben. Schon hatte ich meine leere Büchſe, die mich am Fort⸗ kommen fehr hinderte, zurücklaſſen müſſen, und fortwährend vor mich hinſchauend, wo ich ſtets die Bärin zu ſehen erwartete, erblickte ich plötzlich, nur wenige Schritte von mir entfernt, die glühenden Augen derſelben. In demſelben Momente ſtieß ich auch meinen linken Ellenbogen gegen einen ſpitzen Vorſprung der Höhle. Die Fackel entfiel meiner Hand und rabenſchwarze Nacht umgab mich. Der junge Konwell hatte noch eine zweite brennende Fackel, mein Körper füllte aber den Raum ſo vollkommen aus, daß auch kein Strahl der⸗ ſelben zu mir drang. Unwillkürlich faſt, und wie in einer Art von Inſtinkt, denn zum Ueberlegen blieb wahrhaftig keine Zeit, ſchleuderte ich da die noch glimmenden Spähne der Bärin entgegen. Das mußte ſie ſtutzig gemacht haben, denn ſie hielt plötzlich Die große Höhle. 209 an; aber lange dauerte das nicht, denn nur zu bald hörte ich ſie wieder folgen. Plötzlich hielt der junge Konwell an und ſchwur, er wolle verdammt ſein, wenn das nicht das Ende der Höhle wäre, denn er könne nicht weiter. Zugleich rutſchte er mit ſeiner rechten Hand, in der er die Fackel hielt, in die Quelle, und ägyptiſche Finſterniß war das 3 augenblickliche Reſultat. Ich hatte keine Zeit ihm zu antworten, denn die Bärin, die langſam unſerem Fortbewegen gefolgt war, als ob ſie gewußt hätte daß wir unſer Beſtes thaten ihr aus dem Wege zu gehen, war jetzt dicht vor mir, und ich bin überzeugt daß ich mit ausgeſtrecktem Arm meine Hand hätte auf ſie legen können. Deutlich fühlte ich den heißen Athem der Beſtie in meinem Geſichte und erwartete, in der Rechten das breite Jagdmeſſer mit jedem Pulsſchlag den Angriff des verwun⸗ deten Thieres. Die Gefahr war zu nahe, um nicht ihr Schreckliches zu verlieren, und ich dachte im Augenblicke an nichts Anderes, als mein Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Hoffnung, aus dieſer Klemme je wieder hinauszukommen, blieb mir nicht. Der junge Konwell war jedoch unter der Zeit nicht müßig geweſen und hatte, wohl einſehend, daß wir nicht ohne Licht bleiben konnten, ſchnell nach Stein und Schwamm gegriffen. Das Anſchlagen ſeines Meſſers an den Feuer⸗ ſtein war jetzt der einzige Laut der die Todtenſtille unter⸗ brach, denn beim erſten Schlage hatte die Bärin aufgehört Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 14 210 Die große Höhle. zu ſchnauben, wahrſcheinlich um den fremden Lauten zu horchen. Nach einiger peinigend ängſtlichen Pauſe rief Jim(der Name des jungen Konwell) endlich„ich habe Feuer, gieb mir das Pulverhorn und einen Lappen.“ Ich ſchnitt das erſtere von den Schnüren ab, riß ein Stück von meinem Jagdhemde herunter, reichte beides zurück und in wenig Augenblicken hatte der Kien gefangen. Neue Hoffnung kehrte in unſer beider Bruſt zurück, oder vielmehr nur in die meinige, denn Jim hatte wenig oder gar keine Gefahr gefürchtet. Erſtlich wußte er gar nicht, wie nahe die Bärin ſei, und war dann auch ſo beſchäftigt mit Feueranſchlagen geweſen, daß er, wie er mir nachher ver⸗ ſicherte, an gar nichts weiter gedacht habe, als nur eben Feuer zu bekommen. Es war ihm übrigens gelungen ſich herumzudrehen, und wie Engelsharmonie ertönte mir der Ruf, daß er die rechte Oeffnung gefunden habe. Er hatte jetzt den Vortheil daß er vorwärts kriechen konnte, während ich noch immer gegen die Bärin Fronte machen mußte, doch reichte er mir ein paar Stücke brennen⸗ den Kien, und wir bewegten uns wieder langſam dem Ein⸗ gange der Höhle zu. Wie ich die Fackel vorhielt, brummte die Alte und hielt ſich, die Zähne aneinander ſchlagend, ein paar Schritte rück⸗ wärts, jedoch folgte ſie auf's Neue, als ſie ſah daß wir ebenfalls retirirten. Noth macht erfinderiſch! ich legte ein paar Stücken brennenden Kien auf den Boden der Höhle —— —y— ↄ-́j — Die große Höhle. 211 und ſah ſie zu meinem unausſprechlichen Vergnügen bei der Flamme halten, über die ſie nicht wegzuſchreiten wagte. Mit womöglich noch größerer Eile rutſchten wir jetzt dem Orte zu, wo wir den alten Konwell bei den„cubs“(junge Bären) gelaſſen hatten. IJim erreichte den Platz vor mir und ich hörte, wie er ſeinem Vater zurief, zurückzukriechen, weil die Bärin käme. Weiter wurde kein Wort gewechſelt. In der That kam auch ihr Schnauben wieder näher. Die Flamme war wahr⸗ ſcheinlich auf dem feuchten Boden ausgegangen und ſie hatte weiter kein Hinderniß gefunden uns zu folgen. Ich kroch jetzt den beiden Konwells folgend, über den Platz, wo ſie ihr Lager gehabt. Hier ſah ich auch weshalb die Jungen ſo plötzlich mit Schreien aufgehört, als wir einen Augenblick unſchlüſſig was wir thun ſollten, in der Höhle hielten. Mein Alter hatte ihnen die Schädel an der Felſenwand eingeſchlagen und dadurch wahrſcheinlich unſer Leben gerettet. Ein einziger Schrei der Jungen, als uns die Fackeln ausgegangen waren, und das verwundete Thier wäre jedenfalls zur Wuth gereizt worden. Ungefähr 100 Schritte hinter dem Lager hielt ich um zu horchen, hörte aber auch nicht das Mindeſte. Ich rief jetzt den beiden Anderen zu mich zu erwarten, und nachdem wir an eine ziemlich geräumige Stelle gekommen waren, wo auch früher ein alter Bär ſein Lager gehabt hatte, hielten wir, eng zuſammengehockt, eine kleine Berathung. Der alte Konwell meinte, daß die Bärin zu ihren Jun⸗ gen zurückgekehrt ſei und ſich zu den verendeten cubs gelegt 14* ⁴ÿ 212 Die große Höhle. habe, daß Einer von uns alſo zu unſerem Lager vor der Höhle werde kriechen müſſen, um eine andere Büchſe zu holen, denn an der Beſtie vorbeizukommen, gereizt und ver⸗ wundet wie ſie war, um die meinige wieder zu erhalten, wäre ganz unmöglich geweſen. Ehe ich aber den langen, unbequemen Weg nach dem Lager zurückkriechen ſollte, beſchloß ich doch erſt noch ein⸗ mal zum Bärenbett hinzuſchleichen, und zu ſehen ob die Alte nicht vielleicht verendet wäre. Ich konnte mir gar nicht denken daß meine Kugel ſo ſchlechten Erfolg gehabt haben ſollte. Dort angekommen, ſah ich aber auch nicht das kleinſte Zeichen von der Verwundeten. Mein Ruf brachte die Anderen herbei; wir unterſuchten, etwas weiter vorrückend, den Platz genauer, und dem Schweiß folgend, der dick und dunkelroth ausſah, fanden wir, daß ſie, anſtatt in ihr altes Lager zurückzukehren, der linken Höhle gefolgt war. Mein Gewehr lag über 300 Schritte weit in dem rechten Gange, und ich war genöthigt, wieder dahin zu⸗ kriechen. Es war mit Schlamm und Blut bedeckt, jedoch kehrte ich, ſo ſchnell ich konnte um, und reinigte und lud es wieder. An Ausruhen war übrigens nicht zu denken, wir waren Alle zu aufgeregt und zogen aufs Neue vorwärts, unſeren einmal begonnenen Kampf zu beenden. Die linke Höhle war ſo ſchlecht zu betreten, oder viel⸗ mehr zu bekriechen, als die rechte, jedoch hatte ſich die Bärin glücklicher Weiſe nicht ſo weit zurückgezogen, und bald Die große Höhle. 213 erreichten wir den Ort, wo ſie ſich feſtgeſetzt und uns, wüthend um ſich beißend, erwartete. Faſt ganz an ſie herangekommen(ich konnte kaum mehr als 8— 9 Fuß von ihr entfernt ſein), hielt ich, hob mich ſoviel ich konnte, in die Höhe, legte die Büchſe auf das Ge⸗ lenk der linken Hand, in der ich die Fackel hielt und drückte in dem Augenblick ab, als ſie den Kopf nur eine Secunde lang ruhig hielt. Wieder gab die Höhle den dumpfen Krach der Büchſe zurück und Alles war in dichten Rauch gehüllt. Wohl hörte ich die Bärin ſich bewegen und ſtöhnen, hielt aber Stand, weil ich wußte, daß meine Kugel diesmal auf dem richtigen Flecke ſitzen mußte, und als ſich der Rauch verzog, lag ſie nicht drei Schritte vor mir verendet. Der junge Konwell und ich waren faſt ſelbſt todt und die Erlegte jetzt hinauszuſchaffen wäre unmöglich geweſen. Das Umherkriechen in der dumpfen Höhlenluft und in dem Kienrauch, ſowie der furchtbar exaltirte Zuſtand immerwäh⸗ render Gefahr ſo viele Stunden lang war doch zuviel, ſelbſt für unſere kräftigen Naturen geweſen, und hatte uns ſo ab⸗ geſpannt, daß wir beſchloſſen ſo raſch wir könnten die friſche Luft aufzuſuchen, und uns dort erſt zu erholen. Nach einer halben Stunde ungefähr, wie es uns vor⸗ kam, erreichten wir den Ausgang. In meinem Leben werde ich aber den Eindruck nicht vergeſſen, den die kalte herrliche Nacht⸗ luft auf mich machte, als ich in langen, durſtigen Zügen den balſamiſchen Duft des freien Waldes einſog und wieder einmal über mir den blauen, geſtirnten Himmel erſchaute. 214 Die große Höhle. Unſer Schulmeiſter und der junge Smith ſchliefen feſt, die Hunde ſchlugen jedoch an und beide ſprangen auf, wären aber auch beinahe wieder vor Schreck umgefallen, denn ſie ſchwuren, daß ſie nie in ihrem Leben ſcheußlichere Geſtalten geſehen hätten, als wir drei waren, da wir in der rothen Be⸗ leuchtung unſerer Kienfackeln, über und über mit Schlamm und Blut bedeckt und von dem Kienrauch bis zum Un⸗ kenntlichen geſchwärzt, vor ihnen ſtanden. Nach den Sternen mochte es aber ungefähr zwei Uhr Morgens ſein, ſo lange hatten wir uns in dem Loche herum⸗ geſchlagen, und obgleich wir alle hungrig wie die Löwen waren, fühlten wir uns doch zu ſehr erſchöpft etwas zu genießen. Mit Tagesanbruch weckten uns die Beiden, wir nahmen dann ein ziemlich gutes Frühſtück ein, und den Alten dies⸗ mal zurücklaſſend, der ſich für ſeine Jahre ſchon eigentlich zu viel angeſtrengt hatte, zogen wir anderen Vier jetzt wieder mit Stricken in die Höhle ein, um unſere Beute an Tages⸗ licht zu fördern. Wir befeſtigten den Strick um den Hals des Thieres und ich zwängte mich hinter die Beſtie und ſchob, während die beiden Anderen zogen; Jim hielt die Fackel. Auf dieſe Art bewegten wir uns Zoll für Zoll wei⸗ ter, und Mittag war es, als wir unter einem allgemeinen Hurrah die Bärin den bluff hinunter, an unſer Lagerfeuer warfen, wo Beargreaſe ſogleich Beſitz von ihr nahm und ſich knurrend neben ſie legte. Da wir eine ziemliche Strecke zu des Alten Hauſe hat⸗ ten, brachen wir ſie blos auf und banden ſie, nachdem wir — — r———:—·— Heimzug. Neue Jagd. 215 ihr erſt das Rückgrat eingeknickt hatten, damit ſie ſicherer im Sattel liegen ſollte, auf eins der Pferde. Erſt gegen Abend erreichten wir das Haus, wo ich mich im Fluſſe badete und dann gleich zum Schlafen hinlegte. Ich war mehr todt als lebendig; die übermäßige Anſtren⸗ gung hatte mich zu ſehr angegriffen. Am anderen Morgen, den 19. Januar, waren wir friſchgeſtärkt zu neuen Anſtrengungen und beſchloſſen, wieder in die Gegend hinauszuziehen, wo der alte Konwell noch mehr Höhlen wußte. Wir verſahen uns mit Stricken und Proviſionen, mach⸗ ten aber diesmal zwei ziemlich ſtarke Wachslichter, die nicht ſolch unangenehmen Qualm von ſich geben, weniger der Ge⸗ fahr ausgeſetzt ſind, zu verlöſchen, und wohl ein eben ſolch helles Licht verbreiten als eine Fackel. Den Nachmittag erreichten wir den Ort, fanden auch die Höhlen(es waren deren 8 oder 9, die alle 40— 80 Fuß in die Erde gingen), aber keinen Bären. Wir vertheilten uns jetzt, um neue Gänge aufzuſuchen, und verabredeten daß, ſobald einer von uns etwas finden würde, er ſogleich das Zeichen geben ſolle, damit Alle den Spaß der Jagd haben möchten. Ich hatte eben wieder eine kleine Höhle unterſucht und friſche Zeichen gefunden; der Bär mußte aber nach Waſſer gegangen ſein, oder den Platz für einen beſſeren vertauſcht haben, ich konnte nichts von ihm entdecken. Ich trat jetzt vor den Eingang, einen Ruf zu vernehmen, als ich deutlich unſere Hunde laut werden hörte, die, wie ich nach wenigen 216 Bärenjagd. Augenblicken angeſtrengten Lauſchens fand, gerade auf mich zu kamen. Lauter und vernehmlicher wurde das Krachen der dürren Aeſte und plötzlich ſah ich einen Bär hervor⸗ brechen. Einen kleinen Abhang, ungefähr 10 Fuß hoch, ſch ohne Umſtände herunterwälzend, kam er, ſo ſchnell ihn ſeine Beine nur trugen, gerade auf mich zu. 3 Ich ſtand ganz ruhig, um zu ſehen wie nahe er wohl zu mir herankommen würde, als er, noch etwa 50 Schritte ent⸗ fernt, den Wind von mir bekam und im ſchnellſten Laufe hielt, einen Augenblick die Luft einzog und dann wie ein Pfeil wieder von mir wegfloh. Der Augenblick hatte aber genügt, ihm meine Kugel zuzuſchicken, doch war ich zu ſehr aufgeregt, auch wohl zu hitzig und mein Blei fuhr ihm nur in den Schenkel und brach ſeinen Hüftknochen. Die Hunde waren unter der Zeit durch den bluff, den ſich Pätz heruntergeſtürzt hatte, aufgehalten worden, und er gewann dadurch einen guten Vorſprung, doch hinderte ihn der Verluſt des einen Hinterlaufes ſehr am Rennen und bald hörte ich, wie er die Hunde, die ihn eingeholt hatten, zu⸗ rückſchlug. Ein junger Mann, Namens Erkswine, der, nicht weit von uns entfernt gejagt hatte und durch das Gebell der Hunde und den Krach meiner Büchſe herbeigelockt war, kam noch gerade zur rechten Zeit, ihm einen tödtlichen Sehu beizubringen, und bald verendete er. Die beiden Konwells fanden ſich jetzt auch ein und wir machten uns gemeinſchaftlich daran ihn aufzubrechen. Die Bärenjagd. 217 Erkswine erzählte uns auch jetzt, daß er ſelbſt eine Höhle gefunden habe, von der er feſt überzeugt ſei daß ein Bär darin ſtecke, und wenn Einer von uns mit ihm gehn wolle, wollte er den Verſuch machen den Bär zu bekommen. Wie er hinzuſetzte war er eben auf ſeinem Weg nach der nächſten Kienwaldung geweſen, da er Nichts bei ſich hatte eine Fackel davon herzuſtellen. Ich war ſogleich bereit, und nahm eins der Lichter. Nachdem wir den beiden Anderen genau beſchrieben hatten wie ſie uns wiederfinden könnten, begaben wir uns auf den Weg und erreichten den nicht ſehr weit entfernten Platz gerade mit Sonnenuntergang. Dort machten wir ein tüchtiges Feuer vor dem Eingange an und krochen dann, Erkswine diesmal voran, hinein. Die Oeffnung war ſehr eng; inwendig angelangt, erweiterte ſie ſich aber bedeutend, ſo daß wir bald aufrecht neben einander hergehen konnten. Nachdem wir ein Stück darin vorgedrungen waren, hörten wir den Bären leiſe winſeln und Erkswine, auch ein alter Bärenjäger, der ſich ſchon lange in den Bergen herumgetrieben, behauptete, daß er feſt ſchliefe. An einer Biegung der Höhle angelangt, ſahen wir ihn plötzlich zu unſeren Füßen und zwar, wie es mein Camerad prophezeit hatte, feſt eingeſchlafen, den Kopf zwiſchen den Tatzen haltend und einen leiſen, klagenden, monotonen Laut von ſich gebend. Erkswine, der die Büchſe trug, hielt ſich nicht lange bei 218 Bärenjagd. Heimzug. L g der Vorrede auf, ſetzte Braunen den Lauf an den Hinterkopf und drückte ab,. Das Zucken und der Todeskampf war kurz und bald lag er ruhig ausgeſtreckt da. Konwells hatten in der Zeit mehre Höhlen unterſucht, aber keine Spuren weiter gefunden. Sonderbar war es, daß wir während unſerer ganzen Jagd auch nicht einen ein⸗ zigen Hirſch geſehen hatten. Der Wald ſchien wie ausge⸗ ſtorben zu ſein, die einzelnen Bären ausgenommen, die hie und da in den Höhlen zerſtreut lagen. Selbſt wenig Trut⸗ hühner fanden wir. Vor allen Dingen mußten wir aber jetzt unſere Beute in Sicherheit bringen, beluden deshalb die Pferde mit unſerem Antheil und zogen in gerader Richtung, ſoweit dieſe nämlich anzunehmen möglich war, Konwells Wohnung zu. Eine gerade Richtung aber in den Gebirgen beizubehal⸗ ten iſt meiſtentheils unmöglich, oder doch ſehr ſchwierig, da häufig ſteile, abſchüſſige Felsmaſſen jedem weiteren Vor⸗ dringen ein Ziel ſetzen. Dieſe nöthigen dann den Jäger meilenlange Umwege zu machen, um nicht allein für ſein Pferd, nein ſelbſt für ſich und ſeinen Hund einen gang⸗ oder kletterbaren Fleck zu finden, wieder auf den nächſten Bergrücken zu gelangen. Der ſcheint allerdings dicht vor ihm zu liegen, aber nur erſt nach unſäglicher Mühe und An⸗ ſtrengung kann er ihn oft erreichen. Unterwegs hielten wir uns übrigens nicht mehr mit Jagen auf, denn wir hatten Wildpret genug und waren müde; müde an Leib und Seele. ——.--— ——,——— — Eine Heimath. 219 Herzlich wurden wir von Konwell's Familie empfangen und konnten nun wieder einmal nach harter Arbeit die mat⸗ ten Glieder erquicken. Solche Mühſeligkeiten und Beſchwerden müſſen aber ſelbſt ertragen, müſſen ſelbſt erduldet ſein, um dann erſt häusliche Ruhe und das ſtille wohlthätige Walten der Frauen würdigen zu können. Es iſt wahr, der Jäger exiſtirt drau⸗ ßen im Walde; er hat, wenn er glücklich auf der Jagd iſt, ſeine Lebensmittel, wenn er geſchickt und fleißig iſt, ſein Ob⸗ dach, das, in kurzer Zeit aufgerichtet, ihn gegen Sturm und Wetter ſchützt, hat ſeinen treuen Hund als Wächter und braucht ſich nicht, wie der reiche Praſſer oder der verwöhnte Städter, ſtundenlang auf ſeinem Lager umherzuwerfen, ehe er einſchläft. Wer aber kümmert ſich darum, ob er ſanft ruht oder ob ihm das Eſſen ſchmeckt, ob er glücklich gejagt hat oder ob er ſich mißmuthig dem Schlafe in die Arme wirft? Niemand!— Iſt er wirklich mit Jagdgefährten im Walde, ſo hat Jeder ſeine eigenen Bedürfniſſe zu befriedigen, und aachtet die der Anderen wenig oder gar nicht. Anders iſt es im Hauſe, wo mit freundlicher Geſchäftig⸗ keit die Frau dem ermüdeten, erſchöpften Manne jede Be⸗ quemlichkeit, die nur in ihren Kräften ſteht, zu bieten ſucht, wo Alles wetteifert, den geliebten Gatten und Vater die be⸗ ſtandenen Mühſeligkeiten und Gefahren vergeſſen zu machen und ihn an ihren kleinen Kreis zu feſſeln. Bleibt auch der Mann kalt und ruhig dabei und ſcheint die freundliche Theil⸗ nahme faſt nicht zu bemerken, ſo fühlt er es doch im Herzen, 220 Häusliches Stillleben. und liegt er dann wieder in Sturm und Regen draußen, ſo denkt er mit ſoviel mehr Liebe und Sehnſucht an das ſchützende Dach ſeiner zwar kleinen, aber doch ſeiner Hütte zurück. Ich, leider, hatte keine Hütte, und wenn auch Alles freundlich und liebevoll gegen den Fremden war, fühlte ich doch eben, daß ich ein Fremder ſei, und ſo viel heftigere Sehnſucht erfaßte mich nach einer Heimath, nach einem Flecke, den ich mein nennen konnte. Lieber Gott, es blieb beim Sehnen. Im Traume mich auf grimmige Weiſe mit Bären und Fledermäuſen herumſchlagend, erwachte ich am nächſten Mor⸗ gen neugeſtärkt, und nicht ſchlecht mundete das delicat zu⸗ bereitete Frühſtück mit Milch und Maisbrod. Mag es ſein, daß nach dem wilden Außenleben dieſer ſtille Kreis ſo unendlich viel mehr Reiz für mich hatte, als es vielleicht unter anderen Umſtänden der Fall geweſen wäre, gewiß iſt es aber, daß jene liebe Familie mir ewig un⸗ vergeßlich ſein wird. Mein Alter und ich ſaßen den ganzen Tag am Kamin und beſſerten unſere Leggins und Moccaſins aus, und die Zeit verflog uns dabei mit Zauberſchnelle, denn der alte Konwell hatte viel erlebt, und wußte es vortrefflich zu erzählen. Ungefähr eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang kam ein Nachbar vorbei und wollte wiſſen, ob wir mit zu den „Debatten“ gehen wollten. „Debatten?“ Ich fragte ihn ganz verwundert was er —— — Die Debatten. 221 damit meine? Er wunderte ſich aber noch viel mehr daß ich das nicht wiſſe, und gab mir nun eine weitläufige Erklärung über die Sache; daß nämlich alle Freitag Abend im Schul⸗ hauſe, etwa 2 Meilen entfernt, die Nachbarn zuſammenkämen und dort im Beiſein und mit Hilfe der Schulkinder über irgend eine beliebige Frage, die aufgeworfen würde, de⸗ battirten. Ich hatte nun zwar eine Erklärung, meine Neugierde war aber nur noch mehr gereizt, und ich beſchloß auf keinen Fall die Gelegenheit zu verſäumen, dort neue Erfahrungen zu ſammeln. Mein Alter hatte die Sache ſchon zu oft mitgemacht, und war zu bequem den Abend noch dorthin zu reiten, ich aber ſattelte eins der Pferde und fand mich bald am Schulhauſe. Wer ſich nun hier ein großes, räucheriges Gebäude mit dunkelen, verſtaubten Fenſtern, einer breiten, ſteinernen, aus⸗ getretenen Thürſchwelle, mit ſchwerer, eiſenbeſchlagener Thüre und auswendig angeklebten Geſetzesformeln denkt, iſt ſehr auf dem Holzwege; aber wiederum iſt es nur ein Holzweg, auf dem man zu einer Schule in Arkanſas gelan⸗ gen kann. Dies Schulhaus glich dem, welches ich ſchon früher ein— mal erwähnt habe, wie ein Ei dem anderen. Das kleine, aus rauhen Stämmen roh aufgeführte Häus⸗ chen lag mitten im Walde, und eine Menge Pferde, die rund umher an den Büſchen angebunden waren, zeigten, daß ſich ſchon eine ziemliche Anzahl Debattirender verſam⸗ melt habe. 222 Die Debatten. Ein helles Feuer flammte im Kamin, und das Innere war mit einer Menge von Leuten aus der Umgegend gefüllt. Jeder ſprach übrigens, und es war eine wahrhaft baby⸗ loniſche Verwirrung; endlich jedoch legte ſich der größte Spec⸗ takel und es wurde zum Debattiren geſchritten. Um dies aber alles in Ordnung vorzunehmen, wurden zwei Richter und zwei Capitaine gewählt, welche letzteren die beiden ſtreitenden Parteien anführen ſollten. Die Richter placirten ſich in die Mitte und jeder der Capitaine, die ſich erſt wechſelsweiſe ihre Mannſchaft heraus⸗ ſuchten, nahm eine Seite ein. Die Frage, worüber debattirt werden ſollte, war folgende: „In einem dicht bewohnten Landſtriche, wo ſich die Ein⸗ wohner viel mit der Viehzucht abgaben, war blos ein Ge⸗ meinde⸗Bulle.“ „Derſelbe Platz lag an einem breiten Strome und die Einwohner waren genöthigt, wegen Mühlen, Gerbereien ꝛc., die an der anderen Seite lagen, oft hinüber und herüber zu fahren, hatten aber nur eine Fähre, die an einem Seile an⸗ gebunden war.“ „Selbiger Bulle geht jetzt an die einzige Fähre, ſteigt hinein, kaut am Stricke, der Strick reißt, das Boot ſchwimmt mit dem einzigen Troſt der Kühe den reißenden Strom hin⸗ unter und— wird nicht wiedergeſehen.“— Das war die Thatſache. Nun war die Frage, wer der Gemeinde für den unerſetz⸗ lichen Verluſt Schadenerſatz bezahlen ſollte? Der Mann, dem —,— Die Debatten. 223 das Boot gehöre, weil es den Bullen entführt habe, oder der Mann, dem der Bulle war, weil dieſer unter irgend einer bösartigen, unbekannten Abſicht das Boot geſtohlen habe. Intereſſant war es nun zu ſehen, wie einer der Debat⸗ tirenden nach dem anderen auftrat und mit ernſthafter Miene bald den Bullen, bald das Boot vertheidigte, mancher auch wohl eine Viertelſtunde lang baaren Unſinn herſchwatzte, dann kurz abbrach und verſicherte, daß es für ihn gar nicht nöthig ſei noch weiter etwas zu bemerken, die Sache läge zu klar am Tage und die Richter würden auf jeden Fall ſeiner Seite den Sieg zuerkennen. Nach unendlichem Raiſonniren ſämmtlicher Mitglieder, mich keineswegs ausgenommen, beriethen ſich die Richter, und der Eigenthümer des Bullen wurde verurtheilt die Zeche zu bezahlen. Wie mir geſagt wurde, war den Freitag vorher ſchon dieſelbe Frage einmal verhandelt worden, wo der Eigen⸗ thümer des Bootes verloren haben ſollte. Nachher kam die Frage: Welcher Stand der beſſere ſei, der ledige oder der verheirathete?(Die Debattirenden waren großentheils Schulkinder). Die Richter wurden unparteiiſch gewählt,—(des einen Frau war vor 3 Jahren mit einem jungen Manne nach Texas gelaufen, und des anderen Ehegattin hatte drei Mal Zwillinge gehabt). Ich war auf der Seite der Verheiratheten, mit mir der Schulmeiſter, 3 oder 4 andere junge Leute und 6 oder 7 Schulkinder, und mit glühender Begeiſterung vertheidig⸗ 224 Die Debatten. ten wir unſeren aufgegebenen Stand; aber der eine Richter dachte an Texas, der andere an die Zwillinge, und hoch auf ſchnellte die Wage des Ehejoches. So kamen nach einander noch einige Fragen, unter denen wohl die intereſſanteſte die war:„was ſchlimmer ſei, ein rauchender Kamin oder eine zänkiſche Frau?“(konnte nicht entſchieden werden). Auch ich wurde zuletzt aufgefordert, eine Frage aufzu⸗ werfen, doch ließ ich mich erſt dann dazu bewegen, als ich das feſte Verſprechen erhalten, daß die Frage auch debattirt wer⸗ den ſollte, und ſchlug Folgendes vor. „Wer wohl das Leben am meiſten genöſſe, die wenigſten Sorgen und den leichteſten Kummer habe, ein kurz⸗ oder langgeſchwänzter Hund?“ die Verſammlung hielt übrigens ihr Wort nicht. Es war überdies auch ſpät geworden und Zeit zum Aufbruch. In kurzer Zeit ſtand daher das Schul⸗ haus öde und verlaſſen im dunkelen Walde, und nach allen Richtungen trabten wir unſeren verſchiedenen Schlaf⸗ ſtellen zu. Es war am 22. Januar, Morgens, als mein Alter und ich wieder unſere Büchſen ſchulterten und, Jeder mit einem Stück Fleiſch und Brod verſehen, nach den Waſſern des Richland wanderten. Gut war es aber daß wir Proviſionen mitgenommen hatten, denn nicht ein einziges Stück Wild be⸗ kamen wir zum Schuß. Am anderen Tage ebenſo, und hätte Konwell nicht noch einen Truthahn geſchoſſen, ſo hätten wir Saſſafras kauen können. Endlich am dritten Tage ſchoß er einen Hirſch und ich Schlechte Jagd. Der Panther. 225 einen Truthahn, was unſeren Hunden wieder neues Leben gab, jedoch fing uns die ſchlechte Jagd an zu langweilen und wir beſchloſſen, den nächſten Morgen wieder nach Hauſe zu gehen, noch dazu, da das Wetter recht bösartig und drohend auszuſehen begann. Zu unſerer unausſprechlichen Freude fing es die Nacht an zu ſchneien, und jetzt war an Fortgehen nicht mehr zu denken.. Am anderen Morgen ſchlug nun jeder von uns ſeine eigene Richtung ein, und wie verabredet, wollten wir uns am Abend wieder im Lager treffen. Noch nicht weit gegangen, ſpürte ich in dem, etwa 4 Zoll hohen Schnee einen iungei Bock, folgte ihm und ſchoß ihn nieder. Faſt zu gleicher Zeit hörte ich auch Konwell's Büchſe. Ich hing meinen Hirſch auf und wanderte weiter. Wohl über eine Stunde war ich ſo langſam fortgeſchlen⸗ dert, ohne noch Etwas geſehen zu haben, als ich meines Alten Fährte kreuzte, der mit ſeinem Hunde auf der blutigen Spur eines Panthers war. Er hatte ihm den linken Hinterlauf zerſchmettert, denn nur drei Spuren konnte ich bei jedem Sprunge erkennen, und dunkelrothe Tropfen bezeichneten ſeinen Lauf. Ich folgte natürlich, ſo ſchnell mich meine Füße tragen wollten, und holte ihn nach etwa einer Stunde ſtarken Marſchirens am Eingang einer Höhle ein, wo er auf mich gewartet hatte. Er wußte, daß ich über ſeine Fährte kommen mußte und ihr dann, ſobald ich die Pantherſpur mit dem friſchen Schweiß ſah, ſicher folgen würde. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 15 4 226 Der Panther. Das verwundete Thier hatte in der Höhle ſeine Zuflucht geſucht und uns überlaſſen, zu thun was wir für gut finden würden. Es glaubte wahrſcheinlich, es wäre ſicher. 8 Wir hielten einen kurzen Kriegsrath, und Konwell ſagte mir, daß er etwa 2 Meilen von dort ein Bündel Kien in einer Schlucht verſteckt habe und, im Fall ich hier am Ein⸗ gange Wache hielte, hingehen und es holen wolle. Mir war's recht, und mit geſpanntem Hahne und ge⸗ zogenem Meſſer lagerte ich mich vor der Höhle. Das im Schnee Liegen war aber nichts weniger als an⸗ genehm, obgleich ich mir im Anfange, da ich vom ſtarken Laufen erhitzt war, Nichts daraus machte. Nach und nach kühlte ich mich jedoch ab, und zuletzt ſchlugen mir die Zähne zuſammen, und die Glieder flogen mir wie in Fieberfroſte. Durch Hin⸗ und Herlaufen und Herumſpringen mußte ich mich zuletzt noch erwärmen und war ſehr froh, als mein Alter endlich zurückkam und ein gutes Feuer anzündete. Ich hatte natürlich nicht gewagt die Büchſe aus der Hand zu legen, aus Furcht den Panther entwiſchen zu laſſen. Nachdem wir uns gewärmt machten wir Fackeln, und be⸗ traten höchſt vorſichtig die Höhle, Jeder in der Linken den brennenden Kien, in der Rechten die Büchſe haltend. Ich kroch im Anfange voran, doch wurde die Höhle bald ſo hoch und geräumig, daß wir recht gut neben einander hergehen konnten. Sie zog ſich, links einbiegend, in den Berg hinein, und ungefähr 200 Schritt darin vorgerückt, ſahen wir die glü⸗ henden Augen der verwundeten Beſtie, ſich von Zeit zu Zeit Der Panther. 227 ſchließend und dann wieder wie zwei feurige Kugeln zu uns herüberleuchtend. as Der Alte nahm meine Fackel, trat hinter mich und ich zielte und drückte ab. Zwar hörten wir nach dem Schuſſe Geräuſch, konnten aber nicht deutlich wahrnehmen was eigentlich das Reſultat war. Schnell lud ich jedoch meine Büchſe wieder und der Alte trat unterdeß vor; die Beſtie wollte aber die Augen nicht mehr zeigen und wir ſahen uns genöthigt weiter vorwärts zu gehen; die Büchſen lagen jedoch geſpannt auf unſerem linken Handgelenke und wir waren auf Alles gefaßt. Leiſe vorſchreitend tauchte plötzlich der Panther, der in einer kleinen Vertiefung gelegen hatte, dicht vor unſeren Füßen auf, ein ſchrecklich ſchöner Anblick; die Ohren ſo zurück⸗ gelegt, daß ſie gar nicht mehr zu ſehen waren, die Zähne, weiß wie Elfenbein, in wilder Wuth zuſammenſchlagend und die Augen weit geöffnet, glühend, als ob ſie durch die furcht⸗ bare Wuthanſtrengung aus ihren Höhlen ſpringen ſollten. Wir ſchoſſen Beide; im Nu flogen unſere Büchſen in die Höh und das Echo der Höhle donnerte den Schall nach. Aber wie in eine Art Inſtinkt ließen mir auch beide zu gleicher Zeit die abgeſchoſſenen Gewehre fallen, und riſſen unſere Meſſer aus der Scheide. Ich fühlte zu gleicher Zeit etwas gegen mich anprallen— denn ſehen konnte ich wegen dem Pulverdampf Nichts— und ſtieß mit dem Meſſer danach. Unſere Fackeln verlöſchten dabei zu gleicher Zeit, und das Ganze ging ſo zauberſchnell, daß ich erſt wieder zur Beſin⸗ 15* 228 Der Panther. nung kam, als ich mich neben meinem Alten in der friſchen Luft vor der Höhle fand. Mechaniſch hatten wir beide unſere Meſſer in der re und die ausgelöſchten Fackeln in der linken Hand 19 An Tageslicht gekommen, zeigte es ſich nun aber eigentlich erſt wie wir ausſahen, mit Schweiß und Blut bedeckt, und die Kleider zerriſſen. Mein Alter klagte über Schmerzen auf der Bruſt, und das Hemd aufreißend, fanden wir zwei tiefe Riſſe vom linken Schulterblatt herunter bis auf die Herzgrube. Auch ich hatte ein paar leichte Schrammen bekommen, und unſere Jagdhem⸗ den waren total zerfetzt. Keiner von uns hatte gefühlt wie er verwundet war, ehe wir uns aber nur um irgend etwas anderes bekümmerten, machten wir ein großes Feuer in dem Eingange der Höhle an, den Panther zu verhindern herauszukommen, wuſchen und verbanden dann unſere Riſſe und ſetzten uns an's Feuer, um zu berathſchlagen was jetzt eigentlich gethan wer— den ſollte. Der Panther war in der Höhle, ob aber todt oder leben⸗ dig wußten wir nicht, auf jeden Fall war er ſchwer verwun⸗ det, denn unſere beiden Jagdmeſſer(in der Klinge 9 Zoll lang) waren bis an's Heft blutig. Uebrigens hatten wir eigentlich keine Wahl, denn unſere Büchſen nebſt Konwell's Kugeltaſche, die ihm die Beſtie abgeriſſen hatte, lagen in der Höhle. Den Panther durch Rauch zu tödten wäre vielleicht ge⸗ angen, jedoch wußten wir auch nicht, ob der Rauch nicht Der Panther. 229 einen anderen Abzug haben könne, und dann hätten wir da⸗ mit ganz nutzlos die Zeit verſäumt. Wir entſchloſſen uns alſo kurz, und betraten mit friſchen Fackeln und bloßen Meſſern aufs Neue, wenn auch nicht ganz ohne Herzklopfen, die Höhle. Leiſe und vorſichtig ſchlichen wir mit vorgehaltener Kien⸗ flamme entlang, um nicht wieder ſo angenehm überraſcht zu werden, erreichten aber, ohne auf den Feind geſtoßen zu ſein, ungehindert unſere Büchſen. Ich hielt beide Fackeln jetzt, damit mein Alter laden konnte, dann gab ich ſie ihm und lud die meinige, und erſt wieder mit unſeren treuen Waffen bewehrt, ſchritten wir leichten Herzens, aber immer noch ſehr vorſichtig, weiter. „There“*), hauchte mein Alter mit hochgehaltenem Licht vor ſich hinſtarrend. Es war das erſte Wort das geſprochen wurde, ſeit wir die Höhle zum zweiten Mal betreten hatten. Auch ich hatte jetzt die helle Geſtalt des Panthers ent⸗ deckt; er war aber nicht mehr gefährlich. Ausgeſtreckt lag er da, ſelbſt die letzten Zuckungen waren vorüber. Wir ſtreiften ihn ab und ſchnitten ihn auf. Alle drei Kugeln hatten ihn getroffen und beide Meſſer waren ihm durch den Leib gegangen, ſo daß er nur noch im letzten Todes⸗ kampfe an uns angeſprungen ſein konnte. Wir nahmen nur das, freilich ganz durchlöcherte Fell mit, und gingen zu unſerem Feuer zurück. *) Dort. 230 Naſſe Nacht. Es war Nacht als wir aus der Höhle traten, und mit hungrigem Magen legten wir uns nieder. Konwell aber hatte keine Ruhe, der Riß, den er bekommen, that ihm ſehr weh, jedoch fiel er gegen Morgen in einen ziemlich geſun⸗ den Schlaf. Wir brachen mit erſter Dämmerung auf, gingen dem Platze zu, wo ich meinen erlegten Hirſch aufgehangen hatte und frühſtückten dort. Ich machte jetzt den Vorſchlag nach Hauſe zurückzukehren, da die Wunde meinen Jagdgefährten doch jedenfalls ſchmerzen würde, und ſich vielleicht gar ent⸗ zünden könne. Der alte Mann lachte mich aber aus, behaup⸗ tete ſich an einen ſolchen Hautriß nicht kehren zu wollen, und wir jagten weiter. 3 Der Schnee that uns indeß kein gut mehr; es war wärmer geworden und die dünne, weiße Decke hatte ſich empfohlen. Zugleich war es aber, als ob alles Wild auf der Wanderſchaft ſei, und obgleich wir Fährten genug ſahen, konnten wir auch nicht das Mindeſte zum Schuß bekommen. Die Nacht wurden wir durch einen feinen, dünnen Regen, der gar naßkalt auf uns herabträufelte, geweckt, und gezwun⸗ gen unſere Decke aufzuſpannen. Der nächſte Morgen brachte wieder neue Mühſeligkeiten, aber keine Beute, und verdrießlich zogen wir den ganzen, langen Tag durch den naſſen Wald, ohne auch nur einem Truthahne zu begegnen. Unſer Wildpret, mit dem wir nicht haushälteriſch umge⸗ gangen waren ging auch auf die Neige, und nachdem wir gefrühſtückt hatten, blieb Jedem noch ein nicht gar großes 44 Sehr ſchlechte Jagd.[231 Stück, das er zum Abendeſſen mit ſeinem Hunde theilen konnte. Immer aber noch hielt uns neue Hoffnung aufrecht, und aufmerkſamer und bedächtiger jagten wir, ohne zu er⸗ müden, bis ſpät in die Nacht— die Büchſen hatten Ruhe und nicht einmal ein Aasgeier war zu ſehen. Am 29. Januar Morgen ſaßen wir mit leerem Magen am Feuer und ſchauten melancholiſch in die kniſternde Flamme. Da brach endlich mein Alter in ein lautes Lachen aus und fragte, ob wir denn gezwungen wären hier in dieſer, von allem Wild verlaſſenen Gegend wohnen zu bleiben, wir woll⸗ ten zu Hauſe gehen! Das war mir aber nicht recht. So ganz ohne Beute, mit nichts als einem durchlöcherten Pantherfelle heimzukommen, war doch zu unangenehm, und ich bat ihn den Tag noch zuzugeben. Fänden wir bis zum Nachmittage Nichts, dann wollten wir uns wieder am Lager finden und den Heimzug antreten. Lautlos und auf das Geringſte achtend, durchſchlich ich nun mit Beargreaſe noch einmal alle die Plätze, wo ich ſonſt faſt jedesmal Wild getroffen hatte, Alles ſchien wie ausge⸗ ſtorben, und nagender Hunger peinigte mich noch obendrein. O, wie ganz anders kam mir da die Erinnerung an die deutſche Jagd,— alle halbe Stunde weit ein Wirthshaus, wo Bier und Butterbrod den ermatteten Jäger erfriſchen, oder auch wohl ein Glas Wein ihm neues Feuer durch die Adern jagt. Hier, dagegen gab es nur dichten Wald, wo ein naßkalter, langweiliger Baum gerade wie der andere ausſah, gab es nur gelbes Laub und umgeſtürzte 232 Sehr ſchlechte Jagd. „Bäume und, damit der Sache doch auch etwas Unterhaltung nicht fehle, eine Maſſe ſchwarzen locust's*), ſo daß der arme, müde Jäger alle Augenblicke in den verwünſchten Dornen hängen bleibt. Und rutſcht er einmal auf dem ſchlüpfrigen Boden mit den glatten Moccaſins aus, ſo kann er auch ſicher darauf rechnen ſich in einen derſelben hineinzuſetzen, der wie zu ſeiner Bequemlichkeit gerade da angebracht zu ſein ſcheint. Matt und zum Tode erſchöpft, erreichte ich endlich am Nachmittag das Lager, wo ich meinen Alten ſchon vorfand. Ruhig lag er am Feuer hingeſtreckt und ſagte, daß er mich ſchon ein paar Stunden erwartet habe.. „s iſt nichts hier mit der Jagd,“ meinte er, und ich ſtimmte von Herzen bei. Des nutzloſen Umherlaufens daher herzlich müde, ſchulterten wir unſere Decken und das eine Fell und zogen leicht an Gepäck, aber wie mit bleiſchweren Gliedern von dannen. Lange nach Dunkelwerden erreichten wir erſt Konwell's Wohnung und wurden herzlich dort empfangen, aber auch tüchtig ausgelacht, als wir, anſtatt Proviſionen mitzubrin⸗ gen, über Alles was nur irgend wie ein eßbarer Gegenſtand ausſah, Wehrwölfen gleich herfielen. Beſonders mundete mir die friſche Milch ausnehmend. Gern hätte ich einen Tag jetzt geruht, aber mein Alter, der trotz ſeiner tiefen Schramme, die noch nicht ganz geheilt war, ſich ſchon nach der erſten Mahlzeit wieder friſch und ſtark auf den Beinen fühlte, hatte keine Ruhe und verſicherte 1) Die amerikaniſche Akazie. 2 Das indianiſche Lager. 233 mir, daß wir die Scharte auswetzen müßten; die Leute glaub⸗ ten ſonſt, wir könnten keinen Hirſch mehr ſchießen. Am nächſten Vormittag waren wir wieder auf dem Marſche und erreichten die Quellen des Hurricane, ritten über des „devils stepping path“(Teufelsfährte, ein ſchmaler Fels⸗ ſteig, wo ein Abgrund an jeder Seite gähnt), ließen den Pilot-rock zu unſerer Linken und kamen gegen Abend an die Gränze der Fichtenwaldungen, wo wir Kien bekommen konnten. Eine ſteile Berghöhe hinunterſteigend, gewahrten wir am Laufe des Baches eine dünne, blaue Rauchſäule, die uns zeigte daß dort Jäger campirten. Wir gingen darauf zu und erreichten bald ein indianiſches Lager, bei dem wir auch einen alten Bekannten, den jungen Erkswine, trafen. Es waren Cherokeſen mit drei jungen Chocktaw⸗Kriegern, deren beide Stämme befreundet ſind. Sie waren, wie wir, auf der Bärenjagd, hatten aber mehr Glück gehabt, denn ihr ganzes Lager ſtrotzte von Bären⸗ fleiſch. Selbſt die Hunde waren überſättigt. Wir warfen uns ſogleich am Feuer nieder, und eine der sdquaws, denn die Indianer hatten mehre Frauen mit ſich, ſteckte ein paar delicate Stücken Bärenfleiſch an's Feuer, an denen wir uns gehörig erlabten. Die Nacht brach herein, und Alles lag in tiefer Ruhe. Ich hatte mich auch niedergelegt, konnte aber noch nicht einſchlafen, nur mein Hund, der ſich gegen Abend hinter einem Gange Truthühner her müde gelaufen hatte, die ihm 234 Das Träumen der Hunde. aber doch zuletzt entgingen da ſie über eine tiefe Schlucht an einen anderen Berg flogen, lag dicht neben mir, mit ſeinem Kopfe auf meinem linken Arme und fing an zu träumen. Dabei ſtrampelte er, wie es die Hunde gewöhnlich thun, mit den Füßen als ob er liefe, und bellte leiſe dazu. Ihm ſo zuſehend, fiel mir eine alte Geſchichte ein, die mir früher einmal, ich konnte mich nicht mehr beſinnen, wo, ein alter Bärenjäger erzählt hatte, nämlich daß, wenn man einem ſchlafenden und träumenden Hunde das Taſchentuch über den Kopf lege bis er ausgeträumt habe, und ſich dann nachher daſſelbe unter den eigenen Kopf ſchiebe und ein⸗ ſchlafe, man denſelben Traum haben würde den der Hund gehabt. Ein Schnupftuch hatte ich nun zwar nicht, legte ihm aber meine blaue, ſchottiſche Mütze auf den Kopf, unter der er ruhig fortträumte, nahm dann dieſelbe, als er endlich er⸗ wachte, unter meinen Kopf und war bald eingeſchlafen. Mochte es nun der Gedanke ſein, mit dem ich ſchlafen gegangen, obgleich ich ſonſt nie von dem träumen kann was ich wünſche, ich fand mich aber bald im Traume auf eine merkwürdige Art hinter Truthühnern herlaufen(was auf der Jagd gar nicht Jägerſitte iſt, da man das immer dem Hunde überläßt) und ruhte nicht eher, bis ich ſie in die Bäume ge⸗ jagt hatte, wo ich dann, unten ſtehend, zu ihnen hinaufſchaute, aber nicht an's Schießen dachte. In dem Augenblicke ſchlug mein Hund, der dicht an meinem Ohre lag, ſo furchtbar an, daß ich erſchrocken auffuhr. 0 Das Träumen der Hunde. 235 Einer der Indianer war aufgeſtanden um ſein Feuer zu ſchüren, und Beargreaſe hatte das verdächtig gefunden. Mein ſchöner Traum war aber vorbei, und ich kann mich jetzt nicht mehr darauf beſinnen, ob ich gebellt habe oder nicht. Zwar ſchlief ich nachher auf's Neue ein, aber der Traum wollte ſich nicht fortſetzen, und früh am Morgen brachen wir wie⸗ der auf. Wir theilten uns, um eher Bärenzeichen zu finden, jetzt in zwei Parteien, wo mein Alter mit einem Theil der In⸗ dianer, unter denen er einen alten Bekannten gefunden hatte, um den Pilot-rock herumjagen wollte, während ich mit Erkswine und drei Cherokeſen an die Quellen der frog- bayou ging. Gegen 10 Uhr Morgens fanden wir eine Höhle, die uns der Mühe werth ſchien, zu unterſuchen; wir machten daher Fackeln(denn Kien war im Ueberfluß da), und einer der In⸗ dianer und ich beſchloſſen, hineinzugehen. Erkswine blieb mit den beiden Anderen am Feuer. Er meinte er ſei die letzten vier Tage in ſo vielen Höhlen herumgekrochen ohne etwas zu finden, daß er es überdrüſſig wäre. Die Höhle war Anfangs ziemlich eng, doch wurde ſe nach und nach geräumiger, und wir gingen darin ein langes Stück hin; übrigens mußte ſie, allem Anſcheine nach, ſchon früher einmal beſucht worden ſein, denn wir fanden Moccaſin⸗ Spuren und kleine Stücken Kohle. Plötzlich aber ſetzte ein unerwarteter Anblick unſerem beiderſeitigen Vorſchreiten Gränzen. Es war ein menſchliches Gerippe, ſo wie die Knochen 236 Die Gerippe. eines Bären, die, ungefähr 3 Fuß von einander entfernt, friedlich neben einander lagen. Eine mit Roſt dick überzogene Büchſe und ein durch die feuchte Luft faſt zerfreſſenes Meſſer lagen an der Seite des erſteren, und Glaskorallen, die wir fanden, überzeugten uns, daß es ein Indianer geweſen ſei, der hier einſam und brav im tödtlichen Gefechte geblieben war; denn, daß er ſein Leben theuer genug verkauft habe, bewieſen die Bärenknochen an ſeiner Seite. Das Gerippe war im Ganzen vollſtändig, doch fehlten viele der kleineren Knochen, die wohl Ratten oder ſonſtiges kleines Ungezieſer, vielleicht gar Schlangen, fortgeſchlepp hatten. Der Indianer wies jetzt ſtillſchweigend auf den Knochen des rechten Oberarmes, der, wahrſcheinlich im Kampfe mit dem Bären, zerſchmettert war; das Meſſer lag auf der linken Seite. Es war ein erſchütternder Anblick, die Ueberreſte eines menſchlichen Weſens zu ſehen, das, ſchon ſeit Jahren ver⸗ fault, hier moderte, und dicht daneben die Fußſpuren eben⸗ deſſelben Körpers, noch ſo friſch in dem feuchten Boden, als ob ſie eben erſt eingedrückt wären. Ich wollte ſtillſchweigend an dem Gerippe vorübergehen, als der Indianer mir die Hand auf den Arm legte und mit dem Kopfe ſchüttelte. „Der Geiſt des rothen Mannes iſt in der Höhle, und Wachiga geht nicht weiter,“ ſagte er in gebrochenem Engliſch. Keine Macht der Erde hätte ihn weiter vorwärts ge⸗ — Die Gerippe. 237 bracht, alle meine Ueberredung war fruchtlos,— auf die Knochen zeigend, bemerkte er ruhig:„Die Gebeine des rothen Mannes gehören einem großen Häuptling; der Bär ſucht nicht ſein Bett wo der Jäger ſchläft.“ Da mir die letzte Behauptung ſelbſt wahrſcheinlich ſchien, und mich der Anblick in der That zu ſehr erſchüttert hatte, meine Wanderung allein fortzuſetzen, ſo kehrten wir zurück, ohne die Ueberreſte der Gebliebenen auch nur berührt zu haben. Wir fanden Erkswine allein, da die zwei anderen Chero⸗ keſen ihre Jagd fortgeſetzt hatten, und erzählten ihm, was wir gefunden; er bezeigte aber nicht die mindeſte Luſt es ſelbſt zu ſehen. Noch drei Höhlen fanden wir an dieſem Tage, aber in keiner einen Bären. In zwei von ihnen ging Erkswine und der Indianer, in die dritte ich und E. Die dritte theilte ſich, und eine ging rechts, eine andere links in den Berg. Erks⸗ wine nahm die rechte, ich die linke, und ich fand, ein kleines Stück vorgedrungen, eine Maſſe Zeichen. Die Höhle wurde aber ſo eng, daß ich Alles, Meſſer und Fackel ausgenommen, zurücklaſſen mußte und mich nicht einmal von der linken auf die rechte Seite drehen konnte, um mit meiner Lage etwas zu wechſeln. Ich hatte mein Jagdhemd am Eingange ausgezogen und weiter Nichts als ein altes baumwollenes Hemde und meine Leggins an, und rutſchte ſo, Zoll für Zoll, immer weiter vor, denn faſt außer allem Zweifel ſchien es mir, daß ein Bär darin ſein mußte. 238 Die enge Höhle. Die Höhle war ganz rund, und die Seiten an manchen Stellen, durch das Anreiben wilder Beſtien, glatt wie Glas geworden, auch fand ich ein Schlangenfell, was eine Klap⸗ perſchlange mußte abgeworfen haben. Mich eben in einen recht engen Fleck hineinklemmend, ſaß ich plötzlich feſt und konnte weder vor⸗ noch rückwärts. In demſelben Augenblick aber, in dem ich mich gefangen fühlte, brach mir mit Blitzesſchnelle der kalte Angſtſchweiß aus allen Poren, und ich lag gewiß eine Minute bewegungs⸗ los; dann aber verſuchte ich Alles, was in meinen Kräften ſtand, mich rückwärts zu arbeiten, und endlich, zu meiner un⸗ beſchreiblichen Beruhigung, gelang es; den größten Theil meines Hemdes aber ließ ich an den kleinen, rauhen Vor⸗ ſprüngen der Höhle zurück und war ſeelenvergnügt, als ich nur wieder einmal friſche Luft einathmen konnte. Ich hatte jetzt allen Reſpect vor dem in die Höhlen Kriechen bekommen, denn der Gedanke ſträubte mir ordent⸗ lich das Haar zu Berge, wie fürchterlich es ſein müßte in einem ſolchen Loche ſtecken zu bleiben und nun, gewiſſer⸗ maßen bei lebendigem Leibe eingemauert, elendiglich zu ver⸗ ſchmachten. Als die Nacht einbrach, waren wir zu weit vom Lager der anderen Indianer entfernt, daſſelbe noch zu erreichen, und ſchlugen unſer eigenes auf; Wachiga war aber ſehr nach⸗ denkend geworden, rauchte aus ſeinem Tomahawk und ſah ſtarr in die Flamme. Trotz dem daß er ein Chriſt geworden war, mochte der alte Aberglaube noch zu tiefe Wurzeln in ſeinem Inneren be⸗ Wachiga. 239 halten haben, oder war wohl gar durch die vielen neuen Hiſtörchen, die ihm die Miſſionaire aufgebunden, noch mehr befeſtigt. Erkswine ſchien deſto munterer und erzählte eine Schnurre nach der anderen. Am nächſten Morgen, am 1. Februar, waren wir kaum aufgebrochen, als wir ſchon Hunde jagen hörten. Wachiga erklärte augenblicklich, daß es die Hunde ſeiner Brüder wären, und verſchwand, ohne weiter ein Wort zu ſagen, hinter den Felſen. Wir horchten noch eine Weile, da ſchien es uns, als ob die Jagd eine andere Richtung nähme, und ſo ſchnell uns unſere Füße tragen wollten, liefen wir auf dem Bergrücken hin, ihnen den Weg abzuſchneiden; wir mußten uns aber wohl geirrt haben, denn in wenigen Minu⸗ ten war Alles todtenſtill. Einmal glaubten wir zwar einen Schuß zu hören, aber auch das war nicht deutlich. Wir ſtiegen jetzt auf die höchſte Terraſſe des Gebirgs⸗ rücken und wanderten langſam darauf hin, theils um friſche Fährten zu entdecken, theils noch immer in der Hoffnung, die Jagd wieder zu hören, da man in den ſteilen, abgebrochenen Felsmaſſen im Thale unten oft das Gebell der Hunde in ſehr geringer Entfernung nicht vernimmt, während es oben auf dem Berge, wo das Ohr nach allen Seiten hin freien Spielraum hat, weit ſchallt. Es mochte 2 Uhr Nachmittags ſein, und noch immer hatten wir Nichts gefunden, als mein Hund die Naſe hoch in die Höhe hob, einen Augenblick in der Stellung verharrte, dann ein kurzes, dumpfes Geheul ausſtieß und den Berg hinunterſprang. 240 Die Hetze. Wir horchten und vernahmen deutlich das Bellen der Meute, die den Hurricanefluß herunterkam. Erkswine rief triumphirend:„Jetzt haben wir Bären⸗ fleiſch auf heute Abend!“(beiläufig geſagt, waren wir Beide ſehr hungrig) und folgte dem Hunde, der Jagd, die jetzt immer näher kam, den Weg abzuſchneiden. Ich hatte ihn bald eingeholt, und nicht lange dauerte es, ſo brach der ge⸗ hetzte Bär durch die Büſche. Ein kleiner Felſenvorſprung hielt ihn einen Augenblick auf, und Erkswine's Kugel be⸗ grüßte ihn; dicht an mir ſtürzte er jetzt vorbei und nahm auch meine Kugel mit, verſchwand jedoch augenblicklich aus unſerem Geſichtskreiſe. Die Hunde aber, durch unſere Nähe und das Schießen, wie den friſchen Schweiß auf der Fährte, zu neuen Anſtren⸗ gungen angetrieben, folgten mit verdoppelter Wuth und hat⸗ ten ihn, Beargreaſe voran, der noch friſch und unermüdet war, in wenigen hundert Schritten eingeholt und geſtellt. Uns blieb keine Zeit wieder zu laden, ſondern wir ſtürz⸗ ten dem Kampfplatze zu, wo wir gerade zur rechten Zeit an⸗ kamen, zu ſehen wie die Beſtie mit unſeren Hunden umging. Mit eben ſo vielen Schlägen ſeiner Tatzen tödtete das, zur grimmigſten Wuth gereizte Thier vier der beſten. Aber nur deſto wüthender warfen ſich die anderen auf ihn, und wären auch unſere Büchſen geladen geweſen, wir hätten nicht ſchie⸗ ßen können. Eben flog wieder ein großer, brauner Rüde, der mit furchtbarer Wuth den Bären gepackt hatte, blutend und heu⸗ lend, von der gewaltigen Tatze getroffen, zur Seite, als —— Der Kampf. 241 Erkswine ſchrie:„save the dogs!*)“ ſeine Büchſe hinwarf und mit dem Meſſer auf den blutigen Knäuel zuſprang. Ich war an ſeiner Seite, doch wie der Bär uns ge⸗ wahrte, ſchleuderte er mit einer furchtbaren Kraftanſtrengung die Hunde von ſich. Den Augenblick benutzend, rannte ihm mein kühner Ge⸗ fährte den Stahl in die Seite. Wie der Blitz aber wandte ſich die Beſtie nach ihm um, ergriff ihn und ich hörte nur, wie er einen einzigen, furchtbaren Schrei ausſtieß. Dadurch faſt zur Verzweiflung getrieben, ſtieß ich dem Unthier dreimal mit aller Kraft meines Armes die breite Klinge in den Leib, ohne auch nur daran zu denken, zurückzu⸗ ſpringen. Beim dritten Stoße hatte ſich der Bär gewandt und ich ſah nur, wie er nach mir ſchlug, wollte dem Schlage ausweichen, ſank aber, von einem ſtechenden Schmerz durch⸗ zuckt, bewußtlos nieder. Als ich wieder zu mir kam, leckte mir mein Hund das Blut, von dem ich bedeckt war, aus dem Geſichte. Ich wollte aufſtehen, doch konnte ich es nicht, ſo ſchmerzte mich die linke Seite; den linken Arm konnte ich gar nicht bewegen. Endlich ermannte ich mich und richtete mich halb auf. Allmächtiger Gott, wie ſah der Platz aus! Der Bär lag dicht neben mir und nicht 3 Fuß von ihm entfernt lag Erks⸗ wine ſtarr und kalt. Mit einem Angſtſchrei ſprang ich auf die Füße und ſtürzte zu ihm hin; es war nur zu wahr, dort lag er in ſeinem *) Rette die Hunde. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 16 242 Erkswine's Tod. Blute, das ganze Geſicht zerfetzt und die rechte Schulter faſt vom Körper getrennt, um ihn herum fünf der tapferſten Hunde mit aufgeriſſenen Bäuchen und zerſchmetterten Kno⸗ chen, und der Bär ſo von geronnenem Blute bedeckt, daß man kaum noch die Farbe an ihm erkennen konnte. Ich ſelbſt war zum Umſinken matt und konnte meinen linken Arm nicht bewegen, der jedoch bloß verrenkt ſchien, denn das fühlte ich wohl, gebrochen konnte Nichts ſein. Der arme Erkswine war todt; der Bär hatte ihm faſt das Schulterblatt ausgeriſſen, und im Geſicht und an der Bruſt war er ſchrecklich zerfleiſcht. Selbſt ſein Bein, das jener im Stürzen mußte ergriffen haben, war fürchterlich zerriſſen. Die Sonne war untergegangen, und ich hatte gehofft daß die anderen Jäger unſere Schüſſe und das Gebell der Hunde gehört haben müßten; es wurde aber Nacht, und Nie⸗ mand kam. Ich rief, ich ſchrie— Niemand hörte mich. Ich verſuchte jetzt Feuer anzuſchlagen, mein linker Arm war aber ſo geſchwollen, daß es mir unmöglich wurde. Unter dieſen Umſtänden aber ohne Feuer die kalte Nacht hinzubringen, hätte mir den Tod zuziehen können; ich riß daher aus dem Rücktheil meines Jagdhemdes, denn vorn war Alles von Blut durchnäßt, ein Stück heraus, ſtreute Pulver darauf und rieb es hinein(und zwar Alles mit der rechten Hand), ſchüttelte dann ein wenig Pulver in meine Büchſe, ſetzte einen Propfen darauf und ſchoß es auf den Lappen ab, der ſich ſogleich entzündete. Durch Blaſen brachte ich jetzt das trockene Laub zum Brennen, warf dürre — — Die Schreckensnacht. 243 Reißer darauf und erhielt endlich, unter fürchterlichen Schmerzen und unglaublicher Anſtrengung, ein Feuer. Es war unter der Zeit dunkel geworden, und ich ging wieder zu meinem todten Kameraden, der etwa 5 Schritt vom Feuer lag. Er fing ſchon an ſteif zu werden, und mit Mühe ver⸗ ſuchte ich, ſeine Arme herunterzuziehen und ihn ein wenig auszuſtrecken, auch die Augen wollten ihm nicht zubleiben, obgleich ich ihm kleine Steinchen auf die Augenlider zu legen verſuchte. Die Hunde waren hungrig geworden, doch war es mir unmöglich den Bär zu zerlegen, ich riß ihm jedoch mit meinem Meſſer den Wanſt auf, zog die Eingeweide heraus und warf ihnen dieſe hin. Beargreaſe hatte ſich neben die Leiche geſetzt, und ſah ihr ſtarr in's Geſicht; er rührte den Bär nicht mehr an. Um Hilfe herbeizurufen, lud ich mein Gewehr jetzt zwei Mal und ſchoß es ab. Nichts antwortete aber, und der Wald war wie ein weites, ungeheueres Grab. Mir ſelbſt wurde jetzt recht unwohl zu Muthe; ich mußte mich mehre Male erbrechen, und meine Schulter ſchmerzte ſehr. Mich in meine Decke, ſo gut es gehen wollte, einſchlagend, legte ich mich endlich zum Feuer hin und verlor doch wenig— ſtens das Bewußtſein meiner traurigen Lage. Ob ich ſchlief, ob ich in Ohnmacht lag, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, daß mir träumte ich wäre zu Hauſe, läge im Bette, und die Mutter brächte mir Thee und legte ihre Hand auf meine 1 16* 244 Die Schreckensnacht. Bruſt; ich hörte die Kinder draußen auf der Straße lärmen und ſah Schnee auf den Dächern; mir kam es vor, als ob es ſehr kalt draußen ſei. Meinem ärgſten Feinde will ich ſolch' Erwachen nicht wünſchen. Mein Hund hatte ſich an mich geſchmiegt und mir ſeine Naſe auf die Bruſt gelegt, das Feuer war faſt niederge⸗ brannt, Fieberfroſt ſchüttelte mich, und die Wölfe heulten furchtbar um die Leichen herum, durch den Geruch der Leben⸗ digen zwar eingeſchüchtert, aber doch nicht Willens die Beute wieder zu verlaſſen. Kaum konnte ich mich ſelbſt bewegen und raffte mich, ſo gut es gehen wollte, auf, um mehr Holz auf die zuſammen⸗ geſchürten Kohlen zu werfen. Wie das Feuer wieder aufflackerte, ſchienen ſich die blei⸗ chen, blutbefleckten Geſichtszüge der Leiche zu beleben; ich ſtarrte geſpannt darauf hin, es war aber nur Augen⸗ täuſchung. Lauter und wilder heulten die Wölfe und meine Hunde, deren ich noch fünf lebende, ohne Beargreaſe, bei mir hatte, antworteten. Ihr Geheul war aber kein wildes, heraus⸗ forderndes Heulen, es ſchien mehr eine Todtenklage über die Gebliebenen. Theils die Wölfe zu verſcheuchen, theils noch einmal in der ſtillen Nacht mein Glück mit Signalen zu verſuchen, lud ich wieder mit unſäglicher Mühe meine Büchſe mit Pulver und feuerte dreimal; wer aber beſchreibt mein Entzücken, als ich drei Schüſſe als Antwort hörte. Wieder lud e 5 ———·—·— Die Schreckensnacht. 245 ich und ſchoß, bis ich auch das letzte Korn Pulver ver⸗ braucht hatte. Der Morgen fing ſchon an zu dämmern, als ich, nicht weit von mir entfernt einen Schuß und gleich darauf einen zweiten fallen hörte. Ein Schiffbrüchiger, der, an einer einzigen Planke hän⸗ gend, auf der See ſchwimmt, ſtrengt ſeine Stimme nicht ſtärker an, ein vorbeiſegelndes Schiff anzurufen, als ich that, und Wonne über Wonne, eine menſchliche Stimme antwor⸗ tete mir. Bald darauf knurrten die Hunde, und Wachiga trat aus dem Gebüſch. 3„Wah,“ ſchrie er, vor dem Anblicke zurückprallend, der ſich ſeinen entſetzten Blicken darbot. Aber ſein Zaudern dauerte nicht lange— vor allem anderen unterſuchte er den armen Erkswine und ſchüttelte traurig den Kopf. Hierauf I wandte er ſich zu mir, und ich hielt ihm meinen geſchwollenen Arm entgegen, den er genau befühlte, doch keine Sylbe ſagte, ſondern nur ſeine Hände trichterförmig zuſammenhielt und nach der Gegend hin, von welcher er hergekommen war, einen lauten, gellenden Schrei ausſtieß. Er wurde aus nicht großer Entfernung beantwortet, und in wenigen Minuten war mein alter Konwell und der größte Theil der Indianer an unſerer Seite. Ich ſchüttelte ihm traurig die Hand und erzählte mit wenig Worten, wie Alles gekommen ſei. Der Alte ſchalt und meinte, es geſchehe uns ſchon recht.„Wohl iſt nicht viel Gefahr dabei,“ ſagte er,„dem Bären das Meſſer in den Wanſt zu ſtoßen, wenn er eben fällt, und ihn die Hunde be⸗ 246 Hilfe in der Noth. deckt haben, liegt er aber erſt eine Weile und bekommt dann den Menſchen, ſeinen ärgſten Feind zu ſehen, dann wirft er ſich mit allem Grimm, deſſen er fähig iſt, auf ihn, und wehe dem Armen, wenn er ihn nicht erreicht.“ Er hatte gut predigen, er war nicht dabei geweſen, als ein Hund nach dem anderen ſtürzte, um nie wieder aufzu⸗ ſtehen. Noch fünf Minuten länger, und keiner wäre übrig geblieben, und wer weiß, ob dann das auf's Aeußerſte ge⸗ reizte Thier uns nicht doch angegriffen hätte. Die Indianer hatten unter der Zeit mit ihren Toma⸗ hawks ein Grab ausgeworfen, wickelten den Leichnam in ſeine Decke, legten ihn hinein und bedeckten das Ganze wieder mit Erde und ſchweren Steinen, die ſie darauf wälzten. Mein Alter ſchlug nun einige junge Stämme ab und machte damit eine rohe Einfriedigung um den kleinen Grabhügel. „Ich ſah der ganzen Verhandlung ruhig zu, aber unwill⸗ kürlich überlief's mich doch, wenn ich daran dachte daß die⸗ ſelben Menſchen mir, unter denſelben Verhältniſſen, wenn mich anſtatt des jungen Erkswine das Schickſal betroffen hätte, ebenſo kaltblütig die Grube gegraben und die Steine dann daraufgewälzt haben würden. Wen hätte es denn dort intereſſirt, ob ich oder er darunter lag? Wie ich, war der junge Erkswine allein und freundlos in dem fremden Welt⸗ theile; er war vor längeren Jahren von England herüber⸗ gekommen, und nie wohl werden ſeine Verwandten und Freunde erfahren, auf welche Art er dort umgekommen iſt. Wie viele Tauſende gehen auf dieſe Art in Amerika zu 8 * 4“ 8 , ͤjÿ Das Grab. 247 Grunde, von denen niemals wieder Jemand etwas hört und man höchſtens nach ein paar Monaten noch weiß, daß ſie überhaupt jemals exiſtirt haben. Erſt nachdem der Todte in ſtiller Erde ruhte, kam Wachiga mit einem der älteren Indianer auf mich zu und beſah meinen Arm. Wachiga bewegte ihn, während der Andere mir feſt in das Geſicht ſah. Nun war der Schmerz wirklich zum Toll⸗ werden, doch gab ich keinen Laut von mir. Nach einer Weile ergriff der alte Indianer meinen Arm und legte ſeine linke Hand an meine Schulter und während mich Wachiga plötz⸗ lich von hinten um den Leib faßte, zog Jener aus Leibes⸗ kräften. Ich fühlte einen fürchterlich ſtechenden Schmerz in der Schulter, daß ich faſt ohnmächtig geworden wäre, doch das ließ ſehr bald nach; aber trotz meines feſten Vorſatzes kein Gefühl des Schmerzes zu verrathen, entfuhr mir dennoch ein lauter Schrei. Konwell fragte mich jetzt, ob ich reiten könne, und da ich es bejahte, halfen ſie mir auf ein Pferd, und nachdem mein Alter noch das Fell des Bären, nebſt einigen Stücken Fleiſch, auf das ſeinige geworfen hatte, machten wir uns langſam auf den Heimweg, den Platz den Geiern und Wöl⸗ fen überlaſſend. Schreckliche Qualen hielt ich unterwegs aus, ich murrte aber nicht; ich ſehnte mich nur nach Ruhe. Als es dunkel wurde, hatten wir nur noch 4 Meilen nach meines Alten Hauſe. Er frug mich, ob ich mich noch 248 Der Heimritt. getraue, ſie machen zu können, oder ob wir übernachten ſoll⸗ ten, wo wir wären, da dort gerade Holz und Waſſer im Ueberfluß war. Ich wäre aber ſtatt der vier noch vierzig ge⸗ ritten, um nur zu ſeinem Hauſe, nur endlich einmal zur Ruhe zu kommen. Etwa eine Stunde nach Dunkelwerden erreichten wir daſſelbe, und ſo ſteif war ich geworden, daß ich kaum vom Pferde konnte. In der Stube angelangt, warf ich mich todesmatt auf ein Lager und hatte während der Nacht ein heftiges Fieber. Gegen Morgen befand ich mich übrigens beſſer, ſchlief etwas ein und erwachte gegen Mittag neugeſtärkt. Mein Alter hatte unterde eſſen den Seinigen Alles haar⸗ klein erzählt, und ſie pflegten mich wie ihren Sohn. Zwei Tage mußte ich das Bette hüten und litt ſehr viel, doch ſiegte meine geſunde Natur gar bald. Kaum war ich jedoch ſo weit wiederhergeſtellt, um ordent⸗ lich umherſtreifen zu können, als der Alte darauf beſtand, wieder eine Jagd zu verſuchen, und obgleich es mir das letzte Mal faſt verleidet worden war, mochte ich doch nicht nein ſagen. Schon am 6. Februar ritten wir wieder hinaus, aber der linke Arm war mir noch ziemlich ſteif, und ich konnte ihn kaum bewegen. Es war auch ſeit dem letzten trau⸗ rigen Vorfalle kein rechtes Leben mehr in der Sache. Zwar fanden wir dieſelben Indianer wieder und jagten ein paar Tage mit ihnen, ſchoſſen auch einige Hirſche und Truthühner, wie einen jungen Bären, aber ſchon am 12. Februar kehrien wir m ein Alter mit zwei Hirſchfellen 8 d Wanderluſt. 249 und ein paar Hirſchkeulen, und ich mit einem Truthahn wie⸗ der zurück. Mein Arm war jetzt ganz geheilt, unterwegs aber hatte ich den Entſchluß gefaßt die Gebirge zu verlaſſen, und wie⸗ der mehr nach Süden zu ziehen. Theils ergriff mich auf's Neue meine ewige Wanderluſt, theils wollte ich einmal etwas aus der Heimath hören, denn ſeit langen Monden hatte ich keine Nachricht bekommen. Dann wurde das Wild auch wirklich durch die vielen Jäger ſo rar, daß man ſich kaum noch im Walde ernähren konnte. Am Richland waren, wie wir hörten, zwölf Mann ge⸗ weſen und hatten Alles zuſammengeſchoſſen oder verjagt, daß ſie in den letzten drei Tagen keinen Truthahn mehr zum Schuß bekamen, und von anderen Plätzen her lauteten die Jagdberichte nicht beſſer; kurz, mich trieb es fort, fort—— Als ich zwar in meines Alten freundliche Familie ein⸗ trat und wieder einen Abend bei den lieben Leuten zubrachte, begann mein Entſchluß wankend zu werden, doch überlegte ich mir während der Nacht die Sache reiflich, und machte ihnen am nächſten Morgen bekannt, daß ich noch denſelben Tag fort wolle. Das wurde jedoch geradezu abgeſtritten, und mein Alter fragte jetzt in vollem Ernſte, ob ich nicht für immer bei ihnen bleiben und zwar dort— Schule halten wollte. Der Schulmeiſter, den ſie hatten, gefiel ihnen nicht, er trank viel und wußte wenig. Einen Augenblick, es iſt wahr, einen Augenblick fuhr mir der Gedanke wie ein lichter Strahl durch die Seele: „ 250 Wilde Pläne. — ein häusliches Stillleben in den Gebirgen— eine neue Heimath!— Wie ich aber über das Bild hinwegſchaute, ſtand unſer alter Dorfſchulmeiſter auf D., mit dem alten, abgetragenen, ſchwarzen Frack, den geſtickten Vatermördern und Vorhemdchen dahinter und ſah ſehr mager aus. Ich ſchüttelte leiſe verneinend den Kopf. Mir graute es! Der Alte meinte nun zwar, daß ich ja auch nicht Schule zu halten brauche, ſondern Ackerbau treiben koͤnne; das hatte ich mir aber Alles ſchon viel zu oft ſelbſt überlegt. Ich war arm, blutarm, und wenn auch ſchon die guten Leute Alles gethan hätten, was in ihren Kräften ſtand, mich im An⸗ fange zu unterſtützen, ſo wäre ich doch dadurch viel zu ab⸗ hängig geworden. Obgleich gerade nicht viel dazu gehört, in Amerika einen Anfang auf dem Lande zu haben, ſo muß doch wenigſtens Etwas da ſein, womit man beginnen kann. Wo aber auch das ſelbſt fehlt, da ſieht es nachher bös aus, und das Unangenehme wiegt den Vortheil tauſendfältig auf. Wenn der Anfänger von ſeinen Nachbarn fortwährend Pferd, Pflug, Art, Hacke, Keil, Säge, kurz Alles borgen muß, was er zum Ackerbau und überhaupt zum häuslichen Leben braucht(und dazu braucht er ſehr viele verſchiedene Sachen), ſo werden das doch auch zuletzt die langmüthigſten Menſchen überdrüſſig, und fürchten ſich endlich, wenn ſie ihn nur von Weitem kommen ſehen. Ich habe einige ſolche Anfänge ſelbſt beobachtet. Die Leute, die ſo mit Nichts in den Wald zogen, wurden, es iſt wahr, von ihren Nachbarn auf das Thätigſte unterſtützt. Dieſe halfen ihnen Fenzriegel reißen, das Haus aufrichten, — Abſchied. 251 ſogar Land urbar machen und ackern; borgten ihnen alles nur mögliche Handwerksgeräth, ſowie Mehl und Schweine⸗ fleiſch,— was hatte aber der arme Teufel, der auf ſolche Art beginnen wollte, ſelbſtſtändig zu werden?— Jahrelang war er von ſeinen Nachbarn der abhängigſte Menſch, Jahre brauchte er dann ſpäter, ehe er ſich nur die allernothwendig⸗ ſten Sachen ſelbſt anſchaffen konnte, und ein langes Leben voll Entbehrungen und Mühſeligkeiten gehört dazu, ehe der arme Farmer ſagen kann„ich habe, was ich brauche“ und, Gott weiß, das iſt dann immer noch ſehr wenig. Mein Alter ſah das recht gut ein, und auf den nächſten Tag wurde die Abreiſe feſtgeſetzt. Was ich an Fellen und Bärenfett hatte, war nicht ſo ſehr viel, ich konnte das alles bequem mit auf ein Pferd neh⸗ men, denn der größte Theil jener Felle, die wir in dem Regenwetter draußen gelaſſen, war uns noch verdorben. Die Häute hatte ich übrigens an den Seiten des Pfer⸗ des in zwei Packen hängen und etwa acht Gallonen Bärenfett vor mir in einem, aus einem Hirſchfelle gemachten Schlauche; ſo zog ich mit einem von Konwell's Söhnen, der auch mei⸗ nes Alten Beute verkaufen wollte, am nächſten Morgen der kleinen Stadt Ozark am Arkanſas zu. Das Pferd ſollte der junge Mann dann wieder mit zurücknehmen. Gar weh that es mir den Platz zu verlaſſen, den ich durch die freundliche Behandlung der guten Leute ſo liebge⸗ wonnen hatte, und ich mußte recht ſchnellen Abſchied nehmen, um meine Bewegung zu unterdrücken. Noch etwas Anderes machte mir aber das Herz ſchwer; — 252 Abreiſe. ich ließ meinen treuen Hund zurück, denn ich hatte im Sinne, die Jagd ganz aufzugeben und nach New⸗Orleans hinunter⸗ zugehen. Das letzte Unglück hatte mir die Luſt am Wald verleidet. Da wußte ich denn freilich nicht, in welche Verhältniſſe ich kommen könnte, und wollte auch nicht gern den Hund, der ausgezeichnet zu werden verſprach, aus der Jagd herausreißen und zu einem gewöhnlichen Straßenköter machen. Ueberdieß hatte mein Alter ihn lieb⸗ gewonnen und mich darum gebeten ihn dazulaſſen, wobei die Frauen ihn gut zu pflegen verſprachen. Als ich fortritt banden ſie ihn an, und wie er nicht mitdurfte und mich noch ſo treu und bittend mit den klugen Augen anſah, da mußte ich mich ſchnell wegwenden und ich glaube, ich habe geweint — es war der letzte Freund den ich verließ. Gar trüben Gedanken hing ich nach, als ich mit meinem Gefährten durch den dunkeln Wald ritt; der brachte mich aber, durch allerlei Schnurren und Geſchichten, die er mir erzählte, bald wieder in das alte Gleis, und ich bemühte mich wenigſtens heiter zu ſcheinen. Gegen Abend erreichten wir, unfern des kleinen Städt⸗ chens, ein Wirthshaus, das zugleich zum Handels⸗ und Waarenhauſe diente. Wir hatten bald mit dem Nankee unſeren Handel abgeſchloſſen, wobei wir dann natürlich wie alle Jäger die Felle oder Fett an die Händler verkaufen, tüchtig übervortheilt wurden. Mir war es jedoch gleichgiltig, ich hatte für den Augenblick wieder ein paar Thaler Geld und dachte wahrlich an andere Sachen, als meine Waaren ein paar Cent theuerer an den Mann zu bringen. Dem — Das Zuſammentreffen im Handelshaus. 253 Handwerksgebrauch zu entſprechen, forderten wir, da kein Whiskey in einzelnen Gläſern verkauft werden durfte, ein Guart und ſetzten uns mit einander in eine Ecke, ein paar Schluck davon zu trinken. Außer uns war Niemand da als zwei Männer, ihrem Anzug nach ebenfalls Jäger, die vor der Thür auf einem umgehauenen Baume ſaßen und Karten ſpielten; ein dritter, der am Hauſe angelehnt ſaß, ſchlief. Deſſen Geſicht kam mir übrigens ungemein bekannt vor, und ich beſann mich eben, wo ich ihm ſchon einmal begegnet ſein könnte. Da ſah ſich Einer der Kartenſpielenden nach uns um, betrachtete mich einen Augenblick aufmerkſam, und ſtreckte mir dann die Hand zum Gruß entgegen, indem er mich fragte, ob ich mich noch der verdammten Stahlmühle erinnere, an der wir zu⸗ ſammen gemahlen hätten. Leicht beſann ich mich jetzt, und erkannte die Leute wieder; auch den Schlafenden. Schlafend hatte ich ihn verlaſſen, und— er ſchlief noch. Es waren dieſelben Männer, mit denen ich einſt in Be⸗ gleitung Slowtrap's eine Nacht am f. J. f. zugebracht. Der junge Konwell hatte indeſſen ſeine Geſchäfte abge⸗ macht, und da er ſich nicht länger aufhalten konnte, nahmen wir herzlichen Abſchied von einander. Die beiden Pferde (er hatte noch ein Packpferd mitgehabt) treibend, war er bald im Walde verſchwunden. Die beiden Jäger hatten ihr Spiel beendigt, und wir ſaßen, uns von vergangenen Zeiten wie den verſchiedenen Jagdgründen unterhaltend, um den noch nicht beendeten Whiskey, als ſechs junge Leute, wie wir mit Leggins und 254 Neue Gäſte. Moccaſins bekleidet, die Büchſen auf der Schulter, die Meſſer an der Seite, zum Hauſe kamen. Sie hatten mehre leere Flaſchen mit, die ſie wieder füllen ließen, nnd ſchienen über⸗ haupt ſchon halb berauſcht. Im Herumtaumeln trat einer von ihnen dem Schlafen⸗ den auf den Fuß, der aber blos einige unverſtändliche Worte murmelte und dann weiter ſchlief. Das ſchien die jungen Kerle zu amüſiren und ſie fingen an, ihn mit Grashalmen unter der Naſe zu kitzeln, wobei ſie ſich über die Geſichter die er ſchnitt, todtlachen wollten. Die beiden anderen jungen Amerikaner, die Gefährten des Schlafenden, ſagten ihnen übrigens jetzt ganz ordentlich, ſie möchten damit aufhören; der Schlafende ſei ihr Freund, ſeine Schlafſucht eine Krankheit, für die er nichts könne, und ſie erſuchten jene ihn zufrieden zu laſſen. Ein lautes Gelächter war die Antwort, und ſie ſchrieen, daß ſie thun könnten, was ſie wollten. Einer war ſogar ſo gütig vorzutreten und zu bemerken, daß er, im Nothfall, uns Alle zuſammenſchmeißen könne. Mir war das Blut ſchon lange heiß geworden, doch hatte ich bis jetzt gedacht, die Sache ginge mich doch eigentlich Nichts an. Durch einen etwas zu rohen Spaß aber wurde der Schlafende, ein baumſtarker Mann, endlich aufgeweckt. Sich ſtreckend und dehnend, diente er den Anderen noch eine kurze Zeit zur Zielſcheibe ihres Witzes; plötzlich aber, uns alle im Kreiſe anſehend, ſchien eine Ahnung des Vor⸗ gefallenen in ihm aufzudämmern. Er hörte mit Gähnen auf, Das Gefecht. Die Flucht. 255 und aufmerkſam umherblickend, horchte er den einzelnen Be⸗ merkungen. Da trat einer der Fremden, der, welcher am meiſten geprahlt hatte, vor, und ihm in's Geſicht lachend, bot er ihm einen guten Morgen. In demſelben Augenblick lag er, durch einen Fauſtſchlag hingeſtreckt, blutend zu unſeres ſchläfrigen Freundes Füßen. Das war das Zeichen zum allgemeinen Alarm und im Nu fuhren die breiten gefährlichen Jagdmeſſer aus ihren Scheiden. Obgleich ich nun eigentlich Nichts dabei zu thun hatte, zog ich doch ebenfalls meine Waffe, und ein Handgemenge entſtand jetzt, wie ich ſehr zufrieden ſein will, wenn ich es nie wieder erlebe. Alles kam aber ſo ſchnell, daß ich mich nur erinnere, wie ich mich einmal gegen zwei lange Kerle verthei⸗ digte, meine linke Hand mit der ich einen Stich parirte mir ſehr weh that, und einer der Burſchen laut aufſchrie. In dem Augenblick fiel ein Schuß, und einer unſerer Gegner taumelte und fiel. Wie ein elektriſcher Schlag wirkte das auf die ganze Verſammlung; alle Klingen ſan⸗ ken, und Jeder ſchien ſich nur mit dem Geſtürzten zu beſchäf⸗ tigen. Unſer ſchläfriger Freund war aber nicht mehr faul. Ohne ſich auch nur weiter nach Einem von uns umzuſehen warf er ſich auf ſein Pferd, das angebunden am Thore ſtand, und verſchwand gleich darauf im Wald. Die ganze Geſellſchaft war plötzlich nüchtern geworden, doch dachte Keiner an Nachſetzen, ſondern nur daran, den Verwundeten zu retten; alle Mühe aber war vergebens. Wie 256 Die Flucht. die Sonne in ihrem rothen Gluthenmeer unterſank, hauchte er ſeinen Geiſt aus. Die beiden anderen Amerikaner winkten mir jetzt, ihnen zu folgen, und nicht wiſſend, wie die Freunde des Erſchoſſenen ſich vielleicht heimtückiſch rächen könnten, ſtiegen ſie auf, ich nahm hinter einem derſelben Platz, und in geſtrecktem Galop folgten wir auf dem ſchmalen Wege, der in das Innere des Landes führte, den Fährten des Entflohenen. Als es zu dunkel wurde weiter zu reiten, hielten wir, machten ein Feuer an und lagerten, brachen jedoch ſchon vor Tagesanbruch wieder auf und kamen richtig nach gar kurzer Zeit an das niedergebrannte Feuer unſeres Cameraden, der ſanft und ruhig, jeder möglichen Verfolgung ungeachtet, ſchlief. Unſtreitig hatte er Nachſetzen gefürchtet, denn eine Piſtole lag geſpannt an ſeiner Seite, die Schlafſucht mußte aber wohl den Sieg davongetragen haben. Ich nahm leiſe die Piſtole fort, Unglück zu verhüten, hatte aber kaum ſeine Schulter berührt, als er wild nach dem Platze griff, wo die Waffe gelegen. Doch ſchnell erkannte er uns, und wir machten ihm bald begreiflich, daß das gerade der Platz nicht ſei ungeſtört ſchlafen zu können, mit dem breiten Fußwege und den tief eingedrückten Hufſpuren in der weichen Erde hinter uns. Er ſah das auch ein; ein flüchtiges Frühſtück wurde ver⸗ zehrt, und jetzt erſt nahmen wir uns Zeit, unſere Hände zu waſchen, an denen noch Menſchenblut, theils unſer eigenes, theils fremdes, klebte. Meine linke Hand, die ich den Abend vorher blos flüchtig zugebunden hatte, fing auch an mich * 1 Die Flucht. S — ſehr zu ſchmerzen. Ich hatte einen Stich gerade in das Innere derſelben bekommen, und die Sehnen lagen alle bloß Ich füllte die Wunde jedoch, dem Rath des einen Ameri⸗ kaners nach, mit Aſche aus und band ſie ordentlich zu. An der linken Seite hatte ich auch noch einen Schnitt, doch dieſer war unbedeutend, da er blos durch die Haut gegangen war. Faſt Alle waren übrigens mehr oder weniger verwundet, und ich ſchien noch am beſten weggekommen zu ſein. Nach dem Eſſen verließen wir den Pfad und zogen uns in den Wald. Die Richtung, die jene einſchlugen, war aber nicht dieſelbe der ich zu folgen wünſchte. Mein Ziel lag nach Südyeſten, und freundlichen Ab⸗ ſchied von den drei jungen Leuten nehmend, verlor ich ſie bald aus den Augen, habe ſie auch nie wieder geſehen, ja wußte nicht einmal ihre Namen, ſo wenig wie ſie den meinigen — und doch hatten wir zuſammen gekämpft und waren zu⸗ ſammen geflüchtet. Der Zufall hatte uns zuſammengeführt, gemeinſames Intereſſe einen Augenblick verbunden, und nun kehrte Jeder wieder, ſich wenig darum kümmernd wer der Andere ſei oder was er treibe, zu ſeinen eigenen Geſchäften oder Beſchäftigungen zurück; ein wahres Bild des amerika⸗ niſchen Lebens. Ich war jetzt wieder allein und zu Fuß, und konnte nur kleine Tagereiſen machen, da theils meine Hand, theils die Wunde an meiner Seite, die zwar leicht war, doch aber zu eitern anfing, mir ſehr wehthat. An dem Morgen ſchoß ich einen jungen Bock; als ich ihn aber aufbrechen wollte und mein Jagdmeſſer zum erſten Male wieder aus der Scheide Gerſtäcker, Streif⸗ u. Jagdzüge. II. 17 258 Trübe Gedanken. zog, konnte ich mich eines inneren Schauders nicht erwehren, da ich die dunkeln Blutſpuren daran bemerkte. Er war Menſchenblut. Ich wuſch es ſorgfältig ab, denn ich konnte den Anblick nicht ertragen. Den Bock abzuſtreifen nahm ich mir nicht die Mühe, hätte es auch mit der einen Hand nicht gekonnt, ſondern brach ihn blos auf, nahm Leber und Niere heraus, ſchnitt einen Theil des Rückens herunter, machte ein gutes Feuer an und lag bald am praſſelnden Feuer hingeſtreckt, in meine Decke gewickelt, körperlich in Ruhe,— geiſtig nicht. Lange ſtarrte ich in die Gluth, indem mein vergangenes Leben an mir vorüberzog, und trübe Bilder der Zukunft mir aus den zerfallenen Kohlen entgegenſchauten. Es waren keine heiteren Gefühle, die mir ein paar Tropfen in die Augen trieben. Vor Ermüdung ſchlief ich endlich ein. Ein kaltes, mich mit eiſigen Schauern durchrieſelndes Gefühl erweckte mich. Es regnete, was vom Himmel herunter wollte, das Feuer war ausgegangen, und tiefe Finſterniß umgab mich. Die Gegenwart war nicht geeignet, mir die Vergangenheit zu verſüßen, und mit bitteren Gefühlen hüllte ich mich feſter in meine naſſe Decke, die vier Elemente mit Wind und Regen, Schlammboden und ausgegangenem Feuer verwünſchend. Endlich brach der Tag an. Der Städter, wenn er ſich Morgens aus ſeinem warmen Bette erhebt und den Regen gegen das Fenſter ſchlagen hört, ſchaut wohl ein paar Minuten nieder auf die wenigen vor⸗ beieilenden Menſchen, welche Geſchäfte oder Noth in ſolch⸗ ——·:ʒ;ʒ—·,·ͤ——— Trübe Gedanken. 259 „unfreundlichem“ Wetter, wie er es nennt, auf die Straße treiben, wendet ſich dann langſam, ſchlürft ſeinen Kaffee, wohl gar darüber unzufrieden daß er nicht heiß genug ſei, und wirft ſich dehnend wieder auf's Sopha. Wie anders dagegen iſt es dem armen Streifſchützen zu Muthe, der ſich Morgens aus ſeiner naſſen Decke heraus⸗ wickelt, den Regen aus den Haaren ſchüttelt und dann, vor Froſt zitternd, ein kaltes, naſſes, von Kohlen und Aſche be— ſchmuztes Stück Hirſchfleiſch verzehrt, und zwar nicht des Wohlgeſchmacks wegen, ſondern nur den Naturtrieb, den nagenden Hunger zu befriedigen. Der dann ſeine Decke aus⸗ ringt, ſie zuſammenbindet, auf den Rücken hängt und auf's Neue ſeinen Marſch durch den kalten, unfreundlichen Wald antritt, das Schloß ſeiner Büchſe und das Pulverhorn, das einzige Trockene am ganzen Menſchen. Wie verſchieden ſind die Looſe in der Welt vertheilt! Meine Hand war durch die Näſſe und Kälte entzündet und geſchwollen und ſchmerzte ſehr, ich ſchnitt mir daher einen langen Streifen von dem Rückenfell meines Hirſches herunter, machte eine Schlinge daraus und hing den Arm hinein, warf meine anderen Sachen dann um, ſchulterte die Büchſe und wanderte ſtill unter den triefenden Bäumen hinweg, dem kalten Sturmwind den Rücken zukehrend. Ich war weder mit dem Wetter, noch mit meinem Schick⸗ ſale mehr unzufrieden; ich war gegen beides gleichgiltig ge⸗ worden, und als ein Buſch mir die Mütze vom Kopfe riß, ſie . eine Pfütze ſchleuderte, und die naßkalten Zweige mir dann ins Geſicht ſchlugen, konnte ich ſogar lachen. 17* 260 Little⸗Rock. Der Regen hörte endlich auf, und ein ſcharfer Wind, der zu wehen anftng, trocknete mich bald, wenigſtens oben herum, doch ſchlugen mir die naſſen Leggins immer noch auf eine höchſt unfreundliche Art um die Füße herum. Mein Cours war jetzt gegen Little⸗Rock gerichtet, was ich aber eigentlich wollte, wußte ich ſelbſt nicht. Ich hatte wohl Luſt New⸗Orleans wiederzuſehen, mochte aber auch nicht gern die Wälder verlaſſen und wanderte denn auf gut Glück weiter, dem Zufalle das Uebrige vertrauend. Glücklicher Weiſe erreichte ich jedoch denſelben Abend ein Haus, kurz vorher, ehe es wieder zu regnen anfing, und bekam dort wenigſtens einen guten Verband und ein trockenes Lager. Am 27. Februar erreichte ich Slowtrap's Wohnung, der mich herzlich empfing; ich blieb aber nur eine Nacht bei ihm und ging den Fluß hinunter nach Klfr's Hauſe, der mich mit all' der alten Herzlichkeit wiederaufnahm. Doch auch hier hatte ich keine Ruhe und zog nach we⸗ nigen Tagen weiter ſüdlich gen Little⸗Rock. Little⸗Rock iſt jedenfalls eines der langweiligſten Neſter in den vereinigten Staaten, und nicht zwei Stunden hätte ich es darin ausgehalten, wäre ich nicht mit einigen lieben Menſchen dort zuſammengekommen und bekannt geworden, die mich den Ort ſelbſt vergeſſen machten. In Little⸗Rock wohnen jetzt eine Menge Deutſche, von denen es einigen ſehr gut geht, doch haben ſich auch ſehr viele in der Umgegend der Stadt angeſiedelt und recht hübſche, einträgliche Farmen angelegt. Schlechto Sgad nd ickene 2 Schlechte Jagd und Rückzug. 261 Das Land oberhalb der Stadt iſt ſo dürr und unfrucht⸗ 9 ⸗ en bar, wie es nur ſein kann, doch iſt auf der gegenüberliegen⸗ den Seite des Arkanſas und auch eine Strecke von Little⸗ Rock ſelbſt entfernt herrlicher Boden. Nördlich von der Stadt ſind, das Flußthal des Arkanſas ausgenommen, wenig mehr als ſteinige Fichtenwaldungen. Von Little⸗Rock aus machte ich einige Ausflüge in die Nachbarſchaft, wo ich beſonders einen jungen, an eine Deutſche verheiratheten Amerikaner kennen lernte, in deſſen Hauſe ich einige Zeit blieb und in der Gegend herum, da gerade Balz⸗ zeit der Truthühner war, jagte. Doch war die Jagd ſchlecht, und die Mosquitos an den verſchiedenen bayous oder Lagu⸗ nen zahlreich genug, den im Freien Campirenden faſt raſend zu machen. Trotz dem hielt ich mich einige Wochen dort auf, hätte aber beinahe, wäre ich noch länger in dem Revier geblieben, das Jagen für immer verſchworen. Mein Jagdhemd war ganz in Fetzen, und der Gürtel nur allein hielt es noch zuſammen. Da beſchloß ich denn, da die Felle der Hirſche wieder zum Gerben tauglich wurden, nach f. 1. f. zurückzukehren und an den Salzlecken dort genug Hirſche zu ſchießen, um mir aus den Häuten derſelben, die ich ſelbſt zu gerben beabſichtigte, ein gutes Jagdhemd zu machen. Die Idee, nach New⸗Orleans zu gehen, hatte ich, da ich keine Briefe gefunden, aufgegeben und zog in den letzten Tagen des April Nordnordweſt von Little⸗Rock fort, dem f. l. f. wieder zu. Schon am zweiten Tage erreichte ich meinen alten Jagd⸗ * 262 Die Salzlecke. grund, und den gebahnten Weg verlaſſend, ſchlug ich mich durch den Wald nach einer lick hin, an der ich vergangenes Jahr ſchon viele Hirſche geſchoſſen, und wo ich das Ge⸗ rüſt, das ich mir damals gebaut hatte, noch vorzufin⸗ den hoffte. Gerade vor Sonnenuntergang erreichte ich den Platz und machte mich eifrig darüber her, Kien zuſammenzutragen und zu ſpalten, da auch nicht ein einziger Span mehr am Gerüſte lag. Mit harter Arbeit ſchleppte ich noch genug vor einbrechender Dunkelheit hin(denn die Dämmerung iſt in Amerika ſehr kurz, und kaum iſt die Sonne verſchwun⸗ den, ſo bricht auch ſchon die Nacht herein) und machte mich nun eifrig daran das Geſtell, das auf einer Seite einge⸗ ſtürzt war, wieder aufzurichten. Die Erde lag noch meiſtentheils oben darauf, und meine Schulter unter die niedergeſtürzte Ecke deſſelben bringend, unter der die Stütze nur weggerutſcht war, hob ich es, mit Anwendung meiner ganzen Kraft, in die Höhe und wieder in die alte Lage. Die Anſtrengung war aber zu groß für mich geweſen, denn ſeit dem letzten Abend hatte ich keinen Biſſen über meine Zunge gebracht, dazu der angeſtrengte Marſch, die harte Arbeit des Herbeiſchleppens und Spaltens von Kien, die Mühe, die es mich koſtete, das ſchwere Gerüſt wieder allein zu heben, Alles wirkte zuſammen, und ohnmächtig oder wenigſtens beſinnungslos fiel ich zu Boden. Wie lange ich dort gelegen haben mag, weiß ich nicht genau, als ich aber wieder zu mir kam, war es ſtockfinſter.— Die Salzlecke. 263 Ich richtete mich auf, um mich zu beſinnen wo ich eigentlich ſei, da hörte ich einen Hirſch, der mich gewittert hatte, ſchreckend aus der lick ſpringen, und noch lange ver⸗ nahm ich, wie er in großen Sätzen durch das dürre Laub hinwegfloh. Ich ging jetzt an die Quelle, die dicht vorbeifloß, nahm 4. einen herzhaften Trunk und fühlte mich bedeutend erfriſcht, ſchlug dann Feuer an, legte die Erde auf meinem Geſtell wieder zurecht, zündete eine gute Flamme auf demſelben an und ſetzte mich nun, in meine Decke eingehüllt, ruhig darun⸗ ter, die Ankunft des Wildes zu erwarten. Keine Stunde hatte ich geharrt, als leiſen, bedächtigen Schrittes ein junger Bock angegangen kam; ich hörte ihn wohl 10 Minuten in dem dürren, raſchelnden Laube, ehe er in den Lichtkreis trat, daß ich ihn ſehen konnte. Auf etwa 40 Schritt herangekommen, wo ich gerade die Umriſſe ſeiner Geſtalt unterſchied, blieb er ſtehen und ſchaute ruhig in die Flamme, ſo daß ſeine beiden Lichter wie zwei Sterne aus dem dunkeln Hintergrunde hervorleuchteten. Dann trat er behutſam weiter vor, faſt weiß in dem hellen Schein der Flamme ausſehend, und näherte ſich mehr und mehr der lick. Ich pfiff, er ſtand, den Kopf in die Höhe werfend, und meine Kugel fuhr ihm durch beide Schulterblätter. Ohne Laut brach er zuſammen. Ganz gegen die Jagdregel aber, lud ich nicht gleich wie⸗ der und blieb eben ſowenig ruhig ſitzen, einen zweiten zu erwarten, ſondern ſprang hinaus, zog ihn bei den ganz 264 Die Salzlecke. neuen, noch nicht 5 Zoll langen Kolben zum Feuer, brach ihn auf, und in wenigen Minuten ſtak die Leber und ein be⸗ deutendes Stück Wildpret an der Gluth der Kohlen. Ich lud, während dies briet, meine Büchſe und paßte wieder auf, wahrſcheinlich aber hielt der Geruch des Fleiſches das Wild ab, denn ich hörte mehrere ſchrecken, ſtampfen und fortſprin⸗ gen, ohne daß ich ſie zu ſehen bekam. Mein Magen ging aber vor, und wollte nicht länger warten. Bald hatte ich das Fleiſch beſeitigt, ſchürte mein Feuer nun, neugeſtärkt und gekräftigt, wieder zu einer hellen Flamme an und ſaß, mit mir und der ganzen Welt zufrieden, auf's Neue wachſam unter den hochauflodernden Kienbränden. Bis 1 Uhr ungefähr wachte ich vergebens, dann aber hörte ich wieder leiſe, abgemeſſene Schritte, und ein Alt⸗ thier kam hinter mir, in gerader Richtung auf mich zu ge⸗ gangen. Es hatte keine Ahnung von Gefahr, ſondern blieb in kaum mehr als ſechs Schritten von meinem Geſtell und dem Laufe meiner Büchſe ſtehen und ſah mit den klaren, leuchtenden Augen ruhig in die helle Flamme. Es war beſchlagen, aber ich mußte ein Jagdhemd haben, und wenn ich auch eine ſolche Aasjägerei haßte, hob ſich doch ſchon der todbringende Lauf, als zu ihrer Rettung drei andere Stück auf dem Schauplatze erſchienen, und zwar ein ſtattlicher Bock, der ſchon recht deutlich das kurze Geweih zeigte, voran. Sie gingen um die lick herum und traten dann 10—11 Schritt gerade hinter das Altthier, das ruhig in ſeiner Stellung verharrte. Leiſe wandte ich die Büchſe ein wenig zur Seite, zielte, Die Salzlecke. 265 drückte ab, und hoch ſprang der zum Tode getroffene Hirſch. Mit Windeseile aber entfloh das Altthier von meiner Seite, an dem ich ſo dicht vorbeigeſchoſſen hatte, daß das Pulver es unfehlbar gebrannt haben mußte. Eine Zeit lang herrſchte wieder Todtenſtille, und ich war ein wenig eingenickt, als ich, plötzlich erwachend, gerade vor mich hinſehend, zwei glühende Augen aus dem Dunkel her⸗ vorblitzen ſah; gleich darauf erſchien der helle Körper des Hirſches. Er kam gerade auf mich zu, blieb ſtehen, wandte ſich etwas zur Seite und war nach dem Krach dem Büchſe verſchwunden. Ich kümmerte mich nicht weiter um ihn, ſondern lud wieder und wartete auf mehr Wild; aber ſchon fing der whip poor will*) an, ſein eintöniges Morgenlied zu ſingen, der regelmäßig ein wenig vor der Tagesdämmerung beginnt, ehe ich auch nur wieder den Tritt eines Hirſches hörte. Als jedoch der Tag zu grauen begann, vernahm ich abgemeſſene Schritte im dürren Laube, und bald darauf kam mir der vierte Hirſch, den ich in ſeinen Fährten nieder brachte. Der Dritte, nach welchem ich geſchoſſen, hatte indeß, als ich mit Tagesanbruch nachſah, weder Schweiß noch Haare *) Der whip poor will iſt eine Nachtſchwalbe, zum Geſchlecht der Ziegenmelker gehörig, der in mondhellen Nächten fortwährend, in dun⸗ keln nur nach der Dämmerung und vor Tagesanbruch, ſeinen eintönigen Geſang, der den engliſchen Lauten„whip poor will“ ähnlich iſt, und von dieſen auch ſeinen Namen bekommen hat, hören läßt. Er iſt von derſelben Größe wie unſere Nachtſchwalben, und auch nur ſehr wenig in der Farbe von ihnen unterſchieden. 266 Schöner Wald. in ſeiner Fährte hinterlaſſen, und nicht anders glaubend, als daß ich ihn gefehlt habe, gab ich mir weiter keine Mühe ihn aufzufinden, ſondern machte mich daran, die drei abzuſtrei⸗ fen, was gar bald geſchehen war und hing ſie dann auf. Hier⸗ auf wanderte ich zu einem, etwa zwei Meilen davon entfernt wohnenden Farmer, mit dem ich gut bekannt war, damit ddieſer das Wildpret wegholen möchte und ging dann wieder, dem weiter davon entfernten Hauſe Klfr.'s zu, der mich, wie (jimmer, herzlich empfing, und in deſſen Wohnung ich einmal wieder ein paar Tage ausruhte! Nach dieſer Zeit hörte ich jedoch von einer anderen lick, die vorzüglich ſein ſollte, und war noch denſelben Abend dort, bei einem ſchnell aufge⸗ ſchlagenen Geſtell gelagert. Einen herrlichen Anblick gewährt in dieſer Jahreszeit der Wald in Arkanſas, wo die ſogenannten„dogwood“- (Hundeholz⸗) Bäume*) in Blüthe ſtehen. Es ſind kleine, niedere Bäume, die ſelten ſtärker als 7 Zoll im Durchmeſſer werden, und deren Blüthen weiß, etwa von der Größe einer wilden Roſe ſind, den ganzen Baum aber total bedecken. Dieſe Bäume wachſen dort überall in ſehr großer Anzahl und geben dem Walde das Anſehen eines Gartens; dabei die milden Frühlingsnächte, der klagende Ruf des whip poor will, das monotone Geheul der Eule dazwiſchen, man könnte es wirklich wahrhaft romantiſch dort finden, wären die ver⸗ wünſchten Holzböcke nicht die proſaiſcheſten Dinge, die es auf der ganzen Welt giebt. *) Eine Art wilder Corneliuskirſche, mit rothen aber nicht eßbaren Beeren.— Der Virginiſche Hirſch. 267 In dieſer Nacht ſchoß ich zwei Hirſche und nahm ihnen das Gehirn heraus, das ich auf einen flachen Stein, etwa einen halben Zoll dick, ſtrich und langſam am Feuer backen ließ, es zu erhalten. Ich wollte es ſpäter zum Gerben der Hirſchfelle gebrauchen. Der Amerikaniſche oder ſogenannte Virginiſche Hirſch, wie ich aber hier gleich zum Verſtändniß des deutſchen Jägers herſetzen will, gehört eigentlich weniger dem Roth⸗ als dem Dammwild an. Er trägt allerdings keine Schau⸗ feln, ſondern ein vom Kopf etwas zurück, und dann nach vorn gebogenes Geweih, wird aber lange nicht ſo ſtark wie unſer Edelhirſch. Die ſtärkſten Böcke die ich geſchoſſen habe, wogen aufgebrochen kaum mehr als höchſtens 180, höchſt ſelten vielleicht eimal 200 Pfund. Das Geweih wiegt etwa vier Pfund und weniger. Der Virginiſche Hirſch hat dabei den langen Wedel wie das Dammwild, zeigt ſich aber nie gefleckt(mit einzeln ſehr ſelten Ausnahmen) ſondern von der Farbe des Rothwildes. Er ſchreit nicht in der Brunft. In ſeiner Lebensart hat er ſonſt alle Aehnlichkeit mit unſerem Rothwild und die Brunft ſelber, wie das Abwerfen des Ge⸗ weihes richtet ſich in den in ihrem Klima ſo verſchiedenen Staaten natürlich je nach der mehr nördlichen oder ſüd⸗ lichen Lage.. Rehwild giebt es in Nordamerika gar nicht. Manche Reiſende erzählen allerdings ſie hätten Rehe geſehn, das waren aber jedenfalls Schmalthiere des Virginiſchen SHirſches. Der Elk oder Rieſenhirſch kommt nicht mehr in den 2* 268 Die Pferdediebe. Vereinigten Staaten, nur noch weſtlich in den Prairieen und Felſengebirgen vor. Da ich jetzt genug Felle zu haben glaubte, beſchloß ich, ſobald dieſelben etwas getrocknet wären, meinen alten Slow⸗ trap wieder aufzuſuchen und ſie dort zuzubereiten, da er be⸗ rühmt war dieſe Sache aus dem Grunde zu verſtehen. Wenige Tage darauf ſaß ich auch ſchon wieder am alten, wohlbekannten Kamine, meinem gemüthlichen, alten Freunde gegenüber. Er war noch ganz derſelbe, hatte noch denſelben ſchwar⸗ zen Frack an, mit den verhängnißvollen Knöpfen unten daran, und briet wie gewöhnlich ſüße Kartoffeln in der heißen Aſche. Ich hielt mich übrigens nicht lange bei der Vorrede auf, denn ſchon der nächſte Morgen fand mich hart an der Arbeit, mit einem zu dieſem Zwecke ſelbſtgemachten Meſſer den Nar⸗ ben an den Fellen abzuſtoßen. Noch fehlte mir aber zum Gerben das Gehirn mehrerer Hirſche, da ich nur das der zuletzt erlegten Hirſche mitgenommen. Ich mußte deshalb vorerſt wieder jagen gehen. Hozart, der nicht weit von dort wohnte, war jedoch gern bereit ein paar Tage mitzuziehen, und ſchon am nächſten Morgen wollten wir hinaus, als fünf Reiter am Thore hiel⸗ ten. Sie ſtiegen ab und wurden von Hozart freundlich zum Frühſtück eingeladen, das wir eben beendigt hatten. Erſt nachdem ſie gegeſſen und nun ſahen, daß wir zum Aufbruch fertig waren, bat uns einer von ihnen heute nicht zu jagen, Die Pferdediebe. 269 ſondern mit ihnen zu kommen, da ſie einen Act der Gerech⸗ tigkeit, wie ſie es nannten, ausüben wollten. Die Sache war die: An dem kleinen Fluſſe hatte ſich ſchon ſeit längerer Zeit eine Claſſe Menſchen angeſiedelt, die Pferdefleiſch ein wenig gar zu ſehr liebte, ſich dabei nicht daſſelbe eigentlich gehörte, und die Freund Curtis unſtreitig Heredings genannt ſehr genau erkundigte, wem haben würde. Sie wohnten alle mit einander dort oben herum, etwa 20 Meilen im Unkreiſe, und faſt unumſtößliche Beweiſe wegen Pferdediebſtahls waren gegen zwei dieſer Leute vor⸗ handen, immer aber nicht genügend ſie vor Gericht zu ſtel⸗ len, wo ſie ein Advocat leicht wieder herausgeſprochen hätte — und vor den Advocaten haben alle backwoodsmen eine heilſame Ehrfurcht. Um alſo die Sache kurz abzumachen, hatten ſie beſchloſſen die Ausübung der Geſetze ſebſt zu über⸗ nehmen. Ein Mann, Namens Brogan, und mein armer Curly waren die Schlachtopfer.. Hozart war ſogleich bereit mitzugehen, und auch ich be⸗ abſichtigte dabei zu ſein; feſt entſchloſſen übrigens, keinen Theil daran zu nehmen. Wir machten uns auf den Weg und überholten bald die armen Teufel, gebunden und zwiſchen zwei Pferden geführt. Curly war ſehr niedergeſchlagen, Brogan ſah wild und bös⸗ artig darein. Am Platze angelangt, fanden wir eine viel zahlreichere Verſammlung als wir erwartet hatten, denn es mochten wohl im Ganzen 50— 60 Perſonen anweſend ſein. 270 Die Pferdediebe. Eine Jury wurde erwählt, Zeugen vorgerufen, geſchwo⸗ ren, befragt, und Alles ganz nach Art des gewöhnlichen Ge⸗ richtsverfahrens vorgenommen Nach allem Dieſen ging nun hervor, daß Brogan im vergangenen Jahre eine Zeit lang abweſend geweſen war. Nachdem er zurückgekehrt, ſeien die zwei fraglichen Pferde in der Nachbarſchaft geſehen worden, und zwar an einem ge⸗ wiſſen Platze, wo viel dichter Wald war, und er ſollte ſich damals viel dort in der Gegend herum zu ſchaffen gemacht haben. Curly hatte ſpäter eins von den Pferden eine kurze Zeit gebraucht und dann verkauft; kurz der Beweis war überzeu⸗ gend genug; Brogan jedoch leugnete hatnäckig, ebenſo Curly. Zwei Männer entkleideten nun den Oberkörper des Letz⸗ teren, banden ihn an einen jungen Baum und begannen, ſeinen Rücken mit Hickory⸗Ruthen zu bearbeiten. Curly hatte Verſtand genug einzuſehen, daß, wenn ſein Kopf hart⸗ näckig bliebe, ſein Rücken die Zeche bezahlen müſſe, und beichtete. Er wurde augenblicklich losgebunden und ſein Sün⸗ denregiſter war bald hererzählt. Er hatte, ſeiner Ausſage nach, nie ein Pferd geſtohlen, wohl aber den Hehler gemacht und ſich gegen die Pferdediebe ſelber, wie er ſagte,„gefällig“ bewieſen. Als die letzten Pferde geſtohlen werden ſollten, waren ihrer Vier geweſen, die ſich verabredet hatten, die Pferde zu entwenden und zu verkaufen. Einer von ihnen aber ſollte ſie erſt ſtehlen, und um den zu beſtimmen, wurde es dem Glück der Jagd überlaſſen. Der nämlich, der an einem beſtimmten Tage die wenigſten Die Pferdediebe. 271 Hirſche ſchieße, wurde beſtimmt die Gefahr des Erwiſcht⸗ werdens zu übernehmen, und ſollte die Pferde„abholen.“ Curly ſchoß an dieſem Tage vier Hirſche, die anderen beiden jeder zwei, und Brogan einen. Zum Schluß gab er noch ein Regiſter der Pferdelieb⸗ haber, 26 wohlbekannte Namen, war aber doch beſcheiden genug, ſich nicht ſelbſt mit auf den Zettel zu ſetzen. Brogan, der dem Ganzen mit einem verächtlichen Lächeln zugehört hatte, wurde jetzt befragt, doch umſonſt waren alle Verſuche ihn zu einem freiwilligen Geſtändniß zu bringen. Er blieb bei ſeinem Läugnen und fand ſich bald ebenfalls an einen Baum gebunden und von zwei Männern ſchrecklich zerhauen. Es war ein trauriges Schauſpiel. Erſt fluchte und ſchimpfte er, dann war er eine Zeit lang ganz ruhig und ertrug mit einer wahren Seelenſtärke die ſchmerzhaften Hiebe, endlich aber entfuhr ihm doch ein Klagelaut, indem er rief:„my poor wife and children!“ (meine arme Frau und Kinder)! In dem Augenblick kamen zwei Neger mit Schaufeln und Spaten und fingen an ein Grab zu graben; ihnen auf dem Fuße folgte ein Weißer, der, in der linken Hand einen Strick, in der rechten ein Stück Talg haltend, mit der kalt⸗ blütigſten Miene von der Welt das Seil einſchmierte, um den armen, gemißhandelten Mann daran aufzuhängen⸗ Das war übrigens zu arg, und Mehre von uns traten jetzt auf und machten denen, die noch am mildeſten geſinnt ſchienen, begreiflich, daß, wenn ſie den Mann hätten hängen 272 Die Pferdediebe. wollen, ſie ihn nicht erſt ſo gräulich hätten zerfleiſchen dür⸗ fen. Das ſchien ihnen auch einzuleuchten; es wurde abge⸗ ſtimmt und ihm diesmal das Leben geſchenkt, doch nur unter der Bedingung, die County innerhalb der nächſten 4 Wochen zu verlaſſen und nie dahin zurückzukehren. Er verſprach Nichts, ſank aber, als man ihn losband, ohnmächtig in's Gras. Ich hatte genug geſehen, und Hozart und ich trabten den Gebirgen zu, jetzt ernſtlich an unſere Jagd zu denken. Mein Camerad war aber ſehr nachdenkend geworden, viel⸗ leicht mit gutem Grunde, denn ſpäter hörte ich, daß auf ihm ſelber kein kleiner Verdacht ruhe. Da das Wetter warm und angenehm war, beſchloſſen wir, nicht allein nach Hirſchen zu jagen, ſondern uns auch des Honigs wegen nach Bienen umzuſehen. In einer aufgefundenen Landſchildkrötenſchale ſtellten wir unſere Lockſpeiſe auf und trennten uns dann, um einen Hirſch zu ſchießen. Hozart hatte ſeine Lockpfeife mit und verſuchte, den Ton des Hirſchkalbes nachahmend, die Mutter herbeizulocken; ein ſchändlicher, aber leider nur zu häufiger Gebrauch, der von der Lockpfeife gemacht wird. In doppelter Hinſicht iſt aber dieſe Art zu jagen ſchänd⸗ lich, da es erſtlich niederträchtig iſt, die Mutter durch eine Nachahmung des Hilferufs ihres Jungen herbeizukocken und dann zu tödten, und zweitens auch die Jagd auf eine raſend ſchnelle Art zerſtört. Nicht nur, daß dadurch faſt einzig und allein das weibliche Wild erlegt wird, ſo geſchieht es — Bienen⸗ und Bärenjagd. Das Bockfieber. 273 auch meiſtens in einer Jahreszeit, wo die jungen Hirſchkälber noch zu jung ſind, ſich ſelber zu ernähren, und dann elendig⸗ lich verſchmachten müſſen. Trotz dem aber, daß ich kein ſolches Mittel anwandte, ſchoß ich den Abend einen jungen, zweijährigen Bock, Hozart aber Nichts. Bei unſerer Lockſpeiſe hatten die Bienen zu arbeiten an⸗ gefangen, und wir trugen dieſelbe ein paar Hundert Schritte weiter auf der gefundenen Richtung hin. Die Nacht brach jetzt an, und nach Dunkelwerden ſchie⸗ nen ſämmtliche Winde der 32 Himmelsgegenden losgelaſſen zu ſein, alle alten Fichten, die im Walde ſtanden, umzuſtür⸗ zen; doch legte ſich der Sturm gegen Mitternacht und artete in einen fürchterlichen Regen aus. Unſere aufgeſpannten Decken hielten ihn allerdings ab, doch mußten wir mit unſeren Jagdmeſſern eine kleine Rinne um das Lager herum ausgraben, die niederſtrömenden Waſſer abzuleiten. Am nächſten Tage ſtieß Slowtrap mit ſeinen und Hozart'’s Hunden zu uns, die er alle aufgetrieben hatte, einen Bär zu erlegen. Allerdings hatte es Braun auch ein wenig arg mit ihm getrieben, und ihm in den letzten Tagen drei oder vier Schweine weggeholt. Slowtrap wäre auch ſonſt nie ſo böſe über ihn geworden. Uebrigens erlegte er ihn wirklich, nach einer ordentlichen Hetze. An demſelben Abend fanden wir auch noch unſeren Bienenbaum. Noch vor Sonnenuntergang bekam ich einen ſtarken Hirſch zum Schuß, ſeit langer Zeit aber auch zum erſten Mal wie⸗ der das Bockfieber und fehlte ihn. Hozart und Slowtrap Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 18 274 Indianiſche Art Felle zu gerben. waren übrigens glücklicher geweſen und hatten ein paar Hirſche geſchoſſen, von denen ſie mir das Gehirn aufhoben, ſo daß ich jetzt zum Gerben genug zu haben glaubte. Den nächſten Tag ſuchten wir noch nach Bienen und fanden zwei Bäume, von denen wir einen umhieben, wobei ich jedoch furchtbar zerſtochen wurde. Nun aber hatte ich mich auch lange genug von meiner Arbeit abhalten laſſen, und war es müde in Hemdsärmeln umherzulaufen. Ich nahm die Gehirne, die ich mir von den erlegten Hirſchen geſammelt, ging nach Slowtrap's Hauſe und begann mit Ernſt an meinen Fellen zu arbeiten. Da es aber vielleicht für Manchen intereſſant ſein möchte, die indianiſche Art Felle zu gerben, etwas genauer zu wiſſen, will ich ſie hier mit kurzen Worten beſchreiben. Zuerſt werden die Häute, welche zubereitet werden ſollen, eine Nacht eingeweicht, am anderen Morgen dann aus dem Waſſer genommen, auf ein glattes und rundes Stück Holz, einen ſogenannten„Baum“, gelegt, und der grain oder Nar⸗ ben abgeſtoßen, wie das bei jeder anderen Art von Gerberei auch geſchieht, nur daß hier das Handwerkszeug viel ein⸗ facher iſt. Iſt das geſchehen, ſo wird das Gehirn des Hirſches(ſind mehre Felle da, ſo iſt für jedes ein Gehirn nöthig) in einen eiſernen Topf und in etwa ſoviel Waſſer gethan, als nöthig ſein möchte, dieſelben gehörig darin durchzuarbeiten. Das Gehirn nun, das man vorher in einen kleinen, aus grober Leinwand gemachten und ſtarkgenähten Sack gefüllt hat, kocht etwa eine Stunde lang in dem Waſſer und wird Indianiſche Art Felle zu gerben. 2 75 dann mit den Händen, wenn ſich daſſelbe etwas abgekühlt, durch das Linnen gerieben und gewaſchen, daß es ſich dem Waſſer, welches dadurch eine milchige Farbe annimmt, mit⸗ theilt, und nur die faſerigen Theile im Sacke zurückbleiben. In dieſem Waſſer werden nun die Felle gehörig geknetet und durchgearbeitet, bis das Gehirn überall in ſie einge⸗ drungen iſt, dann herausgenommen, ſo gut wie möglich aus⸗ gerungen und zum Trocknen aufgehangen. Das Zeichen daß ſie vollkommen durchgegerbt ſind iſt dabei, daß man überall, beſonders an den Stellen unter denen der Hüftknochen ge⸗ ſeſſen, die Luft in das naſſe Fell einfaſſen und durch die Poren preſſen kann. Wo das noch nicht angeht iſt das Hirn noch nicht ordentlich hineingearbeitet. Jetzt geht aber erſt die harte Arbeit an, denn ſie dürfen nicht ganz an der Luft trocknen, ſondern müſſen vom Gerber auf einem eigends dazu geſchärften Brete ſo lange gerieben und gezogen wer⸗ den, bis ſie ganz trocken, ſchneeweiß und ſo weich wie Sammet werden. Nun ſind ſie freilich gegerbt, dürften aber doch, im Fall ſie naß würden, auch ſicher wieder ſteinhart werden. Um das nun zu vermeiden und alles Leimartige in ihnen zu ver⸗ nichten, räuchert man ſie. Zu dieſem Zwecke werden immer zwei und zwei aneinandergenäht, daß ſie, nach den Köpfen zu, einen Sack bilden und nur noch unten offen ſind; dann wird ein etwa 14— 16 Zoll tiefes und 6— 8 Zoll breites Loch in die Erde gegraben, und in demſelben ein Feuer an⸗ gezündet, welches man, ſobald es in Gluth kommt, mit fau⸗ lem Holze bedeckt, ſo daß ein dicker Qualm emporſteigt. 18* 276 Der alte Jäger. Ueber dieſen Rauch nun werden die Felle gehangen, bis der⸗ ſelbe ſie ſo durchdringt, daß ſie ſich an der Außenſeite zu bräunen anfangen. Dann wird der Sack umgedreht, auf der anderen Seite der Proceß wiederholt, und nun erſt ſind ſie gegerbt, und weder Waſſer, noch Sonne kann ihnen je wieder etwas anhaben. Sie bekommen aber dadurch eine braungelbe Farbe. Nachdem ich meine Felle auf dieſe Weiſe zubereitet hatte, ging ich zu einem, nur wenige Meilen entfernten alten Jäger hinüber, Namens Wells, deſſen Frau mir ein Jagdhemd, zu dem ich die beſten Stücke aus fünf Fellen gebrauchte, aus⸗ ſchnitt und mir etwas Anweiſung gab, wie ich es nähen müßte. Sodann 3 Tage emſig ſchneidernd, brachte ich end⸗ lich ein vorzügliches Stück Arbeit zu Stande. Auch neue Moccaſins ſchnitt ich mir aus einem der ſtärkſten Felle, nahm dann Rinde vom ſchwarzen Wallnußbaum, mit etwas grünem Vitriol, färbte meine neue Kleidung dunkel, daß ſie die rich⸗ tige Waldfarbe bekam, und war nun wieder ordentlich jagd⸗ mäßig ausſtaffirt. Wells, zwiſchen den Indianern aufgewachſen, hatte ſehr viel von ihren Sitten und Gebräuchen beibehalten, war auch der beſte weiße Jäger, den ich noch in meinem Leben geſehen habe; beſonders aber zeichnete er ſich im Auffinden von wilden Bienen aus, die er jedes Mal, ſobald er nur auf die Spur kam, entdeckte. Er hatte ſich auch lange Zeit in Texas aufgehalten, und ſonderbare Geſchichten wurden während ſeiner Abweſenheit von ihm erzählt. Er war und blieb aber fort, und zuletzt — — Eine Frau und zwei Männer. kam die Nachricht daß er geſtorben ſei. Seine Frau, die ihn eine Zeit lang betrauerte, lernte nach einiger Zeit einen anderen Mann kennen, der ihr gefiel, und ich weiß nicht, wie viel Monde, nachdem ſie die Nachricht von ihres Gatten Tod empfangen hatte, heirathete ſie Jenen. Ein Jahr faſt lebte ſie mit ihrem zweiten Manne glück⸗ lich und zufrieden, als eines Abends plötzlich ein Reiter, ganz nach Art der Indianer gekleidet, vor dem Hauſe hielt, abſtieg und ſein Pferd befeſtigte. Er trat in die Stube, und die Frau erkannte mit Entſetzen und Freude ihren ver⸗ loren geglaubten Mann. In dem Augenblicke kehrte auch der Andere mit den Hunden, die freudig an ihrem alten Herrn heraufſprangen, von der Jagd zurück und erſtaunte nicht wenig, den recht⸗ mäßigen Beſitzer der Wohnung vorzufinden. Doch Wells war ein vernünftiger Mann und erklärte ſeiner Frau ganz ruhig, daß ſie es halten könne wie ſie wolle, ihn oder ihren zweiten Mann zu behalten. Die Kinder aber(zwei tüchtige Knaben) bäte er ſich aus, und ſie möchte ihm bis Morgen früh wiſſen laſſen, was ſie zu thun beabſichtigte. Damit ſchulterte er ſeine Büchſe wieder, ſetzte ſich auf ſeinen Poney und trabte ruhig dem Walde zu, wo er ein Feuer anmachte und, etwa eine Meile vom Hauſe entfernt, die Nacht lagerte. Am nächſten Morgen, als er ſein Früſtück gekocht und verzehrt hatte, ſattelte er ſein Pferd wieder und ritt zum Hauſe zurück, zu hören, was ſeine Frau beſchloſſen habe. Dort fand er aber ſeinen Nebenbuhler ſchon zum Abmarſch gerüſtet, der ihm auch offen ſagte, er ſähe ein, daß ſeine 278 Das Träumen der Hunde. Rechte die älteren wären, und wolle keinen Unfrieden zwiſchen ihnen ſtiften, entſchuldigte ſich wegen des Zufalls, bat ihn, Nichts übel zu nehmen, und ritt, nachdem er ihm und ihr herzlich die Hand geſchüttelt hatte, gen Weſten, ſich irgendwo anders mit mehr Glück eine andere Frau zu ſuchen. Die beiden, ſo lange getrennten Eheleute lebten aber von dieſer Zeit an wieder ſo vergnügt und zufrieden zuſammen, als ob gar Nichts vorgefallen wäre. Er brauchte ſich auch nicht einmal zu entſchuldigen, daß er nicht geſchrieben habe, da er gar nicht ſchreiben konnte. Hätte er aber auch wirklich einen Brief an ſie geſchickt, ſo würde es bei ihr, des Leſens wegen, dieſel lben Schwierigkeiten gehabt haben. Ich unterhielt mich viel mit ihm über die Jagd, und gar ſehr beklagte er den Mangel an Wild, der, wie er ſich aus⸗ drückte, ſeit einigen Jahren recht fühlbar am f. 1. f. wurde. Und früher war hier der beſte Jagdgrund von ganz Arkan⸗ ſas geweſen.. Unter Anderem kam auch die Rede auf Hunde und auf das Träumen derſelben, wobei ich ihm erzählte, was mir geſagt wäre und was 5 dann ſelbſt erlebt hätte. Er pflich⸗ tete mir da ganz bei und verſicherte ſogar, daß er es einſt ſelbſt, und zwar mit dem Hunde der bei ihm war, ver⸗ ſucht habe. „Ich lag eines Abends am Feuer hingeſtreckt“ erzählte er,„und konnte nicht einſchlafen. Mein Hund lag neben mir, und ermüdet vom vielen Laufen(er war den ganzen Tag im Walde umhergejagt), hatte er ſchon lange leiſe ge⸗ ſchnarcht und fing jetzt an mit den Füßen zu ſtrampeln, zu „ Das Träumen der Hunde. 279 winſeln und leiſe zu bellen; ein ſicheres Zeichen, daß er von irgend etwas träumte. Schon in meinen Kinderjahren hatte ich von meinem Vater gehört, daß man den Traum des Hundes haben könne, ſobald man ihn im Tuche fange, ich breitete daher mein Halstuch über den Kopf meines Hundes und erwartete ruhig ſein Erwachen. Als er endlich zu bellen aufhörte und den Kopf hob, die ungewohnte Hülle abzu⸗ ſchütteln, nahm ich das Tuch, faltete es zuſammen und war, es mir unter den Kopf ſchiebend, bald eingeſchlafen. Augen⸗ blicklich träumte ich da, daß ich mit einer, mir unerklärlichen Wuth hinter einem Kaninchen herrannte und es durch die dickſten Dornengebüſche verfolgte, ja endlich, als es, mir zu entgehen, in eines ſeiner Erdlöcher ſchlüpfte, meinen Kopf, ganz wie es die Hunde thun, hinterherſchob, hineinbellte oder ſchrie und es herauszuſcharren verſuchte. Ich habe es ſpäter noch mehre Male verſucht und ſtets ſolche ſonderbare, hunde⸗ artige Träume gehabt.“ Er glaubte ſteif und feſt an das, was er ſagte, und ich ſelbſt, gerade nicht ſo ſehr abergläubiſch, beſchloß doch, bei nächſter Gelegenheit einen zweiten Verſuch zu machen— ich habe es bis auf den heutigen Tag noch nicht wieder verſucht. Nachdem ich mein Jagdhemd beendet hatte, nahm ich herzlichen Abſchied von dem alten Jäger und ſeiner Familie und wanderte wieder dem Hauſe meines Slowtrap zu, bei dem ich noch einige Tage verweilte. Aber auch hier, trotz deſſen freundlicher Einladung den Sommer über bei ihm zu bleiben, litt es mich nicht lange und ich zog zurück zu Klfr.'s. 280 Vergebene Wache. Der gxoße Hirſch. In dortiger Gegend beſuchte ich nun wieder meine alten Salzlecken und erneuerte die Gerüſte, ſchleppte Kien in Maſſen herbei, lag wohl 11—12 Nächte fortwährend drau⸗ ßen, daß mich die Mosquitos faſt ausſogen und die Holz⸗ böcke fortſchleppten, und bekam auch nicht in einer Nacht mehr einen Hirſch zum Schuß. Weiß der liebe Gott was ſie verſcheucht hatte, ob ſie todt waren, oder ob es zu ſpät in der Jahreszeit ſein mochte, ich konnte es mir nicht erklären, nur das weiß ich, daß ich uner⸗ müdet auf der Lauer lag und manche lange, lange Nacht den erſehnten Tritten eines Hirſches horchte, den Mond aufgehen und ſeine Bahn am Himmel verfolgen ſah, bis er wieder hin⸗ ter den Baumwipfeln verſchwand, unermüdlich den Tönen der Eule und des whip poor will lauſchte und jeden Mor⸗ gen wieder ohne Beute den Ort verließ, um irgendwo auf einem kühlen Platze auszuſchlafen und den Anbruch einer neuen Nacht zu erwarten. Endlich aber waren meine Proviſionen ausgegangen, und ich mußte wieder zu Klfr.'s, mich mit neuen zu verſor⸗ gen. Da beſchloß ich, die Feuerjagden an den Nagel zu hängen und wieder am Tage jagen zu gehen, wo ich denn auch einige ſehr ſtarke Hirſche erlegte. Ich hätte es früher thun ſollen. Einer beſonders war der größte, den ich je ſchoß. An einem kleinen Abhange hingehend, hatte ich eben mein Ge⸗ wehr auf einen jungen Bock abgedrückt, und da er hinter einem umgeſtürzten Baume ſtand und ich blos nach dem Kopfe zielen konnte, gefehlt, als dieſer mächtige Hirſch, gerade da ich wieder fertig mit laden war, oben auf den Abhang, Guter Rath Klfr.'s 81 nicht 15 Schritt von mir entfernt, hinauftrat und auf mich herabſchaute; meine Kugel warf ihn in ſeiner Fährte nieder, und nie ſah ich ein feiſteres Stück Wildpret. Endlich bekam ich Nachricht von Little⸗Rock, daß dort Briefe für mich angekommen wären; ich entſchloß mich daher kurz und rüſtete mein Gepäck, um hinunter zu gehen, die Briefe in Empfang zu nehmen und mich, wenn die Nachrich⸗ ten günſtig lauteten, nach dem Süden einzuſchiffen. Meine wenigen Sachen waren leicht zuſammengepackt, und herzlichen Abſchied nahm ich jetzt von Klfr.s, von deſſen lieber Familie es mir wirklich wehe that, mich zu trennen. Ich war in ſeinem Hauſe ſtets wie mit zur Familie gehörig, nie wie ein Fremder behandelt worden, und habe ich je in Amerika eine Heimath gehabt, ſo war es bei ihm. In einer Sache nur ſtimmten wir nicht recht mit einander überein; ich war ein leidenſchaftlicher Jäger, und er tadelte oft ſtark mein zweckloſes Umhertreiben in den Wäldern und ſtellte mir wohl oft ernſthaft vor, wie ich das doch nicht für immer treiben könne und einmal gezwungen ſein würde, mich irgendwo niederzulaſſen und ein nützlicher, vernünftiger Menſch zu werden. Wohl ſah ich bei ſolchen Gelegenheiten ein daß er Recht hatte, und war ſchon mehrmals im Begriff, die wirklich brü⸗ derlichen Vorſchläge, die er mir machte, anzunehmen und die Büchſe an den Haken zu hängen, die Art in die Hand zu nehmen; aber die Gewohnheit eines unſteten, wilden Lebens, die mir durch mein langes Umherwandern lieb geworden war, wie die noch immer ſtarke Sehnſucht, die deutſche Hei⸗ 8 282 Einſame Jagd. math einmal wiederzuſehen, hielt mich immer ab, und auch jetzt war die Wanderluſt mächtiger als irgend etwas Anderes. Ich ſchulterte meine Büchſe, warf meine Habſeligkeiten über die Schulter, drückte Allen die Hand und zog am f. l. f. hinunter, nach Little⸗Rock. An der Mündung des kleinen Fluſſes angelangt, wußte ich ſelbſt noch nicht recht, ob ich zu Waſſer oder zu Lande den Arkanſas hinuntergehen ſollte, fand aber dort unglücklicher Weiſe ziemlich gute Jagd, warf mein Bündel unter einen Baum, errichtete ein Rindendach und begann auf’s Neue zu jagen. Ende Juni war ſo herangekommen, und meine Provi⸗ ſionen hatten in der letzten Zeit bedeutend abgenommen, da ich mehre Tage gar Nichts zum Schuß bekam, und das Wild⸗ pret, des heißen Wetters wegen, wenn es nicht ſehr gut ge⸗ trocknet wurde, augenblicklich verdarb, da kam ich eines Morgens wieder an das Ufer des f. I. f. und ſah, zwiſchen Treibholz eingeklemmt, ein altes Canoe, das ſich irgendwo losgeriſſen und dort feſtgeſetzt hatte. Gelegener hätte mir Nichts kommen können; das einſame Herumtreiben im Wald war ich doch müde geworden; ich ſehnte mich auch die, für mich in Little-Rock liegenden Briefe in Empfang zu nehmen, und ohne mich lange zu beſinnen, ſchwamm ich hin und holte es, fuhr damit zu meinem Lager, warf Alles, was mein war, und ich mein nennen konnte, hinein und war ſchon denſelben Nachmittag im Arkanſasfluß. Nahe am Ufer deſſelben hingleitend, bemerkte ich hier an mmehren Stellen eine Unmaſſe Hirſchfährten. Natürlich lan⸗ — 8 NN Die Feuerwache im Canoe. 283 dete ich augenblicklich, und fand den Boden nicht allein von zahlloſen Fährten ganz zertreten, ſondern auch daß nur ein kleiner, ſchmaler Felsſteig gerade an dieſer Stelle von den Bergen niederführte, den ſie herabgekommen waren, das ſal⸗ zige Waſſer(der Arkanſas enthält nämlich ſehr viele Salz⸗ theile) des Fluſſes einzuſchlürfen. Mein Plan ward bald gemacht; ich hatte einige Freunde in Little⸗Rock, denen ich gern ein Stück Wildpret mitbringen wollte, nahm alſo meinen Tomahawk und befeſtigte in kurzer Zeit ein kleines Geſtell im Canoe. Das ging um ſo leichter, da daſſelbe ſchon früher einmal zu ſolchem Zwecke gedient hatte, und einige große Löcher in den breiten Rand deſſelben eingebohrt waren, die Holzgabeln zu halten. Dies Geſtell be⸗ deckte ich mit Zweigen und einigen Zoll Erde, holte mir vom Berge, an dem ich gelandet war, Kien herunter und erwar⸗ tete ruhig die einbrechende Nacht. Endlich wurde es dunkel, und ich zündete mein Feuer an. Das geſchehen, lehnte ich mich zurück und betrachtete, meinen Gedanken nachhängend, den ſchön geſtirnten Nachthimmel. Nach einer Weile mich leiſe wiederaufrichtend, ſchaute ich nach dem Platze hin, wo ich die Hirſche ungefähr erwar⸗ tete und ſah ein glühendes Auge dicht über der Waſſerfläche, das ſich in derſelben abſpiegelte. Es war ein Hirſch, der geräuſchlos herabgekommen war und, kaum 20 Schritt von mir entfernt, begierig das ſal⸗ zige Waſſer einſog. Leiſe hob ich die Büchſe und bedächtig zielend drückte ich ab. Laut ſchallte der Krach des Gewehres auf dem ruhigen 284 Dampfboot Arkanſas. Waſſerſpiegel hin und brach ſich in weiter Ferne an den Uferbergen; alles war dann ruhig und ſtill wie im Grabe, ich nahm aber einige Kienſpäne und ſtieg aus, wo ich wenige Schritte von dem Platze entfernt, an dem er getrunken hatte, einen jährigen Bock verendet fand. Ich brach ihn auf, briet mir die friſche Leber, das delicateſte vom Wildpret, warfemeine Beute dann in's Canoe, band meinen Kahn los, wickelte mich in meine Decke, und ſanft in der ſtillen Nacht den Fluß hinuntertreibend, erreichte ich Little⸗Rock wohlbehalten am anderen Morgen. Nur wenige Tage hielt ich mich dort auf und fand einen Brief von Deutſchland, wie auch einen von Louiſiana. In letzterem ſchrieb mir Krn., von dem ich ſo lange nichts ge⸗ hört hatte, ich möchte nur zu ihm hinunterkommen, ich könnte dort leicht Beſchäftigung finden und etwas verdienen. Am nächſten Tage kam das Dampfboot„Arkanſas“ von Fort Smith und zeigte an, daß es am 5. Juli Morgens um 10 Uhr nach New⸗Orleans abginge. Da war denn mein Entſchluß gefaßt, nnd da ich weiter keine Umſtände mit dem Packen hatte, benutzte ich noch die wenigen Tage, die mir übrig blieben, recht viel mit meinen neugewonnenen Bekannten zuſammen zu ſein, zu denen be⸗ ſonders neben Seckendorfs auch eine kleine, liebe Familie aus Hamburg gehörte. Der 4. Juli, der Tag der amerikaniſchen Unabhängigkeits⸗ Erklärung, ſollte, wie alle Jahre, in Little⸗Rock gefeiert werden, und es war dazu, auf öffentliche Koſten, ein großes Das Barbecue. 285 „Barbecue“*) veranſtaltet worden, wozu die Bewohner der Stadt in etwas großartiger Ankündigung den ganzen Staat eingeladen hatten. Der Sonderbarkeit wegen ging ich auch einmal hinaus und fand ungefähr ein Dutzend ſchwarzer Köche mit der Zu⸗ bereitung eines großartigen Mittageſſens beſchäftigt. Zwei Gruben, von etwa 10 Ellen Länge und 4 Fuß Weite, waren vor der Stadt in einem Garten gegraben, der Boden dieſer Gruben aber mit glühenden Kohlen bedeckt, die von einigen ungeheueren, in der Nähe angezündeten Feuern immer wieder aufgefriſcht wurden. Ueber dieſe aber, die etwa 2 Fuß tief ſein mochten, lagen Querhölzer, und auf dieſen eine ſolche Maſſe von Fleiſch, daß man wirklich glau⸗ ben konnte, ganz Arkanſas hätte eine Mahlzeit davon halten ſollen. Die zwei Hälften eines ungeheueren Ochſen, eine Menge Schweine, Kälber, Hirſche, Bären, Schöpſe ꝛc. lagen dort bratend und ſchmorend, und Leute mit Flaſchen und Krügen voll Whiskey gingen herum und ſchenkten den Neu⸗ ankommenden ein. Das Eſſen ſelbſt aber war übrigens nicht ſo ſehr appe⸗ titlich, weil ſich Jeder ein Stück abſchnitt, und in der Hand haltend, ſtehend oder ſpazierengehend, verzehren mußte.— Am Lagerfeuer läßt man ſich das wohl gefallen, wo aber eine ſolche Maſſe Menſchen mit fettigen Händen und Mäu⸗ *) Ein öffentliches, auf gemeinſchaftliche Koſten im Freien began⸗ genes Mahl, wozu das Fleiſch über Kohlen geröſtet wird. Die Ameri⸗ kaner nennen dieſe Zubereitungen barbecue. 286 Abreiſe. lern umherlaufen, ſieht's denn doch etwas zu unappetit⸗ lich aus. Ich hielt mich nicht lange dort auf, ſondern ging in die Stadt zurück, blieb die Nacht bei Hrn. v. Seckendorf, und ging am anderen Morgen um 10 Uhr auf mein Boot, das auch, ganz gegen die ſonſtige Gewohnheit dieſer Art Fahr⸗ zeuge, pünctlich zur beſtimmten Zeit die Stadt verließ und den Arkanſas hinunterbrauſte. Am zweiten Tage kamen wir in den Miſſiſſippi und lie⸗ ßen Arkanſas, den Staat, den ich wirklich von allen in Amerika geſehenen Plätzen am liebſten gewonnen hatte, weit zurück. Vielleicht ſehe ich es nie wieder, aber nie werde ich die Freuden vergeſſen, die ich dort genoß, ſo wie die Freunde, die ich dort fand, denn gar manches treue Herz ſchlägt in dem wilden Lande unter einem groben Kittel oder einem alten ledernen Jagdhemd. Unſer Boot flog an den grünen Ufern vorbei, und ſchon in der dritten Nacht ſetzte mich der Arkanſas am Ufer von Louiſiana, in Bayou⸗Sara, an Land. Aufenthalt in Louiſiana und Heimfahrt. Es mochte 1 Uhr ſein, als ich den Boden von Louiſiana betrat; mein Gepäck war am Lande; die kleine Schaluppe, die mich vom Dampfboot aus an's Ufer gefahren hatte, ſtieß wieder ab, flog pfeilgeſchwind zum rauchenden Koloß zurück, der Lootſe gab das Zeichen zum Weiterfahren, und ſchnau⸗ bend und rauſchend war es bald meinen Blicken entſchwunden. Alles war finſter in der Stadt, kein einziges Licht mehr zu erſehen, und da ich ganz fremd dort war, wickelte ich mich ruhig in meine Decke und legte mich an die Uferbank hin. Die Nacht war warm und höchſt angenehm, aber wie raſend umtobten mich Millionen von Mosquitos, und an Ruhe war gar nicht zu denken; nur als ich mir die Decke über den Kopf zog, daß mir alle Luft ausging, mußten ſie mich wohl eine kurze Zeit zufrieden laſſen, bis ich erſchöpft wieder aufathmete, was dann das Loſungswort für Schaa⸗ ren von ihnen war, mit erneuerter Wuth über mich her⸗ zulaufen. Endlich läutete am gegenüberliegenden Ufer die erſte 288 Bayou Sara. Negerglocke, das Zeichen zum Aufſtehen für die Schwarzen, und bald darauf zeigte ſich auch der erſte blaſſe Streifen im Oſten. Nun aber wurden meine Peiniger auch ganz wie wahn⸗ ſinnig, und es ſchien, als ob alle Mosquitos von Louiſiana gerade da zuſammengekommen wären und ſich vorgenommen hätten, mich auszuſaugen, zu trocknen und aufzubewahren. Ich mußte aufſpringen und umherlaufen, nur etwas Ruhe vor ihnen zu haben. Der Tag brach endlich an, und mit ihm wurden mehre Häuſer geöffnet, unter anderen das eines deutſchen„Kaffee⸗ wirths.“ Ich legte dort meine Sachen ab und fing an ein wenig im Ort umherzuſtreifen. Nach etwa einer Stunde Umherwanderns glaubte ich, es ſei ſpät genug, Kn. aufſuchen zu können, welcher Buchhalter beim Kaufmann Lf. war, fand ihn auch bald(Bayou Sara iſt nicht ſo groß) und wurde herzlich von ihm empfangen. Vor allen Dingen mußte ich mich aber nun in andere Kleider ſtecken, denn Jagdhemd und Leggins ſind wohl etwas ſehr Vorzügliches im Walde, aber doch nicht geeignet ſie in einer Stadt, und noch dazu unter der heißen Sonne von Louiſiana zu tragen. Sommerzeug war jedoch dort nicht theuer, denn eine Maſſe deutſcher Juden hatten ſich in dem kleinen Platze niedergelaſſen und überboten Einer den Anderen, die Kleider ſo wohlfeil als möglich zu geben. Für wenige Thaler hatte ich daher bald einen ganz anſtändigen, leichten Anzug. Bayou Sara iſt ein kleines Städtchen, das von der — Deutſche Juden und Schuſter. 289 Bayou(kleiner Fluß), die ſich gleich über demſelben in den Miſſiſſippi ergießt, ſeinen Namen bekommen hat. Die Häu⸗ ſer waren damals alle von Holz, drei oder vier, von Back⸗ ſteinen gebaute, ausgenommen, und es mochte etwa 800 Ein⸗ wohner zählen, unter ihnen viele Deutſche. Jetzt hat es ſich freilich ſehr vergrößert, und auch die Stadt ſelber ſoll ſich nach einem nicht unbedeutenden Brande ſehr verſchönert haben. Beſonders viel deutſche Juden gab es dort, die ſich vorzüglich mit dem Verkauf fertiger Kleidungsſtücke beſchäf⸗ tigen, und nicht ſelten viel Geld verdienen. Nichts iſt deshalb gewöhnlicher, als einen jüdiſchen Ele⸗ gant zu finden, der, auf das Geſchmackloſeſte herausgeputzt, vornehm mit der Lorgnette umherſchlendert, oder wohl gar aus einem der kleinen Landſtädtchen hereinkommend, um Waaren von den Bayou Sara⸗Kaufleuten einzukaufen, nachläſſig in ſeinem Einſpänner, mit an einer Seite heraus⸗ ſtreckenden Beinen, zurückgebeugt liegt und ſeine Cigarre raucht. Sie machen ſich ſehr gut, und gleiche Exemplare habe ich nur unter Berliner Firmen auf der Leipziger Meſſe wiedergefunden. Beſonders viele deutſche Schuſter waren dort, und hier fiel mir wieder eine Eigenheit auf, die ich faſt an allen deutſchen Schuſtern in Amerika bemerkt habe und nicht gut umhin kann, zu erwähnen. Es iſt dies die Wuth, neben ihrem Geſchäft noch Pfefferkuchen und Zuckerwerk zu verkaufen. Da in den vereinigten Staaten natürlich Jedem frei ſteht zu kaufen und zu verkaufen, was er Luſt hat, ſo findet man, beſonders bei allen Kaufleuten, auch jede Art Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 19 290 Das Hötel. von Waaren, ſei es, was es wolle, und ſogar beſchäftigen ſich in kleineren Städten die meiſten Apotheker mit dem Aus⸗ ſchnitthandel, oder verkaufen Schuhe und Eiſenwaaren. Wo aber ein deutſcher Schuſter ſeinen kleinen Laden aufſchlägt, da iſt es faſt als ob Pfefferkuchen mit dazu gehörten, und ein paar große Gläſer ſtehen dabei mit allerhand farbigen Zuckerſtangen am niederen Fenſter, von mächtigem, braunem gingerbread(Ingwerbrod, eine Art Pfefferkuchen) über⸗ ragt, und darüber hängen an Bindfäden Schuhe und Stiefel, und zwiſchen ihnen treiben ſich maleriſch Stücken Pech und Ahlen herum. Nicht allein in Bayou Sara und St. Francisville(eine faſt eben ſo große Stadt, die etwa ½ Meile davon entfernt auf dem Hügel liegt), ſondern in allen kleineren Orten der vereinigten Staaten, die ich je geſehen, ſelbſt an mehren Stellen in der großen Stadt Cincinnati, habe ich dieſelbe Bemerkung gemacht. Es iſt auf jeden Fall eine eigene Liebhaberei. Eine recht vergnügte Zeit verlebte ich nun wohl in Kn.'s Geſellſchaft, der bei gar lieben Leuten eine Anſtellung hatte, bis ich endlich am gegenüberliegenden Ufer des Miſſiſſippi, in Pointe Coupée, eine einträgliche Anſtellung bekam. Es war die Führung des Hötels, das Rtkn. einſt hielt und vor ſeiner Abreiſe an Herrn F. verkaufte. Dieſer aber, krank und ſehwächlich wie er ſtets war, hatte beſonders da⸗ mals faſt die ganze Zeit im Bette zubringen und das Haus einem Amerikaner überlaſſen müſſen, der auf gräuliche Art darin wirthſchaftete. F.'s Brüder ſahen ein, daß das Ge⸗ Pointe Coupée. Die Levée. 291 ſchäft in kurzer Zeit zu Grunde gehen mußte, und durch Kn. empfohlen, erhielt ich die Führung deſſelben. Hier nun, obgleich ich mich in einem ganz anderen als bisher gewöhnten Wirkungskreiſe bewegte, arbeitete ich mich doch bald in die mir obliegenden Geſchäfte hinein, und befand mich ſehr wohl, weil ich vollkommen unabhängig war und thun und laſſen konnte was ich für gut fand. Mit Luſt und Liebe beſorgte ich meine Geſchäfte und kann wohl ſagen, daß ich bald wieder die ganze Sache in Gang brachte, auch in Pointe Coupée*) viel angenehmer als in Bayou Sara lebte, weil ich an erſterem Platze faſt nur mit den wohlhabenden Pflanzern der Umgegend zu verkehren hatte, und unter dieſen wackere Leute kennen lernte. Beſonders wohnte im Hötel ſelbſt ein irländiſcher Advocat, der dort eine ausgezeichnete Praxis beſaß, und in dem ich einen wah⸗ ren Freund fand. Stets werde ich mit herzlicher Liebe an Herrn Beatty zurückdenken. Bayou Sara gegenüber, etwas den Strom hinauf. liegt das ſogenannte Städtchen Pointe Coupée, was aber nur aus dem Gerichtshofe, dem Gefängniſſe, der katholiſchen Kirche, der Prieſterwohnung und eben dem Hötel beſteht. Da aber das ganze Land am Miſſiſſippi hin, beſonders in Louiſiana, niedriger als der Fluß bei hohem Waſſerſtande liegt, ſo mußten die Anſiedler einen Damm oder ſogenannte *) Pointe Coupee iſt eigentlich der Name einer ganzen franzöſiſchen Anſiedelung in Louiſiana, die ſich einige 20 Meilen am weſtlichen Ufer des Miſſiſſippi hindehnt. 19* 292 Pointe Coupée. levée am ganzen Ufer hin aufwerfen, der gewöhnlich nur 4— 5 Fuß, an manchen Orten aber 18— 20 Fuß hoch iſt. Natürlich iſt dieſer Damm mit ungeheueren Koſten, ihn zu unterhalten, verknüpft, da der gewaltige Strom die Ufer unterwäſcht und ganze Stücke in ſeinen wilden, ſchmuzigen Fluthen mit fortreißt. Dabei haben die unmittelbar am Fluſſe Wohnenden alle Koſten und Arbeit zu tragen, ja ſind ſogar verpflichtet, dieſe levée in Stand zu erhalten, während die im Inneren des Landes Wohnenden, deren Fel⸗ der den Ueberſchwemmungen des Miſſiſſippi weit mehr aus⸗ geſetzt ſind, nicht den mindeſten Beitrag dazu zu ſteuern brau⸗ chen; jedoch wurde die letzten Jahre ſtark darüber geredet, dieſem Mißverhältniß abzuhelfen. Die Hauptproducte in Pointe Coupée ſind Baumwolle, Mais und Zuckerrohr, doch gerathen auch alle Arten von Gartengewächſen ſehr gut. Die Gärten ſelbſt ſind mit ſüßen und ſaueren Orangen, Feigen, Pfirſichen und Granatäpfel gefüllt, und das milde Klima bringt eine unendl iche Maſſe der ſchönſten Blu⸗ men hervor. Was aber wieder den Ackerbau(wenigſtens in einem Theile von Pointe Coupée, denn dieſe Plage iſt nicht über⸗ all) ſehr erſchwert, iſt das ſogenannte Coco⸗Gras, was, unſeren Quecken gleich, das Land torfartig verbindet, und deſſen Wurzeln ſich 12—15 Fuß in der Erde hineindrängen. Wo der Miſſiſſippi Stücken vom Ufer losreißt läßt ſich das am Beſten erkennen. Iſt es erſt einmal auf einem Stück Land eingeriſſen, ſo ¹ 5 —. Sclaverei. 293 hält es ungeheuer ſchwer, es zu vertilgen, ja, iſt wohl ganz unmöglich, denn es wächſt ſo ſchnell, daß es, wenn Abends abgeſchnitten, Morgens ſchon wieder einen Zoll hoch getrie⸗ ben hat. Das Gras iſt für das Vieh nicht beſonders gut, doch freſſen die Schweine leidenſchaftlich gern die kleinen, erbſenartigen Knollen, die es trägt, und die einen ſtarken, kampherartigen Geruch und Geſchmack haben. Die Pflanzer ſind größtentheils Creolen, und die Haupt⸗ ſprache iſt Franzöſiſch, doch da auch viele Amerikaner dort herum wohnen, ſo werden die Gerichtsſitzungen theils fran⸗ zöſiſch, theils engliſch geführt. Auch ein Gefängniß iſt dort, damals aber war ein ſo er⸗ bärmlicher Gefängnißwärter darin(Fritz Haydt, ein deutſcher Schuſter), daß jeder Gefangene, der nur irgend Luſt hatte ſich zu befreien, den Schließer durchprügelte und ſich empfahl, was in den letzten Jahren verſchiedene Male vorfiel. Einen unangenehmen Eindruck aber macht hier die Sela⸗ verei auf den nicht daran Gewöhnten; denn, obgleich ich mich ſchon lange in Sclavenſtaaten aufgehalten und die gedrückte Lage, wie die Behandlung der armen Schwarzen, mit ange⸗ ſehen hatte, war mir das Schreckliche derſelben doch nie ſo vor Augen getreten als bei der er ſten Auction der ich bei⸗ wohnte, und auf der Selaven wie irgend ein Stück Vieh an den Meiſtbietenden verkauft wurden. Mit Zittern und Zagen ſtanden die armen Geſchöpfe da, und folgten mit ängſtlichem Blick dem Bietenden, wohl im Voraus zu erkennen, ob ſie einen guten oder ſtrengen Herrn an ihm haben würden. Zwar werden nicht mehr ſo häufig wie früher Familien und 294 Selaverei. Mutter und Kind getrennt, ſo lange das letztere wenigſtens noch klein iſt; in größeren Auctionen iſt das Gericht auch immer menſchlich genug, die Familien nur zuſammen zu ver⸗ kaufen. Der Einzelne kümmert ſich aber nicht um die, in dieſer Hinſicht vielleicht mildernden Geſetze; er veräußert die Selaven auch einzeln, und wie häufig geſchieht es dann, daß die heiligſten Bande, einiger hundert Dollar wegen, zer⸗ riſſen werden. Ich habe herzbrechende Scenen dabei geſehen. Uebrigens iſt die Behandlung der Schwarzen beſſer, als ſie gewöhnlich, beſonders von den Miſſionairen und Abolitioniſten, ausge⸗ ſchrieen wird. Es liegt ja auch im eigenen Vortheil des Eigenthümers, den Sclaven den er beſitzt geſund und arbeits⸗ fähig zu erhalten, und ihn zugleich nicht zu ſehr anzuſtren⸗ gen, da er ihn ſonſt im Alter zu ernähren hat. So iſt auch die Koſt wohl nicht ſchlechter, als womit in unſerem lieben Vaterlande der arme, freie Mann ſeinen nagenden Hunger befriedigen muß. Daß nun auch hiervon Ausnahmen ſtatt⸗ finden, und oft einzelne Pflanzer ihren Selaven ſchlecht und unmenſchlich begegnen, will ich nicht beſtreiten, doch habe ich auch wieder Leute geſehen, die ihre Leibeigenen faſt wie die eigenen Kinder behandelten. Wir hatten ſelbſt in unſerem Hôtel zwei Schwarze, eine Köchin und ein Stubenmädchen, ebenfalls Sclavinnen, ebenſo einen Hausknecht, doch haben ſich dieſe nie, ſo lange ich dort war, über ſchlechte Behandlung beklagen können. Der Schwarze oder Abkömmling von Schwarzen darf nicht von ſeinem Wohnorte hinweggehen, ohne von ſeinem Sclaverei. 295 Herrn einen Paß ausgeſtellt zu erhalten, während der freie Neger ſeine Papiere bei ſich tragen muß, um ſich, im Fall er angehalten wird, legitimiren zu können. Hat ein Sclave keinen Paß, ſo kommt er in das Gefängniß, bis ihn ſein Herr, nachdem er die Koſten bezahlt, herausholt. Häufig flüchten entflohene Neger in den Wald, und ich erinnere mich, daß ſie in Teneſſee ordentliche Treibjagen an⸗ ſtellten, um ſie wiederzubekommen. Zwar dürfen jetzt keine afrikaniſchen Neger mehr einge⸗ führt werden, wenigſtens iſt ſtrenge Strafe für den Bruch dieſes Geſetzes beſtimmt, doch habe ich in Pointe Coupée und der Umgegend noch viele Schwarze geſehen, die aus ihrem Vaterlande direkt hertransportirt waren, und dort, um ſie von den in Amerika geborenen zu unterſcheiden, Guinea⸗Neger genannt wurden. Schrecklich iſt es, daß den armen Schwarzen alle Er⸗ ziehung verſagt wird, da ſie, wenn ſie ſchreiben und leſen könnten, ſich auch ſelbſt ihre Päſſe ſchreiben würden, und dann vielleicht mit Hilfe dieſer entfliehen könnten. Wie die Haus⸗ thiere werden ſie zur Benutzung und Vermehrung aufge⸗ zogen, und doch haben eben dieſe vereinigten Staaten den ſchönen Satz in ihrer Unabhängigkeits⸗Erklärung,„daß alle Menſchen frei und gleich ſeien.“ In den Städten nehmen die Methodiſtenprediger den armen Schwarzen das Bißchen Verſtand, was ihnen Gott gelaſſen hat, noch vollends hinweg, indem ſie dieſelben in ihrem tollen Glauben unterrichten, und ſie ſpringen und jauch⸗ 296 Jagd in Pointe Coupée.. zen machen. Springen und jauchzen!— ſie müſſen dem lieben Gott noch dafür danken, daß ſie auf der Welt ſind und ſich quälen dürfen; müſſen die Ruthe noch küſſen, die ſie züchtigt. Ja, wohl preſſen ſie ihre Lippen manchmal daran, aber ſie laſſen die Eindrücke ihrer Zähne zurück, und Blut fließt nach dem gewaltigen Drucke; denn wenn ſie nicht offen ſich gegen die Tyrannei der Weißen auflehnen dürfen, ge⸗ ſchieht es heimlich, und mancher des ihnen verhaßten Ge⸗ ſchlechts fällt in der Stille von der Hand der oft muthwillig Mißhandelten. Die Beiſpiele ſind ſehr häufig, und wenn auch die Strafe fürchterlich iſt, die den Neger, der Hand an einen Weißen legt, erwartet, kann ſie die That nicht verhin⸗ dern. Nur die Thäter macht ſie vorſichtiger. Meine Streif- und Jagdzüge hören nun allerdings hier auf, denn von da an, bis zu meiner Heimreiſe die im nächſten Jahr erfolgte, veränderte ich meinen Wohnort nicht mehr. Die Jagd ſelber gab ich aber doch noch nicht ganz auf, wo es meine Mußeſtunden nur irgend erlaubten, und Pointe Coupée bot mir darin wieder manches Neue. Aller⸗ dings mußte ich hier größerem Wild, Alligatoren ausgenom⸗ men, entſagen, und mich mit kleinerem begnügen. Dazu gehörte z. B. die Entenjagd. Der Winter dort war ſehr gelinde, daß ſich an den kälteſten Tagen nur auf kleinen Lachen und Pfützen Eis zeigte, und Schnee zu den Seltenheiten gehörte. In dieſer Jahreszeit kamen denn auch Maſſen von Enten herunter und ich ſchoß ſie meiſt Mor⸗ gens und Abends auf dem Anſtand— natürlich mit der Schrothflinte. Schnepfenjagd. 297 Im Frühjahr und Herbſt betrieb ich aber deſto eifriger ie Schnepfenjagd, und zwar nicht wie bei uns am hellen Tag, oder in der Früh⸗ und Abenddämmerung, ſondern in ſtockfinſterer Nacht mit der Kienfackel, wie ich in Arkanſas die Hirſche geſchoſſen hatte. Nur das eine war dabei zu beobachten, daß man eine ſehr ſchwache Ladung in das Ge⸗ wehr thun mußte, da man auf ſehr geringe Entfernung beim Schein der Fackel an die Schnepfen ankommt, die eben ſorg⸗ los um das Licht auf den feuchten Wieſen hin und herlaufen, ihrer Aeſung nachzugehen. So vertraut ſind dieſe Thiere daß die Neger, die ohne Erlaubniß ihres Herrn keine Flinte führen dürfen, nur mit der Fackel oder Pfanne und langabgehauenen Büſchen hin⸗ ausgehn und die kaum ausweichenden Schnepfen mit dieſen todtſchlagen. Zwei Arten derſelben, und zwar bedeutend kleiner als die unfrigen, kommen vor, doch ſind ſie in ungeheuerer Menge vorhanden, liegen am Tage in den dichten Schilfbrüchen und Sümpfen, und kommen Abends in die feuchten Wieſen und Baumwollenfelder, wo ſie ſich dann, wenn ſich der Jäger mit der Fackel nähert, gewöhnlich ruhig niederducken und geduldig ſchießen laſſen. Ich habe oft 18— 20 an einem Abende, d. h. in etwa 2 Stunden Umhergehens, erlegt. Erſt wenn das Wetter anfängt warm zu werden, ziehen ſie nach dem Norden fort. Sie ſind delicat, und faſt noch zarter als die deutſchen. So gut mir aber die Schnepfen ſchmeckten, ſo wenig kann ich vom Schnepfen— ſagen, denn da ich immer ⁸— 298 Frühling in Louiſiana. genug von den erſteren hatte, ließ ich den letzteren un⸗ berührt. 1. Der Frühling begann jetzt, und wahrlich ein Frühling in Louiſiana iſt etwas zauberiſch Schönes; alle die Gräſer und Blumen, die ſich aus der Erde, all' die Knospen und Blüthen, die aus den Zweigen der Bäume hervorquellen, er⸗ füllen den Beſchauenden mit Entzücken. Beſonders herrlich nahm ſich jetzt das graue, ſilber⸗ haarige Moos aus, das in langen Behängen von den Bäu⸗ men herabwehend, im Winter ihnen ein gar trauriges, ödes Anſehen verleiht, aber dafür auch ſoviel lieblicher erſcheint, wenn es im Frühjahr, ſelbſt eine etwas lebhaftere Farbe an⸗ nehmend, überall von den maigrünen Blättern und Blüthen⸗ knospen durchbrochen wird, und dann den Baum wie ein ſilbergraues, mit grünen Guirlanden und Bouqguets durch⸗ flochtenes Kleid ſchmückt. Am ſchönſten ſehen die langen, ſchlanken Cypreſſen, von den grauen Schleiern umweht, aus. Alle mögliche Arten von Vögeln ließen ſich jetzt blicken, und der mocking bird(Spottvogel) oder, wie er auch wohl ſonſt genannt wird,„die amerikaniſche Nachtigall“ zeigte ſich in großer Menge und flötete, beſonders Nachts, wenn auch nicht ſo ſchwermüthig und bezaubernd als die unſere, doch ſanft und lieblich. Vor dem Hauſe, wie überhaupt vor allen Plantagen in Louiſiana, ſtanden mehre China⸗Bäume, die dort überall der Zierde und des Schattens wegen gepflanzt werden, und unter ihnen auch ein alter Patriarch, der ſeine Aeſte weit ausge⸗ breitet hatte und von dem früheren Eigenthümer dazu be⸗ — Alligatorenjagd. 299 nutzt war, einen Sommerſitz darauf anzulegen. Es war eine Treppe hinaufgebaut und oben ein kleiner, runder Tiſch mit mehren Bänken angebracht. In dieſem Baume nun, und von Zweig zu Zweig, hatte ich meine Hängmatte aufge⸗ knüpft, über dieſe hinweg ein Mosquito⸗Netz geſchlungen und ſchlief nun hier zwiſchen den heliotropartigen Blüthen des Baumes, von den lauen Nachtwinden geſchaukelt, von tauſend Glühwürmern umſchwärmt und vom Flöten des mocking bird und dem Rauſchen des mächtigen Miſſiſſippi, der kaum 20 Schritte von dem Baume vorbeiſtrömte, einge⸗ ſungen. O, es waren das himnmliſche Nächte! Die Hitze wurde im Mai ſchon, beſonders während der Mittagsſtunden, drückend, und die Sonne ſchien gerade her⸗ unterzubrennen; wenn ſich jedoch alle Weißen zurückgezogen hatten, ihre Sieſta zu halten, nahm ich meine Büchſe und Harpune und ging, etwas vom Fluß zurück, an die Sümpfe, um Alligatoren zu ſchießen, die in dem warmen, ſtehenden Waſſer ſich in unglaublicher Anzahl aufhielten. Was ſind aber nicht ſchon für ſchreckliche Geſchichten über die Furchtbarkeit eben dieſer Alligatoren geſchrieben worden, die mit einem wahren Heißhunger und entſetzlicher Mordluſt die Annäherung irgend eines menſchlichen Weſens erwarten und ſich dann ſogleich wüthend auf den Nahenden ſtürzen ſollen. Ich habe ſie ſtets als liebe, harmloſe Thiere gefun⸗ den und ihre Jagd mit großem Eifer getrieben. Da ich ſehr viele mit der Büchſe ſchoß, ſie aber nachher, da ſie wohl noch ein wenig ſchwammen und dann ſanken, nicht bekam, nahm ich meine Harpune, an der ich eine ſtarke, 300 Alligatorenjagd. etwa 20 Fuß lange Schnur befeſtigt hatte, mit, ging bis an den Gürtel in das Waſſer, ſtellte mich unter irgend einen der Cypreſſenbäume, die überall im Sumpfe ſtehen, und erwar— tete ruhig die Ankunft eines derſelben, die langſam in der glühenden Mittagshitze umherſchwimmen oder ſich auch wohl gar am Ufer ſonnen. Kam mir einer auf 12—15 Schritte nahe, ſo war er mein, und der Hauptſpaß fing dann an, wenn er ſich als ein ziemlich ſtarker Burſche auswies und ſich nicht gleich für beſiegt erklären wollte. Er zog hin, und ich zog her. Da mir aber das Stehen in der fürchterlichen Sonnen⸗ hitze doch nicht ſo recht zuſagte, beſchloß ich, einmal die Feuer⸗ jagd zu verſuchen, beſonders da mir mehre Creolen ſagten, daß noch Niemand ſie bei Feuerlicht geſchoſſen habe. Man glaubte nämlich der Alligator ſei in der Nacht kühner und gefährlicher als am Tage. Ich nahm alſo ſchon am nächſten Abend meine Büchſe und die Pfanne mit Kienholz, nebſt der Harpune, und ging damit an Ort und Stelle. Der Anblick, der ſich mir am Rande des Sumpfes darbot, war wahrhaft entzückend und allein ſchon werth, alle nur möglichen Mosquito-Biſſe zu verachten und zu ertragen. Die dunkle Waſſerfläche, in welcher ungeheuere Cypreſ⸗ ſen, mit in der Nachtluft hin und her wehendem Mooſe ſtan⸗ den, der düſtere, finſtere Wald der ſie umgab, das Geheul der Eule und das melancholiſche Gebrüll des Ochſenfroſches waren allgewöhnliche mir nur zu wohl bekannte Sachen. Im Waſſer aber plätſcherte und ſprang es und ſchlug die aufgeregte —ᷓaʒVn—— Alligatorenjagd beim Kienfeuer. 301 Fläche, und als ich den Schatten meines Kopfes, durch die helle Kienflamme hinter mir geworfen, auf die dunkle Fluth fallen ließ, ſchauten mich von allen Seiten Hunderte von rothglühenden Augen an, die bald ruhig auf einer Stelle blieben, bald in geradem, geräuſchloſem Zuge einherſchwam⸗ men. Es waren die Augen von Alligatoren, die wie Stücke rothheißen Eiſens vom Waſſer herüberſchienen. Da ich nur eine Hand frei hatte, konnte ich Büchſe und Harpune nicht zu gleicher Zeit führen, ſchoß daher mit der erſteren einen der nächſten in den Kopf, legte dann die Büchſe hin, ergriff die Harpune, und ſie dem nur 6— 7 Schritte Entfernten in den Leib werfend, zog ich ihn mit der Schnur an das Ufer. Zwei hatte ich ſchon auf dieſe Art in Sicherheit gebracht, als ich ein Paar große Augen auf mich zukommen ſah. Ich zielte, ſchoß, warf die Büchſe hin, und ſchnell die Harpune aufgreifend, benutzte ich den Zeitpunct, in dem der Verwun⸗ dete ſich im Waſſer umherwälzte und den weißen Bauch zeigte, und ſchleuderte ihm den Dreizack in den Leib. Ich ſtand im Augenblicke des Werfens dicht am Rande des Waſſers, das Ende der Schnur um mein rechtes Hand⸗ gelenk befeſtigt. Kaum aber fühlte der Alligator das ſpitze, mit Widerhaken verſehene Eiſen, als er wüthend fortſchoß und untertauchte und ehe ich mich nur im Mindeſten ſtemmen konnte, riß er mich mit aller Gewalt zu ſich ins Waſſer. Die Pfanne entfiel meiner Hand, der Kien verlöſchte ziſchend, dabei konnte ich mit dem beſten Willen nicht loslaſſen, denn die Schnur war gut befeſtigt und zweimal ſchon hatte ich „ 302 Alligatorenjagd. durch das kräftige Reißen des geängſteten Thieres unter⸗ tauchen müſſen. Da fühlte ich feſten Boden, denn die Sümpfe ſind dort nicht ſehr tief, und mich tüchtig einſtemmend, kam ich zu einem Halt. Der Alligator war indeß wohl auch von Blutverluſt und Anſtrengung erſchöpft worden. Leiſe und vorſichtig ziehend erreichte ich daher das Ufer und fing nur erſt hier, als ich mich vollkommen ſicher glaubte, wieder an ſtärker zu ziehen, das angeſchoſſene Thier auf den Damm zu holen und abzufangen. Da raffte die Beſtie noch ein⸗ mal ihre letzten Kräfte zuſammen, und wieder flog ich Hals über Kopf ihm nach in die dunkle hochaufſpritzende Fluth. Doch war dort das Waſſer kaum 4 Fuß tief, und Boden fühlend, zog ich jetzt mit leichter Mühe den nur noch matt Widerſtrebenden auf das Trockene. Den großen Alligator, er war ungefähr 10 Fu ß lang, konnte ich nun freilich zu Nichts brauchen, denn obgleich die Pflanzer das Fett derſelben für ihre Baumwollen⸗ Maſchinerieen benutzten(zu welchem Zwecke es außerordent⸗ lich gut ſein ſoll), ſo war er doch zu alt, um genießbar zu ſein. Den beiden erſt geſchoſſenen aber, die 3 und 4 Fuß lang ſein mochten, ſchnitt ich die Schwänze ab und nahm ſie mit, um ſie zu eſſen. Nur ſehr wenige Creolen, nicht einmal die Neger, getrauen ſich übrigens das Fleiſch der Alligatoren zu genießen, weil ſie ſich theils davor ekeln, theils glauben, daß es giftig ſei; ich fand es jedoch vorzüglich und ſpürte nie böſe Folgen. Das Fleiſch iſt weiß und feſt, und ſchmeckt ganz fiſchähnlich, ſieht auch eben ſo aus, nur muß der Schwanz ſogleich vom Körper getrennt und der Rückenknochen oder Alligatorenjagd. 303 die Rückengräte herausgelöſt werden, da es ſonſt den moſchus⸗ artigen Geruch, der beſonders den älteren Thieren eigen iſt, annimmt. Später gingen wir immer zu Zweien auf die Alliga⸗ torenjagd, wo einer ſchoß und der Andere harpunirte, was das Ganze bedeutend erleichterte. So ſcheu übrigens der Alligator die Gegenwart des weißen Mannes flieht, ſo arg iſt er hinter Negern und Hun⸗ den her und verfolgt beſonders die letzteren mit merkwür⸗ diger Wuth. Ich ſtand eines Nachmittags, mit der Harpune in der Hand, bis an den Gürtel im Waſſer, und obgleich ich viele Alligatoren ſchwimmen ſah, wollte doch keiner nahe genug an mich herankommen. Da weiß ich nicht, wie mir es einfiel, um aber einen herbeizulocken, fing ich an wie ein Hund zu bellen. Ich hatte das Experiment kaum drei oder vier Male wieder⸗ holt, als ich etwa 15 oder 16 ziemlich ſtarke Burſchen gerade auf mich zukommen ſah. Das war mir denn doch zu viel; ſo tief im Waſſer, wie ich ſtand, war ich nicht einmal recht Herr meiner Bewegungen, und mit gewaltigen Schritten arbeitete ich mich nach dem etwa 100 Fuß entfernten Ufer hin. Dort fing ich nun zwar auf's Neue an gewaltig zu bellen, da ich aber ganz offen und frei ſtand, ſcheuten ſich die Beſtien ſo dicht heranzufommen, und begnügten ſich da⸗ mit, in anſtändiger Entfaz ig um mich herumzuſchwimmen. Die katholiſche Religthſttziſt die vorherrſchende in Loui⸗ ſiana; obgleich aber der Ssttesdienſt ganz nach römiſcher —2 Sitte gehalten wird, ſind es die Einrichtungen nicht, denn 1 304 Die katholiſche Gemeinde. der Prieſter wird von der Gemeinde gewählt, und der Biſchof hat weiter Nichts dabei zu ſagen. Vor kurzer Zeit ſchickte der Pariſh in dem wir uns be⸗ 3 fanden ſeinen Prieſter fort, weil man nicht länger mit ihm 4 zufrieden war, dieſer aber, vom Biſchof eingeſetzt, behauptete, auch von dieſem nur wieder abgeſetzt werden zu können, nahm Mr. Beatty zu ſeinem Advocaten an und verklagte ſeine Beichtkinder. Mr. Beatty gewann auf der halbjährigen Gerichtsſitzung des Staates den Proceß für ihn; die Gemeinde aber, damit nicht zufrieden, appellirte an den Gerichtshof der vereinigten Staaten in New⸗Orleans. Der Prieſter reiſte hinunter, nahm dort einen anderen Advocaten an und bekam folgen⸗ wenn ſie mit ihrem Prieſter nicht zufrieden wären, ihn weg⸗ ſchicken könnten, und daß weder Biſchof noch Papſt in den vereinigten Staaten etwas zu befehlen habe.“ mich endlich nach Deutſchland zurückzukehren. Krn. war ſchon lange in New⸗Orleans, wo er mit einem Franzoſen, Hrn. Bourquin, ein Commiſſions⸗Geſchäft etablirt hatte, und ich fing an mich einſam und verlaſſen in Pointe Coupée zu fühlen. Daher brachte ich all meine Sachen in Ordnung und konnte um ſo eher meine Stelle aufgeben, da ich vorher einen Bruder des Herrn F., der ſchon früher einmal mit dieſem in Compagnie geweſen war, bewogen hatte daſſelbe wieder zu übernehmen. Alles ging jetzt wieder einen geregella ten, und weit beſſeren Gang als früher, und das Hotel hatte Erſt gegen Ende Juni des nächſten Jahres entſchloß ich 3 den Beſcheid:„Daß die Bürger des Pariſh Pointe Coupée, 305 Die Ufer des Miſſiſſippi. ſeinen guten Ruf den es unter Rtkn. gehabt, ſo ziemlich zurückgewonnen. So verließ ich am 5. Juli(derſelbe Tag, an dem ich ein Jahr vorher von Little⸗Rock abreiſte) Pointe Coupée, herzlichen Abſchied von allen dortigen Freunden und Bekannten nehmend, ſchiffte mich auf dem Dampſſchiff 4„Eelypſe“ nach New⸗Orleans ein, und erreichte am nächſten 1 4 Tag New⸗Orleans. Ddie Ufer des NMiſſiſſippi, im unteren Theile von Loui⸗ ſiana, bieten dem, auf flüchtigem Boote Vorübereilenden ein wunderliebliches Panorama von Städten und einzelnen Plan⸗ tagen dar. Beſonders ſehen die letzteren gar eigenthümlich und herrlich mit ihren, zwiſchen dunkeln Orangen⸗ und Granatbaumhecken verſteckten Herrenhäuſern aus, um welche die einzelnen Sclavenwohnungen, die gewöhnlich aus lauter L ganz gleichförmigen, weißangeſtrichenen, einſtöckigen Häu⸗ V ſern beſtehen und in Straßen angelegt ſind, wie kleine Dör⸗ fer ſich anſchmiegen. Daneben geben die ungeheueren Zucker⸗ und Baumwollenfelder, in denen Schaaren von Schwarzen, unter der Aufſicht eines berittenen Weißen ar⸗ beiten, Heerden von kleinen Muſtangs oder Poneys, die mit hochgehobenen Schweifen und Mähnen am Ufer hin und her galopiren, kleine Schooner und ſogenannte„chicken thie- ves“(Hühnerdiebe), die mit geblähten Segeln am Ufer hin⸗ ſchießen, dem Ganzen ein lebendiges, freundliches Anſehen. Jetzt zwar ſah es nicht überall ſo wohnlich aus; der Miſſiſſippi war bedeutend geſtiegen und hatte an mehren Orten den 1 Damm durchbrochen, ſo daß viele Zucker⸗ und Baumwollen⸗ felder ganz unter Waſſer ſtanden. Es gab das der Land⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. 11. 20 New⸗Orleans. ſchaft etwas Wüſtes, Unheimliches, der Reichthum des Lan⸗ 4 des ließ ſich aber doch nicht verkennen, und wenn man dem Aeußeren nach urtheilen wollte, mußte der blaue Himmel hier ein glückliches Land überſpannen— ob das nun freilich auch die Selaven ſagten?— 8 Am nächſten Morgen, etwa um 9 Uhr, näherten wir uns dem Stapelplatze des Südens, dem mächtigen New⸗ Orleans und eine Maſſe Schaluppen, Schooner, Brigs und ſelbſt Barken, die oberhalb der Stadt lagen, gaben ſchon Zeugniß von dem geſchäftigen Treiben der ungeheueren Han⸗ delsſtadt. Wir hatten einige 40 Stück Rindvieh an Bord, die von St. Louis heruntertransportirt wurden, und ſetzten ſie in Lafayette, einer Vorſtadt von New⸗Orleans, an das Land, 3 d. h. das Boot legte nahe am Ufer an, und die Ochſen und. Kühe wurden über Bord getrieben, wo ſie dann meiſtens mit gar ſonderbaren Capriolen und Purzelbäumen ſich erſt überkegelten, ehe ſie in's Waſſer kamen, und dann ſelbſt an Land ſchwimmen mußten. 4 Das abgemacht, arbeitete die Maſchine wieder auf's V Neue, und an Schiffen von allen Sorten und allen Nationen vorbeifahrend, landeten wir um 10 Uhr zwiſchen einigen 4 ſechszig anderen Dampfbooten an der Levée von New⸗ Orleans. Ich fand Krn. augenblicklich, ging mit ihm in das Wirthshaus, wo er wohnte, um meine Sachen dort abzu⸗ legen, und dann ſchlenderten wir ein wenig in der Stadt herum, uns von alten, vergangenen Zeiten unterhaltend. 2 New⸗Orleans. 307 Die Hitze war drückend, und wir mußten bald wieder Schutz im kühlen Schatten des Hauſes ſuchen, den wahrhaft ſen⸗ genden Sonnenſtrahlen zu entgehen. Gegen Abend aber, als es ſchattig und kühl wurde, fuhren wir hinauf gen Lafayette, wo mehre Bremer Schiffe liegen ſollten, dieſe an⸗ zuſehen und den Tag ihrer Abfahrt zu erfahren. Wir fanden den„Olbers“ und den„Johann Friedrich,“ beide für Bremen beſtimmt. Die„Favorite“ war erſt am Tag vorher abgeſegelt. Die Abfahrt der beiden Schiffe ſchien übrigens noch gar nicht ſo genau bekannt zu ſein, und ich ſah es ſchon kommen, daß ich einige Wochen in New⸗Orleans liegen mußte. Die Stadt hatte ſich, ſeit ich dort geweſen war, unge⸗ heuer vergrößert und auch verſchönert. Sie dehnte ſich jetzt 7 Meilen am Ufer des Miſſiſſippi hin, von einer faſt unun⸗ terbrochenen Reihe der verſchiedenartigſten Fahrzeuge dicht begrenzt. Sonſt bietet die Stadt freilich nicht viel Merkwür⸗ diges dar als gerade, ſchöne Straßen mit großen, reinlichen Häuſern und geſchmackvoll herausgeputzten Läden. Intereſ⸗ ſant aber iſt es die Menſchen zu beobachten, die ſich zu jeder Tageszeit, ſelbſt in der glühendſten Sonnenhitze, durch die Straßen treiben, wo man dann zwiſchen Schwarz, Braun und Weiß alle nur mögliche Schattirungen zu ſehen bekommt. Am anziehendſten war für mich der untere Markt, dicht an der Levée, wo man Alles kaufen kann was nur in Amerika aufzutreiben iſt, und gar einladend ſehen die Stände der Obſthändler aus, ebenſo die Fiſchhändler mit den ver⸗ ſchiedenen Gattungen von Fiſchen die ſie feilbieten. Aber mitten zwiſchen all' dem Geräuſch und Spectakel ſind über⸗ 20* 308 New⸗Orleans. all, oft im tollſten Gedränge, kleine Ruhehäfen angelegt, wo eine blank geſcheuerte, koloſſale, meſſingene Kaffeemaſchine auf einem kleinen Tiſche, um den mehre Stühle ſtehen, fun⸗ kelt. Taſſen, mit mehren Tellern voll Backwerk, ſtehen dabei, und hübſche, junge Mädchen beſorgen das Einſchenken. Zu jeder Stunde des Tages und der Nacht kann man hier hei⸗ ßen Kaffee bekommen(bei manchen auch ebenfalls Thee und Chocolade), und ich bin faſt jede Nacht, da ich mich nicht entſchließen konnte, in den kleinen, heißen Stuben wohin kein Luftzug drang, zu ſchlafen, wenn mich nicht die äußerſte Er⸗ ſchöpfung dazu zwang, in den ſtets belebten Straßen um⸗ hergeſchlendert und habe Kaffee getrunken. Mit Tagesanbruch ging ich dann auf dem unteren Markte herum, dort das Leben und Treiben beobachtend und das Gewimmel von Amerikanern, Franzoſen, Creolen, Engländern, Deutſchen, Spaniern, Italienern, Negern, Mulatten, Meſtizen, In⸗ dianern ꝛc. zu ſchauen, verfügte mich dann zu Hauſe, früh⸗ ſtückte, wobei, der Sitte der Creolen gemäß, ſtatt Kaffee, Rothwein mit Eis zum Frühſtücke getrunken wird, und legte mich ein paar Stunden nieder. Krn. leiſtete mir, ſoweit es ſeine Geſchäfte erlaubten, treulich Geſellſchaft, und manche lange Stunde verplauderten wir mit einander. Endlich, nach dreiwöchentlichem Harren, war am 22. Juli der„Olbers“ cleared d. i. fix und fertig, auszu⸗ laufen, unſere Sachen waren am Bord, Abſchied war ge⸗ nommen, ein recht herzlicher Abſchied von Krn. den ich wie einen Bruder liebgewonnen, und um 10 Uhr Abends legte das Schlepp⸗Dampfboot„Porpoiſe,“ an unſerer Seite an. d Mündung des Miſſiſſippi. 309 Hier aber fanden wir Geſellſchaft; die Porpoiſe hatte noch eine franzöſiſche Brig und drei Schooner im Schlepptau, und fort ging es jetzt, feſt an die Seite des rauchenden und puffenden Dampfers geſchnallt, wie eine kleine Flotte den dunkeln Strom hinunter. Gegen Mittag erreichten wir die Mündung des Miſſiſſippi und warfen Anker. Aber, lieber Gott, was für eine Gegend iſt das; überall ragt das grüne, dünne Rohr aus dem Waſſer hervor und bildet ſo einen landähnlichen Gegenſatz zum Fluß, aber ohne Ufer. Ueberall dazwiſchen durch drängt ſich die gelbe Fluth, daß ſich kein Zoll breit feſten ſicheren Bodens dem Fuß, wie dem faſt ängſtlich umherſchweifenden Auge bietet. Der Miſſiſſippi iſt hier noch ein Strom, aber er hat keine Ufer mehr, und ſieht dennoch aus, als ob er in ſein Bett einge⸗ ſchloſſen wäre. Wie groß war aber mein Erſtaunen, als ich Häuſer aus dieſer Waſſer⸗ und Schilf⸗Wüſte hervorragen ſah und ſogar lebende Weſen bemerkte, die ſich zwiſchen ihnen herum zu bewegen ſchienen. Wir konnten, nach Ausſage unſeres Lootſen, erſt am nächſten Morgen, bei hellem Tage und mit Eintritt der Fluth, die Ueberfahrt über die Sandbank, welche ſich hier quer durch den Fluß zieht, verſuchen, und der Capitain beſchloß, da wir doch den ganzen Nachmittag Nichts weiter zu thun hatten, nach der Häuſerreihe hinüberzufahren, um zu ſehen ob wir dort vielleicht Auſtern oder ſonſt etwas Eßbares zu kaufen bekannnen Aurhhn Geſagt, gethan! Capitain Exter nahm noch, außer mir, zwei Paſſagiere, einen Hamburger, 310 Die Mündung des Miſſiſſippi. Hrn. Beuk, und einen Amerikaner, mit in die Schaluppe, und eine halbe Stunde ſcharfen Ruderns brachte uns an Land. An Land? nein, an, auf Pfähle befeſtigte Breter. Ein ſchrecklicherer Ort wie dieſer iſt mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen. Dieſer Vorpoſten amerikaniſcher Glückſeligkeit ruht auf Pfählen, auf denen die Häuſer erbaut ſind, und unter wel⸗ chen das Waſſer zur Fluthzeit ganz freundlich herumläuft. In der Ebbe, und Ebbe war es als wir hinüberfuhren, läßt es aber einen dünnen, zähen Schlamm zurück, auf dem kein Menſch gehen könnte, ohne einzuſinken und für immer zu verſchwinden. Um jedoch die Verbindung zwiſchen den leichten Breterhäuſern herzuſtellen, waren(auf welche Art, iſt mir noch jetzt unbegreiflich) Pfähle eingeſchlagen oder wohl nur in den Schlamm eingedrückt, und auf ihnen Plan⸗ ken befeſtigt, ſo daß man nur auf dieſen umhergehen konnte; unten im Schlamme aber wimmelte es von allerlei ekelhaften, kriechenden Geſchöpfen. Schon früher hörte ich einmal einen Amerikaner ſagen; der liebe Gott habe gar nicht beabſichtigt, daß Menſchen in Louiſiana leben ſollten, und das Land blos für Mosquitos, Alligatoren und Ochſenfröſche erſchaffen. Hier wurde mir das aber erſt recht klar, denn wie ein vernünftiger Menſch auf den Gedanken kommen konnte, ſich an einem ſolchen Platze häuslich niederzulaſſen, begreife ich jetzt noch nicht. 1 Die Einwohner fangen, eine kurze Strecke von dort ent⸗ fernt, Auſtern, verkaufen einen Theil von dieſen an die Schiffe und ſchaffen ihre kleinen, damit beladenen Fahrzeuge Die Mündung des Miſſiſſippi. 311 nach New⸗Orleans hinauf, wo ſie dann andere Proviſionen dafür eintauſchen und zu ihren Familien(ja wirklich Fa⸗ milien, denn ſelbſt Frauen und Kinder leben dort) zu⸗ rückkehren. Die Männer ſind meiſt alle Lootſen. Als wir hinkamen, war auch nicht eine einzige Auſter im ganzen Neſte, ja nicht einmal etwas Anderes, denn wie mir geſagt wurde, erwartete die ganze Bevölkerung ſehnſüchtig ein Proviſionsboot. Ein Glas, mit Vitriol verſetzten„brandys“ war Alles was wir dort bekommen konnten, und froh, den wahnſin⸗ nigen Mosquitos der kleinen Anſiedlung entgangen zu ſein, fuhren wir wieder an Bord zurück. Um 9 Uhr nächſten Morgens lichteten wir die Anker, das Dampfboot„Porpoiſe,“ das während der Zeit einige kleinere Schiffe über die Sandbank gebracht hatte, kam heran, nahm uns in das Schlepptau, und mit genauer Noth rutſchten wir über den Sand fort, auf dem wir deutlich den Kiel konnten ſcheuern fühlen. Die„Porpoiſe“ führte uns noch mehre Meilen in den Golf hinein und verließ uns dann, unſeren Weg, ſo gut wir konnten allein fortzuſetzen. Da aber faſt gar kein Wind wehte, ging die Sache ſehr langſam, und endlich lagen wir ganz ſtill. Meine Mitpaſſagiere beſtanden aus dem ſchon erwähn⸗ ten Hamburger Kaufmanne, dem Amerikaner, der nach Deutſchland kam um Leute für Texas zu werben und ſeine Tauſende von Ackern, die er dort beſaß, zu verkaufen(ich habe noch nie einen von Texas Kommenden geſehen, der nicht 312 Das Seebad. Schlechte Folgen. behauptete, dort wenigſtens 10,000 Acker gutes Land zu beſitzen), nebſt einem Lübecker, der in Amerika geheirathet hatte und nun ſeine Frau und zwei Kinder mit hinübernahm, um im Vaterlande wieder ſeinen Wohnſitz aufzuſchlagen. Am 25. Juli, bei vollkommener Windſtille, ſprang ich über Bord und badete in der kryſtallhellen Fluth. Ein won⸗ nigeres Gefühl läßt ſich aber nicht beſchreiben, als das Schaukeln und Umherwälzen, Untertauchen und Schwimmen in dem warmen Waſſer des Golfes; mir ſcheint es faſt, als ob ein Menſch dort gar nicht untergehen könnte, wenn er auch wirklich Nichts vom Schwimmen verſteht, ſo leicht und korkähnlich trägt das ſalzige Waſſer den Körper. Ich fühlte eine ordentliche Sehnſucht, einſt, nach der Seelenwanderung, ein Delphin zu werden und dann nach dem Golf von Mexiko zu ziehen, um mich dort anzuſiedeln. Neugeſtärkt entſtieg ich endlich der blauen Fluth und legte mich hin, um auszuruhen, da ich furchtbar müde zu werden anfing. Das Seebad iſt mir übrigens noch nirgends gut bekom⸗ men, und auch am nächſten Tage fühlte ich ein leichtes Un⸗ wohlſein. Schon in New⸗Orleans hatte ich mich die letzte Zeit nicht ganz wohl befunden, aber immer keine Medicin nehmen wollen; jetzt aber glaubte ich es doch gerathen und verſchluckte ein Gläschen voll, in Madeira⸗Wein aufgelöſten Brechweinſtein, den ich zur Vorſicht mitgenommen hatte. Ich nahm eine etwas zu ſtarke Doſis, und es wirkte gewaltig, doch befand ich mich nachher etwas beſſer. Am 28. und 29. Juli fingen wir zwei Haifiſche, die ge⸗ geſſen wurden und ziemlich gutes Fleiſch hatten; ich konnte ⁵⁴ Der gute Troſt. 313 aber wenig davon genießen, denn ich wurde ernſtlich krank und bekam Fieber und furchtbare Stiche in der Bruſt, ſo daß ich mich nicht ohne die ſchrecklichſten Schmerzen bewegen konnte. Beunruhigend war es inſofern, da noch fünf Ma⸗ troſen ſich ebenfalls hinlegten, und ihre Krankheit einen ganz ſonderbaren Charakter annahm. Wie ich eines Abends, vor den Mondesſtrahlen geſchützt, die in dieſem ſüdlichen Klima gefährlicher als die Sonnen⸗ ſtrahlen ſein ſollen, da lag, hörte ich den Steuermann ſich mit dem ebenfalls kränkelnden amerikaniſchen Paſſagier unterhalten. Der erſtere bemerkte dabei ganz freundlich, daß, ehe wir aus dem Golf herauskämen, wohl fünf Mann, in Segeltuch eingenäht, über Bord wandern müßten, und mich nannte er mit, unter den Uebrigen. Das war mir aber über den Spaß; allen Mühſeligkeiten und Gefahren des feſten Landes entgangen zu ſein, um auf der Heimfahrt wie ein kranker Hund zu verenden, wäre doch zu bös geweſen, und ich beſchloß, dem alten Grundſatz getreu,„was man will, kann man,“ wieder geſund zu werden. Von Herrn Beuk, mit dem ich in New⸗Orleans mehre Arten von Liqueuren eingekauft hatte, ließ ich mir einen tüchtigen Arrak reichen, daß ich glaubte glühende Lava ſtröme mir durch die Adern, dann ſchüttete er mir etwas von derſelben Art auf Bruſt und Schulter und rieb es tüchtig ein, und ermattet entſchlief ich in wenigen Minuten. Schon am nächſten Morgen fühlte ich mich leichter und beſſer. Am 2. Auguſt konnte ich wieder, wenn auch noch etwas matt, umhergehen, fühlte mich aber bedeutend wohler. 7 r, 314 Waſſerhoſe. Küſte von Cuba. Todesfälle. Am Nachmittag deſſelben Tages ſahen wir im Oſten die erſte Waſſerhoſe, die ſich wie ein dünner, ſchwarzer Streifen aus den Wolken in's Waſſer hinabzog; ſie war jedoch weit entfernt, und wir verloren ſie bald aus dem Geſicht. Am 3. Auguſt ſahen wir Cuba und fuhren, gegen Nachmittag, dicht am Ufer hin, daß wir deutlich die hohen Palmen und verſchiedene Landhäuſer erkennen konnten. Unſere Matroſen wurden aber jetzt immer bedenklicher krank, und da kein Arzt an Bord war, und wir nur eine Medicinkiſte hatten, mit deren Inhalt kein Menſch recht um⸗ zugehen wußte, war allerdings wenig Hoffnung für die armen Teufel. Es blieb kaum einen Zweifel unterworfen daß ſie, von dem in New⸗Orleans ſchon vor unſerer Abreiſe begonnenen gelben Fieber, den Krankheitsſtoff mit an Bord genommen hatten. Denſelben Abend ſtarb einer von ihnen, ein Amerikaner, und als er in den letzten Zügen lag, bekam er einen Blut⸗ ſturz aus Mund und Naſe. Es ſah fürchterlich aus. Um drei Viertel auf 9 Uhr ſtarb er, und um 12 Uhr wurde er, ohne weitere Ceremonieen, in Segeltuch eingenäht, über Bord geworfen. Er fing ſchon an in Verweſung überzugehn. Am 4. Auguſt fuhren wir an der„Pan of Matanzas“ vorbei, mußten aber am Abend, da wir der Küſte zu nahe kamen und keinen günſtigen Wind hatten, wieder laviren und ſteuerten dem feſten Lande von Florida zu. Am 6. Auguſt war wieder Windſtille, und die Hitze faſt unerträglich. Gegen 11 Uhr Abends ſtarb der zweite Ma⸗ troſe und wurde noch vor Tagesanbruch über Bord geworfen. j te Ho 231 Die dritte Leiche. 315 Am 7. Auguſt dieſelbe Hitze und derſelbe ſchlechte und ſchwache Wind wie geſtern. Auf dem Verdeck lag der Auf⸗ wärter der Cajüte ſchwer krank, und vorn im Bugſpriet noch zwei andere Matroſen, ein Italiener und ein Franzoſe. Ich hatte mich wieder ziemlich erholt und war nur noch etwas ſchwach, jedoch außer aller Gefahr, doch waren wir Alle mißgeſtimmt und niedergeſchlagen; die beiden Sterbe⸗ fälle und die noch forttobende Krankheit machten keineswegs einen günſtigen Eindruck auf uns. Gegen Abend wurde der arme Teufel kränker und bekam hie und da blaue Flecken am Körper. Der Capitain ließ ihm ein Fußbad von Senf und Waſſer machen; er ſchrie aber fürchterlich, als zwei Matroſen ihm die Füße hineinhielten. Um 8 Uhr fing er an zu phantaſiren und redete von ſeiner Heimath und ſeiner Mutter, dann wurde ihm die Zunge ſchwer, und er fing an zu röcheln; halb 9 Uhr kam das ſichere Todeszeichen, das Blut aus Mund und Naſe, und noch ein⸗ mal ſtreckte er ſich und war nicht mehr. Um 10 Uhr ſchon mußten ihn die Kameraden, in ſeine Decke genäht, über Bord werfen, weil wir nach kaum andert⸗ halb Stunden den Geruch nicht ertragen konnten. Leiſe hoben ſie ihn auf das Schiffsgeländer, ſprachen ein kurzes Gebet, und der dumpfe Fall des Körpers in die Fluth unten ſprach ſchaurig das Amen dazu. Wir hatten keine Steine und Gewichte, um die Füße des Leichnams zu beſchweren, und vom leichten Wellenſchlag ge⸗ hoben, trieb der Körper, an dem das Schiff langſam vor⸗ beiſtrich, auf den ſchaukelnden Wogen. Es ſah faſt aus, 316 Das naſſe Grab. als ſchwimme er und bemühe ſich, das Schiff mit ſeinen Kameraden wieder zu erreichen, um nicht allein in der ſchauer⸗ lichen Waſſerwüſte zurückgelaſſen zu werden. Der Mond beſchien hell die flimmernden Wellen, und in dem breiten Licht- und Gluthſtreifen, den er auf dem Waſſer zog, ſahen wir noch lange die dunkele Leiche mit den Wogen ſteigen und fallen. Schweigend ſchauten wir Alle dem Armen nach und hat⸗ ten wohl Urſache, ängſtlich zu ſein, denn wenn das Sterben ſo fortging, wußten wir nicht, wie bald wir an die Reihe kommen würden. Auch wären wir nach dem Verluſte von noch zwei Matroſen gezwungen geweſen, wieder in irgend einen amerikaniſchen Hafen einzulaufen, da wir das Schiff nicht mehr hätten regieren können. Schon mit zu wenig Leuten waren wir von New⸗Orleans abgefahren, da ſechs deutſche Matroſen dort entlaufen und einer geſtorben war, wofür unſer Capitain nur zwei Amerikaner, einen Franzoſen und einen Italiener wiederbekommen hatte. Mit der letzten Leiche aber ſchienen beſſere Sonnen für uns tagen zu wollen. Der Wind drehte ſich ſchon ein Vier⸗ tel 11 Uhr nach Weſten und blies ſcharf und kühl, daß die 1 Segel ſich blähten, und das Schiff ſich unter dem Druck der gewaltigen neigte und hob. Am nächſten Morgen ließen wir alles Land weit hinter uns und liefen am 9. Auguſt in den atlantiſchen Ocean ein. Die Kranken beſſerten ſich, und ſchon am 14. Auguſt war Alles geſund und arbeitsfähig. Das Schiff ſchoß jetzt mit gutem Winde luſtig vorwärts, Der atlantiſche Ocean. Die erſten Leuchtfeuer. 317 und da wir, ſobald wir den Golfſtrom, in dem immerwäh⸗ rende Gewitter herrſchen, verließen, das ſchönſte Wetter von der Welt und einen ſcharfen Südweſt⸗Wind bekamen, waren wir bald munter und guter Dinge. Wir vertrieben uns Morgens die Zeit mit einem Buch oder einer Partie Schach, und ſpielten Nachmittags regel⸗ mäßig Whiſt mit dem Blinden, Capitain Erter, Beuk und ich; ſo verflog uns die Zeit wirklich merkwürdig ſchnell, und kam ja einmal eine Pauſe in die Unterhaltung, nun ſo prügelte die Amerikanerin ihren Mann, den übecker, etwas durch und warf ihm irgend ein höchſt nöthiges Hausrath⸗ ſtück an den Kopf, oder der Amerikaner wurde vom vielen Trinken halb verrückt und ſchwatzte allerlei tolles Zeug, 7 ſo daß wir uns bis an die Einfahrt in den Canal(in den erſten Tagen des September) ſehr gut unterhielten. Hier kam ein europäiſches Küſten⸗Fahrzeug, ein kleiner Kutter, an uns heran und verkaufte uns Kartoffeln und friſche Fiſche, die gar nicht ſchlecht nach ſo langem Entbehren von etwas Ungeſalzenem mundeten. Dichter Nebel umhüllte jedoch das Ufer, und nur nach Dunkelwerden ſahen wir, erſt an der Küſte von England, ſpäter an der Küſte der Nor⸗ mandie, Leuchtfeuer. Es war auch wieder ein nebliger, feuchter Tag ge⸗ weſen, wo wir mit ungünſtigem Winde lavirt und lavirt hatten, da erhob ſich gegen Abend ein friſcher Weſtwind, jagte die dicken Nebel vor ſich her, und ausgebreitet im herr⸗ lichſten Gluthenlicht der untergehenden Sonne, lag die eng⸗ liſche Kreideküſte, von Tauſenden von Fahrzeugen umſchau⸗ 318 Das erſte Land. kelt, mit allem Zauber des vaterländiſchen Bodens geſchmückt, vor unſeren trunkenen Blicken. Es war ein wundervolles Schauſpiel. Das Meer war nur leiſe bewegt, und wie weiße Schwäne ſchoſſen Unmaſſen von kleinen, leichten Fiſcherkähnen hin und her, und darüber hinaus ragte Albion, die weißen Küſten vom roſenrothen Schimmer der Abendröthe übergoſſen. Ich ſtieg hinauf in den Maſtkorb, um ungeſtört zu ſein, und dort hing ich und überſchaute das alte, liebe, ſo lang— erſehnte Europa, das mit ſeinem freundlichſten Lächeln den armen, ſeemüden Wanderer begrüßte. Erſt als tiefe Nacht Alles umſchattet hatte, ſtieg ich wieder auf das Verdeck hinab. Die Nacht ſollten wir übrigens ein kleines Intermezzo haben. Das Wetter war wundervoll: ich lag auf dem Ver⸗ deck und ſchlief und der Steuermaan hatte die Wacht, als ich plötzlich durch wildes Geſchrei und Stampfen erweckt wurde. Nicht wenig erſchreckt ſprang ich aber in die Höh, denn das Schiff lag ganz auf der Seite, eine Bö heulte durch Maſten und Takelwerk und vorn am Bug praſſelte und brach es, daß ich glaubte die ganzen Maſten ſchlügen uns um den Kopf zuſammen. Eine Art Wirbelwind mußte uns gefaßt haben, die den Clüverbaum dicht am Bugſpriet abbrach und nach Starbord hinüberwarf, die Oberbramſtenge wie eine Ruthe bog und einknickte, und das ganze Schiff im wahren Sinne des Worts auf die Seite legte. Glücklicher Weiſe dauerte das Ganze nur wenige Minuten, und der erlittene Schaden wurde am nächſten Morgen wieder ausgebeſſert. Quarantaine. 319 Um 12 Uhr drehte ſich der Wind, und am nächſten Tage ging das widrige Laviren von Neuem los, nur daß wir heute, da ein klarer Tag war, die Küſte deutlich erkannten und an Brighton ſo nahe vorbeikamen, ſogar die einzelnen Menſchen in den Straßen beobachten zu können Die Bade⸗ wagen der Stadt ſtanden in langer Reihe aufgefahren am Ufer. An Dover fuhren wir ebenfalls dicht hinan und ſchnit⸗ ten von dort hinüber nach Calais, das wir ziemlich gut zu ſehen bekamen, verließen dann wieder die Nähe des Landes und liefen in die Nordſee ein. Am 17. September kam endlich der Lootſe an Bord, und mit ihm neue Hoffnung; am 18. September warfen wir in der Mündung der Weſer Anker und mußten, da wir ganz ungünſtigen Wind hatten, die Fluth abwarten und dann jeden Fußbreit hinauflaviren. Am 19. September erſt, gegen Abend erreichten wir Bremerhafen, wo wir, etwa eine Viertelmeile von der Einfahrt entfernt, bei eintretender Ebbe wieder Anker warfen. Hier aber erklärte uns der Lootſe zu unſerem Entſetzen, daß wir, der Sterbefälle wegen, Quarantaine halten müßten, bis eine Deputation am Schiffe geweſen wäre und uns unter⸗ ſucht hätte. Das war ein trauriges Ende all unſerer ſchönen Hoffnungen, bald feſtes Land zu betreten, und ärgerlich und mißmuthig ſah ich den grünen Lappen, die Peſtflagge, am Fockmaſt gehißt. Am nächſten Morgen rückten wir bis unter die Kanonen 320 Der Docter. Die Amerikanerin. des hannöveriſchen Forts, das dicht neben Bremerhafen er⸗ richtet iſt. Eine kleine Schaluppe, mit wehender, grüner Flagge (das bremiſche und hannöveriſche Wappen vereinigt) kam zum Schiff und legte außen an, wobei es die Bootsleute mit an langen Stangen befeſtigten Haken feſthielten und alle Stricke vom Schiff aus, der Anſteckung wegen, verbaten. In dem Boote aber ſaßen zwei äußerſt ſorgfältig einge⸗ wickelte Geſtalten, wovon eine dem Herrn Docter gehörte. Dieſer ließ uns vor allen Dingen Alle über Bord ſchauen, damit er unſere Phyſiognomieen betrachten und beobachten könne, ob er nichts Verdächtiges in ihnen entdecke. Dann wurden wir verleſen, ob wir Alle da wären, und darauf er⸗ kundigte er ſich ſehr ſorgfältig nach den genaueren Umſtänden der Sterbefälle ꝛc. Nachdem er, was er wiſſen wollte, erfahren hatte, machte er ſein Buch zu und bemerkte ganz ruhig, daß er es nach Bremen berichten wolle, und wir wohl in ein paar Tagen Nachricht erhalten würden. Das war ſchöner Troſt, und wir behielten kaum noch Zeit, den Bootsleuten die Namen einiger Sachen zuzurufen, die ſie uns an Bord ſchaffen ſollten, wie friſches Fleiſch, Brod, Butter, Kartoffeln, Kohl ꝛc.— ein gutes Zeichen, daß wir Peſtkranke waren. Ohne ſich weiter aufzuhalten ſegelte dann das kleine Boot, mit der verwünſcht langweiligen, grü⸗ nen Flagge wieder ab, und war bald im Hafen verſchwunden. Die Amerikanerin, des Lübeckers ehelich Gemahl und zu gleicher Zeit die einzige Frau an Bord, hatte unter der Die Amerikanerin. 321 Zeit mit ihrem Manne, den ſie auf eine wahrhaft ſchändliche Weiſe peinigte, manchen Kampf beſtanden, doch ertrug er Alles mit einer, mir unbegreiflichen Geduld. Sie ſchlug ihn, ſie biß ihn, ſie verſteckte die Sachen die er brauchte, oder warf ſie gar über Bord, legte ihm die ſchändlichſten Dinge zur Laſt, kurz, betrug ſich auf eine Art, die ihr von jedem Anderen eine äußerſt rohe Behandlung würde zugezogen haben, doch der gute Ehemann ließ Alles über ſich ergehen. „Was will ich denn machen?“ war ſeine Entgegnung auf jeden Rath ſänimtlicher Schiffsmannſchaft, die Alle gern wünſchten, daß die Frau den Lohn für ihr wahrhaft nichts⸗ würdiges Betragen ernten möchte,„was will ich denn machen, ich kann ſie doch nicht ſchlagen?“ Seine liebe Ehehälfte hatte aber einmal zufälliger Weiſe das Wort„ſchlagen,“ obgleich ſie nicht deutſch ſprach, gehört und verſtanden, ſprang wie eine Furie auf ihren ganz verdutzten Mann los und erklärte ihm, die Fauſt unter ſeine Naſe haltend, mit höchſt unzweideutigen Worten, daß ſie ihm, ſobald er nur wage, ſie anzurühren, ein Meſſer zwiſchen die Rippen rennen und die Augen auskratzen wolle. Wir ſchüchterten ſie übrigens doch ein Bißchen ein, da ihr Beuk erzählte, daß ihr Mann, wenn ſie ihn nicht freund⸗ licher behandele, in Deutſchland das Recht habe, ſie an den Erſten Beſten zu verkaufen, was ich dann natürlich bekräf⸗ tigte. Das machte ſie ſtutzen, und beſonders als wir in Quarantaine lagen, wurde ſie ganz ruhig. Das Herz mochte ihr doch wohl ein wenig pochen, wenn ſie das ihr ſo fremde Leben und Treiben ſah und nun fühlte, wie allein und hilf⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. II. 21 322 Das Räuchern.. los ſie ohne ihren Mann daſtand. So vergingen 10 Tage, in denen wir nur dann und wann die Schaluppe zu ſehen bekamen, die uns entweder Proviſionen brachte, oder unſere Briefe abholte. Dieſe wurden aber ebenfalls nicht etwa frei abgenommen, ſondern mit einer grünlackirten Zange ange⸗ faßt und in einen blechernen, grünlackirten Kaſten, an dem ein grünlackirtes Vorlegeſchloß hing, gethan. Alles war grün, die Ruder, die Bänke, das Boot, die Segelſtangen, die Haken,— ganz Bremerhafen ſah grünlackirt aus. Endlich ſetzte ſich Beuk hin und ſchrieb eine Art Geſuch an den Amtmann in Bremerhafen, uns Paſſagiere wenig⸗ ſtens, da wir doch mit der Ladung ꝛc. nichts weiter zu thun hatten, frei zu geben und an Land zu laſſen. Wider Erwar⸗ ten fiel die Antwort günſtig aus, und ſchon am nächſten Morgen legte ſich ein Bremer Kahn oder Eberführer, ſeligen Andenkens, an die Seite des Schiffes an, wo die Paſſagiere (ſo lautete der Befehl) mit ihren Sachen erſt privatim ge⸗ räuchert werden ſollten.— Es war bitterer Ernſt. Unſere Kiſten und Koffer wurden in den Kahn geſchafft, ausgepackt und ausgebreitet, dann Alles feſt verſchloſſen, daß der Rauch nicht hinaus konnte, dann ein ſchwarzes Pulver hingeſtellt, das faſt wie Schießpulver ausſah, und in dies eine Flüſſigkeit hineingeſchüttet, die das Innere augenblicklich mit einem fürchterlichen Rauch erfüllte. Als alles Paſſagiergut durchräuchert war, mußten wir ſelbſt hinunter und uns etwa eine Viertelſtunde in dem ſchändlichen Qualme herumtreiben, der mir noch nach drei Tagen auf der Bruſt lag. ——ę—ęQ᷑O—B.O— Das Vaterland. 323 Endlich war auch das überſtanden, wir packten unſere Sachen ein und bereiteten uns nun vor, nach langer, langer Abweſenheit wieder deutſchen Grund und Boden zu betreten. Denſelben Tag war auch erſt der Beſcheid von dem bremiſchen und hannöveriſchen Gerichte gekommen, daß näm⸗ lich das Schiff und die Ladung(Taback) ordentlich ausge⸗ räuchert, die Baumwolle aber, die wir an Bord hatten (einige 70 Ballen) an's Ufer geſchafft und dort apart ge⸗ reinigt und gelüftet werden ſolle. Da dieſe Arbeit wohl noch einige Tage dauern konnte, waren wir froh, früher erlöſt zu ſein, winkten unſeren letz⸗ ten Abſchiedsgruß dem braven Capitain Exter zu, deſſen freundlich liebevolles Betragen gegen uns ich nicht genug rühmen kann, begaben uns unter die grüne Flagge, die uns jetzt keine Peſtflagge mehr, ſondern ein freudiger Bote der Hoffnung ſchien, und ruderten mit leichten, frohen Herzen der lieben deutſchen Muttererde wieder zu. 5 5 3 8 2 2 — — „ 6 —yy——y——³,— 5 5 1 8 — —— „ 4 8 S 7 * 5e*— 4„* 2 24 4 4