* 8 ———— 9 o 5 ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednuard Okftmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mrk.— Pf. 3 Pf. „ 7. 7, 11„“— 72 2„., 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung n—— r.*— 2——— 1 011 291 851— NUT Zuf LenA im Lesesaal 1 11 352 670 9B GESSEN IIII n Ahlahhchm 1 1 8 1 1 85Z 570 3 Edu 2 1. Offensein pfangnahme un 7 Uhr bis Abe 2. Lesepreis jedem Tag 5 P den angenomme 3. Caution. eines Buches, hinterlegen, we wird. 4. Abonneme l beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: „ 5. ¹ämsuärtig 911 25* xeSz, 7O 7 Gerſtäcker's Streif- und Jagdsüge. Erſter Band. —— Streif- und Jagdzüge durch dir pereinigten Stanten Murd-Amrrikas . A 4 1 Von 1 Friedrich Gerſtäcker. 4 Erſter Band. Zweite durchgearbeitete und verbeſſerte Auflage. Leipzig, Arnoldiſche Buchhandlung. 1856. Vorwort zur zweiten Auflage. Es ſind nun faſt zwölf Jahre verfloſſen daß ich, aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt, meine dortigen Erlebniſſe niederſchrieb. Damals, friſch aus dem Walde heraus, war es die erſte literariſche Arbeit die ich je unter⸗ nahm, und ich bat deshalb auch ſchon damals den Leſer, Rückſicht auf den etwas rohen Styl, auf die ungebundene regelloſe Art der Rede zu nehmen. Ich wußte weit beſſer mit der Büchſe als mit der Feder umzugehen— weiß es vielleicht jetzt noch. Das Buch iſt trotzdem freundlich aufgenommen und eine jetzt nöthig gewordene zweite Auflage habe ich aller⸗ dings tüchtig durchgearbeitet und Manches darin abge⸗ ſchliffen und geändert. Das urſprünglich Einfache im Styl mußte ich aber doch laſſen, wollte ich nicht ein ganz anderes Buch daraus ſchaffen und den erſten Zweck ver⸗ fehlen: die Sitten und Lebensweiſe der dortigen Hinter⸗ wäldler, wie das Land ſelber ſo zu ſchildern, als ſein erſter ungeſchwächter Eindruck auf mich geweſen. Die Jagdſchilderungen gehören freilich einer ver⸗ gangenen Zeit an. Das Wild iſt in den langen Jahren VI Vorwort. verfolgt und aufgerieben, und manche der Stellen, die ich damals beſuchte, und die mir noch friſch und freundlich in der Erinnerung liegen, möchte ich ſelber kaum mehr wieder erkennen— doch die Menſ chen ſind dieſelben geblieben. Hat auch die Civiliſation von Oſten her, mehr und mehr gedrückt, und den„Weſten“ weiter und weiter zurück— geſchoben, exiſtirt er deshalb doch noch gerade ſo wild und walddurchwachſen als damals. Die Backwoodsmen ſind noch die nämlichen, ihre Lebensart und Weiſe iſt dieſelbe, und Tauſende von Europäern treiben ſich auch jetzt noch, wenn auch nicht gerade eben ſo wild und zwecklos wie ich, doch eben ſo unſtät in dem weiten Lande umher. Von ſolchem Leben wollte ich dem freundlichen Leſer ein Bild hier geben; ob es mir gelungen, mag er ſelber ſagen. Inhalts-vVerzeichniß. 4 Seite V Die Seereiſe 1 Der atlantiſche Ocean 23 Streifzug durch die vereinigten Staaten. 5⁵ Der Staat New⸗York............. 71 3 Streifzug weſtlich vom Miſſiſſippit...... 126 Cincinnati. Landleben im Weſten. Der Weſerkahn. 3 ——— auf das Herzlichſte, und daß wir beide von nun an unzer⸗ trennlich waren, verſteht ſich wohl von ſelbſt. Wir wanderten jetzt noch eine Weile in der Stadt V herum und erfuhren, als wir zum Kahne zurückkehrten, mit Beſtimmtheit, daß derſelbe erſt am Morgen des nächſten Ta⸗ ges abgehen würde. Die meiſten der Paſſagiere kehrten den Abend noch einmal an Land zurück, ich blieb mit H. an Bord bei unſeren Sachen, und am nächſten Morgen, am erſten Pfingſtfeiertage, lichteten wir den Anker, d. h. banden den Kahn vom Ufer los und gingen mit der Ebbe und einem nicht beſonders guten Winde unter Segel, ſobald als mög⸗ lich unſer Schiff zu erreichen. Aber nur der, welcher eine ſolche Reiſe, auf einem ſolchen Fahrzeuge, mit einer ſolchen Anzahl von Paſſagieren gemacht hat, kann ſich das Leben —— ———— — ————— ¹ und Treiben vorſtellen, das wir an Bord unſeres Kahnes 4 führten. Nöthig möchte es hier ſein, eine kurze Beſchreibung deſ⸗ V ſelben zu geben, da dieſe Kähne noch immer gebräuchlich ſind, und wohl noch Tauſende von Auswanderern in ſolchen Trauerbüchſen aus der Heimath fortgeſchafft werden. Es ſind einmaſtige Fahrzeuge mit einem großen Schoner⸗ Segel, das am Hauptmaſt durch große hölzerne Ringe be⸗ feſtigt iſt, und ein lateiniſches eben ſo eingerichtetes Segel am Bugſpriet trägt. Die ganze Länge des Fahrzeugs be⸗ trägt ungefähr 15 Schritt, ſeine Breite vielleicht 5— 6 Schritt; im Hintertheil iſt es mit einer Art Cajüte ver⸗ ſehen, wenn man überhaupt ein kleines viereciges Loch, mit zwei Schlafſtellen an der einen Seite und einem kl 1* ——— 4 Paſſagiere. Schranke an der anderen, etwa 6 Fuß ins Gevierte, ſo nen⸗ nen darf. Man denke ſich nun in dieſem Kahne(die Cajüte ſtand blos zur Verfügung des Kahnführers oder Capitains, wie er ſich gern nennen hörte) 60 Paſſagiere, ſage ſechszig leben⸗ dige Paſſagiere, mit ihren Koffern, Kiſten, Hutſchachteln, Tüchern voll Proviant, Mänteln, Decken, Matratzen ꝛc. ſitzend, gelagert, ſtehend, und zwar nicht allein junge Män⸗ ner, nein, alte und junge Frauen, Greiſe und Knaben, junge hübſche Mädchen und alte Jungfern, Alles wild und bunt durch einander geworfen, in dem engen, dunklen, dunſtigen Raume und man hat immer nur ein ſchwaches Bild von dem, was die Wirklichkeit in der That bot. Als ſich Alles gelagert und weggepackt hatte, und ich feſt überzeugt war, daß es nicht möglich geweſen wäre, auch nur noch einen einzigen Menſchen unterzubringen, wir hätten ihn denn unter das Deck gehangen, kamen noch ein Paar Beine durch die Luken, ihnen folgte eine blaue Jacke und dann das dicke, rothe Geſicht unſeres fidelen Capitains. Nachdem er eine Weile mit den Füßen nach einem harten Puncte zum Feſtſtehen gefühlt hatte, ließ er die Hände los und landete glücklich auf den Hühneraugen eines langen Schneiders, der ſich zwiſchen zwei Kiſten hineingeklemmt hatte und dort ſtehend eingeſchlafen war. Dieſer zog die langen Beine vor Schmerz in die Höhe, war aber ſo verdutzt(der arme Teufel war noch halb im Schlafe), daß er den guten Capitain oder Theerjack, wie wir ihn nannten, höflich um Verzeihung bat. Was aber wollte um Gotteswillen der gute Menſch da Der verliebte Capitain. 5 nen⸗ unten? Nichts, als die hübſchen Mädchen, die wir unter un⸗ ſeren Paſſagieren zählten, in Augenſchein nehmen. Deßhalb tand ſtieg und kletterte er ſehr freundlich von einer zur anderen wie und verſuchte ſein Beßtes, ſich angenehm zu machen. Wind ben⸗ und Wetter aber, Ort und Zeit, Alles war gegen ihn, und I teln, er bekam nur ſchnöde Worte von dem einen und ein Hohn⸗ n ꝛc. lächeln vom anderen Theile der Paſſagiere zum Lohne. Als kän⸗ er ſah, daß das ſchöne Geſchlecht nichts von ihm wiſſen inge wollte, machte er ſich an das andere und fing an mit ver⸗ bunt ſchiedenen„Schnapsflaſchen“ zu liebäugeln. Dieſe zeigten ſich igen ihm denn auch bedeutend günſtiger als die jungen Damen, dem, denn hie und da wurde eine derſelben von unſerem Kahn⸗ führer entſtöpſelt und genau unterſucht,, feſt Als es zu dunkeln anfing, mußten wir Anker wer⸗ nur fen, denn wir hatten die aufkommende Fluth jetzt gegen uns. ihn Der kleine Anker flog über Bord, die Segel fielen nieder eeine und für die Nacht wenigſtens waren wir in Ruheſtand ver⸗ ann ſetzt.— Ruheſtand, ja; ich ſaß die ganze Nacht hindurch dem auf der Ecke eines Koffers mit dem Kopfe an eine große zum Kiſte lehnend, mit deren Vorhängeſchloß ich mir die Schläfe dete wund ſcheuerte. der Welch ein Anblick am nächſten Morgen, als die auf⸗ dort gehende Sonne die ſchlafenden und ſchlaftrunkenen Gruppen vor des engen Zwiſchendecks beleuchtete— es war wirklich um ufel ſeekrank zu werden, trotz dem ruhigen Waſſer. Das Wetter oder beſſerte ſich übrigens und unſer Kahn zog langſam den Strom hinunter. Es mochte acht Uhr ſein, als uns ein kleines Fiſcherboot, ein Schellfiſchfänger, begegnete. Ich ——— 4 “ 6 Tanz in Bracke. kaufte für wenige Grote einige herrliche Schellfiſche, die uns unſer Capitano von ſeinem dienſtbaren Geiſte zum Feuer ſetzen ließ. Natürlich aß er, als ſie zubereitet waren, auch mit. Mit eintretender Fluth ankerten wir von Neuem, und H. und ich fuhren mit dem einzigen Matroſen, den wir hat⸗ ten, an Land, wieder einige Proviſion einzunehmen. Unſere Waſſerfahrt drohte etwas langwierig zu werden. Nachmit⸗ tags lichteten wir mit der Ebbe den Anker und kamen bis an ein kleines Städtchen, ich glaube, es heißt Bracke, von wo uns fröhliche Tanzmuſik entgegenſchallte. Unſer Theerjack wäre aber da nicht vorbeigefahren, und wenn die ganze Bremer Admiralität daneben Schildwacht geſtanden hätte. Trotz dem günſtigen Winde und der Ebbe wurde geankert, und das kleine Schiff, das er, hinten ange⸗ bunden, immer mit ſich führte, brachte wenigſtens den jün⸗ geren Theil der Paſſagiere(einige ganz junge Schreihälſe ausgenommen) an's Ufer. Dort drehten ſich viele Stunden lang, vielleicht zum letz⸗ ten Mal die jungen Leute auf vaterländiſchem Boden luſtig nach dem Takt der Violinen und Clarinette. Mir aber war freilich nicht wie Tanzen zu Muthe, und in eine Ecke gedrückt ſah ich dem wilden Schwarme der Ausgelaſſenen zu. Mancher von ihnen hätte ſich auch vielleicht lieber in irgend einem ſtillen Winkel recht herzlich ausgeweint, als hier die Beine im Takt umherzuwerfen, aber die Muſik betäubte was ihnen im Herzen brannte, und einmal in den Strudel hineingeriſſen gaben ſie ſich ihm nun ſo viel williger hin. Die einbrechende Nacht rüttelte da endlich das ſonſt eben uns euer auch und hat⸗ iſere mit⸗ bis von und acht Ebbe nge⸗ jün⸗ pälſe letz⸗ iſtig war rückt cher nem eine ynen iſſen eben Die Cajüte. 7 nicht ſehr zarte Kahnführergewiſſen unſeres„Capitains“ empor. Der Wind war zur Ausfahrt günſtig, und er wußte daß das Schiff auf der Rhede ſeiner wartete. Er trommelte daher ſeine Ladung zuſammen, und bald ließen wir die ſich in der Ferne recht gut ausnehmenden Klänge der Tanzmuſik weit zurück.. Einen Spaß hatten wir übrigens, wenn auch auf Un⸗ koſten Anderer, der uns die Zeit wenigſtens etwas verkürzte. In Vegeſack, einem kleinen Städtchen an der Weſer, hatten wir noch drei Paſſagiere eingenommen, die ebenfalls mit un⸗ ſerem Schiffe fahren wollten, einen bejahrten Mann, viel⸗ leicht 45 bis 50, ſeine Ehehälfte, vielleicht 38 bis 39, und ihren hoffnungsvollen Sohn, ungefähr 18 Jahre alt. Da in dem Zwiſchendeck unſeres Kahnes aber keine drei Perſonen mehr untergebracht werden konnten, ſo hatte ihnen Theerjack natürlich gegen eine verhältnißmäßige Vergütigung, ſeine „Cajüte,“ wie er es nannte, abgetreten. Mit nicht geringer! Schwierigkeit war es dabei gelungen die beiden alten, etwas unbeholfenen Leute hinunterzuſchaffen, während Wilhelm(der hoffnungsvolle Sohn) mit deſto größerer Schnelle unten an⸗ langte. Als er ſich nämlich überzeugen wollte ob ſeine Aeltern glücklich unten wären, rutſchten ihm die Füße aus, und wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr er zwiſchen den zum Tode Erſchrockenen nieder, im Vorbeigehen noch ſeiner Mutter, die bald in Ohnmacht gefallen wäre, den Hut abreißend. Als es ſchon faſt Abend geworden war, fiel es unſerem Führer noch ein, daß er Theer brauche. Derſelbe ſtand in eben dieſer Cajüte und zwar unter dem Fußboden, in den 8 Der Theertopf. ein viereckiges Loch mit hineingepaßtem Deckel eingeſchnit⸗ ten war. Der Matroſe, der, beiläufig geſagt, in Bracke zu viel geladen und dabei die Grundregel bei dem Befrachten eines Schiffes vergeſſen hatte, die ſchwerſten Sachen nie in den oberen Raum zu ſtauen, taumelte in die enge Oeffnung hinein und machte dem Kleeblatt da unten begreiflich, daß er das viereckige Loch in der Mitte aufmachen müſſe, und ſie ſich daher, ſo gut es ginge, an die Wand drücken möchten. Geſagt, gethan. Die Aufforderung, ſich an die Wand zu drücken, war übrigens leichter ausgeſprochen, als in Aus⸗ führung gebracht, da ſchmale Bänke an den niederen Wän⸗ den hinliefen. Der Verſchlag wurde jedoch geöffnet, der eiſerne Topf hervorgezogen und mit dem einen ſcharfen Fuße gerade auf Wilhelm's Zehe niedergeſetzt, der den Fuß zurück und die Ferſe hinten gegen die Wand ſchlug. Aber ſein Leidenskelch war noch nicht vorüber. Mit himmliſcher Ge⸗ duld erwartete er den Abzug des Matroſen, der den Topf mit beiden Händen in die Höhe hob, ihn dem obenſtehenden, ſchon die Hände danach ausſtreckenden Kahnführer zuzureichen. So glücklich ſollte die Sache aber nicht abgehen; der ziem⸗ licch ſchwere Topf mit dem flüſſigen Theer drehte ſich in des Taumelnden Hand— Wilhelm bekam den Theer und der Capitain den Topf, und während der letztere oben wie ein Heide oder viel beſſer wie ein chriſtlicher Seemann, wetterte und fluchte, ſtand Wilhelm unten wie Butter an der Sonne, mochte ſich nicht einmal anfaſſen und ſchnitt ein höchſt un⸗ glückſeliges Geſicht. Das Seeſchiff.. 9 lit⸗ Auch noch Spott mußte er dabei erdulden, denn ein langer Schneider, der mit an Bord war, meinte, unter dem viel Hohnlachen der gefühlloſen Mitpaſſagiere, daß Wilhelm eine es ſehr glückliche Reiſe haben müſſe, wenn nur irgend Wahrheit in den dem alten Sprüchwort läge:„Wer gut ſchmeert, der gut fährt.“ ing Noch eine ganze Nacht mußten wir in dem erſchrecklichen er Kaſten zubringen, und es würde Bogen füllen, alle die komi⸗ 1 ſie ſchen und ernſthaften Geſchichten zu erzählen, die da vorfie⸗ en. len. So etwas muß aber wirklich mit erlebt ſein, es läßt zu ſich nicht mit Worten beſchreiben, und würde den Leſer zu⸗ s⸗ letzt gar ermüden. n⸗ Am nächſten Morgen ſahen wir das nächſte Ziel unſerer der Beſtimmung, die Barke„Conſtitution“ mit aufgehißter G ße Signalflagge vor Anker liegen. Wir liefen an ſie hinan, ück warfen unſere Taue hinüber und ſprangen an Bord. ein Noch unmöglicher wäre es aber dem Leſer auch nur de⸗ eine Idee der Unordnung und Verwirrung zu geben, die bei pf unſerer Ankunft an Bord entſtand. Einer der Kähne war 1 n, ſchon vor 2 Tagen mit der Hälfte der Paſſagiere angelangt. n. Dieſe hatten den dadurch erlangten Vortheil benutzt, ſich n⸗ die beſten Coyen oder Schlafſtellen auszuſuchen und alle ihre es Sachen in Ordnung zu bringen, was in dem engen Raume er 1 gewiß keine Kleinigkeit war. Man denke ſich einen, von in Balken und Bretern begränzten Raum, 18 Schritt lang, te 9 Schritt breit und 8 Fuß hoch, in der Mitte mit hölzernen le, Balken verſehen, die das Verdeck ſtützen und zugleich dazu n⸗ dienen, das Gepäck zu halten. In dieſem Raume nun denke man ſich ferner an jeder Seite eine doppelte Reihe von 10 Das Zwiſchendeck. Schlafſtellen, d. h. eine über der anderen, jede ungefähr 6 Fuß lang und 6 Fuß breit, für 5 Mann eine jede, ein⸗ gerichtet, oder vielmehr nicht eingerichtet. Rechnet man alſo von einer Breite von 9 Schritt oder 18 Fuß die an beiden Seiten befindlichen Schlafſtellen, jede zu 6 Fuß, ab, ſo bleiben 6 Fuß Zwiſchenraum. Da in die⸗ ſem Raume nun wieder die Kiſten und Kaſten mit Wäſche und Proviant von allen Paſſagieren aufgehäuft und mit Seilen und Stricken an die Balken in der Mitte befeſtigt waren, um das Umherrutſchen derſelben bei unruhigem Wet⸗ ter zu verhindern, ſo blieb kein größerer Raum übrig als 12 bis 14 Zoll an jeder Seite in einer Länge von 36 Fuß für 118, ſage 118 Paſſagiere! Als ich den düſteren, dunſtigen Raum, die darin herum⸗ kriechenden und kletternden Geſtalten zuerſt von Deck aus mit einer leicht verzeihlichen Scheu betrachtete, kamen mir ſo ſonderbare Ahnungen von dem Wälzen und Schaukeln des Schiffes, von dem Losgehen der Seile, welche die Kiſten und Koffer hielten, von dem Umherfliegen des Gepäcks, von Seekrankheit und Erbrechen(auf das die in einer wahren Unzahl vorhandenen zinnernen Geſchirre noch dazu gar weh⸗ müthig zu deuten ſchienen) vor die Seele, daß ich mich im Anfang gar nicht hinabgetraute. Ich mußte auch wirklich nur nach und nach lernen in dem furchtbar dunſtigen Raum auszuhalten; doch der Menſch iſt ein Gewohnheitsthier, und findet ſich nach und nach in alle Verhältniſſe. Die Conſtitution war eine Barke, d. h. ein dreimaſtiges Schiff, nur mit dem Unterſchiede, daß die Quer⸗Raen am efähr ein⸗ oder jede die⸗ äſche mit eſtigt Wet⸗ 8 12 für rum⸗ aus mir ikeln riſten von hren weh⸗ ) im klich aum und tiges am Die Schlafſtellen. 11 hinterſten oder Beſanmaſte fehlten, und dieſer ein großes Beſanſegel und Beſantopſegel hatte; die Seeleute nennen ſolche Fahrzeuge„Zweieinhalb Maſter.“ Faſt war das Verdeck ziemlich geräumig, wenn es durch das viele Gepäck auch noch wild und unordentlich genug ausſah. Obgleich wir nun noch vor Anker lagen, ſchwankte das Schiff doch ziemlich ſtark, wie es mir wenigſtens im Anfang vorkam, da ich das Schaukeln noch nicht recht gewohnt war. Endlich wurde es dunkel, und ich kroch in das Zwiſchendeck hinunter, mir noch vor einbrechender Finſterniß meinen Schlafplatz ein wenig zu beſchauen. Es waren unſerer fünf, die das Schickſal und unſer eigener Wille vermocht hatte, in einen 6 Fuß breiten und 6 Fuß langen Raum hineinzukriegen, und zwar mit der kühnen Idee, dort dem Schlummergotte zuſammen in die Arme zu ſinken.(Einzeln hätte er uns, beiläufig geſagt, auch gar nicht in die Arme nehmen können, denn wir lagen ſo dicht beiſam⸗ men, daß er entweder nur alle fünf in Bauſch und Bogen oder gar keinen in Schlaf wiegen konnte.) Unſere Matratzen(jeder hatte eine Matratze und eine Decke) wurden unten hineingelegt, und wir krochen, einer neben den anderen, darauf. Als vier darin lagen(zwei von unſeren Schlafcameraden wogen circa 230 Pfund das Stück), war der Raum ausgefüllt, und nun entſtand die Frage: „wo ſoll der fünfte hin?“ Quer über? dagegen proteſtirte die Unterlage; unter die Köpfe? das wäre für H., den fünf⸗ ten Mann, nicht ſehr angenehm geweſen, und dann war dieſer auch ſo eckig und knochig, daß ich nicht weiß, ob ſich unſere 12 Das Frühaufſtehen. Schädel gut dabei befunden hätten. Wir legten uns end⸗ lich ſämmtlich auf die Seite, und H. ſchob ſich noch ein. Er paßte gerade in die Lücke; an ein Umdrehen war aber nun nicht mehr zu denken, und ſo verbrachten wir die erſte Nacht auf dem ſo lang erſehnten Schiffe. Als ich, wenigſtens auf der linken Seite, denn die rechte war und blieb feſt eingeſchlafen, am nächſten Morgen auf⸗ wachte, ſchienen mir alle Glieder wie zerſchlagen und zer⸗ ſtoßen. Es fehlte nicht viel, ſo hätt' ich das Heimweh be⸗ kommen. Ein Eimer voll Weſerwaſſer, das hier ſchon halb ſalzig iſt, diente mir an dem Morgen, wie ſpäter auf der ganzen Reiſe, zum Waſchbecken. Der Wind pfiff recht kalt und un⸗ freundlich durch das Tauwerk, und die ganze Sache wollte mir eigentlich gar nicht ſo beſonders gefallen. Das war der Anfang der Proſa, wo ich mir gleich vom Anfang an nur Poeſie geträumt, lieber Gott! Ich ſchämte mich übrigens irgend einem Anderen ein Wort davon zu ſagen — wenn mir auch ſpäter eingefallen iſt, daß den Anderen vielleicht an dem Morgen eben ſo zu Muthe war— und verbiß meine Gedanken mit einem ſo viel als möglich gleich⸗ gültigem Geſicht. Jetzt fing es auch unten an lebendig zu werden, und als ich durch die enge Oeffnung in das Zwiſchendeck hinunter⸗ ſchaute, fiel mir Schiller's Taucher recht lebhaft ein,„wie's von Salamandern, Molchen und Drachen ſich regt in dem furchtbaren Höllenrachen.“ Lachen, Singen, Toben, Kinder⸗ ſchreien, Weinen, Beten, Fluchen, Alles, Alles tönte von da „Schaffen.“ 13 unten herauf, und bald kletterte ein verſchlafenes Geſicht nach dem anderen die ſteile Leiter herauf und blinzelte mit den, an die Dunkelheit gewöhnten Augen der hie und da durch dünne, graue Wolken blinkenden Morgenſonne entgegen. Als das wohl eine Stunde gedauert hatte, in der die Leute oben verſuchten, ſich den Schlaf aus den Augen zu waſchen, rief plötzlich eine kräftige Stimme im Vordertheil des Schiffes:„Schaffen!“— und gleich darauf kam Leben in den Theil unſerer Schiffsmannſchaft, welcher ſchon einige Tage an Bord war, und das geheimnißvolle Wort verſtand. Aber auch uns ſollte es bald erklärt werden, denn es erwieß ſich als eines der wichtigſten Worte für die ganze Reiſe, es hieß nämlich„Frühſtück, Mittageſſen, Abendbrod“— Alles, es war gewiſſermaßen eine Schiffshieroglyphe. Wir bekamen Kaffee, Schiffszwieback und Schwarzbrod, Alles ziemlich gut; Jeder mußte aber mit ſeinem Kaffeetopfe oder Keſſel, oder was er ſonſt hatte, hingehen und es ſich ſelber holen. Jetzt hatte ich erſt Zeit mir meine Reiſegefährten ein wenig genauer zu betrachten. H's. habe ich ſchon erwähnt, die anderen drei waren ein Tiſchler Mlhr., ein Doctor Tsmr. und ein Apotheker Vgl., die beiden Letzteren ein paar koloſſale Geſtalten, die füglich eine Coye für ſich allein hätten haben ſollen. Alles, übrigens was ſich von den Leuten nach dem erſten Eindruck beurtheilen ließ, ſchien mir angenehme Geſellſchaft zu verſprechen. Die Unordnung, die jetzt noch auf dem Schiffe herrſchte, war wirklich grenzenlos; Keiner wußte, wo er hingehörte, und ein Jeder fragte nach ſeinen Sachen, nach dem und dem 14 Frauen im Zwiſchendeck. Koffer, nach der und der Kiſte. Die Frauen und Mädchen insbeſondere(und wir zählten deren ungefähr 20 bis 25 an Bord) ſchienen zu gar keinem Reſultate zu kommen, und we⸗ nigſtens ſprachen immer acht auf einmal. Leid thaten mir in dem Gewirre und Lärm einige Da⸗ men, die, wahrſcheinlich durch Vermögensumſtände gezwungen, die billigere Ueberfahrt im Zwiſchendeck der ſehr theueren in der Cajüte vorgezogen hatten, und ſich nun alle die kleinen Bequemlichkeiten, an die ſie von Kindheit auf gewöhnt wa⸗ ren, entbehrend, höchſt unglücklich zu fühlen ſchienen. Für einen einzelnen Mann geht es ſchon, ſich im Deck durchzu⸗ ſchlagen, ja, es iſt ſogar höchſt intereſſant, all dies Leben und Treiben einmal mitzumachen. Ich ſelber möchte um Allles in der Welt nicht in der Cajüte gereiſt ſein; für eine Frau jedoch iſt das eine ganz andere Sache, denn was dem Manne zum Spaß und zur Unterhaltung dient, kann die Frau nur verletzen und zurückſchrecken. Nicht ſo ängſtlich dachten übrigens einige Oldenburger Mädchen über das Leben im Zwiſchendeck. Dieſe ſchienen ganz in ihrem Fahrwaſſer zu ſein, und je toller, je wilder, je lärmender es zuging, deſto mehr lachten und tobten ſie ſelber mit. Auch Israels Stamm hatte einige 60 Reprä⸗ ſentanten und Repräſentantinnen im Zwiſchendeck der Con⸗ ſtitution., Schon ein paar Tage hatte dieß wilde Leben ſo gedauert, als endlich der Lootſe an Bord kam, und die Anker gelichtet wurden. Jetzt ward Leben im Schiffe, Alles drängte froh und Der Scheideblick vom Vaterland. 15 jubelnd durcheinander, Niemand wollte unten im Raume bleiben, und das Verdeck wimmelte. Mit ziemlich gutem Winde ſegelten wir aus und erreich⸗ ten in kurzer Zeit die Nordſee. Der Landſtreifen, den wir noch ſahen, wurde ſchmäler und ſchmäler, der Lootſe ſtieg in ſeinen kleinen Kutter und verließ uns. Auch dieß Fahrzeug wurde kleiner und kleiner. Jetzt ſchaute nur noch ein dünner, blauer Streifen mit einem ſchwarzen Puncte darauf hervor; es war der Kirchthurm von Wangeroog, und auch dieſer wurde endlich immer nebliger und unbeſtimmter. Dort ſchwand die Heimath— das verlaſſene Vaterland. — In der blauen Ferne, dort, hinter jenen dünnen Wolken, die ſich auf dem Waſſer lagerten, lebte Alles, was mir auf dieſer Welt lieb und theuer war, Alles— und ich hatte nicht einmal eine Thräne, als das Letzte vom heimiſchen Strande im Nebel zerfloß,— keine Thräne. Es war, als ob der Quell verſiegt ſei, und mit trockenen Augen ſtarrte ich noch lange, lange nach der theueren Himmelsgegend. Es dunkelte, und ich ging früh zu Bett. Ich ſehnte mich heute danach ruhig und ungeſtört meinen Gedanken nachhängen zu können. Auch im übrigen Zwiſchendeck war es heut weit ſtiller als die früheren Tage. Der Abſchied von der Heimath mochte doch auch Manchem an's Herz ge⸗ rückt ſein, und die weite öde Waſſerwüſte, die uns umgab, hatte überhaupt etwas Bewältigendes, geheimnißvoll Groß⸗ artiges, das den leichten Scherz und Spott eben nicht auf⸗ kommen ließ. 8 Das Schiff fing jetzt an, von günſtigem Winde geſchau⸗ 16 Seekrankheit. kelt, ziemlich unruhig zu gehen, und ein unerträgliches Ge⸗ fühl weckte mich in der Nacht. Ich erwachte und fühlte, daß ich mit dem Kopfe viel niedriger als mit den Füßen lag. Wir lagen nämlich, auf der Steuerbordſeite*) des Schiffes, mit dem Kopfe, der friſcheren Luft wegen, dem offenen Gang⸗ weg zu; der Wind aber kam jetzt von NO., und das Schiff lag ziemlich ſchräg auf die Backbord- oder linke Seite hin⸗ über, wodurch unſere Beine natürlich in die Höhe kamen. Unter Lachen und Fluchen, und nicht ohne bedeutende Schwie⸗ rigkeiten veränderten wir unſere Lage und befanden uns dann etwas behaglicher— wenn man das eben behaglich nennen kann, daß wir jetzt mit den Köpfen in dem engen dunſtigen Raum an der Schiffswand lagen. und kaum athmen konnten. Die nächſte Morgenſonne beſchien manches leichenblaſſe ellenlange Geſicht. Die See ging hoch, das Schiff ſchwankte und ſchaukelte furchtbar und hatte die unangenehmſte Be⸗ wegung, die es haben kann, indem es von den Wellen vorn hoch emporgehoben wurde und dann wieder tief in ſie hinein⸗ ſchlug, und zwar ſo reißend ſchnell, daß Einem der Athem bei manchen Sprüngen verging. Dieſe Bewegung blieb nicht ohne Folgen. Die Magen der meiſten unſerer lieben Un⸗ glücksgefährten, zwar an eine anſtändige Bewegung, aber keineswegs an dieſes Herumwerfen und Auf⸗ und Abſchüt⸗ teln gewöhnt, revoltirten, und fürchterlich war das Reſultat. Wie ich ſchon erwähnt habe, hatten wir eine ſehr große *) Die rechte Seite vom Schiff, wenn man am Steuerruder ſteht und nach vorn ſieht, Backbord oder Larbord heißt die linke Seite. Seekrankheit. 17 Menge Juden, mit wenigen Ausnahmen, aus der niedrigſten Claſſe an Bord. Dieſen Leuten war nun von ihrem Rabbi⸗ ner das Speckeſſen während der Reiſe erlaubt(ſo behaupteten ſie wenigſtens), und den meiſten hatte der ſchöne ſüße Speck, den wir bekommen, ſo gut gemundet, daß ſie ſich die Magen, wenn nicht überladen, doch wenigſtens vollgefüllt hatten. Die Strafe folgte auf dem Fuße— da war kein Winkel auf dem ganzen Schiffe, in dem nicht ein Seekranker mit ſeinem zinnernen Eimerchen ſaß, oder ſich verzweifelnd über Bord lehnte und kläglich der See ſein Opfer brachte. Glücklicher Weiſe blieb ich ſelber, mit H. und dem Doe⸗ tor, vollkommen von der Seekrankheit frei, und gewöhnte mich auch ſogar bald daran, das Elend um mich her ruhig und ungerührt mit anſehen zu können. Auf Mitleid darf überhaupt kein Seekranker Anſpruch machen; man weiß daß die Krankheit nicht lebensgefährlich iſt und bald wieder vor⸗ übergeht, und eher gewinnt bei den Geſunden eine gewiſſe Schadenfreude die Ueberhand. Angenehm war die Lage der Geſunden am Bord übrigens auch nicht— wenn auch immer noch beneidenswerth gegen die der Kranken. Der Regen kam nägmlich in Strömen nieder, und ſo fatal die Näſſe ſein mochte, war es doch in dem unteren Raum, mit all den Kranken, gar nicht auszu⸗ halten. Ein paar Tage vergingen ſo in wirklich trauriger Art, und nur der rege Wellentanz draußen in See, entſchädigte mich in etwas für das verzweifelte Leben an Bord. Die See fing auch nach und nach an ſich wieder etwas zu beruhi⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 2 18 Die Küche. b gen und am Sonntag Nachmittag fanden ſich zuerſt wieder einige Gruppen hie und da zuſammen. Die Leute fühlten, daß 4 ſie verzweifeln müßten, wenn ſie nicht geſellig würden, den⸗ noch ſtörte ein plötzlicher Ausbruch der Seekrankheit gar oft ganz fröhlich begonnene Unterhaltungen. Die Herzhafteren wagten nun auch ſchon, wieder ein wenig auf's Verdeck zu gehen, mußten aber manchmal ihre Kühnheit theuer büßen, wenn eine etwas außergewöhnlich große Welle, vom Schiff gebrochen, über das Deck fegte und alle in ihrem Bereihe Befindliche bis auf die Haut durchnäßte. Gegen Abend hei⸗ terte es ſich etwas auf, und ich miſchte mich vorn unter die Matroſen, ihren Erzählungen und Liedern und Seeaneckdoten lauſchend. Den nächſten Tag war es wieder daſſelbe Spiel, die See rauher und wilder denn je, und die Seekrankheit auf dem höchſten Puncte. Die Sache begann mich anzuekeln, und ich kletterte in die Marſen(Maſtkorb) hinauf, um wenig⸗ ſtens außer dem Bereiche der Kranken zu ſein. Ich kam I auch nicht eher wieder auf's Verdeck, bis das„Schaffen“ des Kochs etwas Warmes für den inneren Menſchen verkün⸗ ddeete, das übrigens dieſen Mittag nur von dem kleinſten Theile der Paſſagiere beachtet wurde. Hier wäre es nun wohl am Platze, auch etwas über die Kocherei und Art der Bewirthung auf den Schiffen, die ſich auf den meiſten gleich iſt, zu ſagen. Die Küche ſelber iſt ein kleines Breterhaus, auf dem Verdeck aufgerichtet und mit Klammern und Tauen ſo befeſtigt, daß ihm die über das Schiff ſchlagenden Wellen nichts anhaben können. Der Ver⸗ Frühſtück. 19 lag beſteht aus 2 Theilen; in dem einen iſt ein großer chofen für die Cajüte, in dem anderen ein gemauerter * Herd mit einigen ungeheueren Keſſeln für die Zwiſchendecks⸗ g g h — paſſagiere. Morgens giebt es Kaffee, der reichlich und dünn ausge⸗ theilt wird; man muß aber zu viel Waſſer trinken, eine Taſſe Kaffee zu bekommen, und die einzige Rettung war, ihn ſo heiß wie möglich zu verſchlucken. Es gehört dann wirklich ein Feinſchmecker dazu, ſtarken von ſchwachem zu unterſchei⸗ den. Zu dieſem Gebräu verarbeiteten wir eine braune bim⸗ ſteinartige Maſſe, die„Schiffszwieback“ genannt, aber erſt, in heißem Kaffee aufgeweicht und mit Butter geſtrichen, ge⸗ nießbarer wird, als ſie auf den erſten Anblick und Verſuch verſpricht; Butter wird übrigens alle Sonnabende, nach dem Schiffsausdruck,„gefaßt,“ und es war daher nöthig, ein Gefäß mit Deckel dafür zu haben, wie auch eine eigene Kaffeekanne. Die Butter die wir bekamen, war gut und auch reichlich daß man, wenn man nicht gar zu dick aufſtrich, wohl eine Woche damit auskommen konnte; doch wird ſie nicht jedem Manne einzeln, ſondern immer für fünf gegeben, wobei es wieder ein Glück war, daß wir uns unſere Geſell— ſchaft vorher ausgeſucht hatten und jetzt nicht verpflichtet waren mit Krethi und Plethi Haus zu halten. Sehr gut kam es uns auch zu ſtatten, daß wir Zucker mitgenommen hatten, denn außer etwas Syrup zum Pudding, der Sonn⸗ tags ausgetheilt wird, giebt es weiter nichts Süßes. Der Zerbrechlichkeit der Kaffeetaſſen wegen hatten wir uns mit Zinnbechern verſehen, die auch den Dienſt ſehr gut verrich⸗ 2* — ——, ————— öCͤſͤͤͤſͤſſſſſͤͤ ——————— ———— 20 Mittagseſſen. Pudding. d ten; doch ſchmeckt der Kaffee und Thee ſchlecht aus dieſe blechernen Gefäßen. Am Mittag hatten wir gelbe Erbſen und Speck, das ge⸗ wöhnliche Montagseſſen, Dienstags Bohnen und Pökelfleiſch, Mittwoch graue Erbſen und Speck, Donnerstag Erbſen und Pökelfleiſch, Freitag Sauerkraut und Speck, Sonnabend Pflaumen und Reis mit Fleiſch, und Sonntag Pudding und Pökelfleiſch. Der Speck und das Pökelfleiſch, da beide ſehr geſalzen ſind, werden den Abend vorher in Seewaſſer gelegt, das, obgleich ſelbſt ſalzig, doch den größten Theil des im Fleiſche enthaltenen Salzes herauszieht, worauf ſie, mit den Hülſenfrüchten zuſammengekocht, ein ganz ſchmackhaftes Eſſen liefern,— beſonders wenn man hungrig iſt. Den Pudding aber, den wir uns ſelber zurechtmachen mußten, will ich etwas näher beſchreiben. Der Steuermann gab uns ſchon am Sonnabend den Wink, uns einen Sack zu nähen, in welchem wir unſeren Pudding kochen könnten; wir möchten ihn aber nicht zu klein machen, damit für 5 Mann hineinginge. Der Engländer ſagt: a wink is as good as a nod to a blind hor se*), und wir ließen uns das nicht zweimal ſagen, ſo daß, als wir am nächſten Morgen mit unſerem Sacke ankamen, der Steuer⸗ mann laut auflachte und meinte, da ginge für 25 Mann hinein. Wir bekamen übrigens reichlich Mehl und Pflau⸗ men. Eine große Schwierigkeit war, jetzt eine Art Trog zu bekommen, in dem wir die Maſſe ankneten konnten; aber *) Winken iſt einem blinden Pferde gerade ſo nützlich wie Nicken. Der Pudding. 21 auch das wurde zuletzt ermöglicht. Mlhr. und Vgl. ſtreiften ſich die Aermel in die Höhe und fingen an, die Maſſe aus Leibeskräften mit Waſſer und Butter zuſammenzukneten; zu der ganzen Miſchung goſſen wir noch etwas von unſerem Rum, thaten dann das Ganze in den Sack, der eine 12—14 Zoll lange und 6— 7 Zoll im Durchmeſſer haltende Wurſt bildete, banden ihn oben recht feſt zu und übergaben das Ganze nun ſeinem Schickſal und dem Koche, welcher letztere es in einen der ungeheueren Keſſel zu den anderen ähnlichen Würſten hineinwarf. Um ihn ſpäter wiederzukennen, muß⸗ ten wir übrigens ein Zeichen daran machen, das in einem darangehängten Stückchen Holz mit der Coyennummer beſtand. Auf ähnliche Weiſe wurde auch unſer Fleiſch ge⸗ zeichnet. Als wir am erſten Sonntag Mittag unſer Gebäck aus⸗ einander ſchnitten, wozu wir pr. Doppel⸗Coye, d. h. auf 10 Mann, eine Flaſche Syrup bekamen, war das Innere noch ein weißer Brei; das verſchlug uns aber nicht das Ge⸗ ringſte. Die nicht gahre Maſſe wurde mit einem Löffel heraus⸗ genommen, wieder in den Sack gethan, zugebunden und dann noch einmal dem kochenden Waſſer übergeben, und mit der größten Behaglichkeit wurde dann dieſes„erſte Kind unſerer Laune“ verzehrt. Am Abend giebt's Thee ulid Schiffszwie⸗ back, und den Thee ebenfalls dünn genug. Doch genug jetzt über Eſſen und Trinken; ich habe dieß hier auch nur ange⸗ führt, dem Leſer wenigſtens ein kleines Bild der Haushal⸗ tung auf einem, mit Auswanderern beladenen Schiffe zu geben. 22 Dover und Calais. Wir waren jetzt der franzöſiſchen Küſte nahe, die, erſt als blauer Streifen auftauchend, immer größer und deutlicher wurde. Noch vor Dunkelwerden liefen wir nahe genug an Calais vorbei, die Thürme und Häuſer zu erkennen, und, nach England hinüberſchneidend, bekamen wir auch Albions Küſte vor Nacht zu ſehen. Deutlich erkennen ließ ſich aber Nichts mehr, nur glänzten hellſtrahlend Dovers beide Leucht⸗ thürme nach kurzer Zeit durch die Nacht, während auch noch die franzöſiſchen Leuchtfeuer ſichtbar waren. Am nächſten Tage jedoch kamen wir ziemlich nahe am engliſchen Ufer vor⸗ bei, und majeſtätiſch dehnten ſich die weißen Kreidefelſen an unſerer Rechten hin, von der glühenden Morgenſonne mit roſenfarbenem Schimmer übergoſſen. Gegen Abend paſſir⸗ ten wir die Inſel Wight, und leider drehte ſich der Wind, ſo daß wir nur durch Laviren höchſt langſam vorwärts kamen. Ueberhaupt iſt der Canal bei ungünſtigem Winde einer der fatalſten und ſogar gefährlichſten Plätze. Das Fahrwaſſer iſt ſehr ſchmal und geſtattet nur wenig Raum zum Kreuzen, wäh⸗ rend die ſüdlich gelegenen Ufer von Frankreich und Holland meiſt ſeicht ſind, und ſelbſt an der engliſchen Küſte, nahe der Themſemündung die Goodwin sands liegen, an denen ſchon unzählige Schiffe ſtrandeten. Bis zum 27. Mai trieben wir uns im Canal herum und ließen dann erſt die Inſel Scylly, das letzte engliſche Land, zurück, ſomit der alten Welt ein ernſtfreundliches Lebe⸗ wohl bietend. Fahr denn wohl, du neblige Küſte, 2 4 Fahr denn wohl, du nordlich Land! 1 —-— Der atlantiſche Ocean. Der atlantiſche Ocean. Wir ſegelten nun im Weltmeere, das uns mit ſeinem ge⸗ waltigen Waſſerzirkel umzog. Einen lieblichen Anblick bot die ungeheuere Anzahl von Fiſcherbooten, die ſich auf dem keineswegs ruhigen Waſſer ſchaukelten und ſich mit ihren bald gelben, bald weißen, bald rothen, bald ganz ſchwarzen Segeln gar maleriſch ausnahmen. Das Waſſer war übri⸗ gens hier noch grün, und dieſe ſeegrüne Farbe, beſonders vorn am Bugſpriet oder hinten am Steuerruder, wirklich wundervoll. Noch lebendiger wurde das Gemälde durch eine Maſſe von Braun⸗ und Schweinefiſchen, die ſich in Schaaren in den Wellen herumjagten. Auch ſchwammen viele fremd⸗ artige, ſonderbar ausſehende Sachen im Meere herum, die ich aber nicht näher betrachten konnte, da es mir an einem Netze, ſie heraufzuziehen, fehlte. Ich beſchl oß daher, mir eheſter Tage eins zu machen. Einige Tage ging die Sache ſo recht gut; das Wetter wurde beſſer, und alle Seekranke, ſelbſt die Frauen, erholten ſich, und zeigten ſich wieder auf dem Verdeck. Ich hatte mir ein kleines Netz geſtrickt, das ich an eine lange Stange befeſtigte, und ſtets in Bereitſchaft hielt, wenn etwas Merk⸗ würdiges am Schiffe vorbeiſchwimmen ſollte. Und in der That war für mich⸗Alles, was im Waſſer ſchwamm merk⸗ würdig, oder doch wenigſtens unterſuchenswerth. So fing ich denn eine Maſſe ga llertattiger, lebender Weſen,(Quallen) die, wie es ſchien, willenlos im Waſſer trieben, aber doch ſinken und ſteigen und, wie ich faſt glaube, auch ſich willkür⸗ ———— 24 Gallertartige Thiere. Blauſaftige Meerſchnecken. lich bewegen konnten. Eine Art d erſelben war mir beſonders merkwürdig; ſie waren einzeln ungefähr 5 bis 6 Zoll lang und 1 ½ bis 2 Zoll dick und inwendig hohl und ſchienen nur eine Art Magen zu haben, der, der einzige compacte Körper im ganzen Thiere, einen dunkeln Fleck bildete. Alles Andere war ein gallertartiger Stoff, der, wenn man ihn aus dem Waſſer zog und ein paar Stunden auf einem trockenen Brete liegen ließ, ſich in Seewaſſer auflöſte, und nur den Magen, eine ſchleimige und durchſichtige Maſſe und eine ſehr dünne, äußerſt feine Haut zurückließ. So häufig ich nun auch dieſe Thierchen einzeln herumſchwimmen ſah, ſo waren ſie doch auch in Unmaſſen aneinandergereiht zu ſehen, und zwar immer mit der breiten Seite zuſammen geklebt, daß die dun⸗ keln Flecke des Körpers alle regelmäßig an einer Seite ſaßen Solcher Art bildeten ſie, aus Hunderten von einzelnen Thie⸗ ren beſtehend, ſchlangenartige Körper, die ſich ringelten und fortbewegten, und ganz hübſch in dem kryſtallhellen See⸗ waſſer ausſahen. Auch fing ich einige Schnecken, die voll⸗ kommen unſeren Landſchnecken glichen. In ihren Häuſern enthielten ſie aber einen tiefindigoblauen Saft, der eine herr⸗ liche Farbe geben muß, denn ich ſchrieb mir einige Zeilen mit dieſem Safte auf, um zu ſehen, wie er die Farbe halten würde, und er veränderte ſich auch nicht im Mindeſten. Außerdem ſchwamm noch eine große Anzahl ſolcher gallertar⸗ tiger Weſen in allen möglichen Formen und Geſtalten herum, manche athmenden Geldbeuteln frappant ähnlich ꝛc. Das ſchönſte aber von allen dieſen Geſchöpfen iſt unſtreitig eine Blaſenqualle, fälſchlich der Nautilus, und von den Englän⸗ * 2. „Das portugieſiſche Kriegſchiff.“ Der Haifiſch. dern„das portugieſiſche Kriegſchiff,“ genannt. Von dem Umfange einer großen Karpfenblaſe, in blauen, grünen und rothen Farben ſpielend, ragt er ungefähr 3 ½ Zoll über d Waſſer hervor, kann nach Gefallen ſeinen Curs ſteuern, un taucht bei Sturmwind unter. Zahlreiche zwei, drei und vier Fuß lange Fühlfäden gehen von dem Hauptkörper aus, hängen gerade hinunter ins Waſſer, und müſſen wohl die be⸗ ſondere Eedendhif beſitzen, dem Thiere ſeine Nahrung zu erhaſchen.) fing ein ſolches mit dem Netze und brachte dieſe upnennntnn Faſern zufällig auf den oberen Theil meiner Hand, wo ſie einen Schmerz verurſachten, der dem von Brennneſſeln hervorgebrachten gleichkommt. Bei Nacht glühen dieſe Thiere wie Phosphor. Wir flogen nun mit günſtigem Winde der neuen Heimath zu, und der Anblick der See und des Himmels war wahr⸗ haft wundervoll. Der Ocean hatte jetzt ſeine eigenthümliche Farbe, ein ſo wunderbar ſchönes Blau angenommen, daß mich ordentlich eine Sehnſucht erſaßte, hineinzuſpringen und mich von dieſem klaren, azurnen Waſſer tragen zu laſſen Derartigen Wünſchen machte aber raſch die obere Floſſe eines Haifiſches ein Ende, der, als er das Schiff ſah, ruhig hielt und es an ſich vorbeiſtreichen ließ. Der Ge anke, zwiſchen die ſechs Reihen Zähne einer ſolchen Beſt kommen, hatte doch etwas gar ſo Unpoetiſches. Meine Aufmerkſamkeit wurde jedoch bald auf etwas An⸗ deres gelenkt. Es war ein ſchwarzer Punct auf dem Waſſer, dem wir näher und näher kamen; erſt glaubte ich, daß es eine Klippe ſei — und fragte den Steuermann danach, doch 7. 26 Das Wrack. Die Blattern. meinte dieſer, daß keine Klippe dort herum ſein könne, ſondern daß es etwas Schwimmendes ſein müſſe. Und ſo war es; es kam näher, und als wir an ihm vorbei ſegelten, erkannten wir es als die zerriſſenen Ueberreſte eines Schiffes. Nun giebt es auf der ganzen Welt nichts Geeigneteres, die gute Laune einer in ſich ſelbſt vergnügten Schiffsgeſellſchaft zu ſtören, als ſolch ein kleines memento mori, das ſich der fröhlichen Menſchenſeele, ſo ganz wie aus dem Himmel herabgefallen, präſentiret. Oft ſehr zur rechten Zeit mag es uns an jene lange Reiſe erinnern, die uns Allen ja bevorſteht, und wo dann ſo ein Wrack den Poſthof, von dem wir ausfuhren, und der eben geſehene Haifiſch recht gut die erſte Station vorſtel⸗ len könnten. Am 30. Mai war der Wind wieder ungünſtig, und die See ging hohl. Die meiſten Paſſagiere wurden auch richtig wieder ſeekrank, die Zahl der„Tapferen“ hatte ſich aber doch auch verſtärkt, und wir hielten wacker aus. Eine an⸗ dere Freude ſtand uns aber trotzdem bevor. Eines ſchönen Morgens kam unſer Doctor mit einem ſehr blaſſen und be⸗ denklichen Geſichte zu uns und erzählte, daß die Blattern an Bord ausgebrochen wären. Eines der Mädchen hatte ſie, wie ſich bald nachher zeigte, ſehr heftig und bösartig. Der Zimmerm mußte nun vor allen Dingen einen Ver⸗ ſchlag vorn im Schiffe, wo bis jetzt Taue und Stricke aufbe⸗ wahrt worden waren, zur Krankenſtube einrichten, damit, wenn es irgend möglich wäre, keiner der anderen Paſſagiere angeſteckt würde. Dahin wurde die Kranke transport“, und die Gemüther beruhigten ſich wieder in etwas. ——— 2 Der tolle Hund. 27 . Als wir noch ruhig auf dem Verdeck ſtanden, gab es auf einmal einen Mordſpectakel im Zwiſchendeck; Flüche von Männern, Kreiſchen von Frauen und Schreien von Kinder⸗ ſtimmen ſchallte in einem ohrzerreißenden Chor von unten herauf. Raſch war ich unten, und hier bot ſich ein allerdings höchſt komiſches Schauſpiel meinen Blicken. Alles, was nur klettern konnte, hatte ſich in die oberſten Coyen, auf Kiſten und Koffer oder auf ſonſt irgend einen hohen Gegenſtand geflüchtet, um nur vom Boden entfernt zu ſein, den ein klei⸗ ner weißer Spitz ganz allein einnahm. Dieſer knurrte dabei und biß um ſich, daß ihm der Schaum vor dem Maule ſtand, und Alles ſchrie, als ich die Leiter hinunterſprang:„ein tol⸗ ler Hund, ein toller Hund!“ Das Thier biß indeß nach den ihm zunächſt liegenden Sachen, taumelte im Deck herum und gerieth endlich zwiſchen zwei kleine Kiſten, wo ich es, ehe es ſich daraus wieder befreien konnte, hinten im Genick erwiſchte und aufhob. Machtlos ſchnappte und zappelte es dabei, aber nie werde ich den Schrei vergeſſen, den die Frauen in der Coye gerade über mir ausſtießen, als ich den Hund em⸗ porhob und ihnen denſelben dadurch etwas näher brachte. Ich ließ das arme Geſchöpf jedoch nicht los, trug es die Lei— ter hinauf und warf es über Bord. Es war der einzige Hund, den wir auf dem Schiffe hatten, und gehörte dem guten Wilhelm, der in Bremerhafen mit Theer begoſſen wurde. Er ſchien die Sache aber ſehr kühl zu nehmen und meinte,„es wäre recht gut daß das „ Thier fort ſei, es wäre ihm doch immer mit den Pfoten ins Eſſen gefahren.“ Sein Vater und er blieben noch lange 28 Die kranke Frau. auf dem Verdeck, und als ſie zuletzt wieder hinuntergingen, bekamen ſie einen nicht eben freundlichen Empfang von der alten Frau, die ſeekrank im Bette lag.„Wilhelm— Du — und— Dein— Vater— Ihr— ſeid— recht— dumme— Jungen,— laßt— mich— arme— alte— kranke— Frau— hier— unten— allein— liegen,— und— lauft— auf— dem— Verdeck— herum.“ Wil⸗ helm, der größte Tolpatſch, der mir in meinem ganzen Leben vorgekommen, führte ſeine Vertheidigungsrede aber mit vie⸗ lem Eifer auf Plattdeutſch und ſetzte ſich dabei auf die Hut— ſchachtel ſeiner Mutter, die, ehe es jene bemerkte, zuſammen⸗ brach und den ganz verdutzten Jungen in ihren Schoos auf⸗ nahm. Wilhelm bekam darauf verſchiedene Ohrfeigen. Bis zum 4. Juni hatte ſich der Wind ganz gelegt, und die See glich einem Spiegel, der nur durch die ſtete Bewe⸗ gung und das Wogen der ungeheueren Waſſerfläche hie und da geſtört, aber nicht unterbrochen wurde. Das Schiff ſtand ganz ruhig, und wieder packte mich eine unwiderſtehliche Luſt zum Baden. Der Capitain hatte das freilich der vielen Haifiſche wegen ſtreng verboten; H. und ich aber ſprangen früh am Morgen, als Jener noch ſchlief, über Bord und wälzten uns, von dem lauen Salzwaſſer leicht getragen, mit unbeſchreiblicher Wonne in dem klaren Elemente herum. Eine ungeheure Müdigkeit, wie ich ſie nie nach einem Fluß⸗ bade geſpürt habe, 1n, mich jedoch nach dieſer Seewaſſer⸗ partie, bei der ich auch wohl ein wenig zu viel von dem al⸗ zigen Elemente geſchluckt hatte. Ich verſchlief den Mittag, und als ich um 2 Uhr wieder Tanz. Das Leuchten der See. 29 auf's Verdeck kam, wurde flott getanzt. Das Schiff lag aber keineswegs ganz ruhig, denn wenn es auch nicht durch das Waſſer zog, machte doch das fortwährende Wogen der See, daß es oft gar bedeutend von einer Seite zur anderen —x— ſchwankte. Da war denn nichts poſſierlicher anzuſehen, als wenn ſich eine Partie Tänzer, vielleicht 5— 6 Paare, auf der einen Seite ſchwenkte, und das Schiff ſich plötzlich ſchwer⸗ fällig auf die andere wälzte. Die Walzenden ſuchten dann wohl mit übergebeugtem Körper einen Augenblick das Gleich⸗ gewicht zu halten, rollten aber doch bald, den Geſetzen der Schwerkraft nachgebend, in einem Knäuel auf die andere Seite. Als es dunkel wurde, hörte das Tanzen auf, aber deſto ſchöner und wunderbarer wurde die See, da ſich eine kleine Briſe gerade mit Sonnenuntergang erhoben hatte, welche die ruhige Oberfläche kräuſelte und uns leiſe vor ſich her trieb. Die dunkle See ſchien dabei wie mit Myriaden Funken und Sternen beſäet, und beſonders da, wo das Schiff die Wogen durchſchnitt und den weißen Schaum zurückwarf, glühte Alles, als ob die Wellen in Feuer ſtänden. Jede Woge, die am Bug des Schiffes emporſpritzte, leuchtete ſo, daß ich die Buchſtaben in einem Buche genau erkennen konnte; auch hinten am Steuerruder war der Anblick herrlich. Obgleich es Deckpaſſagieren nicht erlaubt iſt, die Grenzen des Zwi⸗ ſchendecks zu überſchreiten, war doch Capitain Volkmann), *) Capitain Volkmann hat auch bis zu dieſer Stunde noch ſeinen Ruf als wackerer Capitain für Auswanderer⸗Schiffe bewährt. Er fährt jetzt, ebenfalls noch für Bremen, die Helena. 30 Der Braunfiſch. Das amerikaniſche Schiff. der ſich überhaupt höchſt liebenswürdig und freundlich gegen die Paſſagiere benahm, nicht ſehr ſtreng in der Ueberwachung dieſer Regel, und oft habe ich ſtundenlang dem Funkeln und Strahlen am Steuerruder zugeſehen. Als ich noch ſo da ſtand, die einzelnen auftauchenden und verſinkenden Sterne betrachtend, hörte ich ein Brauſen und Schnauben, ich ſah auf, und ein ungeheurer Braunfiſch von 18— 20 Fuß Länge ſchnitt mit ſeinem dunkeln Körper durch das von ihm aufgeregte blitzende und leuchtende Waſſer, ſo daß er im Feuer zu ſchwimmen ſchien. Dicht unter mir, nahe am Steuerruder verſchwand er. Am nächſten Tage begegneten wir einem Schiffe und fuhren keine fünfzig Schritt weit an ihm vorüber. Die Ca⸗ pitaine riefen ſich die Längen⸗ und Breitengrade zu, unter denen ſie ſich befanden, ihre eigenen Berechnungen damit zu vergleichen; ebenſo den Ort ihrer Beſtimmung und ihrer Ab⸗ fahrt. Von unſerem Schiffe ſtieg dabei die Bremer Flagge, von dem andern die der vereinigten Staaten von Nord⸗ amerika empor. Der Amerikaner war nach Oporto in Por⸗ tugal beſtimmt. Ein eigenes Gefühl iſt es, auf dem ungeheueren Ocean ein anderes Schiff, gewiſſermaßen eine andere kleine Welt, herankommen zu ſehen, es anzurufen und bald darauf das gewaltige Gebäude zu beobachten, bis es, nur noch ein kleiner weißer Punct, am fernen Horizonte verſchwindet. Nur noch verlaſſener kommt dann dem armen Auswanderer die Waſ⸗ ſerwüſte vor. Am 7. Juni liefen wir 11 deutſche Meilen die Wache Fricandellen⸗Tage. Schweinefiſche. 31 (4 Stunden); das Schiff flog durch die Wellen, und dabei ging die See gar nicht ſo hoch, ſo daß nur ſehr Wenige von uns ſich unwohl befanden. Die Meiſten hatten ſich auf dem Verdeck geſammelt, wo ſie in maleriſchen Gruppen umher gelagert waren. Hier lagen Einige auf den Planken und ſpielten Karten, dort hatte ſich eine fromme alte Frau mit einem Gebetbuch in die Ecke geſetzt; ein paar Mädchen ſtrick⸗ ten und laſen. Gar häufig konnte man auch, abgeſondert von den Uebrigen, hie und da eine Geſtalt ſehen, welche, die Stirne kraus gezogen und mit dem Munde allerlei ſonder⸗ bare Laute nachahmend, emſig beſchäftigt war ſich aus einem kleinen Buche engliſche Redensarten einzuprägen. Dieſe ruhigen angenehmen Tage haben wir untereinan⸗ der Fricandellen⸗Tage genannt, und zwar aus folgender Ur⸗ ſache. Das viele ſalzige Fleiſch und den Speck den wir bekamen, konnten wir nicht ganz verzehren, thaten es alſo an ruhigen freundlichen Tagen zuſammen(verſteht ſich, nur wir fünf) und hackten mit Meſſern, Beilen und Hirſchfängern das Ganze ſo klein, wie nur irgend möglich, rührten es dann mit ein paar Eiern an, formten Fricandellen daraus, wobei nicht vergeſſen ward, noch etwas kleingeſtoßenen Schiffszwie⸗ back unter die Maſſe zu thun, und buken das Ganze mit Butter; probatum est. Daher der Name Frieandellen⸗ Tage, denn bei häßlichem Wetter läßt ſich ſo etwas gar nicht vornehmen. Häufig zeigten ſich jetzt auch die Schweinefiſche, die wohl ihren Namen von ihrer ſpitzen, rüſſelförmigen Schnauze be⸗ kommen haben. In Heerden ſpielten ſie vorn um das Schiff 5 32 Sturm. — herum und ſprangen einander jagend, oft mit dem ganzen, wohl 5— 8 Fuß langen Körper aus dem Waſſer, was einen wunderhübſchen Anblick gewährte. Schon fing ich an(des fortwährend ruhigen Wetters we⸗ gen) beſorgt zu werden, daß wir gar keinen Sturm bekom⸗ men und auf dieſe Art den wahren Reiz der Seereiſe ver⸗ ieren würden; ſolche Angſt war aber nutzlos geweſen. Am 16. fing der Wind ſchon gewaltig an zu blaſen, die Wellen wurden höher und höher, die Geſichter länger und länger, und um Mitternacht hatte Boreas alle Säcke offen. Das Schiff fuhr, ganz auf einer Seite liegend, blos unter dem Sturm⸗ doppelt gereeften großen und Vorſtengenſtag⸗Segel, pfeilſchnell durch die wie mit Sternen und Leuchtkugeln durchflochtenen Wogen, und der Schaum ziſchte kochend vor⸗ bei. Dabei pfiff der Wind durch das Takelwerk, wie durch einen entblätterten Wald, und melancholiſch klappten die Taue an die Maſten. Mir war wohl in dieſem Aufruhr der Elemente, und über Bord gelehnt, ſah ich dem Toben und Stürmen der raſtloſen Wogen mehre Stunden lang zu. Erſt gegen Morgen ging ich wieder auf meine Matratze(die ich mir aus der Coye gezogen hatte, da es eine reine Un⸗ möglichkeit war, zu fünfen darin zu ſchlafen), wenigſtens noch ein oder zwei Stunden zu ruhen. Der naͤchſte Tag beleuchtete ein wildes, herrliches Schau⸗ ſpiel. Hochauf bäumten und wälzten ſich die ungeheueren dunkelblauen Wellen, mit durchſichtig grünem Kamm und weißem Silberſchaume gekrönt, hoben ſich einen Augenblick in ihrer vergänglichen Herrlichkeit, und ſchienen dann in ſich Sturm. 33 ſelber zu verſinken, einer anderen, noch gewaltigeren Woge Platz zu machen. b Mitten in dieſen himmelanſpritzenden und züngelnden Wellen kam jetzt eine Schaar ungeheuerer ſchwarzer Braun⸗ fiſche geſchwommen, die ſich mit toller Luſt in dem brauſen⸗ den, kochenden Oceane umhertummelten. In die höchſten Wellen ſtürzten ſie ſich, dieſe 15— 20 Fuß langen Koloſſe, ließen ſich von ihnen auf den höchſten Gipfel heben, und ſtürz⸗ ten ſich dann, ihnen voraus, ſpielend und ſchnaubend in den blauen Abgrund. Es war ein großartiger Anblick. Die Seeleute wollen auch aus dem Zuge, den dieſe Thiere nehmen, die kommende Richtung des Windes prophezeihen, ſind aber noch nicht ganz einig darüber, indem einige behaupten der Wind werde daher kommen wohin ſie ziehen, andere hinge⸗ gen, daß der Wind ihnen folge; alſo blos eine kleine Mei⸗ nungsverſchiedenheit über Hin und Her. Der Sturm wurde jetzt ſo heftig, daß das Steuerruder feſtgebunden werden mußte*) und das Schiff, ein Spiel der Wellen und Winde, auf den Wogen einher tanzte. Als dieſe eben am tollſten ſprangen, ſahen wir ein Fahrzeug, das mit nur wenigen Segeln pfeilgeſchwind vor dem Sturme daher⸗ jagte, wir ſelber aber wurden von den Waſſern ſo umherge⸗ worfen, daß wir nur dann und wann das andere Segel er⸗ blicken konnten, welches in dieſem Augenblicke, auf den höchſten *) Was in neuerer Zeit ſelten mehr geſchieht, da es doch ſchon mehrfach vorgekommen iſt, daß es beſchädigt und das Schiff dadurch auf das Höchſte gefährdet wurde. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 3 —õõ;——“ 34 Mitleid mit Seekranken. Gipfel einer Rieſenwelle gehoben, auf einem Berge zu ſtehen ſchien, während im nächſten Augenblicke nicht einmal mehr die höchſten Maſtſpitzen deſſelben ſichtbar waren. Es ſchoß ſchnell an uns vorbei und war in kurzer Zeit verſchwunden. Sich an Deck aufzuhalten, wurde indeſſen eine höchſt mißliche Sache, denn die Wellen ſchlugen mit Macht vorn und an der Seite über Bord, und wer ihnen trotzen wollte, konnte wenigſtens feſt darauf rechnen bis auf die Haut durchnäßt zu werden. Am 19. Juni Morgens ließ der Sturm etwas nach, fing aber gegen Abend wieder mit verdoppelter Kraft an. In un⸗ ſerem Zwiſchendeck ſah es jetzt gräulich aus— die Seekrankheit hatte ihren Gipfel erreicht, und mit wenigen Ausnahmen war Alles krank. Hauptſpaß machten mir einige junge LeKute, die unten im Deck mit leichenblaſſen Geſichtern, das zinnerne Töpfchen zwiſchen den Knieen haltend, da ſaßen und, das Näherkommen der Krankheit fühlend, mit ruhiger Er⸗ gebung den Ausgang abwarteten. H. und ich legten ein Stück recht fetten Speck in eine Schüſſel, deckten ſie zu, gingen hinunter zu den Leidenden und fragten ſie mitleidig, wie es ihnen ginge. Sie ſchüttelten, ſtatt aller Antwort, traurig mit dem Kopfe.„Wollen Sie nicht etwas zu ſich nehmen?“ fragte H. mit der liebevollſten, ſanfteſten Stimme. Schon der Gedanke an etwas Eßbares verurſachte ihnen Ekel, und mit den ſauerſten Geſichtern von der Welt winkten ſie uns nicht davon zu reden; aber wir waren hiermit noch nicht befriedigt. Ich nahm den Deckel ab, und H. fragte wieder, indem er die fette Speckſcheibe in die Höhe hob, lieb⸗ Erbſenſuppe. 35 reich und außerordentlich theilnehmend:„Vielleicht ein Biß⸗ chen Speck eſſen?“ Als ob dieß das Stichwort geweſen wäre, auf das die Seekrankheit gewartet hätte, ſo wirkte, wie mit einem wunderbaren Zauber, dieſe einzige Frage, und wir beide zogen uns, faſt erſchrocken über das ſo plötzliche Gelingen unſeres Planes, wieder auf's Verdeck zurück. Zu Mittag bekamen wir Erbſenſuppe. Ich hatte mir eben einen Teller voll hinuntergenommen, wozu nicht wenig Geſchicklichkeit gehörte, dieſelbe auch ſchon faſt verzehrt, als H. fluchend und ſchimpfend die Leiter herunterkam, an deren Fuße, gerade unter der Oeffnung, er ſtehen blieb. Hier er⸗ zählte er, wie ihn einer von den Oldenburgern ganz mit Erb⸗ ſenſuppe begoſſen habe, und zeigte uns, noch ganz roth vor Zorn, den begoſſenen Ueberrock. Ich lehnte etwas weiter zurück gegen unſere Coye, als in demſelben Augenblick eine zinnerne Schüſſel mit eben ſo lcher Erbſenſuppe durch die Oeffnung herabflog und ſich auf den armen, vom Schickſal verfolgten H. wiederum ſo vollſtändig ausleerte, daß ihm davon die Augen ganz bedeckt wurden. Das war aber noch nicht Alles, die Suppe war blos das Vorſpiel, oder der An⸗ fang der Mahlzeit. Ihr folgte nämlich auf dem Fuße— wer Anderes als unſer unglücklicher Wilhelm, der, mit dem Kopfe voran, ſeiner Suppe, wie ein ächter Ritter in Glück und Unglück, folgte, übrigens auch bei dem gefährlichen Sprunge den Hals brechen konnte, hätte nicht H. ſowohl Suppe als Jüngling auf ſeine Schultern genommen. Beide ſtürzten nun zuſammen in die Brühe, und vergebens würde es ſein auch nur einen Verſuch zu machen, Bs. Wuth zu * 36 Bremer Schiff. beſchreiben. Wir mußten hinzuſpringen und den armen Wilhelm aus ſeinen Klauen befreien, er hätte ihn ſonſt er⸗ würgt. Bände könnte man überhaupt mit all den Scenen und Anekdoten füllen, die während dem Sturm im Zwiſchen⸗ deck und auch wohl in der Cajüte Schlag auf Schlag folg⸗ ten; leider laſſen ſich aber eben die beſten davon nicht gut erzählen, denn die Natur hilft ſich da oft auf, wenn auch nicht geheimnißvolle, doch wunderbare Weiſe. Am 2. Juli brach ſich der Sturm, und obgleich die See noch ungeheuer hoch ging, das Schiff noch bedeutend ſchwankte, und wenig Friede und Ruhe an Bord zu finden war, ſo lößte man doch das Steuerruder wieder, die Reefs wurden aus dem großen Maſtſegel genommen, das Fockſegel, Vor⸗ top⸗, große Top⸗, Beſanſegel und der Klüver geſetzt, und wir fuhren, zwar nicht unſeren Curs, denn wir mußten mit Nordweſtwind ſegeln, fuhren aber doch wieder einmal, und das war ein Troſt. G Denſelben Nachmittag begegneten wir wieder einem Schiffe unter Bremer Flagge. Die Capitaine tauſchten durch das Sprachrohr ihre Mittheilungen aus und zogen, als ſie ſich trennten, zum Abſchiedsgruß ihre Flaggen dreimal auf und nieder. Wir eilten dem fremden Lande, das andere Schiff mit vollen Segeln der Heimath zu, und mit gar wehmüthigen Gefühlen ſah ich die ſchneeigen Segel weiter und weiter flie⸗ gen, bis das Auge ihre Spur am fernen Horizont verlor. Nachgerade fing uns aber denn doch die Zeit an lang zu werden, und immer noch war keine Ausſicht, mit ſolch un⸗ günſtigem Wind die erſehnte, ferne Küſte ſobald zu erreichen. Nebel und Kälte. 37. Wir näherten uns jetzt der Bank von Newfoundland, über deren Südſpitze wir weggingen, und dichter Nebel fing an, die See zu bedecken. Da gegen Abend wieder ein Schiff geſehen wurde, und gleich darauf der Nebel dicker und dicker wurde, ſo mußte ein Mann fortwährend vorn auf dem Ver⸗ decke die Glocke läuten, oder in ein langes, blechernes Horn ſtoßen, das weit auf dem Waſſer hinſchallte, ein Zuſammen⸗ rennen mit einem anderen Fahrzeuge zu verhindern. Auch ſchien unſer Capitain bedeutende Angſt vor Eisbergen zu hegen, von denen ihm das andere Schiff geſagt hatte. Häufig wurde der Thermometer in die See hinabgelaſſen, die Tem⸗ peratur des Seewaſſers zu erfahren, da derſelbe, bei ſich nähernden Eisbergen, ſogleich bedeutend fällt. Der Nebel lag feucht und dick auf dem Waſſer, und die Luft war recht kühl, ſo daß uns unſere Mäntel ſehr zu ſtatten kamen, der Wind aber wehte immer noch aus Nordweſt. Die Blattern ſchienen uns auch noch nicht verlaſſen zu wollen; ein Matroſe hatte ſie bekommen und war ebenfalls in das Krankenzimmer gebracht worden. Am 28. Juni war die Kälte ſo ſtark, wie bei uns im December, und wenn 3 Viertheile der Paſſagiere nicht mit Gewalt und Schwefelräucherungen auf das Verdeck in die freie Luft getrieben worden wären, ſo hätte ſich keiner von ihnen aus ſeiner Dunſthöhle hinausge⸗ wagt. Es wundert mich nur heute noch, daß wir nicht mehr Kranke an Bord hatten, denn reine Luft iſt doch die Haupt⸗ ſtütze der Geſundheit, und dieſe fehlte im Zwiſchendeck gänzlich. In dieſer Nacht drehte ſich der Wind zu unſeren Gunſten, wobei es ziemlich ſtark zu regnen anfing, und da ich mit 38 Freiheitsfeſt der Amerikaner. meiner Matratze gerade unter der Oeffnung lag, wurde ich durch und durch naß, ehe ich aufwachte. Der vierte Juli, das Freiheitsfeſt der Amerikaner, rückte jetzt heran, und der Capitain ſagte uns, daß er das Feſt feiern und allen Paſſagieren einen Punſch geben wolle, und auch wir beſchloſſen jetzt, etwas dazu vorzubereiten. Ein junger Mann, Namens Zllr., der ſchon einmal in Amerika geweſen war, entwarf den Plan. Erſtlich wurde ein Transparent mit dem amerikaniſchen Wappen gemalt, den Streifen und Sternen mit dem auf⸗ ſteigenden Adler und den Namen der vier Revolutionshelden, Waſhington, Lafayette, Franklin und Kosciuszko als Unter⸗ ſchrift. Dann traf es ſich, daß einer der Paſſagiere zufällig Schwärmer und anderes Feuerwerk bei ſich führte, die er bei dieſer Gelegenheit zum Beßten gab. Um 12 Uhr in der Nacht vom dritten auf den vierten Juli begann die Feierlich⸗ keit. Der Transparent wurde zuerſt angezündet, und dabei eein für dieſes Feſt eigens verfertigtes Lied, zur Melodie: God save the king, abgeſungen, dann das Feuerwerk ab⸗ gebrannt, und die Schwärmer aus unſeren Flinten geſchoſſen. Die Nacht war ruhig, und herrlich nahmen ſich die dahinſau⸗ ſenden Feuerſtrahlen im Wiederſcheine der dunkeln Waſſer⸗ fläche aus. Der Capitain rief jetzt unſere Coye mit noch einigen anderen der Zwiſchendeckspaſſagiere in die Cajüte, wo Punſch herumgereicht wurde, und unterdeſſen theilte der Steuer⸗ mann den anderen Paſſagieren und Matroſen ihren Punſch auf dem Verdecke aus, und nöthigte beſonders den weiblichen Freier Punſch. Theil der Auswanderer fortwährend zum Trinken. Die Folgen hiervon blieben nicht aus. Wir hatten ungefähr 1 ½ Stunde ruhig in der Cajüte geſeſſen, getrunken und gelacht. Ich brauchte indeß dabei die Vorſicht nicht mehr als ein Glas zu trinken, da mir der Punſch ungeheuer ſtark vorkam, und überhaupt für meinen Geſchmack zu ſüß war, als ich zu meiner Verwunderung be⸗ merkte, daß beſonders der Doctor und noch einige Andere recht ſonderbar glänzende Augen bekamen und äußerſt luſtig wurden. Ich ſtand auf, die Anderen folgten, und wir tra⸗ ten hinaus auf's Verdeck, dem Spectakel ein wenig zuzu⸗ ſehen, der da oben mit jedem Augenblicke toller und toben⸗ der wurde. Allmächtiger! wie ſah es da aus. Die Matroſen waren auf den Maſt und die Raaen hinausgeſtiegen und ließen von dort Schwärmer in die dunkle Nacht hinausziſchen, die Schiffsglocke vorn wurde gkläutet wie zu Feuerlärm, und aus allen nur irgend brauchbaren Flinten wurden Schwär⸗ mer und blinde Ladungen geſchoſſen(Zllr's Doppelflinte ſprang bei dieſer Gelegenheit, ohne jedoch Jemand zu beſchäͤ⸗ digen); aber auf dem Mittelpunete des Schiffs, gerade hin⸗ ter dem großen Maſte war der Haupttummelplatz, und der Anblick wahrhaft wunderbar. Herr Ol., ein ausgezeichneter Violinſpieler, hatte ſich im Anfange freundlich dazu hergegeben, dem Volke ein wenig aufzuſpielen; als es aber zu toll wurde, zog er ſich zurück, und ein Anderer, vor Eifer brennend, ſeine Kunſtfertigkeit zu zeigen, ſetzte ſich auf die Winde und fing nun an, ſo jäm⸗ 40 Wirkung des Punſches. 9 merlich auf ſeiner Violine herumzukratzen, daß nur der furcht⸗ bare Spectakel, der faſt Alles übertäubte, dieſen ſchlimmeren Lärm erträglich ſein ließ. Nichtsdeſtoweniger drehte ſich Alles wie toll um ihn im Kreiſe, und jubelnd und jauchzend kehrte ſich Keiner an das Schwanken und Schaukeln des Schiffes, das oft ganze Reihen der Tänzer auf einmal, wie mit einem Zauberſchlage, nach einem Bord zu kehrte. Der Mann auf der Winde ſpielte indeſſen wie von einem böſen Geiſt beſeſſen, unausgeſetzt fort, und behauptete dabei durch eine mir unbegreifliche Geſchicklichkeit ſeinen Sitz, das Ge— ſicht zugleich dem Steuerruder zugekehrt. Nur wenn die Tänzer durch das Umlegen des Schiffs auf eine Seite ge⸗ wälzt wurden und dort eine Weile wie Kraut und Rüben untereinander lagen, drehte er ſich mit dem ganzen Leibe dem am Boden liegenden Knäuel zu und ſpielte, ohne jedoch eine Miene zu verziehen, ruhig weiter. Als ich heraufkam, fiel mir Wilhelm's Mutter, eine Frau, die ſonſt nur immer kränklich und mürriſch an Deck herumſchlich und, des langen Schneiders Behauptung nach „wie ſieben Meilen ſchlechter Weg“ ausſah, um den Hals und bat mich um Gotteswillen, ich möchte mit ihr tanzen. Dicht neben ihr ſtand ein alter Seiler, der, ſo lange wir auf dem Schiffe waren, Leibſchmerzen gehabt hatte, auf einem Beine und drehte ſich, während er ſelbſt dazu pfiff, hopſend um ſeine eigene Achſe. Nur der arme Schneider lag, Arme und Beine wie ein Telegraph ausgeſtreckt, auf dem Boden und mußte durch doppelten Vorſpann vom Schauplatze gezogen werden. Kurz, von den 118 Paſſagieren waren nicht ſechs — Wirkung des Punſches. 41 mehr nüchtern. Ein einzelnes betrunkenes Frauenzimmer zu ſehen, iſt ekelhaft, hier waren es aber einige dreißig, und das wurde intereſſant. Das ganze Leben und Treiben alſo aus ſicherer Entfernung(ich kletterte in das vor dem Maſt liegende kleine Boot) betrachtend, lag ich wohl eine Stunde lang da oben und weiß mir in der That die Zeit nicht zu erinnern, daß ich ſo viel gelacht hätte. Müde zuletzt ging ich zu Coye und erfuhr nun ſpäter, daß es der Steuermann wirklich darauf angelegt hatte, Alle betrunken zu machen, indem er faſt gar kein Waſſer unter den Punſch gethan. Der Rum war nur heiß gemacht und tüchtig geſüßt worden. Am nächſten Morgen war ich ſchon mit Tagesanbruch wieder auf und half noch manches von den gefallenen Opfern zu Bett bringen, dann herrſchte mehre Stunden Todtenſtille an Deck. Außer Vgl. und H. ließ ſich lange keiner von Paſſagieren ſehen, und als ſie endlich kamen, was für Ge⸗ ſichter trugen ſie zur Schau. Bleich und überwacht, die Augen hohl und ſtier, die Backen eingefallen, Alle über Kopf⸗ ſchmerz und Uebelkeit klagend, ſchlichen ſie an Deck umher, und durften jetzt natürlich nicht für Hohn und Spott ſorgen. Wilhelm beſonders ging ſehr betrübt herum; er hatte ſich im Rauſche in eine Wanne mit Waſſer geſetzt, in welcher der Koch das Fleiſch liegen hatte, um das Salz herauszuziehen, und war bis zum Tageslicht in dem naſſen Elemente ſitzen geblieben; hatte mir auch dadurch allen Appetit zum Fleiſch⸗ eſſen verdorben. Gegen Abend wetterleuchtete es, und um 11 Uhr brach das furchtbarſte Gewitter, das ich je erlebt habe, über uns » 42 Gewitternacht. herein. Die Bramſegel wurden gelöſt und ſollten eingerefft werden. Ich ſelber hatte mir indeſſen viel Mühe gegeben die Handgriffe an Bord ſo viel wie möglich zu lernen, war beſonders viel mit nach oben gegangen, das Einnehmen und Löſen der Segel wegzubekommen. Ich ſprang daher auch jetzt mit den Matroſen hinauf, das Manöver auszuführen; nie aber werde ich das Gewitter und den Anblick vergeſſen, der ſich dort mir bot. Wir waren oben am Bramſegel unſerer drei und ver⸗ ſuchten, die loſen Falten des Tuches zuſammenzunehmen und einzuſchnüren, während der Wind noch wie toll mit den ge⸗ löſten Enden ſpielte. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag leuchtete und donnerte indeſſen am weiten dunkeln Himmelsge⸗ wölbe hin. Jetzt erhellte ein greller, blendender Wetterſtrahl das Ganze zur Tageshelle,— oben der dräuende, finſtere Himmel, unten, tief unten, wie ein breiter, dunkler Streifen, das Schiff auf dem leuchtenden, wie mit Myriaden Sternen beſäeten, wie mit glühendem Schaum bedeckten Ocean dahin⸗ ſchießend; dann plötzlich fürchterliche Dunkelheit, daß es nicht möglich war, die Rage, die wir hielten, und das Tau, auf dem wir ſtanden, zu ſehen. Und hinterher das Schmet⸗ tern und Donnern des erzürnten Himmels. Es war groß⸗ artig, und nicht um Vieles möchte ich die Erinnerung an jene Augenblicke dahingeben. Der Sturm hielt indeſſen nur bis etwa gegen 10 Uhr an. Bis zum 10. Juli blieb uns der Wind ziemlich günſtig, dann ließ er wieder einmal für eine Weile gänzlich nach. Das Schiff lag faſt bewegungslos, und da Alles wieder, ſo⸗ 8* Haifiſch⸗Lootſen.— 43 wohl von der Seekrankheit als auch von den üblen Nachwir⸗ kungen des Punſchfeſtes geneſen war, ſo trieb ſich der größte Theil der Paſſagiere in den munzgialriaſſen Gruppen auf dem Verdeck umher. Gegen Mittag ſchwamm ein Haifiſch, der erſte, den wir ſeit langer Zeit ſahen, zum Schiff heran, zog einmal ruhig um daſſelbe hin, und verſchwand dann, trotz allem Fleiſch, das wir für ihn an dem Haken auswarfen. Er hatte zwei Lootſenfiſche bei ſich, deren Anhänglichkeit an den Hai wirk⸗ lich wunderbar iſt. Dieſe Lootſen waren ungefähr 12 bis 14 Zoll lang, mit fingerbreiten weißen und rothen Streifen geziert, und kreuzten vor dem Raubfiſch hin und her. Ich ſchoß einen, konnte ihn jedoch nicht bekommen. Dieſe Fiſche folgen dem Hai öfters zu fünfen und ſechſen, nie verſchlingt er einen von ihnen, und ſicher iſt's, daß ſie ihm ſeinen Raub anzeigen. Obgleich wir den Hai nicht mehr zu ſehen beka⸗ men, ſtand er doch noch unter dem Schiffe, und die Piloten ſpielten vorn um das Bugſpriet herum— das ſichere Zei⸗ chen, daß der Hai nicht fern war. Auch ein Schwertfiſch von 12 bis 13 Fuß Länge kam an dieſem Tage zum Schiff. Mehre Seeſchwalben, oder, wie ſie die Engländer nennen, mother Carey's chicken, die ſogenannten Sturm⸗ vögel, waren uns faſt auf der ganzen Reiſe gefolgt, und auch jetzt noch flogen oder ſchwammen ſie neben dem Schiff, da⸗ hinter oder voraus. Ich ſchoß einen dieſer Vögel und fing ihn dann, als er am Schiff vorbeitrieb, mit dem Netze. Sie ſind ungefähr von der Größe unſerer Schwalben, fliegen auch ziemlich auf dieſelbe Art, tragen aber eine Schwimm⸗ 44 Soldatenſpielen. haut zwiſchen den Zehen und tauchen vorzüglich. Auch ihr Schnabel iſt anders eingerichtet, denn ſie haben ein großes, hornartiges Luft⸗ oder Naſenloch daran. Der Wind erhob ſich zwar die nächſten Tage wieder etwas, aber ſo leiſe, daß das Schiff einzuſchlafen ſchien, und ihm nur noch Schlafmütze und Pantoffeln fehlten; auch un⸗ ſere Paſſagiere wurden mit jedem Tage unleidlicher. Die Munterſten, die ſtets auf dem Verdeck waren, fingen Zank und Streit mit einander an, und die Anderen, bei Weitem die Unangenehmſten, vegetirten nur noch. Sie blieben Tag und Nacht in ihren Coyen liegen und nahmen ſich nicht ein⸗ mal mehr die Mühe, ſich zu waſchen; ob ſie vielleicht das Waſſer nicht vergeuden wollten, da wir in der Nähe von Sandbänken waren? Doch trieben wir auch wieder viel Un— ſinn, und zwar auf eine Art, von der man gar nicht glauben ſollte, daß vernünftige, erwachſene Menſchen darauf kommen könnten. Wir ſpielten unter Anderem einmal Soldaten, — Handwerker, Kaufleute, Apotheker, Juden, Chriſten, Matroſen, Alt und Jung, Alle nahmen daran Theil, mit Stangen, Beſen, Haken, Harpunen, Hirſchfängern, Blas⸗ inſtrumenten(dem blechernen Alarmhorn), Fahnen ꝛc., wie die kleinen Kinder bewaffnet. Alles wurde aufgeführt,— Rebellion, Deſertion(ein Jude war der Deſerteur), Kriegs⸗ gericht, Standrecht, Sturmläuten(die Sturmglocke war aus einem Hemde gemacht, in welches ein Faßreif geſpannt war; als Klöppel diente ein Beſenſtil). Das Schönſte bei der ganzen Sache war, daß der Doctor die Naſe rümpfte und von„Kindereien“ ſprach; er wurde furchtbar verhöhnt. Der Oldenburger Hoffnung. 45 Landbewohner kann ſich aber auch wirklich keine Idee von dem Müſſiggang eines ſolchen Schiffslebens machen. Tag nach Tag, Woche nach Woche vergeht, und mit Nichts als Himmel und Meer um die Reiſenden iſt es kein Wunder, daß ſelbſt ganz ernſte geſetzte Menſchen einmal über die Stränge ſchlagen, und in faſt kindiſchem Uebermuth dieſe Zwiſchenexiſtenz der Reiſe eine Weile zu vergeſſen und das fatale Gefühl zu betäuben ſuchen, das in der langen öden Zeit in ihnen aufzuwuchern beginnt. Am 18. Juli flog das Schiff luſtig durch die Wellen, die Segel von günſtigem Winde, unſere Herzen von neuer⸗ wachter Hoffnung geſchwellt. Heute hatten ſich ſogar die Oldenburger Bauern auf dem Verdeck verſammelt und ſangen im Chorus ein ſehr hübſches Lied, von dem der Refrain immer lautete:„In Amerika können die Bauern in den Kuts⸗chen fahren,“ wobei ſie das„ſ“ ſehr deutlich von dem „ch“ trennten. Mit den Kutſchen möchten ſich die guten Leute wohl geirrt haben;„Schiebkarren“ könnten da eher am Platze ſein; doch geht ja Nichts über die Hoffnung, was wären wir ohne ſie.. „Morgen kommen wir an Land“— wie ein leiſes Flüſtern lief das Wort erſt über Deck und drang bis in die unterſten, entfernteſten Räume.— An Land das ſo tauſend⸗ mal und heißerſehnte Land— und wie oft waren wir ſchon darauf vertröſtet worden, wie oft hatten wir uns darauf ge⸗ freut— Land— es liegt ein eigener Zauber in dem Wort und nur der begreift ihn, der draußen in See der fernen Küſte mühſam zugeſtrebt, und vor drängender Sehnſucht in⸗ ——JJJ —— ⁴jj — —— —— 46 Land, Land. deſſen faſt zu vergehen meinte, bis der raſtloſe zuckende Fuß den feſten heiligen Boden wieder betreten könne. Ob wir uns aber auch zehnmal umſonſt darauf gefreut, die Sehnſucht danach war deshalb nicht ſchwächer, eher ſtär⸗ ker geworden, und als es leiſe, ganz leiſe, im Oſten anfing zu dämmern, ſprang ich aus meiner Hangematte(die ich mir ſchon ſeit einiger Zeit ſelbſt gemacht hatte, da ich das Schla⸗ fen in dem engen Raume nicht mehr aushalten konnte) und lief hinauf auf die Vorbramrage Ruhig, nur von einem leiſen Südoſtwinde gekräuſelt, lag das Meer tief unter mir und ſchien tanzend und ſpielend dem gewaltigen Schiffe erſt auszuweichen und ihm dann plätſchernd zu folgen. Ich kletterte in die oberſte Stenge hinauf, umfaßte dieſelbe mit dem linken Arme und athmete mit Wonne die reine Morgenluft. Heller und heller wurde der Horizont, klarer, immer klarer die Ausſicht, die Nebel ſchwanden, ein fernes, dumpfes, donnerähnliches Brauſen ſchlug an das lauſchende Ohr; das war die Brandung— dort, dort lag Amerika, und immer deutlicher trat jetzt ein ſchwacher blauer Streifen über dem dunkeln Wellenhorizonte hervor.„Land!“ ſchrie ich hinunter vom Maſt, und„Land, Land!“ tönte es im Zwiſchendeck von einer Lippe zur anderen. Wie Ameiſen aus ihrem bedrohten Bau, ſo krochen aus dem engen Eingangsloche jetzt die ſchlaftrunkenen Paſſagiere eilfertig hervor, ſtellten ſich vorn an's Bugſpriet hin, riſſen die verſchlafenen Augen auf und ſchrieen„Land!“ Natürlich konnte unten vom Verdeck aus noch Niemand etwas erkennen. Wilhelm in der Butter. 47 Auch der lange Schneider kam, in einer Hand ſeinen Butterteller, in der anderen einen Schiffszwieback, auf's Verdeck geſprungen, als er Land rufen hörte, ſetzte beides ſchnell auf einen der Hühnerkaſten, die von ihrem gewöhn⸗ lichen Stande weggenommen und, erſt den Tag vorher, vor die Winde hingeſtellt worden waren, und eilte mit den An⸗ deren vorn hin, das erſehnte Land zu erſpähen. Wilhelm, der wahrſcheinlich dachte daß er Amerika noch früh genug zu ſehen bekommen würde, ließ ſich ruhig auf einem der Hühnerkaſten nieder und natürlich nirgend an— derswo als gerade in die Butter, welche die Nacht hindurch unten im warmen Zwiſchendeck weich geworden war. Mit den Ferſen dabei gemüthlich gegen die Latten klopfend, ſaß er da, pfiff, die Hände im Schooß gefaltet, und ſah träumend in's Blaue. Der Schneider, Kicht unnützer Weiſe um ſeine Butter beſorgt, die er, vertrauend auf allgemeine Redlichkeit, gewiſſermaßen auf offener Straße hingeſetzt hatte, kehrte zurück und blieb ſtarr vor Verwunderung mit offenem Munde ſtehen, als er dieſes Bild unſchuldiger Gemüthlichkeit und Seelenruhe in ſeiner Butter ſitzen ſah. Wilhelm, nichts Böſes ahnend und von dem Erſtaunen des Schneiders er⸗ götzt, verzog das Geſicht zu einem breiten Lächeln, wobei er immer noch zu pfeifen verſuchte, trommelte aber ruhig fort. Endlich löſte ſich die Zunge des Erſtaunten.„Ne, der Unglücksmenſch,“ rief er aus, ſprang auf den ſich deſſen nicht verſehenden Wilhelm zu, riß ihn über's Knie, und die Kehr⸗ ſeite deſſelben mit tiefer Betrübniß den Umſtehenden zeigend, rief er aus:„Do hat er ſe.“ — 48 Vorbereitung zum Landen. 8** c 1 3.——* Näher und näher kamen wir jetzt der ſo lang erſehntan⸗ 8 Küſte; ſchon konnte man das waldige Land, ſchon grüne l⸗ der erkennen, jetzt die einzeln vorſtehenden Bäume, jetzt Häu⸗ ſer, Farmerwohnungen und Leuchtthürme; es war ein wun⸗ — C. dervoller Anblick. Doch nicht lange genoſſen wir ihn„denn der Capitain getraute ſich nicht, näher zum Ufer zu laufen; wir lavirten daher wieder ab, ſo daß wir gegen Abend das Land kaum noch vom Waſſer unterſcheiden konnten. Am 19. Juli fuhren wir wieder mit vollen Segeln darauf zu. Um 11 Uhr ungefähr kam ein kleiner Kutter uns entgegen; die nordamerikaniſche Flagge flatterte an ſei⸗ ner Segelſtange; wir hißten die Bremer Flagge auf. Es war der Lootſe.. Jetzt kam neues Lebe fen wurde friſches Waſſer usgetheilt, da das Seewaſſer, mit dem wir uns bis jetzt abgerieben hatten, keine Seife an⸗ nimmt, und das ganze Schiff glich eher einer Reinigungs⸗ anſtalt, als etwas Anderem. Ueberall wurde geputzt und blankgemacht. Hier ſchmückte ſich eine junge iſraelitiſche Dame vor einem Stückchen Spiegelglas mit falſchen Ohr⸗ ringen, dort wuſch ſich ein armer Teufel noch in der Ge⸗ ſchwindigkeit ein Hemde aus; an jener Seite ſaßen mehre Frauen und kämmten und bürſteten die Kinder; und an die⸗ ſer ſtiegen ein halbes Dutzend, ſchon fix und fertig, in ihrem ſchönſten Sonntagsſtaat ſtolz einher. Dort, an der Winde, ach ja, da lagſt du, lieber Seiler, auf dem Bauche, du be⸗ ſaßeſt nur das eine Paar Beinkleider, du Armer, und hatteſt dieſe auf der langen Ueberfahrt durchgeſeſſen; aber mit Bord. So nahe vor dem Ha⸗ DS Der mitleidige Schneider. 49 erbarmendem Mitleiden im Blick bog ſich der lange Schnei⸗ der über dich, und ſetzte dir einen großen ſchwarzen Flicken auf den defecten Theil,— eine Thräne glänzte in ſeinen großen blauen ſich, die Nadel ſtach zu tief, und mit gewaltigem Satze ſprangſt du, lieber Seiler, in die Höhe und hielteſt die Hand auf den Flicken. Der Lootſe, ein ſchöner großer Mann, der, wie alle amerikaniſche Lootſen(ganz unähnlich den unſeren, die in ihrem groben blauen Pilotenzeuche einhergehen), höchſt ge⸗ ſchmegelt und modern mit ſchwarzem Frack und Cylinder angezogen war, brachte uns bald in die Einfahrt des New⸗ Yorker Hafens nach Staten Island. Wo nehme lich jetzt die Feder her, das zu beſchreiben was wir ſahen, das zu ſchildern was wir fühlten? Der An⸗ blick des, im lieblichſten Grün angenden, mit üppigen Fel⸗ dern und köſtlichen Gebäuden beſäeten Landes, zwiſchen denen i und da wieder der dunkelgrüne herrliche Urwald durch⸗ ſchimmerte, der rechts und links zur Beſchützung des Hafens angelegten Forts, des freundlichen, blauen Himmels über uns, der nur leiſe plätſchernden Wogen unter uns, machte mir das Herz aufgehen, und mich trieb es allein zu ſein. Ich ſtieg hinauf in den Maſtkorb und ſchaute von dort mit entzückten, warum ſoll ich's leugnen, mit naſſen Augen das wundervolle Land, das uns hier mit liebenden Armen zu umfängen ſchien, und unwillkürl lich drängte ſich mir die Frage auf:„Warum iſt das nicht die Heimath, warum mußte ich — Alles, Alles verlaſſen, an dem das Herz hing, um dieſen Anblick zu erkaufen?“ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 50 Der Doctor. Quarantaine. Die Matroſen, die wie Katzen die Strickleitern herauf⸗ 7 liefen, ſtörten mich in meinen Betrachtungen; die Segel wurden befeſtigt, und in wenigen Minuten rauſchte der ſchwere Anker in die Tiefe. Unter gelber Flagge kam jetzt ein kleines Schiff von Staten Island; es brachte einen Arzt an Bord, der die Mannſchaft und die Paſſagiere unterſuchen mußte, um ſich zu überzeugen, ob ſie alle geſund ſeien. Glücklicherweiſe waren unſere Pockenkranken geneſen(nur drei hatten die Pocken gehabt), die Leutchen ſahen alle wohl und friſch aus, ſo daß der gute Doctor trotz ſeiner ſechseckigen Brille keine Spur vergangener Krankheit finden konnte, und mit einem „All well“ das Schiff verließ. Gegen Abend ſprangen H., unſer Doctor, und ich wieder über Bord, uns zu baden. Dieſe Nacht durften wir das Schiff noch nicht verlaſſen. Erſt am 20. Juli wurden wir mit unſerem Gepäcke durch einen kleinen Schooner in ein großes viereckiges Blockhaust gebracht, das einige hundert Schritte vom Lande ablag. Dort mußten wir gewiſſermaßen eine kleine Quarantaine aushalten, und nachſehen laſſen, ob unſere Koffer entweder etwas Steuerbares oder ſchmuzige Wäſche enthielten, das erſtere zu verſteuern, die letztere zu waſchen. Mit den ſteuerbaren Sachen wurde es übrigens nicht ſtreng genommen, und Keiner von Allen bezahlte etwas. Strenger wurde die Wäſche nachgeſehen, wobei einige wirk⸗ lich ſchaudererregende Stücke entdeckt wurden, welche Einzelne des liederlichen faulen Zwiſchendecksgeſindels unter ihre rei⸗ nen Sachen verſteckt hatten. Große Kübel wurden jetzt — 8 51 Abſchied von der Conſtitution. herbeigeſchafft, und die guten Leute mußten das Verſäumte nachholen. Wir Fünfe hatten nichts Schmuziges, weil wir ſtets auf dem Schiffe unſere Wäſche gereinigt hatten, d. h. die getragenen Gegenſtände, an ein Tau gebunden, etwa vierundzwanzig Stunden lang vom Schiffe hatten nachziehen laſſen, was die Wäſche, wenn auch nicht ſehr weiß, doch trag⸗ bar macht und, wie Jeder geſtehen muß, ſehr bequem iſt. Als wir die„Conſtitution,“ in der wir nun 64 Tage in Freud und Leid zugebracht, verließen und von der Mann⸗ ſchaft Abſchied nahmen, war es uns, wenigſtens mir, faſt, als wenn wir alte, liebe Bekannte zurückließen. Wir brach⸗ ten ihnen auch, als die Bootsleute abſtießen, ein donnerndes Hoch! das lauttönend von den Matroſen, mit dem gebräuch⸗ lichen engliſchen„hip, hip, hip, hurrah!“ dreimal zurück⸗ gegeben wurde. So gut es übrigens gemeint war, ſo fand es bei dem iſraelitiſchen Theile unſerer Paſſagiere doch wenig Anklang. Dieſe, obſchon ſie tüchtig ihre engliſchen Ge⸗ ſpräche durchſtudirt haben mochten, hatten doch dieſes„hip, hip, hip“ noch nicht in ihrem Wörterbuche gefunden, und einer von ihnen bemerkte ganz treuherzig:„Na, ſe hätten uns aach nicht gebraucht aus ze uzen, ze guter Letzt.“ Obgleich das Blockhaus, wohin man uns brachte, das „Quarantainegebäude“ genannt wurde, hielt man es mit der Quarantaine doch nicht ſehr ſtreng, und ein großer Theil von uns fuhr noch denſelben Abend auf einem Kahne an Land. Zum erſten Male betraten wir die neue Welt, für uns wahrlich eine neue, wunderſchöne, herrliche, aber doch eine neue und deshalb fremde Welt. 4* ◻ 0 Warnungen. Sonderbare Gefühle beſtürmten mich, als ich allein un⸗ ter den fremden Bäumen, an den bleichen Amerikanern vor⸗ bei, zwiſchen fremdartig gebauten Straßen hindurch wandelte und mir ein ruhiges Plätzchen ausſuchte, ganz meinen Ge⸗ danken nachzuhängen; es waren wehmüthige und doch auch wieder hoffende, vertrauende Gefühle. Erſt ſpät kehrte ich zu den Unſrigen zurück, die ich um Bier, Butterbrod und Käſe verſammelt fand, und die es ſich zum guten Anfange gar wohl in der neuen Heimath ſein ließen. Was halfen auch die trüben Gedanken, wir waren einmal da, und mußten jetzt auch ſehen wie wir durchkamen. So ließ ich mich denn ebenfalls nicht lange nöthigen, und ſetzte mich zu den übrigen Schiffsgefährten. Während wir noch dort zechten und uns die langentbehr⸗ ten Gottesgaben gut ſchmecken ließen, kam ein Fremder zu uns in die Stube, redete uns jedoch deutſch an, ſo daß wir in wenigen Minuten wie alte Bekannte waren. Es war ein Bäcker, der, ſchon einige dreißig Jahre in Amerika, ſich ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und er kam einzig und allein in der löblichen Abſicht zu uns, uns einige wohl⸗ gemeinte Warnungen zu geben. Der gute Mann hätte ſich die Mühe erſparen können, wir wußten, wie alle Neuan⸗ kommenden, das Alles beſſer. Er hatte die meiſte Zeit ſeines Aufenthaltes in Penſyl⸗ vanien gelebt und redete, wie die dortigen Bürger, alle Leute mit Du an.„Nehmt Euch vor den Amerikanern in Acht,“ 5 ſagte er,„ſie betrügen Euch wo ſie können; wenn Ihr aber einmal einem vertrauen müßt, ſo vertraut lieber einem 2 * * Die Landsleute in Amerika. 53 Amerikaner als einem Deutſchen. Es iſt eine Schande für die Deutſchen, es iſt aber wahr. Hütet Euch vor ihnen, denn ſie ſind gegen ihre Landsleute viel ſchlimmer als gegen alle Anderen, weil dieſe,“ ſetzte er vertraulich hinzu,„immer die dümmſten ſind. Wenn Ihr nach New⸗York kommt, ſoe geht nicht in die Kneipen nahe am Waſſer— William Tell und wie ſie alle heißen,— es ſind Mordhöhlen; thut Ihr's dennoch, ſo iſt es Euere eigene Schuld, und Ihr dürft Euch nicht beklagen.“ In dieſer Art redete er noch lange fort, und obgleich ich damals keine Ausnahme von der allgemeinen Regel machte, d. h. Alles beſſer wiſſen und dieſe böſen Warnungen nicht glauben wollte, weil ſie nicht mit meinen Ideen übereinſtimmten, ſo habe ich doch ſpäter gefunden wie recht der Mann hatte. Nur in der einen Sache hatte er nicht ganz recht, daß er die Deutſchen allein als Betrüger — anklagte. Allerdings für ihre Landsleute ſind ſie die gefähr⸗ lichſten; die dortigen Landhaye ſuchen ſich aber eben immer und ganz hauptſächlich ihre Landsleute aus, weil ſie deren Sprache am beßten verſtehen, und dieſe, ſobald ſie an der fremden Küſte die heimiſchen Laute hören, denen die ſie reden, auch am leichteſten vertrauen. Der Franzoſe ſucht ſich den Franzoſen, der Deutſche den Deutſchen, der Engländer den Engländer und was er aus ihm herauspreſſen kann geſchieht mit Vergnügen.„Sie werden das Geld doch hier in Amerika los“ tröſten ſie und entſchuldigen ſie ſich dabei,„und es iſt doch beſſer, daß es ein Landsmann bekommt, als Einer der verdammten Fremden.“ Wir kehrten nach 10 Uhr wieder in unſere Barake —“ — ͦ—— — , 54 Ankunft in New⸗York. zurück, wo alle übrigen Deckpaſſagiere in maleriſchen Grup⸗ pen gelagert waren, und verbrachten ebenfalls dort die Nacht. Als die Sachen unſerer Reiſegeſellſchaft genau durchge⸗ ſehen wurden, fand ſich noch mehr Unrath als man erwartet hatte, und müde, länger in dieſen ekelhaften Umgebungen zuzubringen, gingen wir Fünf auf ein Dampfboot, das Mor⸗ gens um neun Uhr von Staten Island nach New⸗York ab⸗ ging, welche Strecke von 2 Meilen es in einer halben Stunde zurücklegte. Zuviel war da von neuen, niegeſehenen Herrlichkeiten zu ſchauen, als daß das Auge hätte lange auf einer Sache wei⸗ len und ſich dieſelbe einprägen können. Als ich kaum glaubte, daß wir abgefahren wären, hielt das Dampfboot ſchon, und vor uns lag das ungeheuere Häuſermeer New⸗York, von einem Maſtenwalde begränzt. Streißug durch die vereinigten Staaten. New⸗York. Kaum landete das Dampfboot, als ſich eine Unmaſſe von Karrenführern zu uns drängte, die alle ſehr bereitwillig ſich anboten unſere Sachen an den Ort ihrer Beſtimmung zu liefern. Wir wählten zwei von ihnen, die alle unſere Koffer und Kiſten aufluden, wofür wir zuſammen 1 Dollar bezahlen mußten; doch hatten ſie dieſelben ein ziemliches Stück Weges zu fahren. Der Karren, deſſen ſich dieſe Leute bedienen, ruht auf zwei Rädern und zwar ſo, daß, wenn aufgeladen wird, der hintere Theil auf die Erde hinunter⸗ reicht, damit ſchwere Waaren mit größtmöglicher Leichtigkeit hinaufgewälzt oder gerollt werden können. Zllr., der ſchon früher einmal in New⸗York geweſen war, empfahl uns das Schwarziſche Wirthshaus(boarding house), und wir zogen alſo dahin. Eine ſchmuzigere Wirthſchaft war mir aber noch nicht vorgekommen, als bei der alten Madame Schwarz; denn noch jetzt erfaßt mich ein Ekel, wenn ich an die von Wanzenblut geblümten Betten denke. —— —— —— —— ——— — — 56 Der iriſche Begräbnißzug. Natürlich war ich die erſten Tage nicht viel im Hauſe, ſondern ſchlenderte durch die breiten herrlichen Straßen New⸗Yorks und bewunderte mehre, wirklich prachtvolle Ge⸗ bäude darin. Was mich aber am meiſten anſprach, war die Unzahl von Schiffen, welche um die ganze Stadt, die be⸗ kanntlich auf einer Inſel liegt, eins an das andere gereiht waren, ſo daß das ganze ungeheuere New⸗ York einen Hafen bildet. Damals lagen ungefähr funfzehnhundert größere und kleinere Schiffe um die Stadt herum. Ganz entzückt war ich auch im Anfange von dem Ueberfluß an Südfrüch⸗ ten, der hier herrſchte. In allen Straßen waren Wagen voll Ananas, Orangen und Cocusnüſſe; die ſchönſten Ana⸗ nas wurden zu zwei und vier guten Groſchen das Stück verkauft. Ich war ein paar Stunden gelaufen, und wollte eben wieder nach unſerem Wirthshauſe zurückkehren, als der ſon⸗ derbarſte Zug, den ich in meinem ganzen Leben geſehen habe, um eine der Straßenecken bog. Es war der Begräbnißzug eines armen Irländers; doch ich will lieber das Ganze kurz beſchreiben, da es wahrlich der Mühe werth iſt. Das Erſte im Zuge war ein großer, viereckiger Leichen⸗ wagen, mit ſchmuzigem, einſt ſchwarz geweſenem Zeuche be⸗ hangen; oben auf dem Vordertheile des Wagens war ein Sitz für den Leichenkutſcher angebracht. Auf dieſem Sitze befand ſich dieſer auch, aber in einer nichts weniger als trau⸗ rigen Haltung. Den linken Fuß auf das rechte Knie gelegt und den linken Ellenbogen auf das linke Knie geſtützt, ſaß er da oben, in einem blauen, abgeſchabten Frack, mit herun⸗ Feuer! Feuer! 57 terhängender Hutkrämpe und einſt weiß geweſenen Bein⸗ kleidern, zu gleicher Zeit kaute er in größter Behaglichkeit an einem Apfel, den er in der linken Hand hielt, während er mit der rechten den Pferden dann und wann einmal einen Hieb verſetzte, ſie zu ſtärkerem Schritte anzutreiben. Den Zügel hatte er ſich um das linke Knie geſchlungen. Hinter⸗ her kamen ſechs zweirädrige Karren, ſogenannte drays, und von derſelben Art wie ſie zum Fortſchaffen der Frachtgüter gebraucht werden. Auf jedem ſaßen 10 bis 12„Leidtra⸗ gende,“ und zwar ſo, daß ſie, mit dem Rücken gegen einander gekehrt, die Beine rund herum heraushängen ließen, Männer und Frauen alle durch einander, in die hellſten und grellſten Farben gekleidet, eſſend, trinkend und lachend. Es war wirklich, wenig zu ſagen, ein originelles Begräbniß. Ueber⸗ haupt bot ſich mir, wohin ich auch kam, ſoviel des Neuen und Wunderbaren, daß ich ſtundenlang brauchte aus einer Straße in die andere zu kommen, und es war ſpät am Abend, ehe ich mein Koſthaus wieder erreichte. Immer, wenn ich endlich gehen wollte, kam mir Dieß und Jenes da⸗ zwiſchen, und ſo verging eine Stunde nach der anderen. In meiner Wohnung angekommen, fand ich meine Rei⸗ ſegefährten vor, und es läßt ſich denken, daß wir uns ſehr viel zu erzählen hatten. Als wir endlich, es war 12 Uhr, zu Bette gehen wollten, ſchallte es„Fire, fire, fire!“ durch die ſtillen Gaſſen. Ich ſſprang auf und ſchaute aus dem Fenſter, da bemerkte ich, daß der Himmel gerade über den gegenüberſtehenden Häuſern gluthroth war. Da ich noch angezogen war, und Keiner der Uebrigen 6 58 Feuer in New⸗York. mitgehen wollte, ſo ſprang ich allein die Treppe hinunter und dem hellen Scheine zu. Eine Straße nach der andern eilte ich hinab— immer ſtand der Schein faſt dicht vor mir; end⸗ lich, nachdem ich wohl Dreiviertel⸗Stunden gelaufen war, kam ich zur Brandſtätte. Es war ein kleines, hölzernes Ge⸗ bäude, das ganz in Flammen geſtanden hatte, doch aber noch nicht niedergebrannt und von den raſch herbeigeeilten Spritzen ſchon gelöſcht war. Ich kam eben noch zur rechten Zeit das letzte Verglimmen des Feuers mit anzuſehen. Es waren mehre Deutſche unter den zum Brande geeil⸗ ten Leuten, und ich fragte jetzt Einen von ihnen, wie weit ich bis zu meiner Wohnung in Pearlſtreet hätte. Zu mei⸗ nem Schrecken erhielt ich die Antwort, daß ich mehr als zwei engliſche Meilen von meinem Bette entfernt ſei. Der Mann verſicherte mir auch, daß, wenn ich nach jedem Feuer in New⸗ York laufen wollte, ich ſicher die ganze Nacht weiter Nichts zu thun hätte, da es ſelten wäre, daß es weniger als zwei⸗ mal die Nacht brenne, ein Feuer aber regelmäßig alle 24 Stunden ſei. Ich fand auch ſeine Worte vollkommen beſtä⸗ tigt, denn nach wenigen Stunden brannte es noch einmal, und während der ganzen drei Monate, die ich in New⸗York zubrachte, erinnere ich mich nur weniger Nächte, die ohne Feuerlärm vorübergingen. Die Löſchanſtalten ſind übrigens hier vorzüglich, und die angeſehenſten Bürger gehören zu den Feuerleuten; auch die Spritzen ſind höchſt elegant und ge⸗ ſchmackvoll aus Meſſing und Stahl gearbeitet, gewöhnlich mit einer ſehr hübſchen Vignette verſehen und werden nur von den Menſchen ſelber gezogen. Wie unähnlich ſind ſie Boarding house. 59 unſeren alten rothen Donnerkaſten, bei denen es eine halbe Stunde dauert, ehe nur die Pferde ins Geſchirr kommen. Acht Tage waren mir in New⸗York ſo raſch vergangen, daß ich glaubte, ich ſei kaum zwei dort, und ich hatte viele Deutſche in der kurzen Zeit kennen gelernt. Der Aufenthalt im Wirthshauſe war mir indeſſen unerträglich geworden, denn keine Nacht konnte ich ſchlafen. Ich legte mich im wahren Sinne des Wortes bloß auf's Bett, um die Wanzen zu füttern. Durch einen Braunſchweiger wurde ich mit einer deut⸗ ſchen Familie bekannt, zu der ich zog und für Koſt und Lo⸗ gis wöchentlich 3 Dollars zahlte. Es war damals ungefähr der gewöhnliche Preis. Die Wäſche, für die ich 4 Cent (20 Pfennige) per Stück gab, mußte beſonders vergütet werden. Ich war mit der Abſicht nach New⸗York gekommen, mich von dort aus nach Vera Cruz einzuſchiffen, hörte aber über die mexikaniſchen Verhältniſſe ſo viel Ungünſtiges, daß ich zuerſt unſchlüſſig wurde und endlich, als mehr und mehr Leute mir den unruhigen, ungewiſſen Zuſtand des mexikani⸗ ſchen Reiches ſchilderten, und mich als neuen Ankömmling warnten dahin zu gehen, mir die Sache ernſtlich über⸗ legte und beſchloß, mir erſt die vereinigten Staaten recht ordentlich anzuſehen, ehe ich mich nach anderen Ländern wendete. Beſſer ſchienen mir die Ausſichten im Lande ſelbſt zu ſein. Ein junger Farmer von Illinois, den ich in New⸗ York ſprach, ſagte mir, daß es für einen Landmann leicht 60 Die Kirche. ſei, dort eine Pachtung zu bekommen, d. h. eine Pachtung im amerikaniſchen Sinne des Worts, wo der Pächter ein Stück „geklärtes“ Land mit den dazu gehörigen Gebäuden erhält, daſſelbe bearbeitet(wozu der Eigenthümer größtentheils das Handwerkszeug liefert) und dafür den dritten Theil der Ernte abgiebt; zugleich verſicherte er mir noch, daß 2 Mann recht bequem 60 Acker beſorgen könnten. Freilich verſchwieg er, daß dieß mit dem amerikaniſchen Landbau ganz und gar vertraute Leute ſein müßten. Allerlei Pläne gingen mir damals im Kopfe herum, ich konnte mich aber noch immer nicht zu etwas Beſtimmtem entſchließen, und darüber verging wieder eine gute Zeit. Soviel hatte ich indeſſen von den deutſch⸗amerikaniſchen Kirchen gehört, daß ich endlich beſchloß eine zu beſuchen. Ein Bekannter erbot ſich dabei mich am nächſten Sonntag Morgen zu einer der beſſern hinzuführen. Es war dieß die deutſche reformirte Kirche. Wir kamen etwas ſpät, und ich war über die Aufregung und Unordnung, die in dem heiligen Gebäude zu herrſchen ſchien, erſtaunt. Ich ſollte bald noch mehr ſtaunen. Der Prediger, ein ziemlich ſtarker, robuſter Mann ſah gewaltig roth im Geſichte aus, und ſprach heftig, obgleich er nicht ſchlecht zu predigen ſchien; dann und wann jedoch hielt er ein und trank etwas, das er neben ſich ſtehen hatte. Plötzlich, als Alles in völliger Ruhe zu ſein ſchien, und der Mann auf der Kanzel den Text erläuterte, ſtand eine Dame von ihrem Sitze auf und fing an laut zu reden. Was ſie wollte, konnte ich nicht gleich verſtehen, doch mit Erſtau⸗ ** nen erkannte ich meine Hauswirthin und vernahm die abge⸗ 4 Aufruhr. 61 brochenen Worte:„Schändlichkeit— nicht dulden— Frech⸗ heit— Männer— Kanzel werfen.“ Als ich noch über den wahrſcheinlichen Sinn dieſer Worte nachdachte, entſtand ein allgemeiner Aufruhr im Gotteshauſe. „H'runter von der Kanzel mit dem Schreier— werft ihn 'naus— prügelt ihn durch!“ das waren ungefähr die Aus⸗ rufe die laut wurden, und mit toller Eile machte ſich die Menge daran, den Pfarrer von der Kanzel zu holen. Das war aber nicht ſo leicht, als es zu ſein ſchien. Die Kanzel, zu der auf beiden Seiten eine ſchmale Treppe hinaufführte, hatte am Fuße derſelben eine kleine Thür, die von innen ver⸗ ſchloſſen werden konnte. Die Aufrührer ſprangen nach der rechts befindlichen Treppe, aber der Seelenhirt bewies ihnen, daß er im wahren Sinne des Wortes zur ſtreitenden Kirche gehöre; mit ein paar Sätzen war er an der Thüre und vertheidigte ſie ritterlich. Viele Hunde ſind freilich des Haſen Tod; die Beſatzung der Feſtung war zu ſchwach. Während er einen Theil derſelben vertheidigte, mußte er den anderen bloß geben; die Aufrührer rannten eine Breſche, ſtürmten die andere Treppe hinauf, und griffen die Beſatzung von hinten an. Der gute Herr Paſtor wurde in das Innere der Kirche geſchleppt, entſchlüpfte aber ſeinen Verfolgern, ſprang in eine Ecke und rief, indem er eine kunſtgerechte Boxerſtellung an⸗ nahm, ſeine bisher geſpielte Rolle vergeſſend, und zwar in recht gutem Engliſch:„God damn you, come on, all of you*)!“ 2 »)„Gott verdamm' Euch! Kommt an, Alle mit kinander!“ 3 * 62 Die Kreuzritter. Und wirklich waren dieſe Worte nicht bloße Prahlerei gewe⸗ ſen, denn ſeit er den Rücken gedeckt hatte, hielt er ſich den ganzen Schwarm vom Leibe. Ich hatte mich während des ganzen Vorfalls auf eine Bank geſtellt, dem Spectakel zuzuſehen und kann wohl ſagen, daß ich mich recht gut amüſirte. Uebrigens fochten ſie nicht ritterlich; denn obgleich ſich die Vorderen nicht an ihn wagten, ſchlugen ihn die Hinteren mit Regenſchirmen auf den Kopf, und der Uebermacht weichend, machte er einen Ausfall und gelangte in's Freie. Weiter wollte die liebe Gemeinde nichts, und Mehre ſprachen davon, den anderen Prediger zu holen; doch waren die Gemüther zu aufgeregt, und die Streiter der Kirche(Kreuzritter) gingen auseinan⸗ der. Zu Hauſe erfuhr ich von meiner Wirthin die Urſache des Aufruhrs. Die Gemeinde hatte dieſen handfeſten Prediger verab⸗ ſchiedet und einen anderen erwählt, der an dieſem Sonntage das erſte Mal predigen ſollte, die Rechnung aber dabei ohne den Wirth gemacht. Der Ex⸗Seelenhirt begab ſich nämlich ſchon mit Tagesanbruch, und zwar mit Hilfe eines anderen Schlüſſels, in die Kirche, und ſetzte ſich in Erwartung der Dinge die da kommen ſollten, ruhig auf die Kanzel. Als nun die Gemeinde mit dem anderen Prediger ankam, und den alten Geiſtlichen ſchon in Beſitz, da oben auf der Kan⸗ zel antraf, ging dieſer, der ein ruhiger, friedliebender Mann war, gleich wieder zurück, und trotz Drohen und Schimpfen fing der bisherige ſeine Predigt an. Er hätte auch viel⸗ leicht ſeinen Willen durchgeſetzt, wenn nicht jene Amazone Onkel Sam's Soldaten. den Funken zum Pulverfaß getragen. Wie ich in ſpäteren Jahren gehört habe, ſind dieſelben Unruhen in dieſer Kirche noch mehre Male vorgefallen; ich hatte übrigens an dem einmaligen Gottesdienſte genug. Der Sabbath wird ſonſt bei den Amerikanern ſehr ſtreng gehalten, und Nichts darf an dieſem Tage vorgenommen werden als Beten und vielleicht Le⸗ ſen eines religiöſen Buches. Natürlich giebt's auch Ausnahmen. Was mich in New-York befremdete war, daß ich gar keine Soldaten ſah, außer manchmal ein paar etwas mili⸗ tairiſch ausſehende Burſchen mit blauen Jacken, eben ſolchen Beinkleidern und wachstuchenen Mützen; es waren dieß „Uncle Sam's“ Soldaten*), die für acht Dollars den Mo⸗ nat ſich für den Staat aufopfern. Selten iſt's, daß ſich einmal ein ordentlicher Mann unter ſie verliert; gewöhnlich ſind es Solche, die keine Luſt zum Arbeiten haben, oder auf keine andere Art ihr Fortkommen finden können. Natürlich ſtehen ſie, die Officiere ausgenommen, nicht in der geringſten Achtung. Sonſt giebt es Bürgermilitair, mehre ameri⸗ kaniſche und deutſche Compagnieen, die bei Feſten, oder an⸗ deren Gelegenheiten ausrücken, und ziemlich geſchmackvoll uni⸗ formirt ſind. 4 Vor Kurzem hatte ſich auch eine Anzahl Schotten ver⸗ eint und eine Compagnie gebildet, und zwar in ganz alt⸗ ſchottiſcher Hochländertracht, die verſchiedenen Clans in ihren Farben, mit Plaid und Federbarret und blauen Mützen, *)„Uncle Sam,“ Scherzname für„United States,“ der An⸗ fangsbuchſtaben wegen. 63 —— 64 Schottiſche Garde. Behandlung der Schwarzen. Schild, Claymore und ihren Standarten; die Häuptlinge mit ihren Adlerfedern geſchmückt, und die Sackpfeifer luſtig ihre ſchottiſchen Nationallieder ſpielend. So zogen ſie durch den größten Theil der Stadt und ſahen prachtvoll aus. Am nächſten Tage aber hielt ſich der„Herald,“ nicht wenig darüber auf, daß Leute, die doch auf Anſtändigkeit Anſpruch machten, ſich nicht ſchämten,„mit bloßen Beinen“ durch die Straßen zu ziehen und noch dazu mit Muſik, damit ja alle Leute recht aufmerkſam darauf werden möchten.“— Wenn ſie ſich mit ihren„bloßen Beinen“ heimlich durch die Straßen geſchlichen hätten, würde es ihm beſſer gefallen haben. Sehr viele Auswanderer kamen noch in dieſen Tagen an und füllten alle Wirthshäuſer; was mir aber höchſt ſonder⸗ bar vorkam, war, daß ſich die Amerikaner nicht ſo um die Fremden zu drängen ſchienen, als ich mir dieß bisher einge⸗ bildet hatte, und zu meinem größten Leidweſen ſah ich, daß ein Trishman(Irländer) und ein Dutchman(Deutſcher) nur ſehr wenig mehr als die Schwarzen geachtet wurden. Ehrenvolle Ausnahmen giebt es hiervon, wie ſich von ſelbſt verſteht, denn der Gebildete Amerikaner weiß einen Unter⸗ ſchied zu machen; die Achtung, in der der Deutſche, den vielgeleſenen Berichten nach, ſtehen ſollte, hatte ich mir aber doch eigentlich ganz anders gedacht. Einen höchſt unangenehmen Eindruck macht aber auf den eben angekommenen Europäer, die Behandlung der armen Schwarzen, die, obgleich New⸗York kein Sclaven⸗ ſtaat iſt, doch wenig beſſer als das Vieh geachtet werden. Die CEigarrenhandlung. Und dennoch genießen ſie jetzt eine Menge Rechte, die ſie vor 2 Jahren noch nicht hatten, und welche ihnen erſt durch Ge⸗ neral Jakſon's Güte zu Theil wurden. Allerdings dürfen ſie auch jetzt noch in keinem Omnibus fahren, im Theater nur in der Galerie ſitzen; müſſen, mit wenigen Ausnahmen, Kir⸗ chen für ſich allein haben, dürfen nicht vor Gericht gegen einen Weißen ſchwören u. ſ. w. Die amerikaniſche Unabhängigkeits⸗Erklärung ſagt aus⸗ drücklich:„alle Menſchen ſollen gleich ſein,“ und dennoch exiſtirt in dieſem Lande die Selaverei. Vor amerikaniſchen wie deutſchen Schwindlern war ich indeſſen reichlich und genug gewarnt worden, hielt mich auch für vollkommen klug genug allen, nach meinem Geldbeutel ausgeworfenen Schlingen(ich beſaß ein kleines Capital von nicht ganz mehr 200 Dollar) ſchlau und geſchickt ausweichen zu können. Als ich nun einige Wochen in New⸗York geweſen war, begann mein Hauswirth(ebenfalls, wie ſchon geſagt, ein Deutſcher) mir Vorſchläge zu machen, mit ihm zuſammen ein Cigarrengeſchäft zu entriren. Er behauptete, die Sagh an G dem Grunde zu verſtehen, ich hatte ein kleines Capiß es war gar nicht dem geringſten Zweifel unterworfe wir in ein paar Jahren unſer Capital verhunderkfächen könnten. Im Anfang hielt mich ein gewiſſer Inſtinkt, eine Art Ahnungsvermögen davon zurück; ich hatte auch zu viel, gerade von den Deutſchen gehört— aber doch nicht von meinem Hauswirth— das waren ja ganz andere. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 5 66 Der Compagnon. Amerikaniſirung. Es dauerte auch gar nicht lange, ſo leuchtete mir die Sache vollkommen ein; ein in das Innere ziehender Deutſcher Namens Wagner winſchte einen Cigarrenladen zu verkau⸗ fen; glücklicher konnte ſich gar nichts treffen, da wir gerade einen zu kaufen wünſchten, und wir wurden bald Handels einig. Alles Geld, was ich beſaß, ſteckte ich jetzt in die jenes Lager füllenden, wie ſich ſpäter heraus ſtellte, meiſt verfälſch⸗ ten Waaren; mein Compagnon nahm noch andere auf Cre⸗ dit hinzu— merkwürdiger Weiſe fand er Leute die ihm borgten— und in kurzer Zeit ſtand im Broadway, der be⸗ deutendſten Straße New⸗Yorks, ein Cigarren⸗ und Tabaks⸗ laden unter unſerer Firma, d. h. ich ſelber als Compagnie mit angeführt(im wahren Sinne des Worts). Schon ſo lange in Amerika, fing ich nun auch an mich zu amerikaniſiren. Ich ſtaunte z. B. nicht mehr, wenn ich eine dicke, fette Mulattin, mit der Pfeife im Munde, über die Straße gehen ſah, oder wenn ich feingeputzte Damen, höchſt chmackvoll angezogen, ohne Strümpfe in den Schuhen be⸗ Ebenſowenig fiel es mir auf, einen anſtändig ge⸗ Herrn in ſchwarzem Frack und ſchwarzen Beinklei⸗ mit goldener Uhrkette ꝛc. mit einem Korbe am Arme zu Markte gehen zu ſehen, und ich ſchaute mich kaum noch um, wenn vielleicht ein Jankee*) in ſchlechtem Wetter, vom Markte kommend, geſtreckten Galopps mit ſehr kurzen Steig⸗ *) Jankees werden hauptſächlich die Bewohner der nordöſtlichen Staa⸗ ten, als Maine, Connecticut, Vermont ꝛc. genannt. Fahrt auf dem Hudſon zur Jagd. bügeln, am linken Arm einen Korb mit Gemüſe, in der rech⸗ ten Hand einen aufgeſpannten Regenſchirm, durch die Stra⸗ ßen ſprengte. Der Menſch gewöhnt ſich an Alles. In dieſer Zeit fiel es mir auch einmal ein, eine kleine Jagd zu machen, und da mir Zllr. die Ufer des Hudſon immer als ſehr reizend geprieſen, ſo gingen wir eines ſchönen Morgens mit unſerem Schießzeug auf eines der unzähligen Dampfboote, die dort lagen, und fuhren, den Hudſon hin⸗ auf, für den ungemein billigen Preis von ungefähr 5 gr. für 22 engliſche Meilen. Die Fahrt allein war das Hun⸗ dertfache werth, ſchon der wundervollen Landſchaft wegen. Der Hudſon iſt unſtreitig der ſchönſte Fluß den ich je geſehen habe. Der ſtille, ſpiegelglatte und doch majeſtätiſch breite Strom, mit ſeinen ungeheueren ſchroffen Felsufern, oben mit dem herrlichſten Grün bekleidet, die kleinen Woh⸗ nungen und Städtchen die ſich, wo es irgend der Raum ge⸗ ſtattet, an ſeine Ufer anſchmiegen, die tauſend und aber tau⸗ ſend Fahrzeuge, die das Ganze beleben, erfüllten das Herz mit Bewunderung und Wonne. Da das Boot ſpät abgegangen war, kamen wir erſt mit Dunkelwerden an den Ort unſerer Beſtimmung, und über⸗ nachteten dort in einem Wirthshauſe. Am nächſten Morgen waren wir mit Tagesanbruch gerüſtet und fingen an die Felder und Wälder mit einer wahren Gier nach Beute zu durchſuchen. Müde und matt von vielen Fence⸗ und Zaun⸗ klettern und vom Springen über umgeſtürzte und ganz oder halb verfaulte Bäume, vom Durchwaten der Moräſte, vom Ueberſteigen der Hügel, kamen wir endlich Abends, ohne 5* — ———— ——õ— 68 Die Jagd. auch nur eine Feder oder ſonſt etwas geſehen zu haben, bei einem Vetter von Zllr. an, der uns gaſtfreundlich aufnahm und uns verſicherte, daß wir nicht verſtänden das Wild in Amerika aufzufinden; er wolle uns nächſten Morgen ſelber führen. Neue Hoffnung. Schon vor Tagesanbruch waren wir Alle marſchfertig und zogen in die wundervolle, würzige Luft hinaus, einzig mit Mordgedanken beſchäftigt und ſchon berechnend, ob un⸗ ſere Jagdtaſchen alles erlegte Wild faſſen würden. Dieſelbe Jagd wie geſtern wiederholte ſich nun; hier ſchlichen wir an einem Waldſaume hin, dort an einer Fence, hier durchſtöber⸗ ten wir einen Buſch, dort durchwateten wir Strecken ſum⸗ pfigen Landes, von Tagesanbruch bis ſpät Nachmittags, und noch war kein Schuß gefallen. Das kühlte denn doch un⸗ ſere Jagdbegierde bedeutend ab, und als wir, wieder in der Nähe des Stromes, ein Dampfboot vorbeikommen ſahen, winkten wir und ließen uns an Bord nehmen. Müde und hungrig und ohne auch nur ein einziges Stück amerikaniſches Wild geſehen zu haben, kehrten wir ſolcher Art nach New⸗ York zurück. Die Jagd im Oſten der Vereinigten⸗Staaten, beſonders aber in der Nähe großer Städte, iſt wahrlich zu unbedeu⸗ tend, auch nur ein Gewehr deshalb aufzunehmen. Es giebt allerdings hier und da ein ſchwaches Volk einer kleinen Reb⸗ hühner⸗Art, die die Amerikaner nicht gerade unpaſſend Wach⸗ teln nennen; auch ein einzelnes Kaninchen wird manchmal angetroffen, und eine ziemlich große Art von Lerchen, die wie die Wachteln fliegen und auch ziemlich deren Größe haben, Das Engliſche. Veränderung im Geſchäftsleben. 69 ſind nicht gerade ſelten. Damit ſind wir aber auch fertig, und alles andere Wild iſt dort ſchon längſt vertilgt. Es laufen dabei eine Maſſe Jäger draußen herum, die ſelbſt den kleinſten Singvögeln einen erbarmungsloſen Vernichtung⸗ krieg geſchworen haben, die neugewonnene Jagdfreiheit auch würdig zu benutzen; aber wer auf wirkliche Jagd Anſpruch macht, ſoll um Gotteswillen nicht öſtlich vom Wabaſch die Flinte in die Hand nehmen. Nur Waſſergeflügel giebt es auf dem Hudſon, in den nördlichen Seen und Sümpfen des New⸗York Staats in ziemlicher Menge. Nach dieſer Excurſion trieb es mich nicht ſobald wieder aus der Stadt; ich hatte für einige Zeit genug bekommen und beſorgte eifrig meine Geſchäfte. Beſondere Mühe gab ich mir dabei die engliſche Sprache zu erlernen; denn ob⸗ gleich ich in Deutſchland ſchon etwas darin vorgearbeitet hatte, kam es mir hier im Anfange wie Chaldäiſch oder Chi⸗ neſiſch vor. Nur ſo lange jedoch, bis ſich mein Ohr an die 3 Klänge gewöhnt hatte, dann half mir die Grundlage, die ich ſchon gelegt, ungemein raſch weiter der Sprache mächtig zu werden. Mein Geſchäftsleben war indeſſen höchſt trauriger Art. Aus Broadway hatten wir uns ſchon der theuren Miethe wegen, und da ſich der Verkauf dort keineswegs ſo brillant 4 wie erwartet zeigte, fortgezogen, und unſer L den in dem⸗ ſelben Keller in Naſſauſtreet aufgeſchlagen 1 ten. An Miethe erſparten wir dadurch, auch viel Kunden, und die einzelnen Junges kamen und mit Zimmtöl betupfte Centeigarren 8 3 4 3 1 — 8 3 8— —— —— 70 Die Wirthin. Bilanz. Raſcher Entſchluß. ten uns dafür nicht entſchädigen. Auch mit meinem Com⸗ pagnon glaubte ich Urſache zu haben nicht beſonders zufrie⸗ den zu ſein— und ich hatte eigentlich zwei, denn ſeine Frau(die Kirchenamazone) regierte mehr mit, wie mir, und vielleicht auch ihm lieb war. Eine flüchtig gezogene Bilanz über unſer Soll und Ha⸗ ben brachte mir außerdem die überraſchende Entdeckung, daß wir nicht allein zu unſerem ſchnellen Reichwerden noch keinen einzigen Schritt gethan, ſondern ſogar mein kleines Capital in den wenigen Wochen ſchon um ein Bedeutendes ver⸗ mindert hatten. Als mir in dieſer Hinſicht die Schuppen etwas von den Augen fielen, fing ich auch an zu überlegen, ob denn das eigentlich der Zweck geweſen ſei, wegen dem ich die Heimath verlaſſen habe, und mit jedem Tage reifte mehr und mehr der Entſchluß in mir, dieſem eingeſchloſſenen Leben zu entſagen und hinaus— hinaus in die Welt zu ziehen. Lang überlegen iſt überhaupt meine Sache nicht und dem Entſchluß folgte raſch die That. Mit meinem Com⸗ pagnon fand ich mich bald ab. Ein kleines Reiſegeld abge⸗ rechnet, ſollte er Alles bis Ende März in ſeinem Geſchäfte behalten und mir dann einzig und allein mein eingelegtes Geld zurückerſtatten. In H's Verwahrung ließ ich meine zwei Koffer mit Wäſche und Büchern zurück und nahm bloß etwas reine Wäſche, Pulver, Blei und meine Doppelflinte mit auf meinen Ausflug, um mir die Welt einmal ſo recht 1 nach Herzensluſt anzuſehen. Wohin? wußte ich nicht, es war 3 mir auch ganz gleich, nur wollte ich vor allen Dingen den —— Abreiſe von New⸗York. 71 Niagarafall beſuchen und beſchloß alſo, meine erſte Ausflucht nach Norden, gegen Albany hin zu machen, von dort nach dem Niagara zu gehen und dann ganz ruhig zu erwarten, wohin mich das Schickſal weiter werfen würde. Frei war ich, frei. Hoch und froh hob ſich mir zum er⸗ ſten Male wieder die Bruſt in dem wundervollen Gefühle gänzlicher Unabhängigkeit. Nicht mehr beneidete ich die Wandervögel, deren Zuge gen Süden ich noch vor kurzer Zeit ſo wehmüthig nachgeblicit hatte. Auch ich war frei wie ſie und nicht weniger willig, meine gelöſten Schwingen zu gebrauchen. State of New-Tork. Den 24. October, Nachmittags 5 Uhr, ging das neue Dampfboot„Diamant“ von New⸗York nach Albany, und auf ſeinem Verdecke, die freie balſamiſche Luft mit Wonne einathmend, ſtand ich und betrachtete mit entzücktem Auge die ſich immer großartiger und herrlicher ausdehnende Land⸗ ſchaft. Wohl mochte indeſſen meine Tracht, die enganſchließen⸗ den ledernen Beinkleider, hohen Waſſerſtiefeln, die kurze grüne Jagdpekeſche und grüne Pelzmütze, ſowie der offene Hemdkragen einem an dieß Alles nicht gewöhnten Auge ſelt⸗ ſam erſcheinen, wenigſtens kleiden ſich die Amerikaner nicht ſo, und manches Auge richtete ſich neugierig auf den Frem⸗ den. Aber was kümmerten mich die Leute. Mit fröhlichem Wellenſchlag rauſchten wir an den wundervollen Ufern des Hudſon hinauf, der neuen fremden Welt raſch entgegen; von — 3 1 8 8 89 fi E 8 6 8 3 5 2 1 * 1 1 7 1 e 4 1 4 — ——— — ———— 72 Dampfwagenfahrt von Albany nach Utica. dort winkten ſchon die blauen dämmernden Berge lockend her⸗ über, und ein Zauber ſchien über das ganze Land ausgegoſſen, deſſen jungfräulichen Boden ich jetzt betreten ſollte. Kalt und feucht brach indeß die Nacht herein, und als am anderen Morgen aus trübem Gewölke die Songe wieder hervorſchaute, ſchimmerten ſchon in ihren erſten Strahlen die Thurmſpitzen von Albany. Da der Dampfwagen denſelben Morgen nach Utica ab⸗ ging, ſo benutzte ich dieſe Gelegenheit Die damals noch kleine Stadt Albany lockte mich hr wenig ſi auer kennen zu lernen. Das waren nur eben wieder Läden und Schankwirthſchaften und fremden gewinn Menſchen— nichts weiter. Die aufzuſuchen war ich nicht nach Amerika gekommen— ich ſuchte die Natur. Dampfwagen— ich ſchreibe das jetzt ſo leichtſinnig hin, und kann mich doch noch recht gut jenes mächtigen Ein⸗ drucks erinnern, den dieß erſte Befahren einer Eiſenbahn auf mich machte. Das Klappern und Schnauben der Ma⸗ ſchine, das raſche Durchſchneiden der Luft, das fremde wun⸗ derbare Land, das an beiden Seiten pfeilſchnell an uns vorüber flog— ich konnte mich nicht ſatt an dem Allen ſehen. Uebrigens fuhr ich, meiner ſehr beſchränkten Kaſſe wegen, natürlich dritter Claſſe, zwiſchen einer keineswegs mehr ge⸗ miſchten Geſellſchaft. Es waren faſt durchſchnittlich Iriſche Arbeiter, die irgendwo in das Land hinaufgingen, am Canal oder der Eiſenbahn zu hacken und zu graben. Die Nähe die⸗ ſſer Leute war allerdings nicht angenehm, und ein Theil der⸗ Die Iren und der Conducteur. 73 ſelben, nach der gewöhnlichen Art der Iren, noch außerdem betrunken. Glücklicherweiſe ſaß ich aber an einem Fenſter und hielt mich ſoviel wie möglich fern von ihnen, als plötz⸗ lich ein wilder Tumult und lautes ſchallendes Gelächter aus der ärgſten Gruppe herübertönte. Ich drehte den Kopf dorthin und ſah wie der Conducteur des Zuges mit einem der Schaar, der ebenfalls leicht angetrunken ſchien, ſtritt und heftig geſticulirte. Im A. antanich nicht verſtehen was die Beiden mi aander hatto derr das Lachen wurde bald allgemein ndlich herausſtellte, daß der Burſche auf den fal⸗ ug gekommen war und nun vom Conducteur ver⸗ laug„er folle anhalten und ihn ausſteigen laſſen. Natür⸗ lich weigerte ſich dieſer, der Arbeiter tobte dabei im Anfang, legte ſich aber dann, als er ſah daß er damit Nichts aus⸗ richtete, auf's Bitten, und erklärte, er verlöre ſein Brod und mache ſeine Familie unglücklich, wenn er nicht augenblicklich umkehre und mit dem nächſten Zug von New⸗Albany, ich weiß nicht mehr wohin, fahre. Der Conducteur erklärte ihm endlich, daß er unter keiner Bedingung anhalten könne, daß er aber ihm zu Gefallen etwas langſamer wolle fahren laſſen; mehr könne er nicht für ihn thun, und wolle er dann hinausſpringen, möge er es auf die Gefahr ſeines eigenen Nackens verſuchen“ Der Ire ging mit Freuden auf den Vorſchlag ein und der Conducteur ließ wirklich den Zug etwas langſamer gehen, mehr aber vielleicht, wie ich ziemlich feſt überzeugt bin, den Spaß zu haben, den armen Teufel„über Bord“ ſpringen — — 74 Achtung vor einem Menſchenleben. zu ſehen, als ihm irgend einen Gefallen zu erweiſen. Was liegt den Leuten dort an einem Menſchenleben. Der Zug ging jetzt nicht mehr ſo raſch, aber immer doch noch ſchneller, als vier Pferde in geſtrecktem Carrière einen leichten Wagen fortreißen könnten, und der Ire ſchaute un⸗ ſchlüſſig aus der halbgeöffneten Thür. „Jetzt ſpringt oder Euere Zeit iſt vorbei!“ rief der Conducteur. „Aber ich breche den Hals,“ ſa⸗ Ihr nicht langſamer fahren.“* „Wenn Ihr nicht wollt, laßt's bleiben,“ 1n Andere—„'s wird gleich wieder raſcher gehen,“ und wollte er die Thür ſchließen. „Halt— ich will!“ rief aber der Mann,—„laßt mich hinaus— da kommt Gras—“ „Halt um Gottes Willen!“ ſchrieen ein paar Stimmen und faßten ihn am Kragen,—„da unten liegt Holz und Ihr brächet Hals und Beine.“ „Jetzt kommt Raſen!“ rief der Conducteur,—„eins, zwei—“ „Drei!“ ſchrie der Mann, indem er ſich von Denen, die ihn halten wollten, losriß, und flog im nächſten Augenblick aus der Thür hinaus, die ſich raſch wieder hinter ihm ſchloß. Ich ſteckte den Kopf aus dem Fenſter, zu ſehen was aus ihm würde, konnte aber nur noch die auf dem Raſen lang ausge⸗ ſtreckte dunkle Geſtalt erkennen, denn der Zug ſchoß in die⸗ ſem Augenblicke wieder mit raſender Schnelle vorwärts. Pnen,„könnt ₰ 2 — 75 Gaſtfreundſchaft in Utica. „Hol's der Teufel, er hat den Hals gebrochen!“ rief Einer der Leute. „Und was läg' daran,“ ſagte der Conducteur, der ſich lachend abwandte, ſeinem Geſchäfte nachzugehen. Ich habe ſpäter nie erfahren können was aus dem Manne geworden iſt. In der Nacht kamen wir nach Utica, einem damals noch kleinen Städtchen im New⸗York Staat, wie denn die meiſten amerikaniſchen Ortſchaften, und wenn ſie nur aus ein paar Häuſern beſtehen, gern hochtrabende Namen führen. Ich ſtieg aus und trat auf die Straße, wo einige Män⸗ ner mit einem Wagen hielten. Ich fragte ſie nach einem abgehenden Canalboote, und ſie nöthigten mich ſehr freund⸗ lich in den Wagen, wobei mir Jeder von ihnen unter einen Arm griff; ich aber, alter Warnungen eingedenk, ſetzte den Fuß gegen den Schlag und fragte nach der Bezahlung. „Keine Bezahlung, keine Bezahlung!“ riefen beide, und mit einem Satze ſaß ich im Wagen, der bald vor einem ſehr eleganten Hauſe ſtill hielt. Mir war nicht wohl bei dieſer Gaſt⸗ freundſchaft, denn jedes Licht im weiten Gebäude ſchien mir zuzurufen:„money is the principal thing, therefore get money,“ wie ich bei Herrn Doctor Flügel in Leipzig ſo oft überſetzen mußte, doch trat ich ein und fragte nach dem erſten abgehenden Canalboote nach Buffalo(beiläufig geſagt, war meine Ahnung nicht ganz unrichtig, denn ich mußte für eine Taſſe Thee und ein kleines Butterbrod 50 Cent, ungefähr 20 gr. bezahlen. Außerdem war ich übrigens hier in das rechte Haus gekommen, denn die Bootaccorde wurden hier — u1, — — — — — — 76 Ein Freund. Ein amerikaniſches Frühſtück. abgeſchloſſen, und man forderte mir, Koſt mit eingerechnet, ſechs Dollar bis Buffalo am Erieſee ab. Von dort aus ſollte wieder ein Schienenweg nach den Niagarafällen gehen. Der Preis ſchien mir etwas theuer, und ich überlegte mir eben, ob ich die ganze Tour nicht am Ende eben ſo raſch und weit billiger zu Fuße machen könne, als ein Deutſcher, jedenfalls jüdiſcher Abkunft, der mit den Leuten gut bekannt ſchien, meine Parthie nahm und die Paſſage für mich mit vier Dollar accordirte. Das abgemacht ging ich an Bord, denn die Abfahrt des Bootes ſollte gleich ſtattfinden, und der warme behagliche Raum den ich dort traf that mir, durchgefroren wie ich war, ungemein wohl. Der nächſte Morgen kam trüb und regneriſch angeſchli⸗ chen, und die Frühſtücksglocke rief uns faſt zu früh vom Lager. Ein amerikaniſches Frühſtück aber iſt für den erſt kürz⸗ lich angekommenen Deutſchen ein höchſt merkwürdiger Gegen⸗ ſtand. Mit Erſtaunen ſieht er Kaffee, fettes Schweinefleiſch und ſauere Gurken, mit Kartoffeln, Rüben und Eiern, nebſt Butter und Käſe hier zuſammengeſtellt, und der Magen muß ſich wirklich erſt an dieſe ſonderbare Zuſammenſtellung ge⸗ wöhnen. Iſt das aber einmal geſchehen, dann behagt es, wie ich offen bekenne, einem recht hungrigen Chriſtenmenſchen beſſer als trockenes Weißbrod zu dünnem Kaffee. Nach dem Eſſen hatte ich vollkommen Zeit meine Reiſe⸗ gefährten, mit denen ich den engen Raum eines Canalbootes bewohnte, genauer zu betrachten. — Die Damen auf dem Canalboote. 77 Es waren ungefähr zehn Herren mit drei damen. Die letzteren wohnten in einem, durch einen rothen Vorhang von unſerer Cajüte getrennten Raume, der die Ueberſchrift „ladies' cabin“*) nebſt der freundlichen Erinnerung„no ad- mittance“*) führte. Unſere Damen beſtanden in zwei alten und einer nicht mehr jungen Frau. Die Bekanntſchaft war übrigens, ſo gern ich ſonſt in Damengeſellſchaft bin, eben keine ange⸗ nehme, denn ich lernte hier eine Unart(es iſt das faſt ein zu mildes Wort dafür) der Amerikanerinnen kennen, die einen fatalen, ja widerlichen Eindruck auf mich machte. Die Da⸗ men ſchienen keineswegs den unteren Ständen anzugehören, genirten ſich aber nicht im Mindeſten, in faſt regelmäßigen Zwiſchenräumen dermaßen laut aufzuſtoßen, daß ich mich im Anfang ein paar Mal, ordentlich erſchreckt, nach ihnen um⸗ ſchaute. Rührend war in der That die Unbefangenheit, mit der ſie dabei ſaßen, und die übrigen Paſſagiere nahmen ebenfalls nicht die mindeſte Notiz davon. Sie waren jeden⸗ falls ſchon vollkommen daran gewöhnt. Ein Canalboot iſt ein ſehr langes ſchmales Boot, das ungefähr ſechs Fuß hoch außer dem Waſſer geht, ganz be⸗ deckt und durchaus zur Bequemlichkeit, oder eigentlich Unbe⸗ quemlichkeit, von Paſſagieren ausgerüſtet iſt. Es iſt rund umher mit Fenſtern verſehen und kann eine große Menge Leute und in der Mitte auch eine tüchtige Ladung Fracht *) Damen⸗Cajüte. **) Kein Zutritt. — ———— — — — ,— — —— 78— Die Brücken über den Canal. faſſen. Doch geht es ſehr langſam, und unſer Boot beſonders wand ſich, von zwei Pferden in gemüthlichem Schritte gezo⸗ gen, ſchneckenartig durch die Landſchaft. Niedere Brücken gehen überall über die Canäle, oft nur wenige Zoll über das Dach des Bootes erhaben, ſo daß, wenn man auf dem Verdecke iſt, man fortwährend aufpaſſen muß, nicht über Bord gefegt zu werden, wie ich dieß ſelbſt einmal mit ange⸗ ſehen habe. Man muß ſich bei Zeiten flach hinlegen. Iſt das Boot aber ſehr leicht geladen, daß es recht hoch aus dem Waſſer geht, ſo kann man dabei auch ſchlecht wegkommen. Ein Paſſagier hatte vor ganz kurzer Zeit ſolcher Art ein trauriges Schickſal, indem das hohe Deck des Bootes unter der Brücke zu wenig Raum für ihn bot, und ihn auf eine jämmerliche Art zerquetſchte. Langſam und äußerſt monoton ging die Fahrt von Stat⸗ ten, und die Ufer, die meiſt durch ſumpfiges und Waldland führten, boten gerade nicht viel Intereſſantes. Bewun⸗ dernswerth nur erſchien mir eine Stelle, ich glaube am Mohwack oder einem anderen kleinen Strome dort in der Nähe, über den der Canal 20 oder 25 Fuß hoch weglief. Es war ein eigenthümliches Gefühl oben auf dem Waſſer zu fahren und tief unter ſich, ganz unabhängig von der Fluth, auf der man ſich befand, einen andern Waſſercours quer durch ſtrömen zu ſehen. Eines ſchönen Tages ſaß unſer Boot plötzlich mit; einem furchtbaren Krach feſt, und Alles ſprang hinaus, zu ſehen was es gäbe. Wir waren denn auch richtig mit einem anderen und ganz ähnlichen Boot an einer ſchmalen Stelle des Canals, 79 8 Neue Erfahrungen nicht zu theuer erkauft. gerade unter einer Brücke, zuſammengelaufen und hatten dem anderen einige Rippen im Leibe zerbrochen. Wir ſaßen wie feſtgemauert, und vergebens waren alle Bemühungen das Boot wieder rückwärts zu bringen, da die Pferde in dem knietiefen Schlamme nicht zuſammen anziehen wollten. Da erbarmte ich mich denn, auf meine großen Waſſerſtiefeln mich verlaſſend, ſprang mit der großen Peitſche bewaffnet hinaus, und den beiden Pferden damit einige derbe Hiebe verſetzend, machte ich ihnen begreiflich daß ſie wohl könnten, wenn ſie nur wollten. Siehe da, ſie wollten; im Anziehen aber ſchlug das eine Pferd hinten aus, gerade in den Schlamm hinein, ſo daß ich über und über mit der rothen Maſſe beſpritzt ward und nun eher einer Forelle als einem Menſchen ähnlich ſah. Ich kroch zurück und beſchloß, das nächſte Mal etwas weni⸗ ger dienſtfertig zu ſein. Am 29. October forderte endlich der Capitain des Ca⸗ nalboots die bedungene Bezahlung. Ich kam ganz ruhig mit meinen 4 Dollars an, erſtaunte aber nicht wenig, als ich erfuhr, daß der in Utica von einem Fremden gemachte Ac⸗ cord keineswegs den Capitain etwas angehe, ſondern ich ſo gut wie jeder andere Paſſagier 6 Dollars zu bezahlen habe. Das war wieder eine Erfahrung mehr, zwar mit 2 Dollars, aber doch wohl nicht zu theuer erkauft. Ueberhaupt mag das dem deutſchen Einwanderer zur Warnung dienen, ſich G. Willen nicht mit dritten Perſonen, ſie mögen oriſirt ſcheinen, in einen Abſchluß irgend eines einzulaſſen. Es iſt immer zehn ſie angeführt werden, da ſolche noch fo In aut Contracts oder Vertrags gegen eins zu wetten, da — ———ö— — — 80 Schlafſtellen auf dem Canalboote. Leute nicht ſelten— wenn ſie die Sache nicht auf eigene Hand betreiben— von den Betheiligten gemiethet ſind, den Fremden zu beſchwichtigen, daß ſie ihn nur erſt einmal in ihr Garn bekommen. Gegen ſie klagen kann er nachher nicht, das wiſſen ſie recht gut. Wir hatten uns bis jetzt ziemlich wohl befunden, da nicht ſehr viel Reiſende in dem engen Raume mitfuhren. Jetzt kamen dagegen noch an 15 Paſſagiere mehr hinzu, die ſämmtlich mit unſerem Boote nach Buffalo(am Erie⸗See) fahren wollten. So lang es Tag war ging die Sache noch an, als aber der Abend kam, wußte ich wahrlich nicht wohin die Leute alle gepackt werden ſollten; doch hatte ich ja die Paſſagier⸗ Ladung des Bremer Eberführers noch in friſchem Gedächtniß und hielt von der Zeit an Alles für möglich. Die Schlafſtellen auf dem Canalboote beſtanden aus lan⸗ gen viereckigen Rahmen, die Abends, hängemattenartig, an die Decke, einer neben den andern, die ganzen Wände ent⸗ lang, gehangen wurden. Jetzt war die Zahl der Paſſagiere noch geſtiegen, und wir wurden daher ſchichtweiſe gepackt. Die Rahmen ſind mit ſehr ſtarkem grobem Leinenzeuche über⸗ zogen, und auf dieſe kommt gewöhnlich eine kleine ſchmale Matratze, die wir, von Utica Mitgegangenen, auch alle hatten, die aber einige der Neuangekommenen entbehren mußten. So der Mann, der über mir ſchlafen ſollte; ich hn enigſtens keine Matratze auf dem obern Rahmen liegen, kroch alſo in mein ſchwankendes Bett, nachdem ich vorher die Stricke unterſucht hatte, zu ſehen ob ſie auch feſt wären, damit — — — Die Preſſe. 81 ich nicht Nachts in die Preſſe käme. Die zuletzemn gckommenen Paſſagiere blieben noch auf und ſvielten Karte. Ein furchtbar Heänegſrigendes, erſtickendes Gefühl weckte mich in der⸗Racht; kalter Angſtſchweiß ſtand auf meiner Seril, und ich konnte keinen Athem holen; wie Blei lag es auf meinem Magen, auf meiner Bruſt; ich verſuchte zu chreien,— ich konnte nicht. Faſt ohne Befinnung lag ich ſo mehre Minuten, ehe ich recht erwachte und klar denken konnte, wo und in welchen Verhältniſſen ich ſei. Aber das Gewicht blieb auf mir und wich und wankte nicht, und dicht über mir tönte und rauſchte es wie ferner Donner.— Es war mein Schlafcamerad, der da oben ſchnarchte, und daß das Gewicht, welches auf meinem Magen lag, auch mein Schlafcamerad ſein mußte, unterlag jetzt gar keinem Zweifel mehr. Ich verſuchte nun den Koloß zu bewegen; es war aber eine Unmöglichkeit; ich ſtieß, ich rief,— Alles umſonſt. Wie ein Fels lag er, wenigſtens theilweiſe auf meiner Bruſt, und ſchien ganz gefühllos zu ſein. Als alle bis dahin gemachten Verſuche, ihn zu wecken, erfolglos blieben, erinnerte ich michhe zum Glück meiner Halstuchnadel, die ich den Abend vorhe nicht abgenommen hatte; mit Mühe brachte ich den Arm herum, nahm die Nadel aus dem Tuche und ſtach ſie mit feſter Hand in den auf mir liegenden Fleiſchklumpen. Ein plötzliches, gewaltiges Strecken und Dehnen, das mir augen⸗ blickliche Linderung verſchaffte, war der Erfolg meines An⸗ griffs, die Bewegungen aber wurden ſchwächer und ſchwächer, das Gewicht auf mir ward mit jedem Augenblicke wieder ſchwerer und unerträglicher, und um nicht eine vollſtän⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 4 5 — — — „Help, murder!“ dige zweite Auflage zu erleiden, mußte ich meinen Angriff erneuern. „What the devil is that? help, murder!“*) ſchrie eine tiefe Baßſtimme über mir, und durch einen plötzlichen Ruck meiner Laſt fühlte ich mich frei. Wie ein Aal ſchlüpfte ich unter meiner Laſt hervor und ſah nun, bei dem matten Scheine der, von der Decke herunterhängenden, Lampe, ein ſo komiſches Bild, wie mir wohl nie bis dahin vorgekom⸗ men war. Der ſtarke, ſchwerfällige Mann, der im oberen Rahmen ohne Matratze ſchlief, war zu gewichtig für die ſchon lange Jahre gebrauchte Leinwand geweſen, und im Schlafe mit dem ſchwerſten Theile ſeines Körpers durchgebrochen, der dann den erſten, feſten Anhaltepunct auf meinem Magen fand. Durch meinen Nadelſtich aufgeſchreckt, hatte er ſich gedehnt und mich dadurch für einen Augenblick befreit, den ich auch nicht unbenutzt ließ. Als er aber jetzt in ſeine alte Lage, mit wo möglich noch etwas größerer Stärke und Schwere, zurückfiel, war die Stütze verſchwunden, die Leinwand gab nach, und der noch nicht ganz Erwachte ſaß auf meinem Bett, während ſein Oberkörper nebſt Füßen noch in ſeinem eigenen hing, und ſchrie Mord und Zeter. Alles ſprang auf, zu ſehen was es gäbe, und groß war der Jubel, als man den Dicken ſo gefangen ſah. Gegen Morgen kamen wir nach Lockport, wo der Canal einige 60 Fuß ſteigt, und wo fünf doppelte Schleußen ange⸗ *) Was zum Teufel iſt das? Hilfe! Mord! N — Der Niagara. 83 bracht ſind; an einer Seite zum Hinaufgehen, an der anderen zum Herunterkommen der Canalboote. In Lockport hörte ich jetzt daß ich, den Niagara⸗Fall zu beſuchen, viel beſſer thun würde gleich hier das Boot zu ver⸗ laſſen und zu Fuß nach den, gar nicht mehr ſo weit entfern⸗ ten Fällen hinüber zu gehen. Von Buffalo aus ſollte ich viel weiter haben und könnte dorthin ſpäter immer kommen. Dem Rath folgte ich, und erreichte auch ſchon Nachmittags um zwei Uhr dieſes koloſſalſte Waſſerwunder der Erde. Ich erlaſſe mir aber jede Schilderung; kalte Zeich⸗ nungen und tauſende von guten und ſchlechten Beſchreibungen dieſes göttlichen Schauſpiels ſind ſchon in alle Weltgegenden ausgegangen— ich will ihre Zahl nicht vermehren. Aber einen gewaltigen Eindruck machte es auf mich— ich konnte nur ſtaunen und beten— es war zu gewaltig groß. Das Herz noch von dem herrlichen Naturwunder voll, wollte ich nicht in der kleinen Stadt Mancheſter, die dicht am Falle liegt, übernachten und verfolgte den erſten ſich mir zeigenden Weg ins Land hinein, theils um zu jagen, theils um ein Haus für Nachtherberge aufzuſuchen. Dunkler und immer dunkler wurde die Welt, tiefer und immer tiefer der Koth, als ich endlich zum guten Glücke den Schein eines Lichtes bemerkte, der, wie ein leitender Stern, durch die dichter und dichter werdende Finſterniß brach. Es war die ſtille, freundliche Wohnung eines penſylvaniſchen Schmieds, der ſich hier im Staate New⸗York angeſiedelt hatte, und der mit wohlthuender Gaſtfreundſchaft den Hung⸗ rigen ſpeiſte und dem Müden ein warmes Bett bereitete. 61 * — 8 84 Canada. Hier ſowohl, wie bei mehren anderen Farmern hörte ich, daß Canada ein ſchönes Land ſei, daß Wild dort im Ueberfluß die Wälder fülle, und Bären und Wölfe nicht ſelten dem kühnen Jäger zu ſchaffen machen. Hier war Ausſicht auf ein intereſſantes Leben— Ca⸗ nada— Bärenjagd— ſchon die beiden Worte genügten, neue fröhliche Bilder vor mir aufzurollen. Wohin ich ging blieb ſich ja überhaupt ganz gleich. Das Land wollte ich ken⸗ nen lernen, und ob ich damit im Norden oder Süden begann kam auf eins heraus. So beſann ich mich denn auch nicht lange, und ſchon am erſten November brachte mich ein Dampfboot von Lewisville, einem kleinen Städtchen am Niagara, nach Toronto(früher York), wo ich aber nur eine Nacht verweilte, indem ich ſehr ſpät ankam und gleich am nächſten Morgen früh mit einem anderen Boote weiter nach Hamilton ging. Hamilton iſt ein freundliches Städtchen am Ontario⸗ See in Canada, und obgleich es nur eine kurze Strecke von der Gränze der vereinigten Staaten entfernt liegt, kann man doch einen großen Unterſchied, ſowohl im Allgemeinen, als in vielen Kleinigkeiten erkennen. Der größte Theil der in Canada Angeſiedelten beſteht aus Engländern, Schotten oder Iren, und dieſe haben meiſtens(wie es mir wenigſtens in der ſehr kurzen Zeit, in der ich dort war und beobachten konnte, vorkam) ihre alten Gewohnheiten beibehalten. Auch iſt das Geld dort engliſch, obgleich das amerikaniſche eben⸗ falls gangbar iſt, und umſonſt würde man auf der anderen Seite des See's nach Scepter und Kronen ſuchen, die hier New⸗Hope.— 85 ſo häufig wie im Vaterlande, Aushängeſchilder und Wappen zieren. Ich hatte mir den Fuß in Hamilton vertreten und mußte Freitag den 3. November, ſo unangenehm es mir auch war, dort liegen bleiben; doch am Sonnabend Morgens zog ich, geneſen und jubelnd, beim ſchönſten Wetter wieder hinaus in die liebe, herrliche Gotteswelt und hatte, wie das ver⸗ gnügte Schulmeiſterlein Wuz, Mitleiden mit den Leuten in allen Gaſſen, daß ſie da bleiben mußten. Von Hamilton ging ich nach Dundas(auch am Ontario), nahm von da nördlichen Curs an und wanderte auf die Stadt Preſton zu, bog jedoch zwei Meilen vorher rechts ab, um nach New⸗Hope zu marſchiren, wo, wie ich gehört hatte, ein alter, deutſcher Jäger wohnen ſollte. Am Sonntag Nachmittag kam ich glücklich in New⸗Hope an, und dort die Wohnung des alten Deutſchen erfragend, langte ich den Abend mit Dunkelwerden bei derſelben an. Er war nicht zu Hauſe, aber 5—6 Kinder von jeder Größe ſchauten mit ihren klaren Augen verwundert zu dem Frem⸗ den und ſeiner ausländiſchen Tracht empor. Der Wirth mit ſeiner Hausfrau war in der Kirche, und die älteſte Tochter, ein Mädchen von 15— 16 Jahren, lehrte den kleineren Ge⸗ ſchwiſtern Buchſtabiren und Leſen aus einem alten vergrif⸗ fenen, wer weiß ob begriffenen, Katechismus. Ich ſetzte mich ruhig in eine Ecke, die Ankunft der Alten erwartend, und lauſchte dem Geplauder der Kinder. Endlich erſchienen die beiden Häupter der Familie (der alte Mann gehörte zur Religion der Tunker und 86 Der alte Jäger. ließ den vollen Bart unter dem Kinne wachſen) und begrüß⸗ ten, als ſie nur erſt einmal die an ihnen hinaufſpringenden Kinder abgefertigt hatten, den Fremdling auf das Herzlichſte. Zuerſt ſchien mich der Alte allerdings, meiner Bewaff⸗ nung nach, mit etwas mißtrauiſchen Augen zu betrachten, denn Canada ſtand am Vorabend der nur wenige Wochen ſpä⸗ ter ausbrechenden Revolution, und dieſe„ruhigen Deutſchen“ ſchienen keine beſondere Freude an der wachſenden Unruhe zu finden. Als ich ihm aber ſagte was die Urſache meines Beſuches war, wurde er raſch zutraulich, legte ſeinen Kirchen⸗ ſtaat ab, und wir ſetzten uns dann zu dem warmen Ofen, den man in Canada, der großen Kälte wegen, häufig ſtatt der Kamine findet. Das Geſpräͤch drehte ſich meiſtens um den Ackerbau und die Jagd. Der Alte ſchien den erſten aus dem Grunde zu verſtehen und liebte die zweite leidenſchaftlich. Das war der Mann für mich. Er erzählte mir viel von dem früheren Reichthum an Wild, der aber jetzt der ſtärkeren Bevölkerung wiche, und klagte über die vielen Jagdverderber, die in den Wald gingen und durch vieles Schießen das Wild verſcheuch⸗ ten, ohne je mehr zu erzwecken, als daß ſie einen armen Hirſch verkrüppelten(ich glaube, er ſtichelte); auch rühmte er ſich, beim Truthahnſchießen ſelten gefehlt zu haben. Das Trut⸗ hahnſchießen findet hier noch ganz ſo Statt, wie es Cooper ſo trefflich in ſeinem„Anſtedler“ beſchreibt. Da die Nacht ſchon weit vorgerückt war, wies mir der Alte ein Lager un⸗ ter dem Dache an, dem es wahrlich nicht an Luft fehlte; doch ſchlief ich herrlich. 4 Der Landſee. 87 Er hatte mir am Abend von einem, nur wenige Meilen entfernten See geſagt, wo ſich eine ungeheuere Menge von Enten aufhalten ſollte, und mit Tagesanbruch machte ich mich auf, mir einige Braten zu holen. Mein neuer Bekannter hatte mir wohl ungefähr die Rich⸗ tung angegeben, in der ich den See finden könne, an einen Weg aber war gar nicht zu denken, doch glaubte ich, das Waſſer auch ohne meinen Compaß finden zu können, und ſchritt friſch darauf los; aber immer dichter wurde der Wald, immer häufiger lagen die umgeſtürzten Bäume querüber und durcheinander, und hoch ſtand die Sonne ſchon, als ich end⸗ lich den Compaß aus der Taſche nahm, mit ſeiner Hilfe eine gerade Richtung verfolgte und glücklicher Weiſe an den See gelangte. Ich fand eine große Menge Enten da, doch hielten ſie ſich, wahrſcheinlich durch andere Jäger ſcheu gemacht, ſehr in der Mitte auf, und wenige nur ſchwammen am Rande herum. Das war wieder ein Strich durch die Rechnung, doch ſchien mir der See nicht groß, ich beſchloß daher, ihn zu umgehen. Ich hatte nach und nach drei Enten geſchoſſen und, ein wenig hitzig geworden, die Tageszeit ganz aus den Augen gelaſſen; jetzt bemerkte ich plötzlich, wie ſich die Sonne ſchon ſehr ſtark nach Weſten neigte. Den See zu umgehen, war, wie ich wohl einſah, vor Sonnenuntergang nicht mehr mög⸗ lich, denn wie ich an einigen lichten Stellen erkennen konnte, hatte ich noch nicht die Hälfte zurückgelegt, und im Nordoſt waren dicke Wolkenmaſſen zuſammengeballt, die die fliehende A ,.*—„ ——— n ——y— — — ——— 88 Das Canoe. Sonne faſt ſchon eingeholt hatten und den Wind brauſend und pfeifend voranſchickten. Ich ſah keine andere Rettung, als hier zu bivouakiren, auch konnten meinen Hunger einige Stücke hartes Brod, das ich in der Taſche fand, wenig ſtillen und eine der Enten zu braten, hatte ich mir die Zeit nicht genommen. Außerdem ſchien das Wetter höchſt unbehaglich werden zu wollen. Schon in recht verdrießlicher Stimmung fand ich gerade noch zur rechten Zeit, als ich langſam am Ufer hinzog, ein aus einem Baumſtamme ausgehauenes Canoe, das an eine Wurzel befeſtigt war. Ohne mich zu beſinnen, ſtieg ich ein und ruderte auf das, ungefähr 2 ½ engliſche Meilen entfernte, andere Ufer zu, wobei ein ungeheuer hoher, abgeſtorbener Baum mir zur Richtſchnur diente. Der Wind blies heftig, und die Wellen ſchaukelten das nur roh gefertigte und unbehilfliche Fahrzeug dermaßen, daß ich alle Kraft und Geſchicklichkeit aufbieten mußte, es im Gleichgewicht zu erhalten und durch die Wogen zu führen. Unterdeſſen fing der liebe Himmel an dermaßen mit Schnee⸗ flocken um ſich zu werfen, daß ich in kurzer Zeit davon bedeckt war, und nur mit Mühe noch den dürren Baum im Auge und dadurch meine Richtung beibehalten konnte. Endlich landete ich, befeſtigte den Nachen am Ufer und ſuchte nun einen Weg nach einer Anſiedelung zu finden. Während der Zeit war es ganz finſter geworden, aber kurz vorher hatte ich glücklicher Weiſe einen kleinen Fußpfad entdeckt, von dem der Schnee, der Näſſe wegen, wegſchmolz, und der, als eine dunkle Linie, mich durch den Wald führte. Die Nachtherberge bei einem Deutſchen. 89 Dem folgte ich denn auch getroſt, und nach ungefähr 1 ½ Stunde blinkte mir endlich der Schein eines fernen Lichtes entgegen, dem ich raſch und freudig zueilte. Bald hatte ich es erreicht, und pochte nun an die niedere Haus⸗ und zu⸗ gleich Stubenthür einer Farmerwohnung. Eine deutſche Stimme fragte:„Wer iſt da?“ und wie Balſam träufelte das auf alle meine Organe, vorzüglich aber auf den Magen. Es war die Frau eines deutſchen Wagenmachers, die mir öffnete, deren Mann in das kleine, wenige Meilen ent⸗ fernte Städtchen geritten war, von ihr aber jeden Augenblick zurückerwartet wurde. Der warme Ofen rief meine ſchon faſt erſtarrten Lebensgeiſter zu neuer Thätigkeit zurück, und eine Taſſe warmen Kaffee's, den ſie mir vorſetzte, brachte mich wieder ganz in's alte Gleis. Ungefähr nach Verlauf einer Stunde kam der Mann, ein freundlicher Deutſcher. Er war drei Jahre im Lande und ohne einen rothen Pfennig herüber⸗ gekommen, doch jetzt hatte er ſchon ein recht hübſches Häus⸗ chen, ein Stück Land und genug Arbeit. Da es die Nacht hindurch ſehr ſtark geſchneiet hatte, verſprach ich mir eine gute Jagd und zog gar bald aus. Weil mein Wirth auf keinen Fall Geld für ſeine Gaſt⸗ freundſchaft nehmen wollte, überließ ich ihm meine geſtrige Jagbeute. Den linken Lauf meines Jagdgewehres lud ich für dieſen Tag mit Rehpoſten, den rechten mit groben Schroth und friſche Zündhütchen aufſetzend, trat ich aus dem backofenartig geheizten Zimmer in die friſche, kühle 90 Der Indianer. Morgenluft hinaus, dieſelbe in langen, durſtigen Zügen einathmend. Ich mochte etwas über eine Stunde gewandert ſein, ohne mehr als ein Kaninchen und einen Faſan geſchoſſen zu haben, als mir plötzlich ein Mann entgegenkam, aus dem ich von Weitem nicht klug werden konnte, den ich aber bald für einen etwas cultivirten Indianer erkannte. Er war in einen kurzen, wollenen Rock gekleidet, in dunkelblaue Tuchhoſen, deren breite Nähte nach außen gin⸗ gen; die Füße hatte er mit Moccaſins bedeckt und den Kopf mit einer rothwollenen Schärpe turbanartig umwunden. Die ſchwarzen, feurigen Augen blitzten darunter vor, und das ſchlichte, ſchwarze Haar hing an den Schläfen nieder. In den Ohren hatte er ein Paar kryſtallene Ohrgehänge, der indianiſche, mit Perlen gezierte Gürtel hielt einen Toma⸗ hawk, an der rechten Seite hing ein ſchlichtes Pulverhorn und eine Kugeltaſche, und der lange amerikaniſche Reifel(die Büchſe) gab der ganzen Geſtalt ein kühn romantiſches Ausſehen. Nach einer kurzen, freundlichen Begrüßung und einem Handdruck verſuchten wir uns einander zu verſtändigen, was gerade keine ſo leichte Aufgabe war, da er nur gebrochen Engliſch ſprach, und ich von dieſer Sprache ebenfalls nur geringe Kenntniß beſaß. Auf meine Frage, ob er viel Wild geſehen habe, zeigte er vor ſich hin auf den Boden, wo ſich eine noch ganz friſche Bärenfährte durch den Schnee zog. Er winkte mir, mitzugehen, und ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, daß ich ihm mit vor Freude und Ungeduld klopfen⸗ dem Herzen folgte. — † — Der Bär. 91 Dem Leſer erlaß ich übrigens die Beſchreibung der Jagd, da ſie ſich einestheils durch nichts Beſonderes als das Erlegen eines ganz jungen, etwa acht⸗ oder neunmonatlichen Bärchens auszeichnete, dem kurz vorher wahrſcheinlich die Alten weg⸗ geſchoſſen waren. Ich ſelber that dabei in allem Jagdeifer dem kleinen ſchwarzen Burſchen mit meiner Schrothflinte wenig zu leide. Der Indianer verkaufte das kleine Ding ſpäter in Preſton für 4 Dollar und vertrank dort wahr⸗ ſcheinlich das Geld; ich verließ ihn wenigſtens in ſolcher Be⸗ ſchäftigung, als ich Abſchied von ihm nahm. Nach dieſer Jagd durchſtreifte ich wieder eine Zeit lang allein die Waldung, jedoch nur mit ſehr geringem Erfolg, denn nicht bekannt mit dem Wald ſelber und nicht im Stand mich ordentlich zurechtzufinden, durfte ich es nicht wagen mich ſehr weit aus beſiedelten Gegenden zu entfernen. Außerdem war ich auch, als ſehr junger Jäger, noch wirklich kaum im Stande, mir jeden Tag was ich ſelber brauchte, 1 ſicher und gewiß zu erlegen. Das Wetter diente auch gerade nicht dazu den Aufent⸗ C halt im Freien angenehm zu machen; ich war noch zu kurze Zeit daran gewöhnt. Dann und wann traf ich allerdings mit Landsleuten zuſammen, bei denen ich übernachtete. Die Beſchreibung, die mir aber dieſe von einem Canadenſiſchen 1 Winter gaben, war ebenfalls nicht verlockend, und ich beſchloß dem, ehe ich am Ende hier oben feſtſchneiete, auszuweichen. Dieſen Entſchluß auszuführen, ſchlug ich eine ſüdliche Riichtung ein, dem Ontariop⸗See wieder zu, wo ich, wie mir geſagt wurde, die Straße nach Buffalo erreichen würde. — — —ꝑſ 92 Wölfe. Hier im Wald ſollte ich ein, auch eben für mich mit keinem Erfolg gekröntes Abenteuer haben. Ich ſah nämlich, meiner Richtung in einem kleinen Fuß⸗ oder Kuhpfad folgend, plötz⸗ lich ſieben Wölfe in einer Entfernung von ungefähr 70 Schritt vor mir ſtehen. Ohne mich zu beſinnen, drückte ich mich leiſe in den Schnee, um eine Kugel in den einen Lauf meines Gewehres zu laden, da ich fürchtete, mit bloßem Schrote(Nr. 4) nichts auszurichten,— doch ,als ich auf⸗ ſtand, hatten die Wölfe ſich empfohlen und ließen mir das leere Nachſehen. Ich war außer mir. Da ſie ſüdöſtlich entflohen waren, hatte ich Luſt, ihnen nachzugehen, um den Secalp eines ſolchen Raubthieres(die Regierung hatte 6 Dollars Prämie auf einen Wolfsſcalp geſetzt) zu erlangen; wie ſich die Sonne aber dem Untergange zuneigte, gab ich die Verfolgung auf. Die Canadienſer behaupten, daß die dortigen Wölfe, als zuerſt von den Anſiedlern Schaafe eingeführt wurden, ſich vor dieſen ſo gefürchtet hätten, daß ſie ihnen gar nicht in die Nähe gekommen wären. Nur erſt mit der Zeit ge⸗ wöhnten ſie ſich an die neuen wunderlichen Thiere, aber frei⸗ lich ſehr zu dieſer Schaden, denn kaum hatten ſie das erſte von ihnen gekoſtet als ihnen das Fleiſch ausgezeichnet ſchmeckte, und ſie nun nicht unbedeutende Verwüſtungen in den Heerden anrichteten. Außerdem wird noch dem Canadienſiſchen Wolf— ich weiß nicht ob mit Recht oder Unxrecht— nacherzählt, daß ſein Biß ſchon tödtlich ſei, und angeriſſene Schaafe oder Die erſte Nacht im Walde. 93 Hunde, ſelbſt wenn die Verwundung ſonſt keineswegs tödt⸗ lich wäre, derſelben erliegen müßten. Den Tag über hatte ich wohl mehre Hirſche geſehen, war aber nicht im Stande geweſen an einen in Schußnähe anzuſchleichen und mußte mich zuletzt mit einem mir über den Weg laufenden Kaninchen begnügen. An das Auffinden eines Hauſes war übrigens dieſen Abend nicht mehr zu denken, da ich mich nicht einmal mehr auf einem Waldwege, ſondern im wahren Sinne des Wortes „im Holze“ befand. Ich ſchleppte daher vor einbrechender Dunkelheit ſoviel Holz, wie ich nur in der Nähe finden konnte, zuſammen, räumte den Schnee vor einem trockenen, umgeſtürzten Stamme hinweg und zündete unter demſelben ein Feuer an, das bald fröhlich in die Höhe flackerte. Als ich mich gehörig erwärmt hatte, machte ich mich daran, mein Häschen auszuweiden und zu braten, was mit gar wenig Umſtänden verknüpft war. Ich reinigte es mit Schnee ſo gut ich konnte, und ſteckte es auf einen Stock, gerade zum Feuer, indem ich ein Stück Baumrinde unter⸗ legte, um das ausbratende Fett aufzufangen und wieder überzugießen. Zwar vermißte ich Salz und Brod ſehr, aber der Hunger iſt ein gar vorzüglicher Koch. Die beiden Hin⸗ terkeulen, die ich zum Frühſtücke beſtimmt hatte, abgerechnet, verſpeiſte ich den ganzen Braten. Als dieß überſtanden war, vergrößerte ich mein Feuer, und den Jagdranzen unter dem Kopfe, die Pelzmütze über die Ohren gezogen, und die Füße dem Feuer zugekehrt, bereitete ich mich, in Amerika zum erſten Male eine Nacht im Freien zuzubringen. 94 Der Morgen. Ich ſchlief gar bald ein und zwar ſo feſt, daß mich erſt die ſcharfe Morgenluft erweckte. Mein Feuer war nieder⸗ gebrannt, und der Froſt ſe chüttelte mir die erſtarrten Glieder. Kaum konnte ich das Feuer wieder anblaſen, ſo zitterte ich; endlich gelang es und nach und nach thaueten meine ſtarren Glieder wieder auf. Die Morgenſonne fand mich ſchon in die Betrachtung meiner beiden Haſenkeulen vertieft, die ich ſo lange beſchaute, bis ich die Knochen derſelben ſehen konnte. ¹ Als ich mich gehörig gepflegt hatte, ſetzte ich, neu ge⸗ ſtärkt, meinen Marſch gen Süden fort, und ungefähr gegen 10 Uhr zeigte mir das Krähen eines Haushahnes an, daß ich mich nicht weit von einer menſchlichen Wohnung befinden müſſe.— Mit langen Schritten marſchirte ich darauf zu, und bald begrüßte mich das Gebell einer Meute Hunde. Der Beſitzer des Hauſes war im Walde, um Holz zu hauen und„Fenceriegel zu reißen*).“ Die Frau, eine nette Amerikanerin, ſetzte mir freundlich Milch und Brod vor und verſicherte mir, ich könne höchſtens 20 Meilen von der Straße nach Buffalo entfernt ſein und würde, käme ich etwas weiter ſüdlich, ziemlich viele Farmhäuſer an⸗ treffen. Geld wollte ſie auf keinen Fall für die Erfri⸗ ſchung annehmen und mit einem herzlichen Dank mich durch die Legion Hunde durcharbeitend, wanderte ich fröhlich *) Fence⸗ oder Fenzriegel ſind die langen Stangen, die auf einan⸗ der gelegt werden, um die Felder einzuzäunen. Die Einfriedigung ſelber wird Fenz genannt. — Der Viehhändler. 95 weiter, daß der Canadiſche Wald von deutſchen Liedern erſchallte. Am anderen Morgen erreichte ich endlich die gebahnte, von einer Art Poſtkutſche befahrene Straße nach Buffalo, die ſich fortwährend durch Farmen hinzog. Ich war wieder in den cultivirten Theil des Landes zurückgekehrt. Der Landmann baut hier ſehr viel Weizen, der vorzüglich geräth, auch Hafer und Gerſte, beſonders aber Wälſchkorn, das je⸗ doch im Norden nicht die Vollkommenheit erreichen ſoll als weiter im Süden. Die Kolben waren klein, und das meiſte, welches ich ſah, hatte gelbe Körner. Ungefähr 30 Meilen vor der Stadt holte ich einen Vieh⸗ händler aus den vereinigten Staaten ein, der wieder dahin zurückkehrte. Es war ein freundlicher Mann, und ich be⸗ ſchloß, der Geſelligkeit wegen, die 30 Meilen bis Buffalo mit ihm zurückzulegen. Wir wurden auch ſehr bald bekannt mit einander. Er trieb zwei ungeheuer fette Ochſen aus Canada heim nach den Vereinigten Staaten, und ritt dabei ein ſchreck⸗ lich mageres Pferd. Nichts deſtoweniger lud er mich ſehr gaſtlich ein, ſein Roſinante abwechſelnd mit ihm zu theilen, da er ſelber gern ein wenig gehen wolle. Das Reiten wäre nun ſchon nicht übel geweſen, denn es regnete fein und durchdringend, und die Wege waren ſehr ſchlüpfrig geworden, wenn nur der gute Mann nicht das Pferd, auf dem ich ritt, jedem ihm Begegnenden angeboten hätte und ſogar Willens geweſen wäre, es für zwei Kühe in Tauſch zu geben. Es muß wirklich manchmal komiſch genug ausgeſehen haben, wenn das traurige Thier, auf dem ich 6 96 Der Niagara. ritt, ſolcher Art den Vorüberziehenden oder uns Begegnen⸗ den„ſpottbillig“ angeboten wurde. 2 Wenn er ſich müde gelaufen hatte, ſtieg er auf, und ich gi ging. Er hatte dabei ein Buch mit irgend einem ungemein rühren⸗ den Trauerſpiel in der Taſche, und jedesmal, wenn er ſich in ſeinem Sattel feſtgeſetzt hatte, nahm er es heraus und fing an zu declamiren, indem er mit der linken Hand das Buch hielt und mit der rechten(in der er zugleich die lange Ochſen⸗ peitſche führte) gewaltig geſticulirte. Bei jeder etwas ſtar⸗ ken Bewegung(welche die Kraftſtellen des Trauerſpieles mit ſich brachten), die er mit dem rechten Arme und dadurch mit , für die Ochſen ſo unheilbringenden Peitſche machte, wichen dieſe, welche die Geißel immer im Auge behielten, ſcheu zurück, und nur ein, den pathetiſchen Ton öfters ſehr proſaiſch unterbrechendes„Schü Bock— Oh! Oh!“ brachte die gehörnten„Zuhörer wider Willen“ zu ihrer Pflicht zurück. Den 11. November Abends kam ich zum zweiten Male zum Niagarafalle und konnte ſeine Pracht und Größe nun auch von der canadiſchen Seite bewundern. Von da wand ſich der Weg am Niagarafluſſe hinauf dem Erie⸗See zu. Herrlich iſt dieſer Weg zu reiſen; die Straße ſchön und trocken, links der prächtige, breite, durch den dun⸗ keln Urwald beſchattete Niagarafluß, rechts eine blühende Farm neben der anderen mit den ſchönſten Aepfelgärten— es iſt ein Anblick zum Bezaubern. Die Strecke, die wir auf dieſe Art zurücklegten, kam mir nur wie wenige Schritte vor. Einige Meilen von Buffalo entfernt, ſetzten wir auf Der Wirth in Buffalo. 97 einer, von Pferden getriebenen Fähre, über den Niagara und waren wieder in den United States. Was ich von Canada geſehen habe, zeigte mir daß es, wenigſtens in dieſen Theilen, ein ſchönes, fruchtbares Land von geſundem, wenngleich ſehr kaltem Klima ſei. Eben dieſer ſtrengen Kälte wegen möchte ich aber auch nie Canada (nicht einmal das am ſüdlichſten gelegene Obercanada) zum Wohnſitz wählen. Das Land bringt herrliches Getreide hervor, doch iſt mit der Schaf⸗ und Schweinezucht in den nicht dicht bewohn⸗ ten Gegenden wenig zu machen, da die zahlreichen Wölfe dem Viehe ſehr nachſtellen, wenn ſich die Farmer eben nicht dazu bequemen etwas mehr auf ihr Vieh acht zu haben, als es nur draußen im Freien herumlaufen zu laſſen. Es war Sonntag Nachmittag, als ich in die Gaſtſtube des„William Tell“ in Buffalo eintrat und mich, um etwas auszuruhen, in einen Winkel ſetzte. Die Augen der acht⸗ baren, deutſchen Handwerker, die gerade im hitzigſten Politi⸗ ſiren begriffen waren, richteten ſich zwar im Anfange erſtaunt auf den bewaffneten Fremdling, doch bald wieder eifrig ihr Thema verfolgend, vergaßen die Leute bald alle Zuhörer, und ich glaube, es wäre nach deutſcher Sitte zu„Schemel⸗ beinen“ gekommen, wenn nicht der Wirth, eine kleine runde Geſtalt, ſich zwiſchen ſie gerollt und den Frieden mit den verſöhnenden Worten:„Ihr ſeid Alle mit'nander ſo dumm wie die Stockfiſche“ wieder hergeſtellt hätte. In dieſen Worten ſchien die Gleichheit der Perſonen anerkannt, und die Gemüther beruhigten ſich. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 7 Politiſche Kannegießerei. Es war aber auch keine Kleinigkeit, um die ſie ſich ſtrit⸗ ten, denn der eine Gaſt, ein ehrbarer Schuhmacher, wollte auf keinen Fall zugeben, daß„der Engländer“ wegen der damals ſchon gährenden Unruhen in Canada, Militair über den Ocean ſchicken könne, da„der Ruſſe“ ihm ſo hart auf dem Halſe ſitze. Ein Schreiner, der ihm gegenüber ſaß, be⸗ hauptete dagegen, daß Rußland viel zu weit von England entfernt ſei, um mit ihm ſo ſchnell Krieg anfangen zu können. Da kam er aber ſchön an, denn der Schuhmacher bewies ihm haarklein, daß Rußland dicht an England grenze(von oben, im Norden), und nur eine breite Strecke Sand zwi⸗ ſchen beiden„Firſchtenthümern“ liege, ſo daß der Schreiner, vor lauter Verwunderung über ſeinen gelehrten Widerſacher ſtill ſchwieg. Doch gab der Schuhmacher zu, daß der Marſch von Rußland nach England ſehr beſchwerlich wäre, da die Soldaten oft bis unter die Arme im Sande waten müßten. Was der gute Mann für Begriffe von einem ſolchen Marſche im Sande hatte, oder von woher überhaupt ſeine geographiſchen Kenntniſſe ſtammten, kann ich nicht ſagen, doch amüſirte mich der Streit ſehr. Als mich daher der Schuhmacher um meine Meinung fragte, gab ich ihm natür⸗ lich Recht, erzählte ihm auch, daß der Ruſſe beabſichtige, Bärenfelle über den Sand zu breiten, um ſeiner Armee den Uebergang zu erleichtern, worüber er ganz erſtaunt äußerte: „Es ſind doch verzweifelte Kerls!“— Darüber ſind jetzt achtzehn Jahr verfloſſen. Den anderen Morgen war ich früh auf den Beinen und Der Erie⸗See. 99 beſchaute die Stadt ein wenig. Es iſt ſchon ein recht hübſcher Platz, wo ſehr viele Deutſche wohnen, und muß einſt, was es theilweiſe ſchon jetzt iſt, der Mittelpunct des nordiſchen Binnenhandels werden. Eiſenbahnen, Canäle, Dampfboote und Segelſchiffe wetteifern mit einander, die Waaren und Producte zu bringen oder zu holen. Gegen Mittag ging das Dampfboot„North America“ nach Cleveland, in Ohio, ab, und ich mit ihm. Eine unge⸗ heuere Menge von Paſſagieren ſtopfte den„sterage room,“ und kaum war es möglich darin auszuhalten, da beſonders noch eine Anzahl irländiſcher und amerikaniſcher alter Frauen ihre kleinen Pfeifenſtummel im Munde hatten und mit den Männern um die Wette qualmten. Aber, lieber Gott, was nahm das für ein ſchmähliches und raſches Ende. Der Erie⸗See, von einem friſchen Winde gepeitſcht, warf gewaltige Wellen, und das Dampfboot fing bedeutend an zu ſchwanken. Eine Pfeife nach der anderen wurde da ſchwei⸗ gend weggelegt, und die Geſichter verlängerten ſich und er⸗ blaßten auf eine gar verdächtige Weiſe. Ich bemerkte mit Entſetzen dieſe Veränderung und flüchtete in einen der ober⸗ ſten Schlafräume(es waren deren drei über einander), um außer Schußweite zu ſein. Der Erfolg lehrte denn auch wie richtig ich gerechnet, denn kaum hatte ich mein hohes Lager eingenommen, ging die Geſchichte unten los und artete bald in richtige Seekrankheit aus. So komiſch es anzuſehen war, ſo ekelhaft war es, doch lag ich wenigſtens in Sicher⸗ heit. Ganz beſonderen Spaß machte mir ein Liebespärchen, das gleich vom Anfang der Reiſe mit einander gekoſt und 7* 3 ——— ——— — — ——— 100 Cleveland. geherzt hatte. Plötzlich wurde ihr ſchlecht und ihm nicht viel beſſer. Sie ſetzte ſich darauf ihm auf den Schooß und lehnte ihr Haupt an ſeine Stirn, und ſein Geſicht wurde immer bläſſer, immer länger, ſeine Naſe ſpitzer, ſeine Augen glaſiger, bis von Beiden faſt zugleich der furchtbare Aus⸗ bruch erfolgte. Dicht vor ihnen hatte dabei eine Irländerin aus der unterſten Volksklaſſe, den Pfeifenſtummel im Munde und mit einem gewiſſen trotzigen devil may care Zug um den Mund geſeſſen, und die Gruppen um ſich her etwa mit einem Geſicht angeſehn, als ob ſie hätte ſagen wollen„un⸗ terſtehts Euch und werdet ſeekrank, erbärmliches Volk das Ihr ſeid!“ Sie hielt dabei ein kleines Kind auf dem Schooße; dieß forderte indeſſen plößlich ihre ganze Aufmerk⸗ ſamkeit und ſie hatte das kleine Perſönchen eben wieder voll⸗ ſtändig gereinigt und ſauber polirt, als der vorerwähnte Ausbruch dem kleinen Staatsbürger von unbewachter Seite wieder Alles— und zwar total ohne deſſen Verſchulden— verdarb. Der Grimm der Alten war furchtbar. Den 14. November endlich, Abends, erreichten wir Cle⸗ veland. Es war ſtockfinſter, und ich ſtand in der That etwas verlegen am Ufer, da ich nicht wußte, wo ich für die Nacht ein Unterkommen finden ſollte. Ein junger Deut⸗ ſcher, der mich beim Schein einer Laterne an den Kleidern für einen Landsmann erkannte, fragte mich, ob ich die Nacht über bei Deutſchen bleiben wolle. Auf meine Bejahung führte er mich einige hundert Schritte weit in ein deutſches Gaſthaus, wo ich ſehr bald zu Bette ging. Die Betten in Amerika ſind faſt alle zweiſchläfrig, d. h. 4 —.,— Der ſchwarze Schlafcamerad. 101 ſo breit, daß drei Mann ſehr bequem darin Platz haben; ich habe auch ſchon als der vierte in ſolchen Betten ge⸗ ſchlafen. Es iſt das nämlich eine höchſt fatale Gewohnheit der amerikaniſchen Gaſthäuſer ihre Fremdenbetten immer gleich auf wenigſtens zwei Schläfer berechnet zu haben, und man wird da, ſelbſt in den beſſeren, ſehr häufig mit Leuten zu⸗ ſammen geworfen, deren ſo unmittelbare Nähe Einem gerade nichtsweniger als angenehm iſt. Man gewöhnt ſich zuletzt freilich an Alles. In dieſen„Tummelplatz des Traumes,“ wie es einige Amerikaner nennen, wieß mich kin kleiner, buckliger Junge, und auf meine Frage:„ob ich allein darin ſchlafen würde,“ erwiederte er mir, daß wohl noch ein Fremder mit der Poſt⸗ kutſche kommen könnte. Gegen Mitternacht ungefähr weckte mich Geräuſch. Ich dachte bei mir:„Aha, da kommt dein Fremder“ und da ich mich noch nicht an dieſe amerikaniſche Mode gewöhnt hatte, intereſſirte es mich doch ein wenig, zu ſehen wer denn eigent⸗ lich mein Schlafcamerad ſein würde. Den Kopf wendend hatte ich indeß die ungeheuere Freude zu bemerken, daß ein Schwarzer, ein pechſchwarzer Kerl, den ſie in Deutſchland einen Mohren nennen, ſich eben fertig machte ſeine Ebenholzgl lieder zu mir ins Bett zu legen. Ich rückte auf die äußerſte Bettkante und ließ dem Sohne der Finſterniß zwei Dritttheile des breiten Ruhelagers. Ich war damals noch zu unbekannt mit den amerikani⸗ ſchen Gebräuchen; wäre mir dieſes Abenteuer aber ſpäter — 102 Plattdeutſch und Engliſch. paſſirt, ſo hätte der gute Wirth keinen ganzen Knochen im Leibe behalten. So ſehr ich nämlich auch dieſem Amerikaniſchen Vorur⸗ theil, die Schwarzen als eine vollkommen untergeordnete Race zu betrachten, entgegen bin, ſo war es doch von dem Wirth, der die Landesſitte kannte, eine nichtswürdige Frech⸗ heit mir ſolchen Schlafcameraden zu ſchicken, und er hatte es auch jedenfalls nur gethan, weil er gemerkt haben mochte, daß ich erſt ganz kürzlich von Deutſchland gekommen war, und dabei vorausſetzte, ich kenne die hieſigen Vorurtheile und Sitten noch nicht. Von Cleveland aus wanderte ich ein Stück Wegs am Canal hinunter, der bis Portsmouth am Ohiofluß geht, nach einem kleinen Städtchen Canton, um dort meinen Schiffs⸗ cameraden, den Apotheker Vogel, aufzuſuchen. Ich ſchoß dieſen Tag im Canale mehre wilde Enten, auch einige Kaninchen am Wege und blieb die Nacht über bei Amerikanern, die mich freundlich aufnahmen. Gar ſehr amüſirte mich dort ein deutſches Mädchen, die bei den Amerikanern diente, aber erſt wenige Monate in ihrer neuen Heimath war und noch ſehr wenig Engliſch verſtand. Doch ſprach ſie plattdeutſch, und die Amerikaner engliſch, ſo daß beide Theile einander genug verſtanden, um wenigſtens zu wiſſen, was ſie eigentlich von einander wollten, und ſich vortrefflich mitſammen vertrugen. Am 17. November erreichte ich endlich die kleine Stadt Canton, einen freundlichen Flecken mitten im Holze, mit einigen recht hübſchen und geſchmackvollen Gebäuden. — Ohio. 103 Meinen Freund fand ich zwar nicht, hörte jedoch daß er ſich in Cineinnati aufhalte, und da ich ohnehin Cineinnati gern ſehen wollte, beſchloß ich ihn dort aufzuſuchen. Da ich weiter keine Geſchäfte in Canton hatte, ſetzte ich noch den⸗ ſelben Abend meinen Wanderſtab weiter— was lag daran wohin ich zog. Ich hatte jetzt den Staat Ohio betreten, und fand mich, gleich vom erſten Tag an, in einem weit mehr angebauten und cultivirten Land, als Canada. Faſt den ganzen Tag marſchirte ich zwiſchen eingefenzten und bebauten Feldern hin, und faſt jede halbe Stunde fand ich ein bald größeres, bald kleineres Farmhaus. An vielen Stellen verrieth ſich auch ſehr deutlich deutſcher Fleiß, und viele von meinen Landsleuten, die zum Theil ſchon ſehr lange in Amerika waren, traf ich unterwegs. Was ich dabei über das Land hörte, gereichte ihm überall faſt nur zum Vortheil. Dieſe Leute, die ſich hier allerdings mit ſauerem Schweiß ihr Brod verdienen mußten, waren überall zufrieden, und riethen mir auch überall zu bleiben und mich zwiſchen ihnen nieder zulaſſen. Wenn ich fleißig ſein wolle, garantirten ſie mir mein Fortkommen. Damit war mir aber für jetzt noch nicht gedient, ich hatte meine Wanderung nur eben erſt begonnen und. noch einen langen Weg vor mir, ehe ich ſie zu Ende führte. Wohin der Weg?— ich wußte es ſelber nicht, kümmerte h auch nicht darum. Vor der Hand lag mein Ziel in Cincinnati, und hatte ich das erſt einmal erreicht, fand ſich das andere auch ſchon weiter. 104 Eincinnati. Ohne irgend welche Fährlichkeit erreichte ich am 26. No⸗ vember Cincinnati, die größte Stadt Ohios, am Ohiofluß. Dort fand ich auch glücklicher Weiſe den Apotheker Vogel und in der Freude, die er bei meiner Ankunft zeigte, auch reichliche Belohnung für meine Mühe ihn aufzuſuchen. Ich verlebte dort einige recht frohe Tage in ſeiner Geſellſchaft. Cincinnati iſt unſtreitig die ſchönſte und blühendſte Stadt des Weſtens, St. Louis kaum ausgenommen, und wird nicht mit Unrecht von den Amerikanern(allerdings nur etwas unpaſſend für eine Republik) die Königin des Weſtens ge⸗ nannt. Sie iſt der Mittelpunct des ganzen weſtlichen Han⸗ dels. Durch Dampfboote und Eiſenbahnen mit den öſtlichen Städten(etzt auch durch letztere mit dem Norden, Weſten und Süden), durch einen Canal mit dem Erieſee, durch den Ohio und Miſſiſſippi noch außerdem mit allen wichtigen Han⸗ delsplätzen des ganzen weſtlichen Gebiets bis nach New⸗Or⸗ leans hinunter verbunden, rechtfertigte ſie ſchon damals voll⸗ kommen ihr raſendſchnelles Steigen und muß ſpäter einmal eine Stadt werden, die ihre Einwohner nach Hunderttauſen⸗ den zählt. Deutſche hatten ſich beſonders viel dort niedergelaſſen, und ich fand ſelbſt, außer Vogel, noch einige andere Schiffs⸗ cameraden dort. Da ich aber ſpäter wieder nach Cincinnati zurück und dann ausführlicher darauf zu ſprechen komme, will ich mich jetzt nicht zu lange dabei aufhalten, und meinen Streifzug durch die Staaten weiter verfolgen. In Cineinnati hatte ich bis dahin nämlich geglaubt, den Weſten der Vereinigten Staaten erreicht zu haben, fand — Weg nach St. Louis. 105 aber hier zu meinem Erſtaunen, daß die„Königin des Weſtens“ trotz ihrem Namen ſchon mit zum Oſten gezählt wurde, und der eigentliche Weſten noch viel, viel weiter dahinten lag. Zum Weſten wollte ich aber, die ſogenannten Backwoods hatte ich mir feſt vorgenommen aufzuſuchen, und da man mir ſagte, daß die eigentlichen Backwoods erſt weſtlich vom Miſſiſſippi begönnen, beſchloß ich eben weſtlich vom Miſſiſſippi zu gehen, und den eigentlichen Weſten unter jeder Bedingung kennen zu lernen. Am 6. December ſagte ich deshalb dem freundlichen Cin⸗ cinnati Lebewohl. Am Abende deſſelben Tages kam ich an 4 die Gränze dieſes Staates, die der kleine Fluß Miami bil⸗ det, übernachtete dort und ſetzte am anderen Morgen nach Indiana über.. Zwei Meilen weiter gelangte ich in die kleine, am Ohio gelegene Stadt Lawrencebourg und erkundigte mich da nach dem nächſten Wege nach Saint Louis; aber keine Seele konnte mir dieſen angeben, da, wie ſie ſagten ihres Wiſſens noch kein Fußgänger nach der Hunderte von Meilen entfern⸗ ten Stadt gegangen ſei, wohin man auch wohl nur mit Dampfbooten gelangen könne. Mit Mühe und Noth erfuhr ich die ungefähre Richtung und machte mich auf den Weg. Ich war während der Zeit ziemlich hungrig geworden, ein 1 armes Kaninchen, für das mir ein Farmer eine reichliche Mahlzeit gab, mußte die Zeche bezahlen. Die Nacht ſchlief ich in einem einſam ſtehenden Hauſe bei recht guten Leuten. Den 8. December hatte ich einen herrlichen Tag zum Marſchiren, und auch der Abend brach warm und freundlich 106 Der brennende Wald. herein. Raſch wanderte ich vorwärts, als mir ein Farmer, an deſſen Hauſe ich vorbeiging, ſagte, daß ich 6 bis 7 Mei⸗ len weiter eine Mühle finden würde, wo ich über Nacht blei⸗ ben könnte, denn ſchon ſtand die Sonne nicht mehr hoch. Immer dunkler wurde es, der Weg zog ſich fortwährend durch dichten Wald, und noch zeigte ſich keine Mühle; glück⸗ licher Weiſe ging der Mond bald darauf, wenn auch hinter Wolken auf. Es wurde etwas heller, und ich hatte nun wenigſtens nicht zu befürchten, daß ich mich ver— irren würde. Ueberdieß war die Temperatur angenehm, und mußte ich die Nacht im Walde bleiben, ließ es ſich auch ertragen. Endlich ſah ich ein Licht von fern durch die Zweige ſchimmern, und die Hoffnung auf ein gutes Bett und eine Taſſe warmen Kaffe wirkte gar angenehm auf den ſolcher Genüſſe noch nicht ganz entwöhnten Europäer. Die Lichter wurden jedoch beim Vorwärtsſchreiten zahlreicher und größer, und ich wußte nicht recht, was ich davon denken ſollte. War eine Stadt oder ein indianiſches Lager vor mir? Meiner Ungewißheit ein Ende zu machen, ging ich raſch darauf zu, da mich zum Ueberfluß auch mein Weg in gerader Richtung zu den Feuern führte, und bald ſtand ich vor einem brennen⸗ den Stücke Wald, das majeſtätiſch durch die dunkele Nacht leuchtete und bei dem ſchwarzen Hintergrunde und den ſchauerlich grell beleuchteten Seitenpartieen einen eigenen, faſt geſpenſtigen Anblick darbot. Dieß neue Schauſpiel war mir zu wunderbar großartig, als daß ich hätte ſchnell daran vorbeigehen können; ich ließ mich daher an einem der umge⸗ Die Mühle. 107 ſtürzten, glühenden Stämme nieder, mich des großartigen Anblickes herzinnig erfreuend. Ich mochte wohl eine halbe Stunde ſo dagelegen und zugeſchaut haben, als plötzlich, ungefähr 20 Schritte von mir, eine flammende Eiche mit dumpfem Krachen unter tau⸗ ſend ſprühenden Funken niederſtürzte, ſo daß glühende Koh⸗ len und brennende Aeſte überall umherflogen. Solcher Ge⸗ fahr wollte ich mich denn doch nicht ausſetzen, und machte mich deshalb wieder auf den Weg, der mir, durch das lange in die Flammen Schauen jetzt um ſoviel dunkler vorkam. Aber der Wald wollte kein Ende nehmen, und ich glaubte daher, daß die Mühle blos in der Einbildung des guten Farmers beſtanden habe. Endlich hörte ich in der Entfernung, zu meiner Rechten, Waſſer rauſchen und zugleich das ſchwache Brüllen einer Kuh; ſogleich verließ ich in der Richtung des Schalles den gebahnten Weg, gebrauchte aber die Vorſicht, ein Feuer an der rechten Seite deſſelben anzuzünden, damit ich, im Fall ich mich geirrt hätte, den Pfad und mit ihm die rechte Richtung wiederfindeu könnte. Eine halbe Meile davon leuchtete mir wirklich das helle Dach einer Wohnung entgegen. Näher gekommen, erkannte ich den Mühldamm, und mehre Kühe, die die Einzäunung oder Fence umſtanden, begrüßten den Kommenden durch ihr langgezogenes Gebrüll. Daß das Haus bewohnt ſei, bewies mir der Spectakel darinnen, wo man Tiſche und Stühle zu rücken ſchien, und fröhlich den Staub von den Füßen ſchüt⸗ telnd klopfte ich an die niedere Thür. Plötzlich war Alles ſtill wie im Grabe. Ich klopfte — —— 108 Das einſame Haus. noch einmal— Nichts rührte ſich, keine Stimme rief mir ein trauliches„come in“ entgegen. Ich habe die Ange⸗ wohnheit, nach dreimaligem Klopfen jede Thür zu öffnen, und auch hier ſtieß ich ſie etwas ärgerlich auf.— Todtenſtille herrſchte in dem, von keiner menſchlichen Seele bewohnten Hauſe;— ein paar Sterne ſchauten trübe durch die fehlen⸗ den Schindeln im Dache, das Kamin war eingeſtürzt, und die Ratten oder ſonſtigen Nachtwandler, die den Lärm, den ich gehört hatte, mit einigen Ueberreſten von Stühlen und einem alten Tiſche gemacht hatten, waren in ihre Schlupf⸗ winkel geflüchtet. Es iſt ein ſchauerliches Gefühl einen Ort, den man von thätigen Menſchen bewohnt zu finden erwartet, öde und ver⸗ laſſen anzutreffen, und ſonderbar fröſtelnd lief es mir den Rücken hinunter. Ich ſchloß die Thüre und ſprang über die Fence zurück, das verlaſſene Gebäude ſeiner eigenen ſchauer⸗ lichen Einſamkeit überlaſſend. Mein Feuer war unterdeſſen faſt ganz niedergebrannt, doch fand ich es wieder und verfolgte nun rüſtig den früheren Weg. Nach einer Stunde Wanderung hörte ich das An⸗ ſchlagen von Hunden, und dieſer ſicheren Bürgſchaft für das Naheſein einer menſchlichen Wohnung mit vergnügtem Her⸗ zen vertrauend, ſchritt ich raſch auf die endlich gefundene Mühle zu. Hunde bellten, ein Mühlrad rauſchte, ein helles Licht ſtrahlte durch alle Ritzen der Blockhütte, und Alles zeigte mir, daß ich ein Nachtlager finden würde. Bald ſaß ich behaglich am praſſelnden Kaminfeuer. Mein Wirth war ein freundlicher Mann, der ſchon lange — Der Müller und das Opoſſum. 109 Jahre in Indiana lebte, eine Mühle gebaut hatte und ſich wohl dabei befand. Nach einem ſchmackhaften Abendeſſen führte er mich aus dem Hauſe, um mir etwas zu zeigen, wobei er ſagte:„Ich will Ihnen jetzt einen kleinen Burſchen vorführen, wie Sie wohl noch nie einen geſehen haben.“ Er hielt Wort— unter einem umgeſtürzten Faſſe ſaß ein graues Thier, ungefähr von der Größe einer Hauskatze, aber viel ſtärker im Leibe, mit kurzen Füßen, durch Kopf und Schnauze einem Fuchſe, oder noch mehr einer koloſſalen Ratte ähnlich, mit häßlich fingerartigen Klauen und einem kahlen, etwa einen Fuß langen Schwanze. Das Thier war ein Opoſſum (Beutelthier), das den Hühnern unabläſſig nachſtellt und in den Farmen öfters bedeutenden Schaden anrichtet. Die Amerikaner, ſowie auch häufig die eingewanderten Deutſchen, eſſen das Fleiſch deſſelben, das eine Delicateſſe ſein ſoll, und auch der Müller machte keine Umſtände mit ſeinem Gefan⸗ genen. Er warf ihn auf dem Boden, ſchlachtete ihn, ſchnitt ihm den Schwanz und die Klauen ab, häutete dann das Thier, wuſch es aus und machte es ganz appetitlich zurecht, indem er verſicherte, daß es ein delicates Frühſtück geben ſolle. Mir wollte aber der Gedanke nicht in den Kopf, an dem rattenähnlichen Geſchöpfe zu kauen. Allerdings regnete es die Nacht durch, was nur vom Himmel wollte, und das war ſchlechter Troſt für meine morgende Fußwanderung; doch ſtand ich früh auf und empfahl mich dem Müller, nur um dem„delicaten Frühſtück“ zu entgehen. Die Straße war ſchlüpfrig und bodenlos geworden, und nicht ohne Grund befürchtete ich, die Bergſtröme angeſchwollen , —— — ——— 110 Der Bergſtrom. zu finden, doch vertraute ich meinem guten Glücke und wan⸗ derte fröhlich fort. Gegen 10 Uhr fing es wieder an tüchtig zu regnen, und Nachmittags kam ich an einen ſtürmenden, brauſenden Bergſtrom, der gewaltige Baumſtämme mit ſich fortreißend, dem Ohio zuſtürzte. Hier war guter Rath theuer, denn durchzuſchwimmen wäre wohl möglich, aber auf jeden Fall höchſt unangenehm geweſen, da ich außer der Klei⸗ dung welche ich trug, keine andere mithatte, und das Waſſer bedeutend kälter war als die Luft. Nachdem ich meilenlang am Fluſſe hinauf⸗ und hinun⸗ tergegangen war, einen Uebergangspunct zu entdecken, über⸗ raſchte mich die Nacht, und ich war genöthigt mein Lager im Walde aufzuſchlagen. Ich ſchlief, von dem Brauſen des Waſſers eingelullt, ſanft bei einem guten Feuer, doch nicht ohne dann und wann aufzuwachen, da ich nicht ganz ſicher war, ob mir nicht irgend ein wildes Thier einen Beſuch ab⸗ ſtatten werde. Am anderen Morgen machte ich mich früh auf und unterſuchte den Strom. Er war, wie alle dieſe Bergwäſſer, die ſehr ſchnell ſteigen, über Nacht bedeutend gefallen, und ich hatte ſchon die Abſicht, den Durchgang zu verſuchen, als ich zwei Reiter hinter mir den Berg herunter⸗ kommen ſah. Nun war ich außer aller Sorge. Sie kamen näher; der eine von ihnen nahm mich hinter ſich auf's Pferd und trocken gelangte ich an's andere Ufer. Ich wanderte auf dem etwas abſchüſſigen Wege, bald tief in den Schmuz einſinkend, bald ausrutſchend und alle Regengüſſe und amerikaniſchen Straßen vermaledeiend, wei⸗ ter, als ich plötzlich, nicht weit von dem kleinen Städtchen Der Betrunkene.. 4 111 Verſailles, einen Mann mit Büchſe und Kugeltaſche mir ent⸗ gegen den Berg herabkommen ſah. Er ſchien im Gehen eben nicht die geradeſte Linie zu treffen, und als er näher kam, fand ich auch bald daß ich mich nicht geirrt hatte, ſon— dern daß er ordentlich betrunken war. Bei mir angelangt, reicht er mir mit verklärten Augen ſeine Hand entgegen und ſchüttelte die meine herzlich. Der Anfang war gut, doch: trau, ſchau, wem! Mit den Angen eines Falken hatte er meine kleine Schnapsflaſche entdeckt und ſuchte ſie mit einem ſchnellen Griffe an ſich zu reißen; aber ſchneller noch als er, und feſt, wie der Bär ſeine Jungen vertheidigt, hatte ich ſie ſeinen Händen wieder entriſſen, ſteckte ſie mit der gleichgil⸗ tigſten Miene von der Welt in die andere Taſche und erwi⸗ derte ihm trocken:„Das iſt Nichts für Euch.“ Er ergab ſich in ſein Schickſal, aber meine Doppelflinte betrachtend, wollte er ſie genauer anſehen und begehrte, da⸗ raus zu ſchießen. Müde mich mit dem Betrunkenen länger ein⸗ zulaſſen, wandte ich ihm den Rücken, meinen Weg fortzuſetzen. „Stop!“(halt), rief er mir nach— ich achtete nicht darauf; „Stop!“ rief er zum zweiten Male, und deutlich hörte ich den Hahn ſeiner Büchſe knacken. Blitzſchnell drehte ich mich um, das Gewehr von der Achſel reißend, aber ſchon zu ſpät, denn ziſchend ſauſte ſeine Kugel über meinem Kopfe hin, und das Echo gab ſchallend den ſcharfen Krach der Büchſe wie⸗ der. Nun war aber meine Geduld zu Ende. Den fiſchbei⸗ nernen Ladeſtock aus meiner Flinte herausreißend, ſprang ich dem fliehenden Yankee nach, erwiſchte ihn beim Kragen, rannte ihn nieder und bearbeitete ihn ſo lange mit dem =— 2 112 Amerikaniſche Städten amen. ſchwanken Stocke, bis ich nur noch ein handlanges Stück Fiſchbein übrig behielt, während er unaufhörlich„Mörder, Mörder!“ brüllte.— Ich geſtehe, daß ich einige Genug⸗ thuung fühlte, als ich den Burſchen, mit Striemen bedeckt, im Schmuze liegen ließ. Den Abend wanderte ich durch Verſailles, wo ich mir einen anderen Ladeſtock machen ließ. Aber, du lieber Gott, welche Ironie, ein ſolches Neſt Verſailles zu nennen; doch iſt es eine Angewohnheit der Amerikaner, allen ihren kleinen neuangelegten Anſiedelungen hochtrabende Namen zu geben. Schon im Staate New⸗York war ich durch Syracus, Ba⸗ bylon, Rom, Venedig, Alexandria, London und Paris ge⸗ kommen, lauter kleine Flecken, aus nur 7 bis 8 Häuſern beſtehend. Den 11. December Mittags kam ich zu der Farm eines Deutſchen, Namens Friedmann, der ſich recht wohl in In⸗ diana befand, ein ſehr fruchtbares, wenn auch nicht zu großes Stück Land und ganz herrliches Vieh hatte. ⸗Es iſt dies der einzige angeſiedelte Deutſche, den ich auf meinem Marſche durch Indiana getroffen habe, obgleich im Staate ſelbſt noch ſehr viele wohnen, und doppelt wohl thaten dem Ohre, das die Mutterſprache ſo lange hatte entbehren müſſen, die deutſchen Klänge. Ich blieb bis zum Mittagseſſen da und wanderte nach⸗ her auf dem jetzt ausgezeichnet gut werdenden Wege munter meinem nächſten Ziele,„Vincennes“ am Wabaſch⸗Fluſſe, zu. Den 12. December gegen Abend trat ich in ein reinliches großes Haus ein, um zu fragen, ob ich ein Nachtlager be⸗ Die Juden. 113 kommen könnte, und fand da zwei deutſche Handelsjuden, die ſchon ganz behaglich am Kamine ſaßen und mich verwun⸗ dert und, wie es mir wenigſtens vorkam, mit nicht ganz freundlichen Augen betrachteten. Der Hausvater, ein ſehr alter Mann, deſſen Großältern von Deutſchland herübergekommen waren, und der ziemlich gut deutſch ſprach, war ungemein freundlich, und wir ver⸗ plauderten einen recht vergnügten Abend. Die beiden Is⸗ raeliten hatten während der Zeit ſehr viel zuſammen ge⸗ flüſtert; der eine rückte jetzt ein wenig näher zu mir und richtete mehre Fragen an mich, die ich ihm gern und artig beantwortete. Doch das Fragen hörte nicht auf, denn nach jeder Kleinigkeit erkundigte er ſich. Unter Anderem fragte er mich, wann ich morgen früh aufbrechen und welchen Weg ich einſchlagen würde, und warum ich eine Flinte und einen Hirſchfänger bei mir habe. Ich merkte jetzt wohl, daß er nicht zu den Herzhafteſten gehöre, und beſchloß mir einen Spaß mit ihm zu machen. Jetzt fing ich an zu fragen: was er für Geſchäfte mache, welche Art von Waaren er führe(Jeder von ihnen hatte ein großes Packet bei ſich), ob er Goldwaaren bei ſich habe, wann er morgen früh aufbrechen und welchen Weg er nehmen werde, ob er lange im Walde zu gehen habe, ehe er an eine Farm käme ꝛc. Alle dieſe Fragen beantwortete er aus⸗ weichend und ängſtlich, ohne daß der andere darein redete. Als ich ihn aber fragte, ob er viel Geld verdient habe, fuh⸗ ren beide zugleich heraus:„Mer haben gar kein Geld,“ ſo daß ich kaum das Lachen verbeißen konnte. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 8 114 Die Juden. Wir gingen endlich zu Bett. In der Nacht erwachte ich mehrmals durch das Gezänk der beiden Söhne Israels, die ſich um den beßten Platz in ihrem gemeinſchaftlichen Bett ſtritten, und wurde nicht wenig durch die ſtets wiederkehren⸗ den Namen:„elender Menſch! erbaͤrmlicher Menſch!“ mit denen ſie ſich titulirten, im Schlafe geſtört. Als der Tag graute, wachte ich auf und ſah das Bett der Beiden leer; ich blieb noch ein wenig liegen, bis es hell wurde, und ging dann zum Wirth hinunter. Die beiden großen Waarenpackete und die tapferen Is⸗ raeliten waren jedoch verſchwunden, und auf meine Erkun⸗ digung nach ihnen, gab mir der Wirth zur Antwort, daß ſie ſich ſchon lange vor Tagesanbruch auf die Socken gemacht hätten. Ich mußte laut auflachen und erzählte nun dem Alten den ganzen Spaß, der ihn ſehr ergötzte. Der Weg war jetzt größtentheils gut, aber ich hatte ſo ſchlechtes Wetter, daß, beſonders als ich in das flache Land in der Umgegend von Vincennes kam, die Straßen ganz mit Waſſer gefüllt lagen. Ungefähr eine Meile vor Vincennes, wo die Prairieen anfangen, verlor ſich der Weg in eine Waſſerfläche, die ſpie⸗ gelglatt vor mir lag, und unmöglich würde es nach ein⸗ brechender Dunkelheit für mich geweſen ſein, die Bahn da hindurch zu finden, hätten mir nicht die Lichter von Vincen⸗ nes die Richtung angegeben. So aber ſchritt ich, oft bis über die Kniee im Waſſer watend, dem Lichtſchimmer entgegen und erreichte ungefähr um 7 Uhr das Städtchen, das ſich ebenfalls keiner großen Trockenheit rühmen konnte. Der Deutſche. 115 Es war Nacht, rabenſchwarze Nacht, als ich mich in den, von keinen Laternen beleuchteten Gaſſen nach einem Nacht⸗ quartier umſchaute. Ein paar einſame Ochſen ſtanden am Wege und ſchienen mich, als ich dicht bei ihnen vorbeiging, ſehr wehmüthig zu betrachten.„Seid mir gegrüßt, ihr Her⸗ ren!“ rief ich ihnen mit Mephiſtopheles zu, und beide beant⸗ worteten meinen Gruß mit einem gemeinſchaftlichen Brüllen. In geringer Entfernung von ihnen fand ich endlich ein Haus, wie ich es ſuchte. Es war ein Penſylvaniſch⸗Deutſcher, der hier Wirthshaus hielt, und ich fand ein warmes, erquicken⸗ des Feuer, ein Hauptbedürfniß bei meinem dermaligen Zuſtande. Erſt als ich mich erwärmt hatte, fing ich an meine Um⸗ gebung ein wenig genauer zu betrachten. Lauter nüchterne Geſichter, amerikaniſche Gleichgiltigkeit in den Phyſiogno⸗ mieen der Anweſenden, die ſich auf ihren Stühlen ſchaukel⸗ ten und, nach eben beendigter Mahlzeit in ihren Zähnen ſtocherten. Nur ein einziges echt deutſches Geſicht ſtrahlte mir unter ihnen entgegen, und ſchien mich ebenfalls aufmerk⸗ ſam zu betrachten. Ich redete den Mann an und hatte mich nicht geirrt, es war ein deutſcher Schmied und Maurer⸗ meiſter. Wir blieben am Feuer ſitzen und erzählten uns bis tief in die Nacht hinein. In der Hitze des Geſprächs declamirte er auch einige ſelbſtgemachte Gedichte. Ich hörte ſie gedul⸗ dig an, ich konnte nicht verlangen, daß er mich allein amüſire. Er hatte ſchon lange in Amerika gelebt, daher viel erfahren und gelitten; es ſchien eine von den guten Seelen, die nicht 8* 1 116 Die Drehorgel in der Kirche. im Stande ſind irgend Jemand zu betrügen, aber dafür von der ganzen Welt betrogen werden. Nicht unintereſſante Skizzen gab er mir dabei von dem Lande ſelber, das nur erſt halb und halb in die Civiliſation hineinzuragen ſchien. Darunter amüfirte mich beſonders eine Anekdote, zu der die katholiſche Kirche in Vincennes die Veranlaſſung gegeben hatte. Dieſelbe hat nämlich von einem deutſchen Emigran⸗ ten eine gewöhnliche Drehorgel gekauft, und ſpielte der an⸗ dächtigen, chriſtlichen Gemeinde Sonntags die Melodieen: „Mein Schiff ſtreicht durch die Wellen, Fridolin, Fridolin!“ oder„Heinrich ſchlief bei ſeiner Neuvermählten,“ oder„Es ritten drei Reiter“ ꝛc. vor, wonach nun die geduldigen Chriſten ihre Gebete abſangen, obgleich ziemlich viele Deutſche dort waren, die alle dieſe Lieder kannten. Die Nacht waren wieder alle Schleuſen des Himmels offen, doch klärte es ſich gegen Morgen auf und fing an zu frieren. Als ich an den Fluß hinunter kam, begegneten mir einige Reiter, die von der anderen Seite deſſelben zurückkamen und erklärten, es ſei ihnen nicht möglich geweſen, durchzukommen. Nicht allein ſei das Waſſer tief, ſondern es liege auch noch eine dünne Eisrinde darauf, welche die Pferde, ohne ſich zu verletzen, gar nicht mit der Bruſt durchbrechen könnten. Einen Augenblick ſtand ich unſchlüſſig über das was ich thun ſollte, doch die Noth iſt eine gute Rathgeberin. In Vincennes konnte ich nicht bleiben, da meine außerordentlich geringen Geldmittel mir in keinem Falle erlaubten große Ausgaben zu machen, und ich noch eine gewaltige Länder⸗ Weg durch's Waſſer. 117 ſtrecke zu durchwandern hatte. Ich ging deshalb denn auch raſch entſchloſſen zur Fähre hinab, mich überſetzen zu laſſen, darauf hoffend, daß ſolche Sachen meiſt übertrieben würden. An der Fähre riethen mir die Leute übrigens ebenfalls lieber noch ein paar Tage in Vincennes zu bleiben, und das Ab⸗ laufen der Waſſer zu erwarten. Das konnte aber bei die⸗ ſem naſſen Wetter noch lange dauern, hätte es mir meine Caſſe wirklich erlaubt. Ich ließ mich alſo unverzagt über⸗ ſetzen, meinem guten Glück das weitere vertrauend. Drüben angelangt fand ich das Land dicht am Fluß ziemlich trocken; kaum zweihundert Schritt vom Ufer begann aber ein wirklicher See, durch den weder Bahn noch Steg zu finden war, und umſonſt mühte ich mich bis gegen Mittag eine nur halbweg ſeichte Furth zu finden. Aus Sparſam⸗ keit hatte ich dabei die letzten vierundzwanzig Stunden ent⸗ ſetzlich wenig zu mir genommen, immer hoffend etwas ſchieß⸗ bares am Weg zu finden; es wollte ſich indeß am ganzen vorigen Tag Nichts zeigen und das theuere Gaſthauseſſen konnte ich nicht bezahlen. Mit leerem Magen marſchirt ſich's verwünſcht ſchlecht in kaltem Waſſer. Umſonſt hatte ich eine ſeichte oder gar halbweg trockene Stelle geſucht, die nächſten Häuſer, die ich in dem flachen Land deutlich vor mir ſehen konnte, lagen etwa eine Stunde entfernt auf höherem Boden. Von dort aus ſollte ich auch, wie mir die Fährleute geſagt, trockenen Weg finden, und mit keiner Wahl mehr, als das einmal Begonnene auch durchzuführen, watete ich friſch in das kalte Waſſer hinein. Im Anfange ging mir das Waſſer nicht ganz bis an die 118 Die Prairieen. Kniee, und die Waßerſtiefeln hielten mich trocken, aber bald ſtieg es höher und höher. Ich war gezwungen, meine Jagd⸗ taſche auf die Schultern zu ſchnallen, und watete nun bis an den Gürtel, ja oft bis unter die Arme in dem kalten Ele⸗ mente, wobei ich erſt noch mit dem Gewehrkolben die vor mir liegende, zwar dünne aber ſcharfe Eisrinde zerbrechen mußte, um mir einen Weg zu bahnen. Vier Stunden koſtete es mich, die zwei engliſchen Meilen zurückzulegen, und nur die Ueberzeugung, daß ich das Eis entweder durchbrechen, oder im Waſſer umkommen müſſe, gab mir hinreichende Kraft mein Ziel zu erreichen. Endlich gewann ich mit Gottes Hülfe eine Fence und mit ihr die Gränze des Waſſers. Ich wollte hinüberſteigen, war es aber nicht mehr im Stande, und der untere Theil meines Körpers faſt erſtarrt. Mit den Händen mußte ich ſie niederreißen um hindurch zu kommen, und erſt eine volle Stunde nachher, als ich am wärmenden Feuer der Farm aufgethaut war, gelang es mir, mich wieder frei zu bewegen. Der Weg wurde von nun an, eine kleine Strecke ausge⸗ nommen, trockener, doch blieb ich im nächſten Haus zu dem ich kam, über Nacht, denn ich bedurfte der Ruhe und Stärkung. Zum erſten Male hatte ich jetzt den Anblick der gewalti⸗ gen Prairieen, die ſich durch ganz Illinois hinziehen, in die⸗ ſer kalten Jahreszeit aber freilich einen trübſeligen Anblick boten. Das lange, gelbe, wogende Gras verlieh dem Ge⸗ mälde einen gar melancholiſchen Anſtrich, und die unge⸗ Waterton. 119 heuere ſtrohgelbe Fläche, nur ganz in der Ferne von Wald begränzt, war gerade nicht geeignet das Herz heiter zu ſtim⸗ men. Es hatte übrigens wieder etwas gefroren, und ich ſetzte meinen Weg, jetzt wenigſtens trockenen Fußes, fort und wanderte ſcharf darauf zu. Das erſte große Stück Wild, welches mir aufſtieß, war ein Hirſch, der, durch mich aufge⸗ ſcheucht, in langen gewaltigen Sätzen durch das hohe Gras ſprang, Schaaren von Prairie⸗Hühnern aufjagend, die in ungeheuerer Maſſe eine Strecke über die Prairie hinzogen und dann wieder einfielen. In dem Hauſe, wo ich am Abend übernachtete, reinigte ich meine Flinte von Grund aus und ſetzte ſie wieder in gu⸗ ten Stand. Am anderen Morgen um acht Uhr kam ich zum Fox⸗Fluß, wo ein paar einzelne Häuſer ſtanden. Zu meinem Erſtaunen fand ich, daß auch dieſe eine Stadt bil⸗ deten, die Waterton hieß. Ueberhaupt wird in Amerika jedes Kleeblatt von drei oder vier Häuſern„Stadt“ getauft. Eine ſehr hübſche Amerikanerin, die eine Art von Wirth⸗ ſchaft hielt, ſetzte mir wilden Honig, Milch und Brod vor. Sie verſuchte Alles, mich zu bereden mich hier anzuſiedeln und, wo möglich, noch mehr deutſche Anſiedler herbeizuziehen. Die Waſſerpartie war mir nur noch zu friſch im Gedächt⸗ niſſe, die Gegend hier beſonders lieb zu gewinnen. Uebri⸗ gens ſchien ſie das Land zu ſein, wo Milch und Honig fleußt, denn ungeheuere Heerden finden in den Prairieen ihre Nahrung, und wilden Honig giebt es in großer Menge. Die Speiſe hatte mich geſtärkt und mit raſchen Schritten ſetzte ich meinen Wanderſtab weiter. — + 120 Der Hirſch. Ich hatte mich ſchon der angenehmen Hoffnung hinge⸗ geben, von nun an trockenen Weg zu haben, fand mich aber gar arg betrogen, denn ich mußte, da der kleine Wabaſch ausgetreten war, abermals faſt zwei Meilen im Waſſer marſchiren. Hier war indeß ein etwas erhöhter Weg und, wenigſtens auf demſelben, kein Eis, während dieſes gleich daneben zwiſchen den Bäumen den Grund wieder dicht be⸗ deckte. Als ich dieſen Waſſerweg faſt hinter mir hatte und das trockene Land ſchon wieder vor mir ſehen konnte, hörte ich etwas durch das Waſſer rauſchen und das Eis nieder⸗ brechen; ich ſchaute mich um und erblickte fünf Stück Wild, die in vollen Sätzen ankamen. Ich blieb ruhig ſtehen und erwartete mit klopfendem Herzen ihre Ankunft. Ein präch⸗ tiger Bock mit zwei Alt⸗ und zwei Schmalthieren wollten, kaum 50 Schritte von mir, vorbei,— ich zielte— und 9 Bockſchrote ſauſten dem Führer auf's Blatt, daß er, hoch⸗ aufſpringend, zuſammenbrach. Kräftig mußte ich arbeiten den Hirſch, der, halb im Waſſer liegend, verendet war, auf das Trockene zu bringen, doch gelang es mir endlich. Obgleich die Hirſche in Amerika bedeutend kleiner ſind als die in Deutſchland, haben ſie doch immer ein ziemlich großes Gewicht, und der, den ich geſchoſ⸗ 1 ſen hatte, wog gewiß gegen 140 Pfund. Ich ſtreifte ihn ab, ſchnitt einige Stücke herunter, machte aus dem Felle eine Art von Sack, die Haare nach außen gekehrt, that dann die Keulen und den Rückentheil hinein und hing mir das Ganze um. Den Reſt band ich an den niederen Aſt eines kleinen Baumes für irgend Jemand, der vorbeikäme, und wanderte Das ſeltſame Holzholen. weiter, mußte jedoch meine Laſt 2 Meilen ſchleppen, ehe ich zu dem nächſten Flecken Maysville kam. Dort verkaufte ich meine Beute, übernachtete daſelbſt und zog am anderen Mor⸗ gen durch die, an dieſer Stelle 12 Meilen breite Prairie. Ein ſchneidend ſcharfer Nordweſt pfiff von den großen Seeen herüber, ſo daß ich mich kaum durch ſchnelles Mar⸗ ſchiren erwärmen konnte. Nachdem ich eine kurze Strecke durch Wald und über Hügel fortgeſchritten, kam ich wieder zu einem kleinen Städtchen, Namens Salem. Am 21. December hatte ich eine andere Prairie von 22 Meilen Breite*) vor mir, doch war es noch immer kalt, und herrlich marſchirte es ſich auf dem feſtgefrorenen Boden. Am Abend erreichte ich den Saum eines kleinen Wäld⸗ chens, und nicht weit davon blieb ich die Nacht bei einem Farmer. Als ich an ſein Haus kam, war er gerade beſchäf⸗ tigt ſein Pferd, das er am Zügel hatte, in die Stube zu führen. Ich würde geglaubt haben, daß es der Stall ſei, hätte ich nicht Rauch aus dem Kamine aufſteigen ſehen, und neugierig folgte ich dem Manne in die kleine Wohnung. Dort erklärte ſich mir das Räthſel. Er hatte Holz geholt und ſein Pferd an einen wohl 8 Fuß langen Klotz geſpannt um denſelben in's Haus ziehen zu laſſen und ihn von da in das Kamin zu rollen, das faſt eine ganze Seite der einen Wand des niederen Blockhauſes einnahm. Da er das Pferd der vielen Stühle, Betten und Tiſche wegen in der Stube nicht gut umlenken konnte, hatte er an der gegenüberliegen⸗ *) Unter Meilen müſſen ſtets engliſche Meilen verſtanden werden. gliſch 121 ——— —õÿõÿ— 122 Libanon. Die Waſſernire. den Seite noch eine Thüre durchgebrochen und führte das Pferd durch dieſe hinaus. Ich hatte am Tage mehre Prairiehühner geſchoſſen, und ſie lieferten uns eine leckere Mahlzeit. Dieſe Hühner ſind ſehr häufig in den ungeheueren Step⸗ pen, fliegen in ſehr großen Völkern(ich habe Völker von 600— 700 Stück beiſammen geſehen), beſitzen ungefähr die Größe unſerer Haushühner, haben jedoch einen längeren Hals, aſchgraue Farbe und einen kurzen Rebhuhnſchwanz mit befiederten Ständern und ſind, wenn das Wetter anfängt recht kalt zu werden, faſt gar nicht ſcheu, ſo daß man ſie ſehr leicht erlegen kann. Das Fleiſch, beſonders das der Bruſt, iſt delicat, das übrige aber dunkel und nicht beſonders. Nur einmal glückte es mir, einen grauen Prairiewolf zu ſchießen, welcher bedeutend kleiner als der ſchwarze iſt und, ſobald er nur einen Menſchen wittert, ſcheu entflieht. Am 23. December kam ich nach Libanon, einem kleinen Neſte auf einem Hügel, ungefähr 20 Meilen von St. Louis. — Libanon!— der Name rief unwillkürlich den Gedanken an die ungeheueren Cedern in mir hervor; aber? ungeheuere Ironie! das höchſte Holz auf dem ganzen Berge ſind die Stangen der Wirthshausſchilder. Eins von dieſen Schildern hat mich beſonders amüſirt. Es ſtellte eine Meerjungfer dar, aber mit einer ſo nieder⸗ trächtigen, breitgezogenen Galgenphyſiognomie, daß das Ge⸗ ſicht viel beſſer zu einem Judas, als zu einer verführeriſchen „Meermaid“ gepaßt hätte. Dabei hatte das Ungethüm einen großen, weitzinkigen Pferdemähnenkamm in der Hand, 4 American bottom. Eisgang des Miſſiſſippi. 123 und war im Begriff ſich die ſtruppigen Haare zu ordnen, während ſie die andere Hand ſorgſam unter den Kamm hielt, gleichſam als fürchte ſie etwas zu verlieren. Ich hatte am nächſten Tag 32 Meilen zu marſchiren. Durch den aufgeweichten und jetzt gefrorenen Boden der Prairie waren die Wege indeſſen ſehr rauh geworden, und die Füße ſchmerzten mich; doch wanderte ich fort und kam am Nachmittag in das Miſſiſſippi⸗Thal. St. Louis gegen⸗ über hat dies Thal übrigens einen beſonderen Namen und heißt der„American bottom,“ der als das beßte Land in den vereinigten Staaten berühmt iſt. Die Ackererde mag da wohl 50— 60 Fuß tief ſein; aber es iſt auch ungeſund, weil es ſehr niedrig und daher ſumpfig liegt. Ueberhaupt hörte ich überall, wo ich durch Illinois kam, vorzüglich bei den Deutſchen die ich fand, viele und, wie es ſchien, gegründete Klagen daß das kalte Fieber ihnen viel zu ſchaffen mache. Jeden Sommer ſolle es wiederkehren und ſie auch oft den Winter hindurch nicht verlaſſen. Das blaſſe Ausſehen der Leute, vorzüglich der Kinder, beſtätigte nur zu ſehr dieſe Ausſage. Endlich, etwas nach Sonnenuntergang, erreichte ich das öſtliche Ufer des Miſſiſſippi und hörte zu meinem Schrecken der Strom gehe ſo ſtark mit Eis und ſei im wahren Sinne des Wortes ſo damit bedeckt, daß es zu den Unmöglichkeiten gehöre hinüberzukommen. Den Abend war nun anf keinen Fall mehr daran zu denken, und ich mußte noch eine Nacht in Illinois bleiben. Da ich von dem anſtrengenden Mar⸗ ſchiren ſehr ermüdet war, ging ich früh zu Bett. —— — — —· — — —j —— 4 —— 124 Der unruhige Schlafcamerad. In der Nacht weckte mich ein neuankommender Schlaf⸗ camerad, der ſich gerade auf mich warf. Ich rückte ein wenig auf die Seite, und er blieb in der Mitte liegen. Ich hätte nun zwar Platz genug gehabt, aber der unruhige Fremde wälzte ſich und drängte mich ſo, daß, wenn ich mich nicht die ganze Nacht ärgern wollte, ich mir auf die eine oder die andere Art Ruhe verſchaffen mußte. Ich zog mich alſo wie ein Igel zuſammen, preßte meine Schulter gegen ſeine Seite, meine Füße gegen die Wand, und mich mit einem plötzlichen Rucke ausſtreckend, ſandte ich den Unruhigen mit Keilkraft auf die Dielen. Die Sache war zu ſchnell gekommen, als daß er ſich hätte beſinnen können, und noch halb im Schlaf wollte er wieder ins Bett zurückklettern; ich erklärte ihm aber kalt⸗ blütig, unter welchen Bedingungen ich ihn nur wieder herein laſſen wollte, und er verſprach Alles was ich forderte, denn die Nacht war ihm doch ein wenig zu kühl, ſie in ſeiner leich⸗ ten Kleidung außerhalb der Decken zuzubringen. Er verhielt ſich auch nachher ganz ruhig. Am nächſten Morgen ſtand ich ſehr früh auf und hörte, daß ein kleiner Kahn die Ueberfahrt verſuchen wolle. Um 9 Uhr ſaß ich darinnen und führte eins der Ruder. Wir waren ſechs Perſonen in dem kleinen Fahrzeuge, zwei an jedem Ruder, einer, der vorn die Eisſchollen etwas bei Seite ſtieß, und ein Paſſagier der vor Angſt faſt verging. Mit unſäglicher Mühe gelang es uns die Mitte des Stromes zu erreichen, wo ſich das Eis auf einer kleinen In⸗ ſel feſtgeſetzt hatte. Umfahren konnten wir die Stelle nicht, Ankunft in St. Louis. 125 da wir ſonſt zu weit unterhalb St. Louis gelandet wären, mußten alſo ausſteigen, den Kahn über die Eisſchollen weg⸗ ziehen und ihn auf der anderen Seite wieder in den Fluß laſſen. Dort ging unſere Ruderarbeit von Neuem los, und wir wurden mehre Male zwiſchen ungeheuere Schollen ſo eingepreßt, daß ich alle Augenblicke unſer kleines Boot zer⸗ drückt zu ſehen erwartete. Nichtsdeſtoweniger überwanden wir alle Schwierigkeiten und erreichten, halbtodt aber von Mühe und Anſtrengung, um 12 Uhr Mittags etwa das andere Ufer, unmittelbar unter St. Louis. Es wird zwiſchen St. Louis und Deutſchland ein Unter⸗ ſchied von ungefähr ſieben Stunden in der Tageszeit ſein; es war alſo gerade zu der Zeit, als daheim die Kinder bunt geſchmückte, hellerleuchtete Tiſche umſprangen und im Weih⸗ nachtsentzücken aufjubelten, als ich mich mit triefender Stirn und blutendem Herzen durch die Wellen und rieſigen Eis⸗ ſchollen des breiten Miſſiſſippi arbeitete. Auch hier tönten die Glocken der katholiſchen Kirche feierlich in den, jetzt vom Nebel befreiten, freundlichen Chriſttag hinein, und mit ganz eigenen aber nicht weniger als freudigen Gefühlen betrat ich die fremde Stadt. . ——— — Streifzug weſtlich vom Miſſiſſippi. In St. Louis hatte ich Brief und Geld von New⸗York erwartet, da mir mein Compagnon feſt verſprochen es dort⸗ hin zu ſenden. Zu meiner nicht geringen Beſtürzung fand ich aber auch nicht das geringſte vor. Der gute Mann dort in New⸗York dachte wahrſcheinlich er ſei mich jetzt los, und hoffte vielleicht gar(was ich auch ſpäter beſtätigt hörte) daß ich auf meinem wilden abenteuerlichen Zug irgendwo die Wölfe oder Fiſche füttern ſolle. Mein Wunſch war geweſen Texas zu beſuchen— jetzt aber, ganz ohne Mittel, wie ſollte ich das möglich machen. Da brachten mich die vielen, nach New⸗Orleans beſtimmten Dampfboote auf eine andere Idee— wenn ich nun einen Platz als Arbeiter auf irgend einem dieſer Boote bekommen konnte, war mir geholfen, und ich hatte dann nicht allein freig Paſſage, ſondern verdiente auch noch etwas unter Wegs. Die Boote ſelber machten mir da einen Strich durch die Rechnung, denn es war Winter, wo überhaupt viel Leute ſtromab nach New⸗Orleans ziehen, und jede Stelle an Bord beſetzt. Getäuſchte Erwartung. 127 Was nun thun? St. Louis wollte ich doch auch nicht augenblicklich wieder verlaſſen, ohne es wenigſtens etwas ge⸗ ſehen zu haben. Ich bedurfte auch wirklich einer kurzen Ruhe nach der Anſtrengung des letzten Marſches. Außer⸗ dem hatte ich immer noch die ſtille Hoffnung daß doch noch am Ende ein Brief von New⸗York während meiner Anwe⸗ ſenheit eintreffen könne. Glücklicher Weiſe traf ich hier ein paar Schiffscamera⸗ den von der Conſtitution, die ſich in ziemlich guten Umſtän⸗ den befanden. Dieſe merkten bald woran es mir fehle, und boten mir freundlich ein Darlehen an. Ich mochte aber keine großen Schulden machen, da ich ja gar nicht wußte, wann ich ſie wieder bezahlen konnte, nur einige Dollar nahm ich an, der augenblicklichen Verlegenheit wenigſtens enthoben zu ſein und mit drei anderen Dollar die ich für einiges Wild erhalten, hoffte ich ſchon wieder ein Stück weſtlich zu kommen. War dann mein Geld ausgegangen ſo wollte ich arbeiten, und Einer der Farmer im Walde würde ſchon irgend eine Hülfe brauchen. In St. Louis miethete ich mich indeſſen für eine Woche im„grünen Baum,“ einem der beſſeren Amerikaniſchen Boarding Häuſer, ein und durchſtreifte die Stadt nach allen Richtungen. Das Boarding Haus ſelber war mir im Anfang aber das intereſſanteſte, denn ich lernte hier zum erſten Mal wirk⸗ lich Amerikaniſches Leben und zwar der beſſeren Stände kennen. Ich müßte aber lügen wenn ich ſagen wollte daß ich davon ſehr erbaut war. —— —, ——— — 128 Amerikaner und Amerikanerinnen bei Tiſche. Zuerſt ſetzte mich die Art ihres Eſſens— ich möchte beinah ſagen Freſſens— in Erſtaunen. Zu jeder Mahl⸗ zeit wurde zweimal geklingelt, einmal die Gäſte zu ſammeln, und das zweite Mal als Zeichen daß man ſich zu Tiſch ſetze. Die Gäſte drängten ſchon bei der erſten Klingel in dichten Schaaren an die Thür, da ſie nach feſtem Uebereinkommen den Speiſeſaal vorher nicht betreten durften. Kaum ertönte aber die zweite Klingel, ſo flog Alles wie wild und toll, und als ob ſie ſämmtlich halb verhungert wären zum erſten beſten Stuhl den ſie erwiſchen konnten, und rafften nun rückſichts⸗ los auf jede Sitte, auf jeden Anſtand— die Nachbarn gar nicht gerechnet— von den Schüſſeln zuſammen, was ihnen gerade zuſagte. Daß ſie oft ganze Compotnäpfchen auf ihren Teller leerten, geſchah ſehr häufig. Auffallend wenig eſſen dagegen die Damen, denen be⸗ ſondere Sitze reſervirt werden, an öffentlicher Tafel. Sie nippen und koſten eben nur von den Speiſen, weil es nicht für ladylike gehalten wird viel zu eſſen. Oben im Zim⸗ mer ſollen ſie es aber dann nachholen. „St. Louis hat nicht allein einen ſehr bedeutenden Handel mit dem Norden, Oſten und Süden, ſondern auch mit dem Weſten(und ich fand ſelbſt hier daß ich noch ſehr weit zur weſtlichen Grenze hätte) da von hier aus der hauptſächliche Binnen⸗ und Pelzhandel nicht allein mit den amerikaniſchen Pelz⸗ oder Rockymountain⸗Compagnien, ſondern auch mit den Indianern ſelber getrieben wird. Von dieſen ſah ich denn auch einige prachtvolle Exem⸗ plare in St. Louis die, theils mit ihren bunteſten Farben Indianer. 129 bemalt, theils die nackten Oberkörper nur mit einem Büf⸗ felfell umhüllt, meiſt immer aber ihre Kriegskeulen in der Hand, langſam und majeſtätiſch durch die Stadt ſchritten, und die Wunder der„weißen Wigwams“ faſt immer mit ſehr gleichgültigem, aber nichts deſtoweniger aufmerkſamem Auge betrachteten. Die Indianer ſind ſchon oft beſchrieben und ich will den überdieß beſchränkten Raum nicht mit Wiederholungen fül⸗ len, Einer aber iſt mir noch zu friſch im Gedächtniß und machte einen zu komiſchen Eindruck auf mich, ihm nicht wenigſtens ein paar Worte zu gönnen. Er war ein hübſcher ſchlanker dunkelbrauner Burſch, das Haar, die Sealplocke ausgenommen, kurz geſchnitten, und mit rother Farbe bemalt, wie auch rothe und blaue Querſtreifen durch ſein Geſicht lie⸗ fen. An den Beinen trug er lederne Leggins, an den Füßen perlgeſtickte Moccaſins und im Arme die unvermeidliche Kriegskeule(beiläufig geſagt eine höchſt fatale Waffe aus einem krumm geſchnittenen, mit Meſſingnägeln wie ein Sopha beſchlagenen Stück Holz gemacht und mit einer eingepaßten, wohl vier Zoll langen und zwei Zoll breiten Stahlſpitze). Mit dem Oberkörper ging er nackt, bis auf den Hals um den er— es war zum todtſchießen— eine ſchwarze abge⸗ nutzte Cravatte mit ſeidener Schleife trug, und nicht wenig ſtolz darauf zu ſein ſchien. Doch all dieſe Einzelheiten habe ich ſchon in anderen Bänden*) ausführlicher beſprochen, *) Miſſiſſippibilder, Wald⸗ und Strombilder.— Arnoldiſche Buch⸗ handlung Leipzig. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. — — 2— ———— 2 , — — — 130 Aufbruch nach Arkanſas. und will hier nur meine Wanderung— meine Streif⸗ und Jagdzüge wieder aufnehmen. Als ich meine Rechnung im Wirthshaus bezahlt hatte, was mir an Capitalien nur noch einen ſehr kleinen Reſt ließ, ſchulterte ich wieder meine Flinte; warf die Jagdtaſche über den Rücken, und wanderte getroſten Muthes zur Stadt hinaus gen Süden— wohin? Man hatte mir geſagt daß Arkanſas das Paradies der Jäger ſei, und mein Ziel lag der Hunderte von Meilen entfernten Hauptſtadt Little⸗Rock zu. Als es dunkelte, zündete ich mir ein Feuer an und warf mich unter einen Baum; ich fühlte mich nicht in der Stim⸗ mung Menſchen aufzuſuchen, und die Einſamkeit that mir wohl. 8 Es war Sylveſter⸗Abend und Mitternacht lange vorüber, ehe ich einzuſchlafen vermochte. Keine freudigen Gefühle konnten es freilich ſein, mit denen ich in das neue Jahr hinein⸗ ſchlummerte; aber die neue Morgenſonne brachte auch neuen Muth und neues Vertrauen. Von St. Louis aus ſüdlich marſchirend, hat der Wan⸗ derer keine geringe Aufgabe, ſich durch alle die Kreuz⸗ und Querwege, die den Wald nach jeder Richtung durchſchneiden, hindurchzufinden, und ich lief denn auch, trotz Compaß und Sonne, durch die vermaledeiten Wege irre gemacht, ſoviel fehl, daß ich zu 50 Meilen Entfernung faſt 5 Tage brauchte, ohne jedoch nöthig zu haben, noch eine andere Nacht im Walde zu bleiben. Ich fand jeden Abend eine kleine Hütte, deren Inſaſſen mich freundlich aufnahmen. Sehr viele Deutſche wohnen in dieſem Theile des Lan⸗ E pluribus unum. Der Wahnſinnige. 131 des, beſonders viele Schwaben, welche ſich vom Ackerbau ernähren und, wenn ſie nahe genug der Stadt wohnen, auch Holz dahin zum Verkauf führen. Dicht um St. Louis herum ſteht ſehr wenig Holz; nichts als kleine Krüppeleichen. Meine Baarſchaft, da ich bis jetzt gar Nichts zum Schuß bekommen, und an der begangenen Straße keine Gaſtfreund⸗ ſchaft erwarten durfte, war jetzt auf einen nordamerikaniſchen Silberthaler zuſammengeſchmolzen, deſſen Umſchrift„E plu- ribus unum“ eine gar bittere Satyre auf meine eigenen traurigen Verhältniſſe ſchien. Der fünfte Tag, den ich in Miſſouri herumſtreifte, brach trübe und naß über die, mit dünnem Nebel bedeckte Erde herein. Es fing an zu regnen, und die Wege wurden ſchlüpfrig. Gegen Mittag ſtand ich wieder an einem Kreuz⸗ wege und deliberirte noch, welchen Pfad ich einſchlagen ſollte, als ich, nicht gar weit entfernt, das Krähen eines Haus⸗ hahnes hörte, das mir in dieſem Augenblicke wie Muſik klang. Ich ſchlug ſogleich den dahin führenden Pfad ein, und bald ſah ich die Fence eines kleinen Kornfeldes; auf ihr aber ſaß eine ſonderbare Geſtalt, die ſich ſchwankend hin und her bewegte. Neugierig trat ich näher und erkannte die Geſtalt eines jungen Mannes, der, den Rücken gegen mich gekehrt, nur in einen blauleinenen faſt bis an die Knöchel reichenden Kittel gekleidet, in bloßen Füßen mit hellbraunen, herabhängenden und in Folge des Regens an ſeinen Schläfen klebenden Haa⸗ ren und unbedecktem Kopfe auf der Fence ſaß und in leiſen Tönen ein mir fremdes Lied mit keineswegs unmelodiſcher 9* — — u 2 — ——— — 132 Der Wahnſinnige. Stimme ſang; dazu ſchlug er mit den nackten Füßen den Takt auf dem rauhen, naſſen Holz. Als er meine Schritte hörte ſprang er, ſich herum⸗ drehend, in einem Satze von der Fence, ſtellte ſich vor mich hin, und ſah mich mit ſeinen großen, glanzloſen Augen ſtarr an. Der Wahnſinn war in dieſen matten Augen, in dieſer ängſtlich vorgebeugten, lauſchenden Geſtalt nicht zu verken⸗ nen, und kalt überlief's mich, denn ein Wahnſinniger hat für mich etwas unbeſchreiblich Fürchterliches. Einen Augenblick ſtand der junge bleiche Mann in dieſer Stellung, dann richtete er ſich bewußtlos lächelnd empor und reichte mir die rechte Hand zum gaſtlichen Willkommen, in⸗ dem er ſich mit der linken die herunterhängenden Haare aus dem Geſicht ſtrich. Er faßte meine dargereichte Hand feſt in die ſeinige und zog mich ſanft der Wohnung zu. An der Thüre verſchwand er, und ich habe ihn nicht wieder geſehen. Der Vater des Unglücklichen, ein alter Farmer, benach⸗ richtigte mich, daß ich bald eine deutſche Anſiedlung finden würde, die ungefähr 8— 9 Meilen von ihm entfernt lag. Obgleich der Regen jetzt ziemlich ſtark vom Himmel goß, ent⸗ ſchloß ich mich dennoch dieſen Abend meine Landsleute auf⸗ zuſuchen, und erreichte auch vor Dunkelwerden die Blockhäu⸗ ſer derſelben. Das Wetter war ſchlecht, Geld hatte ich nur noch ſehr wenig, alſo beſchloß ich einmal zu arbeiten, im Fall ich Arbeit bekommen könnte. Drei Brüder, die dieſen Platz bewohnten und mir aordentliche Leute ſchienen, waren bereit mir Arbeit zu geben. Ueber den Lohn wollten wir N geweſen, mit meinen Anſ Die erſte Arbeit. Der Hausbau. 133 uns nach Ablauf der erſten Woche vereinigen. Der nächſte Tag ſah mich daher am frühen Morgen, mit einer ſchweren Hacke bewaffnet, hinausziehen, um Büſche auszuroden, und ſehr ſonderbar kam mir die ungewohnte Arbeit vor. Die Sehnen der Arme und Hände ſchwollen an und ſchmerzten mich ungemein, die Hände füllten ſich mit Blaſen, und ſehr gelegen kam es mir, daß auf den folgenden Tag das Feſt der heiligen drei Könige fiel, an welchem die ehrlichen katholi⸗ ſchen Deutſchen nicht arbeiteten. Ich war zum erſten Mal den heiligen drei Königen für ihr Erſcheinen ſehr ver⸗ bunden. Obgleich nun die Leute nicht für ſich ſelber arbeiteten, gingen wir doch zu einem dort erſt kürzlich angeſiedelten Nachbar hinüber, und halfen ihm ein Haus aufrichten, zu welchem die Blöcke ſchon zugehauen waren. Der ameri⸗ kaniſche Landmann hat nämlich die Gewohnheit, ſobald er das Holz zu ſeinem Hauſe hergerichtet hat, die Nachbarn zuſammenzurufen, die ihm gern das Ganze vollenden helfen. Ohne beſondere Vorfälle verlief jetzt eine ſehr ſchwere Arbeitswoche. Noch nie nämlich an ſo dauernde und an⸗ ſtrengende Arbeit gewöhnt, glaubte ich im Anfang wirklich, daß mir die Sehnen berſten müßten, und die Blaſen in den Händen ſchmerzten mich ebenfalls entſetzlich. Dabei glaub⸗ ten die Deutſchen, die ſich ſonſt jedoch auf das Freundlichſte gegen mich benahmen, mir nicht mehr als acht Dollar den Monat zahlen zu können.“ Für meine Arbeit damals war das auch vielleicht genug g2 8 ichten über Amerikaniſche Preiſe — — —— ͤſ Fercans — qgq 1 134 Bleiminen. ſtimmte es aber nicht überein, und ich beſchloß da, meine Arbeitskräfte lieber in Little Rock, der Hauptſtadt von Ar⸗ kanſas zu verwerthen, wo ich ſie jedenfalls beſſer bezahlt be⸗ kommen würde. Ich nahm alſo die zwei, ſauer genug verdienten Dollar, ſagte Allen ein herzliches Lebewohl und wanderte mit dem friſchen Reiſegeld voll neuer Hoffnung weiter in die Welt— oder vielmehr in den Wald. Den erſten Morgen ſchon erreichte ich eine der bedeu⸗ tendſten Bleiminen Miſſouris diesſeit Farmington, eines kleinen, freundlichen Städtchens. Das Bleierz war in großen Haufen an der Seite des Weges aufgeſchichtet und machte, da es dem Silber ſehr ähnlich ſieht, auf jeden, mit ein wenig Einbildungskraft Ausgeſtatteten einen ſehr be⸗ ſtechenden Eindruck. Da meine Kugeln gerade auf die Neige gingen, nahm ich mir von dem Haufen ein paar Stücke Blei mit, im nächſten Hauſe neue Kugeln zu gießen. Alle dieſe Minen ſind Privateigenthum, und die Arbei⸗ ter, die Luſt haben nach Blei zu graben, fangen an wo es ihnen gerade beliebt, und wo ſie glauben Erz zu finden. Sie bekommen ihre Arbeit nach der Quantität bezahlt, die ſie zu Tage fördern; finden ſie nichts, ſo verdienen ſie auch nichts, ſo daß ſchon mancher arme Teufel dort Wochen lang umſonſt gearbeitet hat. Der Bergbau wird übrigens auf die ein⸗ fachſte Art betrieben. Gewöhnlich graben die Arbeiter, von denen ſich zwei oder mehre zuſammenthun, einen 10— 12 Fuß im Durchmeſſer haltenden Schacht, bis ſie auf Erz 4— kommen. — 2 — —— 2* ——————— Die junge Reiterin. Arkanſas. Stollen haben ſie gar nicht, und zeigt ſich ihre Grube unergiebig, ſo fangen ſie eben eine andere an. Die ganze Gegend iſt von ſolchen Schachten durchlöchert, und ich halte es nicht für gefahrlos, dort in der Nacht umherzulaufen. Der Eigenthümer der Gruben richtet dicht bei denſelben ſeine Schmelzöfen ein, gießt da das Blei in Formen und ſchafft es an den Miſſiſſippi. Am nächſten Abend übernachtete ich bei einer amerikani⸗ ſchen Familie, die einen prächtigen Viehſtand und darunter herrliche Pferde hatte. Noch nicht lange ſaß ich am warmen Kaminfeuer, als ich den kurzen Galop eines Pferdes hörte; es hielt vor dem Hauſe, die Thür ging auf, und ein aller⸗ liebſtes Mädchen, die zarten Wangen vom ſcharfen Ritt ge⸗ röthet, die kleine Reitgerte in der Hand, trat herein und wurde mit allgemeiner Freude empfangen. Sie ſchien die Braut des einen der jungen Leute zu ſein, denn ſie ſetzte ſich zu ihm und koſte und ſcherzte mit ihm— und ich durfte zuſehn. Durch Frederickstown gehend, erreichte ich den 22. Ja⸗ nuar die Grenze von Miſſouri, den Current river, einen kleinen Fluß, deſſen Waſſer ſo klar iſt, daß ich, obgleich er an meinem Uebergangspuncte ungefähr 15 Fuß tief ſein mochte, auch die kleinſten Gegenſtände auf dem Boden erken⸗ nen konnte. Ich war jetzt in Arkanſas, dem mir von allen geprieſenen Paradies der Jäger, und der Anfang ſchien, was die Jagd betraf, auch nicht ſo übel. Einem neu durch den Wald gehauenen Weg, der ſogenannten Countyſtraße, folgend, an deren Rand eine Maſſe hinausgehauener Kiefern lagen, — —- 136 Der Pennſylvanier am Spring river. fand ich daß ſich das Wild zu den Wipfeln derſelben zog und oft in Rudeln von 8— 10 Stück an der Straße ſtand. Auch wilde Truthühner ſah ich häufig. Mit der Jagd aber noch wenig vertraut, mußte ich oft Lehrgeld zahlen, ſchoß aber doch einige und verkaufte das Wildpret für Nachther⸗ berge und Mahlzeit. Am 23. Januarx kam ich an den Spring river oder, wie er auch heißt, Quellenfluß, wahrſcheinlich von der kryſtall⸗ hellen Klarheit des Waſſers ſo genannt. Ich wollte am anderen Morgen wieder aufbrechen, als mir meine geſchwätzige Wirthin unter Anderem auch von ihrem Manne erzählte, der ein alter Pennſylvanier ſei, deutſch ſpreche und viele Ge⸗ ſchichten von indianiſchen Begräbnißplätzen zu erzählen wiſſe. Das war ein ſtarker Magnet für meine Begierde, etwas über die Eingeborenen dieſes Landes zu erfahren, und ich beſchloß daher die Ankunft des Alten abzuwarten. Da ich aber meine geringe Baarſchaft nicht unnützer Weiſe vergeuden wollte, ſo half ich den Leuten den Tag über Wälſchkorn hereinſchaffen, um wenigſtens mein Eſſen zu verdienen. Den⸗ ſelben Abend kam auch der Mann vom Lande herein und ich hatte alſo nicht vergeblich gewartet. Er erzählte mir von einer Unmaſſe von Grabhügeln, die an den Ufern des Spring river oder wenigſtens doch in deſſen Nähe wären, von ungeheueren Knochen und Ske⸗ letten, die man gefunden hätte ꝛc. Schon in Illinois hatte ich von ſolchen Ueberbleibſeln eines rieſigen Menſchengeſchlechts gehört, unter anderen von ————ᷣ—ÿ—ÿ— — einem menſchlichen Unterkiefer, deſſen Beſitzer wenigſtens 9 Fuß hoch geweſen ſein müſſe. Er berichtete mir ferner, daß er alte Urnen und Waffen in den Grabmälern gefunden habe, konnte mir aber nichts mehr davon vorzeigen, da dieſe Leute auch nicht den mindeſten Sinn für etwas haben, was ihnen nicht unmittelbare Aus⸗ ſicht auf Gewinn bietet. An den Ufern eines benachbarten Fluſſes(White river) hat man, einige Fuß unter der Erde, mehre Lagen gebrann⸗ ter Steine gefun nz in der Art unſerer Backſteine, und zwar Strecké durch den Urwald, an manchen Or⸗ ten ſogar ſtraßenförmig ausgelegt. Der Alte ſowohl als viele Andere die ich deßwegen fragte, behaupteten daß dort auf jeden Fall eine Stadt geſtanden haben müſſe. Es unterliegt gewiß auch keinem Zweifel mehr, daß vor den jetzigen Eingebornen Amerika's, und zwar vor der Zeit, wohin zurück ihre älteſten Uebertragungen reichen, ein anderes weit mehr cultivirtes Volk jene Länder bewohnt hat. Welcher Art das aber geweſen ſei iſt bis jetzt noch nicht erforſcht worden, und da die wilden Stämme ſelber nicht das Min⸗ deſte darüber auszuſagen wiſſen, bleibt die Entdeckung dieſes jedenfalls höchſt intereſſanten Geſchlechts, vielleicht ſpäteren Ausgrabungen vorbehalten. Hätte der Alte Zeit gehabt mir die Plätze genau zu zeigen, ſo würde ich mit Vergnügen ein paar Tage daran gewandt haben ſie zu unterſuchen; er mußte aber ſchon den anderen Morgen eine Reiſe unternehmen, und ſo lange wollte ich mich auch nicht aufhalten. Vielleicht hält ein Anderer es der Mühe werth, dort nachzugraben. Indianiſche Ueberbleibſel. 137 — 9— —— 5—— —jj— 138 Der Adler. Den anderen Morgen ſetzte ich meinen Marſch fort und kletterte, ein wenig vom Wege ab, eine kleine, felſige An⸗ höhe hinan, als gerade vor mir ein Adler in die Luft ſtieg. Augenblicklich hatte ich die Flinte am Backen und gab Feuer. Einen Augenblick ſchwebte der Adler unbeweglich in der Luſt, fing dann an, mit den Flügeln zu ſchlagen, und ſtieg, höher und höher, gerade empor, ſo daß ich ihn kaum noch erkennen konnte. Schon glaubte ich, ihn gefehlt zu haben, und ſetzte unmuthig die Flinte nieder, um ſie neu zu laden, als er ſich plötzlich in der Luft wand nd todt herunter⸗ ſtürzte. Es war ein ſtarker Vogel un 7 Fuß von einer Flügelſpitze bis zur anderen. Mein Glück freute mich un⸗ gemein, da es der erſte Adler war, den ich geſchoſſen. Seine Farbe war braunſchwarz, Kopf und Schwanz waren weiß gezeichnet. Den Indianern nachahmend, ließ ich ſogleich eine ſeiner Federn als Schmuck an meiner Mütze prangen. Den 27. Januar Abends war ich gerade beſchäftigt, einen Hirſch aufzubrechen, den ich erlegt hatte, als ein junger Burſche von 13— 14 Jahren, mit einer Schrotflinte auf der Schulter zu mir kam und mir in meiner Arbeit half, bei der er eine keineswegs ungeübte Hand zeigte. Wir packten die Keulen und den Rücken des Thieres in das abgezogene Fell und trugen es gemeinſchaftlich der nur wenige Meilen ent⸗ fernten Wohnung des jungen Mannes zu, wo ich zu über⸗ nachten beſchloß. Ich habe zwar in allen Theilen Amerikas ſehr liebenswürdige Leute, eben ſo wie recht ſchlechte Geſell⸗ 4 ſchaft angetroffen, wie das wohl in einem ſo bunt bevölkerten Lande gar nicht anders ſein kann, hier aber, in dieſer widen — —xᷣ‿ Die amerikaniſche Familie. 139 Einſamkeit, fand ich eine ſo liebe, gemüthliche, amerikaniſche Familie, wie ich je eine in den weiten Wäldern gefunden habe. Ein ganz alter Mann mit zitternden Händen ſaß am Kamin, aber obgleich mancher Winter ſeine Locken gebleicht hatte, ſchien er dennoch rüſtig und geſund, wie die rothen Backen dieß bewieſen. Den anderen Stuhl am Kamin hatte eine Matrone, im wahren, ehrwürdigſten Sinne des Wortes und die Gattin des Alten eingenommen. Sie war augenſchein⸗ lich bedeutend jünger als er, aber dennoch auch ſchon hoch in den Jahren. Neben ihr ſaß ein junges, hübſches Weibchen aus der Nachbarſchaft, deren Mann auf einer Geſchäftsreiſe nach dem Norden begriffen war. Noch gehörten zur Familie drei kräftige, blühende Knaben, die, einer nach dem andern, von der Jagd zurückkehrten und vier Truthühner mitbrachten. Ich war in der Kenntniß der engliſchen Sprache jetzt ſchon weit genug vorgerückt, mich nothdürftig mit ihnen unterhalten zu können; der gebildete Amerikaner iſt mit dem Fremdling ſehr nachſichtig in dieſer Hinſicht. So plauder⸗ ten wir den ganzen Abend, faſt bis 10 Uhr. Die kleine, junge Frau hatte erſt kürzlich einen Brief von ihrem Manne erhalten und las ihn wohl zehnmal durch. Sie war in Arkan⸗„ ſas ſchon ſehr unglücklich geweſen. Die Doctoren hatten ihr, 3 Kinder getödtet, und ſie litt, durch die Schuld derſelben⸗ an entzündeten Augen; denn dieſe Herren(jeder Quackſalber 4 nennt ſich dort Doctor) curiren in dieſen, von keiner Aufſicht der Behörden vor ihrem Treiben geſchützten Staaten faſt. jede Krankheit mit Kalomel oder Queckſilber, und hohle 145 Zähne; entzündete Augen, böſes Zahnfleiſch und mürbe 3 —--— ———— — 140 Der Jagdhund. Knochen, wie ein ſiecher Körper, ſind faſt jedesmal die Fol⸗ gen ihrer Curen. Die nächſte Nacht ſchlief ich bei einem Kentuckier, der ſich hier angeſiedelt hatte. Mehr als 12 Hunde liefen um ſein Haus herum, und gern trat er mir einen von ihnen ab, der, nach ſeiner Ausſage, vorzüglich geſchickt war Truthüh⸗ ner zum leichten Schuß auf Bäume zu jagen— ich glaube er wollte ihn los ſein. Die Straße hinſchlendernd ſah ich, noch ein gutes Stück vor mir, einen ruhig äſenden Hirſch dicht am Wege ſtehen. Da ich der Dreſſur meines Hundes nicht recht traute, ſo band ich ihm mein weißleinenes Schnupftuch um den Hals, knüpfte die Pulverhornſchnur hinein und befeſtigte dieſe an eine junge Eiche. Jetzt näherte ich mich dem Hirſche bis auf 85 Schritte, der, nichts Böſes ahnend, ſich ruhig fortäſte. Ich hatte jedoch den Wind im Rücken, der Hirſch witterte meine An⸗ näherung und ſetzte im Nu über einen vorliegenden Baum⸗ ſtamm, das Dickicht zu erreichen. Meine Rehpoſten ſauſten ihm zwar nach, doch mochte ich wohl in der Hitze etwas zu kurz geſchoſſen haben, denn etwa 150 Schritte von mir nickte er nur in die Hinterläufe. Jetzt hielt es aber auch mein Hund nicht länger für nöthig den bloßen Zuſchauer abzugeben; er hatte die Schnur durchgebiſſen und ſetzte, mit meinem Schnupftuch um den Hals, an dem noch ein 84 Stückchen der Schnur hing, dem ſich wieder aufraffenden Vilde nach. „Und Roß und Reiter ſah ich niemals wieder.“ — — ——,— — Der Revolutionsſoldat. Der Deutſche. 141 Weder Hund, noch Schnupftuch, noch Hirſch ſind mir je wieder zu Geſicht gekommen. Mit Sonnenuntergang erreichte ich ein Haus, in dem ich zu übernachten gedachte. Schon hatte ich die Hand auf den Zaun gelegt um hinüber zu ſpringen, als ich die Frau des Hauſes vor der Thür ſitzen und die niedere Jagd auf den Häuptern ihrer Kinder anſtellen ſah. Mir verging die Luſt bei ihr einzuſprechen, und ich wandte mich, raſch ent⸗ ſchloſſen eher die Nacht im Walde als bei dieſer Familie zuzubringen. Das hatte ich übrigens nicht nöthig, denn ich erreichte vor Dunkelwerden die kleine Wohnung eines Mannes, der nach den Revolutionskrieg mitgemacht hatte. Er war na⸗ türlich ſchon hoch in den Jahren, lief aber noch rüſtig im Hauſe herum. Nur noch wenige ſind von dieſen Revolu⸗ tionshelden übrig geblieben, die unter dem herrlichen Wa⸗ ſhington gefochten haben; die meiſten ruhen unter dem grünen Raſen ihres Vaterlandes, deſſen Freiheit ſie erkäm⸗ pfen halfen. Am nächſten Abend kam ich zu dem„little Red river“ (kleinen rothen Fluß). Es fing ſchon an zu dunkeln, doch arbeitete noch ein Mann an der anderen Seite des Fluſſes, und ihn fragte ich auf Engliſch nach einem Puncte, wo ich überfahren könne? Er antwortete:„You see that house there*)?“ An der Ausſprache erkannte ich ſofort den Landsmann und fragte ihn wieder auf gut deutſch:„Was *) Ihr ſeht das Haus dort? Der Deutſche. für ein Haus denn?“—„Dort das Haus, dieſſeit des Fluſſes, oh— ik you please*).“—„God damn!“ un⸗ terbrach er ſich wieder, ärgerlich darüber, daß er ſeine eigene Mutterſprache nicht mehr unvermiſcht reden könne,—„o ſeien Sie doch ſo gut und gehen Sie den Fluß ein wenig hinunter, Sie finden ein Canoe.“— Den Mann hatte ich liebgewonnen, trotz dem, daß uns der Fluß noch ſchied. Ich fand das Canoe, ruderte mich über den Fluß und ging auf das nächſte Haus zu, vor welchem mehre Leute ſtanden, unter ihnen ein Herr von G., der Beſitzer dieſer Farm. Früher Offizier, war er jetzt ein fleißiger Ackersmann und tüchtiger Jäger geworden, hielt 2 Selaven und befand ſich, ſeiner Ausſage nach, recht wohl in ſeinem neuen Berufe. Gaſtfreundlich lud er mich ein die Nacht bei ihm zu bleiben. Am Abend kam auch noch der Deutſche herein, deſſen Be⸗ kanntſchaft ich ſchon am Fluſſe gemacht hatte, und ich fand in ihm einen ganz liebenswürdigen, originellen Mann. Auch ich mußte ihm wohlgefallen haben, denn er erklärte mir daß ich nicht ſo ſchnell wieder fort dürfe, ſondern wenigſtens einen oder mehre Tage bei ihm bleiben müßte, das Land zu beſehen. Ich hatte Nichts zu verſäumen und ſagte es ihm daher gern zu. Am anderen Morgen ſuchte ich ihn in ſeiner Wohnung auf und war dort bald wie zu Hauſe. Er war verheirathet, hatte eine recht nette, junge Frau und fünf ge⸗ ſunde, ſtarke Kinder. *) Wenn's Euch gefällig iſt. Der Pole. Junggeſellen⸗Wirthſchaft. 143 Nachmittags fing es an zu regnen, und jetzt durfte ich an's Fortgehen gar nicht mehr denken; hätte ich auch ge⸗ wollt, ſie hätten mich nicht fortgelaſſen. Wir ſchwatzten und erzählten bis tief in die Nacht hinein, und gar wohl war es mir, in meiner Mutterſprache wieder einmal ſo recht nach Herzensluſt plaudern zu können. Mein Wirth war ein Maurer aus Rheinbaiern und hieß Hilger. Am nächſten Morgen kam einer der Nachbarn meines Gaſtfreundes zu ihm. Es war ein Mann von ungefähr 35 Jahren, der einen kurzen, grünen Rock trug und eine deutſche Büchsflinte führte. Seine Ausſprache verrieth den Nicht⸗ deutſchen. Hilger begrüßte ihn mit dem Namen Turoski. Es war ein polniſcher Offizier, der in den Wäldern des freien Amerika Schutz gegen die politiſchen Verfolgungen, die er in Europa erdulden mußte, geſucht und gefunden hatte. Er lebte unverheirathet, und die zehnjährige Tochter Hilger's führte ſeine Wirthſchaft. Dieſes kleine Mädchen (ſie war faſt noch ein Kind) blieb oft ganze Tage und Nächte lang allein in dem kleinen Blockhauſe Turoski's, meilenweit von jeder anderen menſchlichen Wohnung entfernt, und es kümmerte ſie wenig, ob der Sturm oder die Wölfe die ein⸗ ſame Wohnung umheulten. Nach kurzer Unterhaltung machte mir auch Turoski den Vorſchlag einige Zeit bei ihm zu bleiben, und ich verlebte mit dieſen wackeren Männern, bald bei dem einen, bald bei dem anderen wohnend, recht vergnügte Tage. Um aber meinen Leſern einen Begriff von dem Junggeſellenleben eines amerikaniſchen Landmannes zu geben, will ich hier eine 144 Des Polen Hausweſen. meiner, bei einem ſolchen verlebten Nächte beſchreiben. Hilger's Tochter war nach Hauſe gegangen, um ihre Ael⸗ tern zu beſuchen, die drei Meit gen von T's. Hauſe wohnten, und hatte es uns dabei überla ſen, für uns ſelber zu ſorgen. Das Haus des Polen war nichts als eine einfache, rohe Blockhütte ohne Fenſter, an der er alle Spalten zwiſchen den aufeinandergelegten Stämmen, wahrſcheinlich um der friſchen Luft Zugang zu verſchaffen, offen gelaſſen. Zwei Betten, ein Tiſch, ein Stuhl und ein Seſſel, nebſt ein paar eiſernen Töpfen, drei Tellern, zwei Blechbechern, einer Untertaſſe, mehren Meſſern und einer Kaffeemühle bildeten ſeinen ganzen Hausrath, wie ſein ſämmtliches Kochgeſchirr. Ein kleines Haus neben dem Wohngebäude war dazu beſtimmt den Fleiſchvorrath für den Winter aufzubewahren. Ein Feld von 4 bis 5 Acker lag dicht am Hauſe, ein anderes, unge⸗ fähr ½ engliſche Meile davon, dicht am Fluſſe. Nebenbei hatte er hübſche Pferde, viele Schweine, eine Maſſe Feder⸗ vieh und mehre Milchkühe. Am Kamine im traulichen Geſpräche ſitzend, dachten wir nicht an Zubereitung unſeres Abendeſſens, und erſt als die Kälte ſich zu ſehr fühlbar machte, ſuchten wir unſere Lagerſtätte. Es mochte ½ 1 Uhr ſein, als mich T. weckte und bei allen Heiligen ſchwor, er könne es vor grimmigem Hunger nicht länger im Bette aushalten und müſſe eſſen, ſollte es auch nur ein Stück rohes Fleiſch zu verzehren geben. Ich lachte und gab ihm den Rath ſeinen Hungerriemen enger a ſchnallen; er ſprang aber auf und ließ mir keine Ruhe Mahlzeit in der Nacht. 145 mehr. Wir blieſen das Feuer, das faſt ganz niedergebrannt war, wieder ein wenig an und überlegten nun, was eigent⸗ lich gekocht werden ſollte. Geſchoſſen hatten wir Nichts, Brod war nicht vorhanden, und das letzte Stück Schweine⸗ fleiſch am Mittag verzehrt worden,— woher etwas neh⸗ men? T. wußte Rath. Das letztgeerntete Korn(Wälſch⸗ korn) lag in einem kleinen Verſchlage im Felde, nahe am Fluſſe; von dort ſollte ich einen Arm voll Mais holen, er ſelbſt wollte unter der Zeit etwas Eſſen herrichten. Die Nacht war ſtockſinſter, und ich mußte oft wie ein Blinder den ſchmalen Fußpfad mit den Füßen ſuchen, um mich nicht im Walde zu verlieren. Als ich nach ungefähr einer halben Stunde mit dem Verlangten zum Hauſe zurückkehrte, hatte T. ein Huhn von einem der kleinen Bäume, auf denen die Thiere ſchliefen, heruntergeſchlagen und bereits in heißem Waſſer abgebrüht. Während er es reinigte, röſtete ich das Korn in einer Pfanne, in der er, ſobald ich damit fertig war, das Huhn mit etwas vorgefundenem Fette briet. Wäh⸗ rend der Zeit mahlte ich den geröſteten Mais in der Kaffee⸗ mühle, wodurch er aber noch keineswegs zu Mehl wurde, feuchtete die bröckliche Maſſe mit etwas Waſſer an, that Salz hinzu, ſchlug ſie dann auf einen der eiſernen Topfdeckel ungefähr ½ Zoll dick und ſtellte ſie gegen die Gluth. So⸗ weit war Alles gut gegangen, jetzt vermißte aber T. noch ein paar Eier zu unſerem Gebäck. Er hatte an ſeinem Hauſe eine Art von Schuppen, worin er das ſogenannte„fodder“ (die grün abgeriſſenen und getrockneten Blätter des Maiſes) aufbewahrte, und in welches die Hühner gern ihre Eier leg⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 10 146 7. Feuer. ten. Da hinein kroch er, entdeckte auch, herumfühlend, ein Neſt mit 5 Eiern, brachte aber nur 2 davon glücklich zurück, die übrigen hatte er in der Eile zerdrückt. Etwas Kaffee war ſchnell gekocht, und wir hielten ein, wenn gleich nicht ſehr feines, doch ſchmackhaftes Abendeſſen oder vielmehr Frühſtück, denn bis dahin war es faſt 2 Uhr geworden. Unſere Nachtruhe ſollte aber noch nicht geſichert ſein. Der ungeheuere Hickory⸗Klotz, den wir in's Feuer gewälzt hatten, flackerte nämlich zu hoch auf und entzündete, als wir eben einſchlafen wollten, den Kamin. Eine ſolche Feuersbrunſt hat indeſſen, wenn nur zeitig genug entdeckt, wenig zu ſagen. T. ſtieg auf's Haus, goß ein paar Eimer Waſſer, die ich ihm reichte, in die Flamme und löſchte ſie glücklich. Endlich zur Ruhe gekommen, ſchliefen wir bis die Sonne hoch am Himmel ſtand. Mich trieb es aber bald weiter, und am 7. Februar Morgens machte ich mich wieder auf die Wanderung; nahm herzlichen Abſchied von den lieben Leuten und ging in der Richtung nach Südweſt in den Wald hinein, in der Hoff⸗ nung, bald die fahrbare Straße zu erreichen. Die Sonne verſchwand zwar hinter dunkel heraufziehenden Wolken, doch glaubte ich, meine Richtung beibehalten zu können, und ſchritt unverdroſſen vorwärts. Keineswegs angenehm über⸗ raſcht war ich freilich, als ich nach ungefähr zweiſtündigem Marſche plötzlich wieder vor demſelben Hauſe ſtand, von dem ich ausgegangen. Das war höchſt ärgerlich, doch ſchlich ich mich, ohne mich weiter bemerkbar zu machen, wieder in den Wald, nahm den Compaß zur Hand und verfolgte nun eine Die Iudianer. 147 ens e 9. Februar endlich, lange nach Son⸗ anderen Seite ſ chte ich das Ufer des Arkauſas⸗ Won der mir aber zei 4 imnierten die Lichter von Little⸗Noch herüber, ten Wen zeigſte ſich dieſſeit des Fluſſes, als ich aus dem dich⸗ trat, ein fremdartig, phantaſtiſches Gemälde, auf hmit verwundertem Auge hinſtarrte. 4 Ein indianiſcher Stamm hatte nämlich ſein Lager dicht In ufer des Arkanſas aufgeſchlagen. Ueber großen, praſ⸗ ſelnden Feuern, die an dort wild umhergeſtreuten rieſigen Bäumen angezündet waren, hingen Keſſel und ſteckten große Stücke von Hirſch⸗ und Bärenfleiſch, Eichhörnchen, Waſch⸗ bären, Opoſſums, wilde Katzen und was ſonſt noch das Jagdglück dem Stamme beſcheert hatte. Hier waren junge Leute beſchäftigt die Pferde ſicher an die umherſtehenden Bäume zu befeſtigen und zu füttern, dort lagen andere ,au⸗ genſcheinlich von dem zu reichlichen Genuſſe des Feuerwaſſers betäubt, und ſangen mit ſchwerer Zunge ihre monotonen und wilden Nationallieder. Ich lehnte mich auf mein Gewehr und ſchaute lange dem regen, geſchäftigen Treiben zu. Ein großer, kräftiger Indianer, mit Glasperlen und Silberzierrathen behangen, kam jetzt, in der linken Hand eine leere Flaſche, in der rechten eine ſchöne Büchſe haltend, tau⸗ melnd auf mich zu und gab mir, indem er Beides vorzeigte, zu verſtehen, daß er mir die Büchſe geben wollte, wenn ich ihm die Flaſche füllte.(Die Leute, welche Branntwein aus⸗ ſchenken, dürfen dieſen, bei harter Strafe„keinem Indianer, keinem Neger und keinem Soldaten“ verkaufen.) Die arme Nation der Indianer iſt aber durch die niederträchtigen 10* Speculationen der„blaſſen Geſichteͤ und heruntergebracht, daß der Indianer hat weggiebt, nur um ſich das heilloſe Bs verſchaffen. Ich hatte nur noch wenig Geld uf den Tauſch, er aber wandte ſich um, wahrſcheinlich Anderen den vortheilhaften Handel anzubieten, Der arme betrunkene, hilfloſe Wilde und ſein ſch Gewehr dauerten mich; ich nahm ihm die Flaſche aus R Hand, ließ ſie füllen(mir blieben von meiner ganzen Baar⸗ ſchaft nur noch 12 Cent) und gab ſie ihm zurück. Da ich die Annahme ſeiner Büchſe verweigerte, hi mich faſt mit Gewalt zurück, zog mich zu ſeinem Feuer ni an dem ſeine Frau und ſeine drei Kinder in der Ecke Zeltes ſaßen und neugierig den Fremdling betrachteten, nöthigte mich mit ihm zu trinken, aus ſeiner Pfeife rauchen und ein großes Stück Hirſchbraten mit ihm zu eſſen Dann ſtand er auf und erzählte in ſeiner klangvollen Sprache mir und einigen Söhnen des Waldes, die ſich um ihn ver⸗ ſammelt hatten, eine lange Geſchichte, von der ich leider Nichts verſtand. Endlich, da mir das Getöſe zu arg wurde, ſtahl ich mich leiſe fort ein Nachtlager zu ſuchen. deren Morgen, Am an⸗ als ich wieder an die Fähre kam, war das Lager ſchon abgebrochen, und die Indianer auf einem Dampf⸗ boote eingeſchifft, das ſie nach dem Weſten bringen ſollte. Ich ging auf die Fähre und brauchte nun, nachdem ich die Ueberfahrt bezahlt hatte, weitere Geldausgaben nicht mehr zu fürchten, denn meine letzten 12 Cent(ungefähr 5 Groſchen) hatte ich ausgegeben. Wohl nicht oft mag ein Little⸗Rock. Verſchiedene Accorde. 149 Reiſender mit eben ſo leichtem Geldbeutel eine fremde Stadt betreten haben. Meine Lage, in einem wildfremden Orte, war keineswegs beneidenswerth, doch verließ mich mein guter Muth auch jetzt nicht, obgleich ich ſchon ſeit mehren Tagen auf den bloßen Strümpfen(die Sohlen meiner Stiefeln waren verſchwunden), ja auf den nackten Füßen über den gefrorenen Erdboden gelaufen war. Das Erſte, was ich that war nun, mich nach einem Hauſe umzuſehen, in dem ich übernachten konnte, das Zweite, meine Stiefeln wieder herſtellen zu laſſen. Logis und Koſt fand ich bei einem Deutſchen, der mich für 3 Dollars die Woche beherbergen wollte. Obgleich ich nach allem Suchen in meinen Taſchen keine 3 Cent mehr zuſammenbrachte, ging ich doch den Ver⸗ trag ein, gab meine Flinte in Verſatz, nahm dann meinen Hirſchfänger und ging zum Schuhmacher, bei ihm, der 21⁄½ Dollar für das Beſohlen meiner Stiefeln verlangte, meine andere Waffe zu verpfänden. Der Preis für Stiefelbeſoh⸗ len war enorm, dieſer Mulatte aber damals auch der einzige Schuhmacher in Little⸗Rock, der mit 3 Geſellen, zwei Ame⸗ rikanern und einem Deutſchen, arbeitete. Ich mußte den Handel alſo eingehen, doch lieh mir der Mulatte auch noch ein paar alte Schuhe, bis meine Stiefeln gemacht wären. Das Alles beſeitigt, ſah ich mich nach Arbeit um. Daß man, wenn man wirklich Arbeit haben wollte, keine ſinden könne, hatt' ich bis dahin gar nicht für möglich gehal⸗ ten; und dennoch wieß es ſich ſo aus. Ich lief an alle Ecken und Enden der Stadt, frug hie und da und es war mir da⸗ bei ganz einerlei, was für Arbeit ich bekam, ich hätte Alles 150 Vergebliches Suchen nach Arbeit. angenommen, denn leben mußte ich und meine Flinte konnt' ich auch nicht im Stich laſſen; nirgend aber in der ganzen Stadt fand ſich das Geringſte für mich zu thun. Jung und geſund verließ mich indeß mein guter Muth noch lange nicht, und ich war überzeugt daß ich zuletzt doch etwas auftreiben müſſe. Den zweiten Tag meines Umherſuchens ging ich mit dem alten Wagenmacher Sprenger, meinem Wirthe, vor die Stadt, auf der Farm eines Herrn von Seckendorf ein paar Bäume umzuſägen, die jener zu ſeiner Arbeit gebrauchen wollte, und verdiente dadurch wenigſtens eine Kleinigkeit. In Little⸗Rock hatten mich Mehre an einen gewiſſen C. Fiſcher gewieſen, der unter den Deutſchen ſehr bekannt ſein ſollte und mir auf jeden Fall Arbeit zuweiſen würde. Er hatte gerade ein großes hölzernes Haus(frame house) errichtet, an dem noch ein kleiner Anbau fehlte. Ich ging an alle Thüren dieſes Gebäudes, Jemand zu finden der mir ſagen könnte wo ich ihn träfe, aber Alles ſchien wie ausge⸗ ſtorben. Endlich kam ich an das kleine Gebäude und klopfte. Da Niemand antwortete, faßte ich nach dreimaligem Klopfen an die Klinke; die Thür ging auf, und ich trat in den klei⸗ nen Raum. In der einen Ecke dieſer elenden Stube ſtand ein leeres Bettgeſtelle mit abgebrochenen Füßen. Das Handwerkzeug eines Tiſchlers lag auf dem Boden und auf dem Tiſche, und ein fertiger Sarg ſtand in der einen Ecke; zu den Füßen des Bettes aber, mit dem Kopfe auf einen der abgebrochenen Der Blatternkranke. 151 Bettfüße, lag ein Mann auf der bloßen Erde. Den rech⸗ ten Arm hatte er unter den Kopf, den linken über das Geſicht gelegt, ſo daß ich nur die krauſen ſchwarzen Haare erkennen konnte, und die linke Hand war(wie ich vermuthete, vom Färben des Sarges) ſchwarz und roth befleckt. Ich fragte ihn ob er nicht wiſſe wo C. Fiſcher wohne. Er ant⸗ wortete aber nicht, und ich glaubte er ſchlafe. Der Mann ſchien mir krank zu ſein. Leiſe ging ich wieder hinaus und verſuchte noch mehre andere Thüren zu öffnen; Alles aber war verſchloſſen und keine Seele zu finden. Ich ging wie⸗ der zu dem Schlafenden zurück, doch obgleich ich ihm mehre Male ſtark zurief und ihn gar an die Schulter ſtieß, ant⸗ wortete er doch nicht, und ärgerlich verließ ich ihn. Nach langem Suchen fand ich endlich den Verlangten, chatte aber keinen Nutzen davon, denn auch er wußte mir keine Arbeit zuzuweiſen.. Im Laufe des Geſprächs fragte ich ihn auch nach dem Manne der in der kleinen Stube läge, und erfuhr, daß er geſtern an den Blattern geſtorben wäre. Es überlief mich kalt bei dieſen Worten, und die nach⸗ folgende, ziemlich unbefangen gegebene Erklärung Herrn Fiſchers machte es nicht beſſer. Der herbeigerufene Arzt, der bald nusfand daß der arme kranke Fremde kein Geld habe, hatte einfach die Krank⸗ heit für die Blattern erklärt, die Leute gewarnt in die Stube zu gehen, und die Thür dann zugeſchloſſen. So mußte der Unglückliche ſich ſelbſt und ſeinem Elend überlaſſen, ja ohne Jemand um ſich zu ſehn, der ihm nur einen Trunk Waſſer — 4 152 Der Feuermann. für die fieberheißen Lippen reichte, elend auf der bloßen Erde liegen bleiben und wie ein Hund da ſterben. Little⸗Rock hatte damals überhaupt einen bitterböſen Ruf, und die Schiffer auf dem Miſſiſſippi ſangen nicht ohne Urſache: Little-Rock in Arkansaw The damnest place I ever saw!) Da ſich hinſichtlich der Arbeit gar Nichts in der Stadt zu finden ſchien, ſo ging ich an den Strom auf ein Dampf⸗ boot, deren mehre dort lagen, um vielleicht auf einem von ihnen Beſchäftigung zu finden. Die Dampfboote Fox und Harpe lagen beiſammen. Ich ging zuerſt auf den For und bekam ſogleich, gegen 30 Dollars monatlichen Gehalt, Arbeit als Feuermann. In einer Stunde ging das Boot ab, und ich war ſeelenvergnügt. Meine Equipage wurde mit leichter Mühe an Bord gebracht. Wir liefen den Arkanſas⸗Fluß hinunter bis an die Mündung, dann den Miſſiſſippi hinauf bis Memphis und von dort aus wieder zurück nach Little⸗Rock. Die Arbeit als Feuermann iſt indeß wohl eine der ſchwerſten, die es in der Welt giebt. Der Feuermann hat zwar nur vier Stun⸗ den am Tage und vier in der Nacht zu heizen, aber die Hitze vor den Keſſeln, das Hinauslaufen in die kalte, ſchneidende Nachtluft, während der Körper von Schweiß trieft, die Un⸗ maſſe von Branntwein, die der Feuermann zu ſich nehmen * *) Little⸗Rock in Arkanſaw! Der verdammteſte Platz, den ich jemals ſah. Dienſtentlaſſung. muß, wenn er nicht krank werden will, das eiskalte Waſſer, das er auf die glühende Lunge ſchüttet, müſſen, auf die Länge der Zeit, den kräftigſten Körper zerſtören. Ich habe oft nicht begriffen wie ich, der ich doch nicht an ſolche Sachen gewöhnt war, es habe aushalten können. Dazu kommt noch das, beſonders in dunklen, naſſen Nächten, ſo gefährliche Holztragen. Mit ſchweren, 4 Fuß langen Scheiten(man trägt deren oft 6 bis 7 auf der Schulter) ſteile, ſchlüpfrige, bei niedrigem Waſſerſtande 15 bis 20 Fuß hohe Ufer hinunter zu klettern und dann über eine ſchmale, ſchwankende, oft mit Glatteis überzogene Planke zu gehen, um vom Ufer in's Boot zu gelangen, ein Weg, auf dem ein einziger Fehltritt den Unvorſichtigen in den ſchnellen, tiefen Strom hinabwirft(was mir auch ſpäter einmal am Miſſiſſippi paſſirte), iſt wahrlich ein ſauerer Biſ⸗ ſen Brod. Zum Ueberfluß hat man noch die Ausſicht in die Luft geſprengt zu werden, ein Unglück, das bei der leicht⸗ ſinnigen Führung der Boote durch die amerikaniſchen Inge⸗ nieure ſehr oft geſchieht. In Memphis hätte ich übrigens meinen Dienſt beinah wieder verloren, denn der Steuermann fand dort einen alten Bekannten von ſich, der eine Stelle an Bord als Feuermann haben wollte, und ſchickte mich natürlich ohne weiteres fort. Glücklicher Weiſe lief, gerade eine Stunde vorher ehe das Bogt abfahren wollte, der Koch fort, und ich, der ich noch am Land ſtand und vom Boot eben ſehr niedergeſchlagen Abſchied nehmen wollte(denn ich wußte nicht wie ich wieder nach Little⸗Rock zu meinen Stiefeln und meiner Flinte kom⸗ 14 154 Capitain und Koch. — men ſollte) wurde gefragt ob ich kochen könne. Natürlich ſagte ich ja, denn ſo viel hatte ich mich ſchon amerikanifirt, mir nicht in einem ſolchen Fall durch zu große Beſcheidenheit meine eigene Carriere zu verderben. Allerdings konnte ich damals noch nicht vielmehr als Waſſer kochen, mit Hülfe des Stewards lernte ich aber das Nöthige ſchnell. Dem Ca⸗ pitain konnte ich es freilich nicht verdenken, daß er ſich an jedem unterwegs berührten Städtchen die größte Mühe gab, für ſich und ſeine Paſſagiere einen anderen Koch zu bekommen. So kam ich zurück nach Little⸗Rock, und löſte dort nicht allein Flinte und Hirſchfänger wieder ein, ſondern fand auch meine Waſſerſtiefeln wieder neu und trefflich beſohlt und konnte, wenn ich mir nur noch eine kleine Summe verdient hatte, meinen Marſch weiter fortſetzen— wohin blieb ſich gleich. Hierauf machte ich eine zweite Reiſe, bis an die Mün⸗ dung des Fluſſes und wieder zurück, da noch immer kein an⸗ derer Koch für das Boot gefunden werden konnte. Das rohe Leben unter der Hefe des Volkes ekelte mich jedoch bald an. Dazu kam noch die Feindſchaft des Capitains, der mich nicht leiden konnte(wahrſcheinlich nur, weil ich ein Deutſcher war, vielleicht aber auch wegen meiner Kocherei, was ich ihm weniger hätte verdenken können), mich aber doch nothwendig brauchte. Da ich keinen Stellvertreter für mich finden konnte, war ich genöthigt noch eine Reiſe, und zwar den Fluß hinauf, mitzumachen, doch hatte ich ſchon eine Ahnung von der Art, in der mein Schiffsdienſt enden würde. Kampffund Folgen.— Ich packte meine Jagdtaſche, ſtellte Flinte, Hirſchfänger und einen kleinen Tomahawk, den ich mir gekauft hatte, zuſammen und war auf Alles gefaßt. Ein paar Tage nach unſerer Abfahrt kam der Capitain zu mir herunter und traf mich, wie ich eben von den Ueber⸗ reſten der Mahlzeit einer armen, alten Frau etwas gab, die zu ihren Kindern reiſen wollte und nicht einmal die Paſſage bezahlen konnte. Schon vorher hatte er auf mich geſchimpft, wie mir ein alter Pennſylvanier erzählte. Dieß und die Frage, wer mir erlaubt habe Lebensmittel wegzuſchenken, machte mich ärgerlich, und ich fragte zurück, ob ich ſie lieber über Bord werfen ſolle. Kaum war ſein„Ja“ heraus, als Teller und Speiſe im Arkanſas ſchwammen. Seine Wuth brach nun los, und mit einem ſchnellen Satze hatte er mich bei der Bruſt gepackt, flog aber, durch einen kräftigen Stoß hinweggeſchleudert an die gegenüberliegenden Planken an. Er raffte ſich ſchnell wieder auf, ergriff ein Stück von einem abgebrochenen Hebebaume, ſprang auf mich zu und hätte mich ohne Zweifel zu Boden geſchlagen, wenn ich ihn nicht unterlaufen hätte. Mein kaltes Blut war aber jetzt zu Ende. Mit einem Griffe hatte ich ihn bei der Gurgel und ſchleppte ihn zum Rande des Bootes, ihn über Bord zu werfen. Sein Geſchrei zog indeß den Ingenieur und den Bootsmann herbei. Der Eine riß den Capitain bei den Beinen, der Andere mich bei den Schultern zurück, und beide brachten den Erſteren, der ſtark am Kopfe blutete, in die Cajüte hinauf. Ich mußte ſogleich zum Buchhalter, bekam mein verdien⸗ ͤööö —— 5 ——=— * 156 Die böſe Nacht. tes Geld in ſchlechten Banknoten die 37 Procent Disconte hatten ausgezahlt, das Boot hielt an, und ich wurde mit meinen Sachen mitten in der Nacht an's nächſte Ufer gebracht. Der Kahn, der mich übergefahren, kehrte zum Boote zurück, und ich befand mich wieder in einer ganz neuen, wunder⸗ lichen Lage. Rings um mich her war einſame Wildniß und hinter mir der Strom. Die Erde war gefroren und mit einem dünnen Schneelager bedeckt; dabei ſauſte der Wind recht ſcharf von Nordweſt durch die entlaubten Zweige. Ich ſuchte in der Taſche nach meinem Feuerzeuge. Alles war naß und feucht geworden. In meinem Pulverhorne war kein Körn⸗ chen mehr, und nur der eine Lauf meiner Flinte geladen. Sollte ich den letzten Schuß daran wenden Feuer zu bekom⸗ men, und dann in dieſer Wildniß waffenlos bleiben? Nein! Ich legte mich, nachdem ich den Schnee weggeräumt hatte, unter einen Baum und verſuchte zu ſchlafen; aber der Wind ging zu ſcharf, die Kälte wurde unerträglich, und ich fürch⸗ tete zu erfrieren. Ich entſchloß mich zum Aeußerſten, ſchoß die Flinte gegen die Wurzel des Baumes ab und entzündete die feucht gewor⸗ denen Schwefelhölzchen an dem gluͤhenden Pfropfen, legte ſorgfältig dürres Gras und trockenes Holz darauf, und in fünf Minuten praſſelte ein herrliches Feuer empor. Obgleich ich mehre Wölfe heulen hörte, beunruhigte mich doch Nichts, und ich ſchlief herrlich. Freilich verfolgte ich am nächſten Morgen meinen Weg etwas muthlos, da ich kein Pulver mehr hatte und mein Magen ſtark nach etwas Ge⸗ Das alte Canoe. 157 nießbarem verlangte. Ich wanderte am Fluſſe hinunter, in der Hoffnung ein Haus zu finden. Nachdem ich ein Stück gegangen war, fand ich ein altes, halb verſunkenes Canoe, ſchöpfte das Waſſer mit der Mütze aus und fand den Kahn noch brauchbar. Der alte Gedanke, Texas zu ſehen, tauchte in mir auf und gewann die Ober⸗ hand. Ich beſchloß überzuſetzen, am anderen Ufer ein Haus aufzuſuchen, Eſſen und Pulver zu bekommen, und dann eine ſüdweſtliche Richtung einzuſchlagen, die Straße nach Texas zu erreichen. Kaum war ich am anderen Ufer angelangt, ſo entdeckte ich ein ganzes Volk wilder Truthühner vor mir. Raſch legte ich die Flinte an und drückte ab,— ich Thor hatte Alles vergeſſen— ſie war ja nicht mehr geladen. Die Trut⸗ hühner flogen bei meinem Näherkommen in die Bäume. Ich litt bei dieſem Anblicke Tantalusqual, aber es half Nichts, ich mußte mit hungrigem Magen an ihnen vorüber⸗ ziehen. Wie es immer zu gehen pflegt wenn man nicht ſchießen kann, ſah ich an dieſem Tage Wild in Ueberfluß. Trübe und kalt brach die Nacht herein, mi der ſo gefürchtete Nordwind, und ich mußte ot ie campiren. Um Bären und Panthern auszuweichen, vor denen ich damals noch ziemlichen Reſpect hatte, wäre ich gern auf einne) Baum geklettert, aber der Wind ging zu ſcharf, als daß ich es in ſo luftigem Raume hätte aushalten können. Endlich fand ich einen hohlen Baum, ſetzte mich hinein, bedeckte die Füße mit der Jagdtaſche, ſtellte die Flinte zur Linken, ———————— — 158 Das rothe Land. legte den blanken Hirſchfänger zur Rechten, und verbrachte ſo eine der trübſeligſten Nächte meines Lebens. Ich hörte die Wölfe heulen und einmal auch in der Ferne einen Pan⸗ ther brüllen, doch ſtörte mich Nichts, und die freundliche Morgenſonne fand mich ſchon wieder auf dem Marſche, denn mein Lager war nicht einladend genug mich lange zu feſſeln. Endlich, o welche Muſik für mein Ohr und für den gar vernehmlich knurrenden Magen, verkündete ein nicht fernes Hahngeſchrei und Hundegebell einen Farmhof. Bald ſah ich auch den blauen, dünnen Rauch des Schornſteins in die ſchöne reine Luft aufſteigen, und mit ſchnellen Schritten eilte ich darauf zu, Leib und Seele zu ſtärken. Die Leute empfingen mich freundlich und tafelten mir ſoviel zu eſſen auf, daß ich trotz meinem furchtbaren Appetite doch nicht alle Teller leeren konnte. Zum Glück hat der Farmer auch Schießpulver, und für einen Vierteldollat üllte er mir faſt mein ganzes Horn. 2 Einen langen und mühſeligen Marſch hatte ich jetzt vor mir; zuerſt noch eine weite Strecke durch wilden pfadloſen Wald, bis ich die ungeheuere Red⸗Riverſtraße erreichte, und dann dieſer folgend, durch kaum beſſeres Land, da dort wie⸗ der der Red⸗River⸗Sumpf begann. Dennoch erreichte ich ddieſen am 15. März, und ließ mich ohne weiteren Aufenthalt überſetzen.⸗ Jede größere Verbindungsſtraße hörte hier auf; das rothe Land, wie dieſes zwiſchen Teras und den Vereinig⸗ ten Staaten liegende und beſtrittene Land hieß, beſtand aus reinem Schilfbruch und Urwald, und nur einzelne Letztes Nachtquartier in einem Hauſe. 159 Baumwollenplantagen ſollten dazwiſchen verſtreut liegen, die Jagd in dieſer wilden Gegend aber auch dafür vortreff⸗ lich ſein. Einem ziemlich betretenen Pfad folgend erreichte ich denn auch gegen Abend eine nicht unbedeutende Plantage und wünſchte dort zu übernachten. Der Aufſeher ſchien im Anfang keine beſondere Luſt zu haben mich bei ſich zu behal⸗ ten, da aber auch weit und breit kein anderes Haus war willigte er endlich ein, und ich brach am nächſten Morgen ziemlich früh wieder auf, meine Bahn, jetzt faſt eben ſoviel nach dem Compaß wie nach irgend einem begangenen Weg zu verfolgen. Das Land am Fluß war ungemein ſumpfig, und mit Schlingpflanzen und dichtem Rohr durchwachſen, doch wurde der Wald lichter, und der Boden höher, ſobald ich aus der Nähe deſſelben kam. Am dritten Abend ſchlief ich zum letzten Male in einem Haus, und zwar wieder auf einer Plantage. Der Aufſeher wohnte in einem kleinen Blockhauſe und rings umher ſtanden die niederen Hütten der Sclaven— für jede Familie eine. Er ſelbſt führte dabei während ſeiner Dienſtgeſchäfte eine ſtarke lederne, ſogenannte Negerpeitſche, die Sclaven im Zaum zu halten, ſchien ſich aber doch nicht ſo ganz ſicher zwiſchen ihnen zu fühlen, denn ein paar Piſto⸗ len ſtaken vorn in den Halftern ſeines Pferdes, und am Kör⸗ per trug er außerdem gewiß noch andere Waffen. Wie man die Sclaven behandelt, mag ſich der Leſer nach der„Heilmethode“ denken, die mir ſpäter einmal ein anderer 160 Heilmethode der Negerwärter. „Negertreiber“ mittheilte. Dieſer meinte nämlich„der beſte Negerdoctor in der Welt ſei die Peitſche. Sobald ſich einer von ihnen krank ſtelle, bekomme er ſo lange Hiebe, bis er wieder geſund werde.“ Oft mag es nun wohl geſchehn, daß ſich die armen Sclaven, unter dem Vorgeben krank zu ſein, ein paar Ruhetage verſchaffen wollen, aber wie oft mag auch der wirklich kranke Schwarze auf ſolche Art von unbarmherzigen Aufſehern gemishandelt worden ſein — gemishandelt werden. Von dieſer Plantage aus begann, wenigſtens in der weſtlichen Richtung der ich jetzt folgte, der wilde, durch Nichts geſtörte Wald, denn der Aufſeher ſagte mir wenn ich dem Sonnenuntergang von dort aus zu marſchire, hätte ich 180 engliſche Meilen zu machen, ehe ich das nächſte Haus wie⸗ der träfe. Raſch und fröhlich marſchirte ich trotzdem in die ſchöne, prachtvolle Wildniß hinein, die ſich im erſten Frühlingsnahn mit jungem Grün zu decken begann. Die Vögel ſangen dabei ſo lieblich in den Zweigen und Alles knospte und keimte ſo friſch und wundervoll um mich her, daß es mir wie mit lautem Jubel durch die Seele zog. Nur noch einen einzigen Gefährten hätte ich haben mögen, nur noch einen Menſchen, mein Glück mit ihm zu theilen. Das aber ſollte nun einmal nicht ſein, und ſo wanderte ich denn allein vorwärts in das Gewirr von Stämmen und Zweigen, in die knospende Pflan⸗ zenwelt hinein gen Weſten— immer nur gen Weſten. Es war ein wilder, öder, wunderlicher Marſch, aber ich will den Leſer auch nicht mit der Beſchreibung des monotonen — —— Die Pantherkatze. Wald⸗ und Jagdlebens, von dem er ohnedieß noch genug zu hören bekommt, ermüden. Wald, Wald, Wald und ewig Wald. Den ganzen Tag wanderte ich, und Abends machte ich mir ein Feuer an, legte mich daneben und ſchlief bis zum nächſten Morgen. An Lebensmitteln fehlte es mir dabei nicht, denn Wild gab es damals in jener Gegend noch im Ueberfluß, aber einestheils war ich noch ein ſehr junger Jäger und wußte nicht recht wie man ſich an ein Stück ordentlich anſchleichen und ihm den Wind abgewinnen müſſe, und dann hatte ich auch nur eine doppelläufige Schrothflinte, und konnte natürlich nur in ſehr geringen Entfernungen mit Erfolg ſchießen. Was mir über ſechzig Schritt weit blieb, war ziemlich ſicher. Ein paar Hirſchkälber ſchoß ich dieſer Art, und einige Truthühner, aß davon ſo viel ich konnte, und ſteckte eine weitere Mahlzeit in meine Jagdtaſche. Ein wirkliches Jagd⸗ abenteuer hatte ich aber erſt den ſechſten Tag wo ich, ruhig meinen Marſch fortſetzend, meiſt den hier ziemlich lichten Wald, manchmal aber auch eine kleine Prairie durchſchnei⸗ dend auf einer ſtarken Eiche vor mir, dicht über einer der hier ziemlich zahlreichen natürlichen Salzlecken einen eigen⸗ thümlich dunklen Gegenſtand entdeckte, und bald darauf eine ziemlich ſtarke Pantherkatze(ein ſogenanntes catamount) die mich bis dicht unter den Baum ließ, von dem Aſt herun⸗ terſchoß. Es war das erſte Stück Raubzeug das ich in Amerikä erlegte, und ich ſchleppte das ziemlich ſchwere Fell nicht ohne bedeutenden waidmänniſchen Stolz noch eine lange Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 11 — —- — ————— 162 Flußübergänge. Strecke mit mir durch den Wald, die nächſte Nacht wenig⸗ ſtens auf dieſer Siegstrophäe zu ſchlafen. Ich hatte bis jetzt den Plan gehabt bis zu den erſten öſtlichen Anſiedlungen von Texas vorzudringen und dann eben weiter zu marſchiren, wohin mich die dortigen Anſiedler ſchicken würden, nach Süden oder Weſten. Das Wetter war bis dahin ſo ziemlich geweſen, und bedeutende Hinderniſſe in der Verfolgung meines Weges hatte ich auch nicht gefunden. Hier und da traf ich aller⸗ dings einen kleinen Waſſercours, konnte ihn aber meiſt durch⸗ waten, oder fand hinübergeſtürzte Stämme, die mir als Brücke dienten. Nur ein einziges Mal mußte ich eine kurze Strecke ſchwimmen. Jetzt fing aber das Wetter an ſchlechter zu werden. Eines Tages gegen Abend fing es an leicht zu regnen und am nächſten Nachmittag goß es was vom Himmel herunter wollte. Ich hatte damals ein paar ſehr fatale Nächte. Nichts deſto weniger ſetzte ich immer noch meinen Marſch fort, bis ich eines Mittags plötzlich und ganz unver⸗ muthet an einen angeſchwollenen und ziemlich reißenden Fluß kam, der meiner Tagereiſe ein raſches Ende machte. Wie er hieß wußte ich allerdings nicht, aber ohne weiteres hinüber⸗ zuſchwimmen, dazu konnte ich mich auch nicht gleich ent⸗ ſchließen, machte mir deshalb ein Feuer dicht am Ufer an und lagerte mit einem an dem Morgen geſchoſſenen wilden Truthahn. Der Amerikaniſche wilde Truthahn gleicht dem unſrigen zahmen in ſeiner ganzen Geſtalt und Lebensweiſe auf ein . Haar. Er wird bis achtzehn, zwanzig, ja zweiundzwanzig Ueberdruß der Einſamkeit. 163 Pfund ſchwer, und ſieht ſtets bräunlich ſchwarz mit den eigenthümlich ſchillernden Farben dieſer Thiere, aus. Hier nun, behaglich am Feuer hingeſtreckt, mit dem drohenden Rauſchen des angeſchwollenen Waſſers aber dicht neben mir, überlegte ich, ob ich den Fluß paſſiren ſolle oder nicht. Zu thun hatt' ich drüben Nichts, ſoviel war ſicher, aber wollte ich ihn nicht kreuzen, ſo mußte ich aufgeben wei⸗ ter nach Texas hinein zu marſchiren— und warum nicht? Hätte ich noch einen Kameraden bei mir gehabt, wir wären weiter gen Weſten marſchirt, und weder dieſer noch irgend ein anderer Strom hätte uns aufgehalten, vielleicht nicht einmal die weſtlichen Gebirge, von deren jenſeitigen Hängen die Quellen ihr Waſſer dem ſtillen Meere bringen. So aber hatte ich das einſame Marſchiren doch etwas ſatt bekommen, und der Gedanke an die Anſiedlungen ſtieg lockend vor mir auf. Des Terrains wegen hatte ich dabei keineswegs immer einen rein weſtlichen Cours beibehalten können, ja war den letzten Tag ſchon faſt ſüdweſtlich marſchirt und wer weiß wann ich das erſte einzelne Haus, den erſten, von Men⸗ ſchen begangenen Pfad wieder traf. Der Unterſchied zwi⸗ ſchen dem jetzt und früher geführten Leben war auch zu groß, ich ſelber noch nicht an dieſe furchtbare Einſamkeit gewöhnt; ich wurde mit einem Wort waldmüde, und beſchloß dieſe un⸗ beſiedelten Strecken zu verlaſſen. Da der Regen aufgehört hatte, ſchlief ich die Nacht vor⸗ trefflich, und ſchlug am nächſten Morgen— ſtatt den Strom zu durchſchwimmen, der wieder um einige Zoll geſtiegen 11* — 164 Sehnſucht nach Menſchen. war— einen Oſt⸗Süd⸗Oſtcours ein, irgendwo den Red⸗ Riverz, und dort auch wahrſcheinlich wieder eine Plantage zu erreichen. Das Gefühl wieder zu Menſchen zurückzukehren war dabei ein höchſt angenehmes, und ich wanderte, die Flinte auf dem Rücken, raſch, wenn auch aufmerkſam überall umher⸗ ſuchend„durch den Wald. Meine Schrothflinte hatte ich dabei in ihrem linken Lauf mit einer Kugel geladen, die ſie gar nicht ſchlecht ſchoß, mit einem halben Truthahn im Jagdranzen als Proviant dachte ich nicht beſonders an Jagd, und wollte mich keineswegs durch langſames und vorſichtiges Pirſchen aufhalten. Wenn man nichts ſchießen will, kommt Einem gewiß etwas zum Schuß. Ich mochte etwa eine Stunde an dem Morgen ſo fort gewandert ſein, und hatte eben eine kleine ausgetrocknete Ravine durchſtiegen, an deren anderen Ufer ein dichtes Gewirr von Schlingpflanzen und durcheinander geſtürzten Bäumen mich kaum weiter laſſen wollte, als plötz⸗ lich etwas dicht neben mir in den Büſchen raſſelte. Ohne weiteres riß ich die Flinte vom Rücken und entdeckte zu gleicher Zeit, kaum vier Schritt von mir entfernt, einen jungen zweijährigen Bär, der reißaus nahm. Auf die Entfernung konnte ich ſelbſt mit der Kugel nicht gut fehlen, und ich ſchoß ihn durch den Wanſt. Er zeichnete auf den Schuß und ſah ſich wild nach mir um, wagte aber doch keinen Angriff und glitt in das nächſte dichte Gebüſch, wohin ich ihm nicht eher folgte, als bis ich den abgeſchoſſenen Lauf wieder geladen hatte. Seine Spur Jagdabenteuer. 165 war, da er ſtark ſchweißte, leicht zu verfolgen, und ich holte ihn bald wieder ein; in der Hitze aber ſolch edles Wild zum Schuß zu bekommen und auf ganz geringe Entfernung fehlte ich ihn mit der zweiten Kugel, und Petz wurde jetzt ernſt⸗ lich böſe. Ob er nur an mir vorbei oder gerade auf mich zu wollte weiß ich nicht, die Richtung nach mir ſchlug er aber ein, und mein zweiter Lauf, mit dem ich ihm eine Ladung Rehpoſten entgegenſchicken wollte, verſagte. Daß ich gleich nach dem verſagten Schuß die Flucht ergriff, mochte den Bär dabei vielleicht dreiſt machen, denn ich hörte ihn plötzlich dicht hin⸗ ter mir und hatte nur eben noch Zeit hinter einen Baum zu ſpringen und den Hirſchfänger aus der Seite zu reißen, den ich ihm in den Rachen ſtieß. Dabei war ich aber ebenfalls weder geſchickt noch geſchwind genug, denn der Bär erwiſchte mich mit der einen Tatze, und riß mir meine grüne, ſchon überdieß etwas lebensmüde Pekeſche, in Streifen vom Leibe. Jedenfalls war aber der Bär ſchon durch meine erſte Kugel tödtlich getroffen— er hätte ſich auch ſonſt nicht ſo⸗ gleich wieder nieder gethan— und mir zum Heil verließen ihn gerade zur rechten Zeit die Kräfte.— Er ließ mich los, taumelte und verendete bald darauf. Von dem Fleiſch nahm ich mit was ich, ohne mich zu überladen, tragen konnte. Am nächſten Abend,(und ich hielt jetzt in gerader Rich⸗ tung nach Süd⸗Oſten hinunter, dem Red⸗River wieder zu) hörte ich plötzlich einen Schuß fallen, und wie ein elektriſcher Schlag zuckte mir der Ton durch alle Glieder. In dieſer Wildniß waren alſo noch mehr Menſchen, und zwar gar 166 Das indianiſche Lager. nicht weit von mir entfernt, denn der Schütze mußte ſich hinter dem nächſten Hügel befinden. Schnell eilte ich nach der Richtung vorwärts, und hatte kaum die kleine Anhöhe erſtiegen, als ſich ein buntes, wildromantiſches Schauſpiel meinen überraſchten Blicken bot. Es war ein indianiſches Lager, in dem ich eben Alles beſchäftigt fand Zelte aufzuſchlagen, und für die Nacht zu ſorgen. Hier hieben einige der Wilden mit ihren Tomahawks Zeltſtangen ab, dort ſchleppten die Weiber Brennholz herbei, daran zu kochen. Dort waren wieder andere beſchäftigt den Pferden die Vorderbeine zu feſſeln, und hier ſtreifte Einer der wilden Waldſöhne einen Hirſch ab. Kurz es war das Leben der Wildniß in ſeinem höchſten Glanze. Ich konnte mich nicht ſatt ſehen an den ſchönen, kräftigen Geſtalten, mit ihren bemalten Geſichtern, ihren in grelle Farben gekleideten Körpern und mit Federn geſchmückten Häuptern, und an Gefahr dachte ich auch nicht dabei, denn mir hatte ſchon auf der letzten Plantage der Aufſeher geſagt, daß ich von den Eingeborenen, die ich etwa auf meinem Weg fände, Nichts zu fürchten haben würde. Mir blieb jedoch nicht lange Zeit ſie zu betrachten, denn die Hunde ſchlugen an und kamen auf mich zu. Ich brach nun einen grünen Zweig ab und ging nach dem Lager. Die Indianer riefen die Hunde zurück, und Aller Augen richteten ſich auf den Fremdling. Auf eine Gruppe junger Männer zugehend, die gerade beſchäftigt waren ein Hirſchfell aufzu⸗ ſpannen, fragte ich, ob keiner von ihnen engliſch ſpräche, und wurde ſogleich an einen älteren Mann gewieſen, der rauchend Der alte Indianer. 167 unter einem Baume ſaß und mich ſchweigend betrachtete. Ich ſagte ihm, daß ich ein Reiſender ſei, der an die Ufer des Red⸗River zurück wolle, und fragte ihn, ob ich die Nacht in ſeinem Lager bleiben könne. Eine dichte Gruppe von jungen Männern hatte ſich während deſſen um uns verſammelt. „Sind der weißen Männer ſo wenig,“ fragte mich end⸗ lich der Alte,„daß Du allein in dieſe Wälder kommſt?“ Ich erwiderte, daß ich bloß der Jagd wegen hierher gekom⸗ men ſei und jetzt wieder zurück wolle. Statt der Antwort reichte er mir ſchweigend ſeine Pfeife, aus der ich einige Züge that, worauf ich ſie dem neben mir ſtehenden Indianer überreichte, der ſie nach einigen Zügen dem Aelteren zurück⸗ gab. Ich ſetzte mich nun zu ihm nieder, und er erkundigte ſich nach vielen Dingen, unter anderen auch danach, wie ich meinen Rock ſo arg zerriſſen habe, worauf ich ihm mein Abenteuer erzählte. Er lächelte und überſetzte meine Worte den anderen, denen das Abenteuer gleichfalls Spaß zu machen ſchien. Der Alte ſagte mir nun, daß es für einen Ungeübten gefährlich ſei, ſich allein ſolchem Kampfe auszuſetzen; der Jäger müſſe nach dem erſten Stoße ſchnell zurückſpringen, weil der Bär oft noch im Todeskampfe den Feind umbringe — es ſei ein Glück für mich daß es nur eben ein junger Bär geweſen wäre, mit einem Alten würde ich bös gefahren ſein. Er beſah aufmerkſam meine Doppelflinte und meinen Hirſchfänger und verſicherte mir, noch niemals zwei zuſam⸗ mengeſchmiedete Flinten geſehen zu haben. Das Engliſche ſprach er ſehr gut, viel beſſer als ich, und, was mir ſehr an⸗ ——-———-yy— ———— 168 Indianiſche Abendunterhaltung, Jagd. genehm war, er ſprach es langſam. Die Indianer waren vom Stamme der Choktaws und von Arkanſas hierher ge⸗ kommen um zu jagen. Die Nacht brach nun herein, überall brannten Feuer, und die Frauen(recht edle Geſtalten waren unter ihnen wenigſtens unter den jüngeren) kochten das Abendeſſen, wäh⸗ rend die Männer ruhig ihre Pfeifen rauchten. Das in das Feuer⸗Starren der Indianer fand ich übrigens ſehr lang⸗ weilig und verſuchte mehre Male ein Geſpräch mit dem Alten anzuknüpfen, bekam aber nur ſehr kurze Antworten, ſo daß mir am Ende Nichts übrig blieb als ebenfalls den Indianer zu ſpielen und in ſchweigſamer Würde zu verhar⸗ ren. Endlich legten wir uns zur Ruhe, und zwar ſtreckte ich mich vor dem Zelte des Alten am Feuer auf ein ausgebrei⸗ tetes Bärenfell nieder. Am anderen Morgen, noch vor Sonnenaufgang, weckte mich ſchon das Singen und Lärmen der jungen Indianer, die ſich zur Jagd rüſteten. Ich ſprang empor und wollte mich gleichfalls dazu fertig machen, konnte aber, wie ich bald bemerkte, in meinem zerfetzten Rocke nicht wagen durch die Dornen zu gehen, wo ich überall hängen geblieben wäre. Ich zeigte ihn daher einem der jungen Männer, der ſchnell hinwegſprang und bald mit einer Art Rock oder Jagdhemd, aus einer alten wollenen Decke gemacht, zurückkam. Er gab mir durch Zeichen zu verſtehen, daß er mir das Stück ver⸗ kaufen wolle, und ging den Handel mit Freuden ein, als ich ihm einen Silberthaler anbot und ihm die Fetzen meines grünen Rockes noch in den Kauf gab. Für einen anderen ——— —,--— —.— Die Hirſche. 139 Thaler erhielt ich ſeinen geſtickten Gürtel und war nun wie⸗ der trefflich ausſtaffirt. Meine Jagdtaſche ließ ich im Lager und beſchloß, dieſen Tag einmal ganz den Indianer zu ſpielen. Wir gingen zu ſechzehn auf die Jagd, Alle zu Fuß. Einige der Indianer hatten Feuergewehre, andere noch Pfeile und Bogen, mit denen ſie außerordentlich ſicher und weit ſchoſſen. Ich ging mit einem der jungen Männer, welche Bogen und Pfeile führten, und ſchweigend ſchritten wir, da ſich Keiner dem Anderen verſtändlich machen konnte, neben⸗ einander her. Wir hatten Jeder etwas Fleiſch mitgenommen und verzehrten es unterwegs. So mochte es Mittag gewor⸗ den ſein, als wir ein Rudel Hirſche gewahrten. Mein Jagdgefährte ſchlich gegen den Wind um das Rudel herum und ſchoß 2 Stück daraus mit ſicheren Pfeilen. Er⸗ ſchreckt flöohen die anderen und kamen gerade auf mich zu, und zwar in ſo blinder Haſt, daß der Führer der Heerde, ein feiſter Bock, mich erſt gewahr wurde, als er kaum noch 10 Schritt von mir entfernt war. Meine Kugel traf ihn aufs Blatt, und er ſtürzte lautlos nieder. Nun war die Flucht allgemein, und wie Spreu ſtoben die Thiere ausein⸗ ander. Um die gute Beute zum Lager zu ſchaffen, mußten wir Pferde holen und machten uns daher auf den Rückweg. Mein Gefährte ſchlug eine ganz gerade Richtung nach dem Lager ein, das ich in meinem Leben nicht wiedergefunden hätte. Es war von da, wo wir uns befanden nur wenige Meilen entfernt, während ich glaubte, es läge wenigſtens eine halbe Tagereiſe hinter uns. 170 Die wilde Katze. Im Lager angekommen, beſtieg Jeder von uns ein Pferd, und in ſcharfem Trabe eilten wir dem Platze zu, wo unſere Beute lag, den wir auch leicht wiederfanden, da der Indianer auf dem Rückwege mehre Bäume mit dem Tomahawk be⸗ zeichnet hatte. Endlich kamen wir zu meinem Hirſch, aber ſchon ſaß eine wilde Katze auf demſelben, ihr Mahl zu halten. Der Indianer ſprengte darauf zu, und die Katze, die ihn zu ſpät bemerkte, floh auf einen Baum. Ein Pfeil von der ſicheren Hand des Wilden holte ſie ſchnell herab. Sie war grau von Farbe und größer als unſere zahmen Katzen. Dieſe Thiere ſollen, gereizt, ſogar auf den Menſchen losgehen. Mein Jagdfreund ſtreifte die Katze ab und nahm den Balg mit. Mit unſerer Beute ſchwer beladen, ritten wir jetzt zum Lager zurück, wo wir mit Jubel empfangen wurden. Nach und nach kehrten Alle von der Jagd heim, und die meiſten brachten Beute, ſogar ein ungeheuerer Bär, der größte, den ich bis jetzt geſehen hatte, war erlegt worden. Nun wurde gekocht und geſotten, und die jungen Männer tanzten und ſangen; die Weiber nahmen jedoch an dem Allen keinen Antheil und verrichteten ruhig ihre Geſchäfte. Am anderen Morgen ſagte mir der alte Indianer, er habe eine Wolfsfalle geſtellt, und wir gingen, um nachzu⸗ ſehen, ob ſich etwas darin gefangen habe. Da genug Fleiſch im Lager war, begleiteten uns faſt alle Indianer. Nur drei, die geſtern Nichts geſchoſſen, zogen heute auf Beute. Wir nahmen vier große, ſtarke Hunde mit und zogen unter Füh⸗ 8 Die Wolfsfalle. 171 rung des Alten dem Orte zu, wo die Falle geſtellt war. Mit triumphirendem Lächeln zeigte mir unſer Führer den Fleck wo ſie gelegen hatte, und eine ſchwache Blutſpur daneben. Die Hunde wurden auf den Schweiß gebracht und bellend und heulend, mit der Naſe auf der Erde, folg⸗ ten ſie ihm. Eine Meile ungefähr mochten wir gelaufen ſein, als ſie laut anſchlugen. Wir eilten, ſo ſchnell wir konnten, dem Orte zu, und fanden den Wolf ſchon in den letzten Zügen unter den wüthenden Biſſen der Hunde. Sie wurden gleich zurückgerufen, ſahen aber nicht wenig zerfetzt aus, beſonders der eine, dem der Wolf, ein großes ſchwarzes Thier, das ganze Ohr abgeriſſen hatte. Eine ſolche Falle, welche unſerem Marder- und Fuchs⸗ eiſen gleicht, und die die Indianer jedenfalls von den Weißen eingetauſcht haben, wird mit der Lockſpeiſe aufgeſtellt, aber nicht befeſtigt, denn, wenn der Wolf ſich finge und die Falle nicht bewegen könnte, ſo würde er ſich eher das gefangene Glied abbeißen, als ſich erwiſchen laſſen. Die Falle ſteht vielmehr loſe da, doch iſt an einer dünnen, 2—3 Fuß langen Kette ein vierhakiges Eiſen befeſtigt. So wie der Wolf ſich gefangen ſieht, eilt er mit der Falle fort, bleibt aber alle Augenblicke mit den Haken, die überall einfaſſen, in den Wurzeln und Sträuchern hängen. Zwar macht er ſich jedes⸗ mal wieder los, ja, man hat ſogar bemerkt, daß er den, alle Augenblicke feſthängenden Haken in das Maul genommen und ſo verſucht hat, zu entfliehen; aber die Falle hindert ihn gefunden. immer auf's Neue, und leicht wird er am anderen Morgen 172 Zugen nach Oſten. Ich hatte jetzt das Leben der Indianer genugſam ge⸗ koſtet und ſehnte mich zu einer etwas mehr cultivirten Welt zurück. Einen Tag noch blieb ich bei ihnen, und wir ſchoſſen mit Pfeilen nach einem aufgeſtellten Ziele; doch erregte ich manches Lächeln, wenn ich einen Fuß breit am Ziele vor⸗ beiſchoß, das die Indianer ſelten fehlten; auch warfen wir mit den Tomahawks nach einem Baume, und darin brachte ich es eher zu einiger Gewandtheit. Am anderen Morgen wanderte ich, mit etwas Hirſch⸗ fleiſch und grobem Salz verſehen, wieder gen Oſten; aber ganz ſonderbar und einſam kam es mir vor, als ich die letz⸗ ten Indianer hinter den Bäumen verſchwinden ſah, und es war mir faſt als ſei ich jetzt erſt in die Wildniß getreten. Doch gewöhnte ich mich ſchnell wieder an das alte Leben und ſchlief auch dieſe Nacht ſo gut, wie man nur in duftendem Moos und Gras ſchlafen kann. Am anderen Morgen kam ich wieder an die Ufer der Sabine, ſuchte aber jetzt vergeb⸗ lich einen Durchgang, da der Fluß bedeutend angeſchwollen war und hier, weiter ſüdlich, auch breiter und tiefer ſchien. Es half Nichts, ich mußte durchſchwimmen. Ich baute mir zu dieſem Behufe ein kleines Floß, band es mit Schlingpflanzen zuſammen, befeſtigte Jagtaſche, Flinte, Hirſchfänger, Tomahawk und Pulverhorn darauf und ſtieß, hinterherſchwimmend, daſſelbe an's andere Ufer. Am 30. Januar endlich erreichte ich wieder das Red⸗ River⸗Thal und traf glücklicher Weiſe einen ziemlich began⸗ genen Pfad, der durch den Schilfbruch führte. Dicht zum Strom gekommen, hörte ich auch wirklich das Krähen eines Der Red⸗River. Das erſte Brod. 173 Haushahns, das mir wie Sphärenmuſik herübertönte, und glaubte mich ſchon wieder unter Menſchen. Hierin aber hatte ich mich getäuſcht, denn der Hahn krähte am andern Ufer, und der furchtbar angeſchwollene Strom wälzte ſeine rothen ſchmuzigen Wellen reißend ſchnell vorüber. Ich rief und ſchrie mich bald heiſer, doch ohne Erfolg; ein Schuß hatte keine beſſere Wirkung. Schon machte ich mich darauf gefaßt mein Jagdgeräth im Buſche zu verbergen, und hinüber zu ſchwimmen, als der Knall meines zweiten Schuſſes den Farmer noch glücklicher Weiſe aufmerkſam machte. Er kam an's Ufer, und als er Jemanden rufend und winkend an der anderen Seite ſtehen ſah, machte er ſein Canoe los und fuhr herüber, nicht wenig erſtaunt, mich ganz allein zu finden. Bei ſeiner Familie fand ich eine herzliche Aufnahme, und beſonders ergötzten ſich Alle über den Appe⸗ tit, mit welchem ich das Brod verſchwinden ließ; auch der Kaffee mundete mir nicht wenig. Da ich mich hier nicht lange aufhalten wollte, es aber auch eben ſo herzlich ſatt hatte länger allein in der Wildniß und durch die furchtbaren Dickichte zu laufen, ſo wurde ich mit dem Manne über den Verkauf ſeines Kahnes bald handelseinig, zahlte ihm für denſelben 4 Dollars und erhielt als Zugabe noch eine geräucherte Hirſchkeule und einen gebratenen Truthahn, nebſt mehreren Maisbroten zur Verproviantirung. Kurz nachher ſchwamm ich ſchon in dem ausgehauenen Baumſtamme den Strom hinunter, der in wilder Schnelle rieſiggroße Bäume mit ſich fortführte. Der leichte Nachen, kräftig gerudert ſchoß pfeilſchnell durch die Fluth, ſo daß ich, nach einer 174 Die Breter im Strome. ſpäteren Berechnung, in 5 Tagen ungefähr 400 engliſche Meilen zurücklegte. Erſt ſpät in der Nacht zog ich mein Boot in's Schilf und ſchlief ruhig in meinem Eigenthume. Am nächſten Tage fand ich eine Partie Breter, die wahr⸗ ſcheinlich aus einer der kleinen Städte, die am Red⸗River liegen, weggeſpült worden waren. Sie hatten ſich an einem im Flußbette aufſitzenden Baume feſtgerannt, und ich beſchloß, ſie mitzunehmen, da ich einen guten Handel damit zu machen hoffte. Ich lenkte den Kahn auf den Baum zu und ließ ihn antreiben, um die Breter zu erfaſſen,— aber die Strom— ſchnelle erfaßte das Canoe, ich ſelbſt blieb an dem ſcharfen Aſte des aus dem Waſſer ragenden Baumes hängen und ward im Nu über Bord und neben einen hier ruhig vor Anker liegenden Alligator in's Waſſer geſchleudert. Glück⸗ licherweiſe hatte dieſer eben ſoviel Furcht vor mir, als ich vor ihm, und verſchwand unter dem Waſſer. Ich ſchwang mich ſchnell auf den Aſt, um mein Canoe zu erwiſchen, aber zu ſpät, ſchon war es in der Gewalt des Stromes, der es mir unter den Händen fortriß. Da hing ich, mitten im Strome, auf einem ſchwankenden Stücke Holz, und mein Boot mit Flinte, Pulver und Allem, was mein war, trieb auf den Fluthen. Ich ſah vollkommen ein, daß ich entweder das Canoe wieder erreichen, oder elend verhungern mußte, beſann mich deshalb auch nicht lange, ließ den erfaßten Aſt los und ſchwamm mit kräftigen Armen dem Flüchtlinge nach. Aber die verzweifelte Anſtrengung einer guten Viertelſtunde koſtete es, ehe ich meinen Zweck erreichte, und auch da mußte ich mein Boot an's Ufer treiben, Das„Raft.“ um einſteigen zu können, weil der Verſuch dazu, mitten im Strome, das ſchwanke Ding umzuwerfen drohte. Mit dem Wiedererreichen des Bootes hatte ich mein Leben gerettet. Als meine Speiſevorräthe zu Ende waren, ſchoß ich wilde Enten und Gänſe und ließ ſie mir in den nächſten Plantagen zurecht machen; denn hier, wo ich nach Louiſiana kam, war das Land ſchon mehr angeſiedelt. Mehre hundert Meilen oberhalb der Mündung in den Miſſiſſippi iſt der Red-River durch das Anſchwemmen und Feſtſetzen von ausgeriſſenen Bäumen Meilen lang völlig ver⸗ ſtopft, und obgleich die Regierung der vereinigten Staaten einen Weg für die Dampfbootverbindung hat hindurchhauen laſſen, ſo wurde ich doch davor gewarnt, mit meinem kleinen Fahrzeuge den Durchgang zu verſuchen, da natürlich der Strom durch dieſe ausgehauene Stelle ſo reißend ſchnell ſchöſſe, daß das kleinſte Hinderniß, auf das ich ſtieße, mein Canoe unfehlbar umwerfen und mich ſelber unter das Drift⸗ holz waſchen würde. Ich mußte daher durch zwei kleine Seeen, Clearlake und Sodalake, die ſowohl oberhalb als unterhalb des„Raft’(wie die Verſtopfung im Fluſſe genannt iſt) mit demſelben in Verbindung ſtehen, fahren. An den Ufern, auf dem warmen Sande ſah ich ſehr viele Alligatoren ſich ſonnen. Ich ſchoß 10 oder 11 von ihnen, konnte es aber nie über mich gewinnen, ſie anzufaſſen. Ich ſah ſie von 3— 12 Fuß Größe, doch ſollen ſie manchmal 18 Fuß lang werden. Nicht mehr weit von der Mündung entfernt(es war am fünften Tage, als ſchon der Abend zu dämmern anfing), ſah Der Leichnam. ich etwas vor mir im Waſſer treiben. Raſch ruderte ich darauf zu und faßte mit der Hand nach dem weißen Gegen⸗ ſtande. Mit einem Schauder, der mir das Blut in den Adern erſtarren machte, zog ich ſie zurück,— es war ein Leichnam. Nur der weiße, nackte Rücken war oberhalb des Waſſers, Beine, Arme und Kopf hingen hinunter,— eine mehre Zoll lange Meſſerwunde war auf der linken Seite des Körpers, gerade unter den Rippen, ſichtbar. Voll Ent⸗ ſetzen warf ich mein Canoe herum und ließ bald das Schreck⸗ liche hinter mir. Am nächſten Morgen kam ich in den Miſſiſſippi, den ſehr ſchmuzigen„Vater der Waſſer.“ Das ganze Land nahm hier ſchon einen ſüdlicheren Charakter an, und das ſilbergraue, in langen Behängen an den ungeheueren Bäumen ſchwankende Moos gab der Landſchaft einen mir ungewohn⸗ ten, fremdartigen Anſtrich. Ich lief in den gewaltigen Strom ein, nahm, nicht weit unterhalb der Mündung, friſche Nah⸗ rungsmittel in mein Canoe und wollte nun, da ich doch ein⸗ mal unterwegs war, nach dem, ungefähr 240 engliſche Mei⸗ len weiter unten gelegenen New⸗Orleans, von dem ich ſchon ſoviel gehört hatte. Am zweiten Tage aber, als ich noch etwa 160 Meilen von New⸗Orleans entfernt ſein mochte, erhob ſich ein ſo ſtarker Wind, und der Miſſiſſippi fing an, ſo bedeutende Wellen zu werfen, daß mir das Waſſer faſt jedesmal in's Boot ſchlug, und ich nur mit äußerſter Mühe und Anſtrengung und nicht geringer Gefahr das ferne Ufer erreichen konnte. 5 Gerade wo ich es erreichte lag eine Farm, deren Eigen⸗ — Ankunft in New⸗Orleans. 177 Eigenthümer geſpaltenes Holz für den Gebrauch von Dampf⸗ booten, am Ufer aufgeſchichtet, zum Verkauf hielt. Ein Dampfboot, nach New⸗Orleans beſtimmt, war eben beſchäf⸗ tigt Holz einzunehmen. Mich bei dem ſtarken Wellenſchlage in meinem rohen Fahrzeuge dem Waſſer zu vertrauen, wäre Wahnſinn geweſen, länger da liegen mochte ich ebenfalls nicht, und da ich den Farmer willig fand mir mein Canoe abzukaufen, wurde ich bald mit ihm handelseinig, ſchaffte meine Sachen auf das Dampfboot und erreichte ſo raſch und leicht New-Orleans. Die Nacht ſchlief ich noch an Bord, doch ging ich den nächſten Tag in ein deutſches Koſthaus, um mich, nach ſo vielen ausgeſtandenen Drang⸗ ſalen, einmal zu reſtauriren und in einem ordentlichen Bette zu ſchlafen. O, wie behaglich dehnte ich mich auf dem weichen Lager! Den anderen Morgen machte ich mich früh auf, mir New⸗Orleans ein wenig anzuſehen, denn ich hatte nicht Luſt, mich im Anzuge eines Wilden in den belebten Straßen blicken zu laſſen. Seit 9 Monaten waren mir die Haare nicht ge⸗ ſchnitten worden, ſeit 5 Monaten war kein Raſirmeſſer mei⸗ nem Barte nahe gekommen; denkt ſich der Leſer dazu noch meinen alten, wollenen, indianiſchen Ueberwurf mit dem ge⸗ ſtickten Gürtel und die hohen Waſſeerſtiefeln, die treulich aus⸗ gehalten hatten, ſo wird er es glaublich finden, daß ich eher einer Vogelſcheuche, als einem menſchlichen Weſen ähnlich ſah, und es bedurfte auch wirklich erſt einige Zeit bis ich wieder menſchenähnlich hergeſtutzt werden konnte. Ich hatte zu viel Prahlens und Rühmens von New⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 12 178 Brief von New⸗York. 9 Orleans gehört und ſah daher meine Erwartungen bedeu⸗ tend getäuſcht. Ich fand es keineswegs ſo prächtig und ge⸗ ſchmackvoll gebaut, als ich vermuthet hatte, und als ich durch die engen Straßen ging, dachte ich mit Sehnſucht an das viel freundlichere Eineinnati zurück. Das einzige Prachtge⸗ bäude in New⸗Orleans, das ſeines Gleichen ſucht, iſt das ſogenannte ſpäter abgebrannte St. Charles Höôtel. Daß die Luft in New⸗Orleans ſo ungeſund und im Herbſt wahrhaft peſtartig iſt, nahm mich aber auch nicht mehr Wunder, denn ich fand hier zu meinem Staunen daß die Stadt im wahren Sinn des Wortes im Sumpfe liegt, und nur durch einen Damm vor dem Austreten des Miſſiſſippi geſchützt wird. Dieſes Land hatte der liebe Gott gewiß nicht für Men⸗ ſchen beſtimmt, höchſtens für Alligatoren, Mosquitos und Fröſche. Es iſt auch der Kirchhof der vereinigten Staaten. Bei F. und Co. fand ich von New⸗York einen Brief nebſt etwas Geld für mich, das mir ſehr erwünſcht kam, denn ich hatte das, was ich bei mir führte, faſt ganz wieder aus⸗ gegeben. Ehe ich damals Cincinnati verließ, hatte ich nämlich nach New⸗York an meinen frühern Compagnon geſchrieben, mir meine beiden Koffer nebſt dem noch ſchuldenden Geld nach Cin⸗ einnati zu ſenden, wohin ich wieder zurückkehren würde, und der Brief zeigte mir jetzt an daß ich mein Eigenthum erhal⸗ ten würde. Ich ſah mich jetzt nach einer Dampfbootgelegenheit nach Cineinnati um. Das Boot„Chillicothe“ ging den nächſten ‿ 8XN Die Ufer des Miſſiſſippi. Dampfboote. 179 Tag, Morgens 10 Uhr, dorthin ab, und ich accordirte meine Paſſage zu 5 Dollars für 1500 engliſche Meilen. Billiger kann man gewiß nirgends reiſen, faſt 400 deutſche Meilen für 5 Dollars. Gegen Abend erſt verließen wir New⸗Orleans. Von dort an ſind die Ufer des Miſſiſſippi wahrhaft ent⸗ zückend; eine Plantage ſchließt ſich an die andere an, und die reizendſten Landhäuſer inmitten grüner Boskets von Oran⸗ gen, Granatäpfel⸗ und Chinabäumen bilden ein bezaubern⸗ des Gemälde. Dazu geben die vielen kleineren, gleichmäßig gebauten Negerwohnungen, die oft von Weitem einer Stadt gleichen, dem Ganzen noch einen beſonders eigenthümlichen Anſtrich⸗— Die amerikaniſchen Dampfboote ſind ſehr verſchieden von den deutſchen eingerichtet. Sehr leicht und ſcharf gebaut, ſind ſie nur dazu beſtimmt, mit einer unglaublichen Schnelle ihre Reiſe zurückzulegen, und in 4— 5 Jahren den Eigen⸗ thümer reich zu machen; dann mögen ſie platzen oder ſinken. Den Vordertheil des Verdecks nehmen die Keſſel ein, unter welchen die Feuerleute ganz vorn, in freier Luft, heizen. Dieſe Keſſel reichen nicht ganz bis in die Mitte des Schif⸗ fes, und manches hat deren ſogar bis acht nebeneinander (Chillicothe führte ſieben). Hinter ihnen befindet ſich die Maſchine, die ebenfalls ganz auf dem Verdecke ſteht, und hin⸗ ter dieſer, in einer Art Verſchlag, halten ſich die Zwiſchendeck⸗ Paſſagiere auf, deren Behauſung es gerade nicht an friſcher Luft fehlt. Als Schlafſtellen dienen Kaſten, die, immer drei übereinander, rings herum angebracht ſind. Ueber dieſem Allen kommt, eine Treppe hoch, die Cajüte 12*½ 6 180 Amerikaniſche Dampfboote. als ein Aufbau, im Vordertheile mit einem kleinen Zimmer verſehen, wo der Buchhalter, die Steuerleute, der Capitain und Bootsmann ihre Schlafſtellen haben, und wo gewöhnlich auch noch(außer bei einigen Mäßigkeitsbooten) eine Schänke iſt. Die gewöhnlichen Arbeiter des Bootes ſchlafen unten im Raume. Der mittlere Raum dieſer oberen Etage iſt der Speiſeſaal, zu beiden Seiten deſſelben befinden ſich die Herren⸗ Schlafſtätten, welche mit Glasthüren verſchloſſen ſind, und ganz im Hintertheile des Bootes(auf jeden Fall dem ſicher⸗ ſten Platze, wenn ein Unglück paſſiren ſollte) iſt die Damen⸗ Cajüte angebracht. Auf einigen wenigen Booten auf dem Miſſiſſippi findet man noch eine dritte Etage, doch die meiſten begnügen ſich mit den beſchriebenen beiden. Ganz oben, in einem mit großen Glasfenſtern verſehenen Häuschen, zwiſchen den beiden rieſigen Schornſteinen, ſteht der Steuermann am Rade, damit er leichter vorn hinüber ſehen kann, ob dem Boote Gefahr drohe. Das Steuerruder wird mit Seilen gelenkt, und zwar, nach einer neueren Ver⸗ ordnung, mit erſt kürzlich erfundenen Drahtſeilen, damit auf dieſe Weiſe bei Feuersgefahr das ſchnelle Verbrennen derſel⸗ ben vermieden werde und das Boot bis auf den letzten Augen⸗ blick in der Gewalt des Steuermanns bleibe. Wir hatten, unter einer Menge anderer Paſſagiere, auch eine junge Frau, 22— 23 Jahre alt, mit einem ſehr jungen Manne an Bord, die unterhalb Natchez auf das Boot gekom⸗ men. Die jungen Leutchen ſchienen erſt ganz kürzlich verhei⸗ rathet zu ſein, denn ſie küßten und herzten ſich in einem fort. Als wir nach Louisville in Kentucky kamen, hatte das Boot Geiſtesgegenwart einer Frau. 181 Fracht auszuladen und blieb dort faſt einen ganzen Tag lie⸗ gen. Ich ſtand am Bugſpriet und ſchaute dem Ein⸗ und Ausladen zu, als ein ältlicher Mann, ſehr anſtändig geklei⸗ det, auf mich zukam und, unſer junges Pärchen beſchreibend, mich fragte, ob zwei ſolche Leute auf unſerem Boote wären. Ich antwortete ihm„Ja“ und führte ihn in unſere Behau⸗ ſung. Die junge Frau ſaß auf einem Koffer und las, als wir zu ihr kamen. Ihr Mann war oben in der Stadt. Mir ahnete, daß wohl nicht Alles ganz richtig ſein möchte und daß der Alte aus guten Gründen gekommen ſei, doch be⸗ ſeitigte das ruhige Betragen Beider bald meinen Argwohn. Im erſten Augenblick ſchien es mir, als ob ſie die Farbe etwas veränderte, doch ſtand ſie ganz ruhig auf, legte das Buch weg, und dem Alten ihre Hand reichend, ſagte ſie freundlich:„How do you do, Sir*)?“ Nach einer Weile aber traten ſie in eine Ecke und ſprachen ſehr angelegentlich zuſammen. Ich verlor ſie nun aus den Augen, erſtaunte aber nicht wenig als ich den Alten, ſobald es Zeit zum Schlafengehen war, den Platz des Gemahls bei der jungen Frau einnehmen ſah, während der junge Mann wie ein Bild des Todes am Ofen ſtand und ſich in ſeiner Geiſtesabweſen⸗ heit beide Rockſchöße verbrannte. Der alte Mann war der Gemahl der jungen Frau, mit der dieſer Burſche davongelaufen war. Der Alte hatte Wind bekommen und war ihnen nachgeſetzt, hätte ſie aber ſchwer⸗ lich eingeholt, wenn das Boot nicht ſo lange Zeit gebraucht *) Wie befinden Sie ſich, mein Herr? 182 Ankunft in Eincinnati⸗ ſeine Fracht auszuladen. Wahrhaft erſtaunenerregend war die Geiſtesgegenwart, die beide Theile bewieſen um Auf⸗ ſehen zu vermeiden;— er, indem er ſeinen gerechten Un⸗ willen nicht Luft machte, ſondern ruhig und ernſthaft blieb, — fie, indem ſie auch nicht eine Spur von dem Schrecken und der Furcht ſichtbar werden ließ, die doch ſo natürlich waren, als ihr verlaſſener, ſo arg beleidigter Gemahl, den ſie 1400 Meilen weit entfernt glaubte, ſo plötzlich, wie her⸗ geſchneit vor ihr ſtand. Der Alte nahm die Frau am näch⸗ ſten Morgen vom Boote weg, und der junge Mann mußte den Koffer tragen. Wie ſonderbar wechſeln unſere Schickſale. Den 20. Februar langte ich endlich wieder in Cineinnati an und wurde, nach meiner langen Pilgerfahrt, von allen meinen Bekannten mit herzlicher Freude empfangen. Cineinnati. Die Königin des Weſtens, das Eldorado der deutſchen Auswanderer! Fragt einen Deutſchen, der aus einer der Seeſtädte in das Innere des Landes will, wohin er gehe, und die unausbleibliche Antwort iſt:„nach Cincinnati.“ Und was findet er da? Als ich hinkam, waren alle Wirthshäuſer überfüllt von Menſchen, die auf Arbeit warteten, und gern jeden irgend gebotenen Lohn angenommen haben würden, nur ihren Le⸗ bensunterhalt zu verdienen. Ich ſprach unter Anderen auch einen Mann, dem ſein Bruder geſchrieben hatte er möchte doch zu ihm kommen, hier wäre das Land, wo einem ge⸗ wiſſermaßen die gebratenen Tauben in den Mund flögen. Zum Beweiſe führte er ſich ſelber an. Er wäre vor wenigen Jahren mit Nichts nach Amerika gekommen und hätte jetzt ſchon ein Hôtel und Kaffeehaus. Die Sache war richtig; der Mann hatte wirklich ein Hôtel und ein Kaffeehaus. Was wird aber unter einem ſolchen in Amerika verſtanden? Ein Hôtel nennt man jede Baracke, in der ſich ein großes Zim⸗ 184 Hotels und Kaffeehäuſer. Little Germany- mer mit 5—6 zweiſchläfrigen Betten für etwaige Gäſte vor⸗ findet, die dann des Tages regelmäßig dreimal abgefüttert werden, wofür ſie 2 ¼ bis 2 ½ Dollars die Woche(for boarding and lodging) bezahlen.„Coffee-house“ iſt der Name für jede Branntweinkneipe, und wenn nur drei oder vier Flaſchen in den Fenſtern ſtehen, ſo prangt der Name des Eigenthümers als Kaffeehauswirth gewiß in gewaltigen Buchſtaben über der Thür. Der arme Deutſche, von den hochtrabenden Titeln getäuſ cht, kam und fand ſeinen Bruder, trotz Hôtel und Kaffeehaus, in den erbärmlichſten Umſtänden und kaum vermögend ſich ſelber zu erhalten. Der arme Teu⸗ fel mußte ſehen wie er auf ſeine eigene Fauſt durchkäme. Beiſpiele dieſer Art kamen in der Zeit meines dortigen Aufenthalts mehre vor. In Cincinnati wohnt eine ungeheuere Menge von Deut⸗ ſchen; beſonders der obere Theil der Stadt, der von dem Haupttheile durch einen Canal getrennt iſt, enthält faſt nichts als Wohnungen Deutſcher, weßhalb auch die Amerikaner jenes Stadtviertel häufig„little Germany“(klein Deutſch⸗ land) nennen. Aber leider zeichnen ſich meine lieben Lands⸗ leute dort nicht durch Reinlichkeit und gutes Betragen aus, und der Ruf, in dem der Deutſche dort überall ſteht, ſtimmt auch nicht mit den Berichten überein, die ich früher in ſo großer Anzahl über Amerika und über die Achtung, mit der die Deutſchen dort behandelt werden, geleſen habe! Wenn auch der Beſſere dort wohl, wie überall, geachtet wird, ſo thut es doch dem Deutſchen wehe, den Namen„Dutch- man,“(wie die Amerikaner uns alle nennen) als Schimpf⸗ Dutchman. Deutſche Hotels. 185 namen gebraucht zu ſehen, wenn auch die eigene Perſon nicht darunter verſtanden iſt. Es giebt zwar in Amerika, und beſonders in Cincinnati, eine Anzahl von Deutſchen, die ſich ein paar Thaler dort erworben haben und nun auf den ärmeren Theil mit Verachtung herabſehen, ja ſogar in das Schimpfen der Amerikaner auf ihre eigenen Lands⸗ leute mit einſtimmen, denen alſo der Ruf, in dem der Deutſche ſteht, wenig oder gar nicht am Herzen liegt; doch können dieſe ſchwerlich als Regel angenommen werden, und ich habe mich manchmal ihrer geſchämt. Obgleich die Lage Cineinnati's ſehr geſund iſt, ſo iſt doch eine wahre Unzahl von Apotheken und Doctoren dort (unter den letzteren vorzüglich viele Deutſche), und ich be⸗ greife eigentlich jetzt noch nicht, wie ſie alle leben können. Die Zeitungen Cineinnatis ſtarren von Anzeigen über vorzügliche Kaffeehäuſer und Hötels, faſt alle von Deutſchen gehalten(einige gute amerikaniſche Höôtels ausgenommen), und doch ſind die meiſten weiter nichts als Branntweinkneipen und gewöhnliche Wirthshäuſer, ja nicht einmal das was man in Deutſchland unter einem Wirthshauſe verſteht. Sie be⸗ herbergen den armen Teufel von Einwanderer ſo lange, bis er ſein Geld aufgezehrt und vertrunken hat, geben ihm viel⸗ leicht noch für einige Dollars Credit, und ſchicken ihn dann fort, indem ſie für das Wenige, das er ihnen ſchuldet, ſeine. paar Habſeligkeiten als Pfand behalten. Nur ſelten oder nie iſt er im Stande ſie wieder einzulöſen. Ich ſelbſt bin, Gott ſei Dank, dieſen Geiern nie unter die Hände gerathen, habe aber manchen armen Burſchen, 186 Kirchenzeitungen. manchen Familienvater, der auf dieſe Weiſe um Alles ge— kommen war, mit thränenden Augen ſein Leid klagen hören. Recht ſehr hat mich der Religions⸗Unſinn, der in Cin⸗ einnati getrieben wird, und in dem ſich die guten Deutſchen gleichfalls auszeichnen, amüſirt. Beſonders arg machen es die Methodiſten, die unter einem Pennſylvanier Namens Naſch jeden Sonntagabend in ihrer Kirche heulen, ſpringen und ſich die Bruſt ſchlagen und dann, wie ſie es in ihrem englich-deutſchen Dialekt nennen, ſich„glücklich“(happy) fühlen. Herr Naſch gab auch eine deutſche Methodiſten⸗Zeitung heraus, die unter dem Titel„der chriſtliche Apologet“ er⸗ ſchien. Ihm gegenüber, als ſein bitterſter Feind, ſtand„der Wahrheitsfreund“(das katholiſche Blatt), der nur dann aufhörte gegen den„ketzeriſchen Unſinn des chriſtlichen Apo⸗ logeten“ zu wettern, wenn er eine gewaltige Ladung von Gift und Bannflüchen gegen den„Lichtfreund“ ſchleuderte. Der„Lichtfreund“ aber, den Herr Eduard Mühl heraus⸗ gab, lehrte die reine Vernunftreligion und machte ſich über beide Gegner luſtig. Mit den rationaliſtiſchen Predigen und Zeitungen iſt es aber eine eigene Sache, nicht allein in Amerika, ſondern auch in der ganzen übrigen Welt. Nicht etwa als ob es an Leuten fehlte die mit deren Richtung ein⸗ verſtanden ſind, Gott ſei Dank es giebt deren genug und es ſteht zu hoffen daß die Mehrzahl ſich ihnen hinneigt, aber die Leute die eben an keine orthodoxe Religion, die nicht an die Dogmen und Formen glauben und nur eben einer reinen Vernunftreligion leben, gehn wohl ein paar Mal in die Kirche Das kranke Mädchen. — es freut ſie, das auch von einer Kanzel zu hören, was ſie bis jetzt ſich in ihren eigenen Herzen gedacht hatten, aber— ſie mögen nicht viel Zeit darauf verwenden, und beſonders kein Geld dafür ausgeben. Die Kirche iſt ihnen kein Be⸗ dürfniß und der Prediger ſelber, der nun einmal doch leben will, ſieht ſich bald, nachdem der erſte Reiz der Neuheit vor⸗ über iſt, auf einen ſehr kleinen Kreis von Zuhörern be⸗ ſchränkt. Selbſt die Zeitung, für die ihm der blinde Glaube fehlt, wollen die Leute nicht gern halten. So ging es auch in Cincinnati, und während die Metho⸗ diſtenkirche, in der man ſich eher in einem Narrenhauſe als bei vernünftigen Deutſchen glaubte, zur Zeit des Gottesdien⸗ ſtes gedrängt voll Menſchen war, blieb die rationaliſtiſche Kirche ziemlich leer. Mühl durfte ſich allerdings damit tröſten daß es auf der Welt mehr Narren als vernünftige Leute giebt, aber ſeine Caſſe blieb deshalb doch leer, denn auch ſeine Zeitung, die er nicht allein ſelber ſchrieb, ſondern auch eigenhändig ſetzte und druckte, ging ſehr ſchwach, und er ſiedelte ſpäter nach Miſſouri über. Während meines dortigen Aufenthalts hörte ich auch, daß ein deutſches Mädchen in little Germany krank liege, das vom Teufel, vom Gottſeibeiuns, beſeſſen ſei. Ich wollte erſt nicht glauben daß in unſerem Zeitalter ſo etwas vorfallen könnte, doch betheuerte mir ein junger Oldenburger, den ich kennen lernte, hoch und heilig, daß Alles wahr, und daß er ſelbſt dort geweſen ſei und die Sache mit angeſehen ,““ habe. Da ihm Alles, was die guten Leute trieben, baarer 188 Beſuch bei der Beſeſſenen. Unſinn geſchienen hatte, war er unvorſichtig genug geweſen, dieß zu äußern, und das bigotte Volk(deutſche Katholiken aus dem Elſaß) war über ihn hergefallen und hatte ihn mit Schlägen zum Hauſe hinausgetrieben. Ein junger Mann, Herr Jul. Weyſe(der damals in Cineinnati war), und ich, beſchloſſen alſo den Spectakel ein⸗ mal mit anzuſehen, und gingen eines Abends nach dem be⸗ zeichneten Hauſe in„little Germany.“ Leicht wurden wir beſchieden wo das kranke Mädchen ſich befände, denn jener Theil der Stadt war voll von dem„ſonderbaren Vorfall,“ wie ſie es nannten. Es war ſchon dunkel, als wir in das kleine Zimmer eines ſogenannten„frame-house*)“ traten! Ueber dem Kamin ſtand eine Lampe, die ſchon faſt verlöſcht war, und in dem engen Raume lagen gegen 20— 30 Perſonen, in ſtil⸗ lem Gebete, auf den Knieen. Keiner ſprach ein Wort. Die Lampe flackerte und verdunkelte ſich wieder, leuchtete noch einmal hell auf und erloſch dann ganz. Dichte Finſter⸗ niß herrſchte, und nur das leiſe Athemholen der Betenden war hörbar; aber ein dumpfes Murmeln und Brauſen, wie das Getöſe ferner Brandung, ſchlug an mein Ohr, und ich wußte lange nicht was dieß zu bedeuten habe. Plötzlich wurde eine Thür geöffnet. Helle drang in den kleinen Raum, und mit ihr das Murmeln hundertfacher Stimmen. Leute kamen aus der Thüre, und die, welche bisher knieend gebe⸗ *) Ganz von Holz erbaute Häuſer, von ſtarken Geſtellen aufgeführt und mit Bretern benagelt. Die geiſtlichen Doctoren. 189 tet hatten, ſtanden auf und bewegten ſich dem Lichte zu. Wir folgten dem Strome. Ein ſonderbarer Anblick bot ſich unſeren Augen. Wir traten in einen ziemlich großen Raum, aus dem uns eine fürchterliche Hitze entgegenſtrömte, und fanden das ganze Zimmer gedrängt voll knieender Menſchen, ſowohl Männer als Frauen. Auf einem Tiſche in der Ecke brannten zwei Lichter. Drei Männer mit aufgeſchlagenen Büchern ſaßen daran und ſprachen laut das katholiſche Gebet,„Gebenedeiet, ſeiſt du, Maria“ ꝛc., das die ganze Verſammlung im Chore nachſprach und, ſobald es beendigt war, wieder von vorn an⸗ fing. Obgleich erſt im Mai, war doch die Hitze im Zim— mer, durch dieſe große Anzahl von Menſchen, drückend, und ſiedendheiß lief's mir über den ganzen Leib. Doch noch wärmer ſchien es dem armen Weſen zu ſein, das hier der Gottheit„Unſinn“ geopfert wurde. Auf einem breiten Bette in der, dem Tiſche gegenüberſtehenden Ecke, lag die Kranke, die, wie mir geſagt wurde, erſt 17 Jahre alt war, mir aber, wie ſie ſo da lag, 37 Jahre alt vorkam. Sie ſchien ſehr ſchwach und angegriffen zu ſein, was auch gar nicht zu ver⸗ wundern war, denn ſeit mehren Tagen und Nächten dauerten die Gebete ununterbrochen fort. Ihre Mutter beugte ſich uber die Kranke und trocknete ihr mit einem Tuche fortwäh⸗ rend die Stirn, auf der ſtets neue Schweißtropfen durch die furchtbare, drückende Stubenwärme hervorgepreßt wurden. Es mochte ungefähr 7 Uhr geweſen ſein, als wir in die⸗ ſen Begräbnißplatz der geſunden Vernunft eintraten, und es war 10 Uhr, als wir es erſt möglich machen konnten, Der Koffer aus New⸗York. wieder in's Freie zu gelangen, und während dieſer ganzen Zeit wurde Nichts gethan, als ein und daſſelbe Gebet mono⸗ ton wiederholt, um, wie mir ein kleiner Elſaſſer, der neben mir ſtand, leiſe zuflüſterte:„den Teufel, der in ihr ſtecke, herauszutreiben, auf daß ihr Körper geneſe!“ Es mußte aber auf jeden Fall einer der hartnäckigſten Teufel ſein, die je exiſtirt haben; denn wäre ich an ſeiner Stelle geweſen und hätte ſollen Tage und Nächte lang ein und daſſelbe Gebet mit anhören, ich wäre ausgefahren, und wenn es aus dem Paradieſe geweſen wäre. Mit einer wahren Wolluſt athmete ich die balſamiſche Nachtluft ein, als wir aus der Peſthöhle traten. Ich habe nie gehört, was ſpäter aus dem armen Mädchen gewor⸗ den iſt. Ich hatte mich, wie ſchon früher erwähnt, deshalb in Cineinnati ſo lange aufgehalten, meine beiden Koffer wie das mir noch zuſtehende Geld von New⸗York zu erwarten. End⸗ lich kam der kleinere der beiden Koffer an, und zwar halb gefüllt nur, und mit einigen alten, noch dazu fremden Schu⸗ hen und Stiefeln belaſtet. Von meinen Sachen lagen noch einige Hemden, einige Paar Socken und ein alter Rock darin. Geld hatte mir mein früherer Compagnon, der gute Herr Naumann, ebenfalls nicht mitgeſchickt, weil er es wahrſchein⸗ lich ſelber brauchte, und mich weit genug entfernt glaubte. Daß mich die Bären und Indianer indeß nicht umgebracht, war ja doch nicht ſeine Schuld, weshalb ſollte er darunter leiden. Mir blieb indeſſen, auch der letzten Hülfsmittel entblößt, Dienſt als Feuermann. Untergang der Chillicothe. 191 nichts anderes übrig als wieder einmal etwas zu verdienen und ich ging deshalb, da andere Arbeiter zu ſchlecht in Cin⸗ einnati bezahlt wurden, und ich der engliſchen Sprache noch nicht mächtig genug war irgend eine Stellung anzunehmen, wieder an Bord deſſelben Dampfers mit dem ich von New⸗ Orleans als Paſſagier heraufgekommen war, als Feuermann. Meine Erlebniſſe darauf erlaubt mir der Raum hier nicht zu beſchreiben— ſie würden allein einen Band füllen, und ich habe ſie auch ſeit der Zeit theils in den Miſſiſſippibil⸗ dern, theils in anderen Erzählungen dem Leſer vorgeführt. Das rohe Leben aber, und die furchtbar ſchwere Arbeit, noch dazu im heißen Sommer in dem ungeſunden New⸗Orleans wurden mir doch zuletzt zu arg und wieder in Cincinnati an⸗ gekommen beſchloß ich etwas anderes zu ergreifen. In damaliger Zeit waren auch wieder mehrere Unglücks⸗ fälle mit Dampfbooten vorgekommen,(auch die Chillicothe ſank gleich auf der nächſten Reiſe, nachdem ich ſie verlaſſen hatte). So wurde die„Moſelle“ ein ungemein ſchnelles Boot, durch die Wuth des Capitains, mit einem anderen Boote zu wettfahren, und durch unvorſichtiges Zurückhalten der Dampf⸗ kraft, nahe bei Cineinnati in die Luft geſprengt, wobei 130 Menſchen, die in den aufgefundenen Schiffsbüchern notirt waren, ihr Leben verloren; Gott weiß, wie viele arme Zwi⸗ ſchendeckpaſſagiere, die gar nicht eingeſchrieben waren, noch außerdem. Dreißig Wagen brachten die zerſtückten Körper zu ihrer letzten Ruheſtätte, und noch Wochen lang wurden, unterhalb Cincinnati, Leichname an's Ufer geſchwemmt. Die Gewalt des Dampfes war ſo groß, daß ſie einen Mann an — — ͦ——— 192 Der Silberſchmied. Abermaliger Aufbruch. das gegenüberliegende Ufer von Kentucky ſchleuderte und einen anderen gerade in die Höhe warf, der, in der Luft einen Bogen beſchreibend, im Herunterſtürzen mit dem Kopfe durch ein Schindeldach fuhr und dort, natürlich als Leiche, ſtecken blieb. Ich ſuchte lieber in Cineinnati ſelbſt Arbeit und fand ſie bei einem Silberſchmied. Obgleich ich von ſeinem Geſchäfte nichts verſtand, ſo arbeitete ich mich doch ſchnell hinein und war bald bei den Leuten, gar freundlichen Engländern, wie ein Kind vom Hauſe. Hier verlebte ich einen der ruhigſten Zeitabſchnitte mei⸗ nes Lebens, arbeitete hart und hielt mich mäßig. Doch wollte mir das Philiſterleben nicht ſehr behagen; es trieb mich wieder hinaus in die liebe, freie Gottesnatur, und nur der Wunſch, mir etwas Ordentliches zu verdienen und dann vielleicht ein Stück Land zu kaufen und ſelber anſäſſig zu werden, nebſt anderen langgehegten und liebgewonnenen Plänen, hielt mich zurück. Aber es waren auch nur Pläne geweſen, und ſchon im Mai 1839 warf ich das mir ſelbſt aufgelegte Joch wieder ab. Ich hatte meine Schrotflinte gegen eine Doppelbüchſe ausgetauſcht, richtete mir alle meine Jagdgeräthe wieder her, packte eine Cither, die ich in Cin⸗ einnati ſpielen gelernt und gekauft hatte, dazu, ſchüttelte allen mir liebgewordenen Freunden die Hand und ging jetzt etwas Reiſegeld in der Taſche mit einem jungen Deutſchen, Namens Uhl, auf das Dampfboot„Commerse, 5 un neuen Abenteuern und Gefahren entgegenzuziehen. Landleben im Weſten. Das Dampfboot ſchäumte und ziſchte durch die, am Vor⸗ dertheile hoch aufſpritzenden Fluthen, und das Land flog, wie durch Zaubergewalt getrieben, an beiden Seiten vorüber. Es war ein eigenes ſonderbares Gefühl das mich ergriff, und faſt kam es mir vor, als ſei ich neugeboren und fliege einer fremden, wilden Welt entgegen. Anfangs weckten freilich dieſe Bilder nur dunkele Erinnerungen in mir, je weiter wir aber zogen, deſto deutlicher wurden ſie, und zuletzt hätte ich jedem grünen, gewaltigen Baume, der die Ufer des ſchönen Ohioſtromes zierte, wie einem alten Bekannten zunicken und ihn fragen mögen ob er mich wohl noch kenne. Mein Reiſegefährte Uhl, ein junger Berliner, den ich in Cincinnati kennen gelernt und liebgewonnen hatte, und der, wie ich ein großer Jagdliebhaber, Arkanſas gern kennen lernen wollte, ſchien meine Gefühle nicht zu theilen und hatte ſich behaglich über eine geräucherte Zunge und Brod und Whiske hergemacht, Gegenſtände, denen er mit nicht unbe⸗ deutendem Appetite zuſprach. Wir waren erſt wenige Mei⸗ er, Streif⸗ und Jagdzüge I. 194 Der Miſſiſſippi und der Ohio. len gefahren, als es ſchon dunkelte, und ermüdet von den vielen Geſchäften, die ich den Tag über gehabt hatte, warf ich mich bald auf's Lager— auf ein weiches, warmes Büffelfell. Das Leben und Treiben an Bord eines Dampfbootes iſt an und für ſich, eine kurze Zeit lang beobachtet, recht in— tereſſant, aber das fortwährende Klappern und Stöhnen der Maſchine, das Rauſchen der Räder ermüdet endlich, und nur das ſchnelle Vorbeiſchießen des Bootes an den Ufern ge⸗ währt noch einige Abwechſelung. Am 17. Mai liefen wir in den Miſſiſſippi, den ich faſt wie einen alten, lange nicht geſehenen, aber doch heiß erſehn⸗ ten Freund begrüßte. Die Amerikaner haben eine Sage daß, wer einmal an ſeinen Ufern geweſen, dorthin immer und immer wieder zurück müſſe, und es hat wirklich etwas für ſich. Die Sehnſucht nach dem Miſſiſſippi hat mich bis auf den heutigen Tag noch nicht verlaſſen. Schon an den Fluthen kann man übrigens erkennen, wo der Ohio ſich mit dem„Vater der Waſſer“ vermiſcht, denn der erſtere iſt klar und hell, letzterer aber trüb und ſchlammig. Eine ziemliche Strecke weit laufen beide nebeneinander hin, der Miſſiſſippi mehr und mehr in den Ohio eindringend, und dieſer ſcheu zurückweichend, als thue es ihm leid ſeine klaren Fluthen mit dem Schmutze, den jener aus Miſſouri herab⸗ führt, zu beflecken. Am 18. Mai landete endlich der„Commerc 5 Uhr Nachmittags zu Memphis in Teneſſee. „etwa ließen Arkanſas. — uns ſogleich an das andere Ufer nach Arkanſas überſetzen und ſprangen froh in dem erſehnten Staate an Land. Nach der viertägigen Waſſerfahrt wehte uns eine bal⸗ ſamiſch⸗milde Luft aus dem grünen Walde entgegen, und 1 noch mehr würden wir dieſe genoſſen haben, hätten uns nicht die Laſten, die wir zu tragen hatten, ein wenig zu ſehr ge⸗ 8 drückt. Außer einer, mit allen nur möglichen Dingen ge⸗ füllten und ſehr ſchweren Jagdtaſche trug ich nämlich noch .. ein großes Büffelfell, und Uhl eine ſchwere Decke und einen Vorrath von Pulver und Blei. Doch waren wir unermüdet und friſch bei Kräften und beſchloſſen, obgleich es ſchon zu dämmern anfing, denſelben Abend noch unſeren Marſch an⸗ zutreten und dazu die kühle Nachtluft zu benutzen, da es die Sonne von Arkanſas in der Mittagszeit etwas zu gut meint. Beim ſchönſten Mondſchein marſchirten wir alſo noch unge⸗ fähr 5 Meilen und legten uns dann in ſeinem Silberſchim⸗ mer nieder, waren aber bald genöthigt, ein Feuer anzu⸗ machen um die Mosquitos zu vertreiben, die wirklich pei⸗ nigend wurden. Der andere Morgen fand uns erquickt und geſtärkt, aber hungrig wie Löwen. Wir brachen auf, in der Hoffnung, eeinen Hirſch zu treffen, den wir als gute Beute erklären könn⸗ ten; doch war jetzt nicht die rechte Jahreszeit zur Jagd und wir deßhalb ſehr froh als wir endlich ein Haus fanden, in V dem wir uns mit Speck und Maisbrot ſättigten. Was wir in Hinſicht auf Wild hörten, war eben nicht ſehr erbaulich, denn faſt alles ſollte in die dunkelſten Dickichte und Schilfbrüche geflüchtet ſein, Ruhe vor den Fliegen und 13* — 196 Schlechte Ausſichten und Erfahrungen. Mosquitos zu haben, die in den hieſigen Sümpfen den armen Thieren furchtbar zuſetzen. Doch was half es, wir konnten es nun einmal nicht ändern und wanderten ruhig weiter. Die Leute hatten vollkommen Recht, wir ſahen nicht einen Hirſch, nicht einmal eine Fährte auf der Straße; ein armes Rebhuhn, das uns neugierig von einem Baume herab 4 (nach Gewohnheit der amerikaniſchen Rebhühner) anſchaute, war unſere einzige Jagdbeute. Nachmittags umzog ſich der Himmel mit dunkelen Wolken, was uns übrigens nur er⸗ wünſcht war, denn es wurde dadurch kühler. Dieſen Abend ſahen wir das erſte Wild— einen Trut⸗ — — hahn. Er wollte über die Straße und blieb, als er uns ſah, ſtehen. Uhl ſchoß mit der Büchſe nach ihm, fehlte aber, und der Truthahn nahm die Kugel für einen Reiſepaß. Mit Dunkelwerden fing es an tüchtig zu regnen, und wir. waren ſehr froh ein altes, von ſeinen Bewohnern verlaſſenes Haus zu finden, in dem wir uns wenigſtens trocken halten konnten. Wir machten ein gutes Feuer im Kamine an und wuſchen, da der Regen einen Augenblick aufhörte, einige Wäſche im vorbeiſtrömenden Bache, die am flackernden Feuer bald trocknete. Wir brieten jetzt, denn unſer Hunger ließ ſich nicht länger abweiſen, das geſchoſſene Rebhuhn in unſerem eiſernen Kugellöffel, beſtreuten es, in Ermangelung von Salz, mit Pulver und verzehrten es mit dem wehmüthigen Gedanken;„für zwei Mann einen Vogel.“ Der andere Morgen brachte beſſeres Wetter, aber eine enorm ſchlechte Straße mit ſich, die der Regen faſt ganz verdorben hatte, doch erreichten wir, wenige Meilen von un⸗ Der abgebrochene Gewehrkolben. 197 ſerem Nachtlager ein Haus, worin wir wenigſtens unſeren Magen wieder befriedigen konnten.„ Da der Weg furchtbar ſchlecht war, beſchloſſen wir, unſere Sachen hier für einige Zeit liegen zu laſſen und erſt ein wenig zu jagen. Das Wild ſchien aber wie ausgeſtor⸗ ben zu ſein, und vergebens durchzogen wir den Wald in allen Richtungen. Außer einigen Truthühnern ſahen wir Nichts, und dieſe waren ſo ſcheu, daß wir ſie nicht zum Schuß be⸗ kommen konnten. Wir gingen denſelben Abend auf den An⸗ ſtand, ſahen aber ebenfalls Nichts und kehrten matt und müde zum Haus zurück. Noch größeres Unglück erwartete mich am nächſten Tage, denn, unſeren Weg fortſetzend, fanden wir eine ganz friſche Bärenfährte und folgten ihr eifrig; da aber der Wald zu dicht war und unſer Gepäck uns am Vordringen hinderte, mußten wir die Jagd aufgeben. Ich wollte jetzt, zur Straße zurückkehrend, über ein Loch ſpringen, das ein umgeſtürzter Baum mit der Wurzel geriſſen hatte, blieb aber mit dem lin⸗ ken Fuße in einer der unzähligen Schlingpflanzen die den Boden bedeckten, hängen, ſtürzte und brach den Kolben mei⸗ ner Büchſe ab, mir noch dazu mit dem unteren Theil deſſel⸗ ben die Lippe durchſchlagend, wodurch mehre Zähne in einen höchſt unſicheren Zuſtand verſetzt wurden. Ich band mit meinem Schnupftuch die Büchſe ſo gut es gehen wollte zu⸗ ſammen, und ärgerlich und verſtimmt ſetzten wir unſeren Weg fort. Um 10 Uhr Morgens, da die Sonne anfing ihre glü⸗ henden Strahlen heißer auf uns herabzuſchießen, als uns 198 Krebſe. gerade wünſchenswerth ſchien, beſchloſſen wir die Hitze des Tages ein wenig vorüberzulaſſen und in dem nächſten Hauſe einzukehren. Eine alte Wittwe bewohnte es mit ihren Söh⸗ nen, von denen ich den einen eifrig beſchäftigt fand an dem nahe dabei vorüberfließenden Waſſer zu angeln. Sobald er aber den Haken einwarf, zog er ihn auch ſchon wieder mit einem B 1 2 Fang beladen, heraus. Der glückliche Fiſcher reizte meine Neugierde; ich ging zu ihm, zu ſehen was er eigentlich fange, traute aber kaum meinen Augen, als ich fand daß es Krebſe waren, die er in ſo ununterbrochener Reihenfolge zu Tage förderte. Krebſe ſind von je mein Lieblingseſſen geweſen, und ich hatte ſie ſeit Jahren nicht gegeſſen. Schnell holte ich deshalb aus meinem Jagdranzen kleine Fiſchhaken, und in einer hal⸗ ben Stunde hatten Uhl, zwei kleine Knaben und ich einen halben Eimer voll erbeutet. Die alte Frau ſchaute uns verwundert zu als wir einen Keſſel herbeiſchleppten, ihn mit Waſſer füllten und unſere Beute mit etwas Salz hineinwarfen; ſie hatte immer ge⸗ glaubt, man brauche dieſe Thiere blos zur Lockſpeiſe für Fiſche, daß man ſie ſelber eſſen könne war ihr noch gar nicht eingefallen. Bald ſchimmerten uns die rothen Naſen der gut gekochten Krebſe freundlich entgegen, und wir ließen uns eben nicht nöthigen zuzulangen. Das Eſſen wäre nund der geringſte Spaß geweſen, aber die Geſichter der alten und jungen Amerikaner zu ſehen, die unter Ekel und Lachen um uns her ſaßen, erhöhte den Reiz unſerer Mahlzeit, denn nie hätten ſich die guten Leute träumen laſſen, daß man die Blackfish-lake. 199 ekelhaften, rückwärts kriechenden Thiere mit ſolchem Appe⸗ tite verzehren könne. Recht freundlichen Abſchied nahmen wir von den Leuten und wanderten, als die Bäume ſchon lange Schatten warfen, weiter gen Weſten, bis wir ungefähr um 10 Uhr eine Art erreichten, an deſſen anderes Ufer wir hinübermußten. Zwar war ein Haus am Ufer, in dem der Fährmann wohnte, doch ſchien ſchon Alles im Bette zu ſein; wir zündeten daher unſer Feuer am Rande des Seees an und ſchliefen, in unſere Decken ge⸗ wickelt, trotz den uns wüthend und ſingend umſchwärmenden Mosquitos, ruhig bis zum nächſten Morgen. Am 22. Mai waren wir mit Tagesgrauen munter und wer wäre das nicht, der in einem ſüdlichen Klima, im Freien, umſchwärmt von Mosquitos ſchläft, die mit der erſten Morgendämmerung friſche Kräfte geſammelt haben und ihre Angriffe wüthend erneuern. Wir weckten den Fährmann, der uns indeß eine kleine Sumpfpartie in unerwünſchte Ausſicht ſtellte, ja ſo⸗ gar behauptete wir würden mit unſerem Gepäcke nicht hin⸗ durchkommen. Das Wort impossible hatte ich aber ſchon zu oft, und zwar bei Dingen, die doch nachher möglich ge⸗ macht wurden, gehört, als daß ich mich dadurch hätte ſollen abſchrecken laſſen; doch graute mir ein wenig vor dem Sumpfe, der 10 Meilen*) lang ſein ſollte. Für unſeren Hunger konn⸗ ten wir nur mit vielen Bitten und gegen hohe Bezahlung See— den ſogenannten blackfish-lake *) Es verſteht ſich von ſelbſt daß wo von Meilen in dieſen Blättern die Rede iſt, immer nur engliſche gemeint ſind. —————————— 200 Marſch im Urwald. ein Stück Brot von dem Manne bekommen, der, wie er be⸗ hauptete, ſelbſt Nichts hatte. Blackfish-lake iſt ein wüſt und trüb ausſehender, viele Meilen langer und nur einige hundert Schritt breiter See, deſſen Waſſer wie ſchwarzer Kaffee ausſieht und der durch die dunkeln, darüber hingebeugten Cypreſſen ein ſchauerliches, düſteres Ausſehen erhält. Er ſoll übrigens, wie alle dieſe Sümpfe, von Schlangen und Ungeziefer wimmeln. Auf der anderen Seite angekommen, hatten wir nicht lange nöthig, uns nach dem Sumpfe umzuſehen— er zeigte ſich ſofort unſern Augen. Nun iſt zwar das ganze Land, durch das wir bis jetzt gekommen waren, eben ſolcher Sumpf, aber bis hierher führte eine breite Fahrſtraße, die den Staat Arkanſas— von Memphis in Teneſſee bis nach Batesville— in einer faſt ſchnurgeraden Linie, von Oſt nach Weſt, durchſchnitt. Der Weg durch den Wald an der anderen Seite von Blackfish-lake war aber noch nicht einmal ganz ausge⸗ hauen, vielweniger erhöht, und lag in ſeinem vollen Urzu⸗ ſtand vor uns. Wir traten jetzt in das Heiligthum des Urwaldes— gerechter Gott, welch' ein Marſch, und welch' ein Wald!— Eine Laſt von etwa 70 Pfunden auf den Schultern, grundloſen Schlamm unter den Füßen, die Sonne höher und höher ſteigend, eine, in dem tiefen, war⸗ men Grunde, faſt erſtickende Hitze— das war unſere benei⸗ denswerthe Lage! Kaum eine Viertelmeile konnten wir uns durch Schlamm und Dornen hindurcharbeiten, und erſchöpft ſanken wir wieder nieder, ein wenig auszuruhen. Aber — Die Familie des Auswanderers. 201 auch dieſe Ruhe war Pein, denn kein Lüftchen wehte den Er⸗ matteten Kühlung zu, und in demſelben Augenblicke, in dem wir den Fuß anhielten, bedeckten uns Tauſende von Mos⸗ quitos(Gott weiß, woher ſie alle kamen), unſeren glühenden Adern das erhitzte Blut tropfenweiß abzuzapfen. Das Waſſer, das uns erquicken ſollte, war lauwarm, und aus ſchmuzigen, mit ekelhaftem Schaum bedeckten Pfützen muß⸗ ten wir es mit Schilfhalmen herausſaugen. Verließen wir den etwas betretenen, aber dadurch um ſchlammigeren Weg und gingen, gerade durch den Wald, blieben wir faſt bei jedem Schritte in den unzähligen Dor⸗ nen und Schlingpflanzen hängen, die ſich uns oft in faſt un⸗ durchdringlichen Knäueln entgegendrängten. Wir verzagten jedoch trotz dem nicht, und wanderten und ruhten ſo gut wir konnten. ſo 8 Eben waren wir wieder einmal ermattet niedergeſunken, als wir die Schläge einer Art hörten. Das war ein himm⸗ liſcher Klang für unſer Ohr; augenblicklich wurde unſer Ge⸗ päck abgeworfen, und Uhl ging dem Schalle nach, zu ſehen welches unglückliche Menſchenkind beabſichtige ſich in dieſem Sumpfe niederzulaſſen. Bald kam er zurück und rief mir zu die Laſt wieder⸗ aufzunehmen und mitzukommen, denn er hätte charmante Leute gefunden. Beide arbeiteten wir uns nun durch das, an manchen Stellen faſt undunhdringliche Dickicht zu den Fremden durch. Es war eine Familie aus Teneſſee, die hier Halt gemacht hatte ihr Mittagsmahl zu verzehren. Sie beſtand aus dem 202 Mittagsmahl im Sumpfe. alten Teneſſier, einer großen, kräftig gebauten Geſtalt, der das Alter nur hie und da einige Furchen eingegraben hatte, ſeiner Frau, einer noch rüſtigen Matrone, 2 Knaben von 10—15 und 3 Töchtern von 7—12 Jahren. Zwei Stiere und ein Pferd weideten ruhig um ſie herum. Zwei große Hunde waren unter den beiden Wagen, die ſie mit ſich führ⸗ ten(einem Laſtwagen und einem leichten Fuhrwerke zum Fortſchaffen der Frau und der Kinder) angebunden und er⸗ warteten mit ſehnſuchtsvollen Blicken ihr Mittagsbrod, in⸗ dem ſie ſich, ſoweit es ihnen der Strick erlaubte, zu dem, auf einem etwas trockenen Platze ausgebreiteten Tiſchtuch hinpreſſten. Maisbrod, Butter, Schweinfleiſch, Käſe und Kaffee machten die Beſtandtheile des Mahles aus, und nach einigen freundlichen Begrüßungen und herzlichen Einladungen von Seiten des Alten, waren wir bald alle im Kreiſe, auf tür⸗ kiſche Manier, umhergelagert. Die Mosquitos abzuhalten, hatten die Kinder ringsumher Feuer angezündet und faules Holz, an dem kein Mangel war, darauf gelegt, ſo daß dich⸗ ter Rauch über uns hinwegzog, und die Quälgeiſter, die dieſen nicht vertragen können, uns ziemlich in Ruhe ließen. Uhl und ich machten denn auch unſerer deutſchen Abkunft keine Schande, und unſere Schuld war es nicht, wenn noch etwas von den Lebensmitteln übrig blieb. Als der größte Theil derſelben verzehrt war, machten wir uns wieder auf den Weg, nahmen herzlichen Abſchied von den gaſtfreien Leuten, und bald bewieſen Fußſpuren, die 18— 24 Zoll tief in den dünnen Schlamm eingedrückt Das Ziel der Schlammwanderung. Giftpflanzen. 203 waren, und in denen ſich hinter uns das trübe Waſſer wieder ſammelte, daß erſt kürzlich deutſche Stiefeln darin ge⸗ ſteckt hatten. Endlich, als ſich die Sonne ſchon hinter die Bäume ſenkte und nur noch als ein rother Gluthball am Horizonte erſchien, ſahen wir es lichter und offener durch die Bäume ſcheinen. Mit der äußerſten Anſtrengung unſerer Kräfte erreichten wir den freien Platz und fanden mit einem Jubel⸗ ruf das Ziel unſerer Schlammwanderung, ein kleines Block⸗ haus, vor uns. Wir beſchloſſen nun, hier auf jeden Fall einen kleinen Halt zu machen, um auszuruhen und uns und unſere Klei⸗ der zu reinigen und zu waſchen. Am anderen Morgen, den 23. Mai, erwachte ich von einem unausſtehlichen Jucken im Geſicht und an der rechten Schulter, und fand zu meinem nicht geringen Erſtaunen, daß beide Theile ganz mit kleinen Bläschen dicht beſetzt und etwas angeſchwollen waren. Ein Amerikaner, der nur wenige hundert Schritte von dort wohnte, und wahrſchein⸗ lich zum Hauſe gekommen war uns zu ſehen, klärte mich bald über die Urſache meiner Schmerzen auf. Der Sumpf iſt nämlich überall mit Schlingpflanzen und kleinen Gewäch⸗ ſen bedeckt, von denen ein großer Theil giftig und mit einem milchweißen Safte gefüllt iſt. Nun hatte ich wahrſcheinlich eine von ihnen abgebrochen und den Saft an mich gerieben. Ruhe und Kühlung ſollten die beßten Heilmittel dafür ſein. Ich überließ mich alſo denſelben, nachdem ich zuvor die ge⸗ ſchwollenen Stellen mit Schweinsfett etwas eingerieben hatte, 204 Schnelle Heilung aller Schäden. um das Gift zu tödten. Sonderbar muß ich ausgeſehen haben, mit dem angeſchwollenen, mit kleinen Blaſen bedeck⸗ ten und mit Schweinsfett eingeriebenen, glänzenden Geſichte. Uhl wollte ſich todt darüber lachen. Denſelben Abend trafen dort einige Maulthiertreiber von Teras ein, die nicht weit vom Hauſe ihr Lager aufſchlu⸗ gen. Es waren 3 Weiße und 2 Cherokeſen. Der eine der beiden Indianer ſprach ziemlich gut engliſch, und ich unter⸗ hielt mich lange mit ihm. Er hatte ſich ganz die Sitten der Weißen angeeignet, ſchien aber die„bleichen Geſichter“ eben nicht beſonders zu lieben. Erſt ſpät ging ich zu Bette und träumte von Indianern und Büffeljagden. Den nächſten Tag mußten wir meiner Giftgeſchwulſt wegen liegen bleiben, und da ich mich ruhig verhielt, ſo hatte ſie gegen Abend ſchon bedeutend abgenommen. Das Gepäck aber, welches wir bis jetzt geſchleppt hatten, wurde uns nun doch zu ſchwer, und wir beſchloſſen einen Theil deſſelben bei dieſen Leuten zu laſſen, um erſt zu ſehen was eigentlich aus uns werden würde. Keiner von uns hatte ſich nämlich einen beſtimmten Plan gemacht; unſer beiderſei⸗ tiger Wunſch war nur der geweſen, ins Freie, in den Wald zu kommen, wobei, wie wir gar nicht unrichtig geſchloſſen hatten, ſich das Andere ſchon von ſelbſt finden würde. Als wir nun am zweiten Tage, um ein Bedeutendes er⸗ leichtert und mit friſchen Kräften, ausmarſchirten, kamen wir nach einer mehre Meilen langen Tour zu einem Schmiede, der mir glücklicher Weiſe meinen Gewehrkolben wieder in ——Qʒ⏑—ÿʃ ·::4..— Strong'’s Plantage. 205 Stand ſetzen konnte, denn ſonſt hätte ich gar nicht ſchießen können. Dieß geſchah auf Mr. Strong's Plantage, wo ſich die Wege nach Batesville und Little⸗Rock theilen. Wir waren noch unſchlüſſig, welchen der beiden Wege wir ein⸗ ſchlagen ſollten, als wir hörten daß viel mehr Wild an dem Wege nach Batesville als an dem nach Little⸗Rock ſei; dieß gab den Ausſchlag. Wir warteten daher nur die Kühle des Abends ab, unſeren Marſch fortzuſetzen. Während der Schmied noch an meinem Kolben arbeitete, kam auch der alte Teneſſier mit ſeiner Familie aus dem Sumpfe an. Drei Tage und drei Nächte hatten ſie damit zugebracht, die 10 Meilen zurückzulegen, und mir bleibt es jetzt noch ein Räthſel wie ſie überhaupt durchgekommen ſind Am 26. Mai Abends endlich, nachdem wir uns vorher reichlich an Brombeeren, von denen viele am Wege wuchſen, gelabt hatten, kamen wir zu einem Hauſe, das einem Manne Namens St. gehörte, und beſchloſſen, daſelbſt zu übernach⸗ ten. Wir fanden beſſere Leute als wir erwartet hatten, und ließen uns nach dem Eſſen in ein langes Geſpräch mit unſerem Wirthe ein. Hier erfuhren wir übrigens zu unſerem nicht geringen Schrecken, daß, im Fall wir nicht 28 Meilen zu ſchwimmen vermöchten, an ein Weitergehen nicht zu den⸗ ken ſei, denn der ganze Sumpf zwiſchen hier und White⸗ River ſei unter Waſſer geſetzt. Uhl und ich ſahen uns mit etwas langen Geſichtern an, denn was jetzt? Aber St. war freundlich genug uns anzubieten bei ihm zu bleiben, bis der Sumpf etwas ausgetrocknet ſei. Das würde höch⸗ ſtens bis Mitte Juli dauern und das Wild, welches wir 206 Jagd im Urwald. unter der Zeit ſchöſſen, würde ihn reichlich für die uns ge⸗ währte Koſt bezahlen. Das war natürlich Waſſer auf unſere Mühle, und ſchon am nächſten Morgen, ehe wir noch recht zu Athem gekom⸗ men waren, zogen wir ſchon mit dem Alten, einem eifrigen Bärenjäger, und ſeinen 7 Hunden hinaus in den Wald. Aber was für ein Wald! Man denke ſich einen Urwald ja nicht etwa wie unſere deutſchen Wälder, mit geraden, ſchlanken Bäumen, den Boden wie gefegt— nein, Sumpf und Dornen, Schlingpflanzen, wilde Weinreben, überein⸗ andergeſtürzte und ganz oder halb verfaulte Bäume, kleine natürliche, tiefe und ſchlammige Canäle, Buſchwerk, in das man kaum mit einem Meſſeer hineinſtechen kann, zum Ueber⸗ maß der Wonne das Ganze mit Mosquitos und einer kleinen Art Mücken, die knats genannt werden, gefüllt, der Schlan⸗ gen, die hie und da um den Rand der Waſſer herumliegen, gar nicht zu gedenken. Dieß Alles erſt bildet einen ameri⸗ kaniſchen Urwald, und in einem ſolchen fingen wir an zu jagen. Ein paar Stunden mochten wir herumgelaufen ſein, als die Hunde plötzlich einen jungen Bären aus ſeinem Lager aufjagten, und wild ging die Hetze jetzt hinterher. Nicht lange aber hatten wir ihn verfolgt, als die Hunde am Ufer des Fluſſes l'Anguille, oder, wie ſie es dort ausſprechen, Langie, hielten und furchtbar heulten. Weder Schmeicheln noch Drohen konnte ſie bewegen, hindurchzuſchwimmen, und St. meinte, daß, wenn Einer von uns hinüberſchwämme, ſie auf jeden Fall folgen und drüben die Fährte wiederaufneh⸗ Schwimmpartie auf der Bärenjagd. 207 men würden. Er konnte nicht ſchwimmen, und da Uhl nicht wollte, warf ich meine Kleider ab und ſprang ins Waſſer. Der Fluß, der im Sommer ſehr ſeicht iſt und kaum zu flie⸗ ßen ſcheint, war um dieſe Jahreszeit ungeheuer angeſchwollen und weit über die Ufer getreten. Als ich nun ein Stück hineingeſchwommen war, fing St. an die Hunde zu hetzen, und bald hörte ich ſie ſich heulend ins Waſſer ſtürzen und mir folgen. Ich ſchwamm langſam mit langen Zügen und war ungefähr in der Mitte der Fluth, als ich zwei der Hunde dicht hinter mir hörte, und St. indeſſen am Ufer die anderen noch immer mehr anfeuerte, als hetze er ſie auf einen Bären. Die zwei hinter mir heulten vor Wuth, und wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke:„wenn ſie dich nun faßten?“ Sobald es nur einem von ihnen einfiel mich zu packen, hätte ich die ganze Meute auf dem Halſe gehabt, und ihnen völlig fremd, im Waſſer von den Beſtien ergriffen, wäre ich gewiß verloren geweſen. Jetzt fing ich an auszuſtreichen, und zwar ſo ſtark und ſchnell ich konnte, das andere Ufer zu erreichen. Ich arbeitete mit übermenſchlicher Anſtrengung, denn hier galt es das Leben, und näher und näher kam ich dem erſehnten Lande; aber auch die aufgereizten Thiere ſchwam⸗ men ſchnell, ſchneller als ich, und ſchon hörte ich das Schnau⸗ ben des einen dicht hinter mir, als ich endlich Grund unter den Füßen fühlte. Im Nu war ich auf dem Trockenen, freilich mit den Hunden, nun war indeſſen keine Gefahr mehr vorhanden, denn ſie fingen an ſorgfältig zu ſuchen und küm⸗ merten ſich nicht weiter um mich. Der Bär hatte aber ent⸗ weder den Strom benutzt und war mit demſelben ein Stück 208 Die Methodiſten. hinunter geſchwommen, oder der Boden war zu naß, kurz, ſie konnten die Fährte nicht wiederfinden. Wir verſuchten unſer Glück noch an einem anderen Orte, doch mit nicht beſſerem Erfolge, und ermüdet und mißmuthig kehrten wir gegen Abend nach St's. Hauſe zurück. Unſere Wirthe ſchienen, wenigſtens den äußeren Ge⸗ bräuchen nach, gar fromm und gottesfürchtig zu ſein, denn jeden Abend hielt St. ein ſehr langes Gebet, dann knieten Alle nieder, lehnten die Stirne auf den Stuhl und beteten noch einmal, worauf noch geſungen wurde. Es waren Metho⸗ diſten. Wir gingen dieſen Abend früh zu Bette, denn wir waren alle ſehr müde, ſo daß ich mir die Leute, mit denen ich zuſammenwohnen ſollte, nicht einmal recht angeſehen hatte. Zum Frühſtück wurden wir geweckt, und nachdem wir es ein— genommen, ſchlenderten wir ein wenig um das Haus und im Felde herum, uns Alles anzuſehen. St. war ein Mann in den vierziger Jahren, mit klarem Auge und freier, offener Stirn; er gefiel mir beim erſten An⸗ blick. Seine Frau, eine geborene Irländerin, behandelte uns ebenfalls artig und freundlich und war, wie es mir da— mals ſchien und wie ich auch ſpäter fand, eine tüchtige Wirth⸗ ſchafterin; verſteht ſich, im amerikaniſchen Sinne des Worts. Kinder hatten ſie nicht. Im Hauſe ſelbſt aber wohnte noch ein anderes Weſen, das wohl eine etwas nähere Beſchrei⸗ bung verdient. Es war dieß die Duodezausgabe eines iriſchen Schuſters oder, wie er ſtets behauptete„Schulmeiſters,“ denn das ſ ſeiner Ausſage nach, ſeine frühere Beſchäftigung geweſen ſein, ollte, Der irländiſche Schuſter. Die Farm. 209 jetzt aber machte er Schuhe. St. hatte nämlich eine Quan⸗ tität Leder gekauft, und der Ire verarbeitete es, wofür ihm jener monatlich etwas Gewiſſes bezahlte. Er hatte rothes Haar, war etwas pockennarbig, 5 Fuß hoch, ſonſt aber ſtark und kräftig gebaut und mochte etwa in den funfziger Jahren ſein. Aber nur ſehr ungern ſprach er von ſeinem Alter, denn er wollte noch für jung gelten, und St., der überhaupt gern ſeinen Spaß mit ihm hatte, ſagte uns lachend, daß wir ihn nächſten Sonntag in ſeinem Staate ſehen würden, wo er in die Nachbarſchaft gehe, einer jungen Wittwe den Hof zu machen. Das Haus war ein aus Stämmen aufgeführtes, roh be⸗ hauenes, doppeltes Gebäude, d. h. es ſtanden zwei einſtöckige Häuſer nebeneinander, aber unter einem Dach, mit einem Zwiſchenraume in der Mitte, der, an der Nord⸗ und Süd⸗ ſeite offen, im Sommer einen herrlich kühlen Platz zum Sitzen oder Schlafen bot. Wie alle Blockhäuſer dieſer Art, war es mit kurzen, 4 Fuß langen, roh ausgeſpaltenen Bre⸗ tern gedeckt und hatte keine Fenſter, wohl aber in jedem Hauſe ein tüchtiges, aus Lehm ausgeführtes Kamin. Vor dem Hauſe befand ſich das Feld, ungefähr 5 Acker Land, das mit Wälſchkorn bepflanzt war, ein kleines Stück ausgenommen, auf dem Weizen ſtand. Südweſtlich vom Hauſe lagen die Pferdeſtälle, die St. haben mußte, da er Reiſende beherbergte(ſonſt iſt es eigentlich in Arkanſas nicht Sitte, ſich viel mit Ställen einzulaſſen). Ein großer, hoch eingefenzter Platz, den ſie„lot“ nennen, und in welchem mehre roh ausgehauene Baumſtämme als Krippen für die Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge, I. 14 A. —õõõ ——— 5 210 Die Pferdemühle. Jagd. Der Bienenbaum. Pferde angebracht waren, umgab die Ställe. Daneben er⸗ hoben ſich kleine, ebenfalls aus Baumſtämmen aufgeführte Häuſer, den geernteten Mais darin aufzubewahren. Ein paar hundert Schritte vom Hauſe, Weſtſüdweſt, ſtand eine ſoge⸗ nannte Pferdemühle, die St. ſelber gebaut hatte. Auf dieſer wurde alles zu eigenem Bedarf gebrauchte Getraide ſelbſt gemahlen, und zum Drehen des Steins ein Pferd verwandt. Eine Viertelmeile rückwärts vom Hauſe lag noch ein, etwa 5 Acker großes Feld, auf dem ebenfalls Mais ſtand, doch dieß verbarg der Wald, und es konnte vom Hauſe aus nicht geſehen werden. Gleich hinter dem Doppelgebäude floß der Fluß Anguille vorbei. Zum Hauptgebäude gehörte weiter Nichts, als ein kleines Häuschen, das gleich dahinter ſtand und als Rauchhaus benutzt wurde, ſowie ein Brunnen, der ſich 32 Fuß tief, dicht am Wohngebäude befand. Wir beſchäftigten uns jetzt nur mit Jagen und zogen, die Büchſe auf der Schulter, den ganzen Tag im. Holze herum; da wir jedoch mit dem Walde nicht recht bekannt waren, fiel unſere Jagd gewöohnlich ſchlecht aus, wenn uns nicht manchmal zufällig ein Stück Wild in die Hände lief. St. hatte ſeit mehren Tagen davon geredet einen Baum umzuhauen, in dem er einen Stock wilder Bienen entdeckt hatte, doch war bis jetzt immer etwas dazwiſchen gekommen; am 1. Juni aber machten wir den ſchon ſeit einiger Zeit be⸗ ſprochenen Ausflug und brachen mit Tagesanbruch dahin auf. Unſere Geſellſchaft beſtand aus vier Perſonen, St., deſſen Schwager M'O., Uhl und mir. Die beiden Amerikaner hatten Aexte mitgenommen, Uhl und ich jeder einen Eimer, Das Honigſchneiden. 211 den Honig, den wir zu finden hofften, hineinzuthun. Wirg gingen nach einer, etwa 3 Meilen entfernten, kleinen Prairie, und fanden dort bald den von St. entdeckten und bezeich⸗ neten Baum. Es iſt in den amerikaniſchen Wäldern nämlich Sitte daß ein Jäger, der einen Baum mit wilden Bienen findet und gerade keine Zeit oder Luſt hat denſelben ſogleich umzu⸗ hauen, nur ſeinen Namen, oder, wenn er nicht ſchreiben kann (wie es mit St. der Fall war), ſein Zeichen in den Baum ſchneidet. Findet nun ein anderer zufällig einen ſolchen, mit einem Namen oder Zeichen verſehenen Baum, ſo geht er ruhig ſeines Weges und überläßt denſelben dem erſten Finder. St'es Baum war eine abgeſtorbene Rotheiche und ſtand am Rande der kleinen Prairie. Die beiden Aexte, von kräftigen, geſchickten Händen geführt, brachten den ohnehin ſchon gebrechlichen Baum bald zum Schwanken, und krachend ſtürzte er nieder. Auf St.s Angabe hatte ich indeſſen ein Feuer angemacht, bedeckte es mit faulem Holze und ſchob es auf ein großes Stück Rinde, ſo daß ein dicker ſchwarzer Qualm daraus hervorſtieg. Sobald der Baum ſtürzte hielt ich das Rindenſtück mit dem darauf qualmenden faulen Holz gerade unter die Oeffnung durch welche die Bienen aus⸗ und ein⸗ flogen. Vom Rauch betäubt, ſtiegen dieſe hoch in die Luft, und nicht eine einzige ſtach mich, obgleich viele um mich her⸗ umflogen und ſich auf meine Kleider ſetzten. Unſere Mühe blieb nicht unbelohnt, denn wir fanden einen ziemlich dicken Aſt gefüllt mit Honig, von dem wir, ſoviel wir nur vertra⸗ gen konnten aßen, und daß Uebrige mit nach Hauſe nahmen. 14* 212 Der Contract. St. hatte Gefallen an uns gefunden, denn er forderte uns auf ganz bei ihm zu bleiben und ſein Vieh, das frei im Walde herumlief(er hatte ungefähr 200 Stück Rindvieh), etwas zuſammenzuhalten und Acht darauf zu geben, wobei wir fortwährend die Büchſe auf der Schulter haben und jagen konnten. Da dieß nun ziemlich mit unſeren Plänen übereinſtimmte, ſo überlegten wir uns die Sache ernſtlich und machten am nächſten Montage, den 3. Juni, mit St. folgen⸗ den merkwürdigen Contract. Wir ſollten, wie ſchon geſagt, die Aufſicht über St.s Vieh übernehmen, demſelben in der ſchon vorerwähnten klei⸗ nen Prairie, wo wir unſer Lager aufzuſchlagen gedachten, dann und wann Salz geben und, indem wir es häufig zur Salzfütterung zuſammentrieben, daſſelbe an die Prairie zu gewöhnen ſuchen. Dafür ſollten wir den dritten Theil des Nutzens, alſo jedesmal das dritte Kalb, als Eigenthum be⸗ kommen, und St. verpflichtete ſich außerdem noch, uns mit Schweinfleiſch, Mehl, Kaffee, Zucker und Salz zu verſehen, ſowie, ſobald er Zeit haben werde, ein Häuschen in der Prairie aufzurichten, in welchem wir unſere Junggeſellen⸗ wirthſchaft führen könnten. Soweit war Alles gut, die Schluß⸗Clauſel ſetzte aber dem Ganzen die Krone auf(der iriſche Schulmeiſter hatte dieſen Contract gefertigt und bildete ſich nicht wenig darauf ein). In dieſer hieß es wörtlich:„Keiner der beiden Theile ſei verbunden, dem obigen Contracte Folge zu leiſten, im Fall er glauben würde, ſein Glück anderswo oder auf andere Weiſe beſſer zu machen,“ Au fſuchen der Pferde. 213 was natürlicher Weiſe uns Allen überließ, zu thun und zu 8 laſſen was wir für gut fänden. Dieſe inhaltſchwere Schrift wurde von beiden Theilen unterzeichnet(St. unterzeichnete ſie im wahren Sinne des Wortes, denn er machte blos ſein Kreuz darunter) und dann ſorgfältig aufbewahrt, d. h. St. ſchloß das Document in den Geldkaſten, und der Irländer ſteckte ſich eine Abſchrift davon in die Rocktaſche, wahrſcheinlich um damit gegen die Wittwe 3 prahlen zu können. Wir aber ſchulterten unſere Büchſen und zogen fröhlich in den Wald hinein, uns unſer neues Terrain ein wenig anzuſehn. Da wir nun unſeren Contract mit dem Alten gemacht und uns entſchloſſen hatten, eine Zeit lang wenigſtens in den Sümpfen zu bleiben, waren wir natürlich auch genöthigt unſere Sachen, die wir dieſſeit des Blackfish-lake zurück⸗ gelaſſen, an unſeren neuen Aufenthaltsort zu holen, und St. bot mir ſehr freundlich eins von ſeinen Pferden an, um ſie auf demſelben fortzuſchaffen. Die Pferde aber, die er hatte, liefen wild im Walde umher und mußten erſt eingefangen werden; ſo machten wir uns denn, ich nach einer, Uhl nach einer anderen Richtung, auf den Weg, dieſelben aufzuſuchen und eins davon herbeizuſchaffen. Vergeblich bemühten wir uns indeß den ganzen Tag, wir konnten keine Spur von ihnen finden, und erneuerten am nächſten Morgen unſere Anſtrengungen. Ich war an dieſem Tag auf einem kleinen Fußpfade fort⸗ geſchlendert, fand aber bald, daß er ſich faſt alle hundert Schritte bald da⸗, bald dorthin theilte und auch wirklich 8 Verirrung. nichts weiter als einer der unzähligen Kuh⸗ und Hirſchwege war, die den Wald nach allen nur erdenklichen Richtungen durchkreuzten, verließ alſo denſelben und ſchlug einen geraden Cours ein, gleichgültig dagegen wohin ich kam, wenn ich nur die Pferde fand. An Verirren dachte ich gar nicht, denn das Wetter war warm und ein Nachtquartier unter den grü⸗ nen Bäumen angenehmer als in der dumpfen Stube. Das 4 Land nahm aber, als ich weiter fortſchritt, eine andere Be⸗ ſchaffenheit an, als um St.'s Farm herum, denn ich hatte jetzt den Sumpf verlaſſen und befand mich auf hügeligem Boden, wo ich wieder einmal Nadelholz nach dem ich mich ſo lang geſehnt, zu ſehen bekam. Wider Ervarten erreichte ich auch noch vor Dunkelwerden eine Farm. Vergebens erkundigte ich mich indeſſen hier nach den Pferden; Keiner hatte ſie geſehen, und auf meine Frage, wie weit ich von Stz's entfernt ſei, bekam ich die tröſtliche Ant⸗ wort,„ungeſähr 11 gute Meilen.“ Das war auf jeden Fall für dieſen Abend zu viel, und die Leute luden mich freundlich ein, die Nacht bei ihnen zuzubringen. Ich ſtellte Flinte und Mütze in die Ecke und ſaß bald mit ein paar lieben alten Leuten in der milden, freundlichen Abendluft vor der Thür der Hütte, Wir unterhielten uns ſehr gut, und ſchon verſprach ich mir einen recht angenehmen Abend, denn unter dieſen weſt⸗ lichen Bewohnern der Staaten findet man oft vortreffliche Menſchen, als ſich leiſe aber ſicher eine ſchwarze Gewitter⸗ wolke am Himmel meines ſtillen Friedens zuſammenzog. Wir hatten noch nicht lange geſeſſen, als ein großer, ſehr Der Methodiſten⸗Prediger. feierlich und ehrbar ausſehender Mann ins Zimmer trat, mich ernſtfreundlich grüßte und ſich wenige Schritte von uns entfernt niederſetzte. Er holte ein kleines Buch aus der Taſche und begann darin zu blättern, aber plötzlich, ehe ich mir etwas Böſes verſah, ſtimmte er einen ſo furchtbar don⸗ nernden Kirchengeſang an, daß mir Hören und Sehen ver⸗ ging. Ich war wahrlich ganz verblüfft und ſchaute Einen nach dem Anderen im Kreiſe an, die Auflöſung dieſer langen, in einen braunen Rock eingeknöpften Charade auf den Ge⸗ ſichtern der Anweſenden zu finden, doch ſie ſahen alle ſehr ernſt und andächtig zur Erde nieder, und lauter und dröh⸗ nender erklang die Stimme des Gewaltigen. Der gute Mann ſchien übrigens auch das Ende ſeines Geſanges ver⸗ loren zu haben, denn ſchon wurde es dunkel und kühl, und immer noch ſchrie er durch die ſtille Abendluft in immer höheren Tönen, bis ihm endlich, Gott ſei Dank, die Stimme verſagte, und er erſchöpft ſchweigen mußte. Die Anderen hatten ihm in ehrfurchtsvoller Stille zugehört und auch mir blieb weiter nichts übrig, als gute Miene zum böſen Spiel zu machen. Ich glaubte übrigens auch, die Sache ſei nun abgethan, hatte ich mich aber da ſchön geirrt, denn es ſollte jetzt, wie ich gar bald fand, erſt recht losgehen, und Männer und Frauen kamen noch herbei, unter anderen auch einige recht hübſche Mädchen, die ich in dieſer Wildniß am allerwenig⸗ ſten vermuthet hätte. Die Luft war indeſſen kühl und feucht geworden, und wir gingen in das Haus, das indeſſen durch lange Bänke 216 Betverſammlung der Methodiſten. wie eine Schulſtube hergerichtet war. Die Sache erklärte ſich mir nun: ich war in eine Bet⸗Verſammlung der Metho⸗ diſten gerathen und mußte jetzt aushalten. Der dürre Mann mit der ſchrecklichen Stimme holte auch ohne weiteres ſein kleines Buch wieder vor,(das ich erſt liebgewonnen, als er's in die Taſche ſteckte) und las 2 Zeilen aus einem geiſtlichen Liede laut vor, worauf Alle aufſtanden, ihm den Rücken zu⸗ kehrten und dieſelben ſangen. Da dieß Alle thaten, war kein Grund für mich vorhanden, ihm mein Rücktheil vorzu⸗ enthalten, zum Singen aber konnte mich Keiner bringen, die Töne blieben mir in der Kehle ſtecken. Dem Geſange ſchien wieder das Ende zu fehlen, doch fand es ſich endlich, nachdem man ungefähr anderthalb Stunde darnach geſchrieen hatte. Dadurch war ich aber um nichts gebeſſert, denn jetzt kam erſt das Tollſte. Alle fielen auf die Kniee und legten die Naſe auf dieſelbe Stelle, auf der ſie vor wenig Momenten noch geſeſſen hatten. Weder meine Kniee noch meine Naſe waren nun allerdings gewohnt ſich als Unterlage gebrauchen zu laſſen, doch fand ich mich hier ein⸗ mal unter den Wölfen, und hatte ich vorhin geſchwiegen, ſo heulte ich jetzt wenigſtens mit. Ein langes Gebet, in dem der liebe Gott auf eine fürchterliche Weiſe gequält wurde der andächtigen Gemeinde, mich mitgerechnet, Gutes zu thun, folgte nun, und er wurde noch außerdem erſucht, ihre ſchwa⸗ chen Bemühungen ihm zu gefallen,(das nannten dieſe Leute ſchwache Bemühungen) wohlwollend aufzunehmen. Dabei ſchilderten ſie ſich ſelbſt als ſolche Sünder und nichtswürdige Menſchen, daß ſie(wenigſtens der beſcheidenen Rede nach) Einrichtung. 217 alle wenigſtens das Hängen verdient hätten. Hierauf ſan⸗ gen oder heulten wir wieder; und ich dießmal ſo kläglich, daß mich mein Nachbar mehremal beſorgt anſah. Es ge⸗ ſchah dieß jedoch nicht aus Andacht, ſondern aus Verzweif⸗ lung, und zur Belohnung dafür durfte ich auch nachher noch einmal anderthalb Stunden lang knieen. Alles war jetzt beendigt, und der Prediger ging im Kreiſe herum, jedem Bruder und jeder Schweſter(ſo nennen ſie ſich) die Hand reichend. Er kam auch zu mir, und ich drückte ſie ihm wirklich dankbar, daß er endlich aufgehört hatte. Die Verſammlung ging nun auseinander, und ich ſchlief ſanft bis zum nächſten Morgen. Mit dem Frühroth trat ich meinen Heimweg an und kam Nachmittags zu St.s, wo ich Uhl ſchon fand, der glücklicher als ich im Suchen geweſen war und eins der Pferde ge⸗ bracht hatte. Am 8. Juni ritt ich nun wieder in den Blackfish-lake⸗ Sumpf zurück, holte von Hamilton's die dort zurückgelaſſenen Sachen, lud ſie aufs Pferd, und trat noch den nämlichen Abend meinen Rückweg wieder an. Unſerer Einrichtung ſtand nun weiter Nichts entgegen, und ſchon am anderen Morgen fingen wir an unſer Haus zu bauen, d. h. wir riſſen ein altes Blockhaus ein, das 3 Meilen von unſerem Platze entfernt ſtand, luden die Stämme auf einen Wagen und ſchafften ſie an Ort und Stelle, wo wir ſie dann bequem zum neuen Hauſe wieder aufrichten konnten. Die Kunſt, ein Haus zu bauen, iſt übrigens in den 218 Das Blockhaus. Wäldern von Amerika ſehr einfach. Zuerſt werden ſchwache Bäume(Eichen⸗ oder ſonſt gutes Holz) gefällt und zu glei⸗ cher Länge gehauen. Dann wird der Grund gelegt. Zwei ſtarke Stämme, in der richtigen Entfernung, kommen, mit einander parallel laufend, auf die Erde. Auf die Enden der⸗ ſelben, ſo daß ſie ein Viereck einſchließen, werden nun zwei andere gelegt, und damit ſie feſt liegen und ſich nicht be⸗ wegen oder rutſchen, wird in den oberen Stamm eine Kerbe, in den unteren aber ein ſogenannter Sattel gehauen, was die Stämme nicht allein feſt hält, ſondern auch noch die Spalten, die natürlich zwiſchen den auf einander gelegten Balken entſtehen müſſen, verringert. Auf dieſe Art entſteht, wenn das Haus aus rohen Stämmen aufgeführt wird, ein Viereck das weder Aus⸗ noch Eingang hat, bis die Thür, oder wenigſtens das Loch dazu, mit der Art von außen hin⸗ eingehauen wird. Da wir indeſſen blos ein altes Haus wie⸗ deraufrichteten, ſo paßten die Klötze alle auf einander, und die Thüre und das Kamin waren ſchon ausgeſchnitten. Das Dach wird dann darauf gedeckt und nach Schweizer Art mit etwas Schwerem belegt, damit der Wind die dünnen, leich⸗ ten Breter, aus denen es beſteht, nicht herunterwehen kann. Da aber mehr Holz vorhanden iſt als Steine, ſo haut man lange, ſchwere Stangen oder junge Bäume ab und hebt ſie oben darauf, die dann, durch Querhölzer unterſtützt, ziem⸗ lich feſt liegen und„weight-poles“ genannt werden. Ob⸗ gleich die Hitze drückend war, ſo rückte doch unſere Arbeit ſchnell vor, und am Dienstag Abend hatten wir unſer Haus, bis auf das Kamin, ſchon fix und fertig. Für den Sommer Die Fenzen. 219 brauchten wir indeſſen kein Kamin und unterließen dieſe Arbeit um ſo lieber, da ſie ſchmuzig und unangenehm iſt, und man ſie gern vermeidet, wenn es nicht unumgänglich nothwendig iſt. Mittwoch Morgen, den 10. Juni, fingen wir an das Haus einzufenzen, damit die Kühe uns nicht in die Stube laufen könnten; auch wollten wir eine Umzäunung aufrichten, um die jüngſten, und noch draußen frei herumlaufenden Käl⸗ ber hineinzuthun, damit die Kühe regelmäßig nach Hauſe kämen und dann gemolken werden könnten. Die Fenzen werden auf ſehr einfache Art gemacht, laſſen ſich aber freilich im deutſchen Vaterlande nicht gut anwen⸗ den, da ſie zu viel Holz koſten. Schwarz⸗ und Rotheichen, oder Hickory(eine Art ſehr zähes Nußholz) werden gefällt, in 10— 11 Fuß lange Klötze gehauen und dieſe geſpalten und von einander geriſſen, bis ſie in lauter 4—7 Zoll ſtarke Stangen verwandelt ſind. Das Holz ſpaltete ſich leicht, da man nur das beſte dazu nimmt, und wird dann im Zick⸗ zack um den einzufenzenden Ort gelegt, wobei immer ein Ende auf das der vorhergelegten Stange kommt, bis die Fenz ſo hoch wird, daß weder Kühe noch Pferde hinüber⸗ ſpringen können. Dieſe Arbeit war hart, die Hitze drückend, und ein ſtechender Kopfſchmerz peinigte mich fürchterlich, da⸗ bei jagte mir ein ſtarkes Fieber das Blut ſtürmiſch durch die Adern; doch da meine Hilfe nothwendig war, ſo wollte ich nicht gern zurückſtehen und arbeitete ſcharf und anhaltend, bis ſich plötzlich Alles vor meinen Augen zu drehen ſchien, dunkel wurde, und ich ohnmächtig niederſtürzte. Ich erholte 220 Erſter Fieberanfall. mich jedoch bald, legte mich ein wenig unter einen Baum in den Schatten, um auszuruhen, und ſetzte dann meine Arbeit bis zum Abend fort. Am anderen Morgen ließ St. ſeinen Weizen binden, und da ich mich wieder vollkommen wohl fühlte, gingen wir Beide nach ſeinem Hauſe und halfen ihm. Ich mochte aber kaum eine halbe Stunde im Felde geweſen ſein, als mich, trotz der brennenden Sonnenhitze, ein ganz ſonderbares Fröſteln mit Uebelkeit und Kopfſchmerz anwandelte; dabei wurden mir die Lippen und Nägel blau, kurz ich hatte das kalte Fieber in beßter Form. Ich mußte in's Haus gehen und mich zu Bette legen, und befand mich am Nachmittag etwas beſſer. St.'s wollten mich jetzt nicht wieder hinaus in unſer Häus⸗ chen laſſen, ſondern ſagten mir, daß ich bei ihnen bleiben ſollte bis ich wieder hergeſtellt wäre, damit ich wenigſtens nicht ohne menſchliche Hilfe ſei. Am zweiten und dritten Tage kam das Fieber eben ſo ſtark wieder, und ich wurde ſehr matt und ſchwach dabei. Am dritten Tage, einem Sonnabend, hatte ich mich un⸗ gefähr um 2 Uhr Nachmittags wieder etwas erholt und ging an die Mühle, wo St. gerade mahlte, um ein wenig zu hel⸗ fen und mir Bewegung zu machen, als zwei Fremde, ein Mann und eine Frau, die Straße heraufkamen. Mit Ent⸗ ſetzen erkannte ich aber in der Figur des Mannes den langen Methodiſten⸗Beter wieder, der mich vor wenigen Tagen ſo gepeinigt hatte, und fürchtete nicht ohne Urſache eine Wie⸗ derholung der Betverſammlung, die auch wahrlich nicht ausblieb. Prayer-meeting. 221 —2 Mit einem vielſagenden, wichtigen Geſichte, das ungefähr ausdrücken ſollte:„Siehſt du, da bin ich wieder, jetzt freu' dich,“ ritt er an mir vorüber, und noch war es nicht dunkel. als auch ſchon ſeine gellende Stimme heilige Lieder durch den ſtillen Wald ſchmetterte, ſo daß die Eulen erſtaunt in ihrem Nachtrufe einhielten und den ſonderbaren Tönen lauſchten. Uhl, dem ich die vorige Verſammlung ziemlich gut be⸗ ſchrieben hatte, ſchlich ſich nun zwar mit mir, ſo gut es gehen wollte, in das andere Haus, wir wurden aber entdeckt und zum„prayer-meeting“(Bet⸗Verſammlung) eingeladen. Da nun wohl Niemand im lieben Deutſchland ſolch einer Verſammlung je beigewohnt hat und auch, wie ich es allen meinen Freunden und ſelbſt, um Kohlen auf ihr Haupt zu ſammeln, meinen Feinden wünſchen will, nie beiwohnen wird, ſo möchte es gut ſein, hier eine kurze Beſchreibung derſelben zu geben, inſofern ſie nämlich von der ſchon früher beſchriebenen verſchieden war. In der vorigen Verſammlung wurde nämlich blos gebetet, in dieſer aber auch gepredigt. Der Raum, in dem ſich die Leute verſammelt hatten (meiſtens Nachbarn, die zehn bis zwölf Meilen weit herge⸗ kommen waren, die Predigt mit anzuhören, denn in der Gegend, wo St. wohnte, ſtanden faſt gar keine Häuſer), war eigentlich zu eng ſie alle zu faſſen, doch hatten ſie ſich, ſo gut es gehen wollte, auf Kiſten, Betten, Tiſchen und Stüh⸗ len an den Wänden hin poſtirt, ſo daß in der Mitte ein freier Raum für den Prediger blieb, der vor dem Kamine ſtand und um den die ganze Gefellſchaft, ungefähr 20 Per⸗ ſonen an der Zahl, einen Halbkreis bildete. Gottesdienſt der Methodiſten. Mit monotoner Stimme las der Braune(er hatte wie⸗ der den erſchrecklich langen, braunen Rock an) ein Kapitel aus der Bibel und ſtand dann zum Singen auf, was ihm die ganze Gemeinde, wie bei der früheren Verſammlung, nachmachte, und wobei ſie ihm den Rücken zukehrte. So⸗ bald er zwei Zeilen geleſen hatte, ſtimmte er den Geſang an, in welchem dann Alle ſogleich einfielen. Er hatte das Lied einige Töne höher angefangen, als er gewöhnlich hinaufkonnte, und ich ſchielte, wenn er ſo recht dünn zu ſingen anfing, manchmal über die Schulter des vor mir Sitzenden hinüber. Die Geſichter die er ſchnitt, wenn er mit verdrehten Augen da ſtand und keinen Ton mehr aus der Kehle bringen konnte, waren zu prachtvoll. Dann wurde wieder geknieet und gebetet, und nun kam die eigentliche Predigt. Der Lange, der den rechten Arm wie einen Windmüh⸗ lenflügel gebrauchte(unter den linken hatte er die Bibel ge⸗ klemmt), fing jetzt mit dem ſchlechteſten Vortrag von der Welt an eine Rede zu halten, die zwar ſehr lang, aber auch unter aller Kritik war. Der untere Theil des linken Armes wollte ebenfalls geſtieuliren, und obgleich der obere das dicke Buch hielt, ſo ging er doch wie ein Hackemeſſer herauf und hinunter, während der rechte in ſteter Gefahr war, aus dem Achſelgelenke geſchleudert zu werden. Während ich nun in ſtiller Ruhe da ſaß und meinen Betrachtungen über den mit den Armen peitſchenden Schreier nachhing ſchlug auf ein Mal ein Herz und Mark erſchütternder Schrei an mein Ohr. Erſchrocken blickte ich auf die Seite, von der er kam, und hatte den craſſen Anblick einer vom Geiſte beſeſſenen Frau, Der heilige Geiſt kommt. 223 ——. . die aufgeſprungen war und ſchrie, jauchzte, heulte, ſprang, l tobte und, mit den Händen zuſammenſchlagend, rief:„oh— n Looord— glory, glory, glory, happy, happy, glory*),“ 4 2 5 bis ſie endlich erſchöpft und bewußtlos zu Boden ſank. Der 4 Anblick der armen verblendeten Geſchöpfe iſt wirklich ſchreck⸗ , lich, wenn ſie mit ſtarrblickenden Augen in der Stube herum— d„ſpringen— wenn man nur eben ganz genau wüßte daß ſie 4 nicht baaren Unſinn trieben und nicht ſich, ſondern Andere 4 zum Beſten hielten. Die Frau war endlich beruhigt, die Predigt beendigt, und ein Geſang ſollte das Ganze beſchlie⸗ n ßen. Wir ſtanden wieder auf, hatten aber kaum den Rücken e gewandt und zwei Verſe geſungen, als der Spectakel von r Neuem losging, und eine junge Wittwe, die ungefähr ihre 180 Pfund wiegen mochte, zu ſpringen anfing, daß das . ganze Haus dröhnte; dieß war die Angebetete des Schuh⸗ — machers. Als ſie eine Weile geſprungen war und zu ſchwan⸗ r ken anfing, ſtand er ſchon bereit, um ſie in ſeinen Armen h aufzufangen; zum guten Glücke aber war er klein und unter⸗ 1 8 ſetzt gebaut, er hätte den Ruck ſonſt nicht ausgehalten. 1 Die Methodiſten glauben, daß dieſer Zuſtand von Gott d geſandt wird, und daß die auf ſolche Weiſe vom Geiſte Be⸗ n. ſeſſenen ſich unendlich glücklich fühlen und auch dereinſt, wenn n ſie in den Himmel kommen, vor Freude und Seligkeit recht t ſpringen und jauchzen(shout) können,— o wie ſchön muß n es da ſein, beſonders wenn der Lange mit ſeinem braunen Rocke dabei iſt. Nun der Glaube macht ſelig. Ich dankte O Herr, Ruhm, Ruhm, glückſelig, glückſelig, Ruhm! 224 Der Juchs. indeſſen Gott auf meine Art, als Alles glücklich vorbei war und die Verſammlung ein Ende hatte. In der Nacht aber träumte ich ſchreckliche Geſchichten von dem langen Prieſter, der ſich mir auf die Bruſt geſetzt hatte und mich mit aller Gewalt zum Methodiſten bekehren wollte, wobei er mir die Backen ſtreichelte und dazu ſang. Der nächſte Tag war ein Sonntag, und da es ein allge⸗ meiner Sabbath war, ſo bekam ich auch kein kaltes Fieber. Gegen Mittag fingen die Hunde auf ein Mal an um das Feld herum zu jagen, und St. behauptete, daß ihr Hin⸗ und Herrennen, wobei ſie immer wieder auf einen Fleck zurück⸗ kamen, niemand Anderem, als einem Fuchſe gelten könnte. Ich eilte, ſo ſchnell ich konnte, dem Wahlpatze zu und ver⸗ ſuchte, dem gehetzten Thiere in den Weg zu kommen, um es mit meiner Büchſe näher bekannt zu machen, es wollte mir aber nie zum Schuß kommen, bis ich plötzlich alle Hunde ein fürchterliches Geheul erheben hörte. Ich wußte, daß jetzt der Fuchs geſtellt war, und erwartete, ihn in einer Höhle zu finden; wer beſchreibt aber mein Erſtaunen, als ich zum Platze hinlief und Reinecken auf einem kleinen Baume ſitzen ſah, von dem er ganz gemüthlich die unten ſehnſüchtig ſeiner harrenden Hunde betrachtete. Ich war ſo erſtaunt, daß ich faſt zu ſchießen vergaß, doch ließ ich ihm bald einige Bock⸗ ſchrote durch den Leib ſauſen; er fiel aber nicht, ſondern blieb oben in dem Bäumchen, wo er ſich zwiſchen ein paar Aeſte hinein geklemmt hatte, hängen, was mir, des Felles wegen, ſehr lieb war, denn wäre er herunter und zwiſchen die Hunde geſtürzt, hätten ihn dieſe jedenfalls zerriſſen. Wie ich ſpäter N 0 Der Schulmeiſter im Staat. h erfahren habe, iſt das Klettern das gewöhnliche Hilfsmittel. des Fuchſes in äußerſter Noth, und auch dann kann er nur 5 auf kleine, beſonders ſchrägſtehende Bäume und zwar nie höher als 10— 12 Fuß hinaufkommen, wo er ſich zwiſchen ein paar Aeſte klemmt und hängen bleibt. Die Füchſe leben hier, in den Sümpfen wenigſtens, in hohlen Bäumen. Als ich nach Hauſe kam, war ich nicht wenig erſtaunt unſeren kleinen Schulmeiſter im höchſten Staat zu finden. Er war ſchneeweiß angezogen, trug ein Paar weiße Bein⸗ kleider, ein ſchneeweißes Hemdennd eine eben ſolche Jacke, nebſt einem weißen Halstuch; auf dem Kopfe einen hellgelben, faſt weißen Strohhut und an den Füßen ein Paar außerordent⸗ lich blanke Schuhe. Zwar ſtach nun gegen dieſes Kleid der Unſchuld das etwas ſehr rothe Geſicht und die, wenn es ir⸗ gend möglich war, noch röthere Naſe bedeutend ab, auch lie⸗ ßen die dicken, angeſchwollenen, blaurothen Hände noch etwas zu wünſchen übrig; aber er ſchien in ſeinem Gott vergnügt zu ſein, ſtieg bedächtig über die Fenz und verſchwand im dunklen Walde wie ein Sonnenſtrahl— St. meinte ſchmun⸗ zelnd er ginge„courten“*) Am 20. Juni beendigten wir unſere Fenz; am 21. wurde der Stubenboden gelegt, und am 22. war endlich das große Werk vollendet. Wir gingen den Nachmittag noch einmal zu St.'s, um unſere Sachen abzuholen, und ich ſprang gegen Abend, da es ſehr warm war, in den kleinen, hinter dem Hauſe vorbei⸗ ꝛ) Den Hof machen. 4 Gerſtäcker, Streif⸗ u. Jagdzüge. I. 226 Folgen eines Bades. Büffeljagd. ſtrömenden Fluß und nahm ein erquickendes Bad, mußte aber ſchon am nächſten Tage dafür büßen, da mich wieder ein Fieberanfall ſchüttelte. Dieſer wiederholte ſich dann am fol⸗ genden Morgen ſo ſtark, daß ich zu meinem nicht geringen Ver⸗ druſſe zu Hauſe bleiben mußte, als St., Uhl und M'O. am 26. Juni auf die Büffeljagd ritten. Ich brachte zwei langweilige Tage im Bette zu, fühlte mich aber am dritten etwas beſſer und ſchlenderte langſam mit der Flinte am Fluſſe hinauf, wo möglich ein Paar junge Enten zu ſchießen. z Faſt am Hauſe wieder angelangt, fand ich eine ganz friſche Bärenfährte. Der alte Burſche war, ſeit ich dort vor⸗ beigegangen, durch den Fluß geſchwommen, doch hatten die Büffeljäger alle Hunde mitgenommen, und ich war zu ſchwach ihn allein zu verfolgen. Denſelben Abend kamen die Jäger wieder zurück und zwar ohne Büffel, von denen ſie nur die Spuren gefunden. Uhl hatte eine Doe*) geſchoſſen; das war die ganze Beute, die gemacht worden. Am 2. Juli endlich ſattelten wir Morgens und ritten nach einer 11 Meilen entfernten Farm, um einige 20 Stück Ochſen und Kühe, die St. gekauft hatte, nach unſerer Prairie zu treiben. In der Dämmerung kamen wir erſt an Ort und Stelle an und fanden den Mann, mit dem wir unſere Geſchäfte abzumachen hatten, zu Hauſe. Dun, ſo hieß er, war eine dicke, behagliche Geſtalt, mit kupferrother Naſe, die *) Ein Altthier(Hirſchkuh.) Der alte Dun. Das Nebelmeer. ihrem Aushängeſchild auch keine Schande machte, denn bald prangte eine Flaſche Whiskey in all ihrer funkelnden Herr⸗ lichkeit auf dem Tiſche. St. durfte als Methodiſt keinen Branntwein trinken und koſtete ihn nur einige Male; dafür ließen wir Anderen ihn uns deſto beſſer ſchmecken. Wir lach⸗ ten und erzählten den Abend viel, gingen auch ſpät zu Bett. Wahrhaft überraſchte mich am anderen Morgen der herrliche Anblick, den ich von Dun's Hauſe aus genoß. Wir hatten dort die Hügel wieder betreten, und das Wohngebäude lag gerade auf dem öſtlichſten derſelben, der ſich noch eine Strecke in den Sumpf hineinzog, ſo daß er wie eine Halbinſel in das niedere Land hinausragte, das jetzt mit einem dichten, ſchnee⸗ weißen Nebel ſo bedeckt war, daß auch nicht die Spitze eines Baumes geſehen werden konnte. Wie ein Ocean von Milch lag es dort und dehnte ſich in unabſehbarer Weite nach Oſt, Nord und Süd, und der glühende Feuerball der Sonne, der ſich, wie es ſchien, gerade durch den dicken Schaum herauf⸗ arbeitete, goß einen roſenrothen Glanz über das Ganze. Ich ſchaute in der That umher, ob ich nicht ein fernes Segel er⸗ ſpähen könnte, ſo ähnlich war es der ungeheueren Meeresfläche, nur milder und freundlicher lag es dort in ſtiller Ruhe. Erſt als die Sonne höher ſtieg, verfloß der Nebel und ſenkte ſich. Hier und da kam jetzt die Spitze eines rieſigen Baumes zum Vorſchein, und nach kurzer Zeit hatte der weiße Schaum⸗ Ocean einem grünen Blättermeere Platz gemacht, das ſich, ununterbrochen durch irgend einen Hügel oder auch nur eine merkliche bchen die ausgenommen, auf welcher wir uns befanden, über den ganzen Horizont ausbreitete. Der An⸗ —y—-õ— Viehtreiben. blick war ergreifend, und ich ſtand lange in ſtummes An⸗ ſchauen verloren. Nach dem Frühſtück brachten wir unſere Rinder zuſam⸗ men und trieben ſie durch Dornen, Schlingpflanzen, Sümpfe, Schilfdickichte, Bäche und Wälder nach Hauſe. Rindvieh aber, das vielleicht noch nie unter der leitenden Zucht der Menſchen geſtanden hat, durch dichten verwachſenen Wald zu ſchaffen, iſt die ſchwerſte Arbeit die man ſich denken kann, und wer noch nie in ſeinem Leben geflucht hat, der lernt es dabei ſicher. Das Viehtreiben gehörte aber jetzt mit zu un⸗ ſerem Geſchäfte, und wir thaten es gern. Nach furchtbarem Hetzen und Umherjagen bekamen wir die Thiere endlich in unſere Umzäunung in der Prairie, fingen ſie mit dem Laſſo, brannten ihnen St.'s Zeichen auf und ließen ſie dann bis zum nächſten Morgen zufrieden. Da es ſchon dunkel wurde, ſo ließ ſich für dieſen Abend Nichts weiter vornehmen; wir breiteten daher mein Büffelfell auf die Erde, deckten uns mit Uhl's Decke zu und waren bald ſanft und ſelig entſchlafen. An dem nächſten Morgen, den 4. Juli, dem denkwürdi⸗ gen Tage amerikaniſcher Freiheit, fingen wir an uns ein we⸗ nig bequemer einzurichten, machten ein paar rohe Bänke und befeſtigten an den Wänden Breter, um unſere Sachen darauf in Ordnung hinzulegen. Da wir nur ſehr wenig Geſchirr beſaßen, ſo war die Kocherei beſonders ſchwierig, doch hatte uns St. mit allen nöthigen Eßwaaren reichlich verſorgt, und wir litten wenig⸗ ſtens keine Noth.. Bald war Alles in Stand geſetzt und hiermit unſere Leben in der Prairie. Das Rindvieh. Fieberanfall.. Junggeſellenwirthſchaft förmlich eingerichtet. Von dem neuen Vieh hatten wir die Kälber zurückbehalten, ihre Mütter aber wieder in Freiheit geſetzt, da dieſe ſich nie weit von ihren Jungen entfernen. Von den anderen hatten wir nur einige der wildeſten einbehalten und die übrigen laufen laſſen, die ſich auch auf der Prairie ganz wohl zu befinden ſchienen, be⸗ ſonders da wir ihnen täglich etwas Salz hinſtreuten, daß ſie leidenſchaftlich gern auflecken. Ueberhaupt gaben wir jeden Abend dem Rindvieh, das ſich auf der Prairie ſehen ließ, reichlich Salz, um es dadurch in der Gegend zu halten und an einen beſtimmten Platz zu gewöhnen. Am Tage zogen wir mit der Büchſe im Walde umher und jagten. Am 8. Juli ſchoß ich ein Hirſchkalb. Das Wildpret war delicat, und wir hatten eine außergewöhnlich große Por⸗ tion davon zu uns genommen, als Uhl ſich über Kopfweh und Uebelkeit beklagte. Schon am anderen Tage fühlte er ſich ſehr unwohl, und gegen Mittag hielt das kalte Fieber bei ihm ſeinen Einzug. Ich pflegte ihn, ſo gut ich konnte, doch hatten wir in unſerer Einſamkeit wenig, was einen Kranken hätte erquicken können. Am 10. Juli, gegen Abend, fühlte er ſich etwas beſſer und verlangte nach einigen Brombeeren. Ich nahm eine blecherne Schüſſel und ging an einen 70— 80 Schritte vom Hauſe entfernten Ort, wo dieſe in Unmaſſe wuchſen. Es war hier früher einmal ein Feld geweſen, und um die alten, umgeſtürzten Bäume herum wucherten dichte Brombeer⸗ hecken. Ich hatte an dem äußerſten Rande eines großen, dichten Buſches, der mit den herrlichſten, reifſten Beeren be⸗ 230 Der Wolf in den Brombeeren. hangen war, herumgepflückt und ſchon ein paar Mal ſich et⸗ was in demſelben regen hören, es aber, da alle Kühe und Kälber nahe bei mir waren, wenig beachtet; ich glaubte, es wäre vielleicht ein Kalb. Da öffnete ſich plötzlich dicht neben mir der Buſch, und ein großer ſtarker Wolf trat langſam daraus hervor. Er ſah ruhig zu mir auf und ſchien auch nicht die mindeſte Furcht vor mir zu haben, ja nicht einmal recht zu wiſſen, ob er ſich ruhig ſollte wegtreiben laſſen, oder nicht. Schon hob ich den Fuß(denn ich hatte keine Waffen bei mir), ihm mit dem ſchweren Waſſerſtiefel einen Tritt an den Hals zu verſetzen, ſobald es ihm etwa gar einfiel mich auzugreifen, als er ſich doch eines Beſſeren beſann und lang⸗ ſam dem Dickicht zuſchritt, das den nächſten kleinen Bach be⸗ gränzte. So wie er im Gebüſch war, ſprang ich in's Haus, riß die Büchſe vom Haken und folgte ſeiner Spur; er war aber zu ſchnell für mich geweſen und hatte ſich empfohlen. Am 11. Juli war U lſo weit wieder hergeſtellt, daß er zu St.'s hinuntergehen onnte, dort etwas beſſere Pflege zu erhalten, und eine kurze Zeit lang blieb ich in meiner Einſie⸗ delei allein, befand mich aber recht behaglich dabei, beküm⸗ merte mich um keinen Menſchen, ſah nach meinen Schutzbe⸗ fohlenen, gab ihnen Salz, ging auf die Jagd, und ſchoß junge Truthühner, die jetzt gerade flügge wurden. Abends, wenn Alles ſtill und ruhig war, ſetzte ich mich vor die Thür zu meinem flackernden Feuer hin, ſpielte meine Cither und war ſehr froh, wenn ich gar keinen Menſchen zu ſehen bekam. Ich verlebte dort einige recht vergnügte Tage. —,— X△ Plan zur Wohnungsveränderung. Am 17. Juli ging ich wieder einmal zu St.'s, um zu ſehen wie ſich Uhl befinde, und dann auch etwas Mehl und Kaffee für mich mitzunehmen. Uhl war von ſeinem Fieber befreit und wieder ziemlich munter geworden, obgleich er ſich noch ſehr ſchwach fühlte. Zwar hatte ich die Abſicht, gleich zu meinem Hauſe zurück⸗ zukehren, doch bedurfte St. meiner, und ich blieb daher bei ihm. Da machte uns St. den Vorſchlag, den Sommer und Herbſt unſer Lager nach Weſten zu, an den Bruſhylake aufzuſchlagen, weil dort beſſeres Viehfutter ſei und die Kühe, einmal dahin getrieben, den Platz gar nicht wieder verlaſſen würden. Im Winter könnten wir dann wieder nach der Prairie zurückkehren. Ich war hiermit wohl zufrieden, da es noch dazu am Bruſ hylake(ungefähr 6 Meilen von St.s) mehr Wild gab. Nur Uhl's Herſtelluug mußten wir ab⸗ warten, dieſen Plan in Ausführung zu bringen. Am 22. Juli fühlte er ſich ziemlich wohl, und wir beide nebſt einem langbeinigen Kentuckier, der ſich dort eingefun⸗ den hatte, gingen nach dem Platze hinaus, uns die Gegend vorläufig anzuſehen und einen Fleck aufzuſuchen, auf dem wir ſpäter unſer Lager aufſchlagen könnten. Die Nacht war, einige Mosquitos abgerechnet, ſehr ſchön und bald flackerte ein helles, wärmendes Feuer empor. Der Amerikaner Jim hatte aber eine ungeheuere Furcht vor Schlangen, deren es eine Unmaſſe dort gab, und wollte ſich gar nicht zufrieden geben. Immer fing er wieder eine andere Geſchichte von Dieſem oder Jenem an, der Nachts von einer 232 Die Schlangen. Schlange gebiſſen worden. Ich ließ ihn zuletzt erzählen und lehnte mich zurück, um einzuſchlafen. Halb wachend noch horchte ich den Schlangengeſchichten, bis mich endlich die Müdigkeit übermannte, und Morpheus mich ſanft in die Arme nahm; aber die Schlangen verließen mich trotzdem nicht, immer größer und länger wurden ſie, und mir war es zuletzt, als ob ich eine gewaltig bös aus⸗ ſehende gerade auf mich zukommen ſähe, die mir unter das linke Knie kröche und ſich dort niederlegte. Dabei fühlte ich immer noch ihre Bewegung in der Kniekehle, wie ſie ſich mehr und mehr zuſammenknäulte, als wenn ſie noch nicht be⸗ quem genug läge. Ich erwachte und lag einen Augenblick ſtill. Jim erzählte noch immer dem aufmerkſam lauſchenden Uhl eine von ſeinen furchtbaren Geſchichten. Da fühlte ich deutlich, daß ſich etwas unter meiner linken Kniekehle rühre, und an weiter Nichts denkend, weiter Nichts hörend, ver— muthete ich auch nichts Anderes als eine Schlange. Lang⸗ ſam aufſtehen konnte ich nicht; denn hätte ich mich bewegt, vielleicht gar die Schlange gedrückt, hätte ſie mich gewiß ge⸗ biſſen. So wagte ich es denn kurz und ſchnell und ſprang mit einem raſchen Satze in die Höhe und zugleich von mei⸗ nem Platze hinweg. Kaum ſ ſahen die beiden Anderen, Kopf und Hirn von allen möglichen Ungethümen voll, mich ſo ſchnell aufſpringen, als ſie, wie aus einer Kanone geſchoſſen, meinem Beiſpiele folgten und mit einem Satz im Dickicht waren. Ich hatte unterdeſſen den Fleck, wo ich die Schlange vermuthete, betrachtet, und ſiehe da, es war ein kleiner grü⸗ ner Schößling, der dort, ungefähr 8— 9 Zoll hoch, heraus⸗ — Das Ausreiten des Weizens. 233 wuchs und der ſich unter meinem Knie gebogen hatte. Wir lachten herzlich über unſer ſchnelles Aufſpringen und waren bald Alle feſt und ſanft eingeſchlafen. Am nächſten Morgen ſuchten wir alſo noch einen paſſen- den Platz zur Anſiedlung, fanden auch mehrere Stellen, die ſich vortrefflich dazu eigneten. Die ganze Gegend, den Sumpf und die Mosquitos abgerechnet, ließ auch für das, was wir von ihr wollten, Nichts zu wünſchen übrig. Auf dem Rück⸗ weg ſchoß ich einen Hirſch und wir langten, mit Wildpret ſchwer beladen, bei St. an. Wir hatten die ganze Zeit nur Maisbrod gegeſſen, weil St. zwar Weizen mahlen, aber nicht beuteln konnte; da aber ſolcher in einer Feime im Felde ſtand, ſo wurde beſchloſſen, dieſen in die etwa 14—15 Meilen entfernte Mühle zu ſchicken. Der Weizen war freilich noch in Garben, und keine Scheune, kein Dreſchflegel, keine Reinigungsmaſchine, kurz Nichts da, um denſelben rein und ſauber, wie es ſich gehörte, aus dem Stroh herauszubringen. Da wurde denn auf echt arkanſa⸗ niſche Art verfahren. Das Wetter war nämlich hell und trocken und der Weg, der gerade vor dem Hauſe vorbeiführte, hart wie Stein, aber ſtaubig. Auf dieſem Wege wurde jetzt ein Platz, ungefähr 30 Fuß im Durchmeſſer, eingefenzt und dann ſo ſauber gefegt, als es irgend möglich war. Nun wur⸗ den die Garben aufgebunden und darin im Kreiſe herum ge⸗ legt, und zwar ſo, daß ſich zwei Garben immer einander entgegenlagen, die eine mit der Strohſeite nach außen, die andere mit ihr nach innen und die Aehren auf einander. Als dieß geſchehen war, ritten wir 6 Pferde hinein und mit 234 Lügen⸗Bahrens. dieſen fortwährend auf dem Getreide herum, wobei zwei Män⸗ ner das Zuſammengetretene immer wieder friſch aufſchüttelten. Ein kleiner Junge war mit einem Korbe angeſtellt, etwa herunterfallende Gegenſtände darin aufzufangen. War dieß Alles durchgeritten, dann kam die intereſſante Arbeit des Siebens. Ich hatte wahrſcheinlich wieder ein wenig zu hart ge⸗ arbeitet, denn ich bekam zum zweiten Male das kalte Fieber, mußte mich niederlegen und konnte erſt in der Dämmerung, wo ich mich etwas wohler fühlte, wieder aufſtehen. Dieſen Abend kam ein Freund von St., oder Nachbar, wie er ſich nannte(er wohnte ungefähr 25 Meilen von dem Orte wo wir waren; aber weder Haus noch Straße lag zwiſchen uns und ihm). Er hieß Jim Bahrens und hatte, wie mir St. heimlich zuflüſterte den Spitznamen„Lügen⸗Bahrens.“ Vor ihm hätte ſich Münchhauſen verſtecken müſſen. Er war in⸗ deſſen intereſſant und geſprächig, und wir amüſirten uns herrlich. Unter Anderem erzählte er mir auch, daß er nur ein kleines Stückchen Land habe, daß aber kein fetterer und frucht⸗ barerer Boden auf der ganzen Welt exiſtire als auf ſeinem Eigenthume.„By God,“ ſagte er,„ich kann dort Alles ziehen, Alles wächſt, Alles gedeiht, nur Kornbohnen nicht“ —(die Kornbohne iſt eine gewöhnliche Gartenbohne, die mit wälſchem Korn gepflanzt wird und an dieſem ſich hinauf⸗ ſchlängelt),—„die will nicht fortkommen, denn der Mais wächſt bei mir ſo ſchnell, daß er die Bohnen mit de. Wurzel aus der Erde hebt.“ Er erzählte noch vieles Andere und lud uns ein, ihn ein⸗ Uhl's Abſchied. Reinigung des Weizeus. 235 mal zn beſuchen. Dabei ſchwor er, daß er jeden Tag im Durchſchnitt ungefähr 1000 Pfund Fleiſch erlegen könne, da er gerade mitten unter den Büffeln wohnte, und wildes Rindvieh dort in Unmaſſe wäre, die Hirſche nicht einmal ge⸗ rechnet. Wir Alle verſprachen zu kommen, ſchon der Merk⸗ würdigkeit wegen. Am 1. Auguſt, Morgens, ſagte mir Uhl, daß er fort wolle und daß ihm das Leben hier nicht mehr gefalle. Auf⸗ richtig geſtanden wurde mir ſelbſt ein wenig bange, wenn ich, der ich ſelbſt ſo matt war daß ich kaum fortkommen konnte, die vielen kranken Leute um mich herum ſah; ich wollte ihn alſo nicht überreden ſeinen Entſchluß zu ändern. Wir theilten unſere Sachen, da wir jetzt Alles gemein⸗ ſchaftlich gehabt hatten, und noch an demſelben Tage mar⸗ ſchirte er gen Weſten und ließ mich allein und ebenfalls fieber⸗ krank zurück. Am 3. Auguſt fühlte ich mich etwas beſſer und beſchloß, an demſelben Nachmittage mit in die Mühle zu fahren; um doch wenigſtens den Leuten, denen ich nicht ſtets krank zur Laſt liegen mochte, etwas zu helfen. Vorher ſollte der Weizen, den wir wollten mahlen laſſen, gereinigt werden. Das war nun ohne Naſchine eine gar mißliche Sache, aber auch hier wußten die ſchlauen Amerikaner ſich zu helfen, und zwar auf folgende Weiſe. Zwei ſtarke, kräftige Männer nahmen eine wollene Decke und faßten ſie an den vier Zipfeln an. Ein Dritter ſtellte ſich auf einen Stuhl und hatte ein feines Sieb, mit dem Weizen gefüllt, der gereinigt werden ſollte, in der Hand. Dieß hob er ſo hoch empor, als er 236 Fahrt zur Mühle. hinaufreichen konnte, und ſchüttete es dann ganz langſam und bedächtig, immer nur ein klein wenig auf ein Mal, aus, wäh⸗ rend die zwei Anderen mit der Decke dicht vor ihm ſtanden und durch heftiges Schütteln und Schnellen ſo viel Wind als möglich machten. Durch dieſen Wind wurde das Leich⸗ tere fortgeblaſen, während das ſchwere Getreide gerade nieder⸗ fiel und gleich in Säcke gefüllt ward. Zwar reinigte dieß Verfahren den Weizen nicht ſo vollkommen wie bei uns, und gar viel Schmuz und Staub blieb noch darin ſitzen, doch er⸗ reichte es ziemlich gut ſeinen Zweck. Wir wurden noch früh genug fertig gegen 2 Uhr Nachmittags ſortfahren zu können, und erreichten mit Dunkelwerden die Mühle. Für dieſen Abend war nun nicht mehr an Mahlen zu denken, wir mach⸗ ten daher ein Feuer an, brieten, was wir zu braten hatten, und legten uns dann in den Wagen, bis Tagesanbruch zu ſchlafen, um dann gleich unſere Arbeit beginnen zu können. Es war ein herrlicher Abend, die Sterne ſchauten ſo mild und freundlich zu uns hernieder, die Winde wehten ſo ſanft und lau durch die grünen Zweige, daß wir noch nicht an Schlafen dachten und zu ſchwatzen anfingen. Meine beiden Begleiter waren Amerikaner und der Eine von ihnen ein ſehr eifriger Methodiſt; da war denn nichts natürlicher, als daß wir uns erſt über die Sterne, dann über den Himmel, hier⸗ auf über Religion unterhielten und, da wir beide ſehr ver⸗ ſchiedene Anſichten hatten, bald in ein eifriges Disputiren geriethen. Der liebe Gott, über den wir eigentlich ſtritten, hörte uns ganz ruhig bis um Mitternacht an, dann ſchien ihm Mais. — Streit. Regen. Behandlung des aber doch die Sache etwas zu langweilig zu werden. Er ſchickte einen kleinen Wind, der blies ein paar dunkele Wol⸗ ken zuſammen, und die goſſen über beide ſtreitende Parteien plötzlich eine ſolche Maſſe überflüſſigen Waſſers aus, daß wir Himmel und Hölle vergaßen und in größter Eile das Getreide und uns ſelbſt in's Trockene brachten. Am nächſten Tage mahlten wir unſeren Weizen, welche Arbeit übrigens ſehr langſam von Statten ging, da die Mühle durch Ochſen getrieben wurde, und dieſe es ſich ſo bequem als möglich machten; doch erreichten wir St. s Haus noch denſelben Abend wieder. Die Jahreszeit war jetzt ſo weit vorgerückt, daß die Blätter des Wälſchkornes abgeſtreift werden konnten, um den Winter hindurch als Futter zu dienen. Das Wälſchkorn oder der Mais iſt ungefähr von derſelben Art, von der wir hier manchmal etwas in Gärten ziehen, nur mit dem Unter⸗ ſchied, daß es in Amerika, beſonders im Süden außeror⸗ dentlich groß und ſtark wird. Ich habe es bis 11 und 12 Fuß hoch geſehen, bei welcher Höhe es dann 1— 3 Kolben trägt. Es giebt verſchiedene Arten, doch wird das weiße lieber zum Brod, das gelbe dagegen, weil es mehr Zucker⸗ ſtoff enthält, zum Viehfutter oder zum Whiskey⸗Brennen ge⸗ nommen. Nachdem das Land im Frühjahre gut geackert iſt, wird der Mais gepflanzt, d. h. es werden durch das ganze Feld 4 Fuß auseinander liegende Furchen gezogen und dieſe dann mit ebenfalls 4 Fuß von einander liegenden gekreuzt. In die Stellen nun, wo ſich die Furchen durchſchneiden, alſo ſowohl 4 Fuß nach der einen als 4 Fuß nach der an⸗ — 238 Die Maiscultur. deren Seite, werden 3— 4, höchſtens 5 Körner Mais mit der Hand hineingeworfen, wozu noch gewöhnlich in eine Reihe um die andere eine Bohne oder ein Kürbiskern kommt; die Saat wird darauf mit der Hacke leicht zugedeckt. Iſt der junge Mais ungefähr 6 Zoll hoch, ſo geht der Farmer wieder mit dem Pfluge in den Acker, um das Land zwiſchen den Reihen etwas locker zu machen und Erde an die junge Pflanze anzuwerfen, damit der Wind die ſchwache Wurzel nicht ausreiße. Iſt dies geſchehen und die Pflanze noch etwas größer gewachſen, ſo wird auf's Neue gepflügt, und zwar dießmal die letzten Furchen wieder gekreuzt, und ſo gewöhnlich dreimal, ja oft viermal, worauf dann noch die Hacke die Erde an den jetzt höher und höher ſteigenden Mais heranziehen muß, damit kleine Hügel jeden Stock um⸗ geben. Iſt der Mais 5— 6 Fuß hoch, ſo breiten ſich ſeine Blätter ſo ſehr nach allen Seiten aus, daß das Pflügen zwiſchen ihnen von ſelbſt aufhört. Das viele Ackern bezweckt aber nicht allein die Erde ſo⸗ viel als möglich locker zu machen, ſondern auch das in jenen Gegenden gar ſtark wachſende Unkraut niederzuhalten, das ſonſt bald den Wachsthum der Pflanze unterdrücken würde. Anfang Juli iſt, beſonders in den ſüdlicheren Staaten, der Mais ſo weit reif, daß die Blätter völlig ausgewachſen ſind, und dieſe werden nun, gewöhnlich bis unter die Kol⸗ ben, oder ſo hoch als man bequem hinaufreichen kann, ab⸗ geſtreift, getrocknet und nachher in Bündel gebunden und aufbewahrt. Der Farmer muß aber ſehr beſtändiges Wetter zu dieſer Arbeit abwarten; denn ſind die Blätter erſt ein⸗ 4 Benutzung des Mais. 239 mal ziemlich dürr, und durchnäßt ſie dann ein guter Regen, ſo hilft kein zweites Trocknen, ſie faulen ohne Rettung, oder werden wenigſtens ſo ſchlecht, daß man es nicht wagen darf ſie einem Pferde als Futter zu geben. In dieſer Jahreszeit ſind nun die Kolben ausgewachſen, haben aber noch nicht ihre nöthige Härte erlangt, ſondern die Körner ſind milchig. In dieſem Zuſtande iſt der Mais, in Waſſer abgekocht und mit Butter gegeſſen, ſehr delicat und ſchmeckt, wenn die weichen Körner vom holzigen Kolben ¹ abgeſchnitten und in Fett geſchmort werden, faſt wie junge grüne Erbſen. Die abgeſtreiften und gedörrten Blätter nennt man „fudder,“ und dieſe ſind ein vorzügliches Nahrungsmittel für Pferde und Schafe, doch giebt ſich der Farmer, beſonders im Süden, nicht gern damit ab, es ſei denn er habe Sela⸗ ven die die Arbeit verrichten; denn da das Einſammeln bloß in einer gewiſſen Jahreszeit geſchehen kann und bei ganz klarem, ſchönem Wetter vorgenommen werden muß, ſo iſt man dabei den brennenden Sonnenſtrahlen fortwährend ausgeſetzt, was höchſt unangenehm und ſchädlich iſt. Sind die Blätter abgeſtreift, ſo läßt man den Mais bis in den Herbſt ſtehen, um ihn, wenn er vollkommen trocken iſt, in die Scheune zu ſchaffen; will man ihn länger im Felde laſſen, was oft geſchieht, ſo daß er bis zum nächſten 2 Februar auf dem Stocke ſtehen bleibt, ſo muß der Kolben 3 umgeknickt werden, weil die Raben und Spechte gern oben hineinhacken, wodurch ſich dann Waſſer in den Hülſen ſam— melt und die Kolben anfaulen. Wird im Frühjahre wieder — —— —— — 240 Uhl und die Rheinbaiern. gepflügt, ſo werden die harten Stöcke entweder mit Hacken klein geſchlagen, um untergepflügt und als Dünger benutzt zu werden, oder ausgeriſſen, auf Haufen geworfen und verbrannt. Am 15. Auguſt erhielt ich einen Brief von Uhl, in wel⸗ chem er mir ſchrieb daß er am kleinen Red river, bei mei⸗ nen alten Bekannten den Rheinbaiern ſei, und dort mit dem Polen Turowski in Compagnie getreten wäre um Ackerbau zu treiben. Nun hatte ich die alten Rheinbaiern noch in viel zu gu⸗ tem Andenken, um nicht eine kleine Fußreiſe zu machen, ſie einmal wiederzuſehen; darum rüſtete ich mich, als wir unſer „fudder“ in Sicherheit gebracht hatten, zum Abmarſch und wanderte am 20. Auguſt, Morgens, mit meiner Büchſe auf der Schulter und einem von St.s Hunden an der Seite, durch den, von den glühenden Sonnenſtrahlen und der war⸗ men Jahreszeit ausgetrockneten Sumpf. Die Luft war in dem, mit allen möglichen Schlingpflan⸗ zen und Büſchen dicht verwachſenen Walde ſo ſchwül, daß ſich kein Lüftchen regte, doch marſchirte ich tapfer darauf los und erreichte mit einbrechender Dunkelheit den 32 Mei⸗ len von St.'s entfernten White river, an deſſen Ufer ich übernachtete. Mit Tagesanbruch ließ ich mich überſetzen und hatte nun noch 40 Meilen bis zum kleinen Red river. Die Gegend am ſüdlichen Ufer des White river iſt wohl eine der frucht⸗ barſten in Amerika und wird der ungeheueren Fettigkeit des Landes wegen„oiltrove bottom“ genannt. Viele behaup⸗ — Oiltrove bottom. Papao. 241 ten, daß das Land deſſelben beſſer ſei, als der„American bottom,“ St. Louis gegenüber, und ich bin ſelbſt dieſer Meinung. Die Ackererde iſt, Gott weiß wie tief, und faſt ſchwarz, der Boden ſchwer und lehmig, doch auch mit Sand etwas gemiſcht, und bringt Alles, was man ihm anvertraut, im Ueberfluſſe hervor. Mais 60— 70 Buſhel auf dem Acker, und Kürbiſſe, die ein Mann nicht aufheben konnte, habe ich dort auf den Feldern liegen ſehen. Die Bäume ſind in dieſem Flußthale ungeheuer dick, denn ich habe Saſſafras⸗ ſtämme von 5— 6 Fuß im Durchmeſſer gefunden. Beſon⸗ ders wächſt hier ein kleiner Baum in ungeheurer Anzahl, den ſie Papao oder Pawpaw nennen und der eine Frucht trägt, die etwa 4— 5 Zoll lang und 2— 2 ½ Zoll dick wird. Sie hat ein weichliches, widerlich ſüßes Fleiſch, und eine Menge ſehr ölreicher Kerne. Obgleich manche Menſchen dieſe Frucht leidenſchaftlich gern eſſen, ſo macht ſich der Amerikaner doch im Ganzen nicht viel daraus, und auch mir wollte ſie nicht behagen. Der Baum der ſie trägt wird nicht ſehr ſtark, hat eine ungemein zähe Rinde, die man als Baſt be⸗ nutzt, und von der häufig Stricke gedreht werden, leichtes, zerbrechliches Holz und Blätter, die denen der wilden Kaſtanie ähnlich ſind. Das Thal des White river iſt mit dieſen kleinen Bäumen und dem dichten amerikaniſchen Schilfe ſo durchwachſen, daß es, beſonders nahe am Fluſſe, undurchdringliche Dickichte bildet, die der liebſte Aufenthalt der Bären ſind. Dieſe Frucht war bis jetzt gar nicht benutzt worden, da ſelbſt die Schweine ſie nicht genießen wollten; erſt ganz Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 16 ——³— 242 Sonderbare Frage. kürzlich hatte ein Branntweinbrenner, mit Namen Magnus, den Verſuch gemacht ſie zu brennen, und einen ſo vorzügli⸗ chen Branntwein daraus erhalten, daß er nicht einen Tropfen davon verkaufen wollte, ſondern darauf ſchwor ihn ſelber zu trinken. Ich hatte am Morgen, um keine Zeit zu verſäumen, nicht gefrühſtückt und fühlte, nachdem ich ungefähr 6 Meilen marſchirt war, einen ganz anſtändigen Appetit. Mich nach einem Hauſe umſchauend, erſpähte ich eins etwa hundert Schritte von der Straße ab. Die Thüre ſtand offen, und ich bemerkte, wie der Tiſch gedeckt war und die Inwohnenden ſich eben zum Fruhſtück niederſetzen wollten. Eine beſſere Gelegenheit konnte ich mir nicht wünſchen; ich ſprang über die Fenz und fragte einen wohlbeleibten, doch ſehr bleich ausſehenden Mann, ob ich hier für Geld und gute Worte etwas zu eſſen bekommen könnte. Die Antwort fiel bejahend aus, und ſchnell ſaß ich am Tiſche. Wälſchkornbrod, Kaffee und Speck, das gewöhnliche Frühſtück in jenen Gegenden, war darauf ausgebreitet, und ich hatte eben recht herzhaft zugelangt, als mich der Mann, der an meiner Seite ſaß und mich ſchon ein paar Augenblicke recht wehmüthig freundlich angeſchaut hatte, fragte, ob ich wohl ſchon in meinem Leben Jemanden geſehen hätte, der das böſe Weſen oder die fallende Sucht bekäme. Nun iſt dieſe Frage wohl nirgend auf der weiten Gottes⸗ welt ſchlechter angebracht, als wenn ſich eben ein hungriger Menſch zum Frühſtück hinſetzt. Ich gab ihm daher ein ſehr kurzes„yes Sir“ zur Antwort, und hoffte damit die Sache — — Geſtörtes Frühſtück. erledigt zu haben.„Nun,“ fuhr aber Jener fort,„ſo er⸗ ſchrecken Sie nicht, wenn ich es vielleicht beim Frühſtück hier bekommen ſollte; es faßt mich manchmal ſehr raſch.“ Hätte mir Jemand geſagt daß das Fleiſch, das vor mir auf dem Tiſche ſtand, nicht von einem Schweine, ſon⸗ dern von einem Neger ſei, ſo hätte mir das unmöglich den Appetit ſchneller vertreiben können, als es dieſe ruhige Be⸗ merkung that. Ich blickte den Mann erſtaunt an; er ſah ſehr bleich und ernſthaft und gar nicht wie ein Spaßmacher aus; ich blickte die Frau an, ſie war ebenfalls auffallend bleich und faſt durchſichtig; ich betrachtete die Kinder, und auch dieſe hatten eine Leichenfarbe, doch waren ſie mehr ſchmuzig als durchſichtig. Da ſchluckte ich aus Verzweiflung eine Taſſe Kaffee hinunter, reichte meinem Hunde, der neben mir ſtand und dieſe Bemerkung wahrſcheinlich nicht gehört hatte, oder ſich Nichts daraus machte, das Brod, das auf meinem Teller lag, und das er mit einem wahren Heißhunger verſchlang, bezahlte meinen Viertel⸗Dollar, den gewöhnli⸗ chen Preis für ein Frühſtück, und machte mich, zwar nicht geſättigt, doch ſatt, wieder auf den Weg. Noch eine Strecke lang behielt ich die breite Straße, die nach Batesville führte, bei, und ſchlug dann einen anderen, auch ziemlich betretenen Weg durch den Wald ein. Dieſen verfolgte ich, da ich kein Nachtlager in einem Haus bekommen konnte, bis es vollkom⸗ men dunkel wurde, und erreichte einen ziemlich hohen, ſcharf zu Thal laufenden Hügelkamm. Dort machte ich mir ein Feuer an und ſchlief die Nacht, eine kurze Zeit abgerechnet, in der mich einmal ein Panther beſuchte, vortrefflich. 16* —õÿ— 244 Das Thal des little Red river. Durch den vortägigen Marſch ermüdet, erwachte ich aber erſt am nächſten Morgen als es ſchon lichter Tag ge⸗ worden war, und vor mir, zu meinen Füßen ausgebreitet, lag jetzt ein ſo ſchönes Panorama, als ich je geſehen habe. Ein waldiges Meer dehnte ſich vor mir, vom dunkelſten Grün gerade unter mir, in allen Schattirungen, ſo weit das Auge reichen konnte, bis zum lichteſten Hellblau aus, wäh⸗ rend ſich dazwiſchen durch, der little Red river in lieblichen Krümmungen hinſchlängelte, und nur mit einem leichten Ne⸗ belſtreifen der gerade über dem Fluß in den Baumwipfeln hing, ſeine Bahn bezeichnete. Im fernen Weſten und Süd⸗ weſten erhoben ſich blaue Gebirgsmaſſen, die mit ihren eckigen Kanten ſcharf gegen den reinen Morgenhimmel abſtachen. Kleine, mit hellgrünen Fichten bedeckte Hügel ragten aus der dunkleren Maſſe der Eichen hervor und glichen Inſeln, die in dem dunkeln Grün, das ſie umgab, ſchwammen. Die Sonne zeigte ſich jetzt auf den Gipfeln der Bäume, und aus dem Thale ſtiegen hie und da dünne, blaue Dünſte empor, die ſich über dem Waldmeere leicht kräuſelten und dann in die reine Luft zerfloſſen. Sie verriethen eben ſo viele, im dunkelen Schatten verſteckte Wohnungen. Neugeſtärkt durch den Schlaf ſtieg ich jetzt raſch den Hügel hinunter, fand ein Canoe, das mich auf die andere Seite des Fluſſes brachte, und bald leuchtete mir die freund⸗ liche, bekannte Wohnung meiner Rheinbaiern im Scheine der Morgenſonne entgegen. Faſt war mir's, als ſei hier meine Heimath, und ich wäre lange, lange von ihr fort geweſen; Ankunft bei den Rheinbaiern. 245 alle meine Lieben müßten mir jetzt jauchzend entgegenkommen, und— ach über die Träume. Hilger bewillkommnete mich herzlich mit freundlichem Händedruck, ebenſo ſeine Frau, und ich fühlte mich gleich wieder wohl und heimiſch bei den lieben Leuten. Auch hat⸗ ten mich die Kinder in der langen Zeit keineswegs ver⸗ geſſen, und kamen mir jnbelnd und lachend und ſpringend entgegen. Hilger hatte ſeine Lage in den 2 Jahren, in welchen ich ihn nicht geſehen, ſehr verbeſſert. Er hatte ein paar Pferde, viel Rindvieh und Schweine, eigenes Land das er bebauete, und lebte unabhängig und froh im Kreiſe ſeiner Familie, die ſich, ſeitdem ich nicht da geweſen, um einen kleinen Prinzen vermehrt. Seine beiden Söhne, von 13— 15 Jahren, waren ein paar nette Jungen geworden, und er wie ſie arbeiteten hart, um ordentlich und ehrlich durch die Welt zu kommen. Nachmittags kam auch Uhl hin; er war ein paar Mei⸗ len von dort bei H. v. G. geweſen und ſah bleich und elend aus; er hatte noch das Fieber im höchſten Grade. Hier blieb ich nun wieder eine kurze Zeit unter Deutſchen, konnte in meiner Mutterſprache nach Herzensluſt plaudern und lebte wie ein Menſch. Hier wuchſen auch Pfirſiche und Waſſermelonen im Ueberfluß, die für mich ein lange entbehr⸗ ter Leckerbiſſen waren.— Am anderen Tage ging ich den Fluß hinunter zu H. v. G der die Fähre am kleinen Red river hielt, und bei dem ich ſchon vor 2 Jahren ein Mal übernachtet hatte. Auch er 246 Feuerjagd. Fieberanfall. empfing mich herzlich und gaſtfreundlich. H. v. G. war ein ziemlich eifriger Jäger und ſehr guter Schütze und betrieb beſonders die Feuerjagd mit gutem Glück, wobei Hirſche und anderes Wild bei dem Scheine einer Kienfackel geſchoſſen werden. Er hatte große Uebung darin erlangt und ſchoß oft 3— 4 Hirſche in einer Nacht. Den einen Abend, an dem ich mit ihm hinausging, erlegte er einen herrlichen Bock und traf ihn, obgleich er den Körper nur in dem ungewiſſen Schein der Fackel ſehen konnte, gerade durch das Herz. Uebrigens werde ich die Feuerjagd ſpäter etwas weitläufiger beſchreiben. Ich verſuchte dieſe Art Jagd dort ſelbſt, doch hatte ich, da ſie mir noch etwas Neues war, und ich die Sache doch erſt wirklich praktiſch lernen mußte, wenig Glück. Wir ſa⸗ hen am erſten Abende auch die Augen von drei Wölfen, doch ſcheuten dieſe das Feuer und kamen nicht nahe heran. Hinſichtlich meiner Geſundheit noch nicht ganz ſattelfeſt, war ich eines Tages auf die Jagd gegangen, und durch ei⸗ nen ſchnell hereinbrechenden Regen total naß geworden; in Folge davon bekam ich wieder das kalte Fieber und mußte ein paar Tage liegen bleiben. Da ich gerade bei H. v. G.'s Hauſe war als mich das Fieber packte, lud er mich freundlich ein bei ihm zu bleiben, bis mir wohler ſein würde. Dankbar nahm ich das Aner⸗ bieten an und erholte mich in wenigen Tagen, worauf ich herzlich Abſchied von allen meinen dortigen Freunden nahm, wieder in meine Sümpfe zurückzukehren. Am 4. September ſetzte ich über den White river und wanderte dem kleinen Cash river zu. 1 Mais⸗Whiskey⸗Brenner. 247 Nicht weit vom erſten Fluſſe iſt eine Brennerei, wo Mais⸗Whiskey gebrannt, jedoch wenig verkauft wird, da die drei jungen Leute, welche die Brennerei in Compagnie ha⸗ ben, ungefähr gerade ſo viel produciren, als ſie ſelbſt con⸗ ſumiren. Auf der anderen Seite des Cash river, der ſo ſeicht war daß ich über einen umgeſtürzten Baum an das andere Ufer gelangen konnte, blieb ich die Nacht, und zwar, da es zu regnen anfing, bei einem Manne Namens Harriet, der dicht am Ufer deſſelben wohnte. Wir hatten unſer ſehr einfaches Nachtmahl eben beendigt und ſaßen gemüthlich an einem hellflackernden Feuer das luſtig im Kamine kniſterte, als mich mein Wirth ein paar Mal von der Seite anſah, ſich räusperte, ſeinen Stuhl mir ein wenig näher rückte, ſeinen Kautabak im Munde herum⸗ drehte, ausſpuckte und mich dann plötzlich fragte wie ſich der König von Spanien befinde. Ich ſah ihn jetzt meinerſeits an, denn da ich den guten Mann weiter nicht kannte, ſo glaubte ich anfangs er wolle mich ein wenig aufziehen, merkte aber bald daß es ihm ſchrecklicher Ernſt ſei, und ging nun ebenſo darauf ein. Ich verſicherte ihm ganz ruhig daß, nach den letzten Nachrichten die ich von Sr. Majeſtät erhalten, ſich Hochdieſelben bedeu⸗ tend erkältet hätten. Er bedauerte das ſehr und ging jetzt auf alle Kaiſer und Könige Europas über. Weiß der liebe Gott wo der Mann einmal ein altes Buch über unſere Monarchen und Reiche gefunden und ge⸗ leſen hatte, mir kam es aber vor als hätte er all dieſe Nach⸗ * 248 Kaiſer⸗ und Königreiche. richten in ſein Gehirn gethan und dann tüchtig geſchüttelt, ſo daß Alles, wie Kraut und Rüben durch einander liegend, auch wieder wie Kraut und Rüben zum Vorſchein kam. Unter dem Könige von Spanien verſtand er, wie ich nach⸗ her merkte, Guſtav Adolph, den öſterreichiſchen Franz ſetzte er auf Frankreichs Thron, England bekam einen alten römi⸗ ſchen Kaiſer, und Deutſchland verſchenkte er an Louis Phi⸗ lipp. Glücklicher Weiſe haben die Europäer damals von dieſer Umwälzung Nichts gewußt, es hätte ſonſt wahrſchein⸗ lich Mord und Todtſchlag gegeben. Mir machten ſeine wilden Phantaſien ungemeinen Spaß, und ich verſäumte nicht, ihn durch Querfragen manchmal aus dem Texte zu bringen. Dabei ſprach er ſelbſt gar fleißig der Whiskeyflaſche zu, die er auch mir ſehr oft darreichte, ich that ihm jedoch nur anfangs Beſcheid und brachte ſie nachher blos zum Scheine an den Mund. Je mehr er ſich dabei dem Boden der Flaſche näherte, deſto toller und bunter tanzten die Gewaltigen Europas aus einem Königreiche in's andere, und eben, als er noch einige Bemerkungen über Rußland, das durch unſere vereinten Be⸗ mühungen zur Republik geworden war, hinzufügte und über dieſelben nachdachte, ſenkte ſich ſein Haupt, und kaum hatte ſein Kinn die Bruſt berührt, als er auch ſchon laut zu ſchnar⸗ chen anfing. Seine Frau, eine gute unſchuldige Seele, die im Walde aufgezogen war, hatte uns mit Bewunderung zugehört und, als ich mich umwandte, mein Lager zu ſuchen, den Mund noch halb geöffnet. Wälſchkornernte. Turnips. Bald verſetzten mich bunte Traumbilder in die theuere Heimath, und wenn auch nicht in die fürſtlichen Paläſte die ich eben verlaſſen hatte, doch zu lieben theueren Geſtalten. Am 5. September kam ich wieder zu St.'s und geſtattete dort meinem, von den wiederholten Fiebern geſchwächten Kör⸗ per die nöthige Ruhe. Am 9. September hielt St. ſeine Wälſchkornernte, die bis zum 11. dauerte, wobei ich ebenfalls thätig war. Die Kolben werden blos von den Stöcken abgeriſſen, auf einen Wagen geworfen und dann in den für ſie beſtimmten Ver⸗ ſchlag gebracht. Als wir dieſe Arbeit beendigt hatten, nahmen wir eine andere vor, nämlich ungefähr einen halben Acker Land klar oder urbar zu machen, um weiße Rüben darauf zu ſäen. Der weſtliche Anſiedler, und beſonders der in den ſüd⸗ weſtlichen Staaten, arbeitet nicht gern viel. Gewöhnlich läßt er ſich in jenen wilden Gegenden mehr der Viehzucht und der Jagd als des Ackerbaues wegen nieder, und über⸗ nimmt daher die harte Arbeit des Bäumefällens und Land⸗ urbarmachens nur höchſt ungern. Um ſich dieß nun ſoviel als möglich zu erleichtern und ſein Feld doch ſtets zu ver⸗ größern, befreit er gewöhnlich jeden Herbſt ein kleines Stück Boden von dem daraufſtehenden Buſchwerk und Baum⸗ wuchs und ſäet in das, nur flüchtig mit dem Pfluge aufge⸗ riſſene Land, weiße Rüben, ſogenannte turnips, die in neuem Boden am beſten gedeihen. Im nächſten Jahre wird dann das urbar gemachte Stück mit zum Felde genommen und mit dieſem unter eine Fenz gebracht. Urbarmachen des Landes. Das Urbarmachen des dortigen Landes unterſcheidet ſich aber ſehr von den Ausrodungen in unſerer Heimath. Will der Amerikaner eine gewiſſe Strecke Waldes zu Feld verwan⸗ deln, ſo beginnt er damit, die ſtärkſten und ſchlankſten Eichen herauszuſuchen, die er zu Fenzſtangen ſpaltet, um ſein Land damit einzuzäunen. Dieſe fällt er und haut mit der Axt, wie ſchon vorerwähnt, Klötze von 10 ½— 11 Fuß Länge und zwar ſo hoch am Stamme hinauf, als er denkt, das ſich das Holz gut ſpalten läßt. Hat er ſoviel Klötze als er zu brau⸗ chen glaubt, ſo wird das Oberholz zuſammengehackt und in große Haufen geworfen. Nun werden alle jungen und ſchwa⸗ chen Bäume, wenigſtens die, die unter anderthalb Fuß im Durchmeſſer haben, etwa 1— 1 ½ Fuß über der Erde ab und in beliebige Längen gehauen, und dann die größeren ge⸗ tödtet, d. h. es wird mit der Axt die Rinde rund um den Stamm herum durchgeſchlagen, wodurch er in kurzer Zeit abſtirbt.*. Mit einer ſtarken, ſchweren Hacke werden nun die Wur⸗ zeln der kleineren Büſche und Stauden ausgerodet und die Stämme, die nicht zu Fenzriegeln gebraucht werden ſollen, mit Hilfe der Nachbarn, die der Farmer zu dieſem Zwecke ein⸗ ladet, auf Haufen gerollt und angezündet; ebenſo das Buſch⸗ werk und Oberholz, das ſchon früher aufeinander geworfen wurde. 3 Iſt das Land auf dieſe Art von Allem was bequem hin⸗ weggeſchafft werden kann gereinigt worden, ſo wird es ein⸗ gefenzt und dann mit der Pflugſchaar aufgeriſſen. Das Pflügen aber in ſolch neuem Lande iſt eine furchtbar anſtren⸗ Das Pflügen. 251 gende Arbeit und ſchüttelt den Pflügenden tüchtig zuſammen, der den Pflug, der vielen Wurzeln wegen, ſtets emporheben und wieder in den Boden einlaſſen muß, und fortwährend den im Wege ſtehenden Stümpfen auszuweichen hat. Dieſe Stümpfe, die den Feldern ein ganz eigenthümliches Ausſehen geben, bleiben ſtehen bis ſie verfaulen, was gewöhnlich in einem Zeitraume von 6—10 Jahren geſchieht. Die durch das Durchhacken der Rinde getödteten Bäume werden mit der Zeit faul und ſtürzen, beſonders im Frühjahr und Herbſt, von den Aequinoctialſtürmen geſchüttelt, in die Felder, oft in das ſchon aufgeſchoſſene Wälſchkorn, und der Farmer hat dann nicht wenig Mühe ſie aus dem Wege zu ſchaffen. Der amerikaniſche Pflug iſt der vielen Wurzeln und Hin⸗ derniſſe wegen die er zu bekämpfen hat, von dem unſrigen ſehr verſchieden. Er hat keine Räder, und es bleibt ganz der Willkür des Pflügers der ihn auf,dieſe Art leicht um die Baumſtümpfe herumheben und auf der anderen Seite derſel⸗ ben wieder einſetzen kann, überlaſſen zu beſtimmen, wie tief oder flach er gehen ſoll. Das Tiefer⸗ und Flachergehen deſſelben wird nur dadurch etwas geleitet, daß das Pferd, kurz oder lang angeſpannt wird, zu welchem Zwecke der Bal⸗ ken mehrere Löcher hat. Der Boden um St.'s Farm herum war da, wo er im Winter nicht durch den Regen und die anſchwellenden Flüſſe überſchwemmt wurde, äußerſt fruchtbar und verlangte wenig Arbeit. Beſonders herrliche Eichen wuchſen darauf, ebenſo der ſchwarze und weiße Wallnußbaum(hickory) und der — ——— — ſſſ1ͤ — 252 Saſſafras. Wilder Wein. Fieber. Saſſafras, der, obgleich er das ganze Land wie ein dichtes Buſchwerk bedeckte, doch auch in ſehr ſtarken Bäumen vor— kam. Durch den Wald rankten ſich Unmaſſen verſchieden⸗ artiger Schlingpflanzen, beſonders viel dornige, doch auch ſehr viel wilder Wein. Von dem letzteren giebt es drei Arten. Die erſte bilden die ſogenannten„summergrapes“ oder Sommerweintrauben, die im Juli reif werden, blau ausſehen und unſeren Trauben ſehr ähneln, nur daß ſie kleiner und ſäuerlicher ſind. Die zweite ſind die„wintergrapes“ oder Wintertrauben, die erſt ordentlich reif werden, wenn ſie ein Froſt berührt hat. Sie ſind blau, haben aber korinthenartige Beeren und kleine Trauben. Die dritte, unſtreitig die beſte Art, ſind die„muscadines“ oder Muscatellerbeeren; dieſe wachſen nicht in Trauben, ſondern wie die Kirſchen, höchſtens 4— 5 an einem Stengel, ſind blau und haben eine ſehr dicke Schale, aber einen äußerſt angenehmen Geſchmack; übrigens ſollen ſie, etwas ſtark genoſſen, das Fieber herbeiführen, und ich ſtimme ganz dieſer Meinung bei, denn ſie waren ſicher die Urſache, daß ich es abermals bekam. Sie werden im Sep⸗ tember reif und, wenn ſie abfallen, begierig von den Schwei⸗ nen, Bären, Waſchbären, Opoſſums und Truthühnern auf⸗ geſucht. Da, wo wir arbeiteten, wuchs eine große Menge dieſer Beeren, und ich aß ſehr viele davon. Da wir die letzten Tage recht fleißig geweſen waren, ſo beſchloß ich, wenigſtens einen Tag zu raſten und zu dem 12 Meilen entfernten Büchſenſchmied zu reiten, etwas an meinem Gewehre ausbeſſern zu laſſen. Als ich aber am andern Morgen erwachte, peinigte mich ein fürchterlicher Kopf⸗ Sappington's Pfara. 253 ſchmerz; ich raffte mich jedoch auf und ritt fort, um durch die freie Luft den Schmerz zu vertreiben. Aber noch keine Meile war ich durch die friſche Morgenluft getrabt, als mich ein ſolcher Schwindel erfaßte, daß ich mich kaum auf dem Pferde halten konnte. Ich galopirte, ſo ſchnell daſſelbe laufen konnte, zurück und kroch, von dem kalten Fieber ge⸗ faßt, zitternd vor Froſt unter mein Büffelfell; aber das Fie⸗ ber kroch mit darunter, und zuerſt unter gewaltigem Schüt⸗ teln, nachher unter fürchterlicher Hitze, verbrachte ich den Tag und die darauffolgende Nacht. Der andere Morgen fand mich noch elender und zwar ſo krank, daß ich wirklich glaubte, mein letztes Stündchen habe geſchlagen. Ich hatte von Cincinnati etwas Medicin mitgebracht und nahm ein Brechmittel, das jedoch auch nicht zu helfen ſchien; das Fieber, das ſich jetzt aus einem kalten in ein hitziges verwandelt hatte, wuchs mit jeder Stunde, und in der Nacht vom 16. auf den 17. September fing ich an zu phantaſiren. Einen Arzt konnten St.'s nicht bekommen, da der nächſte einige 20 Meilen entfernt wohnte und ſelten zu Hauſe war. Dieſer Umſtand rettete mir wahrſcheinlich das Leben; denn wäre ich einem von dieſen amerikaniſchen Queckſilberhelden in die Hände gerathen, hätte ich mich nur getroſt zu einer ſeli⸗ gen Abfahrt bereit machen können. St. hatte Pillen von einem Manne, Namens J. Sap⸗ pington, im Hauſe und gab mir einige von dieſen; ich weiß* nicht, ob die Pillen ſo kräftig waren, oder ob meine gute Natur ſiegte— aber am 18. September fühlte ich mich woh⸗ 254 Ein Bendig Begrabener. ler, konnte am Hauſe herumgehen und nach viertägigem Faſten endlich wieder etwas genießen; doch behielt ich noch lange eine furchtbare Mattigkeit in den Gliedern. Dankbar muß ich aber jetzt noch der freundlichen Theilnahme gedenken, mit der die Amerikaner den Fremden pflegten und be⸗ handelten. Nach meinem Sinne war es indeſſen nicht, in dem Sumpfe krank zu liegen, denn erſt kurz vorher hatte ich ei⸗ nige Geſchichten von Begräbniſſen gehört, die es faſt außer allem Zweifel ließen daß die armen Teufel, die man todt geglaubt, lebendig begraben worden waren. Mrs. St. er⸗ zählte mir beſonders von einem, der am St. Francis river geſtorben wäre, und zwar auf einem ſo ſumpfigen, feuchten Boden, daß ihn ſein Camerad(ſie waren auf der Jagd) in's Canoe gelegt und zu dem Platze, den St.'s damals bewohn⸗ ten, hinuntergebracht hätte, wo wenigſtens trockenes Land zu einem Grab war. In den ſüdlichen Ländern werden nicht ſo viele Umſtände mit den Leichnamen gemacht, als es in den nördlicheren der Fall iſt, da ſchon das warme Wetter nicht erlaubt die Verſtorbenen einen der heißen Tage hin⸗ durch über der Erde zu laſſen. So grub auch der Jäger, gleich nachdem er gelandet war, mit Hilfe einiger dort Woh⸗ nenden ein Grab und legte die Leiche hinein. Mrs. St. ver⸗ ſicherte mir aber, ſie habe nie einen ſo ſonderbaren Leichnam geſehen; der Todte ſei noch ganz gelenkig und faſt noch warm geweſen, als ſie ihn in ſeine Gruft gelegt hätten, und habe ſogar rothe Backen gehabt, doch— bald bedeckte ihn die kühle Erde, und es wurde nicht weiter davon geſprochen. Weidegrund in Arkanſas. 255 Am 29. September war ich wieder ziemlich wohl und half St.'s das Wälſchkorn von dem anderen Felde einernten, was mir, da mich dabei wieder ein Regenſchauer erwiſchte, nicht beſonders gut bekam. Am 1. Oktober kam ein alter Mann von Teneſſee mit ſeinem Sohne in den Sumpf, um Vieh zu kaufen. Wir ſattelten die Pferde, die Kühe im Walde zuſammenzutreiben, denn in dieſer Jahreszeit, wo das Futter überall im Ueber⸗ fluſſe ſteht, hält ſich das Rindvieh an keinem beſtimmten Platze auf und iſt heute hier, morgen da. Für Viehweide kann es keine beſſere Gegend auf der ganzen Welt geben, als dieſe Sümpfe. Im Sommer füllt faſt kniehoher„peavine“(eine Art rankiger Klee) den Wald, dazu das ſchönſte Gras, wilder Hafer und wilder Roggen; im Winter ſind die immergrünen Schilfbrüche oder Rohr⸗ dickichte die wahren Weideplätze für Rindvieh und Hirſche, und außerdem wächſt auch noch ſogenanntes„Wintergras“ in vielen Theilen des Sumpfes. Durch Dorn⸗- und Schlingpflanzen, Schilf und Wald und faſt undurchdringliche Saſſafras⸗Dickichte brachen wir, konnten aber keine Klaue finden und kehrten unverrichteter Sache wieder heim. Richtig hatte ich auch am nächſten Mor⸗ gen das Fieber wieder und mußte mich mehre Tage nieder⸗ legen, doch bekam ich dießmal Geſellſchaft, denn der junge Fremde bezahlte ebenfalls ſeinen Tribut an die Sumpfluft. Er wurde krank, und zwar den zweiten Tag ſo arg, daß wir Alle ſein Ende erwarteten; doch genas er nach und nach wieder. * 256 Mrs. Lane. Am 7. October ritt ich, um mir etwas Bewegung zu ma⸗ chen, nach den 12 Meilen entfernten Anſiedlungen. Schon fing es an dunkel zu werden, als ich das Haus einer Mrs. Lane erreichte, die mich, da ich ſehr elend und abgezehrt aus⸗ ſah, freundlich einlud, die Nacht in ihrem Hauſe zu bleiben. Mrs. Lane könnte wohl als ein Muſterbild der Amerikane⸗ rinnen aufgeſtellt werden. Sie war ſehr einfach aber höchſt geſchmackvoll gekleidet, und Alles im Hauſe, das ſie nur mit ihren zwei Töchtern, ein paar wunderhübſchen Mädchen, be⸗ wohnte, war ſo reinlich, und nett, wie man es ſich nur wün⸗ ſchen konnte. Sie horchten Alle mit Vergnügen den Erzäh⸗ lungen aus dem weiten, fernen Europa, wie es da drüben die Leute trieben, wie die Gewaltigen ſo ſtolz, wie die Armen ſo gedrückt und verachtet ſeien, und welche Pracht und wel⸗ ches Elend beſonders in den großen Städten herrſche; dann auch, wie es ſo ſchön in der Heimath ſei, welch' geſelliges Leben dort walte, und wie viele gute Menſchen da wohnen. Da ſchüttelten ſie oft die Köpfe und meinten, es müſſe gar eurios jenſeit des großen Waſſers ausſehen. Erſt ſpät legte ich mich, in meine wollene Decke gewik⸗ kelt am flackernden Kaminfener nieder und ſchlief ſanft und ſüß. Am anderen Morgen erwachte ich mit ſtechendem Kopf⸗ ſchmerz und Fröſteln in allen Gliedern und fühlte meinen alten Feind nahen, doch half hier kein Zögern; mit vor Kälte zitternden Händen ſchnallte ich meinen Sattelgurt feſt und ging in's Haus, um Abſchied zu nehmen. Die guten Leute hatten ſchon ein paar Taſſen heißen Kaffee für mich fertig, Bärengalle mit Whiskey. 257 doch konnte dieſer das Fieber wohl etwas aufhalten, aber nicht vertreiben. Ich mußte noch in die 3 Meilen entfernte Schmiede, um dort etwas auszurichten, und drehte dann den Kopf meines Pferdes nach dem Hauſe des alten Dun. Wie ich dorthin gekommen bin, weiß ich nicht, ich erinnere mich nur noch dun⸗ kel eines ſtechenden Kopfſchmerzes und einer fürchterlichen Mattigkeit, und daß ich oft auf dem Halſe des Pferdes lag, ſo daß das geduldige Thier ſtehen blieb und erſt weiter ſchritt, wenn ich mich wieder aufrichtete. Dun's Haus war unge⸗ fähr 3 Meilen von der Schmiede entfernt, und zum Tode er⸗ ſchöpft rutſchte ich dort mehr vom Pferde herunter, als daß ich abſtieg. Der alte Mann ſah bald was mir fehlte; er brachte mir ein Glas und eine, mit einer grünen Flüſſigkeit gefüllte Flaſche, aus der ich einen recht herzhaften Schluck that; die Bitterkeit der Miſchung ſchnitt mir aber ſo durch die Einge⸗ weide, daß ich entſetzt fragte, was denn zum Teufel das für Zeug ſei. Lächelnd ſah er meinem Geſichtſchneiden zu und ant⸗ wortete, daß dieß etwas ganz Neues, von ihm ſelbſt Erfunde⸗ nes ſei. Es war Bärengalle mit Whiskey, und er nicht wenig ſtolz auf ſeine Arznei. Ich ſchlief dieſe Nacht ziemlich gut und kam am nächſten Tage zu St.'s zurück. Leid that es mir, an dieſem Abende nicht in der rechten Stimmung geweſen zu ſein, denn der alte Dun war nicht allein ein herzensguter, ſondern auch durch ſeine trockenen Erzählungen, ein höchſt beluſtigender Mann. Er wohnte zwiſchen lauter Stock⸗Methodiſten, von denen er die komiſche⸗ Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 17 2 — 4„ 5 82 3 4. —— — —— 258 Der Methodiſtenprediger. ſten Geſchichten erzählt, doch ſchmerzte mich mein Kopf zu ſehr, als daß ich ihm hätte lange zuhören können; eine Er⸗ zählung nur machte mich, trotz meiner Schmerzen, herzlich lachen. Ein kleiner, dicker iriſcher Methodiſtenprediger war vor kurzer Zeit unfern von Dun's Hauſe geweſen und hatte dort ungeheure Senſation unter der chriſtlichen Gemeinde erregt. Nach Beendigung der gewöhnlichen Sing⸗ und Gebet⸗For⸗ meln hatte er ſich mit beiden Armen auf einen vor ihm ſtehen⸗ den Tiſch geſtützt und zu predigen angefangen. Hitziger und eifriger wurde er in ſeiner Rede, glühender und gewalti⸗ ger in ſeinen Citationen, die er mit donnernder Fauſt auf dem Tiſche begleitete. Endlich, ſeiner Gefühle kaum noch Meiſter, wie er um ſich herum eine Menge Frauenzimmer durch ſeine geſegneten Bemühungen vom heiligen Geiſte be⸗ fallen ſah, daß ſie raſend und tobend ihr„glory, glory“ heulten, ſprang er plötzlich mit beiden Knieen auf den Tiſch, und fuhr, mit den Armen in der Luft herumgreifend, wüthend in ſeiner Predigt fort, bis auch ihn endlich der heilige Geiſt erfaßte. Mit verdrehten Augen ſchrie er ein paar Mal, ſchnappte nach Luft und fiel endlich mit der Naſe platt auf den Tiſch, worauf er ſogleich von der, über ſeine Andacht mit Bewunderung erfüllten Gemeinde in das Haus getragen wurde. Dun erzählte:„Ich hatte ihn bei einem Beine, als wir ihn hineinſchleppten, und da ich wußte daß ſich der Satan blos verſtellte, kniff ich ihn, ſo ſtark ich konnte, ein paar Mal in die Waden. Er zuckte mit dem Beine und ſchnitt Die beiden Negerkinder. 259 fürchterliche Geſichter, ließ ſich aber nicht irre machen, und wir legten ihn auf's Bett, wo er nach einer Weile wieder zu ſich kam.“ Müde und matt ritt ich am nächſten Tage heim und war wieder auf eine kurze Zeit elend und krank, doch erholte ich mich bis zum 18. October ziemlich. Am Abende dieſes Tages kam St. von Strong's zurück, wo er ein paar Negerkinder gekauft hatte. Er führte ſie auf einem Pferde, das nebenher ging. Das eine von ihnen war ein pechſchwarzer Knabe, ungefähr 15 Jahre alt, mit einer ächt äthiopiſchen Geſichtsbildung. Als dieſer in das Haus trat, muſterte er jeden der Anweſenden ſcharf mit ſeinen wei⸗ ßen, rollenden Augen und ſah dann gleichgiltig im Zimmer umher, ſich die herumſtehenden Gegenſtände betrachtend, als ginge ihn die Sache eigentlich Nichts an. Das zweite war noch ein junges Mädchen von höchſtens 11 Jahren, das aber wohl ſchon harte Arbeit verrichtet hatte und dem, als es die vielen, fremden Leute ſah, zwei große Thränen in die dunkelen Augen traten. Das kleine Mädchen war, von ſei⸗ nen Aeltern getrennt, verkauft worden und ſah ſie vielleicht nie wieder; es ſtand ein Bild unterdrückten Schmerzes da. Der Knabe war von einem der öſtlichen Staaten, von Mary— land, über See nach New⸗Orleans und von dort hierher ge⸗ ſchafft worden. Er hatte wohl gehört, daß er einen ſehr gu⸗ ten, neuen Herrn bekommen habe, und das war ihm genug, „das Andere,“ ſchien ſein Geſicht zu ſagen,„wird ſich ſchon finden.“ Die Selaverei, der Schandfleck der nordamerikaniſchen 17* 260 Schurken. Freiſtaaten, wird noch einſt die Urſache ihrer Auflöſung, wenigſtens der Trennung der nördlichen Staaten von den ſüdlichen ſein, denn jene eifern dagegen, dieſe vertheidigen ſie, und einmal müſſen ſich die Folgen dieſes unſeligen Zwiſtes zeigen. Am nächſten Sonntag kehrten zwei Fremde bei St. ein, die, obgleich von verſchiedenen Weltgegenden kommend, ſich doch einander gut zu kennen ſchienen, denn ſie flüſterten viel zuſammen. Nach dem Eſſen, als wir mit ihnen in dem zwei⸗ ten Hauſe, das zum Schlafzimmer diente, zuſammen waren, fingen ſie an, ſich zu unterhalten und über künftige Pläne zu berathen, die in nichts Geringerem beſtanden als, in Ge⸗ meinſchaft im Lande umherreiſend, eine Spielbank zu halten, und zwar ſo daß ſie, indem ſie einander nicht zu kennen ſchienen, ſich auf dieſe Art beſſer in die Hände ſpielen konn⸗ ten. Ihre Abſicht ſchien hauptſächlich die zu ſein, zu den Indianern, beſonders zu der Nation der Cherokeſen zu gehen, da ſie glaubten, jene armen Teufel leichter betrügen zu kön⸗ . nen als Weiße. Die beiden Schurken mußten ſich aber doch nicht haben verſtändigen können, denn am nächſten Morgen zog Jeder für ſich ſeine Straße, und Johnſon, der eine von ihnen, der nach Memphis ging, hing St. noch eine falſche Fünf⸗Dollar⸗ Note auf, was dieſen, als er es ſpäter entdeckte, nicht wenig ärgerte. Ich wollte denſelben Tag den Weg reiten, den der Andere machte, und dieſer, als er mein Pferd geſattelt ſah, meinte ganz munter: das wäre ja recht ſchön, da hätte er Geſellſchaft; ich bemerkte ihm aber ganz trocken:„Ich reite Schlechter Ruf von Arkanſas. 261 mit keinem Schurken.“ Bei dem Worte„Schurke“ fuhr ex auf und griff an die Seite, wo er wahrſcheinlich ſein Meſſer und ſeine Piſtolen hatte, ich nahm aber ruhig meine Büchſe von der Schulter. Er biß die Lippen zuſammen und ritt in ſtarkem Trabe fort. Ich folgte ihm nach einer Weile, am Cash river einige Hunde abzuholen die St. gehörten, und die wir gern beim Hauſe haben wollten, doch bekam ich ihn nicht mehr zu ſehen. Dieſes ſchlechte Volk, das aus Spielern, Säufern, Mör⸗ dern und Dieben beſteht, hatte ſich damals in großer Anzahl nach Arkanſas gezogen, da es eher die ſchlichten Jäger des noch jungen Staates, als die abgefeimten Conſorten in den älteren Anſiedlungen glaubte übervortheilen zu können. Arkanſas be⸗ ſonders war dadurch in der ganzen Union zu einem ſo ſchlech⸗ ten Ruf gekommen, als ob alle ſeine Bewohner aus ſolchem Geſindel beſtänden und bis an die Zähne mit Piſtolen und Bowiekniefes(einer Art großer ſchwerer Meſſer mit 9— 12 Zoll langen und 3— 4 Zoll breiten Klingen) bewaffnet gin⸗ gen. Demn iſt aber nicht ſo, denn ich habe den Staat nach allen Richtungen hin durchkreuzt, und ſo ehrliche und recht⸗ liche Leute darin gefunden, als in irgend einem anderen Theil der Union. Am Abende des 24. Octobers kamen 2 kleine, doch ſchwer beladene Wagen, jeder mit einem Pferde beſpannt, angerollt, die allerlei Kurz⸗ und Ausſchnittwaaren, Hüte, Schuhe, Pulver und Blei, ſelbſt Gewehre mit ſich führten, um den Farmern ſolche Sachen zuzubringen, die dieſen am nützlichſten — — —— — ——— — 262 Auszug. Die Stiere. ſind. Die Preiſe, die dieſe Händler oder pedlars, wie ſie die Amerikaner nennen, für ihre Waaren fordern und bekommen, ſind enorm, daher auch die meiſten von ihnen ihr Glück dabei machen. St. kaufte nur einige Kleinigkeiten. St. hatte indeſſen, theils an den Teneſſener, theils an andere neue Anſiedler, einen großen Theil ſeines Rindviehes verkauft und beſchloſſen, ſeine bisherige Beſitzung ebenfalls zu verhandeln und in den Oiltrove bottom am White river zu ziehen. Die Amerikaner ſind einmal ein raſtloſes wander⸗ luſtiges Volk, und können es nicht lange auf einer Stelle aushalten. Weſtlich, immer weiter weſtlich geht ihr Drang, und Anhänglichkeit und Liebe zu ſtiller Häuslichkeit kennen ſie gar nicht. Unſer Contract hatte ſich indeſſen durch Uhl's Entfernung und mein fortwährendes Krankſein von ſelbſt aufgelöſt und wurde gar nicht mehr erwähnt. Anſtalten zum Ausziehen oder„moving“ wurden jetzt gemacht, und St. war ſchon am White river geweſen, hatte einen Platz gekauft und alle Vorbereitungen getroffen. Es fehlte nur noch zu den drei Geſpannen, die wir brauchten, an zwei Stieren, und da der Weg weich und ſumpfig war, ſo wurde beſchloſſen, noch ein drittes Paar Stiere einzufangen. Wir zogen deßhalb noch ein Mal in den Wald und trieben zwei ganz wilde Thiere in die Einfriedigung. Dort angekommen warfen wir ihnen eine Schlinge um die Hörner und banden ſie an einen Baum. Mit furchtbarer Anſtrengung verſuchten ſie allerdings loszu⸗ kommen und riſſen mit aller Gewalt an den ledernen Seilen; dieſe waren aber zu ſtark für ſie, und in vergeblicher Wuth⸗ Einfahren der Ochſen. Das Ochſenjoch. 263 ſtürzten ſie nieder und brüllten. So blieben ſie den Nach⸗ mittag und die Nacht, bis zum nächſten Morgen, ohne Futter und ohne einen Trunk Waſſers, ihren Durſt zu löſchen. Um 9 Uhr ungefähr, kurz vorher ehe wir fortfuhren, wurden ſie, jeder einzeln, zu einem alten, ſtarken Zugochſen ins Joch gethan und eingeſpannt. Die Peitſche knallte, der Ruf erſchallte, und halb von den gewaltigen Hieben, die auf ſie herabregneten, getrieben, halb von dem ſtarken Mitarbeiter gezogen, gingen ſie nach vier oder fünfſtündiger, vergeblicher Widerſetzlichkeit ſo gut, als ob ſie ihr Leben lang nichts An⸗ deres gethan hätten, als Laſtwagen gezogen. Das Ochſenjoch in Amerika iſt ebenfalls von dem bei uns gebräuchlichen ſehr verſchieden, aber ungemein praktiſch. Es beſteht aus einem einzigen Stück⸗ oder Querbalken von leichtem gebogenem Holze, der auf dem Nacken beider, neben einander ziehender Thiere liegt und durch Holzklammern an dem Halſe derſelben befeſtigt iſt. In der Mitte dieſes Balkens iſt ein Ning angebracht, in den die Kette, mit welcher ſie irgend einen Gegenſtand fortbewegen ſollen, eingehakt wird. Auf dieſe Art ziehen ſie einzig und allein mit dem Nacken. Nur langſam rollte der ſchwere Wagen auf dem, von dem ſtarken Herbſtregen äußerſt ſchmuzig und ſchlammig geworde⸗ nen Wege hin, und erſt am 4. Novbr. Morgens erreichten wir den White river, an deſſen Ufer wir bis gegen Abend warten mußten, ehe wir überfahren konnten. Heftiger Wind machte es nämlich gefahrvoll, ſich mit dem kleinen Boote und dem hohen Wagen dem unruhigen, vom Sturme gepeitſchten Fluſſe anzuvertrauen erre— 264 Wirthshaus des freien Negers. White river iſt unſtreitig der ſchönſte Strom von Ar⸗ kanſas, und ſein klares, ſtilles Waſſer ſticht gegen die rei⸗ ßenden, ſchlammigen Fluthen des Miſſiſſippi und des Red river freundlich ab; nur nach der Mündung zu ſind ſeine Ufer niedrig und von ungeheueren Sümpfen umgeben, während er weiter hinauf von maleriſchen Hügeln eingeſchloſſen ſein ſoll. Er ergießt ſich mit einem Arme in den Arkanſas, mit dem anderen in den Miſſiſſippi und entſpringt in den Ozarkge⸗ birgen, in der nordweſtlichen Ecke des Staates, wo, wie mir geſagt wurde, eine ganz ausgezeichnete Jagd iſt. Die früher etwas kalte trockene Luft hatte ſich, ſobald der Wind nachließ, in einen naßkalten Nebel verwandelt, der zuletzt in recht ordentlichen Regen ausartete, und wir waren ſehr froh, daß wir noch das Haus eines freien Negers er⸗ reichen konnten, der dort eine Art Wirthshaus hielt. Fröh⸗ liches Lachen tönte uns aus der erleuchteten Stube, in der ein hoch aufloderndes Feuer flackerte, entgegen, und gar be⸗ haglich erſchien uns, nach dem Unwetter draußen, die Gluth im Kamine, um die drei höchſt joviale Burſchen erzählend und lachend verſammelt waren. In der einen Stubenecke lehnten drei lange amerikaniſche Büchſen, an denen die Ku⸗ geltaſchen hingen, und zeigten an, daß, wenn das muntere Kleeblatt auch nicht aus Jägern beſtand, ſie doch wenigſtens auf die Jagd wollten. Vor ihnen auf dem Tiſche ſtand eine halbgeleerte Flaſche, und nach kurzem Geſpräche erfuhr ich, daß der kleine dicke Mann, der mit den ſeligglänzenden Au⸗ gen und der rothen Naſe ſich ſo ſtillvergnügt an eine Ecke des Kamines lehnte und fortwährend mit der Whiskey⸗Flaſche Büffeljäger. 265 liebäugelte, der Branntweinbrenner Magnus ſei, der mit zwei Freunden in eben den Sumpf, woher wir kamen, hineinwollte, um auf die Büffeljagd zu gehen. Der Kleine trank mir indeſſen tapfer zu, und fing an, durch ſeine Drollig⸗ keit mich bald ſehr zu amüſiren. Er lebte und webte nur in den noch zu erlegenden Büf⸗ feln. Er ſchwor bei nichts Anderem als bei Büffeln, wettete um Nichts als um Büffelfelle, taxirte Alles nach dem Werthe derſelben, und zerquälte ſich nur einer Sache wegen des Bißchen Verſtand, das ihm der Whiskey noch gelaſſen hatte, darum nämlich, wie er alle Büffel, die er zu erlegen gedachte, am vortheilhafteſten transportiren könne. Umſonſt verſuchte ich ihm eine ſchwache Idee von den faſt undurchdringlichen Sümpfen beizubringen, wie ſchwer es ſei, die wenigen Büffel dort aufzufinden, und wenn aufgefunden, wie unmöglich, et⸗ was von ihnen, ſelbſt nur die Haut, mit hinwegzunehmen, ſeine Geſichtszüge blieben ſich gleich, verklärt und freundlich, wie vorher. Als ich aber mit meinen Warnungen fertig war, reichte er mir mit vor innerer Wonne ſtrahlendem Ant⸗ litz die Flaſche, aus der ich nur zum Scheine Beſcheid that, und verſicherte mir mit vor Rührung bebender Stimme, daß er feſt entſchloſſen ſei, Alles, ſelbſt das Leben zu wagen, um nur wenigſtens einen Büffel zu erlegen, und daß, da ſein Leben einmal eingeſetzt ſei, ein paar unbedeutende Sumpf⸗ löchlein und Dornen auf keinen Fall in Betracht gezogen werden könnten. Seine Stimme wurde dabei immer weicher und zärtlicher, und als es ihm gar noch einfiel, daß er Fa⸗ milienvater ſei, überſchritt ſeine Rührung alle Grenzen. Eine 31 266 Der Branntweinbrenner. heftige Thränenfluth entſtürzte ſeinen Augen, und ehe ich nur eine Ahnung davon bekam, hatte ſich mir die kleine runde Geſtalt um den Hals gelegt. Die Rührung weniger, als das bedeutende Gewicht des Dicken, preßte mir einen tiefen Seufzer aus, den er unglücklicher Weiſe für Mitgefühl gehalten haben muß, denn er drückte mich mit ſolcher Heftig— keit an ſein klopfendes Herz, daß mir Hören und Sehen ver⸗ ging. Seine beiden Freunde, die mäßiger als er vom ſüßen Safte gekoſtet hatten, ſprangen endlich zu meiner Hilfe her⸗ bei und verſuchten, mich aus ſeiner Umklammerung heraus⸗ zulöſen. Das war aber nicht ſo leicht, als ſie vielleicht ver⸗ muthet hatten, denn wie eine Klette hing er an mir und ſchrie:„Laßt mich gehn, er iſt mein Freund, er will mich retten.“ Endlich befreite ich mich von ihm durch eine raſche Wendung, und ſeine Begleiter zogen ihn nun aus und brach⸗ ten ihn zu Bette, wobei er aber nicht ermangelte, heftig mit den kurzen Armen und Beinen um ſich zu ſtoßen und zu ſchlagen, und ſie ein Mal über das andere„nichtswürdige Büffelhunde“ nannte. Noch lange weinte und ächzte er, darauf war er eine kurze Zeit ruhig, und zuletzt ſchnarchte er laut. Ich ſah ihn am anderen Morgen nicht wieder, da wir, um unſere Reiſe fortzuſetzen, mit Tagesanbruch aufbrachen, doch bedauerte ich ihn wegen ſeines, ohne Zweifel folgenden Katzenjammers. Wir kamen gegen Mittag zu Stys neuer Farm, wo eben die früheren Bewohner derſelben beſchäftigt waren, ihre Hab⸗ ſeligkeiten aufzuladen und damit fortzuziehen. Die neue Farm. 267 Nachmittags verſchwanden ſie und hinterließen, als zarte Rückerinnerung, einen Schmuz im Hauſe, der an's Unglaubliche grenzte. Als wir unſeren Wagen abgeladen und die Sachen un⸗ ter Dach und Fach gebracht hatten, fuhr St. mit den beiden Treibern wieder in den Sumpf zurück, eine zweite Ladung zu holen, und ich blieb allein. Das kleine Häuschen lag mitten im dichten Walde an ei⸗ nem 6— 7 Acker großen Felde, und wahrhaft herrliche Bäume ſtanden um daſſelbe herum. Ich hatte aber nicht mehr viel Zeit, an dieſem Abende die Naturſchönheiten zu bewundern, denn durch das Abladen und Wegſchaffen unſerer Geräthſchaften war der Tag auf Sturmesflügeln entflohen und die Sonne ſchon untergegangen, ehe ich Holz genug aus dem Walde zuſammengeſchleppt hatte, nur während der Nacht ein gutes Feuer zu unterhalten. Meine Vorbereitungen zum Eſſen waren dabei ebenfalls bald getroffen, denn mein ganzer Vorrath von Lebensmitteln beſtand aus etwas Mais⸗ mehl, trockenem Hirſchfleiſche und wildem Honig. Dunkel, tiefes Dunkel lag jetzt auf der ſchlummernden Erde, und alten Erinnerungen und Bildern nachgebend, zog ich den einzigen Stuhl der im Hauſe war, zum flackernden Feuer, holte meine Cither hervor und vertrieb mit den ſanf⸗ ten, klagenden Tönen derſelben das böſe Heimweh, das wohl oft in ſtillen, einſamen Stunden das Herz peinigen und quälen will. Zuletzt übermannte mich die Müdigkeit, ich warf mich nahe am Feuer auf mein Büffelfell, und bald ——— —— —— —— —— Der Traum und der Kranke. tanzten bunte Traumbilder in tollem Treiben an mir vorüber. Der kleine, dicke Branntweinbrenner ſaß ganz gemüthlich mit mir und meinen Lieben bei Leipzig im Kuchengarten und erzählte uns von den Beſchwerden und Gefahren, die er auf der Büffeljagd ausgeſtanden habe, wobei ihm beſonders meine Mutter ganz aufmerkſam und andächtig zuhörte. Noch viele andere, liebe Geſtalten ſaßen daneben um den großen Tiſch herum, jede mit ihrer Portion Kaffee vor ſich, als plötzlich ein heftiges Klopfen an der Thüre uns unterbrach und wir entſetzt aufſprangen, zu ſehen, was es denn gebe. Nur der kleine Branntweinbrenner blieb ruhig ſitzen und erklärte lachend, wir möchten uns ja nicht ängſtigen, es ſei ein zahmer Büffel, den er an der Thüre angebunden habe. Aber ſtärker und ſtärker wurde das Pochen, und ich ſprang erſchreckt in die Höhe. Das Feuer war niedergebrannt und ſchwarze Nacht umgab mich, nur das wiederholte, ſtärker und ſtärker werdende Klopfen erweckte mich endlich, und ich eilte an die Thüre, ſie zu öffnen. Der Klopfende war einer der Wagenführer, der mich denſelben Tag verlaſſen hatte und jetzt mit vor Fieberfroſt klappernden Zähnen zu mir hereintrat. Schnell ſchürte ich das Feuer wieder an, daß es hoch aufloderte, und ſah mich dann nach meinem Kranken um, der matt und todtenbleich auf den Stuhl niedergeſunken war und mir mit ſchwacher Stimme verſicherte, daß er ſterbens⸗ krank ſei. Ich hatte glücklicherweiſe etwas Kaffee im Haus, von St.s Ankunft. 269 dem ich ihm ein paar Taſſen kochte, die der Patient ſo heiß als möglich hinuntertrank. Durch dieſe erquickt, warf er ſich auf das Fell und ſchlief bald ein. Am nächſten Mor⸗ gen befand er ſich etwas beſſer, und wir vertrieben uns die Zeit, ſo gut es gehen wollte, bis St. mit ſeiner zweiten Fuhre kommen würde. Zu thun hatte ich weiter Nichts, als Holz genug zum Feuern herbeizuſchaffen und dann und wann einen Truthahn zu ſchießen, damit unſere Lebensmittel aus⸗ reichten. Endlich nach Verlauf einer ganzen Woche, in de⸗ ren letzten Tagen wir nur von Truthühnern und aus einem benachbarten Feld geholten Kürbiſſen lebten, kamen St.'s mit ihren übrigen Sachen, Kühen, Pferden, Schweinen, Gänſen, Hühnern, Katzen und Hunden glücklich an, und es kam Leben in die ſtille Farm. Nun ging's an ein Einrichten, und Leben kam in die noch vor kurzer Zeit ſo ruhige Wirthſchaft. Der Arbeit war kein Ende und die Folge davon wieder das Fieber, das in dieſem unglücklichen Lande an mich gebannt zu ſein ſchien. Ich er⸗ mannte mich zwar wieder, aber erſt am 20. November fühlte ich mich ſtark genug, ein Pferd zu beſteigen, und zog wieder einmal hinaus in die freie Gottesnatur, die friſche Luft mit unſäglicher Wonne einathmend. Ich hatte die Büchſe auf der Schulter und ritt wohl 4—5 Meilen in den ſtillen Wald hinein. 8 Dieſe Sümpfe und naſſen Landſtrecken verwirklichen Alles, was ſich der Europäer unter Urwald denkt, denn das Hügelland, und überhaupt der höher gelegene trockene Bo⸗ den bietet ſelten oder nie jenes dichte Gewühl von Unterholz —— — — ——— ——— — 270 Urwald. und Schlinggewächſen. Dort haben beſonders die letzteren aber auch gar keine Zeit ſo zu wuchern und dicht zu werden, denn Jäger wie Viehzüchter zünden alljährlich das den Bo⸗ den reichlich bedeckende dürre Laub an, für Wild und Vieh bald wieder friſch aufkeimendes junges Gras zu haben. Das Feuer verzehrt dann das dürre Laub, und tödtet die Schling⸗ gewächſe und das junge Buſchwerk, ohne den alten ſtarken Stämmen viel zu ſchaden, und der Wald wird dadurch licht und offen. Außerdem werden in hohem und nicht ſo kräfti⸗ gem Land die Bäume auch nicht ſo ſtark und hoch, wie in den Niederungen. Im Sumpfe jedoch, wo der, auch ſelbſt im Sommer feuchte Boden das Anzünden von ſelbſt verbie⸗ tet, erreichen die Bäume oft eine ungeheure Stärke und Höhe— ich habe deren bis 7, 8 und 9 Fuß im Durchmeſſer gefunden— und Unterholz und Schlingpflanzen wuchern da ebenfalls nach Herzensluſt. Gegen Abend ſah ich einen jungen Bock, der einſam und bedächtig durch den Wald ſchritt. Ich war vom Pferde ge⸗ ſtiegen, das ruhig graſend auf dem Flecke ſtehen blieb, und ſchlich ein Stück näher zu ihm. Arglos kam er heran, bis er das ſcharrende Pferd bemerkte; dann hielt er, warf den ſchö⸗ nen Kopf in die Höhe und ſchnob— aber ziſchend fuhr ihm mein Blei zwiſchen die Rippen, und er brach zuſammen. Bei meiner Mattigkeit brauchte ich einige Zeit, ehe ich das, wenn auch nicht ſehr ſtarke Thier auf mein Pferd werfen konnte, doch gelang es mir endlich, und ich ritt langſam heimwärts, denn die Sonne ſah ſchon gluthroth aus, und ich hatte noch mehre Meilen zurückzulegen. Unvermuthetes Jagdabenteuer. 271 Gerade vor Einbruch der Nacht ſchoß ich mit dem an⸗ deren Rohre einen Truthahn, und da es jetzt ſchon anfing dunkel zu werden, und ich mich dicht am Haus befand, lud ich nicht wieder. Ich hatte meine Büchſe lange nicht gerei⸗ nigt und wollte ſie am nächſten Morgen einmal auswaſchen. Der Mond ging jetzt mit voller Scheibe auf und ſandte ſein freundliches Silberlicht durch die dunkelen Schatten der Bäume, mir dadurch die Richtung zeigend, die ich zu neh⸗ men hatte. Kurze Strecke war ich auf ſolche Art langſam mit meinem ſchwerbeladenen Pferde durch den dichten Wald geritten, als ich einen kleinen Kuhpfad erreichte, der nach dem Hauſe zulief. Gleich darauf hörte ich die Glocken der Kühe läuten und Hundegebell, und mein Pferd wieherte fröhlich dem erſehnten Futter entgegen, das es ſtets erwartete, wenn es gearbeitet hatte. Plötzlich hörte ich es zur Rechten in den Büſchen rauſchen; ich hielt, und dicht vor mir brach eine Heerde Schweine in wilder Eile über den Fußweg. Schon wollte ich weiter reiten, als ich es wieder in den dürren Blättern raſcheln hörte und auf ein Mal einer der größten Bären der Sümpfe, nicht 6 Schritte von dem Kopfe meines Pferdes entfernt, vor mir im Wege ſtand. Er ſchien meine im ungewiſſen Mondlichte ſtehende Figur neugierig zu betrachten, da er den Wind von mir nicht bekommen konnte, und hob leiſe witternd den Kopf. Mein Gewehr war nicht geladen, und ſchon durchzuckte mich der Gedanke, den Kampf mit dem Meſſer zu verſuchen, doch wollte ich erſt ſehen, ob ich es nicht möglich machen könnte, ihm etwas Blei zuzu⸗ ſchicken. Ich ſtellte den Kolben der Büchſe auf den linken, 272 Der Bär. im Steigbügel ruhenden Fuß, ließ ſoviel Pulver, als ich un⸗ gefähr nöthig glaubte, in den Lauf fallen und ſtieß eine, ſchnell in ein Stück Papier gewickelte Kugel darauf. Soweit war ich fertig ohne daß ſich der Bär auch nur gerührt hätte, und wollte eben ein Zündhütchen aufſetzen, als mein Pferd, das bis jetzt, äußerſt aufmerkſam zwar, aber doch auch un⸗ beweglich den Bären betrachtet hatte, die Bekanntſchaft des⸗ ſelben etwas mehr in der Nähe machen wollte und ſchnobernd einen Schritt vorwärts that. Meiſter Braun mochte aber nun Lunte riechen, denn mit einem Satze war er im Ge⸗ büſch und ich hörte, wie er nach wenigen Sprüngen wieder ſtill ſtand. Unter der Zeit hatte ich das Zündhütchen aufge⸗ ſetzt, glitt leiſe vom Pferde herunter und ſchlich dem Bären im Dickichte nach, um ihn wo möglich noch zum Schuß zu bekommen. Zwanzig Schritte mochte ich ungefähr ſo leiſe, als es mir das dürre Laub geſtattete, vorwärts gekrochen ſein, als ich anhielt, um zu lauſchen; ich konnte aber nicht das Ge⸗ ringſte hören oder ſehen, und war doch feſt überzeugt, der Bär könne keine 10 Schritte mehr von mir entfernt ſein, denn in dem trockenen Laub hätte ich ſein weiteres Fort⸗ ſpringen jedenfalls hören müſſen. Leiſe hob ich eben wieder den Fuß, noch ein paar Schritte vorwärts zu thun, wo mir die Wurzel eines umgeſtürzten Baumes die weitere Ausſicht verſperrte. Hinter der konnte er recht gut ſtehn, und das dürre Laub raſchelte eben wieder kaum hörbar unter meinen Schuh, als mir die vermuthete Wurzel plötzlich in's Geſicht hineinſchnob, und der Bär, der hier dicht vor mir geſtanden —õ—-— Auszug zur Bärenhetze. 273 und jede meiner Bewegungen beobachtet hatte, brummend und ſchnaubend das Weite ſuchte. Ehe ich mich von meiner Ueberraſchung— ja ich darf wohl ſagen von meinem Schreck — erholen und die Büchſe aufgreifen konnte, war er mit wenigen langen Sätzen im Waldesdunkel verſchwunden. Mismuthig ſuchte ich mein Pferd wieder auf, das ich an der⸗ ſelben Stelle wo ich es verlaſſen und trotz ſeiner Laſt ruhig graſend fand, und ritt mit zwei ſehr guten Vorſätzen dem nur noch wenige hundert Schritt entfernten Hauſe zu: erſt⸗ lich nie wieder einen Schritt mit ungeladener Flinte zu gehen, und zweitens morgen wo möglich den alten Burſchen dennoch aufzufinden. Am 22. November war ich früh, trotz dem kalten und unfreundlichen Wetter, mit einem Nachbar zur Bärenjagd gerüſtet, und mit 11 Hunden zogen wir, freudiger Hoffnung voll, in den Wald. Die amerikaniſche Bärenhetze iſt aber ſehr von unſeren deutſchen Jagden verſchieden, darum möchte es vielleicht nicht unintereſſant ſein, eine kurze Beſchreibung derſelben zu geben. Die Art der Jagd richtet ſich freilich ganz nach der Jahreszeit und den verſchiedenen Beſchäftigungen des Bären, doch war es jetzt Spätherbſt, faſt Winter, und er konnte deshalb nicht gepirſcht, ſondern mußte gehetzt werden. Auf guten, ſchnellfüßigen Pferden ziehen die Jäger mit 8 oder mehr Hunden, oft nur mit 3— 4, in dichteſten, un⸗ wegſamſten Plätze der Waldung, da dieſe der Lieblings⸗ aufenthalt der Bären ſind. Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge 1. — 274 Bärenjagd. Langſam reiten ſie durch Dornen und Schlingpflanzen, bis die Hunde, die überall in geſchäftiger Eile herumſuchen, einen der ſchwarzen Burſchen aus dem Lager aufjagen, oder eine friſche Fährte finden, der ſie dann bellend und heulend folgen. Sobald ſich der Jäger überzeugt hat daß die Hetze wirklich einem Bären gilt(denn oft fahren junge Hunde eine Zeit lang hinter einem Hirſch oder gar hinter einem Kanin⸗ chen oder Fuchs her), ſo ſetzt er dem Pſerde die Hacken in die Seite und nun geht's in wildem Galop durch die dichteſten, beim erſten Anblick undurchdringlich ſcheinenden Dickichte, in denen gar häufig der Jäger, auf den Hals des Pferdes nieder⸗ gebeugt, daſſelbe ſeiner eigenen Willkür überlaſſen muß, nicht durch die unzähligen, dornigen Schlingpflanzen und Weinreben aus dem Sattel geriſſen zu werden. Nach welcher Seite ſich das Geheul der Hunde zieht, nach der fliegt das Pferd, und ſind mehrere Jäger bei einander, ſo wird die Hetze bald zum Wett⸗ laufe, wer zuerſt das verfolgte Thier erreichen wird. Iſt der Bär fett, ſo hält er das Laufen nicht lange aus, ſondern ſucht ſich entweder einen Baum, auf den er mit vieler Gewandtheit hinaufklettert, oder ſtellt ſich, wenn ihn die Hunde gar zu ſehr drängen. Sind Hunde genug zugegen, um den Kampf gut fortſetzen zu können, dann beginnt die wahre Luſt der Jagd, das Gefecht. Sind nur wenige Hunde vorhanden und iſt der Bär mager und groß, ſo wendet er ſich zum Kampf, ſchlägt ſie zurück und ſetzt ſeinen Weg fort. Sitzt der Bär aber erſt einmal oben im Baume und haben ihn die Hunde umſtellt, dann kann der Jäger ruhig heranſchleichen und ſeine Kugel der, ſich auf ihrer Höhe ſicher träumenden Beſtie zu⸗ Bärenhetze. 275 ſenden, die dann im Herunterſtürzen einen ſo dröhnenden Fall thut, daß man es oft eine volle engliſche Meile weit hört. Wir waren ungefähr eine Stunde ruhig fortgeritten, als die Hunde einen furchtbaren Scandal erhoben, und fort gings über Stock und Block. Sie waren dem Bär gerade auf den Ferſen, und wie Gottes Zorn flog die Meute hinterher. Das Pferd, das ich ritt, hatte eine ſolche Jagd ſchon einige Male mitgemacht, nnd ich brauchte weiter Nichts zu thun als es ein wenig zu ſpornen und die Schlingpflanzen abzuwehren, und in vollem Galop ſauſte es den Hunden nach. Aber ſchwächer und entfernter wurde das Bellen derſelben, denn der Wald war ſo fürchterlich verwachſen, und ſo toll lagen die von Sturm und Alterſchwäche niedergeworfenen Bäuute über ein⸗ ander her, daß in dem fortwährenden Darüberhinwegſpringen mein Pferd und ich ſelbſt mehrere Male in den Schling— pflanzen hängen blieben und furchtbar hinſtürzten. Einmal beſonders glaubte ich nicht, daß ich einen ganzen Knochen im Leibe behalten hätte, doch rafften wir uns immer wieder auf. Meinen Kameraden hatte ich längſt aus den Augen ver⸗ loren, mir ſchien es aber, als ob ſich die Jagd mehr links drehte; ich horchte und richtig— links wandte ſich der ge⸗ jagte Bär dem Fluſſe zu. Kam er bis zu dieſem, war er gerettet; die Hunde wären ihm in dem kalten Waſſer ſchwer⸗ lich nachgeſchwommen, und auch wir hätten auf jeden Fall an dem Ufer, an welchem wir uns gerade befanden, bleiben müſſen. Ich änderte daher ſchnell meine Richtung, um ihm den Weg abzuſchneiden, und kam glücklicherweiſe bald in einen der kleinen, unzähligen Kuhwege, die den Wald nach allen 48 ¾ 276 Glückliche Jagd. Seiten hin durchkreuzten. Von Dornen nicht mehr auf⸗ gehalten, berührte das Pferd kaum den Boden und eilte mit mir im Fluge dem näher kommenden Jagen entgegen. Plötz⸗ lich ſprang es mit ſchnaubenden Nüſtern zur Seite, und aus dem Dickicht brach das verfolgte Thier. Sobald es das Pferd erblickte, ſtutzte es einen Augenblick unter tiefem Brum⸗ men. Ich hatte mich gleich nach dem erſten Seitenſprunge meines Poneys aus dem Sattel geſchwungen, und in dem⸗ ſelben Momente als der Bär hielt, ſauſte ihm auch meine Kugel auf kaum dreißig Schritt ins Schulterblatt. Die Hunde waren indeſſen dicht herangekommen und der Ver⸗ wundete raffte ſeine letzten Kräfte zuſammen, der wüthenden Meute zu entgehen; doch die zerſchmetterte Schulter ver⸗ hinderte ihn am ſchnellen Laufen und bald umſprangen ihn die hounds(Braken) mit lautem Heulen. Gleich darauf ſtürzten die anderen, derberen Hunde, eine Miſchung von Braken und Doggen, hinzu, und nun begann ein grimmiges Gefecht, denn der Bär konnte nicht mehr klettern und kämpfte, auf den Hinterbeinen ſtehend, mit der rechten Tatze für ſein Leben. Einen zweiten Schuß konnte ich nicht wagen, da er rings von Hunden umhangen war und ich keinen derſelben der Gefahr ausſetzen mochte, von der Kugel getroffen zu werden. Mit dem langen Jagdmeſſer ſprang ich nun hinzu und ſtieß dem immer matter werdenden, aber ſich noch mit fürchterlicher Wuth vertheidigenden Thiere— allerdings etwas vorſichtig und von hinten— den kalten Stahl gerade hinter der Schulter ins Herz. Bald darauf verendete es unter den wüthenden Biſſen der Hunde. Behaglichkeit der amerikaniſchen Blockhäuſer. 277 Jetzt kam auch mein Jagdgefährte, zum Tode matt, von Dornen faſt zerriſſen, und das Pferd mit weißem Schaume bedeckt, auf dem Kampfplatze an. Es ärgerte ihn nicht wenig, zu ſpät gekommen zu ſein, um am Gefechte Theil zu nehmen, doch half er mir wenigſtens den Bär aufbrechen und abſtreifen, und da jeder von uns einen Sack unter dem Sattel liegen hatte, theilten wir das Fleiſch in zwei Hälften und ritten langſam heim. Das Fleiſch des erlegten Wildes wird unter den Jägern ſtets gleichmäßig vertheilt, das Fell gehört aber dem, der das Wild erlegt oder zuerſt angeſchoſſen hat. Das Wetter wurde jetzt mit jedem Tage rauher und un⸗ behaglicher, und der kalte Nord pfiff gar anmuthige Weiſen durch die dürren, entlaubten Aeſte der Rieſenbäume. Da drängt ſich denn Alles an die warmen Kaminfeuer, und be⸗ ſonders fühlt der Europäer eine große Sehnſucht nach den warmen Stuben und heißen Oefen Europas. Durch die amerikaniſchen Blockhäuſer zieht der Wind, wo es ihm gerade beliebt, und da dieſe noch dazu die liebenswürdige Eigen⸗ ſchaft haben, ohne Fenſter zu ſein, ſo muß den ganzen, lie⸗ ben, langen Tag die Stubenthür, die zugleich Hausthür iſt, aufſtehen, um nur das nöthige Licht hereinzulaſſen. Da läßt ſich's wohl denken, daß trotz dem ungeheueren Feuer im Kamine ſtets eine ſehr gemäßigte Temperatur im Zimmer herrſcht. Zu dieſem Allen hatten wir nichts als Bärenfleiſch zu eſſen, und das des Tags dreimal. Da zog ich denn meinen warmen Flanellrock(die Männer tragen hier ſehr häufig Ueberröcke aus weißem, rothem, grünem oder blauem Flanell) an, nahm die Büchſe auf die Schulter, und beſchloß, — ——y— 278 Truthahn⸗Jagd. einen Truthahn zu ſchießen. Freudig jauchzend ſprangen die Hunde mit. Truthühner mit Hunden zu hetzen, iſt aber wohl eine der intereſſanteſten und bequemſten Jagden in der Welt. Sobald die Hunde einen Gang(a gang) derſelben aufgefunden ha⸗ ben, rennen ſie mit wildem Bellen hinter ihnen her. Obgleich nun der Truthahn ſehr ſchnell läuft, ſo würde ihn doch der Hund bald einholen. Um dieſem nun zu entgehen, fliegt er ſchwerfällig in die nächſten Bäume, jedoch meiſtens in die höchſten Wipfel derſelben, und ſchaut von ſeinem erhabe⸗ nen Standpunkte aus neugierig auf die den Baum unten heulend und bellend umſpringenden Hunde herab. Nun aber muß der Jäger es recht geſchickt anfangen, ſich an den umherſpähenden Truthahn hinanzuſchleichen, der, wenn er den Menſchen entdeckt, eilig ſein Heil wieder in der Flucht ſucht. Die beſte Art, ihn zu täuſchen iſt die, ſo viel Geräuſch als möglich zu machen und den Truthahn, oder den ganzen Gang derſelben, im Kreiſe zu umziehen und dabei ſo laut wie möglich, mit Bellen und Rufen, durch die Büſche zu brechen. Das dumme Thier lauſcht dann den fremden Tönen, und nahe genug herangekommen, muß der Jäger nur ſchnell hinter einen Baum ſpringen, wo dann ein gutes Auge und eine feſte Hand dazu gehören, den Vogel aus den oft 130— 140 Fuß hohen Bäumen mit der Kugel herunterzuholen; Schrot würde dort gar nicht hinaufreichen. Doch braucht er nicht tödtlich getroffen zu ſein, es genügt, ihm einen Flügel zu zerſchießen, und unfehlbar tödtet ihn dann im Fallen das eigene Gewicht. Ein für den Schützen gar ſehr belohnendes Tauſchluſt der Amerikaner. 279 Gefühl iſt es, den Truthahn zu ſehen, wie er beim Empfang der Kugel auf ſeiner ſicher geglaubten Höhe zuſammenzuckt, ſich umwendet und dann mit ſchwerem Falle zur Erde ſtürzt. Eine Truthenne wiegt 9— 12, auch wohl 14 Pfund, ein alter Truthahn aber von 16—20, ja oft 22 Pfund. Ich ſchoß an dieſem Tage drei und kehrte ſchwerbeladen nach St.'s Hauſe zurück. Am erſten December kamen die letzten Sachen, die St. noch am l'Anguille zurückgelaſſen hatte, und mit ihnen für mich wieder das ſchändliche Fieber. Jetzt wurde mir aber doch die Sache zu bunt, und ich nahm mir feſt vor, den ungeſunden Landſtrich zu verlaſſen und in die Hügel zu ziehen. Was half mir die Jagd hier, wenn ich alle Augen⸗ blicke wieder das Bett hüten mußte, und ſo ſchwach zuletzt wurde, daß ich wirklich kaum noch auf den Füßen ſtehen konnte. Schon am 4. December führte ich meinen Plan aus. Meine Doppelbüchſe gefiel aber dem alten St. gar ſehr, denn ſchon mehre Male hatte er mir einen Tauſch angeboten, der überhaupt eine Leidenſchaft der Amerikaner iſt. Sie ver⸗ tauſchen Alles, was ſie haben, Landgüter, Pferde, Vieh, Gewehre, Kleider, ſelbſt die Stiefeln und Hemden, die ſie tragen, oder ſind auch ſonſt eben ſo willig, Alles, was ſie beſitzen zu verkaufen. Da St. ſelbſt eine ſehr gute, lange, wenn auch ſehr unanſehnliche, noch mit Feuerſchloß verſehene Büchſe hatte, wie ſie Cooper bei dem alten Hawkeye ſchildert, ſo wurden wir bald Handels einig, wobei ich natürlich noch ein gutes Aufgeld empfing, und ſo zog ich am 4. December mit frohem Muthe den nicht ſehr fernen Bergen zu. Aber 280 Wanderluſt. wohl merkte ich, daß ich nicht mehr die alte Kraft beſaß. Meine Sehnen wollten nicht mehr wie vor zwei Jahren aushalten, wo ich das Wort„müde“ nur dem Namen nach kannte; das häufige Fieber hatte mir meine beſten Kräfte entwandt. Mit aller nur möglichen Anſtrengung vermochte ich den erſten Tag kaum 20 Meilen zu marſchiren; am zweiten machten mir ſchon 13 zu ſchaffen, und zum Tode matt kam ich gegen Abend bei H. v. G. am little Red river an. Bis zum 9. December blieb ich bei ihm und ging dann zu meinem alten Rheinbaiern hinüber, um zu ſehen, ob ſich dieſe wohl befänden. Dort verlebte ich wieder einige recht angenehme Wochen, half dem Alten arbeiten, wo ich konnte, oder ging auf die Jagd und ſchoß Truthühner, von denen ſich eine große Menge dort herum aufhielt, und wurde wirklich von den guten Leuten wie ihr eigenes Kind behandelt und gepflegt. Aber das ruheloſe Sehnen und Jagen, das mich von allen Plätzen, die mir bis jetzt lieb und theuer geweſen wa⸗ ren, hinweggetrieben hatte, ließ mich auch hier nicht ruhen. Ich wollte fort, fort! nur weiter, wieder an einen anderen Ort, denn durch die lange Ruhe und das freundliche Still⸗ leben der Familie hing ich zu trüben Gedanken nach. Dieſem wollte ich entgehen und beſchloß, obſchon ich mein Lehrgeld in den Sümpfen hinlänglich bezahlt hatte, wieder in dieſelben zurückzukehren. War ja doch auch des kalten Wetters wegen die Gefahr, das Fieber wiederzubekommen, nicht mehr ſo groß. Hilger's baten mich wirklich freundſchaftlich, noch länger bei ihnen zu bleiben, doch meine alte Wanderluſt ſiegte, und Abſchied. Waldeinſamkeit. 281 ich nahm herzlichen Abſchied von ihnen. Die Kinder wollten mich freilich gar nicht fortlaſſen, und das kleine dreijährige Mädchen konnte ich nicht anders beruhigen, als daß ich ihr ſagte, ſie ſolle mit mir gehen. Wirklich ſetzte das kleine Ding das Hütchen auf und ging an meiner Hand wohl eine Viertel⸗ meile, wo ſie dann der Bruder mit Gewalt zurücktragen mußte. Auch mir wurde es feucht in den Augen, als das Kind noch von Weitem die Händchen nach mir ausſtreckte und meinen Namen rief. Fort— fort— ich hatte ja keine Ruhe, und ſo kam ich denn am 25. Januar, Abends ſchon wieder zur Bay de view(einem kleinen, l'Anguille und Cash river gleichlaufenden und zwiſchen dieſen beiden liegen⸗ den, Flüßchen), wo ich' mein Lager an einem der ſich hier häufig findenden indianiſchen Grabhügel aufſchlug und am anderen Morgen ſchon an zu jagen fing. Da es Hirſche und wilde Truthühner genug dort herum gab, fehlte es mir nicht an Lebensmitteln, doch ſtak mir, wie dem kleinen Branntweinbrenner, die Büffeljagd im Kopfe, und ich wandte mich am 27. Januar den Fluß hinunter. Einſam zog ich jetzt durch die öden, von keiner menſchli⸗ chen Seele belebten Wälder, die Spur des flüchtigen Wildes verfolgend, und lag dann Abends auch wieder einſam und allein, meinen trüben Gedanken nachhängend, am kniſternden Feuer. Ich hatte mich jetzt an das Waldleben ſo ziemlich ge⸗ wöhnt und brauchte ſelten meinen Compaß, denn in dem ſumpfigen, ebenen Lande, wo die ungeheueren, geraden Bäume ſtehen, kann ſich der Jäger leicht, wenn er nur ſeine Aufmerkſamkeit darauf wendet, nach dem Mooſe der Bäume Hunger. Saſſafrasblätter. richten, das faſt ſtets an der Nordnordweſtſeite der Stämme viel dichter und häufiger iſt als an der Südſeite. Doch fing es an etwas zu frieren, und da der Sumpf überall mit Waſſer, oft knietief bedeckt war, machte ich, fortwährend durch das dünne Eis brechend, ſolch lautes Geräuſch, daß ich alles Wild, in deſſen Nähe ich kam, unfehlbar damit ver⸗ ſcheuchen mußte. Am 28. und 29. Januar war ich nicht zum Schuß ge⸗ kommen und lebte von den Ueberreſten eines Truthahnes und von ein paar Kolben Wälſchkorn, die ich in der Jagdtaſche ſtecken hatte. Am 30. Januar war auch dies zu Ende, etwas von dem Mais ausgenommen, das ich röſtete und mit großem Appetit verzehrte. Freilich diente es nur dazu, meinen Hun⸗ ger noch mehr zu erwecken, und ich fing ernſtlich an, die zar⸗ ten Stengel des Saſſafras zu kauen, um wenigſtens etwas in den Magen zu bekommen. Mein Gepäck beläſtigte mich nicht viel; mein Büffelfell hatte ich mir am White river gegen eine wollene Decke ein⸗ getauſcht, und im Jagdranzen trug ich nur ein Hemd, ein Paar ſehr wehmüthig ausſehender Socken nebſt ein paar Stück⸗ chen Blei. Das war die ganze Laſt; am meiſten aber hinderte mich auf dem Marſche die Cither, die ich über die Schulter hängen hatte, doch entſchädigte ſie mich, wenn ich Abends am Lagerfeuer von des Tages Laſt und Mühe ausruhte, wieder, und ich konnte es nie über mich gewinnen, ſie im Stiche zu laſſen. Gegen Abend, als ich mich, vom wüthendſten Hunger gepeinigt, nach einem trockenen Lagerplatze umſah, merkte Schnee. 283 ich, daß die Luft, und zwar mit jedem Augenblicke bedeutend kälter würde. Ich machte ſchnell ein gutes Feuer an und warf mich matt an demſelben nieder. Es fror jetzt ernſtlich, und ſeelenvergnügt war ich, als es ſpäter auch noch zu ſchneien anfing. Ich kauerte mich zuſammen, ſo gut es gehen wollte, und ſchlief bald ein. In der Nacht weckte mich das fürchterliche Geheul der Wölfe, die wahrſcheinlich eben ſolches Jagdglück gehabt hatten wie ich, wobei ich mir auf alle nur mögliche Weiſe gratulirte, wenn ſie nur halb ſo vielen Hun⸗ ger hätten. Mehre Male in der Nacht ſprang ich auf, ſchüt⸗ telte den Schnee von mir und ſchürte mein Feuer wieder an, das faſt ganz verloſchen war, und immer noch ſchneiete es und war bitterkalt. Mit gewaltigen Stücken Holz, die ich am Abend vorher zum Lager geſchleppt hatte, unterhielt ich mein Feuer in einer behaglichen Gluth, und bald waren Wölfe und Schnee vergeſſen und ich ſelbſt ſanft wieder ein⸗ geſchlafen. Ein vom Schnee ſchwerbeladener, herunterbrechender Aſt weckte mich endlich, und die Decke von den Augen reißend, erblindete ich faſt von den leuchtenden Sonnenſtrahlen, die die blendendweiße Fläche zurückwarf, wurde aber auch ſogleich völlig munter, denn die lockere, dünne Maſſe, die mir von der Decke herunter auf den bloßen Hals fiel, war gar zu kalt. Der Schnee kam mir gerade recht; ich rieb mir Geſicht und Hände damit, bis ſie glühten, und brauchte, da ich nicht nö⸗ thig hatte, mir ein Frühſtück zu kochen, nur ſehr kurze Zeit dazu, um fertig gerüſtet meine Jagd anzutreten. Wohl war ich etwas matt von dem langen Faſten, doch hatte mich auch 4 —— ——— 284. Overcup⸗Eichen. Die Fährte. die gute Nachtruhe und die neuerweckte Hoffnung ſehr ge⸗ ſtärkt. Ich verlor daher keinen Augenblick, meinem peinigen⸗ den Hunger abzuhelfen, und zog, unter den ſchwerbeladenen Aeſten der Bäume hinweg, auf's Geradewohl in den Wald hinein. Den Abend vorher hatte ich, dicht an meinem Lager⸗ platze, einen„Overcup⸗Eichbaum,“ der ziemlich ſüße Eicheln trägt, gefunden und mir einige derſelben geſammelt, die ich jetzt mit wahrem Heißhunger verſchlang meinem Magen doch wenigſtens eine kleine Beſchäftigung zu geben. Die Overcup⸗Eiche wird zu einem ſehr ſtarken Baume, wächſt aber nur in naſſem Boden, hat kleine Blätter und eine Frucht, an der die äußere rauhe Decke, die an unſeren Eicheln blos dicht am Stiele, in Form eines kleinen Taſſen⸗ ſchälchens, den unteren Theil derſelben bedeckt, faſt ganz über ſie weggeht und nur oben an der Spitze eine kleine Oeffnung läßt, wovon ſie auch den Namen hat. Die Eichel iſt faſt ganz rund und genießbar, da ſie einen keineswegs bittern, ſondern ſogar ſüßlichen Geſchmack hat. Sie iſt das Lieblingsfutter des Bären. 3 Noch nicht weit war ich von meinem Lager abgegangen, als ich auf die Fährte eines alten Bockes kam, der hier kurze Zeit vorher durchgegangen war, und ſtill und ſchnell folgte ich ihm in dem, an 6 Zoll tiefen Schnee. Ich fand die Stel⸗ len, wo er ſich mehrmals behaglich niedergethan hatte, doch behielt er im ganzen ſeine Richtung bei, und zwar in ſo ra⸗ ſchem Gang, daß ich wohl an 3 Stunden der von anderen oft gekreuzten Spur gefolgt war, ohne ihn auch nur ein ein⸗ ziges Mal in Sicht zu bekommen. Die Spur ging jetzt in Der Bock. 285 ◻☛ ein ziemlich dichtes Gebüſch hinein und hier, als ich gerade mit Armen, Beinen und Gewehr in den nichtswürdigen ſtach⸗ lichen Schlinggewächſen— den ſogenannten greenbriars— hing, ſah ich ihn plötzlich dicht vor mir ſtehen und meinem Arbeiten neugierig zuſchauen. Natürlich war er, ehe ich mich wieder frei machen konnte, ſchon in langen Sätzen entflohen und außer Schußweite. Von Neuem nahn ich jetzt ſeine Spur wieder auf und bekam Gelegenheit, die gewaltigen Sprünge zu bewundern, die er im erſten Anlauf gemacht hatte. Im dritten Sprunge war er über ein, etwa 8—9 Fuß hohes Gebüſch weggeſetzt und hatte von da, wo er abſprang, bis zu der Stelle, wo er die Erde zuerſt wieder berührte, eine Strecke von 20 Fuß überflogen. Bald fand ich, daß er wieder ruhig fortgeſchritten war, und meine Schritte ver⸗ doppelnd, folgte ich ſchnell und vorſichtig. Etwa 100 Schritte vor mir ſah ich ihn zum zweiten Male in einem Dickicht ſtehen, und da er ſich nach mir um⸗ ſchauete und ich nicht hoffen durfte, näher an ihn heranzu⸗ kommen, ſo nahm ich die Büchſe herauf, zielte bedächtig und drückte ab. Beim Knall zuckte er zuſammen und floh, zur Seite ſpringend, in wilder Eile durch die dicken Büſche. Er war mir nun gewiß genug, und ruhig lud ich wieder und ging zum Platze, wo er geſtanden hatte. Der Schnee war dort überall geröthet, und ein breiter Streifen großer dunkler Tropfen bezeichnete den Weg, den der Flüchtling genommen hatte. Da ich vom ſcharfen Gehen ermüdet war und auch dem —— m————— 286 Das kalte Bad. verwundeten Thiere Zeit laſſen wollte, krank zu werden, ſetzte ich mich ruhig auf einen alten umgeſtürzten Baum⸗ ſtamm. Nach einer halben Stunde ungefähr folgte ich der Fährte; der Hirſch hatte aber unglücklicher Weiſe den kleinen Fluß aufgeſucht, um ſeine brennende Wunde zu kühlen, war hin⸗ durchgeſchwommen und lag am anderen Ufer verendet im ee, den er rund um ſich her roth gefärbt hatte. Wäre ich nicht halb verhungert geweſen, hätte ich nie daran gedacht, mich ins kalte Waſſer zu wagen, aber die Noth überwand jede Bedenklichkeit. Mit einem Endchen Seil, das ich bei mir hatte, befeſtigte ich zwei Stücke faules Holz an einander, da dieſes am beſten auf dem Waſſer ſchwimmt, legte meine Büchſe, Cither, Decke und mein Jagdhemd darauf, that dann noch Pulverhorn, Taſche und das andere Hemd hinzu und ſtieg in das eiskalte Waſſer. Hoſen und Leggins behielt ich an, denn dieſe waren ſchon feucht, da ich am Morgen be⸗ reits mehrere kleine, fließende Waſſer hatte durchwaten müſſen. Als ich erſt einmal im Waſſer ſtand, duckte ich mich ſchnell unter bis an den Kopf, und ſchwamm dann in kurzer Zeit, das kleine Floß vor mir herſtoßend, an das andere Ufer. Vor Froſt klappernd zündete ich ein Feuer an, was keine geringen Schwierigkeiten hatte, da Alles von Schnee bedeckt war; doch half mir da mein Tomahawk. Ich trocknete mich nun wieder, wobei ich einige Stücke Fleiſch auf die Kohlen legte und ſie noch halb roh verzehrte, meinen wirklich wüthen⸗ den Hunger zu befriedigen. Das Verfolgen des Wildes und das kalte Bad hatten Letzter Fieberanfall in Amerika. 287 mich ermattet, und ich warf mich beim Feuer nieder, um aus⸗ zuruhen, doch mochte ich wohl meine Kräfte zu ſehr ange— ſtrengt haben, denn gar bald wieder fühlte ich das kalte Fieber meinen Körper chütteln. Das Frieren dauerte wohl 2 Stunden, und ich glaubte, es nie ſo heftig gehabt zu ha⸗ ben; dann ſuchte mich die glühendſte Hitze heim und ließ mich Schnee und Eis umher vergeſſen. Erſt gegen Abend fühlte ich mich etwas beſſer, doch war ich zu matt, weiter gehen zu können, räumte den Schnee um mich herum weg, machte eine Schutzwehr davon, den Wind von mir abzuhalten, und ſchlief, nachdem ich mir noch einen guten Holzvorrath herbeigeſucht hatte, die Nacht ſanft und ſüß. Merkwürdiger Weiſe war dies das letzte Mal, das ich das kalte Fieber in Amerika bekam. Den nächſten Tag, obgleich wieder wohl, war ich doch noch ſehr ſchwach und blieb bis gegen Abend am warmen Feuer hingeſtreckt, von meinem Wildpret zehrend, liegen. Gegen Abend, mehr um mir Bewegung zu machen und „etwas an die friſche Luft zu kommen,“ als um zu jagen, ging ich fort, doch kehrte ich, obgleich ich marſchfertig war, noch ein Mal zu meinem alten Lager zurück und brach am dritten Tage endlich im Ernſt auſ die ſo heiß erſehnten— Büffel zu finden. Ich hatte eine ſüdliche Richtung eingeſchlagen und war ein paar Stunden langſam fortgeſchlendert, als ich plötzlich an ein Lager kam, in dem einige 20 Büffel die vergangene Nacht gelegen haben mußten. Ich verlor jetzt keine Zeit mehr, ſondern folgte den breit ausgetretenen Spuren der Heerde, 288 Die Büffelfährte. Thauwetter. die eine Strecke am Fluſſe hinuntergegangen war, ſich dann gedreht hatte und nun faſt nördlich wieder hinauf zu ziehen ſchien. Als es dunkelte, zündete ich ein Feuer an und warf mich ermüdet auf eine, vom Schnee ereinigte Stelle. Es war fürchterlich kalt, und die Bolreſſeaten auf eine herz— brechende Weiſe, doch kamen ſie nicht in meine Nähe. Am nächſten Morgen, nachdem ich ein Stück meines Wildprets gebraten hatte, verfolgte ich die Spur auf's Neue, die im Zickzack bald nach dieſer, bald nach jener Himmels⸗ gegend hinlief, und konnte auch an dieſem Tage die Heerde nicht einholen. Doch hatte ich die beſte Hoffnung, da die Zeichen, die ich gegen Abend fand, mich vermuthen ließen, daß ich nur noch wenige Meilen von den Thieren entfernt ſein könnte. Wieder lagerte ich in den Spuren der Büffel und ſchlief, an den Stamm eines umgeſtürzten Baumes ge⸗ drückt, der den Nordwind von mir abhielt, bei einem fla⸗ ckernden Feuer warm und behaglich. Um Mitternacht aber drehte ſich der Wind, der bis jetzt Nordweſt geweſen war, nach Südweſt. Mir war gar nicht wohl dabei, denn das Wetter ſchien ſich zu ändern; dunkele Wolkenmaſſen ballten ſich in Süden zuſammen, die Luft wurde bemerkbar wärmer, und mir graute vor den Folgen.—— 1 Am 5. Februar fing es an zu thauen. Zwar wollte ich meinen Plan, die Büffel einzuholen, nicht ſogleich aufgeben, bald aber überzeugten mich mehre angeſtellte Verſuche, daß es vergebens ſei, ihrer Spur länger zu folgen. Regenſchauer folgte auf Regenſchauer; der ganze ſchöne Schnee war in wenig Stundeſſ verſchwunden, und an deſſen Statt lag . Thauwetter. Regennacht. 289 eine öde Waſſerwüſte vor mir, in der jede Fußſpur zu⸗ ſammenfloß. Jetzt war guter Rath theuer; die einbrechende Nacht jedoch überhob mich allen weiteren Verlegenheiten, denn die Dunkel⸗ 5* heit ſowohl, als der niederſtrömende Regen tiüberzeugten mich 1 3 daß, für dieſen Abend wenigſtens, weiter Nichts zu thun ſei. An ein Feueranmachen war gar nicht zu denken, und ich 2 kauerte mich unter einen halbumgeſtürzten Baum nieder, der mich wenigſtens etwas vor den tollen Regengüſſen ſchützte. Zwar hatte ich noch ein Stück gebratenes Wildpret in der Taſche, aber keinen Appetit es zu verzehren, und verbrachte f 4 auf dieſe Art höchſt elend und vor Froſt zitternd die Nacht. 4³ Die Wölfe ſchienen dort ganz zahm zu ſein, denn einzelne kamen oft auf wenige Schritte zu mir heran und heulten Mitleid erregend. Ich war aber gegen Alles ſo abgeſtumpft, daß ich nicht einmal mein Meſſer aus der Scheide zog, hätte ich mich ja doch bewegen müſſen. Ueberdieß ſchien mir in meinem damaligen Zuſtande ſchon der Gedanke, von Wölfen ein wenig warm geſchüttelt zu werden, eine ordentliche Er⸗ holung. Kein Auge ſchloß ich dieſe Nacht und harrte ſehn⸗ ſüchtig des erſten Tagesgrauens, das endlich langſam und trübe durch den dunklen Wald ſchimmerte. Der Regen hatte aufgehört, und nur noch ein feuchter, dünner Nebel lag auf dem Sumpfe. Ich ſchnitt mir ein Stück Fleiſch ab, ſtreute, da mein Salz ganz verbraucht war, etwas Pulver darauf und verzehrte es kalt und trocken, wie es war Es gab vielleicht in damaliger Zeit wenig Menſchen, die mehr und entſchiedener jagdtoll geweſen wären wie ich, man Gerſtäcker, Streif⸗ u. Jagdzüge. I. 19 ——— ——— — 290 Schneller Entſchluß. Rückkehr aus den Sümpfen. kann aber auch eine Sache übertreiben. Die faſt undurch⸗ dringlichen Sümpfe mit dem halbgethauten Schneewaſſer und Eis darin, das ſchlechte Wetter, mein langes Alleinſein, der Mangel jeder Bequemlichkeit die der civiliſirte Menſch doch nun einmal zum Leben für nöthig hält, das Alles kam hier, durch den letzten Fieberanfall nur verſtärkt, zuſammen und zum vollen Ausbruch und ich beſchloß nicht allein wieder Menſchen aufzuſuchen ſondern ſogar, ſowie ich nur wieder einen Aufenthalt civiliſirter Weſen erreicht hätte, der Jagd für nun und immer zu entſagen und nie wieder eine Büchſe anzurühren. Am ſchnellſten jetzt vor allen Dingen aus dieſen ſchrecklichen Sümpfen hinauszukommen, und meine guten Vorſätze gleich auszuführen, ſchlug ich eine ganz gerade nord⸗ öſtliche Richtung ein, an den St. Francis river zurückzu⸗ kehren und dort vielleicht in Strong's Postoffice Briefe aus Cincinnati oder vielleicht gar aus der Heimath zu finden. Ich hatte vor nicht gar langer Zeit nach Cincinnati geſchrieben, mir meine Briefe an jenen Platz zu ſchicken. Ich brach nun in gerader Richtung nach Nordoſten auf und zwar ſo ſchnell, als ich mich nur immer durch alle mir entgegenſtehende Hinderniſſe hindurcharbeiten konnte; aber grundgütiger Gott, was für ein Marſchiren war das? Nur wenig trockene Streifen Landes durchſchnitten den Sumpf von Norden nach Süden, und eine unendliche Waſſerfläche lag zwiſchen dieſen, die gewöhnlich wohl nur 1— 1 ½ Fuß, oft aber auch, wo kleine Abzugscanäle lagen, 3—4 Fuß tief waren; zwei Mal ſogar mußte ich ſchwimmen und das, matt und elend, wie ich es durch die vielen Fieber war, in eis⸗ Ueberraſchung. 291 kaltem Waſſer. Doch hier half mir das Wörtchen„muß“; entweder durch, oder im Sumpfe umkommen, das war die Wahl die ich hatte, und ich arbeitete mich zuletzt mit einer wirklich verzweifelten Entſchloſſenheit durch alle Hinderniſſe durch. Die Nacht verbrachte ich bei einem warmen Feuer und einem erlegten und am Spieße ſteckenden Truthahn, auf jeden Fall angenehmer als die vorige, und meine Cither klang mit den Wölfen und Eulen durch den ſtillen Wald. Am anderen Morgen ſchlug ich neugeſtärkt meine Nord⸗ oſtrichtung wieder ein und erſtaunte nicht wenig, als ich, un⸗ gefähr um 9 Uhr Morgens, plötzlich Rauch witterte und gleich darauf ein noch nicht ganz niedergebranntes Feuer vor mir ſah. Das niedergedrückte Laub an der Windſeite deſſelben ver⸗ rieth deutlich, daß ein einzelner Jäger dort gelagert hatte; auch waren vier Hunde mit dem Unbekannten, die ſich ihre Betten neben ihm gemacht hatten. Etwa 20 Schritte vom Feuer lag etwas Wälſchkorn auf der Erde, und die Zeichen am Baume, wo ein Pferd angebunden geweſen war, wie die Spuren ſeiner Zähne in der Baumrinde, ließen ſich nicht ver⸗ kennen... Wie es ſchien, hatte der Jäger vor kaum einer Stunde ſeinen Weg fortgeſetzt, und da noch der Thau und Froſt des kalten Morgens auf den Blättern lag, ſo war ſeine Spur, die nach Südoſt führte, leicht zu finden. Ich hatte ſie erſt eine kurze Strecke verfolgt, als ich einen Schuß gerade vor mir, obſchon in ziemlicher Entfernung, hörte. So ſchnell wie 19* 292 Der Jäger. möglich folgte ich dem Schalle und kam gerade an Ort und Stelle, als der Schütze ſein Pferd wieder beſteigen wollte, ſeine Jagd fortzuſetzen. Ein aufgebrochener Hirſch hing an einem jungen Baume, und vier Hunde ſprangen bellend ge⸗ gen mich heran. Der Jäger war ein Mann mit Namen Pearce, der hier im Sumpfe wohnte und den ich ziemlich gut kannte. Wir beide begrüßten uns herzlich und waren gegenſeitig froh, uns ſo zufällig getroffen zu haben. Er verſicherte mir, daß ihm Nichts ſoviel Spaß mache als mir begegnet zu ſein, denn er war, wie er ſagte, gerade im Begriff nach einem Baume hin⸗ zugehen, den er vor einigen Tagen gefunden, und worin ſich unſtreitig ein Bär aufhalten müſſe, denn eine Menge Zei⸗ chen wären rings herum, die es faſt außer allen Zweifel ſetzten. Den Hirſch hatte er auf ſeinem Wege geſchoſſen und dort aufgehangen, um auf dem Rückwege das Beſte davon mitzu⸗ nehmen und die Hunde mit dem Uebrigen zu füttern. Mit Freuden nahm ich ſeinen Vorſchlag, ihn zu begleiten, an, meinen Entſchluß, nicht mehr zu jagen, hatte ich ſchon faſt vergeſſen, oder doch dieſes eines Ausnahmefalls wegen anfgeſchoben, und mit verdoppelten Schritten eilten wir dem Brushy-lake zu, den wir gar bald erreichten. Hier waren wir allerdings, wie P. fand, nachdem er ſich ein wenig orientirt hatte, zu viel ſüdlich gekommen und daher genöthigt, wieder eine Strecke ſtromauf zu gehen. Wir lagerten aber, da wir beide müde waren, ſehr früh an dieſem Nachmittage auf einem trockenen, etwas höher gelegenen Stück Land. — Seltſame Gewohnheit des Bären. 293 Nur wenige Schritte von unſerem Lager ſtand ein Saſſa⸗ frasbaum, deſſen Rinde, etwa 7 Fuß vom Boden, ganz zer⸗ biſſen und zerkratzt war. Ich hatte ſchon lange gelegen und ihn beim Scheine des 4 hellauflodernden Feuers betrachtet, als mich P. fragte, ob ich wohl wiſſe warum der Bär, ſo hoch wie er nur reichen könne, die Rinde auf ſolche Art zerkaue. Auf meine Verneinung er⸗ zählte er mir Folgendes. Der Bär, wenn er im Auguſt der Fährte der Bärin nachgeht, ſtreckt ſich auf ſeinem Wege an einem oder vielleicht auch an mehren Bäumen(am lieb⸗ ſten Saſſafras oder Fichte) in die Höhe und beißt, ſo daß ſeine Hintertatzen noch auf der Erde ſtehen, ſo hoch, als er irgend beißen kann, in den Baum, kratzt mit den Tatzen, ſo hoch er kratzen kann, und ſetzt dann ſeinen Weg weiter fort. Nimmt ein anderer Bär die Fährte deſſelben Weibchens auf und findet dieſe Zeichen, ſo richtet er ſich ebenfalls am Baume V in die Höhe und verſucht daſſelbe Experiment. Kann er nun höher einbeißen und höher hinaufkratzen, oder wenigſtens eben ſo hoch als ſein Vorgänger, dann folgt er der Fährte und V verſucht den Kampf; kann er das aber nicht, dann geht er ruhig ſeiner Wege, um eine andere Spur aufzuſuchen. Die Sache ſchien mir etwas zweifelhaft, doch ließ ſich nicht leicht etwas dagegen einwenden, da ich ſelber ſehr häufig dieſe Merkmale an den Bäumen gefunden habe, und wirklich oft * von zwei verſchiedenen Bären; doch wer kann da ſagen, was der Bär eigentlich denkt, wenn er dieß thut. Wir ſchliefen die Nacht ſehr gut, und die Sonne ſtand ſchon hoch am Him⸗ mel ehe wir wieder marſchfertig waren. — — 6 4 294 8 Der Bärenbaum. Es mochte 10 Uhr Morgens ſein, als P. mir plötzlich eine dicke Cypreſſe zeigte, die dicht am Ufer des kleinen Fluſſes ſtand, und verſicherte, daß in dieſer der Bär ſtecke. Der Baum mochte über 4 Fuß im Durchmeſſer haben, und in der Rinde waren deutliche Spuren von den Klauen des Bären eingedrückt, wir rüſteten uns daher bald zu unſerem Vor⸗ haben. P. hatte erſt den Schläfer durch Rauch heraustreiben wollen, doch da dieß nur zu oft ſehr viel Zeit wegnehmen ſoll und wir jetzt zu Zweien waren, machten wir uns daran, den Baum, der noch dazu unten faſt ganz hohl war, mit unſeren Tomahawks umzuhauen. Wir brachteu das Pferd in ſichere Entfernung, und bald erklang der Wald von wiederholten Schlägen unſerer kleinen Aexte. Die Hunde, denen die Sache ein wenig zu langweilig zu werden anfing(denn ſchon mochte es 2 Uhr ſein, und der Baum ſtand noch immer) hat⸗ ten ſich zerſtreut und jagten um uns herum nach Kaninchen und Waſchbären. Wir hatten eine Weile ausgeruht, ein paar Biſſen ge⸗ geſſen und eben wieder unſere Arbeit begonnen, als Pearce plötzlich ausrief: Look out! the bear!*) Schon beim erſten Worte hatte ich zur Büchſe gegriffen. Wie ein Blitzſtrahl fuhr der Bär jetzt am Baume herunter, und das Gewehr auf ihn abdrücken, es wegwerfen und mit dem Meſſer auf ihn zuſpringen, war bei uns beiden das Werk eines Augenblicks; doch ſchlangengleich ſchlüpfte die Beſtie *) Hab Acht! der Bär! — Der Bär wird erlegt. zwiſchen uns durch, und beinahe wären wir mit unſeren ge⸗ zückten Meſſern gegen einander gerannt. Keiner wußte, daß der Andere geſchoſſen hatte, ſo zu gleicher Zeit waren die Schüſſe gefallen. Der Bär, aus ſeinem Winterſchlafe eben aufgewacht und ſo gegen alle Geſetze der Höflichkeit behandelt, wußte nicht recht wie ihm geſchah, doch die vom Schuſſe herbeigelockten Hunde nöthigten ihn bald Ferſengeld zu geben. Pearce hatte ſich auf's Pferd geworfen und galopirte der Jagd nach, und ich, die Büchſe zurücklaſſend, folgte mit dem Meſſer in der Hand, ſo ſchnell mich meine Beine tragen wollten. Nur eine kurze Strecke lief das, von unſeren Kugeln ſchwer verwundete Thier und erſtieg, als es fand daß es den näher kommenden Hunden nicht mehr entgehen konnte, einen Baum. Pearce, der die leere Büchſe mit auf's Pferd genommen hatte, ſprang herunter und lud, und ich kam gerade noch zu rechter Zeit, zu ſehen wie der Bär, von einer ſicheren Kugel durchbohrt, hoch aufſprang, ſich wendete, mit beiden Tatzen noch einen Augenblick am Stamme ſich feſthielt und dann mit ſchwerem Falle herunterſtürzte. Da es ſchon zu ſpät am Tage war noch weiter zu wan⸗ dern, ſchlugen wir da, wo ich meine Büchſe gelaſſen hatte und wo noch einige von P.'s Sachen lagen, fröhlich unſer Lager auf, ſchleppten Holz zum praſſelnden Feuer und be⸗ reiteten ein capitales Abendeſſen. Da P. ſchon mehre Tage im Walde war, ſo hatten wir Morgens ſeinen letzten Kaffee getrunken. Ich riß deshalb eine Saſſafraßwurzel aus, ſchnitt ſie klein, warf ſie in unſere Becher und hatte bald einen ziem⸗ ———ͤe——2 296 Winterſchlaf des Bären. lich guten Thee fertig, wenigſtens etwas Heißes zu haben, mit dem wir das Fleiſch hinunterſpülen konnten. Nachdem wir uns ſo gelabt und neu geſtärkt, wickelten wir uns in unſere Decken und ſchwatzten noch ein wenig zu⸗ ſammen. P. erzählte mir auch etwas Näheres über den Winter⸗ ſchlaf der Bären. Dieſe ſuchen ſich im Herbſt und December einen Baum aus, in dem ſie überwintern wollen, und kratzen und reinigen ihn dann inwendig, ſo gut wie nur irgend möglich. Iſt dietz geſchehen, ſo klettern ſie um Weihnachten und Neujahr, wenn die kalte Jahreszeit beginnt, hinauf und ſteigen, mit dem Hintertheil zuerſt, in ihre neue Wohnung hinab. Bis gegen Ende Februar rühren und regen ſie ſich nun nicht, wenn ſie nicht von einem Jäger durch die äußeren Kennzeichen am Baume aufgefunden und mit der Axt oder durch Feuer aus ihren Winterquartieren vertrieben werden. Mitte März aber, und oft ſchon im Februar, verläßt Braun häufig ſein Lager um Waſſer zu trinken, geht jedoch ſtets wieder zurück, bis das Wetter milder wird und er dann wie gewöhnlich ſeine Nahrung aufſucht. Viele Bären überwintern auch gar nicht in hohlen Bäumen, und beißen ſich nur in den dicken Röh— richten oder Schilfbrüchen eine Maſſe Rohr um, aus dem ſie ſich ein dichtes, feſtes Lager bereiten. Von dort wo wir lagen, bis zum nächſten Hauſe, hatte ich ungefähr noch 10 Meilen gegen N. O. zu machen und war dann auch durch den ſchlimmſten Sumpf. So zeigte ſich mir denn endlich einmal die Hoffnung wieder auf feſtem Bo⸗ —— Der ſtürzende Baum. 297 den zu wandern und nicht mehr wie eine Amphibie, halb im Waſſer und halb in der Erde, oder vielmehr im Schlamme zu ſtecken. Wir hatten einige Stunden vortrefflich geſchlafen, als plötzlich, nur wenige Schritte von uns entfernt, ein unge— heures Krachen, als wenn Himmel und Erde berſten wollte, uns blitzſchnell auf die Beine brachte. Der Baum, den wir geſtern faſt umgehackt und dann nicht weiter beachtet hatten, war von dem ſich erhebenden Winde umgeſtürzt. Eben dieſer Wind aber bewirkte unſere Rettung, denn er warf den Baum auf die unſerem Lager entgegengeſetzte Richtung, ſonſt hätten wir unſeren Leichtſinn ſchwer büßen können. Jetzt war er glücklicher Weiſe von uns abwärts und gerade über den Brushy lake gefallen und bildete für mich am nächſten Mor⸗ gen keine übele Brücke. Die Hunde zogen gleich beim erſten Krachen die Schwänze ein und empfahlen ſich. Wir lachten noch eine Weile über unſer ſchnelles Aufſpringen und legten uns dann wieder ruhig nieder. Als es tagte, waren wir beide gerüſtet. Pearce packte ſein Bärenfleiſch auf's Pferd und ich ſelber wanderte, herz⸗ lichen Abſchied von ihm nehmend, nach N. O. Nach drei⸗ ſtündigem Marſchiren, faſt immer bis an die Kniee, oft bis an den Gürtel im Waſſer, erreichte ich endlich die breite Straße, die nach Memphis führt, und zog nun öſtlich. Nachmittags kam ich an St.'s alte Farm und ging noch eine halbe Meile weiter, um bei M'O. zu übernachten. Ich freute mich ſchon den ganzen Weg auf ein warmes Bett und ein Lager in einem Hauſe, unter Menſchen. — —— ——— 298 Die Wittwen. Der Methodiſtenprediger. M'O. nahm mich herzlich auf und that Alles, um mir es ſo behaglich als möglich zu machen. Seine Frau kam erſt ſpäter, da ſie in die Nachbarſchaft geritten war ein paar Wittwen zu beſuchen. Es iſt merkwürdig wie viele Wittwen ſich in dieſem Sumpfe aufhalten; wo man hinkommt, findet man eine Wittwe, und ich bin feſt überzeugt, der alte„Weller“ in den Pickwickiern würde ſich hier höchſt unglücklich gefühlt haben. Das Klima muß außer allem Zweifel in jener Gegend ge⸗ ſünder für das weibliche Geſchlecht ſein, denn der Mann ſtirbt faſt immer zuerſt— vielleicht aber auch nur deshalb, weil er der Sumpfnäſſe mehr ausgeſetzt iſt, und größere Strapazen zu ertragen hat als die Frau. Wir ſaßen am flackernden Kaminfeuer und erzählten uns eben ein paar Geſchichten, als ſich auf ein Mal die Thüre, der ich den Rücken zugedreht hatte, verdunkelte; ich wandte mich um, den neuen Ankömmling zu ſehen, und ſprang ent⸗ ſetzt auf,— denn— es war der lange Methodiſtenprediger. Allmächtiger Gott, ſo nahe dem Entrinnen(nur noch eine Nacht, und ich wäre aus ſeinem Bereiche geweſen), und den⸗ noch ereilte mich die lange Geſtalt wieder. Mit zwei Schritten war er bei mir, reichte mir die Hand und kraftlos ſank ich in meinen Stuhl zurück. M'⸗O. ging hinaus, ſein Pferd zu beſorgen, und er ſelber verlor indeſſen keine Zeit, mir mit gar erbaulicher Stimme die Vortheile eines religiöſen Lebens⸗ wandels auseinander zu ſetzen. Da erwachte aber in mir der Geiſt des Widerſpruches, und wir begannen eine ernſthafte † — — Beſſerungsverſuche. 299 Debatte, bei der es nicht an mir lag, wenn er nicht erfuhr was ich eigentlich über die Schreierei dachte. MO. kam jetzt herein und nahm des Langen Partei, aber ich hielt Stand; endlich kam auch noch die Frau und ſchlug ſich zu meinen Feinden, ich behauptete aber immer noch meine Stelle, doch hätten die drei Alliirten auf jeden Fall meine Feſtung nach kurzer Zeit ausgehungert und zur Ueber⸗ gabe gezwungen, wenn nicht eine Negerin, als es gerade an⸗ fing dunkel zu werden, zu meiner Hilfe mit dem Abendeſſen angerückt gekommen wäre. Vor dem Eſſen hielt der Schreckliche ein wahrhaft Ent⸗ ſetzen erregendes, langes Tiſchgebet, ſo daß ſelbſt die fromme Frau vom Hauſe anfing für ihre Speiſen beſorgt zu werden und unruhig auf dem Stuhle hin⸗ und herrückte. Doch auch dieß endigte, und wir fielen nun wie Wehrwölfe über das Nachtmahl her. Als wir nach dem Eſſen wieder am Kamine ſaßen, plagte M'O. der Böſe, daß er den Langen bat, er möchte doch etwas ſingen, aber beinahe wäre ich dieſem um den Hals ge⸗ fallen, als er mit trauriger Miene verſicherte, er hätte ſein Buch vergeſſen, es ſtecke im braunen Rocke zu Hauſe.— Ich ſah den braunen Rock ordentlich am Nagel hängen, mit dem ſchmalen Kragen und den langen Schößen, den abgetragenen Knöpfen und dem dunkelbraunen Flicken am linken Ellen⸗ bogen.— Meine Freude währte aber nicht lange, denn er verſprach M'O., er wolle ſein Beſtes verſuchen, ihm ein Lied auswendig vorzuſingen. Es mochte 6 Uhr ſein, als er mit bald ſchmetternder, 300 Das lange Lied. Poſtamt. bald näſelnder Stimme, nachdem er in drei verſchiedenen Tonarten erſt probirt und in der erſten zu tief, in den beiden anderen bedeutend zu hoch angefangen hatte, das ſchöne Lied: „It is the old ship, o Zion Halleluja*)!“ begann. Es ſchlug auf der hölzernen Wanduhr ſieben, es ſchlug acht, es war halb neun, und noch immer hatte das unſelige Lied kein Ende, von dem er jeden Vers dreimal wiederholte, und Gott weiß, wie viele es hatte, als er plötzlich aufhörte und ruhig zu M'O. ſagte, daß dieß alle die Verſe wären, die er von dieſem Liede auswendig wüßte. Nachdem der Menſch faſt 3 Stunden geſungen hatte, ſagte er:„er wiſſe die Verſe nicht alle.“ Wir waren ſehr müde geworden, und wie der Braune nur erſt einmal Ruhe gab, ſchliefen wir bald ein. Mit Sonnenaufgang wanderte ich neugeſtärkt dem St. Francis river zu und erreichte Strong's Post office noch vor Sonnen⸗ untergang. Das war nun zwar ein Poſtamt; aber der Deutſche darf um Gotteswillen kein ſolches Poſtamt darunter verſtehen, wie ſie ſich ſelbſt in den kleinſten Städten Deutſchlands finden. In den weitläufigen, ſehr wenig angebauten, weſtlichen Staaten würde der Verkehr durch Briefe faſt unmöglich ſein, wären nicht hie und da Farmer, die die Stelle eines Poſt⸗ meiſters übernähmen. Dieſe ſind nun in allen Countys ver⸗ theilt und haben, da der Briefwechſel unbedeutend iſt, nicht *) Siiſt das alte Schiff, o Zion Hallelujah! Poſtweſen in Amerika. 301 ſehr viel zu thun. Ein reitender Bote durchzieht zu Pferde das Land eine beſtimmte Strecke weit, ein ledernes, mit Eiſen beſchlagenes und mit einem großen Vorhängeſchloß verſehenes Felleiſen mit ſich führend, und gewiſſe Stationen ſind an⸗ genommen, in denen er übernachtet. So geht z. B. ein ſoge⸗ nannter„mail rider“ von Memphis in Teneſſee ab, der die Briefe für little Rock und Batesville mit ſich führt. Dieſer reitet bis zu Strong's Plantage, etwa 40 Meilen und nimmt von dort aus wieder die Briefe nach Memphis mit zurück; von Strong's aber gehen 2 andere Poſtillone, einer nach Bates-ville, ein anderer nach little Rock. Die vereinigten Staaten geben nun für eine gewiſſe Gratification das ganze Poſtweſen in einem beſtimmten Be⸗ zirke, an irgend eine Privatperſon, die ſich darum bewirbt. Dieſe bekommt jährlich ihren geſetzlichen Gehalt und muß zu beſtimmten Tagen die Briefe an ihre Adreſſen befördern. Wie dann der, der den Contract gemacht hat, das beſorgt, iſt ganz gleichgiltig, ob es zu Fuß oder zu Pferde, oder durch einen Wagen geſchieht, wenn es nur beſorgt wird. Strong hatte einen ſolchen Contract abgeſchloſſen, und man ſagte, daß er ſich ſehr gut dabei ſtände. Andere kleine Poſthalter aber, die vielleicht nahe an einen Countyſitz oder einer kleinen Anſiedelung wohnen, haben weiter gar keinen Nutzen davon als die Ehre und freie Beförderung der eigenen Briefe. Der Farmer, der dieß übernimmt, muß einen Schwur leiſten daß er Alles ehrlich und redlich beſorgen will, und bekommt dann einen Schlüſſel zum Brief⸗Felleiſen, öffnet daſſelbe, wenn es zu ſeinem Hauſe kommt, nimmt die für ſeinen Diſtriet be⸗ Amnmnnnnnd 302 Brief aus Cincinnati. ſtimmten Briefe, die ſich dann Jeder ſelbſt abholen muß, heraus, thut die abzuſendenden hinein, ſchließt zu und hat ſo ſeiner Pflicht Genüge geleiſtet. Sehr oft aber wird mit dieſen Felleiſen äußerſt nachläſſig umgegangen, und ich habe ſelbſt geſehen, daß das, welches zwiſchen Strong's und Bates-ville hin⸗ und herpaſſirte, an der Seite, wo es mit Eiſen beſchlagen war, ganz aufgeriſſen war, ſo daß der mail rider in meiner Gegenwart eine ganze Hand voll Briefe herausnahm, mir zeigte und wieder hinein⸗ ſteckte. Bei Strong's fand ich einen Brief an mich aus Cincin⸗ nati, worin mir Vogel ſchrieb, daß nach und nach 3 Briefe von Deutſchland für mich angekommen ſeien, und ich doch bald hinaufkommen möchte. Der nächſte Tag ſchon fand mich auf der anderen Seite des St. Francis river, wo ich dann wieder dieſelbe Sumpf⸗ ſtrecke durchwanderte, die Uhl und ich, vor etwa 9 Monaten, mit ſolchen Mühſeligkeiten und Beſchwerden durchzogen hatten. Zwar war auch jetzt noch der Weg ſehr ſchlammig und be⸗ ſchwerlich zu durchwandern, doch in keinem Vergleiche mit dem damaligen Zuſtande. Etwas nach Dunkelwerden erreichte ich den See, und auf mein Rufen kam der Fährmann, der mich an's andere Ufer brachte. Ein anderer Fährmann als der frühere wohnte jetzt auf dem Platze, und ich beſchloß, da der Himmel etwas ver⸗ dächtig ausſah, die Nacht in ſeinem Hauſe zuzubringen. Er war ein junger Mann und lebte mit einem kleinen Neger⸗ —— ———.,— 1 4 Der Contratt. 303 knaben allein; vor dem Hauſe war aber Geſellſchaft genug, denn an der Stelle, auf der Uhl und ich damals die Nacht campirt hatten, lagerten jetzt drei Familien die nach Texas ziehen wollten.. Als wir uns eben zum Schlafengehen anſchickten, kam ein alter Mann in's Haus und ſagte dem Wirth, er ſei nicht ganz wohl und möchte daher gern unter Dach und Fach ſchlafen. Nach erhaltener Erlaubniß breitete er ſeine Decke am Feuer aus und ſetzte ſich noch eine Weile auf dieſelbe, mit beiden Armen ſein linkes Knie umfaſſend und ſtarr in die Flamme ſehend. Der Negerjunge, der ſich in einer Ecke des Kamins nieder⸗ gekauert hatte, betrachtete den Alten aufmerkſam, ohne daß dieſer weiter Notiz von ihm genommen hätte, bis er ſich plötz⸗ lich gegen ihn wandte und zu ihm ſagte:„Höre, lieber Junge, ich habe Nachts immer böſe Träume, die mich arg peinigen, möchteſt Du mich wohl recht tüchtig ſchütteln, wenn ich zu reden und mit den Händen umherzuſchlagen anfinge?“ Der Junge nickte, während das Weiße in ſeinen Augen ſich noch um ein Bedeutendes zu vergrößern ſchien.„Aber,“ fuhr der Alte fort,„ich habe einen ſehr feſten Schlaf, und Du mußt mich derb ſchütteln.“ Der Junge nickte ſtärker.„Recht ſtark, verſtehſt Ddu? Wenn Du es thuſt, will ich Dir einen bit(etwa 5 Groſchen) geben.“ Der Junge grinzte jetzt ſo fürchterlich, ſein großes Maul von einem Ohre bis zum an⸗ deren ziehend und nickte dabei ſo ſchrecklich, daß ich wirk⸗ lich Angſt hatte, der obere Theil ſeines Kopfes würde ab⸗ fliegen. ——————— ¹ 8 3— „. 8 2 5 ————— ————— 304 Der Alte und der Negerjunge. Der Alte fiel nun auf ſeine Decke zurück, und der Junge blieb wie ein Tiger auf der Lauer liegen. Vergebens wälzte ich mich auf meinem Lager umher, ich konnte nicht einſchlafen und mochte wohl etwa anderthalb Stunden in einem halb träumenden, halb wachenden Zuſtande gelegen haben, als ich plötzlich ein tiefes Stöhnen hörte. Ich dachte augenblicklich an den Alten und den Contract den er mit den Negerjungen gemacht hatte, und wandte mich nach ihm hin, zu ſehen ob der Letztere etwa eingeſchlafen war. Der aber knieete wie die der Maus harrende Katze, zuſammengekauert in der Ecke, den Schlafenden mit ordentlich peinlicher Aufmerkſamkeit an⸗ ſtarrend. Dieſer lag allerdings wieder eine kurze Zeit ruhig, endlich aber bewegte er ſich wieder, ſtieß ein paar abgebrochene Laute hervor und hob einen Arm in die Höhe. Darauf hatte der ſchwarze Wärter nur gepaßt; mit einem Satze hatte er den Schlafenden bei der Schulter gepackt, und ihn mit aller nur möglichen Gewalt ſchüttelnd, rief er:„Master, Master, open your eyes, open your eyes! damn you, open your eyes! Master*)!“ Der alſo Gerüttelte erwachte endlich und wollte ſich mit einem„thank you“(dank euch) auf die andere Seite legen, aber ſo leicht kam er nicht davon.„Master, Master— oh Master! rief der Kleine, ihn heftiger ſchüttelnd wie vor⸗ her.„Ich ſage Dir, ich wache,“ rief der Alte,„Du ſchüttelſt mir ja die Seele aus dem Leibe!“ Damit verſuchte er auf's 5 *) Herr, Herr, öffnet die Augen! verdamm euch! macht die Augen auf, Herr! 2 Nachtquartier. 305 Neue einzuſchlafen; aber der Schwarze war auch jetzt noch nicht zufrieden, o Master! Master! rief er und verdoppelte ſeine Anſtrengung an der Schulter des Alten.„Hell and damnation,“ rief dieſer jetzt aus, why in the name of the devil do you shake me, when I am wide awake*)?“ Der Kleine war, von den drohenden Geſichtszügen des Alten erſchreckt, aufgeſprungen und ſagte zitternd:„I— I— I want that bit Ar) kee Der Alte auf der Decke aufrecht ſitzend, der Junge den ängſtlichen Trotz in den dunkelen Zügen— die Gruppe war zu komiſch und ich mußte laut lachen; die Beiden vereinigten ſich jedoch ſpäter und ich ſchlief bald darauf ein. Der nächſte Tag fand mich wieder früh auf dem Marſche, und ich erreichte am 11. Abends das wohnlich ausſehende Farmhaus eines, wie die großen Baumwollen- und Mais⸗ felder zeigten, wohlhabenden Pflanzers, warf, als ich auf meine Frage um Nachtquartier eine freundlich bejahende Ant⸗ wort erhielt, Büchſe und Ranzen in die Ecke und mich ſelbſt auf einen bequemen, weichen Stuhl an's Feuer. Der Deutſche muß aber ja nicht glauben daß die Frage nach Nachtquartier, die man an den begangenen Straßen Amerikas thun muß, ſich auf irgend etwas Gaſtfreundliches beziehe. Der Fremde, der eine betretene Straße entlang zieht und in einem Hauſe übernachten will, mag ſich ſtets *) Hölle und Verdamniß! warum, in des Teufels Namen ſchüttelſt du mich, wenn ich wache. **) Ich— ich— ich möchte das Geld. . Gerſtäcker, Streif⸗ und Jagdzüge. I. 20 . 306 Preiſe für Nachtquartier. darauf gefaßt machen, zu bezahlen, was für Abendeſſen, Schlafen und Frühſtück gewöhnlich einen halben Dollar (20 Groſchen) beträgt, da mag dann das Eſſen und Lager ſo gut oder ſo ſchlecht ſein, wie es will, der Preis bleibt ſich faſt immer gleich. Nur bei Strong's mußte ich einen ganzen Dollar bezahlen, was jedoch übertheuert war. Dort natürlich, wo keine Verbindungsſtraßen durch⸗ gehen, und wo der Landmann auch nicht darauf eingerichtet iſt Fremde zu beherbergen, läßt er ſich das, was er hat, nicht bezahlen. Daher kommt es, daß in ganz Arkanſas, wo faſt gar keine Wirthshäuſer ſind,(kleine Städtchen ausge⸗ nommen) jeder Farmer Reiſende beherbergt. Der Preis, ein Pferd über Nacht zu füttern, richtet ſich aber nach der Ge⸗ gend und nach dem Mais. Im Sumpfe betrug er 50 Cent (½ Dollar), im oiltrove bottom hingegen nur 25, da dort außerordentlich viel Mais gezogen wurde. Im Süden ſteigt er noch höher, im Nordoſten hingegen iſt er bedeutend billiger. Wie ich beim Eintritt in das Haus gewahrte, waren auch Damen dort, jedoch in einem anderen Theile deſſelben. Ich war in einem Zimmer allein; als es aber an zu dämmern fing, holte ich meine Cither hervor und begann mir ſelber etwas vorzuſpielen. Ein Negerjunge, den der Klang der Saiten in's Zim⸗ mer gelockt hatte, lief bald wieder hinaus, wahrſcheinlich um ſeiner Miſtreß zu ſagen, was für ein curioſes Inſtrument da drüben in der Stube ſei. Damen ſind unbeſtritten neugierig, ſo währte es auch gar nicht lange daß ſie mich zu ſich hinüber bitten ließen, und Damengeſellſchaft. Muſik in Amerika. 307 das neue Juſtrument zu ſehen verlangten. Freilich ließ mein Coſtüm manches zu wünſchen übrig, es ſelbſt den geringſten Anſprüchen gegenüber für eine Damengeſellſchaft paſſend zu finden. Die letzte Sumpfparthie hatte ebenfalls nichts dazu 4 beigetragen, meine Toilette zu verbeſſern. Mein Jagdhemd, das ich jetzt 10 Monate trug war vom Wetter, Dornen und Waſſer arg mitgenommen, und meine Wäſche beſtand gegen⸗ wärtig noch aus einem einzigen Hemd, das ich jedesmal, wenn es ſchmutzig war, in kaltem Waſſer auswaſchen mußte. Jeder der das ſelber aber ſchon einmal mit durchgemacht hat, weiß, wie ſchwer Truthahn⸗ und beſonders Bärenſchweiß ohne Seife mit kaltem Waſſer aus der Wäſche geht. Das war mein Anzug; ich dachte aber, wenn er für mich ſchon ſo lange gut genug geweſen wäre, würde er auch ein⸗ . mal ein paar Stunden für die Damen gut ſein können, ging alſo friſch mit meiner Cither hinüber, wurde ſehr freundlich von ihnen empfangen und fing an zu ſpielen. Die Amerikaner haben im Ganzen wenig Sinn für un⸗ ſere ruhige, gefühlvolle Muſik; ſie ſind ein Volk, das ſchnell lebt, Alles ſchnell treibt, und wollen daher auch ſchnelle Muſik. Wenn ſie daher ein Lied hören, zu dem ſie nicht den Takt von einem ihrer„reels oder hornpipes*)“ ſchlagen können, ſo ſagen ſie,„das verſtehen wir nicht.“ Eine Aus⸗ nahme macht hiervon jedoch ein großer Theil der gebildeteren Claſſe, und zu dieſer gehörte glücklicher Weiſe mein Publicum. Die jüngere Dame war die Frau vom Hauſe, noch ein — *) Lebhafte Tänze, der letztere beſonders ein Matroſentanz. I b 20* Ein angenehmer Abend. ſehr junges, liebes Weibchen, die freilich etwas blaß aus⸗ ſah, aber ich möchte auch wiſſen, wie ein menſchliches Weſen in dieſen nichtswürdigen Sümpfen wohnen könnte, ohne blaß auszuſehen. Die ältere, eine recht freundliche, ehrwürdige Matrone, ſchien nur zum Beſuch gekommen. Sie waren höchſt einfach aber äußerſt geſchmackvoll gekleidet(was über⸗ haupt den Amerikanern, bis zu den niedrigſten Claſſen, eigen iſt) und das Ganze ihrer Umgebung war wie in einem Puppenſtübchen, nett und reinlich.— Ich paßte ganz aller⸗ liebſt da hinein. Das neue, noch nie geſehene Inſtrument gefiel ihnen ungemein, und aufmerkſam lauſchten ſie den ſanften, ſtillen Weiſen der deutſchen und ſchottiſchen Lieder, ja ſie konnten von der Muſik gar nicht genug hören, und es war 11 Uhr, ehe ich mich auf's Lager warf. Die junge Frau hatte auch ein Pianoforte, ſpielte aber erſt zu kurze Zeit, um es ſchon zur Vollkommenheit gebracht zu haben. Ich verlebte bei dieſen lieben Leuten ſeit langer Zeit wieder einmal einen angenehmen Abend in gebildeter Geſell⸗ ſchaft und werde die gaſtfreundliche, herzliche Aufnahme dieſer Familie Collins nie vergeſſen. Ich hatte von hier aus nur noch 13 engliſche Meilen bis Memphis, dabei gute Straße und ſtand Nachmittags 2 Uhr abermals an den Fluthen des Miſſiſſippi. Die Fähre brachte mich über den Strom nach Teneſſee; hinter mir lag Ar⸗ kanſas und zum zweiten Male kehrte ich aus dem wilden Waldleben in ein civiliſirteres, wer weiß ob glücklicheres, zurück. 1 F Memphis. Klafterholzhauen. 309 In Memphis angekommen, war indeſſen meine Baar⸗ ſchaft ſo herabgeſchmolzen, daß ich, da ich mir doch einige Kleider anſchaffen mußte, genöthigt war Arbeit zu ſuchen, hier übrigens, meinem gefaßten Vorſatz getreu, verkaufte ich auch meine Büchſe, und war wirklich feſt entſchloſſen nie wieder auf die Jagd zu gehen. Ich hatte das Leben gründ⸗ lich ſatt bekommen. Memphis war damals noch ein ziemlich kleines Städtchen, das auf dem, an dieſer Stelle ungeheuer hohen und ſchroffen Ufer des Miſſiſſippi liegt und vom Fluſſe aus, wegen der Steilheit des Ufers, gar nicht geſehen werden kann. Die Dampfboote landen daher an ſogenannten„Wharftboats“ (alte ausgediente Dampfboote, die zu dieſem Zwecke dort be⸗ feſtigt ſind, für Memphis beſtimmte Fracht einzunehmen, oder abgehende zu verabfolgen). Es wird übrigens in ſpäteren Zeiten, ohne Zweifel, ein bedeutender Ort werden, da das Innere des Landes ſtark angebaut, und Memphis der einzige Verbindungsort deſſelben, ſowohl mit den nördlichen als ſüd⸗ lichen Staaten iſt. Es liegt an der Mündung des Wolf river in den Miſſiſſippi. Leider waren damals die Zeiten gerade ſehr ſchlecht und ich konnte keine andere Beſchäftigung bekommen, als Klafter⸗ holz zu hauen. Das war aber für meinen geſchwächten Kör⸗ per und meine, mit der Art ungeübte Hand keine Kleinigkeit; doch iſt die Noth eine ſehr gute Lehrmeiſterin. Eine halbe Stunde von der Stadt, wo ein Kaufmann, der auch eine Sägemühle hatte, ein Stück Land beſaß, hieb ich für dieſen Klafterholz, und bekam dafür die Koſt un 310 Arbeitslohn. Der Nankee. ½ Dollar für die Klafter.(Die Klafter oder„Cord;“ wie ſie es dort nennen, iſt 8 Fuß lang, 4 Fuß hoch und 4 Fuß tief. Obgleich meine Arbeit nun zwar im Anfange ſehr lang⸗ ſam von Statten ging, fand ich mich doch bald hinein und konnte ſpäter im Durchſchnitt wenigſtens eine Klafter auf den Tag rechnen, die ich fällte, ſpaltete und aufſetzte. Ame⸗ rikaner, die gut mit der Axt umzugehen wiſſen, ſetzen aber zwei auf, und es iſt in Amerika ziemlich feſt angenommen, daß ein tüchtiger Arbeiter mit der Art gerade ſo wiel fertig bringt, wie zwei Mann mit der Säge. Etwas über 14 Tage arbeitete ich ſo hart wie nur ein Menſch arbeiten kann, dann aber beſchloß ich, nach Cinein⸗ nati hinaufzugehen, um erſtens meine Briefe zu holen, dann auch wohl dort andere Arbeit zu finden, vor allen Dingen aber meinen Körper in ein geſünderes Klima zu ſchaffen, um endlich einmal wieder zu Kräften zu kommen und— Berge zu ſehen. Den Accord hatte ich mit dem Eigenthümer des olzes 4 vorher feſt beſtimmt, und jetzt von ihm das Geld für 18 aufgeſtellte Klaftern zu fordern. Der Burſche war aber ein ächter Yankee, im wahren Sinne des Wortes, und drückte ſich jetzt um das Bezahlen herum. Einen ganzen Tag trieb ich mich in der Stadt herum und konnte kein Geld von ihm bekommen, und jeden Augenblick erwartete ich ein von un⸗ ten heraufkommendes Dampfboot, auf dem ich dann Paſſage nach Cineinnati genommen hätte. Da ich nicht mehr ar⸗ beitete, und mich nun wieder ſelber beköſtigen mußte, wäre mir dann auch weiter gar Nichts übrig geblieben, als in ein ——Q——ꝛ—ꝛ—x—ꝛÿ-- Abreiſe nach Cincinnati. theures Gaſthaus zu gehen und einen Theil des ſauer ver⸗ dienten Geldes wenigſtens wieder zu verzehren. Dahin wollte ich es aber nicht kommen laſſen, und beſchloß, wenn ſich der reiche Amerikaner nicht ſchämte mir mein ehrlich verdientes Geld vorzuenthalten, mich auch nicht zu ſchämen und es ihm jedenfalls abzueſſen. Am nächſten Morgen ging ich deshalb mit Sack und Pack zu ihm, ſtellte meine Sachen zu ihm ins Haus und erklärte ihm, daß ich kein Geld weiter habe und jedenfalls ſo lange bei ihm bleiben(wohnen, eſſen und ſchlafen) müſſe, bis er mich bezahle. Das half;— wie er ſah, daß ich Ernſt machte, hatte er auf einmal Geld, und zahlte mich noch an demſelben Morgen aus. Da er übrigens ſah, daß ich gern raſch fort wollte und wohl vermuthen mochte ich kenne die tauſenderlei Banknoten nicht alle, betrog er mich doch noch um drei Dollar, indem er mir einige falſche gab. An demſelben Nachmittag kam das Dampfbot Persian ſtromauf und ich ſchiffte mich auf ihm nach Cincinnati ein. Schluss des ersten Zandes. . 8 — 8 — . PE 715 & — 2 *— 8 — 2 * 5 — 2 8 — 24 4 —* ** 4 3 8 6 4 * 8 — 4 r 56. 2 8 * * 4 g 5 1 .1 ₰ 2 „ ⸗ * “ Eooͤſͤſͤſͤſſ111“ —— 4 —