———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von 2 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 ☛ —————— jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1* AEEETREE 3 Ein Volksbuch. Erſter Band. 2 —— — e — S — — 3 —— vorbehalten. Zerlin. Die AUeberſetzung des Werkes wird nach§. 4, b. des Geſetzes vom 11. Juni 1837 Rudolph Gaertner, Amelang'’ſche Sortiments-Zuchhandlung. * 8 — ————.——— — von Friedrich Gerſtäcker. Illuſtrirt von Theodor Hoſemann. * 4 8 Erſter Band. Teipzig, Berlin, Hermann Coſtenoble, Nudolph Gaertner, 1. Verlagsbuchhandlung. Amelang'ſche Sort⸗Buchhandlung. Nach Amerika! Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umſchlag bringt, den Beſchauer dadurch gewiſſermaßen in den Charakter des Ganzen einzuweihen, ſo will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des Ban⸗ des heraus, zum Vorwort wählen, den Leſer gleich von vorn herein mit dem bekannt zu machen, was ich ihm biete. „Nach Amerika!“— Leſer, erinnerſt Du Dich noch der Märchen in„Tauſend und eine Nacht“, wo das kleine Wört⸗ chen„Seſam“ dem, der es weiß, die Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? haſt Du von den Zauberſprüchen gehört, die vor alten Zeiten weiſe Männer gekannt, Geiſter heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls ſich dienſtbar zu machen?— Mit dem erſten Klang der einfachen Spylbe ſchlugen, wie ſich die Sage ſeit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zuſammen, ddie Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menſchenkind das ſie ——ꝛ—ꝛ—:—--—-:—:—ꝛ—⸗—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ÿ;üjy——;—C—O—⸗⸗⸗:⸗:⸗::-—-—-:-:--—— VI geſprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeſchworen. Die Zeiten ſind vorüber; die Geiſter, die damals dem Menſchengeſchlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergeſſen ſie zu rufen— aber ein anderes dafür gefunden das, kaum minder ſtark, mit einem Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen ſeinen Ver⸗ hältniſſen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit ſeinen ſtärkſten, innigſten Fa⸗ ſern treulich feſtgehalten. „Nach Amerika,“ leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der erſten ſchweren, traurigen Stunde entgegen, die ſeine Kraft prüfen ſollte, ſeinen Muth ſtählen—„nach Ame⸗ rika,“ flüſtert der Verzweifelte der hier am Rand des Verder⸗ bens dem Abgrund langſam aber ſicher entgegen geriſſen wurde —„nach Amerika,“ ſagt ſtill und entſchloſſen der Arme, der mit männlicher Kraft, und doch immer und immer wieder ver⸗ gebens gegen die Macht der Verhältniſſe angekämpft, der um ſein„tägliches Brod“ mit blutigem Schweiß gebeten— und es nicht erhalten, der keine Hülfe für ſich und die Seinen hier im Vaterlande ſieht, und doch nicht betteln will, nicht ſtehlen kann—„nach Amerika“ lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, frohlockend der fernen Küſte entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts 1 —„nach Amerika,“ jubelt der Idealiſt, der wirklichen Welt zürnend, weil ſie eben wirklich iſt, und über dem Ocean drüben VII ein Bild erhoffend, das dem, in ſeinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht—„nach Amerika“ und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeſchloſſen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen— liegen die Bande die Blut oder Freund— ſchaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen die ſie für hier ge⸗ hegt, die Sorgen die ſie gedrückt—„nach Amerika!“ So gährt und keimt der Saame um uns her— hier noch als leiſer, kaum verſtandener Wunſch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der. reifen Frucht ſeiner gepackten Kiſten und Kaſten. Der Bauer draußen hinter ſeinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie ſo ſchwer geärgert, und der im Geiſt ſchon die langen geraden Furchen zieht, weit über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land;— der Handwerker in ſeiner Werkſtatt, dem ſich Meiſter nach Meiſter in die Nachbarſchaft ſetzt, mit Neue⸗ rungen und großen, marktſchreieriſchen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in ſeine Thür zu locken; der Künſtler in ſeinem Atelier, oder ſeiner Studirſtube, der über einer freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande ſchwärmt wo Nahrungsſorgen ihm nicht Geiſt und Hände binden;— der Kaufmann hinter ſeinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in ſeinen Büchern zieht, und, das ſorgenſchwere Haupt in die Hand geſtützt, von einem neuen, andern Leben, von luſtig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäuſern träumt; in Tauſenden von ihnen drängt's und treibt's und quält's, und wenn ſie auch VIII noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke fort— ein ſtiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird geleſen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorſichtig und ängſt⸗ lich, und wie weit herum um ihr Ziel, daß man die Abſicht nicht errathen ſoll, fragen ſie verſteckt nach dem und jenem Ding— nach Leuten die vordem„hinüber“ gezogen und denen es gut gegangen— nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk— für Andere natürlich, nicht für ſich etwa— ſie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, ſie wünſchen daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für ſich ſelber auf. So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner iſt unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Ver⸗ wandter den salto mortale gethan, und Alles hinter ſich ge⸗ laſſen, was ihm einſt lieb und theuer war— aus dem, aus jenem Grund— und täglich, ſtündlich noch hören wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt daß ſie je an Amerika gedacht, wie ſie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinüberziehn.“ Und dort?— — Die vorliegenden Blätter ſollen dem Leſer ein Bild geben von dem Leben und Treiben ſolcher Leute. Hier aus unſerer Mitte heraus, aus den verſchiedenartigſten Verhält⸗ niſſen und Sphären, aus allen Schichten der menſchlichen IX Geſellſchaft ſehen wir ſte ziehn— Gute und Böſe, den Leicht⸗ ſinnigen und den Speculanten, den Bauer und Handwerker, den Gelehrten und den Arbeiter, den rechtſchaffenen Bürger und den heimlichen Verbrecher, Alle dem einen Ziel entge⸗ genſtrebend. Und Alle vereinigt ſie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menſchen auf ſeinem ſchwanken Kiel hinüberträgt, dem fernen Welttheil zu; oh was für Hoff⸗ nungen, was für Pläne und Träume birgt er in ſeinem Schooß. Aber die Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich, im engen Haus, ſtill nnd gedrängt beiſammen; Jeder mit dem alten Leben abgeſchloſſen hinter ſich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem wunder⸗ lichen unnatürlichen Zuſtand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in die Tiefe rollt, und die ausgeſchobene ſchmale Planke der bunten Schaar von Tag⸗ und Nachtfaltern den Weg in's Freie öffnet. Hinaus flattern ſie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom Winde fort geführt; die Einen ſelbſtbewußt und keck dem fremden, unbekannten Leben in die Arme ſpringend, die Anderen ſcheu und zaghaft bei jedem Schritte faſt mora⸗ liſche Selbſtſchüſſe und Fußangeln fürchtend; Alle aber ent⸗ ſchloſſen, die meiſten ſogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die, im alten aufgegebene Exiſtenz abzuringen, Jeder in ſeiner Art, auf ſeine Weiſe. Dort nun ſehen wir ſie ſchaffen und wirken in Gutem und Böſen, die Einen mit ihren kühnſten Hoffnungen erfüllt, Andere, zerknirſcht und zertreten, die Stunde verwünſchend, X die den Gedanken an Auswanderung gebar— ſehn wie ſich die Wildniß lichtet, wie Farmen und Städte entſtehn, und ſich das deutſche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen Bekannten und Freunden, die wir zu Hauſe ſchon, oder auf der Fahrt erſt lieb gewonnen, oder für die wir uns intereſſiren, auf ihren verſchiedenen, oft wunder⸗ lichen Bahnen. Manchen alten Reiſegefährten führ ich dabei dem Leſer vor, und hoffe ihn nicht zu langweilen, den weiten Weg; ſchlafen wir dann auch manchmal draußen im Freien, oder in niederer Blockhütte auf dünnem„Quilt“, müſſen wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das Land kennen, mit ſeinen guten und ſchlechten Eigenſchaften, ſeinen Vortheilen und Mäͤngeln, ſeinen Bürgern und Einwanderern, ſeinen inneren Verhältniſſen, ſeinem Leben und ſeiner Lebenskraft, und bin ich im Stande ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tauſenden ſo heiß erſehnte Welt, wie ich ſie ſelbſt gefunden, thun zu laſſen, ſo hab ich meinen Zweck mit dieſem Buch erreicht. Roſenau bei Coburg im September 1854. Friedrich Gerſtäcker. Capitel Capitel Capitel Capitel Capitel Capitel Capitel Capitel Capitel Capitel 09 SO= 8d— . Das Dollingerſcſt Hans. .Der rothe Drachen .Der Diebſtahl .Franz Loßenwerder Inhalt des erſten Die Auswanderungs-⸗Agentur .Die Weberfamilie . Nach Amerika..... „Der Tanz im rothen Drachen 9. 10. Rüſtungen Die beiden Familien Seite 1 17 46 76 97 136 161 178 212 236 „. — Capitel J. Das Dollinger'ſche Haus. Im Hauſe des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen — einer nicht unbedeutenden Stadt Deutſchlands— hatte am Sonntag Mittag, ein kleines Familienfeſt die Glieder des Hauſes um den Speiſetiſch verſammelt, und dieſen heute in außergewöhnlicher Weiſe mit Blumen geſchmückt, und deli⸗ caten Speiſen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag⸗ der zweiten Tochter des Hauſes, der liebenswürdigen Clara und nur ihr erklärter Bräutigam, ein junger deutſcher, in New⸗Orleans anſäſſiger Kaufmann, als Gaſt der Familie zugezogen worden.. Am oberen Ende des Tiſches, um dem Leſer die Perſonen gleich in Lebensgröße vorzuführen, ſaß Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber behäbiger, ſtattlicher Mann, mit kla⸗ ren, blauen, unendlich gutmüthigen Augen und ſchneeweißen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel geſchnittenen Ge⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 1 2 ſicht gar gut und ehrwürdig ſtanden. Ihm zur Rechten ſaß ſeine Frau, allem Anſchein nach etwa funfzehn oder ſechzehn — Jahre jünger wie er ſelber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch noch ſogar jünger ausſehend, als ſie wirk⸗ lich war. Sie ebenfalls, mit ihrer ſtattlichen Geſtalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber das etwas ausge⸗ 3 ſchnittene Kleid, wie die ſchwere goldene Kette, Broche und Ohrringe, die ſie, faſt etwas zu reichlich ſchmückten, paßten nicht ganz zu dem ſonſt ſo freundlichen, matronenhaften Aeußern. Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen Augen ſchauten gar ſo vertrauungs⸗ und unſchuldsvoll hinein in die Welt, an deren Schwelle ſie ſtand, und die ihr, wie ein eben geöffnetes, prachtvoll gebundenes Buch auf den erſten, flüchtig durchblätterten Seiten, nur freund⸗ liche Blumen und ihr zulächelnde Geſtalten zeigte. Kein Schmerz hatte dieſe engelſanften Züge noch je durchzuckt, keine Thräne wirklichen Schmerzes den reinen Blick getrübt, und die ganze zarte, ſinnige Geſtalt glich der eben entkeimenden Früh⸗ lingsblüthe im ſonnigen Wald, die dem jungen Frühlingstag in Glück und Unſchuld die ſchwellenden Lippen zum Kuſſe bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den rei⸗ naen Aether über ſich, nur ſchöner, nur glühender zurückſpiegelt. Ihre um nur wenige Jahre ältere Schweſter, Sophie, die an des Vaters Seite ſaß, ähnelte der Schweſter in mancher Hinſicht an Geſtalt, aber das einfach kindliche, was Clärchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte ihr. Ihre Geſtalt war — 1“ — 1 3 voller, majeſtätiſcher, aber auch ihr Blick mehr kalt und ſtolz; „ich bin des reichen Dollingera Kind“ lag klar und deutlich in den ſcharf zuſammengezogenen Mundwinkeln, in dem feſt und entſchieden blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war, wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in's Auge ſpringend, Bewunderung fordernd. Zwiſchen Beiden ſaß Clara's Bräutigam, ein junger, bild⸗ hübſcher Mann in moderner, faſt für einen Mann etwas zu ge⸗ wählter und ſorgfältig geordneter Kleidung; er trug das Haar in natürlichen dunkelbraunen Locken und das Geſicht glatt rafirt, bis auf einen kleinen, aufmerkſam gekräußten, und nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre ſehr koſtbare Diamant⸗Ringe, eine Brillant⸗Tuchnadel von prachtvollem Feuer, und eine ſchwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelſteinen beſetzte Uhrkette. Die Bekanntſchaft Clara's und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas romantiſche Weiſe, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger waren nämlich mit ihren beiden Töchtern im vorigen Herbſt auf einer Rhein⸗ reiſe bei Rüdesheim aus⸗ und zu dem kleinen Waldtempek oben über Asmannshauſen hinaufgeſtiegen, um ſich von dort nach dem Rheinſtein überſetzen zu laſſen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte Bergſteigen heftige Kopfſchmerzen bekommen oder, was wahrſcheinlicher iſt, ennuyirte ſich am Land und wünſchte an Bord des Dampfers zurückzukehren, und als ſie gerade mit dem Kahn über den Rhein fuhren, kam ein 1* 8 88 4 4 Dampfboot ſtromab, und hielt auf ihr Winken, ſie an Bord — zu nehmen. Herr und Frau Dollinger, mit Sophie, von den Kahnführern unterſtützt, hatten auch ſchon glücklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte Clara, als dieſe ſich plötzlich erinnerte, ihre Geldtaſche im Kahn ver⸗ — geſſen zu haben, und anſtatt dieſe ſich heraufreichen zu laſſen, ſelber wieder zurückſprang ſie zu holen. Durch das Hinein⸗ ſpringen fing aber der ſchmale Kahn an zu ſchwanken, wäh⸗ rend ſie, die vergeſſene kleine Taſche aufhebend, das Gleich⸗ gewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein ſtürzte. Unglücklicher Weiſe waren gerade in dem nämlichen Augen⸗ blick die Kahnleute an Deck des Dampfers geſtiegen, den Koffer eines Paſſagiers, der mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn ſie jetzt auch, auf das Geſchrei an 8 Bord, raſch in dieſen zurückſprangen, trieb doch Clara ſchon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika zurückgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers zugeſehn, mit keckem Muth ins Waſſer ſprang und 4 die Jungfrau doch wenigſtens ſo lange an der Oberfläche un⸗ terſtützte, bis das Boot herbeikam ſie beide aufzunehmen. Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joſeph Henkel, wie der junge Mann hieß, gewann ſich in den nächſten Wochen, die er in der Geſellſchaft der ihm zu großen Dank verpflichteten Familie zubrachte, die Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerſt bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, ſagten Beide nicht nein. Allerdings wollte der Vater erſt, wenn auch nicht 5 gerade Schwierigkeiten machen, doch etwas Genaueres über die Exiſtenzmittel eines Mannes erfahren, dem er das Glück und Leben eines lieben Kindes anvertrauen ſollte. Henkel ſelber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adreſſen an ver⸗ ſchiedene Häuſer in New⸗Orleans, die ihm über ſeine dortige Stellung genaue Auskunft geben konnten. Nach ſeinem Vermögen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht ſo genau forſchen; er war ſelber reich genug, einen reichen Schwiegerſohn entbehren zu können, und etwas Vermögen mußte der junge Mann haben, dafür bürgte ſein ganzes Auftreten, bürgte beſonders in den Augen ſeiner Frau der reiche und wirklich koſtbare Schmuck, den er trug. Joſeph Henkel war aber auch außer⸗ dem ein intereſſanter und ſehr geſcheidter Mann, der Man⸗ ches in der Welt ſchon geſehen und erlebt, und das Geſehene und Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu ſchil⸗ dern wußte. Er hatte die ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Süd und von Oſt nach Weſt durchſtreift, und dort theils ſeinen Geſchäften gelebt, theils gejagt, ſogar ein kleines Dampfſchiff auf dem Arkanſas laufen gehabt, mit den India⸗ nern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Oſtens gegen ihre eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauſchen. Er war auch einmal von jenen wilden trotzigen Stämmen, die uns Cooper ſo herrlich und unübertroffen be⸗ ſchrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt, und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara hatte eine ganze Nacht nicht ſchlafen kön⸗ 6 nen, nur in der Angſt und Unruhe um die entſetzliche Gefahr, der ſich der tollkühne Menſch damals ſchon ausgeſetzt. Der junge Mann ſchien aber zwiſchen jenen wilden Stäm⸗ men den Umgang mit civiliſirten Menſchen keineswegs ver⸗ lernt zu haben, und beſaß ganz beſonders ein faſt wunderbares Geſchick, ſich ſeiner Umgebung anzuſchmiegen, und ſich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als ein tüchtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzüglich eine vortreffliche ſtatiſtiſche Kenntniß der Union beſaß, gewann er ſich dabei, und gleich von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte er leicht ihre kleinen, oft liebenswürdigen Schwachheiten abgelauſcht, und wußte ihnen auf ſo geſchickte Art zu begegnen, daß Frau Dollinger, mit der Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, ſchon nach ſehr kurzer Zeit ganz entzückt von ihm war, und ſein Lob dem Gatten unauf⸗ hörlich redete. Auch mit der älteren Schweſter, Sophie, wußte ſich Henkel bald auf guten Fuß zu ſtellen; er hatte bei ihr das leichteſte Spiel, denn ihre Schwächen lagen offen zu Tag, denen aber ſchmeichelte er mit ſolcher Liebenswürdigkeit, daß ihm Clara, die es fühlte wie er dabei aus ſich herausging und etwas annahm was ihm nicht natürlich war, oder doch jedenfalls dem Mann, den ſie liebte, nicht natürlich ſein ſollte, dennoch nicht böſe darüber werden konnte. Deſto freier, offener und natürlicher war er dafür gegen ſie ſelber; er las, ſang und ſpielte Pianoforte mit ihr, lehrte ſie eine Menge kleiner reizender, ſchottiſcher und iriſcher Lieder, oder plauderte mit ihr leicht und ſorglos Stunden lang in den 7 Tag hinein, und konnte oft ſo herzlich dabei lachen, daß es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhören. Selbſt Sophie ent⸗ ſagte dann nicht ſelten ihrem ſonſt etwas mehr abgeſchloſſenen, faſt ſteifen Weſen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Fröh⸗ lichkeit zu nehmen. Nur in den letzten Tagen war der junge„Amerikaner“ wie er im Hauſe gewöhnlich ſcherzhaft hieß, oder der„Dela— ware“ wie ihn Sophie, wenn ſie manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffällig niedergeſchlagen geweſen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er ſagte, und ein ſehr lieber Freund von ihm war dort ſchwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm gehörte, und das nicht verſichert worden, ſo lange ausgeblieben, daß ſein Compagnon faſt den Untergang deſſelben befürchte. Der alte Herr Dollinger tröſtete ihn des⸗ halb, und er ſchien ſich auch darüber hinwegzuſetzen, die ſonſt ſo blühende Farbe ſeiner Wangen wollte aber doch nicht ſogleich wieder dorthin zurückkehren, und das Auge hatte etwas Unſicheres, Unſtätes, ihm ſonſt gar nicht Eigenes bekommen. Nur heute, zu dem Feſt der holden Jungfrau, die er bald die ſeine zu nennen hoffte, hatte er all die trüben Gedanken, welcher Art ſie auch geweſen, und woher ſie ſtammten, von ſich abgeſchüttelt, und war ganz wieder der frohe glückliche Mann, wie ihn Clara kennen— lieben gelernt. Auf ſeinen Wunſch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz ein— verſtanden geweſen, war auch heute keine größere Geſellſchaft geladen worden, ſondern die kleine Familie ſpeiſte ganz„unter ſich“ in dem feſtlich mit Blumen und Guirlanden geſchmückten 8 Zimmer des jungen liebenswürdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte ſich eigentlich ſchon länger auf eine zu dieſem Zweck einzuladende, größere Geſellſchaft gefreut, Herr Dollinger ſelber hielt aber nicht viel von ſolchen Féeten; dafür jedoch be⸗ dung ſie ſich aus, daß ſie wenigſtens den Nachmittag ſpatzieren fahren wollten, wobei ſie der junge Henkel gewöhnlich zu Pferde begleitete. Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner trinken, und der zweite Stöpſel war eben luſtig hinausgeknallt, der Geſundheit des„jungen Braut⸗ paares“ zu Ehren, als die Thür aufging und Loßenwerder, ein Comptoirdiener des Hauſes, mit einem kleinen Paket in's Zimmer trat. Loßenwerder war ſchon ſeit elf oder zwölf Jahren im Haus, und ſeinem Aeußern nach eben keine angenehme Per⸗ ſönlichkeit; er hinkte anf dem linken Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war überhaupt häßlicher und magerer Natur, und ſchielte auf dem rechten Auge, wodurch ſein ſonſt gerade nicht unangenehmes Geſicht einen etwas falſchen Ausdruck be⸗ kam. Das Störendſte aber an dem ganzen Menſchen war ſein Stottern, wegen dem man ſich auf ein längeres Geſpräch gar nicht mit ihm einlaſſen konnte, und kam er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau Dollinger ſowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere behauptete ſogar er verſtelle ſich und ſie habe ihn ſchon ganz ordentlich, wenigſtens zehntauſend Mal beſſer ſprechen hören, als er es jedesmal affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung — —— komme; Clara aber hatte Mitleid mit dem armen Menſchen, den ſie ſeines Unglücks wegen innig bedauerte, ſchenkte ihm oft eine Kleinigkeit und ſpottete nie über ihn, während Herr Dollinger ſelber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch außerdem eine vortreffliche Hand ſchrieb, kannte und ſehr zufrieden mit ihm war, ihm auch jedes nur mögliche Ver⸗ trauen bewieß. „Hallo, Loßenwerder, was bringſt Du mir da in's Haus?“ rief ihm ſein Principal jetzt halb lachend, halb erſtaunt ent⸗ gegen, als der kleine Mann das Zimmer betrat und ſchüchtern an der Thüre ſtehen blieb—„iſt das für mich oder meine Tochter?“ „ Gewiß für mich, Väterchen,“ rief Clara, raſch von ihrem Sitze aufſpringend—„ſiehſt Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergeſſen mit meinem Feſt, und mir Gruß und Ge⸗ ſchenk geſchickt.“ „Hehehe— mö—mö möchten es ſich wo——wo—wo— — wo— wohl wü— n-nſchen Fräulein“ lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger zuwinkte, daß das Paket für ihn ſei—„ka—ka— ka—kann ich mir de— de—de— de— denken Go— go— gold und Ba— ba— ba— ba— bank— no-— noten.“ Er zog dabei einen Brief aus der Taſche, den er dem Herrn übergab. „Hm, hm, hm“ ſagte aber dieſer kopfſchüttelnd,„und das bringſt Du mir jetzt in's Haus— gerade wo ich ausfahren will— warum haſt Du es denn nicht dem Caſſtrer gegeben?“ 10 „Ni— ni-— nirgends zu fi—fi— fi— finden“ ſtotterte Loßen⸗ werder. Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief flüchtig durch⸗ fliegend, herüber und hinüber, ſagte dann aber, aufſtehend und das Papier vor ſich hinlegend: „Ja, da läßt ſich denn weiter Nichts ändern; gieb mir das Paket Loßenwerder, und ſieh dann zu, daß Du Herrn Reibich findeſt. Ich laſſe ihn bitten um ſieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu mir zu kommen— verſtanden?“ „Ja— ja— jawohl He—he— he— herr Do— do— do— Do—“ „Schon gut“ lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, „und hier, Loßenwerder, magſt Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken. Fräulein Clara's Geburts⸗ tag iſt heute— hier Clara, reich es dem jungen Herrn.“ Er füllte dabei ein Waſſerglas bis zum Rande voll von dem funkelnden, ſchäumenden Naß, und während Clara mit freund⸗ lichem Lächeln dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit Geld, ging zu dem nahen Se⸗ cretair, in dem der Schlüſſel ſtak, öffnete ihn, legte das Geld hinein, zog dann den Schlüſſel ab und ſagte, dieſen der Toch⸗ ter überreichend:* „So Kinder, heute müßt Ihr einmal auf ein paar Stun⸗ den mein Caſſirer ſein, bis der andere aufgefunden werden kann.“ Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Loßenwerder, 11 der das volle Glas in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Geſicht geworden war, hob es empor und rief ſtotternd: „Fr— re, re, re, re, re, räu—le—le— lein Cla—ra—ra — ra— ra— aus ga— ga— ganzem He— he— he— he— he— he— her— ze— ze— zen.“ Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft ge⸗ macht, ſetzte er das Glas an, und der Wein verſchwand wie durch Zauberei. „Alle Wetter“ lachte Herr Dollinger, der ſich gerade nach ihm unrerbe„Loßenwerder hat einen vortrefflichen Zug— nun?— hat's geſchmeckt?“ „Gu gut Herr Do— do— do— do— do“ „Genug, genug“ winkte ihm der Principal wieder ab— alſo beſtell mir das ordentlich!“ Loßenwerder, der Art entlaſſen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu kommen, in der er ſich nicht heimiſch fühlen konnte, ſetzte das Glas auf einen Seitentiſch ab, machte eine etwas linkiſche Verbeugung, und wohl wiſſend daß er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr übrig hatte, empfahl er ſich ohne weiter auch nur einen Verſuch zu münd⸗ lichem Abſchied zu machen. „Eine unangenehme Perſönlichkeit“ ſagte Frau Dollinger zu ihrem Schwiegerſohn in spe, als der Mann noch die Thür nicht einmal ordentlich hinter ſich geſchloſſen hatte;„ich kann mir nicht helfen, auf mich macht der Menſch immer einen fa⸗ talen Eindruck.“ unnverwandt hat er mich indeſſen mit dem andern Auge ange⸗ 12 „Wie— wie befehlen Sie meine Gnädige?“ ſagte der junge Henkel etwas zerſtreut; Sophie bog ſich in dieſem Augen⸗ genblick zu ihm nieder und flüſterte ihm ein paar Worte zu— „Er kann ja doch Nichts für ſeine Gebrechen“ nahm Clara aber die Antwort auf,„und thut gewiß Alles in ſeinen Kräf⸗ ten ſie eben durch gutes Betragen vergeſſen zu machen.“ „Papa, ich würde das Geld auch nicht ſo offen in dem Secretair da liegen laſſen“ ſagte Sophie. „Nicht ſo offen?— ich habe ja zugeſchloſſen—“ „Nun, es iſt immer nicht gerade gut, wenn die Dienſt⸗ leute wiſſen wo man Geld liegen hat“ ſtimmte die Mutter bei. „Dienſtleute?“ meinte Herr Dollinger— es war ja Nie— mand von ihnen im Zimmer—“ 4 „Doch Loßenwerder?“ „Bah“ lachte der Kaufmann, mit dem Kopf ſchüttelnd. „Iſt es denn viel?“ frug ſeine Frau. „Nun, der Mühe werth wär's immer“ ſagte Herr Dol⸗ linger,„fünf Tauſend Thaler etwa— es ſoll aber auch nicht über Nacht da liegen bleiben, und Loßenwerder hat mir auf. heute Abend den Caſſirer zu beſtellen, das Geld an ſicheren Ort zu legen, bis ich morgen darüber verfügt habe.“ „Der Loßenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, ſo lang er im Zimmer war“ ſagte die Mutter, mit dem Finger vor ſich hindrohend. „Lieber Gott, Mütterchen, Du weißt ja aber doch daß er ſchielt“ vertheidigte ihn lachend Clara—„eben ſo feſt und 8 13 ſehen; ſeine Schuld iſt's nicht daß er zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muß.“ „Laßt mir den armen Teufel zufrieden“ ſagte aber auch Herr Dollinger—„der iſt mir nützlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt übrigens Kinder wird es Zeit daß wir uns rüſten, und Henkel, Sie müſſen noch Ihr Pferd holen laſſen.“ „Ich habe es ſchon, in der Vorausſetzung daß wir bei dem ſchönen Wetter doch wohl eine kleine Parthie machen würden, hierher beſtellt,“ erwiederte raſch der junge Mann— wünſchen Sie den Wagen jetzt?“ „Ich glaube ja, je eher, deſto beſſer; die Tage ſind kurz und wenn wir noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, dür⸗ fen wir nicht mehr viel länger warten.“ „Aber Ihr Mädchen möchtet Euch ein wenig warm ein⸗ packen“ ſagte jetzt die Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergeſſend—„zum ſtill im Wagen Sitzen paßt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird es kühl werden.“ „Und nicht ſo lange machen,“ mahnte der Vater, der ſich ſein Glas noch einmal voll ſchenkte und leerte;„der Wagen wird im Augenblick da ſein.“ Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten ſpäter vor, Herr Dollinger, der nun ſeinen Hut und Stock aufge⸗ nommen, ging, ſeine Handſchuh anziehend, im Hofe auf und 14 nieder, und endlich erſchienen, diesmal in wirklich ſehr kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen. „Nun, wo iſt Henkel?“ ſagte Herr Dollinger, ſich nach ſeinem zukünftigen Schwiegerſohne umſchauend,„ich habe ſein Pferd auch noch nicht geſehen; jetzt wird uns der warten laſſen.“ „Die Familie hatte indeſſen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr ſchaute etwas ungeduldig zum Schlag hin⸗ aus, als der junge Henkel zum Thor, aber ohne Pferd, herein⸗ einkam. „Nun? und Sie ſitzen noch nicht im Sattel?“ rief er ihm ſchon von weitem entgegen—„das iſt eine ſchöne Geſchichte; jetzt dürfen wir den Frauen nie im Leben wieder vorwerfen, daß ſie uns warten laſſen.“ „Ich muß tauſend Mal um Entſchuldigung bitten,“ ſagte der junge Mann, zum Wagen hinantretend,„aber mein Stallmeiſter hat mich ſitzen laſſen. Wenn Sie mir erlauben ſchicke ich einen der Leute danach, oder gehe ſelber, es iſt nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie langſam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein.“ „Wir können ja hier warten,“ ſagte die Mutter. „Ja, wenn die Pferde ſtehen wollten,“ brummte Herr Dollinger—„zieh nicht ſo feſt in die Zügel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und wird nur noch immer unruhiger— wir wollen langſam vorausfahren— machen Sie aber daß Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen 15 Drachen trinken wir Kaffee, dort iſt eine wundervolle Aus⸗ ſicht— der Stalljunge mag hinüberlaufen und Ihnen das Pferd holen.“ Die Pferde zogen in dieſem Augenblick an, Henkel mußte aus dem Weg ſpringen und verbeugte ſich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara freundlich lächelnd zunickte. Eine ſtarke Viertelſtunde ſpäter ſprengte der junge„Ame⸗ rikaner,“ ſeinem Thiere die Sporen gebend, daß es Funken und Kies, hintenaus ſtob, über das Pflaſter, zum Entſetzen der Fußgänger dahin, dem Wagen nach, den er nur erſt eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im Stall wollte Niemand etwas davon gewußt haben, daß er ſein Pferd beſtellt gehabt— Einer ſchob die Vergeſſenheit na⸗ türlich auf den Andern, und Dollinger's Stallknecht mußte die Leute ſogar erſt zuſammenſuchen, bis er das Pferd bekam, deshalb hatte es ſo lange gedauert. Als er mit demſelben zurückkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden Garten auf und ab, ſprang aber dann, dem Burſchen ein Trinkgeld zuwerfend, und deſſen Entſchuldigung nur halb hörend, raſch in den Sattel undeflog, wie vorher erwähnt, in vollem Carrière die Straße nieder. Er hatte den Hof kaum verlaſſen, als Loßenwerder, einen großen, wunderſchön blühenden Monatsroſenſtock unter dem Arm, vorſichtig und wie ſcheu, daß ihn Niemand gewahre, über den Hof und in die Hinterthür des Hauſes ſchlich, und ſich leiſe und geräuſchlos die Treppe damit hinaufſtahl. Er 16 blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus derſelben Thür wieder über den Hof zurück, als der Stall⸗ knecht aus der Futterkammer kam. Unſchlüſſig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter der Thür ſtehen, und ſchlich ſich dann, als der Burſche den Platz nicht verlaſſen wollte, vorn zur Hausthür hinaus auf die Straße, den Weg nach ſeiner Wohnung einſchlagend. an — Capitel 2. Der rothe Drachen. Der„rothe Drachen“, ein Wirthshaus, das wegen ſei⸗ nes vortrefflichen Bieres, wie ſonſt mancher ſchätzenswerthen Eigenſchaften einen ſehr guten Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der großen Landſtraße, die gen Norden führte. Ein freundlicher Thalgrund umſchloß Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des nächſten Hanges krönenden Nadelhölzer hoben nur noch mehr das freundliche Grün der jungen Birken und Weißeichen hervor, die ſich über die niedere Abdachung erſtreckten, und bis ſcharf hinan an den hocheingefriedigten und ſorgfältig in Ordnung gehaltenen Frucht⸗, Gemüſe⸗ und Blumengarten des Hauſes ſelber lehnten. Es war ein warmer, ſonniger Frühlingsnachmittag; der Bach, der am Hauſe dicht vorbeirieſelte, plätſcherte und ſchäumte in friſchem jugendlichen Nehenuih, des Eiſes Hülle, die ihn Gerkäcker⸗ Nach Ameritg. I. 2 18 ſo lange gefangen gehalten oder doch feſt und ängſtlich einge⸗ klemmt, nun endlich einmal enthoben zu ſein, und die Vö⸗ gel zwitſcherten ſo froh und munter in den Zweigen der alten knorrigen Linde, die unfern der Thüre ſtand, und flatterten und ſuchten herüber und hinüber, aus den blühenden Obſtbäu⸗ men fort über den Hof und von dem Hof wieder fort in dicht verſteckten Aſt und Zweig hinein, mit einem gefundenen Stroh⸗ halm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, daß Einem das Herz ordentlich aufging über das rege glückliche Leben. Und wie blau ſpannte ſich der Himmel über die blühende, knospende Welt, wie leicht und licht zogen weiße duftige Wolken, Schwä⸗ nen gleich, durch den Aether hin, farbige, flüchtige Schatten werfend über Wieſen und Feld und die weite Thalesflucht, die ſich dem Auge in die Ferne öffnete und dem leuchtenden Blick neue Schätze bot, wohin er fiel. Ein Frühling in Deutſchland— ein Frühling im Va⸗ terland; oh wie ſich das Herz da mit der wirbelnden, ſchmet⸗ ternden Lerche hebt und jubelnd, jauchzend gen Himmel ſteigt; zwinge die Thräne da nicht zurück, die ſich Dir, dem Glück⸗ lichen, in's Auge drängt— in ihrem Blitzen preiſeſt Du den Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem Flügelſchlag über den grünen Matten ſchwebt;— wie das raſchelnde flüſternde Blatt im Wald, wie der ſchwan⸗ kende, thaugeſchmückte Halm und die knospende, duftende Blüthe im Thal. Ein Frühling im Vaterland— oh wie ſchön, wie jung und friſch die Welt da um uns liegt in ihrem bräutlichen Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen * 19 Keim, und wie ſich das Herz der ſchönen Blume gleich zu⸗ ſammenzog, als der Herbſtſturm über die Haide fuhr, mit rauher Hand den Blattſchmuck von den Bäumen riß und zu Boden warf und Schnee und Eis vor ſich hin jagte über die erſtarrende Flur, ſo öffnet es ſich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balſamiſchen Frühlingsgruß, und vorbei, vergeſſen liegt vergangenes Leid— wie der verwehte Sturm ſelber keine Spur mehr hinterließ und die ſchönſten Blumen jetzt gerade an den Stellen blühen, wo er am tollſten, raſendſten getobt. Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage ge⸗ fallen, und ſo gut er dem Land gethan, hatte er doch die Be⸗ wohner des nahen Städtchens in ihre Häuſer und Straßen gebannt gehalten, von wo aus ſie ſehnſüchtig die nahen grü⸗ nenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht nachlaſſen wollten Segen auf die Fluren niederzu⸗ träufeln. Heute aber hatte ſich das geändert; voll und warm glühte die Sonne am Himmelszelt und hinaus ſtrömten ſie in jubelnden Schaaren, hinaus in's Freie. Der„rothe Drachen“ vor allen anderen Plätzen, der ſo reizend an der Oeffnung des Thales lag und die Ausſicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte dabei ſein reichlich Theil erhalten der fröh⸗ lichen Schaar, daß die Wirthin mit ihren Kellnern und Mäg⸗ den nicht Hände genug hatte zu ſchaffen und herzurichten, und die Tiſche und Bänke im Garten draußen faſt alle beſetzt wa⸗ ren rund herum von Schmauſenden.— Der„rothe Drachen“ ſollte übrigens, wie die Sage ging, ſeinen Namen von einem wirklichen Drachen bekommen haben, 20 4 der einmal vor vielen hundert Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die Drachenſchlucht hieß, gehauſt und viele Menſchen und Rinder verſchlungen hatte. Der Wirth des„rothen Drachen“ nun, Thuegut Lob⸗ ſich, deſſen Voreltern ſchon dieſen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer ſeiner„Ahnen“ habe den Drachen im Einzel⸗ kampf erlegt—(die Gäſte meinten, mit ſchlechtem Bier ver⸗ giftet) und dafür von dem damals regierenden Fürſten Platz und Wirthſchaft als Gerechtſame, mit dem Schild als Wahr⸗ zeichen, erhalten. Wie dem auch ſei, Thuegut Lobſich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm vortreffliche Nahrung bot, und befand ſich ſo wohl, wie ſich nur ein Wirth, in einer gut gelegenen Wirth⸗ ſchaft befinden kann. Seine Frau war aber dabei der Nerv des Ganzen, in Küche und Stall, in Keller und Haus, und während ſich Vater Lobſich, wie er ſich gern nennen ließ, ob⸗ gleich er noch jung und rüſtig war, am Liebſten zu ſeinen Gäſten irgendwo an einen Tiſch drückte und„das Bier con⸗ teoollirte“, wie er ſagte, daß ihm die Burſchen kein Saures brachten und die Gäſte verjagten, arbeitete die Frau im Schweiße ihres Angeſichts vor dem Heerd, die beſtellten Por⸗ tionen herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch und Kuchen zu überwachen. Dabei führte ſie die Kaſſe und rechnete mit Kellnern und Mädchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee oder Kuchen ver⸗ geſſen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem 21 ſchlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt hatten. Böſe Zungen meinten dabei nicht ſelten, Frau Lobſich ſei der„einzige Mann im Hauſe“ und Thuegut dürfe nur tanzen, wenn ſie nicht daheim wäre; böſe Zungen erwähnten dann aber nicht dabei, daß ſie wirklich allein das Hausweſen in Zucht und Ordnung hielt, und ſo ſcharf und heftig ſie draußen in Küche und Wirthſchaft, wo ſie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu ſehen bekamen, ſein konnte, und ſo große Urſache ſie dabei oft hatte ärgerlich zu ſein, und die Urſache dann auch für vollkommen genügend hielt, es wirklich zu wer⸗ den, ſo ſtill und freundlich konnte ſie ſich betragen, wenn ſie allein mit ihrem Manne war, und ſo gern gab ſie ihm in Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Sa⸗ lome Lobſich war das Muſter einer Hausfrau, und was eben⸗ ſoviel ſagen will, eine gute Gattin dabei— ob ihr Mann daſſelbe auch von ſich ſagen konnte, ſtand auf einem an⸗ deren Blatt.. Heute hatte ſich übrigens eine ziemlich zahlreiche Geſell⸗ ſchaft in dem gar ſo freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht vor der Thür deſſelben, unter der alten breitſchattigen Linde, die ihre Arme ſo weit nach rechts und links hinüberſtreckte, daß man ſie ſchon hatte ſtützen müſſen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu be⸗ halten, ſaß Lobſich ſelber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten, d. h. alter Kunden und quaſt Stammgäſte von ihm, denn er ſelber kam ſelten irgend wo anders hin, und wer alſo ſein Bekannter bleiben wollte, mußte ihn eben beſuchen. Zu dieſen gehörte beſonders Jacob Kellmann, ein Kürſch⸗ ner und Pelzhändler aus Heilingen, dann der Aktuar Leder⸗ mann von dort, eine lange hagere, etwas ungeſchickte Geſtalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmüthigen Geſichtszügen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die es gewöhnlich ſo einzurichten wußten, daß ſie an einen Tiſch mit einander zu ſitzen kamen. Lobſich nahm ebenfalls am Liebſten zwiſchen dieſer kleinen Geſellſchaft Platz, und nur dann und wann, beſonders wenn er die Stimme ſeiner Frau irgendwo hörte, ſtand er auf und ging einmal durch den Garten und die Reihen ſeiner Gäſte, zu ſehn ob Alle ordentlich bedient würden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerkſame Kell⸗ ner, die er in dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer Ohrfeige abſtrafte, als warnendes Beiſpiel. Er mußte an irgend Jemand ſeinen Aerger aus⸗ laſſen, daß er nicht bei ſeinem Biere konnte ſitzen bleiben. „Iſt doch ein prachtvolles Wetter heute,“ ſagte Kellmann, der eben einen tüchtigen Zug aus ſeinem Glaſe gethan, und nun mit vollem zufriedenen Blick über das freundliche Bild hinaus ſchaute, das ſich, von der warmen Nachmittagsſonne beſchienen, in all ſeinem blitzenden Glanz und Farbenſchimmer vor ihnen aufrollte„und es wächſt und gedeiht Alles draußen ſo ſchön und ſteht ſo prächtig— merkwürdig dabei, daß Alles ſo theuer bleibt, und die Preiſe, ſtatt herunter zu gehen, immer nur ſteigen und ſteigen.“ —— Auch mein Hausherr verlangt höheren Zins— ſchon voriges 23 „Ja das weiß Gott,“ ſeufzte der Aktuar, dem der Ge— danke ſelbſt den Geſchmack am Bier wieder zu verderben ſchien, denn er ſetzte das ſchon zum Mund gehobene Glas unberührt vor ſich nieder—„und wenn das noch eine Weile ſo fort geht, können wir alle mit einander verhungern oder davon⸗ laufen.“ „Nun Ihr habt gut reden,“ ſagte Kellmann,„Ihr be⸗ kommt vom Staat Euer Gewiſſes und könnt Euch genau da⸗ nach einrichten— Euer Geld muß Euch werden, wenn der erſte jedes Monats kommt, unſereins hängt aber allein von den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen Pelz. Holz will auch ſein und daran kann ſich nachher die ganze Familie wärmen.“ „Ihr redet wie Ihr's verſteht,“ brummte der Aktuar,— „unſer Gewiſſes bekommen wir, das iſt wahr, aber nur des⸗ halb, damit wir gewiſſes Elend vor den Augen haben. Ich habe fünfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und Dienſtmädchen zu ernähren, und ſoll anſtändig dabei gekleidet gehn, denn vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht mehr, und machte das Alles mög⸗ lich, ja befand ſich wohl dabei. Jetzt aber wird Brod, Butter, Fleiſch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal zum Leben brauchen, geſteigert von Tag zu Tag, aber meine fünfhundert Thaler bleiben; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod für daſſelbe Geld, für das ich jetzt nicht zehn bekomme— aber meine fünfhundert Thaler bleiben. 24 Jahr bin ich höher gegangen, um nicht geſteigert zu werden, d. h. für denſelben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen, aber dies Jahr muß ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die Zeiten ſchicken, denn wenn das Brod theuer wird, ſchlagt Ihr deſto mehr auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen Lohn, das iſt das geplagte, gefährdete Geſchöpf, und jede neue Taxe macht ihm keine neue Berechnung, ſondern ſchnallt ihm nur den Leibriemen um ein Loch enger, daß er weniger ißt, bis er in's letzte Loch geworfen wird, zum erſten Mal von ſeinen irdiſchen Strapatzen, ohne Furcht vor raſch abge⸗ laufenen Ferien, wirklich ungeſtört auszuruhen.“ „Ach geht mit Eueren erbärmlichen Lamentationen an ſolch freundlichem Tag,“ fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der ſich erſt vor ein paar Augenblicken wieder mit zum Tiſch geſetzt und ſchon eine ganze Weile ungeduldig mit dem Kopf geſchüttelt hatte.„Das Reden macht's nicht beſſer und Stöh⸗ nen und Seufzen hilft auch Nichts— Kopf oben, das iſt die Hauptſache; das andere macht ſich von ſelber— aber hallo“— unterbrach er ſich plötzlich, von ſeinem Sitze aufſtehend und die Straße hinunterzeigend, die in das weite Thal führte— „was kommt dort für ein Trupp den Weg entlang?“— und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug Männer, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einſpännigen Wägelchen ſichtbar. „Das ſind Auswanderer!“ rief Jacob Kellmann, von * — 25 ſeinem Stuhl aufſpringend und dem Zug entgegenſchauend— „ſeht nur ein Menſch an, wieder ein ganzer Schwarm aus dem Heſſiſchen; Heiland der Welt, da muß doch endlich einmal Platz werden.“ „Na nu iſt wieder der Frieden beim Henker,“ rief aber der Apotheker mürriſch—„hier Lobſich ſetzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier aus, und Ihr Kellmann, laßt das Volk da draußen laufen, wohin ſie wollen— unzufriedene Bande, die es iſt und die es nirgends gut genug kriegen kann, wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern präſentirt wird. Na kommt nur hinüber, wenn Euch hier der Hafer zu ſehr ſticht— Euch werden ſie ſchon noch das Fell über die Ohren ziehn, daß Ihr am hellen lichten Tag die Sterne zu ſehn bekommt.“ „Nein was für ein Zug!“ rief aber Kellmann, die lang⸗ ſam näher kommende Schaar mit unverkennbarem Intereſſe betrachtend;„die armen Teufel.“ „Hört Kellmann,“ rief aber Schollfeld ärgerlich,„tretet mir da ein wenig aus dem Weg, daß ich auch was ſehen kann, und ſetzt Euch wieder, ich dächte doch wahrhaftig, Aus⸗ wanderer hier an der Straße wären nichts ſo beſonders Neues, daß Ihr Maul und Naſe aufſperrt und thut, als ob Euch ſo etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen wäre.“ Schollfeld war übrigens nicht umſonſt ſo mürriſch; er hatte einen Zorn auf Auswanderer, denn er betrachtete Aus⸗ wanderung als eine indirekte Beleidigung gegen den Staat, gewiſſermaßen als eine Grobheit, die man ihm geradezu unter 26 4 die Naſe ſage—:„ich mag nicht mehr in Dir leben und weiß einen Platz, wo's beſſer iſt.“ Das dachten ſich nämlich die „Tölpel“, wie er ſte nannte, aber Sie wußten es nicht— gar Nichts wußten ſie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat hätte auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden ſollen; hunderte von Menſchen, reine Deſerteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei vorbei, Anderen noch obendrein ein böſes Beiſpiel gebend, und er begriff die Regierung nicht, wie ſie dem Volke nur noch einen Paß ge⸗ ſtatten konnte. Der Zug war indeſſen näher gekommen und Lobſich raſch in das Haus gegangen Bier herbeizuſchaffen, da ſich bei ſol⸗ chen Trupps gewöhnlich eine Menge junge Burſchen befanden, die noch Geld im Beutel und immer friſchen Durſt hatten; um ſo mehr, da das Bergeſteigen heute wirklich warm und den Hals trocken machte. Die erſten Wägen paſſirten ſtill vorbei; die Führer war⸗ fen einen langen, vielleicht ſehnſüchtigen Blick nach den be⸗ haglich hinter ihren Tiſchen ſitzenden Gäſten und dem kühlen funkelnden Bier hinüber, aber hielten nicht an, ſich längere Naſt dafür auf den Abend verſprechend. Nur von den Fuß⸗ gängern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der 8 unſere kleine Geſellſchaft ſaß, und nicht weit von der Garten⸗ * deckten Stirn, zwiſchen die geputzten und jetzt nach ihnen thüre ſtehn, und während ein paar der Männer dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als ob ſte ſich ſcheuten in ihrer beſtaubten ſchmuzigen Kleidung, mit der ſchweißbe⸗ — — 27 herüberſehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls dort. Angezogen von der plötzlichen weiten und freien Ausſicht, die ihnen hier nach unten zu das Thal öffnete, durch das ſie gekommen, blieben ſie erfreut und überraſcht ſtehn und ſchauten dabei auf das reizende Bild hin, das wie mit einem Schlage ſo vor ihnen in's Leben ſprang. „Heiland der Welt, Lisbeth,“ rief ein junges, ſechzehn⸗ jähriges Mädchen der, vielleicht zwei Jahr älteren Schweſter zu—„dort drüben liegt Holſtetten, und von da iſt's nur noch neun Stunden zu Haus— dahinter kann ich den weißen Weg durch's ſchwarze Nadelholz ſehn, der hinüberführt nach Krisheim.“ „Ja Marie,“ antwortete das Mädchen, und während ſie ſprach, liefen ihr die großen hellen Zähren an den bleichen Wangen nieder,„gleich hinter dem Berg dort muß die Wind⸗ mühle liegen, und dann kommt Bachſtetten und nachher“— ſie konnte nicht mehr ſprechen, das Herz war ihr zu voll und ſie mochte doch nicht das der Schweſter, wenn dieſe ihren Schmerz ſah, noch ſchwerer machen. Aber zurückdämmen ließ ſich das auch nicht, die Wunde war noch zu friſch und blutete zu ſtark, und beide Mädchen ſtanden wenige Minuten ſtill und weinend da, die ſchönen thränenüberſtrömten Züge den ihr nächſten Menſchen ab- und der verlaſſenen Heimath, die ſie wohl nie im Leben wieder ſchauen ſollten, zugekehrt. „Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich hält und pflegt, wie ſie es verſprochen,“ brach die Jüngſte endlich wieder mit leiſer kaum hörbarer Stimme das Schweigen. 28 „Sie hat's ja verſprochen,“ flüſterte faſt eben ſo leiſe die Schweſter zurück,„aber———— ſo lieb wird ſie's doch nicht haben wie wir.“ „Komm Lisbeth,“ ſagte die Jüngere wieder und ergriff, ohne ſie aber dabei anzuſehn, der Schweſter Hand—„wir wollen gehn— die Wagen ſind ſchon ein Stück voraus.“ Beide Mädchen nickten leiſe und kaum bemerkbar der ver⸗ laſſenen Heimath zu und ſchritten dann ſchweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und durch Heilingen fülnne ihre weite, unbekannte Bahn. „He Marie, Lisbeth!“ rief ſie der Vater an, der eben an der Thür des Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte—„wollt Ihr einmal trinken Kinder?“ „Ich danke Vater,“ ſagte Marie zurück, ohne ſich umzu⸗ ſehn oder ſtehn zu bleiben,„wir ſind nicht durſtig.“ „Woher des Wegs Ihr Leute?“ wandte ſich jetzt Kell⸗ mann, der trotz Schollfeld's ärgerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an dieſen. „Aus Heſſen,“ ſagte der Mann ruhig und that einen langen durſtigen Zug aus dem, mit dem trefflichen Bier ge⸗ füllten, ſchäumenden Glas. „Und wohin?“ 4½ „Nach Amerika.“ „Hm— iſt ein weiter Weg— iſt Euch wohl ſchlecht gegangen hier im Lande?“ ſagte Kellmann, die kräftige und doch gramgebeugte Geſtalt des alten Landmanns theilnehmend betrachtend. 29 Der Bauer, deſſen Blick auch an dem fernen Punkt indeß gehangen, wo ſeine frühere Heimath lag, ließ das Auge einen Moment wie mißtrauiſch über den Frager gleiten und erwie⸗ derte dann leiſe und kopfſchüttelnd: „Schlecht?— lieber Gott wie man's nimmt; man ſoll g'rad nicht klagen; der liebe Gott hat geholfen und wird wei⸗ ter helfen.“ „Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tau⸗ ben holen die in Amerika herumfliegen?“ miſchte ſich hier der Apotheker in's Geſpräch, der nicht umhin konnte dem„Aus⸗ wanderer“, wie er ſich ausdrückte,„einen Hieb zu verſetzen“ —„habt Ihr auch Meſſer und Gabeln mit?“ Der Bauer ſah den kleinen, ſpöttiſch lächelnden Mann einen Augenblick ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm ſtehenden Kellner, dem er das Glas zurückgab, ſein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu erwiedern, oder ärgerlich darüber zu ſcheinen, ja als ob er ſie nicht gehört hätte, wandte er ſich und folgte mit einem„grüß Euch Gott Ihr Herren“, ſeinen vorangegangenen Toͤchtern. „Holzkopf,“ brummte der Apotheker, nur noch mehr ge⸗ reizt über dieſe anſcheinende Misachtung, hinter ihm drein— „dem Volk iſt zu wohl hier,“ ſetzte er dann, mit einem kräf⸗ tigen Zug aus ſeinem Glaſe hinzu—„der Art Leute fühlen ſich nicht behaglich, wenn ſie nicht baumfeſt unter dem Dau⸗ men gehalten werden.“— „Guten Abend miteinander,“ ſagte in dieſem Augenblick ein Anderer der Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifen⸗ ‧ ⸗ ſtummel in der Hand zu dem Tiſch trat, auf dem in einem ſchützenden Kelchglas ein Licht mit darum geſteckten Fidibus zum Anzünden der Cigarren ſtand—„wenn's erlaubt iſt, möchte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen.“ „Mit Vergnügen,“ ſagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzündend und hinreichend. „Danke ſchön,“ nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm in ſchnellen kurzen Zügen ausblaſend.— „Und wo geht die Reiſe hin?“ frug Ledermann dem Rau⸗ chenden. „Da hinüber,“ ſagte dieſer, immer noch ſcharf ziehend, indeß er mit dem linken, zurückgebogenen Daumen über die linke Achſel wieß—„übers große Waſſer.“— „Habt Ihr dort ſchon einen Platz?“ frug der Aktuar. „Ja,“ ſagte der Mann freundlich—„mein Bruder hat mir geſchrieben aus dem Wiskonſin heraus; da ſoll's gut ſein.“ „Und geht Ihr Alle dorthin?“ frug ihn Kellmann. „Die meiſten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinüber in's Miſſuri; da iſt's wärmer.“ „Es ſind wohl lauter Landleute hier miteinander?“ „Ja meiſtens— ein Schneider iſt dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und der Herr Paſtor iſt ſchon voraus.“ „Der Paſtor geht auch mit?“ frug Kellmann ſchnell. „Ahem,“ nickte der Mann,„der iſt aber mit der Poſt gefahren, aber er hat geſagt er wollte ſehn daß wir Alle auf ein Schiff kämen Danke ſchön Ihr Herren, adje.“ „Glückliche Reiſe,“ rief ihm Kellmann nach. „Danke,“ nickte der Mann noch einmal zurück,„könnens brauchen,“ und ſchloß ſich den übrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thür des Wirthshauſes paſſirten. Es waren ärmliche, viele von ihnen kränklich oder wenig— ſtens bleich ausſehende Geſtalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die meiſten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche ſogar deren an der Bruſt, und ein Bündel dazu auf dem Rücken, die im Schweiß ihres Angeſichts, wie ſie bis jetzt gelebt, mühſam der fernen erſehnten Heimath entgegen⸗ ſtrebten. Hie und da waren auch ein paar kräftige junge Burſchen von zwölf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leich⸗ tes Handwägelchen geſpannt, darauf gepackte Betten, Klei⸗ dungsſtücke und Lebensmittel die weite Straße entlang zu ziehen.— Die Leute hatten kein Geld übrig, denn das wenige, was ſie zur Reiſe aufgeſpart, mußten ſie für das Schiff auf⸗ heben, und ein paar Thaler ſollten doch auch noch wenigſtens, wenn das irgend anging, übrig bleiben, damit ſie nur die erſten Tage in Amerika, ehe ſie Arbeit bekämen, vor Sorge geſchützt wären. Den glänzenden Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht waren, trauten die armen Frauen am wenigſten in ihrem vollen Umfange; von Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kräfte wurden ihre jüngeren Geſchwiſter in der Welt herumzuſchleppen, hatten ſie arbeiten, hart arbeiten müſſen, und viel anders würde es auch wohl nicht da drüben ſein. Der Sorgen waren hier nur gar ſo viele angewachſen, mit jedem Jahre mehr, wie ſie ſich auch plagten und quälten, und ſchlechter konnte es dort drüben 32 nicht ſein. Das war für jetzt der einzige Troſt den ſie mit ſich trugen die lange, heiße Straße entlang mit einer kleinen Hoffnung möglicher Beſſerung vielleicht, und ſie drückten dann die Kinder nur feſter an ihr Herz und küßten ſie, und flüſterten ihnen leiſe und heimlich zu daß ſie nicht mehr ſchreien ſollten, denn ſie gingen nach Amerika, und da würde ſchon Alles gut werden, wie ihnen der Vater geſagt. Die Männer und Burſchen zogen der fernen Welt aber ſchon mit mehr Vertrauen entgegen; das Bewußtſein der eige⸗ nen Fähigkeit und Kraft hob ſie dabei auch über Manches hinweg das die abhängigen Frauen ſchwerer zu Boden drückte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und für den Weg zu denken hat, wird nie ſo müde als der, der ihm folgt, nur für ſich denken läßt, und hinter drein zieht. Viele von den Männern trugen auch Jagdtaſchen und Gewehre auf dem Rücken, Büchſen und Schrotflinten— was ſollte es„da drüben“ nicht Alles zu ſchießen geben;— Manche auch nach⸗ gemachte bunte Blumenſträuße auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und Thüringen, die ſich ihnen angeſchloſſen, hatten ſogar ein paar kleine gefärbte Maraboutfedern mit ihren Lan⸗ desfarben, blau und weiß, und grün und weiß in ihrem Hut⸗ band ſtecken; die Meiſten aber ſchienen keine ſolche Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland. Die Leute gingen vorüber, und die Gäſte hatten ihnen . ſchweigend nachgeſchaut, ſo lange faſt, bis ſie die nächſte Bie⸗ gung der Straße ihren Blicken entzog. Auch Lobſich war wieder vor die Thür ſeines Gartens getreten, und ſich jetzt 33 kopfſchüttelnd zurück zu ſeinem Tiſche wendend, brummte er vor ſich hin. „S'iſt mir doch was Unbedeutendes“— es war dieſes eine ſeiner ſtehenden Redensarten, die in der That unbegrenztes Erſtaunen ausdrücken ſollte—„was die Leute dieß Frühjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag für Tag geht das ſo fort; Trupp nach Trupp kommt über die Berge herüber, mit Sack und Pack, mit Weib und Kind— und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht einmal von wo ſie fort ſind.“ „Doch, doch,“ ſagte Kellmann, die Augenbrauen in die Höhe ziehend und mit dem Kopf nickend,„doch, doch Lobſich; ob man's wohl merkt?— geht einmal da über die Berge hin⸗ über und ſeht Euch in den Dörfern um; da ſteht manches alte halbzerfallene leere Haus, an das irgend eine Familie da drüben noch mit Schmerzen zurückdenkt, und in das Niemand anderes mehr Luſt hat einzuziehen, weil er noch eine Menge beſſere, ebenfalls leer, in demſelben Dorfe findet. Es iſt immer ein trauriger Anblick ſolch ein leeres Haus, und ich ſeh's nicht gern.“ „Und was für Geld tragen ſie außer Land,“ fiel der Apotheker hier ein, der indeß, ſich zu zerſtreuen, im Heilinger Tageblatt geleſen hatte, jetzt aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen—„was ſie nicht mit hinüber⸗ nehmen können, laſſen ſie wenigſtens in den Seeſtädten, und zu uns kommt Nichts mehr davon zurück. Wenn ich nur das erſt einmal erlebe, daß die Leute zu ihrem Glück förmlich ge⸗ zwungen, und nicht mehr aus dem Land hinausgelaſſen wer⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. I.. 3 34 den; geht das aber ſo fort, ſo werden ſie ſo lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts übrig bleibt als mitzugehen, wenn wir nicht eben allein ſitzen wollen in dem verödeten Land, unſeren Acker ſelber zu bauen. Hol ſie der Teufel, wofür hat ſie denn eigentlich der liebe Gott in die Welt geſetzt und ihnen den Holzkopf gegeben, der ſte zu allem Anderen un⸗ tauglich macht. Ackern und Düngen müſſen ſie drüben doch auch, und weshalb können ſie das nicht eben ſo gut hier?— Nein Gott bewahre, die paar Thaler die ſie ſich hier erſpart haben, müſſen erſt wieder verſchleppt und hinausgeworfen werden an Experimente und reinen Uebermuth, und nachher ſitzen ſie erſt recht da; dort drüben können ſie Nichts mehr ſparen, und müſſen ſchon drüben bleiben, wenn ſie auch wieder herüber möchten. Die Paar die ſich doch noch ein paar Thaler zuſammenſcharren, die kommen nachher ſchnell genug wieder zurück, aber es ſind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die Brücke muthwillig hinter ſich abgebrochen, und ſitzen nun auf der wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jeſus Maria und Joſeph, es muß ein ordentlicher Jammer drüben ſein.“ „Na, ſo arg nun denn doch wohl noch nicht, Scholl⸗ feld,“ ſagte Kellmann kopfſchüttelnd,„man hört doch nun auch ſo Manches von da drüben was nicht gar ſo ſchlecht klingt, und wo ſich's ſchon aushalten ließe, wenn man— wenn man eben einmal einen ſolchen verzweifelten Schritt abſolut thun müßte oder wollte.“ „Nicht ſo arg?“ rief aber Schollfeld, der hier ſein Stecken⸗ Ei legt— pfui über den Burſchen.“ 3⁵ pferd ritt, und ſich ſelten eine Gelegenheit entgehen ließ auf Amerika zu ſchimpfen—„nicht ſo arg? da, hier leſen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere Dr. Hayde darüber ſchreibt; das iſt ein Mann, der hat Haare auf den Zähnen und muß die Sache verſtehn, denn er iſt Einer von den We⸗ nigen die drüben geweſen und glücklich wiedergekommen ſind. Er bringt kaum eine Nummer in der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhältniſſe Ihres„glücklichen Amerika“ hat— das muß ja ein wahres Raubneſt ſein, leſen Sie nur einmal.“ „Hoͤren Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal was ſagen,“ erwiederte ihm Kellmann ruhig,„dieſer Dr. Hayde, der Ihnen die ſchönen Artikel ſchreibt iſt, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen nach, das wenigſte zu ſagen eine kleine geſchwollene Giftkröte, ein weggelaufener Advokat, den die Verhältniſſe aus Deutſchland vertrieben, und den in Amerika Niemand mit ſeinen Talenten haben mochte. Zu faul zum arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort wahrſcheinlich vom Schickſal hin⸗ und herge⸗ ſtoßen, und wie ein aus einer Thür geworfener Mops, ſtellt er ſich jetzt draußen hin, wo ſich Niemand die Mühe giebt ihn zu ſtören, und ſchimpft und klefft. Ich will Amerika eben nicht in allem vertheidigen, aber was der gerade darüber ſagt würde mich auch nicht beſtimmen. Wie ein Dreckkäfer ſchleppt er ſich nur mit größter Mühe kleine Stückchen Koth herbei, und rollt ſie zuſammen eine Kugel zu machen in die er ſein 3* 36 „Na jetzt freut mich aber mein Leben,“ rief Herr Scholl⸗ feld erſtaunt aus—„erſt ſchimpfen Sie ſelber auf Amerika, und nun auf einmal ſoll der arme Doktor die ganze Schuld tragen.“ „Ich ſchimpfe nicht auf Amerika,“ ſagte Kellmann ruhig,„ich kann nur nicht leiden wenn man es auf Koſten unſeres eigenen Vaterlandes herausſtreicht, und gegen alle ſeine Nachtheile blind iſt. Es wäre allerdings noch viel gefähr⸗ licher ſich die Lichtſeiten alle zu bunt auszumalen; die armen Leute die nachher hinübergehn und es anders finden, ſind dann zu ſehr enttäuſcht, und fallen gewöhnlich, wie mir geſagt iſt, aus einem Extrem in's Andere— aber ſo taugt' auch Nichts.“ „Guten Abend ſelbander,“ ſagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht hinter ihnen, und als ſie ſich danach um⸗ ſchauten, ſtand ein alter Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem nächſten Dorf, an ihrem Tiſch und ſtreckte ihnen freundlich die Hand entgegen. „Hallo Mathes, wie geht's?“ rief Kellmann die gebotene herzlich ſchütterlnd—„Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit geſteckt, daß Ihr in der Welt herumreiſt wie ein Baron, der ſeine Güter verpachtet hat? Ihr ſeid verreiſt geweſen.“ „Ja Herr Kellmann, in Bremen.“ „Wo ſeid Ihr geweſen?“ frug Schollfeld erſtaunt. „ In Bremen, Herr Schollfeld!“ rief der junge Bauer, gegen dieſen gewandt,„oben in der Hafenſtadt.“ „Guten Abend Mathes,“ kam hier der Wirth dazwiſchen, ————— —— 37 der den alten Kunden ebenfalls begrüßte—„lange nicht ge⸗ ſehn, recht groß geworden mein Junge; haſt Du Durſt?“ „Merkwürdigen,“ ſagte der Bauer lächelnd. „Na warte, den wollen wir begießen,“ ſchmunzelte aber Lobſich, raſch in den Garten zurückgehend,„der ſoll mir nicht umſonſt in den rothen Drachen gefallen ſein.“ „Aber was hat Euch nach Bremen geführt?“ wiederholte Kellmann, faſt etwas mißtrauiſch gemacht durch das wunder⸗ liche halb verlegene Benehmen des jungen Burſchen. „Ja Herr Kellmann,“ ſagte der reiche Bauersſohn, wirk⸗ lich jetzt verlegen ſeinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend—„das hat— das hat ſo ſeine eigene Be⸗ wandtniß— Ich bin— ich bin zu einem Entſchluß gekom⸗ men— ich will— ich will auswandern.“ „Was will er?“ ſchrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verſtanden, den ungefähren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls ſchöpfte er Verdacht und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er noch⸗ mals laut:„wo will er hin?“ „Nach Amerika,“ ſagte aber der junge Mann entſchloſſen und wollte noch etwas hinzuſetzen, aber der Apotheker ſchlug dermaßen auf den Tiſch, und fing ſo an zu ſchimpfen und zu fluchen, Niemand wußte eigentlich auf was und gegen wen, daß Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte, und vielleicht auch eben nicht böſe darüber war. „Hallo, wer iſt todt?“ rief aber in dem Augenblick Lob⸗ ſich, der mit dem beſtellten Bier für einen ſei rer beſten Kunden 38 ſelber ankam—„daß Dich die Milz ſticht, was iſt denn dem Apotheker eigentlich in die Krone gefahren?“ „Dem Apotheker Nichts,“ nahm aber Kellmann kopf⸗ ſchüttelnd das Wort,„doch hier dem Dings da, dem Mathes — was meint Ihr, Lobſich was er vor hat?“ „Heirathen?“ ſagte dieſer, und ein breites vergnügtes Schmunzeln über den ſo richtig und ſchnell gerathenen Vorſatz zog ſich über ſein dickes gutmüthiges Geſicht. „Heirathen!“ ſchrie aber der Apotheker dazwiſchen, indem er ſich ſeinen Hut in die Stirn drückte und ſeinen Rock anfing zuzuknöpfen—„heirathen?— ja proſt die Mahlzeit; aus⸗ wandern will der Kerl, wie ein blindes Pferd das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen.“ „Auswandern?“ ſchrie aber auch jetzt Lobſich in unbe— grenzteſtem Erſtaunen—„na das iſt mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes!“ „Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redens⸗ art!“ rief aber der nun einmal ärgerliche Apotheker, und nahm ſeinen Stock unter den Arm— ſein ſtetes Zeichen daß er fertig zum Gehen ſei—„was Unbedeutendes; ja wohl, wenn der Raptus erſt einmal in ſolche Köpfe und Geldbeutel fährt, nachher werden wir ſehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein Abendbrod nicht verderben— gute Nacht Ihr Herren.“ „Halt Schollfeld!“ rief aber Kellmann, ihn am Arm faſſend und zurückhaltend—„brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und wollte nur erſt hören, was Mathes den 83 39 Gedanken in den Kopf geſetzt hat. Hol's der Henker, er macht ſich entweder einen Spaß mit uns, oder es iſt nur ſo eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden können.“ „Wenn ich das wüßte blieb ich die ganze Nacht hier,“ ſagte Schollfeld, ſeinen Stock wieder auf den Tiſch legend und zu dem verlaſſenen Stuhl zurückgehend.„Menſch, Mathes, ſeid Ihr denn rein vom Teufel beſeſſen, oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu viel gethan, daß Ihr ſo tolles Zeug zuſammenfaſelt.“ Mathes blieb aber bei allen dieſen Ausbrüchen des Er⸗ ſtaunens, die erſte Erklärung nur einmal überſtanden, voll⸗, kommen ruhig, und zog nur, ſtatt jeder weiteren Antwort, einen Brief aus ſeiner Bruſttaſche, den er langſam auffaltete und vor ſich legte, als ob er ihn vorleſen wollte. „Nun was ſoll' mit dem Wiſch?“ rief aber der Apothe⸗ ker ärgerlich,„Ihr habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott ſei bei uns verkauft?“ „So ſchlimm noch nicht,“ lachte der junge Burſch,„das hier iſt nur ein Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa ſieben Jahren nach Wisconſin aus⸗ wanderte.“ „Der was that?“ rief der Apotheker, die Augen zuſam⸗ menkneifend und das linke Ohr zu ihm hindrehend—„nuſchelt nicht ſo in den Bart, daß Euch ein Chriſtenmenſch noch ver⸗ ſtehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht.“ „Der nach Wisconſin auswanderte,“ ſagte der junge Bauer lächelnd—„er hatte mir damals verſprochen zu ſchrei⸗ 40 ben wie es ihm ginge, ſchlecht oder gut;— wenn ſchlecht, wollt' ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht nachkommen. Aber er ſchrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er überhaupt Nichts von ſich hören ließ, glaubte ich ſchon er ſei da drüben geſtor⸗ ben oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen Brief von ihm erhielt und ſeit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu dem heutigen Tag.“ „Nun ja natürlich,“ brummte der Apotheker. „Aber ſo laßt ihn doch nur reden,“ rief jetzt auch ärgerlich der Actuar dazwiſchen,„Ihr raiſonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr recht geſchrieen habt, Ihr hättet recht.“ „So leſt den Brief einmal!“ ſagte Kellmann, die Arme auf den Tiſch ſtützend,„nachher wiſſen wir ja gleich woran wir ſind.“ „Aber erſt muß ich noch Bier haben,“ rief Schollfeld da⸗ zwiſchen,„ich mag die Lügen wenigſtens nicht trocken mit anhören.“ Lobſich winkte einem der nächſten Kellner, die indeß leer gewordenen Gläſer wieder zu füllen, denn der Brief intereſſirte ihn ſelber zu ſehr, den Tiſch jetzt zu verlaſſen, und Mathes ſagte wie entſchuldigend: „Der Brief iſt ſehr kurz, aber es ſteht Alles darin was ich zu wiſſen verlangte, und er lautet: „Lieber Mathes— ich habe bis jetzt mein Verſprechen nicht gehalten, Dir zu ſchreiben, weil es mir ſehr ſchlecht ge⸗ gangen iſt.“ — ——— 41 Na ja,“ fiel ihm hier der Apotheker in das Wort— „. 3 „und nun müßt Ihr Hals über Kopf machen daß Ihr auch hinüber kommt.“ Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr, lächelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort: „Ich wollte aber nicht gern, daß mich Jemand Anders unterſtützen ſollte, weil das hier im Lande eine Schande iſt; ich wollte mir ſelber helfen, und habe mir kümmerlich, aber ehrlich und fleißig durchgeholfen. Jetzt habe ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stück Rindvieh, und dreißig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich habe hart arbeiten müſſen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier herüber kommſt und willſt mich aufſuchen, daß ich Dir mit Rath und That an die Hand gehen kann, dann brauchſt Du keine Angſt zu haben, daß Du nicht durch⸗ kommſt. Wenn Du eine Frau haſt, bringe ſie mit; Kinder ſind ein Segen hiet, kein Fluch wie für manchen armen Mann in Deutſchland. Wer arbeiten will kommt fort, wer faul iſt geht zu Grunde. Es grüßt Dich zehntauſend Mal Dein Caspar Lauber— Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconſin.“ „Und auf den Brief wollt 35 r auswandern?“ rief aber auch Kellmann jetzt erſtaunt—„Mathes, iſt Euch denn das 8 Auswanderungsfieber ſo plötzlich in die Glieder geſchlagen, daß Ihr die Seekrankheit für das einzige Mittel haltet d die es curiren könnte?“ Matkhes ſchüttelte aber gar ernſthaft mit dem Kopf, fal⸗ 6 42 tete den Brief zuſammen, den er zurück in ſeine Taſche ſchob, und ſagte mit feſter und entſchloſſener Stimme: „Lange im Sinn hab' ich's ſchon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum Ausbruch gebracht.“ „Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im Land,“ rief jetzt auch Lobſich, wäh⸗ —/ f 6)) rend der Apotheker das ihm eben gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoß, wie um ſeinen Ingrimm damit nieder zu ſpülen—„wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer ſoll denn noch da bleiben?“ „Ich bliebe auch,“ ſagte Mathes raſch und mit vor innerer Bewegung faſt erſtickter Stimme,„ich bliebe auch, wenn mich mein Vater ließe, aber— der will nicht in die Heirath willigen mit Roßner's Käthchen, des Häuslers Toch⸗ ter aus Rodnach; hier hält er mich dabei unter dem Daumen mit ſeinem Gut und Geld, und das Mädchen ſtirbt mir indeſſen in Arbeit und Gram; dort drüben aber iſt ein Platz, wo fleißige Menſchen auch durchkommen können mit Gottes Hülfe ohne Geld, ohne Anſehn. Der Lauber hatte gar Nichts wie er hinüberging; nicht das Hemd auf ſeinem Rücken war ſein, und ich weiß daß er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht hat. Aus dem iſt jetzt ein recht⸗ ſchaffener Farmer geworden, mit eigenem Land, Haus und Vieh, und was der kann— ſchwere Noth noch einmal— das kann ich auch. Ich gehe hinüber, nehme das Käthchen mit— Geld zur Ueberfahrt krieg ich ſchon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den halben Werth verkaufen ſollte, 43 und dort hilft der liebe Gott ſchon weiter. Verhungern wer⸗ den wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die Naſe reiben zu laſſen,„das ſollſt Du thun und das nicht, und die ſollſt Du heirathen, die Du nicht magſt und willſt, und die Dich lieb hat und Dich glücklich machen kann, der ſollſt Du das Herz brechen— weil ihr eben nur der volle Geld⸗ ſack fehlt.“ „Unſinn!“ ſagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernſte aufſtehend—„wenn Jemand einmal rein verrückt ge⸗ worden iſt, läßt ſich auch nicht mehr mit ihm ſtreiten. Gehn Sie mit Kellmann?“. „Ja, gleich,“ erwiederte der Gefragte—„weiß denn aber ſchon Euer Vater um den Plan, Mathes?“ „Heute hab' ich's ihm geſagt,“ erwiederte der Gefragte „aber er glaubt es noch nicht.“ „Und iſt es denn ſchon wilrklich ſo feſt Kellmann theilnehmend. „Meine Paſſage in Bremen für mich und— meine Frau iſt ſchon bezahlt,“ rief der junge Burſch da entſchloſſen— „den funfzehnten geht das Schiff ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigſte in Ordnung zu bringen.“ „Ja da kömmt freilich jeder gute Rath zu ſpät,“ ſagte Kellmann, jetzt ebenfalls aufſtehend und ſeinen Hut ergreifend, „wenn der Sprung erſt einmal geſchehen iſt, braucht man nicht mehr über das Springen zu ſtreiten und ich wünſche Euch das Beſte in Euerer neuen Heimath.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ ſagte Mathes gerühn— eſtimmt?“ ſagte „aber vielleicht ſeh ich Sie ſelber noch einmal auf freiem Bo⸗ den drüben, mit Art oder Pflug in der Hand, wie ein wacke⸗ rer, richtiger Farmer.“ „Wen— mich?“ rief aber Kellmann ordentlich erſchreckt aus—„ich nach dem vermaledeiten Lande, daß alle unſere beſten Bürger frißt? Nein Mathes, für dies Leben nicht— aber wann geht Ihr fort? vielleicht läßt Euer Vater doch noch mit ſich reden, und lenkt ein wenn er ſieht daß es Euch wirk⸗ lich Ernſt iſt.“ Mathes ſchüttelte mit dem Kopf und der Actuar rief: „Ein Bauer und einlenken, Kellmann?— da kennt Ihr unſeren deutſchen Bauer nicht; worauf der einmal ſeinen Dick⸗ kopf geſetzt hat, da muß er durch, und wenns nicht geht, ſo zerhaut er ſich eben den Schädel, aber er läßt nicht nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten könnte— er ſpräch es nicht.“ „Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zu⸗ ſchließen und mitgehn,“ ſagte Lobſich, ſich den Kopf kratzend —„Schwerebrett das iſt mir— hm— hm— iſt mir doch was Unbedeutendes, das— das Amerika.“ „Und was ſagt denn das Käthchen dazu?“ frug Kellmann etzt den Mathes, während die Uebrigen ſchon aufgeſtanden waren und ſich zum fortgehn gerüſtet hatten. „Die weint und will nicht mit,“ ſagte Mathes leiſe— „aber ſie wird ſchon gehen.“ „Sie will nicht mit?“ 45 „Sie meint, es bräche meinem Vater das Herz.“ „Das Herz brechen?— dem alten Vogel?“ lachte aber dieſer verächtlich—„na Gott ſei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm— als ob dem etwas das Herz brechen könnte.“ „Nun, es frägt ſich nur jetzt wem ſie es lieber bricht,“ meinte der Actuar,„dem Alten, wenn ſie geht, oder dem Jungen, wenn ſie bleibt— die Wahl wird ihr nicht ſchwer werden. Aber Schollfeld, Ihr ſeid ja auf einmal ſo ſtill ge⸗ worden?“ „Ach laßt mich zufrieden,“ brummte dieſer ärgerlich— „weiß es Gott, man möchte am Ende ſelber mit hinüber⸗ laufen, nur Nichts mehr von dem verwünſchten Auswandern reden zu hören.“ „Hahahaha!“ rief da Kellmann,„Schollfeld bekömmt auch überſeeiſche Ideen.“ „Ueberſeeiſche— hätte bald was geſagt,“ knurrte dieſer aber, auf der Straße hingehend, ohne weder Mathes noch Lobſich gute Nacht zu ſagen. Die Uebrigen wechſelten noch kurzen Gruß mit ihren Bekannten dort, zündeten ſich friſche Cigarren an, und ſchlen⸗ derten langſam, den freundlichen Abend ſo viel als möglich zu genießen, die Straße hinab, der eigenen Heimath zu. 8 3 Capitel 3. 3 Der Diebſtahl. Zehn Minuten mochten ſie ſo etwa ſchweigend neben⸗ einander hergegangen ſein, als hinter ihnen auf der Straße eine Equipage und klappernde Hufſchläge gehört wurden, die ſie raſch einholten und an ihnen vorbeirauſchten, eine dicke Staubwolke dabei über den Weg wälzend. Es war die Fa⸗ milie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppiren⸗ den Fremden, dem Bräutigam der Tochter.. „Die kommen ſchneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,“ ſagte Kellmann, als ſie vorbei waren— „Wetter noch einmal, es iſt doch ein anderes Ding ſo ein paar flüchtige Rappen vor ſich zu haben, und wie im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem ſchweren Packen auf dem Rücken und wunden Füßen vielleicht, mühſelig die ſtaubige Straße entlang zu keuchen.“ „Ja, die Gaben ſind ungleich vertheilt in der Welt,“ 47 ſeufzte der Actuar,„was der Eine haben möchte, hat der Andere ſchon, und das iſt auch wohl das ganze Geheimniß der ſocialen Frage, läßt ſich aber nun einmal nicht ändern, und wir dürfen vielleicht den Kopf darüber ſchütteln; und wün⸗ ſchen daß es anders wäre, aber weiter eben Nichts.“ „Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika,“ ſagte der Apotheker jetzt,„der das ſchmählige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter noch dazu heirathet“ Soll mir noch einmal einer ſagen daß Eiſen der ſtärkſte Magnet ſei; Gold iſt's, und wo das liegt zieht es anderes hin. „Und wie ſteht's mit Actien?“ lachte Kellmann. „Bah— bleibt immer daſſelbe,“ brummte der Apotheker, „das Gold ſteckt darin, und kann durch einen ſehr einfachen chemiſchen Proceß leicht herausgezogen werden— wenn man ſie hat.“ „Es wundert mich übrigens daß der alte Dollinger ſein. Kind über das große Waſſer hinüberziehen läßt,“ meinte der Actuar—„dem hätte es doch auch hier im Lande nicht an einer eben ſo guten Parthie gefehlt.“ „Liebe,“ meinte Kellmann achſelzuckend—„Liebe iſt blind ſagt ein altes Sprichwort; dagegen laſſen ſich eben keine Gründe anbringen. Wär's übrigens auch nicht wegen dem großen Waſſer, der Burſche gefällt mir außerdem nicht, und ich möchte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er bis über die Ohren in Golde ſtäcke. Er hat ein verſchloſſenes, hochfährtiges Weſen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und ſpricht von Allem was wir hier haben, unſeren 48 Einrichtungen, unſeren Geſetzen, unſeren Vergnügungen ſelber, ja unſerem Klima und Land, das doch zum Henker auch ſein Vaterland iſt, mit der größten Verachtung. Amerika, und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will gar nicht leugnen daß es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn ich ſie auch gerade nicht einſehen kann, aber ſo viel beſſer wie unſer Deutſchland iſt es doch auch nicht drüben, und wenn's ſo einem Burſchen da einmal zufällig geglückt iſt, ſollt' er nicht als Lockvogel ſich hier mitten zwiſchen uns hineinſetzen, anderen vernünftigen Leuten unglückſelige Ideeen in den Kopf zu pflanzen. „Wenn ſich andere vernünftige Leute ſolche Ideeen ein⸗ pflanzen laſſen, geſchieht's ihnen ganz recht,“ ſagte der Apo⸗ theker—„man braucht nicht zu glauben was jeder daherge⸗ laufene Lump eben ſagt.“ „Nun ganz ohne kannss aber auch nicht ſein,“ meinte Kellmann kopfſchüttelnd und ich— ich halt' es immer für ge⸗ fährlich. Siiſt merkwürdig, wie raſch ſich das mit der Hoch⸗ zeit gemacht hat.“ „Nun, wer ſich die Braut gleich fix und fertig aus dem Waſſer zieht hat leicht freien,“ ſagte der Actuar—„Glück muß der Menſch haben, dann geht Alles wie am Schnürchen; wer aber das nicht hat, der mag ſein Lebtag fiſchen und fängt doch Nichts— am wenigſten aber ſolch einen Goldfiſch. „Wo ſtammt er denn eigentlich her?“ frug der Apotheker jetzt, wie ſie wieder eine Weile ſchweigend neben einander hin⸗ gegangen waren,„man hört doch ſonſt eigentlich gar Nichts 5 — 49 von ihm, und er kommt auch mit keinem Menſchen weiter zu⸗ ſammen— ſtolzer aufgeblaſener Burſche der.“ „Gott weiß es,“ ſagte der Actuar;„er iſt, glaub' ich, mit einem holländiſchen Schiff herübergekommen, und hatte einen Paß von Amſterdam.“ „Und der Paß lautete nach Heilingen?“ „Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Reſidenz, und wie ſich die Sache dann hier mit der Dollinger⸗ ſchen Familie geſtaltete, nun lieber Gott, da drückte der Stadt⸗ rath das eine, und die Stadtverordneten drückten das andere Auge zu, und man ſah nicht ſo genau nach den Papieren. Ueberdieß verzehrte er ja hier viel Geld; wär' es ein armer Teufel geweſen, hätten wir ihn wahrſcheinlich ſchon bald wie⸗ der über die Grenze gehabt. „Hm, ja, glaub's,“ ſagte Kellmann mit dem Kopfe nik⸗ kend,„s'iſt in Heilingen eben nicht anders wie— wie anders⸗ wo— warum auch?“ Das Geſpräch drehte ſich von da ab, auf die ſtädtiſchen Einrichtungen, deren wärmſter Vertheidiger der Apotheker war, und über die ſich der Actuar natürlich nur ſehr vorſichtig aus⸗ ließ, während ſie Kellmann um ſo unnachſichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preiſe, und wieder mit einem Seitenſprung auf die jetzige Politik unſeres lieben deutſchen Reiches, bis ſie das Thor und zwar gerade mit Sonnenunter⸗ gang erreichten, wo Jeder ſeinen Weg ging, die eigene Hei⸗ math aufzuſuchen. Der Actuar Ledermann beſonders, der an dem entgegen⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 4 50 geſetzten Ende der Stadt wohnte, beeilte ſeine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit ſeine Wohnung zu erreichen; das 1 Gerücht ging nämlich in der Stadt, daß ihn ſeine Ehehälfte bei ſolchen Gelegenheiten oft allerdings ſehr unfreundlich empfange, und ihm einmal ſogar ſchon einige ſonſt ſehr nütz⸗ liche, bei der Gelegenheit aber nichts weniger als paſſende häusliche Geräthe entgegen und vor die Füße geworfen habe. Thatſache war, daß„Madame“ oder Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thätigkeit und Anſehn außerhalb ſeiner eigenen vier Pfählen ſein mochte, innerhalb derſelben jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Mäßigung führte, und der Actuar ſuchte den Hausfrieden wenigſtens ſo⸗ viel als möglich zu erhalten und jeden Anlaß, zu irgend einer Störung deſſelben, zu vermeiden. Mit ſolchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Leder⸗ mann ehen vom Marktplatz aus in die Straße einbiegen, an deren äußerſten Ende ſeine eigene, ſehr beſcheidene Wohnung ſtand, als er ſeinen Titel genannt und ſich ſelber gerufen hörte. „Herr Actuar— Herr Actuar Ledermann!“ Er drehte ſich raſch um und ſah einen Gerichtsdiener eilig auf ſich zukommen, der, die Mütze abnehmend, vor ihm ſtehen blieb und ihm meldete, daß er eben abgeſchickt worden ihn zu holen oder aufzuſuchen, da ein Einbruch geſchehen ſei, über den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen werden ſolle. „Protokoll aufnehmen?“ ſagte Actuar Ledermann, keines⸗ „ 51 . wegs angenehm überraſcht;„ja was hab ich denn heute da⸗ mit zu thun, wo iſt mein College?“ „Herr Actuar Beller ſind unwohl geworden, heute Nach— mittag,“ berichtete der Polizeidiener,„und mußten zu Hauſe gehn; ich bin eben abgeſchickt zu ſehn, welchen von den andern Herren ich zuerſt treffen könnte.“ „Hm— iſt ſehr amüſant,“ brummte Ledermann vor ſich hin—„kommt mir gerade apropos. Bei wem iſt es denn?“ „Bei Herrn Dollinger.“ „Was?— bei Kaufmann Dollinger?“ rief der Actuar raſch und erſtaunt—„am hellen Tag, während er ausge⸗ fahren war?“ „Er iſt, wenn ich nicht irre, eben zu Hauſe gekommen,“ berichtete der Mann, und hat glaub' ich ſein Pult geöffnet, und eine bedeutende Summe Geldes entwendet gefunden.“ „Hm, hm, hm,“ ſagte der Actuar kopfſchüttelnd und ſei⸗ nen Rock dabei, den er der Bequemlichkeit wegen aufgelaſſen hatte, zuknöpfend,„es wird immer beſſer hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt ſteckt auch voll fremden Volkes, das ſich natürlich keine Gelegenheit entſchlüpfen läßt Reiſegeld zu bekommen.“ „Es muß doch wohl Jemand geweſen ſein der mit dem Hauſe genau bekannt war,“ ſagte der Polizeidiener—„nach dem wenigſtens, was ich bis jetzt von den Dienſtleuten darüber gehört habe, kann's nicht gut anders ſein.“ „Nun wir werden ja ſehn; da muß ich aber erſt—“ „Wenn ſich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle 4* “ 52 bemühen wollen,“ ſagte jedoch der Diener des Gerichts,„alles Nöthige iſt ſchon dorthin geſchafft und ich war eben nur fort⸗ gelaufen, einen der Herren zu ſuchen.“ Der Actuar, dem Dienſte natürlich Folge leiſtend, ſeufzte tief auf und ſchritt, im Geiſt wahrſcheinlich des Empfangs gedenkend, der ſeiner harrte, wenn ſeine Frau auf ihn mit dem Abendeſſen warten mußte, raſch die„Poſtſtraße“ hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'ſchen Hauſe zu, dort den Thatbeſtand in Augenſchein und zu Protokoll zu nehmen, etwaige Spuren des Uebelthäters zu entdecken und zu verfol⸗ gen, und die Leute im Hauſe nach möglichem Verdachte zu in⸗ quiriren. Im Hauſe des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles ſonſt ſo ſtill und ruhig und wie am Schnürchen zuging, wo Jeder ſeine angemeſſene und feſt beſtimmte Beſchäftigung hatte, genau wußte was ihm oblag, und das that, ohne eben viel Lärm darum zu machen, lief und rannte und ſprach heute Alles durcheinander, und ſämmtliche Bande der Ordnung ſchienen gelöſt. Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Krämpfen in ihrem Boudoir, und beanſpruchte die Hülfe ihrer beiden Töchter und der weiblichen Dienſtboten im Haus, ihren Zuſtand zu be⸗ wachen; Herr Dollinger ſelber war in ſeinem Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raſchen Schritten und auf den Rücken gekreuzten Armen auf und ab, während dem jungen — — Henkel indeſſen die Bewachung des Platzes ſelber übertragen war, und die andern Dienſtboten, mit einem nicht unbedeuten⸗ den Theil der Nachbarſchaft und deren Verwandten, in den ver⸗ ſchiedenen Winkeln und Ecken des Hauſes herumſtanden und kopfſchüttelnd, die Hände ein über das andere Mal in Verwun⸗ derung zuſammenſchlugen. Die verſchiedenartigſten Vermu⸗ thungen und Beweiſe wurden da laut, und die Orte und Stellungen oder Beſchäftigungen jedes Einzelnen auf das Ge⸗ naueſte und Peinlichſte angegeben, wo und wie ſich Jeder ge⸗ rade in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entſetz⸗ liche, verruchte That geſchehen und vollbracht ſein mußte. Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde übrigens willig und dienſtfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen beſonders gaben dabei durch die entſchiedenſten Ausrufe—„Ne Du meine Güte“ und„Ne ſo was“ ihre vollkommenſte Misbilligung des Geſchehenen zu erkennen. Nichts deſto weniger wurde auch ſelbſt ihnen die Thüre vor der Naſe zugemacht, und Einer der Bedienten bekam ſtrenge Ordre die Hausflur zu räumen, und Niemand mehr, ſo lange die Unterſuchung dauere, die Treppe hinaufzulaſſen, ausgenommen, es wiſſe Jemand noch um den Diebſtahl, und könne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen; ſolche Zeugen ſollten nachher ver⸗ nommen werden. G Oben an der Treppe empfing ſie Herr Henkel, um ſie gleich zu dem Ort, wo der Diebſtahl verübt worden, hinzu⸗ führen; einer der Leute war indeſſen abgeſchickt Hrn. Dollinger 54 ſelber zu rufen, und dieſer erſchien jetzt, den Actuar freundlich grüßend. Es war indeſſen ſchon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezündet worden. „Ich bedaure ſehr, Herr Dollinger,“ ſagte der Actuar, „daß, wie ich gehört habe, eine ſo fatale Sache mich hier in Ihr Haus geführt haben muß.“ „Ja allerdings,“ erwiederte der alte Herr,„iſt es ſehr unangenehm; weniger des Verluſtes wegen, der ſich allenfalls ertragen ließ, als wegen dem Bewußtſein getäuſchten Ver⸗ trauens, mit ſelbſt keinem gewiſſen Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben, wenn es hätte können auf andere Weiſe geſchehn.“ „Das Ganze iſt übrigens mit einer raffinirten Geſchick⸗ lichkeit ausgeführt,“ fiel Henkel hier ein,„und der Thäter, wer auch immer, jedenfalls ein höchſt gefährliches Subjert, von dem ich nur hoffen will daß wir ihm auf die Spur kommen.“ „Dürfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?“ „Treten Sie hier in das Zimmer meiner Töchter; dort der Secretair iſt erbrochen.“ „Hm— mit einem breiten meißelartigen Inſtrument,“ ſagte der Actuar nach kurzer Beſichtigung der offenen, arg be⸗ ſchädigten Mahagoniplatte—„und die Thür ebenfalls einge⸗ brochen?“ „Nein— die Thür iſt unbeſchädigt und muß jedenfalls mit einem Nachſchlüſſel geöffnet ſein.“ „Und was vermiſſen Sie in dem Secretair?“ „Eine Summe Geldes, die ich erſt vor wenigen Stunden, und im Beiſein meiner Familie und eines zuverläſſigen Comp⸗ toirdieners, im Paket wie ich ſie von der Poſt erhalten, hier eingeſchloſſen hatte, und von der der Dieb auf eine mir unbe⸗ greifliche Weiſe muß Kenntniß bekommen haben.“ „Wer iſt dieſer Comptoirdiener?“ „Oh, Loßenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?“ „Loßenwerder,“ ſagte der Actuar nachdenkend—„iſ wohl ſchon eine ganze Weile in Ihrem Geſchäft?“ „Schon zwölf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm ihn als einen ganz jungen Burſchen in mein Haus; er muß aber gegen irgend Jemand davon ge⸗ ſprochen haben.“ „Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher beſehn; alſo hier hinein hatten Sie das Geld gelegt?“ „Es iſt ein Secretair, den meine Töchter gemeinſchaftlich benutzen, und zu dem jede von ihnen ihren Schlüſſel hat. Bitte lieber Henkel, laſſen Sie doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herüber rufen.“— Ich habe ſchon das Mädchen geſchickt, eine der jungen „ Damen erſuchen zu laſſen,“ entgegnete der junge Henkel, der indeſſen im Zimmer umhergegangen war, und ſich überall um⸗ geſehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlaſſen habe, an das man ſich ſpäter einmal halten könne.— „Und vermiſſen Sie weiter Nichts als das Geld?“ frug der Actuar. 56 „Auch ein Schmuck meiner älteſten Tochter ſcheint mit geraubt zu ſein,“ ſagte Herr Dollinger—„aber da kommt 3 Clara, die Ihnen das Nähere davon ſelber angeben wird.“ Clara betrat in dieſem Augenblick das Gemach; ſie ſah todtenbleich und angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen ſie zu unterſtützen. „Clara, mein liebes armes Kind,“ ſagte Herr Dollinger, auf ſie zugehend und die Hand nach ihr ausſtreckend,„fehlt Dir etwas?— Der Schreck hat Dich wohl ſo angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz; vielleicht bekom⸗ men wir Alles wieder und wenn nicht— nun ein Unglück iſt es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle geſund bleibt, können wir die paar tauſend Thaler ſchon verſchmerzen.“ „Es iſt nicht der Verluſt, lieber Vater,“ ſagte aber das junge Madchen, ſich gewaltſam zuſammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend—„nur die Ueberraſchung, der Schreck wahrſcheinlich, und das— das Unheimliche dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des verübten Verbrechens entdeckte. Ich fürchtete die entſetzlichen Menſchen 4 noch irgend wo zu ſehn, die vielleicht hinter einer Gardine ſtehen, unter einem der Divans liegen, hinter einem Ofen kauern konnten und, wenn entdeckt, zu verzweifelter Gegen⸗ wehr getrieben mich anfallen würden, und all ſolch kindiſche 2 Gedanken mehr. Dort der auf den Tiſch geworfene Regen⸗ ſchirm dabei, die heruntergeworfene Stickerei von dem Secre⸗ tair ſelber, am meiſten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und 57 die verlöſchte, angerauchte Cigarre dort auf dem Fenſterbret, 3 erfüllten mir das Herz mit einem unbeſchreiblichen Grauſen.“ „Eine Cigarre?“ ſagte Ledermann, ſich vergebens nach dem bezeichneten Gegenſtand umſchauend—„wo lag ſie?“ „Dort im Fenſter, als ich zurückkam.“ „Die alte angerauchte Cigarre?“ ſagte Henkel raſch— „die hab' ich zum Fenſter hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerſchaft hätte ſte in der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt— ſie muß unten auf der Straße liegen.“ „Bitte ſchicken Sie doch einmal einen Burſchen danach, daß er ſie heraufholt,“ ſagte der Actuar;„man darf auch das Unbedeutendſte nicht unbeachtet laſſen, und wir wollen indeſſen die vermißten Gegenſtände aufnehmen. Das Geld?—“ „Davon giebt Ihnen dieſer Brief das genaue Verzeich⸗ niß,“ ſagte Herr Dollinger,„aber ich fürchte faſt daß wir durch das Geld ſelber nicht auf die Spur kommen werden, in— dem das Paket faſt nur Gold und kleinere Banknoten enthielt, die leicht umzuſetzen und ſchwer zu controliren ſind. Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu ſehn, da einige ſehr auffällige Stücke, wie ich höre, dabei geweſen ſind.“ „Dürfte ich Sie um eine genaue Angabe derſelben, heute 3 Abend noch, wenn irgend möglich ſchriftlich bitten?“ er⸗ 1 wiederte, nach einigem Beſinnen, der Actuar,„dieſe Einzel⸗ heiten würden mich jetzt zu lange aufhalten.“ „Kannſt Du das geben, Clara? „Bis auf die kleinſte Nadel hinunter,“ ſagte das junge — 58 Mädchen raſch,„beſonders auffällig war eine kleine, rundum mit Brillanten beſetzte Broche, ein Erbſtück unſerer Groß⸗ mutter, und ausgezeichnet vor jedem andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben geſehen, durch einen, in der Mitte gefaßten, genau dreieckigen, hellblauen und wunder⸗ vollen Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muß der Dieb in der Eile überſehen haben; er iſt unan⸗ gerührt geblieben.“ „Das iſt allerdings glücklich,“ ſagte der Actuar,„wäre wohl auch des Mitnehmens werth geweſen. Lag gleich da⸗ bei?“ „Hier in dem rothen Käſtchen.“ „Aber das iſt auch geoͤffnet worden.“ „Das?— nein, das hab ich wohl ſelbſt geöffnet, nach⸗ zuſehen, ob auch Alles darin ſei, und nicht wieder ordentlich geſchloſſen. Die Haken waren allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat keinenfalls eine Ahnung ge⸗ habt, welchen Werth das kleine unſcheinbare Käſtchen enthalte, oder es ſtände jetzt nicht mehr da.“ „Sehr wahrſcheinlich, hm— aber Sie vergeſſen wohl nicht, mein Fräulein, alle dieſe Einzelheiten beſonders zu no⸗ tirenz wer weiß ob ſie nicht noch einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die Cigarre gefunden?“ „Gott weiß wo ſie iſt;“ lachte dieſer,„irgend Jemand muß es doch noch der Mühe werth gehalten haben ſie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht zu verrauchen— ich bin ſelber -—— 59 hinunter gegangen, kann ſie aber nirgends mehr entdecken. Uebrigens iſt es auch faſt dunkel geworden, und ich werde morgen ganz früh nachſuchen laſſen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht viel helfen.“ „Man weiß nicht,“ ſagte der Actuar kopfſchüttelnd,„je nach der Güte des Tabaks ließ ſich vielleicht auf die Schicht der menſchlichen Geſellſchaft ſchließen, in der ſich unſer heim— licher Beſuch herumtriebe. Aber das iſt allerdings Neben⸗ ſache; wo alſo iſt der Dieb hereingekommen?— hier durch dieſe Thür?“ „Doch wohl vom Garten her durch das Fenſter Euers Schlafzimmers,“ ſagte Herr Dollinger,„denn durch das Haus würde er es ſich am hellen Tage im Leben nicht getraut haben.“ „Aber ich möchte meine Seligkeit zum Pfande ſetzen daß ich den Schlüſſel, der nach unſerer Schlafkammer führt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und ſtecken gelaſſen hätte, ſo daß von innen ein Oeffnen unmöglich war.“ „Und war die Thür noch verſchloſſen wie wir zurück⸗ kamen?“ „Nein, nur in's Schloß gedrückt, aber der Schlüſſel ſtak darin.“ 4 „Hm, hm, hm— dann iſt der Burſche dort wahrſchein⸗ 2 lich hinaus“— ſagte der Actuar—„zur Thür hier herein⸗ gekommen und dort zur Nothröhre hinaus— hm, muß aber genau mit der Gelegenheit bekannt ſein. Mein lieber Herr Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig ſcharf in's — 60 Gebet nehmen müſſen, denn ein ganz Fremder, kann ſich die Zeit nicht ſo abgepaßt haben.“ „Wo kommt der Blumenſtock her?“ ſagte da plötzlich Clara raſch und erſtaunt, auf einen ſehr ſchönen Roſenſtock deutend, der in ihrem Fenſter, zunächſt der Thüre ſtand— „wer hat den jetzt hier heraufgeſtellt?“ „So lange wir hier ſind Niemand“— rief Henkel— „war er vorher nicht da?“ „Nicht heute Mittag, das weiß ich gewiß; aber vielleicht hat ihn eins der Dienſtleute mir heimlich hier hereingeſetzt.“ „Heimlich?— ſo?“ ſagte der Actuar,„den freundlichen Geber wollen wir alſo vor allen Dingen einmal herauszube⸗ kommen ſuchen.“ „Es iſt heute mein Geburtstag,“ ſagte Clara leiſe und erröthend.“ 3. „Oh?“ meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Lächeln,„da thut es mir freilich leid, meine ganz ergebenſten Gratulationen zu keiner angenehmeren Zeit vorbringen zu kön⸗ nen;— will eben nicht paſſen bei einer ſolchen Unterſuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu hinunterſchlucken— ich gratulire eben nicht zur Unterſuchung.“ „Es muß gewiß ein geſegnetes Land ſein,“ ſagte Henkel mit einem leiſen, halb boshaften Lächeln,„wo die Polizei ſo⸗ gar witzig ſein kann.“ „Hm,“ meinte der lange Actuar, ſich nach dem Sprecher umdrehend,„die Polizei macht eben keinen Anſpruch darauf, und iſt das meiſtens Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden; iſt nicht herauszubekommen 4 wer den Blumenſtock hier, während Ihrer Abweſenheit in das Zimmer geſetzt hat?“ „Jedenfalls müſſen die Dienſtboten darum wiſſen,“ ſagte der junge Henkel,„und es wird das Beſte ſein ſie einzeln darum zu befragen.“ „Allerdings;— Einzelverhör hat überhaupt viele Vor⸗ theile, bitte ſchicken Sie einmal die Leute herauf, daß man vor allen Dingen ihre Geſichter zu ſehen bekommk.“ „Aber nicht hier, Väterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?“ bat Clara—„ich würde den fatalen Ge⸗ danken im Leben nicht wieder los.“ „Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer,“ ſagte Herr Dollinger, freundlich dem Wunſch der Tochter nach— gebend,„es läßt ſich das dort eben ſo gut abmachen als hier.“ „Manchmal iſt der Platz des Verbrechens ſelber der ge⸗ eignetſte,“ warf der Actuar ein,„aber wie Sie wünſchen— nur um eines möchte ich Sie noch vorher bitten, daß ich mir einmal die Stelle oder das Fenſter anſehn darf, durch das ſich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben könnten.“ „In unſerem Schlafzimmer?“ „Doch durch dieſe Thür?“. „Lieber Henkel, Sie ſind wohl indeſſen ſo freundlich, meine Leute unten zuſammenzurufen; wir kommen gleich hin⸗ unter. Sie werden heut viel beläſtigt.“ „Aber ich bitte Sie, beſter Herr Dollinger,“ ſagte der 1 1 1 4 * 1 11 † 411 1 1 1 1 1 62 junge Mann, raſch ſeinen Hut aufgreifend,„wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem wirklichen Nutzen ſein könnte. Lieber erlauben Sie mir viglleicht mit Ihnen einer möglichen Spur zu folgen, denn meine Augen ſind darin vielleicht ſchär⸗ fer als manche andere.“ „Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu ſpüren geben,“ meinte indeß der Actuar;„das werden wir uns müſſen auf morgen früh aufſparen— alſo jetzt noch das Fenſter, wenn ich bitten darf— ich möchte mir nur die Ge— legenheit einmal von oben beſehn.“ Clara ſelber öffnete die Thür und führte dem Actuar mit ihrem Vater in das kleine freundliche Gemach, deſſen beide, ſchon von Blätter ſchießenden Weinranken überzogene Fenſter, auf den Garten hinausſahen. Das eine Fenſter war aller⸗ dings geöffnet geweſen, aber der Rankenwuchs ſo dicht zu⸗ ſammengezogen, daß ſich ein Korper kaum hätte hindurch⸗ zwingen können. Die Höhe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenſter ſollte ein kleiner Raſenplatz ſein, war eben nicht beträchtlich, vielleicht zehn oder zwölf Fuß, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den Raſen. Im Zimmer ſelber ließ ſich aber nicht das mindeſte er⸗ kennen, das einen ſolchen Verdacht unterſtützt hätte; das Einzige was dafür ſprach, war die aufgeſchloſſene Thür. In der Unterſtube des Hauſes waren indeſſen die Dienſt⸗ leute verſammelt worden, ſtreng eraminirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die Pflicht ob, die Etage, wenn ſie nach unten in die Küche ging, in Abweſenheit der Herr⸗ 63 — 8. ſchaft verſchloſſen zu halten. Dieſe aber behauptete ſteif und feſt, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen an, daß ſie die Vorſaalthür auch ordentlich,„zweimal zum“ abgeſchloſſen und den Schlüſſel zu ſich geſteckt hätte, und Niemanden in der weiten Gotteswelt geſehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben könne. Trotzdem aber ſei die Vorſaalthür, als ſie wieder nach oben gekommen offen, wenigſtens aufgeſchloſſen, wenn auch zugeklinkt geweſen, und ſie hätte ſelber im Anfang nicht begreifen können wie das mög⸗ lich wäre, aber auch nicht weiter darüber nachgedacht, und es ihrer eigenen Unaufmerkſamkeit zugeſchoben. Nach der Ab⸗ fahrt der Herrſchaft ſei ſie aber nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um— ſte wollte erſt nicht mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar drängte gar ſo ſehr— um den jungen Herrn Henkel fortreiten zu ſehn. Nachher mochte ſie vielleicht noch zehn Minuten der Köchin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem Vorſaal oben fortgekommen, auf deſſen Balkon ſie geſeſſen und genäht hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorſaal oder des Fräuleins Zimmer betreten, darauf wolle ſie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebſtahl müſſe jedenfalls in den paar Minuten, die zwiſchen dem Fortreiten des jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen hätten, verübt ſein— anders war es nicht möglich. „Wer aber hatte den Blumenſtock in des Fräuleins Zim⸗ mer geſtellt?“ „Einen Blumenſtock?— während die Herrſchaft fort war?“ — ——— „Allerdings, eine Monatsroſe— in das Fenſter nächſt der Thür.“ „Der das gethan hat, müſſe damit zum Fenſter, oder in derſelben Zeit mit einem Nachſchlüſſel zur Thür hereingeke men ſein, als der Diebſtahl verübt worden, denn ſie hätte keine Seele im Haus geſehn.* Die Dienſtboten hatten indeſſen mit einander geflüſtert, als der Actuar das Wort nahm und mit langſam bedächliger, aber ziemlich ernſter Stimme ſagte: 2* „Hört einmal Leute, ich will Euch etwas ſagen; Ihr habt Euch da gut unſchuldig ſtellen, als ob Ihr eben erſt auf die Welt gekommen wärt, damit dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld iſt fort— Ihr ſeid die Einzigen die unter der Zeit i im Haus waren, und Euere Pflicht wäre es geweſen— „Aber Herr Actuarius“— „Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe— und Euere Pflicht wäre es geweſen, ſag' ich, aufzupaſſen, daß niemand Fremdes den Platz betrat, der Euch anvertraut war, und für den Ihr alſo auch in der Zeit zu ſtehn hattet. Je⸗ mand iſt aber in der Zeit da geweſen, und hat etwas gebracht und etwas geholt, und man wird ſich jetzt an Euch halten müſſen, bis der Jemand ausfindig gemacht iſt. Was giebt's da hinten— was iſt gekommen?“ „Dullmanns Rieke von über dem Weg drüben,“ ſagte die Köchin jetzt, gegen den Actuar vortretend,„will den Loßen⸗ werder haben heimlich aus dem Haus ſchleichen ſehn. Da haben Sie einen; uns brauchen Sie ſo etwas nicht unter die 64— 65 Naſe zu reiben, Herr Actuar— wir ſind ehrliche Dienſtboten die ſich ihr bischen Brot ſauer genug im Schweiße ihres An⸗ geſichts—“ „Ach halt' ſie das Maul,“ fiel ihr aber der Actuar etwas unſanft in die Rede— wer iſt im Haus geweſen, Loßen⸗ werder?— und heimlich hinausgeſchlichen?— wer hat ihn geſehn?“ Hier die Rieke von Dullmann's—“ „Wann war das?“ fragte der Actuar das jetzt vorge⸗ ſchobene Mächen, das feuerroth wurde und ihren einen Schür⸗ zenzipfel anfing wie einen Plumpſack zuſammenzudrehen. Erſt ganz kurze Zeit vorher hatte ſie einer ihrer Freundinnen im Dollinger'ſchen Haus, und gewiß nicht in der Abſicht die Mit⸗ theilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei gezogen zu werden. „Nun Mamſell— wie hieß ſie?— Rieke?— Wann haben Sie Loßenwerder aus dem Haus kommen ſehn, und iſt er ruhig hinausgegangen oder geſchlichen?“ „Wenn Loßenwerder im Haus war,“ ſagte Herr Dollinger ruhig,„ſo wird er auch ordentlich hinausgegangen und nicht geſchlichen ſein; der wäre der Letzte dem ich ſo etwas zu⸗ trauen möchte.“ „Die Rieke behauptet,“ fiel aber hier die Köchin in dem Bewußtſein unrechtlich gekränkten Ehrgefühls raſch ein,„daß ſie gar nicht auf ihn geachtet haben würde, wenn er ſich nicht ſo ſchnell und heimlich, und dicht unter den Fenſtern, am Hauſe Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 5 66 hingedrückt hätte. Wer kein böſes Gewiſſen hat, kann gerade und offen gehen.“ „Sie ſind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch ein⸗ mal,“ rief der Actuar jetzt ungeduldig werdend—„wenn Sie jetzt nicht ruhig ſind, laſſe ich Sie ſo lange hinausführen, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamſell Rieke; wenn Sie ſich die Schürze abgedreht haben, dann ſein Sie ſo gut und ſagen Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Loßenwerder geſehen haben.“ „Ich— ich weiß nicht gewiß“— ſtammelte das Mäd⸗ chen verlegen—„aber— aber Loßenwerder kam— bald nach⸗ her wie die Herrſchaft fortgefahren war—“ „Wie lange nachher?“ frug der Actuar. „Etwa eine halbe Stunde denk' ich— vielleicht nicht ſo lange— kam er viel raſcher als es ſonſt ſeine Art iſt, denn er geht gewöhnlich immer ſehr langſam— kam er— kam er aus der Thür heraus, die er geſchwind hinter ſich zuzog— und dann—“ „Und dann?“— Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte daß ihn Jemand, der vielleicht von oben herunterſähe, erkennen möchte— hielt er den Kopf nieder und drückte ſich— drückte ſich dicht am Haus hin, ſo ſchnell er konnte die Straße hinun⸗ ter, und um die Ecke.“ „Und nachher?“ frug der Actuar. „Nu, um die Ecke kann ſie doch nicht ſehn,“ ſagte die Köchin.. * ʒ——— „Ob Sie ſtill ſein wird,“ ſagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich böſe gemacht—„Wenzel, wenn mir die Perſon da jetzt noch einmal das— noch einmal den Mund aufthut, dann wiſſen Sie was Sie zu thun haben.“ „Sehr wohl, Herr Actuar,“ ſagte der Gerichtsdiener— „Und ſind Sie dann nachher nicht herübergekommen und haben das den Leuten im Hauſe geſagt, was Sie geſehn?“ frug der Actuar. „Ich habe ja aber Nichts geſehen,“ ſagte die Rieke. „Sie haben doch den Loßenwerder geſehn“— „Ja aber der geht doch ſo oft in das Haus hier herein, und kommt nachher immer wieder heraus.“ Der Actuar warf ſich ungeduldig herüber und hinüber und ſagte endlich mürriſch: „Unſinn— baarer Unſinn— aber hatte er denn irgend etwas in der Hand?— trug er etwas?“ „Trug?— ja— ja ſehn Sie Herr Actuar— das kann ich Sie nicht ſagen— das weiß ich nicht—“ „Nun Sie werden doch geſehen haben, ob er irgend ein ſchweres Paket in der Hand hatte oder nicht.“ „Ja ſehn Sie, das weiß ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es faſt,“ ſagte das Mädchen,„denn ich habe den Herrn Loßenwerder eigentlich noch gar nicht anders geſehn, als daß er irgend was getragen hätte; und wenn's nur ein paar Briefe geweſen wären, oder ein Regenſchirm.“ „Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie ſind da auf einer falſchen Fährte,“ ſagte Herr Dollinger jetzt—„man kann 5* 68 einem Menſchen allerdings nicht in's Herz ſehen, aber für den Loßenwerder möchte ich faſt ſelber einſtehen.“ „Mein beſter Herr Dollinger,“ ſagte aber der Actuar kopfſchüttelnd,„es iſt das mit den Unterſuchungen eine wun⸗ derliche Sache, und Leute auf die man am allerwenigſten ge⸗ dacht, von denen man nie das geringſte Unrechte vermu⸗ thet hatte, kommen da oft in den ſonderbarſten Verwicke⸗ lungen vor und— ſind ſchuldig. Ich ſelber kenne Loßen⸗ werder als einen ordentlichen braven Menſchen, und will zu Gott hoffen, daß unſer ganzer Verdacht unbegründet iſt; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und daß ihn Nie⸗ mand ſonſt im Haus geſehen hat macht ihn verdächtig. Meine Pflicht iſt es wenigſtens ihn ſelbſt deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls noch heute Abend nach ihm ſchicken müſſen — unſere Eiſenbahnverbindungen ſind jetzt zu ſchnell, und man darf keiner Menſchenſeele mehr zwölf Stunden Vorſprung laſſen, wenn man nicht oft das leere Nachſehn haben will.“ „Paſſen Sie auf,“ ſagte Keer Dollinger,„der Loßen⸗ werder wird den Blumenſtock zum Geburtstag Clara's oben hinaufgetragen haben, und zum Dank dafür kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen Diebſtahls.“ „Wie aber iſt er ohne Nachſchlüſſel in die verſchloſſene Thür gekommen,“ warf der Actuar ein— „Hm—“ ſagte Herr Dollinger,„das weiß ich freilich nicht— nun fragen Sie ihn ſelber, das wird jedenfalls der kürzeſte Weg ſein.“ —r—— 0* † „Um das Verzeichniß der geſtohlenen Gegenſtände durfte ich Sie dann vielleicht nachher noch bitten.“ „Meine Tochter wird es gerade jetzt eben ſchreiben,“ ſagte Herr Dollinger,„wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen.“ „Dann dürfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu ſchicken,“ meinte der Actuar nach kurzer Ueber⸗ legung,„ich muß vor allen Dingen erſt in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in's Bureau gehen. Wo iſt denn der Loßenwerder wohl am leichteſten zu finden?“ „Ich habe eben un ſeinem Hauſe geſchickt,“ ſagte Herr Dollinger,„aber dort iſt er nicht. Paul, der Burſche, behaup⸗ tet, er ginge manchmal, aber ſelten, in eine Bierſtube an der Ecke der Rößnitzer und Hertzergaſſe, aber dort war er auch nicht; es iſt übrigens an beiden Orten beſtellt, ihn gleich, ſo wie Jemand ſeiner anſichtig wird, hierherzuſchicken.“ „Sehr wohl,“ ſagte der Actuar, ſeine Papiere zuſammen⸗ packend, und ſie dem Gerichtsdiener übergebend; nach kurzer Begrüßung wollte er ſich dann eben entfernen, als er noch ein⸗ mal in der Thür ſtehen blieb und, ſich ſcharf auf dem Abſatz herumdrehend, fragte: „A prospos— raucht Loßenwerder?“ „Soviel ich weiß nicht,“ ſagte Herr Dollinger. „Doch ja, manchmal,“ ſagte Einer der Leute— Sonn⸗ tags nach Tiſch z. B. regelmäßig eine Cigarre.“ „Hm, ſo?“ ſagte der Actuar und verließ dann raſch das Zimmer und Haus. Er hatte übrigens auch alle Urſache ſich zu beeilen, denn daheim wartete ein mit jeder Minute drohender aufſteigendes Unwetter auf ihn, das er mit einer Art von verzweifelten Hoff⸗ nung immer noch mit den, dem Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geſchäftsmäßig unter den Arm ge⸗ klemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls mußte ihm der Vorfall im Dollinger'ſchen Haus, der ſo viel von ſeiner Zeit in Anſpruch genommen, entſchuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte ſich ſchon den ganzen Nachmittag über, mit immer wachſender Ungeduld, vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt gelegenen Gärten, wo Concert ſein ſollte, zu beſuchen und die Parthie war ihr jetzt— was halfen alle Gründe dagegen— zu Waſſer geworden; es verſtand ſich von ſelbſt daß Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch die Fol⸗ gen trug. Frau Actuar Ledermann hatte ſich übrigens vor einigen Tagen, wo ſie trotz dem naſſen Wetter und allen Vorſtellungen ihres Mannes ſpatzieren gegangen war, furchtbar erkältet, und brachte keinen lauten Ton über die Lippen. Das aber, und daß ſie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen Kraft ihrer Stimme hinausgießen konnte über den Gatten, wie ſie es— und er auch— gewohnt war, ſondern alles das was ſie ihm zu ſagen hatte— und ſie hatte ihm viel zu ſagen— herausflüſtern mußte, reizte ihren Zorn nur noch immer mehr. „Aber liebes Kind, ich verſichere Dich,“ ſagte der Actuar 3 *† * — 71 in einem vergeblichen Verſuch den aufſteigenden Sturm zu beſchwichtigen,„daß ich mich über anderthalb Stunden bei dem verwünſchten Diebſtahl im Dollinger'ſchen Hauſe aufge⸗ halten habe und—“ 2 „Und ich verſichere Dich,“ ziſchte ſie, mit einem Geſicht, dem die Anſtrengung die es ſie koſtete die Worte hörbar zu machen, einen noch viel unfreundlicheren, ja ſogar boshaf⸗ ten Ausdruck gab—„daß ich Dich vor anderthalb Stunden ſchon gerade ſo erwartet habe wie jetzt, und ſeit drei Stunden vollkommen angezogen daſitze und auf Dich paſſe.“ „Aber Du biſt ja gar nicht angezogen, beſte Thereſe.“ „Weil ich mich wieder aus gezogen habe,“ rief die Frau— 3„glaubſt Du ich ſoll mir ein Beiſpiel an einem liederlichen Menſchen nehmen, und bei Nacht und Nebel noch draußen herumſtreichen, wie Leute die das Licht zu ſcheuen haben?— Und dann mit meinem Katharr— daß ich mir den Tag über 6 im warmen Sonnenſchein ein wenig Bewegung machte, das fällt Dir nicht ein; aber Nachts, wenn der ſchädliche Thau niederfällt, der für mich, gerade Gift wäre, da möchteſt Du mich jetzt wohl noch hinausſchleppen nicht wahr? damit ich nur recht ſchnell unter die Erde käme— o ich armes unglück⸗ ſeliges Weib—“ „Aber dverß biſt unbillig, ich habe Dir doch ange⸗ boten heute Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn—“ Weil Du wußteſt daß das nichtsnutzige Geſchöpf von „„ * einer Wäſcherin mir mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen würde,“ ziſchte die Frau. „Aber Du haſt ja noch andere—“ „Am Sonntag zum Skandal der andern Menſchen mit einer ſolchen Fahne zu einem anſtändigen Vergnügungsort hinausziehn, nicht wahr?— Dir läge natürlich Nichts daran was die Leute über Deine Frau ſagten; aber Du biſt auch an anderen Orten lieber wie zu Hauſe, und ſtatt Deiner Frau einmal ein paar Stunden Geſellſchaft zu leiſten, und nachher mit ihr zuſammen auszugehen, mußt Du natürlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hauſe kommen.“ „Liebes Kind, es iſt halb neun Uhr jetzt“— ſagte der Actuar ruhig,„dann aber Thereſe,“ fuhr er nach kleinem Zögern, mit einer faſt gewaltſamen Anſtrengung etwas heraus⸗ zubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort—„biſt Du theilweiſe mit ſelbſt Schuld daran, daß ich mir eben außer dem Hauſe mein Vergnügen ſuchen muß.“ „Ich?“ wollte die Frau erſtaunt rufen, der etwas zu hoch eingeſetzte Ton blieb aber total aus, und Ledermann ſah nur, mit der entſprechenden Geſticulation, das zum Höchſten er⸗ ſtaunte Geſicht der Gattin. Dadurch aber vielleicht, und durch die ungewöhnliche, freilich erzwungene Stille, etwas muthiger gemacht, fuhr er entſchloſſen fort: ᷣ „Ja liebes Kind, Du; denn anſtatt Deinem Mann, wenn er von ſeinen Berufsgeſchäften ermüdet zu Hauſe kommt den Aufenthalt daheim zu einem freundlichen zu machen, in dem F 8 73 er gerne bleibt, läßt Dich Dein unglückſeliges, heftiges Tem⸗ * perament nicht ruhen noch raſten, ſondern Du mußt irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in höchſt ſeltenen Fällen zu ſein ſcheint, ſo biſt Du mürriſch und ver⸗ ſchloſſen, machſt ihm ein finſteres, verdrießliches Geſicht, und ſprichſt kein Wort.“ Sprachlos nur vor Zorn und Staunen über die uner⸗ hörte, bodenloſe Frechheit, hatte die Frau indeſſen dem heute ſo redſeligen Gatten(der aber nicht dabei zu ihr aufzuſchauen . wagte, ſondern bald die rechte, bald die linke Ecke der Stube mit den Augen ſuchte) angeſehn. Es war eine allerdings noch jugendliche ſchlanke, aber eher magere als volle Geſtalt, die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorſtehenden, wenig⸗ * ſtens ſtark markirten Backenknochen und durchdringend ſcharfen, wenn auch kleinen lichtgrauen Augen, die Lippen ſchmal und um den Mund in vielen kleinen Fältchen, zuſammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurückſtehend, was ihr ein beſon⸗ deres, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug ließ ſie ſich zu viel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der ſelbſt der ärmlichſten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krauſe die das oben am Hals dicht an⸗ ſchließende Kleid einfaßte, war ſchon mehrere Tage getragen und verdrückt, cbenſoſgeigten die Manſchetten Spuren längeren — — 1 Dienſtes, und die Haube ſaß ihr verſchoben und zu viel zurück⸗ gedrängt auf dem, nicht überreich mit Haaren bedeckten Schei⸗ tel. Frau Actuar Ledermann war nicht hübſch, und der Affect 74 8 der ihre Züge in dieſem Augenblick mehr entſtellte als belebte, nahm ihnen leider auch die letzte Spur ſanfter Weiblichkeit, 4 die ſonſt doch wohl noch hie und da darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erſtaunen als Mäßigung niedergekämpfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und während die Anſtrengung, ſich bei ihrer Heiſerkeit gehört zu machen, ihr Antlitz faſt dunkel färbte, keuchte ſie, die Arme in die Seite ge⸗ 8 ſtemmt, den Oberkörper gegen den überraſcht einen Schritt zurückweichenden Gatten vorgebeugt: „Spreche kein Wort, hehe ſagt der Herr?— prahlt da,„wenn er von Berufsgeſchäften nach Hauſe kommt“— ſpreche kein Wort?— ſitzt in der Kneipe den ganzen geſeg⸗ neten Nachmittag— im rothen Drachen und das nennt er Berufsgeſchäfte; vertrinkt das Geld das wir hier zum noth— wendigſten Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Hei⸗ ſerkeit vor, die mir der Himmel geſchickt hat, oder mein böſes Glück, dem ich auch einen ſolchen Mann verdanke— daß ich kein Wort ſpreche und verdrießlich bin. Ich ſoll 3 wohl tanzen? eh?— wenn mir das Herz zum Zerſpringen voll iſt vor Jammer und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da ſitze, und brüte und denke wie wir auskom⸗ men wollen mit den paar Groſchen, die zum Sterben und Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig ſind. Dann ſoll ich nachher, wenn der geſtr Herr ſein Geſicht zeigt, lachen und vergnügt und luſtig ſein, nur damit der Haustyrann ſich nicht unbehaglich fühlt in ſeinen vier Wänden.“ 3 4 75 3 Heftiger Huſten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die übermäßig angeſtrengte Luftröhre den Dienſt verſagte, und der Actuar Ledermann nahm ſtill uud ſchwei⸗ gend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen Seitenſchrank, zündete es an der Lampe an, und verließ kopfſchüttelnd und ſeufzend das Gemach, ſich auf ſein eigenes kleines Stübchen zurückzuziehn. Capitel A. — Franz Loßenwerder. In Heilingen, in der Glockenſtraße, ſtand ein vortreffliches Weinhaus, in dem die wohlhabenderen Bürger Abends ge⸗ wöhnlich zuſammenkamen und ihr Fläſchchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal war ziemlich gemüthlich, und dem Zweck entſprechend, in eine Menge klei⸗ ner Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thüren und Verſchläge, theils durch Vorhänge von einander getrennt lagen, einzelnen Geſellſchaften zu geſtatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas, ungeſtört von dem Nachbar, zu trinken. Das Haus hieß„der Pechkranz“ nach einer alten Sage, die der Wirth ſehr gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem dreißigjährigen Kriege ſpielte; ein, über der Eingangsthür in neuerer Zeit erſt aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen Tyrſusſtab, und in der an⸗ deren einen Pechkranz, in höchſt wunderlicher Weiſe Sage und * 2 — 3—— 77 Geſchäft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber gar nicht ſo übel angebracht, und hätte ſich auch ſchon ohne Tilly recht leidlich und genügend erklären laſſen, denn Bachus hatte hier ſchon in der That in manchen Kopf ſeinen Pechkranz hineingeworfen, daß es lichterloh zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben größeren Schaden anzurichten, als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben ſollte. Der Wirth war übrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, ſondern ein Rheinländer, der ſich hier erſt vor einigen Jahren niedergelaſſen, und durch gute Getränke auch bald gute und ſchlechte Kunden genug bekommen hatte. Seine Preiſe waren allerdings ein wenig theuer,„aber,“ ſagten die Hei⸗ linger,„wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen Groſchen dabei ankommen, wenn er nur ächt und rein iſt,“ und Wirth und Gäſte befanden ſich wohl dabei. Es war am Abend des nämlichen Tages, an welchem ich meine Erzählung begann, als die Gäſte, die den Tag über meiſt auf Spaziergängen im Freien geweſen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geſchäftig herüber und hinüber ſprangen, Wein und Speiſen den Hungrigen und Durſtigen zu bringen. Die kleinen Räumlichkeiten füllten ſich nach und nach, und ſelbſt in dem großen Mittelſaal, der ungefähr das Centrum des Ganzen bildete, hatten ſich ſchon hie und da ein⸗ zelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne Gäſte ſaßen in irgend einer Ecke, ihre Flaſche Wein vor ſich, und auf eigene Hand, in ungeſelliger Gemüthloſigkeit, langſam Glas nach Glas zu leeren. Es iſt das aber nicht die rechte Art; zu einer ſchönen Landſchaft und einer guten Flaſche Wein gehören mindeſtens zwei Perſonen, um Beides recht und ordentlich zu genießen, die eine ſich darüber, die andere ſich dabei aus⸗ zuſprechen; wenn man allein iſt, geht mehr als der halbe Ge⸗ nuß von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menſchen, die ſich zufriedener fühlen wenn ſie Alles allein genießen können, aber denen geh' aus dem Weg; es ſind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen ſchuldig biſt iſt dafür, daß ſie ſich eben auch von Dir zurückziehn. Nur wer Niemanden hat an den er ſich anſchließen darf, wer allein und freundlos in der Welt daſteht und das Leid das ihn drückt, allein tragen, die wenigen frohen Momente ſeines Le⸗ bens allein genießen muß, den bedauere und hilf ihm, wenn Du kannſt, denn er iſt der Unglücklichſte von Allen. Es mochte neun Uhr Abends ſein, als ein Bekannter von uns, der Kürſchnermeiſter Kellmann, die Weinſtube betrat und, ſich überall umſchauend, ob er nicht irgend einen Freund träfe zu dem er ſich ſetzen könnte, in einer der Ecken eine be⸗ kannte Geſtalt entdeckte. Aber er ſah erſt ein paar Secunden wirklich aufmerkſam dorthin, ehe er ſeinen Augen traute, und ſagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tiſch ſtehen bleibend:. „Hallo, Loßenwerder? Ihr hier im Pechkranz? na da mochte man doch, wie die Schwaben ſagen, den Ofen ein⸗ ſchlagen. Alle Wetter Mann und vor einer Flaſche Rüdes⸗ heimer; nun das laß ich gelten und es freut mich wahrhaftig, daß Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menſchen kommt. —ͤ———y Aber was iſt denn heute los bei Euch? denn einen ganz be⸗ * ſonderen Grund muß doch die Feſtlichkeit haben.“ „Ha— ha— ha-— hat ſie auch He— he— he— he— herr Ke— ke— ke— kellmann,“ ſagte der kleine Mann verlegen lächelnd und ſich etwas ſchüchtern dabei umſchauend, denn es ſchien ihm nicht angenehm, die Aufmerkſamkeit der übrigen Gäſte ſo direkt auf ſich gelenkt zu ſehn. „Jetzt kann ich aber auch den Leuten widerſprechen,“ ſagte Kellmann, ſeinen Hut und Stock an einen der naͤchſten Haken hängend und ſich neben ihn ſetzend,„wenn ſie behaupten Ihr tränkt nur Waſſer, und Sonntags höchſtens einmal ein Glas Dünnbier— ich kriege Leibſchneiden, wenn ich nur an das Zeug denke— und ſonſt lebtet, als ob Ihr die Woche mit 9 einem halben Thaler auskommen müßtet. Alle Wetter Mann, das iſt recht, daß Ihr Euch auch manchmal ein Glas Rhein⸗ wein gönnt; das hält Leib und Seele zuſammen, und ſtärkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleiſch. Würde mir ſchwer ankommen, wenn ich unſeren vaterländiſchen Wein ent⸗ behren müßte,“ ſetzte er mit einem halbunterdrückten Seuf⸗ zer hinzu. „Ha— ha— ha— haben Sie a— a— a— auch wohl ni— ni— nicht nõ— nõ— nõ— nö— nö— nöthig, be— be— be— beſter He— he— he— he— he— he.“ „Ih nun wer weiß was Einem noch Alles bevorſteht,“ unterbrach ihn Kellmann—„hier Kellner— mir auch eine Flaſche von dem Rüdesheimer; der Duft hat mir Appetit gemacht.“ „Hallo Loßenwerder bei einer Flaſche Rüdesheimer,“ rief aber jetzt noch eine andere Stimme aus dem nächſten Stübchen, wo ein paar junge Kaufleute bei ihrem Glaſe zuſammenſaßen —„da müſſen wir auch dabei ſein; Loßenwerder hat viel⸗ leicht heute ſeinen ſplendiden Tag und traktirt— haben Sie was in der Lotterie gewonnen?“ Die jungen Leute, die Kellmann und Loßenwerder be⸗ grüßten, kamen mit ihrer Flaſche heraus, und ſetzten ſich an denſelben Tiſch, mit dem immer verlegener werdenden kleinen Mann anſtoßend und trinkend. Denen geſellten ſich aber noch bald darauf Andre zu; Loßenwerder war in der ganzen Stadt bekannt und oft auch, ſeiner körperlichen Mängel wegen, zum Beſten gehalten. Vertheidigen konnte er ſich aber ſchon ſeines Stotterns wegen nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlaß und Stoff gegeben hätte; ſo wurde denn dieſe freilich gezwungene Zurückhaltung endlich für Gutmüthigkeit ausgelegt, mit der er ſich Scherz und Stichelrede ruhig gefal⸗ len ließ, und was die ſchärfſte Erwiderung nicht vermocht, erreichte er unfreiwillig dadurch: daß man es endlich müde wurde, den ſich nicht Vertheidigenden zum Beſten zu haben, und ihn eben zufrieden ließ. Aber in des Verwachſenen Be⸗ tragen änderte das Nichts; abgeſtoßen und verhöhnt— in nur ſehr wenigen Ausnahmen— von Allen, mit denen er in Berührung kam, zog er ſich mehr und mehr in ſich ſelbſt zurück, ging, außer den nöthigen Geſchäftswegen und außer der Ge⸗ ſchäftszeit, faſt nirgends hin, und lebte ſo einfach, ja faſt dürftig, wie nur ein Menſch leben kann, der eben nur Geld ausgiebt, — 81 um zu exiſtiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch Niemand geſehn, und die Gäſte dort, die überdies keinen wei⸗ teren Zweck da hatten als ſich zu amüſiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem kleinen„Stotterberg“, wie er ſpottweis, ſeines Stotterns und Höckers wegen genannt wurde, am Beſten thun zu können. Im Anfang wollte ſich Loßenwerder aber auf Nichts ein⸗ laſſen, ja machte ſogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Verſuche, ſich zu entfernen, denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und mußte mit ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte kräf⸗ tige Wein mochte ihm das Blut leichter und raſcher durch die Adern jagen. Nun ſollte er erzählen, aber das ging nicht, ſein Stottern wurde, mit der ſchwereren Zunge, kaum verſtändlich, bis Einer, im Spott eben, auf den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Loßenwerder weigerte ſich erſt ganz verſchämt; das aber kam den Anderen zu komiſch vor, und mit Lachen und Toben, während ein paar ſchon Cham⸗- pagner beſtellten, den Genuß würdig zu feiern, räusperte ſich Loßenwerder plötzlich und ſtieg, von dem Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdrängenden Gäſte, auf einen Stuhl. Was aber, wie ſich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden ſollen, das erſtarb in athemloſem Schweigen, nur von leiſen Ausrufungen des Staunens und der Bewun⸗ derung unterbrochen, als der kleine verkrüppelte Menſch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Tönen, die zum in⸗ Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 6 nerſten Herzen drangen, erſt noch ſcheu, dann aber immer zu⸗ verſichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit fortgeriſſen, dieſes alſo begann: „Ich habe ſchon zu oft geſchaut In Deiner Augen Glanz, Du Holde, Auf meine Kraft zu feſt vertraut, Viel mehr, als ich vertrauen ſollte. Doch nein, für Dich Geliebte ſind Des Lebens ſchönſte, reinſte Blüthen, Von keinem Schmerz getrübt, beſtimmt, Und was könnt' ich dafür Dir bieten? Nichts— gar Nichts, als ein treues Herz; Doch nimmer ſollſt Du es erfahren— Ich kann, wie früher, meinen Schmerz In tiefer, innerer Bruſt bewahren. Sei glücklich!— wenn auch ohne mich, Ich will Dich lieben, aber ſchweigen Und mein Gebet nur ſoll für Dich 4 Empor, zum Thron des Höchſten ſteiget. Wenn dann mein Herz im Grabe liegt, Und austräumt ſeine ſtillen Leiden, Dann ſoll der Geiſt zum Himmel nicht Entfliehn, und zu der Seel'gen Freuden.— „* 3 8 1. 1. 8 ) N ie 4 apl 1 — — — 8³ Ein ſchön'res Loos werd' ihm zu Theil, Umſchwebend Dich in truͤben Tagen, Soll er, zu Deinem Schutz und Heil, Selbſt ſeiner Seligkeit entſagen.“ Loßenwerder war ganz gerührt geworden beim Schluß des Liedes, und die Thränen ſtanden ihm in den Augen; wäh⸗ rend ſein wirklich häßliches Geſicht durch den Schmerz aber eher einen komiſchen als ernſten Ausdruck bekam, jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erſtwieder Athem und Laut gewann, als der wunderſame Zauber dieſer Stimme von ihnen genommen war. „Bravo— bravo Loßenwerder— bravo dacapo! Don⸗ nerwetter Mann, Ihr habt ja eine Stimme wie eine Nachti⸗ gall, und ſtottert nicht die Probe dabei— wie am Schnürchen geht das!“ „Es iſt erſtaunlich!“ rief Kellmann, vor lauter Verwun⸗ derung über das eben Gehörte wirklich faſt ſprachlos. „Nun aber auch trinken— hier Loßenwerder— hier,“ riefen ſie, ihm das Glas bis zum Rand mit dem ſchäumen⸗ den Trank füllend,„und dann noch ein Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern, und klingt wie Glockenton ſo rein und voll; Loßenwerder wo habt Ihr das Singen gelernt?“ „Vo— vo—vo— vo— vo— von mi—mi— mir ſe— ſe— ſe— ſe— ſelb— bber,“ ſtotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer ſchwerer werdender Zunge nur die paar Worte 6* 8— —y—— vorzubringen, während ihm im Geſang die Strophen wie der Lerche das ſchmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten. „Und da hat bis jetzt noch gar kein Menſch etwas davon erfahren,“ rief Kellmann wieder—„behält die liebe Gottes⸗ gabe da ebenfalls für ſich allein, kommt nirgends hin, ſpricht mit Niemand, trinkt und ſingt mit Niemand, und hat eine Stimme in der Luftröhre ſitzen, die Einer, wer es darauf an⸗ zulegen verſtände, in reines Gold verwandeln könnte.“ Von allen Seiten tranken ſie jetzt dem kleinen Mann zu, und überſchütketen ihn mit Lob und Jubel, und dieſer ſchwamm wirklich in einem wahren Meer von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden— Niemand hatte ſich bis jetzt um ihn bekümmert, Jeder ihn verſpottet und verhöhnt, und zum erſten Mal, vielleicht ſeit langen, langen Jahren, fühlte er ſich unter Menſchen einem Menſchen gleich, wußte ſich nicht mehr verachtet und unter die Füße getreten, und ſah freundliche Augen um ſich her, die ihn wie ihres Gleichen anſchauten. Dem löſte ſich auch endlich ſeine Zunge, oder wenigſtens ſein guter Wille zu reden, ſo weit, daß er beginnen wollte Ge— ſchichten zu erzählen. Das ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen brachte er kein Wort mehr über die Lippen, und ſelbſt das Singen verſagte ihm zuletzt den Dienſt; die Augenlider wurden ihm ſchwer, er fing an zu lallen, und war eben zurück auf ſeinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme geſunken, als die Thür aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten. Es war etwa elf Uhr — 8⁵ Abends und die meiſten Gäſte, mit Ausnahme des einen Tiſches, hatten das Haus ſchon verlaſſen. „Hallo was iſt das?“ ſagte Herr Kellmann, der die bei⸗ den Leute zuerſt bemerkte,„das iſt wunderlicher Beſuch— es wird doch nicht etwa eine Polizeiſtunde eingeführt in Hei⸗ lingen?“ Aber auch der Wirth war die„Diener der Gerechtigkeit“, wie ſie meiſt etwas poetiſch genannt werden, gewahr geworden und ging auf ſie zu, ſich zu erkundigen was ſie hierher geführt. „Ein kleiner buckliger Mann ſoll hier heute Abend bei Ihnen ſein,“ ſagte der Erſte—„er iſt aus dem Dollinger⸗ ſchen Geſchäft.“ „Dort ſitzt er in der Ecke,“ ſagte der Wirth vom Pech⸗ kranz nach Loßenwerder hinüberzeigend,„hat er etwas ver⸗ brochen?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte der Zweite ziemlich kurz— „wir ſollen ihn abholen.“— „Wird ſchwer ſein,“ meinte der Wirth—„ſie haben ihm heute Abend hier ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht— wenn er aufſteht kippt er wieder um.“ „Hm— da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen ſein, Meier; was meinſt Du, nehmen wir ihn mit?“ „Ich denke das Beſte wird ſein wir führen ihn zu Haus, und Einer bleibt bei ihm bis er morgen früh wieder zu Ver⸗ ſtande kommt; jetzt iſt doch Nichts mit ihm anzufangen.“ „Aber um Gottes Willen was iſt denn vorgefallen?“ frug Kellmann beſtürzt;„der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend was verbrochen?“ „Noch iſt nichts Gewiſſes bekannt,“ erwiederte der erſte Polizeidiener,„nur bei Dollinger's iſt heute Nachmittag ein⸗ gebrochen, und die Unterſuchung muß jetzt erſt ergeben, wer ſchuldig ſei.“ 1 „Bei Dollinger's eingebrochen?“ riefen Mehrere,„heute Abend?“ „Nein heute am hellen Tag,“ ſagte der Mann. „Alle Wetter das muß dann geweſen ſein während ſie nach dem rothen Drachen gefahren waren,“ ſagte Kellmann raſch—„ſie kamen an uns vorbei mit dem jungen Henkel.“ „In der Zeit war's,“ beſtätigte der Polizeidiener,„denn wie ſie zu Hauſe kamen, wurde es entdeckt— hier da Loßen⸗ werder— Sie da— wachen Sie auf.“ „Ja wenn Sie den ſtoßen wollen bis er munter wird,“ lachte Einer der jungen Leute,„da haben Sie Arbeit.“ 3„Sie— Loßenwerder— hören Sie?“ „Ja— ja“— ſtammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich gar nicht ſo ſehr viel getrunken, Betäubte—„me—me— me—mehr We—we-wein; ich za— za— za— zahle A—a—a—a—a-—alles!“ „So?“ ſagte der Polizeidiener ruhig—„nun für heute möcht' es doch wohl genug ſein; komm, faß ihn da drüben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht ſo ſehr weit von hier — wo iſt ſein Hut?“ richtete ſich erſchreckt von 87 „Hier— armer Teufel, das wird ein böſes Erwachen werden.“ „Wie man ſich bettet ſo ſ chläft man,“ ſagte der zweite Poli⸗ zeidiener, und den Betrunkenen in die Höhe richtend, der dabei unverſtändliche Sachen ſtammelte und ſogar einen total mis⸗ glückenden Verſuch machte wieder zu ſingen, führten ſie ihn hinaus und ſeiner Wohnung zu, indeß die Gäſte noch das„für und wider“ der Schuld des Mannes, von dem ſie nie etwas Uebles gehört bei einer anderen Flaſche beſprachen. Und es war ein böſes Erwachen für den Mann; von dem Weindunſt betäubt ſchlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen aufſchlug und ihm der. Kopf ſchmerzte zum Zerſpringen, fiel ſein erſter Blick auf den ungeduldig in ſeinem Zimmer auf und ab gehenden Polizei⸗ diener, den er einen Moment beſtünt anſtarrte, und dann die Augen wieder ſchloß, wie vor einem unangenehmen Traumbild. „Nun Loßenwerder, ausgeſchlafen?“ ſagte der Mann aber, froh endlich einmal zu einem Reſultat zu kommen— „das hat lange gedauert— kommen Sie, ſtehn Sie auf und ziehn Sie ſich an.“ Die Stimme war kein Traum, und der kleine Mann uf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag emßon wie war er hierher gekommen? er drückte den die Stirn und der klare Angſtſchweiß brach den ganzen Körper; er wußte nicht mehr was geſtern Alles geſchehn, und die unheimliche finſtere Geſtalt vor ihm füllte 88 ſein Herz mit einer wilden Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jähem Strom zurücktrieb. Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdeckten Diebſtahl, das Gefühl, daß der Verdacht auf ihm laſte, und die nächſte Stunde— während ein anderer Polizei⸗ beamter bei ihm viſitirte und man nichts weiter, als in einem Winkel ſeines kleinen Schreibtiſches, unter dreifachem Schloß, ein Päckchen mit 200 Thalern in fünf und zwanzig Thaler Caſſenanweiſungen, wie noch einige Goldſtücke fand, wie ſeine Abführung dann nach dem Dollingerſchen Hauſe, da Herr Dollinger gebeten hatte den Mann, an deſſen Schuld er nicht glauben wollte, erſt einmal an Ort und Stelle ſelber zu be⸗ fragen— lag wie ein Alp auf ſeiner Seele, unter deſſen Laſt er auch kein Wort zu ſeiner Vertheidigung zu ſagen, ja nicht einmal eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte. In dem Dollingerſchen Hauſe angekommen, wurde er gleich in Herrn Dollinger's Zimmer hinaufgeführt, und der alte Herr ging, ais Loßenwerder die Stube betrat, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen in ſeinem Zimmer auf und ab. Der junge Henkel ſaß in der einen Ecke des Sophas, das rechte Knie über das linke geſchlagen, mik einem Buch in der Hand, über das hin er aufmerkſam den Gefangenen betrachtete. LSofßenwerder war bleich wie ein Todter— jeder Bluts⸗ tropfen hatte ſein Antlitz verlaſſen, und bei dem Verſuch den er zum Reden machte, kam kein Laut über ſeine Lippen. „Loßenwerder,“ ſagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor ihm ſtehen bleibend und ihn ernſt, ja traurig 89 betrachtend—„ein böſer Menſch iſt geſtern, während unſerer Abweſenheit, in unſer Haus geſchlichen und hat, außer einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir geſtern Mittag gebracht und das ich, wie Du weißt, in den Secretair dort ſchloß. Warſt Du während unſerer Abweſenheit wieder im Haus und in dem Zimmer meiner Töchter?“ „He—he—he— he— he— he— he—ir Do— Do— Do— Do.“ „Schon gut Loßenwerder, Du biſt jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir ſchwer; beſchränke Dich auf ein einfaches ja und nein.“ „Ja— a—!“ „In dem Zimmer meiner Töchter?“ „J— a— a— a aber— i— i— i— i— ich wo—wo— wollte“— „Sie haben einen Blumentopf dort hineingeſetzt?“ ſagte Herr Henkel jetzt ruhig. Das Blut ſtieg dem kleinen Mann raſch bis in die Schläfe hinauf, aber der nächſte Moment ließ ſein Antlitz wieder ſo weiß als vorher; er nickte nur, zur Beſtätigung des eben Ge⸗ ſagten, mit dem Kopf. „Loßenwerder,“ ſagte der Herr Dollinger mit leiſer, be— wegter Stimme und dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf deſſen Schulter legte,„Loßenwerder, noch geſtern würde ich eben ſo leicht geglaubt haben, daß eines von meinen eigenen Kindern eines ſchlechten, unrechtlichen Streiches fähig wäre, bis mich leider die immer deutlicher 90 ſprechenden Thatſachen in meinem Glauben an Dich wan⸗ kend gemacht haben.“ „He—he—he— he—he— herr Do— Do— Do— Do—— Dollinger“”“— „Ich will Dir klar und einfach unſeren ganzen Verdacht vorlegen,“ ſagte da der alte Herr, dem Angeklagten jedes un⸗ nütze Wort zu erſparen—„geſtern, während unſerer Abwe⸗ ſenheit, iſt der Secretair meiner Töchter erbrochen und das Dir bekannte Geld entwendet worden— drüben über der Straße hat Dich ein Mädchen geſehn, wie Du heimlich aus dem Hauſe geſchlichen biſt. Ebenſo beſtätigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich geſehn zu haben, wie Du hätteſt das Haus durch die nach dem Hofe zu führende Thür verlaſſen wollen, bei ſeinem Anblick aber, was ſelbſt dem Jungen aufgefallen iſt, zurückgefahren, und dann auch nicht über den Hof gekom⸗ men wärſt. Das Stubenmädchen, die keine Ahnung davon haben konnte daß Geld in dem Secretair lag, iſt bereit den ſchwerſten Eid abzulegen, daß ſie, wenige Minuten ſpäter, nachdem man Dich hatte aus dem Hauſe ſchleichen ſehen, die Vorſaalthür nicht mehr aus den Augen gelaſſen, und gewiß wäre, daß Niemand die Schwelle mehr überſchritten habe, bis ſie den zurückkehrenden Wagen in den Hof einfahren gehört. Heimlich biſt Du im Haus gerade in der Zeit, in welcher das Geld entwendet wurde, geweſen, und die geſtrige Ausſchwei⸗ fung, die man an Dir nicht gewöhnt iſt, wie die bei Dir ge⸗ fundene Summe, laſſen allerdings das Schlimmſte fürchten. Loßenwerder— ich brauche Dir nicht zu ſagen, wie weh— 91 wie weh mir das gerade von Dir thut, und ich wollte die doppelte Summe, ſo bedeutend ſie iſt, gern verſchmerzen, wenn es nicht geſchehen wäre. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigſtens ſo weit das noch in Deinen Kräften ſteht, wieder gut; geſtehe was Du mit dem übrigen Gelde gemacht, wo Du es verborgen haſt, und ich ſelber will dann auch Alles thun was in meinen Kräften ſteht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein anderer Welttheil mag Dir nachher in ſpäterer Zeit Gelegen⸗ heit geben Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, für was ich Dich, ſelbſt bis dieſen Morgen noch, gehalten habe.“. Loßenwerder hatte während dieſer Auseinanderſetzung wie aus Stein gehauen vor ſeinem Prinzipale geſtanden, nur das Zittern ſeiner Glieder verrieth daß er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum erſten Mal vielleicht mit dem vollen Bewußtſein der gegen ihn erhobenen Anklage— oder auch von Schuld und Angſt zu Boden gedrückt, denn wer konnte in den ſtieren, überdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit großen Schweißperlen bedeckten Zü⸗ gen das richtige leſen— umfaßte er die Knie des alten Herrn und bat mit wild ſtotternder Stimme, aus der dieſer nur mit äußerſter Anſtrengung einen Sinn herausfinden mußte— ihn nicht unglücklich zu machen— Nichts ſo Schreckliches von ihm zu denken. 4 „Ein aufrichtiges Geſtändniß, Loßenwerder,“ entgegnete—“) darauf Herr Dollinger,„iſt das Einzige, was Deine Schuld 1 jetzt noch in etwas erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die Reue auf dem Fuße folgt, nicht ſo ſchwer ſtrafen, wie den hartnäckigen Uebelthäter. „A— a— a— a— a— aber ich bi— bi—bin ni— ni— ni— nicht ſchu— ſchu— ſchu— ſchuldig,“— ſtotterte der Unglück⸗ liche—„ich we—we—we—we—weiß vo— vo— vo— von Ni— ni— ni— nichts—“ „Du weißt von Nichts, Loßenwerder?“ ſagte Herr Dol⸗ linger leiſe mit dem Kopf ſchüttelnd—„und woher iſt das Geld das man bei Dir gefunden, woher die Fünfundzwanzig⸗ Thaler⸗Note, die Du locker in der Taſche getragen, und die Dir der Polizeidiener geſtern Abend noch herausgenommen hat?“ „Ge— ſpa—pa— pa— pa— partes Geld— e—e—e— e— e—ehrlich ge— ge— geſpartes G—g— g- geld!“ ſtammelte der arme Teufel. Herr Henkel ſtand jetzt auf und ging langſam auf Herr Dollinger zu, dem er ein paar Worte in's Ahr flüſterte und dann, während dieſer leiſe und traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verließ. Loßenwerder aber, der ihm ängſtlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbeſtimmten Ahnung fühlte daß man ihn fortführen— in ein Gefängniß bringen werde, ergriff wieder und jetzt aber wie in Todesangſt des alten Mannes Hand, und bat ihn um Gottes— um ſeiner Seligkeit willen, ſoweit es ihm die, jetzt in der Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer geſtattete, daß er ihm nur das nicht anthun— daß er ihn in kein Gefängniß möge führen laſſen. Herr Dollinger erklärte aber natürlich darin Nichts thun zu können, denn wenn er Nichts geſtehen wolle 93 oder zu geſtehen habe, ſo müſſe allerdings das Gericht, bei ſo ſtark vorliegendem Verdacht, die Unterſuchung aufnehmen, wo⸗ nach ſich bald ſeine Schuld oder Unſchuld herausſtellen würde. „Hab' ich aber einmal erſt auf ſolchen Verdacht geſeſſen,“ ſtotterte der Unglückliche,„ſo bin ich gebrandmarkt mein Lebe— lang“— Herr Dollinger zuckte die Achſeln, und die Thür öffnete ſich in dieſem Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Loßenwerder leiſe auf die Achſel klopfte und freundlich ſagte: „Wenn's gefällig wäre.“ „Loßenwerder zuckte zuſammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte ſich noch einmal, wie Hülfe ſuchend,⸗ an Herrn Dollinger, aber ein Blick auf dieſen überzeugte ihn, daß er ſchon nicht mehr helfen könne, wo das Gericht die Sache in die Hand genommen, und ſein Geſicht in den Hän⸗ den bergend, folgte er dem Gerichtsdiener faſt willenlos hinaus. Gerade als er durch die Thuͤr ſchritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle, Frau Dollinger, und raſch bei Seite tretend, als ob ſie ſelbſt durch ſeine Berührung angeſteckt zu werden fürchte, warf ſie ihm einen zornigen, verächtlichen Blick zu und ging an ihm vorüber. Loßenwerder ſeufzte tief auf, ſagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf hob, ſah er am andern Ende des Vorſaals Clara mit dem jungen Henkel in eifrigem Geſpräch, und auch dort mußte er vorbei. Das war zu viel und wie unſchlüſſtg “ 82 8 blieb er ſtehn und ſah ſich um, als ob er einen Weg zur Flucht ſuche. „Na kommen Sie, Loßenwerder, machen Sie keine Dumm⸗ heiten,“ ſagte aber, ihm ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener—„es iſt Alles ein Uebergang, wie der Fuchs ſagte, als ſie ihm das Fell über die Ohren zogen.“ Loßenwerder nahm ſich zuſammen und ſchritt feſten Trittes an dem jungen Mädchen vorüber, das ihn mitleidig betrachtete. „Etwas über zweihundert Thaler hat man ſchon bei ihm gefunden,“ flüſterte der junge Henkel ihr leiſe zu—„ich hoffe daß Vater Dollinger das andere auch noch wieder be⸗ kommen ſoll.“ „Ach Loßenwerder, warum habt Ihr das gethan?“ ſagte Clara, leiſe und mitleidig den Gefangenen anſehend, als er an ihr vorüberging. „U— u-— u- und Si- fi- ſi— ſi— ſie g— g— g— glau ben d— d— das a— a— a— a— auch?“ rief Loßenwerder und die großen hellen Thränen ſtanden ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte ſich ſchon länger mit ihm aufge⸗ halten, als er meinte verantworten zu dürfen, nahm ihn leiſe an der Hand und führte ihn die Treppe hinunter. Loßenwer⸗ der folgte ihm wie in einem Traum. Das Polizeigebäude war nur höchſtens fünfhundert Schritt von dort entfernt, und ſtand an der andern Seite einer kleinen ſteinernen Brücke die über den, mitten durch die Stadt und häufig überbrückten kleinen Fluß führte. Als ſie hinunter auf 95 die Straße kamen, ließ der Polizeidiener ſeinen Gefangenen los, kein Aufſehn zu erregen, und flüſterte ihm zu nur ruhig neben ihm hinzugehn. Loßenwerder verſtand ihn wohl gar nicht, denn er ſah verſtört zu ihm auf, und dann um ſich her, und fand die Augen der Vorübergehenden alle neugierig auf ſich geheftet; ſich aber doch, wenn auch nur dunkel, des Zwanges bewußt der auf ihm lag, nahm er ſein Taſchentuch heraus, trocknete ſich die feuchte Stirn damit ab, und ging mit krampf⸗ haft zuſammenengebiſſenen Zähnen neben ſeinem Wächter her. So erreichten ſie die Brücke, wo vier oder fünf Jungen ſtanden, die neugierig die Ankommenden betrachteten; Loßenwerder's Blick ſchweifte über ſie hin, aber er ſah ſie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derſelben ſpottend rief: Hoho, hoho— Stotterberg hat geſtohlen, Stotterberg hat geſtohlen!“ Die Anderen ſtimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener drehte ſich ärgerlich und drohend gegen die Buben um, die ſcheu auseinander ſtoben; Loßenwerder aber fuhr ſich mit beiden Händen krampfhaft gegen die Stirn— „hat geſtohlen!“ ſchrie er dabei, ohne zu ſtottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe ſein Wächter es verhindern konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er ſich mit einem ver⸗ zweifelten Sprung, über die niedere Balluſtrade hin in den un⸗ ten vorbeilaufenden Strom. Noch über dem Geländer erfaßte ihn der Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Körpers war aber zu groß, als daß er es mit einer Hand hätte aufhalten können, ja er mußte ſogar loslaſſen, nicht ſelber das Gleichgewicht zu verlieren, und der Unglück⸗ liche ſchlug gleich darauf auf das Waſſer, unter deſſen Ober⸗ fläche er im nächſten Augenblick verſchwand. Der Fluß war indeß hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich belebten Straße fanden ſich gleich mehre Leute, die unterhalb der Brücke in's Waſſer ſprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den niedertreibenden Körper aufzu⸗ fangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und gefaßt, und von kräftigen Armen wurde derſelbe an die Oberfläche gehoben und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Waſſer ſelber noch nichts geſchadet hatte, war der Unglückliche doch durch den Sturz, in dem er wahrſcheinlich durch das Zurück⸗ halten ſeines Rockes gegen einen der Brückenpfeiler geworfen worden, ſchwer am Kopf verletzt— die Wunde blutete ſtark, und die Männer trugen den Bewußtloſen zuerſt auf die Poli⸗ zei, und von dort, auf den Ausſpruch eines raſch herbeigerufe⸗ nen Arztes, in die Charite. 6 1 4 4 1 3 4 * Capitel 5. Die Auswanderungs⸗Agentur. Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines klei⸗ nen, auf dieſen auslaufenden Gäßchens, ſtand ein ziemlich großes, grün gemaltes und gewiß ſehr altes Erkerhaus, deſſen Giebel und Stützbalken geſchnitzt, und mit wunderlichen Köpfen und Geſichtern verziert, und braun angeſtrichen waren, und ſich ſo weit dabei nach vorn überneigten, daß es ordentlich ausſah, als ob der ganze Bau mit dem ſpitzen, wettergrauen Dach nächſtens einmal ohne weitere Meldung nach vorn über, und gerade mitten zwiſchen die Töpfer und Fleiſcher hinein⸗ ſpringen würde, die an Markttagen dort unten ihre Waare feil hielten. Nichtsdeſtoweniger wurde es noch immer, bis faſt unter das Dach hinauf bewohnt, und der untere Theil deſſelben ganz beſonders zu kleinen Waarenſtänden und Läden benutzt. Die Ecke deſſelben nun, hatte ſeit langen Jahren ein Kaufmann Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 7 oder Krämer in Beſitz, der ſich zu ſeinen Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Grütze ꝛc. auch noch in der letz⸗ ten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffs⸗ makler zu verſchaffen gewußt, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungsluſt ſo überhand nahm, ſolch brillante Geſchäfte machte, daß er die Materialwaarenhandlung ſeiner Frau, wie ſeinem älteſten Sohn übertrug, und für ſich ſelber nur ein kleines Stübchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus, behielt, ͤber deſſen Thüre ein rieſiges, ſehr buntgemaltes Schild jetzt prangte. Dies Schild verdient übrigens mit einigen Worten beſchrieben zu werden, da die Heilinger in den erſten Tagen— als es eben erſt aufgehangen wor⸗ den— in wirklichen Schaaren davor ſtehen blieben und es anſtaunten. Es war ein breites, länglich viereckiges Gemälde, ein ggrrooßes, dreimaſtiges Schiff vorſtellend, wie es ſich unter vollen Segeln der fremden, erſehnten Küſte näherte. Die See ſelber war hellgrün gemalt, mit einer Unmaſſe von ſichtbar darin herumſchwimmenden Fiſchen, die den Beſchauer wirklich etwas beſorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs ſelber machen konnten. Deſſen wackerer Kiel ſchäumte aber mitten hindurch, und der, dem Anſchein nach vollkommen runde, nur nach hinten zu et⸗ was länglich auslaufende Rumpf, preßte eine große grün und weiß geſtreifte Welle vorne auf, die ſich wie eine breite Falte quer vor ſeinen Bug legte. Die Segel ſtanden dazu faſt ein wenig zu ſackartig, und nur an den vier Zipfeln feſtgehalten, ſtramm und ſteif von den Raaen ab, und die langen blut⸗ 99 rothen Wimpel mit roth und weißer Bremer Flagge hinten an der Gaffel, ſtrömten und flatterten luſtig nach hinten aus, wahrſcheinlich den raſchen Durchgang des Schiffes durch das Waſſer anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, ſelbſt dieſen überflügelte. Ueber Deck war aber auch die Mannſchaft, und Kopf an Kopf eine volle Reihe bunter Paſſagiere ſichtbar, mit ſehr dicken rothen Geſichtern, die Geſundheit an Bord des Schiffes beſtätigend, und mit ſehr hellgelben und ſehr breiträndigen, rothbebänderten Strohhüten auf, während hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand ſtand. Was der Maler mit dem Dreizack an⸗ deuten wollte weiß nur er und Gott; er müßte denn gemeint haben daß der Capitain, wie früher Neptun, das Meer be⸗ herrſche. Uebrigens war es auch möglich daß er fiſchen wolle, und ſich mit dem Fernrohr nur eben den ſtärkſten und fetteſten der ihn reichlich umſchwimmenden Fiſche ausgeſucht habe. Den Hintergrund dieſes prachtvollen Seeſtücks bildete ein ſchmaler Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Küſte, an der eine Anzahl pechſchwarzer, nackter Männer ſtanden, die nur einen gelb und blauen Schurz um die Hüfte und einen grünen Buſch in der Hand trugen.— Dieſe ſahen übrigens gerade ſo aus, als ob ſie die Ankunft des Schiffes ſchon ſehn⸗ ſüchtig und vielleicht ſehr lange Zeit erhofft hätten, und nun die Zeit nicht erwarten könnten daß die Fremden an Land ſtiegen, damit ſie geſchwind für ſie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen dürften. Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thür, wie ſogar noch an dem innern Theile des Fenſterſchalters, hingen lange Liſten der verſchiedenen anzupreiſenden Plätze für Aus⸗ wanderung. Obenan New⸗York, Philadelphia und Boſton, dann Quebeck und New⸗Orleans, Galveſton; in Braſilien, Rio de Janeiro und Rio Grande; in Auſtralien Adelaide, dann Chile, Valdivia und Valparaiſo, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verſchiedener Colonien und Anſiedlungen, wohin überall die beſten kupferfeſten Schiffe A¹, in unglaub⸗ lich kurzer Zeit und mit Allem verſehen ausliefen, was dem glücklichen Paſſagier das Leben an Bord eines ſolchen Schiffes nur in der That zu einer Vergnügungsfahrt machen müſſe und würde. Weigel, wie der Eigenthümer dieſer„ausländiſchen Ver⸗ ſorgungsanſtalt“(ein Spottname den die Heilinger der Wei⸗ gelſchen Agentur gaben) hieß, war ein dicker, vollgenährt und blühend ausſehender Mann, ungefähr ſechs bis achtunddreißig Jahr alt, mit ein wenig feſt umgeſchnürter Cravatte, was ſei⸗ nen Augen etwas Stieres gab, und ſonſt einem leiſen Anflug von Grau in den ſonſt braunen, widerſpenſtigen Haaren. Die Augen waren groß, blau und ziemlich ausdruckslos; ein faſt mitleidiges Lächeln aber, das oft, und beſonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung beſtritt, um ſeine Mund⸗ winkel ſpielte, gab dem Ausdruck ſeiner Züge jene ſcheinbare Ueberlegenheit, die ſich zuverſichtliche Menſchen oft über Andere, wenn mann es ihnen geſtattet, anzumaßen wiſſen. Ganz vor⸗ züglich wußte er dieſe Miene anzunehmen, wenn er über „ * 8 101 Amerika, oder irgend einen überſeeiſchen Fleck Landes ſprach, über dem für ihn ein gewiſſer heiliger und unantaſtbarer Zau⸗ ber ſchwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen das Geſagte zu hegen wagte. Er ſchwärmte beſonders für Amerika, und es gab deshalb auch, ſeiner Ausſage nach, keinen größeren Lügner in der Stads, als den Redacteur des Tage⸗ blatts, den Advokaten und Doctor Hayde in Heilingen. Dieſer und er waren denn auch, wie das ſich leicht denken läßt, grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woſelbſt ſich nur irgend eine Gelegenheit dazu fand. Weigel bekam, wie das gewöhnlich bei den Agenturen der Schiffsbeförderung üblich und der Fall iſt, für jede Perſon die er einem Bremer oder Hamburger Rheder ſicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt„für den Kopf“ und er theilte deshalb die Leute— ſeine Mitbürger ſowohl wie ſämmtliche übrige Bewohner Deutſchland's, in ſolche ein„die Energie hatten,“ d. h. zu ihm kamen und ſich bei ihm einen „Platz nach Amerika“ beſorgen ließen, wo ſie nachher drüben ſelber ſehn konnten wie ſie fertig wurden, und in ſolche, die „im alten Schlendrian hinkrochen, und hier lieber verfaulten, ehe ſie einen männlichen entſcheidenden Schritt thaten, ihrer Exiſtenz auf die Beine zu helfen.“ Jeder der hier blieb be⸗ trog ihn aber wiſſentlich und mit kaltem Blut um ſeinen, ihm in ehrlichem Verdienſt zuſtehenden Thaler, und es verſtand ſich von ſelbſt, daß er vor einem ſolchen Menſchen keine Achtung haben konnte. Er ſelber kannte die Verhältniſſe Amerika's nur aus Büchern die das Land lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er ſie einmal zufällig in die Hand, ſo warf er ſte auch gewiß mit einem Kernfluch über den„nichtswürdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Lügen zuſammengeſchmiert“ in die Ecke. Sein größter Aerger war aber jedenfalls— und ſo regelmäßig wie die Uhr Morgens acht ſc=hlug— das Tageblatt, das er der häufigen Annoncen wegen halten mußte, und das ebenſo regelmäßig kleine ge⸗ häſſige und ſchmutzige Artikel gegen Amerika wie überhaupt gegen Alles brachte, was ſich frei und ſelbſtſtändig bewegte. Zehnmal hatte er ſich ſchon vorgenommen den„kleinen er⸗ bärmlichen Doctor“ zu prügeln, und ſehr vielen Leuten würde er dadurch ein großes Vergnügen bereitet haben; aber er unterließ es doch jedesmal auch wieder, wenn ſich ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mußten jedenfalls ſchon einmal früher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von einander wiſſen als Beiden zuträglich war, und ein ſolcher Bruch wäre da nicht räthlich geweſen. Sonſt lebte Weigel ſtill, und anſcheinend als ein voll⸗ kommen guter und achtbarer Bürger, vor ſich hin, aber im Stillen wirkte und wühlte er ſeinem Ziel entgegen, und rich⸗ tete in der That viel Unheil an. Seine Beſchreibungen Amerika's, die er ſich ſelber in kleinen Brochüren aus anderen Büchern zuſammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein langſames Gift, das er in manche friedliche und glückliche Familie warf, ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel ſchlug, und während es die Leſer anreizte nur gleich ohne wei⸗ * 103 teres ihr Bündel zu ſchnüren und jenen herrlichen Länder⸗ ſtrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem mur⸗ melnden Bache gleichen würde, der zwiſchen Blumen dahin fließt, füllte er ihre Köpfe mit falſchen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue Heimath werden ſollte, und machte viele, viele Menſchen unglücklich. In der neuen Hei— math dann angekommen, die ihnen, mit mäßigen Anſprüchen, wirklich Manches geboten haben würde was ihre Lage, im Vergleich mit dem alten Vaterland gebeſſert haben könnte, fanden ſie ſich jetzt plötzlich in all den wilden extravaganten Ideen, die ſie durch ſolche Lectüre eingeſogen, enttäuſcht, fanden die Hoffnungen nicht realiſirt, die man ihnen gemacht, hielten ſich für ſchlecht behandelt und unglücklich, und verfielen nun oft in das Ertrem troſtloſer und eben ſo unbegründeter Verzweiflung, wobei ſie den Mann verwünſchten, der ſie hier⸗ verlockt, und ſie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlaſſen, einem Phantom zu folgen. Weigel aber hatte ſei⸗ nen Thaler für den richtig abgelieferten„Kopf“ bekommen, und dachte ſchon gar nicht mehr an die früher Beförderten, die ſeiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen ſchwam⸗ men und„unter Palmen wandelten.“ Herr Weigel war allein in ſeinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas dumpfen und nicht überhellen Stübchen, deſſen eines breites Feuſter mit durch Zeit und Rauch arg mitgenom⸗ menen Gardinen verziert war, während die Wände durch Karten und ſtatiſtiſche Tabellen⸗Anzeigen von Schiffen und Gaſthäuſern, Plänen von neuangelegten Städten oder zu ver⸗ 104 kaufenden Farmen faſt völlig bedeckt hingen. Er ſaß an einem hohen, ziemlich breiten Pult, das einen mächtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit einer Taſſe Kaffee neben ſich, eben ſeinen täglichen Aerger, das Tageblatt, als es an die Thür klopfte, und auf ſein lautes„Herein“ ein junger, ſehr anſtändig, aber trotzdem etwas ärmlich gekleideter Mann das Zimmer betrat. „Herr Weigel?“ ſagte der Fremde mit einer leichten Ver⸗ beugung. „Bitte— ja wohl,“ ſagte Herr Weigel, ſeine Brille raſch in die Höhe ſchiebend und auf ſeinem Drehſtuhl herumfahrend, ſeinen Beſuch beſſer in's Auge zu faſſen—„womit kann ich Ihnen dienen?“ „Sie befördern Paſſagiere nach Amerika?“ „Nach Amerika?— denke ſo, hehehe,“ lachte Herr Wei⸗ gel, ſich vergnügt die Händ reibend,„habe ſchon ganze Colo⸗ nien hinüber geſchafft, Männer und Frauen, Weiber und Kinder; ſitzen jetzt drüben in der Wolle und ſchreiben einen Brief über den andern an mich, wie gut es ihnen geht— da nur den einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe— der Mann iſt blos mit zwei tauſend Dollarn hinüber⸗ gegangen und hat ſchon eine eigene Farm, achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stück Rindvieh, einige ſechzig Schweine, fünf Pferde und will jetzt eine Schäferei anlegen— ſchreibt an mich ich ſoll ihm einen Schäfer hinüber ſchicken, aber einen der die Sache aus dem Grund verſteht, kommt ihm auf ein ee paar Dollar Lohn nicht dabei an— bitte leſen Sie einmal den Brief.“ „Sie ſind ſehr freundlich Herr Weigel,“ ſagte der junge Fremde mit einem verlegenen wie ſchmerzhaften Zug um den Mund—„aber der Brief würde gerade nicht maßgebend für mich ſein, da ich mich gegenwärtig nicht in den Verhältniſſen befinde, gleich einen Platz zu kaufen. Sind die Paſſagier⸗ preiſe jetzt theuer?“ „Theuer? ſpottbillig,“ lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurück auf ſein Pult, und ſeine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch bereit zu haben;„ſpottbillig ſag' ich Ihnen, man könnte wahrhaftig auf dem feſten Land nicht einmal dafür leben— ſo nicht; und unter uns— ich weiß wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muß eben die raſende Menge von Paſſagieren machen, die ſie jetzt wöchentlich, ja faſt täglich hinüber ſpediren. Es iſt fabelhaft was jetzt für Menſchen auswandern; auf einmal werden ſie Alle geſcheidt, und merken endlich was ſie hier haben, und was ſie dort erwartet— iſt doch ein famoſes Land, das Amerika.“ Und wie viel beträgt die Paſſage nach dem nächſten Hafen der Vereinigten Staaten, wenn ich fragen darf, für— für eine erwachſene Perſon und ein Kind?“ „Nächſten Hafen?— hehehe, fürchten ſich wohl vor der Seekrankheit? lieber Gott, daran gewöhnt man ſich bald; iſt auch gar nicht ſo arg wie's eigentlich gemacht wird. Der Menſch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt, hat neulich einen Ar⸗ tikel über die Seekrankheit gebracht den er wahrſcheinlich auch ſelber geſchrieben, und wonach Einem gleich ach und weh zu Muthe werden müßte; der iſt aber nur dazu bezweckt den Leuten das Auswandern zu verleiden. Sie möchten ſte gern hier behalten, damit ſie ſie nur recht ordentlich plagen und ſchinden können, weiter Nichts; davor braucht ſich kein Menſch zu fürchten.“ „Sie wollten mir aber den Preis der Paſſage nennen.“ „Den Preis?— ja ſo— warten Sie einmal“— ſein Blick fiel auf die Glackhandſchuhe und die ſchneeweiße Wäſche des Fremden, deſſen etwas abgetragene Kleider er in dem halb⸗ dunklen Raum nicht ſo leicht erkennen konnte, oder auch über⸗ ſah—„der Preis— Dampſſchiff oder Segelſchiff?“ „Segelſchiff!“ „Segelſchiff— wird— ſein— Preis in erſter Cajüte vier und achtzig Thaler Gold.“ „Und die— die billigeren Plätze?“ „Billigeren Plätze— zweite Cajüte oder Steerage fünf⸗ undſechzig Thaler Gold—“ „Und Zwiſchendeck?“ ſagte der Fremde leiſe und ver⸗ legen. 4 „Zwiſchendeck würde ich Ihnen nicht rathen,“ meinte Herr Weigel, ſeine Brille jetzt abwiſchend und wieder auf⸗ ſetzend;„beſonders wenn man eine Frau und ein Kind bei ſich hat und es nur irgend ermachen kann, ſollte man nie Zwiſchen⸗ deck gehn, man ruinirt ſich's und den Seinigen an der Ge⸗ ſundheit herunter, was die paar Thaler mehr koſten.“ „Aber Sie können mir wohl den Preis des Zwiſchen⸗ decks ſagen?“ „Ja wohl, mit dem größten Vergnügen— Zwiſchendeck nach New⸗York koſtet— warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Häuſern. Zwiſchendeck nach New⸗York koſtet vierundvierzig Thaler Gold.“ „Vierundvierzig Thaler?“ „Ja es iſt ſeit ein paar Tagen erſt wieder um vier Thaler aufgeſchlagen, weil die Leute eben nicht Schiffe genug an⸗ ſchaffen können für die Auswanderer. Iſt fabelhaft was be⸗ ſonders dieſes Jahr für Leute überſiedeln. Soll ich Sie vielleicht einſchreiben? es trifft ſich jetzt gerade glücklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab, die Diana, Dreimaſter, gut gekupfert, mit allen nur möglichen Bequem⸗ lichkeiten verſehn und einem Capitain, ich ſage Ihnen ein wahrer Schentelmann, wie er ſich gerade nicht immer auf den Schiffen findet.“ „Ich danke Ihnen für jetzt noch beſtens, lieber Herr Weigel,“ ſagte der junge Mann—„ich muß doch nun erſt mit meiner Frau Rückſprache über dieß nehmen, denn erſt ſeit geſtern iſt mir die Idee überhaupt gekommen auszuwandern; aber— noch eine Bitte hätte ich an Sie,“ und er drehte da⸗ bei den Hut den er in der Hand hielt, faſt wie verlegen zwi⸗ ſchen den Fingern—“ „Ja?“ womit könnte ich Ihnen dienen?“ frug Herr Weigel. „Könnten Sie mir wohl ſagen, ob die Capitaine der Segelſchiffe— ich habe einmal irgendwo geleſen daß das manchmal geſchähe— auch Leute— Paſſagiere mitnähmen, die unterwegs ihre Paſſage— abarbeiten dürften und alſo— auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?“ „Keine Paſſage zahlen?“ ſagte Herr Weigel, die Lippen vordrückend und die Augenbrauen in die Höhe ziehend, wäh⸗ rend er langſam und halb lächelnd mit dem Kopfe ſchüttelte— „keine Paſſage bezahlen?— ne lieber Herr— ja ſo wie hei⸗ ßen Sie denn gleich—“ „Eltrich,“ ſagte der junge Mann etwas zögernd— „So?— ne mein lieber Herr Eltrich, davon ſteht Nichts in unſeren Verzeichniſſen und Contracten; im Gegentheil, da kommen wir zuſammen; das iſt der Hauptpunkt, der Nervum Reh⸗ rum, der die ganze Geſchichte eigentlich zuſammenhält, Amerika und Europa und die umliegenden Dorfſchaften, heh, heh, heh.“ „Aber wenn nun irgend ein armer Teufel,“ fuhr der Fremde etwas lauter, faſt wie ängſtlich fort—„irgend ein armer Teufel ſein ganzes Hoffen eben auf eine Reiſe nach Amerika geſetzt hätte, und beſtimmt wüßte daß er dort, wenn auch nicht gerade ſein Glück machen, doch ſein Auskommen finden würde?—“ „Nun dann ſoll er gehn— um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieſes wird wieder das neue, kupferfeſte— ja ſo, aber er muß bezahlen,“ unterbrach er ſich raſch als ihm einfiel von was ſie vor erſt wenigen Secunden geſprochen, „er muß bezahlen, ſonſt nimmt ihn kein Capitain der Welt mit über See.“ „Und Sie glauben nicht daß da jemals eine Ausnahme 109 ſtattfinden dürfte?“ ſagte Herr Eltrich—„es werden doch Leute auf See gebraucht zu den nothwendigſten ſowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine müſſen gewiß dafür bezahlen. Wenn ſich alſo nun Jemand erböte alle dieſe Ver⸗ richtungen ganz umſonſt, nur um Paſſage und die einfachſte Matroſenkoſt zu machen, ſollte das nicht möglich ſein zu er— langen?“ „Lieber Herr,“ ſagte der Herr Weigel, dem es jetzt ſo v kommen mochte als ob er mit dem Fremden da kein bender großes Geſchäft machen würde, und der anfing ungeduldig zu werden,„zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes werden Matroſen gebraucht, und wer kein Matroſe iſt, kann die auch nicht verrichten. Das iſt keine kleine Kunſt, lieber Herr Schel⸗ big, in den Tauen den ganzen Tag herumzuklettern und zwi⸗ ſchen den Segeln, wenn das Schiff bald ſo herüberſchlenkert und bald ſo“— und er begleitete dabei ſeine Erklärung mit einer entſprechenden Bewegung der vor ſich gerade aufgehalte⸗ nen Hand—„da müſſen die Leute feſt ſtehen können wie die Mauern, ſonſt kann man ſie nicht gebrauchen.“ Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Ca⸗ pitain ſchriebe, ob er ſich doch nicht am Ende bewegen ließ; oder“— ſetzte er raſch hinzu, wie von einem plötzlichen Ge⸗ danken ergriffen,„wenn man ſich nun verbindlich machte die Paſſage nach einer beſtimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen— ſie dort abzuverdienen?“ „Ja da könnte Jeder kommen,“ ſagte Herr Weigel kopf⸗ ſchüttelnd,„wenn die Leute erſt einmal drüben ſind, thun ſie — * * was ſie wollen. Das iſt ein freies Land da drüben, Herr Wellrich, und da könnte man nachher jedem Einzelnen nach⸗ laufen, und ſehen daß man ſein Geld wieder kriegte. Ne, da⸗ mit iſt's faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, möchte mich nicht auf ſolch eine Quängelei einlaſſen; daran hat man keine Freude, und das iſt auch kein rundes Geſchäft.“ „Es iſt nur ein armer Verwandter, der ſich auf ſolche Weiſe gern forthelfen würde,“ ſagte Herr Eltrich erröthend— „er iſt ſehr fleißig und würde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit über.“ „Ja das glaub' ich,“ meinte Herr Weigel gleichgültig— „verſprechen thun die Art Herren gewöhnlich Alles was man von ihnen haben will.“ „Könnten Sie mir denn vielleicht die Adreſſe irgend eines Schiffes oder Rheders geben, der bald ein Schiff hinüberſchickt,“ ſagte der junge Fremde, ſich ſchon wieder zum Gehen rüſtend— „wenn ich vielleicht ſelber einmal dorthin ſchriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu beläſtigen.“ „Ja, ſchreiben können Sie,“ ſagte Herr Weigel,„hehehe; aber Sie werden keine Antwort bekommen; darauf können Sie ſich verlaſſen. Die Leute da haben mehr zu thun, als ſich eines Paſſagiers wegen, für den ſie noch umſonſt die Koſt hergeben müßten, in eine Correſpondenz einzulaſſen; kann ich ihnen auch gar nicht ſo ſehr verdenken.“ „Und die Adreſſe?“ „Die Adreſſe?— da, hier liegt die neueſte Auswanderer⸗ Zeitung; wenn Sie wollen, können Sie ſich da ein oder zwei 1¹1 Adreſſen herausſchreiben. Da hinten, auf der letzten Seite ſtehen ſie.“ Herr Weigel ſah nach der Uhr, drehte ſich wieder auf ſei— nem Drehſtuhl, der beim Aufſchrauben etwas quietſchte, herum, ſchob das Tageblatt zur Seite und rückte ſich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen nothwendigen Brief zu ſchreiben hätte. Wieder klopfte es da an die Thür, und dießmal, ohne ein ermunterndes„Herein“ zu erwarten, öffnete ſie ſich, und drei Bauern, denen die großen ſilbernen Knöpfe auf Weſte und Rock und das feine Tuch der letzteren, die jedoch ganz nach ihrem alten bäuriſchen Schnitt gemacht waren, etwas un⸗ gemein ſolides gaben, traten, die Hüte erſt unter der Thür und ſchon im Zimmer abziehend, herein, und grüßten die bei⸗ den Leute die ſte hier beiſammen fanden, mit einem herzlichen „Guten Morgen miteinander.“ Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen ſah, die wußten weßhalb ſie die eine Hand immer in der Taſche trugen, denn ſie hatten dort etwas zu verlieren, und waren nicht ſelten dabei die Vorboten eines größern Trupps, oft einer ganzen„Schiffsladung voll“ die aus ein und derſelben Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angeſehenſten indeß vorausgeſchickt hatte, Platz für ſie zu beſtellen. Wie der Blitz war er denn auch von ſeinem Stuhle herunter, ſchüttelte ihnen nacheinander die Hand, und frug ſie wie es ihnen ginge und was ſie hier zu ihm geführt. „Seid Ihr der Menſch der die Leute nach Amerika ſchickt?“ 112 ſagte da der Eine von ihnen, eine breitkräftige, ſonngebräunte Geſtalt mit vollkommen lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmüthigen vollen und friſchen Zügen, dem das Ganze übrigens etwas fremd und unheimlich vorkommen mochte, denn er warf den Blick während er ſprach wie ſcheu von einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und ſchien ſich ordentlich dazu zwingen zu müſſen das zu ſagen, was er eben hier zu ſagen hatte. „Nun nach Amerika ſchicken thu' ich ſte gerade nicht,“ lächelte Herr Weigel, die Anderen dabei anſehend, und etwas verlegen über die vielleicht ein wenig plumpe Anrede. „Nicht?“ ſagte der Bauer raſch und erſtaunt—„aber hier hängen doch all die vielen Schiffe.“ „Nun ja, ich beſorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinüber wollen,“ ſagte Herr Weigel, jetzt geradezu heraus⸗ lachend, weil er glaubte daß ſich der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natürlich einzugehen wünſchte.“ „Ja aber wir wollen eigentlich noch nicht hinüber,“ ſagte der zweite von den Bauern, ſeinen Hut auf ſeinen langen Stock ſtellend, und ſich dabei verlegen hinter den Ohren kratzend —„wir wollten uns nur erſt einmal hier erkundigen ob denn das auch wirklich da drüben ſo iſt, wie es jetzt immer in den Auswanderungszeitungen ſteht, und ob man blos hinüberzu⸗ gehn und zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar hundert Morgen Land haben will.“ „Ja wenn man Geld hat,“ lachte Herr Weigel. † 1 ö“ 86— 113 „Jnu— Geld hätten wir,“ ſagte der Bauer, und ſah ſeine Nachbarn an. „Ich bin Ihnen ſehr dankbar,“ unterbrach den Sprecher hier der junge Mann, der indeſſen die Zeitung nachgeſehn, und ſich Einzelnes daraus notirt hatte.„Bitte,“ ſagte Herr Wei⸗ gel, und nahm ihm das Blatt, ohne ſich weiter um ihn zu be⸗ kümmern, aus der Hand, und wandte ſich wieder zu den Bauern, als der junge Fremde ſich mit einem artigen: „Guten Morgen meine Herren“ empfahl. „Adje Herr— Herr Schnellig,“ rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her, ohne ſich weiter nach ihm umzudrehen, während die Bauern freundlich den Gruß in ihrer Art erwie⸗ derten. „Wer war der junge Herr?“ frug der erſte Sprecher aber, als er die Thür raſch hinter ſich in's Schloß gedrückt. „Ach, ein armer Teufel, der gern mit umſonſt nach Ame⸗ rika hinüber möchte,“ ſagte Herr Weigel—„er thut zwar als wär' es nur für einen armen Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir ſchon— kommen alle Wochen vor.“ „Umſonſt mit nach Amerika?“ ſagte der erſte Sprecher verwundert,„der ſieht doch nicht aus als ob er etwas um⸗ ſonſt haben wollte, der ging ja ſo fein gekleidet; Donnerwetter— mit Handſchuhen und allem—“ „Ja auswendig ſind die Leute in der Stadt meiſt alle ſchwarz und ſauber angeſtrichen,“ lachte Herr Weigel,„aber inwendig, in den Taſchen, da hapert's nachher. Wer aber Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 8 114 ein Bischen Uebung darin hat, kann auch ſchon oben auf er⸗ kennen, ob der Lack ächt, oder blos nachgemacht iſt, hehehe.“ „Bei dem war er wohl nachgemacht?“ ſagte der zweite Bauer, dem Anſchein nach gerade nicht unzufrieden damit, daß der„glatte Stadtmenſch“ nicht ſo viel galt wie ſte, und daß der Auswanderungsmann das ſogleich durchſchaut hatte. Herr Weigel nickte, ſeine Zeit war ihm aber koſtbarer, als ſie noch länger an Jemanden zu verſchwenden, bei dem er doch voraus⸗ ſah, daß er von ihm keinen Nutzen haben würde, und er ſuchte das Geſpräch wieder dem mehr praktiſchen Anliegen der drei Bauern zuzulenken. „Alſo Sie wollten mitſammen nach Amerika gehn und ſich eine ordentliche Farm, gleich mit Land, Vieh, Häuſern und was dazu gehört, ankaufen heh?— wär keine ſo ſchlechte Idee.“ „Ja erſt möchten wir aber einmal wiſſen wie die Sache ſteht;“ ſagte der Erſte wieder, der Menzel hieß,„wenn man über einen Zaun ſpringen will, iſt es viel vernünftiger daß man erſt einmal hinüber guckt was drüben iſt, und wenn man das nicht kann, daß man Jemanden frägt der es genau weiß. Sind denn die Farmen da drüben wirklich ſo billig?— iſt das wahr, daß man dort noch gutes friſches Land für ein und einen Viertel Thaler kaufen kann?“ „Thaler?— nein,“ ſagte Herr Weigel,„Dollar.“ „Ja nun, das iſt aber auch nicht viel mehr,“ meinte der Zweite, Müller. „Nun ein Dollar iſt ungefähr ein Speciesthaler,“ ſagte 8 † 4 1 . 115 Herr Weigel—„laſſen Sie mich einmal ſehn— die ſtehn jetzt— ſtehn jetzt 1 Thlr. 12 ½ Silber⸗ oder Neugroſchen.“ „Nu ja,“ ſagte Menzel wieder,„das iſt aber immer kein Geld— und für tauſend Dollar kauft man da eine fir und fertig eingerichtete Farm, wie ſie's glaub' ich nennen? mit Allem was dazu gehört?“ „Ich habe hier gerade,“ ſagte Herr Weigel in ſeinen Papieren ſuchend,„ein paar Anerbietungen von höchſt acht⸗ baren Leuten— wirklichen Amerikanern— die mir Farmen zu höchſt mäßigen Bedingungen offeriren.— Die Leute wiſſen da drüben daß hier Viele zu mir kommen und ſich nach ſolchen Plätzen erkundigen, und wenn ſie dann was Gutes haben, ſchicken ſie's mir.— Wo hab' ich denn die verwünſchten Pläne jetzt hingelegt— ah, hier iſt der eine— ſehn Sie, Gebäude und Alles ſind darauf angegeben— und der andere kann nun auch nicht weit ſein; ich habe ſie erſt vorgeſtern meinem Bru⸗ der gezeigt, der gar nicht übel Luſt hatte eine davon für ſich zu kaufen— da iſt er.“ Die drei Bauern drängten ſich um den kleinen Tiſch herum auf dem Herr Weigel die Pläne jetzt ausbreitete, und ſuchten ſich in den kreuz und quer laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was darauf ſtände. „Ja aber wo iſt denn das nun eigentlich, und wie ſieht's dort aus?“ ſagte Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Verſuchen deshalb—„aus der Geſchichte hier wird man nicht klug.“ „Ja ſehn Sie,“ ſagte Weigel, mit ſeinem Finger den 54 116 Plan erklärend, und den angegebenen Zahlen folgend,„das hier, Nr. 1 iſt das Wohnhaus, ein Doppelgebäude, der Zeich⸗ nung nach mit einer offenen Veranda dazwiſchen, des warmen Klima's wegen, denn drum herum ſtehen„Baumwollen⸗ bäume“ angegeben; Nr. 2 da iſt ein anderes Gebäude, bis jetzt zu Negerwohnungen benutzt, denn der bisherige Beſitzer ſcheint Sclaven gehalten zu haben; Nr. 3 iſt eine Scheune; Nr. 4 iſt ein Rauchhaus, die Leute verſchicken von dort aus viel getrocknetes Fleiſch; Nr. 5 iſt, wie es ſcheint, ein Waſch⸗ haus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem erſten gegenüberſteht, und wahrſcheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Fluſſe zu liegt, abſchließt. „Und welcher Fluß iſt das?“ „Der Miſſouri, einer der größten Ströme Amerika's, über eine engliſche Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf ſchiffbar; alle Wetter meine Herren, von den dortigen Strömen können wir uns hier gar keinen Begriff machen.“ „Hm— und wieviel Land gehört dazu?“ „Dazu gehört ein„Died“ von 40 Acker, was früher als Congreßland gekauft und ſchon bezahlt iſt, und natürlich mit übernommen wird, und um den Platz herum kann noch ſo viel Congreßland dazu genommen werden, wie man haben will— nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil ſchon urbar gemacht iſt, müſſen natürlich höher bezahlt werden.“ „Und was ſoll die ganze Geſchichte koſten?“ frug Müller. — Der dritte, deſſen Name Brauhede war, hatte noch kein ein⸗ ziges Wort zu der ganzen Verhandlung geſagt. 8 2 117 „Die ganze Geſchichte,“ erwiederte Weigel, ſich das Kinn ſtreichend,„wie ich ſie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle überlaſſen kann, mit Häuſern und Grundſtück und dazu noch einem kleinen Viehſtand von vielleicht einigen achtzig Stück Rindvieh, und fünfundfunfzig oder ſechzig Schweinen, würde — etwa— ein tauſend und einige ſechzig ſpaniſche Dollar betragen—“ „Und das wäre nach unſerem Geld?“ ſagte Menzel, Müller dabei heimlich unter dem Tiſch anſtoßend—“ „Nach unſerem Geld?“ wiederholte Herr Weigel, mit einem Stück dort liegender Kreide die Summen raſch auf dem Tiſch ſelber aufaddirend—„würde es in einer runden Zahl. etwa 1000— 400— eine Kleinigkeit über 1400 Thlr. Preuß. Courant betragen.“ „Wieviel Stück Rindvieh?“ ſagte Müller. „Einige achtzig Stück ſind angegeben,“ ſagte Weigel,„und müſſen auch überliefert werden; aber gewöhnlich ſind es noch mehr, denn das Vieh läuft draußen im Freien herum und be⸗ kommt Kälber und man weiß es oft nicht einmal— die Käl⸗ ber werden überhaupt nie mitgezählt.“ „Und die Paſſage hinüber koſtet?“ frug Menzel— „Zwiſchendeck oder Cajüte?“ „Zwiſchendeck— immer wo's am Billiſten iſt,“ lachte Menzel, und ſtrich ſich wohlgefällig über die ſilbernen Knöpfe. „Ja, kann mir's denken,“ rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und ihn leiſe gegen den Arm von ſich 118 ſtoßend—„Sie ſehn mir auch gerade aus, als ob's Ihnen auf ein paar Thaler ankäme.“ „Ja, wo man's kann muß man's zuſammennehmen,“ gecheuerte aber auch Müller—„alſo wieviel koſtet's im Zwi⸗ ſchendeck à Perſon?“ „Vierundvierzig Thaler für die Perſon— Kinder zahlen⸗ die Hälfte.“ „Aber ganz kleine Kinder?“ ſagte Müller. „Nun Säuglinge gehen ein,“ lachte Herr Weigel, das iſt die Beilage, die doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen.“ „Leichten Zwieback?“ frug Menzel. „Ja wohl,“ ſagte Herr Weigel, etwas verlegen lächelnd, da er nicht wußte ob der Bauer das im Spaß oder Ernſt ge⸗ gemeint—„wie viel Perſonen ſind Sie denn aber wohl etwa?“ „Nu, ſo eine ſechzig möchten wir immer zuſammen her⸗ ausbekommen,“ meinte Müller— 4 „Aber Alle auf ein Schiff müßtet Ihr uns bringen,“ ſagte Menzel. 4 „Nun das verſteht ſich von ſelbſt,“ rief Herr Weigel, und ein famoſes Schiff geht gerade den funfzehnten ab— ich glaube das beſte, das von Bremen und Hamburg überhaupt läuft— die Diana.“ „Ne das wär' uns noch zu früh—“ „Am erſten nächſten Monats geht ein noch beſſeres,“ ſagte “ 2 8— 2 5 8* “ 119 Herr Weigel—„wenigſtens geräumiger und ein beſſerer Segler.“ „Ne das wär' uns auch noch zu früh,“ ſagte Menzel. „Gut, dann träfen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor,“ verſicherte Herr Weigel, keineswegs außer Faſſung gebracht;„ich wollte Ihnen den im Anfang nicht anbieten, weil ich fürchtete daß Sie früher zu reiſen wünſchten, wenn Sie aber ſo lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen allerdings die vorzüglichſte Reiſegelegenheit bieten, die ſich nur überhaupt denken läßt.“ „So— na das paßte ſchon beſſer—“ ſagte Müller— „wie hieß das Schiff gleich?“ „Meteor.“ „Hm— werd' es mir merken— aber nicht wahr, beim Dutzend kriegen wir die Paſſage doch auch was billiger.“ „Ne, das geht nicht,“ lachte aber Herr Weigel da gerade heraus;„es iſt ja nicht ſo, daß ein Schiff nur eben ſo viel Menſchen an Bord nehmen kann wie darauf Platz haben, ſondern es muß auch genug Raum, und über und über genug Eſſen und Trinken für ſie dabei ſein, wenn einmal die Reiſe, in einem unglücklichen Fall länger dauerte als gewöhnlich. So ein Schiff hat deshalb auch nur eine beſtimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord nehmen kann, und nach Ameri⸗ kaniſchen Geſetzen nehmen darf, und auf die iſt Alles mit Koſten und Preis ausgerechnet, auf's tz. Die kleinen Kinder werden eingegeben, aber die großen müßen bezahlen. Und wie war's mit der Farm?“ 120 „Wo iſt denn der andere Platz— zu dem da der lange Zettel gehört?“ ſagte Menzel, der ſich dieſen indeſſen genau betrachtet, und nach allen Ecken herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran bekommen zu können. „Der hier? der iſt in Wisconſin; auch ein guter Platz, aber kein ſo großer Strom dabei,“ ſagte Herr Weigel—„iſt aber auch billiger. Dort kann ich Ihnen eine Farm, aller⸗ dings nur mit einigen vierzig Kühen, für etwa ſiebenhundert⸗ undfunfzehn Dollar überlaſſen, und dann habe ich noch fünf andere von ſechs, acht, elf, neun und ich glaube zwölfhundert Dollar— die letztere iſt aber eine wirkliche Muſterwirthſchaft mit importirtem Schweizervieh, und Backſteingebäuden, und einer prachtvollen Lage Milch und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber auch freilich wohl zu theuer ſein?“ „Zu theuer?— warum?“ ſagte Menzeb—„wenn man ſich einmal etwas kauft, ſoll man ſich auch gleich was ordent⸗ liches anſchaffen. Ich habe mir übrigens die Sache immer viel ſchwieriger vorgeſtellt mit dem Ankaufen, und gedacht, daß man da erſt lange in der Welt umher fahren und ſein Geld verreiſen müßte. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann, iſt das ja weit bequemer.“ „Auf eins möchte ich Sie übrigens noch aufmerkſam machen, meine Herren, was Sie ja nicht verſäumen dürfen,“ ſagte Herr Weigel—„nämlich ſich hier gleich Ihre Billets 121 zur Weiterfahrt in's Innere, wohin Sie auch immer wollen, zu löſen. „Von Neu⸗York aus?“ ſagte Menzel verwundert. „Ja wohl von Neu⸗York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiſeziel liegt.“ „Ja aber kann man denn die hier bekommen?“ frug Müller. „Gewiß kann man das,“ lächelte Herr Weigel,„und das iſt gerade der ungeheure Vortheil unſerer jetzigen Verbin⸗ dung, die den Auswanderer von der Thür ſeiner alten Hei⸗ math fort, vor die ſeiner neuen ſetzt, ohne daß er ein einziges Mal in die Taſche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht, als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das Reiſen jetzt ſo billig, daß man mit einem Blick im Stande iſt ſämmtliche Koſten zu überſehn; die Ertra⸗ Ausgaben fallen ganz weg.“ „Das wäre freilich ein Glück,“ ſagte Müller, von dem erſt vor einigen Monaten ein Bruder„hinüber“ gegangen war — die Extra⸗Ausgaben freſſen ſonſt das meiſte Geld.“ „Ob ſies freſſen, beſter Herr, ob ſie's freſſen,“ ſagte Herr Weigel, ſich wieder vergnügt die Hände reibend. „Und wo kann man die Billete alſo bekommen?“ frug Menzel. „Bei mir hier, verſteht ſich,“ ſagte Herr Weigel—„alle bei mir.“ „Und die gelten dann drüben?“ „Nun verſteht ſich doch von ſelbſt,“ lachte d der freundliche Agent,„ich würde ſie ja Ihnen doch ſonſt nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die Deutſchen hinüber kommen, dann ſprechen ſie gewöhnlich noch kein Engliſch— oder haben Sie das etwa ſchon gelernt?“ „Ne „Nun ſehn Sie, und dann werden ſie dort von ihren Landsleuten— denn der Amerikaner iſt nicht halb ſo ſchlimm— die ſich das richtig zu Nutze zu machen wiſſen, tüchtig über's Ohr gehauen, und müſſen gewöhnlich gerade noch einmal ſo diel bezahlen, als die Sachen eigentlich koſten. „Aber es ſoll doch eine„Deutſche Geſellſchaft“ drüben in Neu⸗York ſein,“ ſagte jetzt Brauhede, der zum erſten Mal bei der ganzen Verhandlung den Mund aufthat—„die ſich eben der Deutſchen annimmt und Nichts dafür verlangt.“ „Leben wollen wir Alle,“ ſagte Herr Weigel achſel⸗ zuckend—„umſonſt iſt der Tod, und daß die Leute, wenn ſie ihre Zeit darauf verwenden für die Deutſchen zu ſorgen, auch etwas dafür nehmen werden, läßt ſich wohl an den fünf Fingern abzählen. Neu⸗York iſt aber ein theures Pflaſter, die Leute brauchen dort mehr wie wir hier, und wer es daher billiger thun kann iſt auch wieder leicht einzuſehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen; lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutſchland, die ſich demſelben ſchwieri⸗ gen und undankbaren Geſchäft unterzogen haben wie ich, und die es ſich vielleicht eben ſo ſauer werden laſſen gerade und ehrlich durch die Welt zu kommen; aber Einen der es beſſer meint dabei, werden Sie wohl ſchwerlich finden, und ich ———— K ͤ— 123 überrede gewiß Niemanden nach Amerika auszuwandern. Je⸗ der Menſch muß ſeinen freien Willen haben, und auch am Beſten ſelber wiſſen was ihm gut iſt.“ „Ne gewiß,“ ſagte Menzel—„da habt Ihr ganz recht, das iſt auch mein Grundſatz; aber das mit dem Amerika leuch⸗ tet mir auch ein, und umſonſt thut da gewiß Niemand etwas — das ſind verflirte Kerle da, hab' ich mir ſagen laſſen, be⸗ ſonders die Deutſchen, und wo die nicht wollen gucken ſie nicht'raus.“ „Alſo die Billete kann man hier bei Euch triegen?¹— ſagte Müller. „Wohin Sie wollen, und ich ſtehe Ihnen dafür daß ſie nicht allein ächt ſind, ſondern daß die hier in Deutſchland ge⸗ löſten Plätze auch noch den Vorrang haben vor allen in Ame⸗ rika genommenen, wenn einmal Eiſenbahn oder Dampfboote zu ſehr beſetzt ſein ſollten. Es iſt ja hier gerade ſo mit der Poſt, wo Die, die ſich zuerſt, und auf der längſten Station haben einſchreiben laſſen, den Vorrang behalten müſſen vor denen die nachher kommen. „Ahem, das iſt klar,“ ſagte Menzel;„na alſo da dächt' ich ließen wir uns gleich einmal Plätze belegen und gäben das D'raufgeld, damit wir die Sache richtig hätten, und nachher können wir ja einmal über die Farmen ſprechen; ich habe ver⸗ wünſchte Luſt.“ „Du, das hat noch Zeit,“ ſagte aber jetzt Brauhede wie⸗ der, Menzel am Rocke zupfend;„erſt müſſen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hauſe überlegen.“ 124 Wenn aber nachher bie Plätze auf dem ganz guten Schiffe fort ſind,“ ſagte Müller mit einem ſehr bedenklichen Geſicht. „Ja, ſtehen kann ich Ihnen nicht dafür,“ verſicherte Herr Weigel die Achſeln zuckend, daß ſie beinah ſeine Ohr⸗ läppchen berührten. „Na mein'twegen,“ ſagte Brauhede, der allerdings auch in der Abſicht hierher gekommen war, ihre Paſſage feſt zu ac⸗ cordiren, jetzt aber, da es dazu kam Geld zu zahlen, nur un⸗ geern damit herausrückte—„aber von wegen der Farm müſſen wir noch erſt mit den Anderen ſprechen, und eine Farm krie⸗ gen wir auch noch immer.“ „Ja aber was für eine,“ ſagte Herr Weigel. Brauhede blieb übrigens bei ſeiner Meinung, und Menzel beſtand jetzt nur wenigſtens darauf die beiden Pläne ein⸗ mal mitzunehmen, damit ſie ſich zu Hauſe ordentlich hinein denken könnten. Wenn auch Herr Weigel ſie im Anfang nicht außer Händen geben mochte, ja ſogar verſicherte er habe nicht übel Luſt die eine Farm für ſich ſelber auf Speculation zu kaufen, ließ er ſich doch zuletzt überreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die Pläne zu überlaſſen, und dann das Weitere über den Ankauf mit einer zweiten Deputation der Geſellſchaft zu beſprechen. Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Paſſage im Meteor für ſiebenundfunfzig Perſonen und dreizehn Kinder, die ſämmtlich aus einer Ortſchaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen Berathung mit den beiden anderen, die nöthigen Billete auf der Eiſenbahn von . b — n ———— „ 3 125 Neu⸗York aus, oder machte wenigſtens eine Anzahlung darauf, daß ſie ihnen der Agent aufbewahrte, da dieſer ſie verſicherte er ſei nur noch im Beſitz einer ſehr kleinen Anzahl, und wiſſe nicht, wann er gleich wieder andere bekommen würde, während die Anfrage darnach ſehr ſtark wäre. Außerdem kauften ſie ſich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochüren, die Herr Weigel, wie er ſagte, gerade friſch aus der Druckerei als etwas ganz Neues bekommen hatte— ein Datum ſtand nicht darauf— und die drei Männer 4 ließen dann wieder, von dem ſchmunzelnden Agenten biß die auf den Markt führende Thür begleitet, das Haus. „Höre Du,“ ſagte aber Brauhede als ſie wieder vor dem Haus und auf der Straße waren, und langſam über den Markt weggingen,„mit dem Landkaufen wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlaſſeu, das iſt eine wunderliche Ge⸗ te und will mir nicht recht in den Kopf.“ „Nicht in den Kopf?“ rief aber Menzel—„und warum nicht?— der Mann bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum ſoll der nicht wiſſen was dort zu verkaufen iſt?“ „Wenn's aber ſo gut und billig wäre, brauchten ſie's doch nicht hier herüberzuſchicken,“ meinte Brauhede kopfſchüttelnd. „Das iſt Alles was Du davon verſtehſt,“ ſagte Müller, „Amerikaner könnten ſie gewiß genug zu Käufern kriegen, aber deutſche Bauern wollen ſie, die ihnen zeigen wie man das Land behandeln muß, und darum ſchicken ſie herüber— die ſind froh drüben, wenn unſereins hinüber kommt. 126 „Nun, mag ſein,“ brummte Brauhede—„aber ſicher iſt doch ſicher, und wenn ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein ſein ſoll nachher nicht finden, wie's dem Niklas ſeinem Bruder gegangen iſt, nachher wäre die Geſchichte aber faul.“ „Dem Niklas ſein Bruder war aber auch ein Eſel,“ ſagten der Andere,„der ſich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da ſollt' er nachher wohl ſuchen. Aber r Mann hier iſt in der Stadt anſäſſig und hat ein Ge⸗ ;z was der verkauft das muß gut ſein, ſonſt wär' er ja nicht ſicher daß man ihn einmal deshalb beim Kragen riegte.“. „Ja krieg' ihn einmal wenn Du drüben in Amerika biſt,“ ſagte Brauhede ruhig—„das iſt ein verwünſcht weiter und umſtändlicher Weg und— wenn man ſich einmal hat an⸗ führen laſſen, will man auch nicht gern noch dazu a autsgelacht werden.“ ℳ „Papperlapapp!“ ſagte Menzel—„dafür hat Irder 4 ſeine Augen daß er ſie offen hält, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd' ich mich ſchon ſicher Keen daß er mir Nichts aufbindet.“ Und die Männer ſchritten, Jeder von jetzt an mit ſeinen eigenen Gedanken über die nahe Auswanderung beſchäftigt, langſam die Straße hinunter, während in ſeinem kleinen Bureau, vergnügt die Hände zuſammenreibend, Herr Weigel auf und ab ſpazieren ging, und ſich im Gei die nächſt zu ziehenden Summen zuſammenaddirte, die n kurzer Zeit, 4 * ————=— 127 nach eifriger Ausſaat, einzuerndten hoffte. Die Geſchäfte gingen vortrefflich; Luſt zur Auswanderung hatte in der That ein Drittel der ſämmtlichen Bevölkerung, und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leiſen Anregung, die Leute zu etwas zu bewegen, zu dem ſie ſchon halb und halb ſelber entſchloſſen geweſen waren. Herr Weigel ar ſehr guter Laune; er legte jetzt die Hände auf den Rücken und ſummte ein leiſes Lied vor ſich hin, ſeinen Marſch dabei fortſetzend. Aber er 1 ang falſch; er hattc keine Idee von irgend ei— er meinte wenigſtens ei eine, er ſang, genügte es ihm vollkonm Die Thür ging jetzt auf un kam herein, irgend etwas an geklopft ohne— der Schreiner ſſern— er „Sehn Sie, hier das Bein moͤcht Tiſch wackelt da immer, und wenn i 128 „Ja gewiß,“ ſagte der Mann,„das iſt ja nur eine Klei⸗ nigkeit.“ „Und wie iſt es mit den Auswandererkiſten die ich be⸗ ſtellt habe?— werden die bis heute Abend fertig? „Ja wohl Herr Weigel; ſechs habe ich ſchon in das Gaſt⸗ haus„Stadt Breslau,“ wie Sie mir ſagten, abgeliefert.“ „Nun das iſt gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen, und will morgen früh wieder fort— es ſind doch noch keine Auswanderer heute Morgen hier einge⸗ troffen?—“ „Nicht daß ich geſehen hutte— aber geſtern Abend zogen Viele durch.“ „Ja ich weiß— von Heſſen herüber— die armen Teu⸗ fel; denen wird's einmal wohl drüben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geſchäͤfte jetzt?“ „Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird freilich immer theuerer, aber man ſchlägt ſich ſo durch— Kinder haben wir nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus.“ „Ich begreife nicht,“ ſagte Herr Weigel da kopfſchüttelnd vor dem Mann, der ſeine Mütze eben wieder aufgegriffen hatte und ſich zum Fortgehen anſchickte, ſtehen bleibend— „wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis Abend plagt und ſchindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in ein paar Wochen drüben ſein könntet und ſo viel Dollare für Euere Arbeit bekämt, wie hier Groſchen. „Drüben, wo?“ N N „Nun in Amerika—“ „Hm, ja,“ ſagte der Mann, ſich nachdenkend das Kinn ſtreichend, und einen leichten Seufzer unterdrückend—„gedacht hab' ich auch ſchon ein paar Mal daran, aber— das geht nicht gut und— es iſt auch ſo eine unſichere Sache mit da drüben. Hier weiß ich einmal was ich habe und daß ich aus⸗ komme, und wie mir's da drüben geht weiß ich nicht.“ „Aber Freund,“ rief Herr Weigel verwundert—„ein Mann der fleißig arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meiſter, Amerika iſt gerade der Platz für Euch, wo Ihr Euch rühren und ausbreiten könntet— wenn Ihr dort wäret, ein geſchickter Arbeiter wie Ihr! in fünf Jahren hättet Ihr zwanzig Geſellen.“ „Meiſter Leupold nickte langſam mit dem Kopf, und ſah ein vaar Secunden ſtill vor ſich nieder, als ob das Bild mit der großen Werkſtätte und dem regen Treiben ſich vor ſeinem inneren Geiſt eben auszubreiten beginne, dann aber ſagte er, jetzt herzhaft aufſeufßend—“ „Und es geht doch nicht, Herr Weigel— ich habe die alte Mutter zu Hauſe, die ich unmöglich hier allein zurück — laſſen könnte—“ — „Hierlaſſen? das fehlte auch noch,“ rief der Agent—„die nehmt Ihr mit, Mann— könnt Ihr der denn eine größere Freude machen, als wenn ſie noch vor ihrem Ende ſähe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie ſich Euer Zuſtand mit jeder Woche, mit jedem Tage faſt beſſert?— Muß ſie hier Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 9 nicht in Sorge und Kummer leben daß Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen könnt, und wie ſieht's dann aus?“ „Wenn ich aber nun dort drüben krank werde?“ ſagte der Meiſter leiſe. „Wenn das nur nicht gleich die erſten Monate geſchieht und für ein Unglück kann Niemand“— warf dagegen Herr Weigel ein,„ſo könnt Ihr Euch auch ſchon ſo viel geſpart haben, das eine Weile mit ruhig anzuſehn; und wenn Ihr nicht krank werdet, ſeid Ihr in ein paar Jahren ein wohl⸗ habender Mann.“ „Es iſt eine verwünſchte Geſchichte mit dem Amerika,“ ſeufzte der Mann wieder, ſich hinter dem Ohr kratzend— „man hört ſo viel davon, und ſieht eine ſolche Maſſe Men⸗ ſchen hinüberziehen, die alle voller Hoffnung ſind daß es ihnen gut geht— und möchte am Ende ebenfalls gern mit— wenn man nur erſt ſo einmal hinübergucken könnte wie es eigentlich ausſieht.“ „Dazu iſt es ein Bischen zu weit,“ meinte Herr Weigel. „Ja nun eben,“ ſagte der Tiſchler—„und ſo auf's ge⸗ rathewohl—“ „Das könnt Ihr aber nicht auf's gerathewohl nennen, wo wir alle Tage Briefe von drüben herüber bekommen, von denen einer immer beſſer lautet als der andere. Da— hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen habe, wo ein Deutſcher, den ich ſelber hinüberbefördert, und dem es jetzt aus⸗ gezeichnet gut geht, an mich ſchreibt, und ein oder zwei gute gelernte Schaafknechte haben will; leſen Sie einmal den Brief.“ Leupold legte ſeine Mütze wieder hin, nahm den Brief und las ihn aufmerkſam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und ſah dann wieder zu dem Agenten auf, der ihn indeſſen mit einem triumphirenden Lächeln betrachtet hatte. „Nun?“ frug der Letztere, als Jener das Schreiben be⸗ endet und wieder zuſammenfaltete—„wie klingt das?“ Sehr gut“ ſagte Leupold leiſe,„aber— es hilft mir doch Nichts. Wenn ich jetzt mein kleines Häuschen, das ich mir mit Mühe und Noth zuſammengeſpart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; fände ich erſtlich keinen Käufer, und dann bekäm ich auch das nicht dafür wieder, was es mich ſelber gekoſtet; wie geſagt, der Sperling in der Hand iſt doch wohl beſſer wie die Taube auf dem Dache.“ „Bah, Taube,“ ſagte Herr Weigel mürriſch—„wenn die Taube auf dem Dach eben ſo feſt und ſicher ſitzen bleibt bis man ſie holen kann, wie Amerika ruhig liegt, und auf die wartet die hinüber kommen, ſo iſt ſie mir lieber wie ein er⸗ bärmlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu wenig; aber— überlegt's Euch— ah da kommt der Brief⸗ träger— was für mich?“ „Nun guten Morgen Herr Weigel,“ ſagte der Tiſchler und wollte ſich eben entfernen, während der Briefträger dem Agenten mehrere für ihn gekommene Briefe überreichte. „Siebzehn Silbergroſchen drei Pfennige“ ſagte er dabei. „Siebzehn Silbergroſchen?“ rief Herr Weigel verwun⸗ dert— aha da iſt ein Amerikaner dabei— halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold“— da iſt vielleicht gleich 9* 132 noch was für uns, und was ganz Neues— wollen gleich ein⸗ mal ſehn was die Leute ſchreiben. Wahrſcheinlich wieder von Jemand den ich hinüber befördert Häbe⸗ und der ſich jetzt be⸗ dankt— das koſtet aber viel Geld— „Apropos Neues,“ ſagte Leupold, während der Agent den Briefträger bezahlt hatte und ſeine Papierſcheere vom Tiſch nahm, den Amerikaniſchen Brief aufzuſchneiden—„haben Sie ſchon gehört daß geſtern Nachmittag bei Herrn Dollinger eingebrochen und für ſieben tauſend Thaler Gold und Juwelen geſtohlen ſind?“ „Alle Wetter,“ rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere in der Hand—„geſtern Nachmittag?“ „Am hellen Tage,“ beſtätigte Leupold. „Und weiß man nicht wer der Thäter iſt?“ „Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch ſchon eingezogen,“ ſagte der Tiſchler. „Gewiß den Loßenwerder,“ rief Weigel. „SIch glaube ſo heißt er— er iſt ein wenig verwachſen—“ „Und ſchielt— derſelbe, ich habe den Burſchen von jeher nicht Weiden können; hat mir auch ſchon ein paar Mal Kunden abſpenſtig gemacht, aus reinem Brodneid; ich wüßte wenig⸗ ſtens ſonſt nicht weshalb, und habe ihn dabei ſtark in Ver⸗ dacht, daß er ſelber damit umgeht eine Agentur für Auswan⸗ derer zu errichten. Da könnte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe, ohne Connexionen und ohne Kenntniß vom Land — ſchickte nachher die Leute in's Blaue hinein, daß ſie dort ſäßen und nicht wüßten wo aus noch ein. Na nun, wird ihm 133 das Handwerk wohl gelegt werden; ich gönne nicht gern einem Menſchen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's daß ſie's wenigſtens herausbekommen haben, und er ſeine Schurkerei nicht mehr heimlich forttreiben darf. Iſt denn das Geld ſchon wieder gefunden?“ „So viel ich weiß nicht, einige hundert Thaler ausge⸗ nommen, von denen aber der Mann betheuert daß er ſie ſich geſpart hätte; es iſt übrigens Manches dabei zuſammengekom⸗ men was ihn verdächtig macht; das Nähere weiß ich freilich nicht.“ „Hm, hm, hm,“ ſagte Herr Weigel, kopfſchüttelnd den Brief, den er noch immer in der Hand hielt, aufſchneidend— „böſe Geſchichten— böſe Geſchichten, was man nicht Alles hört auf der Welt.— Nun wollen wir alſo einmal ſehen was der Herr da aus Amerika ſchreibt—hm— Waſſhington County, Tenneſſee den ſiebenten Januar 18— alle Wetter der Brief iſt lange unterwegs geweſen— Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der Central⸗Auswanderungs⸗ und Co⸗ loniſations-Geſellſchaft in Deutſchland— ahem— Sie nichtsw— hm— Sie haben— hm— vor allen Dingen— hm— hm— hm— hm“— Herrn Weigels Geſicht ver⸗ längerte ſich immer mehr, je weiter er in ſeiner, wie es ſchien nicht eben angenehmen Lectüre vorrückte, aber er brach mit dem Lautleſen des Inhalts, deſſen Einleitung unerwarteter Weiſe höchſt derber Art war, ſchon gleich nach den erſten Sylben ab, und murmelte, das Ganze nur flüchtig überfliegend, blos 134 einzelne unzuſammenhängende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte, vor ſich hin. „Nun, was ſchreiben ſie?“ ſagte dieſer endlich lächelnd; er wäre ſchon lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zu⸗ rückgehalten hätte—„gute Neuigkeiten?“ „Bah!“ ſagte Herr Weigel, den Brief zurück auf ſeinen Schreibtiſch werfend—„Jemand der ſeine Geſchwiſter will hinübergeſchickt haben und mich erſucht das Geld für ihn aus⸗ zulegen. Da müßt' ich ſchöne Capitale herumſtehn haben, wenn ich allen Leuten umſonſt wollte die Familie nachſchicken. Nachher ſitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann ſuchen.“ „Ne, das iſt ein Bischen viel verlangt,“ ſagte der Mei⸗ ſter, wieder nach der Klinke greifend— und dießmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurück—„aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlaßen Sie ſich darauf ich beſorge Ihnen das heute noch.“ „Sein Sie ſo gut,“ ſagte der Agent— er war auf einmal ganz einſylbig geworden, und Meiſter Leupold verließ mit noch⸗ maligem Gruß das Zimmer, in dem jetzt Herr Weigel mit in die Taſche geſchobenen Händen, aber keineswegs mehr ſo guter Laune als vorher, raſchen, heftigen Schrittes auf und ab ging. „Und vierzehn Groſchen bezahlt für den Wiſch— es iſt eine Frechheit wahrhaftig, die in's Bodenloſe geht. Lum⸗ pengeſindel! glaubt die gebratenen Tauben ſollen ihm da in's Maul fliegen, ſo bald ſie's nur aufſperren.“ Und wieder riß er den Brief vom Pult, rückte ſich die Brille zurecht, und las mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar aufmerkſamer durch als vorher: „Sie nichtswürdiger Hallunke“— wenn ich Dich nur hier hätte mein Burſche, dafür ſollteſt Du mir brummen— „ſchändlich betrogen und angeführt“— wozu hat Dir denn der liebe Gott die großen Glotzaugen gegeben, wenn Du ſie nicht aufſperren willſt—„Land eine Wüſte“— na verſteht ſich, ein Gewächshaus hab' ich ihm nicht verkauft—„Hälfte gar nicht zu bekommen“— Holzkopf—„kein Menſch wollte die Billete nehmen“— bah, geſchieht Dir recht—„Wohnge⸗ bäude zu ſchlecht für einen Hund“— für Dich noch immer viel zu gut, mein Schatz—„wenn Sie nur einmal herüber kämen, Sie miſerabeler“— bah“— unterbrach ſich Herr Weigel in dieſer nichts weniger als ſchmeichelhaften Lectüre, indem er den Brief in zwei Hälften riß, und ſich dann ein Streichhölz⸗ chen mit einem Gewaltſtrich an der Thür entzündete„ſo viel für den Wiſch!“ und das Papier anbrennend, warf er das auf⸗ lodernde in den Ofen, und ſchloß die Klappe ſo heftig er konnte. Allerdings wollte er ſich nun über den Brief hinwegſetzen, aber geärgert hatte er ſich doch, und Rock und Stiefeln an⸗ ziehend drückte er ſich ſeinen Hut in die Stirn, griff ſeinen Stock aus der Ecke, und verließ ſein Bureau, das er ſorgfältig hinter ſich abſchloß, und eine kleine Pappe mitten an die Thür hing, auf der die Worte ſtanden: „Kommt um elf Uhr wieder.“ Capitel 6. Die Weberfamilie. Nicht weit von Heilingen, und in Hörweite der Dom⸗ glocke ſelbſt, in ziemlich bergigem, aber unendlich maleriſchem Land, lag ein kleines armes Dorf, deſſen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den beſten gehörten, ſich kümmerlich, aber meiſt ehrlich, mit verſchiedenen Handwerken und Gewer⸗ ben, mit Holzſchnitzen wie auch hie und da mit dem Webſtuhl, ernährten. Das Dorf hieß eigentlich„Zur Stelle“, welchen Namen aber die Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hülfe ihres Dialekts, zu dem von Zurſchtel umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreißig Häuſer und Hütten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der ſechsfachen von Kindern zählen. Es iſt eine wunderliche Thatſache, daß man in den ärmlichſten Diſtrikten ſtets die meiſten Kinder findet. Mitten im Dorf lag eins der beſſeren Häuſer; es war weiß getüncht, und hinter den ſauber gehaltenen Fenſtern —— 137 hingen weiße, reinliche Gardinen. Vor dem Hauſe, über deſſen Thüre ein frommer Spruch mit rothen und grünen Buchſtaben angeſchrieben war, ſtand ein Brunnen- und Röhr⸗ trog, und ein kleiner Koven an der Seite deſſelben, zeigte in der nach außen befeſtigten Klappe des Futterkaſtens dann und wann den ſchmuzigen Rüſſel eines ſeine Kartoffelſchalen kauen⸗ den Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung ſtach ſehr zu ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhäuſer ab. Im Inneren ſelber ſah es ebenfalls ſehr reinlich, aber nichtsdeſtoweniger ſehr ärmlich aus. In der einen Ecke ſtand ein großer, viereckiger, ſauber geſcheuerter Tiſch aus Tannen⸗ holz, an zweien der Wände waren Bänke aus dem näm⸗ lichen Material befeſtigt, und um den großen viereckigen Kachel⸗ ofen, der faſt den achten Theil der Stube einnahm, hingen verſchiedene Kochgeräthſchaften, während auf darüber ange⸗ brachten Regalen die braunen Kaffeeckannen und geblümten Taſſen gewiſſermaßen mit als Zierrath zur Schau ausſtanden. Die dritte Ecke füllte der Webſtuhl des Mannes aus, und dem gegenüber ſtand eine rieſengroße, braunangeſtrichene Kommode, mit Meſſinghenkeln und Griffen und fünf Schiebladen, die, mit wirklich rührender Eitelkeit als eine Art von Nipptiſch be⸗ nutzt, zwei mit bunten Blumen bemalte Henkelgläſer, eine vergoldete Taſſe mit der Aufſchrift„der guten Mutter“— ein Geſchenk aus früherer Zeit— und ein gelb irdenes aber aller— dings ſehr wenig benutztes Dintenfaß trug, während dahinter, in zwei ordinairen Stangengläſern, in dem einen Schilfblü⸗ 138 thenbüſchel, und in dem anderen große ſtattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerſte und Hafer ſtanden, zur Erinnerung an eine frühere ſegensreiche Erndte. Ddie Bewohner der kleinen Stube paßten genau in ihre Umgebung; es war eine, nicht mehr ganz junge aber doch rüſtige Frau, in die nicht unſchöne Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad ſaß und eifrig das Rädchen ſchnurren ließ, während die rechte Hand manchmal eine neben ihr ſtehende Wiege berührte, den darin ruhenden kleinen Säugling, der immer wieder die großen dunklen Augen zu ihr aufſchlug, endlich in Schlaf zu bringen. Sie war rein⸗ lich, aber in die gröbſten Stoffe gekleidet, ebenſo der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Füßen mit einer kleinen Mulde auf dem über die Diele geſtreuten Sand„Schiff“ ſpielte. Außerdem war noch eine vierte Perſon im Zimmer, die e alte Mutter der Frau, eine Greiſin von nahe an ſiebzig Jah⸗ ren, die auch noch ihr Spinnrad drehte, ſich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen geſetzt hatte, weil ihradas heu⸗ tige naßkalte, unfreundliche Wetter fröſtelnd durch die alten Glieder zog. Es war eine gutmüthige, aber mürriſche alte 4 Frau, ſelten zufrieden mit dem was ſich ihr gerade bot, und unermüdlich darin, ſich und ihren Kindern die Laſt vorzuwer⸗ fen die ſte ihnen mache, und den lieben Gott täglich zu bitten daß er ſie doch bald zu ſich nähme. Nur eine kleine, ganz kurze Friſt erbat ſie ſich immer noch— dann wollte ſie gerne ſterben. Erſt, wie das Aelteſte geboren war, wollte ſie das noch gerne laufen ſehn; dann hätte ſie gern erlebt wie es zum erſten Mal in die Schule ging; dann war es Frühjahr ge— worden und ſie hoffte nur noch einmal neue Kartoffeln zu eſſen, zu Jacobi aber wollte ſie noch einmal von dem Pflau⸗ menbaum die Früchte koſten, den ihr„Seliger“ noch gepflanzt. Wie der Herbſt kam wünſchte ſie im Frühjahr begraben zu werden, und die knospenden Maiblumen weckten den Wunſch nach den Aſtern, ihrer Lieblingsblume, von denen ſie ſich eigenhändig ein ſchmales Beet in den kleinen Garten dicht am Hauſe gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unſeren Herzen mit immer neuer, nie ſterbender Kraft, und je älter wir werden, deſto mehr lernen wir die ſchöne Erde lieb ge⸗ winnen, deſto mehr klammern wir uns an ſie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen. Der Tag neigte ſich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen ſeine Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was ſie nothwendig im Hauſe brauchten— zum Erſatz dafür hatte er das zweite Schwein, das ſie bis dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erlös ſollte ſeine Ausga⸗ ben beſtreiten. 4 Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die großen ſchwe⸗ ren Tropfen ſchlugen gegen das Fenſter, und das Kind wurde vollſtändig munter und fing an zu ſchreien. Die Mutter ſchob ihr Spinnrad zurück, nahm das Kleine aus der Wiege, und ging damit trällernd im Zimmer auf und ab. Die Alte ſpann indeß ruhig weiter, und ſuchte mit zitternder leiſer Stimme ein 140 geiſtliches Lied zu ſingen, und mit dem Rad trat ſie den Takt dazu. Sonſt ſprach keine ein Wort. Endlich wurde die Hausthür geöffnet, Jemand kam von draußen herein, und ſtrich ſich die Füße auf den Steinen und der Strohdecke ab, und ſie hörten gleich darauf wie der zurück⸗ kehrende Vater und Gatte ſeinen großen rothblauwollenen Schirm auf die Steine ſtieß, das Waſſer ſo viel wie möglich davon abzuſchütteln, und den Mantel auszog und über den großen Schleifſtein hing der draußen im Flur ſtand, wie er das gewöhnlich that. Die Frau öffnete raſch die Thür den Mann zu begrüßen, der den Hut abnahm, ſich die naſſen Haare aus der Stirn ſtrich, und das Kind küßte, das ſie ihm entgegenhielt. „Jeſus iſt das ein Wetter, Gottlieb,“ ſagte ſie dabei, als ſie ihm den Hut aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing,„komm nur herein, daß Du was Trockenes auf den Leib bekommſt; wo haſt Du denn den Jungen?— iſt er nicht bei Dir?“ ſetzte ſie, faſt ängſtlich, hinzu. „Er iſt draußen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen aus der Stadt mitgebracht,“ ſagte der Mann— ‚„wird wohl gleich kommen— wie geht's Frau?— wie geht's Mutter?— ha, das regnet einmal heute was vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden ſoll wenn das Wetter ſo fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt wieder Guß auf Guß— Guß auf Guß, als ob ſie uns unſere paar Stücken Feld noch hinunter in die Wieſen waſchen wollten. Von dem einen Acker iſt die Saat ſchon halb fortgeſpült— wenn dasmal das Korn misräth, weiß ich nicht wo der arme Mann das Brod hernehmen ſoll.“ „Klag nicht, Gottlieb,“ ſagte aber die Frau freundlich —„es geht noch Vielen ſchlechter wie uns, und was ſollen da die ganz armen Leute ſagen. Lieber Gott, es iſt viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben ſein Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und geſund iſt, ſollte ſich nicht verſündigen.“ Sie hatte dabei das Kind auf die Erde geſetzt, holte den Topf aus der Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, der alten, fröſtelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen Kaffee— ſie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und Gerſte we⸗ nigſtens ſo— in die eine braune Kanne, damit ſich der Mann, der den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne. Zugleich auch deckte ſie ein weißes Tuch über den Tiſch, auf den ſie noch Butter und Brod ſtellte, die verſäumte Mittagsmahlzeit wenigſtens in etwas nachzuholen. Der Mann ſetzte ſich an den Tiſch, ſchenkte ſich eine Taſſe Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und ſchnitt ſich ein großes Stück Brod ab, das er mit Butter beſtrich und verzehrte. Er ſprach kein Wort dabei, und beendete ſtill ſeine Mahlzeit, ſchob dann die Taſſe und den Butterteller zurück, nahm das Kleinſte, das die Mutter zu ihm auf die Erde ge⸗ ſetzt hatte, herauf auf ſein linkes Knie, blieb, den rechten Ell⸗ bogen auf den Tiſch geſtützt, den Kopf gegen die Wand ge⸗ lehnt, regungslos ſitzen, und ſchaute ſtill und ſchweigend nach 142 dem Fenſter hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitſcht, hohl und heftig anſchlugen. Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit ſcheuem Blick betrachtet; es war irgend etwas vorgefallen, aber ſie wagte nicht zu fragen, denn Gottlieb, ſo ſeelensgut er auch ſonſt ſein mochte, hatte doch auch ſeine„verdrießlichen Stun⸗ den“ und war dann, wenn geſtört, oft rauh und unfreundlich; aber eine eigene Angſt überkam ſie plöͤtzlich. Ihr älteſter Sohn — der Hans— war nich mit zu Hauſe gekommen— konnte dem— heiliger Gott, wie ein Stich traf es ſie in's Herz und ſte ſprang erſchreckt von tbrom Stuhl auf und auf den Mann zu. „Gottlieb— um aller Heiligen Willen wo iſt der Hans? — es iſt— es iſt ihm doch nicht etwa ein Unglück geſchehn?“ „Der Hans?“ ſagte der Mann aber ruhig und ſah er⸗ ſtaunt zu ihr auf,„was fällt Dir denn ein? was ſoll denn dem Hans Aggeſtoßen ſein? ich habe Dir ja geſagt daß er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort wahrſcheinlich das Wetter abwarten wird.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlaſt von der Seele gewälzt wurde—„aber Du biſt ſo ſonderbar heut Abend, ſo ſtill und ernſt, und da ſchlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über den Hans. Iſt etwas vorgefallen Gottlieb?—“ Gcotttlieb ſchüttelte den Kopf langſam und ſagte:— „Nicht daß ich wüßte— nichts Beſonderes wenigſtens, 5 143 oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage vorfällt— Geld . zahlen!“ „War es denn ſo viel?“ ſagte die Frau leiſe und ſchüchtern. Der Mann ſchwieg einen Augenblick und ſah ſtill vor ſich nieder; endlich erwiederte er ſeufzend: „Das Schwein iſt d'rauf gegangen, und vier Thaler ſiebzehn Groſchen ſind immer noch mit Gerichtskoſten und der alten Proceßgeſchichte mit der Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, ſtehen geblieben, und ich muß ſie bis zum erſten Juli nachzahlen, unter Androhung von Pfändung.“ „Nun lieber Gott,“ ſagte die Frau tröſtend—„wenn das das Schlimmſte iſt, läßt ſich's noch ertragen; da verkau⸗ fen wir eben das andere Schwein und behelfen uns ſo. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu ſchlachten, und leben doch; warum ſollen wir nicht eben ſo gut ohne eins leben können als die.“ „Ja,“ ſagte der Mann leiſe und ſtill vor ſich hin brü⸗ tend—„verkaufen und immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die Leute mit jedem Jahr ihr kleines Beſitzthum vergrößern, und für ihre Kinder etwas zurücklegen können, ſieht man es hier mehr und mehr zuſammenſchmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.“ „Aber kannſt Du's ändern?“ ſagte die Frau leiſe und fuhr, wie der Mann ſchwieg und mit der Fauſt die Stirn 144 ſtützend vor ſich nieder ſtarrte, ſchüchtern fort—„arbeiteſt Du nicht von früh bis ſpät fleißig und unverdroſſen? gönnſt Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine nöthige Beſchäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringſte vorzuwerfen?“ „Nein,“ ſagte der Mann, während er die Hand auf den Tiſch ſinken ließ und die Frau voll und feſt anſah—„nein, aber das iſt es ja eben, was mir am Leben frißt. Wir kön⸗ nen nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir jetzt thun, und jetzt ſind wir noch jung und kräftig, unſere Kinder noch klein und geſund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit jedem Jahr ſchlechter und ſchlimmer. Wie nun ſoll das werden, wenn uns erſt einmal Krankheit heim⸗ ſuchte, wenn die Kinder heranwachſen und mehr brauchen, wenn wir ſelber älter werden und nicht mehr ſo zugreifen können wie jetzt?— Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit oben halten— das eine Schwein iſt ver⸗ kauft, das andere wird noch fort müſſen; unſer Acker iſt klei⸗ ner geworden in den letzten zehn Jahren, unſere Bedürfniſſe aber ſind gewachſen— wie ſoll das enden?“ „Aber Gottlieb,“ ſagte die Frau freundlich—„wie kommen Dir jetzt doch nur ſolche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? Mann, Mann, Du biſt doch ſonſt ſo ruhig, und haſt immer vertrauungsvoll in die Zukunft geſehn, wie ſind Dir auf einmal ſolche ſchwarze Ge⸗ danken durch den Sinn gefahren?“ Die alte Mutter hatte, ſchon ſo lange wie die Beiden ———— ——— 145 mit einander geſprochen, ihr Spinnrad ruhen laſſen, und dem Geſpräch aufmerkſam zugehört; dabei ſchüttelte ſie fortwährend mit dem Kopf, und ſagte endlich mit ihrer ſchrillen, ſcharf klingenden Stimme: „Ja wohl, ja wohl— das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler kommen— mehr Mäuler ſind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt mich todt; ſchlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz mache— ſchlagt mich todt.“ „Mutter,“ bat die Frau, in Todesangſt daß ſie dem Manne mit ſolcher Rede wehe thun würde, denn er gerade hatte ſie immer auf das Freundlichſte behandelt, und Alles gethan was in ſeinen Kräften ſtand, ihr jede Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verſchaffen—„wie dürft Ihr nur ſo etwas reden; verſündigt Ihr Euch denn nicht?“ „Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,“ ſagte aber der Mann freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun mochte—„nur für ſpätere Zeit iſt mir bange; Sie aber wären die Letzte die darunter leiden ſollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unſere Schuldig⸗ keit in unſerer Jugend gethan, wie Sie, dann iſt es nicht mehr wie Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu ſorgen— wenn ſie nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlaſſen werden.“ Die Alte war wieder ſtill geworden, ſah noch eine Zeit lang vor ſich nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 10 146 aber die Frau fuhr fort und ſagte, faſt mit einem laiſen Vor⸗ wurf im Ton zu ihrem Mann. „Siehſt Du Gottlieb, das haſt Du nun davon mit Dei⸗ nen trüben und traurigen Ideen; Du machſt Dir und mir und der Mutter nur das Herz ſchwer, und nützeſt und hilfſt doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's ſchon machen und lenken; Er hat die Welt ſo viele Jahrhunderte hindurch in ihrer Bahn gehalten, und die Menſchen darauf geſchirmt und gepflegt, wie unſer Herr Paſtor ſagt Er wird's auch ſchon weiter thun, und wir dürfen uns eigentlich gar nicht ſorgen und kümmern um den„nächſten Tag.“ „Doch, doch Frau,“ ſagte aber der Mann, anfſtehend und jetzt, die Hände in den Hoſentaſchen, in der Stube auf und ab gehend—„doch Frau, der Mann muß, denn wenn er's nicht thäte, wär er ein ſchlechter Hausvater, und ihm allein fielen dann all die ſchweren Folgen zur Laſt, die daraus entſtänden. Ich kann Dir das nicht ſo mit Worten deutlich machen, wie mir's neulich der Schulmeiſter, mit dem ich darüber ſprach, erklärte, aber der meinte es wäre etwa ſo wie wenn Einer im Waſſer wäre. Da ſei es auch nicht genug daß man ſich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum ſchwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein unver⸗ nünftiges Stück Vieh; nein des Menſchen, des verſtändigen Menſchen Pflicht ſei es ſich ſchon im Waſſer nach dem feſten Lande umzuſehn, ob man das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Waſſer, man möchte noch ſo tapfer ſchwimmen, doch müde, und ließen erſt einmal die Kräfte 147 nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man ſänke eben langſam zu Boden.“ „ Ich verſtehe nicht recht was Du damit meinſt,“ ſagte die Frau,„aber Du ſiehſt mich ſo ſonderbar dabei an— haſt Du noch was anderes dahinter?“ „Nein und Ja,“ ſagte der Mann nach kleiner Pauſe, indem er ſich mit dem Rücken an den Ofen lehnte, und lang⸗ ſam dazu mit dem Kopfe nickte,„eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr iſt, und weiß wie, und ob's einmal enden kann; aber dann— dann hab' ich allerdings noch was dahinter, denn ich meine— ich meine—“er ſchwieg und es war augenſcheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er ſich ſcheue ſo mit blanken klaren Worten heraus zu ſagen, die Frau aber, die eben damit beſchäftigt war das Geſchirr hinaus zu räumen, ſetzte die Kanne wieder auf den Tiſch, ſah den Mann erſtaunt an, ging dann langſam zu ihm an den Ofen und ſagte leiſe, vor ihm ſtehen bleibend: „Geh her, Gottlieb— Du haſt was, was Dich drückt und willſt nicht mit der Sprache heraus— es iſt irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, was Du nicht ſagen magſt. Du darfſt doch nicht ſitzen?“ „Sitzen?— weshalb?“ lächelte der Mann kopfſchüt⸗ telnd—„ich habe nie etwas Böſes gethan.“ „Nun was iſt' denn, ſo ſprich doch nur, denn Du äng⸗ ſtigſt mich ja mehr mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmſte gleich vornheraus erzählſt— dem Hans fehlt doch Nichts?“ 10* „Was ſoll dem Hans fehlen, närriſche Frau— wenn's aufhört zu gießen wird er ſchon kommen.“ „Und was iſt's denn?— gelt, Du ſagſt mir's?“ „Ich muß Dir's wohl ſagen;“ ſeufzte der Mann,„nun ſieh Hanne, ich meine— ich habe ſo darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutſchland immer ſchlechter wird mit uns— und daß wir's zu Nichts mehr bringen können, trotz aller Ar⸗ beit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt— daß jetzt doch ſo viele Menſchen hinüber ziehen—“ „Hinüber ziehen?“ frug die Frau erſtaunt, faſt erſchreckt, und legte die Hand feſt auf's Herz, als ob ſie die aufſteigende Angſt und Ahnung über etwas Großes, Schreckliches da hinunter und zurückdrücken wolle, eh ſie zu Tage käme— „wo hinüber Gottlieb?“ „Nach Amerika;“ ſagte der Mann leiſe— ſo leiſe daß ſie das Wort wohl nicht einmal verſtand, und nur an der Bewegung der Lippen es ſah und errieth. Wie ein Schlag aber traf ſie die Wirklichkeit ihres Verdachts, und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu ſagen, ſetzte ſie ſich auf den, dicht am Ofen ſtehenden Stuhl, deckte ihr Geſicht mit der Schürze zu und ſaß eine lange, lange Weile ſtill und regungslos. Auch der Mann wagte nicht zu ſprechen— er hatte den Gedanken wohl ſchon eine Zeit lang mit ſich herum⸗ getragen, aber ſich immer davor gefürchtet ihm Worte zu ge⸗ ben, ſogar gegen ſich ſelbſt, wie viel weniger denn gegen die Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur ſcheu die Wirkung die er hervorgebracht. . 8 4 149 Auch die alte Mutter ſaß, mit der Hand auf dem Rad das ſte im Drehen aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinüber, was ſie mitſammen hatten, und wie die ſo ſtill waren und kein Wort mehr ſprachen, mochte es ihr auch unheimlich vorkommen und ſie ſagte laut und mürriſch: „Nun Gottlieb was giebt's— was haſt wieder Du mit der Hanne— was habt Ihr denn daß Ihr ſo ſtill und heimlich thut— macht Einem nicht auch noch Angſt unnützer Weiſe — was iſt nun wieder los?“ „Ja Mutter,“ ſagte der Mann jetzt, der ſich gewaltſam Muth faßte über das, was nun doch nicht länger mehr ver⸗ ſchwiegen bleiben konnte und beſprochen werden m ußte, auch laut zu reden, daß er's vom Herzen herunter bekam—„es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Han⸗ nen geſagt daß uns zuletzt nichts anderes übrig bleiben würde als— als es eben auch wie andere zu machen, und— „Und?— und was zu machen?“ frug die alte Frau geſpannt— „Als auszuwandern,“ ſagte der Mann mit einem plötzlichen Ruck und ſeufzte dann tief auf, als ob er ſelber froh wäre es los zu ſein. „Herr Du meine Güte!“ rief die alte Frau, ließ die Hände erſchreckt in den Schooß ſinken und lehnte ſich in ihren Stuhl zurück, während ihr alle Glieder am Leibe flogen— „Herr Du meine Güte!“ wiederholte ſie noch einmal, und die Finger falteten ſich unwillkürlich zuſammen, ſo hatte ſie der Schreck getroffen. 150 „Auswandern,“ ſagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloſer Stimme, und ließ die Schürze vom Geſicht herun⸗ terfallen—„auswandern, das iſt ein ſchweres— ſchwe⸗ res Wort Gottlieb— haſt Du Dir das auch recht— recht reiflich überlegt?“ „Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch,“ rief aber der Mann, der jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wärme gewann.„Wie ein Mühlſtein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und tapfer da⸗ gegen angekämpft, aber es wäre das Beſte für uns, was wir auf der weiten Gotteswelt thun könnten; und wenn auch nicht einmal für uns, wenn wir ſelber auch ſchwere und bittere Zeiten durchzumachen hätten, doch für die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unſerem Schweiß, unſeren Thränen geſäet.“ „Auswandern? ja,“ ſagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend und ſchüttelnd, als ob ſie den ſchrecklichen Gedanken wieder von ſich abwerfen wollte—„ja wohin es Euch lüſtet, aber erſt wenn ich todt bin. Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder ſonſt ſchlagt mich todt, werft mich in's Waſſer, oder ſchlagt mich mit dem Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr mich doch nicht mehr umherſchleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt ſchlagt mich vorher todt.“ „Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar ſo häßlich reden wollten,“ ſagte die Frau traurig, während der Mann wieder zum Tiſch ging, ſich dort auf den Stuhl ſetzte, und den Kopf in die Hand ſtützte—„Sie ſind noch wohl und rüſtig und werden, wills Gott, noch manches Jahr leben und ſich Ihrer Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und ſich ihr Brod ſuchen müſſen, da gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient mit Mühe und Noth und banger Sorge ſchon vor langen Jahren, wie wir noch klein und unbehülflich waren, wie unſere Kinder jetzt.“ „Wozu mich mitnehmen,“ ſagte aber die Frau, ſtörriſch dabei mit dem Oberkörper herüber und hinüber ſchwankend, „unterwegs müßtet Ihr mich doch aus dem großen Schiff hinaus in's Waſſer werfen, die Fiſche zu füttern. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das iſt m ein Spruch und meines Leberecht Spruch von alter Zeit her geweſen, und wir haben uns wohl dabei befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will oben zur Decke naus und fliegen und ſchwimmen, anſtatt hübſch auf der Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum iſt's denn früher gegangen? — nein Gott bewahre, jetzt ſoll Alles mit Eiſenbahnen und Dampf gehen und keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand— ſchlagt mich todt, dann ſeid Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.“ Und die alte Mutter ſtand auf, rückte ihr Spinnrad bei 152 Seite, und humpelte, noch immer vor ſich hin murmelnd und grollend, aus der Stube hinaus. „Sie meint es nicht ſo bös, Gottlieb,“ ſagte die Frau zu dem Mann tretend und ihre Hand auf ſeine Schulter legend,„es iſt eine alte Frau die an ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und ſich vor der Reiſe fürchtet.“ „Und Du nicht, Hanne?“ rief der Mann ſich raſch nach ihr umdrehend, und ihre Hand ergreifend—„Du nicht? Du würdeſt Dich dazu entſchließen können unſere Heimath hier, unſer Häuschen, unſer Feld zu verlaſſen, und mit mir und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?“ Die Frau ſchwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes— endlich ſagte ſie leiſe— „So weit fort?— und muß es denn ſein, iſt es denn gar nicht möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durch⸗ kommen durch die Welt, wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, es iſt gar hart ſo von zu Hauſe fortzugehn, die Thür zuzuſchließen und zu denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurück⸗ kommt—“ Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und ſagte endlich: „Du haſt recht Hanne; es iſt ein ſchwerer, recht ſchwerer Schritt, und man ſollte ihn ſich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann man nicht wieder, wenn man nicht wenigſtens Alles opfern will, was Einem bis dahin ———— 153 noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns zu denken?— Sieh, wir ſchleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich, doch ehrlich, durch, bis wir ein⸗ mal ſterben, und wenn es auch hart iſt, daß es Einem nach⸗ her im Alter ſchlechter gehn ſoll wie in der Jugend, brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber die Kinder— die Kinder— was wird aus denen? Un⸗ ſer kleines Grundſtück iſt die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geſchäft geht's auch kümmerlicher wie bisher— neue, geſchicktere Arbeiter, junge Burſchen die noch keine Familie haben und weniger brauchen, ſitzen in den Dör⸗ fern herum, und die Fabriken und Maſchinen geben uns ohne⸗ dies den Todesſtoß. Stahl und Holz braucht Nichts zu eſſen und arbeitet unermüdet Tag und Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und ſchwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl ſchon ſo recht ſein, denn Gott hat's den Men⸗ ſchen ſelber gelehrt und die Welt muß vorwärts gehn— wir aͤlteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein ſchicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne anfangen, wenigſtens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen Seiten hin gebunden ſind, und darum iſt mir der Gedanke gekommen auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute beſtimmt, den Maſchinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir 154 Platz uns zu bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu leben, ſondern kann auch vielleicht für ſich und die Kinder was vorwärts bringen und braucht ſich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unſern Kindern da einmal anders übrig, als in Dienſt zu gehn und ſich bei fremden Leuten doch herumzuſchlagen ihr Lebelang.“ „Und die Mutter?“ ſagte die Frau, ſich ängſtlich nach der Thüre umſehend—„was würde aus der alten Frau auf dem Meere?“ „Was aus ſo vielen alten Frauen da wird, liebes Herz,“ ſagte aber der Mann, augenſcheinlich mit froherem, freudigerem Herzen, als er bei dem eigenen Weib nicht den Widerſtand fand, den er vielleicht gefürchtet—„ſie gewöhnen ſich an das neue Leben, ſobald ſie das alte nicht mehr um ſich ſehen, und die Seeluft ſoll kräftigen und ſtärken.“ „Aber ſie wird nicht mit uns wollen.“ „Sie wird ihre Kinder nicht verlaſſen,“ tröſtete ſie der Mann,„und ohne ſie dürften wir ja auch gar nicht fort.“ Die Frau reichte ihm ſchweigend die Hand, die er herz⸗ lich drückte, und wandte ſich dann, und wollte eben das Zim⸗ mer verlaſſen, als draußen Jemand die Thür aufriß und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt ſeinen höchſten Grad erreicht, und der Regen ſchlug in ordentlichen Güſſen gegen die Fenſter an, während der Wind die Wipfel der Bäume herüber und hinüber ſchüttelte und die Blüthen von den Zweigen riß mit rauher Hand. 8 npitel 6. 3 6 6 —— „Schönen Gruß mit einander,“ ſagte dabei eine rauhe Stimme, während die Stubenthür halb geöffnet wurde— „darf man hinein kommen?“ „Gott grüß Euch,“ ſagte die Frau—„kommt nur herein, bei dem Wetter iſt's bös draußen ſein— es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen ſollte.“ Der Fremde hing ſeinen Hut und Mantel draußen ab und trat mit nochmaligem Gruß in die Stube. „Gott grüß Euch,“ ſagte auch Gottlieb—„da, nehmt Euch einen Stuhl und ſetzt Euch zum Ofen; es iſt heut un⸗ freundlich draußen, und man kann ein Bischen Feuer brauchen.“ „Sauwetter verdammtes,“ fluchte der Mann, als er der Einladung Folge geleiſtet und ſich die naſſen Haare aus der Stirne ſtrich—„ich wollte erſt ſehen daß ich die Schenke er⸗ reichte; hier um die Ecke herum kam der Wind aber ſo gepfif⸗ fen daß er mich bald von den Füßen hob, und es war gerade als ob ſie Einem von da oben einen Eimer voll Waſſer nach dem andern entgegen goſſen. Schönes Wetter für Enten, aber für keine Menſchen.“ 1 Es war eine rauhe, kräftige Geſtalt, der Mann, mit krauſem dicken ſchwarzen Bart und ein paar tiefliegenden un⸗ ſtäten Augen, in einen groben braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleiſcher nicht ſelten auf dem Lande tragen. Die eben⸗ falls braunen Hoſen hatte er dabei heraufgekrempelt, bis faſt unter das Knie, mit ſeinen derben Waſſeerſtiefeln beſſer durch alle Pfützen und Schlammwege hindurch zu können; die aus ungeborenem Kalbfell gemachte Weſte war ihm bis an den 4 1 4 41 ₰ 1 4 ———y— 156 Hals hinauf zugeknöpft, und eine lange ſilberne Kette, an der die in der Weſtentaſche ſteckende Uhr befindlich war, hing ihm darüber hin. 4 „Ihr ſeid wohl weit von hier zu Haus?“ frug Gottlieb nach einer längeren Pauſe, in der er den Mann und deſſen Aeußeres flüchtig nur betrachtet hatte—„hab' Euch wenig⸗ ſtens noch nicht hier bei uns geſehen.“ „Zehn Stunden etwa,“ ſagte der Fremde, ſeine Pfeife jetzt aus der Bruſttaſche ſeines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei ſich führte, entzündend—„wie weit iſt's noch bis Heilingen.“ „Eine tüchtige Stunde— wenn der Weg jetzt nicht ſo ſchreck⸗ lich wäre, könnte man's recht bequem in kürzerer Zeit gehn.“ „Hm— iſt noch verdammt weit, puh wie das draußen ſtürmt; und die Pflaumenblüthen pflückt's beim Armvoll herun⸗ ter— Pflaumenmuß wird theuer werden nächſten Herbſt.“ „Das weiß Gott,“ ſagte Gottlieb— es wird Alles theuer, immer mehr jedes Jahr, langſam aber ſicher.“ „Bah, es geſchieht denen recht die hier bleiben, wenn ſie nicht hier bleiben müſſen;'s giebt Plätze die beſſer ſind.“ „Wollt Ihr auch auswandern?“ ſagte Gottlieb raſch. „Auswandern?— nach Amerika?— hm— ich weiß noch nicht,“ brummte der Fremde, ſich den Bart ſtreichend— „es wäre aber möglich daß ſie Einen noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?“ „Ja. L „Habt Ihr noch mehr?“ 4 157 „Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.“ „Und Ihr ſeid ein Weber?“ ſagte der Fremde mit einem Blick auf den Webſtuhl—„auch ſchwere Zeiten für derlei Ar⸗ beit, mit einer Familie durchzukommen.“ „Ja wohl, ſchwere Zeiten,“ ſeufzte Gottlieb, als in die⸗ ſem Augenblick die Thür draußen wieder aufging und die Mutter laut ausrief:— „Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.“ Es war Hans, der älteſte Sohn des Webers, durch und durch naß, aber mit friſchem geſunden Geſicht und rothen Backen, auf denen das Regenwaſſer in großen Perlen ſtand. „Guten Tag mit einander,“ ſagte er, als er in's Zim— mer trat und die triefende Mütze vom Kopf riß—„guten Tag Mutter.“ „Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommſt Du in dem Regen her; warum haſt Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?“ „Es wurde mir zu ſpät Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch heute Abend dem Vater etwas zu helfen.“ „Ein derber Junge,“ ſagte der Fremde, der ſich den Knaben indeß mit finſterem Blick betrachtet hatte—„kann wohl ſchon ordentlich mit arbeiten.“ „Ach ja, er packt tüchtig mit zu,“ ſagte der Vater— „lieber Gott in jetziger Zeit muß Alles mit Brod verdienen helfen.“ „Die Kinder freſſen Einen arm,“ ſagte der Fremde. 158 „Habt Ihr Kinder?“ frug Gottlieb. „Ich?— hm, ja,“ ſagte der Fremde nach einer Pauſe— „könnte noch Jemandem abgeben davon.“ „Ich möchte keins hergeben,“ ſagte die Frau raſch, und küßte das Jüngſte, das ſie eben wieder aufgenommen hatte um es zu füttern,„Kinder ſind ein Segen Gottes.“ „Ja— ſo ſprechen die Leute wenigſtens,“ ſagte der Fremde trocken,„aber ich glaube es läßt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt erreichen können.“ „Wollt Ihr nicht vielleicht erſt eine heiße Taſſe Kaffee trinken?“ frug die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort warmgeſtellte Kanne wieder vorzuholen. „Danke, danke,“ ſagte aber der Fremde abwehrend— „kann das warme Zeug nicht vertragen; ein Glas Branntwein iſt mir lieber.“ „Das thut mir leid,“ ſagte der Mann,„den kann ich Euch nicht anbieten; ich habe keinen im Hauſe.“ „Thut auch Nichts,“ lachte der Fremde;„ſo lange halt ich's ſchon noch aus. Sind doch hülfloſe Dinger ſo junge Men⸗ ſchen, ehe ſie die Kinderſchuh ausgetreten haben,“ ſetzte er 2 dann hinzu, als das Jüngſte das Mäulchen nach dem ſchon einmal gereichten Löffel vorſtreckte—„was machte nun ſo ein jung Ding, wenn man es hinſetzte und ſich ſelber überließe.“ „Ach Du lieber Gott,“ ſagte die Frau bedauernd—„ſo ein armer Wurm müßte ja elendiglich umkommen.“ „Bis den Nachbarn das Geſchrei zu arg würde und ſie kämen und es fütterten,“ lachte der Andere. 4 8 . 159 „Dafür haben die Kinder Eltern,“ ſagte die Frau, das kleine, die Aermchen zu ihr aufſtreckende Mädchen liebkoſend und küſſend,„die ſorgen ſchon dafür daß kein Nachbar danach zu ſehen braucht.“ „Wenn die aber einmal plötzlich ſtürben, wie dann?“ frug der Fremde, mit einem Seitenblick auf die Frau, indem er ſeinen Rock wieder zuknöpfte und ſich zum Gehen rüſtete. „Dann iſt Gott im Himmel,“ ſagte Hanne, mit einem frommen vertrauungsvollen Blick nach oben. „Ja, das iſt wahr;“ ſagte der Fremde mit einem leicht⸗ fertigen Lächeln,„der hat allerdings die große Kinderbewahr⸗ anſtalt. Aber es hat wirklich aufgehört mit Gießen,“ unter⸗ brach er ſich raſch,„den Augenblick will ich doch lieber be⸗ nutzen. So ſchön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und gut Glück.“ „Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt' Euch Gott,“ ſagte Gottlieb freundlich. „Behüt' Euch Gott;“ ſagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal zunickend, nahm draußen wieder den naſſen Mantel um, drückte ſich den breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenſtock, der daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ raſch das Haus, die Richtung nach der Schenke einſchlagend. „Mich freut's daß er fort iſt,“ ſagte die Frau, die dem Knaben gerade das Eſſen auf den Tiſch ſetzte und den Kaffee einſchenkte—„bewahr uns Gott, was hatte der Mann für ein finſtres Geſicht und ein barſches Weſen; nicht ſchlafen 160 könnt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir wüßte. In dem Geſicht liegt auch nichts Gutes— und wie er fluchte und über die Kinder ſprach— ob er nur wirklich ſelber welche hat.“. „Er ſagt's ja,“ beſtätigte Gottlieb—„aber mir ſchien's ein Fleiſcher zu ſein, ſeinem Gewerbe nach, und die ſind im⸗ mer rauh und derb, meinen's aber nicht immer ſo bös.“ „So beſſ're ihn Gott,“ ſagte die Frau mit einem Seuf⸗ zer,„und je ſeltener er unſeren Weg kreuzt, deſto beſſer.“ .* Canitel 7. Nach Amerika. „Nach Amerika!“— Leſer, erinnerſt Du Dich noch der Märchen in„Tauſend und eine Nacht“, wo das kleine Wörtchen „Seſam“ dem, der es weiß, die Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? haſt Du von den Zauberſprüchen gehört, die vor alten Zeiten weiſe Männer gekannt, Geiſter heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls ſich dienſtbar zu machen?— Mit dem erſten Klang der einfachen Sylbe ſchlugen, wie ſich die Sage ſeit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zuſammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menſchenkind das ſie geſprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeſchworen. Die Zeiten ſind vorüber; die Geiſter, die damals dem Menſchengeſchlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergeſſen ſie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden, das kaum minder ſtark Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 11 mit einem Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen ſeinen Verhält⸗ niſſen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit ſeinen ſtärkſten, innigſten Faſern treulich feſtgehalten. „Nach Amerika,“ leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der erſten ſchweren, traurigen Stunde entgegen, die ſeine Kraft prüfen ſollte, ſeinen Muth ſtählen—„nach Amerika,“ flüſtert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langſam aber ſicher entgegen geriſſen wurde—„nach Amerika,“ ſagt ſtill und entſchloſſen der Arme, der mit männ⸗ licher Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der Verhältniſſe angekämpft, der um ſein „tägliches Brod“ mit blutigem Schweiß gebeten— und es nicht erhalten, der keine Hülfe für ſich und die Seinen hier im Vaterlande ſieht, und doch nicht betteln will, nicht ſtehlen kann—„nach Amerika“ lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, frohlockend der fernen Küſte entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts —„nach Amerika,“ jubelt der Idealiſt, der wirklichen Welt zürnend, weil ſie eben wirklich iſt, und über den Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem, in ſeinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht—„nach Amerika“ und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeſchloſſen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen— liegen die Bande die Blut oder Freund⸗ ſchaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen die ſie für hier ge⸗ hegt, die Sorgen die lie gedrückt—„nach Amerika!“ 163 So gährt und keimt der Saame um uns her— hier noch als leiſer, kaum verſtandener Wunſch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht ſeiner gepackten Kiſten und Kaſten. Der Bauer draußen hinter ſeinem Pflug, den der nahe Grenzrain der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie ſo ſchwer geärgert, und der im Geiſt ſchon die langen geraden Furchen zieht, weit über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land;— der Handwerker in ſeiner Werkſtatt, dem ſich Meiſter nach Meiſter in die Nachbarſchaft ſetzt mit Neue⸗ rungen und großen, marktſchreieriſchen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in ſeine Thür zu locken; der Künſtler in ſeinem Atelier, oder ſeiner Studirſtube, der über einer freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande ſchwärmt wo Nahrungsſorgen ihm nicht Geiſt und Hände binden;— der Kaufmann hinter ſeinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in ſeinen Büchern zieht und, das ſorgenſchwere Haupt in die Hand geſtützt, von einem neuen, andern Leben, von luſtig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäuſern träumt; in Tauſenden von ihnen drängt's und treibt's und quält's, und wenn ſie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke ſchon— ein ſtiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird geleſen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorſichtig und ängſtlich, und weit herum um ihr Ziel, daß man die Abſicht nicht errathen 11* ſoll, fragen ſie verſteckt nach dem und jenem Ding— nach Leuten die vordem„hinüber“ gezogen und denen es gut ge⸗ gangen— nach Land⸗ und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für ſich etwa— ſie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein ent⸗ fernter Verwandter oder naher Freund, ſie wünſchen daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für ſich ſelber auf. So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner iſt unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Ver⸗ wandter den salto mortale gethan, und Alles hinter ſich ge⸗ laſſen, was ihm einſt lieb und theuer war— aus dem, aus jenem Grund— und täglich, ſtündlich noch hören wir von an⸗ deren, von denen wir im Leben nie geglaubt daß ſie je an Amerika gedacht, wie ſie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinüberziehn. Und dort?— nooch liegt ein dichter Schleier über ihrem Schickſal dort, doch Gottes Sonne ſcheint ja überall— Dir aber lieber Leſer, greif ich aus dem Leben nooch hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem weiten Weg. Oben in der Brandſtraße— nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem Gaſthaus zum Löwen ſchräg gegenüber, wohnte Profeſſor Lobenſtein mit ſeiner Familie, in der erſten Etage eines, zwar ſehr alten, aber auch ſehr wohnlich einge⸗ richteten Hauſes, das ihm eigen gehörte. 165 Der Profeſſor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der„beſſeren Jahre“, etwa einundfünfzig alt, aber rüſtig und geſund, nur erſt mit einzelnen grauen Haaren zwiſchen den rabenſchwarzen Locken, die ihm über die bleiche, aber hohe und geiſtvolle Stirn fielen, wie mit faſt jugendlichem, elaſti⸗ ſchem Gang und Weſen. Ein tüchtiger Kopf dabei, hatte er jura und cameralia ſtudirt, und einen großen Schatz von Kenntniſſen aufgehäuft; auch in manchem, mit ſchweren müh⸗ ſamen Nachtwachen erkauften Werk der Welt, der undankbaren Welt das Reſultat ſeiner Studien und Forſchungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und der kal⸗ ten Aufnahme die es gefunden, wandte er ſich ſpäter wieder von den bis dahin bevorzugten juriſtiſchen Wiſſenſchaften ganz ab und allein ſeinem Lieblingsſtudium den Cameralien zu, in denen er beſonders der Gewerbskunde ſeine Thätigkeit widmete, auch mit einem Buchhändler in Heilingen eine Gewerbszeitung gründete und herausgab. Hierin hatte er Unglück; der Buchhändler machte banke⸗ rott und er übernahm die Zeitung, mit ziemlich großen Ver⸗ luſten ſchon, allein. So vortrefflich aber Profeſſor Lobenſtein in der Theorie ſeiner Wiſſenſchaft bewandert ſein mochte, ſo wenig ſattelfeſt war er es in der Prarxis, und ſeine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit fabelhaftem Fleiß ſuchte er dem zu begegnen, umſonſt— umſonſt auch daß er Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrenſache gewordene Unternehmen ſteckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypo⸗ thek und mit einer höchſt ungünſtigen politiſchen Periode, in der ihm eine große Anzahl Abonnenten abſprang, trafen ihn auch ſo bedeutende pecuniäre Verluſte, daß er ſich endlich ge⸗ nöthigt ſah ſein Blatt vollſtändig aufzugeben. Es war das das ſchwerſte Opfer, das er bis dahin gebracht. Profeſſor Lobenſtein hatte eine ziemlich ſtarke Familie, eine Frau, zwei erwachſene Töchter von ſiebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen von ſieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewiſſen Wohl⸗ ſtand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das ſchwere Wort „Nahrungsſorgen“ fremd geblieben; der Profeſſor hatte immer, was man ſo nennt, ein Haus gemacht, und ſich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen ſchon an und für ſich eine gewiſſe Verpflichtung auferlegte Manches mitzumachen, was ſeinen, ſonſt mehr einfachen Neigungen eben nicht Be⸗ dürfniß ſchien. Das Alles ſollte, ja mußte ſich jetzt ändern, denn wenn er auch aus den Trümmern ſeines Vermögens, nach allen erlittenen Verluſten, einen kleinen Theil zu ret⸗ ten vermochte, genügte der nicht, das bisherige Leben fort⸗ zuführen. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und ſich und den Seinen ſchwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn Alles und Jedes an frühere und beſſere Zeiten erinnerte oder— es war eine ſchwere Stunde in der ihm das Bild zum erſten Mal vor die Seele ſtieg— in einem anderen Welttheil, ungekannt, aber 4 167 auch nicht bemitleidet oder verſpottet, ein vollkommen neues Leben zu beginnen. Aber die Frauen?— würden ſie den Mühſeligkeiten einer ſo langen Reiſe, einer Anſtedlung drüben in einem noch wil⸗ den Lande gewachſen ſein?— Daß er ſelber die Beſchwerden eines ſolchen Lebens leicht ertragen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte ſo viel über Amerika geleſen, ſich mit den dortigen Verhältniſſen aus allen erſchienenen Schriften ſo vertraut gemacht, daß er Alles kannte was ihn dort er⸗ wartete, und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Luſt, als Bangen entgegenging; aber durfte er ſeine Frau all den ſie erwartenden Unbequemlichkeiten und Strapatzen aus⸗ ſetzen? durfte er ſeine Töchter aus ihrem geſelligen glücklichen Leben reißen, und ihnen mit einem Schlage alle jene Ver⸗ gnügungen entziehen, die ihnen hier ſchon mehr als Erholung, die ihnen faſt Bedürfniß geworden? Einen langen und ſchweren Kampf kämpfte er mit ſich ſelber, Monate lang, und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und ſeine Züge bekamen etwas Mattes und Abgeſpanntes, das ſie ſonſt, in ſeiner ſchwerſten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei ſich leicht mit einem vorgeſchützten Unwohlſein beruhigen ließen, dem ſcharfen Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an ſeinem Herzen heimlich, aber deſto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ängſtlichen Bitten konnte er zuletzt nicht länger widerſtehen. Was ſie doch zuletzt hätte erfahren müſſen, vertraute er ihr an, und wenn es die arme Frau * 168 auch wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm ſie das Ganze doch viel ruhiger auf als er erwartet, gefürchtet, und damit eine ſchwere Laſt von ſeinem Herzen— auf das ihre. Aber leichter trägt ſich die getheilte, und bereden konnten ſie jetzt zuſammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die Möglichkeit beſprechen die ſich hier ihrem Leben bot, die Mög— lichkeit errwägen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft öffnete. Und die Kinder? wohin Mutter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene wechſelte für ſie, anderen, vielleicht ſelbſt bunteren Bildern Raum zu geben, und Kummer — und Sorge kannten die ja nicht. An demſelben Abend waren die beiden älteſten Töchter zu einem kleinen Feſt, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen, und hatten ſchon den ganzen Tag mit raſtloſen Fingern an dem bunten blitzenden Ballſtaat genäht. Der Vater begleitete ſie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, Kopfſchmerz vor⸗ ſcchützend, und die Sorge um das jüngſte Kind, das mit einem leichten Unwohlſein in ſeinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr ſchlummerte es ſanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das ſorgenſchwere Haupt in die Hand ge⸗ ſtützt, ſaß die Mutter und weinte— weinte als ob ſie mit die⸗ 1 ſer Thränenfluth all den Gram und Kummer fortwaſchen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkenſaum, am Horizonte ihres Glücks erſchien, und wild und drohend höher und höher ſtieg. Lachend und plaudernd kehrten die Töchter, mit dem Vater ſpät in der Nacht zurück; den leichten, ſorgloſen Herzen lag die Welt noch, ein weiter Garten offen da, — und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwiſchen ſtand, miſchte noch ſein ſaftgrünes Laub, dem jungen Auge nicht er⸗ kennbar, mit Blum' und Blüthenpracht. Aber der Moment näherte ſich auch, wo mit der vorge⸗ rückten Jahreszeit all' die nöthigen und mannichfaltigen Vor⸗ bereitungen zu einer ſo langen Reiſe, zu einer gänzlichen Um⸗ geſtaltung aller ihrer Verhältniſſe, getroffen werden mußten; auch ſchien die Zeit eine paſſende für den Sohn, der, von der Schule gerade abgegangen, eben ſein Abiturienten-Examen glücklich beſtanden hatte. Der Vater wünſchte allerdings daß er hier erſt ſtudiren, und ihnen dann ſpäter, wenn er etwas Tüch⸗ tiges gelernt, vielleicht folgen ſollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu laſſen, und ſeinem Herzen keinen Zwang auf⸗ zuerlegeu. Am nächſten Morgen nach dem Balle nun— es war ſpät mit Aufſtehn geworden nach der durchſchwärmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erſt zum Kaffee herüberge⸗ kommen, während der Sohn das Haus ſchon, irgend eines nothwendigen Ganges wegen verlaſſen hatte— ſaß der Vater, ungewohnter Weiſe nicht in ſeiner Studirſtube an der Arbeit, ſondern im Sopha, aus der langen Pfeife den Dampf in weißen Kräußelwolken von ſich blaſend, und die Mutter am Nähtiſch, Kleider ausbeſſernd für das Jüngſte, das in ſeinem herübergeſchafften Bettchen wieder mit klaren Augen ſeine Puppe ſchaukelte. „Schon ausgeſchlafen, Väterchen?“ ſagte Marie als ſie, etwas beſchämt, die Letzte am Kaffeetiſche Platz genommen, 170 „ich habe wohl recht lange heut geſchlafen, aber— was iſt Dir denn?— und der Mutter auch?“— rief ſie vom Stuhl wieder aufſpringend, als ſie das ungewohnte ernſte Weſen der Eltern gewahrte—„biſt Du böſe auf mich, Mütterchen?“ „Nein mein Kind,“ ſagte dieſe und zwang ein Lächeln auf die Lippen,„aber der Vater hat Euch etwas recht Ernſtes heute zu ſagen, etwas von dem wir noch nicht wiſſen, ob es Euch betrüben wird oder nicht.“ „Der Vater?“ rief Marie erſchreckt, und auch Anna, die älteſte Tochter, ſah ängſtlich zu ihm auf; Profeſſor Lobenſtein aber, ſo in die Enge und zum Aeußerſten getrieben, huſtete, paffte den Dampf ein paar Mal ſcharf vor ſich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und ſagte: „Ja Kinder, Ihr wißt— wir— wir haben doch in den letzten Tagen viel über Nord⸗Amerika geſprochen, und auch Manches geleſen—“ „Ja, die herrlichen Romane von Cooper,“ rief Marie raſch. „Und die ſchrecklichen Berichte im Tageblatt,“ lächelte Anna. „Der Doctor Haide iſt ein Eſel,“ ſagte der Profeſſor, den Rauch wieder ein paar Mal raſch ausſtoßend—„wenn der hätte in Amerika ordentlich arbeiten wollen, brauchte er ſich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom Schimpfen auf freiſinnige Leute zu ernähren; über deſſen Berichte wollen wir uns keine Sorgen machen, aber—“ er ſchwieg wieder einen Augenblick und ſah, wie furchtſam, nach der Frau hinüber. Die jedoch arbeitete um ſo emſiger weiter, und ſelber mit dem 171 Bedürfniß dem, was ihn ſchon ſo lange gedrückt, endlich ein⸗ mal Worte zu geben, fuhr er raſch fort—„ich habe eine Frage an Euch zu thun, Kinder— Hättet Ihr— hättet Ihr wohl ſelber Luſt hinüber nach— nach Amerika zu gehn?“ „Nach Amerika?“ rief Anna raſch und auch wohl er⸗ ſchreckt. Marie aber ſprang auf, ſchlug in die Hände und rief jubelnd: „Nach Amerika? oh das wäre ja prächtig— das wäre herrlich— nicht wahr da ſind auch Bälle, Väterchen?“ Die Mutter ſeufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an der Bernſteinſpitze. „Hm— ich weiß nicht,“ ſagte er langſam mit dem Kopf ſchüttelnd—„wo wir im Anfang hinwollten, werden wohl keine ſein. Hängſt Du ſo an Bällen, Marie?“ „Ich tanze gern,“ lächelte das junge fröhliche Mädchen etwas verlegen und ſchüchtern. „Nun tanzen wirſt Du dort hoffentlich auch können, mein Kind,“ ſagte der Vater freundlich—„wenn auch nicht gerade gleich auf ſolchen Bällen wie wir ſie hier gewohnt ſind— das Leben iſt dort einfacher.“ „Oh, und bis zum nächſten Faſching ſind wir gewiß auch wieder zurück,“ rief Marie. Der Vater ſchwieg erſt eine kleine Weile, und ſagte dann leiſe aber entſchloſſen. „Wir wollen ganz hinüberziehn, mein Kind.“ „Auswandern?“ rief die ältere Schweſter faſt erſchreckt— das Wort, deſſen Bedeutung ſie noch gar nicht vollkommen ——————— 172 verſtand, traf ſte mit einem unbekannten ahnenden Gefühl von Schmerz und Leid—„und die Mutter?“ „Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurücklaſſen?“ lächelte die Frau, ſich gewaltſam zwingend über den Schmerz dieſer Stunde. „Mutter!“ ſagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und küßte ſie. „Und Eduard?“ frug Marie. „Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausſtudirt und etwas ordentliches gelernt hat,“ ſagte der Vater — hwo nicht, hat er ſeinen freien Willen und mag uns be⸗ gleiten; ſowie er zu Hauſe kommt werde ich mit ihm ſprechen.“ „Aber—“ rief Marie—„wer verwaltet unterdeſſen unſer Haus?“ „Wenn wir einmal fort ſind von hier,“ ſagte der Pro⸗ feſſor ausweichend,„kann uns auch das Haus nichts mehr nützen, und ich werde es verkaufen.“ „Verkaufen?— unſer Haus und den Garten?“ riefen Maria und Anna faſt wie aus einem Munde erſchreckt und raſch— „Unſer freundliches Stuͤbchen, wo wir als Kinder ge⸗ ſpielt,“ ſetzte Marie traurig hinzu. „Und die Bäume die Vater alle gepflanzt— die Laube, die wir uns ſelbſt gebaut, und die ſo ſchön geworden iſt in dieſem Jahr,“ ſagte Anna leiſe—„verlaſſen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber daß fremde Menſchen jetzt darin hauſen ſollen, die vielleicht gar nicht wiſſen wie wir das 1— 4 . ¼ 4 —— 173 Alles gehegt und gepflegt und—“ ihr Blick fiel in dieſem Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Züge, und faßte das Blitzen einer heimlich fallenden Thräne. Anna erſchrak und wurde todtenbleich— hier lag mehr ver⸗ borgen als man ihnen geſagt, und heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte ſie die vermehren? Sie ſchwieg einen Augenblick und ſah ſinnend vor ſich nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend ſagte ſie mit leichterem vielleicht gezwungen fröhlicherem Ton: „Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wiſſen am Beſten was ſie zu thun haben, und was uns gut iſt, und dort baut uns Vater dann ein anderes Haus, und wir ſelber pflanzen uns ein neues Gärtchen, ſchöner als das unſere hier. „Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wäre,“ ſchmollte Marie,„und was wird Herr Kellmann dazu ſagen, wenn er es erfährt? der iſt ſo immer gegen Amerika, und hat ſich ſchon oft mit Vater darüber gezankt.“ „Ach der macht mir die geringſte Sorge,“ ſagte Anna in ihrem Schmerz lächelnd—„wenn man für Amerika ſpricht, ſchimpft er aus Leibeskräften, und citirt Gott weiß was für Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles Günſtige zu wider⸗ legen, oder wenigſtens ſtark zu bezweifeln, und kommt Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch ſchon geſehn, daß er den Handſchuh wacker dafür aufnimmt, und man wirklich glauben ſollte er bekäme ſo und ſo viel für den Kopf, Leute zu bereden hinüberzuziehn. Das iſt ein wunder⸗ licher Kauz, der die meiſte Zeit ſelber nicht weiß was er will, Aà 174 und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich bei ihm darauf anlegte, könnte man ihn ſelber, nur durch Widerſprechen, dahin bringen, daß er in eigener Perſon hinüberginge.“ „Herr Kellmann?“ lachte Marie—„nun den möcht'ich in Amerika ſehn.“ „Und wer weiß, ob Dir das nicht noch paſſirt,“ be⸗ ſtätigte der Vater, mit dem Kopfe nickend. „Und darf ich mein neues ſeidenes Kleid mitnehmen, Mama?“ frug das junge lebensluſtige Mädchen jetzt die Mutter—„hier laſſen möcht' ich es doch nicht gern, und drüben im Wald—“ „Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn,“ ſagte die Mutter, die indeſſen heimlich die verrätheriſche Thräne aus dem Auge geſchüttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn ſtreichend und küſſend,„denkt es Euch nicht ſo ſchlimm. Der Vater wird uns ſchon einen Platz ausſuchen, wo wir wenigſtens unter Menſchen und der Cultur nicht ganz verſchloſſen ſind— er hielte es ja dort ſonſt ſelber nicht aus.“ „Aber warum gehſt Du nur, Väterchen?“ bat Marie— „es iſt doch hier ſo wunderhübſch in Heilingen, und was wir da drüben haben, wiſſen wir noch nicht.“ Der Profeſſor, zu dem Anna ängſtlich aufſah, hatte ſei⸗ nen Sitz verlaſſen und ging, langſam dabei mit dem Kopf nik⸗ kend, im Zimmer auf und ab; er fühlte daß er, auch den Töch⸗ tern gegenüber, dieſen eine Erklärung ſeines Handelns ſchuldig ſei, denn er riß ſte aus einem liebgewonnenen Leben heraus, * und führte ſie vielen, vielen Entbehrungen— er durfte ſich das nicht leugnen— entgegen. Von ihrer ſpäteren Haltung dabei hing auch viel ihrer Aller Glück, ihrer Aller Zufrieden⸗ heit ab, und ſie waren alt genug ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es koſtete ihm der Entſchluß einen ſchweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, fürchtete er hier gerade, nicht Widerſtand zu finden, denn dafür hatten ſie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, denen er die ungebetenen Gäſte gern noch fern gehalten hätte ſo lang als möglich. Sie ſtan⸗ den jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abſchnitt ihres Lebens, und mußten ſehen, wohin der Weg ſie führte. In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen ſprechend, weil ſie aus dem Herzen kamen, ſchil⸗ derte er ihnen jetzt die veränderte Lage in die er, durch das ge⸗ zwungene Aufgeben ſeiner Zeitſchrift ſowohl, wie durch manche ſchwere, ihn betroffene Verluſte gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht länger daß er einen Theil— einen großen Theil ſeines Vermögens eingebüßt, und das ihm ſelber liebe Haus nicht verkaufen würde, wenn ihn eben nicht— die Verhält⸗ niſſe dazu zwängen. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil überzuſiedeln und dort, mit beſcheidene⸗ ren Bedürfniſſen, von Neuem zu beginnen; Amerika mit ſeiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen Seiten hin die Möglichkeit der Eriſtenz, und das gut und zweckmäßig ange⸗ legte kleine Capital konnte dort gute Zinſen tragen für ſpätere Zeit. Hatten ſie ſich dann etwas verdient, waren die Hoff⸗ 176 nungen, mit denen ſie hinüber gingen, Wahrheit geworden, und ſehnte ſich ihr Herz noch nach dem Vaterland, wer hin⸗ derte ſie dann zurückzukehren zu den theueren Plätzen, die ihnen ewig lieb bleiben würden in der Erinnerung? Dem Profeſſor war es leichter um die Bruſt geworden, wie er das Eis nur erſt gebrochen. Selbſt überzeugt von dem was er ſprach, wurde er warm, indem er den Gedanken weiter dachte, und ſeine Phantaſie verlor ſich zuletzt ſogar, Luftſchlöſſer aufbauend, zauberſchnell in weiter Ferne. Der Profeſſor ging mit dem Menſchen durch, und die leicht gerötheten Wangen belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter ſaß dabei, ſtill und ſchweigend, und ängſtlich bemüht, in der wiederauf⸗ genommenen Arbeit die eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hände erfaßt und in den ihren hielten, ſchmiegten ihre Häupter an ſeine Schultern und flüſterten, die großen, zu ihm aufgeſchlagenen Augen voll von Thränen. „Genug, genug, Väterchen; mal' uns das Alles nicht ſo prächtig aus— wohin Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wär' es mitten hinein in den wildeſten Wald. Kein un⸗ zufriedenes Wort ſollſt Du dabei von uns hören, keine Klage, kein böſes Geſicht weiter— keine Thräne— nur die hier ſind uns ſo ganz von ſelber über die Backen gelaufen, weil wir die Mutter weinen ſahen. Mit Lieb und Luſt wollen wir das Leben dort beginnen—“ „Und Kühe und Hühner ſchaffen wir uns an!“ rief Marie, —— 177 und die Kühe melken wir ſelber und machen Butter und Käſe.“ „Wie gut,“ ſagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns nützen.“ „Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinſt Du auch nicht mehr,“ rief Marie, zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und ſie küſſend—„druͤben wird ſchon Alles hübſch werden. Und ein paar von den großen Holzſchuhen nehm' ich mir mit, wie ſie die Bauern tragen, für draußen bei naſſem Wetter; hei wie wir da herumpatſchen wollen und ſchaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch ſelbſt, dafür nimmſt Du kein Mädchen mehr.“ Den frohen, leichten Herzen ſchwammen ſchon die gewal⸗ tigen Umriſſe ihrer ganzen fernen, ſo ungewiſſen Zukunft, in den einzelnen bunten Kleinigkeiten zuſammen, die ihrem Geiſt, von dem Reiz der Neuheit mit friſchem Duft überhaucht, ent⸗ ſtiegen. Nur die Lichtpunkte erſpähte der, in die Ferne arglos hinausſchauende Blick, und die goß er ſich luſtig zuſammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düſtere Hintergrund, den das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die einzelnen Lichter ſtärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können, und der Himmel ſpannte ſich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern. Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 12 Capitel 8. Der Tanz im rothen Drachen. Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Ca⸗ piteln beſchriebenen Scenen verfloſſen, und der Diebſtahl im Dollingerſchen Hauſe zu Heilingen, der eine ganze Woche lang faſt das alleinige Stadtgeſpräch gebildet, wurde kaum noch erwähnt. Der vermuthete Dieb(gegen den aber aller⸗ dings nachträglich keine weiteren Beweiſe aufgefunden worden), war zwei Tage nach dem Sturz von der Brücke an ſeiner Kopfwunde geſtorben; er hatte die beiden Tage vollkommen bewußtlos gelegen, und kein Wort mehr geſprochen. Das übrige Geld aber— außer den zweihundert und einigen Tha⸗ lern— wie die vermißten Pretioſen, konnten, trotz den genau⸗ ſten Nachforſchungen nirgends aufgefunden werden, und hatte er es wirklich geſtohlen, ſo ließ ſich jetzt gar nichts Anderes vermuthen, als daß er es irgendwo an einer heimlichen Stelle vergraben, und außer Sicht gebracht habe. 179 Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenſtöße über den Fall geſchrieben— man wußte wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit dem üblichen Canzleiſtyl wurde die Sache, der 4 gründliche Vorlage mangelte, nach Möglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als ſich Nichts weiter darüber ergab, mit ſtarkem Bindfaden umſchnürt und etiquettirt, um ſpäter vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer verſehn, in irgend ein ſtaubiges Gefach geſchoben zu werden, dort ein Jahrhundert fortzuträumen,— wie der Verſtorbene unter dem Raſen, dicht an der Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, ſtill und heim⸗ lich hinausgeſchafft worden. Die Geiſtlichkeit von Heilingen hatte dem Unglücklichen allerdings ſogar dies„ehrliche Begräbniß“ verſagen und den Körper der Anatomie überantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines ſchweren Diebſtahls und gewiſſermaßen als Selbſtmörder ſeinen Tod gefunden— was kümmerte die ſtol⸗ zen Geiſtlichen die duldende Liebe die Chriſtus gelehrt, wo ihre Autorität Gefahr leiden konnte gekränkt zu werden, und ſie hatten einmal verordnet, daß ſolchen Sündern ein„chriſt⸗ liches Begräbniß“ verſagt werden ſolle; aber die Polizei war milder und verſtändiger als die„Diener des Höchſten“ und erklärte den Tod des Armen für keinen Selbſtmord, indem er nur„auf der Flucht“ umgekommen, während wahrſcheinlich der ihm beigegebene Wächter die allerdings unſchuldige, und nicht zur Verantwortung zu ziehende direkte Urſache ſeines Todes geweſen ſei. 12* 180 Aber fort— fort mit den traurigen Bildern; das menſch⸗ liche Leben hat der dunklen Seiten ſo viele, und ſie drängen ſich uns doch auf, wohin wir gehen— nur der Augenblick gehöret uns, und nicht muthwillig Wollen wir den Schmerz ſuchen. So mag mir der Leſer denn noch einmal zum rothen Drachen hinaus folgen— es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz wieder zu ſehn bekommen— und dort tönt heut fröhliche Muſik aus dem hellerleuchteten Saal des großen Hauſes, der mit Guirlanden und Blumen und jungen Birken⸗ reiſern feſtlich geſchmückt iſt, indeß ihn eine muntere, laut und luſtig durcheinander wogende Schaar belebt. Kaum eine Viertelſtunde— oder eine„halbe Pfeife Ta⸗ bak“, wie die Bauern ſagten— vom rothen Drachen entfernt, lag Schloß Hohleck an der anderen Seite des nämlichen Hü⸗ gelrückens, das gegenüber liegende Thal überſchauend, und der Beſitzer deſſelben, Graf von Hohleck, feierte heute die Ver⸗ mählung ſeines älteſten Sohnes, der dabei das Gut ſelber übernahm, und nun ſeinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Feſt„in der Schenke“ gab. Bier und Branntwein waren da⸗ bei zu freier Verfügung geſtellt, nnd ein ſtarkes Muſikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht hin⸗ durch zum Tanze aufzuſpielen— und ſie machten Gebrauch davon. Aber auch aus Heilingen ſelber hatten ſich eine Menge Gäſte eingefunden, dem muntern Leben und Treiben der fröh⸗ lichen Menſchen zuzuſchauen, und während der untere Garten⸗ ſaal einzig und allein den Dienſtleuten des Rittergutes einge⸗ räumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gaſtlich der Zutritt geſtattet wurde, hatten ſich die letzteren noch beſonders in einem paar der kleineren Stuben feſtgeſetzt, wo ſie ihren Wein oder ihr Bier tranken oder auch eine Parthie ſpielten, die Zeit aus⸗ zufüllen. Zu den Gäſten aus der Stadt gehörten auch mehre un⸗ ſerer alten Bekannten, unter ihnen Kellmann und Schollffeld, zwei Stammgäſte des rothen Drachen. Ledermann war eben⸗ falls, wenn auch ſpäter, herausgekommen und ihnen hatte ſich noch der Auswanderungsagent Weigel— ſehr zum Aerger Schollfeld's, der ihn nicht ausſtehen konnte— zugeſellt. Weigel blieb aber nicht ruhig an ihrem Tiſch ſitzen, ſondern ging ab und zu, und hatte ſein Glas nur mit bei ihnen ſtehn, gewiſſermaßen ſeinen Platz zu belegen. Ledermann war übrigens heute ſehr ſtill und niederge⸗ ſchlagen, er hatte ſein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und ſchien ſich das ſehr zu Herzen zu nehmen, erklärte auch nur herausgekommen zu ſein, ſich ein wenig zu zerſtreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der Stadt drin peinigten. Uebrigens war ihm in den letzten Tagen höchſt unerwar⸗ teter Weiſe eine kleine Erbſchaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute Abend außergewöhnlich gut aufge⸗ räumt ſchien, verſuchte jetzt ſein Beſtes des Freundes Grillen oder trübe Gedanken ebenfalls zu verſcheuchen. „Hören Sie einmal Ledermann,“ begann er, mit dem Deckel ſeines Kruges klappend und mehr Bier verlangend— 182 „wie iſt denn die Geſchichte nun mit den 600 Thalern?— beiläufig geſagt ſchneiden Sie ein Geſicht dabei, als ob Sie Schwefelſäure verſchluckt hätten.“ „Er hört nicht einmal,“ ſagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verſtanden zu haben ſchien—„Ledermann, Menſch, wo ſind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?“ „Wo?“ ſagte der Actuar, raſch und faſt verſtört auf⸗ ſchauend, als aber die Anderen laut lachten, ſchüttelte er mit dem Kopf und ſeinen Krug nehmend und trinkend ſagte er ruhig und ernſt: „Ach laßt mich zufrieden Kinder— ich habe den Kopf voll, und bin wahrhaftig heute Abend nicht zum Spaßen aufgelegt.“ „Nicht zum Spaßen aufgelegt?“ rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem Tiſch anſtoßend—„ iſt auch gar nicht nöthig mein lieber Actuar— wir ſpaßen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbſchaft macht und irgendwo Stamm⸗ gaſt iſt, überkommt dabei die moraliſche Verpflichtung irgend etwas zum Beſten zu geben, und es bleibt ein Skandal, daß man einen ſolchen Glückspilz auch nur noch daran erinnern muß. Hat der Henker da wieder den Schleicher, den Weigel,“ unterbrach er ſich aber plötzlich mit etwas leiſerer Stimme, als er ſah wie dieſer das Zimmer wieder betrat, und ſich ihrem Tiſche zuwandte—„ich hatte ſchon gehofft wir würden ihn heute Abend los ſein; jetzt it mein Vergnügen beim Teufel.“ 183 „Nun meine Herren, noch ſo fröhlich beiſammen?“ ſagte Weigel jetzt, indem er zum Tiſch trat—„ah, da ſind ja der Herr Actuar auch noch dazu gekommen— bitte behalten Sie ja Platz, ich rücke ein klein wenig hier herüber— ſo— das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in dieſen Ta⸗ gen ein großes Glück gehabt— da darf man ja wohl gra⸗ tuliren.“ „Danke herzlich,“ ſagte Ledermann ruhig;„es wird übrigens ſo viel von den paar hundert Thalern geſprochen, als ob's eben ſo viel Tauſende wären.“ „Ih nun, das laſſen Sie gut ſein,“ ſagte aber Weigel, mit dem Kopf ſchüttelnd—„ſechshundert Thaler richtig an⸗ gewandt könnten in der That in kurzer Zeit zu ſo viel Tau⸗ ſenden werden.“ „Wenn man ſich Sächſiſche Löbau⸗Zittauer Eiſenbahn⸗ actien dafür kaufte, nicht wahr?“ ſagte Schollfeld, das Ge⸗ ſicht halb in den ebengebrachten Krug verſteckt, und einen grimmigen Blick über den Rand deſſelben hin, nach dem Aus⸗ wanderungsagenten ſchießend. „Nun das gerade nicht,“ ſchmunzelte Herr Weigel, ſein Glas ein wenig weiter auf den Tiſch ſchiebend, und ſich die Hände reibend,„da wüßte ich doch noch eine beſſere Spe⸗ culation.“ „Und die wäre, ſagte der Actuar, ſeitwärts zu ihm aufſchauend. „Wenn Sie ſich eine kleine Farm in Amerika kauften.“ „Puh!“ rief Schollfeld, verächtlich den Kopf abwendend, 184 „jetzt ſein Sie ſo gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht— hier iſt auch Nichts zu verdienen, denn von uns geht doch keiner hinüber.“ „Lieber Herr Schollfeld,“ ſagte aber Weigel mit großer Ruhe,„von uns weiß noch Niemand was er nächſtes Jahr thun wird, und verſchwören läßt ſich ſo eine Sache nun ein⸗ mal gar nicht— Amerika iſt immer noch ein Zufluchtsort.“ „Ja für die Spitzbuben und Hallunken, da haben Sie recht!“ rief der Apotheker. „Ne lieber Herr Weigel!“ rief aber auch Kellmann jetzt —„mit ſechshundert Thalern kann ich da drüben auch Nichts anfangen, und bin dann noch obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgeſetzt, daß ich betrogen und hintergan⸗ gen werde. Man kann dort ja nicht einmal ſeinem eigenen Bruder trauen.“ „Aber mein beſter Herr Kellmann, das ſind die unglück⸗ ſeligen Ideen, die von— na, ich will keinen Namen nennen — ausgeſprengt werden, um die Leute blind zu machen, rein blind. Sie ſollen eben nicht ſehen was für Vortheile, für fabelhafte Vortheile dort gerade für ſie zu Tage liegen, und die Gerüchte von dort verübten Betrügereien hängen eben als Vogelſcheuche über den Erbſen. Wir haben hier eben ſo viele ſchlechte Charaktere wie in Amerika.“ „Ob eben ſo viel, will ich dahingeſtellt ſein laſſen,“ ſagte Schollfeld mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten—„aber eben ſo ſchlechte gewiß.“ 185 „Nun alſo,“ erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja im Gegentheil die Waffe lächelnd um⸗ drehend—„ſehn Sie, ſelber Herr Schollfeld ſtimmt mir darin bei.“ „Ja aber nicht wie gic es meinen!“ rief da Schollfeld entrüſtet, keineswegs geſonnen ſich die Worte ſo im Munde verdrehen zu laſſen. „Von den Betrügereien will ich noch gar Nichts ſagen,“ unterbrach ihn aber Kellmann, ziemlich in Eifer—„was ich dagegen ſehr guten Grund habe zu bezweifeln, ſind die billi— gen Landkäufe, ſind dabei die Erleichterungen, welche dieſe republikaniſche Regierung allen möglichen Gewerken und Un⸗ ternehmungen bietet, die geringen Taren, der freie Verkehr und Umſatz im Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und kommt man am Ende hin⸗ über, ſo hat man die ganze nämliche Geſchichte wie bei uns. Daß all das nichtsnutzige Geſindel dort ohne Paß herumlau⸗ fen darf, mag wahr ſein, das halte ich aber eben für keinen Fortſchritt.“ „Verehrteſter Herr Kellmann!“ rief aber Weigel in Eifer —„gegen Thatſachen können wir doch nicht anſtreiten; wir wollen doch nicht blind und taub mit dem Kopf gegen die nächſte, und womöglich härteſte Wand rennen? wir ſind doch vernnftige Menſchen, aber haben Sie nicht alle die neueren Schriften jetzt geleſen, die—“ „Ach gehn Sie mit Ihren Schmcrercfen.“ rief aber Schollfeld, dem das Geſpräch jetzt zur Laſt wurde,„für einen 186 Thaler den Bogen malen ihnen die lumpigen Literaten ſelbſt die Hölle himmelblau an, und kleben von oben bis unten Sterne drüber. Laßt mir jetzt Euer Geſchwätz von Amerika hier, oder ich ſtehe, Gott ſtraf mich, auf, und ſetze mich wo anders hin.“ 6 „Nun, jeder darf ſich hinſetzen wo es ihn gerade freut,“ ſagte Weigel, wirklich etwas beleidigt, obgleich er ſonſt einen ziemlichen Theil vertragen konnte. „Ja leider,“ ſagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den Agenten, der dieſen doch jetzt vermochte aufzuſtehn und ſein Bier auszutrinken. „Herr Schollfeld,“ ſagte er dabei,„Sie ſind in der Stadt als ein Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie würden den Leuten eher zu einer Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen.“ „Würde ich auch,“ ſagte Herr Schollfeld trotzig, ſich den Hut noch feſter in die Stirn drückend. 3 „Nun ja, der Geſchmack iſt verſchieden— Jeder weiß am Beſten wohin er gehört, und dahin treibt ihn der Inſtinkt,“ ſagte Herr Weigel achſelzuckend, indem er den Tiſch verließ, und Kellmann erwiſchte eben noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufſpringen und dem ſich raſch ent⸗ fernenden Weigel nach wollte.. „Aber ſo fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem Menſchen an!“ rief Kellmann leiſe und bittend. „Inſtinkt treibt?“ rief aber Schollfeld jetzt, da er ſich 187 hinten, vielleicht gern, gehalten fühlte— laut hinter dem Davoneilenden her—„Sie wird bald'was anders treiben Sie— Sie Seelenverkäufer Sie!“ „Pſt!“ rief aber auch der Actuar jetzt, ihn raſch zu ſich niederziehend—„Sind Sie denn ganz vom Böſen beſeſſen Apotheker? auf das Wort könnte er Ihnen, wenn er's noch gehört hätte, die ſchönſte Injurienklage an den Hals hängen.“ „Siiſt aber wahr— der Lump!“ rief Schollfeld ärger⸗ lich, den leeren Krug zum haſtigen Trunk aufhebend, und den⸗ ſelben dann laut auf den Tiſch aufſtoßend—„es iſt ein Seelenverkäufer, der Kerl, und um einen Thaler beſchwatzt er das Kind, daß es die Eltern, den Mann, daß er die Frau verläßt— hier Kellner, noch ein Glas Bier.— Sprecht mir von Raubmördern und Straßenräubern, gegen die das Ge⸗ richt einſchreitet und ihnen das Handwerk legt— allen Re⸗ ſpect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu in's Ge⸗ ſicht wirft,„ich bin ein ſchlechter Kerl— ich ſtehle wo ich's bekommen kann, und wo ich's nicht gutwillig kriege mord' ich auch; aber ſolche heimliche Hallunken ſind die Upasbäume der menſchlichen Geſellſchaft— ſie vergiften was ſie erreichen können, und von außen geben ſie ſich das Anſehen eines ehr⸗ lichen Baumes und haben grüne Blätter und glatte Rinde. Gegen die Schufte ſollte eingeſchritten werden, nicht mit Geldſtrafen oder Gefängniß, nein mit Knute und Strang— Himmeldonnerwetter, wenn ich da was in der Regierung zu befehlen hätte.“ „Sie würden ſchöne Geſchichten anrichten, kann ich mir 188 etwa denken,“ ſagte der Actuar trocken,„s'iſt ſo ſchon manch⸗ mal wie's iſt. Laſſen Sie doch jeden ſeinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiß wohl wozu's gut iſt. Blutigel ſind auch unangenehme Geſchöpfe in der Naturgeſchichte, und doch verwendet ſie die Natur wieder zu höchſt nützlichen und noth⸗ wendigen Zwecken; denken Sie ſich ſo ein Individuum wäre ein menſchlicher Blutigel.“ „Dann trink' ich aber nicht mein Bier an einem Tiſch mit ihm,“ rief der Apotheker. „Bah, das iſt wieder zu weit gegangen,“ ſagte Kellmann, „viel zu weit gegangen. Was Schlechtes können Sie dem Mann überhaupt nicht nachſagen, denn daß er für Amerika wirbt, iſt einestheils ſein Geſchäft, anderntheils ſeine Anſicht, und er könnte Ihnen von ſeinem Standpunkt aus dann ebenſogut wieder vorwerfen, daß Sie eine Menge Menſchen abſichtlich unglücklich machten, die ſie von einer Auswanderung nach jenem Lande abhielten.“ „Unſinn— baarer Unſinn!“ rief aber Schollfeld, un⸗ willig den Kopf herüber und hinüber werfend—„Jemand unglücklich machen, daß man ihm von einer Auswanderung nach Amerika abräth, wäre gerade ſo, als ob ich als eines Menſchen Mörder betrachtet würde, den ich abhalte aus dem dritten Stock auf die Straße zu ſpringen. Aber hol den Lump der Henker,“ brach er kurz und ärgerlich ab,„ich war ſo guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen Abend verdor⸗ ben.— Nach Sibirien auswandern—“ brummte er dabei, während er eine neue Cigarre aus der Taſche nahm und ſie 8 ⁵* — 189 an dem, auf dem Tiſch ſtehenden Licht entzündete—„Holz⸗ kopf der— nach Sibirien auswandern— ich will nur ein⸗ mal in den Saal gehn und ſehn wie ſie's da treiben, daß man auf andere Gedanken kömmt— ich bin bald wieder da.“ Und von ſeinem Stuhl aufſtehend verließ er langſam, und immer noch vor ſich hin murmelnd, das Zimmer. Der Actuar ſtand ebenfalls auf und nahm ſeinen Hut. „Na nu?“ ſagte aber Kellmann erſtaunt—„was iſt das für eine Wirthſchaft heut Abend? Schollfeld läuft fort, Lobſich hat ſich gar nicht ſehen laſſen, und Sie wollen jetzt auch Ferſengeld geben? wo bleibt denn da heute Abend unſer Solo?— wir können doch nicht wie die Pferde zu Bette gehn, ohne unſere Parthie geſpielt zu haben?“ „Mir iſt heute nicht wie ſpielen,“ ſagte der Actuar, lang⸗ ſam mit dem Kopfe ſchüttelnd,„ich habe auch Kopfſchmerzen, und an der friſchen Luft wird mir wohl beſſer werden.“ „Fort dürfen Sie aber noch nicht,“ ſagte Kellmann, in⸗ dem er ſein Bier austrank, und ebenfalls aufſtand,„da wol⸗ len wir lieber einmal unten im Garten auf und ab gehn.“ Der Actuar zögerte einen Augenblick, dann aber legte er ſchweigend ſeinen Arm in den Kellmann's und beide Freunde gingen mitſammen die Treppe hinunter. Es war indeſſen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten ſich, des feuchten Abends, wie des im Saal wo⸗ genden Tanzes wegen, meiſt alle aus dem Garten hinaus, und in die mehr geſchützten Räume der Gebäude gezogen. Nur hie und da ſaß noch irgend ein koſendes Pärchen in einer Laube, 190 oder ſchwärmte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade über dem nebelgefüllten Thal jetzt aufſteigenden Vollmond hinüber, deſſen große rothe Scheibe ſich glühend aus den Bergen hob, und das weite, thaublitzende Thal überſchaute. Kellmann ging ruhig neben dem ſtill vor ſich nieder ſchauenden Freund her, bis ſie den breiten Fußweg der ſchö⸗ nen ebenen Chauſſee erreichten, und eine kleine Strecke derſelben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er, dieſen zurück haltend, plötzlich ſtehen, und ſagte mit freundlichem, herz— lichen Ton: „Aber lieber Ledermann, Sie dürfen ſich Ihrem Schmerz um das Kind nicht ſo ganz und rückſichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife daß es ein ſchwerer, recht ſchwerer Verluſt iſt, aber Gott hat's gegeben und Gott hat's genommen, und wer weiß ob dem kleinen lieben Weſen dadurch nicht vielleicht ein recht trübes und ſchmerzliches Daſein erſpart wurde.“ „Es iſt nicht das Kind, Kellmann,“ ſagte aber der Actuar, leiſe mit dem Kopf ſchüttelnd,„nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am Herzen, obgleich der da oben weiß wie weh er mir gethan— nein, ich halte ihn ſogar unter den jetzigen Verhältniſſen, in denen ich lebe, für ein Glück, und es iſt furchtbar, daß ich gezwungen bin ſo etwas von dem Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu ſagen.“ „Aber was, um Gottes Willen, haben Sie denn?“ rief Kellmann, verwundert vor ihm ſtehen bleibend und ihn 191 anſchauend.„Irgend etwas iſt vorgefallen, aber was?— etwa wieder zu Hauſe der alte wunde Fleck?“ Ledermann nickte finſter und ſchweigend mit dem Kopf. „Aber was will ſie denn eigentlich,“ rief Kellmann finſter die Brauen zuſammen und ſeinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um beſſer geſticuliren zu können—„Wetter noch einmal, Ledermann, Sie hätten da ſchon lange ernſt und entſchieden auftreten ſollen, die Sache iſt jetzt ſchon viel zu weit eingeriſſen, und die Frau bringt ſie, wenn das ſo fort geht, wahrhaftig noch unter die Erde.“ „Ernſt und entſchieden auftreten?— lieber Gott,“ ſtöhnte der Actuar kopfſchüttelnd—„ſoll ich mir denn die letzte lei⸗ ſeſte Hoffnung auf einen, nur möglichen Hausfrieden ſelber muthwillig vernichten?— Sie haben gut reden; Ihr Ge⸗ ſchäft iſt in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre Erholung ge⸗ ſtattet Ihnen, die außerhalb deſſelben zu ſuchen, ich aber ſitze und ſchwitze den ganzen lieben ausgeſchlagenen Tag auf dem verwünſchten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hauſe, und ſehne mich nach einer halbſtündigen gemüthlichen Ruhe, ſo beginnt die Frau, und wenn ſie eine Urſache aus der Luft greifen ſollte, mir das Leben zu einer Hölle zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim hätte; es giebt vielleicht wenig Menſchen in der Welt, die ſich ſo nach einem ſtillen, häuslichen Leben ſehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es ſo verbittert, ſo gänzlich aus dem Fen⸗ 192 ſter geworfen wird, jeden Abend wieder von Friſchem, wie gerade mir.“ „Aber was iſt denn nur vorgefallen?“ „Das Ganze iſt mit wenig Worten erzählt,“ ſagte der Actuar nach kurzer Ueberlegung entſchloſſen,„und Sie ſollen mir rathen, wie ich im Stande bin mich einem Zuſtand zu entziehn, der mir unerträglich wird. Sie haben gehört daß ich von einem entfernten Verwandten ſechshundert Thaler geerbt, die ich in den nächſten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernünftigſte nun wäre das Geld in irgend einem ſichern Staatspapier, oder in guten Actien anzulegen, und mit den wenigen, aber gewiſſen Zinſen meinen, überdies ärm⸗ lichen Gehalt zu erhöhen— ich habe fünfhundert Thaler jähr⸗ lich und weiß bei Gott oft nicht wie ich auskommen ſoll.“ „Nun gut, das iſt ja Alles ſo ſchön und glatt wie es nur ſein kann.“ „Jawohl, aber meine Frau beſteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu wollen, der ein Geſchäft hat und mir fünf Procent verſpricht.“ „ Ih nun, wenn es da ſicher angelegt iſt— fünf Procent wäre aller Ehren werth.“ „Aber es iſt nicht ſicher angelegt; der Burſche iſt ein liederlicher leichtſinniger Menſch, der ſchon einmal Bankerott gemacht hat und— wie ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen— an der Grenze eines zweiten ſteht.“ „Ahem,“ ſagte Kellmann nachdenkend. „Geb ich ihm das Geld,“ fuhr der Actuar fort,„ſo iſt 193 es über Jahr und Tag, ſo ſicher wie dort drüben der Mond aufgeht, verloren, und geb' ich es ihm nicht, ſo weiß ich daß mir die Frau zu Hauſe den eignen Heerd zur Hölle macht.“ „Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht übel,“ ſagte Kellmann ſtehen bleibend,„da würde ich denn doch einmal einen Trumpf darauf ſetzen und mein Recht als Mann und Herr im Hauſe wahren; nur durch Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geſchichte ſchon ſo, in Grund hinein verdorben.“ „Aber was ſoll ich thun?“ rief der Actuar verzweifelnd —„mit Worten kann ich nicht gegen ſie anſtreiten, nicht ſechs Männer könnten das; in Ruhe und Güte iſt Nichts an⸗ zufangen mit ihr, und ſchlagen darf und will ich ſie eben⸗ falls nicht.“ „So laſſen Sie ſich ſcheiden, zum Wetter noch einmal;“ rief Kellmann,„lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit ſolchem Drachen das ganze Leben, eine ganze Eriſtenz, mühſelig und qualvoll hinzuſchleppen.“ „Heute Abend zum erſten Mal,“ ſagte der Actuar ſeuf⸗ zend,„habe ich ihr ſelber damit gedroht; ich habe ihr vorge⸗ halten, daß ſie ſich mit mir nicht glücklich fühlen könne, weil ſie fortwährend, und ohne auch nur einen einzigen Tag Frieden zu geſtatten, zanke, und das Beſte ſein würde, wir ließen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Länge der Zeit doch nicht durchgeführt werden könne, gerichtlich ſcheiden.“ „Nun?— und was hat ſie darauf erwiedert?“ „Ich bin fortgelaufen,“ ſagte der Actuar, ſeufzend den 3 Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 13 194 Kopf von dem Freund abwendend,„denn ſie wurde— ſie wurde ſo heftig, und betrug ſich— betrug ſich ſo unvernünftig, daß ich mich vor den Nachbarn ſchämte, und lieber Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie ſchon ſo oft, auswärts zu ſuchen.“ „Alſo ſie weigert eine Scheidung?“ „Sie ſchwur ſie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein derartiges Wort erwähne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiß was Alles, und— ich glaube ſie bekam nachher Krämpfe— ihr altes Leiden. Erſt hatte ich gehofft der Tod des Kindes würde ſie milder ſtimmen, aber nein, und wenn mich etwas über den Verluſt des kleinen lie⸗ ben Weſens tröſten könnte, ſo iſt es gerade der Gedanke, es dem böſen Beiſpiel, das ihm die eigene Mutter täglich gab, entriſſen zu ſehn— was hätte zuletzt aus ihr werden ſollen, als eben eine ſolche Frau.“ „Und ſo iſt gar keine Hoffnung, mit Güte durchzu⸗ kommen?—“ Der Actuar ſchüttelte ſchweigend mit dem Kopf. „Hm, das iſt eine verfluchte Geſchichte,“ ſagte Kellmann, „da— da weiß ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen ſoll. Das Geld vertraute ich aber— wenn die Sache ſo ſteht— meinem Schwager auch nicht an, ſoviel iſt ſicher— Sie ſind das ſich ſelber und Ihrer eigenen Erxiſtenz ſchuldig.“ Der Actuar ſeufzte tief auf und die beiden Männer gingen wieder eine Zeitlang, jeder mit ſeinen eigenen Gedanken be⸗ ſchäftigt, nebeneinander hin. Sie waren indeß die Straße 1 195 ein Stück hinauf- und wieder zurückgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang des Gartens ſtehn, den Rücken dieſem, und ihr Geſicht dem ſich gerade über die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Mäd— chen, noch ein Kind faſt und augenſcheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen Bündel in der linken Hand, und einem großen dunklen Tuch über dem rechten Arm, die Straße herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorüberging. So viel ſie im Mondenlicht erkennen konnten, war ſte nur ärmlich gekleidet, und auch wohl ermüdet von einem vielleicht langen Marſch, denn ſie blieb zweimal ſtehen und trocknete ſich dabei den Schweiß von der Stirn. Das zweite Mal als ſie Halt machte geſchah das faſt dicht vor den beiden, hier im Schatten eines Hollunderbuſches ſtehenden Männern, die ſie im Anfang gar nicht bemerkte, und ſie ſchien den Tönen zu lauſchen die aus dem etwa zweihun⸗ dert Schritt. davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus wild und luſtig heraustönten. „Fröhliche Menſchen,“ flüſterte ſie dabei—„Glück⸗ liche;“ wie ſie aber den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen Schatten unter der Mauer, und wie unwillkürlich fuhr ſie zurück; dabei glitt ihr das Bündel aus der Hand und fiel zu Boden. „Wir thun Dir Nichts, Kind,“ ſagte Kellmann, der die Bewegung geſehen hatte, gutmüthig;„wo willſt Du denn noch ſo ſpät hin?“ 13* 196 „Nach Heilingen,“ antwortete das fremde Mädchen, ihr Bündel wieder aufnehmend—„iſt es noch weit bis dorthin?“ „Eine halbe Stunde etwa, wenn Du rlüſtig zugingſt; aber Du ſcheinſt müde zu ſein und wirſt wohl länger brauchen.“ „Ich komme weit her,“ ſagte die Fremde, aber ſie zö⸗ gerte dabei und es war als ob ſie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und ſich auch wieder ſcheue es zu thun. „Du biſt wohl hungrig, Kind?“ frug ſie da Kellmann, deſſen gutes Herz ihn zu helfen drängte, wo das in ſeinen Kräften ſtand—„ſag's gerad' heraus; und wenn Du kein Geld haſt macht das nichts, ich ſchaffe Dir was.“ Das Mädchen ſchwieg und drehte ſeufzend den Kopf ab und Kellmann, dem richtigen Princip der Gaſtlichkeit und Menſchenliebe treu, nicht viel zu fragen erſt, wo man gern giebt, ſagte ihr ſich einen Augenblick auf die kleine Bank am Thor zu ſetzen, und er werde ihr einen Imbiß holen— ſie könne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erſt eine Antwort abzuwarten ging er darauf raſch in's Haus, und das Mäd⸗ chen zögerte noch einen Augenblick und folgte dann, augen⸗ ſcheinlich zum Tod ermüdet, der freundlichen Einladung. „Du kommſt weit her?“ ſagte der Actuar endlich, der neben ihr ſtehn geblieben, im Anfang aber noch zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt war, viel auf die Fremde zu achten. „Von Erfurt.“ — 197 „Von Erfurt? hm— das iſt eine lange Strecke; zu Fuß den ganzen Weg?“ „Ja.“ „Und willſt in Heilingen bleiben?“ „Ich weiß es noch nicht.“ „Haſt Du Verwandte dort?“ „Einen Bruder.“ „Haſt Du denn einen Paß bei Dir?“ „Ja,“ ſagte das Mädchen und holte, mit einem ſcheuen Blick auf den Frager, ihr kleines Bündel vor, das ſie Miene machte aufzuknüpfen, der Actuar aber, der die Bewegung ver⸗ ſtehen mochte, ſagte raſch: „Nein nein— laß nur ſein— ich will ihn nicht ſehen — ich frug nur Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kämeſt. Da iſt auch Freund Kellmann ſchon mit dem Eſſen— nun laß Dir's ſchmecken.“ „Da,“ ſagte der kleine Kürſchner, der ſchnellen Schrittes mit einem großen geſtrichenen Weißbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der Fremden reichte—„das wird Dir gut thun.“ Das junge Mädchen nahm das Glas mit ſchüchternem Danke an und trank— erſt ein wenig, dann aber herzhafter — ſtie mochte wohl recht durſtig geweſen ſein. Wie ſie fertig war ſetzte ſie das Glas auf die Bank zurück und nahm ihr Bündel wieder auf. „Ich danke Ihnen auch noch viel tauſend Mal,“ ſagte ſie dabei mit weicher, ergriffener Stimme—„ich hatte 198 ſeit heute Morgen Nichts gegeſſen und war recht matt ge⸗ worden.“ „Armes Kind,“ ſagte Kellmann mitleidig—„aber haſt Du denn ſchon einen Platz in der Stadt wo Du übernachteſt?“ „Ja,“ ſagte die Kleine—„ich denke ſo— können Sie mir aber wohl noch ſagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore iſt, oder weit in der Stadt drin?“ „Dollinger's Haus? oh nicht ſo weit in der Stadt drin — aber was willſt Du dort?“ „Mein Bruder iſt in Herrn Dollinger's Geſchäft— wohnen auch die Leute bei ihm im Hauſe?“ „Nicht daß ich wüßte,“ ſagte Kellmann. „Aber man kann es doch dort erfahren wo ſie wohnen?“ „ Gewiß— gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der Poſtſtraße, wenn Du in's Thor kommſt.“ „Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals ſchönſten Dank — Gott mag es Ihnen vergelten.“ „Gute Nacht Kind, guten Weg,“ ſagte Kellmann,„aber — wie heißt denn Dein Bruder?“ „Franz Loßenwerder,“ ſagte das Mädchen und ging lang⸗ ſam die Straße hinab. 2 „Oh Du mein Gott,“ rief der Actuar leiſe und erſchreckt vor ſich hin, wie er den Namen hörte—„das iſt ja ſchrecklich.“ „Du lieber Gott, das arme Ding muß von dem Schick⸗ ſal des Bruders gar Nichts wiſſen,“ ſeufzte auch Kellmann— „und wenn ſie das jetzt heute Abend erfährt— o wo wird ſie nur die Nacht bleiben?“ 4 199 „Armes, armes Kind,“ ſagte der Actuar,„und ſelbſt ohne Geld in der fremden Stadt.“ „Ich geb' ihr etwas,“ rief Kellmann, raſch entſchloſſen, und eilte„heh!— pſt!“ rufend die Straße hinab dem Mäd⸗ chen nach, das ſtehen blieb und nach Bündel und Tuch fühlte als ſie den Ruf hörte, weil ſie glaubte daß ſie vielleicht etwas vergeſſen hätte. „Liebes Kind,“ ſtotterte aber Kellmann verlegen, als er ſie eingeholt, denn er konnte es nicht über's Herz bringen ihr die Wahrheit zu ſagen—„ich— ich kenne Deinen Bruder, aber— er iſt jetzt nicht in Heilingen— Du— Du wirſt es morgen ſchon hören, und im Dollingerſchen Hauſe können ſie Dir auch heute nichts weiter ſagen, es iſt ſogar ſehr die Frage ob der Mann unten im Haus noch auf iſt. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommſt, das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen ſtecken, iſt ein Gaſthaus— ein gutes anſtändiges Haus, wo ſie Dir Quar⸗ tier geben werden— da gieb ihnen dieſe Karte, der Wirth kennt mich, und ſage ihm nur ich hätte Dich hingeſchickt.“ „Aber beſter Herr,“ ſagte das Mädchen beſtürzt, als ihr der gutmüthige Kürſchnermeiſter mit der Karte zwei große Stücken Geld— es waren zwei Thaler— in die Hand drückte—„ich weiß gar nicht—“ Kellmann ließ ſie aber gar nicht zu Worte kommen. „Schon gut— ſchon gut,“ rief er, drehte ſich um, und kehrte, das Mädchen allein auf der Straße zurücklaſſend, eben 200 ſo raſch nach dem Platz zurück, wo der Actuar noch ſeiner harrend ſtand. „Haben Sie es ihr geſagt?“ frug dieſer ihn. „Nein— um Gottes Willen nein; das mögen Andere thun, ich könnte es nicht.“ „Aber was ſoll jetzt aus ihr werden?“ „Ich werde mich im Löwen ſchon nach ihr erkundigen,“ ſagte Kellmann nach kurzer Ueberlegung—„und wenn es ein ordentliches Mädchen iſt, hab ich Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienſt zu verſchaffen. Aber wie iſt es denn mit der Loßenwerderſchen oder Dollingerſchen Geſchichte geworden? iſt denn noch etwas von dem geſtohlenen Gut zu Tage gekommen?— man hört ja keine Sterbensſylbe mehr darüber.“ „Nichts— gar nichts weiter,“ ſagte der Actuar;„im Gegentheil hat der arme Teufel von Loßenwerder ein klei⸗ nes Tagebuch geführt gehabt, was ſich unter den confiscir⸗ ten oder mit Beſchlag belegten Sachen fand, und worin er jeden bis dahin eingenommenen Groſchen ſorgfältig und or⸗ dentlich, mit ſeinen höchſt beſcheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gültig angenommen— und wir haben nicht die mindeſte Urſache es zu bezweifeln da es faſt zwölf Jahre zurückführt— wäre im Gegentheil der Beweis geliefert daß die aufgefundenen zweihundert Thaler mühſam und redlich geſpartes Geld geweſen wären.“ „Und kein anderer Beweis hat ſich gegen ihn heraus⸗ geſtellt?“ 201 „Keiner, als daß er im Hauſe war und ſich auffällig heimlich daraus entfernt hat; aber auch ſelbſt das findet nach den Acten eine wahrſcheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklärung. Nach einer Zahl vieler höchſt mittelmäßiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in denen ſich beſonders viel Gemüth ausſpricht, ſcheint der arme verwachſene und hülfloſe Menſch eine Art von— Liebe— ich kann es nicht anders nennen, gegen Dollinger's jüngſte Tochter und Henkel's Braut in ſeinem unſchönen Körper mit herumgetragen, und nur, ſeinen Standpunkt gar wohl erkennend, den einzelnen, in ſei⸗ nem Pult verſchloſſenen Blättern anvertraut zu haben— doch das unter uns. Dieſe unglückſelige und hoffnungsloſe Neigung kann ihn möglicher Weiſe dazu getrieben haben, dem jungen Mädchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenſtock zu ſchenken— er hat ſogar ein Gedicht geſchrieben was den Punkt berührt, und worin er ſich glücklich fühlt daß ſie eine Blume pflegen könnte die er gezogen, wenn ſie auch nicht wüßte von wem ſie käme. Daß er unter ſolchen Umſtänden nicht wollte im Hauſe geſehen ſein läßt ſich denken, und ein Diebſtahl in ihrem eigenen Zimmer verliert, dieſen Thatſachen gegenüber, an Wahrſcheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmöglichkeit gehörte. Das Menſchenherz iſt ſchwach, und Mancher ſchon iſt geringerer Verführung erlegen.“ „Hm, hm, hm,“ ſagte Kellmann vor ſich hin—„das iſt ja eine rechte, rechte böſe Geſchichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar unſchuldig in ſein Verderben geſprungen.“„* 202 „Ja, und eine Sache die mir ſelber ſchon manche ſchlaf⸗ loſe Nacht gemacht hat,“ ſagte der Actuar,„denn ich kann den Gedanken nicht los werden, welchen Antheil ich ſelber daran gehabt, den Unglücklichen dahin zu treiben— obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an einen ſolchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er unſchuldig, hätte ſich das ja bald in der Unterſuchung heraus⸗ geſtellt.“ „Ja, und die Unterſuchung rechnet Ihr Herrn vom Ge⸗ richt eben für Nichts,“ ſagte Kellmann finſter—„aber wenn das ſein erſpartes, und Gott weiß dann wie mühſam erſpar⸗ tes Geld war, wird es doch auch ſeinen Erben nicht können vorenthalten werden.“ „Die Unterſuchung iſt noch nicht ganz geſchloſſen,“ ſagte der Actuar,„aber ich glaube auch nicht daß irgend Jemand anders einen Anſpruch darauf wird geltend machen können. Dieſe Schweſter erwähnte er überhaupt mehrmals in ſeinen Notizen, und hat ſie auch dann und wann unterſtützt, das Geld wird ihr ſpäter allerdings zugeſprochen werden.“ „Und keine Spur iſt ſonſt aufgefunden von dem möglichen, von dem wirklichen Dieb?“ „Keine— die Dienſtboten ſind Alle mehrmals ſcharf in⸗ quirirt und auf das Genauſte die ganze Zeit beobachtet, zu ſehen ob eins von ihnen vielleicht größere Ausgaben als ge⸗ wöhnlich mache, oder ſich durch irgend etwas anderes verra⸗ then würde; ja die Leute haben untereinander faſt eben ſo ſcharfe Wacht gehalten, den Verdacht von ſich abzuwälzen 203 und den Schuldigen aufzufinden, aber es hat ſich bis jetzt nicht das Mindeſte herausſtellen wollen. Mit Geld iſt das eine böſe Sache, und wenn der Dieb die Juwelen nur vorſichtig ein paar Jahr an ſich hält, und dann vielleicht noch gar außer Landes ſchafft, wer ſoll ihn da aufſpüren? allwiſſend ſind wir auch nicht.“ „Das weiß Gott,“ ſagte Kellmann—„wie damals mit der Pelzdecke, die mir Jemand von der Ladenthür weggeſtohlen, und die ich zwei Jahr ſpäter ganz gemüthlich im Polizeibu⸗ reau, beim Polizeidirector ſelber in der Stube wiederfand; da hört denn doch Alles auf. Aber mir iſt wahrhaftig jetzt nicht wie ſpaßen zu Muth; der Anblick des armen Mädchens hat einen wehmüthigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch für Elend auf der Welt giebt, und ſtill und be⸗ wußtlos gehen wir meiſt daran vorüber.“ „Und die Muſik da drinnen, während das arme Kind dort allein und freundlos ſeine Straße geht, und trotzdem jetzt noch glücklich iſt gegen den Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren muß. Mich leidet's heute nicht länger hier draußen, Kellmann,“ brach er kurz ab—„ich mag die Tanz⸗ muſik nicht hören— wollen wir zurück in die Stadt gehn? es iſt überdies ſchon ſpät.“ „Ich habe Nichts dagegen,“ ſagte Kellmann, tief auf⸗ ſeufzend—„mir iſt der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erſt abrufen.“ „Da drin iſt wohl Prügelei?“ ſagte da Ledermann, als aus dem Hauſe wilder Lärm zu ihnen heraus tönte. 204 „Das wäre früh,“ meinte Kellmann—„die kommt ge⸗ wöhnlich ſonſt erſt ſpäter, oder ganz zum Schluß. Es iſt doch ſonderbar, daß ein deutſcher„Tanz“ nie ohne eine Schlägerei enden kann; es ſcheint auch ungefähr daſſelbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur daß ſich die jungen Mädchen nicht dabei betheiligen— höchſtens verheirathete Frauen, ihre Eheherren zu ſchützen, und die Verwirrung womöglich noch größer zu machen— hallo aber das kommt hier heraus.“ „Sie werden Jemanden hinauswerfen,“ ſagte der Actuar ruhig—„laſſen Sie uns an die Seite treten daß wir nicht in das Gewirr gerathen.“ Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flüche einer, ihnen keineswegs unbekannten Stimme tönten, wälzte ſich ein Haufen Menſchen aus dem Saal heraus, in der Mitte einen Mann ſchleppend, der ſich mit Händen und Füßen, wenn auch umſonſt, gegen ſolche unwürdige Behand⸗ lung ſträubte, und in dem die beiden Freunde ſehr zu ihrem Erſtaunen den Auswanderungsagenten Weigel erkannten. „Laßt mich los!“ ſchrie dieſer dabei, mit den wildeſten, ungemeſſenſten Flüchen und Schimpfreden—„laßt mich los oder ich rufe die Polizei— Hülfe!— Mörder! Feuer!“ „Brüll nur mein Herzchen!“ ſagte aber der Verwalter von Hohleck, eine rieſige breitſchultrige Geſtalt, der den macht⸗ los dagegen Ankämpfenden wie in einer eiſernen Klammer am Kragen gepackt hielt—„Dich könnten wir hier brauchen, die Leute heimlich beſchwatzen daß ſte Hof und Dienſt verlaſſen und nach Amerika liefen— ei Du Hallunke, Du kommſt mir einmal wieder vor die Fäuſte.“ „Halt da— Hohmeier! laßt ihn los!“ rief aber in dieſem Augenblick eine andere, etwas ſchwer klingende Stimme, die dem alſo Gefährdeten zu Hülfe zu eilen ſchien—„der hier— Homeier— der hier iſt mein Freund— mein ganz intimer Freund und den laß ich mir— Homeier, den laß ich mir nicht aus dem Hauſe werfen.“ Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobſich, ſelber, aber, wie es die Seeleute nennen,„halb im Wind“, mit ſchwerer Zunge und ſchon etwas taumelndem Gang, daß ſich der Zuſtand in dem er ſich befand, nicht gut verkennen ließ. Er verſuchte dabei den Agenten zu halten und aus den Hän⸗ den derer die ihn gefaßt hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Ver⸗ walter ſchob ihn aber mit ſeinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind geweſen wäre, und ſagte ruhig: „Geht zu Bett Lobſich, das wär' Euch viel beſſer heut Abend, aber miſcht Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kümmern.“ „Nichts kümmern?“ rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit großen ſtieren Augen anſah—„nichts kümmern Hohmeier?— oh Hohmeier wem gehört denn dies Haus, heh?— nichts kümmern? wem gehört denn der rothe Drache, heh, Hohmeier.“ Die Schaar war indeſſen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der Actuar ſtanden, und wo ſie den Agenten zwiſchen zwei ziemlich nah zuſammen wachſenden Akazienbäu⸗ men durchtragen wollten als dieſer, ſolche letzte Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderſpreitzte, daß ſie ihn nicht hindurchbringen konnten, während er von Neuem ſein„Hülfe! Mörder! Feuer!“ aus voller Kehle ſchrie. „Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!“ ſagte Herr Schollfeld, der ein höchſt vergnügter Zeuge der Scene war, ohne jedoch ſeines ſchwächlichen Körpers wegen ſelber Theil daran zu nehmen, jetzt wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in ſeinem Richteramt unterſtützten, ließen ſich das auch nicht zweimal ſagen, und der wüthend, aber vergebens dagegen Antretende fand ſich bald in der vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu ſein auch nur den geringſten erfolgreichen Widerſtand zu leiſten. „Heh Hohmeier!“ ſchrie aber Lobſich, der ſich indeß durch die im Garten ſtehenden Stühle und Tiſche wieder nach vorn gedrängt hatte den Mann frei zu machen, von dem er ſich plötzlich einbildete daß er ſein Freund ſei,„laßt mir den Menſchen los, ſag ich Euch Hohmeier— Donnerwetter ich will doch einmal ſehn wer hier in meinem eigenen Hauſe zu befehlen hat. Ihr oder ich— Hohmeier! Es iſt mir doch was Unbedeutendes!“ Er ſchien ſich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorſpringen, und das viele Getränk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuß in einer dort ſtehenden Fußbank hängen, und ſchlug der Länge lang in den Garten, während die Knechte den jetzt wüthend um ſich ſchlagenden Agenten raſch aufgriffen und, lachend ſſ 207 über des Wirthes Unfall, aus der Gartenthür auf die Straße warfen. Ein furchtbarer Lärm entſtand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und erzählten ſich untereinander wie der„Aus⸗ wanderungsmann“ einen Schaafknecht vom Gut hätte bereden wollen als„Schaafmeiſter“ nach Amerika auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwiſcht wäre, und der„Auswanderungs⸗ mann“ ſtand vor dem Gartenthor und ſchimpfte und wüthete, bis einer der Knechte das Schloß wieder aufdrückte und hinaus und ihm nach wollte, und dann auf der Chauſſee ſtehen blieb und hinter dem davon Laufenden herfluchte, und Steine hin⸗ ter ihm drein warf. Drinnen im Saal tönte die Muſik aber wieder rauſchen⸗ der als vorher, und die jungen Burſchen durften die Zeit hier nicht länger im Garten verſäumen. Während die aber wie⸗ der in den Saal drängten, Tänzerinnen zu bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurück nach der Stadt zu gehn, blieb Lobſich noch im Garten, an deſſen Thüre er trat, und nach der Straße hinaus mit lauter und immer ärgerlicher werdender Stimme Weigel's Namen ſchrie. Lobſich war jedenfalls ſtark angetrunken und wollte ſehr wahrſcheinlich den Mann zurück holen, um ihm jetzt ernſt⸗ lich beizuſtehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen. Die drei Freunde hielten ſich dabei im Schatten eines dichten Fliederbuſches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht zurechnungsfähigen Menſchen nicht bemerkt zu werden, und —,————ꝛ—ꝛꝛꝛ—ꝛ————— *— 5 8— 208 dann unbeläſtigt den Garten zu verlaſſen, als Lobſich's Frau, die das Toben ihres Mannes wohl im Haus gehört, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne daß er ſie bemerkte kam ſie auch bis dicht an ihn hinan, und hier ſeinen Arm ergreifend ſagte ſie mit leiſer, bittender Stimme: „Lobſich— Vater— komm ſei vernünftig, laß das Schreien und Toben hier auf der Landſtraße und geh zu Bette — thu mir's zu Liebe Lobſich, wenn ich Dich darum bitte.“ „Laßmchfrieden,“ ſtammelte aber der Betrunkene mit ſchwerer Zunge und ſuchte ſie von ſich abzuſchütteln—„laß mchfrieden ſag ich— Dnurrwttrrr— ich weiß— ich weiß was ich ss— ſe thun habe—“. „Aber Lobſich, ich bitte Dich um Gottes Willen,“ flü⸗ ſterte die Frau in Todesangſt—„Du machſt Dich und mich unglücklich wenn Du Dich nicht änderſt— was ſoll daraus werden?“— „Laßmch— frieden,“ ſtammelte aber der Mann, ſie wenigſtens und taumelte durch den Garten fort, ſeitwärts vom. Hauſe ab—„Weibervolk,“ murmelte und fluchte er dabei— Himmelſakkrments Weibervolk— Unſinn— violettblaues— iſt mir doch— iſt mir doch was Unbe— Unbedeutendes— und er verſchwand damit hinter den Büſchen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf das Thürſchloß geſtützt und das Ge⸗ ſicht in den Händen bergend, allein zurück, richtete ſich aber raſch wieder auf, als ſie Schritte auf ſich zukommen hörte, und wollte nach dem Haus zurück. unwillig von ſich abſchüttelnd, aber er verließ den Thorweg 4 209 „Frau Lobſich,“ ſagte Kellmann, der es war, gutmüthig, ja faſt herzlich—„macht denn das Lobſich jetzt öfter daß er ſo über die Schnur haut?“ „Ach Sie ſind es Herr Kellmann,“ ſagte die arme Frau beruhigt.„Lieber Gott, ich weiß meinem Herzen keinen Rath“ mehr, wenn er's ſo fort treibt; wie ſoll das enden?“ „Aber ich habe Ihren Mann ſo doch noch in meinem Leben nicht geſehn,“ ſagte Kellmann verwundert. „Ach ja,“ ſeufzte die Frau—„es iſt nicht das erſte Mal, aber ich habe immer geſucht es ſo viel als möglich zu ver— heimlichen, es giebt gar ſolch ein böſes Beiſpiel für die Leute. Es ſind auch eigentlich nur einige Wochen erſt daß er ſo ſcharf zu trinken anfängt. Lieber Gott, im Kopf hat er früher ſchon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernſtes aber doch freundliches Wort mit ihm ſprechen wollten; auf Sie hält er etwas. Mir verſpricht er's wohl auch,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„aber— er vergißt es immer nur zu raſch wieder.“ „Ich will mein Möglichſtes mit ihm verſuchen, Frau Lobſich,“ ſagte Kellmann freundlich—„aber,“ ſetzte er raſcher und leiſer hinzu—„dort glaub' ich kommt er ſchon wieder zurück, es wird beſſer ſein wenn Sie verſuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen Menſchen läßt ſich Nichts anfangen.“ „Na?— Donnrrwttrrr,“ ſtammelte aber in dieſem Augen⸗ blick der Wirth, der auf ſeinem Zickzack Cours wieder nach der Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 14 Thür zurückkam, und die Arme einſtemmend einen, wenn auch vergebenen Verſuch machte, mit geſpreitzten Beinen vor ſeiner Frau ſtehen zu bleiben—„Dnnrrrwttrrr,“ wiederholte er, herüber und hinüber ſchwankend—„was's das vor Wirth⸗ ſchaft heh? wo gehört die— gehört die Frau hin, heh?— in die Hofthür— mit fremden Kerlen ſchwatzen heh?— iſt mir doch— iſt mir doch was Unbe— Unbedeutendes.“ „Aber lieber Lobſich,“ nahm hier der jetzt auch hinzuge⸗ tretene Schollfeld das Wort,„ſein Sie doch vernünftig und gehn Sie—“ „Hallo?“ rief aber der Wirth, ſich halb nach dem Red⸗ ner herumdrehend, in deſſen hell vom Mond beſchienenen Zü⸗ gen er den Apotheker erkannte—„ſin' wir auch hier? heh?— haben auch mit g'holfen mein' beſten Freund— mein' beſten Freund mit hinaus zu werfen— heh? Sie— Sie Giftmiſcher Sie— Sie—“ „Herr Lobſich!“ rief Schollfeld ärgerlich,„Sie ſind heute nicht zurechnungsfähig, ſonſt—“ „Was?— Pillendreher will noch— will noch raiſſ— raiſſniren— heh?“ rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an. „Aber Lobſich ſo bedenke doch um Gottes Willen was Du ſprichſt,“ bat ihn die Frau, ſeinen Arm ergreifend— „komm mit mir in's Haus— wir haben noch ſo viel zu thun.“ „ Viel zu thun?— heh?— habe keine Zeit mehr heut Abend— hickup“— ſtammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankämpfend—„muß noch— muß noch— hickup —* 211 — muß noch Wein abziehn und— und Bier trinken— 4 hickup— und— und hahahahaha— da iſt— da iſt ja die ganze Geſellſchaft— ja wohl— hickup— ja wohl, komme ſchon— komme ſchon meine Herrn— Lobſich iſt immer da— ein verfluchter Kerl, der— der— hickup— der Lobſich— iſt mir doch— iſt mir doch was Unbedeutendes;“— und in V einer unbeſtimmten Idee daß ihn vom Haus aus Jemand ge⸗ rufen hätte, wobei er ſeine Umgebung ganz vergaß, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau ängſtlich folgte. V Sie mußte ihn ja zurückhalten, daß er ſo ſeinen Gäſten und 4 Leuten nicht wieder unter die Augen kam. 2 . s—— „* . 14* * Canitel 9. Nüſtungen. „Nach New⸗Orleans!“ „Das ausgezeichnet ſchöne, 360 Laſt große, ſchnellſegelnde, kupferfeſte und gekupferte dreimaſtige Bremer Schiff erſter Klaſſe: Die Haidſchnucke, Capitain E. Siebelt, mit vorzüglicher Gelegenheit für Cajüts⸗ und Zwiſchendecks⸗ Paſſagiere— wird am 30. Auguſt expedirt. d Agent dafür, J. G. Weigel, Hauptagent des Central⸗Bureau's für Norddeutſche Aus⸗ wanderung in Heilingen, am Markt Nr. 17.“ Dieſe Anzeige ſtand am Morgen nach den, im letzten Ca⸗ pitel beſchriebenen Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur deſſelben, hatte die Gelegenheit nicht un⸗ benutzt wollen vorübergehen laſſen, einige entſetzliche Mordge⸗ ſchichten und falſche Bankerotte aus den Vereinigten Staaten, —.,— ——— wie zur Entmuthigung aller Auswanderungsluſtigen, in der nämlichen Nummer ſeines Blattes abzudrucken. Weigel war wüthend darüber, und ſchrieb augenblicklich einen anderen Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er ganz naiv erklärte,„ſich dadurch ſelber blamiren würde.“ Uebrigens ſei die Sache auch ſchon erledigt, indem die Schiffsanzeige für, ſein Artikel aber gegen Amerika und die Auswanderung wäre, und er es ſich zum Grundſatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu beleuch⸗ teu— wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken laſſen, ſei er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen. Die Abfahrt dieſes Schiffes war aber für Heilingen in ſo fern von nicht unbedeutender Wichtigkeit, als ſich mehre Familien dieſer Stadt ernſtlich dahin entſchloſſen hatten, mit demſelben nach Amerika auszuwandern. So unter Anderen Profeſſor Lobenſtein, der ſein Haus jetzt verkauft, und der Stadt überhaupt durch ſeine beabſichtigte Auswanderung höchſt will⸗ kommenen Stoff zu den mannichfaltigſten Vermuthungen und Erörterungen geliefert hatte. Ja mehrere Kaffeegeſellſchaften der näheren Bekannten Lobenſtein's waren wirklich nur ein⸗ zig und allein zu dem Zweck gegeben worden, ſich einmal ordent⸗ lich über die Sache„ausſprechen“ zu können. Auch in dem Dollinger'ſchen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika erhielt, nach denen ſeine An⸗ weſenheit dort, dringend nothwendig geworden. Zwei Wechſel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich ſtarke Aufträge zu An⸗ käufen in Tuchen und Seidenwaaren von ſeinem Haus, wel⸗ ches Geſchäft er mit Herrn Dollinger in Gemeinſchaft auszu⸗ führen gedachte. Der alte Herr Dollinger, ſo ſchwer es ihm auch wurde, und ſo lange er ſich dagegen geſträubt, mußte da wohl endlich ſeine Einwilligung zu der Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikaniſchen Kaufmann, über deſſen Familie und Geſchäft in New⸗Orleans er von einem dortigen Geſchäftsfreund das Beſte erfahren hatte, geben. Nur wunderte man ſich dort, daß der junge Henkel in Nord⸗Deutſchland ſei, während man ihn auf einer größern Tour durch Italien und Griechenland ver⸗ muthet. Die Leute dort konnten nicht wiſſen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für ſeine Zukunft geſchaf⸗ fen, als er ſie früher vielleicht ausgeſonnen. Am letzten Sonntag war alſo, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners— wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und ſo mannichfachen Vor⸗ bereitungen zu einer Reiſe nach Amerika für die junge Frau zu treffen. Es ſollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reiſe werden, denn Henkel hatte ſich ſchon ſelber feſt er⸗ klärt, ſeinen künftigen Wohnſitz keineswegs in Amerika, ſon⸗ dern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der bedeuten⸗ den Geſchäftsverbindung wegen mit dieſem Hafen, ein Aſſocie 215 des Hauſes ſich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate ge⸗ dachten die jungen Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung ſehr erleichterte, und ſpäteſtens im März oder April ſchon wieder nach Europa zurückkehren zu können. Die ganze Reiſe war dadurch wirklich faſt nur zu einer etwas längeren Vergnügungsfahrt geworden. Auch für Clara's Mutter war das Bewußtſein, ihr Kind nicht für immer zu verlieren und bald wieder in die Arme ſchließen zu können, eine unendliche Beruhigung, und ſelbſt hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekoſtet, ihre Einwilli⸗ gung zu geben. Clara ſelbſt aber hing mit ganzem Herzen an dem theuren Mann, und fühlte ſich vollkommen glücklich in einer Verbindung, die ſeit ſte den Fremden kennen und lie⸗ ben gelernt, ihr das Ziel ihrer irdiſchen Wünſche geſchienen. Was war ihr die Reiſe, was die Gefahr und Mühſeligkeit derſelben? ſie wäre ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte ſich doch glücklich an ſeiner Seite gefühlt. Der junge Henkel wünſchte nun die Ueberfahrt in einem Engliſchen Dampfer nach New⸗York, und von da mit einem Amerikaniſchen Dampfſchiff nach New⸗Orleans zu bewerkſtelli⸗ gen, Clara fürchtete ſich aber an Bord eines Dampfers zu gehn, freundete Familie, Profeſſor Lobenſtein's, ebenfalls nach New⸗ Orleans, und in einem Segelſchiff von Bremen ab auswan⸗ —j 216 derte, bat ſie mit dieſen reiſen zu dürfen. Henkel ſelber ſchien nicht recht damit einverſtanden, fügte ſich aber doch endlich den Bitten ſeiner jungen Frau. Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Wäſche und Kleider herzurichten waren, nur zu einer Reiſe nicht zu einer Ueberſiedlung nach Amerika, und man dieſe ſchon großentheils gepackt und vorausgeſchickt hatte, die letzten Stun⸗ den in der Heimath durch kein Ausſuchen und Packen geſtört zu haben, ſo ſchien dagegen bei Profeſſor Lobenſtein das ganze Haus von innen nach außen gekehrt zu ſein. Der Profeſſor nämlich hatte auf keinerlei Weiſe bewogen werden können mit ſeinen Sachen eine Auction anzuſtellen, und nur das Nothwendigſte mitzunehmen, da Fracht und Speſen unterwegs ein wirkliches Capital auffreſſen würden, für das er ſich Alles was er dort brauchte auch an Ort und Stelle neu anſchaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus verſchiedenen Schriften die ſtatiſtiſch aufgeſtellten Arbeitslöhne der verſchiedenen Handwerker, wie die Preiſe der Proviſionen, und bewieß ihnen auf das Klarſte und Unum⸗ ſtößlichſte was jedes einzelne Stück Meublen und Hausgeräth in nothwendiger Folgerung in Amerika koſten müſſe. Eben ſo hatte er ſich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberſchlag der verſchiedenen Frachtpreiſe nach New⸗Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er endlich zu dem obigen Reſul⸗ tat gekommen, und nun auch augenblicklich eine Anzahl Tiſch⸗ ler in Arbeit ſetzte, laut er neue Kiſten für ſeine Sachen anzu⸗ fertigen. 217 Eine große Anzahl von dieſen war nun ſchon, gepackt und mit eiſernen Reifen beſchlagen, als Fracht vorausgeſchickt, eine andere Sendung ſollte heute abgehn, und die letzten dann in den nächſten Tagen befördert werden, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu ſein. Kellmann ſelbſt, dem Hauſe eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam heute Morgen, Bericht über die Ausführung derſelben ab⸗ zuſtatten. Er ſelber war natürlich mit der ganzen Ueberſiedlung gar nicht einverſtanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Profeſſors dafür gehört, weit weniger dagegen geſagt, als die Familie im Anfang vrrmuthet und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Proofeſſor ſei eben ein Profeſſor, meinte er nur, und wo der einmal ſeinen Kopf aufgeſetzt habe, ließ ſich auch Nichts mehr abſtreiten oder gar dagegen beweiſen, man müſſe ihn eben ſich ſelber überlaſſen, und— es thue ihm nur um die Familie leid. Nichtsdeſtoweniger gab er ſich jede erdenk⸗ liche Mühe ihnen, wo er es nur irgend vermochte, beizuſtehn, wobei er den Profeſſor doch von manchem unüberlegten oder unpraktiſchen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und zwar glücklicher Weiſe mit Erfolg, gegen die unglückſelige Idee des Profeſſors an, ſich hier, trotz Allem was er darüber ſchon ge⸗ leſen, von dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben nicht„in Gefahr kommen“ von Amerikaniſchen und betrügeriſchen Landſpeculanten hintergangen zu werden, und ſeine Berechnung ſämmtlicher Koſten gleich 3 218 hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht mög— lich ſei, wenn er die Contracte nicht in der Taſche habe.“ Kellmann, auf deſſen praktiſches und geſundes Urtheil er ſonſt überhaupt viel gab, machte ihn mit ſeinen ernſtlichen Vorſtellungen aber doch ſtutzig, und noch eine authentiſche Per⸗ ſon über die dortigen Verhältniſſe zu hören, wandte er ſich zu⸗ letzt an den jungen Henkel, und bat dieſen um Meinung und Rath über die, ihm allerdings ſehr am Herzen liegende Sache. Dieſer rieth ihm aber ebenfalls auf das Entſchiedenſte ab, ſein Geld hier an eine ſolche Speculation wegzuwerfen, denn dieſer Weigel ſcheine ihm, was er bis jetzt von ihm geſehn, eine kei— neswegs volles Vertrauen verdienende Perſönlichkeit. Er ſolle warten bis ſie drüben wären, dort habe er Zeit genug(Kell⸗ mann hatte ihm daſſelbe geſagt), und finde er in New⸗Orleans oder Miſſouri nichts Beſſeres, ſo ſei er ſelber vielleicht im Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er ein⸗ mal auf einem Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte. 1 „Und der Preis?“ „Er würde zufrieden ſein.“ Damit war die Sache für jetzt abgemacht; freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er ſich ausdrückte, nun noch„zur Verfügung“ behielt. Es mochte etwa Morgens um elf ſein, als Kellmann Profeſſor Lobenſteins beſuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von einem reichen Weinhänd⸗ ler in Heilingen erſtanden worden, die Familie aber jetzt in angeſtrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl — 219 nicht allein zu verſcheuchen, ſondern auch eines vor dem an⸗ deren zu verbergen,„zum erſten Male in der eigenen Hei⸗ math fremd zu ſein;“ zum erſten Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele geſehn, und Zeuge geweſen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume. Der erſte ſchwere Schritt zu einem neuen Leben und Wir⸗ ken war aber damit geſchehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brücke abgebrochen, die noch zurück hätte führen können in das Vaterland. Das Band war damit zerriſſen, das ſie noch an dieſes knüpfte, und wunderbarer Weiſe hatte ſich jetzt, wie ſie ſich geſtern noch faſt Alle gefürchtet vor dem Gedanken die lieben theueren Räume zu verlaſſen, ein fremdes unheimliches Gefühl zwiſchen ſie und das Haus geworfen, und ſie erſehn⸗ ten den Augenblick wo ſie hinaus konnten, fort, nur fort von hier— aus den Erinnerungen fort. Und doch ſprachen ſie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt ſich nur allein für ſo thöricht und kindiſch, mit den quälenden Gedanken; keines wußte daß das Gefühl in ihrer Aller inneres Leben verwoben ſei, und in des Herzens feinſten Faſern Wurzel ſchlug. Die Stimmung Aller, ſo ſehr ſie ſich auch hüteten dem was ſie dachten Worte zu geben, war denn auch an dem gan⸗ zen Morgen ſchon eine ſtille, gedrückte geweſen, und Kellmann's Erſcheinen befreite Alle wie von einer Laſt. Unten auf der Treppe wurde der aber ſchon laut. „Na, iſt das ein Vergnügen zu ſo einer Auswanderungs⸗ familie in's Haus zu kommen,“ rief er, als er ſich mit zuſam⸗ mengehaltenen Schößen zwiſchen einer Reihe Kiſtendeckel hin⸗ 4 220 durchdrückte, die, mit den Nägeln nach außen, an der Wand lehnten, und dabei noch über eine Unzahl Körbe und Schach⸗ teln wegſteigen mußte, nur in die Stube zu kommen. „Nehmen Sie ſich in Acht, lieber Kellmann,“ rief ihm der Profeſſor, der ſeine Stimme gehört hatte, aus der halbge⸗ öffneten Thüre entgegen(er konnte dieſe nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiſte dahinter ſtand).„Sie möchten ſich da draußen die Kleider zerreißen.“ „Iſt ſchon bereits geſchehen,“ brummte Kellmann, indem er verſuchte einen Blick nach ſeinem, allerdings beſchädigten Rücktheil zu gewinnen,„meine Güte, wie ſieht das bei Ihnen aus— ah guten Morgen meine Damen— und ſchon ſo fleißig?— was um Gottes Willen nähen Sie denn da?— Getraideſäcke für die nächſte Erndte?“ „Fehlgeſchoſſen Herr Kellmann,“ rief ihm aber Marie, die ſich gern mit dem freundlichen Mann neckte, entgegen—„Jacken ſind das für uns, in den Buſch, zwiſchen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns ſonſt das leichte Zeug von den Schul⸗ tern riſſen. Warten Sie einen Augenblick, da können Sie uns gleich Ihre Meinung ſagen; die meinige iſt gerade fertig, und ich will ſie eben anprobiren. Laſſen Sie nur, ich werde ſchon allein fertig, dort drüben müſſen wir überdies Alles allein machen— So— nun, wie gefalle ich Ihnen darin?“ „Gar nicht,“ ſagte Kellmann mürriſch,„ich ſähe Sie weit lieber in einem leichten Ballkleid und mit Ihrem gewöhn⸗ lichen heiteren Geſicht, als in der Sackleinwand und— hm — das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt noch mit, , 221 oder bleibt er da? wo ſteckt er denn wieder?— der iſt immer fort wenn ich komme.“ „Der geht mit, lieber Kellmann,“ rief der Profeſſor,„er konnte ſich nicht dazu entſchließen, ſeine Eltern und Geſchwiſter allein in die Welt ziehn zu laſſen, wo er ihnen vielleicht, zum erſten Mal in ſeinem Leben, nützlich ſein würde, und iſt jetzt noch in der Geſchwindigkeit zu einem Tiſchler gegangen, die paar Wochen wenigſtens zu benutzen, und doch eine Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiß was wir da Alles zu thun bekommen.“ „Wird auch was recht's davon in den paar Tagen pro⸗ fitiren,“ brummte Kellmann—„bei wem iſt er denn, bei Leupold?“ „Leupold?“ rief der Profeſſor,„der geht ja mit unſerem Schiff nach New⸗Orleans.“ „‚’Der Tiſchlermeiſter Leupold wandert auch aus?“ rief Kellmann laut und verwundert. „Hat ſein Häuschen und ſeine Werkſtätte verkauft, und iſt jetzt wahrſcheinlich ſchon unterwegs nach Bremen,“ beſtätigte ihm der Profeſſor. „Na nu iſt mir's aber doch über den Spaß,“ rief Kell⸗ mann—„da läuft ja halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nächſtens werden wir uns unſere Schränke und Schuhe und Röcke ſelber machen können wenn wir was haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider ſchicken daß er ihn mir noch ausbeſſert, ehe er auch durchbrennt. Siiſt wirklich zum Verzweifeln.“ 222 „Lieber Gott,“ ſagte der Profeſſor—„die Leute verlangen nur Ellbogenraum ſich zu rühren; ſie wollen einen Platz haben, der ihren Bedürfniſſen Befriedigung verſpricht.“ „Da haben Sie gleich den faulen Fleck,“ rief Kellmann, „Bedürfniſſe befriedigen, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und nicht mit jedem Jahre auch neue Bedürfniſſe kennen lernten und befriedigt haben wollten, ſo hätten wir alle Platz, und das verwünſchte Amerika könnte ſehen wo es Hände und Fäuſte bekäm zuzupacken und ihm den Boden zu beſtellen. Aber ich will mich nicht länger ärgern— laßt ſie laufen, nachher wird's hier erſt recht gemüthlich— apropos— Ihren Freund Weigel haben ſie geſtern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen— er wollte Dienſtleute, ich glaube einen Schäfer, verlocken nach ſeinem gerühmten Amerika auszuwandern.“ „Meinen Freund?“ ſagte der Proofeſſor achſelzuckend, „ich habe mit Herrn Weigel nie in einer ſolchen Beziehung geſtanden, aber ich achte ihn als einen Mann der ein gutes Herz mit einer tüchtigen Portion geſundem Menſchenverſtand verbindet, und beſonders ſchätzenswerthe ſtatiſtiſche Kenntniſſe Amerika's beſitzt.“ „Bah!“ ſagte Kellmann, den Kopf auf die Seite wer⸗ fend, und mit den Fingern ſchnalzend,„ſo viel für ſeine ſtatiſti⸗ ſchen Kenntniſſe; unverſchämt iſt er, das halt' ich für ſeine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der größten Kaltblütig⸗ keit eine Maſſe Zahlen in den Bart, denen man nicht gleich wi⸗ derſprechen kann, weil ſich der Gegenbeweis eben nicht führen 223 läßt. Wenn das Alles wahr iſt was er über Amerika ſagt, wäre er der größte Eſel wenn er nicht ſelber hinüberginge.“ „Seine Verhältniſſe geſtatten es ihm nicht, wie er mich oft verſichert hat,“ vertheidigte ihn aber der Profeſſor. „Ja, das kennen wir ſchon,“ ſagte Kellmann,„und wenn mich irgend etwas glauben machen könnte daß er wirklich Amerika kennt, ſo wäre es der Umſtand daß er ſelber nicht hinübergeht.“ „Im rothen Drachen war ja wohl geſtern ein kleines Feſt?“ frug die Frau Profeſſorin dazwiſchen, die das unerquick⸗ liche Geſpräch abzubrechen wünſchte. „Ja, für die Dienſtleute von Hohleck,“ ſagte Kellmann, „und Schollfeld und ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spaß mit anzuſehn.“ „Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?“ lachte Marie. „Er kam ſpäter nach,“ ſagte Kellmann—„der arme Teufel iſt jetzt auch immer verdrießlich und niedergeſchlagen.“ „Er hat ſein Kind verloren,“ ſagte Anna mitleidig. „Ja, und zu Hauſe fühlt er ſich auch wohl nicht ſo recht wohl und behaglich.“ „Wir haben davon gehört,“ ſagte die Profeſſorin— „ſeine Frau ſoll eigenwillig und heftig ſein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.“ „Seine Frau iſt—“ fuhr Kellmann auf, aber er unter⸗ brach ſich ſelber wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm ſtehenden Tiſch. . 1 224 „Was iſt Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?“ ſagte aber Marie, jetzt zu ihm tretend und ſeinen Arm berührend— „Sie ſchneiden ja heut Morgen ein ſo bitterböſes Geſicht, wie ich noch faſt in meinem Leben nicht an Ihnen geſehn. Iſt Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet?— oder— Sie ſind doch nicht böſe mit uns?“ „Böſe mit Ihnen? lieber Gott Mariechen,“ ſagte Kell⸗ mann herzlich ihre Hand ergreifend—„ich müßte böſe mit Ihnen ſein daß Sie fortgehn und mich hier allein zurücklaſſen; ſonſt wüßt' ich wahrhaftig nicht weshalb.“ „So kommen Sie mit,“ lachte Marie, indem ſie neckiſch zu ihm aufſah. Kellmann ſeufzte tief auf, ſagte dann aber kopfſchüttelnd, und mit der Hand über ſeine Stirn ſtreichend, als ob er ſich daraus all' die trüben Gedanken verſcheuchen wollte— „Nach Amerika?— ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute ſind es wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.“ „Iſt etwas vorgefallen, und können wir Ihnen helfen, lieber Herr Kellmann?“ ſagte Anna freundlich. „Ach Gott nein,“ ſagte der kleine Mann ſeufzend—„es iſt ein Stück von dem allgemeinen Elend, das über den ganzen Erdball hinſpielt, und das uns gewöhnlich mit einem unheim⸗ lichen Gefühl, auch nicht außer dem Bereich deſſelben zu lie⸗ gen, durchſchauert, wenn wir ihm einmal auf unſerem Lebens⸗ pfad begegnen. Sie ſahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa drüben aus dem Löwen kam?“ 225 „Ja, Sie grüßten ja herauf,“ ſagte die Profeſſorin— „Nun gut; ich war dort, einem armen Mädchen nachzu⸗ fragen, das wir geſtern Abend ſpät auf der Straße trafen, und das ich dorthin ſchickte Nachtquartier zu ſuchen“— Und nun erzählte ihnen Kellmann mit kurzen Worten das geſtrige Zu⸗ ſammentreffen mit des unglücklichen Loßenwerder Schweſter, und ebenfalls daß ſich ſchon jetzt herauszuſtellen ſcheine, wie der arme Teufel von Loßenwerder unſchuldig in Verdacht gerathen ſei. Nur in reiner Verzweiflung mochte er ſich den Tod ge— geben haben, als man ihm das letzte, einzige das er auf der Welt hatte— ſeinen ehrlichen Namen— nehmen wollte— oder eigentlich ſchon von Gerichts wegen genommen hatte. Unſere wackeren Polizeigeſetze halten ja nun einmal jeden Menſchen für einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteſte genügend dar⸗ gethan hat daß—„gegen ihn noch nichts Gravirendes be⸗ kannt geworden.“ „Und was geſchieht jetzt mit dem armen, armen Mäd⸗ chen?“ frugen faſt gleichzeitig Marie und Anna—„lieber Gott, hier in der fremden Stadt, allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entſetzlich müßte es da ſein, wenn ſie vielleicht aus rohem Munde zuerſt die furchtbare Nachricht vernähme.“ „Geſtern Abend,“ ſagte Herr Kellmann etwas verlegen, „kam uns das Ganze wirklich ſo ſchnell und überraſchend, daß wir nicht die geringſte Zeit zum Ueberlegen behielten; wir— wir gaben ihr nur ein paar Groſchen und ſchickten ſie in den Löwen, hier gegenüber, um da zu übernachten, damit ſie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder früge, und die entſetzliche Gerſtäcker's Nach Amerika. I. 15 —— 226 Geſchichte gleich in der erſten Viertelſtunde erführe; heute Morgen wollte ich dann ſelber herkommen und ſehn was ſich thun ließ—“ „Und jetzt?— weiß ſie was geſchehen iſt? frug die Pro⸗ feſſorin mitleidig die Hände faltend— Herr Kellmann zuckte mit den Achſeln und ſagte: „Sie iſt fort—“ „Fort?— wohin?“ riefen die Frauen. „Kein Menſch konnte mir darüber Auskunft geben, geſtern Abend war ſie richtig dort angekommen, und ihres dürftigen Ausſehns wegen in die Geſindeſtube gewieſen, und dort muß ſie unglückſeliger Weiſe ihren Namen genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichſte gleich erfahren haben, denn ſie war, ſelbſt ihr Bündel im Stich laſſend, hin⸗ ausgelaufen in Nacht und Nebel und— und nicht wieder zurückgekehrt.“ „Du lieber Gott,“ ſagte Anna,„wenn ſie ſich nur kein Leides gethan.“ „Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, dieſe aufmerkſam zu machen,“ ſagte Kellmann etwas kleinlaut,„werde auch ſelber noch mein möglichſtes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber— ich weiß wahrhaftig nicht wo man die eigentlich ſuchen ſoll, denn ſie kennt ja keinen einzigen Menſchen in der Stadt.“. „Und in ihres Bruders früherem Logis?—“ „Hat ſie Niemand geſehn— ich war dort.“ 4— 227 „Waren Sie auch ſchon— auf dem Kirchhof?“ frug ihn Marie jetzt leiſe und ſchüchtern.“ „Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht,“ ſagte Kellmann raſch ſeinen Stuhl zurückſchiebend,„die Möglichkeit iſt da, und ich will keinen Augenblick mehr verſäumen— viel⸗ leicht iſt es jetzt noch nicht zu ſpät.“ „Und Sie ſagen uns Antwort?“ „Sowie ich etwas Beſtimmtes über ſie weiß— aber— aber was dann mit ihr anfangen?— hier in der Stadt kann ſie nicht bleiben,“ ſagte Kellmann, die Thürklinke ſchon in der Hand,„und überhaupt ſcheint mir ihr ſchwächlicher Körper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.“ „Vielleicht bietet ſich da für die Schweſter in demſelben Haus ein Ausweg,“ rief Anna plötzlich,„das für den Bruder ja ſo viel gut zu machen, wenn er wirklich unſchuldig gelitten. Geſtern Nachmittag noch klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der ſie ſehr zufrieden iſt, und die ihr bis dahin feſt verſprochen mitzugehn, plötzlich anderes Sinnes ge⸗ worden wäre, und ſich jetzt weigerte Heilingen zu verlaſſen. Clara iſt ſo ſeelensgut, ſie würde gewiß Alles thun was nur in ihren Kräften ſteht, das arme Kind den herben Verluſt ver⸗ geſſen zu machen. 3 „Aber wird ſich das Mädchen ſelber dazu eignen?“ ſagte Kellmann. „„Weshalb nicht,“ rief aber auch jetzt Marie—„bringen Sie die Arme nur hierher, ſobald Sie ſie finden, und nehmen ſi Henkels nicht mit, findet Papa gewiß einen Ausweg. 15* A. 8.„* 228 „Ja, Papa einen Ausweg,“ ſagte aber der Profeſſor— „ich kann Niemanden mehr mitnehmen Kinder, ſo viel ſolltet Ihr eigentlich jetzt ſchon wiſſen, denn wir ſind Leute genug!“ „Ach wenn ſie überhaupt gehen will,“ rief Kellmann, „die Paſſage bringen wir hier ſchon zuſammen, und wenn ſich Fräulein Anna bei Frau Henkel für ſie verwenden will, wär' es ein Glück für das arme Mädchen, den hieſigen für ſie ſo trüben Verhältniſſen ſo raſch wieder entriſſen zu werden. Doch jetzt leben Sie wohl— ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und hoffe Ihnen bald günſtige Nachrichten bringen zu können.“ Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieber⸗ anfall bekommen, und ſich am anderen Morgen auf ſeinem Bureau entſchuldigen laſſen. Erſt um zehn Uhr etwa fühlte er ſich etwas beſſer, und beſchloß ein wenig an die friſche Luft zu gehn, in dem ſonnigen Morgen draußen die trüben quälen⸗ den Gedanken zu verſcheuchen. Er ging auf den irchhof, das Grab ſeines kleinen Lieb⸗ lings zu beſuchen, und nahm einen Monatsroſenſtock mit hin⸗ aus, ihn darauf zu pflanzen. Der Weg der zu dem Grab, zwiſchen den andern Hügeln hin, führte, lief eine kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelaſſen und von Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut faſt verſteckter flacher Hügel war 229 dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den Namen des Hin⸗ geſchiedenen kündete, keine Blume ein ſorgendes Herz verrieth, das dem Entſchlafenen die ſtille Thräne nachgeweint. Und dort?— in das hohe, feuchte Gras geſchmiegt, lag eine ſchlanke Mädchengeſtalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgelöſten Locken ruhten. „Lieber Gott,“ ſagte der Actuar, mit dem Blumenſtock im Arm neben ihr ſtehen bleibend, leiſe vor ſich hin—„es iſt doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz iſt, ſollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgeſichter vor, ſondern geben ſich wie ſie ſind, und wenn es auch eben kein Troſt ſein ſollte andere Menſchen unglücklich zu ſehn, iſt es doch jedenfalls einer, zu wiſſen daß man es nicht allein iſt.“ Und ſich langſam abwendend ſchritt er dem Grabe ſeines Kindes zu, ſetzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und ſich ſelber dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines anderen Menſchen deckte. Dort blieb er lange, das Geſicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in ſeiner Stellung verharrend, ſeinen ſchmerz⸗ lichen Gedanken überlaſſen, bis die Sonne höher und höher ſtieg, und ein ſtechender Kopfſchmerz ihn mahnte den, den heißen Strahlen vollkommen ausgeſetzten Platz zu verlaſſen, wenn er ſich nicht noch kränker machen wollte als er ſchon war. Er ſtand auf, und ſah ſich nach dem Todtengräber um, dieſen zu bitten den Blumenſtock für ihn einzuſetzen, und fand ihn auch, ——: ———õ—— 230 nicht weit von dort entfernt, mit einem neuen Grabe beſchäf⸗ tigt. Langſam ſeinen Spaten ſchulternd ging er mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort ſein Handwerksgeräth neben ſich in den Boden ſtoßend und ſich den Schweiß von der glühen⸗ den Stirne trocknend, ſagte er freundlich: „Warmer Tag heute, Herr Actuar— ſehn Sie einmal was für ein ſchönes Stöckchen; das müſſen wir aber ordent⸗ lich angießen, ſonſt vertrocknet es gleich in der lockeren Erde— werde Ihnen das ſchon beſorgen.“ „Bitte ſein Sie ſo gut,“ ſagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, drehte ihn um und ſchlug mit der flachen Hand unter den Topf, dieſen locker und los zu bekommen.“ „Kennen Sie das junge Mädchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?“ frug der Actuar jetzt, als ſein Blick wie⸗ der zufällig dort hinüber ſtreifte—„dort drüben meine ich.“ „Ja ich weiß ſchon,“ ſagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit ſeiner Arbeit beſchäftigt—„nein— ſie ſaß vor dem Kirchhofsgitter ſchon heut' Morgen wie ich öffnete, um drei Uhr früh, und muß die ganze Nacht da zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug ſie mich nur nach dem Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, und iſt ſeit der Zeit nicht von dort wegge⸗ gangen. Das kommt manchmal vor.“ „Und wer liegt da begraben?“ frug Ledermann ſchnell, dem ein plötzlicher Gedanke an das Mädchen von geſtern Abend aufſtieg. 1 „Dort an der Mauer?“ ſagte der Todtengräber,„ih Sie — —— — ““ 235 wieder ſeit ſo langer, langer Zeit die ſie gehört, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem Herzen, der ſie ja ſonſt wohl rettungslos verfallen wäre. Wieviel Segen hat ſchon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglücklichen geſpen⸗ det— wie viele Thränen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, doch gelindert. Kellmann erbot ſich dann auch, ſie zu ſeiner Mutter zu führen, wo ſie wenigſtens bleiben konnte bis ſich etwas Wei⸗ teres entſchieden. Von Amerika ſagte er ihr noch Nichts, die nächſten Tage mochten ſie erſt mit dem Gedanken vertrauter machen, wenn ſie hörte wie viel Leute die auch ihren Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm ſelber ſeien, gerade jetzt nach dort hinübergingen. Hedwig zögerte noch ſchüchtern das gütige Erbieten an⸗ zunehmen, aber die Worte klangen ſo herzlich, ſo gut gemeint, ſie ſtand ſo hülflos, ſo allein in der weiten Welt, der fremde Mann erſchien ihr wie ein Engel des Himmels in ihrem Schmerz, und unter Thränen nahm ſie ſeine Hand und dankte ihm, und ſagte daß ſie ihm folgen würde, wohin er ſie führe. Canitel 10. Die beiden Familien. Der Leſer muß mir noch, ehe wir unſere weitere Wan⸗ derung zuſammen antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar ſehr verſchieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir ſpäter wieder, theils auf der Reiſe, theils in ihrem neugewählten Vaterland. An der Hannöverſchen Grenze lag ein kleines Dorf, Wal⸗ denhayn mit Namen, und faſt verſteckt zwiſchen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten dicht um— gaben. Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ort⸗ ſchaft überſchauenden Hügel ſtand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das ſein Dach über gute und glückliche Menſchen geſpannt hatte, Jahrzehnte lang— und heute?— Guter Gott welche Veränderung in dem Haus— der Vater, Paſtor Donner, ſtill und ernſt in ſeinem Sorgen⸗ — 3 —ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ———————— 237 ſtuhl, und, ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte Tabakswolke, die Mutter mit verwein⸗ ten Augen, und doch immer geſchäftig herüber⸗ und hinüber⸗ gehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu beſorgen die ſie immer wieder vergaß, ehe ſie nur das andere Zimmer betreten. Der älteſte Sohn Georg ging zu Schiff— ging nach Amerika über das weite, wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geiſt das Glück zu ſuchen, das er hier nicht fand, und„wann würden ſie ihn— ja wür⸗ den ſie ihn je wieder ſehen?“ Oh es iſt ein großer Schmerz für ein Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu ver— lieren— wie viel Sorge, wie viel ſchlafloſe Nächte hat es ge— macht, bis es wuchs und gedieh; welche Hoffnungen knupften ſich an das junge Weſen, und blühten und reiften mit ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch unſicheren Fuß vor Stoß und Fall zu ſchützen, wie ängſtlich jedem böſen Eindruck gewehrt, der Herz oder Geiſt hätte ver⸗ giften können. Und nun das Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geiſt und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu ſehn auf die ſtürmiſchen Wogen des Lebens— ſich ſelbſt überlaſſen, und der eigenen, vielleicht doch noch zu ſchwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter— Krankheit wird es erfaſſen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe ſein, es zu pflegen 238 und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen, die Verführung ihre falſchen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und keine treu warnende Stimme ihm zur Seite ſtehn— Noth und Mangel vielleicht in bitterem Weh auf ihm laſten, und Niemand da ſein, der ihm Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröſtet und unterſtützt— Mutter und Vater ſind fern, fern von dem Geliebten, ſeine Klage dringt nicht herüber zu ihnen— ihr Troſt und Hülfswort nicht zurück zu ihm. Und ein ſolcher Abſchied dann— der Tod pocht nicht viel härter an des Glückes Thor, und das Bewußtſein den Geſchiedenen ſtill und geſchützt in kühler Erde zu wiſſen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, iſt oft noch weniger bitter als dieſer freiwillige Tod— der Fortgang über's Meer, in eine fremde, ungekannte Welt— vielleicht ſo ohne Wiederkehr wie jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende iſt da noch immer beſſer, weit beſſer daran als die Zurückbleibenden; ihm liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen Schmerz zu haften. Er hat auch zu ſorgen, für ſich und ſein Gepäck, ſeine ganze Zukunft iſt ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben— ein ungewohnt Ge⸗ ſchäft bis jetzt— und fremde Landſchaft, fremde Scenen wech⸗ ſeln ſo raſch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten Schmerzes fortführt mit ſich. Selbſt der Gedanke an die Verlaſſenen hat nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für — 34 — ——— 239 dieſe hat, wenn ſie ſein gedenken, und ſich mit Vermuthungen quälen müſſen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. Er weiß in welchem Kreis die Seinen ſich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, häuslichen Beſchäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und ſein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt ſeinen feſten Anhaltspunkt an ſie ſich unverküm— mert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langſam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie ſchlummernd liegt, in ſeinen Träumen ihn zu ſegnen, oder dereinſt, wenn die Welt ihn kalt und rauh von ſich ſtößt, und er allein und freundlos ſich da fühlt, wieder aufzuglühen in aller Friſche und Wärme, ein Troſt und Hoffnungsziel, dem armen, einſamen Wanderer. Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiund⸗ zwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und un⸗ geſcheitelt über die offene ſonngebräunte Stirn fallenden Locken, ſchwarzen klaren Augen und freien, gutmüthigen Zügen, die ſelbſt eine breite dunkle Narbe über den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entſtellen konnte. Er hatte Mediein ſtudirt, und ſich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß verdient, aber die Ausſichten für einen jungen Arzt waren trüb und unverſprechend in ſeiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er ſchon ſo viel geleſen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und wollte dieſes Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kräftigen Geiſt ſo leicht in Feſſeln legen, und ehrte den Wunſch 240 und Drang der jungen, nach Thaten dürſtenden Bruſt, einen Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er ſich auch wohl ſelber dann wieder mit einem ſchweren Seufzer geſtehen mußte, wie manche Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuſcht ſehn würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer aufſteigen⸗ den Sonne, von warmem Lichte übergoſſen winkte. Und wie würde ſich ſein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, Flaggen⸗ und Blumengeſchmückten Wällen ſeiner eigenen Luftſchlöſſer aufſchaute, wenn es an deren Trümmern ſtand? oh daß er dann hätte an ſeiner Seite ſtehen und ihn leiten dürfen den dunklen, ſchmalen Pfad zum wahren Glück — retten ihn dann vor ſich ſelbſt und ſeinem bittern Weh. Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb ſich ſelbſt den Augenblick vergiften, wo ſich der Himmel noch blau und rein über ſeiner Zukunft ſpannte. Georg ſelbſt ſah auch Nichts von ſolchen trüben Bildern, die das Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit und frei geöffnet, das hinaus in's Leben führte und an deſſen Schwelle er ſtand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag ſchwer auf ſeiner Seele. Am ſchwerſten freilich trug gerade dieſe Stunde, weil ganz und ungetheilt, das Mutterherz. Nicht dachte ſie in die⸗ ſem Augenblick an die Hoffnungen die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen könnten; ſie ſah und fühlte Nichts, als die Trennung von dem Kind, den Abſchied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte ſie 241 ſchon den ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beſchäftigungen obgelegen, wie im Traum noch einmal ſeine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend, den er im Vater⸗ hauſe zubringen würde. Lieber Gott, die Speiſen kamen Abends auf den Tiſch und wurden gegeſſen, aber Keiner von allen, die jüngſten Ge⸗ ſchwiſter ausgenommen, ſchmeckten was ſie aßen; man ſprach dabei über das an dem Nachmittag fortgeſandte Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging— Georg trug Grüße auf an alle ſeine Bekannte, die ſich noch ſeiner er⸗ innerten. Er hatte an dem Tag noch ſelber ein paar Briefe ſchreiben wollen, war aber nicht dazu gekommen— Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; ſo wollte er einen Abſenker von dem Roſenſtock mitnehmen der vor der Mutter Fenſter blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Eſſen ſtand die Schweſter— unvermißt— vom Tiſche auf, ging hinaus, grub einen Abſenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem ſich die Thränen in die Augen zwangen— er mochte kämpfen dagegen wie er wollte als er die Gabe ſah. Die Mutter ſtand vom Tiſch auf und ging hinaus— nicht ein Wort wurde geſprochen ſo lange ſie fort war. Die Speiſen verſchwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man konnte den langſamen Gang der Uhr hören, an der Wand. Da endlich füllte der Vater ſein Glas bis zum Rand, Gerſtäcker's Nach Amerika. IJ. 16 hob es mit der Linken und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des Sohnes, zum Troſt vielleicht der Mutter ſprechen wollen, aber die Worte ſchwollen ihm im Mund— er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die Lippen, und ſich gewaltſam faſſend und zuſammen⸗ nehmend ſagte er endlich: „Auf ein frohes Wiederſehn Georg!“ Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den Geſchwiſtern zu— und die Mutter hob ihr Glas und ſtieß mit dem Sohne an, aber mehr vermochte das Mutterherz nicht— zu lange hatte ſie jetzt gewaltſam gegen ihr eigenes Gefühl an⸗ und den Schmerz niedergekämpft, den Anderen zu Liebe; länger war ſie es nicht im Stande, und das Glas mit zitternder Hand niederſetzend, daß der Wein über und auf das Tiſchtuch floß, ſtand ſie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und ſchluchzte laut. „Mutter, liebe— liebe Mutter—“ „Mein Kind— mein Kind,“ jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an Heftigkeit, wie der mächtig aber ſtill dahin⸗ wälzende Strom ſchäumend hinausdonnert in's Freie, wo er ſich erſt einmal Bahn gebrochen aus ſeinem Bett—„mein liebes— liebes Kind!“ „Aber Mutter,“ bat der Paſtor,„faſſe Dich; es iſt ja doch nur vielleicht auf kurze Zeit, bis ſich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm die Heimath anders ausſieht wie jetzt; dann kommt er wieder.“ „Liebe— liebe Mutter,“ flüſterte Georg, ſie innig an ſich 243 ſchließend, und auch ihm erſtickten unaufhaltſam fließende Thränen die Stimme. Die Geſchwiſter weinten auch, und der Vater war auf⸗ geſtanden und ein paar Mal mit raſchen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich aber nur ſeine eigene Faſſung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne ſtehn, und ſie langſam trennend ſagte er mit ſanfter, bittender Stimme: „Kommt Kinder, kommt— macht Euch ſelber nicht das Herz zum Brechen ſchwer; das iſt unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen früh noch daſſelbe Leid. Es iſt eine lange Trennung, aber keine Trennung für's Leben — wir ſind Alle noch rüſtig und geſund, und werden uns, will es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme ſchließen können.“ „Aber Du ſchreibſt bald, Georg,“ flüſterte die Mutter ſich mit aller Kraft zuſammennehmend—„Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du verſprichſt mir das?“ „Gewiß Mutter, gewiß— ſo oft ich kann— aber äng⸗ ſtigt Euch nur auch nicht, wenn einmal ein Brief länger aus⸗ bleibt als gewöhnlich; der Weg iſt weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.“ „So, und jetzt zu Bett Kinder,“ mahnte der Vater—„es iſt ſpät geworden, ſehr ſpät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Poſt nicht zu verſäumen; ſind Deine Koffer hin⸗ übergeſchafft?“ „Es iſt Alles drüben,“ ſagte die Mutter, ſich aus den 16* 244 Armen des Sohnes windend und ihre Thränen trocknend, „nur ſein Ueberrock iſt noch hier, den er anzieht, und die kleine Taſche in die er morgen früh ſein Nacht- und Waſchzeug ſteckt — doch das beſorg' ich ſchon ſelber und werd' es nicht ver— geſſen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen Kaffee haben bevor Du gehſt.“ „Gute Nacht Mutter!“ rief Georg, umſchlang ſie noch einmal und küßte ihr Lippen, Augen und Stirn,„gute Nacht meine gute, gute Mutter— gute Nacht!“ „Gute Nacht mein Georg, mein Kind,“ ſagte die arme Frau unter Thränen—„ſchlaf nur jetzt recht aus— zum letzten Mal unter unſerem Dach— für die nächſte Zeit wenig⸗ ſtens,“ ſetzte ſie raſch hinzu—„denn mit Gottes Beiſtand hoff' ich ſoll es nicht das letzte Mal geweſen ſein— und— und meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehſt— wo Du weilſt— was Du thuſt—— er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!“ Georg beugte ſich unwillkürlich dem ernſten heiligen Wort — ſeine ganze Geſtalt zitterte dabei, und die Mutter mußte ſich endlich mit freundlicher Gewalt aus ſeinen Armen win⸗ den; dann aber floh ſie auch haſtigen Schrittes aus dem Zim⸗ mer, ſich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich aus⸗ zuweinen. Die Geſchwiſter ſagten dem Bruder jetzt gute Nacht— die älteſte Schweſter Louiſe hing lange an ſeinem Hals, aber riß ſich los, den Schmerz der Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und ſagten:„Gute Nacht Georg— weck uns nicht zu ſpät morgen früh, daß wir Dir auch noch können glückliche Reiſe wünſchen.“ Georg küßte ſie herzlich und bat ſie brav und gut zu ſein, und Vater und Mutter Freude— viel Freude zu machen, denn er ſelber ginge nun fort, und die Eltern würden deshalb recht traurig ſein. „Gute Nacht Georg,“ ſagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer ver⸗ laſſen hatten,„habe keine Angſt daß Du die Poſt morgen ver⸗ ſchläfſt, ich wache ſchon auf zur rechten Zeit— gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht ſelber wieder an, und mach' mir das Herz nicht ſchwer vor der Zeit— aber Georg, um Gottes Willen was iſt Dir?— ſei ein Mann— Nun ja— ſo lange die Frauen da waren hat es mir auch das Herz faſt abgedrückt— man darf es ſie ja nicht ſo merken laſſen, ſonſt zerfließen ſie ganz—“ „Mein lieber— lieber Vater,“ ſchluchzte Georg an ſei⸗ nem Halſe.“ „Mein guter, guter Sohn!“ flüſterte der Paſtor, des Kindes Stirne küſſend, und jetzt ſelber im Innerſten er⸗ griffen und bewegt—„bleibe brav— bleibe ſo brav wie Du biſt— ich kann Dir nichts Beſſeres wünſchen— trage Gott im Herzen und Dich ſelbſt, und— Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir folgt auf allen Deinen Wegen.“ „Mein Vater!“ „So mein Sohn— jetzt gute Nacht und bete zu Deinem 1 Schöpfer daß er uns morgen in der ſchweren Abſchiedsſtunde ſtärkt— gute Nacht mein Georg— gute Nacht.“ Leiſe machte er ſich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und verließ dann raſch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf dem Stuhle ſitzen wo ihn der Vater verlaſſen, das Geſicht in ſeinen Händen bergend. „Gute Nacht,“ flüſterte er endlich leiſe und kaum hörbar, als Alles ſchon im Hauſe ſtill war, und zu Ruhe gegangen— „gute Nacht Ihr Lieben und Gott ſchütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare Trennungsſtunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht' ich Dir Vater, Dir Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es iſt vorbei— Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath ſelber liegt, ein ſchöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk“ ſetzte er feſt und entſchloſſen hinzu, und ob das Herz darüber brechen will,„durch“ iſt mein Wahl⸗ ſpruch jetzt, durch Nacht zum Licht— durch!“ Und mit den, feſt zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zäh⸗ nen gemurmelten Worten ſtand er auf, und ſein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab, und badete Geſicht und Nacken in kühlem Waſſer. Dann, als er die Glut die ihn durchtobte, in etwas gelöſcht, packte er den kleinen Nachtſack mit den, ſorg⸗ lich für ihn auf dem Waſchtiſch ausgebreiteten Gegenſtänden, zog ſich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröſtelten ihn die Glieder, und im Zimmer umherſchauend fiel ſein Blick auf den, unter dem Spiegel ſtehenden, für ihn ein⸗ geſchlagenen Roſenſtock. Raſch barg er ihn in der weiten Taſche ſeines Ueberrocks, öffnete dann das Fenſter, das in den Gar⸗ ten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Land⸗ ſtraße zu, und ſchwang ſich auf das Fenſterbret. „Ade!“ flüſterte er,„ade Du trautes, liebes Haus, ade— Gott halte ſeine Hand über Dir, und ſchütze die lieben Men⸗ ſchen— ade, ade.“ Und von dem Bret hinunterſpringend in den Garten, durcheilte er dieſen, ſchwang ſich leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male überklettert, und ſchritt dann langſam und traurig ſeinen einſam dunklen Weg entlang. Noch hob ſich die Sonne nicht über den öſtlichen Fichten⸗ hang, und der dämmernde Tag grüßte eben die ſchlummernde Erde, als ſich die Mutter von ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu ſagen.. Paſtor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen— die Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus böſem Traum fuhr er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurückzuſinken, daß es eben kein Traum ſei, der ihn bedrücke und quäle. Er ſtand auf, zog ſich an, und während die Mutter draußen in der Küche ſorgte, dem Sohn ein raſches Frühſtück zu be⸗ reiten, ging der Vater hin ihn zu wecken. „Georg!“ ſagte er, als er die Thuͤr öffnete, die in des Sohnes Kammer führte—„Georg— es wird Zeit— hei⸗ liger Gott!“ unterbrach er ſich aber raſch und erſchreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine Spur mehr von dem Kinde fand—„heiliger, erbarmender Gott— er iſt fort!“ Und wie er ſich auch vorgenommen ſich zu faſſen, und der Frau, dem Kind, die letzten Augenblicke nicht mehr zu er⸗ ſchweren, durch ſeine eigene Schwäche, traf ihn der Schlag doch zu hart— zu unerwartet. In dieſem Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und ſah wie der Vater ſich erſchüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg. „Mein Sohn— mein Kind!“ ſtammelte ſie, in der ſie durchzuckenden Ahnung des Geſchehenen, der ſie wie ein jäher Schlag in's Herz traf—„wo iſt— wo iſt Georg?“ Aber der Vater zog ſie an die Bruſt, und ihre Stirn, auf die ſeine heißen Thränen fielen, küſſend, flüſterte er leiſe: „Er hat uns den Schmerz des Abſchiedes ſparen wollen, Louiſe— er iſt fort!“ „Fort!“ hauchte die Frau— kaum noch den Sinn der Worte faſſend, und brach bewußtlos in den Armen des Gatten zuſammen. Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demſelben Kirchſpiel gehörend, und dicht an der Grenze des bis hier her⸗ niederlaufenden Holzes, ſtand ein kleines, ſchon halb verfallenes 249 Haus, das früher einmal von einem Forſtgehülfen des herr⸗ ſchaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrſchaftlichen Dienſten geſtanden, und dann das Metzger⸗ Handwerk getrieben; ſein wildes, liederliches Leben jedoch ließ ſein Geſchäft nicht fördern, noch vorwärts gehn. Er ſchien auch keine rechte Luſt an einer regelmäßigen Arbeit zu haben, heirathete dann, als er Alles was er ſein nannte, durchge⸗ bracht, ein Mädchen vom herrſchaftlichen Gut, das den Dienſt dort verlaſſen mußte und von dem Herrn ſelber eine Abſtands⸗ ſumme bekam, und kaufte mit dem Gelde eben das kleine un⸗ wohnliche Gebäude, das er nichtsdeſtoweniger bezog, und ſich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb er ſich in den Wirthshäuſern herum, wo er trank und ſpielte, und den ſchlimmſten Ruf im Lande hatte, den ein Menſch haben kann, ohne daß jedoch die Polizei den mindeſten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die ordent⸗ 6 lichen Leute zogen ſich von ihm zurück; Niemand mochte Um⸗ gang mit ihm oder ſeinem Weibe haben, und auf dem Weg N zu ſeinem Hauſe wuchs Gras; wen dort nicht ein beſonderes Geſchäft hinführte, betrat ihn nimmer. So hatte der„ſchwarze Steffen,“ wie er im Lande ſeines dunklen Haares und Ausſehns wegen hieß, ſechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und ſein Weib ihm, außer dem Kind das ſie in die Ehe gebracht, noch drei andere geboren. In der ———— —— letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn auf, daß er ſich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlaſſe, und— wenn auch vielleicht nicht ſelber wildere, doch das Ge⸗ ſtohlene kaufe und unterbringe. Sicher iſt, daß nicht alles Fleiſch was er zu Markte führte, im Stall gemäſtet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht ſo ſehr langer Zeit, ein Forſtgehülfe, in Ausübung ſeiner Pflicht, erſchoſſen worden, wurde die Aufſicht über den ſchwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu Kragen konnte, ſo ſcharf geführt, und dieſem zuletzt ſo unerträglich, daß er ſchon ein paar Mal mit den Forſtbeamten im Wirthshaus Streit geſucht und gefunden, und ihm zuletzt von der Herr⸗ ſchaft, nach lange geübter Nachſicht, der Befehl zugeſtellt wurde, das auf den Abbruch damals erſtandene Haus, von dem übri⸗ gens kein Ziegel mehr ſein gehörte, zu räumen und abzutragen oder ſtehen zu laſſen, wie es ihm gefalle, ſeinen Wohnſitz aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom erſten des nächſten Monats an. Steffen war heute einmal ausnahmsweiſe den ganzen Tag zu Haus geblieben, und hatte manche von ſeinen Sachen, wobei ihm die Frau half, zuſammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten wenig daraufV; ſie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer mehre, manchmal ſogar acht Tage fortblieb, ehe ſie ihn wieder zu ſehen bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften ſie nie. Der Vater war übrigens mürriſcher heute als je— er — —— —— ———— 251. ſprach faſt kein Wort, trank aber oft aus der Flaſche, die zum erſten Mal offen in der Stube ſtand, und woraus ſich auch die Mutter zweimal einſchenkte, und ſich dann zu dem jüngſten Kinde ſetzte, und es auf den Schoos nahm und küßte. „Weshalb weinſt Du, Mama?“ ſagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über fünf Jahren—„hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?“ „Weil ſie eine Närrin iſt,“ brummte der Vater, der die Frage gehört hatte, und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau ſchoß—„ich dächte wir hätten nun genug darüber ge⸗ ſchwatzt und die Sache wär' abgemacht.“ „Nun ja— ich ſage ja auch kein Wort mehr dagegen,“ erwiederte die Frau—„es— es überkommt Einen nur noch manchmal ſo— nachher wird's beſſer und— es geht ja doch nun einmal nicht anders,“ ſetzte ſie ſtill und ſchwer vor ſich hinſeufzend, hinzu. Steffen entgegnete nichts weiter darauf, ſchickte aber bald darauf, unter irgend einem Vorwand, die Kinder mitſammen hinaus in den Garten, und ſagte dann, als er ſich mit der Frau allein ſah, mürriſch und finſter: „Du flennſt und flennſt, und wirſt die Bälge noch zuletzt aufmerkſam und ängſtlich machen mit Deiner Heulerei— kannſt Du ſie hier ernähren, ſo bleib da, ich habe Nichts da⸗ gegen; kannſt Du's aber nicht, dann ſei auch vernünftig und mach' jetzt keine dummen Streiche— es wär' ein Spaß, wenn ſie uns abfaßten, und Du weißt am Beſten was uns nachher bevorſtünde.“ 252 Die Frau war ſchlank und voll gewachſen, mit beſonders kleinen Händen und Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich ſchön geweſen ſein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte ſie eben etwas ge⸗ than ſich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging ſie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachläſſigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein ſchwarzes abgeſcheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene Broche mit einem unächten Turquis ſaß, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren beſcheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der„ſtolzen Jule“ zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebeſſerte Riſſe, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die ſchlecht zu dem blitzenden falſchen Schmucke paßten. Auch in den Augen ſelber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog ſich dann ein eigener feſter Zug von Trotz und Zorn. „Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder zurücklaſſe,“ ſagte ſie dann nach kleiner Weile—„wenn's mir das Herz dabei zuſammenzieht, wärſt Du ſchlimmer wie ein Thier, wollteſt Du's mir wehren. Der Wolf läßt ſeine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort—“ — L — 253 „Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch— wer giebt's uns?“ ziſchte der Mann zwiſchen den zuſammgebiſſenen Zähnen durch—„wir könnten krepiren hier im Neſt, keine Katze miaute deshalb im ganzen Kreis.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ ſagte die Frau,„und das iſt das Einzige was mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich ſpielen— den Lumpen. Und wie ſie ſchreien und ſchimpfen werden— aber ernähren müßen ſie ſie doch, davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen Dinger, die noch Nichts von der Welt wiſſen und be⸗ greifen, ſo allein zurückzulaſſen— wenn ich das Jüngſte nur mitnehmen dürfte—“ ſetzte ſie leiſe hinzu. „Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Ge⸗ wäſch,“ rief aber der Mann finſter und ärgerlich—„ich dächte das hätten wir über und genug beſprochen und überlegt, und wären einig darüber.“ „Ueberlegt gar nicht,“ ſagte aber die Frau, die Brauen feſt zuſammenziehend—„wenn ich davon anfing haſt Du mich immer grob angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber— Mutter bleibt doch Mutter, und—'s iſt immer ein häßlich unnatürlich Ding.“ „Papperlapapp!“ ſagte der Mann den Kopf herüber und hinüber werfend—„unnatürlich— natürlich iſt's allerdings nicht daß die Scheunen ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen Fäuſten zum Fenſter hinaus⸗ wirft, während wir hier trocken Brod nagen ſollen, und das nicht einmal immer kriegen— ſchöne Natürlichkeit das.“ „Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem—“ „Halt's Maul!“ brummte aber der Mann mürriſch— „ich ſollte mich wohl erwiſchen und anzeigen laſſen, daß ich jetzt im Zuchthaus ſäß und ſpänn— Gott verdamm mich, ich ſchöſſe eher die ganze Bande über den Haufen, einen nach dem anderen— biſt Du nun fertig mit Deinen Sachen?“ „Ja!“ ſagte die Frau leiſe und unwillkürlich zuſammen⸗ ſchaudernd—„es kann fort gehn.“ „Wir wollen aber doch warten bis es dunkel iſt,“ ſagte Steffen nach kleiner Pauſe;„beſſer iſt beſſer, und der Märtens unten an der Straße braucht nicht gleich zu wiſſen daß wir fortgefahren ſind, beide zuſammen, ſeine Naſe hineinzuſtecken von der Zeit; er iſt mir ſo ſchon ein paar Mal hier oben her⸗ umgekrochen, wo er Nichts zu ſuchen hatte.“ „Aber wenn ſie uns nun doch vor der Zeit vermiſſen?“ ſagte die Frau,„und unſerer Spur nachgehn; wenn's jetzt ſchlimm iſt, nachher wird's erſt bös, und wir dürften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.“ „In's Arbeitshaus, eh?— nein, eine Weile halt' ich ſie uns ſchon von den Hacken, und Gefahr daß ſie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur Eiſenbahn kommen bin ich bekannt, und habe ſchon manchmal Vieh da gekauft, wenn ſie auch eben meinen Namen nicht wiſſen, und wenn wir fortgehn, laſſe ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen Waſſerloch unter den Erlen. Sobald — —.— 255 1 Jemand hier in der Gegend vermißt wird, ſuchen ſie dort im— mer zuerſt, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht erfunden, dem iſt leicht was aufgehängt. Bis ſie eine Weile ſtromab geangelt haben, ſind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch über dem Waſſer. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Märtens gehn und Mohl holen; es iſt auch heute der gewöhnliche Tag, und hierher kommt nach⸗ her keiner ſo leicht, nimm Du indeß die Kinder vor, und in⸗ ſtruire ſie wie ſie ſich zu verhalten haben.“ Und ſeine Mitze aufgreifend ſteckte Steffen die Hände in die Taſchen, und ſchlenderte langſam den Hang hinunter dem nächſten, eine gute Viertelſtunde entfernten Hauſe zu, wäh⸗ rend die Frau die Kinder zu ſich hereinrief, das Jüngſte, ein kleines liebes Mädchen von anderthalb Jahren, auf den Schoos nahm, und ſich damit ſtill und lautlos in die Ecke ſetzte. Die Sonne neigte ſich indeſſen ihrem Untergang, und der Vater kam nach etwa einer Stunde, als es ſchon völlig dunkel geworden war zurück— die Mutter ſaß noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr eingeſchlafen war, und hielt es feſt an ſich gedrückt. „So Jule, es iſt Zeit,“ ſagte der Mann, ſeine Arbeitsjacke abwerfend und den Rock anziehend,„weiß die Albertine was ſie zu thun hat?“ Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber ſie erwiederte kein Wort, ſtand auf, küßte das Kind das ſie auf dem Arm trug, der Stube ſtand. „Albertine,“ ſagte ſie dann zu der Aelteſten, und wandte ſich von der düſter brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen geſtellt hatte, ab, daß die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Züge ſchauen ſollte—„ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort— den Karl bring ich erſt noch zu Bett— ſollten wir morgen früh nicht bei Zeiten da ſein, ſo— ſo zieh die Kinder an und gieb ihnen zu eſſen — der Brodſchrank iſt offen, und Milch ſteht unter der Diele in der Schüſſel— Du paßt mir auf daß den Kleinen Nichts paſſirt— Du— Du biſt ja ſchon ein großes Mädchen.“ „Und geht mir nicht vor die Thür morgen, bis wir nicht wieder da ſind,“ ſagte Steffen,„wie ich heut Abend drunten gehört habe, iſt hier ein toller Hund herumgelaufen. Das Beſte wird ſein Ihr haltet die Hausthür zu, daß er nicht etwa gar herein kommt.“ Die Frau hatte dabei das etwa dreijährige Mädchen das indeß gar ſchläfrig geworden war, ausgezogen und in ſein Bettchen gelegt— und der Junge, Carl, ſaß auf der Bank am Fenſter, noch auf ſein Abendbrod wartend. Aber er ſah auch erſtaunt dabei die Eltern an, die noch nie ſo ſpät Abends fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur ſelten gar ſo freundlich mit ihnen geſprochen hatten. „Was für ein Hund iſt es, Vater?“ frug er jetzt, da der und legte es in ſein Bettchen— einen Kaſten, der in der Ecke Gedanke an den tollgewordenen Hund ihn beſonders intereſſiren —— „ 5 — ——— 8 84 — 2 — 5 aA— 5 8 L* 3 A 4