iothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 eih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ———— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — ſfe jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet do wird.] 3— 4 4. Abonnement. Daſſelbe ſmuß voraus ſbezahlt werden und beträgt. sAllfe ErE,es e e öchentlichte 2 Bücher: 5——-— für w 4 Bücher: ———————— 3 8 4 —„ 4—— 5— ₰. ———-⸗--y——— Nur zur Benutaun im Lesesaal —,—— 08 GESSEN Madwdmtanhiech 61 272 844 ———— —.——— Q,—O———*——„—— arp, — —— —— ☛ Nach Amerikal Ein Volksbuch. 8 Vierter Band. Ein Vollkhuch von e Friedrich Gerſtäcker. er⸗ Illuſtrirt von Carl Reinhardt. Vierter Band. Teipfig, Berlin, Hermann Coſtenoble, Nudolph Gaertner, Verlagsbuchhandlung. Amelang'ſche Sort.⸗Buchhandlung. 1855. V V — Inhalt des vierten Bandes. Seite Capitel 1. Die Fahrt durch Arkanſas.... 1 „ 2. Die Gräfin Olnitzki...... 50 „ 3. Der alte Herr Hamann.. 4.. 86 5 4. Verſchiedene Beſchäftigungen.... 117 „ 5. Literariſche Bekanntſchaften 3.. 144 . 6. Der Feuermann...... 171 7. Die Deutſchen in Cineinnati... 197 „ 8. Profeſſor Lobenſtein als Farmer.. 233 „ 9. Herrn von Hopfgartens Abenteuer... 247 ⁵ ——y—— — Capitel J. Die Fahrt durch Arkanſas. Den Miſſiſſippi hinauf brauſte das kleine, aber tüchtige Dampfboot Little Rock, nach Fort Smith, dem Grenzort des Indianiſchen Territoriums beſtimmt, aber auch an allen Zwiſchenorten, wo eben Paſſagiere ausſteigen oder an Bord kommen wollten, oder wohin Fracht von New⸗Orleans aus eingeladen war, anlegend. Paſſagiere hatte es aber nicht ſehr viele an Bord, denn der große Menſchenſtrom der Einwanderung geht vorzugsweiſe den Miſſiſſippi hinauf bis St. Louis und zu den nördlicher gelegenen Staaten, Jowa oder Wisconſin, oder den Ohio hinauf, wohin wir der Jane Wilmington mit unſeren Be⸗ kannten gefolgt waren. Den Arkanſas aufwärts war der Zug der Einwanderung noch nicht ſo ſtark, denn die Fremden fürchteten die kalten Fieber, die in den öſtlichen Theilen des Staates herrſchen, und ſcheuen ſich ebenſo ſehr nach dem Weſten Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 1 zu gehen, den ihre Phantaſie nicht ſelten auf viel zu poetiſche Weiſe mit Bären, Panthern und Gott weiß was ſonſt noch für reißenden Thieren bevölkert. 24 Nichts deſtoweniger haben die dort gelegenen Städte zum Theil ſchon recht wackere Fortſchritte gemacht, und blühen und gedeihen in dem jungen Land, das Fruchtboden aufzuweiſen hat, wie kaum ein anderer Staat der Union, em ſeinen weſilichen Berden dabei ſo Heinnde und meſſta gene, 1 Farmer nur wünſchen kann. Freilich war es nop wild in 1 dem Squatterſtaat, noch entſetzlich wild, und als der Little Nock, der nach der Hauptſtadt von Arkanſas ſeinen Namen bekom⸗ men, und auch in der That einem Kaufmann dort gehärte, den lebendigeren Miſſiſſippi verließ, und bei dem kleinen Städt⸗ chen Napoleon links in die Mündung des Arkanſas ſelber einbog, ſchien Wald, endloſer Wald die Ufer zu decken, aus denen nur hie und da kleine urbar gemachte, oder von den Holzhauern gelichtete Waldblößen die Wildniß nicht etwa unterbrachen, ſondern nur die Färbung derſelben in etwas veränderten. Dicht und unmittelbar dahinter nahm ſie wieder ihre dunklen Schatten an, und die mit wehenden Schling⸗ pflanzen in ſchwingenden Feſtons behangenen Zweige ſtreckten ſich oft weit über das Ufer und den daran hinſchäumenden Strom hinaus. Breite, helle Sandbänke füllten dabei die äußeren Bie⸗ gungen des in dieſer Jahreszeit ziemlich niedrigen Stromes, auf denen Schwärme von Wildenten und Gänſen ſaßen, beim Nahen des heranbrauſenden Bootes die langen dunklen Hälſe hoch emporreckten, mit den Flügeln ſchlugen, und dann auf⸗ ſtrichen in ihren ſchnurgeraden Reihen, bis ſich der Führer hoch oben in blauer Luft ſeinen Zug keilförmig ordnete, und queer über den Wald weg hielt, einem ſtilleren Sumpf oder Binnenſee zu. Ueberall ragten hier häßliche snags und sawyers(in Sand oder Schlamm unten feſtſitzende Stämme und Aeſte) aus der Fluth empor, den Lootſen in dem nicht ſo breiten Fahrwaſſer zu doppelter Vorſicht mahnend, und auch die Ufer dieſes Stromes, wie die des Miſſiſſippi, verriethen die Verheerungen, die er hier angerichtet am bewaldeten Ufer. Ganze Strecken der hohen, aus dem herrlichſten Fruchtboden beſtehendem Bänke waren unterwühlt, hunderte von mächtigen Stämmen hineingeriſſen in die um ihre Aeſte jetzt quirlende Fluth, und wieder und wieder bohrte und wuſch die Strömung unter den ſchon halb blos gelegten Wurzeln der nächſten Bäume, auch ſie nachzuholen in ihre gelben Strudel. Sycamoren, Baumwollenholzbäume, Eſchen und Cypreſ⸗ ſen, mit ſtämmigen Weiden am unmittelbaren Ufer, den Unter⸗ wald, wie am Miſſiiſſippi, oft von dichten faſt undurchdring⸗ lichen Schilfbrüchen gefüllt, bilden die Vegetation des Fluß⸗ landes, wenigſtens die, die vom Fluß ſelber aus dem Vorbei⸗ fahrenden ſichtbar iſt, und hier allerdings ſchleicht der ſcheue Panther Nachts zum Strome nieder, ſeinen Durſt zu löſchen, oder dem ſchlanken Hirſch aufzulauern, der das Waſſer des Arkanſas, ſeines Salzgehaltes wegen, eifrig ſucht; in dieſen 1* Schilfbrüchen ſchlägt ſich der Amerikaniſche gelbnaſige Bär ſein Lager zurecht, mit den Tatzen, der wilde Truthahn bäumt in die hohen Baumwollenholzſtämme, und ſucht von deren Gipfel aus mit ſchwerem, leicht ermattetem Flug das andere Ufer zu erreichen, und das Catamount, ein Mittelding zwiſchen Panther und wilder Katze, duckt ſich dicht am Ufer in ſtiller Nacht, als es das Dampfboot mit den regelmäßig klappenden Radſchlägen und dem ſcharfen Keuchen ſtromauf arbeiten hört, und flieht mit flüchtigen Sätzen die ſteile Uferbank hinan, als die gegen das Land geworfenen Wellen nach ihm aufſpritzen und züngeln. 2 Es iſt ein wunderbares, nicht zu beſchreibendes Gefühl, auf raſchem Boot zwiſchen dieſen ſtillen rauſchenden Wäldern dahinzugleiten, und füllt die Bruſt des Fremden beſonders, deſſen Blick vergebens in des Waldes Tiefe einzudringen ſucht, mit einem halb zagenden Verlangen jene Wildniß zu betreten. Wie die Wipfel ſo leiſe flüſtern und ſo geheimnißvoll, und im Winde ſchwanken, herüber und hinüber, und ihren duftigen Schleier über das zitternde Dunkel des Urwaldes breiten— wie es da drinnen knarrt und ſtöhnt und ſeufzt, und hindurch ſchleicht, durch das gelbe, Jahre und Jahre lang aufgehäufte gelbe Laub mit leiſem, ſcheuem Schritt, und in den Blättern raſchelt, und durch die Büſche hin.— Hui— vorbei— was war das?— wie ein Phantom glitts an dem Rand der Wal⸗ dung hin, und ein paar glühende Augen blitzten einen Moment von dort herüber. Ein Wolf?— vielleicht; die ſchwarzen tückiſchen, mordluſtigen Burſchen haben dort ihren Tummel⸗ — ◻ platz, und wenn die Nacht kommt, tönt noch der wunderbar klagende, unheimlich hohle Laut der Eule von dort heraus, mit dem neckenden Schrei der Nachtſchwalbe,*) die den Ge⸗ ſpielen ruft—„whip poor will— whip poor will.“ Der ſchöne— wunderſchöne Wald— aber er bleibt Dir ein verſchloſſenes Heiligthum, wenn Du nicht kühn und keck vom Boote ſpringſt, mit ſtarken Armen die Büſche theilſt und den heiligen Boden betrittſt, der Gottes Tempel iſt, und ſeine hohen mächtigen Säulen trägt.— Nur ſein Athmen hörſt Du, wenn Du an der Pforte ſtehſt, die Dir die Arme trotzdem weit und gaſtlich entgegen breitet, das ſtille Rauſchen ſeiner dunklen Wipfel, und ſie grüßen Dich wohl und nicken Dir zu, wie man den Fremden grüßt, den man auf der Straße trifft, aber der liebende Ton iſt es nicht, mit dem ſie den Freund, der ihrem Schutz vertraut, das Schlummerlied flüſtern— leiſe, leiſe, das es ihn nicht ſtört, und ihm die Mondesſtrahlen von den Augen halten.“ „Oh wie großartig— oh wie herrlich!“ ſeufzte eine entzückte weibliche Stimme von den guards des Dampfers aus, als dieſer dicht an dem wilden rauſchenden Ufer vorüberbrauſte —„wer jetzt hinüber konnte— dahinein, die Wunder dieſer düſteren, geheimnißvollen Welt zu erforſchen!“ „Ja, Mosquitos und Holzböcke würden Sie genug fin⸗ den, verehrtes Fräulein,“ ſagte in dieſem Augenblick eine *⁵) Die Amerikaniſche Nachtſchwalbe, ihres leiſe klagenden Rufs wegen, der ganz dieſen Worten ähnlich klingt, Whippoorwill genannt. Stimme, als Amalie von Seebald, die ihren Gefühlen ganz unbewußt laute Worte gegeben, die Arme feſt an die Bruſt gepreßt, den Blick ſehnſüchtig auf die rauſchenden Wipfel ge⸗ heftet, auf der Gallerie der Damencajüte des Little Rock ſtand und nach dem dunklen Wald hinüberſchaute. Fräulein von Seebald ſchaute überraſcht empor, und ſah eine kleine unterſetzte, in einen grauen Ueberrock geknüpfte und mit einem etwas abgetragenen Strohhut bedeckte Menſchen⸗ geſtalt dicht über ſich auf dem Radkaſten ſtehen, die ein Tuch in der Hand hielt und im Begriff ſchien, Jemandem, der noch etwas weiter oben am Ufer in einer kleinen, kaum bemerkbaren Lichtung ſtand, zuzuwinken. „Ungeheuer viel Mosquitos da drin,“ ſagte der kleine freundlich ausſehende Mann,„enorm viel, und Holzböcke?— puh, ich bin einmal da drin geweſen, gleich unter der Poſt Arkanſas; Tſchiſus Etſch Dobbeljuw Kreiſt, was für Holz⸗ böcke! wenn mich nicht ein Theil feſthielt, hätte mich der an⸗ dere aus dem Bette gezogen, und am nächſten Morgen war meine Haut wie ein Sieb, daß ich mich mit Baumharz ordent⸗ lich anſtreichen mußte, um nur nicht auszulaufen— iſt aber famoſes Land da drinnen.“ „Sie ſind hier bekannt?“ frug Fräulein von Seebald mit mehr Intereſſe, als ſie ſonſt wohl an dem kleinen unſcheinbaren Mann genommen hätte—„kennen das Land vielleicht und die Leute?“ „Kennen?“ ſagte der kleine ſonderbare Fremde mit einem ungemein ſelbſtbewußten Lächeln, indem er als bildliche Dar⸗ —— 7 ſtellung ſeiner Antwort ſeine rechte Rocktaſche herausdrehte und gegen die Dame hielt—„kenne ich meine Taſche?— ich bin Charley Fiſcher— haben Sie noch nicht von Charley Fiſcher in Little Rock gehört? wie?— noch nicht?— bin ſchon zwölf Jahre hier im Lande und habe Little Rock mit bauen helfen; war damals wirklich ein little Rock,*) iſt aber jetzt ein hiep bigger geworden.“ Fräulein von Seebald lächelte über die wunderliche Aus⸗ drucksweiſe des Mannes, es lag ihr aber daran die genaue Situation der Farm kennen zu lernen, die dem Grafen Olnitzki gehörte und die, da ſie gar nicht ſo ſehr weite Strecke von der Hauptſtadt Little Rock entfernt ſein ſollte, auch jedenfalls von dem Mann gekannt ſein mußte. „Dürfte ich Sie da vielleicht um eine Auskunft bitten über Jemand, der in Ihrer Nähe wohnt? frug ſie ihn, und erſchrak faſt, als der kleine Fremde ganz zutraulich den kleinen Steg vom Radkaſten nieder und zu ihr auf die Gallerie kam. Sie machte dabei eine faſt unwillkürliche Bewegung zurück, und ſah ſich nach ihrer Cajütenthür um, Charley aber, der die Bewegung falſch verſtand, ſagte freundlich: Hat Nichts zu ſagen, mein Fräulein; ich darf überall hin, der Capitain kennt mich und iſt mein intimer Freund. Habe ſelber erſt eine kleine Reiſe nach Napoleon gemacht, um dort nach Sachen zu ſehen, die für mich von New⸗Orleans *) Little Rock— kleiner Fels— die Anſiedlung bekam ihren Na⸗ men zuerſt von einzelnen kleinen Felsblöcken, die hier am Ufer liegen. —ʒQ———— 8 heraufkamen und mit denen das Boot nahe bei Napoleon ver⸗ unglückte, habe aber ziemlich Alles wieder bekommen und die ganze Geſchichte gleich ſelber mitgenommen. Und nach wem wollten Sie ſich erkundigen, wenn ich fragen darf?“ „Kennen Sie einen Graf Olnitzki, der in der Nähe der Oakland grove eine Farm hat und dort ebenfalls ſchon mehre Jahre anſäſſig iſt?“ „Graf Olnitzki— Graf Olnitzki?“ ſagte Charley Fiſcher, wie er ſich ſelbſt genannt hatte, ſein Kinn dabei mit der rech⸗ ten Hand ſtreichend, während er die linke tiefer und tiefer in die entſprechende Rocktaſche hineinbohrte—„Graf Olnitzki — den Namen habe ich doch oft genug gehört; er muß auch ſchon einmal bei mir in Little Rock geweſen ſein— was hat er denn nur da gewollt— ich glaube irgend etwas zum Ver⸗ kauf gebracht?“ „Wahrſcheinlich ſeine Produkte— türkiſchen Weizen oder Baumwolle—“ ſagte Fräulein von Seebald. „Ne, ne— es war etwas anderes,“ meinte Charley. „Oder der Ertrag ſeiner Jagden— Hirſchhäute und Bärenſchinken.“— „Ne, ne,“ beharrte der kleine Deutſche,„es war was ganz abſonderliches; Jemine noch einmal, daß ich mich jetzt nicht mehr darauf beſinnen kann.“ „Aber das hat ja auch gar Nichts zu bedeuten.— Sie kennen jedenfalls die Lage und können mir ſagen, wo ich vom Dampfboot abgehen muß den Platz am leichteſten zu erreichen. —— * ————— Der Capitain meinte, ich würde bis Little Rock mitfahren müſſen.“ „Jedenfalls, jedenfalls,“ ſagte Charley ſchnell,„können dann bei mir logiren, ich halte auch ſeit einiger Zeit ein Hotel; mein Bruder hält zwar ebenfalls eins, und wir haben dadurch gewiſſermaßen eine Oppoſition gegeneinander, aber die Oppo⸗ ſition iſt ja die Seele der Geſellſchaft, der Lebenstrieb, der unſere ganzen Staaten zuſammenhält; was wären wir hier alle mit einander ohne Oppoſition?“ „Aber ich gedenke mich gar nicht in Little Rock aufzu⸗ halten,“ ſagte Fräulein von Seebald ausweichend. „Es wird aber wohl Abend werden bis wir hinkommen,“ meinte Charley—„doch das können Sie ſich noch überlegen; hier haben Sie jedenfalls meine Adreſſe.“. „Und welchen Weg ſchlage ich von Little Rock ein?“ frug die junge Dame, mit einer leicht dankenden Verbeugung die Karte nehmend—„der Platz liegt ſoviel ich weiß auf der anderen Seite des Stromes—.“ „Oakland grove?— ja wohl, aber an der Straße— prächtige Straße dorthin— ein Bischen naß, wenn's geregnet hat, aber ſonſt breit und famos durch den Wald ausge⸗ ſchlagen.“ „Und wann geht die Poſt dorthin ab?“ frug Fräulein von Seebald. „Die Poſt?“— ſagte Charley, ſie raſch und erſtaunt dabei anſehend, ſetzte aber, ſich beſinnend, hinzu:„die Brief⸗ 10 poſt meinen Sie?— der Mailrider*) geht die Woche zweimal nach Batesville hinauf und kommt zweimal wieder.“ „Und die Fahrpoſt?“ „Fahrpoſt, hahaha“— lachte Charley,„die Bären und Panther würden ungemein erſtaunt ſein, wenn ſie einmal eine Fahrpoſt zwiſchen ſich durchraſſeln hörten. Segne Ihre Seele, mein Fräulein, dahinein geht keine Fahrpoſt. Nichts wie ein berittener Bote, und wenn Sie nach Oakland Grove wollen, ſo müſſen Sie entweder zu Fuß gehen oder reiten. Ihr Ge⸗ päck können Sie indeſſen zu mir in's Haus ſtellen.“ „Das wäre ja ſchrecklich!“ rief Fräulein von Seebald. „Oh es ſteht dort ganz ſicher,“ ſagte Charley. „Nein ich meine den Weg zu Fuß oder zu Pferde zu ma⸗ chen;— ich habe noch nie auf einem Pferd geſeſſen.“ „Das iſt ganz leicht,“ ſagte Charley,„der linke Fuß kommt in den Steigbügel und das rechte Knie nehmen Sie, ſehn Sie, ſo,— über die Knuppe hinauf, die an dem Da⸗ menſattel ſitzt, dann können Sie gar nicht herunter fallen, und hängen oben wie eine Klette.“ „Und wie weit iſt der Platz von Little Rock?“ „Oakland Grove?“ „Nein, wo Graf Olnitzki wohnt?“ „Ja das weiß ich wahrhaftig nicht genau,“ ſagte Char⸗ ley achſelzuckend,„ich bin nach der Richtung hin noch gar nicht gekommen; aber dahin müſſen Sie ſich doch einen Füh⸗ *) Poſtreiter. 11 rer mit Pferden nehmen, und Ihr Herr Gemahl— Sie ſind doch verheirathet, wenn ich fragen darf?“ Die Frage kam ſo plötzlich, daß Amalie von Seebald un⸗ willkürlich darüber erröthete, aber lächelnd antwortete: „Nein; ich bin nicht verheirathet.“ „Aber Sie haben doch jedenfalls Begleitung,“ ſagte Charley. „Ich bin ganz allein,“ erwiederte die Dame. „Ganz allein?— und wollen ganz allein in den Wald hinein?“ „Und warum nicht?“ „Nu hören Sie, das nehmen Sie mir nicht übel,“ ſagte Charley, freundlich lächelnd,„das iſt denn nun doch wohl blos Ihr Spaß?“ „Aber weshalb um Gottes Willen?“ frug Fräulein von Seebald wirklich beunruhigt über das ganze Weſen des Man⸗ nes—„was kann mir denn im Wald geſchehn? Sind noch Indianer dort?“ „Indianer?— nein; am Fluß lagern vielleicht welche, aber die ſtehn unter Aufſicht und ſind harmlos.“ „Oder wilde Thiere?“ „Nun ja, es giebt wohl Bären und Panther da, aber man hört doch ſelten davon daß ſie Jemanden angefallen haben.“ „Was ſollte mich alſo ſonſt hindern?“ „Ih nun ja“ ſagte Herr Fiſcher—„es iſt wahr, es ginge ſchon, aber— ich weiß doch nicht, ich möchte nicht 12 alleine und ohne Gewehr nach Onkland Grove und von da noch weiter in den Wald hinein gehn, und ich bin doch nun ſchon zwölf Jahr in Arkanſas. Ueberhaupt, es iſt nirgends beſſer wie in Little Rock; das iſt ein capitaler Fleck und ſollte mich gar nicht wundern, wenn es einmal die erſte Stadt in der Union würde. Nachher iſt aber Charley Fiſcher am Platz, denn ich habe eine ganze Parthie Lots gekauft und die müſſen einmal einen heilloſen Werth bekommen.“ „Aber es hat doch ungemein viel Romantiſches, ſo allein durch den Wald zu gehn“ ſagte Fräulein von Seebald. „Romantiſches, Du lieber Gott“ erwiederte achſelzuckend der kleine praktiſche Mann,„das kauf ich nicht theuer, denn das bringt Nichts ein. Habe ſchon mehre Leute hier gekannt— auch deutſche junge nette Kerle, die ihre Kräfte hätten an was Vernünftiges wenden können, die thaten auch eben weiter gar Nichts als im Wald mit der Büchſe allein herum zu laufen, blos ein paar lumpiger Hirſche und des Bischens Romantik wegen. Was iſt nachher aus ihnen geworden?— weiter hat⸗ ten ſie Nichts auf dem Leib als ihr ledernes Jagdhemd und ihre Leggins, dabei Moccaſins an den Füßen und keinen Cent in der Taſche, ja nicht einmal eine Taſche an ſich, einen Cent hinein zu thun, wie vielleicht ihren Kugelbeutel, und nachher brachten ſie mit Mühe und Noth Felle genug zuſammen um eben ihre Paſſage auf einem Dampfboot zu bezahlen, wieder fortzukommen. Der Teufel ſoll eine ſolche Romantik holen— ne da lob' ich mir Little Rock.“ 13 „Und Sie kennen den Grafen Olnitzki nicht perſönlich?— waren nie dort in der Gegend?“ „Nein Madame— mein Fräulein wollt' ich ſagen, aber wiſſen Sie, mit dem Grafen hat es hier auch nicht viel zu bedeuten.“ „Wie ſo, geht es ihm ſchlecht?“ frug Amalie raſch und erſchreckt. „Wem? dem Olnitzki? ja ich weiß nicht— nein ich meine nur mit dem Titel überhaupt. Wiſſen Sie, hier in Amerika ſind wir alle gleich— alle freie Bürger, Einer ſoviel wie der andere, und wenn ich mich zum Spaß Graf Charley Fiſcher nennen wollte, hätte auch Niemand etwas dawieder, ich wäre eben Graf Charley Fiſcher, und wenn die Leute zu mir kämen und ein Glas Brandy trinken wollten, wuͤrden ſie mir wie jetzt auf die Schultern ſchlagen und ſagen:„nu Graf Fiſcher, altes Haus, wie gehts, how doyou thuts Euch?“ „Ich glaube auch nicht daß Graf Olnitzki Anſpruch auf eine höhere Stellung macht“ ſagte Fräulein von Seebald. „Ne, kann ich mir denken“ ſagte Charley freundlich, „würde ihm auch gar Nichts helfen; beſonders hier nicht in Arkanſas. Wir haben hier übrigens eine ganze Menge Polen; da iſt der Graf Doraski am Red River und der Graf Potelsk — Podelscyk— na wie heißt er denn gleich, verwünſchte Namen tragen die Polen manchmal, und die Amerikaner ha⸗ ben ganz recht wenn ſie meinen, man könnte ſie nur aus⸗ ſprechen wenn man dreimal nießte und dann ski ſagte— na es iſt einerlei wie er heißt. Sonderbar, von Polen kommen 14 blos lauter Grafen hier her, denn wenn man einen Polen findet, kann man ſich auch feſt darauf verlaſſen daß es ein heimlicher Graf iſt; es muß ungeheuer viel Grafen dort im Lande geben.“ „Wie ſind aber nur die Verhältniſſe der Anſiedler hier in der Nähe von Little Rock?“ frug Fräulein von Seebald, die es drängte etwas Näheres über die ihr am Herzen liegenden Menſchen zu hören,„kommen ſie manchmal, an Sonntagen vielleicht, in die Stadt, zu Theatern oder Concerten?— ha⸗ ben die Deutſchen untereinander nicht Bälle oder andere Feſt⸗ lichkeiten, bei denen ſie ſich zuſammenfinden und vergnügt ſind? das Waldleben denke ich mir wundervoll, herrlich, aber das Schönſte bedarf doch manchmal einer Abwechſelung.“ „Bälle?— ja, die haben wir manchmal hier unter den Deutſchen“ lachte Charley Fiſcher vergnügt vor ſich hin, viel— leicht in der Erinnerung mancher dabei verlebter Stunden, „und amüſiren thun ſie ſich dabei im Anfang und prügeln am Schluß, gerade wie bei uns zu Hauſe; aber wenn die Farmer, beſonders die, die ſo weit wegwohnen, dazu hereinkommen wollten, da hätten ſie viel zu thun. Die Männer ja, die rei⸗ ten manchmal her, ſtehen*) auch wohl ein paar Tage und verthun was ſie herein gebracht haben an Produkten, manch⸗ mal auch noch das mit, was ſie das nächſte Mal bringen ) ſtehen, der deutſch⸗amerikaniſche Ausdruck von bleiben von dem Engliſchen to stay. 8 —— 15 wollen, aber die Frauen bleiben zu Hauſe und hüten das und ihre Kinder, und haben dabei alle Hände voll zu thun.“ „Aber die Nachbarn kommen dann unter einander wahr⸗ ſcheinlich ſehr häufig zuſammen.“ „Ja, wenn ſie Nachbarn haben, die Nachbarſchaft in Arkanſas ſoll aber der Henker holen“ ſagte Charley—„die nennen ſich ſo und wenn ſie zwanzig Meilen von einander ſitzen.“ „Das iſt ein Beweis für ihre Geſelligkeit“ lächelte Fräu⸗ lein von Seebald. „Ja ſchöne Geſelligkeit, wenn Niemand dazwiſchen wohnt“ meinte Charley—„ne, da lob' ich mir Little Rock; wenn mir da mein eigener Brandy nicht mehr ſchmeckt, gehe ich um die Ecke herum zum Georg und trinke da anderen, und alle Wochen kommen ein paar Dampfboote den Strom herauf oder herun⸗ ter, die auch Neues bringen, und wo man doch etwas zu hö⸗ ren und zu ſehn bekommt. Siiſt ein ganz famoſes Leben in Little Rock.“ Fräulein von Seebald fühlte ſich, obgleich ihr der fremde Deutſche gar nichts Direktes von den Ihrigen ſagen konnte, und dieſe jedenfalls in ganz andern Verhältniſſen lebten wie er ſie hier ſchilderte, doch unangenehm berührt durch dieſe Be⸗ ſchreibung, ſie wußte eigentlich ſelber nicht recht weshalb. Es war ihr auch erwünſcht daß die Unterhaltung in dieſem Augen⸗ blick durch die in der Cajüte geläutete Klingel, das Zeichen zum Mittagstiſch, abgebrochen wurde, und ſie zog ſich mit einer leichten dankenden Verbeugung gegen Herrn Fiſcher, die dieſer mit einem freundlichen Kopfnicken erwiederte, in die Ladies cabin zurück, dort den Nachmittag hindurch ihren eignen Betrachtungen und Gedanken nachzuhängen. Das Boot ſetzte indeſſen raſch und wacker ſeinen Weg fort; die Scenerie blieb dieſelbe— Wald— endloſer Wald an beiden Seiten, der ſich ſelbſt bei kleinen einzeln zerſtreuten Städten, die ſie trafen, bis dicht um dieſe her zu ziehen ſchien, als ob er wieder friſch aufgewachſen ſei, ſeit ſie entſtanden, und das Land zurück verlange, das ſie ihm abgedrängt. Am nächſten Tag, gegen Abend, erreichten ſie Little Rock, und die breite, weit ausgehauene Lichtung verrieth ſchon von weitem eine größere Anſiedlung, wie ſie bis jetzt getroffen. Als ſie näher kamen erkannten ſie große anſehnliche ſteinerne Gebäude, allerdings oft neben kleinen modernen Holzhütten, und eine Dampffähre ſpielte über dem Strome nach dem an⸗ dern Ufer hinüber. Auch der Landungsclatz, gegen den ſie jetzt aufliefen, bot, wenn auch nicht mit New⸗Orleans zu ver⸗ gleichen, doch das belebte Bild einer größeren, geſchäftigen Stadt, die hier im Herzen eines ſonſt noch ziemlich wilden Staates entſtanden; Karrenführer von allen Farben drängten ſich herbei Güter und Paſſagiergut fortzuführen, ſobald nur die Taue ausgeworfen und die Planken übergeſchoben wären, und eine Menge Ungeduldiger, wie auf allen Landungspunkten am ganzen Strom hinab, warteten mit Sehnſucht auf den Augenblick, wo ſie an Bord ſpringen konnten, Neues und Neuigkeiten in Empfang zu nehmen, oder gegen die mageren Stadt⸗Berichte einzutauſchen. 3—— — 17 Fräulein von Seebald befand ſich aber jetzt wirklich in Verlegenheit, denn in der feſten Ueberzeugung, und gar nichts anderes für möglich haltend, als daß eine Poſt doch wenig⸗ ſtens die Woche ein paar Mal nach jener Anſiedlung, auf der ihre Schweſter wohnte, hinauf laufen müſſe, hatte ſie ihr ganzes Gepäck, drei Koffer und mehre Hutſchachteln mit noch ein paar kleinen Kiſten, die Geſchenke für Schweſter und Schwager enthielten, mit an Bord des Dampfers genommen. Wie ſollte ſie die jetzt mit fortbringen, in den Wald hinein? und fort mußten ſie, denn ſie brauchte, wie ſie meinte, dort Alles nothwendig was ſie enthielten. Charley Fiſcher half ihr da übrigens, als die Landung nur erſt überſtanden und er alle ſeine tauſend Freunde begrüßt und mit ihnen, wie er's nannte, Hands geſchäkt*) hatte, aus der Noth, denn er war erſtlich nicht der Mann irgend Jeman⸗ den, aus dem er irgend einen Nutzen zu ziehen hoffte, un⸗ beachtet zu laſſen, dann aber auch die gutmüthige Gefälligkeit gegen Damen ſelber, und glaubte hier noch dazu das doppelte Intereſſe an einer Reiſegefährtin nehmen zu müſſen. Kaum daher in die Stadt hinauf gekommen, ſah er ſich auch ſchon, alles Uebrige indeß hintanſetzend, auf das Eifrigſte nach einer möglichen Gelegenheit nach Oakland grove um, wozu die Landung ſelber der beſte Platz war, da dort faſt alle Gaſt⸗ wirthe, oder doch Leute von ihnen, bei der Ankunft eines Dampfers zuſammen kamen. Zufällig war in der That ein *) To shake hands die Hand ſchütteln. Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 2 18 Geſchirr— freilich nur ein gewöhnlicher Leiterwagen von Roſemores(einer Farm, die eine kleine Strecke überhalb der Oakland grove lag) in Little Rock, hatte Butter, Eier, ge⸗ räucherte Hirſchkeulen und andere Produkte hereingebracht, und nahm Mehl, Kaffee, Zucker, Brandy ꝛc. ꝛc., kurz Provi⸗ ſionen die dort nicht zu bekommen waren, wieder mit hinaus. Der Fuhrmann wollte am nächſten Morgen mit der erſten Fähre über den Strom gehen und, da er nur halbe Ladung hatte mit Vergnügen gegen eine mäßige Entſchädigung die Sachen der Dame bis zu„Billy Jones clearing“ mitnehmen, von wo aus ein Fuß⸗ oder Reitpfad nach Old Nitzkys range, wie der Mann den Namen des Grafen Olnitzky mishandelte, hinüberlief. Wollte die Dame bis Billy Jones mit auf ſei⸗ nem Wagen fahren, ſo war ſie„perfectly welcome, das heißt: er ſtand ihr mit Freuden zu Dienſten, und durch ein oder zwei Arme voll Maishülſen ließ ſich auch ſchon zur Noth ein ziemlich bequemer Sitz herſtellen. Charley Fiſcher lief ungeſäumt mit dieſer„guten Nach⸗ gicht“ an Bord zurück, wo Fräulein von Seebald eben in ziemlicher Ungewißheit war, ob ſie die Karte des Herrn Char⸗ ley Fiſcher benutzen, oder ihr Gepäck in ein anderes Gaſthaus ſollte ſchaffen laſſen, deſſen rieſige Firma ſie ſchon über die Straße herüberleuchten ſah. Des kleinen gefälligen Mannes Erſcheinen entſchied dies zu ſeinem Gunſten, die Koffer und Kiſten wurden aufgeladen, und die junge Dame befand ſich bald darauf in einem kleinen kahlen unbehaglichen, nicht über⸗ reinlichen Gemach auf Pineſtreet, in dem ſie jedoch bald von —— * 19 der freundlichen Wirthin ſelber aufgeſucht und unterſtützt wurde ihre Toilette zur Abendtafel, die aus einem recht guten compakten Mahl mit Thee beſtand, vorzubereiten. Charley Fiſcher hätte nun gar zu gern dieſe Gelegenheit benutzt, aus ſeinem Gaſt alles nur Mögliche über ihre Lebens⸗ verhältniſſe und beſonders den Zweck ihrer Reiſe heraus zu bekommen, denn daß eine junge Dame eine ſolche Fahrt allein unternommen, hatte jedenfalls auch etwas ganz Abſonderliches zu bedeuten. Nun ſagte ihm Fräulein von Seebald allerdings ganz einfach, daß ſie nur nach Arkanſas gekommen wäre ihre, an den Grafen Olnitzki verheirathete Schweſter zu beſuchen, aber das glaubte er ihr natürlich nicht, und ſuchte nun erſt recht etwas Geheimnißvolles unter dem Beſuch. Je bereit⸗ williger und freigebiger er dabei mit ſeiner eigenen Lebensge⸗ ſchichte war, deſto mehr verdroß es ihn natürlich, wenn An⸗ dere nicht Gleiches mit Gleichem vergelten wollten. Fräulein von Seebald war aber ermüdet von der Reiſe ſowohl, als ſie ſich auch angegriffen von der Aufregung der letzten Tage, dem erhofften Wiederſehn entgegenharrend, fühlte, und ſuchte deshalb zeitig ihr Lager. Charley Fiſcher verſprach ihr übri⸗ gens ſie wecken zu laſſen, wo ſie das Frühſtück bereit finden und immer noch zeitig genug zur erſten Fähre kommen ſollte. Der Fuhrmann hatte dabei zugeſagt, bei ſeinem Hauſe, wo er überdies ſeinen gewöhnlichen Morgentrunk nahm, vorzu⸗ fahren, und eine Verſäumniß war deshalb gar nicht möglich. Der Morgen kam; die Sachen wurden vor das Haus geſchafft, die beiden kleinen Kiſten beſonders mit wieder . 2⸗ und wieder empfohlener Vorſicht, da ſie zerbrechliche Sachen enthielten, Fräulein von Seebald hatte ihre Reiſetoilette wie ihr Frühſtück beendet, ihre nicht übermäßige Rechnung bezahlt, ein Glas Brandy und Zucker, das ihr ihr freundlicher Wirth auf das hartnäckigſte gegen die rauhe Morgenluft aufzudringen ſuchte, wieder und wieder verweigert, der Wagen kam, die Sachen wurden aufgeladen, und Charley Fiſcher ließ es ſich nicht nehmen Fräulein von Seebald ſeinen Arm zu reichen und ſie zur Fähre hinunter zu begleiten. Allerdings hätten die beiden Figuren nach unſeren deut⸗ ſchen Begriffen vielleicht ein wenig wunderlich zuſammen aus⸗ geſehen, und Fräulein von Seebald ſelber fühlte ſich auch ſo unbehaglich als möglich in der Begleitung, die ſie nicht gut verweigern konnte. Die Dame nämlich war ganz modern, ja ſogar modiſch angezogen, mit einem hellen Kleid von roher Seide, und feinem Strohhut, und einer dunkelrothen ſeidenen Schärpe um, während Charley dagegen in einem etwas ſehr kurzen und auch nicht übermäßig reinen leinenen Röckchen prangte, unter dem ein paar ebenfalls etwas kurze geſtreifte wollene Hoſen hervorſahen. Er trug dabei Schuh und gelb⸗ wollene Strümpfe oder vielmehr Socken, die nicht oben blie— ben wie er erklärte, er mochte dagegen thun was er wollte, und der alte Strohhut deckte noch immer ſeinen Scheitel, wie auf dem Schiff; nur ein reines gelb und roth geſtreiftes Hemd hatte er heute Morgen angezogen, und ein ſaftblaues ſeide⸗ nes Tuch darum geknüpft. In Amerika fällt etwas derartiges aber nicht auf; man ſieht ſogar, ſelbſt in den größten Städten, 21 die Damen ſehr häufig an dem Arm eines Herrn, der in kur⸗ zer weißleinener Jacke geht, in Sammet und Seide nebenher rauſchen; das Kleid macht dort nicht den Mann, ſondern der Mann das Kleid. Nichts deſtoweniger und trotz der frühen Morgenſtunde war Fräulein von Seebald feſt davon überzeugt, daß die Au⸗ gen ſämmtlicher Einwohner von Little Rock, an deren Fenſtern ſie vorüber gingen, in Spott und Neugierde auf ſie geheftet wären, und dankte ihrem Gott, als ſie das Fähr⸗ oder Ferry⸗ boot endlich erreichten, wo ſich Herr Charley Fiſcher auf das Angelegentlichſte von ihr verabſchiedete, wie ſie auch erſuchte, ihn ihrer Frau Schweſter, wenn auch unbekannter Weiſe, freundlichſt zu empfehlen. Die kleine Fähre dampfte über den ziemlich breiten Strom, auf dem noch der leichte Morgennebel in dünnen, hie und da von einem blitzenden Sonnenſtrahl getheilten Schwaden lag, und auch den gegenüberliegenden Uferrand bedeckte. Nur eine Reihe niederer, hellangeſtrichener, viereckiger Holzhäuſer wurden da ſichtbar, die mit rieſigen Schilden bedeckt, und wenn das möglich geweſen wäre, verunſtaltet, den oberen Rand der ſteilen Uferbank krönten, und wieder ihrerſeits von den hohen majeſtätiſchen Wipfeln rieſiger Baumwollenholzbäume überragt wurden. Dieſe kleine Stadt hier, die dem wachſen⸗ den Little Rock ihren Urſprung verdankte, beſtand faſt einzig und allein aus Schenkſtänden— ſogenannten„groceries und provision stores,“ in denen, neben allen möglichen Lebens⸗ bedürfniſſen, die ſpirituöſen Getränke den Hauptbeſtandtheil 22 bildeten; aber ſie ſah neu und häßlich aus, wie eine Schachtel friſch ausgepackter Nürnberger Spielwaaren in eine Reihe ge⸗ ſtellt, über die der darüber wohnende Urwald den Kopf ſchüt⸗ telte, und ſeufzend dabei den Krebsſchaden erkannte, der ſich weiter und weiter in ſeine Seite fraß. Fräulein von Seebald, von den Leuten an Bord neu⸗ gierig betrachtet, die eine einzelne und dabei ſo elegant geklei⸗ dete fremde Dame nicht ſo oft und früh zwiſchen ſich ſahen, hüllte ſich übrigens, ohne mit irgend Jemand zu verkehren, feſter in ihren Shawl— die Morgenluft wehte friſch und kühl über den Strom— und ſchaute unverwandt nach dem andern Ufer hinüber, dem ſie raſch entgegenſtrebten. Ha, was war das?— unten am Strand— dicht unter der hohen ſteilen, wohl ſechzehn Fuß ſchroff emporſteigenden Lehmbank, und bis jetzt von dem tief ſtreichenden Nebel ver⸗ deckt, der ſich, wie ſie dem Lande näher kamen, theilte, oder doch durchſichtiger wurde, breitete ſich eine Scene vor den er⸗ ſtaunten Blicken der jungen Dame aus, wie ſie ihre kühnſte, romantiſche Phantaſie nur im Stande geweſen wäre herauf zu beſchwören. „Indianer!“ rief ſie faſt unwillkürlich laut aus, denn das ganze Ufer dort war bedeckt, belebt von einem wilden Schwarm brauner, halbnackter Geſtalten, die theils unter nie⸗ deren ledernen Zelten, theils nur an kleinen Feuern campirt haben mußten. Pferde wieherten und galopirten am Ufer hin, Kinder ſprangen und jauchzten in und neben dem Waſſer, an dem ſie badeten und ſpielten, Frauen kochten oder trugen Holz 23 herbei, das andere oben von der Uferbank herunter warfen, und die Männer ſaßen theils ſtill und theilnahmlos an den Feuern, ihre Pfeife rauchend, oder ſtanden am Ufer, die An⸗ kunft des Dampfers zu erwarten. „Leben hier noch Indianer?“ frug Fräulein von Seebald erſtaunt einen der neben ihr ſtehenden Leute, der auf dem das Deck umſchließende Lattengitter lehnte, und ebenfalls nach den Eingeborenen hinüber ſchaute. „Nein, Madame!“ ſagte der Mann, ohne ſeine Stellung zu verändern,„Gott ſei Dank, daß wir die Rothfelle los ſind; würden uns weiter Nichts als Teufels⸗Eier in die Neſter legen. Hole ſie alle mit einander der Böſe.“ „Aber was thuen dieſe hier?“ „Die da?— die wandern aus— das ſind Seminolen, die Onkel Sam) nach dem Territorium ſchickt, ſich dort mit ihren Kameraden, den Creeks und Cherokeſen, den Chocktaws und Kickapuhs und wie ſie alle heißen, ſo gut zu vertragen wie ſie eben können— oder noch beſſer, ſich einander die Hälſe abzuſchneiden— das Geſcheuteſte, was ſie auf der Gottes Welt thun könnten.“ „Sie lieben die Indianer nicht.“ „Ich?— nein, da iſt der Himmel mein Zeuge— habe auch eben keine Urſache dazu, und weniger Luſt— wenn ich etwas wüßte, die ganze Race mit einem Schlag von der Erde zu vertilgen, ich thät's.“ *) Vereinigten Staaten. Der Mann richtete ſich dabei aus ſeiner Stellung auf und ging langſam an die andere Seite des Decks, als ob er die rothen Männer nicht einmal anſchauen wollte, ſo lange er's verhindern konnte. Er ſah dabei ſo finſter und erbittert aus, daß Fräulein von Seebald froh war, ſeiner unheimlichen Geſellſchaft bald enthoben zu ſein. Das Boot legte indeſſen an ſeinen gewöͤhnlichen Landungs⸗ platze, einem dort befeſtigten rieſigen flachgedeckten Boote, auf das Geſchirre und Pferde leicht hinaus oder an Bord gebracht werden konnten, an, und die Indianer, beſonders die Kinder, halb ſcheu, halb neugierig den Platz umdrängend, ſammelten ſich dort, die fremden weißen Männer und Frauen ausſteigen zu ſehen. Die Kinder gingen faſt ſämmtlich nackt, die Er⸗ wachſenen aber trugen ein Tuch um die Hüften, und meiſt ein ledernes oder kattunenes Jagdhemd, die Haare dabei in einen Büſchel gebunden, Einzelne mit Zierrathen, zwei mit einer Adlerfeder darin. Nur die Frauen hielten ſich ſchüchtern zurück bei ihren Lagerfeuern, und ſchauten kaum um nach dem raſch den Dampf auspuffenden Boot, oder den weißen Leuten— ſie hatten davon genug geſehen, mehr als ihnen wohl lieb war, und von ihnen aus der Heimath vertrieben und einem fremden unbekannten, kalten Lande zugeführt— wie konnten ſie ſich da an den verhaßten Weſen freuen. Auch die Männer ſchau⸗ ten ſtill und finſter drein, und wo ſie Einer der Weißen an⸗ redete, drehten ſie ſich mürriſch ab von ihnen und ſchritten ihrem Lager wieder zu. Es waren edle, kräftige Geſtalten unter ihnen, Manche 25 mit ſchweren, kaum geheilten Wunden auf der breiten braunen Bruſt, und wacker ſchlugen ſich auch dieſe Krieger in ihrem Vaterland, jeden Fußbreit Boden den weißen Eindringlingen mit Tomahawk und Büchſe ſtreitig machend; ja noch Jahre lang würden die Bleichgeſichter, die ſte oft mit blutigen Köpfen heimgeſchickt und in deren Lager ſelbſt ſie ſo manche Nacht den Schlachtſchrei getragen und die nackte Bruſt keck und todtes⸗ muthig den Bayonetten entgegenwarfen, ihre Truppen ver⸗ gebens gegen ſie geführt haben, hätten ſie dem Verrath ſo gut begegnen können wie der blanken Waffe. Aber ihr Häuptling fiel— der wackere Osceola, von den Amerikanern gegen Krieg und Menſchenrecht verrätheriſch gefangen genom⸗ men, wo er dem Wort des weißen Mann's vertraut, ſtarb elend im Gefängniß— andere Häuptlinge wurden übergekauft, und das Banner der Staaten fügte einen blutigen Stern zu ſeinen weißen. „Nun Madame, wenn Sie jetzt aufſteigen wollen„ un⸗ terbrach da der Wagenführer, der ſein Geſchirr glücklich von Bord und über das Flatboot weg auf feſten Grund und Bo⸗ den gebracht hatte, die Betrachtungen ſeiner Reiſegefährtin— „die Pferde ſind ausgeruht und können's ſchon ziehen, und hier hinauf geht ſich's doch ſchlecht für ſo zarte Füße.“ Fräulein von Seebald wäre gern noch länger hier geblie⸗ ben, das Leben und Treiben der Indianer mehr zu beobachten und ſich vielleicht gar in ein Geſpräch mit ihnen einzulaſſen; gebrochen Engliſch wenigſtens ſollten doch Viele von ihnen ſprechen. Aber allein ging das auch nicht an, und dann 26 ſchien auch der Wagenführer, der noch einen weiten Weg vor ſich hatte, keine große Luſt zu haben länger zu warten. Sie mußte ſich deshalb wirklich nicht allein entſchließen, den Platz zu verlaſſen, der ihr zum erſten Mal in ihrem Leben eine Scene ächt wilder Romantik bot, ſondern auch auf höchſt un⸗ romantiſche Weiſe, und noch dazu im Beiſein einer Maſſe fremder Menſchen, die gewiß dabei ihren Spott über ſte hatten, auf einen ganz gewöhnlichen Rüſtwagen hinaufklettern, und ſich dort in raſchelnden Maishülſen, zu denen ihr ganzer Anzug auch nicht im mindeſten paßte, vergraben. Es koſtete ihr der Entſchluß in der That eine Ueberwindung; aber trotz ihrem oft übertriebenen Hang zur Schwärmerei hatte Amalie von Seebald, wie ſie auch ſchon durch ihre ganze Reiſe bewieſen, doch viel Charakterſtärke, die, mit dem Abenteuerlichen ihrer Situation, ſie bald bewog ſich über alles Andere hinwegzu⸗ ſetzen. „Der Amerikaner brachte indeſſen, wie überhaupt keine Nation aufmerkſamer gegen Damen ſein kann als dieſe, aus der nächſten grocery einen Stuhl heraus, daß ſie bequemer auf den Wagen kommen konnte; lachend und verſchämt nahm dabei die Dame ihre Kleider zuſammen, ſtieg auf den Stuhl und ſchwang ſich, von der breiten Hand des Wagenführers dabei unterſtützt, auf das Rad und von da in den Wagen, ein junger Burſche trug den benutzten Stuhl in die grocery zurück, der Amerikaner klatſchte mit der Peitſche, die Pferde zogen an, und neben hergehend, bis ſie die obere Bank erreicht hatten, fuhr das ziemlich ſchwerfällige Geſchirr, von den 27 kräftigen Thieren gezogen, verhältnißmäßig raſch den ſteilen Weg, der auf das obere Ufer führte, hinan. Die Indianer ſtießen dabei einen gellenden Schrei aus, die Kinder jubelten, die Hunde bellten und der Wagen raſſelte, während der Mann ſelber im Fahren aufſprang und ſich neben die Dame in die Maishülſen ſetzte, den etwas holperigen ausgefahrenen Weg raſch entlang. Das kleine Neſt von Wirthshäuſern ließen ſie dabei gleich zurück, Lichtungen am Weg zeigten aber noch junge Far⸗ men; ſie fuhren eine Strecke lang zwiſchen Fenzen hin, die erſt kürzlich urbar gemachtes Land umſchloſſen— auch dieſe hörten endlich auf; hie und da lagen noch dicht am Weg ge⸗ fällte und zu Fenzſtangen zerſpaltete Stämme, dort waren junge Bäume zu Feuerholz abgeſchlagen, und jetzt zog ſich die, wohl breit ausgehauene, aber ſonſt ſehr verwilderte und nur allein durch die Art hergeſtellte Straße, durch den finſteren dichten Urwald hin, der ſie in all ſeiner großartigen Majeſtät umfing. So beengt und unbehaglich ſich übrigens Fräulein von Seebald noch bei dem erſten Beſteigen des Wagens, und ſo lange ſte die vielen fremden Menſchen um ſich her wußte, ge⸗ fühlt hatte, ſo wohl, ſo frei wurde ihr es jetzt. Das Herz ging ihr auf, und wie die letzten Fenzen hinter ihr verſchwun⸗ den waren, wie jene mächtigen rieſigen Bäume, die gerade zu ihrer gewaltigſten Höhe in dieſen Niederungen aufſteigen, ihre Stämme wie gigantiſche Säulen um ſie her emporreckten, und die prachtvollen Wipfel ſchüttelten und mit ihnen rauſchten 28 und flüſterten, als ob der Wald Leben gewonnen hätte; als ſte die wunderlich geflochtenen und verſchlungenen Lianen in weiten Feſtons den Weg überhängen, und von den höchſten Aeſten der Bäume niederſchaukeln ſah, und ihre Phantaſte dabei dieſe dunklen Waldesſchatten mit all dem Wild und Raubzeug des weiten Landes dicht belebte, da wußte ſie ſich vor Glück und Seligkeit kaum zu faſſen; die Thränen tra⸗ ten ihr in die Augen, und ſie hätte laut aufjubeln mögen vor Luſt und Wonne. Ihr Ziel war jetzt erreicht, wonach ſie Jahre lang geſtrebt und ſich geſehnt; derſelbe Wald umfing ſie ſchon, der ihrer Schwe⸗ ſter eine Heimath, ein Paradies geſchaffen, und nur ein Herz fehlte ihr jetzt, mit dem ſie ihre Seligkeit theilen, dem ſie das Alles zujauchzen konnte, was ihre Bruſt in dieſem Augenblick erfüllte und erhob. Mit dem Mann an ihrer Seite, der trocken und gleich⸗ gültig auf ſeinem Platz ſaß und nur manchmal, wenn der Weg eine kurze Strecke glatt fortging, die Pferde zu raſcherem Lauf antrieb, ließ ſich aber freilich nicht reden; auch war ſie des Engliſchen kaum mächtig genug, gerade den Gefühlen Worte zu geben, die es ſie trieb und drängte auszuſprechen. So fuhren ſie eine Zeitlang ſchweigend mit einander hin, wo⸗ bei der Weg indeß, je weiter ſie in das Land hinein kamen, ſchlechter und ſumpfiger wurde, und die ganze Aufmerkſamkeit des Wagenführers erforderte. Der großartige, wirklich herr⸗ liche Wald dieſer Niederungen blieb dabei unverändert, unver⸗ kümmert, aber die Bewohner und Beſitzer deſſelben, die Mos⸗ * quitos, meldeten ſich ebenfalls, und wenn ſie auch gerade nicht häufig waren und durch die Bewegung des Fahrens ſchon abgehalten wurden, ließen ſie ſich doch, wenn der Wagen manchmal auf einen Augenblick hielt und der Fuhrmann ab⸗ ſteigen mußte, irgend einen niedergebrochenen Aſt aus dem Weg zu räumen, oder die Thiere um eine ſtehengebliebene Wurzel herumzuführen, hören und fühlen, während die zarte Haut der jungen Dame leicht unter dem ſcharfen Stich der kleinen ſcharfſäftigen Thiere anſchwoll. Dadurch wurde übrigens ihr Geiſt auch wieder in etwas mehr dem Irdiſchen zugewandt und Fräulein von Seebald be⸗ gann den Wagenführer nach ihrem Weg, der Länge deſſelben, den verſchiedenen Anſiedlungen oder„Plantagen“(wie ſie es nannte, was er aber im Anfang nicht verſtand) zu fragen. Der Burſche war ein einfach ſchlichtes„Kind des Wal— des“, wie Fräulein von Seebald bald genug fand; er wußte auch in der That nicht viel mehr, als was im Bereich ſeines Waldes und der Landung von Little Rock lag. Allerdings kannte er den Weg genau, jeden Stumpf und Stamm, jede „Clearing“, jedes„improvement“, wie die allererſten Nieder⸗ laſſungen genannt werden; war dabei im Stande genau an⸗ zugeben, wie viel jeder„Nachbar“ den Tag über„Fenzriegel“ ſpalten könne, wie viel Hirſche Johnny Bligh in der letzten „sSeason“ erlegt, und wie viel coons) ſie in ihrem letzten crop(Erndte) im Maisfelde mit den Hunden gefangen oder *) racoon, der Waſchbär. 30 geſchoſſen hätten. Auch die Pferde und Rinder der Nachbarn kannte er perſönlich, wußte jeden Flecken an ihnen, jeden Brand anzugeben, zeigte ihr auch den Platz, als ſie daran vorbeifuh⸗ ren, wo im vorigen Jahr der Panther ein junges Füllen er⸗ würgt und beinah auch noch gefreſſen hätte, wäre er nicht glücklicher Weiſe(freilich zu ſpät es vor dem Erwürgen zu bewahren) dazu gekommen, und ging dann ſpeciell in ſeiner Unterhaltung auf die deutſchen Einwanderer über, von denen, wie er meinte, ein„heap“ die letzten Jahre herüber gekommen ſein müßten, denn am cashriver hätte er zwei ge⸗ ſehen, und nach Little Rock wäre eine ganze Familie gekommen, der Mann, die Frau und drei oder vier Kinder. In Little Rock wären überhaupt eine Maſſe Deutſcher, es wimmelte ordentlich davon— er allein kannte ſechs oder ſieben, und Charley Fiſcher ſei der fidelſte von Allen, und„a monstrous smart hand too!“— ungeheuer ſchlau und pfiffig— und hätte ihm neulich einmal(vor drei Jahren) einen ganz faulen We⸗ ſtern Reſerve⸗Käſe aufgehangen— was er ihm aber nicht beſonders übel zu nehmen, ſondern ſich eher darüber zu freuen ſchien, daß er das fertig gebracht. Nur von dem„Grafen Olnitzki“ wußte er wenig oder gar Nichts zu erzählen; ſeine„old lady“*) kannte er gar nicht, hatte ſie nie geſehn und glaubte auch nicht, daß ſie viel aus der range(eigentlich Weideplatz, aber auch von Anſiedlungen *) old man und old woman werden faſt alle verheiratheten Leute in den weſtlichen Wäldern genannt, ſie mögen ſo jung ſein wie ſie wollen. 31 gebraucht) herauskäme. Old Nitzky, wie er ihn unverdroſſen nannte, ſollte übrigens a powerful hand(ſehr geſchickt) mit der Büchſe ſein, und viele Hirſche und auch ſchon einige Bä⸗ ren geſchoſſen haben. Jetzt war er lange nicht„in die Anſied⸗ lungen“ gekommen, aber er konnte ſich noch recht gut auf ihn beſinnen, denn er war ein großer ſtarker Mann und trug„das ganze Geſicht voller Haare“. Wenn aber der Führer ihr auch keine nähern Nachrichten über die geben konnte, deren⸗Schickſal ihr ſo ſehr am Herzen lag, und die es ſie ſo glücklich machte, nach ſo langer Tren⸗ nung wieder zu ſehen, ſo war er doch in ſo mancher anderen Art praktiſch und unendlich gutmüthig. Er brach ihr einen Saſſafrasbuſch ab, ſich damit der dann und wann zu ihnen kommenden Mosquitos zu erwehren, und hielt einige Male beſonders an, ihr einen Hut voll ſaftiger, zuckerſüßer Perſi⸗ monen, die dort in Maſſe wuchſen, zu ſuchen und zu bringen, oder wilde Weintrauben zu pflücken, die von manchen Bäu⸗ men in ſchweren blauen Maſſen niederhingen. Auch die Mus⸗ cadinebeeren, vor deren häufigen Genuß er ſie des kalten Fie⸗ bers wegen warnte, mußte ſie koſten, und die lange, faſt wider⸗ lich ſüße Papaofrucht. Wie ſie dann weiter in den Wald hinein und von den dem Fluß zunächſt liegenden Anſtedlungen abkamen, zeigte er der Fremden hie und da die raſch erſpähte Geſtalt eines flüchtigen Hirſches, der ſtutzte, als er das Knar⸗ ren der Räder hörte, und den ſchönen Kopf mit dem wunder⸗ lich gebogenen Geweih zurückwerfend flüchtig über die Büſche hinweg in das Dickicht ſetzte; oder das häßliche aber komiſche 32 Opoſſum, das Amerikaniſche Beutelthier, das eigentlich, nach Auſtralien gehörig, nur aus Verſehn hier von der Natur ge⸗ ſchaffen ſcheint, wie es ſcheu über den Weg lief, oder raſch an niederhängenden Weinreben emporklomm, einer vermutheten Gefahr zu entgehen. Manchmal hielt er ſogar an, um ihr auf der Straße ſelber Bären⸗, Wolf⸗ und Pantherfährten zu zeigen, die ſie hier auf ihren nächtlichen Wanderungen in den weichen Boden eingedrückt, und that überhaupt Alles was in ſeinen Kräften ſtand, der jungen Dame den langen, etwas monotonen Waldpfad ſo viel als möglich zu verkürzen. So zogen ſie den ganzen langen Weg dahin; die Straße war breit ausgehauen, auf einer wie auf der andern Stelle, zeigte aber nur wenig Gleiſe, mehr Hufſpuren und faſt noch mehr die Fährten wilder Thiere. Dann und wann paſſirten ſie eine große Anſtedlung, und gegen Mittag hielten ſie ſogar an einem Ort, deren drei oder vier Blockhütten den ſtolzen Namen einer Stadt beanſpruchten. Die Leute dort, ein einzi⸗ ger Farmer mit ſeinem Bruder, der einen kleinen Laden hielt, waren aber nicht ſtolz auf dieſe Bevorzugung vor den Nachbar clearings, beſtellten ihr Land noch ſelber und machten neues urbar, nicht etwa Häuſer darauf zu bauen, ſondern Mais hineinzupflanzen. Dort wurde ein frugales Mittagmahl eingenommen, da faſt ſämmtliche Farmer in den weſtlichen Wäldern, wenigſtens Alle die an einer Haupt⸗ oder countyſtraße wohnen, darauf eingerichtet ſind Fremde zu beherbergen und zu ſpeiſen. Wirths⸗ und Gaſthäuſer giebt es dort nur ſehr wenige; baar 33 Geld haben die Leute auch ſehr wenig in ihrem gegenſeitigen Verkehr, da wird dann das Fremdebewirthen gewiſſermaßen zu einer Erwerbsquelle, der ſie ſich um ſo lieber widmen, als ſie wenig mehr Auslagen dabei haben, wie ein paar Betten mit Matratzen und wollenen Decken herzuſtellen. Die alte weſtliche Gaſtfreundſchaft, wie ſie in früheren Zeiten Sitte war, geht dabei freilich verloren; eine Mahlzeit koſtet einen Viertel Dollar, ein Pferd zu beherbergen von einem Viertel bis halben Dollar, je nach der Gegend, das Bett für den Gaſt einen„Bit“ bis ein Viertel Dollar, oder Nachtlager mit Abendbrod und Frühſtück für einen Reiter gewöhnlich einen Dollar. Daß ſie Jemanden umſonſt beherbergen könnten fällt ihnen nicht ein; hat aber ein armer Teufel wirklich kein Geld, und ſagt er ihnen das gleich von vorn herein, ehe er etwas verzehrt und genoſſen hat, ſo wird ihm ſelten ein Amerikaner alles das verſagen, was er ihm ſonſt gegen Zahlung nur ge— geben hätte. Im Wald ſelbſt, das heißt ab von der Straße, wohin kein ausgehauener, von Geſchäftsreiſenden betretener Weg führt, und wohin ſich nur der Jäger dann und wann verliert, iſt das ganz etwas anderes. Der Wanderer theilt da Tiſch und Bett mit ſeinem Wirth und am Morgen, fragte er wirklich was er dafür ſchuldig ſei, lautet die Antwort: „das Wiederkommen, Fremder, für das was Ihr gehabt, war't Ihr willkommen; lieber Gott, es war wenig genug, was wir Euch bieten konnten,“ ſetzt die Frau auch wobl hinzu. So wenig neugierig die Leute auch gewöhnlich dabei ſind, Gerſtäcker's Nach Amerika. IVVI. 34 was der Reiſende treibt, woher er kommt, wohin er geht, wenn ſie ihn auch manchmal im Laufe des Geſprächs danach fragen, ſo erſtaunt waren hier die Waldbewohner, eine„lady“ im wahren 1 Sinne des Worts in ſeidenem Kleid und Hut mit Handſchuhen an den Händen und Ringen an den Fingern, mit einem Schleier vor, und anderen„fixin's«, wie ſie's nannten, allein im Wald zu ſehn, und wenn ſie es auch nicht wagten, die Dame ſelbſt nach alle dem zu fragen, was ſie gern von ihr wiſſen mochten, und was ihnen faſt das Herz abdrückte vor Neugierde, ſo ſtahlen ſie ſich doch einzeln hinaus, wo Billy Jones's Mann die Pferde verſorgte, von dieſem herauszubekommen was die fremde Dame vermocht haben konnte, eine ſo abenteuerliche Fahrt allein zu unternehmen. Billy Jones's Mann wußte aber auch nicht mehr, als daß die Dame mit einem Dampfer nach Little Rock gekommen ſei— das verſtand ſich ohnedieß von ſelbſt— und nach Old Nitzkis Farm irgendwo im Buſch drin, Nord-Oſt von der Oakland grove, hinüber wollte; es müßte wohl eine Verwandte von Old Nitzki oder ſeiner Frau ſein. Die Damen hätten ſich übrigens die Mühe erſparen kön⸗ nen, denn Fräulein von Seebald kam ihnen bei Tiſch auf halbem Wege entgegen, erzählte ihnen, daß ſie ihre Schweſter aufſuchen wolle, die ſie in zehn Jahren nicht geſehen, und die hier, unfern von Oakland Grove an den Grafen Olnitzki ver⸗ heirathet ſei, und frug jetzt ſelber, ob keine der Frauen ſte viel⸗ leicht kürzlich geſehen habe, und wie es ihr gehe. Niemand kannte ſie— ein Mann wohnte allerdings dort 35 oben im Wald, der ſo hieß, er war auch verheirathet, aber noch nie hierher zu ihnen gekommen, hatte wenigſtens nie an ihrem Hauſe angehalten. Es ſollte uübrigens vortreff⸗ liches Land ſein, wo er wohnte— nur ein wenig ſumpfig.— „Und wie weit war es noch bis dorthin?“ „Ih nun, nicht mehr ſo weit; in ganz gerader Richtung hätte es kaum vielleicht mehr als zwölf Engliſche Meilen ſein können, aber es führte, eines dazwiſchen liegenden Sumpfes wegen, kein Weg direkt dorthin, nur die Jäger kamen manch⸗ mal dahinein; es war ausgezeichneter Jagdgrund. Wer ſonſt hinüber wollte, mußte über Rosemores Farm; von da führte ein ziemlich betretener Pfad hinüber nach der Richtung, wie der alte Mann, dem das Haus hier gehörte, meinte, und er glaubte auch gehört zu haben, daß ein Pole da drüben ein „improvement“ habe. Fräulein von Seebald begriff gar nicht daß Graf Olnitzki, der doch von ſeiner Farm aus einen lebhaften Verkehr mit Little Rock, der Hauptſtadt, unterhalten mußte, hier ſo wenig gekannt ſei; oder gab es vielleicht einen andern Punkt im In⸗ nern, wohin er ſeine Produkte abſetzte? „Ih nun ja es ſei möglich,“ lautete die Antwort,„daß es ihm bequemer oder ebenſo bequem nach Batesville am Whiteriver wäre, wo hinauf auch kleine Dampfer liefen.“ So mußte es auch ſein; wahrſcheinlich verkehrte er mit Batesville, jedenfalls auch eine bedeutende Stadt, wenn ſie Dampfbootverbindung hatte. Viele Zeit zu weiteren Erkun⸗ digungen blieb ihr aber auch nicht mehr, denn„Billy Jones's“ 3⸗ 36 Mann hatte wieder eingeſpannt, Roſemores Platz noch vor Dunkelwerden zu erreichen; Fräulein von Seebald erfragte und zahlte deshalb ihre Zeche, und wenige Minuten ſpäter raſſelte der Wagen wieder, jetzt auf etwas beſſerem Wege, durch den Wald weiter und weiter nach Norden hinauf, ſeinem Beſtim⸗ mungsorte zu. „Dort liegt Oakland grove!“ ſagte der Fuhrmann da plötzlich, als ſie einen kleinen ſandigen Hügel hinaufgefahren waren, und in der Ferne durch den Wald ein paar helle Fenzen herüberſchimmern ſahen. „Haben wir von hier noch weit bis zu der Stadt?“ „Stadt?— was für eine Stadt?“ „Oakland grove.“ „Iſt keine Stadt; unſere Farm und der Wald hier heißt ſo. „Und wo liegt die nächſte Stadt?“ „Das iſt Batesville; aber noch ein hübſch Stückchen Weg bis man dahin kommt.“ Bald darauf erblickten ſie in der Ferne, an einer langen, ziemlich gut gehaltenen Fenz hinfahrend, zwei durch eine offene Verandah mit einander verbundene, aus gut beſchlagenen Balken errichtete Blockhütten, deren ganzes Ausſehn wie Um⸗ gebung einen gewiſſen Wohlſtand verrieth. Eine Menge klei⸗ ner, dicht daran errichteter Gebäude dienten zu Ställen, Mais⸗ ſcheuern und Futterböden, und Hühner und Gänſe um das Haus herum, wie eine Meute kleffender wohlgenährter Hunde gaben dem Platze etwas Lebendiges, Wohnliches, hier mitten in dem ſtillen Wald. 37 Daſſelbe Behäbige bot auch das Innere des Hauſes, und als Fräulein von Seebald, noch in der Thür, von einer würdi⸗ gen Matrone, deren ganzes Aeußers ſchon einen unendlich wohlthätigen Eindruck auf ſie machte, nach kurzen einführen⸗ den Worten des Fuhrmanns, begrüßt wurde, und im Hauſe ſelbſt noch zwei reizende junge Mädchen fand, die zwar ſehr einfach in ſelbſt gewebte Stoffe, aber nichts deſtoweniger höchſt geſchmackvoll gekleidet waren, und als dieſe auch alles Mög⸗ liche thaten es der Fremden bei ſich recht wohnlich und bequem zu machen, fühlte ſie ſich zum erſten Male wieder frei von jenem drückenden Gefühl, daß ihr den ganzen Nachmittag, ſie wußte ſich eigentlich ſelber keine Rechenſchaft zu geben weshalb, auf dem Herzen gelegen. Die Häuſer, die ſie bis jetzt hier überall getroffen, hatten gar ſo ärmlich und dürftig ausgeſehen, die Menſchen ſo kränklich und das Nothwendigſte ſelbſt ent⸗ behrend, was man doch zu einem wenigſtens menſchlichen Leben bedurfte. Hier war das anders, und der kleine Platz wirklich nicht allein praktiſch, ſondern auch mit Geſchmack an⸗ gelegt, mit ſchattigen Bäumen und Sitzen vor der Thür, und, was ſie bis jetzt noch bei allen übrigen Blockhütten ſchmerzlich vermißt, einem kleinen Gärtchen dicht daneben. Alſo das war doch möglich— die Wildniß bedingte nicht ein faſt In⸗ dianiſches Leben, die Leute konnten es ſich, wenn ſte den Trieb und die Luſt dazu hatten, wohnlich und bequem machen, und mehr noch durfte ſie das jetzt bei Olnitzkis erwarten, die ſogar das Bedürfniß dazu vom alten Vaterland mit herüber gebracht. 38 Auch das Innere des Hanſes war weit verſchieden von dem der letzten Farm, wo ſie Mittag gegeſſen. Statt der zerbrochenen Rohrſtühle und umgedrehten Fäſſer, die dort als Sitze dienen mußten, fand ſie hier ordentliche Meublen; ſogar einen Secretair und ein kleines dicht beſetztes Bücherbret. Große reinlich überzogene und mit bunten Decken und jetzt auf⸗ geſchlagenem Mosquitos⸗Netz verſehene Betten füllten den hinteren Raum aus, große eiſerne Holzſtützen mit blankge⸗ ſcheuerten Meſſingknöpfen lagen im Kamin, neben dem, eben⸗ falls von Meſſing, Schaufel und Zange hingen; Fenſter mit reinlichen Gardinen daran waren ſogar in die mächtigen Stämme, welche die Wände bildeten, eingeſchnitten, und der bald darauf mit dem weißeſten Linnen bedeckte Tiſch zeigte eine Menge von delikaten Speiſen. Der ganze Platz, mit dem freundlichen Benehmen ſeiner Bewohnerinnen, die ordentlich herzlich gegen ſie wurden als ſte erſt erfuhren weshalb und wie weit ſie hierher gekommen, heimelte ſie an; das war, wenn auch mit ſehr beſcheidenen Anſprüchen, eine Waldwohnung, wie ſie ſich ſolche früher wohl gedacht und ausgemalt— hier in der ſtillen Einſamkeit des Forſt's, unter dem leiſen Rauſchen der Waldwipfel, von keinen äußeren Stürmen getroffen und berührt, lebte ein ein⸗ fach glückliches Volk— glücklich in ſeiner Ruhe und Freiheit, und der Traum einer ſolchen Exiſtenz, von kalten egoiſtiſchen Menſchen im alten Vaterlande oft verlacht und verſpottet, war endlich Wahrheit geworden und lag in Wirklichkeit hier um ſie her. Mit dem ſeligen Gefühl wuchs aber auch die Sehn⸗ 39 ſucht nach der Schweſter, und ſie konnte den Morgen ſchon kaum erwarten, der ihr wieder auf ihren Weg leuchten ſollte, in die Arme der Geliebten zu eilen. Auch die Entfernung war nicht mehr ſo groß; nur noch zehn engliſche Meilen etwa von hier— ein flüchtiges Pferd hätte ſolche Strecke in einer Stunde durchlaufen können, lag Olnitzkis Farm(das Wort Plantage hatte ſie endlich fal— len laſſen) oder Olnitzkis„improvement“ wie es die Leute auch hier nannten; wenn ſie bei Zeiten aufbrachen, konnten ſie den Platz recht gut um Mittag erreichen und dann.— Wie ihr das Herz ſo ungeduldig— ſo freudig und doch auch wie— der ſo ängſtlich pochte; lieber Gott, zehn Jahre ſind eine lange Zeit— zehn Jahre hatte ſie die Schweſter nicht geſehen, in den letzten Jahren ſogar nicht einmal etwas von ihr gehört, wie manches Schmerzliche ihr dabei mitzutheilen aus der Heimath, die jene, ein Kind noch faſt und von dem Glück der erſten Liebe wie berauſcht, verlaſſen. Die Mutter war vor zwei Jahren geſtorben, und wenn auch Sidonie die Trauer⸗ botſchaft bekommen, blieb das erſte Begegnen der Geſchwiſter nach dem Verluſt doch immer ſchmerzlich, und mußte ja die Freude des Wiederſehens trüben. Aber fort mit ſolch trauri⸗ gen Gedanken jetzt, wo ſie ſo viel des Freudigen auch dabei brachte ihr Bruder war von ſeinem Hofe ehrenvoll ausge⸗ zeichnet und angeſtellt worden, ihre jüngſte Schweſter die Braut eines geliebten Mannes, ihr Vater noch immer rüſtig und geſund, ſtand ſeinen Berufsgeſchäften wie jemals vor, nur mit dem einen Verlangen, ſein Kind, ſein liebes Kind, 40 das er damals ſo ungern von ſich gelaſſen, noch einmal wie⸗ der zu ſehen. Wie hatte er ſich in jener Zeit geſträubt ſeine Einwilligung zu einem Bündniß zu geben, das er allein der tollen Schwärmerei des Augenblicks zugeſchrieben, und in das er nur endlich willigte, ſein Kind durch eine Weigerung nicht noch vielleicht unglücklicher zu machen, als es, wie er fürchtete, durch die Verbindung werden würde. Jetzt lag die Zeit in weiter Ferne hinter ihnen. Sidonie war glücklich geworden, wie alle ihre Briefe ja bezeugten, und wenn ſich auch die Schwärmerei der erſten Jugendliebe in ein ruhigeres und ſtille⸗ res Gleis die Bahn geöffnet, ſo hatte ſte doch auch mit keiner Zeile ja erwähnt, daß ſie ſich fortſehne aus dem neuen, ſelbſt gewählten Leben, daß ſie bereue den Schritt gethan zu haben, der ſie aus den Armen ihrer Familie, der ſie aus dem Vater⸗ lande riß. Viel Unglück hatte ſie trotzdem gehabt— der älteſte Knabe war ihr im vierten Jahr geſtorben, und in dem letzten Brief, den ſie zu Haus geſchrieben— ſchon zwei Jahr her, ſchien ihr auch das jüngſte Kind, ein Mädchen, ſchwer erkrankt. Aber ſeit dem, und nach dem Tod der Mutter, hatte kein Brief von ihr die Heimath mehr erreicht, und nur ein einziges Mal war mündlich Nachricht von ihnen durch einen Fremden hinübergedrungen, der den Grafen Olnitzki zufällig in Little Rock geſprochen, und von dieſem erfahren hatte, daß ſich die Frau vollkommen wohl befinde und in ihrem, allerdings etwas einſamen Aufenthalt von Herzen glücklich fühle. Wunderbarer Weiſe behaupteten aber auch Rosemores — 41 nicht im Stande zu ſein ihr genügende oder nähere Auskunft über die, doch nur kurze Strecke von ihnen entfernt wohnenden Leute zu geben. Olnitzki allerdings kam manchmal herüber zu ihnen, ja hatte ſogar früher ſchon einige Mal in ihrem Hauſe übernachtet, die Frau dagegen ſich noch nie bei ihnen blicken laſſen. „Aber ſie hatte doch andere Nachbarn in ihrer Nähe?“ „Allerdings, Jack Owen wohnte kaum tauſend Schritt von ihrem Hauſe entfernt an der bearlick ridge, und Sam Houston, ein anderer Farmer hatte ſich, etwa eine Meile oberhalb des„postoak hollow“ niedergelaſſen.— Beide wa⸗ ren verheirathet, und verkehrten gewiß mit einander, und be⸗ ſonders Jack Owens junge Frau war ein liebes braves Weib⸗ chen. Wunderbarer Weiſe wußten dieſe„Nachbarn“ nicht einmal ob Olnitzkis Kinder hatten, und wie viel— ein oder zwei waren ihnen geſtorben, aber auch das nur als Gerücht zu ihnen gedrungen, denn dort hinein führte kein beſtimmter Weg, zu ihnen heraus kamen die Leute auch nicht, ſo bildete ſich denn jeder ſeinen Wirkungskreis in der eigenen Umgebung, den Nachbar entbehrend und ſich wenig um ihn kümmernd. Aber was bedurfte Amalie von Seebald auch jetzt noch weitläufiger Berichte, wo ſie ſich ja morgen ſchon— in weni⸗ gen Stunden— ſelber von Allem mit eigenen Augen über⸗ zeugen konnte. Nur wie ſie hinüber kommen ſollte beunruhigte ſie noch; die Frauen vertröſteten ſie aber auf die Ankunft der Männer, die jedenfalls zum Abendbrod daheim ſein und ſchon Mittel und Wege finden würden ſie mit ihrem Gepäck hinüber 42 zu ſchaffen. Lieber Gott, das ſei nicht mehr als ihre Schul⸗ digkeit, dafür zu ſorgen daß eine einzelne Frau, die ſo ver⸗ trauungsvoll hier herüber zu ihnen gekommen war, auch nicht ohne Hülfe und Beiſtand gelaſſen würde, und Billy Jones, der Schwiegerſohn des alten Roſemore, oder Mr. Roſemore ſelber fänden da ſchon Rath. Hundegebell und Pferdegeſtampfe kündigte die Erwarte⸗ ten, die irgendwo im Walde geweſen waren nach ein paar ausgebliebenen Kühen zu ſehn, auch ſchon vor Dunkelwerden an, und drei Reiter hielten gleich darauf vor Roſemores Thür, ſprangen aus den Sätteln, die ſie mit dem Zaum den Thie⸗ ren abnahmen, ihre weitere Verſorgung einem herbeiſpringen⸗ den Negerknaben überlaſſend, und betraten bald darauf die innere Fenz, zum Hauſe kommend. „Das trifft ſich glücklich!“ rief da Sarah, Mr. Roſemo⸗ res jüngſte Tochter, die in die Thür getreten war den Vater zu begrüßen,„da iſt Mr. Owen von bearlick ridge ſelber, mit Vater und Bill; der weiß Rath und geht gewiß morgen früh ebenfalls nach ſeinem Haus zurück.“ „Halloh Miß Sarah,“ lachte der alſo bezeichnete back- woodsman, der die Worte verſtanden hatte, und mit ſeinem Sattel über dem linken Arm, ſeine Büchſe in der Rechten, zum Hauſe heran kam,„haben Sie mich erwartet?“ „Ich nicht, Mr. Owen,“ lachte das junge Mädchen, „aber eine fremde lady, die hier im Hauſe ſitzt, und vor Sehnſucht nach Ihnen ſchon faſt vergangen iſt.“ „Alle Wetter,“ rief der Jäger, ſeinen Sattel raſch unter 43 den Zwiſchenbau der beiden Häuſer legend und die lange Büchſe daneben lehnend—„eine fremde lady? das wäre der Teufel.“ „Nun der Teufel gerade nicht Mr. Owen,“ ſagte die Matrone, mit einem leiſen Vorwurf in dem Ton, mit dem ſie das Wort wiederholte. „Bitte tauſend Mal um Entſchuldigung Miſſis Roſe⸗ more,“ ſagte der Mann, leicht erröthend, indem er ihr die Hand entgegenſtreckte—„es fuhr mir nur ſo heraus; Ihr wißt ja ſchon, ich mein' es nicht ſo bös.“ Es war eine kräftige, männliche Geſtalt, der Mann, in die gewöhnliche Tracht der Hinterwäldler, in ein ledernes Jagdhemd mit eben ſolchen Leggins gekleidet; an den Füßen trug er Moccaſins von demſelben Stoff, auf dem Kopf aber einen alten abgetragenen, arg mißhandelten Filz, und an der rechten Seite ſeine Kugeltaſche, während an der Linken in dem breiten Ledergürtel, das lange Amerikaniſche Bowie oder Jagd⸗ meſſer ſtak. Das Haar war gelockt, ſein Auge blau und der Ausdruck ſeines Geſichts entſchieden ehrlich und gerade aus, nur um den Mund und die ſelbſt fein geſchnittenen Lippen lag ein etwas harter Zug, der aber ebenſogut Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit deuten konnte, und den weſtlichen Amerikanern, die im Wald erzogen und allen ſeinen Beſchwerden und Gefahren von Kindheit an preisgegeben ſind, beſonders eigen iſt. Jack Owen war mit einem Wort ein prächtiges Urbild jener kräftigen, ſtählernen Menſchenrace, die den weſtlichen 11 Urwald der Union erſt als Jäger durchziehn, und dann mit ihren keck bis weit über die Grenzen der Civiliſation vorge⸗ ſchobenen„»improvements“ beſiedlen, dem Indianer und Bären ihre Heimath abtrotzen, und nur mit Büchſe und Art bewehrt, im Schatten der dichten Wildniß eine Heimath ſchaf⸗ fen. Dieſe Race bildet den Uebergang von der Rothhaut zum weißen Mann, und wie der Wolfshund, der halb dem Wolf⸗ geſchlecht noch angehörig iſt, keinen ärgeren Feind kennt als gerade den Wolf, ſo haßt der Pionier nichts ärger auf der Welt als den, in deſſen Fußtapfen er doch hier getreten, den rothen Sohn der Wälder. Als dieſe Männer, die mit dem freien, natürlichen Leben um ſich her, auch eben ſolche Sitten angenommen haben, und ſich, von Anderen daſſelbe verlangend und glaubend, ebenſo geben wie ſie ſind, das Zimmer betreten hatten, gingen ſie auf die fremde Dame zu, boten ihr zum Willkommen freundlich die Hand, und dann ihre Sitze am Feuer einnehmend, an dem ſie ihre Moccaſins auszogen, und zum Trocknen aufhingen, war ihre erſte Sorge den Frauen Bericht über die entlaufenen oder ausgebliebenen Kühe, die wie es ſchien wieder eingefan⸗ gen waren, abzuſtatten. Das Geſpräch drehte ſich jetzt aus⸗ ſchließlich um Kühe, Rinder und Schweine, bis zum Abend⸗ brod, welches die beiden Töchter der alten Mr. Roſemore in⸗ deß bereitet hatten, und alle Theile der range, oder des Weide⸗ grundes, wo ſich noch ein oder das andere Stück verhalten, wurden durchgenommen. Die Frauen ſelber intereſſirten ſich dabei ſo viel dafür wie die Männer, und Fräulein von See⸗ ————·— 45 bald, die dabei als ſtille Zuhörerin mit am Kamin ſaß, war wirklich erſtaunt ſo viel Ortskenntniß bei ihnen zu finden, mit der ſie die nach Meilen entfernten Stellen im Wald bezeichne⸗ neten, und ihre Richtung dabei nicht etwa bei beſtimmten Wegen, ſondern nach den Himmelsgegenden und kleineren ſie durchſtrömenden Waſſercourſen bezeichneten. Mit dem Abendbrod, bei dem ſich Alle um die im Zim⸗ mer zuſammengerückten Tiſche ſammelten, nahm aber auch das Geſpräch eine andere Wendung; Jack Owen wurde der Fremden als der nächſte Nachbar ihrer Schweſter und jenes „Mr. Olnitzki“ bezeichnet, und dann ſelber aufgefordert einen Rath zu geben, wie die junge Deutſche am Beſten und Leich⸗ teſten mit ihrem Gepäck hinüber kommen könne. Jack Owen ſchien übrigens die letzte Frage ganz zu über⸗ hören, denn wie er erfuhr daß die Fremde eine Schweſter der „Miſſis Olnitzki“ und über das Weltmeer nur einzig und allein herübergekommen ſei ſie zu beſuchen, ſah er ſie mit den klaren treuherzigen Augen eine ganze Weile ernſt und ſin⸗ nend an, und fing dann auf einmal wieder, ohne ein Wort darauf zu äußern, von vorn an zuzulangen, als ob er bis dahin ganz vergeſſen habe zu eſſen. „Und können Sie mir nicht etwas Näheres über die Schweſter ſagen?“ bat Amalie,„ich habe ſchon ſo oft und oft gefragt, und wie verſchollen ſchien ſie dort im Wald zu wohnen; Niemand konnte mir Rede ſtehn, Niemand erinnerte ſich in der That ſie je geſehn zu haben.“ „Lieber Gott,“ ſagte der Jäger, ohne ſein Eſſen auch 46 nur auf einen Augenblick zu unterbrechen,„unſere Frauen kommen Alle wenig fort; manchmal zu einer Betverſammlung oder irgend einem Nachbarfeſt beim Klötzerollen oder Decken⸗ Steppen, und da die Nachbarn ſo dünn geſäet ſind bei uns, fällt ſelbſt das nicht häufig vor.“ „Aber Sie kennen ſie doch?“ „Ich?— oh gewiß— wohne keine halbe Meile davon.“ „Und es geht ihr gut?—“ „Das kalte Fieber hat ſie neulich einmal ein klein wenig abgeſchüttelt, hatte aber nicht viel zu ſagen, und iſt bald vorüber gegangen.“ „Und ihr Kind? hat ſich das arme kleine Mädchen erholt?“ „Das Mädchen?“— wiederholte der Mann, zum erſten Mal zu ihr aufſchauend—„der Knabe, meinen Sie.“ „Hat Sidonie einen Knaben?“ rief Amalie überraſcht. „Hm,“ meinte der Jäger, ſich ein neues Stück Wildpret auf den Teller nehmend,„ſeit wann haben Sie denn eigentlich keine Nachricht von ihr gehabt?“— „Seit über zwei Jahren.“ „Lieber Gott,“ ſagte die alte Mrs. Roſemore. „Dann freilich,“ brummte der Jäger halb laut vor ſich hin—„ſeit der Zeit iſt das Mädchen geſtorben und vor eini⸗ gen Monaten ein Knabe geboren worden, und das Kind allerdings iſt jetzt ſchwer krank.“ n 47 „Das Mädchen todt— du großer Gott— die arme, arme Sidonie.“ „Das Herz wird ihr wohl zu voll und ſchwer Fadeſen ſein in der Zeit Briefe zu ſchreiben,“ ſagte die Matrone be⸗ dauernd,„ja ausſprechen und ausweinen mag man ſich dann wohl gern, aber zum Schreiben zwingt man die Hand da nicht.“ „Aber wie bekommt die Fremde die vielen Sachen hinüber Mr. Owens?“ fiel Sarah hier ein, Amalie zu zerſtreuen, daß ſie ſich nicht dem traurigen Gedanken zu ſehr hingebe—„es wird ſchwer ſein das Alles zu Pferde zu transportiren.“ „Iſt's denn ſo viel?“ frug Jack Owen. „Ei die beiden Kiſten hier, dann jene Koffer dort, und dieſe Schachteln und Reiſeſäcke.“ „Hm, das allerdings— packt ſich auch verd— unge⸗ mein ſchlecht auf ein Pferd; aber das iſt das wenigſte— ſind es Sachen für Mrs. Olnitzki beſtimmt?“. „Zum großen Theil; wie auch mein eigenes Gepäck.“ „Sehr gut, dann ſchaffen wir auch Rath,“ ſagte der Jäger gutmüthig—„ſolltet Ihr nicht mit Euerem kleinen Wagen über die greenbriar ridge hinüberkommen können, Roſemore? nachher geht's glatt und leicht durch den offenen Wald, dicht an der Bayo hin.“ „Ueber die greenbriar ridge mit dem Wagen, Mann,“ ſagte aber der Alte, dabei mit dem Kopfe ſchüttelnd,„wo denkt Ihr hin; da müßten wir erſt eine ordentliche Straße durch brushy hollow aushauen, und blieben nachher noch 48 immer im Sumpf an der andern Seite ſtecken. Nein nicht in acht Tagen brächten wir das fertig, aber mit den Thieren an der overcup flat hin geht es ganz gut; die Kiſten und Koffer ſind eben nicht übermäßig ſchwer, und laſſen ſich recht gut auf einen Packſattel laden. Freilich muß man nachher tüchtig im Wald herumlaviren mit den Thieren, freie Bahn durch die Bäume durchzufinden, aber es geht doch, und ich getraue mich ſte in fünf bis ſechs Stunden hinüber zu führen.“ „Aber Euer Falbe wird das nicht tragen wollen.“ „Bah, ich habe gerade Widderſons beide Maulthiere in meiner Fenz, die er von Santa Fé mitgebracht hat und nach Batesville hinaufnehmen will, die mögen ihr Futter abver— dienen.“ „Das wäre vortrefflich!“ rief Jack Owen,„wann wird aber die Dame nach Olnitzkis zu aufbrechen wollen. „Oh ſo bald nur irgend möglich“— rief Fräulein von Seebald—„ich ginge die Nacht hindurch, die Schweſter nur eine Stunde früher zu ſehen, zu begrüßen.“ „Das möchte uns durch den Wald doch wohl ſchwer werden,“ lachte der Jäger gutmüthig,„aber morgen mit Ta⸗ gesgrauen ſteh' ich zu Dienſten, und bin gern bereit Sie hinüberzuführen; ich gehe doch zu Haus.“ „Aber nicht vor dem Frühſtück,“ fiel ihnen hier Mrs. Roſemore in die Rede,„mit leerem Magen verläßt Niemand mein Haus, wenn ich's verhindern kann, und die Mädchen werden ſchon früh auf ſein, daß es nicht zu lange dauert.“ „Amalie von Seebald fügte ſich gern dem freundlichen 2 Wunſch, noch dazu da ſie ihren Führer nicht auch vor dem Frühſtück fortziehen mochte, und die Männer beſahen ſich jetzt das Gepäck, und trafen ihre Eintheilung mit den Packen, die auf die beiden Maulthiere vertheilt werden ſollten, wonach dann Jack Owen ſelber noch einmal mit ſeinem Pferd zurückkommen, und den Reſt nachholen wollte. Die Maulthiere ſollte Bill Jones ſelber mit ſeinem Knecht hinüber bringen, Jack Owen aber wollte raſcher mit der Lady voraus nach Olnitzkis impro- vement gehn. Der Morgen kam, und mit klopfendem Herzen hatte Amalie ihre Vorbereitungen zu dem Marſch getroffen, als Jack Owen, nach beendigtem Frühſtück, einen Damenſattel auf ſein Pferd geſchnallt, vor der Thür erſchien, und die Lady einlud ſein Thier zu beſteigen, während er ſelber zu Fuß voran ging. Die junge Dame geſtand jetzt freilich mit Erröthen, daß ſie noch nie auf einem Pferd geſeſſen, der Einwand wurde aber nicht beachtet; Jack Owens Ponny war anerkannt das frömmſte Thier in der range, ließ vor und neben ſich ſchießen, wie der Reiter gerade Luſt hatte, und ging ſeinen feſten ſicheren Schritt ruhig fort, faſt wie ein Maulthier. Die Mädchen halfen ihr dabei lachend in den Sattel, ordneten ihre Kleider, gaben ihr eine kleine Gerte in die Hand, das Thier vorwärts zu treiben, und Jack Owen, mit der langen Büchſe auf der Schulter, von fünf mächtigen Rüden umbeltt, ſchritt ihr voran, in den dunk⸗ len Wald hinein. Gerſtäcker's Nach Amerika. IV.. 4 Canitel 2. 8ſſſſſſſſ — Die Gräfin Olnitzka. Im Anfang hatte Amalie von Seebald genug mit ihrem Pferd und dem neuen Sitz zu thun, auf dem ſie ſich noch nicht ſicher fühlte, und deshalb auch nicht wohl befinden konnte; 4 das Ungewohnte der Bewegung dabei, und das öftere Anſtrei⸗* fen an die überhängenden Büſche nahmen ihre ganze Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch, und ließ ſie ſich ängſtlich dabei an den Knopf des Sattels anhalten, nicht herunterzufallen, wie ſie immer noch fürchtete. Das gutmüthige Thier, das Jack Owen auf ſeinen Jagden ſchon ſo abgerichtet hatte ihm wie ein Hund zu folgen, ging aber einen ſo ruhigen ſicheren Schritt, und kümmerte ſich ſo gar nicht um die wild und fröhlich es umbel⸗ lenden Hunde, nur auf den Weg und die darüber hinliegenden Wurzeln und Stämme achtend, daß ſie ſich bald daran ge⸗ wöhnte, und nach kaum halbſtündigen Ritt ſchon faſt die bis dahin gefühlte Angſt vergaß.. “ 84 51 Jack Owen ging dabei meiſt vor ihr, oft neben ihr her, die Büchſe auf der linken Schulter, über deren Kolben die linke Hand herunter hing, die Hunde hinter ſich, die jetzt, im wirklichen Walde drin, keinen Lärm mehr machen durften, etwa irgendwo ſtehendes Wild nicht zu verſcheuchen, und ſein Blick ſchweifte dabei ruhig und forſchend über alle offene Stel⸗ len die ſie paſſirten, haftete oft auf einem, vom Herbſt gefärb⸗ ten Buſch, ob ſich nicht doch in den gerötheten Bättern die ſchlanke Geſtalt eines Hirſches berge, und ſuchte dann wieder in dem weichen Boden des Pfads die friſch eingedrückten Fähr⸗ ten des Rothwildes oder Raubzeuges, die herüber und hinüber gewechſelt waren. So hatten ſie ſchweigend einen großen Theil des Wegs zurückgelegt, und Amalie ſah ſchon in jedem helleren Waldes⸗ fleck der vor ihnen lag, die ſo heiß erſehnte Lichtung von ihres Schwagers Farm; aber ein Dickicht wechſelte nur mit dem an⸗ deren, der Weg, der bis dahin ziemlich breit in den Wald hinein gereicht hatte, wurde zum engen, kaum mehr begange⸗ nen Pfad, und noch immer zeigten ſich nicht jene Spuren der Civiliſation, die unzertrennlich von einer größeren Anſtedlung ſind, und wie der dünne Rauch über einer Stadt, die Nähe des ſchaffenden Treibens thätiger Menſchen verrathen. Kein Fuhrwerk hatte dieſem Boden hier je ſeine Räder eingedrückt, keine Art noch die mächtigen Stämme berührt, und ſelbſt die wenigen Pferdeſpuren im Pfad waren von Hirſch⸗ und Pan⸗ therfährten faſt unkenntlich gemacht, und doch näherten ſie ſich mehr und mehr der Farm des Grafen, doch konnte nur kurze 4* 52 Strecke Waldes mehr, ſie von dort trennen. Nur eins war da noch möglich, daß ſein ganzer Verkehr mit jener nördlich von ihm gelegenen Stadt beſtand, die ihm doch wohl näher liegen mußte als Little Rock, ja vielleicht gar durch einen Strom die Verbindung erleichterte; aber das Herz des armen Mädchens füllte ſich dennoch, ſo ſehr ſie auch dagegen ankämpfen wollte, mit einer unbeſtimmten Furcht, und wenn ſie der auch keinen Namen zu geben wußte, drängte es ſie doch zuletzt, von ihrem wortkargen Führer das unheimliche Gefühl verſcheucht zu ſehn. „Es iſt ſo einſam hier und ſtill,“ brach ſie das Schwei⸗ gen endlich,„und doch können wir nicht mehr ſo weit von jener Farm entfernt ſein, der dieſer Weg zuführen ſoll.“ „In einer Stunde kann man's von hier aus, wenigſtens in dieſer Jahreszeit gehn,“ ſagte der Mann,„aber im Winter iſts weiter, denn die Gräben ſind dann mit Waſſer gefüllt, und man muß Umwege machen ihrem Schlamme auszu⸗ weichen.“ „Daß ſich Olnitzki ſo tief im Walde angeſtedelt hat,“ ſagte die Deutſche, faſt mehr zu ſich ſelbſt als zu dem Führer redend. „Ja, s' iſt etwas einſam hier, für eine Frau wenigſtens,“ lautete die Antwort,„aber der Mann fühlt ſich deſto wohler un⸗ ter den Bäumen, und mir iſt, wenn ich's aufrichtig geſtehen ſoll, nichts fataler auf der Welt, als wenn ich an eine Fenz komme— meine eigene ausgenommen.“ „Wie es Sidonie nur ausgehalten hat.“ „Iſt das der Name Euerer Schweſter?“ frug der Jäger, mit etwas leiſerer Stimme, und ſein Blick glitt über die Ge⸗ ſtalt der Fremden flüchtig aber doch forſchend hin. „Ja— kennt Ihr ihn nicht, als nächſter Nachbar?“ ſagte Amalie raſch und etwas beſtürzt. „Es iſt Sitte bei uns, die Frauen nur nach dem Namen ihres Mannes zu nennen,“ erwiederte der Jäger,„ſelbſt un⸗ ſere eigenen; ich kann ihn aber trotzdem doch wohl einmal gehört haben, denn ich kam früher öfter mit Olnitzki zu⸗ ſammen.“ „ Und jetzt nicht mehr?“— „Oh doch ja, dann und wann wenigſtens,“ ſagte der Mann ausweichend;„er iſt gerade ebenſo wie wir Anderen— eben nicht umgänglicher Natur, und hält ſeine Büchſe und Hunde für die beſte Geſellſchaft auf der Welt.“ „Aber die arme Frau— ſie verkehrt doch wenigſtens mit ihren Nachbarn?“ frug Amalie. „Sie?— o ja— ja wohl“— ſagte der Jäger—„im letzten Winter war ſie zweimal bei uns hüben, und meine Alte auch dort, und wie ihr vor zwei Jahren das Kind krank wurde und dann ſtarb, iſt wenigſtens eine von den benachbar⸗ ten Frauen fortwährend und abwechſelnd bei ihr geweſen — ſie wurde auch damals ſelber krank und mußte doch eine Pflege haben.“ „Lieber Gott, im letzten Winter,“ ſeufzte Amalie ſtill und kaum hoörbar vor ſich hin, und der Wald ſchien ihr ordent⸗ lich unheimlich dazu zu rauſchen, in ſeiner öden Einſamkeit. 54 Sie fürchtete auch von dem Augenblick an wirklich eine weitere Frage zu thun, bis ihr Führer ſelber wieder das Schweigen brach. „Ihr habt die Schweſter ſeit langer Zeit nicht geſehn?“ „Seit zehn Jahren nicht.“ „Eine lange Zeit, und wir werden alt dabei.“ „Sidonie war noch ſo jung wie ſie die Heimath verließ.“ „Aus glücklichen, ruhigen Verhältniſſen vielleicht heraus“ ſagte der Jäger, und ſein Blick ſchweifte dabei wieder über den engen Waldeshorizont, der ihm da frei lag, nach einem Wilde auszuſpähn. „Aus den glücklichſten,“ ſagte die Schweſter, ſeufzend der Zeit gedenkend,„lieber Gott, ſie hatte Alles was das Herz begehrt, begehren kann; in Ueberfluß und Reichthum erzogen, wurde ſie von den Aeltern auf Händen getragen, und die glän⸗ zenſte Zukunft hätte ihrer im alten Vaterland gelacht.“ „Hm,“ ſagte der Jäger, ſeine Büchſe etwas weiter zurück über die Schulter werfend, und den Tabacksſaft ſeines Priem⸗ chens gegen die nächſte Eiche ſpritzend—„hm— und Mr. Olnitzki hatte auch viel Geld?“ „Der Graf Olnitzki?— nein,“ ſagte Amalie,„aus Po⸗ len flüchtend, wo ſein Volk beſiegt und zerſtreut worden, wa⸗ ren ihm von dem Ruſſtſchen Czaaren die Güter confiscirt, war ihm ſelbſt die Rückkehr in ſein Vaterland abgeſchnitten worden, und jenen unglücklichen Tapferen blieb damals nichts übrig, als in der neuen Welt auch eine neue Heimath zu ſuchen und zu gründen.“ 55 „Aber wie bekam er da ſo geſchwind die reiche Frau?“ frug der praktiſche Amerikaner, halb nuliubig dazu den Kopf ſchüttelnd. „Ich weiß nicht ob Sie ſich jener zeit noch erinnern,“ ſagte, tief aufſeufzend wieder Amalie,„weiß auch nicht ob Sie in Amerika damals unſere Gefühle getheilt; aber in Deutſchland war es faſt, als ob ein neuer lebendiger Geiſt über das ganze Volk gekommen, und die träumenden Nationen aus ihrem Schlafe aufgerüttelt habe. Ein Schrei für Polen ging durch Deutſchlands Gauen, nicht bei den Regierungen zwar, die es mit dem Nordiſchen Koloß nicht verderben woll⸗ ten, wohl aber bei den Völkern. Doch ſtatt das Schwert auf⸗ zugreifen für den bedrohten, geknechteten Nachbarſtaat, begnüg⸗ ten ſich die Männer Sammlungen zu veranſtalten, den Ver⸗ wundeten und Beraubten Hülfe zu bringen, die Frauen zupf⸗ ten Charpie und ſandten Leinwand und Bandagen in die La⸗ zarethe, und als die letzte Schlacht geſchlagen, als die unge⸗ heueren Ruſſiſchen Heere das kleine Reich mit ihren Maſſen überſchwemmten, als Polen zertreten, vernichtet unter den ſtampfenden Roſſen ſeiner Feinde lag, und die Wenigen ſeiner tapferen Krieger, die ſich noch bis zur Grenze durchgeſchlagen, fremden Boden Hülfe ſuchend betreten mußten, da war es Deutſchland beſonders, das ihnen ſeine Arme öffnete, das ſie in ſeine Familien, an ſeinen Heerd nahm, die Kranken und Verwundeten pflegte und kräftigte, die Armen unterſtützte, die Beſiegten aufrichtete, mit Troſt und Hoffnung und eigener That. Feſte, Bälle und Concerte wurden gegeben, Summen 56 zuſammen zu bekommen und den Flüchtigen Reiſegeld nach Amerika zu verſchaffen, und Frauen und Mädchen beſonders wetteiferten darin ihre Sympathieen für die zertretene Nationali⸗ tät der Unglücklichen zu zeigen. Wir trugen in den Schleifen und Zierrathen unſeres Coſtümes nur die Polniſchen Farben, Polniſche Flaggen wehten in den erleuchteten Feſtesräumen, und viele, viele von uns gaben was ſie an Schmuck und gol⸗ denen Zierrathen beſaßen willig her, die Spende für die tapferen Krieger zu erhoͤhn.“ 98 „Hm, hm, hm, hm,“ ſagte der Jäger, der mit dem Kopf heftig dabei ſchüttelnd, raſcher neben dem Pferde herging. „Auch in unſere Familie,“ fuhr Amalie fort,„hatten wir einen jungen edlen Polen aufgenommen, der unſere Schwelle, von Fieberfroſt geſchüttelt, mit einer Menge unge⸗ 1 4 heilten Wunden, mit zerriſſener Uniform, dem Untergang ſchon nahe, betrat, und kaum ein Lager für ſich eingerichtet bekom⸗ men, als ein hitziges Fieber ſein Leben bedrohte, und ihn für Monate an den Rand des Grabes brachte. Sidonie und ich pflegten ihn in der Zeit wie Schweſtern; Sidonie be⸗ ſonders wich kaum mehr von ſeinem Bett, und wir hatten die Freude den Unglücklichen nach langen Monden dem Leben, der Geſundheit zurückgegeben zu ſehn. Vollkommen endlich wieder hergeſtellt, und mit Allem reichlich verſehn was er zu einer ſo weiten Reiſe brauchte, wollten meine Aeltern dann den Fremden entlaſſen— aber es war zu ſpät; Sidoniens Herz hing an dem fremdem Mann und konnte— wollte ihn nicht laſſen. Vater und Mutter baten und beſchworen ſie— * 1 57 umſonſt, der Pole durfte nicht länger auf deutſchem Boden weilen, unſere deutſchen Regierungen fürchteten das Misver⸗ gnügen des Czaaren zu erregen, und mit der warmen Früh⸗ lingsluft die über die Berge zog, und unſere Ströme vom Eis befreite— mit dem erſten Schiff, das den aufgethauten Strom befuhr— verließ Sidonie als Olnitzkis Gattin das väterliche Haus.“ Amalie ſchwieg, und Jack Owen ging wieder eine ganze Zeitlang lautlos, aber recht ſchwer aufathmend neben dem Pferde her— endlich ſagte er leiſe: „Aber Olnitzki hatte Vermögen wie er Amerika betrat.“ „Mein Vater iſt wohlhabend, und wollte die Tochter nicht der Ungewißheit einer ſelbſt zu erkämpfenden Eriſtenz preis geben.“ Jack Owen blieb ſtehen und ſah die Fremde überraſcht und ungewiß an— er hatte augenſcheinlich nicht recht ver⸗ ſtanden was ſie mit den Worten meinte. „Olnitzki hat alſo ſein Geld nicht mit von Polen herüber gebracht?“ frug er endlich. „So reich er dort geweſen ſein mochte,“ ſagte Amalie, „der Krieg verſchlang Alles, und jene edlen Herzen warfen nicht allein ihr Leben, nein Alles was ſie auf Erden ihr eigen nannten in die Schaale, das Vaterland zu retten.“ „Hm, hm, hm, hm, hm!“ ſagte der Jäger wieder, und ſchritt raſcher vorwärts, als ob er die verſäumten Minuten einholen müſſe; aber er erwiederte nichts weiter, ſchien ſogar jedes fernere Geſpräch vermeiden zu wollen, und beſchäftigte 58 ſich ausſchließlich mit dem Weg, der hier auch in der That noch eher wilder und verworrener wurde, und ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, der Fremden nur einiger Maßen Bahn zu brechen. Amalie aber fühlte ſich beunruhigt durch das ihr auffällige Benehmen des Führers, trieb ihr Pferd, jetzt ſchon vollkommen an den Ritt gewöhnt, und dreiſt gemacht durch den ſanften Schritt des Thieres, zu etwas ſchärferem Schritt mit der Gerte an, und ſagte halb ſchüch⸗ tern, halb entſchloſſen jeder weiteren Ungewißheit ein Ende zu machen: „Wie geht es meiner Schweſter— iſt ſie glücklich, und lebt ſie ſo wie wir es in Deutſchland erwartet haben daß ſie leben würde und ſollte?“— „Pſt!“ ſagte ihr Führer aber als einzige Antwort, und bei der raſch doch vorſichtig abwärts gedrehten rechten Hand, blieb das gelehrige, aufmerkſame Thier wie in den Boden ge⸗ wurzelt ſtehn, regte ſich nicht mit dem Kopf, und ſchüttelte weder Schweif noch Mähne. Der Jäger aber, mit der Hand langſam, keine raſche auffällige Bewegung zu machen, nach vorne deutend, zeigte der Fremden, die dem ausgeſtreckten Finger mit den Augen folgte, die ſchlanke prächtige Geſtalt eines ſtattlichen Hirſches, der aus einem dichten Gebüſch her⸗ ausgetreten war und ſich, keine Gefahr ahnend, über eine kleine Waldblöße langſam hinüber äßte. Vorſichtig nahm der Jäger die Mütze vom Kopf, ließ ſie geräuſchlos auf den Boden gleiten, und eine Bewegung ſeiner B Hand, mit einem Blick den die klugen Thiere wohl verſtanden, That anze iger higt ihr reiſt was üch⸗ e zu und ſie und und, ge⸗ telte and ach kten talt her⸗ eine ſie ner en, 59 gebot den Hunden den Platz zu wahren bis er wiederkehre. Nur Einer von ihnen, Deik, ein alter, von Narben zerriſſener Burſche mit ganz kurz abgeſchlagenem Schwanz und eben ſol⸗ chen Ohren, zugeſtutzt, als ob ſein Herr eben nicht mehr von ihm hätte haben wollen als unumgänglich nöthig war, wußte ſich von dem Befehl ausgenommen, und als der Jäger jetzt, ſich nieder duckend und den Schutz eines kleinen Buſches be⸗ nützend, raſch aber lautlos durch das feuchte gelbe, den Boden bedeckende Laub hinglitt, folgte er ihm dicht auf den Ferſen, haltend, wenn jener ſtehen blieb, und vorſichtig ausſchreitend wenn es der Jäger für rechtzeitig hielt weiter vorzuſchleichen. Amalie ſelbſt vergaß aber in dem neuen Eindruck der Jagd, der jetzt den Wald mit einem eigenen, kaum geahnten Zauber füllte für den Moment wenigſtens, alles Andere. Das edle, ſich ſo ſicher fühlende Wild; die in das Gras gedrückten klugen Hunde; die lebendige ausdrucksvolle Geſtalt des Jägers mit dem ſchlei⸗ chenden Thier an ſeinen Ferſen; das Pferd ſelbſt auf dem ſie ſaß, das wie ängſtlich den klugen Kopf nach dem leiſen Raſcheln ihres Kleides wandte; das Rauſchen der mächtigen Wipfel dazu, durch das weit, weit herüber, der gellende Schrei eines Falken tönte— ſie preßte faſt unwillkürlich ihre rechte Hand auf's Herz, ſo laut kam ihr jetzt deſſen Klopfen vor, und während ſie in ängſtlicher Sorge um das Leben des wunder⸗ ſchönen Thieres bangte, das ſo frei und glücklich dort durch den Wald ſchritt, mochte ſie ſelbſt kaum athmen, dem Bedroh⸗ ten nicht die Nähe des Feindes zu verrathen. Jack Owen war aber in dieſem Augenblick nur noch ein⸗ 60 zig und allein Jäger; an ſeine Schutzbefohlene kaum denkend die er jedoch auch ſicher auf dem Thiere wußte, glitt er, jetzt den Stamm einer Eiche oder eines Saſſafrasbaumes benützend, jetzt einen Buſch oder umgeſtürzten Baumſtamm als Schutz gebrauchend, zugleich aber auch nicht ganz direkt auf das Wild zu, ſondern etwas ſeitab ſchleichend, damit durch irgend ein vielleicht unvorſichtig gemachtes Geräuſch die Aufmerkſamkeit des ſcheuen Wildes nicht etwa auf das im Wege haltende Pferd gelenkt würde, raſch und geräuſchlos über den Boden hin, bis in vielleicht noch hundert Schritt von ſeiner Beute. Da knickte ein trockner unter dem Laub verſteckt gelegener Zweig, und ob ſich der Moccaſin über ihm zuſammenzog, und Jäger wie Hund inſtinktartig zuſammenſanken wo ſie ſtanden, war der ſchwache Laut doch hinübergedrungen zu dem Hirſch, der gerade ſelber mit Aeſen aufgehört hatte, und hinüberhorchte nach dem Schrei des Falken. Die Thiere der Wildniß haben eine Sprache untereinander, die der Menſch nicht verſteht— eine Stimme zu warnen und zu rufen, zu locken und zu ver⸗ ſcheuchen, und ſie achten darauf, wenn ſelbſt ein feindliches Geſchlecht die Warnung gäbe. Einmal aufmerkſam geworden, wußte Jack Owen aber auch recht gut, daß ſich das ſcheue Thier nicht wieder beruhi⸗ gen würde, weitere Annäherung zu geſtatten, ſo alſo raſch die Büchſe hebend, die er in der Bewegung ſpannte, ſuchte das Auge den tödtlichen Fleck, der Finger zuckte, ſcharf ſchmetterte der Schlag durch den Wald, und wie ſich der Hirſch hob und zuſammenbrach, und wieder empor und mit wilden Sätzen in ͤͤſ“ 61 das Dickicht hineinſchnellte, fuhren die Rüden, die ſich nicht länger halten ließen, von dem Platze auf, an dem ſie gekauert, und folgten heulend und kleffend der flüchtigen Beute. Jack Owen aber wiſchte indeſſen vollkommen ruhig ſeine Büchſe mit dem, an den Ladeſtock geſchraubten Krätzer aus, lud ſie wieder, und ſie dann auf die Schulter werfend, kehrte er zu ſeinem geduldig haltenden Pferd zurück, ſeine Mütze aufzuhe⸗ ben, und das Thier mit ſich zu der Stelle zu führen wo ſie das Wild verendet finden ſollten. „Er iſt davongelaufen“ ſagte Amalie von Seebald, als der Schütze herankam, und ſein Pferd ihm— ohne jedoch ſeine Stelle zu verlaſſen, freudig entgegenwieherte— halb zufrieden damit, halb in getäuſchter Erwartung. „Ja Miß“ lachte der Jäger,„aber nicht weit; ich bin gut abgekommen und die Kugel ſitzt, vielleicht nur ein wenig tief, auf dem rechten Fleck; die Hunde haben ihn ſchon.“ „Die Hunde? wo?— ſie bellen ja noch.“ „Ja,“ lachte der Hinterwäldler,„aber nicht mehr gegen den Hirſch, ſondern gegen Deik an, der Beſitz von ihm ge⸗ nommen, und keinen der anderen mehr hinanläßt; der alte Burſche weiß ſchon was ſich ſchickt, kommen Sie jetzt mit mir, wir gehen ſogar nicht einmal um, ſondern ſchneiden dort hin⸗ über durch die jetzt vollkommen trockene Gründorn⸗Ebene eher noch ein paar hundert Schritte ab bis zu Olnitzkis Fenz, die auf der anderen Seite daranſtößt; ich will nur den Hirſch auf⸗ brechen und in die Slew hängen, damit ihn die Schmeißfliegen nicht gleich bedecken; nachher hol ich ihn ab. 62 Einen leiſen Pfiff dabei ausſtoßend, den das Poney gut genug verſtand, drehte er ſich, von dieſem jetzt dicht gefolgt, wieder auf dem Abſatz herum, und die dichteſten Plätze ver⸗ meidend, führte er die Fremde ganz unbekümmert mitten in das Herz der Waldung hinein. Näher und näher aber kam dabei das Bellen der Hunde und als ſie dieſe endlich erreichten, war es wie Jack Owen vorher geſagt. Deik hatte ſeinen Platz dicht neben dem ſchon verendeten Hirſch genommen und ſich, ſeiner Autorität bewußt, ruhig dabei zuſammengekauert, die Ankunft ſeines Herrn zu erwarten, während die anderen Rü⸗ den ihn kleffend und knurrend, immer aber in achtungsvoller Ferne, umſprangen, und die Zeit nicht ſchienen erwarten zu können, wo ihnen ein Theil des Wildprets preis gegeben wurde. Das geſchah bald; Jack hatte im Nu den Hirſch her⸗ umgeworfen, aufgebrochen und zerwirkt, und dann den vorde⸗ ren Theil, die beiden Blätter mit Hals und Kopf an dem das Geweih noch ſaß, vom übrigen Körper trennend und in einzel⸗ nen mächtigen Stücken den verſchiedenen Rüden zuwerfend, zog er ein Stück Baſt von einem dicht dabeiſtehenden Papao⸗ baum ab, und durch die Heſſen der Hinterläufe des Erlegten, ſchleifte das Wildpret dann zum kaum zehn Schritt davon entfern⸗ ten Waſſer, dem das tödtlich getroffene Thier noch zugeeilt war, und hing es hinein, wuſch ſich dann ſelbſt die Hände in der Fluth, warf die Büchſe wieder über die Schulter und ſchritt, dem Poney ein neues Zeichen gebend, raſch mitten durch den Wald hin, einer beſtimmten Richtung zu. Dieſe brachte die Wanderer aber nach kaum viertelſtündi⸗ 63 gem rüſtigen Marſch an die Ecke eines eingefenzten, mit Mais bepflanzten, aber ſonſt noch ziemlich wild ausſehenden Feldes, in dem die meiſten Bäume nur geringelt und abgeſtorben oder mitten hinein in das Feld gebrochen, ſtanden und lagen, und um das hin ein ſchmaler Feldweg führte. „Da ſind wir am Ziel“ ſagte der Jäger, als er den Arm gegen das Maisfeld ausſtreckte und zugleich um die Ecke deſ— ſelben bog, von der aus ſie einen freieren Blick auf die kleine Anſiedlung ſelber erlangen konnten,„das hier iſt Olnitzkis Feld, und er hat drüben auf der anderen Seite im letzten Jahr noch drei andere Acker Land urbar gemacht.“ „Und wie weit haben wir noch bis zum Haus?“ frug Amalie der das Herz anfing in faſt fieberhafter Aufregung zu klopfen, indem ſie faſt unwillkürlich den Zügel des Poneys anhielt, ſich erſt zu ſammeln. „Zum Haus?— dort liegt es“ ſagte der Jäger, und ſein Blick haftete wie in Mitleid auf der bleichen, zitternden Ge⸗ ſtalt, die in Angſt und Schreck die Hände faltete, als das ſu⸗ chende Auge nur eine kleine niedere Hütte traf, aus der dün⸗ ner Rauch in die blaue Morgenluft emporkräuſelte. „Das?“ hauchte ſie mit kaum hörbarer, troſtloſer Stimme— „das Olnitzkis Haus?— das der Aufenthalt meiner armen Schweſter?—“ „Siiſt eben nur eine Waldwohnung“ ſagte der Jäger verlegen lächelnd—„mein eigen Haus iſt eben nicht viel beſſer, und Olnitzki will, glaub' ich, auch ein anderes bauen; unſer Klima hier verlangt es aber kaum anders, und 64 zum bloßen Staat wäre die Mühe hier ebenfalls weggeworfen. Doch wollen wir nicht hinangehen?“ „Nein— bitte, laſſen Sie mich vom Pferd“ bat Amalie —„es iſt nur eine kleine Strecke— ich will von hier zu Fuß gehn— ich— ich möchte gern—“ „Ich kann mir denken daß ſie die Schweſter nach ſo lan⸗ ger Abweſenheit allein zu begrüßen wünſchen“ ſagte der Jäger freundlich, indem er dabei ſeine Büchſe an die Fenz lehnte, und ſie mit ſtarkem Griff aus dem Sattel hob;„iſt's Ihnen recht, ſo gehe ich indeß zurück und hole mein Wildpret. Ich weiß nicht ob Olnitzki gerade friſches Fleiſch im Hauſe hat, und da er jetzt Beſuch bekommen, wird ihm ein Theil davon vielleicht willkommen ſein. Wild giebt's hier noch genug im Wald, aber es trifft ſich nicht immer daß man gerade zum Schuß kommt wenn man etwas nothwendig braucht, und beſ⸗ ſer iſt beſſer. Sie können übrigens nicht mehr feblen; der Pfad hier führt Sie, an der Fenz entlang, bis vor die Thür; das Meiſte Ihrer Sachen wird auch bald eintreffen, und das Uebrige bringe ich Ihnen morgen früh.“ Er war bei den letzten Worten in den Damenſattel ge⸗ ſprungen, und ohne einen Dank der Fremden abzuwarten, drückte er dem Thier die Hacken in die Seite und ſprengte, von den Rüden gefolgt, raſch zurück in den Wald, der ſich im nächſten Augenblick ſchon wieder hinter ihm ſchloß. Fräulein von Seebald blieb allein zurück, und brauchte nooch Minuten, ehe ſie ſich ſoweit ſammeln konnte, der Schwe⸗ ſter gefaßt entgegenzutreten. Aber was zögerte ſie auch hier, —— 65 was fürchtete ſie?— hatte denn der Jäger nicht vollkommen recht, und durfte ſie mitten im Wald etwas anders erwarten als die Wohnung eines Jägers? Auch Roſemores wohnten in einem eben ſo unſcheinbaren, vielleicht etwas höheren Block⸗ haus, und wie freundlich, wie wohnlich ſah es bei denen aus. Es war unrecht von ihr, ſich ſolch kindiſchem Kleinmuth in einem Augenblick hinzugeben, wo ſie ihr weitgeſtecktes Ziel endlich erreicht, und in den Armen der Schweſter wollte und mußte ſte ja bald jede ſolch thörichte Furcht verſcheucht, vernich⸗ tet ſehn. Dort lag die Wohnung, und dorthin trug ſie jetzt, in Freude und Sehnſucht zitternd, der Fuß; an der Fenz hin, manchmal noch durch niederes Geſtrüpp und Unkraut das den Boden dicht bedeckte, oder auch über niedergebrochene Stämme und Aeſte hin, lief und kletterte ſie, von den weiten Kleidern oft gehalten, in immer wachſender Ungeduld, und erreichte endlich den kleinen freien, von zahmem Vieh zertretenen und etwas ſchmutzigen Platz unmittelbar vor der Hütte, die in die Fenz hineingebaut lag. Hier ſah ſie auch das erſte lebende Weſen, denn bis jetzt hatte ihr nur der blaue Rauch die Nähe von Menſchen verrathen— eine Frau, in einem ordinairen weiß⸗baumwollenen Rock— der ſelbſtgewebte Stoff der Back⸗ woodsfrauen— die vor der Thür der Hütte ſtand und das zu Mittag wahrſcheinlich gebrauchte Geſchirr in einem hölzer⸗ nen Troge reinigte. Gott ſei Dank, da war Jemand den ſie erſt fragen konnte ehe ſie das Haus betrat, und mit auf dem weichen Boden geräuſchloſen Schritten zu ihr hinangehend Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 5 ſagte ſie, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehn, mit lauter Stimme, aber in Engliſcher Sprache: „Guten Tag madame,*) könnt Ihr mir ſagen ob die Gräfin— ob Mrs. Olnitzka zu Hauſe iſt?“ Die Frau drehte ſich nach ihr um und ſah ihr ſtarr und regungslos in die Augen, erwiederte aber kein Wort— ſie mußte die Anrede nicht verſtanden haben. „Entſchuldigt mich liebe Frau“ ſagte die Fremde, den Blick dabei unruhig nach der Thür der Hütte werfend, als ob ſie von dort in jeder Secunde die Geſtalt der Schweſter zu ſehn erwarte—„ich bin fremd hier— eben erſt angekommen und ſuche die Dame der dieß Haus gehört.“ Die Frau hob langſam die Hände auf— ihr Blick erſt erſtaunt und erſchreckt, wurde immer ſtierer und wilder, und während das Geſchirr das ſie darin gehalten ihren Fingern entfiel, ſtreckte ſie plötzlich wie abwehrend die Arme von ſich, und den bleichen Lippen entrang ſich das Wort„Amalie!“ „Heiliger— allmächtiger Gott!“ ſchrie Amalie, in dieſem Augenblick von jähem Schreck getroffen, während ſie ihre Stirn mit beiden Händen hielt und die vor ihr ſtehende Frau an⸗ 4 ſtarrte, als ob ein Geiſt vor ihr dem Boden entſtiegen wäre— „Sidonie!“ und die Arme nach ihr ausſtreckend umfing ſie 3 wie krampfhaft die bleiche, zitternde ſchmächtige Geſtalt.— „Meine Sidonie— mein liebes liebes Herz“ flüſterte ſie dabei in ängſtlich liebkoſender Haſt, ihr die blaſſen eingefalle⸗ 4 — te *) Alle Frauen werden dort ſo angeredet. nen Wangen ſtreichelnd und in vergehendem Schmerze faſt, die abgehärmten an ſie geſchmiegten Glieder fühlend,„mein armes verlaſſenes Kind“— aber ſie vermochte nicht mehr zu ſagen, und auch die Schweſter hing lautlos— ſchluchzend in ihren Armen. Aber Sidonie faßte ſich zuerſt wieder, und gewaltſam die Bewegung zwingend der ſie ſich im erſten Augenblick wohl un⸗ willkürlich, unbewußt ſelbſt, hingegeben, ſtrich ſte die Haare aus der marmorweißen und faſt eben ſo kalten Stirn, und die Schweſter leiſe auf Armeslänge von ſich preſſend, ſchaute ſie ihr voll und zärtlich in die thränengefüllten Augen, und ſagte mit leiſer und ſo unendlich weicher Stimme: „Amalie— oh wie Dein lieber Anblick meinen Augen ſo wohl thut— aber wo kommſt Du her— Mädchen, um Gottes Willen, was hat Dich aus Deutſchland herüber in den Wald gebracht— Du— Du biſt doch nicht—“ „Herübergekommen Dich zu ſehen und zu küſſen“ rief aber die Schweſter, ſie von Neuem an ſich ziehend—„Du böſe böſe Frau ſchreibſt ja doch nicht mehr, und da wir nicht län⸗ ger ohne Nachricht von Dir leben konnten, gab der Vater end⸗ lich meinen dringenden Bitten nach und ließ mich ziehen, Dich ſelber aufzuſuchen.— Aber Sidonie— um Gottes Willen, Du biſt krank— Du ſtiehſt bleich und elend aus, und ſtrengſt Dich dann dabei noch übermäßig an mit unnützer Arbeit— was läſſeſt Du die Magd das nicht beſorgen?“ „Die Magd?“ ſagte die Frau verlegen wehmüthig lächelnd. 5* 68 „Nun ja, Herz, oder Einen Deiner Leute— lieber Him⸗ mel ich habe Dich ja gar nicht wieder erkannt, als ich Dich traf, ſo blaß, ſo abgemagert ſiehſt du aus— daß wir Dich doch nie fort von uns gelaſſen hätten. Aber wo iſt Dein Mann?— wo Dein Kind? und hier— hier drinnen in dem kleinen Häuschen wohnſt Du wirklich Sommer und Winter?“ „Olnitzki iſt hinaus auf die Jagd gegangen, aber ich er⸗ warte ihn heute zurück, und mein armer kleiner Oscar ſchläft — es war recht ſchwer, recht ſchwer krank, das Kind.—“ „Ich hörte es ſchon am Weg“ ſagte Amalie—„aber Du erwarteſt Deinen Mann heute von der Jagd zurück?— bleibt er denn da über Nacht auch aus?“ „Selten, aber doch wohl manches Mal.“ „Und läßt Dich mit den Leuten hier ganz allein?“ „Mit den Leuten, Amalie?“ ſagte die Schweſter leiſe und mit einem halb verlegenen halb ſchmerzlichen Lächeln zu ihr aufſchauend—„wir leben hier einfacher als Ihr daheim zu glauben ſcheint. Der Wald erzeugt wenig Bedürfniſſe, und den wenigen zu begegnen ſind wir ſelbſt genug— wir halten keine Leute.“ „Keine Leute für das Feld?“ rief Amalie erſtaunt— „und Dein Mann beſtellt das Alles allein?“ „In der Arbeitszeit nimmt er ſich manchmal einen Mann herüber ihm zu helfen“ ſagte die Frau—„aber komm Sido⸗ nie, komm in das Haus; die Herbſtſonne ſengt Dir noch die Haut, und Du wirſt müde von der Reiſe ſein; auch mußt Du mir erzählen wie und mit wem Du hierher gekommen, 69 mitten auf oakland grove allein und ordentlich aus dem Bo⸗ den heraufgewachſen. Wie ich Dich ſo da vor mir ſtehen ſah, glaubt ich wahrhaftig erſt, ich ſähe Deinen Geiſt— aber Du wirſt Dir Dein Kleid verderben, hier bei uns.“ „Warum verderben?“ lachte Amalie unter zurückgehalte⸗ nen Thränen vor, als ſie die dünne, faſt durchſichtige Hand der Schweſter faßte und ihren Arm um ihre Schulter legte, ſte zum Haus zu führen,„und wenn es wäre, iſt es ja doch für die Reiſe beſtimmt.“ Sie hatten ſich indeß der Thür genähert, und Sidonie ſtreckte den Arm aus ſie zu öffnen— aber der Arm zitterte, zögerte, und der Schweſter Hand ergreifend und ſie plötzlich feſt, faſt krampfhaft in die ihre preſſend, ſagte ſie mit wie von innerer Bewegung erſtickter haſtiger Stimme. „Amalie— meine Heimath iſt nicht das was Du, trotz des ärmlichen Ausſehns zu erwarten ſcheinſt— wir leben ein⸗ fach— faſt ärmlich, wie der geringſte Waldbewohner im wei⸗ ten Reich— Du wirſt— Du wirſt Dich nicht wohl hier bei uns fühlen— kannſt es nicht, denn der Abſtand aus dem Leben das Du gerade friſch verlaſſen iſt zu groß— zu— furchtbar— für Dich heißt das nur— für den nicht daran Gewöhnten, während wir es nicht beſſer wiſſen nicht beſſer— verlangen.“ „Sidonie, um des Heilands Willen, was iſt hier vorge⸗ gangen?“ rief Amalie in Todesangſt,„was verheimlichſt Du mir? was ſoll die Vorbereitung jetzt bedeuten?“ „Nichts, Amalie“ ſagte die Frau jetzt ſchon gefaßter,„als 70 Dich eben, wie Du es nennſt, vorbereiten, auf ein wildes, un⸗ gewohntes, und wie Du es ja in Deinen Briefen mir ſo oft beneidet, ein— romantiſches Leben. Schrick aber nicht davor zurück— unter der rauhen Außenſchaale birgt es doch noch oft den ſüßen Kern, und hunderte von Familienleben hier im Wald gerad' wie wir, und glücklich— und zufrieden.“ „Aber Du?“ „Ich gehöre zu ihnen“ ſagte die Frau leiſe—„bin eine von den ihren und— wenn mir mein Kind erhalten wird— verlange ich nicht mehr.“ Ihre Sprache war dabei faſt zu einem Flüſtern herabge⸗ ſunken, aber ein ſchwacher Schrei im Inneren machte ihrem Zögern raſch ein Ende. Das kranke Kind war erwacht und die Mutter, der Schweſter kaum noch gedenkend, ſtieß haſtig die aus geſpaltenen Bretern roh zuſammengeſetzte Thür auf, zu dem Liebling zu eilen. Ueber deſſen Lager gebeugt, und welch ärmliches Bettchen war es für den Grafenſohn, ließ ſie die Schweſter auf der Schwelle ſtehn, und Amaliens Blick über⸗ flog ſchaudernd das Innere der ärmlichen Hütte, die ihr, ſie mochte ſich dagegen ſtemmen wie ſie wollte, gerade mit den Reſten mancher Ueberbleibſel aus früherer, beſſerer Zeit, nur noch troſtloſer, leerer, verlaſſener vorkam, als das ärmlichſte Blockhaus, das ſie bis jetzt im Wald geſehn. Ddie Wände waren kahl und überall von den unverſtopf⸗ ten Spalten der übereinander gelegten und nur oberflächlich zuſammengefügten Stämme durchbrochen; nur wo die beiden ſchmalen, kaum mit dem nothdürftigſten Bettzeug belegten * 71 Betten ſtanden hatte, vielleicht die Hand der Frau, Maisſtöcke und Ueberreſte von Kleidungsſtücken hineingeſtopft, unmittel⸗ baren Zug wenigſtens von dort her abzuhalten. An der einen Wand hing ein zerbrochener Spiegel von ſtarkem herrlichen Glas, deſſen verwitterter, einſt reich vergoldet geweſener gol⸗ dener Rahm durch Streifen Hickorybaſt zuſammengehalten wurde. Dicht daneben war ein roh geſpaltenes Bret durch hölzerne Pflöcke in den dicken Eichenſtamm befeſtigt, und neben einem alten Pulverhorn und ein paar nachläſſig dahinaufge⸗ worfenen Sporen, neben Blechbechern und alten Kannen und blechernen Tellern, ſtanden einzelne Obertaſſen mit abgebroche⸗ nen Henkeln und ausgebrochenen Stücken, aber vom feinſten vergoldeten und gemalten Severs⸗Porcellan. Nur über dem — die ihrer Eltern— mit unzerbrochenen Gläſern; aber die Feuchtigkeit des Hauſes hatte das Papier vergilbt und ge⸗ fleckt, daß ſich kaum noch eine Aehnlichkeit erkennen ließ. Amalie ſah nicht mehr— heißaufquellende Thränen füll⸗ ten ihr den Blick, und als ſich Sidonie von dem Krankenbett des Kindes aufrichtete, die Hand nach ihr ausſtreckte und ſie zu dem Lager des armen Kleinen zog, der in einem, aus rohen Bretern zuſammengenagelten Geſtell, aber auf weichem, wohl der Mutter entzogenen Kiſſen ſein Bettchen hatte, da brach die Kraft die ſie ſich zugetraut in einem wilden Thränenſtrom ſich Bahn, und neben dem Kinde niederſinkend barg ſie ihr Haupt an dem Bett und ſchluchzte laut. Sidonie wollte ſie aufrichten— wollte ſich und den Gat⸗ 72 ten entſchuldigen— wollte lügen daß ſie ſich glücklich und zufrieden fühle hier in der freilich einſamen, ungewohnten Welt, aber— ſie vermochte es nicht mehr. Das Jahrelang ertragene, beſtandene Weh, hielt jeden Ton, jedes Wort zurück, und bleich, zitternd, mit thränenloſem ſtieren Blick ſtand ſie neben der Knieenden und ſchaute ſtill und regungslos zu Boden. Hundegebell vor dem Haus und Pferdegeſtampfe unter⸗ brach die peinlich werdende Stille. Amalie richtete ſich raſch und wie erſchreckt empor, und auch Sidonie trat zur Thür und öffnete dieſe, den rückkehrenden Gatten zu begrüßen. „Hallo the house!“ rief dieſer ſchon von weitem die eigene Wohnung an— heda Dony hupih! komm heraus Schatz und ſieh was ich Dir mitgebracht!“ Bis dicht vor die Thür ſprengte dabei, von der Hand des Reiters gelenkt, das Thier, bis es mit den Hufen die Schwelle betrat, und mit dem klugen Kopf die Thür zu öffnen ſuchte, in der jetzt Sidonie erſchien, und vor der Nähe des Pferdes erſchreckend, angſtvoll den Vater bat des eignen Kindes mit dem Lärm zu ſchonen. „Ah paperlapapp“ lachte aber der Mann,„wird ihm nicht gleich was ſchaden— ſieh hier was ich Dir mitgebracht,“ und in ſeinen Armen wand ſich, mit den gebundenen Pranten vergebens arbeitend, von den Banden die ihn zuſammenſchnür⸗ ten loszukommen, ein junger Bär, und die Hunde heulten und klefften und ſchnappten am Pferd hinauf, die ihnen vorenthal⸗ tene Beute zu ergreifen und zu zerreißen. 8 * 8 73 „Ruhe Ihr Beſtien!“ lachte dabei der Jäger vom Pferd herunter,„Ruhe und nieder mit Euch Canaillen— Dony, nimm einmal ein paar Brände heraus und wirf ſie zwiſchen die Satansthiere, ſte ziehen mich ſonſt wahrhaftig noch vom Pferd hinunter.— Zurück mit Euch Watch und Bull— warte Beſtie, wenn ich hinunter komme dreh ich Dir den Hals um für den Biß.“ „Das Kind iſt kränker geworden als es war, Olnitzki,“ bat die Frau—„geh nur wenigſtens mit dem furchtbaren Lärm hier von der Thüre weg; es ſtirbt mir ja vor Angſt und Schreck.“ „Ah bah— das iſt zäh und ſtirbt nicht,“ ſagte der Mann finſter,„ſonſt wären wir den Jammer lange los,“ und hin— unter ſpringend vom Pferd, das er ſich ſelber überließ, wäh⸗ rend er den jungen Bär mit rieſiger Kraft in den linken Arm gepreßt hielt, führte er mit dem ſcharfen Büchſenkolben wohl⸗ gezielte Stöße gegen die heranpreſſenden Hunde, die ſie heulend zurücktrieben in ſichere Entfernung. Den Gefangenen dann zu Boden werfend, nahm er eine Kette herunter, die an einem der äußeren Balken des Hauſes hing, befeſtigte ſie mit einem ſtarken Ledergurt um den Hals des Thieres, das er zu einem der nächſten Bäume trug, ſchlug das andere Ende der Kette um einen der unteren Aeſte, und die Banden dann raſch mit dem Meſſer löſend ſprang er zurück und rief lachend: „So mein Burſche, nun wehre Dich ſelber Deiner Haut! hupih! Ihr Rüden— hupih— jetzt thut was Ihr könnt.“ Und mit dem Jagdruf warf ſich die Meute in toller 7 4 Wuth gegen den kaum entfeſſelten jungen Bär, und hätte ihn zerriſſen, wäre dieſer nicht raſch und gewandt, ſeine theilweiſe Freiheit benutzend, an dem Stamm, an den ihn die Kette ge⸗ feſſelt hielt, emporgeklettert, wo er ſich dann auf dem unterſten Aſte feſtſetzte, und mit zurückgelegten Ohren und fletſchenden Zähnen nach den gierig und wild gegen ihn aufſpringenden Hunden hinunter hieb. „Hahahaha, das iſt göttlich, das iſt koſtbar!“ ſchrie und lte dabei der Pole,„hupih meine Burſchen, hupih! brav Watch, beinah hoch genug, aber der ſchwarze Burſche theilt auch dafür böſe Ohrfeigen aus— hupih— hahahahaha! Aber Wetter noch einmal,“ unterbrach er ſich dabei,„wie er mich ſelber da zugerichtet hat— Dony, Dony, da wirſt Du tüchtig mit Nadel und Zwirn und Heftpflaſter nachhelfen müſ⸗ ſen, alle die verſchiedenen Riſſe an Leib und Jacke wieder in Ordnung zu bringen— hallo— wen haben wir hier?“ Der überraſchte Ausruf galt der Fremden, die er nicht wieder erkannte, und in ſeiner Hütte fand als er die Schwelle betrat.„Wie gehts, Madame? weshalb ſetzen Sie ſich nicht hier iſt ja noch ein Stuhl— wohl eine neue Nachbarin von* uns?“ „Sie kennen mich nicht mehr, Graf Olnitzki?“ ſagte Amalie aber auf die engliſche Anrede in deutſcher Sprache— —, „iſt mein Geſicht Ihnen in den zehn Jahren ſo gänzlich frend geworden?“ „Alle Wetter!“ rief der Pole, überraſcht einen Schritt zurücktretend und die Thür hinter ſich aufſtoßend, mehr Licht 75 in den inneren fenſterloſen Raum zu bekommen—„iſt das nicht— iſt das nicht Fraͤulein Amalie, meine ſehr verehrte Schwägerin? aber zum Teufel, Schwägerin, wo kommen Sie auf einmal her, hier mitton in den Wald hinein?— Nun einerlei, das erzählen Sie mir nachher; jetzt ſein Sie uns herz⸗ lich willkommen, und machn Sie es ſich ſo bequem wie— — 5 Te Tl nun wie es die Umſtände gerade erlauben. Es iſt gerade nicht verdammt bequem bei uns, läßt ſich aber doch aushalten und genügt für den Wald. Gegen die Indianer leben wir noch immer wie die Fürſten.“ Er hatte ihr dabei die rechte Hand entgegengeſtreckt, zog ſte aber lachend zurück, denn ſie war mit Blut bedeckt. „Um Gottes Willen wie ſiehſt Du aus Olnitzki?“ rief aber auch in demſelben Augenblick die Frau—„zerriſſen und blutig an ganzen Körper; was haſt Du gemacht?“ „Du hätteſt dabei ſein ſollen Dony,“ lachte der Pole, ſeine Mütze in die Ecke werfend und die ausgeſtreckten Arme, die Zeugniß des beſtandenen Kampfes gaben, von ſich haltend. „Wie ich ſchon auf dem Heimweg, mein altes Jagdunglück verwünſchend, bin, und drüben an der brushy slew vorüber 4 halte, ſehe ich plötzlich eine alte Bärin mit einem Jungen bei ſich, die mir die Hunde vorher auch nicht im mindeſten geſpürt oder bezeichnet hatten, aus einem kleinen Schilfbruch aufſtehn und das Weite ſuchen. Ja wohl Weite; wir mit einem Hu⸗ pih und Hurrah hinterher wie die wilde Jagd, und wenn es die Alte auch noch eine Weile ausgehalten hätte, konnte das Junge doch bald nicht mehr fort, und bäumte auf. Hätt⸗ ich 76 ſchon was geſchoſſen gehabt die Zeit, wär's mir nicht einge⸗ fallen mit dem Kalbfleiſch vorlieb zu nehmen, ſo aber dacht ich, das Ding auf dem Baum wär' ſicherer wie die magere Alte im Buſch drin, warf mein Pferd herum, ſprang herunter und hätt' es nun bequem niederſchießen können, aber ſo leichte Jagd wär ein Schimpf geweſen, und die Büchſe deshalb un⸗ ter den Baum legend, mit meinem Sattelſeil umgehangen, klett're ich hinauf zu dem kratzenden ſchlagenden Ding, pack' es bei einer Hinterprante und will es eben, während es ein mörderiſches Geſchrei ausſtößt, mit mir hinunterziehn auf ebe⸗ nen Boden, als ich die Büſche wieder brechen und krachen höre, und ſtraf mich Gott, wie ich mich umſehe kommt die Alte mit zurückgelegten Ohren und weit offenem rothglühenden Rachen— aber zum Donnerwetter Ruhe da Ihr Beſtien, man kann ja ſein eigen Wort nicht verſtehn vor der Teufelsbrut— kommt die Alte wie ein losgelaſſener Satan wieder durch den Wald geſauſt, und auf mich zu. Das Junge loslaſſen und am Stamm herunter nach meiner Büchſe fahren war im Nu geſchehn; aber kaum hatte ich Zeit den Hahn zu ſpannen und zu zielen, als die ſchnaubende Beſtie heran kam wie zehntau⸗ ſend Teufel. Meine Kugel traf ſie mitten durchs Herz und die Büchſe fortwerfend behielt ich gerade noch Zeit mein Meſ⸗ ſer aus der Scheide zu reißen als ſich die Wüthende, wie un⸗ verwundet, auf mich warf, und ich fühlte wie mir Kleider und Haut in Fetzen vom Leibe flogen. Glücklicher Weiſe dauerte die Geſchichte nicht lange; die Kugel wirkte, und die Alte brach todt über mir zuſammen; aber nun ging der Spaß mit dem Jungen von vorne los, und ich glaube bei Gott es iſt kein handgroßer Platz an meinem ganzen Leib, wo ich nicht einen Riß oder Biß habe, von den Satansthieren. Du wirſt mich tüchtig ausflicken müſſen Dony.“ Das Kind fing wieder an zu ſchreien; der Lärm der Hunde draußen ließ es nicht ruhen, und der Mann warf ſich indeſſen, während die Frau nach dem Kleinen ſah, erſchöpft und blutig wie er war, auf das Bett. ‚Nun Fräulein Schwägerin, oder Frau Schwägerin, ich weiß nicht einmal wie man jetzt ſagen muß ſo lange haben wir Nichts von einander gehört, welchem glücklichen Ungefähr verdanken wir dieſen Beſuch, oder“— er fuhr bei einem ihn plötzlich durchzuckenden Gedanken raſch von dem Lager auf und blickte ſcharf nach der Frau hinüber—„hat mich Sidonie damit freundlich überraſchen wollen?“ „Sidonie wußte ſo wenig von meiner Ankunft wie Sie, lieber Graf,“ ſagte Amalie, die mit Entſetzen den verſteckten Verdacht in den Worten fühlte, und deren Blicken ſich ein Abgrund öffnete. „Graf?“ lachte der Pole aber ſpöttiſch auf—„den Gra⸗ fen müſſen Sie hier weglaſſen, Fräulein von Seebald; ſieht das hier aus wie in einer gräflichen Wohnung?— da, das iſt der Reſt meiner Vergangenheit,“ rief er, während er dort an der Wand hängende baumwollene Frauenkleider zurückſchob, und einen alten mit Roſt überlaufenen Cavallerieſäbel an Ta⸗ geslicht brachte—„auch ein prächtiges Symbol,“ ſetzte er mit höhniſcher Bitterkeit hinzu,„denn die Lumpen hängen 78 darüber hin, und verſtecken die letzten Ueberbleibſel des Grafen. Wie gefällt es Ihnen bei uns, heh?— hübſch nicht wahr?— romantiſch genug, nur ein Bischen zu viel davon. Ja,“ ſetzte er dumpf brütend dazu, während er auf das Bett zurückſank und den Kopf in die Hand ſtützte,„früher war's Anders— beſſer vielleicht— vielleicht auch nicht, und ein freies, fröhliches Leben führen wir doch. Aber komm, komm Dony, ſieh nur nach dem Leib, der verdammte Bär hat mir doch weh gethan, und ich glaube, ich habe viel Blut ver⸗ loren, es wird mir ſo ſchwach und ſchwindlich auf einmal.“ Sidonie trat zu dem Bett des Gatten, mit zitternder Hand die blutigen Kleider zu löſen, und nach den Wunden zu ſehn, die ihm der Bär im Todeskampf geſchlagen, während Amalie, die ſchon Hut und Tuch abgelegt hatte, zu dem Kind ging und ihm den von der Mutter eingegoſſenen Trank zu ge⸗ ben ſuchte. Olnitzki hatte dabei recht gehabt; an Bruſt und Schultern trug er faſt unzählige friſche Wunden, keine aber glücklicher Weiſe tief oder gefährlich, nur alle in das Fleiſch hineingeriſſen, und mit dem Verband ſchwand auch bald jeder Anfall von Schwäche, den Blutverluſt und übermäßige An⸗ ſtrengung im Halten des jungen, ſchon ganz kräftigen Bären auf wenige Momente herbeigezogen. Sidonie bereitete dann raſch etwas zu eſſen für den er⸗ ſchöpften Gatten ſowohl, wie für die Schweſter, ſetzte die Kaffeekanne zum Feuer, und that Kaffee in die Mühle. Fruͤher hätte es Amalie freilich nicht für möglich gehalten daß die Schweſter, auf deren Wink ſonſt zahlreiche Dienſtboten lauſch⸗ 79 ten, allein, ohne eine einzige Hülfe einem ſolchen Leben, ſol⸗ cher Arbeit preisgegeben ſei; jetzt kam kein Laut des Stau⸗ nens noch des Schmerzes mehr über ihre Lippen. Sie ſah, ſie fühlte was, fürchtete ſogar, daß noch mehr geſchehen war als ſte ſah, und nur die Angſt erfüllte jetzt ihr Herz, ob da zu helfen— wie da zu helfen ſei. Stimmen wurden draußen laut, die Hunde, die ſich in etwas beruhigt hatten als der junge Bär ſeinen ſicheren Platz auf dem Baumaſt nicht mehr verließ, und auf die unter ihm gelagerten Rüden ruhig niederſchaute, ſchlugen wieder an, und Jack Owen's Stimme rief gleich darauf, nach Waldes Art, das Haus an, von den Bewohnern Einen in die Thür zu ziehn. Olnitzki ſprang ſelber, trotz Sidoniens Bitte ſich zu ſchonen, von ſeinem Lager auf, zu ſehn wer da ſei, und blieb verwundert in der Thür ſtehn, als er die Maſſe von Sachen, Koffern und Kiſten auf die Maulthiere gepackt, vor ſeiner Woh⸗ nung halten ſah. „Hallo Ihr Leute— guten Tag— was bringt Ihr da?“ rief er hinaus—„Wetter noch einmal Roſemore, ſeid Ihr ein wandernder Krämer geworden, der mit ſeinen Packen im Lande herumzieht, Band und Stecknadeln zu verkaufen?— ah Jack, Ihr führt wohl die Proviſionen mit?— nur herein mit Euch, der Kaffee wird gleich fertig ſein, und ein heißer Becher voll uns gut thun.“ „Zum Henker noch einmal, Olnitzki, wie ſeht Ihr denn aus?“ ſagte Jack Owen, der indeß vom Pferde geſtiegen war 80 und das Wildpret auf der Schulter auf ihm zu kam—„wer hat Euch denn ſo zugerichtet?“ „Der Burſche da und ſeine Mutter,“ lachte der Pole, auf den aufgebäumten jungen Bär deutend,„aber was ſolls mit dem Wilde?“ „Ihr habt Beſuch bekommen,“ meinte der Jäger leicht erröthend,„und da ich nicht wußte ob Ihr gerade friſch Fleiſch im Hauſe hättet, wollte ich Euerer Frau das Stück hier, das ich an der Gründorn⸗Ebene drüben vor einer Stunde etwa geſchoſſen, herüber legen— mir ſind die Woche ein paar vor die Büchſe gelaufen.“ „Und die Sachen da draußen?“ „Gehören der Dame— Euerer Frau, Schweſter, glaub' ich, die geſtern von Little Rock mit Billy Jones Geſchirr her⸗ übergekommen.“ „So?— ſo iſt die Sache? nur herein Ihr Leute— ſtellt die Geſchichten nur indeß da vorne hin, Roſemore; kann Euch wahrhaftig nicht einmal dabei helfen, denn der verdammte Bär hat mir die Arme ſo zerfetzt, daß ſie mir ſteif und matt zu werden anfangen. Deer alte Roſemore, der mit Bill Jones und Owens Huͤlfe die Kiſten und Koffer bis zum Haus geſchafft, trat jetzt mit dieſem hinein, begrüßte die Frauen, frug nach dem kran⸗ ken Kind, das er ſich aufmerkſam betrachtete und der Mutter verſchiedene Kräuter anrieth, ein Bad daraus zu bereiten, und ließ ſich dann von Olnitzki ſein Abenteuer mit dem Bär er⸗ zählen, wollte aber unter keiner Bedingung mit zum Eſſen 81 bleiben; er ſah wie beengt der Raum ſchon ohnedieß da war, und weigerte ſich auch ſchon jetzt eine Bezahlung für den Trans⸗ port der Sachen anzunehmen. Die Maulthiere gehörten nicht ihm, wie er ſagte, und er mußte den Eigenthümer erſt fragen, was er für den halben Arbeitstag für ſie verlange— ſeinen eigenen Spatziergang verſtünde es ſich wohl von ſelbſt, daß er den nicht rechnete. Olnitzki redete den Nachbarn auch eben nicht beſonders zu noch zu verweilen, und eine Viertelſtunde ſpäter trabten dieſe wieder, auf den indeß ausgeruhten Thieren, der eigenen Hei⸗ math zu. Sidonie hatte indeſſen der Schweſter Hülfe für heute, da ſie ja noch nicht beſcheid wiſſe in Haus und Wirthſchaft, lächelnd abgelehnt, und Kaffee gemahlen und von dem friſchen Fleiſch in die Pfanne geſchnitten, ſo daß bald ein recht gutes, nahrhaftes Mahl von Maisbrod und Wildpret, Honig und Kaffee auf dem reinlich gedeckten Tiſche dampfte. Nur mit Sitzen, wie mit Geſchirr und Meſſer und Gabeln ſah es ärm⸗ lich aus. Amalie bekam die einzige noch ordentliche Gabel mit dem dazu gehörigen Meſſer, Olnitzki nahm ſeinen Genick⸗ fänger, mit einer einzinkigen Gabel, das Fleiſch, das er ſchnei⸗ den wollte, damit zu halten, und Sidonie benutzte ein ausge⸗ ſchnittenes Stück Rohr, das allem Anſchein nach ſchon lange dieſen Dienſt verrichtet, abwechſelnd des Gatten Meſſer dabei gebrauchend. Auch für den Kaffee bekam die Schweſter eine der freilich henkelloſen Taſſen aus der alten Zeit, und wenn die Untertaſſe auch nicht dazu paßte, trank es ſich doch beſſer 6 Gerſtäcker's Nach Amerika. lv. 8² daraus wie aus den Blechbechern, die von Olnitzki und ſeiner Frau benutzt wurden. Aber ein eigenes unheimliches Gefühl bemächtigte ſich der Schweſter, als ſie den breiten Goldrand des zerbrochenen Geſchirrs neben der blechernen Schüſſel ſtehen ſah, und dann der Zeit gedachte wo ſie ſelber dieſe Taſſe einſt der jungen hoffnungsſeligen Braut geſchenkt. Das Geſpräch bei Tiſch war ziemlich einſylbig, und Si⸗ donie ſelber konnte kaum fünf Minuten hintereinander auf ihrem Platz bleiben, ſo nahm das kranke Kind ſie noch in An⸗ ſpruch; Olnitzki aber neckte Amalie dabei, daß ſie ſo viel Ge⸗ päck mit in den Wald gebracht, wo ſie ſo wenig brauchten, und war dann ſelber neugierig zu ſehen was die Kiſten ent⸗ hielten, als ihm die Schwägerin ſagte daß das Meiſte darin nur für ihn und ſeine Frau, wie für ſein todtes kleines Kind beſtimmt geweſen, deſſen Hinſcheiden ſie nicht einmal erfahren. Einige Schwierigkeit hatte es für ihn, als das Eſſen be⸗ endet und das Kind in Schlaf gebracht worden, die Kiſten mit ſeinen verwundeten Armen zu öffnen, aber es gelang ihm endlich, und Amalie ſuchte jetzt im Auspacken die Schwe⸗ ſter— ja ſich ſelber zu zerſtreuen, denn Manches hatte ſte mitgebracht ihr und dem Gatten eine Freude zu machen. Aber, lieber Gott, bei der Auswahl der Dinge war es ihnen daheim freilich nicht eingefallen die Lieben in dem fernen Lande ſich in ſolchen Verhältniſſen zu denken, als ſie dieſelben jetzt gefun⸗ den, und wunderlich nahmen ſich die prachtvollen Stickereiin von Cigarrentaſche und Leſepult, Briefmappe und Taſchen⸗ buch, die Spitzenhauben und Glackhandſchuh, das kleine rei⸗ — 83 zende Deieuner vom feinſten gemalten Porcellan, das auf ſei⸗ nen Kannen und Taſſen Landſchaftsſcenen aus Sidoniens Heimath trug, die reich verzierte Lampe, die niedlichen geſtick⸗ ten Pantoffeln, und alle die anderen unendlich geſchmackvoll und elegant gewählten Sachen in der ärmlich wilden Hütte aus, die ihr graues Bretdach über ſie ſpannte. Sidonie ſaß mit gefalteten Händen ſtill daneben, und wagte kaum die Gegenſtände zu berühren, während ſie Olnitzki langſam eins nach dem anderen in die Hand nahm, lächelnd herüber und hinüber drehte, und dann auf den, zu dem Zweck abgeräumten Tiſch hinſtellte. „Hahahaha,“ brach er endlich in einem wilden, unnatür⸗ lichen Humor heraus,„wie die Burſchen, unſere ungeſchlach⸗ ten Nachbarn ſchauen ſollen, wenn ſie die wunderlichen„fixins“ zum erſten Male ſehn, wie ſie ſtaunen und ſich den Kopf zer⸗ brechen werden, zu was dieß und das, und jenes da beſtimmt iſt— hab' ich's doch ſelber faſt vergeſſen“— ſetzte er leiſe, und unheimlich dabei lachend hinzu.—„Und wie prächtig das Dejeuner zu dem alten Blechtopf paßt, und die Glacéehandſchuh hier zu den Fäuſten; Schwägerin, Schwägerin, ich fürchte Sie haben da viel Geld nutzlos verſchwendet, und uns nur Illuſtrationen zu dem Bilde mitgebracht, wie Sie ſich, trotz allen unſeren Schilderungen vom Gegentheil, unſer Wald⸗ und Jägerleben hier eigentlich ausgemalt. Es fehlte jetzt nur noch ein Kronleuchter— erinnerſt Du Dich noch, Sidonie, wie ſo ein Ding ausſieht?— unſeren Salon würdig zu ſchmücken.“ 6* 84 „Aber Sie wollen doch nicht immer ein ſolches Leben fortführen, Olnitzki?“ ſagte Amalie mit vor Angſt und inne⸗ rer Aufregung faſt erſtickter Stimme—„wenn auch Ihr kräftiger Körper ſolche Entbehrungen leicht erträgt, ſehen Sie dagegen wie die Schweſter hingewelkt— denken Sie ſich das junge lebensluſtige glückliche Weib, das ſie aus ihrer Eltern Haus mit ſich hineinnahmen in die Welt, und ſehen Sie jetzt die arme Gattin an.“ „Arme Gattin?“ wiederholte Olnitzki, finſter die Stirn runzelnd,„das Weib ſoll dem Mann folgen in Glück und Leid, und wo ſie zuſammen tragen, hat ſich, meiner Meinung nach, kein Theil zu beklagen.“ „Aber Sidonie—“ wollte Amalie erwiedern, doch ein ängſt⸗ lich flehender Blick der Frau hielt das Wort auf ihre Lippen gebannt und Olnitzki, eine mit den Farben ſeines Vaterlands geſtickte Cigarrentaſche in der Hand, ſaß lange in dumpfen Brüten darauf niederſtarrend.— Aber der böſe Geiſt wich von ihm; tief aufſeufzend ſtrich er ſich mit der Hand die Fal⸗ ten von der Stirn und die Taſche auf den Tiſch, zu den übrigen Sachen legend, ſagte er mit krennilicherem Ausdruck in den Zügen: „Nichts für ungut, Schwägerin, die verdammten Riſſe, die mir der Bär heute verſetzt, brennen mich, morgen iſt das vorüber— herzlichen Dank für alles das was Sie uns ſo weit herüber gebkacht; es war ja ſo gut gemeint, und wird Sidonie viele Freude machen; ſie hängt doch wohl noch ein wenig an den alten Geſchichten. Bereite der Schweſter danmn 8⁵ ihr Lager auf meinem Bett, Dony, ich lege mich hier zum Kamin— keine Umſtände Schwägerin,“ ſetzte er lachend hinzu, als er ſah daß ſie dagegen proteſtiren wollte,„Sie kommen um Nichts beſſer weg, denn es iſt hart genug, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich auf meinem alten Bärenfell hier dicht am Feuer nicht am Ende noch weicher und wärmer liegen werde, wie Sie da drüben. Jetzt aber gute Nacht, mir fängt der Kopf ſo wieder an zu ſchwindeln, und ich muß morgen früh hinaus, den Bär zum Haus zu holen, der noch draußen, eben nur aufgebrochen, im Walde liegt. So mein Kind— das thuts— das iſt gut genug,“ ſagte er zur Frau, die ihm das Fell indeß vor das Camin gezogen und ein Kopfkiſſen mit einer wollenen Decke darauf gelegt hatte—„das iſt gut ge⸗ nug, nun laßt mich ſchlafen, und morgen früh, ſoll uns die Schwäaͤgerin recht viel von zu Haus— von Deutſchland er⸗ zählen.“ Capitel 3. Der alte Herr Hamann. Das Koſt⸗ und Logirhaus oder„Bordinghaus“ nach dem Amerikaniſch⸗deutſchen Ausdruck in New⸗Orleans, deſſen Schenk⸗ und Gaſtzimmer wir ſchon einmal beſucht haben, war eins jener alten franzöſiſchen Gebäude, welche von den erſten Anſiedlern der Stadt noch in einer Zeit errichtet worden, wo der Platz ſelber, auf dem es ſtand, wenig Werth hatte, und nahm deshalb, für ſeine niedrige Dachung, einen unverhält⸗ nißmäßig großen Flächenraum ein. Auch das darauf er⸗ richtete Haus ſah verwittert und baufällig genug aus, mit den alten Hohlziegeln auf dem Dach und den, ihres Kalkes an vielen Stellen beraubten Wänden, der halben hölzernen Verandah oder Gallerie vor der erſten Etage, und dem entſchie⸗ den in ſich zuſammengeknickten Giebel. Der Eigenthümer aber, ein ſchon einige zwanzig Jahr im Lande anſäſſiger Deutſcher Namens Hamann, wollte das alte Neſt, trotz recht guten Ge⸗ 87 boten, die ihm darauf gemacht worden, nicht verkaufen, und behauptete jedesmal, wenn wieder dazu gedrängt, ſo lange er lebe, halte es auch, ernähre ihn dabei gerade, und ſei ſeit ſo langen Jahren nun eine Heimath ankommender Deutſcher ge⸗ weſen, daß es dieſe vermiſſen würden, wenn ſie nach Amerika kämen, und das könne er nicht über's Herz bringen. Es war etwa drei Wochen nach der Landung der Haid⸗ ſchnucke in New⸗Orleans, als der biedere Chriſtoph Hamann in ſeiner eigenen Wohnſtube oben ſaß, und emſig beſchäftigt war einen ziemlich anſehnlichen Koffer mit Chirurgiſchen In⸗ ſtrumenten, der vor ihm im Zimmer ſtand, einzupacken und die auf dem Tiſch umherliegenden Inſtrumente ſelber, wo ſie hie und da etwas von Roſt gelitten hatten, zu putzen und wieder herzuſtellen. An einem erhöhten Pult, neben dem nächſten Fenſter, ſtand ein junger, vielleicht vierundzwanzigjähriger Mann, der Sohn des alten Hamann, in weißer Jacke und Hoſe, den breiträndigen Strohhut neben ſich auf dem Stuhle, und notirte die einzelnen Gegenſtände, die ihm der Vater, wie er ſie in den Koffer legte, diktirte. „So“— ſagte der Alte, der mit dem Einpacken ziemlich fertig war, und eben noch ein Etui mit verſchiedenen Meſſern und Lanzetten vom Tiſch nahm und öffnete—„hier noch das Beſteck mit— Donnerwetter da ſind eine ganze Menge Ge⸗ ſchichten darin— mit einer Quantität Meſſer und Eiſen und Feilen— was weiß ich wie die Dinger alle heißen— warte einmal wir können ſie wenigſtens zählen— fünf, acht, elf, 3 88 funfzehn, und hier noch vier ſind neunzehn, und hier die drei kleinen Dinger ſind zweiundzwanzig Stück. Das Leder außen ſieht ebenfalls noch ganz wie neu aus— na Du wirſt ſchon ſehen was Du dafür bekommſt.“ „Vater, die eine Taſche iſt faſt ſo viel werth, wie Euch der Mann im Ganzen ſchuldig war,“ ſagte der Sohn. „Was verſtehſt denn Du davon?“ brummte aber der Alte mit einem mürriſchen Seitenblick auf den jungen ſchlanken Burſchen, deſſen gutmüthig offene Züge tiefes Roth in dieſem Augenblick färbte—„bekümmere Du Dich da um Deine Schreiberei, und miſch Dich nicht in Sachen die Dich nichts angehn, und von denen Du keine Idee haſt.“ „Der Mann war bei mir und hat mir ſeine Noth geklagt!“ ſagte Franz, der Sohn. „Noth geklagt?“ fuhr aber der Alte unwillig auf,„der hat auch noch über Noth zu klagen; erſt liegt er bei mir hier fünf Wochen im Haus und ißt und trinkt, ohne einen Pfen⸗ nig zu zahlen, nachher geb' ich ihm noch Reiſegeld und ein Gewehr, das mich ſelber fünfundſiebzig Dollar gekoſtet hat, und ſchicke ihn in's Innere, und nun ſoll ich auch noch ſeine Sachen wieder herausgeben und gar Nichts haben, heh?— Und iſt die Zeit, in der er es abholen mußte nicht etwa ſchon ſeit acht Tagen verfallen? Hätt' er mir vor der Zeit gezahlt was er mir ſchuldig war, ſo konnte er ſeinen Bettel, der mir überdieß hier lange genug im Wege geſtanden, ruhig wieder mit fortnehmen, ich wäre der letzte geweſen, der ihn daran verhindert hätte— hab' ich ſo vielen Deutſchen fortgeholfen, 89. würd' ich den auch nicht haben ſitzen laſſen, aber jetzt iſt die Zeit vorbei— die ganze Sache iſt ohnedieß ſchriftlich abge⸗ macht, und wenn er ſich im Recht glaubt, ſoll er mich verkla⸗ gen; Chriſtoph Hamann iſt nicht der Mann, der einer gerech⸗ ten Sache aus dem Wege geht.“ Der Sohn ſeufzte tief auf und begann wieder, ohne et⸗ was weiter gegen den Vater zu äußern, an ſeiner Arbeit, bis ihn der alte Herr Hamann mit einer neuen Frage unterbrach. „Iſt der Elſaſſer wieder da geweſen, wegen dem Land?“ „Ja, geſtern Abend.“ „Nun?— und hat das Geld nicht mitgebracht?“ „Er hatte es, verlangte aber von mir vorher eine genaue Beſchreibung des Landes⸗ wie s gelegen ſei, ob ſumpfig oder geſund und da— „Haſt Du ihm doch wohl nicht etwa in Deiner Dumm⸗ heit von dem Bischen Waſſer darauf erzählt?“ fuhr der Alte heftig in die Höhe. „Ich mochte nicht lügen, Vater“ ſagte der junge Burſche entſchloſſen.“ „Na nun wird's Tag!“ ſchrie aber der Alte, mit der ge⸗ ballten Fauſt zornig auf den Tiſch ſchlagend—„füttern ſoll ich Euch Alle hier, und die theuere Wirthſchaft in Stand hal⸗ ten, Taren ſoll ich bezahlen und Proviſtonen für alles mög⸗ liche Lumpengeſindel, das hier herüberkömmt von Europa, und wenn ſich die Gelegenheit bietet einen ehrlichen Pfennig zu verdienen, ſchlägt mir den der eigene Sohn vor der Naſe weg. „Ich hielt das für keinen ehrlichen Pfennig, Vater“ ſagte Franz entſchloſſen. „Du hielteſt es nicht dafür, Holzkopf— nun freut mich mein Leben, Du alſo hielteſt es nicht dafür. Ich will Dir einmal ſagen was ich von Dir halte: daß Du ebenſo nach Amerika paßt, wie ein wilder Ochſe in eine Porcellanhandlung. Wenn das alſo Alles iſt, was Du während den zwei Jahren die ich Dich zu Deiner Ausbildung in Deutſchland in einem Geſchäft gehabt, gelernt haſt, dann kann ich mir gratuliren das Reiſegeld aus dem Fenſter geworfen zu haben, und je eher Du machſt daß Du wieder hinüber kommſt, deſto beſſer.“ „Aber Vater dieſe unglücklichen Menſchen die hier nach Amerika herüberkommen, ſind ja ſo ſchon arm und elend ge⸗ nug— wir wollen uns doch nicht an ihnen bereichern.“ „Wollen wir nicht, ſo?— aber von was wollen wir denn leben heh?“ rief der Alte—„der Mosje ſchwatzt da in's Blaue hinein und bringt mir moraliſche Grundſätze auf einen Amerikaniſchen Markt, die gerade ſo gute Geſchäfte machen würden, wie ein Zahnarzt bei den Indianern. Junge, Junge ich glaubte Du hätteſt ausgelernt, und ſehe jetzt daß Du wieder ganz von vorne anfangen mußt. Die Reiſe nach Arkanſas wird Dir übrigens gut thun, mein Geſchäftsfreund dort, der einen beſonders lebhaften Whiskeyhandel nach dem Indianiſchen Territorium treibt, iſt ein höchſt praktiſcher ge⸗ wiegter Burſche, und wird Dir die deutſche Schlafmütze ſchon aus den Gliedern treiben, und Du mußt dann endlich einmal lernen, daß das deutſche Geſindel, das hier zu uns herüber⸗ 91 kommt und mit ſeiner Ueberklugheit immer unſer ganzes Ame⸗ rika verbeſſern will, nicht eher Verſtand bekommt, bis es ſeinen letzten Groſchen an den Mann gebracht hat; wer alſo dazu beiträgt daß das recht bald geſchieht, thut den Leuten nur einen Gefallen, und iſt ihr wahrer Freund, und nach den Grund⸗ ſätzen handle ich, wie ſich der junge Herr merken kann, und wonach er zu achten hat— verſtanden?“ „Lieber Vater“ ſagte Franz, der ſein Pult verlaſſen und die Feder niedergelegt hatte, ruhig und beſtimmt„Sie haben ſich da einen Weg vorgezeichnet, dem ich im Leben nicht folgen kann und will. Es mag, wie Sie vielleicht recht haben, viel Geſindel aus Europa zu uns herüberkommen, aber es kommen auch viele wackere, wenngleich arme Familien herüber, und die gerade ſind es dann, die von Agenten und Seelenverkäu⸗ fern ausgezogen und beraubt, anſtatt von dem Staat, dem ſie ihre Kräfte weihen wollen, dem ſie ihr Alles herüberbringen was ſie auf der Welt noch das ihre nennen, unterſtützt und geſchützt zu werden.“ „Auch noch?“ rief der alte Hamann verwundert aus— 5 „wir ſollen wohl noch überſelig ſein wenn ſie ankommen, und ſie füttern und pflegen und ſie noch bitten nur um Gottes Willen Nichts zu arbeiten, daß ſie ſich ja nicht die faulen Knochen ſtrapeziren. Gott verdamm mich, Junge, Du ſchwatzeſt da Zeug daß man verrückt werden möchte.“ „Ich ſpreche nur von etwas“ rief ſein Sohn, in edlem Eifer erglühend, das mir ſchon lange auf der Seele brennt und das, neben der Sclavenfrage, ein Schandfleck für die Union 92 iſt—„ich ſpreche von dem unbeſchätzten Zuſtand, in dem ſie gerade die Menſchen an ihrer Küſte berauben und plündern läßt, die das Mark ihrer Bevölkerung bilden, und ohne welche die einzelnen Staaten ſchon in ihren Schulden erſtickt und zu Grunde gegangen wären— die fleißigen Ackerbauer die den Boden urbar machen, die den Verkehr brechen für Dampfſchiff und Eiſenbahn, die den Werth des Landes in den meiſten Staaten um das zehnfache, in vielen um das hundertfache vermehrt haben, und anſpruchslos und thätig dabei ihre ſtille ruhige Bahn fortgehn.“ „Und was ſoll der Staat mit denen anfangen? was ſollte er für die thun?“ ſagte der Alte mit einem ſpöttiſchen, ja faſt verächtlichen Lächeln„die der Mosje da für die Ge⸗ plünderten und Beraubten hält, und ſeinem eigenen Vater dabei gewiſſermaßen Plünderung und Raub unter die Naſe reibt, heh?“ „Er ſollte in den Haupthafenplätzen ſeines großen Rei⸗ ches, in New⸗Orleans und New⸗York, in Philadelphia, Bal⸗ timore und wie ſie heißen, Häuſer errichten, in denen die Ar⸗ men, wenigſtens die erſten Wochen hindurch, ein Unterkommen, im Nothfall unentgeltlich fänden, und wo ihr Eigenthun, wenn ſie in das Land hinein müſſen Arbeit zu ſuchen, von geſchworenen Beamten, ſicher und vor Verfall geſchützt, auf⸗ bewahrt würde, bis ſie im Stande wären es zu reclamiren.“ „Könnte gleich eine Lleinkinderbewahr⸗Anianit d damit ver⸗ bunden werden“ lachte der Alte. „Wollte Gott es geſchähe“ rief Franz,„tauſende von 93 Kindern, die ſpäter einmal unſere beſten und kräftigſten Bür⸗ ger bilden, würden dann vor Elend und Untergang bewahrt.“ „Aber was ſagſt Du mir das hier?“ rief der Alte end⸗ lich ungeduldig werdend—„was hab' ich damit zu ſchaffen? warum gehſt Du damit nicht zum Gouverneur oder zum Prä⸗ ſidenten, und ſtellſt ihm einmal die Geſchichte vor? Der wird mit dem größten Vergnügen darauf eingehn.“ „Der Präſident kann dabei noch Nichts thun“ ſagte aber der Sohn, den im Spott gemachten Vorſchlag ganz ernſthaft nehmend—„nein die einzelnen Staaten müſſen das aus ſich ſelber kräftig ſchaffen und herſtellen; die einzelnen wohlhaben⸗ den Bürger zuſammentreten, und zum Beſten ihrer eigenen Stadt ein ſolch Aſyl gründen. Wie viel tauſend Menſchen ſehen in Amerika die Hand, die ſich ihnen und ihrer Noth Hülfe bietend entgegenſtreckt— wie viel tauſend finden aber nur daß eben die Hand, anſtatt ſie zu ſtützen und zu halten, in ihre Taſchen greift, und ſie des letzten beraubt was ſie noch mitgebracht, ſich ſelbſt zu helfen. Oh Vater, Sie ſind reich — wenn Sie den Anfang machten zu ſolchem großen Werk.“ „Du biſt ein Eſel hätt' ich bald geſagt“ unterbrach ihn der Alte aber hier mürriſch,„Donnerwetter, jetzt hab' ich den Unſinn ſatt, nun mach daß Du fortkommſt, und ſteh daß Du mir vor allen Dingen den Elſaſſer wieder findeſt— ſchick ihn mir nur herauf; ich will ſchon mit ihm fertig werden.“ „Vater!“ rief Franz in edler Entrüſtung ſich gegen einen Auftrag ſträubend, den er ſelber für unredlich und ſchlecht hielt, „Vater ich paſſe nicht zu dem, zu dem Sie mich machen wol⸗ 94 len; laſſen Sie mich fort, allein in die Welt hinaus und ich will mir mein eignes Fortkommen ſchon gründen, mir ſchon Bahn brechen zu einem neuen friſchen Leben, und wenn ich mir mein Brod im Anfang mit der Schürſtange, oder mit Art und Schaufel verdienen ſollte.“. „Und das Geld das ich für Deine Erziehung verwandt?“ rief der Alte ärgerlich—„wer zahlte mir denn die Zinſen? Schoͤne Wirthſchaft das, nicht wahr, wenn die Zeit jetzt ge⸗ kommen iſt, wo Du Deinen alten Vater, der Niemanden auf der Welt weiter hat auf den er ſich verlaſſen kann, unterſtützen ſollteſt, und dann von ihm fortlaufen willſt ein eignes Ge⸗ ſchäft anzufangen? Was würde dann aus den paar Dollarn, die ich mir erſpart, wenn ich die Angen einmal zudrücke, und fremde Menſchen dann hier um mich her ſäßen, die ſich die eigenen Taſchen in aller Geſchwindigkeit füllen würden? was würde aus dem Geſchäft ſelbſt, das ich ſeit ein paar Jahren endlich zu einer Art Aufſchwung gebracht, und das nie, ſo lange ich und Du es verhindern können, in fremde Hände fallen darf?— Unſinn Franz, Du weißt gar nicht was Du von Dir ſtoßen willſt, irgend einer firen wahnſinnigen Idee, die eben unausführbar iſt, nachzulaufen. Mach jetzt daß Du fortkommſt und thue was ich Dir befohlen habe; ich will Nichts mehr wiſſen ſag ich Dir,“ ſchrie er den Sohn unwillig an, als dieſer wieder etwas entgegnen wollte, und Franz ver⸗ ließ, tief aufſeufzend, aber mehr als je entſchloſſen ſeine Hand zu Nichts zu bieten, was er nicht vor dem eigenen Gewiſſen verantworten könne, das Zimmer. — —— 95 In dieſem aber ging, die Arme auf den Rücken gekreutzt mit raſchen, unruhigen Schritten der alte Hamann auf und ab, leiſe Flüche in den Bart murmelnd, und mit dem Kopfe dazu finſter und unwillig ſchüttelnd. Draußen klopfte Jemand leiſe an die Thür. „Herein!“ rief der Alte barſch. „Herr Hamann zu ſprechen?“ frug eine freundliche Stimme. „Ah, Sie kommen mir gerade wie gerufen, Meſſerſchmidt“ rief ihm der Alte raſch entgegen—„ſind Sie meinem Jungen begegnet?“ „Herr Hamann junior waren eben ſo freundlich mich auf der, etwas dunklen Treppe, beinah über den Haufen zu rennen.“ „Er iſt verrüͤckt der Bengel!“ rief der Vater. „Werliebt vielleicht“ lächelte Herr Meſſerſchmidt. „Gott bewahre; er will eine deutſche Kleinkinderbewahr⸗ anſtalt, und ein gratis Einwanderungshaus gründen.“ „Bah“ ſagte Herr Meſſerſchmidt,„das iſt eine Idee die am Beſten durch daſſelbe Mittel curirt wird, das ſie allein in's Leben rufen könnte.“ „Und das wäre?—“ „Geld“ ſagte der Agent, achſelzuckend—„das iſt die alte Geſchichte die nur von ſolchen immer vorgebracht wird, die gerade kein eignes Geld zur Verfügung haben, es darauf zu verwenden. Ueberweiſen Sie Ihrem Herrn Sohn ein Vermö⸗ gen, und er wird etwas Geſcheidteres damit anfangen.“ „Vermögen überweiſen“ brummte der Alte—„Sie reden da hinaus, als ob ich zwei oder mehr zu vergeben hätte. Das ärgert mich ja gerade, daß der junge Laffe eben das ruiniren will, womit ſich ſein armer alter Vater das Brod verdienen muß; unter dem Leib will er mir den Stuhl fortziehn, und ſein ſchmutziges Zwiſchendecksgeſindel darauf ſetzen; es iſt zum Verzweifeln.“ „Unſinn“ lächelte Herr Meſſerſchmidt—„laſſen Sie uns von etwas Vernünftigerem reden; das iſt eine Idee die in ſchö⸗ nen, wohlklingenden Redensarten verraucht, und wenn Sie mir folgen, geben Sie ihm vollkommen recht, muntern ihn noch dazu auf etwas derartiges zu beginnen und verſprechen ihm ihre thätige Hülfe und Unterſtützung.“ „Daß ich ein Narr wäre“ rief der Alte,„der Junge hielte mich beim Wort, und was das Schlimmſte iſt, er jagt mir ſchon jetzt die Kunden aus dem Haus hinaus, und wäre im Stande den eigenen Vater an den Pranger zu ſtellen.“ „Däs wäre allerdings fatal“ ſagte Herr Meſſerſchmidt, die Augenbraunen in die Höhe ziehend und plötzlich ganz ernſt⸗ haft werdend,„wenn die Sache ſo ſteht, beſter Herr Nachbar, da möchte ich Ihnen denn doch rathen, den Burſchen lieber aus dem Haus zu thun, und Jemanden hinein zu nehmen, auf den Sie ſich ſicher verlaſſen können. Ich ſelber würde—“ „Ihnen meinen eigenen Sohn vorſchlagen, heh?“ fiel ihm der Alte kurz und mit einem mistrauiſchen Blick in die Rede — hab' ich recht oder nicht?“ „Nun der Junge hat Talent und guten Willen.“ 97 „Glaub' ich,“ brummte der Alte,„aber mein eigen Fleiſch und Blut ſteht mir näher, und ich werde den Jungen ſchon zur Raiſon bringen; er muß mir gehorchen, oder— aber hol's der Teufel, wir wollen von'was Anderem reden,“ unter⸗ brach er ſich plötzlich ſelbſt,—„kommen Sie wegen der Pfand⸗ geſchichte?“ „Oh Gott bewahre,“ lachte Herr Meſſerſchmidt,„die Sache iſt ganz einfach; der junge Burſche behauptet, die bei⸗ den goldenen Uhren bei Ihrem früheren Barkeeper, von dem er auch die Quittung hat, verſetzt zu haben; der iſt jetzt fort, Niemand weiß wohin, und ich habe ihm nun den guten Rath gegeben, einen Aufruf an ihn in dem New⸗Orleans Advertiſer abdrucken zu laſſen, daß ihm nachher Niemand darauf ant⸗ wortet, verſteht ſich von ſelbſt. Nein, lieber Hamann, ich wollte unſere kleine Speditionsrechnung in Ordnung bringen— brauche gerade Geld, und muß vor dem neuen Jahr meine Caſſe jedenfalls reguliren.“ „Und wie viel macht's im Ganzen?“ 4 „Hundert und ſieben und neunzig Dollars funfzig Cent.“ „Seit zwei Monaten?“ „Ja, und einige Tage— Ihre Geſchäfte ſind brillant gegegangen, hier iſt übrigens auch die ſpecifirte Note.“ „Hm, hm,“ ſagte Herr Hamann, das ihm überreichte Papier öffnend und langſam durchleſend—„da ſteht ja der Goldſchmied mit 10 Dollarn darauf, der nur acht Tage im Hauſe blieb und nicht einmal ſein Boarding zahlte,— was fällt Ihnen denn ein?— den müſſen Sie ſtreichen.“ Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 1 7 „Er war geſtern bei mir;“ ſagte Herr Meſſerſchmidt lä⸗ chelnd,„und frug mich um Rath wie er wohl wieder zu der Tuchnadel kommen könne, die wohl einige achtzig Dollar werth ſein ſoll.“ „Bah, Unſinn, der Quark war nachgemacht— fünf und ſiebzig Cent hat mir der Jude dafür gegeben.“ „Das hab ich ihm auch geſagt,“ ſchmunzelte der Agent, „und ihm ſogar verſichert, ich würde es im Nothfall bezeugen können.“ „Nichtsnutziges Geſindel“ brummte Herr Hamann, in gerechter Entrüſtung über die Schlechtigkeit der Welt, erwähnte aber weiter nichts von den zehn Dollarn. Der Agent beob⸗ 32 achtete ihn indeſſen ſchweigend, während er las, und trommelte dabei auf dem Hut den er zwiſchen den Knieen hielt, einen Marſch. 1 „Hier iſt noch ein Pöſten, der nicht hierher gehört.“ „Und?— „Die Oldenburger— ich bitte Sie um Gottes Willen, was ſchaffen Sie mir für Volk in's Haus. Drei Wochen füttere ich jetzt die ganze Geſellſchaft, und habe ihnen heute Morgen, weil gar nichts aus ihnen herauszukriegen iſt, ge⸗ kündigt— wie kann ich ihnen demnach zwei Dollar für den Kopf zahlen?“ „Sie haben recht, das wäre unbillig,“ ſagte Herr Meſſer ſchmidt freundlich—„wir wollen es dann lieber ſo machen— ich zahle Ihnen den„Boarding“ für die Leute, ziehe aber, was 99 ⸗ ſie indeſſen an Arbeit im Hauſe geleiſtet haben, ab, und be⸗ 8 r komme dann ihr Gepäck ſo lange überliefert.“ Herr Hamann ſah mit einem nichts weniger als freund⸗ lichen Blick nach ihm hinüber, faltete aber das Papier zuſam⸗ d men, hielt es ein paar Secunden wie nachdenkend in der Hand und ſagte dann kopfſchüttelnd: t,„Das würde eine Maſſe Umſtände und Rechnereien ma⸗ n chen— da, gehen Sie an den Pult und ſchreiben Sie mir Ihre Quittung, ich hole Ihnen indeſſen das Geld.“ AAlter Gauner,“ murmelte Herr Meſſerſchmidt, dem Wirth 1 aber unhörbar, freundlich zwiſchen den Zähnen durch, und ging b⸗ mit einer höflichen Verbeugung zu dem Stehpult, dem Ver⸗ ſe langen Fol ge zu leiſten. Wenige Minuten ſpäter war dieß en Geſchäft zwiſchen den beiden Männern abgemacht. Wie Herr Meſſerſchmidt das Geld gerade nachgezählt, die einzelnen Bank⸗ noten ſehr genau betrachtet, und dann in ſein Taſchenbuch ge⸗ legt hatte, klopfte es wieder an die Thür, und auf das mür⸗ riſche„Herein“ des Hausherrn, drückte ſich, ängſtlich und ver⸗ en, legen, ſeinen Hut dabei unter den Arm quetſchend, der eine en der Oldenburger in's Zimmer und blieb an der Thüre ſtehn. lte„Nun, was ſoll's,“ ſagte Herr Hamann, während Herr ge⸗ Meſſerſchmidt aufſtehend an das Fenſter ging und hinaus auf den die Straße ſah. „Herr Wirth,“ ſagte der Oldenburger mit bittendem Aus⸗ er⸗ druck in der Stimme,„Ihr Ausſchenker hat uns vorhin ge⸗ — ſagt, daß Sie uns nicht länger in Koſt behalten wollen.“ 1„Füttern wollen, meint Ihr wohl?“ ſagte Herr Hamann, 8 7* „wie komme ich dazu, ganze Schiffsladungen voll Menſchen zu ernähren, ohne daß ich einen Pfennig Bezahlung be⸗ käme?“ „Wir wollen ja gern gehn,“ ſagte der Mann, nund Ihnen ſpäter Alles auf Heller und Pfennig bezahlen, aber er will uns unſere Koffer nicht mitgeben.“ „Auch noch, nicht wahr?— erſt hier Gott weiß wie lange mit den ganzen Familien zehren, und dann auch noch mit Sack und Pack abziehen— dumm ſeid Ihr nicht, daß muß wahr ſein, und blöde auch nicht.“ „Wir wollen Ihnen ja gern den Werth der gehabten Koſt in Sachen zurücklaſſen, wenn wir nur das Uebrige mit fortnehmen dürfen. Wir können doch nicht ſo in die Welt hineinziehn?“ „Das geht mich Nichts an,“ entgegnete aber mürriſch der Wirth,—„ich habe hier keinen Handel mit alten Kleidern, ſondern ein Gaſthaus, in dem ich für jedes Pfund Fleiſch, was ich haben will, baar mit meinem Gelde zahlen muß—“4 „Aber was ſind wir Ihnen denn eigentlich ſchuldig?“ frug. der Mann,„der Ausſchenker hat uns eine Rechnung gegeben, auf der eine Menge Gläſer Getränke ſtehn, von denen wir Nichts wiſſen, aber nicht einen Pfennig für die Arbeit abge⸗ rechnet, die wir in der Zeit für Sie gethan, und die Frauen haben doch Woche ein Woche aus gewaſchen und wir ſelber 4 all ihr Holz geſpalten und geſägt, Ihren Miſt gefahren, Ihre Kartoffeln ausgemacht im Feld, und hereingeſchafft. 101 „Die Arbeitstage ſind Euch nicht mit aufgeſchrieben,“ ſagte Herr Hamann. „Nein, das iſt wahr, aber auch Nichts dafür zu Gute, lieber Gott, wir haben uns unſere Kleider dabei herunter ge⸗ riſſen und tüchtig zugegriffen, das wiſſen Sie ſelber am Beſten.“ „Mein Eſſen war auch nicht ſchlecht, und bei den theue⸗ ren Zeiten könnt' ich's vor meinen Kindern nicht verantwor⸗ ten, wenn ich andere Leute umſonſt fütterte; warum ſucht Ihr Euch keine feſte Arbeit.“ „Lieber, guter Gott,“ ſagte der Mann,„da der Herr, der da am Fenſter ſteht, kann Ihnen darauf die beſte Antwort geben; hat er uns nicht von Woche zu Woche hingehalten und immer und immer verſprochen, und immer Nichts ge⸗ bracht?“ „Na ja, nun macht mir auch noch Vorwürfe, daß ich mir Euretwegen die Schuhſohlen abgelaufen, ohne einen rothen Dreier dafür zu haben,“ rief Herr Meſſerſchmidt, ſich raſch und ärgerlich nach dem Manne umdrehend,„kann ich die Leute zwingen, Euch Arbeit zu geben, oder habe ich mich überhaupt dazu verpflichtet?“ „Nichts für ungut,“ bat der arme Teufel kleinlaut,„es war ja gar nicht ſo bös gemeint, und ich habe es nur er⸗ wähnt, um dem Herrn da zu beweiſen, daß wir ja Alles thun wollten, was eben nur in unſeren Kräften ſtand.“ „Gut, ich will Euch was ſagen, rief Herr Hamann nach einer kleinen Pauſe, in der er wie überlegend vor ſich nieder⸗ 102 geſehen,„da es Euch doch zu viel Schererei machen würde die Frauen mitzunehmen, wenn Ihr Arbeit ſuchen geht, ſo mögen die beiden Frauen mit den beiden Kindern hier bei mir im Hauſe bleiben, und für ihre Koſt die Wäſche beſorgen, bis Ihr wieder kommt. Seid Ihr das zufrieden?“ Aber würden Sie ihnen denn da nicht wenigſtens einen kleinen, nur ganz geringen Lohn ausſetzen?“ bat der Mann, „damit wir—“ „Nun ja, reicht dem Volk einen Finger und ſie greifen 1 4„— 7 nach der ganzen Hand,“ rief Herr Hamann ſich entrüſtet ge— A gen den Agenten wendend—„geht zum Teufel mit Eurer ganzen Sippſchaft, ich will meinem Gott danken, wenn ich Euch Alle los bin.“ „Aber, ſo war es ja gar nicht gemeint,“ ſagte der Mann ſchüchtern,„wir ſehen ja ein daß ſie Noth und Mühe genug mit uns gehabt haben, und die Frauen nur aus Gefälligkeit hier ſo lange im Hauſe laſſen wollen— nichts für ungut, und wir Anderen wollen dann unſer Möglichſtes thun, und finden wir nur Arbeit, gewiß unſere Schuld bald abtragen. Etwas Wäſche dürfen wir uns doch aus unſeren Koffern neh⸗ men, nicht wahr Herr Hamann.“ „Ja, meinetwegen, der Barkeeper ſoll Euch das nachher herausgeben; jetzt macht aber, daß Ihr fortkommt, ich habe mehr zu thun, und wenn der Barkeeper Zeit hat, ſoll er ein⸗ mal einen Augenblick heraufkommen.“ Der arme Teufel von Bauer dankte dem Mann auf das Herzlichſte, und würde ihm gern die Hand zum Abſchied in 8 103 aller Freundſchaft gereicht haben, wenn er ſich's eben getraut hätte. So verbeugte er ſich nur gegen die beiden Männer, die ſeiner gar nicht achteten, und zog die Thür hinter ſich in's Schloß, die aber gleich darauf wieder, und zwar raſcher als vorher, aufflog. Unwillig ſah Herr Hamann dorthin, eine nochmalige Störung der Bauern mit Entrüſtung zurückzuweiſen, als er in das rothe, halb ſpöttiſche, halb kecke Geſicht Eines ſeiner Iriſchen Boarders ſchaute, der ihm ganz reſpektswidrig ver⸗ traulich zunickte, die Thür hinter ſich zumachte und dann auf Herrn Hamann zuging. „Nun, was ſoll's, Patrick?— was habt Ihr hier oben zu ſuchen?“ rief ihn der Wirth, mit der Nähe des ſtets halb⸗ trunkenen Burſchen eben nicht recht zufrieden, mürriſch entge⸗ gen,—„weshalb hat Euch der Barkeeper hier heraufge⸗ laſſen?“ „Konnts eben nicht verhindern, mein Herzchen,“ ſagte Patrick lachend,„denn wie er mir in den Weg treten wollte, legte ich ihn ganz ſanft— ich habe dem ſüßen Burſchen nicht ein Bischen weh gethan,— unter den Schenktiſch.“ „Was wollt Ihr denn da von mir?“ rief Herr Hamann beſtürzt aus?—„was habt Ihr vor, daß Ihr mit Gewalt hier zu mir heraufbrecht, und meine Leute mishandelt.“ „Frieden, bei Jäſus mein Herzchen,“ beſchwichtigte ihn aber der raufluſtige Ire,„Nichts honey, wie eine kleine Ab⸗ rechnung zwiſchen uns Beiden, von denen Jeder glaubt, daß der Andere in ſeiner Schuld iſt.“ „Ich in Deiner Schuld Patrick?“ rief aber Herr Hamann raſch erſtaunt ans—„wohl deshalb, weil Du beinah drei Wochen bei mir gegeſſen und getrunken haſt?“ 4 „An der bar iſt jeder Schluck bei Cent und halbem Cent bezahlt,“ betheuerte der Ire. „Aber das Eſſen, wer hat das berichtet?“ „Hab ich Euch nicht den Graben um den Hof gezogen?“ „Den Graben,“ rief Herr Hamann verächtlich,„Du haſt Ddir drei volle Tage, das heißt die Stunden abgerechnet, die Du dabei im Schenkzimmer geſeſſen mit dem kleinen Gra⸗ ben—“ „Ueber Mittag, Herzchen.“ „Nun ja, das wollen wir nicht unterſuchen drei volle Tage mit dem kleinen Graben herumgeſchlagen, den ein tüch⸗ tiger Arbeiter in einem Tage beendigen würde. Doch bin ich auch Willens Dir ſelbſt das zu vergüten.“ „Nun ja, honey, da ſind wir ja ſchon in Ordnung,““ lachte der Ire,„Dein Holzkopf von Barkeeper hätte mir mein Bündel gleich herausgeben und ſich ſelber eine Unannehmlich⸗ keit erfparen können.“ „Wenn Du den Reſt herauszahlſt.“ „Welchen Reſt— „Der mir noch zu Gute kommt— 8. „Verdammt der Cent, den Ihr da noch kriegt, lachte der Ire—„drei Tage Arbeit pr. Tag zwei Dollar, ſind ſechs Dollar.“ „Drei Tage und zwei Dollar den Tag?— Ihr ſeid verrückt 5 Capitel 5. 105 „Never mind,*) immer noch genug bei Verſtand meinen eigenen Vortheil wahrzunehmen,“ ſpottete der Ire—„macht alſo ſechs Dollar, zwei eine halbe Woche für drei Dollar ge⸗ boardet, bleiben anderthalb Dollar Reſt, die ich dem Fiſchkopf von Barkeeper unten auf den Schenktiſch gezählt habe, und die der Töffel nicht nehmen wollte. Natürlich ſteckt' ich ſie wieder ein, und nun kann er ſehn, wie er ſie zum zweiten Mal aus Patricks Taſche kriegt.“ „Ihr könnt Euere Sachen nicht eher bekommen bis Ihr Euere Rechnung bezahlt habt,“ miſchte ſich in dieſem Augen⸗ blick Herr Meſſerſchmidt in's Geſpräch, wünſchte aber auch gleich darauf gar Nichts geſagt zu haben, denn der Ire, durch den Streit unten und ein paar Gläſer Whiskey erhitzt, fuhr jetzt dermaßen gegen ihn an, und drohte ihm bei der geringſten Sylbe, die er, den die Sache auf der Welt Nichts anginge, wieder hineinwürfe, mit einer ſo ungemeſſenen Anzahl Hiebe, daß ſich der feige Burſche ſchon langſam nach der Thüre zu⸗ rückziehn wollte. Doch auch hieran wurde er von dem auf⸗ merkſamen Iren verhindert, der nicht mit Unrecht fürchtete, der Agent würde dann unten vielleicht Lärm machen und einen Conſtabler herbeiholen; den beiden Männer aber dabei erklärte, daß er ihnen alles was im Zimmer ſtände kurz und klein ſchla⸗ gen und ihre eigenen beiden erbärmlichen Cadaver noch dazu vor ſich her die Treppe hinuntertreten wolle, wenn ihm nicht augenblicklich ſein Bündel Wäſche ausgeliefert würde.“ *) Macht Nichus aus. Hamann und Meſſerſchmidt, obgleich der letztere von derber, unterſetzter Statur war, getrauten ſich nicht den Bur⸗ ſchen zum Aergſten zu treiben und Hamann beſonders ſagte ſchnell und höflich: „Aber ſo machen Sie doch nur nicht ſolch einen Lärm, beſter Herr Patrick— wenn Sie Ihre Arbeit für ſo viel werth halten, habe ich auch nicht das Mindeſte dagegen— laſſen Sie ſich nur unten Ihr Bündel geben.“ „Natürlich,“ ſagte Patrick, der ſeinen Vortheil raſch über⸗ ſah, lachend,„Alles in Ordnung Mr. Hamann— geht wie geſchmiert, bitte dann nur um die Odittung für bezahlie Koſt.“ 7 Hamann wollte ſich noch weigern etwas Schriftliches zu geben, er ſah aber auch bald daß er den Burſchen nicht anders los würde, und ſchrieb ihm raſch ein paar Zeilen für den bar- keeper auf. „Danke Sir,“ ſagte der Ire, das Geſchriebene durchbuch⸗ ſtabirend und dann in die Weſtentaſche drückend—„jetzt iſt's 1 aber an mir zu traktiren— wollen Sie nicht mif hinunter gehn und eins mit mir trinken?“ „Sie haben doch jetzt Alles was Sie wollen?“ ſagte Herr Hamann, nun auch endlich ungeduldig werdend. „Haha, nichts für ungut,“ rief aber der Ire,„wenn ein Gentleman den andern traktiren will, iſt das eine Höflichkeit und muß auch als ſolche betrachtet werden; aber never mind — wenn Sie nicht wollen, ſo viel beſſer, und nun good bye Gentlemen.“ Und die Hände in die Taſche ſchiehend, während 8 107 er ſich eine ſeiner Iriſchen Jigs pfiff, verließ Patrick, mit vol⸗ lem Grund höchſt zufrieden über ſeinen Erfolg, das Zimmer, und eine Viertelſtunde ſpäter, mit ſeinem Bündel unter dem Arm auch das Haus, in dem er ſich faſt drei Wochen Koſt und Logis durch ein paar Tage leichte Arbeit ertrotzt hatte. „Sie ſollten einen Conſtabler rufen und den Burſchen arretiren laſſen,“ ſagte Herr Meſſerſchmidt ärgerlich, wie der Ire das Zimmer verlaſſen hatte „Daß mir die Schufte nachher das Haus oder den Schenk⸗ ſtand demoliren,“ knurrte Herr Hamann,„nein der Lump mag laufen, fällt mir vielleicht einmal wieder auf andere Art unter die Hände, aber eine Warnung ſoll mir's für die Zukunft ſein, keine Iren wieder in mein Haus zu nehmen— es iſt trunknes, raufluſtiges, betrügeriſches Volk; da lob' ich mir die Deutſchen, die nehmen Vernunft an, und haben vor der Polizei Reſpekt. Aber lieber Gott, mir iſt der Aerger ordentlich in die Glieder geſchlagen, und Sie thäten mir einen großen Gefallen, Herr Meſſerſchmidt, wenn Sie mir durch einen der Leute unten ein ./ Glas Wein heraufſchickten.“ „Mit. Vergnügen,“ ſagte Herr Meſſerſchmidt, ſeinen Hut aufgreifend und im Begriff das Zimmer zu verlaſſen— „apropos Herr Hamann— die Aktien, die Sie im vorigen Jahr gekauft haben, ſind ja in den letzten Wochen fabelhaft geſtiegen— Sie müſſen ein raſendes Geld daran verdient haben.“ „Wenn ich ſte hätte behalten können,“ entgegnete mür⸗ riſch der Wirth,„glauben Sie ich verdiene hier Capitalien 4 zum Hinlegen?— Gott ſei's geklagt, meine deutſchen Lands⸗ leute, mit den Verluſten die ich allein an Auslagen für Pro⸗ viant und Getränke habe, machen mich, wenn ich noch länger das Geſchäft fortſetze, zum Bettler, und bin mehr als je ge⸗ ſonnen, mich ganz zurückzuziehn und es meinem Sohn zu übergeben, dem ewigen Aerger und Skandal zu entgehn. Wäre mit dem thörichten Geſellen nur ein vernünftiges Wort zu reden— bitte den Wein, lieber Herr Meſſerſchmidt.“ „Guten Morgen Herr Hamann.“ „Guten Morgen Herr Meſſerſchmidt“— und der Alte ging mit auf den Rücken gekreuzten Händen und feſt und är⸗ gerlich zuſammengezogenen Brauen wieder in ſeinem Zimmet auf und ab, bis der Barkeeper, einen kleinen Präſentirteller in der Hand, auf dem eine Karaffe Rothwein und ein Waſſer⸗ glas ſtand, herein kam und dieſes auf den Tiſch ſetzte. Ha⸗ mann ſah ihn an, nickte ihm zu daß es gut ſei, und ſetzte ſeinen Marſch im Zimmer fort, während Jimmy jedoch auf ſeiner Stelle ſtehen blieb, und— einer leidigen Gewohnheit nach, einen ſeiner Finger nach dem anderen We daß es klang als ob er ſich die Glieder vom Leibe bräche. „Nun was giebt' noch?“ ſagte Herr Hamann, mürriſch vor ihm ſtehen bleibend—„was wollen Sie?“ „Verdammt feines Mädchen unten, Sür,“ ſagte Jimmy, zog die Augenbrauen in die Höhe, und ſtreckte, die Schultern zurückpreſſend, den Kopf ſo weit nach vorn, als er nur mög⸗ licher Weiſe konnte. 2 „Verdammt feines Mädchen?“ ſagte Herr Hamann er⸗ * 109 ſtaunt,„was zum Teufel ſchiert denn das mich?— ſind Sie betrunken?“ Jimmy behielt ſeine Stellung bei, zog aber den Mund, wie in freundlicher Anerkennung des huldreichen Scherzes, von einem Ohr bis zum andern, ohne übrigens auch nur eine Sylbe weiter zu erwiedern. „Nun zum Wetter noch einmal, was wollen Sie denn von mir? ſtehn da und ziehen das Maul breit, als ob Sie eine Schlehe verſchluckt hätten; glauben Sie das ich Zeit habe Ihren Albernheiten zu folgen?“ Wie man, mit einem einzigen Ruck einen Tabacksbeutel zuſammen und in zahlloſe Falten legen kann, ſo zuckte das Geſicht des eben noch ſo freundlichen Mannes nach dem Mit⸗ telpunkt der zu einer Spitze vorgeſchobenen Lippen, von denen fich die Augenbrauen wo möglich noch weiter entfernten, und eine halbe Minute vielleicht in dieſer Stellung bleibend ſagte er ruhig: „Setzt Jemand irgend etwas in irgend eine Zeitung, wenn Jemand von irgend etwas nachher nichts wiſſen will?“ „Herr Hamann wollte noch heftiger darauf erwiedern, als ihm plötzlich einfiel daß er allerdings eine Annonce hatte in das deutſche Blatt einrücken laſſen, wonach er ein junges deutſches Mädchen ſuchte, die Aufwartung bei Tiſch, das Ein⸗ ſchenken des Kaffee und Thee, und die Ueberwachung ſeines Geſchirrs und ſeiner Wäſche zu übernehmen. Jimmy aber, als er merkte daß ſein Principal jetzt wußte was er wollte, begann wieder ſeine Fingergelenke zu revidiren und überzuknacken, als ob er ſich von der Brauchbarkeit derſelben zu überzeugen wünſche. „Sie bringen Einen noch zur Verzweiflung, mit Ihrem verfluchten Geſichter ſchneiden und Finger brechen“ ſagte Herr Hamann aber ungeduldig—„können Sie das nicht gleich, und gerad' herausſagen?“ „Verdammt feines Mädchen unten, Sür!“ begann Jimmy wieder, genau wie im Anfang! ſeine Rede, den Prin⸗ cipal vielleicht zu überzkugen daß er eben gar nichts anderes gleich geſagt habe. „Wird wieder ſo ein Rüpel mit Holzſchuhen ſein, wie ſich ſchon ein Dutzend gemeldet hat“ brummte der Alte. „Venus!“ ſagte Jimmy, und drohte ſich wirklich ſeine Finger zu verrenken. „Eſel— hätte ich bald geſagt“ ziſchte Herr Hamann zwiſchen den Zähnen durch und ſetzte dann lauter hinzu— „und warum ſchicken Sie mir ſie nicht herauf?“ Jimmy hielt darauf eine Antwort für unnöthig, und ver⸗ ſchwand blitzſchnell durch die noch offene Thür, wenige Minu⸗ ten ſpäter mit der Angemeldeten zurückzukommen, die er aber, da in dieſem Augenblick unten nach ihm gerufen wurde, allein oben mit ſeinem Herrn zurücklaſſen mußte. Aber, ſchon in der Thür, drehte er ſich noch einmal nach dem jungen, in ſeiner dunklen einfachen Tracht wirklich bildhübſchen Mädchen um, ſtarrte ihr vielleicht eine halbe Minute lang ſtier in die Augen, und war dann in wenigen Sätzen die Treppe hinunter. Vor Herrn Hamann indeſſen, mit, von der Erregung . 111 des Augenblicks, der vielleicht über ihr künftiges Schickſal ent⸗ ſcheiden ſollte, etwas gebleichten Wangen, ſtand Hedwig Loßen⸗ werder, und ſagte mit noch ein wenig zitternder aber bald wie— der feſt werdender Stimme: „Sie haben, mein Herr, eine Wirtthſchafterin für Ihr Hausweſen geſucht, und ich bin gekommen mich Ihnen dafür anzubieten.“ „Hm“ ſagte Herr Hamann dicht vor dem jungen Mäd⸗ chen ſtehen bleibend, und ſie ſo, feſt und aufmerkſam von Kopf bis zu Füßen betrachtend, daß dem armen Kinde das Blut in Stirn und Schläfe ſtieg, und es verlegen den Blick zu Boden ſenkte—„hm— nicht übel, aber— Sie ſind zu jung mein Kind—“ „Ich habe in ähnlicher Weiſe ſchon drei Jahre in Dienſt geſtanden“ ſagte ſie leiſe. 1 „Drei Jahre? und wie alt ſind Sie jetzt?“ „Ich werde im nächſten Monat ſechzehn Jahr.“ Hamann ſchüttelte mit dem Kopf und ſetzte, die Fremde dabei dann und wann von der Seite anſehend, ſeine Wande⸗ rung im Zimmer wieder fort, während Hedwig indeſſen ſtill und regungslos ſtehen blieb, eine entſcheidende Antwort des Mannes zu erwarten. Die letzten Wochen hatten eine große Veränderung in Hedwigs ganzem Aeußeren hervorgerufen, und das ängſtlich ſchüchterne, faſt kindliche Mädchen, das ſie noch an Bord ge⸗ weſen, war zur ernſten, ſelbſtſtändigen, ſelbſthandelnden J Jung⸗ frau herangereift, in der kurzen Zeit. Schwere Stunden waren 112 1. es aber geweſen, die das bewirkt, ſchwere, herbe Stuͤnden, in denen die ſelber ſo unglückliche Clara ihr Alles. vertraut, was das eigene Herz bedrückte, von dem erſten Verdacht des Dieb⸗= ſtahls an, bis zu dem Augenblick wo ſie die Gewißheit in Mark und Seele traf, daß der eigene Gatte der Verbrecher ſei, und weit ſchlimmer und entſetzlicher als ein bloßer feiger Dieb, nicht allein den treuen ſchuldloſen Diener ihres Vaters, nein auch ihr eignes Glück und Leben kalt und meuchleriſch gemor⸗ det habe. Der Schmerz um den Bruder war damit, wenn nicht aus ihrer Bruſt gewichen, doch von anderen, mächtigeren Gefühlen die ſie früher nie gekannt, abgeſtumpft, ja faſt verdrängt— von einem Gefühle der Bitterkeit gegen die Menſchen, die ei⸗ nen armen Unglücklichen kalt und theilnahmlos verderben lie⸗ ßen, ohne ſich viel um ſeine Schuld oder Unſchuld zu kümmern, und dem Gemordeten kaum ein einſam verachtetes Plätzchen an der Kirchhofsmauer gönnten; von einem Gefühle des Haſſes gegen den Mörder ſelbſt, der frei und ledig, in Glück und Reichthum— der Beute ſeines Verbrechens— unter Gottes Sonne wandelte. Nur an Clara hing ſie mit aller Liebe und Aufopferung, deren ihr warmes, weiches Herz fähig war, nur in Clara ſah ſie die Leidensſchweſter— nicht mehr die Gebieterin— die mit ihr, noch ſtärker faſt getroffen und geſchlagen worden, und einem Schatten gleich, lag eine dunkle Ahnung, der ſie nicht Ausdruck, Form zu geben wußte, auf ihrer Seele, daß der Verſtorbene in größerem Schmerz und Weh dahin geſchieden, auch von ihr verkannt zu ſein. . N 74. 75 „Und Sie glauben daß Sie der Sache vorſtehen könnten?“ — ſagte Hamann endlich, wieder vor ihr ſtehen bleibend und ihr ſcharf und forſchend in's Auge ſchauend.— „Ich glaube es“ ſagte Hedwig, dem Blick feſt begegnend. „Haben Sie Zeugniſſe?“ „Ja— hier.“ Der Wirth überlas die Papiere und gab ſie ihr zurück. „Ja, das klingt Alles recht ſchön“ ſagte er,„aber iſt weit von hier, und irgend ein Thorſchreiber oder Bäcker kann das eben ſo gut geſchrieben haben, aber“— ſetzte er raſch hinzu, als er ſah daß ſich die Wangen des jungen Mädchens unter dem halben Verdacht tiefer färbten, und ſich ihre Geſtalt höher emporrichtete—„aber das kann und wird auch wohl Alles in Ordnung ſein, nur darauf gehn können wir hier nicht, und müſſen ſelber ſehn und prüfen. Sind Sie das zufrieden?“ „Ich will eine Woche auf Probe meinen Dienſt antreten“ ſagte Hedwig,„wenn Ihnen das genügt.“ „Das wäre gut“ ſagte Herr Hamann, leiſe mit dem Kopfe nickend—„und wie viel Lohn verlangen Sie?“ „Keinen.“ „Ich meine nicht für die Probewoche, ſondern überhaupt.“ „Keinen“ ſagte die Jungfrau feſt und entſchieden. „Keinen Lohn?“ rief Herr Hamann, überraſcht zu ihr aufſchauend—„und was ſonſt dafür? denn um gar Nichts kann ich mir doch nicht gut denken daß Sie arbeiten wollen?“ „Nein“ ſagte Hedwig mit leiſerer Stimme als vorher— „ich verlange vielleicht mehr dafür, als Sie geſonnen ſind Gerſtäcker’s Nach Amerika. Iv. 8 114 mir zu bewilligen, könnte aber auch nur unter der Bedingung die Stelle, die ich gewiß zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen würde, annehmen.“ „Und das wäre?“ „Ich habe eine kranke Schweſter in der Stadt“ ſagte Hedwig—„das wenige was wir mitggebracht iſt bald ver⸗ zehrt, und ich ſuche deshalb einen Dienſt, uns Beide zu erhal⸗ ten, bis meine Schweſter wieder zu Kräften gekommen iſt. Alles was ich bis dahin für meine Arbeit verlange iſt, daß ſie mein Zimmer mit mir bewohnen, mein Lager mit mir theilen darf, und die wenige Nahrung erhält die ihr Körper verträgt.“ „Eine Kranke in's Haus nehmen?“ ſagte Herr Hamann, kopfſchüttelnd,„nein Mamſell, das iſt eine misliche Sache, davon hat man nur Schererei und Koſten, und darauf kann ich mich nicht einlaſſen.“ „Sie iſt nicht mehr krank“ ſagte Hedwig raſch,„nur noch ſchwach und erſchöpft von ſchwerem doch überſtandenen Leiden. Nur Ruhe bedarf ſie, keiner Pflege mehr; auch ver⸗ lange ich nicht daß ſie mit an der Wirthstafel ißt; das Wenige was ſie braucht würd' ich ihr ſelber bringen.“ „Wie heißen Sie⸗ frug Herr Hanann „Hedwig. „Und Ihre Schweſter?“ „Clara.“ „Mit Zunamen?“ „Loßenwerder“ ſagte Hedwig, und wie ſie den Namen ausſprach faͤrbten ſich ihr Stirn und Schläfe dunkelroth. *+ 115 „Clara Loßenwerder?“ wiederholte Hamann. „Ich heiße Hedwig!“ ſagte das junge Mädchen, und eine eigene, ihr ſelbſt unerklärliche Angſt ſchoß ihr bei der Ver⸗ bindung jener beiden Namen durch das Herz. „Ja ja, Hedwig“ wiederholte Herr Hamann, ſie wieder dabei betrachtend, als ob er ihr mit dem Blick bis in das innerſte Herz hineinſehn wollte—„nun ich will Ihnen ein⸗ mal etwas ſagen— Ihr Geſicht gefällt mir, obgleich man danach nicht recht gehn kann, und durch eine hübſche Firma oft genug hinter's Licht geführt wird; aber— wir könnens ja nnnai mit einander verſuchen. Ich brauche zwar eine derartige Wirthſchafterin gerade jetzt nicht mehr ſo unumgänglich nöthig, und würde auch nur wenig Lohn geben können; vielleicht, wenn wir einander zuſagen, ließe ſich's aber auch auf die Art ein⸗ richten, erſt müſſen wir jedoch Beide wiſſen, woran wir mit⸗ einander ſind; wären Sie das zufrieden?“ „Ich habe nicht mehr verlangt“ ſagte Hedwig. „Gut, dann koͤnnen Sie heute noch anziehn, wenn Sie wollen— aber die Schweſter bringen Sie mir noch nicht in's Haus“ ſetzte er raſch hinzu„es iſt das mit kranken Leuten eine eigene Sache.“ „Aber darf ich ſie in der Woche jeden Tag wenigſtens einmal beſuchen?“ frug Hedwig. „Zwiſchen dem Mittag- und Abendeſſen iſt nicht viel Zeit“ ſagte Herr Hamann,„aber die Abende n ach dem Eſſen, könnnen Sie benutzen wie Sie wollen— alſo wann kommen Sie?“ 8* „Noch heute Mittag finde ich mich ein“ ſagte Hedwig, „und hoffe recht von Herzen daß Sie mit mir zufrieden ſein werden.“ Sie verließ nach kurzem Abſchiedsgruß, aber Troſt und Hoffnung im Herzen, das Gemach, während Herr Hamann ſich aus der, bis jetzt noch nicht berührten Karaffe ein volles Glas Wein einſchenkte, und dann, wieder vollkommen zufrieden mit ſich ſelber, ſeinen Spatziergang im Zimmer aufnahm. Für die Beſetzung einer ſolchen Stelle hatte er ſchon ge⸗ fürchtet ziemlich beträchtlichen Lohn zahlen zu müſſen, denn er konnte ſich eine Perſon dazu nicht aus dem Haufen der Aus⸗ wanderer herausſuchen, und jetzt war alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß er ſie durch ein ganz junges hübſches Mädchen, was ihm jedenfalls eine Maſſe Koſtgänger in's Haus ziehn würde, und für wenig mehr als Nichts, für die doppelte Koſt voon ein paar Frauen, die überdieß nicht viel aßen und gar Nichts tranken, bekommen konnte. Canitel A. Verſchiedene Beſchäftigungen. DTDor der Thüre des deutſchen Wirthshauſes in— street, ſtanden die armen Oldenburger, jeder ein kleines Bündel un⸗ ter dem Arm, und ſchauten trübſelig und troſtlos die Straße hinauf und hinab, die nach Norden und Süden hin in die Welt, die weite Welt hinaus führte. Und immer noch hatten ſie nur erſt deren Schwelle betreten, immer noch hoben ſie zö⸗ gernd den Fuß, und wagten ihn nicht niederzuſetzen, weil er nicht gleich den altgewohnten Boden unter ſich fühlte, und während der eine ſeufzte und den Kopf hängen ließ, kratzte ſich der Andere mit der rechten Hand hinter dem Ohr, und zerrieb einen halbgemurmelten Fluch zwiſchen den feſt überein⸗ ander gedrückten Zähnen. „In Amerika können die Bauern in den Kuts⸗chen fah⸗ ren“ ſang da plötzlich eine wohlbekannte Stimme ein nur zu wohlbekanntes, aber ſchon lange nicht mehr angeſtimmtes Lied. 118 „In den Kuts⸗chen mit Sammet und mit Sai⸗de! und als ſie ſich eben nicht freudig überraſcht, nach dem Sänger umdrehten, raſſelte eben der kleine wunderliche Karren Maul⸗ beeres, von dieſem geſchoben, an ihnen vorüber, und der Dampf aus der kleinen ſchmutzigen Pfeife zog in zuſammengedrängten kurzen Kräuſelwolken, regelmäßig auspuffend wie von einer Diminutiv⸗Locomotive hinter ihm drein. Uebrig gens that er gar nicht, als ob er die Oldenburger ſähe, und war auch ſchon an ihnen vorbei, als ihn der Ruf des Einen—„Herr Maul⸗ beere—“ erreichte und anhalten machte. Es iſt ein eigenthümliches Gefühl nach einer gewiſſen Zeit wieder mit fruͤheren Reiſegefährten zuſammenzutreffen, von denen es ſich dabei wunderbarer Weiſe ganz gleich bleibt, ob man ſie gern gehabt unterwegs, oder gar nicht mit ihnen verkehrt hat, vielleicht die ganze Reiſe über. Was da unterwegs auch mag vorgefallen ſein, wie man übereinander gedacht, und ſich vielleicht ganz beſonders danach geſehnt hat das Schiff ver⸗ laſſen zu können, von ſolcher Geſellſchaft endlich einmal fortzukommen; ein kurzer Aufenthalt an Land, mit dem Frem⸗ den, Ungewohnten um ſich her, hat das Alles verſcheucht, wir haben es vergeſſen, und begrüßen mit aufrichtiger Freude den früheren Reiſe⸗ und Leidensgefährten. „Guten Tag Herr Maulbeere“ ſagte der eine Oldenbur⸗ ger, der, ſein Bündel in der Linken, die paar Schritte hinter dn hergegangen war und jetzt, neben ihm ſtehen bleibend, die rechte nach ihm ausſtreckte—„wie gehts hier in Amerika?“ „Hallo“ ſagte Maulbeere, ſein Tragband von den Hand⸗ 119 griffen ſeines Karrens ziehend und, indem er ſich aufrichtete, die gebotene Hand, aber noch etwas zögernd annehmend— „hallo Ihr Leute— immer noch zu Fuß?— Donnerwetter, wo ſind denn die„Kuts⸗chen?“ „Ja Kuts⸗chen“ ſagte der Oldenburger in ſeinem eigen⸗ thümlichen Dialekte,„es fährt ſich hier was in Kuts⸗chen— wir ſind froh daß wir zu Fuß gehn dürfen—“ „Ich fahre,“ ſagte Maulbeere mit einem wohlwollenden Seitenblick auf ſeinen Karren. „Soweit haben wir's noch nicht einmal gebracht,“ ſagte der Andere, jetzt ebenfalls hinzutretend,„guten Tag Herr Maulbeere.“ „Guten Morgen meine Herren, guten Morgen; irgend etwas zu ſchleifen?— Scheeren, Meſſer, Raſirmeſſer, Lanzet⸗ ten, Pflugſchaaren, Senſen?“ rief Maulbeere, mit einer Ge⸗ ſchäftsmiene dabei wieder auf ſeine Schleifſteine deutend— g„ſtehe zu Dienſten und ſollen billig bedient werden— ſehe mehr auf gute Behandlung, als ſchlechten Gehalt.“ „Ach laſſen Sie das Spaßen, Herr Maulbeere,“ meinte der Erſte wieder, einen tiefen Seufzer ausſtoßend—„die Ge⸗ ſchichte hier iſt verzweifelt ernſthaft, und wenn man nicht weiß wo man Brod hernehmen ſoll, iſt Einem nicht gerade wie La⸗ chen zu Muthe.“ „Hoho,“ ſagte Maulbeere, die Augenbraunen in die Höh ziehend,„ſchon drei Wochen in Amerika und noch kein Brod? — das iſt Pech!“ „Iſt es Ihnen denn geglückt?“ ⸗— 120 „Harte Arbeit Schentelmen,“ ſagte aber der Scheeren⸗ ſchleifer achſelzuckend—„ſehr harte Arbeit— habe im Sinn die Reſidenz zu verlaſſen.“ „Und wo gehn Sie hin?“ „Den Fluß hinauf, verſteht ſich; werde das Land durch⸗ ziehn, hier iſt wenig zu verdienen. Es giebt eben hier zu viel Mäuler die Brod haben wollen. Apropos, wo ſind denn Ihre Frauen?“ „Arbeiten da drin,“ ſagte der Eine, mit dem Kopf nach dem Haus hinüberzeigend. „So?— untergebracht?“ frug der Scheerenſchleifer,„nun da kann man ja gratuliren. „Aber kriegen Nichts“ ſagte der Andere. „Deſto längere Ausſicht auf ſtete Beſchäftigung“ bemerkte Maulbeere. „Aber wovon nachher leben?“ „Vielleicht von den großen Roſinen, die Sie ſrüher im Topf gehabt,“ meinte Maulbeere—„iſt ein merkwürdiges Land das Amerika; guten Morgen meine Herren!“ und mit den Worten tauchte er wieder mit den Oeſen ſeines Tragbands nach den beiden Griffen des Karrens, warf ſie in das richtige Gleichgewicht und ſchob, während ihm die weiße Wolke folgte, raſch die Straße nieder, ohne ſich um die beiden Bauern wei⸗ ter zu bekümmern. Die nächſte Straße rechts einbiegend, die zum Fluß nie— der führte, erreichte er dort die ſogenannte Flatbootlandung, und das Ufer ſah hier kahl, und keineswegs ſo belebt aus als — 121 weiter oben, wo die rauchenden dunklen Schornſteine und oberen Decks der Cajüten, oder die mit ihren wie ſpinnweb⸗ artig durchflochtenen Maſten über die hohe, mit Gütern und Waarenballen bedeckte Levée hervorragten. Der Strom hatte in dieſer Jahreszeit wenig Waſſer, und die niederen flachen Boote ſchwammen, nur erſt bemerkbar wenn man auf die Levée ſelber trat, tief unter der ſteilen ſchmutzigen Bank, mit Tauen an dieſe befeſtigt am Ufer. Alligator ähnlich lagen ſie dabei in der trüben Fluth, hie und da mit den Vordertheilen auf dem Schlamm, und nur mit ſchmalen Laufplanken von dieſem aus nach trockenem Boden oder Sand hinüberreichend. Wunderbare Fahrzeuge ſind aber dieſe Flatboats des Miſſiſſippi, allem Anſchein nach aus den erſten Urzuſtänden des Schiffsbaues herrührend, und doch noch nicht, weder durch Dampf⸗ noch Segelſchiffe aus ihrer Wirkſamkeit verdrängt, ja eher mit dieſen anwachſend und an Zahl zunehmend. Ein langes aus derben Planken mit hölzernen Pflöcken zuſammengenageltes und mit Werg und Theer dicht gemachtes, vielleicht ſieben Fuß tiefes Boot mit vollkommen flachem Bo⸗ den, das, wenn geladen, fünf bis ſechs Fuß im Waſſer geht, iſt es mit einer Art, vielleicht vier bis fünf Fuß hohem Fach⸗ werk umgeben, und mit zölligen oder halbzölligen Bretern, die in der Mitte etwas gewölbt, quer von einem Bord nach dem andern hinübergebogen ſind und ziegelartig übereinander lie⸗ gen, gedeckt. Dieſe Boote gehen nur mit der Strömung, wie wir ihnen ſchon auf dem Miſſiſſippi begegnet ſind, manchmal gradaus, manchmal über Steuer, nicht ſelten Meilen weit ſeit⸗ wärts, den Krabben ähnlich, ihre Bahn entlang, hier der Strö⸗ mung folgend, dort, durch eine Rückſtrömung gehalten, daß die Leute mit den langen Finnen ähnlichen„sweeps“ oder Rudern Stunden lang arbeiten müſſen, nur wieder los und in freies Fahrwaſſer zu kommen. Und wie manches ſinkt und verdirbt auf der langen mühſeligen, und ſo oft gefährlichen Bahn; plötzliche Stürme und Unwetter— der Hurricane in Natchez 1841 zerſtörte damals 112 in wenigen Meilen Ent⸗ fernung— im Waſſer verborgene Snags, Untiefen und feſt⸗ geſchwemmtes Driftholz ſinken manches von ihnen, und man kann immer rechnen, daß kaum drei Viertel der Zahl ihr Ziel erreichen. So unſcheinbar dabei ihr Aeußeres iſt, ſo werthvolle La⸗ dungen bergen ſie nicht ſelten in dem rohen unbehülflichen Kaſten, die der Führer, wo er einen Markt für ſeine Waaren zu finden glaubt, oder zuletzt in New⸗Orleans ſelber, mit dem Vordertheil an Land ſchiebt, und ſeinen, weder Steuer noch Abgaben zahlenden Laden gleich fir und fertig errichtet hat, den er, wenn die Waaren abgeſetzt ſind, auseinander ſchlägt und mit verkauft. Und wie wunderlich ſieht es in den Booten ſelber aus— hier das erſte— der Weg iſt etwas ſteil, die ſchlüpfrige Bank hinunter— birgt in ſeinem Innern ein buntes Gemiſch von Allem, was das Herz eines richtigen Yankees erfreuen könnte, Butter, Schmalz, Kartoffeln, Hühner, Apfelwein und Whiskey, Heu, Zwiebeln, getrocknetes Obſt, und Fäſſer mit Makrelen, * Kiſten mit Stockfiſch und Traubenroſinen, Krachmandeln, Nu⸗ —— 123 deln, Käſe, Alles ſteht bunt und wild durcheinander gepackt, hier in Proben aufgeſtellt, dort in angeriſſenen Fäſſern und Kiſten, unter Deck— daneben liegt ein Boot mit eingeſalze⸗ nem Schweinefleiſch von Eincinnati, und das Fett mit dem das Deck beſchmiert iſt, dampft in der Sonne; dort liegt ein anderes mit Baumwolle von Teneſſee, da ein anderes mit Ta⸗ back von Kentucki geladen; und da ſtrecken Rinder und Schaafe den Kopf aus den offen gelaſſenen Luftlöchern anderer, und blöken und brüllen ihren Kameraden zu. Die Staaten Arkan⸗ ſas, Miſſouri, Teras, Teneſſee, Kentucky und Illinois ſenden jährlich wohl dreißig tauſend Stück lebendigen Hornviehs nach New⸗Orleans, und von Ohio werden ebenfalls hunderte ſolcher „ſchwimmenden Sauſtälle“ mit ihren grunzenden Bewohnern der„Königin des Südens“ zugeführt. Was das für ein Leben iſt, zwiſchen den, einen ſchauer⸗ lich warmen Fettgeruch und Dunſt faulenden Obſtes und an⸗ gegangenen Fleiſches ausſtoßenden Fahrzeugen; wie die Eigen⸗ thümer auf der Levée ſtehn, oder vorn in ihren Booten ſitzen, Käufer herbeizurufen, und ihre Waaren dabei ausſchreien, die vorzügliche Qualität derſelben anpreiſend. Dazwiſchen durch dann das Drängen und Treiben der Arbeiter, die hier ein verkauftes Boot entladen, damit es nachher auseinander geſchlagen und in ſeinen Planken noch verwerthet werden könne, dort eine Parthie aufgekaufter Fäſſer und Kiſten die ſteile Levée mühſelig hinaufſchaffen, und von Fett und Schmutz öoedeckt unter ihren. Laſten keuchen und ſchwitzen, bis ſie die Höhe der Levee erreicht haben, dort ſich einen Augenblick die 124 glühende tropfende Stirn abtrocknen, und dann wieder ſchwan⸗ ken Schritts niederſteigen, ihr Werk von Neuem zu beginneu. Maulbeere fuhr mit ſeinem Schleifkarren, ſeinem Grund⸗ ſatz treu keinen Fleck unbeſucht zu laſſen wo er die Hoffnung hatte etwas verdienen zu können, oben an der Levée hin, dann und wann ſtehen bleibend, ſeine ſchon auswendig gelernten Rufe— no knives, no scissors to grind?*) ertönen zu laſſen. Hie und da bekam er auch wirklich zu thun; dort und da ſchaute ein behaubter Kopf unter einem der niederen Flat⸗ boot⸗Decke vor, eine rauhe Stimme rief ihm ein„stop!“ zu, und irgend ein rothwollener Unterrock, oder auch dann und wann ein ſchlankes hübſches Kind in dem kleidſam eng an⸗ ſchließenden Mieder der Backwoodsfrauen, nur die feinen roſi⸗ gen Züge von dem unförmlichen Sonnenbonnet faſt verhüllt, ſtieg die Bank zu ihm hinauf, eine widerſpenſtige Scheere, mit der der Vater oder Gatte ſo lange Bindfaden geſchnitten hatte bis ſie jeden weiteren Dienſt verweigerte, wieder zu ſtellen und zu ſchärfen; oder der Flatbootman ſelber ſtieg langſam das Ufer hinan ein rieſiges langes Meſſer in der Hand, mit dem er Speck und Käſe ſchneiden mußte, und das er auch gern ſchär⸗ fer haben wollte als es war. So lange er ſeinen Stein dann drehte, daß die hellen blitzenden Funken daraus vorblitzten, drängte ſich ein Kreis von neugierigen Muͤßiggängern, von denen die Levée ſchwärmt, um ihn her, nicht ſelten faſt mehr von der wunderlichen Geſtalt des Mannes ſelber, als von 125 ſeiner Arbeit ergötzt, bis er die ihm gebrachten Inſtrumente in Stand geſetzt, ſein Geld dafür eingeſtrichen und ſein Tragband wieder eingehakt hatte, mitten zwiſchen die Schaar, die ihm lachend Raum gab, mit einem deutſchen„bitt um Verzeihung“ hineinzufahren. An manchen Stellen wurde er übrigens durch die dort aufgeſtapelten Fäſſer und Waaren in ſeiner Bahn aufgehalten, und mußte einen Umweg machen, den Hinderniſſen aus dem Weg zu kommen. Eben auch war er wieder einer Anzahl fettglänzender und entſetzlicher duftender Porkfäſſer ausgebogen, als er eine lachende Stimme ſeinen Namen nennen hörte. Wie er aber ſtehen blieb und ſich überall vergebens nach einem bekannten Geſicht umſchaute— denn auf die Arbeitsleute, von denen ein großer Theil gerade Mittag gemacht, während das Aus⸗ laden noch nicht wieder begonnen hatte, achtete er gar nicht— rief Einer der Flatboatleute, die zwiſchen den heraufgerollten Pork oder Schweinefäſſern ſtanden, und von der ſchmutzigen Arbeit und Schweiß und Sonne in ihren kurzen blauen Ober⸗ hemden und abgetragenen oder zerdrückten Strohhüten kaum eine Phyſionomie erkennen ließen, indem er dem Scheeren⸗ ſchleifer freundlich zunickte. „Aber Herr Maulbeere, kennen Sie mich nicht mehr?“ „Wetter noch einmal,“ ſagte dieſer, ſeinen Karren nieder⸗ ſetzend und die Geſtalt erſtaunt von oben bis unten betrachtend, „die Stimme iſt mir bekannt und das Geſicht auch, hat wenig⸗ ſtens, wie Herr Schultze ſagen würde, eine merkwürdige 126 Aehnlichkeit mit einer Nebelkrähe oder einem Schornſtein⸗ feger.“— „Habe ich mich denn in den paar Tagen ſo merkwürdig verändert,“ lachte der Mann, ſeinen Hut abnehmend, unter dem eine Fülle kaſtanienbraunen lockigen Haares vorfiel, „daß mich ein Reiſegefährte und Coyennachbar nicht einmal mehr kennt?“ „Herr Eltrich— ſo wahr ich lebe,“ ſagte Maulbeere, jetzt aber wirklich auf das Aeußerſte erſtaunt,„wie um Gottes Willen ſehn Sie denn aber aus, und was machen Sie hier in dem Aufzug und bei der Arbeit?“ „Mein Schickſal iſt bald erzählt,“ ſagte der junge Mann mit lachendem Geſicht, aber doch kaum im Stand einen ge⸗ waltſam aufſteigenden Seufzer zu unterdrücken—„kaum hier in New⸗Orleans angekommen ließ ich mir auf leichtſtnnig kindiſche Weiſe— ich war genug davor gewarnt worden— und von dem Neuen was mich überall umgab beirrt, von dem Neger, der mein ſämmtliches Gepäck auf ſeinem Karren hatte, dieſes mit allen unſeren Effekten, ein paar Kleinigkeiten die meine Frau in der Hand trug ausgenommen, entführen. Von Allem entblößt, was ſchon der einzelne Mann, wie viel mehr dann eine Familie zu ihrem Leben braucht, ſah ich, wenn ich nicht raſche Anſtalt machte Geld zu verdienen, unſeren Unter⸗ gang, oder doch einen Zuſtand grenzenloſer Noth vor Augen. Vergebens lief ich dabei herum in meiner Kunſt Beſchäftigung zu erhalten— ich konnte mich nicht einmal anſtändig kleiden, denn es war ja Alles zum Teufel, und mit dem etwas abge⸗ 127 riſſen ausſehenden Menſchen wollte ſich Niemand einlaſſen. Wir aber brauchten auch außerdem Brod, die paar Dollar, die ich noch im Vermögen beſaß, nahmen ſchon in der erſten Woche ſo raſend ſchnell ab, daß ich mir genau die Zeit berech⸗ nen konnte wo wir, wenn nicht irgend etwas geſchah das aufzuhalten, auch ohne einen Pfennig daſitzen würden, und ich entſchloß mich kurz und gut Arbeit zu ſuchen und zu neh⸗ men, wo ich ſie finden würde. Drei Tage lief ich auch hier⸗ nach vergebens herum; der gute Wille that es nicht allein, denn die wieder geſündere Jahreszeit in New⸗Orleans hatte eine wahre Unmaſſe von Arbeitern hierher zurückgeworfen, bis ich, eigentlich in letzter Verzweiflung dieſe Boote beſuchend, Arbeit und guten Lohn auf einem von ihnen fand, das ſeine Leute, Streites halber, den ſie mit dem Eigenthümer ge⸗ habt, entlaſſen hatte.“ „Und die Arbeit hier können Sie thun?“ ſagte Maul⸗ beere, abwechſelnd und erſtaunt bald die leichte ſchmächtige Geſtalt, und die ſonſt ſo feinen, jetzt fettbeſchmutzten Hände des jungen Mannes, bald die ſchweren Pork⸗ und Mehlfäſſer betrachtend, die um ihn her aufgeſtapelt lagen. „Der Menſch kann Alles was er muß,“ lachte der junge Mann,„früher hab' ich es freilich ſelber nicht für möglich ge⸗ halten, jetzt aber geht es, und Alles berückſichtigt, ſogar vor⸗ trefflich, denn ich verdiene, außer der Koſt, einen Dollar den Tag, und befinde mich vollkommen wohl und geſund dabei.“ „Und Ihre Frau?“ „Pflegt zu Hauſe das Kind und weint und lacht, wenn —— ————— —— 128 ſte mich in dieſem Aufzug ankommen ſieht— ich habe ſie aber noch nicht bewegen können, einmal mit dem Kleinen hier herunterzukommen und unſerer Arbeit zuzuſehen— ſie meint es bräche ihr das Herz.“— „Bah,“ ſagte Maulbeere kopfſchüttelnd,„wenn Sie ſich nicht den Rücken bei den verdammt ſchweren Fäſſern brechen, glaube ich nicht das Gefahr für ihrer Frau Herz zu fürchten iſt, aber— was Leichteres wäre mir doch auch lieber— ich weiß nicht, den Begriff Amerika habe ich mir anders gedacht, als Fäſſer gepökelten Schweinefleiſches bergauf zu kullern.“ „Ich auch lieber Maulbeere, ich auch, aber was wollen wir machen?“ lächelte Eltrich,„Hunger thut weh und ehrliche Arbeit ſchändet hier nicht, das iſt ſchon ein ungeheuerer Vor⸗ theil dieſes freien Landes— andere habe ich allerdings noch keine Gelegenheit gehabt kennen zu lernen.“ „Es iſt eine kleine, aber doch immer eine Empfehlung,“ ſagte Maulbeere achſelzuckend,„und ungefähr ſo, als ob ich Jemanden in's Waſſer werfe, und erlaube ihm dann das Maul zuzumachen und zu ſchwimmen— und dafür 35 Tha⸗ ler Gold Paſſage— kommt mir beinah ein wenig theuer vor — haben Sie die Fäſſer Pech— oder iſt das etwa gar Kolo⸗ phonium? auch mit heraufgewälzt?“ „Ja,“ lachte Eltrich. „Stoffverſchwendung,“ murmelte Maulbeere zwiſchen den Zähnen durch, und ſetzte dann lauter hinzu,„nein, zu ſol⸗ cher Arbeit möchte ich mich doch nicht verſtehn; werde wenig⸗ ſtens ſuchen mich ſo lange davor zu bewahren als möglich. 129 Meine Abſicht iſt hier in Amerika, ſo bald ſich eine ſchickliche Gelegenheit dazu bietet, meinen Händen wie meinem linken Hinterbein, das nun ſo lange Jahre hat das Rad treten müſ⸗ ſen, Ruhe zu gönnen, und mit dem Geiſt zu arbeiten.“ „Aber wie wollen Sie das anfangen Herr Maulbeere?“ „Daran arbeitet mein Geiſt eben noch,“ ſagte der Schee⸗ renſchleifer etwas geheimnißvoll,„der paſſende Zeitpunkt iſt auch noch nicht gekommen— ſollte er nahen werde ich ihn nicht verſäumen.“— „Hallo hoys— hier, macht daß die Sachen hinaufkom⸗ men!“ unterbrach da eine Stimme vom Flatboot herauf, die Unterhaltung der beiden Reiſegefährten—„die Karren kom⸗ men da oben ſchon wieder zurück und wollen Ladung haben.“ „Ich muß fort Herr Maulbeere,“ rief Eltrich raſch, dem Mann die Hand entgegenſtreckend, ſie aber wieder zurück⸗ ziehend—„ich mache Sie ſchmutzig,“ ſetze er, dabei leicht er⸗ röthend, hinzu. „Ich waſche mich wieder,“ ſagte Maulbeere, ohne eine Miene zu verziehn, nahm die nochmals dargebotene Hand, ſchüttelte ſie weit wärmer als das ſonſt ſeine Gewohnheit war, und blieb dann, während Eltrich wieder nach dem Boot hin⸗ unterſprang, noch eine Weile oben auf der Levée, die heiß niederbrennende Sonne nicht weiter beachtend, halten, zuzu⸗ ſehn wie ſein Reiſegefährte arbeite. Eltrich war dabei viel⸗ leicht der Einzige von den Zwiſchendeckspaſſagieren geweſen, mit dem er nie ein unfreundliches Wort gehabt, der ihn nie verſpottet oder geärgert; Einer der Wenigen, dem, wie ſeiner Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 9 130 Frau, man es auf dem erſten Blick anſah, daß ſie einſt in beſſeren Verhältniſſen und größeren Bequemlichkeiten gelebt, während ſie ſich doch alle Beide nie, auch über die größten Unannehmlichkeiten nicht, weder über Koſt noch Raum beklag⸗ ten. Das beſonders hatte ihnen die Achtung dieſes wunder⸗ lichen Zwitterdings von Thier und Menſch, des Scheeren⸗ ſchleifers, gewonnen, und wenn dieſes Herz überhaupt einer ſolchen Regung fähig geweſen wäre, würde er den jungen Mann, der ſich mit ſeinem ſchmächtigen Körper jetzt gegen ein ziemlich dreihundert Pfund ſchweres Porkfaß legte, und es mit triefender Stirn den Hang hinaufarbeitete, bemitleidet, ja ihm vielleicht irgend eine Hülfe angeboten haben, er hätte von vornherein überzeugt ſein können daß ſie Eltrich nicht an⸗ nahm. Maulbeere wollte etwas derartiges aber auch nicht einmal riskiren, und nur nach einer Weile auf das Entſchie⸗ denſte mit dem Kopfe ſchüttelnd, drehte er ſich um, hakte ſein Tragband wieder ein, und fuhr in ſeinem gewöhnlichen ſchwan⸗ kenden Gang die Levée hinauf, der Dampfbootlandung zu. Ueber den freien, vor dieſer Landung liegenden Platz, ſchritt ein Mann mit einer Frau. Der Mann trug einen Jagdran⸗ zen über der Schulter, die Frau ein, in ein rothes Tuch ein⸗ geknüpftes Bündel in der Hand, aber den Kopf blos dabei, die Haare wirr und ungemacht, und nur mit einem ſchwarz⸗ ſammetnen Stirnband zuſammengebunden, das vorn eine kleine unächte emaillirte Broche trug. Ohrringe und Halskette wa⸗ ren von demſelben Metall, paßten aber wie das in grellbunten Farben prangende ſeidene Tuch, das ſie um den Hals trug, ¼ * 131 ſchlecht zu den bleichen Wangen, den hohl liegenden ſtieren Augen, und die Leute die ihnen begegneten, und nicht gerade zu viel mit ſich ſelber zu thun hatten, noch auf irgend etwas anderes zu achten, blieben ſtehn und ſchauten der wunderlichen, ja faſt unheimlichen Geſtalt nach, die wankenden Ganges neben dem Mann hinſchritt, mit den Händen dabei focht, und einzelne unzuſammenhängende Worte ausſtieß. „Sei jetzt vernünftig Jule!“ flüſterte ihr da der Mann, ihren Arm zu gleicher Zeit faſſend daß ſie vor Schmerz einen leiſen Schrei ausſtieß, zu—„zum Donnerwetter noch einmal, alle Menſchen, die uns begegnen, ſtieren uns an, und halten Dich am Ende noch für verrückt. Laß doch zum Teufel die Arme ruhig, was haſt Du denn damit in einem fort in der Luft herumzufahren? Wenn Du mir nicht unterwegs wieder vernünftig wirſt, weiß ich wahrhaftig gar nicht was ich mit Dir anfangen ſoll.“ „Unterwegs?— ja— das iſt gut,“ ſagte die Frau, leiſe vor ſich hinlachend,„unterwegs— wenn wir nur erſt unter⸗ wegs wären— ich ſehne mich danach.“ „Na dann geh auch ordentlich zu, und betrage Dich nicht ſo albern,“ brummte der Mann,„ſieh' das Boot raucht ſchon, wir müſſen machen daß wir hinunter kommen.“ „Herr Gott!“ rief die Frau da, plötzlich ſtehen bleibend, und ſich mit der linken Hand wild über die Stirn ſtreichend, „wir haben— wir haben etwas zu Haus vergeſſen!“ „Vergeſſen?“ ſagte der Mann, ſien fragend anſchauend, „na was iſt nun wieder los— die Brieftaſche?— nein die 9* 132 habe ich hier, und das Geld iſt auch da— was haſt Du denn vergeſſen?“ „Die Kinder,“ flüſterte die Frau, und ergriff heftig ſei⸗ nen Arm, der Mann aber ſchleuderte ſie wild von ſich; wie er jedoch ſah daß mehr und mehr Menſchen auf ſie aufmerk⸗ ſam wurden, und ſtehen blieben und ihnen nachſchauten, trat er raſch an die Frau wieder hinan, zog ihren linken freien Arm in den ſeinen, und ſie wie mit eiſernem Griffe haltend und mit ſich fortziehend, ziſchte er ihr in's Ohr: „Biſt Du denn ganz des Teufels, ſinnloſes Weib, hier auf offenem Platze den Unſinn auszuſchreien?— oder möchteſt Du etwa mit den Amerikaniſchen Zellengefängniſſen Bekannt⸗ ſchaft machen? Komm— halte Dich feſt an mich an und verlier Dein Bündel nicht; ein Glück daß die Leute kein Deutſch verſtehn.“ „Gehn wir denn hin wo ſie ſind?“ frug die Frau raſch, immer noch an dem einen Bild ſich anklammernd.“ „Mir wär's recht wenn Dus thäteſt,“ rief der Mann in finſterem, kaum zurückgehaltenem Groll,„ich habe das Gewinſele und Geklage ſatt— begreife überhaupt nicht, wie ich es ſo lang asashalten, und geb' Dir meinen Segen auf die Reiſe. 4 „Und ich dürfte zurück?“ rief die Frau raſch und heftig bewegt zu ihm aufſchauend. „Treib' keinen Unſinn,“ knurrte der Mann,„Du wärfts am Ende im Stande, ihnen gerade wieder in den Rachen zu laufen, und die Freude zu machen, daß ſie Dich eine 4 133 halbe Lebenszeit in's Spinnhaus ſtecken könnten.— Dort liegt unſer Boot— alle Wetter, da geht auch ein alter Bekannter; noch von Bord her; kennſt Du den, Jule?“ „Laß den widerlichen Menſchen,“ ſagte die Frau, in ſich zuſammenſchaudernd. „Guten Tag Herr Meier!“ rief in dieſem Augenblick Maulbeere, der mit ſeinem Karren gerade an ihnen vorüber fuhr und den Hut in ſpöttiſcher Ehrerbietung tief gegen ihn ſchwenkte—„bitte mich Ihrer Frau Gemahlin auf das Ge⸗ horſamſte zu empfehlen.“ Steffen, der ſeine rechte Hand in der Hoſentaſche ſtecken hatte, zog ſie heraus, griff an die Mütze und ging ſteif und finſter an dem, ihm aus mehr als einer Hinſicht verhaßten Scheerenſchleifer vorüber. „Ein nobeles Pärchen,“ murmelte dieſer aber vor ſich hin, als er, ohne ſich nach den Beiden weiter umzuſehn, an ihnen vorbei gefahren war,„ein ſehr nobeles Pärchen, das muß wahr ſein. Gäbe auch was drum wenn ich wüßte was die einmal für ein Ende nehmen hier in Amerika— jedenfalls auf Staatsunkoſten, oder müßte mich ſehr irren.“ „Hallo Scheerenſchleifer!“ rief da eine laute fröhliche Stimme hinter ihm her—„halt da, hier iſt Arbeit für Euch!“ 8 Maulbeere hielt raſch ſtill und ſah ſich nach dem Rufer um, der vorn auf dem Bug deſſelben Bootes ſtand, das der Mann von der Haidſchnucke mit ſeiner Frau eben betreten hatte, und das an ſeinem Boilerdeck ein großes Schild mit 134 ſeinem Namen„The backwoods queen“ und dem Beſtim⸗ mungsort St. Louis trug. „Iſt denn heute die ganze Haidſchnucke über die Lan⸗ dung hier weggeſchüttelt?“ murmelte der Scheerenſchleifer er⸗ ſtaunt zwiſchen den Zähnen durch, als er wieder einen ſeiner Reiſegefährten, ebenfalls als Bootsmann gekleidet, gar nicht weit von ſich entfernt ſtehen und winken ſah,„und blaue ver⸗ dammt kurze Hemden ſcheinen ein ordentlicher Modeartikel zu ſein— hm, hm, hm, Herr Donner als Matroſe auch nicht übel; Zachäus Maulbeere darf da, ſeinen größeren Fähigkeiten entſprechend, wohl bald erwarten Capitain zu werden.“ „Nun Maulbeere wie gehn die Geſchäfte?“ rief ihm Georg Donner noch einmal zu, und kam dann über die Laufplanke, ſeine beiden Daumen vorn in dem breiten Ledergürtel, der ſeine Hüften umſchloß, herüber an Land—„Wetter noch einmal Mann, Ihr ſeht noch genau ſo aus wie an Bord, und habt Euch nicht im mindeſten amerikaniſtrt.“ „Hätte bald was geſagt“ brummte Maulbeere, die Ge⸗ ſtalt vor ſich mit einer eigenen Miſchung von Spott und Humor betrachtend;„aber was thun Sie hier eigentlich, und wie ſehn Sie aus?“ Maulbeere hatte allerdings Urſache ſo zu fragen, denn mit Georg Donner ſchien jedenfalls eine ganz eigenthümliche und große Veränderung vorgegangen zu ſein. Schon in ſei⸗ nem Aeußeren war er ein anderer Menſch geworden, der den dunklen Rock ab⸗ und ein kurzes blaues Matroſenhemd über⸗ geworfen hatte, das in der Mitte von dem ſchon erwähnten 8. ‧ 135 Ledergürtel zuſammengehalten wurde. Die Beine ſtaken in Hoſen von demſelben einfachen Stoff, ſein blaugeſtreiftes Hemd hielt ein ſchwarzſeidenes in einen Matroſenknoten ge⸗ ſchlagenes Halstuch zuſammen, und das dunkle lockige Haar deckte eine blauwollene ſchottiſche Mütze, während an dem Gürtel ein kurzes Matroſenmeſſer mit hölzernem Griff und in lederner Scheide hing. Aber das nicht allein— ſein ganzes Weſen hatte das ernſte, träumeriſche verloren das ihm an Bord ſo eigen geweſen, und war frei und entſchloſſen, ja faſt keck geworden, ohne jedoch dadurch irgend etwas von ſeiner offenen Ehrlichkeit verloren zu haben. Er lachte, als er den ſchmutzigen verdroſſenen Burſchen, der ihm immer in ſeinem ganzen Weſen viel Spaß gemacht, noch eben ſo ſauertöpfiſch, bis in daſſelbe Knopfloch hinauf eingeſchnürt, und ohne die Spur von irgend einer reinen Wäſche vor ſich ſtehen ſah, beſſßite aber dadurch Maulbeeres Laune keinenfalls. A „Wie ich ausſehe, mein würdiger Maulbeere?“ lachte Donner,„wie ein Mann der entſchloſſen iſt ſeinen Weg in Amerika zu machen, und das Land zu ſehn und kennen zu lernen.“ „Um das Land kennen zu lernen gehn Sie auf's Waſſer?“ ſagte der Scheerenſchleifer, ſeine Stirnhaut zu unzähligen Fal⸗ ten zuſammenziehend—„auch nicht übel, und als was?— Capitain, Steuermann, Koch, Ingenieur?“ „Nichts von alle dem Kamerad“ lachte der junge Mann, „zu ſo hohen Poſten kann man erſt avanciren, wenn man von 136 der Pike auf gedient hat; vorerſt mache ich eine Reiſe als Feuermann mit.“ „Als Heizer an Bord?“ frug Maulbeere wirklich erſtaunt. „Als Heizer“ beſtätigte Donner lachend,„mit dreißig Dollar monatlichem Gehalt, und frei Koſt und Logis, Whis⸗ key, Zucker, Kaffee und wie die Vortheile alle heißen, die uns das wackere Boot bietet.“ „Sind Sie bei dieſer Anſtellung als Lehrling oder gleich als Geſelle eingetreten?“ frug Maulbeere, der ſich noch immer nicht an dem Coſtüm ſeines früheren Reiſegefähr⸗ ten ſatt ſehn konnte. „Als Geſelle, Herr Maulbeere, als Geſelle, und Sie ſoll— ten einmal ſehn wie ich die Schürſtange ſchwingen werde.“ „Kann ich mir lebhaft denken“ betheuerte der Scheeren⸗ ſchleifer, ſein Geſicht in einen förmlichen Knoten zuſammen⸗ drückend—„kann ich mir labhaft denken— i*ſt auch eine recht paſſende Beſchäftigung fur en Paſtors⸗Sohn.“ „Schadet Nichts Maulbeere“ lachte aber der junge Mann, „nur ehrlich und rechtſchaffen gehandelt und ſich ſein Brod ſelber erarbeitet, auf das Uebrige kommts dann nicht an; ob ich einen Frack oder ein Schurzfell trage, und durch komm' ich, darauf können Sie ſich verlaſſen, ſo lange mir Gott meine Geſundheit und meine geſunden Glieder läßt. Uebrigens ſind noch ein paar Bekannte von Ihnen hier an Bord“ ſetzte er raſch hinzu—„Carl Berger, der Deſerteur, und Herr Schultze aus Hannover.“ „Auch Feuermann?“ rief Maulbeere raſch und erſtaunt. — ——— ——,— 137 „Der erſte ja, der letzte nicht“ lachte Georg Donner— „ſollte ſich nicht üͤbel mit der Schürſtange ausnehmen, und würde das Feuern wohl kaum vierundzwanzig Stunden aus⸗ halten; er geht als Paſſagier, glaub' ich, nach St. Louis.“ „Hm“ brummte Maulbeere vor ſich hin—„alle Welt geht fort von hier; wenn ich wüßte daß es im Landt beſſer wäre, ſchöb ich meinen Karren auch an Bord.“ „Scheeren und Meſſer wird's überall zu ſchleifen geben“ ſagte Donner. „Die Möglichkeit iſt vorhanden daß ich mir in Zukunft meine eignen Meſſer ſchleifen laſſe“ ſagte Maulbeere. „Oho?“ rief Donner verwundert aus,„ja wenn Sie ſolche Pläne haben, Freund Scheerenſchleifer, dann iſt doch wohl New⸗Orleans der beſte Platz, galopirende Speculationen raſch zur Ausführung zu bringen; ich wüßte übrigens eine für Sie.“ 44 „Eine Speculation?— und ie wäre?“ „Haben Sie die rieſenhaften Ankündigungen von Stiefel⸗ wichſe geſehn, die überall in der Stadt an den Straßenecken kleben?“ „Allerdings— wo ſich der Neger vor dem Stulpenſtiefel raſirt“ feirte Maulbeere, dem die Idee ungemein gefallen.“ „Dieſelbe!“ lachte Donner,„wenn Sie Ihren Stiefeln im Stande ſind halb den Glanz zu geben den das Schulter⸗ theil Ihres Rockes hat, ſo iſt Ihr Glück gemacht.“ „Hoͤren Sie einmal mein lieber Herr Donner“ ſagte aber jetzt Maulbeere gereizt, und mit einem faſt boshaften Lächeln 138 in den entſetzlich häßlichen Zügen—„wenn Ihre Feuer nicht beſſer ſcheinen werden als Ihr Witz, ſo glaub' ich, käm' ich eher mit meinem Schiebkarren nach St. Louis hinauf, wie Sie mit Ihrem Dampfboot— wer weiß ob mein blanker Rock nicht noch länger hält als Ihr blaues Hemd, und Sie im nächſten Winter nicht vielleicht Gott danken würden, einen ſo warmen Ueberzieher zu haben.“ „Frieden, würdiger Greis, Frieden“ lachte der junge Mann,„die Bemerkung war keineswegs böſe gemeint und ſollte Sie nicht beleidigen— im Gegentheil hab' ich ſogar eine Bitte an Sie, mir nämlich über ein paar junge Leute von unſerem Schiff Auskunft zu geben, die Sie gewiß nicht, wenigſtens trau' ich das Ihrem Scharfblick kaum zu— aus den Augen verloren haben.“ „Und die wären?“— ſagte Maulbeere immer noch mis⸗ trauiſch den jungen Burſchen dabei betrachtend. „Was iſt aus dem Doktor Hückler geworden?“ ſagte die⸗ ſer—„ich habe ihn nicht wieder geſehn, ſeit er an jenem erſten Landungsabend unſer Schiff verließ.“ „Wohnt jetzt in— street“ ſagte Maulbeere,„führt ein großes Schild über der Thür J. A. Hückler, deutſcher Doktor und Geburtshelfer“ ſchmunzelte Maulbeere—„und rechts und links an dem Schild hat er ſich ein paar große ſchwarz⸗ roth⸗goldene Kokarden malen laſſen.“ Georg Donner lachte.. „Der wird ſein Brod ſchon hier ſunden⸗ ſagte er achſel⸗ zuckend,„wer kann's ändern; vielleicht haben die Leute recht, 1 139 die da behaupten, in Amerika wollten die Menſchen betrogen ſein.“ „Vielleicht haben ſie recht,“ brummte Maulbeere vor ſich hin—„da iſt gar kein vielleicht dabei, und wer hier ſeine Knochen einſetzt, muß gewöhnlich die Haut mit in Kauf ge⸗ ben— ich gedenke hier Gerber zu werden— aber nach wem wollten Sie noch fragen?“ „Haben Sie von Henkel und ſeiner Frau Nichts ge⸗ hört?“ „Hm—“ ſagte Maulbeere, ſich mit der linken Hand die grauen Kinnſtoppeln ſtreichend—„gehört gerade nicht, aber geſehn.“ „Geſehn?— was?“ „Nun wie ſte von Bord ging“ ſagte Maulbeere. „Die arme Frau— ob ſie ſich wohl erholt hat—“. „Wunderliche Geſchichte das,“ meinte Maulbeere. „Ich glaube nicht daß die Krankheit von Bedeutung war“ ſagte Donner, die Bemerkung darauf beziehend—„Ruhe und nahrhafte Koſt werden ſie wohl bald wieder hergeſtellt haben. Ich hätte ſie gern einmal wieder beſucht und mich nach ihrem Befinden erkundigt, mochte ſie aber doch auch nicht ſtören— wiſſen Sie nicht wo ſie wohnen?“ „Wer?— die Frau mit dem Mädchen?“ „Henkels—“ „Möglich daß ſie ſich wieder zuſammengefunden haben,“ meinte Maulbeere trocken—„im Anfang waren ſ aus⸗ einander.“ 140 „Wie ſo?“ frug Donner erſtaunt. „Nun die Madame iſt in ein Hotel gezogen, und der Herr in ein anderes“ meinte Maulbeere—„waren lange ge⸗ nug zuſammen an Bord, und Amerika iſt ein freies Land.“ „Unſinn“ ſagte der junge Mann lachend,, da haben Sie ſich etwas aufbinden laſſen, Herr Maulbeere— Henkel wird ſich hüten und ſeine junge, wunderhübſche Frau in ein anderes Hotel ziehen laſſen— ich möchte nur wiſſen ob ſie ſich wieder vollkommen wohl fühlt.“ „Könnten Sie am Beſten wiſſen, wenn Sie wären zu finden geweſen“ ſagte Maulbeere trocken. „Zu finden geweſen?— was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß Sie das kleine Ding— wie hieß das Mädchen doch, das in der Cajüte die Kammerjungfer ſpielte?—“ „Hedwig!“ rief Donner ſchnell. „Ja wohl, Hedwig, daß Sie die wie eine Stecknadel in der ganzen Stadt geſucht und mich, den ſie zufällig auf der Straße traf, auch nach Ihnen gefragt hat.“ „Guter Gott, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt“ rief Georg,„aber was wollte ſie von mir— ätztliche Hülfe?“ „Nun was ſonſt?— die Frau lag lebensgefährlich krank und ſie hatten, wie ſie ſagte, kein Vertrauen zu einem Ame⸗ rikaniſchen Arzt; müßte mich übrigens ſehr irren, wenn nicht vielleicht ebenſo wenig Geld wie Vertrauen—“. „Eben ſo wenig Geld?— Unſinn, ihr Vater iſt Einer der reichſten Leute in Heilingen und ihr Gatte Herr oder Erbe einer halben Million—“. —-— —. 141 „Ja— iſt recht ſchön, aber wie mir jetzt ſcheint, iſt die halbe Million noch nicht reif, und muß erſt noch eine Weile hängen. Die junge Mamſell habe ich indeſſen zu Herrn Doktor Hückler geſchickt, der ſein Schild gerade an dem Tage aufgemacht; von dem wollte ſie aber Nichts wiſſen und ging traurig fort.“— „Und welches Hotel war das?“ rief Georg raſch. „Ja, das weiß ich nicht mehr“ ſagte Maulbeere. Das ſcharfe Läuten der Bootsglocke von der Backwoods queen unterbrach ihre Unterhaltung. „An Bord da Ihr Leute, an Bord! Höll' und Verdamm⸗ niß, was ſteht Ihr da draußen herum und habt Maulaffen feil.— An Bord jeder Mutter Sohn von Euch, wenn ich Euch nicht Beine machen ſoll—“. „Wenn ich nicht irre“ ſagte Maulbeere freundlich,„ſo erſucht ſte der Mann da drinnen doch gefälligſt zum Kaffee hinein zu kommen, nicht wahr?“ „Lieber Gott!“ rief Georg, die ſpöttiſche Bemerkung ganz uͤberhörend,„daß ich jetzt hierher gebannt ſein muß, und keine Zeit mehr übrig habe ſie aufzuſuchen. 4 „Würden in dem Coſtüm auch außerordentlich achibar und vertrauenweckend ausſehn“ bemerkte der Scheerenſchleifer. „Holla an Bord da— Ihr, Dutchman dort drüben mit der ſchottiſchen Mütze— wie heißt der Burſche gleich— heh, George, an Bord hier, hört Ihr nicht, oder ſoll' ich Euch Beine machen?“ „Gleich, gleich!“ rief der junge Mann aͤngſtlich und un⸗ 142 geduldig mit dem Fuße ſtampfend,„ich wollte meine acht Tage Lohn, die ich hier ſchon an Bord gearbeitet habe, einbüßen, wenn ich nur zwei Stunden Raum jetzt hätte die arme Dame zu ſuchen, und zu erfahren wie es ihr geht.“ „Haben drei Wochen Zeit gehabt und nicht daran gedacht“ meinte Maulbeere ruhig,„woher kommt jetzt auf einmal die Eile?“ „Wollen Sie mir einen Gefallen thun, lieber Maul⸗ beere?“ „Lieber Maulbeere“ ſagte der Scheerenſchleifer ſtill vor ſich hin lachend—„lieber Maulbeere, wie zärtlich das klingt— und was wär's?“ „Wollen Sie die Frauen auskundſchaften?“ „Die Mamſell meinte, Madame Henkel hätte ſich ſchon unendlich nach mir geſehnt— wenn die Sache nur nicht zu gefährlich iſt.“ „Wollen Sie ihnen ſagen, daß ich keine Ahnung gehabt hätte, ſie bedürften meiner Hülfe, in vierzehn Tagen aber ſpä⸗ teſtens kehre mein Boot nach New⸗Orleans zurück und ich ſtünde dann ganz zu ihren Dienſten, ihre Adreſſe ſollen ſie mir unter meinem Namen auf die Poſt legen.“ „Ich ſoll doch ſagen, daß Sie Schiffsdoktor an Bord geworden wären?“ frug Maulbeere. „Sagen Sie die Wahrheit,“ rief Georg,„das iſt im⸗ mer das Beſte; aber adieu Maulbeere— ich muß wahrhaftig fort.“ „Der Kaffee wird kalt“ meinte dieſer.— ——ꝛx——ʒ——-—— 2 143 „Sie ziehen die Planken ſchon ein!“ rief der junge Mann, leben Sie wohl, und wenn ich Ihnen je wieder einen n Dienſt erweiſen kann, zählen Sie auf mich!“ „Werft das Tau da los!“ rief ihn in dieſem Augenblick die Stimme des Steuermanns zu, der vorn auf dem Bug ſtand und das in den Strom Gehen des Bootes leitete—„das Tau da vorn in dem Ring an Land, wo der Baboon von einem Menſchen ſteht— ſiehſt Du nicht?“ Maulbeere, der mit dem Baboon gemeint war, verſtand glücklicher Weiſe nicht was der Mann auf Engliſch rief, Georg aber warf das Springtau, an dem der Vordertheil des Boo⸗ tes noch an Land befeſtigt war, los, wieder tönte die Glocke, die letzte Planke, auf der der junge Mann kaum Zeit behielt an Bord zu laufen, wurde eingezogen, und Georg Donner winkte noch einmal von Bord aus, dem am Ufer zurückblei⸗ benden Maulbeere mit der Hand, was dieſer, ſehr zum Ergötzen der übrigen Feuerleute und Deckhands, mit einer ſehr tiefen und ehrfurchtsvollen Verbeugung, bei der er den alten Hut in der Luft ſchwenkte, erwiederte, dann aber ſeinen Karren auf⸗ nehmend vor ſich hinmurmelte: „Lieber Maulbeere, ja wohl— lieber Maulbeere— Angenehmen ſpielen und Maulbeere ſoll Bote ſpielen— bah— werde ihm ſelber eine Adreſſe auf die Poſt legen, die ihn freuen ſoll—“. Und der Scheerenſchleifer fuhr, von dem Gedanken ergötzt, ſtill vor ſich hinſchmunzelnd die Levée entlang. 4 Eapitel 5. Literariſche Bekanntſchaften. In New⸗Orleans, in der— Straße, an der untern Ecke des Marktes ſtand ein ſchmales hohes, aus rothen, unbewor⸗ fenen Backſteinen errichtetes Haus, das über ſeine ganze Breite hin ein mächtiges, weißlackirtes Schild und auf dieſem die Worte: „Expedition der New⸗Orleans Biene“ trug. An der Thüre unten war noch ein kleines deutſches Schild angebracht, das die„Office“ des„Editors“ oder Re⸗ dakteurs als eine Treppe hoch liegend, und die Stunden von zehn bis zwölf Vormittags, wie von drei bis fünf Uhr Nach⸗ mittags als die paſſendſten bezeichnete, ihn zu ſprechen. Es war etwa halb vier Uhr Nachmittags Anfangs No⸗ vember jenes Jahres, als ein junger Mann, ſehr anſtändig ge⸗ kleidet, in ſchwarzem Frack, dunklen Beinkleidern und Hand⸗ ſchuhen, ſeinen Hut vielleicht der Wärme wegen in der Hand, . 0 4 145 das Haus erreichte, das kleine Schild unten durchlas, ſein Haar dabei etwas ordnete, und dann die ziemlich ſteile, noch ganz neue Treppe langſam hinanſtieg. Er trug ein feſt ein⸗ geſchlagenes Packet, das möglicher Weiſe Manuſcript enthielt, ₰o unter dem linken Arm, und klopfte leiſe an die mit einem ent⸗ ſprechenden Schild bezeichnete Thür. „Walk in!“*) Habe ich das Vergnügen mit Herrn Doktor Roſengarten zu ſprechen?“ „Bitte— ich bin kein Doktor— aber mein Name iſt . Roſengarten; mit wem habe ich die Ehre?“ „Theobald— Fridolin Theobald— Lyriſcher Dichter und Schriftſteller im Allgemeinen, aus Deutſchland“ ſtellte ſich unſer Freund dem kleinen, etwas ſchwärzlich ausſehenden Manne ſelber vor, indem er ihm eine, gewiſſenhaft an der Ecke einge⸗ drückte Viſitenkarte überreichte. 3 „Und womit kann ich Ihnen dienen?“ ſagte Herr Roſen⸗ garten, einen etwas mistrauiſchen Blick nach dem Packet wer⸗ fend, das jener unter dem Arme trug—„wohl erſt ganz kürz⸗ lich von Deutſchland gekommen, wenn man fragen darf?“ 4 „Seit etwa drei Wochen“ ſagte Herr Theobald, indem er anfing ſein Packet aus einem großen Bogen Makulatur her⸗ auszuwickeln,„und wollte mir nur die Freiheit nehmen, Ihnen hier Einiges für Ihr ſehr geſchätztes Blatt anzubieten.“ „Ah, Sie ſind ſehr freundlich“ ſagte Herr Roſengarten 43,. 1 3 **)„Herein!“ Gerſtäcker's Nach Ame rika. IV. 146 etwas verlegen, indem er nach ſeiner Brille auf dem neben ihm ſtehenden Schreibtiſch herumfühlte, die gefundene aufſetzte, und beide Hände dann, als ob er nicht voreilig damit zu ſein wünſchte, in ſeine Rocktaſchen ſchob. „Ich habe hier zweierlei,“ ſagte Herr Theobald mit einer leichten Verbeugung,„was Beides, wie ich kaum zweifle, und wovon Sie ſich auch wohl bald überzeugen werden, nicht ge⸗ ringes Furore beim Publicum machen wird. Ich will und möchte nicht gern unbeſcheiden ſein, aber ich weiß, daß der Erfolg nicht fehlen kann. Sie haben doch vollſtändige Preß⸗ freiheit hier in Amerika?“ „Vollſtändige“ verſicherte Herr Roſengarten, mit einem ſehr entſchiedenem Kopfnicken. „Ihre Conſtitution garantirt es Ihnen wenigſtens—“. „Ah, und wir wiſſen es aufrecht zu erhalten“ betheuerte Herr Roſengarten„der Präſident in ſeinem Weißen Hauſe iſt nicht ſicher angegriffen und ſeiner verborgenſten Fehler wegen öffentlich an den Pranger geſtellt zu werden.“ „Schön— ſehr ſchön“ rief Herr Theobald—„Gott ſei ewig gedankt, daß ich endlich einmal dieſen Engelsgruß, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, von geweihten Lippen ausſpre⸗ chen hören kann.— Sie ſind auch Schriftſteller, nicht wahr?—“ 3 „Hm— ja“ ſagte Herr Roſengarten mit einem beſchei⸗ ddenen Blick nach dem breiten, halbgeöffneten Glasfenſter, das ihn von der Druckerei trennte—„eigentlich Buchdrucker— die Ausſtattung unſerer Sachen läßt Nichts zu wünſchen übrig, 47 147 aber die leichten Sachen, die Leitartikel vorn im Blatt, und die Angriffe auf die Gegenparthei, ſchreib ich gewöhnlich ſelber.“ „Ihr Blatt iſt rein demokratiſch?“ „Diamant“ ſagte Herr Roſengarten,„das heißt“ ſetzte er raſch hinzu—„Sie werden mich wohl verſtehn, was man damit ſagen will— Demokrat den Grundſätzen, aber nicht im⸗ mer den Principien nach.“ „Das verſtehe ich allerdings nich i⸗ ſagte Theobald er⸗ ſtaut. „Nun ich meine“ verſicherte der Editor der New⸗Orleans Biene,„daß wir grundſätzlich reine Demokraten ſind, und die demokratiſchen Principien auch in unſerem Blatt, gerade im demokratiſchen Sinne aber auch die allgemeinen Menſchen⸗ rechte vertreten, zu denen die Whigs als unſere Brüder eben ſo gut gehören, und ſolcher Art denn eine Verſchmelzung der beiden Partheien zu vermitteln ſuchen. Wiſſen Sie“ fuhr er fort, als ihn der Fremde immer noch nicht zu begreifen ſchien, „die Demokraten ſind gewöhnlich ungemein enthuſiasmirt für ihre Sache, aber— nur ein ſehr geringer Theil von ihnen be⸗ findet ſich in hinlänglich günſtigen pecuniären Verhältniſſen, nicht allein eine Zeitung zu leſen, ſondern auch zu halten und — was die Hauptſache iſt, auch zu bezahlen, während die Whigs beſonders zeitweiſe, auf höchſt liberale Weiſe auch die kleinſte Vergünſtigung anerkennen— ich weiß nicht ob ich mich deut⸗ lich genug ausgedrückt habe.“ „Ich muß allerdings geſtehn, daß ich das noch nicht ganz vollkommen begreife“ ſagte Herr Theobald. 10* 148 „Es iſt unſer Princip, im ächt demokratiſchen Sinne“ ſagte Herr Roſengarten,„bei den Theilen gerecht zu werden; wir ſtehen, um ihnen gewiſſermaßen durch ein Beiſpiel unſer Ziel anſchaulich zu machen, in Fechterſtellung, bei zurückgeworfenem Körper mit dem linken Fuß auf der Demokratie, mit dem rech⸗ ten den Whiggismus nur allerdings leicht berührend, nur danach fühlend, aber jeden Augenblick bereit uns im Angriff momen⸗ tan ganz darauf zu werfen, und dann nur wieder zum Schutz auf den linken Fuß zurückzufallen.“ „Aber gegen wen kämpfen Sie dann?“ ſagte Herr Theo⸗ bald, wirklich ſelber confus gemacht durch dieſe Erklärung, in ſehr natürlicher Frage. „Gegen Jeden der uns angreift,“ ſagte Herr Roſengarten ſchnell—„die Biene kann auch ſtechen, mein verehrter Herr“— er warf einen raſchen Blick auf die vor ihm liegende Karte— „mein verehrter Herr Theobald; die Biene kann auch ſtechen, trotz ihrem Fleiß mit dem ſie Wachs für ihre Zellen, Honig für ihre Leſer einträgt. Wir haben uns dabei mit den beſten Kräften Amerikas verbunden,“ ſetzte er mit innigem Selbſt⸗ gefühl hinzu,„und wiſſen, daß wir dem Publikum etwas Ge⸗ diegenes, Solides bieten können.“ „Sie bringen aber, wie ich geſehen habe, außer der Po⸗ litik auch Erzählungen, Novellen und Lyrik“ ſagte Herr Theobald. „Gewiß, oh ſicher“ betheuerte Herr Roſengarten,„nur durch Mannichfaltigkeit kann ſich ein Blatt in Amerika halten.“ G& — G 149 „Und verſchmähen dabei gewiß nicht Artikel, welche auf die Verbeſſerung der Cultur, der Zuſtände hinarbeiten, und dieſe, wo ſie unzweckmäßig oder faul ſind, rügen?“ „Gewiß nicht“ ſagte Herr Roſengarten raſch und erfreut, „wir ſuchen ſogar etwas darin, mit ſämmtlichen Zuſtänden unzufrieden zu ſein, und indem wir Viel, ſehr viel verlangen, wenigſtens etwas dadurch zu erreichen. Wenn ſie Amerika näher kennen lernen, werden Sie uns ganz recht geben.“ „Ich habe ſchon jetzt einige Erfahrungen gemacht“ ver⸗ ſicherte ihm Herr Theobald,„die mich veranlaſſen Ihnen in mancher Hinſicht beizuſtimmen, und die Zeit die ich in Ame— rika zubringe, nicht allein benutzt friſche Eindrücke zu ſam⸗ meln und Beobachtungen und Vergleiche anzuſtellen, ſondern auch dieſe Beobachtungen und Reſultate niederzuſchreiben. Nun muß ich Ihnen aufrichtig geſtehen, daß ich bis jetzt der Tages⸗ preſſe nicht ſolche Macht zutraute, auf die öffentliche Meinung zu wirken, indem ein Journal, ob es nun täglich oder wöchent⸗ lich erſcheint, mit der nächſten Nummer ſchon gewiſſermaßen bei Seite geſchoben wird und veraltet iſt; der Buchhandel dagegen auf einer, von jedem anderen Lande unerreichten Stufe ſteht, und die Exemplare populär gewordener, oder in die Zeit⸗ umſtände eingreifender Werke, in einer enormen Maſſe in das Volk geworfen und verbreitet werden. Ich habe in dieſen letzten Tagen deshalb auch verſucht meine Beobachtungen, in Verbindung mit einigen anderen literariſchen— und wie ich mir ſchmeicheln will nicht ganz werthloſen Artikeln, als Band vereinigt, hier bei einem der ziemlich zahlreich vertretenen Buch⸗ 150 händler herausgegeben, aber eine ſolche grenzenloſe Apathie bei ihnen gefunden, daß ich wirklich erſtaunt bin.“ „Sie haben es nicht drucken wollen?“ ſagte Herr Roſengarten, etwas derb der Sache gleich auf den Grund gehend. „Nun das will ich gerade nicht ſagen,“ parirte Theobald den Stoß auf ſeine Eitelkeit,„aber ſie machten mir ſo viele Umſtände und Schwierigkeiten, daß ich es in Widerwillen aufgab mit ihnen in irgend eine Geſchäftsverbindung zu treten. Die Sache ſelber aber iſt zu wichtig, im ſpeciellen Fall für Louiſiana, in ſeinem ganzen Umfang aber auch für die Ver⸗ einigten Staaten von Amerika, ſie aufzugeben, und ich bin es als Schriftſteller der Welt ſchuldig dem Ungethüm, das ſeine Fittige drohend über das wunderſchöne Land breitet, wenn ich ihm nicht gleich einen Stoß in's Herz verſetzen kann, eine ſo gefährliche Wunde als möglich beizubringen, damit es unter den nach und nach auf es geführten Streichen endlich verblutet.“ „Und welches Ungeheuer meinen Sie?“ frug Herr Roſen⸗ garten geſpannt. „Welches Ungeheuer?— die Sclaverei!“ „Ja mein lieber Herr Theobald,“ ſagte da der kleine Redakteur, ſich wie verlegen die Hände reibend, und die Schul⸗ tern hinaufziehend,„da ſind Sie allerdings gleich auf den wundeſten Fleck gekommen.“. „Nicht wahr?“ rief der Dichter erfreut. „Ja wohl, ja wohl, aber—“ 2 4 .—.ttt.äͤͤͤ 1— —'ꝛ— — 151 „Aber?“— „Das iſt eine Geſchichte,“ ſetzte Herr Roſengarten hinzu, „an der wir uns nicht die Finger verbrennen dürfen.“ „Die Finger verbrennen?— ich verſtehe Sie nicht— haben Sie mir nicht ſelbſt geſagt daß Sie hier vollſtändig freie Preſſe—“ „Ja, vom Staat aus,“ unterbrach ihn der Redakteur, „aber was will ich machen, wenn mir ein Haufen zügelloſen Geſindels hier in meine Officin bricht, meine Preſſen zerſtört, meine Buchſtaben aus dem Fenſter wirft, und mich ſelber mis⸗ handelt oder gar todt ſchlägt?“ „Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, ſo etwas kann doch in einem geſetzlich organiſirten Staat nicht vorkommen?“ „Kann nicht vorkommen,“ wiederholte Herr Roſengar⸗ ten achſelzuckend,„iſt aber vorgekommen, und zwar ſchon diverſe Male in den civiliſirteſten Staaten, in Philadelphia und New⸗York, in Cincinnati und hier ſelbſt in New⸗Orle⸗ ans. Laſſen Sie hier Jemanden leichtſtnnig, oder ich möchte faſt ſagen wahnſinnig genug ſein den Beinamen Abolitioniſt zu verdienen, und er wird finden daß es etwa denſelben Er⸗ folg hat, als ob man irgend einem ausreißenden Köter das Wort„toller Hund“ nachruft; wer irgend etwas Werfbares in der Geſchwindigkeit aufraffen kann, wirft es nach ihm, und haben ſie ihn dann todt geſchlagen, gehen ſie ſich vielleicht die Mühe ſich zu erkundigen ob er auch wirklich toll, oder was hier daſſelbe ſagen will, ein Aßolitioniſt geweſen.“ 152 „Aber das können ſie ja dann doch keine freie Preſſe nen⸗ nen?“ rief der Dichter in Verzweiflung aus. „Warum nicht?“ ſagte Herr Roſengarten achſelzuckend, „wir dürfen über Alles ſchimpfen was vorkommt. Leſen Sie die verſchiedenen Zeitungen der Gegenparthei bei einer Präſi⸗ dentenwahl, und ſein Sie verſichert daß Sie glauben würden der Candidat für dieſe erſte Würde der Vereinigten Staaten verdiene eher lebenslängliche Zuchthausſtrafe, als den Ehrenſitz im weißen Hauſe zu Washington, ſo wird über ihn los ge⸗ zogen. Alle unſere Inſtitutionen dürfen Sie angreifen, jede Magiſtratsperſon nach Herzensluſt, natürlich vorausgeſetzt daß Sie ſich außer dem Bereich einer Privat⸗Injurienklage hal⸗ ten, und Sie werden durch Niemanden darin beſchränkt werden.“ „Nur nicht die Sclaverei darf man bei ihrem Namen nennen?“ rief Theobald in gereizter Bitterkeit. „Beileibe nicht,“ ſagte der Redakteur,„das iſt der wunde Punkt der ſüdlichen Staaten, die recht gut wiſſen welchen Makel ſie dadurch auf ſich haften haben, aber auch nicht Auf— opferung genug beſitzen ihn mit einem Schlage von ſich abzu⸗ ſchütteln, und nun ängſtlich wachen daß Niemand an die ſchon ſo oft berührte und allerdings etwas ſchadhaft gewordene Ge⸗ ſchichte ſtößt, ſie nicht am Ende doch einmal über den Haufen zu werfen. Aber laſſen Sie das gut ſein, damit werden Sie, nur erſt einmal ein halbes Jahr bei uns, ſchon noch vertrau⸗ ter werden, und dann wohl einſehn wie recht ich heute habe Ihnen das zu ſagen. Für jetzt zeigen Sie mir einmal was Sie ſonſt noch— das heißt nicht die Sclavenfrage, ſelbſt — 153 nicht im Gedicht berührend— bei ſich haben, und wir wollen dann ſehn was wir davon gebrauchen können. Ich weiß ſchon, junge Schriftſteller wünſchen ihre Sachen gern gedruckt zu haben, und man muß ſie darin unterſtützen.“ „Sie ſind unendlich freundlich, beſter Herr Doktor, Herr Roſengarten wollte ich ſagen— aber ſollte es denn gar nicht möglich ſein auf irgend eine Weiſe gerade dieſer Frage beizu⸗ kommen?“ „Thun Sie mir den einzigen Gefallen und bleiben Sie mir mit allen ſolchen Sachen vom Leibe,“ rief aber der Re⸗ dakteur ganz entſchieden, indem er ſeine Hand in Erwartung des Manuſcripts dem jungen Mann entgegenſtreckte; laſſen Sie uns ſehn was ſie ſonſt haben, und Alles was ſich auf Sclaverei ꝛc. bezieht ſchließen Sie, wenn Sie meinem Rath folgen wollen, ſo lange Sie ſich in irgend einem Sclavenſtaat aufhalten, in Ihren Koffer, oder noch beſſer, ſtecken es in das erſte beſte Kamin das Sie erreichen können; da ſind Sie ſicher daß es Ihnen weiter keine Unannehmlichkeiten über den Hals bringt. Alſo was haben wir denn hier?“ fuhr er, die über⸗ reichten Papiere durchblätternd, fort,„ein kleines Bändchen Gedichte.“, „Werden wir in des Lebens Wirren Manchmal fehlen, manchmal irren, Oder giebt unſres Sternes Sichtung Unſerem Daſein andere Richtung, Blüht uns doch in des Herzens Tiefen, Wo die Gedanken ruhend ſchliefen, Neues Gebären, neues Entſtehn— Neues Erwachen— neues Vergehn!“ 154 „Sehr brav— vortrefflich— wirklich neue Gedanken und ganz originell ausgedrückt; hm— da ſind ja eine ganze Menge; auch an Amerika— „Ein Fels im Meere— und doch ſo warm, Den Fremden, Bedrückten, politiſch Todten Die helfende Hand und den ſtarken Arm Gaſtfrei zu ehrlichem Schutz geboten, So entſteigſt Du dem Meere, ſo liegſt Du da, Gegrüßt und geſegnet— Amerika!“ ſehr brav, ganz vortrefflich— ungemein viel Gefühl— wird meinem Blatt alle Ehre machen.— Und das Andere?“ „Sind kleine Erzählungen, die mir in Deutſchland die Cenſur geſtrichen— Dorfgeſchichten aus dem Jammerleben der Proletarier— Hofgeſchichten aus vorzüglichen Quellen, überall mit den wirklichen Namen, für deren Wahrheit ich Ihnen garantire. „Vortrefflich— ganz vortrefflich— etwas derartiges können wir brauchen, apropos Herr Theobald— wo logiren Sie denn eigentlich, daß wir Ihnen ein Exemplar unſerer Biene regelmäßig zuſenden können?“ „Oh Sie ſind zu freundlich,“ ſagte Herr Theobald,„ich habe die erſten vierzehn Tage im„deutſchen Vaterland“ ge⸗ wohnt, bin aber da ſo furchtbar und auf ſo raffinirte Weiſe geprellt worden, daß ich, ſelbſt mit Aufopferung eines Theils meiner Wäſche, die mir abgeleugnet wurde, auszog, und jetzt in einem anderen deutſchen, etwas beſſeren Koſthaus, bei Herrn Weiß, logire.“ „Ah ich weiß ſchon— nicht weit vom unteren Markt; —.,— — ———,——j, —— 155 werde mir Ihre Adreſſe notiren, und wenn ich Ihnen ſonſt mit etwas dienen kann, bin ich mit Vergnügen dazu bereit.“ Herr Roſengarten war aufgeſtanden und Theobald fühlte daß der Redakteur der Biene mehr zu thun hatte, als ſich den halben Tag mit ihm zu beſchäftigen. Nichts deſtoweniger lag ihm noch eine ſchwere und jedenfalls unangenehme, aber auch nicht zu umgehende Frage auf den Lippen, die er lieber von der anderen Seite hätte angeregt gehabt. Da das aber nicht geſchah mußte er es ſelber thun. „Und wie halten Sie es mit dem Honorar, wenn ich fragen darf, verehrter Herr Roſengarten?“ ſagte er ſchüchtern. „Mit dem Honorar?“ wiederholte Herr Roſengarten ungemein überraſcht. „Für dieſe Sachen hier mein ich— honoriren Sie Ge⸗ dichte und Proſa in einem Verhältniß, oder machen Sit einen Unterſchied darin?“ „Honoriren?— ja ſo, Sie verlangen Honorar für Ihr Manuſcript?“ ſagte Herr Roſengarten, allem Anſchein nach ungemein überraſcht. „Ja mein beſter Herr“ bemerkte Theobald, ſich verlegen lächelnd die Hände reibend—„wenn wir kein Honorar be⸗ kämen, wovon ſollten wir Schriftſteller denn da eigentlich leben?“ „Ah?— leben Sie wirklich nur vom Schreiben?“ frug der Redakteur mit unverſtellter Ueberraſchung. „Allerdings— Sie doch auch.“ „Ich?— doch nicht ſo ganz“ bemerkte der Redakteur, wie⸗ der mit einem Seitenblick auf die im Nebenzimmer befindliche Druckerei„ich habe auch durch jene meine Beſchäftigung und — meinen Verdienſt— mit Schreiben allein wird ſich wohl kaum Jemand hier in Amerika ernähren und über Waſſer halten können.“ „Aber es giebt doch eine Menge Amerikaniſcher Schrift⸗ ſteller und Dichter.—“ „Ja Amerikaner, die haben auch ein großes Publicum, aber wir Deutſchen, mein guter Herr Theobald, ſind wiederan gerade nur auf die Deutſchen angewieſen, und wenn Sie die erſt einmal hier in Amerika näher kennen, werden Sie mir vollkommen recht geben wenn ich Ihnen ſage, daß man die eigentlich gar nicht für deutſche Literatur in Anſchlag bringen kann. Die Engliſch verſtehn, oder ſich wenigſtens den Anſchein geben wollen als ob ſie es verſtünden, leſen kein Deutſch mehr, und buchſtabiren ſich lieber ihre Engliſche Nachrichten ſylben⸗ weis zuſammen, und die, die eben erſt angekommen ſind und von Engliſch noch gar keine Idee haben, leſen auch gewöhn⸗ lich gar Nichts, oder kaufen ſich noch weniger ein Buch oder eine Zeitung.“ „Wer aber, um Gotteswillen hält da die deutſchen Blät⸗ ter?“ frug Theobald erſtaunt. „Ja lieber Herr Theobald“ verſicherte Herr Roſengarten „ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß mir das manchmal ſel⸗ ber ein Räthſel iſt. Kaffeehäuſer, ſelbſt Amerikaniſche, halten allerdings dann und wann deutſche Zeitungen, und die deut⸗ ſchen Koſthäuſer müſſen ſie haben; einzelne gehen auch in 4— — 157 das innere Land und nach den kleinen Städtchen am Miſſtſ⸗ ſippi hinauf, die mit New⸗Orleans in lebhafter Verbindung ſtehn und in denen Deutſche wohnen, wie Natchez, Vicksburg, Bayou⸗Sarah, St. Franzisville, Baton⸗Rouge ꝛc., der Haupt⸗ abſatz geſchieht aber auf oft räthſelhafte, jedenfalls ſehr ge⸗ ſchickte Weiſe durch die Colporteurs oder Zeitungsjungen, In⸗ dividuen von zehn bis dreißig Jahren, die bei unſeren Blättern intereſſirt ſind, d. h. gewiſſe Procente für jedes Exemplar be⸗ kommen, das ſie abſetzen. Jemehr die alſo unterbringen, deſto größer iſt ihr eigener Nutzen, und es iſt mir geſagt— ſelber darum bekümmern thun wir uns natürlich nicht— daß ſie manchmal zu den wunderlichſten Liſten ihre Zuflucht nähmen, und ſei es auch nur halbjährige Abonnenten zu bekommen; das nächſte Semeſter muß ihnen dann, wenn ein Theil von dieſen abfällt, andere bringen.“ „Nun ich will glauben“ ſagte Theobald, der auf Kohlen ſtand,„daß Sie bei ſo unſicheren Einkünften nicht gerade im Stande ſind ein, wenigſtens nach hieſigen Begriffen, ſehr be⸗ deutendes Honorar zu zahlen; wie viel könnten Sie mir alſo verſprechen, wenn ich mich zugleich dabei verpflichtete, regel⸗ mäßiger Mitarbeiter der Biene zu werden. Meinen Namen werden Sie ſicher ſchon von Deutſchland aus geleſen haben; ich kann mit aller Beſcheidenheit ſagen, daß er dort einen gu⸗ ten Klang hat.“ „O gewiß Herr Theobald, gewiß“ verſicherte Herr Roſen⸗ garten, und fuhr dann, in's Blaue hinein rathend, raſch fort: 158 „Sie haben glaub' ich vor ganz kurzer Zeit wieder ein paar Bände Novellen herausgegeben.“ „Allerdings.“ „Ich habe ſie geſehn— vortrefflich— ganz vortrefflich — doch— ſo leid es mir thut, aber— ich bin in der That nicht im Stande Ihnen irgend welches Honorar für Ihre literariſchen Beiträge zuzuſagen. Ja wenn wir jetzt nur etwas beſſere Zeiten hätten, aber die älteſten Leute in New⸗Orleans erinnern ſich wirklich nicht eine ſo gedrückte, ſchwierige Stim⸗ mung in New⸗Orleans je erlebt zu haben.— Wenn Sie übri⸗ gens noch ein oder ſelbſt zwei Exemplare der Biene wünſchten — ich möchte gern Alles thun was in meinen Kräften ſteht Sie zufrieden zu ſtellen.—“ d1 „Aber wo bekommen Sie Manuſcript her Ihre Spalten zu füllen“ rief Theobald erſtaunt aus,„wenn Sie kein Hono⸗ rar dafür bezahlen— Sie können doch nicht Alles ſelber ſchreiben?“ „Um Gottes Willen— nein!“ rief Herr Roſengarten, „das wäre ich allerdings nicht im Stande, ſchon des Zeitver⸗ luſtes wegen; aber wir helfen uns da vortrefflich mit, vor län⸗ gerer Zeit in Europa gedruckten Sachen. So hat mir im vorigen Frühjahr ein Freund von dort vier oder fünf alte Jahrgänge der Didaskalia geſchickt, in denen allerliebſte kleine Erzählungen und Gedichte ſtehn— unſere Leſer ſind ordentlich verſeſſen darauf. Die drucken wir ſo eine nach der anderen ab, und füllen damit aus, was die politiſchen Nachrichten der — 159 Grenzboten, der Kölniſchen Allgemeinen und Weſerzeitung, die wir nun leider einmal halten müſſen, an Raum gelaſſen haben.“ „Aber beſter Herr Roſengarten!“ rief Theobald, der bei ſo bewandten Umſtänden doch einſah daß er hier auf keine Einnahme rechnen konnte, und in einer Art von Verzweiflung ſich das letzte Bret unter den Füßen fortgehen fühlte—„Sie nehmen mir das nicht übel, aber das iſt ja doch eigentlich, nach unſeren deutſchen Begeiffen wenigſtens, ein reines Plün⸗ derungsſyſtem, das Sie hier befolgen, ein reiner Nachdruck, eine mechaniſche Vervielfältigung ſchon vorhandener Sachen, worauf Sie ja von den reſpectiven Zeitungen verklagt werden könnten.“ „Hier in Amerika? nein“ lächelte Herr Roſengarten gutmüthig das nicht— nicht einmal verklagt, einen un⸗ günſtigen Ausfall eines ſolchen Proceſſes ganz abgerechnet, denn für deutſches literariſches Eigenthum beſteht hier nicht der geringſte Schutz, und kein Amerikaniſcher Gerichtshof würde ſelbſt nur eine ſolche Klage annehmen.“ „Das iſt allerdings eine Freiheit“ flüſterte Theobald,„auf die ich nicht ganz vorbereitet war; aber— nicht wahr es iſt noch eine deutſche Zeitung in New⸗Orleans.“ „Allerdings“ ſagte Herr Roſengarten mit einem eigenen Lächeln, das allerlei bedeuten konnte—„allerdings erxiſtirt hier noch ein Blatt das mit deutſchem Druck herauskommt, nach einem nur oberflächlichen Vergleich würden Sie aber bald finden daß es ſich mit der Biene nicht meſſen kann.“ —— 160 „Und ſeine Expedition?— können Sie mir die vielleicht angeben?“ „O warum nicht“ ſagte Roſengarten, nach dieſer Bemer⸗ kung jedenfalls feſt entſchloſſen das Geſpräch ſobald als mög⸗ lich abzubrechen—„Sie können nicht fehlen— Ecke von Fulton und Renaiſſance⸗Straße— großes Schild über der Thür wie für eine Wirthſchaft— hier Ihr Manuſcript Herr Theobald— war mir ungemein angenehm Ihre werthe Be⸗ kanntſchaft gemacht zu haben.“ Theobald drückte ſein Manuſcript unter den Arm, machte eine ſtumme Verbeugung, und befand ſich wenige Augenblicke ſpäter wieder vor der Thür der Officin auf der Straße. Dieſe ſah er eben unſchlüſſig hinauf und hinunter, welchen Weg er von hier aus einzuſchlagen hätte, als ein Fremder, in einem blauen Ueberrock, und mit einer eben ſolchen Tuchmütze auf, mit einem vollen, aber etwas krankhaften fleckigen Bart, die Straße her⸗ unterkommend an ihm vorbeiging, ſtehn blieb, ihn anſah, und dann wieder zurück und auf ihn zukam. „Sie ſind ein Deutſcher“ redete er den jungen Mann, der ihn etwas verblüfft betrachtete, an,„nicht wahr ich habe recht?“* „Allerdings bin ich ein Deutſcher.“ „Und eben erſt angekommen?“ „Wenigſtens erſt vor einigen Wochen.“ „Bleibt ſich gleich, iſt daſſelbe“ lachte der Fremde—„ich der Advocat Heindel, jetzt etwa drei Viertel Jahr hier, — — 161 und eben im Begriff wieder zurück nach Deutſchland zu gehn — und Sie?—“ „Theobald iſt mein Name.“ „Und Beſchäftigung?— Schullehrer?“ „Literat“ ſagte Herr Theobald.— „Ah ſo— brodloſe Kunſt hier, lieber Herr“ bemerkte ziemlich ungenirt, Herr Heindel„na werden das auch noch ſelber hier ausfinden; waren wohl gar da oben um Manuſcript zu verkaufen?“ „Ich?— o nein“ ſagte Theobald, und fühlte daß er bis weit hinter die Ohren roth wurde. Herr Heindel ſah das aber nicht; er hatte beim erſten Begegnen zwar zu ſeiner neuen Bekanntſchaft aufgeſchaut, war dann aber an deſſen Blick im⸗ mer wieder wie ſcheu heruntergefahren, und ließ den eigenen bald auf Theobalds Weſtenknöpfen, bald auf deſſen Halstuch⸗ ſchleife oder Hemdkragen haften, was bei dieſem aber auch zu⸗ letzt ein unangenehmes, faſt nervöſes Gefühl erzeugte, und ihn ſelber wunſchen ließ einen Blick auf die ſo ſcharf aufs Korn genommenen Gegenſtände zu thun, ob der Fremde irgend etwas außergewöhnliches— Fleck oder Riß daran entdecke. Herr Heindel hatte übrigens andere Sachen im Kopf, als Herrn Theobalds Vatermörder oder Weſtenknöpfe, und nur ei⸗ nen derſelben, nach dem der junge Mann raſch hinunterſchielte, faſſend und feſthaltend, ſagte er, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog und bedenklich mit dem Kopfe nickte. „Würde Ihnen auch wenig helfen, verehrter Herr, würde Ihnen verdammt wenig helfen— ich habe ſelber darin ver⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. lV. 11 160 „Und ſeine Erpedition?— können Sie mir die vielleicht angeben?“ „O warum nicht“ ſagte Roſengarten, nach dieſer Bemer⸗ kung jedenfalls feſt entſchloſſen das Geſpräch ſobald als mög⸗ lich abzubrechen—„Sie können nicht fehlen— Ecke von Fulton und Renaiſſance⸗Straße— großes Schild über der Thür wie für eine Wirthſchaft— hier Ihr Manuſcript Herr Theobald— war mir ungemein angenehm Ihre werthe Be⸗ kanntſchaft gemacht zu haben.“ 1 Theobald drückte ſein Manuſcript unter den Arm, machte eine ſtumme Verbeugung, und befand ſich wenige Augenblicke ſpäter wieder vor der Thür der Officin auf der Straße. Dieſe ſah er eben unſchlüſſig hinauf und hinunter, welchen Weg er von hier aus einzuſchlagen hätte, als ein Fremder, in einem blauen Ueberrock, und mit einer eben ſolchen Tuchmütze auf, mit einem vollen, aber etwas krankhaften fleckigen Bart, die Straße her⸗ unterkommend an ihm vorbeiging, ſtehn blieb, ihn anſah, und dann wieder zurück und auf ihn zukam. „Sie ſind ein Deutſcher“ redete er den jungen Mann, der ihn etwas verblüfft betrachtete, an,„nicht wahr ich habe recht?“ 1 „Allerdings bin ich ein Deutſcher.“ „Und eben erſt angekommen?“ „Wenigſtens erſt vor einigen Wochen.“ „Bleibt ſich gleich, iſt daſſelbe“ lachte der Fremde—„ich bin der Advocat Heindel, jetzt etwa drei Viertel Jahr hier, 4— 161 und eben im Begriff wieder zurück nach Deutſchland zu gehn — und Sie?—“ „Theobald iſt mein Name.“ „Und Beſchäftigung?— Schullehrer?“ „Literat“ ſagte Herr Theobald.— „Ah ſo— brodloſe Kunſt hier, lieber Herr“ bemerkte ziemlich ungenirt, Herr Heindel„na werden das auch noch ſelber hier ausfinden; waren wohl gar da oben um Manuſcript zu verkaufen?“ „Ich?— o nein“ ſagte Theobald, und fühlte daß er bis weit hinter die Ohren roth wurde. Herr Heindel ſah das aber nicht; er hatte beim erſten Begegnen zwar zu ſeiner neuen Bekanntſchaft aufgeſchaut, war dann aber an deſſen Blick im⸗ mer wieder wie ſcheu heruntergefahren, und ließ den eigenen bald auf Theobalds Weſtenknöpfen, bald auf deſſen Halstuch⸗ ſchleife oder Hemdkragen haften, was bei dieſem aber auch zu⸗ letzt ein unangenehmes, faſt nervöſes Gefühl erzeugte, und ihn ſelber wünſchen ließ einen Blick auf die ſo ſcharf aufs Korn genommenen Gegenſtände zu thun, ob der Fremde irgend etwas außergewöhnliches— Fleck oder Riß daran entdecke. Herr Heindel hatte übrigens andere Sachen im Kopf, als Herrn Theobalds Vatermörder oder Weſtenknöpfe, und nur ei⸗ nen derſelben, nach dem der junge Mann raſch hinunterſchielte, faſſend und feſthaltend, ſagte er, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog und bedenklich mit dem Kopfe nickte. „Würde Ihnen auch wenig helfen, verehrter Herr, würde Ihnen verdammt wenig helfen— ich habe ſelber darin ver⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. lV. 11 162 wünſcht bittere Erfahrungen gemacht. Ja ſtehlen— ſtehlen thun ſie; dieſe nichtswürdigen Hallunken von Zeitungsredak⸗ teuren, wo ſie die Hand an irgend etwas Gedrucktes legen können, aber Manuſcript bezahlen, irgend etwas ſelbſtſtändig Vernünftiges mit baarem Gelde kaufen?— Gott bewahre!“ „Es ſind das eigenthümliche Verhältniſſe“ ſtammelte Theobald, der nicht mit Unrecht um ſeinen Weſtenknopf be⸗ ſorgt war, und mit Schrecken daran dachte daß er hier in Amerika nicht einmal wieder einen paſſenden zu dem ausge⸗ ſucht ſchönen halben Dutzend bekommen würde. Aber trotzdem hatte er nicht den Muth ſich von der arbeitenden Hand des wunderlichen Fremden zu befreien, der ihm wieder unverwandt auf den Rockkragen ſah— er mußte da irgend einen Fett⸗ fleck, oder wenigſtens eine Spinne ſitzen haben. „Eigenthümliche Verhältniſſe?“ rief aber Herr Heindel entrüſtet, und ſtieg mit ſeinen Augen bis zu Theobalds Hals⸗ binde auf—„Spitzbübereien ſind's, nichtswürdige erbärmliche Gaunereien, unter denen ordentliche, anſtändige Menſchen aus ihrer Heimath fort nach dem vermaledeiten Amerika gelockt werden, bis ſie hier ſind, in der Falle drin ſitzen und nicht wieder hinaus können. Hol der Teufel 7 e Amerika, ſo viel ſag ich, und alle die Canaillen dazu, die dicke Bücher zu deſſen Lobe ſchreiben— ch wünſche ihnen weiter Michis als daß ſie wieder herüber müßten.“ „Aber ſollte es denn wirklich ſo ſchlecht hier ſein?“ „Schlecht?— erbärmlich, hundsföttiſch ſag ich Ihnen“ rief der Mann, ganz eifrig über das Thema werdend, arbei⸗ 163 ten, immer nur arbeiten“ iſt die Loſung, und zwar arbeiten mit den Fäuſten, als ob alle Menſchen als geborene Holzhacker auf die Welt gekommen wären— Kopfarbeit wird hier gar nicht gerechnet, Gott bewahre, und die Deutſchen hier, ſind nun gar die erbärmlichſte Nation die ſich ein Menſch auf der Welt denken kann. Glauben Sie daß das Volk in irgend einer Proceßſache einen deutſchen Advocaten anſtellt, ſo lange ſie einen Amerikaniſchen Lumpen bekommen könnens— Gott be⸗ wahre, nicht d'rran zu denken, und dabei quälen ſie ſich mit ihrem nichtswürdigen Engliſch ab, radebrechen, daß man glaubt die Kinnladen gehen ihnen dabei entzwei, und laſſen ſich nachher anſchmieren nach Noten.“ „Ja, das hab' ich auch gehört“ ſeufzte Theobald, durch ſeine bisherigen regelmäßig verunglückten Verſuche ſeine Ma⸗ nuſcripte in Geld zu verwandeln, doch nach und nach ängſtlich gemacht,„daß man unvernünftig arbeiten müſſe um hier ehr⸗ lich in Amerika durchzukommen.“ „Ja und was für Arbeit“ rief Herr Heindel,„draußen im Wald Büſche ausroden und Bäume umſchlagen, an denen ein einzelner unverheiratheter Mann eine halbe Woche hacken kann, und hiergin der Stadt Straßen fegen, hinter der Bar ſtehn und Schnaps ausſchenken, Zeitungen herumtragen, Zettel ankleben, bei irgend einem ſchmierigen Handwerker als Hand⸗ langer in Dienſt gehn, oder gar unten an der Levée Fracht mit helfen aus- und einladen, Porkfäſſer heraufrollen und Kaffee⸗ und Reisſäcke wieder hinunterſchleppen bei 32 Grad Hitze; das ſind ſo die verſchiedenen Beſchäftigungen, denen die 11* Holzköpfe den Namen ehrliche Arbeit geben. Arbeit ſchän⸗ det nicht ſagen ſie dabei; das dank' ihnen der Teufel; auch noch ſchänden— wenn ſie nicht ſchändet ruinirt ſie aber die Knochen, und unter Arbeit verſtehen gebildete Leute nicht bloß mit der Miſtgabel und der Schaufel wirthſchaften, ſondern eher noch ſein Gehirn zum Beſten der Menſchheit anſtrengen, und für das Volk, jenes tollpatſchige Ungeheuer das nun einmal ſeine halbe Lebenszeit an den Tatzen leckt, zu denken, zu über⸗ legen. Glauben Sie daß neulich ſo ein erbärmlicher Schuft von Amerikaniſchem Advocaten, dem ich ein Compagniegeſchäft anbot und ihm meine deutſche Praxis dafür einzubringen ver⸗ ſprach— ich habe ſie auch bis jetzt nur erſt verſprochen be⸗ kommen— mir die Compagnieſchaft vor der Naſe abſchlug, aber die Frechheit hatte mir eine quasi Schreiberſtelle bei ſich anzutragen?“ „Es iſt doch kaum denkbar“ ſagte Theobald, deſſen Ge⸗ danken übrigens mehr bei ſeinem bedrohten Knopfe, als bei der dem deutſchen Advocaten gemachten ſchändlichen Zumu⸗ thung geweilt hatten. „Allerdings“ rief Herr Heindel—„aber“ fuhr er dann in allem Eifer und jetzt jedenfalls auf ſeinem Steckenpferde reitend fort—„was iſt denn auch Amerika für ein Land, für wen iſt es und zu was? für unſere tölpiſchen Bauerjungen von daheim, die ſich nicht anders glücklich fühlen, als wenn ſie mit aufgeſtreiften Aermeln den ganzen Tag in Schmutz und Arbeit wühlen können, und es nicht beſſer haben wollen und dürfen. Wenn die Canaillen nur ein oder zwei Mal Fleiſch — 4 den Tag und keine Schläge kriegen, ſind ſie oben auf, und laſſen ſich mit Vergnügen politiſch knechten und unter die Füße treten. Das Geſindel iſt zu Allem zu gebrauchen, und glau⸗ ben Sie daß da ein Deutſches oder Amerikaniſches Blatt ein Einſehn hätte, und ein paar hundert Dollar daran wenden möchte dieſes Volk einmal aufzuklären über ihre Pflichten als Staatsbürger, wenn ſie nun doch einmal in einer ſolchen lei⸗ digen Republik leben wollen und müſſen? fällt ihnen nicht ein — beſſer wiſſen wollen ſie, was man ihnen ſagen könnte— beſſer wiſſen und geſcheuter ſein wie Leute, die ihre Lebenszeit darauf verwandt haben ein ſtaatliches Leben zu überſehen und in die Speichen mit kundiger Hand einzugreifen. Arbeiten— arbeiten— es thäte bei Gott Noth daß man ſich noch zwi⸗ ſchen den Irländern als Straßenkehrer anſtellen ließe, und mit dem Beſen in der Hand umherliefe, ſein„tägliches Brod“ auf den Trottoirs zuſammenzukehren. Na laſſen Sie mich nur erſt wieder einmal nach Deutſchland zurückkommen, das Amerika werde ich ihnen anſtreichen; eine Lebenszeit verwende ich darauf es ſchlecht zu machen. Aber kommen Sie Freund“ brach er plötzlich kurz ab, und faßte Theobald unter den Arm, „wir wollen uns nicht über dieſe Amerikaniſchen Jämmerlich⸗ keiten und Lumpereien unnützer und thörichter Weiſe ärgern; ändern können wir's doch nicht, und beſſern wollen ſich die Lumpe ja nicht laſſen. So gehn Sie da drüben mit in das Kaffeehaus hinein, daß wir ein Glas auf beſſere Bekanntſchaft und beſſere Zeiten trinken.“ Theobald hatte Nichts dagegen; er bedurfte ſelber einer 168 ten ſie ſich auch Farmen darauf gründen und dann, ſtatt hier vogelfrei zu ſein, unter glücklichen Geſetzen, unter einer väter⸗ lich für ſie ſorgenden Regierung darauf leben.“ Herr Dr. Heindel hatte ſich ſo in Gift und Bitterkeit hin⸗ eingeſprochen, daß er ſich den Reſt der Flaſche in ſein Glas ſtülpte, und dieſes auf einen Zug leerte, dann aufſtand und ſeinen Hut ergreifend in die Taſche fühlte die Flaſche zu be— zahlen, wegen der ſich ihm der barkeeper ſchon freundlich ge— nähert hatte. „Ja mein junger Freund,“ ſagte er dabei, an Theobald wieder hinunterſehend bis ſein Blick an deſſen Knieen haftete und dieſen ebenfalls dort hinunterſchielen machte—„ja mein junger Freund, nehmen Sie ſich beſonders vor dieſen ver⸗ wünſchten Amerikanern in Acht, und wenn Sie es irgend können, wenn es Ihnen Ihre Mittel nur halbwege erlauben, ſo ſchiffen Sie ſich wieder ſo raſch Sie können nach Deutſch⸗ land ein; lieber trockene Brodrinde dort, mit vaterländiſchem Quell- oder Brunnenwaſſer, als Champagner hier, in dieſem Gottvergeſſenen Lande— Donnerwetter,“ unterbrach er ſich dabei in alle ſeine Taſchen fühlend,„jetzt hab' ich mein Porte⸗ monnaie zu Hauſe auf meinem Schreibtiſch liegen laſſen— ei das iſt mir doch ungemein fatal— ah lieber Freund, bitte legen Sie dieſe Flaſche doch einmal bis heute Nachmittag für mich aus;— Sie logiren?“— „Im Weißeſchen Koſthaus,“ ſagte dieſer etwas überraſcht und verlegen. „Sehr ſchön— ich kenne das Weißeſche Koſthaus, da ſind wir ja halbe Nachbarn— wohne kaum drei Thüren von Ihnen entfernt; deſto beſſer— und nun was ich Ihnen noch ſagen wollte“— er hatte wieder denſelben ſchon vorher in Beſchlag genommenen Weſtenknopf geſaßt—„ſtecken Sie Ihr Manuſcript in den Ofen—“ „Aber mein beſter Herr Doktor—“ „Stecken Sie Ihr Manuſcript in den Ofen,“ rief aber Herr Dr. Heindel in einiger Aufregung,„die Lumpe hier ſind nicht werth daß ſie einen ordentlichen deutſchen Originalaufſatz bekommen— hol ſie der Böſe— ſie glauben daß ſie einem Schriftſteller noch einen Gefallen thun, wenn ſie ihre Setzer nur nach einem Manuſcript arbeiten laſſen, da dieſe gewohnt ſind faſt nur ſchon Gedrucktes zu ſetzen. Und dann ſchiffen Sie ſich ein— ſchiffen Sie ſich ein ſo raſch Sie können“— er war mit ſeinen Augen wieder bis zur Weſte in die Höhe gefahren.—„Amerika iſt ein vortreffliches Land für Taback und Baumwolle, für Mosquitos und Alligatoren, für Räuber und Diebe; aber für einen gebildeten Mann, für Jemand, der weiß was er ſich und ſeiner Nationalehre als deutſcher Bürger ſchuldig iſt, paßt Amerika gerade ſo gut, wie— wie der Knopf hier,“ ſetzte er hinzu, als er das unglückliche Stück Perlmutter endlich wirklich abgedreht hatte,„zu dem Kehricht⸗ haufen da“— und mit den Worten ſchleuderte er, ehe Theo⸗ bald danach greifen konnte, oder in der That eine Ahnung hatte was der exaltirte Menſch damit anfangen wollte, den beſagten Knopf wirklich auf einen, unfern der Thür liegenden Kehrichthaufen in der Straße; dann aber Theobalds Hand 170 raſch ergreifend und freundlich ſchüttelnd rief er ihm noch zu:„Guten Morgen lieber Freund— guten Morgen— ich komme heut' Nachmittag hinüber zu Ihnen, die Kleinigkeit mit Ihnen abzumachen,“ und verſchwand gleich darauf um die nächſte Ecke. „Aber mein Knopf,“ rief Herr Theobald, und wollte auf den Kehrichthaufen zueilen, ſein Eigenthum wiederzuſuchen, als ihm der Kellner den Weg vertrat und freundlich ſagte: „Nicht wahr, Sie bezahlen die Flaſche?“ Theobald hatte eine unbeſtimmte Idee, was der junge Mann in Hemdsärmeln, mit der Engliſchen Anrede meinte, nickte deshalb, in aller Verlegenheit mit dem Kopfe und ſagte Yes, und mußte endlich wirklich die zwei und einen halben Dollar für den Champagner„auslegen“ wie ſein neuer, etwas zweideutiger Freund gemeint hatte. Als er das, wenn auch nicht zu ſeiner eigenen, doch zur Zufriedenheit des barkeepers abgemacht, ging er hinaus vor die Thür, nach ſeinem Knopf zu ſehn, hatte aber kaum eine halbe Minute auf der Erde da herumgeſucht, als ſich ſchon ſechs oder acht Menſchen um ihn ſammelten und ebenfalls, in Erwartung irgend eines bedeutenden Fundes, umherſuchten. Alle Vorübergehenden blieben jetzt ſtehn und drängten herbei, und Theobald, wenn er nicht einen Straßenauflauf veranlaſ⸗ ſen wollte, mußte ſich raſch zurückziehn und den Knopf— das halbe Dutzend war ſchändlich verdorben— ſeinem Schickſal überlaſſen. — „ — 6* N Capitel 6. Der Feuermann. Es war Nacht, und die„Backwoods⸗Queen ſchnaubte den Strom hinauf. Das Boot hatte vor kurzer Zeit die nörd⸗ liche Grenzlinie Louiſtanas hinter ſich gelaſſen, und auf dem linken Stromufer, im Staat Miſſiſſippi Holz eingenommen. Es mochte elf Uhr vorbei ſein, und die Feuerleute und Deck⸗ hands der„Hundewache“(von 12—4), die aus ihrem kurzen Schlaf aufgeſtört worden die Feuerung mit an Bord zu tra⸗ gen, mochten ſich, der halben Stunde wegen, nicht wieder niederlegen, und ſaßen und lagen jetzt bunt gruppirt vor den Keſſeln auf dort nachläſſig hingeworfenem Klafterholz, dem letzt an Bord gekommenen, das hier nur ſo ohne Ordnung hingeſchüttet worden, gleich mit verfeuert zu werden. Vor den Keſſeln, unter denen die mächtigen Thüren geſchloſſen waren und die langen Scheite, über dieſen, durch kleine dazu ange⸗ brachte Klappen hineingeſchoben wurden, ſtanden die Feuer⸗ 172 leute, die ihre Wacht von acht bis zwölf hatten, mit den un— ten rothheißen Schürſtangen in den rußgeſchwärzten Händen, und wühlten die flammenden Scheite durch- und ineinander, daß ſie wieder Raum bekamen friſche oben hineinzuwerfen, als Nahrung für die Gluth. Mitten zwiſchen der Gruppe ſtand eine rieſige blecherne Kanne, die wohl einen halben Eimer Kaffee faſſen mochte, daneben eine bauchige Kruke mit Whiskey gefüllt, und Einer der Leute kam eben vom Bug vorn, wo ein halb Dutzend gewaltige Zuckerfäſſer, die nicht mehr in den Raum gingen, frei auf Deck lagen, und brachte eine große Blechſchaale voll Zucker herbei, die er mit einem geſpaltenen Schilfſtück aus den großen, der friſchen Luft wegen darin angebrachten Bohr⸗ löchern der Fäſſer herausgepurrt hatte. Es war dieß ein vielleicht dreiundzwanzig Jahr alter wunderhübſcher junger Burſche, mit einem leichten dunklen Schnurrbart auf der Oberlippe, und langem wie ſeidenem, faſt mädchenhaftem Haar; auch das Geſicht, wo es Rußflecke nicht bedeckten, war zart und weiß, und die langen Wimpern ſchatteten ein paar dunkle, aber keck und entſchloſſen umher⸗ blitzende Augen, die jetzt beſonders von einem eigenen leben⸗ digen Feuer leuchteten. „Hallo Wolf, was bringen Sie?“ rief ihm Georg Don⸗ ner lachend entgegen—„hat's Brei geregnet draußen?“ „Brei nicht,“ lachte der junge Mann,„aber Zucker! Wetter noch einmal, wir werden doch dieſe Unmaſſe guten Stoffes nicht den Miſſiſſippi hinaufführen, ohne wenigſtens —. 173 ſo viel Zoll davon zu erheben, als wir in unſeren Whiskey brauchen; kommen Sie her Donner, nehmen Sie eine von den kleinen Blechſchaalen dort, ich will uns einmal einen richtigen Feuermannstrank zuſammenbrauen. „Bei Golly,“ lachte Einer der andern Feuerleute, ein Neger, der mit zwei andern Landsleuten oder wenigſtens doch gleichfarbigen Kameraden, an der Larbordſeite des Bootes, das ſechs Feuerleute auf Wache hatte, heitzte,„was die Bukras) da für Zeug zuſammenſchwatzen, keine Kuh wird d'raus klug.“ „Aber was der da ineinander gießt werden wir ſchon verſtehn,“ ſchmunzelte der Andere.—„Oh Jimminy das riecht gut.“ Der junge Deutſche hatte indeſſen die gereichte Schaale halb voll Whiskey gefüllt, dann Kaffee dazu gegoſſen, faſt ſo viel als das Gefäß halten wollte, und warf nun, mit dem geſpaltenen Rohr, mit dem er auch die Miſchung ordentlich umrührte, Zucker hinein, es ſüß zu machen. „So,“ ſagte er, als er es erſt langſam gekoſtet, und dann einen tüchtigen Zug gethan,„das wird gut ſein— brennt wie Feuer und treibt die Hitze hier von den Keſſeln wieder hinaus aus dem Körper. So lange wir das haben, brauchen wir nicht zu fürchten krank zu werden.“ „Iſt doch ein wunderliches Leben hier an Bord,“ ſagte Georg, der ebenfalls einen tüchtigen Zug that, und zurück zu den Keſſeln trat, die Scheite, die nur wenige Minuten ruhen *) Weißen Männer. dürfen, wieder friſch aufzuſchüren,„großer Gott, wenn man bedenkt wie wir zu Hauſe gewohnt waren zu exiſtiren, und jetzt dieß Daſein damit vergleicht— und darum nach Amerika;“ ſetzte er langſam mit dem Kopf ſchüttelnd hinzu. „Geht es mir beſſer?“ lachte Wolf, der mit Georg Don⸗ ner, drei Negern und einem Irländer ein und dieſelbe Wacht hatte, während Carl Berger ebenfalls mit drei Negern, einem Amerikaner und einem Franzoſen feuerte—(die dritte Wacht, die erſt um vier an die Reihe kam, war gleich nach dem Holz⸗ tragen wieder zu Coye gegangen)„geht es mir etwa beſſer? — wenn Sie meine Geſchichte kennten, Georg, würden Sie mehr als einmal den Kopf ſchütteln über den Wahnſinn, der mich, z. B. hierher über das Meer getrieben.“ „Lieber Gott, es wird die Geſchichte von Tauſenden von uns ſein“ ſagte Georg—„ſehn Sie dort den jungen Burſchen an, der ſich da kaum auf die Scheite geworfen hat, und ſchon wieder ſo ſanft und ſüß eingeſchlafen iſt, als ob er im weich⸗ ſten Bette läge; das iſt ein deutſcher Deſerteur, den die Sol⸗ daten noch wieder vom Schiff holen wollten, und den der Un⸗ terſteuermann, wir wiſſen ſelbſt nicht wie, auf ſo geſchickte Weiſe verſteckt hatte, daß ihn die Policey nicht finden konnte, und ihn aufgeben mußte. Jetzt arbeitet er ſich nun tüchtig in's Leben hinein und wer weiß, ob er nicht in einigen Jah⸗ ren, anſtatt die Muskete in Deutſchland herumzuſchleppen, hier ſeinen eignen Heerd gegründet hat. Ich ſelbſt— wer hat es mir an der Wiege geſungen, daß ich einmal hier auf dem Miſſiſſippi, nachdem ich in Deutſchland ſtudirt, die Keſſel eines Dampfboots, mit Negern und Mulatten zuſammen, heitzen ſollte, und doch bin ich jetzt ſcharf dabei, und noch ſogar froh eine derartige, wenigſtens lohnende Beſchäftigung gefunden zu haben. Kommt Zeit kommt Rath, und nur erſt einmal voll⸗ kommen der Engliſchen Sprache mächtig, findet ſich dann auch ſchon etwas anderes, beſſeres für uns.“ „Das iſt Alles recht ſchön und gut“ lachte Wolf,„aber lange nicht ſo romantiſch oder— toll wenn Sie wollen, wie mein eignes Schickſal, das es vielleicht recht gut mit mir ge⸗ meint, dem ich aber im wahren Sinne des Wortes durch die Lappen gegangen bin.“ „Die Romantik hat an unſerer jetzigen Beſchäftigung allerdings nur einen ganz geringen Theil“ ſagte Donner lächelnd. „Ja und nein“ rief Wolf, ſeinen Strohhut auf das Holz und ſeine dunklen Locken mit einer raſchen Bewegung des Kopfes aus der Stirn werfend;„auch ich betrachte es als Mittel zum Zweck, und muß, ſo proſaiſch das klingen mag, Geld dabei verdienen.“ „Da iſt die Romantik ſchon zum Teufel“ ſagte Georg. „Und doch nicht“ rief Wolf,„ja wenn ich es thäte zu leben, aber mein Vater iſt reich.“ „Dann begreife ich freilich nicht, weshalb Sie ſich hier in den unterſten Schichten der Geſellſchaft auf ſolche Art herumtreiben“ ſagte Georg,„zum Vergnügen doch wahrhaftig nicht.“ „Wäre wenigſtens ein wunderbarer Geſchmack“ lachte der ————— —— —— 176 junge Mann,„wüßten Sie aber meine Geſchichte, würden Sie mir recht geben. „Sie ſind jedenfalls aus guter Familie“ ſagte Georg. „Meine Freunde in Deutſchland— bah, Freunde, das Wort iſt zu gut für ſie— meine Bekannten in Deutſchland würden allerdings nicht ſowohl lachen als die Naſe rümpfen, wenn ſie den einzigen Sohn des Grafen vom Berge hier als Feuermann auf einem Dampfboot, mit Negern aus einer —Schhüſſel eſſen, in einem Feuer ſchüren ſähen?“ „Aber was um Gottes Willen hat Sie da zu dieſem verzweifelten Entſchluß getrieben?“ „Die Liebe“ lachte der junge Mann, ſeinen Schürer wie⸗ der ergreifend, die kleine Thür oder Klappe öffnend, und mit dem langen Eiſen die Scheite durcheinander rührend—„die Liebe, Georg, und die Sache iſt ungeheuer einfach und rüh⸗ rend. Ich liebte und liebe ein bürgerliches Mädchen, mein Vater, noch ein ächt Pommerſcher Graf von altem Schrot und Korn, drohte mich zu enterben, wenn ich dem Mädchen nicht entſagte, und ich arbeite jetzt daran ihm zu beweiſen, daß ein Graf vom Berge keine hinterlaſſenen Schätze braucht, ſich ſelber einen eignen Heerd zu gründen. In Deutſchland wäre mir das nicht möglich geweſen, hier bietet ſich die Ausſicht dazu. Schon ein Jahr arbeite ich jetzt wie ein Sclave— aber nur um ein ganz kleines Capital zuſammenzuhaben; mit har⸗ ter Arbeit allein wird jedoch Niemand hier im Stande ſein raſch Geld zu verdienen, die Speculation muß ihm dabei helfen, und dieß wird deshalb die letzte Reiſe ſein, die ich auf einem Dampf⸗ — ͦ—————————y——————ö— 177 boot mache, dann gehe ich nach dem Weſten der Vereinigten Staaten in das Indianiſche Territorium, deſſen Verhältniſſe ich ſchon recognoscirt habe, und fange einen Schweinehandel an. Lachen Sie nicht, das Geſchäft iſt, wenn richtig betrie⸗ ben, vortrefflich und wenn ich ſteben Jahre, wie Jacob um ſeine Rahel dienen müßte, ich habe meinen Kopf darauf geſetzt, und ſetze ihn durch— oder gehe darüber zu Grunde.“ „Und Ihr Vater?“ „Wenn ihm der Sohn mehr am Herzen gelegen als ſein Wappenſchild, hätte er mich gar nicht ziehen laſſen.“ Und haben Sie ſich das ganze Jahr in ſolchem Leben ſchon herumgetrieben?“ frug ihn Georg erſtaunt. „Gott bewahre“ rief Wolf, wieder neue Scheite ergreifend und durch die enge Oeffnung in den inneren, glühenden Raum ſtoßend—„lieber Himmel, was habe ich nicht ſchon Alles getrieben ſeit ich in Amerika bin. Zeitungsaustragen war mein erſtes Geſchäft, um nicht zu hungern, aber das rentirte ſchlecht und widerſtrebte mir auch, einer Maſſe Sachen wegen die drum und dran hingen; dann wurde ich Holzſchläger am Miſſiſſippi, auch das war nicht⸗Fhlecht, aber ich bekam es ſatt; ging dann wieder in die Stadt und wurde Mäkler. Dabei aber fühlte ich das Mangelhafte meines Engliſch und zog in den Wald, mir mit der Jagd Geld zu verdienen. Das war die ſchlechteſte Speculation; wo es Wild gab, galt weder Wildpret noch Haut viel, und wo Nichts mehr zu ſchießen war, ver⸗ ſäumte ich Wochen oft vergebens. Da brach das gelbe Fieber in New⸗Orleans aus, Alles flüchtete von dort und das ſchien Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 12 178 mir der geeignete Platz raſch zu einer kleinen Summe zu kom⸗ men und meinen Plan, den ich als Jäger im Weſten von Arkanſas gefaßt, in's Werk zu ſetzen. Bald ſah ich daß ich mich nicht geirrt— zwiſchen Leichen und Gräbern eine Zeit durchlebend, die mir noch jetzt das Blut in den Adern gerin⸗ nen macht, wenn ich daran zurückdenke, erreichte ich aber mei⸗ Zweck und verdiente Gold. Arbeiter waren faſt gar nicht mehr zu bekommen, und die wenigen, die aus Noth oder Gleich⸗ gültigkeit der Seuche trotzten, wurden mit Geld überſchüttet. Neben mir fielen dabei meine Kameraden, Burſchen von allen Farben und Nationen, wie die Fliegen, ich ſelber blieb, Dank meiner guten Natur, oder wenn Sie wollen von jenem uner⸗ forſchten Weſen beſchützt, geſund und kräftig. Jetzt aber iſt die Zeit in New⸗Orleans vorbei; das Fieber hat ſeine letzten Opfer für dieſes Jahr gefordert, Arbeiter ſtrömen, ſo raſch ſie eine Unzahl von Dampfbooten den Strom nieder oder aus Europa herüberführen kann, in ordentlichen Schaaren dahin, und ich ſelber bin jetzt im Stand einem anderen, beſſeren Le⸗ ben entgegenzugehen. Ich hätte als Paſſagier fahren können, aber es liegt ein eigner Reiz, den ich früher nie gekannt, darin, ein kleines, ſelbſterworbenes Capital nicht unnöthiger Weiſe wieder zu verringern, ſondern eher zu vergrößern; ſo ſchür' ich mich denn nach St. Louis hinauf, verlaſſe dort das Boot, und beginne meinen Handel, der mich ein freies prächtiges Jägerleben dabei führen läßt. Werden Sie mir nun einräumen, daß auch in dieſem Beruf auf ſolche Weiſe Romantik liegen kann?“ —. 179 „In dem Beruf darum doch nicht, Herr— ich weiß jetzt wahrhaftig nicht wie ich Sie nennen ſoll“— unterbrach ſich Georg lächelnd. „Wolf, bei meinem Vornamen“ rief der junge Mann raſch,„das Andere paßt nicht zur Schürſtange und zu der Um⸗ gebung hier, hab ich mir den Titel einſt wieder verdient, darf ich ihn tragen, hier klänge er wie Spott.“ „Vorwärts bhoys, vorwärts“ rief da des Ingenieurs Stimme, der um die Keſſel herum nach vorn gekommen war, das Heitzen zu überwachen.„Steht nicht da wie die Schlaf⸗ mützen und laßt mir das Feuer ausgehn; die Peſt auch, es ſieht ja ordentlich ſchwarz unter den Keſſeln aus.“ „Geht nicht mehr hinein Maſſa“ lachte ihm der eine Neger entgegen,„hahaha bei Golly, wenn wir noch mehr feuern, blaſen wir das ſüße Ding von einem Boot in die Luft hinein!“ „Blaßt ſie zum Teufel!“ rief der Ingenieur,„aber, gebt ihr Hölle“— verdamm' meine Augen, wenn ich nicht die Keſſel noch rothheiß haben will— zu bhoys, zu, macht das wir von der Stelle kommen, das alte faule Boot kriecht ja nur ſo am Land hinauf!“ „Alle Wetter“ rief Georg, als der Mann wieder zurück zu der Maſchine gegangen war,„der Burſche ſcheint ſelber „rothheiß“ zu ſein, wie er es nennt, und dem Whiskey mehr als gerade zweckmäßig zugeſprochen haben; wenn er nur keine dummen Streiche macht.“ „Ah bah,“ ſagte Wolf,„ſo iſt er jedesmal auf ſeiner 12* 180 Wacht, aber ſonſt ein guter Kerl, und ſorgt dafür daß ſeine Feuerleute ebenfalls nicht Durſt leiden— er weiß am Beſten wie das thut— heda Scipio, Du gießt ja den Whiskey hinein als ob's Waſſer wäre— laß noch was in der Kruke Geſell.“ „Genug Wulfy, genug“ lachte der Schwarze, die faſt ge— füllte Schaale, die reichlich eine halbe Flaſche des ſtarken Tran⸗ kes halten mochte, auf einen Zug leerend,„und andere Wacht mag wieder für ſich ſelber ſorgen— dieß Kind,“ auf ſeinen eigenen Magen deutend,„macht's genau ebenſo.“ Der Mate oder Steuermann ſtieg in dieſem Augenblick die kleine ſteile Treppe vom Boilerdeck nieder, ging nach der vorn hängenden Glocke und ſchlug darauf nach Schiffsart, acht Glaſen(12 Uhr). „Feierabend!“ rief Wolf ſeine Schürſtange aufgreifend, den Raum unter den Keſſeln, wie das Sitte iſt von der ab⸗ ziehenden Wacht, noch einmal friſch aufzufüllen. „Das iſt recht Jungens, das iſt recht!“ nickte ihnen der wieder zurückkommende Ingenieur Beifall zu, indem er auf der „guard“ ſtehen blieb und nach dem nahen Lande— ſie paſ⸗ ſirten eben eine der größeren, mitten im Miſſiſſippi liegenden Inſeln— hinüberdeutete—„hurrah wie das geht; jetzt ſoll uns einmal eines der anderen ſchuftigen Boote verſuchen nach⸗ zukommen. Feuert Jungens, feuert, daß ſich die andere Wacht die faulen Knochen wärmen kann, wenn ſie dran kommt.“ „So— wieder auf acht Stunden Ruhe“ rief Wolf, ſeine Schürſtange zu Boden werfend,„nun können ſich un⸗ 181 ſere Kameraden ein Vergnügen machen— hallo Berger?— auch ſchon munter?— wie der Burſche verſchlafen ausſieht—“ „Oh— i“ ſagte dieſer, der die kurze Zeit benutzt hatte, noch auf dem rauhen Holz ein halb Stündchen zu ſchlafen, indem er ſich langſam ſtreckte und dehnte— iſt das ein Leben, aber— zum Teufel auch— ich habe einen furchtbaren Traum gehabt, wie ich da auf dem verwünſcht ſcharfen, eckigen Holze lag.“ „In der kurzen Zeit?“ rief Wolf. „Mir träumte“ ſagte der junge Burſch, in ſich ſelber da⸗ bei zuſammenſchaudernd—„die Rothkragen hätten mich in Bremerhafen vom Schiff geholt, ich läge drin in der Feſtung auf ſcharfen Latten, und ſollte mit Tagesanbruch Spießruthen laufen. Wie die Glocke dort tönte, knarrte die Thür und— ha“— er ſchüttelte ſich in Furcht und Entſetzen bei dem Ge⸗ danken—„der Henker kam herein, mich abzuholen— Gott ſei Dank, daß es nur ein Traum war.“ „Dickes Blut, Kamerad“ lachte Wolf—„da ſteht noch Kaffee und Whiskey— nehmt einen Schluck, der wird Euch gut thun. Nun gute Wacht!— aber trinken möcht' ich noch einmal— haben Sie den Waſſereimer da, Georg?“ „Hier liegt er“ ſagte dieſer—„warten Sie, ich zieh' es ſelbſt herauf— habe auch Durſt!“ Carl Berger hatte eben die Schürſtange aufgegriffen, nach dem Feuer zu ſehn, während die beiden jungen Leute auf die guards hinausgingen, einen Eimer Waſſer heraufzuziehen, als ein wilder gellender Schrei von Deck heraustönte: 182 „Thüren auf— um Gottes Willen— Feuer aus!“ Die Feuerleute fuhren empor und horchten, den Befehl nicht gleich begreifend, auf, als ein grell und droͤhnend ſchmet⸗ ternder Schlag das Boot bis in den Kiel erſchütterte. Kochend heißer Dampf füllte zugleich einen Theil der unteren Räume, während Wolf und Georg entſetzt einen weißen ziſchenden Strahl über ſich hinausſchießen ſehen, dem Trümmer und Bal— ken, wie von dem Ausbruch eines Vulkans hinausgeſchleudert, folgten. Ein Moment todtenähnlicher Stille folgte dieſem Knall, aber im nächſten Augenblick ſchon ſchlugen die aufge⸗ worfenen Stücke auf das Waſſer nieder, während jammernde Menſchenſtimmen nach allen Richtungen hin laut wurden. „Die Keſſel ſind geplatzt!“ gellte der ſchrille Weheruf über die Fluth und die, durch die geborſtenen Thüren hinaus⸗ geſchleuderten brennenden Scheite Holz vermehrten nur noch die Verwirrung. In dieſem erſten Augenblick war ſich auch, die ſchwer Verwundeten ausgenommen, noch Niemand bewußt, welches Unglück ſie am Meiſten bedrohe, ob das Boot ſinke oder brenne oder ein zweiter Schlag ſie vielleicht Alle zerſtückt in die Ewig⸗ keit ſenden würde— keinen Schritt weit konnte man dabei vor ſich hinſehn, oder ſelbſt den nächſten Nebenmann erkennen, ſo füllte dicker weißer ziſchender Qualm den ganzen Raum und lag wie ein dichter, undurchdringlicher Schleier auf dem Boot. Bald aber änderte ſich das Schauſpiel— ein ſcharfer Windzug der über den Strom herüber ſtrich, fegte wie mit einem Schlag den Nebel über Bord, und als Georg und Wolf zurück ————— 183 vor die Keſſel ſprangen, bot ſich ihren Augen ein Anblick, der ihnen das Blut in den Adern ſtarren machte. Von den Leuten, die dort noch vor wenigen Minuten ge⸗ ſund und kräftig geſtanden, lagen vier todt und zerſtückt über das Holz hingeſchmettert, das von glühenden Scheiten beſtreut, zu brennen begann. Durch das Boilerdeck und in die obere Cajüte hinein, war ein mächtiges Loch geſchlagen, aus dem Winſeln und Hülferufen wiedertönten, und beide Schornſteine — rieſige wohl dreißig Fuß hohe Röhren von ſchwarzem Eiſen⸗ blech mit fünf Fuß im Durchmeſſer hingen zerriſſen über Deck, und neigten das Boot nach der Seite, während aus dem Zwiſchendeck ebenfalls ſchrilles und markdurchſchneidendes Huͤlfegeſchrei hervorgellte. Die beiden jungen Leute, ohne für den Augenblick an einen der Verwundeten zu denken, griffen nur raſch die bren⸗ nenden Scheite auf und warfen ſie über Bord— noch größe⸗ res Unheil von dem Boote und ſeiner übrigen Mannſchaft abzulenken, als ein neuer Schreckensruf auch dieſe Arbeit un⸗ nöthig machte. „Wir ſinken— wir ſinken!“ ſchrie es von der anderen Seite herüber„wir ſind verloren!“ Wolf ſprang wieder an den Rand des Bootes, ſich von der Wahrheit des Rufs zu überzeugen, und fand hier wirklich daß die Guards kaum noch einen halben Fuß von der Ober⸗ fläche des Waſſers entfernt waren, ja konnte den gurgelnden ſtillgrollenden Ton ſogar hören, mit dem die gierige Fluth ſich in einem irgendwo nicht weit von dort entfernten Leck ſog. Dicht 7 unter ihnen, denn das Boot, das jetzt keinen Fortgang mehr machte, trieb mit der Strömung wieder abwärts, ragten aber Bäume und dunkle Stämme aus dem Waſſer— ſie befanden ſich gerade oberhalb derſelben Inſel, an der ſie vorhin hinauf⸗ gelaufen, und wenige Minuten noch mußten ihr Schickſal entſcheiden. Georg hatte ſich indeſſen über die Unglücklichen gebeugt, die der erſte Schlag des platzenden Keſſels getroffen, und er⸗ kannte mit Schaudern unter ihnen Carl Bergers Geſtalt, der mit zerſchmetterter Schulter, blutend und bewußtlos über die Scheite hingeworfen lag. Wohl athmete er noch, aber wie war ihm hier Hülfe zu bringen? Ein heftiger Stoß traf zu gleicher Zeit gegen das Boot, unter dem die eine, das Boilerdeck tragende und ſtark geſplit⸗ terte Decke zuſammenbrach, während ein Theil des vorderen Decks ihm nachfolgt. Die Frauen kreiſchten, die Verwunde⸗ ten ſtöhnten und winſelten, die Männer fluchten wild durch⸗ einander, und hie und da ſprangen Einzelne in Todesangſt über Bord, die dort aus dem Waſſer ragenden Aeſte ver⸗ ſenkter Bäume zu erfaſſen, und ſich dadurch vor dem, ihnen gewiß ſcheinenden Untergang des Bootes zu retten. Von dort aber konnten ſie nirgends an Land; die dunkle Fluth quirlte und gurgelte dabei um ſie her, und als ihre Kräfte erſchlafften, und das kalte Waſſer ihre Glieder mit Fieberfroſt ſchüttelte, ſchrieen ſte von dort herüber, wieder an Bord geholt zu werden.. Aber das Boot ſank nicht, und ob auf den Sand, oder ——— —yp ——— irgend einen ſchützenden, unter Waſſer liegenden Stamm ge⸗ laufen, wohin es durch die mächtige Strömung gedrängt wor⸗ den, blieb es ſitzen, und nur das Vordertheil, gegen das die volle Fluth anpreßte, drückte ſich halb unter Waſſer, und ließ das ſchäumende Element darüber hinſpritzen. Wohl eine halbe Stunde verging, ehe nur einiger Maßen der erlittene Schaden überſehn, und Ordnung in das durch⸗ einander Schreien und Stürzen der zum Tode erſchreckten Menge, unter der ſich auch mehre Frauen aus Cajüte und Zwiſchendeck befanden, gebracht werden konnte. Georg Don⸗ ner hatte indeſſen den ſchwer verwundeten Landsmann mit Wolf's Hülfe zurück in das höher liegende Zwiſchendeck ge⸗ bracht, wo jetzt auch die übrigen Todten und Verwundeten auf aus den Coyen geriſſenen Matratzen gebettet wurden, und die beiden jungen Leute gingen dann daran, das Terrain zu unterſuchen, auf dem ſte ſich befanden. Mit einer über Bord geſchobenen Planke, von denen der Zimmermann eine Menge auf dem hinteren Deck liegen hatte, fühlten ſie daß das Waſſer dicht hinter dem Boot und nach der Inſel zu kaum vier Fuß tief war, und von übereinander geſtürzten und dort angeſchwemmten Stämmen faſt überdeckt wurde. Durch dieſe hin arbeiteten ſie ſich bis zu der, höch⸗ ſtens zwanzig Schritt entfernten Sandbank, die an dichtes Ge⸗ ſtrüpp und Unterholz hinanlief. Wolf watete dann zum Boot zurück und ließ ſich von dort unter den Keſſeln vor, ein bren⸗ nendes Scheit herüber reichen, das an ſeinem unteren Ende mit einem raſch aufgegriffenen Kopfkiſſen aus dem Zwiſchen⸗ deck, umwinkelt wurde, um es in der Hand halten zu können. Dieß trug er zum Ufer, und bald loderte dort, von hinzuge⸗ ſchleppten, niedergebrochenen dürren Aeſten reichlich genährt, ein helles Feuer auf, das die unheimliche Scene des geſtran⸗ deten Bootes mit ſeinem rothen Lichte übergoß. Nun wünſchte der Capitain beſonders, an Bord zu blei⸗ ben und den Tag zu erwarten, damit ſie von einem vorbei⸗ kommenden Boot konnten abgeholt werden; der Steuermann aber, der vorn am Bug das Waſſer unterſucht und es dort weit tiefer gefunden hatte als das Boot war, erklärte jetzt daß dieſes nur auf irgend einen Stamm oder Aſt aufgeritten ſei, und jeden Augenblick von dieſem abrutſchen oder ihn nieder⸗ drücken könne, wo ſie dann gar nicht ſicher wären das ganze Boot dem einſinkenden Bug nachfolgen zu ſehn; je eher ſie daher das Wrack verließen, deſto beſſer. Die Leute gingen denn auch, unter des Steuermanns Leitung, raſch daran eine ſogenannte„stage“ von zuſammen⸗ gebundenen Bretern zu bauen, die eine Brücke bis an Land bilden ſollte, denn die Jölle war, bis Bahn gehauen werden konnte, in den verworrenen Aeſten nicht zu brauchen. Dieſe halfen ihnen aber vortrefflich den raſch hergerichteten Planken⸗ weyg, oder die ihn haltenden Taue, zu tragen, und das beendet, wobei ſie noch durch einen plötzlichen Ruck, den das Boot gab, zu größerer Eile angetrieben wurden, trugen ſie vor allen Din⸗ gen die Verwundeten hinüber auf den Sand und neben das wärmende Feuer, wo ihnen die unverletzt gebliebenen Paſſa⸗ giere ein ſo gutes Lager als möglich herrichteten, während HSeite 186. die Mannſchaft dann beordert wurde zu retten was irgend anging. Dazu aber behielten ſie keine Zeit; der Steuermann hatte nur zu recht gehabt als er trieb das Boot zu verlaſſen, denn durch das in den Raum gedrungene Waſſer, das beſonders die Zuckerladung gleich ſättigte, war der Rumpf ſo furchtbar ſchwer geworden, daß ihn der Stamm, auf den er jedenfalls aufgeſeſſen, nicht mehr zu tragen vermochte, jetzt ein Stück nachgab, und dann, vielleicht mit der Wurzel ausgehoben, den Vordertheil des Boots niedergleiten ließ. Die keckſten der Matroſen und Feuerleute, und unter ihnen der junge Wolf, denn Georg war mit den Verwundeten be⸗ ſchäftigt, ließen ſich allerdings nicht durch das erſte Sinken abhalten, ſprangen nur zurück auf das hintere Deck, wo ſie ſich feſthielten, und erwarteten das Weitere, ob dieſer Theil des Bootes über Waſſer bleiben, oder dem vorangegangenen Gewicht nachfolgen werde. Einen Augenblick ſchien es auch als ob es ſich ſetzen wolle, aber ein neuer Stoß warnte ſie bald auf ihre eigene Sicherheit bedacht zu ſein; noch einen Moment ſchwankte das große mächtige Boot, das jetzt halb ſeitwärts gegen die Strömung angedreht war, dann preßte dieſe es auf die Seite; das was es bis dahin noch gehalten gab nach, und ſchwerfällig die Fluth von ſich abſtoßend, die vor der andringenden Maſſe zurückwich, um gleich nachher nur ſo viel gieriger über die Beute herzufallen, glitt das Wrack in ſo tiefes Waſſer hinein, das nur der obere Theil ſeiner Cajüte an der Larbordſeite daraus hervorſah, und die ſchmutzig 188 gelbe Fluth gar unheimlich mit den weiß und gelben Zierrathen der blitzenden Fenſterreihe ſpielte. Die Leute hatten dabei wirklich kaum Zeit gehabt ſich über die Planken hin an Land zu retten, und ſtanden jetzt, ihres Alles beraubt, halb nackt, naß, erſchöpft, Einzelne davon ſelbſt ohne Hut und Schuhe, auf dem kahlen Sand der Inſel. Ueber den Kameraden hinüber gebeugt, der gerade die Augen zu ihm aufgeſchlagen und die Lippen wie zum Sprechen bewegt hatte, ſtand Georg. „Wie iſt Ihnen, Berger, haben Sie viel Schmerzen?“ frug er theilnehmend. „Waſſer,“ ſtöhnte der Unglückliche. Wolf ſprang zum Waſſerrand und brachte den gefüllten Hut zurück; der Verwundete that ein paar Züge, dann ließ er den Kopf zur Seite ſinken.„Mein Traum,“ flüſterte er,„ſte — ſie— holen— mich“— und ſant todt in die Aume des Kameraden. Ueber die Leiche gebeugt, mit gefalteten Händen, ſtand ein anderer Reiſegefährte von ihm, Schultze, der auf demſelben Boot nach St. Louis Paſſage genommen. „Guter Gott“ ſtöhnte er leiſe vor ſich hin—„wie uner⸗ forſchlich und dunkel ſind Deine Wege; wie jubelte der junge Menſch als er ſich frei, ſeinen Verfolgern entzogen ſah, und wenige Monate nur, und todt und verſtümmelt liegt er auf demſelben Boden, dem er mit ſolch freudiger Hoffnung und Zuverſicht entgegenſtrebte 1“— „Hülfe— Waſſer— jammerten Andere daneben, und 189 füllten mit ihren Wehklagen die Luft—„ oh mein Gott— oh mein Gott! Hülfe Hülfe!“ und die Feuer loderten dazu hoch und glühend auf, und warfen ihren blutrothen Schein über dieſe Scene des Schreckens und des Jammers. „Das iſt die Vergeltung— das iſt Gottes Gericht!“ murmelte da dicht neben Georg, der mit Einem der anderen Verwundeten ſchon beſchäftigt war, und deſſen Schmerzen zu lindern ſuchte, eine leiſe, heiſere Stimme in deutſcher Sprache, und als er ſich dorthin wandte, erkannte er überraſcht die Frau von der Haidſchnucke, die auf der damaligen Ueberfahrt faſt fortwährend krank in ihrer Coye gelegen und jetzt, nicht weit von dem einen Feuer auf den Sand gekauert, die beiden ma⸗ geren Arme um ihre Knie geſchlagen ſaß, und vor ſich hin in die Flamme ſtierend, mit dem Kopfe kalt und unheimlich dazu nickend, murmelte:„das iſt die Strafe für begangenen Frevel von dem alten Mann da oben, der mir das Gewiſſen ſchon faſt in Stücke zerriſſen hat auf der langen Fahrt— die Kin⸗ der ſind uns nachgekommen— die todten Kinder, und haben ſich mit auf das Boot geſetzt— die zogen's hinab auf den Grund— tief, tief hinab— hal“ rief ſie da plötzlich lauter und zuſammen ſchaudernd—„ſie haben ein furchtbar ent⸗ ſetzliches Gewicht.“ „Du wirſt Dir das Maul noch verbrennen mit den tol⸗ len, wahnſinnigen Reden“ flüſterte ihr da der Mann, der ſich über ſie gebogen, finſter und mürriſch in das Ohr—. denk' wenigſtens nicht laut, wenn Du denn einmal ſolch albernes Gewäſch fortwährend im Kopf herumtragen mußt, oder, Gott —õ—— 190 verdamm' mich, ich— ich kriege die Geſchichte einmal ſatt, und gehe meiner Wege.“ „Wie das Kleine da im Bettchen liegt, mit den rothen geſunden Backen“ fuhr die Frau aber fort, ohne auf die Dro⸗ hung des Mannes zu achten, ja ohne ſie wahrſcheinlich zu hören—„ich mußte es noch einmal küſſen, brach mir doch ſo beinah das Herz, und gleich wieder ſchlief es ein und ſchlief ſo ſanft— ſo ſüß.“ „Beim ewigen Gott!“ rief da Georg Donner, dem keines der Worte entgangen war, während er zugleich in das von der Flamme hell beſchienene bärtige Geſicht des Mannes ge⸗ ſchaut hatte, indem er aufſprang und auf dieſen zutrat— „Ihr ſtammt aus Waldenhayn, heißt Steffen und ſeid der⸗ ſelbe, der mit der Frau flüchtig geworden und die eigenen Kinder der Noth, ja dem Hungertode preis gegeben, zurückge⸗ laſſen hat!“ „Geht zum Teufel— was wollt Ihr von mir?“ rief der ſchwarze Steffen aber ärgerlich„iſt Euch auch der Dampf in den Kopf geſtiegen?— ich heiße Meier und nicht Steffen.“ „Was iſt, was giebts?“ rief auch jetzt Wolf, aufſprin⸗ gend und zu dem Kameraden tretend—„was iſt mit dem Manne?“ „Das iſt der Schuft der ſeine Kinder verlaſſen hat?“ rief aber auch jetzt Herr Schultze ſich gegen den Verbrecher wen⸗ dend—„das iſt der Burſche den ſie in Deutſchland mit Steck⸗ briefen verfolgt, und den wir auf unſerem eignen Schiff mit herüber gebracht haben nach Amerika?“ — 191 „Hallo— wo brennts nun wieder?“ riefen aber die Amerikaner, die mit um das Feuer ſtanden und kein Wort von der ganzen Verhandlung begriffen hatten, wirr durch einander; „was zum Henker kauderwelſcht Ihr da jetzt zuſammen?“ Da ſchilderte ihnen Georg, in edler Entrüſtung das Ver⸗ brechen der Beiden, und zornfunkelnde wilde Blicke hafteten dabei auf der Geſtalt des Mannes, der ihnen finſter und trotzig gegenüber ſtand. „Tod und Teufel!“ ſchrie ein langer Bootsmann,„da iſt's kein Wunder wenn wir, mit ſolcher Fracht an Bord, auf⸗ geblaſen ſind— der Schuft verdiente ſeine Hände zuſammen⸗ gebunden zu haben und hier in's Waſſer geworfen zu werden, wo es am tollſten wirbelt.“ „In's Waſſer nicht; der würde die Fiſche vergiften“ ſchrie da ein Kentuckier, ſich durch die Uebrigen Bahn machend, auf den Burſchen zu,„aber an einem der Bäume hier ſollte er hängen, zur Verzierung der Inſel.“ „Zurück da!“ rief aber der Mann, einen Schritt bei Seite ſpringend, als der Amerikaner nach ihm herüberdrängte— „was wollt Ihr von mir?— es ſind Lügen und Verläum⸗ dungen!“ „Was ſagt er?“ riefen Andere wieder, die ihn nicht ver⸗ ſtanden—„und das da iſt die Frau?— eine ſchöne Mutter!“ „Wie ſie geſchaut haben werden“ flüſterte aber dieſe, das Toben und Schreien um ſie her gar nicht beachtend, indem ſie, in derſelben Stellung als vorher, ſich herüber⸗ und hin⸗ überwiegte—„wie ſie geflucht haben werden, als ſie am an⸗ 192 deren Morgen kamen und die Alten vom Neſte geflogen fanden, die Jungen zu füttern hatten— aber— was iſt denn das?“ — ſetzte ſie unruhiger, ſich ſcheu überall umſehend hinzu— „ſie kommen nicht— nicht den erſten Tag— nicht den zwei⸗ ten— nicht den dritten— das Mehl iſt aufgezehrt— die Milch ſauer geworden für das Kind— wie es ſchreit und die Händchen nach der Mutter ausſtreckt— großer barmherziger Gott, ich muß zurück— ich muß, ich muß zurück!“ Sie war aufgeſprungen, und hatte beide Hände, zwiſchen denen die matten glanzloſen Augen ſtier und wild umher⸗ ſchauten, feſt gegen die Schläfe gepreßt. Georg, der wohl fühlte wie ihr Geiſt von den letzten Schrecken, mit dem nagen⸗ den Wurm des verübten Verbrechens am Herzen, angegriffen und erſchüttert ſei, trat da zu ihr, legte ihr die Hand auf die Schulter und wollte ſie beruhigen. „Fort“ ſagte ſie aber leiſe, ohne ſich nach ihm umzuſehn —„an Deiner Hand iſt Blut— mich ſchaudert wenn ich Dich anſchaue.“ „Sie iſt übergeſchnappt“ riefen jetzt die Bootsleute, die ſich um ſie drängten, und ihr halb ſcheu halb neugierig ins Geſicht ſahen—„bei Gott ſie iſt verrückt!“ Die Frau aber, ohne ſich weiter um die Männer zu kümmern, ſank wieder an ihrem vorigen Platz zuſammen, zog ſich ihr weißes Tuch über, daß es den Kopf völlig bedeckte, und blieb ſo, ſtill und regungslos neben dem Feuer kauern. Als ſich die Uebrigen jetzt aber wieder nach dem Manne umſahen, war er in dem dichten, die Sandbank umgrenzenden Unterwuchs und Rohr der Inſel verſchwunden.. 193 Allerdings wollte ein Theil der Leute den Burſchen, der durch ſeine Flucht ſein böſes Gewiſſen hinlänglich bekundet hatte, aufgeſucht, und den Amerikaniſchen Gerichten übergeben haben, die Inſel war aber groß, und ſo lange es dunkel blieb an etwas derartiges gar nicht zu denken. Dann aber nahm auch die eigene Lage ihre Aufmerkſamkeit viel zu ſehr in An⸗ ſpruch, ſich mit dem Fremden viel länger zu beſchäftigen, als man ihn eben ſah, und Alles drängte ſich jetzt um den zweiten Inge⸗ nieur her, der ebenfalls ſchwer verwundet am Feuer lag, und gerade wieder ein erſtes Lebenszeichen gab. Donner ſprang zum Waſſer hin, tauchte dort ſein Tuch ein, es wieder anzu⸗ friſchen, und legte es dem noch halb Bewußtloſen um die Schläfe, während ihm Wolf die Lippen netzte, und etwas Waſſer in das Geſicht ſpritzte. Der Mann kam endlich wieder zu ſich, und ſeine Wun⸗ den erwieſen ſich glücklicher Weiſe nicht ſo ſchwer, an ſeinem Aufkommen zweifeln zn laſſen; andere aber, und unter ihnen zwei Paſſagiere, ein Deutſcher und ein Amerikaner waren von dem heiß ausgeſtrömten Dampf furchtbar verbrüht worden, und jammerten und ſtöhnten, und baten um Gottes Willen ihren Leiden ein Ende zu machen. Während Alles für dieſe geſchah, was der Augenblick nur zu thun erlaubte, hatte ſich der Ingenieur wieder ſo weit erholt, um wenigſtens einige Fragen zu beantworten, die der Capitain über die Urſache des Unglücks an ihn richtete.. Was der arme Teufel noch ausſagen konnte ſtimmte mit dem Zeugniß der Feuerleute überein. Er war kurz vorher, Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 13 194 ehe die Exploſion erfolgte, zu ſeiner Wacht geweckt worden, und hinunter in den Maſchinenraum gegangen, wo ihm das ſchon auffiel, daß er Niemanden dort antraf. Ueber die Guards hin raſch den Feuerleuten zugehend, begegnete er hier dem andern Ingenieur den er augenblicklich für halb betrunken er⸗ kannte. Er bat ihn jetzt um das Holz, daß dieſer noch in der Hand hielt, die Stärke des Dampfes zu prüfen, der aber wei⸗ gerte ſich lachend ihm das zu geben, ſich noch dabei äußernd daß er ihm dann ſeinen beſten Dampf hinausließe, und das Boot gerade jetzt gegen den Strom anlief wie ein durchgehen⸗ des Pferd. Zurückgehend zur Maſchine ſah er da zu feinem Schrecken, daß die Sicherheitsvalve auf eine Weiſe beſchwert war, die die Sicherheit des Bootes auf das höchſte bedrohen mußte— raſch ſprang er zu, die Gewichte fortzureißen, und rief dabei nach vorn die Thüren zu öffnen als er, wie er ſich zu erinnern glaubt, auf dem Maſchinenholz, in der Haſt und Angſt ausrutſchte und in demſelben Augenblick zu Boden ſtürzte, wo der eingepreßte Dampf ſich endlich mit Gewalt ſei⸗ nen Weg in's Freie bahnte und die Keſſel ſprengte. Das al⸗ lein rettete ihn jedenfalls, er wäre ſonſt, wie der andere Inge⸗ nieur der neben ihm, aber aufgerichtet ſtand, zu Atomen zer⸗ ſchmettert worden. Mächtige Feuer waren indeſſen auf der Sandbank und dicht am Holzrand entzündet worden, Geſunden wie Verwun⸗ deten ein nur einiger Maßen erträgliches Nachtquartier zu bie⸗ ten, und vorzüglich hatten die Amerikaner ſchon für die Da⸗ men aus der Cajüte, an einem beſondern Feuer, ein dichtes 195 Dach von Zweigen hergerichtet, ſie gegen den Nachtthau und die kalte, über den Strom herüberſtreichende Zugluft zu ſchützen; an Schlaf war aber, ſelbſt für die gar nicht Verletzten, kaum zu denken, denn die Unglücklichen ſtöhnten und winſelten in ihrem Schmerz bis an den hellen Morgen. Donner gab ſich dabei jede nur erdenkliche Müh' ihre Schmerzen zu lindern, zerriß ſein leinenes Hemd, das letzte das ihm geblieben, Ver⸗ bände zu machen, und ſuchte vor allem die Fiebergluth der Ar⸗ men zu kühlen. Aber menſchliche Mittel, ſelbſt wenn er Alles zu Händen gehabt hätte was er bedurfte, reichten da nicht mehr aus, und die beiden Verbrühten, die im Maſchinenraum als die Keſſel explodirten, auf dort aufgeſtapelten Kaffeeſäcken geſchlafen hatten, ſtarben ihm unter den Händen, noch ehe die Sonne aufging und die traurig wilde Gruppe beleuchtete. Bald nach Sonnenaufgang kam ein Boot ſtromauf, und dicht an der Inſel vorbei— das noch zum Theil aus dem Waſſer ragende Wrack, wie die Menſchen am Ufer verriethen ihm deutlich genug was hier vorgefallen, und es ſchickte ſein Boot an Land Mannſchaft und Paſſagiere aufzunehmen und nach der nächſten Stadt zu bringen, wo ſie Hülfe bekommen konnten. Die Verwundeten wurden zuerſt an Bord geſchafft, in Memphis wieder ausgeſchifft zu werden, und nur die Frau, die noch immer regungslos am Feuer ſaß, weigerte ſich ihnen zu folgen. Sie wollte keinen Schritt weiter mit dem Manne gehn, der Fluch und Elend über ſie gebracht, und erſt als ihr Georg, der die Unglückliche nicht in dem Zuſtand ihrem Schick⸗ ſal überlaſſen mochte ſagte, daß Steffen in den Wald ent⸗ 13* 196 ſprungen und nicht zurückgekommen wäre, ſtand ſie endlich auf, ſtrich ſich die langen wirren Haare aus der Stirn, und folgte dem jungen Mann von da an willenlos, wohin er ſie brachte. In Memphis angekommen, wurden die Verwundeten ge⸗ landet und ärztlicher Pflege dort übergeben, und der Capitain der„Miſſiſſippi⸗Belle“ wie das Dampfboot hieß das ſie auf⸗ genommen, erbot ſich freundlich Paſſagiere und Mannſchaft der Backwoods⸗Queen die ſämmtlich ihr Gepäck mit dem Un⸗ tergang des Bootes verloren hatten, unentgeltlich mit nach St. Louis zu nehmen, wohin auch er beſtimmt war. Die meiſten nahmen dieß großmüthige Anerbieten an, obgleich faſt Alle, wie auch Wolf und Georg, ihr baares Geld bei ſich tru⸗ gen und gerettet hatten, nur Wolf verlangte ſeine Paſſage als Feuermann abarbeiten zu dürfen, wobei ſich ihm Donner an⸗ ſchloß. Der Capitain lachte freilich über die eigenſinnigen Burſchen, ließ ſie aber gewähren, und Wolf wie Georg wur⸗ den Feuerleute auf der Miſſiſſippi⸗Belle. Die Frau brachte Georg, kurz vor der Abfahrt des Boo⸗ tes, in ein deutſches Koſthaus, und bat die Leute dort ſich ihrer anzunehmen, bis ſie ſich erholt habe; er ſelber wolle dann auf dem Rückweg wieder vorſprechen, und gern die Ko⸗ ſten, zu denen er ſchon einige Dollar da ließ, tragen. Die Frau ſprach dabei kein Wort— ſie dankte ihm nicht, ſie ſah nicht auf, und ſaß ſtill und regungslos, wie ſie am Feuer geſeſſen hatte, in der Ecke, als er das Haus verließ. Capitel 7. Die Deutſchen in Cincinnati. Herr von Hopfgarten, den wir auf ſeiner Fahrt nach Cincinnati verlaſſen haben, hatte ſich indeſſen in der„Königin des Weſtens“ wie ſie ernſthaft, oder Porkopolis— wie ſie der ungeheueren Maſſe Schweine die dort jährlich geſchlachtet und verſchickt werden, ſcherzhaft im Lande heißt, einige Wochen aufgehalten, um ſich mit dem Leben und Treiben einer der inneren Städte Amerikas bekannt zu machen. Die Lage Cincinnatis, das den Centralpunkt aller dort gelegenen deutſchen Anſiedelungen bildet, iſt reizend; der wun⸗ derſchöne Ohio(ſchon von den Indianern O-hy-o— der ſchöne Strom genannt) beſpühlt ihren Fuß und bietet ihr eine treffliche Landung, an der die größten Miſſiſſippi⸗Dampfer ihre Frachten ein⸗ und ausladen können, während freundliche, jetzt ſchon vielfach mit Reben bepflanzte Hügel die Stadt im Rücken umſchließen. Es kam ihm dabei ſo vor, als ob faſt 198 der dritte Theil der Einwohner Deutſche wären, und einzelne Viertel beſonders ſchienen nur von Landsleuten bewohnt, ja auf dem trefflich beſtellten Markt hörte man kaum etwas an— deres als Deutſch ſprechen, und beſonders amüſirte es ihn da⸗ bei die Verſchmelzung der Trachten, den Uebergang des deut⸗ ſchen Bauers, der nur erſt nach hartnäckigem Widerſtand in jeder Hinſicht den deutſchen Bauer auszieht, in den Amerika⸗ ner zu beobachten. Wunderliche Transformationen kamen da vor, nicht un⸗ ähnlich denen, wie man ſie überall an wilden Stämmen be⸗ obachten kann, und unſer deutſcher Bauer hat wirklich einige Aehnlichkeit, ſo ſonderbar das klingen mag, mit dem Indianer. An ſeinen alten Sitten mit einer Zähigkeit hängend die ihres Gleichen ſucht, betrachtet er Jeden der ihm daran rütteln will mistrauiſch, eiferſüchtig ſelbſt— ſein Vater hat das ſo und ſo gethan und ſo war's gut, warum ſollt's jetzt wohl anders werden— etwa weil„Stadtmenſchen mit Brillen auf, die das aus Büchern geleſen haben“— meinen ſie könnten es beſſer machen? die hatten jedenfalls ihre Abſichten, ſuchten ihren Vortheil dabei, das war Alles. So gehn ſie auch nach Ame⸗ rika, nicht etwa weil ſie ſich dort ein freieres, ungebundeners Schaffen verſprechen, ſondern weil ihnen Steuern und Abga⸗ ben im alten Vaterland zu drückend werden, und Briefe auf Briefe von dort herüberkommen, die ihnen mit goldenen Schil⸗ derungen den Mund ſo lange wäſſrig machen, bis ſie eben nicht länger widerſtehen können und nun auswandern. Und nicht um dort zu lernen, und ſich den Sitten und Gebräuchen der 199 neuen Heimath zu fügen, betreten ſte das fremde Land, ſondern feſt überzeugt daß ſie den Leuten dort noch zeigen müſſen wie man ackert und ſäet. Ihre eigene Sitten, ihr eignes Ackerge⸗ räth und Handwerkszeug, ſo unpraktiſch das ſein mag, ſo wenig es den dortigen Bedingniſſen entſpricht, ändern ſie auch deshalb nicht, bis nicht ihre Kinder herangewachſen und den Bettel aus dem Hauſe werfen, oder die Noth ſie zwingt das eine oder andere zu verbeſſern. So mit ihrer Kleidung; mit den langen blauen Zimmer⸗ mannsröcken mit fingerbreiten Kragen, und rieſigen, zwiſchen den Schößen zeitweilig herausfahrenden weißleinenen Taſchen, mit dem ausgeſchweiften Hut und den koloſſalen Schuhen, und die Frauen mit ihren kurzen Röcken und weiten Aermeln, den wunderlichen Hauben, dick wattirten, wulſtigen Jacken und tauſendfach gefalteten Röcken, wie lange währt das, bis ſie auch nur das kleinſte daran ändern, und thun ſie's ſelbſt, le⸗ gen ſie das und jenes ab, und dieß und das dafür an, die Art wie ſie's tragen bleibt dieſelbe, und der Deutſche iſt im Nu herauszufinden. „Herr von Hopfgarten hatte Briefe an ein paar deutſche Kaufleute mit. Der Eine, den er zuerſt beſuchte, hielt einen Laden im Mainſtreet, und ſchien durch Importiren deutſcher Waaren ein ziemliches Vermögen erworben, ſein Deutſch aber dabei vergeſſen zu haben. Er ſprach nur Engliſch— wenn auch freilich mit traurigem Accent— ſelbſt mit ſeinen deut⸗ ſchen Dienſtleuten, die ſich abquälen mußten ihn nur zu ver⸗ ſtehen— kleidete ſich ganz Amerikaniſch, d. h. er coquet⸗ tirte damit einen ſehr feinen, aber an dem einen Ellbogen zer⸗ riſſnen Rock zu tragen, beſuchte den ganzen Sonntag Ameri⸗ kaniſche Kirchen und— kaute Taback. „Wie er ſich räuspert und wie er ſpuckt, Das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt.“ Das vernachläſſigte, Widerliche des Amerikaniſchen Cha⸗ rakters nehmen dieſe Art Leute an, das aber, was ſeinem gan⸗ zen Weſen die innere Triebkraft giebt, das Bewußtſein ſeiner Freiheit, ſein Nationalſtolz, mit dem er ſein Vaterland wachſen und gedeihen ſieht, wie noch kein Beiſpiel die Geſchichte je geliefert, das leider Gottes liegt ihnen unerreichbar fern. Sie ſagen ſich nicht allein los vom deutſchen Vaterland— das iſt gut, das Vaterland kann ſie verſchmerzen und hat des Ge⸗ lichters noch leider mehr als genug— nein ſie ſchämen ſich auch Deutſche zu ſein, ſchimpfen nicht auf das was Deutſch⸗ land ſo niedergedrückt hat und zu Boden gehalten, ſie haben das nie begriffen noch gefühlt, nein auf den deutſchen Stamm, dem ihre eigene Mutter angehörte, und ſpreitzen ſich in ihrem fremden Weſen, mit dem gewonnenen Reichthum, von dem ordentlichen Amerikaner ausgelacht, von dem wackeren Deut⸗ ſchen verachtet, in einem kleinen Raum herum, den ihr eigener Dunſtkreis bildet, und den ſie für die Welt halten. Hopfgarten konnte ſich nicht wohl bei dieſen Menſchen fühlen; dieſe vornehme Gemeinheit widerte den wackeren Mann an, und er ſuchte ſich eine andere Schicht der Vedüilrermn un⸗ ter den Deutſchen. Er wurde bei einem Landsmann, der eine Apotheke in in 201 — street hatte eingeführt und ſehr freundlich aufgenommen, und lernte hier einige Doktoren, Advocaten und Geiſtliche kennen, aber ein ſteifer Ton herrſchte auch in dieſen Zirkeln; von einem herzlichen Verſtehen war zwiſchen ihnen nicht die Rede. Die Doktoren waren natürlich nur ſolche die zur Aus⸗ führung ihrer Recepte die Patienten nach ſeiner Apotheke ſchickten, die Advocaten und Paſtoren„gute“ Patienten von beiden, aber auch hier wurde kein freundliches Wort über die Landsleute geſprochen. Alle dieſe Männer befanden ſich noch nicht in den Verhältniſſen ihren Beruf aufzugeben und von ihren Zinſen zu leben, ja Manche waren erſt ſeit kurzer Zeit von Europa herübergekommen und ſuchten ſich erſt eine Carriere oder Stellung zu gründen. Der Apotheker prote⸗ girte Manche von dieſen, und war außerdem, ſeiner Aeußerung gegen Herrn von Hopfgarten nach, ſtolz darauf ein„Bürger⸗ licher“ zu ſein. Hopfgarten lachte damals über dieſe etwas wunderliche Bemerkung, und meinte darauf, Herr Hohlziegel habe dazu wohl eben ſo wenig⸗Grund, als wenn er auf ſeinen Adel ſtolz ſein wolle, da ſie als vernünftige Männer doch wüßten wie des Menſchen Handeln ſeinen Werth beſtimmen— aber wohl konnte er ſich dennoch nicht zwiſchen den Leuten fühlen. Es war auch dabei von Nichts die Rede als von Geſchäften, und wenn ein Mann genannt wurde, mußte die Zahl ſei⸗ nes Vermögens den Zunamen bilden— das ganze Geſchlecht wurde in gut und nicht gut geſchieden. Selbſt der Geiſt⸗ liche, der neu angekommen, in den nächſten Tagen eine Probe⸗ predigt zu halten hatte, damit ſich dann die Gemeinde ent⸗ ſcheiden könne ob ſie ihn haben wolle oder nicht, ſprach nur von dem Effekt ſeiner Rede, von dem„Packen der Menge“ und von ſeinem Gehalt. Dieſe Leute verſchmähten es, oder hielten es vielmehr unter ihrer Würde in ein deutſches Bierhaus zu gehn, und tranken mit kleinen Stückchen ſehr trockenen, ſtaubig ſchmecken⸗ den Confekts, einen nichtswürdig ſaueren Amerikaniſchen Wein, der das Einzige zu ſeiner Entſchuldigung hatte, daß er auf Herrn Hohlziegels eigenem Weinberg gereift war, und die⸗ ſes Meinung nach, einmal ein„famoſes Gewächs“ werden mußte. Hopfgarten ſtand eines Abends, nach einem ſchrecklich verlebten Nachmittag in Verzweiflung unten in der Apotheke und beſchloß ſchon Cincinnati mit ſeiner prachtvoll gebauten Unterſtadt, und den Holzbaraken des Canalviertels in Mis⸗ muth zu verlaſſen, als der Proviſor, ein behäbig ausſehender Mann, mit fettem Unterkinn und kleinen lebhaften Augen, ſeinen Hut aufſetzte, dem anderen jungen Mann in der Apo⸗ theke zurief daß er mit dem„fremden Herrn“ ausgegangen ſei, und dieſen dann ſehr zu deſſen Erſtaunen ohne weiteres unter den Arm nahm und hinaus auf die Straße führte. „Wenn Ihr Magen von dem verdammten Grüneberger Ausbruch noch nicht ruinirt iſt,“ ſagte er dabei,„und Sie noch eine halbe Stunde auffitzen können ohne einzuſchlafen, wie es die„Honoratioren“ gewöhnlich machen, ſo denk ich Sie zu einem guten Glas Bier zu führen, wo wir auch mun⸗ — ——õx 203 tere Geſellſchaft finden. Gemiſchtes Publicum allerdings, aber nette Kerle, und Cincinnati Bier mit Limburger Käſe.“ „Oh Sie ſcherzen,“ rief Hopfgarten raſch,„Limburger? ächter Limburger?„Herr, das iſt eine ſchwache Seite von mir.“ „Sie werden ihn riechen ſobald wir in's Haus kommen,“ ſagte Bohle, der Proviſor. Ueberhaupt aber ziemlich ſchweig⸗ ſamer Natur, ließ er ſich auch unterwegs auf kein großes Ge⸗ ſpräch weiter ein, ſondern beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen ſo einſylbig als irgend möglich. Sycamoreſtreet hinauf und in eine der Queerſtraßen, die mit dem Strom parallel laufen, einbiegend, erreichten ſie end⸗ lich ein Haus, das nicht mit dem entſetzlichen„Deutſches Coffe⸗Haus“ wie faſt alle Schnapskneipen die Ueberſchrift tragen, verſehen war, ſondern wo ein weiß und blaues Schild — ein Stückchen Heimweh des bairiſchen Bierbrauers— dem durſtigen Wanderer mit lakoniſchen aber zum Herzen ſprechen⸗ den Worten kündete, daß hier ein gutes Bier verzapft werde. Es war keine Prahlerei mit dem Worte Bairiſch dabei, kein Coquettiren mit der Zugabe„Amerikaniſch“— es hieß nur „gutes Bier“ und ein kleines hölzernes Täfelchen was darunter hing trug, anſcheinend mit dem in Stiefelwichſe getauchten Finger geſchrieben, die Worte: Limburger Käſe! Schweizer Käſe! Rettiche!. Der Platz bedurfte weiter keiner Empfehlung, und Hopf⸗ garten betrat mit einer gewiſſen Art von heimiſchem Wohl⸗ 204 behagen den kleinen niederen, ſchon von zahlreichen Gäſten be⸗ lebten Raum, wo ſie kaum ſeinen Begleiter erkannten, als ihnen auch an einem der Tiſche Raum gemacht und ſie freund⸗ lich eingeladen wurden ſich dort niederzulaſſen. „Meine Herren,“ begann da Bohle ſeinen Gaſt vorzu⸗ ſtellen,„ich bringe Ihnen hier ein Opfer der Etikette, einen Unglücklichen, den Hohlziegel mit Cincinnati⸗Ausbruch ver⸗ giftet und der Doktor Held außerdem aus der Haut getrieben hat vor langer Weile. Der Herr hier iſt erſt vor kurzer Zeit von Deutſchland herübergekommen, heißt von Hopfgarten und würde Cincinnati mit der moraliſchen Ueberzeugung verlaſſen haben, daß es der ekelhaft langweiligſte Platz unter der Sonne ſei, und die Deutſchen darin nicht einmal deren Scheinen ver⸗ dienten. Ich habe ihn gerettet, unter den Arm genommen und bin mit ihm hierher an Land geſchwommen— bitte meine Herren, ſtellen Sie ſich jetzt eigenhändig vor, damit unſer neuer Freund weiß woran er iſt, und in welch anſtändiger Geſellſchaft er ſich eigentlich befindet.— Sie Lochhauſen, fan⸗ gen Sie einmal an; aber hallo hier Brand, bringen Sie uns doch Bier, zum Donnerwetter, ſollen wir denn an der Quelle verſchmachten. Zwei Quart Bier und einen halben Limburger Käſe! alſo Lochhauſen.“ „Ich heiße von Lochhauſen,“ ſagte der junge Mann, der dicht neben Herrn von Hopfgarten ſaß, ein junger blondhaari⸗ ger Burſche mit blauen treuen und doch lebendigen Augen, „und bin Zeitungsträger beim Volksblatt, wie auch Exzeitungs⸗ träger des Chriſtlichen Apologeten, habe aber die Hoffnung, wenigſtens das Verſprechen der betreffenden Behörden, denen ich durch meine Familie dringend empfohlen bin, eine feſte Anſtellung als Straßenkehrer für Sycomore und Wallnutſtret zu bekommen. Hopfgarten ſah ſeinen Führer von der Seite an, denn unwillkührlich ſtieg der Verdacht in ihm auf, daß man ſich vielleicht auf ſeine Koſten amüſiren wolle, und ihn für„grün“ genug halte zu glauben was man ihm eben aufbinde. Bohle, der aber etwas Aehnliches vielleicht vermuthen mochte, ſagte freundlich: „Fürchten Sie nicht, lieber Herr, daß Ihnen Einer der Leute hier eine Unwahrheit erzählt, ſie würden Alle über ihn herfallen; die ganze Geſchichte ſoll Ihnen auch eigentlich nur einen Beweis liefern, wie uns das Schickſal hier zuſammen⸗ gewürfelt hat, und was wir treiben. Am Tag müßten Sie Gott weiß wo überall umherkriechen uns anzutreffen, Abends finden wir uns aber gewöhnlich hier von ſelber zuſammen; nicht aus freiem Willen übrigens, ſondern durch die Noth⸗ wendigkeit zu einander getrieben, einen Anhalt in uns ſelber gegen das praktiſche Leben draußen zu haben. Jetzt kommen Sie Höfner. „Meinen Namen haben Sie eben gehört,“ ſagte der alſo Aufgerufene, mit einer leichten freundlichen Verneigung gegen den Fremden; ich bin der Sohn des früheren Juſtizminiſters Höfner aus— ſeit zwei Jahren in Amerika und im erſten halben Jahr in einer Kohlengrube in Penſylvanien beſchäftigt geweſen. Die Arbeit war mir zu hart, ich ging deshalb als * 206 Koch auf ein Dampfboot, wurde ſpäter Bäcker in Dayton und drehe jetzt Cigarren, in welchem Geſchäft ich mir ſchmeichle ziemliche Fertigkeit erlangt zu haben.“ „Ich heiße Sorgfeld,“ ſagte der Dritte,„war früher Of⸗ ficier in Braunſchweigiſchen Dienſten, kam vor drei Jahren nach Amerika, wurde Farmer, d. h. diente anderthalb Jahr als Ackerknecht, bekam Streit mit einem Amerikaniſchen Ad⸗ vokaten in der Nachbarſchaft, und flüchtete in Folge eines Duells nach Ohio, wo ich jetzt Bilderrahmen in der Spiegel⸗ fabrik von Hoppe& brothers vergolde. Der vierte war eine etwas ſchwammige, eben nicht über⸗ mäßig reinliche, in einen grauen Sommerrock eingeknöpfte Geſtalt mit einem dicken aufgedunſenen Geſicht, in dem aber Humor und viel Gutmüthiges lag, trug eine Brille ſchief auf der Naſe, daß er über das eine Glas hin und unter dem an⸗ deren weg ſah, und hatte eine Gewohnheit ſich mit den Fin⸗ gern durch das lange dünne feuchte Haar zu fahren. „Ich heiße Müller,“ ſagte er, dabei ſtill vor ſich hin⸗ lächelnd,„und bin Redakteur des Volksboten— ultra demo⸗ kratiſcher Würgengel und Hackklotz des Chriſtlichen Apologeten wie„Wahrheitsfreundes“*)— Principal jenes jungen blond⸗ haarigen Menſchen da, dem ich etwas mehr auf die Finger ſehen muß, da ich nicht begreife wie er mit dem geringen Ab⸗ ſatz meines Blattes ſo viel Biertrinken vereinigen kann— habe früher in Deutſchland jura ſtudirt und eine Zeitlang hier *) Methodiſten und ultramontanes Blatt. 9. 207 Recht verdreht, dann, als das nicht mehr gehn wollte, und die Eiſenbahnſpeculation begann, bei der ich mich auch in etwas betheiligen wollte, zwei Monate an der St. Louis⸗Bahn mit geſchaufelt und gegraben, bin dann, da die Arbeit meiner Conſtitution nicht zuſagte, hierher nach Cincinnati gekommen, wo ich eine Zeitlang für einen hieſigen Kürſchner, meinen Nachbar hier, Felle zupfte, und habe nachher, einem„dringen⸗ den Bedürfniß“ abzuhelfen, den„Volksboten“ gegründet, an dem mich jetzt meine Zeitungsträger und Setzer ruiniren.“ „Ich bin der Kürſchner Helfich,“ ſagte ein kleiner Mann mit einem großen Höker auf der linken Schulter, mit dem er nicht viel mehr als eben auf den Tiſch hinauf reichte.„Habe hier in Amerika eine Ladung Pelze gekauft, dieſelben nach Deutſchland hinüber zu ſchaffen, litt dicht vor dem Hafen Schiffbruch, bekam, da die Aſſecuranzcompagnie einfach bankerott machte, nur fünf Procent, etwas über meine Einzahlung ver⸗ gütet, und begann nun hier, da ich ſolcher Art nicht zurück⸗ kehren mochte, ein kleines Geſchäft ganz von vorn; habe auch Clavierunterricht und Zeichenſtunde gegeben, und werde mich im nächſten Frühſahr einer Geſellſchaft anſchließen, eine Reiſe mit der Pelzcompagnie in die Felſengebirge zu machen.“ „Ich bin Doktor Eberhard,“ ſagte der nächſt ihm Sitzende, „meine Geſchichte iſt bald erzählt; vor zwei Jahren als Schiffs⸗ doktor herübergekommen, habe ich mir die wenigen Patienten, die mir Glück oder Zufall geliefert, ſelber todt gemacht— we⸗ nigſtens behaupten meine Freunde ſo,“ ſagte er, als die Uebri⸗ gen lachten,„und würden einen Mordſcandal erhoben haben, ———-——-ÿ— —ᷣ— ————.—V———::’:— —————— 2—.—————— ͤͤͤͤͤͤͤͤſͤͤſͤſͤͤͤſͤſſſſͤſſſſſͤſͤſͤſͤſſſſſſſ———— 8— ——— 208 hätte ich etwas anderes erzählt. Jetzt habe ich einen Cigar⸗ renladen errichtet, an dem mein Freund Höfner da Mitarbei⸗ ter iſt.“ „Ich habe Theologie ſtudirt“ nahm der letzte am Tiſch, der neben Bohle ſaß, die Reihenfolge auf,„und heiße Tanne. Glaubte auch meinen Beruf hier in Amerika, nach Allem, was ich früher darüber gehört, ſehr bequem fortſetzen zu können, fand aber nach Jahresfriſt daß ich mich darin geirrt. Von einer Gemeinde in Pennſylvanien engagirt, wöchentlich ein Mal zu predigen und ſämmtliche Feſttage zu halten, wo⸗ für ich 30 Dollar monatlich bekam, war ich den Ortho⸗ doren bald nicht orthodox, den Freiſinnigen nicht freiſinnig genug. Darin vereinigten ſich beide Partheien, daß ich nicht für ſie tauge und ich ging nach Ohio, wo ich in Columbus eine Zeitlang der deutſchen Gemeinde predigte. Umtriebe, die von einem andern„Pfarrer“ dort gemacht wurden, ließen mich meine dortige Stellung freiwillig aufgeben, und ich zog die ruhigere Beſchäftigung eines Conſtablers— quaſi Nachtwächter — in Dayton vor, wo ich gleichen Gehalt wie als Prediger bekam. Die Nachtluft ſagte aber meiner Conſtitution nicht zu — ich wurde dann in Covington, über dem Ohio drüben, Schullehrer, ärgerte mir da faſt den Tod an den Hals und machte dann zwei Reiſen als Koch auf einem Dampfboot, bis ich mich jetzt endlich als Pillenfabrikant hier zu Ruhe geſetzt habe, und jetzt ziemlich einträgliche Geſchäfte, beſonders nach dem Weſten der Union mit blutreinigenden ſogenannten Tan⸗ neſchen Pillen mache.“ 209 „So“ ſagte Bohle,„haben Sie nun die Güte und intro⸗ duciren Sie ſich ebenfalls.“ „Lieber Gott, das iſt bald geſchehen“ lachte Hopfgarten „und ich komme mir, dieſen Mannigfaltigkeiten gegenüber, hier ordentlich klein vor. Ich heiße von Hopfgarten, und reiſe durch die Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika, das Land ſelber kennen zu lernen und einen richtigen Begriff davon zu bekom⸗ men— ſonſt bin ich hier noch weiter Nichts geweſen als— Paſſagier.“ „Aller Ehren werth“ rief da Müller lachend,„wenn Sie wirklich noch weiter Nichts geweſen ſind; die meiſten Fremden ſind gewöhnlich in der erſten Zeit auch noch„Hühn⸗ chen“ und werden gerupft.“ Hopfgarten lachte und meinte, das ſtünde ihm wohl noch bevor. Von jetzt an wurde das Geſpräch allgemein; dadurch übriges, daß ſich alle ſelber perſönlich aufgeführt und vorgeſtellt hatten, war ein heiterer, ungenirter Geiſt in das Ganze gekommen; der Fremde war ihnen nicht mehr fremd, und fühlte ſich zum erſten Mal, ſeit er Amerika betreten hatte, wirklich wohl in einer fremden Umgebung. Die Geſellſchaft beſtand nur aus gebildeten Leu⸗ ten, die ſich ſchon in der Welt etwas umgeſehn und ihre Kräfte verſucht hatten, es herrſchte ein höchſt anſtändiger, aber voll⸗ kommen zwangloſer Ton, und trotz ihren verſchiedenen Beſchäf⸗ tigungen, die Alle vielleicht wieder in den nächſten Monaten wechſelten irgend etwas anderes ihnen mehr zuſagendes oder mehr einträgliches zu ergreifen, ſah man daß ſie einander ach⸗ teten und gern hatten. Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 14 8 * — b V —r———Q————8—õõ— — — ——— 210 „Und es gefällt Ihnen in Amerika?“ hatte Hopfgarten im Lauf der Unterhaltung gewiſſermaßen die Frage an die ganze Geſellſchaft gerichtet;„Sie fühlen ſich wohl und zu⸗ frieden hier?“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, mein lieber Herr von Hopf⸗ garten, nahm hier Tanne die Frage auf—„die Antwort kann nicht einfach mit ja oder nein gegeben werden. Von gefallen oder nicht gefallen kann überhaupt nicht die Rede ſein irgend einen Maasſtab anzulegen, denn das richtet ſich auch großen⸗ theils nicht allein nach den Anſichten des Einzelnen, ſondern auch nach dem, was er in der alten Heimath zurückgelaſſen hat. Das Vaterland liegt uns noch Allen in den Gliedern, und wird darin liegen, ſo lange wir einen Tropfen menſch⸗ lichen Blutes in uns laufen haben, und nicht ſolche erbärm⸗ liche nichtsnutzige Schwachköpfe— ja ich möchte faſt ſagen, Schufte geworden ſind wie jenes Geſindel, das, ohne irgend eine Vergangenheit, ohne ein Gefühl von Liebe oder Dankbar⸗ keit ſich ſchämt Deutſche zu ſein. Eigentlich iſt das übri⸗ gens nur ein Irrthum von ihnen, ſie geben dem Gefühl der Schaam, die ganz richtig in ihnen beſteht, nur einen falſchen Namen, ſie ſellten ſich überhaupt ſchämen daß ſie auf der Welt ſind, und reduciren das auf das Vaterland. Doch um auf unſer Thema zurückzufallen— die Galle läuft mir immer über, wenn ich auf das Geſindel zu ſprechen komme— ſo meine ich mit dem Gefallen, daß es ſich beſonders danach richtet, was wir im alten Vaterland zurückgelaſſen haben. War das viel Siebes und Gutes, dann freilich wird es Manchem —— — 211 ſchwer werden, hier in ganz anderen, fremden, ja kalten Ver⸗ hältniſſen— denn Jeder ſorgt hier nur für ſich ſelbſt, und Gott für uns alle— zurecht zu finden, oder wohl zu fühlen. War das nicht der Fall, gingen wir mit leichtem Herzen fort, iſt es freilich etwas anderes, und wir werden auch im Stande ſein, uns hier leichter einzurichten. Es ſind dann nicht zu viel alte Herzensfaſern, beim Herausreißen aus dem Mutter⸗ boden darin zurückgeblieben, und die Pflanze kommt beſſer fort und gedeiht— wenn ich auch gerade nicht weiß, ob ich die Leute beneiden ſoll“— ſetzte er ernſter hinzu.„Ueberhaupt iſt es mit dem ubi bene ibi patria eine eigene Sache, es klingt recht gut im Lied, und ſingt ſich ganz erträglich, iſt aber doch nicht wahr— zur Ehre des Menſchengeſchlechts nicht wahr, und in melancholiſchen Stunden, die faſt jeder Staatsbürger einmal hat, und die ſich bei den hieſigen Deutſchen gewöhn⸗ lich am auffallenſten zur Weihnachtszeit einſtellen, ſing' ich die Geſchichte manchmal verkehrt.“ „Alſo das Heimweh exiſtirt doch auch in Amerika“ ſagte Hopfgarten. „Moraliſchen Katzenjammer nennen ſie's hier“ ſagte Mül⸗ ler,„und gebrauchen Bier und Cognac dagegen.“ „Zeitweiſe eriſtirt's“ fuhr Tanne fort,„aber Amerika iſt da nicht die Urſache, ſondern die Fremde überhaupt, und ſo wunderlich es mir hier ſchon gegangen, ja ſo erbärmlich oft und miſerabel, wär' ich der Letzte der über das Land klagte. Es iſt ein großes, herrliches Reich dieß freie Amerika, von tüchtigen edlen Männern gegründet, die einen Grungſtein für 14* ————,—õ——y——O—— 1 1 1“ ——õ— 212 unverdroſſen weiter gebaut, und wenn auch hie und da einmal ein Miston, durch die vielen Baumeiſter hineingekommen, wenn auch hie und da ein wilder Schnörkel oder Knauf die maſſenhafte Hoheit des Ganzen unterbricht und ſtört, andere Stellen noch roh und unbehauen liegen und der Arbeiter har⸗ ren, die Harmonie des Ganzen kann's nicht ſtören, das wiächſt und ſteigt und breitet ſich nach Nord und Süd und Weſt ein Aſyl den Bedrückten, den Nothleidenden, ein weiter Hafen für die ganze Welt.“ b ddie Ewigkeit gelegt. Nachfolgende Generationen haben daran „Ja“ ſagte Hopfgarten,„das klingt nicht ſo übel, iſt aber die alte Geſchichte von der romantiſchen Seite aufgefaßt; mir läge daran das Praktiſche zu hören.“ „Darin kann ich Ihnen vielleicht dienen“ ſagte Müller, * ſein Glas wieder vollſchenkend und austrinkend, und das ge⸗ leerte Blechmaas dem Wirth um„neuen Stoff“ zurückreichend. Tanne hat die ſchwache Seite daß er manchmal Verſe macht, und es wird ihm ſogar hier nachgeſagt, er hätte in Penſyl⸗ vanien einmal eine„gereimte“ Predigt gehalten— das konn⸗ ten die Leute nicht vertragen und er mußte fort.—“ „Ihr reitet nur immer auf uns herum“ lachte Tanne— „wenn Ihr die Geiſtlichen nicht hättet— „Und keinen Löffel, ſo müßten wir unſere Suppe trin⸗ ken, ja wohl, das iſt ganz in der Ordnung,“ ſagte Müller trocken,„die kommen aber hier gar nicht in Betracht, ſondern unſer Amerika, in dem wir nun einmal exriſtiren, und wenn vielleicht wenig Menſchen weniger Urſache haben günſtig da⸗ —.,— 213 von zu denken, ſo wär' ich es, wollte ich eben ungerecht ſein und die ganze Geſchichte nur nach mir ſelber beurthei⸗ len. Wenig Deutſche in Amerika haben aber gerade ſo viel Gelegenheit das Wirken und Schaffen, das Fortſchreiten und Wachſen ihrer Landsleute zu beurtheilen, wie gerade wir Zei⸗ tungsredakteure, deren Beruf es eben iſt, ſich, indem ſie für ſich ſelber ſorgen, um Andere zu bekümmern. Wir gerade lernen dabei eine Menge Menſchen kennen, die herüber kom⸗ men, hören am häufigſten was ſie darüber ſagen, weil wir eben darauf hören, leſen was ſie darüber ſchreiben, und fühlen zuletzt, wie wir nur zu häufig die Triebfedern durchſchauen, die ſie zu dem oder jenem Urtheil geleitet.“ „So zum Beiſpiel— um Ihnen die Sache etwas hand⸗ greiflicher zu machen— iſt ſeit lange nicht ſo viel Volk vom alten Vaterland herübergekommen, wie in den letzten zwei Jahren, und zwar meiſtens aus einer Klaſſe, die Sie zwar hier im Zimmer und an dieſem Tiſche beſonders vertreten fin⸗ den, die wir aber gerade hier in Amerika am allerwenigſten gebrauchen können, und die auch in der That hier am aller⸗ wenigſten mit ſich ſelber anzufangen weiß. Ich meine eben die mittelloſe gebildete Klaſſe, die für ihre Schulbildung hier keinen Markt findet, und nur zu häufig dann auch noch zu faul iſt da mit den Händen zuzugreifen, wo ſie mit dem Kopf nichts ausrichten kann. Hierzu gehören Juriſten, Geiſt⸗ liche— wenn ſie ſich in die beſtehenden Eigenthümlichkeiten nicht fügen können oder wollen— Philologen und Philo⸗ ſophen die unglückſeligſten Menſchenkinder von Allen zwiſchen 2 8—-õÿꝛÿ—.—— ————————.—————— 214 den praktiſchen Amerikanern— und jene Unmaſſe von„fal⸗ ſchen Doktorn“ wie man ſie hier nennt, ſolche nämlich, die Doktoren heißen, aber keine Aerzte ſind, und deren Schickſal Einem manchmal wirklich dauern könnte, wenn es nicht ge⸗ rade auch oft wieder ſo komiſch wäre. Eine Maſſe Advokaten⸗ geſindel, present company always excepted*) kommt daher, radebrecht Engliſch auf eine ſchauerliche Art, kennt die hieſi⸗ gen Geſetze nicht, will nichts Anderes ergreifen, und ſchimpft und raiſonirt dann über das Land, nimmt das Maul voll und thut als ob ihm das größte Unrecht geſchehen wäre; La⸗ denſchwengel, die in Deutſchland in einer„angenehmen Con⸗ dition“ geſtanden, finden hier nicht gleich Jemand, in deſſen Laden ſie mit gekräuſelten Locken und faden Redensarten den Angenehmen ſpielen können. Daß ſie nun ihre Fäuſte brau⸗ chen, die ihnen der liebe Gott nicht allein zum Kattunaus⸗ meſſen gegeben hat— Gott bewahre, nein, Amerika iſt ein geſetzloſes, nichtsnutziges Land, geſetzlos, weil ſie irgendwo in einer Kneipe, wo ſie ſich unnütz gemacht, oder an Plätzen her⸗ umgekrochen, wo ſie Nichts zu ſuchen hatten, hinausgeworfen wurden; nichtsnutzig, weil man ihnen keine,„ihren Fähigkeiten entſprechende Stellung“ anweißt.“ „Eine Menge von dieſen Leuten ſuchen ſich dann in hie⸗ ſigen Blättern zu expectoriren, theils in Verſen, theils in Proſa, ſchreiben Bogen lange Artikel über das Land, das ſie nicht kennen, über die Verhältniſſe, von denen ſie Nichts ver⸗ *) Gegenwärtige Geſellſchaft immer ausgenommen. 7 — —— 215 ſtehn, und verlangen dann auch noch Honorar dafür. Neh⸗ men wir es nun nicht— denn wenn man all den Unſinn drucken wollte, hätten zehn Schnellpreſſen Arbeit— dann ſchicken ſie die Wiſche, weil ſie doch einmal geſchrieben ſind, nach Deutſchland, und dort gelten ſie dann als„Stimmen aus Amerika“— der Schreiber des und des Artikels muß ja die Sache verſtehn, er iſt ja ſelber drüben— daß ſie der Teu⸗ fel hole.—“ „Ein Glück für uns, daß von dem Gelichter es doch manchmal ein oder der Andere möglich macht nach Deutſch⸗ land zurückzukommen; dort ſchlägt er Feuerlärm, ſchildert uns als Tabackkauende, betrügeriſche Ungeheuer, das ganze Land als eine geſetzloſe Wildniß— eine Falle leichtgläubige Men⸗ ſchen zu fangen, zählt alle Mordthaten und Diebſtähle, die in dem ganzen ungeheueren Reiche, und wenigſtens in der Hälfte durch Fremde ausgeübt werden auf, und hält dadurch doch wenigſtens viele Andere ſeines Gelichters ab herüberzu⸗ kommen.“ „Der fleißige Arbeiter— der Ackerbauer, der Handwerker, dem es hier gut geht, der ſich glücklich und wohl fühlt, der ſchimpft nicht, und ſchreibt auch keine albernen Artikel über Amerika, höch⸗ ſtens Briefe in die Heimath, ſeine Anverwandten, und die die er lieb hat, herüberzurufen. Still und unverdroſſen geht der ſeine Bahn fort; ſieht ſein Land ſich mehr und mehr verwer⸗ then, mit jedem Tag ſeine Heerden wachſen, ſeine Felder blü⸗ hen, und ſegnet die Stunde, in der er den Entſchluß gefaßt auszuwandern.“ 216 „Daß es nicht Allen glückt— wenigſtens nicht gleich in der erſten Zeit und Manche viel Böſes und ſchwere Zeit durch⸗ zumachen haben, verſteht ſich von ſelbſt— es fiele mir auch nicht ein, Allen anzurathen hierherzukommen, das wäre Wahn⸗ ſinn. Man wirft dem Amerikaner vor daß er kein Gemüth hat, und ich glaube faſt der Vorwurf iſt gerecht, wenigſtens im Allgemeinen; auf ein gemüthliches Leben darf man hier im Land denn auch nicht rechnen, außer man hat ſehr viel Geld, und in dem Fall kehrt der Deutſche doch am liebſten wieder nach Deutſchland zurück. Amerika paßt auch wirklich nicht für eine Menge Leute, und wem es halbwege gut in Deuſch⸗ land geht, wem die Verhäͤltniſſe dort nicht zu drückend auf den Schultern liegen, der ſoll bleiben wo er iſt; dort weiß er was er hat, hier weiß er nicht was er kriegt, und das iſt, das Wenigſte zu ſagen, eine unangenehme Geſchichte.“ „Wenn man nur einmal ſo einen richtigen deutſchen Far⸗ mer über Amerika könnte ſprechen hören“ ſagte Hopfgarten „das wäre mir in der That ungemein intereſſant.“ „Nichts leichter als das“ lachte Helfig„Ohio wimmelt davon, und wohin Sie hinein in's Land gehn, finden Sie deutſche Anſtedlungen. Sie brauchen auch nicht zu fragen wo Deutſche wohnen, Sie ſehn es ſchon an den reinlichen maſ⸗ ſiv errichteteten Gebäuden, den ſteinernen Scheunen, dem or⸗ dentlich aufgeſtellten Ackergeräth, den ſorgfältig urbar gemach⸗ ten Feldern.“ „Aber es fällt doch noch manches Außergewöhnliche in den Städten vor“ ſagte Hopfgarten, in wirklicher Beſorgniß „* 217 jetzt, daß ſte ihm die ganze Romantik des Landes über den Hau⸗ fen würfen;„in Cincinnati beſonders habe ich mir ſagen laſ⸗ len, daß Raubanfälle keineswegs zu den Seltenheiten, und zwar in den beſten Theilen der Stadt gehörten.“ „Ah Papperlapapp,“ lachte von Lochhauſen,„ja es kommt vor, aber im Verhältniß zu der Unmaſſe von Prole⸗ tariat, das uns die alte Welt herüberſchickt, doch unverhält⸗ nißmäßig ſelten, außer in den Fällen wo ſich die Leute ſelber an Orte begeben in die ſie nicht gehören, wie Müller ſagt. Mancher iſt in liederlichen Häuſern beſtohlen worden, und macht nachher ein Geſchrei daß er angefallen und beraubt wäre — er mag natürlich nicht ſagen wo er ſein Geld verloren hat; Andere erzählen ſolche Geſchichten, wie ſie von Abenteuern mit Tigern und Bären erzählen, ſobald ſie nur den Fuß in Wald oder Buſch geſetzt. Einbrüche und Raubanfälle kommen vor, ja, aber nicht mehr wie in jeder andern großen Europäiſchen Stadt, London gar nicht gerechnet.— Lieber Gott, wir Alle die wir hier ſitzen, fürchten uns nicht vor der Nachtluft, und ſind ſchon manchmal Abends ſpät zu Hauſe gegangen, und iſt ſchon Einer von uns Allen angefallen worden? und ſo wird es Ihnen ſchwer werden Jemanden zu finden, der Ihnen etwas derartiges aus eigener Erfahrung beſtätigen kann, wenn er die Wahrheit reden will— aber es fällt vor!“ „Nun laßt aber Amerika,“ rief Sorgfeld dazwiſchen,„die Geſchichte wird langweilig; wenn der Herr da noch länger hier bei uns bleibt, wird er ſich ſeine Meinung ſchon ſelber bilden; uns Allen wie Tauſenden, ja Millionen unſerer Mit⸗ * 1 218 brüder hat das wackere Land die Arme freundlich geöffnet und uns ſeine Schätze geboten nach allen Richtungen hin; wer blöde war und nicht zulangte, oder nicht wußte wie er es an⸗ fangen ſollte, deſſen eigene Schuld war's— und vielleicht lernt er's noch— Amerika ſoll leben— hoch!“ und das Glas erhebend ſtanden die meiſten Deutſchen von ihren Sitzen auf, ſtießen mit den Gläſern an, und ſtimmten in das Hoch ein.— Einzelne blieben auch ſitzen. Das Geſpräch ging von da an wieder auf allgemeine Gegenſtände über; es wurde dabei gelacht und erzählt bis zum Abend; und als Herr von Hopfgarten ziemlich ſpät an den Aufbruch dachte, mußte er ſich geſtehen daß dieß eigentlich der erſte Abend ſei, an dem er ſich in Amerika wirklich amüſirt habe. Durch das Geſpräch war aber auch der Wunſch um ſo mehr in ihm rege geworden, einen Theil des inneren, culti⸗ virten Landes hier zu ſehen, denn die Umgegend von Cincin⸗ nati ſollte einem Garten gleichen; ſo ſchon am nächſten Mor⸗ gen miethete er ſich ein Pferd in der Stadt, und ritt Mainſtreet hinauf über den Canal durch die deutſche Vorſtadt hin, wo jedes Schild faſt einen deutſchen Namen trug, und ganze Schaaren friſch eingewanderter Staatsbürger, in ihren Natio⸗ naljacken und Röcken die Straßen durchwanderten. Die Hügel, welche die Stadt umgeben, und zu denen ſie hinaufſteigt, und die ſie in gar nicht ſo langen Jahren wird erſtiegen haben, lagen zum Theil mit Gärten, zum Theil mit Rebenpflanzungen bedeckt, und eine treffliche Straße wand ſich dort hindurch. Oben auf dem Hügel aber hielt Hopfgarten —— 8 219 ſtill, das Thal zu überſchauen das er eben verlaſſen, und das ſich jetzt in wundervoller Herrlichkeit vor ihm ausbreitete. Drüben den Hintergrund bildeten die eben nicht ſehr hohen, aber freundlichen Hügel Kentuckys, theilweiſe noch mit Wald, meiſt aber mit wohl umfenzten Feldern überzogen, bis zu dem Häuſerbedeckten Ufer des Ohio, der ſeine klaren Flu⸗ then ſchlängelnd durch das reizende Thal wand. Haus an Haus aber drängte an dieſer Seite des Stromes die junge Rieſenſtadt, ein wundervolles Panorama regen thätigen Lebens, das hier, mit tropiſcher Keimkraft faſt, dem Boden wie ent⸗ ſprungen liegt. Im Jahre 1788 ſtanden hier in dem Thal, in einer Wild⸗ niß, die von Bären und Büffeln nur bewohnt, von den leicht⸗ füßigen Söhnen der Wälder auf ihren Kriegszügen durchſtreift wurde, drei einzelne Blockhütten, aus den Stämmen des Wal⸗ des aufgebaut— funfzig Jahr ſpäter zählte die Stadt Cincin⸗ nati 40000 Einwohner,*) und von da an vermehrte ſich die Zahl faſt mit jedem Jahre um 6— 7000. Der Strom, den damals faſt nur das ſchlanke Canoe des Indianers durchfurchte, wimmelte jetzt von mächtigen Dampfbooten, die mit dem dün⸗ nen weißen Schaumſtreifen hinter ſich, auf⸗ und niederglitten, und überall ſtreckten qualmende Rieſenſchornſteine die langen Hälſe empor, thätiges ſchaffendes Leben bekundend. In den Straßen der Stadt ſelber wogte die raſtloſe Menge auf und ab, zahlreiche Wagen mit Früchten und Gemüſen, dem reichen *) Sie hat jetzt nahe an 130000. . 2 2 —õ——CQO⸗O—O—O,O—O,OOñ⁊d'˖—— ———ö—————————ʒ———— ——. 220 Herbſtſegen, ſchwer beladen, kamen die breite vortrefflich ma⸗ cadamiſirte Landſtraße nieder, und wie der Blick weiter ſchweifte, über die Hänge und Flächen dort umher, haftete er überall an reizenden Villen, ſchattigen Gärten, fruchtbaren Feldern, auf denen Gottes Segen ruhte, und über die ſich der reine wolken⸗ leere Himmel in durchſichtiger Bläue ſpannte. „Welch wundervolles Land!“ rief Hopfgarten da unwill⸗ kührlich aus, welche Lebenskraft— welche Zukunft liegt für dich noch in der Zeiten Schooß— wie das gährt und kocht und keimt und ſproßt und Blüthen treibt und Früchte reift — und über dem Allen ein einziges Banner— ein Schlachtſchrei im Krieg für ein einig Volk, ein Ziel im Frie⸗ den, für das ganze Reich—„armes Deutſchland“, ſetzte er dann ſeufzend hinzu, als er ſein Thier wieder wandte und der Straße weiter folgte,„kein Wunder daß ein ſolches Volk mit ſolchen Reſultaten, ſolcher Zukunft vor ſich, manchmal über die Stränge ſchlägt oder ein klein wenig übermüthig wird, wie ein junges kräftiges Füllen— hat es doch Urſache dazu, und darf ſich freuen zu ſeines Schöpfers Lob.— Wir Deut⸗ ſchen ſind freilich ruhig und geſetzter, ſpringen und ſchlagen nicht und gebehrden uns nicht ſo unanſtändig; ſingen keinen Yankeedoodle— haben auch keine Urſache dazu, und keine Flagge, ſondern nur ein Flickwerk von bunten Lappen; nicht einmal ein gemeinſames Vaterland, das wir das unſere nen⸗ nen dürfen. Aber das Alles möchte ſein, ſchlimmer und ſchlim⸗ mer uns drücken was uns drückt— knechten was uns knechtet in Religion und Gewiſſens⸗Freiheit und politiſcher Meinung apitel 7 Ca ön — —ᷣ—ÿ—ÿ— ———yʒÿ·——— 221 die Hoffnung wäre ja da, daß auch uns vielleicht einmal ein Washington erſtände, wie er den Amerikanern erſtanden iſt, gerade als ſie ſeiner am nöthigſten bedurften. Das aber iſt ja eben das Verzweifelte unſerer Lage— wir, könnten ihn gar nicht gebrauchen, wir würden gar nicht wiſſen was wir mit ihm anfangen ſollten, denn wenn er nicht in allen acht und dreißig Ländern zugleich geboren wäre, würde ihn ja doch keiner der Nachbarſtaaten anerkennen.— Ich wollte ich wäre ein Amerikaner,“ ſetzte er leiſe ſeufzend hinzu als er, kaum noch auf den Weg achtend, die breite Straße entlang ritt—„ich wollte ich wäre ein Amerikaner und könnte ſo Deutſchland beneiden, wie ich jetzt Amerika beneiden muß.“ Der kleine Mann, der ſich einen weit anderen Eindruck von dem freundlichen Ritt verſprochen, war ganz ſchwermüthig geworden bei den trüben Bildern, die ſich ſeine Phantaſte heraufbeſchwor, ja vergaß faſt, zwiſchen Fenzen und Hecken, und einzelnen reizend gelegenen Häuſergruppen durchreitend, den Zweck ſeines Ausflugs, bis das Pferd, deſſen Zügel er nur ganz locker in der Hand hielt, plötzlich rechts einbog, das Gebiß, als er es raſch umlenken wollte, zwiſchen die Zähne nahm, und ſporenſtreichs mit ihm in einen Hof, über dieſen weg auf eine offene Thür zu und ſo direkt in den dort befind⸗ lichen Stall hineinfuhr, daß der Reiter kaum noch Zeit behielt ſich in der Thür zu bücken und nicht gegen den oberen Balken und aus den Sattel geſchlagen zu werden. 3 „Hallo, ſo eilig?“ rief da eine lachende Stimme in deut⸗ ſcher Sprache hinter ihm drein, und in Holzpantoffeln ſchlurrte eine etwas ſchwerfällig aber ſonſt behäbig und gutmüthig ge⸗ nug ausſehende Geſtalt in gelber unten um die Knöchel ge⸗ bundener, kniefettiger Lederhoſe, mit rother Weſte auf der zwei Reihen ſilberner Knöpfe funkelten und in Hemdsärmeln, auf dem Kopf aber eine große unförmliche braune Pelzmütze, über den Hof, und blieb in der Stallthür ſtehen, neben der ſich Hopfgarten eben aus dem Sattel geſchwungen und den Zügel über den Kopf des Pferdes geworfen hatte, das er jetzt aus Leibeskräften, aber ebenfalls ohne den geringſten Erfolg, wieder aus dem Stall hinauszuziehen ſuchte. „Laßt den Braunen nur ſtehn“ lachte aber der Bauer, „der kennt die Krippe und hat da ſchon manche Metze Hafer gefreſſen. Guten Morgen Landsmann, Ihr ſeid doch ein Deutſcher.“ „Allerdings, Herr Landsmann,“ ſagte der höfliche Hopf⸗ garten, mit einem eben nicht ganz freundlichen Seitenblick auf den Braunen,„aber es iſt doch immer fatal, wenn man nur eben da halten muß, wo es dem Pferde gerade einfällt zu bleiben.““ „Deshalb braucht Ihr Euch aber keine Sorge zu machen“ ſagte der Deutſche ſchmunzelnd—„er macht's ſeinem Herrn oder allen Anderen die ihn reiten, nicht beſſer, und ſeit den letzten drei Jahren kann ſich Niemand rühmen auf dem Pferd, ohne bei mir anzuhalten, hier vorbeigeritten zu ſein.— Seid Ihr ſchon lang in Amerika?“ „Erſt wenige Wochen.“ „Und Ihr gleichts?“ 223 Hopfgarten wußte daß dieß der deutſch⸗amerikaniſche Aus⸗ druck für„gefallen“ ſei und ſagte„Sehr.“ „Nu das iſt hübſch— da ſeid Ihr wohl Landkaufen ge⸗ kommen— aber hier im Stall wollen wir doch nicht ſtehen bleiben“ unterbrach er ſich raſch,„Ihr ruht Euch nun doch ſchon ein halb Stündchen bei mir aus, und ſeht Euch einmal mein Feld und meine neue Scheune an— ſeid wohl kein Bauer?“ Hopfgarten mußte dieß, während der Mann einem Jun⸗ gen pfiff, und ihm befahl„Bleſſ,“(wie der Braune nach ei⸗ nem kleinen weißen Fleck vorn an der Stirn hieß) zu beſorgen, und ihm ordentlich Futter zu geben, verneinen. Bleff hatte ihm aber, durch ſeinen Entſchluß ſich hier etwas aufzuhalten, wirklich einen Gefallen gethan, denn von Hopfgarten fand bald, daß er in dem Mann gerade gefunden was er ſuchte: einen richtigen deutſchen Bauer, der ſeit vier Jahren hier im Land angeſiedelt war, und ſich in der Zeit eine allerliebſte, wohleingerichtete Farm hergeſtellt hatte. Der Mann war aber entſetzlich neugierig, und er ſelber, ehe er irgend etwas von ihm herausbekommen konnte über ſein Leben und Treiben, genöthigt ihm erſt Alles zu ſagen was ihn ſelber betraf: wo er her ſei, mit welchem Schiff er gekommen, wie viel Paſſagiere es an Bord gehabt, wo gelan⸗ det, ob Krankheiten unterwegs, ob ſie gute Koſt an Bord ge⸗ habt hätten, ob er nicht in New⸗Orleans Jemanden Namens Schmidt kennen gelernt habe, der„in der Nähe vom Waſſer“ wohne und einen kleinen Schenkſtand oder einen Kleiderladen 224 habe, und was Corn(Maisz jetzt in New⸗Orleans koſte.— Nur nach Deutſchland frug er nicht, weder aus welcher Ge— gend der Fremde ſtamme, noch wie es dort ausſehe jetzt, im alten Vaterland. Es waren gerade vier Jahre, daß er die Heimath verlaſſen, und als ihn von Hopfgarten ſpäter danach frug ſtellte ſich heraus, daß er noch nicht ein einziges Mal an ſeine Verwandten drüben, Geſchwiſter und Schwäger geſchrie⸗ ben habe. Die hatten zu leben, es ging ihnen gut, das wußte er, wenigſtens hätten ſie es ihm ſonſt wohl gemeldet(ſie konn⸗ ten nicht einmal eine Ahnung haben, wo er angeſeedelt ſei) und ihm ſelber fehlte auch Nichts; ſeine Farm gedieh, ſein Vieh wuchs heran, ſeine Erndten waren vortrefflich— was hatte er da groß zu ſchreiben?“ In der Stube drin bei ihm ſah es genau ſo aus wie in den Bauerſtuben daheim; das Amerikaniſche Kaminfeuer ver⸗ ſchmähend, hatte er ſich einen tüchtigen, ächt deutſchen Ofen, deſſen Tafeln jedenfalls von Europa herübergeſchafft worden, eingeſetzt, hinter dem die Familie in Winterszeit gewiß eben ſo geſchmort, wie daheim. An der Seite auf dort befeſtigten Bretern prangten die alten deutſchen irdenen Schüſſeln und Teller, mit ihren frommen Sprüchen und Phantaſieblumen, mit Jahreszahl und Datum, in der Ecke der Stube ſtand eine blaugemalte, und ebenfalls mit großen hellen, durch die Cha⸗ blone gemalten Blumen verzierte Kiſte, auf der noch mit wei⸗ Fen Buchſtaben jene bedeutungsſchweren Worte„Auswande⸗ rer⸗Gut— Cincinnati Ohio, für Johannes Rohrberger aus Sohlfeld“ obgleich ſpäter einmal mit dünner blauer Farbe 225 übermalt, doch noch deutlich ſichtbar waren, und am Fenſter in der Ecke ſaß eine alte, aber noch rüſtige Frau an ihrem al⸗ ten Spinnrad— jeder Zoll eine Deutſche. Der aber lag manche Frage wohl ſchwer auf dem Herzen, als ſie den Lands⸗ mann bei ſich eintreten ſah; dennoch mochte ſie ihn ſelber nicht anreden, und als die Frau des Bauers, ein hübſches rundes Weibchen, ebenfalls in ihrer heimiſchen Tracht mit dem mit Knöpfen und Zierrathen beſetzten Mieder und dem dickgefalte⸗ ten Rock, in die Stube kam, und ſchneeweißes Waizenbrod, und Butter mit einem Kleeblatt in der Form, und guten deut⸗ ſchen Käſe auftrug, und ein paar blitzende Gläſer daneben ſetzte, zu denen der Mann einen ſelbſt gebrauten dunkelrothen Kirſchſchnaps aus dem kleinen Schranke holte(den Schlüſſel dazu trug er ſelber in der Weſtentaſche) mußte ſich Hopfgarten an den Tiſch ſetzen, und vor allen Dingen eſſen und trin⸗ ken. Nachher wollten ſie hinaus in das Feld gehn„damit der Herr auch ſähe daß es bei den Deutſchen nicht etwa ſo liederlich gearbeitet würde„wie bei denen Amerikanern.“ Hopfgarten ſah nun dort allerdings nicht ſehr viel, denn er verſtand zu wenig vom Amerikaniſchen Ackerbau und beſon⸗ ders von den Schwierigkeiten, mit denen ein erſter Anſiedler zunkämpfen hat, ſein Land nicht allein urbar, ſondern auch holzrein zu bekommen(zwei ſehr von einander vekſchie⸗ dene Sachen) die hier gethane Arbeit gehörig würdigen zu können. Der Amerikaner nämlich— beiläufig geſagt ein furcht⸗ barer Holzverwüſter ſo lange ihm nur ein Stück im Wege iſt— ſchlägt, wie bekannt, die Bäume um, rollt die kurz abge⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. IV. 15 226 hauenen Stämme auf Haufen, brennt ſie an, und läßt dabei die Stümpfe ſtehn, um die er indeß herumackert, und die in zehn Jahren etwa genug abfaulen mit dem Pflug ſtückweis herausgeriſſen zu werden. Die Deutſchen lernen ihnen dieſe bequeme Art zu arbeiten bald ab, Viele aber, und beſonders in der Nähe von Städten wo das Holz auch ſchon eher einen Werth hat, gehen ſparſamer mit dem um, was ihnen Gott auf ihrem Land bis dahin hat wachſen laſſen, und ſcheuen ſich der Arbeit nicht auch das Geringſte darauf zu verwerthen. So lagen Johannes Rohrbergers Felder frei von all die⸗ ſen fatalen Stümpfen, glatt und eben als ob ſie ſchon Jahr⸗ zehnde dem Pfluge dienſtbar geweſen da; keine Holzverſchwen⸗ denden Zickzack oder Wurmfenzen umgaben ſie, ſondern Eichen⸗ Pfoſten waren ringsum eingeſchlagen und durch breite, unten dicht ſchließende Queerhölzer, den Ferkeln den Eintritt zu ver⸗ weigern, geſchloſſen, und nicht weit davon aufgeſchichtete, ſelbſt geſägte Breter, Planken, Rafters und Stützen bewieſen, wie der Deutſche einen beſſeren Gebrauch für ſein treffliches Holz gewußt habe, als es eben zu verbrennen. Hinter dem Haus lagen außerdem einige achtzig Klafter, aus dem ſich im Winter guter Nutzen in der Stadt ziehen ließ, und die im Feld errichteten Getraidefeimen gaben zugleich auch Zeugniß von der Thätigkeit des Mannes nach dieſer Richtung hin. „Sie ſind fleißig hier geweſen“ ſagte Hopfgarten, als ihn der Bauer auf das Alles aufmerkſam gemacht,„und müſſen jetzt wackeren Nutzen von ihrem Lande ziehen.“ „Ach ja es geht“ ſchmunzelte der Mann;„die erſten Jahre 227 freilich kam's mir ein Bischen hart an; ich kaufte die Farm von einem Amerikaner, der nach Arkanſas überſiedlen wollte, um einen eben nicht zu hohen Preis, aber es ſah auch furcht— bar darauf aus— wüſte holzgefüllte Felder, zerfallene Block— häuſer, von Scheunen und Ställen kein Gedanke, die Hälfte Boden noch mit Buſch bewachſen. Da ging ich mit meinen drei Jungen an's Werk, und wie wir es erſt einmal ſo weit gebracht hatten daß wir unſer deutſches Handswerkszeug, was wir mitgeſchleppt, wegwarfen, und uns Amerikaniſche Aerte und Pflüge anſchafften, förderte es auch. Wir haben zwar gearbeitet wie die Pferde, das iſt wahr; vor Tag heraus, und hinein bis in die ſpäte Nacht. Die Amerikaner lachten uns da⸗ bei noch aus, und meinten daß wir es uns unnöthig ſchwer machten; und in mancher Hinſicht mochten ſie recht haben, denn wir wußten eben noch nicht ordentlich wie wir die Sache anzufangen hatten, und mußten noch lernen. Aber ſchon nach zwei Jahren kriegte der Platz ein anderes Anſehn; ich nahm mir noch Amerikaniſche Arbeiter dazu, und wir ſetzten uns ebenfalls nicht in die Stube, ſondern arbeiteten tüchtig mit; da förderte es denn freilich. Nicht allein daß uns die Amerikaner, die doch wenigſtens eben ſo zufaſſen mußten wie wir ſelber, ein ordentlich Stück Arbeit fertig machten, ſondern wir lernten auch von ihnen ihre Handgriffe und ihr praktiſches Weſen, denn das muß man ihnen laſſen. Ich hätte ſie auch gerne noch ein halb Jahr länger bei mir behalten, wäre mir meine Alte nicht in einem hin in den Ohren gelegen ſie fort⸗ zuſchicken. Die konnte ſie nicht leiden, weil ſie nicht verſtand 15* 228 was ſie ſagten, und weil ſie ihr die reingeſcheuerten Stuben überall vollſpuckten— immer freilich in die Winkel hinein, wo ſie vielleicht glaubten daß man nicht hinkäme, aber meine Alte kam doch hin, und es wurde nicht eher Frieden im Haus bis ſie weg waren. „Und jetzt geht es Ihnen gut?— Sie befinden ſich wohl hier?“ „Ich glaub's“ ſagte der Bauer ſchmunzelnd—„ich hatte in Deutſchland ein kleines ärmliches Gütchen, das ſeinen Mann freilich eben nährte, aber ich mußte mich abquälen und plagen, wie ich eben nur hier die beiden erſten Jahre gearbei⸗ tet habe, ohne, was vor mich zu bringen. Mein Grundſtück fiel dabei eher im Werth als daß es ſtieg, Abgaben und Steuern, von denen die Herren im Gericht zuletzt gar nicht mehr wußten wie viel ſie fordern ſollten, eine Maſſe unnützes Geſindel zu füttern die wir nicht brauchten, die uns aber ha⸗ ben mußten zum Zahlen, und dann noch holzgrob dabei wa⸗ ren, wuchſen von Jahr zu Jahr, und wenn's mir und der Al⸗ ten auch ſchwer wurde von daheim fortzugehn, jetzt gereut mich's doch nimmermehr, und ich möchte nicht wieder zurück.“ „Und was haben Sie für Ihre Farm gezahlt?“ frug Hopfgarten. „Viertauſend Thaler hab' ich, nach Abzug meiner Paſſage, mit herüber gebracht“ ſagte der Mann,„um zweihundert etwa hatten ſie mich noch in Deutſchland geprellt beim Geldwechſeln, und vierhundert bin ich nachher hier an meine Landsleute los⸗ geworden. Für die Farm, mit achtzig Acker Land, und dem 229 Bischen Vieh was drauf war, und den Gebäuden, in denen aber ein Chriſtenmenſch gar nicht eriſtiren konnte, zahlte ich dann dreitauſend fünfhundert Dollar, zweitauſend gleich baar an, und das übrige in jährlichen Raten, und dabei befinde ich mich vortrefflich, denn mit noch eben ſo viel beinah, was ich jetzt nach und nach hineingeſteckt habe, iſt der Platz in der Zeit das vierfache werth geworden, und ſelbſt dafür gäb' ich ihn jetzt nicht wieder her. Aber Land genug iſt noch hier herum zu bekommen“ ſetzte er dann raſch hinzu,„wenn Ihr Euch etwa hier anſiedeln woltet. Die Amerikaner, mögen ſie einen noch ſo guten Platz haben, wenn ſie einen Profit bekommen, verkaufen Alle aus; einem Amerikaner iſt auch Alles feil was er an ſich hat. Es ſind Euch närriſche Kerle, ſie verkaufen das Hemd vom Leibe, wenns Einer haben will, die Stiefel von den Füßen, und beim Pferdehandel betrügen ſie den eigenen Vater— wenn er nicht ſelber klug genug iſt— ohne daß ſie ſich gerade, was Böſes dabei denken.“ „Hm hm“ ſagte Hopfgarten nachdenkend vor ſich hin, als er mit ihm zum Haus zurückging—„Sie befinden ſich nun hier ſo wohl, Ihnen geht es ſo gut, und Sie ſehen da⸗ bei wie ſich Alles vorwärts arbeitet und beſſer wird, und an⸗ dere Leute klagen wieder über das Land, ſchimpfen darüber und warnen vor Auswanderung.“ „Das ſind die Hungerleider“ lachte der Bauer,„ich habe auch ſchon ein paar Mal ſolche bei mir gehabt; die kommen herüber und wollen Anſtellungen haben, wo ſie eben ſo wenig dabei zu thun brauchen wie in Deutſchland, und vom Bauer dabei gefüttert werden, und wenn's damit nachher nicht geht, wenn das Geld alle iſt, und die Koſthäuſer nicht weiter bor⸗ gen wollen, dann heißt's„wir müſſen arbeiten“ und dann kommen ſie in Handſchuhen heraus und fragen nach„Beſchäf⸗ tigung“ wie ſie's nennen. Von denen ſchick' ich aber keinen fort,“ ſchmunzelte er dabei,„die ſtelle ich nur an einen richti⸗ gen Baumſtumpf zum Ausroden, und nach drei Stunden ha⸗ ben ſie ſolche Blaſen in den Händen, daß ſie keine Radehacke mehr heben können. Nachher eſſen ſie bei mir zu Mittag, ziehen ihre Handſchuh wieder an, gehen nach Cincinnati zu⸗ rück und ſchreiben Bücher über Amerika.“ „Apropos, was ich Sie fragen wollte“ rief da Hopf⸗ garten,„Sie haben doch freie Jagd hier überall— ſchießen Sie viel?“ Schießen?— ich möchte wiſſen was“ ſagte der Bauer —„es giebt ja hier Nichts wie ſo eine kleine Art Rebhühner, ein Bischen größer wie bei uns die Wachteln, und Kanin⸗ chen und Eichkätzchen. Die Eichkätzchen thun im Felde viel Schaden und hinter die machen wir manchmal Feuer, und die Rebhühner fangen wir im Winter in Schneehauben, wie wir's in Deutſchland manchmal heimlich gemacht haben; ſonſt ſollte Einer ſchöne Zeit verſäumen, wenn er mit der Flinte draußen herumliefe und meinen Jungen mache ich das ſchon gar nicht weiß. Ein Bauer der auf die Jagd geht iſt immer ſchon ein halber Lump.“ Hopfgarten mußte noch die neuaufgeführten und in der That trefflich gebauten Scheunen und Ställe bewundern, 231 wohin ihn Rohrberger„den nächſten Weg“ über eine friſch geackerte Sturze führte, damit der Fremde doch auch ſähe was er für wackere Pferde hätte, und wie brav ſeine Jungen acker⸗ ten, dachte aber dann auch wieder an den Aufbruch, um noch mehr vom inneren Land zu ſehn, und ſeinen Ritt ſo auszu⸗ dehnen, daß er wenigſtens erſt gegen Abend nach Cincinnati zurück kam. Als er ſeinen freundlichen Wirthen für ihre Gaſtfreund⸗ ſchaft gedankt hatte, und in der Thür von ihnen Abſchied nahm, kam auch die Alte hinter dem Spinnrad vor, gab ihm die Hand, ſah ihm eine Weile ſcharf und forſchend in's Ge— ſicht und ſagte dann: „Ihr ſeid wohl nicht in der Gegend von Sohlfeld zu Hauſe?“ „Nein liebe Frau, ich weiß nicht einmal wo der Ort liegt.“ „Seid auch in Muſchenberge nicht bekannt?“ „Auch nicht im mindeſten.“ „Hm, hm“ murmelte die Frau vor ſich hin und hum— pelte langſam, ohne weiter ein Wort zu ſagen, zu ihrem Spinn⸗ rad zurück. Der Junge hatte„Bleſſ“ indeſſen wieder vorgeführt, und Rohrberger gab dem Fremden die Richtung an, die er am be⸗ quemſten nehmen könnte einen hübſchen Ritt zu machen, und doch zu Abend wieder in der Stadt zu ſein. Dort würde er auch unterwegs noch eine Menge deutſche Farmen und Gär⸗ ten finden, und„wenn er ſein Pferd am ſieben Meilen⸗Haus 232 vorbeibrächte“ wo er aber wahrſcheinlich wieder auf kurze Zeit halten müßte, des Braunen wegen, ſollte er auf der nächſten Farm die rechts am Wege läge einſprechen. Hopfgarten grüßte noch einmal freundlich zurück, und ſprengte dann raſch auf ſeinem jetzt vollkommen zufrieden ge⸗ ſtellten Braunen, die Straße hinauf. Capitel 8. Profeſſor Lobenſtein als Farmer. Herr von Hopfgarten fühlte ſich nur halb befriedigt durch ſeinen Ritt. Das Land ſelber ließ allerdings nichts zu wünſchen übrig, und war in einer Art cultivirt die er„ſoweit weſtlich“ wirklich kaum für möglich gehalten hatte. Reges Leben herrſchte dabei auf den Straßen, Fuhrwerke gingen nach allen Richtungen, überall waren Bauten im Werk, wur⸗ den Schienenwege gelegt, das Land auch vom Strome ab in ſeinen Hauptplätzen mit einander zu verbinden, und ein raſt⸗ los thätiges Leben herrſchte wohin das Auge traf, aber von Romantik war auch keine Spur dabei zu finden. Alles ging ſeinen feſten praktiſchen Gang, Hals über Kopf zwar, aber in gleichen Bahnen fort, als ob das ganze Amerika ſchon ein einziger Schienenweg geworden, und ſelbſt die Geſpräche der verſchiedenen Leute mit denen er verkehrte, drehten ſich um Nichts anderes als Handel und Geſchäfte, Preiſe der verſchie⸗ denen Produkte, Eiſenbahnaktien, und wo wirklich einmal ir⸗ gend etwas Außerordentliches, Außergewöhnliches geſchehen war, ſo wurde der„ferne Weſten“ als der Ort genannt. Der Weſten genirte ihn überhaupt; nach der Landkarte hatte er ſich ſchon Cincinnati als einen ungemein weſtlich gelegenen Punkt gedacht, einen Binnenort Amerikas, der ge⸗ wiſſermaßen ſchon den Charakter der Backwoods vertreten müſſe; hier angelangt fand er aber zu ſeinem Erſtaunen, daß von hackwoods, wie die Wälder des Weſtens genannt wer⸗ deu, auch nicht die Spur mehr zu finden ſei, und ſelbſt da wo noch Wald exiſtirte, kleine Farmen überall hindurchgeſtreut la⸗ gen, und Wege ihn überall durchkreuzten. Weiter weſtlich beſchloß er alſo zu ziehen; der Oſten in⸗ tereſſirte ihn nicht weiter, denn um große Cultur aufzuſuchen war er nicht nach Amerika gekommen; ihm lag daran, die noch wenig civiliſirten Stellen kennen zu lernen, er wollte das Amerika aufſuchen das er ſich gedacht, und das fand er in und um Cincinnati und überhaupt in einem Staat nicht, wo die Cultur ſchon ſolche Fortſchritte gemacht, daß es wirklich nur noch der ſchon faſt beendeten Eiſenbahnen bedurfte, ſie vollkommen zu nennen. Hierbei ſo wenig als möglich Zeit zu verſäumen, beſchloß er nach Lobenſteins Farm zurückzukehren, dort ſeinen Koffer zu laſſen den er ſich, in New⸗Orleans wieder angekommen, jede Woche konnte nachſchicken laſſen, und nur ſeinen Reiſe⸗ ſack mit auf die nächſte Wanderung zu nehmen, wodurch er in den Stand geſetzt wurde im Wald zu Wagen oder auch zu 235 Pferd, ja wenn es möglich war in einem Canoe ſeine Reiſe, unbehindert durch Gepäck, fortzuſetzen. Einmal einen Entſchluß gefaßt, und der kleine energiſche Mann ließ mit der Ausführung auch nicht lange auf ſich war— ten; Dampfboote, den Strom hinunter, gingen jetzt an jedem Tage fünf oder ſechs ab, und eins derſelben benutzend, landete ihn dieſes bald wieder am Fuß des Grahamstown Werftes, das noch eben ſo ſtill und öde in der Sonne lag, als an dem Tag wo ſie es zuerſt betreten. Ezra Ludkins war aber nicht zu Hauſe, ſondern wie man ihm eben ſagte, nach St. Louis in Geſchäften gegangen, er hielt ſich auch deshalb gar nicht in der Stadt auf, ſondern miethete nur ein Pferd, das ihn ſelber trug, wie einen Mann, der ihm ſein Gepäck nach„Lobenſteins“— oder wie ſie den Platz hier ſchon nannten, der„deutſchen Farm“ hinausſchaf⸗ fen ſollte, und galopirte bald darauf die ihm wohlbekannte Straße entlang, ſein Ziel noch vor Sonnenuntergang zu er⸗ reichen.— Er fand Lobenſtein's auf ihrem neuen Beſitzthum, und wurde von ihnen mit einer Herzlichkeit begrüßt, als ob er ſel⸗ ber mit zur Familie gehörte. Sie hatten ſich hier ſchon ſo gut eingerichtet, wie das eben in der kurzen Zeit möglich ge— weſen; aber das Innere des Hauſes, mit ſeinen kahlen, roh⸗ behauenen Balken, der unbedeckte Erdboden, nur theilweiſe mit Stücken, alten Teppichs belegt, die zum Umpacken gedient hat⸗ ten, die noch zur Hälfte ungeöffneten Kiſten, die in dem an⸗ deren Gebäude nicht hatten ſämmtlich untergebracht werden —õ— 8— 4 3 E 8 1 1 1 3 ——ſſ 236 können, und hier zum Theil mit zu Bettſtellen benutzt wurden, ſahen keineswegs wohnlich und behaglich aus. Dazu paßte der ſchöne Mahagony⸗Flügel ebenfalls nicht, der mit den Meſ⸗ ſing⸗Rollen in die Erde hineingegraben in der einen Ecke ſtand, und den knappen Raum der Wohnung nur noch mehr beengte; aber man hatte ihn nirgends anders trocken unterbringen kön⸗ nen, und ſeine obere Decke mußte jetzt, wo an Spielen doch nicht gedacht werden konnte, zum Sammelplatz aller leichteren, Raum wegnehmenden Dinge, wie Hutſchachteln ꝛc. dienen, von denen ein ganzer Berg auf ihn gehäuft war. Mit den Arbeiten ging es dagegen, wie ihn der Profeſſor verſicherte, rüſtig vorwärts; er hatte außer der Weberfamilie noch acht eben von„drüben herüber“ gekommene Deutſche ge⸗ miethet, ihm die nöthige Einrichtung, den nächſten Hausbau wie das Beſtellen der Felder beenden zu helfen— die Leute campirten jetzt alle zuſammen mit in der Hütte des Webers, deſſen Frau für ſie kochte— und nur das eine vermißte er bis jetzt noch, daß er kein deutſches Dienſtmädchen bekommen konnte, ihnen in den Hausarbeiten, die meiſtentheils auf den Töchtern laſteten, beizuſtehn. Mit den Amerikanerinnen war Nichts anzufangen, ſie machten enorme Forderungen und woll⸗ ten Nichts arbeiten, und der Profeſſor äußerte ſich, daß er ge⸗ ſonnen ſei in nächſter Woche ſelber nach Cincinnati zu fah⸗ ren, um ſich von dort ein paar Dienſtboten zu holen. Wenn er das vorhergewußt, hätte ihnen Herr von Hopfgarten gleich eeiinne oder zwei von dort mitbringen können. Aber des Webers Frau?“— „Lieber Gott, die hatte jetzt alle Hände voll mit Kochen und Waſchen zu thun.“ „Und wo war Eduard? Hopfgarten hatte ihn noch nicht geſehn.“ „Eduard— oh, der fühlte ſich ganz glücklich in dieſem neuen Leben und hatte, das Land und die Umgegend ein we⸗ nig kennen zu lernen, die Doppelflinte und Botaniſirtrommel auf den Rücken genommen, und war ſchon ſeit zwei Ta⸗ gen„im Innern“, mußte aber jetzt jeden Augenblick zurück⸗ kommen. Dem Profeſſor gefiel es ungemein hier, wo er ein ganz neues friſches Feld für ſeine Thätigkeit gewonnen, und in Stand geſetzt war das, was er bis dahin in Deutſchland nur theoretiſch betrieben, endlich einmal im praktiſchen Leben aus⸗ führen zu können. Er verſprach ſich dabei Außerordentliches von den hier neueinzuführenden Syſtemen, mit denen er den Amerikanern, die nur ſo oberflächlich in's Blaue hineinarbei⸗ teten, einmal beweiſen wollte wie man eine ſolche Farm, nach allen Zweigen und Richtungen hin, ausbeuten und verwerthen könne. Er hatte großartige Pläne in dieſer Mannigfaltigkeit, über die er ſich aber jetzt noch nicht näher auslaſſen und Herrn von Hopfgarten damit überraſchen wollte, wenn derſelbe ſie im nächſten Sommer, wie er das feſt verſprochen, wieder be⸗ ſuchen würde. Bis dahin mußte ſchon viel in Angriff genom⸗ men und geſchehn ſein. Die Frau Profeſſorin war leidend; ſie hatte ſich in dem ungewohnt luftigen Aufenthalt ſehr erkältet. Dazu war der .„ 238 Aerger mit einem kürzlich in's Haus genommenen und gleich wieder fortgeſchickten Amerikaniſchen Mädchen gekommen, deſ⸗ ſen Eltern ſich jetzt gekränkt glaubten, und dem Vater ſchon einige unangenehme Auftritte gemacht hatten; ſie hütete des⸗ halb das Bett, um ſich in dem jetzt eintretenden kälteren Wetter keinem Rückfall auszuſetzen. Hopfgarten beabſichtigte, als er Cincinnati verließ, ein paar Tage bei Lobenſteins zuzubringen, ehe er ſeine Reiſe fort⸗ ſetze; er hatte die Familie lieb gewonnen, und nahm wirklich Theil an ihrem Wohlergehn. Wie er aber jetzt hier die Zu⸗ ſtände fand, mit kaum Platz für ſich ſelber die Nacht zu ſchla⸗ fen, hielt er es doch für beſſer ſchon am andern Tag wieder aufzubrechen, und ſeinen Beſuch lieber das nächſte Mal, wenn ſie vollſtändig eingerichtet ſein würden, länger auszudehnen. Zu gleicher Zeit konnte er ſich aber auch eines unbehag⸗ lichen Gefühles, dem er trotzdem keinen rechten Ausdruck zu geben wußte, nicht erwehren; die ganze Art, wie der Profeſſor ſeine Anſiedlung in Angriff nahm, ſchien ihm nicht die rechte; die vielen deutſchen Arbeiter, die ſo wenig von der hieſigen . Art zu bauen und Feld zu beſtellen wußten, und nebenbei ein ſchmähliges Geld koſten mußten; die vielen Pläne, die der gewiß ſehr gelehrte, aber vielleicht gar nicht ſo praktiſche Nann auf einmal hatte; das Spatzierengehn des Sohnes ſelbſt, eine Kleinigkeit an und für ſich, aber doch von Bedeutung hier, wo es im Hauſe eben noch Alles zu thun gab— er ſträubte ſich gegen das Gefühl ſo viel er konnte, aber es war ihm im⸗ mer als ob da nicht Alles ſo in Ordnung ſei, wie z. B. bei 239 dem deutſchen Bauer Rohrberger, den er bei Cincinnati getrof⸗ fen, und konnte nur jetzt hoffen daß er ſich irre, und Profeſſor Lobenſtein die Sache viel beſſer verſtehe als er es ihm, wenn er recht aufrichtig ſein wollte, zutraute. Nur Marie war heiter wie immer, lachte über die Maſſe von kleinen Unbequemlichkeiten die ſie auszuſtehen hatten, und freute ſich wie ein Kind auf die naͤchſte Zeit, wo ihre Hühner⸗ zucht heranwachſen und ihr Garten erſt in Ordnung ſein würde. Bis dahin hatte ſie freilich noch ein wenig zu thun; aber der nächſte Sommer mußte das, nach Vaters Verſicherung, auch Alles beendet ſehn. Wenn nur erſt einmal das Haus ſtand, denn das war für jetzt die Hauptſache, und in der That auch der Punkt, um den ſich jede weitere Hoffnung für Be⸗ quemlichkeit und Wohnlichkeit drehen mußte. Marie hatte übrigens, trotz all dem Wirwarrr in dem ſie Hopfgarten antraf, doch Zeit gefunden den verſprochenen Brief an Clara Henkel zu ſchreiben. Eine nähere Adreſſe wußte ſie freilich nicht darauf anzugeben, als das St. Charles Hotel, das Henkel ſelber dem Profeſſor als ſein nächſtes Domicil, bis er eine eigene Wohnung würde in Stand geſetzt haben, be⸗ zeichnet hatte, das genügte aber auch, und war er von da wirklich ſchon ausgezogen, ſo konnte er weiter erfragt werden. Ueberhaupt mußte ja auch die Firma ſelber leicht aufgefunden werden können. Uebrigens wünſchte Hopfgarten die Reiſe nach St. Louis nicht gern, wie er gekommen, zu Waſſer fortzuſetzen; es lag darin etwas gar zu monotones, und er bekam auch auf die Weiſe 240 das Land wirklich gar nicht zu ſehen; aber wie das anders anfangen? Reiten ſagte ſeiner Conſtitution nicht beſonders zu; er hatte ſich an dem einen Tag bei Cincinnati ſchon einen ſolchen Denkzettel im Sattel geholt, daß er drei Tage danach nicht ordentlich gehen konnte, und war deshalb auch nicht im Stande eine längere Tour auszuhalten— zu Fuß wäre noch viel weniger möglich geweſen und Eiſenbahnen eriſtirten noch nicht; was nun anfangen?— Der Profeſſor erzählte ihm da daß er unter anderen Annehmlichkeiten ſeines Platzes auch die hätte rühmen hören, in kaum fünf Meilen von der Farm eine nach St. Louis vorbeigehende Poſtverbindung zu haben, die eben all die kleinen, im Inneren liegenden Orte berührte, und eigentlich nach Vincennes am Wabaſch beſtimmt ſchien, von wo aus ſie dann weiter durch Illinois, gerade Weſt nach St Louis lief, und auch wohl, wenn er nicht ſehr irre, ſchon theil⸗ weiſe mit einer Eiſenbahn in Verbindung ſtand. Hier war eine Aushülfe, auf einer Amerikaniſchen Poſt zu fahren überdieß ſchon etwas Neues und Intereſſantes, und ging dieſelbe vielleicht gar mehrmals die Woche, konnte man auch leicht an einem, des Bleibens werthen Platz ein paar Tage anhalten, von da kleine Ausflüge in die Nachbar⸗ ſchaft machen, und mit der nächſten Poſt weiter fahren. Die nächſte Poſtſtation war alſo Hollowfield, etwa fünf Meilen von Lobenſteins Farm gelegenz die Poſtkutſche ſelber lief, als Speculation eines Privatunternehmers, von irgend einer kleinen Stadt am Ohio nach Vincennes hinauf, wo ſie mit der Vereinigten Staaten Poſt, die von Cincinnati nach St. Louis ging, zuſammentraf und wieder zurück fuhr, n die letztere die mitgekommenen Paſſagiere weiter zu befördern hatte. Sein Koffer konnte indeß, wie er ſich das auch gedacht, hier ſtehen bleiben bis er ſelber wieder in New⸗Orleans angekommen war, die nothwendigſten Sachen hatte er auch ſchon in einen Reiſeſack gepackt, und der Profeſſor, der ihn unter den jetzigen Umſtänden gar nicht nö⸗ thigen konnte länger bei ihm zu bleiben, verſprach ihm am nächſten Morgen zwei Pferde mit einem Mann zu beſorgen, der ihn, nebſt ſeinem Reiſeſack ſicher nach Hollowfield geleiten konnte. 4 Als Hopfgarten am nächſten Morgen nach eingenomme⸗ nen Kaffee die Farm verließ, ſah er die Deutſchen draußen beſchäftigt theils im Wald abgeſägte Stämme mit Ochſen herbeizuſchaffen, theils ſchon hergebrachte zu behauen. Er blieb, bis die Pferde gebracht wurden, bei ihnen ſtehn und ſchaute ihnen zu, aber Alles was ſie anfaßten ging ihnen nur lang⸗ ſam von Händen; ſie arbeiteten, wie es ſchien, ſehr akkurat, aber mit keiner Idee von dem Werth der Zeit hier in Amerika. Es waren Tagelöhner, die nur eben auf anſtändige Weiſe ihren Tag von Mahlzeit zu Mahlzeit durchzuſchleppen hatten, und jede Anſtrengung, die ſie dabei ihrem Körper erſparen 24 konnten, galt natürlich für reinen Gewinnſt; daß der Proſtſſor ihnen dabei ihren 409 Lohn bezahlte, verſtand ſich von ſelbſt. Der Weber, als auf dem Schiff gelernter Zimmermann, hatte die Leitung des Ganzen überkommen und that allerdings Gerſtäcker's Nach Amerika. VW. 16 242 ſein Möglichſtes; der Profeſſor hielt mit Recht große Stücke auf ihn. Dem Weber waren aber auch im Anfang die vieke verſchiedenen Arbeiter nicht recht geweſen, die Einem ja, ſeiner Aeußerung nach,„die Haare vom Kopf fräßen“— wann hätte aber da das Haus fertig werden ſollen?— Als Hopfgarten endlich im Sattel ſaß, und ſein Führer den Eingang zur Fenz niedergelegt hatte, daß die Reiter hinaus⸗ konnten, ſtanden Lobenſteins in der Thür ihres Hauſes, und winkten ihm noch ein letztes Lebewohl nach. Marie war ſchon an der Arbeit geweſen und ſtand hochaufgeſchürzt, mit aufge⸗ ſtreiften Aermeln, neben dem kleinen Viehhof in dem ihre Melk⸗ kühe eingeſperrt waren. „und grüßen Sie mir Clara viel tauſendmal!“ rief ſie ihm nach. „Und ſie ſoll recht, recht bald ſchreiben,“ bat Anna noch. „Ich werde Alles beſtellen,“ winkte Hopfgarten zurück, ſchwenkte noch einmal den Hut gegen ſie, und galopirte dann, ſeinem Thiere die Sporen eindrückend, raſch den ſchmalen Weg entlang, der gen Hollowfield führte. ene Brief Mariens, den er in ſeiner Brieftaſche für Clara mit ſich trug, lautete: 4 „Meine liebe gute Clara!“ „Wenn Dich dieſe Zeilen erreichen, haſt Du Dich hoffent⸗ lich ganz wieder erholt, und biſt wieder das frohe, heitere 4 243 Weſen, das Du warſt, als wir zuſammen das Schiff be⸗ traten.“ „Uns geht es hier recht gut; Vater hat eine Farm in Indiana, nur einige engliſche Meilen von dem ſchönen Fluß Ohio gekauft, und wenn wir uns auch jetzt noch ein wenig behelfen müſſen, wird es ſpäter deſto freundlicher werden.“ „Früher hatten den Platz Amerikaner inne, aber Du glaubſt gar nicht, Clara, wie ihn die zugerichtet hatten; mit Körben und Schaufeln haben wir den, überall in die Ecken gekehrten Schmutz zum Hauſe hinaus und auf das Feld ge⸗ tragen, und unter dem Dach auf den Queerbalken, wo einzelne Breter lagen, fanden wir den Staub fingerdick und ſchon ganz hart geworden. Vater läßt aber jetzt ein anderes bauen; von den Arbeitern, die wir angenommen haben iſt Einer Maurer, und will uns das Ganze ordentlich herſtellen.“ „Wir beſttzen jetzt ſchon zwei Pferde, vier Zugochſen, acht Kühe, drei Kälber, elf Hühner und vier Truthühner; Anna, die das Milchweſen überkommen, hat ſchon einmal gebuttert, und in vierzehn Tagen denken wir unſere erſte Butter nach der Stadt— freilich ein kleines erbärmliches Neſt— zu verkau— fen. Wir haben zwar noch eine andere Stadt, Hollowfield — die erſte heißt Grahamstown und liegt am Ohio— irgendwo im Lande drin in der Nähe, die wird aber auch nicht beſſer ſein als die erſte, und der Weg dorthin ſoll ſehr ſchlecht ſein. Wir arbeiten jetzt aber ſehr viel; um fünf Uhr wird aufgeſtanden, und da haben wir vollauf zu thun bis es dun⸗ kel wird; ja die Tage vergehn uns dabei nur immer noch zu 16* 244 ſchnell. Anna hat ſich hier recht erholt und iſt munterer als ſie auf dem Schiff war, auch Camilla wird dick und fett, und muß ebenfalls ſchon mit zufaſſen, die Hühner füttern, in der Küche mit aufwaſchen helfen, und allerlei kleine Arbeiten thun. Wir haben allerdings die Webersfamilie, die zufällig auf dem⸗ ſelben Dampfboot mit uns ſtromauf ging, in Dienſt genom⸗ men, und auf ein Jahr engagirt, und eigentlich ſollte uns die Frau die Küche beſorgen; die hat aber jetzt ſo viel mit den Arbeitern zu thun, und mit Scheuern und Waſchen, daß ſie noch nicht dazu kommt. Wenn wir nur erſt einmal weniger Arbeiter brauchen wird das ſchon beſſer werden.“ „Eduard fühlt ſich ganz glücklich hier; er iſt jetzt auf ei⸗ nen Entdeckungszug, wie er es nennt, in das Innere; wenn er aber zurückkommt muß er auch tüchtig mit zufaſſen; denn faule Leute können wir hier nicht brauchen— hier muß Alles arbeiten.“ „Die Lage unſerer Farm iſt reizend; in einem kleinen Thalkeſſel, von nicht ſehr hohen aber dicht bewaldeten Hügeln umgeben, liegen wir wie mitten in der Wildniß, und ſind doch ganz dicht an civiliſtrten Gegenden. Ein kleiner Bergbach mit klarem Waſſer läuft kaum zwanzig Schritt am Haus vor⸗ bei. In dem allerdings ſehr verwilderten Garten ſtehen dabei eine Menge junger Pfirſich⸗ und Ouitten⸗ und Apfelbäume, die einmal ſpäter gute Früchte tragen werden, im Walde wach⸗ ſen eine Unmaſſe wilder Brombeeren, und überhaupt viele andere Fruchtbäume mit wildem Wein, die ich Dir in meinem nächſten Briefe näher beſchreiben werde, denn jetzt hab' ich ſie ſelber noch nicht aufſuchen können.“ „Mit unſerem Engliſch geht es noch ſehr ſchwach, und die Nachbarn, der Eine in Grahamstown ausgenommen der uns den Platz verkaufte und ein Penſylvanier iſt, ſprechen gar nichts Anders wie Engliſch, und wir radebrechen dabei ſchön mit ihnen herum; da wir aber lauter deutſche Arbeiter haben, können wir das Engliſch jetzt noch eine Weile entbehren.“ „Mutter iſt leider die letzten Tage unwohl geweſen und hat das Bett hüten müſſen; das ganz neue fremde Leben hat ſie auch wohl mehr angegriffen als uns, die wir noch jung ſind und uns gerade keine Sorgen machen. Im Anfang hat ſie ſogar immer verweinte Augen gehabt— wenn ſie es auch vor uns veebergen wollte, wir haben es doch gemerkt. Jetzt aber, da ſie ſieht daß es vorwärts geht, findet ſie ſich ſchon beſſer hinein, und im nächſten Jahre wird hoffentlich Alles gut ſein.“ Vater iſt jetzt ganz glücklich; er iſt von früh auf bei der Hand, und zeichnet und mißt aus und ordnet an, und wenn er ſich auch manchmal mit den Leuten zankt, die Vieles nicht ſo machen wollen wie er es für gut befindet, ſo bekommt ihm die kleine Aufregung doch ganz gut, denn er wird dick und fett dabei, und ſieht wohl und munter aus.“ „Aber jetzt genug von uns; mich und uns Alle drückt die Sorge wie es Dir in Deinem neuen Leben geht, mein Herz, und ob Du Dich von Deiner Krankheit vollſtändig erholt. Herr von Hopfgarten, der Dir viel von uns erzählen wird, 246 hat uns freilich verſprochen Dich ſelber aufzuſuchen, und uns genauen Bericht abzuſtatten, aber wir möchten auch von Dir ſelber es ſchriftlich ſehn daß es Dir gut geht, bis Dein lieber Mann ſein Wort hält, und Dich zu uns bringt. Wir freuen uns unendlich darauf, und bis dahin ſind wir auch ſchon beſ⸗ ſer eingerichtet als jetzt. Unſere Adreſſe ſchreibe ich Dir hier unten ganz genau. Wie geht es denn Hedwig, iſt ſie froh und geſund?“— „Doch ich muß jetzt ſchließen, draußen kommen die Leute mit der einen Kuh, die uns fortgelaufen war, und nach der ſte ſchon den ganzen Tag geſucht haben, in der Kuͤche iſt auch ſo viel zu thun, daß ich nicht länger hier ſitzen darf; ich wollte Dich nur wenigſtens wiſſen laſſen wie es uns geht. So lebe recht wohl, grüße Deinen lieben Mann und Hedwig recht freundlich von uns Allen, wie mir auch Alle für Dich viel tauſend Grüße aufgetragen haben, und gedenke manchmal freundlich Deiner Marie.“ Capitel 9. Herrn von Hopfgartens Abenteuer. Hopfgarten erreichte nach einem kurzen und nicht unan⸗ genehmen Ritt das kleine Städtchen Hollowfield, von dem er aber im Anfang wirklich glaubte er ſei wieder nach Grahams⸗ town gekommen, ſo glich eins dem anderen. Nur das Wirths⸗ hausſchild war anders: das ſcheußliche Bruſtbild irgend einer menſchlichen Figur mit großer Allongenperrücke und in eine blaue Uniform eingeknöpft, deſſen Unterſchrift, den innerlich gewiß ſehr verehrten, hier äußerlich aber traurig mishandelten Namen„George Washington“ trug. Zur rechten Zeit war er übrigens eingetroffen, denn die mailcoach oder Poſtkutſche ſtand gerade ausgefahren vor dem „Washington Hotel“, und in ein ledernes Behältniß, das hinten an dem etwas unbehülflich ausſehenden Fuhrwerk an⸗ gebracht war, wie vorn in den Kaſten unter dem Kutſchenbock (von den Engländern Stiefel genannt) waren ein paar junge 248 Burſchen eben beſchäftigt kleine Koffer, Reiſeſäcke, Hutſchach⸗ teln und andere Paſſagierübliche Gegenſtände einzuſchieben, und— wenn ſie ſich nicht gutwillig dem beſchränkten Raum fügen wollten— mit den Füßen hineinzutreten. Dieſe Poſtkutſche hielt in ihrem Innern neun Perſonen; acht Paſſagiere waren ſchon eingeſchrieben, von denen jedoch außer ihm, nur zwei bis Vincennes fuhren, und nachdem der Deutſche ſein Paſſagegeld bezahlt, hatte er die Genugthuung ſeinen eigenen Reiſeſack auf dieſelbe Art und Weiſe behandelt zu ſehn, wie das Gepäck ſeiner Poſtgefährten. Mit etwas mistrauiſchen Blicken betrachtete er übrigens gleich von Anfang an dieſes ihm noch neue Amerikaniſche Be⸗ förderungs⸗Mittel, das allerdings, mit ſeinen Schweſtern in Europa verglichen, Manches zu wünſchen übrig ließ. Stark genug ſchien übrigens der Kaſten gebaut, auch den ſchwerſten Wechſelfällen ihrer Fahrt wacker zu begegnen. Die„Federn“ beſtanden aus Streifen roher Haut, und die Kutſche ſelber hatte nur, wie Herr von Hopfgarten bei näherer Beſichtigung fand, eine einzige Thüre in der linken Seite. Drei Sitze waren im Inneren angebracht, jeder für drei Perſonen, wobei die mittelſten Paſſagiere auf eine bewegliche und ebenfalls in Rohhaut hängende Bank zu ſitzen kamen, und ihre Rücken gegen einen anderen breiten ledernen Riemen legen durften. Statt der Polſter in den Ecken— die Thür hatte eine Glas⸗ ſcheibe— hingen an den Seiten lederne Gardinen herunter, die nach Gefallen der Paſſagiere auf⸗ und niedergelaſſen wer⸗ den konnten. 249 Soweit war Alles gut, beim Einſteigen, was natürlich für ſämmtliche Paſſagiere nur durch die eine Thür geſchah, fand ſich aber daß Hopfgarten, als letzter Paſſagier, den mittel⸗ ſten Platz auf der mittelſten Bank bekommen hatte, und dadurch natürlich jedes Anhaltepunktes für ſeinen Kopf beraubt war. Er mußte denſelben fortwährend in der Schwebe halten, und durfte nur hoffen in eine Ecke zu kommen, wenn einige der anderen Reiſenden, die nicht ganz mit bis nach Vincennes fuhren, ausſtiegen. Die Pferde waren vorgeſpannt, die Paſ⸗ ſagiere kletterten in ihre Sitze, der Deutſche als Vorletzter, der Schlag wurde zugeworfen.„All right!“ rief der Haus⸗ knecht, oder ein dem ähnliches Individuum, das ſich aber ſonſt ſehr unabhängig zu fühlen ſchien, die vier munteren, ziemlich gut gehaltenen Rappen zogen an, und mit einem furchtbaren Stoß, der ſchon die Güte des ledernen Rückbandes probte, in Gang gebracht, raſſelte der Wagen plötzlich unter dem Jubel der jugendlichen Bevölkerung von Hollowfield in voller Flucht zu dem kleinen Ort hinaus und in den Wald hinein. Dem Leſer, der noch nie in einer Amerikaniſchen Poſt⸗ kutſche gefahren, auch nur einen Begriff der ſtoßweiſen Be⸗ wegung, ſelbſt nur ſtoßweiſe beizubringen, wäre unmöglich, und Hopfgarten dankte ſchon nach der erſten Viertelſtunde Gott, daß ihm in Hollowfield keine Zeit gelaſſen worden eine ordentliche Mahlzeit zu ſich zu nehmen, er hätte ſonſt Höl⸗ lenqualen ausſtehen müſſen. Einer anderen Unannehmlichkeit entging er aber nicht; 250 das Ausſpucken der Amerikaner hatte er ſchon ſeit ſeiner erſten Dampfbootfahrt bemerkt, und es war ihm fatal geweſen, ohne daß es ihn weiter beläſtigte; hier aber, in dem engen Raum des Kutſchkaſtens kam er mit den Leuten in ſo nahe Berüͤhrung, daß er dem ekelhaften Gebrauch nicht mehr aus dem Wege gehen konnte, und bald zu ſeinem Entſetzen fand, wie er ſich wirklich in eine höchſt fatale Lage muthwilliger Weiſe hineingebracht hatte. Daß die übrigen Paſſagiere durch das offene Fenſter des Schlags ein ziemlich regelmäßiges Feuer von ausgeſpritztem Tabacksſaft unterhielten durfte ihn natürlich nicht in Erſtaunen ſetzen, er war auch darauf, wenn auch nicht in dem Grade, vorbereitet geweſen. Das genirte ihn alſo weiter nicht, er ſchloß die Augen und überließ ſich dabei, bis er ſich etwas mehr daran gewöhnt haben würde, ſeinen eigenen Gedanken, aber der unglückſelige Paſſagier zu ſeiner rechten, der mit ihm auf ein und demſelben Bret ſaß, wie der in der vorderen rechten Ecke— und der letztere faſt noch mehr als der erſte— brachten ihn bald zur Verzweiflung. Die guten Leute nämlich, lange ungeſchlachte Hoosier,*) die überdieß nicht wußten was ſie mit ihren Beinen anfangen ſollten, mußten, da das Leder an ihrer Seite niedergeſchnallt war, ſchräg an ihm und über ihn wegſpucken, das Wagen⸗ fenſter zu erreichen, und wenn auch der Mittelpaſſagier im Anfang verſuchte zwiſchen ihren beiden Knieen den Boden zu *) Hoosiers werden die Bewohner Indianas ſcherzhafter Weiſe in Anmerika genannt. 251 treffen, ſo war das noch eher ſchlimmer als das erſte. Hopf⸗ garten konnte jedoch nie den geringſten Grund zur Klage be⸗ kommen, denn auch nicht das kleinſte Spritzchen traf ihn, ſo geſchickt dirigirten die Burſchen den braunen Saft wohin ſie ihn wollten. Aber trotz dieſer, in der nächſten Stunde vielleicht ſechzig Mal gemachten Erfahrung, mußte er unwillkürlich nach jeder neuen Expectoration an ſich hinunter ſehn, um ſich von dem status quo ſeines Rockes und ſeiner Beinkleider zu über⸗ zeugen, bis er endlich— der Menſch ſtumpft zuletzt ſelbſt ge⸗ gen Tabacksſaft ab— eine mitgenommene wollene Decke um ſich her zog und dieſe preisgebend ſich feſt vornahm auf Nichts weiter zu achten. Sämmtliche Paſſagiere ſchienen Farmer aus der Umge⸗ gend oder aus Vincennes zu ſein— ſelbſt ein Quäker, der ſich zwiſchen ihnen befand— die theils zum Viehhandel, theils zu anderen derartigen Zwecken den Ohio und deſſen kleine Anſied⸗ lungen zwiſchen Cincinnati und der Mündung des Wabaſch beſucht hatten. Das Geſpräch drehte ſich dabei, zwiſchen dem Spucken und Raſſeln und Schütteln des Wagens, einzig und allein um Rinder und Schweine, Maispreiſe und„was Mehl und Whiskey werth waren.“ Die Gegend blieb ſich ebenfalls ziemlich gleich, Wald wohin das Auge reichte, nur dann und wann von kleinen Anſiedlungen unterbrochen, die ſich immer ſchon auf einige Zeit vorher durch den ſchlammigen Weg be⸗ merkbar machten. Es mußte hier überhaupt mehr geregnet haben als am Fluß, oder regnete vielmehr noch, wie ihnen bald einzeln niederkommende Schauer bewieſen. Die Wege, „* 252 die dann und wann über kleine offene und natürliche Wieſen⸗ flecke— erſte Ausläufer der Prairieen— führten, wur⸗ den immer weicher und unwegſamer, und der rüſtige Galop mit dem ihre Fahrt begonnen, ſchrumpfte zuletzt zu einem zähen Schritt zuſammen, in dem die keuchenden Pferde das unbe⸗ hülfliche Fuhrwerk durch den ſchweren Lehmboden fortſchleppen mußten. Hie und da hielten ſie an kleinen dürftig genug ausſe⸗ henden Wirthshäuſern an, irgend eine Erfriſchung die ſtets mit Brandy in allen möglichen Formen und Miſchungen ge⸗ würzt wurde, zu ſich zu nehmen, ſonſt aber ging die Fahrt ununterbrochen raſch vorwärts, und die verſchiedenen Kutſcher, mit ſtets guten Pferden, thaten wirklich ihr Mücſes weiter zu kommen. So brach die Nacht an; der Regen wurde ſtärker, die Straße unwegſamer; überall lagen dabei niedergebrochene Aeſte und Zweige, ſelbſt umgeworfene Stämme, die zu umgehn es oftmals Viertelſtunden koſtete, kreutz und queer darüber hin, während ſchon die Hülfe einzelner Paſſagiere in Anſpruch ge⸗ nommen werden mußte mit der, vorn im„boot“ liegenden Art, die ſchlimmſten Hinderniſſe aus dem Wegezu ſchlagen. Wenn ſie manchmal eine tiefe Sumpfſtelle in der Straße zu paſſiren hatten blieb ihnen ſogar nichts Anderes übrig als darum hin eine neue Bahn zu haun. Hopfgarten hatte ſich dieſen, kleinen Hülfsleiſtun⸗ gen“ von denen die wackeren Hooſiers oft ganz durchnäßt und voll Schlamm zurückkehrten, und einen entſetzlichen Dunſt im Wagen * 253 verbreiteten, bis jetzt noch immer zu entziehen gewußt, und war, trotz mehrfachen Sticheleien der Uebrigen, bergauf und ab ru⸗ hig⸗im Wagen ſitzen geblieben. So lange er ſich trocken er⸗ halten konnte war die Sache auch noch zum Aushalten, und brauchten ſie dann ein paar Stunden länger nach Vincennes und verſäumten die Cincinnati-Poſt, was that's? dann blieb er einige Tage dort und beſah ſich die Umgegend, wie die hier beginnenden Illinois Prairieen. Langſam rumpelte das ſchwerfällige Geſchirr indeſſen, jetzt faſt bei jedem Stoß von den Flüchen und Verwünſchun⸗ gen der ungeduldig werdenden Paſſagiere begleitet, durch die wilde ſtürmiſche Nacht. Der Wind heulte in den Bäumen, und der Regen ſchlug mit einer ſolchen Gewalt gegen die niederge⸗ laſſenen Schutzleder an, daß ſelbſt die Bereitwilligſten von heute den Kopf bedenklich über die Möglichkeit eines nochmaligen Ausſteigens ſchüttelten. Wider Erwarten ging die Kutſche aber, jetzt auf beſſerem Wege, raſch und lebendig, dann wie⸗ der in weicheren Boden thend, langſam und ſchwer vor⸗ wärts, aber doch vencgitis vorwärts; der Wald war hier weit offener als an den Stellen, die ſie am Abend paſſirt, und der Weg von Holz faſt gänzlich frei. So mochte es elf Uhr geworden ſein; eben hatten ſie wieder ein kleines Städtchen mit irgend einem großartigen Namen verlaſſen, und der abgehende Kutſcher dem, ihnen neu überlieferten noch einige wohlmeinende Warnungen über den jetzt zu paſſirenden„green blossom swamp“(den grünen Blüthen⸗Sumpf) gegeben, als ſte draußen Plätſchern an den Rä⸗ „* 254 dern hörten. Raſch hinausſehend bemerkten ſie, wie ſie eben eine Reihe von Lachen oder Dümpel, die jetzt bei dem Regen einen ordentlichen kleinen See bildeten, paſſirten; das Land ſchien hier flach und eben, und die Räder ſchnitten tief in den ſchwammigen Boden ein. So fuhren ſie etwa eine halbe Stunde, bis ſie wieder verhältnißmäßig trockeneren Grund ge⸗ wannen, das heißt Grund, der wenigſtens nicht vollkommen unter Waſſer ſtand. Hier begann auf's Neue Hügelboden, deſſen erſten ſchlüpfrigen Hang ſie ſich gerade mühſam hinauf gearbeitet als der Wagen, wie ſie auf der anderen Seite raſcher hinunter fuhren, nach links zu auffallend tief zu gehen begann. Die von den Paſſagieren, die begonnen hatten ein wenig einzunicken, wurden raſch genug munter, und„Hallo driver! (Kutſcher)“ ſchrie jetzt Einer der Leute mit einer dünnen pfeifenden, näſelnden Stimme—„was macht Ihr denn da draußen— Ihr werft doch nicht um?— ich habe nur noch etwa eine halbe Meile zu Wittwe Jones's zu fahren, bis dahin werdet Ihr doch den verdammten alten Kaſten in Gang halten?“ K 1 „Verdamm Wittwe Jones 87 lautete die eben nicht höf⸗ liche, halblaut gebrummte Antwort des Wagenlenkers, der allerdings in dem Wetter mit ſeinem Geſchirr und den Pfer⸗ den mehr zu thun hatte, als noch auf die Fracht, Koffer und Paſſagiae⸗ Acht zu geben;„Wittwe Jones ſoll zu Graſe gehn.“ „In der That Freund, der Wagen fängt an unverhält⸗ nißmäßig ſchräg zu gehn“ ſagte in dieſem Augenblick der * 8 255 Quäker, der bis dahin, ſelbſt an den Orten wo ſie angehalten, noch keine zehn Worte geſprochen hatte, indem er ſich, ſoweit das irgend möglich war, von der bedrohten Seite fort auf Herrn von Hopfgarten in einem unbeſtimmten Gefühl das Gleichgewicht wieder herzuſtellen, drängte—„Du wirſt doch nicht umwerfen?“ Er hatte ſeinen Satz noch nicht ganz vollendet, als das rechte Vorderrad auf eine Erhöhung, einen Stein oder Aſt, auflief; einen Moment noch rollte der Wagen, durch die raſch anziehenden Pferde fortgeriſſen, auf den beiden linken Rädern fort, um im nächſten Augenblick, unter dem Aufſchrei ſämmtlicher Inſaſſen, ſchwerfällig nach links, und zwar auf die Seite überzuſchlagen an der ſich die einzige Thür befand. Die Verwirrung die jetzt im Inneren entſtand war furcht⸗ bar, Alles wühlte und drängte durcheinander, nur einmal erſt auf die Füße zu kommen und das Geſchrei nach dem Kutſcher ſie„aufzuknöpfen“ daß ſie„zu windwärts“ aus dem„ver⸗ dammten Kaſten“ kommen könnten, übertäubte alles Andere, und ließ ſie natürlich i ſer erſten Zeit gar nicht hören was draußen vorging. Der„Driver“ der ſich indeſſen während die Pferde glücklicher Weiſe ſtill ſtanden, wieder aus dem Schlamm, in den ihn der erſte Stoß geworfen, aufgeleſen hatte, trat jetzt zu dem Wagen hinan, den Nothſchreien der Paſſagiere Folge zu leiſten; nicht etwa aber dieſen zu Gefallen, ſondern weil er ohne deren Hülfe ſein Geſchirr natürlich gar nicht wieder hätte aufrichten können. 256 „Höll und Verdammniß“ fluchte er dabei laut genug in den Bart jedes Wort zu verſtehen, während er in der Dunkel⸗ heit nach den Knöpfen und Schnallen der ledernen Vorhänge fühlte, dieſe zu öffnen und ſeine Paſſagiere in's Freie zu laſſen —„muß der Menſch da ſo eine verwünſchte Bande müßiger Tagediebe und Faullenzer in Nacht und Nebel in der Welt herumfahren, und ſeinen eignen Hals, wie ſeine Pferde ris⸗ kiren— wenn ſie nur der Teufel holte, den ganzen Schwamm, wie ſie dadrinn hocken.— Da Herzchen“ ſchloß er dann ſeine ſchmeichelhafte Anrede, indem er das endlich geöffnete Leder zurückwarf, und den jetzt ordentlich nieder fluthen den Regen zwiſchen die unglücklichen Paſſagiere hineinließ—„jetzt könnt Ihr Euch auch eine Güte thun und einmal ſehn wie's draußen iſt— nun ſind wir lange genug gefahren und dürfen ein Stück zu Fuße gehn.“ War der Kutſcher übrigens übler Laune, ſo waren es die Paſſagiere noch mehr, und nur das Wetter und die Stockdun⸗ kelheit verhinderten vielleicht eine ennſthafte Schlägerei zwiſchen einem oder dem anderen der chaar, mit dem groben Driver. Hier war aber keine Zeitlz um Beſinnen, denn je län⸗ ger ſie neben dem umgeworfenen Vagen ſtanden, deſto länger goß auch der Regen auf ſie nieder und je eher ſie den wieder aufhoben, deſto ſchneller kamen ſie wieder in's Trockene.“ „Ungeſchicktes Beghenn einem Kutſcher!“ ſchrie indeſſen der eine Hooſier der letzte der im Wagen ſtand, und vergebens im Innern nach ſeinem hinuntergefallenen Hute fühlte„fährt erſt in's Blau hinein, und nimmt dann auch noch das Maul ——CQOQO⸗OL—COęOQOQ—ↄ,—ͤ 257 voll mit Grobheiten. Wo haſt Du denn Dein Fahren gelernt, Langbein, heh?— Dich möcht' ich einmal auf acht Tage un⸗ ter der Hand haben.“ „Nevermind Bill“ rief ihm ein Anderer zu„komm her⸗ aus aus der Falle und drück Deine Schulter hier mit unter, daß wir das verdammte Ding wieder in die Höhe bringen. So hier— hebt Jungens— ahoy⸗y— Sie da, kleiner Dutchman, Sie ſind der kürzeſte von uns, kriechen Sie doch einmal drunter, daß er nicht wieder zurückfällt.“ Herr von Hopfgarten, dem dieſe gemüthliche Anrede galt, dachte aber gar nicht daran ihr Folge zu leiſten, und ſeinen eigenen Rücken zum Ruheſtuhl des ganzen Wagens herzu⸗ geben; mit anfaſſen mußte er aber doch, wollte er nicht die Nacht da im Schlamm halten bleiben, und den vereinten An⸗ ſtrengungen der Paſſagiere gelang es denn auch endlich den ſchweren Wagen wieder auf ſeine Räder zu ſtellen und das herausgefallene Gepäck beim Schein der einen Laterne— die andere war ſchon vorher ausgegangen und dann auch noch zum Ueberfluß im Sturzugebrochen, zuſammenzuſuchen. Der Kutſcher hatte indeß das verwickelte Geſchirr der Pferde in Ordnung gebracht und kletterte, die Sorge für das Gepäck ganz den Paſſagieren überlaſſend, mit einem„Na ſo packt Euch wieder hinein, Alle mit einander, bis zum nächſten Loch“ auf ſeinen Sitz zurück, von wo aus er, als das Zuſchlagen der Wagenthür ihm dazu das Signal gab, mit erneuten Flüchen auf die Pferde einhieb. Der Zuſtand der Paſſagiere im Inneren war übrigens, Gerſtäcker's Rach Amerika. IV. 17 258 trotzdem daß ſte ietzt wenigſtens vor dem Regen geſchützt ſaßen, ein ſehr mislicher, denn naß bis auf die Haut, die Hände und Füße voll Schlamm, durften ſie gar nicht daran denken ſich irgend einer behaglichen Ruhe hinzugeben. Des Kutſchers ominöſe Worte—„ſie ſollten einſteigen bis zum nächſten Loch“ klangen ihnen auch dabei noch immer in den Ohren, und in der That bewieß das Schleudern des Wagens, in dem ſie herüber und hinübergeworfen wurden, daß ſte die ſchlechte⸗ ſten Plätze keineswegs überſtanden hatten. Eine halbe Stunde ſpäter hielten ſie allerdings bei Wittwe Jones, und konnten ihre halberſtarrten Glieder— den Quäker ausgenommen, der keine Spirituoſen trank— an einem nichts⸗ würdigen Glas Cognac, halb Waſſer und halb Schwefelſäure erwärmen, aber gehalten wurde hier nicht länger, und der eine Paſſagier der hier ausſtieg rief ihnen noch lachend nach,„wenn ſie gleich unten am Hügel wieder umwürfen, ſollten ſie nur rufen, und er wollte dann mit der Laterne hinunter kommen und ſie zuſammenſuchen.“ Trotz der unangenehmen Fahrt übrigens, und trotz dem Regen, der immer ſchärfer anfing niederzupeitſchen, während die Nacht dunkler und ſtürmiſcher wurde, ſchien der Humor in dem engen mit Menſchen vollgepfropften Kaſten doch end⸗* lich die Oberhand zu gewinnen; die Paſſagiere beſchrieben untereinander die Situationen, in denen ſie ſich befunden als der Wagen umſchlug, lachten über die einzelnen verzweifelten Ausrufe, und ſelbſt über die unverſchämte Grobheit des Kut⸗ ſchers, und wurden dabei bekannter zuſammen, als ſie es wahr⸗ — 259 ſcheinlich beim ſchönſten Wetter geworden wären. Sie fingen ſchon auch wirklich an ſich wieder einem wohlthuenden Gefühle der Sicherheit hinzugeben, als der Wagen auf's Neue einen Alles zuſammenwerfenden Ruck that— und dann feſtſaß. Ver⸗ gebens blieben alle Peitſchenhiebe und Flüche des„drivers“ der Wagen ſtak und war nicht von der Stelle zu bringen, und die Paſſagiere mußten, trotz dem Wetter, noch einmal hinaus. Hier zeigte ſich nun allerdings, daß das rechte Vorderrad in eine alte Wurzel hineingefahren war, aus der es leicht wieder befreit werden konnte; als man es aber näher unter⸗ ſuchte, erwieß ſich daß zwei Speicher gebrochen ſeien, die unter dem ſchweren Gewicht von acht Paſſagieren keine hundert Schritt weit mehr gehalten hätten. Das nächſte ordentliche Wirthshaus war zugleich noch ſieben engliſche Meilen entfernt, und ſie ſämmtlich gezwungen, wenn ſie das beſchädigte Rad nicht wieder zuſammenflicken konnten, bis dorthin zu Fuß durch die Nacht zu laufen. Dem zu begegnen gingen die jungen Farmer und Viehhändler, die mit derartigen Sachen gut um⸗ zuſpringen wußten, daran, den Schaden ſoviel als möglich wieder auszubeſſern. Auf ebener Straße hätte das Rad auch wohl die paar Meilen noch gehalten, und ſo verſuchten ſie's denn und ſtiegen wieder ein. Lieber Gott, der erſte Baum⸗ ſtumpf an den ſie kamen, machte die immer mehr aufgeweichten Riemen nachgeben, noch hielten die übrigen Speichen, aber nicht lang; über eine Strecke ſteinigen Boden dahinfahrend krachte und ſplitterte es wieder, und ehe die Hälfte der Paſſagiere hinausſpringen konnte, ſchlug der Kaſten zum zweiten Mal um. 17* An ein wieder einſetzen war jetzt nicht mehr zu denken; eine Stange wurde nur abgehauen, vorn befeſtigt und quer unter die rechte Axe gelegt, den Wagen aufrecht zu halten, und dann nach einigen Verſuchen ſelbſt das Gepäck zum großen Theil für zu ſchwer befunden, auf dieſe Weiſe transportirt zu werden. Der Kutſcher machte nun allerdings den Vorſchlag, ſämmtliche Koffer und Säcke hier irgendwo unter einem Baum aufzuſtapeln, und Einen von ihnen als Wache dabei zurück⸗ zulaſſen. Hierzu aber wollte ſich nicht allein Niemand ver⸗ ſtehn, ſondern auch Niemand ſein Gepäck zurücklaſſen, und der Kutſcher wurde ſoweit überſtimmt, dem Paſſagiergut im Wa⸗ gen ſo lange Raum zu göͤnnen, bis es effectiv nicht weiter ge⸗ bracht werden konnte; dann wollte es Jeder tragen. Das Gepäck war aber wirklich in dem ſchlammigen Weg wenn auch nicht zu ſchwer für das gebrochene Rad und die untergeſchobene Stange, doch jedenfalls für die Pferde, die den Wagen mit dem ſcharfeinſchneidenden Hemmſchuh endlich kaum noch fortſchleppen konnten. Die Amerikaner hatten zwar Stangen abgehauen, die als Hebebäume dienen mußten, den Wagen, wo er ſtecken blieb wieder herauszuheben, und nicht ganz auf der Straße ſitzen zu bleiben, aber es ging das endlich auch nicht mehr, und das Gepäck mußte heraus und geſchul⸗ tert werden. Die Pferde konnten es nicht weiter bringen. Hopfgarten wie die Quäker, die eben nur leichte Reiſeſäcke hatten, bekamen dazu noch eine der Stangen zu tragen, wäh⸗ rend die Amerikaner mit Art und Hacke— Amerikaniſche Po⸗ ſten ſind ſchon darauf eingerichtet— nebenher gingen, und dem 261 Wagen fortwährend freie Bahn machten, Holz aus dem Weg zogen, oder auch die Hebebäume von den Schultern ihrer Lei⸗ densgefährten nahmen und die angeſchleifte Stange über irgend⸗ welche Hinderniſſe hinüberhoben. Hier war es Hopfgarten, der ſich zuerſt widerſetzte, und gegen ſolche Behandlung mit Erfolg Proteſt einlegte. „Ich habe“ ſagte er zu dem erſtaunt ihn anſehenden dri- ver,„meine volle Paſſage noch dazu bis Vincennes bezahlt; ich bin jetzt, den halben Weg faſt, zu Fuß gelaufen— nicht das allein, ich habe auch mein Gepäck geſchleppt, und gearbeitet wie ein Pferd den verwünſchten Kaſten in Gang zu halten. Ich bin dabei erbötig weiter zu marſchiren und mein Gepäck ſelber zu ſchultern— aber die verdammte Stange trag ich keinen Schritt mehr;“ und das Holz dem Mann vor die Füße werfend, ſtiefelte er ruhig weiter durch den Schlamm. Die Situation hatte viel komiſches, und ein paar Leute lachten, das Wetter war aber doch zu entſetzlich irgend etwas gerade ſehr ſpaßhaft zu finden. Die kleine Caravane hatte ſich indeſſen eben wieder in Bewegung geſetzt, als Hopfgarten zu ihrer Linken ein Licht durch die Bäume ſchimmern ſah, einen der Mitpaſſagiere darauf aufmerkſam machte, und ihn frug, ob er wiſſe wer da wohne. „Oh hol's der Teufel“ brummte der Mann,„dort kön⸗ nen wir nicht bleiben, das iſt ein wüſter Ort, mit dem Nie⸗ mand gern Verkehr hat.“ 1 „Wie ſo?“ frug raſch der Deutſche, neugierig gemach durch die Pemertung „Ein alter Jude wohnt dort mit ſeiner Mutter“ ſagte der Amerikaner, einen ſcheuen Blick nach dem Licht hinüberwerfend, „und handelt am Tag in der Gegend herum; die Leute ſa⸗ gen auch er hätte eine Maſſe koſtbarer Waaren bei ſich aufge⸗ häuft, wo er die aber her und womit er ſie bezahlt hat weiß kein Menſch, und es mag auch Niemand ſeine Schwelle be⸗ treten.“ Der Mann ſchritt weiter; während das Wetter aber im⸗ mer wüthender wurde, der Regen immer toller niederpeitſchte und der Sturm in den Baumwipfeln raſte, als ob er die alten Rieſenkronen, die ihm Jahrhunderte getrotzt, bei dem Armvoll niederwerfen wollte, zog ſich der Weg wieder in eine Niederung hinab, in der ſie bis an die Knie faſt in Schlamm und Moraſt waten mußten. Das Licht kam dabei näher, obgleich man deutlich unterſcheiden konnte daß es links etwas von der Straße ab lag und Hopfgarten, an ſolche Beſchwerden nicht gewöhnt, und mit der Möglichkeit ihnen zu entgehn vor ſich, beſchloß endlich mit ſeinem Gepäck, das er ja überdieß auf dem Rücken trug, querfeldein auf das Haus zuzugehn, und die Gaſtfreund⸗ ſchaft der Leute, mochten ſie ſein was ſie wollten, für dieſe Nacht in Anſpuch zu nehmen. Morgen fand ſich dann ſchon Gelegenheit weiter zu kommen, oder er gab auch ſeine ganze Reiſe nach Vincennes und von da mit der Poſt weiter nach St. Louis auf, und kehrte auf dem nächſten Weg nach dem Ohio zurück— er hatte das Poſtfahren ſatt bekommen. Der eine Farmer rieth ihm allerdings, als er den Entſchluß hörte gar eifrig ab, und tröſtete ihn damit, daß ſte höchſtens noch 263 fünf Miles bis zum nächſten Wirthshaus hätten; Hopfgarten war aber feſt entſchloſſen ſeinen einmal gefaßten Plan auszu⸗ führen, unangenehmere Geſellſchaft konnte er dort auch nicht finden, und da die Leute noch Licht hatten, alſo auch folglich noch auf waren, würden ſie ihm doch wenigſtens einen Platz am Feuer nicht verſagen. Ohne ſich alſo weiter an die Uebri⸗ gen zu kehren, und Poſtkutſche nebſt Paſſagieren ihrem Schick⸗ ſal überlaſſend, wandte er ſich links ab dem Lichte zu, und kam nach etwa viertelſtündigem Wandern, wobei er die Poſt noch immer konnte durch den Schlamm raſſeln und ſogar das Fluchen der Paſſagiere hören, an eine niedere Fenz, die er mit einiger Mühe überkletterte. Er war durch die Anſtrengungen der Nacht und die naßkalte bösartige Witterung ordentlich ſteif und gelenklos geworden, und konnte kaum hinüberkommen. Druck von Ferber& Seydel in Leipzig. 84 — .& — 1