Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens „ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 5 8 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus ſbezahlt werden und ſeträgt: 2 für wöchentlichde 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 83 ,1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. Zurückſendung lbſt zu ſorgen. verlorene und pfern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ i Werkes, ſo iſt 1I; BSn 8 o2Z2 mM GSS UB GlESSEN Mhchdhanaag 61 272 836 Nach Amerika! Ein Volksbuch. — Ein Valkabnch von erd Friedrich Gerſtücker. 5 n Illuſtrirt von Carl Reinhardt. Dritter Band. Teipfig, Hermann Coſtenoble, Verlagsbuchhandlung. Verlin, Nudolph Gaertner, Amelangy'ſche Sorte Buchhandlung. 8 1½ 3 8 Inhalt des dritten Bandes. Seite Capitel 1. Die Mündung des Miſſiſſippi.... 1 „ 2. New⸗Orleans....... 37 „ 3. An Land........ 65 „ 4. Abſchied der Paſſagiere. 3... 93 „ 5. Der Miſſiſſippi......„. 123 „ 6. Leben an Bord des Dampfers.... 149 „ 7. Die Ufer des Miſſiſſippi und Ohio... 180 „ 8. Die Farm in Indiana... 208 9. Das deutſche Wirthshaus in New⸗Orleans. 257 8 — Capitel J. Die Mündung des Miſſiſſippi. Die Briſe wurde ſtärker, und die Paſſagiere hatten bald alles Andere in dem einen Gefühl der Landung vergeſſen. Das niedere Ufer, an dem ſich freilich noch immer keine Berge entdecken ließen, ſo viel auch die Leute mit bewaffneten und unbewaffneten Augen danach ſpähten, trat dabei mehr und mehr heraus. Dort ließ ſich ſchon die Einfahrt ſelbſt unter⸗ ſcheiden, wo der gewaltige Miſſiſſippi in den Golf von Mexico mündet, und„ſüßes Waſſer“ kam ihnen von da wieder aus dem Land ihrer Sehnſucht entgegen— ein Fluß war es, der ſie bald mit beiden Armen liebend umfangen ſollte, und die See, die weite öde See lag hinter ihnen, wie ein ſchwerer Traum. Selbſt die Cajütenpaſſagiere gingen jetzt ernſtlich daran ihre Sachen zu packen und ſich auf eine baldige Landung vor⸗ zubereiten, und die Matroſen waren unter der Leitung des Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 1 Unterſteuermanns emſig damit beſchäftigt die beiden, auf der Back liegenden Anker„klar“ zu machen, und die große mäch⸗ tige Kette gliederweis heraufzuheben aus ihrem dunklen Bett, und an Deck auszulegen. Die meiſten der Zwiſchendeckspaſſagiere glänzten heute in ihrem Sonntagsſtaat, und ſelbſt Steinert und Mehlmeier waren wie buntfarbige Tagfalter aus ihrer, allerdings etwas unſcheinbaren und ſchmutzigen Verpuppung hervorgegangen. Steinert beſonders war das Erſtaunen der übrigen Paſſagiere, obgleich ſie die Verwandlung hatten Stück für Stück vor ſich gehen ſehn. Er trug vor allen Dingen ein ſchneeweißes ge⸗ plättetes Hemd, das er ſich für dieſen Moment beſonders auf⸗ geſpart, dann eben ſolche Hoſen mit Strippen, ſpiegelblank gewichſte Stiefeln, eine ſehr buntfarbige helle Piquéweſte mit rothen Glasknöpfen, einen blauen Frack mit blanken Metall⸗ knöpfen, eine ſehr dicke blau⸗ und rothſeidene Cravatte mit entſprechenden Vatermördern, und einen höchſt modernen, ſorg⸗ fältig gebürſteten Seidenhut auf dem Kopf, den er nur manch⸗ mal abnahm, ſich in dem darin befindlichen kleinen Spiegel anzuſehn, dann die ſteinbeſetzten Hemdknöoͤpfchen ein wenig mehr zurecht rückte, die goldene Uhrkette mit dem großen Car⸗ niol als letzte Vollkommenheit etwas weiter herauszog, und ſchließlich vollſtändig mit ſich zufrieden war. Die Frauen und Mädchen kicherten mit einander— das Begräbniß war lange vergeſſen— und manche der Männer amüſirten ſich gerade ſo über ihn, wie ſie ſich vorher über den improviſirten Handwerksburſchen gefreut hatten. Steinert aber 4 — ſchien mit dem blauen Frack auch einen vollkommen neuen Menſchen angezogen, und ſeine frühere Geſellſchaft von ſich geſchüttelt zu haben, denn er ſprach, Mehlmeier ausgenom⸗ men, mit Niemandem mehr, und ging nur, den Blick oft und ungeduldig nach dem Quarterdeck hinüber werfend, als ob er dort Jemanden ſuche oder erwarte, mit raſchen Schritten den Gangweg zu luvwärts auf und ab. Der Einzige der ihn da⸗ bei ärgerte war Maulbeere. „A la bonheur Herr Steinert“ ſagte dieſer, als er ihm zuerſt in ſolchem Glanz und Schmuck begegnete—„ſehre ſchön— ganz außer ordentlich ſehre ſchön.“. „Lieber Maulbeere laſſen Sie mich zufrieden, ich habe Nichts mit Ihnen zu thun“ ſagte Steinert, und drehte ſich von ihm ab. „Ne wahrhaftig Herr Steinert“ ſagte aber Maulbeere in höchſtem Ernſt, und mit beruhigender Handbewegung,„das thut kranken Augen ordentlich wohl Sie nur anzuſchauen— und das feine Tuch zum Frack— wie Sammet.“ „Rühren Sie mich nicht an, wenn ich bitten darf“ rief aber jetzt der Weinreiſende, ernſtlich böſe gemacht, als der Scheerenſchleifer, der heute womöglich noch ſtruppiger und ungewaſchener ausſah wie je, mit dem Zeige⸗Lund dritten Finger der rechten Hand vorſichtig und bewundernd an dem linken Aermel des ihn eben wieder Paſſirenden niederſtrich. „Bitte tauſendmal um Entſchuldigung“ ſagte Maulbeere aber in ſpöttiſcher Devotion, raſch und erſchreckt den Arm zu⸗ rückziehend—„hatte keine Idee daß es abfärbte.— Und die 12 4 ſchöne Uhrkette— iſt doch vortrefflich gearbeitet, ſieht genau ſo aus als ob es wirkliches Gold wäre— ja das machen ſie jetzt famos.“ Steinert warf den Kopf auf die Seite und ging, dem fatalen Menſchen den Platz räumend, auf den anderen Gang⸗ weg hinuͤber, ſeinen Spatziergang fortzuſetzen; Maulbeere aber, ohne ſich dadurch irre machen zu laſſen, kroch und kletterte auf Händen und Füßen, wie ein großer ungeſchlachter Orang Utang dem er in dieſem Augenblick merkwürdig ähnlich ſah, ebenfalls auf die andere Seite hinüber, glitt dort auf eines der Waſſerfäſſer, wo die Leiche noch vor kaum einer Stunde gelegen hatte und fuhr, als Steinert jetzt wieder an ihm vor⸗ über mußte, ganz unbefangen in ſeinen drüben begonnenen Bemerkungen fort. „Strupfen ſind freilich unbequem unter den Hoſen an Bord— platzen leicht wenn man ſich bückt, aber hübſch ſehn die Beine damit aus— ſchade daß Sie etwas eingebogene Knie haben.“ Steinert mußte ſeinen Spatziergang aufgeben; denn von den übrigen Paſſagieren ſammelten ſich ſchon Manche, die ſchadenfroh die Bemerkungen des alten Maulbeere mit anhör⸗ ten, und auch laut darüber lachten. Auf dem Quarterdeck ging aber der junge Henkel, ſeine graue Reiſemütze feſt in die Stirn gezogen, den Rock bis oben hin zugeknöpft, und die rechte Hand vorn in der Bruſt, die linke auf dem Rücken liegend, allein und mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt auf und ab, und Steinert, der auf ihn — 9 gewartet zu haben ſchien, erſtieg mit raſchen Schritten den ihm ſonſt verbotenen Platz. Gerade in dem Augenblick kam der Capitain von unten aus der Cajüte, ſah den Zwiſchendeckspaſſagier auf dem ge⸗ heiligten Boden der Cajüte, und frug ziemlich kurz angebunden den ſich zierlich gegen ihn Verbeugenden, ohne den Gruß auch nur mit einem Blick zu erwiedern: „Wen ſuchen Sie?“ „Ich habe mit dem Herrn dort etwas von Wichtigkeit zu reden, Herr Capitain“ ſagte Steinert, den ſeine gewohnte Zu⸗ verſichtlichkeit, dem ſtets ernſten und ſtrengen Capitain gegen⸗ über doch in etwas verließ, noch dazu da er wußte, daß er ſich auf verbotenem Grund befand, ungemein artig und zu⸗ vorkommend. „Mit Herrn Henkel?“ „Ja wohl Herr Capitain.“* Henkel hob, als er ſeinen Namen nennen hörte, raſch den Kopf und fixirte den in der neuen Kleidung nicht gleich Erkannten ſcharf und mißtrauiſch. Der Capitain gab übrigens dem gar ſo ſtattlich angezogenen Zwiſchendeckspaſſagier, wenn auch nicht gerade mit eben freundlichem Geſichte Raum, und dieſer kam jetzt, den Hut in der Hand, auf Henkel zu und ſagte verbindlich: „Herr Henkel, ich habe ſchon lange nach dem Vergnügen getrachtet Ihre werthe perſönliche Bekanntſchaft machen zu dürfen— Convenienzen die uns bis jetzt getrennt haben, wiſſen Sie— hatte auch keine Ahnung dabei daß die Schiffs⸗ 8 5 2 6 ordnung ſo ſtreng ſei—„D'rum prüfe wer ſich ewig bindet“ — würde ſonſt jedenfalls ſelber Cajütspaſſage genommen haben. Doch das iſt jetzt zu ſpät, und da wir nun dem Lande der Gleichheit und allgemeinen Freiheit ſo nahe ſind, ja uns ei⸗ gentlich nach völkerrechtlichen Grundſätzen auf deren Gebiet quasi Ankergrund befinden, habe ich mir die Privatfreiheit genommen— wenn ich Sie nicht ſtöre, heißt das— Ihre Zeit, wenn auch nur für wenige Minuten zu beanſpruchen— die Zeit iſt kurz die Reu iſt lang.“ „Womit kann ich Ihnen dienen?“ ſagte Henkel mit einer leiſen wie zuſtimmenden Verbeugung—„Sie ſehen daß ich jetzt nicht beſchäftigt bin— darf ich Ihnen einen Sitz an⸗ bieten?“ „Bitte“ ſagte Steinert, und ließ ſich ohne weiteres auf der nächſten Bank nieder, während Henkel vor ihm, an die eiſerne Railing gelehnt, ſtehen blieb.„Was mich hierher treibt zu Ihnen?“ fuhr Steinert endlich fort, nachdem er den ungewohnten Hut bald aus der einen in die andere Hand genommen, und immer vergebens geſucht hatte ihn in die rich⸗ tige Lage zu bringen, bis er ihn endlich neben ſich auf die Bank ſtellte—„iſt der Wunſch etwas Gediegenes, Wahres über das Land zu hören, dem wir uns jetzt, von den Flügeln des Windes getragen, nähern;„Eilende Wolken“ wiſſen Sie wohl,„Segler der Lüfte“. Sie kennen es von eigener An⸗ ſchauung, Sie vor Allen ſcheinen mir auch, Ihrem ganzen Aeußern nach der Mann zu ſein, der im Stande iſt ein rich⸗ E8. 4. 7 tiges und allgemeines Urtheil zu fällen, und um das komme ich, Sie zu erſuchen.“ „Und in welchem Fach?“ frug Henkel, einen leichten Seufzer dabei unterdrückend, aber ſich doch mit einer gewiſſen Geduld der langweiligen Einleitung fügend; von Hopfgarten war indeſſen ebenfalls an Deck gekommen, und ging hinter ihnen langſam auf und ab—„für welchen Geſchäftszweig wünſchen Sie— u3 „Erlauben Sie mir“ fiel ihm aber Steinert raſch in's Wort,„daß ich Ihnen vorher noch eine kleine Bemerkung vorausſchicke, eine Bemerkung die Sie überzeugen mag, wie ich nicht eben in das Blaue hinein einen Plan zur Auswan⸗ derung gefaßt, ſondern mich ziemlich genau nach Allem erkun⸗ digt, und beſonders Alles geleſen habe, was je darüber ge⸗ ſchrieben worden. Amerika iſt ein Land wo Einem die gebra⸗ tenen Tauben nicht in's Maul fliegen, ſo viel ſteht feſt, das iſt Thatſache, und Sie mögen deshalb verſichert ſein, daß ich nicht mit extravaganten Erwartungen, unmöglich zu erfüllen⸗ den Hoffnungen ꝛc. hinübergehe— ankomme, könnte man etzt faſt ſagen. Meine früheren Schickſale können Ihnen dlendanr tig ſein—„weit in nebelgrauer Ferne, liegt mir das verlaſſne Glück“— es iſt vorbei, und ich muß Ihnen jetzt nur vor allen Dingen ſagen daß ich Kaufmann bin, und es für vortheilhaft halten würde eine kurze Zeit erſt, ehe ich mich ſelbſtſtändig etablirte, in irgend eine Condition zu treten, ſei es auch nur auf zwei oder drei Monat, die Verhältniſſe dort vor allen Dingen durch Augenſch ſchein genau kennen zu lernen.“ 8 „Conditionen“ begann Henkel, als ihm der Weinreiſende wieder in die Rede fiel: „Sind vielleicht nicht ſo ganz leicht gleich zu bekommen, ja das glaub ich; auch das habe ich ſchon mehrfach geleſen; aber wiſſen Sie, ich bin auch zugleich Geſchäftsmann, und Ihnen, Herr Henkel, brauche ich nicht zu ſagen daß Amerika gerade das Land der wirklichen Geſchäftsleute iſt— Sie wiſſen das ja am beſten aus eigener Erfahrung. Uebri⸗ gens ſtehe ich auch noch mit dem Haus für das ich in Deutſch⸗ land gereiſt bin: Schwartz und Pelzer, eines der bedeutendſten Häuſer in Frankfurt in ſelbſt intimer Verbindung. Der Menſch muß ſo viel Eiſen als möglich im Feuer haben, wenn er in dieſer Welt reuſſiren will, und ich habe es für zweck⸗ mäßig gehalten keine Brücke hinter mir abzubrechen, ſo lange ich ſie mit Bequemlichkeit gangbar halten konnte. Sie werden mir darin Recht geben Herr Henkel. Auch darüber ſind Sie vielleicht im Stande mir Auskunft zu ertheilen, verehrter Herr, ob und wiefern ich auf einen Abſatz in dieſem Geſchäft, wenn alle übrigen Stricke riſſen, und günſtigen Erfolg wohl rechnen könnte.“ „Um deutſche Weine in Amerika zu verkaufen?“ frug Henkel..— „Allerdings— freilich kann ich mir denken“ fuhr Stei⸗ nert raſch fort, ohne dem Gefragten Zeit zu einer direkten Antwort zu geben,„daß der amerikaniſche Markt zu Zeiten mit ſolchen Vorräthen überfüllt ſein mag, denn es werden enorme Maſſen von Wein auch wohl von anderen Ländern 1 9 16 hinübergeſchickt, gute Waare hält aber doch, wie ich Ihnen nicht zu ſagen brauche, ihren Werth, und wenn die Leute erſt einmal merken daß ſie prompt und reell bedient werden, dann ſind ſie gar nicht mehr wegzutreiben aus der Kundſchaft; ich habe darüber unendlich viel Erfahrungen geſammelt, in mei⸗ nem Leben, und Sie ſind darin gewiß ganz meiner Meinung. Uebrigens habe ich einige vortreffliche Empfehlungen, an ſehr bedeutende Häuſer in New⸗Orleans; glauben Sie nicht daß die mit etwas nützen können?— Ich baue nicht etwa zu viel, oder gar einzig und allein darauf,“ fuhr er dabei raſch fort, als ob er fürchte daß ihm Herr Henkel die Hoffnung über den Haufen werfen könne, und ehe dieſer auch nur im Stande war eine Sylbe darauf zu erwiedern—„ſelbſt iſt der Mann und die Empfehlung die man im eigenen Kopfe trägt iſt im⸗ mer die Beſte, und man kann ſich am Feſteſten auf ſie ver⸗ laſſen, aber jedenfalls ſind es doch immer Einführungen in gute Häuſer— ſo zu ſagen geſtempelte Viſitenkarten. Ein Freund von mir hat zum Beiſpiel eine brillante Parthie, nur durch ſolch einen einfachen Empfehlungsbrief gemacht, er mußte zwar ſeine Braut— ſeine jetzige Frau— entführen und die Eltern waren außer ſich darüber— haben die Tochter auch enterbt, aber was wollen Eltern in einem ſolchen Fall machen, wenn der Prieſter erſt einmal ſeinen Segen darüber geſprochen hat— dann iſt die Geſchichte aus, und das Klügſte was ſie thun können iſt, daß ſie ebenſo thun als ob ſie ſelber damit zufrieden wären.— O zarte Sehnſucht ſüßes Hoffen; der erſten Liebe goldne Zeit—“ 10 „Aber Sie wünſchten, ſoviel ich verſtanden habe, irgend etwas Specielles über Amerika zu erfahren“ ſagte Henkel, dem das Geſpräch mit dem Mann anfing unbequem zu werden. „Allerdings, mein verehrter Herr Henkel“ ſagte Steinert, einen flüchtigen Blick in den Hut werfend, ob ſeine Friſur auch noch nicht durch den Wind gelitten habe—„ich möchte ungemein gern einen Blick in das Verhältniß thun, in dem in Amerika der Commis z. B. zu ſeinem Principal, und die Geſchäftswelt im Allgemeinen zu der politiſchen Welt, von einem rein menſchlichen Standpunkte aus genommen, ſteht.— Ich muß Ihnen dabei voraus bemerken“ ſetzte er wieder raſch hinzu, als er ſah daß Henkel etwas darauf antworten wollte, „daß ich ſchon von einem dort lebenden Freund einige ſehr werthvolle Briefe über Amerika beſitze, in denen er mir das dortige Leben flüchtig— mehr allerdings in Anekdoten die in unſer Fach ſchlagen— ſchildert. Es iſt aber Nichts gefährlicher als ſich auf einſeitige Urtheile, die doch immer hie und da durch ein gewiſſes Verhältniß beſtimmt ſein können, zu ver⸗ laſſen, und ich habe mir deshalb beſonders die Freiheit ge⸗ nommen Sie aufzuſuchen. Glauben Sie übrigens nicht“ fuhr er ohne weiteres fort,„daß ich, wie viele meiner Landsleute, den höchſten Werth gerade in jene ſo oft herausgehobene Gleich⸗ heit der Amerikaniſchen Bürger ſetze— ich weiß recht gut daß ein allgemeiner Leiter des Geſchäftes nicht allein unbedingt nöthig, ſondern auch für die Engagirten höchſt angenehm und bequem iſt; der vernünftige Mann fügt ſich dabei leicht in das, was ihm ſelber als nothwendig erſcheint, aber gerade dieſe Gleich⸗ 6 8 —— 11 berechtigung des einen Standes ſelbſt der höchſten Ariſtokratie gegenüber, hat doch auch wieder, wie ſich nicht leugnen läßt, etwas ſehr Angenehmes und Verlockendes, darf aber natürlich, wie Sie gewiß auch der Meinung ſind, unter keinen Umſtän⸗ den gemisbraucht werden.“ „Allerdings“ ſagte Henkel, der es jetzt aufgegeben hatte irgend etwas Selbſtſtändiges zu äußern, und den Mann eben ausreden ließ. „Das ſteht alſo auch feſt“ ſagte Steinert, mit einer ver⸗ bindlichen Verbeugung für die Anerkennung,„daß eben unſer Stand, der, uns die freie Bewegung nach allen Seiten läßt, einer der angenehmſten im ganzen weiten Reiche ſein müßte, und man, wenn man nicht gerade mit zu großen Erwartungen hinüber geht, ja eigentlich eher auf einzelne kleine Enttäu⸗ ſchungen gefaßt iſt, eines ziemlich ſicheren Erfolges, natürlich den einzelnen Fähigkeiten entſprechend, auch gewiß ſein könne, nicht wahr?— Ich verſichere Sie, Herr Henkel, daß es mir eine große Beruhigung gewährt, dieſe Anſicht auch von Ihnen, der das Land doch durch und durch kennt, vertreten zu ſehn, und ich bin Ihnen in der That ungemein verpflichtet, verehrter Herr, für Ihre gütige Bereitwilligkeit, mir darin Auskunft zu geben.“ „Wenn Ihnen das Wenige genügt“ ſagte Henkel, der trotz ſeiner ſonſt ernſten Stimmung doch ein Lächeln nicht ver⸗ bergen konnte, indem er ſich von der Railing, an der er gelehnt, aufrichtete. „Oh bitte“ rief aber Steinert,„guter Rath kommt oft 12 vor guter That, und wer nur ein wenig Auffaſſungsgabe hat, für den iſt ein Wink ſoviel, wie eine ganze Predigt für einen minder Begabten. Entſchuldigen Sie nur daß ich Sie viel⸗ leicht indeß von einer angenehmeren Beſchäftigung abgehalten habe.“ Er war indeſſen ebenfalls aufgeſtanden und, ſeinen Hut in der Hand, im Begriff das Quarterdeck wieder zu ver⸗ laſſen. „Ganz und gar nicht“ ſagte Henkel, froh ſo billigen Kaufs davongekommen zu ſein, ſetzte aber mit leiſer Ironie im Ton, die jedoch an Steinert gänzlich verloren ging, hinzu— „und wenn Sie wieder eine Auskunft wünſchen ſollten, die ich im Stande wäre Ihnen zu geben, ſo ſtehe ich mit Ver⸗ gnügen zu Dienſten.“ „Zu gütig— zu gütig in der That“ ſagte der Wein⸗ reiſende, ſeinen Hut in der Hand herumdrehend,„aber— aber eine Frage möchte ich mir doch noch, und zwar mehr vom particulariſtiſchen Standpunkte aus erlauben. Sie ſind in New⸗Orleans anſäſſig, mein verehrter Herr Henkel?“ „Allerdings.“ „Werden ſich dort etabliren?“ „„, Ja.“ „Dürfte ich mir in dem Fall erlauben“ ſagte Herr Stei⸗ nert, indem er ſeinen Hut unter den linken Arm drückte und ſeine Brieftaſche aus der linken Bruſttaſche nahm,„Ihnen unſer Haus, in allen Arten von feinen und leichten Rhein⸗ weinen, Rheiniſchen Champagnern und Pfälzer Weinen zu H — 13 empfehlen— hier die Adreſſe mit Preiscourant und der Ver⸗ ſicherung billiger, raſcher und prompter Bedienung.“ „Aber ich weiß nicht ob ich—“ „Bitte“ unterbrach ihn Steinert raſch,„iſt auch für den Augenblick gar nicht nöthig— für ſpäter vielleicht— iſt auch nicht etwa des Nutzens wegen, verehrter Herr, nur wilrklich der Annehmlichkeit wegen, mit Ihnen in eine angenehme Ge⸗ ſchäftsverbindung zu treten. Ich bin auch dabei ſo von der Solidität unſeres Hauſes überzeugt, daß ich in dieſem Augen⸗ blick wirklich nicht weiß Ihnen meine Dankbarkeit auf eine beſſere und würdigere Weiſe dazuthun. Werde mir dann ſchon die Freude machen Sie in New⸗Orleans wieder aufzu⸗ ſuchen, wozu ich Sie noch erſuchen möchte, mir gefälligſt Ihre dortige Adreſſe zukommen zu laſſen.“ „Meine Adreſſe?“ ſagte Henkel, den Mann indeſſen einige Secunden ſcharf firirend—„ſchön— ich werde Ihnen meine Adreſſe geben. Sie iſt für die erſten Tage im St. Charles Hotel— ſollte ich da ausgegangen ſein, bin ich bei dieſem Herrn“— er nahm zugleich eine Karte aus ſeiner eigenen Brieftaſche—„zu erfragen. Es iſt nicht unmöglich daß wir ein Geſchäft zuſammen machen.“ „Sie haben mich zu doppeltem Danke verpflichtet“ ſagte Steinert,„nun erlauben Sie aber daß ich mich entferne“ ſetzte er dann mit etwas leiſerer Stimme und einen Seiten⸗ blick auf den, immer noch unfern davon ſtehenden Capitain hinzu,„denn der alte Seeariſtokrat dort wird ſchon unge⸗ duldig über mein langes Hierobenſein— eh bien, wir kom⸗ — 14 men bald an einen Ort, wo das ganze Land ein einziges Quarterdeck iſt, und der Unterſchied der Stände fällt, bis da⸗ hin, mein beſter Herr Henkel, habe ich die Ehre mich Ihnen gehorſamſt zu empfehlen und zeichne mich indeſſen als Ihr er— gebenſter Adalbert Steinert.“ Mit einer halbrunden Verbeugung dabei, die Herrn Hen⸗ kel in der Mitte, mit Herrn von Hopfgarten und den Capitain an den Flanken zugleich einſchloß, verließ er das Quarterdeck und ſtieg wieder in ſein Territorium hinab, wo er aber noch nicht drei Schritte gethan, als er ſchon wieder von Maul⸗ beere, der ihm hier jedenfalls aufgelauert haben mußte, be⸗ grüßt wurde. „Nun, Herr Steinert, ſchon Geſchäfte gemacht auf Ame⸗ rikaniſchem Grund und Boden— das iſt recht, die ſtolzen Burſchen, die ſich mit uns Zwiſchen deckspaſſagieren nicht ab⸗ geben wollten, müſſen mit ſaueren Weinen angeſchmiert wer⸗ den; darin liegt Charakter.“ „Herr Maulbeere, ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten.“ „Ne wahrhaftig“ ſagte aber der unverwüſtliche Scheeren⸗ ſchleifer,„das geſchieht ihnen ganz recht, und ich wünſche den Hochnaſen nichts Beſſeres, als daß ſie Ihnen in die Klauen fallen.“ Steinert ſetzte ſeinen Hut auf, ſteckte die rechte Hand vorn in die Bruſt, und ging, einen verächtlichen Blick auf den Scheerenſchleifer ſchleudernd, nach vorn. „Nu Gott ſei Dank“ ſagte der Capitain, als der Zwi⸗ ſchendeckspaſſagier das Quarterdeck verlaſſen hatte, zu Henkel tretend,„der hatte aber ein Maulwerk am Kopf; das ging ja wie geſchmiert. Ich glaube der könnte Einen in einem halben Tage todt reden.“ „Die Aufſchlüſſe die Sie ihm ertheilten, waren in der That werthvoll“ lachte aber auch von Hopfgarten, zu den Beiden tretend—„es wunderte mich nur daß Sie ihm Ihre Karte gaben.“ „Um ihn los zu werden“ ſagte Henkel—„übrigens“ ſetzte er mit einem leichten Lächeln hinzu,„war es nicht meine Karte, ſondern eine fremde die ich zufälliger Weiſe bei mir hatte— er wird mich in New⸗Orleans nicht geniren.“ „Hahahaha, das iſt prächtig“ lachte von Hopfgarten, „das iſt eine famoſe Ausflucht; der wird ſchön ſchimpfen.“ „Da kommt unſer Lootſe!“ rief in dieſem Augenblick der Capitain, der das Glas genommen und ein paar Secunden damit nach dem Land hinübergeſchaut hatte, das ſich noch im⸗ mer vor ihnen hinzog und keinen Hügel, kein Landhaus ver⸗ rathen wollte. Flach und öde zog ſich der ſchmale Streifen am Horizont hin, und nur nach der Richtung, nach welcher der Capitain deutete, ließ ſich eine kleine Wolke leichten Qualms erkennen, die zuerſt wie über dem flachen Lande lag, und dann, als der Blick der Paſſagiere feſter darauf haftete, ſich zu be⸗ wegen, und näher zu kommen ſchien. Herr von Hopfgarten war indeſſen raſch in die Cajüte hinab geſtiegen, den Damen zu melden daß das Lootſenſchiff, wozu in den Miſſiſſippimündungen meiſt Schleppdampfer ge⸗ braucht werden, in Sicht käme, und die Zwiſchendeckspaſſagiere, 16 die aus dem Leben auf dem Quarterdeck wohl gemerkt hatten daß irgend etwas Außerordentliches vorgehe— wenn ſie auch noch nicht herausbekommen konnten was, kletterten wieder in die Wanten und auf alle einigermaßen hohe Stellen an Bord, nach der Richtung hin, wohin die Fernröhre des Capitains und der Cajütspaſſagiere gerichtet waren, zu entdecken was etwa in Sicht käme. Ueber den Dampfer, deſſen Rauch ſich bald mit bloßen Augen erkennen ließ, ſollten ſie aber nicht lange in Zweifel bleiben, denn er kam merklich näher. Deutlich ließen ſich ſchon die Umriſſe ſeines oberen Decks, bald ſogar einzelne Geſtalten an Bord unterſcheiden, und die wehende Bremer Flagge an der Gaffel der Haidſchnucke wurde jetzt kaum mit dem antwortenden Signal des Lootſen, den Amerikaniſchen Sternen und Streifen*) begrüßt, als lauter Jubel an Bord des Auswandererſchiffes losbrach, und eine donnerndes, wie⸗ der und wieder erneutes Hurrah den Farben des neugewon⸗ nenen Vaterlands entgegenjauchzte. Von jetzt an war alles Andere in dem einen Gefühl des endlich erreichten Zieles, für das ihnen der Amerikaniſche Lootſendampfer volle Bürgſchaft leiſtete, vergeſſen; Jeder hatte nur Augen und Gedanken für das heranbrauſende Dampf⸗ *) Die Amerikaniſche Flagge iſt weiß und roth geſtreift mit einem blauen Viereck in der oberen Ecke am Fahnenſtock, das weiße Sterne führt. Im Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der Staaten, aber mit jedem neuhinzukommenden Staat wurde auch ein Stern hinzugefügt. — —— ———.—— 17 ſchiff, deſſen Räder ſie jetzt ſchon über das ſtille Waſſer des Golfes konnten arbeiten hören, deſſen einzelne Matroſen ſie an Bord erkannten, und wie es ſie endlich erreicht, einen engen Kreis um ſie beſchrieb und an ihrer Seite hinfuhr, und der Amerikaniſche Capitain, der auf dem Radkaſten ſeines Fahr⸗ zeugs mit dem Sprachrohr in der Hand ſtand, ſeinen An⸗ ruf herüberſchrie, da brach ſich der Jubel von Neuem Bahn, und der Amerikaner, der ſein Sprachrohr erſtaunt abſetzte, ſah ein paar Secunden die Schreier ruhig an, drehte ſich dann nach ſeinem Steuermann um und lachte. Die Matroſen an Bord des Schleppdampfers glaubten aber indeſſen den Gruß ebenfalls erwiedern zu müſſen, und antworteten, während die beiden Fahrzeuge jetzt in etwa hundert Schritt Entfernung neben einander hinliefen, mit drei kräftigen„Hip hip hip hurrahs!“ das auf der Haidſchnucke wieder ſein Echo fand. Ehe ſich das Geſchrei legte ließ ſich natürlich an ein gegenſeitiges Verſtändniß nicht denken, den erſten Ruhepunkt aber benutzend, ſetzte der Amerikaner wieder das Rohr an die Lippen, und der, dem Laien zum erſten Mal gewiß unver⸗ ſtändliche Seeruf, der durch den wunderlich dröhnenden Schall des metallenen Rohres nur noch verworrener wird, tönte herüber. „Where do you hail from?“*) Nun hatte aber Steinert, beſonders in der letzten Zeit, nicht allein unter ſeinen näheren Bekannten, ſondern auch im *)„Von wo kommt Ihr her?“ Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 2 Zwiſchendeck überhaupt, viel mit ſeiner Kenntniß der Eng⸗ liſchen Sprache geprahlt, die ihm dort allerdings von keinem beſtritten werden konnte oder wurde. Dieſen Anruf hielt er aber für eine allgemeine, an das ganze Schiff gerichtete Höf⸗ lichkeitsformel, die er nicht glaubte unbenutzt vorübergehn zu laſſen ſeine Kenntniſſe zu zeigen. Ehe deshalb der eigene Ca⸗ pitain, der jetzt ebenfalls auf ſeinem Quarterdeck mit der „Sprechtrompete“ in der Hand ſtand, auch nur das Geringſte darauf erwiedern konnte, ſprang er auf die, an der Railing befeſtigten Nothſpieren, hielt beide Hände trichterförmig an die Lippen, und ſchrie in höchſt mittelmäßigem fremdariigen Engliſch: 1 „Danke Ihnen Herr Capitain— wir ſind Alle wohl!“ „Halten Sie's Maul davorne!“ brüllte aber Capitain Siebelt auf's Aeußerſte indignirt, als er einen Zwiſchendecks⸗ paſſagier in ſein Geſchäft hineinfallen hörte, während der Amerikaner erſtaunt dorthin ſah von woher die unverſtändliche Stimme tönte, und von wo aus er allerdings keine Antwort erwartet haben konnte. „Wenn man gefragt wird, Herr Capitain, darf man antworten“ rief aber Steinert, der hier in ſeinem guten Recht zu ſein glaubte und ſich als freier Amerikaniſcher Bürger zu⸗ rückgeſetzt und beleidigt fühlte—„übrigens verbitte ich mir alle Anzüglichkeiten.“ „Where do you hail from!“ tönte aber des Amerikaners Ruf noch einmal herüber. „Ich würde mich noch einmal bei ihm bedan n, Herr * 8 19 Steinert“ ſagte Maulbeere, der ſeine innige Freude an dem Zwiſchenfall gehabt, ermunternd;„er wird Sie wahrfihrinlic nicht verſtanden haben.“ Steinert war aber zu klug Maulbeeres Rath— den er in dem ſehr gegründeten Verdacht hatte, ſein Beſtes eben nicht zu wollen, zu folgen, und Capitain Siebelt konnte die nöthi⸗ gen Antworten auf dieſe, wie die ſpäteren Fragen:„wie lange Reiſe?“—„Alles wohl an Bord?“ gehörig beant⸗ worten. Der ſchnaubende Dampfer hielt jetzt mehr auf ſte zu und Matroſen ſprangen an Bord der Haidſchnucke mit bereit ge⸗ haltenen Tauen hin, ſie in Wurfs Nähe an Deck des Schlepp⸗ ſchiffs zu ſchleudern, während ſie dort raſch aufgefangen und befeſtigt wurden. Die Zwiſchendeckspaſſagiere, die jetzt natür⸗ lich überall im Wege ſtanden, ſtieß man dabei bald hier bald da zur Seite, aber ſie ließen ſich heute Alles gefallen, war doch das Schiffsleben überhaupt bald überſtanden, und das hier nur noch eine kleine, leicht zu ertragende Unbequemlich⸗ keit, für die ſie in wenigen Stunden— ſie zählten nicht einmal mehr nach Tagen— das ganze Amerikaniſche Reich entſchädigen ſollte. Feſtgeſchnürt an Bord des viel niedrigeren kleinen Dam⸗ pfers lag jetzt das Segelſchiff, das ihnen noch nie ſo groß er⸗ ſchienen war wie in dieſem Augenblick; alle Segel ſchlugen aber, in ihren Schoten gelöſt, an den Raaen, und an den Tauen hingen die Matroſen ſie aufzugeyen, während ein Theil ſchon wie Katzen an den ſteilen Wanten emporkletterte und 2*. 4. 20 — an den Ragen hinauslief, die Segel überhaupt vollſtändig einzuziehn und feſtzuſchnüren auf ihren Hölzern. Der Wind war indeß, wie die Seeleute ſagen, faſt voll⸗ ſtändig eingeſchlafen, und die Hitze ſchwül und drückend, nichts deſtoweniger ſetzte das Schiff mit Hülfe des Dampfers, ſeine Fahrt weit raſcher, als ſie die letzten Tage zu ſegeln gewohnt geweſen waren, fort, und die Küſte, oder das wenigſtens was ſie bis jetzt für feſtes Land gehalten, rückte ihnen raſch näher. Das aber was ihnen bis dahin eine weite grüne Wieſenfläche geſchienen, auf der ſie, freilich umſonſt, nach graſenden Heer⸗ den umhergeſucht, zeigte ſich jetzt, wie ſie es endlich erreichten, als ein weiter trauriger Schilfbruch, deſſen dunkelgrüne ſchlanke Halme aus der, ihnen nun entgegenquillenden ſchmutziggelben Fluth des mächtigen Miſſiſſippi, deſſen untere Ufer ſie bil⸗ deten, herausſchauten, und in der ſtarken Strömung zitterten und ſchwankten. „Das iſt Amerika?“ rief da eine der Frauen, die mit vorn auf der Back ſtand, und deren Blicke bis dahin nur ängſt⸗ lich und erwartungsvoll an dem näher und näher kommenden Lande gehangen—„lieber Gott, da kann man ja nicht ein⸗ mal an's Ufer gehn.“ Manche der übrigen Paſſagiere ſchau⸗ ten jetzt ebenfalls, mit keineswegs mehr ſo zuverſichtlichen Mienen als ſie noch an dem Morgen gezeigt, auf die wüſte Fläche von Schilf und Waſſer hinaus, die ſie ſchon zur rechten und linken Seite umgab, und, der Ausſage des zweiten Steuer⸗ manns nach, das Ufer des Miſſiſſippi bildete. Es war ein eengendes erdrückendes Gefühl das ſie erfaßte— die erſte — dAer cd —, ⁶.—. — * 21 4 getäuſchte Hoffnung in dem neuen Land, das ſie ſich mit allem Zauber ſüdlicher Zonen, wenn auch heimlich doch nur zu eifrig ausgeſchmückt, und das jetzt vor ihren Augen wie ein ſtehender endloſer Sumpf begann. „Aber wo um Gottes Willen wohnen die Menſchen?“ riefen Andere aus—„hier kann man ja doch nicht leben in Waſſer und Schilf?“— „Dort ſind Häuſer— dorthinten— wo?— dort wo der dunkelgrüne Streif hinaufläuft und die Sonne auf das Waſſer blitzt; gleich rechts davorn. Ja wahrhaftig— da ſtehn Häuſer— das iſt New⸗Orleans!“ riefen und flüſterten zag⸗ hafte Stimmen durcheinander und Steinert ſelbſt war auf ein⸗ mal ungemein kleinlaut geworden, und ſaß, mit auf den Knieen gefalteten Händen vorn auf dem Bugſpriet die ihn umgebende Scenerie ſchweigend zu betrachten. „Das New⸗Orleans?— Unſinn“ lachten aber einige der Matroſen, die jene Bemerkung gehört, und ſchon früher ein⸗ mal die„Königin des Südens“— wie New-Orleans von den Amerikanern genannt wird, beſucht hatten—„das iſt hier nur eine der Mündungen des Miſſiſſippi und die Häuſer dort ſind La Belize; das hohe Land aber liegt weiter oben.“ „Weiter oben“ das war ein neuer Hoffnungsſtrahl in die Nacht des Zweifels, der die armen Auswanderer eben zu erfaſſen drohte—„weiter oben.“ Aber noch immer ließen ſich keine Berge erkennen; die öde Fläche ſchien ſich viele viele Meilen weit auszudehnen und der Fluß wälzte trüb und reißend ſeine ſchmutzige Fluth an ihnen vorüber. „Dort liegt ein Schiff— dort noch eins—“ ging jetzt der Ruf über Deck,„ha dort oben kommen eine ganze Menge— ich kann die Maſten erkennen“ zeigten Einzelne den Anderen ihre Entdeckung. Die kamen von oben herab, ja die wußten wie es dort ausſah, und mit einer gewiſſen Ehrfurcht hingen ihre Blicke an den fernen Fahrzeugen, deren Umriſſe ſie noch nicht einmal deutlich unterſcheiden konnten. Bis ſie aber die immer deutlicher werdenden Häuſer er⸗ reichten, wollten manche der Zwiſchendeckspaſſagiere gern von den Matroſen, die ſchon erklärt hatten daß ſie in New⸗Orleans geweſen waren, etwas Näheres über die Stadt und deren Umgegend wiſſen; die Leute waren aber viel zu ſehr beſchäftigt ihren Fragen Rede ſtehn zu können, und ſie mußten ſich zu-⸗ letzt darein finden eben abzuwarten, wie ſich ihnen die Stadt ſelber zeigen würde. Ewig konnte das ja nun doch nicht mehr dauern. Ziemlich langſam gegen die ſtarke Strömung rückten ſie indeſſen vorwärts, die ſchon in Sicht gekommenen Gebäude, in den Windungen des Fluſſes bald rechts bald links laſſend, und erreichten endlich den Platz wo eine Anzahl hölzerner Gebäude auf Pfählen, und nur von Schilf und Schlamm⸗ waſſer umgeben mitten in dieſem entſetzlichen Sumpfe ſtanden und in der That auch nur durch hochgelegte Planken unter ſich verbunden waren. Dieß Lootſendorf, die ſogenannte Balize, bot in der That einen traurigen Anblick, und man begriff nicht wie Menſchen dort überhaupt exiſtiren konnten. Die weite Fläche der See „ 5 23 ſelbſt that dem Auge, in Vergleich mit dem öden Sumpfe wohl, der ſich hier nach Norden, Oſten und Weſten ausdehnte, und die Paſſagiere erſchraken als die Glocke des Dampfſchiffs läu⸗ tete, denn ſie fürchteten jetzt das, was ſie noch an dem Mor⸗ gen ſo heiß erſehnt— gelandet zu werden. Das Signal galt aber einem, noch eine kleine Strecke weiter oben liegenden Segelſchiff, das jetzt ſeine Flagge aufhißte und zur Freude der Auswanderer die Hamburger Farben zeigte. Dort waren halbe Reiſe⸗ und ganze Leidensgefährten, und als die Haidſchnucke, mit der Bremer Flagge noch immer auswehend, dem Ham⸗ burger Schiffe näher kam, grüßte ſie von dort, wie ſie erſt ſelber den Amerikaner bewillkommt, ein donnerndes Hurrah, das ſie allerdings, aber lange nicht mehr ſo kräftig wie heute früh, beantworteten. Sie erfuhren jetzt auch, daß der Dampfer das andere deutſche Schiff ebenfalls in's Schlepptau nehmen würde, aber ſie freuten ſich nicht beſonders darüber, denn nicht mit Unrecht fürchteten ſte dadurch nur ſoviel langſamer von der Stelle zu rücken. Das kümmerte jedoch den Amerikaner wenig, der ſich für die Fahrt den doppelten Verdienſt natürlich nicht entgehen ließ, und das Hamburger Schiff, Orinoko wie es hieß, erſt hierher gebracht und vor Anker gelegt hatte, noch ein zweites aus dem Golf dazu zu holen, ehe er es nach New⸗Orleans hinauf zog. Der Hamburger hatte indeß, unter dem lauten takt⸗ mäßigen Singen der Matroſen, ſeinen Anker aufgeholt, als der Dampfer an ihn hinanlief und ihn an den anderen Bug 24* nahm, die Taue wurden befeſtigt, wie ſie früher an der Haid⸗ ſchnucke befeſtigt waren, und wenige Minuten ſpäter ſchnaubt das kleine aber kräftige Boot mit ſeiner doppelten Laſt, aber nicht viel langſamer als vorher, den mächtigen Strom hinauf. Die Zwiſchendeckspaſſagiere der Haidſchnucke hatten nun allerdings nichts Eiligeres zu thun als einen Verſuch zu ma⸗ chen, von ihrem Schiff hinunter, über das Dampfboot hinweg, an Bord des Landsmannes zu klettern, und dort Bekanntſchaft mit deſſen Paſſagieren zu machen. Darin ſollten ſie ſich aber getäuſcht ſehn, denn die Steuerleute verboten es ihnen nicht allein auf das Entſchiedenſte, ſondern die Wacht des Dampfers ſelber hatte ſtrenge Ordre Niemanden hinunter auf ihr Deck oder hinüber zu laſſen, und weder Bitten noch Proteſtiren half, die Capitaine zu einer Aenderung der Maaßnahme zu bewegen. Die angegebene Urſache war nicht allein Unordnung zu ver⸗ meiden, ſondern auch ihren eignen Schiffahrtsgeſetzen nachzu⸗ kommen, nach denen ſie keine Communication mit fremden Schiffen, ehe ſie den Hafen erreicht hätten, unterhalten durften. Das aber verhinderte Steinert nicht eine ſehr lebhafte, und natürlich außerordentlich laut geführte Unterhaltung von der Back der Haidſchnucke aus, mit einigen Paſſagieren des Orinoko, über das Dampfſchiff weg, anzuknüpfen, ſich nach Zeit der Abfahrt und Erlebniſſen der Reiſe zu erkundigen, und ſeine einzelnen Anſichten über die Haidſchnucke, die nicht immer zu Gunſten derſelben ausfielen, einzutauſchen. Andere ſchloſſen ſich dem an, und die Converſation, von allen hohen Theilen des Schiffs und ſelbſt den Wanten und Marſen ausgeführt, ——₰ę—. aid⸗ aubt aber auf. nun ma⸗ veg, haft aber nicht fers Deck half, gen. ver⸗ zu⸗ den ten. ffte, von des ach und mer ſſen len rt, 25 wurde bald allgemein; bis die Scenerie auf dem Strome ſelbſt dieſem ein Ende machte. Schon ſeit einiger Zeit hatte ein Theil der Paſſagiere Bäume wirkliche Bäume voraus entdeckt, denn das einzige was ſich ihnen bis jetzt an Vegetation außer dem Schilf und alten eingeſchwemmten und verſenkten Baumſtämmen gezeigt hatte, waren nur niedere Weidenbüſche geweſen, und wie ſie jene erreichten ſahen ſie auch den erſten feſten Boden aus der gelben Fluth hervorragen. „Da iſt Land— da iſt Land!“ jubelte es in dem Augen⸗ blick vom Deck, als ob die Leute in der That geglaubt hätten daß Amerika im Waſſer liege—„da ſind Bäume, da iſt Gras. Hurrah für Amerika.“ „Hurrah für Amerika!“ jauchzte das Schiff nach und die Matroſen des Schleppdampfers hatten Nichts dagegen in den ihrer eignen Heimath gebrachten Jubelruf mit einzuſtimmen. Es war indeſſen ziemlich ſpät am Tag geworden; wäh⸗ rend das Ufer aber zu beiden Seiten einen feſteren Charakter annahm, mit hohen Bäumen beſetzt und nur noch hie und da von Schilf durchwachſen, ließen ſich noch immer keine menſch⸗ lichen Wohnungen, hie und da eine kleine unanſehnliche Hütte abgerechnet, erkennen; das Land ſchien eine unbewohnte Wild⸗ niß, die von den Paſſagieren ſchon mit Bären, Panthern und Büffeln belebt wurde, und die cultivirte Gegend lag jedenfalls noch weiter oben. Einzelne Schiffe begegneten ihnen jedoch jetzt, und zweimal ſogar eine ordentliche kleine Flotte, von ei⸗ nem einzigen Dampfer ſtromab bugſirt, der an jedem Bord ein 26 großes Schiff führte, und drei kleinere noch hinten an langen Leinen im Schlepptau hatte. Auch kleine Küſtenfahrzeuge ſe⸗ gelten und ruderten auf dem Strom, manche von ihnen mit farbigen Leuten bemannt, ihre kleinen Fahrzeuge bunt bemalt, und herüber und hinüber kreuzend gegen die ſtarke Strömung des„Vaters der Waſſer“*). Aber die Sonne neigte ſich ihrem Untergang, und was Manchem von ihnen ſchon auf der See aufgefallen war, die kurze Dämmerung, machte ſich hier, wo ſie das ſchattige Laub der hohen Bäume an ihrer Seite hatten, nur noch mehr be⸗ merkbar. Kaum war das Taggeſtirn hinter dem dunkeln Wald⸗ ſtreifen, der das jenſeitige ziemlich ferne Ufer deckte, verſchwun⸗ den, als die Nacht mit einer Schnelle anbrach, von der ſie bis jetzt wirklich keine Ahnung gehabt. Sie hielten dabei dem lin⸗ ken Ufer des Stromes zu, dort Holz für den Dampfer, deſſen Kohlen auf die Neige gingen, einzunehmen, und die Paſſagiere freuten ſich ſchon das Ufer betreten und die wunderliche Vege⸗ tation des neuen Landes beſchauen zu dürfen, deſſen rieſige Bäume hier alle mit wehendem ſilbergrauen Moos bis hinab auf den Grund behangen ſchienen; doch hatten ſie daſſelbe noch lange nicht erreicht, als es ſchon unter den Bäumen dunkelte und das Licht der einzelnen dort wie verſteckten Hütte, ſeinen toth⸗ glühenden Schein herüberſchickte. Das Einnehmen von Holz zeigte mit den tiefgehenden *) Der Miſſiſſippi heißt in der bilderrrichen Sprache der Indianer der„Vater der Waſſer.“ 2 — — 27 gen Schiffen ſeine Schwierigkeit, da der Dampfer mit dieſen nicht ſe⸗ ſo dicht an Land fahren konnte, und die Capitaine nicht gern nit vor Anker gehen wollten. Der Eigenthümer des Holzes war alt, aber ſchon darauf eingerichtet, und hatte eine Anzahl Klafter g in einem niederen und ſehr breiten Boote mit flachem Boden ¹ aaufgeſtapelt, mit dem er, auf den Anruf des Capitains eine as Strecke in den Fluß hinaus fuhr und ſich queer vor dem Bug die des Dampfers legte. Von hier aus wurden die Scheite, wäh⸗ ub rend die Maſchine wieder an zu arbeiten fing, und alle vier be⸗— Fahrzeuge doch wenigſtens gegen die Strömung ſtemmte, raſch ld⸗ an Bord geworfen, die Taue der Haidſchnucke aber dann ge⸗ m⸗ 1 lößt, damit das entladene Holzboot zwiſchen ihnen durch mit is der Strömung zurücktreiben konnte, und der Schleppdampfer, n⸗ ſetzte ſeinen Weg jetzt wieder, in der Nacht ziemlich die Mitte ſen des Stromes haltend den zahlreichen im Flußbett angeſchwemm⸗ ere ten Stämmen auszuweichen, langſam fort. ge⸗ Es war ein wundervoller Abend, der Mond hob ſich, als ne ſie kaum eine Stunde gefahren waren, über die Bäume, und en goß ſein ſilbernes Licht auf den breiten Strom, und die Paſſa⸗ ge giere der verſchiedenen Schiffe hatten ſich vorn auf Deck ge⸗ nd lagert, und ſangen wechſelsweiſe in volltönenden oft harmoni⸗ he ſchen Chören ihre heimiſchen Lieder, die meiſt ernſten, ſchwer⸗ müthigen Inhalts gar wunderbar ergreifend über den ſtillen en Strom klangen. Frau von Kaulitz hatte unter der Zeit verſucht ihre ge⸗ wöhnliche Whiſtparthie zu Stande zu bringen, heute jedoch nicht einmal Herrn von Benkendroff bewegen können daran Theil 28 zu nehmen, und ſaß jetzt, eine Patience legend, allein in der Cajüte. Es war ihr ein verlorener Abend den ſie ohne Kar⸗ ten zubrachte. Die übrigen Paſſagiere ſaßen und ſtanden in ſchweigenden Gruppen auf dem Quarterdeck umher, oder flüſter⸗ ten leiſe mit einander, ſo eigen berührt waren ſie ſelber von den heimiſchen Klängen denen ſich das Herz, mag es das Va⸗ terland noch ſo lang verlaſſen und es faſt vergeſſen haben, doch nie verſchließt. Es liegt ein eigener Zauber in den Tönen die wir als Kind gekannt, geliebt, und die nicht ſelten ſchon Wurzel in der Kindesbruſt geſchlagen. Alte Gedanken, liebe und trübe Er⸗ innerungen wecken ſie dann wo wir ſie wieder hören, und das Herz lauſcht ihnen wollte ſelbſt das Ohr den lieben Lauten den Eingang weigern. „Wie das ſo reizend klingt auf dem ſtillen Strome“ ſagte Marie, die den Arm um der Schweſter Schulter gelegt, neben Clara und Hedwig unfern der Quarterdeckstreppe ſtand, und nach dem Mond hinüberſchaute—„ich könnte den Liedern die ganze Nacht lauſchen, und doch habe ich ſie ſchon ſo oft, ſo oft gehört.“ „Das iſt es ja gerade was ſie uns ſo lieb macht“ lächelte die Schweſter ſich freundlich zu ihr neigend—,weißt Du noch wie wir daheim in unſerem Gärtchen ſaßen, und die Zimmer⸗ leute unten vom Bauplatz, Abends, wenn ſie an unſerer Mauer vorbei zu Hauſe gingen all dieſe Lieder ſangen, und wir ſte weit weit noch hören konnten durch den ſtillen Abend.“ „Unſer liebes Gärtchen“ ſeufzte leiſe Marie, und auch der * —— ſch 29 Schweſter Bruſt hob ſich in der ſchmerzlichen Erinnerung an das Zurückgelaſſene, aber ſie wollte jetzt nicht jene Bilder heraufbeſchwören und ſagte raſch, der Schweſter Arm berührend und dann nach dem Nachbarſchiffe hinüber deutend, wo ſie eben wieder ein anderes Lied begannen. „Kennſt Du das, Marie?“ „Noah“ lachte die Schweſter,„Herrn Kellmanns Leiblied, ei wenn er jetzt bei uns wäre, wie er da einſtimmen würde nach Herzensluſt.— Was er jetzt wohl treibt?“ Anna ſchwieg und lauſchte den Tönen, bis ſie in der Nacht verklungen waren. Die Paſſagiere der Haidſchnucke antworteten dem letzten Lied mit„Schweizers Heimweh“. Wenn aber die einzelnen Schiffe bis dahin allein geſungen, und ſo gewiſſermaaßen einen Wechſelchor gebildet hatten, deſſen einer immer erſt be⸗ gonnen wenn der andere geendet, und dem die Mannſchaft des Schleppdampfers mit lautloſem Schweigen lauſchte, ſo waren die erſten Töne dieſes alten lieben heimiſchen Sanges kaum angeſchlagen, als das Hamburger Schiff ebenfalls mit ein⸗ ſtimmte, und der volle Chor weich und klagend durch die Nacht drang. Herz mein Herz, warum ſo traurig, Und was ſoll das ach und weh, S' iſt ja ſchön im fremden Lande— Herz mein Herz, was willſt Du mehr. Still und lautlos lauſchten die Mädchen den lieben, ſchwermüthigen Klängen, und leiſe, leiſe, mit kaum bewegten 30 4 Lippen fielen ſie endlich mit ein in die Melodie, ueſe mehr Muth gewannen, und mit lauterer Stimme, aber innigem Gefühl dem Liede folgten. Wie aber der Schluß verklang, „doch zur Heimath wird es nie“, ſchwiegen beide Choͤre — lautloſe Stille legte ſich über Deck— Keiner hatte mehr das Herz, nach dieſen Strophen noch ein anderes, vielleicht gar triviales Lied zu beginnen. Dem neuen Vaterland hatten ſie heute ein donnerndes Hurrah gebracht, als ſie deſſen Flagge zum erſten Male in der Briſe wehen ſahen, dem alten brachten ſie das Lied, mit mancher heimlich zerdrückten Thräne, mit manchem, gewaltſam in die Bruſt zurückgedrängten Seufzer. Auch die Cajütenpaſſagiere waren recht ſtill und nach⸗ denkend geworden, Herr von Hopfgarten, der ſich anfänglich mit dem Profeſſor in einen großen ökonomiſchen Streit einge⸗ laſſen, hatte den und die ganze Verhandlung in dem Lied ver⸗ geſſen, und horchte ihm noch viele Minuten, als es ſchon längſt in dem Rauſchen des Stromes und dem monotonen Klappern der neben ihnen arbeitenden Maſchine verſchwom⸗ men war. b Herr Henkel ging indeß auf der einen, Herr von Benken⸗ droff auf der anderen Seite des Beſahnmaſtes ſpatzieren, wäh⸗ rend Frau Profeſſor Lobenſtein, ihre beiden jüngſten Kinder an ſich geſchmiegt am Fuße deſſelben auf einer Bank ſaß, und der Nacht dankte die ihr die einzeln niederrollenden Thränen ver⸗ barg vor dem Auge der Menſchen. Nur Doctor Hückler lag behaglich der Länge nach aus⸗ geſtreckt auf der Scheilichtklappe, dampfte ſeine Cigarre in den —— 31 wundervollen Abend hinein, und trommelte zu den Liedern den falſchen Takt auf dem Holz, auf dem er ruhte. Eine Zeitlang hatte ununterbrochenes Schweigen an Bord geherrſcht; es war faſt, als ob ſich Jeder ſcheute den Zauber zu brechen der auf den Schiffen, durch dieſe einfachen vater⸗ ländiſchen Weiſen heraufbeſchworen lag, als plötzlich vom vor⸗ deren Theil der Haidſchnucke, ja faſt wie von dem jetzt ziemlich nahen Lande kommend, an das ſie das Fahrwaſſer des mächti⸗ gen Stromes gebraͤcht hatte, der volle glockenreine klagende Ton einer Nachtigall herüber drang. „Was iſt das?“ rief Marie faſt erſchreckt auffahrend— „giebt er Nachtigallen in den Wäldern?“ 4 s iſt nicht im Wald, das iſt an Bord“ ſagte aber Anna, ſich hhoch empor richtend—„doch zum erſten Mal ſchlägt ſte, ſeit wir in See ſind.“ „Du lieber Gott, ſie hat die nahen Bäume geſpürt und ſehnt ſich nach dem Lande“ ſagte Marie tief aufſeufzend,— iſt es uns doch ſelbſt ganz weh und weich um's Herz gewor⸗ den, als wir wieder die rauſchenden Bäume hörten. Oh weißt Du, Clara, noch die Nachtigall, die immer ſo wundervoll vor Deinem Fenſter ſchlug— aber— um Gottes Willen was iſt Dir— Clara— liebe Clara!“ Der Ausruf galt der jungen unglücklichen Frau, die ſchon, von den heimiſchen Liedern aufgeregt, nur mit Mühe ihre Faſſung bewahrt hatte, jetzt aber bei der ſo wohlbekannten ſo heißgeliebten Weiſe der Nachtigall, die mit furchtbarer Kraft die Erinnerung an die verlaſſene Heimath— an ihr jetziges 32 Elend zurückrief in das gequälte Herz, das mächtig ausbrechende Gefüͤhl nicht mehr zurückdrängen konnte und das Antlitz an Hedwigs Schulter bergend, heftig weinte. Marie hatte ihren Arm unm ſie gelegt und ſuchte ſie emporzurichten und zu ſich herüberzuziehen; ſie wehrte ihr leiſe, behielt aber ihre Hand die ſie wie krampfhaft preßte, in der ihren. „Liebe, liebe Clara!“ 3 „Laß mich, mein liebes Kind— es wird d gleich beſſer ſein“ flüſterte die Frau—„nur eine Art von Weinkampf iſt's, der wohl mit meinem Unwohlſein zuſammenhängt. 8 „So will ich Deinen Mann rufen— es muß doch wohl— „Nein— nein! rief Clara aber raſch und fa „nicht— nein, es iſt aui nüihin⸗ ſeßze fte langſ ſchon wieder beſſe Marie, ſo aängſtige Dich nicht gtin thalben 8 „Du ſollteſt doch einmal einen Arzt fragen liebes Herz“ ſagte aber auch jetzt Anna, die zu ihr getreten war und ihren Arm leiſe berührte„Du ſiehſt ſeit einigen Tagen bleich und krank— recht krank aus, Clara, viel kränker wie Du es viel⸗ leicht ſelber denkſt, und darfſt nicht zu feſt auf Deine, ſonſt ſo kräftige Natur trotzen. Auch das Plötzliche Deines Zuſtandes hat etwas beunruhigendes, das nicht vernachläſſigt werden darf.“ „Was kann ihr der Doctor helfen“ flüſterte aber Marie, von dem, unfern von ihnen ausgeſtreckt liegenden Stiefſohn Aesculaps nicht gehört zu werden—„der ließe ſie höchſtens zur Ader und erzählte uns bei Tiſch wieder ein paar blutige Geſchichten.“ W 33 „Der Doctor ſoll ihr auch Nichts helfen“ erwiederte Anna, „aber im Zwiſchendeck iſt, wie mir Hedwig erzählt, ein recht tüchtiger junger Arzt, der ſchon viele dort, raſch und anſpruchs⸗ los wieder hergeſtellt, und den zu fragen, da wir ihn doch jetzt bei der Hand haben, gewiß Nichts ſchadete.“ „Nein, nein“ bat aber Clara jetzt„ich weiß ſelber beſſer, wie nur ein Arzt, und wäre er der geſchickteſte, mir ſagen könnte was mir fehlt. Es iſt Nichts wie Erkältung mit viel⸗ leicht einiger Aufregung dazu, die mir der Abſchied von zu Hauſe doch gemacht, und die ſich, wenn auch etwas ſpät, in den Folgen zeigt. Ruhe iſt das Einzige was mir helfen kann. Laßt mich ſtill meinen Weg gehen, und wenige Tage haben mich vollkommen wieder hergeſtellt.“ „Oh wenn die Nachtigall nur noch einmal ſchlagen wollte“ ſagte Marie—„es war gar ſo ſchön— wenn ich nur wüßte wer ſie mit auf See genommen.“ Während ſie ſprach war ſie vorn an die Reiling des Quarterdecks getreten, an der Fräulein von Seebald ſtand und nach dem Mond hinaufſchwärmte. Unten in Sicht auf dem niederen Deck ſaß nur eine einzige Perſon, und das helle Licht des Mondes fiel voll auf die ebenfalls andächtig erhobenen Züge des jungen Dichters. Der zweite Steuermann kam jetzt von vorn und ging zu dem, ſeit das Schiff im Schlepptau hing, befeſtigten Steuer, die Taue nachzuſehn. „Oh wie wundervoll das war“ ſeufzte in dieſem Augen⸗ blick Fräulein von Seebald, mit dem Taſchentuch eine Thräne Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 3 34 von der Wange entfernend—„wie das Herz und Seele er⸗ greift und mit den weichen, liebevollen Klängen alle Nerven nachfibriren läßt.“ „Ja, Schultze pfeift recht hübſch“ ſagte der Seemann, der gerade die kleine Treppe heraufkam und an ihnen vorbei wollte—„er macht ſeine Sache ausgezeichnet— es klingt ordentlich natürlich.“ „Wer pfeift recht hübſch?“ rief Fräulein von Seebald entſetzt, die gegen den proſaiſchen Menſchen ſeit jenem Geſpräch einen Widerwillen hatte, den ſie kaum ſo weit bezwingen konnte nicht unartig gegen ihn zu ſein. „Ih nu Schultze“ ſagte der Unterſteuermann lachend— „er ſitzt vorn auf der Back und pfiff wie eine Nachtigall; wie ſie aber von allen Seiten auf ihn zu kamen, ſchwieg er ſtill und will das Maul nicht mehr aufthun.“ „Das war keine Nachtigall?“ rief Marie erſtaunt, und Fräulein von Seebald ſeufzte nur leiſe und mit innerſter Ent⸗ rüſtung. „Schultze!“ „Ach das iſt der Mann!“ rief die lebendige Marie, die in der neuen Entdeckung bald die Nachtigall vergaß,„von dem Sie uns erzählten daß er den ſonderbaren Glauben hätte, wir Menſchen ſeien alle früher Vögel geweſen, und meine Mama eine Nachtigall. Eduard war er ſchon in Bremen aufgefallen, wo er ſie ſcharf beobachtet hatte, wahrſcheinlich mit der Ent⸗ deckung der Aehnlichkeit beſchäftigt.“ „Jede Enttäuſchung ſchmerzt“ ſagte aber Fräulein von ri er⸗ rven ann, orbei ingt bald die dem wir ma len, nt⸗ von 35 Seebald,„und ich hatte mir das ſchon ſo reizend ausgemalt, es war ein ſo hochpoetiſcher Gedanke, daß wir in den waldigen Schatten Amerikas durch eine heimiſche Nachtigall begrüßt werden ſollten— es iſt vorbei— der Traum iſt verſchwunden und wir ſind erwacht.“ Ein tief aufgeholter Seufzer vom untern Deck antwortete — es war Theobald, der ihre Worte gehört und ſchmerzlich mit empfunden hatte— er ſaß ſtill und regungslos, den Kopf auf die Hand geſtützt, an der Nagelbank des großen Maſtes, und wie ihm die dunklen Locken faſt unheimlich die bleiche Stirn umſpielten, ſchaute er voll und lange in den Mond und nach dem Deck hinauf, auf dem die beiden Damen ſtanden, und ſchloß dann die Augen, das Bild in ſeinem Inneren feſt zu halten. Der Unterſteuermann kam wieder zurück(Fräulein von Seebald trat, den Kopf abwendend, von ihm fort) ſtieg die Treppe hinunter und wollte eben wieder nach vorn gehn, wo Leute poſtirt waren nach etwaigen Gefahren im Strom ſelber auszuſchaun; da fiel ſein Blick auf das bleiche Antlitz des Dichters und zu ihm hinantretend und ihn derb an der Schul⸗ ter ſchüttelnd rief er gutmüthig: „Sie da, Sie wollen wohl ein ſchiefes Geſicht kriegen, daß Sie hier im Monde liegen und ſchlafen.“ „Ich habe nicht geſchlafen— laſſen Sie mich zufrieden!“ rief Theobald, entrüſtet aufſpringend. „Nu, nu, Fiepchen biet mi nich“ ſagte der Steuermann 3* 36 lachend weitergehend—„es iſt doch hoffentlich kein Unglück geſchehn.“ Marie, die wie Fräulein von Seebald Zeuge der Scene geweſen waren, lachte heimlich vor ſich hin, aber ihre ältere Freundin ſagte ſeufzend. „Das iſt ein entſetzlicher Menſch, dieſer Unterſteuermann, roh an Geiſt und Gemüth, wie an Geſtalt.“ „Mich amüſirt er“ lachte Marie,„und was kann man von ihm viel verlangen. Er iſt Seemann, und ſcheint ſein Geſchäft aus dem Grunde zu verſtehen; daß er derb iſt, gehört mit dazu.“ „Ich werde ſchlafen gehn“ ſagte Fräulein von Seebald —„dieſer Abend hat meine Nerven furchtbar angegriffen, und eine lange Zeit wird dazu gehören das wieder gut zu machen. Gute Nacht!“ Sie ſprach die letzten Worte ziemlich laut, und ein Seuf⸗ zer klang faſt wie antwortend vom Fuß des großen Maſt's herauf. Marie ſah ſich danach um, aber ihre Mutter rief ſie in dem Augenblick; es wurde feucht an Deck in dem Flußnebel, und die Damen zogen ſich in ihre Cajüten zurück. ſen glück cene ltere ann, nan Capitel 2. New⸗Orleans. Waren die Paſſagiere der Haidſchnucke ſchon am vorigen Tage früh aufgeweſen, Land zu entdecken, ſo zeigten ſie ſich heute noch viel zeitiger an Deck, denn was ſie vom Land geſtern Abend geſehn, hatte ihre Neugierde nur noch mehr und gewal⸗ tiger geweckt. Sehr zum Aerger der Seeleute alſo, die heute Morgen das Deck beſonders ſauber zu waſchen hatten und jetzt die Paſſagiere überall im Wege fanden, kletterten die meiſten ſchon mit Tagesanbruch aus ihrer Luke vor, und die Matro⸗ ſen theilten manchen Eimer Seewaſſer mit gut gezieltem Wurf unter ſie aus, wo das nur irgend mit einer Entſchuldigung von, nicht geſehen haben“ oder„nicht wiſſen können“ zu er⸗ möglichen war. Viele ſtaken dabei ſchon in ihren beſten Kleidern, und Manche bereuten in der That ihren„Sonntags⸗ ſtaat“ nicht bis zum entſcheidenden Augenblick aufgehoben und ſolcher Art vier und zwanzig oder gar noch mehr Stunden zu früh, preisgegeben zu haben. 38 Steinert beſonders, kam mit ſeinen weißen Hoſen am ſchlechteſten weg, denn nicht allein daß ihnen der letzte Tag an Deck keineswegs zuträglich geweſen, und einige lange und runde Theerſtreifen und Flecken nur zu deutlich die Stellen ver— riethen, wo er ſich leichtſinniger oder vergeßlicher Weiſe ange— lehnt, nein er bekam auch heute Morgen, als er vor der Cam— buſe ſtand und dem Koch unter falſchen Verſprechungen eine vorzeitige Taſſe Kaffee abzulocken ſuchte, einen vollen Eimer Seewaſſer angegoſſen, deſſen Urheber ſich ſpäter allerdings nicht ermitteln ließ, deſſen Wirkung aber total die Frage ent⸗ ſchied, ob er möglicher Weiſe noch mit der Hoſe New Orleans betreten konnte oder nicht. Ein leichter dünner Nebel lag übrigens auf dem Waſſer, der die angeſtrengteſte Aufmerkſamkeit der Lootſen erforderte, während er die Ufer bis ziemlich zu den Wipfeln der Bäume mit einer feinen Art von Hehrrauch füllte. Wie die Sonne aber hoͤher und höher ſtieg ſanken die weißen Schwaden, einem Schleier gleich zu Waſſer nieder, und die armen ſeemüden Auswanderer konnten einen Jubelruf kaum unterdrücken, als, wie mit einem Zauberſchlag die prachtvollſte, herrlichſte Land⸗ ſchaft vor ihren Augen lag, die ſie ſich in dem Schmuck fremd⸗ artiger Vegetation, nur je gedacht. Verſchwunden war der dunkle Wald mit ſeinem wehen⸗ den Moos, oder zurückgedrängt wenigſtens, weit zurück zu einem niedern Streifen am Horizont, zu einem Rahmen des Gemäldes, das ſich jetzt ihren Blicken entrollte, und wie aus dem Boden mit einem Schlage heraufgewachſen ſchien. Rei⸗ ——— ———,& er— n am Tag e und ver⸗ ange⸗ Cam⸗ eine Eimer ings ent⸗ eans iſſer erte, ume onne nem iden als, und⸗ md⸗ hen⸗ zu 39 zende Landhäuſer mit wunderlich ausgezweigten Bäumen ſchau⸗ ten mit ihren dunklen Dächern und weißen Mauern, luftigen Verandahs und kühl verwahrten Fenſtern aus dichten Bos⸗ quets blühender Tulpenbäume und fruchtſchwerer Orangen⸗ haine vor, und weite, regelmäßig angelegte Colonieen niederer aber reinlicher und vollkommen gleichmäßig gebauter Häuſer — die zu den Plantagen gehörenden Negerwohnungen— ſchloſſen ſich ihnen an und trennten ſie von weiten wogenden Zuckerrohr- und Baumwollenfeldern; Schaaren geſchäftiger Neger in ihren weißen Anzügen arbeiteten in dieſen, und auf der breiten Straße, die dicht am Ufer des Stromes hinaufzu⸗ führen ſchien, raſſelten leichte bequeme Chaiſen, und gallopirten ſtattliche Reiter mit breitrundigen Strohhüten und leichten lich⸗ ten Sommerkleidern auf und nieder. Und ſo belebt wie das Ufer war der Strom; Maſſen von kleinen Segelbooten glitten herüber und hinüber zu den ſon⸗ nigen Ufern, breite Dampfer ſchnaubten hinab, die Produkte des üppigen Landes fernen Zonen zuzuführen, und mächtige Seeſchiffe lagen hie und da am Ufer vor Anker, ja oft mit Tauen an irgend einen Baum befeſtigt, am Land hoch aufge⸗ ſtapelte Baumwollenballen und lange dunkle Reihen von Zucker, und Syropsfäſſern an Bord zu nehmen, und zu kälteren Welt⸗ theilen hinüber zu tragen. Und daran vorbei keuchte das wackere kleine Dampfboot, die beiden Koloſſe aufſchleppend gegen den mächtigen Strom, und ſo dicht am Ufer ſtreiften ſie nicht ſelten hin, daß ſie die Neger konnten in den Feldern ſingen hören, und die weißen 40 Frauen erkannten, die in luftiger Morgenkleidung auf ihren Blumen geſchmückten Verandas ſaßen und auf den Fluß und das rege Leben und Treiben um ſich her hinausſchauten. Die Paſſagiere der Haidſchnucke waren außer ſich, und ſo niedergeſchlagen ſie durch den alleinigen Anblick der flachen Sumpfſtrecke an der Mündung geworden, ſo ſcharf gingen ſie jetzt, und mit verhängten Zügeln zum anderen Ertrem über. Die Leute ſangen und tanzten und ſchrieen und lachten und jauchzten, wie ebenſoviele dem Irrenhaus Entſprun ene, und jubelten Einer dem Anderen zu, da drüben lägen die Farmen in die ſie jetzt hineinziehn würden, das ſei das Land, von dem der ganze Acker nur 1 ½ Dollar koſte, und Einzelne redeten ſogar davon ſich gleich Papier und Feder und Dinte geben zu laſſen und nach Hauſe zu ſchreiben, daß ihr ganzes Dorf nur gleich herüͤber käme über's Waſſer, und Theil nähme an der Herrlichkeit. Die Oldenburger waren die übermüthigſten, und vorn auf der Back, wo ſie ſich auf den Starbord⸗Anker geſetzt hatten und einander immer auf neu entdeckte Herrlichkeiten des Ufers aufmerkſam machten, brach ſich ihr Jubel endlich in einem Liede Bahn, das ſie ſchon den erſten Tag auf der Weſer ein⸗ mal geſungen, dann aber ganz vergeſſen zu haben ſchienen, und deſſen Schlußvers, von der ganzen Schaar als Chor geſungen lautete: „In Amerika können die Bauern in den Kuts⸗chen fahren“ „In den Kuts⸗chen mit Sammet und mit S⸗e⸗i⸗de. „Und ſie eſſen dreimal Fleiſch, und ſie trinken Wein dazu „Und das iſt eine herrliche Freu⸗i⸗de!“ — ſͤ— 41 Das Wort Kuts⸗chen ſprachen ſie dabei ſo aus, das ſie das s vollkommen vom ch trennten, während das letzte Wort „Freude“ mit aller Kraft der Stimmen herausgeſchrieen wurde, vielleicht den empfundenen Grad von Seligkeit dadurch anzu⸗ deuten. Je mehr ſie ſich aber der Hauptſtadt von Louiſiana, dem prächtigen New⸗Orleans näherten, deſto lebendiger wurde der Strom; die Fahrzeuge, welche die Verbindung der einzelnen kleinen Städtchen und Plantagen mit der„City“ unterhielten, wurden haͤufiger— Dampffähren kreuzten herüber und hin⸗ über, eine Anzahl kleiner Segelboote führte die Produkte des Landes nach der Stadt, und überall an den Ufern, an denen reizende Pflanzerswohnungen unter Blüthenbüſchen und Frucht⸗ bäumen verſteckt lagen, ankerten volle Schiffe, Brigs, Barquen und Schooner, die letzteren meiſt mit Negern und Mulatten bemannt, und die bunten Flaggen im Winde flatternd. Aber weiter, immer weiter ſchnaubte das Boot; hie und da tauchten weiße Häuſermaſſen auf, aus dunklen Streifen bis zum Ufer des Stromes reichender Waldung immergrüner Mag⸗ nolien und mächtiger Cottonbäume; aber das war noch lange nicht New-Orleans,— die Villen wuchſen zu Städten an, und immer noch vorbei ſchäumten ſie, aufwärts, aufwärts den Rieſenſtrom, deſſen Fluth gewaltige nackte Stämme mit ſich führte, die er ſich oben im Norden losgeriſſen aus ihrem Bett und ſie nun hinabführte dem Golfſtrom zu, tauſende von Mei⸗ len weit, damit ſie der durch den Ocean hinüberwälze, einem anderen Welttheil zu. 8 42 So kam Mittag heran und ging vorüber, während die Paſſagiere ſchon vollſtändig ſeit mehr als vier und zwanzig Stunden gerüſtet an Deck auf⸗ und abliefen, und ungeduldig den Zeitpunkt kaum erwarten konnten, der ihnen erlauben würde dieſes wundervolle Land zu betreten. „Dort liegt New⸗Orleans!“ ſagte da der Steuermann, der vorn auf die Back kam, die dicht gedrängt von Paſſagieren ſtand, nach dem Anker und deſſen Befeſtigung zu ſehn. Er deutete dabei mit der Hand nach rechts hinüber, wo ein weites dünnes, faſt ſpinnwebartiges Maſtengitter den Horizont be⸗ grenzte. „Wo?— wo?“ riefen eine Menge Stimmen durcheinan⸗ der, und Einer frug— es war Löwenhaupt—„dort drüben, wo das lange Staket iſt?“ Der Steuermann warf ihm einen mitleidsvollen Blick zu glaubte aber ſchon überflüſſig Auskunft gegeben zu haben, und ſtieg, ohne irgend eine der tauſend an ihn gerichteten Fragen weiter zu beantworten, wieder an Deck hinunter, nach hinten auf ſeinen Poſten zu gehn. Aber die Leute bedurften keiner weiteren Weiſung; nur erſt das Auge in etwas gewöhnt die fernen Gegenſtände in ihren einzelnen Umriſſen von einander zu trennen, und zu erkennen, unterſchieden ſie bald ſelbſt klar und deutlich die Maſten unzähliger Schiffe, und Kirchthüme und Kuppeln, die ſich ſcharf gegen den rein blauen Horizont abzeichneten, und bald auch den letzten Zweifel zerſtreuten daß ſie ſich der Stadt, daß ſie ſich dem Ziel ihrer Reiſe näherten. Von dem Augenblick an ſchienen aber auch alle Bande d die mzig ildig uben 43 der Ordnung gelößt zu ſein und New⸗Orleans war vergeſſen, wie das rege bunte Leben um ſie her, an denen noch vor we⸗ nig Minuten ihr Bick mit Entzücken und ſtummem Staunen gehangen. An Land: jeder andere Gedanke erſtarb in dem einen bewältigenden Gefühl, und jeder einzelne Paſſagier ſchien es jetzt ganz beſonders und allein darauf angelegt zu haben, durch Vorziehn ſeines Koffers wie ſonſtigen Gepäcks, ſeiner Kiſten und Hutſchachteln, Körbe und Betten, allen Uebrigen den Weg auf das gründlichſte zu verſperren, und die ſchon ohnedieß im Zwiſchendeck herrſchende Confuſion zu ihrem möglich höchſtenh Grad zu treiben. Vergebens blieb alles Schimpfen und Be⸗ fehlen der Steuerleute; vergebens blieben die Flüche und Ver⸗ wünſchungen der Matroſen, die bald hier bald da über an Deck geſchleppte Kiſten und Kaſten ſtürzten und wegfielen, die Paſ⸗ ſagiere thaten als ob ſie fürchteten man würde ſie nicht von Bord laſſen, wenn ſie landeten, und nun Alles vorbereiteten zu ſchleunigſter Flucht. Der Capitain ging endlich ſogar, was er die ganze Reiſe über noch nicht ein einziges Mal gethan, zu ihnen, und erklärte ihnen daß es ſehr die Frage ſei, ob ſie dieſe Nacht noch überhaupt an Land dürften, denn die Geſund⸗ heits⸗Policey in New⸗Orleans viſitire erſt das Schiff und be⸗ ſtimme dann, ob den Paſſagieren eine augenblickliche Landung g geſtattet werden könne; ſie möchten deshalb ſich nicht überall Platz und Weg verſtellen, da zehn gegen eins zu wetten ſei, daß ſie Beides noch nothwendig brauchen würden, ehe ſie das Schiff verließen. Niemand glaubte ihm. „Jetzt kommt der alte Hallunke nun wir von Bord 14 wollen“ rief Steinert beſonders, doch natürlich erſt als der Capitain außer Hörweite war,„und denkt ſich noch beim Ab⸗ ſchied einen weißen Fuß bei uns zu machen; redet ſüß und dreht den Kopf bald ſo, bald ſo herüber. Er ſoll zum Teufel gehn, wir brauchen ihn jetzt nicht mehr, und thun was wir wollen.“ Der kleine Dampfer hatte indeſſen wacker die Strömung geſtemmt, und ſeine beiden Schiffe dem beſtimmten Landungs⸗ platz merklich näher gebracht. Höher und höher tauchten dabei die Maſten aus dem flachen Lande auf, und dehnten ſich in unabſehbarer Reihe am linken Ufer des Stromes hinauf. Auch gewaltige Häuſermaſſen wurden ſichtbar, die in geſchloſ⸗ ſenen Colonnen den Maſtenwald umzogen und die untere Grenze der Stadt, wenigſtens eine langgeſtreckte Reihe von Häuſern die mit ihr in unmittelbarer Verbindung ſtand, lag ihnen, wie ſie den Strom hinaufſchauten, ſchon gerade gegen⸗ über, von dort ankernden Schiffen wie mit einem feſten Damm umzogen. Clara Henkel hatte indeſſen eine furchtbare Zeit verlebt, und mit keinem Herzen, dem ſie ſich und ihr entſetzliches Schick⸗ ſal anzuvertrauen wagte, die Laſt allein getragen, bis ſie drohte ſie zu Boden zu drücken. Mit dem Bewußtſein welches ent⸗ ſetzliche Verbrechen der Mann verübt, in deſſen Hand ſie die ihre am Altar gelegt, war auch der feſte unerſchütterliche Ent⸗ ſchluß in ihr gereift, von dieſem Augenblick an das Band als zerriſſen zu betrachten, das ſie an ihn gebunden. Aber was jetzt thun?— in dem fremden Lande allein und freundlos; * 45 was beginnen, wie handeln?— Zurück zu ihren Eltern kehren? — alle Pulſe ihres Herzens zogen ſie dorthin und es blieb faſt kein anderer Ausweg für ſie; aber was würde die Stadt dann ſagen, wie würde das müßige Volk die Köpfe zuſam⸗ menſtecken und lachen und ſpotten über die„reiche Amerikani⸗ ſche Braut“ die ſo raſch und allein gebrochenen Herzens zurück⸗ gekehrt in das Haus, das ſie in Glück und Glanz verlaſſen? — Was kümmerte ſie die Stadt, was herzloſe Menſchen, die mit kaltem Blut und lachendem Munde Ruf und Glück einer Welt unter die Füße treten, wenn ſie ſich eine Viertel Stunde die Zeit damit vertreiben können, und doch bebte ſie davor zurück— doch malte ſie ſich mit grauſamer Phantaſie alle die einzelnen kleinen Gruppen aus, alle die Märchen und Erdich⸗ tungen, alle die ſchlauen und nur zu furchtbar wahren Com⸗ binationen die auf ihr Haupt allein dann fallen würden. Und doch, blieb ihr eine andere Wahl? Aber noch eine andere Sorge füllte ihr die Bruſt— konnte ſie ſo, unmittelbar in das väterliche Haus zurück? mußte nicht erſt ein Brief wenigſtens die armen Eltern vorbereiten auf das Schreckliche?— Oh wer rieth— wer half ihr da? Und ja, ein Weſen war an Bord dem ſie ihr Elend klagen, die ſie um Kath um Troſt bitten konnte in ihrem Schmerz. Troſt? allmächtiger Gott wo lag ein Troſt für die Vernichtete— doch Rath, doch Mitgefühl— ein freundlich, theilnahmvolles Wort als Tropfen Lindrung in das Meer von Jammer. Die wackere Frau Proofeſſor Lobenſtein, die ſich ihr ſtets als mütterliche Freundin gezeigt, der durfte ſite vertrauen was ſie zu Boden 46 drückte, was ſie nicht mehr allein zu tragen im Stande war, und ihrem Rath wollte ſie folgen— gehorchen wie ein Kind der Mutter folgt. Aber nicht an Bord ging das an, die ein— zelnen Cajütenwände beſtanden nur aus dünnen Planken, die nicht einmal bis oben hinauf feſt anſchloſſen, ſondern dort einen offenen Rand hatten— die Nebencoye konnte jedes ge⸗ ſprochene Wort verſtehn, und auf dem Quarterdeck ſelbſt waren ſie nie allein. Und konnte ſie warten bis ſie in New⸗Orleans gelandet?— wie ſollte ſie denn von Bord kommen wenn ſie nicht gerade mit Lobenſteins das Schiff verließ, und bat ſie dieſe, ſich ihrer Sachen, ihrer ſelbſt anzunehmen, cehe ſtie ſich der Frau entdeckte, was hätten ſie von ihr denken, was ihrem Gatten gegenüber ſelber da thun können? In Angſt und Verwirrung konnte die Unglückliche zu keinem feſten Entſchluß kommen, und überließ der Zeit, dem Augenblick, das Weitere— ja ſie fing endlich an, als ihr die quälenden Gedanken Tag und Nacht das Hirn zermartert hat⸗ ten, gleichgültig gegen Alles zu werden, was ſie von jetzt ab noch betreffen konnte.— Das Schrecklichſte— das Furcht⸗ barſte war geſchehn, was konnte ſie noch ſchlimmer treffen als der Schlag. Nur das eine ſtand feſt und unerſchüttert in ih⸗ rer Seele— mit ihm keinen Schritt weiter in dieſem Leben. Auf dem Schiffe herrſchte indeſſen ein wildes reges Leben; überall hatten ſich kleine Gruppen gebildet, die das Neue, das ſie umgab anſtaunten und bewunderten, und einander auf friſch auftauchende Merkwürdigkeiten mit Hand und Mund aufmerkſam machten. Und wie die Kinder lachten und jubelten var, dind ein⸗ die dort ge⸗ aren ans ſte ſie ſich rem zu dem die at⸗ 47 ſie dabei, und ſtreckten die Arme danach aus, als ob ſie den Augenblick nicht erwarten könnten, der ſie endlich, endlich in wirklichen Beſitz all dieſer Herrlichkeiten bringen ſollte. Da gab der Dampfer ein plötzliches Zeichen mit der Glocke, die Taue an beiden Borden wurden losgeworfen, und das kleine ſchwarze Fahrzeug glitt im nächſten Augenblick, ſeine Wellen ſchäumend gegen ihren Bug anwerfend, zwiſchen den beiden Koloſſen die er heraufführte vor. Zu gleicher Zeit faſt ſpran⸗ gen die Matroſen der beiden deutſchen Auswanderer⸗Schiffe nach vorn an ihre Anker. „Steht klar da von der Kette— zurück da— fort aus dem Weg!“ ſchrieen die Seeleute durcheinander, und ſtießen die Paſſagiere die nicht gleich begriffen was ſie ſollten, und wem ſie eigentlich im Weg ſtanden, unſanft zur Seite; „Alles klar— laßt los“ kreiſchte eine Stimme und alles Weitere verſchwand in dem Schlag auf's Waſſer, den der An⸗ ker that, und dem furchtbaren Geraſſel der ihm, durch die Klü⸗ ſenlöcher nachſauſenden Kette, die gleich darauf um die Anker⸗ winde geſchlagen das Schiff bis in ſeinen Kiel hinab erſchüt⸗ terte und— hielt. Der Capitain kündigte indeſſen den jetzt unruhig werden⸗ den Paſſagieren an, daß ſie hier zu liegen hätten bis das Sanitäts⸗ und Policeyboot an Bord geweſen wäre, was ſehr wahrſcheinlich bald kommen, und ihnen dann völlige Freiheit laſſen würde, ſo raſch an Land zu gehn wie ſie eben wünſchten. Dagegen ließ ſich Nichts thun, und die Leute behielten jetzt 48 wenigſtens Zeit ſich ihre Umgebung zu betrachten, die ſich man⸗ nigfaltig und bunt genug erwieß. Auf der Straße die ſich dicht am Ufer hinzog, wimmelte es von Menſchen und Wägen; Karrenführer brachten auf zweirädrigen Karren mit einem kräftigen Pferd beſpannt, in faſt ununterbrochenem Zuge Waaren herab gefahren, große Omnibuſſe fuhren auf und ab, Paſſagiere an allen Ecken ab⸗ ſetzend und wieder aufnehmend, Neger mit ſchweren Laſten auf den Schultern eilten vorüber, oder ſtanden in lachenden Grup⸗ pen an den Werften. Reiter gallopirten die Straße nieder, kleine Chaiſen und Wägen kreuzten ſich herüber, und hinüber, und Negerinnen mit Körben oder großen Blechkannen auf den Schultern boten von Haus zu Haus, von Schiff zu Schiff ihre Waaren feil. Und das laute taktmäßige Singen dort drüben, mit dem„Ahoy-y⸗oh!“ der Matroſen dazwiſchen? Ein Trupp von halbnackten Negern lud dort ein franzöſtſches Schiff mit großen Zuckerfäſſern, ein Vorſänger gab dabei Takt und Versmaas an, und während ſechs kräftige Burſchen mit dem rollenden Coloß den hohen Damm der das Ufer einfaßte herunterliefen, den Aufſchlag gegen die ſchräg zum Schiff emporliegende Planke zu bekommen, tanzten und ſprangen die Neger, das Faß jedoch umgebend, daß ſie der geringſten Ab⸗ weichung ſteuern konnten, darum her, und warfen ſich dann alle zugleich, aber immer im Takt ihrer Melodie, und dieſe nicht einen Moment unterbrechend, mit den Schultern dage⸗ gen, es eben ſo raſch die Planken hinauf an Bord zu rollen, als es den Damm allein herunter gekommen. So geſchickt be⸗ ——,——————+f, ———— nahmen ſich die Leute dabei, und ſo anſcheinend leicht lief ihnen das koloſſale Faß unter den Händen fort, daß die Ar⸗ beit wie Spiel ausſah; hätten ſie aber die furchtbar ſchweren und nicht einmal ganz gefüllten Fäſſer, in denen der rohe Zucker immer wie Blei nach unten fiel, langſam rollen wollen, kaum doppelt die Zahl würden ſie dann an Bord gebracht haben. Und wie mit Fahrzeugen belebt war der Strom; wohin das Auge blickte ein reges Drängen und Treiben von Dampf⸗ und Segelſchiffen, und ſchwerfälligen breitmächtigen Ruder⸗ booten und Flößen, die mit der Strömung hinab, tiefer gele⸗ genen Plantagen oder Ortſchaften zuſchwammen. Was für Coloſſe trug dabei die Fluth und die Deutſchen ſtaunten, und hatten Urſache dazu, als breite Dampfboote den Strom nieder kamen, die ſchwimmenden Bergen aufgethürmter Baumwollen⸗ ballen glichen, aus denen oben, während ſie bis unmittelbar über die Oberfläche des Waſſers reichten, nur eben die beiden ſchwarzen qualmenden Schornſteine herausſchauten. Ballen auf Ballen war da gepackt, regelmäßig wie Backſteine in einer Mauer, von dem Rand des unteren Verdecks gerade und ſteil emporlaufend, daß ſelbſt das kleine, vorn oben auf dem höch⸗ ſten Deck ſtehende Lootſenhaus nur eine Oeffnung zum Durch⸗ ſchauen hatte, und Cajüte wie Zwiſchendeck von einer uner⸗ bittlichen Baumwollenwand umſchloſſen blieb.*) Die Erndte brachten ſie nieder aus den reichen Plantagen der ſüdlichen 9„ *) Es giebt Dampfboote auf dem Miſſiſſippi, die ſolcher Art 4000 Amerikaniſche Ballen Baumwolle tragen. Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 4 50 Staaten, aus Teneſſee und Arkanſas, Miſſiſſippi und Loui⸗ ſtana, hier in Schiffe geſtaut und über die Welt verſandt zu werden, während die gewaltigen Boote ſchon nach wenigen Tagen wieder mit Seeſalz, Reis, Kaffee und den Produkten der Tropenländer beladen, ihre Salons und ihre Zwiſchendecks mit Paſſagieren gefüllt, die Rückreiſe nach den nördlichen Staaten antraten. Aber das nicht allein— gerade auf ſie zu kam ein kleiner ſcharfgebauter Dampfer, das untere Deck mit Rindern und Schaafen gefüllt, die in Penſylvanien, zweitauſend engliſche Meilen von hier entfernt, in voriger Woche eingeſchifft wur⸗ den und jetzt beſtimmt ſind den New⸗Orleans Markt auf einen Tag mit friſchem Fleiſch zu verſehn. Die Paſſagiere der Haid⸗ ſchnucke hatten übrigens volle Muße dieß Boot zu beobachten, das dicht an ihnen vorbeilief, eine kleine Strecke weiter dem Lande zu hielt, ſein Boot mit vier Matroſen und dem Steuer⸗ mann darin ausſetzte, und dann plötzlich die Planken los⸗ ſchlug die am hinteren Theil oder steerage deck, das Vieh bis jetzt verhindert hatten über Bord zu ſpringen. Es dauerte auch gar nicht lange, ſo fingen ſich die Rinder, wahrſcheinlich im Inneren geſtört, an zu drängen, und kamen der Oeffnung oder dem Bord, der etwa noch immer zehn Fuß über der Ober⸗ fläche des Stromes lag, näher und näher, bis ein Stier, der die Hörner gegen einen Kameraden einſetzte von dieſem zurück und dem Bootrand zugepreßt wurde, über den er mit den Hin⸗ terbeinen glitt, ſich mit den Vorderbeinen, ängſtlich brüllend, noch einen Augenblick hielt, und dann kopfüber in den Strom Loui⸗ udt zu nigen zukten necks ichen einer und iſche vur⸗ inen aid⸗ ten, dem ter⸗ os⸗ ieh erte ich ng 51 G hinunterſtürzte. Wie er aber wieder nach oben kam, und ſich von dem Boot verhindert ſah ſtromab zu gehn, hielt er raſch dem Lande zu, wo dieſes ſich an einer ſchmalen Stelle zwi⸗ ſchen zwei dort vor Anker liegenden Schiffen zeigte, und das war gerade der Punkt wohin ihn die Burſchen haben wollten, und wo die Käufer ſchon eine kleine Umzäunung hergeſtellt hatten, die an Land ſchwimmenden Thiere in Empfang zu nehmen. Einer nach dem anderen wurde ſo, wenn ſie nicht gutwillig gehn wollten, von Bord hinuntergeworfen, und ihnen folgte, als auch der letzte in Sicherheit war, in Maſſe die Schaafheerde, der man nur einfach den Leithammel voran hineinwarf, als ſich die ganze Heerde auch in größter Eile und Hals über Kopf ihm nachſtürzte. Dieß außergewöhnliche Schauſpiel hatte die Aufmerkſam⸗ keit der Paſſagiere ſo in Anſpruch genommen, daß ſie im An⸗ fang gar nicht bemerkten, wie ein paar Fruchtboote indeſſen an das Schiff herangekommen waren und dieſes jetzt, mit ihrer delicaten Laſt umkreiſten. Ziemlich vorn im Boot ſaß eine ſonngebräunte Geſtalt mit breiträndigem Strohhut, nur mit Hemd und Hoſe bekleidet, und ein buͤntfarbiges Seidentuch locker um den Hals geſchlagen, in jeder Hand ein leichtes kur⸗ zes Ruder mit denen er das zierlich ſchlanke Fahrzeug raſch und behende vorwärtstrieb, und durch die geringſte Bewegung herüber und hinüber lenkte. Von der Mitte des Bootes ab aber, bis hinten zum Spiegel deſſelben lagen, in entzückender Fülle die Schätze der Tropen, wie dieſes ſonnigen Landes auf⸗ geſtapelt und zum Genuß bereit, während in dem Spiegel des 4* 52 einen Boots ein kleiner Capuziner⸗Affe, in dem des anderen ein buntfarbiger Papagei dem reizenden Bild zur Staffage zu dienen ſchienen. Duftige Ananas mit den grüngezackten Kro⸗ nen, rothbäckige Granatäpfel, goldene Apfelſinen, ſaftige Pfir⸗ ſiche, Cocosnüſſe in ihrer braunen Schaale, mehlige Bananen, mit nordiſchen Aepfeln und Birnen und ſchwellenden Trauben, mit Granat⸗ und Orangenblüthen überworfen lagen in wilder Miſchung bunt und wirr und doch ſinnig geordnet, durchein⸗ ander, und die Hände der armen, Salzkoſt gewöhnten und gequälten Auswanderer, ſtreckten ſich nur ſoviel ſehnſüchtiger nach den gezeigten Schätzen aus, als faſt den meiſten die Mittel fehlten, ſich augenblicklich in Beſitz derſelben zu ſetzen. Kleines Geld— oh wer jetzt kleine Amerikaniſche oder Engliſche Münzen hatte, ſich einen Theil des Reichthums da⸗ unten zuzueignen— nur ein einziges Stück den lechzenden Gaumen zu letzen. Und wie ſie durch einander liefen und in den Taſchen ſuchten, und borgen wollten, Einer vom Anderen, und Keiner, wie ihnen das wohl auch oft in der alten Hei⸗ math geſchehn ſein mochte, die landesübliche Münze zu zeigen hatte. Hie und da tauchte aber doch ein Spaniſcher Dollar auf, Früchte mußten gekauft werden, die erſte Landung auch würdig zu feiern, und der Steward wurde dann ebenfalls hinunter geſchickt, für die Cajüte ein reiches und willkommenes Deſert zur Abendtafel einzukaufen. Die beiden Spanier in den Fruchtbooten machten glänzende Geſchäfte an den beiden deutſchen Schiffen. Endlich kam auch das Sanitätsboot und das Schiff „» 2 53 wurde, nach ſehr flüchtiger Unterſuchung, als vollkommen ge⸗ ſund erklärt, wie den Paſſagieren von Obrigkeitswegen geſtat⸗ tet, ſobald ſie wollten oder könnten an Land zu gehn. Es war aber indeſſen auch beinah Abend geworden, und der Ca⸗ pitain erklärte ſeinen Cajütspaſſagieren daß er ſelber allerdings augenblicklich an Land müſſe, und gern von ihnen mitnehmen wolle wer zu gehen wünſche, daß er ihnen aber rathe die Nacht noch an Bord zu bleiben, und dann morgen früh ihre Aus⸗ ſchiffung in Muße und mit Ruhe vorzunehmen. Mit den Zwiſchendeckspaſſagieren wurden ſchon weniger Umſtände ge⸗ macht, und ihnen eben nur einfach angekündigt, daß es für heute zu ſpät ſei ſie auszuſchiffen, und ſie morgen früh, wenn ſie es wünſchten mit Tagesanbruch befördert werden ſollten. Uebrigens hätten ſie heute Abend noch einmal Abendbrod und morgen Frühſtück zu erwarten— wonach zu richten. Von den Cajütspaſſagieren hatten ſich aber eben der Pro⸗ feſſor und die Herren Benkendroff, Henkel, und der Doktor entſchloſſen mit an Land zu fahren, als von dort aus ein Boot abſtieß in dem ein Herr und eine Dame ſaßen und auf die Haidſchnucke zuhielten. Frau von Kaulitz, die ſchon ſeit einer Stunde ungeduldig auf dem Quarterdeck auf⸗ und ab⸗ gegangen war, und dieſen Beſuch in der That erwartet hatte, trat an die Reiling und winkte mit dem Tuch, und das Zei⸗ chen wurde von der Dame im Boot, die in großer Aufregung zu ſein ſchien, beantwortet. Deſto ruhiger blieb aber die alte Dame, die ſchon an dem Nachmittag ihre Whiſtberechnung mit ihren bisherigen Aiden gemacht und ihren Gewinn einge⸗ 54 ſtrichen hatte, während ihre Koffer gepackt und zum Abholen fertig ſtanden.. „Wer mögen nur die Fremden ſein die uns dort beſuchen wollen?“ rief die lebhafte Marie, die ſich nicht ſatt ſehn konnte an ihrer neuen Umgebung und Augen für Alles hatte, was um ſie her vorging. Sie kommen wahrhaftig hierher, gerade auf das Schiff zu!“ „Das iſt meine Tochter, mein Kind“ ſagte aber die alte Dame mit unendlicher Ruhe,„die ſich vor einem Jahre von einem jungen Engländer Namens Bloomfield hat entführen und heirathen laſſen, ohne mein Wiſſen und gegen meinen Willen. Das junge Ehepaar flüchtete damals nach Amerika und ich habe ihnen jetzt, da der Mann ſonſt brav und ordent⸗ lich zu ſein ſcheint uͤnd ſehr vermögend iſt, verziehen und bin gekommen ſie zu beſuchen.“ Es waren dieß die erſten Worte die Frau von Kaulitz je über ihre Familienverhältniſſe, wie überhaupt den Zweck ihrer Reiſe geäußert hatte, und Marie blickte lächelnd zu ihr auf, denn ſie konnte natürlich nicht anders glauben, als daß die alte Dame ſich einen Scherz mit ihr mache, obgleich das ſonſt nicht eben ihre Gewohnheit war. Sie ſah aber auch jetzt ſo ernſt und trocken aus wie nur je, und hatte noch dazu ihre Brille aus ihrem großen ſammetgeſtickten Strickbeutel heraus⸗ geholt, die ſie aufſetzte und die Herankommenden aufmerkſam und forſchend damit betrachtete. Es war eben noch hell genug die Geſichter unten zu erkennen. Das Boot lag jetzt langſeit und die alte Dame ging n n — 55 zweimal auf dem Quarterdeck auf und ab als der Capitain, der an die Fallreepstreppe getreten war der Dame hereinzu⸗ helfen, mit den beiden Fremden den Starbordgangweg herauf kam und ſie zur Quarterdeckstreppe führte. Die junge Dame, ein reizendes kleines zartes Frauchen von vielleicht zweiund⸗ zwanzig Jahren, aber jetzt mit vor innerer Aufregung bleichen und erregten Zügen, eilte voran, dicht hinter ihr folgte ihr Gatte, eine ebenfalls noch jugendliche, aber edle, männliche Geſtalt. Frau von Kaulitz war mitten auf dem Deck ſtehn geblieben ſie zu erwarten. „Mutter— liebe— liebe Mutter!“ rief die junge Frau, flog auf die alte Dame zu und barg, der Fremden die ſie um⸗ ſtanden nicht achtend, ja ſie wohl nicht einmal bemerkend, ſchluchzend ihr Antlitz an ihrer Bruſt. „Mein Kind— mein liebes Kind!“ ſagte Frau von Kaulitz, mit einem unverkennbaren Anflug von Rührung und hob ſie zu ſich auf, küßte ſie und ſtreckte dann ihre Hand dem wenige Schritte hinter ihr ſtehen gebliebenen Gatten entgegen. „Liebe— beſte Mutter!“ rief aber jetzt auch dieſer, tief ergriffen ihre Hand faſſend und an ſeine Lippen ziehend— „können Sie uns verzeihn?“ „Bſt Kinder— keinen Auftritt hier“ ſagte aber Frau von Kaulitz, raſch wieder gefaßt,„komm Pauline— komm, richte Dich auf— ſieh nur die fremden Leute hier um uns her. Ach bitte William haben Sie die Güte und ſehen Sie nach daß meine Koffer und Hutſchachteln hinunter in das Boot kommen.“ 56 „Ich werde Ihnen das ſchon beſorgen, gnädige Frau“ ſagte aber der Capitain freundlich—„iſt das all Ihr Gepäck was hier oben an Deck ſteht?“ „Das iſt Alles— halt Steward meine Whiſtmarken lie⸗ gen noch unten auf meinem Waſchtiſch, in dem kleinen grünen Etui.“ „Hier Jahn— hier Jacob!“ rief der Capitain ein paar ſeiner Leute an—„hinunter mit den Sachen da in's Boot— macht raſch, aber geht mir vorſichtig damit um— hier die drei Koffer und die drei, vier, fünf Schachteln mit den zwei Reiſeſäcken.“ „Wartet Kinder, meine Marken kommen gleich“ ſagte Frau von Kaulitz, als die junge Frau ſie unter Thränen lä⸗ chelnd noch einmal geküßt hatte und dann mit ſich fortziehen wollte—„apropos William, ſpielen Sie Whiſt?“ „Nein liebe Mutter“— ſagte der junge Mann, verlegen lächelnd über die etwas abgebrochene Frage. „Kein Whiſt?“— rief Frau von Kaulitz, faſt erſchreckt ſtehen bleibend—„wo bekommen wir denn heute Abend den dritten Mann her?— Pauline ſpielt.“ „Mein Compagnon ſpielt vortrefflich und wird heute Abend bei uns ſein“ ſagte ihr Schwiegerſohn, jetzt wirklich verlegen. „Ah, das iſt ſchön!“ rief Frau von Kaulitz, ſichtlich be⸗ ruhigt,„und nun kommt Kinder— adieu, adieu!“ ſagte ſie dabei freundlich ihren bisherigen Mitpaſſagieren, von denen ſie ſich in dieſem Augenblick wahrſcheinlich auf immer trennte, — . 57 zunickend— adieu,“ und von dem Capitain geführt, der ſie, jetzt ſchon wieder in ſeinen entſetzlichen Schwalbenſchwanzfrack mit den engen Aermeln hineingezwängt, ſehr artig bis an die Fallreepstreppe begleitete, verließ ſie das Quarterdeck. Der junge Mann folgte ihr, ſeine Frau am Arm, die Cajütspaſſagiere an denen er vorüberging, freundlich grüßend, als ſein Blick auf den, gerade an Deck kommenden Henkel fiel. Faſt unwillkürlich blieb er einen Moment ſtehn und ſah ihn ſtarr an, wie es oft geſchieht daß uns ein Geſicht plötzlich auffällt, dem wir nicht gleich Namen und Stelle zu geben wiſſen in unſerem Gedächtniß. Auch Henkel begegnete, wie es ſchien ebenſo überraſcht dem Blick; beide Männer verbeugten ſich dann leicht gegeneinander und der Engländer verließ, ſeine Frau am Arm das Schiff. Das Boot ſtieß ab von Bord, und die beiden Seeleute die es führten legten ſich kräftig in ihre Ruder, waren aber noch keine vier Längen in den Strom hinausgehalten, als Frau von Kaulitz ein ängſtliches„Halt“ rief. „Ach bitte William, ich habe meinen Regenſchirm an Bord vergeſſen!“ Der junge Mann, der am Steuer ſaß, lenkte den Bug des Bootes raſch wieder herum dem kaum verlaſſenen Schiffe zu, an deſſen Railing der Steuermann ſchon ſtand und mit einem vergnügten Geſicht— er war an derlei gewohnt— hinunter rief: „Etwas vergeſſen, Madame?“ 58 „Meinen Regenſchirm— er ſteht unten in der Coye— ſchwarze Seide mit Elfenbeingriff“— „Nun natürlich“ lachte der Seemann leiſe vor ſich hin, und rief dann laut—„Steward, den Regenſchirm von Frau von Kaulitz“— „Und mein rothſaffian Brillenfutteral muß auch noch unten liegen!“ rief die Dame hinauf. „Steward— rothſaffianen Brillenfutteral“ repetirte der Steuermann—„ſonſt noch etwas, Madame?“ „‚Nein— nicht das ich jetzt wüßte.“— Die Sachen wurden durch einen Matroſen, der die Fall⸗ reepstreppe niederlief, hinunter gereicht, und das Boot ſtieß zum zweitenmale ab. Liebe Mutter, jener Herr Soldegg, den ich auf dem Quarterdeck fand, iſt doch nicht mit Ihnen von Deutſchland, ſondern wahrſcheinlich erſt hier an Bord gekommen?“ frug der junge Mann die alte Dame, als ſie wieder eine kleine Strecke vom Schiff ab waren. „Soldegg?— ich weiß nicht“ ſagte Frau von Kaulitz, „ich kenne die Zwiſchendeckspaſſagiere nicht, und habe den Namen nie gehört.“ „Er ſah nicht aus wie ein Zwiſchendeckspaſſagier, und ſtand auch auf dem Quarterdeck bei den Damen“ ſagte Bloomfield.“ „Soldegg— Soldegg?— kenne ich nicht— vom Land iſt aber auch Niemand herüber gekommen, den Steuerbeamten ausgenommen. 4 4 59 „Dort drüben ſteht er, etwas rechts vom Beſahnmaſt— den meine ich, der jetzt gerade den Hut aufſetzt.“ Die alte Dame, die ihre Brille noch aufbehalten hatte, drehte den Kopf dorthin und ſagte dann: „Das iſt ein Herr Namens Henkel, der ſich eine junge hübſche Frau von Deutſchland geholt hat, aber nicht mit ihr durchgebrannt iſt, wie gewiſſe Leute.“ „Liebe— liebe Mutter“ bat Pauline, tief erröthend, und die Hand nach ihr ausſtreckend— „Schon gut, ſchon gut“ lächelte die alte Dame, die Hand ergreifend und ſtreichelnd— „Henkel?“ ſagte Bloomfield, dem die eben geſehene Perſönlichkeit ſelbſt in dieſem Augenblick nicht aus dem Sinne wollte— indem er ſtill vor ſich hin mit dem Kopf ſchüttelte. „Haben Sie die auffallend ſchöne junge Frau nicht be⸗ merkt, die mit auf dem Quarterdeck ſtand?“ frug Frau von Kaulitz. „Dieſelbe die ſo außerordentlich bleich ausſah?“ „Dieſelbe— das iſt ſeine Frau— aber nehmen Sie ſich um Gottes Willen in Acht. Sie fahren uns ja mitten auf das Schiff hinauf?“ Bloomfield lenkte den Bug des Bootes noch zur rechten Zeit zur Seite, der Rudernde warf ſeinen Riemen raſch aus der Dolle, und das ſchlanke Boot ſchoß, den Augen der ihm nachſchauenden Paſſagiere der Haidſchnucke entzogen, zwiſchen die dort ankernden Schiffe hinein an Land, wo ſchon ein leich⸗ ter eleganter Wagen ſie erwartend hielt. 60 Des Capitains Jölle war indeſſen ebenfalls auf das Waſſer niedergelaſſen und bemannt worden, und der Capitain noch einmal in ſeine Cajüte gegangen ſeine Schiffspapiere, die in einer langen, feſtſchließenden Blechbüchſe ſtaken, mitzu⸗ nehmen, wie Geld und abzugebende Briefe zu ſich zu ſtecken. Schon vorher war ein Mauthbeamter an Bord gekom⸗ men, der aber die Koffer der Paſſagiere, nach flüchtiger Oeff⸗ nung, paſſiren ließ. Einwanderern wird darin viel nachge⸗ ſehn, und wo nicht durch zu große Maſſen odei zu geſchäfts⸗ mäßige Verpackung gegründeter Verdacht vorliegt daß ſich Sachen zum Verkauf darin vorfinden, läßt man ſie keines⸗ wegs ſelten uneröffnet, oder wenigſtens nach ganz oberfläch⸗ lichem Darüberhingeſehn, paſſiren. Clara ging, als Frau von Kaulitz das Schiff verlaſſen hatte, in ihre Cajüte hinab, wohin ihr, wie des Capitains Boot auf das Waſſer niedergelaſſen wurde, Henkel folgte. „Clara“ ſagte da ihr Gatte mit leiſer unterdrückter Stimme, als er den kleinen Raum betrat—„ich gehe heut Abend an Land und kehre vielleicht erſt ſpät, vielleicht erſt morgen Früh zurück. Du wirſt wohl thun Alles indeß zu ordnen daß wir das Schiff dann gleich verlaſſen können— ich werde indeß Quartier für uns beſorgen?“ Clara hatte ihn ruhig angehört, aber ihr Körper zitterte während er ſprach und ſie brauchte Minuten ſich ſoweit zu ſammeln daß ſie ihm nur erwidern konnte, dann aber ſagte ſie mit leiſer, doch von innerer Heftigkeit faſt erſtickter beben⸗ - 61 der Stimme, indem ſie ihm feſt und entſchloſſen in das ſcheu abweichende Auge ſah. „Für uns? für uns?— unſere Bahnen trennen ſich hier— mein Herr— ich kenne Sie nicht mehr und wagen Sie es mich zu zwingen.“ „Du biſt eine Thörin, Clara“— ſagte Henkel unge⸗ duldig—„was helfen Dir die unnützen Reden— wer ſoll Dir hier Beſchuldigungen, die Du etwa vorbringen könnteſt, glauben. Sek vernünftig“ ſetzte er dann ruhig hinzu—„laß den wahnſinnigen Verdacht, den Du nun einmal kindiſcher Weiſe gegen mich gefaßt zu haben ſcheinſt, fahren, und füge Dich in das Unvermeidliche. Du kennſt die Amerikaniſchen Geſetze nicht.“ „Und Du wagſt es mir mit dem Geſetz zu drohen?“ rief aber jetzt Clara, in furchtbarer Aufregung ſelbſt den Ort vergeſſend an dem ſie ſich befanden, und wie leicht ſie von Anderen in dem belauſcht oder gehört werden konnten was ſie ſprachen—„Du zitterſt nicht, nur vor dem Namen des Rich⸗ ters, dem Dein Kopf verfallen wäre, wenn Gerechtigkeit nicht eine Lüge hieß.“ „Du biſt wahnſinnig!“ ziſchte der Mann, in ſcheuer Furcht daß die Worte draußen zu dem Ohr eines Dritten ge⸗ drungen wären, durch die zuſammengebiſſenen Zähne—„ich will Dir Zeit geben Dich zu ſammeln;“ und die Thure öff⸗ nend, die er wieder hinter ſich ins Schloß drückte, verließ er raſch die Cajüte. Clara aber blieb wie ſie der Gatte ver⸗ laſſen, die Augen in grimmen Zorn feſt auf die Thüre geheftet durch die er verſchwunden, ſtehn und wollte ſich dann um⸗ drehen ihren Sitz wieder einzunehmen. Die Aufregung jedoch und Alles was das arme Herz in den letzten Tagen bedrängt und jetzt in furchtbarer Gewalt wieder über ſie hereinbrach, war zu viel für ſie geweſen, ſie fühlte wie ihr die Sinne ſchwanden— ſie wollte rufen, aber vermochte es nicht mehr— einen Moment hielt ſie ſich an der Coye neben der ſie ſtand, aber vor ihren Augen dunkelte es, die Cajüte drehte ſich mit ihr und bleich und lautlos brach ſie ohnmächtig zuſammen. „Nun meine Herren, wer mich begleiten will“ ſagte der Capitain der wieder in ſeinen unbequemſten„geh zu Ufer“ Kleidern, mit der„Schraube“ auf dem Kopf an Deck ſtand und die Arme ausdehnte ſeinen Ellbogen nur einigermaßen Luft zu gönnen—„es iſt Alles bereit.“ „Mit dem größten Vergnügen Herr Capitain“ rief der Doktor, der, von Herrn von Benkendroff und dem Profeſſor gefolgt, voranſprang, damit wenigſtens nicht auf ihn gewartet würde. Henkel, eine breite Geldtaſche umgehangen ſtieg lang⸗ ſam nach. „Aber wo iſt Ihre Frau?“ rief ihm Hopfgarten nach, „die ſollten Sie doch jedenfalls mit an Land nehmen, und wenn es nur wäre einen kleinen Spatziergang auf feſtem Grund und Boden zu machen— die Landluft würde ihr auch gewiß gut thun.“ Henkel gab eine ausweichende Antwort, und die Cajüts⸗ paſſagiere verließen, von ihren Zwiſchendecks⸗Reiſegefährten beneidet, das Schiff. 63 Die Nacht war indeſſen vollſtändig angebrochen, die Ca⸗ jütslampe angeſteckt und der Thee für die wenigen zurück⸗ gebliebenen Cajütspaſſagiere, während Herr Hopfgarten die Honneurs machte, ſervirt worden. „Aber Clara fehlt wieder“ ſagte Marie, von ihrem Sitze aufſtehend, und an die Thür der Freundin tretend, an die ſie mit dem Finger klopfte—„Clara, der Thee iſt ſervirt, haſt Du die Klingel nicht gehört?“— Keine Antwort. „Clara— biſt Du wieder krank?“ frug das junge Mäd⸗ chen lauter und ängſtlich— Alles blieb todtenſtill in dem kleinen dunklen Gemach, und vorſichtig und leiſe die Thür öffnend ſtieß ſie einen Angſtſchrei aus, als ſie die Freundin ausgeſtreckt und beſinnungslos auf dem Boden ihrer Cajüte liegen ſah. Der Schrei machte aber ſämmtliche Paſſagiere von ihren Sitzen aufſpringen und zu ihr eilen, der Steuermann hakte raſch die in der Cajüte hängende Lampe aus und folgte, und während Marie und Anna die Ohnmächtige aufhoben, rief Hopfgarten: „Es iſt nur ein Glück daß der Doktor nicht an Bord iſt“ und ſprang, ſo ſchnell er konnte die Cajütstreppe hinauf in das Zwiſchendeck nieder, dort den jungen Arzt zu erſuchen einen Augenblick in die Cajüte zu kommen— gleichzeitig rief er Hedwig, ihrer Herrin beizuſtehen. Die Mädchen hatten indeß die junge Frau auf ihr Bett gelegt, und ihr das Kleid geöffnet als Georg Donner, von 64 Hopfgarten eingeführt und von Hedwig gefolgt erſchien und durch leichte Mittel die Kranke bald wieder zu ſich brachte. Schwerer aber wurde es ihm zu beſtimmen was ihr eigentlich fehle, denn ihr Blut ging ruhig, von Fieber war keine Spur, und ihr Blick doch ſo ſtier und dann wieder unſtät, wie ängſt⸗ lich und ſcheu nach Jemand forſchend den ſie zu ſuchen ſchien; das Antlitz dabei ſo todtenbleich, das Auge eingefallen und trüb, daß er zuletzt faſt fürchtete dieſe Schwäche ſei die Vor⸗ botin einer größeren, ſchwereren Krankheit, die noch unaus⸗ geſprochen in ihr ruhe. Er bat ſie deshalb ſich für jetzt nur ruhig in ihrem Bette, neben dem Hedwig die Nacht ſchlafen ſollte, zu verhalten, ihm ſelber aber zu erlauben ſie noch ein⸗ mal nach Mitternacht zu beſuchen etwaigen, dann vielleicht deutlicher ausgeſprochenen Symptomen raſch begegnen zu können. Die übrige Geſellſchaft erſuchte er die Kranke am Beſten ſich ſelber und der Sorge Hedwigs zu überlaſſen, und zog ſich wieder, nach einem herzlichen Händedruck Hopfgartens, dem der junge Mann ungemein gefallen, in das Zwiſchendeck zurück. ———————-— —-—— Capitel 3. An Land. Die Nacht war ſtill vergangen, die Kranke aber erſt mit anbrechender Dämmerung in einen ruhigen wohlthätigen Schlaf gefallen, in dem ſie der junge Arzt unter keine Bedingung ge⸗ ſtört haben wollte. Dazu hätte es aber freilich keinen unglück⸗ ſeligern Tag an Bord geben können, wie gerade heute, wo das Schiff mit Tagesanbruch eben an Land gelegt werden ſollte, und die damit verbundenen Arbeiten das ganze Fahrzeug bis in den Kiel hinab erſchüttern machten. Jedenfalls mußte die Kranke je eher deſto beſſer, an das Ufer geſchafft werden, dort die nöthige Ruhe und Pflege zu erhalten, wo ſich hoffen ließ daß ſie ſich auch bald erholen würde, und Georg Donner be⸗ ſchloß deshalb ſelber mit Herrn Henkel zu reden, ſobald dieſer zurück an Bord kommen würde. Das geſchah bald nach Sonnenaufgang und Henkel, der aber ſehr ruhig über den Fall und feſt überzeugt ſchien, daß Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 5 66 es als ein leichtes Unwohlſein bald vorüber gehen würde, verſicherte ihn er habe ſchon ihr Quartier und Alles in Ord⸗ nung gebracht, und gab ihm dabei zu verſtehn daß ein ſehr in⸗ timer Freund von ihm einer der ausgezeichnetſten Aerzte der Stadt ſei, der, ſollte das Unwohlſein wirklich bedeutendere Folgen haben, mit den klimatiſchen Verhältniſſen hier bekannt, die Kranke bald wieder herſtellen würde. Uebrigens dankte er ihm für die ſeiner Frau geleiſteten Dienſte und ſchien einen Augenblick ſogar unſchlüſſig ob er ihm ein Honorar dafür an⸗ bieten dürfe oder nicht; Donner jedoch, der etwas Aehnliches fürchten mochte, und zu ſtolz war ſeine Hülfe weiter aufzudrän⸗ gen, ſchnitt die Unterredung kurz ab, und rüſtete ſich jetzt ſelber ſo raſch als möglich das Land betreten zu können. An Bord herrſchte indeſſen ein reges, geſchäftiges Leben. Schon mit Tagesanbruch hatten die Seeleute den Anker ge⸗ lichtet und zu gleicher Zeit mit dem Boot ein Tau nach dem nächſt liegenden Schiff gebracht, wohin ſie ſich jetzt mit dem vorderen Gangſpill bugſirten, und um ac Uhr etwa lag die Haidſchnucke mit ausgeſchobenen un hefeſtigten Planken, ihre Fracht und Paſſagiergüter bennem ausladen zu können, ddicht an der Levée— ein Platz den ich dem Leſer ſpäter näher beſchreiben werde— und der Vorſtadt von New⸗Orleans, dem zum großen Theil von Deutſchen bewohnten Lafayette gerade gegenüber. Etwa zwanzig Schritt unterhalb, an derſelben Stelle lief zu gleicher Zeit das Hamburger Schiff an, das mit ihnen zugleich, und von einem Dampfer geſchleppt, aus dem Golf von Merxico heraufgekommen war. Welche Mühe hat⸗ —-——— 67 ten ſich die Paſſagiere dabei vorher gegeben dieß Schiff zu be⸗ treten; wie hatten ſie den Steuermann und Capitain gequält, und als es ihnen die nicht erlaubten, geflucht und geſchimpft. Jetzt hätten ſie es ungemein bequem haben können, ihre halben Reiſegefährten zu beſuchen— jetzt, wunderbarer Weiſe, dachte aber Niemand von ihnen mehr daran, auch nur mit einem Schritt hinüber und an Bord zu gehn, und Jeder drängte und trieb nur, hinauszukommen an Land, Amerika erſt einmal un⸗ ter den Füßen zu fühlen, und ſich dem wohlthuenden Bewußt⸗ ſein hingeben zu können endlich— endlich, nach allen ausge⸗ ſtandenen und erlittenen Drangſalen und Beſchwerden das heiß erſehnte Ziel erreicht zu haben. Ein Theil der Männer hatte ſich übrigens ſchon mit Tagesanbruch, und zwar mit dem Boot welches das Tau an Bord des anderen Schiffes brachte, an's Ufer ſetzen laſſen die dortigen Verhältniſſe von einzelnen, gewiß anzutreffenden Landsleuten zu erfahren, und ſich gleich zu erkundigen ob nicht irgendwo in der Nähe Arbeit zu bekommen wäre. Sie mußten doch erſt einmal ein Unterkommen für die Familie und ihr Ge⸗ päck haben, wonach ſie ſch dann weiter und bequemer um⸗ ſchauen konnten. Unter ihnen waren die Oldenburger,(die beſonders drängten und trieben, damit ihnen„die von dem Hampburger Schiff“ nicht zuvorkämen) Steinert, Löwenhaupt, Rechheimer, Wald und Eltrich, der ebenfalls ein Quartier für ſeine kleine Familie zu ſuchen hatte, da er beabſichtigte New⸗Orleans zu ſeinem nächſten Wohnſitz und Aufenthalt zu wählen, und noch einige der Handwerker und Bauern an 5* Bord. Sie wollten die Zeit benutzen, bis ihre Sachen gelan⸗ det werden konnten. Es war noch die frühſte Morgenſtunde, nichts deſtoweni⸗ ger ſchwärmte die Levéer*) ſchon— da in dem warmen Klima faſt alle Geſchäfte Morgens beendet werden, von thätigen Leuten, die ſich Alle in größter Eile durcheinander drängten, und die Neugekommenen kaum eines Blickes würdigten. Schwer⸗ gepackte zweirädrige und eigenthümlich gebaute Karren, mit einem kräftigen Pferd beſpannt, zogen in faſt ununterbroche⸗ ner Reihe den verſchiedenen Schiffen zu oder in die Stadt hinein, und abgeladene trabten, mit dem Führer vorn darauf ſtehend, raſch wieder zurück, neue Fracht zu holen. Kleine ein⸗ *) Die Levée von New⸗Orleans iſt von New⸗Orleans ſelber nicht zu trennen, denn ſie macht den Hauptbeſtandtheil der Stadt aus und iſt ihr einziger Schutz gegen den oft 12—15 Fuß höher ſteigenden Strom. Das ganze ufer des Miſſiſſippi iſt nämlich ſo niedrig, und war den jähr⸗ lichen Ueberſchwemmungen des gewaltigen Stromes ſo ausgeſetzt, daß die Anſiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm am ganzen Ufer des Stromes hin errichten mußten. Die Franzoſen, unter deren Regierung dieſer Damm beſonders angelegt wurde, gaben ihm den Namen Levée, den die Amerikaner ſpäter adoptirten, und die Levée von New⸗Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt über acht Engl. Meilen weit herunter läuft iſt, mit einer durchſchnittlichen Breite von 100 Fuß und 15 Fuß über niedriger Waſſer⸗Höhe angelegt, ein eben ſo langer Landungs⸗ und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmaſſen, die dort täglich aus dem Inneren und für das Innere beſtimmt, gelandet und geſchifft worden, und läuft nach der Stadt zu in einem ſanften Abhang nieder, während nach dem Strom hin, wo dieſer ſelber eine nicht unbedeutende Strecke neuen Alluviallandes angeſpühlt hat, hie und da ſchon hölzerne Werfte errichtet werden mußten, die Waaren trocken und leicht landen zu können. —pI 69 ſpännige Milchkarren, mit einer Maſſe blechener Kannen be⸗ packt, raſſelten über das Pflaſter; wunderhübſche Mulatten, und Quadroonmädchen, ſchlank und voll gewachſen, mit ela⸗ ſtiſchem Gang, ein buntfarbiges Tuch kokett um das dunkle Haar geſchlagen, boten Blumen und Früchte aus; Männer und Knaben, mit Körben und kleine Glaskaſten umgeſchnallt in denen eine Maſſe verſchiedener Kleinigkeiten zum Ver⸗ kauf auslagen, ſtanden an den Ecken oder wanderten an den Schiffen entlang, ihre Waaren mit ungemeiner Zungenfertig⸗ keit und meiſt in einer ſchauerlichen Miſchung von Engliſch⸗ Franzöſiſch und jüdiſchem Deutſch feil bietend. Dann die Kaufläden, die wunderlichen großen Schilder mit den rieſigen Buchſtaben, die Heerden von Vieh, die ſich, hier in der Vorſtadt, mitten durch die Menſchenſchaaren dräng⸗ ten, oder gedrängt wurden, ihrem Beſtimmungsort, dem Schlacht⸗ platz zu, die Maſſe von Negern und Mulatten, Meſtizen, Quadroonen, mit allen nur erdenklichen Schattirungen von Weiß und Gelb zu Schwarz und Braun, die eleganten Cabrio⸗ lets neben den ſchmutzigen Marktwägen die Früchte und Ge⸗ müſe aus dem Inneren zur Stadt bringen; es war ein Gewirr von Sachen daß die Einwanderer, von denen ſich nur Eltrich getrennt hatte ſeine eigenen Geſchäfte deſto raſcher beſorgen zu können, nicht Augen genug zu ſehen, nicht Ohren genug zu hören hatten, und im Anfang wirklich wie von einem wilden, hirnverdrehenden Traum befangen an der Levée hinauf, der eigentlichen Stadt zugingen, und herüber und hinüber geſtoßen, denn ſie ſchienen allen Menſchen heute im Weg, endlich un⸗ 70 fern von da ſtehen blieben wo eine Anzahl Männer und Frauen, neben aufgeſchichteten Kiſten und Koffern auf der Levée ſaßen und das Wogen und Drängen der Weltſtadt ſtill und die Hände in den Schooß gelegt, an ſich vorüber ſtrömen ließen. „Das ſind Deutſche!“ rief Steinert, mit der Hand nach ihnen hinüber deutend—„die können uns auch vielleicht Aus⸗ kunft geben wohin wir uns am Beſten wenden, mitten in die Stadt zu kommen; wir wollen ſie jedenfalls fragen.“ „Und wo wir hier Arbeit kriegen“ ſagte da ein Olden⸗ burger,„Donnerwetter, ſeit wir hier auf dem Damm herum laufen iſt mir ganz wunderlich zu Muthe geworden; ich glaubte erſt wir würden den Fuß nicht an Land ſetzen können, ohne daß die Amerikaner auf uns zukämen, und uns frügen was wir den Tag oder Monat für Lohn haben wollten, und jetzt bekümmert ſich keine Menſchen⸗Seele um uns, und die Leute thun gerade ſo, als ob wir gar nicht in der Welt wären.“ „Guten Tag Landsleute“ ſagte Steinert als ſie ſich den Leuten näherten, und die Männer und Frauen drehten raſch den Kopf nach ihm um, und erwiederten den Gruß. „Auch erſt angekommen?“ frug der eine Oldenburger den ihm nächſt ſitzenden, einen alten Mann mit braunledernen kurzen Hoſen, baumwollenen langen Strümpfen, eine blaue Jacke mit bleiernen Knöpfen darauf, weiß und blaugeſprenkelte Weſte und eine Pelzmütze auf. „Jes“ ſagte der Mann,„ſeit geſtern Morgen.“ „Und ſpricht ſchon Engliſch?“ lachte Steinert. e 71 „Jes a Bisle“ ſagte der Mann wieder, aber mit einem wehmüthigen Zug um den Mund, als ob es ihm leid thue. „Und weshalb ſitzt Ihr hier und verpaßt die ſchöne Zeit?“ rief Steinert,„oder wartet Ihr auf ein Dampfboot, den Fluß hinauf zu gehen?“ „Wir ſitzen hier, weil uns der Capitain nicht länger an Bord behalten und nicht wieder mitnehmen wollte“ ſagte der Mann finſter. „Wieder mitnehmen?— nach Deutſchland?“ „Jes.“ „Aber um Gottes Willen weshalb?“ „Weil wir nicht gern gleich die erſte Woche verhungern möchten in Amerika“ ſagte der Mann und die Frau die neben ihm ſaß preßte ihr Kind feſter an ſich und wandte den Kopf ab, daß die Fremden die Thränen nicht ſehen ſollten, die ihr in den Augen ſtanden. „Iſt es ſo ſchlecht hier?“ frug der andere Oldenburger raſch. „Schlecht?— das weiß ich nicht“ ſagte der Mann— „aber wir ſind unſerer ſechſe geſtern den ganzen Tag von Morgen bis Abend herumgelaufen Arbeit zu ſuchen und Brod zu finden, und Niemand hat uns haben wollen, und Geld haben wir auch nicht mehr uns Proviſionen zu kaufen. Geſtern hatten wir noch Schiffszwieback den wir vom Bord mitgenommen— heute werden wir von den halbfaulen Apfel⸗ ſinen und Aepfeln leben können, die die Obſtweiber fortwerfen.“ „Aber ſollen denn Eure Sachen hier im Freien liegen 72 bleiben? frug ſie Steinert kopfſchüttelnd;„es wird doch wohl gewiß Plätze geben wo Ihr die unterbringen könntet.“ „Ja es giebt ſo Häuſer, die ſie hier Bordinghäuſer nen⸗ nen“ ſagte ein Anderer—„aber die verlangen gleich Geld, oder die Sachen in Verſatz, weil wir mit Frauen und Kindern ankämen, und ſie die überdieß nicht gern einnehmen wollen. Das iſt nun Amerika— jetzt ſind wir dal und der Mann ſtützte ſeinen Kopf in beide Hände, holte tief Athem, und ſah ſtill und ſtarr vor ſich nieder eine ganze Weile lang. „Seid Ihr auch eben erſt angekommen?“ frug der Erſte wieder. „Ja“ ſagte der eine Oldenburger, aber ſehr kleinlaut— „heute Morgen— vor einer halben Stunde etwa.“ „Und habt Ihr auch Frauen mit?“ frug die eine Frau. 4 mit leiſer Stimme, aber es lag ein ſolcher Schmerz darin, daß es ſelbſt Steinert unbehaglich zu Muthe wurde, und er raſch 43 ſagte: „Ihr müßt nicht verzagen Leute; Wetter noch einmal, die gebratenen Tauben fliegen Einem nicht in's Maul, und Ihr ſitzt hier gerade ſo, als ob Ihr darauf wartetet. Ihr ſeid geſund und kräftig, und allen Solchen fehlt es in Amerika nicht, das iſt eine allbekannte Sache.“ 8 „Wenn man aber nun Nichts zu eſſen, und auch Nieman⸗ den hat der Einem was giebt?“ ſagte einer der Anderen wie⸗ der.„Ihr habt klug reden— vielleicht die Taſchen noch vol! Geld und keine Weiber und Kinder, aber lauft erſt einmal in der ganzen Stadt in der Hitze Perun von Haus zu Haus, und 7. 73 fragt nach Arbeit, und werdet überall fortgeſchickt, und wißt dann daß Eure Kinder am Fluß ſitzen und nach Brod ſchreien. — Ich bleibe jetzt hier ruhig hocken,“ ſetzte er dann mit finſte— rem Trotz hinzu,„und will eben einmal ſehn ob uns die Amerikaner hier auf der Straße verhungern laſſen oder nicht.“ „Und ſeid Ihr allein mit dem Schiff gekommen?“ frug ihn Wald, der indeſſen heimlich in die Taſchen gegriffen und einen halben Dollar herausgenommen hatte. „Nein, wir ſind ihrer noch mehr“ ſagte der Erſte—„die Anderen ſind wieder ausgegangen heut Morgen und ſuchen Arbeit oder Brod— wenn wir nur Milch für die Kinder hätten.“ „Da hab' ich gerade vorhin einen halben Dollar auf der Straße gefunden“ ſagte Wald, das Geldſtück der Frau hin⸗ haltend—„Euch thuts hier wahrſcheinlich mehr Noth, denn ich habe keine Familie— nehmts!“ Die Frau zögerte,— die Hand zuckte ihr nach dem Sil— ber, aber unſchlüſſig ſah ſie dabei nach dem Mann hinüber, ob ſie es nehmen dürfe; da warf ihr Wald das Geld in den Schooß und ging raſch die Straße hinunter, in deren dichten Getümmel er im nächſten Augenblick ſchon verſchwunden war. „Du— haſt Du geſehn daß der Jude den halben Dollar gefunden hat?“ frug der eine Oldenburger den andern leiſe, als ſie die Straße wieder hinaufgingen. „Ne“ ſagte der. „Ich auch nicht— paß man ein Bischen auf, vielleicht 74 finden wir auch was“ meinte der Erſte wieder und betrachtete von da an die Levée mit höchſt mistrauiſchen Blicken. Auf Steinert hatte dieſe Begegnung aber einen höchſt un⸗ angenehmen Eindruck gemacht, und Amerika ungemein viel in ſeinen Augen verloren. Da waren Leute— geſund, kräftig und ſtark, die Arbeit ſuchten und keine finden konnten, und ſich vor dem Hungertode fürchteten— zu Hauſe aber hatten ihm die Auswanderungs⸗Agenten ganz andere Geſchichten er⸗ zählt, und in Büchern konnte er ſich auch nicht erinnern, ſchon etwas Aehnliches geleſen zu haben. „Verfluchte Geſchichte das,“ murmelte er dabei vor ſich hin„ich weiß nicht was ſoll es bedeuten, daß ich ſo traurig bin”—„ganz verfluchte Geſchichte das.— Aber die Leute haben keine Empfehlungsbriefe, das iſt die Sache, und keine Lebensart— wiiſſſen ſich nicht zu benehmen, nicht in die Schwächen und Fehler ihrer Mitmenſchen zu ſchicken oder dieſe zu benutzen— vertrauen zu wenig auf ihre eigene Kraft— bitte um Entſchuldigung“ unterbrach er ſich in dem Augenblick ſelbſt, als er von einem rieſigen Irländer, der ſich aber nicht weiter um ihn kümmerte, faſt über den Haufen geworfen wurde —„hm, der Weg war doch breit genug“ brummte er dann hinter ihn her und ſetzte, immer noch kopfſchüttelnd aber doch jetzt etwas vorſichtiger, ſeinen Weg in das Innere der Stadt fort. Wald hatte ſich indeß in das dickſte Gedräng geworfen, wo er plötzlich voll und breit gegen einen holzernen, mit klei⸗ nen Glasſcheiben verſehenen Kaſten anlief, über dem er zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen ein bekanntes Geſicht entdeckte. ————— 75 „Roſengarten— Gottes Wunder wo koinmſt Du her?“ rief er überraſcht aus, während er den Kaſten mit beiden Hän⸗ den feſthielt und dem Träger deſſelben, der ihn an ein paar breiten ledernen Riemen über die Schultern gehängt trug, in das Geſicht ſchaute. Wald! als ich geſund will bleiben—, tri'scaleng a piece trois bits„drei Real's Stück, beſter Qualität werry fine bong!“ rief der junge Burſche in einem Athem den Freund begrüßend und in allen möglichen Sprachen ſeine Waaren zu⸗ gleich ausbietend, keine unnöthige Zeit zu verſäumen— wer you come from?“ tri'scaleng— only tri bits Schentel⸗ man, werry fine bong!“ „Hallo“— lachte aber Wald in das Gewirr von Aus— rufen hinein, die nicht allein von dem neu gefundenen Freund, ſondern von allen Seiten und allen Arten von Ausrufern und Ausruferinnen in ſeine Ohren ſchwirrten und ihn taub zu machen drohten„mit mir mußt Du ſchon noch deutſch reden, ſonſt verſtehe ich keine Sylbe.“ „Juſt from Schermany gekommen?“ rief aber der kleine Jude ihn erſtaunt anſehend„und was mache ſe in Bamberg? ſtehen die vier Thirmle noch?“ tri scaleng a piece—„only tri bits, trois scaleng werry bong! who will puy?“ Wald ſah wohl daß mit dem Burſchen hier auf offener Straße, wo er jeden Menſchen in Verdacht hatte ſeine Waaren kaufen zu wollen, Nichts anzufangen ſei, ſo alſo, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, kroch er ihn unter dem Kaſten weg, faßte ihn hinten am Rockſchoß, und zog ihn, während — 76 dieſer noch unverdroſſen ausſchrie, rückwärts aus dem dichteſten Gewirr hinaus einer verhältnißmäßig ſtilleren Straße zu, die gerade dort wo ſie ſich befanden auf die Levée ausmündete. Dieſe Straße mit ihm hinaufgehend kamen ſie bald zu einem Haus an dem auf weißen Schild mit grünen Buchſtaben „Deutſches Koſthaus“ geſchrieben ſtand, und da Beide noch nüchtern waren, verſtändigten ſte ſich leicht dort hinein zu gehn und während der Mahlzeit eine Viertelſtunde mit einander zu plaudern. Roſengarten war um ſo eher damit einverſtanden, als er dabei auch nicht ſo viel Zeit unnöthig zu verſäumen brauchte, denn eſſen mußte er doch. „Aber um Gottes Willen was haſt Du nur heute Mor⸗ gen gerade ſo viel zu thun?“ frug ihn Wald—„ſo früͤh wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.“. „So früh?“ rief aber der kleine Burſche—„ſo früh, und ſo viel zu thun?— kein Menſch kann das wiſſen, und Geld muß der Menſch hier machen, wenn er leben will; jede Vier⸗ telſtunde alſo die man verſäumt, macht man kein Geld, und die iſt verloren, kommt nicht wieder!“ Er kauderwelſchte dabei das wenige was er ſprach ſo furchtbar in dem nichtswürdigſten Engliſch und Franzöſiſch, mit ſogar einigen ſpaniſchen Brocken, wie eben ſo ſchlechtem Deutſch durcheinander, daß ſich Wald wirklich die größte Mühe geben mußte, nur zu verſtehen was er im Ganzen ſagen wolle, denn die einzelnen Sätze hatte er ſchon lange aufgegeben. Der Bericht aber, den der kleine Burſche von ſich ſelber und ſeinen Erfolgen gab, war ungefähr kurz der folgende: Vor kaum —2— 8+8— ꝑ&O— 77 einem Jahr von Bamberg ausgewandert hatte er, hier ange⸗ kommen, zuerſt Monate lang vergebens geſucht bei irgend ei⸗ nem Landsmann und Glaubensgenoſſen in ein Geſchäft auf⸗ genommen zu werden. Was in einem ſolchen zu thun war, beſorgten die Leute Alles ſelbſt, und als er das letzte Geld, wenige Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wußte er in Verzweiflung wirklich nicht was er beginnen ſollte. Ein Lands⸗ mann, den er endlich um Unterſtützung anzugehn gezwungen war, gab ihm kein Geld, ſondern borgte ihm ein Dutzend baumwollene Hoſenträger, mit denen er ihm ganz ernſthaft rieth ein Geſchäft ſelber zu beginnen, und er folgte dem Rath. Die Hoſenträger bezahlte er nicht, ſondern borgte bei einem Anderen einige Kämme, Zahnbürſten, Band und Stecknadeln, ꝛc. Auch dieſe trugen gute Früchte, und in drei Monaten konnte er ſich einen Glaskaſten mit ſolch werthvollen Gegenſtänden anſchaffen, daß er ſich jetzt zu einem drei Real*) pro Stück Krämer emporgeſchwungen hatte, und goldene Ringe und Tuch⸗ nadeln, Meſſer, Dolche, kleine Piſtolen, Uhrketten, Ohrringe und überhaupt Byjouterieen in den Straßen der Stadt, als wandernder Tabulettkrämer feil bot. Amerika war übrigens das Land„Geld zu machen“ ſeiner Ausſage nach, und die Leute die drinnen hungerten, deren eigene Schuld ſei es, und ſie verdienten es eben nicht beſſer. Die Mahlzeit hatte indeſſen begonnen und Wald fand ſich hier ebenfalls in einer fremden ungewohnten Welt, der das *) Etwa ein halber Thaler. 78 bisher ertragene Schiffsleben nur einen noch höheren Reiz ver⸗ lieh. Der lange Tiſch, an dem eine Maſſe Menſchen ſaßen und, ohne mit einander ein flüchtiges Wort zu wechſeln, ihr Eſſen mehr einſchlangen als verzehrten, ſo raſch als möglich wieder fertig zu werden, die Quantität der Speiſen ſelber, und friſches Brod, friſches Fleiſch, gekochte Eier, und Milch und Zucker im Kaffee, lauter Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang ſchmerzlich vermißt, und ſpäter faſt vergißt, daß ſie überhaupt exiſtiren, bis ſie mit einem Male ſämmtlich wieder in Armes Bereich auftauchen, hatten einen viel zu großen Reiz für ihn, nicht ſelbſt ſeine Amerikaniſche Zukunft für den Augenblick in den Hintergrund zu drängen, und als Roſengarten— dem der Boden unter den Füßen an zu brennen fing, bis er wieder hinauskam auf dem Schauplatz ſeiner Thaten— ihm die Adreſſe des eignen Koſthauſes gegeben hatte, wo ſie ſich heute Abend wieder finden wollten, und dann fortgeeilt war ſein Aus⸗ ſchreien auf's Neue zu beginnen, blieb er noch eine ganze Weile an dem Tiſch ſitzen und gab ſich dem behaglichen Gefühl hin, wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen Stuhl aus ſeine Beine unter einen Tiſch ſtrecken zu können, auf dem es der Mühe werth war einen Teller ſtehn zu haben, und nicht mehr, wie bisher, mit einem Blechnapf voll Erbſen und einem Stück ſalzigen Fleiſch auf den Knieen ſo lange zu balanciren bis das Bischen Eſſen nur des Hungers, nicht des Wohlgeſchmacks wegen hintergewürgt war. Von den übrigen Paſſagieren hatten ſich übrigens die wenigſten ſchon dem Genuß einer ordentlichen Mahlzeit hin⸗ geben können, denn jetzt auf ihre eigenen Kräfte angewieſen einen Beginn in dem neuen Land zu finden, mußten ſie vor allen Dingen einen Platz ſuchen, von dem ſie ausſpringen konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen für ihre künftigen Hoffnungen. Das aber war ein ſchwieriges und wichtiges Ge⸗ ſchäft, da von dem einen Schritt vielleicht ihr ganzes künftiges Glück oder Unglück abhing, und die Folgen, wie ſie den An— fang nahmen, ſegensreich oder verderblich werden mußten. Profeſſor Lobenſtein beſonders mit ſeiner zahlreichen Familie und den, an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie mit einer enormen Maſſe Gepäck(die ihn doch jetzt etwas be⸗ ſorgt machte, da er ſie von dem Schiff nehmen ſollte ohne ge⸗ nau zu wiſſen wohin) war gezwungen einen Entſchluß zu faſſen, ob er in New⸗Orleans eine Zeitlang bleiben, oder mit einem der Flußdampfer, von denen an jedem Tag drei oder vier, oft noch mehr, ſtromauf gingen, einem anderen, etwas mehr nördlich gelegenen Klima zueilen wolle. Henkel, deſſen Meinung er darüber ganz beſonders ſchon unterwegs eingeholt, und der außerdem ſeine eigenen Gründe hatte den Profeſſor mit ſeiner Familie ſo raſch als möͤglich von New⸗Orleans zu entfernen, rieth ihm unbedingt zu dem letzteren Weg. Louiſiana war nicht allein ein Sclavenſtaat, ſondern ein faſt nur Zucker und Baumwolle zum Export pro⸗ ducirendes Land, in dem ſich ein neuer Anſiedler, wenn er nicht mit bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat, den Boden in Angriff zu nehmen, kaum über Waſſer halten konnte. Der Norden bot ihm dafür ſicherere Hülfsquellen und 80 ein beſſeres, dem Europäer mehr zuſagendes Klima, wo ſie ihre eigenen Kräfte verwerthen konnten, und mit einem weit gerin⸗ geren Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte ihm dazu Wisconſin, oder wenn er nicht ſo weit nördlich gehen wollte, Illinois, ſelbſt Kentucky oder Miſſouri vorgeſchlagen, denn trieben die beiden letzten Staaten auch Sclaverei, ſo wa⸗ ren doch ſchon ſo viele nordiſche Einwanderer, beſonders Deutſche in ihnen angeſiedelt, die ihre eigene Arbeit verrichte⸗ ten, daß die eigene Arbeit auch eben mit der Sclavenarbeit con⸗ curriren konnte, während der Anſiedler zugleich in einem nicht zu kalten Klima, alle Vortheile eines äußerſt fruchtbaren Bo⸗ dens, und außerdem verhältnißmäßig geſunden Landes genoß. Selbſt Arkanſas, obgleich ſchon etwas nah an Louiſiana ge⸗ legen, war da zu empfehlen, noch dazu da dieß junge Land einmal eine große Zukunft hätte; wolle er aber ganz ſicher gehn und haͤtte er ein paar tauſend Thaler an einen Anfang zu wenden, ſo riethe er ihm die mehr öſtlichen Staaten, In⸗ diana oder Ohio zu wählen, wo er gewiſſermaßen ſchon in eine civiliſtrtere Nachbarſchaft komme, und nicht mitten im Wald zu beginnen brauche; Boote für den Ohioſtrom gingen überdieß an jedem Tag ab und er habe die Erleichterung ſein Gepäck, was je eher deſto beſſer geſchehe, gleich von Bord der Haidſchnucke fort an Bord des Dampfboots ſchaffen zu kön⸗ nen, das ihn in die nächſte Nähe, vielleicht vor die Thür ſei— ner nächſten Heimath trüge. Es iſt immer eine ſchwierige Sache ſich zu der Wahl eines Platzes zu entſchließen, beſonders wenn man das Land noch 81 nicht kennt und Familie hat. Alle Beſchreibungen und Schil⸗ derungen die wir da hören und leſen, ſchwimmen uns in wüſten, undeutlichen Bildern vor der Seele herum, und dem Trieb, das eine zu greifen und zu halten, miſcht ſich die Furcht — die oft nur zu gegründete— das Alles nicht ſo zu finden, nicht etwa wie es erzählt wird, ſondern wie wir es uns den— ken, und dann einen Schritt gethan zu haben, der eben gethan iſt, und nicht mehr zurückgenommen werden kann. Der Aus⸗ wanderer weiß dabei, daß von dieſem Entſchluß ſein ganzes künftiges Leben, Glück oder Unglück abhängt; ſind dann die Wüͤrfel wirklich in ſeine Hand gegeben, ſo zittert er vor dem Wurf zurück, denn nicht allein ſeine Kraft und Ausdauer, ſein Fleiß und guter Wille ſind es mehr, die hier allein den Aus⸗ ſchlag geben, nein der Zufall hat viel dabei zu entſcheiden ob er das rechte trifft, und nicht vielleicht ſpäter einſehn muß Geld und Zeit an ein Experiment, an eine viel zu theuer er⸗ kaufte Erfahrung weggeworfen zu haben, wie gezwungen zu ſein noch einmal, und wie viel ſchwerer dann, von vorne zu beginnen. Das Schlimmſte dabei iſt, daß er ſich in Amerika ſelber wenig auf den Rath fremder Leute verlaſſen darf, denn überall iſt er der Gefahr ausgeſetzt ſolchen in die Hände zu fallen, die eigener Nutzen treibt ihm dieſen oder jenen Landſtrich ganz be⸗ ſonders zu empfehlen. Die Leute brauchen nicht gerade ſelber irgend einen gewiſſen Platz verkaufen zu wollen, aber ſte haben meiſt Alle irgendwo in den Staaten oder Städten der Staate Land, oder einen Bauplatz, das nur dadurch im Preis ſieigen Gerſtäcker's Nach Amerika. IIlI. 6 ZLlſö* ———— 8² und für ſie ſelber einen Gewinn abwerfen kann, wenn ſich eben andere Anſiedler in deſſen Nähe niederlaſſen, das Land bebauen und die Produkte durch' eine größere Cultur im Werthe ſteigen machen. Ihr Rath braucht deshalb nicht ſchlecht zu ſein, aber die Frage bleibt immer ob der Einwanderer nicht doch noch einen beſſeren Platz hätte finden können für ſeine Niederlaſſung — wenn ihm eben nur Zeit gegeben wäre ſich den ſelber zu ſuchen. Henkel hatte nun allerdings keine ſolchen Beweggründe, die ihn trieben dem Profeſſor eine Strecke Landes zu empfehlen, wenn er auch in ruhigerer Zeit wohl vielleicht nicht verſäumt haben würde die Unerfahrenheit des Fremden zu benutzen. Für jetzt lag ihm nur Alles daran ihn und ſeine Familie, an die ſich ſein Weib näher angeſchloſſen hatte als ihm lieb war, ſo raſch als möglich von ihr zu entfernen; wohin er dabei den Profeſſor mit den Seinen ſchickte war ihm ziemlich gleichgültig, nur fort mußte er von New⸗Orleans. Der Proofeſſor hatte ſich aber in ſeinem ganzen Leben noch nicht ſo rath⸗ und thatlos gefühlt als in dem Augenblick, wo er am vorigen Abend und gleich nach ſeiner Landung, in Hen⸗ kels und ſeiner übrigen Reiſegefährten Begleitung, feſten Grund und Boden betrat, und nun für ſich ſelber handeln ſollte. So viel hatte er allerdings bis dahin über Amerika geleſen und ſtudirt, daß er mit größter Leichtigkeit ſelber hätte eine ſehr ausführliche Abhandlung darüber ſchreiben können, wie ſich eben der Auswanderer, gleich nach ſeinem erſten an Land Treten zu benehmen, und welche Schritte er zu thun habe, —,———,——— ₰ ◻☛☛— eben auen eigen aber noch ſung er zu inde, hlen, iumt Für die ſo den ltig, noch wo den⸗ rund llte. eſen eine wie and abe, 83 am raſcheſten zu einem günſtigen Ziel zu kommen; nun er aber ſelber da ſtand und das auch an ſich ſelber ausführen ſollte, was er anderen mit feſter Ueberzeugung gerathen haben würde, da wirbelte ihm der Kopf von alle dem Neuen, Fremden das ihn umgab, und er fühlte eine Befangenheit, die er früher nimmermehr für möglich gehalten hätte, und ſich jetzt am aller⸗ wenigſten ſelber eingeſtehen mochte. Die Häuſermaſſen ſchie⸗ nen ihn zu erdrücken, die fremde Sprache, deren er Herr zu ſein geglaubt, und deren Wortgewirr ihm jetzt die Ohren mit einem Chaos von unbegriffenen Tönen füllte, machte ihn ſchwindeln, der Angſtſchweiß trat ihm auf die Stirn, und er mußte mehrmals ſtehen bleiben um Athem zu ſchöpfen und ſich zu beſinnen was er eigentlich wolle, was ihn hierher geführt. Die übrigen Paſſagiere zerſtreuten ſich indeſſen bald nach verſchiedenen Richtungen, mehr ihrer Neugierde, als irgend einem beſtimmten Geſchäft nachgehend, und der Profeſſor zit⸗ terte wirklich ſchon vor dem Augenblick, wo er ſich ſelber über⸗ laſſen bleiben würde, wenn er ſich gleich noch immer nicht ge⸗ ſtehen wollte, daß es doch ein ganz anders Ding um die Praxis als die Theorie ſei. Ein Stein fiel ihm da vom Herzen, als ſich ihm Henkel, wenn er irgend ein beſtimmtes Ziel vor Augen habe, zum Führer in der ihm wohlbekannten Stadt anbot, und er hing ſich ordentlich krampfhaft an deſſen Arm, als ob er fürchte daß er ihm wieder entſchlüpfen könne. Henkel erſah bald ſeinen Vortheil; der Profeſſor war ihm unter den Händen wie weiches Wachs geworden, und verlangte 6* 84 ſchon gar keinen Rath mehr, ſondern nur eine beſtimmte Rich⸗ tung von Jemand angegeben zu bekommen, der er, ſcheinbar freiwillig, folgen könne. Der junge Mann erzählte ihm jetzt von ſeinem früheren Aufenthalt in Indiana, welch geſundes, vortreffliches Land dort liege, wie er ſelber da viele Freunde habe und dieſen Staat, ſo er ſich dazu entſchließen könnte Ackerbau zu treiben, jedenfalls zu ſeinem bleibenden Wohnſitz wählen würde, und wußte die Vortheile deſſelben, die glückliche Lage, die ausgezeichneten Communicationsmittel, die Produk⸗ tionsfähigkeit, die reizende Secenerie, die fleißigen ſtillen Men⸗ ſchen dort mit ſolch lebendigen Farben zu ſchildern, daß es dem Profeſſor nach und nach wie eine Laſt von der Seele rollte, und er freier, fröhlicher zu athmen begann. Eine Stunde ſpäter hatte er denn auch richtig— wenn auch noch keine Farm ge⸗ kauft, denn ein gewiſſer glücklicher Inſtinkt ließ ihn davon zu⸗ rückſchrecken baar Geld aus den Händen zu geben, ehe er mit eigenen Augen ſähe was er dafür bekäme, aber doch einen Empfehlungsbrief an einen bedeutenden Kaufmann in Grahams⸗ town am Ohiofluß, Staat Indiana, in der Taſche, und ſogar höchſt unnöthiger Weiſe ſchon ſeine Paſſage für ſich und die Seinen an Bord des Dampfers Jane Wilmington bezahlt, der am nächſten Morgen um zwölf Uhr nach Cincinnati beſtimmt, die Levée von New⸗Orleans verlaſſen ſollte, und ihn in Gra⸗ hamstown abſetzen konnte. Seine Ausſichten hatten ſich dadurch nicht um ein Jota geän⸗ dert oder gebeſſert, er wußte ſo wenig von ſeinem künftigen Schick⸗ ſal als vorher, und der Ort Grahamstown klang ihm ſo fremd Rich⸗ inbar jetzt ndes, unde Innte nſitz Kliche duk⸗ Nen⸗ dem llte, äter ge⸗ zu⸗ mit nen ns⸗ gar die der 8⁵ und unbekannt, wie es jedes andere kleine Städtchen das un⸗ geheueren Reiches gethan haben würde; aber von dem Augen⸗ blick an wo er ein feſtes Ziel bekommen hatte, dem er von jetzt an zuſtreben durfte, von dem Moment wo ihm, ob durch fremden Einfluß oder eigenen Entſchluß, ein beſtimmter Punkt gegeben worden, den er für jetzt nur zu erreicheu, und dann auf dem Begonnenen weiter zu bauen hatte, fühlte er plötzlich eine Zuverſicht und Sicherheit in ſeinem ganzen Weſen, wie er ſie ſeit langen Jahren ſelbſt nicht gekannt. Er war nicht mehr fremd in Amerika— er gehörte nach Grahamstown im Staat Indiana an dem Ohiofluß, er konnte mit dem Finger auf der Karte genau die Stelle bezeichnen wohin er wollte, und der Schritt mit dem er gegen zehn Uhr Abends an Bord zurückkehrte, ſchwankte nicht mehr und zögerte unſchlüſſig, wie wenige Stunden vorher, als er das Land zuerſt betreten hatte, ſondern war leicht und elaſtiſch gew den, wie in früheren, glücklicheren Tagen. Eine einzige Schwierigkeit blieb jetzt noch zu überwinden, und zwar das Gepäck ſämmtlich vor der beſtimmten Abfahrt des Dampfbootes aus dem unteren Raum herauf und an Land zu bringen, wo es auf Karren dann leicht nach der faſt drei engliſche Meilen weiter oben liegenden Dampfbootlandung geſchafft werden konnte. Der Steuermann aber, an den er ſich deshalb noch gleich an dem Abend wandte, glaubte ihm das verſprechen zu können, da es ziemlich oben auf, und zwar alles zuſammen unter die Vorderluke geſtaut war, und wenn die Leute mit Tagesanbruch daran begannen, und der Pro⸗ 86 feſſor eben keine weiteren Schwierigkeiten mit den Mauth⸗ beamten hatte, ſo ließ ſich das ſchon bis zu der beſtimmten Zeit in's Werk richten. Henkel war, wie ſchon vorerwähnt, erſt am frühen Mor⸗ gen an Bord zurückgekehrt, wo er jetzt freilich mit Ungeduld den Aufbruch der übrigen Paſſagiere erwartete. Er fürchtete nicht mit Unrecht daß Clara ſich ernſtlich weigern würde nach dem Vorgefallenen mit ihm zugleich das Schiff zu verlaſſen, mehr als das aber noch, daß ſie ſich irgend Jemanden, und von allen vorzüglich der Frau des Profeſſors anvertrauen, und eine Sache zur Sprache bringen könne, die jetzt— was auch immer ſpäter geſchehen mochte— jedenfalls noch Geheimniß bleiben mußte. Daß etwas derartiges noch nicht geſchehen ſei, konnte er leicht aus dem freundlichen, unbefangenen Weſen der übrigen Frauen elhnehmen;z es zu verhindern daß es jetzt noch, im letzten Augenblick, geſchehen könne, mußte ſeine Hauptſorge ſein. Ebenſo hatte er aber auch die Waaren, die unter einem falſchen Namen verſchifft worden, in Sicherheit zu bringen, war das geſchehen konnte er jeder etwaigen An⸗ klage lachen; er ſelber war zu bekannt auf dem Terrain, auf dem er ſich jetzt befand, etwas für ſeine perſönliche Sicherheit fürchten zu dürfen. 3 Das Anholen des Schiffes an die Landung nahm aller⸗ dings eine ziemliche Zeit in Anſpruch, und die übrigen Paſſa⸗ giere, wenigſtens ein großer Theil von ihnen, drängte eben⸗ falls, ſeine Sachen aus dem unteren Raum zu bekommen, das Schiff zu verlaſſen; Profeſſor Lobenſtein hatte aber das Ver⸗ auth⸗ amten Mor⸗ eduld chtete nach iſſen, und und auch nniß ehen eſen jetzt eine die heit An⸗ auf heit ler⸗ ſa⸗ 87 ſprechen des Steuermanns, und die Leute, denen er ein tuͤch⸗ tiges Trinkgeld zuſagte wenn ſie ſich beeilten, arbeiteten„with a will“ wie ſie an Bord ſagen, und Kiſte nach Kiſte, Koffer nach Koffer entſtieg dem dunklen Raum, und wurde an Deck gehoben, raſch geöffnet, von dem Mauthbeamten flüchtig an⸗ geſehn, wieder zugeſchlagen und über die ausgeſchobenen Plan⸗ ken an Land geſchafft. Die Effekten waren für eine Farm in's Innere, für eine große Familie und eigenen Gebrauch beſtimmt; neue Sachen ebenfalls nicht dabei, lagen wenigſtens nicht oben auf, und die Steuerbeamten hatten mit der Fracht ſchon genug zu thun, ſich eben mit Paſſagiergut viel abzugeben. Um elf Uhr war ſämmtliches Gepäck des Profeſſors, dem ſich von Hopfgarten angeſchloſſen und ihm erklärt hatte die Reiſe nach Indiana in ſeiner und ſeiner Familie Geſellſchaft machen zu wollen, gelandet und reviditt, und zum großen Theil auch ſchon auf den dort deancttn Ras Gweirädrigen Karren mit einem Pferd) abgegangen, an Bord der Jane Wilmington geſchafft zu werden. Henkel drängte aber jetzt den Profeſſor, ſeine Familie hinauf zu führen ſich dort an Bord einzurichten, und zugleich mehr Sicherheit zu haben daß der Dampfer wirklich nicht eher abführe, bis ſämmtliches Ge⸗ päck auf ihm eingeladen ſei; Eduard konnte indeß bei dem kleinen Reſt der Sachen zurückbleiben, und mit der letzten La⸗ dung nachfolgen. Die Damen hatten ihre Sachen ſchon voraus geſchickt, und hielten es ebenfalls für nöthig daß ſie ſich dort ihre Coyen vor Abfahrt des Bootes ein wenig einrichteten. Allerdings 88 bedauerten ſie, ſo nahe an New⸗Orleans nur eben vorbei zu gehen, ohne mehr von der Stadt zu ſehn als die dem Waſſer zunächſt gelegenen Häuſer, der Profeſſor tröſtete ſie aber damit daß ſie, wenn ordentlich eingerichtet, leicht einmal eine Vergnügungstour hierher machen konnten, wo ſie täglich, an ihrem Hauſe vorbei, drei— viermal Schiffsgelegenheit haben würden. Dann waren ſie auch im Stande das Leben in New⸗ Drleans mehr zu genießen als jetzt, wo ſie die Sorge um ihre nächſte Zukunft, ihre nächſte Heimath doch nicht ruhig ließe, und außerdem der Aufenthalt in einem Hotel, zu dem dann erſt ihre ſämmtlichen Sachen geſchafft werden mußten, ein böſes Geld gekoſtet hätte. 9 Henkel hatte indeß einen vierſitzigen Wagen beſorgt der, von einem Mula tenknaben gefahren, dicht unter der Levee herankam und den sge „Aber wir müſſſen eſchobenen Planken gegenüber hielt. enehſt von Clara Abſchied nehmen“ ſagte Marie, als der Vater ſie rief und aufforderte ſich zu eilen, damit der Wagen nicht ſo lange zu warten brauche—„lieber Gott es iſt ſo traurig genug daß wir ſie jetzt krank zurücklaſſen, und ihr nicht beizuſtehen ſuchen in dem fremden Land.“ „Ich ſagte ihr gern Adieu“ verſicherte die Frau Pro⸗ feſſorin,„wenn ich nicht fürchtete ſie vielleicht gerade in ihrem jetzigen Zuſtand noch mehr aufzuregen.“ „Sie würden mich unendlich verbinden“ erwiederte Hen⸗ kel mit einem bittenden Blick auf die alte Dame,„wenn Sie Alles vermieden Clara zu beunruhigen; ſie iſt ſo nervös, daß das Geringſte ſie in Thränen ausbrechen macht.“ —————— /· 89 „Aber ich begreife nicht was ihr um Gottes Willen ſo plötzlich kann zugeſtoßen ſein“ ſagte Anna—„Clara war, ſo lange ich ſie kenne, ſtets ſo geſund und wohl, und heiter und vergnügt, und jetzt auf einmal iſt ſie in einem Zuſtand von Schmerz und Aufregung, den ich mir nicht zu erklären weiß.“ „Laß nur mein Kind“ ſagte die Frau Profeſſorin freund⸗ lich,„das wird, und hoffentlich bald, vorübergehn. Gern hätt' ich ſie freilich ſelber noch einmal geſehen, Herr Henkel hat aber ganz recht, wir vermeiden am Beſten jede Aufregung, und ich bitte Sie nur Ihre liebe Frau noch recht herzlich von uns zu grüßen, und ihr alles Gute und Liebe zu wünſchen was ſie ſich nur ſelber wünſchen kann.“ „Die Jahreszeit iſt noch früh und der Herbſt bringt ge⸗ wöhnlich das ſchönſte Wetter in Nordamerika, oft bis tief in December hinein“ ſagte Henkel raſchaund freudig,„hat ſich dann Clara erholt, und erlauben es nur irgend meine Ge⸗ ſchäfte, wie ich nicht den mindeſten Zweifel habe, dann be⸗ ſuchen wir Sie, vielleicht eher als Sie glauben, auf Ihrer Farm. Ich kenne die Gegend wohin Sie ziehen, und werde Sie dort ſchon finden.“ „Oh das wäre herrlich, das wäre wunderhübſch“ rief Anna—„Clara wird gewiß recht bald beſſer werden.“ „Aber ohne ihr Adieu zu ſagen gehe ich nicht vom Schiff“ rief Marie jetzt entſchloſſen—„ich will ſie nicht ſtören— wenn ſie ſchläft, ſie nur leiſe küſſen— nur ihre Hand wenig⸗ ſtens— ſie braucht auch gar nicht zu wiſſen daß wir fort⸗ gehn, aber ſehn muß ich ſie noch einmal; ich habe eine Angſt, 90 der ich nicht Worte zu geben vermag, und weiß gewiß, ich würde nicht froh werden, hätte ich ſie ſo ohne Abſchied zurück⸗ gelaſſen.“ „Du biſt ein Kind“ ſagte die Mutter freundlich,„ſo geh, wenn es Dir Herr Henkel erlaubt, und grüße und küſſe ſie von uns; aber bleib nicht lange“ ſetzte ſte raſch hinzu, denn der Vater winkt dort ſchon wieder vom Land, und wir wollen in⸗ deſſen hinuntergehn, und uns in den Wagen ſetzen.“ Henkel biß ſich die Unterlippe; der letzte Moment noch konnte vielleicht Alles verderben, aber er durfte dem jungen Mädchen auch die Erlaubniß nicht weigern, und ſie deshalb nur noch bittend, Alles zu vermeiden was die Kranke auch nur im Geringſten erregen konnte, ſtieg er ihr voran, in die Cajüte hinunter. Clara war erwachh ſie lag, völlig angezogen in ihrer Coye, mit Hedwig, an ihrer Seite knieend, als Henkel die⸗ ſelbe leiſe öffnete, hinein ſah und dem jungen Mädchen dann den Vortritt ließ. „Clara— meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir?“ rief Marie auf ſie zueilend, und den Arm um ihren Nacken legend—„Du ſtehſt beſſer aus heute Morgen, und gewiß wirſt Du Dich jetzt recht bald und ſchnell erholen, wenn Du nur erſt einmal feſtes Land betrittſt. Die alte häßliche See⸗ fahrt hat ſo lang gedauert.“ „Du gehſt an Land?“ frug Clara raſch und wie erſchreckt, die Freundin mit ihrem Arm leiſe von ſich drückend, ihren 4 9 91 reiſefertigen Anzug zu betrachten—„Du gehſt fort von hier— und— und Deine Mutter auch?“ „Nein, Clara noch nicht mein Herz— wir bleiben noch kurze Zeit zuſammen“ erwiederte Marie, aber ſie mußte ſich zwingen daß ſie die Thränen zurückdrängte, die ihr in's Auge preſſen wollten.“ „Wo iſt Deine Mutter?“ frug Clara, noch immer nicht beruhigt—„bitte ſte zu mir zu kommen ich— ich möchte ſie ſehen.“ „Du darfſt Dich jetzt nicht aufregen mein Herz“ ant⸗ wortete das junge Mädchen ausweichend—„nachher, wenn Du wieder wohl und auf biſt— ich ſoll Dich jetzt von ihr grüßen und küſſen.“ „Weshalb kommt ſie nicht ſelber?— ſie iſt fort!“ rief die Kranke und ſuchte ſich ſelbſt emporzurichten. „Quäle Dich nicht mit ſolchen Gedanken, Clara— was haſt Du nur?“ „Fräulein Marie ſollen nach oben kommen— der Wagen wartet“ rief in dem Augenblick der Steward in die Cajüte hinunter. ⁴ „Der Wagen?— was für ein Wagen?“ rief Clara, raſch aufmerkſam geworden, indem ſie verſuchte ihre Coye zu verlaſſen. Marie verhinderte ſie daran. „Bleibe liegen mein ſüßes Herz“ bat ſie in Todesangſt, „bleibe liegen— ich muß jetzt fort; bald— bald komme ich wieder— Gott ſchütze Dich“ und ihre Lippen auf die heiße 92 Wange der Freundin preſſend, richtete ſie ſich raſch empor und floh aus der Cajüte. „Marie!“ ſchrie Clara, die Arme nach ihr ausſtreckend— nich muß—“ „Mich mäßigen“ ſagte Henkel ernſt und finſter, der in dieſem Augenblick in der noch offenen Thür erſchien und mit einem warnenden Blick dieſe wieder ſchloß. „Teufel!“ ſtöhnte die Unglückliche und ſank, ihr Antlitz in den Händen bergend, erſchöpft, gebrochen, auf ihr Lager zurück. —„———. ind Capitel A. Abſchied der Paſſagiere. Unten am Wagenſchlag an der Levée, während Pro⸗ feſſors noch auf die zurückgebliebene Marie warteten, ſtand Fräulein von Seebald, Abſchied von den bisherigen Reiſe⸗ gefährten zu nehmen, und ihnen das Geleit zu geben, ſo weit als möglich. „Und was iſt Ihr Ziel hier, mein liebes Fräulein?“ frug die Frau Profeſſorin, als ihr die junge Dame wieder und wieder, mit Thränen im Auge, die Hand geſchüttelt hatte, „werden Sie in New⸗Orleans bleiben, oder gehen Sie eben⸗ falls in das Innere?“ „Mein Ziel liegt weit von hier“ ſagte Fräulein von See⸗ bald mit dem ihr eigenen Anflug von Schwärmerei,„weit im fernen Weſten, in dem jungen Staate Arkanſas, wo noch die wilden rothen Krieger und Jäger das Land dnrchſtreifen, und die Büffel und Bären fällen.“ 94 „Nach Arkanſas?— und ganz allein?“ rief Anna er⸗ ſchreckt,„aber was um Gottes Willen zieht Sie dorthin?“ „Familienbande— die Bande des Herzens“ lächelte aber Amalie,„eine liebe Schweſter lebt mir dort, an einen tapferen Polen, einen Grafen, der ſein Vaterland nach jenen unglück⸗ lichen Kämpfen verlaſſen mußte, verheirathet.“ „Und wie kommen Sie dorthin?“ frug die Frau Pro⸗ feſſorin. „ Morgen, wie ich aus den Zeitungen erſehen habe, die mir der Capitain freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampf⸗ boot den Arkanſasſtrom hinauf, und ihre Heimath iſt nur wenig engliſche Meilen von deſſen Ufern entfernt.“ „Das nenne ich Geſchwiſterliebe“ ſagte die Frau Pro⸗ feſſorin freundlich mit dem Kopf nickend, und die Hand der jungen Dame herzlich preſſend—„einen ſo weiten Weg allein zu gehn.“*— „Nennen Sie es Eigennutz— Selbſtſucht liebe mütter⸗ liche Freundin“ rief aber Fräulein von Seebald lächelnd aus— „das proſaiſche Leben Deutſchlands ekelte mich an, und ich konnte der Sehnſucht nicht länger widerſtehn das freie herr⸗ liche Land ſelber aufzuſuchen, in der die Schweſter ihren Herd gebaut.“ „Und es geht ihr gut dort?“ „Gewiß, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und zahlreiche Heerden— aber ſie hat lange nicht geſchrieben, und ich werde ſie jetzt uͤberraſchen.“ 1 „Sie weiß gar nicht daß Sie kommen?“ ““ „Nicht ein Wort.“ „Das wird ein Jubel ſein“ ſagte die gute Frau—„lie⸗ ber Gott, wenn man ſich nach ſo langen Jahren wieder ſieht — wie lebhaft kann ich mir die Freude denken.“ In dieſem Augenblick kam ein kleiner Trupp ihrer Reiſe⸗ gefährten aus dem Zwiſchendeck, über die ausgelegte Planke an Land— ſie hatten Neger bei ſich die ihr Gepäck trugen. Voran ging Eltrich, ſeine kleine Frau am rechten, ſein Kind auf dem linken Arm, und ihnen folgte ein ſtämmiger Schwarzer mit einem großen Holz⸗ und einem kleineren Leder⸗ koffer mit zwei Hutſchachteln und einem Reiſeſack dem Violin⸗ etui und ihren Betten auf einem zweirädrigen Handkarren— eine kleine Taſche trug noch Adele am Arm. Als ſie an dem Wagen vorbeigingen grüßten ſie freundlich die Damen, und wandten ſich dann der näch hſten Querſtraße zu, die hinauf in die Stadt führte. „Welch ein liebes freundliches Geſicht die junge Frau hat“ ſagte Anna, die den Gruß herzlich erwiedert hatte und ihnen nachſchaute„ein ſo zartes Weſen und hat die ganze Reiſe im Zwiſchendeck ausdauern müſſen— ich habe ſie oft bewundert; und ſie war immer froh und heiter.“ „Ich wäre geſtorben“; ſeufzte Fräulein von Seebald. „Da kommen noch mehr Zwiſchendecks⸗Paſſagiere“! rief Anna, nach der Planke zeigend, wo in dieſem Augenblick Herr Mehlmeier die Hände in den Taſchen, und einen rothſeidenen Regenſchirm unter dem linken Arm gedrückt, von einem Mu⸗ latten begleitet, der einen nicht eben ſchweren Koffer auf der 96 Schulter trug, leiſe ein Lied vor ſich hinpfeifend die Planke hinunterſtieg, und dicht an dem Wagen vorüberging.— „Wünſche Ihnen eine recht glückliche Reiſe meine Da⸗ men“ murmelte er dabei mit ſeiner feinen Stimme, während er keine Miene verzog und ſie eher mit einem Geſicht anſchaute als hätte er ſogar wollen,„Na Ihr könntet auch zu Fuße gehn.“ „Iſt das ein grober Menſch“ lächelte die Frau Profeſſo⸗ rin hinter ihm her—„ſind nun ſo lange auf einem Schiff geweſen, und ſoweit mitſammen über das Waſſer gekommen, und er grüßt nicht einmal, hat uns auch nie an Bord gegrüßt, und uns nur immer ſteif und hölzern angeſehn.“ „Mir war es faſt als ob er Ihnen glückliche Reiſe wünſchte“ ſagte Fräulein von Seebald—„aber ich konnte es nicht deutlich verſtehen.“ „Nein gewiß nicht“ lachte Anna,„er verzog ja keine Miene dabei aber da kommt auch der Dichter—„wenn das ſein ganzes Gepäck iſt, wird er nicht viel Umſtände damit haben.“ 18. Es war allerdings Theobald, dem ein junger Mulatten⸗ burſch mit einem ſehr ſchmächtigen gelben Lederkoffer unter dem linken Arm, u nd einem kurzen Reiſeſack auf dem ein Pegaſus geſtickt war in der rechten Hand, voran lief. Theobald ſelber trug ein pappenes, etwas mitgenommenes Hutfutteral in der rechten Hand und einen ſchwarzſeidenen Regenſchirm mit einem Fiſchbein⸗Stöckchen hineingebunden, unter dem linken Arm, faßte aber, als er die Damen an der Levée halten ſah, ſeinen 92* gelben Laſtträger hinten in den Bund, daß er ihm nicht in dem Gewirr von Menſchen abhanden kam, und bedeutete ihn mit nach dem Wagen hinüber zu gehn, und dort zu warten. Er ſprach kein Wort engliſch und die ganze Unterhaltung mußte durch Zeichen geführt werden. „Meine Damen, ich habe die Ehre— ich möchte faſt ſagen den Schmerz— mich Ihnen gehorſamſt zu empfehlen“ ſagte er, hier angekommen mit einer beſonders bedeutungsvol⸗ len Verbeugung gegen Fräulein von Seebald, und einen Aus⸗ druck in den Zügen, der mehr ſagen ſollte als die kalten Worte. „Und wohin trägt Sie Ihr Flug?“ frug Amalie mit ei⸗ nem leichten, vielleicht kaum bewußten Erröthen. „Wohin?“ rief Theobald ſtehen bleibend und in der Be⸗ geiſterung des Augenblicks die Hand mit dem Hutfutteral em⸗ porhebend,„in den Strudel der ſich hier vor uns öffnet, in die Charybdis dieſes weiten Reichs ſpring ich hinein, ein kühner Schwimmer. Ob mich die Waſſer tragen werden?— ich weiß es nicht— ob ich darin untergehe?—“ die Hand mit dem Hutfutteral kam wieder herunter—„wer mag den dunklen Schleier der Zukunft lüften— nur ein Gott.“ Er ſtak feſt— die Frauen waren in Verlegenheit was ſie ihm darauf erwiedern, ob ſie ihn tröſten oder bewundern ſollten, und Theobald ſelber hatte den Faden verloren, als der kleine Mulatte beide Theile aus der Verlegenheit riß. Da dieſer nämlich nicht den mindeſten Grund ſah weshalb er hier ſtehn bleiben und ſeine ſchöne Zeit verſäumen ſolle, wäh⸗ rend er, wenn er raſch zurückkam, leicht noch eine Paſſagier⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 7 98 fracht von demſelben Schiffe aus befördern konnte, ſo ſetzte er plötzlich, ohne weiter auf den Eigenthümer des Koffers und Reiſeſacks Rückſicht zu nehmen, ſeinen Wüe queer über die Fahrſtraße fort. „Sie da!— Sohn Afrikas— hallo!“ rief Theobald, in der Sorge um ſein Eigenthum plötzlich wieder auf die Erde herabkommend—„hallo da— warten Sie bis ich mit komme!“ „Sie werden ſchon eine Laufbahn finden, die Ihrer wür⸗ dig iſt“ ſagte mit leiſem tröſtenden Ton Fräulein von Seebald — der Koffer drohte aber in dem Gewirr von Menſchen zu verſchwinden. „Sie werden entſchuldigen meine Damen!“ rief Theobald, die Schnur des Hutfutterals in die Finger der linken Hand preſſend, die rechte zum Hutabnehmen frei zu bekommen— „ich hoffe jedenfalls noch das nügen zu haben Sie wieder zu ſehn“ und ſich den Hut* die Stirne drückend folgte er raſchen Schrittes ſeinem viel zu eiligen Mulatten. Anna lachte, Fräulein von Seebald aber ſagte ſinnend. „Wie wir nun Alle hier, die wir bis jetzt nur einer Bahn gefalot, am Scheidewege ſtehn und hinausziehen nach Nord und Weſt und Süd und Oſt. Wo werden wir uns wiederſehn, und wird das überhaupt wohl je geſchehn?“ „Gewiß— und mit Gottes Hülfe froh und glücklich“ ſagte die Frau Profeſſerin herzlich—„aber da kommt Marie, Kind, Kind, Du haſt Dich, und wahrſcheinlich auch Clara furchtbar aufgeregt!“ „Nein, meine liebe Mutter“ betheuerte Marie, ſich die 2, 99 großen hellen Thränen aus den Augen trocknend;„ich bin ihr davon gelaufen, ehe ſie nur ein Wort ſagen konnte.“ „Und nun fort!“ rief der Profeſſor, der ſich bis jetzt von der Levée ab den Arm faſt ausgeſchwenkt hatte, die gar zu lang an Bord zögernde Tochter zurück zu winken„Kinder wir haben noch furchtbar viel zu thun. Eduard Du beſorgſt Alles or⸗ dentlich und notirſt Dir beſonders die Nummern der Karren, denen Du die Fracht überlieferſt, und giebſt ihnen jedesmal den Zettel mit der darauf verzeichneten Anzahl mit; ich denke zwei Karren werden den Reſt bequem mit fortbringen, und dann kommſt Du augenblicklich nach— Jane Wilmington, hier mit der Adreſſe der Straße an deren Fuß ſie liegt. Ah Fräu⸗ lein von Seebald. Sie entſchuldigen.“ „Recht, recht glückliche Reiſe.“ „Danke— danke herdlich— Capitain ich ſehe Sie noch ehe das Boot abgeht?“ „Ich bin gleich oben, habe nur noch etwas mit dem Steuermann zu reden— auf Wiederſehn. Ich komme dann gleich mit Herrn Henkel nach.“ „So Kutſcher— wir haben doch Nichts vergeſſen?“ „Nein Alles in Ordnung.“ „Alſo go ahead!— vorwärts und mit Gott „Adieu— adieu!“ Der Wagen bog in die Stadt ein, da an der Levee das Gedräng der Karren und Fußgänger zu groß war, und fuhr in ſcharfem Trabe den nächſten Weg nach der Dampfboot⸗ landung, während Eduard jetzt raſch das noch zurückgebliebene ,. 11 100 Gepäck beförderte, mit dem letzten Karren den Eltern nachzu⸗ folgen. Der junge Eltrich, der an dem Morgen mit Hülfe eines mitten in der Stadt aufgegriffenen Deutſchen ein kleines Logis (Stube und Kammer wenigſtens) gefunden hatte, war raſch zurückgeeilt ſeine Frau und ſein Kind aus dem entſetzlichen Zwiſchendeck zu befreien. Mit ihrem Gepäck hatten ſie, da Alles oben vor ihrer Coye ſtand, gar keine Umſtände, Laſt⸗ träger gab es zu hunderten an allen Theilen der Levée mit Hand⸗ und Pferdekarrren, und ſo ſtand ihnen denn Nichts weiter im Weg das Schiff, wo ſeine arme Frau beſonders eine ſchwere Zeit verlebt, ſo raſch als möglich zu verlaſſen. Der Neger kannte übrigens die Straße und das Haus wohin ſie wollten, und als er die Sachen auf ſeinen Handkarren ge⸗ laden, nahm Eltrich ſein junges Weib an, ſein Kind auf den Arm, und zog, das Herz voll Jubel und froher Hoffnung mit ihnen in eine neue Welt, in ein neues Leben ein. Das war Amerika, der feſte Grund den ſie unter den Sohlen fühlten— das das endlich erreichte Land ihrer Sehn⸗ ſucht, für das ſie gedarbt und geſpart daheim, und die hell⸗ blitzende Sonne ſchien ihnen freundlich zuzuwinken im neuen Vaterland— der wolkenleere reine Himmel ein frohes Omen zu ſein, all ihrer Hoffnungen und Träume. Freilich ringen und kämpfen mußten ſie auch hier; eine Bahn galt es erſt ſich hier zu brechen, vielleicht wieder mit Sorgen und Entbehrungen, wie vordem, aber dafür bot ihnen auch das ungeheure Reich einen freien ungehinderten Spielraum für ihre Thätigkeit, und — —,— G,.— ,ͤ==ͤ Ff 2 S —./——— . 101 Eltrich fühlte die Kraft in ſich, fühlte daß er im Stande war alle Hinderniſſe zu beſtegen und ſich den Weg zu bahnen, zu einer ſelbſtſtändigen ſorgenfeien Exiſtenz. Seine Anſprüche an das Leben waren dabei mäßig; auf ſeinem Inſtrument aber war er Meiſter, und die aufblühende Kunſt in Amerika mußte dem Künſtler endlich ein Feld bieten zu wirken und den Lohn dafür zu erndten. War das aber auch nicht, nun ſo ſcheute er ſich hier keiner Arbeit, die in dem freien Lande ihn nicht ſchändete und ihm nicht, einmal begonnen, die Bahn verſchloß zu einer edleren Thätigkeit, wie blinde Vorurtheile das im alten Vaterland gethan. Jung und kräftig brauchte er nicht zu fürchten Hunger zu leiden, und wo ſo viele Tauſende ihr Glück— eine Heimath fanden, durfte auch er der Zukunft mit froher Zuverſicht entgegenſehn. „Was für ein reges wunderliches Leben das hier iſt, meine Adele“ ſagte er, den Arm der Gattin preſſend, der in dem ſeinen hing, und lächelnd zu ihr niederſchauend—„ſieh nur allein die wunderlichen Farben an der Tauſende, die hier herüber und hinüber eilen— nicht zwei haben gleiche Schat⸗ tirungen und es iſt faſt, als ob der ganze Erdball ſeine Be⸗ wohner hierher geſchickt hätte, die eine Stadt zu füllen““ „Aber was für häßliche Geſichter dieſe Neger haben“ lächelte die Frau, in komiſcher Angſt über die Schulter zurück nach dem Schwarzen ſehend, der ihnen die Sachen nachführte, „beſonders jener Burſche da hinter uns; was für böſe Augen und entſetzliche Lippen. Und ſo höhniſch und tückiſch ſehn ſie dabei aus.“ — 102 „Was können ſie für den Ausdruck ihrer Race“ lachte Eltrich,„aber es ſollen vortreffliche Arbeiter ſein, und meiſt guten Humors— ſehr oft guten Herzens. Was kümmert uns ihre Farbe und der Schnitt ihres Profils; wer weiß über⸗ dieß, ob wir ihnen nicht eben ſo häßlich erſcheinen, wie ſie uns.“ „Oh die herrlichen Früchte!“ rief da Adele, als ſie vor einem Stand vorbeikamen, der mit Ananas, Orangen, Bana⸗ nen und Cocosnüſſen bedeckt war—„oh der gottvolle Duft! ach das thut wohl ſolche Luft zu athmen nach ſo langer Zeit — und Blumen da drüben— oh ſieh die lieben herrlichen Blumen an, Paulz; nicht wahr, ſo wie wir uns nur ein klein wenig eingerichtet haben, gehen wir mit dem Kind hinaus in's Freie und pflücken uns viele viele Blumen— ich freue mich ſelber wie ein Kind darauf.“ „Gewiß mein Herz gewiß aber die Blumen hier in Amerika ſollen keinen Duft haben wie die unſrigen, wie man den Vögeln auch hier nachſagt daß ſie nicht ſingen könnten.“ „Verleumdung Paul— böſe Verleumdung!“ rief die kleine fröhliche Frau, die vor dem Blumenſtand ſtehn geblieben war und ſich zu den vollen, zierlich gebundenen Bouquets die ein reizendes Quadroonmädchen feil bot, niedergebogen hatte —„hier überzeuge Dich ſelbſt was für einen zarten herzigen Duft das kleine weiße Blümchen hat— und Luz muß auch riechen— nicht wahr Herz das riecht anders, wie da unten in dem böſen dunſtigen Schiff, wo mein armer kleiner Burſche ſo lange geſteckt hat, und ſich nicht herumtummeln konnte auf grünem Raſen.“ 103 Das Mädchen bot ihnen Sträuße zum Verkauf an, doch Adele ſchüttelte erröthend den Kopf, drängte von dem Korbe fort, und bat den Gatten mit leiſer Stimme kein Geld an ſolche Sachen zu wenden, wo ſie es vielleicht zum Leben nöthig in der erſten Zeit gebrauchten. „Es ſind die erſten Blumen die uns geboten werden“ ſagte aber lächelnd der junge Mann,„laß ſie uns nicht zurück⸗ weiſen. Sie mögen uns ein gutes Zeichen ſein. Was koſten die Blumen Kind?“ frug er dann auf Engliſch das junge Quadroonmädchen das ſie feil bot. „Nichts“ ſagte dieſes aber, jetzt ſelber tief erröthend in reinem Deutſch—„die junge Frau und das Kind mögen ſie nehmen!“ „Du ſprichſt deutſch?“ rief Eltrich im höchſten Erſtaunen aus,„und biſt doch nicht über dem Waſſer drüben geboren.“ „Nein“ ſagte die Sclavin ernſt den Kopf ſchüttelnd— „aber mein Maſter iſt ein Deutſcher, und in ſeinem Hauſe wird deutſch geſprochen, da habe ich es ſchon als Kind ge⸗ lernt.“ „Wie heißt Dein Maſter?“ „Meſſerſchmidt.“ „Aber dürfen wir da die Blumen nehmen?“ „Ich darf ſie geben“ ſagte das junge Mädchen, und das Blut drohte ihr in dem Augenblick die Schläfe zu zerſprengen, „denn ich habe heute Morgen ſchon mehr, weit mehr für meine Blumen gelößt als mein Maſter von mir verlangt— ich bitte Sie recht herzlich darum ſie zu behalten.“ 104 „Recht herzlichen Dank dann für Dein freundliches Ge⸗ ſchenk, Du liebes Kind“ ſagte Adele, ihr die Hand hinüber reichend, die ſie nur ſchüchtern nahm—„es mag uns Glück bringen in dem neuen Land.“ „Sie ſind noch nicht lange hier?“ „Erſt ſeit heute.“ „Du lieber Gott!“ ſagte das junge Mädchen die Hände faltend. „Aber liebes Kind wir müſſen fort“ unterbrach hier Elt⸗ rich das Geſpräch, indem er zurück und dann um ſich her ſchaute, den Neger zu ſehn, der ihre Koffer fuhr—„der Bur⸗ ſche iſt wahrhaftig wohl ſchon voran gegangen und ich weiß jetzt nicht einmal ob ich den Weg wieder ſo raſch finden kann.“ „Er wird doch ehrlich ſein“ rief Adele mit jähem Schreck —„guter Gott, ſein Geſicht ſah nicht darnach aus. Haſt Du einen Neger jetzt ganz kürzlich hier vorbei gehn ſehn, mein Kind, der einen Wagen zog auf dem zwei Koffer mit anderem Gepäck ſtanden?“ „Es gehn ſo viele vorbei, man achtet nicht darauf“ ſagte das Mädchen—„faſt war mir's aber, als ob gleich hier un⸗ ten Einer vor kurzer Zeit in die Quergaſſe eingebogen wäre. Das ſchadet aber Nichts“ ſetzte ſie raſch und beruhigend hinzu —„die Leute haben meiſt alle ihre Nummer, und wenn Sie die gemerkt haben kann er mit den Sachen hingehn wohin er will, die Policey ſchafft ſie Ihnen gleich wieder.“ „Die Nummer?“— ſagte Eltrich, etwas beſtürzt vor ſich ““ — 105 e⸗ hinſehend„ja— ich glaube er hatte eine Nummer, aber welche, er wahrhaftig und wenn ich ſterben ſollte, ich wüßte es nicht.“ ick„Barmherziger Himmel wenn alle unſere Sachen— rieſ Adele in Todesangſt—„es wäre furchtbar— was fingen wir nur an?“ „Thorheit, liebes Herz“ ſuchte aber der Mann ihr die Sorge von der Stirn zu lachen—„er weiß das Haus und iſt vorangegangen wo er auf uns warten wird.— Ah, hier iſt der Zettel,— ſtraße Nr. 43.“— „Der Weg führt hier gerade hinauf“ ſagte die junge Sclavin,„und oben am fünften Square von hier— der fünf⸗ ten Querſtraße die Sie treffen, biegen Sie links ein, Sie kön⸗ nen nicht fehlen.“ „So adieu mein Kind, und nochmals ſchönen Dank für Dein Geſchenk!“ 1 Auch die Frau nickte ihr noch freundlich zu, aber die Sorge für Alles was ſie jetzt auf der Welt noch das ihre nannten, nahm für den Augenblick ihre Sinne und Gedanken zu ſehr in Anſpruch, an etwas Anderem mehr als momentan zu haften. Die Läden an denen ſie vorbeigingen, die wunder⸗ lichen Charaktere und Menſchen, denen ſie begegneten, die aus⸗ geſtellten Waaren, die eigenthümliche Bauart der Häuſer, mit all dem Neuen und Intereſſanten um ſie her, das eine fremde Welt ihr bot, lockte ſie nicht mehr oder vermochte ihr Auge zu feſſeln, das nur einen Punkt zu ſuchen ſchien in der weiten fremden Stadt— das häßliche Geſicht des Negers. So eilten ſte, Eltrich ſelber weit ängſtlicher als er der Frau geſtehen 74 — ⏑ N 106 mochte, ihre eigene Sorge nicht noch, vielleicht nutzlos, zu meh⸗ ren, die Straßen entlang, ſo raſch ſie eben mit dem Kind vorwärts kommen konnten, immer noch in der Hoffnung den doch wohl nur vorangegangenen Schwarzen zu überholen. „Ha dort geht er!“ rief Eltrich plötzlich—„Gott ſei Dank wir haben uns geirrt!“ und der Seufzer den er dabei ausſtieß bewieß wie ſehr er ſelber das Schlimmſte gefürchtet. „Nein, das iſt er nicht!“ rief aber Adele, deren ſchärferes Auge leicht den Unterſchied in Neger wie Gepäck entdeckt hatte —„das ſind nicht unſere Koffer.“— Es war nur zu wahr— ein fremdes Geſicht blickte ſie an als ſie daran vorüber eilten und ihm forſchend in's Auge ſahen, fremdes Gepäck lag auf dem kleinen Karren, und faſt im Lauf flohen ſie jetzt die Straße hinauf, bogen um die be⸗ zeichnete Ecke und ſtanden wenige Minuten ſpäter vor der Nummer des Hauſes— wo kein Karren ſie erwartete. „Er iſt noch nicht da“ ſtöhnte Eltrich—„wir ſind zu raſch gelaufen und haben ihn überſehn.“ Adele zitterte am ganzen Körper— ſie wußte das war nicht geſchehn, ſagte aber kein Wort. „Oder er iſt vielleicht in eine andere Straße eingebogen wo er ungeſtörter fahren konnte— die vielen Wagen hier.—“ „Er kann noch nicht dageweſen ſein“ ſagte Adele endlich leiſe, ſo leiſe als ob ſie fürchte der unwahrſcheinlichen Ver⸗ muthung auch nur Raum zu geben.“ „Er hätte gewartet!“— ſagte aber auch Eltrich jetzt mit einem tiefen, angſtvollen Seufzer— ſein Blick flog die Straße ———,—y44ää——ꝰñ·˖· u 107 auf und nieder— umſonſt, der Neger ließ ſich nirgends ſehn, und die Gewißheit drang ſich ihm immer furchtbarer auf daß er Alles— Alles— nein es war ja nicht möglich— Gott konnte nicht wollen daß ſie ſo von allem entblößt was ſie noch das ihre bis dahin genannt, in der fremden Stadt in der fremden Welt ein Leben beginnen ſollten—es war nicht mög⸗ lich; aber auch ſchon dieſe Ungewißheit, eine Höllenqual. Er bat jetzt ſein Weib mit dem Kind einen Augenblick an der Thüre ſtehn zu bleiben, während er hinein in das Haus lief dort in ihr Zimmer zu ſehn— der Neger konnte die Straße heraufkommen während er im Inneren war. Er kehrte nach wenigen Minuten zurück.— „Er iſt nicht oben?“ Traurig, verzweifelnd ſchüttelte er mit dem Kopf. Nur noch eine Hoffnung blieb ihm jetzt— er wollte noch kurze Zeit warten— noch war es möglich daß der Burſche, in eine andere Straße vielleicht eingebogen, ſich da aufgehalten und verſpätet hatte— er konnte noch kommen, kam er aber nicht, dann wollte er raſch auf die Policey und dort die An⸗ zeige des Geſchehenen machen. Lieber Gott es war das eine ſchwache, troſtloſe Hoffnung— ohne Nummer oder Namen des Negers konnte er der Policey ſelbſt keinen Halt geben an irgend etwas; große Augen und aufgeworfene Lippen hatten alle die Tauſende von Negern die ſich in New⸗Orleans herum⸗ trieben und er wußte ja ſelber nicht, ob er ſogar zu dem Mann würde ſchwoͤren können, wenn er ihn jemals wieder angetroffen. Adele aber mußte erſt mit dem Kind in ihrem Zimmer unter⸗ 108 gebracht werden, daß er ſelber freie Hand behielt; er führte ſie hinauf. Es war ein kleines Gemach, das auf den engen Hof hinaus ſah; die Thür ſtand offen, denn zu ſtehlen war Nichts darin, und das Meublement beſtand in einem Tiſch, drei Rohrſtühlen und zwei leeren Bettſtellen. „Habe nur ein klein wenig Geduld Adele, ich bin bald wieder zurück— und— quäle und ängſtige Dich nicht zu ſehr— noch iſt Hoffnung da; ein trauriger Anfang macht oft ein fröhliches Ende, liebes Herz.“ Er küßte ſie auf die Stirn, nahm das Kind auf und herzte es ab, und verließ dann raſch das Zimmer; Adele aber legte die Blumen vor ſich auf den Tiſch, barg, darüber gebeugt, ihr Antlitz in den Händen, und weinte ſtill und troſtlos. Auf der Haidſchnucke waren indeſſen die drei, bei dem Leuchtſchiff in der Weſer an Bord gekommenen Paſſagiere in die Cajüte zum Capitain gerufen worden, dort entlaſſen zu werden. Sie traten, die Mützen in der Hand herein, und blieben an der Thür mit dem Unterſteuermann neben ſich ſtehn, den Capitain zu erwarten, der in ſein eignes Zimmer gegangen war, und nach einer Weile mit einigen Papieren und ein paar kleinen Packeten in der Hand, zurück kam. „Na Ihr ſeid fertig an Land zu gehn?“ rief er, nach einem flüchtigen Blick auf die Leute—„ Stürmann, ſin here Sahken ruut ſchafft.“ „All's klaar Captein—“ antwortete der Seemann. ———— 109 „Gut, dann könnt Ihr jetzt gehn wohin Ihr wollt. Hier Pelz, da haſt Du Deinen Zettel— hier Du Deinen Alper, und da Du den Deinen Mooswerder.“ „Ne ich bin Mooswerder, Capitain—“ ſagte der zweite.“ „Schon gut, Ihr könnt ſte Euch an Land dann ausſuchen — es ſteht drinn daß Ihr Euch in Deutſchland gut aufgeführt hättet— Ihr werdet das ſchriftlich brauchen, denn auf Euer Geſicht glaubt's Euch doch hier Niemand.“ „Muß das ein Jeder hier haben?“ frug der älteſte der drei, das Papier etwas mistrauiſch betrachtend. „Ich ſoll Dir wohl auch noch eine Erklärung geben,“ fuhr ihn der Capitain barſch an—„da hier“ ſetzte er dann ruhiger hinzu,„ſind auch für jeden noch fünf Dollar Ameri⸗ kaniſches Geld, daß Ihr die erſten Wochen was zu leben habt; für 3 Dollar die Woche könnt Ihr hier in den billigſten Gaſthäuſern Koſt und Logis bekommen, und habt Zeit Euch nach Arbeit umzuſehn; verſtanden? Daß Ihr Euch gut zu betragen habt, brauch ich Euch nicht erſt noch zu ſagen, wohl⸗ meinend warnen möcht ich Euch aber doch keine dummen Streiche zu machen, denn ſie verſtehn hier keinen Spaß; aber Ihr werdet ſelber am Beſten wiſſen was Euerer Haut gut iſt.“ „Denke ſo, Capitain“ ſagte der Alte, die Hand nach dem Geld ausſtreckend—„ſind doch alt genug dazu.“ „Schön— weiter hab' ich mit Euch Nichts zu thun— Eure Kiſten ſtehn oben an Deck, in einer halben Stunde müßt Ihr an Land ſein.“ „Vielleicht wäre es gut, Herr Capitain“ ſagte da der 110 Alte mit einem eigenthümlich verſteckten Lächeln,„wenn Sie ſich von den hieſigen Behörden eine Quittung über richtige Ablieferung geben ließen.“ „Geht zum Teufel!“ rief aber Capitain Siebelt ärgerlich, noder ich laſſe Euch die Quittung noch vorher auf den Rücken ſchreiben.“ „Nun Nichts für ungut“ lachte der Alte,„war nur ſo eine Meinung von mir; übrigens ſind wir hier freie Bür⸗ ger“ ſetzte er mit einer Art verſtecktem Trotz hinzu. „Ja, ſobald Ihr an Land ſeid“ ſagte der Capitain— „nicht bei mir an Bord.“ „Danke für den Wink“ lachte der Alte,„und glückliche Rückfahrt.— Grüße brauchen wir Ihnen doch wohl nicht aufzutragen?“ Die Andern lachten, der Capitain aber winkte dem Steuer⸗ mann ungeduldig die Burſchen hinauszuſchaffen, die übrigens gar nicht daran dachten den Mann noch böſe zu machen, und raſch dem Befehl gehorchten. An Deck oben ſtanden ihre Kiſten ſchon bereit, die Jeder von ihnen— ſie waren leicht genug— ſchulterte, und da⸗ mit, ohne ſich weiter um irgend einen der anderen Paſſagiere zu kümmern, das Schiff verließ. „Capitain!“ ſagte Henkel, der in demſelben Augenblick die Cajüte betrat, als die drei Männer ſie verlaſſen hatten, „dürfte ich Sie bitten mein Gepäck nach oben ſchaffen zu laſſen, ich möchte es, noch ehe wir an Bord der Jane Wilmington fahren, gern befördern.“ 8 — 35 — 111 „Aber was eilen Sie?“ frug der Capitain, der eben ſei⸗ nen Hut und Stock genommen hatte, ſeinen Paſſagier zu be⸗ gleiten,„Ihre Fracht wird auch noch nicht oben ſein, und für Ihre Frau Gemahlin iſt es doch am Ende beſſer daß ſie noch ein paar Tage ruhig in ihrer Coye bleibt, bis ſie ſich vollſtän⸗ dig erholt hat. Der Arzt kann ſie ja auch hier beſuchen.“ „Meine Ballen kommen eben herauf“ ſagte Henkel aber, „und ich habe ſchon Jemanden dabei, der mit ihnen auf das Steueramt geht und dort Alles berichtigt, und meine Frau wird ſich jedenfalls beſſer an Land erholen. Unſere Wohnung iſt nicht weit von hier.“— „Gut, wie Sie wollen, iſt Alles herausgeſetzt?“ „Ja, hier von der Cajüte— ein Drayman ſteht ſchon oben und wartet, das Gepäck in Empfang zu nehmen.“ „Und weiter iſt Nichts?“ „Noch zwei Koffer die in der Coye ſtehn, mit Kleidern und Wäſche meiner Frau.“ „Dürfen die Leute hinein?“ „Ich werde ſie ſelber herausſetzen.“ „Gut“ ſagte der Capitain, dann will ich nach oben gehn und den Steward mit einem von den Matroſen hinunter ſchicken; aber machen Sie raſch, wir haben nicht viel Zeit zu verlieren und ich muß ſelber um halb zwölf in Canalſtraße ſein.“ Er verließ die Cajüte und wenige Minuten ſpäter folgte ihm Henkel, aber er ſah bleich und erregt aus— ſeine Lippen zitterten und er ſtrich ſich mit der Hand ein paar Mal heftig 112 die Stirn. Selbſt dem Capitain, ſonſt gerade kein ſcharfer Beobachter, fiel das Ausſehn ſeines Paſſagiers auf, und er rief überraſcht: „Hallo Sir, Sie ſehn ja aus als wenn Ihnen ein Ge⸗ ſpenſt begegnet wäre— was iſt Ihnen?“ „Mir?—o Nichts“ erwiederte Henkel, ſich gewaltſam ſammelnd—„nur unwohl wurde mir plötzlich unten— ich weiß nicht wovon; der Kopf ſchwindelte mir und es wurde mir ſo ſchwarz vor den Augen; aber es iſt vorbei jetzt“ ſetzte er ruhiger hinzu,„ich habe auch ſchon früher etwas Aehnliches gehabt— ein leichtes Unwohlſein, das eben ſo raſch entſteht wie verſchwindet. „Hier zu Lande muß man vorſichtig mit ſolchen Dingen ſein“ meinte Capitain Siebelt kopfſchüttelnd—„Sie ſahen wie eine Leiche aus, als Sie an Deck kamen.“ „Wirklich?“ lachte Henkel, aber das Lachen klang hohl und unheimlich„ah da kommen die Sachen“ unterbrach er ſich raſch, als der Steward mit einem der Matroſen, jeder einen Koffer tragend, an Deck erſchien—„dort dem Mann Leute, überliefert das Gepäck; Nr. 477 er weiß wohin es kommt.“ „Iſt Alles herausgeſetzt unten?“ „Ja;— nein— zwei Koffer ſtehn noch in der Cajüte, aber meine Frau wird ſelber darüber beſtimmen, wann die fortgeſchafft werden ſollen. Doch bald hätte ich ja vergeſſen — hier Steward, iſt etwas für ihre Bemühungen.“— „Oh ich bitte, Herr Henkel— war gar nicht nöthig; nun ich danke auch recht viel tauſendmal.“ arfer 113 „Und hier Steuermann, haben Sie die Güte das von mir den Leuten an Bord zu geben.“ „Danke herzlich, Herr Henkel, in deren Namen— wer⸗ den ſich einen guten Tag damit machen können— aber das hätte ja Zeit gehabt, Sie kommen doch wieder an Bord.“ „Ich?— ja— allerdings— aber ich könnte es ver— geſſen.“ „Sind Sie fertig?“ frug der Capitain, der indeſſen lang⸗ ſam vorangegangen war und ſchon unten auf der Levee ſtand, herüber. „Ich komme Capitain— alſo Steuermann, ich verlaſſe mich auf Sie, daß der Mann da raſch befördert wird— die Karrennummer iſt 477.“ „Er ſoll in zehn Minuten die Sachen an Bord haben“ ſagte der Seemann,„ſo wahr ich Köhler heiße.“ Der Steuermann ſtand oben an der Reiling, mitten auf den ausgeſchobenen Planken, und ſah den fortfahrenden Män⸗ nern nach, als er vom Schiff aus angeredet wurde. „Herr Oberſteuermann, wenn ich bitten darf?“ „Ja wohl, was giebts?— ah Herr Maulbeere— nun auch zum Abmarſch fertig? das iſt ja ſchnell gegangen.“ „Freut mich, wenn meine Bereitwilligkeit Ihr angeneh⸗ mes Schiff zu verlaſſen, Ihren Beifall hat— wäre gern noch länger geblieben, aber Sie wiſſen wohl, Geſchäfte müſſen im⸗ mer den Vergnügungen vorgehn.“ „Ja wohl Herr Maulbeere und was für Geſchäfte haben Sie? wenn ich fragen darf?“ Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 8 114 „Scheerenſchleifen mit Ihrer Erlaubniß Herr Oberſteuer⸗ mann; die Scheeren in hieſiger Stadt ſollen ſich, neueren Nach⸗ richten zufolge, in einem höchſt traurigen und vernachläſſigten Zuſtand befinden, es iſt demnach die höchſte Zeit, daß ich an Land komme.“ „Ich hoffe nicht“ lachte der Seemann trocken,„daß Ih⸗ nen in dieſem löblichen Vorſatz irgend Jemand an Bord etwas in den Weg gelegt hätte.“ „Müßte es lügen“ ſagte Maulbeere ruhig,„der Herr Unterſteuermann hat mich ſchon dreimal erſucht, zu machen daß ich fort käme.“ „Nun ſo eilig iſt's nicht“ lachte der Steuermann,„Mit⸗ tag können Sie immer noch bei uns machen. Die Familien dürfen ſogar noch über Nacht bleiben; wir wollen die Leute nicht Hals über Kopf auf die Straße ſetzen.“ „Hoͤchſt chriſtliche Grundſätze und wirklich verführeriſch genug“ verſetzte Maulbeere„Jemanden, der nicht in gar zu großer Eile wäre, zu veranlaſſen ſeinen Magen noch einmal mit Bremer Erbſenbrüh zu ärgern.“ „Nun es zwingt Sie Niemand“ meinte der Steuermann kurz. „Danke Ihnen“ ſagte Maulbeere. „Und was wünſchen Sie von mir?“ „Daß Sie die Gnade hätten“ ſagte Maulbeere mit iro⸗ niſcher Devotion,„mir meine Werkſtätte zu Tag fördern zu laſſen.“ „Ihre Werkſtätte?“ . 8 235— 115 „Den Schleifſteinkarren, der im unteren Gefache Ihres Schiffes liegt, wenn Ihnen das deutlicher iſt.“ „Ach den überwachſenen Schiebbock?“ ſagte der Seemann, „der gehört Ihnen?“ „Ich bin der glückliche Eigenthümer, und es iſt Alles was mich noch an Bord feſſelt.“ „Nun da kann geholfen werden“ rief der Steuermann, von der Planke herunter und zur offenen Luke tretend,„Du Jahn, ſmiet mal dat Tüg da rup, vor de Scheerenſlieper; de ole ſcheepe Kaar met en Raad dervör!“ „Dat Donnerſlagſe Ding; ick hebb mi all min Schen dran verſtoten“ fluchte eine Stimme von unten herauf. „Nu? kommt ſe vorn Tag?“ „Ja, gliek— hahl op!—“ „Staat by hier— oh— aho⸗y⸗oh!“ Der Karren, ein ungeſchlachtes Ding, mit einem Kaſten dabei, in den wahrſcheinlich die Steine gepackt waren, denn die Leute die ihn heraufwanden fluchten über das Gewicht, kam bald darauf zu Tage, und Maulbeere nahm ihn in Empfang, unterſuchte ihn erſt auf das Sorgſamſte, und be⸗ gann dann, ihn zum augenblicklichen Gebrauch in der Stadt, vollſtändig in Ordnung zu bringen. Als er noch damit beſchäftigt war kam Meier mit ſeiner Frau aus dem unteren Deck herauf; Beide ſchienen ebenfalls gerüſtet das Schiff zu verlaſſen, aber die Frau ſah todtenbleich und abgemagert aus, und war ſo ſchwach daß ſie ſich kaum auf den Füßen halten konnte. Maulbeere kauerte neben ſeinem 8* ———— 116 Kaſten, und ſah die Beiden vorüber gehn, unterbrach aber 3l ſeine Arbeit nicht dabei, und hämmerte und ſchraubte ruhig fort. 6 Das Gepäck der Beiden war ſchon heute morgen früh an Land und durch Meier ſelber nach einem billigen Boarding⸗ hauſe in— Street geſchafft worden; die Frau trug nur ein kleines in ein rothbuntes ſeidenes Tuch eingeknüpftes Bündel, und wankte hinter dem Mann her, der den Hut etwas auf einer Seite, die Hände in den Hoſentaſchen und einen ziemlich derben Stock unter den linken Apm gedrückt, ohne weiter Notiz von irgend Jemand an Bord zu nehmen, im Begriff war das Schiff zu verlaſſen. Nur als er vor Maulbeere vorüber ging blieb er ſtehn, ſah zu ihm nieder und ſagte: „Auch fertig?“ „Bald“ erwiederte der Scheerenſchleifer, eben im Begriff eine etwas ſchwergehende Schraube einzuziehn, was ſeinem Geſicht eine faſt dunkelrothe Färbung gab. „Iſt hübſch in Amerika.“— „Sehr!“ ſagte der Scheerenſchleifer. „Schon Ausſichten?“ „Siebzehn!“ „Guten Morgen.“— „Morgen!“ lautete die trockene Antwort, und der Mann ging, dicht von der Frau gefolgt, ohne ſie aber zu führen oder zu ſtützen auf dem ſchwanken Bret, über die Planke an Land.* Der Scheerenſchleifer aber, in ſeiner Stellung mit dem einge⸗ ſtemmten Schraubenzieher bleibend, und nur mit den Augen dem wunderlichen Paare folgend, ſah ihnen eine Weile nach, griff nem 117 sbis ſie über die Levée verſchwunden waren, und wollte dann eben wieder in ſeiner Arbeit fortfahren, als der Unterſteuer⸗ mann zu ihm trat, und hinter dem fortgegangenen Paſſagier herdeutend ſagte. „Ein hübſches Pärchen, wie?— ſcheint ſich recht wohl zuſammen zu fühlen.“— „Scheint ſo“ ſagte Maulbeere, wieder an der Schraube beginnend. „Ihr wißt nicht wo ſie her ſind?“ „J. 4 „Und was der Burſche drüben geweſen iſt?“ frug der Seemann neugierig.— „Ja wohl“ ſagte Maulbeere. „Umſonſt iſt der nicht weggegangen von zu Haus.“ „Das weiß Gott“ meinte der Scheerenſchleifer—„er hat für zwei Perſonen theuere Paſſage zahlen müſſen?“ „Alſo Ihr wißt was Näheres über ihn?“ „Näheres?— ich kann Ihnen den Fleck zeigen wo er die letzten ſieben Wochen geſchlafen hat, Herr Unterſteuermann.“ „Bah, ich meine von drüben.“ „Oh von drüben meinen Sie.“ „Was war er denn drüben?“ „Glücklicher deutſcher Staatsbürger.“ „Ich meine was er ſonſt getrieben hat.“ „Ich werde nachher den Herrn Oberſteuermann um die Schiffsliſte erſuchen, und Ihnen dann mit größtem Vergnügen das Nähere mittheilen.“ — 118 „Gehn Sie zum Teufel!“ ſagte der Unterſteuermann ärgerlich. „Danke Ihnen“, Maulbeere, vollkommen ruhig an ſeiner Arbeit fortfahrend. Maulbeere, der mit unerſchütterter Gemüthsruhe, den Ma⸗ troſen dabei fortwährend im Weg, ſeine Arbeit beendet, das Rad eingeſchlagen und vier oder fünf Schiebladen in ſeinem Geſtell mit allerhand Dingen aus einem kleinen Kiſtchen ge⸗ füllt hatte, ſtand jetzt auf, ſetzte ſeinen Hut auf, nahm den breiten ledernen Tragriemen über die Schultern des unverwüſt⸗ lichen grünen Rockes—(deſſen Glanz dort oben auch dadurch ſeine Erklärung fand) und war im Begriff das Schiff zu ver⸗ laſſen indem er ſeinen Scheerenſchleiferkarren vor ſich her, über den Gangweg hin, der Planke zuſchob. „Nun Herr Maulbeere glückliche Reiſe!“ ſagte der Oberſteuermann, der ihn kopfſchüttelnd die letzten Minuten beobachtet hatte—„aber was ſoll mit dem Kiſtchen hier geſchehn?“— Der weiße kleine Kaſten war an Deck zurück⸗ geblieben. „Den vermach ich dem Schiff!“ ſagte Maulbeere, den Karren etwas mehr nach der linken Seite werfend, das Gleich⸗ gewicht herauszubekommen. „Und Ihr anderes Gepäck?“ „Gegenwärtig.“ „Was?— keine Kleider mehr?— wo iſt denn Ihre Waͤſche?“ lachte der Seemann. „In der Wäſche Herr Oberſteuermann“ ſagte Maulbeere, 119 mann und war eben im Begriff mit einem plötzlichen Ruck über eine im Wege, und queer über den Gangweg liegende Handſpeiche ſeiner hin zu fahren, als Frau Henkel mit Hedwig die Cajütstreppe heraufkam und auf dem Oberſteuermann zuging. Ma⸗ Sie ſah todtenbleich aus, war aber vollſtändig angezogen, das mit ihrem Hut auf und einen weiten Shawl um ihre Schul⸗ unem tern geſchlagen; eben ſo Hedwig, die eine Taſche in der Hand ge⸗ trug, und ſtark verweinte Augen hatte. vic„Halt Maulbeere!“ rief der Oberſteuermann—„wartet urch einen Augenblick, ich glaube die Damen wollen an Land gehn, ver daß Ihr ihnen nicht mit Eurem gefährlichen Karren da in den 3 Weg kommt.“ über„Werde ihnen Bahn machen“ ſagte jedoch Maulbeere, der eben nicht geſonnen Rückſichten auf Jemand zu nehmen, wer ten es auch ſei; der Seemann trat ihm aber in den Weg, und hier zwang ihn dadurch zum Stillhalten, während Clara Henkel ück⸗ auf ihn zutrat und freundlich ſagte— „Dürfte ich Sie bitten mir zwei von Ihren Leuten mit⸗ den zugeben und meine beiden Koffer tragen zu laſſen?“ ich⸗„Sie wollen doch nicht zu Fuß in die Stadt gehn, Ma⸗ dame?“ ſagte der Steuermann—„ich glaubte erſt, Sie wünſchten nur einmal friſche Luft wieder zu ſchöpfen, aber da beſorg ich Ihnen doch lieber einen Wagen.“ hre„Ich danke Ihnen“ ſagte die Frau mit leiſer, doch ent⸗ ſchloſſener Stimme—„wir werden gehn— aber ich möͤchte die re, Koffer mit mir nehmen.“ 120 „Sie ſehen noch ſo blaß und angegriffen aus“ ſagte derg A Seemann auf ſeine derbe doch herzliche Weiſe—„wenn Sie mir folgen, laſſen Sie ſich einen Wagen holen.“ Clara ſchüttelte mit dem Kopf, und ſich umſehend auf Deck ſagte ſie endlich: „Hat Herr Henkel ſein ganzes Gepäck fortſchaffen laſſen?“ „Alles, bis auf das was in der Coye ſtand.“ „Iſt nicht ein kleiner gelber lederner Koffer mit ſchwarzen Riemen zurückgeblieben?“ „Nicht daß ich wüßte, aber ich kann fragen.“ „Nein Madame“ miſchte ſich hier aber einer der Ma⸗ troſen in das Geſpräch—„ich habe ſelber die Sachen mit auf den Karren und den kleinen gelben Lederkoffer mit hin⸗ ausgetragen; der Koffer fiel mir noch auf weil er ſo hübſch gearbeitet war und eben die ſchwarzen Tragriemen hatte.“ Clara ſeufzte tief auf, aber ſie ſah freudiger dabei aus — es war als wenn eine Laſt von ihrer Seele genommen wäre. „Ich weiß ſelber nicht einmal wohin die Sachen ge⸗ ſchafft ſind“ ſagte der Steuermann wieder,„und die Leute wiſſen auch nicht Beſcheid.“ „Wir werden uns ſchon zurecht finden“ ſagte Frau Hen⸗ kel—„ich bitte Sie recht ſehr mir zwei Leute mitzugeben.“ „Von Herzen gern, wenn Sie es denn abſolut wollen — heh Jahn und Görg— loopt mal gau daal in de Cajüt, 121 derg„ und ſackt die beiden Koffers op.— Sind ſte herausgeſtellt, Sie Madame?“ „Sie ſtehen vor unſerer Thür.“ auf„Alſo flink Jungens, und dann gaat Jü mit Madame in de Stadt.— Kann ich Ihnen ſonſt noch mit etwas ffen dienen?“ „Ich danke Ihnen Steuermann“ ſagte die Frau freund⸗ lich, aber gar wehmüthig lächelnd—„ich brauche Nichts weiter— leben Sie wohl. Vielleicht aber ſehn wir uns in recht bald wieder— wann wird Ihr Schiff fertig ſein zur Rückfahrt?“ —„Ja das hängt von der Fracht ab, Madame, aber ich Ra⸗ denke doch ſpäteſtens in vier Wochen.“ mit„Ich danke Ihnen leben Sie wohl!“ Sie ging, von— un⸗ Hedwig jetzt unterſtützt, auf deren Schulter ſte ſich lehnte, 'ſch langſam über die Planke an Land, und die Matroſen folgten 1 ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern. us Maulbeere hatte ſeinen Karren hingeſetzt, und war ein nen ſtummer, doch ſehr aufmerkſamer Zeuge der letzten Scene ge⸗ weſen; jetzt aber, wieder unter das Lederband duckend, ſagte er ge⸗ ſehr förmlich zu dem Seemann, der noch auf der Planke ſtand ute und den Damen nachſchaute. „Erlauben mir jetzt der Herr Steuermann daß ich auch en⸗ b hinaus darf?“ „Oh mit Vergnügen err Maulbeere“, rief der See⸗ len mann, lachend auf die Seite tretend—„thut mir unendlich üt, 4 leid Sie aufgehalten zu haben.“ 2 8 — 122 „Bitte mich dem Herrn Capitain gehorſamſt zu empfeh⸗ len“ ſagte der Paſſagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem er an dem Steuermann vorbeiſchob.— Die Matroſen die in der Nähe ſtanden lachten, der Scheerenſchleifer kümmerte ſich aber nicht weiter um ſie, fuhr in einen kurzen Trab die etwas ſchräg nach dem Land liegende Planke nieder, an der anderen Seite mit kräftigerem Anſtoß hinauf, und verſchwand bald darauf in dem am Lande wo— genden Gedräng von Menſchen. feh⸗ dem der uhr nde toß o⸗ Cagitel 5. 3 Der Miſſiſſippi.* Die Jane Wilmington einer jener mächtigen Miſſiſſippi⸗ Dampfer, von denen hunderte die Waſſer jenes rieſigen Stro⸗ mes befahren, lag zur Abfahrt fertig an der Levée von New⸗ Orleans, mitten zwiſchen einigen dreißig anderen, ihr ganz ähnlichen Booten. Keinen lebendigeren, geſchäftigeren Platz giebt es auch wohl auf der Welt, ſo weit Handel und Schiffahrt Länder und Menſchen mit einander verbinden, als die Dampfboot⸗ landung von New⸗Orleans, beſonders in dieſer Jahreszeit. Die Stadt iſt neuverjüngt; das gelbe Fieber das alljährlich im Spätſommer, bis Ende September, oft ſogar bis in die erſten Tage des Oktober, New⸗Orleans faſt entvölkert, die wohlha⸗ benderen Bewohner nach dem geſünderen Norden hinaufſ cheucht, die Fremden decimirt, und der ganzen Stadt das Anſehn eines großen Leichenhauſes giebt, von deſſen tauſenden von Leichen. 1 124 ſich zuletzt ſelbſt die Aasgeier in Ekel abwenden, hatte ſchon lange ſeine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin gewalt⸗ ſam zurückgehaltene Handel, der ſeine natürliche Strömung nach dieſer mächtigſten Hafenſtadt des Südens hat, brach ſich jetzt wie gewaltſam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern, die ſcheu und ängſtlich in der ſchweren Zeit den Platz gemie⸗ mp den, und ſich mit geringer Fracht, und der ungeheueren Con⸗ urrenz wegen nur mit wenigen Paſſagieren begnügend, zwi⸗ ſchen den oberen Staaten herumfuhren, und wenn ſie ja Mannſchaft nach der„Peſtſtadt“ bekommen konnten und es wagen wollten, nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen was Geld hatte ſeine Paſſage zu zahlen, und dann ſchnaubend und in Ballaſt wieder zurückeilten nach Norden auf, führten jetzt die tauſende zurück in ihre verlaſſene Heimath, die der „Gelbe Jack“ wie die Cpidemie ſpottweiſe heißt, daraus ver⸗ trieben, und brachten zugleich die Schätze des Nordens den ver⸗ ödeten Waarenhäuſern der Stadt. Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor ſich. auf⸗ ſpritzend, den Strom nieder— noch iſt es nicht elf Uhr Mor⸗ gens, und das ſiebzehnte iſt ſchon gelandet; gewaltige Fahr⸗ zeuge mit von vier bis acht Keſſeln an Bord, viele mit einer Manſchaft von 50— 60 Leuten, die breiten guards*) bis hoch *) Die Amerikaniſchen Dampfboote erhalten durch dieſe breiten guards etwas ſehr Eigenthümliches, da ſie von dem eigentlichen, oft— etwa ſehr ſchmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieſes ſelber bilden, wodurch es nicht ſelten über dem Waſſer faſt die doppelte Breite ſeines unter Waſſer befindlichen Rumpfes bekommt. Von 125 hinauf ſelbſt über das höchſte Deck mit einer ordentlichen Wand von Baumwollenballen umthürmt, andere, ihre oberen Decks wenigſtens frei, aber doch bis zu den guards im Waſſer ge⸗ hend, geſalzenes Schweinefleiſch in tauſenden von Fäſſern von Cincinnati, Mehl von Ohio und Penſylvanien, Whiskey von eben daher, Blei von Miſſouri, Vieh von Kentucky, und feines Salz und Tabak aus Virginien herunter bringen. Die Levee ſelbſt liegt ſchon feſt gepreßt unter einer rieſi⸗ gen Laſt all ſolcher Produkte, die der Norden hier hernieder ſchickt, baar Geld oder die Erzeugniſſe der Tropen dafür ein⸗ zutauſchen— Baumwollenballen ſo weit das Auge reicht; Fleiſch und Mehlfäſſer und whiskey barrels mit ihren rothen Böden und dem Cincinnati⸗Stempel; Kaffee⸗ und Reisſäcke zu tauſenden als neue Fracht für die eingetroffenen Boote; Blei in ſchweren kurzen Barren; Syrop⸗ und Zuckerfäſſer; Salzſäcke und dichtgeſchnürte Ballen koſtbarer Felle vom Norden; ein ſtehendes Waarenmagazin unter freiem Himmel von kaum be⸗ rechenbarem Werth, Nachts unter dem Schutz von vielleicht ein oder zwei ſchläfrigen Wachen, ſeine Maſſe behauptend, während hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzu⸗ tragen. Und das Gewimmel von Menſchen auf dem Platz, über dem äußerſten Rand der guard ab laufen dabei die unteren Stützen des Zwiſchen⸗Decks, in dem ſich auch über dem Waſſer, die Maſchine mit den Keſſeln befindet, und auf dieſen ruht die Cajüte— der große oft prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlaſplätzen der Paſſagiere und oberen Officiere des Bootes.. 5 4* *— 126 den hie und da kleine Auſterbuden wie geſprenkelt ſtehn, die Hungrigen zu erquicken, während die Häuſer der ganzen Front ihre unteren Hallen verlockend öffnen den Durſtigen jene Un⸗ zahl Miſchungen geiſtiger Getränke zu bieten, wegen denen Amerika berühmt iſt. Die Karrenführer ſelbſt, meiſt Irländer und Neger mit wenigen Deutſchen, eine wilde thätige, rauf⸗ luſtige Bande, die tauſende von Bootsleuten der verſchiedenen Dampfer, Feuermänner und Matroſen, die ſchwere Fäſſer vor ſich her die Levée hinaufrollen, oder gewichtige Kaffee- und Reisſäcke auf den Schultern niedertragen, oder mit ſtumpfen Handhaken, Stiefelziehern nicht unähnlich, rieſige Baumwollen⸗ ballen in Schwung bringen und herüber und hinüber werfen, als wären es Körbe mit Federn gefüllt— wie ſie da ſchaffen und arbeiten, und lachen und fluchen. Und zwiſchen den kräf⸗ tigen ſonngebräunten Burſchen mit aufgeſtreiften Aermeln und offenen Hemdkragen, denen der Schweiß in hellen dicken Tropfen auf den rothen Stirnen perlt, und deren S ehnen wie Stricke an den markigen Armen herunter liegen, ſeht Ihr jene kleinen ſchmächti⸗ gen Geſtalten in ſeidene Fracks oder lichte Oberroͤcke gekleidet, mit gewichſten Stiefeln und gegen die Sonne geſpanntem Regen⸗ ſchirm, kleine Bücher in der Hand, und den geſpitzten Bleiſtift mit den dünnen Lippen feuchtend? das ſind die„clerks“ oder Buchhalter der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verſchie⸗ denen dortliegenden Dampfboote, Waaren überliefernd, oder übernehmend, und den Kopf voll Zeichen und Zahlen. Paſſagiere drängen dabei herüͤber und hinüber, denen ſich die Bewohner der Stadt, in Geſchäften oder Müſſiggang, zu — die Front Un⸗ enen nder auf⸗ men vor und ofen len⸗ fen, fen äf⸗ ind fen den ti⸗ nit eite 127. 127 geſellen; der lebendige Franzoſe deſſen Stamm ziemlich den vierten Theil der ganzen Stadt bevölkert, und ſich ſelbſt dem, im Beſitz befindlichen Amerikaner gegenüber das Recht ſeiner Mutterſprache in den Gerichtshöfen neben dem Engliſchen ge⸗ ſichert hat; der ruhige Spanier mit ſeinem breiträndigen som- brero; der geſchäftige NYankee, an der langen ungelenken Ge⸗ ſtalt, dem knochigen Geſicht und den grauen lebendigen Augen kenntlich; zwiſchen ihnen der reiche Creole*) mit ſeiner ſonn⸗ gebräunten Haut und der thätige Deutſche, der ſchweigſame Engländer und der feurige Italiener, durch ein Gewühl von Negern und Mulatten drängend, die mit Fracht auf und ab die Levée ſteigen, oder hin und her geſchäftig laufen, und dabei lachen und ſingen, ſchreien und zanken. Und da hindurch preſſen die Züge der ankommenden Ein⸗ wanderer, meiſt Deutſche in ihren Nationaltrachten, wie ſie daheim den Bauerhof verlaſſen, auch viele Irländer in ärm⸗ lichen Kleidern, aber mit entſchloſſenen, fröhlichen Geſichtern, die meiſt ihr Gepäck ſelber den Dampfſchiffen zuſchultern, auf denen ſie im Begriff ſind die Fahrt in's Innere anzutreten. Die Deutſchen beſonders tragen ſchwere hölzerne Kiſten, gewöhnlich zwei und zwei zuſammen; alte Truhen mit *) Es iſt ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutſchland, daß man unter dem Wort Creole ſich einen von Indianiſchen Blut Entſproſ⸗ ſenen denkt. Creole bedeutet in Amerika und Weſtindien, wo das Wort beſonders gebräuchlich iſt und(wahrſcheinlich von criar, erſchaffen, her⸗ ſtammend) einen im Lande ſelber aber von rein Europäiſchen Eltern Geborenen. Die Halbabkömmlinge der Indianer, Miſchlinge von Euro⸗ päern(oder Creolen) und Indianern heißen Meſtizen. 128 buntgemalten Kränzen von unmöglichen Blumen, und frommen Sprüchen geziert, über die hin keck und rückſichtslos der Name des Eigenthümers und das Wort Amerika, mit ſchwarzer Farbe ſeinen Platz geſucht, während die Frauen, Kinder auf dem Arm und an der Hand, in weitbauſchigen Aermeln und kurzen Rücken, die braunen Stirnen der Sonne vertrauend preisgegeben, den Männern folgen. Jetzt ſtehn ſie und ſuchen den Namen des Bootes für das ſie ſich beſtimmt, von„Läufern“ indeß überrannt, die ſie dem oder jenem Dampfer werben wollen. Kleine Seelenverkäufer in ihrer Art, dieſe Burſchen, und eigent⸗ lich wilde Schößlinge der Ueberſeeiſchen Agenten, die auch ihre Procente haben pro Kopf, für alle die ſte als Paſſagiere ſicher auf ein Dampfboot liefern. Ob dann die Leute dorthin kom⸗ men wohin ſie gerade wollen, und ob ſie dort glücklich ſind oder zu Grunde gehn, was kümmerts die; nur ſo und ſo viel Köpfe ſicher an Bord, ſo und ſo viel escalins*) dafür eingeſtrichen, aus dem fremden Volk mag dann werden was da will. Die Deutſchen geben ſich aber am wenigſten mit den Leu⸗ ten ab; wieder und wieder ſchon im alten Vaterland vor ihnen gewarnt, laſſen ſie ſich wenigſtens nicht mehr ſoleicht auf der Straße von ihnen abfangen, fallen ihnen aber ſonſt doch noch in die Hände. Haben ſie jedoch erſt einmal den Namen eines *) Escalin wird der ſpaniſche Real genannt, der in Nord⸗Amerika noch andere Namen hat; ſo heißt er, beſonders in den Südlichen Staa⸗ ten bit, in New⸗York Shilling. Es iſt Spaniſches Geld von 12 ½ cent oder ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikaniſche Geld nach Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silbermünze dimes(10 cent) und half dimes(5 cent). 5 ——— 129 beſtimmten Bootes, dann halten ſie ſich auch hartnäckig an dem feſt, mögen die Bequemlichkeiten darauf ſein wie ſie wollen, ſchaffen ihre Sachen ſelber an Bord, und richten ſich dann wie⸗ der, das alte Zwiſchendecks⸗Leben friſch im Gedächtniß, gar bald für die Tage die ſie auf dem Waſſer noch zubringen müſ⸗ ſen, häuslich ein. Das Alles wogt und drängt über die Levée von New⸗ Orleans, und auf dem Strome herrſcht gleiches reges Leben. Hier kommt ein ſchnaubender Dampfer, die Thüren vor den Keſſeln weit aufgeriſſen daß die Hitze da ausſtrömen kann, und das Boot ausſieht als ob es einen glühenden Rachen geöffnet habe, pfeilſchnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der ſchäumenden Fluth, und gleitet, von kundiger Hand geführt, genau in die Lücke ein die jenes andere Boot gelaſſen, das eben noch in Sicht, langſam ſtromauf dampft. Dort ſtößt ein an⸗ deres ab— ſeine Planken ſind eingezogen, die die Verbindung mit dem Lande unterhielten, aber ſein Deck ſchwärmt noch von Fremden aller Farben, die Geſchäfte oder Neugier an Bord getrieben. Die Leute legen ſich indeſſen unter dem gellenden Ho⸗y⸗oh! der Matroſen in lange ausgeſchobene Stangen, den Bug zurückzuſchieben, die Maſchine beginnt zu arbeiten, und wie das breitmächtige Boot langſam nachzugeben beginnt und, die guards der beiden Nachbar⸗Dampfer reibend, ſich rückwärts hinausdrängt aus der langen Reihe, ſpringen an beiden Sei⸗ ten die Müßiggänger und nicht an Bord Gehörigen hinüber auf andere Boote, nicht mit hinaus in den Strom genommen zu werden, denn der Capitain hielte wahrlich keine Secunde an Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 9 130 ihretwegen, und der erſte Landungsplatz wäre wahrſcheinlich erſt dreißig oder vierzig Miles*) ſtromauf geweſen, wo er das erſte Holz einnehmen mußte. Jetzt hat ſich das ſchnaubende Boot frei gemacht und ſchießt mit vermehrter Kraft, über ſein Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein— nun drängt ſich der ſcharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die Räder ſchlagen, die Waſſer kräuſeln, brechen ſich unter der Gallion, und werden zu Schaum geſchlagen von den peitſchenden Rad⸗ planken, und fort ſchießt das gewaltige Fahrzeug von der un⸗ geheueren Kraft getrieben, auf ſeiner Bahn. Die Schaar von Menſchen aber, die eben dem einen Boot entſprang, eilt jetzt flüchtigen Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot zu gewinnen; Kofferträger und Verkäufer, Boardinghaus⸗Wirthe und Taſchendiebe— oft beide zu einer Klaſſe gehörend— Käufer und Zwiſchenhändler von jeder Farbe, jedem Stand, und das Drängen und Treiben beginnt von vorne an. Die Jane Wilmington, eben ſo überladen von Men⸗ ſchen wie alle übrigen abgehenden Boote, hatte das Zwiſchen⸗ deck dabei von Deutſchen und Iriſchen Auswanderern mit ihren Kiſten ſo vollgedrängt, daß an ein Hindurchgehn ſchon gar nicht mehr zu denken war, und wer wirklich hindurch oder hinein mußte, konnte ſehen wie er eben über die Kiſten und Koffer hin eine Paſſage fand. Und nicht um eine Idee beſſer ſah es oben in der Cajüte aus, wo ſich, als Lobenſteins die ſchmale Treppe zum Boilerdeck hinauf geſtiegen waren, die *) Engliſche Meilen, etwas über vier auf die deutſche. 4 —„— —— o—— 1 inlich r das bende ſein rängt agen, und Rad⸗ von jetzt Boot irthe and, ken⸗ hen⸗ dren gar der ind ſſer die die Männer, ihre Cigarren im Mund, die Hüte auf dem Kopf, Schulter an Schulter herumdrängten, hier in kleinen Gruppen ſtanden und plauderten, dort an der bar(dem Schenkſtand) ein Abſchiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder auch eben nur, die Hände in den Taſchen, müßig, und ſehr zum Aerger einer Zahl von Kofferträgern umherſchlenderten, die ihre Laſten auf Schulter oder Kopf, mit einem ununterbroche⸗ nen„please Sir— beg vyour pardon gentlemen“ aus einem Knäuel in den anderen preßten, durchzukommen. Lobenſteins konnten kaum die für ſie beſtimmten, ſehr ele⸗ gant eingerichteten Cajüten erreichen, und der Profeſſor hätte ohne Henkels Hülfe durch das Gewühl von Menſchen im Le⸗ ben nicht ſein Gepäck zuſammengefunden. Endlich war aber Alles glücklich an Bord, Eduard mit den letzten Koffern an⸗ gekommen, und Capitain Siebelt hatte ſchon lange Abſchied genommen und ſeinen bisherigen Paſſagieren eine glückliche Weiterreiſe gewünſcht, als ſich auch Henkel dem Profeſſor wie den Frauen empfahl, ſeinen„eigenen Geſchäften“ wie er ſagte, nachzugehn. „Und grüßen Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe Frau“ bat ihn die Frau Profeſſorin, als er auf dem Gangweg, vor der Damencajüte die hinter dem Radkaſten liegt, ſich ver⸗ abſchiedete,„und ſie ſoll ſich ja recht ſchonen— ich laſſe ſie herzlich darum bitten.“ „Und tauſend Grüße und Küſſe noch von uns“ rief Anna—„lieber Gott, es wäre doch recht traurig wenn ſie 9* ſtreckend. 132 ihren Eintritt in das fremde Land gleich mit einer Krankheit beginnen ſollte.“ „Und Sie beſuchen uns alſo mit Clara noch dieſen Herbſt!“ frug Marie, ihm ſcharf dabei in's Auge ſehend— „Sie haben es verſprochen.“ „Gewiß“ ſagte Henkel, ihr lächelnd die Hand entgegen⸗ „Ein Wort ein Mann!“ rief Marie, zögernd ihre Hand in die ſeine legend. „Sie haben doch die Adreſſe die ich Ihnen gegeben Herr Profeſſor?“ frug Henkel jetzt noch einnal—„dort draußen läutet die dritte Glocke und ich werde an Ende noch mit fort⸗ geſchleppt.“ „Und Claras Angſt dann!“ rief Anna. „Es wäre allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.“ „Die Adreſſe habe ich, und denke daß ich ein Geſchäft mit dem Herrn mache, wenn mir das Land nur irgend con⸗ venirt,“ ſagte der Profeſſor. „Es iſt ein Ehrenmann, Sie können ſich auf ſein Wort verlaſſen.“ „Deſto beſſer— alſo auf Wiederſehn!“ „Auf Wiederſehn!“ rief Henkel und hatte wirklich nur noch eben Zeit die guards des nächſten Bootes zu erreichen, ja mußte ſchon zu dem Zweck hinauf auf den Radkaſten laufen und von dort hinüber ſpringen, als die wackere Jane das Freie ſuchte, und wenige Minuten ſpäter luſtig den vorangelaufenen Steamern nachdampfte. 133 Eine ſolche Menge von Menſchen, alle nicht zum Boot gehörig, hatte ſich dabei empfohlen, daß die wirklichen Paſſa⸗ giere mit Erſtaunen, aber auch großer Befriedigung ſahen, wie ſie Raum genug behielten, und keineswegs gedrängt waren, und nur mit der erſten Stunde überſtanden, die ſie allerdings gebrauchten ihr verſchiedenes Gepäck einiger Maßen in Ord⸗ nung zu bringen, konnten ſie ſich ganz dem Genuß der reizen⸗ den Gegend hingeben, an der das wackere Boot ſie raſch hin⸗ aufführte. Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, ſo im Vorbeifliegen geſehn, als die Ufer des Miſſiſſippi überhalb New⸗Orleans. Mit Plantagen dicht beſäet, deren reizende Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von Blüthenbüſchen und fruchtſchweren Orangenbäumen lauſchig und ſtill hervor⸗ ſchauen, ſchmiegen ſich die kleinen, colonienähnlich gebauten Negerwohnungen dicht an dieſe an, und geben der ganzen Ge⸗ gend einen ſo wohnlichen, geſelligen Charakter, daß das Auge mit Entzücken auf ihnen weilt. Berge fehlen freilich im Hin⸗ tergrund, den nur ein einziger dunkler Streifen Wald bildet — der Miſſiſſippi⸗Sumpf— aber die üppigen Felder, die ſorg⸗ ſam eingefenzt, ſo weit das Auge reicht dem Blick begegnen, die geſchäftigen Schaaren weiß gekleideter Neger in den Fel⸗ dern, theils beſchäftigt Zuckerrohr zu ſchneiden, oder Baumwolle zu pflücken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwiſchen, das rege Leben auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwiſchen der ſich am ganzen Strom hinauferſtreckenden Levée und den Fenzen der Plantagen hinläuft; die kleinen freundlichen Städt⸗ 134 chen dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren ſchlanken Thürmen, die gewaltigen Waarenhäuſer, und dahinter die hohen dunklen Schornſteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der Fruchtbäume herüberſchaun; das Alles feſſelt das Auge des Fremden raſch genug, und hält ihn ordentlich an Deck gebannt, keinen Moment, keinen Punkt dieſes freundlich ſonnigen Bil⸗ des zu verſäumen. Alles iſt hier neu, alles eigenthümlich, und fehlen dem Fremden auch die Palmen, die ſeine Phantaſie wohl meiſt dem Süden der vereinigten Staaten(oft ſelbſt dem Norden) giebt, ſo bietet ihm doch auch die Vegetation ſchon des Neuen und Südlichen viel, ihn dafür wenigſtens in etwas zu entſchädigen. Stattliche Pecanbäume am Ufer, mit ihren ſchlanken Stämmen und ſchattigem Laub, und weiter drinnen im Land die rieſigen hochwüchſigen Cypreſſen mit ihrer rothen Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die frucht⸗ bedeckten Orangendickichte, die freundlichen Blumen geſchmückten Gärten, mit ihren Tulpenbäumen, Roſenranken, und Granat⸗ büſchen, das Alles zeugt für die heiße Sonne dieſer Breite, wäre nicht ſchon das wehende Zuckerrohr am Ufer und die eigenthümliche Baumwollenpflanze ſelbſt Beweis genug auch ohne das. So lichtbeſchienen liegt das weite, wunderſchöne Land dort ausgebreitet— ein Paradies, wenn man's ſo flüchtig ſieht und auf bequemem raſchem Boot daran vorübergleitet— aber es iſt das nur die äußere Rinde des Ganzen, die blitzt und glänzt und in die Augen ſcheint, nicht alles ächt und Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleich⸗ — 2—,——(— ——,————9 1—— men, nklen b der des annt, Bil⸗ und taſie dem ſchon was hren men then icht⸗ ckten nat⸗ eite, die nuch and htig litzt und ich⸗ 135 mäßig gebauter reinlicher Häuſer mitten in dieſem„Paradies“ — dort wo wir gerade vorüber fahren ſind große weitäſtige Feigenbäume vor die Thüren gepflanzt, kleine ſauber gehaltene Gärtchen ſchließen ſich daran, und vor den Thüren ſpielen Kin⸗ der— kleine ſchwarze, braune und gelbe lachende Geſtalten mit frohem Jubel herüber und hinüber, von alten Leuten da⸗ bei beaufſichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre übrige Lebenszeit, die ihnen Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben dürfen.— Ruhe und Frieden!— dem alten Manne da, der das Kind auf dem Schooße hält und hätſchelt und es küßt— Ihr könnt vom Boot aus die Thränen nicht ſehn, die ihm die dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen— iſt vor drei Tagen ſeine Enkelin, ein bildhübſches Mädchen von achtzehn Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel von ihm, ein junger Burſch von zwölf Jahren, wurde blutig gepeitſcht, weil er die Ruthen nicht ſelber, wie es der Aufſeher befahl, von den Weiden ſchneiden wollte, mit denen die eigene Mutter geſchlagen werden ſollte. Der Knabe liegt jetzt da drinnen— in demſelben freundlichen Haus vor dem der alte Feigenbaum ſteht— auf ſeinem harten Lager, mit blutigen, geſchwollenen Gliedern und ächzt und ſtöhnt, und der Alte hat das kleine Kind auf dem Schooß, und küßt es und herzt es, und ſieht im Geiſt ſchon die Peitſche gehalten, hört die ſcharfen entſetzlichen Streiche, die auf die zarte Haut des Lieb⸗ lings niederfallen werden. 8 „Seht die reizenden Wohnungen an“ haben viele Rei⸗ ſende geſchrieben—„wie behaglich und warm ſind eben dieſe Sclaven hier gebettet, und möchten ſie mit den unglücklichen Armen unſeres eigenen Vaterlandes tauſchen, die mit fröſteln⸗ den Gliedern, in erbärmlichen zugichen Hütten ihre trockene Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und ſich das Haar rau⸗ fen wenn ihnen die Kinder die Aermchen entgegenſtrecken und umſonſt nach Nahrung ſchreien?“— Ich weiß es nicht; aber ein Elend wird nicht durch das andere gehoben, und tauſende und tauſende von ihnen würden lieber die letzte Brodrinde mit dem Kind theilen und mit ihm hungern, als daß ſie es aus ihren Armen geriſſen ſähen, einem anderen, nicht geringeren Elend entgegengeſchleudert zu werden. Die Weißen, die den lockeren ſittlichen Verhältniſſen jener Staaten nach, und in dem ungeſtörten unantaſtbaren Recht des Herrn ſchon alle Fa⸗ milienbande ihrer Sclaven außerdem mit Füßen treten, zer⸗ reißen dieſe auch nach Gutdünken durch Verkauf der einzelnen Glieder— der kleine Kreis der Sclaven, der nach ſchwerer Arbeit um das Feuer ſeiner Hütte ſitzt, kann er ſelbſt dieſes Glück in Ruh genießen, wo er nicht ſicher iſt, ob nicht des Herren Wille ſchon morgen, ſchon heute Nacht, das liebſte Kind aus ihrer Mitte nimmt— das vom Bord des Dampfers noch einmal die Hände nach ihnen hinüberſtreckt, und todt— verloren iſt für ſie auf immer? Die Sclaverei, das Brandmal der Civiliſation, wird im⸗ mer ihre Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwiſſen⸗ heit dieſem Fluch der Menſchheit das Wort reden, und den ——,.,.,——, Rei⸗ dieſe lichen ſteln⸗ ockene rau⸗ und aber ſende mit aus verer jleſes des ebſte fers 137 faulen giftigen Kern mit der hie und da glatten Rinde ent⸗ ſchuldigen wollen, wer aber in ihrem Kreis gelebt, die zittern⸗ den Geſchöpfe unter dem Hammer des eisblütigen Tabaks⸗ kauenden Auktionators geſehn, und die Thränen gezählt hat, wer dem Elend gefolgt iſt, mit dem der Eigennutz hier unter dem frechen Schutz chriſtlicher Geſetze Menſchen foltert, der wird ſich nur mit Abſcheu von dem Elend wenden, dem er nicht ſteuern kann und darf— ob's ihm auch faſt das Herz manchmal zerreißt. 1 Aber vorbei— vom Dampfboot aus ſehen wir Nichts von alle dem; nur die freundlichen Dächer blitzen zu uns her⸗ über aus dem Grün des Buſchwerks, und die geſchäftigen re⸗ gen Gruppen, klein und zierlich mit ſcharfen Umriſſen in der reinen, Luft wie auf dem Spiegelbild einer camera obscura, geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter. Das Boot ſchießt und ſchäumt jetzt dicht am Ufer hin, und ſeine wildtanzenden Schlagwellen die hinter den Rädern drein tanzen, waſchen und ſchleudern an dem ſo ſchon genug unterwühlten Ufer auf, und hetzen vergeblich hinter dem davonbrauſenden Fahrzeug drein. Dort auf der Levee ſpielt ein munterer Trupp Creol⸗Poneys; die kleinen lebhaften Thiere halten, wie ſie das rieſige Fahrzeug herankommen ſehn, wiehern und ſchnauben ihm mit offenen Nüſtern entgegen, und ſtampfen den weichen Boden mit den unbeſchlagenen Hu⸗ fen, bis es ihnen faſt gegenüber iſt— Wetter noch einmal wie ſie da die dicken langen Mähnen und die Schweife empor⸗ werfen, und klappernd und tollend geht's die Levée entlang in 138 wildem Lauf.— Hier treiben ſich kleine Negerkinder am Ufer auf und ab; ein ganzer Schwarm iſt', und ſie ſuchen Stücken ſchwimmenden Holzes aus der Fluth zu fiſchen, die der Strom zu ihnen niederführt. Eine alte Negerin ſitzt dabei und paßt auf die unbändigſten, daß ſie ſich nicht zu keck hinauswagen an den tückiſchen Uferrand, der oft nur noch oben den dünnen Raſen über einen verrätheriſch darunter kochenden Wirbel ſpannt. Selbſt ihre alte Haut wäre vor Strafe nicht ſicher, wenn ſie eines der Kinder verunglücken ließe, denn ſie ſind faſt ſo werthvoll wie die glatthaarigen feurigen Poneys dort. Wie die kleine Bande ſchreit und ſingt und tanzt und jauchzt, als das Boot in Steinwurfs⸗Nähe an ihnen vorüber rauſcht— glückliche Kinderzeit, in der die ganze Welt noch im roſigen Lichte liegt— ſelbſt dem Sclaven.. Vorüber wühlt ſich das Boot ſeine Bahn— ha was iſt das?— was liegt da ſo geſtreckt und glitternd in der Sonne mit ſeiner Schuppenhaut, blinzelt mit den kleinen tückiſchen Augen halb ſcheu halb trotzig herüber, und hebt den langen häßlichen Kopf empor?— ein Alligator iſt's, ein tüchtiger Burſch, der ſeine funfzehn Fuß wohl mißt, und ſich hier ſon— nen wollte auf dem weichen feuchten, warmen Raſen, bis ihn die keuchende Maſchine aufgeſtört. Das Boot will vorbei, aber er traut dem Frieden nicht; müßige Geſellen an Bord haben ihm ſchon ein paar Mal im Vorüberfahren die ſcharfen Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm auch gerade nicht ſchadete, war's ihm doch auch nicht eben ange⸗ nehm. Jetzt regt er ſich— es iſt Zeit, denn der eine Cajüten⸗ 4 ——2—— „——— Ufer tücken strom paßt dagen nnen irbel cher, faſt und über im iſt nne hen 139 paſſagier iſt richtig ſchon hineingeſprungen in ſeine Coye ſeinen Reifel*) zu holen für das bequeme Ziel. „Dort liegt er!“ zwanzig Arme deuten hinüber und freuen ſich auf den Schuß, aber wie ein Stein rollt die ſchwerfällige Geſtalt hinein in's Waſſer, und die ihm etwas zu ſpät nach⸗ geſchickte Kugel ziſchte in die Fluth die über ihm zuſammen⸗ ſchlägt.. Weiter— weiter— der Dampfer hält mehr in die Mitte des Fluſſes hinaus, einer Sandbank zu entgehen die ſich an dieſer Stelle hin gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot ge⸗ fährlich werden konnte. Ha was ſchwimmt dort im Strom — ein großer Vogel, der die Reiſe zu Floß nach New⸗Orleans macht?— es iſt ein Aasgeier, der auf einem ertränkten und häßlich angeſchwollenen Rinde ſitzt, an dem er ſich über und über geſättigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefreſſen iſt hier aus der Mitte des Stromes das feſte Land wieder zu er— reichen; er wartet ruhig bis ſein ekles Fahrzeug näher zum Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch mit bis zum anderen Morgen, den guten Biſſen nicht ſogleich zu verlieren. Und da drüben?— Pilot um Gottes Willen iſt das nicht eine menſchliche Leiche die da ſchiimmt?— Wo?— dort? wohl möglich, das kommt oft vor und treibt wohl von Vicksburg oder Natches oder aus Arkanſas und dem Redriver nieder—„Aber wollen Sie nicht das Boot hinüberſchicken?—“ *) Rifle heißt im Allgemeinen die Amerikaniſche lange Büchſe, ob⸗ gleich rifled eigentlich nur„gezogen, mit Zügen verſehn“ bedeutet. 140 „Boot hinüber ſchicken wegen dem Cadaver?— Bah, da hät⸗ ten wir viel zu thun; der iſt gut aufgehoben.“ Weiter— weiter— was das für wunderliche Boote oder Fahrzeuge ſind, denn Boote kann man ſie nicht nennen, die mit vier oder fünf ſchläfrigen Geſellen an Bord, ohne Rä⸗ der, ohne Segel langſam den Strom niedertreiben. Unförm⸗ lichen Kaſten gleich, viereckig, von ſechzig bis achtzig Fuß lang, und zwanzig Fuß breit, fünf oder ſechs Fuß hoch mit einem rohen Geſtell von Bretern von denen queerübergebogene auch das Dach bilden, aufgerichtet. Ein langes Ruder(von denen eines vorn und eines hinten angebracht iſt, denn es bleibt ſich gleich wie ſie treiben), dient dazu es wenigſtens in etwas zu ſteuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben ſolche lange Seitenruder sweeps genannt, die finnenähnlich an den Seiten ſitzen und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange ſchräg genagelt beſtehn, dienen dazu manchmal das ſchwerfällige Fahrzeug einem drohenden snag*), einer Sandbank, oder einer unbequemen Gegenſtrömung aus dem Weg zu ſchieben. Die Arbeit iſt aber anſtrengend, und wenn nicht ein m uß da iſt, rühren ſich die faulen Burſchen gewiß nicht. Aber dieſe Archen— und ſie werden in der That oft ſo genannt— ſo unſcheinbar und roh ſie ausſ ehn, führen nicht ſel⸗ ten koſtbare Ladungen den Strom hinunter; Mehl und Fleiſch, Whiskey, Aepfel, Mais, Butter, Hühner, Schmalz, wildes Heu, Tabak, getrocknetes Obſt, Faßdauben und Reifen und *) Im Flußbett feſtſitzende Stämme. 1 h ät⸗ Boote nnen, Rä⸗ förm⸗ lang, einem auch denen t ſich 1s zu ange eiten hräg llige einer Die iſt, t ſo ſel⸗ iſch, ldes und 141 lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde, Maul⸗ thiere. In den Städten des Südens dann angekommen, lan⸗ den ſie ihr Boot, deſſen vorderer Theil gleich zu einer Art Verkaufslokal, ziemlich frei von Waaren gelaſſen iſt, und ver⸗ kaufen nicht allein ihre Ladungen ſondern auch das ganze Fahrzeug, deſſen Planken auseinander geſchlagen und wieder benutzt werden. Die Verkäufer aher, die Monate lang dazu gebraucht aus den verſchiedenen Flüſſen, Ohio und Miſſouri, Arkanſas und Redriver, ja ſelbſt aus den nördlichſten Strömen des großen Reiches, aus dem Illinois und Foxriver niederzu⸗ ſchwimmen, fahren an Bord der Dampfer in wenigen Tagen jetzt wieder zurück in ihre Heimath, vielleicht ein neues Boot bauen zu helfen und dieſelbe Fahrt von vorne zu beginnen. Wie ſich ſo leiſe der blaue Rauch aus den flachen nieder geduckten Booten ſtiehlt, und langſam und gerade in die Höhe wirbelt— die Leute kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht wird fahren ſte an das nächſte Land, werfen ein Tau um einen irgendwo eingeſtürzten oder ſelbſt noch ſtehenden Baum, und liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie Bahn zeigt, und ſie nicht mehr der Gefahr ausgeſetzt ſind im Dunkel ir⸗ gendwo auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig darnach fragenden Dampfer überrannt zu werden. Weiter— weiter der Abend naht— über den Strom ſtreichen lange Züge von Wildenten und Gänſen— dort drü⸗ ben an der kleinen Inſel die mitten im Fluß liegt— der Miſ⸗ ſiſſippi zählt deren einige achtzig— hat ſich ein großes Volk Pelikane auf der Sandbank zu Ruh geſetzt— ſie ſchauen dem 142 weit von ihnen ab vorbeibrauſenden Dampfer ruhig nach, und nur manchmal ärgerlich nach einem unfern von ihnen auf ei⸗ nem alten Stamm ſitzenden Loon oder Waſſertruthahn hinüber, der ihnen mit ſeinem monoton melancholiſchen Schrei zu viel Lärmen an dem ſtillen Abend macht. Dort in den Wipfeln jener Cypreſſen geht ein Volk weißer und blauer Reiher zu Ruh; ſchlanke langhalſige Burſchen, die ſich die höchſten Spitzen der Bäume ausſuchen, darauf zu ſchaukeln.— Und die Nacht, wie ſie ſo ſtill durch den Wald zieht, erſt die Büſche und Dickichte füllt und die Schluchten, dann weiter und weiter preßt und ſich zuletzt erſt, wenn der Wald ſchon in tiefem Schweigen ruht, mit weißlichem Hauch auf den Strom legt, der jetzt noch einmal ſo raſch zu laufen, noch einmal ſo laut zu rauſchen ſcheint. Wie die Maſchine da klappert, die Räder ſchlagen und ſchäumen, und der Dampf ſo ſcharf und ziſchend aus den ſchlanken Röhren fährt. Und die Fluth quirlt ſo dick und tückiſch darunter hin, und hebt ſich und ſpringt hinten nach, wie ein biſſiger Köter, der ſchnappend nach dem ſtolz vorbei⸗ trabenden Roß hinüber fängt. Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere Lieder tönen von dort herüber wo die kleinen Feuer ſichtbar werden, die Leute haben einen Arbeitstag hinter und eine freie Nacht vor ſich, warum ſollen ſie nicht fröhlich ſein?— bis die Negerglocke morgen früh um 4 Uhr tönt dürfen ſie ruhen. Und vorwärts wühlt und klappert und ſchnaubt das Boot; die Gluth der unter den Keſſeln geſchürten Feuer wirft ͤ—S= S Oe SSSe —,„ ☛ h, und auf ei⸗ nüber, u viel bipfeln her zu pitzen Nacht, e und weiter tiefem legt, laut und Gden und nach, orbei⸗ ntere htbar freie 3 die das virft geſchlafen, wie er behandelt und bezahlt und— ſind nicht einen rothen unheimlichen Schein links und rechts hinaus auf die Fluth, und vor den Keſſeln, mit langen Schürſtangen in der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der Schweiß in Strömen niederträuft, die Geſichter und Arme geſchwärzt, und die Stirnen ſo heiß und glühend faſt wie der Heerd an dem ſie arbeiten, ſtehen die Feuerleute des Boots, rühren die flam⸗ menden Scheite durch- und ineinander, und werfen neue ein in die kleine Oeffnung die zu dem Zweck über den Thüren ge⸗ laſſen. Es ſind Neger und Weiße— meiſt freie Schwarze, oft aber auch Sclaven und zwiſchen ihnen die Söhne aller Stände, faſt aller Welttheile, die mit der Schürſtange und dem heißen Schweiß ſich ihr Brod verdienen müſſen im Lande der Freiheit. Manche Hand, die ſich ſonſt nicht ohne glacirtes Leder der Luft preisgab hat hier den eiſernen Schürer geführt, und mit dem Eimer die ſchmutzige Fluth heraufgezogen, einen friſchen Labetrunk zu thun; manches Mutterſöhnchen, das zu Hauſe gehätſchelt und gepflegt und verzogen wurde, und den Zug meiden mußte und die kalte Nachtluft, hat hier eingeholt, was es daheim verſäumt, und iſt mit triefender Stirne und von der ſchweren Arbeit zitterndem Körper, hinausgeſprungen auf den offenen Gangweg, von dem kalten eiſigen Luftſtrom der ſich dem Boot entgegenwarf die fieberheißen Glieder kühlen zu laſſen und dann von Neuem in das Gluthenmeer der Keſſel einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare und Lieute⸗ nants haben neben und mit dem zäͤhſten Neger hier ſchon oft geheitzt, mit ihm aus einer Schüſſel gegeſſen, in einem Raum 144 ſchlechter dadurch geworden; aber kräftiger und geſunder— wer von ihnen es eben aushielt und nicht vielleicht in New— Orleans im Pottersfield*) oder an irgend einer Holzladung im Miſſiſſippi⸗Sumpf abgeladen und eingeſcharrt wurde. „Flatboot ahead— look out to starbord!“ ſchreit der Mann der ganz vorn oben auf das oberſte Deck(hurricane deck) geſtellt iſt, dem Lootſen, der in dem kleinen Glashaus oben aufſteht, Nachricht zu geben wenn er irgend etwas im Strom ſteht, das dem Boot gefährlich werden könnte, oder das ſie vermeiden müſſen— das Steuerrad dreht ſich raſch, den Bug des Dampfers nach Larbord hinüber zu werfen, und dicht an ihnen vorbei, ſo dicht daß das Radhaus den einen auf Decke gelegten sweep des unbehülflichen Fahrzeugs faßt und abreißt, und die dunkle ſchwerfällige Maſſe wie ein Schatten an ihnen vorüber fliegt, ſchießt das Boot vorbei. An Deck des Flatboots aber rennt die erſchreckte und für Fahrzeug und Leben nicht mit Unrecht beſorgte Mannſchaft wild und kopflos durch einander, und ſchreit und flucht noch drohend nach, wie die Gefahr ſchon lange für ſie vorüber iſt, und die nachſchäu⸗ menden Wellen den ungelenken Kaſten nur noch tanzen und ſchaukeln machen.. Wie der Mond jetzt dort ſo ſtill und freundlich über den niederen dunklen Waldſtreifen heraufſteigt, und ſein mildes Licht über die lauſchigen Plätze am Ufer, über das matt *) Pottersfield wird in New⸗Orleans der Begräbnißplatz genannt, auf den die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behältern bezahlen können. der— New⸗ adung eit der icane Shaus 18 im r das „ den dicht auf tund atten Deck und pflos wie häu⸗ und den ildes matt annt, iltern 145 glitzernde Waſſer des Stromes gießt; dicht am Land ſchnauben wir wieder hin, und können jetzt das Rauſchen der hohen ſtatt⸗ lichen Bäume, das Quaken der Fröſche hören, die in den Sümpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort?— o wie ſo ſüß der leiſe Flötenlaut des mocking bird klingt, der ſich im nie⸗ dern Buſche ſein Neſt gebaut hat, und jetzt die Kleinen in Schlaf ſingt, die auf den Zweigen träumen— die Amerika⸗ niſche Nachtigall nennen ihn die Creolen, und er verdient's. Wie ſich das ſo heimlich fährt, ſo dicht am Ufer hin, wenn man die Wellen an den Damm plätſchern und das Lachen und Sprechen von Menſchen am nahen Lande hört, in Sprun⸗ ges Nähe faſt an ihnen hingleitet und doch in einer ganz an⸗ deren, ganz verſchiedenen Welt als jene lebt. Wie es dem Luftſchiffer zu Muthe ſein mag, der in ſtiller Nacht langſam und tief über dem großen Ameiſenhaufen, den wir Menſchen eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fen⸗ ſter, auf die rauchenden Schornſteine ſieht, und dem Summen und Treiben der lebendigen Welt unter ſich, der er in dieſem Augenblick nicht mehr gehört, dann lauſcht; ſo brauſt das Boot, eine kleine abgeſchloſſene Welt in ſich ſelber mit ſeiner ſtaatlichen und bürgerlichen Einrichtung, dem Ufer fremd an dem's vorüberſchießt, dicht an dem dunklen Lande hin. Am Ufer drüben grünt's und blüht's, die Blumen duften ſtärker in der Nacht dort, im traulichen Familienkreis ſammeln ſich die Glieder um den geſelligen Tiſch— Hunde bellen— Gänſe ſchnattern und die regelmäßigen Schläge der Axt, die Brenn⸗ holz in die Kuͤche liefert, toͤnen noch, ſelbſt durch die Nacht Gerſtäkers Nach Amerika. III. 10 im Takt herüber— Alles fremde Laute, und nicht dieſer Welt gehörig, in der die Schürſtange die blitzenden Funken zum ſchwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel jagt, und das Raſſeln und Klappern der Maſchine, das dumpfe Brauſen der Räder, den Sang der Nachtigall vertreten muß. Weiter— weiter— dort drüben leuchtet ein Feuer am Ufer, von einem Neger geſchürt, der hier den Mosquitos zum Trotz die Wache hat. Es iſt das ein Zeichen für die Dampf⸗ boote daß dort Holz zu verkaufen liegt, und die Landung gut iſt, und der Neger, wenn er auf ſolche Art ein Boot in der Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Prämie von ſeinem Herrn— dafür muß er ſich aber den Schlaf ſelber abſtehlen und zündet manches Feuer vergebens an. Die Glocke lautet jetzt, die Heizer werfen die Thüren auf, aus denen eine Gluth herausſtrömt Blei ſchmelzen zu machen, und die ihnen oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am Leib verſengt, und Blaſen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht ſich dem Lande zu, von deſſen Levée aus Hunde klaffen, und Stimmen, auf die Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes her⸗ überſchreien. Vorn zu Starbord, ein zuſammengerolltes Tau in der Hand, ſteht ein Matroſe zum Wurf bereit, und ſobald das Ende nur das Ufer erreichen kann, ſpringen Neger, von denen indeſſen eine Menge zuſammengelaufen, hinzu es zu fangen. Jetzt fliegt es aus, wird gefaßt, in Land gezogen dort in Haſt um einen Baum oder Stumpf geſchlagen und„hawl in!“ tönt der Ruf; die deckhands an Bord faſſen zu, und holen das Tau zurück an Bord ſo weit es reicht, es dort zu feſtigen, —————— Welt zum umel npfe uß. am zum npf⸗ gut der äͤmie elber locke eine ynen ngt, dem nen, her⸗ u in das enen gen. Haſt tönt das gen, 147 Planken werden ausgeſtoßen und die Bootsmannſchaft mit ei⸗ nem Theil der Zwiſchendeckspaſſagiere, die ihre Paſſage billiger bekommen wenn ſie ſich verpflichten mit Holz zu tragen, ſtrömen hinaus, ſchichten die einzelnen Scheite der lang aufgeſtapel⸗ ten„Korde“ auf die Schultern, und eilen damit an Bord zurück. Wie eigen doch das ausſieht— die hellen Feuer die auf der Levée jetzt zu lichter Gluth geſchürt werden, daß ſie hoch aufflammen und den Platz erleuchten, die neugierigen Geſichter der Neger mit den großen blitzenden Augen und hellen pracht⸗ vollen Zähnen, in ihren weißen Jacken und Röcken, Männer, Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewiſſen Wohl⸗ behagen umdrängen auch einmal weiße Leute arbeiten zu ſehn — eben wie Neger; der Verkäufer des Holzes ſelbſt, ge⸗ wöhnlich der Oberaufſeher der Plantage, in lichtgeſtreifter Jacke und Hoſe, den breiträndigen Hut auf und das Pferd, von einem der Sclaven geführt, geſattelt hinter ſich, mit den wild aleriſchen Geſtalten der Dampfbootleute, die ſich neues Material holen für ihr nächtiges Werk. Rechts davon der ſtille Frieden des Landhauſes mit ſeinen lauſchigen Schatten, links das weißgemalte Boot mit den vielen hellerleuchteten Thüren und Fenſtern, den buntgekleideten und gemiſchten Ge⸗ ſtalten auf ſeiner Gallerie, und den rieſig dunklen Schorn⸗ ſteinen, wie es da innerlich kochend und brauſend aber feſtge⸗ bunden liegt, und nur mit den Rädern noch langſam, faſt wie ungeduldig, gegen die Strömung anarbeitet, einem gefeſſelten Stier nicht unähnlich der mit den Füßen ſcharrt, und den 10* 148 Augenblick nicht erwarten kann der ihm wieder den Gebrauch ſeiner mächtigen Glieder giebt. Wieder tönt die Glocke!„Alle an Bord“ ſchallt der, den Leuten willkommene Ruf des Steuermanns— was noch am Lande iſt und dort nicht hingehört eilt zurück, die Planken wer⸗ den eingeholt„let gol“ das Tau am Ufer losgeworfen, der Bug vom Lande mit langen dazu beſonders gehaltenen Stan⸗ gen abgeſtoßen, und ſchärfer ſchlagen die Räder ein— höher kräuſelt die Fluth am Bug; der Koloß iſt frei und arbeitet wie⸗ der, ſeine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus. auch den am wer⸗ der tan⸗ öher vie⸗ Capitel 6. Leben an Bord des Dampfers. Aber wir müſſen uns auch zu dem Inneren des gewalti⸗ gen Bootes wenden, denen tauſende unſerer Landsleute Leben und Eigenthum auf Tage und Wochen anvertrauen, ihr weit im Lande d'rin gelegnes Ziel, ſei es, in welchem Staat es wolle, zu erreichen.*) In der Cajüte, einem ſehr geſchmackvoll eingerichteten geräumigen Salon, der an beiden Seiten ſeine bequemen staterooms oder Einzelcajüten für zwei Paſſagiere zuſammen hatte, war die größte Zahl der Reiſenden um die lange Tafel verſammelt, die in der Mitte ſtand, und bei den Mahlzeiten 1*) Die Beſchreibung des Bootes ſelber mag mir der Leſer erlaſſen, ich habe derartige Fahrzeuge ſchon flüchtig in meinen Streif⸗ und Jagd⸗ zügen, ganz ausführlich aber in den Miſſiſſippibildern 2ter Band in der Erzählung„Sieben Tage auf einem Amerikaniſchen Dampfboot“ geſchil⸗ dert, und muß ihn darauf verweiſen. 150 zum Eßtiſch, ſpäter in ihren einzelnen Theilen auseinander genommen, meiſt zu Spieltiſchen verwandt wurde. Hie und da hatte ſich auch ſchon ein kleines Spiel arrangirt, und ſich drei und drei zu einer Parthie Whiſt oder Eucre, oder zwei zu einem Schach oder Domino zuſammengefunden; die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden. Das unbehagliche Gefühl, ſich ſelber fremd an einem Ort zu wiſſen, dem man auf kurze Zeit zu ſeiner Heimath machen ſoll, hatte ſich noch nicht überwinden laſſen, und Manche gin⸗ gen auch, theils allein, theils in Geſellſchaft, in der Cajüte auf und ab, miteinander plaudernd und eben Bekanntſchaft knüpfend. Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Be⸗ ſchäftigung ſeine Coye, wie er ſich das ſchon früher gedacht und ausgemalt, ordentlich herzurichten. Ein life preserver (Lebenserhalter) ein großer Ring von luftdichtem Zeug zum Aufblaſen, hing vor allen Dingen über ſeinem Bett; er war dabei ſo feſt überzeugt daß ſie auf dieſer Fahrt irgend ein— Unglück konnte er es eigentlich nicht nennen,— aber irgend einen Zufall haben würden, daß er dem Profeſſor ſchon die bitterſten Vorwürfe gemacht hatte, ſich nicht beſſer auf etwas derartiges vorgeſehn, und beſonders für die Damen die nöthi⸗ gen Vorkehrungen getroffen zu haben. Außerdem hatte er aber, auch nach anderer Seite hin gerüſtet zu ſein, einen zweiſchneidigen Dolch und ein paar Piſtolen bei ſich, von de⸗ nen der erſte vorn unter ſeiner Weſte, dem Auge verborgen, der Hand aber erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er ander e und d ſich zwei Leute rden. rt zu achen gin⸗ ajüte chaft Be⸗ dacht TVer zum war gend die vas er nen hen, er 151 führte auch eine kleine Taſchenapotheke mit, in der Heft⸗ pflaſter, Charpie, Wundbalſam ꝛc. ꝛc. einen ſehr vorragenden Platz einnahmen; ebenſo war er mit Lanzetten, Verbänden, Bandagen ꝛc. verſehn, und beſaß in der That Alles, einen menſchlichen Körper nach allen Arten von Hieb⸗, Stich⸗ und Schußwunden, Quetſchungen, Brüchen ꝛc. ꝛc. wieder ſoviel nur irgend möglich auf die Beine zu helfen. Nachdem er dieß nun Alles, ſoweit ſich das hier thun ließ, ſorgſam geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch be⸗ reit gelegt, trat er durch die allgemeine Cajüte auf das vorn liegende Boilerdeck hinaus, wo Profeſſor Lobenſtein, die Hände auf dem Rücken, dem Gewirr von Sprachen und Menſchen ein klein wenig entzogen zu ſein, ſtill und allein ſpatzieren ging, ſich aber nicht beſonders wohl darin zu fühlen ſchien. Unbehaglich dabei war ihm ſchon die, allerdings ſonſt höchſt wohlthätige Einrichtung an Bord, die Herren und Damen, außer der Tiſch⸗ zeit in abgeſonderte Räume verwieſen und getrennt zu ſehn. Den Herren allerdings die Damen ihrer Verwandtſchaft an Bord haben, iſt es geſtattet unter Umſtänden die Damencajüte zu betreten, aber die Menge fremder Damen verleitete ihm das bald, während es Herrn Hopfgarten den Beſuch di⸗ rekt abſchnitt und unmöglich machte. Er konnte ſich nur bei dem Profeſſor nach ihrem Wohlbefinden erkundigen, und wie er darüber gute Auskunft erhalten, gingen die beiden Männer, jeder mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, eine Weile ne⸗ beneinander auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls ſeinen bis dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, plötzlich ſagte: 152 „Aber ich weiß doch nicht— ſein Betragen in der letzten Zeit hat mir gar nicht gefallen.“ „Weſſen Betragen?“ frug der Profeſſor erſtaunt. „Weſſen Betragen? Henkels.“ „Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?“ „Sprachen wir denn nicht von ihm?“ „Wir haben nicht daran gedacht; aber wie ſo— wie ver⸗ ſtehn Sie das? ſein Betragen in geſellſchaftlicher Beziehung, da weiß ich doch nicht; er hat ſich immer höchſt anſtändig benommen.“ „Oh das dank' ihm der Teufel!“ rief Hopfgarten raſch, „nein ich meine ſein Betragen gegen ſeine Frau.“ „Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen wäre“ ſagte der Profeſſor gutmüthig. „Das iſt ſehr leicht möglich“ meinte Hopfgarten, „auffällig war aber jedenfalls, daß die beiden Leutchen die letzten Tage gar nicht mehr zuſammen an Deck erſchienen ſind, oder wenn es geſchah, kein Wort mit einander gewechſelt ha⸗ ben. Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder beachtete, iſt mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erſt wieder ein⸗ und aufgefallen und es muß etwas, kurz vor unſerer Landung zwiſchen den beiden Gatten vorgefallen ſein, was ſie uns übri⸗ gen Paſſagiere eben nicht wollten merken laſſen.“ „Wenn das wirklich der Fall war, ſo hatten ſie da aber auch vollkommen recht“ lachte der Profeſſor—„es muß nicht Alles gleich an die große Glocke geſchlagen werden, was zwiſchen 2— 27 ——Jͤͤ ——,—, “ ten 153 Eheleute tritt und ſie vielleicht auf kurze Stunden entzweit— das Alles gleicht ſich dann bald wieder aus.“ „Ja das iſt allerdings richtig“ ſagte Hopfgarten nach⸗ denkend,„aber die plötzliche Krankheit der Dame dann nachher, das furchtbar bleiche Ausſehn— das ſtille Weſen, ſte die noch kurz vorher die lebendigſte heiterſte Frau unſeres ganzen Schiffs geweſen war. Es kam uns nur das Land und die Landung und all das Neue dazwiſchen, und es thut mir jetzt wahrhaftig leid, nicht noch kurze Zeit in New⸗Orleans geblieben und der Sache beſſer auf die Spur gekommen zu ſein.— Es war ein gar zu liebes nettes Weibchen,“ ſetzte er nach kurzer Pauſe, wie mit ſich ſelber redend, hinzu. „Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinn Tanz miteinander“ ſagte der Profeſſor kopfſchüttelnd,„und wenn das zum erſten Mal kommt, nimmt ſich's die junge Frau gewöhnlich um ſo mehr zu Herzen, weil ſie vielleicht bis dahin geglaubt hat, daß ſo etwas in ihrer Ehe gar nicht vor⸗ fallen könne, und ſolche Enttäuſchung iſt immer ſchmerzlich. Das giebt ſich aber bald, und ſind nur Gewitterwolken, die um ſo raſcher wieder dem ſchönſten blauen Himmel weichen müſſen.“ „Hm— ja— ich will es hoffen— wenn ich aber nur eine Idee hätte, daß der Mann die Frau ſchlecht behandelte oder unglücklich machte, wahrhaftig, ich kehrte mit dem näch⸗ ſten Dampfboot wieder nach New⸗Orleans zurück und—“ „Und?“— frug der Profeſſor ihn lachend dabei an⸗ ſchauend—„und was wollten Sie dann nachher thun?— 154 —Q—Q··—ſ wie und auf welche Art könnten Sie ſich in die Familienver⸗ hältniſſe irgend eines Hauſes miſchen?“— „Ich forderte ihn!“ rief Hopfgarten entſchloſſen. „Bah“ ſagte aber der Profeſſor kopfſchüttelnd,„damit würden Sie nicht einmal der Frau, noch weniger aber ſich ſelber einen Gefallen thun— ſich mit dem Mann für deſſen Frau ſchlagen, hahahaha, das wäre wahrhaftig nicht ſo übel. Uebrigens“ ſetzte er hinzu, als Hopfgarten mit feſt ver⸗ ſchränkten Armen finſter und ſchweigend neben ihm auf⸗ und abging„haben Sie ſich da nur ſelber irgend etwas in den Kopf geſetzt, was wahrſcheinlich nichts weiter iſt als eine Ge⸗ burt Ihrer Phantaſte. Meine Töchter ſind doch auch viel mit ihr zuſammengeweſen, und haben Nichts gemerkt.“ „Sie haben wahrſcheinlich noch gar nicht mit ihnen dar⸗ über geſprochen?“ „Nein, allerdings nicht.“ „Nun ſehn Sie— die Sache geht mir furchtbar im Kopf herum, aber es läßt ſich in dieſem Augenblick freilich Nichts dagegen thun, und in einigen Wochen denke ich ſo wieder un⸗ ten in New⸗Orleans zu ſein.“ „So raſch?“ „ielleicht etwas ſpäter, das kommt eben auf Verhältniſe an; jedenfalls werde ich einige Zeit das nördliche Land durch⸗ kreuzen und den Miſſiſſippi nach verſchiedenen Richtungen be⸗ fahren.“ „Ihrem alten Projekte nach?“ lächelte der Profeſſor. „Zum Theil“ lachte Hopfgarten,„aber doch auch in —— — ·—— nver⸗ amit ſich eſſen übel. ver⸗ und den 155 der Abſicht das Land kennen zu lernen und deſſen Charakter; ich bin deshalb beſonders nach Amerika gekommen, und habe mir eben nur ein paar tauſend Dollar zu der Reiſe ausgeſetzt— ſind die verthan, ſo gehe ich wieder nach Deutſchland zurück.“ „Weshalb iſt Herr von Benkendroff eigentlich nach Ame⸗ rika gegangen?“ frug der Profeſſor. „Gegründete Urſache zu haben über Amerika ſchimpfen zu können“ lachte Hopfgarten—„ich bin feſt überzeugt er hat keinen andern Grund. Ich freue mich ſchon darauf ihn nach einigen Wochen wieder zu ſprechen.“ „Sie werden ihn dann aber ſchwerlich finden, denn er durchreiſt doch gewiß ebenfalls das Land.“ „Kommt aber auch ſicher wieder nach New⸗Orleans zurück, und hat mir für dort ſchon ſeine Adreſſe gegeben. Doch es wird kühl, wir wollen hineingehen; Sie ſpielen ja Schach, da können wir uns die Zeit mit einer Parthie vertreiben.“ In dem großen hellerleuchteten Saal herrſchte eine ange⸗ nehme Temperatur; an den verſchiedenen Tiſchen ſaßen jetzt mannichfaltige Gruppen ſpielend oder plaudernd, mit einer Flaſche Wein oder gemiſchten ſpirituöſen Getränken zwiſchen ſich; es wurde gelacht und erzählt und das Ganze, mit den dazwiſchen herumgehenden Aufwärtern die neuen Vorrath von Getränken herbeitrugen, oder gebrauchte Gläſer fortſchafften, gab der Ca⸗ jüte faſt das Anſehn eines großen geräumigen und ſehr ele⸗ ganten Cafes in irgend einer bedeutenden Stadt— nur daß es über einen Krater gebaut ſtand, unter dem die Maſchine hämmerte, die Räder wirbelten, die Keſſel ſiedeten, und oft 1 156 ſchon gerade ein ſolches ſorgloſes Stillleben mit einem furcht⸗ baren Schlag in Tod und Vernichtung geſchleudert haben. Ein dumpfer Knall— ein Praſſeln und Brechen, ein gellen⸗ der Schrei, und die zerſtückten Leichname der fröhlichen lebens⸗ luſtigen Menſchen, die vergoldeten und mit Bildern behange⸗ nen, hellerleuchteten Wände flogen zerriſſen, zerfleiſcht, zerſtückt hinaus, und der gierige tanzende Strom ſpielte mit den entſetz⸗ lichen Reſten. Aber was thuts?— wir können deshalb nicht langſamer fahren, weil das und jenes Boot einmal ſeinen Keſſel ſprengte, und eine Anzahl Paſſagiere zu früh in die Ewigkeit ſandte— auf dieſer Fahrt wird es nicht gleich platzen lau— tet der gewöhnliche Troſt der Reiſenden, und kaum eine Stunde an Bord, vergeſſen ſie die Gefahr, ja reizen ſte wohl ſogar noch ſelbſt in dem oft ſtill gedachten, oft laut geäußerten Wunſch, das oder jenes Boot was eben in Sicht vorausläuft, zu über⸗ holen. Niemand will auf einem langſamen Dampfer fahren, an die Möglichkeit einer Zerſtörung wird kaum noch mehr gedacht, und das Völkchen lacht und plaudert und trinkt und ſchläft ſo ſicher und ruhig über dem Vulkan, wie— die bun⸗ tere, wild gemiſchtere Schaar, die hinter der Maſchine, im ſogenannten Zwiſchendeckt ihr Lager im eigentlichen Sinn des Wortes aufgeſchlagen. 5 Was für ein Unterſchied zwiſchen den beiden Plätzen, die nur durch eine Reihe Planken und dünner Balken voneinan⸗ der getrennt liegen.— Oben Luxus und Bequemlichkeit, Alles vergoldet und tapezirt, mit Teppichen belegt und blank polirt, urcht⸗ aben. ellen⸗ bens⸗ unge⸗ ſtückt tſetz⸗ amer teſſel gkeit lau⸗ inde noch ſch, ber⸗ een, ehr ind un⸗ im des 9 157 Licht und Glanz den ganzen Raum durchſtrömend, und elegant und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewußtſein unge⸗ ſtörter Ruhe das Alles genießend— unten, nur rohe und un⸗ behobelte Breter zu Verſchlägen angeſchlagen— Kiſten und Koffer überall im Weg, der ja freie Boden von Tabaksſaft ſchlüpfrig gemacht; eine Maſſe Volk, zuſammengewürfelt aus allen Schichten der Geſellſchaft, ſelbſt bis zur letzten nieder, und in der letzten gar nicht ſelten am häufigſten vertreten, durch einander drängend und fluchend und ſchreiend— Nie⸗ mand mit einem gewiſſen Platz, die Wenigen ausgenommen, die zuerſt gekommen waren, und einen der Verſchläge für ſich beſetzen konnten. Hier ein Trupp Bootsleute, ſchon halb be⸗ trunken, die vollen Flaſchen noch zwiſchen ſich auf einer Aus⸗ AA hvandererkiſt, gleichviel wem ſie gehört, die Nacht durchzu⸗ ſchwelgen und zu toben, weil ſie doch keinen Platz haben ſich hinzulegen; dort ein paar andere bei einem ſchmutzigen laufen⸗ den Talglicht— Privateigenthum— über einen Kaſten und ein altes Spiel kaum erkennbarer Karten gebückt. Dort wei⸗ nende und ſchreiende Kinder, die von ihren Müttern mit eben ſo gellender Stimme in Schlaf geſungen werden ſollen, und dort drüben ein Burſche, der trotz allem Lärm und Toben, mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum Beſten ſeiner Bootsmannſchaft, mit der er auf einem Flatboot den Strom herabgekommen, wie aller Anderen die es hören und nicht hören wollen, eine alte wahnſinnige Violine mishandelt. Ein faſt glühender Ofen, in ſolcher Temperatur gehalten die verſchiedenen Töpfe und Geſchirre mit Waſſer zum Kochen „+ 158 zu bringen, in denen ſich die verſchiedenen Familien nach der Reihe ihr Abendbrod ſelber kochen müſſen, wird beſonders von den Frauen mit rothheißen Geſichtern umlagert, und verbreitet drückende Schwüle und einen fatalen Fettgeruch durch den ganzen, ſchon ohnedieß vollgedrängten und dunſtigen Raum. Eine trübe mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein unſicheres zuckendes Licht uber das Drängen und Treiben unter ſich, und das Raſſeln und Klappern und Schleifen und Schüt⸗ teln der dicht daneben befindlichen Maſchine donnert den Chor zu dem ganzen Lärm. Ha was war das?— die hellen reinen glockenähnlichen Töne die da plötzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien, v 1 ſogar die gellenden Kinderſtimmen und ſcharfen Discorde der Violine überwältigen, und plötzlich aus all dem Wirrwarr 4* heruszitern nd ſie nicht wie Oel in die ſtürmiſche See ge⸗ goſſen, dem ſich die bäumenden Wellen ſelber, im Aufruhr der tobenden Elemente ſchmiegen? Selbſt zum Ingenieur, der vorn an den Keſſeln ſteht und eben den Stock gehoben hat die Dampfſtärke zu proben, ſind ſie gedrungen, und er bleibt in der Stellung und biegt den Kopf zurück, dem ungewohnten, fremden Ton zu lauſchen— das Toben und Kreiſchen vorher hatte er gar nicht mehr gehört. Und in dem Zwiſchendeck ſelbſt— welch wunderbare Veränderung brachte der leiſe ſchwimmende Laut. Die Violine ſchweigt mitten in einer Parodie auf Alles was nur Harmonie und Takt genannt werden konnte, der Spieler vergißt ſeine Karten zu miſchen, ddie Frauen den ſiedenden Topf vom Feuer zu nehmen, die 159 ſchwatzenden, lachenden, ſingenden, brüllenden Gruppen öffnen ſich unnd drängen, und ſuchen dem einen Orte zuzukommen. Selbſt die Trinker ſtoßen nur noch ein wildes„Juch!“ aus, und horchen der neuen wunderlichen Muſtk, die jetzt in weichen aber wun⸗ derbar harmoniſchen Tönen gerade aus dem Mittelpunkt des Zwiſchendecks herüber tönt, und von Niemand Anderem her⸗ rührte als unſerem alten Bekannten, dem Polniſchen Juden Veitel Kochmer. Mit weiter keinem Gepäck als einem kleinen, mit altem Seehundsfell überzogenen Kiſtchen, das neben der Holzharmo⸗ nika alle ſeine wie des Knaben irdiſche Habſeligkeiten enthielt, hatte ſich Veitel Kochmer, der aus Gott weiß welchem Grunde mehr Vertrauen zum Norden gefaßt zu haben ſchien Geld zu verdienen, oder ſich vielleicht auch noch in der warmen Jah⸗ reszeit fürchtete ein ſo heißes Klima für ſeinen gefütterten Kaftan zu wählen, als New⸗Orleans um dieſe Zeit noch war, auf dem erſten beſten Dampfer eingeſchifft der ſtromauf ging, und hielt die Zeit jetzt für vollkommen paſſend, den Grund zu dem in Amerika zu erwerbenden Vermögen zu legen. Auf einer gerade dort ſtehenden breitdeckeligen Kiſte, die ſich vortrefflich zum Reſonanzboden eignete, breitete er bei dem Schein eines dazu geborgten Stückchen Lichts, ſeine Hölzer aus; die Umſtehenden, neugierig was der wunderliche Fremde be⸗ ginnen würde, gaben ihm gern Raum, und Veitel ließ jetzt die erſten Töne erſchallen, die mit ihrer wunderbaren aber doch durchdringenden Weiche, bis in die entfernteſten Räume dran⸗ gen, nur erſt einmal die Aufmerkſamkeit der Paſſagiere auf 160 ſich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von allen Seiten ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu ſpielen, und ſein Inſtrument hören zu laſſen. Veitel Kochmer war aber nicht der Mann der etwas umſonſt gethan hätte, wo Ausſicht auf Gewinn ſich zeigte; ſo alſo einen Landsmann, den er ſich ſchon unter den Paſſagieren aufgefunden und der vollkommen gut engliſch ſprach, in der Geſchwindigkeit eine große Geſchichte aufbindend, erzählte er ihm, daß er, der Mu⸗ ſikus, ein armer eingewanderter Pole ſei, der den politiſchen Verfolgungen in Europa entflohn, im Canal Schiffbruch ge⸗ litten und faſt Alles verloren habe was er ſein nannte, und nun gezwungen wäre ſein Brod in dem neuen Vaterland, dem Lande der Freiheit, mit Muſikmachen zu verdienen.“ Der Deutſche mußte das den Amerikanern überſetzen und hinzufü⸗ gen, der arme Mann habe nur ſein Inſtrument geſtimmt und 8* in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn es der Capitain cerlaube, in die Cajüte hinauf gehn, um ſich dort bei den Ca⸗ jütspaſſagieren ein paar Dollar einſammeln zu können. *„Verdamm die Cajütspaſſagiere!“ rief aber da Einer der Bootsleute dazwiſchen, der, die Taſchen voll Geld von ver⸗ 3 kaufter Ladung, ſich in ſeinem Stolz gekränkt fühlte, weniger gelten zu ſollen als die„Swells“—„wir haben hier ebenſo viel Geld wie die da oben, wenn nicht noch mehr, ob wir gleich im Zwiſchendeck fahren; ſind eben ſo gut gentlemen wie die „fine folks“ in der Cajüte, und wenn Muſik eben für Geld zu haben iſt, können wir's gerade ſo gut bezahlen.“ „Ja wohl, ja wohl!“ ſchrieen Andere dazwiſchen, froh I ——pP ——.,——,—— ———, 5 . 161 irgend etwas zu haben, ein paar Stunden der langweiligen Nacht zu vertreiben„ſpiel auf Pole, ſpiel auf, und was die Dir da oben geben, geben wir Dir auch.“ Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Cajüte lief ihm überdieß nicht weg, und er war gern bereit dem allgemei⸗ nen Verlangen zu willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls an ſeinen Platz, und die Zwiſchendeckspaſſagiere jauchzten und jubelten, als ſte die merkwürdig reinen Flötentöne des Kindes hörten, wollten es auch im Anfang gar nicht glauben daß er es mit der Stimme allein mache, und drängten ſich dicht um ihn her, und ſahen ihm ſtarr in's Geſicht, ob er nicht doch noch eine heimliche Flöte irgendwo verſteckt habe. Die Sammlung fiel dabei viel reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben mochte; Viertel Dollar regnete es von allen Seiten und Veitel füllte ſeine ganze Taſche mit Silber. Nach der Sammlung mußte er aber wieder ſpielen, und die Bootsleute beſonders, die den Ton hier anzugeben ſchienen, verlangten jetzt auch ihnen bekannte Lieder, wie Lord Howes hornpipe, Washingtons Marſch, Napoleons Retirade, the star spangled banner und beſonders den Yankee doodle. Die Melodieen kannte aber der Alte nicht, und ein langer Yankee ſetzte ſich vor ihn hin auf eine Kiſte, ſpitzte den Mund und begann ihm die einzelnen Melodieen vorzupfeifen. Die Unruhigſten der Schaar fingen aber ſchon an ſich über das viele Muſiciren, das ihnen überhaupt nicht laut ge⸗ nug war, und deſſen fremden Melodieen ſie, wie ſie ſich aus⸗ drückten,„nicht verſtanden“, zu ärgern und langweilen, und Gerſtäcker's Nach Am erika. III. 11 162 wie der Yankee die ihnen bekannten Weiſen zu pfeifen be⸗ gann, ſtimmten ſie, jeder nach ſeiner eigenen Tonart, mit ein. Nicht einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes reſpektirten ſie dabei, und nach kaum einer Viertelſtunde wogte ein Gewirr von Mistönen durch den Raum, daß der alte Polniſche Jude ſein Inſtrument in Verzweiflung einpackte und wegſtellte. Ein neuer Lärm, der am anderen Ende des Decks ſtatt⸗ fand, lenkte aber auch die Aufmerkſamkeit der Leute wieder nach anderer Richtung. Zwei Irländer waren ſich über ihr Karten⸗ ſpiel in die Haare gerathen, der Eine ſollte betrogen haben und ſuchte jetzt ſeine Unſchuld dem Andern mit der Fauſt zu beweiſen; das aber war ein Spiel was dieſer auch verſtand, und die beiden ſtämmigen Burſchen flogen in voller Wuth gegen⸗ einander an, bald mit ordentlichem Boren, wobei ſie einander die Augen ſchwarz ſchlugen, bald wieder in einander gehakt mit Armen und Beinen, daß ihre Köpfe gegen Pfeiler und Kiſtenecken anſchlugen, den Kampf zu entſcheiden. Die Weiber kreiſchten, die Kinder ſchrieen dazu und die Männer jauchzten und jubelten, brüllten Hurrah und klatſchten in die Hände. Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da ſich Nie⸗ mand weiter hinein miſchte, doch endlich ſatt, und ſchrie„ge⸗ nug!“ wonach ihn ſein Gegner für vollſtändig überzeugt hielt, und wurde von ſeinen Freunden halb beſinnungslos fortge⸗ ſchleppt; der Andere aber erging ſich in ſeiner Freude in aller⸗ lei ungewöhnlichen Capriolen, ſchlug ſich mit den flachen Hän⸗ den auf die Lenden, krähte wie ein Hahn, ſprang dann in tollem Uebermuth im Deck herum, und bot Jedem der,gentlemen“ 163 bee⸗ fünf Dollar, der ſich mit ihm prügeln wollte. Es dauerte ein. lange ehe der, von Whiskey halbtolle Menſch konnte beruhigt rten und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend war aber indeſſen virr auch weit vorgerückt, das Holztragen vorüber, und die Paſſa⸗ ude giere mußten daran denken Plätze zu ſuchen, wo ſie ſich für die Nacht nur einiger Maßen unterbringen konnten. att⸗ Viele hatten ſich das weit leichter gedacht als es ſich nach auswieß; die unverhältnißmäßig wenigen Coyen, da ein Dampf⸗ ten⸗ bootcapitain an Zwiſchendeckspaſſagieren aufnimmt was er eben ben 1 bekommen kann, waren ſämmtlich beſetzt und in Beſchlag ge⸗ zu nommen, die einzelnen Kiſten zu kurz ſich darauf auszuſtrecken, und, und der Boden ſelber ſo von Tabaksſaft der kauenden Ameri⸗ gen⸗ kaner verunreinigt, daß ſelbſt ein ſolches Lager zur Unmöglich— nder keit wurde. Manche krümmten und rollten ſich doch noch auf hakt Kiſten und Koffern, oft in den verdrehteſten Stellungen zuſam⸗ und men, Andere kauerten ſich in eine Ecke, und ſuchten auf dieſe iber Art der Nacht eine Stunde Schlaf abzupreſſen. Wer ſo glück⸗ zten lich war irgend eine Art Rücklehne zu finden, ſetzte ſich auf . was er eben kam, und ein Theil verſuchte ſogar mit Auf⸗ und Nie⸗ Abgehen in dem vollgedrängten Deck die Nacht hinzubringen, ge⸗ mußte das aber bald aufgeben, und drückte ſich nun in dem jelt, Maſchinenraum auf dort aufgeſpeicherte Zuckerfäſſer, oder ſelbſt auf die guards hinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der tge⸗ ler⸗ Zimmermann des Bootes eine Hobelbank ſtehen hatte, und die än⸗ beiden Plätze, darunter und oben drauf, den vollen Werth einer in Coye bekamen. Es war ein entſetzliches Gewirr von Glied⸗ 3 4 mmaßen, das hierdurch, über⸗ und ineinander lag. 11* 164 Ein paar deutſche Familien, und unter ihnen die mit der Haidſchnucke erſt nach New-Orleans gekommenen Webers⸗ leute, hatten ſich, ſo gut das gehen wollte, in die eine Ecke ihre Kaſten zuſammengerückt, wenigſtens für die Frauen und Kinder einen in etwas geſchützten Ort zu bekommen, und unfern von ihnen kauerte auf ſeinem kleinen Kiſtchen, den Knaben zu ſeinen Füßen, an einer Stelle, von der ſie erſt eine größere Kiſte weggeſchoben, Veitel Kochmer. Das an dem Abend eingenommene Geld hatte Veitel aber in einen leinenen Beutel geſteckt, und in eine Seitentaſche ſeines Kaftans geſchoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf dem Kiſtchen ſtand. Nicht vermeiden ließ es ſich dabei, daß mehre der anderen Paſſagiere dicht um ihn herum ihren Platz nah⸗ men, wie es der Raum gerade geſtattete, und kaum ein wild gemiſchteres Bild ließ ſich auf der Welt denken, als dieß Deck mit ſeinen bunt und toll zuſammengewürfelten, halb liegenden, halb kauernden, über und durch einander geſtreckten Geſtalten, über welche das matte Licht der Laterne nur ſeinen ungewiſſen zitternden Schein warf, und hie und da dichte Schatten ließ, aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme, oder ein unnatürlich zurück gebeugter Kopf hervorſchauten. Es war indeſſen, im ſo ſchrofferen Gegenſatz zu dem früheren Toben, ſtill und ruhig hier geworden; nur hie und da tönte das regelmäßige Schnarchen eines der Glücklichen vor, die eine Coye erbeutet hatten und auf dem Rücken, wenn auch auf harten Planken, doch ausgeſtreckt liegen konnten, und Bruſt und Lunge frei behielten. Auch ein leiſe gemurmelter, 1——— 165 aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte da und dort die Lippen Einer der ineinander gekrümmten Geſtalten, wenn ſich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe ſtreckte und ihm vielleicht mit den rauhen Füßen über Geſicht oder Bruſt fuhr. Die Maſchine allein klapperte und ſchleifte dabei regelmäßig fort und der Ingenieur, der mit der Oellampe daran herumging, die einzelnen Gelenke derſelben anzufeuchten, ſchien das einzige lebendige, bewußte Weſen in dem ganzen unteren Raum. Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anſtrengung des Abends feſt eingeſchlafen und lag, halb zuruͤck an den Vater gelehnt, mit weit nach hinten gebeugtem Kopf und offenem Mund, die bleichen ſchönen, aber jetzt verzerrten Züge von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte ſaß, den Kopf auf ſeinen ſchmutzigen Kaftan vorn ſtützend, in unruhigem Schlummer, in dem er auf⸗ und niedernickte und das ſchwere, von ſeinem Hut voll beſchattete Haupt bald auf die, bald auf jene Seite ſinken ließ. Zu ſeiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes Oberhemd, wie es die Bootsleute trugen, gekleidete Geſtalt, deren Geſicht von einem breiträndigen Hut ebenfalls ganz be⸗ deckt wurde. Halb über ſich herüber, wenigſtens die linke Schulter und einen Theil der Bruſt bedeckend, hatte der Mann einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeſchnittenen Rock, gleichſam als Schutz gegen die friſchere Nachtluft gezogen, obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das entbehren zu können, und auch er ſchien zu ſchlafen, und im V —— 166 Schlaf eben mehr und mehr, wie um ein bequemeres Lager zu bekommen, ſich an ſeinen Nachbar anzulehnen. Der Pole, dem das unbequem wurde, ſträubte ſich im Anfang dagegen, aber in ſolchem Fall hören alle Rückſichten auf, und der ſchläf⸗ rige Geſell, drei, vier Mal angeſtoßen, knickte doch immer, ſo wie er wieder in Schlaf kam, nach ſeinem etwas höher ſitzenden Nachbar hinüber, der ihn zuletzt mußte gewähren laſſen, oder auch ſelber endlich darüber einſchlief. Aber der Burſche ſchlief nicht, denn unter dem breiten Rand des Huts heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar kleine ſtechende Augen ſcheu und forſchend hervor, überflogen wie ſuchend den weiten Raum, und hafteten dann wieder mis⸗ trauiſch und prüfend an der ruhigen Geſtalt des Polen. Nach und nach, aber ſo langſam und allmählich, daß es kaum zu erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr unter ſeinen übergeſchobenen Rock, und die kaum ſichtbare aber geſchäftige Thätigkeit ſeines Ellbogens verrieth, daß er ihn nicht nur zum Ausruhen dort hingehoben habe. Veitel Kochmer nickte und ſchwankte indeſſen im Schlaf herüber und hinüber, als er auf einmal, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, den rechten Arm an ſeiner Seite herunter hän⸗ gend, daß der Ellbogen jedoch leicht auf dem Beutel mit Geld auflag, oder ihn wenigſtens berührte— ſtill und regungslos ſitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes Intereſſe dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das ver⸗ dächtig vorkommen, denn auch er rührte von dieſem Augenblick kein Glied mehr, und athmete ſchwer und regelmäßig, ja ſchloß 8 — 167 ſelbſt unbewußt die Augen unter dem tiefen Schatten des Hutes, als ob das hätte ſein Athmen bekräftigen können. So mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten geſeſſen haben, und kein Laut ſonſt als die ſchon vorerwähnten hatte die Stille bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem Kopf zu nicken, ſchwankte erſt etwas rechts, dann etwas nach links hinüber, lehnte den Kopf zurück an das Mittelbret der hinter ihm befindlichen Coye, und fing an leiſe zu ſchnarchen. Aber der Burſche an ſeiner Seite traute dem Frieden noch im⸗ mer nicht, und den eignen Kopf langſam emporhebend, wie in tiefem Schlaf unbewußt nach einer bequemeren Stellung ſuchend, blinzte ſein Auge ſcheu nach dem bleichen bärtigen Angeſicht des Nachbars auf. Das aber lag regungs⸗ und ausdruckslos an der Bretwand an, und mit dem Drängen der Zeit, denn jeden Augenblick konnte irgend ein Lärm die Schläfer wecken, begann der bis dahin ruhig gebliebene Arm ſeine Thätigkeit wieder. Wie die Maſchine ſo ſtill und ruhig mit ihren gewaltigen Armen und Hebeln hämmerte— wie das Hywheel ſchlug und ſchwirrte, und das Rauſchen der mächtigen Räder, mit den raſch und regelmäßig einſchlagenden bucketplanks*) zum Takt dazwiſchen die Wellen peitſchte, und ſie ſchäumend hinter dem Boot hinauswarf. Wie ſo ruhig der Strom da draußen lag, daß man das Murmeln ſelbſt der kleinen Wogen hören konnte, und die ſchlummernden Geſtalten hier im Deck, von dem ſchon *) Die einzelnen Schaufeln am Rad. 168 halb verlöſchten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, ſo ruhig und friedlich ſchliefen, als lägen ſie daheim in ihren weichen Betten, und nicht über Kiſtendeckel und Fäſſer, Körbe und Schachteln hin, mit eingezwängten Gliedern.— „Diebe! Mörder! Diebe!“ ein gellender, kreiſchender Auf⸗ ſchrei ſchmetterte durch das Zwiſchendeck die Schläfer wach, und jagte ſie, fertig angezogen wie ſie ringsum lagen, ſo raſch empor, als ob ſie von einem Zauberſtab berührt, aus dem Boden heraufgeſprungen wären. Hallo! wer iſt todt?— wo brennts?— aufgeblaſen— bei Gott!“ ſchrieen verſchiedene Stimmen, von denen einzelne ſchon befürchteten, daß dem Boot irgend ein Unglück zugeſtoßen ſei, wild und erſchreckt durcheinander. „Diebe— Mörder! Diebe— Diebe!“ dröhnte aber Veitel Kochmers Stimme in gutem Polniſ chen Deutſch unverdroſ⸗ ſen und gellend dazwiſchen, und die noch halb Schlaftrunkenen ſahen wie der Mann mit dem wunderlich ſpitzen Bart und dem langen ſeidenen Rock, den ſie ſchon vorher unten mit einer Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen An⸗ dern, der ſein Möglichſtes verſuchte von ihm wegzukommen, beim Rockſchoß gefaßt hielt und die Hülfe der Uebrigen anrief. Allein war er aber nicht im Stande den Mann länger im Griff zu behalten, und ehe die Uebrigen ſich beſinnen und zu⸗ fpringen konnten, riß der ſeinen Rockſchoß aus dem krampfhaf⸗ ten Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf die offenen und vollkommen dunklen guards des Bootes ſprin⸗ gen, als ſein Fuß in einem der anderen Schläfer, die hier —,—+₰— n 169 queerüber der Paſſage lagen, hängen blieb, und er der Länge nach, mit einem lauten Aufſchrei niederſchlug. Im nächſten Moment hatten ſich auch ein paar ſtämmige Kentuckier, die unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgeſprungen waren, über ihn geworfen und hielten ihn feſt, und während er mit Armen und Beinen um ſich ſchlug und austrat, ſchrie Veitel in einem fort, und ohne irgend eine der von allen Sei⸗ ten an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,„mein Geld — mein Geld— Gott der Gerechte mein Geld!“ „Aber zum Donnerwetter was iſt los?— was brüllt der Burſche hier?— was hat der da verbrochen?“ ſchrieen die Amerikaner durcheinander, die wohl eine undeutliche Ahnung haben mochten was geſchehen ſei, die Sache aber auch genauer erfahren wollten, und von dem Schreien des deutſch Reden⸗ den keine Sylbe verſtanden. „Mein Geld— mein Geld!“ brüllte aber Veitel und warf ſich über den Gefangenen, ſeine Hände und Taſchen zu unterſuchen, während ſein früherer Dollmetſcher den Uebrigen die gerufenen Worte überſetzte. Alles drängte jetzt gegen den Gefangenen an, vor allen Dingen das corpus delicti zu finden, und den Verbrecher dadurch zu überführen; dieſer aber hatte ſich indeſſen, von den ihn Umdrängenden jedoch noch immer feſtgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun auch ſeinerſeits an eine eigene Meinung über die Sache zu bekommen. „Was, im Namen von Hölle und Verdammniß habt Ihr mit mir?“ ſchrie er mit lauter trotziger Stimme,„ſeid 170 Ihr toll oder betrunken, daß Ihr einen Menſchen, den die verrückte Beſtie von einem Halbaffen da aus dem Schlafe ge⸗ ſchrieen, überfallt und feſthaltet, als ob er irgend etwas ver⸗ brochen hätte? Was wollt Ihr von mir, was ſoll ich— weshalb preßt Ihr mir die Arme zuſammen, als ob ſie von Eiſen wären— wer zum Teufel hat ein Recht mich ſo zu behandeln?“ „Nur ruhig, honey!“ rief ihm aber Einer der Irländer, der jetzt ſeinen Rauſch ſo ziemlich ausgeſchlafen hatte, freund⸗ lich zu,„nimm's nur kaltblütig mein Herzchen, und wenn Duss nicht kaltblütig nehmen kannſt, nimm's doch ſo.“ „Was wollt Ihr?— weshalb haltet Ihr mich? weil der verrückte Schuft da im Schlafe brüllt?— Da, ſuch, was willſt Du von mir, Canaille, ich habe Nichts.“ „Mein Geld! mein Geld!“ ſchrie aber der Israelit, mit zitternden Händen an dem Mann, freilich vergebens, herum⸗ fühlend—„er hat mein Geld geſtohlen.“ Die nächſten Minuten war es kaum möglich ein weiteres Wort zu verſtehn; Alles ſchrie, tobte, lachte und fluchte durch⸗ einander, und der Ingenieur verließ ſeine Maſchine, die Mann⸗ ſſchaft vorn ihre Poſten, und was noch wach an Bord war, 5 drängte nach dem Zwiſchendeck zurück, zu ſehn und zu hören was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch nicht müßig geweſen, und das Geld nicht an dem vermeint⸗ lichen Dieb findend, ſuchte er dort, von wo dieſer aufgeſprun⸗ gen, und fand da den Sack auf der Erde liegen, mit einem klei⸗ nen ſcharfen und geöffneten Federmeſſer dicht daneben; raſch an 171 ſeinen Kaftan fühlend entdeckte er dort zugleich einen breiten Schnitt, der dieſen mit der Taſche vollſtändig offen gelegt, und ſogar noch in den leinenen Sack hineingeſchnitten hatte, ſo daß die Thatſache ſelber Allen, die ihn beim Suchen unter⸗ ſtützten, klar genug wurde. Der Mann mit dem blauen Ueber⸗ hemd leugnete aber Schnitt und Meſſer ab, wie überhaupt irgend etwas von dem Juden oder ſeinem Geld zu wiſſen; er habe dageſeſſen und feſt geſchlafen, und ſei durch das Brüllen ſeines Nachbars aufgeſchreckt worden, ja im Anfang der Mei⸗ nung geweſen die Keſſel wären geplatzt, und nur im Inſtinkt der Selbſterhaltung aufgeſprungen. „Ja wohl honey“, lachte der Irländer dabei, während Veitel ſein Geld wieder barg und erſtaunt von einem zum anderen der Männer ſah, ohne ein Wort von dem was ſie ſprachen zu verſtehn,„das glaub' ich Dir ſchon, daß Du die Geſchichte im Inſtinkt haſt, denn es mag nicht das erſte Mal ſein, daß Du in Gedanken oder im Inſtinkt in anderer Leute Taſchen kommſt— wie war alſo die Sache, Langbart da, woher weißt Du, daß dieſer gentleman hier Dein Geld im Inſtinkt forttragen wollte?“ Andere, die deutſch ſprachen, überſetzten dem Polen die Frage, und dieſer erzählte jetzt wie er im Schlaf ſeinen rechten Arm auf dem Geldſack habe liegen gehabt, einmal aber, halb munter geworden, ſei es ihm vorgekommen, als ob Jemand langſam daran ziehe. Nicht recht ſicher, ſei er ruhig ſitzen ge— blieben, bis auf einmal das Geld ihm unter dem Arm fortge⸗ glitten und der Burſche da, als er raſch und erſchreckt 172 emporfuhr, in dem Augenblick auch auf und fortgeſprungen wäre. Der Dieb leugnete natürlich Alles, und ſchrie über Ge⸗ walt und Unrecht, das einem Bürger der Vereinigten Staaten auf die ſchlaftrunkene Anklage eines fremden Juden angethan würde. Das fremde unnütze Geſindel ſei überdieß nur da, und komme von Europa herüber ſie, die Amerikaner, auszu⸗ ſaugen, ihren Arbeitslohn herunter zu drücken und den Einge⸗ borenen(natives) das Brod vor dem Munde wegzuſchnappen. „Hör' einmal mein Junge!“ fiel ihm da Einer der langen Kentuckier in die in Zorn ausgeſprudelte Rede— „es will mir beinah vorkommen, als ob Dir die Fremden noch verdammt wenig Arbeitslohn heruntergedrückt hätten. Außerdem wiſſen wir noch gar nicht einmal ob Du ein Ame⸗ rikaner biſt oder nicht.“ „Ich bin im„alten Staat“*) geboren!“ rief der Gefan⸗ gene trotzig. „Kein Compliment für den alten Staat“ ſagte der Ken⸗ tuckier ruhig,„doch das bleibt ſich jetzt gleich. Wir ſind hier verdammt, eine Woche mitſammen auszuhalten„in Freud und Leid“ wie die Friedensrichter bei den Trauungen ſagen, und müſſen uns alſo auch die Luft frei und die Taſchen zu halten vor derartigen Geſindel das daran herumſchneiden will.“ „Aber was wollt Ihr da von mir?“ „Wirſt es gleich hören mein Herz.“ *) Virginien. V V I 173 „Werft den Lump über Bord und laßt ihn an Land ſchwimmen“ ſchrie der Irländer dazwiſchen.“ „Frieden da!“ rief aber der Kentuckier,„wir dürfen einen Mann nicht ſtrafen, ohne ihn gehört zu haben; wählt einmal einen Richter unter Euch, Kameraden, und zwölf Geſchworene; zu ſchwören brauchen ſie weiter nicht, da wir keinen wirklichen Richter haben, und dann wollen wir der Sache gleich auf den Grund kommen.“ „Hurrah für den Kentuckier!“ ſchrieen eine Maſſe Stim⸗ men, froh jetzt irgend etwas zu haben die lange Nacht durch⸗ zubringen,„wählt eine Jury— wählt einen Richter!“ „Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen!“ rief eine feine Stimme durch den Lärm— der Steuermann war mit den übrigen Neugierigen ebenfalls herbeigekommen, zu ſehn was es gäbe. „Was ſchiert uns der Steuermann!“ ſchrie aber ein lan⸗ ger Bootsmann aus dem Staat Miſſiſſippi dazwiſchen—„wir ſind hier Paſſagiere und was wir untereinander haben, machen wir auch untereinander aus.“ „Ja wohl, ja wohl!“ riefen Andere—„der Kentuckier ſoll Richter ſein; Hurrah für den Kentuckier!“ Unter Lärmen, Lachen und Schreien, während der ertappte Dieb jetzt freigelaſſen war, ſich aber ſo von Wachen umſtellt ſah, daß an ein Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt auch eine Jury aus den Paſſagieren gewählt, wozu man jedoch nur Amerikaner nahm, und den Angeklagten dann frug ob er mit der Wahl zufrieden ſei. Dieſer aber, dem doch nicht wohl 174 V dabei wurde als die Leute Ernſt machten, proteſtirte gegen ein ſolches Verfahren, verſchwor ſich noch einmal hoch und theuer daß er von der ganzen Geſchichte Nichts wiſſe, neben dem Ju⸗ den ruhig geſchlafen habe, das Meſſer gar nicht kenne und ein ehrlicher Mann ſei, und verlangte den Capitain zu ſehen, der ihn vor einer ſolchen Behandlung wie ſie ihm hier widerfahre ſchützen müßte, oder er verklage ihn ſelber in der erſten Stadt an der ſie anlegten, wegen Mishandlung ſeiner Paſſagiere. V Das half ihm übrigens Alles Nichts, die Leute im Zwi⸗ V ſchendeck hatten Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die Nacht hindurch die Zeit vertriebe, und die Bootsleute ſelber, Capitain und Steuermann, hüteten ſich ſchon da einzugreifen, 1 wo ſie doch recht gut wußten daß ihnen die Macht fehlte, noch dazu da es hätte zu Gunſten eines Burſchen geſchehen müſſen, gegen den doch ziemlich gegründeter Verdacht wenig⸗ ſtens beabſichtigten Diebſtahls vorlag. Dem Angeklagten nun hätte es frei geſtanden gegen ſechs aus der Jury, Amerikaniſchen Geſetzen nach, Proteſt einzulegen, wofür dann andere gewählt worden wären; da er aber gegen die ganze Jury proteſtirte, und ihr das Recht abſtritt über ihn zu urtheilen, wurde ſie ganz beibehalten, und das Verhör be⸗ gann. Veitel Kochmer, der ſich jetzt übrigens gern von der ganzen Geſchichte zurückgezogen hätte, bekam einen Dolmetſcher, und mußte beſonders in ſigura wieder zeigen wie ſie Beide geſeſſen hatten, während man noch alle übrigen Zeugen ver⸗ nahm, die vorher die beabſichtigte Flucht des Angeklagten mit angeſehn. — 175 Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufge⸗ fordert Zeugen für ſich ſelber zu ſtellen, und ein anderes In⸗ dividuum, das ſich aber weit beſſer ruhig verhalten hätte, trat jetzt freiwillig auf, und erklärte den Angeklagten ſchon ſeit einer Reihe von Jahren als einen braven, in ſeiner Heimath geach⸗ teten, und ſonſt in jeder Beziehung ehrenwerthen Mann zu kennen. Dem Burſchen ſtand das Wort„Gauner“ aber mit ſo deutlichen Zügen auf der Stirn geſchrieben, daß die ganze Jury laut lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung ſprach, und der Angeklagte ſelber ſchien nicht ſehr mit der Fürſprache zufrieden zu ſein. Es war ein langer hagerer Geſell, der neue Zeuge, mit einer hellgrünen Flanelljacke an, die ſehr kurz in den Aermeln, ſeine Gelenke und dünnen Armen weiter zeigte als gerade ſchön ſein mochte; auf dem einen Auge ſchielte er dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und dem⸗ ſelben Menſchen haftete, konnte ſich keiner an Bord rühmen dem Blick des Burſchen auch nur ein einziges Mal begegnet zu ſein. Einen alten zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf dem ſtruppigen Haar gehabt, drückte er, ſo lang er mit der Jury ſprach, in den Händen herum. Der Staatsanwalt, zu dem ſich ebenfalls ein junger, ganz ordentlich gekleideter Mann an Bord für dieſen einzeln Fall gemeldet hatte, trat jetzt auf und verſicherte der Jury, unter dem ſchallenden Gelächter ſämmtlicher übrigen Paſſagiere, nur nicht der beiden Freunde, daß dieſer Zeuge die Sache des An⸗ geklagten eher verſchlimmert als verbeſſert habe, hob dann noch einmal in ſehr glücklich gewählten, meiſt humoriſtiſchen Wen⸗ dungen das ganze Entſetzliche dieſes Falles an einem Ort her⸗ vor, wo Alle ſo zuſammengedrängt waren daß ſie ſchon ohne— dieß Einer die Hände in den Taſchen des Anderen haben mußten nur ſtehen zu können, und eröffnete ſchließlich den ge⸗ ehrten Geſchworenen, daß ihnen kaum etwas anderes übrig bleiben würde als den Mann zu— hängen, wie ſeinen Freund Landes zu verweiſen. Ein lautes Hurrah! antwortete dieſem Vorſchlag, der von Allen natürlich als ein Scherz aufgenommen wurde, nur nicht von dem Angeklagten ſelber, der vielleicht ſchon früher Zeuge geweſen war, weſſen eine Bande müſſiger Bootsleute, in Ueber⸗ muth und Langerweile fähig ſei. Die Jury zog ſich jetzt auf die Außenguards zurück dort miteinander den Fall zu berathen, kehrte aber nach ſehr kurzer Zeit wieder, und erklärte kein Ur⸗ theil abgeben zu wollen, bis man nicht weitere Beweiſe gegen den Mann habe, der zu dieſem Zweck zu viſitiren ſei, ob er nicht irgend etwas Verdächtiges bei ſich trage was ſeine jetzige böſe Abſicht noch mehr bekräftigen könne. Dagegen ſträubte ſich aber der Angeklagte auf das Ent⸗ ſchiedenſte, machte ſogar Miene ſich ernſthaft zur Wehr zu ſtellen und ſchrie, als ihn ein paar von den baumſtarken Flat⸗ bootmen unterliefen und hielten, aus Leibeskräften um Hülfe und Feuer und Mord. Das Alles half ihm aber nicht allein Nichts, ſondern machte die Leute nur noch mistrauiſcher gegen ihn, die jetzt ohne weiteres, während ihn Einige feſthielten, ſeine Taſchen umdrehten und ihn aufforderten ſein Gepäck auszuliefern das er an Bord habe. ⸗ Wider Erwarten entdeckte man bei ihm ein mit Geld ſehr ⸗ wohlgeſpicktes Taſchenbuch, in dem ſich einige zwanzig ganz n V neue Banknoten der„White water canal banking company“ ⸗ mit einigen einzelnen Miſſiſſippi⸗Dollar⸗Noten und einige kleine g Munzen vorfanden. Hiervon erregten aber die neuen Noten d Verdacht, von denen eine im Kreis herumging, bis ſie zu den Händen des Staats⸗Anwalts, jedenfalls eines jungen Hand⸗ n lungscommis der irgend eine Anſtellung im Norden ſuchte, t kam. Dieſer erklärte ſie nach kurzer Beſichtigung für counter- e feit money(falſches Geld), und erbot ſich ſehr freundlich und .— bereitwillig ſelber zu hängen, wenn er nicht die Wahrheit ge⸗ f ſagt habe und das Geld genau kenne. Mit dieſem Ausſpruch , allein begnügten ſich aber die Paſſagiere nicht, und eine De⸗ 3 putation wurde hinauf in die Cajüte geſchickt, zu ſehen ob noch 1 Einer von den Buchhaltern wach wäre, deſſen Urtheil über die r Banknoten zu hören. e Der zweite Buchhalter war kurz vorher vom Steuer⸗ mann geweckt worden, da das Boot wieder anlegen mußte 4 Holz einzunehmen. Noch halb im Schlaf wollte der freilich die 1 Paſſagiere erſt unwirſch wieder abweiſen, ließ ſich aber doch . endlich bewegen, einen in Neu-⸗York herausgegebenen counter- 3 keit detector, in dem allmonatlich ſämmtliche falſche Bank⸗ 1 noten veröffentlicht werden, nachzuſehn, und erklärte die Bank⸗ 1 note dann ebenfalls nach kurzer Unterſuchung für falſch. Das 1 war genug und die Sache im Zwiſchendeck, die bis jetzt mehr in Scherz und Uebermuth getrieben worden, drohte einen ern⸗ ſteren Charakter zu bekommen. Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 12 178 Der Kentuckier nahm vor allen Dingen das als falſch erkannte Geld in Beſchlag, zerriß es in Stücken und ſteckte es unter dem wüthenden Heulen und Schreien des Angeklagten in den Ofen, wo es bald hell aufloderte, das übrige Geld wurde ihm jedoch zurück gegeben, und die Jury ging dann noch einmal auf die guards hinaus, das Endurtheil zu fällen, als die Glocke draußen— das Zeichen zum Landen und Holz— tragen— ertönte. „Wood pile, wood pile boys!“*) ſchrie der Mate oder Steuermann, froh eine Gelegenheit zu haben den Skandal zu unterbrechen, in das Deck hinein—„hinaus mit Euch wer nicht bezahlt hat, Eure Albernheiten könnt Ihr nachher ab⸗ machen— Wood pile! Das Boot landete, die Planken wurden ausgeſchoben, und die Zwiſchendeckspaſſagiere, die ſich eben zum Holztragen verpflichtet hatten, konnten ſich deſſen nicht weigern; der Delin⸗ quent ſollte indeſſen unter der Aufſicht von drei oder vieren, die nicht mit zu tragen brauchten, zurückgelaſſen werden; das aber duldete der Mate nicht, der erklärte daß er den Mann nothwendig zum Holztragen brauche; wenn ſie was von ihm wollten, könnten ſie das ebenſogut nachher abmachen, hier in Nacht und Nebel und einem wildfremden Staat würde er ih⸗ nen nicht fortlaufen. Die Anderen trauten ihm jedoch nicht, und zwei von den Kentuckiern erboten ſich draußen an ſeiner *) Holztragen, Holztragen meine Burſchen. — —— —, 2—— 2 5 — — ☛— 179 Seite zu bleiben, und jeden etwaigen Verſuch zur Flucht un⸗ möglich zu machen. Der Burſche, der aber jedenfalls ein böſes Gewiſſen hatte, und vielleicht nicht mit Unrecht fürchtete auch noch andere Sachen an den Tag gebracht zu ſehn, ſchien das Reſultat der Jury nicht abwarten zu wollen, denn als er, einmal im Freien, ſeine zweite oder dritte Ladung aufgenommen, wußte er ſeine Gelegenheit zu benutzen, warf dem Einen von ſeinen beiden Wachten den ganzen Stoß Holz auf den Leib, ſprang über ihn fort, und war im nächſten Augenblick über die Fenz hin, in einem Baumwollenfeld verſchwunden, das Boot wie ſeine be⸗ zahlte Paſſage im Stich laſſend. 12* —— ——-AN N—— Capitel 7. Die Ufer des Miſſiſſippi und Ohio. Der Dampfer verfolgte indeſſen raſch ſeine Bahn, und er⸗ reichte am nächſten Nachmittag die Grenze der Plantagen; die Grenze nämlich inſofern, als dieſe kein geſchloſſenes Ganzes, Fenz an Fenz mehr bildeten, und den Urwald erſt in ſchmaleren, dann immer breiter werdenden Streifen zum Ufer des Stromes her⸗ anließen, bis zuletzt Wald, dichter finſterer mächtiger Wald an beiden Seiten lag, und nur hie und da eine größere Lichtung den Ort verrieth, wo die Arxt des Menſchen thätig geweſen war ſich in das Herz der Wildniß einzuwühlen, und den überreichen Boden ſich zinsbar zu machen. Der Strom gewann hier einen ganz anderen Charakter; noch war das graue wehende Moos an den Bäumen ſichtbar, aber es hing nicht mehr in ſolch gewaltigen prachtvollen Maſ⸗ ſen von den höchſten Wipfeln bis zur Erde nieder, die Rieſen des Waldes in einen weiten Schleier hüllend. Dichte Schilf⸗ 181 brüche füllten dabei den Unterwald bis zum äußerſten Rand des eingebrochenen Ufers, von dem ab zahlreiche unterwaſchene und niedergeſchwemmte Stämme die Verheerung nur zu deut⸗ lich verriethen, die hier von den ungeſtüm reißenden, und noch täglich weiter in das feſte Land hineinfreſſenden Waſſern angerichtet worden. Wieder kamen dann weite, Plantagen bedeckte Flächen, wie die ganze Strecke von Point⸗Coupee, bis faſt zum Atcha⸗ falaya— einem Abſtrom des Miſſiſſippi der ſich auf eigene Fauſt in den Golf von Meriko ergießt— hinauf; aber das Zuckerrohr wurde hier ſchon ſeltner, Mais nahm deſſen Stelle ein, und nur die Baumwollenfelder dauerten noch fort. Weiter und weiter arbeitete das Boot— die Lichtungen wurden ſchmäler und ſeltener, auch die Gebäude unanſehnlicher, die an den Ufern ſtanden, bis ſie zuletzt zu niedere fenſterloſe, in Sumpf und Rohr gebaute Blockhütten zuſammenſchrumpf⸗ ten, mit mächtigen Reihen Klafterholz an der Seite, den auf⸗ und abgehenden Dampfern das ſo nöthige Material zu liefern, und kaum einen halben Acker urbar gemachten Landes dabei, für die Bewohner der Hütte etwas Mais und einige Kürbiſſe und Melonen zu ziehn. Mitten aus dem Wald heraus leuchteten den Reiſenden dann wieder plötzlich die hellen und oft ganz ſtattlichen Ge⸗ bäude eines bald größeren bald kleineren Ortes entgegen, und nirgends läßt ſich der Unternehmungsgeiſt der Amerikaner gerade beſſer erkennen, als an den Ufern der weſtlichen Ströme, 182 wo ſich der Menſch ordentlich in die Oede mit ſeinen Bedürf⸗ niſſen hineinbohrt, weiter und weiter um ſich greift, und aus dem Wald heraus, von Wöoͤlfen Nachts umheult und von der rauſchenden Wildniß dicht begrenzt, ſeine Städte mit ihrem Handel und Verkehr, Dampfmaſchinen und Banken herauf⸗ zaubert. Im Anfang ſind dieſe denn auch natürlich nur auf den Strom ſelber angewieſen, deſſen Schiffahrt ſie entſtehen ließ; nach und nach aber ſiedeln ſich Nachbarn an, Plantagen und Farmen entſtehn, Mühlen und Fabriken werden gebaut, Wege angelegt, und das Holz verſchwindet unter den unausge⸗ ſetzten Schlägen der gefräßigen Art. So paſſirten ſie Natchez und Vicksburg, beide Städte mit prachtvollen maſſiven Gebäuden, ſcheinbar an der Grenze der Civiliſation gegründet, und ließen die Mündung des gewalti⸗ gen Redriver an ihrer Linken, der ſeine rothen Fluthen, ein faſt ebenſo mächtiger Strom als der Miſſiſſippi ſelber, in dieſen wälzt, ohne deſſen Ufer auch nur eines Schrittes Breite aus⸗ zudehnen. Ebenſo hat der„Vater der Waſſer“ den ſtattlichen Arkanſas, den White River, den breiten Ohio, mit einer Un⸗ zahl kleinerer Flüſſe aufgenommen, ohne die Breite ſeines Bet⸗ tes, von der Mündung des faſt noch bedeutenderen Miſſouri auch nur im mindeſten zu ändern. Aler tiefer und reißender wird er, je weiter er ſich wühlt, und je größere Kräfte er in ſich aufnimmt; weiter hinein in den Grund reißt er ſich ſeine furchtbare Bahn, und die zrößten Kriegsſchiffe würden ihn tauſende von Meilen befahren können, dämmte ſeine Mündung nicht die, den meiſten großen Flüſſen gefährliche Queerbank, —-— 183 die gerade über ſein Fahrwaſſer wegliegt, und tiefgehenden Schiffen den Eingang hartnäckig weigert. Weiter, weiter ſchäumen wir ſtromauf; dort drüben zu unſerer Linken mündet der Arkanſas ſeine Waſſer, eine kurze Strecke weiter oben ein Arm des White River, und der kleine Ort, in die Spitze, die beide Ströme miteinander bilden, hin⸗ eingebaut, heißt Montgomery. Unſer Lootſe weiß aber von dem Ort da drüben, und von dem Mann der hier das erſte Haus gegründet, viel zu erzählen; Er ſelber iſt früher lange Jahre auf dem Arkanſas gefahren und oft an der Spitze die Montgomerys Point hieß und noch heißt gelandet; der aber, der hier den erſten Axtſchlag gethan, war Einer jener wilden Charaktere wie ſie der Weſten leider noch in Maſſe liefert— Männer die nur das eine Ziel im Auge tragen— Geld— deren Herz und Seele, wenn ſie Beides wirklich haben, nur dem einen Trieb ſich weiht und eigen giebt, und die ſelbſt Raub und Mord zu Brücken brau⸗ chen, das zu erreichen. Wenn nur die Hälfte von dem wahr i*ſt, was er dem an das Lootſenhaus gelehnten Paſſagier halb⸗ laut, und mit einem ſcheuen Blick dort hinüber in's Ohr flüſtert, daß es dem Mann eine Eishaut über den ganzen Leib jagt, ſo hat das Land da drüben Urſache fruchtbar zu ſein, denn es iſt mit Menſchenblut gedüngt. Wald dehnt ſich jetzt zu rechts und links— weiter end- loſer Wald mit furchtbaren Sümpfen die nur, das Ufer des Stromes verlaſſend, der Jäger betritt, den Bär in ſeinem . Schlupfwinkel aufzuſuchen, oder die hier ziemlich zahlreichen 184 Hirſche zu jagen. Selbſt Büffel haben ſich, noch etwas weiter zurück vom Miſſiſſippi, in dieſen furchtbaren Dickichten gehal⸗ ten, und es iſt das der einzige Platz in den, in die Union auf⸗ genommenen Staaten, wo ſte noch zu finden ſind. Auch die Vegetation nimmt hier wieder einen etwas an⸗ deren Charakter an; das graue Moos iſt ganz verſchwunden, ſelbſt die Cypreſſen kommen ſchon vereinzelter vor als weiter unten, und der mächtige colton oder Baumwollenholzbaum, nach einer weißen Flocke in der ſein Saamen ſitzt, ſo genannt, hat den Ehrenplatz am Ufer, und füllt das flache ſumpfige Land mit ſeinen wahrhaft rieſigen Stämmen. Aber während der raſtlos ſchaffende und vernichtende Miſſiſſippi an dem ei⸗ nem Ufer den Boden unterwäſcht und wühlt, und oft ganze Acker Land, mit hunderten von Stämmen in ſein Bett hernie⸗ derreißt, wirft er am andern wieder weite Sandbänke aus, deckt ſie und düngt ſie mit dem fruchtbaren Schlamm, den ihm der Miſſouri aus den weiten Steppen des Weſtens hernieder führt, und läßt ſich vom Wind dann, in den leichten faſrigen Flocken, den Saamen des Baumwollenbaumes niederſtreuen auf den jungen Grund. Jedes Jahr legt er ſich der Art einen kleinen Streifen um den neugegründeten Beſitz, und während das erſt beſäete Stück ſchon die jungen Cottonbäume bis zehn und funfzehn Fuß Höhe trägt, die ſich mit den ſaftgrünen jungen Kronen dicht und feſt an den alten Urwald ſelber an⸗ ſchmiegen, werden ſie kleiner und kleiner je weiter ſie dem Ufer ſelbſt ſich nähern, bis ſie in kleinen, kaum ſichtbaren Schöß⸗ lingen, noch von dem Schaum des Stromes beſpühlt, nur . 185 eben erſt die ſchwachen grünen Keime zeigen, und damit eine förmliche grüne Stufenleiter bilden, bis zum Waſſer nieder. Auch die Alligatoren ſind jetzt verſchwunden und zeigen nicht mehr die dunklen zackigen Rücken und Stirnen, verbrann⸗ tem Holze gleichend, über der trüben Fluth; ſtatt deſſen ſonnen ſich weichſchalige Schildkröten in Maſſe auf dem gelben Sand und den in den Strom geſchwemmten Stämmen, ſtrecken die langen Köpfe neugierig und ſcheu herauf, wie ſie das heran⸗ ſchnaubende Boot hören, und laſſen ſich dann ſchwerfällig nie— der gleiten in die Fluth, dem fremden unheimlichen Feinde zu entgehn. Auch die weißſtämmige Sycamora, mit ihrem ſchweren rothen Holz das nicht im Waſſer ſchwimmt, drängt ſich bis zum Ufer vor, gar ſeltſam gegen die dunklen Stämme der übrigen Waldung abſtechend, während bis zu ihren erſten Aeſten hinauf, in dreißig und vierzig Fuß Höhe, eine feſte grüne Wand emporſteigt, das Miſſiſſippi⸗Rohr(cane) das ſeine Bambusähnlichen Wurzeln bis in den neben ihnen hin⸗ waſchenden Strom hinunter hängt, und eine faſt ununterbro⸗ chene Mauer bildet gegen das offene Flußbett zu. Als ob ein einzelner Baum umgeſchlagen wäre und da hinein hie und da eine kleine, kaum bemerkbare Lücke geriſſen hätte, ſo ſehen die kleinen Lichtungen aus, in die ſich ein Holz⸗ hauer gedrängt und ſein Lager da mitten im furchtbarſten Sumpf, von Waſſer und Schlamm rings umgeben, aufge⸗ ſchlagen hat mit Frau und Kind. Gegen das Geſetz der Ver⸗ einigten Staaten, das dem Einzelnen verbietet Holz auf Grund 186 und Eigenthum der Union zu ſchlagen, macht er ein anderes Recht der Squatter, das preemption right für ſich geltend, das dem armen Anſiedler erlaubt Land, ohne es gleich zu be⸗ 4 zahlen, ſo lange zu occupiren und zu bebauen und dann darauf das Vorkaufsrecht zum Congreßpreis(1 ½ Dollar pr. acre) zu behalten, bis es vermeſſen und zum Verkauf dann ausgeboten wird. Dem Staat gegenüber erklären dieſe Leute, wenn ſie je darum gefragt werden ſollten, daß ſie die Bäume hier fällen um das Land urbar zu machen, und es für ſich ſelber, zu ihrem bleibenden Wohnſitz zu wählen, in Wilrklichkeit aber bleiben ſie nur bis ſie ſich eine gewiſſe Summe baaren Geldes durch den Holzverkauf an die Dampfboote verdient haben, und ziehen dann weiter weſtlich in gefündere Gegenden, ſich dort erſt anzukaufen— wenn ſie nicht früher ſchon durch den Verluſt von Frau oder Kindern oder durch eigene Krankheit in den. böſen Miasmen der Sümpfe verſcheucht und gezwungen wer⸗ den die Hügel aufzuſuchen, das eigene Leben zu retten. Von kaltem Fieber geſchüttelt, von Mosquitos zerſtochen, an Stellen die von giftigen Schlangen wimmeln, vor denen ſie die Kinder kaum genug hüten können, verleben die armen Frauen beſon⸗ ders dort eine traurige Exiſtenz. Ja dieſe wird oft ſelbſt durch 4 den Strom bedroht, der in ſeinen furchtbaren Ueberſchwem⸗ mungen das ganze Land überfluthet, das geſchlagene und mühſam aufgeſchichtete Holz und nicht ſelten die niederen Blockhütten ſelber faßt, und weit hinabſchwemmt dem Meere zu, ſo daß dieſe Holzhauer, beſonders an den niedrigſt gelege⸗ nen Stellen, ſtets gezwungen ſind ein Boot oder Canoe an 187 ihrem Haus zu haben, in der Zeit der Gefahr wenigſtens ihr Leben vor der Gewalt der Waſſer ſchützen zu können, und ſtromab den Hügeln zuzuflüchten. Siiſt eine traurige Exiſtenz die tauſende von Menſchen auf ſolche Art führen, und bezeichnend dabei, daß faſt nur Amerikaner ſelber, die abgehärteten und die Wildniß gewohn⸗ ten Kinder der Pioniere und erſten Vorkämpfer der Civiliſation, ſte freiwillig wählen. Selten oder nie findet man in dieſen Hütten und Sümpfen Deutſche, oder andere fremde Einwan⸗ derer, die faſt alle geringeren Verdienſt und geſunderen Boden vorziehn, auch wohl dieß Klima mit ſeinen Entbehrungen nicht ſo ertragen könnten als der Amerikaner. 2 b Weiter wühlt ſich das Boot, an Hütte und Wildniß vor⸗ bei und was iſt das dort drüben, das ſo weiß und breit da aus dem Waſſer ragt?— Ein verſunkenes Dampfboot, das in Nacht und Nebel gegen ein snag rannte und ſank—„aber die meiſten Paſſagiere wurden gerettet“— und da drüben, das mit den ſchwarzen Rippen?— das iſt ein anderes Boot das ³ mitten auf dem Strom in Brand gerieth und unglücklicher Weiſe, ehe es das feſte Ufer erreichen konnte, auf eine Sand⸗ bank lief. Der Steuermann weiß eine furchtbare Geſchichte davon zu erzählen, denn er war an Bord, und man hat nie erfahren wie viel Unglückliche ihr Leben dabei einbüßten. Und weiter da drüben?— lieber Freund das ſind auh die Ueberreſte eines Wracks; es iſt hier gerade eine etwas ge⸗ fährliche Stelle, aber über halb der Mündung des Ohio iſt's noch viel ärger, denn dort haben die Bootsleute einem Theil 188 des Stromes den Namen,„Dampfers Kirchhof“ gegeben, und manches Menſchenleben hat der ſchon gekoſtet. Es iſt wahr, auf keinem Strom der Welt iſt mit Dampf⸗ booten ſchon ſoviel Unglück geſchehn, wie gerade auf dem Miſſiſſippi mit ſeinen Nebenflüſſen; auf keinem wird dabei trotzdem leichtſinniger gefahren, auf keinem werden, neben den prachtvollſten, beſteingerichtetſten Fahrzeugen, ſchlechtere, un⸗ tüchtigere Kaſten benutzt Waaren und Menſchen zu transpor⸗ tiren wie gerade hier, denn der Amerikaner will und muß Geld verdienen, und ſo lange ein Dampfboot nur eben noch auf dem Waſſer ſchwimmt, ſo lange die wieder und wieder ge— flickten Keſſel nur noch möglicher Weiſe halten, wird ihm ſeine Ladung anvertraut, und drängen ſich die Paſſagiere ſelber an Bord, nur keine Zeit zu verſäumen, und vielleicht einen halben Tag länger warten zu müſſen mit einem beſſeren, neuen Boot dieſelbe Fahrt zu machen. Aber wir müſſen auch gerecht ſein; auf keinem Strom der Welt fahren und kreuzen ſich eine ſolche 8 aſſe von Dampfern jeder Größe, jeder Gattung wie hier, von dem ſtattlichen Boot an das mit acht Keſſeln an Deck und jeder ordentlichen Bequemlichkeit ausgeſtattet, von drei bis vier tauſend Ballen Baumwolle im Stande iſt zu tragen, bis zu dem kleinen Diminutiv⸗Boot nieder, das kaum zwölf Zoll im Waſſer gehend die zahlreichen kleinen Nebenflüſſe be⸗ fährt und explorirt, mitten in Wald und Wildniß hineindampft allen Gefahren zum Trotz, und nicht ſelten den Bären und Panther überraſcht die zum Trinken herabkamen, und ſcheu und entſetzt jetzt vor dem fremden Ungethüm zurück fliehen in 189 Dickicht und Geſtrüpp. Die Nebenflüſſe mitgerechnet, von de⸗ nen ab die einzelnen Dampfer den Miſſiſſippi immer wieder berühren, beträgt die Zahl derſelben jetzt weit über ſieben hun⸗ dert, und im Verhältniß iſt die Zahl der Unglücksfälle dann noch immer nicht gar ſo entſetzlich, wie es von ſolchen, die nur die dunklen Seiten jenes Landes aufzudecken ſuchen, oft geſchildert und beſchrieen, nicht beſchrieben wird. An Bord war indeſſen, ſeit der Flucht des Diebes, der ſich doch nicht hatte der Gefahr ausſetzen wollen einen Ur⸗ theilsſpruch der übermüthigen Reiſegefährten abzuwarten, und lieber ſeine ſchon gezahlte Paſſage(Gepäck hatte er gar nicht) im Stich ließ, Alles ruhig und friedlich abgegangen, und Vei⸗ tel Kochmer beſonders hatte ſeine Zeit gut benutzt, auch oben in der Cajüte mit der Holzharmonika und der Kehle des Kin⸗ des Geld zu verdienen. Profeſſor Lobenſtein redete ihn da, als alten Reiſegefähr⸗ ten an, frug ob noch andere Paſſagiere von der Haid⸗ ſchnucke an Bord ſeien, und erfuhr voſithn, daß ſich auch die Weberfamilie auf der Jane Wilmington eingeſchifft habe nach Cincinnati zu gehn, dort unter den vielen Deutſchen leich⸗ ter Arbeit zu finden. Nun war es aber dem Profeſſor, jemehr ſte ſich dem Orte näherten wo er ſelber ein neues ungewohntes Leben beginnen und Arbeiten unternehmen ſollte, die ſich doch in der Praris ganz anders herausſtellten als in Büchern, ſchon mehrfach im Kopf herum gegangen, wo er Jemand paſſenden gleich herbekam ihm wenigſtens in der erſten Zeit zur Hand zu gehn. Auch ſeine Frau, ſeine Töͤchter brauchten eine Hülfe, X½ 190 denn waſchen, ſcheuern, das Vieh beſorgen ꝛc. waren ebenfalls Dinge an die er noch nie ſo ſehr gedacht hatte wie gerade jetzt, und die er den Seinigen kaum zumuthen konnte, vom erſten Augenblick gleich an zu übernehmen. Von Hopfgarten, mit dem er darüber Rückſprache nahm war ſogar entſchieden da⸗ gegen, daß die an etwas derartiges gar nicht gewohnten Frauen je dergleichen Beſchäftigungen obliegen dürften, und betrachtete es als eine Sache die ſich von ſelbſt verſtände, daß er Leute engagiren müſſe, die eben die gröberen Arbeiten für ihn ver⸗ richteten. Da aber ſolche, wie ſie vielfach gehört, in Amerika nicht immer gleich und leicht zu bekommen wären, könnte er auf der Gotteswelt nichts Beſſeres thun, als gerade die ganze Weberfamilie, die er als ordentliche, rechtſchaffene, fleißige Leute kennen gelernt hatte, wenn ſie irgend zu bekommen wä⸗ ren, in Dienſt zu nehmen. Der Profeſſor fühlte daß er recht hatte; freilich gehörte das, als ſchwere Ziffer, zu den„nicht gerechneten Ausgaben“, ¹die er ſich bis ſſ ane noch eingeredet ſie umgehen zu können; ſo viel Hände mehr verdienten aber auch mehr im Feld— auch der deutſche Landmann hielt ja ſeine Knechte und Mägde und befand ſich wohl dabei— warum nicht er. Zu ſolchem Entſchluß, zu dem die Weberfamilie auch noch ihre Zuſtimmung zu geben hatte, war dann aber auch keine Zeit mehr zu verlieren, und um es beſſer mit ihnen be⸗ ſprechen zu können, ging er gleich am nächſten Morgen zu ihnen hinunter in's Zwiſchendeck. Hier machte er den beiden Leuken gerade zu den Vorſchlag, gegen einen entſprechenden — — Gehalt über den ſie ſich einigen wollten, auf ein Jahr bei ihm in Dienſt zu treten, wo ſie ein kleines Haus für ſich bekom⸗ men, und ihre Familie, von der der älteſte Knabe ſchon wacker mit zugreifen konnte, bei ſich behalten ſollten. Auch für den Weber war übrigens dieſer Vorſchlag gut und annehmbar, denn er genoß dadurch jedenfalls den ſehr großen Vortheil nicht allein in der erſten Zeit das wenige was er an baarem Geld ſein nannte, zu ſparen, ſondern ſogar noch etwas dazu zu verdienen und nebenbei, das Wichtigſte von Allem, das Land in dem er ſich ſpäter ſelber niederlaſſen wollte, aus eigner Erfahrung kennen zu lernen. Auch für die Kinder hatte er dabei ein Unterkommen, wie für die alte Mutter, die ſich auf der Seereiſe merkwürdig gekräftigt und geſtärkt, jetzt aber in dem neuen ungewohnten Leben und Treiben an Bord, ſtill und ängſtlich in ihrer Ecke ſaß, aber doch nicht mehr jammerte und wehklagte, ſondern mehr betäubt von all dem Neuen das ſie umgab, ruhig abwartete was ihr und den ihrigen die nächſte Zukunft bringen würde. Nun war es dem Mann freilich ein ungewohntes und auch faſt drückendes Gefühl hier in Amerika, wo er ſeine Lage gegen Deutſchland hatte verbeſſern wollen, in Dienſt zu tre⸗ ten, während er im alten Vaterland, wenn auch arm und kümmerlich, doch ſelbſtſtändig, und von Niemandem abhän⸗ gend, gelebt hatte; aber er ſah auch wohl daß er hier in eine ganz fremde ihm vollkommen neue Welt gerathen ſei, in der er vor allen Dingen lernen und Erfahrung ſammeln mußte, und mit der Schüchternheit ſich gleich von vorn herein ein 192 ſelbſtſtändiges Handeln zuzutrauen, die unſeren armen Klaſſen nur zu ſehr eigen iſt, mochte er die Hand nicht zurückweiſen, die ſich ganz unerwartet ausſtreckte ihn zu unterſtützen. Auch die Frau, die vor Nichts ſolche Angſt gehabt als gerade vor dem erſten Beginn, griff mit Freuden nach dieſem Anerbieten — arbeiten, lieber Gott das wollte ſie ja gern von früh bis ſpät, hatte auch noch nichts Anderes gekannt ſeit ſie kaum alt genug geworden die jüngeren Geſchwiſter umherzutragen, und ſelber wieder ein eignes Haus? ja lieber Himmel, das ging nicht im Handumdrehen, und das was ihnen jetzt und zwar von einer Familie geboten wurde, die ſie ſchon auf dem Schiff hatten achten und lieben lernen, durften ſie nicht zurückweiſen, wenn ſie ſich nicht ſpäter die bitterſten Vorwürfe hätten machen wollen. Der Lohn freilich, den ihnen der Profeſſor bei weiterer Unterhandlung bieten konnte war gegen das, was ſie früher von den Arbeitslöhnen in Amerika gehört, nicht hoch, und be⸗ trug für beide Chüleut nur zwölf Dollar monatlich an baarem Gelde, aber ſie bekamen auch dabei für ſich und ihre Familie die Koſt, und hatten in ſicherem Verdienſt, nach Abſchluß des Jahres zu dem was ſie ſchon ohnedieß beſaßen und jetzt nicht anzugreifen brauchten, noch eine hübſche runde Summe von 144 Dollar übrig, mit der ſich ſchon etwas anfangen ließ. So ſchlugen ſie denn nach kurzem Beſinnen ein, ließen ihre über⸗ aus ſehr ſchwankenden Ausſichten in Cincinnati fahren, und beſchloſſen in Grahamstown mit an Land zu gehn— die Paſſagezahlung blieb ſich überdieß nach beiden Orten gleich. 193 „Du biſt doch auch dümmer wies eigentlich erlaubt iſt“, wandte ſich übrigens, wie der Profeſſor nur kaum den Rücken gedreht hatte und wieder nach oben gegangen war, ein anderer deutſcher Bauer, der ebenfalls erſt vor einigen Wochen mit Frau und Kindern von Deutſchland gekommen, nach Eincin⸗ nati hinauf wollte, an den Weber—„läßt Dich da von dem Breimaul beſchwatzen, Dich für ſechs Thaler den Monat zu ſchinden und zu plagen, wo Du ſo viel die Woche kriegen könnteſt, und bedankſt Dich auch nachher noch bei ihm daß er ſo gut iſt und Dich umſonſt arbeiten läßt. Herr Jeſes, mir ſollte ſo Einer ſo etwas bieten, den wollte ich heimſchicken.“ Der Mann war aus Kurheſſen und ſah dürftig aus, hatte auch in der That ſchon faſt alles Mitgebrachte aufgezehrt, und eben noch die Paſſage für ſich und die Seinen auf dem Dampf⸗ boot erſchwingen können, aber er wußte was ihm die Agenten in Deutſchland für Lohn verſprochen, und war nicht geſonnen, wie er meinte, für einen Dreier weniger zu arbeiten. „Aber warum haſt Du mir das nicht früher geſagt, wie ich noch mit dem Herrn ſprach“ meinte der Weber, durch den ſo beſtimmt ausgeſprochenen Vorwurf doch etwas kleinlaut ge⸗ worden. „Was gehts mich an“ brummte der Heſſe—„Jeder muß am Beſten ſelber wiſſen was er zu thun hat.“ „Aber Du weißt auch nicht gewiß, was Du im Ohio zu erwarten haſt“ ſagte der Weber kopfſchüttelnd. „Nun ſechs Dollar laufen mir da nicht weg“ lachte der Andere,„und überdieß hab' ich's ſchwarz an weiß, und Gerſtäcker's Nach Amerika. II. —¾—-—y— 194 zwar von Leuten zu Hauſe, die die Sache verſtehn. Soviel weiß ich aber, ehe ich für ſechs Dollar den Monat arbeite, hungre ich lieber, denn mit ſechs Dollar könnte ich auch eben nicht mehr thun als mich ſatt eſſen, und ſo ſpar' ich doch meine Knochen. Uebrigens haſt Du ja gar keinen feſten Contrakt ge⸗ macht, und kannſt deshalb noch immer thun was Dir am Beſten ſcheint.“ Dem Weber war es ein unbehagliches Gefühl, ſich von Jemanden, der ſchon beinah ſo viel Wochen im Land war wie er Tage, ſo direkt tadeln zu laſſen, aber er konnte es auch jetzt nicht mehr ändern, denn er hatte ſein Wort gegeben, was er wenigſtens für ebenſo bindend hielt wie einen Contrakt. Dann aber ſtieß ihn auch ſeine Frau heimlich an, und flüſterte ihm zu ſich nicht irre machen zu laſſen von dem Menſchen. Sie ſeien nicht herüber nach Amerika gekommen in einem Jahr reich zu werden— das möchte manchmal glücken, aber auch nicht immer— ſondern ſich und ihren Kindern nach und nach, aber dann auch gewiß, eine feſte Stätte zu erbauen, daß ſie glücklich und unabhängig leben könnten, und mit jedem Jahre weiter vorwärts kämen, nicht zurück wie in Deutſchland. Da⸗ mit aber hätten ſie jetzt den Anfang gemacht, und wenn es der Andere da drüben, mit dem zerriſſenen Rocke und der blei⸗ chen kranken Frau, beſſer wiſſe und verſtehe, ſo ſolle er nur hingehn und es verſuchen, ſie ſelber wollten lieber„den Sper⸗ ling in der Hand, wie die Taube auf dem Dache.“ Fünf Tage und Nächte fuhren ſie ſo ſtromauf, immer in vierundzwanzig Stunden etwa 200 engliſche Meilen, den 4* ———— 195 Windungen des Stromes nach, zurücklegend, und erreichten endlich die Mündung des Ohio, der, von Oſten kommend, ſeine klaren Waſſer mit ſtarker Strömung, deutlich unterſcheidbar bis über die Mitte hinaus in die ſchmutzig gelbe Fluth des Miſſiſſippi drängt, und ſich erſt eine lange Strecke weiter un⸗ ten mit dieſem ganz vermiſcht. Die Staaten Miſſouri an der linken, Kentucky an der rechten und Illinois gegenüber, lau⸗ fen hier in ihren Grenzſpitzen zuſammen, während der Ohio ſelber, durch ſeinen Strom von Oſt nach Weſt, die freien und Sclavenſtaaten von einander trennt. Aber die Ufer ſelber bekommen hier einen ganz anderen Charakter; ſchon Kentucky zur rechten zeigte hohes Land, das mit ſeinen nordiſchen Kiefern dem Auge unendlich wohl that, und wenn auch die Spitze von Illinois, auf der ein kleines dem Miſſiſſippi zehnmal abgetrotztes, und zehnmal wieder von ihm überſchwemmtes und vernichtetes Städtchen liegt, noch flach und öde ausläuft in den Strom, hebt ſich doch auch bald an dieſer Seite das Land, und mit dem durchſichtig klaren Waſſer, das vorn den Bug beſchäumt, mit ſelbſt kaum halb ſo ſtarker Strömung gegen ſich als im Miſſiſſippi, brauſt das Boot lebendiger voran, und das Auge hängt mit Wohlgefallen an den freundlichen Ufer⸗Bergen. Der Ohioſtrom iſt ſchon von vielen Amerikanern mit un⸗ ſerem deutſchen Rhein verglichen worden, und nicht ganz mit Unrecht; der breite klare Strom, die meiſt wellenförmigen, oft ſchroffen, nicht zu hohen Hügel, die ſein Ufer bilden, und mit dem herrlichſten Grün bekleidet ſind, haben allerdings viel 13* 196 Aehnliches mit unſerem deutſchen Strom; auch viele trefflich an⸗ gelegte Farmen und kleine blühende Städte, die überall den Unter⸗ nehmungsgeiſt der thätigen Amerikaner bekunden, geben dem Bild etwas Liebes und Freundliches, im Gegenſatz zu dem, von Sumpf und wildem Urwald begrenzten und trüb und reißend dahin ſtrömenden Miſſiſſippi. Aber die Burgen fehlen ihm, und nicht allein als Schmuck in der Scenerie, nein auch mit ihnen die alten hiſtoriſchen Erinnerungen, die Sagen und Le⸗ genden, die jedem Fels am Vater Rhein, dem Hügelhang, der Waldesſchlucht, jeder Thurmſpitze und Mauer ihren eigenen, wunderbaren Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, ſelbſt wenn ſie in all den wundervollen herbſtlichen Tinten prangen, die gerade jener Zone eigen, kann dieſen Reiz und Zauber nicht erſetzen— ſie bleiben todt und kalt, ſo ſchön ſie ſind, und der Reiſende, beſonders der Deutſche, wird ſie anſchaun und ſich freun darüber, aber nie ſein Herz mit ſolchen Banden zu ihnen hingezogen fühlen wie zu dem eigenen heimiſchen Rhein, ſelbſt wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von dieſem ſtand. Raſch fliegt indeß das wackre Boot die klare breite Bahn entlang, und andere Ufer grüßen den Fremden wieder, der mit neugierigem Blick hinuͤber ſchaut auf das fremde Land. Cypreſſen wie Baumwollenholzbäume ſind lange in dem mehr ſüdlichen Klima zurückgeblieben und nur die weißſtämmige Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern überragt, mit Erlen und Weiden die Ufer des Stromes, und neigt ſich oft weit hinaus über die murmelnde, ſpiegelhelle Fluth. An dieſem Abend, dem erſten im Ohioſtrom wollte Veitel —,— — — 197 Kochmer, der ſich indeſſen wacker auf alle die Amerikaniſchen Melodieen eingeübt hatte, wieder eine Vorſtellung geben. Der gute Gewinnſt lockte ihn, und er ſchien nicht geſonnen eine ſolche Gelegenheit eben unbenutzt vorüber zu laſſen; der Knabe aber, der ſich die Tage über zu ſehr angeſtrengt und blaß und leidend ausſah, klagte über Schmerzen im Hals und weigerte ſich zu ſingen. Veitel glaubte indeß auch ohne ihn das Pu⸗ blikum befriedigen zu können, und ließ die Leute durch Einen der Engliſch redenden Deutſchen wieder einladen ihm zuzuhören. Ob dieſe aber der Holzharmonika ſchon überdrüßig waren, die den meiſten mit ihren weichen ſanften Tönen auch außerdem nicht viel Befriedigendes bot, oder ob ſie kein Geld mehr an eine Sache wenden wollten, die ſte am Ende ebenſo gut um— ſonſt zu hören bekamen, da der Pole, wenn er nur für ſich ſelber etwas ſpielte, das eben an Bord nicht geheim thun konnte, kurz ſie erklärten ihm, ohne Flöte mache ihnen die Sache keinen Spaß. Wenn der Knabe nicht wohl ſei, möge er das Spielen lieber laſſen, oder ſpielen wenn er Luſt haͤtte, aber ſie zahlten ihm Nichts dafür. „Siehſt Du Philippche!“ flüſterte da Veitel dem jungen Burſchen zu, der in einer Ecke kauerte, und bog ſich dabei über ihn und ſtieß ihn in die Seite—„ſtehſt Du mein Söhnche — Nichts zahlen wollen ſe— werſt Du nu ſingen?“ „Aber ich kann nicht Vater.“ „Wie heißt, kann nicht, werd ich Dir gleich beweiſen, ob Du kannſt oder nich; kenn ich doch Deine Mucken, mai 196 Aehnliches mit unſerem deutſchen Strom; auch viele trefflich an⸗ gelegte Farmen und kleine blühende Städte, die überall den Unter⸗ nehmungsgeiſt der thätigen Amerikaner bekunden, geben dem Bild etwas Liebes und Freundliches, im Gegenſatz zu dem, von Sumpf und wildem Urwald begrenzten und trüb und reißend dahin ſtrömenden Miſſiſſippi. Aber die Burgen fehlen ihm, und nicht allein als Schmuck in der Scenerie, nein auch mit ihnen die alten hiſtoriſchen Erinnerungen, die Sagen und Le⸗ genden, die jedem Fels am Vater Rhein, dem Hügelhang, der Waldesſchlucht, jeder Thurmſpitze und Mauer ihren eigenen, wunderbaren Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, ſelbſt wenn ſie in all den wundervollen herbſtlichen Tinten prangen, die gerade jener Zone eigen, kann dieſen Reiz und Zauber nicht erſetzen— ſie bleiben todt und kalt, ſo ſchön ſie ſind, und der Reiſende, beſonders der Deutſche, wird ſte anſchaun und ſich freun darüber, aber nie ſein Herz mit ſolchen Banden zu ihnen hingezogen fühlen wie zu dem eigenen heimiſchen Rhein, ſelbſt wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von dieſem ſtand. Raſch fliegt indeß das wackre Boot die klare breite Bahn entlang, und andere Ufer grüßen den Fremden wieder, der mit neugierigem Blick hinüber ſchaut auf das fremde Land. Cypreſſen wie Baumwollenholzbäume ſind lange in dem mehr ſüdlichen Klima zurückgeblieben und nur die weißſtämmige Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern überragt, mit Erlen und Weiden die Ufer des Stromes, und neigt ſich oft weit hinaus über die murmelnde, ſpiegelhelle Fluth. An dieſem Abend, dem erſten im Ohioſtrom wollte Veitel ———— — —,— —.—— ſtieg,„ich bin nicht faul, ſondern krank, und Du wirſt mich ſo lange zum Singen zwingen, bis ich unter der Erde liege, wie—“ Er ſchwieg und wandte ſich ab, der Alte hatte aber in rückſichtslos ausbrechender Wuth eine Flaſche ergriffen, die neben ihm ſtand, und wollte damit einen Schlag nach dem Kinde führen, holte wenigſtens dazu aus, als der Penſylva⸗ nier auf und dazwiſchen ſprang, dem Juden die Flaſche entriß, und ihn ſelber fünf oder ſechs Schritt zurückſchleuderte, daß er taumelte und ſich an den nächſten Coyen halten mußte, nicht zu fallen. „Nichtswürdiger Hallunke!“ rief der alte Mann dabei, während ihm edle Entrüſtung das Blut in die Wangen jagte, „ſchämſt Du Dich nicht der paar Dollars wegen, Dein eigenes krankes Kind zu quälen und zu mishandeln? unterſteh Dich und leg Hand an ihn, ſo lange wir hier an Bord zuſammen ſind, und ſieh was wir dann mit Dir ſelber machen.“ „Es iſt mein Junge, und ich kann mit ihm machen was ich will,“ rief der Alte halb ſcheu, halb trotzig vor dem un⸗ vermutheten Angriff, dem er nicht zu begegnen wagte—„wer hat mer was in mei eigene Familie zu reden?“ ann „Ich will Dir was ſagen, Kamerad,“ 1 hn aber jetzt der Penſylvanier, der mit ein paar flüchtigen Worten den ihm nächſt Stehenden und neugierig Herandrängenden die Urſache des Streites erzählt hatte,„wenn Du geſcheut biſt, dann beträgſt Du Dich wenigſtens ſo lange vernünftig, wie wir hier zuſammen an Bord ſind; was Du nachher thuſt, mußt 200 Du mit Deinem eigenen Gewiſſen abmachen. Soviel ſag ich Dir aber, wenn Du Deinen Jungen ſchlecht behandelſt und er läuft Dir hier fort— ſo darfſt Du Dich nicht darüber beklagen, und käme er zu mir— und ich wohne im nächſten Haus am Indian Hill bei Cincinnati und heiße Brower— und ſuchte da Schutz, ſo wärſt Du der letzte, der ihn wieder bekäm. Haſt Du mich verſtanden.“ —-x „Was hab ich mit Euch zu ſchaffen?“ ſagte Veitel, aber. er packte ſein Inſtrument verdrießlich wieder ein, da er wohl 3 ſah daß jetzt keine Zeit ſei zu ſpielen und einzuſammeln. Der 4 Knabe, den Zorn des alten Mannes fürchtend, drückte ſich in⸗ 5 deſſen wieder zurück in ſeine Ecke, ihn wenigſtens nicht durch ſeinen Anblick mehr als nöthig auf ſich aufmerkſam zu machen, 4 blieb jedoch für jetzt mit jedem Zwang verſchont. Die wackere Jane Wilmington verfolgte indeſſen raſch, und ohne ſich irgendwo aufzuhalten, ihre Bahn. Hie und da wurde wohl manchmal am Tag ein Tuch, oder Nachts ein Feuerbrand am Ufer geſchwenkt, das bekannte Zeichen daß Paſſagiere an Bord wollten, und das Boot ſetzte dann die Jölle aus, oder lief, wenn es der Platz erlaubte, ſelber dicht an das Land hinan, die Fremden aufzunehmen. Manchmal ¹ aber* wenn der Capitain mit ſeinem Fernrohr dem äuße⸗ ren Ausſehn nach vermuthete, daß er nur Zwiſchendecks⸗Paſſa⸗ giere zu erwarten habe, ſchwieg auch wohl die Glocke und das. Boot brauſte, herzlich von den am Land Harrenden verwünſcht vorbei ohne anzuhalten. Aber das Ufer an Heiden Seiten verrieth auch jetzt weit 1 * 3 ——— 201 F größere Cultur, als ſie, ſeit ſie den unteren Miſſiſſippi ver⸗ laſſen, au dieſem Strom geſehen. Ueberall wo ein unbedeu⸗ tender Fluß oder auch nur ein Bach in den Ohio mündete, lagen kleine Städtchen, die mit ihren neuen, hell gemalten hölzernen Häuſern, manchmal noch von dem Wald aus dem ſie entſprungen umſchloſſen, oft aber auch von gut bebauten Farmen dicht umgeben, gar eigenthümlich gegen den dunklen Hintergrund abſtachen. Fabrikgebäude ſtanden am Ufer, Koh⸗ lengruben ſandten ihre Schätze auf improviſirten kleinen Eiſen⸗ bahnen bis dicht an den Rand des Stromes hin, die Kohlen von überbauten Werften gleich in die darunter gelandeten Boote zu werfen; Heerden weideten auf gelichteten Gras⸗ plätzen, Getraide und Heuſchober ſtanden aufgeſpeichert, den Reichthum des Bodens bekundend. Maſſen von kleinen und größeren Dampfern lagen dabei theils an den beſiedelten Plätzen oder kamen den Strom herab, tief mit den kräftigen Produkten des Nordens geladen. Die aufgehenden Dampfer brauchten zugleich ihre Zeit nicht mehr damit zu verſäumen an Land zu fahren, ihren Holzbedarf einzunehmen, denn die Holzverkäufer hatten die Klaftern ſchon in offenen breiten Booten aufgeſpeichert und fertig liegen. Nur äin ſ wurde ihnen zugeworfen, das befeſtigten ſie an Bord, u während das Dampfboot mit ihnen ſtromauf lief, wurde das Holz auf ſeine guards geworfen, der Eigenthümer ging in die Cajüte, ſich ſein Geld geben zu laſſen und ſteuerte dann ſein etwas ſchwerfälliges Fahrzeug wieder mit der Strömung zurück, dem eigenen Landungsplatze zu. 202 So liefen ſie zwiſchen Illinois und Kentucky hin, und erreichten am ſiebenten Tag nach ihrer Abfahrt von New⸗Or⸗ leans die Mündung des ebenfalls ſchiffbaren Wabaſch, der von Michigan herunter kommend und oben queer durch den Staat Indiana durchſtrömend weiter unten die Grenze bildet zwiſchen dieſem und dem Nachbarſtaat Illinois, bis zum Ohio nieder. Kentucky dehnte ſich jetzt noch an ihrer Rechten aus, aber zu ihrer Linken lag Indiana. Herr von Hopfgarten hatte ſich indeſſen entſchloſſen, eben⸗ falls mit in Grahamstown an Land zu gehn; er kam noch früh genug nach Cincinnati, und bekam hier zugleich Gelegen⸗ heit das innere Land wie die Verhältniſſe des Ankaufs, welche der Profeſſor jetzt durchmachen mußte, näher kennen zu lernen. Außerdem waren ſie doch nun auch hier ein tüchtiges Stück in Amerika hineingekommen, ja befanden ſich in der That ziem⸗ lich im Mittelpunkt der ganzen Vereinigten Staaten, die ſich hier jedenfalls eher mußten in ihrem urthümlichen Charakter erkennen laſſen, als in den großen, volkreichen Städten. Nun ſie übrigens ihr Ziel bald erreicht hatten, und die Paſſagiere, ſelbſt die Damen, durch die längere Dampfboot⸗ fahrt ihn und ſicherer geworden waren, begann Marie, wenn ſie bei Tiſche oder Abends manchmal auf der hinteren Gallerie zuſammen kamen, den Reiſegefährten zu necken, daß ihre Reiſe ſo ganz ruhig und ohne Zwiſchenfall abgelau⸗ fen ſei, und Herr von Hopfgarten nun wahrſcheinlich wieder den ganzen Weg werde zurück machen müſſen, noch einmal von vorn anzufangen. Hopfgarten war aber auch wirklich nicht ſo ganz mit dem bis jetzt erzielten Reſultat zufrieden, denn nicht allein war die Reiſe bis jetzt ſo glatt und ſtill vor ſich gegangen, als ob ſie auf einem Europäiſchen Dampfer gefahren wären, ſondern er hatte auch ſelbſt unter ſeinen Mit⸗ paſſagieren noch nicht das geringſte Außergewöhnliche entdeckt. Nirgends borten ſich die Leute— als einmal im Zwiſchendeck und das hatte er verſäumt— nirgends ſah er Piſtolen oder Bowiemeſſer*) gegen einander gezogen, und wie oft hatte er doch in Deutſchland geleſen, daß dieſe beiden Waffen von Amerikanern bei den geringſten Streitigkeiten aufeinander ge⸗ zückt würden. Es war ein verzweifelt langweiliges Leben an Bord, und wenn ihn nicht die bunt zuſammengewürfelte Ge⸗ ſellſchaft der Paſſagiere ſelber amüſirt hätte, er würde nicht gewußt haben was mit ſich anzufangen. Die Cajüte eines Miſſiſſippi⸗Dampfboots iſt aber auch wirklich für Jemanden, der Charakterſtudien zu machen wünſcht, der beſte Platz der ſich nur denken läßt. Im Zwiſchendeck geben ſich die Leute wie ſie ſind, und ſind wie ſie ſich geben, meiſt rohes Bootsvolk, das ſich nicht wohl in anſtändiger Ge⸗ ſellſchaft fühlt, oder die ärmere Klaſſe der Einwanderer, die ſtill und anſpruchslos alle Unbequemlichkeiten und Entbehrun⸗ *) Das Bowieknife(ſprich Buih), nach ſeinem Erfinder ſo genannt, iſt ein ſchweres Meſſer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit einer Stärke im unteren Rücken von reichlich ein Viertel, oft ein Drit⸗ tel Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gefährliche Wucht giebt. Die Spitze iſt gebogen und nach hinten etwas ausgeſchnitten, aber an beiden Seiten haarſcharf, und dieß Meſſer, ſelbſt in der Hand eines ganz ſchwachen Menſchen, eine entſetzliche Waffe.— 204 gen dieſes Platzes ertragen, weil ſie eben wiſſen, daß ſie nicht für mehr bezahlen können. In der Cajüte iſt das anders; die Paſſagepreiſe auf den weſtlichen Dampfbooten ſind der ungeheueren Frequenz und des wohlfeileren Brennmaterials, wie der billigen Lebensmittel wegen ſo niedrig geſtellt, daß Jeder, der nicht wirklich zur arbeitenden Klaſſe gehört, und ſich ſein Brod im Schweiß ſei⸗ nes Angeſichts verdienen muß— und ſelbſt von dieſen Man— cher— in der Cajüte bei guter Koſt und bequemem und rein⸗ lichem Aufenthalt ſeine Reiſe macht. So finden wir neben dem reichen Pflanzer aus dem Süden und dem Cröſus aus den öſtlichen Städten, der in die theuerſten und feinſten Stoffe nach elegantem Schnitt gekleidet Paſſage genommen hat ſeine Freunde im Norden zu beſuchen, den rauhen Backwoods⸗ man oder Hinterwäldler gerad' aus dem Wald heraus, in ſeinem blauwollenen oder ledernen Jagdhemd, der ſeine lange Büchſe in die Ecke der Cajüte zwiſchen die ſeidenen Regen⸗ ſchirme und Fiſchbeinſpatzierſtöcke gelehnt hat, und ſeinen Ta⸗ backsſaft zwiſchen den Zähnen durch über Bord ſpritzt wie— der beſte Gentleman der Union; finden den langen Yankee⸗ Sclavenhändler mit grell buntgeſtreiftem Hemd und unvermeid⸗ lichen Frack, den Hut nach hinten in den Kopf gedrückt z finden, dicht neben dem ſalbungsvollen Geſicht und breiträndigen Hut, dem braunen Rock mit Stehkragen und der weißen Cra⸗ vatte des Reverend So und So, den Abſchaum der Menſchheit — den Spieler von Profeſſion— der mit falſchen Karten„ſein Leben macht“ und zu Mord und Straßenraub eher ſeine Zu⸗ er 205 flucht nehmen würde wie zu ehrlicher Arbeit; finden den Vieh⸗ und Mehlhändler, und den„Stadt-Speculanten“, der ſeine Bauplätze irgend einer imaginären Stadt an den Mann zu bringen ſucht; den weichlichen Creolen aus Louiſiana, und den zähen, derbknochigen Yankee⸗Uhrenhändler; den Spaniſchen Kaufmann aus New⸗Orleans, der nach Cincinnati geht ſeine Einkäufe in Manufakturwaaren zu machen, und den Ohio⸗ Schweinefleiſchhändler, der ſeine geſalzenen Heerden in der Königin des Südens gegen Spaniſche Dollar vertauſchte; finden mit einem Wort den ganzen bunten Extrakt der wun⸗ derlich gemiſchten Bevölkerung Amerikas, mit einer einzigen Ausnahme; wir finden keine Neger oder von farbigen Blut Entſproſſene, bis zum Quadroon*) hinunter, in der Cajüte eines Dampfers— außer den Dienern natürlich, Steward, Koch und Aufwärtern— denn dem farbigen Blut iſt der Aufenthalt dort zwiſchen Weißen verboten, und wenn ſie über Millionen zu gebieten hätte. Wie würde es einem Weißen einfallen ſich mit dem Abkömmling der verachteten Race an einen Tiſch zu ſetzen, oder gar eine Coye mit ihm zu theilen.— Mit den Zwiſchendeckspaſſagieren iſt *) Die von der reinen Afrikaniſchen Race Abſtammenden heißen Neger; Abkömmlinge von Weißen und Negern— Mulatten, und von Weißen und Mulatten— Quadroonen— Alle, in den Vereinig⸗ ten Staaten unter dem allgemeinen Begriff Farbige oder dem Spott⸗ namen Nigger begriffen. Die Kinder von Weißen und Quadroonen— da ſich die Quadroonen ſelber oft kaum von Weißen in Farbe und Haar unterſcheiden laſſen, ſind, ſelber wenn die Quadroonin Sclavin wäre, frei. 206 das eine andere Sache— Vieh wird auch oft im Zwi⸗ ſchendeck befördert, und zwar mitten zwiſchen den übrigen Paſſagieren— daſſelbe Recht haben die Nigger. Kaum minder intereſſant— das Wenige gerechnet was er davon zu ſehn bekam— war für unſeren Freund Hopf⸗ garten die Damencajüte, in der er gewiß vortreffliche und höchſt angenehme Studien Amerikaniſchen Familienlebens hätte machen können, wenn nicht die magiſchen Worte no admittance,*) die auf einer rothen Tafel mit goldenen Buchſtaben darüber ſtanden, jedes Eindringen in das Myſterium dieſer mit rothſeidenen Vorhängen verſchloſſenen Halle unmöglich, oder doch zu einem ſehr gewagten Unter⸗ nehmen gemacht hätten. Manchmal war er allerdings im Stande einen flüchtigen Blick in das ſehr elegant ausge⸗ ſtattete und mit weichen Teppichen belegte Gemach zu gewinnen, wenn ein oder die andere Dame, vielleicht ab⸗ ſichtlich, einnal den Vorhang hob herauszuſchauen, oder wenn die Kammerjungfer, ein allerliebſtes Quadroon⸗Mäd⸗ chen aus⸗ und einging, ihren nöthigen Beſchäftigungen nach. Es ließen ſich dann wohl ein paar reizende Geſtalten, nachläſſig in einen Schaukelſtuhl hingegoſſen, erkennen, die ſich, ein Buch oder Kind auf dem Schooöß um nur etwas in der Hand zu haben, behaglich herüber und hinüber wiegten; viel mehr war aber nicht davon weg⸗ *) Kein Zutritt. —.— 207 zubekommen, und er ſelbſt zu ſchüchtern ſich irgendwo einzudrängen wohin er nicht gehörte, und wo er glau⸗ ben konnte vielleicht nicht gern geſehen zu ſein. Des Neuen bot der Strom überhaupt genug, nach jeder Seite hin, und die Zeit verging ihnen, ſie wußten ſelbſt nicht wie. Capitel 8. Die Farm in Indiana. Die Schiffsglocke läutete wieder, und der Platz wo ſie jetzt landeten, ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag wie der Farmer ſagte, der das Holz an Bord brachte, gerade drei Miles(engl. Meilen) unter Grahamstown; es war für die Paſſagiere die dort auszuſteigen gedachten, die höchſte Zeit ihr Gepäck in Ordnung zu bringen. Ueber das Wort town(Stadt) hatte der Profeſſor indeß unterwegs ſeine überſeeiſchen Anſichten in etwas geändert, denn den Fluß entlang, beſonders am Ohio, waren ihm ſchon eine Menge kleiner Neſter mit ein paar zerſtreuten hoͤlzernen Wohnungen, aber immer unter dieſem Titel, vorgeſtellt worden, daß er eben auch nicht ſehr erſtaunte— wenigſtens nicht ſo überraſcht war, wie er es ſonſt wohl geweſen wäre— als ſie etwa eine halbe Stunde ſpäter in Grahamstown einen eben ſolchen kleinen Fleck begrüßten, den er anderen Falls, beim 8 * 7 —,— „—— 209 bloßen Vorbeifahren, gewiß nur für eine gut und bequem an- gelegte Farm gehalten haben würde. Lange Zeit zu Betrach⸗ tungen blieb ihnen aber nicht; wieder hämmerte der Steuer⸗ mann gegen die Glocke, die Leute ſtanden vorn am Bug mit den zuſammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar Neger am Ufer— aber hier freie Leute, keine Sclaven— ſprangen bereitwillig, die Köpfe vorſichtig geduckt daß ſie nicht von dem ſchweren Tau getroffen wurden— herbei es aufzu⸗ fangen, die Klingel des Ingenieurs, vom Lootſen gezogen, er⸗ tönte und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf ſtrömte mit einem ſcharfen jähen Schlag in's Freie, die Räder ſtanden und wenige Secunden ſpäter lag die Jane Wilmington feſt an Land, ihre Paſſagiere abzuſetzen. Die Planken wurden zu gleicher Zeit ausgeſchoben und während die Deckhands und Feuerleute Alles faßten, hinübertrugen und abwarfen, was ihnen gepäckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Paſ⸗ ſagiere kaum das Boot verlaſſen, als ihnen die langen Breter ſchon wieder unter den Füßen fortgeriſſen wurden. Go ahead! tönte der Ruf des Capitains vom Hurricane⸗Deck aus, und die große Schiffsglocke läutete zum Zeichen daß Alle, die noch an Bord wären und nicht dahin gehörten, das Boot verlaſſen ſollten— aber es war das eine bloße Formalität, denn das Boot war faktiſch ſchon wieder im Strom, gegen den es we⸗ nige Secunden ſpäter an und— weiter brauſte. Die Paſſagiere der Haidſchnucke ſchienen die einzigen an Bord der Jane Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel gewählt; nur noch zwei Amerikaner, die ihr ganzes Gepäck, Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 14 einen winzigen Lederkoffer, in der Hand trugen und damit ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren mit ihnen ausgeſtiegen. Die ganze Landung ging dabei ſo raſch und faſt möchte man ſagen gewaltſam von Statten, daß ſie nicht einmal Zeit behielten ſich zu erkundigen ob dieß auch wirklich Grahamstown ſei. Die kleine Stadt lag übrigens auf einem hier zum Waſſer niederlaufenden, etwa zwei hundert Schritt hohen und vollkommen baumleeren Hügelhang; eine ſehr ausgefahrene Straße lief ſchräg an dem Hang hinauf zu den erſten Häuſern, und einzelne kleine Holzgebäude, ohne eigent⸗ lichen ſichtbaren Zweck und Nutzen, ſtanden zerſtreut unter dem höchſten Rand. Oben konnte man auch, nachdem die beiden Amerikaniſchen Paſſagiere in ihren ſchwarzen Fracks hinter den Häuſern verſchwunden waren, hie und da einen Mann er⸗ kennen der, die Hände in den Hoſentaſchen, an einer Fenzecke lehnte und hinunter ſah, oder eine Frau mit ihrem großen, den ganzen Kopf verhüllenden Bonnet, die ein paar Stücken Wäſche aufhing, um die Fremden da unten mit ihrem Ge⸗ päck, einer ordentlichen Burg von lauter Kiſten, Kaſten, deut⸗ ſchen Ackergeräthſchaften, Koffern und Hutſchachteln, ſchien ſich keine Seele zu bekümmern, auch kein Fuhrwerk war zu ſehn, mit dem ſie hätten hoffen können ihr Paſſagiergut hinauf zu befördern. 3 „Lieber Gott wie ode das hier ausſieht“ ſagte Marie, die ſich mit der Mutter und den übrigen Geſchwiſtern auf ihre Koffer geſetzt hatte, während der Weber mit ſeiner Familie, und der Profeſſor mit Eduard und Herrn von Hopfgarten noch ᷑̈—B¶⁵[¹ V — 211 eifrig beſchäftigt waren, das dicht an den Waſſerrand, und hie und da ſelbſt in den naſſen Sand und Schlamm geworfene Gepäck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigſtens auf trocke⸗ nen Boden zu ſchaffen.— „Und kein Menſch zu hören und zu ſehn“ ſagte Anna kopfſchüttelnd,„große Freude ſcheinen die Einwohner eben nicht zu haben daß neue Anſiedler kommen.“ Die Mutter ſagte kein Wort, aber ſie hielt ihr jüngſtes Kind auf dem Schooß, und ſchaute ſich dabei ſtill und mit einem unbeſchreiblich unheimlichen Gefühl die ganze ziemlich öde unverſprechende Umgebung an. Nichts macht auch wohl einen ſo traurigen, beengenden Eindruck auf den Fremden, als das erſte Betreten einer neuen „Clearing“*), eines neu angefangenen Platzes in den weiten Wäldern Amerikas. Alles iſt noch neu und unfertig, überall liegt Baumaterial und Holz; gefäͤllte Bäume, abgehauene Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es fällt; Straßen exiſtiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier bald da hinaus ausweichend, natürlichen Hinderniſſen des Bodens zu entgehn; Nichts hat noch einen Platz, Niemand ſelbſt von den ſchon Angeſiedelten fühlt ſich heimiſch, und die zertretenen, zerſtampften Plätze um die Wohnungen ſelbſt herum, mit nicht einem Baum ſtehn gelaſſen der Schatten gäbe, oder Abwechſelung in dieſe Wüſte der Civiliſation brächte. *) Die erſten Anfänge einer Farm, das eben erſt urbar gemachte Land. 8 14* 212 Wohl hatten die Eingeborenen recht als ſie, die erſten Anſied⸗ lungen der Weißen ſehend behaupteten, der Indianer ſei der einzige rechtmäßige und von dem großen Geiſt für ſein Vaterland beſtimmte Eigenthümer,„denn er entſtelle den Platz nicht, auf dem er ſich niederlaſſe“, und nur den Jahren iſt es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur ſelber muß wieder ſchaffen und wirken auf dem mishandelten Platz, bis es da wohnlich, bis es heimiſch wird. Die Männer hatten indeſſen ihre Arbeit unten vollendet, als Hopfgarten, ſich mit dem ſeidenen Taſchentuch den Schweiß von der Stirn trocknend, zu den Damen trat. „Das wird Appetit machen“ ſagte er lachend,„Wetter noch einmal, nach einem ſo müßigen Leben, kommt einem die Arbeit ordentlich ungewohnt vor; die Bootsleute hätten ſich auch ein wenig mehr Zeit laſſen dürfen— ich habe ordent⸗ lichen Hunger.“ „Ja, wenn wir hier nur überhaupt etwas bekommen kön⸗ nen“ meinte Marie neckend—„Sie und Papa werden jeden⸗ falls erſt einmal recognosciren gehn müſſen, um irgend ein Unterkommen zu entdecken, oder wir werden genöthigt ſein die Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben, den Mutter für die Kleinen mitgenommen hat. „So weit wird es hoffentlich nicht kommen“ ſagte der Profeſſor, der jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war,„aber— aber ich muß geſtehn— etwas Anders habe ich mir den Platz, nach Herrn Henkels Beſchreibung doch auch gedacht und, was mir das Auffallendſte iſt, die Leute ſcheinen hier auf fremde WV — 8 5 — — —,— W — — 213 Einwanderung gar nicht vorbereitet zu ſein und— brauchen uns entweder nicht, oder— oder glauben vielleicht daß wir gar nicht zu ihnen wollen.“. „Das läßt ſich bald erfahren“ rief aber Hopfgarten —„wir Beide wollen, wie eben Fräulein Marie vorgeſchlagen hat, einmal hinaufgehn und den Herrn aufſuchen, an den Sie, lieber Profeſſor, adreſſirt ſind; jedenfalls werden wir dort gleich erfahren woran wir ſind, und was wir hier in dieſem Embryo Städtchen zu hoffen haben. Ich für mein Theil trete den Weg mit ſehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu fürchten ſelbſt in denen getäuſcht zu werden.“ „Gut“ ſagte der Profeſſor„dann mag Eduard als Be⸗ ſchützer der Frauen zurückbleiben, und dem Weber indeſſen hel⸗ fen das kleinere Gepäck etwas mehr zuſammenſtellen; hoffent⸗ lich hat die Stadt da oben auch ein beſſeres Ausſehn, als wir von hier unten erkennen können. Späteſtens ſind wir in einer Stunde etwa zurück und bringen Beſcheid.“ Aber ſollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen, naſſhen hier in der Sonne ſitzen laſſen?“ wandte Hopf⸗ gart n. „Wir bleiben lieber hier“ ſagte die Frau Profeſſorin raſch—„ich möchte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht weiß daß unſere Kinder und das Gepäck ein ſicheres Unter⸗ kommen finden. Der Profeſſor hielt das auch für das Beſte, denn ihre Familie war durch die Weberleute natürlich ſehr angewachſen, und die beiden Männer machten ſich jetzt auf den Weg vor 214 allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an den ſte empfohlen waren, wie auch Grahamstown ſelber, das ſich bis jetzt noch ſehr paſſiv verhielt, etwas näher in Augenſchein zu nehmen. Sie kletterten alſo vor allen Dingen den etwas ſteilen und unbe⸗ quemen Landungsplatz, den ſchmutzigen ſchräg anlaufenden Weg dabei vermeidend, hinan und erreichten bald die erſten, ſchon von unten auf bemerkten Häuſer, wo ſie das aber, was ſte von der Landung aus für einen freien, noch nicht be— bauten Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene Straße erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und in regelmäßigen Zwiſchenräumen kleine niedere theils Block⸗ theils frame*) Häuſer ſtanden, in der aber auch nur erſt die Bäume, die hier urſprünglich den Wald gebildet, gefällt und die Klötze zu den Gebäuden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz verbrannt, die Wurzeln und Stümpfe aber noch keineswegs ent⸗ fernt waren, und der Straße, die ein breites Schild als Main- street verkündete, etwas ungemein urthümliches gaben. Die Straße— in der nur zwei Menſchen ſichtbar waren, der eine mit einer Art beſchäftigt einen knorrigen Ei zu Feuerholz zu ſpalten, der Andere auf einem umg enen Stamm ſitzend, auf dem er, mit einem Zeitungsblatt in der Hand, eingeſchlafen ſchien— bot aber doch etwas, deſſen Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte— ein Wirths⸗ haus, auf das ſie jetzt raſch und entſchieden losſteuerten, dort *) frame Häuſer heißen in Amerika die von einem hölzernen Ge⸗ ſtell gebauten und auswendig mit Bretern übernagelten Gebäude. 8 4 V b —v 215 natürlich an der Quelle alle nöthigen Erkundigungen ein⸗ zuziehn. Das Zeichen, das ihnen der Platz verkündete, beſtand in einem roh von Stangen aufgerichteten Gerüſt, zwiſchen dem ſchwebend, an zwei eiſernen knarrenden Haken ein Gemälde mit der Unterſchrift„Inn“(Wirthshaus) hing. Das Bild allein wäre nun ſchon hinreichend geweſen die Aufmerkſamkeit der beiden Reiſenden zu feſſeln, und Hopfgarten konnte es ſich auch nicht verſagen, ein paar Secunden davor ſtehn zu blei⸗ ben und dieſen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunſtſchatz, zu bewundern. Es ſtellte allem Vermuthen nach eine Meer⸗ jungfer dar, die höchſt ſinnreich mit dem zur Kufe ausgeboge— nen ſehr ſchuppigen Fiſchſchwanz über die jedenfalls gefrorene Oberfläche der See hinlief, und dabei eifrig beſchäftigt war mit einem ſiebenzinkigen rieſenhaften Kamm,— das Ding ſah aus wie das abgebrochene Wurfeiſen einer Harpune— die allerdings ſehr ſtruppigen rothen Haare zu kämmen. Sie war dabei gewiſſenhaft nackt, und außerordentlich kräftig gebaut, ob aber der Maler dadurch das Diaboliſche ihres Charakters am Beſten zu geben glaubte, oder ob es nur Phantaſie von ihm war, kurz er hatte der Geſtalt, die ihre linke, etwas ver⸗ drehte und den Daumen auswärts gehaltene Hand unter den Erfolg des Kammes hielt, mit einer ſo ſcheußlichen Galgen⸗ phyſionomie verſehen, daß ſie als die Urmutter des ganzen Geſchlechts gelten konnte, und wohl kaum einem armen „Schiffer in ſeinem Kahne“ der vielleicht den Ohio herunter kam, gefährlich geworden wäre. 216 „Nun, wie gleicht Ihr das Bild?“ ſagte da plötzlich, in dem ſogenannten Penſylvaniſch deutſchen, aber eigentlich Ame⸗ rikaniſch deutſchen Dialekt, da ihn ſehr Viele annehmen die nie Penſylvanien geſehen, eine vierſchrötige Figur, die in einem blauen Frack von ſelbſt gewebten Zeug und eben ſolchen pfeffer⸗ und ſalzfarbenen nur etwas zu kurzen Hoſen, die Hände in den Taſchen derſelben, und den Cylinderhut auf dem Kopf, in der Thür ſtand, und die beiden Fremden theils, theils die andere Seite ſeines Schildes die genau dieſelbe Figur darſtellte, wohlgefällig betrachtet zu haben ſchien. „Oh vortrefflich“ ſagte Herr von Hopfgarten raſch, und W etwas erſtaunt über die deutſche Anrede—„aber Sie ſprechen deutſch?“— „X-e-s“ ſagte der Penſylvanier langſam und ſelbſt⸗ bewußt. „Aber Sie ſind kein Deutſcher?“ „No— denke nicht.“ „Und woher wußten Sie daß wir Deutſche ſind?“ frug der Profeſſor, dem es ein eigenthümliches Gefühl war trotz ſeiner, keineswegs auffälligen oder außergewöhnlichen Kleidung gleich als Fremder, nicht zum Land Gehöriger erkannt zu ſein. „Well, ich weiß nicht“ ſagte der Penſylvanier ſchmun⸗ zelnd,„aber Ihr Deutſche ſeht immer ſo artlich aus, daß man Euch gleich wie die ſchwarzen Schaafe unter den Weißen her⸗ ausfinden kann. Aber wollt Ihr nicht hereinkommen und ein Glas Cider trinken? es iſt heiß heute.“ Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger 5 1 — 217 des in Ausſicht ſtehenden Aepfelweins als der gehofften Nach⸗ richten wegen, und folgten den Mann, der ſie in den unteren, eben nicht ſehr gemüthlichen Raum ſeines Schenk⸗ und Gaſt⸗ zimmers führte, dort ohne weiteres hinter ſeinen Schenktiſch trat, ein paar Gläſer vor ſie hinſetzte und ihnen dann eine gelblich trübe Flüſſigkeit eingoß die er ihnen als„first rate“*) und honigſüß anprieß. Er lehnte ſich dann mit den beiden Ellbogen auf ſeinen Tiſch und ſah ihnen freundlich zu wie ſie die Flüſſigkeit, ein ſauerſüßes etwas fade ſchmeckendes Ge⸗ bräu, mit der beſtmöglichſten Miene verſchluckten. „Capitaler Cider das— hat mein Junge ſelber gemalt, alle beiden Seiten.“ „Was?“ ſagte Hopfgarten raſch, über ſein halbgeleer⸗ tes Glas hinwegſehend. „Das Bild draußen mein ich“ ſagte der Penſylvanier— die Mermaid—„verfluchter Junge, hat es Alles von ſich ſelber gelernt.“ „Oh das Schild draußen— ja, iſt wirklich vortrefflich gemacht“ ſtimmte ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die Möglichkeit verſetzt zu werden den Cider ebenfalls loben zu müſſen—„verräth ſehr viel Talent.“ „Yes“— ſagte der Penſylvanier ſchmunzelnd—„und noch dazu ohne Pinſel, blos mit einer Zahnbürſte.“ Das Gemälde gewann durch dieſe Nachricht allerdings *) erſter Klaſſe. 218 an artiſtiſchem Werth, dem Ppoofeſſor, der ſich ſonſt vielleicht ſehr über das Geſpräch amüſirt hätte, gingen aber doch in die⸗ ſem Augenblick zu viel andere Dinge im Kopf herum, und er ſchnitt die Unterhaltung durch eine direkte Frage nach dem Mann ab, an den er hierher adreſſirt worden, und für den er freundſchaftliche Briefe bei ſich trug. „Miſter Goodly— ſo?—“ ſagte aber der Penſylvanier, deſſen Name Ezra Ludkins war, ſeine beiden Gäſte Einen nach dem Anderen raſch aufmerkſamer als vorher von oben bis un⸗ ten betrachtend—„und Ihr wünſcht Miſter Goodly zu ſprechen und habt Briefe für ihn?“ „Ja mein Herr“ ſagte der Profeſſor, der ſich aber noch immer nicht recht an das Penſylvaniſche Du gewöhnen konnte, „und Sie würden uns einen großen Dienſt erweiſen, wenn Sie uns zu ihm führen wollten.“ „So?— hm?“ ſagte der Wirth wieder, mit den Fingern der linken Hand dabei den Yannkeedoodle auf dem Tiſch trom⸗ melnd—„Mr. Goodly? Und Ihr ſeid Freunde von Mr. Goodly?—“ „Wenigſtens durch einen Freund an ihn empfohlen; und wo können wir ihn wohl finden?“ „Darum hätte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er das wüßte“ ſagte Ezra. „Der Sheriff?—, wie ſo— iſt er nicht mehyr hier?“ frug der Profeſſor raſch und erſchreckt. „Ich denke nicht“ erwiederte der Penſylvanier, mit unzer⸗ 219 ſtörbarer Ruhe—„fkönnten hier auch nicht care auf ihn täh- ken,*) denn wir haben noch keine penitentiery.“ „Kein Zuchthaus?“ rief Herr von Hopfgarten—„hat Herr Goodly irgend etwas verbrochen?“ „Well ich weiß nicht ob Ihr das etwas verbrochen nennt, aber er hat erſtlich ein halb Dutzend Menſchen mit fal⸗ ſchem Spiel ruinirt, und dann einer alten Frau, die hier allein in einem Hauſe wohnte und viel Cash(baar Geld) haben ſollte, blos den Hals abgeſchnitten. Nachher hat er ſich scarce gemacht und bis jetzt haben ſie ihn noch nicht wieder ketſchen**) können.“ „Aber das iſt ja gar nicht möglich!“ rief der Profeſſor, „das kann der Goodly nicht ſein— Mr. Goodly hat hier eine Farm dicht bei Grahamstown am blue creek, etwa eine halbe Meile von hier— ausgedehnte Rinder⸗ und Schaafheer⸗ den, und zieht hauptſächlich Schweine für den Cincinnati⸗Markt.“ „Well“ ſagte der Penſylvanier mit dem Kopfe nickend, und ein Glas für ſich ſelber von dem Geſims herunter neh⸗ mend, daß er ſich mit brandy— er ſelber trank keinen Cider — anfüllte, und auf einen Schluck austrank—„das trifft. Seine kleine cabin ſtand am blue creek, wie der Platz heißt — er hielt zwei Kühe, und das Weibsbild das er die letzten drei Monate bei ſich hatte, und die mit ihm durchgebrannt iſt, kaufte ſich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.“ 24 *) to take care Sorge für etwas tragen. **) to catch fangen. 220 „Aber das ſind keine Heerden—“ „Bah, wenn er's eine Heerde nennt— Grahamstown iſt auch noch keine Stadt, wenn wir ſo wollen.“ „Und Mr. Goodly war wirklich—“ „Der nichtswürdigſte Schurke, den je die Welt getragen,“ unterbrach ihn der Penſylvanier ruhig,„und ich will Euch wünſchen, Leute, daß Ihr noch beſſere Empfehlungen mit nach Grahamstown gebracht habt wie an den.“ „Allerdings keine weiter,“ ſagte der Profeſſor, mit einem aus tiefſter Bruſt herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wet⸗ terſchlag ſchmetterte dieſe Nachricht all ſeine Hoffnungen zu Boden. Was jetzt thun, was machen, wohin gehn?— und ſeine Familie, rathlos ohne einen Freund in dem fremden Lande, mit ſeinem Gepäck im Freien und dem Zufall preis ge⸗ geben. „Apropos Fremder,“ ſagte da der Penſylvanier plötzlich von einem neuen Gedanken ergriffen,„Ihr ſagt, Ihr habt einen Brief von einem Freund von Goodly— vielleicht wäre da Auskunft darin über ihn zu finden, wo er jetzt ſteckt— ſetze nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.“ „Der Gedanke iſt vortrefflich“, rief Herr von Hopfgarten, „und ich wäre ungemein geſpannt zu ſehn was Herr Henkel an ihn ſchreibt.“ „Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden öffnen“, ſagte der Profeſſor—„überdieß konnte Henkel Nichts über ſeine Flucht wiſſen, ſonſt hätte er mir den Brief nicht mitge⸗ geben... 82 5 4 & —— —— — 221 „Nun, vielleicht wünſcht ihn der Sheriff zu ſehn,“ ſagte der Penſylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flaſche wieder zurückſtellend,„wäre jedenfalls intereſſant auch den Freund kennen zu lernen.“ Der Mann hatte die beiden Fremden, ſeit er ſte mit jenem anerkannten Gauner in Verbindung gebracht, ziemlich kalt und mistrauiſch fortwährend betrachtet, und ein Verdacht war jedenfalls in ihm aufgeſtiegen, ob es mit deren Ehrlichkeit nicht am Ende ebenſo ſchwach beſchaffen ſein könne, wie mit der des Burſchen nach dem ſie frugen, und deſſen Abweſenheit beſonders den Einen— wie ihm keineswegs ent⸗ gangen— augenſcheinlich in Verlegenheit ſetzte. Herr von Hopfgarten übrigens, der ſeine eigenen Beweggründe dabei hatte, drang jetzt ſelber in den Profeſſor das Schreiben, von dem ihm ja auch Henkel geſagt daß es nur eine Empfehlung ſei, zu erbrechen. Henkel ſelber konnte nicht wiſſen, daß Mr. Goodly in der Zeit ſolche Streiche gemacht, und würde, wenn er es ſpäter erführe, gewiß ſehr damit einverſtanden ſein, daß ſein Brief geöffnet und von ihm ſelber der Verdacht entfernt worden, in unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen ge⸗ ſtanden zu haben. Der Profeſſor ſträubte ſich aber noch lange dagegen, und nur erſt als ſie das Papier gegen das Licht ge⸗ halten und dadurch geſehen, daß es wirklich nur wenige Zei⸗ len enthalte, und ſelbſt in der Hoffnung für ſich vielleicht einen Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entſchloß er ſich endlich dazu dem Wunſch des Penſylvaniers zu willfahren. Dieſer ſchien außerdem nicht übel Luſt zu haben ihm den Sheriff auf den Hals zu ſchicken, wodurch er am Ende noch 222 in eine ganze Maſſe unangenehmer Geſchichten verwickelt wer⸗ den konnte, und er hatte von Deutſchland her noch einen ganz beſonderen Reſpekt vor jeder Berührung mit den Gerichten, dachte auch nicht daran ſeinen erſten Schritt in Amerika gleich mit einer ähnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich öffnete er das Siegel und überlas flüchtig die Zeilen, die er dann achſelzuckend an Hopfgarten, während dieſem der Penſyl⸗ vanier neugierig über die Schulter ſchaute, gab. Der Brief lautete einfach. „Lieber Goodly.“ „Ich ſende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen wünſcht— womöglich gleich eine eingerichtete Farm— ich habe nicht den geringſten Zweifel, daß Du ihm das beſorgen wirſt. Er hat Geld und iſt ein Profeſſor. Es wäre mir ſehr angenehm, wenn er einen paſſenden Platz im Norden fände— ich brauche Dir nicht mehr zu ſagen.“ „Ich bin ſeit einigen Tagen wieder in Amerika— habe ſehr gute Geſchäfte gemacht und hoffe Dich jedenfalls im Laufe des nächſten Monats in New-Orleans zu ſehn. Du mußt kommen. Meine Adreſſe kennſt du.— O.... iſt auch hier und immer noch der Alte. Es grüßt Dich beſtens Dein Soldegg Henkel.“ „Soldegg Henkel?“ ſagte Herr von Hopfgarten, als er den Brief einmal flüchtig, den Inhalt nur überfliegend, dann langſamer durchleſen hatte—„Soldegg, was für ein ſonderbarer Vorname; hieß denn Henkel nicht anders?“ 2 —z* 4 — ———— * „Ja ich weiß es wahrhaftig nicht,“ ſagte der Profeſſor, „ich habe nie darauf geachtet, und ſoviel ich weiß ſeinen Vor⸗ namen auch nie gehört— vielleicht iſt dieſer hier in Amerika gebräuchlich.“ „Soldegg?“ ſagte der Penſylvanier, an den dieſe Be⸗ merkung halb als Frage gerichtet war, indem er hinter ſeinen Schenktiſch ging und ſich den Namen aufſchrieb,„nicht daß ich wüßte; s' iſt aber möglich, die Methodiſten und Baptiſten geben ihren Kindern manchmal ganz artliche Namen, von denen man nie weiß wo ſie her ſind, aber— wie ich da eben aus dem Brief ſehe, habt Ihr die intention Euch hier zu ſett⸗ len, und eine Farm zu kaufen; iſt das wahr?“ „Das war allerdings meine Abſicht,“ ſagte der Profeſſor kopfſchüttelnd im Zimmer auf und abgehend, während ſich Hopfgarten mit dem Brief in eine Ecke geſetzt hatte, und ihn wieder und wieder durchſtudirte,„damals hoffte ich aber keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden, ſondern gleich Jemanden in dieſem Herrn Goodly zu haben, der mir mit Rath und That an die Hand gehen könnte. Ich wäre ſonſt wahrhaftig nicht nur ſo auf gerathewohl mit Weib und Kin⸗ dern, Dienſtboten und Gepäck hier heraufgekommen.“ „Well, wenn Du bei Allem ſolch Glück haſt, als daß Du den Schuft von Goodly nicht mehr hier findeſt und in deſſen Klauen gefallen biſt,“ meinte der Penſylvanier trocken, „dann kannſt Du es noch zu was bringen in den States. Aber Deine Familie haſt Du wohl in Eincinnati?“ . 8 =— —— 224 „In Cincinnati?— hier— unten am Fluß, mit Kiſten und Kaſten.“ „The devil!“ rief der Penſylvanier überraſcht aus— fügte aber dann, indem er ſich ohne weitere Schwierigkeit auf ſeinen Schenktiſch ſetzte und ſein rechtes Knie zwiſchen die zu⸗ ſammengefalteten Hände nahm, langſamer und wie überlegend hinzu,„hm— da befindeſt Du Dich anyhow in einem ſix*) — ſeid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?“ „Ja wohl, mit der Jane Wilmington.“ „Ahem, calculirte ſo; und wollt eine Farm wilrklich kaufen?“ „Wenn ich etwas paſſendes fände.“ „Mit Vieh und Einrichtung?“ „Wäre mir allerdings das Liebſte.“ „Und Gebäuden?“ „Verſteht ſich von ſelbſt.“ „Und wie theuer äbaut?“ „Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umſtänden ab, und müßte ſich doch entſchieden nach der Farm ſelber richten.“ „Well, vor allen Dingen können wir die Ladies nicht unten an der Landung ſitzen laſſen,“ meinte der Penſylvanier, „und es wird das Beſte ſein ſie hier heraufzumuven— Unter⸗ kommen haben wir ſchon für ſie; wir müſſen wenigſtens ſehn, *) to be in a fix, ſich in ſchwieriger Lage befinden. v 225 daß wir was auffixen— aber ſo recht bequem wird's freilich nicht werden.“ „Ja ich weiß aber gar nicht,“ ſagte der Profeſſor un⸗ ſchlüſſig, indem er ſich an den noch immer den Brief ſtudiren⸗ den Herrn von Hopfgarten wandte,„ob ich unter ſolchen Um⸗ ſtänden überhaupt hier bleibe, oder nicht lieber gleich direkt nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu lieber Hopf⸗ garten— laſſen Sie doch den unglücklichen Brief, Sie lernen ihn wohl auswendig?“ „Auswendig nein,“ ſagte der kleine Mann aufſtehend, „obgleich er's am Ende verdiente, denn ich fange an zwiſchen den Zeilen zu leſen und ich verſichere Sie, lieber Profeſſor, mir wird angſt und bange dabei zu Muthe.“ „Aber wie ſo?— was haben Sie?“ „Laſſen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt müſſen wir doch wohl an das Ihnen näher Liegende denken.“ „Ja nach Cincinnati wieder fahren,“ ſagte der Penſyl⸗ vanier achſelzuckend,„das iſt ſo eine Sache. Natürlich könnt Ihr das thun, denn Steamboote dorthin laufen faſt alle Tage hier vorbei; heute ſind aber ſchon drei aufwärts gegangen, es iſt alſo ſehr die Frage, ob über Tag noch eins kommt, und die Ladies dürfen doch die Nacht nicht gut unten am River bleiben. Außerdem ſeid Ihr einmal hier, das Land iſt hier auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, daß Ihr doch am Ende beſſer thätet, Euch hier erſt einmal ein paar Tage umzuſehen; nachher konnt Ihr ja anyhow doch noch immer thun was Ihr wollt.“ Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 15 8 ——— * 226 In dem Rath lag ſehr viel Vernünftiges; das ewige Ge⸗ päck herumſchleifen bekam der Profeſſor auch ſatt, und die Paſ⸗ ſage nach Cincinnati, ſo gering die Strecke ſein mochte, hätte für ſeine wie des Webers Familie„a smart sprinkle Geld“ gekoſtet, wie ſich der Penſylvanier ausdrückte, da ſich die „Steamboote“ das Anlegen ſchon beſonders zahlen laſſen. Zu dem kam dann noch das Hinaufſchaffen der Fracht in ein Gaſthaus, der Aufenthalt dort, das Wiederwegſchaffen— die Maſſe Perſonen— auch von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls erſt die Umgegend hier einmal in Augenſchein zu nehmen; gefiel es ihm dann wirklich nicht, ſo hatte er doch ein Stück vom Lande geſehen, die Preiſe und Verhältniſſe etwas kennen gelernt und— Erfahrung geſammelt, ohne eben mehr wie ein paar Tage, mit nicht größerem Koſtenaufwand als doch nicht mehr zu umgehen war, verſäumt zu haben. Der Penſylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen an die Landung hinunter, dort das Gepäck in Augenſchein zu nehmen, um es nachher mit ſeinem Geſchirr heraufzuholen, und die Damen in ſein Haus einzuführen. Er war, nachdem er die Abſicht der Fremden gehört, und nun doch auch wohl geſehen hatte, daß ſie mit jenem übel berüchtigten Goodly in nicht dem geringſten Verhältniß ſtanden, wieder ſehr freundlich und zuvorkommend, wenn auch immer auf ſeine ſehr trockene ungenirte Weiſe geworden. Gegen die Damen aber war er beſonders artig, und bot ſogar der Frau Proofeſſorin, die er in Indiana mit den jungen Ladies willkommen hieß, den Arm an und führte ſie den Berg hinauf, und die Männer — 227 nahmen Jeder ein Stück des leichteren Gepäcks und folgten. Des Penſylvaniers Wagen wurde dann augenblicklich nach unten geſchickt die übrigen Sachen, bei denen des Webers Frau mit den Kindern ſo lange als Wache bleiben mußte, ebenfalls hinauf und unter Dach und Fach zu bringen— hatte aber dreimal zu fahren, ehe er ſämmtliche Kiſten und Collis an Ort und Stelle ſchaffen konnte. Für dieſen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu unternehmen, am nächſten Morgen aber, ſobald es den Herren gefiel, erbot ſich der Penſylvanier ſehr bereitwillig mit ihnen in das Land zu reiten, wo er ihnen ſogar, nur neun Miles von Grahamstown und etwa vier oder fünf vom Ohioſtrom entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren könne. Dieſe, jetzt von einem ſeiner Söhne bewohnt, wäre ihm vielleicht feil, „wenn er ſeine Auslagen bezahlt bekäme“, indem er ſelber keinen Gebrauch mehr dafür hätte. Die Wirthſchaft ſagte ihm, ſei⸗ ner Ausſage nach, mehr zu als das Farmerleben, und Grahams⸗ town würde und müßte ſich in ſehr kurzer Zeit ſo heben, daß ſich ſeine jetzt unſcheinbare Inn zu einem Hotel umgeſtalten könnte. Wenn beſonders der Plan verwirklicht würde, an dem das County jetzt arbeitete— den Platz mit der nach St. Louis führenden und ſchon faſt beendigten Eiſenbahn zu ver⸗ binden, hoffe er das Fabelhafteſte für Grahamstown. Er gab dabei nicht undeutlich zu verſtehn, daß ein paar hundert Tha⸗ ler für Bauplätze in der Stadt ſelber ausgelegt, leicht in drei oder vier Jahren zu ebenſo vielen Tauſenden werden könnten, und wie er für die Zukunft ſogar an dem Beſtehen Eineinna⸗ 15* — 228 tis zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieſes Platzes, unterhalb den bei Louisville gelegenen Stromſchnel⸗ len, kaum werde auf die Länge der Zeit concurriren können. Er mochte es ſich dabei nicht verſagen die Fremden, wahrſchein⸗ lich um ſie noch mehr zu überzeugen, auch in die Anlage des „beabſichtigten“ Grahamstown hinauszuführen, und Main⸗ ſtreet hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten der weiter oben häufig queerüberliegenden Bäume wegen hatte, kamen ſie etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes zu dem ausgeſteckten und hier und da ſelbſt ſchon„geklearten“ Marktplatz, wo allerdings noch ſämmtliches gefälltes Holz wie Kraut und Rüben durcheinander lag, nichts deſtoweniger aber doch ſchon der Platz für die Bank, für das Theater und für die Börſe— das Court oder Gerichtshaus ſtand ſchon in Geſtalt eines breiten überwachſenen Blockhauſes an der näm⸗ lichen Stelle, an der es ſich ſpäter von maſſivem Sandſtein oder Granit erheben ſollte— ausgemeſſen, und an den noch ſtehenden Bäumen durch kleine hölzerne Tafeln bezeichnet worden. Der Profeſſor hätte unter anderen Umſtänden gewiß über dieß großartige Planmachen, in dem die Amerikaner überhaupt berühmt ſind, gelächelt, und ſich damit amuſirt, denn ſeinen eigenen Anſichten von Städtebauen nach, ſoviel er auch Ame⸗ rikaniſcher Triebkraft dabei zu Gute ſchrieb, konnte und mußte wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die Hälfte deſſen wahr geworden, über das der Penſylvanier ſprach als ob es ſich im nächſten Fruͤhjahr ereignen würde. Jetzt aber, mit in 229 den Wirbel ſchon halb und halb hineingezogen, der hier Alles drehte und mit ſich fortriß, ſchon ein halbes Glied des Gan⸗ zen, und doch noch eigentlich nicht dazu gehörig, noch ganz fremd auf dem Boden, den er unterwegs ſchon gewiſſermaßen als ſeine Heimath betrachtet, erfüllte ihn das Alles mit einem unbehaglich drückenden Gefühl, ſo daß er manchmal ordentlich tief aufathmen mußte, wie eine ſchwere Laſt von ſeiner Bruſt zu wälzen. Der Amerikaner dagegen ritt auf ſeinem Steckenpferd, und die improvements des Bodens und der Stadt, der Wachs⸗ thum der Einwohnerzahl, die Erbauung von Kirchen, Schu⸗ len, Univerſitäten, Bibliotheken ꝛc. ꝛc. riß ihn mit einer Phan⸗ taſie und Einbildungskraft fort, die ſo innerſte Ueberzeugung ſchien, daß ſich ſelbſt der Profeſſor, trotz ſeiner niedergedrück⸗ ten Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigſtens einen kleinen Theil des in ſoliden Luftſchlöſſern aufgebauten Bildes für möglich zu halten, und ſich in der That, noch ehe ſie das Gaſthaus wieder erreichten, dabei erwiſchte wie er eine Zuckerfabrik— den Runkelrübenbau in Amerika einzuführen war eine Lieblings⸗Idee von ihm— an der blue creek er-⸗ richtete, mit derſelben Waſſerkraft eine Säge⸗ und Mahlmühle trieb, und weiter unten eine Talgſiederei anlegte von den Ueberbleibſeln der Heerden, die er nach St. Louis und New⸗ Orleans ſchickte, den größtmöglichſten Nutzen zu ziehn. Der Abend ging trotzdem ſehr ſtill vorüber— das druͤk⸗ kende Gefühl der Heimathloſigkeit, das auf ihnen Allen lag, ſie mochten ankämpfen dagegen wie ſie wollten, ließ ſich nicht 230 ſo raſch bewältigen, und wenn auch der Penſylvanier Alles that ihnen die Eigenſchaften des Landes, auf dem ſie ſich jetzt befänden, herauszuſtreichen, und ſeine Frau, ein freundliches Weibchen aus Louisville, ihre öden Zimmer ſo behaglich her⸗ richtete wie es unter den Umſtänden nur möglich war, ſie blieben ſtill und einſylbig und ſelbſt Marie, die munterſte ſonſt von Allen, hätte ſich am allerliebſten in irgend eine verſteckte Ecke gedrückt und recht herzlich ausgeweint— ſo weh, ſo eigenthümlich war ihnen zu Allen zu Muthe. „Apropos,“ rief da plötzlich Herr von Hopfgarten, als ſie ſich gerade für die Nacht trennen wollten(der Penſylvanier hatte ihnen nur drei Zimmer zur Verfügung ſtellen können— eins für die Damen, eins für die Weberfamilie und eins für die Herren)„was ich Sie noch fragen wollte— kennt eine von den Damen vielleicht den Vornamen unſeres gemeinſchaft⸗ lichen Freundes Henkel?“ b „Ja wohl,“ rief Marie raſch—„er heißt Joſeph; warum?“ „Ganz recht— jetzt fällt es mir auch ein, Joſeph!“ ſagte Hopfgarten ſchnell;„wie man doch ſo etwas vergeſſen kann, ich habe ſelber den Namen mehr wie hundert Mal gehört.“ „Joſeph— ja wohl,“ ſagte auch jetzt der Profeſſor,„da muß das wirklich ſein Amerikaniſcher Beinamen ſein.“ „Sein Amerikaniſcher Name?“ „Der Brief, von dem ich Euch ſagte, iſt mit Soldegg. Henkel unterſchrieben und es war auch mir ſo, als ob ſeiie —,— 1 —— —,—— 1 — 231 Frau wenigſtens ihn mit einem anderen Vornamen, nicht Soldegg, genannt hätte.“ „Soldegg— Soldegg— ich habe den Namen nie, auch ſelbſt nicht in Heilingen gehört,“ ſagte Anna—„lieber Gott was mag Clara jetzt machen; es iſt mir immer ein recht trauriges, wehmüthiges Gefühl, daß wir ſie krank zurücklaſſen mußten.“ Herr von Hopfgarten war aufgeſtanden und ging, mit auf den Rücken gelegten Händen unruhig im Zimmer auf und ab, aber er ſagte kein Wort weiter, und da die Frau Profeſ⸗ ſorin etwas über Kopfweh klagte, und die Kinder auch un⸗ ruhig wurden, verabſchiedeten ſich die Männer bald, und ſuchten ebenfalls ihr Lager. Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger Tag für die neuen Anſiedler, der vielleicht entſcheidend für ſie ſein ſollte, für ihr ganzes Leben und Glück, denn eine neue Heimath ſollte geſucht, ein Platz gefunden werden, auf dem ſie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen, ſondern für den ſie auch die Mittel, die ſie zu ihrem Fortkommen mit herüber gebracht, auslegen wollten, daß ein Rückſchritt nachher ohne bedeutende Verluſte nicht möglich geweſen wäre. Undentſprach etwa Alles, was ſie bis jetzt von dem Lande geſehen, ihren Erwartungen? durfte der Profeſſor hoffen in dieſer Gegend gleich einen ſolchen Platz zu finden, an dem er es vor ſich und ſeiner Familie verantworten konnte zu bleiben? Er wagte gar nicht ſich die Frage vorzulegen, denn der erſte Eindruck von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja enttäuſchen⸗ der geweſen. Allerdings befanden ſie ſich in einem neuen* Land, und da, wo noch Ackerbau und Cultur in der Wiege lagen und eben deshalb auch dem, der ſte weckte und in's Leben rief, ſo wacker lohnte, durfte und konnte man nicht er⸗ warten ein Land zu finden wie man es daheim verlaſſen hatte; es war eben eine halbe Wildniß, in der erſt gerade durch die geweckte Cultur der Segen aufkeimen ſollte, den ſich die Aus⸗ wanderer von Amerika verſprachen. Das Alles hatte man ſich daheim auch wohl wie oft ſelber geſagt, und war allem Anſchein nach vollkommen darauf vorbereitet geweſen; und doch jetzt da es wirklich ſo ausſah wie man es— innerlich gewiß mit manchem Vorbehalt— aber doch äußerlich nicht anders erwartet, mit den wild umher geſtreuten Stämmen, den niederen, jeder Bequemlichkeit mangelnden Holzhäuſern, den fremden Menſchen, da fühlte ſich die Bruſt beklemmt und ſorgenſchwer, und der Blick ſuchte wohl gar einen Augenblick halb unbewußt und ſcheu nach dem verlaſſenen Ufer zurück. Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abge⸗ riſſenen Brücke hinter ſich ſtanden ſie an dem fremden Strand, und wenn auch keinen Troſt doch wenigſtens Beruhigung gab ihnen das Bewußtſein jetzt:„Du mußt!“ Ein Rückweg war nicht mehr möglich, wenn ſie das ſelbſt gewollt hätten, und mit dem Gefühl kehrte auch wirklich mehr Ruhe, jeden⸗ falls mehr Entſchloſſenheit, in ihr Herz zurück. Viel gleichgültiger betrachtete der Weber das neue fremde Land, in dem er durch ſeine Anſtellung bei dem Profeſſor ſchon 3 ——— 233 gewiſſermaßen feſten und ſicheren Fuß gefaßt, ehe er es nur betreten. Er war neugierig allerdings, wie er es finden würde, und ob die Erzählungen, die er davon zu Hauſe ge⸗ hört und geleſen, jetzt ſich als wahr erweiſen ſollten; aber vor der Hand in ſeiner und der Seinigen Erxiſtenz geſichert, fürch⸗ tete er eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie ſie ſich entwickeln würde, ruhig und ſorglos erwarten. Seine An⸗ ſprüche an das Leben waren auch geringer; Vieles, was der in anderen Kreiſen erzogenen Familie des Profeſſors Entbeh⸗ rung ſchien, wenn ſie ſich auch nicht darüber ausſprachen oder gar beklagten, war ihm ſelbſt ſchon eine Verbeſſerung ſeines bisher gewöhnten Zuſtandes, und die Gewißheit nicht allein ſeine Familie auf ein volles Jahr untergebracht und verſorgt zu haben, ſondern auch ſogar an baarem Geld mehr zu ver⸗ dienen, als er bis jetzt in ſeinem ganzen Leben im Stande ge⸗ weſen war zu erübrigen, ließ ihn dem neuen Leben mit freu⸗ diger Zuverſicht entgegengehn. Seine Frau theilte das Gefühl, wenn ſie ſich auch noch in der fremden Welt gedrückt und unbehaglich fühlte; nur die alte Mutter, der ihre gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte ſich darin niederzuhocken, der die Sonne an der verkehrten Stelle auf- und unterging, und die Bäume nicht dahin den Schatten warfen wohin ſie ſollten, der die Vögel nicht zwit⸗ ſcherten wie daheim und die Blumen— ihre Aſtern— nicht blühten, und die ſchon zehnmal in Gedanken vor die fremde Thür getreten war die Linde zu beſuchen, unter der der Lebe⸗ recht ruhte, dann immer nur um ſo viel niedergeſchlagener, 234 ſo viel mürriſcher zurückzukehren zu dem ſelbſt nicht gewohnten Sitz, ſtöhnte und klagte den ganzen Tag und ſaß, die Hände müßig im Schooß gefaltet, und ſtill und langſam dazu mit dem zitternden Haupte nickend und ſchüttelnd, auf ihrem Stuhl. Sie fühlte daß ſie dem heimiſchen Boden, den Gräbern ihrer Lieben, der alten Dorfkirche und dem ſtillen Plätzchen, das ſie ſo lange, lange Jahre das ihre genannt, entriſſen, für ewig, und auf Nimmerwiederſehn entriſſen ſei, und ſie glaubte jetzt das Herz müſſe ihr brechen. Der Proofeſſor hatte ſich übrigens, wogegen der Penſyl⸗ vanier erſt einige Schwierigkeiten machte, dazu entſchloſſen den Weber auf ihrer heutigen Excurſion mitzunehmen, ſein Urtheil über das Land dabei zugleich zu hören und ſeine Meinung über den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben. Der Wirth ſchien nicht recht damit einverſtanden; er hatte im An⸗ fang kein Pferd mehr für ihn da, dann dauerte es zu lang bis eins geholt werden könnte; der Profeſſor aber, der klug genug war in einer Sache mistrauiſch gegen ſich ſelbſt zu ſein, die doch jetzt über alles Theoretiſche hinausging und in das praktiſche Leben direkt eingriff, vielleicht auch in der unbeſtimm⸗ ten Furcht vor einem doch möglichen Fehlſchlagen, in dem er nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen hätte, ließ keine Ausrede gelten und erklärte, dann lieber noch einen Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden wären, ehe er eben ohne den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als er verſtand, die Farm in Augenſchein nähme. Als der Pen⸗ ſylvanier endlich ſah daß der Fremde von dieſem Entſchluß —— v 235 nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer Viertel⸗ ſtunde geſattelt und bereit, und die kleine Geſellſchaft, von der ſich der Profeſſor ſelber am unbehaglichſten„an Bord“ des etwas hohen Pferdes fühlte, ſetzte ſich in einem ſcharfen Schritt in Marſch, dem freien Lande zu. Die hölzernen, mit Fenzen eingefaßten Gebäude ließen ſie bald hinter ſich, und folgten der ſogenannten county-Straße, die noch eine Strecke weit durch den breit ausgehauenen Wald hinführte, wobei ihnen der Penſylvanier mit dem größten Ernſt immer noch die ſchon ausgelegten aber noch nicht ein⸗ mal„urbar gemachten“ Straßen von Grahamstown zeigte. Dort, in das dicke Gebüſch von Hickory und Eichen ſollte ein⸗ mal ſpäter das Waiſenhaus kommen— da drüben an dem etwas feuchten Fleck wo die Sycomore und Erlen ſtanden war der Platz für den Gaſometer ausgelegt— die Telegraphen⸗ ſtation mit der Poſt mußte unten am Fluß ſelber ſein, in dem Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der ſich natürlich in den erſten zehn Jahren, und bis die Eiſenbahnen von hier aus nach allen Richtungen auszweigten, jedenfalls in der Nähe des Waſſers halten müßte. Er ſelber hatte ſich aber auch zwei Bauplätze hier an der Grenze des Weichbildes reſervirt, einen an dem nächſt zu erwartenden St. Louis, den anderen, an dem Cincinnati⸗Bahnhof. Wo die Eiſenbahn die einmal ſpäter nach New⸗Orleans und Charleſtown führte, auslaufen ſollte, darüber hatten ſich die Bürger noch nicht geeinigt, und es war einer ſpäteren Verſammlung vorbehalten worden darüber zu entſcheiden. 236 Der Mann ſprach dabei mit ſolcher Ruhe und Sicherheit, und ſchien ſelber von dem raſenden Wachsthum der Stadt ſo feſt überzeugt zu ſein, daß ſich der Profeſſor nicht allein mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut machte ſich in der Nähe eines ſo bedeutenden Platzes, jetzt da das Land noch billig zu haben ſei, niederzulaſſen, ſondern ſogar ſchon unbeſtimmte Wünſche in ſich aufſteigen fühlte, ſelber ein paar Bauplätze in den beſtgelegenſten Theilen der Stadt— nur nicht zu nahe am Gaſometer— zu erſtehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei ſchon aufmerkſam gemacht, daß gegenwärtig die paſſendſte Zeit dazu ſein würde, da mit dem Winter beſonders ihre, nur für jetzt noch aus Holz beſtehenden Bauten gewiß am Stärkſten in Angriff genommen werden würden, und der Preis der Lots (Bauplätze) mit jedem neu errichteten Hauſe an Werth gewin⸗ nen und ſteigen müßte. Der Weber daneben, der ziemlich ſicher auf ſeinem Pferde ſaß, war ganz Ohr bei der fabelhaften Beſchreibung des Lan⸗ des, und dankte im Stillen ſeinem Gott und dem Profeſſor, daß er nicht in völliger Blindheit an dieſem merkwürdigen Platz vorübergefahren, ſondern mit Sack und Pack ausgeſtiegen ſei, und nun natürlich auch im Stande ſein würde mit zuzu⸗ langen, wenn es hier einmal Brei oder Goldſtücken regnete, denn weiter blieb, nach des Amerikaners Beſchreibung und Ausſichten, wirklich nicht viel mehr übrig. Am wenigſten achtete von Hopfgarten darauf der, nicht in der Abſicht ſich hier niederzulaſſen, wenig Intereſſe dabei fand in wie fern die Stadt den Hoffnungen, die ihr neuer —— ——————— — 237 Freund dafür hegte, entſprechen würde, und mehr darauf ach⸗ tete das ſich jetzt raſch vor ihnen aufrollende Land mit ſeinen Eigenthümlichkeiten zu beobachten. Das aber feſſelte auch bald die Aufmerkſamkeit der beiden Anderen, und als ſie eine Strecke lang im Wald, durch den ſich die Straße um Sumpf⸗ löcher und Baumwurzeln hinwand, fortgeritten waren, die erſte Lichtung, und mit dieſer eine Farm— eine wirkliche Farm im Inneren von Amerika— erreichten, hielten ſie wie auf ge⸗ meinſame Verabredung ihre Pferde an, und ſchauten ſtill und ſchweigend, jeder mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, den Platz an, der ſich hier vor ihnen ausbreitete.— Aber wie anders hatten ſie ſich eine Anſiedlung in Amerika gedacht, wie freundlich ſich das ausgemalt, und die ſtille Woh⸗ nung im Walde, mit all dem Zauber geſchmückt, den die Na⸗ tur fähig iſt einem ſolchen Bilde zu geben. Das rege Schaffen der Menſchen dabei, muntere fette Heerden, ein freundlicher Garten, ſchattige fruchtſchwere Obſtbäume, unter denen die lauſchigen Fenſter freundlich und verſteckt hervorſchauten; der reinliche Kies oder Raſenplatz dann vor der Thür, auf dem die Kinder ſpielten, und die niederen Nebengebäude mit Ställen und Scheunen, die ſich dicht an das Wohnhaus ſchmiegten— Lieber Gott, wie anders ſah das hier aus. Eine ſogenannte Wurmfenz— die langgeſpaltenen Hölzer ohne weitere Befeſtigung untereinander, nur im Zickzack immer Enden über Enden gelegt— umſchloß ein Stück von etwa zehn Acker„geklearten“ Landes, wie ſich der Penſylvanier ausdrückte, d. h. ein Theil der Stämme vor etwa drei Fuß vom 238 Boden, je nach Bequemlichkeit des Fällers, theils umgeſchlagen und das überflüſſige Holz auf große Haufen geſchafft, ver⸗ brannt zu werden, theils ſtanden die übrigen Bäume noch ein⸗ geringelt oder„getödtet“ dürr und trocken die nackten Arme gen Himmel ſtreckend, einzeln zerſtreut über den Plan. Der Wald begrenzte an der Rückſeite dieſe Rodung, aber noch war ihm keine Zeit gegeben da, wo er erſt kürzlich ſeines Schmuckes beraubt worden, wieder friſch auszuſchießen, und die grüne Wand die er bildete ſah zerriſſen, rauh und wüſt aus, eben wie der Boden, der mit dem Pflug gelüftet ein wildes troſt⸗ loſes Gewirr und Chaos von Wurzeln, Schollen und zackigen Furchen bot, daß es dem Fremden gar nicht ſo ſchien, als ob er je im Leben im Stande ſein würde eine ordentliche Erndte zu tragen. Die Straße die hindurchlief und an beiden Seiten von Fenzen eingefaßt war hatte man, kein beſonderes Zeichen für den Werth des Landes— faſt vierzig Schritt breit gelaſſen, und der Fuhrweg zog ſich, ſumpfigen Stellen, Klötzen und Stümpfen aus dem Weg gehend, herüber und hinüber in ausgefahrenen Gleiſen, während einzelne niedere Blockhäuſer, mehr Ställen als Wohnungen gleichend, zerſtreut über den Platz weglagen, und mit dem Rauch der aus ihren Schornſteinen ſtieg nur zu wohl verriethen wie ſie bewohnt ſeien. Und nichts— gar nichts Freundliches boten ſie, kein Gärtchen ſchmiegte ſich an ſie an, kein Fruchtbaum verrieth die ſorgſame Hand des Gärtners— keine Blume blühte, kein Grashalm faſt war hier ſoweit das Auge reichte zu ſehn, die ——— ——,— 239 Einzackungen der Fenzen ausgenommen, die Pflug⸗ oder Wa⸗ gengleis nicht hatte erreichen können; Alles war umgewühlt und roh, und einzelne Schweine die in den Pfützen arbeiteten und mit dem Rüſſel den Schlamm aufſchaufelten, ſchienen hier in der That den Ton anzugeben und auch die einzigen Weſen zu ſein, die ſich wirklich wohl und behaglich fühlten. „Und das iſt eine Farm?“ ſagte Herr von Hopfgarten, der zuerſt die Sprache wieder gewann, und mit keineswegs freudiger Ueberraſchung die Scene um ſich her betrachtete; „guter Gott, die Geſchichte habe ich mir doch eigentlich anders gedacht.“ „Das iſt eine Farm Gentlemen“ ſagte aber Ezra Ludkins freundlich—„oder ſoll vielmehr erſt eine werden, denn die Leute haben erſt vorigen Winter angefangen den erſten Baum zu fällen und es ſieht noch eher ein Bischen wild und unbe⸗ haglich aus; die Sache kriegt aber ein anderes Anſehn, wenn hier erſt das corn(Mais) zwölf und vierzehn Fuß hoch mit ſeinen armſtarken Kolben und wehenden grünen Blättern ſteht, wenn ordentliche Cabins gebaut und Obſtgärten angelegt ſind, und die Leute erſt beginnen ſich ein wenig comfortabel zu füh⸗ len— nachher„ſchwätze mer anders“ und die railroad(Eiſen⸗ bahn) wird keine zweihundert vards von hier vorbeilaufen. „Es iſt das der erſte Beginn“ ſagte aber auch jetzt der Profeſſor ſeufzend,„der erſte Kampf der Civiliſation gegen die Wildniß; die erſte Verſchmelzung, wie man beinah ſagen könnte, des Waldes mit der Cultur, in der der Menſch wieder mit zurück in ſeinen Urzuſtand gezogen wird, und ein Stadium, 4 ,—‧—“ 240 das wir allerdings ebenfalls gezwungen ſein werden durch⸗ machen zu müſſen. Wie gefällt es Ihnen, Brockfeld?“ „Mir?“ ſagte der Weber, wie überraſcht durch die An⸗ rede,„ih nu— es iſt— es iſt recht hübſch hier— ſcheint gutes Land zu ſein und— und recht viel Platz; nur noch ein Bischen wild. Tüchtiges Stück Arbeit noch, die Baumſtümpfe alle herauszukriegen, ehe man mit dem Pflug hinein kann.“ „Mit dem Pflug hinein?“ ſagte der Penſylvanier ſich erſtaunt nach ihm umdrehend—„das iſt ja hier ſchon ge⸗ pflügt.“ „Das hier?“ rief der Weber, ſich erſtaunt im Sattel auf⸗ richtend,„aber wahrhaftig es ſieht ſo aus, als ob hier Jemand mit einem Pflug drin herum gekratzt wäre— nun das iſt ein Kunſtſtück? wie kommt man denn da mit einem Pflug durch? Da muß unſer Einer freilich wieder von vorn anfangen zu lernen.“ „Aber kommt Gentlemen, kommt“ ſagte der Amerikaner, „wir verlieren hier zu viel Zeit und haben noch einen guten Ritt vor uns.“ „Sollten wir uns nicht einmal lieber hier die Häuſer im Inneren anſehn?“ ſagte der Profeſſor. „Verdammt wenig, was wir da würden zu ſehn kriegen“ lachte Ludkins;„ſo kahl wie's von außen iſt, ſind auch die Wände im Innern, und die Leute haben höchſtens einen Kaſten oder gum*) zum draufſitzen, und einen roh zuſammengenagel⸗ *) gum von Gumbaum nennt man in den erſten Anſiedlungen ab⸗ geſägte Stöcke hohler Gumbäume, die von den„Settlern“ theils zum⸗ rch⸗ An⸗ eint ein pfe —74 ſich ge⸗ ten Tiſch, ein paar Blechbecher, einen Kaffeetopf und ein skillet (Bratpfanne). Das finden wir auch wohin wir kommen; wer aber Luſt dazu hat, kann ſich das ſelber bald ganz anders und viel behaglicher einrichten— dieſe squatter wiſſen es eben nicht beſſer.“ Er hatte dabei ſeinem Pferd langſam den Zügel gelaſſen, und die Männer ritten durch die lange„lane“ oder einge⸗ fenzte Straße hindurch, wieder in den Wald hinein, bis ſie zu einer anderen, eben ſolchen Lichtung kamen. Die nächſte Farm ſtand aber ſchon etwas länger, und zum Theil wenigſtens mit Mais bepflanzt der reif und abgetrocknet noch im Feld gelaſſen war, bot ſie ein freundlicheres Bild. Die Gebäude freilich ſahen eben nicht viel beſſer aus und aus den Thüren ſchauten, als ſte vorüberritten, das etwas bleiche Geſicht einer jungen Frau in einem lichten baumwollen Kleid, und vier oder fünf blondhaarige ſonſt aber ſehr vernachläſſigte Kinder⸗ köpfe heraus. Ezra Ludkins begann jetzt, freilich mit ſehr geringem Er⸗ folg, ihnen die Grenzen der verſchiedenen Beſitzungen, ja ſogar hie und da die Bäume zu zeigen, an denen die Ecken der Sec⸗ tionen mit Buchſtaben und Zahlen angemarkt waren; er beſaß darin eine außerordentliche Ortskenntniß der verſchiedenen Stellen, und wurde nicht müde ihnen die Vortheile der einzel⸗ nen Sectionen, mit ihrem Fruchtboden und ihren Weidegrün⸗ Aufbewahren von Salz und anderen Sachen, wie auch als Stühle benutzt werden. Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 16 —— 242 den auseinanderzuſetzen. Die Krone der Ganzen war aber ſeiner Ausſage nach doch die Farm, die er für ſie beſtimmt hatte, ebenſo in Lage, wie in Boden, Gebäuden und Baumwuchs, wenn ſie auch jetzt noch, wie er übrigens vorſich⸗ tig dazu ſetzte, ein wenig unpromising(wenig verſprechend) drein ſchaute, und der Verbeſſerungen noch manche bedürfe ehe ſie vollkommen wäre. So waren ſie eine Strecke recht eigentlich mitten im Walde, der nur hie und da von kleinen Lichtungen mehr geſtört als belebt wurde, hingeritten, ohne ſelbſt von dieſem mehr ge⸗ ſehn zu haben, als in ihrem Wachsthum geſtörte grüne Wände, die ihre zerbrochenen Zweige und mishandelten Stämme wie anklagend gen Himmel ſtreckten; als ſie endlich durch dünnes Kiefergebüſch und über dürren Boden fort, für den ſelbſt der Penſylvanier keine Entſchuldigung fand, vielleicht eine eng⸗ liſche Meile berganreitend den Kamm eines Hügels erreichten, und hier ihren Pferden überraſcht in die Zügel fielen. „Mein Gott wie ſchön!“ rief der Profeſſor faſt unwill⸗ kürlich, als ſich ein weites ſonniges Thal, im Ganzen dicht bewaldet und nur hie und da von freundlichen grünen Lich⸗ tungen unterbrochen, vor ihren Blicken ſoweit das Auge reichte ausſpannte; und nur im Hintergrund von blauen, wellenför⸗ migen, aber ebenfalls holzbedeckten Hügeln begrenzt wurde. Die Wildniß lag hier in aller Pracht und Herrlichkeit vor ihren entzückten Blicken, und der Herbſt, der in keinem Lande der Welt den Bäumen ſolchen Farbenſchmuck verleiht wie in Amerika, hatte den Wald mit ſeinen wundervollen Tinten 5 1 förmlich übergoſſen. In roth und grün in gelb und braun und lilla ſchmolzen die Lichter, hier in blitzenden Flächen glü⸗ hend, dort in ſanften Schatten verſchwimmend abſcheinend durch einander, und während die jungen ſchlanken Hickoryſtämme wie flammende gelbe Lichter aus dem dunkleren Hintergrund hervor⸗ ſtachen, prangte Ahorn und Eiche in ſo wundervollem Purpur und ſaftigem Braun, das nur von den hindurchgeflochtenen in allen Farben ſchillernden wilden Wein faſt noch übertroffen wurde, und zitterten die Pappeln mit ihren ſilberleuchtendem Schmuck in dem blitzenden Sonnenlicht, daß das Auge, ge⸗ blendet von der Pracht, die Wunder dieſer neuen Welt kaum zu faſſen, zu begreifen vermochte. „Nun?— wollen wir nicht weiter?“ frug der Penſyl⸗ vanier der dieſen Farbenreichthum zu oft geſehn, etwas Außer⸗ ordentliches darin zu finden, und jetzt nicht recht begreifen konnte weshalb die Fremden gerade hier anhielten, wo eben gar Nichts zu ſehen und zu bewundern war, nicht einmal ein Eckbaum irgend einer Viertelſection mit zierlichen, auf der ab⸗ geſchlagenen Rinde gemalten Buchſtaben—„hier haben wir allerdings Nichts wie Wald, aber ein kleines Stückchen weiter unten kommen wir wieder zu einer Farm, und dann iſt's ge⸗ nau noch eine Quarterſektion bis zu dem Platz wohin wir heute wollen.“ „Welches wundervolle Farbenſpiel in dem Laub hier“ rief aber der Profeſſor, die Mahnung kaum hörend—„ſehn Sie nur Hopfgarten, jene Gruppe dort hinten, mit dem mächtig 16* 244 dunklen Baum zum Mittelpunkt, aus dem die Lichter ordentlich wie Strahlen nach allen Seiten ſchießen.“ „Und jene ſchillernden Feſtons die ſich um jene Eiche ſchlängeln, mit den Gold und Purpur durchwirkten Blättern“ rief von Hopfgarten,„und den Maſſen dunkelblauer, daran niederhängender Trauben— oh wie ſchön, wie wunderbar ſchön iſt dieß Land!“ „Ja,'s iſt putty considerable hübſch“ ſagte der Ameri⸗ kaner, der Nichts dagegen hatte daß die Fremden den blanken Wald ſchön fanden, während er ſein rechtes Bein, der Bequem⸗ lichkeit halber nach links mit über den Sattel legte und den rechten Arm darauf ſtemmte,„'s läßt ſich anſehn, und famoſer Boden dazu. Da unten wachſen Zucker⸗Ahorn und wilde Kir⸗ ſchen in Maſſe, nur ein Bischen viel Holz ſteht d'rauf, ſonſt wär' es ebenfalls ſchon lange gekleart worden. Aber das wird ſchon noch hübſcher, wenn die Eiſenbahn erſt hier durchgeht; ſeht Ihr Leutchen, gerade über die kleine Ridge*) da drüben wo die vielen Hickorys ſtehn— ſie ſehn jetzt alle gelb aus — da ſoll ſte weg gehn, und ein Bruder von mir hat ſich da oben ſchon angekauft— aber siiſt jetzt noch ein Bisch en einſam da.“ Die Männer konnten ſich kaum von dem wundervollen Schauſpiel, über dem ſich der Himmel jetzt klar und rein aus⸗ ſpannte, losreißen, als Ezra Ludkins aber glaubte daß ſie ſich nun lange genug die„Blätter“ angeſehn, warf er ſein Bein wieder zurück, angelte ein paar Secunden damit nach dem *) Hügelrücken. 245 ſchlenkernden Steigbügel, und ritt dann langſam voraus den Hang hinab. Eine halbe Stunde ſpäter, und immer noch in dem pracht⸗ vollen Wald hinreitend, wobei ſie die ziemlich ſchlechte Straße ganz überſahen, erreichten ſie endlich die Marken des bezeichne⸗ ten Platzes, und Ezra hatte von dem Augenblick an das Wort. Hier kannte er jeden Baum, gezeichnet und ungezeichnet, auf jede Senke in der die Bäume ſtärker und laubiger ſtanden, machte er ſie aufmerſam, auf den ſprudelnden Bach und den lehmig ſandigen Boden, auf jede einzelne Pflanze die gern auf üppigem Boden wächſt, auf die ſtämmigen Maisſtengel endlich als ſie die kleine Rodung erreichten, auf die guten und hohen Fenzen, auf den vortrefflichen Weideboden und die geſunde Lage, auf die netten Häuſer— die ſich allerdings nur wenig oder gar nicht von den früher geſehenen unterſchieden, auf das kräftige Vieh, von dem ſie einige Stücke im Wege trafen, bis ſie zuletzt vor der Hütte ſelber hielten, und ein junger, etwas bleich ausſehender Mann der nicht weit davon arbeitete, mit der Art ein Ochſenjoch auszuſchlagen, auf ſie zukam, ſie zu begrüßen und ihnen, mit Hülfe eines anderen etwa zehnjähri⸗ gen Knaben die Pferde abzunehmen. Der Penſylvanier, der dem jungen Mann zurief indeſſen, bis ſie wieder zurückkämen„etwas zu eſſen“ für ſie be⸗ reit zu halten, führte die Fremden jetzt vor allen Dingen in das Maisfeld ſelber, wo die Kolben noch nicht gepflückt und eingeſammelt, aber zum großen Theil nieder geknickt waren, damit Spechte und Raben nicht oben hineinpicken konnten, 246 und einfließender Regen dann die Frucht anfaulte. Die Sten⸗ gel ſtanden aber in der That kräftig und ſtämmig da, die Kolben ſelber waren groß und ſtark, und mächtige Kürbiſſe la⸗ gen, mit dem Mais gepflanzt, durch das ganze Feld. Der Boden mußte hier allerdings fruchtbar ſein, und der Weber beſonders konnte ſein Erſtaunen und ſeine Freude über das herrliche Land kaum zurückhalten. Auch die Gegend war reizend; die Farm lag in einem kleinen, rings von bewaldeten Hügeln eingeſchloſſenem Keſſel, ein nicht großer, aber ſehr klares Waſſer haltender Bach lief munter plätſchernd hindurch, und eine nicht unbedeutende An⸗ pflanzung von jungen Aepfel⸗ und Pfirſichbäumen, die aller⸗ dings noch keine Früchte trugen, aber für ſpätere Jahre reiche Erndten verſprachen, gaben dem ganzen Platz auch ſchon eher etwas freundliches, wohnliches, und konnten einen guten An⸗ fang bilden zu ſpäterer Obſtzucht und Gärtnerei. Die Ver⸗ hältniſſe mit dem Land waren ebenfalls annehmbar, und vier⸗ zig Acker die, wie ihnen der Penſylvanier ſagte, ſchon von ihm als Eigenthum vom Staat erworben worden, während leicht noch mehr Land, wenn auch nicht gerade mehr zum Congreß⸗ preis, in der Nähe zu kaufen lag. Nur die Wohnungen ſahen noch wild und unbehaglich aus, und nachdem ſie einen langen Spatziergang um das ganze Grundſtück herumgemacht, und auch noch zu einer anderen Rodung geführt waren, wo der jetzige Eigenthümer eben begonnen hatte weitere fünf Acker urbar zu machen, ſein Feld zu vergrößern, gingen ſie langſam zu dem Haus zurück, in deren Thüre ſie eine junge ſchlanke 247 Frau in die einfache aber geſchmackvolle ſelbſtgewebte Tracht der Waldestöchter gekleidet, freundlich begrüßte. Es war eine ſchlanke, faſt edle Geſtalt mit wundervollem Haar und Auge, aber wieder ſtörten den Poofeſſor die bleichen Geſichtszüge, ſtörte ihn die faſt durchſichtige Haut— nur die Kinder, ein kleiner Bube von drei und ein Mädchen von zwei Jahren, ſahen friſch und munter aus. Das Haus war übrigens nur eine der gewöhnlichen Blockhütten, ohne Fenſter und Ofen, mit einem rieſigen Camin der faſt die ganze hintere Wand einnahm, und ein paar einge⸗ triebene Plöcke auf denen ungehobelte Breter lagen, die wenige Wäſche wie ein paar Bücher zu tragen, bildeten mit drei or⸗ dinairen Rohrſtühlen und einem mit der Art zugehauenen Tiſch, das ganze Hausgeräth. Auf dem Tiſch lag aber ein ſchneeweißes Tuch ausgebreitet, blanke zinnerne Teller und Blechbecher, die ihnen ordentlich entgegen blitzten, ſtanden darauf, und eine rieſige Kaffeekanne wie ein großer ſteinerner Krug voll Milch ſchienen die Gäſte ſchon lange erwartet zu haben. „So Kitty, trag auf was Du haſt“ ſagte Czra Ludkins in engliſcher Sprache, ohne ſich auch nur die Mühe zu geben der Frau guten Tag zu bieten,„die Herren hier ſind ſchon ſeit Tagesanbruch auf und draußen, und werden Hunger ha⸗ ben— keine ſüßen Kartoffeln?“ „Ja wohl Mr. Ludkins“ ſagte die junge Frau—„wenn ie Herren niederſitzen wollen, es iſt Alles bereit.“ Der Profeſſor hatte wirklich Hunger bekommen, und ein braunes kuchenartiges Gebäck, das ihm aus der einen Schüſſel 248 warm entgegendufte, ſah ſo einladend aus, daß er ſelbſt die Examination des inneren Hauſes bis auf weiteres verſchob, und der freundlichen Einladung, von Hopfgarten gefolgt, raſch nachkam. Nur der Weber blieb verlegen in der Thür ſtehn und betrachtete ſich höchſt aufmerkſam das große Baumwollen⸗ Spinnrad das unfern davon, mit der weißen Flocke noch am aufgewickelten Garn hängend, in der Ecke ſtand. Er dachte gar nicht daran ſich mit dem Profeſſor, ſeinem jetzigen Herrn, und dem Herrn Baron aus der Cajüte, an einen Tiſch zu ſetzen. „Nun Miſter?“ ſagte der Penſylvanier—„keinen Hun⸗ ger? kommen Sie her und fallen Sie zu; hier iſt Ihr Platz.“ „Oh ich bitte— ich kann ja warten“ ſtammelte der Mann. „Warten?— weshalb; hier haben wir alle Platz.“ „Aber die Madame“ meinte Brockfeld, denn es war aller⸗ dings nur noch ein Sitz am Tiſch frei. „Kitty?— die ißt nachher— kommen Sie nur es wird kalt.“ „Machen Sie doch keine Umſtämde lieber Brockfeld“ ſagte ihm aber auch jetzt der Profeſſor freundlich—„hier ſind wir nun einmal in Amerika, und wo uns da etwas geboten wird müſſen wir zulangen.“ „Nun wenn Sie denn befehlen“ ſagte der Weber, deſſen Weigerung fehlender Appetit keineswegs verſchuldet hatte, und über ein rundes wunderliches Geſtell, das wie ein abge⸗ ſägtes Stück Baumſtamm ausſah und mit einem dünnen Bret übernagelt war hintretend, ſetzte er ſich darauf und langte tüchtig mit zu. hi n V führt, als er die Gabel auch erſchreckt wieder abſetzte, nieder— 249 Den Mittelpunkt der Mahlzeit bildete übrigens ein groß mächtiges Stück warm aufgetragener Speck, von dem Ludkins jetzt, der hier förmlich zu Hauſe zu ſein ſchien, große dicke Scheiben abſchnitt und jedem vorlegte; eine dunkle Sauce wurde dabei herumgegeben, von der ſich alle nahmen, und der. Profeſſor, der ſich beſonders viel von dem Brode zugelangt, dem ihm etwas zu fetten Braten damit nachzuhelfen, hatte ſeinen Speck kaum in die Brühe getunkt und zum Munde ge⸗ legte und an zu lachen fing. „Ich habe aus Verſehn Syrup zu meinem Fleiſch ge⸗ nommen,“ ſagte er dabei ſchmunzelnd,„das hätte doch curios ſchmecken ſollen.“ „Du haſt noch keinen Syrup?— oh, beg your pardon, hier ſteht er,“ ſagte Ezra freundlich. „Eſſen Sie Syrup zum Speck?“ frug der Profeſſor, eben nicht angenehm von der neuen Koſt überraſcht. „Thuſt Du das nicht?“ frug der Penſylvanier mit einem halb ungläubigen Lächeln. Die Fremden glaubten ſich aber keine Blöße geben zu dürfen und langten von da an, ohne irgend eine Einwendung zu machen, wacker zu; aber auch Aus Gebäck mit dunkelgelbey Sandkuchen glich liges Maisbryg Sand dazy ſehr fetten erſchön ausſehende ſchönſten N 250 ten ſüßen Kartoffeln hatten ſie, ſchon des Namens wegen, eine Art Widerwillen zu überwinden, und der gebratene Speck, den die Amerikaner zum Gekochten aßen, konnte den nicht zerſtören. Nichts deſtoweniger ging die Mahlzeit beſſer vorüber als ſich den Umſtänden nach erwarten ließ. Die Leute waren eben hungrig, und da ſchmeckt Manches gut, was der geſättigte Magen ſelbſt mit Widerwillen zurückweiſen würde; ſo mit dem heißen Kaffee dazu, ſtanden ſie auch geſättigt vom Tiſche auf, ohne übrigens von der Amerikaniſchen Farmerskoſt, von der ſie hier die erſte Probe bekommen, ſonderlich erbaut zu ſein. Vor allen Dingen beſichtigten ſie jetzt die Gebäude, fan⸗ den da aber allerdings noch viel zu wünſchen übrig, denn die kleine Hütte, in der ſie gegeſſen, mit einer Art Speiſekammer daneben machte den Hauptbeſtandtheil derſelben aus. Dann ſtand noch ein Maisſchuppen etwa dreißig Schritt vom Haus entfernt, und eine Entſchuldigung für einen Stall, ein offenes Geſtell, eben nur nothdürftig gedeckt und kaum im Stande das dahineintretende Vieh gegen einen Nordweſtſturm zu ſchützen, da es jedem anderen Winde preisgegeben blieb. Aber die Summe für das(ieanar auch, wenigſtens nach Europäi⸗ ſchen Baai anon vom Staat gekaufte 22 n wobei allerdings n und Hütten te ſelber mit vielleicht vier ſich alle ſicht Pla ſtäd braꝛ kam dem abſe und er g neb Abt dar beq des Ger Far mer ſein ſche ver Vie reiſ gen, ene den als eben tigte dem ſche koſt, daut an⸗ die ner inn nus nes das en, die ai⸗ fte gs ten nit cht — 251 8 4 vierzig Schweine und zwei Pferde nebſt vier Zugochſen erbot ſich ihm der Amerikanier billig zu überlaſſen— einzig und allein nur weil ſein Sohn„nach dem Weſten“ zu ziehn beab⸗ ſichtige, und er ſelber von der Stadt aus die Bebauung des Platzes nicht leiten könne, auch wirklich zu viel mit ſeinen ſtädtiſchen Einrichtungen zu thun habe, und zu viel Geld dort brauche zu allen beabſichtigten Anlagen. Die für Vieh und andere Einrichtungen geforderten Preiſe kamen dem Profeſſor, wie auch Herrn von Hopfgarten und dem Weber mäßig vor; jedoch wollte der Erſtere keinesfalls abſchließen ohne mit ſeiner Frau vorerſt darüber geſprochen und ihr den Platz ebenfalls gezeigt zu haben; überdieß konnte er gar nicht dort einziehn ehe noch ein anderes Blockhaus dicht neben dem ſchon ſtehenden errichtet wäre, dem man dann zwei Abtheilungen geben, und die Familie wenigſtens ſo lange darin unterbringen konnte, bis er ſelber im Stande war ein bequemes, und ſeinen Wünſchen wie Bedürfniſſen entſprechen⸗ des Wohnhaus aufzurichten. Nach allen Einrichtungen, die er ſich übrigens ſchon im Geiſt machte, ſchien der Profeſſor mehr als halb gewillt die Farm, die er jedoch noch zu einem mäßigeren Preis zu bekom⸗ men hoffte, zu kaufen. Er konnte ja doch auch nicht mit ſeiner ganzen Familie und der nun einmal engagirten Diener⸗ ſchaft im Lande herumziehn, wo er jedenfalls beinah ſoviel verzehrt hätte, als das ganze Land hier, mit Wohnungen und Vieh koſtete— und die Familie hier laſſen, während er allein reiſte, war faſt eben ſo mislich. Das Bedürfniß einen Platz ,— —ᷓ; ———— zu haben den er ſein nannte, und wo er anfangen konnte zu wirken und zu ſchaffen, kam dazu, und als er auf dem Heim⸗ weg, während der Penſylvanier mit dem Weber vorausritt, mit Herrn von Hopfgarten darüber ſprach, und dieſer ihm rieth doch am Ende nicht zu raſch in einer ſo wichtigen Sache zu handeln, vertheidigte er den Kauf ſchon, ſelbſt nur den dritten Theil der Hoffnungen angenommen die der Amerikaner mit ſolcher Zuverſicht über den Wachsthum der kleinen Stadt ausgeſprochen hatte, auf das Lebendigſte. Von dem Kaufpreis wollte nun aber Ezra Ludkins Nichts herunter laſſen; er behauptete ſchon die billigſte Summe ange⸗ geben zu haben. Dem Poofeſſor aber zu beweiſen wie er gern erbötig ſei Alles in ſeinen Kräften ſtehende zu thun ihn zu⸗ frieden zu ſtellen, erbot er ſich ihm, wenn ſie ſich über den Kauf einigten, noch ein ſolches Blockhaus an der bezeichneten Stelle unentgeldlich neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn ſo lange bis das hergeſtellt ſei mit der eigenen Familie, während der Weber gleich hinaufziehen ſollte mit arbeiten zu helfen ohne weitere Bezahlung dafür zu nehmen, zu ver⸗ köſtigen. Das war ein Vorſchlag zur Güte, und am zweiten Tag, nachdem die Frau Profeſſorin— zum erſten Mal in ihrem Leben im Sattel— auf dem vollkommen gutmüthigen Pferd ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem Penſylvanier noch⸗ mals hinübergeritten war den Platz in Augenſchein zu neh⸗ men, wurde der Handel zwiſchen Ezra Ludkins und Profeſſor 2* 1 2* Lol In ein we e zu eim⸗ Lobenſtein abgeſchloſſen, und der Profeſſ or— war Farmer in rritt, V Indiana. ihm Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen ache einwenden, obgleich es ihm— er wußte eigentlich ſelber nicht den recht weshalb— doch ein gewiſſermaßen unbehagliches Gefühl aner war, die Damen in den Häuſern, die ſie da oben gefunden, tadt als Bewohnerinnen zurückzulaſſen. Die Wirklichkeit war doch, 3 ſehr er ſich dagegen ſträubte einzugeſtehn er wäre mit zu chts poetiſchen Anſichten nach Amerika gekommen, hinter ſeinen nge⸗ Erwartungen zurückgeblieben, und die blanke Thatſache der gern V Blockhäuſer mit dem ſchauerlichen Speck und Syrup ließ ſich an⸗ eben nicht fortphantaſtren. Er ſelber hatte ſich aber auch ſchon den länger hier aufgehalten, als es im Anfang ſeine Aoſicht ge⸗ eten weſen, denn f wollte vor allen dingen nach Cincinnati, von ihn da nach din Seen hinauf und den Niagarafall befuchen, und ilie dann zurück nach New⸗Orleans, wo er ſein meiſtes Gepäck ien gelaſſen, um von dieſer Stadt eine weitere Tour nach dem de⸗ Weſten zu unternehmen. Jetzt war hierzu, beſonders die nordiſche Reiſe abzumachen, die günſtigſte Jahreszeit, denn der ſogenannte Indianiſche Sommer, der in Nordamerika Tag, ziemlich den ganzen Herbſt umfaßte und einen wolkenleeren rem blauen Himmel über October und November, ja nicht ſelten ferd bis über die Hälfte des December ſpannte, lag mit ſeiner och⸗ wundervollen Reine und Friſche auf dem Land. Konnte er neh⸗ in dieſem ſeine nördliche Tour beendigen, ſo blieb ihm der eſſor ganze Winter für die ſüdliche Reiſe, und er war dann vielleicht 4 †¼ im Stande im nächſten Frühjahr— der erſte Eindruck mußte 254 doch kein ſo günſtiger geweſen ſein, daß er ſchon wieder an die Abreiſe dachte— nach Europa zurückzukehren. Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, deſſen er ſich erſt vor allen Dingen entledigen mußte, und zwar Be⸗ fürchtungen, die in ihm— er wußte ſich ſelber keinen be— ſtimmten Grund dafür anzugeben— gegen Henkels Charakter aufgeſtiegen waren, und ihn mit Sorge für das Glück der jungen Frau erfüllten. Aber er ſcheute ſich dieſen in Gegen⸗ wart der Damen, die er vielleicht unnöthiger Weiſe ängſtigte, Worte zu geben, hätte er nicht gerade ihrer Hülfe bedurft Ge⸗ wißheit zu erhalten. Den letzten Abend alſo wie ſie in Lud⸗ kins Inn beiſammen ſaßen, brachte er zuerſt das Geſpräch auf die beiden jungen Gatten, und die auffällige Veränderung in dem ganzen Weſen der jungen, ſonſt ſo munteren und lebens⸗ luſtigen Frau während der letzten Tage an Bord, und erſt als ein Wort das andere gab, und Marie zuletzt geſtand daß der Abſchied von der Freundin ihr einen unendlich ſchmerzlichen, ja unheimlichen Eindruck hinterlaſſen, rückte er ſelbſt mit ſeiner Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in Mariens wie Annas Herzen bis dahin faſt unbewußt gelegen, gleich⸗ falls Worte. Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber Nichts, ſie mußten ſich eben Gewißheit darüber verſchaffen, und das war für jetzt nur ſchriftlich möglich. Es ließ ſich auch denken daß ſich Clara, wenn ihr irgend etwas das Herz be⸗ drücke, ſchriftlich eher gegen die Freundin ausſprechen würde, als mündlich, Marie ſollte ihr alſo deshalb ſchreiben— Stoff gen⸗ ägte, Ge⸗ auf g in ens⸗ als der hen, einer iens und Grund hatte ſie ja genug dafür, und rechtfertigte ihre Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten, wenn er wieder nach New-Orleans hinunter kam— ja was er dann thun wollte, wußte er eigentlich ſelber noch nicht, aber Clara ſollte doch wenigſtens nicht ganz ohne Freund, von Allen vergeſſen, in der fremden Welt da ſtehn, und war Hulfe und Beiſtand nöthig, dann fand ſich auch vielleicht ein Mittel ihn zu leiſten. Henkel hatte dem Profeſſor Lobenſtein ſeine Adreſſe ge⸗ geben, die ſich von Hopfgarten jetzt ebenfalls in ſein Taſchen⸗ buch ſchrieb, und nicht allein verſprach auf ſeiner Rückreiſe aus dem Norden hier wieder anzuhalten, ſondern ſogar ſeinen Koffer bei ihnen zurückließ, und nur ſeine Reiſetaſche mit⸗ nahm, durch überflüſſiges Gepäck bei möglichen Abſtechern bald dort bald dahin, nicht zu ſehr behindert zu werden. Er wollte dann auf dem Rückweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort von New⸗Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinun⸗ ter nehmen, was ihm zugleich eine doppelte Einführung gab, und verſprach ſelber auf das Ausführlichſte zu berichten wie er die Verhältniſſe gefunden. Am liebſten wäre er nun freilich von hier zu Lande nach Cincinnati gegangen, das Innere mehr und beſſer in Augen⸗ ſchein nehmen zu können, die von Ezra Ludkins im Geiſt an⸗ gelegten Schienenwege beſtanden aber noch nicht; die Tour zu Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter genug, fürchtete ſich auch, aufrichtig geſtanden, nicht etwa vor Gefahren, die hätte er eher aufgeſucht, nein vor dem Maisbrod und Speck 256 der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beſchloß alſo mit dem nächſten ſtromaufgehenden Dampfboot ſeine Reiſe raſcher und bequemer fortzuſetzen. Das kam aber ſchon am nächſten Morgen kurz nach Son⸗ nenaufgang, und ehe Hopfgarten ſelber im Stande gewe⸗ ſen war ſeine Toilette ordentlich zu beenden und ſich bei den Damen zu empfehlen. Verſäumen durfte er es aber auch nicht, und ſo, während der älteſte Knabe des Penſylvaniers nach unten gelaufen war das Boot, das ſie ſchon eine Zeitlang hatten ſtromauf dampfen hören, anzurufen und zum Beilegen zu bringen, ſtopfte er die ſchon bereit gelegten Sachen ſchnell in die Reiſetaſche, ließ ſich durch Eduard, der ihn hinunter begleitete, noch ſeinen Eltern und Schweſtern auf das Freund⸗ lichſte empfehlen und wenige Minuten ſpäter Grahams⸗ town mit all ſeinen Hoffnungen künftiger Größe hinter ſich. Als das Boot eben um die nächſte Biegung, oberhalb der Stelle wo die Stadt lag, einlenken wollte, ſah er noch wie ihm Jemand mit einem weißen Tuche vom Hügelkamm aus nachwinkte, aber er konnte ſchon nicht mehr erkennen wer es war. we⸗ den luch iers ang gen nell nter ind⸗ ms⸗ ch. halb noch mm wer Capitel9 Das deutſche Wirthshaus zu New⸗Orleans. Die„Haidſchnucke“ hatte indeſſen, wie ſchon vorher er⸗ wähnt, ihren Paſſagieren gleich am erſten Tage angekündigt, daß ſie ſich nun, je eher deſto beſſer, ihr Unterkommen an Land ſelber ſuchen ſollten, da das Schiff nicht weiter verpflich⸗ tet ſei für ſte zu ſorgen. Faſt alle waren auch, ſo raſch ſie nur ihr Gepäck bekommen konnten, von Bord gegangen, ſelber froh, dem Schiffsleben mit ſeiner groben monotonen Koſt end⸗ lich enthoben zu ſein; nur einige der ärmeren Familien, und unter ihnen wunderbarer Weiſe die Oldenburger, die unter⸗ wegs gerade am meiſten und lauteſten über Koſt und Behand⸗ lung raiſonnirt, und ſogar häufig davon geſprochen hatten die Schiffsrheder, wenn ſie nur erſt in New⸗Orleans wären, für nicht erfüllte Verſprechungen zu verklagen, zeigten noch nicht die mindeſte Luſt ſich durch Hinüberſchaffen ihrer Kiſten an Land von dem Fahrzeug zu trennen. Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 17 8 258— „—— Sie waren, der Sprache natürlich nicht mächtig, von dem ſte überall umwogenden Menſchen⸗Gewühl wie betäubt, den ganzen Tag in den Straßen der ungeheueren Stadt förmlich umher getaumelt, und nur hie und da mit anderen Deutſchen, in gleichen Verhältniſſen zuſammengetroffen, die auch Arbeit ſuchten und ebenſo wie dieſe der Meinung ſchienen, daß man ſte ihnen auf der Straße anbieten würde. Hie und da fanden ſte dabei irgend ein deutſches Schild über einer Thür, das entweder einem Wirthshaus oder Kleiderladen gehörte, und dort ſprachen ſie dann vor, wollten ſich nach den Verhältniſſen des Landes erkundigen und wurden, wenn ſie in dem einen Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften, wenn auch nicht mit groben, doch ſehr kurzen Worten abge⸗ fertigt. So verging der Tag, und kleinlaut und niedergeſchla⸗ gen kehrten ſie Abends an Bord zurück. Capitain Siebelt dachte aber viel zu menſchlich und ver⸗ nünftig die Leute, beſonders da ſie Familien hatten, wirklich gleich hinauszujagen; auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch gegeben wurden, kam es nicht an, der Koch war an dem Tag auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und Fruͤhſtück wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der nächſte Morgen brachte ihnen keine beſſeren Ausſichten. Ver⸗ gebens wandten ſie ſich an Alles was nur deutſch ſprach und ihnen in den Weg lief, Arbeit zu bekommen.„Vor drei Mo⸗ naten, ja,“ ſo wurde ihnen faſt überall die Antwort,„wie die Krankheit Alles hinaustrieb aus New⸗Orleans, was eben nicht zu bleiben gezwungen war, da hätten ſie Arbeit bekom⸗ —— 4 259 men können, Arbeit und Lohn, ſo hoch ſie ihn nur fordern wollten— bis man ſie ſelbſt nach Pottersfield hinausgefahren — aber jetzt waren die Tauſende mit anderen Schaaren aus dem Norden wieder zurückgekehrt, und Arbeit war ſchon noch zu bekommen, aber eben nicht mehr ſo leicht; man mußte Ge⸗ duld haben. Geduld— ja das iſt ein ganz gutes Wort, wenn die Gewißheit eines Erfolgs dahinter ſitzt, und der Menſch eben bis dahin, neben ſeiner Geduld Brod hat, davon zu zehren; wo das aber fehlt, und der fremde Einwanderer ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben ganz allein auf ſich ſelber angewieſen ſieht, und mit Schrecken fühlt daß er ſich eben auf ſich ſelber, ohne andere Hülfe, gar nicht verlaſſen kann, da iſt's dann freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Men⸗ ſchenherz verzagt da nur zu oft, und glaubt ſich gleich vom erſten Anſprung ab verloren. Der Capitain hätte die Leute aber ſelbſt am nächſten Tag noch nicht fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr be⸗ ſonders für ſie gekocht werden konnte, doch wenigſtens Schiffs⸗ zwieback und etwas kaltes Fleiſch geben laſſen, wenn ſte nicht gleich ein Unterkommen finden konnten; der Steuermann aber, der ſich gerade über dieſe Burſchen die ganze Reiſe hindurch am meiſten geärgert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht werden konnte, und kein Eſſen gut genug war, ſelbſt wenn ſich niemand Andres darüber beklagte, ließ ſich am dritten Morgen auf keine weiteren Unterhandlungen mit ihnen ein, befahl den Matroſen die Kiſten und Kaſten, die ſchon an Deck 17* 260 ſtanden, da das Zwiſchendeck abgebrochen wurde, ohne weite⸗ res auf die Levee zu ſchaffen, und erklärte dann den bisherigen Paſſagieren daß ſie von dieſem Augenblick an nichts weiter von der Haidſchnucke zu erwarten hätten—„er wolle ihnen nicht zumuthen ihr faules Brod und ſtinkiges Fleiſch, den ranzigen Speck und den dünnen Thee noch länger zu kauen und hinterzuſchlucken.“ Das war wenigſtens deutlich, und die Frauen weinten und baten den Capitain, als er von Land zurück kam, um Got⸗ tes Willen ſie nicht hier im Elend ſitzen zu laſſen, ſondern lie⸗ ber wieder mit zurück nach Deutſchland zu nehmen, wo ſie arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre Paſſage abzuverdienen — nur daß ſie hier nicht in dem fremden Land auf der Straße verderben und umkommen müßten. Schiffscapitaine haben ſonderbarer Weiſe ſehr häufig eine höchſt ungünſtige Idee von dem Inneren Amerikas, das ſie nur in ſehr ſeltenen Fällen zu ſehn bekommen, denn da ihnen häufig Matroſen deſertiren, ſind ſie ſo daran gewöhnt dieſen das ſchrecklichſte Schickſal und Hunger und Elend zu prophe⸗ zeihen, daß ſie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt wirklich ſelber glauben. Sie fühlen dabei nicht ſelten ordentlich eine Art von Mitleid mit all den unglücklichen Schlachtopfern, die ſie in das fremde Land transportiren müſſen, und die ihrem Elend da höchſt wahrſcheinlich ſchnurſtracks entgegenlaufen; ſte aber wieder mit zurückzunehmen, ſo weit lauten ihre In⸗ ſtruktionen nicht, und die Leute, die vorher alles Mögliche gethan haben nur von Deutſchland nach Amerika hinüber zu t n — kommen, müſſen nun auch ſehen wie ſie hier drüben„fertig werden.“ Es iſt ein ſchmerzlich, wehmüthiges Gefühl, in Deutſch— land die langen Züge armer Auswanderer zu ſehn, die, das Herz wohl voll friſcher Hoffnungen, aber dabei nur zu oft mit Mangel und Noth kämpfend, die Heimath mit Frau und Kindern verlaſſen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktiſch dabei bis zum Aeußerſten, ſcheu und ſchüchtern vor Jedem, der einen beſſeren Rock trägt wie ſie, herumgeſtoßen und geprellt, ſo lange noch etwas aus ihnen herauszupreſſen iſt, in der dritten oder vierten Klaſſe der Eiſenbahn, wenn ſie ſo viel Geld er⸗ ſchwingen können, oder zu Fuß mit den ſchweren Packen auf den Rücken oder den Kindern auf dem Arm, arbeiten ſie ſich dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn ſie dann dort am Strande ſitzen und des Bootes harren, das ſie hinüber führen ſoll zum großen Schiff, möchte man weinen über die Unglücklichen, die die Gräber ihrer Väter verlaſſen haben in Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt meiden müſſen, an der ihr Herz mit allen Faſern hängt. Und doch iſt der Augenblick, ſo ſchrecklich das auch klingt, beneidenswerth, und glücklich im Vergleich mit dem, wo ſie das neue Vaterland betreten haben, und rathlos— troſtlos, ver⸗ zweifelnd an ſeinem Ufer ſtehn— Fremde, Ausgeſtoßene an einer Küſte, von der es keinen Rückweg für ſie giebt. Als ſie die Heimath verließen, und wenn das auch in Sorg' und Noth geſchah, ihr Herz war doch voll Hoffnung 4 und ſchlug dem neuen Vaterland in freudiger Zuverſicht ent⸗ 262 gegen.„Wir wandern aus!“ in dem Bewußtſein lag ihnen reicher Troſt für Alles was ſie hier traf und niederdrückte. Alle Beſchwerden, die ſie ertragen mußten, der Schmerz der Trennung von ihren Lieben, von dem eigenen noch ſo kleinen Heerd, verſchwand nur in dem einen Wort: Amerikal und hinter ihnen lag aller Gram und Kummer, wenn nicht ver⸗ geſſen oder leicht und herzlos abgeſchüttelt, doch gemildert von dem frohen Licht, das ihre eigene Phantaſie, die Zuverſicht, mit der ſie hoffend dem neuen Leben entgegen gingen, darüber warf. Viele malen ſich dann noch das Land mit bunten Farben aus, Luftſchlöſſer ſteigen empor mit Zauberſchnelle, die eigenen wie der Freunde Herzen tröſtend, betäubend— Amerika, oh nur den Fuß erſt dort an Land geſetzt und Alles, Alles iſt vorbei, was ſie da noch mit Sorge, Aengſten füllen könnte. Und dort?— zerknirſcht, gebrochen, mit jeder Hoff⸗ nung geknickt, da ihnen nicht beim erſten Landen gleich der Amerikaner froh die Arme öffnet, von den Fremden unbeachtet, von ihren Landsleuten verlaſſen, zurückgeſtoßen, ſtehen ſie da, jedes Troſtes baar, Enttäuſchung, Reue, Angſt in den blei⸗ chen Zügen, und die wogende kalte Menſchenmenge ſehn ſte vorüber drängen, wie der Schiffbrüchige, der ſich auf nackten Felſen gerettet vor dem augenblicklichen Tod, die blitzenden Wellen vorbeiſtrömen ſieht, und nicht den Muth hat, mit ſtar⸗ kem Arm und mit entſchloſſenem Muthe ſich dahineinzuwerfen und die Fluth zu theilen. Oh es zerreißt Einem das Herz, die Unglücklichen ſo da ſtehn zu ſehen, und nicht helfen zu können aller Noth. 263 Wenn ſie aber unrecht hatten, im alten Vaterland ſich blind und leichtſtnnig zu wilden überſpannten Hoffnungen hin⸗ zugeben, ſo haben ſie das doppelt jetzt, wo gleich beim erſten Anlauf der erſte Sprung nicht etwa ſchon misglückt iſt, nein wo ſie noch gar nicht einmal zum Sprunge angeſetzt, und nun jenen ſchmalen Küſtenſtreifen, auf dem faſt täglich hunderte von Auswandern landen und in dem Menſchenſtrom ſpurlos, unbeachtet verſchwinden, für das Land ſelber halten. Der Hafenplatz iſt erſt die Brandung der neuen Welt, die Bank an der ſich alle Wellen brechen, wild und toll aufſchäumend dabei, einander überſtürzend, wieder hebend. Durch die hindurch muß erſt der Auswanderer den ſchwanken Kahn zum Ufer führen, und darf ſich nicht durch das wilde Toſen derſelben betäuben, entnerven laſſen; ruhig nur das Steuer in der Hand, und feſt den ſtürzenden Wellen auf den Kamm geſchaut, der Gefahr zu entgehn, den günſti⸗ gen Moment zu benutzen, muß er ſtehn, nicht blos vorn im Bug ſitzen, die Hände im Schooß, und die Blicke verzweifelnd in die Wolken gerichtet. Hat er den Muth gehabt ſich von der Heimath loszureißen, darf er ſich jetzt auch nicht davor fürchten ein wenig herüber und hinüber geſtoßen zu werden. Das iſt ein Uebergang, und ein Jahr ſpäter nur und er ſtößt ſelber mit. Ein Bild troſtloſer Niedergeſchlagenheit ſaßen die Olden⸗ burger aber, ſo gewaltſam hinausgeſtoßen in die Welt, auf ihren Kiſten an der Levee, die Männer mit den Händen in den Taſchen, an die Heſſen denkend, die ſie weiter oben in 264 ähnlicher Lage geſehn, und gleich verzweifeltes Loos für ſich erwartend, die Frauen ihre Kinder im Arm, die Augen voll Thränen, die Herzen voll Kummer und Sorge für die Zukunft. „Hallo Ihr Leute, Ihr ſitzt ja da als ob Euch die Peter⸗ ſtlie verhagelt wäre“ ſagte da plötzlich eine freundliche Stimme, in rein deutſchem Dialekt—„iſt Euch Jemand geſtorben oder habt Ihr Euer Geld in den Strom fallen laſſen?“ „Geſtorben iſt Niemand, und unſer Geld fällt ſchon nicht weg; dafür ſind wir ſicher!“ ſagte der eine der Leute den Fremden finſter und mistrauiſch betrachtend, denn was ſie bis jetzt von ihren Landsleuten geſehn, war gerade nicht geeignet ſich ſehr nach ihrer weiteren Bekanntſchaft zu ſehnen. Nur die Frauen ſchauten raſch und halb voll Hoffnung zu dem Deutſchen auf, der ſte ſo freundlich angeredet, und dabei ſo anſtändig in feiner weißer Wäſche und breiträndigem Stroh⸗ hut, mit einer großen goldnen Uhrkette über die feingeſtreifte Weſte, gekleidet ging. „Oh Ihr wartet wohl auf einen Wagen, Euer Gepäck in die Stadt hinauf zu bringen“ ſagte aber der Deutſche wie⸗ der—„habt Ihr ſchon ein Koſthaus?“ „Koſthaus“— wiederholte der eine der verheiratheten Männer mit einem kaum unterdrückten Seufzer und einem halbſcheuen Blick nach Frau und Kind—„Koſthaus— ich möchte wiſſen was uns ein Koſthaus helfen ſollte— wenn wir nur erſt einen Platz wüßten wo wir überhaupt Koſt be⸗ kämen, das Haus wollten wir ihnen gern ſchenken.“ „Oh, ſo ſtehn die Sachen?“ lachte der Deutſche wieder b & ᷣx ——— i— —— 265 —„Ihr habt kein Geld?— ja dann müßt Ihr freilich ar⸗ beiten.“ „Habt Ihr Arbeit?“ riefen die Männer raſch und zugleich. „Ich gerade nicht“ lachte der Deutſche,„aber wenn Ihr die haben wolltet, die wäre leicht genug zu bekommen.“ „Aber wo?“ rief der Erſte von den Oldenburgern wieder, „wir haben uns ſchon faſt die Schuhſohlen abgelaufen durch die Stadt, und Niemand hat uns haben wollen.“ „Haben wollen“ ſagte der fremde Deutſche kopfſchüttelnd —„Ihr ſeid nicht an die rechte Schmiede gegangen, das iſt die ganze Geſchichte; da möcht' ich die größte Wette eingehn, daß ich Euch alle miteinander in drei Tagen unterbrächte. Was habt Ihr für ein Geſchäft.“ „Geſchäft?— wir ſind Bauern.“ „Bauern?— hm, das iſt allerdings ſchon ſchwieriger, aber für eine Weile könntet Ihr auch ſchon einmal was ande⸗ res angreifen. Wenn der Menſch Luſt hat geht Alles.“ „Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir Luſt haben“ brummte der Erſte wieder. „Aber wo iſt die Arbeit zu kriegen?“ frug jetzt eine der Frauen,„lieber Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir nur für uns und die Kinder Brod haben.“ „Brod?“ lachte der Fremde,„um Brod allein wird man auch hier eine Hand regen— wenn nicht Fleiſch und Gemüſe und Kaffee wie das ſonſt Nöthige dabei iſt, ſoll's der Henker holen; für Brod allein würden wir hier wenig Arbeiter bekom⸗ men.“„Aber hier auf der Straße könnt Ihr doch nicht liegen 266 bleiben“ ſetzte er dann hinzu, indem er ſeine Uhr aus der Taſche nahm und nach der Zeit ſah;„es iſt jetzt eben halb zwölf, wenn Ihr Euch dazu haltet, könnt Ihr noch gerade zum Mittagseſſen im Gaſthaus ſein.“ „Mittagseſſen“ ſeufzte aber eine der Frauen—„die paar Groſchen die wir noch haben, dürfen wir nicht für Mittageſſen hinauswerfen, wer weiß ob nicht Einer von uns krank wird in dem fremden Land, und dann brauchen wir ſie nöthiger.“ „Ja krank— jetzt wird Niemand hier mehr krank“ lachte der Deutſche,„jetzt haben wir hier die geſunde Zeit, da iſt's in New⸗Orleans beſſer wohnen wie in New⸗York. Aber Ihr braucht kein Geld um in ein Wirthshaus zu gehn.“ „Na, umſonſt werden ſie uns auch nicht hier füttern.“ „Nein— das würdet Ihr auch gar nicht verlangen“ ſagte ihr neuer Freund ganz unbefangen,„aber Ihr geht ganz einfach in das erſte beſte Gaſthaus, ſtellt Eure Sachen dort ein, eßt und trinkt was Ihr braucht, und zahlt ſo bald Ihr könnt. Glaubt Ihr denn nicht daß ſo etwas alle Tage hier vorkommt?“ „Ja aber wo würden ſie uns denn da ſo aufnehmen“ frug der Mann verwundert. „Wo? ich ſage Euch ja im erſten beſten ouchaus— ich gehe mit Euch die nächſte Straße hinunter, und ich wette wir ſind noch keine tauſend Schritt gegangen, ſo ſeid Ihr zu Haus und könnt Euere Beine unter einen gedeckten Tiſch ſtrecken.“ „Du, das iſt Einer von denen wo ſie uns in Deutſchland von erzählt haben“ flüſterte der eine dem anderen Bauer zu, „daß ſie den Deutſchen auflauern und ſie ſeelenverkaufen.“ „Schaafskopf verkaufen hätte ich bald geſagt“ brummte aber der Andere eben ſo leiſe—„ein gedeckter Tiſch wird un⸗ ſeren Seelen wahrhaftig keinen Schaden thun— ich glaube nur nicht daß er's kann.“ „Aber wenn es nun doch Einer von denen iſt, die einem armen Auswanderer auch das Letzte abjagen was er mitge⸗ bracht hat?“ „Und was ſoll er uns denn etwa abjagen, unſer Geld? — da wird er ſich ſchneiden, und unſere Sachen?— die dür⸗ fen ſie uns nicht nehmen, das leidet die Regierung nicht.“ „Ja die Regierung wird ſich was d'rum kümmern“ meinte der Erſte wieder. „Na adieu Ihr Leute“ ſagte der Mann jetzt, indem er ſich den Hut etwas feſter in die Stirn drückte, und ſich abdrehte, als ob er gehen wollte,„ich ſehe es gefällt Euch hier auf der Levée, und hier in Amerika kann Jeder thun was er will; hier ſind wir Alle freie Leute.“ „Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augen⸗ blick“ rief die eine der Frauen ängſtlich und beſorgt—„lieber Gott, wenn Sie uns Arbeit verſchaffen könnten, die wollen wir ja doch gar ſo gerne haben; ſagen Sie uns nur wie.“ „Ja Kinder aus dem Aermel kann ich ſie auch nicht ſchütteln“ lachte der Fremde,„aber ich habe eine Menge Be⸗ kannte hier, die viel Leute brauchen, und am liebſten Deutſche anſtellen, und wenn Ihr Euch eben, wie ich das wohl glaube, . ——————— —————————————— 1 268 keiner Arbeit ſcheut, ſo ſollt Ihr da bald untergebracht ſein, und zwar nicht etwa wie in Deutſchland mit ſechzehn oder achtzehn Thaler Lohn jährlich, und einer Koſt die man hier kaum ſei⸗ nen Schweinen vorwerfen würde, ſondern mit drei Mal Fleiſch täglich, wie es überall Sitte iſt, und mit Kaffee Morgens und Abends Thee. „Und da ſollen wir ſo lange in das Wirthshaus gehn?“ „Wenn Ihr lieber hier auf ⸗der Levée ſitzen bleibt kann's mir auch recht ſein“ lachte der Mann,„wenn Euch aber Euere Kinder hier krank werden, könnt Ihr einem Doktor eben ſo viel bezahlen nach ihnen zu ſehn, wie Ihr in Deutſchland das ganze Jahr verdient habt— nachher iſt Euer Geld gut angelegt. Aber wie geſagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich aber doch für Euch nach Arbeit umſehn, und wenn Ihr hier bleiben wollt, ſo komme ich morgen oder übermorgen wieder her, und ſage Euch Antwort.“. „Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn?“ frug da der Erſte wieder,„daß wir nur erſt einmal den Platz finden wo ſie ouaee denn unſere Sachen möchten wir nicht in Verſatz geben; man weiß nachher nicht wie's wird.“ „Aber Euere Sachen müßt Ihr doch unter Dach und Fach bringen“ lachte der Mann,„ſeid Ihr närriſche Burſchen! die könnt Ihr doch nicht derweile vor die Thür ſetzen, und wenn Ihr eine ganze Woche alle zuſammen im Wirthshaus läget, zahlte die nächſte Woche Arbeitslohn Euere ſämmtlichen Schulden.“ „Und was bekommt man hier den Monat?“ E be 8 269 „Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag; die Leute die an der Levée und auf den Dampfbooten arbeiten, bekommen einen Dollar pr. Tag. „Ja, aber da brauchen ſie Niemanden mehr.“ „Seid Ihr überall an der Levée geweſen?“ frug der Mann, die Levee iſt wohl ſieben engliſche Meilen lang.“ „Ueberall wohl nicht, aber doch an vielen Plätzen.“ „Nun ja, vielen, das will Nichts ſage; nein ich werde Euch gleich eine dray*) wie man hier ſagt, oder einer Güter⸗ karren beſorgen, Euere Sachen in die Stadt zu ſchaffen, und dann ſind wir in zehn Minuten untergebracht.“ „Oh dazu brauchen wir keinen Karren“ riefen aber die beiden;„die packen wir auf und tragen ſie ſelber, wenn's wei⸗ ter Nichts iſt— die Frauen tragen die zwei da, und wir die hier, mein Junge bleibt bei den Uebrigen zurück und die holen wir dann nachher.“ „Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das muß ich Euch gleich ſagen, lange Zeit kann ich hier nicht mehr ſtehn bleiben, denn ich habe noch viel zu thun, und hier ſchon mehr Zeit verſäumt als ich vor meiner eignen Familie verantworten möchte. Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika„Zeit iſt Geld“ und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.“ Es bedurfte übrigens keines weiteren Zuredens von ſeiner Seite, denn den armen Teufeln, die ſich noch vor wenigen Minuten vor Hunger und Noth gefürchtet hatten, ſtak der ver⸗ 9) die kleinen Güterkarren. 270 ſprochene gedeckte Tiſch jetzt im Kopf, auf dem ſie im Geiſt jetzt ſchon alle geträumten Herrlichkeiten der neuen Welt auf⸗ geſtapelt ſahen, und nach kurzer Berathung untereinander griffen ſie ihre großen, mit eiſernen Henkeln verſehenen Koffer auf und baten den Fremden, hinter dem ſie gleich darauf her⸗ keuchten, ihnen den Weg zu zeigen. Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die nächſte Straße hinauf, die nach der Vorſtadt Lafayette hineinlief, über die zweite Queerſtraße hin, leuchtete ihnen ſchon von fern ein großes weißes Schild entgegen, auf dem mit großen ſchwarzen Buch⸗ ſtaben die Worte„Deutſches Gaſthaus zum deutſchen Vaterland“ ſtanden. „Dort iſt gleich ein deutſches Wirthshaus, wollen wir anfragen?“ frug ſie ihr Führer. „Ja wenn Sie glauben“ meinte der eine Olderburger „Eins iſt ſo gut wie das Andere,“ ſagte Jener achſel⸗ zuckend—„ſetzt nur erſt einmal Euere Kiſte vor die Thür, und wir wollen hinein gehn und mit dem Mann ſprechen; nachher könnt Ihr ja dann noch immer thun was Euch gut dünkt.“ Dagegen ließ ſich Nichts ſagen, und die Männer betraten gleich darauf einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als Schenkzimmer benutzt und durch einen etwas ſchmutzigen wei⸗ ßen Vorhang von dem nächſten Gemach, in dem ſie viele Stimmen hörten, getrennt wurde. Ein Schenktiſch war hier an der einen Seite aufgeſtellt, auf dem eine Maſſe umgedrehte leere Gläſer und einige kleine Flaſchen ſtanden, während da⸗ hinter, auf langen Regalen, drei oder vier Reihen mit ver⸗ ———— wir ſchiedenen Spirituoſen gefüllte gläſerne Karaffen geordnet und mit dazwiſchengelegten Orangen und Citronen verziert waren. Hinter dem Schenktiſch, oder der„bar“ wie ein ſolcher Platz in Amerika genannt wird, ſtand ein junger ſtämmiger Burſche von vielleicht fünf oder ſechs und zwanzig Jahren, mit glatt zurückgekämmten blonden Haaren, faſt auffallend großen Oh⸗ ren, ſtieren, aus dem Kopf ordentlich herausſtehenden blauen Augen, und einem ſehr runden, halb geöffneten Mund, was ihm ein ſehr erſtauntes überraſchtes Ausſehn gab, ſonſt aber ſo leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen, wie das nur irgend möglich war. Er trug Sommerhoſen und Weſte, aber weder Rock noch Jacke, und die Hemdsärmel bis hoch über die Ellbogen aufgekrempelt, wobei er die ſehnigen mus⸗ kulöſen Arme auf dem Schenktiſch, etwas weit auseinander, aufgeſtemmt hatte, und mit vorgebeugtem Körper die Neuan⸗ gekommenen gerade ſo anſtarrte, als ob er ſich nur erſt einen von ihnen ausſuchen und dieſem dann augenblicklich auf den Hals ſpringen werde. „Hallo Jimmy“ rief der Fremde in ziemlich vertraulichem Ton, als er zwei von den Männern, die verlegen an der Thür ſtehn blieben, hier eingeführt hatte—„wie gehts Mann, im⸗ mer noch friſch und munter?“ „Ja wohl Schentelmen“ ſagte Jimmy, drei friſche Glä⸗ ſer auf dem Tiſch umdrehend und die Frage etwa ſo beant⸗ wortend, als ob ſich der Mann erkundigt hätte ob er noch et⸗ was 9 trinken habe—„was Ihr Herz begehrt— was ſolls ſein?”“ 3 272 „Nun ich nehme einen Gin cocktail“*) ſagte der Führer —„und was trinkt Ihr, Leute?— kommt nur herein, das geht jetzt in Einem hin, und trinken müſſen wir doch.“ Die Deutſchen bedurften erſt noch einer Nöthigung, wäh⸗ rend ſie der Ausſchenker oder barkeeper, wie dieſe Leute ſämmtlich heißen, mit immer höher ſteigenden Augenbraunen und immer ſtierer werdenden Augen, ohne einen Blick von ihnen zu verwenden, anſtarrte. Endlich entſchloſſen ſie ſich nach einem Glas Bier zu fragen, das ſie durch eine ihnen merkwürdig erſcheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre ein⸗ geſchenkt bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch verſehn aus dem Schenktiſch auflief, und durch ein hinter dem⸗ ſelben angebrachtes Pumpwerk aus dem Keller, oder wenig⸗ ſtens dem in die Erde gegrabenen Faß herauf, geſpeißt wurde. „Nun Jimmy trinkſt Du Nichts?“ ſagte der Fremde. „Thank you“**) ſagte Jimmy, füllte ſich in ein Glas ein paar Tropfen Brandy, und goß es auf einen Schwung hinter, fuhr dann mit den geleerten Gläſern blitzſchnell unter den Schenktiſch in einen dort angebrachten Kübel mit Waſſer, ſchwenkte und trocknete die Gläſer, die wieder auf ihren alten Platz kamen, und ſeinen Händen dann eine gleiche Gefälligkeit erweiſend ſtemmte er die Arme wieder wie vorher auf den Tiſch und ſagte: *) Eine eigene Miſchung von Genevre, Waſſer, Zucker und bitteren Tropfen. **) Dank Euch.*£ ker en Capitel 0 Q—— ⏑ cLE 82 4 — „Two bits!“*) Der Fremde rief ihm aber auf Engliſch ein paar Worte zu, welche die Auswanderer nicht verſtanden und der barkeeper, der ſie jetzt noch viel ſtierer anſah als vorher ſagte plötzlich. „Hier boarden?“ „Die Leute verſtehn noch kein Engliſch Jimmy, und wiſſen nicht was boarden iſt— wohnen wollen ſie hier aller⸗ dings— habt Ihr Platz?“ „Lots“ lautete die lakoniſche Antwort. „Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo ſie ihr Gepäck unterbringen und wohin wir die Frauen mit den Kindern ſchaffen können— wie viel macht es die Woche à person?“ „Drei Dollar ohne Bitteres—“ „Unſinn, Bitteres, wenn ſie trinken wollen zahlen ſie's apart; ſie werden auch ſchwerlich eine Woche hier ſein, ſondern gleich auf Arbeit gehn— hier Nichts im Hauſe, Jimmy?“ „Arbeit?“ lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinſen wobei ihm die Augen faſt aus dem Kopf herausfielen—„wir ſind froh daß wir ſelber Nichts zu thun haben.“ „Nun macht Nichts, wollen das ſchon beſorgen— Alſo ſchafft die Sachen nur hier herein, der Mann da wird Euch gleich eine Stelle zeigen, wohin Ihr ſie bringen könnt, und Jimmy, ſeid ſo gut notirt es Euch— ſieben Perſonen“ ſetzte *) Zwei Bit— der Bit eine Amerikaniſche, im Süden der Ver⸗ einigten Staaten ſogenannte Geldmünze von 12 ½ Cent, etwa 5 Sil⸗ bergroſchen an Werth. Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 18 —· 274 er dann auf Engliſch hinzu„und die vier Kinder können wir zwei rechnen.“ 1 „Alles in Ordnung Mr. Meſſerſchmidt“ antwortete ihm der barkeeper ebenſo—„doch Alles ſicher?“ V „Alles—“ ſagte der Mann, der ſich der Deutſchen ſo freundlich angenommen, und dann ſich wieder in ihrer Sprache zu ihnen wendend, ſetzte er hinzu—„Euere Tochter da, werde ich wahrſcheinlich ſelber bei einer entfernten Verwandten von mir unterbringen können, darüber bringe ich Euch aber erſt morgen Antwort; unter der Zeit laßt es Euch übrigens wohl ſein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben ſo gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben ſo gut dafür, ob nun das gleich baar auf den Tiſch oder erſt in 5 drei oder vier Wochen iſt, bleibt ſich ganz gleich. So goodbye Jimmy— adieu Ihr Leute— ich werde morgen einmal wie⸗ der nachfragen wie es Euch geht.“ Der Mann verließ mit einem freundlichen Kopfnicken gegen die Leute das Schenkzimmer, und die Oldenburger, von dem Barkeeper dazu angewieſen, vor dem ſich die Kinder aber fürchteten, weil er ihnen heimlich Geſichter ſchnitt— ſchafften bald ihre großen hölzernen Koffer mit Geſchirr und Allem, ſeitwärts von der Hausthüre über einen engen Hof, eine ſchmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines Käfterchen, das der Mann ein Zimmer nannte, und wo fünf Betten ſo dicht neben einander aufgeſtellt waren, daß ſie auch eben ſo gut als eines gelten konnten. In die mittelſten mußte man auch 275 in der That über die beiden Eckbetten hin oder über ihre Fuß⸗ enden hinüberſteigen. Ungemüthlich genug ſah der Platz ohne dem aus; die Betten waren noch nicht einmal gemacht, und das Bettzeug ſah gelb und gebraucht aus, mit kleinen Blutflecken hie und da wie geſprenkelt, ein böſes Zeichen vorhandenen Ungeziefers. Die Fenſter waren ebenfalls ſeit Jahren nicht gewaſchen, und die Spinnweben füllten die Ecken mit ihren Generationen. Zwiſchendeckspaſſagiere ſind aber in der Art gerade nicht eigen, und an ſolche„Unbequemlichkeiten“ wie ſie es gewöhnlich nennen, noch vom Schiff aus viel zu ſehr gewöhnt, wenigſtens gleich in den erſten Tagen dagegen zu proteſtiren, beſonders wenn ſie wenig oder gar kein Geld bei ſich haben, und ſich dadurch gedrückt und nur geduldet fühlen. Die Oldenburger nun gar dachten nicht daran ſich auch nur über das Geringſte zu be⸗ ſchweren, hatten ſie doch ein Dach gefunden unter dem ſie gegen Regen geſchützt lagen, und ein gedeckter Tiſch war ihnen ebenfalls verſprochen worden. Was konnten ſie mehr ver⸗ langen, wo ſie noch wenige Stunden vorher in Verzweiflung an der Levée draußen geſeſſen, und keinen Platz gewußt hatten ihr Haupt hinzulegen. Noch waren ſie übrigens mit dem Ordnen ihres Gepäcks nicht einmal fertig, als eine Klingel unten tönte, und der Barkeeper wieder in das Zimmer ſtierte und ihnen ankündigte es wäre„zu Dinner gebellt worden.“*) *) Dinner Mittageſſen bell die Glocke in dem ſchauerlich verderbten Dialekt der Amerik. Deutſchen„zum Mittagseſſen geläutet.“ 18* 276 „Dinner gebellt?“ rief der eine von den Männern er⸗ ſtaunt—„wir haben keinen Hund mit.“ „Hund mit?— wer ſpricht denn von einem Hund?“ brummte aber der Barkeeper,„zu Dinner iſt gebellt— das Eſſen iſt fertg und Ihr müßt Euch bereit halten; wenn's wieder läutet wird gegeſſen; aber die Männer kommen zuerſt dran, und nachher die Weibſen mit den Kindern— s'iſt wegen dem Platz.“ „Ja ſo“ ſagte der Mann,„nun verſteh' ich's— wir kön⸗ nen noch kein engliſch.“ Der Barkeeper ſah ſie wieder eine ganze Weile, ohne eine Miene zu verziehen ſtier an, drehte ſich dann um, ſchnitt dem jüngſten Kind ein ſo furchtbares Geſicht daß dieſes laut auf⸗ ſchrie, und ſchlug dann die Thür hinter ſich in's Schloß daß die Scheiben klirrten. „Iſt das ein ſonderbarer Menſch“ rief die eine Frau, „und wie er ſpricht— aber wir ſollen jetzt zum Eſſen hinunter gehn— ich fürchte mich ordentlich.“ „Fürchten?— vor dem Eſſen? na ja“ ſagte ihr Mann —„ich möcht' mir lieber die Aermel dazu aufſtreifen, ſo nen Hunger hab' ich; aber kommt nur, da bimmelts ſchon wieder — was der nur mit dem Bellen wollte?“ Es blieb ihnen indeß keine lange Zeit zu weiteren Be⸗ trachtungen, denn die Glocke unten läutete allerdings ſchon wieder, und die Männer ſchlugen ſich deshalb raſch den Staub ein wenig mit den Händen von den Aermeln, dem Rocktragen und den Hoſen vorn herunter, und ſtiegen die Treppe nieder, . 4 —— — — ——.„— —,— * wo ihnen das merkwürdige Geſicht des Barkeepers, der ſeine Naſe an einer der Fenſterſcheiben des vorderen Gebäudes breit und weiß drückte, und dadurch nur noch wunderlicher ausſah, ſchon zunickte ſie ſollten machen daß ſie herein kämen. Das ließen ſie ſich denn auch nicht zweimal ſagen, und betraten gleich darauf einen ziemlich geräumigen Speiſeſaal, in dem eine lange Tafel aufgeſtellt, mit Speiſen bedeckt, und ſchon auch faſt vollſtändig von Gäſten beſetzt war. „Hallo die Oldenburger!“ rief ihnen da eine bekannte Stimme vom anderen Ende der Tafel, wo noch ein paar freie Sitze waren, entgegen,„wo kommt Ihr her, vom Schiff?“ Die Leute ſchauten überraſcht dorthin, und erkannten jetzt zu ihrem Erſtaunen eine ganze Menge bekannte Geſichter an der Tafel, die, ſo wenig ſie ſich an Bord um ſie bekümmert hatten, jetzt doch freundlich grüßend nach ihnen herübernickten, und ganz zufrieden damit ſchienen unter den vielen Fremden um ſie her ebenfalls Bekannte zu treffen. In der That hatten ſich aber wirkich ein paar ganze Coyen von den Zwiſchendeckspaſſagieren der Haidſchnucke hier verſammelt, von denen die meiſten ſchon am erſten Morgen nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen in der Stadt gefun⸗ denen Deutſchen herrecommandirt, eingezogen waren. Herr Meſſerſchmidt mußte in dieſer Zeit ungemein thätig geweſen ſein, und die Oldenburger ſahen die Leute hier richtig wieder Coyenweis, alter Gewohnheit nach, neben einander ſitzen und erkannten die Herren Steinert, Mehlmeier und Schultze, und neben dieſen den ſchwärmeriſchen Theobald, 278 während nur ein paar Stühle weiter, durch ein paar fremde Geſichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyenge⸗ noſſe und Schlafkamerad der finſtere ſchwarze Geſell der ſich Meier an Bord nannte, Platz genommen. Aber ſeine Frau ſaß nicht neben ihm, obgleich mehrere andere Frauen zugegen und keineswegs, wie der Barkeeper gegen die Oldenburger an⸗ gedeutet hatte, von der erſten Tafel ausgeſchloſſen waren. Dieſe ließen ſich aber immer noch mit einer gewiſſen Scheu an dem, für ihre Begriffe koſtbar beſetzten Tiſche nie⸗ der; das verlor ſich jedoch ſchon bedeutend nach der Suppe, und verſchwand gänzlich wie ſie die rege Geſchäftigkeit der um ſie her Eſſenden bemerkten, bis ſie eben ſo tapfer zulangten als irgend Einer der Uebrigen. Das Geſpräch bei Tiſch führte indeſſen faſt allein ihr früherer Reiſegefährte Steinert, der hier ſchon ſo zu Hauſe ſchien, als ob er ſeit Jahren Stammgaſt geweſen, und mit allen Leuten bei Tiſch auch bekannt geworden ſein mußte, denn er nannte ſie ſämmtlich bei Namen, und lachte und erzählte nach Herzensluſt. Mehlmeier amüſirte ſich dabei am meiſten über ſeine Witze, die er aber etwas ſchwer begriff, und gewöhn⸗ lich erſt dann an zu lachen fing, wenn die Uebrigen das Er⸗ zählte ſchon beinah wieder vergeſſen hatten. Da er aber pei ſeinem Lachen ein ſehr weinerliches Geſicht ſchnitt, merkten das nur ſeine nächſten Bekannten. Schultze beobachtete wieder nach ſeiner gewohnten Weiſe die ganze Tiſchgeſellſchaft, hielt, wenn das heimlich und un⸗ bemerkt geſchehen konnte, ſeine aufgehobene und breitgedrehte 5 „ Hand halb unter die verſchiedenen Phyſtonomieen und Profile und fuhr dann, wenn ſich Einer der alſo auf's Korn genom⸗ men zufällig nach ihm umdrehte, ſo zuſammen und griff raſch nach Meſſer oder Gabel oder ſeinem Glaſe, als ob er irgend etwas Böſes begangen hätte und dabei erwiſcht wäre. Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen ſprachen bei Tiſch kein Wort und beendeten, wie die meiſten der Gäſte, ſo raſch als möglich ihre Mahlzeit, und als Alle aufgeſtanden waren, wurden die Teller und Meſſer und Gabeln gewechſelt, dann die Frauen und Kinder mit den Hausgenoſſen in den indeß von den Uebrigen geräumten Speiſeſaal gerufen, und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorſitz des Barkeepers der einen mächtigen Rinderbraten unter ſie vertheilte, ihre Mahlzeit. Nach Tiſch zerſtreuten ſich faſt ſämmtliche Gäſte durch die Stadt, ein Theil ſeinen Geſchäften nachgehend, ein anderer, der noch keine hatte, zum Vergnügen oder aus langer Weile durch die Straßen zu ſchlendern, die für ſie des Neuen ud Eigenthümlichen auch genug boten. Das Abendeſſen war auf ſechs Uhr angeſetzt worden, und verlief dann in eben der Ord⸗ nung wie der Mittagstiſch, nur mit dem Unterſchied daß die meiſten der Gäſte nicht mehr ausgingen, oder nach einem kür⸗ zern Spatziergang durch die Stadt oder über die Levée, die um dieſe Tageszeit den Sammelplatz der vornehmen Welt von New⸗ Orleans bildet, wieder in das Gaſthaus zurückzukehren, und dort bei einem Glaſe gutem franzöſiſchen Wein oder ſchlechtem Cinein⸗ nati⸗Bier die Erlebniſſe des Tages zu beſprechen. Heute aber ging es beſonders lebhaft in der kleinen, hinter dem Schenkzimmer gelegenen Gaſtſtube her, denn der Dampfer von New⸗York war mit neuen deutſchen Zeitungen eingetrof⸗ fen, und den eben erſt angekommenen Paſſagiere, die ſeit ihrer Abfahrt von dort auch keine Sylbe aus der Heimath gehört, war es beſonders ein ganz eigenthümliches Gefühl, Berichte von Monate alten Daten als eben Geſchehenes zu erhalten, und ſich darüber zu freuen. Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen— die Leute durften ſich hier eine Güte thun und frei und unge⸗ ſcheut über Verhältniſſe ſchimpfen, denen ſie dort entgangen waren;z dann kamen die Hofnachrichten aus einem Königlichen Blatt, in dem die Privatnachrichten über die hohen und höch⸗ ſten Herrſchaften, und wann allerhöchſt dieſelben zu ſpeiſen geruht ꝛc., ꝛc., ꝛc., laut vorgeleſen und mit Jubel begrüßt wurden. Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und gewiſſenhaft vorgeleſen bis die Leute die ſpaltenweiſen Aus⸗ theilungen ſatt bekamen und Anderes hören wollten. „Oh hoͤren Sie auf mit dem Unſinn,“ rief Herr Schultze endlich, ſich die Hände reibend,„wir ſind hier froh, daß wir nichts mehr damit zu thun haben; Herr Steinert, leſen Sie uns etwas Geſcheuteres vor.“ „Etwas Geſcheutes verlangen Sie aus einer deutſchen Zeitung ſehr verehrter Herr Reiſegefährte?“ rief aber der Wein⸗ reiſende über das Blatt nach ihm hinüber lachend,„da thut es mir leid Ihnen nicht willfahren zu können, ich müßte Ihnen ſonſt hinten die Subhaſtationen oder Steckbriefe vorleſen, von 281 denen ich da drüben in der Weſerzeitung eine ganze Menge geſehen habe. „Apropos Steckbriefe,“ rief Mehlmeier mit ſeiner feinen. Stimme,„haben Sie wohl ſchon nachgeſehn, ob ſie dem armen Jungen keinen hinterher ſchicken, der mit der Haidſchnucke ſo glücklich fortgekommen iſt?— wie hieß er doch gleich, Berger glaub ich?“. „Ja wohl Carl Berger,“ rief Steinert,„da wollen wir doch gleich einmal ſehen,“ bitte— erlauben Sie einen Augen⸗ blick ſagte er dabei, ſeinem Nachbar, einem kleinen dürren Männchen mit einer Brille, der ungeheuere Aehnlichkeit mit einem kleinen deutſchen Beamten hatte, ſich aber ſchon längere Zeit in New⸗Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieſer ge— rade las, ohne weiteres aus der Hand nehmend. „Bitte tauſend Mal um Entſchuldigung,“ ſagte der kleine Mann ſehr artig,„ich glaubte ſie würde nicht gebraucht.“ „Bitte— bitte“— murmelte Steinert zerſtreut, mit’en Augen dabei die klein gedruckten Spalten der gerichtlichen An⸗ 3 kündigungen überfliegend—„Ueber den Nachlaß des am 12. Februar verſtorbenen Fuhrmanns“— das iſt Nichts—„auf den herrſchaftlichen Gütern zu Hellbhauſen ſollen am 5. nächſten Monats“— auch Nichts— hier kommen die Steckbriefe—„der Korbmacher Carl Chriſtoph Hinterleben von Ehlſtein“— der war's nicht, aber halt wahrhaftig— rief er plötzlich, mit der linken Hand dabei auf den Tiſch ſchlagend—„hier haben wir ihn“— „Der unten ſignaliſirte Lohgerber, Carl Eduard Berger, zwanzig Jahr alt, hat ſich ſeiner Militairpflicht heimlicher 282 Weiſe durch die Flucht entzogen, und werden ſämmtliche Juſtiz⸗ und Polizeibehörden erſucht— ja wohl— verſteht ſich von ſelbſt — alle Juſtiz⸗ und Polizeibehörden erſucht den beſagten Carl Eduard Berger zu arretiren und hierher abzuliefern!“ „Dem fuhr es damals übrigens verdammt dicht am Leder vorbei; wenn ſie ihn erwiſcht hätten wär es ihm ſchlecht ge⸗ gangen. Wetter noch einmal es muß doch ein ganz wunder⸗ volles Gefühl ſein, wenn man irgendwo was ausgefreſſen hat, mit den Rothkragen auf der Ferſe am Ende glücklich Salz⸗ waſſer erreicht, und nun draußen frank und frei, mit einem Schlage jeder Furcht vor Verfolgung enthoben,„durch die Wellen ſtreicht, Fridolin.“ „Nun ſogar gefährlich ſind die Leute doch auch nichti im⸗ mer,“ lächelte Herr Schultze freundlich vor ſich hin,„wiſſen Sie die Geſellſchaft, die uns die Herrn mit den egalen Mützen ſelber noch im Hafen an Bord brachten?“— „Oh Doris, wärſt Du nur verſchwiegen,“ citirte Stei⸗ nert ſeinen Lieblingsſchriftſteller;„was hilft es ſolche Sachen an die große Glocke zu ſchlagen.“ „Nein, das ſeh ich aber gar nicht ein,“ ſagte Herr Schultze,„wenn die Regierungen indiseret genug ſind ehrlichen Menſchen zuzumuthen mit ſolchem Geſindel eine ſolche Reiſe zuſammenzumachen, weiß ich auch nicht warum wir ſo dis⸗ cret ſein ſollen nicht darüber zu ſprechen, oder vielmehr darüber zu ſchimpfen. „Aha,“ ſagte ein anderer Deutſcher, der ebenfalls mit ihnen an einem Tiſch ſaß und bis jetzt den Geſprächen der * „ ——Q᷑QO⸗-nB—Q—O⏑Q—— 283 Einwanderer aufmerkſam zugehört hatte, indem er immer die Sprecher mit ſeinen kleinen lebendigen Augen feſt und ſtechend anſah; der Mann trug einen großen rothen Schnurrbart, hatte ſonſt aber, außer einer rothen Naſe und etwas bramarbaſirend zuſammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmüthiges im Geſicht —„aha,“ ſagte dieſer jetzt,„wieder eine Sendung von Cor⸗ rektionsfleiſch mitgekommen?— könnte es der Regierung der Vereinigten Staaten wahrhaftig nicht verdenken, wenn ſie Gleiches mit Gleichem vergälte und auch einmal eine Sendung ihres Auswurfs mit guten Päſſen verſehn nach Deutſchland hinüberſchickte. Drüben ſchimpft das Geſindel auf unſer Land, und thut dabei alles Mögliche was in ſeinen Kräften ſteht die Bevölkerung hier zu vergiften— hilft ihnen aber doch Nichts, den Neidpilzen, die ſich über unſere freie Verfaſſung ärgern, und denen es ein Dorn im Fleiſche iſt daß wir hier in einer Republik glücklich leben; es iſt als ob ſie den Ocean mit ein paar Eimern Schmutz trüben wollten.“ „Sie ſehn die Sache zu ſchwarz an, verehrter Herr,“ nahm Steinert das Geſpräch auf,„den Leutchen daheim liegt weniger daran hier in Amerika eine weſentliche Veränderung hervorzubringen, als nur die einzelnen Individuen los zu wer⸗ den. Ihr Vergleich mit dem Meer iſt aber vortrefflich. Ame⸗ rika nimmt dieſe Körper in ſich auf, verarbeitet ſie, theilt ihnen ſeine Reine mit und läutert ſich ſelber— halb zog ſie ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr geſehn.“ „Papperlapapp!“ rief aber der Mann mit dem großen Schnurrbart, dem an Steinert's Beiſtand in ſeiner Anſicht gar 284 Nichts gelegen ſchien,„das klingt auswendig vernünftig, und iſt inwendig baarer Unſinn— läutert ſich— ja wohl läutert es ſich, nimmt aber„dieſe Körper“, wie Sie das Geſindel nennen, nicht in ſich auf, ſondern hängt ſie an Galgen oder Baum, was gerade am bequemſten und nächſten iſt.“ „Hägen,“ ſagte Steinert, der ſich durch die Bemerkung raisſhnne unwillig mit dem Kopfe ſchuͤttelnd—„Nürn⸗ berger— hat ſich was— für einen Schurken liefert Deutſch⸗ land auch dafür dem rohen Lande hier tauſend ehrliche Hände und geiſtreiche Köpfe dazwiſchen, die Schwung hier in die Geſchäfte bringen, die den Amerikanern zeigen müſ⸗ ſen, wo Barthel eigentlich den Moſt holt.“ „Die haben Sie wohl mit herüber gebracht?“ ſagte der Rothbart wieder mit einem boshaften Blick auf den Wein⸗ reiſenden; dieſer aber hielt es unter ſeiner Würde ſich mit dem „ungebildeten Menſchen“ in weiteres Geſpräch einzulaſſen und nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern, und indeſſen Herr Schultze aus einen anderen Blatte jetzt einige politiſche Neuigkeiten vorlas, ſeine Zeitung wieder vor. „Beim Obertribunal kam kürzlich folgender intereſſanter Proceß in Kaſſationsinſtanz“— las Schultze—„zur Ent⸗ ſcheidung— Kläger war das Handlungshaus J. M. Oppen⸗ heimer in Rodach am Main— Verklagter der Juſtiz Commiſ⸗ — ſar Ohnewetter in „Scheußlich— niederträchtig!“ unterbrach Steinert da plötzlich, ohne ſich weiter um die Vorleſung zu kümmern, den ———— 285 erſtaunt zu ihm aufſehenden Schultze,„nein das iſt nichts⸗ würdig.“ „Was iſt denn, was giebts?“ frugen die Andern dazwi⸗ ſchen, neugierig durch die Ausrufungen gemacht. „Nein abominabel!“ rief aber Steinert noch einmal, „ha das Schrecklichſte der Schrecken, das iſt der Menſch in ſeinem Wahn.“ „Na, wer iſt nun wieder todt, Herr Steinert?“ frug Mehlmeier aus ſeiner Ecke vor, in der er ſich ganz gemüthlich mit einem Glas Eierpunſch niedergelaſſen hatte—„war er lange krank?“ „Nein hören Sie nur,“ rief aber Steinert in gerechter Entrüſtung dem Mann, dem er vorher die Zeitung weggenom⸗ men hatte, jetzt auch das Licht vor der Naſe wegziehend und vor ſich hin rückend,„man ſollte wirklich kaum glauben, daß etwas derartiges möglich wäre.“ „Aber zum Teufel ſo ſchießen Sie doch einmal los!“ rief Herr Schultze, der endlich ungeduldig wurde, und über ſeine Brille, die er beim Leſen aufſetzen mußte, mit ſeitwärts gehaltenem Kopfe nach dem Beſitzer der Weſerzeitung hinüber ſah,„was iſt denn vorgefallen.“ „Man ſollte doch wirklich nicht denken daß die menſch⸗ liche Natur einer derartigen Scheußlichkeit fähig wäre,“ ſagte aber Steinert, alſo aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas näher zu dem occupirten Licht herüberziehend,„da ſteht von Hanno⸗ ver aus, über dem Steckbrief von zwei Menſchen— es iſt nur gut daß ſämmtliche Steckbriefe gerade ſo eingerichtet ſind, . 286 daß ſie immer gleich auf eine ganze Gemeinde paſſen— ein Bericht, den ich Ihnen einmal vorleſen werde.— Von einem Greiſe will ich ſingen, der neunzig Jahr die Welt geſehn,— alſo paſſen ſie auf.“ Waldenhayn den 29. Auguſt. Am Dienſtag Abend den 18. Auguſt dſ. J. verließen der unfern des Dorfes an einer etwas vom Wege abſeits gelegenen alten Förſterswohnung, zur Zeit nicht mehr anſäſſige und ſchon gekündigt ſeiende, auch ſchon ſeit längeren Jahren in keinem guten Ruf, und die letz⸗ ten ſechs Monate ſogar unter polizeilicher Aufſicht ſtehende— hah— erlauben Sie erſt einmal meine Herren daß ich abſetze, um Athem zu holen— der Canzleiſtyl kann einem Schnell⸗ läufer die Lunge zuſchnüren— polizeilicher Aufſicht ſtehende Carl Heinrich Steffen, von den Dorfbewohnern ſeines ſchwar⸗ zen Haares und Bartes wegen gewöhnlich„der ſchwarze Stef⸗ fen“ genannt, und unter dieſem Namen auch in dortiger Ge⸗ gend überall bekannt, mit ſeiner Frau der Johanna, Julie, Gertrude Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weiſe ſeine mit. ihr in rechtmäßiger Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehe⸗ lich erzeugtes Mädchen, indem ſie dieſelben Abends unter dem Vorwand auf das Amt citirt zu ſein verließen, und allem Ver⸗ muthen nach ihren Weg nach Amerika oder ſonſt in das Aus⸗ land genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt wer⸗ den konnten. Die Kinder wurden von den nächſten, etwa eine Viertelſtunde von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn, erſt am fünften Tag halb verhungert gefunden, da ſich dieſel⸗ ben durch eine vorgeſchobene Lüge der unnatürlichen Eltern, —— — ———y ᷣ———, —— 4 287 die ihnen erzählt hatten, daß ein doler Hund die Gegend draußen unſicher mache, nicht getraut hatten— der Satz nimmt wieder kein Ende— nicht getraut hatten den äußeren Weg zu betreten. Die Kinder ſind in den Altern von 9, 5, 3 und 1 ½ Jahr alt— es iſt ſcheußlich, wahrhaftig und kaum zu glauben— 1 ½ Jahr und einſtweilen von der Gemeinde von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen Geiſtlichen verſorgt und vor augenblicklichem Mangel geſchützt worden. Donnerwetter der junge hübſche Burſche der Georg Donner, das war ja der Sohn von dem Paſtor in Waldenhayn.“ „Na und nun weiter?“ frug der alte Soldat mit dem rothen Schnurrbart,„kreuz Element ſie werden die ſchurkiſchen Eltern doch wohl erwiſcht haben.“ „Ja erwiſchen,“ ſagte Steinert, unwillig mit dem Fuße ſtampfend,„da hier drunter ſteht der Steckbrief von den Bei⸗ den, mit einer freundlichen Bitte an alle Polizei⸗ und Juſtiz⸗ behörden die beiden unnatürlichen Eltern im„Betretungsfalle“, ja, hat ſich was— im Betretungsfalle nach dem Amt Ohn⸗ leben zurück⸗ und abzuliefern.“ „Das iſt ja furchtbar, wenn man ſich das ſo bedenkt,“ ſagte der kleine ängſtliche Mann neben Herrn Steinert, indem er die eigene Brille abnahm und auswiſchte und dann halb ſchüchtern die Hand nach der Zeitung ausſtreckte, die Steinert neben ſich hingelegt hatte, ſie aber raſch und wie erſchreckt wieder zurückzog, als dieſer, ohne ſeiner Bemerkung einer Ant⸗ wort zu würdigen, noch einmal danach griff. ————— —— 288 „SIch begreife nur nicht daß ſie ihn nicht wieder erwiſcht haben,“ ſagte Herr Schultze. „Er wird ſich wohl heimlich fortgemacht haben,“ meinte Mehlmeier und ſah ſich erſtaunt um, als die Uebrigen lachten. „Und ſolche Scheuſale kommen dann alle nach Amerika,“ rief der Mann mit dem rothen Schnurrbart,„und nachher ſoll man's den Amerikanern verdenken, wenn ſie von uns Fremden Nichts wollen.“ Die Unterhaltung wurde hier plötzlich durch den etwas ungeſtümen Eintritt eines anderen Reiſegefährten und zwar des Dichters Theobald unterbrochen, der übrigens in einem ſehr außergewöhnlichen Zuſtand, mit zerriſſenem Rock, blutigem Geſicht und außerdem noch in furchtbarer Aufregung die Thüre hinter ſich zu, ſich ſelber in einen Stuhl warf, und ein Glas Punſch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden Barkeeper forderte. „Hallo Herr Theobald?“ ſagte Mehlmeier, der der Thür am nächſten ſaß und die jedenfalls mishandelte und bös zuge⸗ richtete Geſtalt des kleinen ſchmächtigen Mannes etwas erſtaunt betrachtete—„wie ſehn Sie denn aus? was haben Sie denn angefangen und wo ſind Sie geweſen?“ 8 „Ha Rache— Rache!“ knirſchte aber nur der Poet als einzige Antwort durch die Zähne—„Nache will ich haben und wenn ich mir Blitze vom Himmel dafür borgen ſollte.“ „Würden Sie ſchwerlich eine Leihanſtalt dazu finden,“ ſagte der Mann mit dem rothen Schnurrbart,„übrigens ſehen — 289 Sie gerade ſo aus, als ob Sie einem Iriſchen Draymann unter die Fäuſte gerathen wären, was neu eingewanderten Deutſchen manchmal paſſirt. Sie können wahrſcheinlich noch nicht boxren.“ „Boxen?“ wiederholte Theobald aber entrüſtet,„boxen Sie einmal, wenn eine halbe Straße über Sie herfällt und Sie mishandelt— boxen— ha wenn mir die Canaillen freien Raum mit dem Schuft gegeben hätten, er lebte jetzt nicht mehr— „Und Sie ſäßen dann in der Calabouſe und könnten Betrachtungen über die innere Polizei Louiſianas anſtellen,“ ſagte der Rothbart trocken. „Aber ſo erzählen Sie doch nur,“ rief Steinert; er hatte die Zeitung bei dem troſtloſen Anblick ihres Reiſegefährten zur Seite geworfen, die ſich jetzt der Mann mit der grünen Brille raſch herüber nahm, die augenblicklich freie Zeit zu benutzen—„was iſt geſchehn, was iſt vorgefallen. Donner⸗ wetter Mann, Sie haben famoſes Glück. Sie kamen hierher Schickſale zu erleben und darüber ſchreiben zu können, ſind da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen reichhaltigen und koſtbaren Stoff zu Ihren Verſen liefern kann. „Ich danke Ihnen für die Goldquelle,“ rief Theobald, „die man mit der eigenen Haut bezahlen muß; aber Stoff hab' ich allerdings gefunden Bände zu ſchreiben, und ben Gott, ich werde ihn benutzen.“ „Aber ich bitte Sie um Gottes Willen“— Gerſtäcker's Nach Amerika. III. 19 290 „Gut, ſo hören Sie; ich gehe oben in der Stadt über einen großen freien Platz, auf dem ein höchſt ungeſchicktes ſtei⸗ nernes Gebäude, ein großes Dach eigentlich nur von vier⸗ eckigen ſteinernen Pfeilern getragen ſteht;“ „Oh das iſt ein Markthaus,“ ſagte der Rothbart. „Schön,“ fuhr Theobald fort,„alſo in dieſem Markt⸗ haus, wo aber nicht viel zu verkaufen war“— „Da müſſen Sie Morgens hinkommen.“ „Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke— alſo in dieſem Markthaus reizten meine Aufmerkſamkeit ein⸗ zelne, hell erleuchtete Stände, auf denen große Meſſing⸗ und Kupfer⸗Maſchinen mit Hähnen unten daran zum Ausſchenken ſtanden, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten Tiſche mit deliciöſem Backwerk und Kaffee⸗ und Theegeſchirr bedeckt waren. Allerliebſte junge Mädchen“— .„Na erzählen Sie uns nicht die alte Geſchichte,“ unter⸗ brach ihn der Rothbart da wieder,„um das zu ſehn, brauchen Sie nur um die nächſte Ecke zu gehn; da ſtehn auch welche.“ „Aber wir kennen es noch nicht, verehrter Herr,“ ſagte Schultze,„bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und laſſen Sie ſich nicht irre machen von— von dem Herrn da. 4 „Allerliebſte junge Mädchen ſtanden daneben und credenz⸗ ten den Spatziergängern, die an ihren Tiſchen ſtehen blieben, Kaffee, Thee oder Chokolade, und ich war auch zu einem der Tiſche gegangen, an dem ein reizendes Kind mit etwas dunk⸗ ler Haut aber wundervollen Augen und langen kaſtanienbrau⸗ nen Locken— — N* 5₰ 291 Die freie kühne Stirn von ihnen überwallt Und in dem Blick, mit zauberiſcher Gewalt, Den ganzen weiten Himmel offen, Auf mich hernieder ſah.— Betroffen, Ja zitternd faſt von Luſt und Liebeswahn Betrete ich des holden Mädchens Nähe Und frage— ſtammle halb verzückt Von ſolcher nie geahnten Schöne Oh Holde ſprich— „Ich bin verrückt,“ fiel hier der Rothbart trocken ein, den Reim completirend; während ſich aber Theobald ſtolz und indignirt von ihm abwandte, erklärten ſich die übrigen Gäſte ſämmtlich über den ewigen Störenfried entrüſtet, und Steinert beſonders, der aufſtand und in einer wohlgeſetzten Rede den Mann zu vernichten ſuchte, wandte ſich dann wieder an den Dichter und ſagte— „Laſſen Sie ſich nicht irre machen Herr Theobald— Sie wiſſen wohl— ein dicker fetter Mops ging einſt im Monden⸗ ſchein ſpatzieren— erzählen Sie nur weiter; fahren Sie fort in Ihrer trefflich begonnenen Improviſation— Sie ha aufmerkſame, theilnehmende Zuhörer— da iſt auch Ihr Punſe der wird Ihnen gut thun.“ Theobald trank einen tüchtigen Schluck, aber den poeti⸗ tiſchen Anlauf, den er genommen, fand er nicht wieder, und erzählte nun den Reiſegefährten mit proſaiſchen aber dadurch auch kürzeren Worten, wie er über den Markt gegangen, bei einem wunderhübſchen, etwas dunkelhäutigen Mädchen ſtehen geblieben und in Gedanken eine Taſſe dünnen Kaffees nach der anderen, jedesmal für 6 ½ cent die Taſſe, getrunken habe, 19 ☛ 292 als eine arme, abgeriſſene alte Frau, vor Fieberfroſt ſchüttelnd, herangekommen ſei, und ſich dicht neben den Kaffeeſtand an einen Pfeiler gekauert habe. Das junge Mädchen erkundigte ſich theil⸗ nehmend bei ihr was ihr fehle und ſchenkte ihr dann eine Taſſe heißen Kaffee ein, die die kranke Alte mit zitternden Händen nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder zurückreichen wollte, als ein Mann, derſelbe der ihm dieß Gaſthaus recommandirt habe, als er ihn am erſten Tag zu— fällig auf der Straße traf, über den Weg wegſprang, der Frau die Taſſe aus der Hand riß und auf die Steine warf, daß ſte in tauſend Scherben zerſplitterte, und dann auf das holde, vor Angſt jetzt zitternde Kind losſprang, ſie zweimal mit aller Kraft auf die furchtgebleichten Wangen ſchlug, und ſie in deutſcher Sprache mit den nichtswürdigſten Worten ausſchalt und ſchimpfte, weil ſte den Kaffee, der ihrem Herrn gehöre, ver⸗ ſchenke, und die Taſſen, aus denen kein Gentleman dann wie⸗ der werde trinken wollen, ſolch ſchmutzigem alten Drachen zum ebrauch in die Hände gebe. „Das war zu viel“ rief Theobald, in der Erinnerung an die erlebte Schandthat noch einmal von ſeinem Stuhle auf⸗ ſpringend;„ein deutſches Mädchen, denn dafür mußte ich die Unglückliche jetzt halten, vor meinen Augen alſo mishandelt zu ſehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei Sätzen auf den Elenden zuſpringend, faßte ich ihn bei der Bruſt, ſchleu⸗ derte ihn zurück und ſchwur ihm, daß ich ihn zu Boden ſchla⸗ gen würde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe, das ich von dieſem Augenblick an unter meinen Schutz ge⸗ 7 A. 293 nommen.“„Was?“ ſchrie da der Bube, zu feige mir ſelber männlich entgegen zu treten—„was?— wollen Sie ſich hier einmiſchen wenn ich meine Sclavin züchtige,— Sie Aboli⸗ tioniſt Sie?“— Und wie er das Wort ſprach, und dann noch einer Zahl vorübergehender Menſchen etwas in Engliſcher Sprache zurief, das ich nicht verſtehen konnte, ſchrieen die plötzlich„Ein Abolitioniſt— ein Abolitioniſt“ und noch eine Maſſe anderes Zeug und fielen über mich her, riſſen mir den Rock in Stücken, ſchlugen mich über den Kopf, und hätten mich, glaub' ich, erwürgt, wenn nicht glücklicher Weiſe ein paar Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen wären, die mich in Schutz nahmen und der Rotte aus den Händen riſſen.“ „Scheußlich— nichtswürdig— niederträchtig!“ ſchrieen die Deutſchen in gerechter Entrüſtung, nur der Mann mit dem rothen Schnurrbart drehte dieſen langſam in die Höhe und ſagte: „Sie können ſich gratuliren daß Sie dießmal ſo wegge⸗ kommen ſind; wer unter den Wölfen iſt muß mit ihnen heulen, und wer in einem Sclavenſtaat leben will und nicht das Maul halten kann, dem wäre wohler er hätte das Land nie geſehen?“ „So, meinen Sie?“ rief aber Theobald, noch von der vorigen malitiöſen Bemerkung entrüſtet—„ich werde ihnen aber hier beweiſen was ich zu thun im Stande bin— ſie haben mich gereizt und ſie ſollen meine Rache fühlen.“ 3 „Gefährlich iſt's den Leu zu wecken“ ſagte Steinert. „Und was können Sie thun?“ frug der Rothbart achſel⸗ zuckend.“ 294 „Was ich thun kann?“ rief Theobald, den Reſt ſeines Punſches auf einen Zug leerend—„ich habe eine Waffe die ſie zu Boden ſchmettern, und den Zorn der Völker auf ſie nie⸗ derrufen, nein noch ſchlimmer, die ſie der eigenen Schaam und Verachtung preis geben ſoll.“ „Und wenn's eine Kanone wäre mit lauter Spitzkugeln geladen“ ſagte der Mann kopfſchüttelnd,„und wenn ſie mit Dampf gefeuert würde, könnten Sie Nichts gegen dieſe Maſſe und gegen Gewalt ausrichten.“ „Es iſt mehr wie das!“ rief aber Theobald mit freudigem Selbſtbewußtſein—„es iſt meine Federl“ „Bah“ ſagte der Rothbart, trank ſein Glas aus, ſtand auf und verließ das Zimmer. „Wer iſt denn der unverſchämte Geſell?“ frug Steinert, als jener die Thür hinter ſich zugemacht hatte und draußen mit dem Barkeeper abrechnete—„wo kommt er her und was treibt er?“ „Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr“ ſagte der kleine Mann mit der grünen Brille, indem er dieſe abnahm und ſich entſchuldigend gegen Herrn Steinert verbeugte,„ſo iſt dieſer Herr, ſo unſcheinbar er da ſaß und ausſah, Einer der reichſten Leute in der Stadt, der vier Häuſer in Canalſtreet und einen halben square in Tchapitoulas street beſitzt. 1 „Den Teufel auch“ rief Steinert. „Meine beiden Ohren ſtehen Ihnen zu Dienſten wenn ich nicht die Wahrheit rede,“ bekräftigte aber der Höfliche ſeine Worte,„der Herr mit dem langen rothen Schnurrbart weiß 295 kaum wie reich er iſt, beſucht aber regelmäßig ſämmtliche deutſche Wirthshäuſer in denen Auswanderer einkehren, unter⸗ hält ſich mit ihnen und hat, wenn ſie ihm gefallen, ſchon Man⸗ chens Glück gemacht.“ „Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn das nicht gleich geſagt?“ fuhr ihn Steinert an, während ſich der kleine Mann mit einem ſchüchternen Achſelzucken etwas weiter von ihm fort und wieder hinter ſeine grüne Brille zu⸗ rückzog, Theobald aber, durch die ſchlechte Behandlung und den ſtarken Punſch erregt, ſchwor daß der Mann, und wenn er ein Millionair wäre, kein Herz im Buſen und keine Ader für Poeſie habe, und verließ nach dieſer anatomiſchen Behaup⸗ tung raſch das Zimmer ſein eignes Lager zu ſuchen, oder ſich wenigſtens der beſchmutzten und zerrißnen Kleider zu entledigen. Die übrigen Gäſte blieben noch eine Zeitlang, theils po⸗ litiſtrend, theils über die hieſigen Verhältniſſe plaudernd, zu⸗ ſammen, bis endlich Einer nach dem Anderen ſein Glas aus⸗ trank, entweder zu Bett zu gehn, oder die eigene Wohnung aufzuſuchen. Nur ein einzelner Mann, der den ganzen Abend ſtill und lautlos in der dunkelſten Ecke des Zimmers geſeſſen und ſeinen Grog für ſich allein getrunken hatte, ohne mit Einem der Uebrigen zu verkehren, blieb noch zurück und be⸗ ſtellte, als der großäugige Barkeeper vor ihm ſtehen blieb, als ob er ihm ebenfalls andeuten wolle daß es Zeit ſei zu Bett zu gehn, noch ein letztes Glas als Abendtrun!kn. Als der Burſche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo er ſein heißes Waſſer ſtehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der „ 2 8 296 Fremde(es war ein alter Bekannter von uns, und der Mann der ſich an Bord der Haidſchnucke Meier genannt hatte) langſam zu dem Tiſch an dem die Zeitungen lagen, griff ſich die Weſer⸗ zeitung heraus, ſuchte ein paar Secunden darin, und riß dann den Theil des Blattes, auf dem der vorgeleſene Steckbrief ſtand, ab. „Hallo Sir— das ſind neue Zeitungen“ ſchrie ihn aber der Barkeeper an, der in dieſem Augenblick mit dem beſtellten dampfenden Grog wieder zurück in's Zimmer kam—„wer hat Euch erlaubt da ein Stück herauszureißen?“ „So?“ ſagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das Stuͤck zuſammendrehte und über den Licht entzündete, ſich ſeine Pfeife anzubrennen—„ich glaubte es wären alte.“ „Na ja, und nun verbrennen Sie's noch—“ „Was koſtet denn ſo eine Nummer—“ „Was koſtet ſo eine Nummer?— die ſind hier gar nicht wieder zu bekommen.“ „Das thut mir ſehr leid“ ſagte der Mann achſelzuckend, nahm das Glas, während der Fidibus ihm in der Hand bis auf den Stumpf verbrannte, trank es auf einen Zug aus, und verließ dann ebenfalls das Zimmer. *—— Druck von Ferber& Seydel in Leipzig. ——