Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträg t: ATNEMs Wnler rlüceee—. für wöchentlichte 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— — 4—————— auf 12Monat: ☚ 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ehe Hopfgarten das Haus erreichte, mußte er noch über ein Stuͤck friſchgepflügten und aufgeweichten Feldes, in dem er beinah ſtecken blieb. Dabei lag das kleine Gebäude vor ihm, ſo ſtill und verſteckt unter ein paar hohen düſteren Bäumen, und das Licht, oder Kaminfeuer vielleicht, funkelte ſo matt und todt zwiſchen den Spalten der Hütte durch, daß unſer Freund, ſchon ganz in der Nähe des Hauſes angelangt, an dem ihn nicht einmal das Knurren eines Hundes begrüßte, unwillkürlich ſtehen blieb, und nach ſeinen Piſtolen griff, die er hinten in der Rocktaſche trug, und von deren Vorhanden⸗ ſein er ſich wenigſtens überzeugen wollte. Aber lieber Gott, die Rocktaſche war vollſtändig durchgeweicht— das Waſſer lief ihm in die Hand als er daran griff, und an ein Losgehn der Waffen, hätte er ſie wirklich gebraucht, war kaum zu denken. Gerſtäcker's Nach Amerika. v. 14 — Aber Zögern half ihm auch Nichts; er war einmal entſchloſſen hier zu übernachten, und hatte ſich bis zum Hauſe durchgear⸗ beitet, alſo galt es auch jetzt das einmal Begonnene auszu⸗ führen. So ſeine wollene Decke, die er ſo gut das gehn wollte als Mantel gebraucht, von dem rechten Arm zurückwer⸗ fend, denſelben frei zu bekommen, überkletterte er jetzt die Fenz noch einmal, nächſt zum Hauſe, durchſchritt den kleinen offe⸗ nen Hofraum, der beide von einander trennte, und klopfte im nächſten Augenblick an die niedere Thür. Es blieb todtenſtill im Haus— nur war es ihm als ob er das dumpfe Knurren eines großen Hundes höre, das einem fernen Donner nicht unähnlich klang— er horchte eine halbe Minute etwa, und als dann noch Alles ruhig blieb, klopfte er wieder, und zwar ſtärker als das erſte Mal. Ein Hund ſchlug jetzt drinnen mit lauter Stimme an, und er hörte gleich darauf zu ſeiner großen Genugthuung Schritte, die ſich der Thüre näherten und davor ſtehen blieben. „Wer iſt draußen?“ fragte eine, wie es dem Fremden faſt ſchien, vorſichtig gedämpfte Mannesſtimme in ſchlechtem, vielleicht jüdiſchem Engliſch—„Biſt Du's Benjamin?“ „Ein Fremder iſt's“ rief aber der Deutſche, durch et⸗ waiges Zögern den Mann da drinnen nicht vielleicht unnöthi⸗ ger Weiſe mistrauiſch zu machen—„ein Paſſagier der hier vorbeigehenden Poſtkutſche, die ein Rad zerbrochen hat und nicht mehr fortkann, und der nur für die Nacht Unterkom⸗ men zu finden wünſcht— nur Schutz gegen das furchtbare Wetter draußen.“ he 845——— 3 „Seid Ihr allein?“ frug die Stimme wieder—„ruhig Nero, ruhig mein Hund— was haſt Du zu knurren, wenn ich Dir Nichts ſage?“ „Ganz allein, aber naß wie eine Kat tze.“ „Wär' ein Kunſtſtück heute trocken zu bleiben“ ſagte die Stimme wieder, während oben und unten von der Thüre Rie⸗ gel zurückgeſchoben wurden, und dieſe ſich dann langſam und vorſichtig öffnete„Kommt herein“ ſagte dabei der Mann— „der Hund thut Nichts, wenn ich bei Euch bin— braucht ihn nicht zu fürchten— Gott der Gerechte, iſt das ein Wetter raußen— kommt zum Feuer und trocknet Euch.“ Er ging dem Fremden voran zum Kamin, ſtörte die faſt ausgebrannten Kohlen wieder auf, und warf ein paar friſche Stücken Holz darauf, die Flamme heller auflodern zu machen. Von der Seite warf er dabei manchen verſtohlenen Blick nach dem ſpäten Gaſt, deſſen Geſicht er in der Dunkelheit der Hütte bis jetzt noch nicht hatte erkennen können, und als das Feuer brannte, drehte er ſich nach ihm um, bat ihn auf dem einzigen Stuhl, der am Kamin ſtand, Platz zu nehmen, und ging dann zu dem Reiſeſack, den er aufhob, einen Augenblick wie in der Hand wog, und dann ebenfalls zum Kamin trug, damit er, wie er meinte, trocken würde. „Ihr werdet auch noch hungrig ſein“ ſagte er dabei, „Gottes Wunder iſt das ein Vergnügen in ſolcher Nacht, mit ſolchem Fuhrwerk auf der Landſtraße zu liegen, für ſolchen fei⸗ nen und wahrſcheinlich auch reichen Herrn; aber ich bring Euch gleich etwas zu eſſen.“ 1* 4 Hieran verhinderte ihn aber Hopfgarten; nur wenn er vielleicht ein Stück trocken Brod und einen Schluck Brandy hätte, möchte er ihn darum bitten; das ſei vollkommen ge⸗ nug bis morgen früh, und er bedürfe nach der gehabten unge⸗ wohnten Anſtrengung mehr der Ruhe, als irgend einer Nah⸗ rung.“* Der Mann(und der Indiana⸗Farmer hatte ganz recht, es war jedenfalls ein Jude ſeinem ganzen Ausſehn und Weſen nach), ging jetzt daran den Tiſch, der mitten in der Hütte ſtand, für ſeinen Gaſt herzurichten; von einem an der Wand befeſtigten Bret nahm er ein kleines altes Stück Wachstuch, das er mit dem Ellbogen von alten Fettflecken oder Staub rei⸗ nigte, breitete es dann auf den Tiſch, legte einen halben Laib Waizenbrod daneben, nahm ein Meſſer aus der Schieblade, das er in das Brod hineinſtieß, und ging dann zu einem klei⸗ nen Eckſchrank, aus dem er eine grüne bauchige Flaſche und und ein großes Glas herausholte. Hierauf füllte er einen kleinen eiſernen Keſſel mit Waſſer, ſtellte ihn auf die Koh⸗ len, und verließ auf kurze Zeit das Haus. Hopfgarten behielt indeſſen Zeit ſich in der niederen räu⸗ cherigen Hütte etwas mehr umzuſchauen, in der es ihm, er wußte eigentlich ſelber nicht weshalb, noch gar nicht ſo recht behaglich werden wollte. Wie unwillkürlich lief ihm dabei ein Schauer über den Leib— das mußte die Näſſe und Kälte ſein, die das Feuer aus ihm heraustrieb— und er ſah ſich wie ſcheu in dem engen Raum um, ja bereute faſt in ſolcher Nacht 4 ein ſolches Gebäu leichtſinnig betreten zu haben. 5 Und was für ein mächtiger Hund das war, der unfern des Kamins lag, und ihn mit den kleinen tückiſchen Augen ſo ſtill und aufmerkſam anſtarrte; wie er den breiten ſchweren Kopf ſo klug und lauernd auf ſeinen Tatzen liegen hatte, und keinen Blick dabei von dem Fremden wandte, mit dem er noch keineswegs wußte woran er war. Die Augen des Hundes hatten ordentlich etwas Unheimliches. Und wie ſchwarz ge⸗ räuchert die Mauern ausſahen, glänzend von Fett und Ruß, und mit kleinen Schränken und Kaſten ringsum die dunkle Wand umſtellt, bis dort— Hopfgarten konnte einen leiſen Schrei der Ueberraſchung kaum unterdrücken, als ſein Blick in dieſem Moment auf die Geſtalt einer alten, Mumienartigen Frau fiel, die ſich aus der dunklen Ecke, in der ſie geſeſſen und möglicher Weiſe geſchlafen, langſam und hoch aufrichtete, und auf ihn zu, zum Feuer kam. Es war der Typus des Häßlichen, Abſcheulichen, dieß alte Weib mit den ihr wirr über die Stirn und Schläfe hängen⸗ den eisgrauen Haaren, den eingefallenen Wangen, hohllie⸗ genden ſtieren Augen, und dem nackten braunen, runzeligen Hals, den Körper in einen alten Mantel fröſtelnd eingehüllt, und die dürren knochigen Hände gegen das Feuer vorgeſtreckt. Einen ſo wohlthuenden, beruhigenden Eindruck das Bild einer freundlichen Matrone auf uns macht, die über die Stürme des Lebens hinaus, mit klarer Ruhe im Blick den Frieden ihres Herzens wiederſpiegelt, mag ſie in einer Tracht dann auftreten wie ſie will, ſo zuückſtoßend wirkt die Geſtalt einer alten Frau in Schmutz und Lumpen auch auf uns, deren Scheitel die — 1 6 Jahre gebleicht, und Nichts von der Ruhe, nichts von dem Frieden darauf zurückgelaſſen haben, die dem Alter gehören. Hopfgarten trat unwillkürlich einen Schritt zurück, der Alten Raum zu geben, aber wie er ſich nur regte, und Miene machte das Kamin zu verlaſſen, knurrte der Hund, und als er ſich etwas erſchreckt nach dieſem umwandte, leuchteten ihm deſſen kleine Augen ſo drohend, ſo zornfunkelnd entgegen, daß er regungslos auf ſeinem Platze ſtehen blieb, die Beſtie nicht unnöthiger Weiſe böſe zu machen. „Schöne Situation das“ murmelte er dabei vor ſich hin—„ſitze hier drin wie die Roſe zwiſchen den Dornen; hm hm hm Hopfgarten, ich glaube Du biſt da in eins von Dei⸗ nen erſehnten Abenteuern hineingerathen— wenn ſie nur nicht gleich mit dem letzten anfangen.“ Die Frau, die ſich jetzt dicht zu dem hellauflodernden Feuer gedrängt hatte, und die zitternden, ausgeſpreizten Finger darüber hielt, drehte den von der Flamme zurückgebogenen Kopf nach ihm um, ſah ihm eine Weile ſtier in die Augen, und flüſterte dann, wie es ihm vorkam einige ängſtlich raſche Worte, aber in einer Sprache von der er keine Sylbe verſtand.“ „Jetzt werd' ichs bereuen können, daß ich das Hebräiſche in meiner Jugend vernachläſſigt habe“ dachte Hopfgarten und ſah die Alte dabei überraſcht und neugierig an, aus ihren Blicken vielleicht zu errathen was ſie meine. Wieder flüſterte die ihm, ſcheu dabei den Kopf nach der Thür werfend, etwas zu, und deutete dabei zugleich nach den Tiſch hinüber. „Ja, ich begreife aber nicht—“ 7 „Bſt,“ ſagte die Alte raſch und beſtürzt, und hob war— nend den Finger; in dem Augenblick aber ging die Thuͤr wie⸗ der auf, und der zurückkehrende Mann ſah kaum die Alte am Feuer, neben ſeinem Gaſt, als er auf ſie zuging und ihr mit barſcher Stimme einige Worte in derſelben fremden Sprache zurief. Die Frau kroch ſcheu in ſich zuſammen, wickelte den alten Mantel feſter um ſich her, und glitt auf ihr Lager, das in der dunklen Ecke nächſt dem Kamine gemacht ſchien, zurück. Der Mann aber ſagte freundlich zu dem Fremden: „Kehrt Euch nicht an die Alte; ſie iſt ſtill und gutmüthig, nur hier,“ ſetzte er leiſer, mit dem Finger auf die eigene Stirn deutend hinzu,„nicht ganz richtig. Wenn wir allein ſind laß ich ſie ruhig gehn, nur wenn Fremde zu mir kommen, was freilich ſelten genug geſchieht, muß ſie in ihrer Ecke bleiben und darf mir ſie nicht ſtören. Aber hier,“ ſetzte er lauter hinzu, „iſt wenigſtens ein Imbiß für Euch. Da iſt ein Stück Brod und Käſe, den ich neulich von Vincennes mitgebracht, und ein guter Brandy, der Euch wahrſcheinlich mehr noth thut als alles Andere; das Waſſer wird auch jetzt heiß ſein— ja es kocht ſogar ſchon— und ich mach' Euch indeſſen einen Grog zurecht. Setzt Euch nur zum Tiſch und langt zu.“ Hopfgarten war wirklich durch die ungewohnte Anſtren⸗ gung nicht allein flau geworden, ſondern hatte ſogar eine Art Heißhunger bekommen, dem er etwas bieten mußte. Nur der Hund war ihm im Wege, der ihn noch immer lauernd und tückiſch anſchaute. Was that überhaupt der Köter hier im Haus? 1 — 8 „Der Hund thut Euch Nichts,“ ſagte der Alte ruhig,„er iſt nur Fremde nicht gewohnt.“ „Wenn ich mich aber gerührt hätte, wie Ihr draußen wart, wär' er mir auf den Leib geſprungen,“ ſagte Hopfgar⸗ ten mürriſch. S' iſt ein alter Hund,“ lächelte der Alte,„und hat keinen Zahn mehr im Maul, thut auch nur manchmal ſo als ob er böſe wäre. Die Zeiten ſind vorbei wo er Leute ge⸗ biſſen hat, und Ihr könnt zu ihm gehn und ihn ſtreicheln, er wird es ſich ruhig gefallen laſſen.“ Hierzu bezeigte der Deutſche übrigens keine rechte Luſt, folgte aber der wiederholten Einladung, am Tiſche Platz zu nehmen, und ſchnitt ſich ein tüchtiges Stück Brod und Käſe ab, während der alte Jude mit dem Glas zum Feuer nieder⸗ kauerte, aus einem Papier etwas hineinſchüttete, und dann Waſſ er Sf goß. So,“ ſagte er, als er es zum Tiſch zurückbrachte und es dem Gaſt vorſetzte,„nun thut Euch ſelber ſo viel Brandy zu als Ihr mögt, macht den Grog aber ein wenig ſcharf, es wird Eueren Gliedern wohl thun, und böſe Folgen von ſolchem Nachtmarſch abhalten. „Was habt Ihr da im Glaſe, Freund?“ ſagte Hopfgar⸗ ten, dieſes gegen den Schein des Feuers haltend. „Zucker und Waſſer— der Zucker iſt gut, und nimmt dem Brandy die Schärfe.“ „Ich trinke nicht gern Zucker,“ ſagte der Deutſche, den —— — 9 ein eigens wunderliches Mistrauen beſchlich,„wenn es Euch recht iſt, miſch ich mir den Trank ſelber.“ „Nicht gern Zucker?— iſt es doch das Beſte dran,“ ſagte der Alte,„koſtet's nur erſt, es wird Euch ſchon ſchmecken.“ Hopfgarten beharrte übrigens darauf, den Satz fortzu⸗ gießen, und ſtand dann ſelber auf, ſchwenkte das Glas mit heißem Waſſer aus, füllte von dieſem wieder ein, und goß ſich dann Brandy aus der Flaſche zu. „Mehr, Freund, mehr,“ mahnte ihn der Alte,„das iſt nicht halb genug, und nähme Euch nicht einmal das Fröſteln vom Leib— noch mehr— lieber Gott, meine Alte da trinkt ſtärkeren Grog, wenn ich's ihr gebe.“ „Ich danke, ich danke,“ rief aber Hopfgarten, die Flaſche abwehrend, aus der ihm der Alte, als er ſie hingeſtellt, noch ſelber anfing nachzugießen;„ich bin ſtarke Getränke nicht ge— wohnt, und bekomme danach am andern Morgen Kopf⸗ ſchmerzen.“ „Für morgen ſteh' ich Euch,“ lachte der Alte in ſich hinein,„der Brandy iſt vortrefflich und macht Niemandem Kopfſchmerzen.“ Den Deutſchen überlief es wirklich jetzt mit einem eigenen unbehaglichen Fröſteln, das er freilich immer noch den naſſen Kleidern zuſchrieb, der Brandy ſchmeckte aber gut, und nach kurzer Prüfung und mit einem raſchen Entſchluß trank er den Inhalt auf einen Zug hinab— ha wie das brannte. „Aber nun legt Euch auch ſchlafen,“ mahnte der Alte, 10 während er Brod und Brandy wieder vom Tiſch abräumte, und an ſeine Stelle brachte,„es iſt ſpät in der Nacht, und auf den Trunk werdet Ihr, trotz des harten Lagers das ich Euch bieten kann, gut ruhen. Hier am Feuer wird der beſte Platz für Euch ſein; ehe wir uns hinlegen werf ich dann noch ein paar Stücken auf, und bis die niedergebrannt ſind liegt Ihr ohnedieß warm. Die Nächte werden jetzt ſchon recht friſch, ja kalt.“ Hopfgarten, froh endlich ſeine todtmüden Glieder einmal wieder ausſtrecken zu können, legte ſeinen Reiſeſack, der am Feuer indeß ſchon etwas abgetrocknet war, ſo hin, daß er ihn zum Kopfkiſſen gebrauchen konnte, und der Alte hatte ihm eine wollene Decke und ein Schaaffell zum Lager gebracht, wobei er bedauerte ihm nicht mehr Bettzeug bieten zu können, da er ſelber ſeit geſtern noch Beſuch bekommen.„Aber ich bring' Euch noch'was die Füße warm zu halten,“ ſetzte er hinzu, „das iſt die Hauptſache, und gegen Morgen werdet Ihr ſchon fühlen wie wohl das thut.“ Er nahm dabei einen alten leine⸗ nen Sack, der hinter dem Stuhl am Feuer gelegen und, wie es Hopfgarten vorkam, eine Menge dunkler Flecken trug, ihn dann aber zu den Füßen des ſich eben auf ſeinem etwas harten Lager behaglich ausſtreckenden Gaſtes öffnend, forderte er dieſen auf dahinein ſeine Füße zu ſtecken. „Dahinein in den Sack?“— rief Hopfgarten erſtaunt— „weshalb?“ „Ihr ſollt einmal ſehn wie warm Euch das die Füße hält.“ 11 „Ich will ihn lieber darüber decken; das iſt eben ſo gut.“ „Nicht halb ſo gut, nicht um hundert Procent,“ rief der Alte, und verſuchte den Mund des geöffneten Sacks ſelber um die Füße zu bringen, die Hopfgarten aber zurückzog, und ſich jetzt auf das Entſchiedenſte weigerte der Aufforderung Folge zu leiſten. Es war ihm ein gar ſo unheimliches Gefühl ſeine Füße in einem Sack zu wiſſen, deſſen er ſich in der Dunkelheit, wenn er hätte raſch aufſpringen wollen, gar nicht ſo ſchnell entledigen konnte. Auch das Drängen des finſter ausſehenden Mannes be⸗ unruhigte ihn— was zum Henker, lag den Burſchen ſo ſehr daran, ſeine Füße in den engen Sack hinein zu bekommen?— Wie der Jude übrigens ſah daß ſein Gaſt ſich dem Verlangen unter keiner Bedingung fügen wollte, ließ er nach mit Drän⸗ gen, und legte ihm nur den Sack noch auf die Füße drauf, ſchürte das Feuer, ſah nach der Thür und ging dann nicht etwa ſelber zu Bett, ſondern ſetzte ſich am Kamin in den nie— deren Rohrſtuhl, legte das eine Bein über das andere und faltete die Hände um das rechte, aufgehobene Knie und ſtarrte nachdenkend in die Flamme. Hopfgarten ſchloß die Augen und verſuchte zu ſchlafen, aber— es ging nicht; das Feuer brannte nach und nach nieder und er konnte die noch immer am Kamin ſitzende Ge⸗ ſtalt nicht mehr ordentlich erkennen, aber er fühlte daß ihre Blicke auf ihm hafteten, und daß jede ſeiner Bewegungen, daß jeder Athemzug beobachtet, belauſcht wurde— weshalb?— Er lag noch eine halbe Stunde, und es wurde ihm ſonderbar 12 unbehaglich zu Muthe— und der Geſchmack den er dabei im Munde hatte— der mußte von dem Brandy herrühren— wie eigenthümlich metalliſch das ſchmeckte— und im Kopf fing es ihm an zu drehen und zu arbeiten— wie ſchwer und bleiern ſeine Augenlider wurden. Er fühlte noch einmal neben ſich, wo ſeine Piſtolen lagen, Ker er hatte ſelber kein Ver⸗ trauen zu ihnen— ſie waren naß geworden und hätten jeden⸗ falls verſagt. Wenn er ſie nur vorher in Stand geſetzt— er hatte kein Mistrauen zeigen wollen und würde jetzt doch Gott weiß was darum gegeben haben, nicht ſo überrückſichts⸗ voll geweſen zu ſein. Und was hinderte ihn daran ſelbſt jetzt noch aufzuſprin⸗ gen und das Verſäumte nachzuholen? dem Gerüſteten, mit der Waffe Verſehenen würde der Mann, was auch ſonſt ſeine Abſicht geweſen, nicht gewagt haben entgegen zu treten. Er wollte aufſtehn, aber er vermochte es nicht mehr— die Glie⸗ der verſagten ihm den Dienſt, über ſeine Augen legte es ſich wie ein Schleier und er fühlte wie ſich der Schlaf— ein gewaltſamer, nicht zurückzudrängender Schlaf— ſeiner be⸗ mächtigte. Wie lange er ſich in einem ſolchen Halbtraum befand wußte er nicht, wohl aber daß er gegen dieſe unnatürliche Ruhe mit allen Kräften ſeiner Seele ankämpfte, und ihr doch am Ende erlegen wäre, wenn nicht, vielleicht gerade zur rechten Zeit, ein Geräuſch von außen, ihm geholfen hätte ſie zu bewältigen. Der Jude, der im Stuhl am Feuer ſaß, regte ſich leiſe und geräuſchlos nur, es iſt wahr, aber er bewegte ſich doch, hob ſich langſam empor, und ſtand jetzt, das Geſicht noch immer dem Fremden zugewandt, mit dem Rücken nach den kaum noch glimmenden Kohlen hin, vor dem Kamin. Wieder ſchloß Hopfgarten die Augen, und ſuchte das fatale Bild, das ihm die dunkle Geſtalt heraufbeſchwor, von ſich zu ſchütteln, als er die leiſen, ſchleichenden Schritte des Mannes auf dem Boden fühlte— fühlte wie er ſich ihm mehr und mehr näherte— und als er die Augen nur halb und vorſichtig öff⸗ nete, dem dunklen Geſellen nicht zu verrathen daß er wache, ſah er wie dieſer, nur wenige Schritte von ſeinem Lager ent⸗ fernt, mit halb vorgebeugtem Oberkörper lauſchend ſtand, und jedenfalls auf ſeine Athemzüge horchte. Was hatte er im Sinn— was wollte er von ihm?— ſollte er aufſpringen, und dem Mann, falls er zum Angriff auf ihn fertig ſtand, im Einzelkampf begegnen?— aber der Hund dann, der noch immer im Zimmer lag. Und hatte der Jude auch wirklich eine feindſelige Abſicht gegen ihn?— war es nicht vielleicht Zufall— Sorge ſelbſt um ſeinen Schlaf, die ihn an des Fremden Lager führte. Hopfgarten beſchloß das zu ergründen, ſelbſt auf die Gefahr hin den Burſchen muthwilliger Weiſe zu einem Angriff auf ſich zu treiben; er war auch kräftig, und noch in den beſten Jahren, und trug der finſtere Geſell da Böſes gegen ihn im Schilde, ei ſo mochte er auch auf einen Widerſtande gefaßt ſein, den er ſich vielleicht nicht ſo warm gedacht oder für möglich gehalten. So alſo den Mann glauben zu machen daß er wirklich ſanft und feſt eingeſchlafen ſei, damit er endlich einmal mit ſeinen Abſichten 14 herauskäme, ſing er an laut und regelmäßig zu athmen, und blinzte jetzt nur unter den halb geſchloſſenen Wimpern nach ihm hinüber. Der Jude blieb indeſſen noch eine Weile, halb nach ihm hingebeugt, ſtehn, als ob er ſich erſt ſelber von der Wahrheit dieſes ſcheinbaren Schlafes 4— wolle; dann aber, als ihm jeder Zweifel genommen ſein mochte, ſchlich er wieder leiſe zum Kamin zurück, warf einen Spahn auf die jetzt nur matt glimmenden Kohlen, der bald zu einer kleinen aber hell kniſtern⸗ den Flamme aufloderte, ging dann in die entgegengeſetzte Ecke der Hütte, wo Geſchirr und andere Sachen ſtanden, und nahm dort— Hopfgarten fühlte wie ihm das Blut einen Augenblick in den Adern ſtockte, und dann eiſeskalt den Rücken hinabrie⸗ ſelte— ein langes blitzendes Meſſer von der Wand, deſſen Schneide er flüchtig mit dem Daumen prüfte, während ſein Auge die Entfernung zwiſchen ſich und ſeinem Opfer abzumeſ⸗ ſen ſchien. Hopfgarten war nichts weniger als feige, ein gewiſſer kecker Muth— ſelbſt wenn wir ihn Uebermuth nennen woll⸗ ten— hatte ihn ſogar das Erleben gefährlicher Abenteuer herbeiwünſchen, wenn auch nicht aufſuchen laſſen, denn daß er den Miſſiſſippi auf deſſen Dampfbooten nur befuhr um mit einem platzenden Keſſel in die Luft zu fliegen, war jedenfalls mehr eine unſchuldige Prahlerei als wirklicher Ernſt geweſen; hier aber fühlte er doch wie er der jedenfalls berechneten Bosheit eines ſolchen Räubers gegenüber in eine Falle gegan⸗ gen ſei, aus der ein Entkommen, wenn nicht unmöglich, doch 15 unwahrſcheinlich war. Nichts deſtoweniger beſchloß er ſein Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Er wußte wie wenig er ſich auf ſeine Piſtolen verlaſſen konnte, deren Verſagen ihn ganz in die Hand des Mörders gegeben hätte, griff deß⸗ halb raſch, und ſo wenig als möglich die Decke über ſich be⸗ wegend, den Angriff des Feindes nicht zu beſchleunigen, in ſeine Taſche, nahm dort den Genickfänger(ſein Bowie⸗ meſſer hatte er im Koffer zurückgelaſſen) vor, klappte ihn leiſe und geräuſchlos auf und in die Feder, und den linken Arm dann über die Bruſt ziehend, einen erſt dorthin geführten Stoß raſch pariren zu können, hielt er das kleine aber haar⸗ ſcharfe Meſſer, das doch wenigſtens eine fünf Zoll lange Klinge führte, feſt in der Fauſt, und erwartete mit zuſammengebiſſenen Zähnen aber feſter Entſchloſſenheit den Angriff. Sein Herz ſchlug dabei ſo laut und heftig daß er zu fürch⸗ ten anfing die kleine lauernde Geſtalt des Juden müſſe das hören, wie er aber dieſen jetzt langſam, mit vorſichtig zurück⸗ gezogenem Stahl gegen ſich anſchleichen ſah, ja den Fuß des Mörders ſchon an dem ſeinen fühlte, als ſich dieſer über ihn hinbog, und mit dem linken, ausgeſtreckten Arm nach der Wand fühlte, ſich jedenfalls dort zu ſtützen und ſeinem Stoß mehr Sicherheit zu geben, war auch faſt jede Angſt, die ihn bis dahin wohl noch bedrückt, verſchwunden. Es iſt eine allbekannte und oft geprüfte Wahrheit, daß eine Gefahr wirklich nur ſo lange eriſtirt als ſie droht, und die Hälfte, ja mehr ihrer Schrecken verloren hat, wenn ſie, ſelbſt mit voller, ungeſchwächter Kraft über uns hereinbricht. 16 Nur der Schiffer auf leckem Fahrzeug ringt verzweifelnd die Hände und ſinkt in die Knie, oder ſtarrt in dumpfem Schwei⸗ gen rath⸗ und thatlos hinaus auf die ihn umtobende See— der Schiffbrüchige, dem das Meer ſchon ſein Fahrzeug zer⸗ trümmert, während die Wogen mit den zerriſſenen Planken ſpielen, ſucht ſich ſchwimmend, und mit zum Aeußerſten ent⸗ ſchloſſenen Arm die Wogen theilend, treibende Bruchſtücke ſei⸗ nes Schiffs zuſammen, baut ſich, mit der Fluth dabei kämpfend, ein kleines Floß, und ſchwimmt dann keck und trotzig auf dem weiten Meer umher, von der ſtürmiſchen See an die Küſte ge⸗ worfen, oder von einem zufällig in Sicht kommenden Schiff aufgeleſen und gerettet zu werden. So war es mit Hopfgarten; wie auch ängſtliche Gefühle, er mochte dagegen ankämpfen wie er wollte, ihm die Bruſt be⸗ engten, als er die jetzt vor ihm aufſteigende Gefahr näher und näher rücken fühlte, ſo ſchwand jeder andere Gedanke in ſeiner Bruſt als er den Stahl darauf gezückt wußte, und nur der einzige der der Selbſtvertheidigung lebte noch in ihm. Der erſte Stoß wurde jedenfalls nach ſeinem Herz geführt, aber der raſch aufſchlagende Arm mit der wollenen Decke, die ihm allein ſchon Schutz gewährte, konnte den leicht zur Seite werfen und un⸗ ſchädlich machen; die aufwärts gehaltene eigene Klinge hatte er dann im Nu auch ſelbſt befreit, und dem bübiſchen Verräther ein⸗ oder zweimal in die Rippen geſtoßen, ehe dieſer im Stande war ſich von dem erſten Schreck zu erholen, oder gar den Hund hätte rufen können. Den weit ſchwächeren Mann konnte er dann ſchon leicht bewältigen, und die Beſtie— ei zum Teufel, —.. — — — — — 8 — — · wenn er erſt auf den Füßen ſtand wollte er ſich die wohl auch vom Leibe halten. Aber was zögerte der Alte ſo lang?— den linken Fuß hatte er vorgeſetzt— den linken Arm gegen die Wand geſtemmt, und ganz über ihn gebeugt hob er noch immer nicht den rech⸗ ten Arm zum Stoß— wagte er es nicht?— Hopfgarten biß die Zähne feſter und trotziger aufeinander, und ſehnte ſich jetzt faſt nach dem Augenblick, der ihn zu eigenem Handeln rufen würde, als ſich der dunkle Körper des Juden wieder zurückbog— die Hand mit dem Meſſer hob ſich nicht, und der Mann, auch die linke jetzt wieder zurückziehend, hielt in der rechten— Hopfgarten wußte nicht ob er wache oder träume— daſſelbe Brod, das er ihm vorher ſchon hingelegt— trat wie⸗ der zum Kamin, ſchnitt ſich mit dem langen furchtbaren Meſ⸗ ſer ein großes Stück ab, legte das übrige indeſſen auf den Kaminſims, warf noch einige Kienſpähne auf die Gluth, daß ſie hoch aufloderten und ein helles Licht im Gemach verbreite⸗ ten, und fing dann— keinen Blick mehr nach dem Fremden hinüberwerfend— ruhig an zu eſſen. Hopfgarten holte tief Athem— es war als ob ihm ein großer Stein von der Bruſt fortgewälzt worden, und wie im Traum doch lag er eine ganze Weile, noch nicht im Stande, dieß völlige Gefühl der Sicherheit von der Gefahr ſo ganz zu trennen, in der er ſich vor wenigen Secunden ja geglaubt. Aber jetzt ſchämte er ſich vor dem Manne, der ihn ſo gaſtfrei aufgenommen und dem er, wenn auch nur noch erſt in Ge⸗ danken, doch ſo ſchwarzes Unrecht angethan— ja er hattr jetzt Gerſtäcker's Nach Amerika. v. 2 6 ‿ 18 lieber aufſpringen und ihm frei und offen die Wahrheit bekennen, wie ihn um Verzeihung bitten mögen— und wäre dann aus⸗ gelacht worden.— Nein das ging nicht an; aber einen Beweis wollte er ſich ſelber geben daß er einſähe wie Unrecht er gehabt — ſich ſelber gegenüber etwas thun, das ſeinem in ſo ſchänd⸗ lichen Verdacht gehaltenen Wirth dem eigenen Gewiſſen gegen⸗ über ſein Unrecht eingeſtand. Zuerſt klappte er das Meſſer alſo ganz leiſe wieder zu und ſchob es in die Taſche zurück, und dann, wie aus tiefem Schlaf erwachend— dieſe kleine Täu⸗ ſchung konnte er ſich nicht verſagen— richtete er ſich empor, warf die Decke zurück, nahm den Sack, öffnete ihn und ſchob ſeine Füße, ſo weit er ſie bringen konnte, hinein. „Aha?“ ſagte ſein Wirth, der, als er das Geräuſch hörte, langſam den Kopf nach ihm wandte,„hatt' ich recht? — die Füße fangen Einem gewöhnlich Nachts an zu frieren, wenn ſie den Tag über naß waren; der Sack wird ſie ſchon warm halten.“ „Ich denke auch— es iſt doch wohl ſo beſſer,“ ſagte Hopfgarten beſchämt, warf ſich dann wieder zurück auf ſein eben nicht beſonders weiches Kopfkiſſen, zog die Decke bis zum Kinn hinauf, und war in wenigen Minuten ſanft und ſüß eingeſchlafen. Als er am anderen Morgen erwachte ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel, und auf dem Tiſche dampfte ein delikat duftendes Frühſtück, während ein ihm ganz gut bekanntes Ge⸗ ſicht, das einem wunderhübſchen jungen Mädchen gehörte, in 9 19 dem geſtern Abend ihm ſo wüſt und öde vorgekommenen Hauſe ſchaffte und ordnete. „Ja wie iſt mir denn?“ ſagte er, ſich auf ſeinem Lager in die Höhe richtend und ſich die Augen reibend,„ſind Sie denn nicht—“ „Wahrhaftig Herr von Hopfgarten!“ rief das junge Mädchen in deutſcher Sprache überraſcht aus, als ſie ihm in's Geſicht ſah, und ihn erkannte,„aber wie kommen Sie hier her—“ „Ja aber ich weiß immer noch nicht?“— „Sie kennen mich nicht mehr?“ lächelte die Kleine,„ich bin Rebecca Rechheimer, aus dem Zwiſchendeck der Haid⸗ ſchnucke, und der alte Mann iſt mein Onkel, dem wir unſere Ankunft meldeten, und der mich hat zu ſich kommen laſſen ihm die Wirthſchaft zu führen. Erſt geſtern Abend hat mich ſein Sohn von Vincennes, wohin ich von New⸗Orleans aus mit dem Dampfboot gefahren bin, hierher gebracht; aber ich hatte keine Ahnung daß der Fremde, der noch ſo ſpät in der Nacht gekommen, ein ſo guter Bekannter wäre.“ Der alte Mann, mit dem ſeine Nichte nur Deutſch ſprach, und der es auch verſtand und ihr gebrochen darauf antwortete — er lebte ſeit zwanzig Jahren zwiſchen Amerikanern— kam jetzt auch herbei und begrüßte ſeinen Gaſt freundlich.— Hopf⸗ garten hatte kaum das Herz ihm in's Auge zu ſehn— er mußte ſich dann mit zum Frühſtück niederſetzen, an dem der Sohn des Alten, ein junger hübſcher Burſche von vielleicht vierundzwanzig Jahren, ebenfalls Theil nahm, und erfuhr 2* 20 nun daß dieſer auf ſeinem kleinen Krämerwagen noch heute Morgen nach Vincennes zurückfahre, wohin ihm, wenn er das wünſche, mit Vergnügen ein Platz zu Dienſten ſtehe. Hopfgarten nahm das mit Freuden an und konnte dann in Vincennes die nächſte Cincinnati Poſt erwarten, ſeine Reiſe durch die Prairieen von Illionis nach St. Louis hin mit mehr Bequemlichkeit fortzuſetzen. 4 Als der kleine Wagen endlich vorfuhr verlangte Hopfgar⸗ ten zu wiſſen was er ſchuldig ſei, der Alte war aber unter keiner Bedingung zu bewegen auch nur einen rothen Cent für Mahl oder Nachtlager anzunehmen— Beides ſei ſpärlich genug geweſen, meinte er, und Hopfgarten lag jetzt das Bekenntniß ſeines ſchändlichen Mißtrauens wieder auf der Zunge— aber er ſchluckte es nochmals hinunter, und dankte nur mit herzlichem Händedruck dem alten, bei Tag gar nicht ſo übel ausſehenden Burſchen. Gerade als ſie abfahren wollten kroch die alte Frau aus ihrem Winkel vor, und nickte ihnen freundlich aber mit etwas ſtumpfſinnigem Lächeln nach, und Rebecca ſtand in der Thür und winkte ihnen ein Lebewohl und eine glückliche Fahrt durch den Wald zu. Der Weg war grundſchlecht, bei hellem Tag konnten ſie jedoch die ſchlimmſten Plätze leicht umgehn. Noch waren ſie übrigens keine fünf Miles gefahren, und eben erſt in Sicht des nächſten Gaſthauſes, das die Poſtpaſſagiere am letzten Abend erreichen wollten, als ſie den zuſammengebrochenen 21 Poſtwagen mitten in der Straße liegen fanden, und Hopfgar⸗ ten dankte ſeinem Gott die Gaſtfreundſchaft des alten Juden in Anſpruch genommen zu haben; er hatte es nicht bereut. Ob ſie gleich auf dem jetzt weit beſſer werdenden Wege ſehr ſcharf gefahren, erreichten ſie doch erſt ziemlich ſpät in der Nacht das, ſchon am Rand der Prairie, wenn auch noch öſtlich vom Wabaſch gelegene Vincennes, wo der junge Mann ſeinen Begleiter einlud bei ihm abzuſteigen, und ſo lange bei ihm zu bleiben als es ihm gefiele. Der Reiſende lehnte das aber freundlich dankend ab; er wollte die Gaſtfreund⸗ ſchaft der Leute nicht misbrauchen, wo er ein gutes, oder doch wenigſtens ein mittelmäßiges Wirthshaus haben konnte, noch dazu da er die Sitten und Gebräuche der Amerikaner hier ganz im Inneren des Landes jedenfalls in einem Hotel beſſer zu beobachten im Stande war, als in dem Privathaus eines Landsmanns. Im Wabaſch Hotel, wohin ihn der junge Mann daher, als dem beſten der Stadt, jetzt fuhr, war noch Licht; wie aber der Wagen vor der Thür hielt, kamen nicht etwa geſchäftige Kellner geſprungen dem Fremden ſein Gepäck abzunehmen, und ihm die Bequemlichkeiten anzuweiſen deren er bedurfte oder die er verlangte, und für die er Willens war zu bezahlen. Niemand bekümmerte ſich um ihn, und er durfte ſeinen Reiſeſack 1 und ſeine Decke ſelber in die Hand nehmen und damit in das bar- oder Schenkzimmer kommen, wo ein ſchläfriger Burſche, mit einem halbgefüllten Glas Brandy hinter der Bar ſtand, und eben zu überlegen ſchien ob er das für ſich eingeſchenkte 22 Glas auch austrinken, oder vielleicht wieder in die Flaſche zu⸗ rückſchütten ſolle. Als der Fremde übrigens auf ihn zukam, entſchloß er ſich doch zu dem erſteren, und hob das Glas. Hopfgarten trat an den Schenkſtand hinan und frug, ſchon etwas an den indolenten Charakter dieſer Art Leute gewöhnt, ob er die Nacht da ein Bett, oder noch beſſer ein kleines Zim⸗ mer für ſich bekommen könne. Der barkeeper hörte ihm, das Glas bis beinah an die Lippen gebracht, ruhig zu, trank dann langſam, erſt einen kleinen Schluck, wie um die Güte des „Stoffes“ zu prüfen, dann einen größeren, und dann den Reſt durch ein plötzliches Ueberſtürzen des Gefäßes, ſpühlte dieſes in einem unter dem Tiſch ſtehenden Kübel aus, trock⸗ nete es ab und ſagte, während er es mit der Flaſche wieder an ſeinen Platz ſtellte: „Ich denke ſo.“ „Es freut mich ungemein Ihren Gedanken begegnet zu ſein,“ lächelte Hopfgarten, den die Ruhe des Burſchen amü⸗ ſirte,„würden Sie dann wohl auch ſo freundlich ſein dieſen Reiſeſack und dieſe Decke auf jenen mir zu beſtimmenden Platz zu ſpediren und indeſſen Sorge zu tragen, daß ich vor allen Dingen ein eben ſolches Glas Brandy, wie Sie gerade eingegoſſen, und etwas Warmes zu eſſen bekommen könnte?“ Die ironiſche Höflichkeit, mit der dieſe Worte geſprochen wurden, machte jedenfalls einen größeren Eindruck auf den jungen Burſchen— der den Fremden ganz erſtaunt anſah und nicht recht wußte woran er mit ihm war— als es irgend etwas anderes gemacht haben konnte; er ſetzte ihm wenigſtens 23 die Flaſche wie ein reines Glas raſch auf den Schenktiſch, ſich ſelber zu bedienen, nahm dann, mit weit mehr Bereitwillig⸗ keit als er bis dahin gezeigt, die Sachen in Empfang, und wieß den Fremden an„zum Feuer zu gehn“ bis er Eſſen für ihn beſtellt haben würde. Dem Rathe folgend ſchritt Hopfgarten gegen das ziemlich breite Kamin, in dem ein luſtiges Feuer loderte, und an dem drei oder vier andere Fremde, oder Inſaſſen des Hauſes, Platz genommen hatten. Nur der Eine von ihnen war jedenfalls auch ein Reiſender, denn er trug, was Hopfgarten im Vor⸗ übergehn fluchtig bemerkte, die bunten Kamaſchen, die nur aus einem Stück um den unteren Theil des Beines geſchlage⸗ nen wollenen Zeugs beſtehn, und die der Deutſche ſchon mehr⸗ fach im Inneren des Landes an Reitern bemerkt hatte. Mit einem freundlichen„Guten Abend“, der von den am Kamin Sitzenden, und ihm bereitwillig Platz Machenden, höflich erwiedert wurde, trat der Deutſche zur Flamme, über der er ſich erſt— ein höchſt wohlthuendes Gefühl wenn Einen fröſtelt— das Innere der Hände wärmte, und wandte ſich dann zu den übrigen Zimmergenoſſen, wenigſtens erſt einmal zu ſehn mit wem er zuſammen war, als er auch in demſelben Augenblick einen lauten Ausruf des Staunens nicht unter⸗ drücken konnte, denn vor ihm ſaß— derſelbe Mann mit den wollenen Kamaſchen, aber gar nicht auf ihn achtend und rubig nachdenkend in's Feuer ſehend— Henkel. „Herr Henkel!“ rief er ganz überraſcht aus, indem er 24 ihm die Hand entgegenſtreckte,„wie, in aller Welt, kommen Sie hierher?“ Der alſo Angeredete, ohne ſelber im Mindeſten das Er⸗ ſtaunen des Fremden zu theilen, ſah erſt ſeinen Nachbar, und dann den Sprecher an, deſſen auf ihm haftender Blick aber nicht misverſtanden werden konnte, und erwiederte dann ruhig, ohne jedoch die dargebotene Hand anzunehmen, in Engliſcher Sprache: „Sie irren ſich wahrſcheinlich in der Perſon, mein Herr, und halten mich für Jemand der ich nicht bin; ich wenigſtens habe nicht das Vergnügen Sie zu kennen.“ „Mich nicht kennen?“ rief Hopfgarten jetzt im höchſten Erſtaunen aus, indem er nach ſeitwärs einen Schritt von dem Feuer zurücktrat, deſſen Schein voll auf den Mann fal⸗ len zu laſſen,„ich bitte Sie um tauſend Gottes Willen—“ „Wenn mein Bruder nicht gerade jetzt, und ſchon ſeit längerer Zeit in Europa wäre,“ lächelte dieſer da,„ſo würde ich jedenfalls glauben daß Sie mich für ihn hielten, was mir auch faſt der ausgeſprochene Name beweiſen will— kommen Sie von Europa?“* „Herr Du mein Gott,“ rief aber Hopfgarten, ſich mit beiden Händen an die Stirn fühlend, aber jetzt auch in Eng⸗ liſcher Sprache, die der Fremde immer noch beibehielt,„wach' ich denn oder träum' ich— wenn Sie nicht Henkel wären, hätten Sie einen Doppelgänger, der Ihnen in Anſehn, Größe, Geſtalt, Sprache, Haltung auch auf das tz gliche— wie hei⸗ ßen Sie denn?“ 25 „Soldegg!“ ſagte der Fremde ruhig. „Soldegg?“ rief Hopfgarten auf's Neue erſtaunt aus, „in Europa Henkel und in Amerika Soldegg?— derſelbe Name ſtand unter dem Brief.“ Der Fremde erröthete leicht, ſagte aber noch immer ruhig lächelnd: „Ich ſehe ſchon wie es iſt— Sie kennen meinen Zwil⸗ lingsbruder, der jetzt in Deutſchland lebt, und halten mich für den.“ „Sie haben einen Zwillingsbruder?“ „Allerdings— iſt das etwas ſo Außergewöhnliches? wir Beide ſind, wie Sie ſich wohl denken können, ſchon ſehr oft verwechſelt worden.“ „Aber er hat nie ein Wort davon erwähnt—“ „Alſo Sie kennen ihn?“ „Ich bin mit ihm über See nach New⸗Orleans ge⸗ kommen.“— „Er iſt zurück?“ rief der für Henkel gehaltene Mann, von ſeinem Stuhle aufſpringend;„davon weiß ich ja keine Sylbe.“ „Seit Anfang Oktober— aber— wenn Sie denn wirk⸗ lich nicht der Henkel ſind, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, ich hätte mir noch vor ein paar Minuten ruhig den Kopf darauf abſchneiden laſſen, dann löſen Sie mir wenig⸗ ſtens ein Räthſel, und ſagen mir was der Name Soldegg be⸗ deutet?“ „Das iſt einfach gelöſt,“ lachte der junge Mann, und Hopfgarten hätte jetzt wieder ſeine Seligkeit zum Pfande ſetzen wollen daß er ſeinen Reiſegefährten, und nicht deſſen Zwil⸗ lingsbruder vor ſich habe, wäre ihm nicht die vollſtändige Ruhe und Unbefangenheit des Mannes im Wege geweſen. „Der Kaufmann Henkel iſt unſer Stiefvater; meine Mutter hieß Soldegg von ihrem erſten Mann, unſerem Vater; mein Bruder, der mit unſerem Stiefvater in deſſen Geſchäft trat, nahm auch ſeinen Namen an, und nennt ſich nur noch manch⸗ mal Henkel Soldegg oder Soldegg Henkel. Ich ſelber führe nur den Namen Soldegg.“ „Hm, hm, hm,“ murmelte Hopfgarten, mit dem Kopf dazu ſchüttelnd, leiſe vor ſich hin,„wenn man's in einem Buche läſe, würde man's nicht glauben. Es iſt wahr,“ fuhr er dann, zu Soldegg wieder aufſchauend und ihn mit den Augen meſſend, fort,„es liegt etwas in Ihrem ganzen Weſen das Henkel nicht hatte.— Sie ſtehen kräftiger, entſchloſſener, freier da, möchte ich faſt ſagen— Henkel hatte mehr etwas Scheues, Gedrücktes, Unſicheres— trug ſich auch nicht ſo g'rade in den Schultern.“ „Läßt ſich wohl denken,“ lachte der junge Mann,„er iſt an Stubenſitzen gewöhnt, und hinter rieſtgen Büchern und dem Schreibtiſch groß geworden, ich dagegen habe ein freies fröhliches Jägerleben im Wald dafür geführt. Er mag reicher bei ſeiner Beſchäftigung geworden ſein— aber ich tauſche den⸗ noch nicht mit ihm.“ „Sie wiſſen daß er verheirathet iſt?“ 27 „Er ſchrieb mir einmal daß er heirathen würde; hat er ſeine Frau mitgebracht?“ „Nehmen Sie mir's nicht übel,“ ſagte Hopfgarten, der den Fremden wieder ein paar Secunden ſtutzig und aufmerk⸗ ſam betrachtet hatte;„aber wenn wir Beide zuſammen über den Henkel ſprechen, kommt es mir bei Gott ſo vor, als ob wir mit einander Komödie ſpielten.“ Soldegg lachte. „Ich habe ſchon komiſche Verwechſelungen erlebt,“ ſagte er,„und das einzige Merkmal, an dem uns unſere Freunde unterſcheiden konnten, war eine kleine rothe Narbe, die Joſeph über dem linken Auge hat, und die mir fehlt.“ „Ich habe ſie nie bemerkt,“ ſagte Hopfgarten. „Das glaub' ich, Sie werden ihn früher nie ſo genau betrachtet haben— wenn Sie ihn jetzt wieder ſehn wird das anders ſein, aber— ſehn Sie ihn wirklich wieder in nächſter Zeit?“ „Ich habe einen wichtigen Brief für ihn bei mir,“ ſagte Hopfgarten, der ſein Mistrauen doch noch nicht ganz bewälti⸗ gen konnte, und dem plötzlich ein Gedanke aufſtieg, den frag⸗ lichen Bruder auf die Probe zu ſtellen. „So?“ ſagte dieſer aber vollkommen ruhig,„dann haben Sie wohl Einige von ſeinen Bekannten im inneren Land ge⸗ funden?“ „Einen Mr. Goodly,“ ſagte Hopfgarten lauernd. „Kenn' ich nicht,“ erwiederte Soldegg kopfſchüttelnd, und ohne die geringſte Theilnahme zu verrathen,„aber würden — 28 Sie die Freundlichkeit haben, auch für mich ein paar Zeilen meinem Bruder übergeben?“ „Recht gern“ ſagte Hopfgarten, der doch endlich über⸗ zeugt wurde, daß der wirkliche Henkel nie im Stande geweſen wäre dieſe Rolle ſo zu ſpielen, das ganz abgerechnet, daß er nicht den mindeſten Grund dazu hatte,„aber mit der Poſt würde er ihn viel ſchneller erreichen, denn ich gehe nicht direkt nach New⸗Orleans zurück.“ „Es wird ihn mehr freuen die Zeilen durch Jemand zu erhalten, der mich perſönlich geſprochen hat“ ſagte Soldegg. „Das allerdings; wiſſen Sie ſeine Adreſſe?“ „Ich werde den Brief an ſeine Firma adreſſiren“ ſagte Soldegg—„iſt er nicht dort, mag ihn die weiter befördern. Haben Sie aber keine Zeit die aufzuſuchen“ ſetzte er nach eini⸗ gen Augenblicken hinzu—„ſo öffnen Sie nur den Brief— ich ſchreibe ihm keine Geheimniſſe— und ſchicken ihn dann durch die Briefpoſt an das unten angegebene Haus.“ „Ich ſehe ihn jedenfalls“ ſagte Hopfgarten, und werde ihn ſelber übergeben; wann ſchreiben Sie den Brief?“ „ Noch heute Abend— es kann ſein, daß ich morgen ſehr früh aufbreche.“ Der Barkeeper rief in dieſem Augenblick den Fremden zu dem indeß bereiteten Abendbrod, die übrigen Gäſte gingen großentheils zu Bett, mit ihnen Soldegg, der, als er an dem Deutſchen vorüberging, ihm eine freundliche gute Nacht zu⸗ rief.“ „Soll mich der Böſe holen“ murmelte Hopfgarten, als —— 29 jene das Zimmer verlaſſen, zwiſchen den Zähnen und einem eben in Arbeit befindlichen Hühnerbein durch,„wenn mich nicht des Burſchen Geſicht und ganzes Weſen auf die Länge der Zeit zur Verzweiflung bringen könnte. Solch eine Aehn⸗ lichkeit iſt noch gar nicht dageweſen— aber er iſt's nicht— wahrhaftig nicht, denn mit dem Brief hab' ich ihm auf den Zahn gefühlt. Wenn da— was nicht richtig war— wenn er nur mit einer Miene gezuckt hätte, dann wußt' ich woran ich war— Sie, Barkeeper“— ſetzte er dann lauter zu dem beſagten Individuum hinzu, das ſich eben eifrig damit beſchäftigte die wenigen im Zimmer befindlichen Lichter— das eine was auf Herrn von Hopfgartens Tiſch ſtand ausge⸗ nommen— auszublaſen—„kannten Sie den Herrn mit dem ich vorhin ſprach?“ „Den Gentleman mit den Kamaſchen?“ ſagte der Bar⸗ keeper, ohne ſich weiter nach dem Frager umzuſehn. „Denſelben.“ „Nein.“ „Sie wiſſen nicht wo er herkommt.“ „Nein, glaube von oben.“ „Von Norden?“ „Ja— „Und heißt? „Wenn ich ihn morgen früh ſehe will ich ihn fragen“ ſagte der Barkeeper, ſchob beide Hände in ſeine Hoſentaſchen und ging pfeifend zur Thür hinaus. Als Herr von Hopfgarten am andern Morgen zum Früh⸗ 30 K —* ſtück hinunter kam, übergab ihm der Baarkeeper einen Brief, den„Mr. Soldegg“ für ihn zurückgelaſſen. Er hatte noch eine Weile auf den Herrn gewartet, da er aber ſo lange ſchlief, konnte er nicht länger zögern und war fortgeritten. Die Adreſſe des Briefes lautete: Joseph Henkel Esqre. care of Henkel& son 17. Canal- street New-Orleans. Capitel 2. Die Farm in der Wildniß. Es war Frühling geworden in dem weiten Land; der Wald hatte ſich mit friſchem ſaftigen Grün bedeckt, und tau⸗ ſende von Blüthen keimten an den ſchwellenden Zweigen und füllten die Wildniß mit ihrem ſüßen Duft. Der Hirſch zog zur Salzlecke Nachts, der Truthahn balzte in den Fichten Hü⸗ geln und aus dem gelben Laub hervor, das auf dem Boden wie ein dicker Teppich lagerte, drängten ſich Gräſer, Kräuter und Blumen heraus, und öffneten ſchlaftrunken ihre Kelche dem wärmenden Sonnenſtrahl. Wie die Vögel ſo fröhlich zwitſcherten in dem jungen Laub, und die Fröſche quakten, und die Heuſchrecken mit ihren wunderlich regelmäßigen Zirpen den Wald belebten; wie das Alles ſo neu und friſch ausſah in der ſchönen jungen Welt, und der Thau wieder ſo klar und blitzend an den Halmen perlte.— So neu und friſch— auch das kleine Grab, das 32 dort unter der ſchlanken Eiche aufgeworfen war, und mit der braunen Erde ſcharf gegen das gelbe Laub des Bodens, gegen die grünen Büſche abſtach, die ſich dicht darüber ſchmiegten. Unter dem Hügel ſchlummerte Olnitzkis jüngſtes Kind, und die Mutter hatte wochenlang, von der Schweſter gepflegt, das Lager hüten müſſen, bis ſich der Körper wieder von einem hitzigen Fieber, das ihn ergriffen, und den Folgen der ſchlafloſen kummervollen Nächte die ſie durchwachte, nur in etwas erholen konnte. War ihr da auch ſeit einigenTagen geſtattet worden das Lager wieder zu verlaſſen, hatte ſie doch noch nicht hinausgedurft in's Freie, zum Grabe des Lieblings, das Amalie jetzt pflegte, und auf das ſie deutſche Blumen ſäete, das darunter ſchlum⸗ mernde Kind lieb und ſanft zu betten. Traurige Pflicht für die Blüthen, die ſie daheim gehofft hatte an freundlicherer Stelle zu pflanzen und der Schweſter, wenn ſie in Glück und häuslichem Frieden die Heimath vielleicht vergeſſen hätte, durch die duftenden Kelche aus der Eltern Garten die Erinne⸗ rung an die Jugendzeit zurückzurufen, Guter Gott— ge⸗ rade die Erinnerung war ja Alles was das arme Herz in Schmerz und Leid noch aufrecht erhalten, noch getragen hatte — was wäre ſie jetzt geweſen wenn ſie die verloren. Amalie ſaß neben dem Grab auf einer kleinen Bank, die ihr der Nachbar Jack Owen(der ihnen damals das Kind be⸗ graben half, und ſeine eigene Frau mehre Wochen lang her⸗ über geſchickt hatte, ihnen in Allem beizuſtehn was ſie be⸗ durften) aus Zweigen und jungen Stämme neben dem kleinen V N 1 33 Hugel errichtet. Sie war in ein einfach wollenes Kleid, wie es die Frauen der Hinterwäldler trugen, gekleidet, und ihr Haar glatt und ſchlicht zurückgekämmt und in einen Zopf gebunden. Auch ihre Ohrringe und Ringe hatte ſie abgethan, nur an den Wimpern hingen ihr die blitzenden Thränenperlen— ein ſchö⸗ ner, aber ach ein ſchwerer Schmuck.— Amalie von Seebald war eine Andere geworden, die lan⸗ gen Monate, die ſie im Wald hier zugebracht;— nicht älter etwa durch Gram und Mitgefühl, die Schweſter ſo leiden zu ſehn, das weit natürlichere, einfachere Weſen das ihr das wirkliche Leben, das Kämpfen mit demſelben aufgezwun⸗ gen, hatte ſie eher jünger und kräftiger gemacht, ihrem Auge einen eigenen Glanz, ihrer ganzen Haltung weit mehr elaſti⸗ ſches, weit mehr kräftiges gegeben, ihr aber dagegen jenes überſpannte Schwärmeriſche, jenes krankhaft Romantiſche ge⸗ nommen, das ihre beſſeren Kräfte bis dahin zurückgedrängt. Sie war aus einem ſchönen vielleicht, aber nutzloſen Traum erwacht, und fühlte jetzt daß ſie einen Zweck hatte zu leben, daß ſie wirken und nützen konnte in der Welt. Wirken und Nützen— ja, mit allen ihren Kräften zu der Schweſter Heil— aber wie?— was konnte ſie hier thun, wie konnte ſie hier helfen, wo das Schickſal ſeine eiſerne Hand erbarmungslos auf die geworfenen Würfel gelegt und ſie, wie ſie der Schweſter Leben jetzt erkannt, ja faſt nur beten durfte daß Gott ſie bald aus der Kette die ſie hielt befreien, und neben die Kinder betten möge in den ſtillen Wald. Sie Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 3 34 hatte einen tiefen, traurigen Blick in beider Leben gethan, und keine Hülfe ſah ſie da— keine Rettung, als den Tod. In ernſtem Sinnen, den Kopf in die Hand geſtützt ſaß ſie an dem kleinen Grab— es war jetzt der einzige Platz wo ſie ſich ungeſtört ausweinen, und doch der Schweſter die Thrä⸗ nen bergen konnte, die ihr das eigene Herz ja nur ſchwerer gemacht, ohne im Stande zu ſein ihre Laſt zu erleichtern— als ſie Schritte im Laub hinter ſich hörte, und ſich raſch da⸗ nach umdrehend, ihren alten Führer Jack Owen erkannte der, mit ſeinem Hund an der Seite, die Büchſe auf der Schulter, langſam durch den Wald ſchlenderte. „Jack Owen war der richtige Typus des ächten, unver⸗ fälſchten Backwoodsmans; ſchlank und kräftig gebaut mit ei⸗ ſernen, wetterharten und doch gutmüthigen Zügen, klaren licht⸗ blauen Augen und jener feſten entſchiedenen Bildung des Mundes, die ſtets einen entſchloſſenen Charakter kündet, ging er ganz in die einfache Tracht des Weſtens gekleidet, mit le⸗ dernem ausgefranztem Jagdhemde, nur ohne Laggins, in lan⸗ gen dunkelfarbigen, unten aber durch längeren Gebrauch und die Dornen etwas abgenutzten Hoſen, einen alten, ſehr mitge⸗ nommenen Filzhut auf dem Kopf und die lederne Kugeltaſche, an dem das, aus dem Ende eines Hirſchgeweihs gebohrte Lad⸗ maaß herunterhing, an der rechten Seite. Auf der Schulter aber ruhte die lange mächtige Amerikaniſche Büchſe mit altem Feuerſchloß, ſchwer von Eiſen, und doch nur ein kleines Blei ſchießend, aber auf ſechzig bis hundert Schritt ihr Ziel wohl kaum verfehlend. Die ganze Geſtalt hätte maleriſch genannt werden können, wäre ihr der alte zerknitterte Filzhut, der den Kopf deckte, und wohl manche Nacht ſchon als am nächſten Morgen wieder ausgebogenes Kopfkiſſen gedient hatte, nicht dabei etwas im Wege geweſen. Das Geſicht trug er, wie faſt alle Amerikaner, glatt raſirt und wie erdfarben auch ſeine übrige Kleidung, bis auf die groben Schuh herunter, ausſehen mochte, das baumwollene Hemd war ſchneeweiß, und zeigte vorn offen, die rothe, ſonngebräunte Bruſt. Der Hund den er mit ſich führte, war eine Baſtardart von gewöhnlichem Fleiſcherhund oder cur, und der feineren Brakenart, grau und ſchwarzgeſtreift, lichtgelbe kleine Flecken über den Augen und, wie ſchon erwähnt, mit ganz kurz abge⸗ ſchlagenen Ohren und Schwanz die beſte Schweißhund⸗ race, langſam auf der Fährte eines angeſchoſſenen, ja ſelbſt geſunden Wildes nachzugehn. 8 „Guten Tag Miß“ ſagte der Mann, in ſeiner einfach herzlichen Art auf ſie zugehend und ihr die Hand reichend und drückend—„wieder am Grab hier und immer ſo traurig?“ ſetzte er dann mit leiſerer, faſt vorwurfsvoller und doch ſo gut⸗ müthiger Stimme hinzu—„es muß Ihnen hier bei uns im Walde gar nicht gefallen, und die Bäume haben ſich doch mit ihrem ſchönſten Schmuck gedeckt. Sehn Sie nur die pracht⸗ vollen Dogwoodblüthen an, die wie Schnee auf dem friſchen grünen Laube liegen; und wie ſüß duftet es von den blühen⸗ den Weiden herüber, die dort am Bache ſtehn. Ach im Früh⸗ jahr iſt's ſchoͤn hier bei uns, und ich glaube mir würde das Herz brechen, wenn ich einmal fortmüßte aus meinem Wald.“ 3* 36 „Es iſt wunderſchön hier und der Friede Gottes ruht auf dieſer Wildniß“ ſagte Amalie mit zitternder Stimme—„ſie könnte ein Paradies für die Menſchen ſein—“ Jack ſchwieg eine Weile wie verlegen ſtill— er kannte das aber das dahinter lag, und wagte doch auch den Punkt nicht direckt zu berühren. „Ihrer Schweſter geht es beſſer, nicht wahr?“ ſagte er nach längerer, ihm endlich ſelber peinlich werdender Pauſe, ſeinen Gedanken weiter folgend—„ſie iſt doch wieder auf?“ „Seit geſtern— ja; aber ſie darf das Haus noch nicht verlaſſen.“. „Und Olnitzki iſt noch nicht von Little Rock wieder zu⸗ rück?“ „Nein— wir erwarten ihn ſchon ſeit mehren Tagen. „Hm—“ ſagte Jack nach einer Weile, und ſeinen Rifle mit dem Kolben auf die Erde ſtoßend, nahm er ihn in die, auf der Bruſt gekreuzten Arme, ſich gewiſſermaßen daran leh⸗ nend—„ich war auch in Little Rock.—“ „Sie— jetzt?“ rief Amalie ſchnell faſt erſchreckt über den Ton. „Ja;— ich habe meine Winterbeute, Häute und Fett, was ſich ſo angeſammelt hatte, hineingebracht“ ſagte der Jäger gleichgültig. „Und haben Sie Olnitzki dort geſehn?“ „Ich war ein oder zweimal mit ihm zuſammen.“ „Aber was um Gottes Willen macht er da ſo lang— er weiß daß“— ſie ſchwieg erröhend ſtill und wandte ſich von er er dem Jäger ab, daß er die aufſteigende Thräne in ihrem Auge nicht ſehen ſollte. Jack wiegte ſich indeſſen augenſcheinlich mit etwas beſchäf⸗ tigt das ihm auf dem Herzen lag, von einem Fuß auf den an⸗ deren; er wußte daß die Fremde weinte— er wußte weshalb, und wagte doch nicht, mit dem eigenen Zartgefühl das jenen einfachen Kindern des Waldes eigen iſt, das Geheimniß auf⸗ zudecken, in fremde Familienangelegenheiten ein fremdes Wort zu reden. „Er wird wohl heute oder morgen kommen“ ſagte er end⸗ lich—„ſeine Geſchäfte waren beſorgt und— nur ein paar Freunde hatte er dort getroffen, die er lange nicht geſehn— das mag ihn aufgehalten haben.“ „Und ſeine Frau iſt faſt geſtorben in der Zeit“ ſagte Amalie mit leiſer kaum hörbarer Stimme. Der Jäger erwiederte Nichts darauf, nahm aber ſeine Büchſe auf, öffnete die Zündpfanne und ſah nach dem Pulver, ſchloß ſie wieder, ließ das Gewehr auf den Boden zurückſinken, rückte ſich den Hut und kämpfte augenſcheinlich mit einem Entſchluß zu reden, deſſen er noch nicht Meiſter werden konnte. Die Fremde ſchwieg ebenfalls— ſchwieg, aber konnte ihren nicht länger wehren, und mußte das Tuch an die Augen brin⸗ gen, um ſie abzutrocknen. „Miß Seebald“ ſagte der Backwoodsman da, ein Herz faſſend, aber immer noch mit ſchüchterner, zögernder Stimme— „es iſt nicht Alles ſo in der Hütte drüben, wie es ſein ſollte— hab ich recht?“ 3 9 „Das weiß Gott“ ſeufzte das Mädchen, ohne das Antlitz ihm zuzuwenden. „Miß Seebald“ ſagte der Jäger wieder nach einer kleinen Pauſe, mit augenſcheinlicher Ueberwindung—„es wird für ſchlechte Sitte bei uns gehalten, die Hütte eines Nachbars zu betreten wenn der Pflock außen vorgeſchoben, und der Beſitzer nicht zu Hauſe iſt; noch weniger darf man ſich in Dinge miſchen, die eigentlich nie über die Schwelle hinauskommen ſollten— das was zwiſchen Mann und Frau geſchieht— aber— es giebt da eine Grenze— wo— wo ich ſchon Beiſpiele weiß— daß Nachbarn eingeſchrittten ſind und“ — er holte tief Athem, die Luft ging ihm aus zu dem, was er dem Mädchen ſagen wollte—„und die Frau“ ſetzte er endlich mit einem gewaltſamen Entſchluß hinzu, indem er ſich halb von ihr abdrehte—„vor den Mishandlungen des Mannes geſchützt haben.“ Amalie ſchaute nicht nach ihm um, was er vielleicht ge⸗ fürchtet haben mochte, ſondern brach in ſich zuſammen auf der Bank, im ſtummen furchtbaren Geſtändniß des Begangenen. Dadurch aber gewann Jack mehr Muth; die Hauptſache war überdieß heraus, das Eis gebrochen, und er ſetzte mit weit feſterer und jetzt recht ernſt ja faſt drohend klingender Stimme hinzu:„Wir wiſſen es ſchon ſeit einiger Zeit; Frauen ha⸗ ben darin ein weit ſchärferes Auge als Männer, und meine Alte hat es mir ſchon vier Wochen vorher, ehe Sie unſere range hier betraten, feſt verſichert daß es ſo wäre, und der Pole ſein armes, überdieß kränkliches Weib, die das Herzeleid mit den Kindern ſo ſchon zu Boden drücke, wieder— wie das ſchon einmal vor längerer Zeit geſchehn— ſchlage. Wir kennen hier im Wald—“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort— „nichts Feigeres, Niederträchtigeres auf der Welt, als die Mishandlung einer Frau. Wenn das aber ſchon“ fuhr er wärmer werdend fort—„ſchändlich und feige und nichts⸗ würdig iſt, wo die Frau ihre Eltern in der Nähe, wenigſtens im eignen Lande hat, und zu ihnen zurückkehren kann und ſich ſchützen— ſo iſt es noch viel ſchändlicher, wo die Frau dem Manne gefolgt iſt über das Meer herüber— teufliſch aber“ ſetzte er mit finſterem Blick hinzu, wo die Verhältniſſe wa⸗ ren, wie Sie mir auf dem Herritt ſelbſt erzählt Miß, daß das Mädchen damals den Fremden liebte, weil ſie um ſein ge⸗ knechtetes, zu Boden getretenes Vaterland— und der Menſch hat nichts Heiligeres auf der Welt— trauerte, und die eigene Heimath, das eigene Vaterland verließ, dem ver⸗ ſtoßenen Mann zu folgen und ihm Alles zu ſein was er da⸗ heim verloren. Wir hier“— ſetzte er ruhiger hinzu—„hätten nie geglaubt, daß die Frau aus ſo vornehmer Familie ſei, wie es jetzt doch wohl ſcheint, ſo hat ſie gearbeitet, ſo ſich dem Geringſten unterzogen was in ihre Wirthſchaft fiel, und geſponnen und gewebt dabei wie unſere Frauen; aber der Mann ging dann nach Little Rock und ſpielte und trank— kam trunken nach Hauſe— und ſchlug ſein Weib——— Ein anderer Nachbar den wir hier früher hatten“— ſetzte er nach längerem Zögern wieder, und ſich wie ſcheu dabei umſeh⸗ end hinzu—„ein junger kräftiger Burſch, unverheirathet, 40 dem das junge Weib Leid that, und das Herz immer gleich auf der Zunge lag, ſetzte den Polen einmal deshalb zur Rede — harte Worte folgten, und wie es bei uns nicht lange bei Worten bleibt— auch Fauſtſchläge. Der Amerikaner war dem Polen in der Waffe überlegen, aber der forderte ihn auf die Büchſe— unſer gewöhnliches Handwerkszeug hier für ſolche Streitigkeiten auf vierzig Schritt Entfernung. Ich war ſelber dabei wie ſie es ausmachten— es ging Alles ordentlich zu — wie ich drei zählte hoben Beide ihre Büchſe, Jim Reyleys Gewehr aber— es war ein etwas naſſer Tag,— blitzte von der Pfanne, und in demſelben Augenblick fuhr ihm auch des Polen Kugel durch die Bruſt.“ Wieder holte der Mann tief Athem, eine Erinnerung, die ihm wie ein dunkler Schatten vor der Seele aufſtieg, niederzu⸗ kämpfen und fuhr dann, ſeine Büchſe feſt und faſt krampfhaft faſſend, langſam fort. Wir begruben Jim zuſammen,— der Pole und ich— kein Wort wurde dabei geſprochen, und legten den wackeren Burſchen — ein beſſerer hat nie in Arkanſas eine Fährte eingedrückt— in ſein enges Grab.— Die Büchſe wollte ihm der Pole mit hinein legen, aber ich zerbrach das treuloſe Eiſen an den Baum unter dem er ſchläft, und warf es auf den Hügel der ſeine Glieder deckt. Als wir fertig waren reichte mir Olnitzki die Hand, aber ich nahm ſie nicht, ſchulterte mein eignes Ge⸗ wehr und ließ ihn allein bei dem Grab zurück. Ein recht nachbarliches Verhältniß iſt ſeit der Zeit auch nie wieder zwiſchen uns aufgekommen, obgleich er mir's nicht offen nach⸗ 41 getragen. Auch gepackt mag ihn die That wohl haben, denn obgleich kein Wort davon in der Range weiter er⸗ wähnt wurde, und Jim Reyleys Hütte ruhig im Wald ver⸗ fiel, ſeine Großmutter und noch kleine Schweſter, die jetzt Beide keinen Brodverdiener mehr hatten, zu einem Nach⸗ bar gezogen, ſein kleines Feld unbemerkt jungen Baumwuchs trieb, ja ſelbſt die Grand Jury, die ſolche Sachen wenn ſie nicht ordentlich betrieben ſind, aufzurühren hat, es nicht in der Countyſeſſion zur Sprache brachte, ging er doch dadurch etwas in ſich und man hörte lange nichts Unrechtes von ihm, bis vor etwa einem Jahr der alte Teufel in ihm wieder ausbrach und— wie er's ſeitdem getrieben zeigt am Beſten das Aus⸗ ſehen der armen Frau.— Mir aber zuckt es Gott ver— mir zuckt es wahrhaftig im rechten Zeigefinger wenn ich das ſehn und ſchweigen muß, und wie ich mich bis jetzt geſcheut ein Wort davon zu ſagen, ſo halt' ich es nun für meine Pflicht davon zu reden.“ „Ich war im Little Rock und bin dort Zeuge geweſen wie Olnitzki wieder auf alte Weiſe wüthet und tobt.— Das was er zum Verkauf mit in die Stadt genommen iſt lange verſpielt und vertrunken, und als ich den Ort verließ war er ſchon mehr ſchuldig, wie er in drei Jahren im Stande iſt abzuverdienen. Ich weiß zugleich“— und wieder ſtockte er, als ob er ſich ſcheue das Wort auszuſprechen, aber einmal im Zuge hielt er nicht länger damit zurück—„ich weiß zu⸗ gleich daß ſeine Frau daheim am Nothwendigſten Mangel leidet— daß ſie, mit Ihrer Hülfe jetzt den Mais auf der 42 eigenen abgenutzten Stahlmühle mahlen muß, nur um zu leben— weiß daß ſie gezwungen wurde die wenigen Hühner ſelbſt, die ihr noch geblieben, zu ſchlachten, weil der Mann zu bequem war hinaus nach Fleiſch zu gehn— weiß daß er ihr wieder das Leben ſchwer macht wie noch nie, und daß Men⸗ ſchennatur ſo etwas auf die Länge der Zeit nicht aushalten kann. Sie aber, die Sie von über dem Waſſer drüben her⸗ über gekommen ſind, müßten uns hier, die wir uns zu den Nachbarn rechnen, für ſchlimmer halten als Panther und Wolf ſind, wenn wir Ihnen nicht wenigſtens unſere Hülfe, unſeren Schutz anböten, falls Sie beides haben wollten und gebrauchen ſollten. Wir können und dürfen uns nicht um das bekümmern was in der eigenen Hütte eines der Unſeren vor⸗ geht, findet aber eine Frau daß ſie bei ihrem Mann nicht mehr exiſtiren kann, ja daß vielleicht ihr Leben bedroht iſt am eigenen Heerd, und ſie will zu Einem von uns kommen— die nächſte Hütte die beſte nur. Miß Seebald, und Jack Owen wohnt nur kleine Strecke von hier entfernt— will ſie und ihre Schweſter das theilen was er und ſeine Familie hat, dann beim ewigen Gott ſollte eine ganze Armee von Polen nicht im Stande ſein ihr auch nur ein Haar weiter zu krümmen, ein rauhes Wort zu ſagen. Dem Einzelnen gegenüber genügt der einzelne Mann, und rief er das Geſetz zu Hülfe— nichts⸗ nutzige Advokaten und Landhaye— dann haben die Burſchen von Arkanſas wohl ſchon früher zuſammengeſtanden, das zu ſchützen was ſie für ihr Recht, was ſie für rechtlich hielten.“ Wildes jubelndes Geſchrei und Pferdegeſtampf unterbrach ihn hier und als Beide überraſcht dorthin ſchauten, woher die fremden luſtigen Tone ſchallten, ſahen ſie durch eine kleine Lichtung die da der Wald macht, Olnitzki, von einem anderen Reiter gefolgt, auf ſchäumendem Pferde, die Arme wild dabei um den Kopf werfend, heranſprengen, und gleich darauf hinter dem Dickicht, das die mit dem Haus in Verbindung ſtehende Fenz umwucherte, verſchwinden. „Allmächtiger Gott, wie wird das enden“, rief Amalie, die Hände in Todesangſt faltend—„in welchem Zuſtand kehrt der Mann zurück.“ „Der alte Teufel iſt wieder ausgebrochen in ihm“ ſagte Jack Owen finſter,„und ich müßte mich ſehr irren, oder Blut allein kann das auf's Neue enden.“ „Meiner Schweſter Blut!“ rief Amalie verzweifelnd aus. „Gehen Sie zum Haus zurück,“ ſagte da Jack Owen, der eine Weile in tiefem Nachdenken geſtanden, zu dem Mäd⸗ chen,„den Mann den er da bei ſich hat kenn' ich; es giebt vielleicht keinen größeren Hallunken in den Vereinigten Staaten als ihn, und doch iſt es ein halber Landsmann von Ihnen, wenigſtens von deutſchen Eltern irgendwo in Kentucky oder Teneſſee geboren. Etwas Gutes hat den Geſellen auch nicht hergeführt, denn der Boden hier brannte ihm einmal, vor drei Jahren etwa, unter den Füßen, wo nicht viel fehlte daß ihn die Bürger, dem Geſetz zum Trotz das ihn freiſprach, wegen Pferdediebſtahl und falſchem Spiel gehangen hätten. Seit der Zeit hat er dieſen Theil von Arkanſas wenigſtens ge⸗ mieden, und erſt ſeit zwei Monaten etwa tauchte er plötzlich wieder auf, ritt erſt hindurch, bei alten Bekannten vorſprechend, wahrſcheinlich zu ſehen welchen Eindruck ſein Erſcheinen hier wieder machen würde, und trieb ſich dann, als er fand daß man die alten Geſchichten vergeſſen, oder ſich wenigſtens ſcheute ſie wieder aufzurühren, zwiſchen hier und dem Indianiſchen Ge⸗ biet umher. Er heißt— obgleich er ſich ſchon unter verſchie⸗ — denen Namen im Lande gezeigt haben ſoll, Soldegg, und ich möchte Sie von vorn herein vor ihm warnen.“ „Aber was kann ich thun?“ ſagte Amalie in Todes⸗ angſt—„in ſolcher Stimmung mit Olnitzki zu ſprechen iſt nicht möglich, ſelbſt wenn er den Begleiter nicht bei ſich hätte.“ „Sie dürfen Ihre Schweſter jetzt vor allen Dingen nicht mit den beiden Unholden allein laſſen“ ſagte Jack—„ich ſel⸗ ber will hinüber in die Gründorn Flat gehen, nach einer Kuh zu ſehen, die ſeit acht Tagen nicht zum Melken zu Hauſe gekommen, und wegen der mich meine Frau ſchon lange ge⸗ quält. Iſt das geſchehen, nehm ich den Rückweg an Ihrem Haus vorbei, und finde dann ſchon eine Entſchuldigung vor⸗ zuſprechen, zu ſehen wie ſich Olnitzki beträgt und was der an⸗ dere Burſche bei ihm will. Der vermuthet überhaupt wohl kaum wie genau ich ihn kenne, und daß ich von ſeinen Streichen in Illonois, Indiana und Miſſouri weiß, und wird ſich deſto rückſichtsloſer gehen laſſen. Brauchen Sie dann meine Hülfe, ſo ſagen ſie es frei heraus, und Jack Owen iſt der Mann ſein Wort zu halten.“ „Guter Gott, ich habe die Schweſter ſchon lange gebeten den Schritt zu thun, und mit mir nach Deutſchland zurückzu⸗ —— ꝗ ꝗ———— 45 kehren“ ſagte Fräulein von Seebald, die Hände in Gram und Sorge faltend—,aber ſie weißt mich auf ihre Pflicht, die ſie zwänge bei dem Gatten auszuhalten.“ „Das ſieht ihr ähnlich“ ſagte Jack,„und ſoviel mehr Ehre gebührt ihr dafür; ich wäre auch der letzte der ihr zum Gegen⸗ theil rathen würde, ſo lange ſie eben aushalten kann; erſt wenn die Zeit eintritt, und Gott gebe daß es nie geſchieht, dann ſollen Sie nicht ſagen, daß Sie Niemand in der fremden Welt gefunden hätten der ſich Ihrer annehme, und Sie gegen Will⸗ kür, gegen die das Geſetz Sie nicht ſchirmen konnte, ſchützte“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten warf der Jäger ſeine Büchſe über die Schulter, rief durch ein eigenthümliches leiſes Ziſchen ſeinen Hund, und ſchritt raſch in den Wald hinein; Amalie aber eilte mit ſchwerem ängſtlich klopfenden Herzen zum Haus zurück, von dem ihr ſchon, als ſie noch nicht einmal die Fenz erreicht, wildes Lachen und lautes Jauch⸗ zen entgegenſchallte. Sie zögerte auch in der That einen Augenblick die Schwelle zu betreten, aber es war auch nur ein Moment, und ihr Herz mit der rechten Hand faſt krampfhaft haltend, daß ſein Klopfen nicht die Angſt verrathe die in ihm zuckte, durcheilte ſie die kurze Strecke, die ſie noch von der Thüre trennte. „Hallo Schwägerin!“ rief ihr Olnitzki hier, der ſie zuerſt bemerkte und mit all ſeinen Kleidern und den beſchmutzten Stiefeln halb liegend halb ſitzend auf ihrem Bett lehnte, in engliſcher Sprache entgegen,„nun iſt die Familie voll, und wir können kochen und braten— Allons Ihr Weiber, die 46 Töpfe zum Feuer und hier nun aufgetiſcht; wir haben Hunger wie die Bären, und Durſt— heh Soldegg?— Durſt wie die Fiſche. Nun?— was giebts?“— unterbrach er ſich aber plötzlich, als er das ſtarre Staunen bemerkte, das Amalie noch auf der Schwelle feſſelte, und ihren Blick ſtier und erſchreckt auf ſeinem Gaſt haften ließ—„kennen ſich die Herrſchaften etwa ſchon?— Mr. Soldegg, Madam, Mr. Soldegg, meine ſchöne Schwägerin, Amalie von Scebald, die uns das Ver⸗ gnügen gemacht hat uns hier in unſerer ländlichen Einſamkeit zu beſuchen.“ Er brachte die letzten Worte unr mit ſchwerer Zunge heraus, richtete ſich aber doch gleich ſelber erſtaunt in die Höh, als Amalie, kaum ihren Augen trauend rief„Herr Henkel!“ und Soldegg, mit einer lächelnden Verbeugung ge⸗ gen die Dame, und ihr die Hand entgegenſtreckend freundlich ſagte. „Ah Fräulein von Seebald; das iſt allerdings ein un⸗ erwartetes Vergnügen, auf das ich nicht gerechnet hatte; beim Himmel, die Paſſagiere der Haidſchnucke ſind von einem nek⸗ kiſchen Geiſt, wie es ſcheint, in den wenigen Monaten ſchon über die ganzen Vereinigten Staaten hinausgeſtreut, denn überall trifft man ſie an, und hat die Freude alte Bekannt⸗ ſchaften zu erneuern?“ „Aber wie um Gotteswillen kommen Sie hierher, und wo iſt Ihre Frau?“ rief Fräulein von Seebald, die nach der Schilderung des Jägers, einen furchtbaren Verdacht in ſich aufſteigen fühlte——„man nennt Sie Soldegg hier?—“ „Das ſind viele Fragen auf einmal“ lachte ihr früherer 47 Mitpaſſagier,„aber ich kann Sie Ihnen leicht beantworten; meine Frau amuſirt ſich in New⸗Orleans, während mich Ge⸗ ſchäfte nach dem Norden riefen, und Soldegg iſt der Name meiner Mutter— ich habe die Geſchichte wahrhaftig ſchon ſehr oft erzählen müſſen— nach der ich gezwungen bin mich hier in Amerika, einer Erbſchaft wegen, zu nennen.“ „Eure Frau in New⸗Orleans, Soldegg?“ rief aber Ol⸗ nitzki jetzt vom Bett aus,—„zum Teufel Mann, ich glaubte die wohnte im Miſſouri, wo ich Euch vor zwei Jahren ja beſuchte.“ „Die erſte Frau?“ ſagte Soldegg oder Henkel, ernſter werdend,„lieber Gott, Olnitzki, wißt Ihr denn nicht daß die ſchon ſeit faſt zwei Jahren in ihrem Grabe ruht? Ich habe jetzt in Deutſchland zum zweiten Mal geheirathet.“ „Ihr war't in Deutſchland, Menſch?“ rief Olnitzki raſch wieder emporfahrend,„und davon habt Ihr mir kein ein⸗ ziges Wort geſagt!“ „Wir hatten wichtigere Sachen zuſammen abzumachen, heh?“ lachte der Mann wieder, mit einem Seitenblick auf den Polen,„aber mein gnädiges Fräulein“ ſetzte er mit eigenem Humor und einem komiſchen Achſelzucken hinzu—„ich würde Ihnen mit Freuden einen Stuhl bringen, wenn—* „Stühle da wären“— lachte Olnitzki hell auf—„Ha⸗ hahaha unſere Wirthſchaft iſt noch nicht eingerichtet— wir leben noch in den Flitterwochen, aber in unſerer nächſten Woh⸗ nung ſoll das beſſer werden.— Dort wollen wir uns ſtandes⸗ 48 gemäß etabliren. Hurrah Soldegg— reicht mir einmal die Flaſche da vom Tiſch— Teras ſoll leben!“ „Iſt ein vortrefflicher Staat“, ſagte der junge Mann, ſeinem Wunſch willfahrend,„gutes Land und herrliche Jagd.“ „Ach trink nicht mehr, Olnitzki“ bat da mit leiſer ſchüch⸗ terner Stimme die Frau, die zitternd in Angſt und Jammer während dem Geſpräch an ihrem Bett geſtanden, und ſich halb darauf geſtützt hatte,„Du weißt ja es bekommt Dir nicht, und morgen—“ „Gieb Frieden, Unke“, brummte der halb Trunkene, nach langem Zuge tief aufſeufzend die Flaſche von den Lippen neh⸗ mend—„ärgerts Dich ſchon, mich einmal wieder fidel zu ſehn, nach langer Zeit? marſch mit Euch— fort— richtet das Eſſen her; zum Teufel wie oft ſoll ich's Euch ſagen?“ rief er, die Flaſche dabei ärgerlich neben ſich auf das Bett ſtoßend, und einen wilden zornigen Blick der Frau hinüber⸗ ſchleudernd—„wird's bald, daß ich das Feuer da im Kamin auflodern und den Keſſel darüber hängen, die Kanne daran ſtehen ſehe?— glaubt Ihr wenn Leute acht Stunden lang, wie wir, in geſtrecktem Galopp auf dem Pferden hängen, nicht nachher ihr Mittagsbrod verlangen, wie ſich's gehört?“ „Ja, und ich fürchte, Ihr habt mir das Pferd zu Schan⸗ den geritten, Olnitzki“, ſagte Soldegg— wie wir ihn doch jetzt nennen müſſen—„es iſt zu zart für ſolch ſchweren Kör⸗ per und den ſcharfen Ritt.“ „Noch iſt's mein“, brummte der Pole, mit finſter zuſam⸗ mengezogenen Brauen zwiſchen den Zähnen durch, einen eben — “ 49 nicht freundlichen Blick nach dem Redenden ſchießend,„das war abgemacht.“ „Allerdings,“ ſagte Solldegg einlenkend;„Ihr ſeid in Euerem vollen Rechte, und die Bemerkung galt dem nicht;z aber wir müſſen den Damen doch ein wenig an die Hand gehen, Holz zu holen und das Eſſen zu beſorgen; wir ſind einmal im Wald und führen Jägers Leben.“ „Ah bah!“ rief der Pole, ſich wieder zurück auf das Kiſſen werfend,„im Terxas wird's die erſte Zeit noch ſchlimmer gehn, und ein Bischen Vorbereitung dazu kann gar Nichts ſchaden.“ „In Texas?“ ſagte die Frau, der das Wort ſchon vorher ſchwer auf das Herz gefallen war, erſchreckt—„in Texas, Olnitzki?— was um Gottes Willen meinſt Du damit?“ „Wirſt's ſchon erfahren Täubchen“ lachte der Pole— „und hilf Deiner Schweſter jetzt Holz hereinſchaffen von draußen, daß Soldegg das nicht allein zu thun braucht— er moͤchte ſich die zarten Hände ſchmutzig, oder was noch ſchlimmer wäre rauh machen, nicht wahr Soldegg? beim Kartenſpielen braucht man feine Fingerſpitzen?“ „Was wollen Sie damit ſagen, Olnitzki?“ frug der Fremde der den Rückklotz im Kamin mit einem dort liegenden Schüreiſen vorgehoben hatte, während Amalie den kleinen Korb aufgriff und das Haus verließ, indem er ſich hoch und finſter aufrichtete,„ich hoffe nicht daß Sie mir falſchas Spiel vorwerfen.“ „Falſches Spiel— hahaha,“ rief der ale, verächtlich Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 50 die geleerte Flaſche von ſich werfend,„die ganze Welt iſt ein falſches Spiel,— wir ſind die Karten, die ſtechen und ge⸗ ſtochen werden, auf die man ſetzt und gewinnt und— ver⸗ liert. Heute iſt der Trumpf und morgen der— heute hat der Bube Glück, morgen die Dame, hahahahahaha— eine wilde, tolle, verrückte Welt!“ „Die nur die vortreffliche Eigenſchaft hat,“ lachte Sol⸗ degg,„daß ſie rund iſt; eine Kugel auf der die Glücksgöttin ſteht und dreht, und ſind wir heute unten, wiſſen wir daß wir doch einmal wieder hinaufkommen müſſen. Aber ich werde mmaeiner alten Reiſegefährtin helfen noch ein paar große Stücken Holz zum Feuer zu bringen, wir bekommen heute ſonſt wirk⸗ lich Nichts zu eſſen,“ und ein paar waſchlederne Handſchuh aus der Taſche nehmend, zog er dieſe an und ſchritt, das Haus verlaſſend, über den kleinen Hofplatz hinüber, wo Fräulein von Seebald eben beſchäftigt war Spähne zuſammenzuſuchen. „Olnitzki, was um des Heands Willen ſollen die dunk⸗ len Worte,“ bat aber die Frau i deſſen in Todesangſt,„es iſt irgend etwas Entſetzliches vorgef das Du mir noch verſchweigſt, und Deine Reden künden Schlimmeres.“ Die Frau war ein paar Schritte auf ihn zu getreten, und ſtand jetzt, den zitternden Körper an dem Tiſch ſtützend, mit bleichen eingefallenen Wangen, die Augen bittend und angſt⸗ voll auf ihn geheftet, ihm gegenüber. Zu viel des Jammers hatte ſie die letzte Zeit durchlebt, und der Körper begann unter der überbürdeten Laſt zuſammenzubrechen in Gram und Noth. „Dunkle Worte,“ murmelte der Mann ärgerlich,„hab⸗ “ 51 ich dunkle Worte geſprochen?— ſo war's nicht gemeint, ich wollte deutlich ſein— ich habe Haus und Feld verkauft, und morgen magſt Du, was Du an Kleidern und Geſchirr haſt — der ganze Bettel geht auf den kleinen Karren— zuſammen⸗ packen und Dich dann oben d'rauf ſetzen— wir gehn nach Texas.“ „Nach Texas?“ rief die Frau entſetzt—„ich?— jetzt? wo ich kaum im Stande bin die Stube entlang zu kriechen, fort in die Welt? dieß Haus— ſo ärmlich es iſt, doch un⸗ ſere Heimath— das Grab meiner Kinder verlaſſen— weiter — nur immer weiter in die Wildniß zu ziehn in Noth und Elend? Nie— nie Olnitzki, ſo wahr mir Gott helfe, folg' ich Dir dahin.“ „Du folgſt mir nicht?“ rief da der, von dem übermäßigen Genuß des ſtarken Trankes überdieß Betäubte, wild von ſeinem Lager und auf die ihn zitternd erwartende Gattin zuſpringend, „Du haſt einen Willen, Weib, das an meine Sohlen geheftet mir überall im Wege war, wo ich die Arme frei gebrauchen könnte?— aber ich weiß ſchon wo der Wind her weht— die Mamſell Schweſter, die aus den Wolken hier hereingeſchneit, und die Du Dir zu Hülfe gerufen wider Deinen Mann, hat Dich ſo keck gemacht— Du willſt nicht?“ wiederholte er ſie mit einem verächtlichen Blicke meſſend,„Ding Du, das ſich mit einem Willen brüſtet.“ „Olnitzki,“ ſagte da die Frau, durch die verächtliche Be⸗ handlung des Trunkenen in ihrem krankhaften Zuſtand mehr ge⸗ reizt, als ſie es durch die härteſten Worte vielleicht geworden,„ich habe ertragen, was ein Menſch ertragen kann— geduldet, 4* was zu dulden möglich iſt, und den feſten Willen dabei, mit Dir auszuharren in Freud und Leid, wie ich Dir bis jetzt ge⸗ folgt bin, was auch daraus kommen möge— aber das was Du jetzt von mir forderſt überſteigt meine Kräfte. Ich weiß was mir dort bevorſtände— ich habe es hier ſchon einmal durch⸗ gemacht— ich weiß daß ich es nicht ertragen würde und ſage es Dir hier jetzt frei und offen— nach Texas— in die Wild⸗ niß— fort von den Gräbern meiner Kinder, einem neuen furchtbaren Leben entgegen folg ich Dir nicht.“ „Folgſt Du mir nicht?— und leiden, dulden?“ ziſchte der Mann verächtlich zwiſchen den Zähnen durch,„zu was ſeid Ihr da?— fort mit Dir— hinaus, daß ich Dich nicht mehr ſehe; Dein Anblick vergiftet mir den ſchönen Tag.“ „So tödte mich— morde mich wie Du Dein Kind ge⸗ mordet,“ rief die Frau, der fieberhafte Röthe über die Wangen lief, während ſie den faſt durchſichtig weißen, von hellblauen, peinlich klar hervortretenden Adern durchzogenen Arm gegen den Gatten drohend ausſtreckte. „She devil!“ knirſchte der Bube zwiſchen den Zähnen durch, und die ſchwache Geſtalt des Weibes mit ſeiner Fauſt packend, warf er ſie zurück daß ſie gegen den maſſiven Bett⸗ pfoſten anſtieß, und mit einem lauten Aufſchrei zuſammenbrach. „Wie gefällt Ihnen das Landleben, Fräulein von See⸗ bald,“ ſagte Soldegg, als er ſie draußen an dem Holzplatz einholte, wo abgehauene Stücken und Klötze wild zerſtreut um⸗ herlagen,„ſehr romantiſch, wie?“ 53 Amalie erröthete bis in den Nacken hinab— ſie fühlte den Spott, der in den Worten lag, den ſie in früheren Tagen auch vielleicht verdient, der aber auch jetzt dafür um ſo herz⸗ loſer von des Mannes Lippen klang. Keine Zeit war jedoch in dieſem Augenblick für Empfindelei— irgend etwas mußte in der Stadt vorgefallen ſein, das Olnitzki, und durch ihn die Schweſter, traf, und das von dem Mann vielleicht zu erfahren, blieben ihr nur die wenigen Minuten, die ſie allein hier mit ihm war. Ohne deshalb auf ſeine Frage zu antworten ſagte ſie raſch: „Sie kommen mit Olnitzki jetzt von Little Rock?“ „Jetzt?— ja,“ ſagte Soldegg,„und freue mich wahr⸗ haftig aufrichtig eine alte Reiſegefährtin hier ganz unerwarte⸗ ter Weiſe gefunden zu haben; apropos— hahahaha— Sie hätten vor ein paar Monaten dabei ſein ſollen, wie ich Herrn von Hopfgarten in einem kleinen Städtchen in Indiana traf — hahahaha— ich muß jetzt noch lachen, es war zu komiſch—“ „War er ſchon vorher in ſolcher Stimmung?“ frug Amalie, die kaum verſtand was er erzählte. „Hopfgarten?— Gott bewahre,“ lachte Soldegg wie⸗ der, ihre Frage misverſtehend—„ernſthaft wie ein Quä⸗ ker kam er Abends, naß und ausgehungert in ein Wirthshaus, in dem ich am Feuer ſaß und redete mich als ſeinen Reiſege⸗ fährten Henkel an.“ „Sie verſtehn mich nicht—“ „Sie hätten dabei ſein ſollen was er für ein Geſicht 54 machte, als ich mich zum Spaß für meinen Zwillingsbruder ausgab— es war göttlich.“ „Aber ich ſpreche von Olnitzki!“ „Von Olnitzki?— was von dem?— er hat ſich einen Rauſch angetrunken,“ ſagte Soldegg gleichgültig, ſehr vor⸗ ſichtig dabei eins der Stück Hickoryholzes aufnehmend und in ſeinen linken Arm legend.„Lieber Himmel die Leute wollen Alle ſpielen, aber nicht verlieren, und wenn ihnen das auch einmal paſſirt, verlieren ſie gleich den Kopf dazu; ſchreien und toben und verſchwemmen ſich das kleine Bischen Verſtand, das ihnen noch geblieben, in Whiskey— das Albernſte was der Menſch überhaupt auf der Welt thun kann.“ „Olnitzki hat geſpielt, ich weiß es— ich dachte mir es wenigſtens,“ lenkte ſie ein,„aber um was?“ „Um was?“ lachte Soldegg, ſich das Stück Holz auf die Schulter hebend und nach dem Hauſe umdrehend,„um was man gewöhnlich ſpielt, um Geld, und als das fort war um Schweine, und dann um Rinder, dann um Pferde, und 4 wie das Alles fort war, um Aecker und Haus.“ „Heiland der Welt— und hat—“ „Verloren natürlich,“ ſagte Soldegg, gleichgültig zurück gegen das Haus zuſchreitend, als ein gellender Schrei von dorther tönte.„Hallo!“ rief er, einen Augenblick halten blei⸗ bend und dort hinüberhorchend,„was iſt das?“ Aber ſchon flog Amalie an ihm vorbei der Thüre zu, und während er ihr langſamer und kopfſchüttelnd folgte, murmelte er leiſe vor ſich hin:„der tolle Burſche wird noch irgend ein Unheil an⸗ ——— 2ᷣ r richten mit ſeinem verdammten Whiskeytrinken. Daß doch, ſonſt ganz vernünftige Leute albern genug ſind, eines ſo erbärm⸗ lichen Gaumenkitzels wegen ein Vieh aus ſich zu machen, und ſich den Händen ihrer Nebenmenſchen willig zu überliefern. S'iſt, das wenigſte zu ſagen, dumm.“ Damit trat er in das Haus und trug das Holz, ohne ſich weiter um das was im Innern vorging anſcheinend zu bekümmern, an's Kamin. „Was um Gottes, Jeſu Willen iſt geſchehn, Sidonie,“ rief Amalie, neben ihr knieend und die ſich eben wieder Auf⸗ richtende unterſtützend,„Du bluteſt am Schlaf— wer hat—“ „Ich bin gefallen,“ murmelte leiſe die Frau,„und habe — und habe mir wahrſcheinlich an der ſcharfen Bettecke hier weh gethan— es iſt Nichts— es wird gleich vorüber gehn — angſtige Dich nicht meinethalben, Amalie.“ „Zu viel— zu viel!“ rief aber die Schweſter, jetzt in Thränen ausbrechend, während ſie neben der Unglücklichen knieen blieb und ſie mit ihren Armen umſchlang;„nein, nein Du darfſt nicht hier bleiben, ich nehme Dich fort von hier mit mir— zurück zu Vater und Mutter— zurück zu Menſchen. Er hat Dich elend genug gemacht, das weiß ja Gott— er ſoll Dich nicht auch noch morden.“ „Fräulein Schwägerin!“ fuhr da Olnitzki, der mit unter⸗ geſchlagenen Armen und feſt und finſter zuſammengezogenen Brauen am Kamin ſtand, drohend gegen das Mädchen auf, „ich bitte Sie zu überlegen was Sie ſprechen, und verbitte mir jedes Wort, das mich oder mein Weib betrifft, und einer —O—ꝛxx³ 56 Einmiſchung gleicht in unſer Leben. Ich will Ihnen übrigens auch beiläufig bemerken,“ fuhr er mit tückiſchem Lächeln fort, „daß wir Sie morgen auf kurze Zeit im alleinigen Beſitz des Hauſes laſſen, deſſen künftigen Eigenthümer ich Ihnen das Vergnügen habe hier in Herrn Soldegg vorzuſtellen.“ „Lieber Olnitzki, die Sache hat aber gar keine ſo entſetz⸗ liche Eile,“ fiel ihm hier Soldegg, der ſein Holz in das Ka⸗ min geworfen, und ſich jetzt die Handſchuh abklopfte, in die Rede;„ich bin nur mit herübergekommen die Pferde abzuho⸗ len; ſelbſt die Kühe können Sie noch ein, zwei Monat ruhig hier behalten. Alles andere findet ſich dann ſpäter.“ „Was um Gottes Willen bedeutet das?“ rief die Frau jetzt, der die Schweſter ein Tuch um die Schläfe gebunden hatte, das vorquellende Blut zu ſtillen. „Er hat Alles verſpielt was er ſein nennt auf der Welt,“ rief Amalie, in der Angſt um die Schweſter alles Andere, jede Gefahr der ſie ſich ſelber dabei ausſetzte, vergeſſend,„ein Bettler, will er Dich fortſchleppen weiter in den Wald.“ „Thut mir unendlich leid zu hören,“ ſagte in dieſem Au⸗ genblick die ruhige ernſte Stimme Jack Owens, der, auf ſeine Büchſe geſtützt, in der Thüre ſtand, ohne jedoch die Schwelle zu betreten,„guten Abend mitſammen— wie geht's Olnitzki, wieder von Little Rock zurück?“ „Kommt herein!“ rief Olnitzki, eben nicht beſonders gu⸗ ter Laune, aber vielleicht froh in dieſem Augenblick das Ge⸗ ſpräch abgebrochen zu ſehn.— Was geſchehen war ließ ſich doch nicht gut lange verheimlichen, und in den nächſten Tagen 1 x * 4 5 4 57 mußten es die Nachbarn überdieß erfahren, Zum Henker mit ihnen, ſie waren ihm ſo nie grün geweſen, wenigſtens nicht ſeit der Geſchichte mit Jim Riley, und er hatte ſich lange mit der Idee herumgetragen, wenn auch nicht Arkanſas, doch dieſe Gegend jedenfalls zu verlaſſen— wer konnte ihn daran hin⸗ dern?“ „Guten Tag mitſammen“ ſagte Jack Owen, der ſeine Büchſe draußen am Eingang hingeſtellt, indem er auf die di⸗ reckte Einladung hin in die Thüre trat und den Platz flüchtig, aber mit forſchendem Blick überflog—„hallo Miſſis Olnitzki, Sie ſehn heute kränker aus als geſtern, und Blut an der Stirn? ei ei, was haben Sie gemacht?“ „Setzt Euch Jack“ rief Olnitzki dazwiſchen—„zum Teu⸗ fel noch einmal, zwei Weiber im Haus ſtatt einer, und ob wir hier etwas zu eſſen bekommen können? Bei Gott, Sol⸗ degg, wir werden es uns noch ſelber beſorgen müſſen.“ „Ah Mr. Soldegg— auch einmal wieder in unſerer Range?“ ſagte der Jäger den Fremden mit einem aufmerkſa⸗ men Blick von unten bis oben muſternd—„es ging einmal ein dumpfes Gerücht hier, Sie wären über dem Waſſer drü⸗ ben— aber was haben nur die Frauen, Olnitzki— iſt etwas geſchehn?“ Amalie, die bei Jack Owens Eintritt Sidonie umfaßt und zum Bett geführt hatte, lehnte ihren Kopf an ihre Schulter und flüſterte ihr raſch und leiſe, tröſtende Worte ins Ohr, die aber die Thränen der armen Frau nur ſtärker fließen machten. „Nichts— Unſinn“ brummte Olnitzki finſter—„die Weiber können bei jedem Quark das Flennen, ihren alten Erbfehler nicht laſſen. Jetzt aber hab' ichs ſatt, fort von mei⸗ nem Weib?“ rief er plötzlich, um den Tiſch herum und auf Amalie zugehend—„ich will das Aufhetzen in meinem eige⸗ nen Haus nicht länger dulden,„fort von ihr ſag ich, oder ich brauche mein Hausrecht. Tod und Teufel, iſt mir nicht ſeit ich fort bin, ein ordentliches Weiberregiment hier aufge⸗ wachſen.“ „Zurück von mir“ rief aber Amalie von Seebald und entriß ihm mit zornfunkelnden Augen den Arm, den er gefaßt hatte, ſie von der Gattin Bett zu führen,„und hiemit erkläre ich es feierlich, in dieſes wackeren Mannes Gegenwart— daß Sie, Graf Olnitzki, die Schweſter, die Ihnen in jugendlicher Verblendung, faſt ein Kind noch, folgte, elend gemacht haben — bodenlos elend, und daß Sie nicht weiter Gewalt haben dürfen über ſie; ihre ältere Schweſter bin ich— bin hier an Vaters und Mutters Statt für die Arme, und fordere ſie zurück von Ihnen, ſo lange noch Leben in dem armen, mishan⸗ delten Körper iſt.“ „Hoho?“ rief aber Olnitzki ſich jetzt plötzlich, wie der ſprungfertige Panther, emporrichtend—„kommt daher der Wind?— abgemachte Sache zwiſchen Euch, mir das eigene Weib abſpenſtig zu machen in dem eigenen Haus. Hahahaha Fräulein Schwägerin, Sie haben die Krallen zu früh gezeigt; das hat Ihr Spiel verdorben. Und nun“— ſchrie er, wäh⸗ rend Haß und Wuth, von dem vielen genoſſenen Whiskey zu 1eeee 59 einer Art Wahnſinn angeſtachelt, mehr und mehr die Ueber⸗ hand gewann, und die Frau, ſich auf ihrem Lager ſelbſt empor⸗ richtend mit gefalteten Händen ihn bittend anſchaute—„hat das ein Ende was mich hier geärgert und gequält, und in die Stadt getrieben, dort in Wein und Brandy meinen Grimm zu erſäufen, und mit Kartenſpiel die Zeit zu tödten.— Hin⸗ aus aus meinem Haus, Schlange Sie, die ich hier freundlich aufgenommen, und die mir die Frau gegen mich gehetzt von dem Moment an wo ſie meine Schwelle betreten. Da iſt der Bettel den Sie mitgebracht— da— da und da“ lachte er mit einem faſt thieriſchen Aufſchrei, indem er das Service, und was ſonſt von den Geſchenken auf einem neben ihm an der Wand befeſtigten Brete ſtand, herunterriß, und der entſetzt zurück Springenden in Trümmern vor die Füße ſchleuderte. „Aber Olnitzki“ rief ſelbſt Soldegg erſchreckt und mah⸗ nend—„was machen Sie— beſinnen Sie ſich doch!“ „Beſinnen?— zum Teufel auch, meine Geduld iſt fort,“ ſchrie der Raſende—„da— und da und da, ſind Eure Lum⸗ pen, ich will von Euch nichts mehr von drüben her— ich brauch' Euch nicht und Gnad' Euch Gott, wenn ich je wie⸗ der Eine von Euch treffe, wer es ſei, der auch nur frägt wie es uns geht hier, was wir treiben, was thun. Und hier— nun was ſoll das Mr. Owen, glauben Sie, daß ich etwa ge⸗ rade in einer Stimmung bin auf einen Nachbar beſondere Rück⸗ ſicht zu nehmen?“ „Ich erkenne die Stimmung recht gut in der Ihr ſeid, Olnitzki,“ ſagte Jack Owen, der indeß des wirklich gefährdeten 60 Mädchens Hand ergriffen und ſie hinter ſich geſchoben hatte, ſie mit dem eigenen Körper zu decken—„Ihr habt zu viel ge trunken und wißt eben nicht was Ihr thut; ob Ihr Rückſicht anf Euere Nachbarn dabei nehmt, kann mir ziemlich gleich ſein; wie weit Ihr da gehn dürft werdet Ihr ſelber am Be⸗ ſten wiſſen. Die junge Fremde aber, die Ihr ſo roh behan⸗ delt und förmlich aus der Thür geworfen habt, nehm ich mit mir, in mein eigen Haus und zu meinem Weib, und die arme kranke mishandelte Frau da auf dem Bett, iſt uns ebenfalls herzlich willkommen, wenn ſie uns begleiten will.“ „Teufel!“ ſchrie Olnitzki bei den Worten in wild auflo⸗ dernder Wuth nach der in der Ecke ſtehenden Büchſe ſpringend und ſie in Anſchlag reißend—„wollt Ihr mein Weib ver⸗ locken unter dem eigenen Dach?— noch ein Wort hier, und beim ewigen Gott Ihr ſeid eine Leiche.“ „Schwört nicht bei etwas, Olnitzki, von dem Ihr doch nichts wißt“ ſagte Jack vollkommen ruhig,„daß Ihr mich nicht einſchüchtern könnt, ſolltet Ihr lange wiſſen— übrigens ſpre⸗ chen wir über die Sache noch, und jetzt good bye— wenn wir uns wieder ſehen, werdet Ihr hoffentlich ruhiger und ver⸗ nünftiger ſein.“ „Ich kann die Schweſter nicht— nicht ſo verlaſſen“ klagte Amalie. „Der Menſch kann Alles was er muß ſagte aber Jack ruine und ohne weiteres ihren Arm ergreifend, an dem er ſie mit ſich hinaus in's Freie führte und dort ſeine Büchſe auf⸗ greifend, ſchulterte er dieſe und ſchritt, den Arm des Mädchens ͤ 61 aber immer noch nicht loslaſſend, mit ihr den ſchmalen Reit⸗ weg entlang in den Wald. Als die Beiden das Haus verließen lag Sidonie bewußt⸗ los, in Ohnmacht hingeſunken, auf ihrem Bett, Soldegg lehnte mit verſchränkten Armen, und eben nicht erfreut Zeuge und gleich⸗ ſam Mithandelnder des ganzen Auftritts zu ſein, am Kamin, und Olnitzki, auf dem ſein halb zürnender, halb verächtlicher Blick kalt und höhniſch haftete, ſtand noch inmitten des klei⸗ nen mit den zertrümmerten Fragmenten vergoldeten Porcel⸗ lains und geſtickter Sachen überſtreuten Raums, die Büchſe mit eiſernen Fingern feſt gepackt, und wie unſchlüſſig, ob er die Waffe gebrauchen ſolle oder nicht. Am nächſten Morgen um elf Uhr etwa, verließ ein kleiner, mit einem Pferd beſpannter Karren„Olnitzkis Farm.“ Der Pole ſteckte den Pflock von Außen vor die Thür und ſchlug ihn mit der Art, die er dann wieder in den Karren legte feſt, ſchulterte ſeine Büchſe und ſtand dann, des Begleiters har⸗ rend, der vier wackere Pferde die Olnitzki ſelbſt gezogen, immer zwei und zwei zuſammenkoppelte, und dann den eigenen Rap⸗ pen beſtieg. Das Pferd, das Olnitzki geſtern geritten, war heute mit den Thieren zuſammengekoppelt, die Soldegg an der Leine führte; ein junges braunes Pferd hatte er in den kleinen Wagen geſpannt, auf dem, unter dem darüber geſpan⸗ ten aber vorn etwas zurückgeſchlagenen Leinen ein weicher Sitz von den Betten für die Frau hergerichtet worden. „Haſt Du Alles Sidonie?“ ſagte Olnitzki, der heute bleich und angegriffen ausſah, aber die Worte wenigſtens nicht unfreundlich an die Frau richtete,„und kann ich fort⸗ fahren?“ „Olnitzki, ich beſchwöre Dich bei Allem was Dir heilig iſt, laß mich nicht ohne Abſchied von der Schweſter ziehn— raube mir nicht, wenn ich Dir denn in die Wildniß folgen muß, den letzten Troſt— Du bringſt mich doch nicht hin, und wirſt mich ſchon unterwegs begraben müſſen— oh daß ich bei meinen Kindern ſchlafen könnte.“ „Du denkſt Dir die Sache viel ſchlimmer als ſie iſt, lie⸗ bes Kind“ ſagte der Mann finſter—„Deine Schweſter hat Dir den Unſinn wahrſcheinlich eingeblaſen; aber nach Jack Owens Haus, wo ſie jetzt wohl ſteckt, könnt ich nicht einmak mit dem Karren hinüber, ſelbſt wenn ich wollte— es führt kein Fuhrweg hin, und— ich will auch nicht. Sie hat kei⸗ nen Frieden in unſer Haus gebracht und wir brauchen ſie nicht zwiſchen uns. Nun Soldegg, zum Henker, ſeid Ihr denn endlich mit Eueren Thieren fertig? Ihr geht ſo unge⸗ ſchickt damit um, als ob ihr im Leben noch mit keinem Pferde⸗ fleiſch zu thun gehabt.“ „Hol der Böſe die Beſtien“ ziſchte Soldegg zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch, indem er ſich mit dem ei⸗ genen Thier zwiſchen den noch ſcheuenden und zurückſchrecken⸗ den Pferden herumtummelte—„wenn ich ſte nur erſt in der reiten Straße habe will ich ſie ſchon kriegen. So, daß wird's ——, “ ““ 63 thun. Fahrt nur voran, Olnitzki, die Pferde folgen dann leichter; ſeid Ihr in Ordnung?“ „In Ordnung!“ wiederholte der Pole finſter, noch einen Blick auf den Platz, der ſeine Heimath geweſen, zurückwerfend, und dann entſchloſſen ſich zum Gehen wendend—„Komm Brauner, zieh— wir haben einen langen Weg vor uns, und je eher wir damit fertig werden, deſto beſſer!“ Ein leiſer Schlag brachte das Pferd zum Anziehn und Olnitzki ſprang ihm vor, und ſchritt in dem ſchmalen Pfad, während das treue Thier ihm in den Fährten folgte, raſch voran. Er hatte den linken Arm, deſſen Hand ſein Kinn ſtützte, über den Büchſenkolben geworfen, und blickte in düſte⸗ rem Schweigen vor ſich nieder. Die zuſammengekoppelten Pferde folgten auch in der That beſſer, als der Wagen erſt einmal in Gang war, und der kleine Zug hatte eben die Gründornflat durchſchnitten und auf dem höheren Land einen etwas beſſeren, wenigſtens breiteren Weg erreicht, als Olnitzkis Pferd laut aufwieherte und der Pole emporſchauend, über⸗ raſcht fünf oder ſechs Männer— Nachbarn von ſich aus der nächſten Gegend— erkannte, die ihre Pferde am Zügel, auf ihre Büchſen gelehnt, gerade auf der Straße ſtanden, die er paſſiren wollte, und ihn faſt zu erwarten ſchienen. Olnitzki ſtutzte einen Augenblick, und ſeine linke Hand umſpannte feſt den Kolben des ſchweren Rifles, während ſein Auge raſch und forſchend die Gruppe überflog— aber es war auch nur ein Momentv; ein trotziges wildes Lächeln zuckte um ſeine Lippen und ſeinen Weg verfolgend, als ob die Männer 64 eben nicht darauf ſtänden und ihn verſperrten, ſchritt er raſch weiter und gerade auf ſie zu bis er, ihnen faſt gegenüber, durch ein lautes aber entſchiedenes„Halt!“ des alten Roſemore, in ſeiner Bahn gehemmt wurde. Der alte Mann ſtand mitten im Weg, aber in keiner drohenden Stellung, nur auf ſeine lange Büchſe gelehnt, den Zügel des eigenen Pferdes um den linken Arm, wie er da ge⸗ rade abgeſtiegen, und neben ihm Bill Jones ſein Schwieger⸗ ſohn mit noch zwei oder drei andern Männern aus der Nach⸗ barſchaft. Nur Jack Owen war ſeitwärts, etwa zehn Schritt vom Wagen getreten, ſeine Büchſe auf der Schulter, die rechte Hand in die Seite und auf das Heft des langen Bowiemeſſers geſtützt, das er dort trug. „Nun was ſoll das?“ rief aber Olnitzki jetzt ſeine Büchſe herunternehmend und den Kolben auf den weichen Boden ſtoßend;„für einen Scherz bin ich nicht aufgelegt, und im Ernſt möcht ich den ſehen, der mir ein Halt entgegenrufen dürfte. Was wollt Ihr von mir?— kurz, denn ich habe weder Zeit noch Luſt mit Euch hier zu plaudern.“ „Wir denken nicht daran, Euch aufzuhalten, Olnitzki nahm der alte Roſemore ruhig das Wort,„Ihr ſeid nie ein beſonderer Nachbar geweſen, und alter Zeiten gedenken könnte uns gerade nicht freundlicher gegen Euch ſtimmen. Geht mit Gott, und möge Euch in einem andern Staate das werden, was Ihr bei uns nicht gefunden; aber— es hat Jemand um Hülfe bei uns nachgeſucht, dem wir ſie nicht verweigern können— eine Frau— Eures Weibes Schweſter hat das Sen 65 beſtätigt was wir von Euch ſchon von früher wiſſen— daß Ihr Euere Frau mishandelt— und was mehr iſt, daß Ihr die Todtkranke und durch das Hinſcheiden ihres jüngſten Kin⸗ des ſo ſchon ſchwer geprüfte Mutter mit Gewalt von hier fort, und ohne Mittel ſie zu erhalten, in eine Wildniß ſchleppen wollt, und da glaubten wir denn in unſerem ſchwachen Ver⸗ ſtand daß wir das, wenn ſich die Sache wirklich ſo verhält, nicht dulden dürften.“ „Nicht dulden dürften?“ lachte Olnitzki höhniſch auf— „könnt Ihr es hindern?“ „Wir könnten es wenigſtens verſuchen,“ ſagte der alte Mann ruhig;„aber die Frau hat das zu beſtimmen.“ „Wir wollen auch gar nicht mit Euch unterhandeln, Olnitzki,“ miſchte ſich jetzt Owen mit eben keinem freundlichen Blick auf den Polen, in das Geſpräch—„Miſſiß Ol⸗ nitzki wird uns vielleicht ſagen ob ſie gern mit auf dem Karren nach Texas fährt, der ſie in ihrem Zuſtand kaum le⸗ bendig nach Little Rock bringen wird, oder ob ſie es vorzieht unſeren Schutz anzurufen.“ Sidonie, die in dumpfer Verzweiflung, ihrer Schwäche ſich bewußt und erneute Mishandlungen des rohen Menſchen fürchtend, ihr Schickſal entſchieden geglaubt hatte, ja ſchon in einer Art unheimlicher Freude zu hoffen anfing, der Hand die, ſo kalt nnd erbarmungslos in ihr Leben gegriffen, bald durch den willkommenen Tod entriſſen zu werden, ſah hier wieder, kaum ihren Ohren trauend, eine Hoffnung aufleuchten. Hülfe zeigte ſich ihr, wo ſie an keine mehr geglaubt, das Bild Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 9 66 ihrer glücklichen Heimath, der ſie zurückgegeben werden ſollte, tauchte plötzlich, wo Alles Nacht und Grauen geweſen, vor ihrem Auge lichtumfloſſen auf, und die langen Haare in ſcheuer Angſt aus der fieberheißen Stirn werfend— halb erhoben in dem kleinen Karren und den einen, faſt fleiſchloſen, durchſich⸗ tigen Arm den Männern entgegenſtreckend, rief ſie mit lauter zitternder Stimme: „Rettet mich— rettet mich vor ihm!“ „Wahnſinniges Weib!“ ſchrie der Pole, die Büchſe im Anſchlag emporreißend, und während er ſie mit der Linken halb ſchußgerecht und fertig hielt, mit der rechten des Pferdes Zü⸗ gel faſſend„aber Dein Jammern hilft Dir Nichts, und der Bande zum Trotz ſchlepp ich Dich mit mir. Zurück da aus dem Weg,“ donnerte er jetzt mit der vollen Kraft ſeiner Stimme dem Alten entgegen,„oder bei Höll' und Teufel ſchwör ich's Euch, der Erſte der mir nur eines Auges Zucken noch den Weg vertritt, iſt eine Leiche!“ „Wenn Ihr die Büchſe gegen einen von uns hebt, ſeid Ihr ein Kind des Todes,“ rief da Jack Owen, die eigene Waffe im Anſchlag emporwerfend.. „Gut daß Du mich mahnſt!“ ſchrie da Olnitzki, in blin⸗ der auflodernder Wuth kaum mehr wiſſend was er that,„Du wenigſtens gehſt da voran,“ und mit dem Lauf emporfahrend zuckte auch ſchon in dem nämlichen Augenblick der ſcharfe Strahl aus dem Rohr, und die Kugel ſchlitzte Jack Owens linken Backen.— „Jim Riley läßt dich grüßen,“ ſprach da der Jäger kalt — — S 8 — ₰ 67 und ruhig, und wie Olnitzki, die Büchſe in die linke Hand faſſend, blitzesſchnell mit der Rechten ein Piſtol aus dem Gür⸗ tel riß, hob ſich das lange Rohr empor und mit dem Knall faſt, brach der Pole, mitten durch die Bruſt geſchoſſen, in ſeine Fährte zuſammen. Der Jäger aber, ohne auch nur einen Blick weiter auf die Leiche zu werfen, ſtieß ſeine Büchſe auf den Boden nieder, nahm aus der Taſche den Krätzer und wiſchte ſie aus— wie nach jedem Schuß— that friſches Pul⸗ ver ein und fettete das diinee alts einem kleinen, dafür mit Talg gefüllten Loch im Kolben, ſetzte die Kugel langſam und vorſichtig auf, bis der Ladſtock zutneaprand und die Büchſe, nachdem er auch Pulver auf die Pfanne geſchüttet und dieſe wieder geſchloſſen, über die Schulter werfend, griff er das Pferd am Zügel, winkte einen anderen Nachbar, Sam Houſton, herbei und lenkte mit dieſem den Karren ſeitab in den Wald, der eigenen Heimath zu. Still und in düſterem Schweigen ſtarrten indeß die an⸗ deren Männer auf die noch zuckende Leiche— kein Wort wurde geſprochen, kein Laut gehöͤrt und Soldegg, der ein ziemlich unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorgangs geweſen, ritt die wenigen Schritte noch hinan, bis ſich die Pſerde ſcheuten vor dem friſchen Blut. „Böſe Geſchichte das Gentlemen,“ ſagte er ruhig dabei, während er die Thiere einer kleinen Blöße im Wald zulente den Platz zu umreiten—“ ſehr böſe Geſchichte das, und wird den Advokaten im Little Rock wieder haarſcharfe Arbeit geben. Apropos, da der frühere Beſitzer des Platzes dahinten jetzt nicht * 5 68 blos verreiſt ſondern auch abgereiſt iſt, wäre es vielleicht eben ſo gut Ihnen gleich hier zuſammen die Nachricht zu geben, daß ich jetzt der Eigenthümer bin, und in dieſen Tagen Je⸗ manden herüberſchicken werde das Vieh nach Little Rock zu treiben oder, wenn ſich hier paſſende Käufer finden ſollten, es gleich an Ort und Stelle zu verauktioniren. Guten Morgen, 3 Gentlemen, dürfte ich Sie wohl erſuchen Miſter— wie iſt doch gleich Ihr Name? da vorne ein klein wenig nur aus dem Weg zu treten; die Pferde ſind noch jung und ſcheuen gern, und könnten einander ſchlagen.“ Die Männer von Arkanſas hatten indeſſen, ernſt und ſchwei⸗ gend auf ihre Büchſen gelehnt, den Körper des Getödteten an⸗ geſchaut, und nur manchmal einen eben nicht freundlichen Blick nach dem Sprecher geworfen, von dem ſie wußten wie genau er im Zuſammenhang mit der entwickelten Cataſtrophe ſtand4, aber Niemand unterbrach ihn in ſeiner Rede, noch ſchien ſich weiter Jemand um ihn kümmern zu wollen, bis er die direkte Aufforderung machte ihm Raum zu geben. Da war es wieder der alte Roſemore der, ohne ſeine Stellung im mindeſten zu verändern, nur den Kopf zu dem Reiter aufhebend, ſagte: „Mr. Soldegg, es fällt uns nicht ein Ihrer Abreiſe etwas in den Weg zu legen, ſo wenig wie wir den unglücklichen Mann da verhindern wollten ſeine eigene Bahn zu gehen; ſoweit das alſo Sie und Ihr Eigenthum, das Pferd auf dem Sie reiten, und auf dem Sie in die range gekommen ſind, be⸗ trifft, haben wir nicht das Mindeſte dagegen, verzichten ſogar auf das Vergnügen Sie je wieder bei uns zu ſehen— nur 69 das Eigenthum der Frau darf ohne ihren Willen nicht fort⸗ geführt werden; laſſen Sie alſo die Pferde los und ziehen Sie mit Gott.“ „Die Pferde ſind mein“ rief Soldegg trotzig,„und mehr als das, Olnitzkis Schweine, Kühe, ſein Land, ſein Haus, Alles iſt mein, und die Papiere die mir das beſtätigen trage ich in meinem Taſchenbuch. „Hat er das Alles Euch verkauft?“ ſagte Roſemore ruhig.— „Was kümmert Euch das wie, wenn Ihr die Thatſache wißt,“ ſagte Soldegg finſter. „Und was hat Olnitzki dafür an Werth bekommen?“ frug Roſemore wieder, ohne eine Miene ſeines ſtarren Ant⸗ litzes zu verziehen. „Und wenn er's mir geſchenkt hätte, und wenn ich's im Spiel von ihm gewonnen oder in einer Wette— kümmert das Euch?“ „Nicht, ſo lang' er lebte, allerdings; er konnte da über ſein Eigenthum verfügen, wenns wirklich ſein war und nicht der Frau gehörte, wie er wollte; aber Gott hat ihn abgefordert, und das was er hinterlaſſen gehört ſeinem Weib. Beweißt uns daß das Ganze im ehrlichen Kauf auf Euch überge⸗ gangen, und zieht in Frieden, hat es Olnitzki aber, wir wir Grund haben zu vermuthen, im Trunk und ſeiner Sinne nicht mächtig, verſpielt, ſo mußte er auch dann, ſo lang' er lebte, dafür einſtehn,— aber nicht ſein Weib, nicht Euch gegenüber Soldegg, von dem es ſchon überdieß unklug war, 70 Euch in einem ſolchen Geſchäft hier wieder einzufinden.— Gut— gut— wir wollen Nichts über vergangene Zeiten reden“ ſagte er ruhig und mit der rechten Hand, ohne den Arm von dem Büchſenlauf zu nehmen, langſam abwehrend, —„es iſt vorbei, aber die Pferde hier, Soldegg, oder die Schweine und Kühe auf der Farm, wie die Farm ſelber, was ſie nun eben werth iſt, gehört der Frau, und bis Ihr uns eben nicht Beweiſe bringt daß Ihr die Sachen rechtlich er⸗ worben, gehören ſie eben ihr— und ſollen ihr bleiben,“ ſetzte er feſt und beſtimmt hinzu—„ſo wahr ich Roſemore heiße.“ „Ich laſſe die Pferde hier nicht zurück,“ ſagte Soldegg finſter,„außer Ihr nehmt ſie mir mit Gewalt, und nach dem was hier vorgegangen, kann ich mich nicht der Ueberzahl der mit Büchſen bewaffneten Männer widerſetzen.“ „Nennt's wie Ihr wollt; der Leute hier bedürfte es aber nicht,“ ſagte der Alte ruhig,„ein Einziger wäre da ſchon ge⸗ nug; laßt nur die Pferde, die nicht Euch gehören, los.“ „So proteſtire ich hiermit feierlich gegen ein ſolch gewalt⸗ thätiges Verfahren,“ rief Soldegg die Leine die er in der Hand hielt von ſich werfend und den eigenen Zügel feſter packend, —„proteſtire gegen ſolche Willkür, die in Mord ausartet wo ſi ein Hinderniß findet, und werde die Sache den Geriihten in Little Rock übergeben.“ „Thut das,“ ſagte der alte Roſemore mit einem verächt⸗ lichen Lächeln,„ſchickt uns die Advokaten in den Wald, und ſie mögen ſehen was ſie ausrichten. Und was den Mord be⸗ trifft, wie Ihr ihn zu nennen beliebt, ſo müſſen wir abwartenwie 71 wir ihn verantworten können; bei uns im Wald wehrt ſich eben der Angegriffene ſeiner Haut, und ſchon nach dem Schuß, ſelbſt wenn die Kugel nicht in einem halben Zoll an des Be⸗ drohten Leben vorübergegangen wäre, hatte Jack Owen das Recht, den Burſchen über den Haufen zu ſchießen. Doch Ihr wißt das beſſer als ich es Euch ſagen könnte, und nun Herr Soldegg,“ ſagte er ſeinem Schwiegerſohn dabei mit ei⸗ ner Bewegung des Kopfes winkend dem Manne freie Bahn zu laſſen,„ziehen Sie in Frieden. Soldegg, mit der Rechten faſt unwillkührlich in die Bruſt, nach einer dort wahrſcheinlich verborgenen Waffe fühlend, zügelte das tanzende Pferd noch mit der Linken ſcharf zu⸗ rück; es war, als ob er ſich nicht gutwillig fügen, noch etwas ſagen wolle, und die finſter zuſammengezogenen Brauen verriethen das eben als nichts Freundliches; dann aber plöͤtz⸗ lich ſich eines Anderen befinnend, ließ er den Zügel des Thie⸗ res frei, drückte ihm den linken, mit einem Sporn bewehrten Hacken in die Seite, und ſprengte raſch und ohne Gruß mitten durch die ihm Raum gebenden Männer hin, den Pfad ent⸗ lang, der in die Little Rock County Straße führte. Capitel 3. Vater und Sohn. Es war Frühling um New⸗Orleans— draußen im Walde blühten die Magnolien in voller Pracht, die China⸗ Bäume ſtreuten ein Meer von Wohlgeruch aus ihren Lilla⸗ Blumen um ſich her, in den Büſchen und Zweigen der Nie⸗ derungen flötete der Mockingbird) ſein leiſe klagendes melodi⸗ ſches Lied, und aus dem wehenden grauen Moos der Bäume, das fahlgrau und faſt winterlich die mächtigen Stämme der Pecan und Cypreſſen umweht hatte, quollen die jungen Mai⸗ grünen Knospen zu Tag, und ſtreckten thaublitzend der freund⸗ lichen Sonne die ſchwellenden Lippen entgegen. Oh wie die Weiden am Ufer ſo ſüß dufteten, und das Schilf im Buſch ſo junge kräftige Schößlinge trieb, wie das in ») Spottvogel, die Amerikaniſche Nachtigall. = den Zweigen und Wipfeln der Bäume an zu leben, zu zwit⸗ ſchern und zu flattern fing— wie lebendig es auf den Flüſſen und Seeen wurde, wo die Wandervögel anlangten vom tiefen Süden, und die flugmüden Schwingen ſtreckten und dehnten, am nächſten Morgen in langen geordneten Schwärmen ihren Zug gen Norden weiter fortzuſetzen; wie der Himmel ſich ſo blau und durchſichtig wieder über das ſonnige Land ſpannte, und die Luft ſo warm und lau den Wandervögeln folgte, auch oben im Norden die eisbedeckten Ströme zu befreien, und die weißen Decken von den darunter grünenden Saaten zu ſtreifen. Es war Frühling um New⸗Orleans, aber die Stadt ſelber merkte freilich Nichts davon— Dampfboote kamen und gingen, Schiffe lichteten und warfen ihre Anker, Schaaren von Menſchen landeten und verließen die Levée, Gütermaſſen wurden ein⸗ und ausgeſchifft, und ein Drängen und Treiben war an dem lebendigen Strand wie je; aber was kümmerte die Leute der Frühling, wo er nicht etwa in direkter Verbin⸗ dung mit ihrer Zucker⸗ und Baumwollenerndte ſtand; was kümmerte ſie das Zwitſchern der Vögel draußen und das Knospen und Keimen, was der Duft, der Schmelz der Blü⸗ then. Das Knarren der Winden, die die Güter aus der Dampfer und Schiffe Bauch zu Tage förderten, das war ihr Vogelſang, Frühling und Sommer, Herbſt und Winter durch, die Blätter ihrer Contobücher die einzigen auf deren Rauſchen ſie achteten; das Sonnenlicht wurde mit Gleichgültigkeit, der friſchende Regen mit mürriſchem Geſicht oder halb durch die Zähne gemurmeltem Fluch begrüßt, denn er näßte die Salz⸗ 74 und Kaffeeſäcke, und that den andern Rohprodukten Schaden — was kümmerte ſie die übrige Welt. Und welch ein Leben an der Levée herrſchte— ſiebenzehn Schiffe mit Auswanderern von Deutſchland und Irland waren in der vorigen, dreiundzwanzig mit derſelben Fracht in dieſer Woche angekommen; Schaaren von Einwanderern hatte eben⸗ falls der vorige Monat gebracht, von denen die größte Zahl nicht einmal Geld genug mehr beſaß, die Dampfboot⸗Paſſage zu zahlen und weiter in's Innere zu gehn, und zu Hunderten lagen ſie jetzt bei ihrem Gepäck auf der Levée umher, in Noth und Elend das Leben der Frauen und Kinder friſtend, während die Männer mit triefender Stirn, immer und immer vergebens, nach Arbeit in der Stadt umherliefen. Selbſt die Agenten für Dampfboote und Wirthshäuſer, die Aasgeier der menſch⸗ lichen Geſellſchaft, wandten ſich in Ekel von ihnen ab, und das Amerika, nach dem ſie die Arme hoffend und ſehnend ausge⸗ breitet, das ihre Träume erfüllt, und ſie Gefahren und Mühen des langen, langen Wegs getroſt und freudig ertragen ließ, 3 hatte jetzt weder eine Brodrinde für ſie, die Hungrigen zu ſät⸗ tigen, noch ein freundliches Wort, die Verzweifelnden aufzu⸗ richten. Die Ballen und Säcke zählten die, geſchäftig an ihnen auf⸗ und abeilenden Amerikaner, ihre Notizbücher und Bleiſtifte in der Hand, ſchützten ſie gegen Näſſe wenn es reg⸗ nete, und bewahrten ſie vor Schaden; ſo ein Sack koſtete aber auch ſo und ſo viel Dollar, und war ſo gut wie baar Geld — um die Unglücklichen kümmerte ſich kein Menſch— ſie— konnten verderben wo ſie lagen— die nächſten Schiffe brach⸗ — 3 75 ten mehr der Art, und das Land im Innern, zu dem man ſie brauchte es zu bebauen, es der Wildniß zu entreißen, zu dem dieſe Leute ihre braven Herzen, ihre kräftigen Arme, ihren Schweiß herübergebracht— lieber Gott, das lag eben im Weſten und ging ſie Nichts an. Wenn irgend Jemand ein Intereſſe dabei hatte war es der Staat, und da ſich der nicht darum kümmerte, was hatte der Einzelne damit zu thun— Allen hätten ſie doch nicht helfen können. Und der Staat?— die Regierung der Vereinigten Staa⸗ ten von Nord⸗Amerika?— Vor funfzig Jahren wohnten weſtlich von den Alleghanie⸗Bergen noch nicht 300,000 Men⸗ ſchen, das Land war größtentheils noch eine Wildniß, vom Bär, Panther und Büffel und dem wilderen Indianer bewohnt, jetzt umſchließt dieſer ſelbe Raum eine Bevölkerung von über zwölf Millionen; der Handel des Miſſiſſippi⸗Thales wird zu dem Werth von 439 Millionen Dollar gerechnet, das Land hat zehn und hundertfachen Werth gewonnen, Städte ſind ſeit der Zeit an den äußerſten Grenzen der Wildniß aufgeſprungen, die jetzt den Centralpunkt blühender, reicher Diſtrikte bilden und ihre Einwohnerzahl nach hundert Tauſenden zählen; ſo weit das Auge reicht decken blühende fruchtſchwere Felder den Boden, Straßen und Eiſenbahnen durchziehen das Land, un⸗ zählige Dampfboote ſchießen auf den Waſſern hin, die ſonſt nur das Canoe des Wilden trugen, und ſeinen Schlachtſchrei und den Lockruf wilden Geflügels hörten; Schulen und Uni⸗ verſitäten ſtehen da, wo in jener Zeit noch der Bär ſein Lager hatte, und der Wolf die Mitternachtsſtunde heulte, und wem 76 verdankt das weite Reich ſolch rieſigen Umſchwung? wem an⸗ ders als den wackeren Einwanderern, die mit ihrem Schweiß die Felder gedüngt, mit ihrer Hände Fleiß geſchaffen haben was da fertig liegt. Und das Land iſt erſt im Wachſen, denn ſo Unglaubliches die kurze Zeit geleiſtet, ſo viel mehr bleibt noch zu thun, ſo viel größere Strecken liegen noch in Wald und Sumpf und Wüſte, und harren der fleißigen Hände, die ſie in's Leben rufen ſollen. Die Vereinigten Staaten kennen den Nutzen dabei, den ſie allein von der Einwanderung erwarten dürfen, ſie wiſſen wie gerade der arme Bauer, der mittellos und auf ſeiner Hände Arbeit angewieſen dieſes Land betritt, das Werkzeug iſt den Boden zu verwerthen; ſie erkennen und fühlen auch die Pflicht, die Wohlfahrt derer zu überwachen, deren Kinder einſt. den Kern des Landes bilden ſollen, das beweißt z. B. das Schifffahrtsgeſetz das ſie gegeben, willkürlichen Ueberladungen gewiſſenloſer Rheder zu wehren; aber nur erſt ein einziger Schritt war das in dem was ihre Pflicht iſt gegen die Tau⸗ ſende, nur ein Eingeſtändniß der übernommenen, die Menſchen, die ſich ihnen vertrauend genaht und ihnen Alles bringen was ſie das Ihre nennen, die Schaaren, die ſie zu Vorfechtern der Cultur gebrauchen, und die das weite Land mit ihrem Schweiße, wie oft mit ihren Leibern düngen ſollen, nicht erſt verkümmern, moraliſch untergehen zu laſſen gleich bei der erſten Landung. Die Art ſelbſt, wie ſie betrügeriſchen Agenten, gewiſſen⸗ loſen Schuften aller Nationen— denn jede findet da Geyer unter ihren Landsleuten, die auf ſie lauern— ganz freien v v 77 Spielraum läßt die Unglücklichen auszuſaugen, die vielleicht noch bei dem erſten Betreten des Landes ſo viel hatten irgend einen Zielpunkt im Innern zu erreichen, und hier und da ge⸗ rupft ſo viele Federn laſſen bis ſie nicht mehr fliegen können; die Art wie ſie dieſe armen Unglücklichen, die der Sprache und den Sitten fremd ihre Ufer betreten, preisgiebt jedem Be⸗ trug, jeder Hinterliſt, macht ſie zu halben Mitſchuldigen an Allem was geſchieht, und zieht verdienten Fluch auf ihre Häup⸗ ter herab, von Tauſenden. Hier iſt freilich nicht der Platz das wie zu beſprechen, das dieſem Uebeln ſteuern könnte; aber der Weg, wenigſtens einem Theil ſolchen Unheils vorzubeugen, iſt in New⸗York z. B. in den letzten Jahren auch in New⸗Orleans, von der„deutſchen Geſellſchaft“ angebahnt, die das begonnen was der Staat ver⸗ ſäumt, und weil er es verſäumte; aber nur Privatleute ſind es bis jetzt, die von Mitleid für ſo viele Unglückliche getrie⸗ ben ihre Zeit und ihr Geld opferten; der Staat ſieht ruhig zu, hält Agenten, die für die verſchiedenen Staaten Land ver⸗ kaufen dürfen und glaubt damit Alles gethan zu haben. Wie auf eine nackte Sandbank hinausgeworfen findet der arme Einwanderer ſich inmitten einer unermeßlich reichen und zahl⸗ reichen Bevölkerung, in dem Drängen und Treiben einer Chriſt⸗ lichen Stadt, der Noth, ja dem Hungertode preisgegeben, wenn er ſich eben nicht ſelber retten— helfen kann. Das bedeutſame Help yourself*) der Union hat dabei *) Hilf Dir ſelbſt. 78 Aehnlichkeit mit dem Rufe„Schwimm!“ ein vortreffliches Wort für den der es kann, und wer's nicht kann ſinkt eben unter, mit dem beſten Willen. Wie das drängte und trieb an der Levée hin, wie die leeren Karren, von halbtrunkenen Irländern in vollem Galopp die Straße niedergetrieben, mitten hinein in die Menſchen⸗ maſſen jagten, und aufluden bis in die ſpäte Nacht hinein von dem Rieſenhaufen aufgeſtapelter Waaren, der ſich meilenweit den Strom entlang hinſtreckt, und dieſe doch nicht weniger wurden; wie ſich Laſtträger und Arbeiter, Krämer, Makler und Agenten, Buchhalter und Handlungsdiener, Obſt⸗ und Blumenverkäufer, Milch⸗, Kaffee⸗ und Kuchenmädchen, Ma⸗ troſen und Neger wild und bunt durcheinander miſchten, Jeder ein Ziel vor Augen, in Beſchäftigung oder Erholung, Alle dort auf⸗ und niederwogend, raſch und geſchäftig oder lachend, ſingend und plaudernd— nur die Einwanderer ſaßen ſtill und ſtumm dabei auf ihren Kiſten und Koffern, in der fremden, auffälligen Tracht, mit den bleichen Geſichtern und tief liegenden ſtieren Augen; nur an ihnen wogte das rauſchende Leben vor⸗ bei, wie der munter plätſchernde Bach den Kieſelblock in ſeinem Wege trifft und umſpühlt, und weiter ſtrömt ſeinen wilden fröhlichen Weg. „Wo die Leute nur Alle zu Mittag eſſen,“ ſagte der eine Mann, der ein kleines, in Lumpen eingewickeltes Kind auf dem Arme trug und ein anderes, kaum größeres an der Hand führte, zu ſeinem Weib, das fröſtelnd in ein altes Tuch ge⸗ ſchlagen in der heißen Sonne ſaß und den ſchmerzenden Kopf 79 in die Hand ſtützte,„und wie die Häuſer da alle ſo kalt und großartig ſtehn und uns anſtarren mit den gläſernen Augen als ob ſie fragen wollten wo gehört Ihr denn hin. S iſt doch ein eigenes Gefühl ſo gar keinen Platz auf der weiten Gottes Welt zu haben wo man zu Hauſe iſt, und wo Nachts das Bett ſteht. Wie ſie geſtern Abend überall die Thüren zu⸗ machten und die Lichter auslöſchten, und wir draußen bleiben mußten unter freiem Himmel, war es mir g'rad wieder zu Muthe wie daheim, als ich den Kirchweg hinunter aus unſe⸗ rem Dorfe auf nimmer Wiederkehren ging.“ „Wo begraben ſie denn hier die Leute wenn ſie ſterben?“ frug die Frau mit zitternder, noch immer fröſtelnder Stimme, noder werfen ſie Einen hier auch in's Waſſer wie draußen auf dem Meer?“ Der Mann ſchwieg, ſetzte ſich wieder auf ſeine Kiſte nie⸗ der, und hielt beide Kinder vor ſich auf den Knieen; er fing an abzuſtumpfen gegen das Elend um ihn her— und es war nur Einer von vielen Tauſenden. Ueber Mittagszeit wurde es ſtiller auf der Levée— wie ein ebbender Strom drängten die Menſchenmaſſen von dem Ufer fort— die Menge theilte ſich— in die Straßen hinauf, auf die Boote ſelbſt zog ſich da Trupp nach Trupp, bis faſt nur die einzelnen Wachen bei den Gütern blieben. Aber am Ufer hin, auf ihrem Gepäck, oder dem Ballaſt auch ruhend der in der Sonne glühte, lagen die Deutſchen und Iren, an Stücken Schiffszwieback kauend, oder muldigem„Lootſenbrod“, das ſie ſich um ein paar Cent im„store“ gekauft, den nagen⸗ 80 den Hunger zu ſtillen. Das ſchmutzige Miſſiſippi⸗Waſſer, milch⸗ warm im Sommer doch jetzt noch ziemlich kühl von den weiter oben treibenden Eisſchollen, war ihre Labung dabei, und die Kin⸗ der— ach wie oft auch die Eltern— ſchauten dann wohl ſehn⸗ ſüchtig nach den Körben hinüber, die junge Negermädchen am Ufer auf und abtrugen, als Mittagsmahl für Manchen, den Pflicht oder Geſchäft an die Levée bannte durch die Mittagszeit. Den Fremden boten ſie die Waare nicht ein⸗ mal mehr an—„no money, no cakey“ lachten die mun⸗ teren Dinger und ſchritten ſingend weiter, und den Kindern lief das Waſſer im Mund zuſammen bei dem leckeren Anblick, den ſie freilich nicht greifen durften, und der ihnen das trockene harte Brod um ſo viel trockner, ſo viel härter ſchmecken ließ. Ei wie das drängte und lief und mit den Tellern klap⸗ perte in den Boordinghäuſern von New⸗Orleans; was ſie für Geſchäfte machten die„armen Wirthe“ die ſich für das Wohl ihrer Landsleute, dem eigenen Ausdruck nach, nur auf⸗ geopfert. Wie in einem Bienenſtock kamen und gingen die Gäſte, im Flug förmlich die Speiſen hinterſchlingend, nicht zu viel Zeit auf ſolche Nebenſachen zu verwenden. Und in den deutſchen Häuſern— lieber Gott, bis unter die Decke, auf der Flur, und auf dem Hof ſelbſt unter freiem Himmel, ſtanden die Kiſten aufgeſtapelt, und im innern Raum ſaßen ſie feſtgedrängt Mann an Mann bei Tiſch, im engen heißen Zimmer, ihr Brod im Schweiße ihres Angeſichts zu verzehren. Auch in dem„deutſchen Vaterland“ waren die Räume 81 bis unter das Dach, die Tiſche gefüllt, ſoviel wie Stühle da⸗ ran ſtehen wollten— freilich nur für ſolche,„die Geld hatten,“ wie der alte Hamann meinte. Der ging aber jetzt immer kopfſchüt⸗ telnd im Hauſe herum, und jammerte und klagte mehr als je, daß ihn ſeine Landsleute, die er gefüttert und verpflegt, rein ruinirten.— Aber er konnte auch Nichts weiter für ſie thun— ſo gern er ſelbſt es wollte— die Zeiten waren zu ſchlecht, die Leute wollten nicht zahlen, und was ſollte da am Ende aus einem armen Boordinghauswirthe werden? Sein Sohn war auch wieder von Arkanſas zurückgekom⸗ men, und wenn er auch nicht gerade ſo brillante Geſchäfte gemacht, wie ſein Vater mit dem Waarentransport vielleicht erwartet, ſchien er doch, ſeit ein paar Wochen wenigſtens, und nachdem er etwa vierzehn Tage wieder im Haus geweſen, den alten Trotzkopf abgelegt und keinen ſolchen Widerwillen mehr vor der Wirthſchaft ſelber zu haben, der er ſich zu des Vaters inniger Freude thätig annahm— wenn dieſer auch freilich die Hauptgeſchäfte noch ſelber beſorgen mußte. Auch mit ſeiner jungen Wirthſchafterin hatte der alte Hamann einen vortrefflichen Fund gethan, und Hedwig ſeine Erwartungen in jeder Hinſicht ſo weit übertroffen, daß er wirk⸗ lich manchmal gewaltſam an ſich halten mußte, ſte nicht laut zu loben; das hätte ſie nämlich leicht zu dem Verlangen einer Gehaltserhöhung locken können, die er wenigſtens nicht ſelber leichtſinnig herbeiführen wollte. In dem Theil der Wirth⸗ ſchaft, welchem ſte, bei dem ſich mehr und mehr ausbreitendem Geſchäft, vorſtand, war auch Nichts zu wünſchen ührig und eine Gerſtäcker's Nach Amerika. V. Sauberkeit herrſchte in Wäſche und Geſchirr, in Tiſch- und Bettzeug, die ihn mit den wenigen Mitteln in Erſtaunen ſetzte, und da erhielt, wo früher die Hälfte in Schmutz ver⸗ dorben und untergegangen war. Hedwig arbeitete vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht; überwachte die Beſchäftigung der andern weiblichen Dienſtleute, und ſchaffte ſelber mit einer Thätigkeit, die Herr Hamann wohl mit innigem Vergnügen, aber auch mit dem feſten Bewußtſein ſah, daß die Sache nicht lange ſo fortdauern würde. Deutſche Dienſtmädchen werden von Amerikanern und Deutſchen immer geſucht, ſo lange ſie eben friſch von Deutſchland kommen, ſind ſie aber erſt einmal eine Weile im Lande, lernen ſie die Verhältniſſe näher kennen, und ſehen ſie beſonders, wie es Andere ihres Gleichen machen, dann arten ſie auch faſt immer aus, verlangen höhern Lohn, machen ſich ihre Arbeit leicht, fangen ſich an zu putzen und ihren Dienſt zu wechſeln, und haben ſich damit, wie ſie meinen, amerikani⸗ ſirt. Hedwig dachte aber nicht an etwas derartiges; glücklich in dem Bewußtſein ſich jetzt nicht allein ihr Brod verdie⸗ nen, ſondern auch das unglückliche Opfer des Mannes, der ſie ſelber, durch ihren armen Bruder ſo elend gemacht, unter⸗ ſtützen zu können, war ihr ganzes Streben nur darauf ge⸗ richtet, ihre Pflicht zu erfüllen. Dieſe Thätigkeit, mit einer, ſchon nach den erſten Wochen erlangten, faſt ſelbſtſtändigen Stellung in dem Hauſe, gab ihr eine unendliche Ruhe und Zuverſicht, ja faſt eine Heiterkeit, die das arme Kind in ihrem ganzen Leben noch nicht gekannt. Nur eines lag ihr dabei ſchwer auf der Seele, ja füllte ihre Augen oft mit Thränen, und ihr Herz mit der Furcht, doch dieſen Platz nicht lange behaupten zu können, und wieder in die Welt hinaus zu müſſen, die ſie eigentlich noch gar nicht kannte, und die ſie wieder und wieder kalt zurückgeſtoßen hatte. Es war das Leben und Treiben ihres Brodherrn ſelber, wie deſſen Gehülfen, des Ausſchenkers, den armen Auswan⸗ derern gegenüber, die Zufall oder Noth in ihren Bereich warf, und denen ſie— es konnte ihr das bald nicht mehr entgehen— abpreßten was ihnen abzupreſſen war, um ſie nachher von Allem entblößt auf die Straße zu werfen. Fortwährend mit den Unglücklichen in nächſter Berührung, hörte ſie täglich deren, meiſt nur immer ſchüchtern laut werdende Klagen, ſah, wie ſie Schritt für Schritt dem Verderben entgegengingen, und konnte doch nur ſo ſelten helfen. Das Bettzeug des ganzen Boardingshauſes beſtand ein⸗ zig und allein aus Wäſche, die von den Unglücklichen in Ver⸗ ſatz genommen, und ſelten oder nie wieder an ſie ausgeliefert wurde; ein Nähmädchen, das ebenfalls ihre ärmliche Koſt hier abverdienen mußte, war Tag um Tag beſchäftigt die alten Zeichen auszutrennen, und die Bett⸗ und Tiſchtücher und Hemden neu zu marken. Die Küche wurde tagelang mit al⸗ ten Auswandererkiſten geheitzt, und Jimmy der Barkeeper that dabei mit allen nur erdenklichen Liſten ſein Möglich⸗ ſtes, die Männer, die ſich regelmäßig und halbverzweifelt die Abende in dem Schenkzimmer umhertrieben, zum Trinken zu 6* verlocken, wobei er nie verſäumte mitzuzechen. Wenn er ſich dann auch nur ein paar Tropfen in's Glas goß, denn er mußte wenigſtens nüchtern bleiben, wurde das den armen Teufeln, die ſo ſchon nicht wußten, wie ſie die Ihrigen unter⸗ bringen und vor Mangel ſchützen ſollten, doch immer für voll angerechnet, und wie die Rechnungen dadurch aufliefen, ver⸗ ringerte ſich die Möglichkeit für die Fremden, ſie zu der beſtimm⸗ ten Zeit zahlen zu können, wo ihre Sachen dann dem Hauſe verfallen waren. Dabei hatte Herr Hamann, von Herrn Meſſerſchmidt und vielleicht noch von manchen anderen eben ſolchen Agenten unterſtützt, eine Art Landagentur, wie auch ſelber eine Strecke Wald in der Nähe von New⸗Orleans, worauf fortwährend Leute arbeiteten, für die er nie einen Cent baar Geld bezahlte. Viele Amerikaner in den nördlichen Staaten ſtanden zugleich mit ihm in Verbindung, denen er gegen eine gute Proviſton Pachter oder Käufer hinaufſchickte, und von ihm empfohlen,„der ja das Land in dem er ſo viele Jahre wohnte, genau kennen mußte“ und nicht wiſſend wohin ſich zu wenden, lief Mancher, der noch ein paar Thaler und eine Menge kluger Vorſätze mitgebracht, nur zu willig in die leicht gelegte Schlinge. Wie es ihnen da ſpäter ging, ob ſie zu ſpät einſahen, daß ſie ihr gutes Geld an ein Experiment weggeworfen, und nun als Tagelöhner wieder beginnen mußten, wo ſie, wenn ſie ihr Geld im Anfang zu Rathe gehalten, ſpäter mit erſt geſam⸗ melter Erfahrung nach eigenem Urtheil hätten etwas erwerben können; ob ihre Familien, trotz allem Fleiß, trotz aller Spar⸗ 8⁵ ſamkeit in Noth und Mangel geriethen, was kümmerte das ihn; er zog von dem einem Theil ſeine Proviſionen und brachte durch den anderen, mit nur ſehr geringen Auslagen, ſein eigenes Land zu einem weit höheren Werth in den Markt. Die Einwanderer betrachtete er ja überdieß nur als Hand⸗ werkszeug, ſeine eigenen Zwecke zu erreichen, Handwerkszeug das noch den ungemeinen Vortheil hatte, daß er es, wenn abgenutzt, nie brauchte ſchärfen zu laſſen, da jede Woche faſt neues von Europa kam. Hedwig ſah und durchſchaute Vieles, ſchon nach kurzer Zeit ihres Aufenthaltes in dem Haus, aber was konnte das arme, mit den inneren Verhältniſſen des Landes überdieß ganz un⸗ bekannte Mädchen dagegen thun? Sie vermochte den Un⸗ glücklichen, denen ſie nicht zu helfen wußte, nicht einmal zu rathen, und mußte, obwohl ihr das Herz dabei blutete, ge⸗ ſchehen laſſen, was eben geſchah. Das war Amerika? lieber Gott, ſie hatte ſich das Land anders gedacht, und wenn ſie wohl auch fühlte, daß ſie hier nur die ſchwärzeſte Seite des Ganzen kennen lernte, jammerte ſie doch das Elend ſo vieler Tauſende. Manche Thräne weinte ſie im Stillen den Unglücklichen, aber ſie ſelber ſchaffte und arbeitete dabei, und half auch, wo ſie konnte, mit manchem, freilich heimlich den Kindern und kran⸗ ken Frauen gereichten Labſal, und mehr noch oft mit freund⸗ lichem Wort und Troſt für die, die einſam und verlaſſen, des Troſt's ſo ſehr bedürftig, in der Fremde ſtanden. Eine furchtbare Zeit verlebte indeſſen Clara Henkel in dem kleinen heißen Hinterſtübchen des„deutſchen Vaterlands,“ wo ſie, nach Hedwigs Probewoche, von dieſer einquartirt, und die erſte Zeit, ehe ſie ſich vollſtändig erholt, noch von dem jun⸗ gen Mädchen gepflegt wurde, wie es nur deren, den Tag über faſt ganz in Anſpruch genommene Zeit erlaubte. Von einem hitzigen Fieber, die erſten Tage nachdem ſie Amerikaniſchen Grund und Boden betreten, erfaßt, und auf ihr Lager geworfen, hatte die Unglückliche viele Tage mit dem Tode gekämpft, und doch ihn herbeigeſehnt, ſie von ihrem Elend zu befreien. Hed⸗ wig war in der Zeit nur von ihrem Lager gekommen einen Arzt zu ſuchen; ſo viel Mühe ſie ſich aber auch gegeben ihren jungen Reiſegefährten Donner aufzufinden, zu dem ſie, was ſeine Kunſt betraf, an Bord der Haidſchnucke ſo viel Ver⸗ trauen gefaßt, war es ihr doch nicht möglich, und ſie zuletzt gezwungen geweſen einen Amerikaniſchen Arzt zu nehmen. Glücklicher Weiſe kam ſie zu einem geſchickten und wackeren Mann, der die Krankheit richtig erkannte und faßte, und die Leidende nicht mit dem, bei Amerikaniſchen Aerzten ſo häufig alleinigem Heilmittel— dem Calomel— noch mehr angriff, als es die Krankheit ſelbſt vielleicht gethan; aber der Ame⸗ rikaniſche Arzt forderte auch Amerikaniſche Preiſe für ſeine Kur, und das Wenige an Geld, was Clara faſt nur zufäl⸗ lig in ihrem Koffer gehabt(denn Alles was ſie ſonſt an werth⸗ vollen Sachen beſaß, hatte Henkel in dem kleinen, ihr gehören⸗ den Lederkoffer mit an Land genommen) ging mit der Zahlung des Arztes und der Hotelkoſt auf. Da war es, wo Hedwig, als die Geneſende ihr ganzes Herz öffnete, ihr Alles klagte und 87 geſtand, das ganze Geheimniß ihres Elends enthüllte, zu eige⸗ nem Handeln aufgerufen, jetzt aber auch vielleicht zum erſten Mal ſelber den ganzen Jammer ihres armen Bruders ahnend, aus dem Kind, in wenig Stunden zur Jungfrau reifte. Nicht mehr mit furchtſamer Scheu abhängig und unentſchloſſen ſtand ſie da; Clara war ihr auch nicht mehr die Herrin, deren ſelbſt freundlichſtes Weſen nie das Gefühl der Niedrigkeit bei ihr im Stande geweſen zu bannen; ſie war ihr Schweſter, war ihr gleich geworden, und nicht etwa zu ihr dabei hinabgeſtiegen, ſondern zu ſich hinauf hatte ſie das arme bis dahin ſo ver⸗ laſſene Mädchen gezogen. Wie ſie mit dem thränenfeuchten Antlitz an ihrer Schulter lag und ſie umſchlungen hielt, und ganz den eignen Schmerz vergeſſend, ſie ihre„arme, arme Hedwig“ nannte, da drang mit dem bitteren Gefühl vergangnen Leids ein eigen ruhiges Bewußtſein in ihre Bruſt. Das Schwerſte war geſchehn und überſtanden, viel leichter ließ ſich jetzt das Andere tragen. Aber auch Clara ſelber mußte handeln um ſich aus die⸗ ſer Lage, in der ſie nun doch einmal nicht bleiben konnte, zu befreien. In ihrem unſchuldigen Herzen hatte ſie dabei keine Ahnung von der ausgedehnten Niederträchtigkeit des Mannes, in deſſen Hand ſie am Altar die ihre gelegt; noch war ihr nicht einmal der Gedanke aufgeſtiegen, daß auch ſein ganzer ihr erzählter Lebenslauf, daß ſeine Familie ein Märchen, und er ſo wenig mit dem reichen Kaufmann Henkel verwandt als deſſen Sohn und Compagnon ſei; ja trotz alle den Beweiſen, die ſie gegen ihn hatte, trotzdem, daß er ſie ſelbſt beraubt 88 und ihr ſogar das genommen, was ſie wenigſtens jetzt in den Stand geſetzt hätte nach Europa zurückzukehren, fürchtete ſie ſeine Wiederkehr, fürchtete, daß ſie von ſeiner Familie auf⸗ geſucht und zurückgefordert werden könne und wagte nicht, ſelbſt als ſie ſich erholt, die Schwelle des Hauſes zu über⸗ ſchreiten, daß ihre Spur hierher nicht aufgefunden würde. Auch einen langen Kampf koſtete es ſie, nach Haus zu ſchreiben, dem Vater zu geſtehen, was geſchehn— wie elend ſie geworden. Großer Gott, ihre armen Eltern; was mußten ſie leiden, wenn ſie des Kindes Schickſal, das ſie in Glück und Wonne glaubten, erführen, und die Mishandelte zu Hauſe holen ſollten, wo ſie die junge reiche Frau in Wohlleben ſchwelgend dachten. Aber was blieb ihr anders übrig, als ein ſolcher Schritt, denn wie ſie im Anfang ent⸗ ſchloſſen geweſen, gleich mit dem nächſten Schiff die Heim⸗ fahrt anzutreten, hatte ihre Krankheit ſie daran verhindert, und als das wenige Geld für Arzt und Koſt darauf gegan⸗ gen, blieb nicht genug Paſſage zu bezahlen. Auch hätte ſie nicht ſo unvorbereitet des Vaters Haus betreten mögen— oh ihr ſchauderte ſelbſt jetzt vor dem Schritt.— Und wie die Nachbarinnen flüſtern und lachen würden über die„heimge⸗ ſchickte reiche Amerikanerin“; wie ſie ihr erſt das vermeint⸗ liche Glück misgönnt, ſo war ihr jetzt ihr Spott und Hohn gewiß. Sie ſchrieb den Brief— mußte ſie nicht auch des armen Loßenwerders Ehre retten, der an der Kirchhofsmauer verach⸗ tet und ungerecht verdächtigt ſchlief? lieber Gott, es war das —— ———— 89 Wenigſte was ſie thun konnte, den Schatten des moraliſch und phyſiſch Gemordeten zu verſöhnen. Daß ihr Vater dann weiter auch für die Schweſter ſorgen würde, die mit dem Bruder ja die einzige Stütze verloren hatte in der weiten Welt, konnte ſie ruhig dem guten treuen Herzen deſſelben überlaſſen. Das Geld, das er ihr ſchicken würde, die Heimfahrt für ſich und Hedwig zu beſtreiten, hatte ſie ihn gebeten, unter Hed⸗ wigs Namen, poste restante, nach New⸗Orleans zu adreſſiren; die Zeit war aber noch zu kurz, ſchon Antwort zu erwarten, die, ihrer Berechnung nach, erſt etwa in zwei bis drei Wochen eintreffen konnte. Es mochte elf Uhr Morgens ſein, und Hedwig war in dem großen Speiſezimmer des deutſchen Vaterlands ruhig be⸗ ſchäftigt den Tiſch für das Mittagseſſen zu decken und herzu⸗ richten. Das Tiſchtuch lag ſchneeweiß darauf ausgebreitet, und eines der Hausmädchen hatte eben die nöthigen Teller hereingebracht und auf den Nebentiſch geſtellt. Dieſe ordnete Hedwig jetzt, mit den dazu gehörigen Meſſern und Gabeln, und rückte die Stühle für die erwarteten Gäſte, von denen aber, der Amerikaniſchen Sitte nach, keiner das Zimmer be⸗ trat, ehe nicht die zweite Glocke, als Zeichen daß aufgetragen, geläutet worden. Nur Jimmy, der Barkeeper, der im Schenkzimmer um dieſe Zeit gerade nichts zu thun zu haben ſchien, hatte ſich ſehr behaglich und in voller Ruhe auf einen der kleinen noch leeren 90 Ecktiſche geſetzt, ſchlenkerte dort mit den Beinen, revidirte ſeine Fingergelenke, und ſtarrte dabei mit hochheraufgezogenen Brauen und immer ſtierer werdenden Augen nach dem jungen Mädchen hinüber, das, ſeiner wenig achtend, was ihm oblag ruhig beſorgte. Sie konnte den Menſchen nicht leiden und es war ihr ſchon fatal nur in ſeiner Nähe zu ſein; in ihrer Gut⸗ müthigkeit mochte ſie ihn aber auch nicht kränken, und war we⸗ nigſtens, wo ſie mit ihm unmittelbar zu thun hatte, wie gegen alle andere Menſchen, freundlich und artig. Jimmy— Niemand im Haus kannte einen weiteren Na⸗ men von ihm— hatte aber darüber andere Anſichten. Von ſeiner Unwiderſtehlichkeit feſt überzeugt, war ihm der Fleiß und das anſtellige Weſen des jungen, überdieß wunderhüb⸗ ſchen Mädchens keineswegs entgangen, und ſich ſelber an den Punkt angelangt glaubend, wo er ebenfalls daran denken könne einen eigenen Heerd zu gründen, fing es ihm an einzu⸗ leuchten, daß er hier einen paſſenden Gegenſtand für ſein Haus— und nebenbei dann auch für ſein Herz— gefunden haben möchte. Noch nie war ihm aber das Mädchen wirklich ſo hübſch und verlockend erſchienen wie gerade heute, und in⸗ dem ſich über ſein Geſicht ein breites, ihm eigenthümliches Schmunzeln zog, in dem das Weiße ſeiner Augen vollſtändig ſtchtbar wurde, ſagte er plötzlich: „Mamſell Hedwig“ „Herr Jimmy?“ antwortete das junge Mädchen, ohne von ihrer Arbeit aufzuſehn, und mit dem Ueberwiſchen der ein⸗ zelnen Teller noch beſchäftigt. „Verdammt gute Zeiten jetzt in New⸗Orleans“ ſagte Jimmy. „Gute Zeiten?“ ſeufzte Hedwig—„lieber Gott, die armen Menſchen füllen die Wirthshäuſer und ſelbſt Straßen, und können nicht Arbeit finden für ſich oder die ihrigen— ich habe nie geglaubt, daß es ſo viel Elend in Amerika gäbe.“ „Bah, Unſinn“ ſagte aber Jimmy auf ſeinem Sitz zurück⸗ rückend und ſich einen Stuhl zwiſchen die Füße nehmend, mit dem er balancirte,„füllen die Wirthshäuſer— das iſt die Hauptſache— famoſe Zeiten für Boardinghäuſer— waren nie beſſer.“ Hedwig ſchwieg und arbeitete ruhig weiter, Jimmy aber, deſſen Gedanken jetzt eine beſtimmte Bahn bekommen hatten, fuhr halb mit ſich ſelber, halb zu dem Mädchen redend fort: „Wenn jetzt Jemand irgendwo an einer paſſenden Stelle ein paſſendes Boarding und Lodginghaus anlegte, und Je⸗ mand die Sache aus dem Grunde verſtünde— wenn Jemand gute Spirituoſen, daß heißt billige, dabei hielte, und mit ſeinen Leuten umzuſpringen wüßte— wenn Jemand dann eine paſſende Frau hätte, die ihm die Wirthſchaft ordentlich führen, das Tiſch⸗ und Bettweſen beſorgen, und den Leuten in der Küche auf die Hände ſehen könnte, und Jemand wäre dann ein hübſcher, paſſender Kerl und“— Jimmy ſchwieg einen Augenblick, und knackte ſeinen Zeigefinger zu gleicher Zeit ſo ſcharf und laut, daß es ordentlich klang als ober ihn ſich abgebro⸗ 92 chen hätte, und ſelbſt Hedwig, die kaum gehört was er ſagte, raſch und erſchreckt nach ihm umſchaute. Aber ſie mußte la⸗ chen, wie ſie ihn anſah, denn auf dem Tiſch, mit den hochge⸗ zogenen Brauen und dem klugen bedenklichen Geſicht, das er machte, indeß er, den Stuhl jetzt allein zwiſchen den Füßen hin und herſchlenkernd, ſeine Finger in altgewohnter Weiſe mishandelte, ſah der Burſche wirklich komiſch aus. Das freundliche Lächeln in Hedwigs Zügen brachte aber auch in den ſeinigen eine merkwürdige Veränderung hervor, und ſeine Lippen wieder, wie er das ebenfalls zu Zeiten an ſich hatte, nach vorn durch einen plötzlichen Ruck zu einer Spitze ausſtoßend, ſchloß und öffnete er die Augen ein paar Mal, ließ den Stuhl dann zwiſchen ſeinen Füßen herausfallen, ſprang vom Tiſch hinunter und ging, die Hände plötzlich in beide Hoſentaſchen ſchiebend— er war, wie gewöhnlich, in Hemdsärmeln— auf Hedwig zu. Dieſe ſah ihn allerdings etwas erſtaunt ſich nä⸗ hern, hatte aber ihre Arbeit ſchon wieder aufgegriffen, die da⸗ rin beſtand, von dem nächſten kleinen Seitentiſch dortſtehende Waſſergläſer zu nehmen, auszuwiſchen und eines neben jedes Gedeck zu ſetzen. Sie war dabei gezwungen nach und nach um den ganzen Tiſch zu gehn, und Jimmy folgte ihr dort herum, ſeine Unterhaltung wieder aufnehmend. „Jemand könnte ſchmähliches Geld dabei verdienen, Mam⸗ ſell Hedwig“ fuhr er fort, die linke Hand an ihrem Platz laſ⸗ ſend, und mit der rechten dem jungen Mädchen eines der Glä⸗ ſer zum Abwiſchen reichend. „Womit Herr Jimmy?“ „Nun mit einem Boarding und Lodginghaus.“ „Ja, aber warum fängt es da Jemand nicht an?“ lä⸗ chelte Hedwig, der doch nicht entgehen konnte, daß der junge Mann ſich ſelber mit dem Jemand verſtand, wenn ſie auch noch keine Ahnung von den weiteren Conſequenzen hatte. Jimmy aber, der ſich mit der höchſt unbegründeten Hoffnung ſchmeichelte, das junge Mädchen komme ihm auf halbem Wege entgegen, vergaß auf einmal das Gläſerreichen, fing wieder an mit ſeinen Fingern zu knacken und ſagte, halb bedenklich halb verſchämt.“ „Ja wenn Jemand wüßte, daß Jemand wollte—“ „Wollte?— was?“ frug Hedwig. „Jemandes Frau werden“ ſagte Jimmy, indem er, ſeine halbe Werbung dabei zu illuſtriren, den rechten Arm um die Hüfte der eben wieder an ihm vorbeigehenden Hedwig legte. Das junge Mädchen zuckte vor der Berührung zurück und und ſah den, wenn nicht frechen, doch jedenfalls höchſt zuverſicht⸗ lichen Burſchen mit einem ſo ernſt zurückweiſenden Blicke an, daß jeder Andere an Jimmys Stelle auch jeden weiteren Ver⸗ ſuch in Verzweiflung aufgegeben haben würde. Jimmy je⸗ doch war weit davon entfernt eine wirkliche Zurückweiſung, ſeiner Perſönlichkeit gegenüber, auch nur für möglich zu hal⸗ ten, und einmal ſo weit gegangen, glaubte er die Sache gleich, mit einem Kuß vielleicht, zu einem allerſeits zufrieden⸗ ſtellenden Ende zu bringen. Die Gelegenheit war jedenfalls günſtig, Niemand in der Nähe, und ehe Hedwig nur eine Ahnung von dem beabſichtigten Vorhaben hatte, ſchlang der 94 unverſchämte Geſell ſeinen rechten Arm umſie, drückte mit der lin⸗ ken Hand raſch dabei ihr Kinn empor, und wollte eben ſei⸗ nen dicken ſchwülſtigen Mund auf die zarten Lippen des Mäd⸗ chens preſſen, als deren kleine aber kräftige und eben ſo ſchnell geballte Fauſt ihn dermaßen in's Geſicht traf, daß er in Schmerz und Schreck losließ und zurückfuhr, und in gleicher Zeit auch das warme Blut an ſeiner Naſe niedertropfen fühlte. In demſelben Augenblick faſt ging die Thür auf, und ein Deutſcher, der dort einige Wochen im Haus gewohnt und ſich jetzt von Herrn Hamann einen Hausplatz in einer irgendwo in Ohio liegenden Stadt gekauft hatte, trat raſch her⸗ ein. Er ſchien reiſefertig und wollte auch in der That, ehe er an Bord des Dampfers ging, nur noch eine kleine Rechnung zahlen, die in der„bar“ für ihn aufgeſchrieben ſtand. „Haben Sie ſich geſtoßen, Herr Jimmy?“ frug der Mann freundlich, als er eben ſah wie der Barkeeper ſein vorn in der Weſte ſteckendes Taſchentuch herausgenommen hatte und ein⸗ zelne Blutflecke damit aus dem Geſichte wiſchte. „Jes— ein Bischen“ ſagte Jimmy, mit einem eben nicht liebevollen Blick nach Hedwig hinüber, die ſchon wieder mit den Gläſern beſchäftigt war—„an der— Tiſchdecke da drüben.“ 5 „Zu ſchnell gebückt, nicht wahr?— ja das thut ſchänd⸗ lich weh; da hab ich mich auch neulich bös getroffen; ſehn Sie mal hier, da müſſen Sie noch die Narbe erkennen können.“ „Ja wohl“ ſagte Jimmy, über das Taſchentuch weg, nach Hedwig hinüber ſehend, die jedoch nicht weiter auf ihn achtete. „Aber ich muß fort, Herr Jimmy“ ſagte der Mann,„und wollte ihnen nur noch erſt die Kleinigkeit zahlen, die ich hier unten ſchuldig bin,— mein Boarding und Lodging iſt ſchon abgemacht.“ „Ja ſo,“ ſagte Jimmy, der ſein Taſchentuch wieder in die Weſte zurückſchob, ſich aber immer noch dann und wann an die Naſe fühlte, dann ſeine Finger beſah, und dem Mäd⸗ chen aber, um ihr zu beweiſen, daß er ſich Nichts aus ihr mache, jetzt den Rücken zudrehte—„apropos, wie iſt es denn mit unſerem Handel; wollen Sie die Büchſe nicht mitnehmen? Ir — ich habe ſie beſonders für Sie in Stand ſetzen laſſen.“ „Ja ich habe freilich kein Gewehr,“ weiß aber auch nicht ob ich in Ohio viel damit anfangen kann,“ meinte der Mann.⸗ „In Ohio?“ wiederholte Jimmy auf's Aeußerſte erſtaunt, „na das wäre mir aber lieb— in Ohio Nichts mit einer Büchſe anfangen?— Sie wollen wohl die Bären mit dem Regenſchirm ſchießen?“ „Ja aber Bären giebts doch dort nicht mehr?“ „So?— auch keine Indianer, wie?— wenn ſie Je⸗ mandem nur erſt einmal die Schweine wegholen, wird er's ſchon merken.“ 96 „Hm— und Sie meinen wirklich, daß ich ſie dort brauchen könnte?“ „Ich meine, daß Jemand ohne Gewehr da eben unge⸗ fähr ſo dran wäre, als wenn Jemand ins Feld ohne Pflug ginge.“ „Und wie war der genaueſte Preis?“ „Sechzehn Dollar hat ſie mich ſelber gekoſtet, und einen Dollar habe ich jetzt dem Büchſenmacher für Reinemachen und in Stand ſetzen bezahlt.“ „Das iſt viel Geld, und die paar Dollar die ich noch habe werde ich überdieß nothwendig genug brauchen. Don⸗ nerwetter wenn ich nur daran vorher gedacht hätte; in Deutſch⸗ land konnte ich ſo ein Ding für fünf Thaler kaufen.“ „Ja das glaub' ich, in Deuſchland; hier ſind wir aber in Amerika.“ Jimmy hatte indeſſen das Schenkzimmer geöffnet und war mit dem Mann, mit dem er drin den Handel um das Ge⸗ wehr abſchloß, hineingegangen, als ein anderer Mann vorn eintrat, und Herrn Hamann zu ſprechen wünſchte. Herr Ha⸗ mann, der in der Stadt etwas zu beſorgen gehabt, und jetzt ebenfalls gerade zu Hauſe kam, folgte ihm dicht auf dem Fuße, und frug ihn was er wünſche. „Sie kennen mich nicht mehr Herr Hamann?“ ſagte der Mann, der bleich und elend ausſah, indem er den Hut ab⸗ nahm und ſich mit dem Tuch den Schweiß von der hohen, und mit ſpärlichen Haaren beſetzten Stirn wiſchte—„hab' ich mich gar ſo ſehr verändert in den dreiviertel Jahren?“ . 97 „Ach Herr Dings da— na wie heißen Sie doch gleich?“— „Mollwich—“ „Ach ja wohl, ganz recht, Herr Mollwich; aber bitte, kommen Sie mit in's Eßzimmer,“ ſetzte er dann hinzu, als er den anderen Mann, mit dem er ebenfalls eine Landangelegen⸗ heit gehabt, noch mit dem Barkeeper beſchäftigt ſah, und viel⸗ leicht ſeine guten Gründe hatte, beide Geſchäfte nicht zuſammen zu beſprechen—„Bitte treten Sie da hinein;— nun Bäcker, reiſefertig?“ redete er dann im Vorübergehn den Andern an, indem er ihm die Hand reichte. „Ja wohl Herr Hamann— will mir eben hier noch eine Büchſe aufſchwatzen laſſen.“ „Werden ſie hoffentlich gut gebrauchen können. Was haben Sie denn wieder mit Ihrer Naſe gemacht, Jimmy?“ „Geſtoßen“ ſagte dieſer, kurz angebunden. „Sie rennen auch überall gegen; wenn der Schädel nicht ſo dick wäre, hätten Sie ihn ſchon lange eingeſtoßen.“ „Werde wohl mit meiner eigenen Naſe machen können was ich will,“ brummte Jimmy, eben nicht in beſter Laune, halblaut vor ſich hin. „Nun adieu Bäcker,“ ſagte Herr Hamann, wieder zu dieſem gewandt,„viel Glück im Lande oben, und auf der Jagd.“ „Na ja, nun kauft man ſich ein Gewehr und bekommt auch noch gleich Glück dazu gewünſcht; nachher freuts Einen aber,“ ſagte der Mann, halb lachend halb ärgerlich.— „Ach ja ſo, einem Jäger darf man ja kein Glück wün⸗ ſchen, ſagte Herr Hamann. Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 7 98 „Siiſt nur gut, daß es Ihnen noch zur rechten Zeit ein⸗ fällt,“ brummte Bäcker, während der Wirth mit dem andern Deutſchen, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen, in das Speiſezimmer trat. „Nun wie gehn die Geſchäfte Herr Mollwich— ſchon einen hübſchen Viehſtand?— Land urbar gemacht, Felder beſtellt— 2 „Haben Sie meine Briefe nicht bekommen?“ frug der Deutſche, ohne auf die an ihn gerichteten Fragen weiter ein⸗ zugehen. „Ihre Briefe?— keinen einzigen,“ ſagte Herr Hamann erſtaunt,„was haben Sie mir denn geſchrieben?“ „Weiter Nichts,“ meinte Mollwich mit bitterem, verbiſſe⸗ nem Ton,„als daß der Landdeed, den ich von Ihnen bekommen, unnd nach dem ich den Military Grant,*) nur gleich in Beſitz nehmen konnte, wenn nicht falſch, doch ſchon lange von Je⸗ mand Anderem beſiedelt und beſetzt war. Mit Gewalt ließ ſich dagegen Nichts ausrichten, und ein deutſcher Advokat, dem ich unglücklicher Weiſe in die Hände fiel, und der merkte, daß ich ein paar Thaler Geld im Vermögen hatte, beſchwatzte mich einen Proceß anzufangen, wonach ich es dann endlich, nachdem ich die Sporteln zehn und zehn Dollarweis bezahlt, ſchwarz auf weiß bekam, daß der jetzige Beſitzer jenes military grants in ſeinem vollen Rechte ſei, und ich meinen Proceß verloren *) Soldatenländereien, mit denen in Amerika ein nicht unbedeuten⸗ der, ſehr häufig aber auch höchſt betrügeriſcher Handel getrieben wird. 99 habe. Die Gerichte bewieſen mir das durch eine Maſſe Sachen die ich nicht verſtand, aber ihre Geldforderung, die machten ſie mir begreiflich. Da ich das Geld nicht miſſen konnte wieder nach New⸗Orleans zu gehn, ſchrieb ich ein paar Mal an Sie, mir die Summe, die ich Ihnen für den falſchen Grant gegeben, zurück zu zahlen, erhielt aber keine Antwort, und bekam indeſſen in der ſumpfigen Gegend auch noch oben⸗ drein das Fieber, das mich zwei volle Monat ſchüttelte, und verhinderte wieder auf das Waſſer zu gehn, wo es ja noch immer ſchlimmer wird. Davon wieder geneſen, mußte ich ei⸗ nen Theil meiner Sachen verkaufen, nur die Paſſage hier herunter zu bezahlen, und ſtehe jetzt auf Amerikaniſchem Bo⸗ den, an Erfahrung allerdings reicher, aber ſonſt gerade ſo arm wie Einer jener armen Teufel die an der Levée lagern; und als ich vor 11 Monaten in New⸗Orleans landete hatte ich ei Vermögen von dreizehnhundert Thalern in der Taſche.“ „Das iſt allerdings ſehr ſchlimm,“ ſagte Herr Hamann, der fortwährend bei der Erzählung des Deutſchen den Kopf geſchüttelt und mit den Achſeln gezuckt hatte,„aber mit Ihren Erfahrungen, und Fleiß und Ausdauer, werden Sie ſich doch ſchon wieder hinaufarbeiten. Nur den Muth nicht ſinken laſſen; Amerika iſt ein durchaus freies und betriebſames Land, und wer da arbeiten will, der kommt auch durch; das iſt mein Sprichwort.“ „Das hoff' ich zu Gott,“ ſagte der Mann,„und wenn ich nur erſt einmal ein klein wenig wieder zu Kräften gekom⸗ men bin, werd' ich ſchon tüchtig zufaſſen, wenigſtens einen 7* 100 Theil des Verlorenen wieder einzubringen. Vor allen Dingen muß ich Sie aber jetzt bitten den Landdeed, den ich— der Him⸗ mel weiß es— kein Opfer geſcheut habe zu verwerthen, wieder zu nehmen, und mir die vierhundert Dollar zurückzuzahlen, die ich Ihnen dafür gegeben?“ „Ich?— Ihnen vierhundert Dollar für etwas zahlen was Sie, als vollkommen freier Herr Ihrer Handlungen von mir einmal gekauft haben? Das iſt auch wohl nur Ihr Scherz, mein guter Herr Mollwich. Ich verkaufe außerdem ſo viele Deeds, die alle gut ſind, daß ich nicht einmal wiſſen kann ob der gerade, den Sie nicht verwerthen konnten, wirklich der⸗ ſelbe iſt, den ich Ihnen gegeben.“ „Seh' ich aus wie ein Spaßvogel,“ ſagte aber der arme Teufel erſchrecktt—„und nicht der Deed den Sie mir verkauft haben, ſagen Sie? glauben Sie daß ich Sie betrügen würde Herr Hamann?“ „Gott ſoll mich bewahren das von einem Menſchen zu denken,“ ſagte Herr Hamann raſch und abwehrend,„aber wie käme ich dazu das Geld zu verlieren?“ „Und ſoll i ch Ihnen 400 Dollar für ein Papier zahlen, das ich höchſtens zu Fidibus brauchen könnte?“ rief der Mann empört. „Lieber Herr, zu was Sie das Papier brauchen, wenn Sie es einmal gekauft und bezahlt haben,“ ſagte Herr Ha⸗ mann froh eine Gelegenheit zu finden ärgerlich zu werden, „kann mir ungeheuer gleichgiltig ſein; ſoviel erinnere ich mir aber noch ſehr gut aus jener Zeit— obgleich es lange genug her wäre das auch vergeſſen zu haben— daß Sie da⸗ 101 mals bei drei oder vier Menſchen genaue Erkundigungen über die Aechtheit des Dokuments eingezogen, und dieſe Ihnen ſämmtlich die Aechtheit deſſelben verſichert haben. „Aber wer waren die Männer?“ rief Mollwich raſch— „der eine ein gewiſſer Meſſerſchmidt, über den ich in Miſſouri oben böſe Sachen gehört, und der ſchon in mehreren Fällen ſogar falſches Zeugniß ſoll abgelegt haben.“— „Na nu wird mir aber die Sache doch zu bunt,“ rief Herr Hamann entrüſtet;„jetzt beſchuldigen Sie mich wohl am Ende, mir gerade in die Zähne hinein, daß ich falſche Zeugen beſtochen hätte, Ihnen das Land aufzuſchwatzen?— wiſſen Sie wohl daß ich Sie dafür hier vor Gericht belangen könnte?“ „Ich beſchuldige Sie ja deſſen nicht, beſter Herr Ha⸗ mann,“ rief der Mann in Verzweiflung, der wohl einſah, daß er auf ſolche Art Nichts wieder von ſeinem Gelde he ausbekommen würde,„aber ich bitte Sie um Gottes Wil ſetzen Sie ſich an meine Stelle, und ſagen Sie ſelber was ich thun, was anfangen ſoll?“ „Arbeiten, lieber Freund, arbeiten,“ erwiderte Herr de mann immer noch heftig. „Aber der Menſch will doch vor allen Dingen leben.“ „Leben, lieber Mann; es iſt noch kein Menſch in Amerika verhungert; die Sache kommt Ihnen wahrſcheinlich viel ſchlimmer vor als ſie wirklich iſt.“ „Sie werden mir zugeben Herr Hamann, daß ich Geld haben muß um meine nächſte Koſt zu zahlen, bis ich wenig⸗ ſtens Arbeit bekomme— das ganz abgerechnet, daß ich Geld genug mit herübergebracht habe ſelbſtſtändig hier aufzutreten, und nun wieder zu fremden Leuten in Arbeit gehen ſoll?“ „Aber iſt das meine Schuld?“ frug Herr Hamann ſcharf. „Lieber Herr— wir wollen uns nicht um das Vergan⸗ gene ſtreiten“— ſagte der arme Teufel einlenkend;„es war allerdings mehr meine Schuld, wie die eines andern Menſchen; ich bin genug gewarnt worden und hätte ſollen klüger ſein; aber, mein guter Herr Hamann, Sie werden das doch auch einſehen, daß es ungerecht— daß es wenigſtens gar zu hart wäre, wenn ich den ganzen Verluſt allein tragen ſollte. Lieber Gott ich wäre ja ein geſchlagner, vollkommen ruinirter Mann— und das werden Sie doch gewiß nicht wollen.“ „Ich werde mir gewiß die größte Mühe geben für Ihnen eine paſſende Beſchäftigung zu finden,“ ſagte Herr Hamann. „Einen Theil des Geldes geben Sie mir doch jeden⸗ falls zuruͤck?“ „Einen Theil des Geldes? aber lieber Freund, Sie reden da gerade, als ob ich die vierhundert Dollar von Ihnen ge⸗ nommen und in die Taſche geſteckt hätte,“ ſagte Herr Hamann. „ Aber ich habe es doch an Sie bezahlt?“ „An mich bezahlt,— recht ſchön, aber ich habe die Deeds doch nicht haufenweiſe in meinem Schiebfach liegen, und beſorge ſie doch nur, wenn ich Jemandem damit einen Dienſt erweiſen kann, von Anderen, denen ich ſie aber ſo theuer, ja dann und wann noch theurer bezahlen muß;“ rief “ 103 Herr Hamann wieder in Eifer gerathend,„das ſoll mir aber eine Warnung ſein, mich nicht wieder in ſolche Geſchichten einzulaſſen? mein gutes Herz hat mir da ſchon manchen böſen Streich geſpielt, und man hat doch am Ende nur Aerger und Undank davon.“ „Und können Sie mir's verdenken, daß ich mich über den Verluſt beklage?“ „Beklagen? Gott bewahre, aber von mir ſollen Sie nur kein Geld wieder heraus haben wollen.“ „Aber von wem, um des Himmels Willen denn?“ rief der Mann händeringend. „Ich will Ihnen etwas ſagen,“ meinte Herr Hamann, in einem anſcheinenden Anfall von Gutmüthigkeit, der dem Unglücklichen ſchon wieder einige Hoffnung gab—„ich will mit dem Mann von dem ich den Grant habe— wenn ich ihn noch finden kann, heißt das, denn hier in Amerika bleiben die Leute nicht Jahrelang auf ein und demſelben Fleck ſitzen — reden, und wenn der ſich dazu verſteht etwas von der Summe wieder herauszugeben, ſo—“ „Aber lieber Herr Hamann, Sie wiſſen recht gut daß das nie der Fall ſein wird,“ ſagte Mollwich kleinlaut. „Nein das weiß ich gerade nicht,“ ſagte Her Hamann, „aber Sie verlangen doch wahrhaftig nicht, daß ich dem erſt für Sie den Grant bezahlen, und Ihnen dann nachher, wenn Ihnen die Sache nach Jahr und Tag nicht mehr con⸗ venirt, das für Sie ausgelegte und von Ihnen eben nur 104 wieder erhaltene Geld, noch obendrein dazu bezahlen ſoll? Das wären ſchöne Geſchäfte.“ „Und bis wann könnte ich da Antwort haben?“ „Ja das bin ich nicht im Stande Ihnen zu ſagen; Sie wiſſen ſelber wie beſchränkt meine Zeit iſt; übrigens können Sie— nicht wahr, Sie haben Ihre Sachen bei ſich?“— „Es liegt noch Alles unten an der Dampfbootlandung,“ ſagte der Mann. „Nun gut, dann können Sie die ſo lange zu mir her⸗ ſtellen und hier für drei Dollar die Woche— billiger bekom⸗ men Sie es überdieß nirgends— wohnen, und wenn ich etwas Beſtimmtes erfahre—“ „Auch das noch, nicht wahr?— rief aber der Mann jetzt, der zu viel von Amerika geſehen hatte daraufeinzugehn; „dadurch würde ich nur hingehalten und käme auf's Neue in Schulden, die ich nachher mit dem letzten Reſt meines Eigenthums bezahlen müßte. Nein, lieber Herr Hamann, geben Sie mir wenigſtens hundert Dollar von dem an Sie gezahl⸗ ten Geld; nur ein hundert Dollar für die vier, und ich will fortgehn und zufrieden ſein, und keinem Menſchen eine Sylbe klagen, ja die geſammelte Erfahrung, wenn auch als theuer, doch nicht als zu theuer erkauft betrachten.“ „Danke Ihnen,“ ſagte Herr Hamann ſpöttiſch,„Ein Hundert Dollar baar Geld können allerdings ſchon ein Uebri⸗ ges thun, ich habe ſie aber nicht in kleinen Paketen daliegen, ſie einzeln aus dem Fenſter zu werfen; und wenn Sie über⸗ haupt glauben, daß ich Sie nur in Koſt und Logis haben will, 105 um Sie hinzuhalten und Ihnen Ihre Sachen abzunehmen, ſo können Sie meinetwegen hingehen, wohin Sie Luſt haben; mich aber ſein Sie ſo gut und laſſen Sie in Zukunft zufrie⸗ den, und wenn Sie glauben irgend eine Forderung an mich zu haben, ſo gehn Sie hin und verklagen Sie mich— ich heiße Hamann, wohne in— Straße Nr. 36 und gehe keinem Menſchen aus dem Wege.“ Mollwich wollte wieder einlenken, und vielleicht noch ein⸗ mal verſuchen den Mann in Güte zu bewegen, einen Theil ſeines Unrechtes, ohne daß er es gerade einzugeſtehn brauchte, an ihm gut zu machen; Herr Hamann aber verfolgte den gewon⸗ nenen Vortheil, ſpielte den Gekränkten und ſchändlich Belei⸗ digten, und jagte den armen Teufel, der ſein Alles durch ihn verloren, zuletzt auch noch zum Zimmer und Haus hinaus. Gerade als er dieſes verließ, und noch unter der Thür, begegnete ihm der junge Hamann, der durch den Schenkſtand durch, ohne den hinter ihm drein Geſichter ſchneidenden Bar⸗ keeper auch nur eines Blicks zu würdigen, den Speiſeſaal be⸗ trat, und hier Hedwig, ſtill mit ihrer Arbeit beſchäftigt, und den Vater, im Auf⸗ und Niedergehn die Hände vergnügt zu⸗ ſammenreibend, fand. Mollwich hatte aber ſo verſtört und bleich ausgeſehen, daß der junge Mann nicht anders glauben konnte, als es ſei etwas mit ihm vorgefallen und den Vater frug, was er gehabt und weshalb der Deutſche— ein alter Bekannter, wenn er nicht irre— in ſolcher Aufregung das Haus verlaſſen.“ „Aufregung?— der?“ lächelte aber Herr Hamann ſtill . 106 vor ſich hin,„der hätt's auch noch nöthig ſich groß aufzu— regen.“ „Und was wollte er, Vater?“ „Was er wollte?— was alles derartiges Geſindel von mir will, wenn ſie einmal zu mir kommen; Geld. Weil er ſich von Jemandem hat einen verfallenen military grant auf⸗ binden laſſen kommt er zu mir, und verlangt ich ſoll ihn ihm abnehmen; dabei wäre'was zu verdienen.“ „Ich glaubte Du hätteſt wieder etwas mit dem Mann gehabt,“ ſagte der Sohn ſeufzend, drehte ſich ab und wollte langſam das Zimmer verlaſſen, als Hedwig, die mit klopfen⸗ dem Herzen der ganzen vorigen Verhandlung gelauſcht, und nach Allem, was ſie von dem alten Hamann wußte, keinen Augenblick mehr zweifelte, wie er ſelber den Unglücklichen betrogen, und von ſich geſtoßen, vortrat und mit vor innerer Aufregung hochgefärbten Wangen und zitternder Stimme, aber mit in edler Entrüſtung blitzenden Augen ausrief: „Er hat etwas mit ihm gehabt Herr Hamann, und der Mann jetzt elend und ruinirt dieß Haus verlaſſen.“ „Iſt die Dirne verrückt?“ rief der Alte, ſich raſch und erſtaunt nach ihr umdrehend, denn Hedwig hatte bis jetzt faſt noch nie ein Wort geſprochen, wo ſie nicht gefragt worden, oder ihres Geſchäftes wegen reden mußte,„was iſt vor⸗ gefallen Mamſell, und was haben Sie ſich in Dinge zu miſchen, die Sie Nichts angehn, und von denen Sie Nichts verſtehn?“ 107 „Ich habe vielleicht Unrecht,“ ſagte Hedwig, der das aufquellende Blut die Stirn⸗Adern zu zerſprengen drohte, „den Mann, der mir Brod gegeben, eines Fehlers anzuklagen; aber ich will lieber das Brod nicht mehr eſſen, wenn ich glauben ſoll, daß es aus den Thränen Ungläcklicher gewach⸗ ſen iſt.“ „Sie können heute abziehn, wenn's Ihnen recht iſt,“ rief der Alte ärgerlich auf ſie zugehend;„glauben Sie etwa Mam⸗ ſell, daß ich mir von meinen Dienſtboten etwas derartiges gefallen laſſe?— marſch fort jetzt in ihre Küche, und wenn die Woche um iſt, denn bis ſo lange müſſen Sie bleiben, da⸗ mit ich mich nach Jemand Anderem umſehen kann, verlaſſen Sie mein Haus!— Thränen der Unglücklichen— ich will Sie bethränen der Unglücklichen“— und an den Sohn gar nicht mehr denkend, der erſtaunt, erſchreckt, die halboffene Thüre des Schenkzimmers in der Hand, ſtehn geblieben war, riß er den andern Ausgang, der in das innere Haus führte, auf, und ſtürmte, die Thüre wieder hinter ſich in's Schloß werfend, daß die Scheiben klirrten, die Treppe hinauf. Auf dem Schenktiſch aber im Barroom ſaß Jimmy, pfiff aus Leibeskräften den Yankeedoodle, und knackte mit ſeinen Fingern den Takt dazu. Franz ſchloß die Thüre wieder, und dann zu dem noch immer zitternden und erregten Mädchen langſam vinneen ſagte er freundlich: „Was iſt vorgefallen Hedwig— was hat Sie ſo erregt — was hat mein Vater gethan, daß Sie den Zorn des alten 4* 4 1 1 8 1 108 Mannes ſelbſt ſo weit gereizt haben Ihre Stellung zu gefähr⸗ den? ſprechen Sie offen zu mir; kann ich es ändern, ſoll es geſchehn.“ „Wär' es nicht deshalb gerade Herr Hamann,“ ſagte aber Hedwig jetzt mit kaum hörbarer zitternder Stimme, wäh⸗ rend das Blut ihre Wangen verließ und ſie todtenbleich färbte, „ich hätte meine Lippen nicht geöffnet; aber zu lange habe ich ſchweigen müſſen, zu viel des Elends hier im Hauſe mit an⸗ ſehn, mit erleben, und immer das Bewußtſein dabei mit mir herumtragen müſſen, nicht helfen zu können, nicht im Stande zu ſein beizuſpringen und den Unglücklichen die rettende Hand zu reichen. Das ertrage ich nicht mehr länger und will ja gern dieß Haus verlaſſen; ich habe Schmerz und Weh genug ſchon gelitten auf der Welt,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu,„mein Herz ſehnt ſich danach auch einmal glückliche Menſchen um ſich zu ſehn, wenn es auch ſelber nie glücklich werden ſollte.“ Mit kurzen Worten erzählte ſie jetzt, auf Franzens Bitte, dieſem den Vorfall mit dem Deutſchen, der jetzt von Allem entblößt New⸗Orleans wieder betreten habe, und Franz ſtand dabei, die Arme feſt auf der Bruſt gekreuzt, die Brauen finſter zuſammengezogen, und hörte ſchweigend der Erzählung zu. Und langſam wandte er ſich dabei ab— Scham und Schmerz drängten ihm eine Thräne in's Auge, die er dem Mädchen nicht verrathen wollte; aber Hedwig ſah ſie doch— der verrätheriſche Tropfen blitzte, als er fiel, im Sonnenlicht und froher Jubel zog ihr dabei, ſie wußte ſelber kaum weshalb, in's Herz. 109 „Der Mann ſoll ſein Geld wieder haben,“ ſagte er end⸗ lich, mit kaum wieder geſammelter, aber entſchloſſener Stimme, „der Fluch eines Unglücklichen ſoll nicht auf unſerem Namen haften, wo ich es hindern kann, und gebe Gott, daß meines Vaters Herz ſich endlich meinen Bitten und Vorſtellungen er⸗ weichen möge. Aber wo find' ich den Mann— wo in der weiten Stadt darf ich hoffen ihn zu treffen?“ „Er iſt von Miſſouri heruntergekommen, und ſagte, daß er ſein Gepäck an der Dampfbootlandung gelaſſen— ſein Name iſt Mollwich.“ „Das iſt genug— ich brauche den Namen nicht, ich kenne das Geſicht, und lange ehe er die Dampfbootlandung wieder zu Fuß erreicht haben kann, bin ich mit einem Omni⸗ bus an Ort und Stelle.“ Er wandte ſich raſch zum Gehen, zögerte, drehte ſich um und ſchritt wieder auf Hedwig zu. Hedwig“ ſagte er leiſe und ergriff ihre Hand, die ſie , ihm, von einem eigenen, wunderlichen Schauer durchbebt, über⸗ ließ,„ich danke Ihnen herzlich für die Gelegenheit die Sie mir heute geboten Ihnen zu beweiſen, daß ich des Vaters har⸗ ten Sinn ſo gerne mildern möchte— aber— gehn Sie nicht von uns, verlaſſen Sie das Haus nicht, dem Sie ein Segen werden können— wenn Sie wollen.“ „Und darf ich bleiben?“ ſagte Hedwig ſchüchtern„hat nicht Ihr Vater ſelbſt mich fortgeſchickt, und wird er mir je vergeſſen können was ich gethan?“ 110 „Er wird es, weil er muß; er kann Sie nicht entbehren, und darf ſeine Drohung nicht wahr machen, meinetwegen“ rief Franz—„oh gehn Sie nicht Hedwig— ſchon lange habe ich geſehn, wie gut und freundlich Sie mit den Leuten ſind, und manche Thräne trocknen, die nie hätte fließen ſollen. Ich weiß es wohl und kann ihnen nicht immer helfen, und doch auch hält mich ebenfalls die Pflicht, hält mich die Ueberzeu⸗ gung hier zurück, daß Schlimmeres geſchehen und manches hier — werden würde wie es— wie es nicht werden darf uud ſoll, ſo lange mein Vater noch das Mindeſte auf mich ſelber giebt. Verließ ich ihn, ſo wären Conſorten, wie Meſſerſchmidt und Jimmy, bald Leiter des Geſchäfts, und Gnade Gott den Un⸗ glücklichen, die dann in ihre Hände fielen. Helfen Sie mir ausharren Hedwig— laſſen Sie uns Beide das gut zu ma— chen ſuchen, was Andere— ich will ja ſo gern hoffen, oft ab⸗ ſichtslos— verderben. Schon ſeit Sie im Hauſe ſind, kommt es mir vor, als ob Manches anders— beſſer geworden wäre; früher war es als ob mich die Räume hier erdrückten, wenn ich zwiſchen ihnen weilen mußte, und von Arkanſas kehrte ich mit dem feſten Entſchluß zurück, das väterliche Haus zu mei⸗ den. Seit Sie hier ſind, hab' ich das Gefühl nicht mehr; mir iſt, als ob mich die Pflicht hielte, und ich dem Wunſche mei⸗ nes Vaters, das Geſchäft aus ſeinen Händen zu übernehmen und, wenn auch noch unter ſeiner Leitung, fortzuführen, nicht länger widerſtreben dürfte. Ich weiß daß Vieles dann beſſer werden würde— machen Sie es nicht zu einer Unmöglichkeit durch Ihr Austreten.“ 111 „Was kann ich armes Mädchen dabei thun“ ſagte Hed⸗ wig traurig. „Viel— unendlich viel— mich ſelber zum Ausharren bewegen in dem ſchweren Stand. Mein Vater iſt, wenn auch vielleicht nicht reich, doch wohlhabender als er ſich mir gegen⸗ über ſtellt, und hab ich die Aufſicht über das Ganze in die Hand genommen, kann und darf ich erſt den einzelnen ſchlech⸗ ten Menſchen gegenübertreten, und die unſchädlich machen, die jetzt der Fluch des Hauſes ſind, wird Vieles beſſer, manche Thräne getrocknet, manchem Unrecht in Zeiten vorgebeugt werden. Schlagen Sie ein, Hedwig; vergeſſen Sie, was mein Vater geſagt, wenn nicht um meinet, doch um der Ar⸗ men willen, denen Sie Hulfe bringen können.“ Er hatte ihre Hand losgelaſſen und ihr die rechte wieder mit einem bittenden aber recht treuherzig ehrlichen Blick ent⸗ gegenhaltend zögerte Hedwig wohl einen Augenblick, legte aber dann die Hand auf's Neue, doch immer noch ſchüchtern, wie unentſchloſſen, in die ſeine. „Ich will's verſuchen“ ſagte ſie ſo leiſe, daß er mehr an der Bewegung ihrer Lippen, wie dem Laute nach, die Worte verſtand, als Jimmy die Schenkthür mit einem plötzlichen Ruck aufriß und hineinrief: „Es wird gleich dinner Zeit ſein.“ Hedwig fuhr von dem jungen Mann zurück— ſie wußte ſelber nicht weshalb— als ob ſie etwas Unrechtes begangen, und wieder färbte hohes brennendes Roth ihre Wangen. „Ich danke Ihnen,“ ſagte aber Franz herzlich, und an 112 Jimmy. der ihm kaum aus dem Weg treten konnte, raſch vor⸗ beiſchreitend, verließ er das Haus, vor allen Dingen den Deutſchen aufzuſuchen. „Nun?— zieht die Mamſell heute ab?“ frug Jimmy lauernd über die Schulter zurück nach dem Mädchen hinüber. Hedwig verließ jedoch, ohne ihn eines Blicks zu würdigen, raſch das Zimmer. Der Barkeeper des„deutſchen Vaterlands“ ſah ihr etwa eine halbe Minute in tiefem Nachdenken und mit einem recht häßlich boshaften Blicke nach, und ſtieg dann langſam die kleine Treppe hinauf, die zu Herrn Hamanns Zimmer führte. Capitel 4 Alte Bekannte. Es war die Mittagsſtunde deſſelben Tages, als ein alter Bekannter von uns, der Wein⸗ und Champagner⸗Reiſende, Adalbert Steinert, in ſeinem blauen Frack mit den weißen Bein⸗ kleidern, ſehr anſtändig und modern, aber doch uf eine Weiſe gekleidet, die uns ſolche Geſtalten un ürlich mit mis⸗ trauiſchen Blicken betrachten läßt, an der Levee von New⸗Orleans hinaufſchlenderte. Er trug ſein kleines Spatzierſtöckchen mit dem Elfenbeinfuß als Griff daran nachdenkend an die Lippen ge⸗ preßt, die ihm Begegnenden dabei mehr muſternd als nur ein⸗ fach beobachtend, den Hut übrigens keck auf einer Seite und ſtrei⸗ chelte manchmal, wie in tiefen Gedanken mit der linken Hand ſeinen ziemlich ſtarken, wohlgepflegten Bart, als er plöͤtzlich mit⸗ ten auf dem Platz und ohne auszuweichen vor einem ſtattlichen, ſehr anſtändig ausſehenden ältlichen Herrn ſehen blieb und, Gerſtäcker’'s Nach Amerika. V. ihm die Hand entgegenſtreckend, mit freudiger, wenn auch et⸗ was erſtaunter Stimme, ausrief: „Ha— täuſcht des Mondes Licht mich nicht“— mein verehrter Herr Dollinger aus Heilingen, ein alter Kunde und Gönner aus dem lieben Vaterland? Das iſt ja vortrefflich! Aber was verſchafft uns denn hier die Ehre Ihres Beſuchs, denn daß Sie auch ausgewandert ſein ſollten, kann ich mir doch nicht gut denken.“ „Ich weiß wirklich nicht mit wem ich das Vergnügen habe zu ſprechen“ ſagte Herr Dollinger etwas verlegen, die vor ihm ſtehende, und ihm in ihrem erſten Auftreten vielleicht nicht recht zuſagende Geſtalt mit einem flüchtigen Blick über⸗ fliegend. „Mein Name iſt Steinert, Adalbert Steinert, Reiſender für das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt a. M., habe ja die Ehre gehabt, mit Ihnen, mein beſter Herr, ſeit längeren Jahren ſchon in angenehmer Geſchäftsverbindung zu ſtehn, und darf mir gewiß ſchmeicheln, Ihnen immer gute, ja vor⸗ treffliche Waare geliefert zu haben.“ 3 „Ah Herr Steinert— ja ich erinnere mich jetzt— Sie ſind wohl ſchon längere Zeit in Amerika?“ „Nicht ſo ſehr, mein beſter Herr Dollinger, nicht ſo ſehr; hatte das ſchätzbare Vergnügen, damals mit Ihrer Frau Toch⸗ ter die Reiſe zu gleicher Zeit zu machen.“ „Sie ſind mit der Haidſchnucke herübergekommen?“ rief Herr Dollinger da plötzlich mit einem Eifer, der ſelbſt Herrn 115 Steinert auffiel, und ihn überraſcht zu dem Herrn aufſchauen machte. „Allerdings mein verehrter Herr, wie ich Ihnen ſchon das Vergnügen hatte in meinem vorigen zu bemerken,“ ſagte er mit einer nichtsdeſtoweniger verbindlichen Verbeugung. „Ah ja,“ erwiederte Herr Dollinger ſich raſch faſſend, die vor ihm ſtehende Geſtalt aber jetzt mit einem noch viel auf⸗ merkſameren Blick muſternd—„und ſind— ſind viele von Ihren Reiſegefährten in New⸗Orleans geblieben?“ „Lieber Gott“ entgegnete der Weinreiſende achſelzuckend— „wer zählt die Völker, kennt die Namen, die gaſtlich hier zu⸗ ſammenkamen— New⸗Orleans wimmelt von fremden Ein⸗ wanderern; dann und wann aber trifft man immer noch ein⸗ mal auf ein bekanntes Geſicht. So habe ich neulich einen ſehr intimen Freund von mir, freilich in eben nicht glänzenden Ver⸗ hältniſſen wiedergetroffen— Fortuna iſt nur dem Kühnen hold.— Apropos, beſter Herr Dollinger— bitte vergeſſen Sie Ihre Rede nicht— Sie können mir vielleicht einen ſehr großen Dienſt erweiſen, wenn Sie mir die Adreſſe Ihres Herrn Schwiegerſohnes mittheilen wollten. Aus einem un⸗ glücklichen Verſehn hat er mir an Bord, wo er mich dringend einlud ihn zu beſuchen, eine falſche Viſitenkarte gegeben, und ich habe mir bald die Füße abgelaufen ihn hier, immer ver⸗ geblich, aufzutreiben. Die genaue Firma ſeines Hauſes kannte ich nicht, und ein Geſchäft Henkel und Sohn, deſſen jüngerer Compagnon ebenfalls in Europa iſt, wußte Nichts von deſſen Ankunft und Verheirathung.“ 8* 116 „Herr Henkel iſt gegenwärtig nicht in New⸗Orleans,“ ſagte Herr Dollinger ausweichend; und wird auch wahrſchein⸗ lich auf einige Zeit nach Europa zurückgehn.“ „Ah das thut mir unendlich leid,“ ſagte Herr Steinert, dem damit freilich jede Hoffnung auf Verdienſt nach der Rich⸗ tung hin, abgeſchnitten wurde,„wäre mir ſo ſehr angenehm geweſen hier im Lande der Freiheit, die auf dem Schiff ſo ſchön begonnene, liebenswürdige Bekanntſchaft erneuert zu ha⸗ ben. Sie ſind wohl nur zu Ihrem Vergnügen herüber ge⸗ kommen, mein verehrter Herr?“ „Theils Geſchäfte, theils der Wunſch New⸗Orleans ken⸗ nen zu lernen“ ſagte Herr Dollinger—„aber Sie werden ent⸗ ſchuldigen—“ „Ich verſtehe— ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört, 4 citirte der Weinreiſende,„nun es war mir wirk⸗ lich ſehr angenehm—„ah ſieh da, ein alter Reiſegefährte, ſagte er plötzlich, als ein anderer Herr, der gerade auf ſie ugekommen war, plötzlich abbog und ſeine Richtung, kaum übrigens noch zwanzig Schritt von ihnen entfernt, nach der Stadt zu nehmen wollte—„Herr von Hodſgarien bitte Herr von Hopfgarten— nur ein Wort.“ Der Herr war in der That unſer alter Bekannter, Hopf⸗ garten, der jenen ſcharfen Winkel in ſeinem Spatziergang ei⸗ gentlich nur deshalb gemacht hatte, dem gerade erkannten Weinreiſenden und Reiſegefährten aus dem Wege zu gehn, da er ſich nicht in der Stimmung fühlte eine längere Unter⸗ hattung mit dem redſeligen Manne anzuknüpfen. Geradezu 117 unhöflich gegen ihn zu ſein, geſtattete ihm aber auch ſein gutes Herz nicht, und da Herr Steinert ihm auf halbem Wege entge⸗ genkam, mußte er ſchon gute Miene zum böſen Spiel machen und blieb, ihn erwartend ſtehn. Herr Dollinger glaubte die Gelegenheit indeſſen günſtig, von dem etwas zudringlichen Mann, von dem er doch keine der erſehnten Nachrichten er⸗ warten durfte, loszukommen, und wollte ſich mit einem kurzen höflichen Gruß entfernen. Darin hatte er ſich aber wieder in Steinert geirrt, der einmal gefaßte Opfer nicht ſo leicht aus den Händen ließ. „Nur noch einen Augenblick, beſter Herr Dollinger,“ rief er ihm nach,„ich wollte mir nur das Vergnügen nicht ver⸗ ſagen, Sie noch mit einem andern Reiſegefährten und ſehr achtbaren Herrn, den Herrn von Hopfgarten bekannt zu ma⸗ chen. Herr von Hopfgarten, Herr Dollinger, Herr Dollinger, Herr von Hopfgarten.“ „Herr Dollinger?“ rief Hopfgarten raſch, auf den frem⸗ den Herrn zutretend.„Herr Dollinger aus Heilingen?“ „Glücklicher Vater der liebenswürdigen Madam Henkel“ beſtätigte Herr Steinert, während Hopfgarten auf den alten Herrn zuging, ihm die Hand bot und mit faſt bewegter Stimme ſagte: „Sie glauben nicht, wie ſehr es mich freut, mein verehr⸗ ter Herr, Ihre perſönliche Bekanntſchaft hier ſo zufällig gemacht zu haben.“ „Herr von Hopfgarten— ich bin Ihnen ſehr dankbar,“ 118 ſagte Herr Dollinger verlegen—„wie ich ſo eben hier er⸗ fahre, ſind auch Sie mit der Haidſchnucke von Europa her⸗ übergekommen.“ „Meine verehrten Herren“ unterbrach Steinert aber in dieſem Augenblick das Geſpräch—„da wir uns ſo fröhlich zuſammengefunden und ſo jung auch nicht wieder zuſammen⸗ kommen, hätte ich einen Vorſchlag zu machen. Wie wäre es, wenn wir im erſten beſten Hotel dinirten, und ein wenig von alten Zeiten plauderten. Lieber Gott, die Ameri⸗ kaner ſind ein ſolches gemüth⸗ und herzloſes Volk, daß man wahrhaftig ein vernünftiges ruhiges Wort mit ihnen zu re⸗ den gar nicht im Stande iſt— was ſagen Sie dazu, meine Herren, ſind Sie dabei?“ Hopfgarten hatte indeſſen, aber von Steinert unbemerkt, dem Vater Clara's einen ſo ernſten und bedeutſamen Blick zu⸗ geworfen, daß dieſem, der nur zu raſch begriff auf was er deute, ſein Herz plötzlich ſtillſtehn fühlte, und ſich halb ab⸗ wenden mußte, nur erſt wieder Faſſung zu gewinnen und dem Weinreiſenden die Bewegung nicht zu verrathen; Hopfgarten parirte indeß die Einladung des Zudringlichen. „Es thut mir wirklich leid, mein beſter Herr Steinert, der freundlichen Forderung nicht Folge leiſten zu können, da ich auf ein Uhr— und wahrhaftig wir haben gar keine Zeit mehr zu verlieren,“ unterbrach er ſich ſelbſt, nach ſeiner Uhr ſehend —„bei Madame Henkel eingeladen bin. Dort wurde mir ſchon bemerkt, daß ich das Vergnügen haben würde Herrn Dollinger zu treffen und kennen zu lernen, welches Sie mir 119 jetzt etwas früher verſchafft haben. Wir werden nun gleich zu⸗ ſammen hinaufgehn können.“ „Oh das bedaure ich in der That ungemein,“ ſagte Herr Steinert, der doch nicht Unverſchämtheit genug beſaß, ſich noch weiter anzubieten—,Jaber ein andermal möchte ich mir das Vergnügen nicht verſagen. Wie wär' es denn, wenn wir uns vielleicht morgen im St. Charles träfen.“ „Ich will ſehn, wenn es irgend möglich iſt,“ ſagte Hopf⸗ garten. „Und Herr Dollinger?“ „Werde ich mitbringen,“ ſagte der kleine Mann; dabei legte er ſeinen Arm in den des Kaufmanns, und mit einer freundlichen Verbeugung gegen Herrn Steinert, führte er den Vater Clara's mit ſich die Levée hinauf. „Sie wiſſen wo meine Tochter wohnt“ rief aber Herr Dollinger, wie ſie nur kaum außer Gehörweite des Weinrei⸗ ſenden gekommen waren—„Sie kennen die Verhältniſſe— wiſſen was hier vorgefallen und welches entſetzliche Schickſal meine Tochter betroffen?“ „Ich weiß nur, daß dieſer Henkel oder Soldegg wie er heißt,“ ſagte Hopfgarten mit feſt aufeinander gebiſſenen Zäh⸗ nen,„ein nichtswürdiger, niederträchtiger Schurke iſt und, wie ich nach Allem fürchten muß, was ich ſelbſt geſehn und ſpäter hier in New⸗Orleans zu meinem Entſetzen gehört, ein Buben⸗ ſtück an ſeiner Frau begangen hat, von deſſen Möglichkeit ſelbſt ich früher keine Ahnung gehabt.“ „Aber wo iſt meine Tochter, wo find' ich ſie?“ 120 „Und wiſſen Sie das nicht,“ ſagte Hopfgarten, erſtaunt, ja erſchreckt ſtehn bleibend und ſeinen Arm loslaſſend.“ „Mit keinem Wort— mit keiner Ahnung,“ rief der alte Herr,„nur einen Brief von ihr habe ich, und in dem die furchtbare Kunde erhalten, daß der Mann, in deſſen Hand ich meines armen Kindes Schickſal gelegt, ein nichtswürdiger, ſchändlicher Verbrecher iſt. In dem Brief bittet ſie mich, ihr Geld genug zu ſchicken, mit ihrem Mädchen wieder nach Deutſch⸗ land zurückkehren zu können, und natürlich ließ ich daheim Geſchäfte und Alles im Stich, mein armes Kind ſelber abzu⸗ holen. Vergebens habe ich aber jetzt auf der Poſt nachgefragt, wahrſcheinlich erwarten ſie noch gar keine Antwort, da der Brief ſowohl wie ich ſelber außergewöhnlich kurze Zeit ge⸗ braucht herüberzukommen; vergebens habe ich die ganze Stadt durchſucht— ich kann ſie nicht finden, keine Spur von ihr iſt zu entdecken. Auch von Henkel weiß Niemand etwas, ſelbſt nicht das hieſige Handlungshaus, deſſen Firma er misbraucht, und dieſes konnte nur ausſagen, daß ſich erſt kürzlich ein jun⸗ ger Mann, anſcheinend Arbeiter auf einem Dampfboot, ſehr angelegentlich, und ſchon früher mehrere Andere bei ihm nach dem Manne erkundigt hätten. Das aber war daſſelbe Haus, für das ich, von dieſem Henkel betrogen, eine ſehr bedeutende Waarenſendung von Deutſchland, theils mit einem franzöſi⸗ (ſchen Schiff, theils mit der Haidſchnucke, herübergeſchickt, von der natürlich kein Stück an ihre Adreſſe angekommen, wie ſich der Burſche auch nie hat bei ihnen blicken laſſen. Von meinem Kinde, das ich jetzt ſeit drei Tagen vergebens ſuche, 121 wußte mir Niemand ein Wort zu ſagen, und der alte Kauf⸗ mann Henkel, ein würdiger, wackerer Mann, rieth mir die Sache jedenfalls ohne weiteren Zeitverluſt den Gerichten zu übergeben, freilich, wie er mir ſelber ſagte, mit nur ſchwacher Hoffnung dem Verbrecher auf die Spur zu kommen, der ſich hier, in dem ungeheuer weiten Land, nachdem er ſeinen Raub jedenfalls in Sicherheit gebracht, einer Verfolgung nur zu leicht entziehen konnte. Er hat mir übrigens die Adreſſe eines tüchtigen Advokaten aufgeſchrieben, an den ich mich, mein Kind ſowohl wieder zu finden, als einen Verſuch zu machen mein Eigenthum wieder zu erlangen, nur ungeſäumt wenden ſolle.“ Die Adreſſe lautete auf den Staatsanwalt wie Advokaten und Notar Mac Culloch, in Canalſtraße, und da ſie ſich gerade in der Nähe befanden, beſchloſſen die beiden Männer ihn auch ungeſäumt aufzuſuchen und ſeinen Rath zu erholen. Hopf⸗ garten erzählte indeſſen unterwegs dem alten Herrn, wie er ſelber ebenfalls ſchon ſeit mehren Tagen in New⸗Orleans ver⸗ gebens umherſuche Clara's Spur zu finden, und ſich Gewißheit über den fürchterlichen Verdacht zu verſchaffen, der erſt ſeit dieſer Zeit— das wie wollte er ihm ſpäter mittheilen— in ihm aufgeſtiegen. Den Advokaten fanden ſie in ſeinem Bureau, da die Geſchäftsſtunden in New⸗Orleans meiſt um vier Uhr ſchließen und Kaufleute wie Beamte großentheils erſt dann zu Mittag ſpeiſen. Herr Dollinger trug ihm hierauf den Fall ausfuhrlich, von der erſten Rettung Claras auf dem Rhein, bis zu dem 122 Brief von ſeiner Tochter vor, indeß ihn Hopfgarten nur manchmal mit lauten Ausrufungen der Wuth und Entrüſtung unterbrach, bis er endlich, als dieſer geendet, ſeinen Grimm nicht mehr mäßigen konnte, und ausrief: „Dann wundert mich auch das nicht mehr, was ich von dem nichtswürdigen Hallunken ſpäter gehört und ſelber erfah⸗ ren habe, und ich bin im Stande Ihnen eine Fortſetzung des hier eben Vorgetragenen zu liefern.“ Mit kurzen Worten erzählte er nun dem, jetzt noch weit aufmerkſamer zuhörenden Rechtsgelehrten, da ſich die Sache auf neuere unmittelbare Daten bezog, zuerſt von dem, Soldegg Henkel“ unterſchriebenen Brief des Verbrechers, der nach allem Vorgefallenen den Profeſſor und beſonders deſſen Familie hatte ſo raſch als möglich von New⸗Orleans entfernen wollen, läſtige und gefährliche Freunde der Frau und damit Zeugen gegen ſich, aus dem Weg zu ſchaffen; dann von ſeinem Zuſt ammentreffen mit Soldegg in Vincennes und deſſen unerhörter Frechheit, mit der er ſich für ſeinen Zwillingsbruder ausgegeben. Auch den Brief den ihm Soldegg an ſeinen vorgeſchützten Bruder eingehändigt, und den zu öffnen er ihn ſelber gebeten hatte, falls er Henkel nicht in New⸗Orleans finden ſollte, trug er bei ſich, und Mac Culloch lachte, trotz der ernſten Sache, laut auf, als er die kurzen, in engliſcher Sprache geſchriebenen Worte, nicht an ſei⸗ nen Bruder, ſondern an Herrn von Hopfgarten ſelber ge⸗ richtet, erſt flüchtig überflog und dann laut vorlas. „Lieber Hopfgarten— ich hätte wahrhaftig nicht geglaubt, daß Sie ſich ſo leicht anführen ließen; wo um Gottes Willen 123 hatten Sie nur Ihre Augen?— Sie haben uns doch ſoviel von ihrer Falkenähnlichkeit erzählt. Grüßen Sie mir meine Frau, wenn Sie dieſelbe zufällig ſehen ſollten, und auf das Herzlichſte meinen Zwillingsbruder von Ihrem alten Freund und Reiſegefährten— Soldegg Henkel.“ Aber damit war er noch nicht zu Ende— Soldegg mußte ſich von da nach Arkanſas gewandt haben, da er erſt geſtern, ſeinem weiteren Bericht nach, das Fräulein von Seebald ge⸗ ſprochen, die mit ihrer kranken Schweſter von Arkanſas zurück⸗ gekommen war, ſich mit derſelben nach Deutſchland einzuſchiffen. Dieſe hatte ihm genaue Auskunft über jenen Menſchen, der ſelbſt in Arkanſas als gefährlicher Spieler und Pferdedieb ei⸗ nen Namen haben ſollte, gegeben. Hiernach war ſein letzter Aufenthaltsort Little Rock geweſen, und das auch wahrſchein⸗ lich der Platz, wo ſich Näheres und Beſtimmteres über ihn er— fahren ließ. Mac Culloch notirte ſich indeſſen, dem Bericht ſchweigen und höchſt aufmerkſam folgend, ſämmtliche darin vorkommende Namen, neben die er kleine Bemerkungen ſchrieb, und ſagte, als dieſer geſchloſſen war, und er ſich auch noch den Brief Soldeggs, einen Autographen deſſelben in Händen zu haben, von Herrn von Hopfgarten erbeten hatte, freundlich. „Wir haben es hier mit einem gefährlichen, durchtrie⸗ benen Burſchen zu thun, von denen es vielleicht in keinem Lande der Welt weiter, ſo ausgebildete durch und durch ver⸗ dorbene Schufte giebt, wie gerade in den Staaten, deren freie Verfaſſung und beſonders deren wildes, von der Cultur noch nicht überall erfaßtes Terrain, mit der Leichtigkeit der Verbindungen den Aufenthaltsort im Nu nach jeder Himmels⸗ richtung hin zu ändern, ihren Bubenſtreichen jeden nur mög⸗ lichen Vorſchub leiſtet, und ihrer Habhaftwerdung oft unüber⸗ ſteigliche Hinderniſſe in den Weg ſchiebt. Es liegt aber hier jedenfalls ein ſo bösartiges und durchdachtes Gewebe von Verbrechen vor, daß es mir faſt ſcheinen will, als ob der Burſche ſein Gewerbe auf die Spitze getrieben hätte, wobei dieſe Herren dann meiſt ſo ſicher und zuverſichtlich werden, doch manchmal in die Falle zu gehn. Jedenfalls wollen wir thun, was in der Sache nur möglicher Weiſe zu thun iſt, und ich habe nach Little Rock hin gerade dazu die beſte Gelegen⸗ heit. Der Staatsanwalt dort iſt ein intimer Freund von mir, ich ſelber kann hier von New⸗Orleans aus keinen Ver⸗ haftsbefehl nach einem anderen Staat hin ausſtellen, aber ich ill an ihn ſchreiben und ſehen, ob wir den Herrn dort faſſen nd nach hierher ausgeliefert bekommen können. Vielleicht iſt es dann auch möglich einen Theil der Ihnen betrügeriſch ab⸗ gelockten Güter wieder herauszubekommen, obgleich das nach⸗ her immer ſehr ſchwer hält, denn ſolcher Sachen entledigen ſich dieſe Hallunken gern ſo raſch als möglich. Soldegg — Soldegg“— ſetzte er dann nachdenkend hinzu—„ich müßte mich ſehr irren, wenn ein Mann gleiches oder doch ganz ähnlichen Namens, nicht bei einem bedeutenden Juwelendieb⸗ ſtahl in Mobile, vor einem Jahr etwa genannt wurde und gleich darauf ſpurlos verſchwunden war; vielleicht zeigt ſich 125 ſpäter, daß der Herr auch bei uns im Süden ſchon auf der Kreide ſteht.“ „Glauben Sie, daß es die Sache fördern würde, wenn ich ſelber deshalb nach Little Rock ginge?“ frug Hopfgarten raſch. „Gewiß weſentlich,“ ſagte Mac Culloch—„ein ſo wich⸗ tiger Zeuge an Ort und Stelle würde das Ganze ungemein vereinfachen, und hat ſich der Burſche von dort wieder weg⸗ gewandt, ſo ſind Sie, mit dem Fingerzeig den Sie von der vor⸗ her erwähnten Dame erhalten haben, viel eher im Stande ihm wieder auf die Spur zu kommen, als vielleicht die Ge⸗ richte ſelber, derer Unterſtützung Sie dann gewiß wären. „Aber meine Tochter“— ſagte Herr Dollinger—„wie ſoll ich das arme Kind jetzt in der ungeheuern Stadt hier wiederfinden? „Sie hat Ihnen geſchrieben die Briefe poste restante unter der Adreſſe einer vewiſtn— „Hedwig Loßenwerder— „Ah ja— Hedwig Loßenwerder zu laſſen— gut, legen Sie Ihre eigene Adreſſe unter dem Namen auf die Poſt; es wird dort jedenfalls nachgefragt und man ſucht Sie ſelber auf.“ „Seit vorgeſtern iſt das ſchon geſchehn,“ ſagte Herr Dollinger traurig,„und wohl zehnmal bin ich an jedem Tag auf der Poſt geweſen nachzufragen, ob die Adreſſe abgeholt, aber noch hat ſich Niemand danach erkundigt. Wenn Sie nur nicht die Stadt, in der es ihr an Mitteln fehlte zu ex⸗ 126 iſtiren, verlaſſen oder krank geworden und— ich wage den Gedanken gar nicht zu verfolgen.“ „Laſſen Sie den Muth da nicht ſinken,“ ſagte Mac Cul⸗ loch freundig,„in unſerer Luft liegt eine merkwürdige Lebens⸗ kraft, die den Fremden unglaublich lange Zeit über Waſſer hält. Aber apropos, Sie ſind aus Heilingen Herr Dollinger, nicht wahr?— ich habe da vor einiger Zeit einen Schreiber zu mir in Dienſt genommen, der vor mehren Monaten von Deutſchland, und wenn ich nicht ganz irre, aus derſelben Stadt gekommen iſt. Der Mann wohnt ſeit der Zeit hier in New⸗Orleans in einem deutſchen Gaſthaus, und es wäre gar nicht unmöglich, daß er uns über ſeine ſo ſpecielle Lands⸗ männin irgend eine Auskunft zu geben vermöchte; jedenfalls können wir ihn fragen.“ „Wie heißt der Mann?“ frug Herr Dollinger raſch. „Fortmann, Julius Fortmann glaub' ich.“ „Den kenne ich nicht,“ ſagte Herr Dollinger kopfſchüttelnd. „Das ſchadet Nichts, fragen können wir ihn doch,“ ſagte Mac Culloch aufſtehend und ſeinen Hut nehmend—„wir brauchen nur über jenen Gang zu gehn— hier, wenn ich bitten darf— dort in der erſten Thüre rechts ſitzt Herr Fort⸗ mann.“. Mac Culloch ging voran und öffnete die Thüre, die Herren eintreten zu laſſen. In dem kleinen Gemach ſaß nur ein einziger Arbeiter, den Rücken ihnen zugedreht, ohne von ſeiner Arbeit aufzuſehen. 1 1 „Herr Fortmann,“ ſagte Mac Culloch,„hier ſind ein 127 paar Landsleute von Ihnen, die eine Frage an Sie zu richten wünſchten; wären Sie ſo freundlich ihnen Auskunft zu geben?“ Herr Fortmann ſtand raſch von ſeinem Stuhle auf und drehte ſich nach den Fremden um, erſchrak aber ſichtlich, wurde leichenblaß und ſtotterte verlegen einige Worte, als Herr Dol⸗ linger, der ihn erſtaunt und überraſcht betrachtet hatte und aus dem ſtarken ungewohnten Bart die ſonſt gut genug bekannten Züge nicht gleich wieder herausfinden konnte, in voller Ver⸗ wunderung ausrief: „Herr Aktuar Ledermann,— träum ich denn oder wach ich.“ „Hallo, ſagte Mac Culloch, aufmerkſam werdend,„Leder⸗ mann ſtatt Fortmann, und todtenbleich ſehn Sie dabei aus, Herr?— wie hängt das zuſammen?“ „Herr Dollinger,“ ſtotterte der arme Aktuar in höchſter Verlegenheit—„dieſes unerwartete Zuſammentreffen?“ „Aber Mann, haben Sie denn nicht Ihr kleines Erbtheil verſpielt und ſind aus Verzweiflung in das Waſſer bei Hei⸗ lingen geſprungen? Hat man denn nicht, nachdem Sie wie⸗ der und wieder gewarnt worden, ſich des gefährlichen Spiels zu enthalten, Ihren Rock und Hut am Ufer und in Ihrem Zimmer einen Brief gefunden, in dem Sie von Ihrer Frau Abſchied nahmen und Alles eingeſtanden?“ Ledermann war neben ſeinem Stuhl, ein Bild der per⸗ ſonificirten Verlegenheit, die Hände feſt zuſammenreibend, und bald einen ſcheuen Blick nach ſeinem jetzigen Principal, bald nach Herrn Dollinger hinuͤberwerfend, ſtehn geblieben, augen⸗ 128 ſcheinlich in Verzweiflung jede Vertheidigung aufgebend und ſei⸗ nem einmal über ihn hereingebrochenen Schickſal freien Lauf laſſend. „Hm,“ ſagte Mac Culloch, der genug Deutſch verſtand wenigſtens den Sinn der in dieſer Sprache gethanen Fragen zu verſtehn,„da kommen wir ja hinter ganz merkwürdige Sachen Herr Ledermann, und der Name Fortmann findet eine halbe, wenn auch ganz eigenthümliche Erklärung. Nun Sir, haben Sie kein Wort zu Ihrer Vertheidigung, und etwa gar noch die Idee, daß ich Sie zur Fortführung meiner Ge⸗ ſchäfte hier verwenden möchte und dürfte, wenn eine ſolche, und wie mir faſt ſcheint ſehr begründete Anklage auf Ihnen laſtet?“ Ledermann holte tief Athem, und ſah ſich dabei nach al⸗ len Seiten mit einem Blick um, als ob er nur irgend eine Oeffnung ſuche hinauszufahren, einer Situation zu entgehn, die ihm furchtbar zu werden anfing; die klaren Schweißtropfen ſtanden ihm dabei auf der Stirn. Endlich aber, und auch wohl durch das Bewußtſein dazu getrieben ohne eine Er⸗ klärung hier nicht fortzukommen, faßte er ſich ein Herz, holte noch einmal tief Athem, denn die Luft fing ihm an auszugehn und ſagte? „Herr Dollinger— ich bin durchgebrannt.“ „Was iſt er?“ frug Mac Culloch, der die Deutung des Wortes nicht verſtand. 1 „Fortgelaufen,“ erklärte ihm dieſer. „Aber weshalb?“ 129 „Ich will Ihnen Alles geſtehn, und urtheilen Sie dann ſelbſt,“ ſagte der arme Teufel.„Sie wiſſen daß ich vor ei⸗ niger Zeit 600 Thlr. unverhofft geerbt, und mit richtiger An⸗ lage des Geldes meinen ſehr geringen Gehalt hätte beſſern und dann anſtändig leben können. Sie kennen aber meine Frau nicht, Sie wiſſen nicht in welchen Verhältniſſen, welchem häuslichen Elend ich daheim gelebt, und daß ſie mich trieb und trieb das Geld ihrem Bruder zu leihen, der es mir eben ſo ſicher wie jeder Andere verzinſen würde. Hätte ich mich geweigert ſo war es um meine häusliche Exiſtenz, die über⸗ dieß kaum noch dem Namen nach beſtand, vollſtändig geſchehn geweſen, und gab ich es ihm, ſo war ich das Geld, das mir im Alter einmal ein Nothpfennig werden ſollte, los— und die Erfahrung hat gelehrt daß ich recht gehabt, denn in der neueſten deutſchen Zeitung die wir herüber bekamen, ſteht ſein Bankerott ſchon richtig angegeben. Gott iſt mein Zeuge daß ich Alles verſucht habe was in Menſchenkräften ſteht, meine Frau zu überzeugen und zu einem vernünftigen Nachgeben zu bringen— ich hätte eben ſo gut den Tiſch da zu etwas der⸗ artigem bewegen mögen. Mein Kind war todt, ich ſelber ſah nur ſich täglich mehrenden Zwiſt im Hauſe, eine Scheidung wurde auch ſchon dadurch zur Unmsglichkeit, daß ich, ſelbſt wenn Thereſe darein gewilligt, nie im Stande geweſen wäre ſie und mich an zwei geſchiedenen Heerden zu erhalten. Die Verzweiflung gab mir da das letzte Mittel ein. Ich ging in ein Spielhaus, wo ich mit einer beſtimmten kleinen Summe ſetzte, und es iſt wohl noch kaum ein Spieler ſo mit dem ernſthaften Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 9 —y— b —ᷣ—᷑—ZO—·SℳA˖ꝗ———— 130 Wunſch an einen ſolchen Platz getreten zu verlieren, als ich. Meine Freunde wurden, da ſie wußten daß ich etwas geerbt und Geld in Händen hatte, aufmerkſam auf mich, und warn⸗ ten mich; das war Alles was ich wollte. Ich ging wieder und wieder in das Haus, und glaube von mir ſagen zu kön⸗ nen, daß ich die Rolle eines unglücklichen, endlich zur Ver⸗ zweiflung getriebenen Spielers durchgeführt habe. Als ich den richtigen Zeitpunkt gekommen wähnte, ſchrieb ich den Brief, ging Abends an das Waſſeer, legte dort einen alten Rock und Hut ab und marſchirte in derſelben Nacht noch drei Meilen nach einem kleinen Poſtflecken; dort nahm ich Extrapoſt unter falſchem Namen und fuhr nach Hannover, von da nach Bre⸗ men und ſchiffte mich auf einem Amerikaniſchen Schiffe, das zufällig im Hafen lag, nach New⸗Orleans ein. Ich habe vielleicht gefehlt—“ ſetzte er mit einem aus tiefer Bruſt her⸗ aufgeholtem Seufzer hinzu,„ohne dieſen Schritt wäre mir aber beim ewigen Gott nichts Anderes übrig geblieben, als wirklich in's Waſſer zu ſpringen. Meine Frau mag mich jetzt betrauern und wird ſich tröſten, denn ihre Verwandten ſind wohlhabend, und ich glaube ſogar daß ſie noch einmal eine kleine Erbſchaft zu erwarten hat, die ich ihr von Herzen gönne — verrathen Sie mich aber, beſter Herr Dollinger,“ ſetzte er mit Todesangſt in den Zügen hinzu,„ſo bin ich verloren, denn daß mir Thereſe in dem Fall nach Amerika folgte, iſt ſo gewiß, als wir hier zuſammen ſtehen. Niemand hat jetzt ein Intereſſe an meinem Leben; ich bin keinem Menſchen ei⸗ nen Pfennig ſchuldig, alle meine Arbeiten, als ich ſie verließ, waren in größter Ordnung und ich weiß daß ich in Heilingen das Andenken eines rechtſchaffenen, braven Mannes hinter⸗ laſſen habe.“ „Das haben Sie,“ ſagte Herr Dollinger, ihm freundlich die Hand reichend,„und ich gebe Ihnen mein Wort, daß über meine Lippen nie ein Wort unſeres jetzigen Begegnens kom⸗ men wird.“ „Aber nicht übel,“ lachte Mac Culloch, der der Erzählung aufmerkſam gelauſcht, wieder in engliſcher Sprache,„läuft ſeiner Frau zu Hauſe fort, kommt nach Amerika unter einem falſchen Namen, und läßt ſich bei dem Staatsanwalt da an⸗ ſtellen; mein lieber Mr. Fortmann, das ſind ſchöne Streiche.“ „Beſter Mr. Mac Culloch,“ ſagte Herr Ledermann. „Nun ich habe Nichts dagegen,“ lachte dieſer,„wenn weiter Nichts vorgefallen iſt als das, mögen Sie Ihre häus⸗ lichen Verhältniſſe mit ihrem Gewiſſen und Ihrer Fran Ge⸗ mahlin abmachen; jetzt aber möchten wir Sie fragen ob Sie in Zeit Ihres hieſigen Aufenthalts Nichts von der Tochter dieſes Herrn, Clara Henkel, gehört haben?“ „Von Frau Henkel?“ ſagte Ledermann, als Dollinger noch einmal die Frage in Deutſch an ihn gerichtet hatte;„keine Sylbe— aber ich erinnere mich daß ein junger Deutſcher Namens Donner, ein Arzt glaub' ich, ſich ſchon ſehr eifrig nach ihr erkundigt hat, und konnte mir ſchon damals nicht er⸗ .klären, daß das ſo große Schwierigkeiten haben ſollte ſie auf⸗ zufinden.“ „Hm hm,“ ſagte Mac Culloch ſich das Kinn ſtreichend, 9⸗ 132 und nachdenkend vor ſich nieder ſehend—„es wird Ihnen da doch wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Erfolg des Briefes abzuwarten.“ „Iſt denn etwas vorgefallen?“ frug Herr Ledermann, durch das ängſtliche Benehmen Herrn Dollingers aufmerkſam gemacht—„doch nicht mit Herrn Henkels frug er plötzlich, den alten Herrn ſcharf und erſchreckt fixirend.“ „Sie ſollen Alles erfahren lieber Ledermann,“ ſagte Herr Dollinger freundlich—„es iſt das eine zwar ſchmerzliche, aber doch eine Pflicht ſogar, die ich Ihnen gegenüber, einer alten Sache wegen zu erfüllen habe. Es gilt auch dabei einen armen, unſchuldig verfolgten und unglücklich gemachten Men⸗ ſchen zu rechtfertigen.“ „Loßenwerder?“ rief Herr Ledermann raſch. Herr Dollinger nickte ſchweigend und langſam mit dem Kopfe.. „Nur nicht jetzt,“ ſagte er aber dann—„das Herz iſt mir in dieſem Augenblick zu voll und ſchwer, näher darauf einzugehn— ich habe keine Ruhe bis ich meine Tochter, mein armes unglückliches Kind wiedergefunden. Nicht wahr Herr von Hopfgarten, Sie begleiten mich nochmals nach der Poſt?“ Hopfgarten reichte dem armen Vater freundlich und theil⸗ nehmend die Hand, und verließ mit ihm, nachdem Sie Mac Culloch zugeſagt hatten das Weitere in den nächſten Tagen zu beſprechen das Haus.. Schweigend ſchritten die beiden Männer Canalſtreet nieder und an der Ecke des Marktes hinab, wo ein reges Drängen 133 und Treiben von Käufern und Verkäufern herüber und hin⸗ über wogte, als Herr von Hopfgarten plötzlich vor einem Mann ſtehen blieb, der in ſehr dürftiger Kleidung, an einem der Markthaus⸗Pfeiler lehnte. An einem breiten Gurt um den Hals trug er ein mit Streichhölzchen gefülltes, und einige Bündel derſelben in der rechten ausgeſtreckten Hand haltend, ſchien er ſeine Waare den Vorübergehenden zu empfehlen. „Herr Mehlmeier?“ rief Hopfgarten überraſcht, ja faſt erſchreckt aus, einen ſo wehmüthigen Eindruck machte die abgemagerte, niedergedrückte Geſtalt des ſonſt ſo freundlichen faſt behäbigen Mannes, eines der ruhigſten und ordentlichſten Zwiſchendecks⸗Paſſagiere der Haidſchnucke,„was um Gottes Willen machen Sie hier, und wie geht es Ihnen?“ „Oh ich danke Ihnen Herr von Hopfgarten,“ ſagte Mehlmeier, der in der erſten Ueberraſchung und ganz unwill⸗ kürlich dem Reiſegefährten ſeine Schwefelhölzchen entgegen hielt, aber dann auch eben ſo raſch und beſtürzt wieder mit ihnen zurück und in ſein Käſtchen fuhr, deſſen Deckel er ſchloß, als ob er ſich des Inhalts ſchämte—„ich danke Ihnen herzlich — gut— recht gut— man darf eben nicht klagen,“ und der Mann ſchüttelte dabei gar wehmüthig, und dießmal freilich nur zu bezeichnend mit dem betrübten Geſicht, das ſeine Worte ebenſo Lügen ſtrafte.. Der arme Teufel ſah gar ſo dürftig aus; der alte faden⸗ ſcheinige Sommerrock den er trug, war ihm überall, aber beſonders in den Aermeln zu eng und zu kurz, und an den Ellbogen ausgeriſſen, ging vorn nicht zuſammen und zeigte eine eben ſo 134 defekte Weſte und Beinkleider; nur das Hemd war weiß und ſauber gewaſchen, während ein alter, arg mitgenommener Stroh⸗ hut ihm ziemlich hoch auf dem Kopf ſaß, und mit einem, un⸗ ter dem Kinn durchgehenden Bindfaden, den Verdacht recht⸗ fertigte, nicht für den Kopf, den er jetzt gegen die ziemlich heißen Sonnenſtrahlen nothdürftig ſchirmte, gemacht und be⸗ ſtimmt geweſen zu ſein. „Aber mein guter Herr Mehlmeier,“ ſagte Hopfgarten, dem es ein eignes wehes Gefühl war, den ſonſt, ſo ordent⸗ lichen und anſtändigen Mann in einem ſolchen Zuſtand vor ſich ſehn,„wie um Gottes Willen ſind Sie zu dem Handel und— zu— zu dieſer Beſchäftigung gekommen?“ „Zu den Kleidern?“ wollten Sie ſagen, nicht wahr Herr von Hopfgarten, ſagte Mehlmeier mit einem ſchwachem Ver⸗ ſuch zu lächeln— ja, ſie paſſen nicht recht,“ ſetzte er mit einer ebenſo vergeblichen Anſtrengung hinzu, ſeinen Arm ſoweit auf⸗ zudrehen, den Ellbogen in Sicht zu bekommen—„es war ein Lohgerber, von dem ich ſie in dieſem Zuſtand überkommen. Mir haben ſie Alles geſtohlen was ich hatte.“ „Alles geſtohlen?“ „Jawohl,“ ſagte Herr Mehlmeier und ſchüttelte dabei freundlich mit dem Kopf—„aus dem Koffer heraus.“ „Aber wie war das möglich?“ rief Hopfgarten. „Ja lieber Gott, die Leute machen hier Manches mög⸗ lich,“ ſeufzte Mehlmeier—„ich hatte den Koffer im Wirths⸗ haus ſtehen, wo eben die anderen Sachen auch ſtanden, und zwar in der nämlichen Stube in der wir ſchliefen. Ueber Nacht Seite 134. * Capitel 4. 2 5 * 5 3 3 4 135 hat ſich da, vielleicht Einer von meinen Schlafkameraden, viel⸗ leicht ein Fremder, die Mühe genommen meinen Koffer, der ihm wohl am anſtändigſten ausſehn mochte, zu öffnen und Alles herauszupacken was er darin fand. Nur ein altes Paar Hoſenträger und einen Pfeifenkopf hat er mir darin ge⸗ laſſen, und der leere Koffer, mit dieſem Inventarium und ſechs Hemden und eben ſoviel Paar Strümpfen, die glücklicher Weiſe in der Wäſche waren, bildeten am nächſten Morgen mein ſämmtliches Beſitzthum— ich konnte nicht einmal hinunter zum Frühſtück gehn.“ „Du lieber Gott, das iſt ja zu traurig,“ ſagte Hopf⸗ garten,„und da wurden Sie Schwefelholzverkäufer?“ „Doch nicht gleich, beſter Herr von Hopfgarten,“ ſagte Herr Mehlmeier ihm zunickend—„doch nicht gleich; zuerſt verſuchte ich es mit einer Handarbeit, die ich freilich nicht ſo raſch fand, dann aber auch nicht im Stande war durchzufüh⸗ ren. Ich ging nämlich an die Levée, zwiſchen den Negern und Bootsleuten Fracht ein⸗ und auszuladen; bekam aber ſchon am erſten Abend ſolche entſetzliche Blutblaſen in die, ähnliche Behandlung nicht gewohnten Hände, und wurde außer⸗ dem von meinen Mitarbeitern, denen ich nicht genug that, ſo ſchlecht behandelt, daß ich mehre Tage beide Hände in einer Binde und feſt umwickelt tragen mußte. Geld hatt' ich auch nicht mehr— der Wirth wollte meinen leeren Koffer nicht länger als Bürgſchaft für ſpäter zu leiſtende Zahlung anneh⸗- men, und da ich auch keinen Credit finden konnte in einem an⸗ deren Geſchäftszweig irgend einen Handel zu beginnen, ſo 136* warf ich mich mit meiner ganzen Energie auf die Schwefel⸗ hölzer, Herr von Hopfgarten, und verkaufe doch jetzt täglich davon ſo viel wenigſtens, meine Koſt hier auf dem Markt, die ſich viel billiger wie im Boardingshaus herausſtellt, zu zahlen, und zu gleicher Zeit ein kleines Capital dabei anzuſetzen, wie⸗ der zu einiger Maßen anſtändigen Kleidern zu kommen.“ Hopfgarten wollte etwas ſagen— er hätte dem Manne ſo unendlich gern eine kleine Unterſtützung angeboten, aber er wagte es nicht— er fürchtete ihm damit weh zu thun, und hätte das um Alles in der Welt nicht mögen. Mehlmeier indeſſen fuhr, ſtill vor ſich nieder ſehend und die Spitzen ſei⸗ ner Schuhe betrachtend fort. „ Das Geſchäft iſt wirklich nicht ſo übel und nährt ſeinen Mann— oder auch ſeine Frau“— ſetzte er mit einem Blick nach einem andern Pfeiler hinzu,„denn da drüben ſteht auch eine, etwas hochgelbe Concurrentin von mir, die wirklich nichts⸗ nutzige Waare verkauft und trotzdem mehr Käuſer dafür findet wie ich— wenn nur das Stehen hier nicht wäre; es iſt ſo öffentlich. Ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, wie ich noch in die Schule ging, einmal einen Spitzbuben geſehen zu haben, der ein paar Stunden mit einer Tafel um den Hals, gerade etwa wie ich dieſen Kaſten trage, am Pranger ſtand, und von uns nachher verhöhnt und mit faulen Aepfeln ge⸗ worfen wurde. Ich muß geſtehn, ich habe anfänglich mit einer Art von Mistrauen gegen die Schuljugend dieſen Stand hier eingenommen, kann aber nur Rühmliches von den Kna⸗ ben die hier vorbei paſſiren, melden— ſie nehmen nicht die 137 geringſte Notiz von mir, ja ich weiß ſogar einzelne Fälle wo ſie mir Schwefelhölzer abgekauft haben.“ „Lieber Herr Mehlmeier,“ ſagte da Hopfgarten, deſſen Ge⸗ danken wieder zu dem überſprangen, was ihm am meiſten am Herzen lag:„Sie ſind doch ſchon ein tüchtiges Stück in der Stadt umher gekommen, können Sie mir vielleicht zufällig ſagen, wo ich Frau Henkel— Sie erinnern ſich gewiß der jungen liebenswürdigen Dame, die mit uns die Ueberfahrt hierher machte— finden könnte. Dem Herrn hier liegt ſehr viel da⸗ ran ſie zu ſehen, er hat ihr Sachen von Wichtigkeit mitzu⸗ theilen, und wir wiſſen ihre Adreſſe nicht.“ „Ja, das thut mir unendlich leid, meine verehrten Herrn Ihnen damit nicht dienen zu können,“ ſagte Mehlmeier, fort⸗ während dabei aber eine Miene annehmend, als ob er eben im Begriff wäre ihnen die vollſtändigſte Auskunft zu geben, „in der erſten Zeit meines hieſigen Aufenthalts ſchwamm man in einem ſolchen Meer von neuen Dingen und Erlebniſſen, daß man gar nicht zu Athem kam an irgend etwas Anderes zu denken— und ſeit ich mich in meinem jetzigen Zuſtand be⸗ finde,“ ſetzte er wieder mit einem ſcheuen Blick auf ſeine Klei⸗ dung hinzu,„wäre ich doch der Dame, wenn ich ſie hätte von weitem kommen ſehen, jedenfalls eher aus dem Weg gegangen, als ihr hineinzutreten. Ich will gerade nicht ſagen, daß ich mich meiner Beſchäftigung ſchäme; es iſt das eben ein ſehr großer Vortheil dieſes Landes, daß Jeder ſich ſein Brod verdienen darf wie er mag, und ſich deſſen nicht zu ſchämen braucht— aber Sie wiſſen wohl Herr von Hopfgarten— 138 8 wir haben vielleicht Alle noch einige alte Vorurtheile von Deutſchland mit herübergebracht, und bis die abgeſchüttelt oder vergeſſen ſind—“ „Hm, hm, hm,“ ſagte Hopfgarten nachdenklich, ohne die letzte Bemerkung auch nur zu hören,„das iſt doch eine recht fatale Sache— und von dem jungen Mädchen die bei ihr war, werden Sie da auch Nichts gehört haben.“ „Von der kleinen Hedwig?— die dient hier in einem deutſchen Koſthaus,“ ſagte Herr Mehlmeier ruhig. „Wo?— hier in der Stadt?— in welcher Straße?“ riefen die beiden Männer wie aus einem Mund zugleich, Arm und Schulter des, ruhig und erſtaunt vor Ihnen ſtehen blei⸗ benden Mannes ergreifend, als ob ſie ihm die nächſten Worte noch ungeſprochen von den Lippen nehmen wollten. „Herr Jeſus, haben Sie mich erſchreckt,“ ſagte Herr Mehlmeier den Bindfaden ſeines Hutes, der ihn unter dem Kinn ſchneiden mochte, etwas lockerer ziehend. „In welchem Koſthaus, beſter Herr Mehlmeier,“ bat ihn aber Hopfgarten, keine weitere Zeit zu verſäumen.“ „Im deutſchen Vaterland in Fayetteville, in der— wie heißt doch gleich die Straße,— „Ich kenne den Platz!“ rief aber Hopfgarten raſch aus, „ich habe das Schild ſchon geſehn— wir ſetzen uns in den erſten beſten Omnibus der nach Fayetteville fährt, jeder Kut⸗ ſcher wird das Haus kennen— das deutſche Vaterland. Lie⸗ ber Mehlmeier, Sie ſind ein Goldmann!“ „Bitte, bitte Herr von Hopfgarten.“ 139 „Herr Mehlmeier,“ ſagte aber auch Herr Dollinger jetzt, zu ihm hinantretend und ſeine Hand ergreifend— Sie haben mir einen ſehr großen Dienſt erwieſen; mir— mir lag ſehr viel daran ohne großen Zeitverluſt die Adreſſe der— der Ma⸗ dame Henkel, oder des jungen Mädchens zu erfahren— ich danke Ihnen herzlich dafür“— und raſch Hopfgartens Arm ergreifend, der noch einmal nach Mehlmeier zurücknickte, gingen die beiden Herren mit ſchnellen Schritten über den freien Platz fort in die nächſte, mit dem Waſſer gleich laufende Straße hinein, wo ſie einen der vielen, in der Stadt fortwährend auf⸗ und abfahrenden Omnibuſſe halten ſahen. In einer eignen, ganz ſonderbar aufgeregten Stimmung mit hochgerötheten Wangen, die Hand, die ihm Herr Dol⸗ linger gedrückt noch feſt, faſt krampfhaft zuſammengepreßt, ließen ſie aber Herrn Mehlmeier zurück. Dieſer hatte nämlich in dem Druck ein Geldſtück gefühlt und betroffen, faſt erſchreckt davon, der edlen würdigen Geſtalt des alten Herrn gegenüber ſich gar nicht gleich zu beſinnen gewußt ob er die Gabe an⸗ nehmen, oder mit Entrüſtung von ſich weiſen ſollte. In dem⸗ ſelben Augenblick faſt waren aber auch die beiden Männer in der belebten Straße, zwiſchen dem Gedräng von hundert An⸗ deren verſchwunden, und Herr Mehlmeier ſtarrte jetzt halb wie in einem Traum auf ein blitzendes Goldſtück nieder, das ihm, als er ſcheu den Blick hinunter ſenkte, von dort ent⸗ gegenfunkelte. Schon hob er den Fuß und wollte den Män⸗ nern nach— konnte— durfte er das Geld behalten?— er zögerte, und die Bruſt hob ſich ihm als ob er erſticken wollte— 140 noch hielt der Omnibus— wenn er jetzt noch hinüberlief— jetzt bewegte er ſich— jetzt raſſelte er die Straße hinunter, und war gleich darauf hinter der erſten Ecke verſchwunden. Noch immer ſtand Mehlmeier regungslos auf ſeiner Stelle, das Geld in ſeiner Hand hin und herſchiebend, als ob es ihn brenne; endlich hob er die Hand langſam empor, ſteckte es in ſeine Weſtentaſche und ein paar große helle Thränen liefen ihm dabei die bleichen Wangen hinunter. Vor der Thüre des„deutſchen Vaterlands“ von dem Bar⸗ keeper derſelben, dem heute höchſt mürriſchen Jimmy auf das aufmerkſamſte beobachtet, ſtand ein mit zwei ungeduldig ſtam⸗ pfenden feurigen Pferden beſpannter Kutſchwagen, und ging mit raſchen, aber nicht ungeduldigen Schritten, den Kopf ge⸗ ſenkt und die Arme auf dem Rücken gekreuzt, Herr von Hopf⸗ garten auf und ab. In dem kleinen ärmlichen Hinterſtübchen deſſelben Hauſes aber ſaß der alte Herr Dollinger, hielt ſein bleiches abgehärmtes, aber doch noch ſo engelſchönes Kind feſt umſchlungen, küßte ihm die Thränen von den Wimpern und goß leiſe lindernde Worte des Troſtes und der aruhigudg in das arme, mishandelte Herz. Aber hier durften Sie nicht bleiben. Elara hatte ihm Allles erzählt— Alles, bis auf die kleinſten Einzelheiten hinab was geſchehen, ſeit ſie das väterliche Haus verlaſſen, bis zu dem jetzigen Augenblick; ihre erſte Krankheit in New⸗Orleans, 141 Hedwigs treue Pflege und Aufopferung, für ſie zu arbeiten bis ſie ſelber ſich ſoweit erholt, wenigſtens mit der Nadel ihren Unterhalt verdienen zu können. Hedwig kniete dabei, ihr Antlitz in Claras Kleid bergend, an ihrer Seite, und der alte Herr Dollinger hob das junge liebe Mädchen zu ſich auf, küßte ſie mit thränenden Augen auf die Stirn und Augen und verſprach ihr das nie— nie zu vergeſſen ſein Lebelang, und ihr ein Vater zu ſein von jetzt an in jeder Art um ihres— um des armen Bruders Willen.“ Jetzt aber drängte die Zeit— Hedwig hatte ſchon vor⸗ her Claras ſämmtliche Sachen, die ihr noch geblieben waren und den einen Koffer eben füllten, zuſammengepackt, und rief jetzt einen der im Haus wohnenden Leute herbei, denſelben vor die Hausthür zu tragen und auf die dort wartende Kutſche zu ſtellen. Sie ſelber konnte jetzt natürlich das Haus, deſſen wirthſchaftliche Leitung ſie übernommen, nicht verlaſſen, ver⸗ ſprach aber jedenfalls heute Abend in das St. Charles⸗Hotel, wo Herr Dollinger abgeſtiegen, zu kommen und das Weitere ihrer Abreiſe mit ihnen zu bereden. „Lieber Gott, ein alter Bekannter von Dir, Herr von Hopfgarten wird recht ungeduldig geworden ſein“ ſagte jetzt Herr Dollinger, nach ſeiner Uhr ſehend—„er wartet unten im Haus, ſchon ſo lange faſt als ich hier bin.“ „Herr von Hopfgarten?“ rief Clara überraſcht—„weiß er denn aber was geſchehen?“ „Jetzt Alles“ ſagte Herr Dollinger,„und ſeinen Händen werde ich wahrſcheinlich das Ordnen meiner Geſchäfte hier in 4 142 Amerika, wie die Verfolgung des Betrügers, der unſchädlich gemacht werden muß, anvertrauen. Er hat ſich freundlich dazu mir angeboten, und ſcheint ein braver, tüchtiger Mann zu ſein.“ „Er iſt ein Ehrenmann“ ſagte Clara, während ihr Vater ihren Arm in den ſeinen legte, und ſie hinab zum Wagen führte. Hedwig begleitete ſie bis dorthin, wo Hoſganien ſtand ſie zu empfangen. Clara ſtreckte ihm mit einem recht freundlichen, und doch recht wehmüthigen Lächeln die Hand entgegen, die er nahm und küßte. 3 „Meine liebe— liebe gnädige Frau“ ſagte der kleine Mann, als er das bleiche Antlitz des jungen Weibes ſah, mit vor innerer Rührung faſt erſtickter Stimme. „Mein guter Herr von Hopfgarten— wie freue ich mich Sie wiederzuſehn.“ 3 „Kommt Kinder, kommt,“ drängte aber der alte Herr— „Freund Hopfgarten wird uns jetzt begleiten, wir haben noch ſehr viel mit einander zu beſprechen— und Hedwig kommt heut Abend— nicht zu ſpät nicht wahr?“ Clara hatte Hedwig umfaßt und preßte einen heißen Kuß auf ihre Lippen, wobei der Barkeeper hinter der Glas⸗ zthür des Schenkzimmers, gegen deſſen Scheiben er ſeine Naſe 6 breit und weiß quetſchte, aus Leibeskräften mit dem Fingern knackte— und wenige Minuten ſpäter rollte der Wagen, von den flüchtigen Pferden gezogen, raſch die Straße hinab. 143 Drei Tage ſpäter ging ein franzöſiſches Packetboot nach Havre ab, auf dem Herr Dollinger Paſſage für ſich und ſeine Tochter genommen; Hedwig aber hatte es, trotz allen Bitten Claras, trotz den dringenden Vorſtellungen des alten Herrn ſelber, freundlich und mit innigem Danke, aber feſt und ent⸗ ſchieden abgelehnt, ſie zu begleiten. Sie fürchtete ſich, wie ſie ſagte, jetzt wenigſtens ſchon nach Deutſchland, das nur ſchwere, ſchmerzliche Erinnerungen für ſie trug— mehr noch in daſſelbe Haus zurückzukehren, in dem ihr Bruder gelebt und gearbeitet. Waren Jahre darüber vergangen, war Gras gewachſen über dem Geſchehenen und die noch immer blutende Wunde erſt vernarbt, dann trug es ſich leichter— dann wollte ſie hinüberkommen. Hier auch hatte ſie jetzt eine Stellung, einen Wirkungskreis gefunden, in dem ſie faſt ſelbſtſtändig, gern und freudig arbeitete und ſchaffte. Sie hatte keine Freunde hier, den Werth ſolcher aber auch in ihrem ganzen Leben noch nicht gekannt. Allein und freundlos in die Welt hinausgeſtoßen, war ſie ihren ſtillen ernſten Gang von frühſter Jugend an gewandelt, und ſehnte ſich jetzt danach etwas zu leiſten, etwas ſelbſt zu werden, und durch ſich ſelbſt, wie ſie's von je gewohnt geweſen. Wohl ſchlummerte in ihrer tiefſten Bruſt ein anderes Ge⸗ fühl, von dem ſie vielleicht ſelber ſich noch keine Rechenſchaft zu geben wußte. Nicht allein die Furcht in das Haus zu⸗-„ rückzukehren in dem ihr Bruder ſo ungerecht gelitten, nicht allein der Trieb ſelbſtſtändig aufzutreten in der Welt, ſich ſel⸗ ber Raum zu ſchaffen mit der eignen Kraft, hielt ſie hier feſt. 144 ☛ Es war ein eigenes Knospen und Keimen in der jungen Bruſt, dem kommenden Frühling entgegen, der mit der leiſen, noch unbegriffenen Ahnung einer anderen Zeit, die erſten Sonnenſtrahlen ihr in's Herz geworfen. Sie ſtand nicht mehr allein— an jenem Tage hatte eine andre Hand nach ihr ſich ausgeſtreckt, ein anderer Mund liebe und freundliche Worte zu ihr geſprochen, und ihre Unterſtützung angefleht ein gutes Werk zuſammen auszuführen, wenngleich der Weg dazu noch wild und dornig lag. Und durfte ſie jetzt das kaum gegebene Wort ſchon brechen?— den wackren Franz— und der andere arme Franz lag daheim in ſeinem kalten Grab — der ſo ſchon einen ſo harten Stand mit dem böſen Vater hatte, im Stich laſſen, wo er ſie am nöthigſten brauchte ihn zu unterſtützen?— das ging nicht an; und Gott würde ihr Kraft geben das glücklich und zum Beſten auszuführen, was ſie unternommen— ſie dachte nicht an mehr. Capitel 5. Herr von Hopfgarten. Herr von Hopfgarten hatte nur die Abfahrt des Franzö⸗ ſiſchen Packetſchiffes erwartet, ſeine Sachen dann wieder dem Wirth des St. Charles⸗Hotels übergeben, und ſich auf einem Arkanſas Steamer, die nöthigen Papiere und Inſtruktionen für die jetzt zu beginnende Verfolgung des Verbrechers in der Taſche, nach Little Rock eingeſchifft. Noch an demſelben Tage, und eben im Begriff ſich an Bord des Dampfers zu begeben, der um 5 Uhr Nachmittags ſeine Abfahrt angekündigt, traf er, an der Dampfbootlandung langſam nach Tiſch ein wenig umherſchlendernd, einen alten Bekannten und Reiſegefährten, Herrn von Benkendroff, der ihn erſt ganz erſtaunt durch ſeine Lorgnette betrachtete, und dann ziemlich freundlich, ja faſt herzlich begrüßte. „Ah Hopfgarten, by George— wir haben uns ja in einem Menſchenalter nicht geſehn— wie geht es, alter Freund Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 10. 146 — und Leidensgefährte?— Aber dünner ſind Sie geworden, Hopfgarten, bedeutend dünner in dem halben Jahr, Sie be⸗ kommen ordentlich Taille— was machen Sie?— womit ver⸗ treiben Sie ſich die Zeit in dieſem abominabelen Lande?“ „Ih nun, lieber Benkendroff“ ſagte Hopfgarten nach der erſten Begrüßung, bei der er ihm warm und kräftig die Hand ſchüttelte—„ich kann eben nicht über Langeweile klagen; ſeit ich hier bin, habe ich zu thun genug gehabt, und Manches auch wohl geſehn— vielleicht erlebt.“ „Heh?— Abenteuer?“ rief Benkendroff, ſich der frühe⸗ ren Aeußerungen ſeines Reiſegefährten erinnernd, lächelnd aus, „Abenteuer erlebt? Sie werden ja ganz roth. Uebrigens muß Ihnen das Leben hier wirklich zuſagen; Wetter noch einmal! Sie haben ordentlich Kräfte bekommen— ſehn Sie einmal,“ ſagte er, ſich ſeinen linken weißen Handſchuh abziehend und die zarte faſt mädchenhafte Hand ſeinem derberen Freund ent⸗ gegenhaltend—„ſehn Sie einmal, wie Sie mir hier die Finger gedrückt— den rothen Fleck hier vom Ring werde ich vor morgen nicht wieder los.“ „Abenteuer gerade nicht,“ lachte Hopfgarten, der unwill⸗ kürlich an die Nacht in der Hütte des alten Juden zurück⸗ dachte,„und doch Manches was dem gleich kommen könnte. Es iſt merkwürdig, wie ruhig und gleichmäßig das Leben hier fortgeht, und wenn auch manches Intereſſante wohl paſ⸗ firt, gehört doch ungemein viel Glück dazu, gerad' dabei zu ſein. Ich bin noch meiſt darum hingekommen, und wenn's mich einmal traf, hab' ichs immer erſt zu ſpät ſelber erfahren.“ — 147 „Bei mir hätten Sie ſein ſollen, chér ami“ ſagte Herr Benkendroff, mit bedeutſamen Kopfnicken ſeinen Handſchuh wieder anziehend, daß er die Haut nicht zufällig den Sonnen⸗ ſtrahlen ausſetze—„bei mir hätten Sie ſein ſollen“ wieder⸗ holte er„Erlebniſſe zu ſammeln. Auf meine Ehre, ich habe Sachen mit durchgemacht, die man mir, wenn ich nach Deutſch⸗ land zurückkomme und meine geſammelten Erfahrungen und Beobachtungen herausgebe, nicht einmal glauben wird.“ „Alle Wetter! da haben Sie mehr Glück gehabt wie ich“ rief Hopfgarten;„das iſt aber die alte Geſchichte— den Sei⸗ nen giebts der Herr im Schlafe— in welchem Theil der Staaten waren Sie die Zeit?“ In welchem Theil der Staaten?— in New⸗Orleans— wo ſollt ich anders geweſen ſein.“ „Sämmtliche ſechs Monate?— ſind nicht fortgekommen von hier?“ „Und mehr noch als das, gehe mit dem nächſten Engli⸗ ſchen Packetſchiff zurück nach Liverpool und von da nach Deutſchland. Wo ſollt' ich auch hin?— guter Gott, ich hatte gerade genug an der Stadt hier, und gebe Ihnen mein Wort, daß ich das Leben und Treiben dieſer ſogenannten Re⸗ publik hier ſo durch und durch kennen gelernt habe, als hätte ich ſeit meiner Kindheit darin gewohnt. Sie werden ſtaunen, wenn Sie einmal ſpäter meine Beobachtungen leſen, von de⸗ nen ich manchmal ſelber nicht begreife, wie ich das Alles ſchon im Voraus ſo— gewußt, kann ich eigentlich nicht gut ſa⸗ gen, geahnet habe, und welches richtige Urtheil ich mir 10* 148 ſchon lange vorher über dieſes ſo unendlich freie Land ge⸗ bildet.“ „Aber was für Abenteuer haben Sie erlebt, beſter Ba⸗ ron?“ drängte Hopfgarten, der eben nicht viel Zeit hatte, und doch neugierig war, darüber etwas von ſeinem frühern Reiſegefährten zu hören. Dieſem vor allen Anderen hätte er gerade am Wenigſten das Erleben von etwas Außerordentlichem zugetraut.“ „Man könnte einen Quartband damit anfüllen, auf Ehre!“ ſagte der Baron—„denken Sie ſich, chér ami, daß ich gleich die erſte Nacht in einem ungemachten Bett ſchlafen mußte.“ „Bahl!“ ſagte Hopfgarten. „Ja das war nur das Beginnen, beſter Freund— drei Tage ſpäter zog ich, auf den Rath unſeres Conſuls, in ein Privatlogis, und zwar in eine Familie— eine ſehr anſtän⸗ dige, zwar bürgerliche, aber ſehr anſtändige Familie, und fand — was meinen Sie, gleich am dritten Abend in meinem Bett?“ „Eine Schlange?“ rief Hopfgarten raſch. „Nun— nicht ganz— das fehlte auch noch— eine Wanze.“ „Hahahahaha!“ brach aber jetzt der kleine Mann, der ſich nicht länger halten konnte, in ein ſchallendes Gelächter aus— „hahahahaha! das iſt göttlich; das iſt himmliſch.“ „Nun lieber Hopfgarten,“ ſagte von Benkendroff, ſelbſt ein wenig pikirt über dieſe unzeitige, wie ungerechtfertigte Fröh⸗ —— 149 lichkeit—„wenn Sie eine ſolche Averſton vor Wanzen hät⸗ ten wie ich, würden Sie nicht darüber lachen. Aber das iſt noch lange nicht Alles— mir wurde ſogar die Zumuthung geſtellt— ich bürge Ihnen mit meiner Ehre für das was ich jetzt ſage— meine Stiefeln ſelbſt zu wichſen und meine Klei⸗ der auszuklopfen— was ſagen Sie dazu? Man verlangte es nicht gerade mit duͤrren Worten von mir, aber es kam Nie⸗ mand der es that, und ich mußte effectiv bei der furchtbaren Hitze im Bett liegen bleiben, bis etwa zwei Uhr Mittags ein Neger, mit einer abominabelen Ausdünſtung herbeigeſchafft werden konnte, den ich von da an für meine häuslichen Bedürfniſſe engagirte und quasi als Bedienten annahm.“ „Sie haben ſchreckliche Sachen erlebt, Benkendroff,“ lä⸗ chelte Hopfgarten—„aber Sie befanden ſich wohl dabei, nicht wahr?“ „Wohl?“ ſagte Benkendroff achſelzuckend,„was man eben wohl nennen kann— ich vegetirte.— Ich habe zugleich ler⸗ nen müſſen eine höchſt widerwärtige ſchleimige Suppe zu eſſen, die mit rothem Pfeffer faſt ungenießbar gemacht, Gumbo heißt und von den Creolen hier als das Delicateſte betrachtet wird, was unter der Sonne exiſtirt. Morgens arbeite ich dann gewöhnlich an meinen Skizzen, an denen ich ſehr fleißig ge⸗ weſen bin, und die nördlichen Staaten bis Kentucky herunter ſchon beendet habe; nach Tiſch folgt, wie heute, ein kleiner Spatziergang, und Abends ſpielen wir regelmäßig unſer Whiſt bei Mr. Bloomfield, dem Schwiegerſohn der alten Frau von Kaulitz, mit dieſer und ihrer Tochter, der Mrs. Bloomfield— 150 einer reizenden kleinen Frau— wozu wir Claret mit Eis trinken.“ „Und ſeit Sie hier in Amerika ſind, thun Sie das?“ rief Hopfgarten wirklich erſtaunt aus. „Seit ich hier bin,“ beſtätigte der Baron. „Und kehren jetzt nach Deutſchland zurück?“ „Wenn ich nicht bis dahin dieſem entſetzlichen Klima er⸗ liege, in etwa drei Wochen, bis zu welcher Zeit Frau von Kaulitz ebenfalls ihre Rückreiſe aufgeſchoben hat; wir werden dann in ein und demſelben Schiff nach Europa überfahren. Und Sie, Hopfgarten— haben Sie das Herumſtreifen hier noch nicht ſatt?— Sie ſind wirklich ein merkwürdiger Menſch, und ich wenigſtens habe Sie noch nie anders, als mit dem Reiſeſack in der Hand geſehn. Lieber Freund, wie um Gottes Willen können Sie ein Land kennen lernen, wenn Sie fort⸗ während wie ein Irrwiſch darin umherfahren, und ſich nie Zeit nehmen, es von einem feſten Punkt aus zu beob⸗ achten.“ „Ihr Vergleich mit dem Irrwiſch iſt vortrefflich, Ben⸗- kendroff,“ lachte der kleine Mann,„ich komme mir manch⸗ mal ſelber ſo vor, noch dazu auf meiner jetzigen Fahrt, von der ich nicht einmal eine Ahnung habe, wohin ſie mich führt. Aber ich muß fort— dort unten läuten ein paar Dampf⸗ boote, und ich weiß nicht, ob das meine mit dabei iſt, das ich nicht gern verſäumen möͤchte.“ „Apropos“— rief ihm Benkendroff nach, als er nach kurzem Abſchied und beiderſeitigem Wunſch einer glücklichen 151— Reiſe der Landung zueilen wollte—„haben Sie denn hier gar Nichts von Henkel und ſeiner kleinen niedlichen Frau ge⸗ hört?— Bloomfield, der Henkel aber unter einem anderen Namen kennen will, quält mich fortwährend, mich darum zu bekümmern, ich habe aber wirklich noch keine Zeit dazu finden können, und Niemand kann mir hier ihre Adreſſe ſagen— gar Nichts gehört?“ „Kein Wort,“ rief Hopfgarten zuruͤck—„ich glaube ſie ſind ſchon wieder nach Frankreich hinüber.“ „Sehr leicht möglich; alſo— à revoir lieber Hopf⸗ garten. Er winkte ihm noch freundlich und ſehr graciös mit ſei⸗ nem weißen geſtickten Taſchentuch nach, und drehte ſich dann langſam um, ſeinen unterbrochenen Spatziergang fortzu⸗ ſetzen.“ Hopfgarten ging indeß, unterwegs noch manchmal den Kopf ſchüttelnd über des ebengefundenen Freundes wunder⸗ liche Weltanſchauung, an Bord des Dampfers, und mit die⸗ ſem noch an dem nämlichen Abend ſtromauf nach Little Rock. Nach ziemlich kurzer und glücklicher Fahrt erreichten ſie die Stadt, und Hopfgarten, der den noch halbwilden Staat Arkanſas mit einem eigenen Behagen betrat, ſuchte dort augen⸗ blicklich den Staatsanwalt auf, mit dieſem Rückſprache zu neh⸗ men, und von ihm zu erfahren, ob er ſelber vielleicht den Burſchen Soldegg kenne. Was er dort übrigens hörte, konnte ihn gerade nicht ſehr über den Erfolg ſeiner Sendung er⸗ muthigen. 15² Der Staatsanwalt kannte jenen Soldegg allerdings recht gut, und zwar als einen ſehr verdächtigen Spieler und ſonſt auch gefährlichen und gewiſſenloſen Charakter, dem aber, trotz aller dann und wann gegen ihn aufgetauchten Anklagen, noch nie etwas hatte bewieſen werden können, obgleich er auch jetzt wieder in eine hoͤchſt fatale Geſchichte im Innern des Landes verwickelt geweſen ſei. Von Hopfgarten, der ſchon die früheren Vorgänge dort aus Fräulein von Seebalds eigenem Munde kannte, erkundigte ſich hier nach dem weiteren Verlauf, und erfuhr, daß Olnitzkis Frau, nachdem die dortigen Squatter ſich geweigert hatten, dem anerkannten Spieler und überhaupt übel berüchtigten Men⸗ ſchen des Erſchoſſenen Eigenthum auszuliefern, Vieh, Feld und Haus, mit Allem was das Letztere enthielt, der noch unmündigen Schweſter wie der kranken Großmutter des von Olnitzki früher erſchoſſenen Riley als Eigenthum hinterlaſſen habe. Die Nachbarn ſollten dabei feſt entſchloſſen ſein, dieſe im Beſitz zu halten und der Staat würde wahrſcheinlich noch in einen unangenehmen Conflikt mit ihnen kommen, da Sol⸗ degg ſelber ſeine vollſtändig gültigen Wechſel und„notes“ klugerweiſe und um weiter Nichts mehr mit der Sache zu thun zu haben, an einen hieſigen Advokaten um einen Theil des Werthes verkauft und— ſoviel er wüßte, nach Memphis in Teneſſee gegangen ſei. Dort ſollte er auch, wie das Gerücht hier ging, heimiſch und verheirathet ſein, mehr aber konnte er ihm ſelber nicht ſagen und ihm nur verſprechen, falls er ſich wirklich wieder hier ſehen laſſen würde, auf ſeines Freundes ————— ———— —— 153 Brief von New⸗Orleans, und eigene Verantwortung den Ver⸗ brecher verhaften und dorthin abliefern zu laſſen. Hopfgarten hatte ſich nun den ganzen Weg ſchon auf einen tüchtigen Streifzug durch das Land gefreut und von Bären⸗, Panther⸗ und Büffel⸗Jagden geträumt, Nächte lang — das Alles ſchwand ihm jetzt wieder unter den Füßen fort, denn mit der friſchen Spur ſeines Wildes vor ſich konnte und wollte er nicht daran denken, auch nur einen Tag unnütz hier zu ſäumen, und den im Land umher Schweifenden viel⸗ leicht wieder durch eigene Schuld ganz aus den Augen zu verlieren. Was aber trieb ihn, den Fremden, raſtlos hinter dem Verbrecher her?— die Sucht nach Abenteuern?— hier in Arkanſas wäre es mehr als irgendwo an deren Heerd geweſen — Rache für den geſpielten kleinen Streich?— er lachte jetzt darüber, wenn er daran zurückdachte. Nein, etwas Anderes ließ ihm nicht Ruh noch Frieden, jetzt mehr als je, wo er noch einem anderen Verbrechen, der doppelten Heirath jenes Nichts⸗ würdigen auf die Spur gekommen— es war der Hand⸗ ſchuh, den er auf dem Herzen trug— Clara's Handſchuh, mit lachendem Munde, im Scherz damals gegeben und genom⸗ men, und jetzt ſeinem Herzen, er brauchte ſich kein Hehl dar⸗ aus zu machen, ein heilig Pfand, das einzulöſen er ſich ſelbſt geſchworen hatte, und wenn ſein eignes Leben den Einſatz zahlen müßte. Von Hopfgarten war ein eigenthümlicher Charakter; aus einem wackeren Geſchlecht, mit noch dem alten edlen, etwas aben⸗ teuerlichen vielleicht, aber treuen ehrlichen Blut in ſeinen Adern, 154 wäre er vielleicht, hätt' ihn ſein Schickſal in eine andere Bahn geworfen, ein wackerer Feldherr, ein unerſchrockener Entdecker geworden; ſo, auf ſich ſelber angewieſen, zu Hauſe in Wohl⸗ leben, ja Reichthum erzogen, mit allen Wünſchen, kaum aus⸗ geſprochen ſchon erfüllt, lebte er ziemlich ſorglos in den Tag hinein, beſuchte die Univerſität und ritt und jagte, als er dieſe verlaſſen, reiſte in Bädern umher, und ſuchte die Zeit nach beſten Kräften eben durchzubringen. Aber ſeinem beſſe⸗ ren Selbſt genügte das zuletzt nicht mehr; an eine Heirath hatte er nicht gedacht, und ſehnte ſich zuletzt etwas Anderes zu ſehn und zu erleben, als eben nur das monotone Einerlei der faden haute volée mit ihren, in ihrem Kreislauf immer wiederkehrenden ſogenannten Vergnügungen, die er ſatt bekam. Er ſah Italien und Griechenland, ſah Spanien, Schweden und Norwegen, reiſte in Frankreich und England, und wieder und wieder Schiffe treffend, deren geblähte Segel gen Weſten zogen, und mit überdieß nicht vielmehr Neuem in Europa auf⸗ zuſuchen, faßte er den Entſchluß, wie er eben im letzten Jahr zum zweiten Mal Italien beſucht, Amerika zu ſehen, einmal etwas Anderes doch, als ihm die alte Welt mehr bieten konnte. Dort wirkten friſche Kräfte auf einem Boden, den die Natur noch unentweiht gehalten, ein junges Volk wuchs und gedieh an jenem Strand, und Tauſende und Tauſende von Deutſchen zogen dort hinüber, den Druck des alten Vaterlandes abzuſchütteln und ſich die neue Heimath, den neuen Heerd„über dem Waſſer drüben“ zu gründen— s war immer der Mühe werth das einmal mit anzuſehn. 155 Mit einem, für das Schöne empfänglichen Herzen, in⸗ tereſſirte ihn zuerſt an Bord das liebe, bildſchöne, freundliche Antlitz der jungen Frau Henkel, während ihr heiteres offenes Weſen ihn, je länger er mit ihr zuſammen war, deſto mehr feſſelte und anzog. Ein ganz neues Gefühl wurde in ihm wach— ein Gefühl des Wohlbehagens in ihrer Nähe und Geſellſchaft, ohne daß er einer Urſache deshalb nachgedacht. Er hatte ſich auch wieder von ihr, wie von den andern Reiſe⸗ gefährten, leicht getrennt, im ſorgenfreien Herz nur eben eine liebe Erinnerung mehr mit weiter tragend. Erſt als er Hen⸗ kels Bubenſtreich erfuhr, und Mitleid jetzt, zuſammen mit dem Wunſch, das arme, ſo ſchändlich und bübiſch verrathene Weib an jenem Elenden zu rächen, ihm wieder das alte Bild her⸗ auf beſchwor— als ihm die Möglichkeit ſich zeigte, das We⸗ ſen, das er bis jetzt nur im Beſitz eines Anderen gekannt, frei von dieſen Feſſeln, mit jenen Schranken fortgethan zu ſehn, da wurde er zu ſeinem eigenen Erſtaunen ſelber erſt gewahr, daß das, was er im Anfang nur für reines Rechtlichkeitsge⸗ fühl, für jenen Drang gehalten, der Schwachen, Unterdrück⸗ ten beiſtzuſtehn, nicht ganz ſo frei von Eigennutz mehr ſei. Noch kämpfte er freilich dawider an; das alte roman⸗ tiſche Gefühl, gegen das er, mancher nicht eben angenehmer Erfahrung wegen, begann mistrauiſch zu werden, konnte ihn hier wieder auf ein Feld verlocken, auf dem er keinen Boden für ſich fand. Er malte ſich vielleicht Manches jetzt im Dun⸗ keln mit allem Fleiß und Eifer aus, das, wenn er es am hel⸗ len Tage beſah, dem nachher lange nicht entſprach, was er er⸗ . 1 —————;—P——ꝛ—ꝛ————— — /—-—kvp —— 156 wartet. Er fing überhaupt an praktiſcher zu werden in Ame⸗ rika; die Luft hatte Einfluß auf ihn— oder auch die Koſt— jedenfalls behielt er kaltes Blut genug, ſich ſelbſt vor irgend einem unbedachten Streiche zu warnen— bis er den alten Herren Dollinger auf der Straße traf und von dieſem erſt er⸗ fuhr wie furchtbar, wie entſetzlich mit kaltem, überlegten Blut von jenem Buben das Glück des Kindes gemordet worden— bis er ſie ſelber wiederſah— freilich nicht mehr das junge blüͤhende lachende Weib mit den klaren, treuherzigen und doch ſo ſchelmiſch blitzenden Augen. Großer Gort, welche Ver⸗ änderung waren wenige Monate im Stande geweſen hier her⸗ vorzubringen, und doch wie engelſchön, wie lieb und rein ſtand ſie da wieder vor ihm. Da— in dem Augenblick war es ihm, als ob ſein Schickſal für ewige Zeiten beſtegelt worden, und bei der Thräne, die in der Armen Auge blitzte, und ſchwer und langſam über die bleiche Wange rollte, ſchwor er es ſich, ſie nicht allein zu rächen, ſondern auch von den Banden, die ſie an den Verbrecher noch ketteten, zu befreien— und mit dem Schwur war eine eigene, wunderbare Ruhe in ſein Herz ein⸗ 3 gekehrt. Er hatte ein Ziel gefunden, dem er zuſtreben durfte — ſein Leben lag nicht mehr wild und planlos vor ihm— er konnte noch glücklich werden— konnte vielleicht ein Weſen dem Leben wieder geben, das Gott ja ſelbſt für deſſen ſchönſte Sonnenzeit beſtimmt und mit ſeinen herrlichſten Gaben ge⸗ ſchmückt und überdeckt hatte. Er war ein anderer Menſch ge⸗ worden, beſſer nicht— doch fröhlicher, heiterer uud feſter wie bisher, und was an friſcher Kraft in ihm geſchlummert, und 8 ——— 8 —— —— 157 nur noch wild und regellos aufgewuchert war bis jetzt, das lenkte dieß Gefühl zu feſtem Plan, und Hopfgarten war, ſeit er New⸗Orleans zum zweiten Mal verlaſſen, nicht allein ein anderer Menſch— er war ein Mann geworden. Nach Memphis in Teneſſee zurück ging an demſelben Abend noch ein anderes, von Fort Gibſon niedergekommenes Boot, auf dem er denn auch, ohne weiteren Zeitverluſt, Paſſage nahm, und den vierten Tag die am Miſſiſſippi auf hohem ſteilem Ufer liegende Hauptſtadt des Staats erreichte. Vergebens blieb aber hier ſeine Nachforſchung nach einem Soldegg oder Henkel. Niemand kannte den Namen, hatte ihn je gehört, und der Staatsanwalt wieder, an den er ſich auch hier wandte, meinte ſelber achſelzuckend, es wäre mehr als wahrſcheinlich, daß ein ſolcher Burſche in den verſchiede⸗ nen Staaten auch verſchiedene Namen hätte. Uebrigens paßte 2 ſeine Beſchreibung ziemlich gut auf einen jungen Mann, der eine Zeitlang, allerdings verheirathet, in Memphis gelebt, faſt anderthalb Jahr abweſend und vor wenigen Wochen, wie er ausgeſagt, von einem Zug nach den Felſengebirgen im In⸗ tereſſe des Pelzhandels zurückgekehrt war. Dieſer hieß Hol⸗ wich, war freilich ein Amerikaner, ſprach aber vollkommen gut deutſch und ſollte ſich jetzt, vor acht Tagen etwa, mit ſeiner Frau auf einem ſtromaufgehenden Dampfboot— wohin, wußte natürlich Niemand— eingeſchifft haben. Zu ſpät— Hopfgarten, der keinen Augenblick zweifelte, daß er auf der richtigen Spur ſei, war außer ſich, denn wohin um Gotteswillen, ſollte er ihm jetzt in dem ungeheuern Lande 158 folgen, wo er nicht einmal mehr den Namen hatte ihn zu leiten. Und doch war die Möglichkeit da, daß der Verbrecher, ſo lange er mit der Frau zuſammenblieb, ſchon dieſer gegenüber wenigſtens den Namen, den ſie jetzt führte, beibehalten mußte, aber damit konnte er freilich den Ohio nach Oſten oder den Miſſouri nach Weſten, oder den Miſſiſſippi nach Norden, wie in alle die kleinen unzähligen Nebenſtröme eingegangen ſein, die in dieſe Hauptkanäle des mächtigen Reiches mündeten. Ein anderer als Hopfgarten hätte die Verfolgung auch wirklich in Verzweiflung aufgegeben, er aber verlor den Muth noch nicht. Der Zufall, der ihn ſchon einmal mit dem Verbrecher zuſammengebracht, konnte ihm wieder günſtig ſein, und war nicht am Ende ge⸗ rade Vincennes der rechte Platz, ihn wieder aufzufinden. Und doch auch nicht, denn dort, unter dem Namen Soldegg gekannt, durfte er ſich nicht als Holwich niederlaſſen. Nach reiflichem Ueberlegen beſchloß er endlich, vorher nach dem Oſten zu gehn und New⸗York und Philadelphia zu beſuchen, ob er dort keine Spur des Geſuchten fand, dann aber jenen Theil des weſt⸗ lichen Landes noch einmal zu durchſtreifen und Lobenſteins zugleich dabei aufzuſuchen; wer wußte, ob dieſe ihm nicht Aus⸗ kunft geben konnten. Er war einmal unterwegs— wohin, blieb ſich ja doch am Ende gleich. 1 3 Capitel 6. In Indiana. Auf Lobenſteins Farm herrſchte ein reges, geſchäftiges Leben und Treiben—, das große Maisfeld war beſtellt, und ſtand in voller Blüthe mit den hohen, faſt tropiſch ausſehen⸗ den Stengeln und den wehenden Blättern, das Haus beendet, was wenigſtens die äußeren Wände und Dielen und Fenſter betraf, und eine Menge Hände waren jetzt noch beſchäftigt es im Inneren ſo warm und wohnlich als möglich zu machen, dem nächſten Winter, der in den nödlichen Staaten oft ziem⸗ lich heftig auftritt, ruhig die Stirn bieten zu können. Eduard hatte es dabei übernommen, die ſchon getünchten Stuben aus⸗ zumalen, und wurde hierin von einem anderen Herrn, einem früheren Reiſegefährten, und zwar Niemand Anderem, als dem Dichter Theobald, freundlich unterſtützt. Theobald war nämlich viele Monate lang im Lande umhergezogen ein paar„ſehr tüchtige Manuſcripte“ an den 160 Mann zu bringen; obgleich er aber St. Louis und Cincinnati, Milwaucki, Buffalo und Pittsburg beſucht, und dort überall deutſche Druckereien, deutſche Zeitungen, auch überall Leute gefunden hatte, die ſeine Manuſcripte in ihren Journalen ab⸗ drucken wollten, wobei in Milwauki nicht einmal das aboli⸗ tioniſtiſche ausgenommen worden, was die übrigen ſaͤmmtlich zurückgewieſen, fiel es doch keinen der Herrn Redakteure ein Geld, baares Silber, für eine Sache auszugeben, die ſie eigentlich noch bequemer ſchon in deutſchen Blättern und Büchern fanden— Stoff nämlich ihre Zeitſchriften zu erhal⸗ ten, und ihrem Leſerkreis„Futter“ zu bieten. Das wenige Geld was der junge Dichter mit nach Ame⸗ rika gebracht, ging dabei bös auf die Neige; er hatte allerdings einmal eine Art von verzweifeltem Verſuch gemacht, wirklich zu arbeiten, und war zu dem Zweck von Cincinnati aus hinausgegangen, wo an der nächſten Eiſenbahn gegraben wurde; aber lieber Gott, das hielt er von Morgens, Tages⸗ anbruch an, eben bis zum Frühſtück aus, und zog ſich unter dem Geſpötte der übrigen Arbeiter, meiſt Deutſchen und Iren, während er dem Baas oder Aufſeher noch ſogar ſein Frühſtück zahlen mußte und nicht einmal die geleiſteten Schaufeln voll Erde in Abrechnung bringen durfte, mit großen Blaſen in den Händen vorſichtig nach Cincinnati, zurück. Soviel hatte er dabei gelernt, daß er für ſchwere Arbeit nicht tauge, und wenn man ihm auch, beſonders in Cincinnati, einige leichtere Beſchäf⸗ tigungen antrug, ſo ſträubte ſich ſein literariſcher Stolz dage⸗ gen, z. B. Zeitungen auszutragen, die er das Bewußtſein in ſich 161 fühlte ſelber redigiren zu können, oder mit einem Bücherpacket durch's Land zu ziehn und zu kolportiren. Er betrachtete die „fliegenden Buchhändler“ überhaupt als eine Entwürdigung des Standes, als einen ungeſunden wilden Auswuchs deſſelben, das ganz abgerechnet, daß es kein Spaß und Vergnügen war, einen ſo ſchweren Bücher⸗Packen fortwährend auf dem Rücken herumzuſchleppen. Da hörte er in Eincinnati ganz zufällig, daß ſich eine deutſche Familie, die mit dem nämlichen Schiff herüber ge⸗ kommen wäre in dem er gelandet, nicht weitzvon dort, in In⸗ diana, niedergelaſſen, und der Beſitzer der dortigen Farm, ein Profeſſor, neulich einmal bei ſeiner Anweſenheit in Cincinnati geäußert habe, er wünſche gern einen jungen Mann bei ſich zu haben, der mit der Feder umzugehn verſtünde, und dem er manche zu arbeitende, und ſich auf die agrariſchen wie Agri⸗ cultur-Verhältniſſe des Landes beziehende Aufſätze dictiren möchte. Das war ein Vorſchlag zur Güte, wenigſtens dort vielleicht, ohne genöthigt zu ſein, ſelber Geld auszugeben, das Land etwas mehr kennen zu lernen und ſich beſonders mit der Sprache, deren Kenntniß ihm noch ganz abging, vertraut zu machen. Verſtand er erſt einmal Engliſch, und war er im Stande in dieſer Sprache zu ſchreiben, ſo brauchte ihm für ſeine weitere Exiſtenz nicht bange zu ſein; ſein Talent brach ſich dann ſchon von ſelbſt die Bahn, und der Name Theobald ſollte noch hoffentlich in der Engliſchen Literatur einen guten Klang bekommen. Von Lobenſteins war er auch freundlich aufgenommen Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 11 162 worden, und nach den erſten Tagen im Haus, während dem er allerdings Nichts weiter that, als den regelmäßigen Mahl⸗ zeiten eben ſo regelmäßig beizuwohnen, ſchwärmte er Natur, und ließ ſich von dem Profeſſor deſſen Ideen über die noth⸗ wendigen Verbeſſerungen im Amerikaniſchen Landbau mitthei⸗ len, die dieſem ſo am Herzen lagen, daß er ſich ſelbſt um den Bau des eigenen Hauſes wenig kümmerte. Trotz anderen ſehr drängenden Arbeiten hatte er es denn auch für unum⸗ gänglich nöthig gehalten jetzt, mit Theobald's Hülfe— denn ſein Sohn Eduard war nicht dazu zu bringen— eine Arbeit zu beginnen, von der er ſich einen bedeutenden Er⸗ folg verſprach, und während draußen im Feld bezahlte oder vielmehr zu„bezahlende“ Leute den Mais pflanzten und die Furchen umackerten, die Fenzen herſtellten, und neues Land, zur Vergrößerung der Felder, urbar machten, ſtreifte Eduard im Wald umher, Eichhörnchen und kleine Rebhühner, manch⸗ mal auch ein Haſelhuhn zu ſchießen, von denen es ziemlich viele in der Gegend gab, und ſaß der Profeſſor mit Theobald in ſeinem kleinen Blockhäuschen, das er ſich zur„Studirſtube“ eingerichtet, und theoriſirte über das, was draußen in der Wirk⸗ lichkeit und auf ſeine Koſten vorging. Ddieſes„Werk“ war aber jetzt ebenfalls beendet, und lag druckfertig, für die deutſche Schnellpoſt in New⸗York be⸗ ſtimmt, im Kaſten, während der Profeſſor an einem neuen Plane über die unpraktiſche Conſtruktion der Amerikani⸗ ſchen Pflüge arbeitete— auf ſeinem Felde wurde noch immer mit ſelbſt mitgebrachtem, deutſchen Ackergeräth ge⸗ pflügt. The bald beſchäftigte ſich indeß, zu keiner anderen Ar⸗ beit angehalten, in Haus und Umgegend nach eigenem Gefal⸗ len, half Ed ard, wenn dieſer nicht mit der Flinte im Walde war, einem neulich einmal geſehenen Hirſche nachzuſtellen, die beabſichtigten Wohnzimmer mit höchſt mittelmäßigen Blumen und Fruchtguirlanden zu bemalen, und hatte ſelber auf eigene Hand an dem nächſten, und noch zur Farm gehoöͤrigen Hügel⸗ hang, die Anlage eines kleinen Luſthäuschens begonnen, wozu ihm aber auch noch ein anderer Arbeiter beigegeben werden mußte, da er ſelber nicht im Stande war, mit der Art ſoweit umzugehn, einen ordentlichen Baum zu fällen. Die Frau Proofeſſorin arbeitete dagegen in Wirthſchaft und Feld, ſich um Verbeſſerungen für den Augenblick wenig kümmernd, und immer nur bedacht, das Nöthigſte herbeizu⸗ ſchaffen und in Stand zu halten, aus allen Kräften, und oft über ihre Kräfte, denn mit der Beſorgung des Viehs und dem Waſchen für ſo viele Menſchen, hatte des Webers Frau ſchon ohnedieß genug zu thun. Während Anna alſo, von der Mutter und jüngſten Schweſter dabei redlich unterſtützt, dem Hausweſen oblag, die Küche und das„Innere Miniſterium“, wie ſie es ſcherzweiſe nannten, beſorgte, hatte Marie, neben dem fatalen Scheuern der Gefäße, das„Miniſterium des Aeußeren“— das heißt das Melken der Kühe und Füt⸗ tern der Schweine, das Jäten und Hacken im Garten(von Anna, und zeitweiſe ſogar Eduard dabei unterſtützt) das Aufkehren des Hofplatzes und die Oberaufſicht über ſämmtliche Hühner und ihre Neſter— ein höchſt ſchwieriges Geſchäft in 112 164 Amerika, wo die Hühner ebenfalls, nach einem ziemlich un⸗ abhängigen Charakter ihre Neſter hinmachen, wo es ihnen gefällt, bald in der Maisſcheuer, bald unter einen Heuſchober, bald hinter einen Buſch im Wald draußen, und tauſend Liſten und oft Indianiſcher Scharfſinn dazu erforderlich waren, ſie herauszubekommen. Die Hühner ſpielten überhaupt eine nicht unbedeutende Rolle im Verwaltungsrath, nicht allein ihres Ertrags, ſon⸗ dern auch ihres Beſten wegen, indem ſie der erſte Zankapfel— allerdings nur im freundſchaftlichſten Sinne— zwiſchen den verſchiedenen Departements wurden. Der Garten hatte nämlich noch keineswegs mit einer ſolchen Einſchließung verſehen werden können, dieſem überaus geſchäftigen und neugierigen Geflügel den Eingang nach allen Seiten zu wehren. Die Front nach dem Hofraum zu umzog allerdings ein mit zugeſpitzten Hölzern wohlgefertigtes Staket, was die erſten Tage auch vollkommen genügte den, oft ſehn⸗ ſüchtig danach hinaufſchauenden Hühnern zu imponiren; dieſe fanden jedoch nirgends einen Anhaltepunkt darauf, auf dem ſte hätten ruhen und drüben hinabſchauen oder fliegen können, und ſie blieben deshalb unten. Das dauerte aber gar nicht lange.— Ein alter Hahn, den ſie von einem Nachbar mit ſechs geſprenkelten vorzüglich ſchönen Haubenhühnern gekauft, hatte jedenfalls mit ſolchen Staketen ſchon mehr Erfahrung 4 und beſtand darauf, die Grenzen deſſelben kennen zu lernen. Dieſer Trieb füͤhrte ihn um die nächſte Ecke, und ſein lautes Krähen verrieth bald dem ganzen Hofſtand die glückliche Ent⸗ deckung eines Eingangs, in das bis jetzt verbotene Para⸗ dies. Von dem Augenblick an waren die Hühner nicht mehr aus dem Garten zu halten, und als ob ſie die Flecke ſelber gewußt hätten, brauchte der Profeſſor nur irgend eine neue Bohne oder Erbſe oder irgend einen anderen Saamen, mit dem er Verſuche anzuſtellen wünſchte, zu ſtecken, und durfte ſich dann auch feſt darauf verlaſſen, daß die Hühner in der nächſten Stunde ſchon nachgeſehn hatten, ob noch Nichts auf⸗ gegangen; kam er wieder dorthin, fand er den Platz umwühlt und zerkratzt, und keine Spur mehr von dem Saamen. Er beſtand jetzt darauf, die Hühner ganz abzuſchaffen; die aber hatte Marie unter ihre beſondere Protection genommen, und mit dem Nutzen, den ſie dem ganzen Hausſtand durch ihre Eier und dem zarten Fleiſch der jungen Hähne brachten, ſchlug ſich die ganze übrige Familie auf ihre Seite. Marie verlangte ihrerſeits eine ordentliche Umzäunung um den gan⸗ zen Garten, es den Hühnern gleich von vornherein unmöglich zu machen in den ihnen verbotenen Platz einzudringen, von den Arbeitern konnte aber in dieſer Zeit Niemand mehr ent⸗ behrt werden— Theobalds Luſthäuschen war noch nicht einmal fertig— und der Profeſſor wurde jetzt oft Morgens früh, in Schlafrock und Pantoffeln, in dem linken Arm einen ganzen Haufen voll Steine und Stücken Holz entdeckt, wie er mit merkwürdigen Sprüngen hinter den kakelnden und wieder ein⸗ mal auf friſcher That ertappten Flüchtlingen herſprang, und ſie nach dem vorderen Staket zuzutreiben ſuchte, dort wenig⸗ 166 ſtens ein Opfer als abſchreckendes Beiſpiel zu erlegen. Dem aber begegnete Marie denn immer auf das Entſchiedenſte und öffnete gewöhnlich den in die Ecke getriebenen und ſchreiend am Staket mit geſpreitzten Flügeln auf und abflatternden Lieb⸗ lingen die kleine Gartenthür, aus der dann der Vater ſeine Wurfvorräthe ziemlich erfolglos hinter ihnen dreinſchleuderte. Ein Abkommen hierüber wurde endlich ſo weit getroffen, daß der Profeſſor erklärte, die Hühner auch noch ferner, aber nur unter der Bedingung dulden zu wollen, wöchentlich zweimal gebratene Hähnchen auf ſeinem Tiſch zu ſehn— an denen konnte er ſeinen Grimm dann auslaſſen. Jedes der Kinder hatte ſeine eigenen Hühner bekom⸗ men und ihnen auch beſondere Namen gegeben, an Schlacht⸗ tagen waren aber die Lieblingsthiere gewöhnlich auf die räth⸗ ſelhafteſte Weiſe verſchwunden, um nach Tiſch wieder unbefan⸗ gen und munter, als ob Nichts geſchehen ſei, zum Vorſchein zu kommen. Die Familie war indeſſen ſchon zum Theil in das neue Haus eingezogen, wo ihre guten Meublen beſonders luftige⸗ ren und beſſeren Platz hatten, als in dem alten. Eduard und Theobald ſchliefen aber noch in dem letzteren, wo auch Eduard begonnen hatte, eine Quantität von abgeſtreiften Vogelbälgen aufzuſtellen, deren Herbeiſchaffung und Completirung er ſich ungemein angelegen ſein ließ. Theobald wünſchte ihn darin allerdings zu unterſtützen, und ging einige Mal ſelber mit der Flinte in den Wald, richtete aber dabei nur Unheil an, und mußte es endlich aufgeben. — Das erſte Mal hatte er ſich nämlich, obgleich kaum fünf⸗ hundert Schritt von dem Haus entfernt, ſo gründlich verlau⸗ fen, daß er fünf Meilen von der Farm entfernt an den Ohio kam, und von einem dort wohnenden Anſiedler, mit Beigabe eines Führers, zurückgeliefert werden mußte. Das zweite Mal ſchoß er eine von Lobenſteins Kühen, die hinter einem Buſch geſtanden, als er einen blauen Heher zu erlegen hoffte, und das dritte Mal ging ihm das Gewehr von ſelber los— wie war nie aus ihm herauszubekommen— und nahm ihm die Spitze des kleinen Fingers an der linken Hand mit fort, wo⸗ nach er den Arm vierzehn Tage in der Binde trug. Weſentliche Dienſte leiſtete ihnen jedoch ein anderer junger Deutſcher, auch ein früherer Zwiſchendecks⸗Paſſagier der Haid⸗ ſchnucke, der ſich dem Profeſſor als Ackerknecht angeboten hatte, den hieſigen Landbau von Grund aus kennen zu lernen, und nun mit einem Fleiß dem oblag, der manchen ſeiner weit ſtär⸗ keren Mitarbeiter hätte beſchämen können. Es war unſer alter Bekannter, der junge Georg Donner, der, mit zu wenig Vertrauen zu ſich ſelbſt, als Arzt hier in Amerika auf eine Weiſe aufzutreten, wie es faſt nöthig ſchien, Patienten, d. i. Kunden zu erwerben, den beſchwerlicheren, aber ſicherern Weg vorzog, von der Pike auf, auf einer Farm zu dienen, und dann mit der kleinen Baarſchaft, die er noch bis jetzt unberührt von Deutſchland mitgebracht, ſelber ſeinen eigenen Heerd zu gründen. Sein Lieblingswerkzeug war dabei die Amerikaniſche Axt, zu deren Anſchaffung ſich der Profeſſor endlich, aber erſt nach langem Zögern, entſchloſſen hatte, während er ihr immer noch unverdroſſen ihre Vorzüge vor der deutſchen abſprach. Georg Donner hatte ſchon eine gewiſſe Fertigkeit in ihrem Gebrauch erlangt, und wurde deshalb auch nicht allein der Hauptlieferant alles Feuerholzes in die Küche, ſondern begann auch, wie das Feld beſtellt war, mehr Wald zu lichten, und die kleinen Bäume zu fällen und in beſtimmte Längen zu hauen. Der Profeſſor wollte nämlich im Herbſt eine eigene Sägemühle anlegen, und nicht allein ſein Nutzholz in Breter und Planken verwandeln, ſondern auch noch Fenzriegel ſpalten, und ſein Feld vergrößern. So zuverſichtlich Theobald dabei auftrat, der eigentlich gar Nichts that, und, des Webers Meinung nach, nur„zur Verzierung“ im Haufe ſaß, ſo ſchüchtern und beſcheiden hatte ſich Georg von der Familie überall zurückgezogen, wo dieſe ihn nicht ſelber und faſt mit Gewalt ſich näher führte. So war er nur mit großer Mühe dahin zu bringen geweſen, ihren Mittags⸗ und Abendtiſch zu theilen— das Frühſtück wartete er nie im Hauſe ab, ſondern beſtand im Anfang darauf, mit den übrigen Leuten, mit denen er in Lohn und Arbeit auf gleicher Stufe ſtand, auch den Tiſch gemeinſam zu haben. Die Frauen hatten den jungen Mann aber, ſeines beſcheidenen ordentlichen Betragens, wie ſeines muſterhaften Fleißes we⸗ gen, bei dem er immer noch Zeit fand, ihnen in einer Menge von Sachen beizuſtehn und zu helfen, viel zu lieb, das zu dulden, und Georg mußte mit„im Hauſe“ eſſen, während die Weberfamilie mit den übrigen Arbeitern„in der Küche,“ wie ihr Blockhaus genannt wurde, tafelte. 169, Der Profeſſor ſelber vertrug ſich aber am wenigſten mit dem jungen Mann, der ſeinen Theorieen gar nicht folgen wollte, und die geringſte praktiſche Erfahrung, ob ſie alles Andere über den Haufen ſtieß, höher ſchätzte, wie ſämmtliche Combinationen des gelehrten Mannes. Dieſer gab ihm da⸗ für freilich auch oft zu verſtehen, wie er ſeine ganze Lebens⸗ zeit daran geſetzt habe das zu ergründen, was er jetzt als Re⸗ ſultat gewonnen, und ſich ſeine Syſteme nicht von einem jun⸗ gen Menſchen werde über den Haufen ſtoßen laſſen, der eben erſt die Naſe in die Oeconomie hineinſtecke, und ſtatt jetzt zu lernen, und die Gelegenheit zu benutzen, einen tüchtigen Lehr⸗ meiſter gefunden zu haben, überall klüger ſein und Alles beſ⸗ ſer wiſſen wolle. Georg hütete ſich dabei auf das Sorgfäl⸗ tigſte ihm irgend etwas anzufechten, was nicht mit der Ver⸗ beſſerung des Platzes im unmittelbarſten Zuſammenhang ſtand; da aber ſuchte er, von dem Weber meiſt auf das Feſteſte un⸗ terſtützt, ſeine Meinung geltend zu machen und war auch der Einzige der, trotz allen Einreden des Profeſſors, mit einem Amerikaniſchen Pfluge arbeitete. Nur dadurch hatte er den ge⸗ lehrten Mann bewegen können, es zu geſtatten, die eSache als ein Experiment zu betreiben. Mit Theobald vertrug er ſich am allerwenigſten; er wollte das Luſthaus nicht gebaut, wenigſtens keinen beſonderen Ar⸗ beiter dazu verwandt haben, ſo lange ſie noch nicht einmal eine ordentliche Scheune für ihr Getreide, keinen Stall für ihr Vieh, und kein Holz gefällt hatten eine kleine Mahlmühle am Bache zu errichten, wozu der Profeſſor ſchon den Plan 2470 entworfen, und die ſie nöthiger brauchten als ein Luſthaus; Theobald dagegen nannte ihn einen„rein materiellen Men⸗ ſchen,“ der fortwährend nur an Kühe und Schweine und leibliche Nahrung dächte, ohne dem Geiſt und deſſen Ruhe einen einzigen Sonnenblick zu gönnen.“ Eduard war aber der Einzige von Allen, der ihn wirklich nicht leiden konnte, weil er ihn ſelber ſtets zu ordentlicher Ar⸗ beit zu drängen ſuchte und alles Andere Spielerei nannte, was nicht darauf hinwirkte ihr nächſtes Ziel zu erreichen. So ſtanden die Verhältniſſe auf der„deutſchen Farm“ wie ſie von den benachbarten Amerikanern jetzt ihren feſten Namen bekommen, als Hopfgarten, der indeß einen vergeb⸗ lichen Streifzug durch die ganzen öſtlichen Staaten bis Phi⸗ ladelphia, New⸗York und Boſton gemacht, im July endlich wieder nach Indiana kam, nach New⸗Orleans zurückzukeh⸗ ren. Soldegg ſchien in den Boden hinein verſchwunden, ſo gänzlich hatte er ſeine Spur verloren, und obgleich er meh⸗ rere Paſſagiere der Haidſchnucke, beſonders von dem Israeli⸗ tiſchen Theil derſelben im Norden angetroffen, und es an Er⸗ kundigungen nicht hatte fehlen laſſen, war doch Niemand von Allen im Stande geweſen, ihm auch nur den geringſten Fin⸗ gerzeig zu geben. Manche derſelben hatten als Pedlar oder wandernde Krämer den größten Theil des Landes durch⸗ zogen, und wiederum ihrerſeits von vielen alten Reiſe⸗ gefährten gehört, die, nach allen Richtungen auseinander geſtreut, bald hier bald da ſich niedergelaſſen oder in Arbeit ſtanden, aber über Herrn Henkel wußte ihm Niemand Aus⸗ ——— 171, 8 kunft. Das Beſte was Hopfgarten in dieſem Fall glaubte thun zu können war, die ungeſunde Jahreszeit für New⸗Or⸗ leans(den Herbſt von Auguſt bis Ende September oder An⸗ fang October) noch auf eine kleine Reiſe nach den wunder⸗ ſchönen nördlichen Seeen zu verwenden, und dann von den Fällen des Miſſiſſippi im Spätherbſt nach New⸗Orleans zurück⸗ zukehren, wohin ſich, als der guten Saiſon, der bis dahin wohl ſicher gewordene Verbrecher jedenfalls einmal begeben würde; daß er ihm dann nicht wieder wie in Vincennes eine Naſe drehte, ſollte ſeine Sorge ſein. Wie herzlich er von Lobenſteins empfangen wurde, läßt ſich denken; der Freuderruf, daß er da ſſei, ging über den ganzen Platz, und Marie, eben mit der wichtigen Arbeit be⸗ ſchäftigt die Kühe zu melken, ließ für den Augenblick Alles ſtehn und liegen und lief ihm entgegen, ihm die Hand zu ge⸗ ben, und nach Briefen und Nachricht von Clara zu fragen. An ein flüchtiges Durchreiſen durfte er auch, wie ihm von Allen gleich verſichert wurde, gar nicht denken, denn einige Zeit wenigſtens mußte er bei ihnen bleiben; ſie hatten ihn ſoviel zu fragen, ihm ſoviel zu erzahlen, das ließ ſich in einer Woche gar nicht abmachen, dazu brauchte es Monate. Der kleine Mann lächelte dem herzlichen Willkommen freundlich entgegen; es that ihm wohl, wieder einmal nach dem langen Umherſtreifen zwiſchen lauter fremden, gleichgül⸗ tigen Menſchen, liebe bekannte Geſichter zu ſehn, die ſich nicht verändert hatten in der langen Zeit und ihm die Hand noch eben ſo herzlich drückten wie vordem. Er ſelber aber hatte 172 ſich verändert— ſehr verändert— er war nicht mehr der fröh⸗ liche, ſtets lachende, zu Luſt und Laune ſtets aufgelegte Jung⸗ geſell, der er auf dem Schiff, wie nach ſeinem erſten Betreten des Landes geweſen; er war geſetzt— er war ernſt geworden, und wo er früher mit den Kindern geſpielt und herumgetobt, nahm er ſie jetzt auf den Schooß, küßte ſie und wehrte ſelber, wenn auch freundlich, ihrem wilden jubelnden Muthwillen ab. Die Mädchen merkten das zuerſt; auch ſein Ausſehn war von dem verſchieden, wie ſie ihn zuletzt geſehn; er war weit magerer geworden, und ſah bleicher aus als früher.— Ihre erſte Frage galt auch ſeinem Wohlſein— ob er krank gewe⸗ ſen?— er verneinte das lächelnd, und ſollte nun vor allen Dingen von Clara erzählen, von der ſie es ſich gar nicht er⸗ klären konnten, daß ſie nicht geſchrieben hatte. Hopfgarten gab darüber im Anfang ausweichende Antworten, als aber am Abend alle übrigen zu Bett, oder wenigſtens ihren verſchiedenen Schlaf⸗ ſtellen zugegangen waren, ſtattete er den ihm mit todtbleichen Wangen und thränengefüllten Augen gegenüberſitzenden Frauen wie dem Profeſſor getreuen Bericht ab über das Geſchehene. Du lieber Gott, ein Abgrund öffnete ſich hier ihren Blicken, ein Abgrund voll Jammer und Herzeleid, wo ſie Glück und Freude vermuthet hatten, und ihre Thränen floſſen dem Schick⸗ ſal der armen Freundin aus vollen, angſt⸗ und grambedrück⸗ ten Herzen. Am andern Tage ging Hopfgarten mit dem Profeſſor über die ganze Farm, die Verbeſſerungen anzuſehn, die ge⸗ macht worden, den wirklich vortrefflich ſtehenden Mais mit ————— 173 dazwiſchen geſteckten Waſſermelonen und Kürbiſſen, zu bewun⸗ dern, und ſeine weiteren Pläne für die Zukunft anzuhören. Der Profeſſor ſchwamm dabei in einem Meer von Wonne; geſtand aber doch dem alten Freund, daß das Leben hier ein ſchmähliches, heidenmäßiges Geld koſte, und der ausbezahlte Arbeitslohn, des Webers Jahrgeld noch nicht einmal gerechnet, faſt ſchon ſein ganzes mitherübergebrachtes Kapital gefreſſen habe. Außerdem hatten ſie dieſes Jahr faſt noch Nichts ge⸗ zogen als Kartoffeln und Gemüſe, und mußten jedes Pfund Mehl nicht allein theuer bezahlen, ſondern auch noch weit herholen, für die vielen Mägen. Hopfgarten machte ihm darüber Vorſtellungen— er hielt, ſeiner Meinung nach, viel zu viel theuere Arbeiter, und trotz⸗ dem ſei eigentlich in der ganzen langen Zeit noch verhältniß⸗ mäßig wenig geſchehn, auf dem Platz. Das Haus ſtand allerdings, wenn auch noch nicht ganz fertig, aber was Hopf⸗ garten bis dahin von Amerikaniſchen Bauten geſehn, ſo war er feſt überzeugt, und ſagte das auch dem Profeſſor, daß or⸗ dentliche Amerikaniſche Arbeiter ihm für denſelben Lohn, wahr⸗ ſcheinlich aber in dem dritten Theil der Zeit das Gebäude, wie es daſtand, aufgerichtet hätten, und daß es wohl recht hübſch ſei Deutſche zu beſchäftigen und ihnen Brod zu geben, wenn man eben das Geld dazu habe, Jeder aber auch ſich ſelbſt der Nächſte ſei, und mit überhaupt ſchwachen Geldmit⸗ teln vor allen Dingen darauf ſehen müſſe, Arbeitslohn zu ſpa⸗ ren und, was man nicht eben gleich ſelber thun könne, noch ein klein wenig ruhen zu laſſen, bis die Zeit dazu komme. 1 —— Der Profeſſor lächelte ſtillvergnügt in ſich hinein, wäh⸗ rend Hopfgarten, die Arme auf dem Rücken, langſam neben ihm her und einen ſchmalen Fahrweg hinſchritt, der hinauf nach dem neuen Luſthäuschen führte. „Mein lieber Herr von Hopfgarten“ ſagte er aber end⸗ lich, als Jener ſchwieg, während er neben ihm ſtehn blieb, und ihm die Hand dabei auf ſeine Achſel legte—„das ver⸗ ſtehn Sie nicht— Sie nehmen mir das nicht übel, aber— das zu beurtheilen, dazu fehlt Ihnen der Ueberblick.“ „Lieber Herr Proofeſſor, ich will mir gar nicht anma⸗ ßen.—. „Nein, nein ich weiß ſchon,“ lachte der Profeſſor, wohl gutmüthig, aber doch auch wieder nicht ganz ohne Schärfe— „Sie behaupten nicht gerade unbedingt, daß Sie recht ha⸗ ben, aber Sie glauben nur, weil Sie ſo viel im Land umher⸗ gereiſt, und ſo vielen Menſchen dabei über die Fenzen in die Felder geſehn hätten, müßten Sie auch nothwendig die Sache aus dem Grunde verſtehn. Laien urtheilen überhaupt ſchnell über ſolche Sachen; es giebt aber wohl kaum ein Fach, oder einen Beruf in der ganzen Welt, der mehr, und faſt alleinig ſo auf Erfahrung baſirt iſt, als gerade die Landwirthſchaft, und wie bei einem künſtlichen Gewebe, ſo einfach und glatt das Ganze ausſieht, die einzelnen Fäden alle ineinanderſchie⸗ ßen und ſich durchziehn, und keines fehlen, oder zur unrechten Zeit darf eingeſetzt werden, ſo müſſen auch in unſerem Fach die einzelnen Beſchäftigungen und Gewerke ganz ſyſtematiſch ineinander greifen, und ſich ergänzen, ſich unterſtützen. Da 175 kann nicht der Eine auf den anderen warten bis der und jener ſeine Arbeit vollendet; wollte der, der Mais gebaut hat, nach⸗ her erſt die Scheune dazu aufrichten, wann würde die fertig werden, und was würde aus dem, indeſſen lang gereiften Mais? Nein, lieber Freund, das gerade tadle ich an den Amerikanern, daß ſie nicht vielſeitig genug ſind, nicht an meh⸗ ren Ecken und Zipfeln zugleich anfaſſen; darum kommen ſie ſo ſelten, wenigſtens ſo langſam zu was; darum wächſt ihnen die Arbeit dermaßen über den Kopf, daß ſie zuletzt vor Angſt nicht wiſſen mehr wohin, und die Axrt dann gewöhnlich in die Ecke, die Büchſe über die Schulter werfen, und in den Wald laufen, wie ſich bei uns Jemand aus Verzweiflung betrinkt. Ich habe die Sache anders angefangen, lieber Hopfgarten,“ ſetzte er, vertraulich und wärmer werdend, und deſſen Arm in den ſeinen ziehend fort,„ich habe die Sache an allen vier Ecken zu gleicher Zeit angegriffen, und während das Aus⸗ roden und Fenzriegelſpalten fortging, als ob ich erſt eine Nie⸗ derlaſſung gründen wollte, beſtellte ein Theil das Feld, ein anderer grub die Stelle aus, wo ich im Herbſt die Mühle hin⸗ ſetzen will, ein dritter ebnete einen Platz für meine, hoffentlich ſchon im nächſten Jahr zu beginnende, und nach den einfach⸗ ſten Principien entworfene Zuckerfabrik, ein anderer baut mir nach einer von mir ſelber erfundenen Conſtruction einen Ofen, Talg und Seife auszukochen, mit denen ich ſchon um Weih⸗ nachten herum einen bedeutenden Export zu bewirken hoffe, und daß wir ſelbſt das Angenehme nicht über dem Nützlichen verſäumt haben“ ſetzte er lächelnd hinzu,„davon mag Sie 176 Eduard überzeugen, der mit dem jungen Theobald hier ſehr fleißig beſchäftigt geweſen iſt eine kleine Stammburg anzu⸗ legen.“ Sie hatten indeſſen wirklich den Platz erreicht, wo von den beiden jungen Leuten eine Art Eremitage, aber mit hohem Balkon und einem ſehr niedlich darüber angebrachten Rinden⸗ dach errichtet war, und Theobald ſich gerade damit beſchäftigte, die letzte Bekleidung von geſchälter Hickoryrinde über die Sitze und das Tiſchblatt zu nageln, während Eduard lange Stan⸗ gen geſchnitten hatte, der Treppe ein feſtes Geländer zu geben. „Wir werden richtig heute noch fertig!“ rief ihnen Edu⸗ ard ſchon von weitem entgegen, und können Morgen zu Ma⸗ riens Geburtstag den Nachmittags Kaffee hier oben trinken— kommen Sie nur einmal herauf, Herr von Hopfgarten, und ſehn Sie ſich die wundervolle Ausſicht an!“ Die beiden Männer kletterten die ſchmale, etwas ſchwanke Treppe hinauf, wo die beiden jungen Leute in der That ein reizendes Plätzchen hergerichtet hatten, daß auf der einen Seite, eine durch die Wipfel geſchnittene Ausſicht nach den Hügeln zu gewährte, und auf der anderen, über das niedere Unterholz weg nach dem flacheren Lande hin zeigte. Im Hintergrund trat dabei noch die breite Lichtung einer Nachbarfarm, mit ihrem großen Viereck von grünem Mais, und den regelmäßig darum gezogenen Fenzen, den kleinen wie ſilbergrau ſchimmernden Gebäuden, und dem gerade und blau daraus aufſteigenden Rauch gar ſo freundlich hervor, und bot einen in der That wundervollen Blick dorthin. 177 „Das iſt recht hübſch— wirklich recht hübſch angelegt“ ſagte Hopfgarten,„und verräth viel Geſchmack— viel Sinn für Naturſchönheit; aber—“ „Und Sie glauben gar nicht was es uns für Müͤhe ge⸗ koſtet hat, die rechten Wipfel und Aeſte zum Ausſchneiden zu treffen,“ unterbrach ihn Theobald,„der Mann, den wir dazu hatten, mußte wohl zwanzig Mal in die verſchiedenen Bäume hinauf, bald da, bald dort noch etwas wegzuſchneiden was, im Anfang verſehen, den ganzen Eindruck geſtört hätte, und ein paar Bäume mußten wir zuletzt ganz fällen, um ſie nur aus dem Weg zu bekommen. Wir haben uns doch über drei Wochen mit dem kleinen unſcheinbaren Ding da herumge⸗ quält.“. „Die Einweihung ſoll aber auch feierlich genug werden; es iſt prächtig, daß Sie gerade ſo zu rechter Zeit eingetroffen ſind“ rief Eduard und wenn ich heute Nachmittag oder Abend noch Glück habe, ſchieß' ich auch den Hirſch, der nun ſchon ſeit über zwei Monaten von den Nachbarn in unſerer Gegend geſehn iſt, und dem ich mehr als zwanzig Mal, immer ver⸗ gebens, zu Gefallen gegangen bin. Ganze Tage habe ich auf dem Anſtand geſeſſen, und einmal hätt' ich ihn beinah bekom⸗ men. Jetzt kenn' ich aber ſeinen Wechſel, und dieſen Abend müßte es mit was Anderem zugehn, wenn er mir nicht vor's Gewehr liefe.“ Die jungen Leute ergingen ſich dann, während ihnen der Profeſſor lächelnd zuhörte, noch in einer Menge von Plänen und Ideen, wie dieſer kleine Platz, den ſie ihr sans souci Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 12 7 nennen wollten, nach und nach zu einem kleinen„Taſchen⸗ paradies“ umgeſchaffen werden ſolle, den Amerikanern in der Nachbarſchaft auch einmal zu beweiſen, wie ſich die Schön⸗ heiten des Landes, nicht nur immer die Ackerkrume, aus⸗ beuten und verwerthen ließe. Hopfgarten, der eigentlich im Sinn gehabt hatte, ſie darauf aufmerkſam zu machen, daß doch wohl jetzt, im erſten Beginn einer Farm, Wichtigeres und Nothwendigeres zu thun bleibe, als auf die Verſchönerung des Platzes zu denken, ſchwieg und hörte ihnen, langſam, aber lange nicht ſelber überzeugt, mit dem Kopfe dabei nickend zu. Der Profeſſor, der ſeine eigenen Verhältniſſe am Beſten kannte, mußte doch jedenfalls auch am Beſten wiſſen, ob er jetzt Zeit, Geld und Menſchenkräfte, drei ſehr wichtige Dinge bei einer neuen Anſtedlung und in Wirklichkeit die drei Hauptadern des Ganzen, darauf verwenden durfte, ſolche— er hatte nicht gleich in ſeinen Gedanken einen anderen Namen dafür— Allotria zu treiben. Während die jungen Leute noch mit ihrem sans souci beſchäftigt blieben, ging der Profeſſor mit Hopfgarten den Weg wieder zurück, und um die Faͤrm herum, auch die ande⸗ ren Arbeiter an ihren verſchiedenen Plätzen zu beſuchen, und kamen zunächſt zu der kleinen Lichtung, wo Georg eben damit beſchäftigt war, mit einem anderen Deutſchen die erſten Pfo⸗ ſten für die beabſichtigte Mühle einzugraben. Die Leute als beiteten hier fleißig und aus allen Kräften, hatten das Holz ſchon ſämmtlich behauen und herbeigeſchleppt, Schindeln ge⸗ ſpalten und aufgehäuft, daß ſie vor der Benutzung nicht faulen 179 möchten und es fehlte nur eben noch am Aufrichten, was ge⸗ rade heute begonnen werden ſollte. „Es iſt mir recht lieb, daß Sie herkommen, Herr Pro⸗ feſſor,“ ſagte Georg nach der erſten Begrüßung und als ſein Principal zu den gegrabenen Löchern getreten war, ihre Tiefe anzuſehn,„das Waſſerrad iſt doch noch nicht fertig, und das Aufrichten können wir in einigen Tagen beenden, ſo woll⸗ ten wir ſie fragen, ob wir die Stützen nicht lieber noch ein wenig weiter hinausrücken dürften; wir haben Schindeln ge⸗ nug und die Querbalken ſind auch noch nicht abgeſchnitten.“ „Weshalb?“ frug der Profeſſor, ſich raſch nach ihm um⸗ wendend. „Mir kommt das Ganze im Innern ein wenig zu eng vor,“ ſagte Georg leicht erröthend. „Ihnen kommt es zu eng vor, lieber Donner?“ wieder⸗ holte der Profeſſor zwar freundlich, doch mit einem leiſen An⸗ flug von Ironie im Ton,„aber ich habe den Plan gemacht und nach ſorgfältiger Berechnung das Angegebene für gut be⸗ funden. Sie haben doch den Plan.“ „Allerdings, aber— „Nun gut, was wollen Sie mehr; richten Sie ſich nur nach dem“. „Ich verſtehe allerdigs nichts von dem Bau,“ ſagte Georg tiefer erröthend,„als was ich eben bei Amerikanern davon ge⸗ ſehn, aber demnach kam es mir vor, als ob der Platz im In⸗ neren zu ſehr beſchränkt würde, noch dazu, da die Mühle für den Sommer ja auch ſo eingerichtet werden ſoll, daß ſie mit 12* Pferdekraft getrieben werden kann. Ueberdies hätten wir nicht einmal weitere Arbeit damit, als jetzt ein paar andere Löcher zu graben, und vielleicht einen einzigen neuen Quer⸗ balken abzuſchlagen, während bei einer ſpäteren Aende⸗ rung—“ „Thun Sie mir den Gefallen, lieber Donner,“ ſagte der Profeſſor ruhig,„ſtellen Sie die Sache auf, wie ich es Ihnen angegeben, und machen Sie ſich keine weitere Sorge darüber. Jeder Punkt iſt berechnet, die Berechnung ſtimmt, was wollen Sie mehr? daß meine Mühle nicht ſo ſein wird, wie die Ame⸗ rikaniſchen, weiß ich vorher, das liegt aber auch gar nicht in meinem Plan; ich habe hier eben die Raum verſchwendende Ame⸗ rikaniſche Einrichtung auf ihr nöthiges aber auch hinreichendes Maaß zurückgeführt, und Sie ſollen einmal ſehn, die Amerikaner werden, wenn ſie klug ſind, meinem Beiſpiel folgen. Es wird übrigens bald Eſſenszeit ſein und ſie kommen lieber mit zum Hauſe,“ ſetzte er freundlicher hinzu, als er ſah, wie bereitwillig ſich der junge Mann dem ausgeſprochenen Beſcheide fügte. 8 Capitel 7. Mariens Geburtstag. Am nächſten Morgen, als einem Sonntag, mit Sonnen⸗ aufgang, wo die Frauen allerdings ſchon im Haus beſchäf⸗ tigt, aber noch nicht ſichtbar waren, machte Hopfgarten einen kleinen Spatziergang allein in den Wald, ſeinen eigenen Ge⸗ danken wieder einmal ungeſtört nachhängen zu können, als er Jemanden Holz hauen hörte und den jungen Donner fand, ein paar Hickoryäſte für das Kaminfeuer in Lobenſteins Haus zu ſchlagen. Hopfgarten hatte den jungen Mann von allen Zwiſchen⸗ decks⸗Paſſagieren immer am liebſten leiden mögen, und ſein jetziges ganzes Benehmen beſtätigte ihm die gute Meinung, die er früher von ihm bekommen, nur noch mehr. „Nun, lieber Donner,“ ſagte er, ſich ihm gegenüber auf einen von ihm gefällten Baum ſetzend,„wie iſt es Ihnen die 182 Zeit über gegangen?— wir haben noch nicht einmal ein ver⸗ nünftiges Wort mitſammen reden können und— ich möchte doch Manches von Ihnen erfragen.“ „Gut, Herr von Hopfgarten,“ ſagte der junge Mann, ſich lachend auf ſeine Art ſtützend und zu dem früheren Reiſe⸗ gefährten hinüberſchauend,—„gut, wenn auch manchmal ein wenig bunt. Das Amerika iſt ein wunderliches Land, und wer da„nicht mitſchiebt, wird geſchoben.“ „Allerdings, allerdings,“ lächelte Hopfgarten,„alſo Sie haben mitgeſchoben?“ „Aus Leibeskräften,“ lachte Georg. Zuerſt, nur um mein Brod zu verdienen, wurde ich Feuermann auf einem Dampf⸗ boot— ein Hundeleben, bei Gott, aber doch ein Leben, bei dem ich wenigſtens dreißig Dollar den Monat verdiente, eben keine Ausgaben weiter hatte, und ein tüchtiges Stück von Amerikaniſchem Leben und Treiben, wie von dem Lande ſelbſt zu ſehn bekam. Auf die Länge der Zeit griff es aber doch meinen Körper zu ſehr an, und um nicht etwa gar krank zu werden, gab ich es auf und wurde Holzſchläger am Miſ⸗ ſiſſippi, wo ich nicht ganz ſo viel verdiente, denn ich bekam 75 Cent für die Klafter aufzuſetzen, und mußte die Woche noch einen Dollar Koſt für Speck und Brod zahlen. Aber auch hier trieb mich das Sumpffieber, das hier ſogenannte ague oder kalte Fieber fort, und ich fuhr, dem vor allen Din⸗ gen einmal gründlich aus dem Weg zu gehn, nach Norden hinauf. Vorher wollte ich es allerdings noch erſt einmal mit der Jagd verſuchen, denn allerlei romantiſche Beſchreibungen, die ich —,— 183 darüber geleſen, hatten den Amerikaniſchen Wald für mich mit einem gewiſſen Zauber übergoſſen, dem ich doch nicht ganz widerſtehen konnte. Ich bin aber von je her viel zu wenig Jäger geweſen, allein in der Jagd ſelber auch meinen ganzen Lohn für alle die entſetzlichen Strapatzen und Beſchwerden zu finden, wie ich ſie da ertragen mußte; Nutzen war auch nicht daraus zu ziehen, denn wo es wirklich Wild gab, wie mir das ſchon früher ein Freund beſtätigt, bekam man Nichts da⸗ für, und wo ich Wildpret und Haut hätte gut verkaufen kön⸗ nen, war ich nicht im Stande genug zu ſchießen, mich nur am Leben und in Kleidung zu halten. Hier eben angelangt, ar⸗ beitete ich dann ein paar Monate bei einem Amerikaner auf einer Farm, machte dabei eine ſehr glückliche Kur an ſeiner Frau, und wäre auch dort ſo leicht nicht fortgegangen, wenn nicht der Mann ſelber, mit ſeinem Pferd ſtürzend, den Hals gebrochen hätte, wonach die Frau die Farm verkaufte, und zu ihren Verwandten nach New⸗York zurückging.“ „Das war etwa funfzehn Miles weiter den Ohio hinab, und dort hörte ich denn auch in jener Zeit, daß Profeſſor Lo⸗ benſtein mit ſeiner Familie ſich hier niedergelaſſen, eine ziem⸗ lich bedeutende Farm gekauft habe und viel deutſche Arbeiter beſchäftige. Lobenſteins hatten ſich an Bord immer ſchon ſo hübſch benommen,“ ſetzte er nach einigem Zögern hinzu, „daß ich beſchloß, ihnen meine Dienſte anzubieten und— da bin ich.“ „Aber warum um Gottes Willen folgen Sie nicht lieber Ihrem Beruf, in dem ich Ihnen vollkommen genügende Ge⸗ ſchicklichkeit zutraue recht Gutes zu leiſten?“ rief Hopfgarten; „Sie wollen doch nicht Bauer bleiben Ihr Lebelang?“ „Und warum nicht?“ ſagte Georg, nach einigem Zögern —„habe ich doch dabei zuerſt die Hoffnung ſelbſtſtändig wer⸗ den zu können.“ „Weshalb prakticiren Sie nicht?“ „Aufrichtig geſtanden,“ rief der junge Mann,„weil ich den Muth nicht dazu habe. Jeder hergelaufene Arzt, er mag ſeine Sache verſtehn oder nicht, jeder Chirurg, der daheim Nichts anderes betrieben als Aderlaſſen und Schröpfen, jeder wan⸗ dernde Krämer ſelbſt, der ſich für ein paar Dollar Pulver und Pillen in ſeinen Kaſten gepackt, wird hier zum Arzt, verſchafft ſich auch wohl, wenn es Noth thut ein Diplom, und kurirt, unüberwacht, unbeſtraft darauf los nach Herzensluſt. Das Publicum iſt nicht mehr im Stande den guten von dem ſchlech⸗ ten Arzt zu unterſcheiden, und wendet ſich dem zu, der den meiſten Spektakel von ſich macht oder machen läßt. Die Markt⸗ ſchreierei iſt deshalb hier auch wirklich auf ihren Gipfelpunkt geſtiegen, und man braucht nur die Anzeigen in den verſchie⸗ denen Tagesblättern zu leſen, um einen völligen Ekel davor zu bekommen. Ich ſelber paſſe nicht dazu, mich zwiſchen das Geſindel zu mengen, ich habe nicht— Selbſtvertrauen genug und will lieber den ſicherern, einfacherern Weg einſchlagen, mir erſt ein kleines Eigenthum zu gründen. Kann ich es dann ſpäter da⸗ mit vereinigen, an dem Ort wo ich mich niedergelaſſen, und zu dem ich jedenfalls einen gut beſtedelten Platz wählen würde, auch vielleicht zu prakticiren, deſto beſſer, geht das nicht, dann “ — 185 weiß ich, daß ich als Farmer nicht allein durch, ſondern mit Fleiß und nur etwas Glück auch vorwärts komme, und das genügt mir.“ „Bravo!“ ſagte Hopfgarten, freundlich mit dem Kopfe nickend—„recht brav— Sie werden auch ſchon durchkom⸗ men, lieber Donner, dafür iſt mir nicht bange— wenn ich nur mit allen andezen Leuten ſo ſicher wäre—“ ſetzte er nach einer kleinen Pauſe recht tief aufſeufzend und vor ſich nieder⸗ ſehend hinzu. Donner ſchwieg ebenfalls kurze Zeit und begann wieder langſam an dem Holz zu ſchlagen, das vor ihm lag, hieb dann die Art in den Stamm, und ſah Hopfgarten forſchend an. „Sie meinen den Profeſſor,“ ſagte er endlich. Hofgarten erwiederte Nichts darauf, nickte aber ſchweigend mit dem Kopfe und Georg fuhr jetzt lebendiger, wie ſelber froh, ſich einer Laſt entladen zu können, die er auf dem Herzen habe, fort: „Lieber Herr— Sie— Sie ſtehn der Familie näher wie ich— ſind mit ihr befreundet und Ihr Wort gilt, ich weiß es, viel; ich bin nur Arbeiter auf der Farm und als ſolcher dem Profeſſor ſelber, was eben die Arbeit betrifft, am wenigſten zugänglich. Bleiben Sie noch einige Zeit hier bei uns— beobachten Sie das ganze Weſen und Treiben, die ganze Behandlungsart, den Aufwand, mit dem Alles an Zeit und Arbeitskräften geſchieht, und ſagen Sie dann ſelber, ob ich nicht recht habe, wenn ich behaupte, das ganze Weſen der Farm, die Leitung des Ganzen ſei nicht in guten Händen, 186 und könne auf die Länge der Zeit ſo nicht fortbeſtehn, we⸗ nigſtens nicht zu einem Reſultate führen, wie wir es ja doch wohl Beide den ſonſt ſo guten lieben Menſchen wünſchen.“ „Ich fürchte, lieber Donner, Sie haben recht,“ ſagte Hopfgarten, der indeſſen mit ſeinem kleinen Spazierſtock die in dem Gras vor ihm liegenden gelben Blätter aufgeſpießt und fortgeſchnellt hatte—„ich fürchte, Sie haben recht; der Pro⸗ feſſor iſt nicht praktiſch.“ „Der unpraktiſcheſte Menſch unter der Sonne!“ rief Donner,„und jetzt von dem überſpannten Geſellen, dem Dich⸗ ter, noch mehr verdorben, der ihm fortwährend Weihrauch ſtreut, und immer vor Erſtaunen außer ſich iſt über die, Muſter⸗ wirthſchaft“.— Wie lange ſoll das aber dauern?“ „So lange baar Geld da iſt,“ ſagte Hopfgarten, faſt mehr mit ſich ſelbſt, als zu dem jungen Manne ndend. „Und auch das ſcheint auf die Reige zu gehn,“ ſagte Donner leiſe. 8 „Wie ſo?— was wiſſen Sie davon?“ rief Hopfgarten, raſch zu ihm aufſehend. „Anſtatt ſeinen Viehſtand zu vermehren, hat er wieder zwei von ſeinen Kühen faſt unter dem Preis verkauft,“ ſagte Donner,„er hofft dabei fortwährend auf die hohen Mais⸗ preiſe und die baldige Erndte ſowohl, wie auf den Ertrag der Mühle und ſeine Talg⸗ und Seifenſiedexei. Was er noch an Capitalien liegen hat, weiß i ich nicht⸗ möglicher Weiſe ſind dieſe bedeutender als ich jetzt glaube, und ich will es zu ſeinem 8 Peen hoffen, aber ſeine letzte Reiſe nach Cincinnati hat 187 wenigſtens einen Theil davon wieder flüſſig gemacht, der aber bei den jetzigen, im Verhältniß zu der Farm viel zu großen Auslagen, auch nicht ſo lange anhalten kann. Er beſchäftigt eine Menge Arbeiter— das gerechnet was ſie ihm leiſten— für nicht viel mehr, als ſie eben zu beſchäftigen, und ſo gern ich arme Deutſche in dem fremden Lande unterſtützt ſehe, thut es mir doch in der Seele weh, Zeuge ſein zu müſſen, wie ein Haufen faules Geſindel, die Güte und— um ganz aufrich⸗ tig zu ſein, denn lieber Gott, ich will ja dem wackern Manne nichts Böſes nachſagen— die Unerfahrenheit des Profeſſors benutzt, ſo wenig wie möglich zu arbeiten und ſeinen Lohn allwöchentlich regelmäßig einzuſtecken. Läßt er ſich dann noch dazu nicht davon abbringen die Zuckerfabrik, von der er keinen⸗ falls genug verſteht einen Anfang in einem neuen Lande da⸗ mit zu machen, zu beginnen, ſo bin ich überzeugt, daß er ſein Vermögen dabei, und wenn er noch über viele Tauſende zu gebieten hätte, geradezu zum Fenſter hinauswirft, und ſeinen Reden nach ſcheint er erſt von allen dieſen Einrichtungen ein Einkommen, die jetzigen bedeutenden Auslagen zu beſtreiten, zu erwarten. „ Schlimm, ſehr ſchlimm, wenn Sie recht hätten,“ — ſeufzte Hopfgarten,„— und ich fürchte faſt, daß dem ſo iſt.“ „Auch mit dem Ankauf der Farm iſt er ſchmählich be⸗ trogen worden,“ fuhr Donner fort—„ich habe Gelegenheit gehabt mich nach dem Preis derartiger„improvements,“ wie man ſolch halbwilden Fleck noch überall nennt, zu erkun⸗ digen, und weiß, daß er um die Hälfte des Geldes, einen 188 günſtiger gelegenen Ort gefunden haben konnte wie dieſer iſt. Er hat ſich darin übereilt, und wird noch lange hinaus dafür büßen müſſen, da er, der bedeutenden Transportmittel wegen, gar nicht im Stande iſt, in dem Preis ſeiner Produkte, z. B. mit den dicht am Ohio liegenden Farmen zu concurriren. Aber was geſchehen iſt, iſt geſchehn; wenn er denn nur jetzt we⸗ nigſtens Alles thäte, die einmal begangene Uebereilung wieder gut zu machen; doch er hört und ſieht nicht, und hat ſich ſelbſt ſchon einige Mal mit dem Weber, der wirklich ein tüch⸗ tiger fleißiger Mann, und wenn auch gleichfalls unprak⸗ tiſch, doch wenigſtens Alles in ſeinen Kräften ſtehende thut, den Nutzen ſeines jetzigen Herrn zu wahren, ganz ernſthaft gezankt und ihm Undankbarkeit, und Gott weiß, was ſonſt noch, vorgeworfen. Mich ſelber fortzuſchicken iſt er ſchon drei oder vier Mal auf dem Punkt geweſen, während er gegen den eigenen Sohn, der ſeine Zeit geradezu aus dem Fenſter wirft, an Blindheit grenzend, nachſichtig iſt. Eduard würde ein ganz tüchtiger braver Junge werden, wenn er unter ordent⸗ licher Aufſicht ſtände; ſo wird ein Vagabund aus ihm, und den zu vervollkommnen, iſt jetzt Herrn Theobald's eifrigſtes Beſtreben. Weiß es Gott,“ fuhr Georg, der einmal im Zuge war, und dem es wohlthat, ſein Herz endlich einmal gegen Jemand auszuſchütten von dem er wußte, daß er es auch gut mit der Familie meinte—„wäre es nicht der Frauen wegen, die von einer unbeſchreiblichen Liebenswürdigkeit und Herzens⸗ güte ſind, und dabei arbeiten, als ob ſie von Kindheit auf nichts Anderes gekannt hätten wie Magddienſte zu verrichten, 189 ich hätte mein Bündel ſchon lange wieder geſchnürt, weiter zu ziehn, denn es thut mir in der Seele weh, den Profeſſor, und ſie mit ihm, wenn auch langſam, doch ganz unvermeidlich, einer recht trüben Zeit entgegen gehn zu ſehn.“ „Ich will mit ihm reden,“ ſagte Hopfgarten, entſchloſſen von ſeinem Sitze aufſtehend—„recht ernſthaft will ich mit ihm reden, und ſehn, was ſich thun läßt aber— ich fürchte faſt, es wird vergebens ſein. Der Profeſſor, ſo ſeelensgut und rechtſchaffen er ſonſt ſein mag, iſt Einer der Leute, die ſich ihre Syſteme ſelber aufbauen, und was ſie einmal in einem Buch leſen, und von einem wildfremden, ihnen vollkommen gleichgültigen Menſchen leſen oder hören, zehntauſend Mal lieber befolgen, als was ihnen ihre beſten Freunde, Menſchen von denen ſie überzeugt ſein müſſen, daß ſie es gut mit ih— nen meinen, rathen. Ich weiß über ſeine früheren Verhält⸗ niſſe wenig oder gar Nichts, aber es ſollte mich nicht im Min⸗ deſten wundern zu erfahren, daß ihn das auch von Deutſch⸗ land weggetrieben hat, und es würde ihm nicht das Geringſte ſchaden, wenn er erſt einmal durch Schaden klug werden ſollte — hätten die armen Frauen nicht dann gerade am Meiſten da⸗ runter zu leiden; eine ſolche Klugheit könnte nachher am Ende, wenn Alles verloren iſt, ſogar zu ſpät kommen.“ „Das wollen wir nicht hoffen,“ ſagte Georg leiſe—„es wäre ja doch zu traurig, wenn die armen Frauen die Schuld des Vaters und Gatten büßen müßten; von vorn beginnen wieder, in Amerika— in einer Wildniß dann, auf billigem Grund und Boden und von allen Hülfsmitteln entblößt, 190 von denen ihnen jetzt ſchon lange nicht alle früher gewohnten zu Gebote ſtehn, wie ſollten ſie es da ertragen, und welche Vorwürfe müßte ſich der Mann dann ſelber machen.“ „Noch wollen wir das Beſte hoffen, lieber Donner,“ ſagte Hopfgarten ernſt,„aber es giebt viel, viel Elend hier in dem weiten Reich, mehr als ich früher ſelber eine Ahnung davon gehabt, und ſo kurze Zeit ich auch hier bin, hab' ich doch ſchon entſetzlich viel davon geſehn; und überall kann man doch nicht helfen. Ich baue hier aber viel auf Sie,“ fuhr er, dem jungen Mann die Hand hinüber reichend, fort —„guter redlicher Willen kann Manches ablenken, was ſich drohend heraufziehen ſollte, und der Profeſſor iſt dann doch nicht blind. Reitet er ſich mehr und mehr in Verlegenheiten hinein, wird er auch um ſo williger nach der Hand grei⸗ fen, die ſich feſt und männlich nach ihm ausſtreckt, und die falſchen von den rechten Rathgebern wohl unterſt cheiden lernen.“ „Wenn er die rechten dann nur nicht vor der Zeit von ſich ſtößt,“ ſagte Georg ſeufzend. „Dann geſchiehts ihm eben recht,“ polterte Hopfgarten ärgerlich heraus—„wem nicht zu rathen iſt, iſt ſelten zu helfen, wenigſtens jetzt noch nicht, und er muß dann eben durch Schaden klug werden.“ „Lieber Herr von Hopfgarten,“ brach in dieſem Augenblick der junge Mann das Geſpräch ab, oder lenkte es wenigſtens nach anderer Richtung, indem er zugleich ſeine Arbeit wieder aufnahm, das Holz fertig zu hauen und zum Haus zu ſchaf⸗ 191 fen—„ich glaube Sie haben Briefe von Henkels mitgebracht — wie geht es der Madame Henkel?“ „Kennen Sie Henkels genauer?“ rief Hopfgarten raſch und aufmerkſam werdend, denn er hoffte, hier ſchon wieder, und ganz unerwarter Weiſe, eine Spur zu finden.“ „Nicht genauer als vom Schiff,“ ſagte aber der junge Donner ruhig—„leider hörte ich zu ſpät in New⸗Orleans, daß die arme junge Frau recht ernſtlich krank geworden und mich habe ſuchen laſſen. Ich war damals gerade im Begriff ſtromauf zu gehen, und habe ſie, wie ich nach New⸗Orleans zurückkehrte, wie eine Stecknadel in der ganzen Stadt geſucht, ohne im Stande zu ſein, ſie aufzufinden.“ „Ich habe ſie jetzt geſehn.“ „Und es geht ihr gut?“ „Beſſer wenigſtens als früher; ſie iſt nach Europa zu⸗ rückgekehrt.“ „So?— ſchon jetzt? ich glaubte nicht, daß Henkel ſeine Geſchäfte ſo raſch hier beenden würde.“ Hopfgarten zögerte einen Augenblick mit der Antwort, aber er durfte auch keine Mittel verſäumen Nachricht von dem Mann, wenn er irgendwo wieder auftauchen ſollte, zu bekom⸗ men; ſo nach einigem Zögern ſagte er langſam: „Henkel ſelber iſt noch hier— es ſind— es ſind Sachen vorgekommen, die— die ſeinen längeren Aufenthalt;— aber zum Teufel auch, ich ſehe nicht ein weshalb ich Ihnen ein Geheimniß aus einer Sache machen ſoll, die eigentlich über⸗ dieß kein Geheimniß mehr iſt. Henkel iſt ein nichtswürdiger - 192 Schurke, der ſeinen Schwiegervater auf das Scheußlichſte be⸗ ſtohlen und betrogen, ſeine Frau dann eben ſo ſchändlich ver⸗ laſſen hat, und den aufzufinden ich jetzt in den Staaten die Kreutz und Quere ſchon Monate lang herum gefahren bin. Da haben Sie die ganze Geſchichte, und wenn Ihnen jemals dieſer Schuft in den Weg laufen ſollte, ſo wiſſen Sie vor allen Dingen, woran Sie mit ihm ſind, und dann thun Sie mir einen ungeheuern Gefallen, wenn Sie mir augenblicklich nach den St. Charles Hotel in New⸗Orleans ſchreiben, wo er möglicher Weiſe anzutreffen iſt, denn ehe ich ihn treffe, ver⸗ laſſe ich Amerika nicht wieder.“ „Aber ich begreife nicht“— rief Georg in Schreck und Staunen aufſehend— „Wäͤre auch eine viel zu weitläufige Geſchichte, Ihnen jetzt breit auseinander zu ſetzen; übrigens ſollen Sie das Nähere doch noch erfahren, ehe ich dieſen Platz verlaſſe, und Sie mögen jetzt ſelber urtheilen, was für ein Schurke dieſer Henkel oder Soldegg oder Holwich— denn er hat Namen „wie Sand am Meero, iſt, und welche Scheuſale auf der Welt umherwandern.“ „Die arme, arme Frau,“ ſagte Georg leiſe,„ach daß ich ſie damals doch gefunden; wie gern hätt' ich ihr beigeſtanden — wie nützlich ihr vielleicht ſein können.“ „Das hat nicht ſein ſollen,“ tröſtete ſich Hopfgarten, und iſt jetzt noch Alles gut geworden,“ ihr Vater hat ſie ſelber ab⸗ geholt.“ „Von Heilingen aus?“ rief Georg ſchnell. 193 „Kennen Sie ihn?“ „Recht gut— ich war oft in Heilingen— Waldenhayn wo ich zu Hauſe bin, liegt gar nicht ſo weit von dort— Apropos Waldenhayn— erinnern Sie ſich des ſchwarzhaa⸗ rigen Mannes, mit der ſchlanken, magern Frau an Bord, die fortwährend krank war, und im Anfang ſtets ſo große unächte Ohrringe und Halskette trug?“ „Ja wohl— was iſt mit denen?“ „Ich weiß nicht, ob Sie den Steckbrief in den deutſchen Zeitungen geleſen haben, nach dem ein Mann mit ſeiner Frau, die ihre vier Kinder— das jüngſte noch faſt ein Säugling in Deutſchland allein zurückgelaſſen hatten und nuc Ame⸗ rika gegangen waren.“ „Ja wohl,“ rief Hopfgarten raſch— das waren doch nicht jene Beiden? Heiland der Welt, was haben wir für eine Bande von Verbrechern mit über das Waſſer geſchleppt, die drei Eiſengefangenen gar nicht gerechnet. Der Burſche hieß Meier, wenn ich nicht irre.“ „Eigentlich Steffen, oder der ſchwarze Steffen genannt — er war aus Waldenhayn.“ „Und was iſt aus den Beiden geworden?“ frug Hopf⸗ garten. „Sie waren mit an Bord der Backwoods Queen, auf der ich feuerte, als wir unterhalb Memphis einen Keſſel platzten und ſtrandeten.“ „Das haben Sie erlebt?“ rief Hopfgarten ſchnell, und ein Theil des alten Humors blitzte ihm wieder aus den Augen, Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 13 194 „Sie Glückspilz— ich gaͤbe wahrhaftig funfzig Thaler, wenn ich hätte dabei ſein können.“ „Mir wäre die Erinnerung um weniger feil,“ ſagte Georg ſchaudernd—„der arme junge Burſche an Bord, der von Bremen glücklich deſertirt war, kam auch dabei um's Le⸗ ben. Dort erkannte ich jenen Steffen, und die Amerikaner, denen ich ſein ſcheußliches Verbrechen erzählte, wollten ihn hän⸗ gen, aber er floh in den Wald einer großen Inſel im Miſſiſ⸗ ſtppi, auf der wir feſt ſaßen, und dort ließen wir ihn zurück; ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.“ „Und die Frau?“ „War wie tieffinnig geworden; ich nahm ſie mit bis nach Memphis und verſchaffte ihr dort ein Unterkommen. Als ich aber ſpäter nach ihr frug, ſagten mir die Leute, de⸗ nen ich natürlich ihr Vergehen nicht erzählt, daß ſie ſich voll⸗ ſtändig erholt und fleißig und unverdroſſen gearbeitet, aber nie ein Wort geſprochen hätte. Nur im Anfang ſoll ſie ein einziges Mal geäußert haben, daß ſie ſich Geld ſparen und nach Deutſchland zurückkehren wollte. Sie wuſch für andere Leute und war dann, nachdem ſie ihre Koſt und Wohnung ordentlich bezahlt, zu Fuß ſtromab gegangen.“ „Durch den Wald?“ rief Hopfgarten erſtaunt. „Wohin, wußte Niemand, hat ſie New⸗Orleans aber zu Fuß erreichen wollen, ſo muß ſie in den Sünndfen uünskn men ſein.“ „Deſto beſſer für ſie,“ ſagte der kleine gutherzige Mann ſchaudernd—„großer Gott, eine Mutter, die ſolcher Art ihre 195 Kinder verlaſſen kann, trägt den Fluch ihres Schöpfers, ihrer eigenen Eltern mit ſich herum; möge ihr Gott einſt gnädig ſein. Aber wer kommt dort?“ unterbrach er ſich plötzlich, als er Jemand den ſchmalen Pfad herunter kommen ſah.“ „Das iſt Theobald,“ lächelte Georg—„er macht Ge⸗ dichte— ſeine ſchwächſte Seite— vielleicht zur Feier des heutigen Tages. Gegenwärtig betrachtet er den Landbau von der poetiſchen Seite, und beſingt alle Pflüge und Eggen; wir wollen ihm lieber aus dem Wege gehn.“ „Ließt er manchmal vor?“ rief Hopfgarten raſch und faſt ängſtlich— Georg lachte. „Wenn er Schlachtopfer findet, ja; aber hier iſt ſelten Jemand der Zeit hätte ihm zuzuhören. Und ſeinen indeß ab⸗ gehauenen Klotz auf die Schulter nehmend und mit der Art ſtützend, trat er den Heimweg an. „Hallo, warten Sie,“ rief aber Hopfgarten raſch,„ſo ganz leer, mit dem Spatzierſtöckchen, laufe ich auch nicht neben Ihnen her— darf ich eins von den anderen Stücken mit⸗ nehmen?“ „Wenn Sie wollen,“ lachte Georg zurück, der ſtehen blieb und ſich nach ihm umdrehte—„dort das ſchwächere; aber Sie werden ſich ſchmutzig machen.“ „Ah bah, das iſt trocken und ſtaubt wieder ab— ſo— der hier wird's thun— ahoy— y— ſehn Sieo, das geht vortrefflich— nun bringen wir gleich eine ganze Ladung zu⸗ ſammen fort. Ah guten Morgen Herr Theobald; ſchon ſo fleißig?— Sie könnten auch ein Stück von dem Hickoryholz 1 13 196 mit aufpacken und zum Haus nehmen, nachher hätten wir für den ganzen Tag genug!“ Leute die ſelten oder nie gröbere Arbeiten verrichten, kön⸗ nen, wenn ſie wirklich einmal zufaſſen, nicht gut einen ande⸗ ren Menſchen müßig ſehn; es macht ſie gleich ungeduldig und mürriſch und ſie betrachten das gewiſſermaßen als ein ihnen ſelbſt geſchehenes Unrecht. Theobald aber hielt, wenn er an Wochentagen auch wenig that, die Sonntage beſonders heilig, und war jetzt überdieß ſo vertieft in einer anderen höheren Sphäre, viel Notiz von der freundlichen Zumuthung zu nehmen. „Ah guten Morgen Herr von Hopfgarten,“ ſagte er— „Sie bemühn ſich ſelber?“ und ſchritt dann langſam an den Männern mit ihrer Laſt vorüber. „Faulpelz,“ brummte Hopfgarten, dem ſchon anfing warm zu werden, zwiſchen den Zähnen durch,„Dich ſollt' ich auf meiner Farm haben, ich wollte Dich lehren Gedichte machen.“ Am Hauſe angelangt, warfen ſie ihre Laſt ab, und wur⸗ den hier beſonders lachend von den Mädchen begrüßt, die Herrn von Hopfgarten nicht genug bedauern konnten, ſeinen eigenen Rücken als Polſter für das harte Holz hergegeben zu haben. „Erſt meinen herzlichſten Glückwunſch für den heutigen Tag!“ rief aber Hopfgarten, Mariens Hand ergreifend und feſt und freundlich drückend—„mögen Sie nur frohe Tage hier finden, meine liebe Marie, und Ihr ganzes Leben ein ſo te 196. 4 3 del —— 197 milder Sonnentag ſein, wie er ſich heute klar und rein über Ihrem Hauſe ausſpannt.“ Marie erwiderte den Druck, leicht erröthend und mit ih⸗ rem lieben Lächeln recht treuherzig und dankend in des Freun⸗ des Augen ſchauend, als Georg ihr ſchüchtern nahte und mit viel leiſerer, faſt bewegter Stimme ſagte: „Darf auch ich mich demſelben Wunſche anſchließen, Fräulein Marie? Andere mögen die Worte künſtlicher ſetzen, aber ſie können es nicht ehrlicher und herzlicher mit Ihrem Wohle meinen.“ „Ich danke Ihnen— danke Ihnen ſo herzlich wie der Wunſch geboten iſt,“ ſagte Marie auch ihm die Hand reichend, viel tiefer aber dabei erröthend, als das eigentlich nöthig ge⸗ weſen wäre—„ich weiß, daß Sie es gut meinen— mögen Sie ſich recht lange wohl bei uns fühlen.“ „Uebrigens meine Damen,“ rief Hopfgarten, wieder in ſeiner alten launigen Weiſe, indem er ſich den Schweiß mit ſeinem Tuch von der Stirne trocknete,„thun Sie gerade als ob ich zu gar Nichts gut wäre, und mir im ſchlimmſten Fall nicht auch mein Brod durch meiner Hände Arbecit verdienen könnte. Da ſehn Sie hier meinen Geſchäftsfreund an, den jungen Donner, über den wundert ſich Niemand, daß er Holz ſchleppt, und den ganzen Tag draußen mit Art und Pflug und Hacke und Spaten herumarbeitet, und der iſt zu Hauſe eben ſo wenig daran gewöhnt geweſen; warum bedauern Sie den nicht?“ „Herr Donner iſt auch eine Ausnahme von der Regel,“ 198 rief Anna freundlich,„der faßt zu, als ob er wirklich dazu geboren wäre, und hat dabei Luſt und Freude an der Sache.“ „Und thun Sie das nicht ſelber Fräulein Anna?“ ſagte der junge Mann,„arbeiten nicht Sie und ihr Fräulein Schwe⸗ ſter, die beide in weit anderen Verhältniſſen erzogen ſind, von Früh bis Nacht, und glauben Sie, daß ein Anderer da ruhig daneben ſtehn und nicht mit zugreifen könnte?“ „Oh ja,“ lachte Marie mit einem halbverſtohlenen und recht ſchelmiſchen Blick nach Georg hinüber,„Herr Theobald kann das ruhig mit anſehn.“ „Er ſchwärmt in höheren Regionen“ lachte Anna,„und da dürfen wir es ihm ſchon nicht ſo übel nehmen. Wenn er auch einmal für dieſe Welt zu ſorgen hat, wird ſich das ſchon bei ihm ändern.“ „Wir ſind ihm eben im Walde begegnet,“ ſagte Hopf⸗ garten,„und wenn mich nicht Alles getäuſcht hat, verbarg er wie wir ihm näher kamen, ein Papier.“ „Oh, er macht jedenfalls einen Prolog zum heutigen Feſte“ rief Marie—„zur Einweihung unſeres Luſthauſes“— er wollte den Platz auch nach mir„Mariens Ruhe“ nennen, Eduard aber meinte, es würde weit paſſender„Theobalds Schweiß“ heißen, denn es ſei ihm blutſauer dabei geworden, trotz den wildledernen Handſchuhen.“ „Alle Wetter, wer kommt da?“ rief Hopfgarten plötzlich das Geſpräch unterbrechend, und den Fahrweg nieder deutend, „das iſt ein alter Bekannter, ſo wahr ich lebe.“ „Maulbeere!— Maulbeere!“ rief George—„hahahaha 199 und noch immer in dem grünen Rock; der iſt doch unver⸗ beſſerlich!“ „Wahrhaftig, der wunderliche Menſch aus dem Zwiſchen⸗ deck!“ rief Marie, lachend in die Hände ſchlagend,„mit ſei⸗ nem Karren vor ſich her, da muß ich nur gleich den Vater rufen, daß der ihn auch ſieht.“ Der eben Ankommende war in der That niemand An⸗ deres als unſer alter Freund Maulbeere von der Haidſchnucke, der Mittel und Wege gefunden hatte ſich und ſeinen Karren von New⸗Orleans aus bis hierher zu bringen. Georg hatte aber Recht, Maulbeere ſah genau noch ſo aus wie an Bord, mit demſelben alten, bis oben hin zu ge⸗ knöpften Rock— nur neue Knöpfe mußte er jedenfalls be⸗ kommen haben— denſelben karirten Hoſen, demſelben alten Hut, derſelben räthſelhaft verborgenen Wäſche, den Zipfel ei⸗ nes alten roth und weiß karirten baumwollenen Taſchentuches ausgenommen, der ihm vorn zwiſchen dem zugeknöpften Rock etwas kokett, ſonſt aber ganz anſpruchslos herausſchaute. Auch die nämliche alte Pfeife mit dem ſchauerlichen rothgeſchmückten Frauenkopf darauf, trug er noch zwiſchen den Zähnen, und ordentlich dick und fett geworden, war er in der Zeit. Sein Geſicht ſtrotzte von Geſundheit, die Backen, die er an Bord etwas eingefallen trug, hatten Fülle bekommen, während die kleinen grauen Augen lebendiger als je unter den hochblonden und entſetzlich ſtruppigen Augenbrauen vorblitzten. Wie er die Gruppe übrigens vor dem Haus entdeckte gewann ſeine ganze Geſtalt Leben; er richtete ſich höher auf, „ 200 4 bließ den Rauch in ſtarken Puffen aus ſeinem kleinen Stum⸗ mel, und ſeinen Karren vertrauensvoll dem Rückband über⸗ laſſend nahm er den Hut mit der rechten Hand ab, ſchwenkte ihn ein paar Mal um den Kopf, und rief mit lauter fröhlicher Stimme: „Land! Land! Hurrah noch einmal, da iſt die ganze Haidſchnucke verſammelt, und wie die Orgelpfeifen in der Kirche ſtehn die Herrſchaften da; drüben der Weber mit der ganzen Famile, und hier Cajüte und Zwiſchendeck in geſchloſſenem Bunde. Herr von Hopfgarten, meine ſchoͤnſte Empfehlung — Herr Proofeſſor ich melde mich eingetroffen.“ Die letzte Anrede galt dem, von Marie gerufenen, eben aus dem Haus tretenden Profeſſor, der aber auch den Schee⸗ renſchleifer lächelnd begrüßte und dem Mann, mit dem er an Bord nie eine Sylbe geſprochen, jetzt freundlich die Hand ent⸗ gegenſtreckte, da er ihm an Land, und auf dem eigenen Land begegnete. „Ei, ei Herr Maulbeere, das iſt ja ein recht lebendiges Schiffs⸗Andenken, wie er da vor uns gewiſſermaßen aus dem Boden ſteigt. Wie geht es Ihnen, wo haben Sie ſich die ganze Zeit herumgeſchlagen und kommen Sie mit der Fuhre direckt von New⸗Orleans?“ „Habe die Ehre mich dem Herrn Profeſſor ganz gehor⸗ ſamſt zu empfehlen,“ ſagte aber Maulbeere mit vieler Förm⸗ lichkeit, und einer Verbeugung, die er zugleich dazu benutzte ſein Tragband von dem Karren abzuhaken,„hörte hier in der Nachbarſchaft, daß ganz in der Nähe deutſche Schiffsgeſell⸗ 201 ſchaft zu finden wäre, und habe mir die Freiheit genommen Ihnen meine Dienſte anzubieten.“ „Nun das iſt ſchön, das iſt ſehr ſchön, lieber Maulbeere, Ihre Kunſt— Sie ſind Scheerenſchleifer, nicht wahr?“ „Scheeren, Meſſer, Inſtrumente, Werkzeuge ſchleif ich zur Perfection—“ „Nun gut, wollen wir nachher—“ „Beſſere dabei zugleich defekte Töpfe und Geſchirre aus—“ „— in Anſpruch nehmen— für jetzt—“ „kitte Porcellan, Glas, Steingut, Gyps, Marmor—“ fuhr aber Maulbeere, ohne ſich unterbrechen zu laſſen fort, „reparire Stutz⸗ und Taſchenuhren— heile Pferde⸗Rinder⸗ und Schafkrankheiten— habe ein Depot vorzuglicher Pillen und Latwergen für alle nur erdenkliche Leibesſchäden und Ge⸗ brechen— ſchneide Hühneraugen aus, beſpreche Warzen, mache Flecken aus Kleidern und Wäſche— Dinte⸗, Fett⸗, Blut⸗, Wein⸗, Kaffee⸗Flecken— bin Beſitzer eines vorzüglichen Feuer⸗ Diamants alle Arten von Hohl⸗, Milch⸗, Cylinder⸗, Spiegel⸗ und Tafelglas in allerhand beliebige Verzierungen ſchneiden zu können— es kommt auf die Farbe des Glaſes nicht an, es kann auch gepreßt, geſchliffen oder gemalt ſein, es ſchneidet allemal durch und durch— verkaufe ausgezeichnete Recepte zu Stiefelwichſe und Schmiere— habe Gift für Ratten, Mäuſe, Wanzen, Flöhe, Läuſe, Schaben, Inſektenpulver— eine vor⸗ zügliche Krätz⸗ und Ausſchlagſalbe— Schönheitstinkturen und Faltenvertilger, löthe und niete zerbrochene und auseinander gegangene Utenſtlien, und“— ſetzte er tief Athem holend 202 hinzu, indem er einen der kleinen Schiebladen ſeines Kaſtens, ohne ſich dabei zu bücken und nur mit einer geſchickten Be⸗ wegung des Fußes aufzog—„ein vorzügliches Aſſortiment von Steck⸗, Näh⸗ und Haarnadeln, Haarwickeln, Bändern, Kämmen, Hoſenträgern, Schuhanziehern, Schnürbänder, mit einer Maſſe anderer Artikel zu langweilig einzeln aufzufüh⸗ ren— womit ſich zu gütiger Kundſchaft empfiehlt, einem ver⸗ ehrten Publicum ganz ergebenſter Zachäus Maulbeere.“ „Vortrefflich— vortrefflich Herr Maulbeere,“ lächelte der Profeſſor, während die Mädchen vor Freude in die Hände ſchlugen, und ſämmtliche Kinder ſich jubelnd um ihn her drängten,„ganz vortrefflich, Sie ſind ein wahres Juwel in der Wildniß, und wir werden Ihre Hülfe bei einer großen Menge von Sachen in Anſpruch nehmen, die einer kundigen Hand bedürfen, ſie wieder in Stand zu ſetzen. Jetzt aber iſt das Frühſtück fertig, ſo gehn Sie indeſſen hinüber in die Küche— Sie finden dort ebenfalls Reiſegefährten vom Schiff her, und eſſen Sie erſt mit den äen⸗ nachher wollen wir ſehn was ſich thun läßt.“ „Aber Herr Maulbeere,“ ſagte die kleine Camilla, Ma⸗ riens und Annas jüngſte Schweſter— die dicht neben dem Manne geſtanden und aufmerkſam ſeinen Anpreiſungen ge⸗ lauſcht hatten,„wenn Sie alle Flecken ſo gut ausmachen kön⸗ nen, weshalb haben Sie denn da ſo viele auf Ihrem grünen Rock?“ „Das Kind verräth jedenfalls Anlagen,“ ſagte Maul⸗ beere, der mit der ernſthafteſten Miene den Kopf nach ihm 203 hinuntergedreht hatte,„übrigens mein Fräulein, erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß das an meinem Rock, was Sie Flecken zu nennen belieben, eigentlich der Urzuſtand, die Ur⸗ farbe deſſelben iſt, zu dem er an dieſen Stellen zurückgekehrt; das wenige Grün dagegen, was ihm geblieben, mehr einem unnatürlichen, künſtlichen Zuſtand zugeſchrieben werden muß, in dem er ſich an den Stellen noch befindet, und der im Lauf der Jahre ebenfalls den vorangegangenen Beſtandtheilen fol⸗ gen wird.“ „Hahahahaha Herr Maulbeere!“ rief die Kleine, und lief lachend in das Haus, wo die Mutter jetzt erſchien und die Familie zum Frühſtück rief. „Aber Eduard und Herr Theobald fehlen noch!“ rief Anna. „Theobald?“ ſagte Maulbeere, der, eben im Begriff ſein Tragband aufzunehmen, ſich raſch wieder emporrichtete—„der Dichter Theobald hier und ſollte beim Frühſtück fehlen— unbegreiflich. Aber täuſ lich mein Sehververmögen nicht, ſo kommt dort ſchon eine Geſtalt, die ihm wenigſtens auf's Haar gleicht, mit ſehr ſchnellen Schritten um die Ecke. Herr Theobald, ich habe das Vergnügen, Ihnen einen guten Morgen zu wünſchen.“ „Maulbeere!“ rief dieſer voller Erſtaunen ſtehen blei⸗ bend und nicht einmal die Familie begrüßend aus—„Zachäus Maulbeere!“ Der Scheerenſchleifer hatte aber ſeinen Karren ſchon wie⸗ der aufgenommen, und fuhr langſam dem nächſtgelegenen 204 Blockhaus zu, ſich ſelber beim Weber zum Frühſtück zu mel⸗ den, während die Lobenſteinſche Familie ebenfalls in das Haus ging, und ſich lachend über die wunderliche Erſcheinung des ſonderbaren Mannes unterhielt. Eduard fehlte noch; er war geſtern Abend wieder dem Hirſch zu Gefallen gegangen, hatte auch auf ihn geſchoſſen, aber vorbei, und gedachte ſein Glück heute Morgen noch einmal zu verſuchen. Der feierliche Einzug der erlegten Beute, falls dieſe noch erlangt werden ſollte, war ſchon zwiſchen ihm und Theobald verabredet worden. Der Profeſſor wollte nun allerdings in ſeiner Gaſtfreiheit den Scheerenſchleifer heute am Sonntag bei ſich behalten, und ihm dann morgen erſt die Arbeit geben, die er im Hauſe für ihn zu thun hatte, Maulbeere aber war damit nicht einver⸗ ſtanden,„Zeit iſt Geld“ behauptete er, und„was man heute thun könne, ſolle man nicht auf morgen verſchieben“; ließ ſich auch nicht abhalten, gleich nach dem Frühſtück an allen mög⸗ lichen Sachen, die auf der Reiſe beſchädigt worden und ihm jetzt gebracht wurden, zu beginnen, und erzählte dabei den übrigen Arbeitern des Platzes, die ſich um her lagerten und ſetzten und ſtanden, eine Unmaſſe Geſchichten aus ſeinen Ame⸗ rikaniſchen Erlebniſſen, daß die Leute oft in lautſchallendes Gelächter ausbrachen. Selbſt der Weber, der den Burſchen nooch vom Schiff her, ſeiner gottloſen Predigten wegen nicht leiden mochte, und auch heute wieder keineswegs damit einver⸗ ſtanden war, daß er den Sonntag ſolcher Art entweihte, konnte es ſich doch nicht verſagen, manchmal zu den Leuten zu treten, X 205 angeblich nur nach der ihm übergebenen Arbeit zu ſchauen, dann aber auch zu gleicher Zeit zu hören, was denn da eigent⸗ lich ſo Luſtiges vorgehe. Maulbeere hatte aber auch nicht allein eine ziemliche An⸗ zahl der Haidſchnucken⸗Paſſagiere getroffen, von denen er oft die komiſcheſten Berichte abſtattete, ſondern auch einen großen Theil der Staaten in den drei Viertel Jahren durchzogen und — wodurch er den Anderen beſonders imponirte— wirklich erſtaunlich viel Engliſch, allerdings noch mit einem ſchlechten Accent, in der kurzen Zeit gelernt. Im Hauſe ſelber hatten die Frauen indeſſen heute noch unendlich viel zu thun, ihr kleines Sommerfeſt, wie das erſte Hinausziehn zu dem beendigten Luſthaus würdig zu feiern. Die Kinder waren in den Wald geſchickt, Blumen für Guir⸗ landen zu holen, die Frauen bucken Kuchen. Theobald war gleich wieder nach dem Frühſtück unſichtbar geworden, und der Profeſſor mit Georg Donner nach dem beabſichtigten Mühl⸗ platz hinausgegangen, den Plan noch einmal durchzuſprechen. Hopfgarten war ſich ſelber und ſeiner Zeit ganz über⸗ laſſen worden, und ſchlenderte, mit nichts Beſſerem vor ſich, der Gruppe zu, die ſich um den Scheerenſchleifer gebildet hatte, und in ihrem Lärmen und ihrer Luſtigkeit immer lauter wurde. Hier brachte dabei Einer ein Meſſer zu ſchleifen, dort Kanne oder Blechbecher zu löthen, dort ſogar wieder einen eiſernen Topf zu flicken da war eine Taſſe zerbrochen, hier ein Teller, die verkittet werden ſollten, die Theekanne hatte den Henkel, die Milchkanne den Fuß verloren, in die Stalllaterne mußten 206 ein paar Scheiben eingeſchnitten werden, Einer von den Leu⸗ ten hatte Zahnſchmerzen und verlangte ein Mittel dagegen, dort brachte Einer ſeinen Sonntagsrock, ſich den Kragen reini⸗ gen zu laſſen, hier wünſchte Einer die rothwerdenden Knöpfe ſeiner blauen Jacke verſilbert zu haben, dort ein Zehnter ſeine Uhr nachgeſehn und ein neues Glas einzuſetzen, kurz Zachäus Maulbeere wurde von allen Seiten auf das lebhafteſte in An⸗ ſpruch genommen, und ſchien wirklich auch zu jedem neuen Geſchäft, das man ihm zumuthete, ein paar neue Hände zu gebrauchen. Bis elf Uhr ließ ſich die Weberfamilie ſelber, die Frauen wenigſtens, nicht draußen ſehn; die Tochter las der Mutter drin am Kamin ein Capitel aus der Bibel vor, und die alte Frau ſaß mit gefalteten Händen und geſchloſſenen Augen da⸗ neben und hörte andächtig zu. Wie aber die Kirchzeit etwa vorbei war, kamen auch dieſe aus der Hütte heraus, und die alte Mutter, der die Tochter ein weiches Kiſſen auf ihren ge⸗ wöhnlichen Sitz, im Schatten eines breitäſtigen wilden Maul⸗ beerbaumes trug, blieb dort ſtill und freundlich mit dem Kopfe nickend ſitzen und ſchaute, die abgemagerten Hände im Schooß gefaltet, auf das Leben und Treiben um ſie her, bis das jüngſte Enkelchen zu ihr hinanlief und ihr Blumen brachte, und die alte Frau dann das blonde Lockenköpfchen ſtreichelte und ſich niederbog und es küßte. Eine Thräne hing ihr dabei in den noch immer recht klaren hellen Augen, aber es war eine Freuden⸗ thräne; die alte Frau ſah und erkannte, wie ihre Kinder ge⸗ diehen, wie thätig ſie ſchafften, und wie ſie vorwärts kamen, —————Q———— 207 und jetzt bald, recht bald hoffen durften, eine kleine Farm ſelber ihr eigen zu nennen. Wenn ſie auch dann und wann an ihren Leberecht unter der Linde dachte und leiſe— ganz leiſe im Herzen vielleicht— eine Sehnſucht dorthin erwachte, gab ſie der doch keinen Laut mehr; ſie ſah und fühlte, wie ihre Enkel hier, wenn ſie einmal groß geworden, gedeihen und fortkommen würden, und freute ſich deren Glück. „Nun, Herr Maulbeere, wie gehn die Geſchäfte?“ ſagte Hopfgarten, der zu der ihm freundlich Platz machenden Gruppe getreten war, und die Hände auf dem Rücken dem vielſeitigen, überallhin thätigen und geſchickten Burſchen lächelnd zuſchaute, „Sie vereinigen ja ein ganzes Stadtviertel von Arbeitern in ſich ſelbſt, und wären ein wahres Capital für jede Anſied⸗ lung.“. „Es thut mir nur leid, daß ich das Capital nicht auf Zinſen legen kann,“ ſagte Maulbeere in den Zwiſchenpauſen mit dem Löthrohre beſchäftigt eine Uhrkette wieder in Stand zu ſetzen,„ſondern, daß beſagtes Capital genöthigt iſt, ſeinen ſchweren Karren ſelber im Lande umherzufahren.„Habe aber den Troſt“ ſetzte er langſam und immer dazwiſchen blaſend hinzu,„daß es mir nicht allein ſo geht, und andere Leute — ebenfalls ihre Glacchandſchuh— haben— ausziehn— müſſen.“ „Ja die zieht hier Mancher aus, lieber Maulbeere,“ lachte Hopfgarten,„aber wen zum Beiſpiel meinen Sie?“ „Ih nun, verſchiedene,“ ſagte Maulbeere,—„kannten doch Herrn Eltrich?“ ————QQQQQQQQQ—COꝭ—C—C—OC——— „ 208 „Den netten jungen Mann im Zwiſchendeck, mit dem rei⸗ zenden kleinen Frauchen?— er war Künſtler, glaub ich.“ „Ja, das ſah man ihm an,“ meinte Maulbeere—„es ſah wirklich künſtlich aus, wie er die ſchweren Porkfäſſer die Levée mit den zarten Händchen hinaufrollte.“ „Lieber Gott, geht es ihm ſo ſchlecht?“ „Jetzt nicht mehr,“ ſagte Maulbeere—„ſie hatten ihm Alles geſtohlen, nun aber ſcheint er ſich wieder genug verdient zu haben, anſtändige Kleider und eine Violine kaufen zu kön⸗ nen. Da hat er denn die Zuckerfäſſer und Kaffeeſäcke, die ihm dazu verhalfen, ſchmählich im Stich gelaſſen, und bezieht ſein Colophonium wieder im Einzelnen.“ „Was heißt das?“ „Nun, er rollt es nicht mehr Fäſſerweis das Ufer hin⸗ auf; er hat, wie er vor ein paar Monaten ſagte, eine An⸗ ſtellung am Franzöſiſchen Theater erhalten, und es geht ihm jetzt beſſer.“ „Das freut mich, das freut mich von Herzen,“ rief Hopfgarten, es waren liebe brave und ſehr anſtändige Leute.“ „Ja,“ ſagte Maulbeere,„wollte mir auch eine Stellung als erſten Liebhaber dabei verſchaffen, ich wieß es aber in Entrüſtung von mir. Ich konnt' es nicht über's Herz bringen, jeden Abend derſelben erſten Liebhaberin vorzulügen, daß ich vergehen müßte, wenn ſie mich nicht gleich zum Glücklichſten der Sterblichen machte.“ Hopfgarten lachte. „Den Oldenburgern ging's dafür deſto ſchlechter,“ fuhr — ·—— Maulbeere fort, der die Uhrkette beendet, und ſeinen Schleif⸗ karren wieder beſtiegen hatte, eine Anzahl ihm gebrachter Meſ⸗ ſer und Scheeren in Stand zu ſetzen—„in Amerika können die Bauern in den Kuts⸗chen fahren— ja wohl Kuts⸗chen, denen iſt das Singen vergangen, und jetzt blaſen ſie Trübſal. Dummes, ſtarrnackiges Volk, denen die Holzſchuh bis über die Ohren gingen; wollten immer klüger ſein als Andere.“ „Was iſt denn aus Herrn Schultze geworden?“ frug da des Webers Frau, die jetzt auch herangetreten war, auf ihre Scheeren zu warten, und dem Mann indeſſen zuhörte.„Das war ein netter, rechtſchaffener Menſch, und hatte ſo feine, hübſche Wäſche.“ „Schultze iſt übergeſchnappt,“ ſagte Maulbeere ruhig. „Was?— um Gottes Willen?— ih, das iſt doch gar nicht möglich— rein toll geworden?“ frug der Weber und ſeine Frau, und auch Hopfgarten, der ſich der eigenthümlichen firen Ideen des Mannes erinnerte, ſagte raſch,„das wäre doch gar zu traurig, Herr Maulbeere; iſt das wirklich be⸗ gründet?“ „Nun, er ſitzt noch nicht im Tollhaus,“ ſagte der Schee⸗ renſchleifer, indeß die Funken von dem kleinen durch das Rad gedrehten Stein abſpritzten, die Kinder lachend die flachen Hände dagegenhielten, und ſich die naßgewordenen, ſehr zum Aerger der Mütter an Röcke und Hoſen wiſchten,„aber er hat die beſten Anlagen dazu, und wird auch jedenfalls nächſtens eingeſteckt werden müſſen.“ „Aber wo iſt er jetzt, und was hat er nur gemacht?“ Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 14 — 210 „Gegenwärtig,“ ſagte Maulbeere,„iſt er noch in St. Louis und macht Cigarren, hat aber großartige Ideen, eine neue Flugmaſchine entdeckt zu haben, die er unſerem Syſtem anzu⸗ paſſen und damit über den Miſſiſſippi und Illinois hinüber⸗ zufliegen gedenkt. Außerdem hat er neulich, unter einer Rei⸗ herart, die am Miſſiſſippi häufig vorkommt— kleine graue Vögel mit unnatürlich langen Beinen,— einen entfernten Verwandten von ſich entdeckt, und treibt nun förmliche Ab⸗ götterei mit dem ausgeſtopften Balg.“ „Aber es iſt doch nicht möglich—“ „Nicht möglich?— fragen Sie ihn einmal, was un⸗ möglich wäre— ſo, wo war denn das lange Meſſer von vor⸗ hin?— ah hier.“ „Hier bring ich auch etwas—“ rief Marie Lobenſtein in dieſem Augenblick herbeiſpringend—„hier Herr Maul⸗ beere, wären Sie wohl ſo gütig, mir dieſe kleine Scheere, aber ja recht recht ſauber zu ſchleifen?— Anna wird Ihnen die Küchenmeſſer nachher auch noch herausbringen; denen thut es beſonders Noth. Wiſſen Sie wohl, daß ich mir die Scheere neulich ſelbſt geſchliffen habe?“ „Es iſt mir doch was Unbedeutendes,“ ſagte Maulbeere mit einem ſehr erſtaunten Geſicht. „Hahahaha—“ rief Marie—„wo haben Sie die Redensart gehört?— das iſt ja unſeres alten Drachenwirths in Heilingen ſtehendes Sprichwort— wie oft haben wir dar⸗ über gelacht.“ „Wie hieß der Wirth?“ frug Maulbeere. „Lobſich.“ „Und das Wirthshaus?“ „Zum rothen Drachen, bei Heilingen.“ „Ganz recht,“ ſagte Maulbeere, ruhig die Scheere neh⸗ mend und ſeine andere Arbeit bei Seite legend—„habe vor vierzehn Tagen bei ihm gewohnt.“ „Das möchte Ihnen ſchwer geworden ſein,“ lachte Ma⸗ rie—„aber bitte, nehmen Sie mir die Spitze recht in Acht— Heilingen iſt weit von hier.“ „Aber der rothe Drachen nicht,“ ſagte Maulbeere, den Lederriemen wieder einhängend—„Herr Lobſich ſcheint ſei⸗ nen rothen Drachen jetzt in Milwaukie aufgeſchlagen zu haben.“ „Was?— Lobſichs ausgewandert?“ rief Marie in größ⸗ teem Erſtaunen,„das iſt doch gar nicht möglich.“ „Fragen Sie einmal hier in Amerika, mein Fräulein, was da unmöglich wäre,“ ſagte der Scheerenſchleifer;„übri⸗ gens weiß ich nicht, ob die Lobſichs, die in Milwaukie in Mi⸗ chigan ein Gaſthaus zum rothen Drachen mit entſprechendem Schilde über der Thüre haben, und von denen die männliche Hälfte jenes von mir reproducirte und zu ihrer Entdeckung ge⸗ führt habende Sprichwort häufig gebraucht, wirklich dieſelben ſind, die Sie meinen, oder vielleicht Geſchwiſter.“ „Gewiß ſind ſie's— gewiß,“ rief Marie,„der rothe Drache und der Name könnte ſich zufällig wiederholt haben, aber das Sprichwort nicht— geht es ihnen gut?“ 14* 212 „Recht gut,“ ſagte Maulbeere,„beſonders ihm; er iſt immer ſelig.“ „Was heißt das— er trinkt doch nicht?“ „Nein,“ ſagte Maulbeere,„er ſäuft.“ „Guter Gott, ſeine arme Frau“ rief Marie. „Er wird ihre Armuth nächſtens theilen,“ meinte Maul⸗ beere,„apropos Milwaukie— da oben ſtecken auch noch ei⸗ nige Cajütspaſſagiere von der Haidſchnucke.“ „Cajütspaſſagiere?“ rief Hopfgarten ſchnell, der ſich indeſſen ſchon bei Marie nach jenem Lobſich erkundigt hatte, jetzt aber wieder auf den Scheerenſchleifer aufmerkſam wurde- „und die waren?“ „Doktor Hückler vor allen Dingen—“ ſagte Maulbeere ſtill vor ſich hinlachend—„wird Herrn Donner intereſſiren— iſt von New⸗Orleans fortgegangen und hat ſich in Milwaukie mit einem Gerippe etablirt.“ „Mit einem Gerippe?— was heißt das? 20 „Nun, er hat einem andern Doktor einen abgeknaupelten Menſchen abgekauft, und in ſeinem Laboratorium, wie er die Barbierſtube nennt, aufgeſtellt; raſirt, ſchröpft und kurirt nicht allein was das Zeug halten will, ſondern heißt auch ſchon der „berühmte deutſche Doktor“ in Milwaukie, wo er mit Lakri⸗ zenwaſſer einige ganz ausgezeichnet glückliche Kuren gemacht und ſich neulich, zu dem Gerippe, auch noch eine Frau genommen⸗ 4 „Er iſt verheirathet?“ rie Marie. „Glücklicher Gatte und— ich hätte bald was geſagt“— * 213 verſetzte Maulbeere, die Sache hebt ſich wieder— Dr. Huͤckler eine Frau plus, Herr Henkel eine Frau minus— facit gleich.“ „Sie haben Henkel in Milwaukie geſehn?“ frug Hopf⸗ garten ſo raſch, daß ſich der Scheerenſchleifer erſtaunt nach ihm umdrehte und ſetzte dann, da er nicht gerade dieſen wollte ahnen laſſen, in wieweit er ſelber dabei intereſſirt wäre, langſamer hinzu—„ich glaubte, der hätte ſich in New⸗Or⸗ leans etablirt— alſo Herr Henkel iſt jetzt in Milwaukie?“ „Haben andere Leute vielleicht auch geglaubt,“ ſagte Maulbeere, ſeine Arbeit wieder aufnehmend—„in Milwaukie war er aber damals noch nicht. Ich traf ihn jetzt auf meinem Hierherweg von Michigan in Illinois, in einem Städtchen— Paris oder London oder ſo ein kleiner unbedeutender Name— wo wir in der einzigen Blockhütte, die in der Stadt ſtand— weiter waren überhaupt keine Häuſer da— zuſammen cam⸗ pirten.“ „In Illinois alſo?“ „Ja, aber er war auf dem Weg nach Milwaukie“ ſagte Maulbeere, und ich habe ihm einige Empfehlungen dorthin mitgegegeben.“ „Alle Wetter, da wird er ſich gefreut haben,“ meinte der Weber. „Und er war allein?“ frug Hopfgarten. „Ganz allein, daß heißt ohne Frau,“ lautete die Ant⸗ wort,„ſonſt hatte er noch einen Herrn bei ſich, mit dem er zuſammen reiſte.“ „ 214 „Und der hieß?“ „Kolwel glaub' ich, oder ſo eine Name— ſo mein Fräu⸗ lein— mit der Scheere können Sie jetzt Butter ſchneiden, ſo ſcharf iſt ſte, ſonſt noch was?— ſchön— wenn Sie wieder was brauchen, erſuch' ich Sie vorzukommen— Zachäus Maul⸗ beere ſteht Ihnen mit Vergnügen zu Dienſten.“ Marie, die während die Männer von Henkel ſprachen, Herrn von Hopfgartens Geſicht ängſtlich beobachtet hatte, zog ſich jetzt, von dieſem gefolgt, nach dem Haus zurück, und fand bald ihre ſchlimmſte Furcht beſtätigt, als ihr der kleine Mann verſicherte, daß er jedenfalls mit Tagesgrauen morgen nach Hollowfield hinüberfahren würde, ſeine Glieder noch einmal einer Amerikaniſchen Poſtkutſche anzuvertrauen. Die Wege waren jetzt trocken und ſein Ziel lag, ſo raſch ihn irgend eine Beförderung, ſei ſte ſo mühſelig und beſchwerlich ſie wolle, vorwärts bringen könne gen Milwaukie. „Jetzt muß ich nur Ihren Vater gleich aufſuchen,“ ſetzte er hinzu,„mit ihm Rückſprache zu nehmen— ah da kommt Georg Donner, der wird uns ſagen können, wo er iſt;— aber wie ſieht denn der aus?— ganz roth und aufgeregt?“ Georg kam allerdings an dem Felde herunter den kleinen Waldweg gerade auf ſie zu, und ſah roth und verſtört im Geſicht aus. Als er Hopfgarten mit Marien ſah, blieb er ſtehn, und es war faſt, als ob er umdrehen wollte, wenn ſo, beſann er ſich aber wieder, und kam langſam auf ſie zu. „Wie ſehn ſie denn aus?“ rief ihm Hopfgarten ſchon von weitem entgegen?— haben Sie ein Fieber, oder ſich 215 einen Kopf am heiligen Sonntag angearbeitet, der wie Feuer glüht— fühlen Sie ſich nicht wohl?— Menſch, Ihre Augen ſind ja ordentlich mit Blut unterlaufen.“ „Wirklich?“ ſagte Georg, und verſuchte dabei zu lächeln— „das hat Nichts zu ſagen—„allein draußen im Wald wollte ich mir ein paar Klötze zurecht rücken, und habe mich wahr⸗ ſcheinlich zu ſehr dabei angeſtrengt.“ „Unſinn, Sie werden ſich noch einmal Schaden thun, wo iſt denn der Profeſſor?“ „Er ging mit Theobald in der Richtung nach dem Luſt⸗ haus zu,“ ſagte Donner, und man ſah ihm an, daß er ſich Mühe gab, ruhig zu ſcheinen; Hopfgarten war aber viel zu ſehr mit ſich und ſeinen neuen Plänen beſchäftigt, darauf Ach⸗ tung zu geben, grüßte deshalb nur Marie freundlich, bat ſie dem jungen Mann indeſſen mitzutheilen, was er beabſichtige, und ſchlug raſch den Weg ein, der nach dem Luſthaus hin⸗ überführte. „Was war es mein Fräulein, das Herr von Hopfgarten ſte bat mir zu ſagen?“ frug der junge Mann, als ſie allein auf dem Hofe ſtanden, und Marie indeſſen forſchend und ängſtlich zu ihm aufſchaute—„er hat mich an Sie gewieſen.“ „Herr Donner,“ ſagte aber Marie leiſe und ſchüchtern, die an Sie gerichtete Frage ganz überhörend—„es iſt etwas vorgefallen— etwas— etwas ſehr Unangenehmes— viel⸗ leicht— vielleicht zwiſchen Ihnen und meinem Vater—“ „Nichts— nichts mein Fräulein,“ ſagte Georg auswei⸗ chend und faſt unbewußt denſelben Weg langſam einſchlagend, 216 auf dem ihnen Hopfgarten vorangegangen war, während Ma⸗ rie in der noch unbeſtimmten Angſt um etwas, das man ihr verheimliche, an ſeiner Seite blieb—„Sie ſollten mir etwas ſagen.“ „Herr Donner, beruhigen Sie mich erſt über meine Frage,“ bat aber Marie—„Sie haben etwas— etwas ſehr Ernſtes gehabt— So roth und erhitzt ſie vorhin ſchienen, ſo bleich ſind Sie jetzt; das iſt nicht von Anſtrengung— es iſt ſicher etwas, was ich ſchon lange gefürchtet, vorgefallen. Geſtehen Sie, Sie haben ſich mit meinem Vater— ſagen Sie mir Nichts“— unterbrach ſie ihn aber raſch, als er ſich gegen ſie wandte und reden wollte, und ſein ganzes Aeußere dabei verrieth, wie recht ſie in ihrem Verdacht gehabt—„gu⸗ ter Gott ich— wir Alle wiſſen zu gut, wie ungerecht mein Vater ſchon mehre Mal gegen Sie geweſen, wie er treuen Freundesrath hartnäckig und barſch von ſich gewieſen hat; Sie kennen ihn ja aber auch, wie ſeelensgut er ſonſt iſt, und wie ihn das hartgeſprochene Wort gleich hinterher gereut.“ „Dann wiſſen Sie ja auch,“ ſetzte ſie wieder zögernd und ſchüchtern hinzu,„wie er einmal gefaßten Plänen, ſelbſt wenn es ſein eigener Schade iſt, hartnäckig folgt, und Schilde⸗ rungen fremder Leute oft nur zu viel, zu ungerecht vertraut. Sehen Sie ihm das nach— laſſen Sie ſich nicht zurückſchrecken und ſein Sie beſonders jetzt, wo er gerade wieder ſo vielen romantiſchen Plänen ſein Ohr leiht, und Sachen thut, die ein praktiſcher erfahrener Landwirth vielleicht nicht thun würde, ſelbſt gegen ſeinen Willen, ſein— und warum ſoll ichs nicht ſagen,“ ſetzte ſie in all ihrer Verlegenheit gar ſo lieb und ver⸗ trauungsvoll lächelnd hinzu,„ſein guter Engel, der, wenn auch wieder und wieder zurückgewieſen, doch nicht ungeduldig wer⸗ den darf, um— unſeretwillen.“ „Fräulein Marie“ ſagte Georg, und die Worte rangen ſich ihm nur ſchwer und mühſam aus der Bruſt—„Sie haben mir da ein Ziel vorgezeichnet, das zu dem höchſten Streben meines Lebens gehört; vorgezeichnet in dem Augenblick, wo es — rettungslos für mich verloren iſt.“ „Was meinen Sie damit?“ rief Marie, raſch ſtehen blei⸗ bend und ſeinen Arm ergreifend. „Ich wollte den heutigen Tag nicht ſtören, keine andere, als freudige Worte ſollten zu Ihren Ohren dringen, daß ſie eine liebe Erinnerung daran in Ihrem Herzen wahrten. Das Leben bietet Ihnen ja hier überdieß ſo wenig andres, als Müh und Arbeit; Sie zwingen mich ſelbſt dazu, und ich kann nicht länger ſchweigen— ich verlaſſe noch heute dieſe Farm, und mit ihr den Staat.“ „Herr Donner—“ ſtammelte Marie, kaum im Stande, ihre Bewegung zu verbergen—„gehn Sie— gehn Sie nicht fort!“ „Ich kann nicht anders Fräulein Marie— Gott da oben iſt mein Zeuge, die harten Worte, die Ihr Vater heute zu mir geſprochen— ich wollte ſie gern vergeſſen, gern dem Mann, den ich liebe und achte wie einen Vater, mehr Rechte einräumen, als ich einem anderen Mann zugeſtehen würde, aber— er hat mir ſelber befo kann ich da bleiben?“ Marie wandte den Kopf von ihm ab 2 ſowieg und auch Georg fand nicht gleich Worte wieder; endlich ſagte er mit weicher, nur gewaltſam geſammelter Stimme: „Ich habe noch eine Bitte an Sie Fräulein Marie— eine recht große Bitte, deren Erfüllung mich recht glücklich machen würde.“ „Wenn ich ſie erfüllen kann—“, ſagte Marie doch ſo leiſe, daß die Laute kaum zu Georgs Ohren drangen. „Den kleinen Roſenſtock“ fuhr Georg fort, den, wie Sie wiſſen, mir die Mutter mitgegeben, und der mir unendlich lieb und theuer iſt, muß ich zurücklaſſen, bis ich ſelber eine feſte Stätte habe, ihn zu pflanzen. Schon einmal war ich ge⸗ zwungen, ihn in New⸗Orleans fremden Händen zu übergeben, und hatte gehofft— darf ich ihn Ihrer Obhut überlaſſen?“ „Ich will ihn treulich aufbewahren“ flüſterte Marie. „Dank Ihnen, tauſend Dank— wie weh mir ſelber jetzt der Abſchied thut,—“ fuhr er dann traurig fort,„darf ich Ihnen wohl nicht erſt ſagen. Ich hatte auch den heutigen Tag noch hier bleiben, Ihre Freude, wenn auch nicht theilen, doch nicht ſtören wollen— ich fühle aber jetzt, daß ich es nicht einmal gekonnt; ich habe mir mehr Stärke zugetraut, als ich beſitze— leben Sie wohl mein Fräulein und— den⸗ ken Sie manchmal freundlich an Ihren alten Reiſegefährten zurück, der die Stunden zu den ſchönſten zählen wird, die er in Ihrer Nähe verleben durfte— leben Sie wohl.“— 219 Marie reichte ihm die Hand, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen, nicht ein Wort brachte ſie dabei über die Lippen und Georg fühlte wie die Hand die in der ſeinen ruhte, zit⸗ terte. Er hielt ſie viele Secunden lang feſt, hob ſie, als ob er ſie an die Lippen drücken wollte, ließ ſie wieder ſinken, und wie mit einem raſchen, wenn auch itheuer genug erkämpften Entſchluß ſie frei laſſend, wandte er ſich, und ſchritt den Weg zurück, der zu dem Hauſe führte. Marie drehte ſich nach ihm um— ihr Mund öffnete ſich, aber kein Laut kam über ihre Lippen; wieder kehrte ſie ſich von ihm ab, und während die hellen, bittern Thränen an ihren Wangen niederrollten, ſchritt ſie dem Walde zu. Der Mittagstiſch verſammelte wie gewöhnlich die Fa⸗ milienglieder um die lange Tafel— nur Georg Donner fehlte. Sein Couvert lag aufgedeckt, aber Anna nahm, als ſich die Gäſte ſetzen wollten, den Stuhl fort und den Teller mit Meſſer und Gabel vom Tiſch. „Wo ſteckt denn Donner eigentlich?“ frug Hopfgarten, der das Zimmer ſchon flüchtig mit den Augen überflogen hatte, und den jungen Mann gerade ſuchte. „Er läßt ſich heute Mittag durch mich entſchuldigen,“ ſagte die Frau Profeſſorin, einen ſchüchternen Blick dabei nach ihrem Mann hinüberwerfend; dieſer ſchien jedoch die Frage über⸗ hört zu haben und fing ſchon an die Suppe auszuſchöpfen. Nur Theobald war aufmerkſam geworden, und frug die Frau 220 Profeſſorin ob ſie nicht wiſſe, wo Donner ſei, und ob er viel⸗ leicht nach dem Luſthaus hinausgegangen wäre. Ein dunk⸗ ler Verdacht ſtieg in ihm auf, daß ſich der junge Mann auch bei der Feſtlichkeit, über die er mit eiferſüchtigem Auge wachte, betheiligen könne, und am Ende gar die Tiſchzeit, wo er wußte, daß er ungeſtört blieb, benutzt habe, hinauszugehn. Die Frau Profeſſorin beruhigte ihn aber darüber, und Theobald hatte bald andere Sachen im Kopf, ihn das wieder vergeſſen zu machen. Die Tiſchgeſellſchaft war aber eine recht ſtille heute, wo Alle ſich eigentlich vorgenommen hatten recht heiter zu ſein, und wunderbarer Weiſe fiel es Niemandem auf. Donner war noch dicht vor Tiſch im Haus geweſen, von Mariens Mutter und Schweſter Abſchied zu nehmen, und hatte nicht einmal be⸗ wogen werden können, wenigſtens noch zum Eſſen zu bleiben. Der Profeſſorin ſelber war das aber recht ſchwer auf die Seele gefallen, denn ſie wußte, wie treu und redlich es der junge Mann mit ihnen meinte, und wie oft er den Vater ſchon von Sachen abgehalten, die, wie ſich ſpäter auswieß, nur zu ſei⸗ nem Schaden geweſen, wenn er dem eigenen Kopf dabei ge⸗ folgt. Der Profeſſor ſelber fühlte ſtch am Unbehaglichſten— er trug das unangenehme Bewußtſein mit ſich herum, einen unüberlegten, vielleicht gar ungerechten Streich gemacht zu haben, und anſtatt auf den böſe zu ſein, der die alleinige Schuld davon trug— auf ſich ſelber— war er es auf die unſchul⸗ dige Urſache deſſelben. Hopfgarten hatte nun vollends ſeine neuen Reiſe⸗ und Rachepläne im Kopf, und hörte und ſah kaum was um ihn her vorging. Eduard, erſt kurz vor Tiſch unverrichteter Sache von ſeiner Hirſchjagd zurückgekehrt, war ärgerlich und verdrießlich, und Theobald brütete über einen Toaſt in Verſen, den er vorher ſorgfältig einſtudirt und von dem er jetzt unglückſeliger Weiſe gerade die Pointe vergeſſen hatte. Marie, die Königin des Feſtes war die Allerſtillſte, und Anna, die neben ihr ſaß, wagte nicht ſie um die Urſache zu fragen. Nach und nach kam allerdings ein wenig mehr Leben in die Geſellſchaft— Theobald hatte die Pointe wiedergefunden und fuhr plötzlich in die Höh ſich ſeiner Laſt zu entledigen, daß er die Geſchichte nicht am Ende gar noch einmal verlöre. Die Männer ſprachen dabei fleißig dem heute ausnahmsweiſe gegebenen Weine zu, und ſelbſt der Profeſſor, der ſich glaubte zuſammenehmen zu muüͤſſen, damit ihm Niemand etwas an⸗ merke, wurde geſprächig, lachte über ein paar Anekdoten die Theobald erzählte, und neckte den Sohn über ſein unverbeſſer⸗ liches Jagdglück. Gleich nach Tiſch brach die Geſellſchaft aber nach dem neuen Luſtplatz auf, dieſen einzuweihen und Theobald lief mehr als er ging, voran, ſte dort, wie er meinte, würdig empfangen zu können. Das gelang ihm auch vollkommen; die kleine freundliche Stelle im Walde war mit Blumen, grünen Reiſern und blü⸗ henden Lianen geſchmückt, und als die Familie, von Herrn „ 222 von Hopfgarten begleitet, nur erſt einmal den Prolog über⸗ ſtanden, mit dem ſte Theobald von oben aus bewillkommte, und wobei ihm der neben ihm kauernde Eduard die fehlenden Worte zuflüſtern mußte, wurde dort von den Männern ein Feuer gemacht, und der Kaffee mit dem ſchon vorher hinaus⸗ geſchafften Kuchen genoſſen. Aber wo ſteckt denn nur Donner?“ frug Hopfgarten, wie das Gedicht endlich wirklich vorüͤber war, dem Profeſſor noch einmal;„bei Tiſch war er nicht— hier iſt er auch nicht, und vorhin ſah er ſo verſtört aus— ich habe ihn nachher gar nicht wieder geſehn.“ „Ich habe den jungen Mann aus meinem Dienſt ent⸗ laſſen,“ ſagte der Profeſſor ernſt und ruhig. „Den Teufel haben Sie?“ rief Hopfgarten, von ſeinem Sitze aufſpringend—„den jungen Donner?“ „Ich ſchätze ſeinen Fleiß wie ſeine anderen guten Eigen⸗ ſchaften, und weiß ſie vollkommen zu würdigen,“ erwiederte Lobenſtein,„aber ich bin nicht geſonnen, mir auf meinem eigenen Grund und Boden von einem Manne, der dem Alter nach mein Sohn ſein könnte, Vorſchriften, ja ſogar Vorwürfe machen zu laſſen.“ „Profeſſor, Profeſſor,“ ſagte Hopfgarten unruhig,„ich will zu Gott hoffen, daß Sie den Schritt in Ihrem Leben nicht bereuen— Donner war ein tüchtiger Kopf und ein flei⸗ ßiger Arbeiter, und würde Ihnen von unberechenbarem Nutzen geweſen ſein.“ „Wenigſtens glaubte er das ſelber,“ ſagte Theobald, der 223 mit Hopfgarten darin keineswegs einverſtanden war, und jetzt zu ſeinem innigen Vergnügen hörte, daß der junge Mann, der ihm ſchon oft im Weg geweſen, den Platz räumen würde. Hopfgarten ſah den jungen Dichter an, und hatte eigent⸗ lich eine recht bittere Erwiederung auf der Zunge, ſchluckte ſie aber hinunter, und ſagte Nichts weiter als—„nun ich will Ihnen in der That wünſchen, daß Sie es nicht bereuen mögen; mir aber iſt es für den Augenblick gerade recht, und ich habe deſto dringender mit ihm zu ſprechen— Sie erlauben mir da wohl, daß ich einen Augenblick zum Haus zurückgehe, ihn aufzuſuchen. „Ich werde Sie begleiten,“ ſagte Anna— ich habe ſo noch etwas vergeſſen, und ihr Bonnet aufnehmend, ſchritt ſie mit Herrn von Hopfgarten dem Hauſe wieder zu. Dort fanden ſie Georg aber nicht mehr, und als ſie zum Weber hinüber gingen, hörten ſie von dieſem, der ſich gar keine Mühe gab, ſeinen Aerger zu verbergen, daß der junge Mann ſchon, trotz allen Gegenreden von ſeiner Seite, vor dem Eſſen den Platz verlaſſen habe. Er hatte ſeinen Torniſter, der bei ihm gelegen, und Alles enthielt, was er bei ſich führte, auf den Rücken geworfen und war damit nicht einmal eine Straße, ſondern gerade querfeldein in den Wald hinein marſchirt. „Hätt' er den anderen Faullenzer, den Gedichtemacher fortgejagt,“ ſagte der alte ehrliche Burſche dabei,„ſo wäre Vernunft d'rin geweſen, ſo aber ſchickt er den beſten Arbeiter fort, den er auf dem Platze hat, und mag nun auch ſehn wie er ſo fertig wird. Soviel weiß ich aber, wenn mein Jahr 224 nicht ohnedieß bald um wäre, ich kündigte ihm auch auf und ging meiner Wege, denn die ganze Geſchichte hier nimmt doch kein gutes Ende und wem das nicht egal iſt, dem dreht ſich nachher das Herz im Leibe dabei um.“ Hopfgarten ſelber war außer ſich, und machte alle mög⸗ lichen Pläne, den jungen Mann wieder zu finden, ſchickte auch drei von den Leuten aus, denen er eine ſehr gute Belohnung verſprach, wenn ſie ihn fänden und, wenn auch nicht zurück⸗ brächten, doch aufhielten, daß er ihm ſelber nachginge. Alle drei kehrten jedoch ſpät am Abend unverrichteter Sache zurück — ſie hatten gar nicht auf ſeine Spur kommen können. * Canitel 8 In Michigan. Es iſt ein eigenes Gefühl für den Europäer, die Straßen einer der, wie aus dem Boden gewachſenen jungen Amerika⸗ niſchen Städte zu durchwandern, und um ſich her das Drän⸗ gen und Treiben jener geſchäftigen Menſchenwelt zu ſehn, die von allen Theilen Amerikas und Europas herbeigezogen, wild und bunt hier zuſammen ſtrömt, ihre Hütten baut, und kei⸗ nen anderen Trieb faſt kennt als eben— reich zu werden. Alles iſt neu und unfertig, nur dem augenblicklichen Bedürf⸗ niß genügend, und ſelbſt wo der Kern der Stadt, der Mit⸗ telpunkt von dem aus ſie ihre Strahlen ſchießt, und Häuſer und Straßen wie Cryſtalle anſetzt, ſtattliche neue Steinge⸗ bäude bilden, ſtehen dicht daneben niedere, nur flüchtig errich⸗ tete Holzhütten, momentane Wohnplätze für ihre Bewohner, die im nächſten Jahr eine Etage, oder rechts und links einen Anbau treiben, und ſich endlich ebenfalls zu einem mächtigen Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 15 226 Backſteinhauſe bilden, das wiederum ſeinen Anwuchs neben ſich keimen und emporſteigen ſieht. Und ſelbſt das Aelteſte, wie neu; die friſchbehauenen Steine vorn als Schwellen, die lichten, noch nicht Wetterge⸗ bräunten Schindeln auf den Dächern, die oft noch nicht ein⸗ mal geſtrichenen Rinnen, die friſch und hell geſchmacklos an⸗ gemalten Jalouſien; die kleinen Holzgebäude daneben mit ihrem viereckig weiß geſtrichenen Fronten, mit einem Breter⸗ vorſchuh obendrauf, anſcheinend das Ganze größer ausſehn zu machen, in Wirklichkeit aber rieſigen Firmen Raum zu ge⸗ ben, die mit dem Nachbar Steinhaus concurriren ſollen; die jungen Kirchen ſelbſt mit dem viereckig hölzernen ungeſchickten Thurm— ebenfalls Concurrenzen zwiſchen Baptiſten, Pres⸗ byteriern, Methodiſten, Unitariern, Episcopalen, Univerſaliſten, Katholiken, Congregationalen und wie die unzähligen feind⸗ lichen Sekten unſerer einigen chriſtlichen Kirche alle heißen; die Wirthshausſchilder ſelbſt mit den koloſſalen und oft wun⸗ derlich genug gemalten Ueberſchriften wie:„Experiment“— „Opposition“— die aufgehäuften Waaren überall, Maſſen davon noch nicht einmal unter Dach und Fach gebracht, Whis⸗ keyfäſſer mit rothen Böden und ſchwarzer Aufſchrift, mit den Cincinnati⸗Stempeln; ebenſo Pork⸗ und Mehlfäſſer, Colonial⸗ waaren, in Schuppen ungeſpeichert; Kleiderläden, aus rohen Bretern friſch aufgeſchlagen, mit einem durch eine Kattunwand abgegrenzten Schlafplatz drinn, und oben die Firma eines deut⸗ ſchen Jüdiſchen Namen tragend; die Straßen zum großen Theil noch nicht einmal gepflaſtert, und einzelne Stücken Fenz ſogar *₰ noch hie und da im Innern der Stadt, die wie abgeſchnitten und überraſcht von dem fabelhaft ſchnellen Bau der Häuſer um ſie her, vergeſſen ſcheinen in dem allgemeinen Drängen nach vorwärts. Und dann die Menſchen erſt— wie das rennt und ſtürmt und galopirt und die Schultern gegen ſein Tagwerk ſtemmt; dieſe Haſt des Erwerbs hat kein anderes Land der Erde auf⸗ zuweiſen, und mit der kecken Stirn mit der der Yankee jeden Gewinn vom Zaune bricht, der ſich ihm bietet, gleichviel wo⸗ her er komme, mißt ſich ebenfalls kein anderer Stamm. „Du glaubſt zu ſchieben, und Du wirſt geſchoben,“ ein Halten iſt nicht möglich, denn der Hintermann weicht Dir nicht aus oder ſchreitet um Dich herum, er ſchiebt Dich mit ſich, oder— tritt Dich noch lieber unter die Füße, ſelber einen etwas feſteren Halt zu bekommen für den eigenen Fuß; was ſchiert ihn der Nachbar. Und das Gemiſch von Sprachen, von Trachten, von Sitten in ſolcher neuen Stadt. Der trunkene Ire, der mit der Schaufel über der Schulter durch die Straßen jubelt, in irgend einem Keller oder Brunnen ſein Tagewerk zu beginnen, der glatte Franzoſe mit dem zierlich gekräuſelten moustache, der Seemann wie er vom Schiff herunter kommt, den Mund voll Flüche und Taback; der ſanfte Reverend mit der weißen glatten Halsbinde, dem viel glatteren Hut und noch glat⸗ teren Geſicht; auch auf der Jagd, wie die Anderen, nicht nach Arbeit zwar, aber nach Gewinn, Abonnenten für ſeine Sitze in der eigenen Kirche zu ſchaffen, ehe ſie der Nachbar Baptiſt 15* * oder Unitarier für ſich geangelt hat; der deutſche Bauer mit dem langen Rock und ausgeſchweiften Hut, immer in Schweiß und immer zu ſpät kommend, wo es den Lohn zu erndten giebt für ehrlich geleiſteten Dienſt; der lange Yankee dazwiſchen, glatt raſtrt und, als einer höchſt lobenswerthen Eigenſchaft, mit ſtets reiner Wäſche, ſei er noch ſo arm, dabei aber nicht ſelten in zerriſſenem Frack, und über kreuz und quer durch das Oberleder geſchnittenen Stiefeln, den Zehen freien Raum zu geben. Der Mulatte und Neger, mit aufgeſtreiften Hemdsär⸗ meln und immer freundlichem, oft gutmüthigen Geſicht, die Arme vor ſich her ſchlenkernd und die Hände halb gekrümmt, zum Zupacken an irgend etwas; und dazwiſchen hinſchleichend vielleicht, ein Indianer in ſeine Decke gehüllt, den bemalten Kopf mit Federn geſchmückt und die Büchſe auf der Schulter mit dem Putzſtock in der rechten Hand, der ſtaunend und ſcheu das dunkle Auge nach allen Seiten hinüberwirft, das wunder⸗ bare Volk der Bleichgeſichter hier förmlich aus dem Boden her⸗ auswachſen zu ſehn. Wie der die Brauen ſo finſter zuſammen⸗ zieht und mit den Zähnen knirſcht, wenn er daran denkt, daß es ſeine Jagdgründe ſind, die ſie ihm verödet, daß der Boden die Gebeine ſeiner Väter deckt, deren Gräber entweiht und ih⸗ res heiligen Schattens beraubt wurden. Aber was hilft es ihm daß er die Büchſe feſter packt und die Decke halb von der rechten Schulter wirft— ſeine Zeit iſt vorbei, und mit dem erſten Schiff, das weiße Wanderer ſeinem Lande brachte, brach auch der Damm, der es bis dahin geſchirmt und geſchützt vor Ueberſchwemmung. Langſam und leiſe zwar kamen ſie im An⸗ 229 fang heran; freundlich und bittend, wie die Fluth auch an dem erſt berührten Damm ganz langſam ſickernd wäſcht und ſpühlt und einzelne Tropfen nur hinüberfließen läßt zur anderen Seite; aber der Riß weitert ſich, und ſtärker beginnt es zu laufen. Noch wär' es Zeit, wenn Alles jetzt zur Hülfe ſpränge und ſich entgegenwürfe dem gemeinſamen Feind; aber es iſt wohl nicht ſo ſchlimm,“ denken die Meiſten, und die im Lande drin, die kümmerts auch wohl gar nicht.„Da müßt es ſtark kom⸗ men und mächtig werden, wenn es uns hier erreichen ſollte — die, denen es am nächſten auf der Haut brennt, mögen ſich wehren.“ Die wehren ſich auch wohl, doch wächſt die Fluth und hier und da reißt ſie auf's Neue Bahn, ſtärker, immer ſtärker und mächtiger, und furchtbar plötzlich mit der ganzen Kraft das letzte Hinderniß zu Boden reißend, daß ſich ihr noch entgegen ſtellte. Jetzt möchten die im Lande drinnen die Arme auch gebrauchen, aber das Waſſer hat ſie ſchon erreicht— das ganze Land iſt überſchwemmt, der Boden weicht ihnen unter den Füßen fort. Noch ſchwimmen ſie, das Meſſer zwiſchen den Zähnen, doch umſonſt— die Strömung iſt zu ſtark, und mit ihr treiben die letzten ihres Stammes dem Meere zu. Hopfgarten hatte Milwaukie nach gerade nicht ſehr lan⸗ ger, aber höoöchſt beſchwerlicher Fahrt erreicht, und ſchlenderte, eben angekommen, noch mit ſeinem Reiſeſack unter dem Arm, die Oſt⸗Waſſerſtraße hinab, dem Mittelpunkt der Stadt zu, die ſich hier, mit dem weiten herrlichen See und ſeinem regen Treiben zu ſeiner rechten, in bunter thätiger Geſchäftigkeit ent⸗ wickelte. 230 Unſer alter Freund hatte ſich übrigens, mit keinem wei⸗ teren Ziel der Straße folgend, als ein ihm zuſagendes Hotel zu finden, ganz dieſen neuen Eindrücken hingegeben, und haute mit einer Art von Behagen auf das Gewirr und Jagen um ſich her, dem er keineswegs fern ſtand, ſondern zu dem er, ge⸗ rade in ſeiner Ruhe und mit ſeinem Reiſeſack unter dem Arm, recht eigentlich gehörte. Daß ſich dabei Niemand um den Fremden, wo Alles fremd war, kümmerte, gefiel ihm ebenfalls, und nach Bequemlichkeit die verſchiedenen Schilder und Fir⸗ men leſend, wie ſie jedem Ankommenden ſchon Straßen weit in die Augen leuchten, ſtutzte er plötzlich, als ihm ein bekannter Name zwiſchen der Unzahl franzöſiſcher, engliſcher und deut⸗ ſcher Firmen, in engliſcher Schrift, auffiel. „Dr. J. A. Hückler, praktiſcher Arzt und Geburtshel⸗ fer, Operateur und Chirurg,— Beſitzer der Königl. — Preuß. Verdienſtmedaille ꝛc. ꝛc. ꝛc.— während unten, naeeben der Thür noch ein ganz kleines Schild hing, auf dem mit winzigen deutſchen Buchſtaben ſtand„deutſcher Arzt!“ „Wäre doch wunderbar,“ murmelte der kleine Mann vor ſich hin, ging aber auch, ohne ſich weiter zu beſinnen, auf das ganz friſch angemalte weiße Häuschen zu, deſſen mangelnde erſte Etage eben durch dieſe Rieſenfirma vollkommen erſetzt wurde, öffnete die Thüre und fand ſich gleich darauf in dem kaum vierzehn Fuß langen und nicht breiteren Raum ſeinem alten Reiſegefährten, dem„Doctor“ Hückler, wie einem ſcheußlichen, dicht hinter ihm aufgeſtellten Skelett gegenüber. „Guten Morgen Doctor,“ rief der Reiſende, unwillkür⸗ 231 lich, aber dabei neben ihm weg nach dem Skelett hinüberſe⸗ hend—„wie gehts?“ „Guten Morgen Herr von Hopfgarten,“ erwiederte der Doctor, ſo ruhig jedoch, und ſo ohne auch nur das geringſte Erſtaunen über den Eintritt eines Mannes zu zeigen, mit dem er die Seereiſe gemacht, und von dem er ſeit der Zeit Nichts wieder gehört, als ob er ihn alle Tage um dieſelbe Stunde hätte bei ſich eintreten ſehen,„doch nicht krank will ich hoffen? ſollte mir leid thun.“ „Seh' ich aus wie ein Kranker, Doctor,“ lachte Hopfgar⸗ ten,„nein ich ſah Ihr Schild draußen, und wollte mich nur erſt einmal überzeugen, ob Sie es wirklich ſelbſt wären, der ſich hier, unter der rieſigen Firma und mit allen möglichen und erdenklichen vortheilhaften Eigenſchaften, niedergelaſſen hat. Wo zum Teufel haben Sie übrigens das ekelhafte alte Knochengeſtell dahinten aufgetrieben? ſteht das zur Ver⸗ zierung hier in Ihrer Bude?“. „My deur sSir,“ ſagte der Doctor mit einer nicht un⸗ geſchickten Amtsmiene,„in dieſer Hinſicht ſind Sie in un⸗ ſerem Fache wohl noch zu fremd, die Urſachen zu begreifen, weshalb man dem ungebildeten Theil der Amerikaniſchen ſowohl, wie fremden Bevölkerung, durch die That und gewiſſer⸗ maßen bildlich beweiſen muß, daß man ſein Fach verſteht, und ſich nicht nur mit der Haut beſchäftigt, ſondern in ſeinen For⸗ ſchungen bis auf die Knochen unſeres Syſtems gedrungen iſt.“ „Warum machen Sie ſolche Umſtände,“ lachte Hopf⸗ garten gutmüthig,„und ſagen mir nicht lieber mit einfachen Worten,„davon verſtehen Sie Nichts,“— das iſt mir ſchon mehre Male paſſirt. Sie mögen übrigens recht haben,“ ſetzte er dann, indem ſein Blick im Zimmer umherſchweifte, hinzu; „wahrſcheinlich verſteh ich davon ebenſowenig, wie von den eingemachten Schlangen, und Eidechſen und kleinen Kindern, die Sie hier in Gläſern herumſtehn haben. Doctor das iſt ein ſchauerlicher Nipptiſch, und könnte Einem den Appetit auf eine ganze Woche verderben. Alſo es geht Ihnen gut, wie? nun das freut mich; nach alle dem, wie Sie die Sache hier ange— griffen, zweifle ich auch wirklich nicht daran, daß Sie Ihren Weg in Amerika machen werden.“ „Lieber Herr von Hopfgarten,“ ſagte Hückler, ſich eine— Cigarre aus einem hinter ihm ſtehenden Käſtchen nehmend, und ſie anzündend,„der Begriff„Weg machen“ läßt ſich bei Männern unſeres Fachs nicht wohl anwenden. Die Wiſſen⸗ ſchaft hat ihre eigene Bahn, auf der ſie langſam aber ſicher fortſchreitet, und wer in der Bahn den Anforderungen genügt, die an ihn gemacht werden, der ſchwimmt oben und kann ſei⸗ nen Kahn ziemlich in jeden beliebigen Hafen ſteuern. Wer das nicht kann— nun der ſinkt eben unter, und verſchwin⸗ det in der Maſſe des übrigen Gelichters, das hier nach Amerika kommt, und glaubt, es brauche nur die Naſe herein zu ſtecken, ſchon mit offenen Armen empfangen zu werden. Wir hier in Amerika überſchauen das aber mit ziemlich ruhigem Blick, und wiſſen, was wir von derlei Hoffnungen zu erwarten haben.“ „Wir hier in Amerika?— hm,“ ſagte Hopfgarten, wirk⸗ lich erſtaunt über die Veränderung, die wenige Monate in dem 233 ſonſt ſo ſtillen und oft ſogar ſchüchternen Chirurgen hervorge⸗ bracht—„nicht ſo übel, Sie ſprechen, als ob Sie ſo viele Jahre wie Monate in Amerika wären.“ „Die Erfahrungen reifen den Mann, nicht die Jahre,“ entgegnete der Doctor ruhig.— „Sehr hübſch gedacht, beſonders vom mediciniſchen Stand⸗ punkte aus,“ ſagte Hopfgarten,„aber apropos— irr' ich mich, oder habe ich irgendwo gehört, daß Sie auch ſchon verhei⸗ rathet ſind?— „Allerdings,“ ſagte Hückler, den Rauch ſeiner Cigarre von ſich blaſend—„ich kam vor etwa drei Monaten nach Wisconſin, und fand das Unweſen der Aerzte hier zu einem Höhepunkt gediehen, der wirklich nicht zu beſchreiben iſt. Es quackſalberte eine Anzahl von Leuten hier herum, von denen ſelbſt jetzt ſogar noch ein großer Theil ſeine Gifte all jenen Unglück⸗ lichen verabreicht, die ihnen in die Hände fallen, und mehre ſehr achtbare Amerikaniſche Familien beſonders, waren von ſolchen Betrügern wahrhaft gemißhandelt, und langſam aber ſyſtematiſch nach und nach ausgemordet worden. Da kam ich hierher, und wurde in verſchiedenen Fällen zu, von Amerika⸗ niſchen Aerzten ſchon aufgegebenen Kranken gerufen. Eine bedeutende New⸗Orleans Praxis hatte mich dabei mit den hieſigen klimatiſchen Verhältniſſen vertraut gemacht, ein raſcher Blick, der einem tüͤchtigen Arzt eigen ſein muß, oder er iſt eben kein tüchtiger Arzt, ſetzte mich in den Stand, die Uebel, wie die begangenen Misgriffe richtig zu erkennen, mit einem Wort ich kam— ohne unbeſcheiden zu ſein, ſah und ſiegte. 234 Die Tochter eines ſehr wohlhabenden Farmers ganz in der Nähe, riß ich ſolcher Art aus den Krallen des Todes, und der Vater, der ſein Kind ſchon aufgegeben hatte, gab es mir, zur weiteren Verpflegung.“ Hopfgarten hatte ſich, ohne übrigens von dem Beſitzer des „doctor shops“ dazu beſonders aufgefordert zu ſein, auf dem einzigen Stuhle niedergelaſſen, der in dem kleinen Raum, wahr⸗ ſcheinlich zur Bequemlichkeit vorſprechender Patienten, ſtand, und hörte, beide Daumen dabei um einander jagend und die Blicke feſt auf den Erzählenden heftend, dieſem Schlacht⸗ und Siegesbericht geduldig zu. Es war ihm ein eignes Gefühl, und nicht ohne Intereſſe für ihn, die Verwandlung zu beob⸗ achten, die in dem ganzen Weſen des früheren Hückler, jetzigen plötzlichen M. D. vorgegangen, und er konnte nicht umhin da⸗ bei Vergleiche zwiſchen ihm und den jungen Donner anzuſtellen, die allerdings nicht zum Vortheil ſeines jetzigen Gegenüber ausfielen. Hückler aber, deſſen ganz unbewußt, und ſo feſt überzeugt geworden von ſeinen Talenten, daß er nicht einmal mehr ſelber erſtaunt war, plötzlich einen ſo ausgezeichneten Arzt in ſich entdeckt zu haben, ſchwatzte noch eine Weile in der obigen Weiſe fort, und ſuchte beſonders ſeinem früheren Reiſe⸗ gefährten eine Idee von der ausgebreiteten ſowohl wie ausge⸗ zeichneten„Kundſchaft“ beizubringen, die er ſich hier ſchon in der kurzen Zeit ſeines Aufenthalts erworben, und erſuchte ihn endlich, ihn doch einmal Abends auf ſeiner„Villa“ in der Nähe der Stadt zu beſuchen, auch ſeine häusliche Einrichtung in Augenſchein zu nehmen. Vielleicht wollte er dadurch ſeinem 235 Beſuch, den er doch wohl im Verdacht hatte, früher eine nicht ganz ſo gute Meinung von ihm gehabt zu haben, imponiren; vielleicht aber auch— das Wahrſcheinlichere— etwas pari⸗ ren, was er durch Herrn von Hopfgartens Erſcheinen mit dem Reiſeſack, freilich unbegründet, glaubte fürchten zu müſſen, daß dieſer nämlich die Abſicht habe ſich, fremd in der Stadt, bei ihm, als einem alten Reiſegefährten, einzuquartiren. Hopfgarten dachte natürlich gar nicht an etwas derarti⸗ ges, hielt aber gerade den hier jedenfalls ziemlich bekannten Hückler für eine paſſende Perſönlichkeit, das, was ihm am meiſten am Herzen lag, zu erfahren. Direkt nach Henkel zu fragen ſcheute er ſich allerdings— er wollte Alles vermeiden, was den Burſchen vor der Zeit warnen konnte, und beſann ſich deshalb eben auf eine paſſende Einleitung, als ihm Hück⸗ ler darin ſchon auf halbem Wege entgegenkam. Dieſer begann nämlich damit, ſeine Kunden aufzuzählen, und Hopfgarten ließ ihn darin ruhig gewähren, bis er nur fortwährend Amerikaniſche oder fremde Namen nannte, und Hopfgarten ihn dann endlich unterbrach und ſagte: „Nun— und wie iſt es mit den Deutſchen? wir ſcheinen doch hier eine Unmaſſe Landsleute zu haben, und Wisconſin ſoll ja, wie mir in anderen deutſchen Staaten erzählt iſt, über⸗ haupt zum größten Theil von Deutſchen bevölkert ſein; haben Sie unter denen keine Praris?“ „NYes, es ſind viele hier,“ ſagte Hückler, anſcheinend ſehr gleichgültig,„mit denen iſt aber wenig anzufangen, mein lieber 236 Herr von Hopfgarten. Es kommt da eine Race Menſchen von unſerem guten Deutſchland herüber, daß man ſich ſeiner Lands⸗ leute ordentlich ſchämen möchte, und ich ſelber habe nicht gern — ich muß es aufrichtig geſtehn— etwas mit ihnen zu thun. Es macht Einem auch bei den Amerikanern keinen guten Na⸗ men, viel mit den black dutch*) zu verkehren.“ „Nicht mit den Deutſchen“ rief Hopfgarten verwundert, und mußte dabei wirklich an ſich halten, dem eingebildeten Narren, der ſein eignes Vaterland verleugnen wollte, nicht das erſte beſte Glas an den Kopf zu werfen—„weshalb nicht, wenn ich fragen darf?“ „Ih nun,“ ſagte der ſelbſtgemachte Doctor, die Naſe rümpfend und mit den Achſeln zuckend,„ich weiß nicht— man hat eben keine Ehre davon, mit ihnen umzugehn, noch dazu wenn man in Amerikaniſche Familien eingeführt und der Eng⸗ liſchen, doch viel ſchentileren Sprache mächtig iſt. Ich weiß nicht— ich ſpreche zum Beiſpiel, obgleich es mir noch manch⸗ mal etwas ungewohnt vorkommt, zehntauſend Mal lieber Engliſch wie Deutſch— es iſt auch die Landesſprache, und wir müſſen uns darein finden. Uebrigens,“ ſetzte er raſch hinzu, als er an Hopfgartens Geſicht doch wohl ſehn mochte, daß dieſer mit den eben geäußerten Anſichten nicht ſo ganz einverſtanden war,„giebt es auch Gott ſei Dank einige Aus⸗ nahmen hier von der Regel, aber freilich wenige; ſo habe ich *) Schwarz⸗Deutſche— ein Schimpfwort d der ungebildeten Ameri⸗ kaner für die Deutſchen. 237 neulich wieder das Vergnügen gehabt, einen alten Reiſegefähr⸗ ten von der Haidſchnucke hier begrüßen zu können, der dabei auch ſchon mit mehren Amerikaniſchen Familien ſehr befreun⸗ det iſt, und in andern durch mich eingeführt wurde— Sie erinnern ſich doch noch an Herrn Henkel—“ „Alſo er iſt hier?“ rief Hopfgarten ganz gegen ſeinen Willen ſchneller als es ſeine Abſicht geweſen, und ſetzte erſt dann wieder langſamer hinzu—„oh ja, ich erinnere mich jetzt gehört zu haben, daß er eine Reiſe nach dem Norden be⸗ abſichtigte.“ Hückler, ſo ſehr er auch mit ſich ſelber beſchäftigt ſein mochte, bemerkte doch, und zwar mit einem etwas erſtaunten Blick, die unverkennbare Erregung Hopfgartens bei dem Na⸗ men, wenn er ſich auch natürlich die Urſache nicht im Gering⸗ ſten erklären konnte, oder ſich etwa Mühe gegeben hätte das zu thun. Raſch auch darüber hingehend, begann er wieder von ſeinen Verbindungen, wie ebenfalls von ſeinen jetzigen Einnahmen zu erzählen, die er mit einer gewiſſen wegwer⸗ fenden Gleichgültigkeit wahrſcheinlich noch um das zehnfache übertrieb, dem früheren Reiſegefährten ſo viel als möglich zu imponiren. Im Laufe des Geſprächs, in dem ſich Hopf⸗ garten ſchon entſetzlich zu langweilen begann und auf raſchen Rückzug dachte, erwähnte er dabei, daß er jetzt eben im Be⸗ griff ſtehe, bedeutende Gelder nach Europa zu ſenden, und zwar einen Theil derſelben ſeinen Eltern, einen anderen aber, um ihn in einem gewiſſen Papier, zu dem er beſonderes Ver⸗ trauen hege, anzulegen. 238 „Ich muß auch nach Europa ſchreiben“ ſagte Hopfgar⸗ ten, von ſeinem Stuhle aufſtehend,„von hier aus thut man das wohl am Beſten über New⸗York?“ „New⸗York wird wohl die ſchnellſte Beförderung ſein, erwiederte Hückler,„ich ſende auch in dieſen Tagen etwas hin⸗ über, und zwar, da mir daran liegt, es ſicher hinüber zu brin⸗ gen, durch Herrn Henkel ſelber, der gerade genöthigt iſt, eine Geſchäftsreiſe nach Deutſchland zu machen.“ „Durch Herrn Henkel?“ ſagte Hopfgarten raſch und er⸗ ſtaunt„aber— aber um Gottes Willen, weshalb ſchicken Sie es denn da nicht durch die Poſt, oder durch einen hier anſäſſi⸗ gen Kaufmann, der Ihnen— der Ihnen gewiſſermaßen eine Garantie für die richtige Ankunft bietet—“ „Ah, mein lieber Herr von Hopfgarten,“ lachte Hückler, die Lippen dabei mit einem gewiſſen bedauerlichen Lächeln zu⸗ ſammenziehend—„Sie haben die alten Geſchichten im Kopfe, Märchen und Sagen von Leuten, die Nichts von der Sache wiſſen und gerne klug reden wollen, daß man, einmal in Ame⸗ rika angelangt, ſeinem eigenen Bruder nicht mehr trauen dürfe. Das mag recht gut ſein für ſolche, die„grün“ im Lande ſind, wie wir hier ſagen, wer aber da erſt einmal ſeine Schule durchgemacht hat, mein guter Herr von Hopfgarten, der weiß ſchon, wem er trauen darf und wem nicht.“ „Ja, aber ich meine nur—“ 5 „Wer mich leimen will, mein guter Herr von Hopf⸗ garten,“ fiel ihm Hückler wieder in die Rede,„der muß früh aufſtehn, und dann findet er erſt recht, daß es ihm Nichts ge⸗ holfen— ich kenne meine Leute; wem ich vertraue, darauf können Sie ſich verlaſſen, der verdient es.“ „Nun, das iſt mir lieb,“ ſagte Hopfgarten, der ſich über den Holzkopf ärgerte;„aber noch eins, Herr Hückler— Sie ſind doch hier in der Stadt bekannt, und können mir gewiß ein gutes Gaſthaus empfehlen, ein oder zwei Tage da zu lo⸗ giren.“ „Ih nun,“ ſagte der Doctor,„es hat ſich vor nicht gar langer Zeit ein ſehr achtbarer Mann hier etablirt, deſſen Frau ich behandle— ein Deutſcher allerdings, und obgleich ich eigentlich nicht für die deutſchen Gaſthäuſer bin, muß ich doch geſtehn, daß er ein ſehr gutes, beſonders ſehr reinliches Boardinghaus hält. Es liegt in der Weſtwaſſerſtraße und heißt„der rothe Drachen“— Sie brauchen nur hier gerade auszugehn— iſt auch billig; drei Dollar die Woche für Koſt und Logis.“ „Dort wird auch wohl Herr Henkel logiren,“ bemerkte Hopfgarten vorſichtig, der dem Burſchen nicht eher zu begegnen wünſchte, ehe er mit dem Staats⸗Anwalt geſprochen hatte. „Nein,“ ſagte Hückler lächelnd,„Herr Henkel wohnt in einem Amerikaniſchen Hauſe in Prairie street— es iſt aber ein Privathaus und würde weitere Boarders,“ ſetzte er hinzu, „nur vielleicht auf die Empfehlung eines bekannten und geach⸗ teten Mannes aufnehmen— ich habe Herrn Henkel auch dort⸗ hin empfohlen. Herr Henkel wird übrigens heute Abend oder morgen früh wieder abreiſen, dann bekommen die Leute Platz, und wenn Sie es wünſchen—“ 240 „Bitte, bitte,“ rief Hopfgarten raſch und abwehrend,„be⸗ mühen Sie ſich nicht meinethalben—„aber Sie ſagen, Henkel verläßt Milwaukie ſo bald wieder; das thut mir leid, ich hätte ihn gern geſprochen.—“ „Er wäre ſchon geſtern abgereiſt,“ ſagte Hückler,„und iſt wirklich nur in ſeiner unendlichen Gutmüthigkeit einigen Deutſchen Familien zu Liebe noch ſo viel länger hier geblieben, die ebenfalls Geld nach Deutſchland ſchicken wollten, Verwandte herüberkommen zu laſſen, und natürlich keine beſſere Gelegen⸗ heit finden konnten.“ „So— deshalb?“ ſagte Hopfgarten,„doch ich muß es mir jetzt erſt ein wenig bequem im Gaſthaus machen; alſo gu⸗ ten Morgen Doctor—“ „Guten Morgen Herr von Hopfgarten— ich hoffe, daß Ihnen hier Nichts paſſiren wird; wenn es aber der Fall ſein ſollte ſo—“ „Paſſiren?— was ſoll mir denn hier paſſtren?“ frug Hopfgarten ſich, ſchon in der Thüre, noch ganz erſtaunt um⸗ ſehend. „Nun, ich meine, wenn Sie vielleicht krank werden ſoll⸗ ten— das Klima iſt ſehr geſund, aber kleine Uebel ver⸗ nachläſſigt—“ „Ah ſo?— ei ja wohl, Herr Doctor, verſteht ſich von ſelbſt, daß ich dann Ihre Hülfe in Anſpruch nähme,“ lachte Hopfgarten.„Wahrhaftig, wenn es nicht eigentlich ſündhaft wäre, könnte ich mir, nur um das Vergnügen zu haben von Ihnen behandelt zu werden, ordentlich ſo ein gutartiges Ner⸗ 241 venfieber oder einen Choleraanfall an den Hals wünſchen— guten Morgen Herr Doktor.“ „Guten Morgen Herr von Hopfgarten— beehren Sie mich bald wieder.“ „Holzkopf,“ brummte Hopfgarten leiſe zwiſchen den Zäh⸗ nen durch, als er langſam die Straße hinaufging, aufmerkſam die Schilder über den Thüren betrachtete, und die Firmen las, den rothen Drachen herauszuſuchen. Mit Hülfe von ein paar Deutſchen, denen er unterwegs begegnete, und die ihn bereitwillig bis zu der Thüre des Wirthshauſes begleiteten, fand er dieſen endlich und trat hin⸗ ein. Der rothe Drachen unterſchied ſich im Aeußeren übrigens durch Nichts, als ſein Schild— einen furchtbaren rothen Dra⸗ chen, der eben einen armen Handwerksburſchen oder fonſt ein unglückliches Menſchenkind gefangen und ſchon halb verſchluckt hatte— von den übrigen Gaſthäuſern dieſer Art,„Deutſches Koſthaus zum rothen Drachen“ ſtand auf einem weißen Schild mit großen rothen Buchſtaben über der Thür und die kleine bar(der Schenkſtand) unten im Haus, hatte eben das ſtereo⸗ type Aeußere, wie alle dieſe ähnlichen zahlloſen Einrichtungen durch die ganzen Vereinigten Staaten. Aber gleich nach ſeinem erſten Eintritt merkte Hopfgarten einen fühlbaren Unterſchied zwi⸗ ſchen dem rothen Drachen undanderen, mit ihm auf gleicher Stufe ſtehenden Gaſthäuſern, die er bis jetzt betreten, und die ſehr zu Gunſten dieſes Platzes ausfielen: ſeine große Reinlichkeit, die hier die ſorgſame fleißige Hand einer tüchtigen Wirthin verrieth, und einen wohlthätigen Eindruck auf den Fremden, Gerſtäcker's Nach Amerika. vV. 16 machte. Nicht allein das ſaubere Tiſchtuch mit Servietten (eine ſeltene Bequemlichkeit in der Union) das den Tiſch bedeckte, nicht allein die blitzenden Scheiben der Fenſter und Glasthü⸗ ren, nein, auch der ſorgſam geſcheuerte, und mit weißem fri⸗ ſchem Sande beſtreute Boden, die reinlichen Gardinen an den Fenſtern, das blitzende Geſchirr, das hie und da ſtand, gaben Zeugniß davon, und Hopfgarten, ſehr zufrieden mit dieſem erſten Eindruck, frug den Barkeeper, ob er ein kleines Zimmer für ſich allein bekommen könne— vielleicht nur auf kurze Zeit, vielleicht auf länger. Das hatte einige Schwierigkeit; Amerikaniſche Gaſthäu⸗ ſer, in deren Stuben gewöhnlich immer drei und vier Doppel⸗ betten ſtehn, ſind nicht oft auf derlei Bequemlichkeiten einge⸗ richtet, und der Wirth mußte deshalb gerufen werden, das ſelber zu entſcheiden. Thuegut Lobſich hatte ſich in der Zeit, in der wir ihn nicht geſehn haben, doch bedeutend verändert; er war ſchwam⸗ miger, ſein Geſicht röther geworden, aber daſſelbe gutmüthige Lächeln lag ihm noch in den breiten Zügen, deren ſämmtliche Färbung ſich in der Mitte ſeines Geſichts(auf der Naſe) zu „concentriren“ ſchien. Thuegut Lobſich wußte aber auch genau, weshalb das geſchah, denn wo er in Deutſchland Bier ge⸗ trunken hatte, in dem vergeblichen Verſuch ſeinen Durſt zu löſchen, trank er hier ſchwere Weine, Sherry und Madeira und Cognac und Brandy dazu, dem fehlenden Appetit unter die Arme zu greifen, oder, wie er ſelber ſagte,„ſeinen Gäſten mit einem guten Beiſpiel voranzugehn.“ 243 „Der Mann da will gern ein Zimmer für ſich allein haben,“ ſagte der Barkeeper— ein ziemlich ungeſchlacht aus⸗ ſehender halb Amerikaniſirter Deutſcher, mit aufgeſtreiften Hemdsärmeln, ein gelb und rothſeidenes Taſchentuch über die rechte Schulter und unter dem linken Arm durchgebunden, indem er Herrn von Hopfgarten ſeinem Principale vorſtellte, „kann er eins kriegen?“ „Guten Morgen Herr Landsmann,“ ſagte aber Lobſich, ohne auf ſeinen Barkeeper weiter zu achten, indem er auf den Fremden zuging, ihm die Hand gab und dieſe derb ſchüttelte— „wie gehts Ihnen?— ſchon lange im Lande? ſind doch ein Deut⸗ ſcher, nicht wahr?— ja wohl, ſieht man Ihnen gleich an— hol der Teufel die Amerikaner— wollen alſo bei uns woh⸗ nen?— können ein Zimmer kriegen; was trinken Sie denn?“ — und mit dieſer Endfrage, auf die er, ſchon ſeinethalben eine direkte Antwort haben mußte, während der Barkeeper, kaum das Stichwort hörend, hinter ſeinen Schenkſtand ſprang, trat Lobſich mit ſeinem Gaſte, der noch gar nicht zu Worte kom⸗ men konnte, zu der Bar, und winkte nur mit den Augen nach ſeiner Flaſche hinüber. Hopfgarten mußte er freilich die ächt Amerikaniſche Frage „was trinken Sie“ noch einmal wiederholen. „Ein Glas Portwein, wenn ich bitten darf⸗ alſo das Zimmer kann ich bekommen?“ „Koſtet aber einen Dollar mehr die Woche,“ ſagte der Barkeeper. „Der Herr hat ja noch gar nicht danach gefragt, Dick⸗ — 16* * 244 kopf!“ rief Lobſich, ſich raſch und ärgerlich nach ihm um⸗ drehend—„iſt mir doch was Unbedeutendes, was die Art Burſchen ſich immer in Sachen miſchen, die ſie Nichts an⸗ gehn— na, krieg ich Nichts?“ fuhr er dabei fort, ſein eben ganz in Gedanken ausgetrunkenes Glas dem Barkeeper wieder hinſchiebend, der es auf's Neue füllte. „Noch nicht lange hier in Milwaukie?“ nahm Lobſich die Unterhaltung wieder auf, als er auch ſein zweites Glas geleert., —„Frſt ſeit einer Stunde etwa,“ ſagte Hopfgarten,„aber dirrle ich Sie wohl bitten, mir das Zimmer zu zeigen; ich möchte mich gern waſchen und umziehn, und vor Tiſch noch einige Wege beſorgen— Adreßkalender giebt es wohl hier gochti in Amerika?“ 4„Kalender?— ja— hier hab' ich einen komiſchen“ ſagte der Barkeeper. DDer Menſch iſt zu dumm,“ entſchuldigte ihn Lobſich— „nein Herr Landsmann, ſo Dinger giebts hier nicht. Hier kommt und geht Jeder wie's ihn freut; aufgeſchrieben wird Niemand dabei, und von zehn Gäſten, die bei mir logiren, weiß ich oft von neunen nicht einmal den Namen.“ „Ja, wohl wahr,“ ſagte Hopfgarten,„apropos, können Sie mir wohl ſagen, ob Sie hier in Milwaukie einen Staats⸗ anwalt wohnen haben?“ „Staatsanwalt?— was wollen Sie denn mit dem ma⸗ chen?“ frug Lobſich erſtaunt,„hören Sie, hören Sie Freund⸗ chen, wenn Sie nicht müſſen, laſſen Sie ſich um Gottes — 245 Willen nicht mit den Amerikaniſchen Geſetzen ein; die koſten eben gar kein ſchweres Geld— und wie haben Sie Einen gleich, wenn man ſie nur ganz leiſe anfaßt.“ „Lieber Herr Lobſich, das iſt ziemlich mit allen Geſetzen ſo,“ ſagte Hopfgarten achſelzuckend,„wer nicht muß, ſoll ſich mit ihnen um Gottes Willen nichts zu ſchaffen machen; manchmal,“ ſetzte er lachend hinzu,„kann man das aber nicht vermeiden, und dann muß man ſich wohl darein fügen— Aber mein Zimmer, wenn ich bitten darf; ich bin wirklich in Eile.“ „So gehn Sie einmal mit dem Herrn hinauf in das⸗ kleine Erkerſtübchen, Schmidt,“ ſagte Herr Lobſich zu ſeinem Barkeeper, den er überhaupt in dieſem Augenblick gern los zu ſein wünſchte,„und nehmen Sie gleich Waſchbecken und Hand⸗ tuch mit hinauf, ſonſt müſſen Sie die Treppen noch einmal ſteigen, verſtanden?“ „Ay ay Sir!“ antwortete Schmidt, der einmal Steward auf einem, den See befahrenden Dampfboot geweſen war, und wenn es anging, noch immer gern einen ſeemänniſchen Ausdruck gebrauchte. Sich jetzt zu dem Fremden wendend, ſagte er zutraulich—„alſo Freund, wenn Sie mitkommen wol⸗ len, will ich Ihnen Ihren Bettplatz zeigen.“ Die Hände da⸗ bei in die Taſchen ſchiebend, ſtieß er die Thüre mit dem Fuße auf, und ſchlenderte langſam voraus, von Hopfgarten mit dem Reiſeſack unter dem Arme, langſam gefolgt. Kaum hatten die Beiden die Schenkſtube verlaſſen, als, Thuegut Lobſich raſch hinter den Schenkſtand ging, eine der 246 Flaſchen noch einmal herunternahm, ſich ein Glas ganz voll⸗ ſchenkte, auf einen tüchtigen Zug hinuntergoß, die Flaſche dann wieder an ihren Platz ſtellte, das Glas ausſpühlte und abtrocknete und eben wieder hinter dem Schenkſtand vortreten wollte, als er, in der Thür ſtehend, ſeine Frau erblickte, die ihn mit einem keineswegs vorwurfsvollen, aber doch recht ernſtwehmüthigem Blicke ſtill und ſchweigend betrachtete. „Nun Kind, wie gehts?“ rief Lobſich, der faſt unwill⸗ kürlich nach einem der Gläſer griff und den Staub anfing da⸗ von zu wiſchen, als ob ſie ihn eben bei dieſer Beſchäftigung geſtört hätte—„wir haben noch einen Gaſt zum Mittagstiſch mehr bekommen.“ „Ich hab' ihn geſehn, Lobſich,“ ſagte die Frau, tiefauf⸗ ſeufzend, und ſich mit der Hand über die Stirn fahrend, als ob ſie ſich den Schweiß abwiſchen wollte, in der That aber eine verrätheriſche Thräne raſch und unbemerkt von den Wim⸗ pern zu werfen. Der Mann reinigte indeſſen unverdroſſen Gläſer und Flaſchen, und erſt, als die Frau gar nicht wieder von der Thür wegging, legte er das Wiſchtuch nieder, ſteckte die Hände in die Taſchen, und ging, leiſe vor ſich hinpfei⸗ fend, langſam zu dem mit allen möglichen Getränken und Früchten verzierten Schaufenſter, aus dem er hinaus auſ die Straße ſah. „Lobſich,“ ſagte die Frau endlich mit leiſer, bittender Stimme.„ „Ja, Kind?“ frug der Mann, ohne ſich nach ihr umzu⸗ drehen. 247 „Ich habe eine rechte Bitte an Dich—“ „Und die wäre?“ „Sieh mich an, Vater; dreh Dich nicht weg von mir.“ „Nun, was haſt Du denn?“ lachte der Mann halb ver⸗ legen, aber ſonſt guter Laune, indem er ſich nach ihr um⸗ drehte und ſie wie erſtaunt betrachtete— er wußte freilich ſchon, was ſie von ihm wollte. Salome Lobſich war aber nicht mehr die frühere, kräftig geſunde Frau, die von Tages⸗ anbruch bis Mitternacht faſt, im rothen Drachen zu Heilin⸗ gen geſchafft und gearbeitet, und die große lebhafte Wirth⸗ ſchaft in Ordnung, und wie in Ordnung, gehalten hatte. Sie war viel magerer und recht bleich und kränklich aus⸗ ſehend geworden; die Augen lagen ihr tief in den Höhlen und ſahen verweint aus, und in die ſonſt ſo glatte, freie Stirn hatten ſich viele ſchwere Falten gegraben, und ließen ſie älter ſcheinen, als ſie der Jahre wirklich zählen mochte. „Trink heute nicht mehr,“ ſagte die Frau mit zitternder, tief bewegter Stimme,„laß die Flaſchen ſtehn, Vater, und nimm Dir eine Warnung an geſtern— Du weißt, was Du mir verſprochen haſt.“. „Unſinn,“ brummte der Mann, den Kopf herüber und hinüber werfend,„was willſt Du denn eigentlich, ich trinke ja gar nicht— wenn mich ein Fremder auffordert, darf ich doch nicht grob ſein und ihn zurückweiſen.— Das ſchickte ſich ſchön von einem Wirth.“ „Ich ſage ja Nichts darüber“ bat die Frau—„trink nur von jetzt an nicht mehr; Du machſt Dich krank Vater, ruinirſt 248 Deine Geſundheit, und— und die Leute im Haus thun nach— her, wenn ſie merken, daß Du nicht mehr auf ſie ſiehſt, was ſie wollen.— Bitte, lieber, lieber Lobſich— trink heute nicht mehr!“ Sie war während der letzten Worte zu ihm getreten, hatte ihre Hand auf ſeinen Arm gelegt und ſah, mit ihren Thränen gefüllten Augen, die ſie jetzt nicht länger verheim⸗ lichen konnte, recht ernſthaft, traurig zu ihm auf. Als der Mann aber ſchwieg, und den Kopf halb von ihr wandte in ſcheuem Bekenntniß, fuhr ſie mit leiſerer, dringender Stimme fort:— „Nicht meinetwegen bitt' ich Dich darum, Lobſich— ich fühle, wie ich mit jedem Tage kränker und ſchwächer, Dir die ganze Wirthſchaft, die ganze Sorge wohl bald werde allein überlaſſen müſſen; aber denke wie Alles werden ſoll wenn ich einmal— nicht mehr bei Dir bin, fremde Menſchen eine Angewohnheit, die bei Dir beginnt zur Leidenſchaft zu werden, benutzen können— und die Gelegenheit gewiß dann nicht verſäumen werden— „Rede nur nicht ſo,“ ſagte Lobſich, doch ergriffen, und ihr jetzt die bleiche Wange ſtreichelnd und das Haar glättend — wrede nicht ſolches Zeug Salome— Du biſt gar nicht ſo krank, wie Du ſelber glaubſt, und wirſt Dich in dem geſunden Klima hier bald genug erholen.“ „Das Klima iſt wohl gut,“ ſagte die Frau kopfſchütelnd, = aber was ich habe, trag' ich ſchon in mir, und die Sorge da⸗ 249 bei um Dich, nagt und frißt mir am Leben mehr und mehr. Ich fühle das auch ſtärker, als ich es Dir ſagen kann, und doch iſt es Dein eigner Nutzen Lobſich, Dich zu ändern— wenns wirklich nicht meinetwegen wäre— Vater— Deines eigenen Selbſt wegen. Sieh,“ fuhr ſie lebendiger fort— „Du weißt, mit wie ſchwerem Herzen ich von Deutſchland fort⸗ gegangen bin— wir hatten keine Urſache zu gehn, und wür⸗ den uns dort immer wohl befunden haben, hätte der Menſch, der Weigel, was ihm Gott verzeihen möge, nicht immer in Dich hineingeredet, daß Du Dein Glück mit Füßen von Dir ſtießeſt, wenn Du bliebſt. Aber ich klage jetzt nicht darüber; wir ſind einmal hier, das alte Vaterland liegt hinter uns, und mit gutem Willen und nur einigem Fleiß, kannſt und wirſt Du Dir auch hier das bald wieder erſchaffen, was Du in Deutſchland verlaſſen— eine ſorgenfreie glückliche Exiſtenz. Wir haben der Beiſpiele hier ſchon mehre, wo die Wirthe ſol⸗ cher Gaſthäuſer ſich ein hübſches Vermögen erworben, und es geht denen, die ihr Geſchäft fleißig und ordentlich betreiben, vielleicht Allen gut. Aber etwas wird dafür auch von ihnen verlangt; ſie müſſen ſich ſelber beherrſchen können, und dürfen der Verführung, die rings um ſie her in Flaſchen und Karaf⸗ fen ſteht, keine Macht über ſich goͤnnen. Sonſt, Lobſich— ſonſt find ſte verloren, und zu ſpäte Reue macht das Verlorene dann nicht wieder gut.“ „S'iſt mir doch was Unbedeutendes, was die Frau für ein Mundwerk hat,“ ſagte Lobſich, gutmüthig lächelnd—„aber Du haſt recht Salome; ich will mich tüchtig zuſammenehmen, 250 Du— Du ſollſt einmal ſehn— Du ſollſt noch Deine Freude an mir haben.“ „Du biſt ſo ſeelensgut,“ fuhr die Frau mit innig gerühr⸗ ter Stimme fort,„mochteſt, wenn Du die böſen Flaſchen nicht angerührt, gern allen Menſchen helfen, und Deine Frau, vor allen Uebrigen gewiß nicht unglücklich machen; denke nur immer daran, Lobſich. Sieh, ich bin auch früher manchmal heftig und auffahrend geweſen, und habe gefunden, daß Dich das nur noch ſchlimmer machte— ich habe es gelaſſen ſeit der Zeit, und mir ſelber Gewalt angethan, bis es nie mehr vorfiel; der Menſch kann ſich bezwingen, wenn er nur ernſt⸗ lich will. So lange ich lebe, werde ich Dir ja auch gern und treulich zur Seite ſtehn, aber— wenn ich fort von Dir bin, Lobſich— denke nur immer an die Zeit, wie es dä werden würde, wenn Du Dir allein überlaſſen bliebeſt, und Dich nicht ändern wollteſt, und keinen Menſchen mehr hätteſt, der Dir freundlich und ehrlich riethe.“ „Du biſt ein gutes Kind,“ ſchmeichelte der Mann,„und machſt Dir ganz nnnütze Sorgen um mich. Hoffentlich lebſt Du noch recht lange, und legſt mich noch vielleicht hier irgend wo unter die Erde.“ Die Frau ſchüttelte langſam und ernſt mit dem Kopf, mochte aber auch nicht weiter jetzt in den Mann dringen, und ſagte, nach einer kleinen Pauſe, in der ſie ſich die Augen ge⸗ trocknet und wieder ruhiger zu dem Mann aufſah. „Ich wollte Dich noch an eins erinnern, Lobſich— Du weißt, daß heute Nachmittag die Engliſche Schoonerladung * — 251 von Mehl und Mais verauktionirt wird, die neulich von dem Steueramt hier den Leuten, die ſie hatten ſchmuggeln wollen, weggenommen wurde. Verſäume die Zeit nicht; wir haben jetzt gerade das Geld dazu, und die Sachen werden billig ver⸗ kauft werden.“ „Alle Wetter ja,“ ſagte Lobſich, augenſcheinlich etwas verlegen,„daran hatte ich gar nicht mehr gedacht, aber— aber— Du weißt doch, der reiche junge Kaufmann, Herr Henkel, war geſtern bei mir und da—“ „Um Gottes Willen Mann, was haſt Du da gemacht?“ rief die Frau erſchreckt—„Du hatteſt viel getrunken und“— „Nu nu, ängſtige Dich nicht,“ lachte der Mann„das Geld iſt gut aufgehoben,— ich wollte nur wir hätten halb ſo viel wie der— aber er brauchte geſtern gerade 400 Dollar, die ihm an der Summe fehlten, eine Anzahl gekaufter Bonds zu bezahlen, und hat mir verſprochen, ſie mir heute Abend oder morgen früh zurück zu geben.“ „Und iſt das auch gewiß?“ „Guter Gott,“ lachte Lobſich,„er bekommt ja hier von einer ganzen Menge Deutſchen Geld, was er für ſte theils nach New⸗York, Colonialwaaren einzukaufen, theils nach Deutſch⸗ land nehmien ſoll, und da er den Leuten ſogar für die Zeit, die er es in Händen hält, einige Procente giebt, kann er es doch nicht indeſſen todt liegen laſſen— er hätte ja ſonſt für ſeine Gefälligkeit noch Schaden obendrein. Bei Kaufleuten muß das Geld immer curſiren und arbeiten, und da ihm die paar Hundert Thaler gerade auf ein paar Stunden fehlten, 252 mochte ich doch nicht ſo ungefällig ſein und nein ſagen. Nun Alte?— was haſt Du noch, Du ſiehſt ja noch ſo verdrießlich aus; iſt Dir's nicht recht?“— „Ich weiß nicht, Lobſich,“ ſagte die Frau unſchlüſſig und als ob ſie ungern den Punkt berühre—„der Herr Henkel— er mag ein ſteinreicher, vornehmer und ſehr braver Herr ſein — ich moͤchte ihm nicht gern Unrecht thun, aber mir— mir gefällt er nun einmal nicht— mein Mann wär's nicht, und ſein Lachen beſonders hat für mich etwas Unheimliches; es kommt mir immer ſo vor, als ob er ſich dabei über Euch luſtig mache.“ „Papperlapapp,“ lachte der Mann—„und noch dazu des alten reichen Dollinger Schwiegerſohn, von dem er einmal eine halbe Million erbt, wenn der ſtirbt. Er mag ſeine Eigen⸗ heiten haben, aber ein tüchtiger Geſchäftsmann bleibt er immer und die Wirthe ſollten ihm beſonders dankbar ſein, denn er läßt was drauf gehn wohin er kommt.“ „Aber er hat Dich noch nicht bezahlt.“ „Die Zeche— hahaha, die paar Wyalert für die biſt Du doch nicht bange?“ Die Frau zögerte mit einer Antwort und ſagte endlich— „Es wäre kindiſch von mir, und doch— Du inagſt mich auslachen wie Du willſt, hat mir der Mann etwas, das mich mistrauiſch gegen ihn macht, und der Menſch der immer mit ihm geht, der Amerikaner, dem iſt ein ſchwarzer Strich or⸗ dentlich über das ganze Geſicht gezeichnet— „Nun ja, der gefällt mir gerade auch nicht beſonders,“ 253 ſagte Lobſich,„aber hier in Amerika kommt man mit Man⸗ chem zuſammen, von denen man ſich in einem anderen Lande wohl fern halten könnte und würde, und unſer Herr Gott hat uns eben nicht alle gleich hübſch gemacht; ſonſt iſt er aber gut, denn er zahlt Alles gleich baar.“ „Da kommt der Fremde wieder herunter,“ ſagte die Frau jetzt,„und ich will machen daß ich in meine Küche komme— in dem Aufzug kann ich mich nicht gut vor dem Herren ſehn laſſen; alſo nicht wahr Vater— Du hältſt Dein Wort?“ Lobſich gab ihr die Hand und nickte ihr freundlich zu und Salome verließ raſch, und mit viel leichterem Herzen, als ſie es betreten, das Zimmer, während durch die andere Thüre Hopfgarten, dem der Barkeeper wieder langſam vorausſchlen⸗ derte, hereinkam, und ohne ſich weiter aufzuhalten, durch den Schenkraum hindurch auf die Thüre zu ging, die auf die Straße führte.— „Um wie viel Uhr wird gegeſſen, Herr Lobſich?“ ſagte er hier, ſich noch einmal nach dem Wirthe umdrehend. „Um ein Uhr.“ „Schön, werde mich einfinden;— noch eins— ich wollte Sie noch fragen ob Sie nicht— aber es iſt ſchon gut, ich werde es ſchon finden— danke Ihnen—“ und mit dem kurz abgebrochenen Satz verließ er das Haus. Er hatte ſich noch einmal nach der Wohnung des Staatsanwalts erkundigen wollen, beſann ſich aber eines Beſſeren, und hielt es für eben ſo gut auf der Straße den erſten Beſten danach zu fragen. 254 Die Wirthsleute brauchten nicht zu wiſſen daß er irgend etwas Nöthiges mit den Gerichten zu thun hatte. Hopfgarten, auf ſeine erſte Anfrage gleich an das Court oder Gerichtshaus gewieſen, fand bald in deſſen Nähe die Wohnung des Staatsanwalts, dieſen aber leider nicht zu Hauſe. Er war ansgegangen, wurde aber gleich nach Tiſch zurück erwartet. Das war fatal, ließ ſich jedoch nicht ändern, und obgleich Hopfgarten große Luſt hatte, indeſſen zu einem anderen Advo⸗ katen zu gehn, hielt er es doch für beſſer zu warten, um dann durch den Staatsawalt gleich durchgreifende Mittel anzuwen⸗ den. Der Burſche mußte endlich einmal unſchädlich gemacht, und der ſo reichlich verdienten Strafe überliefert werden. Nach ſeiner Uhr ſehend, fand er, daß übrigens nur noch eine Viertel Stunde an ein Uhr fehlte und drehte eben wieder in die Straße ein, nach ſeinem Gaſthaus zurück zu gehn, dort raſch zu eſſen, und keinen Augenblick ſeiner koſtbaren Zeit zu verſäumen, als ihm, eben wie er um die Ecke bog, zwei Män⸗ ner begegneten und faſt gegen ihn anrannten, in deren Einen er mit nicht geringer Ueberraſchung den ſo ſehnſüchtig ver⸗ folgten, in dieſem Augenblick aber doch nicht erwarteten oder gewünſchten Soldegg oder Henkel, wie er jetzt wieder hieß, erkannte. 1 „Hallo Herr von Hopfgarten,“ rief ihm dieſer freundlich und jedenfalls ganz unbefangen entgegen—„das freut mich wahrhaftig, daß wir uns wieder einmal in den Weg laufen. —— — 255 Alle Wetter, ich glaube wir haben uns ſeit unſerer Landung nicht mehr geſehn. Hopfgarten, keineswegs ein ſolcher Meiſter in der Ver⸗ ſtellung als der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, fühlte, wie ihm im erſten Augenblick das Blut in Strömen in's Geſicht ſtieg, und dann wieder zu ſeinem Herzen zurückdrängte, wußte aber auch, daß in dieſem Moment Alles von ſeiner eigenen Kaltblütigkeit abhange, den Verbrecher wenigſtens noch auf eine Stunde glauben zu machen, daß er ſich zum zweiten Mal von ihm anführen laſſe, denn jedenfalls fühlte ihm dieſer erſt auf den Zahn, ob er mehr von ihm wiſſe, als ſich mit ſeiner Sicherheit vertrug. Raſch alſo geſammelt, ſah er dem Mann ſtarr in's Auge und ſagte dann lachend: „S'iſt doch eine tolle Aehnlichkeit zwiſchen Ihnen beiden; und man ſollte darauf ſchwören, es könnten nicht zwei ſein.“ „Zwiſchen uns Beiden?“ lachte Henkel, auf ſeinen Be⸗ gleiter zeigend—„das iſt nicht übel— übrigens hab' ich die Herren wohl erſt einander vorzuſtellen— Herr von Hopfgarten — ein fruͤherer Reiſegefährte von mir und ſehr lieber Freund — Mr. Cottonwell, ein Pflanzer aus Louiſiana—“ „Nicht zwiſchen Ihnen,“ rief Hopfgarten mit einer höf⸗ lichen Verbeugung gegen den Fremden,„ſondern mit Ihnen und Ihrem Bruder— oder haben Sie keinen Zwillings⸗ bruder, Henkel?“ „Aber woher wiſſen Sie das?“ rief Henkel, anſcheinend erſtaunt,„haben Sie ihn geſehen?“ „Er hat mir einen Brief für Sie gegeben.“ 256 „Und haben Sie den Brief?“ rief Henkel lachend— der in dem Augenblick wirklich noch gar nicht wußte, welche Rolle er weiter ſpielen müſſe, und ſich durch die Frage immer noch eine Hinterthür offen behielt, das Ganze auf einen Scherz hinaus zu drehen. „Allerdings,“ ſagte Hopfgarten ruhig, und jetzt wieder ganz gefaßt;„ich bin in der Zeit noch gar nicht nach New⸗ Orleans, wo ich Sie vermuthen mußte, gekommen, und wenn Sie mit mir zu Haus gehn, kann ich ihn an ſeine Adreſſe überliefern. Ich habe Ihnen überdieß noch etwas ſehr Wich⸗ tiges, und für Sie höchſt Intereſſantes mitzutheilen.“ „Und das wäre?“ rief Henkel raſch und neugierig.“ „Nun hier auf der Straße,“ ſagte Hopfgarten mit einem flüchtigen Blick auf Henkels Begleiter,„geht das doch wohl nicht; wollen Sie mit mir eſſen, ſo können wir es zu Hauſe abmachen?“ „Wo logiren Sie?“ „Im rothen Drachen.“ „Ah bei Lobſich— da wird ja wohl um ein Uhr ge⸗ geſſen.“ „Ja—“ „Hm— das thut mir leid,“ ſagte Henkel, nach ſeiner Uhr ſehend,„aber ich habe vorher noch ein kleines Geſchäft in der Stadt abzumachen, das ſich unmöglich aufſchieben läßt. Dorthin bin ich ebenfalls gerade ein Uhr beſtellt; iſt es Ihnen aber recht, hol' ich Sie um zwei Uhr, ſpäteſtens halb drei im rothen Drachen ab.“ „Schön,“ ſagte Hopfgarten, der bis dahin Zeit behielt ſeine eigenen Maasregeln zu treffen— keinenfalls konnte Hen⸗ kel eine Ahnung haben, daß er Alles wiſſe, und der Verbrecher lieferte ſich ſolcher Art ſelber in ſeine Hände—„alſo treffen wir uns um zwei oder halb drei im rothen Drachen— es iſt überdieß jetzt Zeit, daß ich zum Eſſen gehe, und wir bereden alles Andere dort. Auf Wiederſehn Herr Henkel!“ „Auf Wiederſehn, mein lieber Herr von Hopfgarten,“ rief ihm der junge Mann noch freundlich mit der Hand nach⸗ winkend zu, nahm dann den Arm ſeines Gefährten, und ſchritt mit ihm langſam die, mit dem Waſſer gleichlaufende Straße hinauf. „Was iſt denn das für eine Geſchichte mit dem Zwil⸗ lingsbruder, Soldegg,“ ſagte der Amerikaner, als dieſer viel⸗ leicht hundert Schritte ſchweigend und mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt neben ihm hin gegangen war—“ „Lieber Goodly,“ erwiederte aber Soldegg finſter— „wir haben keine Zeit mehr zu Kindereien; der Burſche, der uns eben verließ, weiß mehr als mir und Euch gut iſt, und die halbe Stunde, die wir zum Handeln haben, müſſen wir benutzen.“ „Mir?— was weiß er von mir— Donnerwetter, er ſah grün und unſchuldig genug aus, und von dem ſollte ich den⸗ ken, hätten wir Nichts zu fürchten.“ „Er war in Grahamstown und weiß, daß ein gewiſſer Goodly wegen einem ſehr albern angeſtellten Raub und Mord ſteckbrieflich verfolgt wird; und was ſeine Unſchuld be⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. V. 17 trifft, ſo ſteckt hinter dem mehr als Ihr glaubt— mehr als mir lieb iſt. Habt Ihr nicht bemerkt, wie er erſt roth und dann blaß wurde, als ich ihm ſo plötzlich in den Weg lief? Er gehörte ſonſt zu der ehrlich dummen Art, denen ihr eigenes Blut nicht einmal mehr gehorcht; hinter der Gewalt, die er ſich aber dann anthat, ſteckt mehr als ich gerade geſonnen bin abzuwarten, und er hat für jetzt nur den einzigen Fehler be⸗ gangen, daß er mich für eben ſo leichtgläubig und thöricht hielt, als er ſich früher gezeigt. Noch, mein lieber Herr von Hopfgarten, haben Sie den Fuchs nicht im Bau, und er wird von jetzt an Sorge tragen, daß er Ihnen nicht wieder ſo leicht begegnet.“ „Tod und Teufel!“ fluchte Goodly, mit dem Fuße ſtampfend, „das wäre eine verfluchte Geſchichte, wenn wir jetzt gleich fort, und die 500 Dollar im Stich laſſen müßten, die wir noch heute Mittag erheben ſollten.“ „Ich laſſe Nichts im Stich;“ ſagte Soldegg ruhig— „vor allen Dingen müſſen wir herausbekommen, wie lange der Herr hier iſt, und das erfahren wir am beſten bei dem deut⸗ ſchen Pflaſterſchmierer hier gleich unten am Waſſer. Kommen Sie Goodly, dort ſage ich Ihnen, was wir zu thun haben.“ Den Herrn Doctor Hückler, den Soldegg vorher etwas ungenirt mit dem„deutſchen Pflaſterſchmierer”“ gemeint, fan⸗ den ſie gerade im Begriff, ſeinen Laden zu ſchließen, um nach Hauſe zum Eſſen zu gehn. „Ach lieber beſter Doctor,“ rief ihm Soldegg ſchon von weitem zu—„ich habe noch eine große Bitte an Sie; thun 4 259 Sie mir den Gefallen und ſchließen Sie noch einmal auf— ich halte Sie nicht zehn Minuten länger.“ „Ah mein guter Herr Henkel; ſehr erfreut ſie zu ſehen, wie geht es Ihnen,— womit kann ich Ihnen dienen?“ ſagte der Doctor auf Engliſch, dem Wunſche willig Folge leiſtend, und in ſeinen„shop“ voran hineintretend. „Ich habe eben Jemanden getroffen den auch Sie kennen,“ ſagte Soldegg. „Herrn von Hopfgarten— nicht wahr?— ja er hat mir heute Morgen ſeine Viſite gemacht, gerade wie er ankam.“ „Er iſt erſt ſeit heute Morgen in der Stadt?“ „Etwa ſeit zehn oder elf Uhr; er trug ſeinen Reiſeſack noch unter dem Arm.“ „Dann hab' ich Gluck gehabt, daß ich ihm gleich begeg⸗ net bin— Sie wiſſen, nicht wie lange er zu bleiben gedenkt?“ „Oh wohl nur ſehr kurze Zeit—“ „Das glaub' ich, nachdem er mich geſehn,“ lachte Soldegg. „Wie ſo? was haben Sie mit ihm?“ rief der Doctor erſtaunt. „Lieber Doctor, das iſt eine lange Geſchichte Ihnen die weitläufig auseinander zu ſetzen; ich erzähle Sie Ihnen aus⸗ führlicher, wenn wir nachher zuſammen fortgehn; für jetzt muß ich Sie um eine große Gefälligkeit bitten. Wollen Sie ein⸗ mal mit mir zum nächſten Friedensrichter gehn— er wohnt keine zehn Häuſer von hier.“ „Mit dem größten Vergnügen, aber weshalb?“ 17* 8. A 260 „Nur mich zu legitimiren, um einen Verhaftsbefehl gegen Jemand auszuwirken.“ „Gegen Herrn von Hopfgarten?“ rief Hückler erſtaunt aus. „Allerdings,“ ſagte Henkel ernſt,„ſo leid es mir thut gegen einen früheren Reiſegefährten auf ſolche Art einſchreiten zu müſſen, und ſo gern ich einen kleinen Verluſt um den Preis lieber verſchmerzen würde; aber ſiebentauſend Dollar bin auch ich nicht im Stande ſo leicht einzubüßen, ſehe wenig⸗ ſtens keinen Grund ein, das an einen wildfremden Menſchen zu thun.“ „Siebentauſend Dollar?“ rief Hückler erſtaunt—„alſo darum erſchrak der Herr ſo, als ich ihm ſagte, daß Sie hier wären.“ „Er erſchrak?— nicht wahr?“ frug Henkel raſch, mit einem bedeutungsvollen Blick nach ſeinem Begleiter hinüber— „ich will es gerne glauben, aber wir haben auch keine Secunde länger zu verſäumen, denn ich glaube, zu Mittag geht ſchon wieder ein Dampfboot nach den nördlichen Seeen ab, das er, wie ich alle Urſache habe zu vermuthen, benutzen will, mir zu entſchlüpfen.“ „Oh nicht vor zwei Uhr!“ rief Hückler, ſeinen Hut wieder aufgreifend—„da können Sie ſicher ſein, es iſt das Poſtboot, und geht auf die Minute; aber ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, lieber Herr Henkel, Sie werden übrigens zwei Bürger brauchen, einen Verhaftsbefehl auswirken zu können; 3 wir hatten neulich den nämlichen Fall— der andere Herr wird wohl wahrſcheinlich—“ 4. 4 *½ g 261 „Nein, Herr Cottonwell iſt vollkommen fremd hier— Einer der bedeutendſten Pflanzer Louiſianas— entſchuldigen Sie, daß ich die Herren noch nicht einander vorgeſtellt habe. Herr Doctor Hückler— der beſte Arzt, den wir in Milwaukie haben.“ „Oh bitte, lieber Herr Henkel, Sie ſind zu freundlich; da gehen wir alſo am Beſten gleich bei Einem ihrer Amerikaniſchen Freunde vor, den abzuholen.“ „Nein, ich habe noch einen beſſeren;“ ſagte Henkel.„Herr Lobſich kennt mich auch ſchon von Deutſchland aus, und über⸗ dieß muß ich auch dorthin, um die Leute im Haus zu erſuchen, das Gepäck des Fremden nicht verabfolgen zu laſſen, bis ich zu meinem Recht gekommen bin. Wir gehn die Waſſerſtraße zuſammen hinunter— Ihre eigene Wohnung liegt ja über⸗ dieß in der Richtung zu— und Sie warten einen Augenblick am Hauſe des Friedensrichters.“ Hückler war die Bereitwilligkeit ſelber, und wenn er auch unterwegs ſein Erſtaunen nicht unterdrücken konnte, daß ein Mann, noch dazu von Adel, ſolche Streiche machen ſollte, kam er doch zuletzt zu der Schlußfolgerung, daß er es ihm ſchon immer angeſehn, wie hinter dem eingebildet vornehmen Weſen nicht viel dahinter ſei, und der Adel beſonders ſchütze erſt recht nicht vor ſolchen Sachen. Die Leute glaubten ge⸗ wöhnlich, ſie wären etwas Beſſeres als Bürgerliche, und dürf⸗ ten thun und laſſen was ſie wollten; er ſelber aber halte ſich für ebenſoviel werth, wie der beſte Adliche. Henkel überließ es gleich darauf Herrn Goodly, ſeinen 4 — Freund ein paar Minuten angenehm zu unterhalten, und ging raſch dem rothen Drachen zu, in deſſen Schenkſtube, wie er recht gut wußte, Herr Lobſich regelmäßig zu finden war, ſo lange ſeine Gäſte oben bei Tiſch waren, und der Wirth be⸗ nutzte die Gelegenheit dann nicht ſelten, ſeine eigenen Getränke, damit aus keiner Flaſche zu viel fehle, der Reihe nach durch zu probiren. Wie er es gehofft, zeigte es ſich; Lobſich war eben wie— der eifrig beſchäftigt, ſich, trotz dem Verſprechen, das er heute Morgen ſeiner Frau gegeben, in ſeinem eigenen Schenkſtand zu traktiren, und fuhr, als die Thüre geöffnet wurde, mit dem eben geleerten Glaſe raſch unter den Tiſch in das dort zum Abſpühlen ſtehende Waſſer. „Ah mein guter Herr Lobſich, ſo fleißig— der Mann iſt doch immer beſchäftigt, wenn man zu ihm kommt,“ rief ihm Henkel freundlich entgegen. „Ah mein guter Herr Henkel!“ entgegnete der Wirth mit unverkennbar ſchwerer Zunge—„ungeheuer erfreut, Sie zu ſehn— meine Alte hat ſchon— hat ſchon gefürchtet, daß Sie—“ „Lieber Herr Lobſich,“ unterbrach ihn aber Henkel, dem Nichts daran lag, ſich mit dem Mann in ein längeres Geſpräch einzulaſſen—„Sie haben einen neuen Gaſt heute bekommen, nicht wahr?“ „Ja wohl, lieber Herr Henkel, ja wohl— ſehr charman⸗ ter Mann,“ ſagte Lobſich, um den Schenktiſch herumkommend. „Dieſer ſehr charmante Mann, mein lieber Lobſich,“ 8 5 263 flüſterte ihm Henkel, ſeinen Arm dabei ergreifend zu,„iſt ein Erzgauner, der, wie ich alle Urſache zu fürchten habe, mir mit 7000 Dollar durchbrennen will— wie gefällt Ihnen das?“ „Iſt mir doch was Unbedeutendes!“ rief Lobſich, im un⸗ begrenztem Erſtaunen. „Ich bin eben im Begriff einen Verhaftsbefehl gegen ihn auszunehmen,“ fuhr Henkel aber indeſſen fort,„und habe des⸗ halb eine Doppelbitte an Sie. Vor allen Dingen muß ich Sie erſuchen, mit mir zum nächſten Friedensrichter zu gehn und meine Perſon zu beſcheinigen— die Leute kennen mich hier nicht, und Doktor Hückler wartet ſchon oben in der Straße auf uns zu demſelben Zweck; und zweitens möchte ich Sie dringend erſuchen, Ihren Leuten beſtimmten Auftrag zu geben, dieſen Herrn von Hopfgarten, ſobald er zu Hauſe kom⸗ men ſollte, nicht wieder fortzulaſſen, und mir augenblicklich—“ „Zu Hauſe kommen?“ ſagte Lobſich vergnügt—„er iſt zu Hauſe—“ „Er iſt zu Hauſe?“ rief Henkel überraſcht—„beim Eſſen oben?“— „Nein, nicht beim Eſſen,“ ſagte Lobſich, ſeufzend nach ſeiner Flaſche hinüberſehend, der auf's Neue zuzuſprechen ihm jetzt der gerade verkehrt Gekommene verhinderte—„er hatte es furchtbar eilig und ging in ſein Zimmer hinauf, ich glaube, einige Papiere zu holen.“ „Wahrſcheinlich ſeinen Reiſeſack zu packen,“ rief Henkel raſch und unruhig, denn Hopfgarten konnte da jeden Augen⸗ 2 4 blick wieder herunterkommen—„ich muß Sie alſo dringend bitten, mein guter Herr Lobſich, Ihren Leuten ganz beſtimm⸗ ten Auftrag zu geben, dieſen Herrn, ſobald er vor der Zeit ſuchen ſollte zu entwiſchen, nicht aus dem Haus zu laſſen, bis der Conſtable hier geweſen iſt.“ „Aber erſt trinken wir einen, mein guter Herr Henkel— was nehmen Sie?“ „Jetzt nicht, mein lieber Lobſich— nachher ſo viel Sie wollen— rufen Sie jetzt nur ſo raſch als möglich Ihren Bar⸗ keeper herunter, daß wir keine Zeit verſäumen.“ „Der kommt zeitig genug,“ ſagte Lobſich, nichtsdeſtowe⸗ niger an einer kleinen Klingel ziehend, die dicht an der Thür angebracht war, und ſich dann ſelber wieder vor allen Dingen einſchenkend—„alſo was trinken Sie?“ „Nichts— nichts, ich danke Ihnen herzlich— ich habe keinen Durſt,“ ſagte Henkel, mit raſchen ungeduldigen Schrit⸗ im Zimmer auf und abgehend. „Keinen Durſt?“ lachte Lobſtch—„iſt mir doch was Unbedeutendes— gerade wie meine Frau— die hat auch immer keinen Durſt— gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Henkel, die Frau hat nie Durſt“ „Da kommt Ihr Barkeeper,“ rief aber Henkel, der einen ſcheuen Blick nach der ſich öffnenden Thür geworfen—„bitte inſtruiren Sie ihn— es iſt die höchſte Zeit.“ „Ah ja wohl, Herr Henkel mit dem größten Vergnügen. Sie Schmidt,“ wandte er ſich an dieſen, indem er ſeinen Hut vom Nagel nahm—„wenn ich fort bin und es— und es — 265 ſollte Jemand nach mir fragen, ſo— ſo ſagen Sie ihm nur — daß ich nicht zu Hauſe wäre.“ „Ja woll Herr Lobſich,“ ſagte der Barkeeper. Henkel warf den Kopf ungeduldig hin und her. „Aber weshalb gehn wir denn fort?“ frug er ihn leiſe. „Ja, Sie haben auch recht,“ ſagte Lobſich, der das ganz falſch verſtand, gutmüthig, indem er ſeinen Hut wieder ab⸗ nahm,„wir können ja auch hier bleiben, und noch ein Glas trinken— ich denke ich nehme dießmal—“ „Was wollten Sie denn Ihrem Barkeeper wegen dem Fremden, der heute angekommen iſt, ſagen?“ frug Henkel un⸗ geduldig werdend. „Alle Wetter, das hätt' ich ja beinah vergeſſen,“ rief der Wirth, ſeinen Hut wieder aufgreifend—„Sie Schmidt— verſtehn Sie mich, Schmidt?“ „Ja woll, Herr Lobſich—“ „Nun gut, wenn der Fremde herunterkommt, der heute Morgen angekommen iſt—“ „Der mit dem Reiſeſack?“ „Das Maul ſollen Sie halten, Schmidt— wenn der Fremde herunterkommt, der heute Morgen gekommen iſt—“ „Der mit dem—“ „Das Maul ſollen Sie halten, ſag' ich— verſteht ſich, der mit dem Reiſeſack, der das Zimmer allein beſtellt hat— wenn der herunterkommt und durchbrennen will, dann halten Sie ihn feſt.“ „Erſt ſoll er bezahlen?“ frug Schmidt. 266 „Sie ſind ein Schaafskopf,“ bedeutete ihn Lobſich,„als ob Einer nicht erſt bezahlen, und dann doch durchbrennen könnte.“ „Ja, aber wenn er bezahlt hat, brennt er doch nicht mehr durch,“ meinte der Barkeeper. „Ja, da hat der nun wieder recht,“ lachte Lobſich gut⸗ müthig nach Herrn Henkel hinüber. Dieſem aber brannte der Boden unter den Füßen, die Zeit verſtrich, und der, wenn auch nicht trunkene, doch vom Wein redſelig gemachte Mann war nicht von der Stelle zu bringen. „Wenn aber Jemand, außer ſeiner Zeche noch tau⸗ ſende ſchuldig iſt, kann er doch wohl noch durchbrennen, nicht wahr?“ ſagte er, ſoviel als möglich vermeidend, in Gegenwart des Barkeepers irgend einen direkten Wunſch auszuſprechen. „Donnerwetter ja— Sie haben ja recht,“ rief aber auch jetzt Lobſich, der ſich endlich des vorher Beſprochenen wieder erinnerte,„wenn alſo der Mosje herunterkommen ſollte und zur Thür hinauswollte— bums, Thüre zu— Nichts da, bis wir wieder mit dem Conſtable zurückkommen, verſtanden?“ „Ich ſoll den Fremden nicht fortlaſſen?“ ſagte der Bar⸗ keeper, dem derartige Aufträge wohl ſchon öfter gekommen waren, ruhig. „Juſtement die Sache,“ verſicherte Lobſich. „Wenn er aber nun mit Gewalt—“ „Zu Boden ſchlagen,“ ſagte Lobſich, mit einer entſpre⸗ chenden Bewegung, und ſich den Hut feſter in die Stirn drük⸗ kend, nahm er Henkel unter den Arm, und verließ mit dieſem raſch das Haus. — .—— — 267 Der Barkeeper, der indeſſen vor allen Dingen die Zeit be⸗ nutzte, in der er allein war, und ſich aus einer, der eigentlich nur zur Verzierung auf dem Schenkſtand ſtehenden und ganz ertrafeine Liqueure enthaltenden Porcellain⸗Flaſchen ein tüchti⸗ ges Glas vollgeſchenkt hatte, trank dieſes in langſamen Zügen und mit augenſcheinlichem Behagen aus, wiſchte ſich dann den Mund ſauber mit der Zunge rein, und wollte ſich eben wieder, nach Barkeeper Art, die gefaltenen Hände vor ſich auf den Knieen, ſehr behaglich und ſelbſtzufrieden auf den Schenkſtand ſetzen, das Weitere ſeines Auftrags ruhig abzuwarten, als raſche Schritte auf der Treppe laut wurden, der ihm uber⸗ wieſene Fremde die Thüre ſchnell öffnete und zum Schenk⸗ tiſch trat. „Bitte geben Sie mir ein Glas Genevre,“ ſagte er, ein Paket Papiere dabei in ſeine Rocktaſche ſchiebend—„mir iſt nicht recht wohl— ein wenig raſch, wenn ich bitten darf.“ „Hm,“ murmelte Schmidt, der ſchon ſprungfertig geſeſſen hatte, irgend eine Bewegung des Fremden nach der Thür hin zu vereiteln, leiſe vor ſich hin,„dagegen iſt keine Ordre ein⸗ gegangen,“ und ſchickte ſich dabei langſam an, dem Wunſch des Mannes zu willfahren. „Machen Sie ein wenig raſcher,“ drängte Hopfgarten, „ich bin in größter Eile.“ „So?“ ſagte Schmidt, ihn über die Achſel, während er mit dem linken Auge zwickte, betrachtend—„ja, kann ich mir etwa denken, haben aber reichlich Zeit.“ „Zeit? ich?— was wiſſen Sie davon, ob ich Zeit habe 268 oder nicht,“ ſagte Hopfgarten, der ſich über das ungenirte Be⸗ nehmen des Burſchen doch ein wenig an zu ärgern fing— „kommen Sie, geben Sie mir den Genevre herunter.“ „Angenehm ſein— länger Vergnügen haben— wegen warten müſſen—“ brummte Schmidt in den Bart, indem er Flaſche und Glas auf den Tiſch ſetzte. Hopfgarten nahm aber weiter keine Notiz von ihm, trank, zog ſein Taſchentuch aus der Taſche ſich den Mund zu wiſchen, und ſagte dann zu dem Barkeeper, der indeſſen raſch um den Schenktiſch herum und der Thüre zugeſchritten war: „Schreiben Sie mir das Glas auf, ich habe jetzt kein kleines Geld bei mir, und auch keine Zeit zum Wechſeln— geht Ihre Uhr da richtig?“ „Auf den Punkt.“ „Gut; wollten Sie wohl die Güte haben mir zu erlau⸗ ben vorbeizugehn, Herr— Schmidt heißen Sie ja wohl. 4 „Ja wohl, Julius Thiodolph Schmidt.“ „Thiodolph, ſchöner Name— Sie haben übrigens wohl nicht verſtanden, um was ich Sie gebeten— ich möchte auf die Straße hinaus.“ „Ja, das ſoll ungefähr der Wunſch von allen denen ſein, die nicht mehr hinaus können,“ ſagte Schmidt mit unzerſtör⸗ barer Ruhe, ohne auch nur eines Zolles Breite zu weichen. „Nicht mehr hinauskönnene ich glaube Sie ſind verrückt, oder haben zu viel getrunken,“ rief Hopfgarten, jetzt wirklich ärgerlich.„Treten Sie aus dem Weg, oder ich bringe Sie + 7 ₰⸗ 4 269 hinaus; glauben Sie, daß ich Luſt und Zeit habe, mich mit einem ſolchen Holzkopf lange einzulaſſen?“ „Luſt?— weiß ich nicht— Zeit? ganzen Arm voll,“ ſagte Schmidt wieder mit derſelben Ruhe. Nur erſt als Hopfgarten, dem die Geduld endlich riß, und der nicht Luſt hatte, ſich mit dem Burſchen in einen Wortſtreit einzulaſſen, ihn am Arm ergriff und auf die Seite ſchieben wollte, ſtemmte er ſich mit Gewalt gegen, klammerte ſich mit beiden Händen an die eiſernen Haspen an, durch die Abends ein Querſtock geſteckt wurde, und begann aus Leibeskräften zu ſchreien. Ueberall giebt es müſſige Menſchen, denen Nichts lieber auf der Welt iſt, als eine Prügelei oder irgend einen Skan⸗ dal mit anzuſehn, ſobald ſie nur nicht ſelber dabei bethei⸗ ligt ſind. So kamen denn nicht allein, wie nur Thiodolph Schmidts erſter Huͤlferuf erſchallte, eine Anzahl Leute von der Straße heran, zu ſehn, was es gäbe, ſondern die„Boarder“ ſelber, d. h. die Gäſte, die an der Mittagstafel Theil genom⸗ men und größtentheils jetzt auch fertig geworden waren, ſpran⸗ gen, als ſie den Lärm unten hörten, raſch die Treppe hinun⸗ ter. Schmidt bekam dadurch natürlich Hülfe, und Herr von Hopfgarten, der jetzt empört über ſolche Behandlung den Bar⸗ keeper am Kragen gefaßt hatte, und allein auch wohl bald mit ihm fertig geworden wäre, ſah ſich plötzlich von einigen zwanzig anderen Leuten umgeben, die, des Barkeepers Hülfe⸗ ruf unterſtützend, die Thüre ſperrten, und Thiodolph von den Eiſengriffen des kleinen Mannes befreiten. 270 Hopfgarten, außer ſich über eine ſolche Behandlung, ſchrie nach einem Conſtable, und wollte hinaus auf die Straße, Schmidt aber rief den Anderen zu, den Mann da um Gottes Willen nicht fortzulaſſen, ſein Herr ſei eben fort⸗ gelaufen, eine Gerichtsperſon zu holen. Hopfgarten fand ſich deshalb auch bald von einem Dutzend Menſchen umſtellt und angeſtarrt, gegen die anzukämpfen unmöglich geweſen wäre, und die ſich jetzt auch noch auf ſeine Koſten luſtig machten. „O je, wie er ſtrampelte;“ lachte Einer—„no you do'nt mein Herzchen,“ ein Anderer—„Zeit war's aber, daß wir dazu kamen, ein paar Secunden ſpäter und er wäre draußen geweſen. Toddy könnte jedenfalls dafür traktiren.“ Thiodolph, deſſen Name ſolcher Art und zugleich mit einer Anſpielung auf ſeinen Beruf, in Toddy*) von den Amerikanern gemishandelt wurde, fand das ſelber in der Ord⸗ nung und ging, die Sorge um den Gefangenen den Leuten überlaſſend, hinter den Schenktiſch, denen, die am thätigſten bei der Sache geweſen waren, irgend ein Glas Brandy oder Whiskey, was ſie gerade verlangten, einzuſchenken. „Was hat er denn geſtohlen?“ frug indeſſen Einer der Leute; aber ſelbſt Thiodolph konnte darüber keine Auskunft geben, und alles Proteſtiren Hopfgartens, daß er eben ſelber im Begriff geweſen ſei, zum Staatsanwalt zu gehn, ja einige der Leute aufforderte, ihn dahin zu begleiten, wenn ſie ihm denn abſolut nicht trauten, blieben erfolglos. *) Toddy eine Art kalten Grogs. 4 271 „Nicht wahr Herzchen,“ lachte ihn Einer der Trinkenden, ſein Glas in der Hand haltend über die Schulter an,„daß Du uns an der nächſten Ecke durchgingſt, und wir das leere Nachſehn hätten? o ja, ſo dumm ſind wir aber nicht.“ „Nur nicht ſo ungeduldig, mein Schatz,“ rief ihm ein rothköpfiger Ire zu,„wenn Du Dich ſo nach den Gerichten ſehnſt; die kommen ſchon zu Dir, ſegne ihre Augen, die werden ſich das Vergnügen nicht lange verſagen, Deine werthe Bekanntſchaft zu machen.“ Hopfgarten lief, in Ungeduld faſt vergehend, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen auf und ab, hatte aber auch keine Ahnung über die wahre Urſache ſeines Feſtgehalten⸗ werdens, und ſchrieb dieſelbe natürlich einem ſich augenblick⸗ lich aufklärenden Misverſtändniß zu. Zu jeder anderen Zeit würde er auch darüber gelacht haben, jetzt aber kam ihm das freilich gerade ſo ungelegen, wie nur irgend möglich. „Na, da kommt ja ein Conſtable, mein Herzchen,“ rief plötzlich Einer der am Fenſter Stehenden aus,„nun ſind wir ja außer aller Noth.“ Gott ſei Dank,“ ſagte Hopfgarten, dieſem raſch entgegen⸗ tretend, als ſich auch ſchon die Thür öffnete, und der Con⸗ ſtable, von einem ganzen Schwarm Menſchen gefolgt, das Zimmer betrat. Lobſich, ungemein luſtig und guter Laune, war mitten zwiſchen ihnen. 1 „Mein Herr,“ rief jetzt Hopfgarten dem Conſtable ent⸗ gegen,„hier muß ein Misverſtändniß obwalten, und ich er⸗ ſuche Sie, mich ungeſäumt zum Staatsanwalt zu führen.“ 272 „Heißen Sie Hopfgarten?“ ſagte der Conſtable, ruhig zu ihm tretend. „Ja wohl— und bin—“ „Sie ſind mein Gefangener,“ ſagte der Conſtable, ſeine rechte Hand auf des Deutſchen Achſel legend. „Ihr Gefangener?— auf weſſen Klage?“ „Geht mich eigentlich Nichts an,“ meinte der Conſtable; werden das wahrſcheinlich beſſer wiſſen wie ich; wenn Sie's aber noch einmal hören wollen, auf eines Herren Henkel Klage, der einen Verhaftsbefehl gegen Sie erwirkt hat.“ „Henkel?“ rief Hopfgarten, erſchreckt emporfahrend, denn jetzt durchſchaute er leicht genug die Liſt des Buben— „das iſt nicht übel— um Gottes Willen laſſen Sie dann nur nicht dieſen Henkel außer Augen— ich will gern mit⸗ gehen und verlange Nichts mehr— wo iſt der aber?“ „Weiß ich nicht, geht mich auch Nichts an—“ ſagte der Conſtable,„wir können nicht die ganze Stadt arretiren — ich habe Nichts zu thun, als Sie zum Friedensrichter Oppel zu bringen, der das Weitere dann beſtimmt.“ „Und dort werde ich Ihnen beweiſen,“ rief Hopfgarten raſch,„daß dieſer Henkel der abgefeimteſte Schurke iſt, der auf Gottes Erde wandelt, und wenn er mir jetzt durch Ihre Schuld entwiſcht, mache ich das Gericht dafür verantwortlich.“ „Iſt mir doch was Unbedeutendes!“ rief Lobſich im höch⸗ ſten Erſtaunen aus;„was der Burſche noch für eine Frechheit hat. Hm, hm, hm, werden ihn aber ſchon zahm kriegen da oben, werden ihn ſchon zahm kriegen.“ Hopfgarten wollte ſich ärgerlich nach dem Wirth um⸗ drehen, beſann ſich aber eines Beſſeren und folgte dem Con⸗ ſtable, von einigen zwanzig Neugierigen begleitet, zu dem Frie⸗ densrichter. 1 Dieſen fanden ſie jedoch ſchon gar nicht mehr in ſeiner Office— er war, wie Hopfgarten zu ſeinem Erſtaunen er⸗ fuhr, mit den Herren Henkel und Dr. Hückler zum Eſſen ge⸗ gangen, und wurde erſt in einer Stunde zurückerwartet. Ver⸗ gebens machte jetzt der Deutſche dem Conſtable die dringend⸗ ſten Vorſtellungen, ſich den wirklichen Verbrecher— und die Beweiſe ſei er jeden Augenblick bereit zu bringen, nicht ent⸗ wiſchen zu laſſen, während er ſelber hier feſtgehalten wurde; der Mann hatte weiter keine Befehle erhalten, ſich auch gar nicht darum zu kümmern, welche Ausſage eingebrachte Ge⸗ fangene machten. Das Alles würde der justice of the peace, wenn er nachher zurückkam, ſchon unterſuchen. Hopfgarten gab jetzt, in ſeiner Verzweiflung und Unge⸗ duld, einem der dort in der Nähe befindlichen Leute einen Dollar, in die Wohnung des Doktor Hückler zu laufen und dieſen aufzuſuchen. Er war der einzige Menſch, der ihn in Mitwaukie kannte, eine volle Stunde verging aber, und weder Bote noch Doktor kam. Auch zu dem Staats⸗ anwalt hatte der Gefangene ſeine Karte geſchickt, und ihn dringend erſuchen laſſen, augenblicklich zu ihm zu kommen, da die Sache von höchſter Wichtigkeit ſei. Es geht das nicht ſelten ſo in der Welt, wenn die Policey einmal wirk⸗ lich nothwendig gebraucht wird, iſt ſie nirgentds zu finden, Gerſtäcker's Nach Amerika. V. und Hopfgartens größte Angſt war jetzt, daß der ſchlaue Ver⸗ brecher ſeine Zeit benutzen, und ſich aus dem Staube machen würde. Darin hatte er ſich nicht geirrt; als bald nach zwei Uhr der Friedensrichter zurückkam, fehlte der Kläger noch, der, ſeiner Ausſage nach nur fortgegangen war, die nöthigen Papiere zum Beweis ſeiner Klage zu holen. Erſt als Hopf⸗ garten jetzt ernſtlich darauf drang, den Staatsanwalt zu ſpre⸗ chen, und dabei erklärte, daß dieſer ſogenannte Henkel ein alias Soldegg, alias Holwich und Gott weiß was ſonſt noch ſei, und das Gericht ſogar wohl thun würde, auch die Leute zu vernehmen, mit denen er in intimer Verbindung geſtan⸗ den, wurde der Richter doch ſtutzig und ſchickte vor allen Dingen einen Conſtabler nach dem Poſtdampfſchiff, das zu unterſuchen, ob jener Henkel nicht etwa an Bord ſei, in dem Fall aber ihn ungeſäumt hierher zu bringen. Das Poſtdampfſchiff war vor etwa einer Viertel Stunde abgefahren. —ee Druck von Ferber& Seydel in Leipzig. * 5— ————y ——-üy——+— 4 4 4— —