iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhs uih Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 hintterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet do wird. 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus bezahlt werden und bpeträgt: für wöchentlichgs 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 55 5 8——— auf IMonat: 2 1 Nk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 er uf — S — —— n — Nach Amerikal! Ein Volksbuch. — ach Ameriß △ 24G 3b Ein Valkkahuch von —&᷑ᷣ¶◻riedrich Gerſtäcker. eom⸗ Illuſtrirt von Carl Reinhardt. Sechſter Band. 4 Teipzig, Berlin, Hermann Coſtenoble, Nudolph Gaertner, Verlagsbuchhandlung. Amelang'ſche Sort.⸗Buchhandlung. 1855. 4. 4 4 1 . * 7 2— 8 d 8 3 4* ————————— .— 5—.—. — 4 Capitel 1. Inhalt des ſechſten Bandes. Seite Ein Sheriffsverkauf in Arkanſas...... 1 Maulbeere in der Betverſammlung..... 31 Der wandernde Krämer......... 63 Georg und Marie........... 91 Jimmy..... N......... 112 Kapellmeiſter Eltrich......... 136 Meier, Pelz& Co........... 169 Die Ueberraſchung.......... 199 Das Haus am Walde......... 226 Der rothe Drachen bei Heilingen...... 239 —— Capitel J. Eiin Sheriffsverkauf in Arkanſas. Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beſchrie⸗ benen Vorfällen verfloſſen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit ſüßem Saft gefüllt; durch die blaue ſonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden ſeine ſtille Bahn, und legte ſich einem duftigen Schleier gleich über die Wipfel des grünen Waldesdoms, in deſſen Schatten die feiſten Hirſche zu Rudeln zuſammenſtanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf flatterten, die erſten jungen Weinbeeren zu verſuchen, die ſich mit ihren Reben dort empor gerankt. Und wie das raſchelte und rauſchte im ſtillen Wald, wie ſich das blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen ſpie⸗ gelte, die ein wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laub⸗ meer ausgegoſſen, und die jetzt leiſe klopfend auf die gelbe, Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 1 ———— 2 noch vorjährige Blattdecke des Bodens niederſchlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholiſch Lied, das wie das leiſe Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehen⸗ den Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gel⸗ lenden Schrei eines aufſtiebenden Falken geſtört, dem der blaue Heher im Buſch ſpöttiſch den Warnungsruf nachäffte. Wie das ſummte und ſchwirrte um Lianenblüthen und friſch aufkeimende Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwiſchen denen hin hie und da, wie ein verirrter Sonnenſtrahl, ein blitzender gold und grün ſchimmernder Kolibri gedanken⸗ ſchnell faſt herüber und hinüber ſurrte, über einem duftenden honigſchweren Kelch einen Moment mit unſichtbaren, ſchatten⸗ gleich fibrirenden Schwingen ſtand, und dann verſchwunden war, daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn ſein Summen an dem nächſten Blüthenbuſch verrieth. Wie die Natur in wundervoller Harmonie, beſonders in der Jahreszeit, den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend Jedes ſich die Hände reicht zum ſchönen Ganzen; wie ſelbſt der morſche umgeſtürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen von den tauſenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme entgegenſtrecken, die Lücke würde fühlbar, und der fallende Tropfen ſelbſt ſchmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur Perle wo er niederfällt. Und doch ein Miston in der Harmonie— ein dunkler Fleck der da nicht hingkhörte, der ſich nicht wohl da fühlte * * — 3 und das Ganze ſtörte— ein naſſes, ſchmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menſchenbild, mitten im Wald, im freien ſchö⸗ nen wundervollen Wald— Zachäus Maulbeere, vom Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, feſtgefahren mit ſeinem Kar⸗ ren in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur durch bloßes Anſehn zu ſäuern. „Ein Gottvermaladeites Land das,“ läſterte er, ſich er⸗ ſchöpft auf einen umgefallenen Baum ſetzend und ſein Taſchen⸗ tuch, das er in der Hand hielt, zuſammenrollend und aus⸗ ringend,„daß mich der Teufel plagen mußte nach dieſem Gott⸗ vergeſſenen Staat zu gehn— Bäume— Bäume— Nichts als Bäume in der Welt— gerade in die Höh und gerade über den Weg.— Schönes Vergnügen das, wo man ſich erſt ſein Schnupftuch ausringen muß, daß man ſich damit abtrock⸗ nen kann— ſchwabben nannten ſie's auf dem Schiff. Und jetzt ſitz ich hier— keine Ahnung wo bin— keine Idee von einer Richtung— ein Scheerenſchleifer im Wald— Maul⸗ beere, Eſel, was haſt Du hier im Buſch zu ſuchen, heh?— war Dir zu wohl draußen zwiſchen den Anſiedlungen im Oſten, zwiſchen dem Waizenbrod und Honig, eh?— mußteſt geſchwind machen daß Du hierher kamſt, zwiſchen Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein— Schöne Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebaſtian— oben in dem verdammten Baum eingeklemmt geſeſſen, daß ich die Glieder nicht mehr rühren kann, und das Beeſt was da um mich her in den Bäumen geſchrieen hat— daß ich nicht ge⸗ freſſen bin iſt ein reiner Zufall.— Romantiſch im Wald zu 7 *½ 4. lagern eh?— wenn ich nur wenigſtens den verdammten lang⸗ haarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen Gift auszulaſſen— aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht trocken und behaglich in einem warmen Bett geſchlafen, und am andern Morgen lügt er dann wie ein Leichenſtein, ſchreibt von„Geſicht im Thau baden“ und „Windsbraut die Schläfe kühlen“— na Dir moͤcht' ich ein⸗ mal die Schläfe kühlen Du— Du Blattlaus, ſtatt mit ſechs, mit zwei ſchiefen Beinen.— Und der Herr Schultze— der ſelige Piepvogel mit einem Geſicht— wenn man's auf einen Stock ſchnitt, könnte man einen Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe ſein müſſen— hunde⸗ müde auf einem Aſt zu ſitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit der wohlthuenden Ueberzeugung beim erſten Einnicken her⸗ unter zu fallen und den Hals zu brechen.“ „Das geſchieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein Herzchen— was dumm iſt muß geprügelt werden, und anſtatt lieber den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande umherzuſchieben, in den Miſſiſſippi hineinzufahren und umzudrehen, mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann Wochenlang durch den heißen naſſen Sumpf ziehn, um hier endlich an ei⸗ nem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn ſte Einem wirklich ein Monument ſetzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich umzukommen.“ Maulbeere drückte ſich nach dieſem Selbſtgeſpräch den al⸗ ten aufgeweichten Hut feſter in die Stirn, ſtemmte beide Ell⸗ 5 bogen auf die Knie, ſtützte den Kopf in die Hände und ſtarrte finſter und mit dicht zuſammengezogenen Brauen eine ganze Weile vor ſich nieder. Er ſah auch traurig aus;— den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild im Wald wechſelt ſeinen Pelz oder ſein Fell mit der Jahreszeit, der Vogel hat ſeine Mauſer, die Schlange ſtreift ihre Haut ab, einer neuen Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder ſäubert dabei ihr Kleid, das ihr der Schöpfer gegeben, nach beſten Kräften, ſtreicht Federn oder Haare glatt und fühlt ſich dann erſt wohl, und behaglich wenn das geſchehn. Nur Maulbeere kannte kein ſolches Bedürfniß; wie die Katze die Näſſe ſcheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Waſſer; Niemand hatte je geſehen daß er ſich wuſch; wenn das an Bord geſchehen war mußte er es in der Nacht gethan haben und ſelbſt dann heimlich, von der Wacht an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt und ausgebeſſert, trug er noch bis oben an die ſchwarze, matt glänzende Pferdehaarhalsbinde feſt zuge⸗ knöpft, der alte Filz, der keine Fagon mehr zu verlieren hatte, lag ihm mit ſeinem, an drei Seiten durch Bindfaden befeſtig⸗ ten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Schei⸗ tel, und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hoſen niederhingen, ſchienen das einzig trag⸗ und nutzbare am gan⸗ zen Menſchen. Auch der blonde ſtarre Bart hatte ſeit Wochen kein Raſirmeſſer geſehn, und das kurze ſemmelblonde ſtruppige Haar hing ihm jetzt naß und in zuſammenklebenden Streifen 6 über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den de⸗ fekten Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen ſie lange Schmutzſtreifen bildeten, in die Halsbinde laufen. In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch ſein trockener Humor verlaſſen, und Maulbeere ſaß neben ſeinem Karren wie ein wild gewordener, der Civiliſation abtrünnig geworde⸗ ner Scheerenſchleifer, Haß und Groll gegen die ganze Welt — die er überhaupt noch nie lieb gehabt— im Herzen. Ein Schuß!— Zachäus fuhr in die Höh, als ob ihn die Kugel getroffen hätte, und horchte geſpannt, nach welcher Richtung hin er das nächſte Geräuſch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige Secunden ſpäter, ſein Ohr erreichte. „Hallo! hupih!— hallo!“ ſchrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften,„he! hallo! hallo! hu— ih— ahoy!“ Das laute Anſchlagen eines Hundes antwortete dem frem⸗ den Ton, dem gleich darauf der ermunternde Zuruf einer menſchlichen Stimme folgte. „Exiſtirt wirklich noch eine andere menſchliche Kreatur in dieſer gottvergeſſenen Miſchung von Streu und Nutzholz,“ brummte Maulbeere vor ſich hin,„fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es ſo eine verdammte Rothhaut wäre, die eben ſolchen Hunger hätte wie ich. Aber einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie hier maden⸗ naß vor Froſt und Bauchgrimmen umkommen; alſo noch ein⸗ * —— L——--— ——— 197 1 6 mal ein Nothſignal, die wilde Beſtie auf meine Spur zu bringen.“ Und wieder ließ er den Wald von ſeinem Geſchrei ertönen, und nicht lange, ſo brach ein grau geſtreifter, kräftig gebauter Hund durch die Büſche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn an, und gab dann Standlaut. Maulbeere, der ſeine beſonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen ſich aufzubringen, konnte unter dieſen Verhältniſſen nichts anderes thun als ſich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, ſo brachen und knackten die Büſche und ein Jäger, die Büchſe auf der Schulter, einen eben geſchoſſenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Baſt zuſammengebun⸗ den, wie eine Taſche umgehängt, trat aus den Büſchen und kam, die wunderliche Geſtalt mit dem Karren dabei nicht wenig erſtaunt betrachtend, auf Maulbeere zu. „Hallo Fremder!“ rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unſer Arkanſaniſcher Freund,„wie zum Henker ſeid Ihr mit dem Fuhrwerk da in die Gründorn⸗Flat ge⸗ rathen?“ „Hineingerathen?“ erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren ſeines hieſigen Aufenthalts ſchon ziemlich fertig Eng⸗ liſch gelernt hatte,„fragt mich lieber wie ich wieder hinaus⸗ gerathe— hier in der Gegend wiſſen die Leute wohl gar nicht was ein Weg iſt?“ „Oh doch,“ lachte der Mann, der ſich nicht ſatt ſehen konnte an dem Fremden,„manchmal haben wir hier ſo ſchmale Dinger, die man, in Ermangelung beſſerer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her?— was habt Ihr da in der wunder⸗ lichen Maſchine und wo wollt Ihr hin?“ „Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geſchla⸗ fen habe und ob ich etwas zu eſſen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,“ brummte Maulbeere verdrießlich.„Wie weit iſt's bis zum nächſten Haus?“ „Kaum eine Viertelſtunde— wenn Ihr hier uͤbernachtet habt, konntet Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören— wo habt Ihr geſchlafen?“ „Wenn's Euch intereſſirt,“ knurrte Maulbeere, und Ihr den Spuren nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kaſten hier aufgewühlt, dann kommt Ihr zuletzt zu einem Baum— irgend ein weitläufiger Verwandter von dieſen hier — auf dem hab' ich geſeſſen!“ „Oben im Baum?“ lachte der Jäger. „Wenn ich drunter gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den anderen ſauber verſcharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.“ „Unſinn Mann— Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde ſchlafen, und wenn Euch die Mos⸗ quitos und Holzböcke nicht auffreſſen, die Panther thun Euch Nichts.“ „So?— es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum geſeſſen, und mir die ganze Nacht eine ſchauer⸗ liche Geſchichte vorgeheult, heh?“ „Hahahahaha!“ lachte Jack,„das wird eine Eule ge⸗ d 8 —-— — 9 weſen ſein; in dieſer Jahreszeit ſchläft ſich's wundervoll im Wald.“ „Eule,“ brummte Maulbeere verächtlich zwiſchen den Zähnen durch,„wundervoll im Wald ſchlafen— wer eine Leidenſchaft dafür hat. Mir iſt's lieber ich erfahre es erſt am nächſten Morgen, wenn's in der Nacht geregnet hat.“ „ Alle Wetter ja,“ rief Jack gutmüthig,„Ihr ſeid durch und durch naß— es hat die Nacht wohl ſtark geregnet? und wir zu Hauſe haben nicht einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt es nur hier herüber mir nach.“ „Wenn ich nicht feſt damit ſäße hätte ich mich nicht hier häuslich niedergelaſſen,“ erwiederte der Scheerenſchleifer mür⸗ riſch— das Dornenwerk hält wie Ankertaue.“ „Da wollen wir leicht Bahn hauen,“ lachte Jack, ſein langes ſchweres Jagd- oder Bowiemeſſer aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum mit leichten Schlägen durchhauend,„ſo— ſo— ſo— jetzt verſucht's einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein ſchmaler Kuhpfad nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen, und dann habt Ihr freie Bahn— gehts?“ „Wenn ich Jemanden finde der dumm genug iſt mir den Kaſten abzukaufen,“ ſagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Verſuch machend,„ſo gebe ich mein Ge⸗ ſchäft auf und gehe unter die Millionaire— hol der Teufel das Scheerenſchleifen.“ Jack ſah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier 10 Anſätzen den ſchweren eingeſunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er raſch auf einen jungen Papaobaum zu, von den er die Rinde, ſo hoch er hinaufreichen konnte, mit ſeinem Meſſer abſchlug und niederſtreifte, ein Seil daraus drehte, und dieſes vorn am Karren befeſtigend, ſich ſelber vorſpannte. „So— nun noch einmal— a hoy— alle zuſammen!“ „Ahoy!“ rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem ſchmalen Pfad, und dieſen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere allein fort⸗ bringen konnte. Unterwegs wurde der Scheerenſchleifer, mit der Ausſicht auf ein warmes Feuer und Eſſen, wie auf eine heiße Taſſe Kaffee aber geſprächiger, erzählte dem Jäger welcher Art ſein Geſchäft ſei, was er thue und treibe und wie er ſein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten ſchon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten Schilderungen der weſtlichen Staaten verführt worden ſei auch hier ſein Glück zu verſuchen, wo er ſich jetzt die größte Mühe geben werde, ſo raſch als möglich wieder fortzukommen. Jack Owen amüſirte ſich ungemein über die wun⸗ derliche mürriſch⸗ drollige Ausdrucksweiſe des Mannes, dem er aber doch zu deſſen Troſt mittheilte, daß er ſich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in dieſe Gegend verirren können, als gerade heute, da ſich faſt das ganze County in der Nähe der Farm, der ſie eben zuſteuerten, zu einer ſoge⸗ —— 11 nannten Camp⸗Meeting(eine fromme Zuſammenkunft im Freien) verſammelt ſei, während zu gleicher Zeit von dem Gou⸗ vernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen Platzes, in Folge eines alten Proceſſes, anberaumt ſei. Maulbeere horchte hoch auf— von den Camp⸗Meetings des Weſtens hatte er ſchon ſo viel gehört, daß er ſelber ge⸗ ſpannt war einer derſelben beizuwohnen, und Leute die ſich bei einer ſolchen Verſammlung einfanden, führten auch ſtets Geld bei ſich. Auf eine gute Einnahme in ſeinen verſchiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was da ſonſt noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von ſolcher Gelegenheit den größtmöglichſten Nutzen zu ziehn, und daß er ſie nicht verſäumen würde, feſt entſchloſſen. Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übri⸗ gens keine Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, ſeine alte Reiſegefährtin, mit ihr in ſo genauer Beziehung geſtanden, und eine Maſſe Menſchen lagerten um zahlreiche dort entzün⸗ dete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleiſch an der Gluth, und gaben dem ſonſt ſo ſtillen Platz ein eigenes lebendiges, fröh⸗ liches Ausſehn— und wie ernſt doch war der Zweck der ſie hier verſammelt. 1 Als Olnitzki damals von Jack Owen erſchoſſen worden, galopirte Soldegg nach Little Rock zurück und— klagte nicht etwa gegen die Farmer und Squatter von Arkanſas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm ſelber geſchehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte ſeine rechtsgültigen von Olnitzki ſelber gezeichneten Papiere, die den Verkauf ſeiner Farm wie 12 ſeines ſämmtlichen Viehſtands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen ſonſt ſchlauen und durchtriebenen, aber erſt ſeit kurzer Zeit aus den öſtlichen Staaten hierhergekommenen Burſchen, für den hal⸗ ben Werth gegen baar Geld, womit er Arkanſas verließ. Der Advokat, ein gewiſſer Kowley, reiſte ohne Weiteres nach Oaklandgrove hinüber, ſein Eigenthum in Beſitz zu nehmen, fand ſich aber hierin getäuſcht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen der Nachbarn etwas zu ſagen habe, Farm und Vieh einer Waiſe geſchenkt habe, die der von Olnitzki erſchoſſene Riley hinterlaſſen, die Nachbarn es übernommen hätten die Farm für dieſe zu bewirthſchaften, bis ſie den Beſitz ſelber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von dieſem Eigenthum ihre„range“ verlaſſen ſolle, in andere Hände überzugehen. Mr. Kowley ſah ſich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock zurückzureiten; aber keineswegs geſonnen ſich„in ſeinem guten Recht“ durch eine Bande geſetzloſer Squatter, wie er ſie nannte, ſtören zu laſſen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher Proceß entſtand, von deſſen Koſten ſich die Squatter ſchon durch das ſie ſchützende Geſetz) *) In Arkanſas kann und darf kein Anſiedler wegen irgend welcher Schulden gepfändet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das Ge⸗ ſetz an Eigenthum geſtattet und für ſeine Exiſtenz für nöthig hält. Seine Wohnung, ſein Bett, ſeine Büchſe, ſein Ackergeräth, ſein Pferd und zwei Kühe dürfen nicht angerührt werden, und ſo gerecht und wohlthätig das Geſetz auch ſein mag, läßt ſich denken daß es manchmal gemißbraucht freihielten, der aber doch, nachdem er ſich über Jahr und Tag hingezogen, gegen die Squatter entſchieden und ein Termin zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit dem dazu gehörigen und in dem Ver⸗ kaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden, Rindern und Schwei⸗ nen, öffentlich und an den Meiſtbietenden verkauft werden ſollte. Der Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche Geiſtliche, ſogenannte circuit riders, die von ihren Conſiſtorien ausgeſchickt werden die noch wenig be⸗ völkerten Diſtrikte, in denen keine Kirchen ſind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten ſich entſchloſſen für den nächſten Tag eine ſchon längſt beabſichtigte„Betverſammlung im freien Walde“ anzuſagen, da der Gerichtstermin ja ohnedieß eine Menge Menſchen herbeiziehen mußte. Ob gerade dieſe Ge⸗ legenheit eine ſonſt paſſende war kümmerte ſte wenig, ſobald nur viel Menſchen dort zuſammen kamen und die Beiſteuer zu ihren milden Zwecken— Kirchenbau, Miſſionsweſen, Bibel⸗ vertheilung und Erhaltung der Geiſtlichen— recht reichlich ausfiel. Jack Owens ſonſt ſo freundliches Geſicht nahm aber einen recht ernſten, finſteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die Fremden verſammelt waren, und un⸗ wird, indem der Farmer ſein„überzähliges Vieh“ nur auf kurze Zeit zu verleugnen und einem andern Nachbar zuzuſprechen braucht. 14 ter dieſen eine ziemlich große Zahl ſtädtiſch gekleideter Advoka⸗ ten und Kaufleute von Little Rock, die theils Neugierde, theils wirkliche Luſt zu kaufen hier heraus in den Wald ge⸗ trieben, erkannte. Schweigend, und von ſeinem Begleiter dicht gefolgt, ſeine Büchſe über der Schulter, ſeinen großen Hund hinter ſich, ohne zu grüßen, ohne umzuſehen, ſchritt er zwiſchen der Schaar durch und auf das Haus zu, in deſſen Thür ein junges, bildhübſches vielleicht vierzehnjähriges Mädchen ſtand, und ihm freudig und herzlich beide Hände entgegenſtreckte. „Oh Gott ſegne Euch Mr. Owen“ rief ihm das etwas bleich und angegriffen ausſehende Kind entgegen—„wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie endlich angekommen ſind; ich hatte ſchon ſolche Angſt Sie— Sie würden—“ „Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?“ lachte der Jäger, gutmüthig ihre zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn ſtreichend—„nein mein Kind, wir verlaſſen Dich nicht, darauf darfſt Du bauen; dieß iſt deine Heimath und ſoll es bleiben und wenn wir Alle unſere Heerden verkaufen müß⸗ ten, ſie Dir zu erhalten— wohin es aber nicht kommen wird. Wie gehts Deiner Großmutter, Herz?“ „Schlecht Mr. Owen, recht ſchlecht— die vielen Men⸗ ſchen da draußen machen ihr Angſt— ſie hat ſtärkeres Fieber heute gehabt, und iſt vor einer halben Stunde etwa nur erſt eingeſchlafen.“ „Hier hab' ich Dir was zu leben mitgebracht, Jenny, ſagte der Jäger, dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend— ein junger Truthahn, aber feiſt wie Butter; die ißt Du ja 15 ſo gern. Doch dem Mann da,— ein Fremder der ſich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat— mußt Du etwas zu eſſen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er ſich getrocknet hat, wenn er ſich nicht lieber draußen in die Sonne legt. Haſt Du etwas für ihn?— „Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee iſt fertig und ſteht am Feuer, ebenſo das Brod, und der Speck iſt in wenigen Minuten gebraten.“ „Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß ſchon den ganzen Morgen durch den Wald ge⸗ pirſcht, ſolch einen Vogel für Dich zu ſuchen, und Dir dabei gleich den Scheerenſchleifer gefangen, der die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und wilden Beſtien. Kommen Sie herein, Miſter, wie iſt gleich ihr Name?— Mowlbare— wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben— einerlei wie man uns ruft, nur nicht zu ſpät zum Eſſen! Maulbeere ließ ſich nicht zweimal nöthigen— ſeinen Karren draußen vor der Thür ſtehn laſſend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf, ſtrich ſich die naſſen ſtruppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene ſich ohne Weiteres an den ſchon gedeckten Tiſch zu ſetzen, auf den die Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne ſtellte. „Wenn Sie ſich erſt waſchen wollen, ſo ſteht draußen der Eimer und das Becken“ ſagte Jack, dem es vielleicht ſo vor⸗ 16 kam, als ob ein wenig Seifenwaſſer der Phyſiognomie und den Händen des Fremden eben nicht ſchaden könne. „Danke“ ſagte aber der Scheerenſchleifer in aller Ruhe— „ich bin die Nacht gerade genug gewaſchen, und habe mir das Waſſer verleidet— Kaffee iſt mir lieber.“ „Helft Euch ſelber dann“ ſagte Jenny freundlich, dem wunderlichen Fremden einen Stuhl zum Tiſch rückend—„Ihr ſeid herzlich willkommen zu Allem was wir haben.“ Die beiden Männer ſetzten ſich und aßen, und eine Weile wurde weiter Nichts gehört, als das Klappern der Meſſer, Ga⸗ beln und Taſſen, von denen noch einige aus Olnitzkis Nach⸗ laß übrig geblieben waren und über die ſich Maulbeere aller⸗ dings den Kopf zerbrach, wie ſolch reich vergoldetes, weit anderen Verhältniſſen angehörendes Geſchirr hierher ſeinen Weg gefun⸗ den haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erſtaunt gewe⸗ ſen ſein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkel⸗ loſe und oben ausgebrochene Taſſe aus der er trank, mit ihm auf ein und demſelben Schiffe von Deutſchlannd erſt herüber⸗ gekommen wäre. Die Lebensmittel, beſonders der heiße Kaffee nahmen jedoch ſeine Aufmerkſamkeit viel zu ſehr in Anſpruch, ſich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern, und wie⸗ der und wieder mußte Jenny die Taſſe füllen. „Jenny“ ſagte da Jack nach langer Pauſe, in der ſeine Blicke ernſt und ſinnend über den kleinen Raum geſchweift waren— denn das vergoldete Geſchirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen,„wenn das Haus nachher zum Verkauf angekündigt iſt, wirſt Du mit bieten müſſen, Herz.“ =— 17 „Ich, Mr. Owen?“ ſagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd,„Du lieber Gott, mit was ſollt ich wohl bieten; Sie wiſſen ja recht gut daß wir Nichts haben auf der wei⸗ ten Welt.“ „Haſt Du gar kein Geld, Jenny?“ ſagte Jack, ſie halb erſtaunt aber recht freundlich anſchauend—„gar Nichts, nicht ein ganz klein wenig?“ „Ein ganz klein wenig, oh ja“ lächelte das Mädchen gut⸗ müthig—„einen Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter ſchon vor langer langer Zeit gegeben.“ „Nun ſiehſt Du wohl, Schatz“ lachte der Jäger,„daß Du reicher biſt wie Du Dich machſt? das iſt vollkommen genug.“ „Ein Viertel Dollar, ſagte ich Mr. Owen.“ „Jawohl, und noch dazu in Silber.“ „Aber was ſoll ich damit anfangen?“ „Nun die Farm und das Vieh kaufen— ganz Arkanſas kannſt Du freilich nicht dafür bekommen.“ „Das Mädchen wandte ſich langſam ab eine aufſteigende Thräne zu unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der ſie nicht kränken wollte, ſtand auf, ging zu ihr, legte ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte freundlich— „Es iſt kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr, Du mußt den Anfang machen. Fürchteſt Du Dich wenn ich dabei bin?“ „Nein Mr. Owen“ ſagte das Mädchen herzlich—„aber ich begreife nur nicht—“ Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 2 18 „Wirſt das ſchon Alles noch erfahren— welche Zeit haben wir jetzt?“ „Bald elf Uhr, nach der Sonne.“ „Alle Wetter, dann iſt auch nicht mehr viel zu verſäumen, um elf beginnt die Auktion— wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr. Mowlbare können heut etwas Neues ſehn in Arkanſas, aber“— ſetzte er ernſter und faſt wie drohend hinzu—„wenn ich Ihnen zum Beſten rathen ſoll, ſo bieten Sie nicht mit.“ „Danke herzlich“ ſagte Maulbeere verbindlich—„ſpüre für jetzt noch nicht die mindeſte Luſt mich in Arkanſas nieder⸗ zulaſſen— aber hinaus darf man doch, kommen?“ „Gewiß, gewiß“ lachte Jack wieder,„und werden treffliche Geſellſchaft da finden;“ und ſeine Büchſe ſchulternd, während er dem Mädchen freundlich zunickte, verließ er raſch das Haus. 1 Draußen kamen indeſſen Fremde auf Fremde, ſammelten ſich um die verſchiedenen Feuer, wo ſie einen Bekannten trafen, oder beſahen auch wohl die aus dem Nachlaß von den Nach⸗ barn ſelber herbeigebrachten Pferde, die dort ausgehobbelt— d. h. mit zuſammengebundenen Vorderfüßen— an hingewor⸗ fenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und im⸗ mer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten. Um den Sheriff, der von Little Rock ſelber herüberge⸗ kommen war den Verkauf zu leiten, hatte ſich dabei eine ziem⸗ liche Anzahl von„Stadtleuten“ verſammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld weg, denn der jetzige Eigenthümer 4 Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis los ſein, und die — — — — 19 Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen guten Werth. Jack ging wieder zwiſchen den Gruppen durch, ohne ſie auch nur eines Blicks zu würdigen, und hie und da flüſterte man wohl leiſe hinter ihm her, daß das der Mann ſei, der den frühern Eigenthümer dieſes Platzes erſchoſſen. Vor eine Jury damals geſtellt war er aber, da es in Selbſtvertheidigung ge⸗ ſchehen, frei geſprochen worden; Olnitzki hatte zuerſt nach ihm geſchoſſen, und der Wille allein wäre genügend geweſen, ſelbſt ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von deſſen Kugel. Die Leute von Little Rock hielten ſich aber fern von dem Mann; ſie wollten mit den Squattern dieſes Diſtrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren Volkes hatten, ſo wenig als mög⸗ lich in Berührung kommen, und waren vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu ſehn, wenn ſie ſich auch eigentlich darüber wunderten. „Gentlemen!“ redete da der Sheriff die Verſammlung an, „es wird etwa elf Uhr ſein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die Herren, die noch geſonnen ſind heute nach Little Rock zurückzukehren, Zeit dazu behalten. Wir ſind doch wahrſcheinlich Alle verſammelt, die an dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.“ „Jack Owen ſtand etwa zwanzig Schritt von ihm ent⸗ fernt, als er dieſe Worte an die ihm Nächſten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe darauf zu erwiedern, ſeine Büchſe von der Schulter. Zugleich ſpannte er den Hahn, zielte einen Augen⸗ blick nach dem Wipfel einer der nächſten Eichen, und bei dem 2* — 8 20 Krachen des Schuſſes ſtürzte ein Rothkehlchen, das ſich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelaſſen, gänzlich von ein⸗ ander geſchoſſen herunter zu Boden. „Ein famoſer Schuß!“ riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht wußten was ſie aus dieſer plötzlichen Schießübung mitten zwiſchen ſich machen ſollten—„ein vortrefflicher Schuß! Der Sheriff nur wandte ſich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, ſagte aber Nichts und Jack, ohne die geringſte Notiz von irgend Jemand Anderem zu neh⸗ men, ſtieß ſeine Büchſe vor ſich auf den Boden nieder, reinigte ſte, und lud ſie wieder. Da brachen rings die Büſche, Roſſe wieherten, Hunde ſchlugen an; überall raſchelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den ſchmetternden Hufen einer heran⸗ ſtürmenden Anzahl Pferde, nach denen ſich die hier um die Feuer Verſammelten kaum überraſcht, ja erſchreckt umſehen konnten, als auch ſchon einige dreißig kräftige wilde Geſtalten, faſt Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins gekleidet, ihre langen Büchſen über der linken Schul⸗ ter, ihre Meſſer an der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten Filz⸗ oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergeſtreute Stämme weg⸗ ſetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre ſchnauben⸗ den Thiere parirten. So raſch und plötzlich und ſo mit einem Mal von allen Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, ſämmtlich Nachbarn hier und Squatter dieſer Niederungen, 21 herangekommen, daß der Schuß des Einen von ihnen jedenfalls das Signal für Alle geweſen ſein mußte, die ſchon lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen kümmerte ſich um den Anderen, und handelten ſie nach einem Entſchluß, ſo war der jedenfalls ſchon früher verabredet und beſprochen, und bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen ſich jetzt von den Pferden, hingen die Zügel der ſcharrenden, ſtampfenden Thiere an den nächſten ſchwingen⸗ den Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann, ihre Büchſen auf den Schultern und trotzig genug ſich dabei im Kreiſe umſehend, mitten zwiſchen die Käufer hinein, ſo daß ſie dieſe von allen Seiten umgaben und umſtanden. Unter ihnen waren der alte Roſemore, Bill Jones, Sam Houſton und überhaupt das ganze„settlement“ oder die Nachbarſchaft— Keiner fehlte. Wenn Jemand in der ganzen Verſammlung, ſo hatte aber der Sheriff von Little Rock dieſe„Demonſtration“, für was er ſie nicht ganz mit Unrecht hielt, in Zorn und Unwillen ange⸗ ſehn, ohne freilich dagegen einſchreiten oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren Waffen kamen verſtand ſich von ſelbſt, ein Backwoodsman geht nie ohne dieſe, nicht hundert Schritt von ſeiner Hütte ab, vielwe⸗ niger eine Strecke durch den Wald, ſei die Gelegenheit welche ſie wolle, und das ſtille ernſte Benehmen der Männer ließ eben⸗ falls auf keine Störung ſchließen; nichtsdeſtoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die ſchon wußten daß der Verkauf nicht mit 22 dem Willen der„Nachbarn“ geſchah, einen fatalen Eindruck gemacht. Dem Geſetz durften ſie aber nicht mit Gewalt ent⸗ gegentreten, und ſo oft ſie daſſelbe auch in ihre eigne Hand ſchon genommen, hüteten ſie ſich doch jedenfalls den Sheriff in ſeinem Amt zu hindern. So alſo auf einen der zahlreichen dort umherſtehenden, kurz abgehauenen Baumſtümpfe tretend, die Verſammlung beſſer überſehn zu können, zeigte er dieſer mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm jetzt beginnen ſolle, die er, Zeit und Mühe zu erſparen, und nach dem be⸗ ſtimmt ausgeſprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern und Schweinen in einem Gebot an den Meiſtbietenden losſchlagen würden, wonach es dann dem Käufer überlaſſen bleibe, wenn er es für gut finden ſollte, Pferde oder Vieh wieder beſonders zu verſteigern. „Ein Wort Mr. Sheriff!“ ſagte da plötzlich der alte Roſe⸗ more mit ſeiner tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben ſeiner Büchſe auf einen andern Stumpf ſtemmte und hinaufftieg;„ich bin als Aelteſter hier unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an die Ver⸗ ſammlung zu richten.“ „Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig ſein wird“ ſagte der Sheriff— aber von allen Seiten rief es„doch, doch! ſprecht Sir— was giebt's“ und der Sheriff, ſich die Unter⸗ lippe beißend, ſchwieg. „Ich bin gleich fertig“ ſagte der alte Mann freundlich, „denen nur die es noch nicht wiſſen, wollte ich hier blos ein⸗ 23 fach mittheilen daß Farm, Pferde und Vieh von dem früheren Beſitzer, dem Polen Olnitzki, an einen anerkannten falſchen Spieler und ſonſt gar verdächtigen Menſchen, der es ſeit der Zeit nie wieder gewagt hat zwiſchen uns zu erſcheinen, im falſchen Spiel, wie ſich ſpäter herausgeſtellt hat, verloren wurden.“ „Mr. Roſemore“— unterbrach ihn der Sheriff. „Entſchuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende“ ſagte der alte Mann ernſt und fuhr dann langſam fort, „die Frau wie wir Alle hier wiſſen, die jener Olnitzki ſchlimmer behandelt hat, als ein Indianer ſeine Squaw behandeln würde, ſtammte aus einer edlen und reichen Familie, und hatte mit ihrem Geld, als ſie nach Amerika kamen, Farm und Viehſtand, von dem Olnitzki ſchon früher drei Viertheile durchgebracht, gekauft— aber ſie beſaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat ferner jener Olnitzki, den hier ſpäter ſeine Strafe erreichte, einen armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen Zweikampf erſchoſſen, weil dieſer nicht ruhig zuſehn wollte, wie er ſeine arme, kränkliche Frau mis⸗ handelte und ſchlug. Der Mann hieß Riley und hat eine alte kranke Frau, ſeine Großmutter, und eine jüngere Schweſter ein Kind noch faſt, hinterlaſſen, das dort in der Thür der Hütte ſteht. Dieſem Kinde hat Olnitzki's Frau, als ſie mit ihrer Schweſter nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem ſämmtlichen Viehſtand geſchenkt. Wir Nachbarn er⸗ klärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt habe die Farm, die ſeiner Frau gehörte zu verſpielen, die Gerichte in Little 24 Rock entſchieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener Advokat, der von dem falſchen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff iſt heute herübergekommen, Land und Viehſtand an den Meiſt⸗ bietenden öffentlich zu verſteigern. Das, Mitbürger, iſt der Thatbeſtand der Sache, und wir Nachbarn“— ſetzte er mit lauterer Stimme hinzu,„ſind der Meinung daß das Kind die Farm, die ihm rechtmäßig ſchon gehört, erſtehen wird.“ „Das kommt auf die Gebote an, Sir!“ rief der Sheriff heftig. „Ei verſteht ſich, Sir,“ ſagte der alte Roſemore—„auf die Gebote, und ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen— ſeid doch ſo gut und führt das arme Kind einmal hier zwiſchen die Herren herein— es fürchtet ſich ſonſt näher zu treten; Sie ſind wohl ſo freundlich, Gentlemen, und machen ihm .Platz!“ „Oh ja wohl— mit dem größten Vergnügen!“ riefen die dem Haus zunächſt Stehenden bereitwillig, und Jack Owen ſchritt langſam dem Hauſe zu, nahm Jenny, der er einige er⸗ muthigende Worte zuflüſterte, an die Hand, und führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine Gaſſe für ſie öffneten. „Oh Bill!“ rief während der kleinen Pauſe die jetzt ent⸗ ſtand, Einer der Backwoodsmen, ein rauher, wild ausſehender Burſche einem Andern über den ganzen Kreis hinüber zu— „ich habe die Nacht einen ſchändlichen, nichtsnutzigen Traum gehabt— mir träumte ein feiner Burſche mit einem Tuchrock an, 25 hatte die Farm erſtanden, und wie ich zu Haus ritt lag er im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen Fleck mitten auf der Stirn.“ „Ah Unſinn Jim!“ lachte der Andere zurüc,„Dein Traum hinkt, denn ich habe geträumt es hätte gar Nie⸗ mand mitgeboten!“ „Gentlemen ich proteſtire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung auf den Verkauf dieſes Gutes!“ fiel hier der She⸗ riff hitzig ein,„oder ich ſehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem Staatsanwalt Anzeige ſolchen Benehmens zu machen!“ „Thut Euere Pflicht Sheriff!“ rief aber der alte Roſe⸗ more ruhig—„es wird kein Menſch mehr ein Wort hinein⸗ reden— daß ſich ein paar junge Burſchen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.“ Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth ſich in leiſem Flüſtern mit den ihm nächſt Stehenden was zu thun, ein ſpäterer Termin würde aber ebenfalls zu keinem andern Reſultat geführt haben, die Käufer hatten jedenfalls das Ge⸗ ſetz und ſeinen mächtigen Arm auf ihrer Seite, und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten Aecker, der Pferde, die von den Kaufluſtigen ſchon in Augenſchein ge⸗ nommen, die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die Auktion und lud die Anweſenden zu einem An⸗ fangsgebot ein. Im erſten Augenblick herrſchte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen drang peinlich deutlich von den nächſten Bäumen 26 herüber, und man konnte das Athmen der Menge hören. Da bog ſich Jack Owen freundlich zu dem jungen Mädchen nieder und flüſterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren, blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und ſagte mit nicht lauter, aber doch bis ſelbſt zu den entfernteſt Stehenden dringend: „Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.“ „Unſinn!“ rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße ſtampfend,„wir haben hier kein Kinderſpiel für müſſige Leute— ein Viertel Dollar, wo das Gebot in die Hunderte ſteigen muß, nur den halben Werth zu erreichen.“ „Gebot iſt Gebot!“ rief es von anderer Seite,„der Ver⸗ kauf hat begonnen— thut Euere Pflicht Sheriff!“ „Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mah⸗ nen zu laſſen!“ ſchrie dieſer, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte geben durfte, den Männern gegen⸗ über. „Ein Viertel Dollar iſt geboten,“ ſagte der alte Roſe⸗ more ruhig,„Jenny wird es wohl für den Preis bekommen.“ „Wenn kein Gebot geſchieht,“ rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden Augen,„hebe ich den Verkauf auf!“ „Ein Gebot iſt geſchehn!“ ſchrie da Einer der jungen Backwoodsmen, derſelbe der vorher ſeinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der Büchſe in den Kreis ſpringend,„wir Männer von Arkanſas ſind eingeladen worden dem Verkauf heute bei⸗ zuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein Gebot iſt gemacht 27 worden und ich frage Euch hier, die Ihr anweſend ſeid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung ſtattgefunden?“ „Nein— Nichts!“ ſchrie es von allen Seiten,„die Ad⸗ vokaten mögen uns Ihre Dintenklerer hier herüberſchicken und uns die Farmen unter der Naſe ausbieten laſſen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß ſie es wagen un⸗ ſere Gebote nicht zu reſpektiren, und wenn es ſich um einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir ſchicken ſie heim, daß ihre Haut keine Maishülſen mehr halten ſollte.“ „Ein Viertel Dollar iſt geboten Gentlemen!“ rief der alte Roſemore wieder ſo ruhig wie vorher,„Mr. Sheriff wol⸗ len Sie weiter fragen, oder glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir noch zur Campmeeting zu reiten wünſchen, möchten doch erſt gern zu Hauſe etwas eſſen.“ „Gentlemen!“ rief aber der Sherif auch, ſich jetzt er⸗ mannend,„Sie werden dieſes Scheingebot eines Kindes nicht gelten laſſen. Das Geſetz und ſein ſtarker Arm ſchützt Sie in jedem Gebot daß Sie machen, und meinen eignen Hals will ich zum Pfande ſetzen daß der von Ihnen, der dieß Gut zu irgend einem Preis erſteht, auch in den rechtlichen Beſitz deſſelben gelangen ſoll.“ „Mein Traum wird doch wahr, Bill,“ rief der Back⸗ woodsman wieder über den Kreis hinüber.“ „Denkt nicht daran,“ lachte der Andere,„der Sheriff hat ja ſeinen Hals verpfändet, und wird die Farm vielleicht ſelber kaufen wollen.“ 3 3 28 „Ein Viertel Dollar iſt geboten,“ begann zum dritten Mal der alte Roſemore,„wenn Ihr nicht ſelber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann thun wir es— überſchreitet Euere Pflicht nicht, denn wir ſind hier herbeſtellt, und verlangen den Zuſchlag für den Käufer.“ „Auf ein ſolches Gebot ſchlag ich nicht zu!“ ſchrie aber der Sheriff, jetzt außer ſich vor Wuth,„wer will mich zwingen?“ „Das Geſetz!“ tobten ihm da die Backwoodsmen ent⸗ gegen,„glaubt Ihr, daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und herbeſtellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die Farm iſt an— geſetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel Dol⸗ lar geboten und bietet Niemand mehr, und ſchlagt Ihr dann nicht zu, ſo ſtraf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer ſeinen Fuß wieder auf dieſes Land ſetzen ſoll.“ „Und Keiner bietet einen Cent mehr,“ knirſchte der Sheriff zwiſchen den Zähnen durch— wagte aber ſelber kein höheres Gebot—„Gentlemen ich wiederhole es hier nochmals— das Geſetz ſchützt Sie in jedem Gebote das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten darf und wird ſich dem wider⸗ ſetzen, denn die Folgen würden ſchwer und furchtbar auf ſein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den Verkauf— zwei Bits ſind geboten, und ich erwarte daß der zweite Bieter mit eben ſo viel hundert ganzen 29 Dollarn nachfolgen wird— ich— das Geſetz ſtehen ein für ſein gewahrtes Recht!“ Alles ſchwieg— der Amerikaner läßt ſelten lange auf ſich warten, wo ſich die Ausſicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen Geſtalten hier umher— das Blut das ſchon unter dieſen Bäumen gefloſſen, ohne daß ſelbſt das Geſetz im Stande geweſen war es zu ſühnen, die Drohung ſelbſt, die verſteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten Traum lag— hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeits⸗ gefühle Manches, der doch wohl einſah daß dem Kind— wie das Geſetz auch da geurtheilt— die Farm gehören müſſe— Keiner bot. Wieder und wieder ſuchte ſie der Sheriff nur erſt zu einem Gebot zu treiben, dem dann leicht andere folgen wür⸗ den— umſonſt und endlich ſelber gereizt, und wüthender faſt über die herübergekommenen Käufer als über die Squatter ſelbſt rief er, während die„Nachbarn“ ringsum lautlos ſtan⸗ den, denn ſie wußten jetzt daß ſie geſtegt hatten— mit bleichen Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken: „Gut— wenn Ihr Alle denn zu feige ſeid Euer Recht zu wahren, und der, der am meiſten dabei intereſſirt iſt, ſein ausgelegtes Geld wenigſtens für das Land wieder zu bekommen, ſich gar nicht dabei blicken läßt, was kümmerts mich. Alſo,“ und ſeine Hand hob ſich dabei ſie zum Zuſchlag ſinken zu laſ⸗ ſen,„ein Viertel Dollar iſt geboten— ein Viertel Dollar zum erſten— kein Gebot weiter?— ein Viertel Dollar zum zwei⸗ ten“— eine Todtenſtille herrſchte, man konnte das Zwitſchern 30 der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor dem Hauſe hören—„ein Viertel Dollar zum zweiten, und—“ die Hand kam nieder, und mit der Bewegung das Wort:„zum— Dritten!“ „Hurrah! Hurrah!“ tobten und jubelten und jauchzten die wilden Geſellen um ihn her—„piff, paff,“ gingen die Freudenſchüſſe hoch in die Luft, und Jack Owen, in der linken Hand ſeine abgeſchoſſene Büchſe ſchwingend, griff mit dem rechten, eiſernen Arm das junge, ängſtlich umherſchauende, und ihrem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwi⸗ ſchen die Schaar der Nachbarn hinein. Alle Hände ſtreck⸗ ten ſich nach ihr aus, den rauhen wilden Geſellen ſtanden Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hauſe zugetragen, als neue, rechtmäßige Beſitzerin. Capitel 2. Maulbeere in der Betverſammlung. Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbeſtand gehörte dem jungen Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer, die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erſtehn, und ſich das Alles nun mußten wie ein ſchönes Traumbild unter den Händen ſelbſt wegſchwinden ſehen, ſtanden im erſten Augenblick allerdings etwas verdutzt und un⸗ behaglich da, und wußten nicht recht was für ein Geſicht ſie dazu machen ſollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine ſolche Drohung, wie ſie der eine Burſche ſo ſchlau in ſeine Träume geflochten, wahr machen könnten, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen Grab lag keine tauſend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen, und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Beſitz zu nehmen, wär auch ein Geldverſchleudern nur geweſen, wie der New⸗Yorker Advokat zu ſeinem Schaden jetzt erfahren. 32 „Unter den Umſtänden durften wir gar nicht bieten,“ ſagte da der Eine von ihnen zu dem Andern,„der alte Mann hatte ganz recht— man kann doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen wegkaufen, und ſie in den Wald ſetzen?— ich wenigſtens möchte das nicht auf mei⸗ nem Gewiſſen haben.“ „Ich auch nicht,“ rief ein Anderer,„die arme Kleine; was für ein hübſches Mädchen das einmal wird— und wie bleich ſie ausſah.“ „Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,“ ſagte ein Dritter,„und ein gutes Wort findet einen guten Ort— die Leute waren klug genug daß ſie nicht wirklich drohten.“ „Das wußten ſie wohl daß ihnen das Nichts half,“ rief der Erſte wieder,„was hätten ſie machen wollen wenn wir das Haus erſtanden? aber ſo iſt's beſſer und hundert Dollar ſind mir nicht ſo lieb, als daß es die Kleine bekommen hat.“ Maulbeere war ein ſtiller, aber höchſt aufmerkſamer Zu⸗ ſchauer des Ganzen geweſen, und ſo ſehr ihn die höchſt eigen⸗ thümliche Verhandlung intereſſirt, überlegte er doch eben, ob er nicht beſſer ſeinen eigenen Nutzen jetzt auch ein wenig wah⸗ ren, und ſeinen Karren herbeiſchieben ſolle, der Verſammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen ſtumpfen Meſ⸗ ſer und ſonſtigen Bedürfniſſe in's Gedächtniß zuruͤckzurufen, als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel ſprangen und mit einem wilden Hupih, von den laut anſchla⸗ genden Hunden gefolgt, aber jetzt nach einer Richtung hin, in den Wald hineinſprengten. Nur der alte Roſemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit dieſem in das Haus, wo ſie die Thüre hinter ſich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben. Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem Scheerenſchleifer freundlich auf die Schulter klopfend, ſagte er lachend: „Nun wie hat Euch unſere Arkanſas⸗Auktion gefallen?“ „Gut,“ erwiederte Maulbeere trocken,„und wenn Sie einmal wieder eine Farm für einen ähnlichen Preis wegzu⸗ geben haben—“ „Dann wißt Ihr einen Käufer?“ lachte der Jäger,„glaub' es wohl— aber die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pfer⸗ den, ſo wollen wir denn den armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder morgen werden ſie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es Euch recht iſt, gehen wir zur Camp meeting hinüber, nicht weit von hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache ſchon in Gang, könntet Ihr die Leute ſelbſt hier jauchzen hören. „Jauchzen hören?“ frug Zachäus verwundert. „Werdet's ſchon mit anſehn,“ ſagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erſtandenen Pferden die Hobbeln oder Stricke löſend, die ihre Vorderbeine zuſammenhielten, daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen Weideplätzen zulaufen konnten,„und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 3 34 und wenn Ihr nicht beten wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß verſprechen. Was für ein Leben das war hier mitten in dem ſonſt ſo ſtillen Wald; wie die verſcheuchten Vögel ängſtlich in den Zweigen herüber⸗ und hinüberflogen, und zwitſcherten und riefen; wie der Hirſch, der dort ſonſt ſeinen ungeſtörten Aeſungs⸗ platz hatte, als er heute langſam und vertraut wie immer auf ſeinen Wechſel herankam, raſch den ſchönen Kopf emporwarf, die von feindlichen Dünſten geſchwängerte Luft einzog und ſchreckend zurück in ſeine Wildniß floh. Wie die Pferde ſo freudig wieherten und den Boden ſtampften, und der grüne Raſen ringsumher auf der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie ſich das drängte und ſchob und durcheinander wogte, von einer bunten froͤhlichen Menſchen⸗ maſſe, die hier von allen Enden des County zuſammenge⸗ kommen. Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich, die von der Auktion kommend, es vorgezogen hat⸗ ten den heutigen Tag hier zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Dieſe ſchienen aber am wenigſten vertreten, kamen auch nicht aus Religioſität hierher, ſondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden, von den Geiſt⸗ lichen am wenigſten, gern geſehn. Nein, die Backwoodsmen und beſonders deren Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Verſammlung; von allen Seiten ſtrömten ſie herbei, die 35 Frauen feſt im Sattel— und wenn es auch kein Damenſattel war— ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor ſich auf dem Pferd, die Männer mit Büchſe und Meſſer an der Seite wie immer. Und Lager wurden von Einzelnen aufgeſchlagen rings im Wald, mit Rinden⸗ oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit herüberbrachten, die ſie allein für dieſen Zweck beſtimmt. Hier waren Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeſchlagenen Stücken raſch kurze Breter zu ſpalten zu einem ſicheren Regenſchutz, dort wurde Feuerholz geſchlagen und herbeigeſchleppt, oder Zweige wurden abgehauen, mit dieſen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Näſſe herzuſtellen; aber überall herrſchte Le⸗ ben und Thätigkeit. Und wie die Feuer ringsum flammten und die Keſſel brodelten, der blaue Rauch ſo luſtig hinauf wirbelte in die grünen rauſchenden Wipfel, und emſige Frauengeſtalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf— gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend— ſo fleißig an den Töpfen und Pfannen ſchafften und ſiedeten. Die Frauen hatten auch das meiſte Intereſſe an ſolcher Camp meeting, und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu gehn und die Pferde zu ſuchen, ließen ſie ihm nicht Ruhe, und hatten tauſend und tauſend Gründe dafür weshalb ſie, wenigſtens dießmal, un⸗ ter keiner Bedingung die fromme Verſammlung verſäumen dürften. Erſtlich ſchadete den Pferden das Bischen Bewegung gar 3 36 Nichts— ſie waren überdieß ſo lange nicht gebraucht, und Marys colt ſchon ganz lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens, dieſes Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip— und was für eine ſüße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen ſprach— wer hätte da ungerührt bleiben können. Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden und Ungläubigen ſagte, wie der dem böſen Feind, alias Beelzebub zu Leibe rückte und ihn aus dem Felde ſchlug. Und dann hatten ſte die Nachbarn in ſo ewig langer Zeit nicht geſehn— lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zuſammen, und ob Bill Norton und Ann Sally wirklich verſprochen wären, konnten ſie ja auch nur dort er⸗ fahren. Und die beiden neuen Kleider, die ſich Suſanne in dem letzten halben Jahr ſelbſt gewebt und genäht, wie hätte ſie die anders zeigen oder tragen ſollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten ſie nicht wenigſtens einmal derſ die„prieſterliche Weihe“ erhalten? Die armen Frauen der Wälder ſind in dieſer Hinſicht auch wirklich übel dran; in dem kleinſten unbedeutenſten Städt⸗ chen, ja ſelbſt in dem einzelnen Haus, das nur an einer be⸗ gangenen Straße liegt, kann ſich das junge Maͤdchen nett und geſchmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung, daß ſte we⸗ nigſtens geſehn, und auch bewundert wird, denn es ſind oft liebe, bildſchöne Geſtalten denen der ſchlanke Wuchs, die edle Geſichtsbildung und die, mit nur ſehr ſeltenen Ausnahmen faſt untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeſchnitten, wo ſollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider zeigen, und zeigen müſſen ſie dieſelben; bei einem„Klötzeroll⸗Feſt“ oder„Quilting frolic?“ wie ſelten kommt das vor, und wenn's geſchieht, wie ſelten iſt dann Tanz nachher— einmal, zwei Mal im ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer. Solche Gelegenheiten benutzen ſie dann freilich auch auf's Beſte, und welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem derartigen Feſt ohne wenigſtens noch ein anderes Kleid, manchmal drei und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechſelt werden können. Weit beſſere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine Camp meeting, die nicht nur einen einzigen Abend und im günſtigſten Fall eine Nacht durch dauert, wie ein ſolches Feſt, ſondern nicht ſelten gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute aus der ganzen Nachbarſchaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu ſehen, miteinander zu plaudern— und mehr als das. Mancher Funke iſt bei dieſen Betverſammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen, und hat gezündet für Lebenszeit— wenig⸗ ſtens gebunden; überdieß mußten die jungen Männer dort ſtill und ehrbar auftreten, durften nicht trinken, fluchen und ſchwö⸗ ren, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen allerdings 38 gewaltſam in's Herz geſchütteten Religioſttät den Pfad betre⸗ ten, der zu der Liebe der Auserwählten führte. Mit einem Wort, es geht bunt zu bei ſolchen Betver⸗ ſammlungen, und wenn der Geiſt dann erſt noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden Hoͤren oft und Sehn. Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeſte Außer⸗ gewöhnliche; daß hier ſo viele Menſchen auf einen Platz ſich verſammelt hatten, der ſonſt eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte. Die Lagerfeuer ſahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und die Menge der Gelagerten verſprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein großes hölzernes Gerüſt fiel ihm auf, daß ſeitwärts von dem Platz, am Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer rieſigen Eiche ſtand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die mit Laub und duf⸗ tenden Kräutern ſtreuartig ausgeſchüttet waren. Für das Vieh ſchienen ſie aber nicht beſtimmt, denn ringsumher lagen die Feuer, und die Pferde durften ſchon der Kinder weden nicht in den inneren Kreis. Maulbeere dachte aber gar nicht daran ſich über die Ver⸗ wendung der Plätze den Kopf zu zerbrechen— vielleicht dien⸗ ten ſie zu Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem flüchtigen Ueberblick über die 4 üna der ver⸗ .— natürlich in Engliſcher Sprache, ſeine Waaren, Künſte und Eigenſchaften anzupreiſen, und hatte wenige Minuten ſpäter die Genugthuung, die große Hälfte der Verſammlung ihn um⸗ drängen zu ſehn. Maulbeere war auch in der That für dieſe Waldbewohner ein Gegenſtand; er war ein Charakter wie ſie nicht oft dort herumgezogen, ſelbſt unter den Nankee⸗Pedlars. Schon ſein ganzes Aeußere, die wirklich auffallende Aehnlich⸗ keit mit einem Orang⸗Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit des fremden Mannes, mit ſeinem trockenen Humor, der ſie oft zu lautem Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht ſelbſt die Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geiſtlichen mit dieſem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverſtanden ſein, oder ihn vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz. Maulbeere hatte indeſſen ſchon ſein Schleiferamt begon⸗ nen, und Meſſer wurden ihm ſo viele gebracht, daß er ſich ihrer kaum erwehren konnte; auch Beſtellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu ſetzen oder, als er ſich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen. Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn aus⸗ lachten, zärtlich gegen die Frauen und Mäͤdchen, die über ihn kicherten, und ſein Rad ſchwirrte und ziſchte, während ſeine Zunge noch viel raſcher ging als das Rad. „Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!“— ein freudiges Gemurmel lief durch die ganze Verſammlung, und die Frauen beſonders, drängten jetzt raſch und eifrig fort von dem Schee⸗ 40 renſchleifer, während ihre kleinen lieben Geſichter, die noch vor wenig Minuten ſo herzlich gelacht, und ſo fröhlich in die blaue herrliche Welt hinausgeſchaut, einen gar ernſten, faſt wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles ſchaarte ſich um den frommen Mann, und Maulbeere blieb allein mit ſeinem Kar⸗ ren in der Mitte ſtehen. Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit ſelber; er ſprach mit Allen, hatte für jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder lobendes Wort; ſprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem Vieh und ver⸗ irrten Schaafen— in der geiſtigen Bedeutung des Wortes— und ſeufzte dann oft recht ſchwer und traurig auf, wenn er der Sünde der Menſchen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem Menſchen. Ernſter und ſtrenger, in finſterem Schweigen trat der an⸗ dere Geiſtliche, Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die bei⸗ den mit einem Schwerte des Herrn hätte vergleichen können, ſo war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls. Wenn Sweetlip mit ſanfter Zunge ſeinen Zu aller⸗ dings ihre geiſtigen Wunden aufriß, aber Oel hine nträufelte, und es manchmal ſogar für eine Sünde zu halten ſchien, ſelbſt der Hölle ſämmtliche gute Eigenſchaften abzuſprechen, ſo ging Hottenbrocken hinter eihm her und warf Eſſig und Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die ſanftſchlafenden Sünder aus ihrem 4 bewußtloſen Zuſtand auf, und beſchrieb ihnen mit triumphiren⸗ — Seite 41 Capitel 2. 41. dem Lächeln und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem ſie geſchlummert haben ſollten, und wenn ſie den auch nicht gleich ſahen, wurden ſie doch ängſtlich und verzagt, und ſtreckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne aus, ſie zu retten. Mr. Sweetlip hatte übrigens die„meeting“ zu eröffnen und zu begrüßen, und ſtieg oder kletterte zu dieſem Zweck auf das hohe, kanzelartige Geſtell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren beſonderen Inhalt, an die Verſammlung, ermahnte ſie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott zu erheben und ihn zu bitten, daß er ſie bei ihrer jetzigen freudigen Zu⸗ ſammenkunft erleuchten, die Guten ſtärken, und die verlorenen Schaafe zurück zu ſeiner Heerde führen möge, zu deren Be⸗ quemlichkeit hier, wie er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren. Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieſer Sache Scherz treibe; der ernſte, wehmüthige Mann ſah aber nicht aus wie Scherz, und Thränen ſtanden auch ſchon in vielen Augen ſeiner ſchönen Zuhörerinnen. Um ſich deſſen aber zu vergewiſſern, drückte er ſich durch die Andächtigen, ſei⸗ nen Karren ſich ſelber überlaſſend, langſam der Stelle zu, wo er ſeinen alten Freund Jack Owen finſter und ſchweigend an einer Eiche lehnen und der Rede horchen ſah. „Könnt Ihr mir ſagen Freund“ redete er dieſen leiſe an, „was der fromme Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, 24 42 und ob die nur bildlich daſtehn, oder in der„Hitze des Ge⸗ ſprächs“ vielleicht wirklich gebraucht werden ſollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und möchte mich gern belehren.“ „Es geht mir nicht viel beſſer, Fremder,“ ſagte der Back⸗ woodsman ſeufzend—„ich habe auch keine rechte Idee von dem Weſen und Treiben der Leute; ſoviel aber iſt gewiß, daß ſie die Fenzen oder Pferche, wie Ihr ſie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da oben die Ge⸗ meinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem finſte⸗ ren Geſicht erſt in ordentlichen Schuß und Gang gekommen iſt— wenn nicht heute, morgen ſeht Ihr das gewiß!“ „Und ſind das ſo berühmte Prediger?“ frug Maulbeere etwas erſtaunt, denn das Aeußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht— „Der ſanfte Mann der jetzt da oben ſpricht“ ſagte Jack mit einem etwas bitteren Lächeln,„war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little Rock, als plötzlich der Geiſt über ihn kam, wie ſie es nennen, und er zu predigen anſing. Er hat eine„ſanfte Gabe“ wie die Frauen ſagen, und wenn er nur anfängt zu reden, weinen ſie ſchon vor lauter Rührung und Wehmuth. Der Andere iſt ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man bei uns die„wandernden Krämer“ nennt— betrog alle Welt mit ſeinen Yankee⸗Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte, und— wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit ſeinen Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu 43 kaufen, um, wie ſie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing ebenfalls an zu predigen. Die Beiden ſind jetzt die beliebteſten Redner, die wir hier zu hören bekom⸗ men, und haben die anderen Circuit⸗rider wenn nicht ganz weggebiſſen, doch ſo in den Schatten gedrängt, daß ſie ſich kaum noch ſehn laſſen. Ihre Sammlungen fallen auch — jedenfalls die Hauptſache— immer am reichlichſten aus, und für ihre milden Zwecke nehmen ſie Geld und Geldes Werth, Hirſch⸗ und Racoonfelle, Talg und Honig und Bären⸗ fett. Aber jetzt paßt auf“ ſetzte er, mit dem Kopf nach der Kanzel winkend hinzu—„jetzt kommt Herr Hottenbrocken dran— es wird ein heißer Tag werden, denn er ſchneidet ein furchtbar finſteres Geſicht.“ Jack ſchulterte, während er die letzten Worte ſprach, ſeine Büchſe, drehte ſich ab von dem frommen Mann, und ſchritt langſam hinein in den Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern begann, und mit leuch⸗ tenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich ruhiger, dann aber immer wachſender Stimme den zitternden Zuhörern die Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führ⸗ ten. Mit wilden Geſten und rollenden Augen deckte er da⸗ bei alle Schreckniſſe auf, die dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die nicht ſehen wollten, harrten, und ſeine Rede floß ihm glühend heiß von den in wilder Aufregung zitternden Lippen. Maulbeere, ſo ſehr er ſich ſonſt über derlei Sachen luſtig machte, war aber plötzlich unendlich aufmerkſam geworden, 4 drängte ſich, ſo weit ſich das fuͤglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die ſogar mehrmals die Blicke des Geiſtlichen ſelber auf ihn lenkte und wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere Krämer geweſen, der Geiſt genügte— wenn der Geiſt kam mußte der Körper gehorchen!— Die Predigt oben dauerte fort, Maul⸗ beere hörte ſie aber nicht mehr, ſein äußeres Ohr war anſchei⸗ nend offen, ſein inneres lauſchte dagegen einem Chaos von Speculationen, die ſich in dem Gehirn des praktiſchen Scheeren⸗ ſchleifers entwickelten, und ihm ſeinen„Gedankenkaſten“ mit einer Unmaſſe von Plänen und Ideen füllten. So kam der Abend heran; dieſer Tag war mehr eine Vorbereitung zu der morgenden Schlacht geweſen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und ſeinen Helfershelfern angekün⸗ digt hatte; ſeine„Krieger,“ wie er die Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüſtet und geweiht worden zu dem ſchweren Kampf, und die nächſte Sonne ſollte ihre untergehenden Strah⸗ len auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn ſieg⸗ reich aus Kampf und Ringen hervorgegangen wären. Maulbeere verlangte mehr als das zu wiſſen, und Jack Owen ſchien ihm nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, ſoviel der Scheerenſchleifer bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in der That nur herüberge⸗ kommen, weil er die Frauen nicht zu Hauſe halten konnte, und nicht allein ziehn laſſen wollte. Frauen ſind überhaup 2 b 4 4⁵5 in den meiſten Fällen weit beſſer zu Hauſe, als bei ſolchen Campmeetings aufgehoben. Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand ſich eine Familie, die Maulbeere's Aufmerkſamkeit ſchon von allem An⸗ fang durch das viele Kochgeſchirr und die zahlreichen Proviant⸗ kiſten auf ſich gezogen, die ſie bei ſich führten. Der Mann, wie er ſich indeſſen erkundigt hatte, war Kirchenälteſter, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der oft acht und vier⸗ zehn Tage auf ſeiner Durchreiſe bei ihm blieb, und allabend⸗ lich in ſeiner Familie predigte. Dieſem introducirte ſich Maul⸗ beere noch vor dem Abendeſſen, enthüllte ihm den Eindruck, den die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die Lebensgeſchichte des langen Mannes, der eine ſo fabelhafte Rednergabe, mit ſolchem Feuereifer und ſolcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott und heiligen Geiſt empfangen habe. Der Kirchenälteſte nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte ſich mit zu ſeinem Feuer ſetzen und mit ihnen eſſen, und erzählte ihnen dafür ſeine Lebensgeſchichte mit einer Phantaſte, die ſeinen alten Schiffsgefährten Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wiſſen wollte— daß nämlich nicht etwa ein langes Studium erforderlich ſei, mit begabter Zunge zu reden, ſondern daß ſolche, die der heilige Geiſt als Begün⸗ ſtigte auserſehen, oft von den niedrigſten Handwerken, aus dem ſündhafteſten Lebenswandel heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten ſich emporgeſchwungen hätten, und Lichter ge⸗ worden wären, ihren Mitbrüdern und Schweſtern auf dem ſchmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein Eramen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der hohen natürlichen Begeiſterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus einer der frommen Stif⸗ tungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen in die Schanze ſchlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn. Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, ſie hatten nicht allein gegen die fündhaften Ungläubigen, ſondern auch gegen den Antichriſt wie eine Menge anderer Sekten anzu⸗ kämpfen, aber das Ziel war glorreich— ſie mußten endlich ſtegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken. Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteſte dem mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und wie dieſer ſpät am Abend, wo ſich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur Ruhe begeben, ſeinen Karren zu ſeinem neuen Beſchützer heranſchob, und dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünſtig mit einſtimmte, ſchien ein ganz anderer Geiſt in den ſonſt ſo rohen, profanen Menſchen gefahren zu ſein. Die Anderen hatten ſich längſt wieder erhoben, und er kniete immer noch eine Weile allein in ſtill verſunkenem Gebet, legte ſich dann, in ſeine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geſchnallt mit ſich führte, ohne mit irgend Jeman⸗ dem ein Wort weiter zu wechſeln, auf den ihm angewieſenen Platz unter ein weit geſpanntes Leinwandzelt, und war bald 47 ſanft und ruhig— ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet — eingeſchlafen. Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere hätte heute keine Zeit bekommen ſeine Geſchicklichkeit zu verwerthen, ſelbſt wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, ſaß gleich vom Morgengrauen in den vorderſten Reihen der Gläubigen, und ſchien ſich wirklich nur zufällig gerade zur Fruͤhſtückszeit an dem Feuer des Kir⸗ chenälteſten wieder einzufinden. Dieſer aber hatte ſeine innige Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich und äußerlich einer ordentlichen Reorgani⸗ ſation bedürfe, und die nur allein durch das Wort Gottes er⸗ halten könne. Uebrigens ſei es ein erfreuliches Zeichen auch unter den Deutſchen, die ſonſt nicht in dem Rufe ſtänden, viel wirkliche Religioſität zu haben, Einzelne zu finden, die eine rühmliche Ausnahme davon machten. Zum Frühſtück trat eine Pauſe ein, da die Geiſtlichen ſelber, zu ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung be⸗ durften, und es war für Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu ſehn, wie ſich die Brüder, in Liebe und Freundſchaft darum ſtritten, die ehrwürdigen Herren an ihrem Frühſtückstiſch bewirthen zu dürfen, wo ihnen dann das Beſte aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte. Gleich nach dem Frühſtück begann die Predigt wieder, die aber bis zum Mittageſſen wenig Erquickliches bot; es war ein Miſchmaſch von den allergewöhnlichſten Phraſen, in der aller⸗ 48 gewöhnlichſten Art vorgetragen; entweder konnten die Leute nichts Beſſeres liefern, oder ſte verſparten ſich den vollen Ein⸗ druck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer über⸗ haupt mehr aufgeregt und für das Uebernatürliche mehr empfäng⸗ lich ſind. Maulbeere nichtsdeſtoweniger hielt gewiſſenhaft aus; Manche ſeiner Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entſeßlich in ihrer Andacht durch ſeinen alten grünen und wie glaſirten Rock geſtört worden waren, ſchliefen ſanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem Re⸗ denden. Mittag kam, und ſo ſehr ſich die Amerikaner vor einem unreinlichen Menſchen ſcheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch beſonders die Aufmerkſamkeit der Frauen auf ſich ge⸗ zogen; er war auch fremd hier, und konnte nicht ohne Nah⸗ rungsmittel gelaſſen werden. Maulbeere bekam drei Ein⸗ ladungen an verſchiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit geſchickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tiſch und einer kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann die Predigt auf's Neue— jetzt aber mit einem andern Geiſt. Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die Verſammlung, als ob die Leute ſchon eine Ahnung gehabt hätten, wie der Geiſt heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber ſaß in den vorderſten Reihen. Mit weicher, ſchmelzender Stimme begenn der ehrwür⸗ dige Mr. Sweetlip ſeinen aufmerkſam lauſchenden Zuhörern 49 die Orte auf dieſer Erde zu ſchildern, wo den armen ſchwachen Menſchen Verführung umlauere, ihn von der Bahn des Gu⸗ ten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den ſie auf dieſer Welt ſchon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieſer Welt durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewiſſen, das ihnen die Bruſt mit einer unendlichen Wolluſt und Seligkeit fülle(und er ſelber führte ſich dabei zum Beiſpiel auf, wie er, ſeit er ſein Herz dem Himmel zugewandt, in einem wahren Meer von Wonne ſchwimme) und in jener, wo Gott und der Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, ſo ſie hier den ſündigen irdiſchen Lüſten widerſtünden, und ihre Augen nur nach dem richteten was Gottes wäre. Auch hierbei ließ er ſich in eine nähere und mehr bildliche Beſchrei⸗ bung dieſer einſtigen Seligkeit, wie er ſie ſich dachte, ein, und ſchilderte ſeinen Zuhörern mit immer glühender und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo ſie von Ewigkeit zu Ewig⸗ keit oben im Kreis der Engel in den Wolken ſitzen, und Halle⸗ lujah ſingen würden. Maulbeere ſah ſich raſch nach ſeiner Nachbarin zur Linken um, denn dieſe fing plötzlich an zu ſtöhnen, ſchloß die Augen, warf den Kopf herüber und hinüber, und gebehrdete ſich etwa ſo, als ob ſie einen Anfall von Krämpfen erwartete. Der Scheerenſchleifer dachte auch an ſeine kleine Hausapotheke die er in dem Karren mit ſich führte, an Salmiakgeiſt und Hof⸗ mann'ſche Tropfen, Einreibungen von Senfſpiritus und andere entſetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entſchluß Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 4 50 kommen konnte, begann ſeine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne auszuſtoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing es an zu ächzen und zu ſtöhnen und die Ausrufe—„Oh Loooord— glory— glory— happy— happy— blessed Jesus!“ wurden nach allen Seiten hin laut, und kamen in Geſtalt von gewiſſermaßen gewaltſam ausgeſtoßenen Seufzern zu Tage. Nur erſt mit dem Schluß der Predigt, die in einem langen Gebet endigte, tuhigten ſich die Andächtigen, und die Frauen hielten ihre Taſchen⸗ tücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das größte Herzeleid in der Welt geſchehen und nicht die einſtige Seligkeit geſchildert wäre. Lautloſes Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt, nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelaſſen, auf die Kanzel, überſah mit einem, über die Maſſen ſchweifenden finſter drohenden Blick die Verſamm⸗ 4 lung, und rief plötzlich, zu voller Höhe aufgerichtet und den rechten Arm von ſich ſtreckend, mit donnernder Stimme: „Brüder und Schweſtern— Mitbürger— Mitchriſten— Sünder— nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder — der Tag der Nache iſt nahe!“ „Oh Loooooord!“ ſchrie die eine Mitſchweſter an Maul⸗ beeres Seite, der doch jetzt fand, daß dieſe verſchiedenen Aus⸗ rufe keineswegs einem körperlichen Gebrechen, ſondern eher einer geiſtigen Vervollkommnung, einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuſchreiben ſei. Mr. Hotten⸗ brocken hatte indeſſen eine kleine Pauſe gemacht, als ob er ſeinen Zuhörern Zeit geben wollte, über dieſe Verkündig ung nachzudenken, und begann nun, nachdem er vorher ſein Taſchen⸗ tuch herausgenommen und ſich vorſichtig geſchneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck ſeine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Geſpräch etwa geſagt hätte— nich glaube wir werden dieſen Nachmittag Regen bekommen.“ „Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder u nd fleißiger Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, * 8 L 28 25 lie e Schweſtern und Brüder, die Freuden des Elyſiums ge⸗ ſchildert; er hat Euch mit glühenden lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauſcht, die Plätze der Se⸗ ligen vorgeführt, wohin die Guten einſt kommen werden. Es giebt einen ſolchen Platz, liebe Schweſtern und Brüder, wie ich Euch wohl kaum noch zu ſagen habe, denn Jeder von Euch weiß es— es ſteht mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und iſt daher keine Kunſt das zu wiſſen— Jeder kann das wiſſen der nur leſen kann, oder einen Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der ihm die Ge⸗ ſchichte vorlieſt. Alſo wir ſind davon, als einer ausgemachten Thatſache, überzeugt, daß es einen Platz giebt, wohin die Gu⸗ ten, die Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unſere Phantaſte, geliebte Brüder und Schweſtern, verleiht dieſem Platz die hohere Wonne, nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über den etwaigen Zu⸗ ſtand dort oben, wie ihn mein Bruder in Chriſto, Mr. Sweet⸗ lip geſchildert hat— Aber“— rief er plötzlich, und unter⸗ brach damit gewiſſermaßen ſeine bis dahin vollkommen ruhige 4* 52 und wie geſprächsweis gehaltene Rede—„aber,“ donnerte er noch einmal, mit jetzt tief und dröhnend ſchallender Stimme, „aber wer ſind die Gerechten?— wo ſind ſie?— wie viele oder wie wenige ſind es ihrer?— Wehe, wehe, wehe, mein Auge ſtreift umher, und keinen Frieden, kein Licht findet es, wohin es ſchweift— mein Ohr lauſcht auch dem leiſeſten Klang, und nur Weheklagen ſind es, die es vernimmt!“ „Oh Loooooord!“— ſtöhnte Maulbeere's echbarin wieder.. Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er jammerte daß er umſonſt das Haupt eines Gerech⸗ ten ſuche, es mit der ewigen Glorie zu decken— ſie wären Alle Sünder, ſchlechte, miſerabele, elende Sünder vor dem Herrn— keiner, der beſtehen würde vor ſeiner Gerechtigkeit, und nur wenn ſie ſtürben, würden ſie es den erſten Tag be⸗ quem haben, ſie fortwährend bergunter führen, tief tief hin⸗ unter zu dem hölliſchen Abgrund, wo da iſt Heulen und Zähne⸗ klappen, dann aber— dann—“ „Oh gracious Looooord!“ ſtöhnten die Stimmen rechts und links—„merci, merci— merci! Gnade!— ſei gut zu uns Herr, ſei gut zu uns!“ und hie und da ſtanden Einzelne der Mitglieder auf, und taumelten mehr als ſie gingen unter dem glory-, glory- und happy-, happy-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers ſtand, wo ſie ſich auf die 4 Knie warfen, und laut und brünſtig, nur von einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen. Maulbeere wurde unruhig, er blickte um ſich her und 53 ſah ſeine Nachbarn an, machte ſogar ein paar Mal Miene auf⸗ zuſtehen, ſetzte ſich aber immer wieder nieder. Das Geſtöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je wilder und feu⸗ riger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit raſſelnder, dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu ſchildern, und lauter und drohender der ganzen Schaar ſeiner Zuhörer ein ähnliches Schickſal zu prophezeihen, je mehr er mit den Ar⸗ men warf und ſeine langen Glieder umherzuſchlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme, vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreiſch und Gewinſel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade ſchrie für die Verdammten, um deren Glieder er ſchon die Lohe ſchlagen ſähe, die im ewigen Feuer zuckten und ſich krümmten und die Arme umſonſt flehend, Hülfe ſuchend, herausſtreckten aus dem kniſternden Verderben, da erreichte der Aufruhr und Lär⸗ men einen furchtbaren Grad. Die Leute ſprangen und heul⸗ ten auf ihren Sitzen, ſchlugen mit den Armen und Beinen um ſich, und klammerten ſich aneinander an, als ob ſie ſchon jetzt fürchteten von dem hölliſchen Feind gefaßt, und nach ſeinen Regionen niedergeführt zu werden. In dem links gelegenen Pferch hatten ſich indeß die Böcke“ mehr und mehr angeſammelt— es waren die, die ſich als die größten, nichtswürdigſten Sünder erkannten— und lagen hier auf den Knieen, rangen die Hände, heulten, ſchrieen, und gebehrdeten ſich mit einem Wort wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige geweſen, was ſie hätte halten können. 54 Mr. Hottenbrocken oben auf ſeiner Kanzel aber fing an zu triumphiren. „Da kommen ſie!“ ſchrie er mit ausgeſtrecktem Arm und Finger niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zu⸗ drängenden,(Männer und Frauen und Mädchen, Alles durch⸗ einander) und ſein Auge ſchoß Blitze, ſeine Geſtalt hob ſich höher und gewaltiger, und zog ſich dann manchmal in ſich ſelbſt zuſammen, als ob er noch unſchlüſſig ſei, vielleicht mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwiſchen die Schaar hineinzuſpringen—„da drängen ſie herbei, vom Teufel ge⸗ peitſcht, der hinter ihnen mit ausgeſpreizten Krallen drein⸗ ſpringt, den Einen oder Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in ſein Reich der Ver⸗ dammniß! „Oh L— o— 0— 0— 0— o— rd— merci— merci!“ ſchrieen die Frauen wieder, die ſich jetzt zwiſchen den Bänken anfingen ängſtlich umzuſehn, und ſogar manchmal mistrauiſche Blicke auf den Scheerenſchleifer warfen—„habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem Teufel — rette uns vor dem ewigen Feuer!“ „Gnade?“ ſchrie aber der Mann auf der Kanzel mit ſei⸗ ner Donnerſtimme nieder in den Lärm und Aufruhr—„Gnade wollt Ihr?— Gnade für Euere Sünden?— Gnade für Euern Unglauben? Gnade für Euere verderbten und ver⸗ ſtockten Herzen?— der Fluch Gottes wird Euch treffen am jüngſten Gericht— niederſchmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch jetzt am ſtolzeſten und höchſten wähnt— 8 ö“ an nd 55 niederſchmettern in ewige Verdammniß und Nacht und Finſter⸗ niß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und dort ſteht er!“ ſchrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgeſtreckten Arm gegen den Wald hinauszeigend—„dort grinſt er herüber auf Euch und fletſcht die gelben fürchterlichen Zähne!— dort ſteht er und ſchüttelt ſich vor Lachen und innerer grimmiger Luſt, wie er die Heerde ſieht, die er bald eintreiben kann in ſein hölli⸗ ſches Reich, die Opfer ſieht, die ihm verfallen ſind durch ihre eigene Sünde und Luſt und rettungslos, rettungslos ver⸗ loren gehn!“ „Merci— merci— glory— glory— oh Looooord!“ ſchrie und ſtöhnte die Schaar wieder, uud ein ſolches Wüthen und Drängen und Aechzen und Winzeln begann zwiſchen den Menſchen, daß Maulbeere mistrauiſch die Leute von der Seite anſah, und doch nicht herausbekommen konnte ob ſie im Ernſt waren, oder ſich nur verſtellten. Und trotzdem war der Parorismus noch nicht zum höch⸗ ſten Grade geſtiegen. Der Geiſtliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pauſe gemacht; es fehlten ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeſchwören, das Schlimmſte was er hatte aufführen können war geſchehn— der Teufel ſtand mit ge⸗ krümmten Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf ſeine Opfer; der Schrecken mußte jetzt wirken und dann die Mög⸗ lichkeit der eingeſchüchterten Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn. „Fühlt Ihr Euere Gefahr?— erkennt Ihr den Abgrund 56 an dem Ihr ſteht?“ rief der lange finſtere Mann plötzlich wieder mit nicht ſehr lauter, aber zu den entfernteſten Stellen dringen⸗ der, bohrender Stimme,„habt Ihr das ſchwarze Meer, mit ſeinen ſtürmenden rollenden Wogen geſehn, das über Euch her⸗ einwälzen will, Euch in ſeine Tiefe zu ziehn?— fühlt Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die ſchwarz genug iſt daß ſie die Sonne verfinſtern und der Engelein Gnadengebet erſticken könnte?— fühlt Ihr ſie? wißt Ihr daß Ihr verloren ſein müßtet— rettungslos, er⸗ barmungslos für immer und ewig, wenn Ihr nur das be⸗ kämt was Ihr hier verdient? nur dem gerechten Richter gegenüber?“ 2 „Oh Looo0000'od a massy!“ ſchrie eine dicke, vor Maul⸗ beere ſitzende Negerin jetzt mit gellendem Aufkreiſch, und fiel von der Bank herunter auf der ſie geſeſſen, als ob ſie todtge⸗ ſchoſſen wäre. Niemand bekümmerte ſich aber um ſie, und ſie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein Glied zu rühren. „Aber noch iſt es Zeit!“ donnerte da plötzlich des Reden⸗ den Stimme, wie eine ſchmetternde Poſaune Heil verheißend durch den Wald—„noch iſt die zwölfte Stunde nicht vor⸗ über, noch hält der Engel der Gnade die Hand ausgeſtreckt nach den Strauchelnden— noch iſt es Zeit Mitbrüder, Mit⸗ ſchweſtern, der Himmel iſt offen, das Licht des Heilands leuch⸗ tet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch Wahr⸗ heit werden— noch iſt es Zeit Gentlemen— Brüder, Schwe⸗ ſtern, Reiſegefährten!“ ſchrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in ſein altes Geſchäft, das Auktioniren, ge⸗ L fallen wäre und eben noch Raum fand wieder einzulenken— „noch iſt es Zeit— kommt, kommt, kommt zu dem Herrn— kommt, kommt, kommt zu Jeſus Chriſtus— kommt— oh kommt in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß— kommt!“ „Glory— glory— happy— happy!“ brüllte und tobte da plötzlich die Maſſe—„blessed be de Looo'd Oſchi⸗ ſos!“ ſchrie die dicke Negerin mit einem gewaltigen Ruck ſich emporrichtend, daß ſie gerade vor Maulbeere auf die Erde zu ſitzen kam, und ihm ſtarr in's Antlitz ſah. Aber überall zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los— Männer und Frauen ſprangen empor, riſſen ſich die Röcke vom Leib, die Tücher von den Schultern, rauften ſich die Haare, ſchlugen ſich die Bruſt, ſtöhnten, kreiſchten, ſchrieen, den dicken Schaum auf den Lippen, große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen faſt aus ihren Höhlen drängend. Es wäre überhaupt unmöglich dem Leſer auch nur im Entfernteſten eine ſolche Scene lebendig genug zu beſchreiben, daß er ſich ſelber hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man ſelber geſehn und erlebt haben, und iſt es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es wilrklich geſchehn ſein könne, ob nicht ein toller Fiebertraum uns geneckt, und ſelbſt der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns ſolch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geiſterhafteres, Un⸗ natürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als dieſe Scenen, wo der heilige Geiſt von den ſchaumbedeckten Lippen wahnſinniger Schwärmer ſprechen ſoll, und dieſe ſich auf der 58 Erde wälzen, die Fingernägel in den Boden einwühlen, den Raſen beißen und glory, glory! ſchreien, Ruhm dem Herrn in der Höhe!— Viele mag es dabei geben, die einen ſolchen Zuſtand aus irgend einem Grunde heucheln; die ſich eben nur ſtellen als ob der„Geiſt“ über ſie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und ſolcher Art einen ſehr billigen Ruf großer Reli⸗ gioſität erlangen, vielleicht Einlaß in manche Familie zu be⸗ kommen, deren Kreis ihnen ſonſt verſchloſſen geblieben wäre. Ebenſo gewiß iſt es aber auch, daß Viele, ſehr viele in Wirk⸗ lichkeit und Wahrheit in dieſen Zuſtand verfallen, daß ſie nur durch die oft vollkommen ſinnloſe, nur mit einer gewiſſen Be⸗ geiſterung und mit ſteigendem Affekt geſprochene Rede in einen halb bewußtloſen überſpannten Zuſtand gerathen, in dem ſie ſich der Erde entrückt und von einem anderen, außer⸗, und jedenfalls überirdiſchen Weſen begeiſtert wähnen.*) Fieberanfälle folgen *) Ich frug einſt in Arkanſas die Frau, in deren Hauſe ich wohnte, eine geborene Irländerin und ſonſt ganz vernünftige, brave Matrone, die ebenfalls dieſer Sekte angehörte, ohne jedoch ſelber jemals vom„Geiſte befallen zu werden,“ ob ſie denn wirklich glaube, daß die in ſolchen Zu⸗ ſtand verfallenden Menſchen etwas Derartiges ohne ihren freien Willen, ohne jede Abſicht thäten, und alſo wirklich begeiſtert würden?— worauf ſie mir antwortete:„Ja!— ich habe auch früher geglaubt, die Menſchen verſtellten ſich, wenn ich mir auch den Schaum auf den Lippen nicht er⸗ klären konnte; ich dachte aber doch, der Wille des Menſchen vermöchte auch dieß zu bewirken, und ſo ſehr mich die Religion der Methodiſten erfaßte und zu ſich hinzog, ſo ſehr ſchreckte mich dieſe Begeiſterung, die ich für Heuchelei hielt, zurück. Da kam ich eines Abends auch aus einer ſolchen Verſammlung zu Hauſe, und war recht traurig, uneinig mit mir 59 nicht ſelten demſelben, und die aufgeregte Einbildungskraft iſt nachher jedenfalls ſehr leicht im Stande das, wo ſich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden ſollte, mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer ſolchen Verſammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht ſie unausweichlich den Eindruck eines Haufens wahnſinniger Menſchen, die losgebrochen ſind, und die kurze Zeit ihrer Freiheit geſchwind benutzen, ſich einmal recht tüchtig aus⸗ zuſchrein. In dieſen Pferchen beſonders, wohin die ſich drängen, die den heiligen Geiſt uͤber ſich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man ſich mit Ekel von einem ſolchen Bilde menſch⸗ licher Entwürdigung abwendet, und doch fühlen ſich dieſe ver⸗ blendeten Menſchen auf dem Gipfel menſchlicher Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geiſtlichen, die den Er⸗ ſelber; ich wußte nicht was ich thun, was laſſen ſollte, und bat den lie⸗ ben Gott noch unterwegs recht inbrünſtig, er ſolle mir ein Zeichen geben. Als ich mein Haus betrat hörte ich ein Flattern und mit den Flügeln Schlagen; ich hatte ein paar kleine zierlich gefleckte Hennen, die oft zu mir ins Haus(das Zimmer iſt in Arkanſas gewöhnlich gleich das ganze Haus) kamen, und die Broſamen aufſuchten. Ich ſah mich danach um, und fand das eine von den beiden Hühnern unter dem Bett, anſcheinend in Krämpfen, mit den Flügeln ſchlagend, mit den Beinen ſtrampelnd, die Augen verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeiſter⸗ ten geſehen hatte, und— es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz — mit Schaum am Schnabel. Da war ich überzeugt; das Huhn— ob ſich die Menſchen verſtellten— das Huhn verſtellte ſich nicht; das war Natur; der Zuſtand war alſo natürlich, er exiſtirte, und von dem Augenblick an beſchloß ich zu dieſer Sekte überzutreten.“ 60 folg ihrer Wirkſamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten Schaafe zählen, beſtärkt. Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck„Schaaf“ in ſolchen Fällen hinlänglich und ſtark genug bezeichnend iſt— er genügt mir ſehr häufig bei uns nicht einmal. „Glory! Glory! Hallelujah! brüllte die Schaar,„heiliger Geiſt komm— ſenke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns — glory, happy, happy, happy!“ „Uch!“ ſchrie oder kreiſchte da plötzlich eine einzelne Stimme, ſo ſcharf und gellend durch die Mistöne um ſie her, daß ſich ſelbſt von den augenblicklich Begeiſterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend, nach der Stelle umſahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut ertönte, und hier bot ſich ihnen allerdings ein neues ſeltſames Schauſpiel. Zachäus Maulbeere hatte der Geiſt ergriffen, und wäh⸗ rend die dicke Negerin, die ſich wieder aufgerichtet, ſeine Knie umklammert hielt und abwechſelnd Hülfe und Glory! ſchrie, ſtand Maulbeere auf der Bank, auf der er bisher geſeſſen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren des niederge⸗ laufenen Regenwaſſers von der vorigen Nacht, die Arme zum Himmel ausgeſtreckt, und das Geſicht ebenfalls dort⸗ hin erhoben, und tobte ärger als Einer der Anweſenden ſein happy— happy— happy dem grünen Waldesdome entgegen. „Dort iſt noch ein Schaaf!“ ſchrie der Geiſtliche von der Kanzel nieder, mit dem Arm auf den begeiſterten Scheeren⸗ ſchleifer deutend, und mit funkelnden, faſt wie beuteluſtigen e ee ir cda 61 Augen die Wirkung ſeiner Rede an dem Fremden beobachtend —„dort iſt ein verirrtes, abtrünniges Schaaf das zur Heerde zurückkehrt— ein Lamm das ſich in den Händen des Herrn vor den Krallen des Teufels bergen will— eine Taube, die den Fängen des ewig nagenden Geyers zu entfliehen ſucht!— Oh komm— komm Lamm Gottes— komm in den himmli⸗ ſchen Pferch— komm in die Arme des Heilands, die ſich lie⸗ bend und ſehnſüchtig nach Dir ausſtrecken— oh komm— oh komm!—“ „Ich bin ein arger Sünder geweſen!“ ſchrie da Maul⸗ beere, plötzlich ſeine Bruſt ſchlagend und einen vergeblichen Ver⸗ ſuch machend ſich von der dicken Schwarzen zu befreien—„ein nichtswürdiger, verſtockter Sünder— eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle— der rothen, feurigen, flammenden Hölle.“ „Oh do—it— do—nt— oh Loo000d“ ſchrie die Schwarze dazwiſchen. „Aber ich fühle die Kraft in mir,“ fuhr Maulbeere in ſeiner Begeiſterung fort—„Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten(ausgenommen die Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den Geiſt kommen— ja Brüder, ja Schweſtern, ich fühle den Geiſt kommen, den heiligen, lieben, geſegneten Geiſt!“ „Oh glory— glory— glory— happy— happy!“ „Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; das iſt das Feuer das die Sünde läutert, das iſt der letzte Reſt der Sünden die jetzt verkohlen und verfliegen— ich komme— ich komme— heih!“ Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus— die Augen ſchienen aus ihren Höhlen herauszudrängen, die ſtruppigen Haare ſahen in dieſem Augenblick ſo aus als ob ſie vor Entſetzen emporſtänden, und mit einer gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanſtrengung aus den ihn umklam⸗ mernden Armen der Negerin ſich herauswindend, und jetzt eben⸗ falls glory, glory, happy, happy rufend, arbeitete er ſich nach dem ſchon vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, ſprang mitten in den Haufen hinein, und verſchwand dort in dem Gewühl und Zucken menſchlicher Gliedmaßen, die ſich auf dem beſtreuten Boden wanden. Capitel 3. Der wandernde Krämer. Warm und freundlich ſchien die Sonne nieder auf die weiten grünen Prairieen von Illinois, die ſich in ungeheueren Flächen, nur hie und da von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd, nach Oſt und We⸗ ſten dehnten. Wie eine wogende See ſtand dabei das hohe, üppige Gras in der friſchen Weſtbriſe, die darüben hinſtrich, und lichte, raſch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuſchend ähnlich einer ruhigen See, über die ein leiſer Paſſat die leicht gekräußten, eben nur ſich hebenden Wogen zieht. Wie Inſeln darin, um die Täuſchung noch größer zu machen, lagen einzelne kleine Farmen weit zerſtreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und dem Wind ſich neigten, und das grüne Waſſer darſtellen konnten in der Nähe des Lan⸗ des, während die Prairieen ſchon eine dunklere, gelblichere 64 Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der Blockhäuſer, mit ihren blauen dünnen Rauchſtreifen, die weit über die Fläche zogen; Felſen gleich, an denen ſich die Brandung brach, während in den Wogen der Prairieen ſelber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und Rücken oft aus dem ſchwellenden Gras herausreichend, das ſeine Wel⸗ len an ihnen vorübertrieb, herumſchwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe witternd und ſchnüffelnd der friſchen Luft entgegenhielten. Aber kein Fahrzeug ſtrich auf dem weiten waſſerähnlichen Grasſpiegel einher; vergebens ſuchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuſchung nicht größer zu machen, ſondern mehr faſt zur Beſtätigung, daß dieß nicht Land⸗ und Pflanzen⸗ wuchs, ſondern wirklich ſchiffbares, wogendes Waſſer ſei. „Ein Kahn!“ von den grünen Wellen getragen ſchwimmt, einen dunklen Streifen hinter ſich herziehend, ein ſchmaler dunkler Kahn dahin, und ein einzelner Ruderer ſitzt darin, ſtill und regungslos ſein Forttreiben Wind und Strömung über⸗ laſſend. Mit Gewalt muß ſich das Auge zuletzt zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die langſam einem ſchmalen, ſich durch die Prairie ziehenden Wege folgen, und gerade auf die nächſte, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte zuhalten. Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der, langſam ſeinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und dort ſeinem Pferde kurze Raſt zu gönnen beſchloß. Die ganze Umgebung des Hauſes ließ ihn auch auf —8ſſſ ſ“ 65 Landsleute als Eigenthümer ſchließen, und den Zügel ſeines klugen wackeren Thiers abſtreifend, band er ihm die Vorder⸗ füße, nach Landesart zuſammen, und ließ es ſich ſein Futter auf der weiten Wieſe ſelber ſuchen. Da ging die Thuͤr der Hütte auf, und ein junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübſches Mädchen von etwa achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend. „Grüß Euch Gott, Kind,“ rief ihr dieſer freundlich ent⸗ gegen,„kann man ein Glas Milch hier bekommen?— es iſt warm heute und das Waſſer in der Pratrie ſchmeckt ſchlecht.“ „Recht gern und ſo viel Ihr wollt— grüß Euch Gott,“ ſagte das Mädchen, raſch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend.„Ihr ſeid wohl von weit her unter⸗ wegs?“ frug ſie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen hob, und einen langen durſtigen Zug daraus that. „Ich komme von Wisconſin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,“ ſagte der junge Mann. „Von Wisconſin; da ſoll es auch recht gut ſein— wir haben viel Freunde drüben, die mit uns über See gekommen ſind— wir wollten auch erſt dorthin, aber die Schweſter wurde hier krank, und da dem Vater die Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.“ „Und es geht Euch gut hier?“ „Gott ſei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun, die wir hier ſind, recht ſparſam gelebt und Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 5 66 recht fleißig gearbeitet, und da ſieht man doch daß man vor⸗ wärts rückt.“ „So kommt Ihr hier beſſer fort wie in Deutſchland?“ „Ei Gott ja, viel beſſer; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir ſchafften und ſchafften, daß uns das Blut unter den Nä⸗ geln vorkam, aber nur ſchlimmer wurd' es, nicht beſſer; wir konnten nicht erſchwingen was wir brauchten, und langſam aber ſicher ging's bergunter. Hier iſt's beſſer; arbeiten müſſen wir freilich auch, beinah ſo viel wie in Deutſchland, aber was wir einnehmen iſt unſer, wir brauchen Nichts davon abzuge⸗ ben, haben keine groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die Einem das Mark aus den Knochen ſaugen. Auch das Land iſt vortrefflich; was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir bauen, wär's noch viel beſſer. Die Leute ſagen freilich, daß wir eine Eiſenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's ſchon gut. Wo ſeid Ihr her, wenn man fragen darf?“ „Aus Waldenhayn.“ „Aus Waldenhayn— Jeſus, in unſerer Gegend liegt auch ein Waldenhayn, aber s' iſt doch wohl nicht das—“ „Und welches iſt das?“ lächelte der junge Mann. „Krisheim— und Bachſtetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer von Bachſtetten iſt ein Bruder vom Walden⸗ hayner Pfarr.“ „Der Waldenhayner Pfarr' iſt mein Vater,“ ſagte Georg. , 67 „Und Ihr ſeid in Krisheim geweſen?“ frug das Mäd⸗ chen und hohe freudige Röthe goß ſich ihr über Stirn und Schläfe. „Oft und oft; es ſind ja nur höchſtens vier Stunden von unſerem Ort.“ Das Mädchen ſah dem jungen Mann feſt und forſchend dabei in die Augen, und dann drehte ſie ſich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen liefen ihr an den Wimpern nieder. „Ihr hängt wohl noch recht an daheim?“ ſagte Georg endlich leiſe und nach langer Pauſe,„möchtet Ihr wieder zurück?“ „Ich weiß nicht,“ flüſterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt,„ich hatt' es ſchon beinah vergeſſen, und ſeit dem letzten Weihnacht wenig mehr daran gedacht— wenn ich aber den Ort wieder nennen höre, und nun gar wieder Jemanden ſehe, der ſelber dort war, ſelber eigentlich dorthin gehört, dann— dann fängt's freilich wieder an zu ſtechen, und— und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergeſſen könnte.— Wenn ich an den Kirchthurm denke und— und was daneben liegt— und an die großen Linden— nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus dem Kopfe weinen.— Aber der Vater darf's nicht merken,“ ſetzte ſie raſch hinzu,„ſagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es iſt ihm gerade ſo wie uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er ſich's auch nicht will merken laſſen— aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand, und da wird er lie⸗ 5* 68 ber grob, wenn er's auch nicht ſo böſe meint und— wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um ſo lieber d'rum haben.“ Georg war es, als er das Mädchen ſo plaudern, und ſelbſt den Dialekt aus ſeiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz geworden; ihm ſelber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und er hätte den lieben Lauten ſtundenlang lauſchen mögen, ſo wohl, ſo weh wurde ihm dabei in der Bruſt. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen einer Peitſche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit ſeiner andern Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte friſchen Mais aus dem Felde in ſeinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen, wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die Leute ſahen friſch und wohl aus mit ihren ſonn⸗ verbrannten aber geſunden Geſichtern, und man merkte es ihnen an, daß ſie die Arbeit freute die ſie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die Nacht zu bleiben und ſich und ſein Pferd auszuruhen, von dem langen Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana hinüber, wo er wenigſtens hören wollte wie es denen ging, an denen ſein Herz, ſo weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern geliebt hätte, mit feſten — er fürchtete unzerreißbaren Banden hing, und je länger er ſich fern gehalten von dem Platz, deſtomehr drängte und trieb es ihn jetzt, wo ſeines Pferdes Kopf der Richtung ſich wieder zuwandte. 69 Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl hier zufriedene, glückliche Menſchen zu ſehn, die dem Lande ihr Brod ſauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernſt dagegen ſtemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langſam vorrückten, doch eben ſahen, daß ſie vorrückten, und ſich glücklich dabei fühlten. „Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,“ ſagte der Mann unter Anderem und im Laufe des Geſprächs lächelnd,„wie ſie uns manchmal, als wir von Deutſchland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir ſo etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unſere Kno⸗ chen nicht ſchonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann welche, und in Deutſchland ging das eben nicht mehr an. Das erſte Jahr haben wir uns freilich tüch⸗ tig placken müſſen, und ſind bei anderen Leuten in Dienſt ge⸗ gangen, alle miteinander— es war ein ſchweres Jahr, aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundſtück hier ge⸗ kauft.— Ganz iſt's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich iſt's mein, und mit dem Vieh was ich indeſſen ziehe, und das den Werth der Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und ſorgenfrei entgegengehn.“ Der Mann hatte hundert Preußiſche Thaler mit herüber⸗ gebracht, und mit dem dazu was er und ſeine Familie das erſte Jahr verdient, den Stamm gelegt, der ihm eine ſorgen⸗ freie Exiſtenz geben konnte. Georg fing ſein Pferd endlich wieder ein, band die Hob⸗ —— 70 beln ab, legte ihm den Zügel wieder an, und ritt nach freund⸗ lichem Abſchied von den Leuten auf dem ausgeruhten Thiere raſcher die etwas ſtaubige Straße entlang, wo er, wie ihm der Heſſe geſagt hatte, noch eine andere kleine deutſche Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißi⸗ gen Deutſchen gehörte. Es waren noch zwölf Engliſche Meilen bis dorthin, und kein Haus lag dazwiſchen, kein Baum— unabſehbar mit dem wogenden Gras den Horizont begrenzend, dehnte ſich die weite Prairie um ihn aus. Erfſt unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenſtrom dem Wabaſch zu, an deſſen Ufer dichte Büſche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne Hickorybäume wuchſen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches gaben. Prairiehühner⸗) gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen und die klei⸗ nen Rebhühner Nord⸗Amerikas— ein Mittelding zwiſchen Rebhuhn und Wachtel. Die Anſiedlung, die hier ſtand, war noch ganz neu, das Land erſt kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen *) Das Prairiehuhn iſt ein Mittelding etwa zwiſchen dem wilden Truthahn und Rebhuhn; es erreicht die Größe eines gewöhnlichen Haus⸗ huhns, hat aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den kurzen, niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleiſch iſt nicht beſonders, ziemlich dunkel und leicht zäh; nur die Bruſt iſt gut, doch trocken zu eſſen. Sie finden ſich in ungeheueren Mengen über die ganzen Prairieen von Illinois, und ſchaaren ſich im Winter beſonders zu Völkern von vielen hunderten zuſammen. Aufgeſcheucht gehen ſie aber ziemlich weit, ehe ſie wieder einfallen, und verlangen einen tüchti⸗ gen Schuß und ſchweren Schroth, erlegt zu werden. 71 Erndte wehenden Maiſes, die Blöcke zu der Hütte friſch ge⸗ hauen, und ſogar das von ihnen übrig gebliebene und dort zum Feuer gelaſſene Holz noch nicht ganz verbrannt. Ebenſo be⸗ ſtand die Fenz aus ganz neu geſpaltenen Riegeln, und ſelbſt die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann und wann einmal einen vergeblichen Verſuch mach⸗ ten, irgend wo eine Lücke in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und dieſem einen Beſuch abzuſtatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hauſe gekommen waren, ſahen aus, als ob ſie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen eigent⸗ lich beſtimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit eher hatten ſich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hauſe ſpielten und ſich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn Jahren ſchien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf ſie aufzu⸗ paſſen. Heute gab es freilich auch etwas Neues für ſie, das die Einförmigkeit ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weiſe unter⸗ brach, denn vor dem Hauſe hielt ein kleiner Karren, ein ſoge⸗ nannter Pedlar⸗Wagen, mit allerlei bunten, wunderhübſchen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte geſagt, daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater nnd Mutter vom Felde heim kämen, ihnen ſeine Waaren auszu⸗ packen, von denen ſie Manches brauchen könnten. Indeſſen zeigte er ihnen aber allerlei, und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien, die er ihnen preis⸗ gab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit zurück, 72 und während die Frau nach den Kühen ging, dieſe zu melken, trat der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand. „Guten Tag Landsmann— Ihr ſeid doch ein Deutſcher, wie?“— 1 „Allerdings,“ ſagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd,„möcht's nicht verleugnen.“ „Möcht' Euch auch ſchwer werden,“ lachte der Bauer, „Euer Geſichtsſchnitt würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr ſeid von„unſere Leut“, wie wir bei uns zu Lande ſagen?“ „Na, wie mer's ſo nimmt,“ lachte Wald, denn es war unſer alter Reiſegefährte von der Haidſchnucke, der hier ſeine Umſtände als Pedlar ſchon ſo verbeſſert hatte, mit einem Gü⸗ terkarren durch's Land fahren zu können,„wir leben wie die Chriſten, und handeln wie die Chriſten— der Menſch kann nicht mehr verlangen.“ „Aber Ihr eßt kein Schweinefleiſch,“ lachte der Bauer. „Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's nicht thä⸗ ten,“ ſagte Wald achſelzuckend,„aber ſetzt mich'mal auf die Probe, beſonders wenn Bohnen dabei ſind.“ „Na, ein Mann ein Wort,“ rief der Bauer,„das ſollt Ihr heut' Abend haben, und Eueren Kaſten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte mit Melken fertig iſt; die hat ſchon die ganze Zeit lamentirt, daß ſie kein Band und kei⸗ nen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was hat; es iſt in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.“ „Glück muß der Menſch haben,“ ſagte Wald vergnügt, Seite 72. * 2 . 8 — —5 73 „da komm ich wieder einmal gerade recht, und was die Frau braucht, ſteckt da Alles im Karren d'rin.“ „Ja, glaub's ſchon, wenn nur da im Hauſe drin auch Alles ſtäk um damit zu zahlen— na, aber ſo viel wird ſchon da ſein. Und nun Cathrine, wie iſt's mit dem Kranken drin?“ wandte er ſich dann an das junge Mädchen das, indeſſen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte Achtung geben müſſen. „Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel geſtöhnt, iſt aber vor einer Stunde etwa eingeſchlafen und liegt jetzt ruhig.“ „Habt Ihr Jemand krank in der Familie?“ frug Wald, „ich habe kleine Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.“ „Nein in der Familie nicht, Gott ſei Dank,“ ſagte der Bauer,„aber ein Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir hier gewohnt, und hier verſuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, iſt dabei ge⸗ fallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der Umgegend zu haben iſt, mußten wir es ihm ſelber zurecht⸗ rücken ſo gut es gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Beſten geſchehn ſein. Wir können den armen Teu⸗ fel aber nicht ſo verkommen laſſen, und ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor holen; es iſt ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.“ „Wie iſt denn das gekommen?“ frug Wald,„und wo hat er das Bein gebrochen?“ 74 „Wo?— da hinten von dem Baume herunter,“ ſagte der Bauer,„ſeht Ihr die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen?— dort drüben links.“ „Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?“ frug Wald erſtaunt. „Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht— er hat fliegen wollen, und das iſt noch nicht recht gegangen.“ „Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren habe auf dem ich fahren kann— ſüegen, und da iſt er von oben heruntergeſtürzt?“ „Wie ein Mehlſack— er hatte ſich ſo ein Geſtell ge⸗ macht wie ein Drachen etwa, aber ohne Bindfaden unten dran,“ ſagte der Bauer,„woran man ſonſt ſo ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch nicht nöthig, denn es kam gleich von ſelber herunter, und ich hätte gern gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht ſo ſchlecht gegangen wäre— es iſt auch ein Deutſcher.“ „Hm, hm, hm,“ ſagte Wald,„was es doch für wun⸗ derliche Menſchen auf der Welt giebt, und macht er da ein Geſchäft d'raus?“ „Nein, er iſt eigentlich Cigarrenmacher—“ „Er heißt doch nicht Schultze?“ rief Wald ſchnell. „Schultze heißt er allerdings— am Ende kennt Ihr ihn gar.“ „Du lieber Gott; wenn's der iſt den ich meine, ſind wir miteinander über See herübergekommen, und er hatte da ſchon immer ſo einen kleinen Sparren; wenn's ihm nur nicht gar 75 am Ende im Oberſtübchen fehlt. Kann ich ihn einmal ſehn?“ „Jetzt ſchläft er, wie die Cathrine ſagt,“ meinte der Bauer,„und da er die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl beſſer ſein wir laſſen ihn ruhig liegen, bis er von ſelber aufwacht.“ „ und wie lange iſt's her, daß er das Bein gebrochen?“ frug der Pedlar. „SHeute gerade elf Tage,“ ſagte der Bauer. „Gerade elf, hm— arme Teufel— hat er denn Geld?“ „Nun ein Bischen was wohl,“ meinte der Bauer achſel⸗ zuckend,„er kam hier durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie er ſagte.“ „Er meinte, er könnte hier recht hübſch in der Prairie herumfliegen?“ „Wahrſcheinlich ſo— und er bot mir ein und einen hal⸗ ben Dollar wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate be⸗ köſtigen wollte, bis er mit ſeiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei, aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutſcher war, und ſonſt ein ordentlicher Mann ſchien, ſagten meine Alte und ich ja.“ Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich laſ⸗ ſen, bis er wieder geſund iſt und ſich ſelber helfen mag.“ „Das iſt brav von Euch gehandelt,“ ſagte Wald,„hier in dem Amerika weiß man nie wie Einer den Andern braucht; 76 aber da kommt die Frau, nun kann ich meine Sachen aus⸗ packen, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne unter iſt; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.“ „Guten Tag miteinander,“ ſagte die Frau zu dem Ped⸗ lar tretend, und ihm die Hand reichend,„na das iſt recht daß endlich einmal Einer von Euch ſich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr denn da in Euerem Karren drin?“ Wald ſäumte nicht ſeine Waaren anzupreiſen, und die verſchiedenen Käſten und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn herdrängenden Familie die Herr⸗ lichkeiten offen, die, aus den Städten des Oſtens hergeführt, die Herzen in den weſtlichen Prairieen entzücken ſollten. Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden, Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und mußte geſchafft werden, und ging der Mann auch ein⸗ — mal in die ziemlich fern liegende Stadt, konnte er's doch nie im Leben ſo ausſuchen wie die Frau, und die Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäſte. Eine Anzahl Kleinigkeiten war indeſſen ausgeſucht und bezahlt worden, und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug bringen, wollte dieſe doch davon Nichts hören. Sie hätten ſo Nichts großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften ſie kein Geld nehmen, das ginge nicht an—„aber wie iſt mir denn,“ ſetzte ſie hinzu, den Pedlar dabei immer ſchärfer und aufmerkſamer anſehend, ich dächte doch, wir hätten einander ſchon einmal geſehn?“ „Wär wohl möglich,“ lachte Wald,„ich zieh' nun ſchon ein paar Jahr lang die Kreuz und Queer im Lande herum— hierher bin ich aber doch noch nicht gekommen.“ „Es war auch nicht hier,“ ſagte die Frau, ihn immer ſtärker in's Auge faſſend,„es war unten noch am Waſſer, gleich wie wir ankamen— Jeſus, Heinrich, ſieh mal, iſt das nicht der Mann, der mir den halben Dollar gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?“ „Seid Ihr die Leute, die da unten in New⸗Orleans an der Levée ſaßen und kein Brod und keine Arbeit hatten?“ frug aber nun Wald ſeinerſeits wirklich erſtaunt,„alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig herausgearbeitet in der kurzen Zeit.“ „Siehſt Dus, er iſt's,“ rief aber die Frau, raſch und herz⸗ lich Wald's Hand ergreifend,„wenn nur ein Menſch wüßt' wie ich mich danach geſehnt habe Euch wieder zu ſehn, und Euch danken zu können.“ „Ah, papperlapapp,“ ſagte Wald, abwehrend,„macht kein Aufhebens von der Läpperei— ich wollt' ich hätt' mehr thun können.“ „Ich glaub's Euch,“ ſagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand reichend und derb drückend,„Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck, gerade wo's hingehört.“ „Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,“ ſagte, mit Thränen in den Augen, die Frau, als ſie an die ſchwere Zeit zurückdachte,„wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinſte ſchrie nach Milch, und ich 78 hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das gewor⸗ den iſt; wer weiß ob er ſich jetzt dort ſo herumtummelte, wenn Ihr uns nicht damals beigeſtanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magſt mir die Sünde verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Waſſer geſprungen wie nicht, ſo weh, ſo traurig war mir um's Herz, weil ſich ſo gar Niemand um uns küm⸗ merte, und es allen Menſchen eben ganz gleichgültig zu ſein ſchien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geſchenk brachte mir zuerſt wieder, mit der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von dem Augenblick auch an ſchien's beinah, als ob es hätte beſſer werden ſollen.“ „Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,“ lächelte Wald. „Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,“ ſagte die Frau, ihn ſcharf anſehend „Und mir hats ſeit der Zeit immer ſchwer auf der Seele gelegen, Geld genommen zu haben, was ich nicht verdient hatte,“ ſagte der Mann,„es war das erſte Mal geweſen, und Gott ſei Dank, daß wir jetzt im Stande ſind es mit tauſend Dank zurückzuzahlen.“ „Wie heißt zurückzahlen,“ ſagte Wald halb verlegen, halb lachend,„hab' ich's mir doch ſchon ſelber wieder geholt— zu⸗ rückzahlen, was ſagen Sie zu dem Mann; hab' mit ihm um ſieben Dollar Geſchäfte gemacht, und werde den halben nicht dabei haben.“ Wald war in der That auf keine Weiſe zu bewegen etwas, was er für einen Nebenmenſchen gethan,„bezahlt zu nehmen“, —— 79 und der Bauer mußte ihm jetzt erzählen wie es ihm hier ſo ſchnell geglückt. Ohne Mittel auf's gerathewohl hin, und einen Theil ſeiner Sachen verkaufend nur die Paſſage zu zah⸗ len, war dieſer mit ſeiner Familie nach Illinois gekommen und hatte da ein kleines Stück Land zuerſt gepachtet. Die Erndte, von der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und ſo langſam fortarbeitend hatte er jetzt den klei⸗ nen Platz, mit der Zeit ihn in den nächſten Jahren langſam abzuzahlen, käuflich übernommen. Wie ſie noch ſo zuſammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die Straße nieder die zum Hauſe führte, und hielt neben der Gruppe. „Hallo Wald!“ ſo fleißig und eifrig im Geſchäft, hier mitten in der Prairie?“ rief dieſen da die freundliche Stimme Georg Donners an. „Herr Donner, wahrhaftig!“ ſagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das Pferd entgegenſtreckend,„woher des Wegs?“ „Vom Norden herunter— guten Abend Ihr Leute, wie weit iſt's noch bis zum nächſten Haus dahinein zu?“ „Nach der Richtung hin liegt keins,“ ſagte der Mann, „bis Ihr nicht zum nächſten Waldſtreifen kommt, und der iſt ſieben engliſche Meilen von hier entfernt.— Dort wohnen Iri⸗ ſche, aber eben kein freundliches Volk, und je weniger man mit ihnen verkehrt, deſto beſſer.“ „Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht 80 hier behalten wolltet,“ ſagte Georg,„aber Ihr habt ſchon Beſuch, und in dem Häuschen möcht' ich Euch auch nicht zamn beſchränken.“ „Das thut Nichts,““ ſagte die Frau freundlich,„wir müſſen uns eben einrichten, und dürfen ſchon einen Lands⸗ mann nicht dicht vor Sonnenuntergang von der Thür weiſen.“ „Ja und den ſchon gar nicht,“ rief Wald raſch,„denn erſtens iſt er ein braver Kerl, und zweitens ein Doktor!“ „Ein Doktor?“ riefen die beiden Leute raſch,„ja das wär ſchon recht!“ „Iſt Jemand krank hier bei Euch?“ frug Georg. „Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der Haidſchnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin ſchon elf Tage ohne ärztliche Hülfe.“ „Aber ſo ſteigen Sie doch nur ab,“ bat der Mann. „Du lieber Gott,“ ſagte Georg, aus dem Sattel ſprin⸗ gend, und den Zaum über einen Zweig des nächſten Baumes werfend,„da iſt's ja doch die höchſte Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geſchieht. 4 „Aber er ſchläft jetzt,“ ſagte das älteſte Kind,„ich habe deshalb die Kleinen aus dem Haus genommen, weil er ſo lange ſchon keine ordentliche Ruhe gehabt hat.“ „Ich will ihn nicht ſtören,“ ſagte Georg,„nur wenn er wacht geh' ich zu ihm; aber ich möchte ihn wenigſtens ſehn— liegt er in dieſem Haus?“ „Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.“ Georg ſchlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur 1 4 81 über die Schwelle trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und ſtreckte ihm dann raſch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand entgegen. „Donner, Sie ſendet mir Gott ſelber, und von jetzt glaub' ich an Wunder!“ ſagte er, und die Stimme klang hohl und matt;„guter Himmel, was habe ich ausgeſtanden— wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeiſt her zu mir?“ Georg ließ ſich aber auf keine weiteren Erklärungen und Auseinanderſetzungen ein, bis er nicht den Bruch unterſucht hatte. Viel war dabei ſchon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen hatte, verloren, und das rechte Schien⸗ bein, das bei dem Sturze, wie es ſchien, ſchräg abgebrochen, noch ziemlich ſtark geſchwollen. Er gab aber die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu ſehn, ging vor allen Din⸗ gen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, ſich ſelber die paſſenden Rindenſtücken zu Schienen abzuſchlagen, und richtete den Bruch erſt ordentlich ein, ſchiente und band ihn, und ſtellte dann mit Walds Hülfe, der Manches dazu in ſeinem Karren mit ſich führte, eine Art Schwinge her, in der ſie das Bein frei ſchwebend hängen konnten, was dem Kranken große Er⸗ leichterung gab, und ein wieder Verſchieben des Knochens verhinderte. Indeſſen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde ſeiner Gäſte in einen Verſchlag gebracht und ihnen dort Mais eingeſchüttet, die Frau kochte emſig am Ka⸗ min das Abendbrod für ihre gern bewirtheten Gäſte, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herz⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 6 82² lich die Hand geſchüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückſeli⸗ gen Sturz gekommen.— Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er hier für Unſinn getrieben. „Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,“ frug er ihn, als er neben dem Bette ſaß und ſeine Hand dabei dem kleinen jetzt überglücklichen Mann, der ſich ſchon der ſchwärzeſten Verzweiflung hingegeben, überließ. „Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war um dritthalb Fuß zu kurz.“ „Aber von was in aller Welt reden Sie denn?“ rief Ge⸗ org, auf's Aeußerſte erſtaunt. „Nun von meinem Drachen— ich ſage Ihnen Herr Don⸗ ner, wenn ich den unglückſeligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unſerer alten verlorenen Eigen⸗ ſchaft verhelfen ſoll.“ „Aber beſter Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,“ lachte Georg, als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geſchichte erklärt hatte, wie ſich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf und Rohrwerk und Seide ein breites Geſtell gebaut, dieſes dann oben an dem Baum befeſtigte, und bei einer friſchen Briſe endlich, wo ſich die Fläche 3 von ſelber an zu heben fing, oben darauf geſtiegen wäre und die Seile durchgeſchnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es ſonſt heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt 83 wäre, Herrn Schultze heruntergeworfen, und ſich ſelber im nächſten Baume wieder gefangen hätte.* „Was ich für Streiche mache, beſter Donner?“ rief aber Schultze,„ich ſchlage mein Leben für die Wiſſenſchaft in die Schanze, das mache ich. Meine feſte, innige Ueberzeugung ruht auf dem Syſtem, und ich weiß, daß ich es durchſetze; was liegt daran, ob ich ſpäter noch einmal ein oder beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch ſehr wenig gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flugkraft am Beſten herzuſtellen iſt, nein ich bin auch im Stande, mein ſpäter vervollkommtes Luftſchiff in eine höhere oder tiefere Luftſchicht zu lenken und es dort zu ſteuern— was ſagen Sie nun, Freundchen?“ „Daß Sie, ſobald Ihr Bein wieder geheilt iſt, mit die⸗ ſen Ideen nächſtens den Hals brechen werden,“ erwiederte Ge⸗ org achſelzuckend;„was aber um des Himmels Willen hat Sie auf dieſe unglückſelige, brodloſe Idee gebracht?— was wollen Sie damit bezwecken, was hilft es Ihnen, wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit unzerbrochenen, un⸗ verrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden kommen?“ „Das kann ich Ihnen nicht ſo auseinanderſetzen, mein junger Freund,“ ſagte aber Schultze, ernſt und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe ſchüttelnd,„das iſt das Ziel, die Auf⸗ gabe meines Lebens, für die mich Gott eigends geboren und in die Welt geſetzt. Ich fühle das auch in mir, ja was noch mehr iſt, ich fühle daß ich es durchſetzen werde, daß ich be⸗ ſtimmt bin, der Menſchheit eine neue Aera zu gründen, oder 6* 84 vielmehr unſere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzufüh⸗ ren. Die Kraft und Eigenſchaft, die wir einſt beſeſſen, haben wir nicht verloren, ſondern nur auf eine Zeitlang vergeſ⸗ ſen. Es iſt das Ei des Columbus; wenn gefunden, wird die ganze Welt ſchreien:„ja das iſt gar Nichts— wenn wir das ſo gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.“ Die Sache iſt aber die, ſte haben's nicht ſo gemacht, und Schultzes Name, mein lieber Freund, Benjamin Schultze wird unſterblich werden.“ „Wenigſtens bald zu den Unſterblichen gehören, wenn Sie in der Art fortfahren,“ lächelte Georg.„Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der Luftſchifffahrt gar nicht etwa beſtreiten; es ſind in den letzten Jahren andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben ſo unmöglich gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen ſtehen keine bedeutende Mittel zu Gebote, Sie haben auch, ſo viel ich weiß, keine mechaniſchen Kenntniſſe, Sie in der Ausführung eines ſolchen Plans zu unterſtützen, und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieſer Sturz ſollte Ihnen deshalb eine Warnung ſein; Sie kom⸗ men dießmal noch hoffentlich mit ein paar Monate Hinken davon— daß es nicht ſpäter ſchlimmer wird.“ Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, ““ und that das mit dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spaniſchen Dollarn in der Taſche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach dem Beiſpiel ſeiner Glaubensgenoſſen, einen kleinen Handel mit Band, Litzen, 85 Nadeln ꝛc., ꝛc., ꝛc. angefangen. Den war er bald im Stande zu vermehren und kaufte jetzt, anſtatt ein theueres Häus in der Stadt, das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Stand⸗ geld allein ſeinen Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosguitos ſowohl, als dem ſchauerlichen Dunſt der benachbarten Boote leiden, aber er verdiente Geld, und blieb da ſo lange, bis er im Stande war, ſich eine ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er dann von New⸗Orleans fort zu Lande am Miſſiſſippi hinaufzog, bis ihn die Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfſchiffes ging, ſich in Cincinnati mit ſeinem Karren an Land ſetzen zu laſſen. Von dort aus hatte er Indiana ziemlich durchſtreift, vortreff⸗ liche Geſchäfte gemacht, und große Luſt wieder dorthin zurück⸗ zukehren, und vielleicht erſt zum Spätherbſt nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über das Pferd ſo beläſtig⸗ ten, und Nachtreiſen ihm bei ſeinem Geſchäft doch nichts nützen konnten. „Durch Indiana?“— Georg fühlte wie ſein Herz ſtär⸗ ker an zu klopfen fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobenſteins beſucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringſte Kunde gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing an aus freien Stücken die ihrer früheren Reiſegefährten aufzuzäh⸗ len, die er auf ſeinen Wanderungen angetroffen. 2 86 Die erſten waren zwei von den drei Paſſagieren, die von dem Leuchſſchiff zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrſcheinlich entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebſtahl erwiſcht waren. Die Eigenthümer ſchienen Luſt gehabt zu haben ſie gleich an Ort und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte ſich zu ihrem Glück noch in's Mittel, und ſie wurden(Wald kam gerade dazu ſie abführen zu ſehen), nachdem die dortigen Anſiedler ihnen wenigſtens erſt eine tüchtige Tracht Schläge mit einem ſchwanken Hickory verabreicht, in das Staatsgefängniß abge⸗ liefert. Dann hatte er ein paar von ſeinen Landsleuten, auch Zwi⸗ ſchendeckspaſſagiere der Haidſchnucke, im Lande, und ebenfalls als Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Ei⸗ genthümer eines Kleiderladens am Waſſer unten, in Cincin⸗ nati, wollte ſich aber von ſeiner Frau ſcheiden laſſen, weil ſie ihn mishandelte. Rechheimer war ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten ſich, die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende Leute verheirathet. Der Polniſche Jude mit ſeiner Holzharmonika war wie⸗ der nach New⸗Orleans zurückgegangen, der Knabe aber ſo krank geworden, daß er nicht mehr ſingen konnte— und erſt ganz kürzlich— vor ein paar Tagen nur— hatte er ein gan⸗ zes Neſt von Haidſchnucken⸗Paſſagieren auf einer Farm un⸗ weit Grahamstown in Indiana getroffen. 87 „Und wie geht es Lobenſteins?“ rief Georg raſch. „Sie kennen den Platz?“.ᷣ „Jch habe dort gearbeitet,“ erwiederte Georg ausweichend. „Thut mir leid um die Leute,“ ſagte Wald. „Wie ſo?— was iſt mit ihnen?“ frug Georg raſch. „Nun, daß es ihnen ſo ſchlecht geht 4 „Iſt Jemand krank?“ „Nicht daß ich wüßte— nur ſo, meine ich.“ „Aber der Profeſſor hat doch die Farm?“ „Hatte ſie,“ ſagte Wald. „Er hat ſte verkauft?“ rief Georg, raſch und erſchreckt. „Noch nicht,“ meinte der Pedlar,„doch heute oder mor⸗ gen wird's wohl dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.“ „Aber wie iſt das möglich,“ ſagte Georg,„die Erndte iſt doch gewiß dort wie hier gut ausgefallen, die Verbeſ⸗ ſerungen, die er auf der Farm gemacht, müſſen ihm wenig⸗ ſtens etwas eingetragen haben, und ſo war der Platz doch nicht verſchuldet, ein ſolches Ende ſo raſch herbeizu⸗ führen.“ „Wie die Geſchichte ganz genau iſt, weiß ich nicht,“ ſagte Wald,„ſo viel aber iſt gewiß, daß der Profeſſor Vieh und manches Andere verkaufen mußte, dem Weber, der ſich bei ihm mit ſeiner Familie verdingt hatte, ſein Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem einzigen Sohn, der ſich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib ge⸗ ſchoſſen.“ 88 „Großer Gott, Eduard,“ rief Georg, entſetzt von ſeinem Sitz aufſſwingend.. „Wie ich die Sache hörte,“ fuhr Wald fort,„war der junge Mann mit einem andern unſerer Zwiſchendeckspaſſagiere — dem langhaarigen Burſchen, der immer die Verſe an Bord machte— auf die Jagd gegangen, und weiß der liebe Gott, was die beiben jungen Leute zuſammen angefangen, aber der junge Lobenſtein, Eduard hieß er, glaub' ich, ſchoß ſich, wie jener Verſemacher ſagte, beim über einen Graben ſpringen durch den Leib, und ſtarb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarſten Schmerzen.“ „Das iſt ja entſetzlich,“ ſtöhnte Georg. „Nicht ſo, als der Menſch vielleicht denken möchte,“ meinte Wald ruhig,„denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie etwas nutz geweſen, und durch den Fall wurden ſie auch, als reinen Gewinn, den Li⸗ teraten los, der ſich auf dem erſten Dampfboot wieder nach New⸗Orleans einſchiffte.“ „Aber wie um Gottes Willen konnte er ſo zurückkommen, gezwungen zu werden ſeine Farm verkaufen zu müſſen?“ frug Georg. „Wie?— einfach genug,“ meinte der Pedlar,„ich habe weitläufig darüber mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menſchen geſprochen, der die Sache ſchon lan ſe hat kommen ſehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen den Starrkopf des Profeſſors. Anſtatt ſein Feld ordentlich mit Mais oder Wai⸗ zen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er ſie 89 wieder in baar Geld verwandeln konnte, machte er Erperi⸗ mente, baute in eine Ecke Runkelrüben und in die andere Oel⸗ ſaat, verſchwendete dabei ein Capital an Arbeitslohn, für eine Bande müſſiger, ungeſchickter Geſellen, die ihren Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu beſtärken er könne Mühlen und Gott weiß was ſonſt noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich ausgezahlt ſein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der Mann vielleicht Man⸗ ches erreichen können, ſo aber reichten ſeine Mittel nicht aus; Mühlen, Zuckerpreſſen, Backſteinmaſchinen, Alles was er zu gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet, gewiß einen hübſchen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit ſtehn, und zehrte, anſtatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.“, „Und iſt der Weber noch bei ihm?“ frug Georg. „Oh Gott bewahre,“ ſagte Wald, kopfſchüttelnd,„der Profeſſor hat ihn bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und ſeiner Familie für die Jahresarbeit ſchuldete, und ſeinen Contrakt ehrlich gehalten, damit aber auch, wie es⸗ ſcheint, ſeine eigenen Kräfte total erſchöpft, und Brockfeld ſitzt jetzt, etwa zwei Meilen dieſſeit von Lobenſteins Farm, auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen, und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter recht gut.“ „Wie weit iſt es bis dorthin?“ frug Georg, faſt unwill⸗ kürlich dabei von ſeinem Stuhle aufſpringend. 90 „Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,“ lachte Wald,„whenn Sie aber ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen— Sie wiſſen ja wohl wo er liegt.“ „Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten, beſter Donner,“ ſeufzte Schultze wehmüthig vor ſich hin,„wie ſoll es denn werden, wenn Sie fortgehn?“ Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und verſprach ihm, heute Abend noch ſeine beiden Wirthsleute und Pfleger ſo zu unterrichten, daß ſie den jetzt gut eingerichteten und feſt und ſicher geſchienten Bruch auch allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das Hauptſäch⸗ lichſte dann nahrhafte Speiſen, die ſich die Leute nicht getraut hatten ihm zu geben, damit ſich ſein Körper, was er ſo ſehr bedurfte, wieder kräftige und ſtärke. Sei es ihm möglich, wolle er ſelber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren. “ 3 Capitel A. — Georg und Marie. Vier Tage ſpäter mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach ſcharfem Ritt, auf dem er ſein Pferd nicht geſchont, „Brockfelds Farm,“ erfuhr aber hier, wo man ihn auf das Herzlichſte begrüßte, nur die Beſtätigung deſſen, was ihm Wald ſchon in Illinois geſagt, daß es mit den Vermögensumſtänden des Profeſſors recht traurig ſtehe, dieſer nicht im Stande ſei, ſeine letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft, zu machen, und geſonnen ſei, ſie am näch⸗ ſten Montag— der erſte im Monat September, wo Gerichts⸗ ſitzung in Hollowfield wäre— zu verauktioniren, wenn er ſich nicht vorher mit dem Wirth ſelber über die Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieſer aber wollte jetzt freilich nur entſetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Ausſichten für die Lage deſſelben hätten ſich allerdings, und ganz wider Erwarten, ſehr verſchlechtert. Noch immer war keine Hoffnung 92² eine Eiſenbahn hierherzubringen, indeß die Cincinnati⸗Bahn ſchon beendet worden, und was ſollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen? Der Profeſſor mochte jetzt wohl recht gut einſehn, daß er damals von dem ſchlauen Wirth bei ſeinem Ankauf betrogen worden, und ſich bös damit übereilt habe; war das aber nicht ſeine eigene Schuld? Anſtatt, wenn er ſelber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu ſammeln, wenigſtens einen unpar⸗ theiiſchen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältniſſe des Landes kannte, war er mit den beiden Deutſchen hinüber⸗ geritten die, ſo gut ſie es mit ihm ſelber meinen mochten, doch nur im Stande ſein konnten einen deutſchen Maasſtab an das Land zu legen; von allem Anderen verſtanden ſie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht geſäumt das zu benutzen. Die Summe, die der Profeſſor dem Wirth in Grahams⸗ town noch ſchuldete, kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen entgegenſahen. Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf ſeinem neuen Platz; er hatte Zeit gehabt ſich die Umgegend genau anzu⸗ ſchauen, und nach allen Seiten hin etwa die Preiſe der ver⸗ ſchiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleine improvement mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu ver⸗ kaufen geweſen; die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand 93 ſich wohl dabei. Die Leute waren auch unendlich fleißig, griffen Alle zu, und arbeiteten von früh bis ſpät, ſich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, ſondern auch einträglich zu machen. Der Viehſtand beſſerte ſich dabei ebenfalls, und die Ausſtcht war da, daß ſich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren, nicht zurückgehen werde, und ſie ihre Auswanderung aus der Heimath, ſo weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch die alte Mutter, die noch am längſten an der Heimath gehangen, und doch immer heim⸗ lich geſtöhnt und geklagt, ſo gut es ihren K Kindern auch ging, und ſo ſorglos ſie in's Leben ſehen durften, hatte ſich endlich hineingefunden in die neue Welt. Freilich, ſo warm und freund⸗ lich ſchien die Sonne doch hier nicht wie in Deutſchland, ſo kühl war der Schatten, ſo lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht ſo gut, die Vögel ſangen nicht ſo lieb, der Himmel war nicht ſo blau, die Wieſe nicht ſo grün, das Waſſer nicht ſo ſüß, und einen Vergleich mit Deutſchland hielt „das Amerika“ lange nicht aus. Aber— ſie mußte doch zu⸗ letzt einſehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutſch⸗ land hatten ſte ihr Schwein verkaufen müſſen, Steuern davon zu zahlen, hier hielten ſie ſchon vier Kühe und ſo viel Dutzend Schweine, wie ſte zu Hauſe Stück gehabt, und Hühner und Gänſe daneben, hatten zwanzig Mal ſo viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht ſo warm und bequem war, der nächſte Sommer würde das ſchon beſſern. So ſaß ſie denn jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei ſchönem Wetter unter einem breitäſtigen Eichbaum 94 vor der Thür im Schatten, wo ihr der Sohn ein großes freund⸗ liches Aſterbeet angelegt, ihre Augen an dem Glanz der Herbſt⸗ blumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor ſich, wenn ſie auch nur wenig ſpann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr ſtand, legte ſie oft die Hände in den Schooß und ſchaute ſchweigend und ſtill befriedigt die neben ihr ſpielenden Enkel an, die ſich munter auf dem Platz da umher tummelten, und amerikaniſchen Boden gerade ſo paſſend zu ihren Spielen fan⸗ den, wie deutſchen. Georg hatte aber keine Ruhe hier— ihn drängte es mehr von dem Schickſal einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit Tagesanbruch am anderen Morgen ſattelte er ſein Pferd, nahm freundlichen Abſchied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der Farm her hatten, und ritt in ſcharfem Trabe, Lobenſteins Farm für jetzt umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erſt vor allen Dingen mit dem Gläubiger des Profeſſors zu ſprechen, und zu ſehen wie tief dieſer eigentlich in Schulden ſtecke. Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade ſo ſtill und öde lag wie vor zwei Jah⸗ ren, ja eher noch ſtiller, noch verlaſſener, denn drei oder vier damals gebaute Häuſer waren wirklich von ihren Eigenthü⸗ mern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr geworden, im Stich gelaſſen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüſtes, trauriges Ausſehn. Auch Ezra Ludkins hatte Luſt auszuver⸗ kaufen, und zu dem Zweck einen großen Anſchlag unter ſeine See⸗ 95 jungfer befeſtigt, welchem zufolge ihn dringende Familienverhält⸗ niſſe nach Teras riefen, und er Haus und Geſchäft unter dem Werth losſchlagen wolle. Es fand ſich aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich ſatt, das Papier da nutz⸗ los hängen zu ſehn, und riſſen es herunter. Ezra Ludkins war übrigens zu Hauſe, hatte auch freie Zeit genug, denn er ſchien der einzige Gaſt ſeines ganzen Hauſes, das leer und öde ſtand und mit den nackten Wänden und unbeſetzten Tiſchen recht gut zu der ganzen kleinen Stadt paßte, deren erſtes Gebäude es geweſen. Amerika bietet viel ſolcher Beiſpiele; wo ſich die Wahl für den Bau einer Stadt als eine glückliche erwieſen, ſtrömt die Bevölkerung ihr in Maſſe zu, und einzelne Beiſpiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder Zweckmäßig⸗ keit der Verbindungswege falſch berechnet worden, oder, wenn die Stadt dicht am Ufer des Fluſſes lag, dieſer vielleicht zu⸗ fällig den Grund zu verſanden anfing, wenn auch für jetzt noch Waſſer für die größten Boote blieb, da war es vorbei mit der Stadt; nicht allein keine neuen Anſiedler ließen ſich dort nieder, nein auch die, die ſchon ein Grundſtück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz geſetzt hatten, ſuch⸗ ten das ſo raſch als möglich wieder loszuwerden, und ließen es lieber ganz im Stich, ehe ſie weiter noch Geld und Zeit darauf verwandt hätten ihr Glück hier zu verſuchen; es gab andere Gelegenheit dazu im weiten Land. 96 Ezra Ludkins ſchien aber nichtsdeſtoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann den Stand der Verhältniſſe zwiſchen ihm und dem Profeſſor, auseinander zu ſetzen; z er mochte wohl Hoff⸗ nung haben, die für dieſe Gegend koſtbaren Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen zu ſehn, und dann im Stande zu ſein billig genug zu kaufen, da hier Niemand Anders faſt Gebrauch für ſolche Gegenſtände hatte. Nur erſt, als Georg in ihn drang, und feſt darauf beſtand, er ſei von dem Poofeſſor ſelber abgeſchickt worden, die noch be— ſtehenden Rechnungen nachzuſehn, und ſo weit das möglich wäre, zu ordnen, entſchloß er ſich dazu ſein Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Profeſſor von änhundert und dreißig Dollar. „Aber das Andere, was auf dem Haus noch ſteht,“ drängte Georg. „Nun das iſt das hier,“ ſagte Ludkins mürriſch,„hol' der Henker einen ſolchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich ſo lange auf mein Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen— ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten. Baar Geld iſt ſtets noch einmal ſo viel werth, wie die beſte Note.“ „Wieviel iſt aber die ganze Summe di die Ihnen der Pro⸗ feſſor ſchuldig iſt?“ frug Georg, jetzt cbenfalls ungeduldig werdend,„wenn Sie in ſolcher Eile ſind, antworten Sie mir wenigſtens einfach auf meine Frage.“ 4 „Nun die Antwort habe ich Dir auc einfach genug ge⸗ geben, brummte der Penſylvanier—„wenn Du kein Deutſch 2 97 verſtehſt, kann ich's nicht helfen— hundert und dreißig Dollar.“ „Und das iſt Alles?“ rief Georg, wirklich kaum im Stande ſein Erſtaunen zu verbergen.. „Das iſt Alles, wenn er's nur zahlt,“ ſagte der Pen⸗ ſylvanier. „Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen weiter?“ frug der junge Mann noch einmal vorſichtig. „Der bin ich; mein Junge hatte ſie nur dem Namen nach; — für hundert und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle ſeine wahnſinnigen Experimente durch⸗ führen nach Herzensluſt.“ „Sein Sie ſo gut und ſchreiben Sie mir die Quittung,“ ſagte Georg ruhig. „Für die ganze Summe?“ „Ja— bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenſtein noch ſchuldet.“ .„Das ſoll ſchnell genug geſchehen ſein,“ brummte der Penſylvanier, ging hinter ſeine bar, wo Dinte und Feder ſtand, und ſchrieb die Quittung aus. Georg nahm indeſſen aus ſei⸗ nem Taſchenbuch die Summe in guten Indiana⸗Banknoten, die der Wirth jedoch erſt höchſt aufmerkſam und ſorgfältig nach⸗ ſah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelſtunde ſpäter ſaß Georg wieder im Sattel, und galopirte raſch und mit einem Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 7 98 recht freudigen Gefühl in der Bruſt, den ſchmalen, ſchattigen Weg hinauf, der nach der„deutſchen Farm“ führte. Wie hatte ſich der Platz verändert, ſeit dem letzten Jahre; das fröhliche regſame Leben was dort geherrſcht, war verſchwun⸗ den, das Haus, in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern ge⸗ lebt, ſtand ganz leer, von dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen ſonſt umgeben, war faſt Nichts mehr übrig geblieben— eine einzige Kuh und ein paar Schweine ausgenommen— da mit deſſen Verkauf die nöthigſten Ausgaben hatten gedeckt, die dringendſten Schulden bezahlt werden müſſen, und der Platz ſelber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm vorſtehe, ſelbſt nur ihn ſo in Stand zu halten wie er war. 3 Ueber die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelaſſe⸗ nen alten abgetrockneten Bäume umgeſtürzt, und die nie⸗ dergebrochenen Riegel, mit den unausgefüllten Lücken, verſchwan⸗ den ſchon allmählich in dem Unkraut, das über ſie empor⸗ wucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil— was nicht hatte verkauft werden müſſen— im Felde gelaſſen, und die nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Kräͤhen angepickt, begannen anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus ſah ebenfalls wüſt und von Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die ſte im Anfang geſäet, und nur die paar Gemüſebeete, für das Nothwendigſte was ſie im Hauſe brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es beſcheinen konnte. Selbſt über den Weg hinüber 99 lag ein umgeſtuͤrzter Baum, und der Pfad, den ſich die Bewoh⸗ ner darum hingemacht, bewieß, wie er ſchon längere Zeit ge⸗ fallen ſein mußte, ohne daß ſich irgend Jemand die Mühe ge⸗ nommen, ihn hinwegzuräumen. Es mochte Mittagszeit ſein, als Georg den Platz erreichte; kein menſchliches Weſen war aber in dem breiten Hofraum zu ſehn; nur der aus dem Haus ſelber aufſteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne ſcharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz verlaſſen ſei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen Stangen der Einfrie⸗ digung hinweg bis faſt an das Haus hinan, band dort ſein Pferd an und— zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts ſetzen und die Schwelle jetzt betreten ſollte, die bald zu erreichen, er ſein Pferd faſt zu Schanden geritten. Da ſchlug der Hund an, ein junger Brake, den ſich Eduard hatte zum Jagdhund dreſſiren wollen, und der jetzt auf eigene Hand des Nachts DOpoſſums und Waſchbären in die Bäume jagte und Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen. „Am Fenſter des kleinen Hauſes wurde Jemand ſichtbar, Georg konnte aber nicht gleich erkennen wer es ſei, ſo trübe war ihm das Auge geworden, als er die troſtloſe Veränderung hier erkannte, und langſam ſchritt er auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufſprang und winſelte und bellte. „Kennſt Du mich noch Hektor?“ ſagte er, des freundlichen Thieres Kopf ſtreichernd—„haſt Du mich nicht vergeſſen in der langen Zeit?“ 7* 4 100 „Georg!“ rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber er⸗ ſchreckte Stimme dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu ſehn wer da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden geſunken, hätte ſie Georg nicht in ſeinem Arme aufgefangen. „Oh Georg— Georg iſt wieder da!“ rief da eine fröh⸗ liche Kinderſtimme und Camilla, die jüngſte Tochter Loben⸗ ſteins, von dem um ein Jahr aͤlteren Carl raſch gefolgt, ſprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu. Auch Marie hatte ſich jetzt wenigſtens ſo weit geſammelt, wieder allein ſtehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Geſicht zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekom⸗ mene die Aufmerkſamkeit der Uebrigen glücklich von ihr ab. „Herr Donner?“ ſagte der Profeſſor, der jetzt ebenfalls in der Thür erſchien, und den jungen Mann halb erſtaunt, halb verlegen erkannte—„aber bitte, kommen Sie näher— bleiben Sie nicht draußen auf der Diele ſtehn.“ „Mein lieber— lieber Herr Profeſſor!“ rief Georg, dem alten Herrn entgegeneilend, und ſeine Hand herzlich drückend —„wie freue ich mich, Sie ſo wohl und munter wiederzufin⸗ den— aber— wo iſt die Frau Profeſſorin?“ „Sie iſt nicht wohl,“ ſagte der Profeſſor nach kurzer, aber ängſtlicher Pauſe— Sie wiſſen vielleicht noch nicht, wie ſchwer uns das Schickſal, ſeit Sie uns verlaſſen, in meinem Sohne heimgeſucht—“ „Ich weiß es,“ ſagte Georg leiſe, und mit tiefem Mit⸗ gefühl. — 101 „Seit der Zeit kränkelt meine Frau,“ fuhr der Profeſſor langſam fort—„der Schlag damals traf ſie zu ſchwer. Um ſich zu zerſtreuen und die böſen Gedanken loszuwerden, arbei⸗ tete ſie dabei mehr als ihr gut war, und hütet nun jetzt ſchon ſeit vier Wochen ununterbrochen das Lager. Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu ſehen. Aber komm Marie— ſetz einen Stuhl zum Tiſch für Herrn Donner— wenn Sie mit uns vorlieb nehmen wollen, wir ſind gerade bei Tiſch, aber Schmalhans iſt heute Küchenmeiſter— Sie haben es ſehr un⸗ glücklich getroffen.“ Georg— ſelber nicht wiſſend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag, beginnen ſollte— ſetzte ſich mit zu Tiſch— die Mahlzeit beſtand in Kartoffeln mit Butter und einem ſehr einfachen Amerikaniſchen Gericht, Hominy— gequollener und in Waſſer abgekochter Mais. „Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,“ rief Camilla dazwiſchen—„hätte er auch nichts An⸗ deres gefunden.“ „Mögen Sie das Hominy?“ frug der Profeſſor verlegen lächelnd, und verſuchend die Aufmerkſamkeit des jungen Man⸗ nes von dem Kinde abzuziehn—„ich habe mich ſo daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht von mir gewor⸗ den iſt.“ Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,“ ſagte Camilla—„es ſchmeckt gerade wie Stroh.“ Die Thür ging in dieſem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach glücklicher Weiſe die naſeweiſe Bemerkung 102 des Kindes. Anna begrüßte den jungen Mann auf das Herz⸗ lichſte, und auch Marie wurde zutraulicher, und gewann ihre ganze Faſſung wieder, als ſie ſah, wie unbefangen ſich die Schweſter mit dem frühern Hausgenoſſen unterhielt. Georg beſeitigte dabei auf ſehr praktiſche Weiſe jede Verlegenheit, die der Profeſſor etwa hätte wegen dem Eſſen fühlen können, in⸗ dem er, durch den ſcharfen Ritt auch wirklich hungrig gewor⸗ den, tapfer zulangte, und dem Hominy und den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat. „Und wiſſen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?“ frug Georg nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Profeſſor anſah, nur aber einen ganz ſcheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte, deren Auge er jedoch nicht begegnete.— „Weshalb, weiß ich nicht,“ ſagte der Profeſſor herzlich— „aber es freut mich, daß Sie wiedergekommen ſind, und mir wenigſtens dadurch beweiſen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.“ „Lieber Profeſſor.“ „Ich hätte ſelber ſchon an Sie geſchrieben,“ fuhr dieſer jedoch entſchloſſen fort,„konnte aber von keiner Seite auch nur die geringſte Nachricht bekommen, wo Sie ſich befänden; Sie waren auf einmal verſchollen und blieben es, von dem Augen⸗ blick an, wo Sie den Platz verlaſſen, da Sie Herr von Hopf⸗ garten damals, ein paar Stunden ſpäter, vergeblich im ganzen Townſhip ſuchen ließ.“ „Herr von Hopfgarten?“ —— 103 „Ich erzähle Ihnen die Geſchichte ein ander Mal— aber — ſind Sie zufällig wieder in unſere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht ganz vergeſſen gehabt, und abſicht⸗ lich aufgeſucht?“ „Ich bin vier Tage ſo ſcharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,“ lächelte Georg, tief dabei erröthend—„nur um recht bald hier zu ſein.“ „Das iſt brav, das iſt recht brav von Ihnen,“ rief Anna freudig, und Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächeln⸗ den Blick. 1 „Um aber kurz zu ſein,“ fuhr Georg zögernd und erröthend fort,„ſo— ſo möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und — und wenn Sie mir beweiſen wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht manches voreilig ge⸗ ſprochenen Wortes wegen— ſo ſchicken Sie mich nicht wieder fort, ſondern behalten mich hier.“ „Ach das iſt brav, das iſt ſchön,“ rief Carl—„da brauche ich und Marie nicht mehr das ſchwere Holz aus dem Wald herbeizuſchleppen.“ Anna und Marie aber ſahen ſich ver⸗ legen an und der Vater ſagte, ohne die Frage direkt zu be⸗ antworten und dann Georgs Arm nehmend, zu ſeinen Töch⸗ tern: „Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unſeren Arbeiten vorwärts gelangt ſind, ſeit er uns verlaſſen, und unterwegs können wir dann auch alles Weitere viel beſſer und bequemer beſprechen,“ und ihn mit ſich die Treppe hinun⸗ 104 terführend, traten ſie in den Hof, wo Georg vor allen Dingen ſein Pferd abſatteln, in den Stall einſtellen und füttern mußte, und dann mit dem Profeſſor langſam den Weg hinabging, der an den Feldern hinführte. „Lieber Donner,“ ſagte dieſer hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß er, neben ihm hingehend, nicht in ſein Auge zu ſchauen brauchte—„die Zeiten, ſeit wir uns nicht geſehen, haben ſich ſehr verändert, und— ſo gern ich Sie wieder auf meiner Farm beſchäftigen möchte, ja ſo— ſo nöthig ich ſogar Jemanden dazu brauchte— bin ich nicht mehr— durch die dießjährigen niedrigen Getreidepreiſe noch außerdem ge⸗ drückt— im Stande Arbeiter zu halten und— zu bezahlen.“ „Aber beſter Profeſſor—“ „Bitte, laſſen Sie mich ausreden,“ ſagte dieſer, feſt entſchloſſen, die einmal begonnene Sache nun auch durchzu⸗ führen—„ehe wir von etwas Anderem beginnen— ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner Farm eine be⸗ ſtimmte Beſchäftigung zu nehmen, zurückweiſe, bin ich Ihnen, mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung ſchuldig, die mir— thun Sie mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht — die mir ſchon lange ſchwer und drückend auf dem Herzen gelegen.“ „Lieber Herr Profeſſor—“ „Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht gegen Sie geweſen,“ fuhr aber der Profeſſor ent⸗ ſchloſſen fort,„und es mag Ihnen einige Beruhigung oder Ge⸗ nugthuung gewähren, von mir ganz offen das Geſtändniß zu .—— —.— ———— 105 hören, daß ich durch Schaden habe klug werden und die Wahr⸗ heit deſſen erleben müſſen, was Sie gerade vertheidigten, und gethan haben wollten.“ „Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, beſter Profeſſor, wenn nur—“ „Sie haben nicht Unrecht gehabt,“ unterbrach ihn der Profeſſor raſch,„und ſelbſt, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden Dichterling ſagten, hat ſich furcht⸗ bar, viel furchtbarer freilich als wir Beide damals ahnen konn⸗ ten, bewährt. Ich habe ſchwer— faſt zu ſchwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht ſelbſt eigennützigen Plänen Glauben ſchenkte, büßen müſſen, und wollte es gern, wenn nicht— wenn nicht meine arme Familie jetzt auch ſo ſchwer darunter leiden müßte. Sie ſehn, lieber Donner, ich bin offen und aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den beſten Beweis liefern, daß ich mein Unrecht gegen Sie bereue.“ Georg war tief erſchüttert; das Bekenntniß des ſonſt ſo ſtrengen abgeſchloſſenen Mannes, das gerade ihm furchtbare Ueberwindung mußte gekoſtet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und er brauchte Minuten, ſich ſelber erſt wieder ſo weit zu ſammeln, dem zu erwidern. Der Profeſſor war indeſſen an einer Stelle ſtehen geblieben, wo eein dürrer Baum erſt ganz kürzlich über die Fenz herunterge⸗ ſchlagen ſchien, und dieſelbe zuſammengebrochen hatte, was ſich ein paar Schweine zu Nutz gemacht, die drinne an einem 106 Kürbiß herumbiſſen und, als ſie die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten. „Die Farm ſieht arg verwildert aus,“ ſagte Georg end⸗ lich leiſe, eine direkte Antwort auf das Geſtändniß vermeidend, „man ſollte kaum glauben, daß ein einziges Jahr eine ſolche Veränderung hervorbringen könnte.“ „Seit dem Tode meines Sohnes,“ ſagte der alte Herr ſeufzend,„habe ich ſelber an Allem die Luſt verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen; ſelbſt das Nothwendigſte iſt liegen geblieben, und der ſpätere Beſitzer der Farm mag nach⸗ holen, was ich verſäumen mußte.“ „Sie wollen fort von hier?“ „Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täu⸗ ſchen, lieber Donner,“ ſagte der Profeſſor wehmüthig lächelnd, „ob ich will oder nicht— ich muß!“ „Und Ihre Familie?“ ſagte Donner halb vorwurfsvoll. „Sie haben recht,“ ſeufzte der Mann,„es iſt ſchwer für ſie, geht aber doch nicht anders an; ich will nach dem„fernen Weſten“, wo man, wie ich aus ſicherer Quelle weiß, ein klei⸗ nes improvement für funfzig Dollar, und vierzig Acker Land für denſelben Preis bekommen kann. So viel wird mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reiſeſpeſen übrig bleiben, und wir müſſen dort eben ein neues Leben beginnen.“ „Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten wür⸗ den?“ frug Georg ihn ernſt,„kennen Sie das Leben im. Weſten, mit ſeinen Entbehrungen, ſeinen Beſchwerden, ſeinem Klima?“ — —— 107 * „Ich habe viel darüber geleſen,“ ſagte der Profeſſor aus⸗ weichend. „Du lieber Gott,“ ſeufzte der junge Mann,„wenn ich mir da die arme Frau Profeſſorin, die zarte Anna und ſelbſt die kräftige Marie denken müßte— ich wurde im Leben nicht wieder froh werden.“ „Aber was ſoll ich thun?“ ſagte der Profeſſor, froh endlich einmal Jemanden zu haben, mit dem er ſich ausſpre— chen, gegen den er ſein Herz erleichtern konnte,„Ihnen gegen⸗ über brauch' ich kein Hehl daraus zu machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unſerem Schickſal, das ſich nicht allein durch eigene Schuld, ſondern auch durch das Zuſammentreffen unglückſeliger Umſtände ſo traurig geſtaltet hat. Ich bin nicht im Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, ſo wenig das ſein mag, aufzutreiben, der Burſche in Grahamstown, dem mein Mobiliar in die Augen ſticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, iſt nicht mehr aufzufinden. Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New⸗ Orleans erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit ge⸗ ſchrieben, ſo iſt Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Eu⸗ ropa zurückgekehrt. Den Termin länger hinauszuſchieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde ſchon nächſte Woche ge⸗ zwungen ſein meine Farm und Mobiliar vielleicht für den ſechſten Theil deſſen was ſie mich ſelber gekoſtet hat, zu verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müſſen, ein aller⸗ dings vollkommen neues Leben zu beginnen.“ 108 „Wenn Sie denn feſt entſchloſſen ſind,“ rief da Georg, der klopfenden Herzens, das Geſtändniß ſeiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht gewagt hatte damit herauszutreten, „wenn Sie die Wildniß wählen wollen und müſſen zu Ihrem Aufenthalt— dann nehmen Sie mich mit und— ſein Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr— ſein Sie mir Vater— Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,“ fuhr der junge Mann, als ihn der Profeſſor ſtaunend anſah, leidenſchaftlicher fort,„habe ich die Qual der Ungewißheit, die Sehnſucht nach dem einen Weſen auf dieſer Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen— ich darf das nicht länger mehr— geben Sie mir Marie zum Weibe, laſſen Sie mich den verlorenen Sohn erſetzen, und nie, nie ſollen Sie bereuen mir ſo vertraut zu haben.“ „Mein lieber, lieber Donner,“ ſagte der Profeſſor, der ſich noch immer nicht von ſeiner Ueberraſchung erholen konnte, „Sie wollen Ihr Schickſal an das einer Familie ketten, die ſich— die ſich eben nicht im Glück befindet— und weiß Marie—“ 1 „Noch keine Sylbe— noch habe ich ſelber nicht gewagt, ihr meine Liebe zu geſtehen,“ rief Georg,„aber wenn mich nicht Alles täuſchte, darf ich hoffen.“ Der Profeſſor ſah dem jungen Mann lange und feſt in's Auge— bis ſich ſein eigener Blick in langſam aufſteigenden Thränen dunkelte, dann nahm er Georgs Hand, drückte ſie feſt und herzlich, und zog ihn endlich leiſe aber liebend an ſeine Bruſt. 109 „Mein lieber, lieber Vater,“ fluͤſterte Georg. „Mein lieber, lieber Sohn!“ „Und nun zur Mutter!“ rief da Georg, dem Luſt und Freude das Herz bald in der Bruſt zu ſprengen drohte,„nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer, und mit den beiden Menſchenquälern auch die böſe Krankheit zu nehmen, die ſie noch an's Lager feſſelt. Wir gehen nicht nach dem Weſten Vater— wir bleiben hier, und die Fenzen werden wieder ausgebeſſert, das Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut, dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Aergern. Der Profeſſor ſchüttelte traurig mit dem Kopf und ſagte ſeufzend: „Das ſind Pläne, mein junger Freund, wie ſie die Ju⸗ gend eben entſchuldigt; das ruhige Alter findet ſich nicht mehr ſo leicht mit Unmöglichkeiten ab.“ „Und wiſſen Sie denn Vater— o daß ich Sie jetzt— daß ich Sie endlich ſo nennen darf,“ ſagte Georg, ſeinen Arm — ergreifend, und ihm mit blitzenden Augen in's Antlitz ſehend, „daß ich vom Glück begünſtigt in Michigan in das Haus ei⸗ nes reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel Jahr in gutem Gehalt ſtand und ihm die beiden Kinder, die ihm ſchwer er⸗ krankten, rettete?— wiſſen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit in den Stand ſetzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel Jahren nur durch einen theilweiſen Verkauf derſelben Parcellen wieder, funfzehnhundert Dollar an 110 baarem Gelde zu verdienen?— Und kennen Sie die Quittung hier von Grahamstown?“ rief er unter vorquellenden Thränen lachend aus,„kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? — Da behalten Sie das Papier und leſen Sie es aufmerkſam durch, hoffentlich iſt Alles in Ordnung und— mag nich Marie nicht— ſagt ſie nein— ja dann ſoll mich mein Rappe noch heute Abend fort— weit fort von hier tragen, gleichviel wohin.— Sagt ſie aber ja— oder lacht oder weint ſie nur — oder thut ſie gar Nichts— und ſieht ſie mich nicht einmal an, dann— aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit ertragen; kommen Sie nach Vater, ſo raſch Sie Ihre Füße tragen, und voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!“ Und den Hut freundlich gegen den Profeſſor ſchwenkend ließ er ihn an der hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und ſprang in flüchtigen Sätzen dem kaum verlaſſenen Hauſe wieder zu. Und dort?— lieber Leſer, das iſt eine Sache, die nur immer zwei Leute auf einmal in der Welt intereſſirt. Wie „Vielliebchen“ aus einem Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei für einander geſchaf⸗ fen ſind, über die Welt wild und bunt hinausgeſtreut— ſelig die, die ihre Theile wieder zuſammenfinden. Und Marie und Georg waren ſelig; an dem Abend, neben dem Bett der Mutter, der mit der frohen friſchen Hoff⸗ nung auch wieder neuer Muth, neue Kraft in das Herz ge⸗ zogen, wie es Georg gehofft, ſaßen ſie Hand in Hand und — 111 plauderten und bauten mit der Schweſter Pläne auf, die Glück⸗ lichen, nach Herzensluſt. Und der Vater ging dabei, die Hände auf den Rücken gelegt, ſchmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben ging auch ihm ein neues friſches Daſein auf— die trübe böſe Zeit lag dahinten, und wenn auch bittere Er⸗ fahrungen ihn geprüft, ſo waren es doch eben Erfahrungen geworden, und auf ihnen weiter ſchreitend, mit einer jungen kräftigen Stütze jetzt an ſeiner Seite, konnt' er der Zukunft wieder froh in's Auge ſchaun. Capitel 5. Jimmy. Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerika⸗ nern ſcherzweis„der gelbe Jack“ genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von Anfang an mit kalten und ſcharfen Nordweſt⸗Winden einſetzend, die Seuche ſeewärts geweht, und⸗ die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten die ge⸗ flüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren Wohnſitzen zurück. * Welch ein Unterſchied zwiſchen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier Wochen früher. Welch Drängen und Trei⸗ ben überall von friſchem, fröhlichem, kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und plaudert, lacht und ſingt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, ſeine Waaren der neugeborenen Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen Adern des Verkehrs, in denen das warm pulſtrende Herzblut herüber und hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterſchied, wie ſahen da die Straßen aus?— wie der Strom?— wo war das Leben, das jetzt, dem ſchäu⸗ menden Bache gleich, aus ſeinen Ufern quoll? Der Wanderer, der die Stadt in der Zeit, im Auguſt und Septem ber, betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich ſchaffendes, lebensluſtiges Volk zu finden erwartete, ſteht entſetzt und traut den Augen kaum. New⸗Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich die Spitze bieten kann, ſcheint in der Zeit ein weiter offener Sarg— die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen Wanderers ſchallt hohl und unheimlich von den verſchloſſenen Häuſern wieder — dort begegnet ihm ein anderer, eben ſo raſch, das Tuch am Munde— aber ſcheu weicht man ſich aus und will aneinan— der vorüber— da zuckt der Fuß faſt unwillkührlich— es iſt ein Freund, den man ſo lange nicht geſehn, ſchon todt gewähnt — einerlei, vorbei; die Krankheit könnte in ſeiner Nähe weilen, ſein Hauch vielleicht ſie bringen, und mit ſtummem, traurigem Nicken fliehen ſich die Beiden. Wo iſt dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Raſſeln der ſchwerbeladenen Güterkarren mit den trunke⸗ nen Irländern, das Singen und Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaſter— wie hohl das in den leeren Straßen klingt— es iſt nur der Leichenwagen, der im ſchar⸗ fen Trab hinausfährt, ſeine Doppellaſt abzuwerfen und neue, ſchon lang beſtellte Fuhre zu holen. Wo iſt das rege geſchäf⸗ 8 Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 114 tige Treiben der Läden— die meiſten ſind geſchloſſen, wer ſoll jetzt kaufen, und der Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die Stelle, wo ſich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre Opfer heraus⸗ geholt. 1 Und jetzt?— kaum ein Monat iſt verfloſſen, daß dieſe Straßen wüſt und öde lagen, und der große Vernichter ſeine Erndte in der ſcheinbar menſchenleeren Stadt hielt; wo er mit ſchwülem Flügelſchlag über die Dächer ſtrich, und rechts und links in boshafter Luſt ſeinen Giftodem einbließ in das, in jenes Haus— und ſeht, wie das wieder drängt und wogt, und lacht und ſingt und fröhlich iſt, und die Todten in ihren ſtillen Gräbern ſchon lange, lange vergeſſen hat. Lieber Gott, Wo⸗ chen ſind ja auch ſchon darüber hingegangen, und eine faſt neue Bevölkerung hat Beſitz von dem Grund und Boden ge⸗ nommen, den die Seuche gelichtet und verödet. Was damals freilich New⸗Orleans verlaſſen konnte, that es, und die Wirths⸗ und Gaſthäuſer ſtanden öd' und leer, ja man vermied die Schwellen derſelben mit ſcheuer Angſt, aus Furcht, gerade dort am meiſten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod ſchon einzuziehen. So flohen auch„das deutſche Vaterland“ ſechs Wochen lang die meiſten „Boarder“, aber die dort Wohnenden konnten nicht alle fort. Viel arme Deutſche, die mit verſpäteten Schiffen nach langer Reiſe hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das ſie mit fortnahm von hier, theils hatten ſie kein Geld, die in der Zeit entſetzlich hohe Paſſage zu bezahlen. Die Capi⸗ 115 taine der wenigen dort anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt verlaſſen konnte, ging, und rechneten fünf⸗ und ſechsfache Paſſagepreiſe, ſich ſelbſt für die Gefahr bezahlt zu machen, der ſie die Stirn boten. So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzu⸗ kommen, in den kleinen dumpfigen Hinterſtuben des„deutſchen Vaterlands“, und wie die Seuche hereinbrach über die Stadt, ſuchte ſie ſich ſchon ihre erſten Opfer aus der Schaar. Im„deutſchen Vaterland“ war aber indeſſen auch noch außerdem eine große Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht verlaſſen, ſondern Franz ſeinem Vater frei und offen erklärt, daß er das junge wackere Mädchen, ſobald er nur erſt einmal ſelbſtſtändig daſtehe, wenn ſie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle. Den alten Mann feſſelte in dieſer Zeit ein Sturz, den er von der Treppe gethan, an ſein Lager, und Franz mußte über⸗ dieß indeſſen die Leitung der ganzen Wirthſchaft übernehmen. Mit dem Plane ſeines Sohnes war er im Anfang aber gar nicht einverſtanden, hatte die und jene Einwendungen, erklärte, er ſei doch nicht ganz ſo arm wie Franz zu glauben ſcheine (und wie er ihm allerdings ſelber oft genug betheuert) und ſein Sohn könne da wohl ſchon noch eine beſſere Parthie machen, und ſich ſeine Frau aus einem anderen Hauſe— und wenn es das größte Steingebäude in der Stadt wäre— holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine Einwil⸗ ligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Ent⸗ ſchluſſe blieb, gewöhnte er ſich zuletzt an den Gedanken, und 8* 116 ſah, wenn er dem Sohne das auch nicht geſtand, ſelbſt ſeiner abnehmenden Kräfte wegen, eher noch eine Stütze in dem fleißi⸗ gen, wirthſchaftlichen Mädchen. Nur der„verſchwenderiſche Geiſt“ des Sohnes, wie er es nannte, machte ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an ſein Bett, und beſchwor ihn, doch nur um Gottes Willen auf ſein eignes Gut mehr zu achten, den eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er ſelber einmal die Augen ſchließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie bald ſeien dann die paar geſparten Thaler auch wieder fort, an der die Undankbarkeit der Menſchen ſchon lange arbeite und wühle und zehre.. Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als dieſem, und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich ſchon lange den Willen gelaſſen, und die Wirth⸗ ſchaft ganz übergeben haben, hätte ihn nicht Meſſerſchmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon abgehalten und ge⸗ warnt; wie dieſer denn auch ſein Möglichſtes that, die Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden„hergelaufenen“ Mädchen aus allen Kräften zu hintertreiben. Die Seuche unterbrach das Alles— Niemand, der nicht mußte, verkehrte mit dem Anderen; Meſſerſchmidt ſelber betrat in dieſer ganzen Zeit das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden anſpruchloſen Kindes, mit ſeiner Aufopferung und Herzensgüte im reinſten Lichte kennen. Hier war kein Schein mehr, wo der Tod grinſend und drohend an der Schwelle ſtand; hier war nicht mehr Verſtellung denk⸗ ſ“ 117 bar,„das Herz des reich geglaubten Wirthsſohnes“, wie Meſ⸗ ſerſchmidt dem jungen Hamann oft und heimlich warnend zu⸗ geflüſtert, zu feſſeln; unbekümmert um Alles, wo ſie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren ſtillen Weg, und an den Kranken⸗ betten ſtand ſie oft ein Engel des Troſtes und der Hülfe. Schon ſeit Clara damals ſich von ihrer Krankheit erholt, und ſelber im Stande geweſen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigſtens zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann ſelber, trotz ſeinem Geiz, freiwillig erhöht, als er ſich doch nicht leugnen konnte, wie ſie arbeitete und ſchaffte, und wie ſie Alles ihm zuſammenhielt. Was ſie aber an Geld bekommen, nahm die ſchwere Zeit auch wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülfloſe Wittwen und Waiſen den Sarg des Gatten und Vaters hinaus⸗ begleitet zu ſeiner ſtillen Ruheſtätte, dann aber ſelber verlaſſen und allein in der fremden Welt geſtanden hätten, die ihnen eine Heimath werden ſollte, und jetzt nur Tod und Elend zeigte, wohin ſie ſchauten. Für wie viele zahlte ſie da nicht das Paſſagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, ſie nur fort, einer geſunden Gegend zuzubringen, ehe ſie hier ihr Letztes ver⸗ zehrt, und mehr noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterſtützte ſie hier mit Rath und That, löſte die ſchon verſetzten Koffer für ſie ein, und zog ſich ſcheu und ſchüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück, wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was ſie gethan. Mit der geſunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhn⸗ liche Arbeit wieder für das deutſche Gaſthaus; Schiff nach 118 Schiff traf ein, alle mit Auswanderern ſchwer beladen, und da ſich nicht Alle gleich entſchließen konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überſtandenen Peſt mehr zeigte, gleich wieder zu verlaſſen, füllten ſich die Gaſthäuſer, wie das um dieſe Zeit faſt ſtets der Fall iſt, bis unter die Dächer mit Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geſchäftigſte und einträglichſte Zeit für den alten Hamann ge⸗ weſen, und jetzt ſaß er, in ſein Zimmer gebannt, regungslos feſt auf ſeinem Stuhl, und durfte und konnte nicht hinaus. Zuerſt quälte und ſorgte er ſich denn auch ab dabei, und wollte es wohl gar erzwingen, trotz allen Aerzten und Medi⸗ einen; endlich ſah er aber doch wohl ein daß es nicht ging, daß er ſich Ruhe gönnen müſſe, bis ihn die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für ihn vor⸗ bei ſei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in ſeine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es ſei ein anderes Leben wenn eine Haus frau in der Wirthſchaft wäre, beſonders ſolche Hausfrau, und er, der Vater ſelber, könne ruhiger ſein, wo er nicht fremden Menſchen nur ſein Eigen⸗ thum anzuvertrauen habe. ¾ Der alte Hamann gab endlich ſeine Einwilligung, und Hedwig, die dem jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr faſt noch in dem Bewußtſein nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, ſich wohl und glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die ſeine, und zog als Herrin in das Haus hinein, das ſie in Noth und Sorge, als Dienerin betreten. 4 1 119 Franz ſchwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch von ſeinem Vater— der Termin dazu war auf den erſten December feſtgeſetzt worden— die ganze unbe⸗ ſchränkte Führung des Hauſes noch nicht überkommen hatte, fühlte er ſich doch zu glücklich im Beſitz ſeines braven, innig⸗ geliebten Weibes, anderen Gedanken in dieſer Zeit noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthſchaftete noch wie vor, in ſtiller anſpruchsloſer Weiſe— wo ſie helfen konnte, half ſie gern, und das„deutſche Vaterland,“ früher der einträglichſte Platz für alle Arten diebiſcher Agenten, und die Höhle, in der hun⸗ derte von armen Einwanderern ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgeſtoßen wurden, ſchien ein Aſyl der Hülfs⸗ bedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch beſonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheilig⸗ ter, rege Beſorgniſſe. Unter dieſen ſtanden der Agent Meſſerſchmidt, und Jimmy der Barkeeper vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwiſchen den jungen Leuten ein Dorn im Fleiſch geworden, und was ſte nicht mehr hintertreiben konnten, ſuchten ſie wenigſtens ſo viel als möglich zu ſtören. Franz wußte das, vermochte aber noch nicht ſelber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis er nicht die Wirthſchaft allein in Händen hielt, und als unum— ſchränkter Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran, und als der November endlich verfloſ⸗ ſen war und der alte Hamann am lſten Morgens, wie ſchon früher verabredet, einen Advokaten zu ſich in's Zimmer kom⸗ men, und in deſſen Gegenwart dem einzigen Sohne ſchon bei 120 ſeinen Lebzeiten Haus und Wirthſchaft überſchreiben ließ, war Franzes er ſtes Geſchäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zuſam⸗ men lautete, mit vierwochentlicher„Warnung“ auf den erſten Januar des nächſten Jahres zu kündigen. „Jimmy,“ ſagte er, als er zu dem Burſchen hinunter in den gerade unbeſetzten Schenkraum kam,„ich bin jetzt eben Herr hier im Haus geworden, und da wir Beide nicht recht zuſammenpaſſen, meine Frau mir auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, ſo iſt's beſſer, daß Ihr zu der zwiſchen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit das Haus verlaßt. Heute iſt der erſte December— am erſten Ja⸗ nuar könnt Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzuſehen; wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier— verſtanden?“ „Das war deutlich genug Mr. Hamann, anyhow,“ ſagte Jimmy, der dabei wieder ganz in Gedanken an ſeiner Lieblings⸗ beſchäftigung begann— die Finger zu knacken,„werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch machen, vor der be⸗ ſtimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen gedenke. Sonderbar— wollte Ihnen auch heute aufſagen.“ „Deſto beſſer, Jimmy,“ ſagte Franz,„dann haben wir Einer dem Andern nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander behelfen.“ „Jes,“ ſagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei an⸗ nehmend,„verdammt gut, denk' ich mir ſo;— werden eine ſehr ſchöne Wirthſchaft hier anrichten, Mr. Hamann junior.“ — 121 Jes, Jimmy— denk ich mir ſo,“ lachte Franz leiſe vor 3 ſich hin, und verließ dann, ohne ſich weiter um den Menſchen zu bekümmern, das Zimmer. „Denk' ich mir ſo— Einfaltspinſel“— knurrte der Barkeeper finſter und verdrießlich hinter ſeinem neuen Prin⸗ cipale her—„Du wirſt noch Manches zu denken kriegen, mein Burſche, bis wir Beiden auseinander ſind, denk' ich mir ſo. Und noch biſt Du mich auch nicht los, und es müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwiſchen hier und da nicht noch was auftauchen ſollte, was der Sache eine andere Wen⸗ dung gäbe. Was, weiß ich freilich ſelber noch nicht, aber daß Jimmy eine ſich etwa bietende und ihm paſſende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn laſſen, darauf mein Juwel, könnteſt Du allenfalls Gift nehmen.“ „Hallo Jimmy,“ ſagte da eine bekannte Stimme, und als ſich der Barkeeper raſch nach der Thür umdrehte, ſah er den eben nur hereingeſteckten, etwas dicken Kopf des Agenten Ju⸗ lius Meſſerſchmidt. „Ah— Ihr kommt gerade recht Alterchen,“ ſagte Jimmy, in einer Art Inſtinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläſer umſetzend—„was trinkt Ihr?“ „Immer Brandy Jimmy, im Winter,“ ſagte Meſſerſchmidt jetzt ganz zur Thüre hereinkommend, und den Kautabak, nach Amerikaniſcher Sitte im Munde hielt, daraus ent dem beſprochenen Getränke Raum zu geben;„immer Brandy, und im Sommer erſt recht Brandy, denn da kühlt er; beſon⸗ ders wenn er ſo gut iſt wie der Hamann'ſche.“ 122 „Ihr ſeid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ih ſelbſt geliefert habt;“ lachte Jimmy. „Unſinn, Jimmy— baarer Unſinn— an dem Brandy hab' ich mein Geld verloren, und ſuch' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht viel davon trinke. Der Brandy iſt ſpottbillig mit ſechs Cent das Glas, und an der Levte ver⸗ kaufen ſie ihn aus demſelben Faß für zwölf und einen halben.“ „Werden wohl ihre Gründe dafür haben,“ meinte Jimmy, naber was führt Euch gerade heute Morgen her?“ „Mich gerade heute?— iſt heute ein beſonderer Tag, Jimmy?“ frug Meſſeerſchmidt. „Hm, nicht das ich wüßte,“ meinte Jimmy, der erſt her— auszubekommen wünſchte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeſchloſſenen Vertrag zwiſchen dem alten und jungen Hamann ſagte. Er wußte recht gut, wie Meſſerſchmidt bei dem letzteren angeſchrieben ſtand.“ „Nun alſo, Jimmy;“ meinte Meſſerſchmidt,„aber Ihr könnt mir wohl ſagen, wie's mit dem Alten ſteht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.“ „Nicht zu ſprechen,“ ſagte Jimmy trocken,„alle Geſchäfte heute an die junge Firma angewieſen.“ „Hm— mit dem Jungen hab' ich gerade nicht gern viel zu thun rummte der Agent langſam zwiſchen den Zähnen durch,„wenn aber der Alte ja ſagt, kann der mir auch den Hobel ausblaſen. Alſo den Alten kann man nicht ſprechen?“ „Ertheilt Niemand Audienz.“ „Und wo iſt der Junge?“ 123 Jimmy machte eine entſprechende Bewegung mit dem über die Schulter geſtoßenen Daumen nach dem Hof hinaus. „Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?“ „Wenn's ſein muß, ja,“ ſagte dieſer. „Apropos Jimmy—“ „Nun?— was giebt's noch?“ „Wißt Ihr, die Meklenburger Bauern, die ich Euch geſtern zugebracht—“ „Nun?— kein Geld?“ „Kein Geld?“— wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorſpitzte, ſo weit er ſie bringen konnte— oh Jimmy, wenn wir Beide das nur hätten, was in den zwei grünen Koffern ſteckt— nachher könnten wir zufrieden ſein.“ „Nun, wird das Große eben nicht ſein,“ meinte Jimmy gleichgültig. „Das Große nicht ſein?— wenn ich ihnen nicht hätte Amerikaniſches Gold für Däniſches geben müſſen— und das Säckchen voll, was da drin ſtand— und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die Menſchen müſſen ein heidenmäßiges Geld haben, und das iſt nur erſt ein Theil, denn das Meiſte haben ſie, wie ſie ſagen, zu Hauſe gelaſſen, um mit dem erſt einmal zu probiren, wie es hier eigent⸗ lich iſt.— Jammerſchade, daß ſie keine Schwiegerſöhne brauchen.“ „Wir Beide wären ein paar koſtbare Exemplare,“ ſchmun⸗ zelte Jimmy. Die beiden liebenswürdigen Geſellen lachten noch zu⸗ 124 ſammen als die Thür aufging, und der junge Hamann wie⸗ der in's Zimmer trat. „Ah Franz, das iſt mir lieb, daß Sie kommen,“ ſagte Meſſerſchmidt in ſeiner vertrauten Weiſe;„ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen thun.“ „und das wäre?“ ſagte Franz, dem Mann ruhig in's Geſicht ſehend.— „Sie wiſſen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geld⸗ verlegenheit geweſen bin,“ ſagte der Agent,„das verdammte Spielen, was ich ſchon ſo oft verſchworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte ſogar, wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig geſträubt, mein Quadroonmädchen, das aller⸗ dings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutſcher Violinſpieler hatte einen Narren an ihr gefreſſen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel zahlen—“ „Bitte, kommen Sie zur Sache,“ ſagte Franz. „Nun die iſt einfach genug,“ meinte Meſſerſchmidt—„Sie haben da ganz kürzlich ein paar arme, aber ganz hübſche Braun⸗ ſchweiger Mädchen in's Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu bezahlen, mit in der Küche helfen— bitte— Sie brauchen ſich deshalb gar nicht zu ent— ſchuldigen—“ ſetzte er raſch hinzu, als ob er etwas Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete—„das verſteht ſich von ſelber, und iſt ganz in der Ordnungz; aber ich möchte gern eine 125 von denen, die Jüngſte hat mir am beſten gefallen, zu mir in's Haus nehmen, das zu beſorgen, was ich eben zu beſor⸗ gen habe; ſollte ſie dann etwa noch eine Kleinigkeit im Hauſe ſchuldig ſein, ſo könnten wir das ja am nächſten Geſchäfte abrechnen.“— „Iſt ſonſt noch etwas, Herr Meſſerſchmidt, was Sie viel⸗ leicht an das Haus hier zu fordern haben?“ ſagte Franz ruhig. „Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklen⸗ burger hat mir Ihr Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals beſonders klamm.“ „Alſo ſind wir Ihnen weiter Nichts ſchuldig?“ „Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen mor⸗ gen früh vielleicht—“ „Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,“ unter⸗ brach ihn Franz ziemlich kalt und trocken,„daß von jetzt an jede Geſchäftsverbindung zwiſchen uns aufgehört hat—“ „Unſinn, Franz— Sie wiſſen ja—“ „Entſchuldigen Sie, mein Name iſt für Sie Mr. Ha⸗ mann; mein Vater hat heute die Führung dieſes Hauſes in meine Hände gelegt, und ich erſuche Sie, alle weiteren Bemüh⸗ ungen für mich zu unterlaſſen.“ „Hoho“— rief Meſſerſchmidt dunkelroth im Geſicht wer⸗ dend, und ſich hoch dabei aufrichtend—„weht der Wind aus der Richtung, und hat der Alte richtig den dummen Streich, gemacht?“ — 126 „Ich verbitte mir ſolche Bemerkungen, Herr Meſſer⸗ ſchmidt—“ „Oh Herr— ich werde Ihre Schwelle nicht mehr be⸗ treten—“ 1 „Ich bin davon überzeugt,“ ſagte Franz, vollkommen ruhig, „würde auch ſonſt mich in die unangenehme Nothwendigkeit verſehn, Sie hinauszuwerfen.“ „Herr Hamann!“ rief der Agent drohend. „Herr Meſſerſchmidt?“ ſagte Franz ihm ruhig aber feſt und entſchloſſen in's Auge ſehend. „Es iſt gut!“ rief dieſer, keineswegs gewillt dem jungen Mann entgegenzutreten;„das iſt mein Dank jetzt für die jahre⸗ lange Protektion dieſes Hauſes, das aber jetzt kein Gaſt mehr betreten ſoll, den ich daran verhindern kann.“ „Sie werden zu ſpät zu Ihrem Lunch*) kommen,“ ſagte Franz ziemlich bedeutungsvoll auf die Thür zeigend. „Jimmy, Sie ſind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,“ rief Meſſerſchmidt mit gekränktem Stolz,„Sie werden mir dafür Rede ſtehn müſſen, Herr Hamann.“”. „Sie werden wirklich zu ſpät zu Ihrem Luncheon kom⸗- men,“ ſagte der junge Hamann, die Thüre jetzt ſelber öffnend und mit einer ungeduldigen, nicht miszuverſtehenden Bewegung hinausdeutend. „Guten Morgen Herr Hamann!“ rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte ſich den Hut feſt in die Stirn, )) Zweites Fruhſtück. und flog im nächſten Augenblick voll und breit gegen die Ge⸗ ſtalten zweier anderer Männer an, die eben im Begriff waren, die beiden ſteinernen Stufen in das Schenkzimmer hinaufzuſteigen. „Hallo,“ ſagte der Erſte von dieſen, nur mit Mühe ſein Gleichgewicht bewahrend und dem Davonſtürmenden erſtaunt nachſehend,„der hat's verdammt eilig— das Geſicht ſollt' ich auch kennen, ging der freiwillig, oder wurd' er ge⸗ gangen?“ Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden und drehte ſich dann, ohne ſich weiter mit ihnen einzulaſſen, raſch herum und verließ das Zimmer. „Alle Wetter, Mr. Meier!“ rief da der Barkeeper den früheren„Boarder„erkennend—„wo haben Sie die Zeit ge⸗ ſteckt— man hat Sie ja mit keinem Auge mehr geſehn.“ „Geſchäftsreiſen, mein junger Freund, Geſchäftsreiſen,“ ſagte der Paſſagier der Haidſchunke, indem er die Augenbrauen tn die Höhe zog, und mit den Achſeln zuckte,„komme gerade von Milwaukie herunter, die„balſamiſche Luft“ des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann, der da zur Thür hinausſprang und mich beinah über den Haufen warf, ſo in Eile?— irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?“ „Häusliche Scenen wie ſie manchmal in einer Familie vorkommen,“ lachte Jimmy ausweichend—„ſoll ich Gläſer aufſetzen?“ „Hm, ja— aber nicht hierher,“ ſagte Meier—„gebt uns ein paar Glas rechten ſteifen kalten Punch— lieber etwas reichlich Zucker und Citrone, aber deſto mehr Arrat— dort in 128 das Eßzimmer an den kleinen Ecktiſch— wir haben was mit einander zu reden— werft auch ein paar Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläſer in Vorrath macht, ſchadet's ebenfalls Nichts— wir ſind alle Beide durſtig.“ „Ich auch,“ ſagte Jimmy. „Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zu⸗ recht; uns aber nicht ſchlechter, verſtanden?— werdet ja wohl irgendwo ſo eine beſtaubte Flaſche noch ſtecken haben.“ Meier winkte dabei ſeinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in das Nebenzimmer, wo ein paar deutſche Zei⸗ tungen auflagen, und ſie, mit dieſen zwiſchen ſich, ohne jedoch darin zu leſen, an einem kleinen Tiſch dicht am Fenſter und der nächſten Wand, Platz nahmen. „Nun, was war's alſo Kamerad, was Du mir ſagen woll⸗ teſt,“ frug hier Meier ſeinen Gefäh rten— wir ſind hier un⸗ geſtört.“ „Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden iſt?“ frug der Andere, eine kleine, gedrungene Geſtalt mit ſtruppigem, grau geſprenkelten Bart und darüber unſtät umherſuchenden kleinen grauen, ſtechenden Augen, ſonſt aber in anſtändiger behäbiger Tracht. „Meiner Frau?“ ſagte Meier erſtaunt,„wie kommt Ihr auf die? lebt ſte denn noch?“ „Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr ſein,“ lachte Pelz — auch eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer Schaale—„ſie war noch vor acht Tagen hier in New⸗ Orleans. 4 129 „'S iſt mir lieb daß Ihr ſagt ſie war“— brummte Meier,„hol' der Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und iſt immer eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raſchen, entſcheidenden Schritt zu thun gedenkt. Wo iſt ſie hin?“ „Zu Schiff fort.“ „Zu Schiff?“ rief Meier, raſch und erſtaunt in ſeinem Stuhle auffahrend. „Mit einem deutſchen Schiffe zurück,“ beſtätigte aber der Andere. „Nach Deutſchland zurück; iſt ſie denn toll?— aber Ihr habt Euch geirrt, Pelz, das kann ſie nicht geweſen ſein.“ „Geirrt?— ich werde die Frau nicht kennen;“ ſagte der Mann mürriſch—„ſte ſah noch dazu weit beſſer aus als an Bord, ging einfach und reinlich gekleidet, und hatte'was hölliſch Ordentliches an ſich; trug auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir nur verdammt elend vor.“ „Und hat ſie Euch geſehn?“ „Ja; aber ob ſie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,“ ſagte Pelz,„weiß ich nicht. Sie ſah mir ein paar Secunden ſtarr in's Geſicht, und ging dann ſtill und ernſt an mir vorüber auf's Schiff, das etwa eine halbe Stunde ſpäter ſeine Taue einholte und, von einem Dampfer in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.“ „Glückliche Reiſe,“ brummte Meier, ſein Glas, das ihm Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 8 130 in dieſem Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend. „Danke,“ ſagte dieſer etwas erſtaunt,„aber woher wißt Ihr, daß ich fort will?“ „Ihr?“ ſagte Meier, mit einem halbſpöttiſchen Lächeln den Barkeeper über ſein Glas anſehend,„nun dazu braucht man kein Prophet zu ſein; Ihr habt Euch ja, ſo lange wir hier ſind, die Gelenke ſchon in einem fort zum Marſchiren ein⸗ gerenkt.“ „Hundeleben hier,“ ſagte Jimmy, der ſich Meiers Ein⸗ ladung nach ſein Glas mit zum Tiſch gebracht hatte, und jetzt daran nippte,„möchte hier nicht länger abgemalt ſein.“ „Wär auch Schade um die Farbe,“ lachte Meier—„aber was iſt im Wind?— Skandal im Haus?“ „Neue Wirthſchaft!“ ſagte Jimmy mit einem vorſichtigen Blick nach der Thür„moraliſche, verſtanden?— der Sohn hat die Haushälterin endlich geheirathet, und nun wird's fromm im Hauſe hergehn. Wie das Geld verdient i*ſt, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt man ein Geſangbuch.“ „Viel Geld hier verdient, ſollt' ich denken,“ ſagte Meier, den Reſt ſeines Glaſes hinunterſpülend und dieſes dem Bar⸗ keeper zu neuer Füllung hinreichend. „Ein Haufen,“ verſetzte dieſer, aber wieder leiſe—„der Alte muß oben einen Kaſten voll haben, Gott weiß wie groß.“ „Koſtet auch viel ſo eine Wirthſchaft,“ ſagte Pelz, ruhig 7 —————— vor ſich niederſehend—„wer das nicht weiß, glaubt's kaum— das geht meiſt Alles wieder d'rauf.“ „Wie Ihr's verſteht,“ rief Jimmy, in Eifer gerathend, ſeine Behauptung bezweifelt zu ſehn; ich weiß was da hin⸗ auf gekommen iſt, und daß Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthſchaft ſelber koſtet, wird aus der Kaſſe hier beſtritten— ſo ſcharf gehts. Wenn der alte Hamann in ſeinem Geldkaſten oben nicht ſeine Hunderttauſend liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.“ „Noch ein Glas, Jimmy, bitte,“ ſagte Meier—„mein Kamerad iſt auch fertig, und Ihr trinkt ſo langſam, als ob's Waſſer wäre, wir haben Durſt.“ „Gleich,“ ſagte Jimmy, mit den Gläſern wieder zurück in die Bar gehend, während die beiden Männer bedentſamt Blicke mitſammen wechſelten. „Ich glaube, der Junge taugte dazu,“ flüſterte Pelz leiſe und raſch. „Vielleicht— vielleicht auch nicht,“ ſagte Meier, mit dem Kopf ſchüttelnd— nur um Alles in der Welt vorſichtig.“ „Nu verſteht ſich; aber der weiß Hausgelegenheit—“ „Pſt— er kommt.“ „Da— der wird Euch noch beſſer ſchmecken,“ ſagte Jimmy, mit den friſch gefüllten Gläſern hereinkommend, und die Lippen ſchon im Voraus ableckend,„der iſt famos.“ „Ne zum Donnerwetter Jimmy,“ das ſollte mir wirklich leid thun wenn Ihr fort gingt,“ ſagte Meier—„wo kriegt denn der Eſel von Wirth auch gleich wieder einen ſolchen 9* 132 Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geſchäft von innen und außen.“ „Sollt' es denken,“ brummte Jimmy an ſeinem zwei⸗ ten Glas vorſichtig nippend. „Und das Haus und die Wirthſchaft—“ „Wie meine Taſche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.“ „Apropos Jimmy,“ ſagte Meier, ſeinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend,„iſt noch Platz hier im Haus für uns Beiden?“ „Das wird ſchwer halten,“ meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die Höhe ziehend—„ſo arg iſt's noch bei⸗ nah nicht geweſen wie heuer, mit der Einwanderung.“ „Oh das wird alle Jahr beſſer, Kamerad,“ lachte der Alte dazwiſchen—„je hübſcher ſie's drüben in Deutſchland treiben, deſto mehr Leute glauben, daß ſie ſo ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen Kelterfaß— je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand fort, bis die Preſſe unten aufſitzt— und dann kann man vielleicht wie⸗ der friſch nachgießen.“ „Und das Beſte läuft oben ab,“ ſagte Jimmy, nicht ohne einen gewiſſen Humor die Beiden betrachtend.“ „Wenn man uns drei hier anſteht,“ beſtätigte Pelz, „ſollte man's beinah glauben.“ „Doint flatter me, Mr. Mac Karihy wie die Wittwe ſagte,“ meinte Jimmy in einem breiten Schmunzeln. „Alſo es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?“ nahm Meier die vorige Frage wieder auf. „Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's geſtern geweſen wäre, wo noch vernünftige Menſchen im Hauſe re⸗ gierten, ja, da wäre Platz gemacht worden, wenn keiner mehr da war; ob ſich aber der geſtrenge Herr von Heute dazu ver⸗ ſtehen wird, iſt eine andere Frage— es könnte Einer von dem Bauerpack dabei incommodirt werden, und in der Hinſicht werden jetzt furchtbar ſtrenge Rückſichten genommen.“ „Hm ſo? und erſt ſeit heute Morgen?“ „Heute iſt die Geſchichte an den jungen Hamann über⸗ geben worden,“ ſagte Jimmy leiſe,„und der Alte lebt von jetzt ab von ſeinen Intereſſen.“ „Alle Wetter, da muß er ſich einen hübſchen Pfennig ge⸗ ſpart haben,“ ſagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend,„wenn wir das hätten, Jimmy, wir legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an ſein Ende zu füttern, ſo viel weiß ich.“ „Ne, das iſt ſicher,“ ſagte Jimmy, der plötzlich wieder an ſeinen Fingern begann,„aber an unſer Einen kommt ſo was auch nicht.“ „Ih nu,“ brummte Pelz, ſich ſeinen kurzen Bart kratzend, „die Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier einge⸗ zogen, ſind doch auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und ich möcht' es nicht auf einmal fortſchleppen, was ſie in ihren Koffern mit herumführen.“ „Die Koffer ſind mordmäßig ſchwer,“ betheuerte Jimmy. „Jimmy,'s iſt wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere 134 Fähigkeiten ſo nutzlos verſchwendet, Brandy und Bier einzu⸗ ſchenken,“ meinte Meier, nach kurzer Pauſe—„ich wüßte eine famoſe Beſchäftigung für Euch.“ „Und die wäre?“ frug der Barkeeper neugierig. „Wir ſprechen ein andermal darüber,“ erwiederte Meier ausweichend,„wenn's nur einen Platz für uns im Hauſe gäbe.“ „Ich denke, ich kann noch einen ſchaffen,“ ſagte Jimmy, ſich die Sache ein wenig überlegend—„Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in einem Bett zu ſchlafen?“ „Keine Objektion in der Welt,“ betheuerte Meier. „Und die Ausſicht iſt auch ziemlich gleichgültig?“ „Total.“ „Gut, gleich über den Mecklenburgern iſt noch ein kleines Käfterchen mit einem Bett drin, dicht unter dem Dach; ſonſt nicht viel Bequemlichkeiten oben, aber famoſe friſche Luft, wenn Ihr das haben wollt, frag ich den Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und ſchaff Euch hinauf. Aber wo iſt Euer Gepäck?“. „Kommt in einer halben Stunde etwa mit der dray.— Alſo ſind wir eingezogen?“— „Denke ſo,“ ſagte Jimmy, die geleerten Gläſer mit dem dazu gelegten Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter ſeinen jungen Herrn um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gäſten ihr kleines Käm⸗ merchen an, es ihnen ſelber überlaſſend, ihr Gepäck hin⸗ im 135 aufzuſchaffen, und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken, mit raſchen Schritten und in tiefen Gedanken auf⸗ und ablief. Das Geſpräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht, und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten. Capitel 6. 53 Kapellmeiſter Eltrich. Das Paketſchiff von Havre war angekommen, und von den verſchiedenen Paſſagieren deſſelben hatte ſich Einer, der im St.⸗Charles⸗Hotel abgeſtiegen, kaum Zeit genommen, ſeine Kleider zu wechſeln und war dann, jedenfalls dringende Ge⸗ ſchäfte zu beſorgen, ein paar Stunden lang Straße auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt ſein Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen kleinen Eisbuden trat, ſich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken. Die Paſſage da vorbei war ſehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten ſtanden überall zuſammen, Geſchäfte wurden entrirt und abgeſchloſſen, Aufträge gegeben und genommen und ſelbſt neben dem Glas Gefrorenen in der Bude, das oft unbe⸗ achtet zuſammenſchmolz, hatten die Leute ihre Brieftafeln vor ſich liegen, und notirten und rechneten mitſammen, und ordne⸗ — 2 137 ten die Beſtimmungsorte jener Wälle von verſchiedenen Waa⸗ ren, die draußen an der Levee durch Tauſende von Händen aufgehäuſt, und zugleich wieder durch andere fortgeführt wur⸗ den, ohne ſich anſcheinend zu vermindern oder zu vermehren. Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es ſchien, mit Geſchäften Nichts zu thun; ſein einziger Zweck war, ſich aus⸗ zuruhn und zu erholen, und ſelbſt das Leben und Treiben um ihn her intereſſirte ihn nicht, oder war ihm bekannt, denn er nahm abwechſelnd eine der verſchiedenen, dort liegenden Zei⸗ tungen zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder ſaß auch wohl, in Gedanken vor ſich niederſchauend da, nicht ein⸗ mal die Vorübergehenden beachtend. „Täuſchen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Ver⸗ gnügen, Herrn von Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu können?“ ſagte in dieſem Augenblick eine feine, unſerem alten Freund ſehr wohl bekannte Stimme, der auch raſch, aber zu⸗ gleich erſtaunt zu der breiten, korpulenten Geſtalt des vor ihm ſtehenden Mannes aufſah, und ſich trotzdem auf das Geſicht durchaus nicht beſinnen konnte. „Ich weiß nicht“— ſagte er wirklich etwas verdutzt, von ſeinem Stuhle aufſtehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls ſeinen Namen kannte, auf das Aufmerkſamſte betrachtend—„Geſtalt und Stimme erinnern mich allerdings an einen früheren Reiſegefährten, aber zu denen paßt das Ge⸗ ſicht durchaus nicht.“ „Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,“ ſagte wieder die nur zu wohl bekannte Stimme, während der Mann ſelber ver⸗ 138 gnügt dabei mit dem Kopfe nickte—„ich bin es auch eigent⸗ lich nicht mehr; ich habe mich geſchält und die Haut abge⸗ worfen, wie eine Klapperſchlange. Schöner bin ich dadurch freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Chriſtian Mehlmeier.“. „Alſo ſind Sies doch!“ rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand entgegenſtreckend,„aber um Gottes Willen, Mann, was iſt mit Ihnen vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.“ „Ja, das iſt anderen Leuten auch ſo gegangen,“ ſchmun⸗ zelte Mehlmeier in ſeinen weichſten Tönen vor ſich hin— „ ſehn Sie ſich einmal mein Geſicht genauer an.“ „Haben Sie die Blattern gehabt?“ frug Hopfgarten mit⸗ leidig—„es iſt voller Narben— und die Augenbrauen feh⸗ len ganz. Was in aller Welt haben Sie mit ſich ange⸗ fangen?“ „Es iſt mir wie Berthold Schwarz gegangen,“ ſagte Herr Mehlmeier, mit ſeinem vergnügteſten Geſicht—„ich habe ebenfalls, freilich nach einem vorgeſchriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war jedenfalls über die un⸗ erwartete Exploſton eben ſo erſtaunt wie er. Sie— Sie er⸗ innern ſich vielleicht noch des— des Geſchäfts, was ich da⸗ mals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am Markt drüben, fanden?“ „Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre—“ „Ich ſtand wenigſtens zu dieſem Zweck an einem jener Pfeiler,“ beſtätigte Mehlmeier,„verkaufte übrigens ungemein 139 8 wenig, und diente eigentlich, wenn ich ſo recht an jene Zeit zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden, die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden.„Danke“ ſagten dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; ſie gingen ihren Geſchäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler ſtehn, über das meinige Betrachtungen anzuſtellen.“ „Sie ſehen jetzt weit beſſer, weit behäbiger in Ihrem Aeu⸗ ßern aus,“ ſagte Hopfgarten. „Das wäre noch immer kein großes Lob,“ meinte Mehl⸗ meier,„denn ſchlechter wie ich damals ausſah, kann der Menſch nicht gut anſtändiger Weiſe in der Welt herumlaufen. Hoſen und Rock hielten gewiſſermaßen nur aus Gefälligkeit für mich zuſammen, und außerdem durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den ich mit der Dämmerung in Beſitz nahm, weggehn, meines hinteren Men⸗ ſchen wegen. Da traf ich Sie und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten änderte ſich mein Loos. Ich hatte damals ſchon lange bemerkt, daß die Leute, welche die Streichhölzer fabricirten, einen recht hübſchen Nutzen dabei machten, während wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hauſe aus war ich auch mit der Fabrication vollkommen gut bekannt, das Material dazu hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt, konnte ich mir ſo viel davon ſelber nehmen, wie ich brauchte, aber— ich hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen ge⸗ ——nõÿõõ 140 langten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den ganzen Tag hungerte, Abends ſatt zu eſſen. Ich mag bei⸗ läufig bemerken, daß ich der Schrecken der verſchiedenen kleinen Eßbuden geworden war, in die ich, ſobald ſich meine Kaſſe in den Umſtänden befand, ein Abendeſſen zu zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für eine un⸗ bedeutende Nachricht ein Stück Geld— ein Goldſtück. Herr von Hopfgarten— ich will nicht verſuchen, Ihnen zu ſchil⸗ dern, was ich an dem Tage ausgeſtanden habe— ſagte Mehl⸗ meier; ſeine Stimme klang dabei leiſe und heiſer, indeß ihm ein paar große ſchwere Thränen, trotzdem, daß er mit den Augen auf das Lebhafteſte blinzte und ſie zurückzudrücken ſuchte, zwiſchen die Wimpern traten—„es war kein verdientes Geld, ich mochte dagegen argumentiren, wie ich wollte,“ ſetzte er dann nach kurzer Pauſe hinzu,„und ich— ich war zuletzt feſt davon überzeugt, daß ich die kleine Summe— für mich damals ein Capital— mehr meinen zeriſſenen Hoſen, als der Nachricht verdankte.“ 1 „‚Nein, lieber Herr Mehlmeier,“ rief aber Hopfgarten raſch dazwiſchen—„die Kunde, die Sie uns gaben, hätte tauſend ſolcher Stücke verdient— der alte Herr ſuchte ſein Kind und Sie zuerſt brachten ihn auf die rechte Spur.“ „Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn nützlich geweſen bin,“ ſagte Mehlmeier ruhig,„das aber war meine damalige Anſicht von der Sache und— hat ſich auch bis jetzt noch nicht verändern können.— Aber meine Lage änderte ſich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir 141 ein blaues Ueberhemd, eine ſolche Hoſe, wie ſie die Feuerleute und Matroſen tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt ich noch genug übrig, mich ein⸗ mal recht tüchtig ſatt zu eſſen und— es war vielleicht eine Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnſucht danach— ein Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar ſchaffte ich mir das nöthige Material an, auf meine Art gute Streichhölzchen herzuſtellen. Mörſer und ſonſtige Ge⸗ räthſchaften mußte ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich, jetzt einmal in anſtändigen Klei⸗ dern, wo ich mich wenigſtens ſehn laſſen konnte, möglich, und ſo klein die Quantität ſein mußte, die ich mit meinen geringen Mitteln zum erſten Mal fabricirte, ſo ſehr ſprach die Qualität an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Beſtellungen, von denen ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, mit jeder Woche mehrte ſich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich größere Mengen liefern, und war zuletzt ſo⸗ gar im Stande, mir erſt einen, dann zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer ſteigenden Bedarf zu begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zuſammenſtellung einer Miſchung, paſſirte mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Maſſe im Mörſer erplodirte, und ich fand mich erſt am andern Mor⸗ gen in der entgegengeſetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter keine Moiſ von dem Knall und Qualm genommen.“ Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich boarde in einem anſtändigen Franzöſiſchen Koſthaus und 142 beſchäftige jetzt elf Arbeiter, lauter arme deutſche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut bezahle, verdiene dabei ein recht hübſches Geld und beginne ſogar ſchon an Sparen und Zu⸗ rücklegen zu denken, drohenden Alters wegen. Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von 3 Ihnen zu hören,“ ſagte Hopfgarten, dem faſt die Thränen in die Augen gekommen waren, bei der ſo anſpruchslos und wirk⸗ lich rührend vorgetragenen Erzählung, indem er ſeinem alten telte;„es giebt wenig Leute, lieber Me und entſchloſſen und ſo bray und rechtſchaffen dabei, einem einmal geſteckten Ziel entgegenſtreben, und ich wünſchte in der That recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienſt erwei⸗ ſen zu können, um Ihnen zu zeigen, wie ſehr ich Sie achte und ſchätze.“ „Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopf⸗ garten, für die freundlichen Worte,“ ſagte Mehlmeier, wirklich gerührt,„Sie thun mir wohl— und eine Bitte hätt' ich wirk⸗ lich an Sie, wenn Sie dieſelbe erfüllen wollten.“ „Von Herzen gern— und was iſt es?“ „Sie kennen den Herrn, der— der mir damals das Goldſtück gab?“ Reiſegefährten die Hand reichte und derb und freundlich ſchüt⸗ ſhhuie die ſo ernſt „Sehr gut— ich komme jetzt gerade von dort her— war nämlich in der Zeit wieder in Deutſchland—“ „Sie waren in Deutſchland?“ frug Mehlmeier, raſch und erſtaunt,„ja, hm— das iſt eigentlich gar nichts ſo Wunder⸗ bares, denn man fährt jetzt raſch genug herüber und hin⸗ 143 über, aber— es iſt doch ein eigenes, ſonderbares Gefühl, wenn man ſo von Deutſchland ſprechen hört, fortwährend Schiffe ſteht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und — ſo gern man hinüber möchte, und auch könnte, was eben die Paſſage betrifft, doch auf der weiten Gottes Welt da drüben, wo man doch eigentlich zu Hauſe iſt, Nichts wei⸗ ter zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben muß.“ „Aber mit was ſollte ich Ihnen dienen?“ „Ja,“ ſagte Mehlmeier raſch,„ſehn Sie den Herrn— wie war ſein Name gleich?“ „Dollinger.“ „Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?“ „Hoffentlich bald, jedenfalls ſchreibe ich ihm in den näch⸗ ſten Tagen.“ Mehlmeier griff in die Taſche, nahm ein Amerikani⸗ ſches Goldſtück heraus und ſagte, es Heuun Hopfgarten hin⸗ reichend: „Dann thun Sie mir die große Liebe, mein beſter Herr von Hapfgarten, und geben Sie ihm das Goldſtück nicht allein zurück, ſondern ſagen dem Herrn auch wie Sie mich wieder gefunden haben, und daß ich das nur allein als ſein Werk betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür ſein würde.“ „Aber mein beſter Herr Mehlmeier,“ rief Hopfgarten, das Goldſtück zurückweiſend,„Herr Dollinger iſt ein reicher, ein ſehr reicher Mann, und ich weiß—“ „Und wenn er ein Millionair wäre,“ ſagte Mehlmeier 144 feſt und beſtimmt,„es iſt nicht der wenigen Thaler, es iſt der Sache wegen, das Geld hat mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich großen Dienſt, wenn Sie es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerſtatten. Es hat mir genug genützt, und da jetzt die Urſache verſchwunden iſt, der ich es verdanke“— und Mehlmeier warf einen wehmüthi⸗ gen Blick an ſeinen Beinen hinunter—„ſo darf ich auch mit gutem Gewiſſen die Wirkung zurückgeben. Sie thun mir einen großen Gefallen mit der Erfüllung meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.“ „Sie ſind ein wunderlicher Menſch,“ ſagte der kleine Mann freundlich, das Goldſtück dabei nehmend und einſteckend, „ich will es beſorgen; aber Herr. Dollinger glaubt ſich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und wird das auf andere Weiſe wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er Ihnen die Quittung einſenden, daß ich wenigſtens das Geld richtig abgeliefert habe, und ich moͤchte Sie deshalb um Ihre Adreſſe bitten.“* „Das wird nicht nöthig ſein,“ ſagte Herr Mehlmeier mit einem wehmüthigen Blick. „Nein, nein; es muß Alles ſeine Ordnung haben,“ rief Hopfgarten, nalſö Ihre Adreſſe?“ „Erlaube ich mir denn hier auf einem Eremplar mei⸗ nes Fabrikats zu überreichen,“ ſagte Mehlmeier mit einer etwas linkiſchen und verlegnen Verbeugung Hopfgarten Hein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen, auf denen „ 8 er — 145 ſeine genaue Firma angegeben ſtand, übergebend,„das ſind meine Viſitenkarten,“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Vortreffliche Viſttenkarten,“ lachte Hopfgarten, ſie be⸗ trachtend und einſteckend;„aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als wandernder Adreßkalender ſind vielleicht im Stande mir wieder eine Auskunft zu geben. Können Sie mir vielleicht ſagen, wo ich einen gewiſſen Ledermann, einen Juriſten, hier in der Stadt finde?“ „Ledermann?— Ledermann?— nein, der Name iſt mir gänzlich unbekannt,“ ſagte Mehlmeier, ſehr beſtimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte aber ſeine ſchwache Seite mit den verkehrten Geſticulationen, und wußte was er meinte. „Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,“ ſetzte er dann hinzu,„der iſt aber in die⸗ ſem Augenblick verreiſt und ſein Bureau geſchloſſen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand kennen. „Ledermann?“ ſagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in tiefem Nachdenken. „Eine lange hagere Geſtalt,“ half Hopfgarten ſeinem Gedächtniß nach,„ein dünnes, mageres Geſicht und blonde Haare.“ „Hm, ich kenne einen Herrn Fortmann, der etwa auf dieſe Beſchreibung paßte.“ „Donnerwetter, Fortmann!“ rief Hopfgarten, ſich vor den Kopf ſchlagend,„jetzt hab' ich die Namen verwechſelt— Fortmann heißt er ja auch— Mehlmeier, Sie ſind ein kapi⸗ taler Mann— wo find' ich den?“ Gerſtäcker's Nach Amerika. VI1I1. 10 146 „Ja, wo Sie den jetzt finden, wenn er nicht in ſeinem Bureau iſt, weiß ich allerdings auch nicht— er müßte denn ſonſt vielleicht beim Kapellmeiſter ſein.“ „Was für ein Kapellmeiſter?— wo wohnt der?“ „Kapellmeiſter Eltrich, gar nicht weit von hier.“ „Eltrich?— unſer Eltrich von der Haidſchnucke?— ich glaubte, der ſei ein Arbeiter an einem Dampf⸗ oder Flatboot geworden.“ „Allerdings, im Anfang, weil ihm ſeine ſämmtlichen Sachen, ſelbſt ſeine Violine geſtohlen worden; nachher aber hat er ſich ganz tüchtig wieder herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anſtellung an der hieſigen franzöſiſchen Oper erhalten.“ „Und dort iſt Ledermann zuweilen?“ „Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur dieſe Straße hinunter, und ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.“ „Kommen Sie nicht mit hinauf?“ „Es iſt meine Arbeitszeit jetzt, mein beſter Herr von Hopf⸗ garten,“ ſagte Mehlmeier,„und ich habe mich überdieß ſchon zu lange von meinen Leuten entfernt— jedenfalls hoffe ich Sie noch zu ſehn ehe Sie New⸗Orleans verlaſſen. Denken Sie ſich lange hier aufzuhalten?“ „Einige Tage— doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, ſo viele Menſchen ſind Ihnen hier vorgekommen— wiſſen Sie vielleicht zufällig, wo ſich— Herr Henkel jetzt aufhält?“ Mein, das iſt merkwürdig, den Herrn habe ich auch mit keinem Auge wieder geſehn, ſeit wir gelandet ſind. Im An⸗ in fang ging einmal ein dumpfes Gerücht, daß doch nicht Alles mit ihm ſo in Ordnung— nicht eben Alles Gold ſei, aber ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und— wenn ich aufrichtig ſein ſoll, mich nicht weiter darum beküm⸗ mert. Sehn Sie dort? das iſt die Wohnung Eltrichs— das kleine freundliche weiße Haäuschen, mit den grünen Jalouſieen, und dorthinein wohne ich. Alſo mein lieber Herr von Hopf⸗ garten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf das Freundlichſte zu empfehlen.“ Hopfgarten nahm herzlichen Abſchied von ihm; der Mann hatte etwas rührend Hartnäckiges in ſeinem ganzen Weſen, mit dem er dem Unglück die Spitze geboten und ſich, allen böſen Neigungen wacker dabei begegnend, an die Oberfläche gearbeitet. Noch ſtand er in der Straße, unfern von Eltrichs Woh⸗ nung, und ſah dem raſch und geſchäftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen abgetragenen blauen Frack geknöpftes Individuum an ihm vorüberging, ihn ſcharf fixirte, und ſich raſch gegen ihn wendend die rechte Hand— unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkiſtchen— nach ihm ausſtreckte und rief:„Sieh da, ſieh da Thimoteus, die Kraniche des Ibikus— Herr von Hopfgarten; eine höchſt angenehme Erſcheinung beim Zeus, in dieſem verdammten hausbackenen Land.“ „Herr Steinert?“ rief Hopfgarten erſtaunt aus,„ich hätte Sie faſt nicht wieder erkannt— wie geht es Ihnen?“ Steinert zuckte die Achſeln. 10* 148 „Durch Unglück mehr als durch Verſehn, Verlor Alceſt im Handel ſein Vermögen“— ver⸗ wünſchte Geſchichte das hier, man darf ſeinem eigenen Bruder nicht trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen gemacht, Herr von Hopfgarten— bittere Erfahrungen und— wenn weiter Nichts— Menſchenkennt⸗ niß geſammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich ſage Ihnen, ich könnte eine Geographie des menſchlichen Herzens, der menſchlichen Schwachheiten, Laſter und Leidenſchaften herausgeben.“ Hopfgarten hatte ſich indeſſen, ſo genau das geſchehn konnte, ohne den Mann durch ein zu ſcharfes Anſchauen zu kränken, die vor ihm ſtehende Geſtalt betrachtet, und das Re⸗ ſultat fiel gerade nicht zu Steinerts Vortheil aus. Sein An⸗ zug, einſt jedenfalls modern, war abgeriſſen, und noch ſchlim⸗ mer, war ſchmutzig; eben ſo ſeine Wäſche. Nur den äußeren Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring ſaß auf einer ungewaſchenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch häßliche farbige Flecke. Sein Geſicht ſah dabei verwil⸗ dert aus; die Augen lagen ihm tief und durchſchwärmte Nächte, wenn nicht Mangel kündend, in den Höhlen, und flogen un— ruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu haften, umher. „Und womit beſchäftigen Sie ſich jetzt,“ ſagte Hopfgar⸗ ten endlich, dem es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde,„haben Sie irgend eine Anſtellung? irgend ein— ein—“ — 149 „Ein freies Leben führen wir,“ unterbrach ihn aber Stei⸗ nert, den rechten Arm mit einer etwas theatraliſchen Bewe⸗ gung zum Himmel hebend.„Ich konnte mich erſtlich nie dazu verſtehen, zu irgend Jemand in ein dienſtliches Verhältniß zu treten— der Gott, der Eiſen wachſen ließ, der wollte keine Knechte— und dann bin ich wohl ein halb Jahr vergebens herumgelaufen,“ ſetzte er, wieder in eine natürlichere Stellung zurückfallend, hinzu,„ohne irgend einen paſſenden Platz für mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine famoſe Quelle ächter Havana⸗Cigarren entdeckt,“ und er nahm bei den Worten das Käſtchen raſch unter ſeinem linken Arme vor, „die ich Ihnen mit gutem Gewiſſen empfehlen kann, mein beſter Herr von Hopfgarten. Famoſe Cigarren, ſage ich Ihnen, und zu einem Preis,“ ſetzte er leiſe flüſternd, und mit einem ſcheuen Blick umher, hinzu, indem er das Käſtchen ſehr aufmerkſam und ängſtlich öffnete,„wie ſie kein Menſch auf der Welt liefern könnte, wenn ſie eben nicht— geſchmug⸗ gelt wären.“ „Sie wiſſen ja, beſter Herr Steinert, daß ich gar nicht rauche,“ ſagte Hopfgarten freundlich,„ich bin auch wirklich in dieſem Augenblick ſo mit meiner Zeit—“ „Sie rauchen gar nicht?“ ſagte Steinert etwas beſtürzt, „aber Sie haben doch gewiß Jemand, den Sie mit einem hal⸗ ben Tauſend Regalias glücklich machen würden.“ „In der That Niemanden hier, mein beſter Herr; es iſt auch ſchon ſpät geworden heute, und ich bin eben erſt wieder angekommen.“ 150 2 „Ich ſehe, Sie ſind in Eile,“ ſagte der frühere Weinrei⸗ ſende raſch, indem er das ſchon halb geleerte Käſtchen— was in Hopfgarten den Verdacht aufſteigen ließ, daß er die Rega⸗ lias auch im Einzelnen verwerthe— wieder an ſeinen früheren Platz zurückſchob.„Ich will Sie nicht länger aufhalten, aber — ich dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit bitten. Wir ſind hier gerade in der Nähe und ich habe vergeſſen mein Porte⸗ monnaie zu mir zu ſtecken— bin jedoch einen Freund von mir da drüben fünf Dollar ſchuldig. Wären Sie wohl ſo freund⸗ lich, mir dieſe kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?“ „Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte Hopfgarten ver⸗ legen, und unwillkürlich zugleich in ſeiner angeborenen Gutmüthigkeit in die Weſtentaſche fahrend,„ich weiß nur nicht—“ „Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz beſaß,“ recitirte Steinert. „Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieſer Dollar⸗Note gedient wäre.“ „Sie ſind ſehr freundlich— aber Sie erlauben mir, daß ich es mir gleich notire; ich habe ſo vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es Ihnen jedenfalls zurück. Welches Hotel?“ „St. Charles—“ „Ah, deſto beſſer; dort dinire ich auch gewöhnlich— Herr von Hopfgarten„Haben“ 1 Dollar.“ Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brief⸗ taſche vorgenommen, die Cigarrenkiſte auf das linke emporge⸗ * 151 zogene und ziemlich geſchickt balancirte Knie gelegt, und notirte ſich den Fall auf ein weißes Blatt. „Mein guter Herr Steinert, ich habe indeſſen das Ver⸗ gnügen Ihnen einen angenehmen Abend zu wünſchen.“ „Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,“ rief Steinert, ihm, immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleiſtift freundlich zuwinkend. Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und ſtieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, an deren Klingel er zog, raſch hinan. 1 Ein wunderhübſches, nur etwas kränklich ausſehendes, beinah weißes Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und faſt blauſchwarzem Haar dieſer Race, das die Qua⸗ droonin verrieth, öffnete ihm die Thür, frug den Erſtaunten in deutſcher Sprache was er wünſche, und führte ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu ſeiner nicht geringen Ge⸗ nugthuung— denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt— Herrn Ledermann alias Fortmann, am Kaffeetiſch bei Eltrichs traf, und von den dreien auf das Herzlichſte begrüßt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war beſonders glücklich den alten Reiſegefährten, der ſich ſchon an Bord von allen Cajütspaſſa⸗ gieren immer am freundlichſten gegen ſie benommen, bei ſich zu ſehn und bewirthen zu können, und verſchwand gleich aus dem Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Prote⸗ ſtiren, Küche und Keller vermochte. Nach den erſten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel zu ſehr daran zu erfahren was er von Ledermann hinſichtlich ſeiner Nachſpürungen nach jenem Soldegg hören ſollte. Eltrich wußte überdieß von der Sache, über die Ledermann ſchon oft mit ihm geſprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt daß von Sol⸗ degg ſelber allerdings nicht das Mindeſte wieder geſehen wäre, ſeit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly, unter einem falſchen Namen in New⸗Orleans ertappt ſei, und einen Schlupfwinkel geſtohlener Güter ver⸗ rathen habe, in dem man auch einen nicht unbeträchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte. Nach allen verſchiedenen Staaten, ſelbſt nach Canada hinauf, war indeß geſchrieben worden, des Burſchen habhaft zu werden, doch umſonſt; entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falſchen Namen, von ſeinem Raube, wo es freilich dem Zufall überlaſſen bleiben mußte, ihn einmal auszuſpüren und zu Tag zu bringen. Herr Fortmann, der übrigens Eltrich gegenüber ſein Incog⸗ nito nicht beibehalten konnte, da Beide ſchon in Heilingen befreun⸗ det, wenigſtens bekannt geweſen waren, wünſchte, wie ſich wohl denken läßt, ebenfalls etwas Neues von dort zu hören, das ihm Hopfgarten denn auch nicht vorenthielt. Während Frau Eltrich nun dem Gaſt, der endlich eingeſtehn mußte, daß er in aller Eile heute auf Amerikaniſchem Boden noch nicht einmal zu Mittag gegeſſen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis herrichtete und ihn ſelber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente, mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort ausſah, was die Leute dort trieben und— wie es vor 153 allen Anderm der Frau Aktuar Ledermann ging, für die ſich Frau Eltrich ganz ſpeciell intereſſirte. „Hm, ja,“ ſagte Hopfgarten lächelnd, und emſig dabei beſchäftigt ein kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen,„gut— ſehr gut— hat ihre Trauer— dieß Huhn iſt wirklich delikat — hat ihre Trauer abgelegt und wohnt jetzt bei ihrem Bruder.“ „Eriſtirt der Lump auch noch?“ frug Ledermann. „Wollte wieder ein Geſchäft eröffnen,“ fuhr Hopfgarten langſam fort,„ſcheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fällen, das nöthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat ſich, auf dringendes Anrathen des Herrn J. G. Wei⸗ gel entſchloſſen, mit ſeiner Schweſter—“ „SDen Teufel auch!“ rief Ledermann von ſeinem Stuhl aufſpringend, und in gäher Angſt den Schluß des Satzes er⸗ rathend. „Mit ſeiner Schweſter,“ fuhr Hopfgarten ruhig fort, „nach Amerika auszuwandern.“. „Was für ein rührendes Wiederfinden das werden würde, Herr Ledermann,“ lachte dieſen Frau Eltrich ſchel⸗ miſch an. „Man ſoll den Teufel nicht an die Wand malen,“ rief aber der Aktuar wirklich beſtürzt—„eollere Sachen ſind ſchon vorgefallen, und mir bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen.— Aber— nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß? das iſt Ihr Ernſt nicht.— Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau e 154 Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?“ „Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache ſchon ſo gut wie abgemacht war; das Ziel aber, ſoviel wie ich da⸗ von erfahren konnte, lag nach den nördlichen Staaten, New⸗ York oder Baltimore, wo Sie denn hier allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie ſehen, genau nach Allem erkundigt.“ „Der Henker traue,“ rief Ledermann, unruhig im Zim⸗ mer auf⸗ und abgehend,„wenn die Frau erſt einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir getxennt iſt, findet ſie mich auch wieder heraus, und wenn ſie nur erſt einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.“ Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angſt des armen Teufels, der eine, vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr ſchon jetzt heraufbeſchwor, ſich ſelber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm verſicherte, der Schiffsakkord für ſeine Frau wäre erſt für das nächſte Jahr ab⸗ geſchloſſen, bis wohin noch mancher Tropfen Waſſer den Berg hinunter fließe. Uebrigens chien kein Menſch in ganz Heilin⸗ gen, ſeiner Betheuerun ch eine Ahnung zu haben, daß der en nach Amerika geflüchtet ſei. den in ſolcher Art 3 eben nicht mistrauiſchen Heilingem 155 keinen Zweifel mehr übrig gelaſſen zu haben. Dr. Hayde be⸗ ſonders hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings etwas ſchlecht ſtyliſtrten Artikel im Tage⸗ blatt zu ſchreiben, worin er nachwieß, daß der Selbſtmord nur eigentlich, trotz einzelner Ausnahme⸗Fällen, ein durchaus bürgerliches Laſter ſei,(und ſpäter dafuür von ſeiner Regie⸗ rung den gelben Sperlings⸗Orden fünfter Klaſſe erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewieſen, doch außer allen Zweifel geſetzt. Es dachte ſich in der That Nie⸗ mand die Möglichkeit eines anderen Falles, und Thereſe Ledermann ſelber, wenn ihr ja einmal ein ſolcher Gedanke dunkel und unbeſtimmt vor der Seele aufgeſtiegen ſein ſollte, verwarf ihn eben ſo raſch wieder. Wo hätte Ledermann den Muth herbekommen, ſich ihrem Regiment auf eine ſolche Weiſe zu entziehn. 8 Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger arbeite, ſich ſo raſch und glänzend heraufgeſchwungen habe, und dieſer, ſeine kleine Frau dabei raſch zu ſich nieder auf ſeinen Stuhl ziehend, gab ihm gern Beſcheid.— Vor allen Dingen erzählte er ihm ſeine erſte Landung, wie ſie, durch das viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelaſſen hätten, auf dem, von einen Neger gezogen, ihre ſämmtlichen Sachen, ſelbſt ſein Inſtrument, gelegen. Der diebiſche Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder, tootz allen Nachforſchungen, aufzufinden geweſen. In er 156 ungeheueren Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die geringſte ernſtliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall ſte auf die Spur des Diebes brin⸗ gen können. Dort begann eine ſchwere Zeit, beſonders für ſeine arme Frau, die, von allem entblößt, mit dem Kinde der dringenſten Noth entgegen ging. Noth aber lehrt nicht allein beten, ſon⸗ dern mehr noch arbeiten, und feſt entſchloſſen, ſich durch Nichts beugen zu laſſen, ſondern dem Schickſal feſt und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit ganz andern Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl ſchlu⸗ gen, in der Stadt herum Arbeit zu ſuchen; Arbeit wie ſie vorkam, hart oder leicht, nur Brod zu verdienen, für ſich und die Seinen. Nach einiger Anſtrengung gelang ihm das auch — er wurde zuerſt auf einem Flatboot zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das beendet war, fand ſich Arbeit auf einem anderen, und ihre Eriſtenz war wenigſtens geſichert. 8 Aber er brauchte mehr als das— er mußte Geld ver⸗ dienen, wieder eine Violine, und zwar ein tüchtiges Inſtrument zu kaufen; er mußte Geld verdienen, ſich wieder anſtändige Tuch⸗Kleider anzuſchaffen, in denen er Beſuche machen konnte, und ſeine Finger, die ihm ſpäter in ſeiner Kunſt ſein Brod verdienen ſollten, ruinirte er indeſſen mit Fäſſer rollen und dem ſcharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdroſſen, ſchaffte und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der br den Sonne, und ſparte jeden Cent, den ſie nicht noth⸗ ——— 157 wendig zum Leben brauchten, während ſich die Frau ebenfalls Mihe gab Geld zu verdienen, und es endlich möglich machte, erſt von der Frau des Hausbeſitzers, und dann durch dieſe em⸗ pfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäſche zum Wa⸗ ſchen und Plätten zu bekommen.“ „Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,“ erzählte Eltrich,„denn während ich meinem nächſten Ziel, mir wieder ein Inſtrument und uns beiden an⸗ ſtändige Kleider zu kaufen, wohl entgegenrückte, ſah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunſt, die mit ziemli⸗ chem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüſtet, an⸗ kamen, eine Weile ſich ſchwimmend über Waſſer hielten, und dann ſpurlos verſchwanden. Ich wußte dabei nicht, ob ſie untergegangen, oder nur von der Strömung mit fortgeriſſen waren, und mußte mir zu meiner Beſchämung geſtehn, daß ich wahrſcheinlich jetzt mit meiner Hände Arbeit, als gewöhn⸗ licher Tagelöhner, mehr verdiente, wie es mir möglich ſein würde mit meiner Kunſt zu erſchwingen; nichts deſtoweniger ließ ich den Muth nicht ſinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab unſerer Wirthin, die ſich überhaupt ſehr freundlich gegen uns bewieß, Clavierunterricht, da ſie dorthin unſeren Knaben mitnehmen konnte. Unſer Schickſal war dabei durch unſere Wirthsleute bekannt geworden, und ich wurde von dem Eigenthümer unſerer Wohnung eines Abends, wo ich gerade von der Arbeit zu Hauſe kam, aufgefordert, in einer Geſellſchaft, die er gab, zu ſpielen. Ein Inſtrument ſollte ich dort vorfinden, und leichte, anſtändige Sommerkleider beſaß 158 ich ſchon, Dank unſeren Erſparniſſen; aber meine Finger waren ſteif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken kön⸗ nen, im Kopf herum— trotzdem nahm ich, mit einer mir ſelbſt jetzt noch unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnſucht, wieder einmal einen Bogen in der Hand zu füh⸗ len, mochte wohl größtentheils die Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau ſchuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften ſtand, unſere Lage zu verbeſſern, und dadurch geſchah vielleicht der erſte Schritt. Die Geſellſchaft verſammelte ſich ziemlich zahlreich, und ich ſpielte, zu Adelens Entſetzen, aber aus ſehr natürlichen Gründen, ſpottſchlecht. Nichts deſtoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich— ſie wußten ja, daß ich den Tag über Porkfäſſer gerollt und Maisſäcke geſchleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine zum Ueben, bis ich mir ſelber eine kaufen konnte, und— veranſtaltete heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich ſpielte, und es ging nicht allein vortrefflich, ſondern ich kam dadurch auch plötzlich und eigentlich ganz unerwartet in den Beſitz eines Capitals von hundert und einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben beginnen konnte. Am nächſten Tage mußte ich freilich noch einmal Fäſſer rollen — ich hatte dem Mann verſprochen gehabt zu kommen und hielt auch Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Exiſtenz. Allerdings ſtand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die Amerikaner und Franzoſen, mit denen wir 8 159 bekannt geworden, und die doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Maſſe der gewöhnlichen Einwanderer gehörten, nahmen ſich unſerer auf das Herzlichſte an. Ich ſowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Ma⸗ dame Fleurette, unſere freundliche Wirthin, ließ es ſich nicht nehmen, den Knaben indeſſen bei ſich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner Frau zuſammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künſtler als ich, kaum die Ko⸗ ſten ſolcher Abende herausgeſchlagen, traf ich Zeit und Um⸗ ſtände ſo glücklich, daß ich das erſte Mal einen Ueberſchuß von zwei⸗, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf in New⸗Orleans, und um kurz zu ſein, zuletzt die Stelle am hieſigen Franzöſiſchen Theater, mit einem recht anſtändigen Gehalt, habe dabei Stunden zu geben, ſo viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.“ Hopfgarten ſprach ſeine innige Freude über das glückliche Gedeihen in Eltrichs Verhältniſſen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe.— „Herr Steinert iſt ein Lump,“ ſagte da Eltrich,„und Mehlmeier, trotz einigen Eigenheiten, die er an ſich haben mag, ein Ehrenmann. Wie Mehlmeier im Unglück war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten, hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angeſehn, und ſich ſeiner Bekannt⸗ ſchaft geſchämt; ihn jetzt aber, wo ſich Mehlmeier herausge⸗ arbeitet hat, ſchon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier 160 in ſeiner Gutmüthigkeit läßt ſich auch beſchwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug werden, und aufhören ſein Geld in dieſen Schmuzbrunnen zu werfen.“* „Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,“ ſagte Ledermann,„davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, ſchon mehre recht traurige Beiſpiele geſehn. So traf ich heute Morgen erſt wieder einen alten Bekannten, und früher ſehr wohlhabenden Mann aus oder bei Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten Verhältniſſen in Deutſchland zurückließ.“ „Lobſich?— hier in New⸗Orleans?— was iſt mit dem?“ rief Hopfgarten. „Kennen Sie ihn?“ 1 „Von Milwaukie her— das iſt ja derſelbe Wirth, ii deſſen Hauſe ich verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er ſein Gaſthaus aufgegeben?“ 1 „Seine Frau, die das Ganze zuſammengehalten zu haben ſcheint, iſt ihm geſtorben,“ ſagte Ledermann,„und der Mann hat dann wahrſcheinlich durch den Trunk— denn er taumelte ſelbſt hier, als ich ihn ſah— ſein Geſchäft nach und nach ruinirt.“ „Hat er Sie geſehn?“ frug Hopfgarten lächelnd. „Brille und Bart haben mich ſehr verändert,“ erwiederte Ledermann etwas verlegen;„ich kann darin ziemlich ſicher ſein; dennoch fühle ich mich nicht wohl hier, und werde mich wahr⸗ ſcheinlich in nächſter Zeit weiter in das Innere zurückziehn; es kommen doch faſt zu viel Bekannte hierher.“ 161 Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzäh⸗ len, was er von den hieſigen Verhältniſſen ſeiner Bekannten wußte, und beſonders intereſſirte ihn dabei Hedwig Loßenwer⸗ ders glückliche Verbindung, die ſie in eine angenehme und un⸗ abhängige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe für Hedwig von Clara, wie die Hinterlaſſenſchaft ihres Bru⸗ ders bei ſich; ebenſo die in den geleſenſten deutſchen Blättern veröffentlichte Erklärung der Gerichte ſelber, nach denen der damals angeſchuldigte, und durch unglückliche Umſtände zum Selbſtmord getriebene Franz Loßenwerder von jeder Schuld an dem ihm zur Laſt gelegten Diebſtahl freigeſprochen, und ſein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr Dollinger ſelber hatte dann noch eine eigene Erklärung erlaſſen, und überhaupt Alles gethan, was in ſeinen Kräften ſtand, wenigſtens das Andenken des armen unglücklichen Men⸗ ſchen von jedem böſen Leumund zu befreien, und ſeinen ehrli⸗ chen Namen wieder herzuſtellen. Ein einfacher Stein auf ſei⸗ nem Grabe erzählte ebenfalls in kurzen ſchlichten Worten ſeine Leidensgeſchichte, und was er unſchuldig getragen— guter Gott, er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das Unrecht nicht ungeſchehen machen, das ein armes, treues Menſchenherz in Gram und Schmerz ge⸗ brochen. Wie froh, aber auch wie ſchmerzlich mußte die arme Hedwig eine ſolche Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau, die ſie ſchon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der ſie auch in New⸗Orleans öfter zu⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 11 162 ſammengekommen, heute Abend mit dem jungen Hamann hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich verſtand ſich gern dazu, und er und Hopfgarten beſchloſſen aaugenblicklich hinüber nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen. Ledermann hatte noch einige Geſchäfte zu beſorgen, verſprach aber auch gegen Abend zu⸗ rückzukommen und dieſen in ihrer Geſellſchaft zu verbringen. Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, öffnete ihnen das junge Quadroon⸗Mädchen die Thür. „Wetter noch einmal, was iſt das für ein liebes freund⸗ liches Geſicht,“ ſagte Hopfgarten, als ſie draußen auf der 4 Straße waren, und dem nächſten Omnibus zugingen,„doch mit Negerblut in den Adern.“ „Es iſt das erſte gute Werk, das ich in Amerika habe thun können,“ lächelte Eltrich,„ eine dirch mich befreite Sclavin.“ „Was?“ rief Hopfgarten, ſich raſch und erſtaunt nach ihm umdrehend,„das hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie ſchon Zeit zu Entführungen gehabt— davon haben Sie mir ja kein Wort erzählt.“ „Die Sache hat auch keineswegs einen ſolchen poetiſchen Hintergrund— ich habe ſie, mit Hülfe meines früheren Wir⸗ thes, der mir die Hälfte der Summe vorgeſtreckt, gekauft, und dieſe zweite Hälfte arbeitet ſte nun ſelber ab, ſo daß ſie, mit den Geſchenken, die ſie bekommt, denn alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, ſchon wahrſcheinlich in zwei Jahren, vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin 7 ſein wird. Ich erzähle Ihnen die Geſchichte ein ander Mal, denn hier iſt unſer Omnibus, der uns hinüber nach Paxetit⸗ ville nehmen ſoll.“ Sie ſtiegen in den ſchon ziemlich gefüllten, auf Rädern geſtellten unförmlichen Kaſten, der dazu diente, Paſſagiere von* einem Ende der Stadt zum andern zu befördern, und mußten eng zuſammenrücken, da der Burſche hinten am Schlag hinein beförderte, was eben Paſſage bezahlte, gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot. Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, daß ihre Kniee ineinanderpreßten, ſaß ein ſehr anſtändig ge⸗ kleideter Mann, der Hopfgarten ungemein bekannt vorkam. Auch dieſer fixirte ihn und Eltrich in der ſchon einbrechenden Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem letztern die Hand entgegenſtreckend ſagte er freundlich: „Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reiſegefährten ſind— Herr Eltrich— Herr von Hopfgarten— nicht wahr?“ „Leupold, wahrhaftig!“ rief Eltrich, raſch und freundlich die dargebotene Hand nehmend und ſchüttelnd,„wir haben uns nicht geſehn ſeit wir das Schiff verlaſſen; wie geht es Ihnen?“ „Körperlich recht gut,“ ſagte Leupold, doch ein recht wehmüthiger Zug um den Mund ſtrafte ihn Lügen dabei, oder verbarg mehr als er ſagen wollte. „Sie ſind hier in New⸗Orleans etablirt?“ frug ihn Hopf⸗ garten. „Ja, Herr Baron, und ich muß geſtehen, ich habe viel 11* 164 Glück gehabt— wie man hier ſo im gemeinen Leben ſagt— in meiner Familie aber deſtomehr Leid.“ „Iſt Ihre Mutter krank geworden?“ frug Eltrich. „Sie ſtarb vorigen Herbſt am gelben Fieber;“ erwiederte Leupold,„auch ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren, und den ich an Kindesſtatt zu mir ge⸗ nommen hatte, nur irgend Jemand zu haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie ſind Alle todt, und ich arbeite jetzt eigentlich für weiter Nichts, als eben zu eſſen und zu trinken.“ „Doch ſonſt geht es Ihnen gut?“ frug Hopfgarten. „Was pecuniäre Verhältniſſe betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkom⸗ men konnte. Ich ſelber hatte eine ſtille Hoffnung, daß mich Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck und Ziel ſich ſo allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott weiß wie vielen Leichen, fertigte Särge ſo viel ich mit vier bei mir ausharrenden Geſellen fertigen konnte, und verdiente ungezähltes Geld in der Zeit— ich ginge auch gern zurück nach Deutſchland, aber— ich habe den Muth nicht dazu— ich werde die nächſte gelbe Fieberzeit noch abwarten, und ſehen was da wird.“ „Sie fühlen ſich nicht wohl in Amerika?“ ſagte Hopf⸗ garten mitleidig. „Wie ſoll man ſich da wohl fühlen, wenn man Alles verloren hat, was Einem noch lieb und theuer auf dieſer Welt war, und für das nur einzig und allein man arbeitete. 4 * 165 Das Amerika iſt ein recht guter Platz Geld zu verdienen, wenn man fleißig iſt, aber das iſt auch Alles; ja wenn es mir in Deutſchland ſchlecht gegangen wäre.— Aber ich will Ihnen nicht die Ohren voll lamentiren— überhaupt iſt hier die Straße, wo ich ausſteigen muß. Es hat mich herzlich ge⸗ freut Sie wieder einmal begrüßen zu können!“ Er reichte ihnen die Hand, ſchüttelte ſie freundlich, und drängte ſich dann durch die ihm mürriſch Raum gebenden Paſſagiere der Thüre zu, den Omnibus zu verlaſſen. „Dem armen Mann iſt Amerika theuer zu ſtehn gekom⸗ men,“ ſagte Eltrich traurig,„lieber Gott, wenn ich mich in ſeine Lage ſetze, kann ich mir recht gut denken, wie furchtbar es ihm ſein muß, jetzt ſo allein und verlaſſen dazuſtehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er Niemanden hat, der es mit ihm theilt, für den er ſpart.“ „Es iſt ſeine eigene Schuld,“ ſagte aber Hopfgarten achſelzuckend,„er hat uns ſelbſt erzählt, daß es ihm in Deutſch⸗ land nicht ſchlecht gegangen wäre; weshalb wandert er da aus?— Das kommt von dem thörichten Misvergnügtſein ohne Grund.“ „Lieber Gott, es läßt ſich da doch Manches zur Entſchul⸗ digung ſagen,“ ſeufzte Eltrich,„wir könnten es auch den Trieb ſich zu verbeſſern nennen, den doch jeder Menſch in der Bruſt mit herum trägt— warum ihm den ſchlimmſten Namen geben? Thäten die daheim, deren Pflicht es wäre, für das wahre Glück der Völker zu ſorgen, etwas mehr ihren Unter⸗ thanen das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten ſie, 166 daß das„Von Gottes Gnaden“ nicht nur auf ein Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als auf etwas ganz Beſonde⸗ rem— wie oft nur auf etwas ſehr Gewöhnlichem— ſondern niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinſte unſchein⸗ barſte Wieſenblume. Stäke mit einem Wort einer Maſſe Menſchen da drüben nicht der verdammte Dünkel zu feſt in der Stirne aus einem ganz beſonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu ſein, Tauſende würden nicht daran denken, die Heimath zu verlaſſen, ſondern in einer möglich bürgerlichen Eriſtenz gern und freudig ausharren. Die Noth treibt viel⸗ leicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große Waſſer, der Ekel das andere— und das gerade thut Deutſch⸗ land weh— unendlich weh, denn was für wackere Kräfte ſind ihm dadurch verloren gegangen.“ „Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,“ lachte Hopf⸗ garten. „Nein, leider Gottes,“ ſeufzte Eltrich,„die liegen an zweifarbigen Bändchen feſt vor Anker. Der Deutſche theilt ſich in ſeiner Unſchuld in Nähr⸗, Wehr⸗ und Lehrſtand— daß er den Zehrſtand gar nicht dabei berückſichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach Deutſchland zu⸗ rückkamen?“ 4 „Wunderbar,“ lachte der Gefragte,„unendlich wunder⸗ bar— ich gebe Ihnen mein Wort, es kam mir in einem fort ſo vor, als ob die Leute nur Comödie ſpielten— und ſie thun's auch. Wenn man hier aus dem friſchen, freien Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen * 167 hat, aber dem Menſchen doch ſeine freie, ihm von Gott zuge⸗ ſprochene Entwickelung garantirt, wieder hinüber in das abge⸗ theilte, angeblich geordnete Leben kommt, wo die Menſchen wie in Gefachen, mit kleinen darauf geklebten Zettelchen einge⸗ ſchachtelt liegen, ſieht wie die unterſten, bequemſten Gefache fortwährend herausgezogen und gebraucht werden, während auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenſtaub liegt, und dann zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig iſt, und wie es noch eine andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und fröhlich aufathmen dürfen; wenn man ſieht, wie das dort kriecht und ſcharwenzelt, und auf Kindereien ſein höchſtes Ziel ſetzt, wenn man einen Blick wieder auf jenen Beamten⸗Wuſt wirft, der einem in das Kleinſte zergliederten, auf das peinlich kunſtvollſte hergeſtellten und berechneten Räderwerk gleicht— einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wun⸗ dert man ſich wirklich, daß die eigentlichen Menſchen nicht Alle auswandern und das ganze kunſtvolle Beamtenſyſtem, wie ein von Inſekten ſkelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.“ „Und doch wollen Sie wieder nach Deutſchland?“ frug Eltrich. „Es iſt ja das Vaterland,“ ſagte Hopfgarten herzlich, „der Himmel iſt doch nirgends ſo blau, die Erde nirgends ſo grün wie daheim. Sie mögen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbſt zurückfuhr, und in der Nordſee die nackten Sanddünen, den Thurm von Wanger⸗Ooge wieder ſah, hab' ich geweint wie ein Kind— es giebt doch nur ein Deutſchland.“ 168 „Ja, leicht können ſte's nicht todtmachen, rief Eltrich, „aber ich kehre doch nicht dahin zurück.“ „Verſchwören Sie's nicht,“ rief Hopfgarten;„es kommt doch eine Zeit, wo es uns wieder hinüberzieht— das Grab unſerer Väter iſt ein heiliger Platz, wo wir mit beiden Hän⸗ den anfaſſen müſſen, wenn wir unſer Herz davon losreißen wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür bin ich ſchon zu viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurück und lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unſern Frühling, wenn die Lerche an zu wirbeln fängt, wenn die Birken keimen— werden Sie das je vergeſ⸗ ſen können?“ „Ich will's verſuchen,“ ſagte Eltrich ſeufzend,„aber hier iſt unſer Halteplatz— dort in der Straße liegt für jetzt unſer „Deutſches Vaterland.“ „Ein trauriger Erſatz,“ lächelte Hopfgarten, als der Wa⸗ gen hielt, und ſie, an ihrem Ziele angekommen, ausſteigen mußten. — Capitel 7. Meier, Pelz& Co. Es war indeſſen, bis ſie die Straße erreichten, in welcher das„Deutſche Vaterland“ lag, ſchon vollſtändig dunkel ge⸗ worden, denn der kurzen Dämmerung in Amerika folgt raſch und faſt plötzlich die Nacht. Dicht vor der Thür des Gaſt⸗ hauſes ſtanden drei Leute in leiſem, flüſternden Geſpräch, und als ſich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umſah, glaubte er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, be⸗ kannte Geſichter zu erkennen, wenn er ſich auch nicht gleich auf das Wo und Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten ſich aber raſch von ihnen ab, und gingen langſam in daſſelbe Haus, doch nicht in das Schenkzimmer, ſondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach oben in Verbindung ſtand. Natürlich achteten ſie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo 170 ſie den jungen Hamann allein, und mit verſchränkten Armen und finſter zuſammengezogenen Brauen auf und abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit deſſen klei⸗ ner Familie er, wie ſeine Frau, ſchon manchmal zuſammenge⸗ kommen waren, und hörte mit großer Theilnahme, wie jener ſchändliche Verdacht endlich auch öffentlich von dem unglück⸗ lichen Bruder ſeiner Frau gewälzt ſei, und dieſe ſich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit ſolcher Sorge vom Herzen. Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigſtens für ſich ſelber, ablehnen, wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die Herren gern begleiten würde.. „Ich habe heute einen ſchlimmen Aerger und böſen Auf⸗ tritt im Haus gehabt,“ ſetzte er, ſich entſchuldigend, hinzu, „und meinen Barkeeper, einen nichtsnutzigen, frechen Ge⸗ ſellen, den ich, wie ich faſt fürchte, auf verbotenen Wegen er⸗ tappte, zum Teufel jagen müſſen.“ „Ihren Jimmy?“ rief Eltrich—„Gott ſei Dank, daß der Burſche fort iſt; wenn irgend Jemand auf der Welt, ſo hatte der eine böſe, galgenwürdige Phyſionomie, und ich bin feſt überzeugt, er ſtrafte die auch nicht Lügen.“ „Was ich heute von ihm geſehn habe,“ meinte Hamann, „widerſpräche dem wenigſtens nicht, denn ich fand ihn über Tiſch in dem Zimmer einiger meiner„Boarder,“ die, wie ver⸗ muthet wird, viel Geld bei ſich haben, bei einer ſehr verdäch⸗ — 171 tigen Unterſuchung des einen Koffers, für deſſen ſehr hübſche Arbeit er ſich angeblich intereſſirte. Ich bin übrigens froh, den Burſchen, den ich ſonſt noch hätte einen vollen Monat be⸗ halten und füttern müſſen, auf ſolche Art ſo raſch losgewor— den zu ſein, nur muß ich jetzt, bis ich mich morgen nach einer paſſenden Perſönlichkeit dafür umſehen kann, ſelber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen Gefallen,“ ſetzte er dann hinzu,„wenn Sie ſelber zu meiner Frau hinauf gingen und es ihr ſagten; Sie werden ſie jetzt warſcheinlich in meines Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäſte ſind drin beim Abendbrod, und ich muß indeſſen hier in der Bar bleiben; hab' ich aber heut Abend zugeſchloſſen, was heute früher als gewöhnlich geſchehen wird, komme ich noch ſelber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in meinem kleinen Wagen ab. Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leiſten, als die Thür aufging und ein junger Mann herein⸗ kam, Hopfgarten und Eltrich aber kaum erblickte, als er auch ſchon mit einem lauten, etwas exaltirten Freudenruf auf ſie zuſprang, ihre Hände ergriff, und wie es ſchien, ſich alle Ge⸗ walt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen. „Ach Herr von Hopfgarten— ach Herr Kapellmeiſter— welch glückliches Zuſammentreffen— nein, ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie froh ich bin, Sie endlich einmal wieder zu ſehn. Wie geht es Ihnen?— was machen, was treiben Sie— Herr Hamann, darauf müſſen wir ein's trinken, bitte 172 meine Herren, was nehmen Sie— ich habe ja uͤberhaupt hier noch eine kleine Kreide ſtehn—“ „Herr Theobald!“ rief Hopfgarten erſtaunt aus, den Dichter dabei mit einem flüchtigen Blick, eben nicht zu deſſen Gunſten, von oben bis unten meſſend—„wie kommen Sie wieder nach New⸗Orleans?“ „Ich?— lieber Gott, wo kommt man nicht in dieſem verwünſchten Lande hin!“ rief Theobald mit einer gewiſſen Wehmuth aus— „Treibt auf wildbewegtem Meere Auch mein ſchwank⸗gebrecher Nachen, Dräut mir auch der Wogen Schwere, Soll's mich doch nicht muthlos machen— „wo kommt man hier nicht hin?— ſag' ich noch einmal— Sie kennen ja die alte Geſchichte, beſter Baron,„willſt Du in meinem Himmel mit mir leben— à la honheur, aber auf Erden ſind alle Kämmerchen vermiethet— Nichts wie Proſa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher be⸗ gabter Menſch auch noch mit etwas Anderem arbeiten könnte, als mit Spitzhacke und Schaufel. Arbeiten ſchreien ſie— arbeiten, immer nur arbeiten, und was der Geiſt dabei thut, rechnen ſie nicht, das nennen ſie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns ſchon die Gläſer aufge⸗ ſtellt— bitte, was nehmen Sie?“ 173 „Ich danke wirklich herzlich,“ ſagte Hopfgarten ablehnend — Theobald ſah ihm gar nicht danach aus, als ob er ſo viele Sechs⸗Cent⸗Stücke wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ ſein ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Weſen auch noch überdieß darauf ſchließen, daß er ſchon ſelber eigentlich mehr wie ſeine tägliche Quantität getrunken habe— „bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es Lobenſteins geht, was ſie thun und treiben und wie der Profeſſor mit ſeinen Arbeiten vorwärts rückt.“ „Bah— ſo viel für den Profeſſor,“ rief Theobald mit einer wegwerfenden Bewegung—„ein Schwachkopf, der ſich einbildet, von Landwirthſchaft und Poeſie gleich viel zu ver⸗ ſtehn, und wirklich gleich viel davon verſteht. Er iſt ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat ſich auf der Jagd todtge⸗ ſchoſſen—“ „Heiland der Welt,“ rief Hopfgarten entſetzt aus,„das iſt ja furchtbar, und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeſte angingen.“ „Thun Sie auch nicht,“ ſagte Theobald ruhig—„wenn Jemand Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, ſo iſt es der Profeſſor gegen mich; ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen Geiſt geliehen; aber die Rathſchläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur noch eine Zeit lang über Waſſer halten— ſein eignes Gewicht zog ihn in die Tiefe.“ „Und was iſt aus ihnen geworden?“ frug Hopfgarten. „Oh ſie ſind für jetzt wohl noch, ſo viel ich weiß, in In⸗ diana,“ ſagte Theobald,„der Profeſſor wird jedoch jedenfalls 174 gezwungen ſein, ſeine Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.“ Auch Eltrich ſuchte ſich von der Einladung loszumachen, Theobald drang aber auf das Ungeſtümſte in ſie, und da es in Amerika für eine Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an den Schenktiſch. Die Gläſer waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben ſie mit einem höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragiſchen Bewegung, den Arm ausſtrek⸗ kend, rief: „Halt! nicht alſo dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle Gottesgabe unſeren Kehlen zuſenden. Der Geiſt verlangt Geiſt: So fließe denn dieſer edle Trank, Ein perlender Tropfen Himmelsthau, Als Weiheopfer, als Gottes Dank, Den ſchönen Augen der ſchönſten Frau. Wie er zittert im Glaſe, wie funkelndes Blut— Sie, deren Bild uns im Herzen ruht, Lebe hoch!“ „Lebe hoch!“ ſtimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem ſie ihre Gläſer leerten. „Alſo Sie haben auch ein paar ſchöne Augen?“ lachte der Kapellmeiſter,„die Ihnen im Herzen ruhn?“ ſollt' ich ſie am Ende kennen?— an Bord ging einmal ein unbeſtimmtes Gerücht—“ 175 Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und ſtreckte den Arm abwehrend aus: „Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild, Da ruht mit dem Bild auch der Namen, Ein düſterer Schleier decket das zu— Ich bin zu dem Bild nur der Rahmen— aber apropos“— wandte er ſich dann raſcher und lebhafter plötzlich an den Kapellmeiſter—„ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum Komponiren, lieber Eltrich— ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige Lieder von Heine und Freilig⸗ rath reizend in Muſik geſetzt haben, das ſind aber natürlich nur immer gerade zufällig paſſende Sachen, die Sie ſich in Ermangelung eines Beſſeren herausſuchen mußten. In den meinigen werden Sie Deutſchen Geiſt in Amerikaniſcher Hülle finden, etwas Paſſendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich feſt überzeugt bin, Ihre Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein die Wahl zwiſchen einigen funfzig vortrefflichen Sonetten zu geſtatten, ſondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu überlaſſen.“ „Sie ſind ſehr gütig, lieber Theobald,“ ſagte Eltrich, verlegen, wie er das Anerbieten abweiſen ſollte, und doch auch wieder zu gutmüthig, geradezu nein zu ſagen.„Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen einmal gelegentlich durch⸗ ſehe, denn in der nächſten Zeit bin ich zu ſehr mit andern Sachen beſchäftigt, an irgend eine Compoſition denken zu können— 4 176 „Oh gewiß— gewiß,“ rief Theobald raſch—„aber— mit dem Leſen, wiſſen Sie, iſt es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern Leute Manuſcript leſen, und wie ver⸗ ſchieden ſich auch etwas im Manuſcript und Vortrag aus⸗ nimmt. Wie wäre es alſo, wenn Sie mir jetzt ein halbes Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit—“ er holte dabei ein etwa daumenſtarkes, ſehr eng beſchriebenes Ma⸗ nuſcript aus der Taſche— einmal hier flüchtig vorläſe; es würde—“ „Lieber Eltrich,“ drängte Hopfgarten,„wir müſſen hin⸗ aufgehn, es wird die höchſte Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen wollen, und Sie wiſſen, ich habe wichtige Sachen mit ihr zu beſprechen.“ „Sie haben recht,“ rief Eltrich—„wir müſſen uns wahrhaftig heute entſchuldigen, Herr Theobald— wenn Sie mir ſpäter das Manuſcript vielleicht einmal anvertrauen wollen, ſo würde ich— „Ich werde mir ſelber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen Wohnung vorzuleſen,“ ſagte Theobald raſch entſchloſſen—„zu welcher Zeit trifft man Sie am Beſten?“ „Es iſt jetzt ſehr unbeſtimmt,“ ſagte Eltrich, den unge⸗ duldigen Winken Hopfgartens nachgebend und ſeinen Hut nehmend—„vielleicht einnal Nachmittags— alſo auf Wie⸗ derſehn, Herr Theobald— „Auf Wiederſehn, lieber Kapellmeiſter— auf Wiederſehn Herr von Hopfgarten.“ „Gott ſei Dank, daß wir den ſchrecklichen Menſchen los 177 ſind,“ ſagte Hopfgarten, als ſie durch den dunklen Gang, der im Hauſe hin zur nach oben führenden Treppe gingen,„der wäre im Stande geweſen und hätte uns die halbe Nacht ſeine faden Mondſcheinergüße vorgeleſen. Aber— alle Wetter, Eltrich— hier iſt's dunkel— kennen Sie den Weg?“ „Ja— ich bin freilich nur erſt einmal Abends hier oben geweſen, und da dächt ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie nur— hier iſt das Geländer— faſſen Sie mich an— ſo— ſehn Sie?— hier ſteigen wir hin⸗ auf, und nun weiß ich auch Beſcheid, denn gleich oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, iſt die Vorſaalthür, die zu dem alten Hamann führt.“ „Es ſoll nicht beſonders mit ihm gehn,“ meinte Hopf⸗ garten. „Ach der iſt zäh,“ ſagte Eltrich,„der kann noch lange leben; ſehn Sie, da ſind wir ſchon— fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht ganz häßlich ſteil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen, man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!“ und den kurzen Griff faſſend, zog er daran, daß die kleine Glocke drinnen hell und klar ertönte. Alles todtenſtill— kein Laut antwortete. „Sie haben es nicht gehört— ziehn Sie noch einmal,“ ſagte Hopfgarten. Eltrich klingelte noch einmal, ſtärker als vorher, und legte dann das Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne. Gerſtäcker's Nach Amerika. VlI. 1² 178 „Hülfe!“ tönte da ein wilder, markdurchſchneidender Schrei zu ihm herüber—„Hülfe!“ rief es noch einmal, aber mit ſchwacher, gedämpfter, doch nichtsdeſtoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund zu ſchließen ſuchte. „Was iſt das?“ rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls gehört, und ohne ſich weiter zu beſinnen, ohne irgend eine Frage zu thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und führte im nächſten Augenblick einen ſo gut gemeinten und kräftigen Tritt gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er dieſe gleich mit dem erſten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die Breſche paſſirbar, und ſich in wilder Haſt, von Eltrich dicht gefolgt, hindurchdrängend, fand er ſich wenige Secunden ſpäter in dem inneren Raum, den zu durchfliegen und der nächſten Stuben⸗ thür, aus der ein Lichtſtrahl drang, zuzuſpringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden war. Es dämmerte, und am Ufer des Fluſſes gingen, nur die Fronte des einen square haltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme geführten Geſpräch, mit raſchen Schritten auf und ab. Allem Anſchein nach erwarteten ſie Jemanden, der ſich ihnen auch endlich, nach einigem Herüber⸗ und Hinüberſuchen, anſchloß. „Nun, Jimmy, wie iſt's?“ frug der Eine von ihnen, 179 Meier(der Andere war ſein Reiſegefährte Pelz), den eben Ge⸗ kommenen—„wird's noch was heute Abend?“ „Jetzt oder nie,“ flüſterte Jimmy mit leiſer, ängſtlicher Stimme,„denn ſchon heut' Morgen war die Rede davon, daß ſie den Alten am nächſten Tag hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er dort mehr Pflege hätte; wenn das geſchieht, kann kein Teufel mehr dazu.“ „Und lohnt's wirklich?“ frug Meier, noch immer mis⸗ traniſih „Lohnt's?“ wiederholte Jimmy ärgerlich—„glaubt Ihr, daß ich meinen Hals an ſo eine Geſchichte ſetzen würde, wenn's nicht eben was Außerordentliches wäre?“ „Na, ob Dein Hals das gerade iſt,“ brummte Meier. „Jetzt iſt keine Zeit zu Albernheiten,“ ſagte aber Pelz mürriſch,„alſo Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlag genug kriegen können, Jimmy.“ „Ich glaube gar Nichts,“ rief dieſer raſch und eifrig, „ich weiß, daß der Alte in dem einen kleinen, erbärm⸗ lichen Holzſchrank, den er nicht gegen einen eiſernen vertauſcht hat, um ſich nicht in den Verdacht zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in ſeiner Wohnung habe, für vielleicht hunderttauſend Dollar Juwelen, Geld, Papier und Aktien lie⸗ gen hat, und mit einem einzigen Fauſtſchlag kann man den Deckel ſprengen.“ „Und der Alte?“ „Iſt in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, 12* 180 weil ich nicht da bin, in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer, daß Niemand eine Taſſe zu viel trinkt.“ „Ich weiß nicht— mir iſt nicht recht wohl bei der Ge⸗ ſchichte,“ meinte Meier—„ja wenn ich ſelber den Grund und Boden, und die Winkel und Schliche da kennte, wo man hin⸗ ausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär' mir's gerade recht; aber mich ſo von Jemand Anderem in ein ganz fremdes Haus, denn in dem Theil ſind wir doch noch nicht geweſen, hineinführen zu laſſen, das hat mir was verdammt Unbehag⸗ liches. Paſſirt was, ſo drückt ſich Jimmy ſachte ab, und wir Andern ſitzen drin.“ „Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was ſoll paſſi⸗ ren?“ rief Jimmy—„wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im Haus hinaufzugehn; in der Taſche hab' ich den Schlüſſel zur Thür— die ſchließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die Thür vom Alten, der in der Zeit mutterſeelensallein iſt, ſteht auf. „Wenn'ss aber weiter Nichts wäre,“ brummte Meier,„da hätteſt Du ja auch die ganze Geſchichte allein machen, und den Profit allein in die Taſche ſtecken können.“ 1 „Das hätt' ich auch,“ ſagte Jimmy, halb verlegen, halb uürriſch,„aber— es iſt mir ſo ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. Mit einer Hand könnte man ihn zuſammendrücken, und doch— doch fürcht' ich mich vor ihm; ſein Blick ſieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter, und er 181 ſchläft— Ihr moͤgt mich auslachen, wie Ihr wollt— mit einem Auge offen.“ „Vor dem Sohn fürchteſt Du Dich nicht?“ lachte Meier. „Daß ihn der gelbe Jack hole,“ fluchte Jimmy— p„ich vergelte ihm die heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken; er ſoll's noch bereuen, mich auf dieſe Weiſe behandelt zu haben. Doch jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem Schlage ſie⸗ ben gehen die Leute zu Tiſch, und von da bis halb acht ſind wir ſicher; länger keine Secunde. „Und wenn Jemand, indeß wir drinnen ſind, an die Thüre draußen kommt und hinein will?“ frug Meier. „Neben der Stube iſt eine Schlafkammer,“ ſagte Jimmy, und aus dieſer führt eine ſtets offen ſtehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den andern Theil des Hauſes läuft— aber es kommt auch Niemand, zum Donnerwetter noch ein⸗ mal; und wenn auch, ſo wär' vielleicht der junge Tölpel ſel⸗ ber, und dazu ſeid Ihr zwei baumfeſte Kerle, die dem wohl einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden ruhig iſt. Erſt einmal wieder unten auf der Straße, und in der Menſchenmenge, die dort noch auf⸗ und nieder⸗ ſtrömt, iſt eine Verfolgung ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine einzige Wacht⸗ mann⸗Raſſel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals ziehn.“ „Meier ſchien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, ſeine letzten Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz über⸗ — 4 kommen, doch bei Seite geſtellt zu haben, und die drei Män⸗ ner ſchritten jetzt raſchen Ganges, ſich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch an Waſſer, und dann die Straße hinauf, die nach dem„Deutſchen Vaterland“ zuführte. Gerad um ſieben kamen ſie dort an; durch die mit Fla⸗ ſchen und Karaffen beſetzten Fenſter des„Barrooms“ konnten ſte von außen ganz deutlich die kleine Uhr im Innnern erken⸗ nen, die drei Minuten über ſieben zeigte. Dennoch zögerten ſie einen Augenblick, ganz ſicher zu ſein, daß ſie nicht zu früh kämen, und blieben indeſſen vor der Thür ſtehn. Daß der junge Hamann allein in der„Bar“ war, konnten ſie von außen ebenfalls deutlich erkennen; ſo weit ſtand die Sache günſtig genug für ſie, und die Gäſte waren jedenfalls ſchon drin bei Tiſch. Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten ſich nach ihnen um, wandten ſich aber auch faſt unwillkür⸗ lich wieder ab, und ſchritten dem kleinen Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte. „Weißt Du, wer die Beiden waren?“ flüſterte Meier Pelz zu. „ Ja!“ nickte dieſer leiſe—„ein paar alte Bekannte; das ſchadet Nichts— im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um ſo ſicherer an der Flaſche feſt, und in zehn Minuten können wir wieder unten ſein.“ Jimmy führte ſie indeſſen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechſeln, raſch die ſchmale, hölzerne Treppe hinauf, . 3 8 — — 4 13 “ 183 an der oben ein Licht brannte; an dieſem zündete Pelz, wie ſchon vorher verabredet, ſeine eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten ſie ihren Weg wieder fortſetzen, als ſie leichte Schritte auf dem Gange hörten und einen fremden Lichtſchimmer bemerkten, der dieſen herunter und auf dieſelbe Thür zukam, in der auch ihr Ziel lag. „Höll und Teufel,“ flüſterte Jimmy leiſe und ingrimmig vor ſich hin—„das iſt die Madame— was zum Donner⸗ wetter hat denn die heute Abend bei dem Alten zu ſuchen?— Ruhig Leute, wir müſſen hier einen Augenblick warten; ſie wird nicht lange bleiben.“ Es war Hedwig, die mit dem Licht den ſchmalen Gang herüber kam, nach dem Kranken zu ſehn; ſie öffnete mit einem Schlüſſel, den ſie bei ſich trug, die Thür, und ſah ſich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne dieſe zu ent⸗ zünden, den Vorſaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter ſich in's Schloß. „So, jetzt ſitzen wir hier auf der Treppe,“ brummte Meier finſter vor ſich hin,„und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Neſt.“ „Das wär' weiter keine Gefahr,“ flüſterte Jimmy zurück, „wir gingen nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit, wer's geweſen iſt.“ „Und das Geld?“ frug Pelz. „Wäre dann allerdings zum Henker,“ fluchte Jimmy 184 2 zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch, indem er wie⸗ der anfing, ſeine Finger zu knacken.“ „Was zum Teufel machſt du denn da?“ rief ihn mit un⸗ terdrückter, doch zorniger Stimme Meier dabei an,„willſt Du das verdammte Knacken laſſen, das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich als Sturmglocke dabei hätten. Uebrigens ſeh' ich nicht ein, weshalb wir zögern,“ ſetzte er raſch hinzu,„ob die Madame da drin iſt oder nicht, wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir ſind unſerer drei, und mit einer ſolchen Ausſicht vor uns, daß wir künftig von unſeren Intereſſen leben können und eben nur zuzulangen brauchen, ſollte uns das wenigſtens nicht abhalten.“ „Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,“ bat Jimmy, ängſtlich werdend—„Ihr habt mir das ſchon vorher ver⸗ ſprochen, denn damit möchte ich Nichts zu thun haben.“ „Unſinn,“ brummte Meier,„wer ſpricht denn davon? wir verlangen von denen da drinnen weiter Nichts, als daß ſie ein paar Minuten das Maul halten, und dazu können wir ſie ſchon bringen, ohne ihnen gleich den Hals abzuſchneiden.“ „Wenn wir nur noch einen Moment warten,“ ermahnte Jimmy noch einmal;„ſie muß gleich wieder zurückkommen.“ Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, ſondern kauerten eine ganze Weile, dem Nathe folgſam, auf der Treppe, gleich vorſichtig dabei nach oben wie unten horchend, ob ſich kein gefäͤhrliches Geräuſch irgendwo vernehmen laſſe. Es blieb todtenſtill, denn im Haus war Alles im Eßzimmer verſammelt, ——— — 185 die Frau kam aber eben ſo wenig zurück, und Jimmy ſelbſt fühlte jetzt, daß es die höchſte Zeit würde, ihr Vorhaben aus⸗ zuführen, wenn ſie nicht die günſtige Periode des Abendeſſens, und damit Alles verſäumen wollten. So als Pelz endlich er⸗ klärte, wenn Sie nun nicht an's Werk gingen, wolle er mit der Sache nichts weiter zu thun haben, da er hier auf' der Treppe nervös würde, ſtand er langſam auf, bat die Männer noch einmal ſich jeder Gewaltthätigkeit zu enthalten, und ſtieg langſam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen Stufen noch hinauf. Ihrem verabredeten Plane nach ſollten ſie, was ſie auch jetzt thaten, ſo geräuſchlos als möglich die Vorſaalthür öffnen und mit dem Schlüſſel, den Jimmy bei ſich führte, wieder hinter ſich ſchließen, dann über den Vorſaal ſchleichen, wo ſie hatten vorſichtig an der Thür des Alten anklopfen wollen, erſt zu ſehn ob dieſer wache. Da aber das Erſcheinen der Frau dieſen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten ſie nur, ſo leiſe ſte konnten, über den kleinen, dunklen, ſchmalen Vorplatz hin, wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die Thürklinke, und dieſe raſch und plötzlich öffnend, ſprangen alle drei zu gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Be⸗ findlichen auch wirklich nur einen Schrei der Ueberraſchung ausſtoßen konnten, auf ſie zu. Pelz warf ſich dabei auf den Alten, der neben ſeinem Bett auf einem großen Stuhle ſaß, während Meier Hedwig ergriff, ſie an der Kehle faßte und ihr mit augenblicklichem Tode drohte, wenn ſie auch nur einen Laut von ſich gebe. 186 Nicht ſo leichtes Spiel ſollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, ſtets in Furcht beſtohlen zu werden, hatte, ohne daß ſelbſt Jimmy etwas davon wußte, fortwährend ein paar ge⸗ ladene Piſtolen neben ſich auf demſelben Tiſch, auf dem ſeine Arznei ſtand, mit einem ſeidenen Tuch bedeckt liegen, und faſt inſtinktartig nach dieſen in demſelben Moment gegriffen, als er die Thüre ſeines Zimmers ſo plötzlich aufreißen ſah. Span⸗ nen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines ein⸗ zigen Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefähr⸗ lichen Knall des Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geſchehen geweſen, hätte die Piſtole, die da ſchon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht verſagt. Der alte Gauner er⸗ ſchrak aber doch nicht wenig über die nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anſpringenden mit dem linken ausgeſtreckten Arm noch von ſich drückend, nach der zweiten Waffe griff, führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen Kugel einen ſo gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn beſinnungslos zu Boden ſtreckte. Jimmy indeſſen ſprang, ohne ſich weiter um die Uebrigen zu bekümmern, die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeiſen, das er bei ſich führte, brach er dieſen auch raſch und ohne Mühe auf, und leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen Leinwandſack. Hedwig ſah das Alles, wie in einer Art wachen Trau⸗ mes; ſie fühlte dabei, wie die Hand des Mörders, deſſen Ge⸗ —,— — 187 ſicht ſte trotzdem erkannte, auf ihr lag, und vermochte keinen Laut auszuſtoßen, hätte ſie der Bube ſelbſt frei und unberührt gelaſſen. Jimmy arbeitete indeſſen mit einer fabelhaften Ge⸗ ſchäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten ent⸗ hoben dabei half, ſchob in die eigenen Taſchen, was er hin⸗ einbringen konnte, als plötzlich draußen, ſcharf und hell, die kleine Klingel an der Vorſaalthür ertönte. Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder— die Räuber ſchreckten, aufhorchend, empor, und ſelbſt Meier ließ in ſeinem Griff an Hedwig— nur erſt zu wiſſen, welcher Art die Gefahr ſei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieſer Laut wie neues Leben durch die Adern ſchoß, warf mit plötzlicher Anſtrengung den Arm, deſſen Finger ihre Kehle umſpannt hielten, zurück, und ſtieß, unbekümmert um jede Gefahr, die ihr ſelber drohen konnte, jenen wilden gellenden Huͤlferuf aus. „Beſtie!“ knirrſchte Meier zwiſchen den Zähnen durch, und ſuchte mit ſeiner breiten Hand, der ſie ſich umſonſt er⸗ wehrte, ihren Mund zu decken. „Hülfe!“ ſtöhnte Hedwig, und draußen brach und praſ⸗ ſelte in dem Augenblick die dünne Thür zuſammen. „Herr Du mein Gott!“ ſchrie Jimmy, in aller Angſt den Leinwandſack fallen laſſend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an Meier vorbei, und dieſer, der nicht ge⸗ ſonnen war allein in dem fremden Haus im Stich gelaſſen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz an den Beiden 188 vorüberglitt und in die Kammerthür verſchwand, am Kragen feſt.— „Nicht ohne mich, Kamerad!“ knurrte er dabei,„den Weg mußt Du mir wenigſtens zeigen, und daß Du hier, mein Täubchen, uns nicht indeſſen vor der Zeit das ganze Haus über den Hals ſchreiſt, nimm das indeſſen,“ und ſie loslaſſend führte er, während er ſprach, einen gewiß gut ge⸗ meinten Schlag mit der Fauſt nach der Stirn der jungen Frau, der dieſer wahrſcheinlich verderblich geworden wäre, wenn ſie nicht, die Gefahr ſehend, ihren Kopf unter ſeinen linken Arm geworfen, und ſich feſt an ihn angeklammert hätte. „Hülfe, Hülfe!“ ſchallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene Leben ringend und Jimmy, den Moment be⸗ nutzend, riß ſich von Meiers Griff los, und ſprang ebenfalls in die Kammer, während dieſer indeß umſonſt verſuchte die Frau von ſich abzuſchütteln oder in den Schwung ſeines, nach ihr ſchlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre ſchwachen Kräfte zu wilder verzweifelter Anſtrengung getrieben, hielt ihn feſt umklammert, und Meier, endlich ſelbſt zum Aeußerſten ge⸗ bracht, riß ein Meſſer aus ſeinen Gürtel, als die Stubenthür auf⸗ und Hopfgarten in denſelben Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben ſo raſch auf ihn gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog. Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, ſo gut das im Augenblick ging, abwehrend, warf er ſich mit dem ganzen Gewicht ſeines Körpers ſo voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den ſonſt viel ſtärkeren, jetzt aber auch noch 189 durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln brachte, und Meier fand ſich, wenige Secunden ſpäter unter den ihn feſt niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit ſeinem Meſſer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen Haus ſchon die Leute, durch das Geſchrei aufmerkſam gemacht, herbei und zur Hülfe ſtrömten. „Hopfgarten,“ ſtöhnte indeß der Räuber, in der An⸗ ſtrengung ſeine Arme wenigſtens frei zu bekommen, und mit der Angſt jetzt vor der gerechten Strafe,„laſſen Sie mich los — ich— ich weiß, wen Sie ſuchen— ich weiß— ich weiß wo er ſteckt. Henkel iſt hier in der Stadt— aber— heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier— laſſen Sie mich frei, und ich ſage Ihnen, wo Sie ihn finden können!“ „Alle Wetter!“ rief Hopfgarten überraſcht,„da könnte man einen Wolf mit dem andern fangen.“ „Glauben Sie doch nicht was der Schurke ſagt,“ rief aber Eltrich, der das warme Blut an ſeiner Schulter nie⸗ derrieſeln fühlte,„der Burſche iſt zum Galgen reif— Hülfe — Hülfe hierher!“ Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anſtrengung des Räubers, aber die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, und nicht verſchloſſen geweſen war, wurde in dieſem Augen⸗ blick von den herbeiſtürmenden Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, geſprengt, während von der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeiſprangen. Wenige Minuten ſpäter war das Zimmer mit Menſchen gefüllt, und Hopfgar⸗ ———— 190 ten und Eltrich, den Gefangenen der Maſſe überlaſſend, konn⸗ ten jetzt daran denken das wild umhergeſtreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in Sicherheit zu bringen. Die indeſſen ohnmächtig gewordene Frau ſahen ſie in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgeſtreckten alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufge⸗ hoben und auf ſein Bett getragen. Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Conſtabler mitgekommen, die ſich als ſolche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in Gewahrſam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle Geſtalt zum Haus hinaus⸗ laufen ſehen, und Einige unter dem, nach dem Hof zuführen⸗ den Kammerfenſter eine goldene Uhr gefunden, die der Räu⸗ ber dort wahrſcheinlich, nach einem verzweifelten, aber glück⸗ lich abgelaufenen Sprung aus dem Fenſter, verloren haben mußte. Nur erſt als ſich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühun⸗ gen ihres Gatten wieder ſoweit erholte ſprechen zu können, erfuhren ſie, daß drei Männer: der Gefangene, ein früherer Reiſegefährte Pelz, und ihr heute fortgeſchickter Barkeeper, die Räuber geweſen ſeien. Hopfgarten, der ſich indeſſen mit dem alten Mann beſchäftigt hatte, fand in dieſem Augenblick die Wunde an ſeinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick mehr zweifeln, daß er todt ſei. Die Verwirrung, die jetzt folgte, iſt kaum zu beſchreiben, Alles ſchrie und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken feſtgeſchnürten Ellbogen konnte nur wirklich durch 191 die Conſtabler vor der Wuth der Bürger geſchützt werden, die große Luſt hatten, ihn gleich an Ort und Stelle, als warnen⸗ des Beiſpiel aus dem Fenſter hinauszuhängen. Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten ſehr ſtarke Kammerthür verſchloſſen geweſen, und erſt von den zur Hülfe Eilenden durch gemeinſames Dagegenwerfen geſprengt war, jedenfalls mit ſeinem anderen Kameraden, Pelz, aus dem Fenſter in den Hof hinunter entkommen ſein, denn aus der Thür hatte er nicht entfliehen können. Die Conſtabler kann⸗ ten ihn aber, und verſprachen dem jungen Hamann ihr Mög⸗ lichſtes zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuſchneiden, und ihn in den unzähligen Diebeswinkeln, die New⸗Orleans hat, herauszuſtöbern. Der Gebundene ſollte jetzt abgeführt werden, und Hopf⸗ garten, die erhaltene Wunde im Oberarm, durch deſſen dickes Fleiſch das Meſſer gefahren war, gar nicht achtend, ſuchte ihn dahin zu bringen, ihm Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum wiſſe, mitzutheilen. „Geht zum Teufel,“ knurrte ihn aber der Gefangene an, „macht mit mir was Ihr wollt, Ihr habt mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch Gefälligkeiten von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig geweſen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber die Zunge aus dem Halſe reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen beantworte. Hole Euch Alle der Henker.“ „Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Burſche,“ ſagte der eine Conſtabler, ein Deutſcher, indem er ihn vor ſich —pyj 192 her ſtieß.„Fort mit Dir; was aus Dir herauszukriegen iſt, werden wir ſchon kriegen, hab' keine Furcht; mit ſolcher Art wiſſen wir ſchon umzugehen. Herr Hamann, Sie werden gut thun ſich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß man ſie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange auf ſich warten laſſen. Einer von unſeren Leuten mag indeſſen noch vor der Hand unten im Haus blei⸗ ben, vielleicht iſt doch noch etwas von Einem der andern bei⸗ den Burſchen aufzufinden. Jedenfalls müſſen wir uns genau überzeugen, wo die Herren heraufgekommen ſind, und mit wel⸗ cher Huͤlfe, und ob ſie nicht im Haus noch andere Helfers⸗ helfer haben.“ Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt, und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu verlaſſen und bei ihm und ſeiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem raſch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu verbinden hatte, den freilich vergeblichen Verſuch, ſeinen Vater in's Leben zu⸗ rückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeſchlagen und augenblicklichen Tod herbeigeführt. Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa ſechzehn Fuß hohen Fenſter hinuntergeſprungen ſein mußten, war indeſſen auch nichts weiter zu erkennen. Das Fenſter ſtand offen, und ließ, mit der unten gefundenen goldenen Uhr aller⸗ dings keinen Zweifel uber die Art der Flucht; obgleich aber der Hof nicht gepflaſtert, und der Boden ziemlich weich war, hatten —— NX 193 doch die ſeit der Zeit darauf herumgeſchwärmten Menſchen Alles derart zertreten, daß es ſich nicht mehr unterſcheiden ließ wohin ſich die Beiden gewandt. Das Wahrſcheinlichſte blieb übrigens, daß ſie durch den ſchmalen Gang auf die Straße ge⸗ flohen wären, und eine Verfolgung war dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächſte Ecke, und die Räuber konnten in dem Menſchengedränge der Straße ihren Weg ruhig und unbeachtet fortſetzen. Der junge Hamann hatte indeſſen ſeine arme kleine Frau, deren zarte Glieder der rauhen Behandlung des Buben faſt erlegen waren, auf ihr Zimmer gebracht, und ſie dort der Pflege von ein paar im Hauſe wohnenden Frauen, die ſich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu dem Todtenbette ſeines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die bei⸗ den Freunde bat, ernſtlich nach ihren Wunden zu ſehn, daß ſich dieſelben nicht durch Vernachläſſigung verſchlimmerten. In der Aufregung aber, in der noch Beide waren, dachten ſie kaum an die Fleiſchriſſe, ließen ſich jedoch von dem Arzt einen Ver⸗ band darum legen und ſuchten dann wieder den Sohn über den ihn betroffenen Verluſt zu tröſten. Der junge Hamann, mit der erſten wilden und aufreizen⸗ den Erregung vorüber, ſaß, in ſich zuſammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem Bett, auf dem der Ermordete lag, und ſtarrte mit feſt und krampfhaft auf den Knieen zu⸗ ſammengefalteten Händen ſtill und ſchweigend vor ſich nieder. „Lieber Herr Hamann,“ ſagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend und ſeine Hand ergreifend,„geben Sie ſich Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 13 ͤʒGʒf„fß 194 Ihrem Schmerze nicht alſo hin. Es iſt ein trauriges Geſchick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa tröſten,“ ſetzte er freundlich und theilnehmend hinzu,„Ihr Schmerz muß ſein Recht und ſeine Zeit haben— ich weiß das gut genug, und gerade die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen— aber man muß ihm auch nicht in dem erſten Moment ſo ganz die Gewalt über ſich laſſen, denn gerade dann iſt er am gefährlichſten, und füllt uns das ohnedieß genug gequälte Herz mit bitterer Angſt und Weh zum Ueberlaufen voll.“ „Mein armer, armer Vater,“ ſtöhnte Franz,„und auf ſo ſchmähliche, ſchändliche Weiſe um ſein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in Spannen zugemeſſen war.“— „Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,“ ſagte Eltrich;„der deutſche Conſtabler hatte alle Hoff⸗ nung Ihren ſauberen Barkeeper wenigſtens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau zu kennen, die jener fre⸗ quentirt, und wir haben ihm auf die Seele gebunden, kein Geld zu ſparen, den Schurken aufzufinden, ehe er vielleicht im Stande wäre New⸗Orleans zu verlaſſen.“ Eine eigen, wunderliches Geräuſch ſchallte in dieſem Au⸗ genblick durch das ſtille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von ſeinem Stuhle auf. „Was haben Sie?— was iſt?“ frug ihn Hopfgarten erſtaunt.“ „Hörten Sie Nichts?“ flüſterte Franz, mit geöffnetem 195 Mund und ausgeſtrecktem Arm, ein regungsloſes Bild der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. „Hoͤrten?— was?“ rief Hopfgarten, ſich ebenfalls überall in dem leeren Raume umſchauend. „Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern ſchnalzte,“ ſagte Eltrich. „Das war Jimmy!“ ſchrie aber Franz, wild auffahrend, „ich will nicht ſelig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die Thüren, Herr von Hopfgarten— um des Heilands Willen an die Thüren— der Bube iſt hier noch im Zimmer verſteckt!“ „Aber wo?“ rief dieſer, den jungen Mann erſtaunt an⸗ ſehend. „Haben Sie dort in dem Kleiderſchrank?— haben Sie hier unter dem Bette nachgeſehn?“ „Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.“ „Er iſt hier, ich ſchwöre es Ihnen zu,“ rief aber Franz, ich kenne das unſelige Knacken, durch das ſich der Bube jetzt verrathen hat,“ und das Licht vom Tiſch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten, unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die klägliche Stimme des dort verſteckten, und alſo ertappten Barkeepers jedem wei⸗ teren Zweifel der Männer ein Ende machte. „Ach mein beſter, beſter Herr Hamann,“ flehte dieſer mit winſelnder, kläglicher Stimme,„ich bitte Sie doch um 1 tauſend und tauſend Barmherzigkeits Willen, haben Sie Er⸗ barmen mit einem unglücklichen, verführten, zu Grunde ge⸗ 13* 196 richteten Menſchen— oh Jeſus, oh Jeſus, thun Sie mir Nichts— ich will ja vorkommen, ich will ja Alles geſtehn, Alles was ich weiß— Alles herausgeben was ich habe— — thun Sie mir nur Nichts.“ „Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als dieſen Menſchen?“ rief Franz, das Licht auf den Tiſch zu⸗ rückſtellend, und mit zuſammengeſchlagenen Armen jetzt, wo er ſeines Opfers gewiß war, ein paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben vorzukommen. „So was iſt mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!“ rief Hopfgarten erſtaunt aus,„der Menſch verdiente wahrhaftig allein ſeiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.“ „Ach beſter Herr, bitten Sie— bitten Sie für mich!“ ſchrie Jimmy, der jetzt raſch vorgekrochen war, ſich an das Wort klammernd, indem er gegen Hopfgarten an auf den Knieen fortrutſchte, und die Hände verzweifelnd rang.„Ja ich bin zu dumm, ich bin zu entſetzlich dumm, und habe mich ja allein verführen laſſen zu dem ſchlechten, nichtsnutzigen Streich— o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit!“ Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und Jimmy, der mit ſcheuem Blick der Richtung des Armes folgte, ſah kaum die furchtbare Löſung der Bewe⸗ gung, als er auch mit einem wilden Aufſchrei des Entſetzens, „Herr Jeſus— mein Herr Jeſus,“ nach dem Bette zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und ſchleuderte ihn mit unwiderſtehlicher Kraft davon ab. 197 „Zurück von da!“ zürnte er dem winſelnd Niederbrechen⸗ den zu,„feiger, erbärmlicher Mörder— rühre die Leiche nicht an!“ „Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unſchuldig, ich bin unſchuldig!“ ſchrie aber Jimmy,„ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher, gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder— bei Allem was mir und Ihnen heilig iſt, ſchwöre ich es Ihnen zu, ich bin unſchuldig an dem Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und theuer verſprechen müſſen, kein Blut zu vergießen.“ Hopfgarten, der die Zerknirſchung des Burſchen zu be⸗ nutzen wünſchte, forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen und geſchehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor ſich, eine furchtbare Angſt über ſich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles was er wußte, von dem Augenblick an, wo er ſich mit ſeinen beiden Helfershelfern beſprochen, bis wo ſie auf der Treppe Hedwig hatten in das Zimmer gehn ſehn, und in der Beſorg⸗ niß, die Zeit nicht zu verſäumen, eingebrochen waren. Was in dem Zimmer ſelber geſchehen ſei, davon wollte er keine Sylbe wiſſen, und ſchwur und winſelte wieder, bei Allem was er über und unter der Erde zu ſchwören fand— und er ſprach dießmal die Wahrheit— daß er nur Hals über Kopf geſucht habe Schmuck und Geld, was in dem Secretair gelegen, in ſeinen Leinwandſack hineinzupacken. Pelz und Meier hätten —ſſſ———— 198 es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer befindlichen Perſonen indeſſen ruhig zu halten. Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefäl⸗— ligkeit, den Conſtabler heraufzuholen, indeß ſte Beide den Bur⸗ ſchen bewachen wollten; Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er ſich wieder vor Franz auf die Erde warf, ſeine Knie umfaßte und um Gottes Willen bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle „ſo was“ ja in ſeinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles herausgeben, was er ſchon in ſeinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann arbeiten von früh bis ſpät, um Nichts wie die Koſt— nur keinen Conſtabler. Der junge Mann mußte ſich mit Gewalt von dem Burſchen frei machen, und Eltrich fing ſchon faſt an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber ein Blick auf die Leiche zerſtörte das bald wieder, und ſeinen Hut aufgreifend, verließ er raſch das Zimmer, den verlangten Conſtabler herbeizubringen, der wenige Minuten ſpäter den zitternden, weinenden Jimmy in Empfang nahm, und mit ſich fortführte. —————— Capitel 8. — Die Ueberraſchung. Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geiſtiger Hin⸗ ſicht eine peinliche Nacht. Die Wunde, ſo wenig gefährlich ſte auch ſein mochte, war doch durch das ganze Fleiſch des Oberarmes gedrungen, und ſchmerzte ihn ſehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm wach ge⸗ rufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß, hier in New-Orleans und zwar im Begriff ſein ſolle wieder abzureiſen. Zwar ſtellte er ſich ſelber wieder und wie⸗ der vor, daß jenes Verſprechen des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht geweſen ſei, Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier ſo wenig von Soldeggs Aufenthalt wiſſe, wie er ſelber. Und doch auch wieder hatte eben die Möglichkeit der Sache auch etwas Wahrſcheinliches, daß derartiges Geſindel, mochte es nun im geſellſchaftlichen Leben ſtehen auf welcher Stufe es wolle, wenn 200 einmal im Verbrechen erſt ſo weit gediehen, auch gegenſeitig Kenntniß von einander habe, und die verſchiedenen Schlupf⸗ winkel und Wege kenne. Und wie nun, wenn jener ſchurkiſche Soldegg, den zu faſſen und unſchädlich zu machen, hauptſächlich aber das Band zu löſen, das ſein unglückliches Weib noch an ihn feſſelte, er allein zum zweiten Mal nach Amerika gekommen, jetzt hier faſt in Arms Bereich von ihm war, und ihm vielleicht mit nächſtem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh?— wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den zahlloſen Dampf- und Segelſchiffen, Fähren und Booten, die New⸗Orleans von Tagesanbruch bis in die ſpäte Nacht verließen, umſonſt umherrannte den Verbrecher zu fin⸗ den. Und einmal entſchlüpft, konnten dann nicht Jahre⸗ lang dazu gehören, bis er wieder zuſällig mit ihm zuſammen⸗ traf?— ja war es nicht ſogar möglich, daß der Burſche, müde der Gefahr, in den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit ſeinem Raube hinüber nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging? Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn tolle Träͤume noch mehr, als ſelbſt das wachende Nachdenken es gethan. Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die, ihm unter den Händen wegſchwindende Geſtalt; zu Pferd wollte er ihn verfolgen, und der Sattel rutſchte ab— das Pferd ſtürzte, riß ſich wieder auf und kam in Moorboden, in dem es ſtecken 201 blieb; ſchießen wollte er nach ihm, und ſein Gewehr war nicht in Ordnung— der Pfropfen ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch die Finger, und als er end⸗ lich geladen hatte, verſagte das Gewehr; zu Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauſte und ſchnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem ſich der Bube zu retten ſuchte, da plötzlich rannten ſie auf eine Sandbank; das Dampfboot ſaß feſt, peitſchte vergebens mit ſeinen Rädern die ſchäumende Fluth und in weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug, aus den Augen— zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge riſſen, ein Rad brach, die Pferde ſtürzten— ſie kamen nicht von der Stelle, und vor ſich— immer dicht vor ſich mußte er das Hohnlachen des Buben hören. In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zer⸗ ſchlagen, wachte er endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke Arm arg geſchwollen war und ſehr weh that, doch augenblicklich ſein Lager, wuſch ſich und zog ſich an und ſchrieb dann, trotz ſeiner Aufregung und ſeinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Profeſſor Lobenſtein, in denen er ihm ſeine Rückkunft von Deutſchland meldete und ihn bat, ſich, wenn er ihm in irgend etwas dienen könne, ohne Rückhalt und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch in ſeiner Brief⸗ taſche, erſt den heutigen Tag und ſeinen Erfolg abzuwarten, um ſeine Adreſſe ſicher angeben zu können. Die Sonne war indeſſen aufgegangen und er eilte jetzt, ———— 202 nach raſch eingenommenem Frühſtück, an die Dampfbootlan⸗ dung hinunter, die dort liegenden Boote zu beſuchen und ihre Paſſagiere zu revidiren. Vergebens aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornſteine rauchten, in Cajüte wie Zwiſchendeck herum, kein bekanntes Geſicht traf er an, und ob b er ſich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und ſämmtliche Privat⸗Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hin⸗ einſah, fand er doch nicht den Geſuchten. Ein Paketſchiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord— von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den beſonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, ſchien eben ſo erfolglos geſucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge raſch erſonnen, ſeine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Um elf Uhr ſollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Ver⸗ brecher bekommen, Hopfgarten wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und dieſer ſchoß indeſſen in V fieberhafter Aufregung, mit dem ſchmerzenden Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erſt einmal, und immer ver⸗ gebens, eine Spur des Geſuchten zu finden. Ueber den Strom herüber von„Algier,“ dem andern 55 Ufer, kam ein großer Dampfer herüber und legte an der Lan⸗ dung an. Vorn am Boilerdeck trug er wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ott ſeiner Beſtim⸗ mung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der: V— 4—.y— ͦ—— 5——— — 203 Chikaſaw für Little⸗Rock. Abfahrt zehn Uhr! Der Chikaſaw hatte in Algier Fracht für Arkanſas ein⸗ genommen und jetzt an der New⸗Orleans⸗Landung noch ein⸗ mal angelegt, etwaige Paſſagiere für Arkanſas, oder die da⸗ zwiſchenliegenden Plätze, die ſchon durch die Zeitungen darauf aufmerkſam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke läutete dabei, raſche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte dick und ſchwarz in die reine klare Luft hinauf. „Nach Little Rockl!“— Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Sol⸗ degg wirklich heute beabſichtigte, New⸗Orleans zu verlaſſen, ſo war Nichts wahrſcheinlicher, als daß er wieder nach dem Weſten gehen würde. Jedenfalls lag hier die Möglichkeit, ihn zu finden, und ſich den Hut tief in die Stirn ziehend, daß an Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand ſein Geſicht erken⸗ nen konnte, ſchritt er raſch über die ſchmale Planke an Deck und ſtieg auf das Boilerdeck hinauf, die dort verſammelten Paſſagiere zu muſtern. Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit nicht ausgeſchloſſen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beſchloß, jedenfalls, bis die Planken eingezogen würden, in der Cajüte zu bleiben. Unruhig hier auf⸗ und abgehend, hielt er ſich fortwährend —⸗— 204 in der Nähe des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick über die Levée und Landung hatte, und beſonders die Planke des Bootes ſelber im Auge behielt, ohne ſelber auffallend ſicht⸗ bar zu ſein. Es konnte dieſes Niemand, ungeſehn von ihm, V betreten. Eine Menge Paſſagiere kamen, als die Glocke zum zwei⸗ ten Mal läutete, heran; Männer mit Koffern auf den Schul⸗ tern und Hutſchachteln in der Hand, oder Reiſeſäcken unter dem Arm, Auswanderer von Deutſchland, ihre ſchweren, rieſi⸗ gen, hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß ihres Angeſichts, und in der Furcht zurückgelaſſen zu werden, über die Levee ſchleifend— die Frauen Kinder auf Rücken und Armen. Auch ein Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, ſchritt herunter zum Boot, ſich nach dem fernen Weſten einzuſchiffen, und die Amerikaner, die faſt alle Trachten der Welt zu ſehn bekommen, und ſich um keine groß bekümmern, blieben ſtehn, ſahen den Leuten nach, und lachten über die wunderliche Kleidung. Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, mit breiträndigen Hüten und weißen Halsbinden, von zwei Güterkarren begleitet, die ihr Gepäck führten, die Levée nieder und auf das Boot zu. Es waren jedenfalls Geiſtliche, und Hopfgarten wandte ſich an den neben ihm ſtehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wiſſe, wer die Herren wären, und wohin ſie in ſolcher Menge gingen. „Ah blos Methodiſtenprediger,“ lachte dieſer—„ein ganzer Schwarm, den wir vor acht Tagen von Little Rock mit Q—— 205 herunter gebracht haben. Es ſind meiſt Circuit⸗rider aus dem Weſten, die hier zu einer proteſtantiſchen Verſammlung, wirk⸗ ſame Maasregeln gemeinſchaftlich gegen den„Antichriſt“ zu berathen, wie ſie uns ſelber ſagten, heruntergekommen ſind, und jetzt wieder auf ihre Poſten zurückgehn. Es iſt eine Ver⸗ gnügungsreiſe für die Herren, zu der ſie vorher natürlich eine tüchtige„fromme Sammlung“ gemacht haben.“ Die Geiſtlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord und die Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten blieb an der Thür ſtehn, und ſah ſie einzeln neben ſich vorüber⸗ gehn. Es waren meiſt ausdrucksloſe Geſichter, einzelne aber auch mit verſchmitzten Augen, und ſcharfgeſchnittenen Zügen; der Deutſche hatte jedoch keine Intereſſe an ihnen, und wollte ſeine Aufmerkſamkeit eben wieder der Levee zuwenden, als Einer der Geiſtlichen ihn mit einem langſamen, ſalbungsvollen Kopf⸗ nicken grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat. Hopfgarten ſah ihn überraſcht und verwundert an; der Mann trug allerdings einen ſehr anſtändigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine ſchneeweiße Halsbinde, blank ge⸗ wichſte Stiefeln und einen breiträndigen, ſchwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber das Geſicht war nicht zu verkennen, und, wenn einmal geſehn, nicht wieder zu vergeſſen. „Herr Maulbeere!“ rief Hopfgarten, in dieſem Augenblick ſelbſt Henkel vergeſſend,„träume ich denn oder wach ich— ſind Sie es, oder ſind Sie es nicht?“ „Mein lieber Herr von Hopfgarten,“ ſagte der Angeredete, dem wirklich Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem — —— 206 glatt raſirten Geſicht, die Hand reichend und feierlich ſchüttelnd, „es iſt mir ein ungemein wohlthuendes Gefühl, Sie nach ſo langer Trennung wieder einmal begrüßen zu können— ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich Ihrer gedacht.“ Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat ſich auf den Fuß und ſuchte ſich im Anfang wirklich erſt ordentlich gewaltſam davon zu überzeugen, daß er nicht träume, und mit wachenden Augen den ſchmutzigen Scheerenſchleifer Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidſchnucke, ſolcher Art ausgekrochen und als Schmetterling— als Braunes Ordensband— der Gedanke kam ihm unwillkürlich— in der ſonnigen Luft her⸗ umflattern zu ſehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erſtaunen des vor ihm Stehenden zu be⸗ ſeitigen, ſondern ſchien ſich eher an deſſen Ueberraſchung zu weiden. „Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in dieſen Rock, in dieſe Geſellſchaft?“ rief er endlich, jede weitere Höf⸗ likeit bei Seite ſetzend, aus—„ja, wenn mir Jemand des Himmels Einſturz— 3 „Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine ſo heilige, ernſte Sache“— unterbrach ihn aber Maulbeere ſchnell und faſt ängſtlich.„Daß der Herr da oben“— und er warf einen frommen Blick nach der Decke hinauf,„Wunder thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht zu ſagen. Sein Geiſt hat mich erleuchtet— Sein Hauch den Teufel ausge⸗ blaſen, der in mir lebte und thätig war—„der Herr hat G—— +—„— Seite 206. 00 — 3₰ àX* — ₰½ 4 4 — Gräuel an den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen— der Gottloſe iſt wie ein Wetter, das überhingeht, und nicht mehr iſt, der Gerechte aber beſtehet ewiglich— der Mund des Gerechten bringt Weisheit, aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet— rühme Dich nicht des folgenden Tages, denn Du weißt nicht, was heute ſich begeben mag.“ „Aber wie iſt es möglich geweſen, in der kurzen Zeit eine ſolche Verwandlung—“ „Der Herr iſt Allen gnädig,“ ſagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen Blick die Hände faltend,„und erbarmet ſich aller ſeiner Werke— des Herrn Geiſt ſtieg auf ſeinen Knecht nieder, in der Nacht des Unglaubens, da Alles finſter war, und ſiehe da, ein feines Lämplein wurde aufgeſtellt in dem Tummelsplatz des Satans, und ſein helles, goldenes Licht trieb die Sünde aus dem gereinigten Gefäß! Hopfgarten ſchüttelte immer noch, wie ſeinen Sinnen nicht recht trauend, den Kopf. Die Geſtalt vor ihm aber hatte Fleiſch und Bein, und der braune Rock ſo wenig, wie die ſchnee⸗ weiße, reine Binde ließen ſich wegleugnen. Die übrigen Geiſtlichen hatten ſich indeß in der Cajüte verſammelt, ein paar Minuten leiſe mitſammen geflüſtert, und Einer von ihnen kam jetzt wieder der Thüre zu, wo die Bei⸗ den ſtanden und ſagte mit einem milden, lächelnden Blick: Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefor⸗ dert, an einem ſtillen Dank, dem Höchſten für die glückliche Beendigung unſerer frommen Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.“ Maulbeere neigte langſam ſein Haupt, und ſich dann wieder zu Hopfgarten wendend, ſagte er: „Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zuſammen die Reiſe nach Little Rock zu machen?“ „Nein, beſter Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid,“ erwiederte dieſer—„ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu ſuchen.“ „Das ſchmerzt mich in der That,“ ſagte Maulbeere, in⸗ dem er in die Taſche griff und ein kleines Paket Bücher und eine Viſitenkarte herausnahm—„ſollten Sie aber ſpäter ein⸗ mal wieder in unſer wildes, weſtliches Land kommen, ſo wird es mich herzlich freuen, zu ſehn, daß es Ihnen gut geht— dieſe Karte hier enthält meine Adreſſe— und mich glücklich machen, zu hören, daß auch Sie den wahren Frieden in Gott gefunden, und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlaſſen haben, der hinab zu Sünde und Ver⸗ dammniß führt. Gott ſei mit Ihnen— er erleuchte Sie— er neige ſein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen ſeinen Frie⸗ den— Amen!“ Unb mit einer halb ſegnenden, halb grüßenden Handbe⸗ wegung gegen Herrn von Hopfgarten, der Bücher und Karte faſt unbewußt in der Hand behielt, und dann ebenſo in die Taſche ſteckte, drehte er ſich langſam von ihm ab, und ſchritt ſeinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu. Ein neuer Trupp Fremder zog in dieſem Augenblick die Aufmerkſamkeit unſeres Freundes auf ſich, die Glocke läutete dabei zum dritten Male, und das Boot machte Anſtalt zur 209 Abfahrt. Nirgends aber ließ ſich eine Geſtalt erkennen, die der des Geſuchten auch nur im Entfernteſten geglichen hätte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war, das Geſicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht ſo viel als möglich unkenntlich gemacht zu ſehn. Mit dem Chikaſaw be⸗ abſichtigte dieſer keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mußte zuletzt, als die Planken und Taue eingeholt wurden und die Räder nach rückwärts an zu arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuſchieben, an Land ſpringen. Auf ſeiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, indeſſen ungeduldig an der Levée auf und ab. Seine rechte Hand in die Taſche ſchiebend, fühlte er dort die vorher in Ge⸗ danken eingeſteckten, ihm von Maulbeere übergebenen Schriften, und nahm ſie heraus, zu ſehn, was ſie enthielten. Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die Heiligkeit des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathſchändung, mit einem abſchreckenden Beiſpiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Fluß befahren hatte und ertrunken war— während Millionen Beiſpiele, daſſelbe Verbrechen jeden Sonn⸗ tag verübend, glücklich abfuhren und eben ſo landeten— das andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen über das Miſſionsweſen, und deſſen dringende Nothwendigkeit; jedes am Schluſſe mit einer Bitte um die Unterſtützung der frommen Männer, die in die Wildniß, unter wilde Beſtien und wildere Menſchen zögen, und von Wurzeln und Rinde lebten, das Evan⸗ gelium zu predigen. Auf der Karte ſtand: Gerſtäcker’s Nach Amerika. VI. 14 210 The Reverend Zachäus Mulberry. Little Rock. Arks. Die Karte ſteckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bü⸗ cher warf er fort. Und Ledermann kam noch immer nicht— es war ſchon faſt drei Viertel auf elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angſt und Ungewißheit, den Strahlen der heißen Sonne ausgeſetzt, an der Landung auf und ab. „Gott der Gerechte, der Herr Baron,“ redete ihn da plötz⸗ lich eine Stimme an, und als er ſich raſch danach umdrehte, ſtand ein Mann, augenſcheinlich ein Israelit, von deſſen Ge⸗ ſicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in einem dunklen, anſtändigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber jedenfalls ſehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, micht erkannte und er fuhr lächelnd fort: „Gottes Wunder— hob' ich mich denn gar ſo ſehr ver⸗ ändert, daß ſo an lieber Herr anen alten Raiſegeſellſchafter ſollte vergeſſen haben. Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?“ „Veitel Kochmer?— nein—“ „Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;“ lachte der Alte, mit dem Kopf dabei ſchüttelnd—„den Mann mit der Holz⸗ harmonika, dem Sie an Concertchen zuſammengebracht haben an Bord, als an guter und freundlicher Herr. 23 „Veitel Kochmer,“ rief Hopfgarten, ſich jetzt des Namens ——ÿ—᷑—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ———— 211 entſinnend,„ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt — Ihr ſeht ganz anders aus— tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan— es geht Euch gut?“ „Gott ſoll gedankt ſein, ja.“ „Und Euer Sohn—“ „Mai Sohn?“— wie haißt mai Sohn—“ ſagte der Mann, ungeduldig den Kopf ſchüttelnd—„das Jüngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibſche Stimme— wenn's ane beſſere Lunge und a ſchlechtere Stimme gehabt hätte, lebt es noch.“ „Ihr habt ihn ſich todt ſingen laſſen,“ ſagte Hopfgarten ernſt. „Ich hab' ihn ſich todt ſingen laſſen?— wie haißt?— ſoll ſich die Lunge beim Magen beſchweren— der Eine arbei⸗ tet mit die Händcher, der Andere mit die Lunge, aber Alle ar⸗ beiten mer um ze leben, ze eſſen un ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben— hob ich en nich acht Wochen gepflegt, als ob er mai Sohn geweſen wäre, und ſtirbt er mer nich zu⸗ letzt wie zum Poſſen?— Soll mer Gott helfen, als ich nich hob' Schaden gehabt an dem Jüngelche.— Aber Herr Baron — kennten wir zwei Beide nich a klanes Geſchäftche zeſammen machen; hob' ich was ganz Extraes von gute Staincher, vor ſolch einen fürnehmen Herrn, wie der Herr Baron.“ „Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art,“ ſagte Hopfgarten, wieder nach ſeiner Uhr ſehend,„kann mich auch augenblicklich gar nicht damit befaſſen— haben Sie eine Uhr bei ſich?“ — 14* — „Ja wohl, Herr Baron— werd' ich ka Urche haben, un a Staatsürche is es,“ fuhr er fort, eine goldene Cylin⸗ deruhr aus der Taſche nehmend,„geht ſe doch um drei Mi⸗ nuten beſſer wie die Sonne— s' iſt gerade ſieben Minuten über dreiviertel auf elf— kennten wir damit vielleicht en Handelche machen?“ „Ich danke wirklich— ich habe ſelber eine ganz gute Uhr und brauche keine, wollte auch nur ſehen ob die meinige richtig ginge.“ „Wenn Sie die Staincher emol ſähen, würden Sie Ap⸗ petit kriegen— ſe ſain zum Neinbeißen,“ fuhr aber Veitel, nicht ſo leicht abgewieſen, in ſeinem Anpreiſen der Juwelen fort,„hob ich die Muſik doch jetzt ganz an den Nogel gehängt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache verſteht iſt's a ſolides, prächtiges Geſchäftge hier in Amerika— wenn mer ſai Zeit kann abpaſſe.“ Und er nahm dabei ein kleines Etui aus ſeiner Bruſttaſche, das er öffnete und dann, den Kopf ſchräg zur Seite davon zurückhaltend, die Sonnenſtrah⸗ len auf die wirklich ſchönen Steine, die in tauſend Lichtern funkelten, wieder fallen ließ. Hopfgarten hatte indeſſen die Levee auf und abgeſehn, den ſo ſehnlich Erwarteten endlich irgendwo zu erſpähen, aber vergebens; Ledermann ließ ſich nirgends blicken und der Zeiger ſeiner Uhr, den er ungeduldig und ununterbrochen fragte, ſchien nicht von der Stelle zu rücken. „Ich danke Euch Veitel— ich brauche wirklich Nichts der Art,“ ſagte er zerſtreut,„trage weder Ringe noch Tuch⸗ 213 nadeln, und muß hier im Lande auf⸗ und abreiſen, wo man ſolche Sachen am allerwenigſten bei ſich führen kann.“ „Aber ſo ſehn Sie nur emol die Pracht an,“ drängte Veitel. „Ja, ſehr ſchön— wirklich brillant,“ ſagte Hopfgarten, einen flüchtigen Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derſelben doch verlockt ſie aufmerkſamer zu betrachten; „ſehr ſchöne Steine in der That, aber wie geſagt, Nichts für mich.“ „Und das Stainche hier vor a Tuchnadel— ah?“ ſagte Veitel, vor Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne blitzen laſſend. „Menſch, wo haſt Du den Stein her?“ rief aber Hopf⸗ garten unwillkürlich erſchreckt aus, als ſein Blick auf einen ſehr ſchönen großen dreieckigen Türquis fiel, den Veitel zwiſchen den Fingern hin und her drehte. „Woher?— Gottes Wunder!“ rief der Jude erſchreckt, „ehrlich gekauft, ſoll mer Gott helfe.“ „Ich ſage ja Nichts dagegen, Veitel,“ rief Hopfgarten raſch, ihn zu beruhigen,„gewiß iſt er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den Stein— habe wenigſtens von ihm, oder einem ganz ähnlichen gehört, ich möchte gern—“ „Von wem? von em achtbaren, ſoliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in ſein Handeln und Geſchäftcher,“ ſagte Veitel, immer noch in der Meinung, ein Verdacht ruhe auf ihm,„und wenn er nicht hait Morgen abgereiſt wäre, kennten 214 Se ihn ſelber fragen, Herr Baron— iſt en alter Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.“ „Heute Morgen abgereiſt?— wohin Veitel?“ ſagte Hopfgarten, der ſich krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu bleiben und ſeine Aufregung nicht zu verrathen,„wer war es denn eigentlich— der— der Doktor Huͤckler?“ „Gott ſoll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer iſt er fort nach der Havannah!“ „Mit dem Poſtdampfer nach Havanna?“ rief Hopfgarten, jetzt wirklich nicht mehr im Stande ſich zu mäßigen— und der iſt heute Morgen fort?“ „Hait Morgen wird er fort ſain,“ ſagte Veitel,„Got⸗ tes Wunder was is jetzt dermehr?“ „Ledermann!“ ſchrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den Freund an, der eben jetzt, ſo lang ſchon herbeigewünſcht, gerade über die Levée herüber und auf Herrn von Hopfgarten zukam,„wann, um Gottes Willen, geht der Havannah Steamer?“ „Die Cuba?— um elf Uhr,“ ſagte dieſer erſtaunt. „Großer Gott— es muß gleich ſchlagen— ſo iſt er noch nicht fort?“ „Dort drüben können Sie ihn ſehn,“ ſagte Ledermann, der von der hohen Levée aus ein paar Momente mit den Au⸗ gen in den Fluß hinein geſucht hatte— gerade zwiſchen den beiden ausgezackten Schornſteinen jenes Bootes dort— das große Dampfſchiff, aus dem der Rauch ſo dick aufſteigt.“ — —.— 215 „Henkel iſt an Bord!“ war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte,„großer Gott, daß wir nicht an das Havanna⸗Schiff gedacht.“ „Gott der Gerechte!“ rief Veitel, ſeine Steine einſteckend und in Verwunderung die Hände zuſammenſchlagend,„was han Se uf amol vor a Eil; wird der Herr Henkel doch wie⸗ derkommen in vier oder fünf Woche, wie er mer hot geſagt.“ „Noch iſt es vielleicht Zeit,“ rief aber Ledermann, der indeß raſch das Terrain überſchaut hatte;„ſo pünktlich gehen die Dampfer nicht ab; einzelne Paſſagiere zögern immer etwas länger am Ufer, oder der Capitain kann auch ſeine Geſchäfte nicht ſo raſch beſorgen. Dort fährt ein Cab— gegenüber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen frei, daß ſte an Bord unſer Tücherſchwenken ſehen können, und wir kommen noch zur rechten Zeit.“ „Veitel!“ rief Hopfgarten, ſich raſch nach dieſem um⸗ drehend,„kommt morgen früh zu mir in das St. Charles Hotel— verſtanden?— bringt Euere Steine mit— und nun fort Ledermann, fort!“ und dieſem voran laufend winkte er ſchon von weitem dem kleinen einſpännigen Cabriolet zu, deſ⸗ ſen Kutſcher, Paſſagiere ſuchend, langſam die Levée an der Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte ſein Pferd ein und Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er ſie ſo raſch das Pferd laufen könne dem Havannah Steamer gegenüber die Straße niederführe. „Halt, dort geht ein Conſtable!“ rief ihm aber Leder⸗ mann zu,„den nehmen wir mit.“ 216 „Kann nicht drei Paſſagiere fahren, Sir,“ ſagte der Kutſcher. „Du bekommſt einen Dollar für jeden, wenn Du uns raſch an Ort und Stelle bringſt!“ rief der Deutſche, dem Angſt und Aufregung faſt die Sprache zu nehmen drohte. Leder⸗ mann lief indeſſen, ſo raſch ihn ſeine langen Füße trugen, und ſehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächſten Straßen⸗ ecke zu, an der er einen ihm bekannten Conſtable erſpäht hatte. Wenige Worte genügten, dieſen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei Minuten ſpäter galopirte das eben nicht ſehr kräftige Pferd, von der wacker geführten Peitſche ſeines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen die Straße nieder. Unterwegs unterrichtete der Conſtable dieſen dabei, dem gro⸗ ßen Dampfſchiff gegenüber, das ſie jetzt deutlich erkennen konn⸗ ten, anzuhalten, wo er Miethboote wüßte. „Ay ay Sir!“ ſagte der Mann, und hieb ſtärker auf ſein Pferd,„kommen noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zuſammenbricht.“ Das Pferd hielt ſich aber wacker, und plötzlich gegen die Levée anfahrend, denn den Waſſerrand konnten ſie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes we⸗ gen nicht ſehen, hielt er an. „Boot Sir?— Boot für den Steamer?“ riefen ihnen hier ſchon vier, fünf Bootleute zu gleicher Zeit entgegen, die ſich herbeidrängten, die geglaubten Paſſagiere nach dem Dampf⸗ ſchiff zu bringen; dieſes konnte ſeines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein Stück draußen * 217 im Strom vor Anker liegen;„höchſte Zeit, Gentlemen, aber wir bringen Sie hinüber.“ „Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.“ „Hier Sir! hier iſt ein Boot das es thun kann!“ ſchrie Einer Hopfgarten am Arm ergreifend. „Mit dem alten Kaſten kommſt Du nicht vor Abend hin⸗ über,“ überſchrie ihn ein Anderer,„meins iſt der Clipper, Gentlemen, der über das Waſſer fliegt.“ Der Conſtable hatte indeſſen von der Levée aus mit ei⸗ nem Kennerblick die Boote raſch überſehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen, ſprang er in das, was ihm am tüchtigſten ſchien, hinein, und hinten an das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem Hohn⸗ lachen über die beſiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige Secunden ſpäter ſchoß das ſcharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, ziſe end und ſpritzend über den breiten Strom dem Dampfer zu. „Wir kommen wahrhaftig zu ſpät!“ rief Hopfgarten in Todesangſt mit der rechten Hand ſein Tuch ſchwenkend,„dort pufft das Schiff ſchon ſeinen Dampf aus, und die Räder fan⸗ gen an zu arbeiten. „Nur keine Furcht Sir,“ ſagte der eine der Bootsleute, der einen Blick über ſeine Schulter weg nach dem näher und näher rückenden Fahrzeug warf,„ſie arbeiten nur gegen die Strömung langſam an, den Anker heraufzuheben; die Kette iſt noch unten.“ 218 „Er hat recht,“ rief aber auch der Conſtable jetzt,„die Kette iſt noch aus und wir kommen zur rechten Zeit.“ „Gott ſei Dank,“ ſagte Hopfgarten leiſe, aber tief auf⸗ ſeufzend vor ſich hin, und von dem Augenblick an ſchien es, als ob jede Unruhe, jedes Schwanken von ihm genommen ſei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt, beobachtete er ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampſſchiff, und überflog mit ſeinem Blick nur manchmal raſch und for⸗ ſchend das aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwiſchen den dort auf- und abgehenden Paſſagieren den Geſuchten herauszufinden; aber er bemühte ſich nicht mehr ſein Geſicht zu verbergen— der Verbrecher konnte ihm nicht mehr ent⸗ gehen. An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an die noch aushängenden Fallreeps; der eine von dieſen hielt ein dünnes zuſammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank ſchlug. Im nächſten Augenblick lag das kleine ſchwanke Boot, auf den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad ſchlug, dicht an die ſteilaufſteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs an, und der Conſtable rief hinan: „Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; er hat einen kranken Arm und kann ſich nicht halten.“ Wenige Secunden ſpäter war dem Rufe Folge geleiſtet; der Conſtable legte das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und während die Matroſen oben langſam anzogen — — 219 und ihn dadurch ſtützten, lief derſelbe raſch an der ſteil nieder⸗ hängenden Fallreepstreppe auf. „Danke— danke herzlich,“ ſagte dieſer, während ſein Blick an dem Quarterdeck hing; aber auch dort ſah er nicht den, den er ſuchte, und ſich an den Steuermann des Schiffs wendend, der ſeine Leute eben gefragt hatte, ob der Herren Gepäck ſchon an Bord ſei, bat er dieſen ihm zu ſagen wo er den Clerk der Cuba fände. „Dort oben, Sir— an der Starbordtreppe; der mit dem Panama⸗Hut auf, Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.“ „Sie wünſchen Plätze in der Cajüte, Sir?“ frug ihn dieſer freundlich,„der Steward ſoll Ihnen gleich Ihre state- rooms anweiſen.“ „Bitte, mein Herr,“ ſagte Hopfgarten, dem ſeine beiden Begleiter auf dem Fuße folgten,„können Sie mir nicht Aus⸗ kunft geben, ob ein gewiſſer Soldegg an Bord iſt?“ „Soldegg?— Soldegg?“ ſagte der Clerk nachdenkend und dabei ſein kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene Liſte mit den Augen überfliegend,„iſt noch nicht notirt, Sir.“ „Oder Henkel?“ „ECbenfalls nicht,“ lautete die Antwort, nach kurzer Pauſe. „Oder Holwich?“ „Keiner der drei Herren; aber es ſind einige Gentlemen erſt in der letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht eingeſchrieben habe. Sie werden unter⸗ 220 wegs Zeit genug bekommen deren Bekanntſchaft zu machen; ſoll ich Ihnen indeſſen—“ Bitte, mein Herr, mein Beſuch iſt anderer Art,“ ſagte Hopfgarten ruhig;„ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefährlichen Verbrecher, und ich glaube, ja ich weiß ihn an Bord.“ „Oh wenn das iſt,“ lachte der Clerk,„dann hat der Herr auch vielleicht einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Conſtable, der eine der Herren?“— die⸗ ſer nickte mit dem Kopf—„well, dann bemühen Sie ſich nur gefälligſt ſelber in die Cajüte hinunter, und ſehn Sie ſich dort um; ich werde es indeſſen dem Capitain melden, und Ordre geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.“ Hopfgarten blieb einen Augenblick ſtehn, Athem zu holen, ſo preßte ihm die Aufregung dieſes Momentes Bruſt und Herz zuſammen, äußerlich aber war er vollkommen ruhig, und Leder⸗ mann und den Conſtable bittend, ihn vorangehn zu laſſen, und erſt nach ein paar Minuten zu folgen, ſtieg er mit feſten, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die brei⸗ ten Mahagonyſtufen, die von da in die untere Cajüte führten, wieder hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein paar Worte über den Zweck dieſes Beſuches zugeflüſtert, die Thüͤr der Cajüte, in der einige zwanzig Paſſa⸗ giere in den verſchiedenſten Stellungen umherſaßen und ſtan⸗ den, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt des Dampfers, deſſen Maſchine ſchon unter ihnen arbeitete, zu erwarten ſchienen. — 221 Aber Hopfgarten ſah nur Einen von allen dieſen; auf dem mittleren Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben ſich auf einem kleinen Tiſch eine Flaſche mit Rothwein und ein Gefäß mit großen, klaren Eisſtücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachläſſig blätterte, lag Henkel und ſchien ſo ſorglos und unbekümmert die Abfahrt des Boo⸗ tes zu erwarten, ſo ſicher ſeiner Umgebung zu ſein, daß er nicht einmal aufſah, als Hopfgarten langſam auf ihn zuging, bis dieſer neben ſeinem Tiſche ſtehn blieb und Henkel jetzt, mit einem leiſen Schrei der Ueberraſchung emporfahrend, ganz plötzlich ſeinen alten Reiſegefährten neben ſich erkannte. „Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,“ ſagte er aber, ſich raſch ſammelnd;„das iſt ein prächtiges Zuſammentreffen, und wir ſind auf's Neue Reiſegefährten?— Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da iſt, für den dritten Mann.“ „Wir bekommen noch Geſellſchaft,“ ſagte Hopfgarten, ſich ruhig umſehend und den jetzt eben eintretenden Ledermann her⸗ anwinkend—„Herr Henkel oder Soldegg oder Holwich— ich weiß nicht unter welchem Namen Sie jetzt reiſen— ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzuſtellen, der eine weite Reiſe im Auftrag ſeiner Regierung gemacht hat, nur das Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.“ „Was ſoll das?— was wollen Sie von mir?“ ſagte Henkel finſter, ſich aber doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier erkannte. Einen forſchenden, un⸗ ruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an die 222 Bar getreten war, und der Conſtable, der Gruppe die Seite zudrehend, eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Paſſagieren gehörte—„ich bin gerade nicht aufgelegt zu ſcherzen, ſonſt könnte ich Ihnen vielleicht wieder meinen— Zwillingsbruder ſchicken, ſich mit dem abzufinden.“ „Herr Henkel,“ ſagte Ledermann ruhig—„wir haben ein Boot unten liegen, und erſuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufſehn zu erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen. So viel genüge Ihnen zu wiſſen, daß wir autoriſirt ſind, in dieſer Weiſe zu handeln— ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Taſche.“ „Haho!“ rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn hereinbrechenden Gefahr klar wurde—„Herr von Hopfgarten will ſich revangiren— hahaha— aber die Herren haben ſich verrechnet— lebendig bekommen ſie mich nicht— und überdieß— wer giebt Ihnen das Recht, mich hier ver⸗ haften zu wollen?“ Seine rechte Hand glitt dabei raſch und verſtohlen unter die Weſte, die Bewegung aber war dem Con⸗ ſtable, der ihn indeſſen ſcharf und aufmerkſam von der Seite beobachtet hatte, nicht entgangen, und ſeinen Rock zurückwer⸗ fend, unter dem er ſein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten:„You are my prisoner!“*), die Hand auf deſſen Schulter legen, als Henkel, unter dem Arm *) Sie ſind mein Gefangener. 2 1 223 fortgleitend, einen Schritt zurückſprang; mit der rechten aber zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemeſſer aus der Weſte riß, und mit wildem, höhniſchen Lachen ſchrie: „Lebend nicht— Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Paſtetenfleiſch aus Euch!“ Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Conſtable, dem dieſer nur durch ein jähes Zurſeiteſpringen entgehn konnte, und warf ſich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieſer aber, ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen, und bereitete ſich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, et⸗ was Aehnliches ſchon lange erwartend, ohne ſich aber ſelber zwiſchen die gehobenen Meſſer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel ſo geſchickt vor die Füße ſchleuderte, daß dieſer im vollen Wurf darüber hinflog. „Brav gemacht!“ ſchrie der Conſtable, der indeß einen Revolver aus ſeinem Gürtel geriſſen hatte, Gewalt mit Ge⸗ de zu begegnen—„jetzt bekommen wir den Burſchen leben⸗ dig!“ und um den Stuhl flog er herum, zwiſchen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und dieſem den Weg abzuſchnei⸗ den. Henkel aber, zum Aeußerſten getrieben und recht gut wiſſend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel, ſchnellte im Nu, ſein Meſſer noch feſt im Griff haltend, vom Boden wieder auf und ſprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig dort herabkommenden Paſſagiere, vor der drohenden Geſtalt mit der geſchwungenen Waffe ſcheu zur Seite ſtoben. „Halt!“ ſchrie der Conſtable,„im Namen des Geſetzes!“ ————— Henkel hatte die Thür erreicht und ſtieß ſie vor ſich auf, als ein ſcharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte— ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Geſtalt, der die blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die Treppe hinauf an Deck, zwiſchen die entſetzten Paſſagiere. „You are my prisoner Sir!“ ſchrie der Conſtable, den Flüchtling einholend und an der Schulter faſſend. „Ready for hell!“**) ſtöhnte dieſer, ließ die Arme ſinken, drehte ſich einmal im Kreiſe herum und brach, wo er ſtand, zuſammen. „Den Paſſagier könnt Ihr von der Liſte ſtreichen, Clerk,“ ſagke der Steuermann ruhig zu dieſem, als er an Deck kam— „ſteht bei hier, Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von Euch waſchen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marſch mit Euch und ein Bischen ſchnell— iſt der Anker auf?“ „Alles klar, Sir!“ „Gut, in fünf Minuten müſſen wir unterwegs ſein— die Herren mögen die Geſchichte dann ſelber an Land ausmachen.“ Hopfgarten ſtand neben der Leiche und ſah tief aufſeufzend in die bleichen Züge, in die ſtieren zu ihm aufgedrehten Augen — aber er ſprach kein Wort; nur das Meſſer, das er noch offen in der Hand trug, barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handſchuh aus ſeiner Bruſt nehmend, bog er *) Fertig für die Hölle! — 225 ſich nieder, und netzte das zarte ſchneeige Leder mit dem quellen⸗ den Blut des Gerichteten. Zwei Matroſen faßten die Leiche jetzt auf und trugen ſie zu der Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen ſtanden und ſie hinunter ließen; der Conſtable hatte ſich indeſſen vom Clerk das Gepäck, das dem Gericht verfallen war, ausliefern laſſen. „Hallo, da kommt noch ein Paſſagier!“ rief der eine Bootsmann, als die Seeleute die Leiche raſch nach unten viehr⸗ ten—„dacht' es mir beinah, wie ich den Schuß hörte.“ „Haſt eine gute Naſe, Kamerad,“ rief Einer der Matroſen nieder,„das aber da iſt nur Ballaſt; ſchlagt die Taue los!“ Die Koffer folgten dem Körper, und dieſen die Paſſagiere — oben läutete die Glocke, die Räder rauſchten und peitſchten den gelben Schaum zu wirbelnden Wellen auf— ſtromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen weiten Bogen beſchreibend in der kochenden, ziſchenden Fluth, und während es ſich ſtromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten Staaten luſtig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit ſeiner traurigen Laſt langſam dem Lande wieder zu. Gerſtäcker's Nach Amerika. VI. 15 Capitel 9. Das Haus im Walde. Wieder keimten und ſproßten die Blumen im lieben deutſchen Vaterland; die Wieſen hatten ſich mit friſchem Grün gedeckt, im Wald rauſchte und flüſterte der Wind gar ſo trau⸗ lich und heimlich durch die jungen, ſaftigen Blätter, und ſchau⸗ kelte die langen, duftenden Zweige der Birke, und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, ſonnige Luft hinein. Wie das draußen in den Feldern ſo regſam ſchaffte und arbeitete; wie die Heerden ſo fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme, ſommerliche Flur; wie die Schwalben— die lieben, lieben Schwalben ſo froh durch den Aether ſtrichen und die Störche, von den Kindern mit ſcheuer Ehrfurcht be⸗ trachtet, klappernd und von ihren Reiſen erzählend, auf den Dächern ſtanden, oder langſam über die feuchten Wieſenflächen ſchritten, alte Jagdgründe zu revidiren. Wie das zwitſcherte und klang und ſang und ſchmetterte Seite 227. 8* Capitel 9. —„ —— 227 in dem weiten, lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit ſeinem Glanz und Jubel füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder duftende Kelch, jeder Thau⸗ tropfen am ſchwankenden Halm, ein Dankesopfer ſeiner All⸗ macht und Güte. Oh wie ſich auch die Menſchenbruſt da ſo froh und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf möchte, höher und höher hinauf, der ſteigenden Lerche nach, die mit zitterndem Flügelſchlag, ein lebendiges Bild der Luſt und Wonne, dort oben ſteht und betet. Wie es da ſtammelnd danken und preiſen möchte auch in ſeiner Weiſe, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die Selig⸗ keit, die in ihm glüht und lebt, und ſeine Adern füllt, und deren Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch ſo lindernd da in's Auge ſteigt. Der Winter war vorbei— die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte, ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luſt und Frieden in der Menſchen Herzen gießend— aber nicht in alle.— Den ſchmalen Pfad der, das Dorf Wal⸗ denhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden Kieferwald hinaufführte, ſchritt eine ſchlanke, bleiche Frau, ein⸗ ſam und allein; ſie ſah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein ſcharfer Stein ſie verletzt; der Straßenſtaub deckte dabei ihr Gewand, und die weiße, faſt durchſichtige Hand klammerte ſich feſt und wie krampfhaft an den rohen Eichenſtock, der ihr zur Stütze diente. Neben ihr auf ſtieg wirbelnd die Lerche, und im Korn 15* 228 lockte das Rebhuhn und die Wachtel;— ſie blieb ſtehn und horchte dem Laut, aber nicht vom Boden nahm ſte den Blick, ſchauderte zuſammen, als ob ſelbſt dieſe füßen Töne nur furcht⸗ bare Erinnerungen für ſie hätten, und ſchritt langſam weiter ihre ſtille Bahn, dem Walde zu. Nur einmal blieb ſie noch ſtehn, und zitterte, und wäre faſt in die Knie geſunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken⸗ und Weidenbüſchen verdeckt, ein kleines, einſam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür und ausgebrochenen Fenſtern ſichtbar wurde; aber wie gewaltſam raffte ſie ſich zu⸗ ſammen, faßte ihren Stab feſter und ſchritt auf das niedere, verlaſſene Gebäude zu. Als ſie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den Nachmittagsgottesdienſt aus, und als ob die Töne ſie mit furchtbarer, unwiderſtehlicher Gewalt getroffen, brach ſie zu⸗ ſammen in die Knie, und lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob ſte ſich langſam wieder, warf noch einen ſcheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende Dorf, und ver⸗ ſchwand dann in dem dunklen Raum der Hütte. Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittags⸗ Gottesdienſt aus, und der würdige Paſtor Donner, deſſen Haar die letzten drei Winter doch um ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor der Kirche ſtehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit dem Hut in der Hand, vorbeiließen, ſeiner klſeinen Wohnung, dem 229 duftigen, ſchattigen Garten zu, wo ihn zu dieſer Zeit der Nach⸗ mittagskaffee in der blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute ſein. „Vater— lieber Vater!“ jubelten ihm die Kinder ent⸗ gegen, Blätter Papier hoch und jauchzend empor haltend— „Brief von Georg iſt gekommen— Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit ſeiner Frau! — er hat geheirathet, Vater— Bruder Georg hat geheirathet und es geht ihm gut!“ Der Paſtor blieb ſtehn, und als die Kinder auf ihn zu⸗ geſprungen kamen und ihm in ihrer frohen Kindesluſt den Brief entgegen hielten, bog er ſich zu ihnen nieder uud küßte ſie, aber die Mutter folgte ihnen, und barg ihr Haupt an des Gatten Bruſt. Sie hatte ſprechen— erzählen— mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte ſie jetzt vor Thränen über die Lippen— aber es waren Freuden⸗ thränen. „Georg hat geheirathet!“ jubelte Fritz dabei, der jüngſte Sohn, den Brief in der Hand ſchwenkend, und um die Anderen herumſpringend—„ich bin jetzt ein Schwager geworden, und Du, Louiſe und Du Trinchen, Ihr ſeid Schwägerinnen— hurrah, Bruder Georg ſoll leben!“ „Und es geht ihm gut?“ flüſterte der Paſtor, der Gattin an ihn gelehnte Stirn wieder und wieder küſſend. „Gut— recht, recht gut, Gott ſei ewig gelobt und ge⸗ dankt,“ ſchluchzte die Frau—„da, lies nur ſelbſt— ich habe vor Thränen nicht weiter leſen können.“ Auch Louiſe, die älteſte Tochter, kam mit ihrem Bräuti⸗ gam, einem jungen Geiſtlichen aus Heilingen, dem Vater freudeſtrahlenden Auges entgegen, und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten, und den tiefen harmoniſchen Laut weit aus über das ſtille Dorf und an die ſonnbeſchienenen Hänge der blühenden Hügel ſandten, ſaßen die glücklichen guten Menſchen in der duftenden Laube, und horch⸗ ten der lieben, lieben Botſchaft des fernen Bruders und Soh⸗ nes, der ihnen Grüße und Küſſe weit über das Meer herüber⸗ geſandt, und ihre Herzen mit Glück und Wonne und Dank, heißen Dank gegen den Höchſten erfüllt hatte. ——„Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt, und der glücklichſte Menſch unter der Sonne. In den angenehmſten Familienverhältniſſen dabei, hat ſich unſere Farm, die mein Schwiegervater ſchon im Begriff war um ein Spottgeld zu verſchleudern, auf eine ganz unerwartete und kaum geahnte Weiſe verwerthet, denn ich habe beim Graben eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, ſelber ein Kohlenlager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick, doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag ver⸗ ſpricht. Ein Amerikaner hat mir ſchon für die Bearbeitung eine ſehr bedeutende Summe baar geboten, aber ich zögere noch ſie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geſchickten Arztes gekommen, und da ſich unſere Gegend, durch die Un⸗ maſſe der hier eintreffenden Einwanderer, ſehr belebt, bleibt mir — ſchon gegenwärtig kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten ſo obzuliegen, wie ich es eigentlich wünſchte———— 4 —„Noch eine andere Nachricht aus unſerer Familie, die auch Euch intereſſiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna, die älteſte Schweſter Mariens und ein ſehr liebes, braves Mädchen, hat ganz unerwarteter Weiſe einen Heirathsantrag aus Deutſchland und zwar aus Heilingen, von dem frühern Kürſchnermeiſter Kellmann bekommen. Kellmannn iſt, ſo weit ich ihn kenne, ein braver, rechtſchaffener Mann und Anna ſcheint ihm auch gut zu ſein. Er hat geſchrieben, wenn ſte ihm ein freundliches Ja ſchicke, wolle er ungeſäumt herüber⸗ kommen— ich denke, wir werden ihn wohl nächſtens hier ſehn————“ —„Der Roſenſenker von Mutters Strauch vor dem Fenſter, den mir Louiſe noch an jenem ſchmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den Ehrenplatz in unſerm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es eine Luſt und Freude iſt, — die einliegende Knospe hat er getragen. Oh, wie mich der Blüthenſtock an Euch erinnert; ich habe ihn ſo lieb, und doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn anſehe. Meine Marie pflegt ihn ſelber; ſie wird Euch auch gefallen. Hat ſich das Geſchäft mit dem Kohlenlager erſt geordnet, und ſich daſſelbe ſo einträglich erwieſen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme ich mit ihr hinüber, Euch zu beſuchen. Lieber Gott, es iſt ja doch unſer Aller Wunſch, ſpäter einmal wieder nach Deutſchland zurückkehren und dort unſere Tage beſchließen zu können.————* 232 Unten am Brief in einer Nachſchrift ſtand: —„Ueber den Steffen, der bei uns der ſchwarze Steffen hieß, und von dem ich Euch ſchon früher ſchrieb, wie ich mit ihm zuſammengekommen, habe ich nichts Näheres erfahren können. Auch ſeine Frau, die ſich von ihm getrennt hatte, iſt aus dem kleinen Städtchen, wo ſie die letzte Zeit ſtill und fleißig, und mit keinem Menſchen verkehrend, gearbeitet hatte, ſpurlos verſchwunden; Amerika iſt zu groß, ſolche Leute im Auge be⸗ halten zu können.—“ „Du guter, barmherziger Gott,“ ſagte die Frau Paſtorin, ſeufzend die Hände faltend,„ich begreife, wie ſchlechte Men⸗ ſchen einen Anderen aus Geldgier oder Rache, oder ſonſt in böſer, ſündhafter Leidenſchaft morden können, aber daß Eltern im Stande ſein ſollen, ihre Kinder auf ſolche Art zu ver⸗ laſſen, begreife ich nicht. Das unvernünftige Thier thut das ja nicht, ſorgt für ſeine Jungen, und vertheidigt ſie in Ge⸗ fahr, und der Menſch ſoll ſchlechter ſein, als das Thier?“ „Für die Kinder war es ein Glück,“ ſagte der Paſtor, ſeufzend mit dem Kopfe nickend—„was hätten ſie von ſolchen Eltern gelernt, wie wären ſie von ihnen erzogen worden, und jetzt ſind ſie bei guten Menſchen untergebracht und verſorgt.“ Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in dieſem Au⸗ genblick athemlos an den Garten gerannt, riſſen die Mützen vom Kopfe, und ſchauten mit den roth erhitzten, dicken, gut⸗ müthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas ſehr erregten Geſichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geiſtliche ſaß. 233 „Was wollt Ihr, Kinder?“ ſagte dieſer freundlich, in⸗ dem er von ſeinem Sitze aufſtand und auf ſie zuging. „Oben am Berge ſpukt's!“ rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile und Geſchäftigkeit ganz den ſonſt gewiß nicht ver⸗ ſäumten Gruß vergeßend—„am ſchwarzen Steffen ſeinem Hauſe geht's um!“ „Am Hauſe des ſchwarzen Steffen?“ rief Paſtor Donner, erſtaunt den Platz gerade jetzt, wo ſie ſich ſelber damit be⸗ ſchäftigt, genannt zu hören—„wer hat Euch den Unſinn weiß gemacht?“ „Ne, wahrhaftig,“ rief der Andere betheuernd aus— „Hollebens Lieſe und Gutegrunds Annamarie haben den Geiſt von der„ſtolzen Jule“ geſehn, der oben herumgeflogen iſt.“ Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerkſam werdende Geiſtliche heraus, daß zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade gegenüber liegenden Hang geweſen waren, Blumen zu ſuchen, und an der, von den Dorfbewohnern ängſtlich gemiedenen Hütte des ſchwarzen Steffen eine Geſtalt geſehen hätten, von der ſie erklärten, daß ſie der Geiſt der„ſtolzen Jule“ ſei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an der Stelle um, wo ſie ein Ver⸗ brechen begangen, für das wir in der ſonſt ſo reichen deutſchen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte lag auch noch, gefürchtet und geſcheut, unberührt ſo, wie man die Kinder damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem beſten Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute — . 234 in den Spinnſtuben erzählten ſich Abends ſchauerliche Ge⸗ ſchichten von dem Ort. Paſtor Donner ſchüttelte ungläubig den Kopf zu der Er⸗ zählung, Andere aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schulze, der von den jungen Mädchen ſelber den Bericht ge⸗ hört, den ſie mit bleichen Wangen und zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Uebrigen, beſtätigte dem Herrn Paſtor, was ſich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf zu gehn nach dem alten Hauſe, das Gerücht zu wider⸗ legen, das ſonſt leicht mehr Nahrung gewann und von dem abergläubiſchen Volke ausgeſchmückt wurde, oder ſich zu über⸗ zeugen, was Wahres an der Sache ſei. Die Frau Paſtorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat ſie aber, zurückzubleiben, und ſchritt dann, ſeine Amtstracht ablegend und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schulzen durch das Dorf hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und faſt verwachſenen Pfad hin⸗ auf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Walden⸗ hayn entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbe⸗ wohner ſchloß ſich ihnen unterwegs an, ſie zu begleiten. Als ſie den Platz erreichten, war Alles todtenſtill; nur hie und da zwitſcherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben dem Haus ſaß ein Rabe, drehte, als er die Menſchen auf ſich zukommen ſah, den Kopf ſcheu nach rechts und links hinüber, und ſtrich dann mit ſeinem tief und unheimlich krächzenden„krah— krah“— von dem Zweige ab, auf dem er geſtanden, dem Holze zu!“ 235 „Das war ſie— das war ſie!“ flüſterten die Frauen untereinander, indeß ſie ſich näher zuſammendrückten, und ſcheu nach dem ſchwarzen Galgenvogel hinüberſchauten,„jetzt werden ſie Nichts mehr finden; die iſt fort, und in der Nacht kommt ſie wieder und ſitzt dort auf dem alten Dach. Ich gehe nicht weiter mit— ich auch nicht— Gott ſoll mich be— wahren vor der Stelle, die ewiglich verflucht iſt!“ rief eine andere Frau.„Man ſollte Feuer anlegen und das Neſt von der Erde vertilgen,“ ſagte Einer der Männer dann,„ich we⸗ nigſtens möchte nicht einmal einen von den Balken in meinem Ofen brennen.“ „Die Thür ſteht offen, daß ſie immer recht bequem aus und ein können,“ flüſterte wieder eine Andere,„huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht zugehn— der Schornſtein ſieht auch nicht umſonſt ſo gelb und ſchweflig aus, und unſere Annakathrine hat neulich die Irrlicher hier oben wie toll herumtanzen ſehen.“ Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als ſie den kleinen freien Platz vor dem Haus erreichten, ſcheu an deſſen Grenze ſtehn, und nur Paſtor Donner ſchritt, von dem Schultzen begleitet, langſam dem Hauſe ſelber zu. „Ich habe ſchon lange einmal heraufgehen wollen, zu ſehn, wie der Platz hier eigentlich ausſieht,“ ſagte dieſer end— lich,„bin aber immer nicht dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier iſt— es wundert mich gar nicht, daß ſich die Kinder davor fürchten, iſt mir's doch ſelber ein ganz 236 eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn— es iſt faſt, als ob man eine Richtſtätte beträte.“ „Wohl iſt es ſo,“ ſagte Paſtor Donner feierlich und mit halb unterdrückter Stimme, als ob er ſelber ſich ſcheue, an dieſem Orte laut zu ſprechen.„Aber wir wollen hier nicht ſtehen bleiben; die Leute dort hinten murmeln ſchon miteinan⸗ der, und glauben ſonſt, daß wir ſelber uns fürchten, das Haus zu betreten.“ „Aber was ſollen wir darin?“ ſagte der Schultze auswei⸗ chend, und es lag ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, „was Lebendiges hält ſich hier oben nicht auf, ſonſt hätte der ſcheue Rabe da nicht im Baum geſeſſen, und an Geſpenſter glauben wir doch alle Beide nicht.“ „Ich bin einmal oben,“ ſagte der Geiſtliche mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, denn vor ſeinen Augen ſchwebte in dieſem Augenblick die Scene auf dem Amerikaniſchen Dampf⸗ boot, die ihm in einem früheren Briefe der Sohn beſchrieben, „und möchte auch das Innere des Hauſes ſehn, das ich ſeit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben abholten, nicht betreten.“ Langſam ſchritt er, von dem Schultzen nur widerſtre⸗ bend gefolgt, der Thüre zu, ſchob dieſe noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft hineinzulaſſen, und betrat, durch den ſchmalen dunklen Gang gehend, die frühere Stube des„ſchwar⸗ zen Steffen“. Dort aber ſchrak er ſelber einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgeſtreckt und regungslos eine menſchliche, weibliche Geſtalt. — 237 „Was giebt's?— was iſt?“ rief der Schultze, der den unwillkürlich ausgeſtoßenen Ruf des Erſtaunens gehört, und auf der Stelle ſtehen blieb, wo er gerade ſtand, während ſich eine Anzahl Burſchen aus dem Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch ſcheuer zurückwichen, und ſich ſchon halb zur Flucht wandten. Paſtor Donner winkte aber dem Schultzen langſam und traurig näher zu kommen, und als dieſer die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den vor ihm ausgeſtreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zuruͤckgetrieben hatte durch das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo ſie ſo furchtbar ſich vergangen— zu ſterben. Jetzt raſteten die blutigen, nackten Füße von der weiten Wanderſchaft, jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche lange furchtbare Nacht die Stunde hier herbeigeſehnt, mit dem Kopf auf den zerfallenen Kaſten geſtützt, der dem jüngſten Kind in früherer Zeit zu ſeinem Bett⸗ chen gedient hatte, aus von ſeinem Leid und Weh. Der Körper ſelber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dünn, aber ein ruhiges, ſeliges Lächeln zog ſich um die bleichen, kalten Lippen, die der Tod für immer geſchloſſen. Was ſie verübt, was ſie geſündigt, ſie hatte ſchwer gelitten— hatte tief bereut, und wie, als ob die Kräfte ihr nur eben noch gehorcht, die Stelle zu erreichen, war hier der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, ſie zu erlöſen von ihren Leid. 238 Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Männer im Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran, und der Ruf:„die ſtolze Jule — die ſtolze Jule liegt todt im Haus!“ füllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die Leiche immer noch ſcheu und furchtſam umſtanden. Ueber ihr aber faltete Paſtor Donner die Hände und ſagte mit leiſer, tiefbe⸗ wegter Stimme: „Gott hat in ſeiner Vaterhuld ſich Dein erbarmt, Du rmes verirrtes Kind— Du haſt ſchwer geſündigt— ſchwer und furchtbar, aber auch viel, viel gelitten, und Gram und Reue haben ihre Züge mit ſcharfen Furchen in Dein Angeſicht gegraben. Er ſei Deiner armen Seele gnädig!“ Und ſeinen Hut abnehmend, welchem Beiſpiele raſch und ſcheu alle Uebrigen folgten, betete er ſtill und brünſtig über ddeer abgerufenen Sünderin. Canitel 10. Der rothe Drachen bei Heilingen. Schluß. Im rothen Drachen bei Heilingen herrſchte heute ein reges, geſchäftiges Leben; Kellner liefen und ſtürzten durchein⸗ ander hin, Tiſche wurden gerückt, Stühle getragen, Tiſch⸗ tücher ausgebreitet, und Körbe mit Flaſchen und Getränken angeſchleppt, als ob ein Regiment damit verſorgt werden ſollte. Im Garten, der mit einer Maſſe Kränze und Blumen und Guirlanden geſchmückt war, ſtanden noch einzelne Arbeiter, die mit friſchem Sand beſtreuten Gänge von den hineingefallenen Blättern und Zweigen des Ausſchmucks zu reinigen, und un⸗ ter einem kleinen, erſt kürzlich aufgeſchlagenen und ganz mit friſchen Blumen beſteckten und behangenen Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfäſſer mit eingeſteckten gefälligen Häh⸗ nen, nur der Hand harrend, die ſie aufdrehen würde, ihr ſchäu⸗ mendes, kräftiges Naß zu ſpenden. 240 Den Pfad herunter, der von Zurſchtel niederführte, kam ein Bettler an einer Krücke daher gehinkt. Es war ſonſt eine breitſchultrige, kräftige Geſtalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tuͤcher und Lappen eingeſchlagen, und die linke Seite ſeines Geſichts ebenfalls mit einem ſchmuzigen Tuch verbunden. Als er die Gartenthür erreichte, blieb er ſtehen, und ſah hinein, betrat aber den Garten ſelber nicht, und ſchaute ſtill und aufmerkſam nach dem Haus hinüber. Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden ge⸗ ſchmückten Hausthür in gerader Linie nach dem Thore zu führte, ſchritt der Eigenthümer des Grundſtücks, Herr Kaspar Helker, nach ſeinen Arbeitern zu ſehn. In die Nähe des Bettlers ge⸗ kommen, zog dieſer den Hut ab, und ſagte mit bittender Höf⸗ lichkeit: „Wären Sie wohl ſo gut, lieber Herr, mir zu ſagen was heute hier los iſt im rothen Drachen, mit all den Krän⸗ zen und Blumen, und welches Feſt Sie feiern?“ „Ja wohl Freund,“ ſagte Herr Kaspar Helker, den ar⸗ men zerlumpten Teufel dabei mit aufmerkſamem, vielleicht nicht beſonders befriedigtem Blick betrachtend,„Herr von Hopf⸗ garten feiert heute ſeine Vermählung mit des reichen Dollinger jüngſter Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr die Ge⸗ ſchichte kennt, an einen, jetzt geſtorbenen, Amerikaner ver⸗ heirathet war.“ „Herr von Hopfgarten— hm— Herr von Hopfgarten 241 — der Name iſt mir doch gar bekannt; ſtammt er von hier?“ „Nein, aus dem Meklenburgiſchen.— Kommt Ihr weit her?— Ihr ſeht müde und krank aus.“ „Sehr weit— bin aber wohl mehr hungrig und durſtig, wie krank,“ ſagte der Mann, mit einem ſcheuen Blick nach den Brod⸗ und Kuchenkörben hinüber. „So kommt herein und eßt und trinkt,“ lud ihn der Wirth freundlich ein,„und Ihr habt mir nicht einmal dafür zu danken,“ ſetzte er raſch hinzu;„Herr von Hopfgarten hat ſtrengen Befehl gegeben, Niemand heute, wer es auch ſei, un⸗ geſpeiſt von dannen zu laſſen. Es iij frei Bier und Eſſen hier im Haus.“ „Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,“ ſagte der Mann, immer aber noch zögernd den Garten zu be⸗ treten. „So kommt herein und ſetzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen Lauben,“ ſagte der Wirth;„die werden heute nicht benutzt und Ihr— Ihr ſeht eben nicht appetitlich genug aus zwiſchen den andern Gäſten zu ſitzen. Es ſoll Euch aber an Nichts fehlen,“ fügte er raſch hinzu,„heh Wilhelm! be⸗ ſorgen Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein Mittagseſſen und Bier.“ „Bier kann ich nicht gut vertragen— wenigſtens nicht gleich auf den leeren Magen hinein— zaͤben Sie mir einen Schnaps vorher?“ „Auch den ſollt Ihr haben— heh Wilhelm— ein Glas Gerſtäcker's Nach Amerika, VI. 16 242 Kümmel— aber ein großes Glas, und dann dürft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will!“ „Danke,“ ſagte der Bettler, und hinkte an ſeiner Krücke in den Garten hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal ſtehn, und warf einen ſcheuen Blick nach rechts und links, und wandte ſich dann der kleinen Laube zu, in deren Schatten er verſchwand. „Dort kommen die Wagen!“ rief da Einer der Kellner, der vor die Thür getreten war, den Weg hinunter zu ſehen, „hierher, Herr Helker— ſie kommen!“ Der Wirth ſprang mit ſeinem Kellner der Thür zu, die Gäſte zu empfangen, und die Wagen raſſelten unter dem fröhlichen Schmettern der Poſthörner luſtig die Straße her⸗ unter. In dem vorderſten ſaß Herr von Hopfgarten mit ſeiner jungen Frau, ſein gutmüthiges Geſicht ordentlich verklärt, ſeine Augen blitzend in Wonne und Seligkeit, und auch in Claras liebe Züge war das frohe, ſüͤße Lächeln zurückgekehrt, das ihrem Antlitz ſonſt einen ſo unwiderſtehlichen Reiz verliehen. Die düſtere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böſer Traum, und yhell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg. 4 Den zweiten Wagen füllte die Dollingerſche Fmilie, der alte Herr mit Frau, Tochter und Schwiegerſohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbſt an einen reichen Gutsbeſitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten von uns, verheirathet 243 worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte ſich nach ſeiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen aufgehalten, dort die ſchöne reiche Kaufmannstochter geſehn und kennen gelernt, ſich zu gleicher Zeit ſterblich in ſie verliebt, und ſeine Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demſelben Monat noch gefeiert. In den anderen Kutſchen, aber alle von mit Blumen ge⸗ ſchmückten Poſtillonen gefahren, ſaßen die Hochzeitsgäſte aus der Stadt, bunt gemiſchte, aber fröhliche Menſchen, und unter ihnen das gutmüthige Geſicht unſeres alten Freundes Kell⸗ mann, neben der ſcharfgeſchnittenen aber heute ebenfalls zufrie⸗ den lächelnden Phyſiognomie ſeines unzertrennlichen Geſellſchaf⸗ ters, des Apotheker Schollfeld. An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar geſchäftiger Kellner empfangen, ſtiegen die jungen Eheleute aus, und begrüßten hier zuerſt ihre Gäſte, und während das, hinter einer künſtlichen Blumenhecke aufgeſtellte Militair⸗Mu⸗ ſikchor— eine Ueberraſchung Kellmanns— plötzlich mit ſchmet⸗ ternden Trompeten in Mendelſohns herrlichen Hochzeitsmarſch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen glücklichen Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thrä⸗ nen in die Augen traten, ſetzte ſich der Zug in Bewegung, dem Hauſe zu. Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten ge⸗ wöhnlich thun; eine Menge Toaſte wurden ausgebracht, und die glücklichen Menſchen jubelten, lachten und erzählten bis ſpät am Waühmitzag wo der Kaffee im Garten ſelber ſervin 16* 1. 244 werden ſollte, und die Gäſte dann zuſammen in das Dollin⸗ gerſche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen Ball für den Abend arrangirt hatte. Im Garten, bei luſtig tönenden Fanfaren, bildeten ſich dann kleine Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Scholl⸗ feld hatten ſich nächſt dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo ſte die wundervolle Ausſicht nach dem grünen herrlichen Thal und den fernen Bergen genießen konnten, zuſammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand ſich auch Hopfgarten zu ihnen, ſie zu bitten, ſich bereit zu halten, da die Wagen bald wieder vorfahren würden. „Wer uns das damals geſagt hätte, Hopfgarten,“ rief Benkendroff, ſeine Hand lächelnd auf des Freundes Schulter legend,„als wir auf der Haidſchnucke zuſammen Whiſt ſpiel⸗ ten, oder ſelbſt als wir in New⸗Orleans von einander Ab⸗ ſchied nahmen, daß wir heute hier ſo zuſammenſtehen würden.“ „Dem wär ich ſchon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,“ ſagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen. „Es iſt eine merkwürdige, mir aber höchſt intereſſante Thatſache?“ rief da Herr Schollfeld, ſich die Hände reibend, „daß die Menſchen, die einmal in Amerika geweſen, und glücklich wieder, ein ſehr ſeltener Fall, zurückgekommen ſind, ſich am wohlſten fühlen. Und trotzdem, trotz allen ſchlagenden Beweiſen, will ſich dieſes unglückſelige Menſchenkind, dieſer frühere Kürſchnermeiſter hier, nicht warnen laſſen, ſondern . „S ß 245 ebenfalls mit einem Leichtſinn, den man kaum einem jungen Menſchen von achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach dieſem gottvergeſſenen Lande der Freiheit ziehn, und das nennt er ſich zu Ruhe ſetzen. Es wäre mehr Verſtand darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger würde.“ „Aber beſter Herr Schollfeld,“ ſagte Hopfgarten,„Sie wiſſen ja, daß er um ſeine jetzige Braut erſt dort angehalten hat, und von Fräulein Lobenſtein doch nicht verlangen kann herüber zu ihm zu kommen; er muß ſie doch wenigſtens ab⸗ holen.“ „Ich will auch noch gar nicht verſchwören, daß ich drü⸗ ben bleibe,“ ſagte Kellmann ruhig,„mir aber jedenfalls die Verhältniſſe dort ordentlich anſehn. Meines künftigen Schwa⸗ gers, Georg Donners, Beſchreibung des dortigen Landes lau⸗ tet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite habe ich ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath meiner guten Freunde unterſtützt, eine ruhige, glück⸗ liche Stellung gründen, warum nicht?— Freund Schollfeld müſſen Sie aber viel zu gut halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er iſt als ein Antiamerikaner hier ſchon bekannt.“ „Und hab' ich nicht recht?“ rief dieſer hitzig,„hatt' ich nicht recht auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, je⸗ nem Weigel, der Betrügereien halber landesflüchtig werden mußte.“ „Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maas⸗ ſtab gelten,“ ſagte Kellmann. 246 „Laſſen Sie das gut ſein,“ nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie,„Herr Schollfeld hat ſehr gediegene und vernünftige Anſichten über Amerika, und Sie werden mir zu⸗ geben, daß ich ebenfalls im Stande bin ein Urtheil darüber zu fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus eigener, per⸗ ſönlicher Anſchauung.“ Hopfgarten wechſelte mit Kellmann einen gutmüthig lächelnden Blick, und ſagte, ſich an dieſen wendend: „Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenſtein, wenn Sie dieſelbe ſchon ſo lange geliebt haben, von hier fortziehen ließen, ohne ihr Ihr Herz zu öffnen?“ „Weil es ein wahnſinnig, unnatürlich verſchämter Kürſch⸗ nermeiſter war,“ rief Schollfeld, die Antwort für ſeinen Freund aufnehmend,„wie Lobenſteins hier fort waren, ging er herum wie ein begoſſener Pudel, ſprach mit Nie⸗ mandem, trank nicht mehr, ſchnitt ein Geſicht, als ob er Aepfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menſchen Rede ſtehn, beinah zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da geſtand er mir, daß er— ſehn Sie ſich den Menſchen einmal an— keine Courage hätte den Schritt zu wagen, obgleich er ſelber faſt hoffe, Anna Lobenſtein ſei ihm nicht ganz abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn dann ordentlich in's Gebet, ſchon meiner ſelbſt willen, denn es iſt ja langweilig mit einem ſolchen verliebten Kopfhänger umgehn zu müſſen. Er ließ ſich auch endlich überzeugen, und iſt mir nachher, wie er den Zuſagebrief erhielt, um den 1 247 Hals gefallen, und hat mich„ſein liebes Schollfeldchen“ ge⸗ nannt— und ſo ein Menſch will nach Amerika.“ Die Männer lachten über Schollfelds komiſchen Eifer, und Hopfgarten ſagte, noch immer lächelnd:„Sie reden gerade, als ob Amerika ein Unglück wäre.“ „Iſt es auch,“ rief Schollfeld hitzig,„iſt es auch, und der arme Teufel, der Ledermann, ſonſt ſo ein netter, rechtſchaf⸗ fener Kerl, wußte wohl, was er that. Der hätte auch nach Amerika gehn können, aber was ich ihm darüber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen; er ſprang lieber in's Waſſer, Ruh zu haben, ehe er ſolch verzweifelten Schritt that. Iſt mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm etwas Beſſeres gewünſcht— das verfluchte Spiel.“ „Seine Frau iſt noch in Heilingen?“ ſagte Hopfgarten. „Ja,“ ſagte Schollfeld mürriſch,„will aber wirklich die⸗ ſes Frühjahr mit ihrem Bruder auswandern. Das iſt auch ſo ein Lump, hat zweimal Bankerott gemacht, und nun natür⸗ lich nichts Geſcheuteres zu thun, als daß er nach Amerika geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige und rechtſchaffene Menſchen ſollten beſſer wiſſen, was ſie ſich und ihren Familien ſchuldig wären.“ „Apropos, lieber Kellmann,“ ſagte Hopſgarten da ploͤtz⸗ lich an dieſen gewandt,„erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, möchte ich Ihnen noch ein paar Zeilen an einen ſehr lieben Freund von mir, einen Herrn Fortmann in New⸗Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen ſein.“ — 248 „Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergeſſen— Sie haben ja wohl heute Briefe von dort bekommen?“ „Ja— eben von Fortmann. Das wird Sie auch intereſ⸗ ſiren; Sie wiſſen doch, daß der arme, unglüͤckliche Loßenwer⸗ der eine Schweſter hatte?“ „Lieber Gott,“ ſagte Kellmann, hinaus auf die Straße deutend,„an dieſer Stelle trafen wir das arme Kind, Leder⸗ mann und ich, an jenem Abend, wo ſie hier allein und zu Fuß in die Stadt kam, und noch keine Ahnung von der furcht⸗ baren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht ihr gut jetzt, wie Sie uns ſchon früher ſagten.“ „Beſſer jetzt wenigſtens wieder— Fortmann ſchreibt mir eben, daß außer der bei dem Raubanfall erlittenen Mishand⸗ lung Schreck und Aufregung ſie ſo ergriffen hätten, ſie lange Monate an ihr Lager zu feſſeln. Hamann hat auch deshalb beſonders ſein Geſchäft aufgegeben, und ſich weiter den Strom hinauf in ein geſünderes Klima gezogen. Der Nachlaß ſeines Vaters ergab übrigens, wie es ſcheint, ganz unerwarteter Weiſe, ein gar nicht geahntes, höchſt bedeutendes Vermögen, das der alte Geizhals von dem Schweiß und Blut armer Auswanderer zuſammengeſcharrt. An Aktien und Papieren, Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen Sachen gar nicht gerechnet, fanden ſich weit über hunderttau⸗ ſend Dollar. Der junge Hamann iſt aber ein braver, recht⸗ ſchaffener Kerl, der gern wieder, wenigſtens einen Theil deſſen gut machen möchte, was ſein Vater ſchlecht gemacht, und Fort⸗ mann ſchreibt mir eben, daß er, beſonders von ſeiner Frau — — — 249 dazu angeregt, der Stadt New⸗Orleans die volle Hälfte des ganzen Vermögens zur Verfügung geſtellt häbe, wenn ſie das andere Geld zuſchießen und ein großes Auswanderungshaus, das unter ſtädtiſcher Aufſicht ſteht, gründen wolle, wo der Ein⸗ wanderer vor Betrug ſicher ſei, und der arme hülfsbedürftige Arbeiter auf eine gewiſſe Zeit, ſeinen erſten Aufenthalt zu decken, ſelbſt unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn es zu Stande käme, wäre es ein Segen für Tauſende, und New⸗Orleans, als Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine ſchon längſt ſchwer auf ihm gelegene Pflicht der Hafenſtädte, Tauſende von Unglücklichen, die nach Amerika kamen, dem Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und Untergang, wenigſtens vor grenzenloſer Noth zu bewahreg. Gott gebe ſeinen Segen dazu.“ „Wie wunderbar doch Gottes Wege ſind,“ ſagte Kell⸗ mann, langſam mit dem Kopf dazu ſchüttelnd;„das arme Kind, das wenige Jahre früher, ohne einen Groſchen, ſeine Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße wanderte, verfügt jetzt über Tauſende, und ſucht Schmerz und Elend zu lindern, das ſie ſelber ja ſo ſchwer aus ihrem eigenen Leben kennt.“ „Da kommen die Damen,“ ſagte von Benkendroff, der ſich für die Leute nicht im mindeſten intereſſirte, und indeſſen langſam ſeinen Kaffee getrunken und ſeine Cigarre geraucht hatte,„Schwiegermama ſcheint aufbrechen zu wollen, die An⸗ ordnungen zum Ball zu revidiren. Dort raſſeln auch ſchon die —* 250 Wagen heran,“ rief er, ſeine Cigarre wegwerfend,,alſo meine Herren, auf Wiederſehn heute Abend.“ Die Kutſchen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörner⸗ ſchmettern des Poſtillions, um die Gartenwand gefahren, und die erſte hielt vor dem Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzuführen, ſeine junge, lächelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm. Langſam fuhr dann der Poſtillion voraus, bis ſämmtliche Gäſte ihre Sitze eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrah⸗ geſchrei der ſämmtlichen Dorfbewohnerſchaft, der ebenfalls für den Abend hier draußen ein Feſt bereitet worden, raſch die Straße nach Heilingen hinabrollte. Der Wirth hatte ſeine„innigſten Glückwünſche“ ſämmt⸗ lich angebracht, und ſeine tiefen und freundlichen Bücklinge noch gemacht, bis der letzte Wagen ſchon lange ſein Grundſtück paſſirt war, drehte ſich dann mit demſelben freundlichen Ge⸗ ſicht um, gab einem der in die Lehre genommenen jungen Kell⸗ ner, der mit offenem Maule neben ihm ſtand, eine Ohrfeige, und ſchickte den darüber auf's Aeußerſte Erſtaunten an ſeine Arbeit, und lief ſelber in das Haus zurück, das Wegräumen der nicht getrunkenen Weine zu überwachen. Nur der Oberkellner blieb, ſich vergnügt die Hände rei⸗ bend, und mit ſchmunzelndem, ein vortreffliches Trinkgeld ver⸗ rathendem Antlitz noch einen Augenblick in der Thüre ſtehn, bis auch die letzte Staubwolke auf der Straße verſchwunden war, und wandte ſich eben, ſeinem Principal zu folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in der 251 dichten Laube geſeſſen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte, den Garten zu verlaſſen. „Nun, Alter, hat's geſchmeckt?“ ſagte der Oberkellner mit einem huldvollen Lächeln ihm zunickend—„ſeid Ihr ſatt geworden?“ „Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!“ ſeufzte der Mann, und ſtrich ſich mit der Hand über das Geſicht—„aber eine Frage hätt ich noch, die Sie mir wohl beantworten können. Jener Herr von Hopfgarten—“ „Ja?“ frug der Kellner, die Augen feſt zuſammenpreſſend, und ſich wieder aus Leibeskräften die Hände reibend—„der eben fortfuhr?“ „Ja, derſelbe— war der Herr auch ſchon einmal in 4 Amerika?“ „Der?— nun ja, gewiß; auf der Hinreiſe hat er ja ſeine jetzige Frau, die frühere Madame Henkel kennen lernen.“ „Hm— ja Henkel,“ wiederholte der Mann leiſe vor ſich hin. „Dort hat er auch,“ fuhr der Kellner, ſeinem Ideenlauf 1 folgend, der ihn beſonders intereſſtren mochte, fort—„den früheren Wirth hier vom rothen Drachen, den Lobſich, gefun⸗ den, der in Milwaukie ebenfalls einen rothen Drachen errichtet hat. Bei Tiſch erzählte er uns die Geſchichte— hahahahaha— es war zu komiſch. Na adieu Alter— glücklichen Marſch,“ und den Mann in der Thüre ſtehn laſſend, ging er vor allen Dingen in die Laube, wo jener geſeſſen, zu ſehn, ob er auch weder Meſſer noch Gabel mitgenommen und ſchoß dann, wie⸗ — —— 25²2 der wie vorher die Hände reibend, als ob er ſie in Feuer bringen wollte, nach dem Speiſeſaal hinüber. 4 Der Bettler drehte ſich langſam ab von ihm. 3 „'S iſt mir doch was Unbedeutendes!“ flüſterte er leiſe und tief aufſeufzend vor ſich hin, und hinkte, während ihm eine große Thräne über die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr fernen Heilingen zu. — 7 8 . 1 6 4₰ .. 4 3 1 1 ³ 1 2 1 — 4———— ——