Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — — Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. F. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗] — den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wir. Abonnewent. Da ſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und— betron eme eren 2 füͤr wöchentlichze 2 Büec hher: 4 Bücher: 6 Bücher 1 2 1———— auf Wnenat⸗ 8, 4 Mt— Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. J — 3— 4 Auswärtige 2 rnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 8 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene’, verlorene und def 85 Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkés, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des anhn verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mirfgeliehen, auchgdafür zu ſtehen haben. — von „ riedrich Gerſtäcker.Sr 2 Illuſtrirt von Carl Reinhardt. Zweiter Band. Teipfig, Berlin, Hermann Coſtenoble, Nudolph Gaertner, Verlagsbuchhandlung. Amelang'ſche Sort.⸗Buchhandlung. 1855.. Inhalt des zweiten Bandes. Capitel 1. Die Seeſtadt Der Weſerkahn Das Schiff In See Die Paſſagiere. Leben an Bord Leben an Bord(Fortſetzung) Die Entdeckung Land 9 A 5 9 5 N —— — Gerſtäcker's Nach Amerika. II. Capitel I. Die Seeſtadt. Am 29. Auguſt Abends zehn Uhr raſſelten zwei Droſch⸗ ken durch die engen, noch ziemlich belebten Straßen Bremens, und hielten, dicht hintereinander, vor dem offenen Thorweg des„Hannoverſchen Hauſes“ aus dem ein paar geſchäftige Kellner ſprangen, die Neuangekommenen in Empfang zu nehmen. „Um wie viel Uhr fährt morgen früh die Haidſchnucke ab?“ frug ein ältlicher Herr, der in einen weiten Mantel ge⸗ wickelt haſtig aus dem erſten Wagen ſtieg, indeß aus dem anderen ein paar Damenhüte ſchauten, als ob ſie noch un⸗ ſchlüſſig wären hier auszuſteigen oder weiter zu fahren. „Haidſchnucke?“ ſagte der Oberkellner etwas verblüfft den Fremden und dann den ebenfalls herzugekommenen Hausknecht anſchauend—„Haidſchnucke?“ „Weet ick nich“ erwiederte dieſer, kurz angebunden, und fing an, ohne weiter zu fragen die verſchiedenen, vorn auf dem Bock aufgehäuften Koffer und Hutſchachteln von dieſem dernen zu ziehen. „Das Schiff Haidſchnucke, Capitain Siebelt, nach New⸗ Orleans beſtimmt,“ erklärte der Fremde— ein alter Bekann— ter von uns, Profeſſor Lobenſtein— dem Kellner indeß;„der Abgang war auf morgen früh beſtimmt, und ich wollte ſchon geſtern hier ſein, bin aber um einen Tag aufgehalten worden.“ „Ach Sie meinen ein Seeſchiff,“ ſagte der Kellner be— ruhigend,„da brauchen Sie keine Angſt zu haben; die gehen ſelten ſo pünktlich— befehlen Sie zwei oder drei Zimmer?“ „Ja ſelten ſo pünktlich,“ wiederholte der Profeſſor unge⸗ duldig—„darauf kann ich mich nicht einlaſſen— He!— Sie da— wo laufen Sie denn mit den Sachen hin? laſſen Sie mir das erſt Alles einmal auf der Hausflur ſtehn, bis Sie weiteren Beſcheid bekommen. Wo wohnt denn wohl der Rheder der Haidſchnucke?“ „Der Rheder der Haidſchnucke?“ wandte ſich der Ober⸗ kellner wieder fragend an den Hausknecht—„wer hat denn die Haidſchnucke eigentlich?“ „Weet ick nich“ ſagte der Hausknecht wieder wie vorher kurz angebunden. „Ferdinand Heſſburg“ kam ihm der Poofeſſor hierbei zu Hülfe,„die Firma heißt, glaub' ich, Heſſburg und Sohn.“ „Ach ich weiß naſ erwiederte der zweite Kellner jetzt — das Geſchäft iſt in der Seemannsſtraße, aber Heſſburgs wohnen am Wall.“ 5 4 die Taſchen, während drinnen im Haus ängſtlich beſtürzte Stimmen laut wurden, und Leute hin und wieder liefen. Oben in der erſten Etage öffnete ſich aber auch gleich darauf ein Fenſter, und eine ziemlich ärgerliche Baßſtimme frug her⸗ unter wer da wäre, und wo es brenne? „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung“ ſagte aber der Profeſſor, unwillkürlich in der Dunkelheit ſeinen Hut ab— nehmend,„mein Führer hier hat ſo entſetzlich an der Klingel geriſſen.“ „Zu wem wollen Sie?“ frug der Baß oben, die Ent⸗ ſchuldigung unten kurz abſchneidend—„hier wohnt kein Doktor.“ „Habe ich das Vergnügen mit Herrn Heſſburg zu ſpre⸗ chen?“ frug aber der Profeſſor zurück. „Mein Name iſt Heſſburg,“ ſagte der Baß.⸗ „Dann ſind Sie wohl ſo freundlich mir zu ſagen, um welche Tageszeit die Haidſchnucke morgen ſegelt“ ſagte der Profeſſor, froh endlich an den rechten Mann gekommen zu ſein,„und ob ich noch zur rechten Zeit komme, wenn ich jetzt Ertrapoſt nehme und die Nacht durch nach Bremerhafen fahre — ich habe mich um einen Tag verſpätigt und möchte das Schiff nicht verſäumen.“ „Ertrapoſt nehmen?“ frug die Stimme oben erſtaunt; morgen früh um ſechs und Mittags um elf geht ja ein Dampf⸗ boot nach Bremerhafen, warum wollen Sie denn nicht mit dem fahren?“ „Aber komme ich dann noch zur rechten Zeit?“ it ◻☛ Die Stimme oben murmelte etwas, das der Profeſſor unten nicht verſtehen konnte—„ſind Sie ein Paſſagier der Haidſchnucke?“ ſagte es dann wieder lauter. „Aufzuwarten— Profeſſor Lobenſtein aus Heilingen.“ „Ah— bitte um Entſchuldigung Herr Profeſſor, daß ich Sie habe ſo lange da unten ſtehen laſſen. Marie machen Sie einmal unten die Thüre auf.“ „Bitte, bitte“ rief aber der Profeſſor—„ich will Sie keineswegs mitten in der Nacht beläſtigen— alſo komme ich noch früh genug wenn ich morgen um ſechs Uhr mit dem er— ſten Boot abfahre?“ „Die Haidſchnucke wird wohl kaum vor Abend in See gehn— der Wind it noch nicht ganz günſtig“ ſagte der Baß oben—„wenn Sie um 11 Uhr fahren haben Sie vollkom⸗ men Zeit— das Schiff liegt vor Brake und wird morgen früh noch einige verſpätete Fracht an Bord nehmen.“ „Vor Brake?“ wiederholte der Profeſſor, mit der Geo⸗ graphie der Weſer noch nicht ſo weit bekannt. „Der Hafen dieſſeit Bremerhafen“ ſagte der Baß— „die Leute auf dem Dampfboot kennen den Ort und das Schiff „Ich bin Ihnen ſehr verbunden—“ „Bitte Herr Profeſſor— Sie werden entſchuldigen—“ „Bitte ſehr— ich habe um Entſchuldigung zu bitten—, Sie in ſo ſpäter Nachtzeit noch geſtört und beläſtigt zu haben.“ „Oh— war mir ſehr angenehm Ihre werthe Be—“ das übrige verſchwamm in einem dumpfen, underſtändlichen zu „Kann ich Jemand bekommen der mich dorthin begleitet?“ frug der Profeſſor. „Es iſt zehn Uhr vorbei“ ſagte der zweite Kellner, achſel⸗ zuckend. „Ich muß Jemanden aus dem Geſchäft noch dieſen Abend ſprechen“ beharrte aber der Profeſſor in der einmal ge⸗ faßten Furcht, daß er die Abfahrt des Schiffs verſäume,„können Sie mir Jemand von hier mitgeben, ſo mögen meine Damen ſo lange in das Gaſtzimmer gehn und ſich ein wenig reſtau⸗ riren. Iſt es dann nöthig, ſo nehmen wir nachher Erxtrapoſt und fahren nach Bremer Hafen hinaus.“ Die Damen waren indeß ausgeſtiegen, und die verſchie⸗ denen Collis in dem Gaſtzimmer, an deſſen Abendtafel es ziemlich lebhaft herging, neben dem Ofen aufgethürmt worden zu augenblicklicher Weiterbeförderung, falls dieſe nöthig wer⸗ den ſollte, bereit zu ſein. Der Profeſſor Lobenſtein aber ging raſchen Schrittes, mit dem einſylbigen Hausknecht als Führer, die Straßen entlang, dem bezeichneten Stadtviertel zu, bis Jahn, wie der Hausknecht hieß, vor einem ſehr eleganten Hauſe Halt machte und dort auch, ohne weiter ein Wort zu ſagen, mit ſolcher Gewalt an dem Meſſinggriff der Klingel riß, daß das ganze Haus von dem ſo rläzlich geweckten Ge⸗ läute wiederſchallte. „Aber um Gottes Willen“ rief der etwas rückſichtsvolle Fremde erſchreckt. „Dat ſollen ſe woll'hört hebben“ meinte aber Jahn ruhig und ſchob ſeine Hände, wie vollſtändig mit ſich zufrieden in 4* 1 Murmeln, unter dem ſich das Fenſter oben langſam wieder ſchloß, und der Profeſſor bedeutete ſeinen Führer, ihn ſo raſch als möglich, zu dem Hotel zurückzubringen. Lobenſteins hatten dort indeſſen, ſo gut das in dem ziem⸗ lich beſetzten Speiſeſaal eben gehen wollte, einen der Ecktiſche in Beſitz und Platz daran genommen, und ſich Thee und But⸗ terbrod geben laſſen, auf eine mögliche Nachtfahrt mit Extra⸗ poſt wenigſtens in etwas vorbereitet zu ſein. Die beiden jüngſten Kinder, Carl und Gretchen mußten dabei im Schlaf in die Stube getragen und konnten kaum munter erhalten werden, noch etwas zu ſich nehmen, und legten ſich dann mit den Köpfchen, Carl auf den Tiſch und Gretchen in Mutters Schooß— weiter zu ſchlafen. Der Aufenthalt in dem großen, heißen Saale, mit den vielen Menſchen, dem lauten Reden und Lachen und dem faſt undurchdringlichen Tabacksqualm, die ganze fremde Umgebung dazu mit dem unbeſtimmten Gefühl das Schiff, mit dem ihre ſämmtlichen Sachen befördert worden, am Ende gar ſchon verſäumt zu haben, auch das übernächtige einer ſpäten Fahrt, auf der mit bleierner, peinlicher Schwere der kaum überſtan— dene Abſchied aus der Heimath lag, das Alles vereinigte ſich ſie niederzudrücken und ernſt und traurig zu ſtimmen, und das einfache Abendbrod wurde ſtill und ſchweigend verzehrt. Jedes war mit ſeinen eigenen Gedanken viel zu ſehr beſchäftigt ſich dem Andern mitzutheilen. Nur Eduard, Profeſſor Lobenſteins älteſter Sohn, der einzige vielleicht von der ganzen Familie, der ſich wirklich auf —— —— die Reiſe freute und gern das regelmäßige, ihm entſetzlich lang⸗ weilig vorkommende Schulweſen verlaſſen hatte, einem ande⸗ ren, freieren Lebensberuf zuffolgen, gab ſich in dem Reiz der Neuheit, der die Jugend über ſo Manches hinwegſetzt, den fremdartigen Eindrücken ſelbſt mit einigem Behagen hin. Die Rücklehne ſeines Stuhles gegen die Wand lehnend, über⸗ ſchaute er die bunten, ſich vor ihm wie auf einem aus der Erde heraufbeſchworenen Theater bewegenden Gruppen, und lauſchte den ſich faſt ſämmtlich um Amerika und die Reiſe drehenden Geſprächen der ihm nächſten Gäſte und Fremden, bis ſein Blick endlich auf einen kleinen Mann fiel, der ihnen gerade gegenüber und das Geſicht ihnen zugewendet, ſeinen Platz genommen hatte, und ſie auf das aufmerkſamſte zu be⸗ trachten ſchien. Der Fremde ſaß verkehrt auf ſeinem Stuhl, die Arme auf die Lehne deſſelben und ſein Kinn wieder auf dieſe ſtützend, und ſchien ſich in der That von der übrigen Geſellſchaft ganz zurückgezogen oder abgewandt zu haben, und die neuangekom⸗ mene Familie auf das Genauſte zu betrachten. Es ſchien übrigens, wie er ſo da ſaß, ein kleines ſchmäch⸗ tiges Männchen von vielleicht vierzig bis vierundvierzig Jah⸗ ren, mit grauer runder Mütze und ſchwarzem vorn faſt ſpitz zulaufendem Schild, grauem Frack, grauer Hoſe, grauer Weſte, grauem Halstuch und grauen Zeugſtiefeln, in der linken Hand, lang zuſammengefaltet, ein paar graue Zwirnhandſchuh. Die kleinen lebhaften Augen funkelten dabei ſcharf und forſchend unter dem ſpitzen ziemlich tief niedergezogenen Mützenſchilde vor, und 8 hafteten ſo lang und ſo forſchend erſt auf dem jungen Mann, dann auf der Mutter und auf den Töchtern, bis er Eduards Auge ebenfalls auf ſich zog ungdann, als ob er fühle daß ſein Betragen vielleicht auffällig wäre, ſich weiter mit ſeinem Stuhl zurückzog und ſich mehr ſeitwärts ſetzte. Seine Blicke ſchweiften aber dennoch fortwährend, und wie faſt unwillkür⸗ lich, nach dem Tiſche hinüber, an welchem die fremden Damen ſaßen, und hafteten dann hauptſächlich— Eduard, als er erſt einmal aufmerkſam wurde, konnte das deutlich erkennen— auf ſeiner Mutter. Die Frau Profeſſorin war jedoch viel zu ſehr mit ihren Kindern und der Sorge umt ihr Gepäck beſchäftigt, den kleinen grauen Mann auch nur zu bemerken, viel weniger denn zu finden daß ſie ſelber von ihm ſo ſcharf beobachtet wurden, bis ſie Eduard endlich darauf aufmerkſam machte und ſie frug, ob ſie den Fremden vielleicht ſchon früher einmal geſehen habe. So wie ſie aber zu dem hinüber ſah, ſtand er, wie verlegen, von ſeinem Sitze auf, zog die Mütze vorn womöglich noch weiter herunter, ſteckte dann beide Hände hinten in ſeine Frack⸗ taſchen, und verließ, leiſe vor ſich hin pfeifend, das Zimmer. „Sie, Kellner!“ rief aber jetzt Eduard, den der Mann an zu intereſſiren fing, einem der um ſie beſchäftigten aber ebenfalls ziemlich ſchläfrig ausſehenden Kellner zu—„kennen Sie den Herrn der da eben hinausging?“ „Eben hinausging?“ ſagte der Kellner, einen faulen Blick nach der Thür werfend— „ich habe nicht darauf ge achtet.“ — bt ei — 9 „Der mit der grauen Mütze und dem grauen Rock.“ „Ach— die Nachtigall?“ ſagte der Kellner, und ein breites, etwas dummes Lächeln zog ihn den Mund faſt von einem Ohre bis zum andern. „Die Nachtigall?“ wiederholte Eduard etwas verdutzt. „Nun Sie meinen doch den kleinen grauen Mann mit dem ſpitzen Mützenſchilde?“ lachte der Kellner. „Ja wohl, denſelben.“ 1 „Nun ja, das iſt ein ſonderbarer Kautz, der ſchon acht Tage bei uns wohnt. Er heißt Schultze und will mit der Haid⸗ ſchnucke nach Amerika.“ „Mit der Haidſchnucke?— mit der wollen ja auch wir fort“— rief Eduard raſch—„alſo ſegelt ſie noch nicht mor⸗ gen in aller Früh?“ „Ich glaube nicht“ ſagte der Kellner,„ſonſt wäre die Nachtigall doch ſchon längſt nach Bremerhafen hinauf— auf wann war ſt denn angezeigt?“ „Auf morgen früh— beſtimmt.“* „Ah da haben Sie noch Zeit genug,“ gähnte der Kell⸗ ner—„unter acht Tagen gehn Sie dann gewiß noch nicht in See.“ „Acht Tage?“ rief Eduard erſchreckt—„das wäre eine ſchöne Geſchichte wenn wir hier noch acht Tage im Wirths⸗ haus liegen ſollten../) „Lieber Gott“ meinte der Kellner, eine Parthie abgegeſ⸗ ſener Teller von einem der Nachbartiſche aufnehmend und da⸗ 10 mit fortgehend—„die Auswanderer liegen hier manchmal vier und ſechs Wochen, ehe ihr Schiff ſegelt.“ „Das wären traurige Ausſichten“ ſagte Anna, die nicht weit von Eduard ſaß, und des Kellners Bemerkung gehört hatte—„da hätten wir uns freilich die letzten Tage in Hei⸗ lingen nicht ſo entſetzlich abzuhetzen brauchen.“ „Was weiß der Kellner davon“ tröſtete ſie aber Eduard; „apropos, der kleine graue Mann, der uns da gerade gegen⸗ überſaß und Mutter immer ſo anſtarrte, geht auch mit der Haidſchnucke nach New⸗Orleans?“ „Um Verzeihung,“ fiel hier ein anderer Fremder, der an einem benachbarten Tiſch ſaß, ein, ſich im Stuhl etwas zu⸗ rückbiegend—„habe ich recht gehört und gehen Sie wirklich mit der Haidſchnucke nach New⸗Orleans?“ „Allerdings“ erwiederte ihm Eduard—„wir haben un⸗ ſere Paſſage auf dem Schiff genommen.“ „Ah, das iſt mir doch ungemein angenehm“ erwiederte der Fremde ſich raſch vollſtändig gegen die Damen herum— drehend;„da bin ich ſo frei mich Ihnen als künftigen Reiſe⸗ gefährten gehorſamſt vorzuſtellen.“ Die Damen verbeugten ſich leicht gegen den ſich ſelber Einführenden, und Frau Profeſſor Lobenſtein wollte ihn eben fragen ob er etwas Beſtimmtes über die Abfahrt des Schiffes wiſſe, er ließ ſie aber gar nicht zu Worte kommen, und fuhr raſch, ſeinen Stuhl jetzt vollſtändig zu ihrem Tiſche rückend, fort: „Iſt mir doch wirklich ſehr angenehm; wunderbares Zu⸗ — ſan al h ¹ ziemlich tiefen Falte queer darüber hinziehend, und die kleinen 11 ſammentreffen das, ebenfalls, eh?— wie ſich die Leute doch ſo auf der Welt finden; kommen hier in einem Gaſthaus, an einem Tiſch zuſammen und ſind, unbewußt, im Begriff eine ſo ungeheure Reiſe mit einander zu machen und die Gefahren des Oceans zu theilen., Liegt ungeheuer viel Poeſie in dem Gedanken.“ Der geſprächige Fremde machte hier zum erſten Mal eine Pauſe, indem er ſeine ziemlich geleerte Weinflaſche und ſein Glas von dem Tiſch an dem er vorher geſeſſen, herüber nahm, und vor ſich hinſtellte, und ſein Glas dabei wieder füllte und mit einer Werbeugung gegen die Damen trank. Es war ein Mann ziemlich hoch in den Dreißigen, ſehr ſorgfältig angezogen, mit einem großen Siegelring an dem Zeigefinger der rechten und drei oder vier anderen Ringen an dem kleinen Finger der linken Hand. Er trug ſein Haar da— bei à la malcontent, vollkommen kurz abgeſchnitten, und wie es ſchien dem Bart zu Liebe, dem er deſto volleres und unbe⸗ ſchränkteres Wachsthum geſtattete. Die Tuchnadel, die ſeine ſchwarzſeidene, kunſtgerecht gefaltete Cravatte zuſammenhielt war ein kleiner goldener Bacchus auf einem Faß, der einen, wahrſcheinlich unächten Diamant als Glas in die Höhe hielt und ſein ziemlich ſtarkes Uhrgehänge beſtand aus einer Un— maſſe kleiner goldener oder vergoldeter Werkzeuge, Hammer, Korkzieher, Piſtolen, Flaſchen, Muſikinſtrumente ꝛc. ꝛc. Sein Geſicht machte dabei gerade keinen angenehmen Eindruck; die Stirn war ſehr niedrig und etwas zurückgehend, mit einer 12 blauen Augen flogen unruhig umher, während er ſprach, in— deß der Zug um den Mund eine merkwürdig ſtark ausgeprägte Zuverſichtlichkeit, wie vielleicht auch Eigenliebe verrieth; den— noch ließ ſich ein gutmüthiger Ausdruck darin nicht verkennen, und das ganze Geſicht war entſchuldigt, ſobald man erfuhr, daß es einem Weinreiſenden gehörte. „Und können Sie uns vielleicht genau die Abfahrt des Schiffs ſagen?“ frug die Frau Profeſſorin endlich, die erſte mögliche Pauſe benutzend;„es hieß daß es ſchon morgen früh in See gehen ſollte.“ „Wind und Wetter permitting wie die Engländer ſagen“ lächelte der Weinreiſende, ſehr zufrieden dadurch zugleich ſeine nautiſchen wie auch ſonſtigen Kenntniſſe der engliſchen Sprache gezeigt zu haben. „Was heißt das?“ ſagte die Frau Profeſſorin, etwas verlegen. „Ah, daß ein Schiff nicht ſegeln kann, wenn der Wind nicht günſtig iſt,“ lächelte der Weinreiſende nach den beiden jungen Damen hinüber.„Uebrigens wird die Haidſchnucke keineswegs vor morgen Abend in See gehn“ ſetzte er beruhi gend hinzu;„ich bin mit dem Capitain ſehr eng befreundet— wir haben ſchon manche Flaſche zuſammen ausgeſtochen, und er hat mich verſichert daß er morgen Abend um ſechs Uhr, mit eintretender Ebbe, ſeinen Anker lichten und ſeine Segel ſpan⸗ nen würde. Sie wiſſen wohl, gnädige Frau—„Segel ge⸗ ſpannt und den Anker gelichtet,“ wie wir Seeleute ſingen.“ „Alſo vor morgen Abend nicht? oh das iſt mir ſehr ₰ +— 13 lieb“ ſagte die Frau beruhigt;„dann brauchen wir auch nicht die Nacht durchzureiſen und ich kann die Kinder zu Bett brin⸗ ſe gen, ſobald der Vater zurückkommt. Sie wiſſen es doch ganz n⸗ ewiß?“ gewiß? n,„Parole d'honneur!“ ſagte der Weinreiſende, ſich, mit ä6 der rechten Hand und den Siegelring auf dem Herzen, ver⸗ beugend.„Uebrigens“ fuhr er lebhafter fort,„wird, nach Goethe, wie bekannt, durch zweier Zeugen Mund, überall te die Wahrheit kund, und hier an dem Tiſch ſitzt noch ein Reiſe⸗ gefährte von uns, der ebenfalls ſeine Paſſage auf der Haid⸗ ſchnucke genommen hat und erſt wahrſcheinlich morgen früh um elf Uhr mit dem zweiten Dampfboot nach Brake fahren wird, ſ an Bord zu gehn— Herr Mehlmeier, dürfte ich Sie bitten ſich he 4„einen Augenblick hierherüber zu bemühen und— Sie erlauben mir doch daß ich ihnen Herrn Mehlmeier vorſtellen darf?“ „Wird uns ſehr angenehm ſein“ ſagte die Frau Profeſ⸗ 4 ſorin etwas verlegen; es war ihr eben nicht angenehm, in nd der Abweſenheit ihres Mannes mit ſo vielen fremden Men— . ſchen hier zu verkehren. 6 f 1 Herr Mehlmeier, der indeſſen ſtill und regungslos, und ⸗ ohne auch nur den Kopf nach jemand Anderem umzuwenden, M — vor ſeinem wieder und wieder gefüllten Glas Bier geſeſſen d hatte, war bei dem Ruf ſeines Namens aufgeſprungen, als ob ihn was mit einer Stecknadel an irgend einem empfind⸗ lichen Theil geſtochen hätte. Es war eine große, faſt über⸗ mäßig ſtarke Geſtalt, die des Herrn Mehlmeier, mit einem vollen runden gutmüthigen Geſicht, ſehr breiten Schultern und * ſtattlichem, etwas bauchigem Körper, Marie aber ſowohl wie Eduard, und ſelbſt Anna konnten ſich kaum eines Lächelns erwehren, als er den Mund öffnete, und mit einer ganz feinen weichen, faſt weiblichen Stimme ausrief: „Was befehlen Sie Herr Steinert?“ „Ach lieber Herr Mehlmeier,“ rief aber Herr Steinert— „ich wollte mir vor allen Dingen die Freiheit nehmen, Sie den Damen hier, die wir ſo glücklich ſind künftige Reiſegefähr⸗ tinnen von uns zu nennen, nach aller Form vorzuſtellen— Herr Chriſtian Mehlmeier von Schmalkalden— und— aber ich weiß wahrhaftig Ihren eigenen Namen noch nicht, meine Damen—⸗ „Die Familie des Profeſſor Lobenſtein aus Heilingen“ nahm hier Eduard das Wort, der ſich jetzt beſonders für den dicken Mann mit der feinen Stimme intereſſirte. „Profeſſor Lobenſtein?“ rief Herr Steinert, raſch nach dem jungen Mann herumfahrend—„Familie des Profeſſor Lobenſtein— corpo di Bacho! da ſind wir ja alte Bekannte — habe das Vergnügen ſchon früher gehabt mit Ihrem Herrn Vater in einer ſehr angenehmen Geſchäftsverbindung zu ſtehn — ich machte in Weinen für das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt am Main— und der Herr Profeſſor machten ebenfalls die Reiſe mit.“ „Wir erwarten ihn jeden Augenblick“ ſagte die Frau Pro feſſorin, ſich dabei ungeduldig nach der Thüre umſehend, denn die Bekanntſchaft des Herrn Steinert, der mit ſeiner lauten X (7 Stimme ſchon die Aufmerkſamkeit ſämmtlicher übrigen Gäſte 8 auf ſie gezogen hatte, fing an ihr drückend zu werden. „Er iſt eben fortgegangen ſich über die genaue Abfahrt des Schiffes Gewißheit zu holen,“ ergänzte Eduard. „Ah ja, unſer Schiff“ rief Herr Steinert, ſich plötzlich wieder der Sache erinnernd, wegen der er Herrn Mehlmeier eigentlich herbeigerufen.„Sie haben ja ſelber heute mit den Rhedern geſprochen, nicht wahr lieber Mehlmeier?“ „Ja wohl“ ſagte der dicke Mann mit ſeiner feinſten Stimmlage, während er dabei ſtark mit dem Kopf ſchüttelte. „Dann iſt alſo keine Gefahr daß wir das Schiff ver— ſäumen, wenn wir bis morgen früh hier bleiben?“ frug die Frau Profeſſorin. Herr Mehlmeier nickte ihr aber ſehr be⸗ 3 denklich zu und ſie frug raſch—„Sie glauben doch?“ 1„Bitte um Verzeihung— Gott bewahre“ ſagte der dicke Mann erſchreckt— Das Geſpräch wurde aber hier durch den , Profeſſor ſelber unterbrochen, der in dieſem Augenblick den Saal betrat und noch unter der Thür zwei Zimmer für ſich e und die Seinen mit den nöthigen Betten, beſtellte. Der Ober⸗ n 1 kellner war ihm darin aber ſchon zuvorgekommen, und trotz⸗ 1 dem daß Herr Steinert jetzt mehre Anläufe nahm ein Geſpräch mit Profeſſor Lobenſtein anzuknüpfen, und ſich ihm als alten 4 Bekannten vorzuſtellen, hatte dieſer doch zu wenig Zeit ſich, außer einigen höflich gewechſelten Worten, mit ihm näher 4 einzulaſſen. Die Frauen waren müde und erſchöpft, und das Gepäck mußte nach oben geſchafft werden, wo der Profeſſor ſelber ſeinen Thee trinken wollte; ſo jede weitere Unterhaltung — — 16 auf den nächſten Morgen verſchiehend, empfahlen ſich die Neu⸗ dns 8 gekommenen, und verſchwanden gleich darauf mit den voran⸗ 4 leuchtenden Kellnern in den Gängen der erſten Etage. In dem Gaſtzimmer des Hannöverſchen Hauſes begann aber jetzt erſt, trotz der ſpäten Stunde, ein reges geſelliges Leben. Viele der Paſſagiere der Haidſchnucke, wie noch meh⸗. rer anderer Schiffe deren Abreiſe theils auf morgen, theils auf die nächſten Tage angekündigt worden, hatten ſich hier zuſam⸗ mengefunden und feierten Unter Lachen und Singen, mit Bier oder Champagner, und luſtigen fröhlichen Plänen für„da drüben,“ den„letzten T ag in der Heimath“ wie ſie's nannten. 1„Den letzten Tag in der Heimath“— wie leicht, 3 wie luſtig ſie das ſprachen, und wie laut und fröhlich die Gläſer dazu klirrten, und die Stimmen einfielen in den don nernden rauſchenden Chor ihrer heimiſchen Lieder. Den letz ten Tag in der Heimath; und für wie Viele war es der letzte Tag— wie Wenige von allen denen, die jetzt jauchzend das neue fremde Leben begrüßten, und die Erinnerung in Strö⸗ men Weins verſchwemmten, ſollten die Heimath wirklich wie⸗ derſehn, nach der doch alle Faſern ihres Herzens zurück ſich ſehnten viele Jahre lang.„Der letzte Tag in der Heimath“ t Ad oh es denkt ſich leicht, mit all den wundertollen Bildern, die de unſere Phantaſie ſich aufgebaut, gewiſſermaßen ſchon in Sicht 4 — in Arms Bereich. Mit dem alten Leben abgeſchloſſen hin⸗ ſe ter ſich, voll Ungeduld dem Augenblick entgegenſehend wo ſie 17 das neue beginnen dürfen und können, iſt ihnen das Vaterland nur noch das letzte Sprungbret, von dem aus ſie mit keckem fröhlichem Satz einer neuen Welt in die Arme fliegen, und ſie feiern den Tag und die Stunde, vor deren Nahen ſie Jahre lang gebebt— oh daß ſie nie den Tag beweinen müßten. Die Fröhlichkeit der Auswanderer iſt aber in ſolchen Fällen auch ſelten eine ruhige, meiſt eine wilde, ausgelaſſene, wie das auch wohl kaum anders der Fall ſein kann; ſie wol⸗ len nicht zurückdenken an das was hinter ihnen liegt, und das Nöthigſte was ſie dabei zu thun haben, iſt die Gedanken zu betäuben, die ihnen oft dennoch ins Hign ſteigen, ſie mögen ſie eben haben wollen oder nicht. Eine Menge der jungen Leute waren an dem Abend noch einmal im Theater geweſen, in der fremden Stadt irgend ein altes bekanntes Stück aufführen zu ſehen, und ſaßen jetzt bei ihrem Abendeſſen und Wein, und ſprachen und ſtritten ſich über die Aufführung, als ob ſie nur eben deretwegen allein nach Bremen gekommen wären. Dort in der Ecke rechneten ein paar, die wahrſcheinlich gemeinſame Caſſe mit einander hatten, und jetzt ihre gehabten und zu habenden Auslagen wohl durchſahen; die meiſten aber lachten und plauderten mit ein⸗ ander und tranken und ſangen noch, heimiſche Weine und Lie⸗ der bis ſpät in die Nacht hinein: Ganz ſtill und geräuſchlos war indeſſen ein alter polni⸗ ſcher Jude in ſeiner Nationaltracht, dem langen ſchwarzen ſchmutzigen ſeidenen Kaftan, mit einem Knaben von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren hinter ſich, ebenfalls in das Gaſt⸗ Gerftäcker's Nach Amerika. II. 2 4 1 zimmer gekommen, und hatte ſich an einem der leer gewordenen Seitentiſchchen ein Glas Bier geben laſſen, von dem er in langſamen, durſtigen Zügen trank. Der Knabe trug ein, in ein rothbaumwollenes Tuch eingeſchlagenes Packet unter dem linken Arme, das er neben ſich auf den Tiſch legte und ſich dann zurück auf ſeinen Stuhl ſetzte, den Kopf auf die Lehne deſſelben lehnte, und die Augen ermüdet ſchloß. Das grelle Licht der Lampen fiel voll auf die bleichen, von ſchwarzen vollen Locken umwogten Züge, und der ſonſt wirklich ſchöne Kopf des Kindes bekam, auch vielleicht mit in der unnatür⸗ lichen zurückgeworfenen Lage, etwas unheimlich Krankhaftes, ja faſt Leichenartiges. „Komm Philipp“ ſagte der Alte, als ſie eine Weile ſo geſeſſen hatten, mit unterdrückter Stimme, indem er den jun⸗ gen Burſchen mit dem Fuße anſtieß—„es werd ſpät, pack die Harmonika aus und laß uns anfange. Die Leut' hoben hier viel getrunken und ſind guter Laune; werd auch'was für uns dabei abfalle. Der Knabe öffnete die großen ſchwarzen Augen und ſah den Mann ein paar Sccunden ſtarr an, als ob ey nicht recht begriffen hätte was er ſagte. „Na, werd's bald?“ rief aber dieſer, ärgerlich aufbrau⸗ ſend, aber doch ſo leiſe daß es ſelbſt die an den nächſten Ti⸗ ſchen Sitzenden nicht verſtehen konnten—„iſt es dem jungen Herrn gefällig, oder ſoll ich ihn etwa aufwecken?“ „Ja ja, Vater!“ rief der Knabe jetzt, raſch und erſchreckt emporfahrend—„wollen wir denn noch ſingen heute g ein, in unter dem und ſich die Lhne das gkelle ſchwarzen ich ſchoͤne unnatür⸗ mnkhaftes, Weile ſo den jun⸗ aät, pack ir hoben was für und ſah icht recht aufbrau⸗ jſten Li⸗ N jungen erſchreck n heute 19 Abend?! ſetzte er aber langſamer und faſt wie ängſtlich hinzu. „Wolle wir denn noch ſingen?“ wiederholte der Alte ſpöttiſch und ärgerlich,„Gottes Wunder, glaubt der junge Herr daß ich ihn Abends in die Wirthshäuſer führe zu ſeinem Vergnigen?— wolle wir denn noch ſingen? Abraham und Jacob, was iſt das for a Frog.“ Der Knabe war übrigens ſchon bei den erſten ärgerlichen Worten des Alten von ſeinem Stuhle aufgeſprungen, und ſich die Locken aus der Stirn ſtreichend, machte er ſich eifrig daran, das auf dem Tiſch liegende Packet aufzuknüpfen, und den In⸗ halt auf der Tafel deſſelben auszubreiten. Hierbei war ihm der Alte behülflich, und ordnete jetzt ſelber eine Maſſe mit einander leicht verbundener Stöcke oder Stäbe von weichem Holz, die, manche ſtärker, manche ſchwächer, mit einer Unter⸗ lage von dünn⸗ aber feſtgedrehten Strohſeilen auf den Tiſch an beiden Enden auf- und in der Mitte hohlzuliegen kamen. „Hallo was iſt das?“ rief Steinert, der dem Tiſche zu⸗ nächſt ſaß und die wunderlichen Vorbereitungen bemerkte— „eine Holzharmonika, wahrhaftig,— ah, meine Herren, jetzt werden wir etwas zu hören bekommen; die klingt famos, wenn ſie der alte Burſche da nur zu ſpielen verſteht.“ „Werd' er ſie nicht zu ſpielen verſtehn— ſpielt ſie ſchon finfundzwanzig Jahr“ ſchmunzelte der Alte vergnügt vor ſich hin—„nu Philippche, mei Jingelche jetzt paß auf, und fall mer ein zur rechten Zeit mit der Flöte.“ Zugleich die beiden, ihm zur Hand liegenden Klöppel ergreifend, fuhr er mit raſcher 2* 2 20 geübter Hand über die eigenthümlichen Taſten hin, denen er dabei einen nicht zu lauten, aber wunderbar harmoniſchen vollen Ton entlockte. Wie Glockenſpiel klangen die Laute, die entfernteſten Räume mit ihrem Wohlklang füllend, und die Gäſte, nach allen Richtungen hin horchten hoch auf, vergaßen von was ſie geſprochen, und kamen heran, den Tiſch umdrän⸗ gend, an dem der alte Jude ſpielte. „So Philippche, nu fang an!“ nickte er aber jetzt dem Knaben zu, der bis dahin ſtill und regungslos neben dem Tiſch geſtanden und ſich kaum der Leute hatte erwehren können, die ihn umpreßten; dabei fiel er in die engliſche Volkshymne God save our gracious queen ein, die der Knabe jetzt in der zweiten Stimme mit der Kehle, aber ſo täuſchend den vollen weichen Laut der Flöte nachahmend, begleitete, daß die Zu⸗ hörer wirklich in den erſten Minuten ganz die Harmonika ver⸗ gaßen und noch näher hinanwollten, nur um zu ſehen ob der junge Burſche nicht wirklich eine Flöte habe auf der er ſpiele, und das Alles allein aus der eigenen Kehle herausbringe. Der alte Mann, den der Zudrang freute, denn er bewies ihm die Theilnahme der Hörer und ließ ihn auf gute Ein⸗ nahme rechnen, fuhr dabei mit großer Leichtigkeit und Sicher⸗ heit über die fibrirenden Taſten, und ſeine ganze, erſt ſo ruhige in ſich geſunkene Geſtalt ſchien mit den Tönen Leben zu ge⸗ winnen, und aus ſich herauszugehn. Es war eine kleine ſchmächtige, aber zähe und knochige Geſtalt, der Mann in dem ſchwarzen, ſchmutzigen Kaftan; über die ſcharf gebogene denen er roniſchen Laute, die , und die „vergaßen h umdrän⸗ jetzt dem neben dem en können, olkshymne etzt in der den vollen. die Zu⸗ onika ver⸗ zen ob der rer ſpiele, bringe. er bewies gute Ein⸗ d Sicher⸗ ſo ruhige en zu ge⸗ ine kleine Mann in gebogent ————— Naſe zog ſich ihm eine tiefe dunkle Falte, und zwei ſchwarze Gruben in den hohlliegenden Wangen hoben die dunkelglü⸗ henden, unſtet umherblitzenden Augen nur noch mehr hervor, und verloren ſich in dem fuchſigen, ſorgfältig gekämmten lan⸗ gen und ſpitzen Bart, der nur am Kinn in den ſchon weiß ge⸗ wordenen Haaren das Alter des Mannes verrieth. Der Knabe war, wie ſchon geſagt, etwa zwölf bis drei⸗ zehn Jahre alt, trug aber nicht die polniſche Tracht, ſondern einen gewöhnlichen Rock und eine blaue Mütze, die er neben ſich auf dem Tiſch liegen hatte, während der Mann ſein altes ſchmutziges abgegriffenes Sammetmützchen aufbehielt. Das zwar bleiche doch wirklich ſchöne aſiatiſche regelmäßige Geſicht des Kindes— denn es konnte kaum über die Kinderjahre hinaus ſein, blieb aber kalt und theilnahmlos bei den weich⸗ ſten, ergreifendſten Tönen ſeiner eigenen Bruſt und, ohne Seele, beherrſchte er mit wunderbarer Gewalt faſt, die mäch⸗ tige Stimme, dje ſich oft zu einer Stärke hob, daß die Um⸗ ſtehenden ihr lautes Erſtaunen nicht zurückhalten konnten, und dann in ſtürmiſchen, donnernden Beifall ausbrachen. Mit unnatürlicher Gewalt mußte der Knabe dabei ſeine Stimme, die Töne der Flöte nachzuahmen, zu ihrer höchſten Lage hin⸗ aufzwingen, und der Schweiß ſtand ihm auf der weißen Stirn in großen Tropfen, ſolche Anſtrengung koſtete es ihm. Aber der Alte ſpielte unverdroſſen fort— jetzt„Lützow's wilde ver⸗ wegene Jagd“ wie es Einzelne der Geſellſchaft wünſchten, und. dann„des Deutſchen Vaterland“ nach Anderer Ruf; dann den Jägerchor, und die neueſte Polka, und Trinklieder zuletzt, — 4—— 22 zu denen ſie ihm und dem Knaben Wein brachten, bis ſpät in die Nacht hinein. Zuletzt konnte aber der Knabe nicht mehr— die Stimme ſchlug ihm mehrmals über, und wenn ihn gleich der Alte⸗ ärgerlich dabei anſah, ließ es ſich nicht erzwingen. Philipp ſchaute bittend zu ihm auf und ſchüttelte mit dem Kopf, und der Alte legte plötzlich ſeine Klöppel bei Seite und fing an die Hölzer wieder zuſammenzupacken, während welcher Zeit der junge Burſch einen Teller nahm und in dem Zimmer ſammelnd umherging. Die Gäſte ſchienen allerdings mit dem frühen Aufbruch, wie ſie's nannten, gar nicht zufrieden, und Steinert beſonders verlangte noch einige Lieblings⸗Trink⸗ und Wein⸗ lieder, die kein Menſch weiter kannte, der alte Mann ſchüttelte aber mit dem Kopf und meinte es ſei genug, ſein Junge würde ihm ſonſt krank und könnte nicht mehr pfeifen, und der Ertrag der Sammlung fiel dabei über alles Erwarten reich und gün⸗ ſtig aus. Auswanderer, vorzüglich die in den Hotels wohnenden, haben meiſt immer noch eine Menge„deutſches Geld“ in den Taſchen, das ſie, wie ſie ſagen„doch nicht mit auf das Schiff nehmen können“ und ſind gewöhnlich ſehr freigebig mit dieſer kleinen Münze, ſo lange ſie eben dauert. Sehr zu ihrem Er— ſtaunen müſſen ſie dann aber auch freilich nicht ſelten ſchon eingewechſeltes amerikaniſches Geld wieder„in den Markt“ bringen, und die ewige Klage iſt nachher„oh die theueren Seeſtädte.“ „Von woher ſeid Ihr denn, Alter?“ frug ihn jetzt Stei⸗ einen melte befan Weij „m nert, der, noch am ſparſamſten, nur einige Grote auf den in Teller geworfen hatte—„doch nicht aus Bremen?“ ie Stimme„Gott der Gerechte, nein!“ lächelte der Gefragte, mit einem flüchtigen aber zufriedenen Blick den Haufen eingeſam⸗ melter Münzen, unter denen ſich nicht ein einziges Kupferſtück befand, überfliegend—„bin ich doch von Bromberg.“ „Von Bromberg? Donnerwetter das iſt weit“ ſagte der 4 Weinreiſende—„und was thut Ihr hier in Bremen?“ Kopf, und fing an die 2‧ 4½ or er Zeit der 1 ſammelnd„Was wir in Bremen thun?“ frug der Jude, die Augen⸗ m frühen brauen in die Höhe ziehend—„Gottes Wunder was thun en Uhen 2 4 Sie in Bremen?“ „Ei wir wollen auswandern, Alter“ lachte der Reiſende, einen vergnügten Blick im Kreis herumwerfend. „Als ich aach nicht hierbleiben mag, werd' ich aach aus— wandern“ erwiederte aber der Israelit, die Schultern in die Höhe ziehend. „Was?— auch auswandern?“ riefen aber viele der Um⸗ d Steinert nd Wein⸗ ſchüttelte nge würde der Ertrag. und gün⸗ ſtehenden wie aus einem Mund. „Na?“— ſagte aber der Jude, ſich erſtaunt im Kreiſe umſehend—„iſt's etwa wohl zu hibſch hier für uns Jüden, vohnenden, 1 u heh? wer ſollen uns wohl glicklich ſchätze, daß mer derfe he Er⸗ unſere Steuern zahle und nachher getreten werden wie die ten ſcor Hunde?“ lte„Aber wo geht Ihr hin?“ rief Einer der Uun eberder, n Markt“. n Ma„nach New⸗York 55 theueren.. 1 the Der Alte ſchüttelte mit dem Kopf. „Nach New⸗Orleans.“ — 24 „Und mit welchem Schiff?“ rief Steinert ſchnell. „Mit der Haidſchnucke.“ „Hurrah der Alte ſoll leben“ jubelten aber die Paſſagiere der Haidſchnucke um ihn her—„das iſt prächtig, das iſt ein Reiſegefährte der uns die Zeit vertreiben wird,“ und von ver⸗ ſchiedenen Seiten wurden noch Flaſchen Wein beſtellt den Spielmann zu traktiren, der jetzt kaum hörte wie die Sache ſtand, und das Viele der Anweſenden auf ein und demſel⸗ ben Schiff die Ueberfahrt mit ihm machen würden, als er auch augenblicklich ſein erſt halbgeleertes Glas Bier zurück⸗ ſchob und ſich mit augenſcheinlichem Behagen dem Genuß des wahrſcheinlich lange entbehrten Weines hingab. Der Knabe aber trank ſein Glas aus, und ſetzte ſich dann ſtill und weiter nicht beachtet, in die eine Ecke, lehnte den Kopf zurück gegen die Wand, und ſchloß die Augen— vielleicht ſchlief er — bis die ſpäte Nachtſtunde auch die Uebrigen mahnte aufzu⸗ brechen, und ihn ſein Vater abrief, ihr eigenes Lager in einem kleinen billigen Wirthshaus in der Neuſtadt aufzuſuchen. giere au w nach keite Sac thein und eine ſchlir zu b Auch und ſond Aehr Paſſagiere das iſt ein Hvon velr⸗ eſtellt den die Sache ddemſel⸗ , als er r zuruck⸗ n Genuß cb. Der ſtill und pf zurück ſchlief er te aufzu⸗ in einem chen Capitel 2. Der Weſerkahn. Der nächſte Tag war ein gar geſchäftiger für die Paſſa⸗ giere zweier Seeſchiffe, die noch an demſelben Abend expedirt zu werden hofften, und— der Ausſage der Rheder wenigſtens nach— ſegelfertig und bis auf einige unbedeutende Kleinig⸗ keiten vollſtändig gerüſtet, vor Anker lagen. Tauſenderlei Sachen mußten noch beſorgt und eingekauft werden, die man theils für nöthig, theils ſelbſt für unentbehrlich hielt; Wein und Branntwein wurde dabei angeſchafft, Zucker und Zwieback, eine ganze Ladung von Heringen und Sardellen eingelegt, den ſchlimmſten Feind der Reiſenden, die Seekrankheit, wenn nicht zu bannen, doch damit in ihren Wirkungen zu ſchwächen. Auch mit Blech und anderem Geſchirr, mit Meſſer, Löffeln und Gabeln als auch verſchiedenen Gewürzen, hatten ſich be⸗ ſonders die Zwiſchendeckspaſſagiere zu verſehn, denen etwas Aehnliches vom Schiffe aus nicht geliefert wurde. Und wie 26 viel vergaßen ſie noch, was ſie nachher gern auf dem Schiff fang 5 mit dem Doppelten bezahlt hätten, wo es freilich nicht mehr auf zu bekommen war, und wie viel auch wurde überflüſſig als tege geglaubtes Bedürfniß mitgeſchleppt, nachher eine Weile unbe⸗ All V nutzt im Weg herumzufahren und zu verderben, und dann über gege Bord geworfen zu werden. ang Wer aber kann es den Leuten verdenken, daß ſie nicht gleich wiſſen und verſtehn, ſich auf eine ſo lange mühſelige und mit Entbehrungen und Gefahren verknüpfte Reiſe in we⸗ noch nigen Tagen, oft faſt nur Stunden ordentlich und vollſtändig Her vorzubereiten? Meiſt aus dem inneren Land, mit der See Er 1 V kaum dem Namen nach bekannt, ſchwimmt ihnen Alles was ſie dad vielleicht über eine erſte Einſchiffung geleſen, nur wie in wirren ll Bildern im Hirn herum, die ſie dann nicht faſſen und halten und können, ſobald ſie das zum erſten Mal jetzt praktiſch ausführen tin ſollen, was ſie ſich Monate vorher vielleicht ſchon einſtudirt. i Der Deutſche iſt überhaupt, wo es ins praktiſche Leben in eingreift, das ungeſchickteſte Menſchenkind auf der weiten Got⸗ tes Welt. Viel thut freilich dabei die Erziehung, und gegän⸗ der gelt und am Leitſeil geführt nicht allein bis ins Schwaben in alter, ſondern oft auch bis ins Grab, wird ein ſo vortreff⸗ g licher Staatsbürger aus ihm(den alle anderen, fremden Re⸗ gierungen nicht genug zu rühmen wiſſen) daß er eben zu Nichts ki weiter zu brauchen iſt, und eben nur ſo verbraucht werden i muß. Reißt er ſich aber einmal los aus den alten Verhält⸗ ſ niſſen, läßt er die Leute die bis dahin ſo aufmerkſam und vä⸗ d terlich für ihn geſorgt— zurück, dann macht er auch im An⸗ 27 dem Schiff fang gewiß eine Menge dummer Streiche, tritt anderen Leuten nicht meht aauf die Zehen oder wird von ihnen getreten(in beiden Fällen rflüͤſſig als regelmäßig um Entſchuldigung bittend) und verſtößt gegen Leile unbe⸗ Alles was ihm in den Weg kommt, am meiſten aber gewiß dann übet gegen ſich ſelbſt. Später wird er geſcheut, aber es dauert eine lange Zeit. Jſie nicht Hier aber hat er noch manche Entſchuldigung für ſich; mühſelige eben erſt aus ſeinem heimiſchen Boden geriſſen, die Augen iſe in we⸗ noch von, wenn auch heimlichen, Thränen roth, das pollſtändig Herz zum Brechen voll und den Kopf wüſt und wirr in der t der See Erinnerung an das kaum überſtandene; was Wunder daß er es was ſie da die Tage gerade, wo er die Sinne recht beiſammen haben in wirren ſollte, wie im Traume herumgeht, und trotz allen Büchern ind halten und Rathgebern die er vorher geleſen, erſt wieder an das Nö⸗ ausführen thigſte denkt wenn er„zu Ruhe kommt“, d. h. wenn das Schiff inſtudirt. in See und die Seekrankheit vorüber iſt— weit weit draußen 4 iſche Leben im Ocean— allerdings etwas zu ſpät. veiten Got⸗ So ſieht man Schaaren von Auswanderern die Straßen und gegän⸗ der Seeſtädte den ganzen Tag über durchziehn, in Geſellſchaft chwaben⸗ und einzeln, die Männer mit ihren grauen Filzhüten auf und — vortreff⸗ Blouſen über die Röcke gezogen, die kurzen Pfeifen im Mund nden Re⸗— die Frauen Kinder an der Hand und auf dem Arme, in u Nichts kleinen ſchüchternen Trupps vor jedem aufgeputzten Laden ht werden ſtehen bleibend und die Sachen darin bewundernd, oder weiter Verhält⸗ ſchlendernd und die Aushängeſchilder buchſtabirend, die über n und vi⸗ den verſchiedenen Thüren hängen. Es iſt das die„leere Zeit“ An⸗ in ihrem Leben, der erſte Ruhepunkt vielleicht, ſo lange ſie ch im An⸗ — 28 denken können, eine Zeit in der ſie Nichts zu thun haben— Nichts wenigſtens für an dere Leute, wenn auch eigentlich genug für ſich ſelbſt. Wie eine Reihe von Sonntagen, jeder immer länger werdend als der Vorgänger, ſchleichen die Stun⸗ den an ihnen hin und bieten erſt wieder Stoff zu Gedanken und Betrachtungen draußen in See. Die Eajutspaſſagiere, wie ſolche der Zwiſchendeckspaſſa⸗ giere, die noch über einiges Weld zu verfügen hatten, wohn⸗ ten indeſſen in den beſſeren Faſthöfen Bremens, und benutzten zum Hinausfahren nach ihrem Beſtimmungsort, wo das Schiff vor Anker lag auf dem ſie ihre Ueberfahrt bedungen, eines der kleinen Dampfboote, die täglich zweimal in wenigen Stunden nach Bremerhafen hinausfahren, und überall an den Zwiſchenſtationen anlegen; die meiſten der Zwiſchendeckspaſſa⸗ giere aber, und beſonders ſolche, die von den Rhedern auf einen gewiſſen Tag angenommen waren, von dem aus ſie be⸗ köſtigt werden mußten, waren ſchon an Bord gegangen,*) ihr Geld nicht weiter in der theueren Stadt zu verzehren. Die jedoch, die ſich noch in der Stadt befanden und auf freie Paſ⸗ ſage nach Bord zu mit ihrem Gepäck, Anſpruch machten, da ſie ſich das gleich in ihrem, mit früheren Agenten abgeſchloſſenem Schiffscontrakt feſtgeſtellt hatten, waren am 20ſten Morgens um ſechs Uhr an die Ausmündung einer beſtimmten Straße, unten an die Weſer beſtellt, wo der Kahn Nr. 67— Kahn⸗ *) Das in neuerer Zeit in Bremerhafen errichtete Auswande rungshaus criſtirte damals noch nicht haben— eigentlich gen, jeder die Stun⸗ Gedanken ꝛcckspaſſa⸗ , wohn⸗ benutzten wo das rdungen, wenigen Pan den cspaſſa⸗ dern auf s ſie be⸗ en,*) ihr: en. Die freie Paſ⸗ i, da ſie lofſenem Norgens Straße, Kahn⸗ zwande⸗ führer Meinert— lag, von dieſem gratis an Bord der Haid⸗ ſchnucke geſchafft zu werden. Dort verſammelte ſich denn auch an dem ſchönen ſonni⸗ gen Morgen, dem nur im Weſten dunkel aufſteigende Wolken ein kurzes Ende zu machen drohten, eine Maſſe Menſchen ver⸗ ſchiedenartigſten Alters und Geſchlechts, um ſich mit dem, ver— ſprochener Maßen„bedeckten Flußſchiff“ an den Ort ihrer Beſtimmung baldmöglichſt befördert zu ſehn. Kiſten und Ka⸗ ſten, an denen Karrenführer ſchon ſeit zwei Stunden herbei⸗ geſchafft, lagen an der bezeichneten Landung bunt aufgeſtapelt, und Hutſchachteln, Reiſeſäcke, Körbe mit Victualien ꝛc. ꝛc. wuchſen von Minute zu Minute an Maſſe und Gewicht. Die buntgemiſchteſte Geſellſchaft, die ſich dabei nur den— ken läßt, ſammelte ſich um die Effecten, junge und alte Män⸗ ner, ihren Taback in die freie Luft hinausqualmend und un⸗ geduldig dabei am Ufer auf- und abgehend, und Frauen und junge Mädchen, feſt in ihre Umſchlagetücher eingehüllt, die doch etwas friſche Morgenluft abzuhalten. Die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden; die Ge⸗ ſpräche drehten ſich bis jetzt nur um das Gepäck und das„be⸗ deckte Flußſchiff“ das ſich noch immer nicht zeigen wollte. Damit hatten ſie aber auch vor der Hand übrig genug zu thun, denn dem fehlte ein Koffer, dem war ein Schloß von ſeiner Kiſte abgeriſſen, oder der Deckel eingedrückt worden; der Eine hatte noch dies in der Stadt vergeſſen einzukaufen und mochte nicht mehr hinauflaufen, aus Furcht die Abfahrt zu verſäumen, der Andere das im Gaſthaus liegen laſſen und die 30 Wenſchenmenge wogte und drängte durch einander hin, ſchim⸗ pfend und fluchend hier, lachend und pfeifend oder ſingend da, während neue Karren mit Gepäck noch jeden Augenblick dazu kamen, die Verwirrung, wenn das überhaupt möglich geweſen wäre, zu vergrößern. Die einzige, vollkommen unbewegliche Perſon in dieſem Chaos von Menſchen und Gepäck ſaß auf einem Haufen von Kiſten die zuerſt hergeſchafft und übereinander gethürmt wa⸗ ren, mit untergeſchlagenen Beinen regungslos oben darauf, und ſchien die Confuſion unter und um ſich mit ordentlichem Wohlgefallen, jedenfalls mit vollſtändiger Gemüthsruhe zu betrachten. Es war eine, was man ſo von unten erkennen konnte, vierſchrötige derbe und unterſetzte Geſtalt, jedenfalls den un⸗ teren Volksklaſſen zugehörig, und doch auch wieder mit einem gewiſſen Selbſtbewußtſein in den rauhen, nichts weniger als ſchönen Zügen, als auch in der ganzen Haltung, wie man es nicht immer bei dieſen findet. Der Mann mochte ungefähr fünf⸗ bis achtundvierzig Jahre alt ſein, und der Ausdruck ſei⸗ nes lederartigen faltigen Geſichts hatte, gleich auf den erſten Blick eine ſo merkwürdige und auffallende Aehnlichkeit mit einem großen Affen, der mit unerſchütterlichem Ernſt vor einer Menagerie ſitzt, und das Wogen und Treiben der Menge unter ſich betrachtet, daß wenige der Paſſagiere, ſo viel ſie heut Morgen mit ſich ſelber zu thun haben mochten, an ihm vorübergingen, ohne überraſcht ein paar Secunden vor ihm ſtehn zu bleiben und ihn zu betrachten, oder ſich gegenſeitig in, ſchim⸗ ngend da, blick dazu h geweſen in dieſem ufen von rmt wa darauf, entlichem zruhe zu mkonnte, den un⸗ iit einem niger als wie man ungcfähr druck ſei⸗ en erſten keit mit or einer Menge viel ſie an ihm vor ihm genſeitig ein paar erſtaunte Bemerkungen zuzuflüſtern. Die Mädchen beſonders warfen oft verſtohlene Blicke zu ihm hinauf, und kicherten dann miteinander. Jedenfalls mußte er das bemer⸗ ken, aber er verzog keine Miene, oder wandte auch nur ein— mal den Kopf nach einer der Gruppen um, ſondern paffte in kurzen, regelmäßigen Zügen den Rauch aus einer kleinen ſchmu⸗ tigen, abgegriffenen Pfeife, mit einem großen Porcellankopf, und glich, dies einzige Lebenszeichen abgerechnet, wirklich einer ausgeſtopften und dort oben zur Verzierung des Ganzen hin⸗ geſetzten Figur. Er trug dabei einen einmal grün geweſenen, ziemlich abgeſcheuerten Rock, der beſonders auf den Schultern ordentlich grau und glänzend ausſah, als ob er da oben ganz vorzüglich benutzt worden; eine erbsgelbe, bis an den Hals hinauf zugeknöpfte geſprenkelte Weſte, ein ſchwarzes Halstuch, das eiferſüchtig auch den geringſten Schimmer von Wäſche verdeckte, braun und grün gewürfelte Hoſen, große nägelbeſchlagene Schuh und einen, in eine Unzahl von For⸗ men hineingedrückten alten haarloſen und an den Rändern hellgrau geſcheuerten Filzhut, unter dem nur hie und da dünne, ſtraffe und blonde Haare hervorſchauten. Raſirt hatte er ſich ebenfalls, wahrſcheinlich ſeit ſeinem Entſchluß nach Amerika auszuwandern, nicht, und die weißgeſprenkelten Stoppeln die ſein breites vorſtehendes Kinn umgaben, paßten vollkommen zu der flachen, wie eingedrückten Naſe, den kleinen grauen Augen, vorſtehenden Backenknochen und der niederen Stirn, die ſich ſcharf nach rückwärts, wie ſcheu unter den Hut hin⸗ unterzog. 8 Individuum dem allgemeinen Wirrwarr zuſchaute und ſich voll⸗ kommen geduldig in Zeit und Umſtände geſchickt hatte, ſo un— geduldig wurden die übrigen Paſſagiere, als es jetzt vom Dome her ſechs Uhr dröhnte und das, eine Strecke weiter oben liegende Dampfboot, ſein Deck mit Paſſagieren gefüllt, an ihnen vorbeipuffte. Dabei ließ ſich noch nicht die Spur von einem„verdeckten Flußſchiff“ wie es ſich die Paſſagiere ge— dacht, an der Landung blicken, und nur ein kleiner Weſerkahn, wie ſie dort überall zum Waarentransport gebraucht werden, lag gerade quervor an der bezeichneten Straße, dem Platz ge⸗ nau gegenüber wo ihre Waaren aufgeſtapelt worden, und der Kahnführer, ein hagerer dünner Geſell, mit furchtbar langen Armen und großen Händen, von denen man gar nicht begriff wie er ſie je durch die Aermel ſeiner Jacke gebracht oder, da ſie nun einmal darin waren, wie er ſie wieder herausbringen wollte, ging auf dem Deck ſeines kleinen Fahrzeugs auf und ab. Mehrmals verſuchte er dabei die Hände in die Taſchen ſeiner dunkelblauen ſogenannten Lootſenjacke zu bringen, aber umſonſt, ſie gingen nicht hinein, und er ſchlenkerte ſie dann wieder„zu beiden Borden“ herunter und ſpuckte, ſeinen Ta⸗ back dabei kauend, den braunen ekelhaften Saft regelmäßig einmal über Stürbord und dann über Backbord ins Waſſer hinüber. „Sie da— lieber Freund“ redete ihn endlich Einer der Paſſagiere an, der, in einen grauen weiten Ueberrock geknöpft, bis jetzt ſeiner Ungeduld in einer verwirrten Maſſe von Flüchen So ruhig und anſcheinend theilnahmlos aber auch dies —.,— ch dies ch voll⸗ ſo un⸗ zt vom roben t, an er von re ge⸗ kahn, erden, ge⸗ nd der angen egriff er, da ringen ff und aſchen abet dann Ta⸗ aäßig aſſer „ r der öpft, ichen 33 und Verwünſchungen Luft zu machen geſucht, und das kleine Fahrzeug ſchon lange ärgerlich betrachtet hatte. Der Matroſe, oder was er ſonſt war, warf einen Blick über die Schulter nach ihm hinüber, aber ob er nun glaubte daß die Anrede ihm nicht gelte, oder ſie nicht beachten wollte, kurz er ſetzte ſeinen Spatziergang an Deck ruhig fort und gab keine Antwort. „Sie da— heh— Sie Langer mit der blauen Jacke und der hübſchen Mütze— hören Sie nicht?“ „Und?“ ſagte der Mann jetzt und blieb, den Kopf halb über die Schulter zurückgedreht, ſtehn, während er jedoch den Frager nicht dabei an⸗, ſondern nach den Dächern der nächſten Häuſer hinaufſah, als ob ihn von dort her Jemand gerufen hätte. Steinert, denn der Mann in dem grauen Ueberrock war Niemand anderes als unſer alter Bekannter, der Weinreiſende von geſtern Abend, der übernächtig und mit ſchwerem Kopf gerade übler Laune genug ſchien ſich über die geringſte Klei⸗ nigkeit zu ärgern, murmelte etwas von„Dickſchädel“ und „Holzkopf“ in den Bart, fuhr aber doch in der begonnenen Anrede fort und rief, nur noch mit lauterer Stimme als vorher: „Sie da— Sie werden mit Ihrem Dings da von einem Schiff aus dem Weg fahren müſſen, wenn das andere Schiff kommt, unſere Sachen und uns ſelber an Bord zu nehmen. Sie hätten ſich wohl nirgends anderswo grad' in den Weg hinlegen können?“ Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 3 . 34 Der Matroſe oder Kahnführer glitt mit ſeinen Augen langſam vom dritten bis zum zweiten und von da bis zum erſten Stock und dann quer über die Hausthür weg nach dem Fremden nieder, der ihn angeredet hatte und öffnete dann den Mund— aber blos um ein neues Priemchen Taback hinein⸗ zuſtecken, wonach er, ohne auch nur eine Sylbe zu erwiedern, ſeinen Spatziergang an Deck in der alten Weiſe und Ruhe fortſetzte. Steinert übrigens, der ſich jetzt ernſtlich an zu är⸗ gern fing, war nicht geſonnen ſich ſo leicht abfertigen zu laſſen, und bis an den Waſſerrand hinangehend, bis wohin eine ſchmale Planke vom Bord des niederen Fahrzeuges aus reichte, ſchritt er dieſe hinan und ſtieg keck an Deck des„fremden Schiffes“ wie die Uebrigen meinten. „Guten Morgen“ ſagte er hier vor allen Dingen, als er ſich auf dem fremden Boden fand, und doch fühlte daß er mit Höflichkeit bei dem ſonderbaren, einſylbigen Mann weiter kommen würde, als mit Grobheiten. „Morgen“ ſagte der Schiffer übrigens, ohne, gerade wie vorher, weitere Notiz von ihm zu nehmen. „Sagen Sie einmal Freund“ nahm aber hier Steinert wieder das Wort, und ſuchte ſich dem Mann auf ſeinem Spatziergang entgegenzuſtellen—„wie iſt denn das eigentlich, wollen Sie heute hier liegen bleiben?“ „Nee!“ ſagte der Schiffer. „Und wann fahren Sie ab?“ „Sobald wie laden hebben“ lautete die Antwort. Steinert, der nur einen unbeſtimmten Begriff von Platt⸗ inert inem lich, 35 deutſch hatte, begriff nicht recht was der Mann ſagte, und ſuchte ihm ſelber jetzt begreiflich zu machen, wie ſie mit jedem Augenblick ein„verdecktes Flußſchiff“ erwarteten, das ſie und ihre Sachen an Bord der Haidſchnucke ſchaffen ſollte. „Hm— wo ſall'n dat herkomen?“ frug der Schiffer aber jetzt mit einem verſchmitzten Lächeln nach dem Frager hinüber⸗ blinzelnd. „Herkommen?“ wiederholte Steinert erſtaunt—„nach unſerem Contrakt mit dem Rheder müſſen wir unentgeltlich mit unſerem Gepäck von hier aus an Bord des Seeſchiffes geſchafft werden.“ „Op en Flußſchiff?“ ſagte der Matroſe mit ſtarker und etwas humoriſtiſcher Betonung des hochdeutſchen Wortes. „Jawohl“ ſagte Herr Steinert. „Un wie heet dat hier?“ ſagte der Matroſe auf das ei⸗ gene Fahrzeug niederdeutend, auf dem ſie ſtanden. Ein böſer Verdacht ſtieg in dem Weinreiſenden auf, daß ſie etwa gar in einem ſolchen„Kaſten“ transportirt werden ſollten. Deſſen Beſtätigung blieb auch nicht lange aus, denn nach ein paar Fragen herüber und hinüber ſtellte es ſich wirk— lich heraus, daß dies kleine unanſehnliche Fahrzeug das iden⸗ tiſche„bedeckte Flußſchiff“ Nr. 67, und der lange Matroſe der Kahnführer Meinert ſei, mit dem ſie und ihre ſämmtlichen Sachen„nach See zu“ geſchafft werden ſollten. Ein wilder Ausruf des Erſtaunens, den der erſchreckte Weinreiſende nicht unterdrücken konnte, zog einen Theil der übrigen Paſſagiere herbei, und das Deck des kleinen Fahrzeugs ſchwärmte plötzlich g von einer Maſſe verblüffter und wirr durcheinander ſchreiender Menſchen, daß die Leute oben in der Straße ſtehen blieben 1 r oder auch mit zum Ufer herunterkamen, in der freundlichen Hoffnung, einer möglichen Prügelei der Auswanderer beiwoh⸗ nen zu können. I Kahnführer Meinert, denn dieſe würdige Perſon war es wirklich ſelbſt, ließ ſich indeſſen nicht im Mindeſten aus ſeiner Faſſung bringen, und beantwortete alle Fragen ſeiner neuen ungeduldigen Paſſagiere mit einer Ruhe und Gleichgültigkeit, die dieſe faſt zur Verzweiflung brachte. „Wie viel mal er zu fahren gedächte bis er die Maſſe Gepäck und Menſchen im Stande ſei an Bord abzuliefern.“ „Ein Mal.“ „Ein Mal?— und wenn er ſie Einer über den Andern packe gingen ſie nicht Alle hinein.“ „Noch einmal ſo viel, mit Bequemlichkeit, wenn es ſein müßte.“ „Wie lange die Reiſe dauere?“ „Mit gutem Wind ſechs Stunden.“ „Und mit ſchlechtem?“ 4 „Unbeſtimmt.“ Manche der Paſſagiere hätten jetzt gern Paſſage auf dem Dampfboot genommen, das aber war ſchon fort— das nächſte ging erſt um elf Uhr ab und kam erſt Nachmittag nach Brake, bis dahin konnten ſie lange dort ſein, und ſie fingen an ſich in das Unvermeidliche zu fügen. Aber weshalb wurde da nicht wenigſtens ihr Gepäck eingeladen?— auf was war⸗ reiender blieben nolichen heiwoh⸗ war es ſeiner neuen tigkeit, Maſſe 74 en Indern enn es ff dem lächſte Brake, n ſich de da war⸗ 4 37 teten ſie noch, da die Abfahrt doch auf ſechs Uhr beſtimmt worden. Kahnführer Meinert, oder„Capitain“ Meinert wie er ſich gern nennen ließ, wartete noch auf„ſeine Mannſchaft,“ einen Matroſen, den er in die Stadt hinaufgeſchickt hatte ihm einen friſchen Vorrath von Taback, Rum und einigen anderen Kleinigkeiten einzuholen— ſobald der kam, um die Sachen im„unteren Raume fortzuſtauen“ konnte die Sache beginnen. Endlich kam der Burſche, ein ſchmutzig ausſehendes, theerbeſchmiertes Individuum, mit einem Arm voll Packeten und zwiſchen den Zähnen eine Anzahl Papiere haltend. Dieſe nahm ihm ſein Principal vor allen Dingen heraus, wiſchte den Tabacksſaft davon ab und ſchob ſie dann, ohne ſie weiter eines Blicks zu würdigen, in ſeine eigene Taſcheite Die Paſſagiere wurden jetzt aufgefordert„ihre Sachen an Bord zu liefern“ und folgten dieſem Aufruf mit lobens⸗ werther Bereitwilligkeit. Sie glaubten nämlich nicht daß der kleine unanſehnliche„Kahn““ Alles würde einnehmen können, und Jeder wollte wenigſtens ſein Eigenthum mit der erſten Fahrt befördert haben. Ein paar der ſtämmigſten, oldenburger Bauern, die auch die größten Kiſten hatten, wurden dabei er⸗ ſucht„im Raum“ ein wenig mit zu helfen,„damit ſie auch ſähen daß nichts beſchädigt würde,“ und dieſe unterſtützte der Matroſe, während„Capitain Meinert“ an Deck ſtand, die Kiſten oder Koffer mit einem Tau umſchlang, und in den un⸗- teren Raum, oder vielmehr nur unter Deck, hinunterließ, denn das kleine Fahrzeug hatte nur den einen Raum. 38 Während die Leute aber ſolcher Art beſchäftigt waren, trafen immer noch andere, verſpätete Paſſagiere ein, die eben⸗ falls mit befördert werden wollten und mußten. Unter ihnen der alte polniſche Jude mit ſeinem Knaben, der jetzt auch mit Hand anlegen ſollte das Gepäck an Bord zu ſchaffen. Der alte Burſche ſchien aber kein Freund von ſolcher Beſchäftigung und merkte kaum wie die Sachen ſtanden, als er an zu hinken fing, und die rechte Hand vorn in ſeinen Kaftan legte— er wollte ſich an dem Morgen weh daran gethan haben, und konnte ſie nicht gebrauchen. Das Gepäck wurde übrigens raſcher beſeitigt als man im Anfang geglaubt hatte, und merkwürdiger Weiſe faßte dabei das kleine unanſehnliche Fahrzeug eine ſolche Unmaſſe von Sachen, die in ſeinem Bauch ordentlich verſchwanden, daß, wenn auch gerade kein bequemer Platz, doch Raum genug blieb, auch die Paſſagiere aufzunehmen, die ſich ſchon ein paar Stunden ſolcher Art glaubten behelfen zu können. Lieber Gott, man ging ja jetzt in See, und da konnte man nicht Alles haben wie zu Hauſe. Vor acht Uhr erklärte aber„Capitain Meinert“ nicht im Stande zu ſein abzufahren, da dann erſt die Ebbe einträte, mit deren ausſtrömender Fluth er bei dem ſchwachen Winde hoffen durfte vorwärts zu kommen, und es blieb den Paſſagieren, die Anfangs allerdings darüber murr⸗ ten, aber ſich in das Unvermeidliche fügen mußten, noch etwa eine halbe Stunde Zeit ſich zu beſchäftigen wie es ihnen gerade gefiel. Schon vor acht Uhr waren ſie aber ſämmtlich wieder am Ufer, jetzt ernſtlich auf endliche Abfahrt ihres„Schiffs“ dringend. waren, eben⸗ hinken — er und un im dabei von daß, genug paar Gott, Alles pitain in erſt 39 Ein junger Burſche, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, der auch an demſelben Morgen, mit einem ledernen Torniſter auf der Schulter und einem leinenen zerriſſenen Staub⸗ hemd über einem ſehr abgetragenen Röckchen, an das Ufer gekommen war und ſein„Gepäck“ zu dem übrigen geſtellt hatte, war dann noch einmal fortgelaufen und in Schweiß gebadet wiedergekommen, und ſchien über irgend etwas in gro⸗ ßer Angſt und Sorge. Die Leute hatten aber ſämmtlich zu viel mit ſich ſelber zu thun, der Noth und Sorge eines ihrer vermuthlichen Mitpaſſagiere nachzufragen, und der arme junge Burſch, als ſchon ſämmtliches Gepäck an Bord geſchafft wor⸗ den, ſaß noch immer auf ſeinem Torniſter am Ufer, das bleiche Antlitz in die Hand geſtützt, und ſchien wirklich in ſtummer Verzweiflung der Einſchiffung der Uebrigen zuſehn zu wollen, ohne ſelber daran Theil zu nehmen. Unter den Juden war Einer Namens Wald, ein Mann in den vierzigen, mit einer anſetzenden Glatze, aber ſcharfge⸗ ſchnittenem klugen Geſicht und lebhaften ſchwarzen Augen, der ſich bis dahin von den Uebrigen ziemlich fern gehalten. Neugierig gemacht übrigens, durch das Weſen des jungen Burſchen, ging er jetzt zu dieſem hin, und frug ihn was er hätte oder was ihm fehle. Der arme Teufel klagte ihm da mit Thränen in den Augen ſein Leid— es fehlten ihm wirk— lich noch funfzehn Thaler an ſeiner Paſſage nach Amerika, und die Rheder wollten ihn nicht mitnehmen, ehe er die volle Summe gezahlt habe; aber er m üſſe mit fort, und wenn ihn das Schiff nicht mitnähme ſei er rettungslos verloren. — 40 Wald wollte ihn tröſten, daß er denn wohl noch ein an— deres fände, der junge Menſch ſchien aber ſo in Angſt, und überhaupt noch etwas anderes auch auf dem Herzen zu haben, worüber er nicht recht mit der Sprache herauswollte, ſah aber dabei ſo treuherzig und faſt noch kindlich aus, daß der Mann den Kopf herüber und hinüber ſchüttelnd, endlich ſagte: „Nu Gottes Wundet, ſind wir doch Menſchen hier genug die paar Thaler zuſammenzubringen— wart einmal a Bisle, ich werd' an zu ſammeln fangen.“ „Aber das Schiff fährt fort—“ „Wird nich ſo ſchnell fahren“ ſagte der Mann gutmüthig, und zu dem polniſchen Juden gehend hielt er dem ſeine Mütze hin und ſagte: „Kamerad, ich brauch ein paar Thaler Geld für einen armen Teufel, den wir nich dürfen zurücklaſſen in Deutſch⸗ land.“ „Armer Teufel?“ ſagte der Israelit—„wie haißt? bin ich doch ſelbſt en armer Teufel wo iſt er her?“ „Kann Dir einerlei ſein wenn er arm iſt“ meinte Wald. „Der Mann hat Recht“ ſagte aber jetzt der Alte, und griff in ſeine Taſche. „Wie viel braucht's?“ „Je mehr deſto beſſer“ ſagte Wald—„funfzehn Thaler Geld müſſen werden.“ „Hier is a Thaler“ ſagte der Alte und warf das Geld in die Müutze. Der nächſte zu dieſem war Steinert, an den ſich Wald Oe —ᷣůñ— 1 h aber Mann mit ſeiner Sammlung wandte. Dieſer zeigte ſich aber nicht ſo raſch mit Geldgeben wie der alte Jude, ſondern wollte erſt genau wiſſen wozu und weshalb, wer der Burſche ſei, wo er herkomme, wo er wohne und was er treibe. Wald rief ihn herbei, als er ſah daß er auf keine andere Art zu ſeinem Zweck kommen könne, und der junge Burſch gab jede nur mögliche Auskunft, bis Steinert endlich in ſeine Taſche griff, einige Groote herausnahm und dem Alten, nachdem er ſie mehrmals durchgeſehn, zwölf davon reichte. „Aber wir brauchen fünfzehn Thaler“ ſagte dieſer,„und zweiundſiebenzig machen erſt einen.“ „Leider“ erwiederte ihm Steinert,„ich brauche aber noch mehr wie fünfzehn Thaler und mir giebt Niemand etwas.“ Wald ſah daß alles weitere Zureden umſonſt ſein würde, um deshalb nicht mehr Zeit zu verſäumen ging er weiter, und einige der jungen Mädchen, die der arme Burſch dauerte, nah⸗ men ſich jetzt auch der Sache an, legten ſelber zuſammen ſo viel ſte konnten, und collectirten bei den Anderen. Es war gut für ſie daß ſich viele Juden unter den Paſſagieren befan⸗ den; dieſe gaben faſt alle und— ſo geizig ſie ſonſt ſein moch⸗ ten— gaben reichlich, ohne weiter zu fragen wie der Mann heiße und woher er ſei, während die Chriſten, von denen Viele es dem Anſchein nach weit eher entbehren konnten— erſt Alles auf das Genaueſte wiſſen wollten, und dann noch jede Ausflucht ſuchten, wenigſtens mit einigen Groten abzu⸗ kommen. Nichtsdeſtoweniger brachte Wald, von den jungen Mäͤd⸗ 42 chen unterſtützt, das Geld in kaum einer halben Stunde richtig zuſammen; der junge Burſch, jetzt überglücklich ſeine Reiſe geſichert zu ſehn, flog mehr als er ging, in die Stadt zurück, ſeinen Schein zu bekommen. Der einzige der ſich bei der ganzen Sammlung nicht be— theiligt, denn alle übrigen hatten wenigſtens eine Kleinigkeit gegeben, war der wunderliche alte Burſche, den wir im An⸗ fang auf den Kiſten ſitzend fanden, und der auch nur erſt in der That ſeinen Platz geräumt hatte, als die weit ungeduldi— geren Reiſegefährten das Gepäck anfingen unter ihm ſelber wegzuziehen. Er aber war auch wieder der Erſte, der ſich eine gute Stelle an Bord ausſuchte, dort eine der überall herum⸗ liegenden Matratzen, die faſt Jeder bei ſich führte, aufrollte, und ſich, keine Rückſicht auf etwa ſpäter Nachkommende neh mend, behaglich unter Deck darauf ausſtreckte. Das Segel wurde jetzt, von den beiden Seeleuten, die noch eine Art Schiffsjungen bei ſich hatten, gehißt, und die mit ſchwarzer Farbe darauf gemalte Nummer 67 ſichtbar. Das galt den Paſſagieren aber auch als Zeichen der Abfahrt, und Alles drängte an Bord, einen bequemen Platz für die Hinaus⸗ fahrt zu bekommen. Unter den Paſſagieren, die mit dem Weſerkahn befördert werden wollten, befand ſich auch ein alter Bekannter von uns; ein junger ſehr anſtändig und reinlich gekleideter Mann in ſchwarzem Tuchrock und eben ſolchen Hoſen, mit blankgewich— ſten Stiefeln und Glacéhandſchuhen, ein reizendes Frauchen, ganz einfach aber höchſt geſchmackvoll gekleidet, am Arm und richtig Reiſe zurück, ht be⸗ ngkeit An⸗ rſt in uldi⸗ ſelber eine rum⸗ ollte, neh⸗ 43 einen Knaben, einen lieben kleinen Burſchen von kaum mehr als drei Jahren an der Hand. Der Mann mußte ſich aber wohl ſchon früher genau nach der Abfahrt des Kahnes erkundigt haben, denn er war erſt kurz vor acht Uhr gekommen und mit Frau und Kind, ohne ſich mit Einem der Uebrigen in ein Ge⸗ ſpräch einzulaſſen, am Ufer auf⸗ und abgegangen. Der Violiniſt Eltrich hatte das Geld zur Ueberfahrt für ſich und die Seinen, nachdem er vergebens geſucht ſeine Paſ⸗ ſage abarbeiten zu dürfen, mit ſchweren Opfern und beſonders durch den Verkauf faſt aller ſeiner Habſeligkeiten, zuſammen⸗ gebracht, und war im Begriff ſich ebenfalls mit der Haid⸗ ſchnucke nach Amerika einzuſchiffen— freilich im Zwiſchendeck, und das Herz ſchlug ihm recht weh und ängſtlich, wenn er die Leute ſah mit denen er gemeinſchaftlich, in einem Raum die lange Reiſe machen ſollte, und der Entbehrungen, der Beſchwerden dann gedachte, denen ſein zartes junges Weib, denen ſein Kind dabei ausgeſetzt ſein mußten. Adele aber, die liebe kleine Frau, die in dem gramumwölkten Blick des Gatten wohl all die Sorge, all den Kummer leſen mochte, den er ſich ihretwegen machte, und ihretwegen doch auch gerade wieder ſein ganzes Leben daran ſetzte, ſie aus den Sorgen zu reißen, in denen ſie im alten Vaterland gelebt, hing ſich an ſeinen Arm und lachte ihm die Falten von der Stirn. Auf all die komiſchen wunderlichen Geſtalten machte ſie ihn dabei aufmerk⸗ ſam, die ſie umgaben; auf den langen Kahnführer mit ſeinem ſpitzen Geſicht und den polniſchen Juden mit dem ſchönen blei⸗ chen Knaben, und freute ſich wie ein Kind über das rege Leben 13 und Treiben, das um ſie her drängte und wogte, und ſie jetzt mit fortnehmen ſollte in eine neue Welt. Sie hatte Nichts das ſie hier zurückließ, und das ſie an das alte Vaterland noch hätte feſſeln können; eine Waiſe ſtand ſie in der Welt und ihr Mann, ihr Kind war die für ſie. Und dennoch ſchrack ſie faſt unwillkürlich zurück, als ſie, an des Gatten Arme, der den Knaben ſelber jetzt aufgenom⸗ men hatte ihn an Bord zu tragen, das kleine Fahrzeug betrat das ſie ſtromab führen ſollte, dem Seeſchiffe zu. Der warme Dunſt der ſie von unten herauf anwehte, der Theergeruch, das feuchte ſchmutzige kleine Fahrzeug ſelber— ſie ſchmiegte ſich feſter an den Gatten an, wie um Hülfe zu ſuchen gegen dies erſte peinliche Gefühl, und nur erſt als dieſer leiſe aber tief und ſchmerzlich aufſeufzte und die Scene vor ſich mit ängſtlich forſchendem Blick überflog, denn er ſah nicht ein ſtilles, ge⸗ ſchütztes Plätzchen, wo er Weib und Kind hätte unterbringen können, der ungewohnten Umgebung nur in etwas zu entgehn, da zwang ſie mit Gewalt jedes andere Gefühl zurück. Die Nothwendigkeit gebot hier daß ſie ſich fügte; nicht durfte und wollte ſie des Gatten Herz noch ſchwerer machen als es ſchon war, und ſelbſt mit einem Lächeln auf den bleichen Lippen ſagte ſie, ſich flüſternd zu ihm biegend: „Ach Schade, Paul, daß Du kein Maler biſt; das wäre ein Stoff hier für ein prachtvolles Genrebild.“ „Arme Adele“ flüſterte Eltrich leiſe. „Arme Adele?“ wiederholte aber die junge Frau, jetzt ernſtlich entſchloſſen das Unvermeidliche auch feſt und freudig 4* zu ertragen—„wie Viele gäben Gott weiß was darum dies nur zu ſehn, und da wir endlich, wonach wir die langen Jahre und immer umſonſt geſtrebt, erreicht, bedauerſt Du mich?“ „Wie wirſt Du es nur ertragen auf dem Schiff?“ ſeufzte der junge Mann. „Wie ertragen es ſo viele Tauſend?“ entgegnete ihm aber die kleine wackere Frau,„und bin ich nicht jung und geſund? — was Andere können kann auch ich.“ „Aber Du warſt von je ein anderes Leben gewohnt.“ „Und Du nicht?— Ach Paul, quäle Dich doch um Gottes Willen nicht jetzt unnützer Weiſe mit ſolchen Gedanken, und ſieh lieber daß Du ein Plätzchen irgendwo für uns findeſt, die paar Stunden hinzubringen. Ich glaube wir blieben am Beſten an Deck.“ „Ich traue dem Wetter nicht“ ſagte Eltrich kopfſchüttelnd —„dort im Weſten liegt es dunkel und ſchwer, und kommt mit Macht herauf. Jetzt iſt auch für uns noch Hoffnung einen Platz unter Deck zu bekommen, denn Viele ſcheuen ſich hinunter zu gehn, ehe ſie müſſen; nachher drängt denn Alles hinein und die Leute hier ſehen mir gerade nicht aus, als ob ſie viel Rückſicht auf einander nehmen würden.“ „So ſuch' uns ein Plätzchen“ ſagte die junge Frau,„und wir richten uns dann häuslich ein, ich und Luz, und wenn wir einmal wieder auf feſtem Grund und Boden ſind, in Ame— rika drüben, dann werden wir noch oft über die Zeit lachen die wir hier verlebt, und was wir da Alles geſehn und gehört.“ 46 „Und gerochen“ ſeufzte Eltrich in komiſcher Verzweif— lung—„lieber Gott, qualmen die Leute einen nichtsnutzigen Taback.“* „Man gewöhnt ſich an Alles“ ſagte die kleine Frau; „aber geh nun hinunter und ſieh Dich um, ich bleibe dann noch oben an der freien Luft bis es wirklich an zu regnen fängt.“ In dem Kahn ſah es indeſſen in der That wild und wun derlich genug aus. Die Erſtgekommenen hatten ſich, nach Um⸗ ſtänden, vortrefflich eingerichtet und alle vorgefundenen und meiſt noch zuſammengebundenen Matratzen benutzt, Lager⸗ oder Sitzplätze für ſich herzurichten, und die ſpäter Eintreffenden ſuchten jetzt ihre„Betten“, über Alles dabei hinwegſteigend was ihnen im Wege lag. Jeder that zugleich ſein Beſtes den Nachbar zu überſchreien, nur um ſelber gehört zu werden, und Steinert beſonders, der ſich aus irgend einer unbegreiflichen Urſache für ſchändlich behandelt und hintergangen hielt, machte einen Heidenlärm. „Das alſo nennen dieſe Herren Rheder ein„verdecktes Flußſchiff“— einen Aufenthalt für Menſchen— für Aus⸗ wanderer? Ein Kaſten iſt's, mit einem Loch darin, Mehl— ſäcke etwa wegzupacken und Fleiſchfäſſer— eine Vorbereitung zur Galeere für Mörder und Diebe— ein ſchwimmendes Zuchthaus.„Verdecktes Flußſchiff!“— daß ſie der Böſe ein— mal ſpäter in einem ſolchen„verdeckten Flußſchiff“ nach ſeinen hölliſchen Regionen abführe, dort mit des Geſchickes Mächten einen ew'gen Bund zu flechten.“ — 47 „Ach was“ unterbrach ihn da Einer vom Stamme Juda —„laſſen Sie das Geſchwafele und gehn Se mit Ihre dreckige Fißche von meine Matratze herunter— Gott der Ge⸗ rechte wo ſieht der Menſch um die Fiße aus und ſtellt ſich mich Nichts dich Nichts auf's Bettzeug!“ „Meine Herren!“— rief Steinert dagegen, konnte aber ſeine Rede nicht zu Ende bringen, da der Mann den einen Zipfel der alſo mißhandelten Matratze mit beiden Händen ge⸗ faßt hatte, und ſie dem Weinreiſenden mit einem plötzlichen Ruck ſo raſch unter den Füßen fortriß, daß dieſer das Gleich⸗ gewicht verlor und rückwärts in einen Korb voll Blech und anderes Geſchirr hineinfiel, den die Familie Rechheimer, Mann, Frau und zwei erwachſene Töchter eben zu etwas genauerer Inſpection hervorgezogen. Der Lärm wurde jetzt allgemein, denn Steinert wollte thätliche Rache nehmen, und bat die Um⸗ ſtehenden daß ſie ihn halten möchten, weil er ſonſt den Elen⸗ den über Bord würfe. „Frieden, lieben Freunde“ ſagte da eine tiefe aber ſehr weiche, faſt etwas ſingende Stimme, und ein junger Mann von vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahren mit vollem Bart und langen glatt herunterhängenden, in der Mitte ge— ſcheitelten Haaren, modern, wenn auch etwas vernachläſſigt gekleidet, trat zwiſchen die Streitenden und fing an ihnen zu beweiſen daß ſie Beide Unrecht hätten, daß ſie nicht verſtänden das Romantiſche ihrer Lage zu begreifen und anſtatt, wie die Biene aus jeder Blume Honig zu ziehen, ſich von dem erſten bitteren Geſchmack abſchrecken und verblenden ließen. 48 „Ja— eine kleine Biene flog“ rief Steinert noch immer entrüſtet dazwiſchen,„aber ziehn Sie einmal hier Honig her— aus, wenn ich bitten darf— das wäre ein Kunſtſtück.“ „In einem ſolchen Kunſtſtück bewährt ſich gerade der Mann!“ entgegnete die kleine ſchmächtige Geſtalt des Paſſa⸗ giers mit der tiefen Stimme—„das Edle wollen und das Gute thun!“ „Ich brauche mir aber meine Matratze nich einſchmieren und mich ſchimpfen zu laſſen— brauch ich nich—“ ſchrie jedoch der Israelit, noch keineswegs beruhigt, dazwiſchen, und Steinert wollte ebenfalls wieder heftig erwiedern, als von einer anderen Ecke des halbdunklen Raumes her ein neuer Lärm vorbrach, deſſen Mittelpunkt diesmal der Mann mit dem affenähnlichen Geſicht zu ſein ſchien. Dieſer hatte ebenfalls, wie es ſich jetzt herausſtellte, auf einer fremden Matratze Platz genommen und weigerte ſich nicht ſowohl ihn zu räumen, als daß er ihn, ohne auch nur ein einziges Wort zu erwiedern, ruhig gegen einen ganzen Schwarm von Frauen und Mädchen behauptete. Die einzige Antwort die man aus ihm heraus⸗ bringen konnte, war eine ordentliche Wolke des ſchändlichſten ordinärſten Tabacks der ſich nur denken ließ, und je ärger der Lärm um ihn her wurde, deſto mehr verſchwand er in dem, immer dicker aufſteigenden Nebel, und nur die kleinen grauen, von dichten und dunklen borſtigen Brauen beſchatteten Augen blitzten daraus hervor, daß es den Frauen ordentlich unheim⸗ lich zu Muthe wurde, wenn ſie den Mann anſchauten. Wer ſich übrigens um all den Lärm da unten nicht be— de der Vaſſa⸗ 8 d das nieren ſchrie „und von neuer t dem xfalls, Platz /, als ledern, ädchen raus⸗ ſchſten er der dem, men, ugen eim⸗ t be⸗ —— 49 kümmerte war der Kahnführer ſelber,„Capitain Meinert“, der indeſſen, da die Ebbe jetzt wirklich eintrat, mit ſeines Matro⸗ ſen Hülfe den leichten Anker an Bord, und vorn auf den Bug hob, und als das kleine Fahrzeug, nicht mehr vorn gehalten, mit der Strömung langſam herumſchwang, an's Steuer trat und es weiter hinaus in den Fluß lenkte, klar von den übri⸗ gen Kähnen zu werden und freies Fahrwaſſer zu bekommen. Die Paſſagiere waren übrigens hierbei ſelber zu ſehr in— tereſſirt, es ſo ganz gleichgültig mit anzuſehn, wie ſie, zum erſten Mal in ihrem Leben„flott“ wurden, und kaum fühlten ſte unten die Bewegung des„Schiffs“ wie ſie den Kahn un— verdroſſen nannten, als auch die Mehrzahl raſch an Deck klet⸗ terte. Viele von ihnen hatten dabei eine unbeſtimmte Ahnung daß ſie jetzt bald das Land„aus Sicht“ verlieren und direkt in die offene See hineinſteuern würden, das große Schiff nach irgend einer gegebenen, unbekannten Richtung aufzuſuchen; Andere glaubten daß Brake wahrſcheinlich um die nächſte Landſpitze herum läge, und ſie dort ſpäteſtens zum Mittags⸗ eſſen eintreffen müßten; jedenfalls gewann Eltrich indeſſen unten Zeit ein Eckplätzchen für Frau und Kind herzurichten, wo er eine von ſeinen Matratzen ausbreitete, und die andere, gegen die Kahnwand hin hoch aufſtellte, als Rücklehne zu dienen. Adele hatte auch kaum mit dem Knaben darauf Platz genommen, als die Wolken, die ſich den ganzen Morgen ſchon höher und höher gezogen, begannen Ernſt zu machen. Es fing gegen neun Uhr an erſt zu tröpfeln und dann ordentlich zu regnen, und die Paſſagiere drängten wieder mit Macht nach Gerſtäcker's Nach⸗Amerika. II. 4 50 anten, unter Dach. Nur Einzelne von den Männern blieben oben, die, in ihre Mäntel gehüllt, oder mit Regenſchirmen, die Näſſe, dem Dunſt und der Hitze unten vorzogen. So ſcharf und friſch die Luft aber auch im Anfang, mit dem erſten Regen einſetzte, und ſo raſch das kleine, ziemlich gut ſegelnde Fahrzeug dabei die Fluth durchſchnitt und die Thürme Bremens bald zurückließ, ſo bald ſchlief der Wind wieder ein, und wenig mehr als die ausfluthende Strömung trieb den Kahn zuletzt noch weiter, der kaum mehr ſeinem Steuer gehorchte, und langſam und ſchläfrig an dem grünen Ufer niederſchwamm. Die Luft war dabei ſchwül und drückend, und der Regen goß dermaßen in Strömen nieder, daß ſelbſt die Luke, wenn auch nicht dicht verſchloſſen, doch mit getheer⸗ ter Leinwand verhangen werden mußte, und die Luft in dem beengten Raum nur noch dumpfiger und ſchwüler machte. Ein Theil der Paſſagiere amüſirte ſich indeß ganz gut hie und da hatten ſich kleine Gruppen geſammelt und ſpielten, mit einer Kiſte zwiſchen ſich als Tiſch, Karten; dort machten ein paar junge Burſchen und der Mann mit der tiefen Stimme und den geſcheitelten Haaren befand ſich leider zwi⸗ ſchen ihnen den jungen Mädchen die Cour und ſuchten auf ſolche Weiſe nicht allein ihre Zeit zu vertreiben, ſondern auch gleich Bekanntſchaften für die Reiſe anzuknüpfen. An rohen Scherzen der Ungebildeten fehlte es dabei nicht, über die ein Theil ein wieherndes Gelächter aufſchlug, während es den anderen verletzte, und Eltrich ſeufzte oft tief und ſchwer auf, ſeine arme Frau in ſolche Umgebung jetzt vielleicht Monate — blieben irmen, g, mit jemlich d die Wind mung ſiinem rünen ickend, ſelbſt theer⸗ n dem 2 qut— vielten, nachten tiefen er zwi⸗ en auf n auch rohen die ein es den er auf, Nonate —— 51 lang gebannt zu wiſſen, und nicht im Stande zu ſein ſie dar— aus zu befreien. Adele beſchäftigte ſich indeſſen theils mit dem Kind, theils ſuchte ſie, den Knaben im Arm und den Kopf gegen die Ma⸗ tratze zurückgelehnt, dem häßlichen Aufenthalt nur kurze Zeit Schlaf abzuringen; aber der Lärm war zu groß, die Luft zu ſchwuͤl und ungewohnt, und beſonders der häßliche Tabacks⸗ qualm zu nah und ſcharf, daß ſie kaum im Einnicken, immer wieder huſten mußte und munter wurde. So ſchlich der Vormittag langſam und ſchläfrig hin; die Briſe wurde gegen zwölf Uhr etwas friſcher, aber der vielen Biegungen des Stromes wegen war ſie ihnen faſt eben ſo oft entgegen als zu Gunſten, und um zwei Uhr, als„Todt Waſſer“ wie es die Schiffer nennen, eintrat, d. h. die Zeit des Stillſtandes zwiſchen Ebbe und Fluth, wenn die eine auf⸗ hört und die andere noch nicht begonnen hat, ſetzte Capitain Meinert ſeine Paſſagiere ungemein in Erſtaunen, als er ſeinen Anker plötzlich fallen ließ und ſogar erklärte, hier wieder ſechs volle Stunden liegen bleiben zu wollen,„bis die Fluth hin⸗ auf ſei.“ Wie weit Brake noch ſei, war an dem Morgen wohl tauſendmal gefragt worden, und der Schiffer, der es endlich müde wurde wieder und wieder darauf zu antworten, ſagte dem Einen fünf und dem Andern eine Meile, kurz Jedem ver⸗ ſchieden, und unten ſtritten ſich dann die Partheien darüber, weil jede behauptete, ihre Nachricht aus beſter Quelle zu haben. 4* 52 Der größte Aerger ſtand aber den Paſſagieren noch bevor als auch das zweite, um elf Uhr von Bremen abgegangene Dampfboot, kurz vorher ehe ſie wieder Anker geworfen, an ihnen vorbeirauſchte. Jetzt kam auch noch die Angſt dazu daß ſie das Schiff am Ende zu ſpät erreichten, und wenn ſie auch der Schiffer darüber beruhigte, ſahen ſie ihm doch, oh wie ſehn⸗ 2 7 ſüchtig nach. Um acht Uhr wurde der Anker nun allerdings wieder„ge⸗ lichtet“, wie Steinert mit etwas heiſer gewordener Stimme ſang, aber wie es vollkommen dunkel wurde mußten ſie dennoch wieder beilegen, und zwar jetzt wieder in der troſtloſen Hoff⸗ nung nicht vor acht Uhr nächſten Morgens auf's Neue unter Wegs gehn zu können. Capitain Meinert hatte ſich aber vor⸗ geſehn noch ein Dorf zu erreichen, ehe er ſeinen Anker wieder auswarf, und ſtellte den Paſſagieren ſein kleines Boot zur Verfügung an Land zu gehn und dort zu übernachten, wo ſie allerdings mehr Bequemlichkeit haben würden als an Bord. Die Meiſten machten auch wirklich davon Gebrauch und traten, mit aufgeſpannten Regenſchirmen, durch Schmutz, Waſſer und Dunkelheit, die Reiſe nach dem flachen Ufer an, wo ſie in einem nichts weniger als freundlichen und faſt eben ſo dum— pfigen Saal ihr theueres Geld für etwas ſchlechtes Eſſen und eine Streu bezahlen mußten. Die Paſſage auf dem Dampf⸗ boot hätte ſie nicht mehr, wenn gar ſo viel gekoſtet. Eltrich wollte ſeine Frau auch, trotz allen jedenfalls dar⸗ aus erwachſenden Koſten, an Land nehmen, ſie weigerte ſich aber entſchieden den Kahn zu verlaſſen, verzehrte lächelnd mit bevor angene en, an zu daß ie auch eſehn⸗ r„ge⸗ btimme ennoch Hoff⸗ unter er vor⸗ wieder vot zur wo ſie 1 Bord. dtraten, ſeer und o ſie in dum⸗ en und Dampf⸗ ls dar⸗ erte ſich ind mit — 53 ihm ihr frugales Abendbrod, und wickelte ſich dann mit dem Kind in ihre wollene Decke, in der jetzt wenigſtens eingetre⸗ tenen Ruhe der Nacht ſo viel Schlaf als möglich abzuge— winnen. Und es war eine traurige unfreundliche Nacht; der Wind heulte in den einzelnen Bäumen am Ufer, der Regen ſchlug praſſelnd auf Deck, und der Maſt und das Takelwerk knarrte und ächzte, den Paſſagieren an Bord nur wenig Ruhe gönnend, in den fremden, ungewohnten Lauten. So kalt und häßlich der Morgen aber auch hereinbrach, ſo freudig wurde er von den an Bord Befindlichen, die ihn wie lange ſchon erſehnt, begrüßt. Jede Stunde hatten die ſo oft gezählt, jede Minute faſt, und das Morgengrauen herbeigewünſcht unzählige Mal. Ein trüber Anfang war das auch für ihre Seefahrt, und Man⸗ cher, der ſich am vorigen Tag damit getröſtet, welche Stra⸗ patzen und Beſchwerdeu er im Stande wäre zu ertragen, ſaß jetzt kalt und fröſtelnd, niedergeſchlagen und mißmuthig in einer Ecke, und überlegte vielleicht jetzt ſchon, freilich etwas früh, die Gründe die ihn eigentlich zu einer Auswanderung bewogen. Wunderliche Gedanken ſteigen da in dem Menſchen⸗ herzen auf, und eine einzige ſolche Nacht, wenn ſie nur etwas früher gekommen wäre, hätte manche romantiſche Erzählung, manchen glühenden Bericht über Amerika, weit, weit aus dem Felde geſchlagen. Jetzt war das freilich zu ſpät und ein Rücktritt nicht mehr gut möglich; mit den Effekten und dem Paſſagegeld hätte es ſich vielleicht noch einrichten laſſen; lieber Gott, ein kleiner 54 Verluſt zur rechten Zeit iſt oft ein großer Gewinn für's ganze Leben, aber das Lachen zu Hauſe, das böſe, böſe Lachen— viele Menſchen wollen lieber, wenn ſie die Wahl haben, ver— achtet oder bemitleidet als ausgelacht und verſpottet werden, und die Wenigen deshalb, an deren Grundſätzen die kalte un— freundliche Nacht doch gewaltig gerüttelt, biſſen die Zähne feſt aufeinander und gingen dem Unvermeidlichen— eben weil es unvermeidlich war— entgegen. Aber ſolch ein Morgen, auf einem ſolchen Weſerkahn! Erſt in ſolchen Verhältniſſen merkt auch der Menſch an wie viel Bequemlichkeiten er gewöhnt iſt, wie viel Bedürfniſſe er ſchon hat, mag er ſonſt noch ſo einfach leben das ganze Jahr hindurch. Schon das erſte Gefühl des Aufſtehens widert ihn an. Ungeſtärkt, unerquickt, und ſchon fertig angezogen, hebt man ſich von ſeinem Lager; man möchte ſich jetzt ausziehn und ſich waſchen— aber wo?— Waſſeer iſt da im Ueberfluß, aber kein Waſchbecken, kein Handtuch, weder Seife noch Zahn⸗ bürſte— nicht einmal ein Platz die unentbehrlichſte Abwa⸗ ſchung von Geſicht und Händen vorzunehmen, denn im innern Raum iſt jeder Zoll breit beſetzt, und draußen an Deck ſchüt⸗ ten die Wolken wieder Ströme Regens nieder. Wie grau und bleiern da der dämmernde Morgen auf der Welt liegt, und wie ſtill und einſylbig ſelbſt die Lauteſten und Unruhigſten der Schaar geworden ſind. Nur die Kinder ſchreien— rückſichts⸗ loſe kleine Geſellſchaft, die die Welt nur erſt von der einen Seite kennt und jetzt auf das eifrigſte dagegen proteſtirt auch auf der anderen ihre Bekanntſchaft zu machen. Zahn⸗ Abwa⸗ innern ſchut⸗ 1 und und n der ichts⸗ einen auch 5⁵ Selbſt Steinert war ruhig geworden und ſaß, durch das Weinen eines ſolchen kleinen ungeduldigen Nachbars aus einem leichten und unerquicklichen Morgenſchlaf geweckt, fröſtelnd in ſeine wollene Decke gehüllt auf der Ecke einer fremden Matratze und blickte finſter und verdroſſen um ſich her. „Eine Taſſe Kaffee— ein Königreich für eine Taſſe Kaffee“ brummte er zuletzt indem er den Hut abnahm, einen kleinen Taſchenkamm aus ſeiner Bruſttaſche hervorholte, und langſam die kurzen Haarſtummel und den etwas ſtruppig ge⸗ wordenen Bart zu ordnen begann—„Himmeldonnerwetter, daß ich des pipigen Mehlmeiers Rath nicht folgte und mit auf das Dampfboot ging; jetzt ſitz ich hier zwiſchen heulenden Bälgern und ſchnarchenden anderen Individuen und blaſe Trübſal in alle vier Winde.„Verdecktes Flußſchiff“— daß dich die Peſt hole mit deinen„verdeckten Flußſchiffen.““ Hie und da hob ſich jetzt ein Kopf in die Höh, ſchaute ſich ſchlaftrunken, um und ſank wieder in die alte Lage zuruͤck, noch eine Weile die Augen ſchließen zu können und gar nicht ſehn zu müſſen was vorging in dem ungemüthlichen Aufent⸗ halt. Nur der Mann mit der tiefen Stimme und den mitten auf dem Haupt geſcheitelten Haaren erhob ſich jetzt ebenfalls und ſagte, kopfſchüttelnd die um ihn her gelagerten Gruppen überſchauend: „Guten Morgen Herr Steinert— ausgeſchlafen?“ „Ja— danke— auf der einen Seite wenigſtens“ brummte Steinert,„denn die andere ſchläft noch und die Seh⸗ nen und Muskeln ſind mir ordentlich verklkommen— Himmel 56 war das eine Nacht. Und ſehn Sie ſich einmal den Platz hier an— Wallenſteins Lager, beim Zeus, und die Hälfte Marketenderinnen. Apropos— Sie ſind ja wohl Literat, wie Sie mir geſtern geſagt haben— da iſt Stoff für Sie eine ganze Bibliothek zu ſchreiben— da ziehn Sie ſich Ihren Ho⸗ nig heraus, wenn Sie ſo gut ſein wollen; wäre mir lieb zu— zuſehn wo Sie ihn finden?“ Der junge Schriftſteller ſchien aber heute Morgen keine Luſt zu haben über derlei Sachen zu debattiren; ihm war ſelbſt zu unbehaglich zu Muthe ſeine geſtrige Aeußerung zu verthei⸗ digen, und mit ein paar leiſe gemurmelten Worten, die recht gut irgend eine höchſt unromantiſche Verwünſchung ſein konn— ten, brummte er: „Ich möchte nur wiſſen wer ſich da ein Vergnügen ge⸗ macht und die halbe Nacht an Deck bei dem Wetter Holz ge⸗ ſägt hat— die Leute wählen eine vortreffliche Zeit ihren Winterbedarf einzulegen.“ „Holz geſägt?“ entgegnete aber Steinert erſtaunt— „meinen Sie etwa meinen Nachbar hier, den dicken Unbeweg⸗ lichen, der über Tag den guten Taback raucht, und ſeit ein Uhr geſchnarcht hat, als ob er im Akord arbeitete?“ „Das iſt ein Schnarcher?“ rief der Literat im höchſten Erſtaunen aus—„aber warum ſtoßen Sie ihn da nicht ein— mal in die Rippen?“ „Weil ich mit keinem paſſenden Werkzeug verſehen bin, auch bis jetzt, in dieſer egyptiſchen Finſterniß, nur nach der ungefähren Richtung zu hätte ſtoßen können“ ſagte Steinert nert 57 —„Sie da, Herr Moſes oder Aaron wie Sie gerade heißen — bitte knuffen Sie da doch einmal Ihren Nachbar in meinem Namen, und fragen Sie ihn ob er nicht Meier hieße und aus Stollberg ſei.“ „Gottes Wunder, ſo frih?“ ſagte der eben Angeredete, der auch gerade munter geworden und den Kopf in die Höhe gehoben hatte. Nichtsdeſtoweniger leiſtete er dem Wunſche Folge, und der Schnarcher fuhr, ziemlich unſanft anceſtoßen, erſchreckt in die Höh. „Habe ich nicht das Vergnügen mit Herrn Meier zu ſpre⸗ chen?“ wandte ſich Steinert jetzt verbindlich gegen ihn, die Antwort aber die er bekam, benahm ihm jede weitere Luſt zur Converſation mit dem Manne, der ſich, noch innerlich knur⸗ rend, ſeinen abgefallenen Hut in die Stirn zog, und dann auch ohne weiteren Zeitverluſt wieder zurückfiel, noch einmal einzuſchlafen. Wie das plötzliche Stillſtehn einer Mühle die müden Knappen weckt, ſo fuhr ein großer Theil der übrigen Paſſa⸗ giere in die Höh, als das regelmäßige donnernde Schnarchen des Mannes aufhörte, und ſchlaftrunkene Geſichter frugen nach der Zeit und dem Wetter und wo ſie wären, und murmelten halblaute Flüche in den Bart, als ſie ſich ihres Zuſtandes klarer bewußt wurden. Eltrich war einer von den Erſten an Deck, zog ſich Waſſer in einem Eimer herauf, und badete ſich Geſicht und Hände darin, das eigene Taſchentuch zum erſten Mal als Handtuch gebrauchend. Den Schiffsjungen fand er dabei beſchäftigt auf 58 einem kleinen, an Deck befindlichen verdeckten Heerde, Waſſer zu kochen, zu eigenem Gebrauch, und hatte die Genugthuung von dieſem, für ein paar Grote, einen Theil deſſelben zur Mitbenutzung zu erwerben. Etwas Kaffee und Zucker führte er ſelber bei ſich, auch eine Flaſche Milch für den Knaben, und ſeine kleine Frau lächelte ihm dankbar entgegen, als er ſie weckte und ihr den einladend dampfenden Blechbecher zum Morgengruße brachte. „Kaffee— bei Gott!“ rief es jetzt aber auch von mehren Seiten des engen Raumes, als der aromatiſche Duft des hei⸗ ßen Trankes ihre Naſenlöcher traf—„da oben giebt's Kaffee!“ und was keine Ueberredung ſonſt vielleicht vermocht hätte, war der Glaube im Stande. Allerdings ſahen ſie ſich getäuſcht, und nur Einigen gelang es noch für Geld und gute Worte von dem mürriſchen Burſchen einen halben Becher gemachten Kaffee's zu erlangen, die Uebrigen mußten mit dem Boot an Land, dort eine Erfriſchung zu erhalten, und Andere ſuchten den Capitain, die Abfahrt des Kahnes von ihm zu verlangen. Capitain Meinert ließ ſich aber erſt kurz vor acht Uhr, wo die Fluth ſich ſtaute, blicken, tröſtete übrigens ſeine ungeduldigen Paſſagiere mit der guten Nachricht, daß ſie, wenn der Wind ſo günſtig bliebe, Brake in etwa zwei bis drei Stunden er⸗ reichen würden. Waſſer huung n zur führte raben, ffee war —74 uſcht, Vorte ichten uchten mngen. vo die digen Capitel 3. *⁸ Das Schiff. Weit beſſer befanden ſich die Paſſagiere, die mit den, die Weſer befahrenden Dampfbooten ihrem Ziele raſch und bequem entgegeneilten. So hatte die Familie des Profeſſor Loben⸗ ſtein, mit dem größten Theil der im Hannöverſchen Haus einquartirten und für die Haidſchnucke beſtimmten Auswan⸗ derer, ſchon um ſechs Uhr Morgens Bremen verlaſſen, und der kleine raſche Dampfer legte ſich bald nach 9 Uhr an Bord des mächtigen Seeſchiffes, dem ſie ihre Leben für die weite Fahrt anvertrauen wollten. Dort wurden ſchon Kiſten und Kaſten, Schachteln und Koffer raſch an Deck gehoben, und die Rei⸗ ſenden ſahen ſich plötzlich wie mit einem Schlage, aus allen ihren bisherigen Verhältniſſen herausgeriſſen, in einer neuen unbekannten, fremden Welt. Das Schiff! Wie viel hatten ſie darüber geleſen, wie viel ſich davon erzählen laſſen: von den Cajüten und Decks, X 60 von den Maſten und Segeln, von den Matreoſen ſelbſt, und dem Leben an Bord; wie hatten ſie doch, als ſie erſt einmal den Gedanken an Auswanderung feſt gefaßt, und mit den Verhältniſſen im alten Vaterlande zerfallen, ihre ganze Hoff— nung auf das neue geſetzt, den Augenblick herbeigeſehnt, in dem ſie an den hohen Seitenwänden des Schiffes, das ſie nach Amerika hinüber bringen ſollte, hinaufklettern, und die Hüte ſchwenken würden, den ſtolzen Bau zu begrüßen. Tau⸗ ſend wunderliche und bunte Bilder hatten ſie ſich dabei aus— gemalt, Jeder in ſeiner Art, auf ſeine Weiſe. Der Capitakn ſtand dann auf ſeinem Deck und winkte dem nahenden Boot ſchon von weitem ſeinen Willkommen zu, die Matroſen ju— belten und ein paar Böller wurden gelöſt, den Paſſagieren zu Ehren. Die Flaggen und Wimpel wehten dabei, und im Hintergrund rauſchte das Meer mit ſeinen mächtigen Wogen gewaltig darein, in die Harmonie dieſes einen ſeligen Au⸗ genblicks— So hatte ſich die Phantaſie eben dieſen Augenblick ge⸗ malt, und jetzt? gerade vor neun Uhr fing es, hoͤchſt pro⸗ ſaiſcher Weiſe, an zu regnen, als ob ſie da oben die Wolken mit Eimern ausſchöpften und ohne richtige Ortspolizei das Waſſer mitten in die Welt hineingöſſen. Das auf Deck lie⸗ gende Gepäck warffreilich mit getheerter Leinwand überſpannt, wie aber das Boot an das Schiff hinanrauſchte, wurde die— ſelbe hinweggezogen, und die Sorge der Auswanderer nahm das ſo ausſchließlich in Beſchlag, daß ſie faſt an weiter nichts Anderes dachten, oder denken konnten, und Jeder nur das 3 ſie die Tau⸗ aus⸗ taln Boot ju⸗ n zu im ogen Au⸗ —— 61 Seinige ſo raſch als möglich unter Dach und Fach zu brin⸗ gen ſuchte. Das Tau, das ein Matroſe vorn am Bug des Dampf⸗ bootes zum Wurf zuſammengerollt in der Hand trug, flog aus und wurde an Bord der Haidſchnucke, von raſch zuſprin⸗ genden Leuten befeſtigt, die Räder arbeiteten langſam vor⸗ wärts, das Boot eben gegen die Strömung, gegen die es aufgedreht war, feſtzuhalten, und eine von Bord niedergelaſ— fene, bequeme Treppe, mit niederhängenden Tauen(fallreeps) an der Seite ſich feſtzuhalten, diente den Paſſagieren zum Aufſteigen auf das höhere Deck. Dort befand ſich aber ſchon ein Theil der Frühergekom— menen, die es für zweckmäßig gefunden hatten ſich zeitiger ein⸗ zufinden, und dadurch die Wahl eines Platzes zu haben. In der Cajüte waren nun allerdings die einzelnen staterooms oder Cajütenplätze ſchon von den Rhedern ſelber für die Paſ⸗ ſagiere nach ihrer Anmeldung beſtimmt, und eine Beſchlag⸗ nahme des einen oder anderen Platzes konnte da nicht ſtatt⸗ finden; im Zwiſchendeck gab es aber dafür deſto verſchiedenere Plätze, die allerdings den Erſtgekommenen zur Wahl frei la⸗ gen, und die Cojen unter den beiden Luken nach vor und aft wären jedenfalls zuerſt vor allen anderen belegt worden, hätte der Steuermann, die zweite Perſon an Bord, den zuerſt ge⸗ kommenen Paſſagieren nicht dadurch die Wahl wieder ſchwer⸗ gemacht, und Manche ſogar dazu beſtimmt ſich einen Mittel⸗ platz zu wählen, daß er ihnen ſagte die, welche ſich gerade in der Mitte des Schiffes befänden, wären der Bewegung deſſelben 62 auch am wenigſten ausgeſetzt, und würden deshalb auch am wenigſten von der Seekrankheit zu leiden haben. Es hat das etwas für ſich; die Bewegung des Schiffes iſt dort allerdings am geringſten, aber trotzdem noch ſtark genug dem, der nur irgend zu dieſem Leiden inclinirt, nicht den ge— ringſten Schutz zu gewähren, und der davon verſchont bleibt wird ſie auch an den entfernteren Enden nicht bekommen. Je⸗ denfalls haben die Plätze unter den Luken die meiſte friſche Luft, und wer je zur See war, wird die zu ſchätzen wiſſen Einige, wie ſchon geſagt, ließen ſich aber doch dazu be reden Mittelplätze zu belegen; unter dieſen Mehlmeier, der von Steinert beauftragt worden, falls er früher an Bord kommen ſollte, einen Platz für ihn aufzuheben, und der ſelber die See⸗ krankheit mehr als Cholera und gelbes Fieber fürchtete. Zu dieſem hatte ſich noch der kleine graue Herr mit dem ſpitzen Mützenſchild geſellt, den der Kellner in Bremen die„Nach⸗ tigall“ genannt und der ebenfalls ſeine Paſſage im Zwiſchen⸗ deck genommen; Drei und Drei bekamen eine Coye zuſammen, von denen immer zwei übereinander lagen, Steinert war alſo„im Bunde der Dritte“ wie er ſich ausdrückte, als er die Einrichtung erfuhr, und der kleine graue Herr, der Schultze hieß, hatte ſich, wogegen Mehlmeier allerdings im Anfang proteſtirte, dann aber nachgab, die obere Coye ausgeſucht. Die untere Coye nahm der polniſche Jude mit ſeinem Knaben ein, dem ſpäter noch der junge Burſche, für den an der Lan⸗ dung in Bremen geſammelt worden, zugegeben wurde, da y am be⸗ von men See⸗ 63 Niemand Anderes ein Logis mit dem langbärtigen, nicht eben reinlich ausſehenden Manne inne haben wollte. Im erſten Augenblicke wußte aber Niemand wohin er ge⸗ höre, noch ſah irgend Jemand die Möglichkeit ein ſich oder ſein Gepäck an irgend einem nur erträglichen Ort unterzubringen. Alles ſchrie und lief durcheinander; ſämmtliche Bagage wurde vorläufig an Deck aufgeſtapelt, und dann durch die Matroſen, nur um die Sachen aus dem Regen fortzubekommen, in das Zwiſchendeck hinuntergelaſſen, wo in der Dunkelheit des Rau⸗ mes an ein Sortiren der verſchiedenen Eigenthumsrechte nicht zu denken war. Vergebens blieben auch alle Proteſtationen der Paſſagiere, die dieſe Kiſte nicht auf den Kopf geſtellt, jene nicht gedrückt oder geſtoßen haben wollten; die Matroſen tha⸗ ten gerade ſo, als ob ſie eine ganz andere Sprache redeten, und kein Wort von allen Bitten und Vorwürfen verſtänden, ſchlugen ein Tau um das erſte beſte Stück, das ihnen unter die Hände kam, und mit einem„heave!“ und„lower away“ den engliſchen Ausdrücken des Einladens, hoben ſich die Kiſten in die Luft, ſchaukelten einen Moment hin und her, und ver⸗ ſchwanden dann in der Tiefe, unten zu einem Chaos von Dingen aufgeſtapelt zu werden, in dem Niemand mehr das Mein und Dein unterſcheiden konnte. Auch von den Cajüts⸗ paſſagieren wurden eine Menge Sachen dort verſenkt, und dieſe ebenfalls proteſtirten vergeblich dagegen. Die Sachen mußten„aus dem Weg geſchafft werden“— wie es die Ma— troſen nannten, indem ſie es den Zwiſchendeckspaſſagieren gerade in den Weg warfen— und wer nicht zufällig einen 64 Theil ſeiner Sachen oben auf entdeckte und ſelber faßte und wegtrug, konnte dann ſehn wie und wo er es ſpäter wieder— fand. Die Cajütspaſſagiere bekamen indeſſen, ſobald ſie ſich bei dem Steuermann meldeten, ihre reſp. Plätze ſofort angewieſen; in der That waren die verſchiedenen Thüren, die alle nach innen in den großen Saal führten, ſchon mit den verſchiede— nen Namen bezeichnet worden, und die Lobenſtein'ſche Familie, die drei nebeneinanderliegende Räume, die Hälfte der Cajüte einnahm, ſah ſich bald, ſo gut es den Umſtänden nach nur irgend ging, in zwar kleinen aber ziemlich geräumigen und beſonders nett und reinlich gehaltenen Cajüten untergebracht. Der Vater und Eduard bewohnten eine von dieſen, Anna und Marie die zweite und die Mutter mit den beiden jüngſten Kindern die dritte. Ihnen gegenüber war die eine Eckcoye oder Cajüte von Herrn Henkel und ſeiner jungen Frau, die übrigens noch nicht eingetroffen, belegt worden, die zweite hatten zwei fremde Herren in Beſitz, ein Baron von Benkendroff und ein Herr von Hopfgarten, die mittlere bewohnte ſchon ſeit acht Tagen, ſehr zum Aerger des Steuermanns der dadurch vielfältig genirt worden, ein Fräulein von Seebald mit einer alten würdigen Dame leiner Frau von Kaulitz), die ungemein gern Whiſt ſpielte und die erſten Tage in einem gelinden Grad von Ver⸗ zweiflung gelebt hatte, nicht den dritten„Mann“ zu einer Parthie bekommen zu können. Die beiden Herren Hopfgarten und Benkendroff erſchienen ihr als eben ſo viele Engel in der 65 Noth, und Herr von Hopfgarten beſonders, war, ſeitdem er an Bord gekommen, erſt im Stande geweſen ſich einen ein⸗ zigen Nachmittag der unausweichlichen Parthie zu entziehen. Noch war, der Cajüte der beiden Steuerleute gerade gegen⸗ über, ein anderer, etwas ſchmalerer stateroom frei, deſſen unterer Theil von Schiffswegen zu einer Art Vorrathskammer für neues Segeltuch und Garn benutzt wurde. Der obere Theil war dagegen einem Mittelding zwiſchen Paſſagier und Schiffsoffizier, dem„Doktor“ wie er kurzweg genannt wurde, zugetheilt, ſich darin, ſo gut wie das eben gehen wollte, häus⸗ lich niederzulaſſen. Im Zwiſchendeck befanden ſich indeſſen die Leute faſt eben ſo behaglich und zufrieden wie in der Cajüte. Nachdem nur der erſte Sturm der eintreffenden Mitpaſſagiere abgeſchlagen, und dieſe mit ihrem Gepäck beſeitigt worden, hatten ſich die Leute in den verſchiedenen Coyen vertheilt und Raum übrig genug. Allerdings ging das Gerücht daß noch Paſſagiere mit einem Weſerkahn eintreffen würden, und fünf oder ſechs konn⸗ ten, ihrer Meinung nach, auch noch mit Bequemlichkeit un— tergebracht werden,— einige Coyen ſtanden ſogar noch ganz leer,— vielleicht kamen die aber auch nicht, tröſteten ſich Andere, und dann verſprachen ſich die Meiſten eine ſehr an⸗ genehme Reiſe. Lieber Gott, das Zwiſchendeck verſagte ihnen manche am Land gewohnte Bequemlichkeit, aber dafür war man ja doch auch an Bord, und mußte ſich die kurze Zeit ſchon behelfen. Die Belohnung lag über dem Waſſer drüben, und hieß Amerika. Gerſtäcker's Nach Amerika. II. — ——jyö— 5— ——ÿ——— 66 So verging der zur Einſchiffung beſtimmt geweſene Tag, der 20ſte Auguſt, an dem noch, trotz dem Regen, fortwährend Fracht in Fäſſern, Kiſten und Ballen eintraf, und in den unteren Raum weggeſtaut wurde. Die erſte Nacht an Bord ging auch ruhig und ohne weitere Störung vorüber; das Schiff, ein großes ſtattliches Fahrzeug, lag ſtill und regungs⸗ los auf der glatten Waſſerfläche, und in dem weiten Raum des Zwiſchendecks, mit den beiden Luken geöffnet, über die ein Dach von getheerter Leinwand geſpannt worden, während ein Windfang den Tag über noch friſche Luft hinunter führte, ließ es ſich ſchon aushalten— die Leute waren auf Schlim— meres vorbereitet geweſen. Auch die Proviſionen waren leid⸗ lich, Butter und Schwarzbrod konnte ſogar gut genannt wer⸗ den, und mit dem friſchen Fleiſch und grünen Gemüſe, was ſte, ſo lange ſie an Bord lagen, ſtatt der Schiffskoſt geliefert bekamen, durften ſie wohl zufrieden ſein; Viele von ihnen hatten es in der eigenen Heimath lange nicht ſo gut gehabt. Nur das Wetter wollte und wollte nicht beſſer werden, der Himmel hing in düſteren Wetterwolken über der ſchon voll⸗ geſogenen Erde, und der Herbſt meldete ſich in den kalten, unfreundlichen Schauern als ein viel zu zeitiger, unwillkom⸗ mener Gaſt. So verging der Morgen des 21ſten, und wäh⸗ rend ein großer Theil der ſchon an Bord befindlichen Paſſa⸗ giere einſah, daß er ſich keineswegs hatte ſo zu übereilen ge— braucht, wurde ein anderer ſchon ungeduldig, behauptete das Verſprechen der Abfahrt für den 20ſten zu haben, und verlangte vom Capitain die Abfahrt. Sie hielten ihren 5 & eTag, ährend in den Bord ; das ungs⸗ Raum er die ihrend ührte, chllim⸗ leid⸗ wer⸗ was liefert ihnen habt. zeerden, voll⸗ kalten, llkom⸗ wãͤh⸗ aſſa⸗ n ge⸗ ptete und hren — Contrakt, und meinten deshalb, daß der Capitain den ſei⸗ nigen ebenfalls halten müſſe. Die Erwiederung der Seeleute daß ein großer Theil der Paſſagiere noch gar nicht an Bord ſei, hielt ebenfalls nicht Stich.„Wer nicht da wäre dem würde der Kopf nicht gewaſchen“ meinte Herr Schultze,„und wenn die Leute bis Weihnachten nicht kämen, ſollten ſie wohl auch daliegen bleiben und auf ſie warten?— Alle Vögel“ ſetzte er dabei hinzu—„hielten die richtige Zeit in ihrer Wanderung, und ſie wollten die ihrige ebenfalls nicht unnöthig verſäumen.“ So rückte der Mittag heran, und der 8 Koch hatte eben zum„Schaffen“ gerufen, ein eigenes wunderliches Wort, das in unſerer norddeutſchen Sprache„Eſſen“ bedeutet, als der Steuermann, der ſchon den ganzen Morgen oft und ungedul⸗ dig den Fluß hinaufgeſchaut hatte, nach der Nummer des Segels und der aufgezogenen kleinen Privatflagge des Rhe⸗ ders, den ſo lang erwarteten Kahn mit dem Reſt der Paſſagiere erſpähte, und die Ordre gab das Deck für den Empfang der neuen Gäſte klar zu machen, Gliücklicher Weiſe hatte, ſeit einer Stunde etwa, der Regen wenigſtens nachgelaſſen, und die Nachricht verbreitete ſich raſch über Deck, daß ihre neue Ein⸗ quartierung anrücke. Eben ſo ſtand das ganze Deck des kleinen Weſerkahns gedrängt voll Menſchen, die ſehnſüchtig ihrer end⸗ lichen Erlöſung von dem troſtlos engen Fahrzeug entgegen⸗ ſahen und das Schiff jetzt, dem ſie ſich raſch näherten, mit einem dreimaligen donnernden Hurrah begrüßten. Keineswegs ſo freudig wurden ſie hier empfangen. en Schwarm Menſchen ſollen wir hier noch an Bord 5* 68 bekommen?“ lief der Schreckensruf durch das ganze Schiff— „wo wollen ſich die denn unterbringen?— das iſt ja gar nicht möglich!“— und kein einziger Zuruf antwortete dem grüßen— den Hurrah. Aber der Steuermann hatte indeſſen die Bremer Flagge am Heck und des Rheders Zeichen am Fockmaſt, wie ein Tuch, mit dem weit auswehenden Namen des Schiffs am Top des großen Maſtes gehißt, als Merkmal für den Kahn, der auch jetzt direkt auf das Schiff zulief, ſcharf gegen den Wind anluvte, und als er ſeinen Bug ziemlich nahe zum Bugſpriet der Haidſchnucke gebracht hatte, voll in den Wind hineindrehte. Während das Segel niederfiel fing„Capitain Meinert“ ein nach vorn ihm zugeworfenes Tau, das er raſch an ſeinem eigenen Bord befeſtigte; der Matroſe hatte im Hin⸗ tertheil des Kahns ein anderes zugeworfen bekommen, und wenige Minuten ſpäter lag er wohlbehalten langſeit der Haid⸗ ſchnucke ſeine„lebendige und todte Fracht“ an deren Bord zu löſchen. Unmöglich wäre es jetzt die Verwirrung, den Lärmen zu ſchildern, der in dieſem Augenblick entſtand— der Steuer⸗ mann ſchrie ſeine Befehle über Deck, aber die ganze Mann⸗ ſchaft, wie ſämmtliche Paſſagiere ſchrien mit, und der Mann hätte ſich eben ſo gut ruhig in die Cajüte ſetzen und ſeinen Teller voll Suppe eſſen können der drinnen auf dem Tiſche kalt wurde, als hier zu verſuchen Ordnung in dies Babel von Stimmen und Koffern und Hutſchachteln, Matratzen, Kiſten, wollenen Decken, kleinen Kindern und Körben mit Puoviſio⸗ nen zu bringen. 2 Schiff— gar nicht mn grüßen⸗ ie Bremer maſt, wie chiffs am en Kahn, egen den rahe zum en Wind Capitain er raſch im Hin⸗ nen, und der Haid⸗ Bord zu aäͤrmen zu Steuel⸗ Mann⸗ er Mann nd ſeinen iſche kalt abel von „ Kiſten, groviſio⸗ ( apitel 5. 69 Jeder der Paſſagiere wollte natuͤrlich ſeine Sachen zuerſt hinaufgereicht haben, Jeder wollte aber auch zuerſt an Bord des Schiffes ſein, und die Einen ſchrieen hinauf, die Anderen hinunter, bis ſich die Mannſchaft der Haidſchnucke endlich in einer feſten Maſſe ſammeln und das Uebertragen des Gepäckes ſelber in die Hand nehmen konnte. Hei wie die Schachteln und Körbe da flogen, und wie die Frauen kreiſchten wenn ir⸗ gendwo in einem Korb eine Flaſche zerbrach und auslief, oder irgend ein Topf oder Geſchirr knackte und ſplitterte. „Nehmen Sie ſich in Acht da iſt Glas drin— Sie ſtehn ja in meiner Hutſchachtel— paſſen Sie auf, das Bett fällt über Bord— Herr Gott da ſind meine ſämmtlichen Provi— ſionen drinnen!“— und tauſend ähnliche Aufkreiſche der Angſt und Sorgfalt, eben ſo oft vergebens, denn die Seeleute küm— merten ſich den Henker um alle Warnungen und Ermahnun⸗ gen, füllten die Luft, bis die Unmaſſe Gepäck, indeß die Paſ⸗ ſagiere ihre eigenen Perſonen wenigſtens in Sicherheit brach⸗ ten, glücklich an Deck gelandet war, und jetzt eben ſo raſch und rückſichtslos in das Zwiſchendeck hinunter befördert wurde. Da hinein regnete es ordentlich Hutſchachteln, Reiſeſäcke und Matratzen, mit rieſigen kiſtenähnlichen Holzkoffern, und um die Verwirrung, wenn das irgend möglich geweſen wäre, noch größer zu machen, riß inmitten dieſer Beſchäftigung der eiſerne Henkel eines ſolchen Colli's aus, die Kiſte fiel auf der Luken— wand auf, brach, und ſtreute jetzt ein Hagelwetter von Klei⸗ dern, Wäſche, Schuhwerk, Zwieback, Würſten und allen mög⸗ lichen und unmöglichen anderen Effekten über die unten ſchon 70 aufgehäuften Sachen über die ſich der glückliche Eigenthümer jetzt mit einem lauten Gebrüll der Verzweiflung warf, um gleich darauf von nachfolgenden Hutſchachteln und Matratzen im wahren Sinn des Worts bedeckt zu werden. War die Verwirrung aber an Deck ſchon groß geweſen, ſo wurde ſie es jetzt im inneren Raume des Zwiſchendecks noch weit mehr. Die Neugekommenen wollten natürlich gleich auch ihre Coyen wiſſen und belegen, fanden aber alle beſetzt, wenn auch hie und da nur von einzelnen Perſonen, die ſich jedoch hartnäckig weigerten noch irgend Jemanden in einem Raume aufzunehmen in dem ſie, wie ſie erklärten, kaum ſel⸗ ber Platz hätten. Hier wie überall ſollte der Steuermann entſcheiden, von allen Seiten aber gerufen und gequält, ging dem ſonſt ruhigen Mann auch endlich die Geduld aus. Er fluchte und ſchwor er wolle verdammt ſein wenn er ſolch ein Gelärm ſchon in ſeinem ganzen Leben geſehn, und er⸗ klärte endlich ſie möchten ſich erſt einmal ordentlich durchein⸗ ander ſchütteln und würgen, und wenn ſie dann ein wenig zu Verſtande gekommen, wolle er hinuntergehn— eher aber keinen Schritt.. Er that auch zuletzt, was er gleich zu allem Anfang hätte thun können und ging, ſo wie nur erſt einmal ſämmt⸗ liches Gepäck an Bord genommen und der Lichter klar gewor⸗ den war, in die Cajüte zurück, ſein Mittagseſſen zu verzehren. Unterdeſſen kam ein Bote nach dem andern, daß ſie ſich unten im Zwiſchendeck prügelten und mit Meſſern und Piſtolen droh⸗ ten; er ließ ſich nicht ſtören und antwortete nur vollkommen 71 gleichmüthig, es wäre das Beſte wenn ſie erſt eine Weile ein⸗ ander todtſchlügen, denn dann bekämen die Anderen gewiß Platz— die Todten würfen ſie über Bord, und die Mörder ſteckten ſie ins Zuchthaus. Der Mann hatte aber derlei Ein⸗ ſchiffungen ſchon in den letzten zwölf Jahren, jedes Jahr we⸗ nigſtens zweimal mit durchgemacht, und wußte daß eine ge⸗ wiſſe Zeit dazu gehörte bis ſich die Maſſe erſt ſetzen und ord⸗ nen konnte. Der erſte Anſturm mußte vorüber ſein, eher war kein vernünftiges Wort mit ihnen zu reden, dann ging aber auch Alles leicht und ruhig von ſtatten, und da für Jeden Platz da war, fand ſich auch für Jeden zuletzt der rechte. Im Zwiſchendeck ſah es indeſſen wirklich bös aus, und einen ernſtlichen Zuſammenſtoß der verſchiedenen Partheien verhinderte wohl nur der Umſtand, daß Niemand einen be⸗ ſtimmten Gegner fand an den er ſich halten konnte. Dann war der Capitain ſelber nicht an Bord, der ein Endurtheil fällen ſollte, und der Steuermann hatte, wie ſchon geſagt, noch nicht bewogen werden können hinunter zu gehn. Zu⸗ gleich hinderte das, einem Wall gleich aufgeſchichtete Gepäck die freie Bewegung der Leute, von denen ſich die, die ſchon Coyen inne hatten, nicht daraus zu entfernen wagten, weil ſie wußten daß ſie augenblicklich von Anderen in Beſitz ge⸗ nommen würden, während die Neugekommenen ihr Augen— merk auf eine oder die andere beſtimmte Coye gerichtet hielten, und dieſe förmlich belagerten. E Nur einige Wenige der Letztgekommenen waren ſo glück⸗ lich geweſen ſchon einen Platz für ſich zu erbeuten. Zu dieſen A 72 gehörte Eltrich, der trotz ſeiner ſonſtigen Beſcheidenheit hier doch für Frau und Kind zu ſorgen, und dieſe gleich im An— fang mit ſeinem Gepäck auf dem Kahn zurückgelaſſen hatte, vor allen Dingen eine gute Coye für ſie zu finden. Daß immer drei Perſonen eine Coye bekommen mußten wußte er, ſein Kind bezahlte halbe Paſſage, mußte aber einen ganzen Schlafplatz erhalten, und eine untere Schlafſtelle, in der Nähe der Luke noch frei findend, legte er ſich ohne weiteres vorn in dieſe hinein und blieb da liegen, bis ſeine kleine Frau mit dem Kind, die er vorher ermahnt hatte ſich aus jedem Gedränge fern zu halten, den Weg zu ihm finden würde. Es war das Klügſte was er hätte thun können. Steinert fand ebenfalls den für ihn belegten Platz, und zu gleicher Zeit, und ſo wie er nur den Fuß in das Zwiſchen— deck geſetzt, hatte ſich auch der wunderliche Mann mit dem affenähnlichen Geſicht, ſein Gepäck ganz rückſichtslos im Stich laſſend, eine obere Coye ausgefunden, in der allerdings ſchon Betten lagen, die er aber doch für ſich geeignet hielt, und wo⸗ hinein er auch augenblicklich kletterte. Allerdings ertappte ihn noch, im Akt des Hineinſteigens die Beſitzerin der Coye, Re⸗ becca, Frau des ehrſamen Krämers Moſes Löwenhaupt, am Rockſchooß, und wollte ihn, mit einer Fluth von Verwün⸗ ſchungen zurückziehn, der Mann wandte aber nur den Kopf nach ihr um, und blitzte ſie mit ſeinen kleinen ſtechenden grauen Augen unter den buſchigen Brauen vor ſo feindlich an, und zeigte ihr dabei die beiden Reihen weißglänzender und fehlerfteier Zähne, daß ſie ihn erſchreckt wieder losließ. Der Uſurpator ſaß denn auch, keine halbe Minute ſpäter, mit untergeſchlage⸗ nen Beinen und etwas nach vorn gebogenem Kopf, der niedri⸗ gen Coye wegen, gerade in deren Mitte, und blies den Qualm aus ſeiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls ſchon brennend mußte in der Taſche gehabt haben, in ſolchen Stößen um ſich her, daß ihn derſelbe in kurzer Zeit ganz verhüllte, und wie eine Wolke, unheimlich und ſchwer die Coye füllte. In faſt gleicher Zeit hatte ſich der Mann mit den geſchei— telten Haaren in die andere Coye, dicht unter den Raucher hineingebohrt, ohne jedoch von dem Beſitzer derſelben, einem kurzhaarigen mürriſchen und finſteren Geſell, der ihm ſchwei⸗ gend dabei zuſah, weiter beläſtigt zu werden. Der Mann ſchien ſogar mit dem neuen Einzug vollkommen zufrieden; drehte ſich wenigſtens auf die andere Seite, und ließ ihn ſogar ungehindert einen kleinen Handkoffer den er bei ſich führte, und in der erſten Eile vor die Coye geſtellt hatte, nach⸗ ziehn. Der Mann mit den geſcheitelten Haaren hatte dadurch vollſtändig Beſitz ergriffen. „Nun ſind wir aber genug hier drin und nehmen keinen mehr herein“ brummte der Erſtbewohner des Schlafplatzes übrigens, als der junge Literat, der ſich Theobald nannte, nach außen hin mit einigen ſeiner Bekannten vom Kahn her ein Geſpräch anknüpfte. „Alſo bekommen immer zwei und zwei eine Coye?“ frug dieſer raſch, und wie es ſchien ſehr befriedigt. „den, n erwiederte der Mann. „Drei? id wer iſt der Dritte hier drin?“ 8 74 „Meine Frau!“ lautete die lakoniſche Antwort, die aber auch jedes weitere Gefpräch abſchnitt, denn Theobald war zu beſtürzt darüber, auch nur noch eine Sylbe erwiedern, oder weiter fragen zu können. Endlich, nach einem Zeitraum der den dabei Betheiligten eine Ewigkeit geſchienen, kaͤm der Steuermann, in Abweſen⸗ heit des Capitains die oberſte Behörde an Bord eines Schiffs, langſam die neben dem großen Maſt in das Zwiſchendeck füh⸗ rende Treppe hinunter, blieb aber noch auf den mittleren Stufen ſtehn, als ihm hier ſchon ſämmtliche Paſſagiere mit ihren Klagen und Forderungen laut durcheinander ſchreiend entgegendrängten. „Hier Herr Oberſteuermann— die wollen mich in keine Coye laſſen— Herr Oberſteuermann wir haben unſern Platz ſo gut bezahlt wie die Anderen— Und meinen Koffer haben ſie wieder raus geworfen— ich ſchlage dem Hund ein Bein entzwei, wenn ich nur erſt zu ihm komme— Und meine Frau iſt krank und muß einen guten Platz haben— Gottes Wun⸗ der was geht uns die Frau an, wir haben Alle gleiche Rechte auf einen guten Platz; wie haißt kranke Frau— Hier Herr Oberſteuermann kommen Sie nur einmal her und ſehn Sie, wie ſie meine Hutſchachtel zertreten haben— Mir muß der Capitain den Schaden erſetzen, meine Hemden liegen im Schmutz, und mein Taback und mein Zwieback ſind alle unter⸗ einander gekommen!“ So ſchrie und tobte es um ihn her, undader Steuermann hielt ſich die Ohren zu und ſchloß die Augen und blieb, halb 4 75 abgedreht von den Wüthenden, ſo lange regungslos ſtehn, bis dieſe doch einſahen daß ſie auf ſolche Art ihren Zweck unmög⸗ lich erreichen konnten, und ſich wenigſtens in etwas beru⸗ higten. „So—“ ſagte der Steuermann, als er endlich hoffen durfte den Lärm mit der eigenen Stimme übertönen zu können; „hat nun Jeder ſeinen Platz?“ „Nein— nein!“ ſchrie es wieder von allen Seiten. „Gut, dann haltet auch einmal zum Teufel die— Frie⸗ den“ lautete die Antwort—„oder ich gehe an Deck zurück und Ihr mögt Euch hier meinethalben die Köpfe blutig ſchla⸗ gen, nach Herzensluſt.“ Die Paſſagiere, denen daran gelegen war daß der Steuer⸗ mann ihre Angelegenheit in Ordnung bringe, ſahen endlich ſelber ein, daß ſie ihn gewähren laſſen müßten, machten ihm alſo Platz, und Einzelne, die Vernünftigeren der Schaar, baten ihn, ihnen eine Stelle anzuweiſen wo ſie ihre Matratzen un⸗ terbringen, oder die, die Familie hatten, mit dieſen zuſammen einquartirt werden konnten. Das war nicht mehr als billig, und der Steuermann, auf deſſen Wink jetzt noch zwei Matro⸗ ſen mit Laternen herunterſtiegen, trat die wenigen Stufen noch nieder, und begann die verſchiedenen Coyen, an der rechten Seite anfangend, zu viſitiren. „Wen haben wir hier?“ begann er gleich mit der erſten, Eltrichs Coye, in welche dieſer jetzt die junge Frau mit dem Kind placirt ad ſo lange Wache davor hielt, bis Alles geregelt ſein. „Mann, Frau und Kind!“ erwiederte der junge Mann —„ich heiße Eltrich.“ „Alles in Ordnung!“ ſagte der Steuermann, mit einem Stück Kreide das er in der Hand hielt eine 1 über die Coye malend—„So, und nun wollen wir die Geſchichte gleich einmal richtig in Ordnung bringen“ ſetzte er hinzu, ſeine Brieftafel mit der Paſſagierliſte aus der Taſche nehmend, und zu dem Licht der Laternen haltend—, Coye 2— wer iſt hier drin?“— Auch dieſe Coye war durch die Familie des Tiſchlermei⸗ ſter Leupold beſetzt. Anders ſah es aber mit Nr. 3 aus, wo ſich zwei Oldenburger Bauern einquartirt hatten, und keinen wei⸗ teren Zuſpruch geſtatten wollteu. Der eine, ein breitſtämmiger Burſch, mit ledernen Hoſen und nägelbeſchlagenen Schuhen, der vornweg der Länge lang darin lag erklärte auch dabei ganz ruhig und beſtimmt das ſei ihr Platz, ſie wären zuerſt gekommen, brauchten was ſie hätten, und gedächten es zu behalten. „Wer hat noch keinen Platz?“ frug der Steuermann ohne weiter etwas darauf zu erwiedern, die Paſſagiere—„halt nicht Alle auf einmal ſchreien— es muß eine einzelne Perſon ſein.“ Wald meldete ſich und der Steuermann ſagte ruhig, nachdem er ſich den Namen des neu Zutretenden bemerkt: „So, da rückt einmal zu, Ihr da; drei und drei ge⸗ hoͤren immer in eine Coye, und dann haht öhr noch übrig Platz.“ — ge⸗ rig „Wenn der nirgendwo anders unterkommen kann, na— chens is es noch immer Zeit;“ erwiederte aber der eine Bauer trotzig. „Wollt Ihr in Frieden Platz machen?“ frug der Steuer⸗ mann vollkommen freundlich. „Ne“ lautete die einzige Antwort. „Smiet mi mal den Döskopp da ruth“ lautete da der eben ſo ruhig gegebene Befehl an die beiden Matroſen, die zuerſt vorſichtig ihre Laternen bei Seite ſetzten, und dann ſo plötzlich und mit ſo eiſernem Griff den Widerſpenſtigen pack⸗ ten, daß dieſer auch im Nu aus ſeiner Coye und auf die Erde flog. Hier ſprang er aber eben ſo raſch in die Höh, und ſchien nicht übel Luſt zu haben ſich auf den Steuermann zu werfen; oben durch die Luke ſchauten aber noch drei oder vier ſtämmige Burſchen von Matroſen, die nur eines Winks be⸗ durft hätten, mit einem Satz unten bei ihren Kameraden zu ſein, und der Steuermann ſagte freundlich: „Wullt Du noch wat?“ Widerſtand unter ſolchen Umſtänden war hoffnungslos, und der Bauerburſche brummte nur eine halbtrotzige Drohung in den Bart, daß er ſich über ſolche Behandlung bei dem Ca⸗ pitain beſchweren würde. „Dat ſtat Di frie, myn Junge!“ ſagte aber der Steuer— mann, der ſtets platt ſprach wenn er grob wurde, gleichgültig, und wies jetzt Wald an, ſeinen Platz einzunehmen, wie ſeine Sachen, die er unterwegs bei ſich zu behalten wünſche, vor die Coye zu ſtellen. 78 Das Beiſpiel, gerade an einem der ſtärkſten und ſtäm⸗ migſten der Schaar gegeben, hatte aber geholfen; in den nach— folgenden Coyen zeigten ſich nicht die geringſten Schwierig⸗ keiten mehr, und wo noch Platz war, fügten ſich die Leute, nach Angabe ihrer Namen, ohne weiteren Widerſpruch in das Unabänderliche. Nur den polniſchen Juden mit ſeinem ſchmu⸗ tzigen Kaftan wollten ſie nirgends einnehmen, und ſelbſt einer ſeiner Glaubensgenoſſen, der gerade unter Steinerts, Mehl⸗ meiers und Schultzes Schlafplatz eine Coye für ſich ſelber in Beſchlag genommen, und jetzt mit dieſer Einquartierung be⸗ droht wurde, zog es vor auszuräumen und ſich wo anders Raum zu ſuchen. Zu dem dritten Platz in des Polen Coye fand man Niemanden als den armen jungen Burſchen, für den an der Landung in Bremen noch geſammelt wor⸗ den, daß er ſein Reiſegeld zuſammen bekam. Der wagte keine Widerrede, und ließ ſich hinſtecken, wo es den Anderen gefiel. Ziemlich zu Ende mit der ganzen Anordnung, kam der Steuermann auch jetzt endlich zu Löwenhaupts Coye, von der „der große Unbekannte“ wie ihn Steinert nannte, Beſitz ge⸗ nommen, und aus ſeiner Tabackswolke auch noch nicht wieder zum Vorſchein gekommen war. „Hallo Mosje!— Sie da drin in dem Qualm“ ſchrie der Steuermann,„ſtecken Sie das Schiff nicht in Brand— Du⸗ ſendſlag, wo hett denn de Permiſſion kregen ſyn Dunnerwehers ſtinkigen Toback to ſmöken?“ Die Wolke ſtand einen Augenblick, und nicht weiter ge⸗ 5— 79 nährt, zog ſie ſich allmählig nach oben, jetzt zum erſten Mal die Geſtalt des wunderlichen Mannes enthüllend. „Harpunen und Seekrebſe“ brummte aber der Steuer⸗ mann, der ſich niederkauerte einen Blick unter dem Qualm fort in das Geſicht des Mannes zu bekommen, gegen den ſchon, wie er kaum den Fuß an Bord geſetzt, eine Menge Klagen eingelaufen waren,„wo heet den de Heer hier in de ſmallkragigen Rock mit de grooten linnen Taſchen— Sie da Wo heet hey?“ „Sehr würdiger Seemann“ erwiederte ihm aber hierauf mit großer Ruhe und in wohlgeſetzter Rede der Gefragte,„es thut mir unendlich leid daß ich keine Sylbe dieſer nordiſchen Sprache, die Sie hier wenn ich nicht irre, plattdeutſch nennen, verſtehe, und durchaus in reinem Hochdeutſch angeſprochen werden muß, befriedigende Antworten zu erwarten.“ „Na nu wird's Tag!“ rief der Steuermann verwundert, „dei ſpreekt wie en Buk— Sie da alſo mit den empfindlichen Ohren, wie heißen Sie und wo ſind ſie her?“ „Zachäus Maulbeere aus Halle.“ „Maulbeere“— murmelte der Steuermann, den Namen auf der Liſte ſuchend—„Maulbeere— Maulbeere—“ „Nein, nur einmal Maulbeere!“ ſagte Zachäus. Ein⸗ zelne lachten, die Familie Löwenhaupt aber, deren Herr und Stamm ſich in einem kleinen winzigen Männchen, mit einer furchtbar großen, wie eingehakten Habichtsnaſe zeigte, be— gann wieder auf's Neue ihre Klagen über den Einbruch in ihre Rechte. 80 „Ruhe da!“ rief aber der Steuermann—„und Sie da, wer hat Ihnen denn eigentlich Erlaubniß gegeben im Zwi⸗ ſchendeck zu rauchen, und noch dazu ſolchen Giftknaſter— wenn Sie das Schiff wirklich nicht in Brand ſtecken verpeſten Sie es. „Der Eine liebt Roſen der Andere Teufelsdreck“ ſagte Zachäus ruhig,„ich liebe Roſen.“ „Kann ich mir denken“ meinte der Steuermann—„wer aber hat die Coye von allem Anfang an inne gehabt?“ „Ich— wir—“¹ ſchrieen die Eheleute Löwenhaupt. „Wie viel ſind Sie?“ „Nu wie viel ſollen mer ſein?“ frug Madame Löwenhaupt beleidigt—„ich und der Itzig.“ „Ja dann kann ich Ihnen nicht helfen“ ſagte der See⸗ mann achſelzuckend,„dann müſſen Sie noch irgend Jemand darin aufnehmen.“ „Aber doch nich den Menſchen?“ rief Herr Löwenhaupt raſch und erſchreckt. „Bieten Sie mir einen Tauſch an, vielleicht laſſe ich mich bewegen und ziehe aus!“ ſagte Zachäus, dem die Ge⸗ ſellſchaft als er ſie etwas näher beſah, vielleicht ſelber nicht gefallen mochte. „Na das machen Sie unter ſich aus“ ſagte aber der Steuermann, ſich mit ſeiner Laterne wieder den Anderen zuwen⸗ dend—„immer drei gehören eben in eine Coye, und je fried⸗ licher Ihr Euch hier darin vertragt, deſto beſſer iſt es für Euch. Geraucht wird aber hier unten nicht,“ wandte er ſich gte wer aupt See⸗ nand zaupt e ich Ge⸗ nicht r der wen⸗ fried⸗ 5 für e ſich 8¹1 noch einmal gegen die Coye um, aus der Zachäus ſchon wie⸗ der dicke Wolken blies;„wer rauchen will geht mit ſeinem Stummel an Deck, verſtanden?“ Ein dumpfes Brummen tönte als einzige Antwort von der Coye herüber, die Frauen aber beſonders dankten Gott, daß ſie den„Qualm und Geſtank“ wie ſie's nannten, da unten in dem überdies engen Raum los würden. Die Regulirung der Coyen war übrigens hiernach bald beendet, und wie nur erſt Jeder einmal ſeinen Platz angewieſen bekommen und beſtätigt hatte, durften ſie auch daran denken ihr Gepäck zu ordnen, damit es die Matroſen dann um die Mittelſtützen herum und an den verſchiedenen Coyen befeſtigen konnten. Mit dem Gepäck fand ſich übrigens hier ebenfalls eine Schwierigkeit, die beſonders in der unzweckmäßigen Verpackung der Sachen lag, und von den Auswanderern, trotzdem daß ſie ihnen ſo oft an das Herz gelegt, doch ſo ſelten beachtet wird. Leute aber, die mit der Einrichtung eines Schiffes nicht be⸗ kannt ſind, können ſich auch gewöhnlich gar keine Idee machen wie beſchränkt der Raum doch natürlich in einem Fahrzeug ſein muß, das Hunderte von Perſonen in Monate langer Reiſe über See ſchafft, und für dieſe Zeit nicht allein Waſſer und Proviant mitnehmen muß, ſondern mit ſeinem Haupt⸗ erwerb auch auf die Fracht angewieſen iſt. Dabei denken die Auswanderer gewöhnlich nur an ſich ſelbſt, der Nachbar und Reiſegefährte exiſtirt nicht für ſie, und ſie müſſen dann erſt eine Weile durcheinander geſchüttelt werden und eigne Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 6 82 Erfahrung ſammeln, bis ſie lernen ſich an Bord zu be⸗ helfen.*) Sobald ſich alſo die Paſſagiere, in Cajüte wie Zwiſchen⸗ deck, nur erſt halbwege eingerichtet hatten, undzjetzt erfuhren daß ſie heute noch gar nicht, ſondern erſt morgen früh in See gehn würden, verlangte ein großer Theil derſelben, mit dem heimiſchen Boden dicht neben ſich, auch noch einmal feſtes Land vor dem Abſchied vom Vaterland zu betreten. Die mei⸗ *) Es iſt leicht einzuſehen daß nicht Jeder ſein ganzes Gepäck, was er aus dem alten Vaterland mitnimmt, auch bei ſich im Zwiſchendeck behalten kann, bald in der, bald in jener Kiſte herumzuſtöbern, je nach⸗ dem er gerade dies oder jenes braucht, oder zu brauchen glaubt. Wo der Raum für einen Jeden nach einer beſtimmten Anzahl von Kubikfuß eingetheilt wird, darf der Eine nicht mehr beanſpruchen als der Andere, und die Räumlichkeit eines Schiffes iſt nicht die eines Hauſes mit ſo und ſo viel Stuben, Kammern und Böden. Hat der Answanderer alſo viel Gepäck, ſo ſuche er ſich vor allen Dingen das, was er unter⸗ wegs nothwendig bei ſich führen muß(und je weniger das iſt deſto angenehmer iſt es für ihn und die Anderen) und packe das in eine kleine Kiſte, die am bequemſten drei Fuß lang, zwei Fuß breit und anderthalb oder zwei Fuß hoch ſein kann und mit einem verſchließ⸗ baren Deckel(weniger zweckmäßig ſind Vorlegeſchlöſſer, die leicht unter⸗ wegs abgeſtoßen werden können) verſehen iſt. Die Coyen ſind gewöhn⸗ lich nur ſechs Fuß und vielleicht einige Zoll lang, und hat man nur drei Fuß lange Kiſteu, die aber, der unteren Coyen wegen, nicht zu hoch ſein dürfen, bei ſich, ſo können vor der eigenen Coye zwei neben einander ſtehn, dienen, wenn geſchloſſen, zum Sitz, und nehmen nicht viel Raum, in dem ohnedies engen Zwiſchendeck ein. Das andere Ge⸗ päck muß aber in den unteren Raum und aus dem Weg„weggeſtaut“, und was oben bleibt durch Taue und vorgenagelte Holzkeile ſo befeſtigt werden,„ daß es bei noch ſo ſtarkem Schaukeln des Schiffs nicht im Stande iſt zu weichen oder überzuſchlagen, und Gliedmaßen wie ſelbſt das Leben der Paſſagiere zu bedrohen. zu be⸗ iſchen⸗ fuhren n See t dem feſtes mei⸗ Andere, mit ſo rer alſo unter⸗ das iſt breit rſchließ⸗ unter⸗ ewöhn⸗ an nur nicht zu neben n nicht re Ge⸗ ſtaut“, efeſtigt cht im eſelbſt 83 ſten, beſonders der Zwiſchendeckspaſſagiere, hatten dabei auch noch ſo Manches einzukaufen vergeſſen, was ihnen auf der Reiſe gute Dienſte leiſten konnte und hier, wie ſie hörten, zu bekommen war, daß ſie ſich in Maſſe überſetzen ließen, noch eine Menge Geld, oft höchſt unnöthiger Weiſe zu verſchwen⸗ den. Die noch„deutſches Geld“ hatten, meinten dies hier zweckmäßig verwenden zu können, und ſolche, die das ſchon in Bremen möglich gemacht, wechſelten ſich erſt einen und dann mehre Dollare wieder ein, den„allerletzten“ Tag in der Hei— math würdig zu feiern. Nur die Frauen wollten nicht mehr von Bord, ſie hatten mit dem alten Leben abgeſchloſſen, den Schmerz der Trennung einmal überwunden, und ſie verlang— ten keine Zerſtreuung, ja fürchteten ſie eher. Für ſie begann auch hier an Bord wieder eine neue Welt, in der ſie ſchaffen und wirken mußten, faſt wie zu Hauſe— die Cajütspaſſagiere natürlich ausgenommen, denen geliefert wurde was ſie brauchten — hatten die Frauen im Zwiſchendeck, ſich wieder eine gewiſſe Häuslichkeit herzurichten, um die ſich die Männer wenig oder gar nicht kümmerten. Ihre Betten mußten gelüftet und in Ord⸗ nung gebracht, ihr Geſchirr mußte gereinigt, die Wäſche die ſie für den Schiffsgebrauch beſtimmt nachgeſehn werden. Die Sachen mußten auch einen Platz bekommen, und der Mann hätte eben ſo gut an Bord bleiben, und ihnen kleine Nägel in die Coyen ſchlagen können, Alles daran aufzuhängen, was ſie zum täglichen Bedarf gebrauchten, und tauſend andere Klei⸗ nigkeiten herzurichten. Und wie ſah es noch unten im Zwiſchendeck aus— 6* 84 überall ſtanden Kiſten und Kaſten umher, um die ſich ihre nachläſſigen Eigenthümer nicht bekümmert hatten; an Auskeh⸗ ren war natürlich gar kein Gedanke, einige kleine Plätze abge⸗ rechnet, und ſelbſt heißes Waſſer, das bei dem ſpäten Mittag gebrauchte Geſchirr aufzuwaſchen, wollte der muͤrriſche Koch nicht hergeben. So kam der Abend heran, der die Cajütspaſſagiere um den gedeckten Tiſch verſammelte, und den Zwiſchendeckspaſſa⸗ gieren dünnen Thee, ohne Zucker und Milch brachte— Brod und Butter war ihnen an dem Nachmittag ſchon gut und reichlich geliefert worden. Die wenigſten machten aber Ge⸗ brauch davon; die Männer waren faſt noch ſämmtlich an Land, viele ſchliefen ſogar noch dort, und zahlten ſchweres Geld für ein ſchlechtes Bett, dem Gewirr an Bord, und dem ungewohn⸗ ten Dunſt des Zwiſchendecks ſo lang als irgend möglich zu entgehn, und die Frauen hatten, mit wenigen Ausnahmen, noch nie in ihrem Leben Thee getrunken, außer wenn ſie krank waren Camill oder Pfeffermünz, aber wohl viel davon gehört daß es die Leute in der Stadt, oder die Reichen tränken, und wunderten ſich jetzt kopfſchüttelnd wie die Leute Geſchmack daran finden könnten. Schiffsthee ohne Milch und Zucker aus einem Blechbecher getrunken ſchmeckt auch in der That nicht beſonders. Das Wetter hatte ſich übrigens wieder aufgeklärt, auch war die Fracht ſämmtlich eingeladen, und die untere Luke ge⸗ ſchloſſen worden, das Schiff lag mit geräͤumtem Deck vor ſeinem Anker, und als am nächſten Morgen, mit Tagesanbruch, h ihre uskeh⸗ abge⸗ Rittag Koch te um paſſa⸗ Brod und Ge⸗ Land, d für vohn⸗ ich zu hmen, krank gehört „ und hmack zucker That auch ke ge⸗ vor ruch, die Decks gewaſchen wurden, begann ein reges Leben an Bord, das auf die baldige, und in der That auf den Morgen ange⸗ ſetzte Abfahrt ſchließen ließ. Der Weſerlootſe, der das Schiff in See bringen ſollte, kam an Bord, einzelne, bis jetzt noch fehlende Segel wurden aufgeholt und an die Raaen geſchlagen und gleich nach dem Frühſtück begann die Mannſchaft ihre Arbeit an der Ankerwinde. Die Paſſagiere waren ebenfalls an Bord gerufen worden, aber immer noch fehlte der Capitain wie die letzten Cajütspaſſagiere, die aber mit dem nächſten Dampfboot erwartet wurden. Dieſes kam endlich puffend den Strom herunter, legte ſich langſeit, und die ſehnſüchtig Erwar⸗ teten, das endliche Signal zur Abfahrt, kamen mit ihm. Der Capitain, eine vierſchrötige ächt ſeemänniſche Geſtalt, mit faſt braunem Geſicht, entſetzlich großen, ſehnigen ſonn— gebräunten Händen, und einem großen Packet Papiere unter dem Arm, ſah freilich etwas wunderlich in ſeinen„Landklei⸗ dern“, dem ſchwarzen auch nicht mehr modernen Frack und dem Cylinderhut(Schwalbenſchwanz oder Nagelhammerrock und Schraube, wie die Matroſen dieſe Kleidungsſtücke nen⸗ nen) aus, ſchien ſich auch nicht beſonders wohl darin zu füh⸗ len. Er grüßte ſeine Paſſagiere nur flüchtig und zog ſich dann in die eigene Cajüte zurück, in die hinein ihm gleich der Ste— ward oder Cajütendiener folgen mußte; der zweite Steuermann aber, ein trockener komiſcher Kauz, der gerade vor der Thür ſtand als es drin ein wenig laut herging, und des Capitains Stimme den Jungen ſchimpfte, meinte ruhig zum Steuermann, als er an dieſem vorüber und an Deck ging: 86 „De Captein kann wedder ſyn Swalbenſwanz nich uht kreegen— wat de Jong vor Arbeit het.“ Mit dem Dampfboot waren auch Henkels mit Hedwig Loßenwerder in ihrer Begleitung eingetroffen, und Lobenſteins, die ſich ſchon ziemlich häuslich an Bord eingerichtet hatten und mit der ganzen Einrichtung ziemlich zufrieden ſchienen, begrüßten ſie, wie Hedwig, auf das Herzlichſte. Während ſich Clara aber, mit dem Bewußtſein ihre El— tern ja ſchon in kurzen Monaten wiederzuſehn, dem Fremden und Neuen was ſie überall berührte, mit ganzer Seele und leuchtenden Blicken hingab, und ſich wie ein fröhliches glück⸗ liches Kind ſelbſt auf die Reiſe und all die kleinen Unbequem⸗ lichkeiten freute, die in ſo grellem Gegenſatz zu dem bisher geführten ruhigen aber auch vollkommen gleichförmigen Leben ſtanden, betrat Hedwig nur ſchüchtern und ängſtlich das Deck des Schiffes, und blickte wie ſcheu und furchtſam umher, auf die ihr ſo gänzlich fremde Umgebung, auf die fremden Men⸗ ſchen. Sie hatte ſich leicht entſchloſſen das Vaterland zu ver⸗ laſſen, das ihr in⸗der Erinnerung ja nur traurige, ſchmerzliche Scenen bot, und ſogar mit innigem Dank das Erbieken an⸗ genommen die liebe junge Frau auf ihrer Reiſe zu begleiten; jetzt aber, da ſie den Schritt gethan, da ſie wirklich in das neue Leben eintrat, fühlte ſie erſt das Gewaltige deſſelben, fühlte erſt wie abhängig ſie geworden ſei von anderen fremden Menſchen, und fürchtete für ſich ſelbſt, ob ſie auch würde dem Allem genügen können was ſie unternommen, und was man von ihr zu erwarten berechtigt ſei. Ihre eigenen Kräfte kannte nich uht Hedwig enſteins, hatten chienen, hre El⸗ remden le und glück⸗ equem⸗ bisher Leben as Deck zet, auf- n Men⸗ zu vel⸗ nerzliche ten an⸗ gleiten; in das ſſelben, remden de dem as man kannte ſie ja noch gar nicht, und wie dann, wenn ſie dieſe überſchätzt hatte, und die, die jetzt freundlich zu ihr waren, ihre Hand zurückzogen von ihr— in Amerika— drüben— weit drüben über dem Meere? Dann ſtand ſie ganz allein, und was— was ſollte da aus ihr werden? „Du darfſt nicht ſolch ein bös und ernſthaft Geſicht ma— chen, Hedwig,“ ſagte da Marie Lobenſtein, ihre Hand nehmend und ihr lächelnd mit der eigenen über die Stirn ſtreichend, „jetzt fahren wir bald hinaus in's Meer, nach dem weiten, großen Amerika, und wenn wir da traurig und verdrießlich ankommen, ſchicken uns die Leute am Ende wieder fort.“ „Sie ſind ſo gut, Fräulein Marie“ ſagte Hedwig leiſe, die ihr gebotene Hand innig drückend—„ich will auch mein Möoglichſtes thun jede thörichte Furcht zu überwinden.“ „Fürchteſt Du Dich?“ lachte aber das leichtherzige fröh⸗ liche Mädchen zurück—„vor dem Waſſer?— das kann ja gar nicht zu uns herauf, ſiehſt Du wie hoch wir darüber ſtehn?“ „Ich weiß ſelbſt nicht wovor,“ ſeufzte das arme Kind— „es iſt wohl auch nur die neue fremde Welt in die ich jetzt getreten, und die mir das Herz beklemmt; das wird ſchon bald vorübergehn.“ „Es muß“ lachte Marie,„wenn wir nur erſt in See ſind, werden wir uns auch vortrefflich amüſiren; wir haben Bücher zum Leſen mit, und können ſtricken und nähen und ſticken auf dem Schiff, was wir wollen; und dann lehnen wir Stunden lang über Bord, und ſchauen in die herr⸗ 88 liche blaue See, von der uns Herr Henkel ſchon ſo viel er— zählt.“ So plauderte das fröhliche Mädchen dem armen Kind die Sorgen aus der Stirn, bis der Steuermann kam ſie abzu⸗ holen, und ihr den eigenen Schlafplatz zu zeigen, der ihr im Zwiſchendeck, bei zwei anderen jungen Mädchen und weitläu⸗ figen Verwandtinnen der Familie Rechheimer angewieſen wurde. Sie ſollte im Zwiſchendeck eſſen und ſchlafen, hatte aber die Erlaubniß über Tag, oder wenn ſie ſonſt von ihrer jungen Herrin gebraucht wurde, mit in der Cajüte und auf dem Quarterdeck zu ſein. Der Capitain hatte aber doch endlich ſeinen„Schwalben⸗ ſchwanz über die Hände“ bekommen, wie der zweite Steuer⸗ mann meinte, und kam jetzt, in blauer Tuchhoſe und Jacke, in der er ſich vor Behagen ordentlich ſchüttelte, mit einer grauen Tuchmütze auf und die Füße, wie es an Bord gebräuchlich iſt, in Strümpfen und Schuhen, an Deck, die nöthigen Be⸗ fehle des Unterwegsgehens ſelbſt zu geben. Der Anker, der indeſſen von den Leuten nur gelüftet worden, kam, unter dem fröhlichen Singen der Mannſchaft, denen eine Menge der Deckpaſſagiere bereitwillig half, nach oben, die Raaen wurden herumgebraßt, die Segel fielen gelößt nieder und faßten, wie die Schoten ausgeholt wurden, den Wind, und langſam be⸗ wegte ſich zum erſten Mal der mächtige Bau durch die trübe Weſerfluth ſtromab. Die Paſſagiere ſtanden dicht gedrängt an Deck, und vorn auf der Back des Vorcaſtles die Leute, hie und da noch Be⸗ viel er⸗ nen Kind ſie abzu⸗ -r ihr in weitlaͤu⸗ gewieſen u, hatte on ihrer und auf walben⸗ Steuer⸗ Jacke, grauen rauchlich gen Be⸗ nfer, der rter dem nge der wurden n, wie ſam be⸗ 3 trübe d vorn ich Be⸗ 89 kannten am Ufer zuwinkend, und Grüße für Andere hinüber⸗ rufend. Viele der Frauen ſchwenkten dabei, als ſie das Ufer mehr und mehr verließen, ihre Tücher, aber ſie wußten nicht wem, und es galt auch wohl mehr dem Lande ſelbſt, als den Menſchen die darauf ſtanden, und ihnen ziemlich theilnahmlos und gleichgültig nachſchauten; ſie ſahen täglich ſo viele Schiffe mit Auswanderern in See gehn— das war eins mehr, wei⸗ ter Nichts. Eine alte Frau ſtand auch an Deck, hielt ſich mit der linken Hand an der Schanzkleidung und ſah hinüber nach dem Land, deſſen Häuſer und Baumgruppen ſie hinter ſich ließen und langſam an dem niederen kahlen Ufer hinglitten. Es war die alte Mutter des Webers aus Zurſchtel, und ſie winkte mit der rechten Hand hinüber und murmelte halblaut und mit dem Kopf dazu nickend und ſchüttelnd vor ſich hin: „Adje Leberecht— adje Zurſchtel und die alte Linde, das Haus und der Garten und die Aſtern— s'iſt vorbei— s'iſt Alles vorbei, und ſie ſollten mich alte arme Frau nur lieber hier gleich in's Waſſer werfen, ehe ſie mich noch mit hinaus⸗ ſchleppen auf das große Meer— Amerika krieg' ich doch nicht zu ſehn, und der Leberecht muß jetzt allein unter der Linde liegen.“ Und tief aufſeufzend ſetzte ſie ſich auf eine der Noth⸗ ſpieren die dort, langſeit der Schanzkleidung befeſtigt waren, zog die Schürze über den Kopf und weinte bitterlich. Ihre Tochter ſtand daneben, das kleinſte Kind auf dem Arm, aber konnte die Mutter nicht tröſten; das Herz war ihr ſelber zum Brechen voll, und die großen hellen Thränen 90 liefen ihr dick und ſchwer die bleichen, abgehärmten Wangen hinunter. Auf einem der an Deck befeſtigten Waſſerfäſſer, dicht bei ihnen, ſaß der Mann mit den kurzgeſchnittenen Haaren; die Sonne ſchien ihm hell und voll auf das ſcharfmarkirte Geſicht, deſſen oberer Theil wetterbraun und hart ausſah, während der untere Theil, wo jedenfalls ein jetzt abraſirter Bart geſtan⸗ den, weiß und bläulich dagegen abſtach. Wenig kümmerte der ſich aber um das Land, die dunklen, finſter genug dreinſchau⸗ enden Augen hafteten nur eine Zeit lang wie forſchend auf den Geſtalten der beiden Frauen, dann aber pfiff er gleich⸗ gültig ein Lied vor ſich hin, und trommelte mit den Fingern den Takt dazu auf dem Faß. Dieſe erſte Abfahrt war aber noch keineswegs ein wirk— licher Abſchied vom feſten Land; die ſchwache Brieſe trieb das Schiff mit der günſtigen Ebbe nur langſam vorwärts, und als die Briſe ſpäter ſtärker wurde, trat die Fluth bald ein, die ihnen faſt ſo viel ſchadete als jene nützte, und ſie bald darauf zwang wieder vor Anker zu gehn. Sie befanden ſich übrigens jetzt ganz in der Nähe von Bremerhafen, an dem ſie die Ma⸗ ſten der im Hafen liegenden Schiffe, ja die am Lande auf— und abgehenden Leute deutlich erkennen konnten. Aber die Paſſagiere ärgerte das wieder Ankerwerfen; das Abſchiednehmen vom Vaterland dauerte ihnen zu lang—„das Vaterland nahm gar kein Ende“ wie Steinert meinte, der un⸗ geduldig auf Deck auf- und abſchritt, und die langweiligen Ufer der Weſer um ſich her betrachtete, denn einmal an Bord, Wangen dicht bei reen; die Geſicht, während geſtan⸗ nerte der inſchau⸗ gend auf gleich⸗ Fingern in wirk⸗ rieb das dein, die d darauf übrigen die Ma⸗ nde auf⸗ fen; das das — der un⸗ weiligen n Bold, 91 wollten ſie nun auch hinaus in See und das auf dem Fluß⸗ herumfahren war ihnen— beſonders den mit dem Kahn Ge⸗ kommenen, fatal und langweilig genug ge orden. Aendern ließ ſich aber an der Sache auch nichts, und die Leute ſchlen⸗ derten theils an Deck herum, und ſahen nach dem Lande hin⸗ über, ob ſie dort irgend etwas Intereſſantes erkennen könnten, oder lagen lang ausgeſtreckt auf den Waſſerfäſſern oder im großen Boot und rauchten ihre Pfeife. Nur in der Cajüte hatte die alte Frau von Kaulitz eine Parthie Whiſt arrangirt — ihre Aiden konnten ihr nun nicht mehr ausweichen— und kümmerte ſich dabei weder um Land noch See, um Anker oder Segel, ja wenn nur Jemand von irgend etwas auf das Schiff Bezügliche ſpruch, wurde ſie ungeduldig, und ver— langte die ungetheilte Aufmerkſamkeit auf das viel wichtigere Spiel. Von den Zwiſchendeckspaſſagieren ſchien ſich aber beſon⸗, ders Herr Schultze, der ein kleines Taſchentelescop in der Hand trug, mit ganzem Eifer einem anderen Studium, und zwar dem der Seemöven hinzugeben, die hier theils auf dem Waſſer ſchwammen, theils das Schiff umkreiſten, und dann und wann blitzſchnell nach einem Fiſch hinunterſtießen. Er folgte dabei ihrem Flug mit dem Glas ſo gut er konnte, und achtete weder auf ſeine Umgebung, noch das nahe liegende Ufer. „Merkwürdige Vögel“ murmelte er dabei,„ich gäbe et⸗ wmas darum, wenn ich einen von ihnen lebendig an Deck „haben könnte— äußerſt merkwürdige Vögel— aber eine 92 Aehnlichkeit bin ich noch nicht im Stande herauszuſtellen— ſie fliegen zu ſchnell.“ „Iſt das ein gutes Glas, was ſie da haben?“ redete ihn jetzt Herr Steinert an, der vor Langerweile ſchon gar nicht mehr wußte was er angeben ſollte. „Ein vorzügliches Glas“ ſagte Herr Schultze, ihm artig daſſelbe überreichend—„ein Plöſſel; es vergrößert ungemein und mit außerordentlicher Schärfe.“ Steinert nahm das Glas und richtete es nach Bremer⸗ hafen zu, wo er in dieſem Augenblick ein abkommendes Boot zu erkennen glaubte, das am Ufer herauf hielt. „Wahrhaftig“ rief er dabei,„das iſt ercellent— wo war denn das Boot gleich— ah da— ein Boot mit Soldaten, die am Lande hinaufrudern.“ „Mit was?“ ſagte der Steuermann, der gerade an ihm vorüberging und die Hand wie unwillkürlich nach dem kleinen Fernglas ausſtreckte. „Mit Soldaten“ ſagte Herr Steinert, ihm das Glas überreichend durch das der Seemann einen Augenblick nach dem Ufer hinüberſah und es dann, ein paar unverſtändliche Worte dabei in den Bart murmelnd, wieder zurückgab. Ohne das Boot aber dann weiter eines Blickes zu würdigen, ging er nach vorn zu, den Leuten einige nöthige Befehle zu geben. „Was ſagten Sie daß da am Ufer heraufgerudert käme?“ wandte ſich jetzt der junge Burſche, für deſſen Paſſage die Zwiſchendeckspaſſagiere noch an der Landung geſammelt, und ſtellen— redete ihn gar nicht jm artig ngemein Bremer⸗ es Boot wo war oldaten, an ihm kleinen 1s Glas ick nach aIndliche Ohne irdigen, ehle zu käme?“ 1, und Aℳ 93 der bei dem polniſchen Juden einquartirt worden, an Herrn Steinert—„ein Boot mit Soldaten?“ „Ja, da drüben, mein Burſche—“ „Das hierherzu kommt?“ frug der junge Mann mit ängſtlicher Stimme. „Nun ſie thun uns Nichts,“ lachte Steinert—„die Zeit der Piraten iſt vorüber, und ihr Schiff ſtreicht blos ſo durch die Wellen, Fridolin.“ Der Burſche ſchien aber keineswegs aufgelegt, auf einen Scherz einzugehn; er ſuchte nur mit den Blicken das Boot, das er auch bald mit bloßen Augen erkennen konnte, und ſtand eine Weile rathlos wie vor einer noch unbeſtimmten, aber doch gefürchteten Gefahr. Das Boot ruderte indeſſen noch eine kleine Strecke am Ufer hinauf und hielt jetzt, mit bloßen Augen ließ ſich das ſchon erkennen, in die Mitte des Stromes hinaus und mehr nach ihnen herüber. Der Oberſteuermann kam wieder von vorn zurück, an ihm vorbei und blieb ſtehn, noch einmal nach dem Boot hin⸗ überzuſehn. „Kommen ſie hierher?“ frug da der junge Burſch mit kaum hörbarer angſterſtickter Stimme den Seemann. „Wer?“ ſagte dieſer, ſich nach ihm umdrehend. „Die Soldaten“ ſtöhnte der junge Mann. „Hallo mein Burſch“ ſagte aber der Steuermann, ihn jetzt von oben bis unten aufmerkſam betrachtend—„Du biſt ja ſo weiß wie ein altes Segel; was haſt Du denn ausge⸗ freſſen, daß Du Dich vor den Soldaten zu fürchten brauchſt? 94 Das iſt allerdings Polizei die wahrſcheinlich hier an Bord zu uns kömmt.“ „Dann bin ich verloren“ hauchte der arme Teufel und barg ſein Geſicht in den Händen. „Nu nu, was giebt's denn?“ ſagte der Steuermann, während ſich die Nächſtſtehenden, die wiſſen wollten was da verhandelt wurde, noch mehr herandrängten—„haſt Du was verbrochen, ſo wirſt Du auch jetzt dafür büßen müſſen. Ge⸗ ſteh es aufrichtig, vielleicht kann's Dir nützen.“ Es lag in dem Ton mehr Gutmüthigkeit als Drohung, und der junge Burſche, vielleicht eben ſo in der Angſt ſeinem Herzen Luft zu machen, als auch einen falſchen Verdacht von ſich abzuwälzen, ſagte raſch: „Nein nein, Nichts verbrochen— nichts Schlechtes habe ich gethan, aber ich bin— ich bin—“ „Nun?— was biſt Du?“ frug der Seemann jetzt ſelber neugierig. „Ein Deſerteur“ ſtöhnte der Unglückliche und ſank bleich und zitternd in die Knie. „Hm“ ſagte der Steuermann mit dem Kopf ſchüttelnd, während das Wort von Mund zu Munde lief, und mitleidige Stimmen überall laut wurden—„das iſt eine böſe Geſchichte, und dann bekommen wir die Rothkragen da drüben auch je— denfalls an Bord— ja mein Junge, da kann ich Nichts für Dich thun.“ „Retten Sie mich, um Gottes und des Heilands Willen retten Sie mich“ bat der Unglückliche, und ſuchte in der Angſt n Bord zu reufel und uermann, was da Du was en. Ge⸗ Drohung, ſſt ſeinmm dacht von ſtes habe etzt ſelber ank bleich hüttelnd, ritleidige eſchichte, auch je⸗ ichts für Willen er Angſt 95 des Steuermanns Hand zu faſſen, dieſer aber, der einen flüch⸗ tigen Blick nach dem, jetzt immer näher kommenden Boote ge⸗ worfen hatte, machte ſich von ihm los und ging raſch zurück in die Cajüte. Mehre der Paſſagiere folgten ihnen dahin, und baten ihn dringend den Unglücklichen nicht auszuliefern, aber er wies ſie kopfſchüttelnd ab und zog raſch die Thüre hinter ſich in's Schloß. Wie ein Lauffeuer flog aber indeß das Gerücht, ein De— ſerteur ſei an Bord und der Capitain wolle ihn den Soldaten ausliefern, von Mund zu Mund, und nicht allein die Paſſa⸗ giere nahmen Parthei für den armen Teufel, ſondern auch die Matroſen, die ſich bis jetzt noch ziemlich fern von ihnen ge— halten, miſchten ſich zwiſchen ſie und traten zu dem zitternd da Sitzenden, ihm Muth einzuſprechen und ihn nach dem und jenem zu fragen. Von den Zwiſchendeckspaſſagieren hatten ſich aber indeſſen ſchon Einige raſch entſchloſſen, den Capitain ſelber aufzuſuchen und ihm die Sache an's Herz zu legen, als der Unterſteuermann aus der Cajüte kam, ſich durch die an Deck geſchaarten Leute drängte und zu dem jungen Bur⸗ ſchen hintrat. „Ach das arme junge Blut!“ riefen die Frauen— „ſchon an Bord und nun noch all den Jammer, all das Elend. Und dann ſeine Eltern zu Hauſe; die Schande und das Herzeleid.“ Der Unterſteuermann hielt ſich aber nicht mit langen Redensarten auf. 96 „Wie heißt Du?“ frug er den jungen Burſchen, indem er ihn eben nicht ſanft an der Schulter faßte und ſchüttelte. „Carl Berger“ lautete die Antwort des Erſchreckten. „Carl Berger?— hm“ murmelte der Unterſteuermann vor ſich hin, ein Papier das er in der Hand hielt, mit den Augen dabei mehrmals durchlaufend—„Carl Berger— Du ſtehſt ja aber gar nicht mit in der Paſſagierliſte— woher kommt das?“ „Ich hatte das Paſſagegeld noch nicht bei der Abfahrt“ ſtammelte der junge Burſch—„gute Leute an Bord ſchoſſen es für mich zuſammen, und als ich zum Rheder zurückkam und es bezahlte, hatte er die Liſte nicht mehr und gab mir nur einen Zettel mit für den Capitain, daß ich hier an Bord nach⸗ getragen würde.“ „Hm, ſo?“ ſagte der Unterſteuermann, und ſah über Bord— das Boot mit den Soldaten, das jetzt gerade auf das vor Anker liegende Schiff zuhielt, war noch kaum zwei⸗ hundert Schritt von dieſem entfernt, und es ließen ſich ſchon die einzelnen Geſichter der im Boot ſtehenden Bewaffneten unterſcheiden. Von dem was an Deck vorging, konnten dieſe aber nicht das Mindeſte erkennen, da die über fünf Fuß hohe Schanzkleidung, die das Deck als Schutz umgab, alle darauf Befindlichen den Blicken der unten Heranfahrenden vollſtändig entzog. Der Unterſteuermann wußte das auch, und wieder zu dem Deſerteur hinantretend frug er, ſeinen Kautaback aus einem Mundwinkel in den anderen ſchiebend, die Umſtehenden u, indem üttelte. kten. uermann mit den — Du woher lbfahrt“ ſchoſſen rückkam mir nur d nach⸗ ſah über rade auf in zwei⸗ ſich ſchon affneten en dieſe uß hohe darauf ſſtändig wieder ack aus ehenden 97 ſo phlegmatiſch, als ob er eben nach der Zeit oder etwas an⸗ derem höchſt Gleichgültigen früge. „Könnt Ihr die Mäuler halten?“ Berger, der mit todtbleichen Wangen und ängſtlich klo⸗ pfendem Herzen den näher, immer näher kommenden Ruder⸗ ſchlägen gelauſcht, ohne daß er gewagt hätte einen Blick hin⸗ auszuwerfen auf den Feind, ſah raſch und kaum ſeinen Ohren trauend zu dem Manne auf. Lag in der Frage Hoffnung, Troſt für ihn? „Ach Herr Steuermann ſchaffen Sie ihn fort— ſchaffen Sie ihn fort“ flüſterten aber die ihm Nächſtſtehenden raſch und ängſtlich— ſo nahe war das Boot ſchon daß ſie fürchteten die Soldaten könnten unten verſtehen, was hier oben geſprochen und verhandelt würde—„wir biſſen uns eher die Zunge ab, ehe wir den Geyern da unten ein Wort verriethen.“ „Hm“ ſagte der Unterſteuermann und ſah ſich etwas miß⸗ trauiſch im Kreiſe um; viel Zeit war aber auch nicht mehr zu verlieren, denn von unten herauf tönte ſchon die Stimme des Unteroffiziers oder Polizeibeamten, was er gerade war, der das Schiff anrief, und der Capitain ſelber erſchien gleich dar⸗ auf auf dem Quarterdeck und ſah über Bord. Carl Berger faltete in Todesangſt die Hände, der Unter⸗ ſteuermann aber, zu dem er jetzt noch, wie in letzter Verzweif⸗ lung Hülfe ſuchend aufſah, blinzte ihm zu und winkte ihm, faſt nur mit den Augen und einer kaum bemerkbaren Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 7 98 Bewegung des Kopfes, ihm zu folgen. Ohne ſich dann weiter nach ihm umzuſehn ſchritt er raſch das Deck entlang, vorn der Logiskappe*) zu, in die er gleich darauf ver⸗ ſchwand, und wohin ihm der junge Burſche mit zitternden Gliedern folgte. „Hallo das Schiff!“ rief die Stimme indeß aus dem Boot, die, wie ſich ſpäter ergab, einem der Polizeiſergeanten gehörte. „Hallo das Boot!“ lautete die ſeemänniſche Gegenant⸗ wort des Capitains, als er das Deck erreicht hatte. „Werft uns ein Tau herunter, daß wir an Bord B kommen können“ rief es wieder, mehr wie Befehl als Bitte klingend. Die nöthige Ordre dazu wurde gegeben, und die Mannſchaft, von den Paſſagieren jetzt dicht umdrängt, von den Matroſen aber keines Blickes gewürdigt, kletterte an Bord. Der Unteroffizier, mit zwei Polizeidienern, ging jetzt, die Leute zurücklaſſend, nach dem Quarterdeck hinüber, wo der Capitain, die Hände in den Taſchen, ſtand, übergaben dort ihre Legitimation, daß ſie beauftragt ſeien das Schiff nach einem Deſerteur zu durchſuchen, und forderten dem Capitain *) Logis wird der Aufenthalt der Matroſen, vorn im Vorcaſtle unter Deck genannt, und die Kappe(ſogenannte Logiskappe) iſt ein kleiner Unterbau über dem Eingang nach unten, der Regen oder Spritzwellen verhindert hineinzuſchlagen. ſich dann c entlang, wauf ver⸗ zitternden aus dem ſergeanten Gegenant⸗ an Bord als Bitte und die angt, von kletterte an ng jett die r, wo der / gaben dort zchiff nach ſ Capitain reaſtle unter einer ein kl llen Spritzwe 99 die Paſſagierliſte ab, die einzelnen Paſſagiere dann ſelbſt zu revidiren. Capitain Siebelt wußte recht gut daß er ſich dem nicht weigern konnte; ſo wenig ſich aber Matroſen, und Seeleute überhaupt, aus einem Soldaten machen, ſo ſehr intereſ⸗ ſiren ſie ſich für einen Deſerteur, dem gewiß jeder Matroſe, wenn es nur irgend in ſeinen Kräften ſteht, Vorſchub leiſten wird. Der Capitain ging indeſſen langſam in die Cajüte zurück, holte die Liſte und gab ſie dem Bevollmächtigten, ſei⸗ nem Steuermann zugleich die Weiſung ertheilend„die Herren gewähren zu laſſen und ſämmtliche Zwiſchendeckspaſſagiere an Deck zu ſchicken.“ Das war bald geſchehn, zwei von den Soldaten beſetzten indeſſen die Luken, und während der Poli⸗ zeiſergeant oben die Paſſagiere nach Namen aufrief, und die Aufgerufenen an ſich vorbei defiliren ließ, unterſuchten zwei Andere unten die verſchiedenen Coyen, und ſtöberten überall herum wo ſich nur irgend ein Kind hätte verſtecken können. Zwei Andere wurden zu gleicher Zeit vorn in das Logis zu den Leuten geſchickt, die jetzt ebenfalls an Deck muſtern mußten, während dieſe bei ihnen unten viſitirten. Aber auch ſelbſt da ergab ſich Nichts und die, bis dahin abgeſperrte Cajüte, wurde nun ebenfalls rückſichtslos von oben bis unten unterſucht; ja der Steuermann mußte, auf Ver⸗ langen des Sergeanten, den unteren Raum öffnen, und dieſer kroch ſelber, hier aber von dem Unterſteuermann gefolgt, der darauf ſehen ſollte daß kein Unglück mit dem Licht geſchähe, in das faſt vollgeſtaute untere Deck. Zwiſchen den Kiſten 7* und Fäſſern aber, die auch faſt überall dicht zuſammen lagen, und in der heißen ſchwülen Atmoſphäre konnte er mit ſeiner enganſchließenden Uniform und dem Seitengewehr, das über⸗ all hängen blieb, nicht lange aushalten. Nach einer halben Stunde etwa kehrte er in Schweiß gebadet und unverrichteter Sache an Deck zurück, und ſchlug eine Einladung des Unter⸗ ſteuermanns aus, der ihm anbot auch noch durch die vordere Luke eine ähnliche Promenade zu machen. Der andere Polizeibeamte hatte indeß die Vorrathskam⸗ mern und verſchiedenen„Spintges“ mit nicht beſſerem Erfolg, durchſucht, und an Deck zurückgekehrt wandten ſich die Be⸗ amten noch einmal an den Steuermann und verlangten von dieſem die„Auslieferung des Verbrechers“ der ſich jedenfalls an Bord befinden müſſe. Der Steuermann behauptete aber noch keine Schiffsliſte überliefert bekommen zu haben, da er zu viel mit dem Schiffe ſelber zu thun gehabt, ſich auch nur im Mindeſten um die Paſſagiere zu kümmern, und der Capi⸗ tain wurde grob als ſie von ihm noch weitere Auskunft forderten. „Da ſei die Liſte und da die Paſſagiere“ ſagte er,„das ganze Schiff hätte er ihnen ebenfalls zur Verfügung geſtellt, ob ſie nun etwa noch von ihm verlangten daß er ſelber mit herumkriechen ſolle, oder ob er dazu da ſei ſich nach den Fa⸗ milien⸗ oder ſtaatlichen Verhältniſſen der Leute zu bekümmern, die er einfach überliefert bekkommen habe ſicher und wohlbehal⸗ ten nach Amerika hinüber zu ſchaffen?“ fall geb Si ſah iner men lagen, mit ſeiner das über⸗ ner halben errichteter des Unter⸗ iie vordere rathskam⸗ em Erfolg, h die Be⸗ ngten von jedenfalls ptete aber den, da er Hauch nur der Cayi⸗ Auskunft er,„das 1g geſtell ſelber mit h den Fa⸗ ckümmern, vohlbehal⸗ 101 Er war darin in ſeinem vollen Recht, die Liſte eben⸗ falls vollſtändig und in Ordnung: keiner der darauf Ange⸗ gebenen fehlte, aber auf keinen von dieſen paßte auch das Signalement, und die Polizei, mit ihrer Militairunterſtützung ſah ſich endlich wieder genöthigt das Schiff, wie ſie gekom⸗ men, zu verlaſſen. Capitel A. In See. So ungeduldig die Paſſagiere aber ſchon vorher geweſen waren, das Schiff nun endlich einmal in vollem Lauf ſeinem Ziel entgegengehen zu ſehn, ſo peinlich wurde ihnen jetzt jeder 7 Augenblic den ſie, mit dem Bewußtſein unter den Kanonen des hannsverſchen Forts zu liegen, und noch im leichten Be⸗ reich einer neuen Durchſuchung zu ſein, hier unthätig, ange⸗ ſchloſſen an die Ankerkette, verbringen mußten. Sie zählten die Minuten die noch bis zum Einſetzen der Ebbe verlaufen mußten, und tauſendmal ſahen ſie nach allen Richtungen über Bord, ob ſich die Strömung nicht endlich ſtauen würde. Endlich kam auch der Augenblick, die Zeit fliegt mit nur zu raſchen Schwingen über uns hin, und wie bald liegt die Stunde weit, weit hinter uns, die wir ſo lang herbeigeſehnt, ſo heiß erhofft. Das Waſſer ſtand, die Briſe wurde friſcher, und — wenn ſie wenigſtens erſt den Ellbogen hinter ſich hatten, geweſen uf ſeinem jetzt jeder n Kanonen eichten Be⸗ tig, ange⸗ bi zühltn verlaufen ngen über erde. t mit nur liegt die geſehnt, ſo ſcher, und ch hatten, 103 den die Weſer bei Bremerhafen macht, günſtiger und jetzt— die Thatſache war außer jedem Zweifel— ſchwang das Schiff vor der rückkehrenden Fluth vor ſeinem Anker herum und lag, den Bug ſtromauf, dem immer ſtärker ſtrömenden Waſſer die ſcharfe Stirn bietend. Aber noch keine Anſtalt wurde an Bord gemacht Fluth und Wind zu benutzen, noch lagen die Segel feſtgeſchnürt auf ihren Ragen, und ſelbſt die Matroſen blickten verwundert nach ihren Offizieren hin, den Kopf ſchüt⸗ telnd über den unbegreiflichen Aufenthalt; wenn ſie noch lange hier zögerten kamen ſie heut Nacht gar nicht mehr in offene See, und konnten nur gleich da vor Anker liegen bleiben zwölf volle Stunden länger. Der Capitain ging indeſſen mit auf dem Rücken gekreuz⸗ ten Armen, ſelber wie ungeduldig, mit raſchen Schritten an Deck auf und ab, und beantwortete alle an ihn gerichtete Fra⸗ gen der Cajütspaſſagiere gar nicht, oder ſo kurz abgebrochen und mürriſch, daß ihnen zuletzt die Luſt verging ihn weite zu behelligen. Fortwährend ſah er dabei nach der Sonne hin⸗ über, die ſich mehr und mehr dem Horizont neigte, und dann wieder nach ſeiner Uhr, als ob er der erſteren nicht glaube, daß es ſo früh noch ſei, und endlich halb ſechs Uhr, heute früher als gewöhnlich, kam der Koch nach hinten mit ſeiner ſtereotypen Frage: 4 „Captein, beleeft tu ſchaffen?“*) „Ja Kock, ſchaff man!“ lautete die Antwort und 4 *) Iſt es dem Capitain gefällig daß gegeſſen wird? 104 „Schaffen“ brüllte der Koch, wie er ſich kaum von dem Capitain abgewandt hatte, über Deck, daß es von einem Ende bis zum anderen dröhnte. Einer der Matroſen hatte indeſſen ſchon die rieſige ble⸗ cherne Theekanne aus der Cambüſe(Schiffsküche) geholt, und nach vorn auf die Back getragen, auf der die Schiffsmann⸗ ſchaft lagerte; die„Jungen“ brachten jetzt in großen hölzernen Schüſſeln den Schiffszwieback und Schwarzbrod, wie kaltes, von Mittag übriggebliebenes Fleiſch, und die Leute langten tapfer zu ihr einfach Mahl zu beenden. Auch die Zwiſchendeckspaſſagiere waren durch den Ruf beordert worden ihren Thee zu„faſſen“. Noch hatte aber nicht die Hälfte derſelben der Aufforderung genügt, und ſelbſt ein— zelne der Matroſen kauten noch ihren kaum aufgeweichten Zwieback, als der willkommene Ruf ertönte die Ankerwinde zu bemannen. Im Nu war das geſchehn, wenigſtens zwanzig Paſſagiere hingen ſich mit daran, und der Anker kam raſſelnd empor, wie die Kette nur aus dem Weg geholt und wieder umgeſchlagen werden konnte. Zu gleicher Zeit war ein Theil der Matroſen nach oben geſchickt die leichten Segel zu löſen, die Raaen flogen herum, die Schoten aus, die friſche Briſe legte ſich hinein, und mit dem ſcharf aufgeholtem Ruder fiel der Bug vor dem Winde ab. Die Leute hingen jetzt ſämmt⸗ lich an den Braſſen, den raſch auf einander folgenden Befeh⸗ len zu gehorchen, und zehn Minuten ſpäter ſchoß das wackere Fahrzeug an Bremerhafen vorbei in das breite Fahrwaſſer hinein, und vor dem Winde dahin, daß der Schaum— ein ——— — — von dem nem Ende eſige ble⸗ polt, und fsmann⸗ ölzernen e kaltes, langten den Ruf ber nicht lbſt ein⸗ weichten vinde zu zwanzig tuſſelnd nd wiedet in Theil u löſen, he Briſe uder fiel ſämmt⸗ Befeh⸗ wackere hrwaſſer — en 105 willkommener und lang erſehnter Anblick— ſich vorn am Buge kräußte. Noch aber waren lange nicht alle Segel geſetzt; nichts⸗ deſtoweniger machten ſie trefflichen Fortgang, und bald lag Bremerhafen mit ſeinem darüber hinausdehnenden Maſtengitter, wie das runde Fort mit ſeinen drohenden Kanonen weit, weit hinter ihnen. „Aber der Deſerteur?“ wo war der junge Burſche geblie⸗ ben und warum kam er nicht zum Vorſchein, die Gratulatio— nen ſeiner Mitpaſſagiere zu empfangen?— oder wußte der Capitain wirklich nichts von ihm, und mußte er noch verſteckt gehalten werden, daß dieſer nicht gar etwa noch umkehre und ihn an die Behörden abliefere?— ſonſt war doch wahrlich keine Gefahr mehr für ihn vorhanden. Die Paſſagiere frugen das unzählige Male unter ſich, wagten aber nicht, ſelbſt den Unterſteuermann deshalb anzureden. Der wußte doch wohl am beſten was er zu thun oder zu laſſen hatte, und daß er dem armen Teufel freundlich geſinnt war brauchte er nicht mehr zu beweiſen. Der Lootſe, der erſt wieder an Deck gekommen war als die Leute anfingen den Anker zu lichten, ſtand jetzt vorn auf der Back des Schiffes, dicht am Bugſpriet, und rief von da ſeine Befehle dem Mann am Steuerruder zurück, die dieſer, zum Beweis daß er ſie richtig verſtanden habe, und damit kein Irrthum möglich ſei, laut zu wiederholen hatte. Die Sonne war ſchon längſt hinter dem Horizont ver⸗ ſchwunden, und die Haidſchnucke hielt in der jetzt merklich ein⸗ 106 brechenden Dämmerung gerade auf das Feuerſchiff zu, das in der Mündung der Weſer vor Anker liegt, aus oder einſegeln⸗ den Schiffen die Richtung anzudeuten, die ſie zu nehmen ha⸗ ben. Auf dem Vortop der Haidſchnucke wurde aber eine kleine rothe Flagge, irgend ein verabredetes Signal, aufgehißt, und gleich darauf kam von dem Leuchtſchiff, das eben ſein rothes Licht entzündet hatte, ein Boot ab, in dem zwei Mann ru⸗ derten, zwei hinten im Steru des Bootes, und drei vorne im Bug ſaßen. Die Zwiſchendeckspaſſagiere hatten indeſſen meiſt das obere Deck verlaſſen, vor völliger Dunkelheit ihre Schlafſtellen un⸗ ten in Ordnung zu bringen, was nachher immer mit einiger Schwierigkeit verbunden war. Nur Einzelne ſtanden noch oben, die mit geſpanntem Intereſſe den Bewegungen des neu anru⸗ dernden Bootes entgegenſahen, in dem ſie kaum etwas ande⸗ res erwarteten, als eine zweite Viſitation. „Verdammt will ich ſein“ brummte dabei der Mann mit den kurzen Haaren, der bis dahin beſonders aufmerkſam das Mannöver mit den Flaggen und dem abkommenden Boot betrachtet hatte,„wenn uns die nicht nochmals ihre Spürhunde herüber ſchicken; hol ſie der Teufel, ſte becompli⸗ mentiren uns wohl ſo hinaus bis in die offene See.“ „Nun, wenn ſie am hellen Tage Nichts gefunden haben, werden ſie wohl dießmal auch mit langer Naſe abziehn“ ſagte Steinert, der dicht neben ihm ſtand.„Jetzt kann ich mir aber auch denken, weshalb der Capitain mit der Abfahrt von unſerem letzten Ankerplatz ſo lange gezögert hat.“ das in nſegeln⸗ nen ha⸗ e kleine tt, und rothes nn ru⸗ rne im obere en un⸗ einiger hoben, anru⸗ 3 ande⸗ Mann merkſam mnenden ls ihre ompli⸗ haben, ziehn“ inn ich Abfahrt 107 „Nun?“ ſagte der finſtere Burſch und ſah ihn von der Seite an. „Er hat gewußt, daß ihm die Rothkragen hier noch ein⸗ mal an Bord ſteigen würden“ flüſterte Steinert geheimnißvoll „und deshalb gewartet, daß er hier erſt mit ſchummrig wer⸗ den einträfe— ſo iſt's.“ „Für ſo geſcheut hätt' ich ihn gar nicht gehalten“ brummte der Erſte wieder„aber da ſind ſie“ ſetzte er dann hinzu, indem er ſich vom Bord abdrehte und nach dem Eingang des Zwi⸗ ſchendecks zu ging—„hol ſie der Teufel, ich mag ſie nicht ſehn; wenn ſie'was von uns wollen, können ſie zu uns herun⸗ ter kommen.“ „Mag wohl ſeine Urſache haben, daß er die Polizei nicht leiden kann“ lachte der Unterſteuermann leiſe dem einen Matroſen zu, der neben ihm ſtand und ein zuſammengerolltes Tau in der Hand hielt, es dem nahenden Boote zuzuwerfen. „Futter für Amerika“ ſagte der Mann, verächtlich den Kopf auf die Seite werfend—„der kommt durch—“ „Ja Hans, wenn er nicht mit dem Kopf darin ſtecken bleibt“; meinte der Unterſteuermann, dem Paſſagier nachſehend, wie er eben in das Deck hinunter ſtieg. Das Geſpräch der Beiden wurde aber in dieſem Augenblick durch das Boot ſel— ber abgebrochen, das langſeits kam. Des Lootſen Ruf hatte indeß die Fock und die Vormarsſegel backbraſſen laſſen, daß das Schiff in dieſem Augenblick keinen Fortgang weiter, als mit der Strömung ſelber machte, und wenige Minuten ſpäter klet⸗ terten fünf Männer an Deck und wurden, auf die Frage des 108 Einen von ihnen, nach dem Capitain auf das Quarterdeck gewieſen. „Steht bei hier und nehmt die Kiſten herauf!“ tönte in⸗ deß der Ruf des Steuermanns, und Taue wurden in das Boot hinuntergelaſſen— drei gewöhnliche Seemannskiſten an Bord zu heben, die indeſſen oben an Deck ſtehen blieben. Der Capitain ſtand mit Profeſſor Lobenſtein und dem Lootſen allein auf dem Quarterdeck, als die fünf Männer die kleine Treppe, die dazu hinaufführte, erſtiegen. Auf ein paar Worte des erſten blieben dreie von ihnen, denen der vierte faſt wie zur Bewachung beigegeben war, an der Treppe ſtehn, während Jener auf den Capitain zu ging und mit militäri⸗ ſchem Gruße an ſein Mützenſchild griff. Der Mann war übri⸗ gens in Civil gekleidet, und trug einen dunklen langen Rock und eine einfache Tuchmütze, aber mit ſteifem großen Deckel, die etwas uniformsmäßiges an ſich hatte. „Habe ich das Vergnügen mit dem Capitain dieſes Schif⸗ fes zu ſprechen?“ ſagte er artig, als er ſich ihm näherte. „Ich bin der Schiffer, ja“ ſagte Siebelt, den Gruß ſehr kurz erwiedernd—„Sie bringen mir die bewußten Paſſagiere?“ „Ja wohl Herr Capitain— hier iſt meine Legitimation; dürfte ich Sie bitten mir die Quittung für richtige Ablieferung zu ſchreiben.“ „Auch noch“— brummte Siebelt mürriſch—„kommt einmal her Ihr Burſchen!“ „Ihr ſollt vortreten; habt Ihrs nicht gehört?“ ſagte der andere, der bei den dreien ſtehn geblieben war, barſch, und die tterdeck ite in⸗ n das kiſten ben. dem er die paar te faſt ſtehn, itäri⸗ übri⸗ Rock HDeckel, sti 5 ſehr kere?“ tion; erung ommt te der nd die 109 Leute folgten raſch dem Befehl. Es waren drei ziemlich kräf⸗ tige unterſetzte Geſtalten, zwei von ihnen, von etwa achtund⸗ zwanzig bis dreißig Jahren; der dritte nur ſchien älter zu ſein, doch ließ ſich das in dem ungewiſſen Dämmerlicht kaum noch erkennen. Sie waren Alle in graue kurze ganz neue Röcke von groben Tuch und in eben ſolche Hoſen gekleidet, und trugen Mützen von derſelben Farbe in der Hand; ihre ſtarkmarkirten und eben nicht einnehmenden Züge waren aber bleich, und die Augen, die ſcheu den Boden ſuchten, oder unruhig über Deck umherſchweiften, lagen ihnen tief in den Höhlen. Der Capitain ſah ſte, Einen nach dem Anderen, ſtill und forſchend an und ſagte endlich: „Hört einmal, ich habe Euch hier an Bord bekommen, um Euch mit nach Amerika hinüberzunehmen; ich hoffe, daß Ihr Euch an Bord gut betragen werdet; wenn Ihr' nicht freiwillig thut, iſt's Euer eigener Schade, denn thun müßt Ihr's. Uebrigens werdet Ihr wohl wiſſen was Euch ſelber gut iſt, und nun nehmt Euere Sachen und macht daß Ihr damit unter Deck kommt; der Unterſteuermann wird Euch Euere Coye anweiſen. Daß Ihr die Mäuler haltet brauch' ich Euch wohl nicht erſt zu ſagen— ſchon gut, ich weiß ſchon, macht jetzt daß Ihr nach vorn kommt“— und dem Fremden den Zettel aus der Hand nehmend ging er in die Cajüte hinunter. „Können wir aufbraſſen Capitain?“ rief der Lootſe hin⸗ ter ihm her als er hinunter ging;„es wird zu ſpät wenn wir noch länger hier Zeit vertrödeln.“ 110 „Braßt nur auf Lootſe“ rief der Capitain zurück,„ich bin gleich wieder oben.“ Die Ragen fuhren herum, die Vorſegel faßten den Wind wieder, und das Schiff bewegte ſich raſcher vorwärts auf ſei⸗ ner Bahn. „Hallo“ ſagte der eine Mann, der den Oberbefehl über das Boot zu führen ſchien, indem er über Bord ſah—„neh⸗ men Sie uns nicht etwa mit.“ „Habt keine Angſt Kamerad“ ſagte der Unterſteuermann, der eben an ihm vorüberging, den Neugekommenen ihre Plätze anzuweiſen— da blieben wir eher hier die ganze Nacht liegen.“ „Danke“ ſagte der Mann— „Keine Urſache, iſt gern geſchehen,“ der Unterſteuer⸗ mann, als er ſeinen Tabacksſaft— die Seeleute kauen mei⸗ ſtentheils— über Bord ſpritzte, und langſam die kleine Quar⸗ terdeckstreppe hinunter ſtieg. Der Capitain kam übrigens nach ſehr kurzer Zeit ſchon wieder zurück, und übergab dem Manne ſeinen Zettel— die Quittung für richtige Ablieferung von drei Verbrechern, de⸗ nen im Boot erſt die Eiſen abgenommen waren, und die ſich in Amerika beſſern, oder doch jedenfalls allein füttern ſollten. „Danke Capitain“ ſagte der Mann, indem er das Pa— pier zuſammenfaltete und in die Taſche ſchob—„Nichts für ungut— Sie wiſſen wohl“— —„Schon gut“ ſagte der Seemann mürriſch—„das iſt übrigens das letzte Mal, daß ich derlei Geſchichten beſorge, 141 und wenn ich mein Schiff verlieren ſollte— Sie könuen das den Herren meinetwegen ſagen.“ „Derlei Beſtellungen bringen Nichts ein“ meinte aber der Mann trocken,„ſo, gute Fahrt Capitain, wir ſind wahr⸗ haftig ſchon ein ganz Stück am Leuchtſchiff vorbei und wer⸗ den tüchtig rudern müſſen gegen den Strom an.“ Der Capitain drehte ſich ab und ging auf die andere Seite des Schiffs hinüber, während die Fremden raſch in ihr Boot hinunter kletterten. Der Lootſe zeigte aber jetzt, daß es ihm Ernſt war aus der Weſer zu kommen; Segel auf Segel wurde geſetzt vor der immer friſcher und kräftiger einſetzenden Briſe, bis ſich das Schiff unter der Laſt derſelben bog, und ſchäumend ſeine Bahn dahin ſchoß. Im Oſten hob ſich indeſſen der Mond, und goß ſein funkelndes Licht über den weiten Strom, bei dem ſich eben noch die ausgelegten Tonnen erkennen ließen, das Fahr⸗ waſſer zu halten. Das Waſſer war ebenfalls noch vollkommen ruhig, aber der Strom doch hier ſchon ſo breit, daß die Briſe ihren Einfluß darauf ausüben konnte, und das Schiff begann ſich mit der ſchwellenden Dünung leicht zu heben. Bei dem wundervollen Abend, der warm und licht auf dem Waſſer lag, hatten ſich indeſſen die meiſten Paſſagiere wieder auf Deck geſammelt, und in kleinen Gruppen erſt eine lange Weile das Geheimniß des zweiten Bootes, aus dem ſie nicht klug geworden, beſprochen. Auch neue Paſſagiere, von de⸗ ren Ankunft man ſchon in Brake gewußt, und eine Coye für ſie zurückgehalten hatte, waren damit gekommen, Niemand 112 konnte ſagen woher, noch ſich, ſo lange es dunkel blieb, über ihr Ausſehn in's Klare ſtellen; die Leute ſelber aber ſtanden Niemandem Rede; Steinert hatte das ſchon lange verſucht. Des glücklich durchgebrachten Deſerteurs Erſcheinen lenkte zuerſt den Strom der Unterhaltung wieder in einen an⸗ deren Canal; der junge Burſche war aber noch ſcheu und ſchüchtern; er konnte es ſich noch gar nicht denken, daß er der für ihn furchtbaren Gefahr ſo glücklich entgangen ſei, und forſchte durch die Dunkelheit nach allen Seiten hin, bei dem ſchwachen Licht des Mondes ein irgendwo nahendes Boot zu erkennen. Die in der Weſer vor Anker liegenden Tonnen, die das Fahrwaſſer bezeichnen und zum Theil weiß angeſtrichen ſind, hielten ihn dabei fortwährend in Alarm, und er frug die Matroſen unzählige Male, ob er denn nun wirklich nicht mehr zu fürchten hätte, daß in der Nacht ein Boot mit Polizeibeam⸗ ten an Bord kommen könne. Steinert zeigte ſich indeſſen unter den Lebhaften als den Lebhafteſten. Das Geſpräch war durch das Polizeiſchiff auf ähnliche Fälle gekommen, wo dieſem achtbaren Inſtitut eine Naſe gedreht worden, und ſprang dann, in einem natürlichen Ideenflug auch auf das Paſch- und Schmuggelweſen hinüber, in dem der Weinreiſende, wenn ſich Alles ſo verhielt wie er es erzählte, ſeiner Zeit Außerordentliches geleiſtet hatte und er wurde nicht müde davon zu erzählen. Mitten in einer pracht⸗ vollen Anekdote aber ſchwieg er plötzlich ſtill, und ſah ſich nach allen Seiten um. „Suchen Sie wen, Herr Steinert?“ frug ihn der junge — blieb, aber lange einen 113 Literat, der ein eifriger Zuhörer der Geſchichten geweſen war und ſich immer dann und wann gegen den Mond drehte, auf ein kleines Zettelchen mit Bleiſtift einzelne Worte— wahr⸗ ſcheinlich die Pointen der Erzählungen— zu notiren. „Ich? nein— ich weiß nur nicht“ ſagte Steinert— „das Schiff fängt ſich an ſo fatal zu bewegen— immer ſo auf und nieder; ich glaube— ich glaube die Leute haben zu viele Segel aufgeſetzt.“ „Ja, irgendwo iſt es doch wohl nicht in Ordnung“ be⸗ merkte auch jetzt Herr Mehlmeier mit ſeiner feinen Stimme, der ſchon ſeit einigen Minuten ganz ſtill geſeſſen, nicht mehr gelacht, oft die Augen geſchloſſen, und dann auf einmal ſehr tief Athem geholt hatte. „Oh, es fängt ein wenig an zu ſchaukeln“ ſagte Herr Theobald, der ſich durch die Bewegung noch nicht incommo— dirt fühlte,„bitte erzählen Sie nur weiter.“— „Ja— wo war ich doch gleich ſtehn geblieben?“ „Wie Sie mit dem Mauthbeamten in der Schenke ſaßen und die Wette mit ihm machten“— unterſtützte ihn der junge Literat. „Ach ja ſo— ja da— das ſchaukelt wirklich unange⸗ nehm“ ſagte aber Herr Steinert, der den Faden nicht wieder finden konnte—„ich ſitze auch hier auf einem höchſt fatalen Fleck— viel zu hoch; das iſt doch ein göttlicher Abend— wir wollen ein wenig auf Deck ſpazieren gehn.“ Das Spazierengehn half aber auch Nichts, die Bewegung des Schiffs wurde merklicher, je mehr ſie ſich der offenen See Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 8 114 näherten, und je weiter ſie vom Lande abkamen, wo der Wind mehr Gewalt auf das Waſſer hat und die Wellen weiter rol— len können und größer werden. Schon ſtanden hie und da Einzelne über Bord gelehnt, und thaten als ob ſie hinaus auf's Waſſer ſähen, immer aber in einer ſehr verdächtigen Stellung, dem beläſtigten Magen Luft zu machen, bis ſich bei Manchem das Faktum nicht mehr verheimlichen ließ, und die erſten Seekranken durch einen Jubelruf der noch Geſunden proklamirt wurden. Es iſt dabei eine ſonderbare Thatſache, daß ſich die mei⸗ ſten Menſchen ſchämen ſeekrank zu werden, und es ſo lange verheimlichen wie nur irgend möglich; wie denn auch Niemand weniger an Bord eines Schiffes auf Mitleid zu rechnen hat, als eben ein von dieſem Feind Befallener. Was auch ſein Leiden ſein mag, wie ihn die Krankheit mitnimmt und nach und nach entkräftet und herunterbringt, ja während er daliegt und den Tod herbeiwünſcht, um nur endlich von ſeinem ent⸗ ſetzlichen Jammer befreit zu werden, die Geſunden ſtehn dabei und lachen und ſpotten über den armen Teufel, und das ein⸗ zige Gute nur dabei iſt, daß er ſie nicht hört, oder wenn er es hört, ſich Nichts daraus macht. Gegen Alles abgeſtumpft auf der Welt, wo es ihm ſelbſt gleichgültig wäre, wenn man ihn bei den Beinen faßte und über Bord zöge, was macht er ſich da aus dem Hohn irgend eines Anderen. Seekrank, für den den es betrifft, ein entſetzliches Wort, und doch eine Krankheit, an der noch kein hundertſtel Procent der Leidenden geſtorben. Was für Mittel ſind nicht ſchon da⸗ im ent⸗ n dabei as ein⸗ eenn er tumpft n man acht er gegen empfohlen, wie viel tauſend Aerzte haben nicht ſchon gethan, als ob ſte das Heilmittel dagegen gefunden und dies und das angerathen, den furchtbaren Gegner entfernt zu hal⸗ ten. Aber es giebt kein Mittel dagegen; wer etwas braucht und ſie nicht bekommt, hat nicht nöthig das Heilmittel weiter zu empfehlen, denn er ſelber hätte die Krankheit auch ohne⸗ dies nicht bekommen, und deſſen Magen ihn in den Bereich derſelben bringt, mag ſich nur getroſt in ſein Schickſal erge⸗— ben, er muß durchmachen was über ihn verhängt iſt, und hat nur die einzige Genugthuung ſpäter, wenn er dem tückiſchen Gott ſein Opfer gebracht, eben ſo über Andere lachen zu dür⸗ fen, wie Andere früher über ihn gelacht haben. Das Schiff bewegte ſich nun allerdings noch ſehr wenig, doch aber genug, den meiſten der daran gar nicht gewöhnten Paſſagiere, wenn ſie auch nicht Alle krank wurden, Unbehag⸗ lichkeit zu verurſachen, und trotz des herrlichen Abends wurde das Deck gar bald von ihnen geräumt, So fatal ihnen die Luft unten im Zwiſchendeck war, fanden ſie doch im Niederle⸗ gen einige Erleichterung, und ſuchten früh das Lager. Was kümmerte ſie jetzt der Lootſe, den ſte hatten wollen von Bord gehen ſehen, was der Mondſchein auf dem zitternden wogen⸗ den Waſſerſpiegel; es zitterte und wogte eben und das moch⸗ ten ſie nicht ſehn, und ſchon der Gedanke daran war ihnen fatal. Noch vor zehn Uhr erreichten ſie indeß die letzte Weſer⸗ tonne, die Grenze der Nordſee, auf ein Zeichen von Bord aus, durch aufgehangene Lichter gegeben, kam der dort kreuzende Lootſencutter heran, ſeinen Lootſen von Bord zu nehmen, und 8* wie als ob der Wind nur darauf gewartet hätte, ſich nun ein⸗ mal recht voll und ernſtlich in die Segel legen zu können, nahm er beide Backen voll, und kam ſo ſcharf und heulend von Nordoſt herunter, daß der Capitain die Oberbramſegel nieder und die ſchon zu Starbord geſetzten Leeſegel wieder ein⸗ nehmen ließ. Die See wurde dabei natürlich nur immer un⸗ ruhiger, und die kleinen kurzen Schlagwellen der Nordſee, die überhaupt die unangenehmſte Bewegung machen, überſtürzten ſich ſchon mit ihren weiß ſchäumenden Kämmen, und jagten wie im tollen Spiel hinter und neben dem durch ſie hinbrau⸗ ſenden Schiffe her. Arme Paſſagiere— und in der Cajüte ſah es nicht beſ— ſer aus als im Zwiſchendeck. Wenn Schiffe bei vollkommen ruhigem Waſſer in See gehn, und der Wind erſt allmählig wächſt, daß ſie die Bewegung ſo nach und nach gewohnt wer⸗ den, und die Körper es lernen derſelben nachzugeben, ſo blei⸗ ben oft viele Reiſende von der Krankheit ganz verſchont. Der Magen gewöhnt ſich an das Schaukeln, und ſelbſt ein kleiner Sturm bringt ſie ſpäter nicht mehr aus dem Gleichgewicht; wo aber der Wind, ſo wie hier, gleich am erſten Tage, wenn auch gar nicht gerade ſcharf einſetzt, wenn nur die kleinen kurzen Wellen erſt einmal einen Kamm bekommen, dann blei⸗ ben wenige verſchont, und der Koch darf ein paar Tage lang die Schweine mit den Erbſen und Bohnen füttern, die er für die Paſſagiere in den Keſſel gethan; die Leute denken gar nicht daran ſich ihr Eſſen zu holen, und ſchon das Wort Schaf⸗ fen verurſacht ihnen Ekel. in ein⸗ önnen, ſeulend mſegel 14 ein⸗ er un⸗ ee, die ürzten jagten brau⸗ t beſ⸗ mmen nählig t wer⸗ blei⸗ t. Der kleiner ewicht; wenn kleinen 1 blei⸗ e lang er für rnicht chaf⸗ 117 In der Cajüte war wirklich nur der junge Henkel, der ſchon mehre Seereiſen gemacht, verſchont geblieben, jedenfalls der Einzige, der mit dem Capitain und den Steuerleuten am Frühſtückstiſch erſchien und tapfer zulangte; die Andeken lie⸗ ßen ſich unwohl melden, und nur der Herr von Hopfgarten, ein kurzer, kleiner Mann, aber ſonſt voll Feuer und Leben, behauptete einzig und allein keinen Appetit zu haben, ſonſt aber ſich vollkommen wohl zu befinden. Einzelne Charaktere entwickelten fich auch in dieſer Krank⸗ heit im Zwiſchendeck auf wunderbare Weiſe. Herr Mehlmeier z. B. lag ausgeſtreckt auf dem Gepäck mit von ſich geſchobe— nen Armen und Beinen, als ob er ſo wenig wie möglich von ſeinem Körper um ſich herum haben möchte. Er ließ ſich dabei ſchütteln und ſtoßen und rufen und ſchimpfen, wenn er irgend Jemandem im Wege lag, und verhielt ſich ſo vollkommen re⸗ gungslos, daß er einmal ſchon zu dem Gerücht Veranlaſſung gab, der Schlag hätte ihn gerührt. Aber auch das war wie⸗ der den Anderen gleichgültig, und nur Herr Theobald, der bis jetzt noch verſchont geblieben war, notirte ſich den Fall, und ging dann hin ſich ſelber zu überzeugen. Steinert war nach ihm das beklagenswertheſte Subjekt die Familien Rochheimer und Löwenhaupt lagen in einem Zuſtand, der ſich kaum denken, auf keinen Fall aber beſchrei⸗ ben läßt.. Theobald hielt ſich, wie geſagt, noch ziemlich tapfer, und lachte die Kranken aus nach Herzensluſt; das viele Umher— gehn im Zwiſchendeck aber vielleicht, mit der doch ſtärker wer⸗ 118 denden Bewegung des Schiffes, übte auch auf ihn zuletzt ſeine Wirkung aus. Er ſteckte auf einmal ſein Taſchenbuch dahin wohin es gehörte, ſchob die Hände nach, und ſtellte ſich ganz ſtill an die Railing an, bis auch dieſe ihm nicht mehr Stütze genug ſchien, und er nun, in der Angſt daß ſeine Mitpaſſa⸗ giere merken könnten wie ihm zu Muthe würde, auf eine eigene Idee fiel, den traurigen und nicht mehr wegzuläugnen⸗ Er band ſich ſein Halstuch um die Ohren, hielt die Hände an den Backen und legte ſich end— lich, nicht mehr im Stande auf ſeinen Füßen zu bleiben, mit dem Kopf auf eine der Nothſpieren mitten in den Gangweg hin, wo die Matroſen fortwährend vorüber, und jetzt über ihn den Zuſtand zu verbergen. wegſteigen mußten. Der erſte der über ihn wegfiel, war der kleine Löwen⸗ haupt, dem er noch vor kaum einer halben Stunde einen Tel⸗ ler mit fettem Fleiſch unter die Naſe gehalten, und dadurch den armen Teufel faſt zur Verzweiflung, deſſen Krankheit aber jedenfalls zu vollem Ausbruch gebracht hatte. „O ſehn Sie'mal an, ſer, als er ſich wieder aufgeleſen und, beſter Herr Theobald“ ſagte die⸗ mit todtenbleichem Ge⸗ ſicht, ſeinen Arm auf eines der Waſſerfäſſer ſtützte, das Gleich⸗ / 2 7 gewicht zu halten—„Sehn Sie'mal an; jetzt werde ich Ih⸗ uen wohl können en Tel lerche mit Fleiſch unter die Naſen halten und fragen, ob Sie Appetit hätten, heh?— Das kommt davon, wenn man andere Leute cugginirt.“ Ich habe furchtbare Zahnſchmerzen“ ſagte aber Theo⸗ zt ſeine dahin h ganz Stütze paſſa⸗ feine gnen⸗ ch um end⸗ „mit ngweg er ihn owen⸗ n Tel⸗ dadurch eit aber gte die⸗ m Ge⸗ Jleich⸗ 3h⸗ Naſen kommt Theo⸗ 119 bald, die Naſe feſter an die Nothſpiere drückend—„laſſen Sie mich zufrieden.“ „Zahnſchmerzen?— ſo?“ ſagte der kleine Mann mit einem total verunglückenden Verſuch über ihn zu lachen— „vielleicht hülfe Ihnen dagegen en Stückchen Speck.“ „Halten Sie's Maul!“ rief aber Theobald, dem der Ekel über die angebotene Mahlzeit den Mund breitzog. „Jawohl—“ ſagte aber der unverwüſtliche Löwenhaupt, der nach vollſtändiger Ausleerung einige Erleichterung ver⸗ ſpürte,„der Zahn wird wohl gleich mit der Wurzel heraus⸗ kommen, ganz von ſelber, kann ich mir etwa denken— nur a kleines Stückle fettes Fleiſch.“ Er konnte nicht weiter reden, denn Theobald ſprang in die Höhe und war kaum im Stande den Schiffsrand zu er⸗ reichen und über Bord zu ſehn; bei dem Anblick wurde es aber Löwenhaupt auch wieder weh und weich um's Herz, und er leiſtete dem Dichter treue Geſellſchaft. Die einzigen, die im Zwiſchendeck vollſtändig, wenigſtens für jetzt von der Seekrankheit verſchont blieben, waren Maul— beere, ſeines Gewerkes ein Scheerenſchleifer wie ſich endlich herausgeſtellt, Georg Donner, des Paſtors Sohn aus Walden⸗ hayn, der mit einem der Oldenburger Bauern und einem lan⸗ gen Schneider eine Coye bekommen hatte, der Mann mit den kurzgeſchnittenen Haaren, und vier oder fünf von den Frauen, unter ihnen Hedwig. Die anderen mußten alle mehr oder we⸗ niger davon leiden, und ſelbſt von den Geſunden bewahrte der Scheerenſchleifer faſt allein ſeinen unverwüſtlichen Appetit, und 120 ſaß entweder an Deck und rauchte ſeinen nichtswürdigen Ta⸗ back, daß es Niemand unter dem Wind von ihm aushalten konnte, oder er hockte, zuſammengedrückt wie ein großer unge⸗ ſchlachter Affe, in ſeiner Coye, und knapperte den halben Tag lang an dem trockenen Schiffszwieback. Dabei ſprach er kein Wort und ſchnitt allen, die an ihm vorübergingen, ſolche Ge— ſichter, daß ſich die Frauen ſchon vor ihm fürchteten und ihm auch ſpäter immer ſcheu aus dem Wege gingen. Daß unter ſolchen Umſtänden ſelbſt Frau von Kaulitz nicht an ihre Parthie dachte, verſteht ſich von ſelbſt, und die nächſten Tage bekam ſie nur der Cajütenjunge, ein Mulatte von zwölf oder dreizehn Jahren zu ſehen, der immer kopf— ſchüttelnd die verſchiedenartigſten Waſchbecken aus und ein ſchleppte, und jedesmal, wenn er die Cajüte verließ, dem Stew⸗ ard mit den merkwürdigſten Grimaſſen eine Menge Geſchich⸗ ten erzählte, über die ſich dieſer dann todt lachen wollte. Der Steward hatte dabei eine ſo ſonderbare Art zu lachen, daß er immer die Augen ſchloß, und es einmal auch richtig möglich machte, mit einem ganzen Korb voll Theegeſchirr die halbe Treppe in die Cajüte hinunter zu fallen. Der Rheder mußte das Geſchirr ſpäter wieder erſetzen, und der Mulatte bekam indeſſen dafür die Prügel. Mit einem prachtvollen Nordoſter brauſte das wackere Schiff ſeine Bahn entlang, durchſchnitt die grünen Fluthen unſeres vaterländiſchen Meeres, der Nordſee, und lief dann, mit Leeſegeln an beiden Borden zwiſchen Dover und Calais hindurch in den Canal ein. Wohl glühten an dem Abend die shalten unge⸗ en Tag er kein he Ge⸗ nd ihm Kaulit nd die Nulatte kopf⸗ d ein Stew⸗ eſchich⸗ . Der daß el nöglich halbe mußte bekam vackere luthen dann, 9 alais nd die 121 Leuchtfeuer der engliſchen und franzöſiſchen Küſte wie Meteore durch die Nacht herüber, und der nordiſche Himmel funkelte ſeinen ſchönſten Glanz in Myriaden Sternen nieder, aber Niemand achtete darauf; die Seeleute hatten das Alles ſchon, wie oft, geſehn, und die Paſſagiere lagen in ihren Coyen, viele ihren Blechtopf im Arm, und ſtöhnten und ächzten— wie mancher mit bitterer Reue im Herzen, daß er je thöricht genug geweſen das feſte Land zu verlaſſen, ſelbſt Amerikas wegen. Die wenigen Geſunden hatten mit ihren kranken Freunden zu thun, und nur der junge Arzt, Georg Donner, lag vorn zwiſchen den Lauftauen des Bugſpriets und ſchaute träumend hinaus in die ſtille Nacht, der Lieben daheim gedenkend. Das Licht was dort herüberblinkte vom fernen fremden Ufer, glich es nicht dem Schein der Abendlampe, die in des Vaters Zimmer brannte?— Oh wie oft hatte er, Abends heimkehrend, den freundlichen Strahl ſich entgegen leuchten ſehen und dort, das Haupt in die Hand geſtützt, ſaß der Va⸗ ter und arbeitete an ſeiner Predigt, und die Mutter da drü⸗ ben, auf dem Sopha dicht neben dem Ofen, mit der kleinen grünen Lampe dicht herangerückt, las in der Bibel und folgte den ſo wohl bekannten Zeilen mit dem Finger die ganze Seite nieder— Aber nein, ſie las nicht— die Brille legte ſie ins Buch, wiſchte ſich die Augen mit der Hand und ſchaute ſtill und ſeufzend über das Buch hinaus. Ihre Gedanken waren nicht dabei— ſie flogen weit, weit hinaus über das Meer dem fernen Schiffe nach, das ihr den Sohn entführte, das Kind— das liebe, liebe Kind. Matter und immer matter glühte das ferne Licht herüber — Georg ſah es ſchon lange nicht mehr und die Augen mit der Hand bedeckt, im Dunkel der Nacht, nur mit den Ster⸗ nen über ſich, weinte er ſtill, und ihm war, als ober die Thrä⸗ nen niederfallen hörte auf das vergriffene Buch, in dem die Brille lag. herüber Canitel 5. Die Paſſagiere. Fünf Tage waren ſo vergangen; durch die ſchwere weſt⸗ liche Dünung die faſt ſtets vor dem Canal ſteht, hatte das wackere Schiff, von kundiger Hand geführt, ſeine Bahn ge⸗ funden, und der atlantiſche Ocean ſchaukelte es auf ſeiner tief⸗ blauen, weit wogenden Fluth. Auch die Paſſagiere thauten auf; ihre Körper gewöhnten ſich an die ſchaukelnde, und bei dem guten Wetter, doch mehr gleichmäßige Bewegung des Schiffs, und als am ſechſten Tag der Wind ſchwächer und ſchwächer wurde, und die Wogen ſich legten und beruhigten kamen ſie vor aus ihren Coyen, bleich und hohläugig zwar wie Leichen aus ihren Gräbern, aber doch meiſt geheilt von der furchtbaren Qual. Sie lernten auch wieder eſſen und trinken, der Magen behielt was ihm geboten wurde, und ſelbſt der Frühſtückstiſch in der Cajüte belebte ſich. Fräulein Amalie von Seebald lehnte an der Railing des Quarterdecks— es war Morgens um zehn Uhr, und die mei⸗ ſten der übrigen Damen noch nicht ſichtbar— und ſchaute, mit den weißen Fingern der linken Hand in ihren Locken ſpie— lend, träumeriſch über das Meer hinaus. Der Unterſteuer⸗ mann hatte die Wacht und ſaß, ein Leeſegel ausbeſſernd, auf einer niederen Bank kaum drei Schritte von ihr. „Wie wundervoll iſt doch die See“, ſagte die Dame, ein Geſpräch mit dem Seemann anknüpfend, dem ja das Meer Beruf geworden, und der es ſich nicht gewählt haben würde, wenn nicht ſein Herz an den blauen Wogen hing—„wie herrlich ſchatten ſich jene dunklen Tinten gegen die leiſen lich— ten Kräuſelwellen ab, die von ihnen, wie zarte Kinder getra⸗ gen, in dem Kuß des Zephyrs zu vergehen ſcheinen.“ Der Unterſteuermann ſah die Dame mit einem halbſcheuen Seitenblick an; er hatte keinesfalls verſtanden was ſie ſagte, auch keine Idee dabei daß ſie ihn angeredet, und glaubte wahrſcheinlich ſie ſpreche mit ſich ſelber, Fräulein Amalie aber fuhr langſam und ſchwärmeriſch fort: „Wie weich und duftig liegt des Aethers Halle auf dieſer Fluth, und wölbt ſich zum Dom über der unerforſchten Tiefe — oh iſt es nicht ſchön— nicht gottvoll auf der See, Steuer⸗ mann?“ Elkig, wie der Unterſteuermann hieß— alſo bei ſeinem Titel und direkt angeſprochen, mußte wenigſtens eine Antwort geben, drehte alſo den Kopf halb nach der Dame um, daß er einen Blick auf das Waſſer bekam, ſpuckte ſeinen Tabacksſaft die mei⸗ ſchaute, ken ſpie⸗ erſteuer⸗ d, auf me, ein 5 Meer würde, —„wie en lich⸗ 3 getra⸗ ſſcheuen ie ſagte, glaubte alie aber ff dieſer ſeinem Antwort daß el zacksſaft über Bord und ſagte, ſich mit dem Rücken der linken Hand die Lippen wiſchend. 1 „Ach ja, s'iſt recht hibſch!“ „Welchen kalten Ausdruck gebrauchen ſie dafür,“ verwies ihn aber die Dame—„wie läßt ſich das Erhabene dieſes An⸗ blicks in ſolche Sylbe faſſen, hübſch; aber die Gewohnheit ſtumpft uns ſelbſt gegen das Gewaltige ab, und ich habe mir erzählen laſſen, daß z. B. am Niagara⸗Fall Menſchen wohnen, die nicht einnal mehr das donnernde Brauſen des Rieſen⸗ ſturzes hören.“ „Werden wohl taub davon geworden ſein“ meinte Elkig in unzerſtörbarer Ruhe, indem er ſich zugleich einen neuen Drath einfädelte. Fräulein Amalie hatte glücklicher Weiſe dieſe Bemerkung überhört, ihr Geiſt ſchweifte über der Tiefe, und ihre Gedan⸗ ken nahmen einen anderen Flug. „Wie die Möve dort mit dem Kreisſchlag ihrer Flügel die flüchtige Woge ſtreift, und dann fortzieht, weit und allein über die endloſe Fläche— ihre Heimath— welche Aehn⸗ lichkeit hat doch das Bild mit dem Seemann ſelbſt, der auch über die blauen Wogen ſeine Furchen zieht— ſeine Heimath das Meer.“ Der Unterſteuermann nähte ruhig weiter; die Geſchichte war ihm griechiſch und er verſtand keine Sylbe davon; übri— gens war das keine direkte Frage geweſen, und er brauchte alſo auch nicht darauf zu antworten. „Und wenn er nun die zurückläßt die ihm lieb ſind“ fuhr die Dame fort, ein trübes Bild jetzt vor ſich heraufbeſchwörend, wenn ſein Weib, ſeine Kinder daheim ſein harren; mit ängſt⸗ lich klopfenden, faſt erſtarrten Herzen dem grollenden Donner lauſchen, der ſeinen Strahl hineinſchmettern kann in das Schiff das den Geliebten trägt— oh ſchrecklich— ſchrecklich. — Sind Sie verheirathet?“ fuhr ſie dann nach kleiner Pauſe, während ſie das Geſicht in den Händen geborgen hatte, wieder gegen den Seemann gewandt fort. Dieſer, der indeß mit dem Mann am Steuer, einem al⸗ ten ſonngebräunten Matroſen, ein paar nichts weniger als andächtige Blicke gewechſelt hatte; ſah ſich wieder halb nach der Fragenden um, ſich erſt zu überzeugen daß er auch wirklich gemeint ſei. „Wer— ich?“ frug er nach kleiner Pauſe. „Ja— ich meine Sie.“ „Ne!“ lautete die, von einem entſprechenden Kopfſchüt⸗ teln begleitete, ſonſt jedenfalls bündige Antwort, und wieder ſpuckte den Mann ſeinen Tabacksſaft über Bord. „Aber Sie haben doch gewiß eine Braut— eine Geliebte zurückgelaſſen von der Sie der Abſchied geſchmerzt und traurig gemacht?“ Der Unterſteuermann horchte hoch auf, und der Mann am Steuer, dem die Dame den Rücken zudrehte, ſah ſeinen Vorgeſetzten mit ſolch trocken komiſchem Blicke an, daß dieſer ſich nicht mehr helfen konnte und gerade hinauslachte. „Recht hätten Sie“ ſagte er aber dann, etwas verlegen —„einen Schatz ſoll ich woll haben.“ „ worend, it aͤngſt⸗ Donner in das hrecklich. Pauſe, e wieder yfſchüt⸗ wieder Geliebte traurig Mann ſeinen z dieſet verlegen 1²* „Nicht wahr ich hab es errathen?“ rief die Dame raſch, das Lachen gern in der Freude überſehend einem romantiſchen Verhältniß auf die Spur zu kommen—„und den mußten Sie verlaſſen?“ „Ja lieber Gott“ ſagte der Unterſteuermann, dem nicht wohl bei dem Geſpräche wurde, denn er konnte noch immer nicht herausbekommen ob die Dame wirklich ernſthaft ſei, oder ihn nur zum Beſten haben wolle—„das iſt mit uns Seeleuten nun einmal nicht anders— wer kann's helfen.“ „Und ſehnen Sie ſich denn recht nach ihr zurück?“ Der Mann am Steuerrad ſah mit einem unbeſchreib⸗ lichen Blick gerade über ſich in die Wolken, und kreatzte ſich mit der rechten freien Hand hinter dem Ohre. „Ach ja“ ſagte der Unterſteuermann mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Blick, und einem noch viel unbeſchreiblicheren Ausdruck in der Stimme. „Und Sie Armer müſſen jetzt nach New⸗Orleans?“ „Ach, da krieg ich woll wieder eine Andere“ ſagte in aller Unſchuld der Seemann, ohne von ſeiner Arbeit aufzuſehn; aber es war gut für ihn daß in dieſem Augenblick der Capi— tain an Deck erſchien und ihn nach vorn ſandte, eine der Vor⸗ ſtengenpardunen nachzuſehn, die durch das Segel„ſchamfiehlt“ worden. Fräulein von Seebald blieb indeß wirklich ſtumm vor entrüſtetem Erſtaunen über die herzloſe Bemerkung eine ganze Weile ſtehn, und zog ſich dann mit ihrer ſchmerzlichen Ent⸗ täuſchung in ihre innerſte Cajüte zurück. Das Leben an Bord des Schiffes hatte indeß ſeinen ge⸗ 128 regelten Gang begonnen und der Geſundheitszuſtand der Paſ⸗ ſagiere ſich ſo gebeſſert, daß mit nur wenigen Ausnahmen Alle ihre beſtimmten Mahlzeiten„faßten“, und die verſchiedenen Coyen ſich, ſo unbequem ihnen das auch wohl im Anfang vor⸗ gekommen, endlich einrichteten die regelmäßige Vertheilung der Lebensmittel unter ſich vorzunehmen. Die Leute müſſen unter ſolchen Verhältniſſen erſt ordentlich mit einander bekannt wer⸗ den, und werden das auch in der That leicht an Bord eines Schiffes. Dann ſtehen auch noch im Anfang eine Menge Sachen umher und im Wege, die ſpäter einen Platz bekom⸗ men; das ganze Schiff„ſchüttelt ſich durcheinander“ und man ſindet zuletzt daß man da exiſtiren, und endlich ſogar verhält⸗ nißmäßig bequem eriſtiren kann, wo früher Alles über⸗ und durcheinander lag. Den Paſſagieren ſelber that aber dieſe jetzt eintretende Ruhe wohl; bis jetzt waren ſie ſich ihrer kaum bewußt gewor⸗ den, und von dem Abſchied aus der Heimath theils, theils von der Sorge um ihr Gepäck, und zuletzt der Seekrankheit ſo in Anſpruch und mitgenommen worden, daß dieſe ganze Zeit faſt wie ein boͤſer, ſchwerer Traum hinter ihnen lag, über den ſie wohl noch den Kopf ſchüttelten, der aber doch glücklich überſtanden war. Nichts an Bord erinnerte ſie auch mehr an das Vergangene, und was für Vergleiche ſie auch wohl ſpäter im Stande ſein mochten anzuſtellen über das was ſie verlaſ⸗ ſen, über das was ſie dafür wiedergefunden, dieſe Zeit jetzt gehörte ſich ſelbſt und lag außer aller Verbindung mit Vergangenheit und Zukunft. p — der Paſ⸗ snahmen ſchiedenen fang vor⸗ ilung der ſen unter nnt wer⸗ ord eines Menge bekom⸗ und man verhält⸗ ver⸗- und ntretende gt gewor⸗ ;, theils ankheit ſo anze Jeit über den glücklich mehr an hl ſpäter verlaſ 2 ieſe Zeit ung mit 129 Das Wichtigſte und wirklich Schwierigſte für die Mehr⸗ zahl der Paſſagiere war dabei, eine richtige Zeiteintheilung zu finden. Zeit— die Leute hatten damit auf einmal etwas bekommen, das ſie früher in ihrem ganzen Leben nicht ge— kannt, und wußten jetzt in der That nicht was ſie damit ma⸗ chen ſollten. Sich mit ſich ſelber zu beſchäftigen— auch keine ſo leichte Kunſt— verſtanden die Wenigſten von ihnen, und wo ſie früher ihre beſtimmte Beſchäftigung und Arbeit von Tagesgrauen bis Nacht gehabt, und Abends dann, erſchöpft und matt das Lager geſucht, um am nächſten Morgen wieder zu neuen Anforderungen geſtärkt zu ſein, fanden ſie ſich jetzt plötzlich in einer ununterbrochenen Reihe von Sonntagen, denen ſelbſt Morgens„das Bischen Kirchenſchlaf“ und Abends der Trunk in der Schenke fehlte. Die erſten Tage ging das aber immer noch; ſie ſtanden an Deck umher, und ſahen über Bord in die See, oder den ver⸗ ſchiedenen Arbeiten der Matroſen zu, bis die Eſſenszeit— der jetzt willkommene Ruf zu„Schaffen“— kam, und dann ſchliefen ſie ein wenig, oder ſpielten auch wohl eine gewaltſam arrangirte Parthie Solo oder Scat— bis es dunkel wurde; wie aber Tag nach Tag daſſelbe und immer wieder daſſelbe brachte, die See ihnen etwas Gewöhnliches, Langweiliges wurde, und das Bedürfniß nach einer Thäͤtigkeit, das nur we⸗ nig Menſchen gänzlich fehlt, wieder in ihnen erwachte, wand⸗ ten ſie ſich, freilich nur allmählig und immer noch mit keiner Luſt, verſchiedenen Beſchäftigungen zu, die ſie aufgriffen und wieder wegwarfen, etwas Anderes zu verſuchen. Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 9 Die Frauen vor allen Anderen, fanden ſich am erſten hinein; ein Theil von ihnen verſtand ſich bald dazu dem Koch zu helfen, Kartoffeln zu ſchälen und ſonſt kleine Dienſtleiſtun⸗ gen für ihn zu thun—(ſelbſt die Männer halfen bei der er— ſteren Arbeit, da ihnen angekündigt wurde daß ſie ihre Kar— toffeln ſelber ſchälen müßten, wenn ſie eben geſchälte Kartof⸗ feln zum Mittagseſſen haben wollten, und wechſelten dabei unter einander ab) dann hatten ſie ihr Geſchirr zu reinigen und nach den Kindern zu ſehn, und endlich ſelber in See⸗ waſſer ihre Wäſche zu beſorgen; damit verging der Tag und die Zeit verflog ihnen raſch genug. Schwerer wurde es den unverheiratheten oder einzelnen Männern ſich in das Waſchen zu finden, und ſie ſchoben das ſo weit hinaus als möglich. So Steinert und Mehlmeier z. B., die an kleinem und großem Geld in dem Hafenplatz aus⸗ gegeben hatten, was ſie nur irgend verfüghar bei ſich trugen, und ſich jetzt doch nicht dazu entſchließen konnten die Aermel ſelber aufzuſtreifen. Nichtsdeſtoweniger kleideten ſie ſich immer mit großer Sorgfalt und reiner Wäſche, ihren ganzen mitgenom⸗ menen Vorrath erſchöpfend, und ſetzten ſich nicht ſelten dem Geſpötte der Seeleute und übrigen Paſſagieren aus, wenn ſie mit ihren„Geh zur Kirche“ Kleidern, gewichſten Stiefeln und den Cylinderhut auf, an Deck erſchienen. „Nun Herr Steinert, wollen Sie an Land?“ tönte dann die unermüdliche Frage von jeder Lippe, und Herr Mehlmeier wurde gewöhnlich beauftragt irgend verſchiedene Kleinigkeiten zu beſorgen, und um Gotteswillen die Zeitung nicht zu ver— ch an erſten zu dem Koch Dienſtleiſtun⸗ n bei de ie ihre alte Kartof⸗ ſelten dabei re 4 urreinigen t in See⸗ er Tag und eer einzelnen ſchoben das Mehlmeier enplatz aus⸗ ſich trugen, n die Aermel ie ſich immer n mitgenom⸗ ſelten dem s, wenn ſie ztiefeln und tönte dann Mehlmeit lleinigkeiten icht zu vel⸗ 131 geſſen. Mehlmeier hatte dabei die wunderliche Eigenthüm- lichkeit, daß er zu ſeiner Rede conſequent die falſchen und ſehr gewöhnlich die genau verkehrten Geſticulationen machte; ſo nickte er, wenn er nein ſagte regelmäßig mit dem Kopf, und ſchüttelte dieſen bei ja, und wenn er ſich mit Jemandem zankte, was in dem Zwiſchendeck eines Schiffs etwa keineswegs ſelten vorkömmt, ſo faltete er dabei die Hände und ſah den, dem er manchmal die größten Grobheiten ſagte, ſo bittend und freund— lich an, daß ſich der Streit jedesmal in ein lautes Gelächter auflöſte, und die Partheien ſich verſöhnen mußten, ſie mochten wollen oder nicht. Die Weberfamilie aus Zurſchtel ging den Anderen übri⸗ gens vorzüglich mit gutem Beiſpiel voran; der Mann, wie nur die erſten Tage an Bord mit Krankheit und deren Nach⸗ wehen überſtanden waren, arbeitete von früh bis ſpät, half dem Koch in der Küche und den Matroſen wo er nur konnte an Tauen und Segeln, und war freundlich und gefällig gegen Jedermann, während die Frau die erſte war, die ihren Waſch— trog herrichtete und ſich den Cajutspaſſagieren anbot ihre Wäſche für ein Billiges ſo gut zu waſchen und herzuſtellen, wie es eben an Bord eines Schiffes möglich war. Lobenſteins mach⸗ ten auch zuerſt Gebrauch davon; die Frau Profeſſorin beſon⸗ ders wurde die erſte Kunde der wackeren Frau, und ihr ſchloſſen ſich die anderen Damen an, das getragene Zeug wenigſtens auswaſchen zu laſſen und rein hinzulegen, bis es in New⸗ Orleans mit friſchem Waſſer und Bügeleiſen ordentlich in Stand geſetzt werden konnte. Auch Fräulein von Seebald 9⸗ 132 fand Gefallen an der Frau und ſtellte ſich manchmal neben ſie, ihr bei ihrer Arbeit zuzuſehn. Sie mußte ihr dann von ſich und ihrem Leben zu Hauſe erzählen, was ſie dort getrie⸗ ben und wie ſie eriſtirt, und das poetiſche Fräulein ſchöpfte dabei ein ſüßes Gift aus dem„Zauber des Landlebens“ wie ſie es nannte, und dem ſie ſich ja auch in dem freien ſchönen Amerika ganz hinzugeben gedachte. Die Unterhaltung mit der Webersfrau zog aber noch, ſchon am zweiten Tage, einen Dritten in das Geſpräch; der Dichter Theobald, der unfern davon auf einem Waſſerfaß, mit dem Rücken an die Hühnerkaſten gelehnt ſaß, und ſein offenes Taſchenbuch vor ſich an einem Bleiſtift kaute, wurde aufmerk— ſam gemacht durch einige bilderreiche Bemerkungen der jungen Dame, ſchloß ſein Buch und näherte ſich ihr ſchüchtern. Sie hatten bis jetzt noch kein Wort, höchſtens einen ſtummen Gruß, wenn man ſich Morgens zuerſt ſah, gewechſelt, denn den Zwi⸗ ſchendeckspaſſagieren war das Betreten der Cajüte oder ſelbſt des Hinter- oder Quarterdecks nicht geſtattet; ja ſogar von den Cajütspaſſagieren ſehen es die meiſten Capitaine nicht gern, wenn ſich dieſe mit dem„anderen Theil“ in ein Geſprãch einlaſſen oder gar öfter zuſammenkommen wollten. Capitain Siebelt war übrigens nicht ſo ſtreng, und wenn ihm nur die Zwiſchendeckspaſſagiere vom Quarterdeck wegblieben, wohin ſie ihm aber unter keiner Bedingung kommen durften, ließ er ſeinen Cajütspaſſagieren ziemlich freien Willen. „Sie ſehnen ſich nach dem Land, mein gnädiges Fräu⸗ lein, wie ich höre“ miſchte ſich alſo Theobald in das Geſpräch l neben ann von t gtrie⸗ ſchöpfte 1“ wie ſchönen er noch, ich; der faß, mit offenes ufmerk⸗ jungen n. Sie en Gruß, den Zwi⸗ der ſelbſt gat von ine nicht Geſpräch gapitain nur die wohin ließ ei es Fru⸗ Geſptäch 133 —„bietet ihnen denn die See nicht des Großen, des Erha⸗ benen ſo unendlich viel, dem dürſtenden Geiſt wenigſtens Nah⸗ rung zu geben auf Monate?“ „Sie haben recht“ ſagte Fräulein von Seebald mit leich⸗ tem Erröthen—„wir Menſchen ſind ungenügſam, und ver⸗ dienen eigentlich gar nicht all das Schöne und Große, was uns von unſerem Schöpfer in ſo reichem Maße geboten wird, aber dennoch, trotz dem großartigen, bewältigenden Eindruck den das Meer auf mich gemacht, und der mich in den erſten Tagen ſo erſchütterte daß ich ihm gar nicht zu begegnen wagte und mich in meinem ſtillen Kämmerlein erſt langſam auf das Ertragen dieſer Größe vorbereiten mußte, fühle ich manchmal eine Leere, die ich nicht auszufüllen im Stande bin.“ Theobald dachte unwillkürlich an ſeine Zahnſchmerzen, ſagte aber ſeufzend: „Wohl kann ich mir Ihre Gefühle verſinnlichen, gnädi⸗ ges Fräulein. Der zartdenkende Menſch empfindet anders als der rohe; er genießt aber auch dafür mehr und würdiger, und das Bewußtſein deſſelben iſt ihm zugleich der Lohn; nur ſich da nicht mittheilen zu können, das Bewußtſein mit ſich her— umzutragen das Alles allein genießen zu müſſen iſt dem Gu⸗ ten oft drückend, und nur wieder und wieder zurückgeſtoßen von der Maſſe die ihn nicht verſteht— nicht verſtehen will, ſieht er ſich zuletzt gezwungen allein, mit ſeinem Schatz im Herzen ſeine Bahn zu gehn.“ „Sie ſind Dichter“ rief Fräulein von Seebald raſch und mit einem überzeugten Blick zu ihm aufſchauend. 134 „Gnädiges Fräulein“ ſagte der Dichter beſcheiden.[ V„Sie ſind Dichter“ wiederholte dieſe aber beſtimmt, und „Ich bin es—“ ſagte Theobald mit einer Reſignation, 3 als ob er ſich in dieſem Augenblick zu einem Mord bekannt hätte. „Ich habe es mir gedacht“ flüſterte Amalie leiſe vor ſich hin—„ja, dann genügt Ihnen das Meer“ ſetzte ſie dann b aber lauter hinzu,„dann begreife ich, wie Sie in dem Gefühle, auf dünner Planke über der„purpurrothen Finſterniß“ hinge⸗ V tragen zu werden, ſich allein in dieſer Waſſerwüſte zu wiſſen, über die der blaue Aether ſeinen Bogen ſpannt, ſchwelgen, V ſich glücklich fühlen können. Der Dichter iſt ja der willkom⸗ l 1 mene Gaſt des Olymp, und des Geiſtes Schwingen tragen V ihn raſch und leicht empor aus allem Irdiſchen. Auch ich“— und tiefes Erröthen färbte ihre Stirn und Wangen—„auch ich“— die Stimme wurde ſo leiſe daß Theobald die flüſtern⸗ den Laute kaum verſtehen konnte—„habe mich auf dieſem Feld verſucht, aber die Schwingen“ ſetzte ſie wärmer werdend hinzu„ſind noch nicht ſtark genug mich hinauf zum Parnaß 8 2 2- d— zu tragen.“ 11 A Ihre Beſcheidenheit täuſcht Sie vielleicht nur darin“ ☛ ſagte Theobald, ſelber dabei, er wußte nicht weshalb, er⸗ röthend. „Ach nein“ ſeufzte die Dame, langſam und traurig den Kopf ſchüttelnd—„aber das ſchadet auch Nichts“ fuhr ſie lebendiger, ſich ſelber tröſtend fort—„wir können nicht Alle Nachtigallen ſein, und auch die beſcheidene Lerche, die ihr ein— 1 nt, und gnation, bekannt vor ſich je dann hefühle, hinge⸗ wiſſen, welgen, illkom⸗ tragen ich“— — auch flüſtern⸗ jdieſem werdend Parnaß darin“ b, el⸗ trig den fuhr ſie cht Alle ihr ein⸗ 135 faches Lied dem Schöpfer dankend entgegenwirbelt füllt ihren Platz in dem Weltenall, ſo klein, ſo beſcheiden er ſein mag, aus.“ „Gewiß thut ſie das, gewiß“ miſchte ſich in dieſem Au⸗ genblick, ehe Theobald noch etwas darauf erwiedern konnte, eine dritte Stimme, allerdings unaufgefordert, in das Ge— ſpräch, und die Augen forſchend auf Fräulein von Seebald geheftet, während er jedoch mit einer artigen und verbindlichen, faſt ängſtlichen Verbeugung ſie begrüßte, fuhr er, langſam mit dem Kopf dabei ihr zunickend fort—„und dem lieben Gott die liebſte Sängerin iſt die Lerche, denn ihr ſchmetterndes Lied ſteigt mit dem erſten Blumenduft zu ihm empor, des Frühlings ſchönſtes Opfer.“ „Sie ſind auch Dichter?“ rief Fräulein von Seebald überraſcht aus. „Ich?— nein, bitte um Verzeihung— ich heiße Schultze und bin Cigarrenfabrikant“ ſagte der kleine Mann verlegen, während Theobald eben im Begriff war ihn als ſeinen Coyen⸗ nachbar, Herrn Schultze aus Hannover vorzuſtellen. „Cigarrenfabrikant?“ wiederholte Fräulein von Seebald mit einem getäuſchten, beinah halbvorwurfsvollen Ton— „Ihrer Aeußerung nach glaubte ich daß—“ „Herr Schultze hat ungemein viel Phantaſie“ nahm hier Theobald in Vertheidigung des kleinen Mannes, von dem er ein gewiſſes unbeſtimmtes Gefühl hatte, daß er ihn ſeines Geſchäfts wegen entſchuldigen müſſe, das Wort;„wir haben uns ſchon mehrfach über ein Syſtem, das er ſich gebildet, 136 unterhalten, und ich muß geſtehen daß er mir in manchen Be⸗ ziehungen merkwürdige Aufſchlüſſe gegeben, und Gedanken ir mir erweckt hat, auf deren Baſis ſich wirklich weiter bauen ließe.“ „Herr Theobald“ ſagte der kleine Cigarrenfabrikant,„iſt Einer von den wenigen Menſchen, die für das Wahre em⸗ pfänglich ſind, und der Ueberzeugung ihr Ohr nicht gewaltſam verſchließen.“ „Sie ſprechen in Räthſeln“ ſagte Fräulein von Seebald, „dürfte ich Sie um deren Auflöſung bitten?“ „Nichts iſt leichter als das,“ erwiederte Theobald— „Herr Schultze geht von der Idee aus daß wir Albe, wie wir dieſe Erde jetzt in menſchlicher Form bewohnen, ſchon früher einmal eriſtirt haben, und zwar als Vögel.“ „Als Vögel?“ rief Fräulein von Seebald erſtaunt— „welcher ſonderbare Gedanke.“ „Sonderbarer Gedanke?“ wiederholte aber der kleine Mann, raſch den Kopf gegen den halben Zweifel emporwer⸗ fend—„Nichts auf der Welt iſt leichter zu beweiſen als das, und Sie werden ſtaunen, mein gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen, in einfachſter Weiſe den Schlüſſel zu den jetzt Ihnen vielleicht räthſelhaft ſcheinenden Worten gebe. Es iſt das Ei des Columbus— unmöglich unſerem noch umnachteten Blick, und ein Kinderſpiel in der Löſung.“ „Aber ein Vogel—“ „Iſt Ihnen die Aehnlichkeit fremd, die das Menſchen⸗ geſicht mit dem Vogelkopf hat?“ unterbrach ſie aber der kleine nchen Be⸗ danken ir ter baun aant,„iſt ahre em⸗ evaltſam taunt— er kleine mporwer⸗ als das, venn ich gt Ihnen t das Ei ten Blic denſchen⸗ ver kleine Mann der jetzt auf ſeinem Steckenpferde ritt und die Zügel feſt und ſicher faßte,„haben Sie noch nie derartige Vergleiche angeſtellt, und wirklich täuſchende Aehnlichkeiten dabei ge⸗ funden?“ „Allerdings“ ſagte Fräulein von Seebald, ſich mit dem dritten und vierten Finger der rechten Hand leiſe die Stirn ſtreichend, wie um ihrem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen; „eine Freundin von mir hat, wenn man mit der flachen Hand den oberen Theil ihres Geſichts von dem unteren trennt, eine frappante Aehnlichkeit mit dem Staar, und ein Vetter von mir, ein junger Offizier, mit einem Adler.“ Des Kleinen Augen leuchteten im Triumph. „Sehn Sie daß ich recht habe?“ rief er, raſch und heftig dabei mit dem Kopf nickend—„ſehn Sie daß wir Menſchen, ſelbſt ohne es zu verſtehen, uns deſſen bewußt geblieben ſind was wir einſt geweſen, und deſſen Grundzüge ſelbſt eine voll— kommene Umwandelung unſerer ganzen Geſtalt, unſeres gan⸗ zen Seins, nicht im Stande war vollſtändig zu vertilgen?“ „Aber kann das nicht zufällig entſtanden ſein?“ ſagte Fräulein von Seebald, von dem ernſten Weſen des kleinen Mannes zwar eigenthümlich ergriffen, ſich aber dennoch gegen ſolche Theorie auch unwillkürlich ſträubend—„ja finden wir nicht auch Aehnlichkeiten manchmal zwiſchen vierfüßigen Thie— ren und Menſchen?— frappante Aehnlichkeiten, die ja dann auch eben zu ſolcher Schlußfolgerung nach dorthin uns berech— tigen müßten?“ „Sie berühren da allerdings ein Thema“ ſagte der kleine Cigarrenfabrikant mit ernſter Miene,„das mir ſelber ſchon manche ſchlafloſe Nacht gemacht hat; aber ich glaube Ihnen auch ſelbſt das widerlegen zu können. Der Menſch iſt, wie die Gelehrten behaupten, das vollkommenſte lebendige Weſen der Schöpfung durch ſeinen Geiſt, aber nicht durch ſeinen Körper.“ „Nicht durch ſeinen Körper?“ rief aber hier auch Theo⸗ bald erſtaunt aus—„Ihr Syſtem reißt Sie hin, mein guter Herr Schultze, denn welches Weſen der Schöpfung könnten Sie ihm ſelbſt in körperlicher Hinſicht wohl vergleichen?“ „Viele— ſehr viele, mein guter Doktor“ ſagte aber der kleine Mann, keineswegs durch den Einwurf beirrt;„das Pferd iſt ſtärker und ſchneller, das Wild hat ſchärfere Geruchs⸗ ſinne, ſchärfere Seh⸗, ſchärfere Gehörwerkzeuge— der Menſch iſt auf den feſten Grund und Boden, und zwar auf deſſen Oberfläche angewieſen, einzelne Thiere dagegen bewegen ſich auf dem Lande ſowohl mit Leichtigkeit, wie in der Luft als auf dem Waſſer. Das Vorzüglichſte von allen iſt z. B. die Ente, die nicht allein vortrefflich taucht und ſchwimmt, ſon⸗ dern auch ausgezeichnet fliegt, und ziemlich raſch auf feſtem Boden vorwärts ſchreitet. Auch ein hülfloſeres Geſchöpf giebt es nicht auf dem weiten Erdball als ein Kind, während die Thiere, mit nur wenigen Ausnahmen, ſehr kurze Zeit nach ihrer Geburt faſt, ſchon den Gebrauch ihrer ſämmtlichen Glie⸗ der erlangt haben. Gleichwohl nennen wir uns die Herren der Schöpfung, und kriechen noch mit dem Fallhut herum, während der Habicht ſchon in gleichem Alter auf ſeine Beute r der „das uchs⸗ denſch deſſen n ſich ft als B. die ſon⸗ feſtem giebt nd die 1 nach Glie⸗ Herren gerum, Beute 2 139 aus hoher Luft herniederſtößt, und der Tiger in ſeinem Dickicht dem Büffel und Hirſch auflauert.“ „Das hat Alles viel für ſich“ ſagte Theobald achſel— zuckend—„aber damit werfen Sie ja ſchon einmal vor allen Dingen die ganze bibliſche Geſchichte über den Haufen.“ „Das thut mir ſehr leid um die bibliſche Geſchichte“ ſagte Herr Schultze,„aber ich kann ihr nicht helfen, denn gerade das Einzige, womit wir wirklich der Thierwelt über⸗ legen ſind, und was alſo den erſten Fortſchritt auch bildet zwiſchen ihr und uns, iſt unſer Geiſt, und der ſelber, mit ſeiner Schweſter, der Erinnerung, mahnt uns an die vergan⸗ gene Zeit und läßt uns nicht irren.“ „Ich verſtehe Sie nicht“ ſagte Fräulein von Seebald. „Ich werde mich deutlicher ausdrücken“ erwiederte der kleine Cigarrenfabrikant. Iſt es Ihnen, mein verehrtes Fräulein, noch nie vorgekommen, daß Sie in der Nacht ge⸗ träumt haben Sie flögen, oder wollten fliegen?“ „Oh wie oft!“ rief Fräulein von Seebald raſch—„un⸗ zählige Male ſchon, und wie lebhaft dabei.“ „Und nachher iſt es einem immer als wenn man von irgend einem alten Kirchthurme herunterfällt, der Einem unter den Füßen fortgeht,“ ſagte Theobald;„ich muß geſtehn daß ich in der That die Angſt habe Jemand, der eine recht lebhafte Einbildung hat, könnte ſich nur allein dadurch wirklich einmal den Hals brechen.“ Herr Schultze rieb ſich in aller Freude über die Anerken⸗ nung ſeines Hauptſchluſſes die Hände, Fräulein von Seebald I 3 1 8 1 4 ¹ 4 8¼ 140 aber, die ſich leicht und gern ſolch neuen Eindrücken hingab, und alles Andere darüber vergaß, ſagte, freilich immer noch nicht überzeugt, kopfſchüttelnd: „Aber ich begreife nur nicht wie Sie dadurch Ihre Be⸗ hauptung beweiſen oder auch nur daraus herleiten wollen; ein Traum iſt ein Traum.“ „So?“ ſagte aber Herr Schultze, plötzlich wieder ernſter werdend und faſt ein wenig piquirt—„warum träumen wir denn da nie daß wir wie die Fiſche im Waſſer ſchwimmen und untertauchen, oder wie das Wild draußen im Wald her⸗ umlaufen? warum fliegen wir nur im Traum?— weil un— ſerem Geiſt, wenn der Schlaf den Körper in Ruhe gelegt und ihn dadurch gewiſſermaßen von der ſtörenden Außenwelt ent⸗ fernt hat, allein in ſeinen Erinnerungen leben kann, und die führen ihn zu dem zurück was er war. Sie werden glau⸗ ben ich gehe zu weit, aber ich gebe Ihnen mein Chrenwort, verehrtes Fräulein, daß ich neulich geträumt habe ich wäre in der Mauſer.“ Fräulein von Seebald und Theobald lachten gerade her⸗ aus, der Gedanke war ihnen zu komiſch, aber der kleine Mann fuhr, mit dem Kopfe nickend, ganz ernſthaft und ohne ſich irre machen zu laſſen, fort: „Ja lachen Sie nur, lachen Sie nur; wir lachen über Manches das uns ſpäter als nackte Wahrheit ganz entſchieden in's Leben tritt. Wir lernen täglich; der Menſch lernt nie aus, und in früheren Zeiten ſind Menſchen für das als Heren und Teufelsbündner verbrannt worden, was jetzt zu alltäg⸗ ingab, er noch re Be⸗ vollen; ernſter en wir immen ld her⸗ eil un⸗ gt und elt ent⸗ 1, und glau⸗ enwort, wart in ne her⸗ Mann ne ſich en über ſchieden ernt nie 5 Heren alltäg⸗ 141 licher Wahrheit geworden iſt, und von Niemandem mehr be⸗ zweifelt werden kann. Ich brauche Ihnen dafür keine Bei⸗ ſpiele aufzuführen.“ „Haben Sie einen Blick dafür“ frug Fräulein von See⸗ bald jetzt den kleinen Mann, von einem neuen Gedanken er⸗ griffen,„die Aehnlichkeit zwiſchen Menſchen und Vögeln oder anderen Thieren herauszufinden?“ „Wenn ein Jahre langes, unausgeſetztes fleißiges Stu⸗ dium dazu berechtigt, ja!“ ſagte Herr Schultze mit inniger Ueberzeugung. „Gut— welchem Thier— oder wenn Sie ſo wollen, welchem Vogel gleich ich dann?“ frug die Dame, und hielt dabei die flache Hand vor ihren Mund, daß nur der obere Theil ihres Geſichts, und zwar im Poofil, ſichtbar blieb. „Eben ſo entſchieden“ erwiederte der kleine Cigarren⸗ fabrikant nach kurzem forſchenden Blick,„wie Herr Theobald hier einem Habicht gleicht, gleichen Sie der Lerche!“ „Der Lerche?“ rief die Dame raſch und erſtaunt. „Allerdings der Lerche, und ich ſelber müßte mich ſehr irren, wenn Sie ſich nicht auch zu dem Vogel beſonders hin⸗ gezogen fühlen.“ „Das iſt allerdings und merkwürdiger Weiſe der Fall“ beſtätigte Fräulein von Seebald—„aber— aber Sie haben das gehört, was ich vorhin über die Lerche ſagte, und ziehen daraus Ihre Schlußfolgerung.“ „Ungekehrt kommen Sie der Wahrheit näher“ erwiederte Herr Schultze ſreundlich—„wie ich ſchon ſämmtliche Phy⸗ 142 ſionomieen unſerer Reiſegefährten ſtudirt und überhaupt keine liebere Beſchäftigung habe, als die Phyſionomieen meiner Um⸗ gebung genau zu beobachten, und in der deutlichen Schrift, die ihnen die Natur in die Züge gegraben, zu leſen, was ſie einſt in früherer Zeit geweſen, war mir gleich im Anfang Ihre frappante Aehnlichkeit mit jenem liebenswürdigen Sing⸗ vogel aufgefallen, und Ihre Bemerkung vorhin, die ich zufäl— lig horte, traf mich deshalb um ſo mehr, und machte mich ſo kühn mich in das Geſpräch zu miſchen, was ich ſonſt nie ge— wagt haben würde.“ „Es wäre doch wunderbar, wirklich wunderbar“ meinte Fräulein von Seebald nachdenkend,„aber lieber Gott, die Na⸗ tur iſt ja ſo reich an noch unerforſchten Geheimniſſen, daß uns ſelbſt das Unglaublichſte wenigſtens nie unmöglich ſcheinen darf— doch“— unterbrach ſie ſich hier und hielt ihr Taſchen⸗ tuch vor die Naſe,„wo um Gottes Willen kommt der entſetz⸗ liche, widerliche Tabacksqualm her; er benimmt mir faſt den Athem.—“ Das bisher geführte Geſpräch hatte dicht vor dem gro⸗ ßen Maſt, gewiſſermaßen auf neutralem Grund und Boden zwiſchen Cajüte und Zwiſchendeck ſtatt gefunden, wo des We⸗ bers Frau an der Leeſeite des Schiffes*) ihren Waſchtubben *) Obgleich ſchon oft wiederholt, will ich doch noch einmal zur Verſtändniß des mit nautiſchen Ausdrücken nicht bekannten Leſers hier bemerken, daß die Leeſeite eines Schiffes immer die dem Wind entge⸗ gengeſetzte iſt. Starbord oder Stürbord iſt, wenn man am Steuerru⸗ der ſteht und nach vorn ſieht, die rechte Lar⸗ oder Backbord, die linke Seite des Schiffes. Kommt alſo der Wind mehr von der Starbord⸗ was ſie Anfang Sing⸗ zufäl⸗ nich ſo nie ge⸗ meinte je Na⸗ aß uns ceinen aſchen⸗ entſet⸗ faſt den en gro⸗ Boden tubben mal zur hers hier d entge⸗ teuetru⸗ die linke ttarbord⸗ aufgeſtellt und, nur manchmal kopfſchüttelnd dem wun⸗ derlichen Geſpräche lauſchend, rüſtig fortarbeitete. Fräulein von Sebald ſtand ihr gegenüber, mit ihrer linken Hand auf die Nagelbank des großen Maſtes geſtützt, und die beiden Herren Schultze und Theobald, nach dem inneren Deck zu, vor der Zwiſchendecks⸗Luke, die hier hinunter führte. Auf die Nagelbank ſelber aber, und zwar zu windwärts, hatte indeſſen, von den in ihr Geſpräch Vertieften gar nicht beachtet, den Rücken an die ſtraffangeſpannten Marsfalle gelehnt, Zachäus Maulbeere Platz genommen, und blies den Qualm aus ſei⸗ ner kleinen ſchmutzigen Pfeife in dichten Wolken gerade auf die, in ſo intereſſantem Geſpräch begriffene Gruppe. „Dem Geruch nach iſt das Maulbeere“ ſagte Herr Schultze auch, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, der raucht einen abominabelen Knaſter, meiner Meinung nach ein Gemiſch von gehackten Tabacksſtengeln und Knoblauchsblättern.“ Fräulein von Seebald warf einen flüchtigen Blick dort hinüber, wo der allerdings richtig bezeichnete Mann in un⸗ zerſtörbarer Ruhe ſaß, und ohne die Erwähnung ſeiner auch nur durch eine Bewegung des Kopfes zu beachten.— „Himmel, welche merkwürdige Geſtalt und Phyſionomie“ ſetzte ſie dann leiſe, gegen Herrn Schultze gewendet, hinzu, „das iſt das merkwürdigſte Geſicht, das mir in meinem Leben ſeite, ſo iſt Backbord zugleich in Lee oder die Leeſeite. Wenn der Wind genau von hinten kommt, hat daher das Schiff keine Leeſeite. Die Luv⸗ ſeite, oder die zu windwärts, iſt der Leeſeite entgegengeſetzt. begegnet iſt, und ich wäre neugierig, mit welchem Vogel Sie da die Aehnlichkeit fänden.“ „Mit welchem Vogel?“ erwiederte aber Herr Schultze raſch, und ebenfalls mit etwas unterdrückter Stimme, von ih⸗ rem Nachbar nicht gehört oder verſtanden zu werden,„mit dem Amerikaniſchen Kaſuar auf das frappanteſte, ja ſogar mit einer eigenen wunderlichen Miſchung des jetzt ausgeſtorbenen Ge⸗ ſchlechts der Dodos— betrachten Sie nur das Unterkinn.“ „Bah— ſoviel für Ihre Vergleiche“ überraſchte ſie aber ganz unerwartet der Gegenſtand ihrer heimlichen Betrachtun⸗ gen, der jede Sylbe ihres Geſprächs gehört und ſelbſt die letzte Bemerkung des Cigarrenfabrikanten verſtanden haben mußte, mit ſeiner Antwort;—„ich weiß nicht für was Sie ſich ſel— ber halten, wahrſcheinlich für eine Grasmücke oder für einen Spatz, ſo viel kann ich Ihnen aber ſagen, daß ich vor der Seelenwanderung ein Stieglitz geweſen bin, denn ich hole mir noch mein Waſſer und Freßnäppchen von unten herauf wenn ich's brauche, und was Ihre beiden Begleiter anbetrifft, ſo ſteht der eine frappant ſo aus wie ein unausgewachſener Pfef⸗ ferfreſſer, und die Dame hat täuſchende Aehnlichkeit mit einer Ente. Das Bischen Räuchern wird Ihnen übrigens miteinan⸗ der Nichts ſchaden, denn da wir die Cholera an Bord haben, und wahrſcheinlich nach acht Tagen jeder, der noch da iſt, eine eigene Coye für ſich ſelber bekommen kann, ſoll das, wie be⸗ hauptet wird, als ein treffliches Mittel dagegen gelten. D „— Schrecken erbleichend,„das wäre ja furchtbar— aber ſeit wann?“ ie Cholera an Bord?“ rief Fräulein von Seebald vor gel Sie Schultze von ih⸗ nit dem it einer en Ge⸗ rkinn.“ ſte aber achtun⸗ ie letzte mußte, ich ſel⸗ einen vot der ch hole herauf b etrifft 7 Pfi it einer 145 „Glauben Sie nur kein Wort von dem, was Ihnen dies unglückſelige Menſchenbild ſagt“ fiel hier Theobald ein,„Herr Maulbeere ſpricht wenig, aber wenn er ja einmal den Mund aufthut, iſt es gewiß eine Lüge.“ „Sie ſollten g'rade dankbar ſein“ rief aber Zachäus,„daß ich Ihre Aehnlichkeit nur ſo obenhin berührt habe; bei Ihnen hat man's aber bequem, Sie beſorgen das ſelbſt. Habicht“ ſetzte er dabei wie mit ſich ſelber redend und vor ſich hin la⸗ chend hinzu—„ſchöner Habichtskopf— Kuckuck— Kuckuck!“ Fräulein von Seebald, die vielleicht nicht mit Unrecht einen Zank zwiſchen den Männern fürchtete, und ſelber nicht gewillt war, ſich hier beleidigen zu laſſen, zog ſich, mit einer leichten Verbeugung gegen Herrn Schultze und Theobald, die dieſe ehrfurchtsvoll erwiederten, raſch in die Cajüte zurück. Die beiden Paſſagiere dachten aber gar nicht daran ſich mit dem groben Menſchen in einen Wortkampf einzulaſſen, ſon⸗ dern gingen, ohne ihn weiter eines Worts oder Blicks zu wür⸗ digen, von ihm fort nach vorn zu. Ebenſo war des Webers Frau zuletzt genöthigt ihren Stand zu verändern, weil ſie es in dem jetzt voll nach ihr herüber ziehenden ſtinkendem Qualm des Scheerenſchleifers nicht aushalten konnte, während dieſer, innerlich lachend über den vollſtändig errungenen Sieg, auf be⸗ hauptetem Schlachtfeld ſitzen blieb, und wie ein Diminutiv⸗ dampfer den Qualm ſeiner Pfeife in regelmäßigen, und kurz abgebrochenen Stößen von ſich bließ. Nicht weit von dort ſaßen die drei, erſt von dem Leucht⸗ ſchiff bei Nacht und Nebel an Bord gekommenen Paſſagiere, Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 10 V V V V 146 die ſich bis jetzt noch immer ſtill und zurückgezogen von den anderen gehalten, und faſt mit Niemandem ein Wort geſpro⸗ chen hatten. Der eine ſchnitzte eine zuſammenhängende Kette aus einem Stück weichem Holz, der andere flocht ein Uhrband aus Pferdehaaren und der dritte lehnte, den Kopf in beide Hände geſtützt, auf der oberen Reiling und ſchaute ziemlich theilnahmlos über Bord hinaus ins Meer. Es waren drei, eben nicht einnehmende Geſtalten, mit finſteren verſchloſſenen Geſichtern, der Jüngſte ſogar mit fre⸗ chen breiten Zügen, über die ſich nur manchmal ein leichtes hämiſches Lächeln ſtahl, wenn er ſeinem Kameraden irgend eine Bemerkung über die, vor ihnen auf und abgehenden theils beſchäftigten theils unbeſchäftigten Paſſagiere mittheilte. Ihre Röcke ſchienen dabei aus einem Stück groben, aber ganz neuen Tuches gefertigt, mit gleichem Schnitt und gleichen Knöpfen, und der Ort, aus dem ſie gekommen, war bald auch den übri⸗ gen Paſſagieren kein Geheimniß mehr— das Zuchthaus ſtand ihnen zu klar und deutlich an der Stirne geſchrieben. Freilich ließ ſich ihnen darüber Nichts beweiſen; als Paſſagiere an Bord hatten ſie dieſelben Rechte mit den anderen, und den ſtämmigen unterſetzten Geſtalten gegenüber wagte auch Keiner etwas davon gegen ſie ſelber zu äußern; aber untereinander flüſterte man ſich ſeinen Verdacht erſt ſchüchtern, dann offener zu, und Steinert beſonders ſprach, aber immer außer Hör⸗ weite der drei dabei beſonders intereſſirten Perſonen, offen ſeine Entrüſtung darüber aus, daß ihr Schiff wie ihre ganze Geſellſchaft durch ſolche Kameraden entehrt würde, und ſie ſich von den geſpro⸗ de Kette Ihrband n beide ziemlich en, mit mit fre⸗ leichtes irgend theils e. Ihre a neuen Knöpfen, den übri⸗ us ſtand Freilich giere an und den Keinet einandel noffener zer Hör⸗ en, offen hre ganze nd ſie ſich 147 das eigentlich gar nicht brauchten gefallen zu laſſen. Was aber dagegen thun?— Das Schiff war unterwegs, von Land keine Spur mehr zu ſehen, und in einem offenen Boot hätte man die Leute, ſie mochten nun ſein was ſie wollten, auch nicht ausſetzen können und dürfen. Aber die Zwiſchendecks⸗ paſſagiere zogen ſich von ihnen zurück, die über ihnen befind⸗ liche Coye weigerte ſich mit ihnen zugleich„Fleiſch zu faſſen“ was immer für doppelte Coyen ausgetheilt wurde, während der Unterſteuermann, der die Austheilung des Proviants un⸗ ter ſich hatte, auch nicht den geringſten Anſtand nahm ihnen eine beſondere Abtheilung zu gewähren. Die drei Burſchen fühlten dadurch wohl, daß man ſie als das erkannt was ſie waren— Verbrecher, die man hatte zu Hauſe los ſein wollen und jetzt nach Amerika ſchickte— ſchie⸗ nen aber nicht böſe darüber und hielten ſich, wie ſchon geſagt, ſtill und abgeſondert für ſich ſelbſt. „Das iſt künſtliche Arbeit und lernt ſich nicht alle Tage“ redete ſie da von einem der Paſſagiere eine Stimme an, und der Mann mit den kurz abgeſchnittenen ſchwarzen Haaren, deſſen Geſicht jetzt noch überdieß die ſchwarzen Stoppeln eines etwa vierzehntägigen unraſirten Bartes trug, nahm auf einem der Waſſerfäſſer dicht vor ihnen Platz und ſah, die Ellbogen auf ſeine Knie geſtemmt, ihrer Beſchäftigung ruhig zu—,wie lang habt Ihr gebraucht bis Ihr's ſo weit brachtet?“ Der junge Burſch ſah etwas überraſcht zu ihm auf, und mit einem flüchtigen Blick über die Geſtalt hin brummte er:— 10* „Wer weiß ob Ihr's nicht beſſer könnt wie wir— Zeit genug es zu lernen werdet Ihr gewiß ſchon gehabt haben.“ „Doch nicht“ ſchmunzelte der Mann, der die Anſpielung vollkommen gut verſtand—„doch nicht mein Junge— ich habe nie Geld genug gehabt, die Univerſität zu bezahlen.“ „Manche Menſchen haben Glück“ ſagte der Andere, auch nur mit einem Seitenblick auf den Sprecher—„und Glück geht vor Verdienſt.“ „Wo kommt Ihr eigentlich her?“ frug der Erſte wieder, der auf der Schiffsliſte unter dem Namen Meier eingetragen ſtand—„wenn man eben fragen darf“— „Fragen darf man ſchon“ ſagte der Jüngſte mürriſch— „aber Ihr kennt wohl das alte Sprüchwort.“ „Thuts Euch Noth es zu wiſſen?“ frug der zweite. „Nein“ ſagte Meier kopfſchüttelnd„war nur Neugierde, und die Wahrheit erführ ich doch wohl nicht— ich habe aber einmal Jemanden gekannt, der wie Euer Kamerad da,“ auf den Alten deutend—„ausſah und Pelz hieß— aber Siſt lange her.“ Der Alte drehte ſich bei dem Namen raſch um, und den Zudringlichen finſter und aufmerkſam betrachtend ſagte er: „Und wie heißt Ihr?“ „Meier“— erwiederte vollkommen ruhig der Mann und nahm ſeine kleine Thonpfeife aus der Taſche, die er ſich ſtopfte und anzündete. „So heiß ich auch“ brummte der Alte, und drehte ſich wieder in ſeine alte Stellung um; der Kurzhaarige rauchte r— Zeit t haben.“ nſpielung ge— ich ezahlen.“ dere, auch nnd Glück te wieder, ngettagen ürriſch— eite. deugierde, habe aber da,“ auf aber biſt und den te er. dann und i ch ſopfte grehte ſich e rauchtt 149 noch eine Weile ſtill vor ſich hin, ſtand dann auf und ging, ohne ein Wort weiter zu äußern nach vorn zu, wo er ſich auf die Back ſetzte, und die Füße vorn über Bord hängen ließ. Das Schiff verfolgte indeß mit luſtig geblähten Segeln ſeine Bahn; der Wind war vortrefflich und die faſt vierkant gebraßten Ragen, die Leeſegel zu Starbord und der raſch vor⸗ beifliegende weiße Schaum kündete auch ſelbſt dem Laien an Bord, wie ſie ihrem Ziele raſch entgegenflogen. Das mono— tone Leben wurde aber ſonſt auch durch Nichts unterbrochen; höchſtens einmal zeigte ſich ein Segel am fernen Horizont, und Capitain Siebelt ermangelte dann nicht, noch einen aufmerk— ſamen Blick durch das Fernrohr, ſeinen Cajütspaſſagieren zu erklären, daß es entweder ein Amerikaner oder Engländer, Franzoſe oder Deutſcher ſei, wie er nach der Stellung der Maſten und Segel es erkannt hatte. Er betrachtete ſich als eine Autorität in ſolchen Dingen, und gewöhnlich verſchwand dann auch das Segel wie es gekommen und er mußte, aus Mangel eines Gegenbeweiſes, recht behalten; ein paar Mal geſchah es freilich, daß der erklärte Engländer oder Franzoſe Deutſche oder Amerikaniſche Flagge zeigte; dadurch aber kei— neswegs irre gemacht hatte Capitain Siebelt immer ſeine wei— tere Schlußfolgerung rechtzeitig bei der Hand; nun kannte er auf einmal das Schiff ganz genau; es hieß ſo und ſo und war richtig in England oder Frankreich gebaut— das konnte man ja mit bloßen Augen unterſcheiden, aber ſpäter eben an ein Deutſches oder Amerikaniſches Haus verkauft, unter deſ⸗ ſen Flagge es jetzt natürlich ſegeln mußte. Capitain Siebelt behielt immer recht, und da Henkel, der ſchon mehre Seerei⸗ ſen gemacht, ſich nie in einen Streit mit ihm einließ, und die anderen gar Nichts davon verſtanden, konnte das auch nicht anders ſein. Die glücklichſte, munterſte von Allen an Bord, war aber Henkels kleine liebenswürdige Frau, Clara, der, wie ſie nur erſt einmal die böſe Seekrankheit überſtanden hatte, jeder Tag einen neuen Genuß in der wundervollen Fahrt brachte, und die ſich nicht ſatt ſehen konnte an der wogenden, herrlichen See. Mit keiner Sorge dabei, die ihr Herz beengen durfte, das glücklich Weib eines innig geliebten Mannes, war ihr die ganze Reiſe nur eine fröhliche ſonnige Luſtfahrt, von der ſie mit jeder Minute geizen mußte, und Niemand an Bord verſtand es beſſer, auch der unangenehmſten Lage die heitere Seite abzugewinnen, wie gerade ſie. Die liebſte Geſellſchafterin dabei war ihr die fröhliche Marie, deren junges Herz ſich auch leicht und raſch über Al⸗ les wegſetzen konnte, was etwa noch trüb und traurig für ſie im Schoos der Zukunft verborgen lag. Anna war ſchon zu ernſt; die Sorge um der Eltern Wohl, das Bewußtſein, was dieſe Alles in der Heimath aufgegeben, und manche Befürch⸗ tung die Kellmann, ſie betreffend, zu Hauſe ausgeſprochen, wollte ſie nicht verlaſſen, und lag oft wie ein trüber Schatten auf ihrer Stirn, und auch Hedwig, die faſt den Tag über immer bei ihnen war, konnte noch nicht vergeſſen was ſie ge⸗ litten, was verloren, und mußte oft gewaltſam die ihr viel— leicht unbewußt aufſteigende Thräne zurückzwingen, das Auge Seerei⸗ leß, und as auch var aber ſie nur der Tag hte, und errlichen ndurfte, war ihr von der in Bord e heitere fröhliche über A⸗ ig für ſie ſchon zu in, was Befürch⸗ ſprochen, Schatten Tag über 1 ſie ge⸗ ihr viel⸗ das Auge 151 der fröhlichen jungen Frau nicht zu trüben, die ja Alles that, was in ihren Kräften ſtand, das arme Kind für das Gelittene zu entſchädigen— lieber Gott, ungeſchehen konnte ſie ja nicht machen, was die Vergangenheit gebracht. Henkel ſelber war meiſt ernſt, zu ernſt nach Clara's Sinn, und konnte Stundenlang mit verſchränkten Armen und in tie⸗ fen Gedanken das Quarterdeck begehn, wenn ihn die junge Frau nicht manchmal gewaltſam aus ſeinen Träumen riß, und ihn ſo lange quälte und neckte, bis er ſich lächelnd ihrem Willen fügte. Einen beſſeren Geſellſchafter aber hatten ſie in dem kleinen munteren Herr von Hopfgarten, der, wenn er ſich nur irgend von dem faſt unvermeidlichen Nachmittags⸗ Whiſt, wo Henkel manchmal ſeine Stelle einnahm, losmachen konnte, die Seele der ganzen Cajüte wurde, Geſellſchaftsſpiele angab und ausführte, an denen dann ſelbſt Lobenſteins und das ſchwärmeriſche Fräulein von Seebald Theil nehmen muß⸗ ten, oder auch Geſchichten und Anekdoten erzählte, über die ſich Clara oft todtlachen wollte. Mit Thränen im Auge vor Lachen erklärte ſie dabei mehrmals, es ſei ihr unendlich leid, den thörichten Schritt ſchon gethan und ſich in Deutſchland mit dem mürriſchen Herrn Henkel verheirathet zu haben, wäre das nicht geſchehn, ſie nähme keinen anderen als Herrn von Hopfgarten, denn ein beſſer zu einander paſſendes Paar gäbe es doch nicht auf der weiten Gottes Welt, und Herr von Hopfgarten betheuerte dann ebenfalls, er ſei der Unglücklichſte der Sterblichen, ein wahrer lebendiger Tantalus, dem ſein Glück jetzt, in Geſtalt der liebenswürdigſten jungen Frau, vor der Naſe herumliefe, ohne daß er ſelbſt den Arm danach aus⸗ ſtrecken dürfe, es feſt zu halten. In komiſcher Verzweiflung holte er dann gewöhnlich eine Chokoladen⸗Piſtole, von denen er mehre Dutzend an Bord haben mußte, denn ſie ſchienen unerſchöpflich, aus der Taſche, ſetzte ſie ſich vor die Stirn und ließ ſie ſich von Marien wegnehmen, die ſie, wie ſie ſagte, um Unglück zu verhüten zerbrach, und den jüngeren Geſchwiſtern zum eſſen gab. Viel zu ihrer Erheiterung trug, wenn auch ſehr oft ab⸗ ſichtslos, der„Doktor“ bei, wie er ſchlichtweg an Bord ge⸗ nannt wurde, dem von dem Rheder die halbe Paſſage erlaſ⸗ ſen worden, unterwegs etwa vorkommende Krankheiten der Paſſagiere zu behandeln, und dadurch die andere Hälfte, mit Hülfe der an Bord befindlichen Medicinkiſte, abzuverdienen. Doktor Hückler war eine höchſt unſcheinbare Perſönlich⸗ keit, die ihr Diplom nur eigentlich den Herren Heßburg und Sohn verdankte, von denen ſie an Bord zum Doktor ge⸗ ſtempelt worden. Chirurg und ein armer Teufel, wünſchte er nach Amerika auszuwandern, und beſaß nicht die nöthigen Mittel; die Firma Heßburg und Sohn wünſchte aber, des Ge⸗ redes der Leute wegen, einem Schiff mit ſo vielen Auswan⸗ derern auch einen Doktor beizugeben, ohne zugleich beſondere Koſten für einen ſolchen zu haben. So war beiden Theilen geholfen, und da man im gewöhnlichen Lauf der Dinge an⸗ nahm, daß auf der kurzen Ueberfahrt nach Amerika gerade keine ſchweren Krankheiten, oder doch nur ſehr ſelten vorkom⸗ men, konnte alles das, was man ja ſonſt ſogar dem Capitain ch aus⸗ veiflung n denen ſchienen irn und gte, um wiſtern oft ab⸗ ord ge⸗ erlaſ⸗ ten der te, mit dienen. ſnlich⸗ urg und tor R⸗ nſchte et öthigen des Ge⸗ lswan⸗ ſondere Theilen ige an⸗ gerade vorkom⸗ apitain allein überließ, auch dem Herrn Hückler anvertraut werden, der als junger Menſch den älteren Herrn Heßburg ſchon mehre Jahre raſirt und ihn von Hühneraugen frei gehalten hatte, wie auch im Hauſe des reichen Handelsherrn ſeines ſtillen demuͤthigen Betragens wegen ſehr gern geſehen und protegirt worden war. Von inneren Krankheiten verſtand Hückler al⸗ lerdings wenig oder gar Nichts, alles Verſäumte aber jetzt mit möglichſtem Fleiß nachzuholen, machte er ſich, ſo wie er ſelber die Seekrankheit überſtanden, mit großem Eifer darüber her, das kleine, der Schiffs⸗Medicinkiſte*) beigegebene Receptbuch zu ſtudiren, bei nöthigen Fällen wenigſtens gleich die richtige Nummer zu wiſſen und zu verabfolgen. Den Schlüſſel zur Medicinkiſte behielt ſich aber trotzdem der alte Capitain Siebelt vor, der erſt ſeit kurzer Zeit„mit *) Auf allen Schiffen befindet ſich eine ſogenannte Medieinkiſte, der ein kleines„Receptbuch“ beigegeben iſt. Die Medicinen ſind ſämmt⸗ lich in numerirten Flaſchen und Gläſern und das Buch enthält hinter der Nummer die Angabe des Inhalts wie noch außerdem eine, vielleicht aus dreißig bis vierzig Seiten beſtehenden Anhang, in welchem die Be⸗ handlung der verſchiedenen Krankheiten mit Angabe der Nummer der dabei zu verwendenden Medicinen gegeben iſt. Auf Kauffartheiſchiffen, auf denen ſich keine Paſſagiere befinden, hat der Capitain die Medicinen „nach beſtem Wiſſen“ auszutheilen, falls Einer von ſeinen Leuten krank werden ſollte, ja ſelbſt auf vielen Auswandererſchiffen befand ſich, bis in die neueſte Zeit, kein angeſtellter Arzt. Am liebſten helfen ſich dabei die Rheder damit, irgend einen jungen Arzt oder Chirurgen für„halbe Paſ⸗ ſage“ mitzunehmen, der, ſelbſt auf den längſten Reiſen, dann die Un⸗ glücklichen, die ihm unter die Hände fallen,„behandelt.“ Eine Controlle darüber findet, ſo viel ich weiß, nicht ſtatt, wenn aber, ſcheint ſie voll⸗ kommen ungenügend zu ſein. Auswanderern fuhr“ und immer noch der feſten Meinung war, er müſſe das, was er in ſeiner Cajüte hatte, auch viel beſſer, oder doch eben ſo gut zu verabreichen verſtehn, wie„ſo ein Doktor.“ Die Paſſagiere überließ er ihm aber doch, eben weil es„blos Paſſagiere“ waren, behielt ſich übrigens die Behandlung ſeiner Leute vor. „Herr Capitain, ich moͤchte Sie um den Schlüſſel zur Medicinkiſte bitten“ ſagte am Morgen des dritten Tages, als ſie in den Atlantiſchen Ocean eingelaufen waren, der Doktor zu dem Selbſtherrſcher der Haidſchnucke. „Na, wat is nu all wedder?“ frug„de Captein,“ der nur gezwungen mit ſeinen Paſſagieren hochdeutſch ſprach, und wenn er böſe oder recht guter Laune war, am liebſten in das ihm weit geläufigere und natürlichere Platt zurückfiel, nur dann und wann, wenn es ihm gerade wieder einfiel ein paar hochdeutſche Worte mit einmiſchend. „Einer der Leute klagt ͤber Schmerzen in der Bruſt, und ich fürchte faſt, daß da vielleicht ein chroniſches Leiden— „Ah papperlapapp“ brummte der alte Seebär,„in de Krone ſitzt's em nich— in de fulen Knoken. Ene richtige Porſchon Soalts un en reguleres Bräkmiddel ver vor un ach⸗ ter ut, nachens ſall e woll ſpudig beter wern.“ Kein Proteſtiren half dagegen; Capitain Siebelt hatte den feſten Glauben daß ein Matroſe gar nicht krank werden könne, keinenfalls aber krank werden dürfe, ſo lange er ſich auf die Reiſe„verakkordirt“ hätte und daß alſo Alles, was die Kerle davorn von„Krone oder Buuk praalten, man blaue Reinung uich viel wie„ſo ch, eben gens die iſſel zur ges, als Dot Doktor in,“ der ach, und in das hel, nur ein paar tuſt, und 1— „„in de richtige un ach⸗ elt hatte werden. er ſich ſe et„ ed 10 5, was, 1 an blaue 155 Dunſt wäre.“ Sobald ſich alſo ein Matroſe bei ihm krank meldete, bekam er als erſte Doſis eine Handvoll Glauberſalz und keinen Schnaps zum Frühſtück; das half ſchon gewöhn⸗ lich, und die Leute kamen ſelten das zweite Mal, wollte er dann noch immer nicht beſſer werden, d. h. blieb er„verſtockt“ dann mußte er ein Brechmittel ſchlucken, und zwar gleich in der Ca⸗ jüte, nicht etwa die Medicin mit nach vorn nehmen, wo ſie eben ſo ſicher über Bord gegangen wäre. Das half dann je⸗ desmal, denn die dritte Kur war Glauberſalz und Brechmit— tel zuſammen und die hatte ſich nur erſt ein Einziger geholt, der war aber ein ſolcher„Cujon wehſt“, daß er ſich aus lau— ter„Cunterdikſchen“ hingelegt hatte und geſtorben war. Doktor Hückler war keiner von den Leuten, die einer prak⸗ tiſchen Erfahrung ihr Ohr verſchließen; er ließ ſich überzeu⸗ gen und der Capitain curirte die Leute nach wie vor auf ſeine eigene Hand und Manier. Um alſo auf das geſellſchaftliche Leben an Bord zurück⸗ zukommen, ſo war Hieronymus Hückler hier zum erſten Mal in einen Umgangskreis gekommen, der ihm bis dahin fern ge⸗ legen, und in dem er ſich im Anfang— die Seekrankheit ganz abgerechnet,— auch nicht recht wohl fühlte. Seine Verlegen— heit würde er ſelber auch wohl ſchwer, und gewiß nicht ſchon auf der Reiſe überwunden haben, wären ihm darin nicht die jungen Damen, von Herrn von Hopfgarten redlich dabei un⸗ terſtützt, freundlich entgegengekommen. Dieſe brauchten aber Alles, was ſie nur von verfügbaren Perſonen in ihrem Be⸗ reich fanden, zu ihrer Unterhaltung, und da ſich Capitain Siebelt, ſo gefällig er ihnen in jeder anderen Beziehung war, auf das Hartnäckigſte weigerte, einigen der gebildeten Zwi⸗ ſchendeckspaſſagieren den Zutritt zu dem Quarterdeck zu geſtat⸗ ten, die langen Stunden an Bord zu verkürzen, ſo wurde Dok⸗ tor Hückler“ aus Mangel an beſſerer Beſchäftigung, bald das Stichblatt aller unſchuldigen und fröhlichen Scherze der klei⸗ nen munteren Geſellſchaft. Bei den Geſellſchaftsſpielen, die Herr von Hopfgarten unermüdlich und in der erfinderiſcheſten Weiſe anſtellte, bekam er faſt alle Schläge mit dem Plump— ſack und verfiel bei den Räthſelſpielen, bei denen er nie im Stande war auch nur das leichteſte zu errathen, den unerbitt⸗ lichſten, aber auch eben ſo geduldig und gutmüthig ertragenen Strafen. Ein anderer Mitpaſſagier, der nur ſehr ſchwer zu bewe⸗ gen war ſich in etwas dem geſelligen Leben an Bord an⸗ zuſchließen, war der Coyenkamerad des Herrn von Hopfgar⸗ ten, ein junger Mann von vielleicht vier bis fünfundzwanzig Jahren, und jedenfalls aus ſehr guter Familie. „Ich bin der Baron von Benkendroff— mein Vater iſt der wirkliche Geheimrath von Benkendroff“ hatte er ſich gleich am erſten Tage Herrn von Hopfgarten vorgeſtellt—„und ich reiſe nur zu meinem Vergnügen nach Amerika, um mich von den nichtswürdigen republikaniſchen Zuſtänden jenes Lan⸗ des nach eigener Anſchauung zu überzeugen. Ich weiß, was ich dort finde, habe auch ſchon in der That einige Artikel über die dortigen Verhältniſſe geſchrieben, aber trotzdem gehe ich doch hinüber und betrachte die Reiſe gewiſſermaßen als eine — g war, n Zwi⸗ geſtat⸗ e Dok⸗ ld das er klei⸗ en, die ſcheſten Plump⸗ nie im nerbitt⸗ agenen bewe⸗ ord an⸗ opfgar⸗ wanzig 157 Kur, als ein Schlammbad, das ich meinem Geiſt auferlege, ihn von allen doch noch vielleicht darin befindlichen Scrupeln und Zweifeln vollſtändig zu heilen.“ Den Spielen der jungen Damen ſchloß er ſich allerdings manchmal an, aber dann immer mit einer gewiſſen vorneh⸗ men nonchalance. Er war überzeugt, daß er ihnen dadurch eine Gefälligkeit erweiſe, und wußte auch in der That ſelber manchmal nicht, was er mit ſich anfangen ſolle. Am liebſten noch ſpielte er mit Frau von Kaulitz und Herrn von Hopf⸗ garten Whiſt, wobei er es liebte, mit ſeiner ſehr weißen, faſt weiblichen und reich mir Ringen beſteckten Hand zu coquetti— ren. Außerdem ſprach er nie mit den Steuerleuten, höchſt ſel— ten ſelbſt mit dem Capitain, den er wunderbarer Weiſe monsieur nannte, und der ihn deshalb auch nicht leiden konnte, und hatte noch mit keinem Fuß die Grenze der ſtrengabgeſchiedenen Cajüte überſchritten. Capitel 6. Leben an Bord. Es war ein ſchwüler Nachmittag geweſen, und die ziem⸗ lich ſtarke günſtige Briſe, mit der ſie bis dahin ſo vortreff⸗ lichen Fortgang gemacht, ſchwächer und ſchwächer geworden, bis die See, deren Wellen ſich ebenfalls nach und nach beruhigten wie ein ſtillwogender Spiegel blank und ungebrochen lag, und den Rumpf des Schiffes mit ſeinen langſam ſchwankenden Maſten treulich im Bilde wiedergab. Matt und läſſig ſchlu⸗ gen dabei die ſchweren Segel, von keiner Luft mehr gebläht, gegen die Takellage, füllten auf, wenn das Schiff ſchwerfällig nach hinten niederſetzte, und trafen dann wieder mit mattem Schlag das Tauwerk, das ſie dadurch, wie auch ſich ſelbſt, mehr ſcheuerten und angriffen, als es der ärgſte Sturm gethan haben könnte. „Reepſchläger und Segelmacher prügeln ſich“ ſagen die Matroſen wenn bei Windſtille die Segel gegen das Takelwerk rfällig mattem 1 ſ lbſt, gethan ſagen die Take werk 159 162 ſchlagen, und der Seemann ſieht es nicht gern. Deſto will⸗ kommener iſt aber gewöhnlich den Paſſagieren eine ſolche erſte Ruhe, wenn ſie natürlich nicht zu lang anhält, die ihnen das Meer von einer ganz neuen, noch nicht einmal geahnten Seite zeigt, und ſelbſt den Kränkſten Gelegenheit giebt ſich zu erho— len und auf Deck zu ergehn. Klar und wolkenrein ſpannt ſich der Himmel aus über der dunkelblauen, mattglänzenden Fluth, und das Auge ſchwin⸗ delt wenn es in die durchſichtige Tiefe niederſchaut, die ſich plötzlich ſeinem Blicke öffnet. Reges geſchäftiges Leben herrſcht dabei an Bord, hier ſchwimmt eine in ſchillernden Farben wun⸗ derlich gefärbte Blaſe auf dem Waſſer und hebt und ſenkt ſich nach eigener Willenskraft— das ſogenannte„portugieſiſche Kriegsſchiff“ wie der kleine Segler heißt*)— dort ſtreicht die dunkle Floſſe eines Fiſches langſam und träge durch die Fluth, und der Ruf„ein Hai, ein Hai“ lockt ſelbſt den Unterſteuer⸗ mann aus ſeinem Morgenſchlaf auf, die gefräßige Beſtie, dies⸗ mal vergeblich, mit einem ausgeworfenen und an einem Haken befeſtigten Stück Speck zu fangen. Lüſſig kreiſt dabei die ſchlanke Möve hoch in der Luft, und ganze Schaaren munterer Seeſchwalben,„Mutter Kareys Küchelchen,“ wie ſie der See— mann nennt, ſuchen um das Schiff herum ausgeworfene Nah— rung, und tauchen ellentief unter nach den wegſinkenden Stücken Fleiſch und Speck. *) Heinrich Schmidt hat eine reizende kleine Erzählung„the man of war“ in ſeinen„Seemannsſagen und Schiffermärchen“ darüber ge⸗ ſchrieben. 160 4 Und nicht den mindeſten Fortgang macht das Fahrzeug dabei; das alte Kartoffelfaß, das der Koch an dem Morgen G über Bord geworfen, treibt noch in kaum hundert Schritt vom Schiff, von den neugierigen Schwalben immer und immer wieder beſucht, umher; Kartoffelſchalen und Rübenabfälle die die Frauen ausgeſchüttet, ſchwimmen auf dem Waſſer und ſinken langſam tiefer, in der Fluth buntfarbige weißſchillernde Lichter mit prismatiſchen Farben annehmend. Wergflocken und d Stückchen getheerten Segeltuches, Federn von für die Cajüte d gerupften Hühnern, und Streifen Papier und Zeug ſprenkeln nach allen Richtungen hin die Oberfläche, und geben den Müſſigen an Bord Gelegenheit zu rathen was es ſei, oder dem verſinkenden mit den Augen zu folgen tief, tief hinunter, dem Abgrund zu. Aber nicht Alle ſchauen müßig über Bord; hier ſitzen flei⸗ ßige Gruppen, ihre Wäſche waſchend und ſich endlich einer Arbeit fügend, der ſie ſich eben nicht mehr länger entziehen können; dort hängen Andere die gewaſchene an den Wanten und Tauen auf und ärgern die Matroſen damit, die den Leu⸗ ten nicht begreiflich machen können daß ſie das„laufende Tauwerk“ dazu nicht benutzen dürfen.*) Hie und da hat *) Das„laufende Tauwerk“ im Gegen ſatz zu dem„ſtehenden“(Pardu⸗ nen und Stagen) werden die Taue genannt, mit denen die Raaen und Segel gerichtet und geſtellt, und aus- und eingezogen werden. Hängt nun, und den Paſſagieren auf Auswandererſchiffen kann da in der That nicht ſtreng genug aufgepaßt werden, Wäſche an dieſem„laufenden Tauwerk“, und kommt plötzlich einmal eine Bö auf, bei der es davon 4 A 16⁰ 161 4 s Jahrzeug auch Einer ein Buch genommen, und ſtudirt halblaut vor ſich em Norgen hin die unbegreifliche Ausſprache engliſcher Wörter nach, irgen Schritt vom einem troſtloſen Rathgeber in Redensarten und Geſprächen, 8 und immer quält ſich mit dem w und th, und ſteckt das Buch endlich 1 abfälle die wieder, ſo klug als vorher und nur vielleicht noch mehr ver⸗ Jaſſer und wirrt, in die Taſche. ſchillernde Die Arbeiten der Matroſen gehn indeſſen ruhig fort, flocken und denn es iſt gewöhnlich ein irriger Glaube der Leute an Land, die Cqjüte daß die Matroſen in See, wenn das Schiff nur erſt in Gang Jſprenkeln wäre, nichts weiter zu thun haben als zu ſegeln, daß heißt geben den das Schiff eben ruhig laufen zu laſſen. Das Segelausbeſſern ſei, oder hört nicht auf an Bord, eben ſo muß das Takelwerk fortwäh⸗ hinunter, rend nachgeſehn, hier wieder neu geſpließt, dort umwickelt, da neu getheert werden, und wäre wirklich gar nichts anderes ſitzen ſlei⸗ vorzunehmen, dann muß ein Theil der Leute, zu ſpäterer Ver⸗ lich einer wendung bei neuen Tauen, altes getheertes Werg zerzupfen, antziehen und ein anderer Schiemanns Garn daraus ſpinnen, ſo daß Wanten es den Leuten nie und nimmer an Beſchäftigung fehlt. Ein den Leu⸗ Schiff in See iſt der letzte müßige Platz auf der Welt, und aufende nur die Paſſagiere haben das Recht darauf zu faullenzen. da hat Auf Deck war ſolcher Art Alles in ſeinem gewöhnlichen ſtillen Gang geblieben, als die Cajütspaſſagiere, die auf dem „Gardu abhängt daß die Segel raſch geborgen werden, wenn ſie nicht zerreißen, kagen und ja in einzelnen Fällen den Maſt, oder doch wenigſtens eine Stenge mit 9 t.—„ g.; 1 bics über Bord nehmen, ſo klemmen ſich Hemden und Strümpfe in die det Thn Blöcke ein, die Taue können nicht arbeiten, und die gefährlichſten Fol⸗ laufenden gen allerdings dadurch entſtehn. z davon. g davo Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 11 6* Maſſen nach einer Stelle ſahen, und eine laute Stimme hör⸗ Quarterdeck auf-⸗ und abgingen, plötzlich ein Hindrängen der ten, die zu den um ſie Verſammelten ſprach. Herr von Hopf⸗ garten, ein wenig neugierig, und keineswegs ſo prüde wie ſein„Stubenburſch“ Baron von Benkendroff, gab ſich alle mögliche Mühe von dem etwas höher liegenden Quarterdeck aus das, was vorn an Deck vorgehe, zu erkennen; der Spre⸗ cher ſtand aber gerade auf der Back des Schiffes, und die loſe niederhängende Fock verhinderte ihn etwas von ihm zu erken⸗ nen. Er ſtieg deshalb raſch auf das Deck nieder, dem Platz zuzueilen, von wo ihm jetzt ſchon lautes ſchallendes Gelächter entgegendröhnte. „Hurrah, Maulbeere ſoll leben— Zachäus vivat hoch!“ jubelte eine Menge lachender Kehlen, und die Zwiſchendecks⸗ paſſagiere drängten jetzt in ſo feſtem Keil nach vorn, daß ſelbſt die Schiemannsſcheibe außer Thätigkeit gerieth, und die Ma⸗ troſen ebenfalls dem was da vorging mit ſchmunzelnden Ge⸗ ſichtern lauſchten. Der Urheber dieſes plötzlichen Lärmens ſowohl, wie der wilden rauſchenden Fröhlichkeit war, aber wirklich niemand An⸗ deres als Zachäus Maulbeere, der ſonſt ſo mürriſche, einſyl⸗ bige Patron, der jetzt, aber ebenfalls mit dem ernſthafteſten Geſicht von der Welt, und ſelbſt während dem Jubeln und Jauchzen der Menge, keine Miene verzog, den Mund nur, als wenn er die Pfeifenſpitze darin hielt, etwas mehr zuſam⸗ mendrückte, und die großen buſchigen Augenbraunen womöglich noch höher emporzog, als er das ſonſt gewohnt war zu thun. daͤngen der Stimme hör⸗ von Hopf⸗ prüde wie ab ſich alle Quarterdeck ; der Spre⸗ und die loſe m zu erken⸗ „dem Plat es Gelächter icat hoch!“ viſchendecks⸗ n, daß ſolbſt und die Ma⸗ zelnden Ge⸗ ohl, wie der niemand An⸗ ſhe, einſyl⸗ ernſthafteſten Jubeln und Mund nun) 163 „Aber um Gottes Willen, was geht denn hier vor?“ frug Herr von Hopfgarten, auf's Aeußerſte erſtaunt einen der Nächſtſtehenden—„was macht denn der Menſch da oben?“ „Maulbeere?“ ſagte dieſer, es war der polniſche Jude der ſich mit dem vergnügteſten Geſicht von der Welt nach ihm umdrehte—„Maulbeere?— Gottes Wunder er predigt, und was vor a Predigt— es is a Traktement ihn zu heren, und ſind'er zwa ihn zu ſehn.“ Der Pole hatte allerdings recht; es war der Mühe werth Maulbeere zu ſehn wie er da oben, im vollen Triumph einer ihm zujauchzenden Menge, unbeweglich und feſt wie ein Fels im Meer ſtand, und gerade ſo that, als ob ihn die ganze Sache auch nicht das Mindeſte anginge oder kümmerte. Er trug ſeinen gewöhnlichen abgebleicht grünen, langſchößigen Rock mit dem ſchmalen Kragen, die geſprenkelte Weſte und die ſchmutzig grauen, etwas kurzen Hoſen, aber den Hut hatte er neben ſich auf der Back, und vor ſich einen kleinen niederen Tiſch ſtehn, der dem polniſchen Juden gehörte, und auf dem ein dickes aufgeſchlagenes Buch mit einer Brille, wie ſeine Doſe lag, während er in der linken Hand— die rechte hatte er in die Seite geſtemmt— ſein roth- und gelbgemuſtertes baumwollenes Taſchentuch gefaßt und zuſammengedrückt hielt. Er machte eben eine kurze Pauſe, zu der ihn der Jubel der überraſchten und immer noch mehr herbeidrängenden Zu⸗ ſchauer gezwungen hatte, und ſchien in voller Gemüthsruhe das endliche Schweigen des ſtürmiſchen Publikums zu er⸗ warten. 11* „Aber was iſt denn hier los?“ riefen Einzelne dazwiſchen, die eben erſt von unten heraufpreßten, zu ſehn was es gäbe; „wie kommt denn Maulbeere da oben hin— Zachäus als Prediger— hat die ganze Reiſe den Mund noch nicht aufge— than und fängt auf die Art an?“—„Er iſt übergeſchnappt“ jubelten Andere—„und giebt uns jetzt die Nutznießung ſeines verſchobenen Gehirns“—„Ruhe— laßt ihn ſprechen— ſtill da— Ruhe— Zachäus hat das Wort!“ hieß es dazwiſchen. Die Paſſagiere hatten übrigens Urſache erſtaunt zu ſein, denn Maulbeere, der in der That die ganze bisherige Reiſe über noch mit keinen drei Menſchen auch nur ein Wort ge⸗ wechſelt, und ſtill und mürriſch vor ſich hingebrütet hatte Tage lang, war auf einmal mit dem kleinen Tiſch, den er im Zwi⸗ ſchendeck gefunden und mitgenommen, an Deck und auf die Back geſtiegen, wo er, ohne weitere vorherige Warnung, ganz im Styl einer wirklichen Predigt, aber dieſe parodirend, mit Thema und Einleitung und citirten Sprüchen nach Capiteln und Verſen, dem Schnaps(über deſſen ſchlechtere Qualität die Zwiſchendeckspaſſagiere ſeit drei Tagen etwa Urſache zu haben glaubten ſich zu beklagen) eine Lobrede hielt. 3 „Ruhe— gebt Frieden— Zachäus fahr fort!“ ſchrieen indeß die Stimmen durcheinander, und als ſich der Lärm ein klein wenig gelegt, der indeß ſo arg geworden war daß der Capitain an Deck kam, zu ſehn was es gebe, begann Maul⸗ beere wieder: „Wir haben drittens geſehn daß der Schnaps auch in ſeinen Wirkungen das Gemüth des Menſchen ſänftiget, und dazwiſchen, s es gäbe; achäus als icht aufge⸗ eſſchnappt“ zuung ſeines hen— ſtill dazwiſchen. mt zu ſein, trige Reiſe Wort ge⸗ hatte Tage er im Zwi⸗ nd auf die nung, ganz 1" ſchrieen er Lärm ein var daß der ann Maul⸗ 5 auch in nftiget, und ihm die zum Guten nöthige Kraft verleiht auf der Bahn der Gerechten zu wallen! Schnaps— geliebte Zuhörer, welcher Wohllaut liegt ſchon in dem einen kleinen Wort. Wie ſanft und feurig zugleich durchſtrömt er uns die Adern, kitzelt uns den Gaumen und vertreibt die böſen Dünſte. Er auch war es, der ſchon vor tauſenden von Jahren viele jener merkwür⸗ digen Wunder vollbracht, die eine thörichte Welt jetzt, und irr⸗ thümliche, oft böswillige Uebertragungen, anderen Wirkungen zugeſchrieben haben. Schnaps iſt Geiſt— wer aber brachte den Geiſt über die Propheten, die mit fremden Zungen redeten und nachher in alle Welt gingen alle Völker zu lehren?— wer anders als jener heilige Geiſt—“ „Das iſt Gottesläſterung!“ ſchrie da eine Stimme aus der Menge—„herunter von dort Du nichtswürdiger Menſch daß Dich nicht der Arm deſſen trifft, den Du verhöhnſt!“ Es war der Weber aus Zurſchtel, der ſich mit Mühe zwiſchen die Menſchenmaſſe gedrängt hatte, zu ſehn was da vorgehe, und jetzt in ehrlicher Entrüſtung etwas entweihen hörte, an dem ſeine ganze Seele mit gläubiger Ehrfurcht hing. „Ruhe da— Frieden! laßt den Mann ausreden!“ rief aber mit Donnerſtimme der Geſell mit den kurzgeſchnittenen Haaren, der ſich ſelber Meier genannt hatte—„halt's Maul Weber bis Du gefragt wirſt!“ „Nein, er hat recht, das geht nicht— das dürfen wir nicht leiden!“ riefen aber jetzt auch Andere dazwiſchen. „Hurrah Maulbeere ſoll leben! fahr fort Maulbeere, laß Dich nicht irre machen!“ jubelten ihm wieder Andere zu— „fort mit den Störenfrieden, ſteckt ſie in's Zwiſchendeck hin⸗ unter.“ 4 Der einzige Ruhige bei dem ganzen Sturm blieb Zachäus, der, ohne auch nur eine Miene zu verziehn, oder mit einer Muskel zu zucken, dem Toben geduldig zuhörte, langſam eine Priſe nahm, ſich ſchnaubte, und dann ſein Taſchentuch wieder wie einen Ball zuſammendrehte. Sobald aber ein Augenblick NRuhe eintrat, füͤhr er auch eben ſo unverwüſtlich in ſeiner Predigt fort, ſang, mit näſelndem Ton, als er dieſe beendet hatte, die Litanei ab, die Worte dabei ſo verdrehend daß ſie ein Lob des Schnapſes bildeten, und ſchloß dann ſeine Pre⸗ digt, unter dem wiehernden Gelächter der Paſſagiere, mit dem „Es ſind auch noch einige Perſonen vorhanden, welche Wil⸗ lens ſind in den Stand der heiligen Ehe zu treten,“ wobei er eine Reihe unanſtändiger Namen von einem Papier ablas, und dann zum Gebet ſchreiten wollte, als der Steuermann von dem Capitain, bei dem ſich Einzelne über den Unfug beſchwert hatten, nach vorne geſchickt wurde demſelben zu wehren. „Avaſt da!“ rief er dem parodirenden Peediger auf ſeine derbe Art zu—„avaſt da mein Burſche und herunter von der Kanzel; der Unſinn hat jetzt lange genug gedauert, und die Leute da unten, die ihre Wacht zur Coye haben, wollen ſchla⸗ fen. Verſtehſt Du Hochdeutſch, oder ſoll ich platt mit Dir ſprechen?“ „Laßt den Mann ſeine Rede halten, ſo lang's ihm ge⸗ fällt“ nahm hier wieder Meier ſeine Parthie—„wir reden Euch auch nicht hinein wenn Ihr ſprecht.“ endeck hin⸗ 5 Zachäus, mit einer gſam eine uch wieder Augenblick Hin ſeiner eſe beendet end daß ſie ſeine Pre⸗ „mit dem elche Wil⸗ wobei et ablas, und n von demn beſchwelt ihren. r auf ſeine er von der 1, und dit llen ſchlo⸗ tt mit Dit s ihm ge⸗ wit reden / 167 „Wenn Du einmal gefragt wirſt mein Burſch, darfſt Du antworten!“ rief ihm aber der Seemann keck und zornig ent⸗ gegen—„wenn ich hier befehle er ſoll herunterkommen, ſo kommt er oder— ich laſſe ihn holen.“ „Faßt Einen von uns hier an!“ ſchrie aber der, über Anrede wie Ausdruck gereizte Mann—„legt Hand an Einen von uns, und ſeht dann was aus Euch und dem Schiff wird. Gott verdamm mich!“ Die drei letztgekommenen Paſſagiere, die höchſt aufmerk⸗ ſame und vergnügte Zuhörer der Predigt geweſen waren, ſtan⸗ den dicht hinter ihm, und ihre Blicke begegneten ebenfalls in finſterem ſtörriſchem Trotz denen des Steuermanns; dieſer aber, ohne ſich im mindeſten irre machen zu laſſen, griff eine, gerad' auf der Ankerwinde liegende Handſpeiche auf, und wäh⸗ rend die an Deck befindlichen Matroſen, die recht gut wußten wie nothwendig es für ſie war in einem ſolchen Augenblick zuſammenzuhalten, ſich raſch und geräuſchlos neben und hinter ihren Oberen drängten, und ebenfalls ſchon in der Eile Alles aufgefaßt hatten was ihnen bei einem möglichen Handgemenge von Nutzen ſein konnte, rief der Steuermann, die Handſpeiche zum Schlag fertig, und das Geſicht von Zorn und Wuth faſt dunkelroth gefärbt: „Hinunter mit Euch ſag ich— und Ihr drei da beſon⸗ ders mit Euren grauen Kitteln, hinunter von Deck wohin Ihr gehört, oder der Erſte, bei Gott, der mir noch mit einem Wort widerſpricht, oder die Hand aufhebt gegen mich iſt eine Leiche!“ 168 Meier warf einen wilden tückiſchen Blick im Kreis umher, zu ſehn auf wen von der Schaar er ſich wohl allenfalls noch verlaſſen konnte, aber die drei Grauröcke hatten wohl ihre ganz beſonderen Urſachen es nicht zum Aeußerſten kommen zu laſſen, noch dazu ſolcher Lappalie wegen, und von den Anderen bezeugte ebenfalls Niemand Luſt mit dem wilden Burſchen, dem Steuermann, ſo aus freier Fauſt anzubinden. „Wir haben ein Recht hier an Deck zu ſtehn und dafür bezahlt“ murrte er da, als er ſah wie er nicht hoffen durfte Schutz und Beiſtand bei den Anderen zu finden gegen die Schiffsmannſchaft. „Das könnt Ihr auch“ ſagte der Steuermann, verächtlich ſeine Handſpeiche neben ſich zu Boden werfend— er wußte daß er jetzt keine weitere Widerſetzlichkeit mehr zu fürchten hatte— „Niemand wehrt's Euch, ſo lange Ihr nicht im Wege ſeid, wer aber dann nicht geht wird geſtoßen, und darf ſich nach⸗ her beklagen, wenn es ihn freut. So alſo herunter jetzt mit dem Prediger— na, wo iſt der Mosje denn auf einmal hin⸗ gekommen?“ Zachäus war allerdings verſchwunden; ſobald nämlich der Wortſtreit einen ernſten Charakter anzunehmen ſchien, hatte er ſich, keineswegs gewillt daran Theil zu nehmen, ſeitab von der Back hinunter und nach hinten gedrückt, wo er jetzt ſchon wieder auf ſeiner Lieblingsſtelle am großen Maſt kauerte, und den Dampf ſeiner Pfeife in die blaue Luft hineinqualmte. Herr von Hopfgarten ſtattete indeſſen in der Cajüte Be⸗ richt über das Gehörte und Geſehene ab, freute ſich aber eben⸗ ———— eis umher, nfalls noch wohl ihre ommen zu Anderen chen, dem und dafür fen durfte gegen die erächtlich zußte daß hatte— gege ſeid, ſich nach⸗ wjetzt mit mnal hin⸗ nämlich en, hatte itab von 169 falls daß ſolch gemeiner Blasphemie an Bord geſteuert worden, und erzählte nun den Damen in ſeiner komiſchen und leben⸗ digen Art, wie der Steuermann dazwiſchen geſprungen ſei und die Debatte mit der Handſpeiche aufgenommen habe. „Und was hatten Sie dazwiſchen zu thun, cher ami?“ frug Herr von Benkendroff über ein Buch weg das er in der Hand hielt(wahrſcheinlich mehr der Hand als des Buches wegen)— was haben Sie davon ſich zwiſchen die Canaille zu miſchen; wenn es nun wirklich zu Thätlichkeiten kam?“ „Ich hatte die ſtille Hoffnung“ ſchmunzelte der kleine Mann—„alle Wetter, ein Seegefecht, Baron, das wär ein famoſes Abenteuer geweſen, und ein prächtiger Beginn für meine Fahrt. Sie wiſſen noch gar nicht daß ich nur auf Aben⸗ teuer reiſe?“— „Auf Abenteuer— bah“ ſagte Herr von Benkendroff achſelzuckend—„ich hoffe daß Sie vernünftiger ſind; es giebt nichts Ungentileres als ein Abenteuer, ein galantes vielleicht ausgenommen, und ich haſſe ſelbſt dieſe, weil ſie den Men— ſchen unnöthig aufregen, und aus ſeiner gewohnten Ruhe bringen.“ „Aber was für Abenteuer wollen Sie erleben?“ frug la⸗ chend Marie. „Was für Abenteuer?“ wiederholte der kleine Mann, ſich raſch nach ihr herumdrehend—„alle— jedes nur erdenkliche — Räuber, Platzen eines Dampfbootes, Zuſammenſtoß mit einer Lokomotive, Ueberfall von Indianern, ſelbſt unter Gefahr meines Scalpes,“ und er nahm dabei ſeine Mütze ab, und 170 zeigte ſeinen etwas kahlen Kopf—„nächtliche Attaque von Bären und Panthern, Entführungen, Verhaftungen, Lynch⸗ geſetz und wie all jene tauſend und tauſend intereſſanten vor⸗ herzuſehenden und unvorhergeſehenen Fälle heißen, denen man in dem Lande unſerer Sehnſucht ausgeſetzt iſt, oder die man, wenn ſie Einem nicht gleich gutwillig aufſtoßen, mit Leichtig⸗ keit aller Orten und Enden aufſuchen kann.“ „Dann reiſ' ich gewiß nicht mit Ihnen“ rief Clara raſch und lachend—„Sie wären im Stande ſolche Dinge vom lieben Gott, als ganz beſondere Zeichen von Wohlwollen zu erbitten.“ „Allerdings“ ſagte Herr von Hopfgarten mit größtem Ernſt,„und ich ſchwankte lange zwiſchen einer Reiſe in das Innere von Afrika und den Vereinigten Staaten, aber allen geleſenen Beſchreibungen nach halte ich die Union doch noch für das paſſendſte Land dazu, und freue mich unendlich darauf feine werthe Bekanntſchaft zu machen.“ „Sie könnten Einem die Luſt zur Auswanderung verlei⸗ den“ ſagte lächelnd Profeſſor Lobenſtein, ſich in das Geſpräch miſchend,„wenn man eben noch eine Wahl behalten hätte. Jedenfalls iſt es ein intereſſantes Factum Sie, mit dieſen Anſichten, an Bord eines Auswandererſchiffes zu haben, deſſen ſämmtliche Paſſagiere, mit Ihrer alleinigen Ausnahme, gerade hinübergehn um Ruhe und Frieden zu finden, und ſich eine, nicht ſo leicht von äußeren Einflüſſen gefährdete Exiſtenz zu gründen.“ „Ich die alleinige Ausnahme?“ rief aber der kleine Mann taque von n, Lynch⸗ anten vor⸗ enen man die man, Lichtig⸗ lara raſch inge vom wollen zu größtem iſe in das aber allen doch noch lich darauf ung velli⸗ geſprich ten hätte. it dieſen ben, deſſen me, gerade ſich eine, Friſtenz di eine Mann 171 raſch und lebhaft aus—„lieber Profeſſor, da ſchwimmen Sie in einem gewaltigen Irrthum herum. Gehn Sie einmal durch das ganze Schiff und ſehen Sie ſich die einzelnen Phyſiogno⸗ mien, die einzelnen Geſtalten der Leute an, wie ich es wieder und wieder gethan habe, und wenn Sie dann nur irgend in den Zügen eines Menſchen zu leſen verſtehn, dann ſagen Sie mir nachher, ob ſich alle die Leute nach einer ruhigen Exiſtenz ſehnen, und ob überhaupt nur die Hälfte von ihnen weiß, was ſie dort mit ſich anfangen ſoll.“ „In mancher Hinſicht mögen Sie recht haben“ ſagte der Profeſſor lächelnd,„aber derartigen ertraordinären Fällen ſollte man dann doch eher aus dem Wege gehn, als ſie gerade muth⸗ willig aufſuchen.“ „Nein“ ſagte der kleine gemüthliche Mann, dem ſich ein wunderliches Behagen über die runden Züge legte, und ſie mit einer eigenthümlichen Gluth und Freude überſtrahlte, indem er vor ſeinem fruchtbaren inneren Geiſt wahrſcheinlich ſchon einige der erhofften Scenen heraufbeſchwor—„nein lieber Profeſſor, an aus dem Wege gehn iſt nun einmal ſchon gar kein Gedanke— wird auch nicht gut möglich ſein“ ſetzte er ſich, wie in innerem Behagen die Hände reibend, hinzu— „man müßte denn wie eine Schlange dazwiſchen durchſchlüpfen können. Vor allen Dingen befahre ich den Miſſiſſippi auf den dortigen Dampfbooten, und laſſe mich erſt zwei- oder dreimal in die Luft blaſen, oder in den Grund rennen; dann eriſtirt dort noch, wie ich aus ganz ſicheren Quellen weiß, die Mor⸗ relſche Bande, die mit allen Pferdedieben und falſchen Spielern der Union in Verbindung ſteht, und in der That über die gan⸗ zen Vereinigten Staaten ihre Auszweigungen hat. Wenn ich nur irgend Glück habe falle ich denen in die Hände. Dort finde ich ebenfalls die beſte Gelegenheit einer Bärenjagd beizu⸗ wohnen, und in den Sclavenſtaaten müßte es mit dem Böſen zugehn, wenn man nicht wenigſtens die Woche einmal, ſo einem armen Teufel von Schwarzen zur Flucht verhelfen, und durch das Intereſſante der Situation manche müßige Stunde ausfüllen könnte.“ „Sie bauen darauf, lieber Hopfgarten“ ſagte hier, wäh⸗ rend die Anderen lachten, Herr von Benkendroff, wieder über ſein Buch hinüber nach ſeinem kleinen Freund ſehend, „daß Sie gar keinen Hals haben an dem man Sie aufhängen kann— ſonſt ſcheinen Sie mir auf dem beſten Wege dazu.“ „Bah, aufhängen“ rief Herr von Hopfgarten verächtlich —„darin bewährt ſich gerade der Mann, den Kopf in ſchwie⸗ rigen Situationen aus der Schlinge zu halten.“ „Jedenfalls ſollten Sie ſich dann den langen Menſchen aus dem Zwiſchendeck, ich glaube es iſt ein Schneider“ ſagte Herr von Benkendroff ruhig„zum Begleiter, gewiſſermaßen als Sancho Panſa mitnehmen; Ihr Zug würde dadurch einen gewiſſen hiſtoriſchen Werth bekommen.“ „Spotten Sie nur“ lächelte aber Herr von Hopfgarten gutmüthig—„Jeder ſucht ſein Vergnügeu auf ſeine eigene Weiſe, und Don Quivxote, einige verrückte Marotten abgerech⸗ net, war ein ganz achtungswerther Charakter— ſeine Kurz⸗ die gan⸗ Wenn ich de. Dort 9d beizu⸗ m Böſen umal, ſo ffen, und eStunde jer, wäh⸗ „wieder ſehend, ifhängen dazu.“ erächtlich n ſchwie⸗ Menſchen 2 ſagte ſermaßen ich einen opf fgarten igene ert ch⸗ ne e ab g ſichtigkeit muß übrigens Vieles bei ihm entſchuldigen, und ich habe ein Auge wie ein Falke.“ „Im Zwiſchendeck iſt allerdings ein Mann der für Sie paſſen würde Herr von Hopfgarten,“ fiel aber hier das Fräu⸗ lein von Seebald ein,„ein junger Dichter, der ebenfalls noch nicht in dem Alltagsleben der Welt zu Grunde gegangen, und keineswegs, daran zu zweifeln ſcheint, dem Leben auch noch eine poetiſche Seite abzugewinnen. Nur in der That bewährt ſich der männliche Charakter;“ ſetzte ſie mit einem Seitenblick auf Herrn von Benkendroff hinzu, der aber an dieſem voll⸗ kommen abprallte. „Vortrefflich!“ rief da die muntere Clara—„Herr von Hopfgarten kann dann die amerikaniſchen Rieſen und Unge— heuer bekämpfen, und ſein Begleiter gleich die Thaten be⸗ ſingen; ich ſubſcribire von vornherein auf ein Exemplar.“ „Ihnen, meine gnädige Frau“ lachte aber der kleine Mann, „dedicire ich das Werk, und werde mir von Ihnen noch ganz beſonders eine Schleife oder einen Handſchuh ausbitten, nach ächter Ritterart am Hut zu tragen.“ „Ein Wort ein Mann“ rief die junge Frau, ihren linken Handſchuh lachend abziehend und dem neuen Ritter zuwerfend —„hier iſt das Pfand, und bedenken Sie, daß ich es nur mit dem Blut der Feinde getränkt zurückerwarte.“ „Gnädige Frau!“ rief da der kleine Mann, begeiſtert von ſeinem Stuhle aufſpringend—„nur mit meinem Leben trenne ich mich wieder von dieſer Gabe, bis ich ſte in würdiger Weiſe zurückerſtatten kann, und hier unſer bequemer Freund Benken⸗ droff ſelber—“ Seine weitere Rede wurde durch das Heraufſtürmen der Matroſen auf das QWuarterdeck unterbrochen, die, ſo ehrer⸗ bietig ſie ſonſt daſſelbe betraten, jetzt ohne weiteres Ceremo⸗ niell und in größter Eile anfingen die aufgerollten Falle von den Nägeln herunter auf Deck zu werfen, wobei ſie den über⸗ raſcht aufſpringenden Paſſagieren ſehr ungenirt die Seſſel aus dem Wege rückten. Zu gleicher Zeit ſahen dieſe wie ein Theil der Mannſchaft, gelenk wie Katzen, an den Wanten*) hin⸗ auflief; die leichteren Segel flatterten dabei aus, und wurden eingeholt und befeſtigt, die leeren Raaen*) queer gebraßt, und auf den Marsragen, deſſen Segel in der friſcher werdenden Briſe ſchlug und flappte, lagen die Leute mit der Bruſt auf, die Füße gegen das ſcharfangeſpannte Lauftau gepreßt und mit dem Oberkörper in freier Luft hängend, das ausſchlagende ſchwere Segeltuch zu faſſen und einzuziehn, um es in die Reef⸗ bänder zu ſchlagen, und kleinere Fläche der Leinwand einem jedenfalls erwarteten Sturm zu bieten. *) Wanten iſt das, was der Landmann im gewöhflichen Leben und ſehr unrichtig Strickleitern nennt, und ſie beſtehen aus den Par⸗ dunen welche die Maſte feſt und unbeweglich auf ihrer Stelle halten, daß ſie nicht nach Starbord oder Larbord hinüberſchwanken können, und ſind durch dünne Seile„Wevelien“ genannt, mit einander leiterartig verbunden. Jeder Maſt hat ſeine Wanten zu Starbord und Larbord. *) Raaen ſind die Querbalken an den Maſten an welchen die Segel befeſtigt werden. d Benken⸗ ürmen der ſo ehrer⸗ Ceremo⸗ Falle von den über⸗ Seſſel aus ein Theil en*) hin⸗ d wurden raßt, und verdenden Bruſt auf, t und mit ſchlagende d einem anb Leben und den Pat⸗ e halten, mnen, und leiter artig aarbord 1 die ben elch 175 Die Paſſagiere ſahen allerdings im Anfang erſtaunt auf und umher, denn das Wetter war, bei faſt völliger Windſtille, mild und warm geweſen, und eine leichte Briſe, die ſich nach und nach erhoben und das Schiff wieder langſam durch die klare, faſt ſpiegelglatte Fluth trieb, von ihnen wohl freudig begrüßt worden, aber keinem als irgend Gefahr drohend er⸗ ſchienen. Der erſte überraſchte Blick umher überzeugte aber bald alle, ſelbſt die größten Laien in der Wetterkunde, daß der ſonnige Morgen einem ſtürmiſchen Mittag werde weichen müſ⸗ ſen. In Nord⸗Weſten ſtiegen ſchwere dunkle Wolkenmaſſen auf, die dem Waſſer ſchon ihren fahlen Bleiglanz mitzutheilen begannen, über die See zog es in dunkelſtreifigen, flüchtigen Kräuſelwellen, wie die Vorboten des nahenden Wetters, und als die ſchwache Briſe endlich wieder vollſtändig erſtarb, die düſtere Wolkenmaſſe aber, die bis jetzt faſt auf dem Horizont gelegen, mit raſender Schnelle höher und höher ſtieg, da bat der Capitain, der bis dahin an Nichts anderes gedacht hatte, als ſein Schiff auf das kommende Wetter vorzubereiten und ſeine Segel zu bergen, die Paſſagiere dringend, hinunter in die Cajüte und dem Unwetter aus dem Wege zu gehn, daß ſich die Mannſchaft frei bewegen könne. Faſt alle fügten ſich auch dem Wunſch nur zu hereitwillig, die meiſten ſelber froh unter dem ſchützenden Dach der Cajüte den Ausbruch des Sturmes erwarten zu bürfeitz mm Herr von Hopfgarten holte ſich raſch ſeine geölten Seemannskleider, die er ſich zu dieſem Zweck beſonders angeſchafft, hervor, zog ſie an, ſetzte ſeinen 176 Südweſter*) auf, und ſtieg, die Hände in die Taſchen ſchie⸗ bend, wieder an Deck, dem Sturm„die Wetterſeite zu bieten.“ Dieſe unheimliche, und einem heftigen Orkan ſehr oft vorhergehende Stille dauerte aber nicht lange; im Nord⸗Weſten nahm der Meeresſpiegel eine vollkommeu dunkle Färbung an, wie ſich die Kräuſelwellen da vor der heranbrauſenden Winds⸗ braut hoben, und als die Windsbraut herankam und das Schiff faßte, durch die Blöcke und Taue pfiff und über die nackten Raaen heulte, fegte ſie auch ſchon die oberen Tropfen von den aufſpritzenden, wie ängſtlich zuckenden Wellen, und lehnte ſich jetzt hinein in das Meer, das ruhige aufzurütteln aus ſeinem Schlaf. Hui wie es da drängte und bohrte und die Segel faßte und ſchüttelte, die es noch wagten ihm Trotz zu bieten, wäh⸗ rend es dem ſtöhnenden Schiff pfeilſchnell die umenden Wo⸗ gen entgegenjagte; wie die Maſten ächzten und ſich elaſtiſch der furchtbaren Kraft beugten, und die ſchweren Raaen in ih⸗ ren Ketten klirrten und die Falle, und Taue zum Zerſpringen ſpannten. Aber machtlos griff der Sturm in das künſtliche Gebäu, das des kecken Menſchen Hand, ſelbſt ſeinen Schrek⸗ ken zum Trotz, muthig und ſicher über die brauſenden Wogen führte; zur rechten Zeit waren alle überflüſſigen Segel gebor⸗ gen und die nöthigſten dicht gereeft hem Orkan ſo kleine Fläche als möglich zu bieten, und was moch ſtand, an dem konnte er *) Südweſter heißen die aus Leinwand gemachten und ſteif getheer⸗ ten Seemannskappen, deren breites und langes Schild im Nacken ſitzt, dieſen gegen den Regen zu ſchützen. aſchen ſchie⸗ zu bieten.“ an ſehr oſt kord⸗Weſten aͤrbung an, en Winds⸗ das Schif die nackten en von den lehnte ſich aus ſeinem Segel faßte eten, wäh⸗ enden Vo⸗ ih elaſtiſch aen in ih⸗ gerſpringen z künſtliche en Schrek⸗ en Wogen gel gebor⸗ iine Jläche konnte el ſteif gethter⸗ Nacken ſibt⸗ 177 rütteln und reißen und ſeine Kraft verſuchen; die Leinwand war ſtark und neu und die Taue hielten ſeinem wildeſten Sprung und Drang. Aber die Paſſagiere hatte er überraſcht, denn ſie waren bis jetzt an ruhiges Wetter und ziemlich gleichmäßigen Wind gewöhnt, der es den Leuten erlaubte ihre Segel in Ruhe zu ſetzen oder einzunehmen. Die nöthigen Befehle waren dabei auch natürlich in aller Ruhe gegeben, und von den Leuten eben ſo ausgeführt worden; das aber änderte ſich jetzt wie mit einem Zauberſchlag, und in dem wüſten Lärm der Seeleute, dem ſich das Toben der Elemente geſellte, ſchien dem Laien jede Ord— nung im Schiff gerade in dem Moment gelöſt und aufgeho⸗ ben, wo die Gefahr zum erſten Mal mit eiſerner Fauſt an ihre Planken ſchlug. Die Offiziere ſchrieen ihre Befehle, jedem Ohr unverſtändlich und in dem Heulen des Sturmes wild und ängſtlich klingend, über Deck, die Matroſen ſelber ſtürzten herüber und hinüber, die Segel hingen eine Zeitlang gelöſ't und ſchlugen an die Maſten, die Taue fuhren wirr durchein⸗ ander, und die Haſt, mit der die zum Reefen aufgeſchickten Leute nach oben eilten, nach raſch ausgeführtem Befehl wieder an den Pardunen niederglitten, und die Raaen dann unter dem ſchrillen Ruf des Steuermanns und dem ihnen ſo ängſtlich klingenden Taktſang der Matroſen aufgezogen wurden, be⸗ ſtätigten bei Vielen den ſchlimmſten Verdacht, und machte ihre Herzen raſcher klopfen. Die Cajüte konnte ſich da noch eher Raths erholen; be⸗ ſorgte, an die Steuerleute oder den Capitain gerichtete Fragen Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 12 178 der Damen, wurden beruhigend beantwortet, und die Gewiß⸗ heit gerade, mit der die Offiziere den Sturm vorausgeſehn, und die nöthigen Vorkehrungen dagegen getroffen, hatte ſchon an ſich etwas Troſt und Vertrauen Erweckendes. Schlimmer ſah es dagegen im Zwiſchendeck aus, wo eine Menge Frauen und Kinder, in den engen dunklen Raum gebannt, über dem ſie nur das unheimlich raſche Laufen der Seeleute und das Heulen des Sturmes hörten, durch ihr Jammern und Stöh⸗ nen und Wehklagen die Verwirrung, die überdieß ſchon un⸗ ten herrſchte, noch arg vermehrten. Wie dabei der Wind über die See tobte, hoben ſich die Wellen höher und höher, das Schiff fing an zu ſtampfen und in den anſtürmenden Wogen herüber und hinüber zu ſchlin⸗ gern, daß in dem dumpfigen Raum hie und da ſchon wieder die Seekrankheit ihren Arm nach einzelnen unglücklichen Op⸗ fern ausſtreckte. Die um die Mittielſtützen des Zwiſchendecks befeſtigten Koffer und Kiſten ſchurrten dabei, ſo weit es ihnen die nach und nach locker gewordenen Taue geſtafteten, mit der Bewegung des Schiffes bald nach dieſer bald nach jener Seite, und drohten in der That ſich nach und nach völlig loszuar⸗ beiten aus ihren Banden, wie einzelne Schachteln mit unvor⸗ ſichtig dort aufgeſpeicherten Vorräthen, Stücken Fleiſch und Zwieback, Zwiebeln und Kartoffeln, oder auch nachläſſig auf⸗ bewahrte Gefäße und Flaſchen, plötzlich laut wurden und her⸗ vorpolterten, den Paſſagieren dadurch einen ungefähren Be⸗ griff gebend, was ſie zu erwarten hätten, wenn ſich das ſchwere Gepäck losſcheuere und mit ſeinem Gewicht und den ſcharfen e Gewiß⸗ zsgeſehn, zatte ſchon on wieder lichen Op⸗ ſſchendecks tt es ihnen g loszual⸗ nit unvol⸗ gleiſch und läſſig auf⸗ n und her⸗ ähren Be⸗ 3 ſch were en ſcharfen 179 Ecken und Kanten über ſie hereinbreche und herüber und hinü⸗ ber ſchleudere. Einige der Zwiſchendeckspaſſagiere machten ſich nun zwar bereitwillig daran, einer ſolchen Fatalität durch feſtes Schnü⸗ ren der Taue in Zeiten vorzubeugen; bei dem immer ſtärke⸗ ren Schaukeln des Schiffs wurde das aber mehr, als ſie aus⸗ zuführen vermochten; das Arbeiten in dem niederen dumpfen Rqum machte ſie ſchwindlich und übel, und Matroſen mußten zuletzt zu Hülfe gerufen werden, die gelöſ'ten und nicht wie— der ordentlich befeſtigten Taue, die jetzt hie und da nachgaben, auf's Neue zu verbinden und Unglück zu verhüten. Was übrigens im Anfang ſelbſt dem Capitain nur als ein eben ſo raſch wie es gekommen, vorübergehendes Gewitter geſchienen, artete zuletzt wider Erwarten in einen ordentlichen Sturm aus, der mit der untergehenden Sonne neue Kraft ge⸗ wann. Die Segel blieben dicht gereeft, die Luken wurden, des niederſtrömenden Regens wegen, mit getheerter Leinwand überhangen, und die Wellen wuchſen natürlich, durch ihre eigene Schwere von Stunde zu Stunde, bis ſie die weisge⸗ krönten Kämme, wie funkelnde Mähnen, im Anſturm gegen den ſtarken Bug des Schiffes trugen, und ihre Stirnen wild und dröhnend, immer und immer wieder vergebens, dagegen ſchmetterten. Die Haidſchnucke kämpfte ſich indeſſen ſtill und unver⸗ droſſen ihre Bahn, während der Widderkopf, den ſte als Bruſt⸗ bild auf der Gallion vorn trug, ihr alle Ehre machte. Den ſtarken Nacken gebogen, einem wirklichen Widder gleich, ſetzte 12* er zum Stoß ein, den anprallenden Wogen gegenüber, und wenn ſich die hochaufbäumenden an ihm brachen, und ſchäu⸗ mend und brauſend ihre Sturzſeen über Deck warfen, ſtieg er feſt und trotzig, von dem glühenden Meeresſchaum hell erleuch⸗ tet, daraus empor, den wilden wüſten Schlachtplan überblik⸗ kend, und es war faſt, als ob er ſich einen neuen Gegner herausfordernd ſuche, zum Kampf auf Leben und Tod. In der Nacht gab es wieder viele Kranke an Bord, und Stöhnen und Aechzen, Beten und Fluchen tönte aus dem nie⸗ deren dunklen und dumpfigen Raum empor, dem nur manch⸗ mal eine bleiche, ſich überall krampfhaft anhaltende Geſtalt entſtieg, den Schiffsbord zu ſuchen, ſich daran feſtzuklammern, und was ſie drückte, hinüber zu werfen in die boshafte tückiſche See. Wehe dem Armen dann, wenn er mit ſchwindelndem Hirn, und von dem ihn umraſenden Sturm betäubt, die Lee— ſeite, nach der er ſich zu wenden hatte, mit der Luvſeite ver⸗ wechſelte, und gegen den Wind ſeinem Leiden Luft machen wollte; der boshafte Sturm warf ihm das dann gewiß erbar⸗ mungslos wieder zuruͤck und entgegen, und eine nachſtürzende See ſpühlte den Armen vielleicht mitleidig dem nach, nach Lee hinüber, von wo er ſich triefend und betäubt die Bahn wieder nach unten ſuchen mußte, ſeiner dunklen Coye zu. Oh wie lang, wie entſetzlich lang dauerte die Nacht, in der ſelbſt den Geſunden das Kreiſchen der Kinder, das Jam— mern der Frauen, das Stöhnen und Aechzen der Seekranken, wie das Werfen der Falle und das Stampfen der Matroſen an Deck, jeden Augenblick Schlaf raubte oder verkümmerte. eenüber, und und ſchäu⸗ rfen, ſtieg er hell erleuch⸗ lan überblik⸗ uen Gegner Tod. n Bord, und nus dem nie⸗ nur manch⸗ ende Geſtalt zuklammern, afte tükiſche zwindelndem ubt, die Lee⸗ Lurſeite vel⸗ auft machen aewiß erbar⸗ nachſtürzende nach, nach t die Bahn poye zü⸗ je Nacht, in das Jaln⸗ Ztekranken, der Matroſen verkmmerle Dabei peitſchte draußen die Fluth, die ſchwachen Planken, die ſie allein von der Unendlichkeit trennten, und die furcht⸗ baren Stöße, mit denen der ſcharfe Bug des Schiffes den an⸗ prallenden Wogen begegnete, während ganze Fluthen von vorn nach aft über Deck ſtrömten, machten den mächtigen Bau bis in den Kiel hinab erzittern, und füllten oft die Herzen ſelbſt der Unerſchrockenſten mit jenem eigenthümlich unbehaglichen Gefühl, daß Holz und Eiſen doch am Ende nicht auf die Länge der Zeit ſolchen unermüdlichen, unausgeſetzten Anpral⸗ len werde widerſtehen können. Und wenn es brach?— wenn ſich die tolle Fluth die Bahn erzwang in die jetzt Leben gefüll⸗ ten Räume, wenn die gierigen, donnernden Wogen nur einen Zollbreit Raum gewannen, nur daß ſie Halt bekamen an dem Mark des Schiffs, was dann?— ein wilder Todeskampf, ein Angſtgeſchrei, der den inneren Raum erfüllte, und mit den Wogen machtlos kämpfend rangen hunderte von Weſen, deren Herzen jetzt noch warm und hoffend ſchlugen— ran⸗ gen und verſanken, der nächſten Sonne nur in wenig einzeln treibenden Hölzern den Ort verrathend, an dem die Tiefe ſie verſchlang. Mit vollkommen ruhigem und kaltem Blut betrachtet indeſſen der Seemann den Aufruhr der Elemente. An das Schiff denkt er dabei, daß er es ſicher und unbeſchädigt durch die Wogen führe, nicht an ſein Leben, das dem Schiff gehört. Gewohnheit ſtumpft den Menſchen auch zuletzt gegen eine wie⸗ der und immer wieder kehrende Gefahr ab, ſei ſie noch ſo groß; und faſt mechaniſch thut er Alles, was ihm der Augenblick 182 eben zu thun gebietet. Sind dann die Segel dicht gereeft, iſt Al⸗ les an Deck ſo gut befeſtigt wie es geht, jede Luke geſchloſſen und keine drohende Küſte in Lee, von der abzukreuzen, ſonſt alle Kräfte angeſpannt werden mü ßten, dann hat der Schif⸗ fer gethan was eben in ſeinen Kräften ſteht, und auf gutem, ſeetüchtigem Schiff, vertraut er das und ſein Leben ruhig dem Schutz des Höchſten. Auf offener See iſt die Gefahr auch lange nicht ſo groß; es muß da ordentlich wehn, und eine furchtbare See muß ſtehn wenn es dem wirklich guten Schiff verderblich werden ſoll. Reißen die Wellen auch dann und wann einmal ein paar El— len Schanzkleidung“) über Bord, oder waſchen ſie gar das Deck rein von Kambüſe*) und Waſſerfäſſern, trotz ihren Tauen und eiſernen Klammern, der Sturm kann nicht ewig währen, und ein paar Stunden ruhigen Wetters geben dem unerſchro— ckenen Seemann bald wieder Zeit, den gehabten Schaden, ſo gut das eben auf offener See geht, auszubeſſern. Nur wenn er Land in Lee weiß, das bedrängte Schiff kaum im Stande iſt, ſich gegen den Anprall von Wind und Wellen zu halten und die Ströͤmung vielleicht gar noch dem Sturm die Hand bietet; wenn er wieder und wieder über Stag⸗*) muß dem Wind in die Zähne hinein zu ſegeln und trotz dem das dämmernde Land immer deutlicher, immer furchtbarer zu ihm herüberſtarrt, die Brandung immer drohender, immer furcht⸗ *) Die Schutzwand, die das Deck rings umgiebt. **) Küche. **) Ueber Stag gehn, wenden, kreuzen. rreeft, iſt Al⸗ geſchloſſen en, ſonſt der Schif⸗ zuf gutem, ruhig dem ht ſo groß; emuß ſtehn verden ſoll. n paar El⸗ ie gar das ren Tauen ig wahren, unerſchro⸗ chaden, ſo Nur wenn im Stande Wellen zu Sturm die 4) muß g z dem das rer zu ihm net furcht⸗ barer an ſein Ohr ſchlägt, dann mag ihm das Herz pochen, und das Auge ängſtlich am Horizont nach Rettung ſuchen, ob ſich die Wolken nicht lichten, die wilden Böen nicht legen wol⸗ len, dann allerdings lauert der Tod in den dunklen ſtarrenden Klippen, die gierig die Häupter herausſtrecken aus der ſchäu⸗ menden Brandung, denn das Land iſt des Seemanns Feind, nicht das Meer In dieſer Nacht legte ſich der Sturm aber nicht, und wenn er auch gegen Morgen etwas in ſeinem Grimm nach⸗ zulaſſen ſchien, nahm er vor Sonnenaufgang auf's Neue die Backen voll und tobte toller als vorher.„Siiſt eine friſche Hand am Blasbalg“ ſagen in dem Fall ſcherzhafter Weiſe die Matroſen, denen„eine Mütze voll Wind mehr oder we⸗ niger“ nicht viel verſchlägt. Im Gegentheil; der Lohn geht fort; hält ſie der Sturm ein paar Tage länger auf See, gut, deſto mehr Geld haben ſie zu fordern, wenn ſie das Land be⸗ treten, und können deſto mehr verthun; ja bei ſchwerem Wet⸗ ter fallen ſogar die läſtigen Arbeiten, wie Schiemanns-Garn drehen und Werg zupfen fort, mit denen e in ruhiger Zeit doch außerdem genug geärgert werden. Die Leute ſitzen dann auch meiſt— mag das Wetter toben ſo arg es will— ganz rithig und vergnügt im Lee vom großen Boot und erzählen „ſich Geſchichten und Anekdoten. Sind die Segel dicht gereeft, und haben die Leute genug Taback, dann verlangen ſie keine beſſere Zeit und ſind munter und vergnügt. Nur bei Wind⸗ ſtille flucht der Matroſe, denn das iſt die Zeit, in der er am meiſten beſchäftigt iſt. — 184 Nur wenige von den Paſeagieren hatten ſich aber die Nacht über hinauf getraut an Deck, dem Sturm und den noch fataleren Sturzſeeen kühn die Stirn zu bieten. Die aber, die es gewagt, waren auch reichlich durch den wundervollen groß⸗ artigen Anblick der zürnenden See entſchädigt worden. Ziſchend und ſchäumend wälzten die phosphorglühenden Wogenmaſſen herum, mit ihrem geiſterhaften Licht die Maſten hellend, bis hinauf zu den nackten tanzenden Spieren. Wie von ſilber⸗ blitzenden Adern durchzogen, quollen die mächtigen Wellen am Schiff vorbei, das träge und ſtörriſch nur hindurchzudringen ſchien, und die See, die ſich zu windwärts über dem Buge brach, goß tauſend und tauſend glimmende Funken über das naſſe Deck und ſchmückte es wie mit blitzenden Edelſteinen. Die Windsbraut hatte dabei den Himmel rein gefegt; mit der Tiefe wetteifernd funkelten die Sterne ihr flammendes Licht herab, und als der Mond dem Horizont endlich entſtieg, ſandte er ſeine zuckenden Strahlen wie matte Blitze über die erregte Fluth. Die Noth im Zwiſchendeck hatte indeß ihren höchſten Grad erreicht, denn die überſtürzenden Seeen, die ihre plät⸗ ſchernde Fluth um die Vorderluke ſpühlten, ſchlugen einmal ſogar die Leinwand fort, und goſſen einen Strom hinab in den unteren Raum. Die Matroſen ſprangen allerdings gleich zu und ſchloſſen die Luke mit den Lukenklappen, weiterem Ein⸗ dringen des Seewaſſers, weniger der Paſſagiere, als der un⸗ ter ihnen eingeſtauten Fracht wegen, zu wehren, aber der Angſt⸗ ruf der Zaghafteſten,„das Schiff hat einen Leck— wir ſin⸗ ber die den noch ber, die n groß⸗ iſchend maſſen d, bis ſilber⸗ len am dringen 1 Buge er das ſteinen. mit der es Licht „ſandte erregte höchſten 4 plät⸗ einmal nab in 3 gleich m Ein⸗ der un⸗ Angſt⸗ vir ſin⸗ 185 ken— wir ſind verloren“ zuckte mit dem Nothſchrei von Lippe zu Lippe, und Alles, was ſich noch auf den Füßen halten konnte, drängte jetzt wild zurück, der hinteren Luke zu, den Weg von da an Deck zu finden. Ein gewiſſer Inſtinkt trieb die Schaar an die freie Luft, wo eben ſo wenig Rettung für ſie war, als dort unten, wäre ihr furchtbarer Verdacht wirklich begründet geweſen— aber ſie wollten nicht im Dunklen ſterben. „ Na nu ſetz mich mal an Land!“ rief der Steuermann verwundert, als die Paſſagiere plötzlich, wie Bienen aus ih⸗ rem geſtörten Haus, an Deck quollen, und nach dem Boot und um Hülfe ſchrieen,„Dösköppe, ſeid Ihr verrückt gewor⸗ den oder was fällt Euch ein?— wollt Ihr machen, daß Ihr wieder hinunter kommt, oder ich laſſ' Euch hier oben noch einmal begießen!“ Die Drohung half aber Nichts, Andere preßten nach, von unten herauf, den Erſtgekommenen den Rückzug abſchneidend, und eine gerade wieder über das Schiff herüberſchlagende See vermehrte die furchtbare Verwirrung der zum Tod Erſchrockenen. Unten im Zwiſchendeck ſchrie eine einzelne Frauenſtimme mit markdurchſchneidenden Tönen nach Hülfe, und unheim⸗ lich klang der gellende Laut ſelbſt durch das Gewirr von Stim⸗ men und das Toben der Elemente. „Aber ſo nehmt doch nur um Gottes Willen Vernunft an— zurück da mit Euch oder ich laſſe die Luke hier eben⸗ falls dicht nachſßint keiner Mutter Sohn wieder an Deck herauf“ und fluchte der Seemann— aber Alles um— ſonſt; ein paniſcher Schrecken hatte ſich der unglückſeligen ,— 186 Paſſagiere bemächtigt und Einzelne, die von der überſtürzen⸗ den See fortgewaſchen an Deck herumſchwammen, und wie ſie nur den Mund wieder frei bekamen, nach Rettung brüllten, ſetzten der heilloſen Verwirrung die Krone auf, und trieben jetzt auch die Cajütspaſſagiere in Todesangſt aus ihren Coyen. Es bedurfte wohl einer halben Stunde Zeit, in der die Matroſen die, die am meiſten ſchrieen, und ſich am unſinnig⸗ ſten geberdeten, anfaſſen, ſchütteln und erſt wieder zur Vernunft ſtoßen mußten, bis die Leute nur anfingen zu begreifen, daß ihnen keineswegs eine unmittelbare Gefahr drohe, und der Sturm eben nicht ärger das noch vollkommen tüchtige und dichte Schiff umtobe, als am Abend, wo ſie ſich ruhig in ihre Coyen zum Schlafen niedergelegt. Die Vernünftigſten der Schaar, die ſich doch auch ihres Kleinmuths wegen zu ſchä— men begannen, wollten deshalb eben wieder hinunter in das Zwiſchendeck ſteigen, wo der Lärm noch ärger als vorher tobte, auch dahin die tröſtliche Nachricht zu bringen, und die Ver⸗ zweifelnden zu beruhigen, als ſich von dort herauf der Tiſchler Leupold wild und ängſtlich die Bahn brach, und nach dem Arzt— dem Dobktor ſchrie, um Gottes und des Heilandes Willen ſeiner Frau zu Hülfe zu kommen. „Was iſt— was giebts?“ riefen die Leute durcheinan⸗ der, und der Steuermann faßte den halb Raſenden und frug ihn, was geſchehen ſei; dieſer aber riß ſich los und bat und flehte, nur den Arzt aus der Cajüte zu holen, damit dieſer der Unglücklichen beiſtehn könnte, die plötzlich wahnſinnig ge⸗ worden wäre. —— ſtüͤrzen⸗ wie ſie brüllten, trieben Coyen. det die nſinnig⸗ ternunft n, daß ind der ge und in ihre ten der u ſchäͤ⸗ in das er tobte, iie Ver⸗ Tiſchler ach dem ilandes heinan⸗ nd ftug dat und eſer der 1 ig ge⸗ 187 Wahnſinnig, es iſt ein furchtbares Wort, und der Sturm heulte ſeine tolle Weiſe darein, die Maſten knarrten und ächzten und durch die Blöcke pfiff es wie in wilder un⸗ heimlicher Luſt. „Der Arzt— wo iſt der Doktor!“ riefen die Leute jetzt durcheinander, den Sturm faſt vergeſſend über die augenblick⸗ liche, dringendere Noth des Mitpaſſagiers—„der Doktor!“ und ſelbſt der Steuermann, der ſich ſonſt wahrlich nicht beeilte, wenn ein Zwiſchendeckspaſſagier oder ein Paſſagier überhaupt, einen Wunſch ausſprach, ſprang in die Cajüte hinein, den „Doktor“ herauszuklopfen, damit er helfen könne, wenn hier üderhaupt menſchliche Hülfe noch möglich war. Der Doktor lag angezogen in ſeiner Cajüte auf dem Bett, und ſprang bei dem erſten Ruf ſchon raſch und bereitwillig auf, aber er ſah ſelber todtenbleich aus, und ein neuer Angriff der Seekrankheit, mit der Angſt um das eigene Leben, hatte ihm jeden Blutstropfen zum Herzen zurückgejagt. „Doktor machen Sie raſch— eine Frau iſt im Zwiſchen⸗ deck wahnſinnig geworden— Sie müſſen helfen!“ rief der Steuermann. „Eine Frau wahnſinnig?“ ſtöhnte der unglückliche Sohn Aesculaps—„das iſt ja entſetzlich, das iſt ja gar zu trau— rig— was werden— was werden wir ihr denn da gleich eingeben—“ „Sehn Sie ſich die Kranke nur erſt einmal an“ rief aber der Steuermann ungeduldig, als der Doktor in allen ſeinen Taſchen nach ſeinem Beſteck an zu ſuchen fing—„bis Sie hin⸗ unterkommen kann ſie todt ſein, wenn Sie ſo lange machen.“ „Ja wenn das aber ſo ſchnell geht“ ſagte der arme Hück⸗ ler in Verzweifluug,„dann werde ich ihr mit meinem Beſuch auch nicht mehr viel helfen können— das iſt eine verzweifelte Geſchichte und indeſſen der Sturm“— murmelte er vor ſich hin, als er die niedere halbe Treppe an Deck hinaufſtieg und ſich oben gleich anhalten mußte, auf dem ſpiegelglatten Deck, nicht nach Lee zu geworfen zu werden—„heilige Dreifaltig⸗ keit, Steuermann, das Deck geht Einem ja unter den Füßen fort— das Schiff iſt zu ſchwer auf der einen Seite.“ „Hätte bald was geſagt,“ murmelte aber der alte See— bär zwiſchen den Zähnen durch, während er ihn auf der lin⸗ ken Seite ſtützte, daß er nur raſcher vorwärts kam. Unter Deck hatte ſich indeſſen eine Gruppe von Frauen meiſt um die unglückliche Tiſchlersfrau geſammelt, die ſich den Händen der ſie haltenden Männer fortwährend zu entwinden ſuchte, und dabei laut lachte und ſchrie, und wunderliche, vers⸗ loſe Lieder ſang. Der junge Donner, während er ſich mit der linken Hand ſelber feſt an der nächſten Coye hielt und ſeinen linken Fuß zwiſchen die dort befeſtigten Kiſten eingeklemmt hatte, hielt ſie mit dem rechten Arme umſchlungen, daß ſie ſich nicht ſelber von ihrem Stand herunterſtürzte, und Leupold, mit Herrn Mehlmeiers Hülfe, ſuchte ſie auf der anderen Seite zu ſtützen und zu beruhigen und ſie nur zu bewegen, daß ſie ſich erſt einmal wieder in ihre Coye lege. Ueber dieſer von einer gewöhnlichen Schiffslaterne be⸗ Sie hin⸗ nachen.“ ne Hück⸗ Beſuch weifelte vor ſich ieg und en Deck, eifaltig⸗ Füßen te See⸗ der lin⸗ Frauen ſich den twinden ſe, vers⸗ mit der ſeinen eklemmt ſie ſich old, mit Seite zu ſie ſich erne be⸗ 189 leuchteten Gruppe, oben an der ſteilen, in das Zwiſchendeck niederführenden Treppenleiter, erſchien jetzt der Doktor, und mußte mit Gewalt den Ekel bezwingen, der ihm bei dem furcht⸗ baren Schaukeln des Schiffs, und dem warmen, von unten zu ihm aufſtrömenden Dunſt des inneren Decks zu erfaſſen drohte. Gerade aber, als er ſich umdrehte um niederzuſteigen, ſah und erkannte ihn die Frau und ſchrie auf, als ob ſie einen Geiſt erblickt„Er will mich würgen— er will mich würgen!“ Der arme Doktor, überdieß nicht auf feſten Füßen, drehte ſich bei dem Schrei halb um, rutſchte auf ſeinem ſchlüpfrigen Stand aus und glitt halb, halb fiel er mitten zwiſchen die Gruppe hinein. „Hahahaha!“ lachte da die Unglückliche hell und laut auf—„hahahaha, er hat den Hals gebrochen, er hat den Hals gebrochen“ und ſank beſinnungslos zurück in Georg Donners Arm, während ihr Mann kaum noch Zeit behielt, ſie mit zu unterſtützen. Hückler hatte ſich indeſſen raſch und erſchreckt wieder er— hoben, und während er ſich an der Treppe und den Kiſten zu der Patientin hinfühlte, riß Hedwig ihre Matratze aus dem eigenen Bett, ſie der Frau vor der Coye unterzubereiten, und kauerte dann neben ihr nieder, ihren Kopf zu unterſtützen. Dem Doktor wurde indeſſen mit kurzen Umriſſen die mögliche Urſache des Unglücks mitgetheilt, das der arme Tiſchler von einem Sturz herrührend glaubte, den die Frau an dem Mor⸗ gen gethan. Sie war dabei mit dem Hinterkopf gegen eine Kiſtenecke geſchlagen, und trotzdem, daß ſich kein Zeichen äußerer 190 Verletzung deutlich machte, viele Minuten lang bewußtlos liegen geblieben; hatte auch nachher, als ſie wieder zu ſich kam, über Kopfſchmerz geklagt, ſich jedoch ſonſt wohl befunden, bis der Sturm an dem Abend überhand nahm, und nun die Angſt, vielleicht das Uebel verſchlimmernd, die frühere Verletzung des Hirns zum Ausbruch drängte. Dr. Hückler hatte indeſſen den Puls der Kranken in ſei— ner Hand gehalten, und befand ſich in größter Verlegenheit, was ihm in dieſem Fall zu thun oder zu laſſen bliebe. Der Wahnſinn, weder in ſeinem Urſprung, noch ſeiner Wirkung, ſtand nicht in dem Medicinbuch mit angegeben, und ſo viel und ſorgſam er ſich auf faſt alle übrigen Krankheiten und Zuſtände vorbereitet, ſo wenig hatte er einen ſolchen Fall für möglich gehalten, ja in der That nicht einmal daran gedacht. Aderlaſſen! das blieb das Einzige— er hatte auch eine wirk— liche Schwäche für Aderlaſſen, und es befand ſich nicht eine Perſon an Bord, die ſeine Hülfe in Anſpruch genommen, ſei es für was auch immer, und ohne einen Aderlaß davonge⸗ kommen wäre. Keinenfalls konnte der ſchaden. Sein Beſteck alſo, das er, als er die eigene Coye verließ, faſt inſtinktartig zu ſich geſteckt, herausnehmend, ging er auch ohne weiteres daran, die Operation mit gewohnter Fertigkeit vorzunehmen. Georg Donner unterſtützte ihn dabei nach beſten Kräften und Doktor Hückler, der dadurch wieder ſeine ganze frühere Zu⸗ verſichtlichkeit erlangt hatte, verordnete noch, ehe er das Zwi⸗ ſchendeck verließ, und als die Kranke wieder Zeichen zurück⸗ kehrenden Bewußtſeins gab, ſie jetzt feſt in ihre Coye zu packen, bdußtlos ich kan, en, bis Angſt, ing des irkung, ſo viel en und all füt gedacht. de wirk⸗ icht eine nen, ſei avonge⸗ Beſteck nktartig veiteres nehmen. ten und ere Zu⸗ s Zwi⸗ zuruc⸗ u packen, 191 mit Kiſſen wohl zu verwahren, damit ſie nicht herausfallen könne, und ſie die Nacht durch ordentlich und feſt ſchwitzen zu laſſen. Georg Donner wollte hiergegen Einſpruch thun, Doktor Hückler aber, dem durch den langen Aufenthalt im Zwiſchen⸗ deck ſelber wieder der Schweiß auf die Stirn trat, und dem es wüſt und unbehaglich zu Muthe wurde, hatte ſeine Inſtru⸗ mente ſchon zuſammengepackt, und verließ raſch den dumpfigen Raum. Donner aber ſtieg, ohne weiter ein Wort zu verlieren, ebenfalls an Deck, holte einen Eimer voll Seewaſſer herunter, den er an einen der in den Queerbalken befeſtigten Haken hing, ließ ſich dann von Leupold ein reines Handtuch geben, das er mit dem kalten Waſſer netzte, und rieth ihm, die Frau vor der Coye anf der Matratze liegen zu laſſen, und ihr fortwährend kalte Umſchläge auf die fieberglühende Stirn zu legen, die Hitze daraus zu bannen. Hedwig, die nicht von der Seite der Kranken wich, übernahm das Amt, die Umſchläge zu erneuern, und trotz dem furchtbaren Stampfen des Schiffes, das gegen die mit jeder Stunde höher wachſende See fortwährend anzu⸗ kämpfen hatte, wurde endlich Ruhe im Zwiſchendeck.— Die Paſſagiere fanden, daß die Gefahr nicht ſo nah ſei wie ſie geglaubt, und ergaben ſich endlich— was ſie hätten gleich von Anfang an thun ſollen— ruhig in ihr Schickſal. Der nächſte Morgen brach trüb und eben noch ſo ſtür⸗ miſch an; mit der erſten Dämmerung war es faſt, als ob ſich der Wind etwas legen wollte, wie aber die Sonne roth und flammend aus dem ſchäumenden Wogenkeſſel ſich hob, gewann 7 192 der Sturm neue Kraft und heulend und raſend fegte er die See. Hei wie er die mächtigen, mit durchſichtigen Kronen über⸗ worfenen Wogen faßte, die Schulter dagegen ſtemmte, und die bäumenden Kämme aufgriff und in Silberperlen über die grol⸗ lende See hinaus ſtreute; wie er ſich in die fliegenden Berge wuhlte und ihnen den Boden unter den Füßen wegriß, neue zu bauen mit einem mächtigen Hauch; wie er ſie tanzen ließ die gewaltigen Roſſe der See, die in unabſehbaren Reihen ſich ſtürzend und drängend, vor ihm flohen, und ſeine ſtarke Fauſt doch immer und immer wieder im Nacken fühlten, wie Sporn und Peitſche, ſie zu wilderem Lauf zu treiben, zu ra⸗ ſcherem Sturz. Ha wie das kochte und gohr in den Keſſeln und Schluchten, und die Schaumesadern zu wirbelnden Trich⸗ tern in die Tiefe zog. Schlag auf Schlag donnerte dabei der Wogen Schaar gegen den zerpeitſchten Bug des wackeren Schiffes an, doch Stoß um Stoß erwiedernd hob ſich das wie mit wachſendem Muth, als der grimme Feind ihm wuchs, auf deſſen Nacken, die klare perlende Fluth von den Schultern ſchüttelnd, dem neuen Gegner keck die Stirn zu bieten. Wie die Wolken über den mattblauen Himmel jagten, als ob ſie die Sonne verſcheuchen wollten in ihr tobendes Bett und die Möve mit ſchrillem Ruf ihre Kreiſe zog in Lee des Schiffs, ein böſes Zeichen für den Seemann, der dann wohl ſicher weiß daß er noch ſchweres Wetter zu überſtehen hat, trotz Sonnen⸗ ſchein und Licht. Die Kranke im Zwiſchendeck hatte die Nacht indeſſen ziem⸗ lich ruhig verbracht; der ſtarke Blutverluſt, wie die kalten Um⸗ gte er die nen üͤber⸗ e, und die die grol⸗ en Berge riß, neue mzen ließ n Reihen ine ſtarke ſten, wie , zu ra⸗ 1 Keſſeln en Trich⸗ tte dabei wackeren h das wie n wuchs, Schultern ten. Wie Schiffs, cher weiß Sonnen⸗ ſen ziem⸗ alten Um⸗ 193 ſchläge um Stirn und Schläfe, die Hedwig ihr ununterbrochen aufgelegt(denn Leupolds eigene Mutter war ſelber ſo ſeekrank daß ſie den Kopf nicht in ihrer Coye heben konnte) ſchienen ihren Zuſtand, wenn auch noch nicht ganz gehoben, doch we⸗ ſentlich verbeſſert zu haben. Auch die übrigen Paſſagiere, mit Ausnahme vielleicht von ſechs oder acht, wurden das Schau⸗ keln nach und nach gewöhnt, und ängſtigten ſich nicht weiter über die Sturzſeeen, die ihnen wohl ein paar Tons Waſſer über Deck ſchleuderten, aber weiter eben keinen großen Scha⸗ den thaten, viel weniger denn die Sicherheit des Schiffes ſelbſt gefährdeten. Am wackerſten hielt ſich bei dieſem Unwetter die Cajüte, deren Paſſagiere aber auch luftigere und geräumigere Lager und beſſere und leichtere Koſt hatten, der Seekrankheit zu be⸗ gegnen. Nur Fräulein von Seebald hütete an dem Tage noch ihr Bett, heftiger Kopfſchmerzen wegen wie ſie ſich entſchul⸗ digen ließ, ſonſt waren Alle munter und auf den Füßen, und ſelbſt der Mittagtiſch verſammelte ſie heute, wie in ſtiller Zeit. Böſe Arbeit aber gab es dabei für den Steward und Ca⸗ jütenwärter, Geſchirr und Speiſen nicht allein glücklich von der Cambüſe über Deck in die Cajüte zu ſchaffen, ſondern auch dort ſo zu ſtellen und zu befeſtigen, daß ſie durch das tolle Springen des Schiffs nicht vom Tiſch heruntergeworfen wur⸗ den. Ein eigenes Geſtell, das Herr von Benkendroff gerade nicht unpaſſend das Marterholz nannte, da es ſich nur bei unruhigem Wetter zeigte, und eine Maſſe für ihn fataler Un⸗ bequemlichkeiten mit ſich brachte, wurde über dem, auf dem Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 13 194 Tiſch ausgebreiteten, nicht übermäßig reinlichen Tiſchtuch feſt⸗ gemacht. Dieſes, durch etwa drei Zoll hohe Querhölzer ver⸗* bunden und in Quadrate getheilt, ſchloß durch ſeinen hohen Rand den Tiſch vollkommen ein, und hielt Teller und Schüſ⸗ ſeln ſo ziemlich feſt, daß ſie wenigſtens nicht hinunterrutſchen konnten, war aber natürlich nicht im Stande das Ueberlaufen der Schüſſeln und gefüllten Teller zu verhindern, wenn man ſie hätte vor ſich auf den Tiſch ſtellen wollen. Dieſe forderten deshalb auch gebieteriſch die ungetheilte Aufmerkſamkeit der Eſſenden, und die geringſte Unachtſamkeit blieb gewiß nicht ungeſtraft. Herr von Hopfgarten hatte indeß von dem Krankheitsfall im Zwiſchendeck gehört, war gleich hinuntergegangen ſich ſel⸗ ber zu überzeugen, und erfuhr dort was Doktor Hückler der Kranken nach dem Aderlaß verordnet habe, und wie dieſe ge⸗ rade durch das Gegentheil wenigſtens ſo weit hergeſtellt wor⸗ den, ſie für jetzt außer Gefahr zu halten. In die Cajüte zu⸗ rückgekehrt hatte er dann aber auch nichts Eiligeres zu thun, als die Damen davon in Kenntniß zu ſetzen, und während dieſe der Leidenden Eau de Cologne zum Einreiben und leichten Zwieback für eine mehr paſſende Nahrung als die ſchwere Schiffskoſt, hinunterſchickten, nahm Herr von Hopfgarten den Doktor bei einem Knopf, zog ihn in die nächſte Ecke und machte ihm hier die ungeheuerſten Elogen wegen der fabelhaf⸗ ten Kur die er in dieſer Nacht vollbracht, und womit er jeden⸗ falls das Leben der Frau auf die eclatanteſte Weiſe gerettet habe. Der arme Teufel von„Doktor“ wußte freilich im An⸗ 195 htuch feſt⸗ fang nicht wohin er aus Verlegenheit ſehen ſollte, war auch öhr ve⸗ von dem kleinen Mann ſchon ſo oft zum Beſten gehalten— en hohen worden, um ihm in dieſem Fall gleich zu trauen, daß er es nd Schüſ⸗ wirklich ehrlich meine; Herr von Hopfgarten verzog aber keine errutſchen Miene dabei, ja rief zuletzt ſelbſt den Capitain und die übri⸗ berlaufen gen Cajütspaſſagiere herbei, und gratulirte ſich und ihnen zenn man einen ſo wackeren Arzt an Bord zu haben, der mit Kopf und forderten Herz auf der rechten Stelle, eine große Beruhigung für eine, mkeit der von jeder weiteren Hülfe abgeſchnittene Schiffsgeſellſchaft ſein wiß nicht müßte. Dem Chirurgen Hückler that aber das Lob, das ſo offen— lheitsfall geſpendet auch aufrichtig gemeint ſein mußte, nicht allein un— endlich wohl, ſondern er bekam ſich auch wirklich ſelber in Verdacht, in letzter Nacht eine höchſt ſchwierige Kur mit ſel— tener Geiſtesgegenwart und richtigem Urtheil aufgefaßt und be⸗ handelt zu haben, und doch am Ende von der Medicin mehr zu verſtehen, als er ſich ſelber zugetraut. Durch dieſes Selbſt⸗ vertrauen aber fühlte er ſich gehoben, wurde geſprächig, und fing nun an, wie das leider überhaupt ſeine Gewohnheit war, einzelne andere, mitunter höchſt merkwürdige Kuren zu erzählen, die er in früheren Zeiten gemacht, und wodurch er das Leben ſchon von anderen Aerzten aufgegebener Patienten mehrmals gerettet haben wollte. Herr von Hopfgarten ging darauf ein ſich das Alles aufbinden zu laſſen, und Hückler ſchwamm in einem Meer von Wonne. ⸗ Die Suppe wurde indeſſen aufgetragen, und der Ste⸗ ward, in der linken Hand die Klingel ſchwingend, mit der er 13* ſich ſel⸗ ückler der e dieſe ge⸗ d während nd leichten 3 ie ſchwere garten den Ecke und fabelhaf⸗ t er jeden⸗ iſe gerrtii 1 ch in è 196 die Paſſagiere herbeirief Platz zu nehmen, hielt mit der rechten die auf den Tiſch geſtellte Terrine, in der die heiße Hühner⸗ ſuppe qualmte, ſie vor dem Ueberſchwappen zu bewahren. Des Doktors Geſchäft war es übrigens bei Tiſch die Suppe aus⸗ zutheilen, und überhaupt vorzulegen, ein Amt das ſich der Capitain, mit ſeinen unangenehmen Conſequenzen bei einem ſtark beſetzten Paſſagierſchiff, gern vom Hals geſchafft; er ſaß dabei zu Starbord an der Mitte des Tiſches, neben ihm zur Rechten Eduard Lobenſtein, und zur Linken Herr von Hopf⸗ garten, während ihm gegenüber Frau von Kaulitz mit Herrn von Benkendroff die Sitze inne hatten. Profeſſor Lobenſtein mit Frau und den jüngſten Kindern nahm den vorderen Theil des Tiſches ein, und die jungen Damen hatte der Capitain ſo placirt, daß ſie gerade um ihn ſelber herum zu ſitzen kamen. Das Schiff lag dabei faſt vollſtändig auf der Larbordſeite, den an dieſem Bord bei Tiſche Sitzenden eine keineswegs bequeme Stellung gewährend, obgleich die Mahagony- und mit ge⸗ flochtenem Rohr überzogenen Bänke, auf denen ſie ſaßen, wohl befeſtigt waren, und nicht wanken und weichen konnten. So wie Doktor Hückler am Tiſche Platz genommen, und die Terrine mit der linken Hand gefaßt hatte, ließ der Steward ſie los, um weitere Bedürfniſſe der Tiſchgäſte herbeizuholen, und während ſich die übrigen Paſſagiere ebenfalls ſetzten, füllte der Doktor jedem ſeine Portion auf den uereihten Teller. Das Schiff ſchwankte dabei nach allen möglichen Richtungen hin, und die Damen beſonders hatten im Anfang beide Hände voll zu thun, nur ihren Teller mit der Suppe zu balanciren, m ur hm zur ell witain ſo m kar men. 2 dſet del s bequeme d mit g⸗ ſie ſaßen, n konnten. 197 daß er nicht bald da bald dort überlaufe. Es gehörte auch erſt in der That einige Uebung dazu, dies Geſchäft der linken Hand allein anzuvertrauen, und, mit den Augen feſt auf den Tellerrand geheftet, der geringſten Bewegung augenblicklich zu begegnen, mit der rechten Hand indeſſen nach dem Löffel her⸗ umzufühlen, bis man den glücklich fand, und nun mit äußerſter Vorſicht daran zu gehen ſein Theil dem Munde zueſühen An ein Hinſetzen des Tellers auf den Tiſch durfte, ehe abgegeſſen war, gar nicht gedacht werden. Die einzige Schwierigkeit für den Doktor ſelber war indeſſen, daß er, als er Allen aufgefüllt hatte, ſeinen eigenen Teller nicht bedenken konnte, ohne die Terrine preiszugeben, das Schwanken des Schiffes hatte je⸗ doch für den Augenblick ein wenig nachgelaſſen, die Terrine ſelber war auch faſt ganz geleert, und ſie deshalb zwiſchen eine Schüſſel mit nie und das Querbret ſo feſt als möglich einzwängend, daß ſie ziemlich ſicher ſtand, begann er ſeine eigene Portion, den Hühnerſuppe war ein Leibgericht von ihm, zu verzehren. „Herr Capitain“ ſagte er dabei,„Sie erlauben mir wohl daß ich nachher der Kranken einen Teller von dieſer Suppe in's Zwiſchendeck ſchicke; die wird ihr gut thun.“ „Ja woll Doktor, man tau“ ſagte Capitain Siebelt, der mit dem Doktor, ſehr zu deſſen Aerger, am liebſten platt ſprach—„wo geiht et denn?“: „Oh gut, Capitain, ich denke wir ſollen ſie durchbringen, und heute Abend will ich ihr wieder eine Portion Schröpf⸗ köpfe ſetzen. Das Blut geſtern ſah dick und trübe aus, und kam faul und ſchleimig aus den Adern, aber ich denke wir bringen ſie durch.“ Herr von Benkendroff ſah den Sprecher, der ihm durch ſolche Beſchreibung das Eſſen zu verderben drohte, mit einem höchſt mißvergnügten Blicke an, ſagte aber kein Wort, und der Doktor, dem das heraufbeſchworene Bild andere, ähnliche ſei⸗ ner früheren Praris vor die Seele rief, fuhr in dem vergeb⸗ lichen Verſuch ein Hühnerbein zu bewegen auf dem Löffel liegen zu bleiben, ſchmunzelnd fort: „Wiſſen Sie Capitain, in Bremerhafen der Matroſe, der im vorigen Sommer an Bord des Gellert von der Raanocke herunter und auf den Anker des daneben liegenden„Alexander White“ fiel, und ſich auch den Hinterkopf ſo bös dabei ver⸗ letzte, der brach zwei Stunden lang die reine Galle, und lag drei volle Tage beſinnungslos, ehe er wieder zu ſich kam. An dem haben wir was herumgeſchröpft und Adergelaſſen.“ „Aber ich bitte Sie um Gottes Willen Doktor, ſchweigen Sie doch nur ein einziges Mal, wenigſtens über Tiſch, von ihren abſcheulichen Operationen und Krankheiten“ bat ihn 8 da Henkels junge Frau,„Sie verderben uns jedes Mal das Eſſen.“ „Aber beſte Madame Henkel“ entſchuldigte ſich der Ge— ſchäftseifrige—„es ſind das ſo natürliche Sachen, und was mit unſerem eigenen Körper in Verbindung ſteht, ſollte uns eigentlich nie Ekel verurſachen— Hautkrankheiten vielleicht ausgenommen, beſonders mit feuchten—“ denke wir hm durch nit einem und der gliche ſei⸗ n vergeb⸗ en Löffel troſe, der Raanocke Alerander dabei ver⸗ und lag ſich kam. laſſen.“ ſchweigen giſch, von Mal das der Ge⸗ und was ſollte uns vieleich 199 „Ich verlaſſe den Tiſch, wenn Sie nicht aufhören!“ rief aber die junge Frau, jetzt ernſtlich böſe gemacht. „Sie thäten überhaupt beſſer ſich mehr mit Ihrem Teller zu beſchäftigen“ bemerkte jetzt auch Herr von Benkendroff, „Sie haben ſchon zweimal übergegoſſen, und die ganze Ge⸗ ſchichte kommt hier nach uns herüber.“ „Halten Sie die Terrine!“ ſchrie in demſelben Augen⸗ blick der Capitain, halb von ſeinem Sitze emporfahrend, als das Schiff plötzlich ſcharf nach Starbord überlegte; der Tiſch ſtand in dem Moment faſt ganz gerade, ja lehnte eher noch etwas nach rechts hinüber, trotzdem daß das Schiff auf der Larbordſeite lag. Der Doktor ſah ſich deshalb, ſo von allen Seiten zugleich ermahnt, auch beſtürzt nach dem Capitain um, aber kaum wandte er den Blick von dem eigenen Teller, als dieſer ſeinen Inhalt auch auf das Tiſchtuch ausleerte, und wie er ihn raſch und erſchreckt, wenn gleich etwas zu ſpät, auf⸗ kippte, holte das Schiff zurück. „Die Terrine!“ ſchrie nochmals der Capitain, aber das donnernde Getöſe einer über Bord ſchlagenden See, die das Schiff bis in ſeine innerſten Rippen erzittern machte, und an Deck praſſelte, als ob ſie Breter und Planken in Atome ſchmet⸗ tern müßte, ließ ſeine Warnung, mit der Verwirrung die ihr folgte, ungehört verhallen. Die ganze Tiſchplatte ſtand in dem furchtbaren Wurf faſt ſenkrecht, und die Terrine mit allem was ſie noch an heißer Hühnerbrühe enthielt, mit Kar— toffen und Erbſen, und ſämmtlichen Meſſern und Gabeln wie ſämmtlichen Suppentellern der Starbordlinie kam in dem 200 Augenblick, wo ſich die Paſſagiere nur an den Bänken halten mußten nicht ſelber fortgeworfen zu werden, nach Lee hinüber, und zwar erhielt Frau von Kaulitz, die nie außer in einem ſeidenen Kleide bei Tiſche erſchien, den Vortheil der ganzen Suppe, von der nur noch höchſtens ein Teller voll der Weſte und den Beinkleidern des Herrn von Benkendroff zu Gute kam, während die Erbſen und Kartoffeln ziemlich gleichmäßig über die anderen beiden Flanken vertheilt wurden. Selbſt der Tiſch, gegen den ſich der Doktor mit ſeinem ganzen Gewicht warf, drohte aus ſeinen Klammern und Schrauben heraus⸗ geriſſen zu werden, und wäre auch richtig gefolgt, hätte der eben in die Cajüte kommende Steward nicht mit vieler Geiſtes— gegenwart die Sauce der Frau Profeſſorin in den Schooß, und ſich ſelbſt, indem er die Füße gegen die Wand ſtemmte, mit der Schulter gegen die Tiſchplatte geworfen, wenigſtens das noch daraufſtehende Geſchirr zu retten, das jetzt in den Quer⸗ hölzern des Aufſatzes hängen blieb. Ueberall in der ganzen Cajüte klirrte und klapperte es dabei, in dem Vorrathsſpintge fielen die auf ſolchen Wurf nicht vorbereiteten Flaſchen und Gläſer durcheinander, in den verſchiedenen Coyen ſtürzten Bücher, Cigarrenkiſten und andere Sachen zu Boden nieder, und ſchurrten dort, mit der ſpäteren Bewegung des Schiffes herüber und hinüber, und in der Coye des Fräulein von Seebald klirrte es und brach's, und das Fräulein ſtieß einen durchdringenden Schrei aus. Der Doktor trug übrigens die ganze Schuld, und kaum hatten ſich die Paſſagiere nur wieder in etwas zuſammen⸗ en halten hinüber, in einem r ganzen er Weſte zu Gute ichmäßig Selbſt der Gewicht heraus⸗ hätte der Geiſtes⸗ voß, und längere Zeit bedurfte ehe dieſe rieſigen Waſſerberge, die ſich 201 geleſen und das Schiff einen ruhigeren, wenigſtens nicht mehr ſo kopfüberen Gang angenommen, als Alle über den armen Teufel herfielen und ihm die bitterſten Vorwürfe mach⸗ ten die Terrine nicht gehalten, den Tiſch nach vorne überge⸗ ſtoßen, und mit beiden Ellbogen noch ſämmtliches anderes Ge⸗ ſchirr nachgeworfen zu haben. Frau von Kaulitz war dabei außer ſich, und gerieth noch in größeren Zorn, als ſie ſich in ihre Cajüte zurückziehen wollte, und deren Thüre verſchloſſen fand. Die Mitbeſitzerin weigerte ſich dabei ſogar hartnäckig zu öffnen, und fügte ſich erſt nach langem Parlamentiren, der gerechten Forderung, während ſie im Inneren den erlitte⸗ nen Schaden wahrſcheinlich wieder ſo gut das eben anging zu verbeſſern ſuchte. Herr von Benkendroff verließ eben— falls den Tiſch, oder vielmehr die Trümmern deſſelben, und nur Henkels junge Frau, trotz den Flecken die auch ihr Kleid von Wein und Erbſen bekommen, wollte ſich todtlachen über die Scene, wie die darauf folgende Confuſion, und hörte nicht auf den armen Doktor, als gerechte Strafe für ſeine ewigen und entſetzlichen Krankheitsbeſchreibungen, zu necken und zum Beſten zu haben. An dem Nachmittag legte ſich der Sturm. Die See ging allerdings noch hohl, und wie der Druck nachließ, den der Wind ſelber auf das Schiff ausgeübt, daß dieſes ſich mehr emporrichten konnte, wurde auch die Bewegung deſſel⸗ ben, das Schlingern und Stampfen, eher noch heftiger; aber die Wogen ſelber beruhigten ſich doch mehr, wenn es auch . 202 jetzt nur noch durch die eigene Schwere hoben, und mit zer— fließendem Kamm in ſich zuſammenbrachen, vollſtändig in ihr altes Bett zurückkehren konnten. 1 Der bis dahin ſo ungünſtig geweſene Wind, der das Schiff mehr zurückgeworfen, als in ſeinem Cours vorwärts gebracht hatte, räumte mehr und mehr auf), die Reefen wur⸗ den ausgeſchüttelt, die Raaen aufgebraßt, die leichteren Segel wieder geſetzt, und am nächſten Morgen flog das wackere Fahr⸗ zeug faſt vor dem Wind, und nur noch etwas gegen die ſchwere See ankämpfend, raſch und flüchtig ſeine Bahn entlang, dem fernen Ziel entgegen. *) Man ſagt auf See, wenn der Wind günſtiger wird,„er räumt auf“, im entgegengeſetzten Falle aber„er ſchrahlt weg!“ mit ze⸗ g in ihr der das vorwarts efen wur⸗ tm Stgel kere Fahr⸗ ie ſchwere ang, dem er räumt Capitel 7. Leben an Bord. Vierzehn Tage waren nach dem, im vorigen Capitel be⸗ ſchriebenen Sturm verfloſſen, und nichts Beſonderes in der Zeit an Bord der Haidſchnucke vorgefallen. Der Wind blieb ihnen aber, wenn auch nicht beſonders ſtark, doch ziemlich günſtig, daß ſie wenigſtens fortwährend Cours anliegen oder ſteuern konnten*), und bei dem herrlichen und ſchönſten Wetter *) Es läßt ſich denken, daß auf See nicht immer ein gunſtiger Wend weht, den Schiffer gerade dahin zu treiben, wohin er eben will. Wenn die Schiffe alſo nicht ihren gewünſchen Cours ſteuern, oder(auf dem Compaß)„anliegen“ können, ſo müſſen ſie eben laviren oder gegen den Wind aufkreuzen. Dies iſt aber nur durch die verſchiedene Strllung der Segel möglich und der Raaen, an denen die Segel feſt⸗ ſitzen können deshalb nach den verſchiedenen Seiten hin angeholt(ge⸗ braßt) werden. Das Princip des Segelns, unter dieſen Verhältniſſen, iſt ungefähr das der ſchräggeſtellten Windmühlenflügel; die Windmühle ſteht aber feſt, und das Schiff würde durch einen Seitenwind zu viel 204 den ruhigen Paſſat benutzen durften. In jenen Breiten weht die Luft ſo gleichmäßig, daß ſogar eine Veränderung an den Se⸗ geln nur ſelten nöthig war, und die Paſſagiere, die auch wohl ſahen daß ſie tüchtig dabei vorwärts rückten, fingen ſchon an ungeduldig zu werden, dnde unaufhörlich die Steuerleute und Matroſen wann ſie wohl„nach 2 lmerika“ kommen wür⸗ den, und kramten den ganzen ausgeſchlagenen Tag in ihren Kiſten und Kaſten herum ihre„Uferkleider“ wieder vorzuſu⸗ chen, Stiefeln und Schuhwerk von Schimmel zu reinigen, abgetrieben werden(Abdrift machen) wenn es eben nicht ſo tief im Waſſer ginge, und der ſcharfe Kiel ſo ſtark wiederhielte. Das Steuer hilft dabei ebenfalls mit, das Schiff trotz ungünſtigem Winde gegen dieſen anzuhalten, und den Segeln Gelegenheit zu geben es vorwärts zu treiben, was ſelbſt geſchehen kann, wenn der Wind nicht einmal mehr blos von der Seite, ſondern ſogar mehr von vorn kommt. Der Compaß iſt in 32 Striche getheilt, und es wird angenommen daß ein mit Querraaen verſehenes Schiff mit ſechs Strichen in den Wind lie— gen kann d. h. wenn der Wind z. B. von Norden weht, im Stande iſt nach Weſt⸗Nord⸗Weſt oder nach Oſt⸗Nord⸗Oſt zu liegen. Das, bald 4 nach der einen bald nach der anderen Richtung Hinüberhalten nennt Schiff gewinnt dabei jedesmal man eben laviren oder aufkreuzen; das über den einen etwas in ſeinem Fortgang nach Norden, und was es Bug zu viel nach Oſten hinüberkommt, macht es, wenn es über den anderen Bug nach Weſten liegt, wieder gut. Es iſt klar daß ein Schiff, je dichter es im Stande iſt am Wind zu liegen, auch deſto leichter und erfolgreicher laviren und ſich zu luv- oder windwärts hinaufarbeiten wird. Das Wenden des Schiffes geſchieht dadurch, daß man die, z. B. erſt zu Backbord ſcharf angebraßten Segel löſt, und nach Starbord oder auf die andere Seite hinüberbraßt, oder anzieht— und umge— fehrt. Mit dem Steuer wird dann nachgeholfen, und die Segel, welche den Wind erſt von der einen Seite faßten, faſſen ihn nun von der anderen. weht die den Se⸗ die auch gen ſchon teuerleute nen wuͤr⸗ in ihren vorzuſu⸗ reinigen, ſo tief im das Steuer inde gegen z vorwaͤrts Der daß ein 9 in Schif leicher und wird. 3 205 Wäſche auszuwaſchen, und Tuchröcke und Hoſen an die Luft zu hängen und auszuſonnen. Eine eigenthümliche Veränderung war aber doch mit manchem der Paſſagiere, während der langen Seereiſe, vorge⸗ gangen. Beſonders die Männer, die ſich im Anfang noch, als ihnen das Schiffsleben fremd und ungewohnt vorkam, wenigſtens ſauber und reinlich gehalten, und regelmäßig ihre gewöhnliche Kleidung angelegt hatten, als ob ſie an Land gehen wollten, fingen an nachläſſig zu werden, und ließen ihrer Bequemlichkeit in dem Schmutz des Zwiſchendecks den Zügel ſchießen. Dieſen voran waren Steinert, und ſelbſt Mehl⸗ meier, die ſchon lange ihre Tuchkleider in die Kiſten gepackt, und nur noch in den erſten Wochen angefangen hatten zwei und drei Hemden wöchentlich auszuwaſchen. Das machte ihnen aber bald auch zu viel Müh'; wozu ſich vor den Anderen ge⸗ niren?— mit der Cajüte, ſo oft ſie das auch verſucht, kamen ſie doch in keine Berührung, denn das nicht unbegründete Gerücht daß ſich Ungeziefer im Zwiſchendeck gezeigt, hielt jetzt ſelbſt Herrn von Hopfgarten ab ſich noch zwiſchen die Leute g zu miſchen, und für ihre gewöhnliche und alltägliche Geſell— ſchaft waren ſte auch ſo gut und reinlich genug. In zertrete⸗ nen Pantoffeln und abgeriſſenen Staubhemden und Hoſen, Steinert ein rothgeſticktes ſehr ſchmutziges Sammetkäppchen, Mehlmeier eine einfachere aber nicht reinlichere öſtreichiſche Mütze auf(wobei der vergoldete Knopf vorn, wie der gelbe Streifen darum ihm das Anſehn eines heruntergekommenen Beamten gaben) trieben ſie ſich den Tag über an Deck herum, 206 und warfen ſich den Abend meiſt unausgezogen auf ihr Lager. Steinert trank dabei; aber der Wein, den er ſowohl wie Mehl⸗ meier zu ihrer Stärkung unterwegs mitgenommen, war lange verbraucht, und der Weinreiſende ſah ſich genöthigt ſeiner dur⸗ ſtigen Kehle den leichter zu bekommenden aber auch gefähr⸗ licheren Branntwein zu gönnen. Er betrank ſich allerdings nicht, aber er wurde ſehr luſtig und laut, und Mehlmeier, der ihm gerade nicht regelmäßig, aber doch ſehr häufig Geſellſchaft dabei leiſtete, ſetzte ſich dann zu ihm und ſang mit ihm, bis ſie gewöhnlich Abends von dem wachthabenden Steuermann zur Ruhe verwieſen wurden, weil die zur Coye gegangenen Matroſen nicht ſchlafen konnten. Noch immer der Alte war und blieb Zachäus Maulbeere, der Exprediger des Zwiſchendecks, der aber nichtsdeſtoweniger, und trotzdem daß es ihm an Deck verboten worden, im unteren Raum noch mehrmals Reden, und zwar meiſt in der ange fangenen Art gehalten, und immer eine bereitwillige Schaar Zuhörer gefunden hatte. Die Beſſergeſtnnten wollten es frei lich auch unten nicht dulden, und der fromme Weber meinte der damalige Sturm ſei unmittelbar der Gottesläſterung ge⸗ folgt, ja ihr ganzes Schiff würde noch dem Zorn des Allmäch⸗ tigen verfallen, wenn ſie den ſchlechten Menſchen ſeine nichts nutzigen und teufliſchen Reden unter ſich halten ließen, die Mehrzahl war aber gegen ihn, und die Steuerleute mochten ſich nicht in das miſchen was unter Deck vorging, ſo lange es nicht das Schiff ſelber betraf und ſchädigte. Uebrigens trug er noch und kein Menſch an Bord hatte ihn je ohne ihr Lager vie Mehl⸗ var lange einer dur⸗ gefähr⸗ allerdings meier, der jeſellſchft ihm, bis euermann egangenen Naulbeere, owenigel, m unteren der ange⸗ Schaar ae g en es flei⸗ ber meinte erung ge⸗ ʒAllmäch⸗ ne nicht⸗ ießen, die te mochten ſo lange Uebtigens 207 den geſehn— denſelben verblichenen grünen Oberrock mit den glatt und glänzend geſcheuerten Schultern, den er an dem Morgen getragen, als er den Weſerkahn zuerſt betrat. Selbſt Nachts that er ihn nicht von ſich, und anſtatt ſich überhaupt vor Schlafengehn, wie man es im gewöhnlichen Leben doch eigentlich thut, zu entkleiden, zog er im Gegentheil zu dieſer Zeit noch einen alten einmal blau geweſenen Mantel mit drei oder vier Krägen, über ſeinen Rock, brachte die Krägen dann durch einen plötzlichen Ruck nach oben unter den Kopf, ſchob ſich mit einem der nägelbeſchlagenen Schuhe, die er ebenfalls nie von den Füßen that, die wollene Decke zur Hand, zog ſie bis an ſein Kinn, und war dann meiſtens ſchon nach wenigen Minuten feſt und ſchnarchfähig eingeſchlafen. Die Wäſche hatte ihn dabei noch Niemand an Bord wechſeln ſehen, und war es, ſo mußte es heimlich in der Nacht geſchehen ſein, wie eine Sache wegen der man ſich zu ſchämen hätte. Den Rock trug er übrigens ſeit den letzten 14 Tagen bis oben an den Hals hinauf zugeknöpft, oder vielmehr mit Bindfaden zugebunden, da der oberſte Knopf der ununterbrochenen an⸗ ſtrengenden Beſchäftigung erlegen war. Nicht einmaktn ge⸗ ſprenkelte Weſte kam mehr zu Tage. Die einzige Perſon auf dem ganzen Schiff, mit der Maul⸗ beere je verkehrte und ſich manchmal unterhielt— wenn das Geſpräch der Beiden überhaupt eine Unterhaltung genannt werden konnte,— war der Mann mit den kurzgeſchnittenen Haaren, der ſich ſelber Meier genannt, ſeine Friſur aber kei— neswegs beibehalten, ſondern der Natur, ſeit er auf dem Schiffe war, völlige Freiheit gelaſſen hatte, ihm Kopf, Kinn und Oberlippe wieder nach Herzensluſt mit ſchwarzen ſtruppi⸗ gen dichten Haaren zu überziehen. Er ſah auch äußerlich da⸗ durch ganz anders aus, als wie er vor ſo viel Wochen das Schiff betreten hatte, in ſeinem Betragen änderte das aber Nichts, und feſt und verſchloſſen gegen Alle, blieb der eben ſo ſchweigſame Scheerenſchleifer wirklich der Einzige an Bord, den er für würdig hielt manchmal eine oder die andere ſeiner Bemerkungen hingeworfen zu bekommen, wonach es dieſem dann vollkommen frei ſtand, irgend etwas darauf zu erwiedern oder nicht. Seine Frau, eine ſchlanke, nicht unſchöne aber“ etwas abgelebte Geſtalt, ſchien am allermeiſten von ſämmt— lichen Paſſagieren des ganzen Schiffes an der Seekrankheit gelitten zu haben, die ſie wirklich nur in den windſtillen Ta⸗ gen gänzlich verlaſſen hatte. In der übrigen Zeit lag ſie in ihrer Coye feſt eingehüllt und zugedeckt, fröſtelnd und gegen den unerbittlichen Feind ankämpfend, und ließ ſich faſt nur in der Dämmerung auf Deck ſehn. In der Zeit ging ſie etwa eine Stunde oben zwiſchen dem Haupt- und Fockmaſt ganz allein auf und ab, und ſprach und verkehrte mit Niemandem. Nur mit den Kindern gab ſie ſich gern und viel ab, redete ſie freundlich an, gab ihnen Zucker und Zwieback, und nahm wohl auch eins der kleineren, wenn ſie es ſich gefallen ließen, auf den Schooß, und hätſchelte und küßte es dann, und wollte es faſt nicht wieder aus den Armen laſſen. Aber die Kinder fürchteten ſich, ſonderbarer Weiſe vor ihr, und nur ſelten, höchſt ſelten konnte ein oder das andere einmal bewogen werden kopf, Kinn gen ſtruppi⸗ ußerlich da⸗ Lochen das das aber det eben ſo an Bord, dere ſeiner es dieſem, erwiedern ſchöne aber“ on ſämmt⸗ zeektankheit dſtillen Ta⸗ lag ſie in und gegenn faſt nur in ing ſie etwa ckmaſt ganl Viemandem. 209 die Liebkoſungen der fremden Frau ſtandhaft zu ertragen. War es aber wirklich geſchehn und hatten ſie ihren Zwieback oder Zucker bekommen, dann ſchoſſen die kleinen Dinger auch gewiß ſo raſch ſie konnten zu den Eltern zurück, drückten ſich in deren Nähe, und es war faſt als ob ſie nun dort das unheimliche Gefühl erſt abſchütteln müßten, das ihnen bis jetzt die Kindes⸗ bruſt beengt. Anm beſten jedenfalls von allen Zwiſchendeckspaſſagieren hatte ſich bis jetzt die Weberfamilie in das Schiffsleben hin— eingefunden. Er wie ſie waren auch nicht einen Augenblick müßig an Bord, ſo lange die Sonne ſchien, und während die Frau für die Cajütspaſſagiere wuſch und nähte, und beſonders von Lobenſteins eine Menge Arbeit bekam, die ſte mit größter Sorgfalt und Gewiſſenhaftigkeit ausführte, dann nebenbei auch noch ihre Kinder beaufſichtigte und, ein Muſter den Uebrigen, ſauber und reinlich hielt, half er dem Koch in der Küche das Geſchirr aufwaſchen und ſcheuern, und wenn das beendet war, dem Zimmermann an Bord die verſchiedenen nö⸗ thigen Arbeiten verrichten. Beſonders eifrig zeigte er ſich bei dem letzteren, die verſchiedenen kleinen Handgriffe ſeines Ge⸗ ſchäfts zu erlernen, und mit gutem Willen, von dem Zimmer⸗ mann ſelber gern dabei unterſtützt, gelang ihm das auch bald faſt über Erwarten. Wenig oder gar nicht mit ſeinen Mitpaſſagieren verkehrte der junge Donner, der ſtill und abgeſchloſſen ſich die meiſte Zeit mit Leſen beſchäftigte, oder auch wohl hinauf in die Marſen ſtieg, und Stunden lang hinausſah auf das weite Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 14 210 wogende Meer. Nichtsdeſtoweniger war er von Allen gern gelitten, und wie Einzelne der Paſſagiere nach und nach er⸗ krankten zeigte er ſich vielen auch als wahrer Freund, verab⸗ reichte ihnen kleine Mittel und ſtellte ſie wieder her. Das wurde dabei um ſo dankbarer angenommen, als es ſich. gar bald herausſtellte daß der eigentliche„Doktor“ an Bord wenig mehr von ſeinem Geſchäft verſtand als eben Aderlaſſen und Schröpfen, und die Zwiſchendeckspaſſagiere nannten ihn ſchon gar nicht mehr anders als den„Blutegel“. Der Frau des Tiſchlermeiſter Leupold hatte ſich Donner ganz beſonders freund⸗ lich angenommen, ohne freilich ihren Zuſtand weſentlich verbeſ⸗ ſern zu können. Der Fall an dem Tag, mit den Schrecken der Nacht, hatte gleich bös auf ihr Gehirn wie ihre Nerven ge⸗ wirkt, und wenn ihr Leiden auch nicht gerade wieder in Tob⸗ ſucht, wie an jenem furchtbaren Abend, ausbrach, lag ſie doch jetzt in theilnahmloſer Stumpfſinnigkeit, ohne ſich um Mutter oder Gatten zu kümmern oder auch nur nach ihnen zu fragen, auf ihrem Lager, und hielt Stunden lang die Hände feſt gegen die fiebriſche Stirn gepreßt. Leupolds Mutter, ſo wie ſich dieſe nur in etwas von dem erneuten Anfall der Seekrankheit erholt, und Hedwig, die ſich jeden Augenblick Zeit abſtahl bei der Kranken zu ſein, pflegten ſie unermüdlich, und thaten Alles was in ihren Kräften ſtand, ihren Zuſtand zu erleich⸗ tern, aber auch das war nur ſehr wenig, und dieſer ſelbſt von dem jungen Donner— denn Hückler hatte ihn lange aufge⸗ geben— für hoffnungslos erklärt. Uebrigens bekam ſie, auf Georg Donners ernſtliche Vorſtellungen an den Capitain, der Allen gern d nach er⸗ ndI, verab⸗ jer. Das z ſich. gar ord wenig laſſen und ihn ſchon Frau des ers freund⸗ lich verbeſ⸗ hrecken der Nerven ge⸗ et in Lob⸗ lag ſie doch Mutter oder fragen, duf efeſt gegen ſo wie ſich rekrankheit abſtahl bei und thaten zu erleich⸗ rſelbſt von ange aufge⸗ kam ſie, aul apitain, det 211 im Anfang nicht darauf eingehen wollte, ihre Koſt jetzt einzig und allein aus der Cajüte. Lieber Gott, es war wenig genug was ſie davon genießen konnte. Leupold ſelber hatte bis jetzt das Unglück das ihn betrof⸗ fen mit großer Standhaftigkeit ertragen, und war nicht von dem Lager der Kranken gewichen Tag und Nacht; hatte er ja doch noch immer eine Hoffnung, daß ſich ſein Weib erholen könne, und ihm erhalten bliebe. Als aber auch dieſe ihn zu⸗ letzt verließ, und ſich ihm die Gewißheit des unerſetzlichen Verluſtes endlich aufzwang, da brach die Kraft des ſtarken, beſonnenen Mannes auch zuſammen, und er weinte wie ein Kind. Vergebens blieben alle Tröſtungen der übrigen Paſſa⸗ giere, die, mit wenigen Ausnahmen, innigen Antheil an ſei— nem Schmerze nahmen; was er ſich ſelber vorzuwerfen hatte, oder zu haben glaubte, fühlte er auch allein und am ſchärfſten, und vermochte dem über ihn hereingebrochenen Unglück nicht die Stirn zu bieten. Laut klagte er ſich jetzt ſelber an, leicht⸗ ſinnig und thöricht ſein Glück in der Heimath von ſich gewor⸗ fen und mit Füßen getreten, ja durch ſeinen Leichtſinn die eigene Frau die ihm nur mit Widerſtreben gefolgt, getödtet zu haben, und ſaß dann wieder halbe Tage lang dumpf vor ſich hinbrütend an Deck, den Kopf auf die Reiling gelehnt, und aß und trank nicht, antwortete nicht wenn man ihn fragte, und ſchaute ſtier und unverwandt in's Meer. Am glücklichſten von allen Zwiſchendeckspaſſagieren ſchien der junge Dichter und„Schriftgelehrte“ Theobald— wie ihn Steinert nannte— die Zeit an Bord zu verleben. Seinem 14* 212 eigenen Ausdruck nach flog er wirklich wie eine Biene von Blume zu Blume Honig einzuſammeln, d. h. er machte ſich nach der Reihe an alle verſchiedene Mitpaſſagiere, die im Be⸗ reiche ſeines Armes waren, und ſuchte ihre Lebensverhältniſſe und Schickſale zu erfahren, die er ſich dann unverweilt in ſein Taſchenbuch unter verſchiedene Rubriken eintrug und im Stil⸗ len zugleich beſtimmte, was davon zu Proſa, was zu poeti⸗ ſchen Ergüſſen benutzt werden ſollte. Manche fand er nun allerdings höchſt bereitwillig ihm alles das zu erzählen was ſie von ſich eben wußten, bei denen lohnte es ſich dann aber auch ſelten der Mühe, denn ſie hatten gewöhnlich nur Alltäg— liches mitzutheilen, und Theobald bekam von ihnen nicht ein— mal Wachs. Die aber, die wirklich etwas des Erzählens Werthes erlebt, rückten nie gern mit der Sprache heraus, ja die intereſſanteſten Perſönlichkeiten an Bord, unter ihnen Maul⸗ beere, Meier und zwei der letztgekommenen Paſſagiere wieſen ihn ſogar ſchnöde und grob genug ab, und ſagten ihm, mit noch einigen anderen, ſchwer wieder zu gebenden Bekräftigun⸗ gen, er ſolle ſich zum Teufel ſcheeren und andere ehrliche Leute mit ſeinen langweiligen und naſeweiſen Fragen in Ruhe laſſen. Maulbeere beſonders, der ihm die frühere Charakteriſtik noch nicht vergeſſen und ihn außerdem im Verdacht hatte daß er ihn zeichnen wolle(etwas Schlimmeres hätte Maulbeere gar nicht paſſiren können) fertigte ihn am gröbſten ab. So⸗ bald deshalb Theobald, oft nur zufällig ihm gegenüber Platz und ſein unausweichliches Buch zur Hand nahm, veränderte Biene von machte ſich die im Be⸗ verhältniſſe eilt in ſein d im Stil⸗ s zu poeti⸗ nnd er nun zählen was dann aber nur Alltäͤg⸗ nicht ein⸗ Erzählens heraus, ja hnen Maul⸗ giere wieſen n ihm, mit Bekräftigun⸗ ere ehrliche en in Ruhe harakterifik hatte daß Maulbeere ab. So⸗ nüber Plah veränderte 213 er ſtets die Stellung, drehte den Kopf von ihm fort und ihm den Rücken zu, und ſchnitt ihm dabei von Zeit zu Zeit über die Schulter hin die grimmigſten Geſichter. Er brachte es auch in der That zuletzt dahin daß ihm Theobald wie einen bösgemachten Kettenhund, aus dem Wege ging, und jede weitere Annäherung an ihn, als total erfolglos, aufgeben mußte. Humeriſtiſcher faßte der älteſte von den drei geheimniß⸗ vollen Paſſagieren die Sache auf, denn dieſer kam einer An⸗ näherung Theobalds, von der er bald den wahren Grund ver⸗ muthete, auf halbem Wege entgegen, ließ ſich mit ihm, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, in ein wirklich vertrauliches Geſpräch ein, und willfahrte auch zuletzt ſogar deſſen Wunſch, ihm einige Daten aus ſeiner eigenen Lebensgeſchichte mitzu⸗ theilen. Theobald vertraute ihm dabei, wahrſcheinlich um ſein Vertrauen zu erwecken, daß er an einer Biographie be⸗ rühmter Charaktere arbeite, und, natürlich unter ſtrenger Ver⸗ ſchweigung des Namens, wirklich erlebte Scenen intereſſanter Perſönlichkeiten zu ſammeln ſuche. Der Alte ſträubte ſich, nach dieſer offenen Erklärung, allerdings ein wenig, aber Theobalds Ueberredungskunſt wußte ſeine letzten Zweifel und Bedenklichkeiten endlich zu beſeitigen, und er begann jetzt dem ſtaunenden Dichter eine Kette von Schickſalen zu erzählen, deren erſter Beginn ſchon dieſen mit Staunen und Bewunde⸗ rung erfüllte, und ihm ganze Schätze von Material für ſpä⸗ tere Arbeiten verſprach. Der Mann war, ſeiner eigenen Ausſage nach, der na⸗ 214 türliche Sohn eines Fürſten, deſſen Namen zu geben er ſich hartnäckig weigerte, in ſeiner Jugend ganz wie Caspar Hau⸗ ſer auf einer wüſten Inſel in der Nordſee erzogen worden, und dann ſpäter nach Afrika geſchafft, dort wahrſcheinlich dem, Europäern ſo verderblichen Klima zu erliegen. Seine gute Natur hatte ihn aber nicht allein geſund und am Leben gehal⸗ ten, ſondern ſeine perſönliche Tapferkeit wie die mitgebrachten Feuerwaffen, ihn auch bald dem König des dortigen Reiches ſo unentbehrlich gemacht, daß er die Hand deſſen einziger Tochter mit der Beſtätigung erhielt, einſtens, nach dem Ableben des alten Fürſten die Regierung zu übernehmen, als eine Pa⸗ laſtrevolution ſeiner Heirath wie ſeinen glücklichen Ausſich— ten ein raſches und grauſames Ende machte. Der alte Fürſt wurde von einem nahen Verwandten, ermordet, und wäh— rend dieſer die Prinzeſſin ſelber heirathete nähte man den Fremden, den man beſchuldigte durch ſchändliche Zaubermittel das Vertrauen des alten wackeren Königs erſchlichen zu haben, in einen gewöhnlichen Kaffeeſack, und warf ihn in's Meer. Wunderbarer Weiſe lag dort gerade ein europäiſches Schiff vor Anker, das aus Furcht mit in die politiſchen Wirren ver— wickelt zu werden, ſeinen Anker lichtete, und mit dieſem zu gleicher Zeit den unglücklich Gerichteten, eben noch am Leben, heraufzog. Er blieb jetzt eine Zeit lang an Bord des engli⸗ ſchen Schiffs, das beſtimmt war den Sclavenhandel an der afrikaniſchen Küſte zu überwachen, bis dieſes mehre reiche braſilianiſche Priſen genommen hatte und nach Hauſe zurück⸗ kehrte. ben er ſich zpar Hau⸗ orden, und nlich dem, Seine gute ben gehal⸗ tgebrachten en Reiches n einziger en Ableben zeine Pa⸗ Ausſich⸗ alte Fürſt und wäh⸗ man den uübermittl zu haben, ins Meer. Wirren vel⸗ dieſem zu am Leben, des ingli⸗ del an der ehre riche auſe zurich 215 Unverhofft und wohl auch unerwünſcht wurde ſein Wie⸗ dererſcheinen in Europa von ſeinem unnatürlichen Vater be⸗ grüßt, der aber doch jetzt nicht umhin konnte für den Sohn zu ſorgen. Er verſchaffte ihm alſo eine Stelle an der Bären⸗ burger Staats⸗Eiſenbahn, wo er ein ſehr ruhiges und zufrie⸗ denes Leben hätte führen können, wenn ſich nicht eine junge ruſſiſche Gräfin auf der Durchreiſe in ihn verliebt, und ihn zu dem thörichten Schritt verleitet hätte ſie zu entführen, oder ſich vielmehr von ihr entführen zu laſſen. Der Telegraph war ſchneller als ein genommener Extrazug, ſie wurden eingeholt, die Gräfin kam, allem Vermuthen nach in ein ſibiriſches Klo⸗ ſter, und er ſelber auf die Feſtung nach Torgau wo er drei Jahre lang in Einzelhaft ſchmachtete. Seine Drohung endlich, wichtige Familiengeheimniſſe eines deutſchen Königshauſes zu verrathen, verſchaffte ihm die Freiheit wieder, und er ging jetzt als geheimer öſtreichiſcher Conſul nach den Vereinigten Staaten dort— doch er durfte nicht indiscret ſein, und wollte von ſeinen Inſtructionen Nichts verrathen. Theobald war dem Beginn der Erzählung in freudiger, man könnte faſt ſagen gieriger Aufregung gefolgt; je weiter ſich der Burſche aber in ſeine romantiſche Schilderung verlor, deſto ſtutziger wurde er, hörte auch auf, ſich die einzelnen Da⸗ ten zu notiren, und betrachtete den Erzähler mit einem aller⸗ dings noch immer aufmerkſamen, doch etwas mißtrauiſch ge⸗ wordenen Blick, der offenem Mißmuth Raum gab, als Jener ihm auch noch den öſtreichiſchen Conſul aufbinden wollte. 216 „Lieber Freund“ ſagte er dabei, während er von dem Waſſerfaß auf dem er geſeſſeu, aufſtand, und ſein kleines No⸗ tizjbuch in die Taſche zurückſchob—„Sie glauben vielleicht daß Sie ſich einen Spaß mit mir erlauben können—“ Furchtbares Gelächter unterbrach ihn aber in jeder weite⸗ ren Proteſtation, denn oben in der, mitten auf Deck aufge⸗ ſtellten Berkaſſe, hatten von ihm ganz unbemerkt die beiden Kameraden des Burſchen gelegen, und der ganzen Erzählung mit unbeſchreiblichem Behagen zugehört, dem ſie erſt jetzt Luft machten, als ſie merkten daß der„Langhaarige“ wie er auf dem Schiffe hieß, doch nicht länger anbeißen wollte. „Hahahaha!“ ſchrie dabei der Jüngſte—„ob er ſich nicht Alles dabei aufgeſchrieben hat wie ein Polizeiſpion—“ „Daß ich ein afrikaniſcher Prinz wäre hat er geglaubt“ lachte nun auch der Alte—„aber der öſtreichiſche Conſul blieb ihm in der Kehle ſtecken.“ Theobald war entrüſtet, und eben im Begriff dem pro⸗ fanen Menſchen in voller Verachtung zu erwiedern, beſann ſich aber noch eines Beſſeren, drehte ſich ſcharf auf dem Abſatz herum, und verließ mit einem durchbohrenden Blick auf die Gruppe, der von einem lauten Hurrah der Uebrigen erwiedert wurde, raſch den Platz. „Guten Morgen Herr Theobald“ ſagte in dieſem Augen⸗ blick Meier der jedenfalls auch ein heimlicher Zeuge der Scene geweſen ſein mußte, zu dem entrüſteten Dichter, dem er auf dem anderen Gangweg begegnete—„wünſchten Sie nicht vielleicht jetzt auch meine Lebensgeſchichte in Ihr kleines von dem ines No⸗ vielleicht r weite⸗ fk aufge⸗ e beiden zählung iezt Luft eer auf er ſich on—“ glaubt“ Conſul dem pro⸗ beſann m Abſatz auf die rwiedert 217 grünes Büchelchen zu notiren?— ich ſtünde Ihnen mit Ver⸗ gnügen zu Dienſten.“ „Gehn Sie zum Teufel!“ rief aber Theobald, der den in dem Anerbieten enthaltenen Hohn nicht mißverſtehen konnte, in voller Entrüſtung, und warf beinah den Waſchtrog über den Haufen, an dem des Webers Frau beſchäftigt war, nur um dem fatalen Menſchen ſo raſch als möglich aus dem Weg zu kommen. Meier blieb aber ſtehn, ſah ihm erſt lächelnd eine Weile nach, und dann ſich zu dem Weber wendend, der unfern davon an des Zimmermanns Hobelbank ſtand und arbeitete ſagte er, während er mit dem Daumen ſeiner rechten Hand über die Achſel hinter dem Fortſtürmenden her deutete: „Ein liebenswürdiger junger Mann das, Kamerad; den müſſen wir uns zum Freunde halten, oder er ſtreicht uns ra⸗ benſchwarz an, wenn er einmal in Amerika unſere Reiſe be⸗ ſchreibt,“ und ſich vor heimlichem Lachen ordentlich ſchüttelnd, ohne daß jedoch ſein Geſicht einen freundlicheren Ausdruck da⸗ durch bekommen hätte, ſtieg er durch die hintere Luke in's Zwi⸗ ſchendeck hinab. Der Weber ſah ihn an während er ſprach, und hobelte dann eine Zeit lang ruhig weiter; endlich aber, als ob er mit ſeinen Gedanken doch nicht recht einig werden könne, legte er den Hobel hin, ging die paar Schritte zu ſeiner Frau hin⸗ über und ſagte, ſich das Kinn mit der linken Hand ſtreichend, und nachdenklich in die Luke hinab hinter dem Manne her— ſchauend: 218 „Wenn ich nur wüßte wo ich das Geſicht von dem da ſchon früher einmal geſehen habe— vorgekommen iſt mir's ſchon, darauf wollt' ich das heilige Abendmahl nehmen, und jetzt zerbrech ich mir ſchon ſeit drei Tagen den Kopf wo ich ihn hinthun ſoll.“ „Wen?— den finſteren ſchwarzen Burſchen, der ſich jetzt den großen ſchwarzen Bart ſtehn läßt ſeit er auf dem Schiff iſt?“ ſagte die Frau, ebenfalls in ihrer Arbeit ruhend—„das iſt ein murriſcher Geſell, und je weniger man mit ihm zu thun hat, deſto beſſer.“ „Vater“ ſagte da Hans, des Webers älteſter Junge, der für die Mutter die Wäſche ausgerungen und in einen trockenen Kübel gelegt hatte—„der hat beinah ſo ein Geſicht wie der Fleiſcher, der an dem Tage bei uns war als es ſo furchtbar ſtürmte und regnete.“ „Gott ſei mir gnädig ob der Junge nicht recht hat!“ ſchrie die Mutter da, und ließ vor Schrecken die Seife fallen. „Das iſt der rohe Menſch der ſo häßlich von den Kindern ſprach; darum iſt mir das finſtere Geſicht auch immer ſo fatal und unheimlich geweſen. Herr Du mein Gott, iſt mir der Schreck doch ordentlich in die Glieder gefahren“— ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe tief aufſeufzend hinzu— „wo er nur herkommt und weshalb er von daheim fort ſein mag?“. „Wegen was Gutem nicht“ ſagte der Mann mit dem Kopfe nickend, und umſonſt hat er ſich nicht den dicken Bart ———— von dem da nen iſt mirs nehmen, und Kopf wo ich der ſich jett dem Schiff end—„das ihm zu thun rJunge, der nen trockenen ſſicht wie der ſo furchtbar trecht hat!“ Seife fallen. den Kindern ich immer o in Gott, ſi gefahren“ 25 nn hinu— eim fort ſein mit dem n dicken Bart ann 219 und die langen ſchwarzen Haare kurz abgeſchnitten gehabt, wie er von zu Hauſe fort iſt, der Patron. Aber Ihr habt recht, es iſt wahrhaftig der Geſell, der damals in dem Unwetter zu uns kam und dann nach der Schenke hinauf⸗ ging, ſich einen Schnaps zu holen. Nun was kümmert's uns— er hat uns nicht wieder kennen wollen, die wir uns nicht entſtellt haben, und das können wir ihm nur Dank wiſſen— ich werde mich ihm nicht aufdringen, davor iſt er ſicher, aber wiſſen möcht' ich ſchon was mit ihm los iſt.“ „Das iſt alſo ſeine Frau, die lange hübſche Perſon, die immer krank in der Coye liegt?“ frug die Frau. „Er ſagt's wenigſtens“ meinte der Weber—„und ſie gilt dafür.“ „Aber wo ſind denn ſeine Kinder?“ fuhr die Frau raſcher fort—„weißt Du nicht daß er uns damals ſagte er hätte ſo viel— zum Abgeben?— ich hab' es nicht vergeſſen, denn das gerade hat mir den Mann gleich von allem Anfang an ſo verhaßt gemacht.“ „Swar wohl auch nur eine Prahlerei“ brummte der Weber achſelzuckend—„und er that ſich groß mit ſeiner Gleichgültigkeit. Leider Gottes rühmen ſich die meiſten Men⸗ ſchen nur gewöhnlich etwas, deſſen ſie ſich eher ſchämen ſoll— ten, wenn ſie Verſtand wie Herz auf dem rechten Fleck hätten. Ich bin übrigens nur froh daß ich herausbekommen habe wo⸗ hin ich des Burſchen Geſicht thun ſollte— der Hans hat doch ein gutes Gedächtniß—“ 220 Und damit ging er zurück zu ſeiner Hobelbank, wo er gleich darauf die hingelegte Arbeit wieder aufnahm, und ruſtig daran fortarbeitete, bis der Koch zum„Schaffen“ rief, und der Zimmermann kam, ſein Handwerkszeug für die Nacht fortzupacken. ank, wo er und rüſtig "rief, und die Nacht Capitel 8. Die Entdeckung. Auf dem Quarterdeck hatten ſich indeſſen an dem Nach⸗ mittag, ſehr zum Aerger der alten Frau von Kaulitz, die heute ſelbſt nicht Herrn von Benkendroff an den Spieltiſch feſſeln konnte, ſämmtliche Paſſagiere verſammelt, den herrlichen war⸗ men und ſonnigen Tag ſowohl zu genießen, als auch eine Freudenbotſchoſt des Capitains zu feiern. Dieſer hatte ihnen nämlich nach ſeiner um 12 Uhr genommenen Obſervation erklärt, daß ſie morgen, wenn der Wind ſo aushielte, oder eher noch ein wenig beſſer würde, und die Strömung ſie nicht zu weit nach Norden verſetze(Schiffscapitaine haben in einem ſolchen Fall immer eiue Maſſe wenns, ſich die nöthige Hin⸗ terthüre aufzuhalten) möglicher Weiſe, aber noch keineswegs ganz beſtimmt, Land ſehen könnten. Land— das Wort, ſo leiſe und vorſichtig wie es auch geſprochen, zuckte doch wie ein Lauffeuer durch das ganze 222 Schiff. Land— Amerika, die Paſſagiere ſtrömten in Schaa⸗ ren herauf aus ihrem dunklen Raum, des Worts Verheißung auch gleich erfüllt erwartend, und ſchauten nach allen Rich⸗ tungen hinaus in See, nach Nord und Süd, nach Oſt und Weſt, die Küſtenreihe zu erkennen, wie ſie ſich ihre Phantaſie bis dahin wohl gedacht und ausgemalt. „Wo iſt es?— dort hinten— ich habe es den ganzen Morgen ſchon geſehn— oh Gott bewahre, das iſt nur ein ſchwarzer Schattenſtreif auf dem Waſſer— nein dort hinüber liegts, es muß doch nach Weſten ſein— aber ich ſehe ja Nichts— ja ich auch nicht—“ rief und ſchrie es unter den Paſſagieren durcheinander, und die Matroſen machten ſich ein Vergnügen daraus, die Leute nur wo möglich noch immer mehr irre zu führen. Wenn die Paſſagiere nun aber auch nach und nach erfuhren, daß das verheißene Land keineswegs ſchon in Sicht, ſondern erſt auf morgen angeſagt ſei, kam doch jetzt auf einmal ein reges, geſchäftiges Leben in die Leute, und die ſelbſt, die ſich die ganze Reiſe hindurch kaum geregt, und oft nur mit Gewalt aus ihren Coyen gebracht waren, dem Zwi⸗ ſchendeck unten eine Zeitlang friſche Luft zu gönnen, krochen hervor aus ihrer Höhle, wie lichtſcheue Dachſe, und ſonnten ſich in dem behaglichen Gefühl nun bald wieder feſten Grund und Boden betreten zu können, und dem fatalen ewigen Schwanken und Schaukeln enthoben zu ſein. Am lauteſten in ihrer Freude waren ein paar O ger Bauernfamilien, die ldenbur⸗ ch beſonders unzufrieden auch un⸗ chiffskoſt gezeigt und den Capitain ſi S terwegs ſchon über die en in Schaa⸗ Verheißung Hallen Rich⸗ ach Oſt und e Phantaſie den ganzen iſt nur ein ort hinüber ich ſehe ja es unter den hten ſich ein noch immer tt auch nach swegs ſchon am doch ittt zute, und die egt, und oft , dem Jwi⸗ ten, krochen und ſonnten ſten Grund llen ewigen Oldenbut⸗ mauch un⸗ n Capitain el 223 und die Steuerleute fortwährend mit Klagen und Beſchwerden beſtürmt und geärgert hatten. Bald war ihnen das Fleiſch zu fett, bald zu mager geweſen, bald das Brod zu hart, bald nicht genug davon, und fortwährend hatten ſie dabei ihren Contrakt zur Hand, nach dem ihnen gute und nahrhafte Koſt zugeſagt worden für die Dauer der Reiſe, während ſie jetzt das ſämmtliche Zwiſchendeck zu Zeugen aufriefen, ob das, was ſie bekämen, gute und nahrhafte Koſt genannt werden könne. In ihrem Lande füttere man die Schweine damit, und hier wolle man es Leuten, die ihre ſchwere Paſſage bezahlt hätten, als contraktmäßige Koſt aufzwingen. Die Leute ſahen dabei ärm⸗ lich und kümmerlich genug aus, und es war die Frage, ob ſie es daheim ſo gut gehabt, wie ſie es wirklich an Bord beka⸗ men; gerade derartige Paſſagiere ſind aber gewöhnlich auf den Schiffen die am ſchwerſten zu befriedigenden, während Andere, die an ein beſſeres Leben daheim gewöhnt waren, die Dinge gewöhnlich nehmen wie ſie ſie finden, ſich dabei mit Recht den⸗ ken, daß an Bord eines Schiffes, auf einer langen Reiſe, nicht eben Alles nach Wunſch gehen könne, und der Reiſende gleich von vornherein auf ein gewiſſes Maaß von Entbehrungen und Unbequemlichkeiten gefaßt ſein müſſe. Morgen Land— das Wort vefſchlang ader in dieſer Stunde alle anderen Gedanken, wenn auch das verſprochene noch nicht in Sicht war, und viele, viele Meilen Seeraum noch zwiſchen ihm und dem, mit vollen Segeln dorthin ſtre⸗ benden Schiffe lagen.„Morgen Land“— die meiſten Paſ⸗ ſagiere verwechſelten dabei, in dem Freudenrauſch des neuen 224 Gefuhls, den erſten Anblick, der dann jedenfalls noch ſehr fer⸗ nen Küſte mit dem wirklichen Betreten derſelben, und dringende Rufe nach dem Steuermann wurden laut, ihnen, wie ihnen das in Bremen verſprochen worden, den unteren Schiffsraum jetzt zu öffnen, und von dem und jenem verlangte Kiſten vor⸗ zuholen, nothwendige Kleidungsſtücke und Wäſche herauszu⸗ nehmen aus dem bis jetzt verſchloſſenen Gepäck. Vergebens ſuchten die Steuerleute den Ungeduldigen begreiflich zu ma⸗ chen, daß ſie mit dem Land ſehen,— und ſie ſähen es noch nicht einmal— nicht auch ſchon im Hafen wären, und Schiffe in der That ſchon in Ruf's Nähe vom Land geweſen, durch ein plötzlich eintreffendes Wetter aber wieder in See hinaus⸗ getrieben wären, und dort noch hätten Wochenlang nmher⸗ kreuzen müſſen, ehe ſie ihr Ziel erreichten.*) Es blieb Alles vergeblich, die Leute ließen nicht mit Quälen nach, und theils ihr läſtiges Drängen los zu werden, theils auch, weil das Wetter wirklich vortrefflich und eine baldige Landung möglich war, befahl der Steuermann endlich einigen ſeiner Leute, die untere„Achterluke“ aufzumachen, und von dem darunter be⸗ findlichen Paſſagiergut herauszuholen, was verlangt würde, und was ſie eben möglicher Weiſe erreichen konnten. *) Ein Auswanderer⸗Schiff erreichte vor einer Reihe von Jahren eines Abends den Hafen von New⸗York, aber die Nacht brach ein, es wurde dunkel und die Briſe heftiger, ſo daß der Capitain lieber den Morgen abwarten wollte, einzulaufen. Die Nacht erhob ſich ein Nord⸗ Weſter, das Schiff wurde wieder in See zurückgeworfen und brauchte nachher noch drei volle Wochen, ehe es im ſicheren Hafen Anker werfen konnte. 225 Die erſte Kiſte gleich, die zu Tag kam, gehörte den bei⸗ den Schweſtern, Rechheimers Verwandten, die mit Hedwig eine Coye theilten, und beſonders laut ſchon gejammert hat⸗ ten, daß ſie einige Sachen nothwendig daraus haben müß⸗ ten, um anſtändig an Land zu erſcheinen. Die Kiſte wurde alſo auf ein paar andere hoch in die Luke gehoben, und dort gleich von dem Zimmermann aufgeſchlagen. „Die Paſſagiere drängten indeß auf dem von der Luke zu⸗ rückgeſchobenen Gepäck umher; wer ſeine Coye dort hatte, ſtieg hinein, um von dort die Verhandlung zu überſchauen, und wer nicht ſo glücklich war, ſuchte auf den aufgeſtapelten Ki— ſten und Koffern, oder am oberen Lukenrand einen Platz und Ueberblick zu gewinnen, als ob da unten wirkliche Sehens⸗ und Merkwürdigkeiten gezeigt, und nicht eben nur ein paar — Auswandererkiſten geöffnet und durchſtöbert werden ſollten, ach, und theil die keinesfalls etwas anderes enthielten, als Wäſche und Klei— uch, weil dab der. Auf See wird aber auch ſelbſt das Unbedeutendſte zum adung noͤglih Ereigniß, wenn es eben das alltägliche Leben unterbricht und t, die irgend eine Veränderung bringt, und die Paſſagiere geben ſich dem nicht ſelten wie Kinder hin, die nur nach einem bunten noch ſehr fer⸗ und dringende en, wie ihnen Schiffsraum te Kiſten vor⸗ che hetauszu⸗ k. Vergebens eiflich zu ma⸗ ſähen es noch , und Schiffe eweſen, dutch See hinaus⸗ nlang umhel⸗ es blieb Alles iner Leut be⸗ in daruntet! rlangt würde, neuen Spielwerk greifen, um es im nächſten Augenblick wie⸗ nten.— der bei Seite zu werfen. So war denn auch hier kaum der Deckel von der Kiſte gehoben, Rebecca, die eine der Schwe⸗ 1 ſtern, ein junges, allerliebſtes ſchwarzäugiges Mädchen von wielleicht ſechzehn oder ſiebzehn Jahren, hatte eben die oberſte Schicht Leinen abgenommen, und ein etwas buntes Kattun⸗ kleid herausgehoben, als von den Lippen der nächſt Sitzenden Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 15 226 ein bewunderndes„Ah!“ laut, und der Scherz von den Uebri⸗ gen augenblicklich aufgefaßt wurde. „Ah!“ tönte es faſt von jeder Lippe, die Anderen, die nicht in Sicht der vorgehenden Dinge kommen konnten, aus Neugierde faſt zur Verzweiflung treibend—, ah wie ſchön, ah wie wunderſchön— ja Fräulein Rechheimer— na das wird ein Staat werden, in New-Orleans— Donnerwetter, die Amerikaner werden wir einmal verblüffen—„Ah!“ tönte es dann wieder in lautem Chor, als ein roth und grünſeide— nes, hochgelb geflammtes Tuch zum Vorſchein kam—, ah wie wunderſchön!“ „Oh höre Se auf mit Ihre Dummheite“ ſagte die ältere Schweſter Sarah, halb lachend, halb ärgerlich, aber der Chor ſtimmte ein, und während die Mädchen roth wurden und nicht wußten ob ſie lachen oder böſe werden ſollten, mußten ſie doch all ihre Herrlichkeiten den Blicken des dankbaren Publikums preisgeben, das mit einem Beifallsſturme jedes neue Stück von Schmuck oder Putz begrüßte. Madame Löwenhaupt ließ gleich darauf eine von ihren Kiſten öffnen, erklärte aber dabei von vornherein, ſich derglei⸗ chen Verhöhnung für ihre eigene Perſon nicht gefallen zu laſ⸗ ſen; das machte jedoch das Uebel wo möglich noch ärger, denn wenn das leichtſinnige Völkchen des Zwiſchendecks erſt im An⸗ fang gejubelt hatte, ſo erhob ſich jetzt, als das hochrothe Staats⸗ kleid, und zuletzt ſogar ein Feder⸗ und Blumenbeſteckter Hut der kleinen, keineswegs mehr hübſchen Frau zum Vorſchein kamen, ein wahrer Beifallsſturm und ſolcher Heidenlärm, daß — en den Uebri⸗ Anderen, die onnten, aus h wie ſchön, — na das vonnerwetter, „Ah!“ tönte d grünſeide⸗ n—„ah wie gte die äͤltere ber der Chor den und nicht ußten ſie doch n Publikums neue Stück ine von ihten ſich derglei⸗ fallen zu aſ⸗ aͤrger, denn erſt im An⸗ othe Staats⸗ eſteckter Hut mn Vorſchein denlaͤrm, daß 227 der Steuermann wirklich nach vorn geſchickt wurde, zu ſehen ob vielleicht irgend ein Unglück vorgefallen wäre. Madame Löwenhaupt wollte nun allerdings bei dieſem Klage über die „nichtswürdige Behandlung“ wie ſie es nannte, führen, und als dieſer nicht darauf einging, ſich in die, Privatverhältniſſe“ der Paſſagiere zu miſchen, wurde Herr Löwenhaupt ſelber bei Allem beſchworen, was er ſeiner Frau ſchuldig ſei, dieß ſchänd⸗ liche Betragen nicht zu dulden. Herr Löwenhaupt wußte aber auch ſelber am beſten was ihm gut ſei; er dachte gar nicht daran Streit mit ſämmtlichen Paſſagieren anzufangen, ſon⸗ dern ſtand vielmehr ſeiner Ehehälfte bei, ihre Sachen raſch aus dem Weg und Geſichtskreis der ſie Umlagernden zu brin⸗ gen— das Geſcheuteſte zweifelsohne, was er in dieſem Fall zu thun im Stande war. Die Aufmerkſamkeit der Paſſagiere wurde aber auch ſelbſt hiervon abgelenkt, als ein anderes Schauſpiel vor ihnen auf⸗ tauchte.„Ein Handwerksburſch— ein armer Handwerks⸗ burſch!“ ſchrie es von Deck aus, und lauter ſchallender Jubel begrüßte hier einen jungen Burſchen, einen Schuhmachergeſel⸗ len, der ſich, als Alle ihre Sachen vorholten, zum Spaß ſei— nen„Landrock“ herausgeſucht, den großen ausgeſchweiften Hut aus der Kiſte, den mit ſchwarzer Wäſche ausgeſtopften Torni⸗ ſter mit ein paar eingebundenen Reſerveſtiefeln auf den Rücken, und den Knotenſtock in die Hand genommen hatte, und nun mit großen geſchäftigen Handwerksburſchenſchritten unter dem Zujauchzen der Paſſagiere und Matroſen, auf dem Starbord⸗ gangweg auf und ab paradirte. Der Jubel wurde aber noch 15* größer, als der Schuſtergeſell das Privilegium, das ihm als Handwerksburſchen zuſtand, benutzend, ſeinen Hut ab⸗ nahm und bei den verſchiedenen Paſſagieren des Zwiſchen⸗ decks, die gegen ihn zudrängten, anfing zu fechten, und Stei⸗ nert zuletzt, der ſich geſchwind einen alten Ueberrock holte, bis oben hinauf zuknöpfte und dann ein Seitengewehr umhing, das er Gott weiß wo gefunden, den fechtenden Handwerks⸗ burſchen als Gendarme arretirte und unter dem Hurrahge⸗ ſchrei der ſämmtlichen Mannſchaft nach unten transportirte. Dieſer arbeitete ſich aber doch wieder an Deck, und ſelbſt der alte Capitain Siebelt, der wie ſchon erwähnt ſein Deck eifer⸗ ſüchtig von Zwiſchendeckspaſſagieren freichielt, ſagte kein Wort und ſchmunzelte ſogar, als er die hier gar nicht herpaſſende Geſtalt aus dem innern Lande zuletzt mit abgezogenem Hut bis auf das Quarterdeck hinaufſteigen ſah.— Er dachte auch an zu Hauſe, an Frau und Kind, wo er, wenn er einmal auf kurze Zeit daheim ſaß, nie einen armen Handwerksburſchen unbeſchenkt entlaſſen hatte; ja er würde dem hier mit größtem Vergnügen ein Sechsgrotenſtuͤck in den Hut geworfen haben— und lieber mehr wie weniger, nur der alten Erinnerungen wegen, aber— die Autorität litt das nicht, der durfte er Nichts vergeben, und dem Handwerksburſchen war ſchon Ehre genug geſchehn, daß er das Quarterdeck betreten; das hätte gefehlt daß er auch noch Geld dazu bekam. Die Cajütspaſſagiere hatten ſich aber auch ſchon über das rege geſchäftige Leben, das heute am Deck herrſchte, amüſirt, und Clara beſonders lachte mit Marie, das ihnen die Thränen das ihm n Hut ab⸗ Zwiſchen⸗ und Stei⸗ holte, bis ar umhing, Handwerks⸗ Hurrahge⸗ mnsportirte. dſelbſt der Det eife⸗ kein Wort herpaſſende genen Hut dachte auch einmal auf erköburſchen nit gröͤßtem en haben— innerungen te er Nichts Fhre genug ztee gefthlt n über das amüſirt, je Thränen *⁴ in die Augen traten, als der allerdings wunderlich genug aus⸗ ſehende Handwerksburſch an Deck erſchien und ſeine Runde machte; wie er aber ſeinen Hnt abzog, und zum Quarterdeck fechten kam, beſtand ſie darauf, daß er nicht umſonſt ihre Mild⸗ thätigkeit in Anſpruch nähme. „Wir können doch wahrhaftig nicht ſagen“ rief die mun⸗ tere junge Frau lachend,„daß wir von derartigen Leuten über⸗ laufen werden, und eine Schande wär's für ewige Zeiten, wenn wir den erſten armen reiſenden Handwerksburſchen, der uns auf offener See anſpricht, unbeſchenkt entließen. Du mußt mir etwas kleines Geld geben, Joſeph.“ Der junge Henkel, der wahrſcheinlich auch mit den Vor⸗ bereitungen der baldigen Landung beſchäftigt, den ganzen Tag ſchon in ſeiner Coye geordnet und umgepackt hatte, und jetzt auf einer der Quarterdecks⸗Bänke ſaß und in ſeinem Taſchen⸗ buch rechnete und notirte, hatte ſich bis jetzt auch nicht im Mindeſten um das bekümmert was im Zwiſchendeck vorging, und ſelbſt nicht auf das Lachen und den Jubel um ſich her weiter, als mit einem gelegentlichen theilnahmloſen Blick geach⸗ tet. Nur die direkt an ihn gerichtete Bitte machte ihn auf— ſchauen, und Clara mußte ſie wiederholen, ehe er ſie nur verſtand. „Kleines Geld, liebes Kind, habe ich nicht mehr“ ant⸗ wortete er dann, die Achſeln zuckend und ſeine Papiere wieder vornehmend.„Deutſche Grote nutzen uns doch Nichts mehr in Amerika, und tch habe nicht allein die letzten in Brake aus⸗ gegeben, ſondern auch ſchon, wie Du recht gut weißt, Deine 230 Waſchfrau im Zwiſchendeck neulich in Amerikaniſchen Dollarn bezahlen müſſen. „Ja lieber Gott, ſo geht es uns auch“ rief Marie, die ebenfalls ihr Portemonnaie heraufgeholt hatte und es verge⸗ bens durchſuchte,„all unſer kleines Geld iſt ausgegeben und wir ſind des Webers Frau, der Frau Brockfeld, noch außerdem eine kleine Summe ſchuldig, die ihr der Vater verſprochen hat in Amerikaniſchem Gelde zu bezahlen ſobald wir an Land kommen.“ „Armer reiſender Handwerksburſch— ſeit drei Tagen keinen warmen Löffel im Leibe gehabt!“ ſagte in dieſem Augen⸗ blick der junge Burſch, indem er ſich halb ſchüchtern, als ob er nicht wiſſe wie der Scherz aufgenommen werde, den Da⸗ men mit vorgehaltenem Hute und tiefem Kratzfuß näherte— „möchte gern das Handwerk begrüßen, aber habe keinen ein⸗ zigen Schuſter hier vorgefunden.“ „Lieber Joſeph“ bat die junge Frau ſchmeichelnd,„bitte, laß doch nur einen Augenblick Deine alten häßlichen Papiere und ſieh Dir den armen Handwerksburſchen mit den beſtaub⸗ ten Stiefeln an— er kommt direkt von der Landſtraße, und— ah mir fällt etwas ein— Du hatteſt neulich kleines Engli— ſches Geld, das Du mir zeigteſt— Du haſt das noch, nicht wahr?— warten Sie einen Angenblick“ wandte ſie ſich dann raſch zu dem verlegen ſtehen bleibenden Burſchen—„Sie ſol— len gleich bekommen— nicht wahr, Du giebſt mir ein paar von den kleinen Stücken; die gelten auch in Amerika.“ „Aber liebes Kind, ich weiß wirklich nicht wo ſie ſind, 231 chen Dollarn und bin auch in dieſem Augenblick gerade mitten im Rech⸗ nen drin.“ „Aber der Handwerksburſch“ ſagte die muntere, kleine Frau in komiſcher Verzweiflung—„ thateſt Du es nicht da⸗ mals in Dein Toilettkäſtchen?“ „Ich glaube, ja“ ſagte Henkel zerſtreut, und froh damit abzukommen— es ſteht unten auf meinem Bett.“ „Hedwig mag es holen“ rief Clara raſch—„Du weißt Hedwig, das kleine Lederetui mit dem goldenen Schloß“— auf dem oberen Bett in der Coye— Hedwig, die eben aus dem Zwiſchendeck heraufgekommen war, zu ſehen ob ihre junge Herrin etwas bedürfe, ſprang raſch in die Calüte hinab, und kam gleich darauf mit dem ver⸗ Marie, die d es verge⸗ gegeben und h außerdem prochen hat ir an Land drei Tagen ſem Augen⸗ in, als ob 1 en Da⸗ hucbe langten Käſtchen zurück. Karei ir„Aber es iſt verſchloſſen“ ſagte Clara, damit zu dem, wie⸗ der ganz in ſeine Papiere vertieften Manne tretend„haſt Du elnd,„bitte, den Schluſſel?“ And, E„Du quälſt mich mehr wie mein Geld, Herz,“ ſagte die⸗ cen Pap ſer halb lächelnd, halb ungeduldig in ſeine Weſtentaſche grei⸗ den bſtnl⸗ fend, aus der er ihr gleich darauf einen kleinen gelben Schlüſ⸗ te md ſel überreichte. nes Engi⸗„Danke, danke“ rief Clara, es raſch und freudig öffnend, noch, nihht„und nun, Marie, bekommen wir Geld—“ ie ſih dem„Halt— gieb mir das Käſtchen— ich will es Dir ſel⸗ „Sie pl⸗ ber geben“— rief da, plötzlich von ſeinem Sitze raſch empor⸗ „on vaar„.. ir ein pac ſpringend daß die Papiere ſelber unbeachtet zu Boden fielen, Henkel, und eilte auf ſie zu. ita.” wo ſit ſind 232 „Ich habe es ſchon“ ſagte die Frau lächelnd, ohne ſeine plötzliche Aufregung zu bemerken—„hier iſt ein Stück und hier— heiliger Gott— da iſt ja—“ Sie vermochte nicht mehr zu ſagen, denn Henkel hatte in demſelben Moment das Käſtchen ergriffen; aber ſeine Hand zögerte es fortzunehmen, und ſein Auge begegnete in demſel⸗ ben Moment faſt bewußtlos dem ſtieren, feſt und entſetzt auf ihm haftenden Blick ſeines Weibes. Henkel war todtenbleich geworden, aber er nahm jetzt das Käſtchen faſt mechaniſch aus Clara's Hand, verſchloß es und ſteckte den Schlüſſel wieder in die Taſche, während er ſich ab⸗ wandte, die niedergefallenen Papiere aufzuleſen. „Haſt Du das Geld, Clara?“ rief Marie lachend, die in dem Augenblick gerade nach dem Rande des Quarterdecks geſprungen war, die Urſache eines neuen Lärmes zu erkunden, der von der Zwiſchendecksluke herauftönte—„ich glaube dort unten ſchlagen ſie ſich.“ „Hier iſt es“ ſagte Clara, ſich gewaltſam ſammelnd und ihr das Geldſtück, das ſie noch in der Hand hielt, reichend— „gieb es dem Mann.“ „Gott vergelt's tauſendfach“ ſagte der Handwerksburſch, der indeſſen bei den anderen Paſſagieren, mangelnden kleinen Geldes wegen, ebenfalls mit ſehr geringem Erfolg geſam⸗ melt hatte, und jetzt ebenfalls ungeduldig nach dem Zwiſchen⸗ deck hinabſchaute—„da unten ſchmeißen ſie ſich aber, glaub' ich, und da möcht' ich dabei ſein“— und ſeinen Torniſter mit einem plötzlichen Ruck höher auf die Schultern bringend, und „ohne ſeine —Stuͤck und ikel hatte in ſeine Hand in demſel⸗ entſetzt auf hm jetzt das loß es und er ſich ab⸗ acend, die uarterdech u erkunden, glaube dort amelnd und reichend— erksburſch, den kleinen g geſam⸗ zviſhen⸗ her, glaub rniſter mit gend, und einer nicht ungeſchickten Verbeugung gegen das ganze Quar⸗ terdeck, drückte er ſich den großen ausgeſchweiften Hut wieder ſeſt und etwas ſeitwärts auf den Kopf, ſpukte in die Hand, faßte ſeinen Prügel feſter, und ſprang dann raſch die kleine Treppe, die auf Deck hinabführte, nieder. Marie und die Uebri⸗ gen traten indeſſen ebenfalls an den Rand des Quarterdecks, der mit einem dünnen eiſernen Geländer eingefaßt war, und von wo aus der Capitain ſchon nach dem Steuermann rief, dem Unfug da unten ein Ende zu machen und die Ruheſtörer auseinander zu bringen. Nur Clara blieb mit dem Gatten allein zurück, und einige Schritte von ihnen entfernt ſtand der Mann am Steuerrad. „Joſeph“ ſagte die Frau mit leiſer, kaum hörbarer Stimme, während ſie zu ihm ging und ſeinen Arm erfaßte—„Joſeph, — in— dem— Käſtchen— lag— Heiland des Himmels und der Erde, ich glaube, ich werde oder bin wahnſinnig— in dem Käſtchen lag meiner Schweſter Broche— der blaue, dreieckige Turquis.— Wie— wie um Gottes Willen kam— kam der Stein—“ „Ich habe ihn gefunden“ ſagte Henkel, der jetzt wenig— ſtens äußerlich ſeine ganze Faſſung wieder gewonnen hatte, mit gezwungener Gleichgültigkeit—„am Tage, ehe wir abreiſten— er lag unten im Haus, und ich wollte Nichts davon erwäh⸗ nen, die alte Geſchichte nicht noch einmal aufzurühren.“ Er ſprach die Worte vollkommen ruhig, nur mit etwas unterdrückter Stimme, daß der Mann am Steuer ſie nicht hö⸗ ren ſollte, aber ſein Geſicht hatte jeder Blutstropfen verlaſſen, —.—, 234 und ſein Blick ſchweifte wild und unſtät umher. Ihm gegen⸗ über ſtand die Frau— bleich, kalt und regungslos, wie ein wunderſchönes, aber todtes Marmorbild; nur der Blick, den ſie ſtier und feſt auf den Gatten geheftet hielt, lebte;— aber ſie ſprach kein Wort— that keine Frage weiter, und als ſie hörte— denn ſie wandte das Auge nicht dorthin,— daß die anderen Paſſagiere wieder zurückkamen, drehte ſie ſich langſam ab, und ſtieg an der hinteren, am Steuerruder abwärts füh⸗ renden Treppe in die Cajüte und ihren eigenen stateroom nieder, den ſie hinter ſich verſchloß. Die Sonne ging unter und der Steward rief zum Souper; aber Clara ließ ſich entſchuldigen. Sie hatte Kopfſchmerzen und die Augen thaten ihr weh. Marie wollte ſie nach dem Eſſen beſuchen, um zu ſehen was ihr fehle, aber die Thür war noch immer verſchloſſen, und wurde auch nicht geöffnet, und erſt ſpät ließ die junge Frau Hedwig noch einmal zu ſich rufen. Hedwig, das arme Kind, hatte jetzt auch eine ſchwere Zeit, denn des Tiſchlers Frau war heute über Tag wieder ſo krank geworden, daß ſie Georg Donner keinen Augenblick verlaſſen wollte, und das Schlimmſte zu fürchten ſchien. Die alten Phantaſieen ſtellten ſich dabei wieder ein, der Lärm den Tag über mochte ſie auch aufgeregt und beunruhigt haben, und das Brennen und Pochen im Kopfe war ärger als je ge⸗ worden. Hedwig hatte auch ſchon die ganze vorige Nacht bei ihr aufgeſeſſen, und eben war die Kranke, zum erſten Mal wie⸗ der ſeit acht und vierzig Stunden, in einen kurzen, unruhigen Ihm gegen⸗ slos, wie ein der Blick, den ebte;— aber r, und als ſie n,— daß die eſich langſam abwärts füh⸗ en stateroom fzum Souper; Kopfſchmerzen ſie nach dem ber die Thüt nicht geöffet, inmal zu ſich ne ſchwere Zeit, vieder ſo krank nblick verlaſſen Die alten er Lärm den nahi 1 d 235 und oft unterbrochenen Schlummer gefallen, als ſie zu ihrer jungen Herrin gerufen wurde, und zugleich hörte daß dieſe ebenfalls krank ſei. Raſch und ängſtlich eilte ſie zurück in die Cajüte, und klopfte an der beiden Gatten enges, aber ſehr freundlich ein— gerichtetes Gemach. Ein leiſes„Herein“ antwortete, und ſie fand Clara ſchon auf ihrem Lager, das Antlitz feſt in ihr Kiſ— ſen gedrückt, von dem aus ſie der Eintretenden, ohne zu ihr aufzuſehn, nur die Hand entgegenſtreckte. „Liebe, liebe Frau Henkel, was fehlt ihnen?“ flüſterte das Mädchen, neben der niederen Coye knieend, und die ihr gebo⸗ tene Hand mit Küſſen bedeckend—„ſind Sie krank?— was um Gottes Willen iſt vorgefallen?“— Aber Clara vermochte kein Wort zu erwiedern— ſie hatte ſprechen wollen, aber ſie fühlte daß es in dieſem Augenblick ihre Kräfte überſtieg, und nur ſchweigend hielt ſie eine lange, lange Zeit die Hand des Kindes feſt und krampfhaft in der ihren. „Liebe, liebe Frau Henkel“ wiederholte Hedwig bittend— was iſt Ihnen?— kann ich Ihnen helfen?“— „Ja Hedwig— ja—“ hauchte die Kranke mit kaum hörbarer Stimme—„Du allein— aber nicht heute mehr— komm morgen— morgen früh—“ „Aber wenn Sie mir indeſſen ernſtlich krank werden?“ bat das junge Mädchen, die nicht begreifen konnte was die räthſelhaften Worte bedeuteten—„Soll ich nicht lieber doch Herrn Donner rufen, den jungen Arzt, den wir im Zwiſchen⸗ 236 deck haben, und der, wie die Anderen ſagen, viel mehr ver⸗ ſteht als der Doktor in der Cajüte.“ „Ich bin nicht krank“ flüſterte aber die Frau—„wenig⸗ ſtens nicht ſo, daß mir ein Doktor Mittel dagegen verordnen könnte— nur Ruhe brauche ich— Ruhe— ſo bitte, Hed⸗ wig— laß mich jetzt allein.“ „Darf ich nicht bleiben?“ Die Leidende ſchüttelte, ohne weiter ein Wort zu ſagen, den Kopf, und Hedwig, gehorſam dem gegebenen Befehl, ſtand langſam auf, zögerte noch einen Augenblick in der Thür, ob die Kranke nicht den Befehl doch wohl widerrufen könne, und verließ dann, ſo geräuſchlos wie ſie es betreten, aber mit einer ſchweren Sorge mehr im Herzen, das Gemach. „Was fehlt nur Clara, Herr Henkel?“ frug Marie den jungen Mann, der mit verſchränkten Armen und langſamen Schritten oben auf dem Quarterdeck auf und ab ging, und bei ihrer Anrede raſch und wie erſchreckt emporſchaute;„das muß ganz plötzlich geſchehen ſein, denn vorhin war ſie ja noch ſo munter und ausgelaſſen, wie ich ſie faſt noch gar nicht geſehen.“ „Heftiger Kopfſchmerz, weiter Nichts“ erwiederte ihr Hen⸗ kel, jetzt vollkommen ruhig—„ſie klagte ſchon letzte Nacht darüber, und es ſchien ſich über Tag vollſtändig gelegt zu ha— ben, kehrte aber den Abend plötzlich und weit ſtärker wieder. Ruhe allein iſt was ſie braucht, der Schmerz geht dann von ſelbſt vorüber.“ Wie Schade daß das gerade heute iſt“ klagte das junge fröhl cert ſicirt Kaft ſie l ſeine nehr ver⸗ „wenig⸗ erordnen e, Hed⸗ u ſagen, hl, ſtand hür, ob ne, und nit einer ſarie den ngſamen „und bei das muß 1 noch ſo eſehen.“ ihr Hen⸗ te Nacht zt zu ha⸗ wieder. ann von as junge fröhliche Mädchen;„wiſſen Sie, daß wir heute Abend Con⸗ cert haben?“ „Wirklich“ erwiederte Henkel zerſtreut—„und wer mu⸗ ſicirt?“ „Der alte Polniſche Jude mit dem ſchmutzigen ſchwarzen Kaftan; er darf aber nicht auf das Quarterdeck kommen“ ſetzte ſie lachend hinzu—„er ſieht gar ſo verdächtig aus, und wird ſeine Vorſtellung unten vor dem großen Maſt geben.“ VTorr dem großen Maft liegt die Barkaſſe, mein Fräulein“ fiel hier Herr von Hopfgarten verbeſſernd ein,„und wenn er dort ſpielte, würden wir ihn weder ſehn noch hören können.“ „Oder dahinter“ ſagte das junge Mädchen, halb lachend halb ärgerlich den Kopf ſchüttelnd—„Sie wiſſen recht gut, daß ich Ihre Schiffsausdrücke nicht verſtehe, noch weiß ob man vor oder hinter dem großen Maſt ſagen muß; aber leid thut mir's daß Clara nicht dabei ſein kann.“ „Iſt Ihre Frau wirklich krank?“ frug da der kleine Mann raſch und beſorgt—„davon habe ich ja kein Wort gewußt.“ „Nur unbedeutende Kopfſchmerzen— aber was für ein Inſtrument wird denn geſpielt?“ frug Henkel, der das Geſpräch nach anderer Richtung zu lenken wünſchte,„wohl eine ſchreck⸗ liche Violine und Flöte.“ „Dießmal nur eine Holzharmonika“ verſicherte Hopfgar⸗ ten,„der Jude iſt ein armer Teufel, der ſich ein paar Thaler zu verdienen wünſcht ehe er an Land geht. Er hatte mich ſchon lange um meine Verwendung bei der Cajüte gebeten, 1 238 aber ſein Sohn war immer nicht bei Stimme, die ganze Reiſe lang, und deſſen Hals wahrſcheinlich durch die Seekrankheit zu ſehr affieirt worden; jetzt ſoll er ſich jedoch wieder vollſtän⸗ dig erholt haben, und das erſte Concert heut' Abend ſtattfin⸗ den. Die Koſten ſind auch ſchon durch unſer Whiſtkränzchen gedeckt, und eine kleine Sammlung wied noch nachher ſtattfin— den. Der alte Burſche iſt, wie mir geſagt wurde, ein wahrer Virtuos auf dem unſcheinbaren Inſtrumente, das eigentlich nur aus einzelnen Stücken Holz beſteht.“ „Ich freue mich darauf ihn zu hören“ ſagte Henkel. „Ja wohl, es giebt endlich einmal wenigſtens eine kleine Abwechslung in unſere doch eigentlich ſchauerlich monotone Exiſtenz“ rief von Hopfgarten—„Ihre Frau Gemahlin darf aber nicht dabei fehlen; ſie allein bringt ja meiſt Leben und Bewegung in das ſtehende Waſſer unſerer Geſelligkeit. Wenn es ihr irgend möglich iſt, laß ich ſie recht ſchön bitten von der Parthie zu ſein, und wenn ſie auch nur in ihrem Negligé eine halbe Stunde an Deck kommt.“ „Ich werde es ſie wiſſen laſſen“ ſagte Henkel und drehte ſich ab, ſeinen Spatziergang an Deck fortzuſetzen. Der Polniſche Künſtler hatte indeß ſeine Vorbereitungen getroffen, ſeinen kleinen Tiſch hinter die Pumpen geſtellt, daß er mit dem Rücken gerade gegen die Nagelbank des großen Maſtes zu ſtehen kam, und während ſich die Paſſagiere dicht um ihn her ſchaarten, und mit der Mannſchaft oben auf der Barkaſſe, auf der Nagelbank ſelber, und in den den Platz ge— rade überſehenden Wanten hingen, ſammelten ſich die Cajüts⸗ „ nze Reiſe ekrankheit vollſtän⸗ ſtattfin⸗ kränzchen eſtattfin⸗ n wahrer eigentlich nkel. ine kleine monotone hlin darf eben und it. Wenn itten von Negligé nd drehte reitungen ſellt, daß Platz ge⸗ e C qjũts/ paſſagiere wie auf einer Gallerie, auf dem Quarterdeck dem Genuß zu folgen. Henkels junge Frau war aber nicht an Deck erſchienen, und Henkel bat ſie zu entſchuldigen, da die Muſik ihr Uebel eher verſchlimmern könne. Er hatte ſie übrigens noch gar nicht wieder geſprochen; wie aber die Cajütspaſſagiere oben verſammelt waren, und ſelbſt der Steward und Cajütsjunge dem Drang nicht wider⸗ ſtehen konnten, die„neue Muſik“ zu höͤren, verließ er unbeach⸗ tet ſeine Mitpaſſagiere, und ſtieg mit langſamen aber feſten Schritten die Treppe hinab in die Cajüte. Einen Moment zwar zögerte er, als er die Klinke berührte die ſeinen eigenen Raum erſchloß, aber es war auch nur ein Moment, und mit feſter Hand öffnete er die Thür, die er wieder hinter ſich in's Schloß drückte. Die junge Frau hatte ihr Lager verlaſſen und ſaß, das Taſchentuch feſt gegen die Augen gepreßt, den linken Ellbogen auf den kleinen Tiſch geſtützt, regungslos da. Sie mußte auch den eintretenden Gatten gehört haben, denn ihr ganzer Körper zitterte vor innerer Aufregung, aber ſie bewegte ſich nicht und blickte nicht empor. „Clara!“ ſagte Henkel mit leiſer, doch feſter Stimme— „was haſt Du nur?— was iſt Dir?— ich glaube wahr⸗ haftig, Du haſt Dir in toller Einbildungskraft irgend eine fire Idee, mag ſie noch ſo abſurd und wahnſinnig ſein, in den Kopf geſetzt.“ 7 Die Frau antwortete nicht, aber das Zittern ihres Kör⸗ 240 pers wurde heftiger, und ſie preßte das Tuch wie krampfhaft an die Augen. „Clara!— Dein Mann ſpricht mit Dir!“ ſagte Hen⸗ kel, jedenfalls entſchloſſeen das einmal Begonnene zu einer Entſcheidung zu bringen. Das Wort bannte aber auch den Starrkrampf, der bis dahin wie ein böſer Zauber auf den Gliedern der Unglücklichen gelegen; ſo den Arm ſinken laſ⸗ ſend, der mit dem gehaltenen Tuch ihr Antlitz bis dahin ver⸗ hüllt hatte, ſchaute ſie zu dem Gatten auf, und richtete ſich dabei langſam empor, bis ſie ihm gerade gegenüber ſtand. Sie war todtenbleich, aber keine Thräne netzte ihren Blick, die Augen lagen hohl und trocken in ihren Höhlen, und nur die Lippen zitterten, als ſie wie widerſtrebend den Klang der Worte nach⸗ hallten: „Dein Mannl „Sei vernünftig, Clara!“ ſagte aber jetzt Henkel mit ru— higerer begütigender Stimme, denn der Anblick der Frau, die Veränderung, die nur die wenigen Stunden in ihren Zü⸗ gen hervorgebracht, traf ihn wie ein Stich in's Herz—„quäle Dich vor allen Dingen nicht mit einem albernen Verdacht, der Dir nur das Leben verbittern, und doch Nichts nützen könnte, Was haſt Du, ſprich es frei heraus, daß ich im Stande bin mich zu vertheidigen, aber faſſe Dich dann auch und zeige Dich wieder an Deck, denn die Leute fragen nach Dir, wollen wiſ⸗ ſen, was Dir fehlt, und was Dich ſo plötzlich betroffen ha⸗ ben könnte.“ „Und haſt Du es ihnen nicht geſagt?“ frug die Frau, rampfhaſt agte Hen⸗ zu einer auch den auf den ſinken laſ⸗ dahin ver⸗ ſichtete ſich and. Sie die Augen die Lippen orte nach⸗ el mit ru⸗ der Frau, ihren Zü⸗ —„quäle dacht, der en könnte, tande bin eige Dich llen wiſ⸗ offen ha⸗ die Frau, während ihr Blick ſich in ſeine innere Seele zu bohren ſchien, mit tonloſer, kaum hörbarer Stimme. „Ich?— was ſoll ich ihnen ſagen— ſei keine Thörin Clara, und vor allen Dingen vernünftig. Du biſt alt genug zu wiſſen wie weit Du gehen kannſt,— wie weit nicht—“* „Mit Dir keinen Schritt weiter in dieſem Leben“ rief aber die Frau jetzt in wilder ausbrechender Heftigkeit—„und wenn ich mein Brod vor den Thüren der fremden Stadt er⸗ betteln ſollte.“ „Du biſt ein Kind Clara“ ſagte Henkel mit ärgerlichem ungeduldigem Kopfſchütteln, während er die Thür der innern Cajüte öffnete, hinaus ſah ob Niemand draußen ſei und wie⸗ der ſchloß. „Leugneſt Du die That?“ frug die Frau in zorniger Verachtung zum erſten Mal ihm einen Schritt entgegentretend —„leugneſt Du den armen unglückſeligen Menſchen der mei⸗ nem Vater Jahre lang treu und ehrlich gedient, und durch Dich ſein ehrloſes Grab fand, mit kaltem Blute gemordet zu haben? O barmherziger Gott“ fuhr ſie, ihr Antlitz in den Händen bergend fort—„mir reißt der Gedanke daran das Herz in blutigen Stücken entzwei, und ich— ich bin das Weib eines ſolchen Verbrechers— und mich hat er aus mei⸗ ner glücklichen Heimath fortgeſchleppt— Verloren— verloren!“ Ein lindernder Thränenſtrom brach ſich in dieſem Augen— blick die Bahn, und in ſich zuſammengeknickt ſank die Frau auf den Stuhl zurück und ſchluchzte laut. Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 16 242 Henkel blieb volle Minuten lang mit untergeſchlagenen Armen und finſter zuſammengezogenen Brauen vor ihr ſtehn; zwei⸗ oder dreimal öffnete er auch den Mund, aber kein Laut kam über ſeine Lippen, bis draußen in der Cajüte, durch die ſie nur durch eine dünne Breterwand geſchieden waren, Stim⸗ men laut wurden. Es war Frau von Kaulitz mit Herrn von Benkendroff und dem armen Hopfgarten als Nachtrab, da ſich die Dame unter keiner Bedingung länger ihr Whiſt wollte entziehen laſſen. Henkel richtete ſich gewaltſam auf, ſtrich ſich die Haare aus der Stirn und ſagte mit unterdrückter, aber feſter entſchloſ⸗ ſener Stimme: „Du wirſt wiſſen Clara, wie Du Dich hier an Bord zu benehmen haſt— ich laſſe Dich jetzt allein und hoffe Dich morgen früh wieder vernünftig zu finden.“ Eine abwehrende Bewegung der ausgeſtreckten Hand war Alles was die Frau darauf erwiederte, die ſonſt regungslos in ihrer Stellung blieb, und Henkel verließ raſch den kleinen Raum und betrat die innere Cajüte, zugleich den Geſellſchafts⸗ und Speiſeſaal, wo Herr von Benkendroff eben den Spieltiſch in Ordnung brachte, und Herr von Hopfgarten indeſſen als Opfer auf dem ſchon bereit gerückten Stuhle ſaß, und mit vor ſich auf dem Tiſch gefalteten Händen die Daumen umein⸗ ander jagte. „Hallo Herr Henkel“ rief er aber dieſem ſich raſch nach ihm umdrehend entgegen, als er ihn aus ſeiner Cajüte treten 243 ilagenen ſah,„nun wie geht's meiner verehrten Dame, Ihrer lieben ir ſtehn; Frau, noch nicht wieder munter?“ kein Laut„Es geht beſſer“ erwiederte Henkel ihm zunickend, mit durch die vielleicht abſichtlich lauter Stimme—„ich bin feſt überzeugt , Stim⸗ daß ſie morgen wieder wohl genug ſein wird, am Fruͤhſtücks⸗ errn von tiſch zu erſcheinen.“ trab, da„Nun das freut mich herzlich“ ſagte der kleine gutmüthige iſt wollte Hopfgarten—„aber, apropos lieber Henkel“ ſetzte er raſch und lauter hinzu, dürfte ich Sie vielleicht bitten hier ein kleines halbes Stündchen meine Stelle einzunehmen?— ich e Haare 8 1 enſchloſ⸗ möchte gern— —„Es thut mir wirklich leid das heute Abend nicht im Stande zu ſein— ich muß doch dann und wann nach meiner Bord zu; Feere 4 Frau ſehn“ erwiederte aber Henkel, die äußere Cajütsthüre ffe Dic öffnend, während Hopfgarten, mit einer gewiſſen Reſignation auf ſeinem Stuhl, aus dem er ſich ſchon in halber Hoffnung and war erhoben hatte, zurückſank, und die jetzt vor ihn hingelegten ungslos Karten an zu miſchen fing. kleinen lſchafto⸗ pieltiſch ſſen als— und mit umein⸗ ſch nach te treten Capitel 9. Land. Der nächſte Morgen dämmerte; weit im Oſten drüben färbte ſich der Horizont mit einem mattlichten Streif, der einen weiten dunklen Schatten auf das Waſſer warf, und die Sterne im Weſten ſchienen noch einmal ſo hell und lebendig zu funkeln, ehe der feindliche Tag ſie vom Himmel trieb. Oede und kaum ſich bewegend in kleinen rollenden, fahlgrauen Wogen lag das Meer— ein ſchlummernder Koloß, gewaltig ſelbſt in ſeiner Ruhe, und furchtbar, entſetzlich in ſeinem Zorn, und mit eben geblähten Segeln, wie ein Schwan auf ſtil⸗ ler Fluth, zog das Schiff langſam dahin auf ſeiner Bahn. Aber in ſeinem Innern regte und trieb geſchäftiges Leben, der frühen Morgenſtunde zum Trotz, denn heute war ihnen, was ſie geſtern nicht zu ſehn bekommen, verſprochen worden— Land— und Jeder wollte der Erſte ſein der es entdeckte, den Reiſegefährten die frohe, ſo heiß erſehnte Kunde zujauchzen zu können—„Land!“ drüben eif, der und die lebendig el trieb. grauen gewaltig m Zorn, ꝛuf ſti⸗ Bahn. den, det n, was den— kte, den hzen zu 245 Vorn auf der Back bis an den Clüverbaum*) hinaus ſtand ſchon, noch bei völliger Dunkelheit, ein kleiner Trupp, in den Wanten des Fock⸗ und Hauptmaſtes hingen ſie, und die keckſten und gewandteſten der Schaar, unter ihnen Carl Berger und der junge polniſche Burſche, waren ſogar in die erſten Marſen, und der letztere bis auf die Vor⸗Marsraage hinaufgeſtiegen, von da aus den Horizont weiter zu erſpähn. Und mehr und mehr im Oſten lichtete ſich der Himmel, über deſſen weiten Bogen zuckende weißliche Strahlen herauf⸗ ſchoſſen und den kleinen zerſtreuten Wolken einen roſigen Schimmer gaben; breiter und lichtgelber wurde der Streifen, den das Meer jetzt ſchon in ſeinem Glanze wiederſpiegelte, und dort— wie ein glühender Berg in blendender Majeſtät ſtieg ſie empor des Tages Königin— und dort— „Land! Land!“ jubekte es von den Maſten und Raaen, wo hinauf auch ſchon Matroſen geſtiegen waren, mit weit ge⸗ übteren Blicken den weſtlichen Horizont zu erſpähen—,Land! Land!“ jauchzte es vom Deck ein Echo dem Freudenruf, und nur mitten hinein in den Rauſch der Glücklichen, denen das erſehnte Ziel vor Augen lag, ſtieg ein einzelner wilder Klage⸗ ruf, wie ein Mißton dieſer Harmonie, wild und gellend aus dem Zwiſchendeck heraus. „Todt— todt!“ jammerte eine Stimme in herzzerrei⸗ ßenden Tönen; und die Leute aus den Maſten glitten ſchwei⸗ *) Clüverbaum iſt das was die Stenge auf den Maſten iſt, die Verlängerung des Bugſpriets, an der die vorderen dreieckigen Segel (Clüver) befeſtigt ſind. 246 gend nieder, und die vorn über das Schiff poſtirten Männer drängten lautlos oder mit leiſen, ſcheuen Fragen zurück, der dunklen Luke zu, aus der der wilde Weheruf noch immer ſchallte. „Was iſt geſchehn— wer iſt todt? wer klagt da unten?“ drängten und flüſterten die Leute durcheinander. „Leupolds Frau iſt eben geſtorben“ klang aber die Ant⸗ wort zurück, und die Gruppen, von denen nur einige neugie⸗ rig in das Zwiſchendeck hinabſtiegen, während die Uebrigen ſich mitleidig flüſternd an Deck über den traurigen Fall unter⸗ hielten, ſammelten ſich um die Luke und warfen nur manch⸗ mal ſcheu den Blick nach unten, wo Leupold neben der Leiche ſaß, ihre kalte Hand zwiſchen ſeinen Händen hielt, und ſich ſelber laut anklagte der Mörder der Dahingeſchiedenen zu ſein, die er gegen ihren Willen aus dem Vaterland, und in Ver⸗ hältniſſe geriſſen habe, denen das zarte Leben unterliegen mußte. Vergebens ſuchte ihn die Mutter, ſuchten ihn ſeine Freunde zu tröſten daß Gott es ſo gewollt, und er ja nur ausgewan— dert ſei, weil er gehofft habe für die Seinigen in dem neuen Vaterland beſſer ſorgen zu können.„Nein, nein!“ ſchrie er immer wieder—„es iſt nicht wahr— es iſt nicht wahr— reiner Uebermuth nur war es von mir— reiner toller Ueber⸗ muth daß ich, von habgierigen Menſchen verlockt, mein ſicheres Brod verließ und dem Verſucher folgte.— Ich habe ſie ge— mordet, mit kaltem Blut gemordet und Gott wird mich dafür ſtrafen, Gott wird mich dafür ſtrafen.“ „Was der Burſche da unten für ein Gewinſel macht daß ihm die Frau abgefahren iſt“ brummte der älteſte von den Mäanner rrück, der r ſchallte unten?“ die Ant⸗ e neugie⸗ Uebrigen l unter⸗ rmanch⸗ der Leiche und ſich zu ſein, in Ver⸗ en mußte. Freunde gewan⸗ em neuen ſchrie er wahr— r Ueber⸗ ſcheres e ſie ge⸗ ch dafür acht daß von den 247 drei an Bord geſchafften Verbrechern halb mit ſich ſelber re⸗ dend, halb zu Meier gewandt, der nicht weit von ihm auf einem der Waſſerfäſſer ſaß und ohne weder Notiz von dem in Sicht gekommenen Land, noch von dem Todesfall zu nehmen, ein Stück Holz in die Form eines Schiffes zu ſchnitzen ſuchte. Die beiden Männer hatten übrigens, ſeit dem vor Wochen kurz abgebrochenen Geſpräch noch kein Wort wieder mit ein⸗ ander gewechſelt. 3 „Die Hälfte von uns Menſchen weiß nie wann's ihr am wohlſten iſt“ ſagte Meier ebenfalls ohne von ſeiner Beſchäf⸗ tigung aufzuſehn. „Mancher hielt's für ein Glück“ meinte der Erſte wieder. „Für Manchen wär' eins“ brummte Meier, und die Unterhaltung kam hier wieder für eine Weile in's Stocken; dem ſonſt ſo ſchweigſamen Paſſagier ſchien aber heute daran gelegen mit dem Anderen das Geſpräch fortzuſetzen, und er ſagte nach ein paar Minuten wieder, in denen Jeder ſtill und mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt vor ſich nieder geſehn: „Kommen nun bald nach Amerika.“ „Ja“ erwiederte Meier lakoniſch—„wird ein Vergnü⸗ gen werden.“ „Ihr verſprecht Euch nicht viel davon?“ „Müßt' es lügen.“ „Ein Geſchäft?“ „Fleiſcher“— 2₰ „Hm“—— „Und Ihr?“ „Ich? „Ja“— „Schloſſer!“ ſagte der Alte und warf dabei einen flüch⸗ tigen Seitenblick nach dem Mitpaſſagier, ohne deſſen nach ihm hinüberſuchendem Auge zu begegnen. „Gutes Geſchäft und nährt ſeinen Mann“ ſagte Meier endlich nachdenklich—„muß aber recht betrieben werden— Kein Werkzeug?“ „Steht nicht zu erwarten“ ſagte der Mann. „Hm, nein⸗— „Schon eine Idee wohin Ihr geht drüben?“ frug der Alte endlich wieder nach einer zweiten Pauſe. „Drüben?— wo?“ „Nun dort“— und er deutete mit dem verkehrt gehal⸗ tenen Daumen über die Schulter hin der Richtung zu, in der das Land lag. Meier ſchüttelte aber den Kopf und knurrte: „Zum Teufel wahrſcheinlich, wenn's mir nicht beſſer glückt wie in Deutſchland.“ „Da können wir vielleicht zuſammengehen“ lachte der Alte. „Oder treffen uns wenigſtens da ſpäter“ ſagte Meier, ausweichend. „Wahrſcheinlich“ brummte der Alte, mit dem Erfolg ſeiner Annäherung nicht recht zufrieden, blieb noch eine Weile auf dem Faß ſitzen und ſtand dann langſam auf nach vorne zu gehn, wo er mit ſeinen beiden Kameraden wieder ——2— —-2—2— en flüch⸗ aach ihm te Meier erden— der Alte gehal⸗ „in der knurrte: t beſſer chte der Meier, Etfolg h eine f nach wieder ——; 4* 249 zuſammentraf. Meier aber ſah ihm, ohne ſeine Stellung zu verändern oder auch nur den Kopf auf die Seite zu drehn, ſo lange nach, wie er ihm mit den Augen folgen konnte, und pfiff dann leiſe und mit einem halb fpöttiſchen Grinſen vor ſich hin, als er in ſeiner Selbſtbetrachtung plötzlich durch ein von oben niedertönendes heiſeres Lachen geſtört wurde. Raſch ſah er empor, und erkannte den Scheerenſchleifer, der oben in der Barkaſſe lag, über deren Rand er gerade mit dem halben Ober⸗ körper herüberſchaute, daß ſich die Sonne an den blankge⸗ ſcheuerten Schultern des unverwüſtlichen fahlgrünen Rockes ſpiegelte. „Gratulire zum Compagniegeſchäft“ ſagte er lachend, als er des Fleiſchers Blick begegnete—„Meier und Compagnie wird gar nicht ſo ſchlecht klingen in New⸗Orleans.“ „Danke“ brummte Meier vor ſich hin—„der Contrakt iſt noch nicht unterzeichnet— Du ſcheinſt Dir da oben aber Dein ſtetes Quartier genommen zu haben, Kamerad.“ „Schade daß ich ſo bald ausziehn muß“ ſagte der Schee⸗ renſchleifer, den Dampf aus ſeiner Pfeife dabei in weißen kur⸗ zen Wolken von ſich ſtoßend. „Schade?— ich danke Gott daß ich das verfluchte Schiffs⸗ leben bald hinter mir habe— die Hände wachſen Einem ja zuſammen.“ „Bah“ ſagte der Scheerenſchleifer—„was verlangt ein Menſch mehr auf der Welt, was kann er mehr verlangen, als drei Mal zu eſſen den Tag, und Nichts zu thun, ohne weitere Expenſen. Ich wünſchte mir mein Lebtag nichts Beſſeres als 250 auf folche Art hin- und herzufahren, wenn ich nur irgend et⸗ was wüßte wozu ſie mich, ohne beſondere Beſchäftigung, an Bord gebrauchen könnten.“ „Zur Verzierung etwa“ meinte Meier. „Ja, für den Schafskopf vorn“ ſagte der Scheerenſchleifer trocken, ohne die Anſpielung übrigens übel zu nehmen— „gehſt Du heute mit zur Leiche?“ „Ich habe meinen ſchwarzen Frack nicht draußen“ ſagte Meier. „Iſt ſchade“ erwiederte der Scheerenſchleifer—„geht mir aber auch ſo.“ „Wir werden uns überhaupt bald anziehn müſſen an Land zu gehn“ fuhr Meier fort—„wenn das Schiff ein⸗ mal anlegt, wird uns der Capitain ſchnell genug hinaus⸗ treiben, und gewiß nicht daran denken uns länger zu füttern, als er unumgänglich nöthig hat.“ „Kann ich ihm auch gar nicht verdenken“ ſagte Maul⸗ beere;„ich gehe aber vor allen Dingen erſt einmal im Negligee hinüber, und werde mich vor der Hand beim Präſidenten ent⸗ ſchuldigen laſſen, daß ich ihm nicht gleich meine Viſite machen kann.— Füttern werden wir uns übrigens jetzt wieder ſelber müſſen.“ „Nun zum Tenfel, man wird doch in dem Amerika we⸗ nigſtens zu leben haben“— fluchte Meier. „Amerika ſoll verdammt ſein“ brummte der Scheeren⸗ ſchleifer, und qualmte ärger als vorher. irgend ei⸗ gung, an enſchleifer ehmen— en“ ſagte „geht mit nüſſen an ſchiff ein⸗ g hinaus⸗ zu füttern, gte Maul⸗ 1 Negligte enten ent⸗ te machen eder ſelber nerika we⸗ Scheeren⸗ 251 „Warum biſt Du denn da herübergekommen, wenn Du's ſo gut leiden magſt?“ frug ihn Meier. „Weil ich wenigſtens die Condition einmal wechſeln wollte; aber in dem Hundeleben ſelber wird verwünſcht wenig Veränderung ſein— Die Frage iſt außerdem, ob ſie hier überhaupt Scheeren zu ſchleifen haben— ſollte mich gar nicht wundern wenn ich den alten vermaledeiten Drehkarren am Ende ganz zu meinem eigenen Vergnügen im Lande umher⸗ führe“— „Und weiter kannſt Du Nichts?“ „Hm, wer weiß“ ſagte Maulbeere—„es liegt noch vielleicht Manches bei mir verborgen, hat ſich aber noch nicht entwickelt.“ „Nun in Deutſchlad drüben hätten wir auch auf der Landſtraße verhungern können ohne daß ſich Jemand anders als vielleicht ein Gendarme theilnehmend nach unſerem Paſſe erkundigt hätte“ ſagte Meier—„die ſind wir doch wenig⸗ ſtens los.“ „Haben mich noch nie genirt“ meinte Maulbeere trocken —„wer ſich nicht einmal einen guten Paß verſchaffen kann iſt ſelbſt zum Stehlen zu dumm.“. „Mit den Grundſätzen wirſt Du hier im Lande wohl auch nicht verhungern“ lachte Meier—„aber ich glaube da kommen ſie aus dem Zwiſchendeck mit der Leiche herauf“ un⸗ terbrach er ſich da plötzlich, indem er von ſeinem Sitze auf⸗ ſtand;„ich gehe nach vorn— mag nicht gern Leichen ſehn.“ „Habe auch keine Paſſion dafür“ brummte Maulbeere, 25²2 und verſchwand gleich darauf hinter dem Rand der Barkaſſe, in der er ſich der Länge nach behaglich ausſtreckte, von dem unten Vorgehenden nichts weiter ſehn zu müſſen. Meier war langſam nach vorn geſchritten, ſeinen Lieb⸗ lingsplatz auf einem der auf der Back liegenden Anker einzu⸗ nehmen, als er dort dem jungen Donner begegnete, der eben von da niederſtieg. „Hört einmal Freund,“ ſagte dieſer, als er ihn einen Augenblick ſcharf fixirt hatte, und dann bei ihm ſtehen blieb —„wir haben doch einander ſchon früher einmal geſehen, aber ich kann mich nicht gleich beſinnen wo?— ſeid Ihr nicht aus Waldenhayn?“ „Waldenhayn?“ wiederholte der Mann, kopfſchüttelnd, „was für ein Waldenhayn?“ „An der Hart—“ „Kenn' ich nicht“— ſagte Meier, ohne ſich auf weitere Auseinanderſetzungen einzulaſſen, und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, die Back hiuaufzuſteigen. Georg Donner ſah ihm noch ein paar Momente wie zweifelnd und ungewiß nach, verzichtete jedoch auf weitere Fragen, da ihm das Reſultat auch ziemlich gleichgültig ſein konnte, und ging nach dem mittleren Theil des Decks zurück, wo ſich indeſſen die meiſten der Zwiſchendeckspaſſagiere an zu ſammeln fingen. Die Leiche der Frau wurde jetzt nämlich aus dem engen unteren Raum hinauf an Deck geſchafft, und dort in Lee mit ihrer Matratze auf ein paar über die Waſſerfäſſer gedeckte Bre⸗ Barkaſſe, von dem et einzu⸗ det eben hn einen hen blieb geſehen, Ihr nicht hüttelnd, f weitert en Mann amner ſah viß nach, Reſultat nach dem emeiſten im engen Lee mit eckte Bre⸗ 253 ter gelegt. Doktor Hückler, der ſich jetzt ſehr geſchäftig zeigte, öffnete ihr dann beide Adern, ſich von dem wirklichen Hin— leben der Kranken, da man die Leiche nicht au Bord behalten konnte, auch feſt zu überzeugen. Als aber auch der letzte Zwei⸗ fel beſeitigt, und der Tod feſt und unerbittlich conſtatirt wor⸗ den, wurde der Segelmacher beordert, die Verſchiedene in ein Stück Segeltuch, wie das auf Schiffen gebräuchlich iſt, ein⸗ zunähen. Nur das Geſicht ſollte noch bis zum letzten Augen⸗ blick der Beſtattung frei und offen bleiben. Es iſt ein häßlich unangenehmes Geſühl eine Leiche an Bord zu wiſſen, und ſelbſt in der Cajüte, die doch in keine Berührung mit der Geſtorbenen gekommen war, ja von deren Paſſagieren ſich nur ein paar erinnerten ſie überhaupt je an Deck bemerkt zu haben, hatte es die fröhliche Stimmung die das nahe Land hervorgebracht, wenn nicht ganz geſtört, doch merklich gedämpft. Weſentlich zu dem Unbehagen trug aber auch der Doktor Hückler bei, der ſich vor dem Frühſtück, das die Paſſagiere heute außergewöhnlich zeitig in der Cajüte verſammelt hatte, in ſeinem unglückſeligem Geſchäftsſtolz nicht enthalten konnte, dem Profeſſor Lobenſtein genau den er⸗ folgloſen Aderlaß an der Todten, die Umſtändlichkeiten ihrer letzten Augenblicke und den wahrſcheinlichen Zuſtand ihres Gehirns, das einer Entzündung erlegen wäre, zu beſchreiben. Der Profeſſor ſuchte dabei vergebens ihm zu entgehn, eben ſo beſchwor ihn Herr von Benkendroff ihnen nicht wieder das Frühſtück mit ſeinen verzweifelten Beſchreibungen zu verderben. Umſonſt, der Fall intereſſirte ihn ſelber viel zu ſehr, ihn ruhig 254 und unausgeſprochen bei ſich tragen zu können, und er mußte ſeinem Herzen Luft machen. Indeſſen war Hedwig, die an dem Morgen ſchon zwei⸗ mal vergebens an ihrer jungen Herrin Thür geklopft, durch den Cajütenwärter dorthin beſchieden worden, und flog jetzt dem willkommenen Befehle Folge zu leiſten. Die junge Frau hatte ſich ihr ſtets ſo mild, ſo freundlich gezeigt, war beſon⸗ ders geſtern Abend in ihrem Schmerz ſo herzlich mit ihr ge⸗ weſen— und dieſe Güte that dem armen, verwaiſten Kind ſo wohl— daß es ſie trieb und drängte ihr Leiden zu er⸗ fahren. Konnte ſie auch nicht helfen, mittragen konnte ſie es doch, und Alles, Alles thun was in ihren Kräften ſtand, ja ſelbſt was über ihren Kräften lag, es zu erleichtern. Sie fand Clara heute ſchon auf, und vollſtändig ange⸗ zogen in ihrer Cajüte, und als ſie die Thüre öffnete ſtreckte ihr die junge Frau die Haud entgegen. Hedwig erſchrack aber über das todtenbleiche ſchmerzdurchzuckte Antlitz der geliebten Herrin, und wollte die gebotene Rechte in ängſtlicher Haſt an ihre Lippen führen, als ſie ſich von Clara emporgezogen, von ihren Armen umſchloſſen und einen heißen Kuß, heißere Thrä⸗ nen auf ihrer Stirne fühlte. „Um Gottes Willen liebe— gnädige Frau“— „Nenne mich Clara fortan und Schweſter“— flüſterte aber die Frau unter gewaltſam zurückgedrängten Thränen— „denn ich will es Dir ſein bis zum Tode, Du armes— lie⸗ bes Kind. Aber ruhig jetzt— keine Frage weiter, kein Wort,“ bat ſie, als Hedwig ſich halb erſchreckt, halb ſchüchtern aus er mußte hon zwei⸗ fft, durch flog jetzt mge Frau var beſon⸗ it ihr ge⸗ ſſten Kind den zu er⸗ nnte ſie es ſtand, ja dig ange⸗ nete ſtreckt chrack aber geliebten er Haſt an ogen, von here Thr⸗ lüſterte hranen— nes— li⸗ in Wert chtern aus ihren Armen loszuwinden ſuchte—„in wenigen Tagen— Stunden vielleicht, betreten wir das Land, und die uns fremd hier ſind brauchen nicht zu ahnen daß uns ein Schmerz, ein Leid gedrückt. Komm mein Kind“ ſetzte ſie dann ruhiger hin⸗ zu, während ſie die Spuren der Thränen von ihren Wangen zu tilgen ſuchte,„komm Hedwig, wir wollen hinaus unter die Leute gehn, aber Du bleibſt bei mir, nicht wahr mein lie⸗ bes Kind, Du gehſt jetzt nicht wieder von mir fort?— Schon gut— ſchon gut, ich weiß daß Du mich liebſt, wenn ich es auch nicht verdiene, denn auch ich— aber das ſpäter— das ſpäter“ flüſterte ſie, ihr Herz mit beiden Händen deckend, als wenn ſie es halten und bändigen wollte in der Bruſt—„Und nun die Maske vor zum erſten Mal!“ Hedwig, nicht im Stande den, für ſie räthſelhaften Sinn der dunklen Worte zu verſtehn, wagte auch nicht zu fragen und zu forſchen, hätte ihr die Frau ſelbſt Zeit dazu gelaſſen. Dieſe aber öffnete raſch die zur Cajüte führende Thür, und betrat den inneren Raum, wo ſie ſämmtliche Paſſagiere am Frühſtückstiſch bereits verſammelt fand.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief aber Marie, die auf ſie zu lief, und ſie umarmte und küßte,„wie bleich und angegrif⸗ fen Du ausſiehſt Clara; Du biſt recht krank geweſen— biſt es noch, und mußt Dich unendlich ſchonen und in Acht neh⸗ men, daß Du Dich ja recht bald wieder erholſt. Draußen iſt ja ſchon das Land in Sicht— ſoll ich es Dir zeigen?“— „Nachher, nachher meine liebe Marie,“ lächelte Clara, ihren Kuß und den Morgengruß der Uebrigen erwiedernd. * 256 Herr von Hopfgarten begnügte ſich aber nicht mit der kalten Verbeugung, ſondern ging auf ſie zu, um den ganzen Tiſch herum, ſchüttelte ihr die Hand, und ſagte ihr daß es ihn unendlich freue ſie wieder wohl und munter zu ſehn, denn ſie hätte ihm die ganze Zeit lang gefehlt, und er wäre ſelbſt nicht einmal über das Land froh geworden. Marie neckte ihn deshalb, aber des Capitains Ruf nö⸗ thigte die Paſſagiere ſich zu ſetzen, und das Geſpräch wurde jetzt allgemein. Mit der Sonne wurde die Briſe indeſſen etwas lebendi⸗ ger, und das Land lag ſchon, ein deutlicher dunkler niederer, aber doch ſelbſt dem bloßen Auge leicht erkennbarer Streifen am fernen weſtlichen Horizont, dem das Schiff jetzt mit voll⸗ geblähten Segeln entgegenſtrebte. Rechts und links kamen dabei noch andere Segel in Sicht, kleine Küſtenfahrzeuge wie größere Schiffe, die theils gegen den Wind aufkreutzten, theils mit ihnen gleiche Bahn gingen der amerikaniſchen Küſte zu, und die Paſſagiere hätten des Neuen und Fremdartigen zu ſehen genug gehabt, wäre ihre Aufmerkſamkeit nicht bald auf das Begräbniß der Frau gelenkt worden. Der Capitain trieb nämlich, die Leiche über Bord zu laſſen, einer Maſſe Umſtänd⸗ lichkeiten zu entgehen, die er ſonſt noch bei der Landung hätte haben können. Der Steuermann ging jetzt zu Leupold, machte ihn da⸗ mit auf ſeine rauhe aber nichtsdeſtoweniger herzliche Weiſe be⸗ kannt, und forderte ihn auf ſich zu ſammeln und dem, was er nun doch einmal nicht ändern könne, männlich in's Auge * 3 257 ſcht mit der 9 „ 6 or d j Ni den ganzen zu ſchaun. Leupold aber wollte im Anfang Nichts davon dnß es ihn wiſſen, bat nur um— einen Tag, dann um wenige Stunden g 1 n, dem ſe noch Aufſchub— man könne die Geſtorbene doch nicht, faſt ſabſt niht noch warm, ſchon begraben wollen. Seine Freunde aber re⸗ 1 deten ihm zu ſich dem Unvermeidlichen zu fügen, ſelbſt Georg Donner, auf den er am meiſten hielt, bat ihn es geſchehen zu s Ruf nä⸗ 4. laſſen; die Frau ſei todt, und unter den nun einmal beſtehen⸗ räch wurde T den Umſtänden jedenfalls das Beſte, den lebloſen Körper ohne ) z lehenie Zeitverluſt den Wellen— ihrem ſtillen Grab, zu übergeben. das lebendie 3—: 7: 1 ddere, Der Mann fügte ſich endlich darein, küßte noch einmal ler niedee,. die bleichen Lippen der Dahingeſchiedenen, barg dann das Ant⸗ 1 1 litz in den Händen und weinte laut. Der Steuermann winkte t mit vol indeß dem Segelmacher, den Körper vollſtändig einzunähen. nks knum’ Er ſelber befeſtigte dabei einen Sack ſchon bereit gehaltener hrzeuge d Steinkohlen zu ihren Füßen, und die Zwiſchendeckspaſſagiere zten, thals wurden aufgefordert der Todten die letzte Ehre zu erweiſen. n Küfte zu Von allen Seiten drängten ſie ſtill und ſchweigend herbei, dartigen n und umſtanden den Platz mit entblößten Häupten, wo vier ht bald au Matroſen die Planke auf der die Leiche lag, aufhoben und mit rer Streifen pitain nit dem Fußende auf die Railing hinausſchoben; zwei Mann hiel⸗ enſünd⸗ ten ſie dort im Gleichgewicht. dung hͤtte Der Capitain war indeſſen auf den Gangweg herunter gekommen, und ſeine Mütze abnehmend trat er zu der Leiche zte ihn do hinan, und ſagte mit lauter einfacher Stimme: Weiſe be„Ich habe verſprochen gehabt alle meine Paſſagiere ſicher den, was und wohlbehalten nach Amerika hinüberzufuͤhren. Gott der ins Augt Herr hat es anders gewollt, und dieſe eine Seele abgefordert Gerſtäcker's Nach Amerika. II. 17 258 zu Seiner himmliſchen Herrlichkeit. Sein Name ſei gelobt und geprieſen, Er führt Alles zum Guten aus, und des Menſchen Kraft iſt wie ein Hauch vor Seinem Willen. Aber Er hat uns auch Seine ganze weite Welt zum Troſt dafür gegeben, in der jede ſchwellende Woge, jeder blinkende Sonnen— ſtrahl ein Zeichen und Merkmal Seiner Macht und Gnade iſt— Ihm wollen wir vertrauen. Des Herren Name ſei ge⸗ lobt!“ Und dann das Haupt neigend begann er mit leiſerer Stimme das„Vater unſer“ zu beten, in das die Paſſagiere lautlos mit einſtimmten— mit den letzten Worten aber und auf ein leiſes Zeichen des Capitains, hoben die beiden Ma⸗ troſen die die Planke hielten, dieſe langſam an dem inneren Ende in die Höh; die Leiche wurde dadurch mit dem Kopf— ende mehr aufgerichtet und glitt raſch, von dem Gewicht des Steinkohlenſackes nach vorn gezogen, hinab. „Louiſe— Louiſe!“ rief der Mann mit einem herz⸗ zerreißenden Ton und ſtreckte die Arme nach-ihr aus, ber im nächſten Momente ſchlug die Fluth über thr zuſmumen, und während das Schiff raſch über die Stelle glitt, ſant der Körper tiefer und kieier,hihab⸗ und verſchwand in der bläu⸗ lichen Nacht. c,h Vorbei— über der Liiche wogte die See ſo ſtill und ruhig als vorher, und das gewaltige Grab von Millionen wälzte ſeine munter plätſchernden Wellen raſch und lebendig dem näher und näher rückenden Lande entgegen. —— Druck von Ferber& Seydel in Leipzig. ei gelobt und des n. Aber ſſt dafür Sonnen⸗ d Gnade te ſei ge⸗ t leiſerer aſſagiere aber und den Ma⸗ ninneren m Kopf vicht des emn helz⸗ ”, ſbe ponten, ſan der V der bläu⸗ till und willionen lchendig — — Colodr& Grey Gornro Chart 30 B1ue Cyan Green vellow Hed Magenta