—„—— ℳ) 4. PeSc S——8 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cdution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W.— V 1 W 2 W—. 3„ —— /„ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wirv beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Vlumenhagen's ſämmtliche Schriften. VII. Scheible, Rieger« Fattler. 1843. 1. 1. 5 8 P 3 . — — W. Blumenhagen's ſämmtliche Schriften. Zweite verbeſſerte Auflage in 16 Bänden mit 17 Stahlſtichen. Siebenter Pand. —— Stuttgart: Scheible, Rieger« Fattler. 18413. ——— Inhalt. Schloß Leuenrode Der Muſenſohn.. Der Poſtillon Lebensräthſel Die neue Penelope„ ——— ————————— I Schloß Leuenrode. Hiſtoriſche Novelle. —————— Blumenhagen, VII. 1 Kühle Frühlingsluft wehete lind über die hellgrü⸗ nenden Wieſen; der letzte Sonnenſtrahl warf von Weſten her ſeinen Scheideblick auf die ewig rauſchenden Wellen des Fluſſes und beſtreuete die wiederſcheinende dunkle Flut mit tauſend tanzenden Silberſternchen; dann barg ſich die Tageskönigin in den Schleier des rothglühenden Gewölks, und ſtiller ward es in den Geſträuchen und auf den Aeckern; nur eine einſame Nachtigal ſchlug noch im Birtenwäldchen neben dem friſchen, im Dornſtrauche ſorgſam verborgenen Neſte, und von der nahen Stadt her klang die Glocke des Abendgebets in langſamen ein⸗ zelnen Schlägen, und von ihrem Hauptthurme erſcholl feierlich das Abendlied der Stadtpfeifer, und die gezo⸗ genen Töne der Zinken und Poſaunen ſtimmten das Ge⸗ müth des Wanderers auf der Landſtraße und des zur Hütte kehrenden fleißigen Pflügers zur Andacht, und beide fielen leiſe ein in die Weiſe des bekannten Kirchenliedes und dankten dem Herrn der Welten für ſeinen freund⸗ lichen wohl vollendeten Tag.— Wenige Schritte vom Ufer des ſchmalen Fluſſes, der in vielfachen Beugungen und mit ſchnellem Laufe ſich durch die Wieſen ſchlängelte, ſtand ein Häuschen, unſcheinbar und armſelig, von einem düſtern moosbewachſenen Strohdache bedeckt. Drei hoch⸗ bewachſene Eſchen beſchatteten die Hütte im Sommer, trieben aber jetzt erſt hellgrüne Blätterknoſpen; von Weiden geflochtene Fiſchreuſen, die an ihren Wurzeln lagen, und das große weiße, zwiſchen ihren Stämmen ausgeſpannte Fiſchernetz verriethen den Stand und die Beſchäftigung der Bewohner dieſes geringfügigen Eigenthums. Die Thür der Hütte öffnete ſich jetzt und ein Mädchen trat heraus, deren Tracht zwar die niedere Herkunft andeutete, die ſich aber doch auf den erſten Blick vor den gewöhn⸗ lichen weiblichen Bewohnern der kalenbergiſchen Gaue auszeichnete. Die Geſtalt war faſt männlichgroß und ſchlank, doch die nackten Arme, Hals und Bruſt kräftig und mit jugendlichweiblicher Fülle begabt; das Oval des Geſichts trug die Röthe der Geſundheit auf vollen Wan⸗ gen, angenehme Züge ohne blendende Schönheit, den Charakter kindlichen Freimuths im runden, hellblauen Auge, aber zugleich darin einen Strahl von Klugheit und Seelenſtärke, wie man ihn ſelten unter der arbei⸗ tenden Menſchenklaſſe deutlich im Antlitz leuchten ſieht. Der rothe Rock und das ſchwarze Mieder waren von gemeinem Wollzeuge, ſaßen aber dicht und nett, und ſchmiegten ſich verlockend um die gewölbten Hüften und den feſten Buſen, und ein ſchweres Haar, an Farbe der reifen Kaſtanie gleich, hing vom Nacken tief herab in dicken Flechten, die ein lichtblaues Band durchzog. Mit angeſtrengten Augen blickte das Mädchen unter der Thür durch die Dämmerung hin auf die Heerſtraße, die von der Stadt her nicht eben weit über dem niedern Platze der Hütte hinlief, und rückte den breitrandigen Filzhut hin und her auf dem glatten Haare in Ungeduld und ſichtlicher Beſorgniß. Dann ſchüttelte ſie den hübſchen Kopf, trat zu den Eſchen, nahm das glatte Ruder und die lange Stoßſtange vom Boden auf, und trug langſamn — 5 das Geräth zu dem niedrigen Weidengebüſch, welches die Ufer des Fluſſes bekränzte. Auch hier ſtand ſie wieder ſinnend und ſchauend eine Weile, ſchloß dann den breiten Kahn los, der ſich auf den murmelnden Wogen wiegte, knüpfte ſeine Kette nur loſe an den Pfahl, warf Stange und Ruder hinein, und ging dann mit ſchleichendem Schritt und hängendem Kopf den ſchmalen Pfad zurück, den ſie gekommen war. Plötzlich jedoch ſtarrte ihr Auge feſter in die Dämmerung hinein, ihre Geſtalt erhob ſich, ihre Glieder regten ſich mit großer Lebendigkeit, und mehr ſpringend als gehend flog ſie in die Schatten der Nacht hinein. Bald kam ſie zurück, lebhaft und erregt, aber nicht mehr allein, denn mit ihr war ein junger Mann in Bauerntracht, der eilig an ihrer Seite ging, aber doch ſeinen Arm um ihren Leib gelegt hatte, und deſſen inniger und traulicher Geſprächston auf ein altes und feſtgeknüpftes Verſtändniß zu deuten ſchien. Du wollteſt früher kommen, Florian, ſagte ſie, und vor der Reiſe den Abend mit mir verſchwatzen. Nun iſt die Nacht ſchon da, und ich bin faſt ärgerlich und bös auf Dich, denn wie lange wirſt Du nun bleiben können, da der Vater wieder am Zipperlein krank im Kämmer⸗ chen liegt, und nicht leiden wird, daß ich allein mit Dir am Herde ſitze? Haben Dich vielleicht die ſchönen Muh⸗ men wieder feſtgehalten beim Abſchiedsmahle? Es iſt ge⸗ wißlich nicht recht, daß Du Deinem Mädchen die Sorgen noch ſchwerer machſt, mit welchen der Herrgott ſie ohne⸗ dies genugſam belud.— Kind, antwortete der Mann mit recht ehrlichem Tone, ſei nicht unwirſch ohne Noth. Konnte denn ich dafür, daß der Herr von Hagen mich volle zwei Glockenſtunden warten ließ im Thurm des Leinethors, ehe er von dem Schloſſe herunter kam mit dem geheimen Brieflein? Glaube mir, ich habe dieſen weißen Botenſtab oft genug auf das Steinpflaſter geſtoßen in Ungeduld, und ſeine Stärke an den alten Mauerpfeilern ſchlagend erprobt; und was ſoll ich thun, wenn Du eiferſt und mir kein Vertrauen ſchenkſt? Ich habe von früh bis ſpät meine Arbeit und Mühen in ſchweren Rathsdienſten, und nicht Zeit, nach andern Weibſen zu gaffen, ſondern bin frohherzig, kömmt mir nur je zuweilen ein ſtiller Augenblick, wo ich auf der Steinbank am Stadthauſe ſitzen und an mein Febronichen denken darf. Aber Du biſt hier draußen frei wie Vogel und Wild; jeder Reiter und Fußgänger, der die Straße paſſirt, ſieht Dich ſchaffen im Hof oder ſitzen mit Angel und Netz am Waſſer; jeder darf gaſtlich einſprechen in Dein Häuslein, das kein Wall umgibt, kein Thor ver⸗ ſperrt, und ſich den friſchen Trunk von der friſchern Jung⸗ frau erbitten. Und ſeit der Vater nun gar ſo oft am Gliederreißen darniederliegt, wird mir weh und bang, wenn ich an Deine Einſamkeit denke; und könnte ich nur, ich nähme Dich lieber in nächſter Mitternacht mit mir, und wechſelte ohne Sang und Klang die Ringe mit Dir in der Kirche zum heiligen Kreuz, als daß ich dieſe Pein um Dich länger trüge in Bruſt und Kopf.— Närriſcher Menſch, entgegnete die Dirne, die Hand traulich auf ſeine Schulter legend, liegt's doch nur an Dir, daß die Pein kein Ende hat. Soll ich's glauben, daß ſie ſo arg iſt, warum ziehſt Du denn nicht das ſteife Stadtwamms aus, nimmſt den leinenen Kittel, bleibſt hier draußen bei uns und treibſt mit dem Vater die ehrliche freie Hantirung? Ihm wär's recht, und mir noch mehr, denn gar lange kann's noch dauern, bis Du den verſprochenen Thorwartdienſt bekömmſt. Großer Herren Wort ſoll auf dem Winde fahren, ſprechen die Leute.— Das verſtehſt Du nicht, mein Herzlieb! ſagte Florian mit Wichtigkeit. Sitzet es ſich denn nicht beſſer in einem Steinhaus als in dieſem Hütichen, deſſen Spalten Wind und Regen einlaſſen? Und ſchläft ſich's nicht beſſer im Daunenbett als auf der Streu, mit kurzem Wollmantel halb zugedeckt? Nein, ich muß mein Weibchen als eine ſtattliche Bürgerfrau zur Kirche wandeln ſehen in der Sammthaube und dem ſchwarzen Faltenrock; ſie muß mir das duftige Fleiſchgericht Sonntags in der feinen Schüſſel von blankem Zinn auf den Tiſch tragen. Du ſelbſt müßteſt ja an meiner Liebe zweifeln, wenn ich ſolche Ausſicht aufgäbe ohne Noth; denn wer ſo recht von Herzen liebt, wem ſeines Mädchens Glück mehr gilt als ſein eigenes, der ſcheuet nicht Sorge und Arbeit, ſie ſo hoch zu ſtellen als er kann und es ihm Gottes Wille erlaubt, und labt ſich ſelbſt am Wermuthstrank Geduld, bis ihn Hoffnung und Zuverſicht zu ſüßem Weine um⸗ wandelt. Der Ritter von Hagen und der Proconſul Lüdeke ſind geſtrenge, aber gottesfürchtige und recht⸗ ſchaffene Herren; ihr Wort iſt einem Eide gleich, und die gefährlichen und getreuen Dienſte, die ich ihnen in letzter Zeit geleiſtet, machen mich des Lohnes gewiß. Auch liegt ſchon ein blanker Sparpfennig für mein Febro⸗ nichen im tiefſten Winkel der Truhe bereit, lauter ſchwere Silbergroſchen; und wenn Dein Vater nicht ſo ein Eiſenkopf wäre, könntet ihr immer zu mir in die Stadt ziehen, ehe die ſchwere Kriegszeit euch hier außen noch Moleſtie brächte. O Febronia, ſetzte er ſeufzend hinzu, ſchon lange träume ich Nachts ſchwer und gräßlich, und wenn ich dann in Angſtſchweiß erwache, ſo bete ich recht inbrünſtig, daß der Himmel den Frieden ſchicke, oder wenigſtens Deinem Häuschen einen Engel mit dem Flam⸗ menſchwert zutheile, der Dich bewache, wenn die wüſten Kriegsrotten hier vorüberziehen.— Zage nicht, Du guter Menſch! antwortete die Fiſche⸗ rin recht herzlich auf ſeine warme Rede: die Armuth ſchützt uns; die Reiſigen ſuchen Gold und Schmuck und keine Fiſchgräten; ihre Habſucht macht ihnen mein Häus⸗ chen unſichtbar. Aber ſchweige und weile etwas weni⸗ ges, damit ich drinnen zuſchaue, ob der Vater uns ſchon gehört.— Sie drückte ihm die Hand und ſchlüpfte in die nie⸗ dere Thür; doch bald kam ſie zurück und leitete ihn vorſichtig hinein, und ſie ſetzten ſich am Herde nieder, auf dem ein kleines Feuer loderte, und auf deſſen Rand ſie die angezündete Lampe geſtellt hatte. Vater iſt über ſeiner Pein eingeſchlafen, flüſterte ſie, und nun erzäble, was in der Stadt geſchieht, und von den gefährlichen Dienſten, die Du treibſt. Es ſind vier Tage, daß Du nicht herauskameſt, und hätteſt Du heute früh durch die Milchfrau nicht Botſchaft geſchickt, wäre ich morgen mit dem Fiſchkorbe vor Dein Haus gekommen und hätte ſelbſt nachge⸗ fragt, ob der Florian noch nach der Febronia fragte.— Sie nahm bei dem Geſchwätz ein halb vollendet Fi⸗ ſchernetz zur Hand, ſteckte die weißen Stäbchen in die Maſchen, und fing emſig an mit flinken Fingern die Knoten und Ringel zu vervielfältigen. Der Stadtdiener aber ſchob ſeinen Schemel dichter zu ihr hin, ſo daß ſeine Knie die des Mädchens berührten, ſah ihr freund⸗ lich in das blühende Geſicht, und machte ſich bereit, ihre Wünſche zu erfüllen.— Koſen ſollten wir und nicht erzählen, ſprach er mit — ———— *— ——————————4— „ ——— . gedämpfter Stimme; denn was kümmern uns die Hän⸗ del der Fürnehmen und Gewaltigen? Fern von einander ſchleicht die Zeit wie die ſchwarze Schnecke im Buch⸗ walde, bei einander läuft ſo ein Halbſtündchen ſchnell wie ein Taubenhabicht um den Hausgiebel ſchießt. Es iſt eine ſchwere Zeit, und darum ſpricht Jedermann nur von dem, was außen geſchieht, und vergißt, was im Hauſe Noth thut. Hängt doch an dem Morgen velleicht des Bürgers ganzes Glück, und Niemanden kann man die ängſtliche Neugier darum verdenken. Schon erzählte ich Dir von dem Streite der ſächſiſchen Prinzen und des Braunſchweiger Herrn um das Lüneburger Land, das erblos geworden ſeit des alten Herrn Wilhelms Tode. Der Magnus ward von ſeinem ſeligen Herrn Vetter zum Erben eingeſetzt; die ſächſiſchen aber ſind Herrn Wilhelms Töchter⸗ kinder, darum von Gottes und Rechts wegen die ächten Erben, und des Kaiſers Majeſtät iſt auf ihrer Seite und hat den Herzog Magnus zur Ruhe verwieſen, und als er nicht Frieden hielt, die Reichsacht auf ihn geworfen. Aber was hilft ſo ein Kaiſerwort, wenn nicht die Hand mit dem Eiſenſtabe dabei iſt! Unſer hoher Rath verſteht ſo ein Ding beſſer, wenn er einem Stadtſchuldner die Pfändung zuerkennt. Deh Magnus macht ſich deßhalb auch nichts daraus, und ſein Eigenſinn hat den Krieg in das Land gezogen, zu dem leider auch unſere gute Stadt gehört.— Aber ich meinte doch, die da aus dem Heidenlande, die Mecklenburger, hätten ihn zu Paaren getrieben, fiel das horchende Mädchen ein; der Mordmüller erzählte es dem Vater, und ihm hatte es der Schmied aus Patten⸗ ſen für gewiß verſichert.— Was hilft ſo eine Schlägerei! ſeufzte Florian. In 10 der Getödteten Wamms ſteckt man einen neuen Söldner, die Gefangenen werden ausgelöſet, wozu der Bürger ſeine Sparbüchſe geben muß, und von vorn an geht der Tanz. Böſe Hunde haben zerriſſene Felle, aber ſie beißen nach jedem Riß ſchärfer. So zieht der wüſte Herr, der Magnus, im Lande herum und tyranniſirt und brand⸗ ſchatzt die eigenen Städte. Fürſten und Rathsmänner wurden ihm abhold; ſein eigener Schwager, der von Schaumburg, der die Mechtild, des Bruders Ludwig Wittwe, freiete, iſt auf der Sachſen Seite getreten, und der junge Albrecht und ſein Ohm, der Wenzeslaw, ſind mit vielen Kriegshaufen hereingerückt, ihm das Garaus zu ſpielen, und die geiſtlichen Herren nennen ihn nur die Ruthe Gottes. Aber wer will die Ruthe brechen? Er iſt bei aller Wildheit klug genug, mit ſei⸗ nen Reitern heute hier und morgen da, überall und nirgends. Bei Dinklar ward er zu nichts gemacht, an der Elbe gepeitſcht; aber eine Woche ſpäter ſtand er wieder vor einem Haufen Wildfänge, die von der Fauſt leben, und das Volk glaubt, er ſei ein Bündner des Böſen, und die in ſeinem Dienſt getödtet, ſtänden Ta⸗ ges nachher wieder lebendig in ihrer Heimath auf. Seit dreien Tagen iſt er ſchon eingerückt auf Schloß Leuen⸗ rode zum Schrecken der Stadt, und hält da Hof, als wärs mitten in Friedenszeit, denn ſein Gemahl, ein ſtattliches Weibſen, muß immer bei ihm ſein, man ſagt aus Eiferſucht; denn ſo ein wild Gemüth, das ſich nichts Gutes bewußt iſt, trauet auch Andern nur Böſes zu.— Der Herzog oben auf dem Berge? fiel Febronia er⸗ ſchrocken ein. Darum ſtreiften dieſe Tage ſo viele im blanken Harniſch auf der Straße hin und her, daß die Sonnenſtrahlen von ihren Stahlbrüſten zurückfunkelten 11 bis hier herunter. Aber was will der riegsluſtige, ſtrrit⸗ ſüchtige Herr denn bei euch?— Was er will, Närrchen? entgegnete Florian achſel⸗ zuckend. Gerade das, was die Meiſten von denen wollen, die ſolche begierige Raubthiere im Wappen führen: Gold will er von der Kämmerei, Anleihe, Vorſchuß, Subſidien, wie die ſaubern Worte ohne Kredit lauten, um neue Rüſtungen zu bezahlen. Das Schloß hat er viſitirt, die Zwingburg, die uns Allen ein Dorn im Auge iſt, und in deren Verließ mancher Ehrenmann ſchmachtet, weil er ein Wort der Wahrheit zu laut ge⸗ ſprochen. Alle Wälle hat er höher werfen laſſen; auch die Stadt hat Wurfmaſchinen hinauf liefern müſſen, und alle Burgmänner, die zu Lehn ſitzen, Ritter, Müller und Köthner haben tagelang mit Wagen und Pferd runde Wurfkieſel vom Ufer der Himena hinauffahren müſſen, die Mauerkäſten zu füllen; den Herrn Statius von Be⸗ volte hat er entlaſſen, weil er ihm noch viel zu gütig war gegen Mannen und Volk, und ſtatt ſeiner iſt der von Salder mit der Kruck, der hartherzigſte und grim⸗ migſte ſeiner Oberſten, Kaſtellan und Burgcommandant geworden. Wenn man dem alten ziegenbärtigen Kriegs⸗ knecht nur ein Mal in die kleinen Funkelaugen ſieht, ſo träumt man acht Nächte hindurch von nichts als Mord und Brand und allen übrigen Lebensnöthen.— Febronia ließ ihr Netz auf die Knie ſinken und fragte mit erſchrockenem und kurzem Athem: Und Du ſprachſt von gefährlichen Dienſten und gehſt zur Nachtzeit botweiſe? Alſo ſicher nicht im Vertrauen des gewaltigen Herrn auf dem Schloß?— Der Stadtdiener ſtreichelte ihr die erblichene Wange. Deine Liebe ſchauet aus der Furcht mich an, und das erfreuet mich gar ſehr, ſagte er lächelnd. Haben die Löwen auch ſcharfe Klauen, der Fuchs weiß ſeine Wege zu finden und ſie blind zu machen. Wir vom hohen Rath können wenig Gefallen an dem Unfuge im Lande finden, und auf des Kaiſers Spruch geſtützt, ſtellen wir uns zu der gerechten Sache, und helfen nach unſerer Weiſe klüglich, um der drückenden Fehde ein Ende zu machen. Als ich vor vier Wochen auf ſechs Tage von Dir ſchied, ging mein Weg nach der Stadt Lüneburg, und was der wackere Herr Conſul dort, van der Molen nennt ſich der anſehnliche Mann, bei Leſung meines Schreibens von ſich ſtieß, ließ mich den Inhalt errathen. Die Städte haben gemeine Sache gemacht und wollen ſächſiſch werden, ſobald ſie nur die rechte Zeit treffen können. Mein zweiter Botenweg war zu den ſächſiſchen Herzögen, die an der Luhe ſtehen mit einem ſtattlichen Heer, und heute trage ich einen Brief ins Biſchofsland nach Stadt Elze, wo einer der Ritter des Schaumbur⸗ gers wartet, ihn mir abzunehmen. Unſer Herr von Hagen ging vor der Sendung des Briefes noch nach Leuenrode hinauf. Vorgeſtern mußte ich ſelbſt ihn hin⸗ geleiten; und da ich meine, mir ſei die Naſe im Raths⸗ dienſt fein genug geworden, ſo möchte ich darauf ſchwö⸗ ren, die Frau Herzogin ſei auf unſerer Seite und wiſſe um meine Poſt, denn ſie tauſchte hinter dem Rücken der „Andern gar beſondere Blicke mit dem Herrn von Hagen vaus. Weil des Magnus Reiter aber jetzt bis nach Pattenſen hinaufſtreifen zur Vorwacht, ſo ließ ich Dir ſagen durch die Milchfrau, Deinen Kahn bereit zu hal⸗ ten, denn am andern Leinufer ſucht mich Niemand, und die biſchöfliche Mark iſt dort ſchneller erreicht.— Und wenn man Dich doch erwiſchte und fände die 13 gefährlichen Briefſchaften bei Dir? Ach! dieſe blutge⸗ wohnten Bartmänner machten nicht mehr Federleſen mit ſo einem bürgerlichen Leben, als wir mit einem gefan⸗ genen Hecht. Armer Florian, an die nächſte Weide hin⸗ gen ſie Dich, und Dein Mädchen könnte dann das Ende der Pein im gelben Waſſer ſuchen! klagte ſie.— Sorge nicht, lächelte triumphirend der junge Mann, indem er ſeinen Fuß mit dem derben Schuh auf den Herdrand ſetzte; unter dem doppelten Leder da ſucht kein Soldat verſiegelte Pergamentblätter; und faßte mich ſo eine Kriegsgurgel, iſt der verſchwiegene Schuh leicht ab⸗ geſchleudert in einen Graben oder Strauchwerk am Wege, und dem leeren Boten kann Niemand ſeine geheime Ge⸗ ſandtſchaft anſehen.— Eine gewaltige Fauſt ſchlug jetzt mehre Male an die Hüttenthür, und das ſichere Paar fiel ſich im Schreck in die Arme, und wäre bald von dem Schemel herab auf den Fußboden geſtürzt. Hollah! Mühmchen, ſeid Ihr ſchon mit den Hühnern zu Bett gegangen? tönte eine dumpfe Baßſtimme. Halloh! Aufgemacht!— Mäuschenſtill! Um Gott! flüſterte athemlos das Fi⸗ ſchermädchen. Es iſt der tolle Vetter Rothger von der Burg. Der klopft nicht um tauber Nüſſe willen ſo ſpät. — Zu einem Winkel am Herd riß ſie den Geliebten, zwang ihn, ſich niederzulegen und bedeckten ihn mit meh⸗ ren Bunden Stroh, die, eben vom Boden geworfen, noch auf dem Vorplatz lagen, der Kuh zum Lager be⸗ ſtimmt. Dann nahm ſie raſch das Lämpchen, ging in die Kammer und rief von dorther mit mürriſchem Tone dem ſpäten ungebetenen Gaſt und Störer zu. Nun, mach' nur auf, Bronichen, antwortete der Nacht⸗ wandler außen; ſind gute Freunde, und bringen Dir weder den rothen Hahn auf's Dach, noch einen Habicht in Dein züchtig Taubenhaus.— Iſt Er es, Vetter? entgegnete, allen Muth zuſam⸗ mennehmend die Dirne, und öffnete das Pförtchen, und mit gebücktem Haupte ſchritt der lange breitſchulterige Rottmeiſter in Helm und Küraß herein, und ihm nach trat ein ſchmucker junger Geſell im gemsledernen Koller, großem Federhute und mit einer glänzenden Goldkette auf der Bruſt geziert.— Nimm's nicht ungut, Mühmlein, brummte mit widri⸗ ger Freundlichkeit der Erſte, daß wir ſo ſpät Quartier nehmen. Soll auch nicht lange dauern, wollen nur die Fäuſte wärmen an Deinem Herde und die Gurgel laben an einem Becher Meth, den Vetter Siebert vorräthig zu haben pflegt. Die Nacht iſt kalt, und mein Junkerchen da iſt das Patroullereiten noch nicht ſo recht gewohnt. Wir ſahen von der Straße her Dein Lichtchen ſchimmern, und da vertröſtete ich ihn auf ein Stärkungsſtündchen, damit ich den edeln Herrn geſund nach Haus brächte, in⸗ dem der Dienſt uns die Heimkehr vor dem Frühlicht nicht erlauben möchte.— Das Mädchen ſtarrte großäugig den Gefährten des Rottmeiſters an, indeß dieſer das breite Schwert auf den Lehmboden niederraſſeln ließ und zum Feuer trat. Ihr, Herr Junker Valko, fragte ſie ſcheu zurücktre⸗ tend, Ihr kommt zur Nacht von der Burg und aus dem warmen Stübchen herunter?— Ja, mein Dirnchen, lachte laut der Panzermann am Herde, indem er ſich den langen Schnauzbart glatt ſtrich, das Junkerleben iſt nun vorbei da oben, ſeit der ächte Kriegesfürſt einritt. Tanz und Brettſpiel und Kareſſiren hat ein Ende und macht ehrenwerthern Verluſtirungen — Flatz. Wer auch nur einen Pflaum am Kinn trägt, muß in den Sattel, und mein Herr von Lothe iſt nicht der Letzte geweſen, wird ſeinem Fechtmeiſter Ehre machen, und ſich die ſilbernen Sporen verdienen. Aber ſchaffe das Getränk, damit meinem Junkerchen die Stimme aufthauet; ſiehſt Du nicht, wie er Dich mit durſtigen Augen anglotzt, und ſeine betrübte Miene Deine Faul⸗ heit ſchilt?— Der Junker erwachte ſchnell aus ſeinem ſinnigen An⸗ ſchauen. Nicht doch, Rothger, fiel er dem Lacher in das Wort; ſchieb Deinen nie geſättigten Durſt nicht mir in die Kehle. Ich ſtaunte nur Dein Mühmchen an, wie täglich mehr ihre Schöne aufbricht, gleich den Lindenknoſpen im Schloß⸗ hofe. Hat man ſie eine lange Woche nicht geſehen, iſt ihr Anblick neu und überraſchend, als ſchauete man ſie zum erſten Male. Um mich braucht die ſchöne Magd ſich nicht mehr zu mühen, mich hat der eine Blick ſattlich erquickt, und ich könnte nun wohlgemuth die ganze Nacht reiten durch Feld und Wald.— Galant, als wenn Ihr zu einem Fräulein ſprächet im Fackeltanze, entgegnete der Rottmeiſter. Aber Ihr ſehet, unſer Bronichen verſteht ſolch Hochdeutſch nicht, und iſt verſchwunden, das leiblichere und beſſere Labſal zu holen. Habt Acht, Junkerchen, und waget Euch nicht an die; ſie hat härtere Hände als die ſchmachtenden Bür⸗ germädel, und ſelbſt die Weibsbilder in unſerer Familie ſind derber Natur und ſetzen ein Halbdutzend Eurer aus dem Sattel, ehe Ihr auch nur ein Buſentuch oder einen Strumpfbandsfetzen davon getragen. Er wollte ſich bei dieſem Spottſpruch gemächlich auf den Strohhaufen niederlegen, aber Febronia trat ſchnell⸗ 16 füßig mit Krug und Becher dazwiſchen, und ſchob ihn vor ſich zum Herde zurück.— Da iſt der Trank, ſagte ſie haſtig, und hier ſind die Schemel. Gäſte auf die Streu zu ſetzen, würde ſich nicht ſchicken, und uns vor dem Junker keine Ehre bringen. Flink ſchenkte ſie dann ein, kredenzte und ſetzte ſich ſel⸗ ber dann auf das Stroh, das unvollendete Netz wieder zu Händen nehmend.— Hört Ihr's, wie ſie das Commandiren verſteht? lachte der Rottmeiſter. Wäre ich dem Hexenmädel nicht als Mutterbruder zu nahe verwandt, und litte es der Pabſt zu Rom, weiß Gott, ich nähme ſie flott weg; und hätte ichs Zipperlein vom Nachtmarſch, oder wäre mir einmal das Eimbecker Gebräu zu Kopfe geſtiegen, zöge ſie mei⸗ nen Küraß an und führte die Reiter in die Stechbahn. Solche Weibſen ſind rar zur Zeit.— Laſſet doch die Narretei, fiel ihm das Mädchen in das Wort. Erzählt mir lieber einen Schwank von Eurem Herzog. Iſt der denn wirklich ſo ein Knecht Ruprecht, vor dem die Jungfrauen laufen und der die Kinder frißt? Und iſt's wahr, daß er noch den Strick um den Hals trägt, woran ihn der eigene Vater einſtmals wollte henken laſſen 2— Tolle Mähr! murrte Rothger. Freilich iſt er ein Plagegeiſt für alle Schmarotzer und rebelliſchen Faul⸗ pelze im Lande, wie ſie das Peſthaus der Städte groß zieht, und darum haſſen ihn die Nachtmützen, die er von der Bratenſchüſſel und von der Bärenhaut auf⸗ ſtachelt.— Der Junker trat lächelnd vor das Mädchen hin und ſtreichelte mit ſeiner weichen Hand ihr Seidenhaar. Ihr ſolltet ihn nur ſehen, ſchönes Kind, ſagte er ſchmeichelnd, 17 Euer Herzchen würde hoch klopfen, denn er iſt der ſtatt⸗ lichſte Mann in den braunſchweigiſchen Gauen. Wie er vor mir ſtand auf dem Walle von Leuenrode in ſeinem Eiſenkleide, ſchämte ich mich, daß der zu ſorgſame Vater den Sohn nicht früher in das Soldatenwamms geſteckt. Und was den albernen Strick betrifft, ſo trägt er frei⸗ lich eine Silberkette am Halſe, gerade wie ein Seil vom Meiſter Goldſchmied künſtlich gedrehet; und man erzählt eine Mähr: der alte Herzog Magnus habe ihm einſtens ſagen laſſen, wenn er ſeine Aufführung nicht ändere, und nach wie vor die Unterthanen turbire, würde er ihn henken laſſen und künftig den Strick dazu überall in der Taſche mitnehmen. Da habe der junge Magnus ſich denn dieſen Silberſtrick drehen laſſen und die kecke Ant⸗ wort zurückgeſandt: Der Vater möge die Mübe ſparen; wolle er ihn henken, ſo ſolle es geſchehen mit ſilbernem Hanf, denn er ſei ja ein Herzogsſohn. Der Strick läge ſchon am Hals; doch möchte der alte Herr an das Nürnberger Geſetz denken, die Keinen henkten, ſie hätten ihn denn zuvor.— Das war doch nicht geredet, wie Sohn zum Vater ſoll, entgegnete kopfſchüttelnd Febronia. Und von Got⸗ tesfurcht und Zucht muß nicht viel in ihm ſein; und es iſt wohl zu glauben, daß die alten Herzöge, der Vater und der Herr Wilhelm zu Lüneburg, aus Gram über ſeinen Muthwillen und ſäubere Regentſchaft in einem Jahr verſtorben ſind.— Man ſpricht ſo und ich glaub's faſt, antwortete⸗der Junker Volko. Zwiſchen den breiten zuſammengezogenen Augbraunen, im ſcheuwilden Blicke und der ſteten Un⸗ ruhe, die ihn zu peinigen ſcheint, lebt ſo etwas vom böſen Gewiſſen.— Blumenhagen. VII. 2 18 Pfui, Junker! fiel der Rottmeiſter ein. Schwatzt Ihr auch noch der Amme nach? Weſſen Brod ich eſſe, deſſen Lied ich ſinge, iſt ein treudeutſches Wort. Laßt mich ſo etwas nicht zweimal hören. Aber, Mädel, da meine Gurgel jetzt genugſam gefeuchtet iſt, ſo laß mich auch einmal mit Dir ein Examen halten, und for⸗ ſchen, ob Du das Antworten ſo fein wie das Fragen verſtehſt. Iſt heute im Schlummerlicht nichts paſſirt in der Nähe? Haſt Du, als Du die Aalſchnuren warfſt und die Körbe in den Fluß ſenkteſt, nichts von verdäch⸗ tigem Geſindel vorbeiſchleichen geſehen?— Bettler ziehen oben der Straße nach, antwortete das Fiſchermädchen aufhorchend, und Vagabunden und Gauner reiſen Nachts, wenn ich längſt die Thür ge⸗ ſchloſſen halte. Was meint Er denn eigentlich damit, und warum iſt Er denn eigentlich noch ſo ſpät auf den Stiefeln?— Fiſchen gehen wir, entgegnete der Rottmeiſter mit einem Zuge von grimmigem Hohn im Geſichte; und wenn Du uns das Retz ſtellen hülfeſt und den Köder würfeſt, könnteſt Du eine Mark Silber verdienen; denn der Herzog iſt ſplendid, wenn es gilt, und an dem Gold⸗ hecht, dem wir aufpaſſen, ſcheint ihm gar beſonders ge⸗ legen. Auch iſt's kein Bettelmann oder Strauchdieb, ſondern einer von den fettwanſtigen Burſchen, die vor dem Stadthauſe ſich in der Sonne braten und am un⸗ bezahlten Biere mäſten, ſo ein Fant, der hochmüthig thut mit dem blauen Wamms und der grasgrünen Schärpe. Er iſt uns wohl beſchrieben, und fangen wir den Spion und heimlichen Briefträger, ſoll ihm der Botenlohn nicht ausbleiben. In der Stadt hat der Herr auch noch ſeine treuen Anhänger, und die haben ehrlich 19 verrathen, daß der ſaubere Vogel heute oder morgen wiederum ausfliegen würde; ich ſelbſt habe das aus den Dummelköpfen herausgepreßt bei einem guten Trunk im Moſthauſe, und möchte nun auch gern das Handgeld vor Andern verdienen. Aber ſchon eine Stunde reiten wir zwiſchen Schloß und Mordmühle, und halten alle Schluchten beſetzt, doch der blaue Hecht will nicht kom⸗ men.— Das Blut ſchwoll hoch auf in Febroniens Herzen, und ſie fühlte am Zucken im Stroh unter ſich, daß auch dem Geliebten die Rede durch die Glieder gefahren. Sich zuſammennehmend, verneinte ſie jedoch, irgend ei⸗ nen Wandersmann auf dem Fußpfade der freien Wiſch geſehen zu haben, und forderte den Ohm auf, zum Va⸗ ter hineinzugehen, denn ſie höre ihn wach, und er habe gewiß des Vettermannes Stimme erkannt.— Kaum verſchwand der Kriegsknecht in der Kammer⸗ thür, ſo ward der Junker mit Einemmal gar rührig, ſtreckte beide Hände nach dem Mädchen aus und machte Anſtalt, neben ihr auf dem Strohbett Platz zu nehmen. Zu rechter Zeit aufſpringend, hinderte ihn Febronia und eilte zum Herde, die düſter brennende Lampe auf⸗ zufriſchen. Der Junker folgte ihr und legte dreiſt ſeinen Arm um ihren üppigen Wuchs. Warum fliehſt Du mich, trautes Mädchen? ſagte er zärtlich. Warum auch jetzt, da wir endlich einmal allein ſind, und Du doch weißt, wie lange und herzinniglich ich Dir zugethan bin? War es nicht Pein genug, wenn ich zu euch kam ſo oft an den Fluß und Deiner Angel nachſah, daß der ſtrenge Vater nicht ging und wich 2 Und wie lange ſchon kamſt Du nicht mehr auf das Schloß mit Deinem Fiſchkäſtchen? Dachte ich doch, Dein —5 freundlich Auge hätte mir eine liebe Neigung geſtanden und Du ſehnteſt Dich, wie ich, nach einem einſamen Stündlein?— Ueberraſcht und mit unwilligem Geſichte blickte ihn das Mädchen an und machte ſeinen Arm los von ihrer Hüfte. Träumt Ihr, Junkerchen? fragte ſie ſpöttiſch. Sah ich freundlich aus, ſo geſchah's doch ſicher nur aus Verluſtirung an Eurem närriſchen Geſchwätz von Mond⸗ ſchein und Minneluſt. Freiet um mich; der Weg zum Vater ſteht jedem Ehrlichen offen; und wollt Ihr mich wirklich zur Edeldame machen, ſo beſinne ich mich viel⸗ leicht nicht lange, denn Sammtkleid und Spitzenkragen würden mir gut ſtehen, und dergleichen wird nicht täg⸗ lich einer niedern Magd geboten.— Schelmin! erwiderte der Junker Volko, Du weiſeſt mich mit dem Scherz nicht ab. Dein Einwurf paßt nicht zu Deiner Klugheit, Der alte Fiſchmeiſter iſt ge⸗ ſtorben am Judenteich; biſt Du mir gut, ſo bekömmt Dein Vater den einträglichen Dienſt; ja willſt Du mehr, ſetze ich euch auf mein Gut zu Nordgoltern; aller Ar⸗ beit ſollſt Du dort quitt ſein, und nichts zu thun haben, als an mich zu denken und mich lieb zu haben. Mein Väterchen ſchlägt dem einzigen Erbträger nichts ab, wenn ich bitten will. Schlag' ein, Mädel! Ich ſah keine Jung⸗ frau in Stadt und Land, die ſchön genug wäre, Dir das Waſſer zu reichen. Mach' dieſe Stunde zu meiner Glücksnacht, denn ich laſſe nicht ab von Dir, und ſollte vich ein Raubritter werden Deinetwegen. Und einen Kuß muß ich als Aufgeld haben, wenn Du ſchweigſt, und will in ihm ſchon ſchmecken, wie mein Antrag Deinem Herzchen zuſagt.— Gewaltſam umfing er die Dirne, die ihre Körper⸗ 21 ſtärke nicht in ganzem Maße anzuwenden wagte, weil die Furcht um den Geliebten ſie betäubte. Da ſie aber das Stroh raſcheln hörte, warf ſie den Edelknecht doch zur Seite, ſo daß ſein begieriger Mund nur ihren Na⸗ cken traf, und zur Pforte eilend, rief ſie mit Haſt: Seid Ihr denn taub, und hört nicht, wie man Lärm bläſet draußen vom Felde her?— Und nicht Vorwand war das Wort; ihr geübtes Ohr hatte zu rechter Zeit das Kriegsſignal vernommen. Schon ſteckte der Knecht, welcher vor der Hütte die Pferde hielt, den Kopf in die Thürſpalte und ſchrie: Rottmeiſter, in den Sattel! der Rainer ſtößt ins Horn über dem Alten⸗ ſchen Grenzpfahle!— Und auch der ſchwarzbärtige Roth⸗ ger ſtolperte aus der Kammer herein. Vivat! brüllte er. Gewiß haben ſie den Hallunken, und die zehn Mark find verdient. Auf, Junker! daß wir Eurem Vater die Freude machen, Euren erſten Streifzug mit des Herzogs Gunſt gekrönt zu ſehen. Valet, Mühmchen! Haben wir ihn, ſo ſchenke ich Dir für Deinen Trunk einen Harz⸗ gülden zu einem Feſtbändlein.— Alle ſtürmten jetzt hinaus, und Febronia folgte und horchte, bis ihre Schatten über den Aeckern verſchwunden waren, und man vom Geklirre ihrer Panzerketten nichts mehr vernahm; dann flog ſie zurück, riß die Streu auseinander, half dem bleichen, aber gar heißen Buhlen vom Boden auf und zog ihn im Laufe hinaus über das Gehöft zum Strom. Beide ſprangen in das Boot, und ſie löſete es, ſtieß ab und lenkte es ſchnell hinüber durch die rauſchende Flut bis zu einem Flatze, der ſich zum Landen eignete. Fort! Schnell und mit Fürſicht! flüſterte ſie, ihm einen feſten Kuß auf den kalten Mund drückend. Halte 22 Dich dicht unter den Uferweiden, und Gott ſei mit Dir.— Aber wie war denn das? fragte Florian jetzt, als er auf dem Ufer ſtand, in Sicherheit beredt werdend. Was wollte denn der alberne flaumbärtige Junker? Und was mußte ich hören von ſeinem Beſuch und Deinen freundlichen Augen?— Feſt drückte das Fiſchermädchen ihm die Hand. Treu⸗ lieb iſt nimmer weit in Freud' und Leid, geht mit mir, geht mit Dir! antwortete ſie im herzlichſten Scherztone, nickte nochmals und fuhr, kräftig gegen den Strom ar⸗ beitend, den dunkeln Pfad zurück, den ſie gekommen, im Herzen froblockend, als ſie ringsum im Felde die Hör⸗ nertöne hörte, mit denen ſich die zerſtreueten Wachpoſen zuſammenblieſen.— Im Prunkſaale der Burg Leuenrode ſtand Herzog Magnus Torquatus, und ſchauete ungeduldig durch das halbgeöffnete Fenſter auf die Stadt, welche tief unter ihm ſich prangend ausbreitete mit ihren Spitzvächern, deren Schornſteine gaſtliche Rauchwirpel in die Frühluft ausſtießen, mit ihren anſehnlichen Kirchen und den drei ſtolzen Tbürmen, eingeſchloſſen von hohen Mauern, ge⸗ ſchützt durch wohlbewehrte Warten, und ſicher daliegend in den Armen des finſtern Leineſtromes, der ſich rau⸗ ſchend durch ſeine hohen Ufer drängte, und deſſen dumpfes Gemurmel jedem Feinde wie eine Warnungsſtimme klang, abzuſtehen von einem Angriffe auf den woblgegründeten Bürgerſtaat der ſeine Sicherheit in den ungebeugten männlichen Herzen jedes einzelnen Bürgerſohnes bewahrt wußte. 23 Eine ſchöne Morgenſonne blitzte durch die bemalten Glasſcheiben herein und erhellte das weite Gemach mit wunderſieblichem bunten Glanze, wie des Feuers ſpot⸗ tend, das im Kamine brannte, und die Herzogin Pttel, eine anſehnliche Dame, welcher man die dreißig Jahre nicht anſah und die Laſten, die ſie darin getragen, blickte von ihrer feinen Handarbeit freundlich auf das öſtliche Licht, das ihrem mit düſtern Sorgen umſchleierten Ge⸗ müthe neue Kraft zu bringen ſchten. Doch des Herzogs Angeſicht contraſtirte mit dem lachenden Morgen. Tiefe Finſterniß lag auf der hochgewölbten Stirn und zwiſchen den dichten faſt zuſammenlaufenden Augenbraunen; ſein dunkles Auge ſchien mit Groll und Neid auf das blü⸗ hende Hannover hinabzublicken; dann zog er mit haſtigen Dänden den bellblauen mit Ilttsfellen verbrämten Arm⸗ mantel feſt um die Bruſt zuſammen und ſchritt, die Ta⸗ feln des Fußbodens zäblend, mit hallendem Tritt im Saale auf und nieder, daß die langen Sporen klirrten, denn trotz der Frübſtunde war der unrubige Fürſt ſchon im Rüſtzeuge, und mit dräuenden unbeilkündenden Ge⸗ berden fuhr ſein Auge zuweilen blitzend hinauf zu dem Wandpfeiler, an dem das lange mächtige Schwert und Helm und Schild aufgehangen waren, Waffenſtücke, welche ſchon manchen heißen Kampf geſehen und zu man⸗ chem Orte alle Schreckniſſe des allzerſtörenden Krieges getragen hatten. Still ſtand er jetzt vor dem alten Ritter Siegfried von Salder, der an einem andern Fenſter auf ſeinem Krückſtocke lehnte und mit dem einen Auge, welches er aus der Mordſchlacht mit den Mecklenburgern gerettet, gegen die ſtörende Sonne hinausblinzelte. Oeffnet ſich noch kein Thor des Fuchsbaues? fragte der Herzog mit Heftigkeit und ſtampfte mit dem Fuße, als der graue Haudegen das zerſchnittene narbenvolle Fratzengeſicht zu ihm wandte und ſein kahles Haupt ſchüttelte.— Bei den elftauſend Jungfrauen! ich möchte Dich, Du wackerer Dachshund, hinunterſchicken, daß Du die faulen Beſtien aus ihren Löchern hetzteſt, wenn auch ihre beque⸗ men Winterpelze darob zu nichte gingen.— Geduld und Mäßigung, Gnaden! antwortete der Feldhauptmann mit einem Teufelslächeln. Ihr wißt, ich ſetzte lieber den rothen Hahn auf alle die Dächer dort unten, und habe ſo wenig wie Ihr an dem Wortſchar⸗ muziren Gefallen. Wie meine Erbſünden ſind mir die feiſtgemäſteten Apſfelgeſichter zuwider, die ſich rothbraun gebraten am Dunſtofen der Städte, und mit meinem guten Schwerte möchte ich ſie allzumal auf einen Hieb von den gemächlichen Leibern trennen und auf die eigenen Thore der Hochmüthigen pflanzen. Aber unſere Sache ſteht eben jetzt nicht zum Beſten; wir gebrauchen freien Rücken, gebrauchen Geld, und haben der Feinde fürs Erſte genug. Darum thut ohne Noth keinen Gewaltſchritt, Gnaden. Wenn die ſächſiſchen Knochen ſämmtlich auf unſern Kleeſeldern bleichen, dann ſtehts ja in Eurem Willen, die Fuchslöcher auszubrennen und den beißigen Dächſen die Zähne auszubrechen.— Bin ich nicht ihr Herr? fragte Magnus mit Wildheit im Tone und Blicke. Haben ſie mir nicht Huldigung geſchworen? O! ich ſchäme mich des milden Bittbriefes, den ich an die Undankbaren erlaſſen. Ich ſchelte mich ſelbſt, daß ich die Lüneburger nicht baumeln ließ, als ich ſie hatte, daß fie ſich löſen durften mit elenden Goldſtücken.— 25 Er riß ſein Schwert vom Pfeiler, zog es aus der Scheide und ſchwang den blitzenden Stahl im Sonnen⸗ ſcheine.— Eiſen iſt die Münze dieſer Zeit, fuhr er fort, und die iſt mein im Uebermaß. Meine Nachſicht hat ſie übermüthig gemacht, meine Güte gilt ihnen für Schwäche und Furcht. Ihre Jämmerlichkeit wiegt mich nach eigenem Gewicht. Darum will ich wieder auftreten als Magnus, und ſie ſollen zittern vor dem Klirren meiner Sporen.— Die ſechshundert Mark Silbers der Lüneburger löſe⸗ ten doch manchen braven Kampfgeſellen aus des Mecklen⸗ burgers ſchwerer Haft, erwiderte Salder, und gaben uns die eiſernen Arme zurück, die uns Noth thaten; darum erhitzt Euch nicht in thörichter Reue, Gnaden. Der kuge⸗ lichte Proconſul wird ſicher baldigſt mit ſchweren Kiſten vor Euch erſcheinen, denn ſeit Ihr hier dicht über ihnen ſchwebt wie der gewaltige Weih über dem Hünerhofe, iſt gar große Angſt in den Plebs gekommen, und Weib und Magd werden ihre Halskettchen und Spangen längſt zum Stadthaus getragen haben, um nur wieder ohne Todesangſt unter den Fittichen des brünſtigen Haushahns ihre Körner picken zu können.— Hört den guten Rath des erfahrnen Freundes, werther Herr! bat da die Herzogin mit milder Stimme. Mich banget ſehr um Euch, ſehe ich täglich die Wetter ſich mehren, die nun ſchon ſo manches Jahr Euer Leben umziehen. Verſöhnt den Kaiſer; ſchafft die Acht von Euch, an welche die Städte ihren Ungehorſam lehnen; mächt Frieden mit den Sachſen. O! es bleibt Euch ja ſo manches ſchöne Land, es bleibt Euch ja die Friedens⸗ freude unter Euren Kindern, von denen Euer Wille ſelbſt die Mutter riß, und die allein unter Fremden ſind im einſamen Ahnenſchloſſe, und deren Leben in den rohen Händen der unruhigen Braunſchweiger verblieben. O! laßt mich zurück zu ihnen, mein lieber Herr, oder beſſer, macht Frieden und zieht ſelbſt mit heim, und habt Ge⸗ nüge an den Freuden und Schätzen, welche Euch der gnädige Herrgott in reichlichem Maße beſchieden, wenn Ihr nur ſelbſt ſie zuſammenhalten möchtet.— Darum iſt nicht Angſt vonnöthen, edle Frau, ant⸗ wortete der Ritter mit Ehrerbietung. Der Hamburger weiß, was er Euch bewahrt, und ließe ſich eher zu Fetzen hauen, als Euren kleinen Junkern einen Hautritz verſetzen.— Mitten im Saale hatte der Herzog ſeinen Gang eingehalten, wie mit Staunen das Wort ſeines Ehege⸗ mahls angehört, und ſeiner Augen Feuer war immer funkelnder und ſtechender geworden. Was ſicht Euch an, Frau Ittel, fuhr er jetzt auf, daß Ihr einzureden wagt, wenn zwei Männer ihre Gedanken tauſchen? Wer hat je Euren Rath begehrt? Sticket nur fort an Eurer Satteldecke, aber verſucht nicht, nach Art mancher über⸗ müthigen Frauen, die Männer aus dem Sattel zu heben. Frieden machen mit dem Sachſenherzoge!— Der junge Fant wäre Euch vielleicht gerecht zum Hausfreunde? Weiß ich doch gar wohl, wie er um Euch hofirt am Brandenburger Hofe, als ich Euch den Beſuch des Vaters erlaubte. Er war damals ein Milchbart, der kaum ein Männerſchwert zu heben vermochte. Aber die Sage geht ja, daß Frauenfinger lieber ſolch Flachskinn ſtreicheln, als einen ſtroffen Männerbart küſſen; es ſchmeichelt dem gebrechlichen Weiberſinne mehr, einen Knaben das Min⸗ neſpiel zu lehren und ſeinen erſten frommen Knappen⸗ dienſt zu empfahen, als von dem mannbaren erprobten 27 Kriegshelden geachtet zu ſein, und als ſeine magdigliche Freundin geachtet zu werden vor Volk und Welt. Ich habe ein Vöglein ſingen hören in einer Melodei, die mir nicht gefiel; und um die Ehre der Ahnen meinen Söhnen zu bewahren, knüpfte ich Euch an meines Streitroſſes Schweif, und Ihr ſollt nicht früher wieder hauſen in meinen Schlöſſern als freie Landesmutter, bis ich dieſen flachshaarigen Albrecht unter den Hufen meiner Roſſe liegen geſehen. Auch mit dem Schaumburger wechſelt Ihr Briefe und Boten. Glaubt mir, Pttel, bei den elftauſend Reinen! müßte ich in der ungebetenen Frie⸗ denspredigerin die Geſellin meiner Widerſacher erkennen, ich würde vergeſſen, daß Ihr eine Mutter künftiger Her⸗ zoge ſeid, und der grauſe Märtyrertod jener heiligen Jungfrauen ſollte Euch ohne Gnade treffen als eine Un⸗ heilige und unreine Sünderin.— Bebend verſtummte die fürſtliche Frau und verhüllte die weinenden Augen in ihr Geſpinſt; der alte Ritter mit dem Krückſtock ſtieß jedoch raſch das Fenſter auf und rief: Sie kommen, Gnaden! Ein ſtattlicher Zug, nur der Hanswurſt fehlt zur Karnevalsquadrille. Voran ein Herold mit einem rieſigen Kleeblatt auf dem weißen Ueberwurf; der Burſche ſieht ſo breit aus wie ein ziſchender Gänſerich, den ein guter Haushund anbellt, und trägt ſeinen langen weißen Stab wie ein Hirt, der nach den Schafen werfen will. Ihm nach treten mit einem Trommler und Trompeter an der Spitze ſechs rüſtige Hellebardierer, jedoch ehrfurchtsvoll die Eiſen der langen Barden gegen die Erde gekehrt; uns zum Spott ſcheint man die Kerle aus der ganzen Miliz ausgekieſet zu haben: ſie ſollen uns Zeugniß bringen von der Wohl⸗ habenheit und dem Phlegma der Stadt, denn Alle ſind breit wie Bierfäſſer, man könnte mit ihnen das Leuen⸗ roder Burgthor ſtopfen; wäre es um die Weihnachtszeit, wollte ich ſchwören bei meinem lahmen Knie, ſie hätten mit ihren grunzenden Vierfüßlern auf der Eichelmaſt geſeſſen, und in ihren blauen ſpaniſchen Wämmſern mit den grasgrünen Feldbinden ſieht der Trupp einem dunk⸗ len Kohlfelde gleich, zwiſchen dem der Bettlerſalat durch⸗ wuchert.— Doch wer vom Rathe iſt dabei? fragte der Herzog ungeduldig, über des Ritters Schultern hinwegſchauend. Ein wohlerleſenes Kleeblatt ſchwarzer Herren, gefolgt von einem Häuflein Schreiber und Stadtknechte, ant⸗ wortete Salder. Doch ſcheinen alle federleicht, ich ſehe Keinen von ihnen unter einer Kiſte oder unter gewichtigen Seckeln keuchen. Der ritterliche Hagen geht voran, der ſeine Ahnherren gar närriſcher Weiſe in der Niebelun⸗ germähr zu finden vermeint; zum Zweiten ſteiget bergauf der junge Eiſenkopf, der Robert von Edingerode, den ich noch nie Ja ſprechen hörte, und deſſen wortarmes Häuptlein ſich in ewigem Widerſpruch das unwillkürliche Schütteln angewöhnt; und zum Dritten kommt gar Herr Lüdeke von der Heide, der jeden Disput gewann, weil er Alle, die nicht beim Beginnen ſeiner Alldieweil und Wenn und Aber die Flucht ergriffen, in unbezwinglichen Schlaf zu raiſonniren verſteht. Warum habt Ihr Euren Hausnarren zu Wolfenbüttel gelaſſen, edler Herr? denn gegen ſolches Kleeblatt werden wir im Schweiß fechten und ohne Sieg. Eine Attake auf ein Sarazenenrudel müßte uns lieber ſein.— Der Conſul nicht dabei? nicht der Proconſul? fuhr der Herzog auf. Liſtig ſind ſie, aber die Fuchsklugheit ſoll ihnen zu nichts helfen.— 29 Die Sitte halten ſie ſtreng, fuhr der Ritter fort. Sehet nur hin, am Leuenroder Grenzvfahle macht das blaue Kriegsheer Front; nur die drei Rathsverwandten ſteigen vollends zum Thor herauf, und werden ſogleich hier ſein. Ich will den jungen Grafen von Diepholt hinunterſenden, ſie nach Gebühr zu empfangen und zum Saale zu geleiten.— Er hinkte an ſeinem Krückſtock hinaus. Magnus warf noch einen feindſeligen Blick vom Fenſter in den Hof, dann drehete er ſich raſch um gegen die Herzogin und ſah ſie mit ſtechenden Augen an. Was verweilet Ihr noch, Frau Zttel? fragte er herriſch. Geht hinein zu Euren Frauen! Was hier ver⸗ handelt werden ſoll, feilſchet um beſſere Dinge als Nadel⸗ arbeit und Seidenſtoff.— Die Herzogin ſchlug zu dem Gemahl ihr großes Augenpaar bittend auf; tiefe Trauer und Sorge ſprach in den Blicken; die Hände zu ihm erhebend, ſagte ſie dann mit zärtlichem Ausdruck: Magnus, mein hochver⸗ ehrter treugeliebter Herr, ſeid milde und gütig! Mehret nicht die Zahl Eurer bittern Feinde! O! vergeſſet nicht den Gott über Euch und bedenket das Ende.— Als aber der Herzog mit kalten verächtlichen Mienen ſich von ihr wendete, da nahm ſie ihre Arbeit und ging, aufgeregt durch die Beleidigung ihrer weiblichen Rechte, mit ſtolzer Haltung aus dem Zimmer.— Nicht lange nachher erſchien Ritter Salder wieder in der Hauptpforte, öffnete ſie weit, und nach ihm tra⸗ ten die drei hannoverſchen Senatoren ein, feſten muthigen Schrittes, Ernſt von Hagen mit ritterlichem Freimuth den Fürſten begrüßend, die beiden Andern ſich tief beu⸗ gend vor dem gefürchteten Gewalthaber. Der Herzog maß ſie mit dem Auge eine Weile, wie ſie im Halbzir⸗ zel ſchweigend ſtanden, dann that er einen raſchen Schritt gegen ſie hin und fragte mit ſprechender Geberde: Nun? — Hagen erwiderte ruhig den zündenden Blick des Herrn, Edingerode ſchüttelte mechaniſch ſein ſchwarz umlocktes Haupt, der Rathsherr von der Heide aber räuſperte ſich und begann ſeinen Spruch mit etwas ſcheuer und unfeſter Stimme.— Als Abgeſandte und Bevollmächtigte unſerer lieben Stadt, ſprach er, welche ſich nicht meſſen darf mit den großen Städten am Weltmeer und an den gewaltigen Strömen Deutſchlands, die zu freien Handelsſtraßen werden für dieſe Glücklichen und Ausgewählten, ſondern nur im kleinen Verkehr, im Ackerbau und guten Vieh⸗ ſtande ihren Reichthum beſitzt, ſtehen wir hier vor dem mächtigen und durchlauchtigſten Herrn und Herzoge von und zu Braunſchweig, ihm zu danken für das huldreiche Schreiben und die gute Meinung—— Wild ſtampfte der Herzog mit dem Fuße, daß der Redner bebend zuſammenfuhr. Was Dank, was Mei⸗ nung! ſchrie er den Verſtummenden an. Wir haben nicht Zeit Eure Predigt anzuhören, denn der ſächſiſche Albrecht liegt ſchon drei Tage vor unſerer guten Stadt Winſen an der Luhe, und unſere Pferde tragen bereits die Sättel, uns im Fluge hinzuführen, damit wir mit Gottes Feuerſchwert die Frevler fortſchlagen von den ge⸗ treuen Mauern und unſern Unterthanen Luft machen. Darum kurz zur Sache, meine geehrten Herren! Hat der Senat erwogen, was wir mit Bllligkeit verlangten? Wollet Ihr unſerer Gnade würdig bleiben und die kleine Summe zahlen, die wir forderten, weil ſie uns in dieſer Stunde Noth thut?— 31 Verlegen ſah der Redner auf ſeine Begleiter, dann ſtotterte er: Wohl erwogen hat der hohe Rath; jedoch iſt die geforderte Geldſumme in dieſer ſchweren Zeit leichter auszuſprechen als aufzuzählen, und nur wenn gewiſſe Bedingniß— Was Bedingniß? tobte Magnus auf, und ließ ſein Schwert, das er in den Kettengurt gehangen, auf das Getäfel niederfallen, ſo daß der Sprecher erſchreckt einen Schritt zurücktrat. Seid ihr kaiſerliche Kammerjuden oder rechtliche Bürgersleute 2 Wollt ihr ſchachern mit eurem Herrn, den euch Gott geſetzt und dem ihr gehuldigt? Iſt das Vermögen der Kinder nicht des Vaters Eigenthum, und darf er nicht ſchalten damit, wenns ihm gebricht und nützen könnte?— Unerſchrocken trat da Herr Ernſt von Hagen vor, offen das helle Auge auf den Herzog richtend und die Rechte mit einer Bewegung der Ehrerbietung auf ſeine Bruſt drückend. Erlaubt, Gnaden, ſagte er edel und freifinnig, daß ich das Wort nehme für meinen geehrten Kollegen, der nicht gewohnt iſt vor ſolch hohem Herrn zu ſtehen, und die kurze Verhandlungsweiſe der Kriegsfürſten in den friedlichen Mauern der Vaterſtadt nicht gelernt hat. Hättet Ihr ihn gnädigſt ausreden laſſen, würde Euch die Meinung des Senats vollſtändig klar geworden ſein.— So hauet los Eure Meinung, mein ſchnellzüngiger Herr! fiel ihm Magnus ein. Kurz und klar, wie ichs liebe! Geld oder Zorn?— Die Kaſſe iſt arm, das Volk erſchöpft, antwortete beſonnen Herr Ernſt. Nur eine ſchwere allgemeine Außs lage könnte ſolche bedeutende Summe zuſammenbringen. Dazu iſt die Stimme der Gilden ſchwankend, die Ge⸗ müther geſpannt. Der Sachſe durchzieht mit großen Kriegshaufen das Land; keine Stadt weiß, wer ſie mor⸗ gen berennet, wem ſie übermorgen gehören möchte. Des Kaiſers Majeſtät hat ſich für Euren Feind ausgeſpro⸗ chen, alle Ortſchaften des Lüneburger Territoriums von ihrem Eide losgeſagt und ſie dem fremden Stamme zu⸗ getheilt. Dennoch will die Stadt ihre getreue Anhäng⸗ lichkeit an das alte Fürſtenhaus beweiſen, ſie will Euch nicht verlaſſen, noch aufgeben, ſie will die Summe als Darlehn herſchaffen; doch verlangt ſie dafür Sicherheit ihrer Exiſtenz und ihrer Wohlfahrt in dieſen Kriegs⸗ läuften.— Und was verlangt man? was? fragte Magnus im⸗ mer ungedulviger.— Das Verſprechen aller alten Privi⸗ legien, die von Euren erlauchten Vorfahren uns geſchenkt, und die Ihr und Eure Ritter oft beſchränkt, entgegnete Hagen mit feſter Stimme; einen Freibrief für ewige Zeit, und als ein geringes Pfand Eures Wortes und eigener Sicherheit den Beſitz dieſes Schloſſes für immer, damit dieſe Zwingburg aufhöre, ſie zu vedräuen und das junge Leben ihres Handels zu ſtören. Von unſern Bür⸗ gerſöhnen und Söldnern beſetzt, werden wir ſie uns und Euch zu behaupten wiſſen mit deutſchem Muthe; denn fiele ſie in die Hand Eurer Feinde, indeß Ihr fern ſeid in Fehde und Schlacht, dahin wäre dann auch die Frei⸗ heit unſeres Willens, wir müßten trauernd Euch ver⸗ laſſen, und unſere Opferung wäre eine fruchtlos ver⸗ ſchwendete geweſen.— Ein lautes Hohnlachen ſchlug der Herzog auf. Was meinſt Du, Siegfried? fragte er ſpöttiſch. Willſt Du Dich ablöſen laſſen, Du gefurchtes Kriegsgeſicht von dieſen glatthäutigen Hauptleuten? Sie werden Dir Deine Wundnarben gut bezahlen, werden Dir für jede ein * 33 Dütchen ſüßer Feigen oder ein Maß lesbiſchen Honigs zuwägen.— Mit Grimm und die Fauſt am Schwert⸗ griff, drehete er ſich dann zu den Stadtherren. Glaubt ihr ein bevormundet Prinzchen euch gegenüber zu haben? fuhr er ſtürmiſcher fort. Glaubt ihr, wir röchen die beſchmutzte Lunte nicht, mit welcher ihr unſere klaren Augen blenden möchtet? Aeffet ihr die guten Leute von Lüneburg nach, deren kindiſch Gelüſt ſich ebenfalls nach meiner Feſte Kalkberg ſehnt, damit ihr rebelliſcher Sinn keine Ruthe zu fürchten hätte? Wahrlich, wäre euer Einfall nicht ſo dumm ausgeſprochen, man müßte ihn als klug loben. Dieſes Schloß alſo ſteht euch an, und mit ihm die Herrſchaft im Leingau, und als Geißel unſere Gemahlin ſelbſt, die wir nothgedrungen bis zur Wiederkehr hinter dieſen Wällen zurücklaſſen müſſen 2 O! ihr ſeid pfiffige Raben; nicht die Atzung allein, auch das Silber tragt ihr in euer Neſt, obgleich ihr's nicht gebrauchen könntet. Aber ihr findet den Mann an mir. Darum, bei meinem Barte!— das letzte Wort: ehe die Sonne im Mittag ſteht, liegen die geforderten Mark Silbers gut gewogen auf dieſem Tiſche; ehe die Sonne ſich hinter das Deiſtergebirg verſteckt, öffnet ihr uns eure Thore und nehmet tauſend meiner Söldner und einen meiner Feldoberſten in eure Mauern auf, euch zum Schutz, mir zur Sicherheit eurer Treue: wo nicht, ſo iſt Fehde zwiſchen uns von heute an, und eure in Flammen verlodernden Dächer ſollen die grimme Buße unſerer beleidigten Hoheit euch anſagen und als Warnung weithin verkünden durch meine Lande.— Unwille zeigte ſich unverhehlt auf den Geſichtern der Senatoren, heftiger ſchüttelte der Edingerode das Haupt, und Hagen neigte ſich ritterlich und entgegnete kurzt Blumenhagen, VII. 3 Entlaſſet uns, Herr Herzog, denn unſere Vollmacht iſt zu Ende. Euer Volk in unſere Kammern betten, hieße die Macht der Sächſiſchen muthwillig auf unſere Köpfe locken. Was uns anvertrauet, haben wir überbracht. Wünſcht Ihr weitere Handlung, ſo ſendet einen Eurer Vertrauten zu den Conſuln, oder wollet Euch ſelbſt her⸗ abbemühen, das Werk zu kürzen. Nochmals, Gnaden, entlaſſet uns, denn unſer Mund hat nichts mehr zu antworten.— Da ſei Gott vor, entgegnte Magnus mit Feuer, daß ich ſolche achtbare Männer ohne Imbiß und Mahl gegen alle Ritterſitte entlaſſen ſollte.— Er ſtieß die Fenſter⸗ flügel auf und rief mit ſeiner weithallenden Commando⸗ ſtimme hinab: Burgwart, ſtecke die rothe Fahne auf am Thurm gegen Hannover hinaus! Schütte Deinen vollen Steinkorb hinab auf die Köpfe der blauen Schurken, die dort am Geländer der Zugbrücke lehnen und gähnend die faulen Mäuler aufſperren! Werfet einige Reiſige auf die Pferde, Vogt, und peitſchet die Bärenhäuter bis in ihr Reſt hinein!— Das klirrende Fenſter wiederum zuſchlagend, wandte er ſein glühendes Antlitz dann wieder in das Zimmer zurück, und ſeine Sturmrede fiel die Abgeordneten an.— Ihr aber, ſagte er, bleibt meine Gäſte auf Schloß Leuenrode von heute an, bis eure Conſuln ſelbſt kom⸗ men, euch auszulöſen. Wir wollen euren Karnevalskö⸗ nigen, die ſich dünken, uns gleich zu ſein, zeigen, daß es uns Ernſt iſt. Wollten die Bedächtigen und Super⸗ klugen, der Herr Türk und Luzzeke, dieſe gute Feſte zur Geißel für unſere Treue beſitzen, wollen wir Vorhand halten und euch behalten als Bürgen für den Gehorſam eurer Stadt. Ein Zeichen des Abfalls, der Feindſeligkeit in Hannover, und eure blutenden Köpfe fliegen durch mein Wurfgeſchütz hinüber auf die hohen ufer des Leine⸗ ſtroms. Bis dahin ſollt ihr Quartier haben im Leuen⸗ roder Verließ, und ich will als ein guter Arzt euren Hochmuth mit dem reinen Quellwaſſer des Leuenroder Brünnleins und dem Kleienbrode meiner Rüden kuriren.— Bebend ſtotterte Herr Lüdeke von der Heide;: Sind wir denn nicht Geſandte, die bei Mongolen und Sara⸗ zenen frei Geleit haben? Wird nicht Kaiſer und Reich uns auslöſen mit Acht und blanken Schwertern?— Die Acht des ſchwarzen Adlers ſchwebt ſchon über unſerm Haupte, lachte der Herzog; Ihr ſehet, ſie drückt nicht einmal ſo ſchwer wie mein Eiſenhelm. Und das Schwerterſpiel hat Herzog Magnus ſchon in der Wiege geliebt, und es iſt ihm ſeit lange eine leichte Kurzweil geworden.— Er wandte ſich ab; Ritter Salder mit dem Kruck machte jedoch den Senatoren mit freundlich grinſendem Geſicht eine deutliche Bewegung der Hand. Setzt euch in Marſch, meine Herren, ſagte er, ihr habt ja ein ge⸗ waltig Verlangen nach dem Leuenroder Schloſſe getra⸗ gen; ſo geziemt es ſich wohl, daſſelbe voraus genau zu beſehen, und ich will euch getreulich ſeine tiefſten und verborgenſten Prunkgemächer präſentiren.— Verſtummend und mit verbiſſenem Ingrimm fügten ſich die ſtädtiſchen Herren der Gewalt, und folgten dem hinkenden Commandanten. Eine traurige Umgeſtaltung erlitt der Verkehr in die⸗ ſer Gegend von demſelben Tage an. Feſt wie ein Grab⸗ gewölbe blieb ſeitdem das Leinethor der Stadt ver⸗ ſchloſſen; aber auf Warten und Wällen ſammelten ſich rüſtige Haufen junger Wehrmänner, welche laute Schimpf⸗ reden unter den Blechkappen über den Strom herüber⸗ ſchrien und Wurfgeſchütz aller Art auf die Wälle ſchoben und gegen die Burg pflanzten. Ja ſogar die Holzbrücke, welche die einzige direkte Verbindung mit der Burg Leuenrode gab, und unter dem Namen der Sommerbrücke von der Piperſtraße ab über den Fluß zu dem erſten Schutzwalle des Schloſſes führte, ließ der Rath in der Nacht abbrechen und gänzlich zerſtören.— Aber nicht weniger ſtreitluſtig zeigte ſich die Beſatzung auf Leuenrode. Der alte Feldhauptmann, der nach des Herzogs Abreiſe den Befehl in der Burg übernommen hatte, lebte von früh bis ſpät auf den Wällen; manche ſchwere Steinkugel, ja ſelbſt mit Feuerwerk gefüllte Wurf⸗ ballen ließ er hinüberſchleudern von der ſichern Höhe auf das Beginnenkloſter und die kleinen Häuſer der Pi⸗ pergaſſe, ſo daß die Bewohner derſelben furchterfüllt ihre Kämmerchen verließen. Seine Reiter, den grauſa⸗ men Rothger an der Spitze, ſchnitten auf dieſer Seite alle Fuhr ab von der Stadt und ließen Niemanden aus noch ein, ſchleppten jeden Wandersmann, der nach der Stadt ſeinen Reiſemarſch gerichtet, als verdächtig in die Leuenroder Kerker, und verdarben Mühlen und Aecker, die der Stadt gehörig, wo ſie nur konnten. Doch grimmiger noch ward Salders Haß und ſeine Kriegswuth, als er vernahm, der ſächſiſche Herzog Wen⸗ zeslaus, der Ohm des Lüneburger Prätendenten und ein erfahrener Kriegsheld, ſei angelangt und in Hanno⸗ ver freundlich und gehorſam aufgenommen worden; als er ferner erfuhr, die nahe liegende Stadt Pattenſen ſei von einer Abtheilung der Sächſiſchen unter dem Com⸗ mando des Schaumburger Grafen Otto, des Schwagers 37 ſeines tapfern Herrn, erobert worden. Er meinte, die Zeit wäre da, wo man, ohne auf des Herzogs Magnus Befehl zu warten, die eingekerkerten Rathsmänner auf den Wall ſchleppen, und zum Schrecken der tauſend Zu⸗ ſchauer auf Hannovers Mauern an die Zinnen der Leuen⸗ roder Thürme knüpfen dürfte, und nur mit großer Mühe Lonnten die bittenden überredenden Lippen der ſchönen Herzogin, vor welcher der ritterliche Graukopf einen an⸗ gebornen Reſpekt behalten, ſolche voreilige Gewaltthat verhindern, wenigſtens aufſchieben. In eben dieſen Tagen, wo Furcht und Sorge für die Zukunft jeden Bewohner des Leinegaues ſelbſt bei ſeiner unſchuldigſten Tagesarbeit bedrückte, und ohne Noth we⸗ der Ackermann noch Hirt ſeinen Herd verließ, trat Mor⸗ gens die ſchöne Febronia, mehr bekannt unter dem Na⸗ men der hübſchen Fiſcherin an der Leine, einen Gang an, den ihr die Pflicht befahl. Sie drückte den großen Filzhut auf das glattgeſtreichelte Scheitelhaar, hing ſi ſich das Joch mit den blanken Ketten über den kräftigen Nacken, und hatte zwei kleine Fiſchkäſtchen daran, den ge⸗ wohnten monatlichen Tribut in ſpiegelſchuppigen Karpfen und fetten Barben und blauen Hechten hinaufzutragen zu dem nahen Herrenhofe derer von Alten, von welchen der Vater ſeine Fiſcherei zu Lehn bekommen. Wohl ſchauete das Mädchen mit getrübtem Auge zur Stadt hinüber, hinter der die goldene Sonne aufſtieg, und kein munteres Liedlein tönte von ihrem Munde, wie es ſonſt immer geſchah bei der Arbeit. Der plötzliche unerwar⸗ tete Ausbruch der Fehde zwiſchen Herrn und Stadt hatte auch ihr geheimes Liebesglück geſtört. Schon mehre Tage hatte ſie ihren Florian nicht geſehen, er hatte nicht einmal bei der Rückkehr von ſeinem Botengange vorgeſprochen, —— 38 hatte wahrſcheinlich bei der wachſenden Gefahr die ſichere Straße jenſeits des Fluſſes zu ſeinem Heimmarſche benutzen müſſen. Aber ihr treues ehrliches Herz ſorgte nicht um ihn und ihre Liebe. Sie war überzeugt, er grämte ſich gleich ihr, er betete um beſſere Zeit gleich ihr, er dächte mit ſtillem Sehnen an ſie, wie ſein Bild ſie überall begleitete; und das iſt ja der beſte Troſt in Trennungstagen, der Troſt des wechſelſeitigen Vertrauens, eine Tröſtung, die Niemand zu rauben, Niemand zu ſchwächen vermag. Langſam ſchritt ſie über die Wieſen hin, langſam ſtieg ſie den Luſtpfad durch das grüne Winterkorn hinauf, und dachte daran, wie die reiche Saat unter Schnee und Eis gekeimt, und im Dezemberfroſt dennoch ihre Kraft nicht verloren, und in der Frühlingszeit jetzt die grünen Halme fruchtverſprechend der erhofften Sonne entgegengetrieben, ein Bild ihrer bedrängten Liebe, wel⸗ ches ſie erſtärkte und das gepreßte Gemüth entfeſſelte. Da ſtutzte ihr geſenktes, am Boden hängendes Auge. War das nicht ein Schuh, der am Rande des Feldes aus den grünen Halmen hervorſah? Kein zerriſſener Bettlerſchuh, den ein Vagabund als unnütz und abgetragen an der Straße zurückgelaſſen, nein, ein neuer, unverſehrter Schuh war es, den ein Mann getragen.— Ein grauen⸗ voller Gedanke blitzte durch ihr Gehirn, und das Blut ſtarrte ihr im Herzen. Sie ſtand und blickte eine Weile feſt auf den Platz, aber der Schuh blieb immer dort. Da ſetzte ſie ſchnell ihre Laſt nieder, warf das Trage⸗ joch von den Schultern und trat raſch in das Feld, nach dem Funde ſich niederbeugend. Ja, kein Zweifel blieb, es war ſein Schuh, Florians Schuh, ſie erkannte genau die Schleife, welche ſie noch jüngſt am Herde zugebun⸗ den, ihre bebenden Finger fühlten in dem Leder das 39 knitternde Pergament, das verborgene Geheimniß. Einen feinen Schrei that ſie, gleich der vom Habicht im Fluge geſtoßenen Taube, und wie ein eiſiger Regenguß liefen kalte Schauder an ihrem Rücken hinunter. Gewiß war es, Florian hatte auf dem Rückmarſche ihr Häuschen be⸗ ſuchen wollen, des Herzogs Späher, der grimmige Roth⸗ ger ſelbſt hatte ihn auf dieſer Stelle gefaßt, gefangen⸗ getödtet vielleicht, und der treue Diener ſeiner Herren hatte das gefährliche Geheimniß hier fortzuſchleudern gewußt, und wenn auch nicht ſich, doch die ihn ſandten, gerettet. Wie verſteinert blieb das kräftige Mädchen einige Augenblicke, dann flog ihr unſtätes, aufglühendes Augenpaar hin zu der Stadt, und zu den Zinnen der Burg, welche vor derſelben ſich dräuend erhoben. Ein kurzes Beſinnen gebar einen feſten Entſchluß; ſie goß das Waſſer des einen der Fiſcherkäſtchen auf den Boden aus, warf die zappelnden Fiſche in den andern, barg dann den werthvollen Schuh in das leere Gefäß, hing die Laſt wieder über ihren Nacken, ſchritt mit eiligem Fuße zur Heerſtraße hinauf, vermied jedoch die Mauer des Herrenhofes, und wanderte mit fliegenden Athemzügen und ſichtlicher Anſtrengung der von Angſt befangenen Bruſt, der Straße entlang, durch das Dorf Linden der Himenbrücke zu, die ſie hinübertrug an den Ort, wo ſie allein Nachricht von dem geliebten Manne oder ihn ſelbſt zu finden vermuthen durfte.— Das Flügelthor am Leinearm fand ſie für die Streif⸗ partien des Herzogs geöffnet, aber die Söldnerſchaar, welche es bewachte, umringte im ſoldatiſchen Muthwil⸗ len das ſchöne Dirnlein, und ſie hatte Noth, ſich der zudringlichen Stürmer zu erwehren, die gewohnt waren, Alles was von ſolcher Art in ihren Bereich kam, als gute Priſe zu betrachten. Da trabte Rottmeiſter Roth⸗ ger vor ſeinen Reitern die Steinſtraße her, und mit Verwunderung warf er ſeinen Rappen zwiſchen den ju⸗ belnden Unholdsſchwarm.— Was zum Teufel, Geſellen, ficht euch an? rief er mit ſchmetternder Donnerſtimme. Was treibt ihr für Schererei mit meinem keuſchen Mühm⸗ chen? Da ſoll ja gleich das Wetter drein ſchlagen, ihr nichtsnutzigen Tagediebe!— und ſein Pallaſch fuchtelte flach den Rücken der Nächſten ſo derber Weiſe, daß der ganze Haufen aus einander ſprang, und vor dem wohl⸗ bekannten grimmigen Bocksbarte zum Wachhauſe flüch⸗ tete.— Aber Sie, Jungfer, was will Sie denn hier, und warum blieb Sie nicht daheim hinter Thür und Riegel? fuhr er jetzt eben ſo ſtreng die Dirne an. Züch⸗ tige Weibſen müſſen in ſolcher Zeit ihre Spindel nicht verlaſſen und ſich freuen, wenn derlei Ehrendiebe nicht zu ihr einbrechen; und Sie war doch bislang immer ſo züchtig als verſtändig.— Febronia drängte ſich dicht an ſeinen Sattel und reichte ihm treuherzig die Hand. O! wie gut iſt es, daß Er kam und den Unverſchämten ihren Sold zahlte, ſprach ſie angſtvoll und dankbar. Schau! ſetzte ſie treu⸗ herzig hinzu, da außen im Häuschen wird es immer un⸗ heimlicher, und kein Tag gehet hin, daß nicht ſolche ſittenloſe Lecker vom Soldatenvolke vorſprechen. Da nun der Vater wieder riſch auf den Beinen geht und uns zur Hülfe der neue Knecht eingetroffen, ſo dachte ich zu Ihm hinauf in das ſichere Schloß zu gehen, und meinen Dienſt der gnädigen Frau Herzogin anzubieten, bis die böſe Zeit vorübergezogen. In dem einen Fiſch⸗ kaſten habe ich dem Gutsherrn ſeinen Zins hinaufgetragen, und den andern füllte ich mit dem leckerſten Fang zum 41 Geſchenk für die Tafel der edlen Frau, denn ich hörte, zu ſolch fürſtlichen Gnaden dürfte man nicht kommen als Bittſteller ohne Gabe, und wir wiſſen recht wohl, daß der herzogliche Fiſcher den Judenteich ſchlecht beſetzt und die Karpfen darin nach dem Moorgrunde ſchmecken, und nicht ſo friſch und lecker ſind, wie ſie der Fluß gibt.— Das iſt ein ganz geſcheiter Einfall, antwortete der Rottmeiſter, und wie ſollte Rothger ſeinem Lieblingskinde den Schutz verſagen, den er keinem Taugenichts verwei⸗ gert, welcher einmal mit ihm unter einem Zelte geſchlafen? Aber, Mühmchen, nimm Dich in Acht! da oben iſt der ſchmachtende Junker Volko, und Dein Vetter kann nicht immer als Wächter zur Hand ſein. Oder hat der Ge⸗ danke an den weichlockichten Edelknecht Dich gar zu dem Entſchluß beſtimmt? denn Du warſt doch ſonſt eben nicht furchtſam und leichtlich verſchüchtert. Hüte Deinen Kranz, Dirnlein! die düſtern Gänge des Schloſſes ſind eben ſo gefährlich für ſolche gläſerne Waare, wie Deine freie Wieſe draußen. Aber Spaß bei Seite! Marſchire nur keck hinauf, und ſprich, der Rothger ſelbſt ſende Dich. Jedoch geh' nicht auf der Steinſtraße zur Zugbrücke und zum Thore hinauf; der Weg iſt nur den Soldaten offen. Schlage Dich hier gleich links auf die Brühlerſtraße; dort auf dem Vorwalle trägt Dich ein ſchmaler Steg über den trocknen Graben zu einem Seitenpförtchen, und rufſt Du nur meinen Namen, wird einem Weiberrocke der Wachpoſten den Eintritt nicht verſagen.— Er ſchüttelte ihr derb die Hand auf baldig Wieder⸗ ſehn, und als ſie nickend von ihm geſchieden, ſah er ihr noch ein Weilchen nach, dräuete dann nochmals mit der Fauſt den lachenden Schelmen im Wachhauſe, und führte ſeinen Reitertrupp weiter in das Freie. Das Fiſchermädchen folgte ſtrenge dem Gebot des gefürchteten Verwandten, erfreut im bekümmerten Gemüth über die glückliche Begegnung, welche ihr eine günſtige Vorbedeutung zu ſein ſchien. Schnellfüßig war bald der kurze Weg zurückgelegt, ſchon hatte ſie den ſteilen Pfad wallauf erklettert, ſchon ſetzte ſie den Fuß auf den ſchmalen Steg, als ſie plötzlich hoch aus der Luft ein donnernd Halt erſchreckte, und zugleich ein Stachelbolzen ziſchte und in das Holz des Pfahles fuhr, an dem ſie ſich ge⸗ halten, um das glatte Brettlein daneben zu prüfen. Sie ſah auf zur hohen Mauer, und gewahrte ein braunes Antlitz unter einer blanken Pickelhaube, und die ſchon gehörte Stimme brüllte: Zurück da! Nimm augen⸗ blicks Dein Röcklein über den Kopf, Du dreiſte Dirne, oder mein Eiſen ſoll die Spionin an den Pfahl na⸗ geln, daß Du ſparlend endeſt wie eine Lerche am Brat⸗ ſpieße.—„ Febronia ſchöpfte tief Athem zur lauten Antwort, da ſchauete neben dem erſten ein zweiter weit freundlicherer Kopf über die Mauer, und eine feinere Stimme rief: Toller Walter, kann Dein umnebeltes Hirn nicht mehr Panzer und Schürze unterſcheiden? und ſchießt Dein Paläſter im Wahnwitz nach dem ſchönſten und trefflich⸗ ſten Mädchenherzen des ganzen Leinegaus? Das kannſt Du büßen im Zwinger beim Waſſerkruge, wenn es der Rothger erfährt, denn die da unten iſt ſein Mühmchen und Herzblatt. Mach's gut und ſteige ſchnell hinunter, ſie einzulaſſen, damit ſie dem Abbittenden verzeiht und ſeine Unthat nicht verräth.— Mit Herzklopfen erkannte Febronia in dem Schelten⸗ den den Junker Volko von Lothe; doch ehe ſie ihm zugerufen, was der Vetter befohlen, ſprang ſchon das 43 Pförtlein auf, mit Entſchuldigungsworten trat der braune Schütz hervor, half ihr ſelbſt über das Brücklein und hinein und auf der Steintreppe trat ihr der Junker ent⸗ gegen und bewillkommte ſie mit ſichtlicher Freude. Was ſie dem Rottmeiſter geſagt, ſprach ſie auch hier, wieder⸗ holte es auf dem Burghofe, umringt von den neugieri⸗ gen Burgleuten, vor dem geſtrengen Ritter mit dem Kruck, der eben ſeine Reiſigen muſterte, und bei dem Rothgers Name und Volko's Zeugniß, daß ſie die Muh⸗ me des alten Kriegsknechts wirklich ſei, ihr vollen Glau⸗ ben gewannen. Der beſchäftigte Commandant wies ſie in die Küche und mit ihrem Geſchenk an den Koch; der verliebte Junker aber eilte dienſtfertig zu den Zimmern der Herzogin, ihr ohne Zaudern Bericht von dem Geſuch des Mägdleins und ihrer leckern Gabe zu bringen. Wie es die kluge Frebonia gehofft, ſo geſchah es. Die Her⸗ zogin, gequält durch die Langeweile in ihrem gefängniß⸗ gleichen Aufenthalt, verlangte aus Neugier die Fremde zu ſehen, und Volko holte ſie ſelbſt herauf; doch wußte die Gewandte ſowohl ihm wie dem Koch, der ſofort einige der gefangenen Flußkinder kunſtgerecht abſchlachtete, zu verbergen, daß ſie, die Käſten bei Seite rückend, aus dem leeren Behälter den werthvollen Schuh hervorzog, ihr Schürzchen darum ſchlug, und ihren Fund ſo mit ſich fortnahm. Hätte der Junker auch erblickt, was ſie that, er würde in ſeiner Liebesglut dennoch kein Auge dafür gehabt haben, denn er dachte nur an den Lohn, den er der ſchönen Dirne für ſeinen Dienſt abpreſſen wollte, und den der dreiſte Fant auf der düſtern Schloß⸗ ſteige, wenn auch halb erzwungen, in einem flüchtigen Kuſſe von der in Sorge befangenen und von der Noth Bedrungenen empfing. Die Herzogin war ſchon auf und allein, denn ihre Kammerfrau lag erkrankt, theils durch die Beſchwerde der Reiſe, theils durch die Schreckniſſe derſelben, und da den Junker der Dienſt unter dem gar ſtrengen Sal⸗ der abrief, ſo befand ſich Febronia wider ihr Erwarten ſchnell am Ziele ihrer Wünſche. Du willſt im Schloſſe bleiben, willſt dienen bei mir? ſprach die Fürſtin herablaſſend und freundlich. Sei mir willkommen, denn unſers Herrn finſtere Laune hat mir die Begleitung meiner Fräuleins verſagt, und ſeit meine Iſabell breßhaft geworden, mangelt uns alle Geſellſchaft und die nöthige Aufwartung.— Aber wie erſtaunte die edle Dame, als das Fiſcher⸗ mädchen mit hochrothen Wangen im Zimmer ängſtlich umher ſah und dann mit den Geberden tiefer Angſt ſich ihr zu Füßen warf. Was kommt Dir an, Mädchen? Was willſt Du? fragte Frau Ittel, mit dem Stuhle zurückrückend.— Rettung, Hülfe, gnädige Herrſchaft! ſtammelte Fe⸗ bronia. Er liegt in Ketten, er iſt vielleicht ſchon er⸗ mordet, und ich kann nun doch einmal nicht leben ohne ihn. O! er iſt ſo gut, ſo getreu, und eben ſeine gut⸗ herzige Treue führte ihn in's Unglück! Ihr allein könnt ja helfen, wenn noch zu helfen iſt.— Was und wen meinſt Du denn? fragte die Fürſtin mit ſcheuem Mitleide, weil ſie eine Sinnenkranke vor ſich zu ſehen glaubte. Erhole Dich, Kind, richte Dich auf, ſetze Dich auf den Schemel.— Sie half gutherzig der Armen ſelbſt in die Höhe.— Wen ich meine? fragte das Fiſchermädchen, ſich be⸗ finnend. 1 Ihr müßt ihn ja kennen; oder wißt Ihr nicht darum? Er nannte ja mir, ſeiner Braut, auch — 2 45 Euren Namen, als er die gefährlichen Reiſen machte. Florian Berkhuſen, der Rathsdiener, den der Herr von Hagen nach Elze ſandte, der iſt es, den ich meine. O! ich habe gar ſichere Zeichen, daß er gefangen von den Reitern des Herzogs, und gewiß ſitzt er in dem tiefſten Verließ dieſes finſtern Gebäudes.— Die Herzogin erſchrack gar gewaltig, ſtand haſtig auf, und des Mädchens Arm ergreifend, fragte ſie mit Hef⸗ tigkeit: Unglücksbotin, ſprichſt Du die Wahrheit, ſo iſt mein Loos ſchwärzer als das Deine! Der Bote wäre gefangen von Magnus' Leuten, die Briefſchaften in des Herzogs Händen? Das wäre mehr als zu ſchrecklich! Rede vernünftig. Woher erfuhrſt Du die böſe Poſt? und fing man ihn, als er ging, oder als er kehrte?— Als er hinüberging, entgegnete die Fiſcherin, half ich ihm ſelbſt fort in meinem Schifflein. Als er heimkehrte, haben ihn die Auflaurer ergriffen, aber ſeine Briefſchaf⸗ ten ſind geborgen, und ich bringe ſie Euch.— Wo 2 Wo? rief die Herzogin mit leuchtenden Augen, und ſah verwundert zu, wie das Mädchen den Schuh unter dem Schürzchen hervorzog, mit dem kleinen Meſ⸗ ſer, das in rother Scheide an ihrem Gurt hing, ohne Zaudern das Leder zerſchnitt und ein Pergament an das Licht brachte. Mit Eile riß ſie das Schreiben aus der Hand der Ueberbringerin, und überflog mit unruhvollen Blicken die Schrift. Es war vom Grafen Otto von Schaum⸗ burg. Er ſchrieb darin, wie die Frau Fttel ſich beruhi⸗ gen möchte, denn die Mecklenburgiſchen Exekutionstrup⸗ pen, die ſächſiſchen Herren und die verbündeten Städte würden baldigſt den Magnus zwingen, Frieden zu hal⸗ ten, und auch ihr unglückliches Leben würde dann ſich 46 enden, und der Bezwungene würde ihr wohl die ge⸗ wünſchte Ruhe im Kreiſe ihrer Kinder nicht länger ent⸗ ziehen können. Er verſprach, ihr Sendſchreiben an den Sachſenherzog ſofort abzuſchicken. Ein beiliegendes Blatt enthielt Verabredungen mit dem Senat der Stadt Han⸗ nover, inſofern der Braunſchweiger gegen dieſelbe feind⸗ ſelig auftreten möchte. Mit Haſt trat die Herzogin an den Kamin und warf die Briefe in die lodernden Flammen. Dann ging ſie mit freudigem, doch ſtolz getragenem Kopfe zu dem za⸗ genden Mädchen zurück und ſtreichelte ſie über die Stirn. Du unſchuldige Taube haſt eine Giftphiole unter dem heißen Flügel getragen, ſprach ſie ernſt, ohne den töd⸗ tenden Inhalt zu kennen. Wohl uns, daß Gott Dich ſchützte, und wir werden Dir nie den unbezahlbaren Dienſt vergeſſen. Aber damit Du nichts Arges von uns denkſt, und wohl gar uns der Verrätherei ſchuldig achteſt gegen den, der uns durch Gottes Hand der Nächſte ward, oder gar den Verdacht verletzter Frauenzucht gegen uns hegen möchteſt, denn Deine Augen ſchauen klüger und fragender zu uns auf, als die Augen von Deinesgleichen zu thun pflegen, ſo wollen wir Dich durch Vertrauen belohnen. Ja, mein Herr iſt hart geweſen auch gegen das Ehegemahl, weil mir die unſinnige Kriegswuth ver⸗ haßt blieb, und ich immerdar zum Frieden rieth, ja darum bettelte von früh bis ſpät. Ich ehre den Vater meiner Kinder, bin ohne Vorwurf, aber ich hielt es für Pflicht, an dem Frieden zu arbeiten, damit meinen lie⸗ ben kleinen Prinzen das Erbtheil nicht verloren ginge, das ihnen Gott geſchenkt. Deßhalb unterhandelte ich mit dem ſächſiſchen Herrn, deßhalb empfahl ich ihm Schonung des Landes und unſerer Unterthanen, deßhalb 47 vat ich um Nachgiebigkeit und Vergleich, wenn es mög⸗ lich. Aber Du hörſt ja nicht, Mädchen, und ſtarreſt die Fenſter an.— Gnaden, ſagte Febronia ängſtlicher, ich verſtehe Euch nicht, auch kümmert mich ſolch hoher Leute Treiben we⸗ nig. Ich habe gethan, was mir Gott eingab; doch der arme Florian iſt in Gefahr, und nur für ihn bitte ich um Hülfe.— Der Bote, Dein Geſpons? fiel die Für⸗ ſtin ein, nachſinnend das Auge auf den Boden ſenkend. Gerichtet iſt er nicht; wir hätten in der engen Burg davon hören müſſen. Aber vor einigen Tagen wurde ſpät ein Gefangener hereingeſchleppt, ein hartnäckig ver⸗ ſchwiegener Spion; ja, ja, ſo ſagte der Salder auf unſer Befragen. Gewißlich bewahrt man ihn im Ver⸗ ließ. Nun, wir werden ſehen, werden überlegen. Geh' jetzt, Mädchen; meiner Hülfe, meines Fürwortes ſei verſichert. Melde Dich bei dem Vogt, dem Ritter Sta⸗ tius, als meine Dienerin, mach' Dich an die alte, gut⸗ müthige Frau des Schließers, vielleicht erfährſt Du, wo Dein Buhle verwahrt wird. Berichte mir Alles, und hüte Dein Geheimniß, hörſt Du!— Zum Handkuſſe reichte ſie der Betrübten die zarte Rechte, und Febronia ſchlich mit hangendem Köpfchen aus dem Gemach, denn ſie ſah ein, daß ihr nicht der Troſt geworden, den ſie hier ſo ſicher erwartet. Doch im Freien und ſich ſelbſt überlaſſen, kehrte ihr der Muth und die Beſonnenheit zurück, welche ſonſt ihr überall eigen geweſen und immer neben ihr geflattert wie zwei Genien. Ihr Scharfſinn ſagte, daß die Hülfe dieſer hohen Dame nicht ausreichen würde; daß die Gewaltige ſelbſt eine Feſſelträgerin ſei auf ihrem Throne; daß, wenn Rettung möglich, nur ſie und ihre Alles wagende Liebe dieſe gewinnen könnte. Nach einem inni⸗ gen heißen Stoßgebete zu dem großen Helfer im Him⸗ mel befolgte ſie die Befehle der Fürſtin, und, vom Vogte freundlich empfangen, trat ſie im Vertrauen auf eigene Kraft unbefangen in die neue Lebensbahn.— Rothger, der ſchwarze Rottmeiſter, fragte ſogleich nach ſeiner Heimkehr nach ſeinem Mühmchen und ſuchte ſie auf im Mägdezimmer. Klüglich klagte ſie ihm ihr Leid, und ſetzte hinzu, wie ſie wieder fort müßte, denn hier ſei ſie ja nur aus dem Regen in die Traufe gekommen. In der Nähe einer ſolchen Frau habe ſie ſich ſicherer geglaubt; aber vom Leiblakaien bis zum Junker verfolge ſie Jedermann und laſſe ihr nicht Ruhe: wenn er ſie nicht in den Schutz einer alten achtbaren Frau zu brin⸗ gen wiſſe, ſo wolle ſie mit dem Morgen wieder zum Vater, möge es draußen auch gehen, wie Gott es ſchicke. Der bärtige Soldat, der ſtreng auf Familienehre hielt, ſchickte einen wilden Fluch in die Lüfte, und ſchwur, alle die Lecker vor ſeine Klinge zu nehmen, ſobald er nur einen ertappe, ſei er auch noch ſo altadeligen Wappen⸗ ſchildes. Als er aber Febronchen nicht beruhigt ſah durch ſeine kriegsmänniſche Verſicherung, und gar einige Thränchen über die blühende Wange rollten, da zog er ſie in ſeine Arme und küßte zärtlich ihre glatte Stirn. Nun, gib Dich nur zufrieden, Du Muſter der Sittſam⸗ keit! murrete er in tiefem Baſſe, aber gutmüthiger, als er je geſprochen. Ich werde Rath ſchaffen, ſo gut es ſich thun läßt. Heraus ſollſt Du nun einmal nicht wieder unter das Streifgeſindel; es wäre ja eine Schande vor Gott, wenn ſolch weiße Blume von den Schmutzſohlen der Galgenbraten verunglimpft würde. Die Herrin oben hat freilich nicht viel Reſpekt unter dem Schloßvolk, 49 weil der Herr nicht beſonders gnädig mit ihr umgeht. So etwas merken ſich gleich die Stiefelputzer und Soh⸗ lenlecker, und der graue Zottenbart mit dem Krückſtock achtet nur ſtreng auf den Waffendienſt; was die Sol⸗ dateska ſonſt treibt, beſchickt er nicht, und das Spiel mit den Dirnen iſt ihm keines Zornwortes werth. Wenn Du Dich nicht fürchteſt, wüßte ich einen Schlaf⸗ platz für Dich, wo Niemand ſich hinwagen dürfte, noch möchte. Und wo habt Ihr den? fragte das Mädchen lebhaft. Iſt's nur ſicher da; kein Kind von Rothgers Blutsfreun⸗ den hat an einer furchtſamen Bruſt geſogen, das wißt Ihr ſelbſt.— Warum biſt Du nicht ein Bub, und kannſt neben mir reiten? fuhr der Rottmeiſter auf, ſie kräftig in ſei⸗ nen Armen ſchüttelnd. Kennſt Du den großen runden Thurm dort an der Nordſeite und nach der Leine hin? Grau und finſter ſieht der uralte Kerl von außen aus; aber ſein Kleid iſt ein Bräutigamsrock gegen die Schreck⸗ niſſe, die es bedeckt. Oben in der Warte ſind die Vog⸗ teigefängniſſe, womit man leichte Brüche beſtraft; zu unterſt wohnt Meiſter Rührig, der Schließer, aber unter ihm in der Tiefe ſind finſtere Kämmerleins, aus denen ſelten Einer zurückkam; er ſelbſt nennt dieſe Gewölbe ſeine Bärenhöhlen. Meiſter Rührig iſt ein Trunkenbold, aber ſonſt ehrlich und hält auf ſeinen Reſpekt; Frau Käthe iſt jedoch eine kluge Henne und läßt ſich vom Teufel kein Ei ins Bett legen. Fürchteſt Du das Ge⸗ heul ſeiner Bären nicht, das Klirren ihrer Ketten eben ſo wenig, ſo will ich Dir dort Quartier beſtellen. Für ein paar Witte oder ein Schaf täglich gibt die Alte Dir Bett und Sitz, und Du kannſt ihr an die Hand Blumenhagen vi. 4 gehen, denn Du kennſt ja auch die Kräuter, welche Wunden heilen und Fieber vertreiben, und Frau Käthe gilt für den beſten Medicus in Schloß und Stadt. Den Thurm darf Niemand betreten bei Schandpfahlsſtrafe; Meiſter Rührig riegelt Abends feſt zu von innen, und ſelbſt zum Dienſte bei der edlen Frau kannſt Du die Gallerie an der Kapelle paſſiren und ſo zum Fürſten⸗ flügel gelangen, ohne daß Dich ein lüſternes Bürſchlein wittert.— NMit klopfendem Herzen ſagte Febronia zu dem will⸗ kommenen Vorſchlage Ja; kam ihr doch das Schickſal auf dem Wege ihrer Wünſche günſtig entgegen, und denſelben Abend bezog ſie ſchon das finſtere Logis. Wie unruhig war ihre erſte Nacht in den Mauern, die auch ihren Florian umſchloſſen hielten! Ach! das Bild von ihm in jenen grauenvollen Kerkern, von denen Meiſter Rührig erzählte, machte ihr Herz bluten und verfolgte ſie unanfhörlich. Wie ſann ſie Tag und Nacht auf einen Plan zur Rettung, wie betete ſie zu dem Vater der Unglücklichen um Erleuchtung! aber ein Tag nach dem andern lief hin, und ſie kam nicht weiter. Zwei Male täglich rief ſie der Dienſt zur Herzogin; die übrige Zeit mußte ſie der Alten Krauttränke brauen helfen für die Kranken der Garniſon, mußte die Gefäße füllen, und das Kleienbrod und die kleinen Käſebrocken ſchneiden, die Morgens der Schließer, Abends die Schließerin den Eingekerkerten hinuntertrugen. Die beiden vorſichtigen Alten wurden jedoch mit jedem Tage vertraulicher, und wenn der durſtige Rührig in der Dämmerung fortge⸗ ſchlichen war, um von den eingebrachten, den Städten weggeraubten, Bierfäſſern und ſonſtigem heißen Feſt⸗ trunke auch ſein Theil zu erwiſchen, ließ die Schließerin 51 zuweilen zu, daß ſie, um ihr die doppelten Gänge zu erſparen, die Krüge in den erſten Gang trug und dort ihrer wartete. Da hörte ſie denn die ſchweren Riegel auf und zu ſchieben, hörte das Geklirr der Feſſeln, ver⸗ nahm Klagetöne und horchte mit gebrochenem Herzen auf die bekannte Stimme. Bald hatte ſie auch heraus⸗ gebracht, in welcher Gegend der Rathsdiener ſaß; die geſchwätzige Alte bedauerte den jungen ſchmucken Bur⸗ ſchen, ſchalt jedoch auch zugleich, daß er die angenehme Geſtalt, welche ihm Gott geſchenkt, ſo verunglimpft und geſchändet durch Verrath an ſeinem Landesherrn und durch Spionirung, zu der ſich ſonſt nur ſchlechte Vaga⸗ vunden gebrauchen ließen. Febronia harrte und hoffte bangend auf günſtigere Zeichen. Eines Morgens befand ſich das Mädchen bei der Herzogin, und war eben beſchäftigt, ihrer Dame das reiche Haupthaar in künſtliche Flechten zu ſchlingen, als die Thür geöffnet wurde, und ohne Anmeldung der rauhe Commandant des Schloſſes, Ritter Siegfried von Salder, hereinpolterte. Verzeiht, Gnaden, ſprach er, daß ich ſo früh ſtören muß, aber mein Gewerb leidet keinen Aufſchub.— Willkommen, bringt Ihr Gutes auf unmanierliche Weiſe, antwortete die fürſtliche Dame empfindlich. Müßt nicht böſe ſein, Gnaden, die Manier lernt ſich von Eurem Herrn, fuhr der hinkende Held tückiſch fort. Bringe auch goldenen Schatz im härenen Beutel.— Ohne Vorrede! herrſchte die Herzogin ihm zu.— Nachts ſind Eilboten angelangt vom Gnädigſten, gehorſamte der Krückengänger; der Tapfere hat eine Victoria erfochten, hat den knabenhaften Albrecht vom Schloſſe Winſen fortgeſchlagen und ihm die Stadt wieder Schon iſt dem jungen Kauz der Schloßkapellan zur letzten genommen. Sobald er das Schloß nun verproviantirt und die Bürger bewaffnet, wird er die Sächſiſchen verfolgen, die ſich zu uns heraufgeflüchtet. Wir haben indeß erfahren, daß die Schaaren des Wenzeslaus dem Neffen zur Verſtärkung entgegenzogen und die eroberte Stadt Pattenſen entblößt iſt. Um dem Herrn eine Freude zu bereiten, will ich deßfalls ſelbſt ohne Aufſchub hinüber, die Hälfte der Beſatzung mit mir nehmen, alles Reitvolk aus den Dörfern am Deiſter an mich ziehen und zu Pattenſen dem Schaumburger einen unverhofften Beſuch abſtatten. In zwei Tagen bin ich zurück, und der alte Ritter von Lothe wird bis da meinen Poſten vertreten. Das zur ſchuldigen Anzeige, und damit Gott befohlen.— Grüßet den Schwager Schaumburger, wenn Ihr ihn trefft, entgegnete die geärgerte Frau. Ich denke wohl auf Speereslänge, und werde ge⸗ horſamlichſt beſtellen, hohnlachte der Commandant im Fortgehen, drehete doch wieder in der Thür um und ſagte noch: Möchte Euch auch freundſchaftlich rathen, Gnaden, morgen ein wenig länger im Bett zu weilen, wie gewöhnlicherweiſe. Hatte erſt vor, um die Stadt⸗ ratten bis zu der Rückkehr meiner Mannſchaft etwas einzuſchüchtern, die dürrgehungerten Rathsherrn auf der Schloßmauer abſchlachten zu laſſen; aber Herr Magnus iſt zu großmüthig und mag es nicht ganz mit der Stadt verderben. Um meinen Zweck zu erfüllen, ſoll nur der eingefangene Stadtknecht am hohen Galgen auf dem Außenwalle baumeln. Wenn ſie vom hohen Ufer drüben die ekeln Stadtfarben im Winde zappeln ſehen, wird ihr Muth auf drei Tage wenigſtens im Rinnſteine liegen. * 53 Beichte in den Thurm geſendet; wollet Iht ihm gnädig von Eurem Tiſche noch eine Henkersmahlzeit zukommen laſſen, habe ich nichts dagegen. Aber bleibt morgen lange im Bett; ich weiß, Ihr liebt die Galgenceremo⸗ nien nicht, und ich muß das Spektakel mit aller Gloria und nicht gar zu weit von Eurem Fenſter aufführen laſſen.— So hinkte er hinaus und ließ ſeine Zuhörerin⸗ nen vor Entſetzen verſtummt allein. Er meint ihn! es bleibt kein Zweifel! Alles iſt ver⸗ Lloren! rief die bleiche Febronia, ſank an den Seſſel nieder und preßte ihr Geſicht in das geſtickte Polſter. Betrübt und mitleidig legte die Herzogin ihre Hand auf des Mädchens Scheitel. Armes Kind! ſagte ſie halblaut, was Salder befahl, wagt Niemand zu verſäumen. Mein Rath iſt verarmt, ich weiß Dir nicht zu helfen.— Da fuhr die Fiſcherin plötzlich auf und ſtand ſtark und hoch vor der Erſtaunten, und ihre Augen leuchteten wie mit ſeltſamem Himmelslichte. Gott ſendet mir Licht! ſprach ſie wie begeiſtert. Gegen den höchſten Verluſt ſetzet der Menſch Alles. Die Liebe kommt von Gott, denn man ſieht ihre Wege ſo wenig wie die ſeinigen; ſo darf ſie auch Alles wagen im Vertrauen auf ihren Schöpfer.— Aber Ihr, Gnädigſte, müßt helfen, ſetzte ſie hinzu; Ihr verhießet es ja.— Gern! aber ſage an: wie und wo⸗ mit? fragte die Fürſtin geſpannt. Eure Kammerfrau iſt unpaß, fuhr haſtig das Mädchen fort, macht ſie kränker, todtkrank; befehligt Frau Käthe herauf zu Euch gegen Abend mit ihren Flaſchen und Büchſen, laßt ſie nicht fort, um keinen Preis fort dieſe Nacht, behaltet ſie bei Euch bis zum Morgen in verſtellter Angſt um die Ster⸗ bende. O! opfert für zwei Unglückliche den Schlaf einer Nacht, dann laßt mich walten und den Himmel über 54 mir; ich meine feſt, er belohnt die, welche ihm ſo recht von Herzen vertrauen. Und jetzt entlaßt mich, daß ich forſche, ob die Drohung des grauſamen Herrn kein tücki⸗ ſcher Trug war, ob wirklich dieſer grauſige Schlag be⸗ reitet wird.— Die Herzogin nickte bekümmert und Fe⸗ bronia flog durch die Gallerie dem düſtern Thurme ihrer Leiden zu. Es iſt nothwendig zum Verſtändniß der folgenden Ereigniſſe, hier eine kurze Beſchreibung des Schloſſes Leuenrode einzuſchalten. In der Nähe der meiſten Städte Deutſchlands, deren Urſprung ſich in die Zeit verliert, wo noch keine Chroniken geſchrieben wurden, findet man eine Feſte oder ein Schloß auf dem höchſten Punkte der Gegend, und darum ſie beherrſchend, angelegt. Wahr⸗ ſcheinlich entſtanden dieſe Städte durch den Anbau der Lehnspflichtigen des erſten Beſitzers einer ſolchen Burg. Später blieben dieſe feſten Plätze als Schirm der un⸗ bewehrten Bürger, oder als Zwingburgen der Wider⸗ ſpänſtigen. Schloß Leuenrode ſcheint beide Zwecke wech⸗ ſelnd und nach der jedesmaligen Geſtaltung der Verhältniſſe erfüllt zu haben. Die Regierung der altſächſiſchen Stämme lag in den Händen von zwölf Gaugrafen. Nur in Krie⸗ geszeiten und für dieſelben wurde aus dieſen ein Heer⸗ führer oder Kunig erwählt, der jedoch mit dem Frieden von dieſem Ehrenpoſten wiederum abtrat. Der berühmte Wittekind war ein ſolcher, wußte aber ſeine Erhebung auch nach beendigtem Feldzuge gegen den großen Karl in eine dauernde zu verwandeln. Unter den erwähnten Gaugrafen der alten Saſſen finden wir in den Chronik⸗ vüchern die Grafen von Rothen als Richter und Ver⸗ walter des Leinegaues, ſpäter als Herren und Erbſitzer 55 in vielen Burgen deſſelben, ſo auch auf Leuenrode, das man Lewenrode, nachher entſtellt und fälchlich Lauenrode geſchrieben.— Als Beſitzthum der gräflichen Familie von Rothen diente es als Schutz der erſten Anſiedler, welche aus Fiſchern und Fährleuten beſtanden. Später in den Beſitz der Braunſchweigiſchen Herzöge gelangt, beſchirmte es die Stadt Hannover, wurde aber zugleich ein Wächter für ihre Treue, und ſein Kaſtellan ſpielte den fürſtlichen Hoheitscommiſſarius und den Einnehmer der Lehnsfälle und Abgaben der Bürger an den Herrn zugleich. Unter dem Herzog Otto dem Strengen in neuen wehrhaften Stand geſetzt, erhob die Feſte ſich ſtattlich dicht an den Ringmauern Hannovers. Der Leinefluß ſchied ſie von der Stadt, und vor ihr lag ein weites ſtehendes Waſſer, der Judenteich benannt, der den jetzi⸗ gen Markt der Neuſtadt und den Platz der Hofkirche einnahm, und ſeinen Namen in den Zeiten der erſten Kreuzzüge und der damaligen Verfolgung der Iſraeliten durch die Erſäufung mehrer jüdiſchen Familien erhalten haben ſoll. Das Schloß ſelbſt war außen mit einem kleinen Schutzwall umgeben; ein trockener Graben ſchied dieſen von der erſten Ringmauer; zwiſchen dieſer und der höhern Burgmauer lag ein tieferer Graben, welcher ſein Waſſer aus den Ouellen des Judenteiches durch Röhren empfing, und hinter der dicken Burgmauer erhob ſich der eigentliche Wall, der breit und geräumig der Garniſon und ihrem Wurfgeſchütz zum Standplatze diente. Das Schloß ſelbſt beſtand aus einem Viereck, von zwei Hauptgebäuden und zwei ſchmalern Flügeln gebildet, den Burghof einſchließend und in die Hauptmauer vier runde Thürme vorſchiebend, die wie wachhaltende Rieſen mit ihrem grauen Geſtein und ihren Zinnen weit im Leinegau zu ſehen waren, und deren unteres Geſchoß die offe⸗ nen Aufgänge zu dem Walle enthielt. Das Hauptthor mit der Zugbrücke lag gegen Weſten von der Stadt ab⸗ gewendet, und eine viereckige Warte beſchirmte zum Ueberfluß dieſen Eingang, und ihrem gewölbten Durch⸗ gange ſchloß ſich ein weites offenes Bogengewölbe an, welches den weſtlichen Schloßflügel trug, und, von großen Pilaren geſtützt, eine bedeckte Fortſetzung des Hofes ge⸗ ſtaltete, in welche ſich die Wachhäuſer öffneten. Gegen Oſten bot die Feſte einen zweiten Ausgang dar, der aber von außen nicht zu bemerken war, und nur beſtimmt ſchien, die ununterbrochene Vereinigung mit der befreundeten Stadt zu unterhalten. Aus dem untern Gewölbe des Baues nämlich lief hier ein bedeck⸗ ter Mauergang mälig von der Hohe herab bis zu dem ufer des Fluſſes, öffnete ſich dicht am jäden Rande deſ⸗ ſelben bei der ſchon genannten Sommerbrücke, und machte ſo den Verkehr zwiſchen Schloß und Stadt ſelbſt bei der Umzingelung eines mächtigen fremden Feindes möglich. Von außen wurde dieſer Mauergang durch Wallerde gänzlich verdeckt, und die ſogenannte Damm⸗ ſtraße, ein hoher Fahrweg, welche vom Leinethor zu der Brühlerbrücke dicht an der Stadt herablief, ging über das niedere Gewölbe hinweg. Die obenbeſchriebenen Befeſtigungswerke des Schloſſes ſtiegen terraſſenförmig über einander auf, und dadurch erhöhete ſich das Im⸗ poſante des ſtattlichen Baues, und er durfte mit jedem ähnlichen Werke durch ven kräftigen Eindruck ſeines An⸗ blicks, wie durch Regelmäßigkeit der Ausführung den Wettſtreit wagen, und machte ſeinem Baumeiſter, der die Beſtimmung ſeiner Arbeit überall im Auge behalten⸗ keine geringe Ehre.—— —— 57 Aus dem ſüdlichen Hauptgebäude dieſer Burg eilte jetzt unſer hartbedrängtes Fiſchermädel durch die öden Gänge des öſtlichen Flügels hinab zu dem nörvlichen Thurme, der ihre ganze Welt und Alles, was ſie darin ihr nennen konnte, umſchloß. Leider fand ſie ſofort nach ihrer Ankunft in der ſchaurigen Behauſung beſtätigt, was der rauhe Commandant im Kloſet der Fürſtin ſo ſcho⸗ nungslos ausgeſprochen hatte. Meiſter Rührig kehrte eben mit dem Kapellanus der St. Gallenkapelle zurück aus den tiefen Höhlen des Unglücks, und warf, nachdem er den geiſtlichen Herrn durch die eiſenbeſchlagene Eichen⸗ pforte hinausgelaſſen, ein Bündel Ketten auf den Bo⸗ den hin. Braue eine gute Suppe, Käthe, ſagte er kleinlaut zu der Schließerin, indem er die grauen Augen halb zu⸗ ſammenkniff; es iſt ja Chriſtenpflicht, den letzten Tag eines armen Mitbruders zu leichtern und ihm auf Erden nochmals Gutes zu thun, damit er beim Sanct Peter droben nicht zu hart klagt.— Iſt's denn gewiß, daß er daran muß? fragte die Frau mitleidig. Das junge Blut dauert mich, denn er hat nie wie die Andern geflucht oder ſeine Feinde ge⸗ läſtert, ſondern immer ſtill und fromm ſein Schickſal getragen.— Muß doch dran, antwortete Rührig, die Flaſche an den Mund ſetzend. Gut für ihn und uns, daß der alte Brummbär, der Salder, es zu eilig hatte, die Folter zuvor an ihm zu probiren! Aber Pardon gibt es nicht, denn der Commandant iſt ſchon über die Brücke hinaus, und fände er bei der Heimkehr ſeine Ordre nicht erfüllt, möchten die Ungehorſamen den Galgen mit dem Delin⸗ quenten zu theilen haben. Mußte ihm das Eiſenwerk abnehmen, denn der ehrwürdige Herr meinte, die Ketten ſtörten die Andacht, und die Riegel an ſeinem Käfig wären feſt genug. Habe ihm auch die Ampel laſſen müſſen, damit er in dem Gebetbuch, was er ihm gegeben, ſich erbauen könnte und erſtärken für den Marſch zum Himmel. Er fand ſich auch recht brav darein, und klagte nur und weinte, daß ihm die grauſamen Herren nicht erlaubten, nochmals das grüne Feld zu ſehen und von lieben Freunden einen ewigen Abſchied zu nehmen.— Die alte Schließerin wiſchte ſich die trüben Augen und entgegnete leiſe: Der Himmel gebe ihm Standhaf⸗ tigkeit auf dem ſchweren Wege und laſſe ihn ſchnell hin⸗ übergehen!— Febronia aber ſtand wie eine kalte Bild⸗ ſäule da, faltete die Hande mechaniſch; in ihrem Buſen jedoch brannte es wie ſiedende Glut und ſtach es wie zweiſchneidige Meſſer. Alles für Alles! Mit ihm frei oder mit ihm verlo⸗ ren! blieb ihr heimlicher Entſchluß, und gräßliche Pein gab ihr der ſchleichende Tag, die höchſte Marter der am Abende kehrende Prieſter, dem ſie nicht folgen durfte dahin, wohin eine unſichtbare Macht ſie gewaltig zog.—— Die Herzogin hielt Wort, denn die Schließerin wurde mit der Dämmerung in das Schloß gerufen und kehrte nicht wieder, und Meiſter Rührig ſchalt ungewöhnlich heftig auf die Laune der hohen Herrſchaft und die Stö⸗ rung im Dienſte dadurch. Vertraut mit den Künſten der weiſen Frau und bekannt mit ihrem Arzneiſchränk⸗ chen brauete indeß Febronia einen ſtarken Trank aus Mohnköpfen, deſſen ſchläfernde Wirkung ihr bewußt war, jedoch mit quälender Unruhe, daß er zu ſtark werden möchte, weil ſie trotz ihrer bittern Noth kein fremdes Menſchenleben ihrem Glücke opfern mochte. Wie ſonſt 59 mußte ſie auch jetzt dem mürriſchen Schließer die Koſt zu den Kerkergängen tragen; jedoch mit Sorge und Ver⸗ wunderung ſah ſie, daß der alte Bärenhäuter keine An⸗ ſtalt machte, nach vollendeten Tageswerken ſeinen ge⸗ wohnten Schlaftrunk zu nehmen und zur Ruhe zu gehen; im Gegentheil wanderte er ungeduldig in den Thurm⸗ gängen hin und her, und ſtand oſftmals in der Pforte, die er bald auf, bald zu ſchloß. Als es ganz Nacht geworden, und alles Geräuſch der Kriegsleute im Hofe und auf den Wällen verſtummt war, trat er endlich entſchloſſen in das kleine Gemach, wo die Fiſcherin in einem Armſtuhl ſaß und Schlaftrunkenheit erkünſtelte. Iſt es nicht ärgerlich, ſagte er zu ihr, wenn einem nach ſchwerer Plackerei und ſaurem Dienſte auch das Erholungsſtündchen vor dem Maul wegſtibitzt wird? Der Schwarze hole den Herrendienſt! und pfuſchen gar noch die gnädigen Frauen hinein, ſo möchte man lieber Löwenwärter bei einer afrikaniſchen Majeſtät ſein, als ein Menſchenhüter bei deutſcher Hoheit.— Aber was murrt Er heute ſo beſonders, Meiſter? fragte Febronia verwundert. Ich werde es bei der Frau loben, daß Er ſie ſo hart vermißt. Doch da ſie nicht mehr kehren wird, ſo finde Er ſich darein wie ein Mann. Dort ſteht Sein Nachttrunk; ich habe das Bier gewärmt, Honig hineingethan und es derb gewürzt, wie Er's gern hat. Trinke Er und lege Er ſich nieder, es iſt Schla⸗ fenszeit und die Augenlieder ſind ſchwer wie Blei.— Der grauköpfige Schließer verzerrete ſein faltiges Antlitz zu ſolch widriger Freundlichkeit, daß dem Mäd⸗ chen ganz bange ward. Mit Haſt faßte er ihre Hand und knetete ſie zwiſchen ſeinen harten Fäuſten. Liebes Dirnel, ſprach er, Du könnteſt mir einen recht großen Gefallen thun. Frau Käthe muß oben bei der alten Katze wachen, der das Schloßbrod in den Ge⸗ därmen kneipt. Wenn Du doch auch ein paar Stündchen für mich wachen wollteſt und mir damit einen Liebes⸗ dienſt erweiſen! Weiß Gott, ich würde dankbar ſein. Die Schützen haben Kaufmannsgut erbeutet, und ich handle Dir das ſchönſte Stück Scharlachtuch davon ein zum Mieder, daß Du alle Dirnen an der Leine damit ausſtichſt.— Wie meint Er das? fragte Febronia hart und er⸗ ſchreckt, indem ſie aufſtand und die tölpiſchen Hände des vermeintlichen Liebhabers zurückwarf.— Nein, fuhr er bittend fort, wachen darfſt Du nicht einmal, kannſt dort im Faulſtuhl ſchlafen; mein Klopfen ſoll Dich ſchon wecken zur rechten Zeit. Und Du biſt ja nicht wie die andern Weibſen, fürchteſt Dich nicht vor Spuk oder dergleichen. Aus dem Verließ kann Niemand herauf zu Dir, ich habe ſorgſam alle Riegel viſitirt. Die Pforte hinauf zum Flügel iſt inwendig verſchloſſen, kein Junker oder Kriegsknecht kann von da herab; und wenn Du mich hinausgelaſſen, und ſchiebſt die drei Rie⸗ gel an der Thurmpforte vor, kann die ganze Garniſon nicht zu Dir, wenn ſie auch Sturm laufen möchte.— Ein Freudenſchreck, wie ſie ihn nie gefühlt, fuhr durch des Mädchens Herz. Will Er denn noch hinauf in das Schloß und ſo ſpät? ſtammelte ſie. Ol thue Er's nicht. Wenn's Frau Käthe erführe, oder ſonſt ein Unheil entſtände! Auch tann Er mich ja hier nicht allein laſſen. Hört Er nicht, wie die Eule oben im Giebel ruft und die Ratten knas⸗ pern im Boden? Er fände mich todt bei der Rückkehr.— ¹ 61 Es thut Dir ja Niemand etwas! beſchwor der Schließer die ſchöne Heuchlerin. Sieh', nur ein Stündchen bleibe ich aus, höchſtens bis Mitternacht. Der Kellner feiert ſeinen Namenstag im Gewölbe unter der Küche mit ſechs verſchwiegenen Kameraden. Da gibt's den beſten Trunk, der auf hundert Meilen weit in einem Faſſe gegohren. Und ich ſollte nicht dabei ſein, ich geſchlagener Rührig? Nein, Mädchen, ſo hübſch Du biſt, ſo mitleidig biſt Du auch. Riegle Dich feſt ein, verzehre meinen Trunk da mit Geſundheit, ſchlaf dann im Stuhl, bis ich mit drei Schlägen am Thor Dich wecke. Weder Frau noch Commandant wird ein Wort erfahren, und mein Ver⸗ ſprechen wegen des Scharlakens gilt, ſo wahr meine Mutter, Gott habe ſie ſelig! ein treues Eheweib ge⸗ weſen.— Febronia wehrte ſich noch eine Weile, dann gab ſie nach, und der durſtige Wächter taumelte, vom Vor⸗ ſchmacke ſchon trunken, zur Pforte hinaus, und ſie ſchob mit bebenden Händen die ſchweren Riegel vor, und fand ſich leichter, wie ſie ſich's gedacht, als einſame Gebiete⸗ rin im ſtillen Thurm, und den Weg zu dem Geliebten offen. Klüglich verweilte ſie noch im Gemach des Schlie⸗ ßers, denn er konnte ja nochmals kehren, etwas vergeſ⸗ ſen haben, oder ihr noch Vorſchriften geben wollen. Aber Alles blieb ruhig um ſie, doch unruhiger und ängſtlicher wurde es mit jeder Minute in ihrem Inneren: die Ket⸗ ten, Stricke, Geißeln, und das blanke Beil, welche als dräuender Schmuck an der Wand des Gemaches aufge⸗ hangen waren, erſchienen ihr immer grauſenvoller, aus jedem Winkel hörte ſie Sterbeſeufzer. Ihre Stärke war dem Erlöſchen nahe; darum ſprang ſie raſch auf, zün⸗ dete eine Hornleuchte an, nahm das Schlüſſelbund vom Nagel, ſteckte ein Fläſchchen mit Magenwein aus der Truhe der Schließerin in ihre Schürze, und trat muthig den ſchwerſten Gang ihres Lebens an.— Nach kurzem Horchen im Vorgange ſchloß ſie den Eingang zu den Gewölben auf, und ſtieg vorſichtig die Windelſteige hin⸗ ab, die in das Innerſte der Erde zu führen ſchien. Aber wie berauſcht flirrte es vor ihren Augen, ſie mußte ſtill ſtehen und ſich beſinnen, in welcher Gegend der engen Gänge ihr Bräutigam ſchmachtete. An vielen eiſenbe⸗ ſchlagenen Thüren ging ſie vorüber, da fiel der Later⸗ nenſchein auf die ſchwarze Zahl fünfzehn; ſie war am Ziele, nur dieſe Eichenbohle ſchied ſie noch von dem ſo lange Beweinten. Sie ſchob den Riegel weg, ſie öffnete langſam, und ihr Schritt ſchien gefeſſelt, ihre Glieder erſtarrt. Ein bleiches Licht warf die Ampel, an ihrer Kette hangend, auf den engen Kerker, der wie ein Grab ſie ſchwarz und ſchreckend anſah. Ein Strohlager ſchimmerte im Winkel, doch war es leer; der Gefangene ſaß wie in Träumen verſunken auf dem Schemel daneben, und das Gebetbuch lag mit der Hand auf ſeinem Knie. Aber war das ihr Florian? Dieſer blaſſe hohläugige Menſch im weißen Sünderkleide glich ihrem Geliebten nicht. Schon fürchtete ſie, ſich in dem Orte geirrt zu haben, da ſchlug ſeine Stimme an ihr Ohr, die unver⸗ geßlichen milden Töne, die einſt ihr Herz gewonnen hat⸗ ten für ewig.— Gute Frau Käthe, ſagte der Gefangene ſanft, kommt Ihr nochmals den ſauren Weg herab, nachzuſehen, ob mir etwas mangelt? Ich bedarf nichts mehr von dem, was Ihr mir geben könnt. Das Einzige, was ich noch wünſchte auf dieſer Welt, hat mir Gott verſagt, und 5 63 darum läßt mich's nicht ſchlafen, denn ich habe immer⸗ dar Vater und Mutter geehrt, die Kirche nicht verſäumt, und bin treu geweſen meinen Vorgeſetzten. Deßhalb ſtand mir der Glaube feſt, ich hätte wohl verdient, vor dem letzten Gange mich zu erquicken im Abſchiede von denen, die mein Herz mit Jammer zurückläßt.— Febronia ſetzte haſtig die Laterne auf die Schwelle. Und weil Du ſo gut und brav geweſen immerdar, er⸗ füllt der Herrgott Deinen letzten Wunſch und ſendet Dir die, nach welcher Dein treues Herz ſich ſehnt, rief ſie freudig und thränenſchwer, und hin zu ihm ſchwankte ſie, und ſank nieder an ſeinen Schemel und umfaßte ihn mit Inbrunſt und preßte das blaſſe Geſicht des Erſchrockenen an ihre volle Bruſt. Lange konnte ſich der Betäubte nicht erholen von ſeinem Erſtauneu, das ihm die ge⸗ ſchwächten Sinne gänzlich zu erſchöpfen ſchien. Mit An⸗ ſtrengung mußte Febronia alle ihre Stärke, ihre Faſſung fammeln, denn der plötzliche Wechſel drohete ſeinen Geiſt zu zerſtören. Sie erzählte ihm wiederholt, wie ſie zu ihm gelangt; ſie pries die Allgüte Gottes, welche die vöchſte Sicherheit über dieſe Zuſammenkunft gedeckt; ſie ſchmeichelte ihm mit der Hoffnung, ſofort durch glückliche Flucht gerettet zu werden; ſie ſtärkte ſeinen Leib aus dem mitgebrachten Fläſchchen. Eine gute Weile dauerte es, ehe er ſie verſtand, ehe er den Sinn ihrer Worte ganz begriff, ehe er ganz empfand, was die Geliebte um ihn gethan, was ſie noch um ihn zu wagen bereit war. Aber mit der wiedergewonnenen Körperkraft erwachte dann auch das Gefühl ſeiner dankbaren Liebe mit voller ungeſchwächter Glut. Seine Augen bekamen Glanz, ſeine Wangen Röthe, er lachte jetzt, jetzt weinte er laut, und in tauſend unerſättlichen Liebkoſungen umſchlang er die 64 ſchöne Braut, eine Scene, für die ſelbſt des phantaſien⸗ reichſten Malers Farben zu trübe bleiben, und ſein Pinſel zu armſelig iſt.— Febronia's Beſonnenheit ſprach ſei⸗ nem Taumel ein gebietendes Halt; ſie mahnte an die flüchtige Zeit, und bat ihn, die Möglichkeit der Rettung mit ihr zu bedenken. Aber wie? fragten ſie ſich wech⸗ ſelſeitig. Aus Kerker und Thurm ſtand der Weg offen; doch wie aus den wohlbewachten Mauern des Schloſſes 2 — Febronia that manchen Vorſchlag. Sie wollte ihre Kleider mit ihm tauſchen und ſtatt ſeiner bleiben; ſie wollte ihn an den Stricken, die in des Schließers Ge⸗ mach vorräthig waren, von der Mauer herablaſſen; ſie wollte ihm durch den Flügel zu den Zimmern der Her⸗ zogin bringen, wo er mit der Beihülfe der edlen Frau im Bett oder Schrein verborgen bleiben könnte, bis ein günſtiger Augenblick zur Flucht ſich zeigen würde. Flo⸗ rian ſchüttelte das Haupt zu all dieſen Plänen, bei jeder neuen Anſtrengung ihrer Phantaſie ihr dankbar die Hand drückend. Sinnend ſtarrte er dann eine Weile zu dem feuchten Gewölbe hinauf. Du kannſt alſo in den Flügel gelangen, fragte er nachdenklich, der nach dem Fluſſe hinüber ſieht, und an welchen die Sankt Gallenkapelle grenzt?— Gewiß! verſicherte das Mädchen, die Schlüſſel ſchüt⸗ telnd. Sicherlich und unbemerkt!— So ſind wir in dieſer Stunde, wenn Gottes Engel unſere Schritte ſchirmt, gerettet und bei den Unſrigen, ſprach da mit Vertrauen der blaſſe Jüngling, und ſtand mit Kraft auf von ſeinem Schemel und zog das hor⸗ chende Mädchen zu ſich empor und umſchloß ſie feſter und wie in einem Freudenrauſche mit ſeinen Armen. Als Knabe habe ich oft den Weg gemacht, und kenne jeden 65 Winkel genau, ſetzte er ruhiger hinzu; wenn der Kapel⸗ lan Sonntags früh ausging von dem Sankt Gallenhofe auf der Burgſtraße, hier oben das heilige Amt zu hal⸗ ten, mußten wir ihm die Utenſilien nachtragen, und im Kirchendienſte ihm beiſtehen durch Geſang, und das Räucherbecken hinter ihm ſchwingen; der fromme Kinder⸗ dienſt, zu dem ich ſo gern ging, lohnet ſich jetzt. Ueber die Piperſtraße und die Sommerbrücke ging unſer Marſch zum Gewölb, das am ſteinernen Bär ſich öffnet, und von dort unterirdiſch zur Kapelle hinauf. Alle Thüren ſind in dieſen engen Gängen nur mit Riegel von innen ver⸗ wahrt; was der Knabe ſieht, vergißt er nicht. Iſt dieſer Poſten nicht von Wachtleuten beſetzt, ſo gehen wir wie im Spaziergange hinaus. Stellte man die einzelne Schildwache in den düſtern Ort, nun wohlan, ſo weh- ren wir uns um das Leben.— Und Febronia wird im Streite Dir nicht nachſtehen, rief die Fiſcherin, und beide verließen ohne Säumen den furchtbaren Ort, ſchlüpften leiſen Trittes die Windelſteige hinauf, und befanden ſich bald im warmen Zimmerchen des Schließers. Unſichtig nahm hier Florian das alte Schwert des Meiſter Rührig zu ſich; Febronia ergriff die Holzart, dann ſanken Beide in die Knie, ſprachen ein ſtill Gebet, und Hand in Hand, durch einen feſten langen Kuß geſtärkt, traten ſie die gefährliche Wander⸗ ſchaft an. Der Schlüſſel zu der Thür vom Thurme zum Schloßflügel ward bei dem Scheine der Laterne bald aufgefunden, und ſie ſchlüpften hindurch in das Schloß; ein vorſichtiger Blick durch das Fenſter verſicherte ſie der tiefſten Ruhe im Schloßhofe; die weite Flügelthüre der Kapelle zur Seite laſſend, trat Florian auf die gegen den Strom hinabführende Steige; der ihm bekannte Blumenhagen. VII. 5 66 Gang nahm ſie auf, und ſie ſchritten muthig in den engen Räumen vorwärts. Drei Pforten ſicherten den Ausgang; an der erſten fanden ſie den Riegel vorge⸗ ſchoben, eine Entdeckung, die ihnen die glückliche Gewiß⸗ heit gab, daß dieſer Ausgang von keiner Wache beſetzt ſei, da er ſich ſelbſt genugſam zu ſchützen ſchien. Enger und feuchter wurde aber der Pfad; das Gewölbe führte jetzt unter dem Damme hindurch; ſeine Decke tropfte und glänzte überall von kalkartigen Stalaktiten, welche die Bögen mit weißen blitzenden Spitzen geſchmückt hat⸗ ten. Die zweite Pforte lag ſchon hinter ihnen, da glei⸗ tete Febroniens Fuß auf dem naſſen Steinboden, die Laterne fiel und verlöſchte. Sie verwünſchte ihre Un⸗ vorſichtigkeit, wollte zurück, das Licht neu zu entzünden, aber Florian hielt ihre Hand feſt. Vorwärts! rief er entſchloſſen, wenige Schritte, und des Himmels Sterne leuchten uns ſegenvoller; wir müßten das Lämpchen außen doch verlöſchen, damit es nicht zu unſerm Ver⸗ räther würde.— Hand in Hand tappten Beide weiter; mühſam mit vereinter Gewalt zogen ſie an dem roſtigen Riegel des letzten Thores, er wich, und die kühle Nachtluft fiel er⸗ quicklich in ihre beklemmte Bruſt, und der dunkle Strom ſprach zu ihnen herauf mit ſeinem eintönigen Rauſchen. Mit einem freudigen Gejauchz wollte Febronia hinaus⸗ treten auf die Brücke, aber Florian rief: Halt! um Gotteswillen! die Brücke iſt nicht da, ſie iſt abgetragen; wir ſtehen am Abgrunde.— Doch ſeine Warnung kam zu ſpät; der feuchte Aermel des Mädchens, den er ge⸗ faßt, entwich aus ſeinen erkälteten Fingern, und er ſah ſie vor ſich hinabgleiten in die unheimliche, nachtbedeckte Tiefe. Kalt wie der Tod überlief es ihn; einen Augenblick 67 ſchwankte er zurück, dann ergriff ihn die Furchtbar⸗ keit ſeines Geſchicks wie mit den Krallen der Hölle, und der Entſchluß wurde feſt in ſeinem Herzen, ſich ihr nach⸗ zuſtürzen in das feuchte verſchlingende Grab. Da tönte die Stimme der Geliebten aus dem Grunde zu ihm herauf mit den Tönen der Freude, und ſein Herz ſchlug wieder hoch im Entzücken der himmliſchen Begnadigung. Florian, rief das Mädchen unten, ängſtige Dich nicht; ich bin geborgen und unverletzt. Setze Dich nie⸗ der, mein lieber Mann, rechts, wo ich ſtand, und gleite herunter zu mir. Gott iſt mit uns; das Waſſer iſt niedrig, und ich ſtehe auf trockener Sandbank. Aber vorſichtig, rechts am Gewölb, ich fange Dich ſchon auf in meinen Armen.— Und wie die Engelsſtimme befahl, ſo that er, und Beide hielten ſich unten umſchlungen im ſeligſten Gefühle der gewonnenen Freiheit.—— Aber wohin jetzt? fragte nach einigen Augenblicken der Beſinnung die Fiſcherin; ich kenne dieſes Ufer nicht, denn ich bin niemalen zu dieſem Platze gekommen.— Hörſt Du das Rad brauſen durch die Nacht? fragte Florian zurück. Das iſt die Hammelmühle, kaum zwan⸗ zig Schritte von uns. Täuſcht mich mein Auge nicht, ſo reicht dieſe Anſchwemmung bis nahe hinan, und am Ufer wird ſich ſchon ein Platz finden, hinaufzuklimmen. Aber der Müller iſt ein roher Geſell, gehört zu den Burgleuten, und iſt den Städtern gram. Wer weiß, ob wir bei ihm nicht eben ſo ſchlimm fahren, als in Meiſter Rührig's Händen.— So laß uns jene Lichterchen zur Richt nehmen auf unſerer Flucht, verſetzte Febronia. Um Gott nicht, die brennen ja in den Häuſern des Rodenſchen Werders, und der Strom dazwiſchen würde uns verſchlingen, 68 antwortete er. O! ſollen wir denn wieder fallen in harte Menſchenhand, da uns Gott bis hier ſo gnädig beſchützt? ſeufzte die Fiſcherin, indem ſie vorſichtig auf der Sand⸗ bank fortgingen. Ich will bitten, knien, jammern vor dem Müller; er hat Weib und Kind, er wird auch ein Herz haben für fremdes Elend. Doch nein! ſchrie ſie auf einmal wie außer ſich und ließ ſeine Hand. Wir brauchen die Menſchen nicht. Siehſt Du, was da ſchwarz und lang der Strom wiegt? Es iſt des Müllers Kahn. Gegrüßt ſei das bekannte Rüſtzeug!— Und von ihm weg floh ſie und ſtand prüfend am ſchwankenden Boot, ſprang hinein und unterſuchte kundig ſeine Haltbarkeit, flog dann fröhlich zu dem Geliebten zurück, und hieb mit der Art in wenig Streichen den Pfahl zunichte, der die Kette und ihr Schloß trug, und jubelnd ſprang ſie dann wiederum hinunter in den Kahn, ſchwang das ge⸗ fundene platte Ruder, und lud ihn ein, gleich ihr zu thun. Florian hielt jedoch die Kette am ufer feſt. O! Du mein Rettungsengel, ſprach er bewegt, wie danke ich Dir für dieſe Liebesopfer? Aber Du haſt Recht, lieber in die Hände des böſen Elements fallen, als in die böſeren der wilden, unerbittlichen Menſchen. Doch Dein Leben iſt zu kößlich, als daß ich es nicht bewahren möchte, mir bewahren, da mein Leben durch Dich mir wiederum lieb, o! wie lieb geworden! Der Fluß iſt tückiſch, hat Untiefen, und die jenſeitigen Ufer find ſteil und vorſpringend. Was wir ſo wunderbar gewonnen, wollen wir uns behüten, als theure Gottesgabe. Schaueſt Du den Schimmer dort oben, der das Kreuz des Begi⸗ nenkloſters wie mit einer Glorie umgibt und immer größer und heller anwächst? Es iſt der Mond, der ſich auch uns zum Beiſtande aufgemacht. Ihn wollen wir 7 69 erwarten; ſo wie er herübertritt über das hohe Schie⸗ ferdach und ſich in des Fluſſes Wellen ſpiegelt, ſtoßen wir ab vom Lande und vertrauen uns dem Waſſer, das Dir längſt Freund war, Dich nährte und Dich nicht verlaſſen wird.— Mit angehaltenem Athem ſtanden Beide in banger Erwartung, die ſchleichenden Minuten zählend. Jetzt erſchien die ſilberne Sichel und beleuchtete plötzlich Alles umher, und einladend winkte der ſchimmernde Fluß, und verlockend flüſterten die Waſſergeiſter. Schnell ſprang Florian in das Boot, riß den Pfahl an der Kette mit hinein, Febronia ſetzte ſich links nieder, um das Ruder kunſtgerecht zu gebrauchen, und der ſchnelle Lauf des Stroms riß die kecken Schiffer fort, und führte ſie ſchleunig von dem gefährlichen Boden, wo die Tyrannei hauſete und der Mord gierig ſein Opfer ſuchte. In derſelben Nacht genoß die Stadt Hannover nicht die Ruhe, welche ihre Außenſeite verkündete. Der jugend⸗ liche Herzog Albrecht von Sachſen, der Prätendent des Lüneburger Fürſtenhutes, traf Abends vor dem nördlichen Stadtthore ein, und ſein Ohm Wenzeslaus nebſt der Bürgerſchaft empfing ihn und ſein Kriegsvolk mit Jubel, und öffnete ihm Haus und Hof. Zwar war er von der Belagerung des Schloſſes bei Winſen an der Luhe ab⸗ geſchlagen, hatte der Mehrzahl des Braunſchweigiſchen Heeres weichen müſſen; doch mit der Umſicht und Be⸗ ſonnenheit eines erfahrenen Führers ſchonte er ſeine Krieger, opferte ſie nicht im fruchtloſen Kampfe dem Ehrgeize, ſondern brach den Streit ſchnell ab, und führte die Sachſen in Eilmärſchen nach Süden einem Felde zu, wo ihm ſichere Lorbeeren winkten. Obgleich vom ſchar⸗ fen Ritt ermüdet, hielt der junge Herr ſofort Siez mit dem gewichtigen Verwandten und dem wackern ſul auf dem Stadthauſe, und zwei zufällige Creigniſſe beſtimmten die Berathenden zu einem ſchnellen Ent⸗ ſchluſſe. Herzog Albrecht ſelbſt hatte einen Abgeſandten der Stadt Lüneburg mitgebracht, deſſen Wort er beſtä⸗ tigen konnte, da er in der befreieten Hauptſtadt bei ſei⸗ ner kurzen Anweſenheit ſelbſt die Huldigung entgegenge⸗ nommen. Der Geſandte berichtete der Schweſterſtadt, wie ſeine Landsleute ſich glücklich durch eine Liſt am Lichtmeſſenabend in den Beſitz des Kalkberges geſetzt hätten, wie ſie mit Panzer und Waffen unter den Bür⸗ germänteln hinauf in das Sankt Michaeliskloſter zur Veſper gezogen, oben angelangt, aber die Andacht in Kampfluſt verwandelt, Vogt und Beſatzung getödtet und die Zwingburg ſich zu eigen gemacht hätten. Er forderte die Hannoveraner auf, ein Gleiches zu thun, und ver⸗ ſchwor im Namen des Lüneburger Raths treuen und ewigen Beiſtand für die Folge. Ein zweiter Bote kam vom Weſten, und hatte ſich glücklich durch die feindlich⸗ beſetzte Gegend in die Stadt geſchlichen. Er brachte treue Grüße von dem Schaumburger an den alten Sachſenhelden. Das Unternehmen des grimmigen Ober⸗ ſten von Salder auf Pattenſen war durch des Grafen Otto Wachſamkeit vereitelt worden; die Schaumburger hatten ſich ſogar zwiſchen den Oberſten und Hannover geworfen, hielten die Päſſe und Holzungen beſetzt, und hofften den vom Schloſſe Leuenrode abgeſchnittenen Com⸗ mandanten ſo lange tapfer aufzuhalten, bis Wenzeslaus ihnen Succurs geſchickt. Beide Nachrichten bewogen die griegsfürften, den 71 günſtigen Augenblick nicht durch Aufſchub verloren zu geben. Sturm auf Schloß Leuenrode in der Frühe des nächſten Tages ward beſchloſſen, und die roſigen Wangen des ſchönen Albrechts leuchteten wie Siegesmorgenroth, als Ohm und Conſul ſogleich ſeinem wagigen Anſchlage beitraten. Die Hälfte der Beſatzung und ihr tapferſter Ritter waren von dem Schaumburger veſchäftigt; Mag⸗ nus ſelbſt fern mit ſeinen beſten Völkern; Niemand in dem Schloſſe konnte die Ankunft der ſächſiſchen Kriegs⸗ leute vermuthen; nie konnte der Angriff unter glückliche⸗ ren Auſpicien gewagt werden, und von allen Seiten wurden ohne Zögerung die Anſtalten getroffen. Wen⸗ zeslaus ließ den Bürgern die möglichſte Ruhe anbefehlen; mit der Dunkelheit durfte kein Licht im weſtlichen Theile der Stadt leuchten, in keiner Warte, in keinem Wach⸗ hauſe das nächtliche Wärmfeuer entzündet werden; ſelbſt die Jungfrauen im Kloſter mußten ihre Veſper und ihre Horas im Dunkeln ſingen; dieſe Gegend der Stadt lag da wie im tiefſten Schlafe. Tiefer hinein wurde jedoch ein wirres ungewohntes Leben wach. Die Marktplätze glichen mehr einem Feldlager, als ſtädtiſchen Handels⸗ räumen. In langen Reihen ſchnoben dort die angepfähl⸗ ten Streitroſſe der ſächſiſchen Reiter, und ihre Heerwägen verſperrten die Paſſage überall. Kirchen, Kaufmanns⸗ magazine, der untere Theil des Stadthauſes, Klöſter und Terminationshäuſer waren geöffnet und dem Fuß⸗ volke eingeräumt, das auf langen Streulagern von den ertragenen Strapazen ruhete, zu dem neuen Werke er⸗ ſtarkte, und von den gaſtlichen Bürgersleuten vollauf mit Trank und Speiſen erquickt wurde. Die Hannoverſche Miliz ſelbſt aber ſah man mit voller Bewaffnung ange⸗ than auf den Sammelplätzen, hörte ihre Kapitäne Befehle 72 ertheilen; Rüſtzeug aller Art, Wurfgeſchütz, Sturm⸗ leitern ſchaffte man aus den Zeughäuſern heraus, und die Leineſtraße wie auch die Burgſtraße erſchien bedeckt damit, und an den Waffenhäuſern drängten ſich in Maſſen die Zünftler jeder Art, und forderten Streitgeräth, um ſich morgen der Miliz anzuſchließen, und unter ihnen ſah man die Söhne der edelſten Patrizier in gleicher Abſicht und in gleich kriegeriſcher Begeiſterung. Freudig gingen die Sachſenherzoge durch die Stadt, Ordnung in das Getümmel zu bringen, munterten hier auf, belobten dort die Thätigſten, hemmten aber auch möglichſt jeden zu lauten Ausbruch der Kampfluſt, und beſchwichtigten jeden unnöthigen Tumult.—— Auf dem weſtlichen verödeten Walle ſtand in dieſer Stunde ein junger Bürger auf dem äußerſten Poſten, dicht am Leinefluſſe. Er horchte verwundert auf das dumpfe Getöſe in der nahen Burgſtraße, durfte jedoch ſeiner Neugier keinen Zügel ſchießen laſſen, da ſein Dienſt ihn feſthielt, und ſeit des alten Sachſenherzogs Ankunft jedes Dienſtvergehen arg verpönt worden. Unruhig lehnte er darum auf ſeiner Partiſan, und einen Ueberfall vom Schloſſe vermuthend, ſchob er ſich die Pickelhaube aus den Augen und heftete ſeine Blicke feſt auf die ſchwarze Burg, die jenſeits in koloſſalen Formen ſich düſter erhob, und deren Zinnen eben vom Mondlicht be⸗ leuchtet wurden. Er ſah nichts Verdächtiges drüben; die graue Feſte lag ſtill wie ein rieſiges Grabgewölbe da; aber erſchreckt durch ein plötzliches Geräuſch dicht neben ihm auf dem menſchenleeren Walle, fuhr er herum, und wäre faſt vor Entſetzen zuſammen geſunken, als er wenige Schritte von ſich eine weiße Geſtalt erblickte, die allem Anſcheine nach nur ein Geſpenſt ſein konnte, das 73 ihn zu verderben aus dem Waſſer geſtiegen war. Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! ſtammelte er, und ſtreckte mechaniſch ſeine Partiſan zum Schutz voraus. In Ewigkeit! antwortete eine Menſchenſtimme, und jetzt ſeiner Dienſtpflicht eingedenk, und durch das Bewußtſein der weibiſchen Furcht erhitzt und zornig, zog der Wach⸗ mann ſeine Partiſan an und holte zum Todesſtoße aus, indem er zugleich mit immer noch bebender Stimme rief: Wer biſt Du da? woher? was willſt Du? Gib das Feldgeſchrei, oder Du biſt ein Kind des Todes!— Nun, nun, Jürgen Bonſack, entgegnete da eine milde bekannte Stimme, Du wirſt doch nicht Deinem Milch⸗ bruder das Eiſen in die Bruſt ſtoßen wollen, da ihn eben erſt des Himmels Gnade aus dem Eiſen der Ge⸗ waltigen erlöſet hat?— Dem jungen Bürger entfiel die Partiſan, und mit weit auſgeriſſenen Augen fragte er in der Stellung eines Erſtarrten: Florian, biſt Du es, oder Dein Geſpenſt? Haben ſie Dich denn nicht erwürgt oder geſpießt in der Teufelsburg, wie man in der Bier⸗ bude erzählte? Und welche Hexenkunſt hat Dich denn da ſo auf einmal kerzengerade auf den Wall geſtellt mir zum Schrecken?— Doch noch verwunderter wurde der gut⸗ müthige Burſch, als jetzt auch noch eine Weibergeſtalt neben dem Freunde erſchien, beide den Scheuen mit war⸗ men Händen anfaßten, und mit fröhlichzitternder Stimme ihm das Mirakel ihrer Rettung erzählten. Gleich einem getreuen Freunde hatte der Mond das Liebespaar durch die Gefahren ihrer Ueberfahrt geleitet. Febronias kräftiger Arm wußte das Boot mit dem fla⸗ chen Ruder bald aus dem ſcharfen Stromzuge zum ſtädti⸗ ſchen Ufer zu treiben, indeß Florian mit dem abgehaue⸗ nen Pfahle das Fahrzeug von der dräuenden, ſteilen und 74 ſteinigten, zur Landung ungeeigneten Wandung abhielt. Am Ende der Stadt, wo der Fluß bald eine Beugung zu den Brühler Feldern machte, wußte er die Stein⸗ treype, welche vom Walle bis zum Waſſerſpiegel herab gelegt worden, um in Feuersnoth dem nächſten Quar⸗„ tiere zu nützen. Dicht an ihr wuchſen dichtverſchlungene Uferweiden, und als der Stromſchuß die Spitze des Kahns zu dem Flatze geführt, warf er dreiſt den Pfahl mit der Kette in die verflochtenen Zweige des Gebüſches. Wie ein Anker hielt das Holz feſt, das Fahrzeug bekam einen ſtarken Stoß, den die Schiffer jedoch voraus be⸗ dacht und ſich vor ſeinen Folgen hüteten, dann ſchwenkte ſich das Boot ſanft auf den rauſchenden Wellen, und glücklich reichte ſein Hinterbord gerade zu der Treppe; Florian und Febronia fielen ſich mit Inbrunſt in die Arme, und der glückliche Jüngling hob ſeine Retterin auf die weißgeſpülte Stufe, und ſtieg mit ihr zum neu⸗ gewonnenen Leben von unbeſchreiblichen Wonnegefühlen bewegt die Höhe hinauf.— Ja, wenn der alte Gott nicht wäre! ſagte der ehr⸗ liche Jürgen Bonſack, und verfaltete ſeine Hände im frommſten Gefühle um den Schaft ſeiner Partiſan. Aber wohl dem, ſetzte er ſogleich in heiterer Aufgeregtheit hinzu, dem der Himmel eine ſolche Braut beſcheert, wie Ihr ſeid, ſchöne Jungfrau! Der Bruder Florian hat einen Hauptwurf im Lebensbrett gethan; aber weiß es Gott! er verdient's, und alle Welt muß es ihm gönnen ohne Neid.— Febronia drückte heimlich ihres Trauten Hand, die Schildwach ſprach aber mit geſunkener Stimme fort, indem ſie ſich am Ohre kratzte: Jetzt aber kömmt ein gar böſer Actus für mich, denn ich muß euch zum nächſten Wachhaus führen und eure ſeltſame Ankunft 75 melden, und da wirds ohne derben Wiſcher nicht ab⸗ gehen; denn ich hätte euer Rettungsboot doch ſchwimmen ſehen ſollen im Mondſcheine, ehe ihr landetet. Und ſchilt man mich eine vlinde Schlafmütze, muß ich mirs gefallen laſſen.— Doch die Ahnung des armen Schelms blieb unerfüllt zu ſeinem Vortheil, indem ſich als Wachcommandant der Herr von Hagen, der Bruder des eingekerkerten Se⸗ nators, vorfand, und dieſer in der Freude, Nachricht von dem geliebten Verwandten zu erhalten, den Dienſt⸗ fehler des Wächters und alles Uebrige vergaß. Empört über die Behandlung der ſtädtiſchen Herren, von der die Fiſcherin den umſtändlichſten Bericht zu geben vermochte, beſchloß er, die beiden Ankömmlinge ohne Aufſchub zu den Herzögen zu ſenden. Eure Ankunft iſt eben in die⸗ ſer Nacht höchſt wichtig, und ihr könnt unſern Feldober⸗ ſten ſicher die gewünſchteſten Auskünfte geben über Dinge, die ſie morgen zu wiſſen benöthigt ſind.— So wurde das treue Paar dann durch vier Milizen in die Stadt begleitet: aber der ſtille Zug blieb nicht lange in ſeiner erſten Form, und Florians Plan, die Braut zuerſt im Häuschen ſeiner Mutter abzuſetzen, wurde ſchnell vereitelt. Mit Erſtaunen fand er überall auf den Straßen Bekannte, die ihm gut waren, da er als Rathsdiener nie den Popanz der Bürgerſchaft ge⸗ ſpielt, ſondern bei Eintreibung der Steuern, bei Execu⸗ tionen und Auspfändungen immer Mitleid und Menſch⸗ lichkeit hatte vorwalten laſſen. Jetzt empfing er den Lohn vollauf; immer größer wurde das Geleit, denn Jeder ſchloß ſich an und horchte auf die wiederholte Er⸗ zählung ſeiner Schickſale. Zuletzt ging der Enthuſias⸗ mus für den Märtyrer ſeiner Dienſttreue ſo weit über 0 76 das Maß, daß man ihn und ſeine Begleiterin auf den Schultern weiter trug, und beide ſo im wahren Triumph⸗ zuge und von einem Menſchengetümmel umdrängt, aus dem ihre belobten Namen neben Verwünſchungen ihres tyranniſchen Bedrängers erklangen, am Fuße des Stadt⸗ hauſes anlangten. Die Fürſten und Rathsherren, verwundert zuerſt und faſt zornig über den lärmenden Auflauf, erſtaunten noch mehr, als ſie die Urſache deſſelben vernahmen und vor ſich ſahen, und der Conſul, Herr Johannes Türk, konnte ſich nicht enthalten, die Gegenwart der hohen Gebieter vergeſſend, den armen, verloren gegebenen Florian väter⸗ lich zu umarmen und ihn mit rührender Stimme um ſeine Schickſale zu befragen. Auch hier erregte die Er⸗ zählung des Befreieten Abſcheu und höchſten Unwillen; der junge, bildſchöne Herzog Albrecht faßte jedoch ſofort das Mädchen ins Auge, nahm die Hand der Betroffenen und legte ſein ſchweres Geldbeutelchen hinein. Bei mei⸗ nes Vaters Aſche! ſprach er gar herablaſſend dazu: Mädel, Du wäreſt werth, im geſegneten Sachſenlande geboren zu ſein. Hätte ich doch nimmer geglaubt, Schön⸗ heit, Muth, Klugheit und Treue anderswo ſo vereint zu finden, wie bei meinen darum berühmten Landsmän⸗ ninnen. Ich freue mich, zwiſchen meinen neuen Unter⸗ thanen einen ſolchen Schatz zu gewinnen, und machſt Du Hochzeit, ſo darfſt Du keinen andern Brautführer wählen, als mich. Doch zuvor nehmen wir Deine Un⸗ terthanentreue in Pflicht und Dienſt; denn da Du ſo klüglich Deine kecke That vollbracht, ſo mußt Du auch das Innere des Schloſſes beſonders ausgeforſcht haben, und Niemand kann uns beſſere Kunde geben für unſern morgenden Vorſatz.— 77 Ohne Scheu berichtete die Fiſcherin, was ſie wußte und wornach man ſie fragte, und höchſt zufrieden wurde ſie und ihr Geliebter entlaſſen, und Florian führte ſie endlich in ſein Häuschen, wo Mutterſegen ihrer wartete, und wo für ſie und ihn die nöthige Erquickung und Ruhe ſich vorfand, deren Geiſt und Leib höchſt bedürftig waren.— Der letzte Maitag des Jahres 1371 geſtaltete ſich zu einem der wichtigſten Tage in der Geſchichte Hanno⸗ vers. Als die Frühlingsnebel im weiten Leinethale ſich aufgerollt, und vom mäandriſchen Flußlaufe angezogen, ſich in das verwandte Element geſenkt hatten, da ſahen die Reiſigen auf den Leuenroder Warten mit Schrecken die Veränderung ihrer Lage, welche in der Nacht vor⸗ gegangen. Die ganze Burg war umzingelt von wohl⸗ bewehrten Heerhaufen, die rothe Sachſenfahne wehete am Judenteiche mitten zwiſchen einem blanken Regimente ritterlicher Harniſchträger; ein endloſer Zug von Ge⸗ ſchützwägen wälzte ſich aus dem Leinethore und von der Brühlerbrücke heran, und alle dieſe dräuenden Maſſen begrüßten den erſten Sonnenſtrahl mit einem wildſchal⸗ lenden Kriegsgeſchrei, und der Klang ihrer zuſammen⸗ geſchlagenen Schwerter und Schildbleche tönte den ab⸗ geſchnittenen und ihrer ſchwachen Zahl bewußten Ver⸗ theidigern der Burg als ein eben nicht willkommener Morgengruß entgegen. Die Lärmtrompete rief ſogleich alle Leuenroder auf Wall und Mauer; bald zeigte ſich der grüne Buſch des tapfern Grafen von Diepholt an dem äußerſten Wehr⸗ graben, und das Wort des Streitluſtigen befeuerte die Braunſchweiger; bald erſchien auch der Ritter von Lothe als Stellvertreter des Commandanten auf der Warte hinter der Zugbrücke, und man hörte die rauhe Stimme des alten derben Burgmannes nach allen Seiten hin Befehle ertheilen. Auf einem Schimmel trabte jetzt ein Herold der Sachſen dicht heran und forderte das Schloß auf zur Uebergabe, befahl den Oberſten, ihrem rechtmäßigen, vom Kaiſer beſtätigten Landesherrn das Thor zu öffnen, ſich des Verbrechens der Felonie zu entladen, oder der ſchnellſten Strafe gewärtig zu ſein. Wende eilig Dein bleiches Pferd, Du thüringiſche Häringsnaſe, rief der zornige Diepholter hinab, willſt Du Athem behalten, Deinem vartloſen Herrn unſere Antwort vorzunäſeln. Vivat Herzog Magnus! Fluch und Schande der ſächſiſchen Fahne!— Vom ganzen Wallringe tönte der Nachhall des Rufs, und eine Un⸗ zahl Bolzen ziſchten nach dem Abgeſandten, der mit blutendem Gaule zurückſprengte in den Schirm der Sei⸗ nigen. Seine Rückkunft wurde das Signal zum allge⸗ meinen Angriffe, Hörner und Trompeten erhoben ihre todtkündenden Stimmen überall, und der wüthendſte Sturm begann.— Es iſt nicht die Abſicht, hier jede Einzelnheit dieſes blutigen Kampfes und jede der ſchönen Waffenthaten zu beſchreiben, welche dieſe Sonne beſchien, wenn auch der Chronikenſchreiber mit vaterländiſcher Vorliebe gern den Namen ſeiner Tapfern auf die Nach⸗ welt brächte. Schwer wurde der Tag für beide Theile; die ſächſiſchen Männer waren krieggeübte Wappner und vertraueten ihren kundigen Führern; die Hannoveraner fielen rachedürſtend die verhaßte Zwingburg an, und ihre Mehrzahl ſpiegelte ihnen die Gewißheit des Sieges vor; 79 aber die Gegenpartei beſtand aus Hauptleuten, welchen unter des unruhigen Magnus Regimente das Fehdeſpiel tägliche Arbeit geworden, und die gewohnt, ihr Leben täglich einzuſetzen für Ehre und Siegesruhm, aus Wol⸗ fenbüttler Heermännern, denen der Sachſenhaß von früh an eingeimpft worden, und die jede Bürgermiliz mit Verachtung anſahen, endlich aus Söldnern, welche au⸗ ßer dem Leben im Leben nichts zu verlieren hatten, und die Fahne des kriegsſüchtigen Magnus als ihre Lebens⸗ ſonne betrachteten, da es unter ihr täglich Plackerei für ihr Handwerk und zum öftern gute Beute gab. Mit welchem Ingrimm, mit welcher Ausdauer daher der Kampf geführt wurde, läßt ſich nach dieſer Schilderung der Streitparteien ſchließen. Zu Anfang ſchien die Siegesgloria die Angreifer krönen zu wollen. Die braven Sachſen überflogen den ſchmalen Außengraben, erſtiegen die niedrige Schutz⸗ mauer; und als Hannoverſche Zimmerleute das Thor derſelben eingeſchlagen hatten, fielen dieſe Außenwerke baldigſt in die Hände der Stürmer. Freilich blutete mancher Krieger, verblutete mancher Bürgersſohn; aber das erſte Ziel war gewonnen, und ſelbſt der tollkühne Graf von Diepholt, der in zu langer Wehr an keinen Rückzug gedacht, fiel ſchwer verwundet in der Sachſen Hände, da die Seinigen auf der Flucht die Zugbrücke aufgezogen, und ihn ſelbſt von dem Innern des Schloſſes abgeſchnitten hatten. Für die Ungebühr ſeiner Behand⸗ lung des Herolds ließ ihn Wenzeslaus binden wie einen Knecht, und den Wuthknirſchenden ſo zur Stadt führen.— Doch das Triumphgeſchrei der Hannoveraner war viel zu früh angeſtimmt worden; der tiefe Waſſergraben 80 der Burg und die wohlbeſetzte Mauer ſpotteten ihrem weitern Vordringen. Die Wurfgeſchütze und Bolzen der Belagerten räumten auf unter den hervordrängenden Schaaren; die Steinkörbe wurden tödtend ausgeleert auf die wagehälſigen Leiterſteiger, und nach ſechs vergeblichen Stürmen ließ der Sachſenfürſt Einhalt blaſen, und mit der ſinkenden Sonne auf ſeine abgematteten Soldaten die Ruhe ſinken, deren ſie arg benöthigt waren. Selbſt den gewonnenen Ringwall mußte man aufgeben, um nicht durch nächtigen Ausfall Menſchen zu opfern, und im Kreiſe legte ſich die Heeresmacht um das Leuenneſt; am Rande des Judenteiches wuſchen die Sachſen ihre Wunden, und mit dem Dunkel entzündete ſich rundum ein Zirkel lodernder Wachfeuer auf den Feldern des Brühls, im Roſengarten, vor den adeligen Sattelhöfen, in den Mühlwieſen bis an den Leineſtrom hinab, und verkündete den Umringten, daß ſie mit der nächſten Morgenröthe dieſelbe Bedrängniß zu erwarten hätten.—— Die Fiſcherin Febronia hatte mit beklommener Bruſt dieſen ſchweren Tag hingebracht. Die Folgen der kör⸗ perlichen Plagen und der größern Seelenleiden, welche ihr Florian hatte ertragen müſſen, blieben nicht aus, und als die Ueberſpannung der aufgereizten Nerven nachließ, fühlte er die Erſchöpfung ſeines ganzen Weſens zweifach, und konnte das Bett nicht verlaſſen. Die Jungfrau ſaß als getreue Pflegerin neben ihm, und ihr Anblick ſchien die beſte Arznei für ihn; aber wenn ihm die Natur erquickenden Schlaf ſpendete, ſchlich ſie oftmals an die Hausthür und horchte auf Nachrichten von außen, und ſeufzte, wenn ein Verwundeter nach dem andern in das Haus des Stadtbaders, welches gegenüber lag, ge⸗ führt wurde, ſeufzte ängſtlicher, da trotz des ſinkenden 81 Tages das Kriegsgelärm noch immer zu der Stadt er⸗ ſchallte. Und wer konnte ihr dieſe ängſtliche Neubegier verargen? Auch ihr Glück hing ja an dieſer Victoria; galt es doch Vergeltung für ihres Bräutigams Leid, waren die Beſtürmten doch ihres Florians hartherzige Verfolger, und ſeitdem auch Febroniens Erzfeinde.— Da ritt der ſchöne Herzog Albrecht ſelbſt langſam die Gaſſe her, und ſaß mit ſchmerzlich verzogenem Geſichte ab, und trat in des Baders Verbindekammer. Sie konnte ſich nicht bezwingen, eilte hinüber, und fragte einen der Reiter, welche ihrem Fürſten das Geleit ge⸗ geben. Das Schloß war nicht gewonnen, der Herzog aber von einem Armbruſtſchützen in die Schulter ver⸗ wundet worden. Da war es ihr plötzlich, als wäre ſie erleuchtet worden von einem Himmelslichte, und ohne Scheu drängte ſie ſich in das Haus, und redete zu dem jungen Helden, der ſie ſogleich erkannte, und erinnerte ihn an den Burggang, durch welchen ſie ihre Flucht ge⸗ nommen. Bei meinem Schwert! Du Hexenmädel, fuhr Albrecht auf, und ſtieß den verbindenden Aeskulap zur Seite, den finſtern Weg hatten wir vergeſſen im Ungeſtüm übermü⸗ thiger Siegestrunkenheit. Aber ſie werden euch nachge⸗ ſpürt haben, der Pfad wird verſperrt ſein?— Vielleicht auch nicht, antwortete Febronia, denn vom Lande her iſt ja kein Ankommen zu ihm, und meine ſtille Ahnung ſagt mir, diejenigen, welche die Flucht entdeck⸗ ten, müßten ſelbſt großes Verlangen haben, vas, wie ſie geſchehen, zu bergen.— Wohlauf! rief der Prinz, der Preis iſt des Verſuches werth; und wäre der Platz beſetzt, bleibt es doch leich⸗ ter, einige Thore einzuſchlagen, als eine ſteile Mauer Blumenhagen. VII. 6 82 hinanzuklimmen. Aber Du mußt voran, Heldenweibchen, denn es gemahnt mich, als könnte Dir nichts mißlingen im Leben, und in Deinem hellen Auge brenne ein Zau⸗ berfeuer, das alle, die Dir nahe ſtehen, beſchirme, und die Fortuna banne zu Deinem Dienſte, ſei es, wo Küſſe lispeln, oder wo Schwerter ihre klirrende Muſik an⸗ ſtimmen.— Febronia beſann ſich nur kurze Weile, dann reichte ſie keck die Hand hin: Es ſei, ſprach ſie feſt, wenn Ihr dabei ſeid. Wüßte doch auch wohl Niemand ſo gut wie ich den böſen Weg, da wir die Letzten waren, welche ihn betraten.— Herzog Albrecht, den die neue Idee, die neue Sie⸗ geshoffnung ſo entzündet, daß er den Schmerz ſeiner gefahrloſen Wunde vergaß, traf ſogleich die nöthige Anſtalt, und ſetzte auch ſeinen Ohm, der vor der Stadt den Oberbefehl übernommen, in Kenntniß. Was an großen Kähnen am ſtädtiſchen Leineufer zu finden, wurde in Bereitſchaft gehalten, und gegen das Ende der Nacht, als der Mond ſich ſchon tief in den Nebeln des Hori⸗ zontes wiegte, begann man das wagige Spiel. Fünfzig kühne Krieger, worunter die beſten Sachſenritter und ein Dutzend der wackerſten Hannoverſchen Patrizier ſich befanden, ſammelten ſich auf Redenswerder leicht be⸗ waffnet und ohne Gelärm. Die Kähne wurden auf dem Strome herabgebracht, mit dem nöthigen Geräthe bela⸗ den, und Albrecht mit ſeiner ſchönen Führerin ließ ſich zuerſt hinüberfahren. Die Hamelmühle war während des Sturmes von den Sächſiſchen ausgebrannt, ihre Bewohner vertrieben, und der einzige mögliche Verrath darum zunichte gemacht. Unter dem Gewölbe ange⸗ kommen, das wie der Rachen eines ſchwarzen Unthieres 83 über ihnen gähnte, half die Fiſcherin ſelbſt die mitge⸗ vrachte Leiter anlegen, und beſtieg Allen voran die ſchwankende Steige. Sie horchte, Alles war ſtill wie in einer Gruft, ſie ſchritt vor bis zu der Ausgangsthür; unverſchloſſen, wie ſie dieſelbe in letzter Nacht gelaſſen, gab der Flügel ihrem Händedrucke nach. Sie flog zu⸗ rück, berichtete, und zu ihr hinauf ſtieg der Herzog, und hin und her ſchwammen die Kähne, bis alle Fünfzig gedrängt ſtanden im Gewölbe, und lautlos die weitern Befehle ihres Herrn erwarteten. Mehre Blendlaternen, welche die Fiſcherin mitzuneh⸗ men geordnet, wurden jetzt entzündet, unter die Mann⸗ ſchaft vertheilt, und ſo ging der Zug vorſichtig in dem Gange hinaufwärts, bis ſeine Erſten an jener Steige ſtanden, auf der man zur Sankt Gallenkapelle hinauf⸗ gelangte.— Weiter dürfen wir nicht, edler Herr! flüſterte Febro⸗ nia jetzt. Sind wir die Steige paſſirt, gibts keine Sicherheit mehr für uns.— So warten wir geduldig bis der Tag anbricht, ent⸗ gegnete Herzog Albrecht, ihr heimlich die Hand drückend. Mein Schöningen hat in dem rückgehenden Kahne dem Ohm die Nachricht des geglückten Kriegsſtücks gemeldet, und mit dem erſten Schimmer im Oſten ſtürmt der alte Held. Nicht wie Meuchler im Dunkeln, ſondern wie Helden im Hellen wollen wir ihm dann die Bahn von innen öffnen. Löſchet die Laternen und legt euch nieder, meine Getreuen, wenn ihr könnt.— Febronia ſtieg einige Stufen hinauf, ſetzte ſich oben und ſtützte den Arm aufs Knie und den Kopf auf die Hand. Die Uebrigen ſuchten einen Platz zur Ruhe, oder lehnte an der Wand, und wie ein im Nachtfroſte nordiſcher Steppen erſtarrter 84 Friegstrupp lagerten die Männer im Finſtern, und kaum ihre Athemzüge verkündeten das in Erwartung des Kom⸗ menden hochaufgeregte Leben unter den Wappenröcken. Die unerwartete Sicherheit ihres Eindranges hatten unſere Wagbälſe einzig der Haſenherzigkeit des trunk⸗ ſüchtigen Meiſters Rührig zu danken. Mit Verwunde⸗ rung klopfte der Berauſchte in der Fluchtnacht lange nach der gelobten Zeit an ſeinem Thurme. Als die ſchöne Pförtnerin ſich nicht hören ließ, ſtand der Ausgeſperrte in nicht geringer Verlegenheit da. Lauter zu pochen, Lärm zu machen, ſchien ihm gefährlich; entweder mußte Febronia feſt eingeſchlafen ſein, oder die Boshafte hörte mit Vorſatz nicht, um ihn für ſein nicht erfülltes Wort zu ſtrafen; auch konnte gar Frau Käthe indeß zurückge⸗ kommen ſein, und ihm dieſe Strafe diktirt haben. Dieſes Alles überdenkend, beſchloß der Trunkene in der Leicht⸗ fertigkeit ſeiner Stimmung, ſein morgendes Schickſal dem Zufall zu überlaſſen, welcher ihm auch gnädiger durch⸗ half, als er verdient hatte, und Meiſter Rührig kehrte zum Gevatter Kellner zurück, und entſchlief ohne böſe Träume auf deſſen bequemem Backenlehnſtuhl. Noch vor Tage wurde Frau Käthe von der Herzogin entlaſſen, ſtieg mit ihrem Lämpchen durch den öden Schloßflügel, und wunderte ſich, daß die Verbindungspforte offen war, und das Schlüſſelbund am Schloſſe hing. Sie ſchalt im Selbſtgeſpräch auf die Unvorſicht und die Unordnung, welche ſogleich einzubrechen pflege, ſobald nur die Haus⸗ frau den Rücken gewandt, ſchloß die Thür, nahm das Bund mit ſich, und begann im Innern des Thurmes, trotz der durchwachten Nacht, als eine gute Wirthſchaf⸗ 85⁵ terin ſogleich die Morgengeſchäfte. Febronia's Abweſen⸗ heit fiel ihr nicht aufz die muntere Magd pflegte ja oft vor Tage den Thurm zu verlaſſen, um dem Ohm Roth⸗ ger das Frühſtück zu bereiten, und dann zum Dienſt der Fürſtin ſich zu dem Frauenhauſe zu begeben. Ihren alten Trunkenbold glaubte ſie ſchlafend im Kämmerchen; ſo machte ſie Feuer an, riegelte die Thurmthür auf, ſchöpfte Waſſer aus dem Burgbrunnen, kochte den Morgenimbiß der Gefangenen, und trug ihnen dieſe warme, doch ma⸗ gere Erquickung hinab. Natürlicherweiſe fand ſie den Kerker des jungen Galgenkandivaten offen und leer, und da ſie vermeinte, der unglückliche wäre ſchon vor ihrer Heimkehr von den blutgierigen Soldaten abgeholet, und habe wohl ſchon ſeinen frühen ſchimpflichen Tod auf dem Walle erlitten, betete ſie ein Paternoſter für ſeine arme Seele, und ſtieg betrübt wieder die Wendelſteige zurück. Oben ſaß Meiſter Rührig im Sorgenſtuhle, der ihn aber der Sorge vor der ſcharfen Zunge ſeiner weiſen Frau nicht enthoben zu haben ſchien. Glücklich hatte er zwar den günſtigen Moment zum Hereinſchlüpfen abgepaßt, aber ſeine Blicke ſchienen ſcheu, ſeine Hände bewegten ſich unſtät, und ſein rothbraunes Antlitz zeigte deutlich auf ſeinen Furchen die Kreidebläſſe der Furcht. Mutter Käthe glaubte ihn erſchüttert von der vollzogenen Hin⸗ richtung, ſchenkte ihm mitleidig ſeinen Stärkungstrank ein, und fragte jetzt nach dem Benehmen des jungen Blutes, ob man ihn lange gemartert, ob er auch wie ein guter Chriſt geſtorben, und dergleichen mehr, Fra⸗ gen, welche dem Meiſter wie Räthſel erklangen, und die er darum nur mit hm! und ach! zu beantworten für gut befand, indem ihm zugleich der Argwohn aufſtig, ſeine geſtrenge Ehehälfte habe auch einmal im Schloßwein ſich 86 mehr als gut zu Gute gethan, oder es ſei gar mit dem Verſtande der weiſen Mutter heute nicht richtig. Plötz⸗ lich ertönte jetzt das Heerhorn von der Warte, und die Lärmtrompeten ſchmetterten im Schloßhofe. Meiſter Rührig ſprang ſogleich davon, die Urſache auszukund⸗ ſchaften, und während des ängſtlichen Tages, wo blu⸗ tige Scenen ſich an einander reiheten, wurde des armen Florians nicht wieder gedacht; Niemand fragte nach ihm, ſeine Flucht blieb unentdeckt, und deßhalb auch ſeine Fluchtwege unaufgeſpürt und unbeachtet, da die weni⸗ gen Ritter, welche vielleicht jenen Ausgang kannten, ihn wohlverſchloſſen glaubten, und durch die abgebrochene Sommerbrücke jeden Zugang zu ihm unmöglich wähnen mußten.—— Eine helle Trompete erklang jetzt fern von der Ge⸗ gend her, wo die ſächſiſchen Truppen ihr Nachtlager ge⸗ halten. Drei raſche Stöße, zu vier Malen wiederholt, gaben der verborgenen Heldenſchaar das Signal, daß jetzt die Stunde der That gekommen, und daß Herzog Wenzeslaus außen ohne Zögerung den neuen Sturm be⸗ ginnen würde.— Die Hand an das Schwert, meine Freunde! rief Herzog Albrecht mit gedämpfter Stimme. Die Zeit iſt da! Es gilt einen ſchweren Kampf, ſchließt euch dicht an mich, Keiner weiche rechts noch links; wie ein feſtver⸗ wachſener Keil müſſen wir hindurchbrechen, und: Gott mit den Gerechten! ſei unſer Feldruf.— Bleibe Du jetzt zurück, ſetzte er freundlich hinzu, Du kluge, muthige 5 Führerin, verbirg Dich bis zum Ende des Gefechts, meine Dankbarkeit wird Dich dann ſchon zu ſen wiſſen.— Die Kapelle iſt hier, entgegnete die Fiſcherin; die 87 Pforte iſt unverſchloſſen; wollet Ihr nicht zuvor ein⸗ treten, und durch einen frommen Gedanken Euch er⸗ ſtärken?— Sie öffnete zugleich den einen der Flügel, aber zu⸗ rückfahrend drängte ſie den Herzog zur Seite und rief mit Angſt: Wir ſind verrathen! es ſind Menſchen in der Kirche.— Albrecht, ſchnell entſchloſſen und beſonnen, trat bei ihr vorbei und ſtieß den Flügel der Pforte vol⸗ lends auf. Des Mädchens Auge hatte ſich nicht getäuſcht, doch überraſchte zwiefach den Heldenjüngling das, was er vorfand. Die großen Wachskerzen auf dem Altare des heiligen Gallus brannten mit düſterflackerndem Scheine, der Kapellanus kniete auf den geweihten Stufen, und die Herzogin mit zweien ihrer Gürtelmägde ſaß in den Betſtühlen, die Roſenkränze in den Fingern drehend. Vor Mitternacht hatte ſich die edle beängſtigte Frau in dieſes heilige Aſyl verfügt, hatte beſchloſſen, dieſen Ort nicht eher, als nach entſchiedener Sache zu verlaſſen, und der Prieſter hatte ihr die Meſſe leſen und mit gött⸗ lichem Troſtwort ſie erbauen müſſen. Der Anblick der vielen Gewaffneten, welche ſich dem Sachſenherzoge nachdrängten, und die Erkennung der wohlbekannten feindlichen Feldbinden, weckten tödtliche Angſt in dieſer friedlichen Geſellſchaft. Der Kapellan erhov ein Zetergeſchrei, und die Gürtelmagd ſtimmte kreiſchend ein; doch als Albrecht mit blankem Schwerte vorſprang, und ſein Ruf: Wer einen Laut hören läßt, iſt des Todes! nur zu deutlich zu ihren Ohren fuhr, da verſtummten ſie und ſanken zitternd wiederum nieder auf die Knie. Die Herzogin allein ſtand unerſchrocken zwiſchen den Zagenden, und als der junge Fürſt ſich ihr näherte, 88 fragte ſie mit feſter Stimme und klarem Auge: Seid Ihr Herr des Schloſſes geworden, Prinz Albrecht, ſo find wir Eure Gefangene, und bitten um ritterliche Haft und Schonung unſerer Dienerſchaft.— Der ſchöne Kriegs⸗ mann ſenkte ſein Schwert vor der ſtattlichen Edelfrau, eine helle Glut überflog ſein feines Geſicht, und ſein linkes Knie vor ihr beugend, nahm er ihre zarte Hand und drückte ſie ehrfurchtsvoll an ſeinen Mund. Wo Ihr auch ſtehet, hohe Frau, antwortete er ausdrucksvoll, da ſeid Ihr immer die Gebieterin, und Könige würden eine Ehre darin ſuchen, Euch leibeigen ſein zu dürfen. Ihr würdet Albrechts Wappen ſchimpfen, nenntet Ihr Euch noch einmal die Gefangene deſſen, der ewig in Euren Banden geht. Aber dieſe unerwartete Begegnung iſt uns ein Zeichen des Himmels, daß der kurze Kampf, den wir noch zu beſtehen haben, mit der Gunſt des All⸗ mächtigen gekrönt werden möchte. Und nach vollendeter Arbeit hofft Euer Freund, die Befehle ſeiner Dame mit freierem und fröhlicherem Herzen empfangen zu dürfen.— Febronia verſtand den Sinn dieſes ſeltſamen Zwei⸗ ſprachs nicht ganz, am wenigſten die wunderſame Freund⸗ lichkeit, mit welcher die Herzogin auf den Knieenden, den Feind ihres Gemahls, während ſeiner feurigen An⸗ rede herniederſchauete. Gepreßt und im Innerſten ſelt⸗ ſam verletzt, berührte ſie dreiſt des Herzogs Schulter. Zaudert nicht, evler Herr! rief ſie beängſtigt. Höret Ihr nicht das Gelärm im Schloßhofe, das Geſchrei der Männer auf den Wällen, den Schlachtruf der Feldhör⸗ ner? Zaudert nicht, damit der Preis unſeres Wageſtücks nicht verloren gehe.— Sich beſinnend, ſprang der Herzog vom Boden auf auf und winkte der Fürſtin galant den Abſchiedsgruß. 89 Mit fliegendem Schritt eilte Febronia ihm und ſeinem Geleite voran, aus der Kapelle durch den Flügel zum Schloſſe, und die breite Steige hinab und geradezu durch die Hauptpforte in den freien Schloßhof hinaus. Die Beſatzung war ſämmtlich ſchon ihren Wallpoſten zuge⸗ eilt; ſchon raſete der erneuerte Kampf im erſten Tages⸗ ſchimmer; nur wenige der ältern Wappner ſchoben im Hofe Rüſtzeug gegen die Mauer hinauf, oder trugen Wurfgewehr heran; auch der Bogengang zu der aufge⸗ zogenen Zugbrücke wurde nur von einem paar zum Wall hinaufhorchender Wächter bewahrt. Auf dieſen Platz ſtürmte der Keil der Sachſenritter und Hannoveraner ohne Aufenthalt los. Niedergeſtoßen wurden die Wäch⸗ ter, ehe ſie den Feind ſahen; Albrecht ſelbſt und Febronia häkelten die Ringe der Ketten von ihren eiſernen Zapfen los, und die Brücke ſenkte ſich ſchon nach außen; da ſprang der Rottmeiſter Rothger aus dem Wachhauſe. Donner auf Dich, Du tollhäusleriſche Dirn! fluchte er, und mit einem kühnen Satze haſchte er die Kette, und ſein Gewicht hielt die Brücke. Aber zwei ſtarke Bür⸗ gersſöhne packten den Gewaltigen und riſſen ihn her⸗ unter, und es wäre um ſein Leben geſchehen geweſen, hätte nicht mit eigenem Leibe ihn die Fiſcherin gedeckt und um Gnade für ihn geſchrien. Mit Gepraſſel ſenkte ſich jetzt die Zugbrücke auf ihre äußern Stützen hinab, der Weg in das Schloß erſchien geöffnet, und mit ihrem Feldrufe begrüßten die Ritter Albrechts das gelungene Werk. Aber ihre Schwerter bekamen noch harte Arbeit, denn das voriginelle Feldgeſchrei der Hannoverſchen: Fremde hinaus aus dem Haus! wurde ihnen mit dem Gebrüll des wüthenden Leuen von den Wällen erwidert, und 90 überall, ſobald man ihre Feldbinden nur erkannte, ſtürz⸗ ten ſich die Wappner, welche nicht im Außenkampf be⸗ ſchäftigt waren, gegen ſie herunter, und die Wachhäuſer, welche das Erdgeſchoß der Flügel des Gebäudes einnah⸗ men, leerten in wachſenden Strömen gerüſtete Männer aus, die nach dem Blute der Eingedrungenen zu dürſten ſchienen, und mit Magnus Lieblingsruf: Rupfet mir die Guckuksbrut! die fünfzig Söhne des Morgennebels umzingelten. Ein kurzer aber wüthender Kampf füllte den Burghof; tödtlicher trafen im engen Raume die ſichern Stöße; von der Zinne des Wartthurmes herab, an deſſen Fuße man focht, ſauſete mancher geſchleuderte Stein und zerſchlug die Stirn eines Tapfern; doch die Hülfe kam ſchnell, denn Liſt und Kühnheit ſollten heute den blutigen Kranz gewinnen. Auf dem Anger am Ro⸗ ſengarten hatte Herzog Wenzeslaus den Kern ſeiner Rei⸗ terei ſchon vor Tagesanbruch aufgeſtellt; ruhig verhielt ſich der ſtarke Haufen, als man zum Sturme blies, und des Führers Auge blieb feſt auf die gegenüber liegende Zugbrücke gerichtet. So wie dieſe ſank, tönte ſein Com⸗ mandowort; die Sporen fuhren in den Bauch der Roſſe und im geſtreckten Lauf raſſelte die eiſerne Schaar hinan, über den Ringgraben, durch das geſtern zerſtörte Außen⸗ thor, über die Zugbrücke und durch das enge Gewölbe des Wartthurms mitten in das Schloß hinein, und ihr Erſcheinen machte in wenigen Augenblicken dem Binnen⸗ kampf ein Ende; der argbedrängte Albrecht, neben dem ſchon mancher ſeiner Edelinge auf blutigem Sande lag, bekam Luft, und die Feſte war gewonnen, und die nach⸗ drängenden Schützen und Fußkämpfer wurden bald Her⸗ ren der Wälle, und ſchlachteten Alles, was noch unnützen Widerſtand leiſtete.— 91 Eben ſtieg die Sonne in vollſter Pracht ihres golde⸗ nen Frühlingsdiadems über den Giebeln und zwiſchen den Thürmen der Stadt empor; da ſtanden die beiden Sachſenherzöge auf dem höchſten der Thürme, umgeben von ihren Rittern und Hauptleuten, und Albrecht ſelbſt ſchwang ſeine rothe Fahne gegen die Stadt hin, und ſeine Trompeten blieſen von Leuenrodens Zinnen ein luſtiges Siegeslied, welches das gedrängte Volk auf den Wällen Hannovers jenſeits der Leine mit einem weit⸗ ſchallenden Jubelgeſchrei beantwortete. Alle Ringwälle des Schloſſes waren von ſächſiſchen Schützen beſetzt, Hannoverſche Miliz hatte Poſten gefaßt auf den Mauern und drängte ſich im Burghofe, und der Conſul, Herr Türk, führte aus den geſprengten Kerkern der Zwingburg die befreieten Rathsmänner an das Licht, die durch ihre traurigen Geſtalten, die redenden Zeugen tyranniſcher Behandlung, den Grimm ihrer Mitbürger neu erweckten, ſo daß die Hauptleute Mühe hatten, ſie von der Miß⸗ handlung und Ermordung der Gefangenen abzuhalten. Aber der Grimm wuchs noch, als die Durchſucher der Burg aus den tiefſten Verließen mehre ſtelettähnliche Kerkerbewohner heraufſchafften, in denen man mit Ent⸗ ſetzen langvermißte Stadtbürger erkannte, die man auf Reiſen verunglückt gewähnt, welche aber als Opfer der Rachſucht des Herrſchers oder ſeiner Vögte lebend be⸗ graben worden, weil ſie zu dreiſt für ſtädtiſche Freiheit geſprochen, oder ſich thätlich ſchreienden Ungerechtigkeiten widerſetzt hatten. Die Scene, welche ſich im Hofe geſtaltete, hätte ver⸗ dient, durch einen Meiſterpinſel Italiens, wo die Maler⸗ kunſt dazumal ihre höchſte Kulmination erreicht hatte, der Nachwelt aufbehalten zu werden. Das wildbewegte Schlachtbild hatte des Schickſals Laune in ein großes Familiengemälde umgewandelt. Hier hielten ſich die Zwil⸗ lingsbrüder von Hagen umfaßt, und Wilhelms Thränen rannen mit dem Blute ſeiner Stirnwunde zugleich auf die bärtigen Wangen hinab, als er die ritterliche Ge⸗ ſtalt ſeines Erneſtus ſo verfallen ſah, und der Starke in dem brüderlichen Arme ſchwankte. Daneben ſah man den Robert von Edingerode, deſſen bleiches Antlitz ſchauer⸗ lich abſtach von ſeinen Rabenlocken, ſchwach in die Knie geſunken vor ſeinem ſiebzigjährigen Vater, der zur Be⸗ freiung des einzigen Kindes nochmals das Schwert er⸗ griffen, und in lautem Gebet Segen über den Gerette⸗ ten und Preis dem himmliſchen Retter ausſprach. Dort umringten jubelnd die Schwiegerſöhne den töchterreichen graubärtigen Senator von Heide, der ſeiner lange ge⸗ feſſelten Zunge ein Feſt gab, und ihnen vorperorirte, welche Unbill gegen alle Rechtsartikel des römiſchen Ge⸗ ſetzbuches der grauſame Magnus durch den Verhaft freier Bürger begangen. Die rührendſte Gruppe aber im gro⸗ ßen Bilde erſchufen die vier kräftigen Söhne des Wort⸗ halters Meier, die, als ſie den Vater, welchen ſie fern von der Heimath im Gebirg durch Raubgeſindel erſchla⸗ gen gewähnt, in dem Verließ gefunden, zuerſt, wie Knaben heulend, ihm die Hände und Füße küßten und die ſchneeweißen ſparſamen Locken, dann den Halbtodten auf ihre Schultern hoben, und ihn eilfertig wie einen köſtlichen Nibelungenſchatz aus dem Hauſe der Gräuel forttrugen zur ſichern Stadt, dort den ſchwachen Lebens⸗ funken des Geliebten zu wecken und zu erhalten.— Die kriegeriſchen Fürſten ſelbſt, als ſie von ihrem Hochſtande dieſe Scene überſahen, vergaßen den Sieg und ſeinen Gewinn, ſtiegen herab, und als der Herzog Albrecht 93 hier der Fiſcherin begegnete, welche den ſchwer bleſſirten Ohm zum zweiten Male aus den Fäuſten der Bürger gerettet, und ihm im Frauenhauſe ein ſicher Verſteck ge⸗ ſucht hatte, ſo faßte er ihre Hand und trat mit ihr in die Pforte des Thurmes. Höret mich, Bürger Hannovers! rief er über das Getümmel hin, und der bekannten Stimme wandten ſich zugleich Aller Augen zu, und es ward ſtill ringsum, und Jedermann ſah auf den jungen Helden, der, erhitzt von der Kriegsarbeit, ohne Helm im langen blonden Haarſchmuck einem Sanct Michael glich nach dem Sturze der böſen Dämonen. Bürger, fuhr er fort mit gehobener Stimme, wir ſind Waffenbrüder geworden ſeit heute, und wir und ihr werden fortan Ehre wie Freude finden in dem Gedächt⸗ niß dieſes Tages. Schwertkameraden achten einander und vertrauen einander. Der Fürſt, welcher ſolcher Zwingmauern bedarf, um der Treue ſeiner Unterthanen gewiß zu bleiben, iſt weder glücklich, noch beneidens⸗ werth. Freie Bürger Hannovers, das Vertrauen ſei das Band für künftig zwiſchen uns, und das erſte Geſchenk eures neuen Herrn, das Pfand ſeines ungemeſſenen Ver⸗ trauens, ſei dieſes Schloß, das wir mitſammen gewan⸗ nen. Euer ſei es, mit Allem, was es umfaßt. Macht damit, was euch gut dünkt; zerbrecht ſeine Mauern, zerſtöret ſeine Wälle, jede Scholle dieſer Erde iſt euer für ewig. Aber ein Bedingniß dabei: ehret dieſe Jung⸗ frau hier an meiner Hand, denn ſie war unſer Schutz⸗ engel. Erhebt ſie zu eurer Bürgerin, und nennet ſie euren Frauen und Töchtern als ein bleibendes Muſter. Sie allein hat uns zum Siege geführt, ſie gllein ge⸗ wann dieſe Burg, und theilte Gefahr und Todesnoth 94 mit uns wie ein gewappneter Mann. Unſere Huld iſt ihr gewiß, ſo lange wir den Herzogshut tragen werden, und die Beweiſe davon ſollen ihr nicht mangeln.— In einem rauſchenden Vivat ertönte der Name des Fürſten und der Fiſcherin durcheinander; als die in Scham und Verlegenheit erröthete Jungfrau ſich aber mit niedergeſchlagenen Augen zur Seite wandte, lag vor ihren Blicken an einem Pfeiler niedergeſunken der todt⸗ wunde Junker Volko von Lothe, ſah zu ihr auf mit bre⸗ chendem Auge und ſtöhnte ſchmerzlich: Du bei unſern Feinden? Du, die treuloſe Febronia? Das iſt ſchwerer als Tod, und Gott richte Dich nicht härter als uns!— und ſie verhüllte entſetzt ihr ſchönes Antlitz und floh er⸗ ſchüttert in das Innere der Gebäude. Die lüneburgiſchen Lande athmeten jetzt nach langer Bedrängniß freier in der Hoffnung gewonnenen Friedens. Nachdem Herzog Magnus nochmals, jedoch mit Verluſt ſeiner beſten Ritter, den mißlungenen Verſuch gemacht hatte, ſich der Stadt Lüneburg zu bemächtigen, nachdem er nochmals bei Wolfsburg ſich unglücklich mit den Sachſen geſchlagen, mußte er endlich der Uebermacht und der dräuenden Stimme des Kaiſers nachgeben, auf ſeine Anſprüche verzichten, und ſich an ſeinem braun⸗ ſchweigiſchen Erblande genügen laſſen. Aber ſein unru⸗ higes, von Grimm und Rachſucht gefoltertes Gemüth ließ ihn in ſeinem Braunſchweig und im Kreiſe ſeiner Familie nicht Ruhe finden; verſchloſſen in ſeinem Ge⸗ mach, ſah er weder ſeine jungen Prinzen, noch ſeine Gemahlin, die ſogleich nach der Einnahme des Schloſſes Leuenrode der Sachſenfürſt unter ritterlicher Bedeckung 95 nach Wolfenbüttel hatte geleiten laſſen; ja er ſprach lauter noch ſeinen Haß gegen die Gattin aus, ſeitdem er ſie in des galanten Albrechts Gewahrſam gewußt. Bald zog er wiederum im Lande umher, warb neue Völker, und ſein Grimm erwählte ſich den eigenen Schwager, den Graf Otto von Schaumburg, zum Ziele, da dieſer der Waffengenoß ſeiner Erzfeinde gewe⸗ ſen war und ihm manchen feſten Ort hatte entreißen helfen. Die Gelegenheit zum Ausbruche ſeiner Rach⸗ ſucht kam, ihm zum eigenen Verderben, nur zu früh herbei. Das Ehebündniß der Wittwe ſeines Bruders Ludwig mit dem Schaumburger hatte nie ſeinen Beifall gehabt, und herriſch verweigerte er ſchon lange der neuen Gräfin die Auslieferung ihrer Ausſteuer, Mobilien, Prachtgeräth, Kleider und Kleinodien, und was ihr ſonſt aus der Erbſchaft ihres Vaters, des Herzogs Wilhelm von Lüneburg, zugefallen; ja er machte die Stadt Lüne⸗ burg verbindlich für die Bewahrung und Feſthaltung die⸗ ſer Reichthümer. Nachdem die Verhältniſſe ſich aber alſo verändert, zog der Schaumburger Graf ſelber gegen Lüneburg, nahm das Eigenthum ſeines Gemahls in Empfang und führte auf mehren Wägen dieſe Schätze ſeinem Lande zu. Der Verräther ſchlief nicht. Manch altbraunſchwei⸗ giſch Gemüth hing, trotz aller erlittenen Unbill, am alten Hauſe und haßte den fremden Fürſtenſtamm; und kaum ward Magnus die Auslieferung des Familienſchatzes ſeines Oheims berichtet, ſo brach er mit ſo vielen Rei⸗ tern, als er in der Eile zuſammenziehen konnte, auf und folgte den Spuren der Schaumburger Roſſe, die ſie im Lüneburger Sande nachgelaſſen. Aber Graf Otto hatte einen vedeutenden Vorſprung; ſeine Saumroſſe wurden 96 gleichfalls nicht geſchont, und erſt in der Nähe des Dei⸗ ſtergebirges, als die Schaumburger im Dorfe Leveſte Nachtraſt hielten, und ihrer Heimath Nähe ſie in Sicher⸗ heit gewiegt, brachten die vorausgeſchickten Kundſchafter dem Herzoge die Nachricht, daß ſein Eilmarſch das Ziel erreicht habe. Mit wilder Freude vernahm Moegnus zugleich, daß der verhaßte Graf und ein Haufe ſeiner beſten Panzer⸗ ritter zugegen ſei. Glück auf, mein Freund! rief er dem Ritter mit dem Krückſtock zu. Nicht allein Perlen und edles Geſtein ſollen wir fangen, ſondern auch gräflich und ritterlich Fleiſch; und ſo werden unſere Schwerter in Ehren bleiben, wenn auch die Beilage uns Allen gar willkommen ſein mag. Zwinge Dein Bärengeſicht zu einer verlernten Jubelgrimaſſe, alter Burſch, es gilt Reugeld für Pattenſen und Leuenrode; denn bei den elftauſend Jungfrauen und meinem Wappen! wir wollen morgen Abend in des Schaumburgers Betten ſchlafen, ſo wahr gutes Fürſtenblut in unſerm Herzen klopfet!— Mit Staunen fand Graf Otto, als er aufbrechen wollte, den Ort umſtellt, und kaum hatte der Uner⸗ ſchrockene ſeinen kleinen Heerhaufen geordnet, ſo ſielen ihn die Braunſchweiger von allen Seiten an. Mehre Stunden lang wurde mit größter Erbitterung gefochten, und ein Graf Eberſtein, wie auch der graue Oberſt Siegfried von Salder, der geſtern nicht gelacht, ver⸗ bluteten auf den Wurzeln der uralten Eichen des Dei⸗ ſtergebirges. Herzog Magnus raſete wie ein angeſchoſ⸗ ſener Leu durch die Reiterſchlacht und ſuchte den Helmbuſch des Schaumburgers. Ihn endlich erſehen, die Lanze ſenken, in geſtrecktem Roſſeslauf auf den Gegner rennen und ihn mit einem Stoße vom Roſſe werfen, war das 97 Werk eines Augenblicks. Aber blutgierig ſprang auch der Sieger vom Rappen, ſtürzte über den liegenden vetäubten Grafen und zückte den Dolch, den tödtlichen Gnadenſtoß unter dem Helmkragen zu führen. Da ſprang ein Knapp des Schaumburgers hinzu und ſtieß ſeinen Flammberg durch den Rücken in das Herz des Wüthen⸗ den, daß er auf dem Leibe des beſiegten Gegners ſeine Seele ohne Laut oder Angſtſchrei verhauchte. Der Tod des Herrn verſprengte die Braunſchweiger, und als Graf Otto von den Gefangenen den Schwur ſeines Schwagers vernahm, ſprach er ernſt: Das ſoll traun nicht ſein, daß unſer lieber Schwager als ein Meinei⸗ diger geſtorben, denn das Wort eines braunſchweigiſchen Fürſten muß in Ehren bleiben vor aller Welt und überall; und ließ den Leichnam aufheben, und nahm ihn mit ſich auf ſeine Schaumburg, von wo er ſpäterhin nach Braun⸗ ſchweig geführt und in dem Gewölbe des Stifts St. Blafit beigeſetzt worden. Ein volles Jahr war ſeit dieſen blutigen Ereigniſſen verlaufen, und die lange geplagten braunſchweigiſchen Erblande hatten ſich erholt, und unter Albrechts mildem Zepter waren die geſegneten lüneburgiſchen Fluren neu erſtanden in Blüte und Frucht, und zeigten nur freund⸗ liche Bilder des Friedens. Febronia, das geehrte Fiſchermädchen, hatte aber bislang nur eine geringe Ernte ihres Opfers genoſſen. Was galt ihr das Bürgerrecht, das ihr und allen ihren Nachkommen der dankbare Senat verliehen, was das ſtattliche Haus und der freie Sattelhof, welche man ihr auf der Neuſtadt, die damals ihren Urſprung nahm, zu Blumenhagen. VII. e 98 Erb und Eigen geſchenkt?— Ohm und Vater hatte ſie kurz nach einander begraben ſehen, und ihr getreuer Florian lag lange Monden ſchwer darnieder an den Fol⸗ gen der beſtandenen Drangſale, und in ſchwarzen Träu⸗ men ſah ſie oftmals die grüne Brautkrone auf ihrem Lockenhaar ſich in einen welken Rosmarinkranz verwan⸗ deln.— Doch die milde Vaterhand des Herrn der Menſchen⸗ ſchickſale führte auch durch dieſe harte Prüfung das ſtarke Frauenherz, und als der neue Frühling die Knospen ſchwellte, als Haus und Thor überall mit friſchen Pfingſt⸗ maien geſchmückt daſtanden, hielt ſie den geliebten Mann wiederum neu erblüht und in einſtiger Jugendkraft in ihren Armen, und mit glühenden Wangen hörte ſie ihn den Hochzeitstag anſetzen.— Schloß Leuenrode lag längſt am Boden; Mauern und Thürme waren gebrochen und verſchwunden; eilfer⸗ tig hatten ſich Hannovers Bürger bemüht, jede Spur der Zwingburg zu vertilgen, hatten das ſtarke Geſtein zu neuen Befeſtigungswerken ihrer Stadt benutzt, ja ſogar das Erdreich der Wälle zur Erhöhung ihrer Leine⸗ ufer fortgefahren. Nur die Sankt⸗Gallenkapelle allein ſtand noch unangetaſtet auf dem zerriſſenen Hügel, denn der fromme Sinn damaliger Zeit litt nirgends die fre⸗ velnde Berührung eines einmal dem Herrn der Welten geweiheten Gebäudes. Eben jetzt aber langte der Brief des Biſchofs von Münden an, welcher den Abbruch der Schloßkapelle erlaubte, ſobald die Bürgerſchaft das Ver⸗ ſprechen geleiſtet haben würde, auf dem Boden der ſchon veſtehenden Curia Sancti Galli in der Burgſtraße dem⸗ ſelben Heiligen ein ähnliches Gotteshaus zu erbauen, und den Kapellan in ſeinem Amte und ſeinen Einkünften 99 zu beſtätigen. Florian hörte kaum dieſe Botſchaft, als er dem Senate, von dem ihm eine der einträglichſten Schreiberſtellen ertheilt worden, die Bitte vortrug, vor der Vernichtung des uralten Heiligthums ihm zu erlau⸗ ben, an dem Orte, wo er ſeine ſchwärzeſten Lebensſtun⸗ den erduldet, noch das höchſte Feſt ſeines Lebens begehen zu dürfen. Febronia aber ſandte heimlich einen Boten an den Herzog Albrecht, meldete dem hohen Herrn ihr nahes Glück, und mahnte ihn in gehorſamer Beſcheiden⸗ heit an ſein Verſprechen.—— Das heiterſte Frühlingsmorgenroth ſchimmerte über dem Pfingſtſonntage, an welchem der überſelige Florian ſeinem geliebten Mädchen das grüne Myrtenkrönlein, von feiner Seide künſtlich gefertigt, und mit ſchimmern⸗ den Zwergröschen durchwoben, auf das hochgeflochtene glänzende Braunhaar befeſtigte. Aber ſie blieb in den Hochgeſühlen des Glückes nicht hinter ihm zurück; hatte ſie doch ſo lange ſchweres Leid und bittere Sorge ge⸗ tragen, hatte ſie doch ſo allein geſtanden, ſo ſchmerzlich in die Zukunft geblickt, und jetzt war alle Laſt plötzlich von ihren Schultern genommen, und der Platz einer geehrten Bürgerin, einer hochgehaltenen Familienmutter ward ihr dargeboten, und das iſt ja für eine tugend⸗ hafte gute Jungfrau das höchſte Ziel ihrer beſcheidenen Wünſche. Herzog Albrecht war, ſeinem Verſprechen getreu, am Vorabende angelangt, hatte durch einen ſeiner Kämmer⸗ linge ſie begrüßen laſſen, und die ganze Stadt ſprach von dem großen Geleit, das er der Fiſcherin zu Ehren mitgebracht. Aber kein Neid miſchte ſich in das laufende Gerede, denn Jedermann war dem beſcheidenen ſittſamen Mädchen zugethan; die Mütter ſtellten ſie in Treue und 100 Frömmigkeit und Zucht den Töchtern als Muſter auf, und die Männer rühmten ihre Unerſchrockenheit und Seelenſtärke, und mancher reiche Bürgersſohn beneidete den güterloſen Florian Berkhuſen. Und ihr Hochzeitstag wurde ein allgemeines Bürger⸗ feſt, denn männiglich feierte es als einen Erinnerungs⸗ tag der Bezwingung von Leuenrode. Der Conſul über⸗ nahm die Koſten des Gaſtgebots auf dem ſtädtiſchen Spielhauſe, einem Anbau des Magiſtratsgebäudes; die Gebrüder von Hagen, die Senatoren Edingerode und Heide ließen ſich die Ehre nicht nehmen, den Sattelhof Febronia's mit den nöthigen Mobilien und Hausgeräth auszuſchmücken; alle Nachbarn brachten am Vorabend unter Sang und Klang in das Haus des Bräutigams ſo werthvolle wie ſcherzhafte Angebinde, wobei der Sauer⸗ honig und das Linſengericht, der zerbrochene Topf, der Storch und die Wiege nicht mangelten; aber alle dieſe Gaben verblindeten vor dem Inhalte eines Käſtchens, das der Junker von Schöningen, Albrechts Leibpage, ihr Namens der Wittfrau des Herzogs Magnus überbrachte, und in welchem auf einer namhaften Summe Goldes ein Schmuck von edlen Steinen ruhete, deſſen ſich die Conſulsfrau aus dem älteſten Stamme nicht zu ſchämen gebraucht.. Als die Stadtglocken ihr feierliches Lied begannen, holten Florians Verwandte das Brautpaar von dem klei⸗ nen Berkhuſiſchen Hauſe ab. Pfeifer und Horniſten mar⸗ ſchirten an der Spitze, eine Ehrenwache der Stadtmiliz trat den Liebenden voran, Herzog Albrecht, hoch zu Roſſe mit ſeinen Rittern führte das Gefolge, in dem die Conſuln und Senatoren nicht fehlten, das ſich jeden Augenblick durch den Anſchluß der zuſtrömenden Bürger N l 8 ¹ 101 vermehrte, und in deſſen Gedränge auch mehre geſchmückte Zelter ſichtbar wurden, von verſchleierten Edelfrauen geritten, deren jede einen ſchützenden Stallmeiſter zur Seite hatte. Angelangt in der Kapelle auf dem wüſten Hügel, führte Florian die in Freude Weinende zu dem Altare, wo der Kapellan, umgeben von ſeinen Gehülfen und Kirchenknaben, bereits im Meßornate wartete; da faßte Herzog Albrecht Febroniens Hand, und, durch die Störung in ihren ernſten Gedanken erſchreckt, ſah Fe⸗ bronia ſcheu in des ſchönen fürſtlichen Mannes roſiges Angeſicht. Jungfrau, ſagte der Herzog bewegt, Du mußt mich meines Wortes entlaſſen; aber hier mein guter Ohm wird meine Stelle als Brautführer bei Dir verſehen. Mir winkt ein ſüßerer Platz, denn da Du als der ſchir⸗ mende Engel meines Ruhmes mir erſchienen, ſo wünſche ich auch, die höchſte Feier meines Daſeins, in der meine heißeſten Wünſche erfüllt werden, unter Deinem Schirm zu begehen, und den Gottesſegen, welcher ſo ſichtbar auf Deinem Wandel ruhet, mit Dir zu theilen.— Er trat von ihr fort zu dem Kreiſe der eingetretenen Edeldamen, und die erſte derſelben ſchlug ihren Silber⸗ ſchleier zurück, und mit Erſtaunen erkannte das Volk in derſelben die verwittwete Herzogin von Braunſchweig⸗ Wolfenbüttel. Den Vater der Kinder dieſer hohen Frau habe ich vekriegt, rief Albrecht, die Fürſtin zum Altare führend; dafür will ich der zweite Vater der verwaiſeten Prinzen werden, und Gottes Zorn ſtrafe mich, wenn ich ſolch Gelübde je verſäume, oder nicht voll erfülle!— Ein freudiges Gemurmel durchlief das Haus der 102 Andacht; aber tiefe Stille trat ein, als dann der Prieſter ſeine heilige Weihe begann, als auf derſelben Steinplatte das Fürſtenpaar und das Bürgerpaar niederknieten, und der Kapellan die Hände der Vermählten mit der heiligen Schnur zuſammenknüpfte zum unauflöslichen Bunde, und derſelbe Segen Gottes über die in der Welt ſo weit Geſchiedenen ausgeſprochen wurde.— Die Welt tadelte die kluge Herzogin keineswegs, die, von Mutterſorgen bedrängt, den Bitten des feurigen Sachſenprinzen nachgab, und zum Glück ihrer vier un⸗ mündigen Söhne den Feind ihres Hauſes zu dem Vor⸗ munde der Verlaſſenen umſchuf. Und der Erfolg recht⸗ fertigte ihre wohlbedachte Vorſorge; denn als Herzog Albrecht ſpäterhin durch einen Steinwurf vor dem Schloſſe Ricklingen getödtet worden, vermählte Wenzeslaus ſeine Tochter mit den beiden Prinzen Friedrich und Bernhard von Braunſchweig, und die Erblande wurden ſämmtlich wieder unter dem alten Löwenſchilde vereinigt. Doch eine ſtrengere Richterin fand im Geheim die fürſtliche Frau an den Theilhabern ihres Ehrentages. Als der glückliche Florian nämlich neben ſeiner ſchönen Febronia wieder im Feierzuge den Berg hinabſtieg, drückte er feſt die Hand ſeiner Gattin, und flüſterte tief im Her⸗ zen bewegt zu ihr: Febronia, wenn mich Gott hinweg⸗ nähme vor Dir, könnteſt Du mich ſobald vergeſſen und in leichtfertiger Fröhlichkeit ſo ſchnell dieſen Ring meiner Liebe mit einem fremden Ringe vertauſchen?— Mit weitoffenen, im Thränenſchmelze noch lieblicher glänzenden Augen ſchauete die bräutliche Jungfrau zu ihm auf. Die rechte Liebe wählet nur einmal im Leben, antwortete ſie leiſe und innig, knüpft nur einmal den Bund, der zwei Seelen zu Eins macht, und darum über 103 das Grab hinaus binden muß. Febronia gibt Dir Alles, was ſollte ſie denn für den Zweiten behalten? Aber Prin⸗ zeſſinnen ſollen oft die Hand ſchenken müſſen ohne das Herz, und ein Herzog Magnus mag wohl bei weitem leichter zu vergeſſen ſein, als mein Florian.— Die Ehe der Herzogin plieb kinderlos; doch Flo⸗ rians Haus ward mit jedem Jahre voller und leben⸗ diger, und noch in der Reformationszeit ſtanden die Berkhuſen unter den angeſehenſten Bürgern ihrer Stadt und fochten die ſchweren Glaubenskriege mit, indem ſie ſich wechſelſeitig durch die Erinnerung an ihre geehrte unvergeſſene Ahnfrau ermunterten, welche als die Schö⸗ pferin ihres Familienglückes und als die eigentliche Stamm⸗ mutter ihrer Familie ſelbſt von ihnen zu allen Zeiten betrachtet wurde.—— II. — — — — — —= — — Eine Novelle. An der Spitze eines anſehnlichen Dorfes im nörd⸗ lichen Theile von Niederſachſen liegt ein Häuschen, das die Aufmerkſamkeit des Reiſenden bei dem erſten Blicke auf ſich zieht. Durch einen moorigen Wieſengrund von den übrigen Wohnungen der Ackerleute getrennt, ſteht es vor einem Gärtchen, deſſen hohe lebendige Hecken von Schleedorn mit den Bäumen ringsum eine grüne Laube bilden, aus denen die weißen, reinlichen Wände, das rothe Dach und die blanken Fenſter ſo freundlich hervor⸗ ſchimmern, daß ein für poetiſche Lebensanſichten nicht ganz erſtorbenes Gemüth einen Sitz des Friedens und der Genügſamkeit dort ahnen muß, und der vom Schick⸗ ſale umhergetriebene Weltbürger mit einem Seufzer ſich in die kleine Behauſung wünſcht, die einen ſicheren Ha⸗ fen darzubieten ſcheint. Eine Reihe hochgewachſener Pap⸗ peln bildet an der Sonnenſeite einen ſtattlichen Schirm; gegenüber breitet ein alter, vollblätteriger Kaſtanien⸗ baum ſein Schattendach über einen runden Steintiſch; welcher einladet, die Gaſtlichkeit des Hausherrn in An⸗ ſpruch zu nehmen; weiße Trommeltauben girren auf dem Dache, buntes Federvieh kräht im kleinen, umgat⸗ terten Hofraum, in welchem ſich nichts von den Schmutz⸗ haufen und der Unordnung findet, die bei den Reiſen auf's Land alle Träume eines hirtlichen Arkadiens aus 108 der Phantaſie der Städterinnen zu ſcheuchen pflegen, und im Gärtchen bezeugt die geſchmackvolle Anordnung der Beete, bezeugt die Auswahl und Vertheilung der Zierblumen und Duftgeſträuche, daß hier kein Bauer für ſich und ſein Zugvieh den Stall gebaut, ſondern daß ein Erdenſohn, dem Bildung und Geſchmack vom Him⸗ mel gegeben wurde, dieſes Plätzchen erkor zu einem Ruheſitze ſeiner ſtillen Tage zu einem einſam⸗heiligen Tempel des häuslichen Glückes. Eine ſandige Heerſtraße entlang ſchauet man fern die Thürme einer anſehnlichen Stadt; zur Seite dehnet ſich gegen Norden eine trockene Halbfläche aus, ſo weit, daß ſie mit ihren Bulthaufen und rothen Heidblütenteppichen an ſchottiſche Gegenden erinnert, welches Phantaſiebild noch durch den bewachſe⸗ nen Bergrücken vermehrt wird, der in der Entfernung einer Viertelſtunde von dem Hauſe ſich zu der Ebene hinabſenkt.— Von dem Leben und Treiben der Bewoh⸗ ner des Häuschens wußten nur Wenige Weniges. Der Fußreiſende, der auf der Straße herabeilte, um vor dem vollen Einbruche der Nacht noch die Stadt zu erreichen, verweilte dennoch manches Mal bei den Pappeln, wenn er den vollen Klang einer Harfe vernahm, die eine fertige und gefühlvolle Hand unſichtbar ſchlug, und zu deren Tönen zwei reine Stimmen eine ernſte Schiller'ſche Romanze oder ein Scherzlied von Bürger und Hölty ſangen. Der Junker aus der Stadt, der ſeinen Mor⸗ genritt machte, fand oft einen ſchmächtigen, blondlockig⸗ ten Mann, welcher kaum dem Jünglingsalter entwachſen ſchien, unter dem Kaſtanienbaume, wie derſelbe Bücher, Schreibereien und Schreibzeug auf dem runden Tiſche ausgekramt hatte und emſig ſchrieb, und pauſenweiſe ſeine hellen Augen nicht auf die Straße und die Menſchen, 109 ſondern in die Weite der Heidfläche hinaus, oder zu dem weitern Azur des ſchönen Morgenhimmels hinauf ſchlug. Jäger, die auf der Ebene der niedlichen Lerche oder dem flinken Rebhuhne, oder dem flüchtigen Rammler nachſtellten, begegneten oft am kühlen Abend demſelben Manne, der im grauen, leichten, beſchnürten Polenrock, mit einem grünen Mützchen auf dem blonden, ſchlicht⸗ geſcheitelten Haare durch die ſchmalen Heidwege der be⸗ holzten Höhe zuſchritt, ein ſauber gebundenes Büchelchen. in der Hand, doch ihren Jägergruß nur kurz erwiderte, und ihr Gewehr und die gekoppelten Hunde mit einem Blicke betrachtete, aus dem der Abſcheu gegen ihre Hantirung und der Groll über die Verfolgung ſeiner friedlichen Mitgeſchöpfe, vorzüglich ſeiner kleinen, tril⸗ lernden Himmelsſängerin, ohne Hehl hervorbrach. Fragte ein neugieriger Jäger einmal einen plaggenhauenden Bauer nach dem kurioſen Spaziergänger, ſo antwortete derſelbe gewiß: das iſt. der ſtille Versmacher von Reiher⸗ horſt! aber Namen und eigentlichen Stand wußte Keiner recht anzugeben.—— Es war an einem ſchönen Juliabende des Jahrs 1809; ſtille Dämmerung hüllte ſchon die Gegend und die Geſtalten ein; ein leichter Strichwind ſäuſelte vor zer⸗ ſtreuten Regenwolken her, und den heißen, trockenen Boden kühlten dann und wann große Regentropfen, doch nicht auf lange, denn flüchtig trieb der Wind das Gewölk am Himmel vorüber. Aber in dem Häuschen erklang heute kein Harfenſpiel, kein Schreibender oder Leſender ſaß unter der Kaſtanie, wohl aber ſtand in der Hausthür ein junges, ſchmuckes Weibchen im ſchneeweißen Haus⸗ kleide, und Aengſtlichkeit und Sorge drückte ſich ab auf dem rothwangigen, angenehmen Geſichte, und ihr dunkles 1 * 1 . 110 Auge mühete ſich durch die Dämmerung über die Heide hinaus zu ſpähen, als wenn ſie recht was Liebes von dorther erwartete, indeß ein zartes, fünfjähriges Kind vor ihr hinausſprang, die Stellung der Mutter und ihr Ausſchauen nachäffend, und wenn der Regen ſtärker fiel, zurückflüchtete unter das Schürzchen der Mutter, wie das Küchlein ſich flüchtet unter den ſichern, warmen Fittich der Bruthenne.— Er kömmt! der Vater kömmt! rief die Kleine jetzt, raſch wieder hinaus hüpfend zu dem Kaſtanienbaume. Hörſt Du, Mütterchen, der Vater ſingt, da iſt er doch nicht im Berge gefallen, und die ſchwarzen Männer auf der Wieſe haben ihm auch nichts gethan.— Und aus dem Abendſchatten der Heide trat der ſchmäch⸗ tige, blonde Mann, breitete die Arme aus, und fing dar⸗ in das ihm zuſpringende Kind, und hoch erhob er es zu ſich her, und preßte beſonders herzliche Küſſe auf den kleinen Plappermund.— Böſer Papa! rief die Kleine, ſowie er ſie niederſetzte Mutter iſt böſe und Malchen iſt böſe. Warum biſt Du nicht gekommen? der Pfannkuchen iſt kalt, und Malchen hat ſchon im Lehnſtuhle geſchlafen, und Williams Mama hat auch gewartet, iſt aber ſchon zu Hauſe gegangen mit dem kleinen William.— An der Hand des Vaters ging die Kleine alſo plappernd dem Hauſe zu, vor wel⸗ chem zu des Mannes Verwunderung das Frauenzimmer verſchwunden war. Im Zimmer fand er die Geſuchte wieder, doch am Fenſter ſaß ſie mit geſtütztem Köpfchen und das weiße Taſchentuch verhüllte das liebliche An⸗ geſicht.— Biſt Du unwohl, Holdine? fragte er beſorgt, daß Du Deinem Edmund nicht entgegen kommſt wie ſonſt? 111 — Er wollte ſich zu ihr niederbeugen, aber raſch flog das Tuch von den Augen der ſchlanken Frau, und keine Thräne, ſondern eine finſtere Stirn und ein im Zorn aufſchwellendes Mündchen und feindlich blinkende Augen wurden ihm ſichtbar. Du frägſt noch, Liebloſer? fuhr die Zürnende in die Höhe. Das Herz ſollte brechen in Angſt und Sorge; Du biſt Schuld daran, und Du frägſt noch?— Weil ich wegblieb über die gewöhnliche Zeit? lächelte Edmund. So ſeid ihr Weiber! Verwöhnen darf man euch nirgends; aus der Nachgiebigkeit zieht ihr ein Recht, und das Fügen in die Bequemlichkeit der Hausfrau, das dem jungen Gatten in den Flittermonaten die Liebe be⸗ fahl, wird zum ernſten Geſetz für das ganze Leben. Ich war auch ſo ein kleiner Thor, und nun ſchadet das Dir und mir.— Du kannſt lachen, ſpotten, ſcherzen, fiel die Grollende ein, indeß mich Todesangſt marterte, und mich faſt Dir nachtrieb in die Heide und den finſtern Wald? Laſeſt Du nicht ſelbſt noch heute aus der Zei⸗ tung uns, welche Unruhen das Land bewegen, wie es gährt in dem Volke, wie die Bauern rebelliſch ſich rot⸗ ten und umherziehen, wie die Gendarmen überall die Anführer verfolgen, wie ein unſicheres Leben jeden Land⸗ bewohner bedrohet? Und nun gehſt Du gerade fort an demſelben Nachmittage, bleibſt bis in die dunkle Nacht, und vergiſſeſt Weib und Kind, weil Du vielleicht in einem Gedichte oder einem Romane eine Nachtſcene zu ſchreiben haſt, und Dir das Bild dazu draußen ſuchen willſt! Iſt es denn auch wahr an Dir, was ich ſo oft las, daß die Dichter ſchlechte Ehemänner ſind, und die Frau an der Muſe immer die glücklichere Nebenbuhlerin findet?— 142 Edmund war recht ernſt geworden während des weiblichen Sermones. Weil ich gedachte an Weib und Kind, darum ging ich, darum blieb ich, antwortete er mit ſcharfer Betonung. Holdine, ſetzte er weich hinzu, und zog die Horchende zu ſich auf in ſeine Arme, wir leben in einer ſchweren Zeit; o wie beneidenswerth iſt der, welcher, ſo wie ich, Gattin und Kind ſorglos um⸗ ſchließen kann, dem das Treiben draußen nur die Zei⸗ tungen erzählen wie eine ſchauerliche Kriegs⸗ und Spuk⸗ geſchichte, der kein Schiff draußen hat auf der gefährlichen Weltſee, ſondern alle ſeine Lebensgüter hinter der Thür ſeines Kämmerchens an jedem Abend mit ſich verſchließt! — Recht ſicher iſt das, verſetzte das Weibchen nickend, aber haben zum Verlieren, wie Dein Bruder, der Kriegs⸗ rath, ſcheint mir doch beſſer.— Edmund ſah ſie mit großen Augen an. Glaubſt Du, ich möchte tauſchen mit ihm? fragte er; Dich tauſchen für ſein reiches Edelfräulein, die ihm zwei Rittergüter brachte? Tauſchen für ſein unheimliches, großes Stein⸗ haus dieſe geſunde Wohnung, wenn ſie auch nicht einmal unſer Eigenthum iſt? Tauſchen für ſeine Lichterfeſte in der Reſidenz meine Abende unter dem Dome des Ster⸗ nenhimmels neben Dir und unſerm Malchen?— Aber ſieh, ſetzte er raſch, vom hohen Tone herabfallend, hin⸗ zu, das Kind ſitzt ſchon auf dem Stühlchen, hat ſelbſt das Serviettchen vorgebunden, und die Händchen gefaltet zum Tiſchgebete. Komm, meine Traute, Malchen hun⸗ gert, und mir ſelbſt hat der weite Weg den Appetit ge⸗ reizt, und meine geſchickte Köchin ſoll heute Freude er⸗ leben an ihrem Gaſte.— Holdine folgte ihm an den tleinen Tiſch, den keine Leckerbiſſen, keine Weinflaſchen zierten, der indeß gut und reichlich beſetzt war, um 113 geſunden Menſchen Genüge zu leiſten. Sie war unwil⸗ lig auf den Gatten geweſen, aber ſie konnte wie immer nicht mehr ſchmollen, wenn er mit ſeiner vollklingenden Deklamatorſtimme, mit der Herzlichkeit, die ihm aus den Augen leuchtete, ſo wie vorhin mit ihr ſprach, und wenn ſie auch ſich bewußt war, daß der Scepter des Haus⸗ regiments in ihrer kleinen Hand ruhete, ſo mußte ſie ſich doch geſtehen, daß in der geiſtigen Herrſchaft Edmund mit wunderbarer Gewalt ihr überlegen war, und ein Wort, ein Silberblick ſeines Gefühls oftmals alle ihre vorher ſtudirten Strafpredigten oder Mahnworte zunichte machte, ehe der Mund ſie gebar. Unterdeß die Mutter das Gericht zerlegte, zog Edmund aus der Buſentaſche zwei Briefe, aus der Rocktaſche ein Päckchen hervor. Sieh, Malchen, der Vater denkt an Dich, auch wenn er fern iſt, ſagte er, indem er das letztere öffnete.— O, welche blanke Sternchen und welche ſchöne hölzerne Blumen! rief die Kleine, den Blick von der Schüſſel auf die Herrlichkeiten richtend. Das ſind Ammonshörner, Schnecken, die einſt im Waſſer lebten, ſprach Edmund, und dies iſt ein kleines Hirſchgeweih; weißt Du noch, von den niedlichen Thieren, die wir im Thiergarten ſahen, die ſo zahm den Buſch Dir aus der Hand fraßen, und dann, als des Förſters Hund bellte, wie der Wind davon ſprangen.— Du biſt wieder oben geweſen im Berge und haſt die Ruinen des alten Schloßgemäuers durchſucht? entgegnete Holdine. Da kriechſt Du in den finſteren Gängen umher, ſuchſt alte, verroſtete Degen⸗ griffe und zerfreſſene Münzen, und ſetzeſt Dein Leben aufs Spiel um ein Nichts. Einmal haſt Du mich auch hinein gelockt, aber nimmer wieder ſteige ich in die Hölle. Ich vat Dich ſo oft, nicht mehr hinein zu gehen.— Blumenhagen. VII. 8 144 Mitgehen ſollteſt Du noch einmal, und Dir den herrlichen unterirdiſchen Bau genauer anſehen, antwor⸗ tete Edmund, das Vorgelegte behaglich zum Munde führend. Wahre Katakomben find's, und eine ganze Gemeinde verfolgter Chriſten könnte darin verſteckt und bequem ihre Betſtunde halten. Die Mauern ſind noch feſt für Jahrhunderte, die unterirdiſchen Zimmer trocken, und luftige Gänge verbinden ſie, und heute fand ich einen zweiten Ausgang, der ſich an der Seite des Ber⸗ ges dicht neben dem ſchönen Marienquell öffnet und, räumet man den Unterbuſch und die ſtachlichten Hülſen fort, einen Richtweg nach Gottesholz unter der Erde hin darbeut, der den Füßen das Bergſteigen und den rauhen Schlangenpfad erſpart. Mich zieht nun einmal die Ruine unwiderſtehlich an; vielleicht iſt es der Geiſt meiner Urgroßmutter, die eine Hallerſtein war, wie man das alte Schloß ebenfalls benennt. Wer weiß, gehe ich da vielleicht auf dem Boden, den meine Vorfahren betraten in klirrender Eiſenrüſtung; denn die Urgroß⸗ mutter ſtammte aus einem alten edelen Geſchlechte des Landes.— Die Bauern nennen die Mauern verrufen und erzählen manche Spukgeſchichte davon, fiel Hol⸗ dine ein, halb einſtimmend in des Mannes ſcherzenden Ton; möchte Dir die Großmutter doch einen Schatz andeuten, den ihre Ahnen unter den alten Ruinen ver⸗ gruben.— Bedarf's deſſen? fragte Edmund, den rechten Arm um die neben ihm Sitzende ſchlagend. Ja, früher⸗ hin, als ich Dich fand auf dem ſtillen Friedhofe, wo Du das Grab Deiner Mutter täglich mit einem friſchen Kranze ſchmückteſt, und Du mir erſchienſt wie der himm- liſche Todesengel, der die Guten abruft zum beſſeren Leben, da wünſchte ich oft einen Schatz zu finden, 11⁵ träumte von einer Erbſchaft aus Weſtindien, oder von einem reichen Engländer, der mich in ſeltſamer Groß⸗ muth plötzlich mit Gold überſchüttete, um die arme Waiſe, die ich ſo inbrünſtig liebte, zur reichſten Frau zu machen. Damals wollte ich den kleinen Erbprinzen aus dem Waſſer retten, des reichen Banguiers Tochter aus der Feuersbrunſt tragen. Aber der Erbprinz fiel nicht in den Strom, des Banquiers Haus wollte nicht brennen, und ich ärgerte mich, daß den Helden der Romane ſo etwas Augenblicks begegnet, wenn es ihnen Noth thut, mir aber kein Schickſal rettend aus den Wolken griff. Nun, es ging doch nach meinen ſtillen Wünſchen; die ſchöne Waiſe ſchwur mit mir zu leben, zu hungern, wenn es ſein müßte, und ich habe ſeitdem nicht mehr gedacht an den Engländer und den goldenen Finanzrath.— Es war ein Wageſtück, und die Liebe iſt gar unvorſichtig, ſeufzte die junge Frau. Deine Brüder grollten Dir und mir, und wollten nichts von uns wiſſen, und ſchrieben Dir böſe Briefe, nannten Dich einen Leichtfinnigen, der zu nichts Rechtlichem tauge, ſein Glück von ſich ſtoße und als ein Bettler ſterben werde.— Nun, ſie fanden ſich doch, als ſie mein ſchö⸗ nes Weibchen geſehen, und der ſchwarze Rittmeiſter ſchien damals ordentlich ein Liebesauge auf Dich gewor⸗ fen zu haben, lächelte Edmund.— Hatten ſie aber ganz Unrecht? ſragte die geſchmei⸗ chelte Holdine, den leckern Salat nochmals dem Manne hinſchiebend. Sieh, wäreſt Du ein Juriſt geworden, ſo wohnten wir in der Stadt, hätten Gewiſſes in jedem Quartale, und der Kriegsrath hätte Dir zu Ehrenſtellen geholfen; da machten wir ein Haus, und in dem Opern⸗ hauſe und auf dem Ballſaale gibt es doch manches Vergnügen, das wir entbehren. Selbſt der König ſoll des Kriegsraths Gaſtereien beſuchen. Und wäreſt Du gar Soldat geworden, wie würde Dir die Uniform ſo ſchön ſtehen, und wie der Oberſt trügſt Du den Orden auf der Bruſt und den goldenen Helm auf den blonden Locken.— Und meine Holdine hätte mich doch nicht lieber als⸗ dann, und ich könnte nicht immer um Dich ſein, nicht theilen jede Freude mit Dir, und die fremden Menſchen ſäeten Unkraut in unſer Weizenfeld, das den Frieden überwüchſe, antwortete Edmund. Ich habe viel gelernt, wie die Brüder, habe mich umgeſehen in Allem, was Wiſſen heißt, aber nichts von den ſogenannten Brod⸗ ſtudien konnte mich feſſeln und meine Seele befriedigen. Die Themis war mir nicht blind genug, wenn ſie ur⸗ theilen ſollte, und von der Zwietracht der Menſchen Gewinn ziehen, ſchien mir ein ſo dorniger wie men⸗ ſchenfeindlicher Beruf; die Philoſophie kam mir vor wie ein Luftſchiffer, und in der ſuperklugen Welt ſah ich die Weltweiſen wie überflüſſiges Geräth aus der Rumpelkammer betrachten und ihnen zur Koſt die Luft anweiſen, in welcher ihre Probleme ſchweben; der Arzt war mir zu nahe mit dem Todtengräber befreundet, die Hippokrateſſe meiner Zeit baueten Syſteme und Hypo⸗ theſen wie Babels Thurm über einander, und zernich⸗ teten dadurch bei dem Laien ſelbſt den Glauben an ihre heilige Kunſt, und der erſte Familienvater, der mir ge⸗ ſtorben, hätte mich mit in das Grab gezogen. Theo⸗ loge konnte ich nimmer werden, dazu war ich nicht Stoiker genug, hatte nicht blinden Glauben genug, hatte zu früh Naturlehre ſtudirt; und zum Wehrſtande fehlt mir, wenn auch nicht der Muth, doch der Sinn für 117 Gebundenheit und Gehorſam; ich hatte zu vielen Welt⸗ vürgerſinn, um auf Commando gegen den Fremden zu ziehen mit Schwert und Gewehr, und umzubringen oder mich umbringen zu laſſen, weil ein Großer der Erde von einem anderen Großen beleidigt worden, oder jener lüſtern war, ſich mit dem Lande und Gute dieſes zu arrondiren. So blieb mir nur Eins noch, die Gunſt der Muſen, die mir früh gelächelt, und ich bauete mein Hüttchen unten am Rande des Parnaſſus, und horchte dem Geſange der hohen Aganippiden, und tröſtete mich mit dem göttlichen Schwane von Weimar: Was thun? ſprach Zeus, Die Welt iſt weggegeben, Der Herbſt, die Jagd, der Markt iſt nicht mehr mein, Willſt Du in meinem Himmel mit mir leben? So oſt Du kömmſt, er ſoll Dir offen ſein!— Aber in dieſem Himmel ging's uns anfangs doch ſehr knapp, unterbrach das Weibchen den Begeiſterten; Schmalhans wohnte in Küche und Keller, und ich betete oft recht kummervoll meinen Abendſegen um das tägliche Brod zu dem Vater hinauf, der die Lilien kleidet, die nicht ſpinnen, wie ich, und die Vögel unter dem Himmel ſpeiſet, die nicht ſammeln und arbeiten, wie Du.— Die Zeit liegt hinter uns, und hat der Bruder Kriegsrath doch auch manches Mal ſein Scherflein zu⸗ geſchoſſen, antwortete Edmund triumphirend. Der Name Edmund hat einen guten Klang gewonnen im deutſchen Lande, und macht der Sänger auch keinen Anſpruch auf die immer grüne Krone der Unfterblichkeit, ſeine feſt⸗ lichen Lieder begleiten die Menſchen in ihren ſchönſten Tagen, auf den Nähtiſchchen der Damen dürfen ſeine Romänchen hauſen, der Bräutigam ſchenkt ſeine Taſchen⸗ 118 bücher der Braut zum Namenstage als ein liebes Ver⸗ gißmeinnicht, und jede Woche bringt eine neue liebe Zuſchrift, in der ein Verleger ein neues Werkchen von Edmunds Muſe verlangt. Hier iſt, was ich Dir mit⸗ brachte; ich war in der Stadt auf der Poſt, da ein Brief mit zwanzig funkelnden Goldſtücken für meine Schule der Liebe, und hier ein zweiter Brief von dem wackeren Stephan Schütze, der im Saale⸗Athen unter des deutſchen Auguſtus Augen wohnet, und für ſein vielgeprieſenes Taſchenbuch der Liebe und Freundſchaft Beiträge verlangt. Ehre und Gold, Holdine, dazu peute das ſchönſte Gefühl im Herzen; wo iſt ein Kröſus auf dem Erdballe, der mir mein Ich bezahlen könnte, und wäre Peru und Mexiko ſein Allodium? Aber Mal⸗ chen nickt auf die Tiſchecke; bring' die Kleine zur Ruh, denn ich habe noch mehr auf dem Herzen für Dich, und meine Zunge iſt heute ſo gelenk, als hätte, wie dem Demoſthenes geſchah, eine ſtachelloſe Biene meine Lippe für die Zelle angeſehen, wo ſie ihren Honigſeim abzu⸗ ſetzen pflegte.— Holdine trug das Kind, nachdem es ſchlaftrunken dem Vater das Mündchen gereicht und die koſtbaren Ammonshörnchen in der Hand als Schlaf⸗ kameraden mitgenommen, in die Kammer, und man ſah ihr an, daß ſie die Neugierde, welche die beſondere Laune des Gatten und ſeine letzte Rede in ihr erregt hatte, mühſam auf einige Minuten bezwang.— Als ſie zurückkehrte, fand ſie Edmunden behaglich ausgeſtreckt im Sorgeſtuhle, und den Schreibtiſch, zu dem er ſonſt nach der Mahlzeit ſofort zu wandern pflegte, vernach⸗ räſſigt, die Lampe darauf nicht entzündet, nicht aufge⸗ blättert die liebe Schreiberei. Nun beichte, aber treu und wahrhaftig, Du böſer 1¹9 Quälgeiſt, ſagte ſie, indem ſie mit einer würdevollen Stellung, die Reſpekt von ihm fordern ſollte, vor den Lehnſtuhl trat, und beide Hände unter der Helenenbruſt zuſammen faltete, damit ſeine ausgeſtreckte Rechte ſich ihrer nicht bemächtigen möchte. Jetzt beichte! Was wollte der Polizeiinſpektor Nachmittags bei Dir, was hattet ihr ſo Wichtiges mit einander zu verhandeln? Und wo weilteſt Du den ganzen Abend? Doch nicht gar drüben im Hauſe des Förſters, der ſo ſchmucke Töchter hat? Dichterſinn iſt gar wankelmüthig, und Du ſchilderſt die Mädchen Deiner Romane ſo lebendig ab, weißt ſo ſchöne Liebesgeſpräche auf dem Papiere zu halten, daß man ſtark glauben muß, Du wäreſt beſonders in der Uebung damit.— Gar eiferſüchtig, Holdinchen? fragte ſcherzend Ed⸗ mund, indem er geſchickt das Weibchen bei dem Ellen⸗ bogen zu fangen wußte, ſie auf ihren Lieblingsplatz, auf ſein Knie zog, und zugleich die blanken Goldſtücke aus der eingeſchnittenen Kartenpappe löſete, und die klingen⸗ den ihr einzeln in die Schürze fallen ließ; nein, Frauchen, damit iſt Dir's kein Ernſt. Du biſt meine Muſe, mein Genius, und ſchlecht wäre ich, wünſchte ich mir eine andere oder wollte nur vergleichen. Sieh einmal den Segen da. Sollte wohl der Allgerechte dem Schlechten und Sündigen ſolche reiche Gaben in den Schooß reg⸗ nen laſſen?— Man hat Beiſpiele! antwortete Holdine. Der reiche Mann im Evangelio hatte der Brüder viele, und die Zunft der reichen Sünder heißt Legion. Biſt Du auch nicht der Schlechteſten Einer, zum Engel fehlt Dir viel, denn Du biſt ein Mann. Aber beichte jetzt, oder ich glaube wirklich Böſes, und mein Groll kehrt zurück. 120 Was wollte der Inſpektor? Ich weiß, Du haſt ihm letzthin ein Hochzeitgedicht gemacht für ſeine Schweſter; er hat es gelobt, die ganze Stadt war voll davon; aber was er heute verhandelte, galt kein Gedicht.— Ich bin ſein Adjutant geweſen, entgegnete Edmund, er hat mich auf Kundſchaft geſandt.— Erſchreckt und mit Abſcheu fuhr Holdine in die Höhe, ſo daß das Gold zum Theile aus der Schürze flog. Mann, Du wirſt doch nicht? rief ſie aus. Das Geld hat Dich doch nicht geblendet, daß Du der geheimen Polizei Dienſte thuſt? O lieber wollte ich Salz und Brod eſſen Jahre lang. Und Du haſſeſt ja die fremde Herrſchaft und Alles was dazu gehört, wie es jedem deutſchen Manne geziemt.— Ich haſſe ſie, wie der Menſch jeden Unterjocher und Frohnherrn der Menſchheit haßt; nicht weil es Fremde find, nicht weil ſie Franken heißen. Alle Völker find mir Brüder, unter allen gibt es gute und edle Menſchen. Aber Du darfſt immerhin die ſchönen Friedrichsd'ore wiederum aufleſen, ſie ſind redlich verdient, der Brief aus Leipzig liegt dabei. Was mir der Inſpektor auf⸗ trug, war eine Ehrenſache, die mich ehrt und ihn ehrt. Er iſt ein gerader, deutſcher Mann geblieben auch in dem fremden Amtskleide; er hat mich erkannt, ich ihn, und nicht eitles Gold, ſondern Thränen des Danks ha⸗ ben mir bezahlt, wozu mich heute die gütige Vorſicht auserſehen.— Erzähle, bat Holdine, und nahm, gegen ihre Ge⸗ wohnheit die Goldſtücke vernachläſſigend, den vorigen lieben Platz wieder ein. Du kennſt doch den Paſtor zu Gottesholz? begann Edmund; er iſt ein junger Feuerkopf, fürchtet wie der ſelige Sackmann ſich nicht vor denen, die nur den Leib 6 121 tödten, hängt am Vaterlande und dem alten Fürſten⸗ hauſe mit ganzer Seele und unter dem ſchwarzen Rocke klopft ihm ein Heldenherz. Unvorſichtig und dreiſt hatte er in ſeinen Predigten das neue Regiment getadelt, deutſche Worte geſprochen vom heiligen Lehrſtuhle herab. Seiner Bauern war er ſicher, denn ſie vergötterten ihn, aber ſein Küſter iſt eine Kains⸗Seele; angeſchwärzt wurde er, und da geſtern der harte Polizeidirektor aus der Reſidenz in unſere Stadt kam, ſelbſt geheime Ver⸗ abredungen mit ſeinen Untergebenen wegen des aufrüh⸗ reriſchen Geiſtes in den Provinzen zu nehmen, war ſeine erſte Frage nach dem Paſtor Petrus, und auf morgen früh ward dieſem ein überraſchender Beſuch beſtimmt, ſeine Papiere zu durchſuchen und die Concepte ſeiner Predigten in ſtrenge Haft zu nehmen.— O mein Gott, ſeufzte die Frau erſchrocken, ich ſtürbe auf der Stelle, kämen uns einmal ſolche Gäſte in das Haus.— Dichter ſind unſchädliche Geſchöpfe und erſcheinen in den Augen ſolcher Staatsmänner als erbärmliches und nutzloſes Geſchmeiß, das der Herrgott ſo beiher erſchuf, verſetzte Edmund. Aber den armen Petrus hätte des Malchus Schickſal treffen können, wäre nicht der In⸗ ſpektor ein Menſch geweſen, wie ſie wohl ſelten ſein mögen unter den Herren der hohen Polizei. Mit Angſt ſann er, wie des Mannes Rettung möglich; da klang ihm ein netter Vers von mir im Gedächtniſſe, und er meinte, das gutmüthige, freifinnige Dichterlein ſei viel⸗ leicht die einzige Perſon auf meilenweit, der er das Herz ausſchütten dürfte, ohne ſelbſt ſein Amt und das Vertrauen der Herren in der Reſidenz zu verlieren. Er wagte den Schritt, er ritt heraus, er ſandte mich.— Und Du kamſt zu rechter Zeit, Du retteteſt, warnteſt! 122 jubelte Holdine, und ſah den Geliebten an mit dem Blicke der Braut.— Ich kam und warnte, antwortete Edmund. Die Pre⸗ digten lagen richtig in dem Papiere; aber Schrecken und Verwirrung erſchuf mein warnender Bericht. Der herzhafte Paſtor wollte flüchten über die Grenze hinaus; die kleine Frau Paſtorin wollte die Zimmer aufräumen laſſen und das Haus fegen vom Giebel bis zur Pforte. Ich hatte große Mühe, beiden die Beſonnenheit einzu⸗ reden, und anzubefehlen, lieber noch mehr Unordnung in Hausrath und Mobilien zu bringen, ja Morgen den Schlafrock und die Nachtmütze nicht vor Mittag abzu⸗ legen, die Wiege mitten im Zimmer aufzupflanzen und nach keiner Kutſche an das Fenſter zu ſpringen, die auf dem Pflaſter der Dorſſtraße ſich raſſelnd verkünden möchte. Nun, der geſunde Verſtand kam endlich wieder, die bö⸗ ſen Predigten wurden ſämmtlich heimlicher Weiſe im Windofen dem Vulkan geopfert, fromme, ſchlichte Auf⸗ ſätze dafür in den Schreibtiſch verborgen, und Mann und Frau ſegneten mich wie einen Geſandten Gottes, und der Kuß des kleinen Weibchens brennt mir noch auf der Wange; ſieh her, der rothe Fleck muß noch nicht verloſchen ſein.— Und daß er kein Verräther wird, ſoll die ganze Wange, ja das ganze Geſicht ihm gleich werden, damit die ſaubere Geſchichte weder Nachbarn noch das Dorf zur Schande einer nur zu getreuen Ehefrau erfahren! rief muthwillig das aufglühende Weibchen, und patſchte mit den kleinen Händen ſo tapfer auf die Wangen und den Lockenkopf ihres Edmunds hinein, daß er, Schutz zu finden, Geſicht und Kopf in ihr Buſentuch und in ihr Schürzchen verhüllen mußte, bis es ihm gelang, der 123 niedlichen Tantippe Herr zu werden, und ein Feuerkuß auf das Erdbeerenmäulchen ihr die Kraft und Luſt be⸗ nahm, die weichen Angriffswaffen weiter zu gebrauchen. Um des edlen Zweckes willen ſoll Dir vergeben werden, ſagte ſie dann faſt athemlos, nur müſſen ſolche ſoge⸗ nannte Edelthaten nicht zu oft kommen, Du möchteſt ſonſt den Lohn zu lieb finden. Und, ſetzte ſie beſonne⸗ ner weiter hinzu, wird denn auch für Dich nichts Böſes daraus entſtehen?— Wagt der vorſichtige Inſpektor ſeinen Kopf, lächelte Edmund, kann ich es immer wagen, ſein Whiſt zu ſein. Ein Poet gehört der ganzen Menſch⸗ heit an; alles Große und Schöne iſt für ihn, ſei es ge⸗ ſchehen im alten Rom, im nordiſchen Thule oder unter Otaheiti's Kokospalmen. Er dichtet für Alle, die ihn leſen mögen, er lebt für Alle, wie ein Bruder oder Blutsfreund, und Holdine, der Schlaf muß ſüß ſchmecken nach einer guten That, ſei ſie groß oder klein, rette ſie Völker oder ein ſtammelndes Kind. Und das wollen wir jetzt verſuchen. 2. Und Edmund hatte recht gemeint; denn feſter und erquicklicher hatte er noch nie an der Seite ſeiner Ge⸗ liebten geſchlummert als in dieſer Nacht. War doch auch in ſein einförmiges, friedfertiges Leben heute zum erſten Male etwas fremdes getreten, hatte ihn doch ein Weltereigniß berührt, er hatte handeln dürfen für das Schickſal eines Familienvaters, war wie ſein guter Ge⸗ nius zwiſchen ihn und den zerſtörenden Dämon getreten, und ſo etwas iſt ja immer das ſüßeſte Opiat, und führt ſelbſt hartem Streulager ſüßere Träume zu, als dem Eiderdaunenbett des ſündigen, herzloſen Schwelgers. Auch 124 Holdinens alabaſterweiße Stirn war von einem betäu⸗ bendern Mohnkranze umflochten worden, wie gewöhnlich; die Angſt um den Gatten hatte ſie erſchöpft, der kleine Groll auf ihn ihr Blut bewegt; ſeine kindliche Herzens⸗ güte ſie erfreut, die Achtung des gewichtvollen Obern der Stadt, die in dem gefahrvollen Auftrage ſich aus⸗ ſprach, ihren Stolz auf den Geliebten erhöht, der doch zuweilen durch die Idee verwundet und gedrückt wurde wie Edmund unter ſeinen Brüdern ſo titellos, ſo rang⸗ los und ſo gar unbedeutend daſtehe. Verwundert ver⸗ mißte die ſchlanke Frau, als ſie erwachte, an ihrer Seite den Gatten, der mit dem erſten Blicke des Tages von ihrer Seite geſchlüpft war, und den ſie, da ſie mit dem angekleideten Malchen und der dampfenden Morgenmilch zu ſeinem Morgenplatze unter der Kaſtanie trat, ſchon in fröhlicher Dichterarbeit fand, wie er ſo eben einem ſchlicht gekleideten Manne einen fein zuſammengefalzten Bogen übergab, und dieſer ihm mit freudeglühendem Geſichte die Hand dafür kräftig drückte.— So früh ſchon fleißig und ſchon Beſuch? fragte fie neugierig, nachdem ſie ihm den warmen Trank bereitet, das Semmelſtreifchen geſchnitten dazu, und mit einem Kuſſe ſich zu ihm niedergeſetzt hatte.— Ich mußte nachholen, was ich geſtern verſäumt, ant⸗ wortete Edmund heiter, und Verſprechen halten, wie's ſich geziemt bei Jungen und Alten. Der dienſtfertige alte Poſtbote war's; er feiert übermorgen ſeines Sohnes Ver⸗ lobung, und da habe ich ihm ein Tafelliedchen verfertigt, das er drucken läßt, und das ſeine Geſellſchaft beim Wein⸗ glaſe ſingen ſoll.— Und er hat nichts bezahlt dafür? erwiderte Holdine. Sie ſingen Dein Lied bei theurem Weine, indeß Du 125 Deine Milch und Dein Brunnenwaſſer trinkſt. Das ſollte nicht ſein, alle die Bittſchriften und Lieder und Feſtge⸗ dichte ſollteſt Du Dir hübſch bezahlen laſſen; wer ein Pfund hat, muß damit wuchern. Wollen ſie nicht zah⸗ len, ſo laß ſie's ſelbſt machen; aber da kömmt Jeder⸗ mann, Arm und Reich, zu Dir, weil ſie wiſſen, daß es ihnen bei dem Großmüthigen nichts koſtet, der ſelbſt nicht zu viel hat.— Aber doch genug, verſetzte Edmund getroſt; Du haſt heute früh vergeſſen einen Liebesblick in Deine ſchwere Chatoulle zu thun. Ich halte es nun einmal für Ent⸗ ehrung der Pvoeſie, wollte ich für ſolche ephemeriſche Geburten ein Sündengeld nehmen ohne Arbeit. Wenn ich mir denke, wie die Leutchen um ihre Freudentafel ſitzen, nach der ſchönen Rheinweinmelodie meine Verſe ſingen, fröhlicher werden bei jedem Schlußchore, und mit aufgeſchloſſenem Herzen den Dichter hoch leben laſſen, dann vielleicht ein Frommer den Armenteller umhergehen läßt und die Scherflein voller unter die Serviette fallen, ſo bin ich zufrieden, froh, gehoben an Herz und Geiſt mit ihnen. Nein, davon muß mein lieber, weiſer, ſpar⸗ ſamer Schatzmeiſter nie mehr reden, wenn er mich lieb hat. Aber eine wirklichere Freude hat mir der Morgen ſchon gebracht, daß mir die Verſe aus dem beglückten Herzen ſtrömten, wie ein friſcher rauſchender Bergquell. Früh ſchon fuhr der Inſpekor vorüber nach Gottesholz, und neben ihm in der glänzenden Chaiſe ſaß ein ſchwar⸗ zer Franzos, der eine ächte Polizeiphyſignomie im Antlitz trug. Ich ſah nur ſeitwärts auf, und die Falkenaugen des Ausländers trafen mich ſtreng, und er fragte ſeinen Nachbar gewiß nach mir. Mit hohnlächelnder Verachtung zog er nach des Inſpektors Antwort den Blick von mir 126 weg; der Wurm war ihm zu bedeutungslos, und doch hatte der Wurm die Unkrautsſchlinge zernagt, die einer ſchönen Blume drohete; denn als nach einem Halbſtünd⸗ chen die Chaiſe zurückfuhr, hatte das Hohngeſicht eine recht ärgerliche Miene, die faſt ſchafsmäßig in die Heide ſtarrte. Sein Plan war geſcheitert; er hatte nicht un⸗ glücklich machen können; mein Paſtor war geretiet; das Alles erzählte mir ein Blick auf dieſes grauſe Angeſicht. — Freudig wollte Holdine antworten, als ein Beſuch ſie unterbrach. Es war Miſtreß Flower und ihr kleiner William, eine Engländerin, die ſeit einigen Monaten zu Reiherhorſt angekommen, Edmund's Nachbarhaus bezogen hatte, und mit ihm und den Seinigen gar bald in ein trauliches Verhältniß anſpruchsloſer Freundſchaft getreten war. Edmund's dichteriſche Einbildungskraft liebte an der Fremden den hohen edlen Wuchs, die regelmäßigen feinen Geſichtszüge, welche die Frauen Albions auszeich⸗ nen, die Schwermuth, welche auf den blaſſen Wangen und den geſenkten ſchmalen Bögen der Stirn wohnte, mit einer Charakterfeſtigkeit, einer Furchtloſigkeit verbun⸗ den, die faſt die Grenzen der Weiblichkeit überſchritt. Holdine fühlte ſich, obgleich auch von dem unverkennba⸗ ren Trübſinne der neuen Freundin zur Theilnahme ge⸗ reizt, doch am meiſten angezogen durch die Zutraulichkeit der engliſchen Dame, deren umgebung, Garderobe und Sprache und Benehmen die Frau von guter Familie und von Erziehung verkündete. Malchen lief ſofort dem kleinen ſchwarzköpfigen Wil⸗ liam entgegen und zog ihn mit ſich auf den grünen Spielplatz; Miſtreß Flower aber trat zu dem glücklichen Ehepaare und legte ein Büchelchen im umſchlage von Maroquin mit einer Miene, die gezwungen freundlich 127 war, auf den Steintiſch nieder. Sie haben mir eine trübe Nacht bereitet, mein guter Freund! begann ſie mit fremdartigem Accente, der aber in ihrem beſonders wohlgebildetem Munde etwas ſehr Angenehmes bekam. Ihr Büchelchen zog mich alſo an, daß ich bis Mitter⸗ nacht las, und dann auf dem Lager keine Ruhe fand. Früh trieb mich wieder ihre Dichtung heraus, und ſie iſt es ebenfalls, die meinen ſtörenden Morgenbeſuch entſchul⸗ digen muß.— Sie betrüben mich, Mylady! antwortete Edmund mit Verwunderung. Nur das Vergnügen meiner ſchönen Leſerinnen habe ich vor Augen bei den kleinen Geſchich⸗ ten, die meine Phantaſie gebiert; das Vergnügen allein iſt mein Zweck und mein Lohn. Hie und da miſche ich etwas Belehrendes als Würze zu für feinere Gaumen, und heilig iſt mir die moraliſche Gerechtigkeit des Schick⸗ ſals; ſelbſt die unglückliche Tugend wird unter meiner Feder glücklicher als der Leichtſinn und das Laſter, und ſelbſt das Leben und die Verirrungen der Sinnlichkeit, die eine ſo große Rolle im Leben ſpielt, darum auch in dem Gemälde des Menſchenlebens ſpielen muß, hoffe ich wohl lebendig, doch nie verführeriſch geſchildert zu ha⸗ ben. Was könnte darum das Zartgefühl einer Dame, wie Mylady iſt, gekränkt haben?— Nicht das iſt es, entgegnete die Engländerin; Sie mißverſtehen mich, denn Alles, was Sie erwähnen, feſſelte mich durch Wahrheit und Färbung an Ihr Werk. Aber gerade auch dieſe Wahrheit bewegte mich unendlich und bis zum Schmerz. O ſagen Sie, bekennen Sie, das ſind nicht Perſonen Ihrer Phantaſie; Sie kennen dieſe Menſchen, Sie haben dieſe geſchilderten Begebenheiten mit erlebt, oder Ihnen nahe ſtehenden Menſchen haben ſie erlebt? Und das iſt 128 es, worüber ich Aufſchluß wünſchte.— Der Romantiker ſoll Menſchen ſchildern, nicht Ideale, antwortete Edmund. Wo anders kann er die Originale ſeiner Geſtaltungen finden, als in der Wirklichkeit? Er nimmt Züge von Dieſem, von Jenem, der ihm im Leben begegnete, und formt daraus ein neues Geſchöpf, das darum ſein wird, und in dem ſich weder der Gelobte, noch der Getadelte getroffen fühlen kann, wenn er auch einen Familienzug von ſich im Bilde wieder erkennen möchte. Würde dieſe Freiheit beſchränkt, ſo hätte alle Romantik ein Ende; und ebenfalls iſt es ſo mit den Thatſachen, mit den Weltbegebenheiten; auf den hiſtoriſchen Hintergrund ſtaf⸗ firt der Dichter die Figuren ſeiner Einbildungskraft; die letztern werden dem Leſer zu wahrhaft Lebendigen durch die Männer der Geſchichte, die mit ihnen zugleich auf⸗ marſchiren in Reihe und Glied; und wer ſolchen Trug nicht liebt und bös darüber werden kann, verehrte My⸗ lady, der muß keine Romane leſen.— Sie können oder wollen mich nicht verſtehen, fiel Miſtreß Flower lebhafter und faſt zürnend ihm in das Wort. So hören Sie denn. Sie ſchilderten in dem Buche da ein Gattenpaar, das ſich fand in dem großen Weltgedränge unſerer verhängnißreichen Zeit. Die Hel⸗ din Ihrer Geſchichte, meine Landsmännin, hat ihren eingekerkerten Vater zu Paris verloren; ſie flüchtet nach Deutſchland, findet dort einen Kriegsmann von Rang und Soldatenruf. Aber vielleicht zu ſchnell ſchließt ſie ein feſtes Band mit ihm, das die Verlaſſenheit ihrer Lage, das die ſchönen Eigenſchaften des Mannes, das ſchnell erregte Gefühl für die männliche Schönheit ſeiner Geſtalt entſchuldigen mag. Doch bald miſcht ſich Wer⸗ muth in den Becher der Freude; der deutſche Krieger 129 verläugnet und vergißt ſeine Ahnen und ſein Vaterland; Eitelkeit und Rangſucht ſpornen ihn, den Hof des frem⸗ den Fürſten, des tyranniſchen Unterjochers ſeiner Mit⸗ bürger, zu ſuchen; die Bitten der Gattin, der Zorn, die Vorwürfe der freiſinnigen Tochter Englands fruchten nichts; er nimmt Dienſte unter den Prätorianern, den rohen Cohorten, die ſein Vaterland ausſaugen, und mit Schlangen und Scorpionen ſeine deutſchen Brüder gei⸗ ßeln; er wird von den Uſurpatoren mit Freude und Achtung empfangen, er erhält die glänzendſte Anſtellung, und die entſchloſſene Gattin trennt ſofort ihr Schickſal von dem ſeinen; ſie entflieht von dem Manne ihres Herzens, der ihre Achtung verlor; ſie bezwingt die un⸗ würdige Liebe, ſie wagt es, unter einem entfernten ſkla⸗ viſchen Volke die Engländerin zu ſpielen, und wählt ihre vorige Einſamkeit, legt ihr Schickſal aufs Neue in Gottes Hand, und ſcheut die Ausſicht in eine dunkle Zukunft nicht.— Sie haben geleſen, wie man leſen ſoll! rief Edmund mit freudiger Aufwallung. O möchten Alle mich ſo leſen und verſtehen. Aber was betrübt Sie darin? Jammert Sie die freie Tochter Albions? Und iſt die glückliche Entwickelung ihres Schickſals nicht verſöhnend und voll Befriedigung?— Der Ausgang iſt ſo unwahrſcheinlich wie unmöglich! ſeufzte die Miſtreß. Aber die Geſchichte ſelbſt! Sie kannten den Mann; Sie kennen die Unglückliche, dieſen ſchuldloſen Spielball des Zufalls; geſtehen Sie nur. Phantaſie! Nichts als Phantaſie! entgegnete Ed⸗ mund. Vielleicht der Nachklang von einem Gerücht, das mein Herz wundend berührte.— Eben das iſt's, ſprach die Engländerin mit Heftigkeit. Blumenhagen. VII. 9 130 Wie konnten Sie die Motive der Handlungen dieſer Frau erfahren? Wie konnten Sie ſogar tief in ihr Herz drin⸗ gen, wie mit grauſamem anatomiſchem Meſſer jede Faſer des Gefühls zergliedern, mir Alles noch einmal vorer⸗ zählen, das ganze Trauergeſpinſt meiner unglücklichen Tage mir Faden an Faden noch einmal entwickeln wie ein folternder Henker? Ja, es iſt geſprochen, ich bin die Dame Ihres Romans, und Sie müſſen mir ein Räthſel löſen, das mich guält, mich beunruhigt, ſelbſt beſorgt für meine Lage, für mein Kind macht, wenn die Herrſcher dieſes Landes meine Grundſätze kennen ſollten wie Sie. Wo iſt der Mann jetzt, wie denkt er von mir, wie lebt, wie handelt er? Foltern Sie mein krankes Gemüth nicht länger.— Erſchöpft war ſie neben Hol⸗ dinen auf den Steinſitz geſunken, und dieſe hielt die Freundin voll Mitgefühl umfaßt, ſie zu ſtützen. Edmund ſtaunte ſie wie ein Sinnverwirrter an, und ſtammelte nur hervor: Seltſames Zuſammentreffen der Dichtung und Natur! Wahrlich, Mylady, ich bin unſchuldig an Ihrem Weh, denn ich habe auf alle Ihre Fragen keine Antwort, als die mein Buch Ihnen gibt.— Die Miſtreß wollte erzürnt aufſtehen und ſich entfer⸗ nen, da haftete ihr Blick auf einer fremden Perſon, die unterdeß ſich dem Kaſtanienbaume genähert hatte und mit ſcheuen Augen bald die Gegend durchlief, bald die Geſellſchaft betrachtete. Es war ein ältlicher Mann von derbem Wuchſe, mit ſonnverbranntem Geſicht und einem grauen Schnautzbart über dem Munde, zu dem der blaue Kittel und der große ſchattende Hut eines Fuhrmanns ſeltſam und auffallend ſtanden. Als der Menſch ſich be⸗ merkt ſah, kam er mit großen Schritten nach nochmali⸗ gem Umherſchauen auf den Herrn des Hauſes zu. Sie 131 ſind Herr Edmund, ich erkenne Sie! ſagte er haſtig mit grober Stimme, und reichte einen kleinen Brief dem Angeredeten entgegen. Edmund las, und ſeine Züge veränderten ſich auffallend während des Leſens, und ſeine Wangen erblichen ſichtlich. Frau, ſprach er ſchnell auf⸗ ſtehend, ich muß fort ſogleich, zur Stelle; aber ſorge nicht, ich bin bald zurück.— Wohin? ſtieß Holdine er⸗ ſchreckt hervor. Sind Paſtors..2 Der Direktor. 7— Nichts von dem, ſagte Edmund, nichts was Dich beunruhi⸗ gen dürfte, nichts was unſer Glück bedrohen könnte. Frage jetzt nicht, ſobald ich kehre, wirſt Du Alles erfahren. Jetzt ruft mich heilige Pflicht.— Er nahm ſein Mützchen und ging eiligſt mit dem Manne im blauen Kittel der Heide zu. Holdine ſprang auf und heiße Thränen bra⸗ chen aus ihren Augen. Könnte er ſo gehen, wenn er mich liebte? rief ſie, das Geſicht bedeckend. Ruhig, Freundin, ſprach Miſtreß Flower, ſo find die Männer einmal; ob ſie eine Saite im Herzen zerreißen, kümmert die Rohen nicht; indeß iſt Ihr Edmund einer der Beſſern, und nur etwas Außerordentliches und Unerhörtes kann es ſein, das ihn fortreißt, ohne vorher ſeine liebliche Holdine zu beruhigen. Aber mehr als das Sie betrüben darf, beunruhigt mich das Geſicht dieſes Boten, der mir wunderbar bekannt vorkam. Doch wir Beide werden vor Abend die Auflöſung des Räthſels hören. Und bis dahin wollen wir zur erſten Frauentugend, der Geduld, flüchten.— 3. Wir müſſen die beiden ſchönen Freundinnen, wenn auch ungern, verlaſſen, und unſerm jungen Poeten fol⸗ gen, der mit ſo eiligen Schritten über die rothen Heid⸗ blüten hinwandelte, daß der Bote, dem man die 132 Ermüdung anſah, ihm kaum zu folgen vermochte.— Als das erſte Buſchwerk des Berges ſie umgab und den Blicken der Menſchen entzog, ſtand Edmund ſtill und erwartete den Nachhinkenden. Sie paſſen ſich beſſer zu einer ſolchen Kurierreiſe zu Fuß, als wir gemacht, ſagte der derbe Heſſe keuchend und ſich den Schweiß mit dem Aermel vom Geſicht trocknend; unſer Einer, der von jung auf gewohnt war, vier Füße unter ſich zu haben, ver⸗ liert das Gleichgewicht auf der erſten Station.— Ihr ſeid zu Fuß? Er und auch der Oberſt? fragte Edmund erſchrocken. Ja wohl, antwortete der Mann im Kittel. Der Herr Oberſt haben den Fritz mit den drei ſchönen Pferden zwei Meilen von hier fortgeſchickt, die Straße nach Bremen hinauf; die Huſaren ſaßen uns dicht auf dem Nacken, und wir ſind durch Berge und Wildniß, auf Wegen, die kein Küraſſier je betreten hat, anhero gelangt. — Edmund ſchüttelte verwundert den Kopf.— Und wo treffen wir den Oberſt? Sein Brief verweiſet mich auf Ihn! verſetzte er. Höher hinauf ſteckt er in dem Fichten⸗ dickicht; gerade darüber liegt ein altes Steinneſt, der Herr Oberſt nannte es ein altes Schloß, aber nichts Schloßähnliches war daran zu bemerken.— Ohne zu antworten ſchritt Edmund durch die wohl⸗ bekannten Strauchwege, und befand ſich bald an der Stelle. Der ſchnurrbärtige Bote machte den Ton einer Reitertrompete auf der Hand nach, und ſogleich rauſch⸗ ten die Zweige des Nadelholzes und ein großer Mann, in einen kurzen Mantel verhüllt, eine militäriſche Mütze tief in die Augen gedrückt, trat ihnen entgegen. Dank Dir, Bruder Edmund, ſprach er mit einer Baßſtimme, ich wußte, Du wareſt ſofort bereit, dem Sohne Deiner Mutter beizuſtehen. 133 Ich Dir beiſtehen? fragte Edmund, etwas dumm den Sprechenden anſtarrend, ich Armſeliger Dir beiſtehen, dem tapfern Offizier, dem Günſtlinge des Hofes?— Die Zeiten ſind vorüber, antwortete raſch der An⸗ dere, ich bin geächtet, verfolgt, mein Leben iſt verfallen, wenn Du mich nicht einige Tage verbergen kannſt.— O mein Gott! rief Edmund erſchrocken. Aber wo und wie? Mein Haus, mein Bett ſteht Dir offen, Adolph; aber wo wäre da Sicherheit an der Heerſtraße? Halt, mir leuchtet ein Gedanke; bei euch Kriegsmännern iſt ja die Furcht ein Unding; ihr ſeid gewohnt auf har⸗ tem Lager zu ſchlafen, und ich werde das Nothwendigſte heranſchaffen. Folgt mir nur raſch und furchtlos; ich weiß ein Verſiteck, wo ihr lagern könntet bis zum Welt⸗ gericht, ohne daß euer Erzfeind eure Spur fände, und tief in den Dickicht ging er den Beiden voran. Die Na⸗ delzweige ſchlugen ihnen Hände und Wangen, oft muß⸗ ten ſie ſich beugen unter den tiefen Aeſten der alten Hainbuchen, bis ſie, ein Viertelſtündchen aufwärts ge⸗ ſtiegen, zwiſchen altes, von dunkeln Moosflechten über⸗ zogenes Mauerwerk geriethen, und darüber kletternd, vor eine Oeffnung gelangten, die tief in den Grund zu füh⸗ ren ſchien, kaum einen Mann durchließ, und wie das düſtere Thor zu der Unterwelt die Befremdeten angähnte. Mir nach ohne Furcht, ich habe den Weg aus Neugierde hundertmal gemacht! ſagte Edmund, und ſtieg keck auf dem Gerölle eingeſtürzter Mauertrümmer, von denen der Eingang des Gewölbes faſt zugeſchüttet war, den Andern voran. Eine ganze Weile wurden ſie gezwun⸗ gen, im Dunkeln gebückt fortzukriechen; dumpficht und heiß war der Schlund, dann lichtete und hob ſich mit einmal das Gewölbe, der Raum wurde breit und hoch, 134 durch ſchmale Luftlöcher fiel Licht herein und friſcher Zua⸗ wind, und bald ſtanden ſie auf einẽm breiten, zirkelrun⸗ den Platze, von dem eine halbzerfallene Wendeltreppe aufwärts führte, indeß drunten rechts und links einige Oeffnungen in dunkele Hallen zu leiten ſchienen. Sieh hier, ſprach Edmund, indem er eine alte Holz⸗ thür, die nur auf einem roſtigen Angel hing, zur Seite hob; hier muß euer Quartier ſein; ſteht es Dir nicht an, Oberſt Adolph, beim Himmel, ich wüßte kein an⸗ deres.— Trefflich, braver Junge! rief der Oberſt aus und ließ zugleich den Mantel fallen, der die blendend weiße Uniform, auf der mehre Orden glänzten, bedeckt hatte. Das iſt eine trockene Kaſematte, wie ſie der Sol⸗ dat nur wünſchen mag; rund umher läuft die ſteinerne Pritſche, wie für unſer Einen gebaut, und hat die Fe⸗ ſtung keinen andern Eingang, als den, welcher uns ein⸗ ließ, ſo iſt ſie ſogar von zwei ſolchen Eiſenfreſſern, wie ich und mein Konrad ſind, auf Leben und Tod gegen ein Regiment Voltigeurs zu vertheidigen.— Er warf zugleich ſein Küraſſierſchwert auf die Bank, zog den Mantel darauf und ſtreckte ſich ganz behaglich darüber hin, daß Edmund mit Wohlgefallen auf die geſchmückte, männlich⸗ſchöne Kriegergeſtalt blicken mußte, auf deren ſchwarzbärtigem, edlem Antlitze, welches braunes kurzes Haargelöck umkränzte, von der Beſorgniß von vorhin nichts mehr zu leſen war. Auch der derbe Konrad ſtreckte ſich lang auf den Fußboden, und ſah gleichgültig darein, als erwarte er mit ruhigem Gemüth, was ſein Herr weiter beſchließen werde. Ich hoffe, Du biſt hier völlig ſicher, begann Edmund wieder; Niemand in der Gegend kennt dieſe inneren Hallen, wenigſtens fand ich nirgend einen Menſchen, ſo 135 oft ich auch dieſe Steinmaſſen durchſuchte. Ein Aus⸗ gang, noch beſchwerlicher als unſer Thor, ſpaltet jenſeits die Erde, indeß unter dichtem Geſchling von wildranken⸗ den Hagebutten und ſtachlichten Hülſen; dieſe Wendel⸗ treppe führt in einen alten Thurm hinauf, der außen auf Haushöhe keine Thür noch Schießſcharte hat; droben könnt ihr Luft ſchöpfen, wenn es dunkelt im Gebirg, und da könnt ihr mir ſogar Signale geben, ſollteſt Du mich herbeirufen wollen, durch eine Feldbinde oder durch einen brennenden Kienſpahn, und überdies iſt unter den Dörflern der Glaube feſt, daß die alten Raubritter in dem Schloſſe umgehen bei Tag und Nacht, und die ver⸗ grabenen, geſtohlenen Schätze hüten müſſen; darum habt ihr ihren Beſuch nimmer zu fürchten.— Und käme ſolch ein Holzſchläger oder eine Erdbeerpflückerin, lächelte der Oberſt, würden wir ſchon das Geſpenſt zu ſpielen wiſſen, und Konrads Brummſtimme ſollte auf gräßliche Weiſe ſpuken. Sind wir doch Todtgeſchlagene, Begra⸗ bene, und die vermoderten Herren Ritter dürfen uns im⸗ mer als Ihresgleichen betrachten.— Aber jetzt erzähle; reiß mich aus der tödtenden Angſt! bat Edmund. Was führt Dich hieher aus der Reſidenz? und wie kannſt Du ſo gleichmüthig ſcherzen, da mein Herz zittert, als drohete mir ein tödtliches Fieber zur Stunde.— Setze Dich zu mir, wackerer Burſch, antwortete der Oberſt. O Du biſt ein ſeliges, beneidenswerthes Kind, das nichts kennt von der Welt und ihren Händeln, am Abgrunde ſchlafen kann, und Keinem Rechenſchaft zu geben hat, als Gott und ſeinem Gewiſſen. Auf der Flucht hieher habe ich das zum erſten Male gedacht, und Dir Abbitte gethan für die Schmähreden, die ich bei 136 unſerer letzten Begegnung gegen Dein Streben ausſtieß. Doch biſt Du arm auch auf der andern Seite; Du kennſt die Wolluſt nicht, zu bluten für das Vaterland, nicht das Glück des Gedankens, zu ſterben für ein Volk und einen Fürſten, den man anbetet.— Kenne ich es nicht wie Du, Starker, ſo kann ich es doch nachem⸗ pfinden, kann fingen davon! fiel Edmund recht treuher⸗ zig ein.— Deine Verſe ſprengen keine Keite, fuhr der Oberſt fort, mit Deinen Büchern kanonirſt Du keinen Uſurpa⸗ tor vom geſtohlenen Throne. Höre und verſchließe das Gehörte tief in Deiner Bruſt. Die Unterjochung Deutſch⸗ lands hat nicht alle Herzen gebrochen, nicht Alle ſind ſeigherzige und entartete Enkel der tapfern Altvordern; Herrmanns Geiſt lebt noch, waltet noch, und die Zeit wird kommen, bald kommen, wo Germaniens Völker ſich ſchaaren Schulter an Schulter, wo Bauer und Bür⸗ ger, Fürſt und Soldat, Arm und Reich, Greis und Jüng⸗ ling aufſtehen an einem Tage; wo die Lärmfeuer leuch⸗ ten von den entehrten Gebirgen des Vaterlandes, rufend zur Freiheit, wo deutſche Fauſt den Nebukadnezar und ſeine Geſellen niederſchlagen wird, daß nichts übrig bleibt von ihm als ſein Name im Mährchenbuche der Vorzeit, und ein ſchaurig Andenken ſeiner Gräuel unter den Spukgeſchichten der Spinnſtuben und den Schre⸗ ckenshiſtorien der Markterzähler. Jetzt ſchon ſollte der ſchöne Tag anbrechen, doch das Schickſtkl hat ihn hin⸗ ausgerückt. Haſt Du gemeint, Adolph Willibald hätte ſich geſellen mögen aus Ehrſucht und Eitelkeit zu den Skorpionen und Zwingherren ſeines. geliebten Deutſch⸗ lands? Adolph Willibald hätte ſich beugen mögen vor dieſem Schattenkönige, hätte nicht die Knechtſchaft des 137 Augenblicks ihm und ſeinem Vaterlande das Höchſte, die Wiedergeburt der Freiheit, verheißen?— Ein großer Bund der Beſten zieht wie eine glühende Silberkette ſich durch alle Gauen, wo man Deutſch ſpricht; auf hohlem Boden wandeln die Bedrücker; die Größten, die Tapferſten ſte⸗ hen an der Spitze, und unter ihnen ſtand auch ich auf ehrenvollem Poſten.— Auch Du? lallte Edmund ſcheu und verſtörten Ge⸗ ſichts. Aber Du hatteſt doch dem neuen Könige ge⸗ ſchworen?— Macht die alte Pflicht nicht die neue zu einem Kinde, das ſtirbt, eh' es das Licht ſah? entgegnete der Oberſt heftig. Wie die Liebe zur Mutter, zum Vater, zum Hauſe, worin wir geboren, iſt die Liebe zum angeſtamm⸗ ten Fürſten ein Theil des Bluts, des Lebens, der Seele ſelbſt im edeln Menſchen. Wie kann ein neuer Eid bin⸗ den, bevor der alte gelöst worden? Wie kann ich ver⸗ kaufen, was nicht mein iſt, oder verſchenken, was ich nicht beſitze? Der iſt der Narr, welcher ſich ſelbſt be⸗ trügt, der ſolches fordert vom Vernünftigen. Doch das verſtehſt Du nicht, drum höre weiter.— Schon längſt war die Mine vollendet worden, durch die jene fremden Herrſcher geſprengt werden ſollten. Der herrliche Fer⸗ dinand von Schill, der unerſchrockene Hannibal des Brennenreichs, ſollte im Norden den Heerbann führen zum Sieg; im Süden ſtand Wilhelm Friedrich von Oels, der kühne Welfenfürſt, an der Spitze der Rächer des Vaterlandes; der umſichtige Freiherr von Stein lei⸗ tete den Bund im Herzen Germania's; auserſehen war ich, die ſtarken Landbewohner des pſeudoweſtphäliſchen Reichs zu den Waffen zu rufen, ſie zu führen gegen die Zwingburg des Corſenſohns. Der Friede von Tilſtt 138 hielt die Ausführung auf; als jedoch Oeſterreichs ſchwar⸗ zer Adler neu aufflog zum Kampfe mit ſeinem goldenen Afterbilde, da begann das geheime Werk von Neuem, und wie in geheimer Feuerhöhle der Cyklopen ſchmiedete das deutſche Volk überall die Waffen zur Rache und Befreiung. Schill brach zu früh los; dem Feuergeiſte Ferdinands war der Gedanke gehäſſig, nicht der Erſte geweſen zu ſein, welcher dem Feinde Deutſchlands die Todeswunde geſchlagen; verlaſſen, zu ſchwach verblutete er ſein glühend Herz auf Stralſunds Markte in tapfe⸗ rer Heldenwehr, und der erſte Patriot Deutſchlands war verloren. Den Anmarſch der Brüder aus Oeſterreich erwartend erhoben ſich die kräftigen Landleute des Heſſen⸗ landes überall, Ritter und Bürgersmann und Soldat fiel ihnen zu, und Kaſſel zitterte, denn der Braunſchwei⸗ giſche Held ſtürmte mit ſeiner ſchwarzen Legion ſchon gegen Sachſen heran. Da ſchloß unbegreiflicher Weiſe der Kaiſer Franz den Waffenſtillſtand zu Znaim, und ſeine Völker zogen ſich in die böhmiſchen Marken.— Mit ſeinem Heere kam Weſtphalens König zurück von Dres⸗ den, franzöſiſche Hülfstruppen folgten ihm; was half uns der patriotiſche Wille, wir hatten den Stützpunkt verloren; aufgerieben wurde das Landvolk, ſo brav es ſich hielt gegen die geſchloſſenen, geübteren Kolonnen des franzöſiſchen Prinzen; geſchlachtet, geſprengt wurde der Kern der vaterländiſchen Jugend; wir, die Anführer, die wir kühn die Maske hatten fallen laſſen, ſtanden allein, geächtet als Rebellen und Räuberhauptleute, und ſchimpf⸗ liche Flucht ward unſer Loos, wollten wir nicht das Haupt niederlegen auf den Block des Hochgerichts.— Das iſt gar zu ſchrecklich, gar zu fürchterlich! ſagte Edmund. Und was ſoll nun werden aus Dir? Du 139 kannſt doch nicht Jahre lang Dein ſchönes Leben ver⸗ ſchmachten in dieſem alten Steingrabe!— Die Zeit iſt die alte Wartefrau des Menſchenge⸗ ſchlechts, antwortete der Oberſt; eine Weile ſchilt ſie, dann lächelt ſie wieder. Sorge nur für Nahrung, das Ob⸗ dach iſt mir gut genug, dulde ich doch für König und Vaterland. Vielleicht lächelt ein günſtiger Augenblick, und ſo wenig Du kennſt von der Welt, die Willibalds ſind geſcheit geboren, und die Bruderliebe wird Dich umſichtig und verſchlagen machen, zu erforſchen, was mir nützlich iſt.— Ja, verſetzte Edmund feſt, Dein Rabe will ich ſein, Du rauher Johannes in der Wüſte, will Dein Herrmann werden, der Dich füttert um Mitternacht im Thurme der Wildniß. Niemand kennt hier in der Landſchaft meinen Familiennamen; Edmund Treulieb, bei meinem Dichternamen, ruft mich Jeder, und kaum wiſſen in der Stadt wenige Bekannte, daß ich ein Willibald bin, und das Lamm ſolch' verwegenem Bruder angehört. So werde ich nützen können und forſchen, wenn auch mein kleines, ſtilles Glück ein bischen getrübt werden möchte durch dieſe Geſchichte. Du biſt ja mein Bruder, haſt gelegen mit mir unter demſelben Herzen, und ich will varum eilig zuſchaffen, was Dir Noth thut.— Aber wie das? vertraue Dich Niemanden! der Ver⸗ räther wacht überall; und welche Abrede iſt unter uns zu nehmen in Signalen und Anruf? fragte der Oberſt mit ſichtlich neu erwachter Beſorgniß.— Sorge nicht! entgegnete Edmund, und ſtand recht feſt und ſchön in männlich erwachender Kühnheit vor den bärtigen Kriegern wie ihr Schutzengel. Einer Seele nur vertraue ich das Geheimniß, aber die iſt mir eigen 140 und treu bis zum Grabe. Wenn ihr das Lied fingen hört in den Ruinen:„Treulieb iſt nimmer weit!“ dann fürchtet nicht, dann bin ich's; nahet ſich ein anderes ver⸗ dächtiges Geräuſch, ſo zieht euch leiſe dort in den fin⸗ ſtern Gang zurück; Niemand wird ſo leicht euch folgen in die unheimliche Nacht des Schlundes, und an ſeinem Ende öffnet euch das vorhin erwähnte Pförtchen den Weg zur Flucht gen Gottesholz hinunter. Heute noch ſeht ihr mich wieder.— Feſt ſchloß der Oberſt den Bruder in ſeine Arme; gerührt ſchien der ſonſt ſo rauhe, barſche Mann über die Entſchloſſenheit des weichen Jünglings, in deſſen Hände jetzt das wunderliche Schickſal Leben und Freiheit des Stolzen und Starken gelegt hatte, und ungern ſchien er ihn zu entlaſſen. 4. In dem Menſchen ſchlummert ſo Manches ihm ſelbſt unbewußt, und wird es nicht von des Zufalls Hand er⸗ weckt, ſchlummert es fort ein ganzes Leben hindurch, bis in das Grab hinein. So wäre Mancher kein Held ge⸗ worden, hätte ihm nicht die drängende Nothwehr den Stahl des Kriegers in die zagende Fauſt gedrückt; ſo wäre Quintin Meſſis bei ſeinem Amboß geſtorben, hätte nicht die reizende Geſtalt ſeiner Nachbarin ihn zu der Staffelei getrieben, und nimmer würden königliche Tu⸗ genden aus Darius beſcheidener Seele ſich leuchtend ent⸗ wickelt haben, hätte nicht ſein Schimmel zu rechter Zeit das Morgenroth angewiehert. Auch Edmund ſchritt mit kräftigerem Fußtritte als je zuvor durch das Gehölz, und ſah mit kühner gehobenem Haupte in die ſteigende Sonne, kühner in der Gegend umher, in der jedoch keine befeindete 141 Geſtalt, kein Verfolger des Bruders ſich blicken ließ. Mit der Scheu, die zartorganiſirten Männern, welche nie aus der Zurückgezogenheit des friedlichen Bürgerle⸗ bens in das Weltgedränge traten, eigen zu ſein pflegt, war er bislang ſeinen ſtillen Pfad gewandelt, jede Ver⸗ änderung ſeiner täglichen Lebenswege ſchien ihm drohend zerſtörend; demüthig hatte er jeden Mann betrachtet, dem ſein Stand irgend einen bedeutenden Wirkungskreis angewieſen, Unentſchloſſenheit war ſo oft ihm zum Vor⸗ wurfe, ſelbſt von der ſchwächern Gattin, gemacht, und bei unbedeutenden Bedrängniſſen hatte ihn ſchon oft Muth und Beſonnenheit verlaſſen. Nur in ſeinen Dich⸗ tungen, in dem Reich ſeiner Träume lebte er frei und kühn, ſo kühn und übermüthig zuweilen, daß er am Morgen manches Mal ſelbſt erſchrack vor den eigenen Schöpfungen der letzten Mitternacht und glaubte, er habe ſie in der Bewußtloſigkeit des Nachtwandlers niederge⸗ ſchrieben, wie er von ſolchen Kranken geleſen. Die Ge⸗ fahr des Bruders, das Bewußtſein, daß von ihm allein die Rettung, die Erhaltung des Kühnſten unter den Krie⸗ gern Deutſchlands abhängig ſei, machte ihn plötzlich zum ganzen Manne, und Holdine, die dem Eintretenden mit rothgeweinten Augen und grollendem Geſicht entge⸗ genkam, erſchrack beinahe vor ſeiner ſtarren und feſter gehaltenen Figur, vor der Glut, welche die Bleiche ſei⸗ ner Wangen vertrieben hatte, vor dem Feuer, das aus den mattblauen Augen blinkte, und vor der kecken Ge⸗ berde, mit welcher er ſie begrüßend das ſchlichte Blond⸗ haar auf der Stirne in die Höhe ſtrich.— Du ſchmolleſt doch nicht, Weibchen? ſprach er ihr die Hand treulich hinhaltend. Die naſſen Augen ſollen mich doch nicht anklagen? Sei nicht ungerecht gegen 142 den Himmel. Weine Freudenthränen über unſer Glück, das feſt ſteht, wie unſere Kaſtanie draußen, indeß der Sturm manche Eiche auf den geprieſenen Lebenshöhen entwurzelt. Spare die Thränen des Grams für das zertrümmerte Glück derer, die draußen wagen um Ehre und Ruhm, und wie die Seifenblaſen alle heißen; ſpare ſie für die, welche Du noch geſtern beneideteſt und hoch über Deinen Gatten ſtellteſt, der nicht wagig iſt, wie ſie, weil dieſes Dach ſeinem zufriedenen Gemüth Alles beut, was er zum Glücke ſeiner Tage bedarf.— Mit beſonderer Wärme umfing er zugleich die Liebliche, und drückte ſeinen Kuß auf ihre blütenweiße Stirn und das feuchte Seelenauge.— Wie Du ſein kannſt, Du Liebloſer! entgegnete Hol⸗ dine. Fort läuft er, als wenn Todesnoth ihn jagte und er nimmer kehren wollte. Weib und Kind läßt er drei Stunden ohne Nachricht, und dann kommt er wie der Held Zions aus der Schlacht, und perorirt wie ein Trunkener, ſtatt daß er Buße thun ſollte in Sack und Aſche, und ſein Bittab herſagen! Wo biſt Du geweſen? Hat der Förſter ein Gabel⸗ frühſtück gegeben, daß der Rachſchein Dir im Geſichte glüht? Oder welche andere Heldenthat haſt Du ausge⸗ übt? Ich bin ſo etwas nicht gewohnt an Dir, und bin nicht die Frau, ſolche Gewohnheiten aufkommen zu laſ⸗ ſen— ſetzte ſie hinzu, aus ſeinem Arme ſich ſchmiegend, und die kleinen Hände bedeutſam auf die ſchön gewölb⸗ ten Hüfte ſtemmend.— Was muß der Erdenwurm nicht gewohnt werden, wenn die eherne Stimme des Schickſals befiehlt? verſetzte Edmund mit Humor. Mäuschen, es kommt noch ſchlim⸗ mer für Dich; ich muß Dein Magazin um einige Decken 143 und Daunenkiſſen bitten; der Schinken nebſt einem haus⸗ backenen Rieſenbrode wird aus der Speiſekammer wan⸗ dern, und ſogar die letzten Flaſchen des zu Feſttagen geſparten Weines und eine ditto Deines ſelbſtfabrizirten feurigen Kräutertranks werden auf Reiſen geben; ja— das Gräßliche kommt zuletzt! ſogar einige Goldfüchſe aus der Kaſſe werden ſpringen müſſen, um liebe Gäſte mit dem zu verſehen, was unſer kleiner Haushalt nicht in nöthigen Maſſen liefern möchte.— Edmund! rief Holdine mit weit offenem Auge, ich glaube Du phantaſirſt im Fieber? Der ſchnelle Gang hat Dich krank gemacht. Oder iſt Deine Dichterſchwach⸗ heit wieder einmal irre gegangen? Willſt Du wieder Geld verborgen, wie damals dem Müller, der ſeine drei Kinder an einem Tage begraben ließ, als das Scharlach herrſchte? Oder gibſt Du wieder Rock und Bett hin, wie vor einem Jahre, als die Feuersbrunſt in Seebach ge⸗ wüthet? Oder haſt Du gar ein Findelkind zum Gaſt beſtimmt? O Du wirſt nie zu etwas kommen, Du, der Du ſelbſt kaum den Bedarf haſt, und bei Andern immer den Schutzengel ſpielen willſt in ſündhafter Eitelkeit. Ein Bettler wäreſt Du ohne mich, und ich leide es nicht, daß Du ſchon wieder als großer Herr und Verſchwender auftrittſt zu eigenem Schaden.— Scharlach wüthet nicht, nicht Feuer, aber eine an⸗ dere Peſt ſchlachtet die Beſten, antwortete Edmund ernſt, und Findelkinder tränkt man nicht mit Wein oder ge⸗ brannten Waſſern. Die erſte Naturpflicht rief mich fort von Dir, und ein Familiengeheimniß durfte ich vor der fremden Frau, vor der Miſtreß, nicht dem Verrathe preisgeben. Holdine, es iſt der Bruder Adolph, der unſer bedarf; in Deinem Willen liegt's, ob ihn der 144 Hunger und Durſt heraustreiben ſoll aus ſicherem Ver⸗ ſtecke in die Klauen ſeiner Mörder; für ihn bitte ich von Dir um das, was meine Holdine noch nie einem Bettelmanne verweigerte, der an ihre Schwelle trat mit ſeiner Noth.— Die Arme ſanken erſchlafft der kleinen Frau hernie⸗ der, und ſtammelnd fragte ſie: Dein Bruder Adolph, der Herr Oberſt? Wie wäre das möglich!— Edmund zog ſie zu ſich in den moosgepolſterten Sopha, und er⸗ zählte umſtändlich, was ſich begeben, und mit geſteiger⸗ tem Erſtaunen hörte die Gattin ihm zu. Wie die Be⸗ gebenheit auf den Mann gewirkt hatte, ſo wirkte ſie auch auf die Frau; Einklang und Verwandſchaft der Seelen hatten ſie ja einander zugeführt und ihren Bund für ewig geſchloſſen. Stolzer ſchien ſie auf den Gelieb⸗ ten geworden, den ein ſolcher Gewaltiger vertrauend zu ſeinem Schirmer erkoren, ſtolzer auf ihn, der ſo uneigennützig Eigenthum und Sicherheit dem Bruder zu opfern bereit war; und ſelbſt die Wunde, die ihrer Sparſamkeit geſchlagen wurde, dem empfindlichſten Theile der meiſten guten Hausfrauen, fühlte ſie nicht mehr, als Edmund ſagte: Hätteſt Du eine Schweſter, und ſie käme ſo an Deine Thür, würde ich weniger thun für ſie?— Mit Herzlichkeit warf ſie ſich dem Lieb⸗ ling in die Arme, und ſagte: Thue, was Du mußt; Gott wird's wieder beſcheeren; aber gedenke vorſichtig an mich und Dein Malchen.— Freundlich gingen die veiden kinvlichen Gemüther jetzt zu Rathe, und hatte dem Kranze ihres lieben Verhältniſſes noch eine Blüte gemangelt, ſo knospete ſie heute aus in der gemein⸗ ſamen Regſamkeit für fremdes Wohl. Das iſt die pimmliſche Weihe vereinter Wohlthätigkeit, daß ſie die 145 wohlthätigen Herzen feſter an einander knüpft durch den wechſelſeitigen Stolz des eifernden Edelmuths.— Ed⸗ mund gab der Vorſichtigen nach, ſeine Habakuksreiſe bis zum Abend zu verſchieben; die Soldaten, die ſtarken Männer waren ja ſolcher Entbehrungen gewohnt und er hatte an Konrads Seite eine tüchtige Feldflaſche baumeln geſehen. Mit der Nacht brach er auf nach der Heide in ſo ſeltſamer Geſtaltung, daß ihn jeder verſpätete Land⸗ mann ſicherlich für den Spukgeiſt der Ruinen halten mußte. Ein heißer Kuß und ein Gebet ſeines Weibchens geleitete ihn. Seine Taſchen waren gefüllt mit hundert kleinen Utenſilien; das Meſſerbeſteck, das chemiſche Feuer⸗ zeug, Becher und Wachslicht waren nicht vergeſſen von der Wirthin; auf dem Rücken trug er den ſchweren Tragkorb voll Lebensmitteln; Brod, Schlackwurſt, Schin⸗ ken, Wein und Lebenswaſſer lag in Fülle neben und auf einander; zwei große Wolldecken umgaben den Schlanken wie ein ruſſiſcher Wintermantel, und das weichſte Daunenpolſter war hoch auf Kopf und Nacken befeſtigt. So wanderte er durch die Oede, und der vorſichtig mitgenommene Eichenſtab wurde nöthig, ſollte er nicht unter der ungewohnten Laſt erliegen. Hätte er ſich im Spiegel geſehen, würde er ſelbſt erſchrocken ſein, und würde ſich wenigſtens für einen Gnomen des Ge⸗ birgs, wenn nicht gar für den wilden Harzmann gehal⸗ ten haben; denn auch die Unterirdiſchen in den Ruinen, die ſein Loſungsgeſang an die Oeffnung der Katakombe, ſein Ruf heraus in das Freie gelockt hatte, fuhren zurück, als die unförmliche Geſtalt im ungewiſſen Stern⸗ lichte vor ihnen ſtand, und der alte Konrad ſchlug drei Kreuze und murmelte ein Stoßgebet, bis Edmund die heißen Umgebungen nach einander von ſich löſete, und Blumenhagen. VII. 10 146 nun des Reiters Geſpenſterfurcht ſich in ein fröhliches Gelächter umwandelte, in welches der ernſte Oberſt ſelbſt einſtimmte. Mit froher Eile ſchafften ſie Alles hinab auf dem unbequemen Wege, und Edmund ſah man die echte Herzensfreude an, als er ſelbſt nun des Bruders kümmerliche Lagerſtatt bereitet, als der bren⸗ nende Wachsſtock das Mahl beleuchtete, welches die bei⸗ den Hungrigen in der düſterſten Zelle der Welt mit „olchem Appetite hielten, wie ſie nimmer ein ſchwelgeri⸗ ſches Mahl in dem Glanze und der Herrlichkeit der Königsſtadt eingenommen. Nicht mit Worten dankte der Oberſt, aber ſeine dunklen Augen ruheten mit unbeſchreib⸗ lichem Wohlgefallen auf der Geſtalt des Jünglings, der aus ſeinem Kober immer mehr der Schätze zu der Stein⸗ bank trug, und wie ein zauberiſcher Splphe die aus dem Kreiſe der Menſchen Verſtoßenen bediente. Nur dann und wann drückte der hochgewachſene Soldat des Bru⸗ ders Hand, den er früherhin wenig geachtet hatte, und fragte theilnehmend nach ſeinen häuslichen Verhältniſſen; und Edmund, der die ſtumme Abbitte wohl verſtand, er⸗ zählte mit poetiſcher Lebhaftigkeit alle Leiden ſeiner Ver⸗ gangenheit, alle Freuden ſeiner Gegenwart, erwähnte mit Entzücken ſeiner lieben Gefährtin und ſeines Engelchens, wobei ihm auffiel, daß der harte Kriegsmann mit abge⸗ wendetem Geſicht eine Thräne aus ſeinem ſchwarzen Schnauzbarte wiſchte.— 5 Eine ganze Woche war verfloſſen. Wie ein dienſt⸗ barer Geiſt wandelte Edmund in jeder Nacht zu ſeinen Pfleglingen, die ſich ganz wohl befanden, und deren Einrichtung mit jedem Tage bequemer wurde, ſo daß 147 ſie ihr Wirth jedesmal zufriedener fand, und es ſchien, als gedächten ſie für immer dieſes Leben gleich dem Höhlenbär der Urwelt fortzuführen. Der Oberſt las meiſtentheils in den Büchern, welche Edmund mitbrachte, und da unter dieſen viele eigene Arbeiten deſſelben waren, ſo lernte er Edmunds Bildung und ſein Genie erkennen, und zollte ihm Achtung und Beifall, die dem beſcheidenen Poeten aus dem Munde des geſtrengen Offiziers angenehmer erklangen, als aus den Broſchü⸗ ren lobhudelnder Kritiker und den Briefen ſeiner Ver⸗ leger. Nur jeden Abend, wenn die Sonne im Weſten niederſank, ſtand Adolph auf der Zinne des Thurmes und blickte recht ſehnſüchtig in die goldſtrahlende Him⸗ melsgegend hinaus; und als ihn Edmund einſt in der nächtlichen Dämmerung noch da oben fand, ſchlang er ſeinen ſtarken Arm um des Jünglings Nacken, ſtreckte ſeine Rechte hinaus gegen Weſten und ſprach mit tiefer, aus dem Innerſten hervorquellender Stimme:— dort liegt unſer Rettungshafen. Dort glänzt die ſchöne Krone auf dem edelſten Haupte, die Krone, für die wir Glück und Leben ſo willig geopfert haben. Wird der Mächtige uns ſeine Erretter ſenden auf dem Deck ſeiner unbeſieg⸗ baren Flotte, oder werden wir hinüber flüchten müſſen in das Aſyl der Freiheit, die zertreten ſtirbt auf dem lieben Boden der Heimath?— Mit einem hohlen Seuf⸗ zer wandte er ſich dann fort von der Himmelsgegend und ſprach in ſich hinein: Und dort iſt es ja auch, wo mein Lebensglück allein ſeine Sonne wiederfinden kann; wo meiner ein Tag wartet, ein Lohn mir gehegt wird, der alle Opfer der Verſtellung und der gehäſſigen Dienſt⸗ barkeit, alles Leid der Entbehrung und des Verkannt⸗ ſeins überbietet. O Edmund, der Du ſo Unmögliches 148 möglich machteſt, wäreſt Du doch nicht bloß ein geiſtiger Luftſchiffer, und könnteſt mich in einem leichten Kahne hinüber führen! Vielleicht ſehe ich nie das Paradies wieder, aus dem ich mich in Soldatenpflicht und Liebe zu meinem Könige ſelbſt verbannt; vielleicht ſind dieſe Gewölbe des Hallerſteins, wo manche unſerer Großväter ſchlafen mögen, auch zu meinem Grabe beſtimmt!— Edmunds Troſtgründe konnten nur leicht ſein, ſah er doch ſelber kein wahrſcheinliches Ende dieſer freiwilligen Gefangenſchaft, und der Oberſt blieb an dieſem Abend finſter und wortarm. Der alte Konrad vertrieb ſich ſeine Zeit auf eine andere Weiſe in ſeiner Art. Der Geiſt ſeines Standes ſpornte ihn, und echt militäriſch ruhete er nicht, bis er den unheimlichen Wohnort zur bequemen Kaſematte und ſichern Baſtion umgebildet hatte. Nachdem die erſten Nächte von ihm benutzt waren, für den Herrn und ſich weiche Nachtlager aus abgefallenen Blättern, elaſtiſchem Mooſe und duftigen Wachholderzweigen zu bereiten, ſtrengte ſeine kunſtfertige Hand ſich an, mit Hülfe der von Edmund ihm gelieferten Werkzeuge aus ſchlanken Aeſten Feldſtühle und einen Feldtiſch zu Stande zu bringen; dann formte er ſpaniſche Reiter, die ſchnell zuſammengeſtellt den Eingang auf geraume Zeit ungangbar machen konnten, und an dem hinteren Ausgange lichtete er geſchickt das Dorngebüſch alſo, daß der Fluchtweg für den Wiſſenden kein Hinder⸗ niß bot, der von Gottesholz herkommende Ausforſcher, und hätte er das feinſte Spionsauge mitgebracht, den⸗ noch ſich, ohne die Merkzeichen zu kennen, nicht durch den labyrinthiſch gewundenen Pfad herauffinden konnte. Edmunds einförmige Lebensweiſe hatte jedoch durch dieſe unerwarteten Ereigniſſe eine böſe Störung erhalten 149 welche die ſorgliche Holdine nicht ohne Gram zu bemer⸗ ken vermochte. Der Fleißige arbeitete wenig am Schreib⸗ tiſche, der ihn ſonſt ſo magnetiſch angezogen, und auf dem der unvollendeten, Geld bringenden Arbeiten ſo manche den Meiſter⸗Schöpfer erwartend lag. Eine Unruhe, wie ſie kaum die Männer in ihrer Dachsgrube haben mochten, trieb ihn am Tage umher; gegen ſeine Gewohnheit durchſtrich er die Stadt, und forſchte in den Kaffeehäuſern nach politiſchen Neuigkeiten, die ihn ſonſt niemals gekümmert, und ſelbſt des Polizeiinſpek⸗ tors Haus beſuchte er fleißig, wo der wohlredende Tiſchgeſell ſtets willkommen war, und dort und hier horchte ſein Ohr auf den Zwieſprach der Offiziere und Würdeträger, um eine Hoffnungsbotſchaft für ſeinen Adolph zu erlauſchen.— Eines Nachmittags war er ebenfalls dort geweſen, und kam in beſonders lebhafter Stimmung zu Hauſe. Er berichtete ſeiner Holdine, wie er eine beſondere Un⸗ ruhe in der Stadt gefunden, und ſelbſt ſein Freund, der Inſpektor, eine Befangenheit in ſeinem Weſen und Trei⸗ ben bei aller Bemühung nicht hätte verbergen können. Mehre Kuriere waren angekommen; einige Compag⸗ nien der holländiſchen Reiter hatte er ausrücken ſehen, und überall in den Gaſthöfen flüſterten ſich die Patrio⸗ ten mit verſtohlener Freude zu, man wiſſe, die Oeſter⸗ reicher hätten den ſo eben erſt geſchloſſenen Waffenſtill⸗ ſtand gebrochen, und ein Corps von wenigſtens zwanzig bis dreißigtauſend Mann wäre im Anzuge, das weſt⸗ phäliſche Reich in die Luft zu ſprengen, ein Plan, der bei der Stimmung der Unterthanen, bei der Rebellion der heſſiſchen Bauern, bei den vielen Unwilligen in der Armee leichtlich ausführbar ſchiene. Schon beginnt es 150 zu dunkeln, ſetzte Edmund hinzu, und ich will ohne Aufſchub nach dem Hallerſteine, um dem Verlaſſenen in ſeine Steinhöhle das Licht der Hoffnung zu bringen, damit er die nöthigen Maßregeln nehmen kann, ſollte das Gerücht zur Wirklichkeit werden. Vielleicht rettet ihn dann ein kühner Entſchluß aus der beängſtigenden Situation, und die größte Laſt, die, ſeit ich geboren, mein Herz beſchwert, wird mir dann entnommen.— Thue das! antwortete Holdine freundlich. Dann wird der Friede wiederkehren zu uns, Dein Arbeitstiſch nicht mehr leer ſtehen, Dein Malchen nicht ſo oft umſonſt nach dem Vater fragen, und Du Nachts nicht mehr ſo unruhig neben mir auf dem Lager Dich wälzen und mit ſchreckhaften Ausrufungen mich erwecken.— An Edmunds Hand trat ſie heraus unter die Ka⸗ ſtanie, bis an die Grenze ihres kleinen Reichs den Ge⸗ liebten zu geleiten. Aber der Kelch ihres Leides ſollte noch voller ſchwellen, und die Sorge, welche das zarte Gemüth, wenn es auch ſchwieg, faſt verzehrte, noch bis zum Höchſten hinauf geſchroben werden. Kaum war das trauliche Paar unter den Baum getreten, ſo ſtürz⸗ ten zwei Mannsperſonen, in dunkele Oberröcke ver⸗ mummt, von der Seite der Heerſtraße auf ſie zu. Die erſte Bewegung Edmunds war, ſich vor ſeine Geliebte zu werfen, und muthig dem geglaubten Angriffe der Unbekannten die Bruſt zu bieten. Da er dadurch unter dem Schattenbaume hervor in das ſchräg herfallende Licht des eben aufgehenden Sichelmondes trat, der ſein Antlitz jetzt beleuchtete, ſo fühlte er ſich, ehe er die Arme zur Wehr gebrauchen konnte, von den Armen des Vorderſten der Männer feſt umfaßt und mit eit an ſeine Bruſt 151 Erſchrick nicht, Edmund! rief zugleich eine bekannte Stimme, der das Athmen ſchwer ward. Zu Dir wirft mich das ſtrenge Schickſal, Du wirſt retten, wenn Du kannſt. Die Minnten ſind koſtbar, dicht an der Ferſe waren uns die Gendarmen. Dieſer da iſt mein Buſen⸗ freund, der Graf Sch....— Verbirg uns auf dem Boden, im Keller, wo Du einen ſichern Winkel weißt; ſei es das ſchmutzigſte Verſteck, wenn es nur Sicherheit gibt auf wenige Stunden. Aber ſäume nicht und frage nicht.— Bruder Hermann! ſtieß Edmund ganz erſtarrt her⸗ vor und ſtand wie verſteinert. Der Herr Schwager Kriegsrath? fragte Holdine verwundert und zierlich grüßend. Sehr unerwartet iſt der ehrenvolle Beſuch in unſerer armſeligen Hütte.— Der Kriegsrath Willibald wandte ſich ſofort zu der lieblichen Frau. Ihr Frauen ſeid beſonnener, umſichtiger in aller Gefahr, ſagte er mit ſchmeichelnder, wenn auch heftiger Rede; rathen Sie, holde Schwägerin, Sie kennen gewiß einen Ort, wo ich und mein Freund einen Verſteck fänden; aber rathen Sie ſchnell, denn mir iſt, als hörte ich ſchon die ſchweren Hufeiſen der Gendarmerie auf der nahen Heer⸗ ſtraße.— Edmund! die Ruinen! tönte raſch von Hol⸗ dinens Munde, und ihr Gatte erwachte alſobald aus ſeiner Betäubung. Schließ das Haus, ſprach er eifrig, alle Beſinnung wieder gewinnend; aber ſchau aus dem oberen Stock, und beachte Alles, was in der Gegend vorgeht; Du weißt, wo wir ſein werden, kennſt den Ort und die Loſung, ſollte Botſchaft an uns nöthig ſein. Adieu, Du treues Herz!— Einen feſten Kuß preßte er auf die Wange der Erſchrockenen, die ſchon den gegebenen ſchnellen Rath bereuete, faßte die Hände 152 der Männer, und riß ſie mit einem: folgt mir ſchnell ohne umzuſchauen! auf die Heide hinaus, und mit dem kurzen Trabe des gejagten Fuchſes flüchteten die drei dem Saume des Berges entgegen. Nicht weit von dem Hallerſteine, wo das Gebüſch ein offenes Rondel bildete, hemmten die Flüchtlinge den Lauf ohne eine Rede zu beginnen, theils horchten ſie alle in die durchſtrichene Gegend hinab, theils hatten ſie eine lange Pauſe nöthig, den erhitzten Lungen Ruhe und ſichern Athemzug zu verſchaffen. Indem ſie ſo daſtanden rauſchten die nahen Lerchenbäume; zagend ſtanden ſie, bewegungslos wie weiße Alabaſterbilder; immer näher kam das Geräuſch, das Waldgebüſch theilte ſich, und eine derbe Männerfigur trat hinter dem Laubvorhange in das Freie heraus. Auf ſie losſtürzen, ſie an der Gurgel faſſen, war für Edmund das Werk eines Augenblicks; aber eben ſo ſchnell flog er, zurückgeworfen von einer ſeine Jünglingsſchwäche überwiegenden Gewalt, gegen den knor⸗ rigen Wurzelſtamm einer gefällten Eiche, und mit einem Schmerzeslaut ſahen ihn die Begleiter wie von Ohnmacht gebunden in das Waldgras taumeln. Das Mitleid für den, welcher ihr Retter geworden, überwog die Furcht des Kriegsraths wie des Grafen. Verräther, rief der Kriegsrath, feiler Scherge, Du ſollſt nicht den Lohn des Hetzhundes Dir holen in der Reſidenz, nein, ſchon hier ſollſt Du ihn empfangen und genug für das Leben ha⸗ ben.— Wie verabredet ſtürzten die Beiden ſich auf den Waldmenſchen, und obgleich er gewaltſam enigegen ſtrebte und ſich ſchüttelte wie ein wilder Eber, an dem die Doggen hangen, ſo mußte er ſich doch gefangen geben und ſtill halten.— Aber ſagen Sie mir doch, Herr Kriegsrath Willibald, 153 ſprach da der Mann mit tiefer und grimmvoller Stimme, was kann Sie denn hieher treiben, den wackeren Herrn Oberſt, Ihren Bruder, einzufangen und den Kugeln der Sergeantmajors ſein redlich Herz hinzuſtellen? Iſt denn alles Chriſtenthum im Lande vergeſſen, ſeit wir einen König bekamen ſtatt des Kurfürſten?— Mein Gott, ſtieß der Kriegsrath hervor, iſt das nicht der alte Konrad? und die Arme ließen den Gefangenen und ſanken ihm im neuen Schreck mit abgeſpannten Sehnen am Körper nieder.— Ja wohl iſt es der Konrad, entgegnete der Alte feſt, indem er ſich auch von des Grafen Händen losmachte, der ſeinem Herrn in das Unglück folgte, und den man erſt umbringen muß, ehe er verräth, wo der Oberſt ſteckt, und den man todt foltern mag, ehe man zu ſei⸗ nem Herrn kommt.— Konrad, biſt Du es? jammerte da Edmund am Bo⸗ den. O was biſt Du für ein grober alter Menſch!— Um Gotteswillen, rief der Reiter, iſt das unſer lieber, guter, junger Wirth, unſer Proviantmeiſter und unſer Engel in Tod und Noth? Und dem hat dieſe alte Fauſt ſo einen argen Puff austheilen müſſen? O das kann mir der Herrgott am jüngſten Tage nicht vergeben! Und war⸗ um denn das, lieber, guter Herr Edmund? Warum fielet Ihr denn ſo auf den alten Konrad, als wäret Ihr ein Packer von den Douanen oder der lieben Poli⸗ zei?— Wirklich heulend ſtürzte der alte Mann bei dieſen Worten zu dem Gefallenen in das Gras. Hilf mir nur auf, antwortete Edmund, Du führſt eine deutſche Fauſt; aber thun mir auch alle Kno⸗ chen weh, glaube ich doch unverletzt zu ſein, nur die Stirn brennt und iſt mir feucht wie vom Blute. ————————— 154 War ich doch ſelbſt Schuld, da ich Dich nicht erkannte in der blinden Angſt, und Dich für etwas recht Böſes anſah.— Der Reiter half dem jungen Mann auf die Beine, und der Kriegsrath fragte: Aber löſet endlich die Räthſel! Wie kommt denn Konrad hierher, und wo iſt der Bruder, den wir längſt auf dem Meere glaubten in günſtiger Flucht nach England.— Schön auf dem Meere! entgegnete Konrad. In Feld und Wald wie Buſchklepper haben wir hantirt, und wäre mein junger Herr hier nicht geweſen, der mir nimmer ver⸗ zeihen wird, daß ich ihn ſo unbarmherzig behandelte, ſo hätte uns die Reſidenz einmarſchiren ſehen können in ſtattlicher Parade auf einem Leiterwagen des Mei⸗ ſters Hämmerling oder am Schweife eines Gendarmen⸗ pferdes.— Kommt nur, fiel Edmund ein, indem er ſich mit dem weißen Tuche das rinnende Blut von der Stirne ſtrich, wir müſſen alle in die Unterwelt, ehe die Worte des Graukopfs zur Prophezeihung für den nächſten Augenblick werden, denn, irre ich nicht, ſo flackert eine Fackel fern durch die Heide her, und die bedeutet uns nichts Erfreu⸗ liches. Im Bauche der Erde wird ſich uns Alles auf⸗ klären in gegenſeitiger Erzählung.— Mit des ſorgſamen, ſchier über das böſe Ereigniß verzweifelnden Konrads Hülfe, ſtieg Edmund voran in die Oeffnung des Gewölbes und die Andern folgten von demſelben Führer vorſichtig geleitet, der hinter ihnen ſeine ſpaniſchen Reiter in Ordnung ſtellte, und mit meh⸗ rem Balkenwerke als ſonſt gewöhnlich feſtklemmte.— Der Oberſt wurde von dem ungewöhnlichen Geräuſch gelockt, und kam ihnen mit dem brennenden Lichte ent⸗ gegen. Es wäre ſchwer zu entſcheiden geweſen, ob die 155 Begegnung der Brüder beiden ein größeres Maß von Freude und Ueberraſchung, oder ein größeres von Er⸗ ſchrecken und Schmerz brachte. Mit herzigen Ausrufun⸗ gen fielen ſie ſich in die Arme, unterdeß der alte Konrad das unterirdiſche Zimmer wieder öffnete, das Licht nahm und den armen Edmund, ſo ſehr er ſich weigerte, zu dem Felvſeſſel führte, nach ſeiner Wunde zu ſehen, die in einer tüchtigen Stirnſchramme beſtand, und die der kun⸗ dige Reitersmann ſofort mit einem kräftigen Weinum⸗ ſchlage verband. Indem er noch damit veſchäftigt war, trafen auch die drei Flüchtlinge ein, und das Brüder⸗ paar, die beiden Männer im Dienſte des Staates hoch⸗ aufgewachſen durch die Sonne der Fürſtengunſt, beugten ſich herzlich über den der Welt unbekannten, für die Welt verdienſtloſen Jüngling. Du vluteſt? fragte der Oberſt heftig, als er das gefleckte Tuch in Edmunds Hand erblickte. Auch das noch? brachteſt Du nicht Opfer genug? muß unſer wagiger Sinn auch Dich hinreißen in den Strudel des Verderbens! Bei dem Himmel, das habe ich nicht ge⸗ wollt; lieber hätte ich nie Deine Hülfe aufgerufen.— Laß mir den kleinen Ruhm, gönne mir ihn, Du Ge⸗ waltiger; iſt auch die Narbe, welche bleiben wird, kein Ehrenzeichen, wie Du ſie trägſt auf den ehernen Glie⸗ dern! antwortete Edmund ſanft. Sieh, ich habe doch nun auch einige Tropfen Blut vergoſſen in der großen Ehrenſache, für die ihr glücklichen Brüder Leben und Gut hinzugeben berufen wurdet. Nicht ſo armſelig wie ehedem komme ich mir jetzt vor, und die Sterbeſtunde des Vaters ſteht mir lebhaft vor Augen, wo ich noch ein kleiner, ſchwächlicher Knabe zwiſchen euch ſtand, und zagend zu Dir, Adolph, aufblickte, als Du ſchön 156 geſchmückt mit dem rothen ſpartiſchen Kriegsrocke ſeinen Segen und ſeine Aufmunterung zu Großthaten und Tu⸗ gendwandel mit kühnen, ſtarken Worten beantworteteſt. Ich weinte ſtill, aber ich gelobte gut zu bleiben und Euch immer zu lieben mit heißer Bruderliebe.— Und haſt Dein Wort gehalten, mehr als wir um Dich verdient, rief der Oberſt aus. Und wie ich Dich erkannt, biſt Du der Bravſte, der Fleckenloſeſte geblie⸗ ben von uns, und haſt den beſten Theil des väterlichen Segens, Zufriedenheit und innern Frieden, verdienſtvoll für Dich genommen.— Mit einem Feuerfluſſe der Rede berichtete der Kriegsmann jetzt Alles, was ihm ſeit dem verunglückten Bauernaufſtande begegnet, und Hermann lieferte die Fortſetzung dazu durch die Erzählung ſeiner ähnlichen Schickſale. Eigene patriotiſche Denkungsart, angeſpornt durch die innigſte Freundſchaft mit dem Gra⸗ fen Sch dem einzigen Sohne des ehemaligen Mi⸗ niſters dieſes Namens, hatte auch ihn zu geheimen Ver⸗ bindungen geneigt gemacht, welche die Rettung des deutſchen Volks aus der Leibeigenſchaft der franzöſiſchen Gewaltherrſcher ſich zum höhren Zweck geſetzt. Auch er wußte um die vorigen Entwürfe, welche überall auf deutſchem Boden den Feinden Verderben bereiten ſollten. Durch wichtige Dienſtleiſtungen hatte er ſich die Gunſt des Hofes erworben, und ſelbſt als der Verrath des Oberſten Willibald kund geworden, ſchien er verdacht⸗ frei geblieben. Aber dem war nicht ſo, nur waren die Netze ſpinnwebefein, mit denen man den klugen Staats⸗ rath umgab. Der Herzog von Braunſchweig⸗Oels hatte ſich nach dem Waffenſtillſtande zu Znaim von dem Bündniſſe des öſterreichiſchen Kaiſers losgeſagt; er rückte nicht mit dem 157 Heere des Kaiſers in die böhmiſchen Grenzen zurück, ſondern er beſchloß, mit ſeinem kleinen, aber auser⸗ wählten Corps vorzudringen gerade durch Sachſen hinein in ſeine braunſchweigiſchen Erblande. Durch ſein uner⸗ wartetes Erſcheinen hoffte er vielleicht der Stützpunkt eines allgemeinen Aufſtandes der Niederſachſen zu wer⸗ den, und täuſchte er ſich in dieſer ſchönen Hoffnung, ſo war ſein Entſchluß gefaßt, ſich durchzuſchlagen bis zur Nordſee, und mit ſeinem Häuflein auserleſener Krieger nach dem verwandten England hinüber zu ſchiffen, um unter Britannia's glorreichen Fahnen in einem anderen Lande dem verhaßten Herrſcher Frankreichs tödtliche Wunden ſchlagen zu helfen. Seine gewandten Freunde flogen in vielfachen Verkleidungen dem Zuge voraus, zu erkunden, was Noth that, und an den Meeresküſten die Mittel zur Ueberfahrt in Stand zu ſetzen. Mit den alten, erprobten Genoſſen des großen Bundes ſetzte der Herzog ſich in Verbindung, und ein unvorſichtig abge⸗ ſandter Brief verfehlte das Ziel, ward in der Reſidenz nach Weiſe franzöſiſcher Poſtinſtitute erbrochen, und ver⸗ rieth den Gewalthabern mehre Mitbetheiligte, und unter ihnen auch den Kriegsrath Willibald und den Grafen Sch. Aber die wackeren deutſchen Männer hatten wie ihre Neider, auch ihre Freunde. Der weſtphäliſche Oberſt W...., der ſelbſt mit ſeinem Regimente auf⸗ brechen mußte, des kühnen Herzogs unſterblichen Helden⸗ zug aufzuhalten, benachrichtigte den Kriegsrath von der Gefahr für Freiheit und Leben, und Herrmann flüchtete in Begleitung des Grafen zur Stunde, entſchloſſen, da in keiner nahen Landesgrenze Schutz für ſie zu hoffen war, gerade dem kecken Zuge des braunſchweigiſchen Löwen entgegen zu eilen, ſich ihm in die ſtarken Helden⸗ 158 arme zu werfen, und ſich mit ihm zu retten aus den franzöſiſchen Ketten, oder an ſeiner Seite zu ſterben. Sicher ſchien der Plan, und eilig wurde die kecke Reiſe begonnen; aber flüchtiger noch als die vier trefflichen Hengſte des Grafen ritten die ihnen nachgeſchickten Gen⸗ darmen, welche der goldene Lohn ſpornte, den der König auf die Köpfe der Verräther geſetzt hatte, und dicht an der Stadt, in deren Nähe dieſe Geſchichte ihre Schau⸗ bühne hat, ſahen ſie ſich in der Dämmerung umringt, auf der Heerſtraße angehalten, und die feindlichen Reiter ſaßen begierig ab, um deſto gewiſſer ſich des Inhalts der Reiſekaleſche zu verſichern. Keine Miethlinge der neueren Zeit, alte, treue, deutſche Diener der alten Zeit, die ſich zur Familie rechneten, Leib und Blut gern gaben, fanden ſie in dem Kutſcher und Kammerdiener des Gra⸗ fen. Ein Piſtolenſchuß aus der Kutſche gethan, warf den Einen der Verfolger nieder, der Andere wurde durch den kurzen Säbel des Dieners und die Fäuſte des Kutſchers bedrängt, und dieſen Zeitpunkt nahmen die beiden Herren wahr, und als ſie mehre Pferde der Gen⸗ darmerie herantraben hörten, thaten ſie einen glücklichen Sprung über einen Graben, und ſtürzten durch Kornfeld und Moorgrund der Gegend zu, wo Hermann des Bruders Wohnung wußte, den er im Frühlinge bei einer Muſterungsreiſe dort beſucht hatte. Dich hier zu finden, Bruder Adolph, konnte ich nicht ahnen, ſo ſchloß der Kriegsrath die lange Erzählung, die wir nur in kurzen Umriſſen wieder gegeben haben; aber ſollen wir unter⸗ gehen für die gute Sache, ſo find wir doch jetzt ein ſtattlich Häuflein, können wie Männer unſer Leben theuer verkaufen an die Söldlinge des Corſen, und haben jederſeits den Troſt, mit einander zu verbluten.— 159 Ich denke nicht mehr an ſolch ſchmähliches Ende, entgegnete der Oberſt, mit Lebendigkeit und blitzenden Augen ſich erhebend. Iſt Alles wahr in Deinem Be⸗ richt, hat Oberſt W... Dich nicht getäuſcht, ſo muß der Herzog bald in dieſer Gegend anlangen. Hinaus dann zu ihm; willkommen werden ihm unſere braven Arme ſein, willkommen unſere deutſchen Herzen. Mir ſagts mein hochpulfirend Blut, ſchon iſt er uns nahe; wir dürfen dieſes Räuberloch, dieſen Schlupfwinkel der Galgenvögel verlaſſen, dürfen heraus an die Luft, dürfen wieder drein ſchlagen, und den deutſchen Sinn und den deutſchen Haß in Thaten vertoben. Wo iſt mein Schwert, Konrad? Ich höre es raſſeln in der Scheide, als wäre es auch neu lebendig geworden, und ſehnte ſich, Wunden zu ſchneiden für König und Vaterland.— Raſe nicht ſo auf, lieber Freund, ſiel da der ruhige Edmund dem erhitzten Soldaten in die Rede, zugleich ſeinen ausfahrenden, ſehnigen Arm feſthaltend. Willſt Du verderben, was Gott vielleicht zu eurer Rettung ſchickte? Ihr ſeid meine Gefangenen auf Ehrenwort, und ehe ich den Bann nicht löſe, in den ihr ſelbſt euch begeben, dürft ihr keinen Schritt aus dieſem Zau⸗ berkreiſe wagen. Hermanns Erzählung hat mir vor⸗ gezeichnet, was ich für euch zu thun habe; ich darf es, denn verdachtlos geht der Poet ſelbſt zwiſchen gegen⸗ einander heranziehenden Heereu durch. Es iſt ſchon tief in der Nacht; zu meinem Häuschen muß ich, denn in Angſt und Sorge wird Holdine ſein, und vielleicht ha⸗ ben die nachfolgenden Gendarmen gar mein ſchuldlos Arkadien mit blutdürſtiger Begier verletzt, auch mein Eigenthum durchſtöbert. Habe ich die Geliebten be⸗ ruhigt, dann ziehe ich mit Sonnenaufgang zur Stadt, 160 und forſche; und beſtätigt ſich das Gerücht von heute, ſind die Oeſterreicher oder Braunſchweiger in der Nähe, ſo fliege ich als Glücksbote her zu euch, und rufe euch in dvas helle Leben aus der trüben Nacht dieſes Erebus.— Du haſt recht, mein kluger, beſonnener Burſch! ſagte der Kriegsrath, und ſchloß Edmunden herzlich in ſeine Arme. Kehre in Dein Friedensreich, und wenn die Auf⸗ erſtehungsſtunde ſchlägt, ſo wälze Du den ſchweren Stein vom Grabe Deiner Brüder. Es wird ſich hier unten ſchon aushalten laſſen; iſt mir doch die Luft hier und der Duft der Lerchenzweige angenehmer als der betäu⸗ vende Dunſt in den Sälen der Reſidenz und die wohl⸗ riechende Sphäre des ſibaritiſchen Hofes.— Edmund brach auf; Holdinens Trauergeſtalt, die er über die wichtigen Berichte des Bruders faſt vergeſſen, ſtand jetzt ſo lebendig vor ſeiner Seele, daß er vor⸗ wurfsvoll gegen ſich ſelbſt ſchalt; aber der alte Konrad hielt ihn am Ansgange auf. Wie ein treuer Kettenhund hatte der alte Reiter vor dem Steinloche auf dem Bauche gelegen, und mit Ohr und Naſe gewittert nach fremder, feindlicher Spur; es ſchien dem Umſichtigen gefährlich im Holze; Menſchenſchritte, Menſchenſtimmen hatten oft im Gevüſch die Grabesſtille der ruhigen Sommernacht unterbrochen. Raſch entſchloß ſich Edmund, den weitern Umweg durch den hintern Ausgang zu wählen, und über das Dorf Goitesholz mit beflügelten Schritten dem hei⸗ miſchen Herde zuzueilen.— 6. Die Nacht war wunderſchön; das Mondlicht breitete ſich ſo ſtill und weich über die Dickichte des Berges aus, wie eine Selene, die ſich zu dem Schlummerplatze des 161 ſchönen Jägers Endymion leiſe herabſenkt, in der Wol⸗ luſt des ſüßen Beſchauens den Liebling nicht zu erwecken, und mit ſanftem Kuſſe einen Himmelstraum in ſeine Seele zu gießen. Sorglos, froh und lebensmuthig ſchmiegte ſich Edmund auf dem ſchmalen Schlangen⸗ wege durch Buſch und Dornſtrauch, und ſchon war er drunten am Rande des Waldes angelangt, als ſeine lieben Gedankenträume von Weib und Kind plötzlich von dem Schrecklichſten, was ihm begegnen konnte, unter⸗ brochen wurde. Eine lange Rieſengeſtalt, mit klirrenden Waffen angethan, den großen Hut von einem Blutbuſche überwallt, trat unerwartet hinter einem dicken Eichen⸗ ſtamme hervor und donnerte ihm ein gräßliches: Halt da! entgegen, das ihm durch das ſchmerzende Ohr hin⸗ unter ſchmetterte bis in das einbrechende Knie. Wie Loths Weib zur Salzſäule erſtarrte, als ſie das brennende Gomorra ſah, ſo ſtand er auch bewe⸗ gungslos, ſein Herzſchlag ſtockte, und ſeine Sinne wa⸗ ren dem Schwinden nahe. Sollte er Hülfe ſchreien?2 Vielleicht hörten ihn die Brüder, dann waren ſie aber verloren; ſollte er ſeine Jugendkraft erprüfen an dem Widerſacher? Aber der Soldat hatte ſo etwas Kanni⸗ baliſches in ſeinem markirten Geſicht, und die gelbleder⸗ nen Beinkleider zeigten eine Muskelfülle, durch die auch das letzte Flämmchen Muthes in dem frommen Poeten erloſch. Was konnte ihm denn auch ſo eigentlich ge⸗ ſchehen? Dieſer Lichtgedanke ermuthigte ihn, und ziem⸗ lich geſetzt ſtotterte er hervor: Was ſoll der Anfall 2 Warum erſchreckt man einſame Spaziergänger? Wer gab Euch das Recht, einen redlichen Bürger anzufaſſen, der ruhig zu ſeinem Hauſe und ſeiner Familie zurück⸗ geht?— Zu einer wahren Satanaslarve verzog ſich Blumenhagen. VII, 11 162 das Antlitz des Gendarmen, die noch gräßlicher durch das bleiche Mondlicht wurde, welches auf ſie herabfiel. Zu Hauſe will der Herr? fragte er höhniſch zurück. Das möchte zu weit hin ſein für dieſe Nacht, und ich wüßte eine ſtille Schenke für den Herrn bis zum Tage, wo überdem der Wirth gar wohlfeile Zeche macht.— Laßt den Weg frei, entgegnete Edmund, den die Angſt erſtarkte; ich mache Ihn verantwortlich bei der Polizei⸗ behörde, wenn Er die Neckerei weiter treibt.— Als er zugleich in der Noth zufällig in die Rocktaſche griff, ſo fühlte er ſeine Arme plötzlich von hinten gehalten, und ein zweiter Trabant der Gerechtigkeit, faſt noch rieſiger als der erſte, ſah mit dem ſchnurrbärtigen Geſicht ihm über die Schulter. Meint der Herr alſo? fragte dieſer. Will Er uns auch eins zwiſchen die Rippen knallen, wie dem armen Sullas? Man iſt vorſichtig und gefaßt auf dergleichen; nur heraus mit allen Waffen; Meſſer und Terzerole hergegeben!— Beide durchſuchten mit großer Gewandtheit die Kleider des Jünglings, und als ſie nichts Verdächtiges darin fanden, kühlte ſich ihre Hitze und ſie ließen ihn freier.— Da ſeht ihr es, ich bin nicht, wofür ihr mich hal⸗ ten möget, ſagte der Gefangene, Athem ſchöpfend. Das macht nichts, Defries, verſetzte der Erſte zu dem Zwei⸗ ten; das Gewehr kann er vorſichtig ins Gebüſch ge⸗ worfen haben. Er gehört dazu, warum erſchrack er ſonſt ſo beim Anruf? Warum zittert er noch jetzt wie Birkenlaub? Und ſieh nur da unter der Mütze das blut⸗ vefleckte Tuch an der Stirn, gewiß der Säbelhieb des mageren Tiſſot; die Schramme iſt ganz friſch. Mache der Herr keine Umſtände. Wie heißt der Herr?— Willibald! ſtotterte Edmund unbeſonnen heraus. 163 Ganz Recht, den Herrn Willibald ſuchen wir eben, rief frohlockend der Zweite. Und ich kenne auch das blaſſe Geſicht und den ſchmächtigen Wuchs; habe den Herrn in der Hauptſtadt gar oft zu dem Herrn Polizeiminiſter gehen ſehen, und ihn ſelbſt ein paarmal gemeldet. Nur reinen Wein eingeſchenkt; wo iſt der andere Flüchtige, der Herr Graf? Weit wird er nicht ſein?— Edmund hatte ſich indeß gefaßt; wollte er nicht zum Verräther der Geächteten werden, ſo mußte er ſich in ſein Schickſal fügen. Ich habe keine Begleiter gehabt, antwortete er darum mit Feſtigkeit und Trotz; und der Herr Polizeiinſpektor Salzkorn, der mein Freund iſt, wird euch bald aus eurem unverzeihlichen Irrthume rei⸗ ßen; doch wollt ihr, daß ich euch den Mißgriff vergeben ſoll, wollt ihr dazu einen Thaler Trinkgeld verdienen, ſo geleitet mich nach meinem Hauſe in Reiherhorſt, da werdet ihr hören, wer ich bin, und meine Familie wird vor einer unruhigen Nacht bewahrt werden.— Wie klug der Herr iſt, lachte Defries. Will Er uns vielleicht in ein Verſteck locken, wo ein Haufen rebelli⸗ ſcher Bauern mit Miſtgabel und Senſe auf uns wartet? O wir ſind dabei geweſen, und von Ihm wiſſen wir jetzt voll genug, und die Prämie ſoll uns nicht entgehen. — Marſch zur Stadt! ſetzte er barſch hinzu, indem er den langen Sarras zog. Bei dem kleinſten Widerſtande fährt ihm meine Klinge ſchärfer über den Kopf, als der Tiſſot hieb. Du bleibſt hier auf dem Poſten, Kamerad; die Andern aus der Heide werden bald zu Dir ſtoßen. Das alte Steinneſt oben im Holze iſt ſicher der Schlupf⸗ winkel der Genoſſen dieſes Herrn; aber heran ſollt ihr euch nicht wagen vor dem Morgen, denn ſie haben Schießgewehre, und ſolche Landesverräther ſind nicht — 164 werth, daß ein guter Soldat ſein Leben an ſie ſetzt. Jenſeits ſtreift das Küraſſierpiket, und ſie entgehen uns nicht. Morgen ſoll das ganze Neſt durchſucht wer⸗ den; ich ſchicke eine Compagnie Voltigeurs heraus. Gute Nacht, Kamerad! Und marſch, mein Herr Willi⸗ bald!—. Still ergab ſich der gute Menſch in die böſe Schickung, denn die Reden des Gendarmen hatten gemacht, daß er ſich ſelbſt vergaß, und das traurige Loos der Brüder, ihre unvermeidliche Entdeckung am morgenden Tage allein ſeine Seele quälte. Er ſah keine Möglichkeit irgend einer Rettungsweiſe für die Unglücklichen. Dann vachte er auch der lieben Holdine, und wie ſie ſich ängſti⸗ gen möchte; doch hier tröſtete er ſich mit ſeiner Ankunft bei dem Polizeiinſpektor, der ihn ſofort freigeben und eiligſt nach Hauſe fahren laſſen mußte.— Auch hierin täuſchte ſich der arme Geplagte. Der mürriſche Gen⸗ darme brachte ihn geradeswegs auf die Wachtſtube des Arreſthauſes; umſonſt forderte er ſogleich und mit Hef⸗ tigkeit die Gegenwart des Inſpektors; ſo ſpät in der Nacht dürfte man ſolche Herrſchaften nicht beläſtigen, meinte der Gendarme. Er forderte mehre Bürger, die ihn kannten, zu Zeugen auf, und bat ſie herbeizurufen; um einen flüchtigen Rebellen ſtöre man keine ehrſamen Bürger in der nächtlichen Ruhe, bekam er zur Ant⸗ wort, und morgen würde zu allem dieſem Zeit genug bleiben. So mußte er ſich der Gewalt ergeben, und mit brechendem Herzen, mit gerungenen Händen und heimlich hervorquellenden Thränen warf er ſich auf das harte Holzbett des Arreſthauſes, nannte mit tiefem Schmerze die Namen ſeiner Holdine, ſeines Malchens, Adolphs und Hermanns, und zählte ſchlaflos die 165 ſchleichenden Stunden der Nacht, die kein Ende nehmen wollte.— 6 Ein Hahn krähete laut und kräftig in einem Nach⸗ varhofe, und weckte den leiſeſchlummernden Gefangenen, den die Erſchöpfung des Leibes dennoch gegen Morgen übermannt hatte, und der aus den quälenden Angſtge⸗ danken des Wachens auf ein Stündchen etwa in einem Halbſchlummer voll unruhiger Schreckträume verfallen war. Er ermunterte ſich und ſetzte ſich mit gefaltenen Händen auf ſeinem harten Bett aufrecht, und ſein Ge⸗ fühl ergoß ſich in ein inniges vertrauendes Gebet zu dem unſichtbaren Lenker der Menſchenſchickſale. Ich habe ge⸗ than, was ich Schwacher vermochte; meine Kraft iſt mit dem Rathe zu Ende gegangen; o ſo hilf Du nun, Allmächtiger, dem nie Kraft und Rath zur Hülfe man⸗ gelt, denn ohne Dich ſind wir Alle verlorene Spreu im Sturme der Verzweiflung! ſo ſchloß er ſeine kindliche Rede zum Vater, und geſtärkter fühlte er Leib und Seele, und faßte den Entſchluß der Nothwendigkeit, ohne Klage zu ertragen, was auch kommen möchte, fand ihn doch das böſeſte Verhängniß ſchuldlos. Der Tag grauete kaum, und ſein erſter Schimmer fiel durch die ſtarkvergitterten Fenſter; in der Vorhalle brannte noch die düſtere Laterne an der Decke, doch zuckte ihre Flamme oft wie ein ſterbend Leben, dem das Oel ausging. Dazwiſchen unterſchied er das Schnar⸗ chen der Soldaten, und zugleich machte ihn ein ſtets zunehmendes Raſſeln von Wagenrädern durch die nahe Hauptſtraße aufmerkſam, auch glaubte er deutlich das laute Sprechen vieler Menſchen, und das Klirren von 166 Gewehren auf dem Pflaſter zu vernehmen. Viele Fauſt⸗ ſchläge donnerten jetzt gegen die Pforte des Arreſthauſes und eine Menge Stimmen wurden draußen laut. Die Schildwachen im Inneren des Gebäudes riefen an, man lief auf den Treppen, Schlüſſel raſſelten, Schlöſſer fielen, und in dem Vorgemach ſah Edmund die Gen⸗ darmen von ihren Pritſchen langſam aufſtehen, die Rie⸗ ſenglieder dehnen und gemächlich ihre Waffenſtücke zu⸗ ſammenſuchen. Was bedeutet der frühe Lärm? Hatte man ſchon den Wald durchſucht, ſchon die Schlupfwinkel des Hallerſteins entdeckt? Brachte man die Brüder ſchon zum Kerker her, aus dem ſie nur durch den Tod wieder erlöſet werden konnten? So dachte Edmund, und bereitete ſich auf die traurigſte Scene des Wieder⸗ ſehens.— Eine Menge Menſchen drängte ſich jetzt in die Vorhalle, und beſchäftigte ſich, da gelagerte Kiſten fortzuſchaffen; auch ein Gendarmeoffizier in vollem Kriegs⸗ ſchmuck war unter ihnen, ertheilte Befehle, und knüpfte auch mit denen, welche Wache gehalten, ein ernſtes Ge⸗ ſpräch an. Edmund verſtand nur einzelne Worte: Pferde ſchnell ſatteln!— Abmarſchiren!— Viele tauſend Oeſter⸗ reicher!— in wenigen Stunden hier ſein!— Reubel geſchlagen.— Eilfertig griffen die baumlangen Menſchen nach ihren Sarraſſen, und man ſah den rieſigen Figuren die Furcht an; ſchon an der Thüre erinnerte ſich jedoch derjenige, welcher Edmunden als böſer Dämon erſchienen war, ſeines Gefangenen, und kehrte um, und ſtattete, mit der breiten Hand am großen Hute, dem Offizier ſeinen Rap⸗ port ab. Des Gendarmeoffiziers ſichtlich erſchlaffte, gedrückte Haltung nahm ſogleich eine auffallende Lebendigkeit 167 an. Nein, rief er lebhaft aus, dieſe Feinde des Königs ſollen wenigſtens heute keinen Triumphtag feiern. Nehmt den Staatsverbrecher mit; heute dürft ihr ſchon ſeinen Stand unberückſichtigt laſſen. Aufs Pferd hinter euch, am Fangſeile nebenher laufend, geknebelt auf den erſten beſten Bagagewagen, Alles ſei gleich; mit muß er, und ſolltet ihr ihn im Nothfalle zuſammenhauen müſſen, um ſeinen Leichnam mit gen Kaſſel führen zu können; ſein Leben iſt ohnehin verwirkt.— Da iſt er ſelbſt! antwortete der Gendarm, als Edmund, von den furchtbaren Befehlen neu erſchüttert, aus ſeinem Gemach in die größere Wacht⸗ ſtube trat. Erbittert drehete ſich der Offizier gegen ihn um, aber plötzlich verändert malte ſich nur Erſtaunen auf ſeinem Angeſicht. Sacre matin! rief er aus, das da iſt weder der Kriegsrath, noch der Graf. Wie kommen Sie zum Arreſt, Herr Edmund, unſer friedlicher Lieder⸗ dichter?— Edmund erkannte jetzt ebenfalls den Kapitän, mit dem er gar häufig im Hauſe des Polizeiinſpektors zuſammen geweſen war; aber ehe er ſeine Klage an⸗ bringen konnte, trat der Inſpektor Salzkorn ſelbſt in das Haus, mit bleichen Wangen und Unruhe in den Augen. Wollen Sie nicht gefangen werden, Hauptmann, ſagte er mit Haſt, ſo machen Sie ſich fort mit Ihren Leu⸗ ten. Laſſen Sie Effekten und Equipagen ſtehen; viel⸗ leicht wird das auf andere Weiſe zu retten ſein. Ein Huſar vom Erſten ſprengte eben durch, und ſagte aus, die Vorpoſten der Braunſchweiger wären ſchon am Thore. Ihre Augenblicke ſind gezählt und wichtig.— Mit einem wilden Fluche ſtürmte der Kapitän hinaus, und Alles, was von Militär ſich im Hauſe befand, verſchwand ſo eilfertig, als hätte ein Orkan ſie fortgeblaſen, oder ein Zauberſtab ſie hundert Meilen weit verſetzt. Mit 168 Bewunderung bemerkte jetzt erſt der Inſpektor Edmunds Anweſenheit, und hörte mit Aerger den kurzen Bericht über ſeine Gefangennehmung, bei welcher der Erzähler jedoch klüglich der Brüder nicht erwähnte. Ich bin in der böſeſten Lage von der Welt, entgeg⸗ nete der Inſpektor alsdann, in einer Situation, wogegen Ihre Nacht in der Wachtſtube ein Himmel bleibt. Der Herzog von Oels hat einen Meiſterſtreich gemacht, der ſeinen Namen für ewig unter die Helden ſetzt, und in der denkwürdigen Kriegsgeſchichte unſerer Zeit einzig bleiben wird. Mit einigen tauſend Mann ſagte er ſich nach dem letzten Waffenſtillſtande von Oeſterreich los, und drang tollkühn mit dieſem Häuflein Braver von Altenburg über Leipzig und Halle gegen den Norden herauf. In Halberſtadt wurde das fünfte Regiment unter Oberſt Wellingerode von ihm in die Pfanne gehauen. Verfolgt von den Holländern unter Gratien, überflügelt vom Ge⸗ neral Reubel, marſchirte er ſo ſchnell, als hätte er und alle ſeine Schwarzen Adlerflügel, auf Braunſchweig, und bivouakirte auf den Wällen ſeiner Ahnenſtadt. Vielleicht hoffte er Zulauf, Anhang von ſeinen Unter⸗ thanen, trog ſich auf einen allgemeinen Landſturm. Ge⸗ täuſcht zieht er vorgeſtern weiter, trifft bei Oelper auf Reubels Diviſion, und, rufen Sie Wunder mit mir! fünfzehnhundert, durch zehn Gefechte marode Plänkler werfen viertauſend friſche Soldaten, und brechen ſich da einen Ausgang, wo nur Gefangenſchaft oder Tod die Umringten erwartete. Jetzt geht ſein Heldenzug, gegen den die Kriegszüge des Ferxes Poſſenſpiel ſind, gerade über uns hin, wahrſcheinlich die Straße nach Bremen hinauf, denn nur auf Helgoland und den Kriegsſchiffen Englands kann er ein Ziel ſuchen.— 169 Gott iſt mit ihm! rief Edmund feurig. Er wird ſein Ziel erreichen! Gott wird ihn ſchirmen, wie er den Leo ſchirmte, ſeinen herrlichen Ahn, und wie er ſichtbar ſo manchem der edlen Welfenfürſten im ngtütſturin der Kriegszeit ſeinen Engel ſandte!— Ich gönne es dem tapfern Herzoge, verſetzte der In⸗ ſpektor, obgleich ich Ihren Enthuſiasmus und ſolche Pro⸗ phezeihung weder für den Ort, wo wir uns befinden, noch für das Ohr eines Polizeibeamten paſſend finde. Aber was ſoll aus mir werden? Flüchten möchte ich nicht; ich bin nicht Militär, mein Amt hält mich hier, ich könnte verantwortlich werden, und ohne dies wird des Herzogs Anweſenheit nur kurz ſein. Wüßte ich nur ein Verſteck für wenige Stunden, bis der erſte Volks⸗ tumult vorüber gegangen. Sie wiſſen, man haßt Alles, was zur Polizei gehört, und der aufgeregte Pöbel, wie der trunkene Huſar machen keinen Unterſchied.— Ich wüßte Rath, antwortete Edmund nach kurzem Beſinnen, wenn ein ſolcher Mann von dem Unerfahrnen Rath hören mag. Eilen Sie hinaus augenblicklich, gehen Sie nach Gottesholz zum Pfarrer Petrus; das Dorf liegt fern von der Heerſtraße, verſteckt in der Holzung. Mich hält noch ein Geſchäft in der Stadt; in kurzer Zeit folge ich Ihnen, bringe Nachricht, und führe Sie, wenn es Noth thut, in ein Verſteck, wo kein Menſchenauge Sie finden ſoll.— Junger Freund! Gottes Stimme ſpricht aus Ihnen, ſprach der Inſpektor. Sie find ein treues Herz, und der Prediger wird mich nicht verrathen, wenn ich ihm ent⸗ decke, daß ich es war, der Sie antrieb, zu ſeiner Ret⸗ tung mit zu wirken.— So geht die gute Saat auf, ſchnell und ſegnend,— erwiderte Edmund, und beide 170 verließen mit Eile das finſtere Haus, und trennten ſich auf baldiges Wiederſehen. 8. In der Stadt fand Edmund das Volk bereits in voller Gährung. Haufenweiſe rottirten ſich die niedrigen Stände, in der Trunkenheit des unerwarteten Glücksta⸗ ges, Befreiung für immer hoffend. Einzeln ſprengten die Kavalleriſten aus dem Thore nach Kaſſel, und im Geſchwindſchritte folgt ihnen ein Bataillon des achten Fußregiments. Selbſt die Gebildetern und Vornehmern wagten ſich jetzt heraus auf die Gaſſen; tauſend Gerüchte gingen von Mund zu Mund, eines chimäriſcher als das andere; der Herzog ſollte kommen als Vortrab der gan⸗ zen kaiſerlichen Armee, die heranrücke, dem weſtphäliſchen Königreiche ein plötzliches Ende zu machen. Jung und Alt jubelte, die Gaſſenbuben ſangen Spottlieder, und ſchaarenweiſe zog man dem Königsthore zu, von wo die Befreier erſcheinen ſollten. Edmunden trieb ſein gefaßter Plan nach der entge⸗ gengeſetzten Seite der Stadt. Er wollte bleiben, nicht den Gerüchten das Schickſal ſeiner Lieben vertrauen, ſon⸗ dern, gewarnt durch die Geſchichte dieſer Nacht, den ſichern Moment erwarten, wo er die Brüder rufen konnte ohne Gefahr. Aber ſeine Holdine mußte über ihn beruhigt werden; da erinnerte er ſich ſeines Freundes, des Poſt⸗ boten, dem er das Hochzeitlied gedichtet; er wußte, der Alte that gern den Weg für ihn, und er ſchritt durch die ſchnurgeraden Straßen der Reuſtadt, das Häuschen des Alten am Walle aufzuſuchen. Menſchenleer war dieſe Stadtgegend, aber ein ſeltſames Schauſpiel über⸗ raſchte den dahin Wandelnden. Dicht am Neuſtädter .— 171 Thore gallopirte auf einem ſtolzen Roſſe ein franzöſi⸗ ſcher Offizier an ihm vorüber. Schon war er dem Gat⸗ ter nahe, ſchon glaubte er ſich gewiß gerettet, da trabten zwei ſchwarze Huſaren zum Thore herein ihm entgegen. Die braunen krausbärtigen Geſichter, die derben Kraft⸗ geſtalten, die ſchwarzen Dollmanns mit den lichtblauen Kragen, der ſchimmernde Todtenkopf vor der hohen Mütze, an der die ſchwarze Hangfeder wie eine Grabesflagge flatterte, dazu die blitzenden Säbel und die blitzendern Augen der Feinde, ſchienen einen ſolchen Eindruck auf den Franzoſen gemacht zu haben, daß er wie beſinnungs⸗ los ſeinen Hengſt parirte, und bewegungslos mitten auf der Straße halten blieb. Ernſt trabte der erſte Huſar, ein alter Wachtmeiſter, heran. Ruhig, ohne eine Miene zu verziehen, nahm er dem Franzoſen den Degen ab; zwei kräftige Griffe riſſen die gewichtigen Epaulets von den Schultern des Offiziers, und Uhr und Börſe lagen eben ſo ſchnell in der ausgeſtreckten breiten Hand; dann winkte er herriſch abzuſteigen, und als der Franke zu ebener Erde ſtand, ſchlang er den Zügel des ſchönen Beutethiers um die Fauſt, nickte dem Feinde einen Ab⸗ ſchiedsgruß, und dahin trabte er mit ſeinem Kameraden, als ſei nichts vorgefallen. Die raſche Scene, bei der auch nicht ein Wort gewechſelt worden, machte einen ſo beſondern, faſt komiſchen Eindruck, daß Edmund faſt eben ſo feſtgebannt da ſtand wie der Franzoſe, der leider eine ſehr unangenehme Rolle dabei zu ſpielen bekommen. Doch auch Edmund ſollte zum Acteur werden, denn kaum waren die Schwarzen um eine Hausecke verſchwun⸗ den, ſo bekam der Offizier Leben und ſprang auf unſern Poeten los. Mon cher ami, ſprach er faſt ſtammelnd vor Todes⸗ 172 furcht, Ihr habt ein honnettes Geſicht, ein Weſen voll Humanität. Rettet mich, verbergt mich. Es werden Mehre nochkommen, und da ich nichts mehr zu geben habe, werden ſie mich ſelbſt nehmen, oder ihre Säbel an mir probiren. Helft mir, wenn Ihr ein Menſch ſeid, ich bin der Commandant von Braunſchweig, und kann vielleicht erkenntlich ſein.— Mir nach! antwortete Edmund, ſah vorſichtig noch einmal in die Kreuzſtraße, und da er kein Verräther⸗ auge gewahr wurde, zog er den Offizier mit ſich in das Haus des Poſtboten, deſſen Thür er raſch hinter ſich verſchloß. Der alte Poſtbote ſaß mit ſeiner Baucis ſo eben bei dem wärmenden Cichorientranke; die neueſte Stadt⸗ geſchichte war noch nicht zu ihm gedrungen, da er, ob⸗ gleich bei der Verbreiterin der Weltneuigkeiten angeſtellt, ſich eben nicht um die Welthändel zu kümmern pflegte. Das greiſe Ehepaar ſprang erſchrocken hinter dem nuß⸗ baumenen Tiſche hervor, als der Einbruch in ihre ſtille Hütte geſchah; aber durch Edmunds Erſcheinen eben ſo ſchnell beruhigt, war der rüſtige Alte ſogleich bereit, den Botengang zu dem Hauſe ſeines dienſtfertigen Gönners zu übernehmen, und die gutwillige Baucis bot ſich an, den Freund Edmunds, ſo nannte er den Franzoſen, un⸗ ter dem Dachgiebel zu verſtecken, und ihre Hausthür bis zur Rückkehr Edmunds oder des Mannes Niemanden zu eröffnen. Der Commandant verſprach goldene Beloh⸗ nung, und Edmund verließ das Haus beruhigt, nachdem er geſehen, wie der Alte mit langen Schritten an ſeinem Stabe dem Thore zuwanderte. Seltſame, wunderbare Verwirrung der Creigniſte! ſprach er im Selbſtgeſpräch, wie er der Altſtadt zuſchritt, 173 von Erwartung und Neubegier getrieben. Bin ich denn zum Deus ex machina erkoren, wo ich mein blondes Haupt ſehen laſſe? Und that ich Recht, dem Vaterlands⸗ feinde beizuſtehen? Aber wo iſt denn im rauhen Erden⸗ leben des Dichters Vaterland? Iſt nicht der Menſch mein Bruder, ſei er Grönländer oder Marokkaner? Und über⸗ dies ſoll ja der Dichter mit dem König gehen, und Er⸗ barmen und Gnade ſind die herrlichſten Edelſteine in jedem Kronenreife einer Majeſtät.— So mit ſich ſelbſt plappernd, gelangte er auf vie weite Esplanade, und was er jetzt anſah, machte alle ſeine Monologe verſtummen. Heran raſſelten vier Kriegs⸗ geſchütze, welche bei Oelper zwölf Kanonen zum Schwei⸗ gen gebracht; ſie waren von Pulver geſchwärzt und mit dem Kothe der Heerſtraße inkruſtirt. Kaum hielten die Räder an, kaum hatte der Artillerieoffizier ſein Halt ge⸗ rufen, ſo warfen Artilleriſten und Knechte ſich an den feuchten Boden, ſchoben den Mantel umter den Kopf, und ſanken in tiefen Schlaf, und auch die abgejagten Thiere beugten die Knie und gaben ſich der langerſehn⸗ ten Ruhe hin. Einige leichte Karoſſen fuhren jetzt auf, gefüllt mit verwundeten Offizieren; die weißen Binden um Arme und Stirn bezeugten die Bravour, womit ſie unter Braunſchweigs Wällen dem überlegenen Feinde widerſtanden. Ein ungeordneter Heerhaufen ſchwarzer Schützen drängte ſich dann auf den Platz, ſchwenkte auf und ſtellte die Büchſen in Phramiden hin; zwanzigerlei deutſche Zungen hörte man rufen, befehlen, jubeln und mit den Weibern, die in Tragkörben Speiſe und Trank herbeiſchleppten, handeln, und dabei erklang ihr Lied nach einer vriginellen Melodie: 174 Es reiten die Schwarzen, Es ſpringen die Jäger, Folgen dem Herzog durch Tod und Nacht, Der mit uns gewonnen die heiße Schlacht!— Von dieſen Zerrbildern der zerfetzten und beſchmutzten Schützen, die aus allen Nationen zuſammengewürfelt ſchienen, die Flaſche gewandt handhabten, und als ein Schrecken des Bürgers auftraten, wenn ſie auch bei Halberſtadt und Braunſchweig ihr Lorbeerreis gewonnen hatten, erholte ſich das Auge an dem Anblicke der Reiterei, die in ſchöner Ordnung und echt militäriſcher Haltung jetzt heranzog. Vor ihr auf ſchritt ein kleines Corps Fußjäger, die Garde des Herzogs, er ſelbſtequi⸗ pirte Jünglinge, in ſtattlichen Jagdröcken und Federhü⸗ ten, mit dem kleinen Tiroler Stutzer über die Schulter; vor ihnen ritt ihr Führer, ein blondlockiger Junker, der an des unſterblichen Jean Pauls Albano erinnerte, auf einem kleinen falben Rößlein, und Edmunden däuchte dieſes Häuflein die Poeſie des Soldatenlebens in die Wirklichkeit geſtellt. Eine Compagnie ſtattlicher Uhlanen zog an der Spitze der Kavallerie, eine Garde du Corps, würdig eines Guelfenſohns; auf der grünen Uniform mangelte das Gold nicht, luſtig flatterten die gelben Wimpel an den dräuenden Lanzen, und ein ſtattlicher „ Grafenſohn aus einem der edelſten Geſchlechter befehligte ſie. Dann kam der kühne Herzog ſelbſt auf ſeinem Schim⸗ mel, und nur für ihn gab es jetzt Augen in der zahl⸗ loſen Volksmenge. Alles hatte Charakter an ihm und ſprach zur Phantaſie. Die kleine, feſte Geſtalt im ſchwar⸗ zen Polenrock mit dem hellblauen Kragen, durch nichts unterſchieden als den Silberſtern auf der Bruſt, mahnte an Chriſtian, den unerſchütterlichen Wolfenbüttler; die 175 blauen Feueraugen über dem gebräunten Antlitze, dem der lichtbraune Knebelbart ſo wohlſtand, erzählten von der Heldenſeele, die ihre Flamme nährte; tiefes Leid und felſenfeſte Entſchloſſenheit darin ſprach aus jedem Zuge des edlen Geſichts, und die ſeltſam ſchneeweißen, düſter zuſammengezogenen Augenbraunen verkündeten den ſchwe⸗ ren Gram, der durch den Tod des verehrten Vaters, durch den Verluſt der geliebten Herzogin, durch die Ver⸗ bannung aus dem Ahnenhauſe über dieſes große Herz gekommen war, und ſie vielleicht gebleicht hatte vor der Zeit. Der Kern ſeines freien Corps trabte dicht hinter ihm, mehre Schwadronen ſchwarzer Huſaren, eine zer⸗ ſtörende Wetferwolke, über der das Zeichen der Vernich⸗ tung, der wiße Todtenkopf, in hundertfältigen Spiegel⸗ bildern dräueke. In ihrer Mitte fuhr in einer Staatskutſche der gefangene Graf Wellingerode, ſeltſam abſtechend durch ſeine glänzende Uniform und die mit vielen Orden beſchwerte Bruſt, und eine lange Reihe weſtphäliſcher Soldaten, mit weißen Wanderſtäben marſchirend, folg⸗ ten dem Waßen des entwaffneten Führers. Der Herzog ſtieg an der Londonſchenke ab, und ein freundlicher Hauptmann der Huſaren benachrichtigte Edmund, auf ſeine ſchüchterne Anfrage, daß ſie einige Stunden Ruhe halten würden in der Stadt. Freudig eilte Edmund ſo⸗ gleich zurück, und ſuchte das Thor der Neuſtadt zu ge⸗ winnen; doch war das nicht ſo leicht in dem Gewühl des Volks auf den Gaſſen. Die letzte Schwadron der Schwarzen zog gerade ein und ſperrte die Hauptſtraße. Der ſtämmige Hauptmann fragte die nächſten Bürger nach der Garniſon, die noch geſtern hier geweſen. Vor wenig Stunden ausgerückt nach Kaſſel zu! war die Ant⸗ wort. Sollen wir hinterdrein? fragte ein Wachtmeiſter, 176 vorreitend, der dazu den linken durchſchoſſenen Arm in der Binde trug. Laßt die Hallunken! entgegnete der Hauptmann. Was wird bei ihnen zu finden ſein? Doch machts Dir Spaß, meinetwegen!— Freiwillige vor! rief der Wachtmeiſter, und ein halbes Dutzend Huſaren ſchloſſen ſich an den Tollkühnen, und ſie ſprengten, wie auf Windesfittichen zum Kaſſeler Thore hinaus, indeß ihnen Edmund ein ſeliges Ende wünſchte, und die Bür⸗ ger die Raſenden verſpotteten. Hier zogen ſich Schützen mit ſchönen Beutepferden herum; dort zertrümmerten ſie die goldenen Adler an den Zollhäuſern, Wachen und Regierungsgebäuden; das Kleidungsmagazin des Mili⸗ tärs war entdeckt, und die Gegend um daſſelbe ward zum großen Schachermarkte; Mäntel und Strümpfe, Flinten und Säbel, Muſikinſtrumente und Trommeln wurden um Spottpreiſe feil geboten, und dazwiſchen ritt ein benebelter Uhlan umher, dem an jedem Finger eine Uhr hing, die er dem Meiſtbietenden zuſchlug; aber mehr als dieſes faßte Edmunds Theilnahme ein Haufen wil⸗ der Todtenköpfe, die, den Säbel zwiſchen den Zähnen, die Piſtolen in den Händen, von Straße zu Straße, von Haus zu Haus raſeten, und begleitet und geleitet von einem Troſſe unnützer Gaſſenbuben, verſteckte Fran⸗ zoſen aufſuchten, und die Gefundenen nackt ausplünderten und nicht ohne Mißhandlung fortſchleppten. Er erinnerte ſich ſeines Commandanten, und da er glauben mußte, daß die Baucis des treuen Poſtboten unmöglich einer ſolchen Anfrage dieſer Schwarzen Widerſtand leiſten würde, ſo ſcheuete er den kleinen Umweg nicht und holte den Franzoſen von ſeinem Taubenſchlage herab, ver⸗ mummte ihn in die graue Chenille und den Bürgerhut des Hauswirthes, und trieb ihn durch die Erzählung der 177 Plünderſcenen in der Stadt aus dem dunklen Winkel, den er ungern verließ, auf die helle Straße und zum nahen Thore hinaus. Mit Entſetzen ſahen Beide den koloſſalen Leichnam eines holländiſchen Küraſſiers draußen an der Straße liegen; gräßlich geſpalten war der Kopf, die Bruſt durchſtoßen; er war der Einzige geweſen, der mit blanker Waffe dem Feinde eine tapfere Wehr entge⸗ gengetragen, und ſein Name hätte verdient, auf der Gedächtnißtafel des 3. Auguſts 1809 verzeichnet zu wer⸗ den; jedoch Niemand kannte den fremden ritterlichen Mann. Ein ſolcher Anblick konnte die Beſorgniſſe unſe⸗ rer Flüchtlinge nur ſteigern und mehren, und der Fran⸗ zoſe ſchritt, als wäre der Geiſt des Poſtboten durch den Mantel in ihn gefahren, mit großen Botenſchritten durch die Edmunden wohlbekannten Schleichwege der Gärten und in den ſchmalen Furchen der Fruchtfelder hinüber, wo die Holzung ſie barg, und der kleine Spitzthurm von Gottesholz ihnen winkte. Freudig empfing ſie der Polizeiinſpektor, und lobte den jungen Poeten, der heute wie eine ächt poetiſche Fiction überall als Schutzgeiſt agirte, und bat, den verſprochenen Schlupfwinkel anzu⸗ geben, um dort mit Sicherheit den Abzug des wilden Streifcorps abwarten zu können, da ſelbſt in den Hol⸗ zungen vom dankbar forſchenden Prediger die ſchwarzen Mützen mit den blanken Todtenköpfen bemerkt worden waren. Villig brach Edmund ſogleich mit ihnen auf, und nach dem Verſprechen, ſich gänzlich ſeinen Anord⸗ nungen hinzugeben, führte er mit Vorſicht ſeine beiden neuen Gefangenen die Höhe hinauf durch den Schlangen⸗ pfad, den er ſelbſt die letzte Nacht gewandelt, dem hin⸗ tern Ausgange der unterirdiſchen Gemächer des Sah ſteins entgegen. Blumenhagen, VII. 12 178 Hier ſtill gehalten hinter der Hainbuche! befahl Ed⸗ mund jetzt; hier öffnet ſich mein unterirdiſches Reich, der Garten, in welchem meine Zauberroſen wachſen; ich bin der Gnom in dieſem Schacht, und da hinunter müſſen wir.— Da hinunter, mein lieber Mosje? fragte der Com⸗ mandant; das iſt wie ein Grab, aus dem kein Wieder⸗ auferſtehen. Und, rief er ängßtlich, zugleich den Kopf vorbeugend und das Ohr dem Loche näher bringend, vei dem heiligen Namen Gottes! ich täuſche mich nicht, da drunten ſind Leute, ich höre ein Geſums, wie in einem Bienenkorbe, ein Gemurr, wie in einem rebelli⸗ ſchen Stadtviertel. Wahrhaftig, da rief eine Männer⸗ ſtimme. O mein Gott, wo haben wir uns hinführen laſſen, mein Herr Inſpektor? Das ſieht da einer Räu⸗ verhöhle ſo ähnlich, wie dieſer Filzhut dem Helme eines Küraſſiers von Ospare.— Bleibt draußen, wenn ihr fürchtet, antwortete Edmund beleidigt, und theilt das herviſche Schickſal des Holländers, der am Thore lag. Was da unten murrt und brummt, werden Holzfäller aus dem Walde ſein, die in dem Gewölbe ihr mageres Frühſtück verzehren, und vor dem Strichwinde geſchützt Raſtſtunde halten. Ich will zuerſt allein hinab, und die Spelunke reinigen.— Thut das, Willibald, entgegnete der Inſpektor freund⸗ lich, wir erwarten hier Eure Rückkehr, und Ihr, Herr Commandant, vertrauet dem jungen Manne, der Euch nicht hätte auf den Taubenſchlag zu ſetzen und in dieſe Gallauniform zu ſtecken gebraucht, wäre ſein Wunſch geweſen, Euch auf dem kürzeſten Wege dem Schlacht⸗ meſſer der Schwarzen hinzuliefern.— Edmund drückte dem Vertrauenden die Hand, und ſtieg dann vorſichtig 14 und leiſe in die Schlucht hinab; denn er wollte nicht zu früh bemerkt ſein; darum ſtimmte er ſeine Romanze: Treulieb iſt nimmer weit! erſt dann an, als er die Krümmung des Ganges erreicht hatte, wo die Wendel⸗ treppe des Thurmes nahe war, und die Luftlöcher und Schießſcharten Dämmerlicht in die unterirdiſchen Räume ſandten. Doch kaum hallte ſeine klingende Stimme von den Gewölben wieder, ſo ſprang dem Ueberraſchten ſein kleines Malchen entgegen und warf ſich mit dem Freu⸗ dengeſchrei: Der Vater iſt da! der beſte Vater Edmund kommt! an ſeine Knie, ihn feſt umklammernd. Der alte Konrad folgte der Kleinen, mit dem ſchwarzköpfigen William an der Hand, nach ihm drängten ſich alle die Aechter heran, und Holdine ſtürzte aus ihrer Mitte her⸗ vor, und mit dem Ausruf: Er iſt es! Er lebt! O mein Edmund! fiel ſie halb ohnmächtig in ſeine Arme.— Wir müſſen in dieſem Augenblick die niedliche, ſchlanke Frau eine Weile an der Bruſt des Geliebten liegen laſſen, welches unſer Held ſo wenig übel nehmen wird, wie es uns ſelbſt unangenehm ſein würde. Es iſt unſere Pflicht, die geehrten Leſer etwas in unſerer Geſchichte zurückzu⸗ führen, um ihnen die Räthſel dieſer unerwarteten Be⸗ gegnung zu enträthſeln. 9 Die arme Holdine hatte noch eine ſchlimmere Nacht durchwacht, als ihr eingeſperrter Gatte. Je mehr ſie an ein ſtilles, einförmiges Leben gewöhnt war, je tiefer und widerwärtiger empfand ſie die Stacheln der Unruhe, welche ſeit einer Woche ihr ganzes einfaches Hausweſen beherrſchte. Edmund hatte bis da im Kreiſe ſeines Hau⸗ ſes, bei ihr und ſeinem Kinde, in ſeinen Dichtungen, die 180 nur Wiederklang und Wiederſchein ſeines eigenen Glücks waren, alle ſeine Wünſche befriedigt gefunden. Beglückt durch die Gattin, ihren Werth recht voll erkennend, hatte er den kleinen Launen ihrer Weiblichkeit faſt ge⸗ huldigt, wie hebende Schattenzüge am lieblichen Bilde, auch ſie liebend mit dem Gemälde; ſie war ſich bewußt, Königin ihres Hauſes geweſen zu ſein, und ſelbſt die Weiche in Edmunds Gemüth, die faſt den Schein von Unmännlichkeit an ſich trug, hatte ihn nicht in ihren Augen herabgeſetzt, obgleich ſonſt ſo oft rohe Verwegen⸗ heit, wilder Trotz, ungebändigter Sinn bei dem zarte⸗ ſten Weibe leichtere Siege erringt, als treue Milde und ſchweigende, fromme Anbetung. Holdine war umſichtig genug, und pries ſich glücklich, in der ſturmbewegten Zeit keinen Mann gefunden zu haben, den der Strudel der Zeit zu ehrgeizigen Unternehmungen und kecken Waf⸗ fenthaten fortriß. Wie Kinder hatten ſie mit einander geſpielt; jetzt trat der Ernſt zwiſchen ſie. Durch das Erſcheinen der Brüder wurde plötzlich dieſes Stillleben zerriſſen, in ihre arkadiſchen Träume traten die Schre⸗ ckensgeſtalten der Welt, ſie ſah ihr ganzes Glück bedroht an ſeiner Wurzel, und ſchon welkten die Blütenzweige über ihrem Haupte. Schon war verſchwenderiſch man⸗ ches mühſam Erſparte in die Schlünde des Hallerſteins gewandert. Edmunds Arbeitstiſch, das Erntefeld für ſie, lag brach wie der unbeſtellte Acker; er ſelbſt hatte ſich in gefährliche Geheimniſſe verwickelt; er war aushäuſig geworden, und häufiger als ſonſt in einem Jahre waren ſeine langen Beſuche in der Stadt geworden; Gendar⸗ men hatten ihr Friedensaſyl betreten und ihre Zimmer durchſucht; mit denen, welche dieſe rauhen Männer ver⸗ folgten, war der Geliebte ihres Herzens geflohen, und 181 nun gar blieb er eine ganze Nacht vom Hauſe, ein un⸗ geheures Ereigniß in ihrem Eheleben, das noch nie ge⸗ ſchehen. Und warum das Alles? Zweier Brüder wegen, die früher ſich kaum um ſie bekümmert, die den guten Edmund faſt verächtlich behandelt hatten. Sie ärgerte ſich ihres erſten Triumphs bei der Rettung des Oberſten, Thränen ohne Zahl entrannen ihrem ſchönen Augenpaar, als ſie ſaß am kleinen Gitterbett des ſüßſchlummernden Kindes, und auf jedes Rauſchen im Gipfel der Kaſtanie horchte, auf jedes Gemurr des Hofhundes, auf jedes Ge⸗ knarr der Thür, dem kein freudebringender Eintritt des heißerſehnten Gatten folgte. Unter Weinen, unter heißen Gebeten für Edmunds Wohl, unter lauten Klagemono⸗ logen zog die langſame Nacht, wie ein verſchleiertes Ungethüm, das unter der ſchwarzen Hülle das Entſetz⸗ lichſte, Tod und Mord und Raub und Gottesläſterung, birgt, über die Erde hin, und der erſte Strahl der roſen⸗ fingrigen Aurora fand die blaſſe Frau oben im kleinen Erkerfenſter des Hauſes, nach allen Seiten ſpähend, ob nirgends eine Spur von dem Lieblinge ſich finden ließe. Oede und ſtill lag Heide und Flur unter ihr, nichts ſah ſie, was ſie ſuchte, aber verwundrungsvoll bemerkte ſie, wie mehre Gendarmen, unter denen ſie Einen der Schreckensmänner, die geſtern ihr Haus durchſuchten, zu erkennen glaubte, flüchtig die Straße hinaufjagten, und mehre Reiter in franzöſiſcher Uniform ſpäterhin mit gleicher Eile ihnen folgten. Trotzig, wie geſtern, war weder das Geſicht noch die Haltung dieſer Ehrenmänner, aber ihre Unruhe, ihre Verzagtheit wurde dadurch um nichts gemindert. Endlich kam auch Lebendigkeit in die fleißigen Dörfler; das blökende Vieh trieb man zur Weide, die ſchweren Erntewagen raſſelten in das reiche 182 Kornfeld hinaus, und Holdine beſchloß, nicht länger zu zögern, und der einzigen Seele, welcher ſie vertrauen durfte, ihren Kummer an das Herz zu legen. Sie weckte ihre Kleine, kleidete eilig die Schlaftrunkene an, und ging mit hochklopfender Bruſt dem nachbarlichen Hauſe zu. Miſtreß Flower hörte kaum den Namen der Madame Edmund, wie ihr ehrlicher Wirth ſie meldete, ſo warf ſie ſich in die Kleider, und kam der Freundin entgegen. Glückliche Frau, welche ſeit Jahren zum er⸗ ſten Male dieſen Gram kennen lernt! ſprach die Eng⸗ länderin, als ihr Holdine von der Abweſenheit ihres Gatten erzählte. Eine Geſellſchaft in der Stadt wird ihn gefeſſelt haben, bis es zu ſpät war, das geſchloſſene Thor zu paſſiren.— Nein! Nein! rief Holdine. In keiner Geſellſchaft hätte er mich und ſein Malchen ver⸗ geſſen; wenigſtens hätte er den Boten hinausgeſchickt. O nein, das iſt ganz etwas Anderes, etwas Fürchter⸗ liches! ſetzte ſie heftiger hinzu, als ſie das ungläubige Lächeln der Miſtreß bemerkte. Der Bauernkrieg, die Rebellion im Lande! Er iſt gefangen vielleicht, vielleicht ſchon ermordet!— Miſtreß Flower leitete die ſchwache Freundin zum Sopha. Wie käme Herr Edmund, der ſtille Dichter, in ſolche Verwickelungen! entgegnete ſie beruhigend. Der Aufruhr im Heſſenlande war weit von hier und iſt längſt zerſprengt; znd, verzeihen Sie mir, eher kann ich mir den Sturz der Sterne zur Erde den⸗ ken, als Ihren Gatten an der Spitze bewaffneter, blut⸗ dürſtender Rebellen.— Ach, das iſt es ja eben! lallte Holdine in ihrem Jammer. Der Aufruhr iſt zerſprengt, Alle ſind geflüchtet, auch Edmunds Brüder; er hat ſie gerettet, verborgen, und iſt jetzt wahrſcheinlich mit ihnen in die Hände der Henker gefallen.— Herr Edmund hat 183 Brüder? fragte erſtaunt die Engländerin. So brave, vielgeltende Brüder, Anführer deutſcher Inſurgenten* Und er wagte ihre Rettung? Liebe Holdine, jeder Er⸗ denſohn kann in ſeinem Berufe ſchaffen und nützen; ich ſchätze auch den friedlichen Schriftſteller, und die Feder that in meinem Vaterlande oft Größeres als Welling⸗ tons Degen und RNelſons Admiralſchiff; aber von heute an achte ich Ihren Gemahl doppelt, denn gerade einem Manne, wie ihn die Natur ſchuf, iſt ſolches Wageſtück zwiefach anzurechnen. O erzählen Sie Alles, der Eng⸗ länderin dürfen Sie anvertrauen, was ſelbſt in deutſcher Bruſt unſicher ſchlummern möchte.— Holdinens Lage war der Art, daß ſie nicht zu zaudern vermochte, daß ſie Alles vergaß, und allein in gänzlicher Aufdeckung ihrer Herzensgeheimniſſe“ Erleichterung zu finden hoffte. Umſtändlich berichtete ſie die Geſchichte der letzten Woche, des Oberſten Ankunft, ſein Aſol im alten Hallerſteine, Edmunds Habakuks⸗Märſche, und mit immer ſteigen⸗ derm Intereſſe hörte die Tochter Albions zu. Als aber jetzt die arme Frau an die Schreckenſcene des geſtrigen Abends kam, als ſie den Kriegsrath Willibald nannte, da wandelte ſich mit einem Male das ernſte Geſicht der Miſtreß, und eine ſo ſeltſame Bewegung kam in alle ihre Züge, daß Holdine einhielt und ſie fragend anblickte. Und Willibald heißen die Brüder Edmunds? fragte die Engländerin mit blitzenden Augen. Und der Oberſt, der im Hallerſteine ſaß, iſt auch der Brüder einer, iſt der Oberſt Willibald von den Küraſſieren? Und der iſt ein Anführer des Aufſtandes gegen das Frankenvolk? Der hat den Degen gezogen gegen den Corſenkönig, hat ſein Leben an die Freiheit ſeines Volkes geſetzt? Und dieſen hat Ihr Edmund gerettet, gefüttert mit eigener 184 Hand? O Holdine, Ihr Edmund iſt ein Engel, ein Gott, und wir müſſen ſogleich fort nach dem alten Schloſſe!— Holdine konnte kaum Worte finden, ſolches Erſtau⸗ nen erweckte ihr die Verwandlung der Miſtreß Flower! Das ſittige, faſt für ein Weib zu ernſte Weſen der Dame war völlig verſchwunden, die großen blauen Au⸗ gen glüheten wunderſam; die feinen, ſonſt ſo unbeweg⸗ lich ruhenden Augenbraunen zogen ſich auf und nieder, den Seelenſturm hinter der blendend weißen Glanzſtirn andeutend; die volle, dichtverhüllte Bruſt wogte ſpren⸗ gend unter dem Morgenkleide, und ihr abgemeſſener Gang wurde ein flüchtiges Springen durch die Zimmer, wie ſie ihren William vom Lager nahm, mit hellem Lachen ausgelaſſener Freude, bei dem er etwas weit ge⸗ ſpaltene, feinlippige Mund die ſchönſten Zahnreihen zeigte, ihm engliſche Worte zurief, und ſeine Kleiderchen zu⸗ ſammentrug. Aber wir zwei Frauen ſollen allein in die finſtere Ruine dringen, durch die Dickichte uns wagen, wo Raubgeſindel oder gar auflauerndes Kriegsvolk uns be⸗ drohen kann? fragte Holdine endlich.— Ich beſchütze uns, rief die Miſtreß, indem ſie ihr Reitkleid überwarf; Dolch und Terzerol führe ich wie ein Mann. Mich ruft des Schickſals Stimme, ich muß dieſe Geächteten ſehen, und Ihr Edmund kann nirgend ſein, als bei ſeinen edeln, verfolgten Brüdern.— Die Erwähnung des geliebten Mannes trug auch ein Fünkchen des Muths aus dem hohen Buſen der Inſel⸗ tochter in das zaghaftere Herz der deutſchen Frau, und bald brachen ſie auf, jede mit ihrem Kinde auf dem Arme, durchwanderten die rothblühende Heide, nicht 185 achtend auf die Bitten der Kleinen, ſich ein Kränzchen pflücken zu dürfen, und ſtanden nach einer Viertel⸗ ſtunde erhitzt und ſchwer athmend mitten in den alten grauen Mauern vor dem Eingangsſchlunde, den Holdine kannte.— Da hinein? fragte Miſtreß Flower, die weiße feine Hand auf das klopfende Herz preſſend. In ſolcher Räu⸗ berhöhle mußten die edelſten Männer ihr Haupt bergen, um es nicht zum Schaffot zu tragen? O ſie muß kom⸗ men die Stunde der Vergeltung, grauſend, zerſchmet⸗ ternd muß ſie bald kommen für dieſes Volk, für dieſe Millionen Würger der Welt!— Wir müſſen uns mel⸗ den, fiel Holdine ein, ſo ſagte Edmund. Seine Lieb⸗ lingsromanze werde ich ſingen; er erkennt gewiß ſogleich meine Stimme.— Sie begann das Lied vom Treulieb; aber die ſchwer athmende Bruſt hatte keine Stimme, und die zitternden Lippen gaben nur halbe Worte. Laßt mich machen! die Freunde Englands will ich beſſer her⸗ vorlocken aus ihrem Gräbe! rief die Miſtreß, und mit helltönender Stimme ſang ſie das engliſche Siegeslied, daß es wiederklang von dem hohen Mauerwerke, und ſtand dabei in gehobener Geſtalt, den kleinen William an der Hand, wie eine Spartanerin, die ihren Sohn am Altare der Freiheit zu Waffenthaten einweiht. Das engliſche Volkslied blieb nicht ohne Wirkung, denn alſo⸗ bald erſchien der Kopf des alten Konrads in der Oeff⸗ nung, doch ehe er noch ſein Erſtaunen über die Anwe⸗ ſenheit ſo ſchöner Geſellſchaft an den Tag legen konnte, ward er von einer unſichtbaren Hand zurückgeriſſen, und die Geſtalt des Oberſten erſchien und ſchwang ſich mit Blitzesſchnelle herauf an das Tageslicht. Es iſt ihre Stimme! rief der hohe Mann. Fanny, Du biſt es, Du 186 kommſt, das Unglück mit dem Manne Deines Herzens zu theilen, deſſen Glück mitzugenießen Du verſchmähteſt? — Miſtreß Flower ſtürzte ſich in ſeine Arme. Nicht alſo! ſprach ſie. Unglücklich wareſt Du in Deingr Ver⸗ irrung zum ſchändenden Sklavendienſte; jetzt biſt Du glücklich in Freiheit und Hochherzigkeit und S und in dieſem Glücke iſt Fanny wieder Dein, und bringt Dir Liebe und Treue, wie am Tage des heiligen Bun⸗ des, und iſt entſchloſſen, mit Dir zu gehen die Bahn der Gefahr, und wenn ſie mit ihrem William Dich ge leiten müßte in den Tod, wie ſie einſt ihren Vater zur Guillotine geleitete.— Mein William? Wo iſt er? rief Oberſt Adolph, und mit heißem Vatergefühl hob er den derben Buben empor, und preßte ihn innig an die breite Bruſt. Auch Deiner dachte ich, als ich das Schwert zog! rief er erglühend. Auch Dir wollte ich eine freie Heimath erkämpfen, doch Gott hat es nicht gewollt; Er muß wiſſen, wann es an der rechten Zeit iſt!— Auch Holdine drängte ſich jetzt hinzu, ihre Freud über die überraſchende Entdeckung an den Tag legend; doch der alte Konrad unterbrach den immer lebendiger werdenden Zwieſprach, und nöthigte höflich die Damen herab in den unterirdiſchen Gnomenpalaſt, da es die ganze Nacht hindurch hier oben gar unheimlich geſpukt habe, und Gefahr bei dreiſter Fortſetzung der lebhaften Unterhaltung Statt haben dürfte. Die Frauen nebſt den furchtſamen Kindern, wurden glücklich in die Unterwelt des Hallerſteins herabgeleitet, wobei der Oberſt zärtlich wie ein Orpheus ſeine Euridice mehr trug als führte; aber als nun der Kriegsrath und der Graf auch herbei⸗ gekommen, und vergebens Holdine nach ihrem Edmund —————— ,———— 187 ſich umſah, endlich ihre Sorge in Worten ausſprach, da wurden Alle beſtürzt, und Holdine ſank verzweifelnd auf den Steinſitz der Halle und machte die Freundin und die Schwäger durch finnverwirrte Reden um ihre Geſundheit beſorgt. Mit Mühe gelang es dem Bruder Hermann, der die fließendſte Suada von Allen beſaß, ſie durch die Meinung in etwas zu beruhigen, daß Edmund zur Stadt gegangen ſein möchte, etwas Günſtiges für die Geäch⸗ tezen auszuſpioniren, und daß vielleicht gar Bedeutendes ſich ereignet habe und ihn feſthielte. So wenig der Kriegsrath an ſeine Meinung glaubte, ſo ſchien Holdine doch Troſt darin zu finden, und ihr Jammer wurde ſtil⸗ ler und wehmüthiger, und da auch der Oberſt und ſeine Fanny, auf der Wendeltreppe des Thurms ſitzend, Ver⸗ gangenheit und Zukunft genügend beſprochen hatten, ſo wollten die Frauen eben wieder zum Rückmarſch ſich rüſten, und in der Stadt die Forſchung nach dem lieben Edmund ungeſäumt beginnen, als des Vermißten heiter erklingender Geſang durch die Gewölbe ſchallte, er ſelbſt wohlgemuth wie eine Himmelserſcheinung aus der Nacht hervortrat, und ſeine Stimme wie ein Zauberton Alle aus den verſchiedenartigſten Gruppen zu einer Bewegung höchſter Freude und zu einem Ausrufe des Entzückens vereinigte. Holdine lag an ſeiner Bruſt, und mit der ſchmerz⸗ lichen Liebesglut, die das Entbehren im jungen Herzen anfacht, preßte er ſie an ſich, als wollte er ſie nimmer laſſen aus ſeinen Armen. Des Oberſten Frage: Wo warſt Du? Was gab es? erinnerte ihn an das Drän⸗ gen der Gegenwart. Wo ich war? fragte er erwachend zurück, und ſtrich ſich die umlockte Stirn, als wollte er die Gedanken darunter hervorlocken. Ja ſo! Ich galt 188 ja dieſe Nacht für den Bruder Kriegsrath dort. Ein Gefangener war ich, auf dem Holzbett der Wachtſtube ſchlief ich; an dem Schweife eines Pferdes ſollte ich nach Kaſſel reiſen, oder zuſammengehauen werden von ihren Säbeln.— Laut auf ſchrie Holdine und bedeckte ihr Ge⸗ ſicht mit beiden Händen, als wolle ſie einem gräßlichen Bilde den Eingang in ihre Augenſterne verſagen. Der Kriegsrath aber faßte ihn feſt an beiden Schultern, und Auge an Auge mit Rührung heftend, rief er: Für mich litteſt Du? und enthüllteſt den Irrthum nicht? Doch wie löſeteſt Du Dich aus dieſen Natternſchlingen, die nimmer loslaſſen, was ſie einmal umketteten?— Gott that's! antwortete Edmund, feierlich die Hand zur Decke erhebend. Er findet den Unglücklichen auch im Schlunde des Todes, und ruft ihn zum neuen Leben. Wir Alle ſind frei und der Sorge los durch ihn, den Allmächtigen. Der Herzog Oels iſt in der Stadt, der Sieger von Braunſchweig löſet eure Bande; aber in einer Stunde zieht er weiter, darum hinaus, darum hin zu ihm ohne Zögern, und Alles mitgeſchleppt von hier, was euren Aufenthalt verrathen könnte.— Der Herzog? riefen Alle jubelnd nach, und Konrad ſchrie ein donnerndes Vivat! und ließ die Kinder hoch auf in ſeinen Armen tanzen. Die Frauen wollten fragen, aber Edmund vertröſtete ſie bis zu Hauſe. Konrads Rücken verwandelte ſich in den Packſattel eines Maulthiers; Jeder griff zu, ſelbſt die Kinder beluden ſich mit Kleinigkeiten, und in wenigen Minuten war die Halle geleert, und gleich einer arabi⸗ ſchen Beduinenhorde zog die Geſellſchaft hinaus an das ſchöne Tageslicht. Nur Holdinens Freude blieb nicht ungetrübt; denn da Alle draußen waren, kehrte Edmund zurück, und bat, ſeiner auf der Heide zu warten. Gott 189 iſt gütig! antwortete er der ängſtlich Fragenden. Er ſelbſt ſchickte mir das Mittel, jede böſe Folge dieſer Geſchichte von unſern Häuptern abzulenken. Geh ver⸗ trauend hinunter, Holdine, nimmer trennt uns wieder eine Nacht; dieſes iſt mein letztes politiſches Geſchäft, dann wird Dein Edmund wieder der ſtille Poet, deſſen Haus ſeine Welt iſt, und das alte Glück kommt uns dann wieder, geziert durch Kränze und den Blütenſchmuck der Erinnerung. Er trieb ſie hinaus und kehrte dann in die dunkeln Gewölbe, vorſichtig jetzt die beiden neuen Eremiten, die politiſche Antipoden ihrer Vorgänger waren, einzuführen, ſelbſt lächelnd über die wunderſamen Spiele des Zufalls. Ohne Befinnen folgte ihm der Inſpektor; vorſichtig mit ſcharfen Blicken Alles muſternd, als führe er ein verlornes Piquet durch ein coupirtes Defilé, ging der Franzoſe hinterdrein. Eine wahre Mordgrube, ſtöhnte er dabei, ein Regiment Banditen könnte darin Quartier finden. Und Euch war dieſes Cachot unbekannt? Mon⸗ ſieur Inſpekteur, man ſieht, Ihr ſeid ein Deutſcher.— Und in Deutſchland war die Banditenzunft nie im Flor, oder gar eingebürgert, antwortete der Angeredete, ob⸗ gleich auch er mit ſichtlichem Staunen die weiten Räume durchſchritt und mit feſtgehaltenen Blicken Edmund anſah, da in der Halle die Feldläger von Zweigen und Laub⸗ werk durch einige einfallende Tagesſtrahlen ſichtbar wur⸗ den. Hier ſcheinen wahrlich noch ſo eben Menſchen Quartier gehabt zu haben, ſetzte er hinzu. Was ihn vorgeſtern noch in Verlegenheit geſetzt haben würde, beunruhigte Edmund jetzt kaum noch, ſo hatten die Ereigniſſe, die ihn zu feſtem Handeln zwangen, ſei⸗ nen Muth und ſeine Männlichkeit ſchnell entwickelt; 190 überdem lag ja das Spiel ganz zu ſeinem Vortheile. Macht's euch bequem, ihr Herren! ſprach er lächelnd. Dieſes iſt mein Sommerpalais, von dem ich mit eben ſo vielem Rechte Beſitzer bin, als Spaniens Philipp Herr von Mexiko wurde; ich vertrieb keinen Bewohner, als Fledermaus und Eule, und meine Eroberung ward nicht mit Blute gewonnen. Wir Poeten lieben das Ab⸗ ſonderliche, lieben Ruinen, Klöſter, Geſpenſter, Kobolte, das mag meinen Geſchmack entſchuldigen, und es läßt ſich hier in kühler Dämmerung wahrlich eine ſüße Sieſte halten. Verſuchen auch Sie ein Schläfchen, meine Her⸗ ren! Daß Niemand ihre Ruhe ſtören kann, verbürge ich; der Herzog marſchirt Mittags weiter, und alsdann erlöſet Sie mein Ruf ohne Aufſchub.— So verließ er die neuen Gefangenen im Hallerſteine, und beflügelte ſeine Schritte, die Geliebten aus der letzten Beſorgniß um ihn zu löſen. 10. Der große Rath, welcher in Holdinens Zimmer ge⸗ halten wurde, während die drei Herren ihre Kleidung ſäubern ließen, dauerte nicht lange, denn alle Beſitzer waren einſtimmig. Fanny hatte ſich längſt entſchloſſen, den durch die Entbehrung ihr doppelt theuer gewordenen Gatten, der durch ſein öffentliches Auftreten für die ge⸗ rechte Sache ſich vor der Welt und bei der Gattin ge⸗ rechtfertigt hatte, nie mehr zu verlaſſen, und ſie bat ihre Freundin, ihr behülflich zu ſein, alle Effekten zu ſchleu⸗ nigſter Abreiſe mit ihr einzupacken. Die Männer gin⸗ gen vereint der Stadt zu, dem Herzoge ſich darzuſtellen. Dieſelbe Lebendigkeit, welche Edmund in den Gaſſen ver⸗ laſſen, fand er wieder und weit höher geſteigert. Es Kamerad! antwortete der Oberſt. Wir ſind Freunde 191 ſchien ein großer Sonntag zu ſein; zu einem allgemei⸗ nen Volksfeſt waren Niedere und Hohe auf den Plätzen verſammelt; Jubelruf ohne Ende ſtiegen zum Himmel auf; alle Werkſtätten ſtanden leer, und die Menſchen dräng⸗ ten ſich ſo wildbewegt, als wollten ſie die Stadt gera⸗ desweges zum Thore hinaus tragen. Doch des Oberſten Uniform erweckte bald die Aufmerkſamkeit der aufgereg⸗ ten Bürger, und wenn auch ſein kriegeriſcher Anſtand, die Kühnheit, mit der er ſich mitten durch die Haufen preßte, die Gebildeteren im Zaume hielt, ſo wurde doch im Pöbel manche Hohnſtimme laut und er mußte ſich einige Male durch den Ruf: Es lebe König Georg, es lebe der Herzog Oels! Luft verſchaffen. Aber der ſelt⸗ ſamſte Aufzug hemmte auf der Hauptſtraße ihren Gang. Ein ganzes Bataillon des achten Regiments zog Paar vei Paar zum Thore ein, friſchgeſchnittene Stäbe in den Händen; vor ihnen auf ritt der bleſſirte Korporal, zur Seite das halbe Dutzend der Todtenköpfe, und Flinten und Säbel wurden auf Wagen hinterdrein gefahren, und dazu ſangen die Weſtphalen unisono Schillers Räu⸗ berlied: Ein freies Leben führen wir!— Bei dem erſten Erblicken der Huſaren hatten ſich die Offiziere davon gemacht, die öſterreichiſche Armee im Anzuge glaubend, und die Gemeinen, welche ungern dienten, waren durch die Ausſicht auf Entlaſſung zu den Fleiſchtöpfen ihrer Mütter, bewogen worden, ſich ohne Flintenſchuß den ſechs Schwarzen zu ergeben.— Memmen! murrte der Oberſt in den Bart; aber einer der Huſaren nahm ihn ſogleich in Anſpruch, ließ ſeinen Säbel ein paar Male durch die Lüfte pfeifen, und rief mit heißerer Raben⸗ ſtimme: Ergebt Euch zum Gefangenen!— Mit nichten, 192 und Bündner des tapfern Herzogs, und Du kannſt Dir ein blankes Trinkgeld verdienen, führſt Du uns ſofort zu Deinem General. Der Huſar wurde auf der Stelle anderes Sinnes; er ſalutirte mit ſeiner Klinge und machte mit ſeinem Pferdchen ihnen Platz bis zu der Schenke, die ein zahlloſer Menſchenhaufen umlagert hielt. Durch die mit Neugierigen beſetzten Gänge und Treppen wurden ſie hinaufgeführt. Des Herzogs Zimmer ſtand offen, und als Edmund ſcheu an der Thür verweilte, ſah er, wie des Herzogs Geſicht einen weit frohern und freiern Aus⸗ druck trug, als bei ſeinem Einzuge. Der heldenmüthige Fürſt las einen Brief, und der heraustretende Uhlanen⸗ offizier flüſterte einem kommenden Huſarenhauptmann dicht neben Edmunden zu: Es iſt Alles gut! die engliſchen Schiffe find da und liegen bereit. Augenblicklich ſoll aufgebrochen werden. Laßt die Trompeter blaſen, daß die Burſchen ſich ſammeln. Edmund ſchauete jetzt noch, wie ſeine Brüder und der Graf dem unerſchrockenen Heerführer vorgeſtellt wurden, wie er mit unverkennbarer Freude ſie empfing, ihnen warm und deutſchkräftig die Hände ſchüttelte, und mit einem innern ſüßen Gefühle zog er ſich zurück, und ver⸗ ließ die Schenke und die Stadt. Seine Rolle war aus⸗ geſpielt, aber er trug das Bewußtſein im Herzen, jede Pflicht getren erfüllt und ſeine Lieben zum Port als gu⸗ ter Steuermann geleitet zu haben.—— Der Aufbruch der Braunſchweiger erfolgte bald, und Nachmittags ritt der Oberſt und der Graf Sch... durch gekaufte Beutepferde wohl equipirt vei Edmunds Häus⸗ chen vor, wo er und Holdine mit der Miſtreß unter der Kaſtanie ſaßen, und die Weiberchen von Avſchiedsthränen benetzt mit einander koſeten. 193 Der Reiſewagen des Kriegsraths, der ſich unange⸗ taſtet in der Gendarmeriekaſerne wiedergefunden, rollte nach, um die Frau Oberſtin und den kleinen William aufzunehmen. Ziehen Sie mit uns, Herr Willibald, ſprach der Graf zu unſerm Poeten, nachdem er ſeinen Dank herzlich aus⸗ geſprochen, und die Brüder ſich lange umhalſet hatten; brechen Sie auf mit Weib und Kind, mit Sack und Pack, ein Fuhrwerk findet ſich ſchnell; ziehen Sie mit hinüber in Shakſpeare's herrliches Heimathland. Was wollen Sie hier fortleben ein gedrücktes, ängſtliches Daſein unter Häſchern und Schergen? Ihr Kopf, Ihre Hand ſind zu etwas Beſſerem geboren, als den Damen an der Toilette und den Müßiggängern in der Tabaksſchenke die Langweile zu vertreiben.— Ja, entſchließe Dich, griff der Oberſt feurig das Wort auf, nimm den Degen und ſicht an meiner Seite. Ich will Dich ſchon zum wackern Soldaten umſchaffen, und der Muth hat allen Willibalds nicht gefehlt, und iſt das Erbtheil von der mütterlichen Ritterbank geweſen. Gehts hart daran, ſoll mein Schwert Dich ſchirmen, und ſo werde ich quitt machen dürfen, was Du ſo brüderlich an mir übteſt.— Mit Aenſtlichkeit hing Holdinens Auge an Edmunds Lippen, und ſie hätte ihm gern die Antwort diktirt. Laßt mich immer hier! was ich für euch that, dazu trieb mich der Inſtinkt, der im Menſchen wohnt, wie im Biber und in der Ameiſe, entgegnete der junge Mann. Ehret mich auch Eure Meinung, ſo fühle ich doch zu gut, daß das Schwert nicht für meine Hand geſchmiedet ward. Jeder blutige Leichenhaufe würde mir Thränen und Jammerworte entlocken; ich würde die Kameraden Blumenhagen. VII. 13 194 entmuthigen, dem verwundeten, einzelnen Feinde würde ich beiſpringen und darüber die Ordre verſäumen, in ein Carree einzuhauen, und einer losdonnernden Batterie gegenüber würdet ihr riskiren, mich ein plötzliches Rechts⸗ um commandiren zu ſehen. Nein, jede Kreatur hat ihren Platz in der Welt. Der Löwe und das Lamm bekam die eigne Weide. Zieht hinaus, kommt zurück mit Englands tapferem Heere, befreit Deutſchland, die Welt, und als ein zweiter Tyrtäus will ich eure Siege beſingen, daß die Nachwelt eure Großthaten hört und anſtaunt, und ich vielleicht meine Unſterblichkeit durch die eurige mir erſchleiche. Aber bis dahin laßt mir mein ſtill genügſa⸗ mes Leben, fern von der Welt, aber auch ſicher vor ihren Schreckniſſen.— Aber ſind Sie auch ſicher? fragte beſorgt der Graf. Wird kein Verräther anmelden, was Sie thaten für uns. Werden die Nachwehen dieſes kecken Kriegszuges Sie nicht treffen, wie gewiß ſo Manchen, der ſich unbeſonnen der Eintagsfreude und dem ephemeren Freiheitswunſche hingab?— Bleiben Sie unbeſorgt, verſetzte Edmund lächelnd, ich habe heimliche Bürgen für meine Sicherheit, für meine künftige Wohlfahrt; ein Versmacher iſt zu arm⸗ ſelig in den Augen der Zöglinge Napoleons, eine Mücke am Zahne des Elephanten, tanzend mit dem Sonnen⸗ ſtäubchen, und kaum mehr als ſie.— Und ſo wird mir der 3. Auguſt immer ein Feſttag bleiben dürfen. Man vrach auf und beredete nicht länger. Herzlich und betrübt war der Abſchied auf lange Zeit und in ſolch gefahrvollen Verhältniſſen; doch ermuthigte Alle der junge Graf, der wie ein Prophet Deutſchlands Wiedergeburt und das Morgenroth der Völkerfreiheit ———— ——— 195 in feurigen Tiraden von ſeinem Roſſe herab nahe ver⸗ kündete.— Bald wiederkommen, William! rief Malchen auf Hol⸗ dinens Armen, und lange ſtanden Holdine und Edmund an der Straße, und ſahen der Staubwolke nach, die durch Reiter und Wagen erſchaffen wurde. Als ſie lang⸗ ſam und ſtumm zu ihrer Kaſtanie kehrten, fand ſich im Strickkörbchen Holdinens eine ſchwere Börſe; nach Ed⸗ munds Vermuthen war ſie von dem Grafen hineingeſteckt, denn als er abgeſtiegen, hatte er ſich unter den Umhal⸗ ſungen der Uebrigen mit dem kleinen, überſehenen Malchen an dem Steintiſche unter dem alte Baume beſchäftigt. Er ſollte mir den Liebesdienſt doch nicht ſo irdiſch bezahlt haben! murrte Edmund. Aber das ſind die Götter der Erde, mit einem Häuflein blanken Metalls glauben ſie Alles kaufen und vergelten zu können.— Holdine vertheidigte den Grafen. Sicher meinte er das nicht, wie Du es ihm auslegſt. Und iſt es für uns denn nichts Großes, einen ſolchen Sparpfennig im Hauſe zu haben? Er wußte, was uns Noth that, und der edle junge Herr hat gewiß nicht damit gemeint, Deine Nacht in der Wachtſtube und meine Thränen um Dich zu bezahlen, dazu ſah er zu nobel, zu fromm und zu freundlich aus. Holdinchen, erwiderte Edmund drohend, er hat doch Dein Herz nicht gleich einem Raubritter mitgeführt auf ſeinem Sattel?— Zärtlich fiel ſie ihm um den Hals, und lange ſchwatzten ſie, unter der Kaſtanie ausruhend, von den Verwirrungen und Bedrängniſſen dieſes Tages, bis die ſinkende Sonne Edmunden mahnte, auch ſeine letzten beiden Gäſte aus den Grüften des Hallerſteins zur Freiheit zu rufen.—— Des Herzogs fernere Schickſale ſind weltbekannt. Er 196 folgte mit ſeinen Braven dem Laufe der Weſer und machte eine Demonſtration auf Bremen, um die ihn ver⸗ ſolgenden Diviſionen der Generale Reubel und Gratien zu täuſchen. Dann marſchirte er durch Oldenburg, ſetzte über die Hunte, und ſchiffte bei Elsfleth ſich mit ſeiner Mannſchaft ein, indeß die zur Deckung beorderten Hu⸗ ſaren ſich noch bei Hachting mit Reubels Avantgarde herumſchlugen. Die Willibalde landeten glücklich mit dem edlen Guelphenſohne unter luſtig im Winde ſpie⸗ lender engliſcher Flagge auf Helgoland, und bald ſah Miſtreß Fanny ihre vaterländiſchen Küſten wieder.—— In das kleine Haus mit dem großen Kaſtanienbaume vor Reiherhorſt zog das alte Leben wieder ein; der junge Mann ſaß wieder wie ſonſt vor ſeinem Schreibpulte, ne⸗ ben ihm am RNähetiſch die ſchlanke Frau, und Malchen ſpielte munter mit Puppen und Miniaturkochgeſchirr. Zu⸗ friedenheit und Seelenruhe ſprach ſich auf den Geſichtern aus; nur vermißte recht oft Holdine die Freundin, und Malchen fragte oft auf den Spaziergängen: Warum der unartige William gar nicht wiederkäme?— Ueber die Gäſte des Hallerſteins ward nichts zu Edmunds Nach⸗ theile kund; aber der Commandant und der Inſpektor berichteten die Dienſte, die Edmund Treulieb, ſo nann⸗ ten die Vorſichtigen und Erfahrenen den Retter, ihnen ſo uneigennützig geleiſtet, an die höchſte Behörde, und das Belobungsſchreiben blieb nicht aus; mehr aber als dieſes lohnte ihn die Freundſchaft der Familie des In⸗ ſpektors, die auch die Freuden der Geſelligkeit in den Lebenskranz der ſchönen Holdine wand, ohne durch trü⸗ geriſche Huldigungen der jungen Schmeichler in gereizter Eitelkeit ihr Herz zu verderben und von dem Manne, in welchem ſie alle Tugenden der Männlichkeit erkannt hatte, — ſ 197 abzuwenden. Vier Jahre verliefen unſerem Freunde in der lieben arbeitſamen Gleichförmigkeit, die am ſchnel⸗ ſten die Zeit treibt, und Seele und Körper im feſteſten Gleichgewicht erhält, da brachen die grauſenvollen, auf Schädelſtätten und Blutangern erbaueten Throne der Napoleoniden zuſammen unter Gottes ſchwerer Richter⸗ hand; das deutſche Volk ſtand auf und wuſch mit Fein⸗ desblut die Flecken von ſeinem Wappenſchilde, und nahm den alten Ehrenplatz wieder ein in der Weltgeſchichte. Auch aus der Fremde kehrten alle Tapfern zurück in die unvergeſſene liebe Heimath; Edmund beweinte aber an Adolphs Bruſt den Tod des guten Bruders Hermann, der die Feder mit dem Schwerte vertauſcht hatte, und im Sturme von Ciudad⸗Rodrigo die Trophäen des gro⸗ ßen Wellingtons theilend, gefallen war. Die hochherzige Fanny und ihr munterer William lockten Edmunds Fa⸗ milie auf einige Zeit in die großen Zirkel der geräuſch⸗ vollen Reſidenz, wo jedoch gar bald die Sehnſucht nach ihrer ſtillen Häuslichkeit bei den beiden kindlichen Ge⸗ müthern, die ſich immer ſelbſt genug geweſen waren, er⸗ wachte. Der edle Graf Sch.., der wieder in den Beſitz ſeiner reichen Stammgüter gelangt war, den man bet der Reſtauration der deutſchen Reiche zu hohen Würden berufen hatte, ſchien Edmunds Charakter am beſten er⸗ kannt zu haben. Er machte den Poeten zu ſeinem Haus⸗ archivar, und verſetzte ihn auf ſein Stammſchloß, das in der ſchönſten Gegend des Landes lag, auf einer herr⸗ lichen Bergkuppe, von lachenden Thälern umringt, und in ſich den Schatz einer prachtvollen Bibliothek und eines Archives voll alter Handſchriften und Urkunden verſchloſ⸗ ſen hielt. Durch einen bedeutenden Gehalt von allen kleinlichen Sorgen des Lebens befreit, lebte dort Edmund 198 das glücklichſte Leben. Das poetiſche Gedicht, welches er in den erſten Tagen der Befreiung Deutſchlands den Rettern zum Lobe, den Unterjochern zur Schmach geſun⸗ gen, hatte ſchon ſeinen Namen berühmt gemacht unter den tauſend und abertauſend plötzlich erweckten Barden der Nation; aber was er ſpäter in ſorgloſer Freiheit, in der glühendſten Liebe zur Kunſt auf den Bergen ſang und ſchrieb, gab ſeinem Namen einen ewigen Klang in ſeinem Volke, denn nur die Bruſt, welche gelöſet von jeder irdi⸗ ſchen Kette ſingen darf, fingt für die Unſterblichkeit.— . — — — — — — — = — Ein munteres Poſthorn tönte auf der Heerſtraße, weckte vielfältige Echo an den nahgelegenen waldigten Höhen und ſchien die Aufmerkſamkeit einer kleinen Geſellſchaft von Männern zu erregen, die unter dem großen Linden⸗ baume der Schenke hinter vollen Bierkrügen ſaßen, und bis dahin ein leiſes aber hitziges Geſpräch geführt hat⸗ ten, das von beſonderm Intereſſe für Alle geweſen ſein mußte, wenn man die rothen Geſichter und die mitunter wirklich feindſeligen Geberden der Sprecher als gültige Zeugen annehmen dürfte. Die Schenke lag einſam in einem Winkel Norddeutſchlands, wo ſich die Grenzen dreier Fürſtenthümer dieſes, leider ſo vielherrigen, ſchö⸗ nen Reichs berührten und zackicht in einander ſchoben, als hätte die Erde ſelbſt durch dieſe untrennbare Nath Einrede gegen das Kunſtwerk der ehemaligen Grenzcom⸗ miſſarien einlegen wollen; doch war es den Beſitzern darin nicht zu verdenken, daß keiner ſeinen Anſpruch auf die⸗ ſen Erdwinkel abzutreten geneigt geweſen, denn in der Nähe fand ſich auf viele Meilen kein Plätzchen, wo die Natur in ſolcher Maſſe verſchwenderiſch ihre Schönheiten vergeudet. Reiches Ackerthal und üppig bewaldete Berge wechſelten mit einander; ein Dutzend kleiner Flüſſe und Bäche bildeten, indem ſie ſich mit ſtets breiterm Laufe einem größern Strome zudrängten, ein lebendiges Waſ⸗ ſernetzz ein ziemlich bedeutender fiſchreicher Landſee dehnte, 202 ſeinen blanken Spiegel in der Nähe mitten zwiſchen einem grünen Wieſenrahmen aus; und am Rande der Höhen ſtreckten kleine, doch freundliche Dörfer ihre Dä⸗ cher durch die untern Baumgruppen hervor, und von einem Kirchthurme klang jetzt ein eintöniges Glöcklein ununterbrochen in kurzen Schlägen im Wehen der lauen Abendluft herüber. Das Poſthorn hatte bis jetzt die Melodie eines fröh⸗ lichen bekannten Volksliedes hören laſſen, als es ſich aber der Waldecke näherte, wo das Ohr des Hornblä⸗ ſers von dem weinerlichen Gebimmel des Kirchenglöck⸗ leins berührt werden mußte, verſtummte das Horn plötz⸗ lich, und nach einer kurzen Pauſe vernahm man von ihm die langgezogenen Töne eines ernſten Kirchengeſan⸗ ges, die in beſondere Harmonie von dem Glockenklang traten, und gleichſam ſich bemüheten, ſeine unverſtänd⸗ liche Eintönigkeit zu verdeutlichen. Der Mann des vier⸗ blättrigen Kleeblatts vor der Schenke, welcher am äußer⸗ ſten Eck des Tiſches geſeſſen, trat zur Straße und ſchaute mit Blicken, die mehr als gewöhnliche Neugier zu ſchär⸗ fen ſchien, nach der Schlucht, durch welche der Weg in den Wald verſank, wandte ſich jedoch gleich wieder zu ſeiner Kameradſchaft und dem Veſperbrode, indem er verächtlich ſagte: Es iſt nichts, dürft ſitzen bleiben, Ge⸗ vatter, und könnt's Käppel in Ruhe laſſen. Ein arm⸗ ſeliger Poſtknecht reitet die Extrapferde zurück, langſam und faul im Eſelsſchritte, wie derlei Tagediebe es gern thun.— Es iſt der Hirten⸗Wilm, erwiderte der kleinſte und unanſehnlichſte unter der Compagnie, dem man den Herrn der ſtattlichen neuerbauten Schenke nicht anſah; der acht⸗ zehnjährige Burſch iſt ein Virtuos auf ſeinem Horne; auf . W 2————— .— 203 drei Stationen weit thuts im Keiner gleich, und er be⸗ kommt von mancher Herrſchaft ein doppelt Trankgeld, weil er ſie gar ſüß in den Schlaf geblaſen.— Der Erſte, ein ſtämmiger Mann in einem hellgrauen Oberrocke fuhr ſich mit der breiten Hand durch den roth⸗ gelben Bart, der dicht und ſtarr vom Ohre unter dem nackten Halſe durch ſich bis zum andern Ohr hinaufzog, ſtrich ſich dann mit beiden Händen das dünne grauliche Haar von der breiten Stirn zurück und murrte, indem ſich ſeine ſcharfen, widrigen Geſichtszüge recht teufliſch verzerrten: Möchte er ſich recht bald im ſcharfen Oſt⸗ winde die Schwindſucht an den Hals blaſen! Mich grollts immer, ſehe ich den Burſchen ſo fröhlich ſeinen Weg ziehen, den Habenichts. Gäbe ihm der Landesherr nicht das blaue Wamms und den blanken Hut, müßte er im Hemde hinter den Gänſen und Säuen laufen. Solch Volk weiß nicht, was Sorge iſt, und das Geld fällt ihm in die Hand wie vom Himmel herab ohne Noth und Arbeit.— Gönn' es ihm, Vetter Müller, fiel ihm ein Dritter, ein derbknochiger Arbeitsmann im Kittel, ins Wort. Es iſt doch ein traurig Leben, ſo Tag und Nacht in Wetter, im Wind und Froſt auf der Heerſtraße liegen und auf den dürren Poſtkleppern ſich wund zu reiten um ſchlech⸗ ten Lohn. Und der Wilm iſt kein Schlemmer wie die Andern. Er thut viel Gutes an der alten Loofs, der Hirtenfrau, ſeiner Ziehmutter, und geht mit der alten, halbblinden Hexe um, wie ein Chriſtenkind nur mit der Mutter umgehen kann, obgleich die ganze Gegend weiß, wie ſchlecht die Loofs ihn gehalten, und daß der Knabe im Dreck hätte verkommen müſſen, wäre nicht der Poſtmeiſter, als der Hirt im See ertrank, mitleidig 204 zugetreten, und hätte ſich des hübſchen Buben erbarmt und ihn in ſeinen Stall genommen.— imn Halts Maul mit Deiner Lobpredigt, alter Schwatz⸗ narr! rief der Müller, einen grimmigen Blick auf den Sprecher ſchießend. Hier im Hauſe ſind genug, die ohne Deinen Sermon dem geckenhaften Jungen mehr zugethan ſind, als ich leiden mag und leiden will.— Er drehete ſich dabei zur Seite, und ſein Auge fiel auf das Fen⸗ ſter der Gaſtſtube, an dem ſich ein weihlich Köpfchen ſehen ließ, das ihm die Glut auf die braunen gefurch⸗ ten Wangen trieb. Der Poſtknecht war indeſſen mit ſeinem beſtaubten Geſpann vor der Schenke angelangt, hatte ſein Poſthorn ſinken laſſen, ſtieg vom Sattel, grüßte treuherzig die Zechbrüder und rief dem Stallbuben zu, Brod und Waſ⸗ ſereimer für die Thiere, für ſich einen Krug Bier z bringen, und ſetzte ſich dann, die müden Hengſte ſich ſelbſt überlaſſend, dicht an die Hausthür auf die beſchat⸗ tete Ruhebank, indem er die ſchlanken Glieder behaglich dehnte. Es war ein junger, beſonders wohlgebauter Burſch; das lederne Beinkleid und das blaue Wamms mit dem Silberſchilde am Arme ſtand ihm gar gut, die Züge ſeines Geſichts waren regelmäßig und die fein ge⸗ bogene Naſe unter den großen dunkeln Augen gab ihm etwas Beſonderes zwiſchen den meiſt flachen, n genden Phyſiognomien dieſes Landſtrichs, und auch ſc dunkles, dichtes Kopfhaar und der keimende Schwarz⸗ bart ſtachen gegen den hellern Haarwuchs ab, der pier den Landleuten gewöhnlich war. Was iſt denn in Dich gefahren, Wilm, rief der Wirth hinüber, ohne vom Tiſch aufzuſtehen, daß Du mit einer trübſeligen Muſik zu uns herziehſt, als wollteſt Du —1 ————— klopfte den dicken Kopf der rieſigen ſilbergrauen Bull⸗ 205 meinem Hauſe den Jammer mitbringen? Solch plär⸗ rende Gäſte ſieht kein Krugvater gern, denn ſie tragen Unheil unter das Dach.— Wie kann Er fragen, Vater? antwortete der Ange⸗ rufene. Hört Er denn nicht das Todtenglöcklein im Dorf? Dort tragen ſie vielleicht einen guten Nachbar in das letzte, einſame Bett, woraus ihn kein guter Mor⸗ gen weckt; da gedenkt man auf der Stelle der bleichen Frau, die hinterdrein geht und der weinenden Kinder, die mit Grauen den ſchwarzen Kaſten in das dunkle Loch verſenken ſehen, und jedem guten Cyriſten fällt dann ſein letztes Stündlein bei, denn er richtet ein Bitt⸗ wort an den Herrn über Leben und Tod. Und darum habe denn ich, weil mir nicht gleich ein gutes Wort ein⸗ fiel, mein Gebet in den Himmel hinauf geblaſen.— Närriſcher Junge, Du! ſchmunzelte der Wirth. Für diesmal hätteſt Du Dein Sterbelied ſparen können. Sie begruben den alten waſſerſüchtigen Matz Steinecke. Ihm hat der Tod Erlöſung gebracht von langem Uebel, und ſein einziger Erbe, der lange Tom, wird dem Vater ſicherlich keinen Thränenguß nachſchicken, ſondern lieber die harten Thaler zählen, die der alte Geizhals ihm nachgelaſſen, und die er nun ohne Aufſeher im Kruge und am Würfelbrette in die Welt ſpediren kann, wo ſie luſtiger klingen, als in des Alten Lederſacke.— Ich beneide ihn nicht, antwortete der Poſtillon zu Boden ſchauend, wenn es ſo iſt, wie Er ſagt, Vater.— Und doch könnte Dirs nicht ſchaden, theilte der Tom mit Dir ſeine Erbſchaft, verſetzte der Wirth mit ſchar⸗ fer Betonung.— Der Poſtillon ſeufzte recht hörbar, ſtreichelte und 206 dogge, die freundlich zu ihm getreten war, und das lange Hängemaul ihm auf das lederne Beinkleid gedrückt hatte. Dir mangelt nichts, alter Nero! ſagte er leiſe, dem treuherzigen Hunde einige Reſte Weißbrod aus der Taſche ſuchend, und ſah ſich ſogleich nach der Thür um wie ein Dürſtender. Der Müller ſchien von innerer Unruhe gequält, ſeit der Poſtillon ſo nahe am Hauſe Poſto gefaßt, und als die Schenktochter mit dem Kruge flink heraus trat, hielt es ihn nicht länger auf ſeinem Platze unter dem Baume.— 2 Grüß Ihn Gott, Wilm! ſprach die von der Mutter Natur wohlbeſchenkte Dirne, indem ſie das Deckelglas vor den Poſtillon hinſetzte und mit der Linken die lan⸗ gen blonden Haarflechten auf den Nacken zurück warf, um ihn mit den hellen Augen recht freundlich anſchauen zu können. Er iſt lange nicht vorgekehrt, ſetzte ſie wie ſchmollend hinzu, nimmt wohl jetzt Seinen Collegen im⸗ mer die Touren zur Stadt ab, weils Ihm dort beſſer gefällt als hier in den Bergen.— Danke ſchön, Jungfer Line, für den Gruß! antwor⸗ tete der Burſch und ſeine Augen funkelten wie Silber⸗ glut zu ihr hinauf. Freilich ging der Dienſt immer dort hinaus zwiſchen dem Geſundbrunnen und der Stadt, und als ich letzte Nacht hier vorüber fuhr, lag Sie noch ſanft auf dem Ohr; der Mund brannte mir, Sie mit Ihrem Leibſtückchen zu wecken, aber ich zwang die Luſt zurück, denn Sie hätte grollen können, weil ich Sie im Schlaf geſtört. Ja, unſer Eins weiß ja am beſten, wie wohl der Schlaf thut.— Hätte nur immer blaſen ſollen, Wilm! fiel das Mäd⸗ chen ihm ins Wort. Wenn man Muſik gehört, träumt — ð 207 ſich's nachher deſto ſüßer. Und nicht einmal zum Schei⸗ benſchießen iſt Er hier geweſen; mit dem Tanzen war's freilich nicht viel, denn ich hatte mir bei dem Heuauf⸗ rechen den Fuß vertreten.— Man ſah dem Burſchen an, wie lieb ihm die Nach⸗ richt war und wie er ſich Zwang anthat, nicht aufzu⸗ jauchzen, oder der Dirne gar an den Hals zu ſpringen. Sonnabends, ſagte er ſtammelnd vor innerer Bewegung und mit Backen, die vor Röthe ſpringen wollten, Sonn⸗ abends geht mein Urlaub an. Der Herr hat mir drei volle Tage geſchenkt, und da wird's mir erlaubt ſein, bei allen guten Freunden vorzuſprechen, und wenn's Glück wollte, daß Sonntag hier im weißen Bär Muſik wäre und Ihr Fuß nicht mehr ſchmerzte, ſo könnte auch ein⸗ mal wieder ein luſtiger Schleifer das Herz erfreuen und dem Wilm ein rares Feſt geben.— Vielleicht geht's bis da, antwortete die Dirne, und ihr blühendes Geſicht ſchien von der Vorfreude lieb⸗ licher geworden und ſie ſtreckte die Hand aus, als wollte ſie dem flinken Tänzer das Verſprechen beſiegeln; da trat der Müller dicht an die Bank und faſt mitten zwiſchen die jungen Leute hinein, und wie von einer Otter berührt fuhr das Mädchen zurück, und ging nach einem recht böſen Blicke auf den Störer in das Haus.— Tanzen will Er, Junker Hohlbaum? fragte der Mül⸗ ler hämiſch. Man ſollte meinen, das Hängen auf den harten Mähren hätte ſeine Gliedmaßen längſt zu ſteif gemacht, um ſich auf die Tanztenne und zwiſchen die jungen Mädels zu wagen.— Jeder ſpringt auf ſeiner Sohle, und warum nennt Er mich nicht bei meinem rechten Namen? fragte der 208 Poſtillon ernſt zurück. Weiß Er doch ſo gut wie ich, was im Kirchenbuche ſteht.— Wilm von dem hohlen Baume! antwortete pathetiſch der Fuchsbart; ein recht vornehmer Name. Klingt faſt adelig, wie die Herrn von dem Sattel oder von dem Hagen. Er thut ſich wohl ordentlich etwas darauf zu gute. Wenn man nur nicht wüßte, daß ſelbſt ſein ein⸗ ziges Erbſtück, der hohle Baum, von dem er ſich nennt, noch vor ſeiner Taufe unter der Axt gefallen, und ſo ſein Lehn und Schloß, ehe Er mündig, in das Kamin gewandert, und im Rauche aufgeſtiegen.— Da iſt mir's gegangen wie manchem wirklichen Edel⸗ manne in der Kriegszeit, lachte der Poſtknecht gutmüthig. Mag Er mich immerhin foppen; iſt Er doch der reiche Herr Wolf von der Neumühl. Wir armen Schlucker ſind's gewohnt, den Herrſchaften zum Spaß zu ſtehen, wenn's bei ihnen ſchlecht Wetter iſt oder im Wirthshaus ihnen die Koſt verbrannt ſchmeckte.— Was will Er damit ſagen? fuhr der Müller auf, und ſeine Fauſt ballte ſich unwillkürlich. Wo iſt ſchlecht Wetter für mich und wer hat mir in der Schenke die Koſt verbrannt? Stichelt Er, ſo ſoll ja die Kreuz—— Wer meinte Ihn? fiel der ſchwarzaugige Burſch lächelnd ein. Es gilt ja den Herrſchaften in der Extra⸗ poſt. Ich wünſche Ihm hoch Waſſer und immer volle Säcke vor ſeinem Mühlthore. Mein Krug iſt leer, und der Heinrich hat die Pferde getränkt; darum ruft's mich weiter, damit die braven Thiere und ich vor Nacht auf die Streu kommen. Gott befohlen.— So ſtand er auf, drehete dem feindſeligen, verſtummten Müller den Rücken und reichte der Tochter des Wirths ein kleines Silberſtück für die Zeche in das Fenſter, wobei es den wachſamen — — 209 Augen des Aufpaſſers ungewiß blieb, ov die Finger der jungen Leutchen nicht auf eine gewiſſe myſteriöſe Weiſe in Berührung gekommen. Der leuchtende Blick, mit welchem der Burſch dann ſeinen Sattelgaul beſtieg, machte die Vermuthung wahrſcheinlicher; ebenfalls der heitere Ton, mit dem er im Fortreiten dem Schenkwirth ſein: Gute Nacht, Vater Martin! zurief. Dann ſetzte er ſein blankes Horn an den friſchen, runden Mund, blies nach luſtiger Melodie das bekannte Lied: Ich wollt' mal fahren ins Heu! und verſchwand bald hinter der nächſten Baumgruppe. Was haſt Du denn mit dem Burſchen, Wolf? fragte der Arbeitsmann, als der Müller zur Linde angekommen war, und wie im bitterſten Groll den Reſt in ſeinem Glaſe hinunter ſtürzte. Das ſcheint ja ſchwarzer Ernſt, und wer Dein Geſicht anſieht, das röther glüht wie Dein Bart, müßte faſt meinen, Du Grauſchimmel wäreſt eiferſüchtig auf den armen Schlucker, weil ihm die Jungfer Martin freundlich zugetrunken.— Der Junge hatte ein Franzoſengeſicht, grollte der Müller mit wirklicher Wuth im Blicke; und ich ſäße lie⸗ ber allein mitten im Höllenfeuer, als neben ſo einem Geſicht in Abrahams Schooße. Sieh, da ſchießt ja wie⸗ der die Weihe nach meiner Mühle hinüber, ſetzte er raſch abbrechend hinzu, die mir ſchon ſo manche junge Ente vom Hofe geholt. Gib mir Deine Kugelbüchſe, Gevatter. Vielleicht thue ich auf dem Heimwege einen guten Schuß nach ihr.— Der Schenkwirth ſah ihn ſtarr und fragend an, ſtand aber ohne Entgegnung auf, und ging mit ihm in das Haus, ſeinen Wunſch zu gewähren. Der Vierte in der Geſellſchaft, der bis jetzt dem Blumenhagen. VII. 210 Allen ſtumm zugeſehen, jedoch brav ſich eingeſchenkt, war ſeines Standes ein Hausſchlachter, ein kleiner vollwan⸗ ſtiger Kerl mit einem Höcker und einem pausbackigen Gnomenkopfe. Er rückte jetzt näher zum Nachbar und ſein Vollmondshaupt auf beide nackte Arme geſtützt, fragte er mit ſichtlicher Scheu: Warum tobt denn der tolle Wolf nun wieder ſo arg, Rephahn, und was will er mit ſeinem Franzoſenhaß? Seit zwanzig Jahren tur⸗ biren ja die fremden Blauröcke kein deutſches Kind mehr und die böſe Franzoſenzeit iſt einem nur noch wie im Traume vor dem Gedächtniß. Wenn man den unge⸗ ſchlachten breiten Kerl ſo toben hört ohne Urſache, ſollte man meinen, der Tollwurm ſtäche ihn und man hätte Grund ſich zu ſalviren.— Gut ſpaßen iſt nie mit ihm geweſen, antwortete der Arbeitsmann, und wenn ihm ſo wie heute die Galle im Blute rumort, ſo gehe ihm Jeder aus dem Wege. Was den Poſtknecht betrifft, ſo läßt ſich ſein Zorn an den Fingern abzählen. Der Rothbart wirbt um die Martin drinnen, und will auf ſeine alten Tage noch eine friſche Müllerin in ſeiner Mühle haben. Nun iſt der Wilm hier an den Bergen aufgewachſen, und alle Mädel, die mit ihm geſpielt in der Sandkuhle und mit ihm Erd⸗ beeren geſucht im Holze, ſind verſeſſen auf den Schwarz⸗ kopf, ſeit er das fürſtliche Jäckchen trägt. Was denn Numero Zwei den Franzoſenhaß angeht, ſo mag der Wolf dabei wohl größer Recht haben und weniger den alten Gecken ſpielen als bei Numero Eins. Man ſagt, als die Franzmänner zuerſt hier ins Land gekommen, hätten ſie gerade ihm beſonders übel mitgeſpielt. Eine halbe Compagnie von den ziegelfarbigen Huſaren, die am Ohr die Zöpfe in Blei gewickelt trugen, fielen in — ———— — 211 ſeine Mühle, und kehrten das Oberſte zu unterſt. Der handfeſte Wolf wehrte ſich brav; da haben ſie ihn faſt lahm geſchlagen, und dann an ſeinen eigenen Bettpfo⸗ ſten gebunden, wo er zuſehen mußte, wie die Halunken Frau und Magd auf den Tod gemißhandelt und ihm zuletzt das Mühlhaus über dem Kopfe angebrannt, daß die braven Nachbarn ihn kaum aus dem Feuer zu retten vermocht. Die Frau ſtarb bald hernach, und er ging fort unter das preußiſche Kriegsvolk, und mag manchen Franzoſenkopf eingeſchlagen haben zu wohlverdienter Ver⸗ geltung. Als es dort ſchief ging, kam er wieder ins Land, hatte ſchwer Geld mitgebracht, woher, wußte Nie⸗ mand, und er ſagte nichts davon; es ging das Gerede, er hätte eine Kriegskaſſe im Felde erwiſcht. Da bauete er ſich die Mühle neu auf und— nun, das Weitere weißt Du ſo gut wie ich, Bruder Schweinſtecher.— Ich wollte, er wäre nicht ſo rapiat, flüſterte der Schlachter. Er könnte uns Alle mit ſeinem wilden We⸗ ſen ins Unglück bringen.— Der Müller mit dem Gewehr trat jetzt wieder ins Freie. Bedenk, was ich Dir geſagt, Gevatter, ſprach er mit lauttönender, rauher Stimme zum Schenkwirth, indem er die Heerſtraße betrat, Dein Wort habe ich, das Dirnchen muß ſchon, und daß mir nicht wieder eine ſchwarzhaarige Hummel meinen Bienenſtock verderben ſoll, dafür bin ich jetzt Mannes genug geworden. Hüte Dich, Gevatter, der Wolf läßt ſich keine Naſe drehen, am wenigſten von Jemanden, den er in der Taſche hat, wie Dich.— Der Schenkwirth kam ganz timide unter die Linde zurück. Solltet ihm das Gewehr nicht gegeben haben, flüſterte der Buckelichte. Wenn er den Poſtknecht unterwegs 212 trifft, könnte es eine ſchlimme Affaire geben, wobei auch unſere Köpfe zum Wackeln kämen.— Poſſen! murrte der Wirth und drehte die Mütze rundum auf dem Kahlkopfe. Das macht mir keine Sorgen, wenn der Beißbär nur nicht ſeine Augen auf mein Linel geworfen und ich ihm im Rauſche nur nicht das Kind zugeſagt! Doch geſchehen iſt geſchehen, und das Geld bleibt bei einander. Für den Wilm bangt mir nicht; der iſt ſchon weit voraus, und trotz ſeines Grimmes iſt der Wolf viel zu geſcheit, ſich um nichts Blankes an einem herrſchaftlichen Rock und Wappen zu vergreifen, er müßte ihm denn im Walde und dicht an einem Kohlenſchachte begegnen, wo das geſchoſſene Wild und ſein Grab nur einen Schritt weit von einander lägen.— Es war mehre Tage ſpäter, als ein heftiges Gewit⸗ ter, von Sturm und Regengüſſen begleitet, in derſelben Gegend tobte, und vorzüglich einer kleinen, elenden Hütte den Untergang zu dräuen ſchien, welche am Ende eines Dorfes zwiſchen vier alten, gekrümmten Zwerg⸗ eichen verſteckt lag. Darinnen ſaß ein altes, von Gicht zuſammengebogenes Weib in einem zerriſſenen, mit ſchmutzigem Leder beſchlagenen Lehnſtuhle, und ſtieß bei jedem Krachen der Balken und Knarren der Wände ein Stoßgebet aus, und ſank bei jedem Donnerſchlage mit Linem Angſtruf zum Knäuel zuſammen. Die Alte durfte ſich freuen, nicht einige Jahrhunderte früher in dieſer Geſtalt auf Erden gewandelt zu haben, denn ihr rothumrandetes Augenpaar, der weite zahn⸗ Loſe, blaulippige Mund, über welchem ſich einzelne 213 ſchwarze Barthaare, den Spürhaaren eines Katers gleich, ſehen ließen, und ihre ganz widrige Häßlichkeit hätten ſie jedenfalls als ein Muſterbild einer Teufelsbuhlin zum heißen Hexentode verdammt. Ein auffallendes Ge⸗ genbild zu der Alten erſchuf der junge Menſch, welcher ihr gegenüber ſaß, der hübſche Poſtillon, der im Haus⸗ koſtüm, in reinlichen Hemdärmeln und dem nackten Halſe ſeine kräftige Jugendſchöne noch deutlicher zeigte, als in dem ſteifen Dienſthabit. Unbekümmert um das Wet⸗ ter rauchte er behaglich aus einem kleinen Pfeifchen und klimperte ſpielend mit einem Halbdutzend blanker Gul⸗ denſtücke, die auf dem Tiſche lagen und im trüben Lam⸗ penlichte doppelt lockend ſchimmerten. Es geht ſchon vorüber, Mutter Ilſe, und zieht zum See hinunter, ſagte er gutmüthig tröſtend. Solch Spek⸗ takel hat unſer Eins hundertmal erlebt und noch dazu im Freien, wo die himmliſchen Paukenſchläge das Menſchen⸗ ohr ganz anders anfallen. Und was hilft das Zagen und Wimmern? Gott ſchickt ſolch Wetter ſo gut wie den Sonnenſchein, und Er iſt überall dabei. Wer ein gutes Gewiſſen hat, kann ruhig zuſehen.— Hu! ſchüttelte ſich die Alte. Eben ſolch Wetter war's, als ſie den Loofs vom See hier hereintrugen. Eben ſolch Wetter war's, als die Mühle brannte und die Franzoſen um den Brand tanzten, daß es von hier aus im Dunkeln ausſah, als feierte der Gott ſei bei uns mit ſeinem Heere den Oſterſabbath. Wilm, ſpotte nicht, ſolch Wetter hat hier herein immerdar recht Böſes gebracht.— Bin ich damit gemeint oder das blanke Geld hier, das Ihr die Brodſorge auf einige Wochen wieder ab⸗ nimmt? fragte der Poſtillon lächelnd zurück.— 214 Du biſt ein gutes Kind, und ſammelſt Kohlen auf meinen Kopf, antwortete die Alte, die dürre, gelbe Hand nach ihm herſtreckend. Aber darum ſollſt Du Dich hüten und wahren, daß ich Dich lange noch habe, denn ich könnte ja nicht einmal das Brod vor den Thüren ſuchen, und in meinen Winkel brächte mir ohne Lohn keine Menſchenſeele einen Trunk aus dem Brunnen her⸗ ein. O die Menſchen ſind unbarmherzig und. ſteinhart geworden in der ſchweren Zeit,— Sage Sie nicht ſo, Muttet Ilſe, verſetzte der Burſch. Es gibt wie ſonſt Böſe und Gute, und die Guten wer⸗ den beſſer und weicher, wenn ſie ſelbſt das Unglück ge⸗ ſchmeckt haben. Hat Sie denn die Line vergeſſen von der Bärenſchenke, die Ihr doch manch Labſal durch den kleinen Heinrich zuſtecken laſſen, wenn meine Pfennige nicht reichten?— Gottes Segen über das gute Kind! ſtöhnte die Alte; aber auch ſie ſoll ſich wahren, denn als ſie zuletzt hier vorſprach, lag ein ſchwarzes Flortuch halb über ihrem Geſichte, da ſie doch im Strohhute ging, und das be⸗ deutet ſchwere Schickſale und den Sarg ins Haus. Nicht Jedermann ſieht ſo etwas, und wer's ſieht, dem Pein und nicht Freude.— Ein Blitz machte das ganze Gemach tageshell und gleich darnach raſſelte ein Donner durch die Berge hin, als wollte er ihre Urbäume allzumal brechen. Die Alte ſchrie, der Poſtillon ſelbſt ſah ſich nach dem Fenſter un⸗ willkürlich um, und da ſchien ihm eine weißliche Geſtalt außen ſich zu bewegen, und zugleich klopfte eine Hand an die kleine Fenſterſcheibe. Da iſt der Feind! kreiſchte die Alte. Bleib ſitzen, öffne nicht, Wilm! ſetzte ſie ängſtlich hinzu. Das Geld hat einen gierigen Bettler gelockt; in ſolcher Nacht wandelt kein Chriſtenkind oder wer Gutes im Sinne hat.— Der Poſtillon war dennoch zum Fenſter getreten und hatte gefragt und Antwort erhalten. Sieht Sie, daß Sie nicht immer Recht hat, ſprach er froh, indem er den inneren Riegel von der Thüre ſchob, ein Liebesbote iſt's, der Heinrich von der Schenke, die Taube fürchtet das Wetter nicht.— Ud herein trat der kleine Stall⸗ bube, in eine helle Pfervedecke wie in einen ſpaniſchen Mantel gewickelt, aus der er, gleich wie ein buntes Vögelein durch das gebrochene Ei, hervor huſchte. Nichts für ungut, Herr Poſtillon! ſtotterte der kleine Bote mit halbem Athem. Die Gäſte ſaßen heute gar zu lange und hatten das Heimgehen vergeſſen.— Am heiligen Abend! Die Sabbathſchänder! murmelte Mutter Ilſe.— Dann ſtack ich eine Viertelſtunde in der hohlen Grenz⸗ eiche, fuhr der Knabe fort, der Wolkenbruch hätte mich ſonſt zum See hinuntergeſchwemmt, und her mußte ich, die Jungfer hat's befohlen, und wenn ich den Herrn Wilm auch hätte vom Bett aufklopfen müſſen.— Und was gibt's denn ſo ſehr Wichtiges! fragte Wilm. Doch was von ihr kommt, iſt ja immerdar was Beſon⸗ deres und Willkommenes.— Der Knabe lächelte ſchalkhaft, und kramte dann in breiten Worten ſeine Botſchaft aus. Die⸗ Tochter des Schenkwirths ließ ihrgm Freunde anbefehlen, auf keinen Fall morgen ihr Haus zu beſuchen, obgleich Muſik und Tanz Statt haben würde. Sie warnte ihn überhaupt, ſich in ihrer Nähe am Tage ſehen zu laſſen, weil der Müller Wolf mit fürchterlichen Flüchen geſchworen, ihn 216 nieder zu ſchlagen, ſobald er nur einen Blick zwiſchen den beiden Liebesleuten wiederum aufgefangen. Dage⸗ gen erlaubte ſie ihm, morgen ſpät nach elf Uhr Nachts in dem Schlachthauſe der Schenke ſie zu erwarten, rieth ihm jedoch im Hauskamiſol und auf dem Waldwege zu ihr zu kommen. Zuletzt ließ ſie ihn auf das Drin⸗ gendſte bitten, überall dem Müller aus dem Wege zu gehen, denn ſie träume jetzt nichts wie Schreckensge⸗ ſchichten von Wilm und dem Wolf, und hätte ſogar letzthin Nachts deutlich geſehen, wie der Goliath ihren Freund ergriffen und mitten zwiſchen ſeine brauſenden Mühlräder geworfen.— Zu Anfang des langen Berichts war der Poſtillon recht verdrießlich und traurig geworden. Bei der Mitte wurde ſein Geſicht heiter, und Freudenroſen auf den vollen Wangen verriethen, wie ſeine Einbildungskraft bei dem Gedanken an die nächtliche Zuſammenkunft le⸗ bendig ward; am Schluſſe gar jauchzte er laut auf, und rief zu der Alten gewandt: Sieht Sie, Mutter, daß das reiche Mädchen den armen Wilm nicht zum Beſten hat; hört Sie, wie ſich das reiche und ſchönſte Mädchen am Berge quält um den armen Wilm, und ſich ängſtigt, daß ihm ein Grobian einmal eine Tracht aufzählte. O wenn's um ihretwillen wäre, hielte der Wilm ja gern ſelbſt den Rücken hin! Aber Sie, Mut⸗ ter Ilſe, ſoll nun nicht wieder ſolch verleumderiſch Zeug ſchwatzen; leider denkt Sie ja immer und von allen Menſchen das Böſeſte.— In ausgelaſſener Freudigkeit ſteckte er dem Buben ein kleines Silberſtück zu, verſprach ihm mehr und recht viel, wenn er treu und verſchwiegen bliebe, hing ihm dann wieder die naſſe Decke über, und trieb ihn hinaus, 2* — 217 damit ſeine Abweſenheit nicht zum Verräther würde und das liebe Stelldichein zu nichte machen möchte. Wilm, ſagte die Alte, als er trällernd zurückkam, die Geſchichte mit der Schenkwirthstochter nimmt mir den letzten, raren Schlaf. Ich meinte, die Kinderſpielerei wäre aus, ſeit Du zum Poſthauſe zogſt; jetzt höre ich, ſie ſoll Ernſt werden, aber Geſpenſter ſtehen vor Deinem Hochzeitsbette, und zwiſchen Dir und der Jungfer Line liegt ein ſchwarzer Schlund, finſter wie ein Grab und tiefer wie der See. Kehre um, Junge! Nimm Mutter⸗ rath an! Was kann aus euch werden, und wann darfſt Du ans Freien denken 2— Denken iſt erlaubt, Mutter! antwortete der Poſtillon leichthin, indem er ſein Pfeifchen anzündete; darf man doch ohne Sünde an den Himmel denken und ſelbſt an den Herrgott und alle ſeine Herrlichkeit. Wenn man ſich liebt, da denkt man überhaupt nicht viel, nicht an Mor⸗ gen und Uebermorgen; da hat man genug daran, daß man weiß, man wird geliebt, und wer mehr denkt, wahrhaftig, da meine ich, der liebt nicht ſo recht, wie ein ſolch Mädel, als die Line geliebt ſein muß. Gott ſorget für die Vögelein und das Wild im Walde; er hat mich aus dem hohlen Baum in dieſes Haus gebracht, hat mich aus der Hirtenjacke in das blaue Wamms ge⸗ hoben, da wird er auch ſchon wiſſen, wo das Holz wächst, aus dem der Meiſter Tiſchler mein Hochzeitsbett fertigen ſoll.— Die Alte ſtützte die dürren Ellenbogen auf die Knie, und legte ihr langes Kinn auf beide Hände, und ſtarrte ſo mit den trüben Augen in den Schein der Lampe. Auf Gott vertraut, gut gebaut! murrte ſie vor ſich hin. Der Loofs fluchte immer und ging um die Kirche, 218 darum fraß ihn der Seegeiſt. Ja, ein Wunder war's, ſo gut wie das, was der Herr that am Lazarus, daß das zarte, ſplinternackichte Kind nicht umgekommen in der alten Eiche, und kein Fuchs es angebiſſen, kein Wolf zerriſſen in der langen Frühlingsnacht. Aber doppelt hüte Dich darum vor dem Wolfe in Menſchengeſtalt! ſetzte ſie dann ängſtlich auffahrend hinzu; ich kenne den wüſten Müller lange Jahre, er glaubt an keinen Gott und an keine Hölle, an ihm iſt kein gut Haar, und er hat manches ſchwache Menſchenkind mit in ſein Sünden⸗ leben geriſſen. Sie ſagen, er freit um Deinen Schatz; Wilm, ſieh Dich vor! Es wäre doch gar zu ſchrecklich, wenn der Vater dem Sohne ans Leben käme, und ſo ſeinen Sünden die hölliſche Krone aufſetzte.— Was ſagt Sie da? fuhr der Poſtillon auf. Faſelt Sie im Fieber, und muß ich den Bader holen?— Es iſt heraus, und einmal mußt Du's doch wiſſen, verſetzte leiſer die Alte, indem ſie wie ermattet vom vie⸗ len Reden den Kopf an die Lehne zurück legte. Ja, Wilm, von Anfangs her ſtand's feſt in mir, und ich hätt's Sacrament darauf nehmen wollen, der alte, reiche Wolf iſt Dir näher verwandt, als er's je gewünſcht.— Nein! Nein! rief der junge Burſche entſetzt und ließ die Pfeife fallen. Rede Sie nicht weiter, Mutter.— Er hielt immer freche Dirnen in ſeinem Dienſt, ſeit er aus dem Kriege kam, fuhr das Weib mitleidslos fort, ohne auf den erblichenen, zitternden Pflegeſohn zu achten; da trug der geizige Unmenſch das Kind früh vor Tage in die hohle Eiche, daß es umkomme, ſo ſeine Schande mitnehmen oder der Gemeinde zur Laſt fallen ſollte. O ich ſehe ihn noch, als wär's jetzt, wie die Holzfäller um den Baum ſtanden, an den ſie ſchon 2¹9 die Axt gelegt, wie ſie erſchracken, als es drinnen weinte, und wie ſie vor Schreck alle verſtummt da ßan⸗ den, als der alte Förſter das weiße, nackte Kindlein aus dem Baume hervor hob. Das ganze Dorf lief zu⸗ ſämmen, aber Keiner wollte ſich des Würmchens erbar⸗ men, nicht der Herr Paſtor, nicht der Schulmeiſter, da ſprach man's dem Hirten zu für geringes Koſtgeld, und ich nahm Dich in meine Schürze, und freuete mich über das ſchöne Knäbchen, das ſeine kalten Händchen ſo⸗ fort in meine Bruſt klammerte. Der Wolf aber ſtand dabei und lachte wie ein Höllengeiſt in ſeinen Rothbart hinein und ſprach höhniſch: lege ſie es ihrer Sau unter, Frau Ilſe; vielleicht verſpeiſet es die Beſtie zum Früh⸗ ſtück, und dann iſt die Gemeinde die Laſt los, einen fremden Bankert und Heckenprinzen groß zu ziehen. Eine Dirne in der Mühle ſtarb drei Tage nachher ohne Dok⸗ tors Hülfe, und es ging ein Gerücht in der ganzen Gegend, die Kohlengräber hätten gerade in der Nacht, wie alles das geſchah, den Müller mit der Büchſe auf dem Nacken zu mehren Malen durch das Holz ſtreifen ſehen, wo die hohle Eiche nicht weit ſtand. Aber jeder fürchtete den Wütherich, und Keiner wagte laut davon zu erzählen.— Nein, nein, es iſt nicht, Mutter! Es kann, es darf nicht ſein! Es wäre entſetzlich, und ſo hart wird mich Gott nicht ſtrafen! ſchrie der Wilm, und ſtürzte hin⸗ aus vor die Hütte, und warf ſich auf die naſſe Erde, und richtete mit gefalteten Händen, wie ein Verzwei⸗ felnder ſeine ſtarren Augen zu dem Vollmonde auf, der eben über den ſchwarzen, fortziehenden Wolkenballen glän⸗ zend heraufſtieg. Die Alte aber plapperte immerfort in der Hütte, als hätte ſie des Fliehenden Entfernung 220 nicht bemerkt, und wenn der Blick in das goldene, milde Himmelslicht die Angſt in der Bruſt des Jünglings zu ſänftigen begann, ſo warfen ihn die dumpfen Hexen⸗ ſprüche, die zu ihm heraus tönten, immer wieder zurück in die Hölle, die er ſo plötzlich um ſich fühlte, ſeit die Pflegmutter den als Vater genannt, den der Knabe ſchon mit Grauen angeſehen und den der ganze Gau als einen von Jedermann gefürchteten Popanz betrachtete.— Der leichte Sinn, die ſchöne Mitgift der Jugend, hatte am andern Morgen die ſchwarzen Dämonen der Schreckensnacht verſcheucht; Wilms geſunder Verſtand ſah in den Bekenntniſſen der Mutter nur die gehaltloſen Träumereien einer fieberkranken, vom Schickſale ſtief⸗ mütterlich behandelten Greiſin, und der ſchöne Sommer⸗ tag, die wohlthätige Kühle, die nach dem Gewitter aus dem Walde und den Thälern ihn anhauchte, verwiſchte vollends jeden Eindruck von geſtern. Wie konnte der ſein Vater ſein, der ihn noch in den jüngſten Tagen ſo barſch und feindſelig behandelt hatte? Kannte er doch aus des Poſtmeiſters Hauſe, der ein glücklicher Familien⸗ vater war, die Vaterliebe, die Vaterſorgfalt in den ſchönſten Bildern, und hatte oft die kleinen Buben und Dirnen um das Glück beneidet, einen Vater zu kennen, von ihm geſchätzt und geliebkoſet zu werden. Mutter Ilſe ſchien ermattet von der Furcht und den angeſtrengten Reden der ſchlafloſen Nacht, ſie war ein⸗ ſilbig und ſchlief viel auch am Tage; ſo überließ er ſich ungeſtört den Vorträumen der nahen glücklichen Nacht, ging, als die Sonntagsglocke rief, zur Kirche, und trieb die Zeit nachher hinab durch ſtille Hausarbeit, reinigte 221 den kleinen Garten am Hirtenhauſe, beſſerte das alte, zerbrochene Hausgeräth aus, und war recht inniglich vergnügt, daß er in ſeiner Einſamkeit dabei ohne Unter⸗ brechung an ſeine Line denken konnte, und koſen durfte mit dem ſchönen Bilde ſo recht nach Verlangen. Die Nacht kam, mondhell und ſtill, wie eine fromme Mutter, welche ihre guten Kinder im weichen, warmen Schvoße einwiegt. Er zog ein dunkles Bauernwamms an, ſetzte die Pelzmütze, welche noch vom Vater Loofs da war, auf den dunkeln Lockenkopf, ſchnitt ſich am Hagen einen derben Wanderſtock, und eilte mit freudig ſchlagendem Herzen ſeinem Ziele zu. Anfangs blieb er auf der Heerſtraße, als ihm aber ein Haufe Reiter, welche laut in die Nacht hinein lärmten und fluchten, im Galopp entgegen kam, ge⸗ dachte er des erhaltenen Befehls ſeiner Trauten, und bog ab in den Wald, und wanderte auf einem wohl⸗ bekannten Fußſteige der einſamen Schenke zu, deren Hintergebäude ihm bald am Rande des Holzes ſichtbar wurden. Behutſam näherte er ſich durch den abgetrie⸗ benen Platz, auf dem nur noch hie und da ein alter Buchbaum Schatten gab, der Schutzwand des Gehöfts. Da bewegte ſich etwas im Mondſcheine, und kaum hatte er noch Zeit unbemerkt hinter einen dunkeln Stamm zu flüchten. Es war der Wirth ſelbſt, Vater Martin, der langſam an ihm vorüber ſchritt; deutlich ſah er, wie der Alte ſorgſam umher ſah, oft lauſchend ſtill ſtand; deutlich ſah er im Mondſcheine, daß er ein Ge⸗ wehr auf der Schulter trug, deſſen blinkender Lauf dem Verſteckten nützlich wurde, da ſein Schimmer ihm weit⸗ hin den Gang des Alten verrieth. Was wollte der Vater noch ſo ſpät im Freien? War ſein Liebesgang 222 verrathen?— Nein, antwortete das ſehnſüchtige Herz. Viele Diebereien und Raubthaten waren in den letzten Jahren in dem Winkel vorgekommen; gewiß hatte der Sonntag heute vielerlei Fremde in die Schenke gelockt; der brave, umſichtige Hausvater machte ſicher die Runde um ſein Gebiet, nachzuſchauen, ob nichts Verdächtiges in der Nähe walte und er ſorglos ſein Haus ſchließen dürfte.— So ſein Bangen beſchwichtigend, näherte ſich Wilhelm nach einiger Weile der Schutzwand, über⸗ ſtieg ſie an einer niedrigen Stelle und befand ſich glück⸗ lich zwiſchen den Stallgebäuden im Hofe, wo im fern⸗ ſten Winkel das Schlachthaus ſich zeigte, deſſen geöffnete Thüre ihm die Vorſorge ſeines geliebten Mädchens kund that. Vom Hauſe her klang noch dumpfes Geräuſch, und Lichter ſchimmerten noch; ſo ſchlüpfte er im Schatten der Ställe zu dem beſtimmten Orte, und trat in das enge Schlachthaus. Einſam und leer war das Verſteck, recht heimlich und ſtill; durch eine große, offene Luke fiel das volle Mondlicht herein, und veſchien den derben Schlachttiſch in der Mitte und die Eimer und Kübel, die an den Wänden umher ſtanden. Der junge Burſch ſetzte ſich auf den blanken Tiſch und horchte aufmerk⸗ ſam, um bei irgend einem Geräuſch einen dunkeln Winkel gewinnen zu können. Die Ungeduld ſchlug in allen ſeinen Pulſen, die Minuten wurden ihm zu Stun⸗ den, und das Mädchen blieb auch wirklich gar lange aus. Ein Heimchen zirpte eintönig in dem nahen Back⸗ ofen, ein Eulenruf ſcholl von der nächſten Eiche her⸗ über, und immer befangener wurde das Gemüth des Jünglings, ſo daß er erſchreckt zuſammenſchoß, als jetzt der große Hund hereinrauſchte, ihn murrend bewill⸗ zommte und dann wieder zum Pförtchen ſprang, an —,— 223 welchem jetzt das ſchlanke Mädchen im Nachtkleide er⸗ ſchien, und heftig bewegt ſich in ſeine geöffneten Arme warf.— Armer Wilm, ſagte ſie mit verhaltener Stimme, wie lange wird Dir die Zeit geworden ſein, und ich meinte ſchon, ich würde Dich gar nicht ſehen dürfen, da der Vater mich hinauf ins Bett geſchickt.— So waren keine Gäſte mehr da? fragte der Poſtil⸗ lon verwundert. O es iſt noch nicht leer vorn im Gaſtzimmer, ant⸗ wortete Line; aber der Spiritus ſtieg ihnen zu arg in den Kopf, und da mochte der beſorgte Vater es viel⸗ leicht gut achten, die Weibsleute fern zu halten. Welch ein Abend war das, Wilm! fuhr ſie fort, indem ſie ſich neben ihn auf den niedern Tiſch ſetzte und ihren vollen Arm traulich um ſeinen Nacken legte. O Wilm, ich möchte fort mit Dir in die weite Welt, und ſollten wir betteln gehen mitſammen, denn ſolch wüſtes Leben am Sonntage kann dem Himmel nicht gefallen, und mit Grauen bin ich mitten dazwiſchen ohne Schuld und ohne Willen.— Sie erzählte nun, wie zuerſt das junge Volk auf dem Saale getanzt, ſie aber mit dem vertretenen Fuße alle Werber zurückgewieſen; doch ſpäter wäre im Gaſtzimmer rechts der Tumult erſt recht angegangen. Die reichen Kornhändler und Meiersleute vom Nachbar⸗ lande wären alle zuſammen geweſen, und dieſe hätten das Würfelſpiel ſo arg getrieben, wie ſie es noch nie geſehen. Jeder Wurf hätte eine Handvoll Silberthaler gegolten, und wenn die Münze zu Ende gegangen, wäre ein Fuder Weizen oder das beſte Stück im Stalle auf den Wurf geſetzt worden. Unter Allen hätte aber der lange Tom Steinecke das wunderbarſte Glück gehabt.— 224 Der Tom, deſſen Vater ſie vor acht Tagen erſt zu Grabe trugen? fragte Wilm mit Erſtaunen. Ach! wer doch einen Vater beweinen dürfte! ſetzte er wehmüthig hinzu.— Das iſt ein recht ſchlechter Menſch! entgegnete das Mädchen heftig; aber der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. Und daß die Schlechten ſolch ein Glück haben können! Alles Geld, was auf dem Tiſche klang, ſteckt in den Taſchen des blaſſen Tom, für eine zehn Fuder Frucht haben ihm die Kornhändler noch Papier geben müſſen, ehe ſie ſchimpfend fortritten, und es hätte Prü⸗ gel geſetzt dabei, wäre nicht der Müller Wolf immer auf des Gewinners Seite getreten, obgleich er ſelbſt sbenfalls viel Geld zugeſetzt. Jetzt ſitzt der Tom noch mit dem Wolf und einem paar Andern, und alle ſchei⸗ nen im Zechen und Spielen den Tag erwarten zu wol⸗ len. Der kleine Heinrich ſagte aber, ſie wären Alle ſo angetrunken, daß ſie die Stube nicht verlaſſen und wir ohne Sorge ſein dürften.— Der Poſtillon drängte die innere Bewegung zurück, die bei dem Namen des gefürchteten Müllers in ihm aufgeſtiegen war. Laſſen wir die Taugenichtſe, ſprach er, die Dirne feſt an ſich drückend; ſprechen wir nur von uns, Line; wie lange haſt Du mir nicht die Hand geboten, und wie wird es noch werden mit Dir und mir?— Gut, ſagte das Mädchen feſt, wahrhaftig gut, Wilm, denn ſo kann es nicht bleiben. Seit Du fort biſt, und ſo ſelten einſprichſt, weil der Müller Dir giftige und auch der Vater ſeinetwegen ſcheele Blicke zuwirft, bin ich fremd im Hauſe geworden, und wüßteſt Du ein Plätchen für uns, weit weg, je weiter je lieber, ich — 225 ſchnürte mein Bündel und folgte Dir bis über die letzten Berge hinaus.— Und müßteſt hungern vielleicht und das Gewohnte entbehren? Nein, wer an ſo etwas dächte, hätte Dich nimmer lieb gehabt! antwortete der Burſche bewegt, aber mit der Stimme innerer Freude.— Verſuch's, und Du wirſt ſehen, wie lieb Dich die Line hat, entgegnete ſie inniglich.— Und, ſetzte ſie leb⸗ hafter hinzu, wir ſollten's gleich thun, da wir's doch am Ende thun müſſen, wollen wir uns nicht im Unglück verzehren und abhärmen.— Weil der Rothkopf Ernſt macht mit ſeiner Freierei, fiel Wilm erbittert ein.— Er thut's, aber da fürchtet ſich die Line nicht; ſprach ſie raſch, lieber auf den Kirchhof als in die Mühle! Vor dem Paſtor kann man kein Mädchen zwingen, ihr Ja zu ſprechen, und Wilm, ſo wahr der Mond uns be⸗ ſcheint, ehe Dein Mädchen des verruchten Müllers Weib würde, ehe ſpränge ſie mitten in den See und gäbe ſich den Fiſchen zum Fraß.— Wilm antwortete nicht, aber ſelbſt erſtarkt an des Mädchens Feſtigkeit umfing er die Braut feſter und preßte ſie vor innerm Entzücken bebend an ſein Herz. Sie ſprachen nichts mehr, aber ihre Lippen hingen feſt zuſammen, und höher wogte der volle, kaum bedeckte Buſen des Mädchens an des geliebten Mannes Schulter, und er faßte die langen Flechten ihres ſchönen Haars und zog leiſe ihr ſchönes Köpſfchen zurück und bedeckte mit ſeinen Küſſen Stirn und Wangen und Mund und Hals des glühenden, Alles vergeſſenden Kindes, und feſter klammerte ſie ſich an ihn, wie auf nimmer von ſich laſſen. Da murrte plötzlich der Hund am Pförtchen, Line Blumenhagen. VII. 15 226 ſprang hin und ſogleich erſchrocken zurück. Birg Dich, ſo tief Du kannſt, um Gotteswillen! ſtammelte ſie mit Todesangſt. Es kommen Leute auf den Hof. Wenn Alles ſtill, kehre ich zur guten Nacht.— So ſchlüpfte ſie leicht, wie vom Winde getragen, ſeitwärts an den Ställen hin, und wie eiſiges Waſſer fuhr es über den erhitzten Mann, als er horchend die Stimme des Mül⸗ lers im Hofe vernahm. Schnell beſonnen ſah er ſich nach einem Rettungsplatze um. Ein hohler Schlachttrog ſtand mit ſeiner Höhlung nach Innen ſchräg an die Wand gelehnt in einem Winkel, den das Mondlicht nicht be⸗ ſtrich. Er kroch dahinter, und von der Wanne völlig bedeckt fand er ſich dem fremden Auge entzogen, mit dem Vortheile, aus ſeinem Dunkel überſehen zu können, was im Hofe und dem Schlachthauſe vorging. Die Stimmen vom Hauſe verdeutlichten ſich immer mehr, und bald näherten ſich die ihm leider zu bekann⸗ ten Geſtalten dem offenen Pförtchen ſeines Verſtecks. Es war der lange Tom ohne Hut und Wamms, der auf den Müller Wolf und den Holzwärter Rephahn geſtützt und faſt von ihnen getragen ſichtbar wurde. Auf den erſten Blick erkannte man, daß der junge Menſch bis zur Sinnloſigkeit betrunken war, denn er hielt ſich kaum mehr aufrecht, die Beine ſchleiften nach, die Knie bra⸗ chen ein, ſein Kopf ſchwankte von einer Seite zur andern, und ſeine Zunge ſtammelte halb verſtändlich nur. Gib Dich zufrieden, Brüderchen, ſprach des Müllers Stimme mit einem furchtbar freundlichen Tone, wir bringen Dich zu Bett, und Du ſollſt tüchtig ausſchlafen. Morgen leeren wir den Reſt der Flaſche, und dann fal⸗ len die Knochen wieder friſch, lauter volle Augen. Ja zu Bett— die Treppe hinauf— Jungfer Line 227 ſoll vorleuchten, ſtammelte der Trunkenbold; bezahle Alles doppelt, wie ein Prinz, und that dabei einen Luft⸗ griff nach ſeiner Taſche.— Was Jungfern, Du Narr! So wie Du biſt, kannſt Du Dich vor keinem Schätzchen ſehen laſſen, antwortete der Müller mit höhniſcher Erbitterung, und den magern, leichten Menſchen einem Kinde gleich aufnehmend, ver⸗ ſetzte er ihn mit einem Schwunge ſeiner Arme auf den Schlachttiſch, indeß der nachgekommene Schlachter Hun⸗ gerland die Pforte des Schlachthauſes völlig zuzog. Es gab einen unheimlichen Anblick, wie der ſinnver⸗ wirrte Tom da ſaß im vollen Mondſcheine mit kreide⸗ weißem Geſicht und mit glanzloſen Glasaugen, verwundert ſeine guten Kameraden und Spielgeſellen anſtarrte. Das iſt mein Bett nicht! Das iſt hart wie Stein, und ich will in die rechte Kammer! ſtotterte Tom, der, wie von einer lichten Ahnung belebt, kräftiger ſich loszu⸗ machen verſuchte, jedoch durch die ſtarken Hände ſeiner Führer verhindert wurde. Der Müller winkte jetzt be⸗ deutungsvoll dem bucklichten Schlachter, der hinter dem Kopfe des Trunkenbolds ſtand, ein langes Meſſer her⸗ vorzog, jedoch unſchlüſſig die Hand ſinken ließ. Biſt Du ein Meiſter, Hungerland? fragte der Mül⸗ ler mit gräßlicher Stimme. Memme, iſt denn ein Stück Vieh weniger wie dieſer Lump? und mit einem Griffe der Rechten riß er dem Schlachter das Mordinſtrument aus der Hand, faßte mit der Linken die Stirn des Opfers, drückte den Trunkenen gewaltſam zurück auf den Block⸗ tiſch— und der Stahl ziſchte durch die Gurgel des Un⸗ glücklichen. Sechs Fäuſte ßtreckten ſich ſofort aus, die Wehr des Gemordeten zu unterdrücken und ſeine röchelnde Stimme zu verlöſchen. 228 Wilm hatte mit Entſetzen der Scene gezwungen zu⸗ geſehen; es drängte ihn, hervorzuſtürzen, aber alle ſeine Gliedmaßen waren wie vom Starrkrampfe gefeſſelt, ſein Haar ſträubte ſich, kalter Schweiß brach auf ſeiner Stirne aus, und mit Gewalt mußte er den Angſtſchrei hinab⸗ kämpfen, als der Mordſchnitt geſchah. Rührte ſich da Jemand im Winkel? fragte der Mül⸗ ler grimmig zurückblickend, ohne die blutigen Hände los⸗ zulaſſen.— Es iſt der Hund, antwortete der Holzwärter. Er hat ſein Nachtquartier auf der alten Wolldecke genommen.— Kunſtgerecht fing der Schlachter unterdeß das Blut in einem Eimer auf, und als der Ermordete kein Zeichen des Lebens mehr merken ließ, viſitirten die Mörder alle Taſchen ſeines Kamiſols und ſeiner Beinkleider, und die reiche blanke Beute fiel in den Hut des Müllers, der mit grimmiger Luſt ſie ſchüttelte und klingeln ließ. Samiel geſegn' es! lachte der rieſige Unmenſch da⸗ bei. Aber Dir gebührte eine Portion Stockfiſch, Du jämmerlicher Zwerg, ſetzte er hinzu, dem Schlachter auf den Höcker klopfend. Hätte gemeint, Du könnteſt beſſer Blut ſehen, ſo wirſt Du es nicht weit über Dein Hun⸗ gerland hinaus bringen.— Ein Menſch iſt doch keine Sau, erwiderte der Ge⸗ ſcholtene kleinlaut, ſeine Hände ſcheu betrachtend; und ſolch Blut ſieht gar anders aus wie der rothe Saft von einem Kalbe.— Nun Du Hauptkalb, höhnte der Müller, ſo mach Dich davon und trage den Hut und den Rock des armen Sün⸗ ders an den See, wirf's in's Schilf, daß die Waſſer⸗ jungfer unſere Schuld übernimmt. Hier iſt Toms Haus⸗ ſchlüſſel; die alte Magd ſchläft feſt, wir müſſen unſer 229 Werk noch krönen, denn dieſe Lumperei im Hute wäre zu geringer Lohn dafür, daß wir dem armen Schelm Dok⸗ tor, Medizin und Todtengräbergebühr erſpart haben. Wo laſſen wir aber bis da den Siebenſchläfer? Der Mond ſcheint ihm zu grob ins Geſicht und möchte ihn ſtören im Traume von dem achtzehner Paſch.— Dort der Schlachttrog, ſagte der Rephahn; darin kann er liegen, bis ich ihn abhole und zum Walde trage, wo ſein weiches Bett ſchon aufgedeckt wartet.— Beide gingen raſch auf den Winkel zu, und Wilms Herz ſtand ſtill, und er flüſterte ein Stoßgebet, denn er ſah ſeine letzte Stunde vor ſich. Da fuhr der Hund, welcher bis dahin ſtill vor dem Troge gelegen hatte, wie wüthend in die Höhe und mit Grimmgeheul gegen die Feinde, die funkelnden Augen und die weißen gewal⸗ tigen Hauzähne zeigend.— Das Meſſer her! rief erbost der Müller. Kalt ge⸗ macht die Beſtie, die den Verräther ſpielen will.— Der Holzwärter riß den tollen Menſchen zurück. Wage Dich nicht hinan, ſagte er haſtig. Der Nero zwingt unſer zwei und wird ſich ſo leicht nicht von ſei⸗ nem Lager treiben laſſen. Laß den Kalten liegen wo er liegt, was ſchadet's? In einer Stunde ſind wir wieder da, und ſo lange verſchließen wir die Thür, und Ge⸗ vatter Martin kann unterdeß dem Hunde einen andern Platz anweiſen, wenn er lärmen ſollte.— Der Müller fluchte dem Thiere, das wieder ſtill geworden, aber immer kampfluſtig da ſtand, einige Donnerwetter zu, dann gingen Alle, die Thür ward verſchloſſen und Grabesſtille herrſchte bald in der grau⸗ ſenvollen Klauſe. Tief Athem ſchöpfend ſammelte Wilm Beſinnung und 230 Kraft, aber es dauerte lange, ehe er den Muth und die Fähigkeit fühlte, ſein Verſteck zu verlaſſen. Als er her⸗ vortrat, leckte der Hund ſeine herabhängende Hand, und er ſchrack zuſammen, als ihn des treuen Thieres kalte Schnautze berührte. Wie irr ſah er umher nach Ret⸗ tung ſuchend, da fiel ſein Auge auf die blutige Leiche mit dem Kalkgeſicht und der gräßlich klaffenden Wunde. Mit Schauder wandte er ſich ab, hölliſche Geſtalten ſchie⸗ nen ihm aus den Winkeln zu treten und mit feurigen Klauen nach ihm zu greifen; nach dem Monde blickte er auf, als riefe er den Himmel zu Hülfe, da fand ſein Blick die Rettung bietende Oeffnung, und er ſprang hinzu, kletterte wie ein gejagtes Wild an der Lehmwand hinauf und ſchwang ſich glücklich in die offene Luke und von dort in den Garten hinab. Einen Augenblick lag er zwiſchen den Kohlpflanzen, die ihn weich aufgenommen, da traf ſein Ohr das Ge⸗ heul des Hundes, der im Schlachthauſe ihm nachwim⸗ ſerte und an der Wand kratzte. Mit höchſtem Zwang ſeines ermatteten, zernichteten Leibes raffte er ſich auf und im Hatzfluge ſtürzte er durch den Garten, durch den Wald, durch die Aecker, bis er ohnmächtig einem kalten Todten gleich vor der Hütte niederſank, worin das auf ihn harrende Lämpchen der Mutter Ilſe düſter und dem Verlöſchen nahe leuchtete. — Die alte Hirtenfrau ſchalt am Morgen, als ſie ihres Pflegeſohns Bett unberührt gefunden, tüchtig auf die Nachtſchwärmerei. Auf ihren Krückſtock gelehnt kam ſie in das Gärtchen gehumpelt, wo er auf der rauhen Bank unter dem Fliederbuſche ſaß, und predigte lange über 231 die Unbeſonnenheit der Jugend, die weder die eigene Geſundheit, noch den guten Namen unbeſcholtener Mäd⸗ chen beachte, wenn das Blut in Gährung gekommen; aber die Blödſichtige ſah nicht das entſtellte Geſicht und die ſtieren, verloſchenen Augen ihres Lieblings, und nahm ſein Schweigen für Reue und Verſprechen der Beſ⸗ ſerung.— Wilm hatte einen ſchweren Kampf gekämpft. Als er wieder zu ſich gekommen und der Geiſt die Schwäche des Körpers bezwungen hatte, däuchten ihm anfangs die Ereigniſſe der Nacht wie ein ſchwerer Traum, und er mußte ſich lange beſinnen, bis er das Entſetz⸗ liche, was er erlebt, als Wirklichkeit erkannte und zu⸗ ſammengeſtellt. Wie heiße Kohlen brannte aber jetzt die klare Erinnerung auf ſeinem Herzen, und die erſten Strahlen der Sonne fanden ihn knieend an der Ruhe⸗ bank, zerknirſcht von Selbſtvorwürfen und wie ein Ver⸗ brecher ſich anklagend und zum Himmel um Vergebung flehend. Warum hatte er ſich nicht aus ſeinem Verſteck hervor geſtürzt und die Rettung verſucht? Warum war er nicht ins Dorf geeilt, warum hatte er nicht durch einen Feuerruf die Bauern aus den Betten gehetzt, war⸗ um hatte er nicht ohne Zögern den Vogt geweckt und ſo wenigſtens die zweite Frevelthat verhütet und den An⸗ ſchlag der Schändlichen zu Schanden gemacht? Er fühlte ſich wie vernichtet durch ſeine Feigheit, ſeine Unent⸗ ſchloſſenheit; es war ihm, als ſei er dadurch ein ewig gebrandmarkter Theilnehmer eines ſchauderhaften Ver⸗ brechers geworden. Und als nun gar die getreue Nach⸗ barin erſchien, welcher der kranken Hirtin täglich zuſprach und nach ihren Bedürfniſſen ſah, und als dieſe jetzt er⸗ zählte, daß der reiche Tom ſein Sündenleben ſelbſt im Waſſer geendet, daß man ſeine Kleidungsſtücke am Ufer 232 des See's gefunden, aber zugleich räthſelhafter Weiſe all ſeine Baarſchaft, und was an Silber und werthvollen Sachen noch geſtern im Hauſe geweſen, Nachts ohne ſichtlichen Einbruch verſchwunden, da ſteigerte ſich ſeine Gewiſſenspein bis zum Wahnſinne hinauf. Er nur konnte dieſes Räthſel löſen, aber ſein Zeugniß gegen ſolche un⸗ beſcholtene, ja wohlhabende Hausbeſitzer konnte angefoch⸗ ten werden, und er ſelbſt in den ſchwerſten Verdacht gerathen wenn dieſe ihre Schuld auf den armen, unbe⸗ ſchützten Poſtknecht zurückſchoben. Und nun gar ſeine Zuſammenkunft mit dem ſchuldloſen Mädchen; welchen Schimpf mußte ſie auf die heiß Geliebte häufen?— Und war nicht Linens Vater unter den Schuldigen, mußte er nicht auch ihn dem Henker zuſtoßen, und wurden nicht alle ſeine Hoffnungen auf Lebensglück, wurde nicht Linens ganze Zukunft vernichtet, wenn das ſchwere Wort der Anklage von ſeinen Lippen gefallen und irgend ein Le⸗ bender es vernommen?— Lange kämpfte der junge Burſch, da trat vor ſeine Phantaſie all das Unheil, wel⸗ ches noch durch dieſe Blutbündner künftig geſchehen konnte, und feſt wurde ſein Entſchluß, das Mädchen nie wieder zu ſehen, zur Stunde den Rückmarſch zu ſeinem Herrn, dem Poſtmeiſter, anzutreten und dieſem erfahrenen, welt⸗ klugen Manne Alles zu entdecken.—— Kaum hatte ſich ſein Entſchluß alſo feſtgeſtellt, ſo bemühete ſich das hämiſche Schickſal, ihn wiederum umzu⸗ ſtoßen. Eine Stimme erklang vor der Hütte, die ihm nur zu bekannt war, und ſein Herz zu anderer Stunde mit Entzücken erfüllt haben würde; ein gelber Strohhut ſchimmerte durch die Hecke, und ehe ſich ſeine erſchrockene Seele zur Flucht beſtimmt, ſtand mit hochgerötheten Wan⸗ gen das ſchöne Mädchen aus der ſchrecklichen Schenke 233 ſchon vor ihm. Mit beiden Händen faßte ſie ſeine zur Abwehr vorgeſtreckte kalte Hand, und die lebhafteſte Freude leuchtete aus ihren Augen. Da biſt Du ja, Wilm! ſagte ſie recht herzlich. O nun iſt Alles gut, und die Nacht voll Aengſte iſt vergeſſen. Was habe ich gelitten, wie mich gequält! denn als die Trunkenbolde wieder im Hauſe waren, und ich zum Schlachthauſe zurückkam, fand ichs verſchloſſen und der Nero heulte fürchterlich von inwendig her. Ich ging in das Haus, den Schlüſſel zu ſuchen, der Dich erlöſen konnte, da traf ich auf dem Vorplatz den Vater Martin, und mit dräuenden Scheltworten, wie er ſie nie gegen mich gebraucht, trieb dieſer mich hinauf in die Kammer und verriegelte ſelbſt von Außen, mich eine freche, ſitten⸗ loſe Dirne ſcheltend. Ich glaubte uns verrathen, Dich in ihren Händen und weinte die ganze Nacht. Doch heute früh fand ich den Vater freundlicher als je, und als ich vorſichtig einen unbeachteten Augenblick benutzte, fand ich das Verſteck offen, und mein furchtſames Auge bemerkte Blutflecken auf dem weißen Tiſche. Nun trieb es mich her, von Angſt gepeitſcht; doch Du biſt da, geſund und unverletzt, wenn auch bleich von dem Schrecken. Nicht wahr, Sie haben Dir nichts zu leide gethan?— Sie ſchlug ihre Arme um den Geliebten, und drückte ſich mit kindlicher Inbrunſt an ihn; er aber ſtand wie eine lebloſe Bildſäule in ihrer Umarmung, wehmüthig hing ſein Blick an ihrem roſigen Geſichte, und der faſt ſchon niedergekämpfte Schmerz des Verluſtes ſtieg jetzt mit Doppelqual neu in ihm empor. Nein, mir haben ſie nichts gethan, ſagte er mit dum⸗ pfer Stimme, die wie aus einem Grabe klang; aber einen Schnitt haben ſie gethan durch unſere Liebe, mitten 234 hindurch durch unſere verwachſenen Herzen, und das Blut, was Du dort geſehen, trennt uns auf immer.— Du biſt krank, Du ſprichſt wie im Fieber! rief ſie beklommen und ſetzte ſich auf die Bank, und zog ihn neben ſich. O ſcherze nicht ſo bös! Erzähle was Dir begegnet, und wie Du entkamſt.— Schwer laſtete der Augenblick; aber es war ihm klar, daß er ihr den bittern Kelch nicht vorenthalten konnte, und es drängte ihn ſeine Bruſt, zu erleichtern von einer Bürde, die allein getragen ihn erdrücken mußte. Lang⸗ ſam und eintönig, gleich einem Jahrmarkterzähler, ent⸗ hüllte er das blutige Abenteuer der letzten Nacht, ſeine Stimme verrieth kein Mitleid mehr an dem Unglück⸗ lichen, keinen Abſcheu mehr vor den Mördern, ſelbſt keine Theilnahme an dem Eindrucke, den ſeine Worte auf die bewegte Zuhörerin machen mußten. Wilm, und das ſaheſt Du Alles mit Deinen wirk⸗ lichen Augen? Und Du ſtarbeſt nicht, ehe Du es zu Ende geſehen? rief das Mädchen mit gefalteten Händen und aus der rothen Roſe war eine weiße geworden. Aber der Vater war nicht dabei, den Vater ſahſt Du nicht, Wilm? ſetzte ſie haſtiger hinzu und wie in tödt⸗ licher Beängſtigung.— Der Vater war nicht am Bluttiſche, antwortete Wilm mit ſtarren am Boden haftenden Blicken; z aber ich ſah ihn Wacht ſtehen, und die Mörder nannten ihn, als wüßte er um ihr RNachtſtück.— Nein, nein, Wilm, rief das Mädchen wieder, und umfaßte ihn wie im Krampf des Herzens, nein, das kannſt Du nicht glauben vom Vater Deiner Line. Und wenn Du es glaubſt, was wirſt Du fuhr ſie ſchneller fragend fort.— — 235 Gott hat mich dahin geſtellt, daß ich ſehen ſollte das Blut und zeugen für das Blut, antwortete der Jüng⸗ ling bewegt und hob den matten Blick zum Himmel; in die Stadt muß ich gehen und die Mörder nennen.— Einen Kreiſch that das Mädchen, der ihm durchs Herz ſchnitt und ihn wie Dezemberfroſt ſchüttelte. Wilm, ſprach ſie dann lebhaft, das kannſt Du nicht, das darfſt Du nicht, das ſollſt Du nicht. Wenn die Böſewichter es erführen, ehe man ſie feſt machte, oder wenn ſie ſich durchlögen, dann wäreſt Du ja keinen Augenblick Deines Lebens ſicher, und ſie würden Dich ſchrecklicher ſchlachten als den Tom. Wilm, was geht's Dich anz überlaß Gott die Rache, er findet die Böſen gewiß und zu rechter Zeit.— Und willſt Du auf Dein Herz nehmen, auf Deine Seele nehmen all das Blut, das ſie noch vergießen könnten von heute an? Willſt Du ſo als ihre Mitſchul⸗ dige daſtehen vor Gott? fragte Wilm ernſt und finſter.— Schrecklich! ſtöhnte das Mädchen. Aber den Vater kannſt Du ja nicht nennen, Deine Zunge würde ja lahm werden, ehe Deiner Line ehrlicher Name vor dem Gericht hinauf käme. Und thäteſt Du es nicht, würden es die Mörder thun; der grimmige Wolf würde den Mitſchul⸗ digen nicht verſchonen; ſelbſt verloren würde er wie ein Satan ſich freuen, den Vater und mich zu verderben und ſich an Dir, dem Angeber, zu rächen. O Wilm, was ſollte dann aus unſerer Liebe werden?— Der arme, gequälte Burſch drückte ſein Geſicht in ihr reiches Blondhaar und ſagte weich: Wir ſind zwei recht unglückliche Menſchen, Du und ich! Und wir haben das doch beide ſicherlich nicht verdient. Aber ſteht nicht in der Schrift, die Kinder ſollen büßen der Väter Schuld 236 bis ins vierte Glied? Auch mein Vater mag ein arger Sünder geweſen ſein. Und, arme Line, von unſerer Liebe darfſt Du nicht mehr ſprechen; das iſt vorbei, die iſt verſcharrt mit dem blutigen Tom im Walde in der tief⸗ ſten Grube. Sie iſt verloren, und wir ſind verloren.— So liebſt Du mich nicht mehr? So willſt Du mich verderben, die ich ſo Manches trug um Dich, und Dir nichts als Liebe gethan mein Lebelang? fragte ſie mit Heftigkeit.— Frage mich ſo vor Gott, wenn wir bei ihm uns dermaleinſt wiederſehen, erwiderte Wilm mit tiefem Ge⸗ fühl, dann will ich Dir antworten.— Da ſprang ſie vom Sitze auf, ſtürzte ſich vor ihm in die Knie, und ſchlang gewaltſam ihre Arme um ſei⸗ nen Leib. Nein, Wilm, rief ſie, ich laſſe Dich nicht, bis Du mir geſchworen, ſtumm zu ſein und nichts zu verrathen. Nur eine Woche lang ſollſt Du ſchweigen, daß ich bis dahin den Vater retten kann. Ich will ihm ſchreiben mit falſcher Handſchrift, ich will ſelbſt reden mit ihm, er ſoll ſein Hab und Gut zuſammennehmen, ſoll flüchten mit mir weit über die Berge, über das Meer; Du kannſt nachkommen, uns ſuchen, wo RNie⸗ mand uns kennt. Wilm, denke Dir den Vater Deiner Braut, wie ſie ihn hinſchleifen auf dem Karren zum Rabenſteine, wie er ſitzt auf dem rothen Stuhle, wie das lange Meſſer ziſcht, ſein Kopf fällt; Wilm, Dein Mädchen ſtirbt in derſelben Stunde, und käme der Tod nicht, Wilm, Deine Braut würde ihn ſuchen, ein Stich ins Herz, ein Sprung in die See würde ihrer Qual ein Ende machen, und Dich würde ſie als ihren Mörder verklagen bei Gott.— Erſchöpft ſank ſie zu ſeinen Füßen nieder, riß ſich — 237 aber ſogleich wieder hoch auf und warf ſich laut ſchluch⸗ zend an ſeinen Hals, und bedeckte ſeinen Mund, ſeine Wangen, ſeine Augen mit wilden Küſſen. Wilm, rief ſie dabei, ſei gnädig, ſei ein Menſch, ein Chriſt; tödte Dein Mädchen nicht, das gern ihr Herzblut geben würde für Dich, o ſitze nicht da ſtumm und kalt; ſei barm⸗ herzig, damit Gott Dir barmherzig ſein möge.— Kalter Schweiß bedeckte des Jünglings Stirn, Fieber⸗ froſt war in allen ſeinen Gebeinen. Gott vergebe Dir's, vergebe mir's, wenn wir Unrecht thun, ſagte er er⸗ ſchüttert. Es iſt meine Gewiſſensruhe, es iſt meine Seele ſelbſt, die ich der Liebe opfere. Ja, eine Woche will ich ſchweigen, der Himmel gebe mir Kraft, bis dahin zu leben.— Das Mädchen ſank wie aufgelöſet in ſeine Arme, und er preßte ſie in unnennbarem Schmerz an ſich, und betete ſtill zum höchſten Richter um Rettung für ſie und ſich aus dieſem Jammer. Vor dem Poſthauſe zu M. hielt eine ſtattliche Reiſe⸗ kaleſche. Das friſch vorgelegte Doppelpaar wohlgepflegter Hengſte ſchnob ungeduldig und ſog die kühle Abendluft begierlich ein, und der Poſtknecht lehnte ſchon am Sattel⸗ gaule, die lange Peitſche in der Hand, indeß der Wagen⸗ meiſſter aus ſeiner ſchmutzigen Büchſe noch die Wagen⸗ räder tränkte, und dabei neugierig nach dem in Gold und bunten Farben gemalten Wappen ſchielte, welches von der Wagenthür herab trotz der Dämmerung zu ſeinen Auen herüber ſchimmerte. Eine Staffette trabte jetzt aus dem Thorwege des Pofhauſes heraus, und an der Eytra vorbeireitend rief 238 der alte ſteife Poſtknecht dem jungen Poſtillon zu: Komm glücklich nach, Kamerad! Ich will Quartier beſtellen. — Fritz, auf ein Wort! rief plötzlich aus ſeiner Ruhe erwachend der Poſtillon, und war mit zwei Schritten neben dem weilenden Staffettenreiter. Wenn Du im weißen Bär vorkehrſt, ſo grüße mir heimlich die Jungfer vom Hauſe, und ſprich zu ihr, übermorgen wäre die Woche zu End, und ſie möchte das wohl bedenken.— Schelm! lachte der alte Reiter. Nun, ich weiß ja Be⸗ ſcheid, und gönne dem jungen Volke, was ich ſelbſt ge⸗ habt. Soll richtig abgegeben werden.— Dahin trabte er und der Poſtillon ſah ihm trübſinnig nach, und ging dann wieder zu ſeinen Pferden zurück, nahm die Zügel und klatſchte mehre Male mit der kräftigen Peitſche durch die Luft, wobei die unruhigen, doch gut gezogenen Thiere zuſammenſchoſſen, die Köpfe gerade aus ſtellten und ſich feſt aneinander ſchloſſen, wie vernünftig zur Abfahrt ſich bereitend. Mufßt ſchon Geduld haben, ſprach der Wagenmeiſter an ihm vorübergehend; haſt einen luſtigen Paſſagier, der eben noch die zweite Flaſche Champagner knallen lies. Aber vornehm ſind ſie, und hau nur tüchtig darauf los; in der Nacht thut ein bischen Schweiß den Gäulen nichts, und ſolche Herren fliegen gern über das Pflaſter hin; ſtößt's tüchtig, ſchüttelt's ihnen den vollen Magen zurecht und macht's Hirn wieder nüchtern. Drei blanke Gulden geb' ich Dir für's Trinkgeld.— Der Poſtillon antwortete nicht, machte auch hin fröhlich Geſicht dabei, wie Seinesgleichen wohl zu thm pflegen bei ſolcher Prophezeihung. Nach einer Wiile trat der Livreejäger aus der Thür des Poſthauſes, iff⸗ nete den Wagenſchlag, und ihm folgten bald die Reiſenten, 239 von dem Foſtmeiſter becomplimentirt. Beide waren Männer von gereiftem Alter, doch ſchien der Größere einige Jahre älter durch die große haarloſe Stirn, welche ſich nach hinten in eine Glatze verlängerte, die von einem dichten Kranze feiner, faſt ſchon ſilbergrauer Haare umgeben war, und die der Fremde bei dem Heraustre⸗ ten in die Abendluft mit einem runden, purpurfarbenen Sammetkäppchen bedeckte. Als ſie ſich zum Einſteigen bereiteten, trat der Andere, der einen feinen Jagdoberrock trug, zuvor an die Pferde. Schöne Thiere, Poſtmeiſter, ſagte er mit Lebhaftigkeit und leichter Zunge; da ſitzt fremdes Blut in Hals und Fuß. Aber Potztauſend, Schwager, Du biſt noch ſo ein jung Bürſchchen, und unterſtehſt Dich ſolch muthigen Poſtzug zu commandiren, und dazu durch die Nacht und all ihren Satansſpuk? — Der Poſtillon zog reſpektvoll den Hut, als er ſich aber zur ſchuldigen Antwort gegen die Herren wandte, traf ſein Auge auf den größern Fremden, und das im⸗ poſante Aeußere deſſelben, das bleiche edle Angeſicht, gehoben durch das Schwarz ſeiner Kleidung, unter wel⸗ cher mehre Orden ſichtbar funkelten, beſonders aber das dunkele, auffallend große Auge, welches über der gebo⸗ genen Naſe blitzte, und ſtarr auf ihm zu haften ſchien, drückte das freie Wort, das ihm ſchon auf den Lippen ſchwebte, zurück. Der Poſtmeiſter ſäumte nicht an ſeiner Statt zu ſprechen. Ich ſtehe für ihn, Herr Oberjäger⸗ meiſter, ſagte er devot, in meinem ganzen Stalle gibt's keinen ſicherern Kutſcher und keinen beſſern Hornbläſer. Ich wette, er lenkt die zwölf königlichen Iſabellen durch alle Querſtraßen der Reſidenz ſo kunſtgerecht wie der königliche Stallmeiſter, und würde im Hoforcheſter, wo man die Hornduos beſonders lieben ſoll, ſeinem Platze 240 men können.— Der FPoſtillon ſetzte den Fuß in den Bügel, und ſchwang ſich ſo leicht in den Sattel, als hätte er auf der Pariſer Reitbahn gelernt, ſo daß die Paſſagiere ihm Beifall zunickend ohne fernere Sorge in ihre Kaleſche ſtiegen. Der Livreejäger erkletterte den Kutſchbock, lehnte ſeine Büchſe zwiſchen die Knie, und die angeklatſchten Hengſte zogen im raſchen Trabe den Wagen über das rauhe Pflaſter des Städtchens in das Freie hinaus. Ehre machen. Wollen Sie die Nacht im Wagen wach bleiben, um ſich an den Geſpenſterformen des Fichten⸗ waldes zu ergötzen oder Aſtronomie zu treiben, ſo bläſet er mit ſeiner Radawatska oder ſeinem Tirolerhopſer Ihnen jedes Morpheuskorn vom Auge; wünſchen Sie in der Wagenecke zu ſchlummern, ſo dürfen Sie nur befeh⸗ len, und das preußiſche Mantellied oder Schlafe mein Prinzchen und andere melodiſche Adagio's werden wie ſanfte Opiate Sie zur Ruhe fördern.— Alſo ein wahres Poſtillongenie! lachte der adelige Nimrod. Aber wir ſind ja bei Ihnen, Poſtmeiſterchen, immer an das Beſondere gewöhnt. Gute Pferde, raſche Beförderung, höflichen Empfang, billige Zeche kenne ich in Ihrem Hauſe ſeit zwanzig Jahren, Seltenheiten, welche man auf hundert Meilen weit bei Ihresgleichen oft vergebens ſucht. Nun, mein junger Schwager, fahre brav und vorſichtig, damit wir morgen in der Reſidenz nicht mit geſchundenen Naſen und blaugeſchlagenen Augen der Hof⸗Fete Schande machen, und blaſe luſtige Weiſen, damit wir die Moleſtien und Unhöflichkeiten der Ge⸗ birgsſtraße möglichſt vergeſſen, und von rundwadigen Ballettänzerinnen und den Nachtigallen der Oper träu⸗ 241 Die Nacht ſtieg langſam auf, ſternenklar und ſtiill. So lange das letzte ſchwache Licht in Weſten die Gegen⸗ ſtände erkennbar machte, ſchaueten die Reiſenden, jeder für ſich in einzelne Betrachtung verſenkt, aus dem nur halbbedeckten Wagen auf die Gegend hinaus, die zu den ſchönſten Deutſchlands gehörte, und im ſteten Wechſel der herrlichen Höhen und lachenden Thäler dem Auge die mannigfaltigſte Ergötzung darbot. Als aber der neidiſche Schleier der Nacht die Schönheiten der Natur verhüllte, lehnten beide ſich bequem in den Wagen zurück, und der ſanguiniſche Oberjägermeiſter unterbrach die Schweigſam⸗ keit ſeines Geſellſchafters gar bald. Sind Sie zufrieden, mein finſterer Baron, mit unſerm Poſtillon? fragte er. Was mich betrifft, ſo muß ich bekennen, daß ich dem Poſtmeiſter eine Abbitte zu thun habe. Ich hielt ſeine Lobrede auf den jungen Menſchen für einen windigen Poſaunenſtoß, mit welchem die Her⸗ ren an den Heerſtraßen gar zu gern die Klagen und Beſorgniſſe der Paſſagiere zu übertäuben verſuchen. Sein Wort war eine Wahrheit, wie die neue Charta magna der Pariſer, die Vorſicht und die Fertigkeit des Burſchen auf dieſen bergigten, nicht gefahrloſen Wegen verdiente einen ehrenvolleren Poſten, und wüßte ich, daß er frei wäre von den Gewohnheits-Untugenden ſeines Standes, dem Dienſte des Bacchus und der Göttin Pandemos, möchte ich ihn dem Oberſtallmeiſter empfehlen.— Aber Sie antworten nicht, Baron? plapperte er nach kurzer Pauſe weiter. Je länger wir mit einander reiſen, je mehr iſt Ihr Ernſt zu ſichtlicher Melancholie verſun⸗ ken, und die Reſidenz wird Ihr Vaterland nicht an Ihnen zu erkennen vermögen. Ueberlaſſen Sie den Spleen jenen Söhnen des überſeeiſchen Inſellandes, in Blumenhagen, VII. 16 242 deren Adern der ſchwarze Porter und nicht der göttliche Geiſt des Champagners mouſſirt. Gedenken Sie der ſchönen Tage, die wir vor zwei Decennien unter eben dieſem Himmel am Hofe des galanteſten aller Könige verlebten, gedenken Sie der Freuden und der Abenteuer, welche wir theilten, und bringen Sie dieſem Lande einen freundlichen Wiederſehensgruß in der Erinnerung an die ſchöne Jugendzeit, welche für uns freilich nicht wiederkehrt.— Ich gedenke! antwortete der Baron ſehr ernſt und faſt eintönig. Ich fühle, daß ſie nicht wiederkehren kann, daß ſie dahin iſt, und darum iſt meine Zunge gelähmt, meine Bruſt beklommen. Wohl habe ich dieſe Gegend wieder erkannt, und alte Wunden bluten neu, wie des Mörders Nähe der Leiche ſeines Opfers friſche Bluts⸗ tropfen entlockt.— Sie wählen grauſige Bilder, lieber Freund, fiel der Oberjägermeiſter lebhaft ein, man hört Ihnen die neuen Schrecken der Julitage an. Wäre ich kein Weidmann, ſo würde mir ſolch Nachtgeſpräch Herzklopfen machen, denn die Fichten dort ſehen einer Horde ſchwarzer Jäger ſehr ähnlich, und jene einzelne Eiche mit den abgeſtor⸗ benen Unterzweigen ähnelt einem Rieſen, der gleich der bekannten ſtrafenden Schloßjungfrau ſeine zerſchneiden⸗ den Arme nach uns ausbreitet.— Verzeihen Sie mir, Graf, wenn ich Ihren guten Hu⸗ mor trübe, aber ich kann nicht anders, antwortete der Baron nicht ohne Schärfe. Als ich dieſe Berge zuletzt ſah— o hätte ich ſie nie geſehen, nie mein liebes Va⸗ terland verlaſſen!— Als ich dieſe Berge zuletzt ſah, ſaß meine theure Hortenſe an meiner Seite.— Der Baron ſprach die letzten Worte mit ſo ſchmerz⸗ 243 lichem Ausdrucke, daß ſein Nachbar, von dem Gewicht derſelben ergriffen, vergebens nach einer Erwiderung ſuchte, und verſtummend in die Nacht hinaus ſtarrte. Der Baron fühlte den Vorwurf, welchen er unwillkür⸗ lich dem Freunde gemacht, und fuhr nun ſelbſt gut⸗ machend zu reden fort. Meine Hortenſe kam, wie Sie wiſſen, von dieſer letzten Reiſe auf Deutſchlands Boden krank in der Heimath an, und nur der wohlthätige Tod heilte ſie von dieſer unglücklichen Krankheit. O Freund, was der raſche Flug der Weltereigniſſe, was der heim⸗ liche Kampf der Intriguen des Hofes mich hatte ver⸗ geſſen machen, iſt Alles wieder hell und ſchneidend ge⸗ worden, und ſelbſt der Poſtillon, der Ihr Intereſſe ſo ſchnell und ſeltſam zu gewinnen wußte, hat meine Seele verwundet, denn er ähnelt im Wuchſe und in den Ge⸗ ſichtszügen auffallend meinem Henry, der bei Algier in Berthezene's Diviſion vielleicht in dieſer Nacht von' den krummen Säbeln arabiſcher Horden bedräuet wird.— Hören Sie, Baron! entgegnete der Graf raſch, um dem ihn incommodirenden Trauertext eine andere Rich⸗ tung zu geben. Der Burſch hat ein feines Gehör, iſt galant gegen Sie und will ſeiner glücklichen Aehnlichkeit Ehre machen. Er bläſet die Marſeillaiſe trefflich, und das Echo accompagnirt ihn ächt romantiſch.— Doch was wird das? rief der Baron, nachdem ſie eine Weile gehorcht, und ſtellte ſich mit Aengſtlichkeit hoch auf im Wagen. Warum verſtummt das Horn ſo plötzlich? Was iſt's mit den Pferden? Frangois, herab, es gibt ein Unglück!— Wilm hatte ſeit dem Abſchiedsmorgen gar traurige Tage verlebt. Gewiſſensbiſſe quälten ihn, und ſeine Seele war ſo bedrückt, als hätte er ſelbſt jene Mordthat 244 begangen. Aber bald wurde dieſe Qual von einem grö⸗ ßeren Schmerze betäubt. Er hatte ſich von ſeinem Mäd⸗ chen losgeriſſen für immer, er mußte ihr entſagen, denn wenn ſie auch den Vater zur Flucht in ein fernes Land bewog, konnte er ihr folgen? hätte er ruhig, glücklich ſein können in der Nähe des Mordgeſellen? Und das war der Schenkwirth, wenn er auch nicht ſelbſt Hand angelegt; er hatte die That gewußt, hatte Wacht geſtan⸗ den, ohne ſeine Mitwiſſenſchaft würden die Böſewichter nimmer ſo dreiſt in der Blutnacht gewirthſchaftet haben. Tiefſte Finſterniß lag auf dem Geiſte des guten Bur⸗ ſchen, all ſein Hoffen auf Lebensglück war in jener Nacht begraben worden mit dem unglücklichen Tom, denn er hatte die ſchöne Line wahrhaft geliebt, und ſie war ſeine erſte, einzige Liebe geweſen; dieſe Liebe war die Sonne ſeines Daſeins geworden, war gekeimt in ſeinem Knabenalter, war gereift mit dem Jünglinge; ſie ge⸗ hörte zu ſeinem Weſen, wie Luft und Licht ſchien ſie ſeiner Exiſtenz unentbehrlich. Mehre Male kam ihm der ſündige Gedanke, dieſe Qual ſchnell zu enden im rau⸗ ſchenden Fluſſe oder im verſchwiegenen See, aber er trug reine Gottesfurcht im Buſen, und der frühe Um⸗ gang mit dem frommen Mädchen hatte den leichtfertigen Trotz und die wüſte Heftigkeit der Menſchen ſeines Al⸗ ters und Standes abgeſchliffen, ehe ſie ſich feſtgeſetzt als gefährlicher, immer wachſender Giftkern. Er verlor alle ſeine Munterkeit, ſchlich wie ein blei⸗ cher Träumer an ſeine Geſchäfte, und hätte der ſtrenge Ordnungsſinn des Poſtmeiſters, die Furcht vor ſeinen Verweiſen ihn nicht gewaltſam aufrecht gehalten, krank wäre der vom Geiſte aus zerrüttete Körper zuſammen gebrochen. 245 Als er den Befehl zu dieſer Fahrt empfing, ſträubte ſich ſein innerſtes Gefühl dagegen, und er ſprach den Wunſch aus, mit einem Kameraden zu tauſchen, doch der Poſtmeiſter, der, ſo gut er ſonſt mit ſeinen Leuten umging, nie die Regel änderte oder einen Befehl zurück⸗ nahm, und dem heute gerade die Ehre ſeines Stalles vor einem der erſten Hofherren ſeines Fürſten am Herzen lag, wiederholte den Befehl, und der arme Burſch vom Ge⸗ fühle ſeiner Schuld gegen den Wohlthäter eingeſchüchtert, ſchirrte die Hengſte an und nahm mit Ergebung in ſein Geſchick die Zügel. Auf der erſten Hälfte des Weges gelang es ihm, ſeiner Gedanken Herr zu werden; indem die muthigen Thiere ihm zu ſchaffen machten, als jedoch die Straße jetzt hügelichter wurde, die dampfenden Roſſe geduldiger ſeiner Leitung und ſeiner Peitſche gehorſam⸗ ten, als jetzt die bekannten Holzwinkel und Bergſpitzen ſeiner Heimath aus dem Dunkel hervorſtiegen, als er dort fern ſogar den Lichtſchein aus dem Hauſe, wo die Geliebte weinte, zu erblicken vermeinte, und als er ſich dachte, wie er fremd und verſtoßen vor der bekannten Thür vorbei traben müſſe, da fuhr es ihm wie ſengende Blitze durch Herz und Hirn, und ſich zu betäuben, blies er den rauſchendſten Kriegsmarſch, den er kannte, in ſein Horn. Langſam ging es bergauf, und er hatte dem Vorder⸗ ſpann die Zügel nachgelaſſen, da gewahrte er plötzlich eine fremde Geſtalt mitten vor den Pferden, die aus dem Boden gewachſen ſchien. Er ſah, wie der Nacht⸗ menſch die vorderen Hengſte kräftig bei den Zügeln packte, ſie gewaltſam zur Seite riß, ſo daß ihre Köpfe ſeinem Sattel ganz nahe kamen. Ein weißer Kittel deckte den ungezogenen Störenfried, ſein Geſicht war ſchwarz wie 246 ein Mohrenantlitz, und als er jetzt kaum zwei Schritte von ihm den Arm dräuend gegen ihn ausſtreckte und mit einer dumpfen Stimme rief: Keinen Laut, Schwager, und herunter vom Sattel, oder der Teufel holt Dich ohne Gnade!— da fuhr er zuſammen, wie vom lähmenden Wetterſtrahle getroffen, denn er kannte die Stimme, er erkannte im Sternenlichte die ſtämmige, jetzt noch rieſi⸗ ger ſcheinende Geſtalt. Indeſſen waren hinter ihm die Paſſagiere in keinen geringeren Schreck geworfen worden. So wie der Wa⸗ gen hielt, ſtürzte ein halbes Dutzend verdächtiger Wald⸗ menſchen aus dem Buſch, der zu beiden Seiten die Heerſtraße einzäunte, gegen die Kaleſche, und ihr unver⸗ ſtändliches Gebrüll ließ über ihre böſe Abſicht keinen Zweifel übrig. Die beiden Reiſenden waren im Wagen aufgeſprungen, doch die Ueberraſchung ſchien ihnen die Beſonnenheit für einen Augenblick genommen zu haben, und der Anblick mehrer blinkender Flintenläufe warf ſie auf den Sitz zurück. Keine Umſtände, keine unnütze Gegenwehr, rief einer der Straßenritter, die ſämmtlich in weiße Kittel gekleidet waren und die Geſichter geſchwärzt hatten, und in dieſer gleichmäßigen Uniformirung noch furchtbarer erſchienen. Ausgeſtiegen, Geld und Gut heraus, ſoll das Leben falvirt hleiben. Wer eine Hand aufhebt, iſt des Todes!— Furcht ergriffen ſah der Poſtillon rückwärts, auch die Stimme hatte er erkannt; er ſah den braven Jäger auf dem Kutſchbock aufgeſtanden, wie er die Kolbe ſeiner Büchſe an die Schulter drückte, er ſah, wie der, wel⸗ cher eben geſprochen, ſchneller losbrannte und der Jäger getroffen zurückſank, er ſah den Baron ſein Terzerol 7 — — — 247 abfeuern auf die Feinde, und Alles, was jetzt kommen mußte, in ſeiner erhitzten Phantaſie erblickend, hob er ſich in Verzweiflung auf dem Sattel, und ſchlug, da es doch einmal das Leben galt, mit ſeiner Peitſche nach dem, der die Pferde gefaßt hielt, ohne die Schwäche dieſer Waffe zu bedenken. Er mußte gut getroffen haben, denn der ſtämmige Rieſe that einen gräßlichen Schrei, taumelte zur Seite, drückte jedoch im Falle noch ſein Handgewehr auf ihn ab. Das Herumreißen des Vorder⸗ geſpanns mit kräftigem Zügel, das Antreiben der Roſſe durch Sporn und Peitſche war das Werk eines Augen⸗ blicks, und dahin rollte das Fuhrwerk wie im Sturmes⸗ fluge, doch fühlten die betäubten Paſſagiere, wie die Räder ſich hoben und krachten, als wenn ſie Steinhaufen zermalmten, und hörten mit Entſetzen ein wildes Geheul hinter ſich, das aber immer ferner wurde und endlich verſtummte.— Keiner wagte einen Laut zu ſprechen, und der Baron hatte ſich auf de Rückſitz geworfen und hielt den ſtöhnenden Jäger bei den Schultern feſt, und ſtützte den ſchwankenden Kopf des treuen Dieners. So flog die Kaleſche über Stock und Stein, Hügel hinauf, Hügel hinab, unter dem ſteten Peitſchenknall und Zuruf des Poſtillons durch Buſch und Wald, bis endlich an einer Ecke ein Haus ſichtbar wurde, Licht darin ſchim⸗ merte und menſchliche Geſtalten vor demſelben die letzte Furcht der Reiſenden verſcheuchten.— Halt an, braver Schwager! rief der Graf. Wir müſ⸗ ſen einkehren, ſonſt ſtirbt uns der Frangois unter den Händen. Halt an, ich kenne das Haus; hier ſind wir außer aller Gefahr.— Um Gott nicht hier, Gnaden! entgegnete der Poſtil⸗ lon mit ſichtlich bebenden Stimme. Fort, fort bis zur 248 nächſten Station. Die Pferde halten ſchon aus und auch ich mit Gott.— Neuerdings peitſchte er auf die dampfenden Thiere, aber eine fremde Stimme hinderte ſeine wohlgemeinte Abſicht. Biſt Du betrunken oder blind, Du toller Ochs von einem Kutſcher? ſchrie ein ſchwarzer Reiter, als die vorderſten Hengſte zwiſchen einen Haufen daſtehender Sat⸗ telpferde geriethen, die nur von einigen Reitern gekoppelt gehalten wurden, und, durch den heftigen Anlauf in Un⸗ ordnung gerathend, ſich bäumten und ſchlugen, und kaum von den ſtarken Führern gebändigt werden konnten. Wer tobt ſo ohne Verſtand in die finſtere Nacht hinein! ſetzte er zornig hinzu und ließ eine blanke Kinge durch die Luft blitzen. Reiß Deine Pferde zurück, oder ich will Dich zuſammenfuchteln, daß Du nüchtern werden ſollſt, ehe Du aus dem Sattel kommſt.— Thut ihm nichts, wer Ihr auch ſein möget, rief der Graf aus dem Wagen, das Licht von der Hausflur muß ihn geblendet haben, und er verdient Lohn ohne Gleichen, denn er hat uns eben aus einer Gefahr ge⸗ rettet, in der, bei meiner Ehre! alle Seinesgleichen den eigenen Kopf nicht gewagt haben würden für fremdes Leben. Straßenräuber überfielen uns keine Viertelſtunde von hier.— Der Reiter ritt ſogleich an den Schlag, und das Licht, welches ein Knabe auf die Straße trug, beleuchtete ihn und ließ einen Kriegsmann erkennen, der die bekannte Uniform der Landdragoner trug. Ich hörte die Schüſſe, ſagte er aufgeregt, alſo ein förmlicher Ueberfall, da finden wir vielleicht auf offener Straße, was wir in den Spelunken ſuchten. Leute heraus! commandirte er dem Hauſe zu. Und wen habe 249 ich die Ehre? fragte er mit der Hand am beſiederten Hute, indem er ſich wieder zum Wagen wandte. Baron de Marbot, Geſandter ſeiner Majeſtät des Königs der Franzoſen, antwortete der Graf, und ich Oberjägermeiſter von Ritterbuſch aus der Reſidenz, der Sie bittet, Herr Kapitän, uns einige Leute zu leihen, um den ſchwer bleſſirten Domeſtiken in das Haus zu bringen.— Lieutenant vorerſt, erwiderte der Offizier lächelnd, doch zu Ihrem Befehl, Herr Graf. Ich laſſe Ihnen zwei Dragoner, die übrigen fordert mein Dienſt ohne Auf⸗ ſchub.— Er verließ den Wagen und gab ſeine Ordre. Ein Paar der Soldaten machten ſich ſogleich herbei und empfingen den blutenden, ohnmächtigen Jäger aus den Händen der Reiſenden, und trugen ihn mit Hülfe der herbeikommenden Hausleute hinein, die übrigen⸗ Reiter ſaßen im eiligſten Gedräng auf, und an ihrer Spitze trabte der Offizier, nachdem er ſich vom Grafen den Platz des Anfalls ungefähr hatte bezeichnen laſſen, die düſtere Heerſtraße hinunter. Warum fragten Sie den Poſtillon nicht? ſprach da der Baron im Ausſteigen. Er kennt gewiß die Gegend genauer und hätte die Dragoner beſſer inſtruiren können. Warum meldete er ſich nicht ſelbſt? fragte der Graf zurück. Auch ſehe ich den wackern Burſchen nicht, und er hat unachtſam ſeine Pferde verlaſſen.— O Gott! Waos iſt das hier? Beim Himmel er liegt und wir haben eine zweite Leiche in dieſer Unglücksnacht.— Und es war ſo; als der Baron nach Licht geſchrieen, fand man den armen Wilm von ſeinem Sattelgaule perabgiſunken, naß von Blut fühlte ſich ſein Kollet an, aber er hielt noch Peitſche und Zaum mit der zuſammen⸗ gekrallten, getreuen Hand. 250 Eine Grabesſtille herrſchte in der Gaſtſtube, die ſonſt den tobendſten Lärm roher Trunkenbolde gewöhnt war. Auf einem hohen Strohlager mit den nöthigen Kiſſen und reiner Leinwand bedeckt lagen die beiden Verwun⸗ deten beiſammen; der Oberjägermeiſter, ein kundiger Thierarzt, hatte ſie mit hoher Hand ſelbſt unterſucht, ver⸗ bunden, und ſich dann in den Wagen geworfen, den man durch Abnahme der Päckerei erleichtert, und den der Hausknecht des Schenkwirths mit einem Zweigeſpann zum nächſten Stävtchen fahren ſollte, von dort einen Wundarzt herbei zu holen. Der Jäger lag wie im Todesſchlummer und ſtieß nur zuweilen ein unartikulirtes Geſtöhn von ſich; des Räubers Kugel hatte ſeinen Hirnſchädel ſchwer ge⸗ ſtreift. Der Poſtillon war in die linke Schulter getroffen, der Blutverluſt hatte ihn ohnmächtig vom Pferde gewor⸗ fen, er war völlig bei Sinnen, doch bis zum Tode er⸗ mattet, und ſein Auge ſtarrte glanzlos auf das trübe Lampenlicht, welches das düſtere, weite Zimmer nur halb erhellte, und haftete zuweilen mit lebhaftem Ausdrucke auf dem Nero, dem großen Haushunde, der ſich unten an das Strohlager gelegt und ſeinen Kopf auf Wilms Füße gedrückt hielt, und ihn mit den großen Feueraugen unbeweglich anſtaunte. Heinrich, der kleine Stallbube, ſaß am Tiſch, beauftragt die nöthigen Umſchläge zu be⸗ ſorgen und auf die Kranken überhaupt Acht zu haben; der franzöſiſche Baron aber ging gedankenvoll und un⸗ ruhig in der anſtoßenden Stube des Wirths auf und nieder, ſeine Terzerole hatte er auf den Tiſch geworfen, und oft trat er in die halboffene Zwiſchenthür, nach den Kranken horchend, und zählte ungeduldig die Viertel⸗ ſtunden auf ſeiner Uhr, obgleich die Rückkehr ſeines Reiſegefährten erſt nach Stunden erfolgen konnte. — r 251 Eine weiße, ſchlanke, weibliche Geſtalt trat jetzt in das Zimmer; langſam, mit herabhängenden Armen ging ſie zum Lager der Kranken und kniete nieder an der Seite, wo der Poſtillon ruhete und beugte ſich, nahm ſeine Hand und drückte ſie an ihren Mund und preßte ſie dann feſt gegen ihren vollen Buſen.— Biſt Du es, Line, fragte der Kranke mit matter Stimme, indem er ſein Geſicht zu ihr wandte, und ſein Blick, wie er des Mädchens Geſicht Sitnn⸗ ſchien lebendiger zu werden.— Bin die Arme, die Unglückliche, die Schuld an Deinem Tode iſt, antwortete die Jungfrau mit eintöniger Stimme. O Wilm, wirſt Du mich nicht verklagen vor Gott?— Wilm drückte ihre Hand mit der wenigen Kraft, die ihm geblieben. Wo iſt Vater Martin? fragte er dann mit ſichtlicher Aengſtlichkeit und kurzem Athem. Ach! er iſt nicht da, iſt fort, ſtöhnte ſie, ſeitdem der Staffettenreiter, der Fritz, der mir Deine Warnung brachte, wieder abgeritten.— So haſt Du nicht Wort gehalten? fragte Wilm hef⸗ tiger. Haſt mit dem Vater nicht geredet, wie Du ver⸗ ſprachſt?— O Wilm, ſprach e mit Verzweiflungstönen, ſchilt mich nicht, fluche mir nicht, es war der Vater, und da fror mir jedesmal das ſchwere Wort auf dem Munde, wenn die einſame Stunde mich aufforderte, ihm zu ent⸗ decken, was Du geſehen. Ach! in der Angſt damals unter dem Fliederbuſche dachte ich mir das ſo leicht aber den Vater anzuklagen ſolcher That, ihm vorzuhalten ſolch Verbrechen, wird zentnerſchwer für ein gutes, ge⸗ horſames Kind. Wenn ich vor ihm ſtand und in ſein freundliches Geſicht ſah, konnte ich nicht glauben, daß 252 er ſich mit ſo ſchwerer Schuld beladen, und verſchob darum das böſe Wort von Tage zu Tage. War er doch, da ich täglich bleicher ward und täglich mehr abfiel, ſo väterlich beſorgt um mich, und wenn der ſchändliche Müller von ſeinen Plänen und Anträgen zu mir ſprach, ſchalt er ihn dreiſter wie ſonſt, weil ich krank ſei, und verbot ihm, mich damit zu beläſtigen, bevor ich wieder das einſtige frohe Kind geworden. Der Müller ſchoß dann giftige Bkicke auf ihn, die ich wohl verſtand, aber er ließ mir Ruhe, und die Dankbarkeit machte mir den Vater Martin lieber als je, und es wurde mir immer unmöglicher, ihn mit der Entdeckung zu kränken, daß Du und ich um ſeinen und ſeiner Kameraden böſen Wandel wüßten. Ach! ganze Nächte habe ich gebetet zu Gott um Kraft für das Wort, oder um ein Wunder der Rettung, oder um ſchnellen Tod für Dich und mich, daß wir zuſammen blieben ohne Schande. Aber Gott hörte nicht, und der Tod geht heimtückiſch bei denen vorüber, die ihn rufen. Doch heute, als der Vater ſo ſpät die Flinte von der Wand nahm und den weißen Kittel zu⸗ ſammenrollte, da traf mich eine ſchwarze Ahnung. Zit⸗ ternd trat ich ihm entgegen an die Thür und fragte voll Angſt, wohin ſein Weg ginge.— Was kümmert's Dich? antwortete er barſch. Es ſteht ein Hirſch im gelben Felde, vielleicht gewinne ich den Braten.— Da faßte ich ihn am Arme und bat ihn, nochmals zurückzugehen ins Kämmerchen, nur wenige Minuten, denn ich hätte etwas Schweres auf dem Herzen, und müßte mit ihm reden vor dieſem Nachtgange. Da ſprach er höhniſch: Hat Dein Bettelburſch einen Boten geſendet? Willſt Du mir ein Jeremiaslied vorleiern, das ich ſchon auswendig weiß? Das hat Zeit bis morgen.— Und als ich ihn —————— 253 beim Himmel und bei Allem, was heilig iſt, beſchwor, ſtieß er mich hart zur Seite und ſagte zornig: Iſt die Dirne mondſüchtig? Fort von mir, damit nicht die beſte Zeit vergeht.— So ging er raſch zum Walde, und ich ſaß ſeitdem von Todesangſt geplagt im Winkel meiner düſtern Kammer, bis Lärm wurde vor dem Hauſe und die Botſchaft der Hanne mir faſt das Herz brach.— Wilm machte ſeine Hand los aus der ihrigen, und faßte nach ſeiner ſchmerzenden Schulter. Wär's gebro⸗ chen, dann wohl Dir! ſagte er dumpf und halblaut. Es iſt gewiß, der Vater Martin war dabei. O Line! und wir ſind nun ſeine Mitſchuldigen, der arme Kame⸗ rad hier neben mir ſtirbt durch uns, und ſein Todesge⸗ ſtöhn verklagt uns laut. O hätte mich doch ein Wolf in dem hohlen Baume zerriſſen, ſo wäre die Blutſchuld nicht auf mein Herz gefallen, die mir das Sterben ſo ſchwer machen wird.— Wilm! jammerte das Mädchen und ſtreckte beide Hände gefaltet gegen ihn aus. Wilm, fluche mir nicht! Wenn Du ſtirbſt, komme ich ſogleich Dir nach, und dann iſt Alles überſtanden, und vor Gott ſollen die hei⸗ ligen Engel mir bezeugen, daß ich Dich geliebt über Alles, und daß ich nicht anders konnte, weil es der Vater war.— Schweig! flüſterte der Poſtillon bewegt. Der franzö⸗ ſiſche Herr ſteht in der Thür; er verſteht das Deutſche ſo gut wie wir Beide.— Er reichte ihr die Hand und drehete ſein Geſicht von ihr, und ſie ſtand erſchrocken vom Boden auf. Der Graf war wirklich aus ſeinem Zimmer getreten. Demvoiſelle Wirthin! rief er, ſchaffen Sie eine Bouteille Wein! dann ging er in die Stube zurück. Line flog 254 und holte das Verlangte, warf im Zurückkommen einen thränenſchweren Blick auf den Liebling, welcher zu ſchlummern ſchien, ſtutzte aber nicht wenig, als der fremde Herr, ſo wie ſie Flaſche und Glas auf den Tiſch geſetzt, die Thür hinter ihr anſchob und verriegelte, ſie mit den großen, finſteren Augen durchdringend betrach⸗ tete, und wie ſie einen Schritt zum Fortgehen that, ihr zuherrſchte: Sie bleibt da! Keinen Laut oder Schrei! Keine Bewegung zur Flucht, oder ich rufe die Dragoner vom Hofe.— Das Mädchen ſtand kreidebleich vor dem hochgewach⸗ ſenen Manne; wie Eiſeskälte fuhr ihr's über den Rücken, und ſie mußte ſich am Tiſche halten, daß ihre bebenden Knie nicht einbrachen. Alſo in eine Mörderhöhle bin ich gerathen? fragte der Baron mit heftigem Ingrimm. Hier iſt das Neſt der Wölfe, die uns gebiſſen? Und Du, mit dem heuch⸗ leriſch⸗frommen Geſicht gehörſt zu ihnen, und auch der Poſtknecht, den ſein Herr nicht genug zu loben wußte, iſt im Complot, und hat vielleicht ſelbſt durch ſein Poſt⸗ horn das Zeichen gegeben, denn ſo wie er blies, waren die Schurken aus dem Buſch. Später mag ihn vielleicht ſein Gewiſſen gebrannt haben, daß er auf die Pferde hieb, und uns wunderbar durchbrachte.— Nein, nein, nein, gnädiger Herr! rief da das Mäd⸗ chen, plötzlich wieder Beſinnung und Stimme bekommend. Nein, bei dem Himmel und der Seligkeit, der Wilm iſt ſo unſchuldig wie Sie und ich. Ach! er hat ja geblutet und ſtirbt für Sie, der ihm fremd war und ihn ſo gar nichts anging!— Sie ſank matt in die Knie und nur ihr Auge bat weiter. Du haſt Recht, Mädchen, ſagte der Baron mit ————— ————— 255 milderem Tone. Ich vergaß das; ſchoſſen doch die Schur⸗ ken auch nach ihm. Aber welches Räthſel enthielt denn Euer Geſpräch? Beichte mir Alles, mir ging kein Wort verloren, und wirſt Du nicht aufrichtig ſein, ſo überlie⸗ fere ich euch Beide dem Gericht, und das mag dann unterſuchen, ob ihr das Schaffot verdient habt oder nicht.— Er faßte ſie am Arm und hob die fieberhaft Zitternde vom Boden auf, und ſchob ihr einen Seſſel unter. Da kam der Jungfrau der plötzliche Gedanke, der Fremde ſei ihr von Gott geſandt, in dieſer ſchreck⸗ lichen Verwirrung ihr zu helfen, zu rathen, ſie von Ver⸗ zweiflung zu erlöſen; ſtand ſie doch ganz allein, ſeit ihr Vater ſchuldig geworden und ihr Geliebter mit dem Tode rang. Dieſe Gedanken mit kindlicher Innigkeit dem Ba⸗ ron als Einleitung ausſprechend, begann ſie ihre Beichte und verſchwieg nichts gegen den fremden Mann, zu dem ſie ſo wunderbares Vertrauen gewonnen. Der Baron hörte ihr aufmerkſam zu, und ſeine Miene wechſelte im Ausdrucke des Abſcheus, des Mitleids und ſteigender Theilnahme, ſo wie ihre Erzählung fortſchritt. Als ſie geendet, ſaß er einige Minuten nachdenkend, dann hob er plötzlich wieder den Kopf und fragte raſch: Aber was war's mit dem hohlen Baume, deſſen der Kranke zuletzt erwähnte? Verſchweige mir nichts; ſprachſt Du wahr, ſo will ich Dir rathen wie ein Vater, Du armes gemartertes Kind, aber was ſollte der hohle Baum?— Ein leichtes Roth der Scham färbte des Mädchens Wangen; ſie ſchlug die Augen nieder und antwortete leiſe: Ach! von da kam gerade die Haupturſache all unſeres Kummers. Wäre der arme Wilm im Dorfe drüben geboren, und hätte Vater und Mutter, wenn's 256 auch nur Kothſaſſen geweſen, der Vater hätte uns viel⸗ leicht längſt zuſammen gegeben; aber ſo nannten ſie ihn einen Findling, ein Sündenkind, das eine freche Dirne ausgeſetzt, denn ſie fanden ihn in einer hohlen Eiche, und der Paſtor taufte ihn Wilm von dem hohlen Baume, weil man nicht wußte, ob er ſchon in den Chriſtenbund aufgenommen.— In der tiefſten Gemüthsbewegung ſprang der Baron von ſeinem Stuhle empor. Mädchen, was ſprichſt Du? rief er mit ſchwankender Stimme. In einem hohlen Baume fand man das Kind? In dieſer Gegend? Im Walde? Vor achtzehn Jahren etwa?— Das weiß ich nicht, denn ich war ja noch nicht auf der Welt, als es geſchah, und nur die Leute und die alte Hirtenfrau, die ihn geſäugt und aufgezogen, haben mir's erzählt, entgegnete das Mädchen, erſtaunt über die Veränderung im ganzen Weſen des Fremden. Der Baron eilte zur Thür, doch ſich beſinnend kam er lang⸗ ſamer zurück, und faßte das Mädchen unter das Kinn und legte die andere Hand auf ihre kalte Stirn. Geh, mein Kind, ſagte er, ſichtlich und mit Gewalt ſeine Ge⸗ fühte niederdrückend, ſende nach der Hirtenfrau, ſchaffe die Alte mir gleich zur Stelle, ich gebe dem ein Gold⸗ ſtück, der ſie mir herbringt, ehe dieſe Nacht zu Ende iſt. Geh, Kind, und glaube mir, s waltet noch ein Gott über Dir und dem braven Wilm, der nicht ſterben wird an ſeiner Wunde. Geh, ich höre Lärm auf dem Hoſe, der Graf wird zurück ſein. Aber verſchweige Alles, was Du mir vertrauet, befiehl auch Deinem Geliebten, zu ſchweigen gegen Jedermann: Was geſchehen, iſt nicht gut zu machen, darum wollen wir retten, was ohne Schuld in die Sünde gerieth. Nur die Hirtenfrau bringe 257 mir herbei und ohne Säumniß.— Das erſtaunte Mäd⸗ chen eilte fort, der Baron jedoch warf ſich erſchöpft in einen Seſſel, blickte himmelan, und legte die feinen, magern Hände gefaltet zuſammen, und flüſterte: Hor⸗ tenſe, biſt Du mir nahe?— Die Wirthstochter wurde an der Erfüllung des ihr befohlenen Geſchäfts auf eine furchtbare Weiſe gehindert. Nicht die Kaleſche mit dem Grafen und dem Wundarzte war es, welche den Lärm vor dem Hauſe verurſacht. Der Offizier der Landdragoner kehrte mit mehren ſeiner Leute zurück, ein Leiterwagen fuhr mit ihnen, von einigen Bauern geführt und beſetzt, welche die Ladung deſſelben ſogleich in das Haus ſchaffen, zwei todte Men⸗ ſchen in weißen Blouſen, und als ſie die erſte Leiche dicht vor dem Mädchen niederlegten, erkannte die Arme trotz des geſchwärzten Geſicht ſogleich den Getödteten, und ſtürzte mit dem Schreckensſchrei: Vater Martin! beſin⸗ nungslos auf den Eſtrich des Vorplatzes nieder.— Der Lieutenant hatte mit ſeinen Reitern zuerſt einen Theil der Heerſtraße durchſprengt, als man auf ihr aber nichts Verdächtiges getroffen, wurden im nächſten Dorfe der Vogt und die Bauermeiſter herausgeklopft, und dieſe der Gegend kundigen Männer zur Hülfe bei Durchſu⸗ chung der Büſche und Steinſchlüchte gebraucht. Bei dem Scheine der großen Stallleuchte des Vogts fand ſich bald auf der Heerſtraße der Platz des räuberiſchen Angriffes durch mehre große Blutflecken auf den zerſchlagenen Kalk⸗ ſteinen bezeichnet. Bei der Unterſuchung der nächſten Gräben traf ſich in demſelben ein todter Körper; nach der Kleidung erkannten di? Bauern in ihm den Wirth Blumenhagen. VII. 17 258 von der Bärenſchenke, ſein Kittel war zerfetzt und ganz mit Blut begoſſen, welches auch geronnen noch vor ſeinem Munde ſtand. Durch ſeine Beutegier und Un⸗ vorſicht war er in die Räder des Wagens gerathen, fort⸗ geſchleift und zerquetſcht; die zerriſſenen Lungen hatten ihr Blut in jedem Athemzuge ausgegoſſen und ſchnell ſein Leiden geendet. Bei der Flucht der Räuber hatten dieſe ſeinen Leichnam zur Vorſicht in den Graben ge⸗ ſchleift, da die Furcht der Verfolgung nach dem mißlun⸗ genen Nachtſtück ſie an ſeiner Fortſchaffung gehindert. In einem nahen Steinbruch entdeckte ein Bauer durch ſeinen Schäferhund einen Zweiten von der Mörderrotte und in ihm war der verwachſene, kürbißköpfige Haus⸗ ſchlachter der Gegend nicht zu verkennen. Der Piſtolen⸗ ſchuß des Barons hatte ihn gut getroffen, die Kugel war durch den dicken Speckhals gefahren, doch hatte der Verwundete ſich noch bis in dieſes Verſteck geſchleppt; er lebte noch, rang jedoch augenſcheinlich mit dem Tode und röchelte bald, ehe noch ein Ackerwagen zum Trans⸗ port herbeigeſchafft, ſeine ſchwarze Seele aus, zum Aer⸗ ger des Offiziers, der trotz aller Fragen von ihm keine Antwort erpreſſen konnte. Durch das Getümmel auf dem Gange herausgelockt, ſah der franzöſiſche Baron mit Entſetzen die ſchauder⸗ haften Leichname, ſah die Tochter des Hauſes von den Dienſtboten fortbringen, und erhielt durch den Lieute⸗ nant die gewünſchte Aufklärung. Auf Ehre, Excellenz! ſchloß der Offizier ſeinen Be⸗ richt, ſo knapp unſer Sold iſt, und obgleich ich alles Gold auf meiner Uniform noch ſchuldig bin, eine Mo⸗ natsgage ließe ich ſpringen, könnte irgend Jemand den beiden Hallunken dort am Boden einen lebendigen Odem verſchaffen. Lange ſchon war die Polizei auf dieſe Bä⸗ renhöhle aufmerkſam, hatte ihre Argusaugen auf jeden Lump gerichtet, der hier ein Nachtquartier nahm, denn dieſer Grenzwinkel ward immer verrufener durch Die⸗ bereien aller Art. Doch daß die wohlhabenden Bewoh⸗ ner ſelbſt hier den Fra Diavolo geſpielt, wird dem Herrn Polizeiminiſter eine Neuigkeit werden, die dem bis jetzt durch nichts zu erhitzenden Herrn ſicherlich eine Fiebernacht verurſachen möchte.— Mein Genius hat Sie zu rechter Stunde hieherge⸗ führt, antwortete der Baron verbindlich, indem er einen Brillantring vom Finger zog. Ohne Ihre Gegenwart wäre ich gerettet aus den Klauen der Löwen in die Höhle der Löwin gerathen und ſicher der übriggebliebenen Bande ein willkommenes, wehrloſes Schlachtopfer geworden. Nehmen Sie dieſe Kleinigkeit als ein Andenken an dieſe Schauernacht und meine Dankbarkeit.— Der Offizier trat einen Schritt zurück. Excellenz verzeihen, antwortete er ernſt, ein deutſcher Soldat läßt ſich ſeine Pflicht nie bezahlen. Ich freue mich der Dienſtleiſtung, und ſollten Excellenz mir einmal bei den Großen unſeres Hofes nützen können, ſetzte er leichter hinzu, ſo wird der Lieutenant nicht ermangeln, für ſeine ſchwache Stimme Dero gewichtiges Wort zum Succurs zu erbitten. Aber Ihr Gleichniß von der Löwin erin⸗ nert mich an meine Schuldigkeit. Der Todte da war der Herr dieſes Hauſes, die Tochter muß um ſein Thun, um ſeine Spießgeſellen wiſſen. Ich werde einen Dra⸗ goner auf ihre Kammer ſetzen, damit kein Zufall ſie uns entführt, wie der voreilige Hans Mors uns dieſe da entführt hat.— Der Baron erſchrack, doch faßte er ſich ſogleich und 260 entgegnete: Thun Sie Ihre Pflicht, Herr Lieutenant, aber befehlen Sie der Wache die zarteſte Schonung; laſſen Sie das Mädchen nicht zur Stadt transportiren, Hausarreſt iſt hinlänglich, ſie iſt nöthig zur Pflege un⸗ ſerer Bleſſirten. Ja, ich ſelbſt verbürge mich für das unglückliche Kind, und werde dieſe Rachſicht bei der Be⸗ hörde ſelbſt vertreten. Sie ſarren mich verwundert an und betrachten meinen grauen Kopf? Nein, Herr Lieute⸗ nant, nicht die Galanterie meines Vaterlandes, nicht die Schönheit des Mädchens iſt meines Mitleids Urſache. Ein wunderſamer Zufall hat mich verſichert, daß die Tochter des Vaters Schuld nicht theile, daß ſie aber vielleicht der wichtigſte Zeuge gegen die Spießgeſellen des Vaters werden möchte, da dieſer von Gottes Hand ſelbſt beſtraft worden. Erwarten wir ruhig den Tag, doch bitte ich, ſogleich einen der Gegend kundigen Reiter nach dem nächſten Dorfe zu ſenden, und mir die alte Hirtenfrau zu holen.— Iſt die alte Hexe mit im Complot? fragte die Lieu⸗ tenant mit Haſt. Sie beſitzt Alles, was zu einer Zigeu⸗ nermutter paßt.— Nicht doch, verſetzte der Baron, es iſt in meiner Privatangelegenheit. Ich laſſe die Frau bitten, ſich hieher zu verfügen und verſpreche ihr eine gute Bezah⸗ lung des nächtigen Weges.— Verletzt durch das verweigerte Vertrauen, verbeugte ſich der Offizier und ſagte im Dienſttone: Euer Excel lenz Befehle ſollen befolgt werden.— — — 3 In der Hütte der alten Ilſe war indeß die einför⸗ mige Ruhe, die ſonſt nur durch das Aechzen der Gicht⸗ 261 brüchigen geſtört zu werden pflegte, ebenfalls auf eine ungewöhnliche Weiſe unterbrochen worden. Die Alte litt an ihrem Reißen und ſchlief nicht, hatte die Lampe wieder angezündet und kochte ſich einen Hollundertrank, und hörte darum ſchnell ein leiſes Klopfen an ihrer Thür, und die Bitte um Einlaß, als ſie nach dem Klopfer gefragt. Ihre Armuth ſchützte ſie vor Argwohn und Furcht; und neugierig hinkte ſie zur Thür, fuhr jedoch zurück, als der bekannte Müller Wolf hereintrat und die Thür hinter ſich ſchloß, auch den Riegel ſorgſam vorſchob. — Verſtummt ſah ſie ihn an, wie er erhitzt und ſchwer athmend vor ihr ſtand in ſeiner rieſigen Geſtalt, mit einem Sacktuche die Hälfte des Geſichts verhüllt hielt, und mit dem einen freien Feuerauge, einem grimmigen Cyklopen ähnlich, das Innere der Hütte muſterte. Ich bedarf Eurer, Mutter, ſprach der wilde Menſch mit abgeſtoßenen Tönen, doch mit erzwungener Freund⸗ lichkeit. Seid Ihr doch bekannt als der kundigſte Wund⸗ arzt bei Menſchen und Vieh, und dem dummen Dorfbader darum ein Dorn im Auge. Vergeßt Euer Zipperlein und ſchafft mir Hülfe, denn der Höllenſchmerz macht mir den Weg bis zur Mühle unmöglich.— Zugleich warf er einen harten Thaler auf den Tiſch und ſetzte ſich auf die Ofenbank. Die Alte ſtellte ſo raſch, wie es ihr möglich, die Lampe hin und antwortete kopfnickend: Jedermann hel⸗ fen, der in Nöthen iſt, Freund oder Feind, Guten oder Böſen, lehrt das Chriſtenthum. Sagt mir nur, wo's fehlt; mit Gott und des Himmels Segen die alte Ilſe ſchon Manchem geholfen.— Meinetwegen helft in des Teufels Namen, verſetzte der wilde Mann, wenn nur geholfen wird. Auf dem 262 Heimwege von der Kindtaufe beim Bäcker Fleiſch in Stein bin ich geſtürzt im Walde, und ein Baumſtumpf iſt mir ins Auge gefahren. Am Bach habe ich's gewaſchen, aber der Schmerz iſt gräßlich und ſticht mir das Hirn entzwei. Da ſeht ſelbſt und thut das Beſte daran, Ihr wißt, der Müller Wolf zahlt gut, wenn man ihm dient.— Sündenlohn! murmelte die Alte; doch das Gewiſſen macht das ſchwere Geld nicht leicht. Habt gewiß wieder einmal des Guten zu viel genoſſen, ſetzte ſie laut hinzu; der reiche Bäcker backt klein für die Armen, damit er den Gäſten theuern Wein vollauf eingießen kann. Welt⸗ lauf, wer ſchmiert, fährt gut. Aber um Jeſus, was iſt mir das? Wolf, das Auge ſchafft Euch Niemand mehr, das iſt ausgefloſſen und todt, als hätte Jemand eine ſpitze Gabel hineingebohrt.— Satan, knirſchte der Müller, ja die Peitſchenſchnur traf auch wie eine Nadel; aber ich zahle dem ver⸗ dammten Buben dafür.— Was ſagt Ihr da? fragte die Alte. Redet Ihr im Fieber, und wie kamen die ſchwarzen Flecken ins Geſicht? Um Jeſus, das wird doch nicht ſchon der Brand ſein und Ihr ſtürbt mir hier. Nein, die Kur übernehme ich nicht, will zur Nachbarin laufen, daß ihr Sohn ſattelt und den Stadtdoktor herbeiſchafft.— Der Müller fuhr in die Höhe und packte die Hirtin bei ihrem Wollrocke. Bleib, verdammte Vettel, rief er in Wuth, oder ich erwürge Dich auf dem Fleck! Ich will keinen Doktor, ich will keinen Lärm um die Kleinigkeit, das Schwarze kennſt Du aus Deiner Küche, denn ich ſtürzte ja dicht am Kohlen- ſchachte. Hole Deine Salben und verbinde mich; habe ich zwei Stunden Ruhe, ſo finde ich ſchon heim, und ſprichſt Du ein Wort, daß ich bei Dir geweſen, ſo ſetze 263 ich Dir den rothen Hahn auf Dein Strohdach und laſſe Dich lebendig gebraten zum Teufel fahren.— Die Alte bebte zuſammen und ging ſtill zu ihrem Schranke, nahm die verwahrten Kühlmittel heraus und machte einen lin⸗ dernden Umſchlag, hieß dann den Kranken ſich nieder⸗ legen, und ſchob ihm mit Sorgſamkeit ſelbſt die ärm⸗ lichen Polſter ihres Bettes unter. Von Mohnköpfen bereitete ſie dann am Herde einen Trank, und fragte, als ſie da⸗ mit zurücktam, zaghaft nach ſeinem Befinden. Der Müller reichte ihr, nachdem er getrunken, ſeine Hand. Nichts vor ungut, Mütterchen, der Schmerz macht wild, und ich hab's nicht ſo gemeint, wie ich ſprach. Euer Ver⸗ band iſt gut; mag das Auge der Teufel holen, man ſieht mit einem noch genug des Aergerlichen in der Lum⸗ penwelt; der Schmerz läßt nach, und iſt auch Eure Hand nicht mehr ſo weich und rund, wie damals, als wir manchen Sprung auf dem Freiſchießen gethan, und ich Euch in der Bleicherhütte beſuchte, ſie thut noch eben ſo wohl und hat das Streicheln nicht verlernt.— Die Alte entzog ihm die Hand und drehete ſich weg von ihm. Gott vergebe uns unſere Sünden! ſeufzte ſie. Was ſeid Ihr für ein Menſch, Wolf, und wer kann mitten in ſolcher Nacht und nach ſolchem Unglück ſich an ſolche Sachen erinnern? Ihr waret ein ſchlimmer Burſch von früh auf. Laßt ruhen, was geſchehen. Bei mir iſt die Strafe früh gekommen, und Ihr habt nichts gethan, Eure Lüge und Eure Schuld an mir gut zu machen. Verſchaffte ich dem Lvofs nicht den guten Hirtendienſt? fragte der Müller mit höhniſcher Freundlichkeit. War ich's nicht, der Euch den Findling zuwandte, welcher Euch ſo ſchönes Geld aus der Gemeindekaſſe brachte?— 264 Die Alte drehete ſich wieder raſch zu ihm und ſah ihn mit ihren trüben Augen recht durchdringend an. Eben traf Euch Gottes Hand, ſagte ſie, und Ihr möget Euch aller Sünden rühmen? Habt Ihr denn allein in der Welt gar kein Gewiſſen? Das arme Liebeskind, den Wilm, ſchobt Ihr auch der Gemeinde auf den Beutel und mir in den Schooß. Ihr hättet beſſer gethan, ihn in Eurer Mühle zu behalten, und ihn von Eurem eigenen Gelde aufzuziehen. Aber wer weiß, ob es dann ſo ein ſchmucker Burſch geworden wäre, fromm und gut, daß alle Welt an ihm Freude hat.— Den Wilm, den Poſtknecht? fragte der Müller finſter und wild. Die Hölle hat ihn überall in meinen Weg geworfen, und Niemand iſt mir ſo verhaßt wie er. O daß ich ein Schwächling war, und dem Wurm nicht das Genick abſtieß, als er im Baumloche winſelte.— Alſo geſteht Ihr's endlich, was ich ſchon längſt glaubte? So ſeid Ihr des Wilm Vater? entgegnete haſtig und im frohen Tone die Alte. Nun, das iſt ein Zeichen der Reue; ſo werdet Ihr doch von jetzt an des verſtoßenen Sohnes gedenken, und wenn's an's Sterben geht, für ihn ſorgen, da Ihr doch keine Erben habt.— Welch ein Tollwurm ſticht die alte Hexe wieder? fuhr der Müller ingrimmig auf und hob die Fauſt. Ich des Poſtknechts Vater? Da wollte ich ja lieber mich ſelbſt ins brauſende Mühlrad ſtürzen, ehe ich den Buben für meinen Sohn anſähe und traktire.— Nun, Ihr ſagtet ja eben ſelbſt, Ihr hattet ihn im Baumloche gewußt, ehe die Andern hinzukamen, ſtotterte die Alte erſchrocken.— Der Müller legte ſich, von neuem Schmerz gefoltert, wieder auf das Lager zurück. Habe ich's geſagt? fragte er verächtlich. So will ich's auch —.——— —— ————— 265 niht läugnen vor Dir, Du jämmerliches Weſen, deren Zunge die Furcht gebunden hält. Ja, ich ſah den Buben eher als Jemand von uns. Von einer Waldſtreiferei kehrend, hörte ich ein Kind weinen, ging dem Tone nach, und fand es im hohlen Baume. Es trug ein fei⸗ nes Kleidchen, ein Spitzenmützchen, und dazu hing an ſeinem Halſe eine zarte Goldkette und an dieſer ein klei⸗ nes, ſilbernes Krucifix mit ächten Steinen beſetzt. Die Steine blitzten mir ins Auge, denn eben ließ ſich die Sonne am Berge ſehen; mit den feinen Kleidern konnte ich die ſchöne Marie erfreuen, die eben in meiner Mühl⸗ kammer ein Töchterchen geboren. So nahm ich das Kind aus dem Baume, gab ihm einen Trunk aus meiner Fla⸗ ſche, entkleidete es und legte es wieder an ſeinen Platz. Der tüchtige Trunk hatte es ruhig gemacht, und ich meinte, der kalte Herbſtmorgen, der mich ſelber ſchüttelte, würde dem Wurm ſchon hinüber helfen, und ihm alles kommende Weh erſparen. Die Holzhauer hatten es le⸗ bendig gefunden, als ich vier Stunden ſpäter hinzukam. Neſſeln vertilgt man nicht leicht, und dieſe verfluchte Neſſel hat mich tüchtig gebrannt ſür mein ſchlecht ange⸗ brachtes Mitleid.— Die Alte ſchlug die dürren Arme vor Erſtaunen über dem Kopfe zuſammen. O Ihr entſetzlicher Böſewicht! kreiſchte ſie. So war unſer Wilm was Vornehmes, nicht am Zaune geboren, und Ihr habt ihn um all ſein Glück gebracht, ihn beſtohlen, ehe er einmal Euch Dieb ſchel⸗ ten konnte. Fand man ihn im feinen Kleidchen und im Schmuck dazu, ſo hätte ihn der Herr Amtmann ſelbſt zu ſich genommen, in allen Zeitungen wäre es geſchrieben, und die armen Eltern hätten ſich ſicher eingefunden. Jetzt ſind's achtzehn Jahre, und da ſind wohl Manche, 266 die ihn gern wieder hätten, in den ſchwarzen Kaſten ge⸗ legt. O Wolf, Wolf, mit Euch kann's kein gutes Ende nehmen! Aber Ihr müßt das Alles ſelber dem Wilm bekennen, und dem Gericht geſtehen, oder ich—— Weib! fiel der Müller ein und hob bedeutungsvoll den Finger, nur den einen Finger gegen ſie auf. Kalt ſetzte er dann hinzu: Haſt Du vergeſſen, daß Du gelobt, Alles was Du dieſe Nacht geſehen und gehört, keiner Men⸗ ſchenſeele zu vertrauen? Und ich meine, wenn Du und Dein elender Wilm noch länger Luſt haben, ſich in der Sonne zu wärmen, ſo wirſt Du ſchon Dein Maul ver⸗ ſiegeln.— Zwei ſtarke Schläge geſchahen an die Pforte, und zine fremde Stimme rief draußen.— Geh hin, ſieh wer da iſt, flüſterte der Müller, aber verrathe nicht, daß ich Dein Gaſt bin.— Die Alte ging mit der Lampe, ſprach durch die Thür mit dem Klopfer und kam bald zurück. Man will mich in der Bärenſchenke haben, ſagte ſie. Der Bote verſpricht guten Lohn. Einem Reiſenden iſt ſicher dort ſein Pferd oder ſein Hund krank geworden.— So geh und rühre dem Thiere ein Ratzenpulver ein, komm aber bald zurück zu Deinem Seelenfreunde, ant⸗ wortete der Müller noch leiſer. Dein Trank war gut, ich fühle mich ſchläfrig. Löſch die Lampe, und ſchweig, oder ich ſpiele des Teufels Rolle und ſetze Dir das Ge⸗ ſicht in den Nacken. Er bedeckte ſich mit der großen Wolldecke, die alte Ilſe ſuchte ihren Medizinkaſten her⸗ vor, hing einen Mantel um, löſchte die Lampe und ver⸗ ließ die Hütte, dem Boten folgend durch die Nacht. —-— — 267 Im Wirthshauſe war indeß der Wundarzt aus dem nächſten Städchten allein und zu Roſſe angekommen. Der Oberjägermeiſter hatte ihn angeſpornt und verſprochen zu folgen, ſobald die ermüdeten Thiere ſeines Fuhrwerks geruht hätten und durch ein gutes Futter geſtärkt ſein würden. Unruhig ging der Baron ab und zu, indeß der Chirurg ſeine Viſitation vollführte; die Landleute ſtanden handreichend an dem Krankenlager. Iſt eine Schande für die ganze Gegend, ſagte da ein alter weißhariger Bauermeiſter halblaut zu ſeinem Nach⸗ bar, daß ſolch Geſindel mitten zwiſchen ehrlichen Leuten gewohnt. Niemand darf jetzt ſeinem Nächſten trauen, denn der ſcheinheilige Martin und der buckelichte Schwein⸗ ſtecher hatten der Bekannten gar viele, und man merkts nun, warum die Kirche leer ſteht, wie ein Peſthaus und die Schenkſtube voll iſt, wie ein Hochzeitsſaal. Dauert mich nur der arme Junge da, daß der's ausbüßen mußte. Hat ſich herauf gequält aus dem Sande und Schmutze, muß von guter Art geweſen ſein, daß er unter der Loof⸗ ſchen Wirthſchaft nicht ſchlecht geworden. Weiß noch wie heut, als man ihn fand im Walde, und ſah's dem feinen Knäblein gleich an, daß er nicht von gemeinem Blut in die Welt geſetzt, wenn auch Niemand rathen konnte, wie er in den Baum gekommen.— Der Baron, der gerade hinter den Sprecher getreten, fragte raſch: Ihr waret dabei, Vater? Saget, wie war das Kind gekleidet? Fand man nichts Beſonderes an ihm?— Der Bauersmann drehete ſich mürriſch um, als er jedoch den vornehmen Fremden erkannte, zog er die Mütze und entgegnete: Was ſollte man ſinden? Das Kind lag nackicht, wie Adam im Paradieſe. Es ſchien wohl auf ein Schelmſtück abgeſehen, denn der Morgen 268 war winterkalt, und wer das arme Bübchen hingelegt, hatte ſich gewiß ſeiner auf immer entledigen wollen. Der Baron verſtummte und ging in ſein Gemach zurück, die Bauern verwunderten ſich aber gar ſehr, wie der Herr von der Geſchichte wiſſe und warum er ſo haſtig gefragt. Der Wundarzt begab ſich bald darauf zu dem Baron und ſtattete ihm ſeinen Bericht ab. Dem Diener deſſelben ſprach er das Todesurtheil, des Poſtillons Wunde hielt er nicht für gefährlich, nur der Blutverluſt würde, meinte er, ſein Krankenlager in die Länge ziehen. Der Baron empfing die Nachricht ohne beſondere Bewegung; er war durch die Ausſage des Bauern irr geworden, und, von ſo vielfachen Ge⸗ fühlen wechſelnd beſtürmt, war ſein Geiſt ermattet; und auf ein Ruhebett hingeſtreckt, erwartete er des Freundes Ankunft, und ſein Drang nach Aufklärung einer ſo wich⸗ tigen Angelegenheit ſchien in ſtumpfe Geduld überge⸗ gangen.— Jetzt kam die alte Ilſe in das Haus. Die todten Körper auf der Hausflur, die Geſchwätzigkeit der Mägde, machte ſie bald mit Allem, was vorgegangen, bekannt, und ſie wankte an Wilms Bett, und heulte laut über ihres Lieblings Unglück. Als aber der Landdragoner ſie an den fremden Herrn erinnert und geſcholten, daß ſie ſolch eine Excellenz war⸗ ten laſſe, ging eine plötzliche Veränderung mit ihr vor; kerzengerad ſtand die gekrümmte Greiſin am Lager auf, ihre Augen funkelten wie rothe Herdkohlen, und die dürren Arme griffen durch die Luft, als haſchten ſie nach flüchtigen Schatten. Schlaf ſüß, mein Jung! ſagte ſie mit einer rauhen, ſeltſamen Stimme. Mit dem Schlafe iſt aller Jammer —————— —— 269 aus, und was iſt mir die Neige vom Leben, wenn meine letzte Freude hin iſt? Aber der Wolf, der mein gutes Kind zweimal gebiſſen, ſoll nicht mehr lachen. So wahr ein Gott iſt, er ſoll nicht mehr lachen, denn er war dabei, war voran! Halte Dich nur ſicher in mei⸗ ner Grube, Du weißzähnig Raubthier! Das Netz ſchlägt zu, und Dein rother Hahn kräht nicht auf meinem Dache.— Alle wichen ihr aus, wie ſie durch die Leute ging, einem häßlichen Nachtgeſpenſte nicht unähnlich; als der Landdragoner ihr die Thür geöffnet zum Zimmer des Barons, ſah man nur noch, daß ſie einen Augenblick den fremden hochgewachſenen Mann anſtarrte, und ſich dann in die Knie vor ihm warf. Der Baron ſchloß dann die Thür von Innen vor den Blicken der Neugier. Der Oberjägermeiſter kam indeſſen zurück zur Schenke und wurde bei ſeinem Eintritte einige Zeit durch die Erkundigungen nach dem, was während ſeiner Abweſen⸗ heit vorgefallen, beſchäftigt. Des Freundes gedenkend, verwunderte er ſich, denſelben eingeſchloſſen zu finden, doch ſein Befremden ſtieg, als jetzt die Zimmerthür ge⸗ öffnet wurde, der ſtille, ernſte, wortarme Baron in hef⸗ tiger Gemüthsbewegung mit geröthetem Geſicht heraus trat, die Hirtin, die er an der Hand führte, einer Magd zur Pflege befahl, den Lieutenant in einen Win⸗ kel zog und ihm einige heimliche Worte zuflüſterte, die dieſer mit Staunen vernahm, und dann ſogleich hinaus zu ſeinem Commando eilte. Der Graf wendete ſich mit einer freundlichen Frage an den Freund, dieſer aber ging ohne ihn zu hören zu dem Lager der Kranken, und 270 beugte ſich zu dem Poſtillon und legte ſanft ſeine Rechte auf die Stirn des armen, leidenden Burſchen. Dann richtete er ſich raſch auf, fuhr mit der Hand über die Stirn, als beſänne er ſich jetzt und fühle ſelbſt die Selt⸗ ſamkeit ſeines Benehmens. Zum Grafen ſich wendend reichte er dieſem die Hand, doch die Worte mangelten ihm, und er deutete nur auf des Wirthes einſames Stübchen, wohin ihm der Freund auch ohne Aufſchub folgte.— Ihr erſchreckt mich, lieber Baron, nahm der Graf das Wort, als ſich Beide geſetzt. Ich glaubte Euch im Bett zu finden, Erholung ſuchend nach dem böſen Aben⸗ teuer. Aber ich muß fürchten, die Schreckniſſe dieſer Nacht ſind noch nicht zu Ende. Reißt mich aus der Pein und ſaget, was Euch ſo ganz aus den Schranken Eures gewohnten Benehmens warf, und Eure ernſte, feſt bar⸗ rikadirte Philoſophie in die Luft ſprengte.— Fürchtet, hofft, wie Ihr wollet, fiel der Baron teh- haft ein. Nur ſchenkt mir ein Viertelſtündchen, denn ich muß Euch mit einer langen Erzählung lang⸗ weilen, damit Ihr den Rath eines unbefangenen Mannes geben könnt in einer Sache, die meinen Geiſt verwirrt, mein Herz zerfleiſcht, die alle Narben meiner Seele auf⸗ geriſſen, und die mir Freude und Schmerz zugleich in demſelben Becher darbeut.— Erzählt, Freund, entgegnete der Graf theilnehmend, erleichtert Euer Herz; ich ſehe, es thut Noth damit. Die friſche Morgenluft hat mich wieder munter gemacht und das Leben meiner Zunge ſoll meinen Ohren zu gut kommen, daß ich ſchweige und nur höre. Der Baron that einen tiefen Athemzug, dann begann er folgendermaßen.— Ich muß eine Zeit heraufbeſchwören, 274 ſagte er, die ein grauer Schleier bedeckt hat, die ver⸗ ſunken iſt gleich einer ärmlichen Hirtenlaube unter den Trümmern eines Rieſenpalaſtes, der wir Beide kaum mehr gedachten, weil größere Weltbegebenheiten uns in Anſpruch nahmen. Ich meine die Zeit, wo wir uns nach fröhlich durchlebten Jahren trennen mußten, die Zeit, wo das Schattenkönigreich, unter deſſen Puppen wir mit⸗ geſpielt, vor dem rauhen Kriegsrufe eines Koſakenhett⸗ manns zuſammenfiel. Der König flüchtete, wir folgten dem königlichen Beiſpiele; Ihr begabt Euch in Eure Vaterſtadt zurück, ich ließ den Reiſewagen mit den beſten Habſeligkeiten bepacken, warf mich mit meiner Hortenſe und den drei Kindern hinein, und fuhr dem Süden zu, um mein Liebſtes vor den ruſſiſchen Piken und den Miß⸗ handlungen roher Aſiaten ſicher zu ſtellen. Die gerade Route zum Vaterlande war nicht mehr ſicher, und auf Nebenwegen eilten wir dem ſchönen Frankreich entgegen. Doch auch fern von den Horden der Kalmücken umdräng⸗ ten uns unvermuthete Gefahren. Schneller als unſerer Pferde Flug hatte das Gerücht den Sturz des Franken⸗ reichs verkündet, allenthalben war das Volk in Bewe⸗ gung, der lang verhehlte Frankenhaß hatte ſich entfeſſelt und nirgends gab es für uns eine Rettung, wenn man uns als flüchtige Franzoſen erkannte. Unter meinen Die⸗ nern waren einige treue Deutſche, ich ſelbſt bei meinem langen Aufenthalte in Deutſchland war der Sprache vollkommen mächtig, und ſo gelang es, mit ſtrenger Vorſicht den erſten Theil unſerer Reiſe glücklich zurück⸗ zulegen, obgleich mein armes Weib faſt in Angſt um ſich und ihre Kleinen verging. Am zweiten Tage wurde der Wagen auf der Bergſtraße beſchädigt, und da wir in einem Dorfe verweilen mußten, drängten ſich neugierige 272 Menſchen um uns, und ich ſah an ihren feindſeligen Blicken, daß wir ihnen verdächtig geworden, und wir unſer trauriges Geheimniß bei dem Aufenthalte im engen Dorfkruge nicht ſorgſam genug verhüllt gehalten. Daß wir in der Dämmerung weiter fuhren, da ich die Nacht zur Nachholung der verſäumten Zeit benützen wollte, mußte natürlich ihren Verdacht ſteigern, und ich höre jetzt deutlich wieder die Stimme eines großen, fuchsbär⸗ tigen Kerls, den mein Kutſcher nach dem nächſten Wege frug, und der uns, nachdem er die Frage beantwortet, mit einem höhniſchen Tone eine glückliche Reiſe wünſchte. Meiner Gattin wegen beſchwichtigte ich die innere War⸗ nungsſtimme in mir, hielt meinen Charles und meinen Henry auf dem Schooße, indeß Hortenſe den kleinen halbjährigen Louis vom Arm der Amme nahm und ſelbſt in ihren Shawl verhüllt bewahrte, und ließ in den Wald hineinfahren. Der Kutſcher bemerkte gar bald, daß der hämiſche Wegweiſer ihn irre geleitet; der Hohlweg theilte ſich in viele Nebenwege, immer dichter drängte das Dickicht ſich an die Straße, doch da der Mond leuchtete, ſetzten wir die Reiſe auf Gerathewohl fort, in der Hoffnung, ein Dorf oder doch eine Jägerwohnung zu erreichen, wo uns Rath und Hülfe werden möchte. Da— eben als der Kutſcher abgeſtiegen, um bei einem Zwillingswege ge⸗ nauer nachzuſpüren, welcher Pfad am letzten und meiſten befahren erſchiene, rauſchte es plötzlich hier und da und dort in den Gebüſchen; und eine ähnliche Scene als die, worin wir heute gezwungen mitſpielten, erſchien vor unſern überraſchten Augen. Dunkle Männergeſtalten um⸗ ringten uns, ein furchtbares Wuthgebrüll unterbrach die Stille der Mondnacht, die niedrigſten Flüche auf das Franzoſenvolk verkündeten uns Verderben, Mord und 273 Raub ſchien die Loſung unſerer mitleidsloſen Feinde. Ich warf ſogleich die beiden älteſten Knaben in den Grund des Wagens und gebot ihnen ſtrenge Ruhe, ſelbſt ſprang ich dann mit Säbel und Piſtolen hinaus, ent⸗ ſchloſſen, mein Leben und das meiner Geliebten zum höch⸗ ſten Preiſe zu verkaufen; meine beiden Diener und mein Kutſcher ermuthigten ſich durch mein Beiſpiel, und es gab ein tüchtiges Gefecht, wobei der Vorzug unſerer Waffen, trotz der Ueberzahl der Gegner(es mochten ihrer acht ſein, doch ſämmtlich nur mit Knitteln bewehrt), lange das Gleichgewicht hielt. Aber zwei von meinen Kampf⸗ genoſſen ſanken am Kopf getroffen, ich ſelbſt fühlte meinen Arm erlahmen, meine Piſtolenſchüſſe hatten Niemanden niedergeſtreckt, und ſo gab ich mich und Alles faſt ver⸗ loren, als wie vom Himmel hernieder geſandt drei fremde Reiter mitten unter uns erſchienen und mit ihren Palla⸗ ſchen mir Luft machten, und nach kurzem Kampfe alle die finſteren Gegner alſo von ihrer Ueberlegenheit über⸗ zeugt hatten, daß Keiner länger Stich hielt und die Flüchtigen ſo ſchnell als ſie aufgetreten, auch wieder in die Schluchten und Tannenhaufen des Waldes verſchwan⸗ den. Unſere Retter waren drei Deutſche von der Garde du Corps des verjagten Königs; ſie hatten ihn auf der Flucht verlaſſen und den Weg zur Heimath eingeſchlagen. Wenn auch nicht franzöſiſch geſinnt, zeigten ſie ſich doch als Männer von Ehre, verſprachen uns Geleit und Schutz, bis wir eine gute Heerſtraße gefunden haben würden und der Tag uns Sicherheit zu bieten vermöchte. Ich eilte jetzt zum Wagen zurück, aber denkt Euch mein Entſetzen, als ich meine Gattin, das jüngſte Kind und auch die Amme vermißte. Wir riefen ihre Namen, wir vertheilten uns in den nächſten Gebüſchen, und von Blumenhagen. VII. 18 274 einem ſchwachen Gewinſel geleitet, fanden wir die Wär⸗ terin in einer tiefen Schlucht mit blutendem Geſicht und zerfetzten Kleidern. Aus ihrem Munde vernahmen wir, daß Hortenſe, ſo wie der Anfall geſchah, mit dem kleinen Louis aus dem Wagen geſprungen und den Holzweg entlang geflüchtet ſei; inſtinktmäßig folgte ihr die Amme, doch bald verlor ſie die Gebieterin aus den Augen und ſtürzte, vom Mondſcheine geblendet, in die mit feuchtem Mooſe umgebene Tiefe. Unbeſchreibbar iſt die Gräßlich⸗ keit der Schmerzgefühle, die damals mein Herz zerriſſen; Alle theilten meine Verzweiflung, Alle vereinten ſich, mir die Verlorenen wieder zu ſchaffen. In der Rich⸗ tung, welche die Amme angab, blieb kein Buſch, keine Tiefe undurchſucht; der Wagen folgte uns langſam, end⸗ lich gelangten wir in eine freiere Hölzung, ein weißer Schleier ſchimmerte mir ins ermattete Auge, ich flog hinzu, am Boden lag mein Weib ohnmächtig und kalt; aber entſetzlich— der Knabe war nicht bei ihr. Wir durchſuchten die ganze Umgegend, doch vergebens, das Kind blieb verſchwunden, und als wir die arme Mutter wieder zum Leben erweckt, erkannten wir mit neuem Schreck, daß ihr Verſtand gelitten, daß ihre Gedanken, ihre Worte verwirrt waren, daß ſie Niemanden von uns kannte, daß ein ſtumpfer, trüber Wahnſinn ihren hellen Geiſt in Feſſeln geſchlagen hatte. Die theilneh⸗ menden Leibgardiſten zuckten die Achſeln, als ich rath⸗ loſer Vater ihren Rath begehrte; ſie warnten mich vor jeder Zögerung, da ſie ſelbſt, obgleich Deutſche, rebelliſchen Bauernhaufen, ja ſelbſt abgefallenen deut⸗ ſchen Soldatentrupps ausgewichen waren, um nicht ihrer verhaßten Aniform wegen mißhandelt zu werden. Mein armes Weib, meine beiden älteſten Knaben — ,———————— — 8„——— forderten ein Abrahamsopfer; ich gab den Reitern meine wohlgefüllte Börſe, ich beſchwor ſie bei Ehre und Reli⸗ gion in den nächſten Ortſchaften Alles aufzubieten, um das verlorene Kind aufzufinden, ich flehete ſie an, mir nach Mainz Eilboten nachzuſenden, verſprach Tauſende für die günſtige, tröſtende Botſchaft, und fuhr in einem Zuſtande der Zernichtung, mein Daſein verwünſchend, grollend ſelbſt mit dem Himmel, weiter.— Armer Freund! ſagte der Graf, ſeine Hand auf die Schulter des Barons legend. Ich bin Junggeſell, denn wir Deutſchen aus jener Sardanapalszeit paſſen in kein germaniſches Ehejoch, aber ich kann mir dennoch dieſe Hölle denken. Warum war ich nicht damals Euch zur Seite?— Der Baron ſeufzte tief, da fuhr er fort: Vier Wochen lang harrten wir in Mainz, kein Bote folgte uns; ich ſandte treue Späher nach dem Norden, alle kamen ohne Erfolg zurück; der ausgebrochene Völker⸗ krieg ließ ſolchen kleinlichen Begebenheiten keine Theil⸗ nahme übrig; ich mußte zurückreiſen nach Paris ohne meinen Benjamin, mußte ihn todt beweinen, und zu⸗ gleich zehren an dem täglichen Gram, eine wahnſinnige Gattin an meiner Seite zu ſehen. Kein Arzt, kein Heilmittel half der armen Hortenſe, ſie ſaß geduldig, ſtill, immer in tiefem, finſterem Sinnen verloren, und verfiel ſichtlich von Tage zu Tage, ja jede Stunde riß ein Roſenblatt aus der ſchönen Centifolie fort. Die Umgeſtaltung meines Vaterlandes nahm auch mich in Anſpruch, ein großer Wirkungskreis zerſtreuete mich, aber daheim Abends blutete die Wunde immer auf's Neue. Nach zwei Jahren erlöſete der Tod die unglück⸗ liche Hortenſe von ihrem Halbleben. Drei Stunden 276 vor ihrem Ende kam plötzlich der Name Louis von ihren Lippen, ſie ſah ſuchend im Zimmer herum, und rief die Amme mit dem Kinde; doch folgte durch Gottes Barmherzigkeit dem erſten Lichtblicke der Beſinnung kein voller Geiſtestag, der ſchrecklich für die Leidende hätte werden müſſen. Aber aus ihren Reden wurde mir Fol⸗ gendes klar. Durch den Wald flüchtend, glaubte fie ſich von einem der Räuber verfolgt; ihre Knie brechen, nur ihres Kindes Rettung fleht ſie von Gott, da fällt das Mondlicht auf einen alten Baum, deſſen Fuß weit aus⸗ gehöhlt ſich öffnet. Sie legt das Kind ſchnell in die ber⸗ gende Höhlung, flüchtet weiter, um den Mörder abzu⸗ locken, flieht bis ſie niederſinkt. Als ſie ſich wieder erhebt, iſt es ſtill um ſie, kein Verfolger iſt zu ſchauen, und vorſichtig kehrt ſie jetzt zurück, das Kind wieder aus ſeinem Verſteck zu holen. Aber wehe— der Baum iſt nicht wieder zu finden. Immer ängſtlicher ſucht ſie, ruft um Hülfe, klagt, weint, bis ihre Gedanken ſich wirren, ihr Herzſchlag in der furchtbaren Mutterangſt ſie zu erſticken droht, und ſie geiſtig und körperlich er⸗ ſchöpft zu Boden taumelt.— Sie ſtarb einen ſanften Tod, denn ſie glaubte in dem Kinde meiner Schweſter, das zufällig an ihr Sterbelager gebracht war, ihren Louis wieder gefunden zu haben. Ich betrauerte ſie tief, und widmete mich ſeitdem mit doppelter Anſtren⸗ gung dem Staate und der Erziehung meiner beiden wackeren Söhne; da ruft mich das Schickſal zurück in die Gegend, wo der Born meines Unglücks entſprang, faſt dieſelbe Nachtſcene bedroht mein Leben, und in ihr finde ich den lang verlorenen und beweinten Sohn, denn der Poſtillon, deſſen Beſonnenheit uns rettete, iſt mein Kind, iſt unbezweifelt mein Louis.— „——,—— ——— 277 Der Graf ſprang vom Seſſel auf, als hätte ihn ein Stich getroffen. Zum Spaß paßt Euer Geſicht nicht, aber der Ernſt wäre doch auf Ehre gar zu romanhaft! rief er aus.— Ernſthaft erzühlte ihm der Baron at Epilog ſeiner Geſchichte die Scene, welche er mit dem Krugmädchen erlebt, erzählte ihm ſein ſpäteres Geſpräch mit der Hirtin, deren Ausſage allen Zweifel ſcheuchte, und die obendrein den Plünderer des Kindes und den muthmaß⸗ lichen Anführer der Straßenräuber in die Hände der Rächer geliefert hatte.— Gegen ſolche Zeugniſſe könnte ſelbſt vie Chikane des ſchlaueſten Rechtsgelehrten nichts zu repliciren haben, entgegnete der Graf. Und können doch unſere Dichter nur aus dem Lebensborne ſchöpfen, und die Vorſehung bleibt der ewige Apoll, aus deſſen Hippokrene ſie ihre Begeiſterung einſaugen. Aber wenn es iſt, warum denn dieſe trübe Grimaſſe, Freund?— Warum liegt Ihr nicht in den Armen des Sohnes und gebt ihm alle die Vaterküſſe auf einmal, die Ihr ihm ſo lange ſchuldig geblieben? Er iſt ein hübſcher, wackerer Menſch, ſein Muth hat Euer und mein Leben gerettet, Ihr könnt ihn glücklich machen; er hat gedarbt, hat ſich durch eine dürftige, läſtige Jugend gequält. O Ihr ſeid zu be⸗ neiden, Freund, Ihr und Euer Louis; wie ein Engel ſchirmte er das Vaterhaupt, und den er errettete, tritt wie ein Gott vor ihn hin aus der finſtern Nacht, erlö⸗ ſet ihn vom tiefſten Gram, und führt ihn wie durch einen Zauberſchlag mitten in die Himmel ungeahnter Seligkeit.— Das iſt der böſeſte Punkt! antwortete der Baron düſter. Wird ihn mein Vaterſegen zum Glück führen? 278 Er iſt erzogen in Niedrigkeit, ſeine Wünſche reichen nicht da hinauf, wohin ich ihn ſtellen müßte, hätte ich mich ſeinen Vater genannt. Er liebt das Mädchen mit langgehegter tiefgewurzelter Leidenſchaft. Wird er als Sohn des reichen Barons, wird er in den Pariſer Sa⸗ lons ſich glücklich fühlen?— Und außerdem noch,— wird er paſſen zu ſeinen Brüdern, dem Majoratsherrn und dem eiteln Chaſſeuroffizier? Dieſe Frage mag mir der unbefangene Freund rathend beantworten, ehe ich handle, wie mein Herz mich zu handeln anſpornt.— Auch der Graf verſank jetzt in ernſtes Sinnen. Ihr ſeid ein ſorgſamer Vater, Freund, ſprach er. Hunderte hätten nicht ſo ängſtlich des Sohnes Wohl auf die Wag⸗ ſchale gelegt, ehe ſie ſich dem natürlichſten Inſtinkt über⸗ laſſen. Ihr habt recht, das iſt ſorgſam zu bedenken, und ich übernehme die Ausforſchung des Jünglings wie des Mädchens. Ueberlaſſen wir uns jetzt der ſtillen Freu⸗ den des Beſitzes eines lange verlorenen Schatzes, denn der Wundarzt iſt mir als ein gediegener Aeskulap be⸗ kannt, und ſein Wort verbürgt uns die Rettung des Verwundeten. Vielleicht iſt Euch eine ganz beſondere Art von Vaterglück beſtimmt, ein geheimes Walten und Wirken für den Geliebten, wie der ewige Weltenherr⸗ ſcher es übt an ſeinen Liebſten und Auserwählten, die ihn nicht ſehen, nicht kennen, aber darum deſto dank⸗ barer lieben in heiliger Kindesliebe.— Beide verließen das Gemach, weil neue Ereigniſſe ſie in Anſpruch nahmen. Der Dragonerlieutenant hatte auf Befehl des Geſandten das Hirtenhaus noch vor Tage mit ſeinen Leuten umſtellt, und mit dem erſten Sonnenſtrahle darauf Sturm laufen laſſen. Man fand den Müller Wolf erſchöpft von Schmerzen und Fieber, — —— 4 doch wehrte er ſich wie ein wundes Tigerthier, ehe er der Uebermacht erlag. Bald wurde auch der Holzwärter Rephahn eingezogen, als täglicher Genoſſe der beiden todten Raubgeſellen, und einige Koſtbarkeiten, welche man vei ihm fand und als Eigenthum des Tom Stein⸗ ecke erkannte, häufte den Verdacht gegen ihn, und als der Richter ihn zur Bahre ſeiner erſchlagenen Kameraden führen ließ, ſchwand ſeine Kraft, und er bekannte ſich ſchuldig, nannte alle Genoſſen der langverbündeten Bande, und enthüllte eine Menge von Gräuelthaten, die ſie un⸗ ter dem dichten Schleier ehrlichen Gewerbes und unbe⸗ ſcholtener Bürgernamen in feſter Sicherheit ausgeübt. Alle empfingen den Blutlohn; nur der Müller Wolf wurde, da ſein Trotz nicht zum Geſtändniß zu bringen, nach den Landesgeſetzen zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt, und ein eigener, unzerbrechlicher Kerker für ihn gebauet, um dem gefährlichen Raubthiere jede Art von Flucht unmöglich zu machen.— Zufriedenheit heißt der Genius, welcher Menſchen⸗ glück ſchafft und bewahrt; alle die anderen Glücks⸗ genien, welche der Unverſtand anbetet und zu ſeinem Hausgötzen auswählt, ſind nur Baſtarde, die nicht vom, reinen Himmel ſtammen, ſind nur tückiſche Kobolde welche mit Irrlichtsſchein täuſchen, und die der Zeiten⸗ wechſel vertreibt.—— Nahe der fürſtlichen Reſidenz ſtand ein ſtattliches Gaſthaus, von einem geräumigen Luſtgarten umgeben, zu dem die Bewohner der Stadt täglich und gern hin⸗ auswallten, weil Reinlichkeit und Rechtlichkeit die Gäſte 280 einlud, und der Anblick des glücklichen Paares in den Perſonen des jungen Wirths und der niedlichen Wirths⸗ frau den Gäſten wohlthat und den geſuchten Genuß er⸗ höhete. Vom Nachbarlande waren ſie herübergezogen, Niemand kannte ſie, aber bald hatten ſie ſich die Ach⸗ tung des Publikums, das bei ihnen Vergnügen ſuchte, gewonnen, und obgleich anfangs das ſchlechtgewählte Gaſthausſchild„zum goldenen Poſthorn“, als zu tri⸗ vial und den Erfindungsgeiſt des jungen Wirths nicht beſonders lobend, beſpöttelt ward, ſo galt doch bald das Poſthorn für den beſuchteſten Luſtort, und die Wirth⸗ ſchaft für die wohlhabenſte und beſte außer den Stadt⸗ thoren, und die Witzlinge verglichen das Schildzeichen jetzt mit Oberons Zauberhorn, das Jedermann tanzen machte.— Es war ein Jahr etwa nach der eben erzählten aben⸗ teuerlichen Geſchichte, da ſaß Morgens ein weißköpfiger, alter Herr, der einen blauen Oberrock mit ſchwefelgel⸗ bem Kragen trug, im Gaſtzimmer hinter einer Flaſche Rüdesheimer, ihm gegenüber der Herr des Poſthorns, ein hübſcher Mann, faſt über ſeinen Stand fein geklei⸗ det, und nicht weit davon ein blondes Weibchen neben der Wiege, etwas blaß von Farbe, jedoch hellaugig, und mit dem Ausdrucke höchſter Zufriedenheit den lieb⸗ lichen, geſunden Säugling betrachtend, der an ihrem vollen Buſen ſchlummerte. Hätt's nimmer gedacht, ſprach der alte Herr mit tie⸗ fer Stimme, daß mir mein braver Wilm noch einmal in einem ſo magnifiquen Logiment das grüne Glas kre⸗ denzen würde. Doch redlich währt am längſten, und Gotteshand greift zuweilen noch ſichtlich, wie im alten Teſtament, aus den Wolken heraus, und Niemand kann 281 ſich mehr über Dein Schickſal und über die Schnell⸗ poſt, die Dich mitten ins Paradies gefahren, gefreut haben, als ich. Darf Dich doch noch dutzen, Wilm? denn das fremde Sie will mir nicht über die ſteife Zunge.— Beſter Herr Poſtmeiſter, erwiderte der junge Wirth mit ſichtbarer Rührung, waren Sie nicht mein Pflege⸗ vater? Danke ich nicht Ihnen von Allen, was ich bin und weiß? Hätte ſich mein Geſchick ſo freundlich ge⸗ ſtalten können, wäre ich unter dem gemeinen Troß ge⸗ blieben, zu dem mich das Unglück geworfen hatte? O! Sie hier bewirthen zu können, Ihnen meine Dankbarkeit ausſprechen zu dürfen nach langer Zeit, gibt meinem Hauſe und meinem Herzen einen hohen Feſttag.— Auch die junge Frau wandte das Geſichtchen her und zeigte ein feuchtes Augenpaar, und nickte zu den Worten ihres lieben Ehemanns. Alſo Mutter Ilſe iſt todt? fragte der Wirth, als der Poſtmeiſter ihm die Hand deutſch und feſt gedrückt und eine Pauſe eingetreten war.— Sanft entſchlafen, antwortete der Poſtmeiſter, Dich ſegnend und für Dich betend. Deine Wohlthaten, Deine Spenden, die ich ihr jederzeit pünktlich abgeliefert, hat⸗ ten ſie weich gebettet, und ihre letzten Tage waren ohne Wünſche.— Und auch in der Todesſtunde hatte ſie keine Bot⸗ ſchaft, nichts Geheimes für mich? fragte Wilm lebhaft, O ich glaubte ſicher, ſie müßte mir durch Ihren Mund etwas zu ſenden haben, und darum empfing ich die To⸗ despoſt ſo verwirrt. Nach jenen nun vergeſſenen und verſchmerzten Schreckenstagen ſprach die Alte an meinem Krankenlager oft ſo räthſelhaft; die fremden Herren 282 hatten viel mit ihr geheim verhandelt; ich meinte der Todesengel würde das Geheimniß, das auf ihrer Zunge gefeſſelt zu ſchlafen ſchien, frei machen.— Und wünſcheſt Du dergleichen? fragte der Poſtmeiſter ſcharf. Fehlt Dir etwas im Leben?— Nein, nein! rief Wilm mit gen Himmel gehobenen Händen, Goit hat überſchwänglich den Segen über mich ausgeſchüttet; meine Neugier iſt Sünde an ihm, und er mag ihr ſein Ohr verſchloſſen haben, daß er ſie nicht ſtraft durch einen bitteren Verluſt.— Er warf einen Blick auf Weib und Kind, in dem das Gefühl der reinſten Seligkeit ſich ausſprach. Da tönte ein fröhliches Poſthornlied auf der Heerſtraße, und der Wirth trat zum Fenſten. Line! rief er laut und jubelnd, es iſt der Herr Ba⸗ ron; Poſtmeiſterchen, es iſt der franzöſiſche Herr, der das Geringe, was ich einſt für ihn that, ſo überreich, ſo ohne Ende bezahlt. Er iſt es, ich kenne die Equipage auf eine Viertelmeile hinaus.— Nun, er bezahlt euch eine große Schuld, entgegnete der Poſtmeiſter lächelnd, aber daß er ſie ſo bezahlt, um⸗ ſichtig und vorſorglich, wie ein väterlicher Vormund, das macht ihm Ehre.— Aber das Weibchen hatte ſchon den ſchlafenden Säug⸗ ling in die Wiege gelegt und Hand in Hand ſprang das junge Paar hinaus, an der Pforte den Wohlthäter zu bewillkommen. Der Herr ſtieg aus, und ſein Auge traf ſogleich mit dem lebendigſten Ausdruck auf Wilms Geſicht, und was er dort fand und las, erweckte auch in ſeinem ernſten Antlitz einen lichten Freudenſonnenſchein. Alles geſund und froh? fragte er, als die Frau — ——— 283 gebückt auf die ihr gereichte Hand einen ehrfurchsvollen Kuß drückte. Aber Madam iſt ſo blaß; der Wildfang hier an meiner Hand macht ihr doch keinen Verdruß?— Da zog ihn der junge Mann, ohne reden zu kön⸗ nen, in das Haus, in das Zimmer und an die Wiege. — Ein Louis wieder! Und mein Louis! rief der Baron, und beugte ſich und küßte heftig den Kleinen auf die apfelrunden Bäckchen. Habt doch gewartet, bis ich ſein Pathe werden konnte? Und als Wilm ihm geantwortet, daß er, gehorſam dem Briefe der Excellenz, das ſchöne Feſt verſchoben, obgleich er fühle, daß nicht er, nicht ſein Linchen ſo hohe Ehre verdient, da wandte ſich der bewegte Baron zu dem Poſtmeiſter, umfaßte ihn und flüſterte tief ergriffen: Mein lieber Freund, es iſt doch ein ſchweres Kunſtſtück in ſolcher Stunde das Herz ver⸗ ſchloſſen zu halten, aber—— Er iſt glücklicher als die Andern, glücklicher als ich ſelbſt, und er ſoll es bleiben!—— —,—————— W. LTebensräthſel. Zehn Blätter aus dem Tagebuche eines Freundes. * Vor der netten Schenke des Grenzdorfes Grüneklee hielten zwei Reiſewagen. Der eine trug das Gepräge ausländiſcher Bauart und Fabrik; klein und niedlich war das Geſtell, der enge Kaſten hatte die Form der Schnecke, die man Nautilus nennt, trotz des warmen Julitages war das Verdeckleder rundum angeknöpft; nur ein ver⸗ ſchabtes Köfferchen ſah man hinten aufgeſchnürt und der magere Schimmel in der Gabeldeichſel faßte mit gieri⸗ gem Maule das Heu, welches ein kleiner Bube in einer abgetragenen blauen Jockeymontur ihm darbot, der zu⸗ gleich mit dem Futterſacke dem abgetriebenen Thiere Schweiß und Schaum mitleidig vom Halſe ſtrich, und ſo, fran⸗ zöſiſche Schmeichelreden ausſtoßend, ſeine ſichtlich geſun⸗ kenen Kräfte hervor zu manipuliren ſuchte. Dicht daneben prangte der zweite Wagen, eine elegante Reiſekaleſche der Reſidenz, hochgelb lackirt, mit buntem Wappen und Helmzeichen verziert, zurückgeſchlagen, daß man die rei⸗ chen Stoffe ſah, womit das bequeme Innere ausgepolſtert war; vier Poſthengſte wieherten davor und biſſen unruhig auf die ſtarken Stangen, und der Poſtillon blies unge⸗ duldig auf blankem Horne den Deſſauer Marſch und das verbotene Königslied, daß jedes Echo des nahen Waldes davon erweckt wurde. 288 Aber der Reiſende, welchen der freundliche Hornklang rufen ſollte, ſchien taub und hörte nicht darauf. Der ſchlanke, junge Mann im feinen, grünen Ueberrocke, mit einer lebenvollen, geiſtreichen Phyſiognomie ging verſtört im umzäunten Hofe auf und nieder, ſein Diener in be⸗ goldeter Livrée ſtand verwundert an dem Blocktiſche von Eichenholz, und wußte nicht, ob er wagen dürfte, die Madeiraflaſche nebſt dem Kryſtallglaſe wieder in den kleinen Reiſekoffer einzupacken, der, mit rothem Saffian überzogen, unberührt daſtand. Er hatte zu thun, um das Heer gieriger Hühner und die langhalſige Puter⸗ henne abzuwehren, welche ihr altes Privilegium geltend zu machen gedachten, und ſich anſchickten, die Reſte des Veſperbrodes von dem Gafttiſche herab zu holen. Zwei Male hatte ſich der Diener ſchon erdreiſtet, ſeinen tief⸗ finnigen Herrn anzureden; zwei Male hatte er keine Antwort empfangen, und den Jähzorn des Gebieters durch einen dritten Anruf aufzuregen, erkühnte der junge Harzer ſich nicht. Der Edelmann ſchien unentſchloſſen; drinnen im Wirthszimmer mußte ein Gegenſtand ſeine ganze Theilnahme gefeſſelt halten, denn mehre Male weilte er am offenſtehenden Fenſter, und lauſchte⸗ einige verſtohlene Augenblicke hinein, dann warf er einen un⸗ ruhig ſinnenden Blick in die Blütenzweige der hohen Linde, die ſeinen Tiſch überſchattete, als horche er auf das Summen der Bienenſchwärme, welche in den duf⸗ tenden Blüten ihr Weſen trieben; dann ſchaute er wie⸗ derum ſuchend in der weit ausgebreiteten Feldgegend umher, die das Dorf umgab. Plötzlich haftete ſein großes, dunkles Auge an der Spitze des Eichenwaldes, von dem ein Feldweg zu der Schenke ſich herabzog. Erſtaunen miſchte ſich mit Freude; ——— 289 er ſtrich mit der Rechten, wie vergnügt, mehre Male durch die braunen, kurzgehaltenen Locken, drückte ſich den weißen Biberhut, den er in der Linken getragen, feſt auf den Scheitel und that einige Schritte, als wollte er in das Kornfeld hinaus, Jemanden entgegen eilen; da drangen leiſe Schmerzenstöne aus dem Fenſter, und wie feſtgebannt ſah er zurück und ſchlich langſam wieder zu dem Hauſe. Der Reiter, welcher ſich am Walde zeigte und deſſen Erſcheinung des Reiſenden Freude erregt hatte, näherte ſich indeſſen dem Dorfe in einem ungewöhnlichen Aufzuge. Auch er war ein Mann von den beſten Jah⸗ ren des Lebens mit einem höchſt gutmüthigen und ange⸗ nehm⸗freundlichen Geſicht. Das hellblaue Käppchen mit dem blankſchwarzen Augenſchirme ſaß leichtfertig und verwegen auf dem goldblonden, üppiggewachſenen Haare; der muskelvolle Hals war nackt, und ein feiner Hemd⸗ kragen, rein wie Schnee, von einer Steinnadel zuſam⸗ men gehalten, deutete auf Stand und Erziehung; er ſaß gut zu Pferde, und die linke Hand leitete den ſchlanken Grauſchimmel mit Gewandheit und Vorſicht, denn ſon⸗ derbarlich anzuſehen befand ſich vorn im Sattel auf einem zuſammengefalteten grauen Regenmäntelchen eine Reiſegefährtin, die nur durch einen ſehr beſondern Zufall auf dieſen gefährlichen Sitz gekommen ſein konnte. Das Mädchen ſchien ein achtjähriges Kind von edlen und fei⸗ nen Formen. Sie trug ein ſchwarzes Seidenkleid vom Schnitt der höhern Stände, mit dem der Wind ſpielte und mehre Riſſe darin enthüllte, die durch eine äußere Gewalt erſt neuerdings in den ſchwarzen, glänzenden Taffet gekommen waren. Die kleinen Schuhe waren ſehr beſchmutzt und an den Sohlen gleichfalls defekt. Schwar⸗ zes Flechtenhaar flatterte um den weißen Nacken, und ſie Blumenhagen. VII. 19 290 hielt den Reiter ängſtlich umklammert, drückte ihr Köpf⸗ chen mit den halbgeſchloſſenen, ſchwarzen Augen feſt an ſeinen Leib, und wie ſein Liebſtes umſchloß ſein rechter Arm die Kleine, und der helle Aermel des ſilberweißen Reitrockes ſtach hoch ab gegen das ſchwarze Seidenkleid und machte den Abſtand zwiſchen beiden Reiſegenoſſen noch greller und in die Augen ſpringender. Als des Grauſchimmels Hufſchlag auf dem Stein⸗ pflaſter am Hofe erſchallte, wurde dadurch der junge Edelmann aus ſeiner Betrachtung erweckt, er drehete ſich raſch und ſchritt mit ausgebreiteten Armen dem Pferde entgegen, welches jetzt wiehernd durch das hölzerne Thor herein ſtolzirte. Du biſt es, Franz! rief der junge Mann hinauf. Du kommſt wie ein Genius, um Deinen ſchönen Beruf auf die ſchönſte Weiſe in das Leben zu tragen. Ich er⸗ bitte Deine Hülfe, nimm Kopf und Herz zuſammen, hilf, lindere die Leiden des intereſſanteſten weiblichen Geſchöpfs, das mir je begegnete. Schnell herunter vom Sattel, Doktor, die Noth iſt groß. Gebe Gott, daß Dein kleiner Mantelſack enthält, was hier als Balſam oder Zaubertinktur nöthig thut.— Sachte, ſachte, mein feuriger Graf! entgegnete der Arzt vom Pferde herab, indem er den Zaum ſcharf an⸗ hielt, dann die Riemen auf den Hals des ſtillen Thieres legte, und die Kleine bequemer ſetzte; Du ſprichſt ja gar nicht, wie es dem Bräutigam geziemt, der drei Monate von ſeinem Paradieſe entfernt weilte. Oder iſt gar Fräu⸗ lein Julie— 2—. Nicht doch, antwortete der edle Herr unwillig, es iſt eine Fremde, eine Franzöſin! Sogleich nach meiner An⸗ kunft hielt ihr Fuhrwerk hier an; faſt ohnmächtig und 291 von erſchrecklichen Krämpfen befallen trug man ſie aus der Kaleſche; ſie wies meinen Beiſtand zurück, ver⸗ ſchmähte den Wein, den ich ihr in der Noth bieten ließ. Ich ſandte einen Boten nach dem nächſten Landſtädtchen, den Chirurg zu holen. Niemand kam von dort und das Uebel nimmt kein Ende. Entzückt war ich, als ich von fern Dein Grauchen erkannte, und nun ſitzeſt Du wie erfroren ſteif in den Bügeln, Du einſt der beſte Volti⸗ geur auf Boths Fechtboden. Hat denn auch Dich ſchon der tägliche Anblick menſchlicher Leiden zu einem ſteiner⸗ nen Gaſte gemacht, wie die meiſten Deiner Kollegen 2— Eine Franzöſin? fragte erſtaunt der Reiter. Komm, Friedrich, nimm mir die ſüße, kleine Laſt vom Sattel. — Du Franzoſenfeind biſt bekümmert, gefeſſelt auf der Reiſe zur Braut durch eine Franzöſin? Man muß Dir Ader laſſen, Du haſt den Sonnenſtich.— Friedrich, ſachte angegriffen! das arme Kind iſt wund und entkräf⸗ tet, und meines Grauchens leiſeſter Schritt machte ihm Gliederweh.— Vielleicht die Amande eines Pariſer Generals, eine Nachzüglerin der großen, in Rußland inkruſtirten Armee; und Forſtmeiſter von Hahn in Angſt um ſie?— So, langſam, ſo recht! Trag die Kleine nur in den Wagen Deines Herrn, löſe ihr die Schuhe, zieh die Strümpfchen aus! Nur den verſchmähten Ma⸗ deira her, die wunden Füßchen zu waſchen! Wackerer Friedrich, ich kurire Dir die nächſte Todeskrankheit gratis. — Will's dankbar für empfangen annehmen, antwortete der gewandte Kammerdiener, indem er die Befehle des Reiters ſo raſch und ſorglich erfüllte, als hätte ſie der Graf ſelbſt gegeben. Dieſer ſtand indeß in ſtummer Ver⸗ wunderung und biß im Unmuth die Lippen zuſammen, als jetzt der Doktor vom Pferde ſtieg, und mit der größten 292 Aufmerkſamkeit die Kleine, welche ſich behaglich in den Polſtern des Wagens ausſtreckte, mit dem Mantel ein⸗ hüllte, ihre wunden Füße beſah, über die Bläschen daran jammerte, und ſein feines Taſchentuch zerriß, um es mit Wein getränkt zum Verbande der Wunden zu gebrauchen. Aber, Herr Walter, Du verſprachſt mir ja, mich nie wieder von Dir zu laſſen! ſagte die Kleine da, und die runden, ſchlafmatten Augen fingen an feucht zu werden und blickten ſehnſüchtig nach dem Sattelſitze zurück. Ich halte Wort! antwortete der Doktor. Zum Reiten iſt der Weg zu weit für Dich und. dieſer Wagen bringt beque⸗ mer Dich in mein Haus.— Vertrauend nickte das Kind und legte ſich nun erſt dreiſt nieder, als gebühre ihm der Platz. Nun bin ich fertig und zu Dienſten! ſprach der Reiter, als er dem Kinde noch ein halbes Glas des ſpaniſchen Nektars eingeflößt hatte, und dieſes, nachdem es mit unbeſchreiblich ausdrucksvollem Blicke den Freund angeſchaut und ihm die Hand gereicht, in unbeſiegbarer Müdigkeit die Wimpern zum Schlummer ſinken ließ. Nun bin ich da für Dich, mein herzlieber Mann, und für die ganze Welt Gebrechlicher, für Türken, Lapplän⸗ der und Mameluken, für Herpes, Hundswuth und egyp⸗ tiſche Ophthalmie wieder zu Befehl. Bei mir geht's in militäriſcher Ordnung, der Kranke zuerſt, der ſich zuerſt gemeldet, und müßte der Ordensſtern auch hinter der Bettlerkrücke warten. Laß mich denn jetzt die umgekehrte Welt betrachten, den erzdeutſchen Graf Hahn am Siech⸗ bette der Franzöſin. Komm nur! Sieh nur, Walter! fiel der Graf erhitzt ein, indem er den Jugendfreund zum Fenſter des Schenk⸗ hauſes zog. Sieh dieſe Magdala von Rafael, dieſe Danae von Titian! 293 Beides möchte paſſen, und das Bild dazu Verlag des Trödels! entgegnete Walter mit leichtem Spott. Danae zuerſt, und ſeit der Goldregen ausblieb, danach Magdala; eine Alltagserſcheinung für Prediger und Aerzte, Naturprodukt wie Roſe und Hagebutte; aber von ſolch böſem Wirklichkeitsgeſetz weiß ſo ein antiker Kunſtliebhaber und nagelneuer Damenverehrer, wie Du biſt, nicht viel. — Sie ſtanden jetzt am Fenſter, und der Anblick, der ihnen ward, machte auch des Doktors leichtfertige Zunge verſtummen. Drinnen zeigte ſich auf dem breiten Sorge⸗ ſtuhle des großväterlichen Leibzüchters ein Frauenzimmer, das eine Muſterform ihres Geſchlechts, eine Eva für alle Nachſchöpfer hätte abgeben können. Die Fremde war von mehr als gewöhnlicher Größe, das bemerkte man ſelbſt an der liegenden Stellung, aber keinem ihrer Glieder fehlte die Wellenlinie der Schönheit, und Har⸗ monie thronte in der ganzen Geſtaltung. Ein blaues Morgenkleid von leichtem Zeuge floß wie ein Dunſtnebel um den geſtreckten üppigen Leib; der Kopf, die Studie eines Junogeſichts, lag ſeitwärts geneigt an der Schulter einer Matrone, welche durch Angſt und Schrecken zu einem dürren Leichenbilde geworden, und das blaue Seidentuch, das nach Art der Franzöſinnen zum Reiſe⸗ kopfputz gedient, hatte ſich verſchoben, und unter ihm hervor drängte ſich eine herrliche Fülle kaſtanienbrauner Locken und bedeckte, die Freiheit ſuchend, lang und reich den weißeſten Nacken und den wogenden Buſen. Die Augen waren geſchloſſen, aber lange, dunkle Wimpern ließen auch in ihnen die höchſte Schönheit ahnen; krampf⸗ haft zuckte zuweilen die erblichene Lippe, und die weiße Hand zitterte im Schooße der Kranken.— Der Graf Hahn ſah erwartungsvoll den Freund an, deſſen Auge 294 lange auf der überraſchenden Erſcheinung verweilte und der kein Wort hören ließ. Wirſt Du hineingehen? Wirſt Du helfen können? fragte er endlich. Walter ſchien wie aus einem ſchweren Traume zu erwachen. Ja ſo, entgegnete er verwirrt und ſtrich ſich über die Augen. Laß den Friedrich mein Mantel⸗ ſäckchen behutſam hineintragen; die kleine Apotheke darin enthält, was dieſe hier bedarf. Aber Du, reiſe fort! Deinesgleichen ſind unnütz bei ſolchen Scenen. Reiſe zur Braut; ich komme nach, ſobald hier meine Pflicht gethan ſein wird.— Und das Kind da? Was ſoll damit geſchehen? Wie kommſt Du überhaupt dazu?— Die kleine Lilli? fiel wieder völlig beſonnen der Doktor ein. Sie ſei Dir empfohlen wie Dein Augapfel. Ich bin plötzlich Vater geworden, indem ich ausritt, Andern Vaterfreuden zu verſchaffen. Sie iſt eine merk⸗ würdige Emigrantin, aber eine Deutſche, hörſt Du, Adolphus, eine Deutſche. Nimm ſie mit in die Stadt, Du haſt kaum zwei Stunden bis da, und ſie wird Dich nicht beläſtigen, denn ſie ſchläft ſchon feſt in glücklicher Lethargie der Unſchuld. Arme Verlaſſene, Du ſollſt den Vater gefunden haben, und müßte ich ewig ein Hage⸗ ſtolz bleiben um deinetwillen! Du lieferſt ſie gefälligſt meiner Mutter ab; ſprich: der Franz ſchicke das Kind; ſie ſolle das liebe Mädchen nehmen als Franzens Schwe⸗ ſter. Sobald auch ich zum Thore eingeritten, erhältſt Du die Aufklärung wie gewöhnlich von Allem, was Deinem Damon begegnet. Und nun hinein! Dein Poſtillon bläſet ſich die Kehlkopfsſchwindſucht an den Hals. Fort, denn bevor Du nicht abrollſt, thue ich keinen Sttt für Deine Günſtlingin.— Wunderlicher Menſch! entgegnete Graf Hahn. Du hier, ich da, wir tauſchen unſere Liebesdienſte zu Deinem Vortheile. Aber komm nicht zu ſchnell nach, und bringe mit Gott gute Nachricht.— Er ſtieg in den Wagen, blickte nochmals nach dem Wirthshausfenſter zurück, und als er ſah, wie der Doktor ſchon drinnen war und auf der Fenſterbank ſeine kleine Reiſeapotheke durchſuchte, befahl er abzufahren, und der Poſtillon hieb munter in die Hengſte hinein, ohne daß die bequem liegende Kleine vom Geroll der Räder aus ihrem tiefen Schlummer erwachte. 2. In dem berühmteſten Kaffeehauſe der Hauptſtadt ſaß am andern Morgen der Graf von Hahn; aber der Mann ſchien nicht der junge, blühende Herr von geſtern. Die ſchlafloſe Nacht blickte durch die bläſſere Wange hervor, und im getrübtern Auge ſprach ſich ein tiefes Leid aus. Ungekoſtet zerfloß das Erdbeergefrorene im Kryſtallgläs⸗ chen vor ihm, und durch die Spiegelſcheiben des kleinen Vorbaues im Conditorladen ſah er, unruhiger noch wie geſtern vor der Dorfſchenke, die breite Hauptſtraße hinab, ohne der franzöſiſchen Wachparade zu achten, die mit lärmender Muſik die Wache des Schloſſes dem Kaffee⸗ hauſe gegenüber bezog. Da ging hinter ihm die Thüre auf, eine bekannte Stimme befahl Chokolade, und ſchnell darnach herumgezogen, ſah der Graf den Doktor Walter vor ſich ſtehen. Menſch, fragte Hahn haſtig und mit finſtern, ſtechenden Blicken, willſt Du ein Arzt ſein und machſt den Freund zum Kranken? Wo wareſt Du? Warum haſt Du nicht Wort gehalten? Vergebens war ich geſtern drei Male, ſelbſt noch in der Nacht, in 296 Deinem Hauſe und klingelte Deine Leute heraus; ver⸗ gebens beſchickte ich Dich mit Tagesanbruch.— Das Alltagsſchickſal meines Standes, antwortete Walter ruhig, indem er auf die dampfende Chokolade blies. Ihr Alle ſeid Freiherrn; nur der Arzt iſt der Frohnknecht aller zweibeinigen Weſen ohne Federn, und das Bauchgrimmen jeder alten Megäre peitſcht ihn aus dem weichen, lieben Daunenbett. Ihr nennt die Zeit Euer und die Gedanken; der Arzt iſt nicht Herr der Minute, und ſein Geiſt iſt für ewig ein Galeerenſklav im Dienſte der Gebrechlichkeit. Nimm daraus die Ent⸗ ſchuldigung für meinen Wortbruch und bezahle die Schloſ⸗ ſerrechnung für einen neuen Glockenzug, den meinigen haſt Du in der Nacht morſch getrümmert.— Kannſt Du ſcherzen, wenn der Freund wahrhaft krank iſt an Leib und Seele? fragte Adolph unmuthig.— Ein Fieber? Man ſieht Dir's an, lächelte Walter. Ein Synochus iſt es; der Inſtinkt ließ Dich ſelbſt die antiphlogiſtiſche Heilmethode wählen, und das Gefrorene wird Dich kühlen, hat es die ſchöne Julie nicht vermocht.— Julie? lallte der Graf nach. Ja, ſie hat mich ge⸗ kühlt, erkältet, in Eis, in Stein verwandelt mit einem Worte!— Wie, Du wareſt dort, und—— Und fand in drei Monaten meine ganze Welt ver⸗ ändert, antwortete Hahn mit erzwungener Ruhe, deren bitterer Quell ſichtbar durchſprudelte. Die Präſidentin empfing mich im Vorzimmer. Du kennſt die runde, kleine Gefühlsfrau, den ewigen Thränenkrug, deren ſanftes Kinderauge Alles, Freude und Leid, Jubeltanz und Ver⸗ zweiflungsſtunde mit Thränen begießt. Sie weinte, wie ſie mich ſah, fuhr mit der alabaſterweißen Hand nach W* den Augen, und ich mußte bei dem Handkuſſe einige der ſalzigen Perlen gezwungen einſchlürfen. Gut, lieber Graf, daß Sie zurück ſind, ſagte ſie mit einer Art Angſt, die mich höchlichſt ſpannte, weil ſie dieſelbe zu verbergen ſuchte. Unſer Haus hat vielen Kummer er⸗ fahren, ſeit Sie es verließen, und Sie kennen den Prä⸗ ſidenten; er gedenkt Alles mit ſeinem: Ich will! So ſoll es ſein! zu regieren, und geht kalt an den Schmer⸗ zensſcenen weg, die das Schickſal in jedes Familienver⸗ hältniß zu weben weiß. Er hält es zu klein für den Mann, ſich um die zarten Falten zu bekümmern, die, wie in der aufknospenden Roſe, auch in dem ſich ent⸗ wickelnden Mädchenherzen liegen, und dem nagenden Wurme leicht zum Verſtecke dienen. Da liegt denn Alles auf mir und ich leide für drei.— Wie verſtehe ich das? fragte ich beklommen. Für drei, gnädige Frau? Iſt Fräu⸗ lein Julie?— Unſere Henriette iſt noch immer leidend, fiel ſie mir in das Wort, ihr Nervenübel ſpottet den Heilmitteln der erſten Aerzte Deutſchlands. Die Nacht⸗ wachen, die Sorge, die emſige Pflege der ältern Schweſter hat auch Ihrer Julie geſchadet: ſie bedarf der Ruhe, und ob ſie Ihren Beſuch jetzt annehmen wird, weiß ich nicht; ob ſie ihn annehmen kann, wollte ich ſagen.— Ich ſtand wie ein Ritter im Zauberſchloſſe, von Räthſeln umgeben, von Spukgeſtalten geneckt. Da öffnet ſich plötzlich die Seitenthüre und Julie ſchreitet in das Zimmer. War das dieſelbe, das meine zarte, lebensluſtige, fröhliche, neckende Geliebte? Schlanker und größer ſchien ſie ge⸗ worden, und bleich und krank dazu. Mit abgemeſſenem Schritte trat ſie im ſchwarzen Kleide heran, ein Schleier deckte die ſchönen blonden Locken und auf der weißen Bruſt wiegte ſich ein Kreuzchen von Kryſtall, das ich nie 298 zuvor an ihr geſehen. Sie kam mir vor wie der Geiſt einer Abgeſchiedenen, wie Goethe's korinthiſche Braut; ſo gab mir der erſehnte Anblick ein zurückſchreckendes Gefühl, und denſelben Eindruck ſchien ich auf ſie zu machen, denn ſie ſchauderte ſichtlich zuſammen, und in die gehaltene Stellung kam ein leichtes Zittern. Kein zärtlicher Blick begrüßte mich wie ſonſt, keine warme Hand kam mir entgegen. Julie iſt unwohl? fragte ich innig und voll Beſorgniß, und that einen Schritt auf ſie zu. Da zuckte ſie wie vom elektriſchen Schlage ge⸗ troffen und fuhr mehre Schritte zurück mit abwehrenden Händen. Rühren Sie mich nicht an, Graf! rief ſie mit einer mir ganz fremd klingenden Stimme. Ihr Hauch weht ſo kalt, ſo irdiſch zu mir her; Ihre eiſige Hand würde mich tödten. Ich bin krank, meine Nerven ſind wie geſpannte Saiten; nur der Meiſter darf ſie ſpielen und lockt Harmonie aus der frommen Harfe. Die fremde Hand würde das Inſtrument zerbrechen.— So zog ſie ſich rückwärts mit wunderbar ſtarren Blicken bis zur Hauptthür.— Bin ich Ihnen denn ein Fremder gewor⸗ den? Sind Sie denn nicht meine liebe Julie mehr? ſprach ich mit weichen Tönen und ihr nahe tretend. Sie holte tief Athem; wie der Seufzer eines Sterbenden klang es aus der ſchönen Bruſt herauf, und ihre Finger ſtrichen langſam herab von der Stirn über Geſicht und Bruſt. Ja ſo! ſagte ſie halblaut, wie aus einem Traume erwachend. Sie ſind es ja, Sie, mein guter Adolph. O haben Sie Geduld mit mir; kommen Sie wieder. Jetzt nicht, die Stunde iſt hohem Werk geweiht; jetzt kann ich nicht mit Ihnen reden; die Minute iſt heilig und gefährlich mir wie Ihnen.— So nickte ſie ſchwermüthig mit dem lieben, entſtellten Köpfchen, und verſchwand 299 hinter der Thür. Ich war faſt beſinnungslos; die Mut⸗ ter weinte, ſtatt mir eine Erklärung zu geben, und ich verließ das Haus des Präſidenten und ſuchte Ratb bei Dir, der ſich nirgend finden ließ.— Rath bei mir? fragte Walter verwundert. Meine Pharmakopöa zeigt mir Mittel gegen alle Uebel, aber gegen die Blatternpeſt der Liebe weiß ſie keines. Warum flog der Tauber vom Neſte, und ließ die girrende Tur⸗ teltaube ein Vierteljahr allein? Wahrlich, eine einſame Stunde iſt ſchon genng, um das Chamäleon„Weib“ aus einer Lucretia in eine Kleopatra zu wandeln.— Weiberfeind! zürnte der Graf. Wie kann ich Dir eigentlich gut ſein?— Die Pole ziehen ſich an, ſpöttelte Walter fort, darum geht der eiskalte Franz mit dem feuerſprudelnden Grafen von Hahn Arm in Arm. Fräu⸗ lein Julie wird Migräne haben; morgen wandelt ſich der Eſſig ihrer Laune in Zucker, der Dir nach dem Faſttage deſto ſüßer ſchmeckt. Tröſte Dich und laß Dein Gefrorenes nicht ganz zu Waſſer werden.— Mir iſt, als wäre der ganze Lebensgarten von einer Sündflut verſchlungen, jammerte der Edelherr fort. Nein, Julie iſt Ausnahme; kein Fleck iſt in ihrem Cha⸗“ rakter, und darum muß etwas Großes und Schreckhaf⸗ tes ſich ereignet haben.— O Du Adam am Schlan⸗ genbaume! perorirte der Doktor, in langen Zügen die erkühlte Chokolade ſchlürfend. Wie Vieles wirſt Du noch lernen müſſen. Mein güldener Hippokrates nennt die Bosheit eine angeborene Makel der Weiber; der heilige Chryſoſtomus klaſſifizirt die Weiber zu den Be⸗ ſtien der Wüſte; Origines betitelt ſie mit dem Lob⸗ ſpruche: ſie ſind des Satans Waffe; und der Juriſt Bar⸗ tholus meint: es bedürfe keiner Geſetze für gute Weiber, 300 denn es gäbe keine.— Und was meinſt Du, weiſer Un⸗ ausſtehlicher? murrte Hahn, nahm den Hut und rüſtete ſich zum Aufſtehen.— Ich meine, daß alle jene weiſen Herrn entweder häßliche Junggeſellen waren, oder Fantippen als Nieten zogen in der Liebeslotterie, antwortete der Doktor, den Freund feſthaltend. Darum bleib nur ſitzen und beichte zuvor. Was haſt Du geſtern zu Grüneklee der Fremden gethan? Warum wollte ſie Dich nicht in der Gaſiſtube dulden? Warum beſchwor ſie mich auf der Herreiſe bei meiner ärztlichen Pflicht, Dir nie ein Wört⸗ chen von ihrem Aufenthalte, ihrem Thun und Laſſen zu verkündigen? Da hat wahrſcheinlich wieder der Herr Forſt⸗ meiſter ſofort den Amadis, den Ritter Lancelot oder gar den Don Juan geſpielt in galanter Rede und ſo weiter, und iſt mit der Pforte in das Haus gepurzelt.— Der Graf glühete hoch auf.— Wo iſt ſie? Wie heißt ſie? Wie gehts ihr? fragte er mit ſtürmiſcher Neubegier. Ja, ich war artig, wie ſich's ziemt, trug ihr meine Dienſte dringend an, ſetzte er beſchämt hinzu. Indeß geſchah Alles in Ehren, und Du mußt mich ſogleich zu ihr führen, meinen Fehler wieder gut zu machen. Wie konnte ich bei der Franzöſin ſolchen Ernſt, ſolche Ueberzartheit vermuthen? Komm, führe mich hin.— Und Fräulein Julie? entgegnete der Doktor kopſfſchüt⸗ telnd. O welche Schächer ſeid ihr prunkenden, reizba⸗ ren Liebesritter! Welch eine fliegende Wolke⸗im Winde iſt eure hochgeprieſene Treue! Zur Strafe Deiner Zu⸗ dringlichkeit höre denn, daß die Schöne gebeſſert wurde durch mich, daß ſie mich, den eiskalten Weiberfeind, Freund nannte, ſo melodiſch, wie je eine Weiberſtimme flüſterte. Aber wir beide können nicht zu ihr, müſſen 301 ſchmachten wie Tantalus, denn ſie ſucht den Gemahl und hat dieſe Stadt längſt wieder verlaſſen.— Der Graf von Hahn ſprang jetzt wirklich auf und verließ das Zimmer. Wenn die Sieſta vorüber, in dem Garten meiner Mutter! Du kommſt doch? rief ihm der launige Doktor nach; doch ohne Antwort ſchritt der Fliehende durch die Glasthür auf die Straße. Ein junger, ſtämmiger Bürgersmann, von hoch⸗ glühender Geſichtsfarbe und faſt ſo wohlbeleibt, daß er John Bulls Söhnchen genannt werden konnte, trat jetzt vom Co nditorladen, wo er ſeine Fleiſchpaſtetchen verzehrt und ſein Gläschen engliſch Bitter getrunken hatte, her⸗ an, und nahm den Platz, welchen Walters Freund ſo eben verlaſſen, ein. Die breiten Hände auf die Knie legend und mit den gutmüthigen, hellen Augen den Dok⸗ tor recht zutraulich anblickend, fragte er: Was hat der Forſtmeiſter mitgebracht? Wie ſteht es an der Elbe? Er iſt drunten geweſen bei dem tapfern Grafen; wir wiſſen das recht gut. Wer doch auch hinüber dürfte! Aber die verteufelten Gendarmen ſtreifen auf allen Heer⸗ ſtraßen; ſo eine Equipage laſſen ſie reſpektvoll paſſiren, aber einen armen patriotiſchen Fußgänger bänden ſie ohne Complimente an den Pferdeſchweif. Nun, Gott ſei ihnen gnädig, wenn ihr Regiment zuſammenſtürzt. — Wie meinen Sie das, Freund? fragte der Doktor aufhorchend.— Sie wollen nicht aus der Schule ſchwa⸗ tzen, antwortete der feurige Bürgersſohn, aber wir ſind auch nicht von geſtern. Meine Kameraden warten nur auf einen großen Schlag, und Pulver und Blei bekom⸗ men ſie dann von mir aus dem Laden gratis. Rückten nur erſt der Graf und ſeine Jäger ein, mit einem Vivat und gefüllten Römern wollten wir ſie auf dem Markte 302 empfangen. Aus iſt es nun einmal; der neugebackene König Theodor aus Corſika liegt in den letzten Zügen, dann wird auch der Bürger auf des geliebten Fürſten Geſundheit einmal wieder ſein Gläschen Wein trinken können, den des Afterkönigs ſchändliche Bäder ſo theuer machten. O wir haben Boten, die trotz Schildwacht und Douanen zum Thor herein kommen. Lützen und Bautzen hat die letzte Kraft des eingebildeten Welten⸗ kaiſers verzehrt; Oeſterreich rüſtet ſich zur Allianz, Fran⸗ ziskus wird erwachen, wenn ſeine Völker rufen, und dann—— Sachte, mein beſter! fiel Walter beſorgt dem erhitz⸗ ten Volksredner in das Wort. Nicht ſo laut, ſonſt fan⸗ gen unſere beiden Köpfe an zu wackeln. Sehen Sie nicht dort im Winkel den ſchwarzen Franzoſen mit dem düſtern, bärtigen Antlitze? Er tunkt zwar ſein Biseuit ganz gemüthlich in den deutſchen Kraftwein, aber ſeine Ohren ſind nicht mit Baumwolle verſtopft.— Der ge⸗ rade iſt es, der mich toll macht und in den Harniſch jagt, erwiderte der Andere mit geballten Fäuſten und recht ingrimmig. Anno Drei marſchirte dieſer ſchon mit dem Mortier ein, und Anno Fünf mit dem Bernadotte wieder aus; aber keiner der ungebetenen Gäſte hat viel⸗ leicht ſo wie dieſer die Beutel der Bürger gefegt, keiner iſt ſo übermüthig auf den Köpfen der Bürger umher⸗ ſpaziert, und im Verlocken der Mädchen geben ihm ſelbſt ſeine lockerſten Landsleute die Krone. Der Habicht hat mir ſelbſt damals ein Hühnchen gerupft; aber ich ge⸗ denke es ihm, ſo wahr ich einen deutſchen Vater hatte. Er hieß Kriegscomiſſarius ſonſt, aber er galt für einen Tauſendkünſtler, kurirte unheilbare Kranke, ſpielte bei den Damen aus der Taſche und in die Taſche, ſang zur 303 Guitarre wie ein Engel, focht mit dem Degen wie ein Teufel, und ſchlug ſich für ein Glas Zuckerwaſſer zwei Male nüchtern. Hätte uns die hochweiſe Regierung nicht Büchſe und Terzerol abgenommen, keinen Abend ſollte er mehr vor meinem Fingerdruck ſicher ſein. Aber ein ſchlechter Commiſſarius iſt er doch, ſonſt wagte ſich der Fuchs nicht nochmals auf den Hühnerſtall, wo er ſtahl, und an dem jetzt eine Koppel treuer Hunde lauert.— Er merkt auf, ſprechen Sie leiſer, ich bitte! bemerkte Walter, unruhig mit dem Seſſel rückend und eine Ge⸗ legenheit zum Fortkommen ſuchend. Fürchten Sie nichts, ſagte der kecke Bürger, meine Hand hat ſich ſchon lange darauf gefreut, eine ſolche Gurgel zuzuklemmen. Hier auf dieſer Stelle war es, wo ich zuſah, wie der Adju⸗ tant des alten Zopfgenerals das berühmte neunundzwan⸗ zigſte Bülletin im Hamburger las. Da hätten Sie ſehen müſſen, wie die Knie des grauköpfigen Burſchen zu ſchlottern begannen, wie er bleich wurde gleich der Zim⸗ merdecke, und wie jede Zeile ein ſtöhnendes Mon Pieu hervorlockte, das wie ein Sterbeſeufzer aus Rußlands Steppen klang. Es find ſeitdem mehr Monate ver⸗ gangen, als wir damals träumten, aber ein gutes Haus wird nicht in einem Tage erbaut, und ich wette Haus und Hof, jenes unvergeßliche Bülletin, welches der Herold der Weltfreiheit war, iſt das letzte November⸗ blatt dieſer Sorte geweſen, und ehe wieder ein Novem⸗ berſchnee vom Himmel fällt, gibt es keine ſolche Fabrik mehr auf deutſcher Erde. Steige nieder von dem ſtolzen Thron! Gib zurück, was frevelnd du geraubt! wird es heißen, und wir fingen alsdann das alte, ſchöne Lied: „Heil, unſerm König Heil!“ wieder laut in Gottes freie Luft hinauf.— Schonet, Freund, bis dahin die 304 Kehle, und Gott erhalte ſie Euch geſund für den ſchönen Tag! ſagte der Doktor, indem er aufſtand und ſein Geldſtück in die Taſſe warf; aber ein neuer Gaſt feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit wie ſeinen Fuß. Ein franzöſiſcher Offizier von den grünen Dragonern trat herein, und ging mit ernſtem Geſicht durch das Zimmer zu dem Büffet. Die lange Geſtalt dünkte dem Doktor bekannt, das narbenvolle Römergeſicht, unter dem vergoldeten Casquet einem Marc⸗Aurel ähnlich, war ihm nicht fremd, und der linke Arm, in ſeidener Binde getragen, beſtätigte ihm, daß er nicht irre. Aber bevor er ſich völlig beſonnen, ſprang der ſchwarzgeklei⸗ dete Franzoſe auf und trat haſtig dem Dragoner entgegen. Wie, Colonel Lampert, rief er, Ihr ſeid noch auf der Erde? Eure Familie beweint Euch mit den todten Helden, die der Norden zerknickte!— Ich lebe, wie Ihr ſeht, d'Auterive; antwortete der Offizier, nicht eben die Freundlichkeit des Anſprechenden theilend; Glück und gute Menſchen retteten mich, und ich komme eben an, um die geſammelten Reconvalescenten aus dieſem Königreiche in die Heimath zu führen.— Das eilt nicht, fiel d'Auterive ein, da mögt Ihr immer einige Wochen verweilen und ausruhen.— Meint Ihr, der Kaiſer gebrauche keine Arme ſeiner Veteranen? fragte ſpitz der Colonel. Aber wie kommt Ihr, Baron, wieder in dieſes Land? Wollet Ihr etwa eine Erbſchaft holen?— Das bleiche Geſicht des Schwarzen überflog eine brennende Röthe. Ich bin Wittwer, antwortete er finſter vor ſich hin⸗ ſehend; Apollonia ſtarb in Spanien.— Verzeihet die Erinnerung, die Euch Schmerz machte! verſetzte ſchnell der Dragoner. Schade um den Engel, den Ihr in das 305 wüſte Kriegsleben riſſet. Und iſt der Platz noch nicht beſetzt? Ich hörte ſo etwas von einer Werbung um eine Marſchallstochter.— Vielleicht! antwortete mit ſchnell erheiterter Laune d'Auterive. Ihr wißt, mein Leben iſt ohne Luft, wenn nicht eine Gefährtin mit mir reiſet. Jetzt bin ich zu Kaſſel geweſen, dem Könige Botſchaft zu bringen vom hohen Bruder, und mir einen Platz in ſeinem Lande auszuſuchen als Dotation zu meinem Ruhelager.— Caglioſtro! murmelte der Colonel, ſich abwendend, da traf ſein Auge auf den Doktor. Mit glänzenden Blicken trat er auf ihn zu und reichte die Hand hinüber. Sieh da, mein Aeskulap! Mein braver, deutſcher Medikus, dem ich meine Heilung danke, der ſo vielen unſerer Brüder wohlthat, und ſtatt des ver⸗ dienten Ordensbandes ſich dafür zum Lohne die Kriegs⸗ peſt holte! rief er mit einer Stimme, der man Freund⸗ ſchaft und Dankbarkeit abhörte. Willkommen unter den Frohen und Lebendigen! ſetzte er hinzu. Ich hörte nichts mehr von Euch, ſeit ich von hier in das große Hoſpital gebracht wurde.— Nur des Doktors Gegenfragen konn⸗ ten dem herzlichen Strome dankbarer Lobreden eine Schranke ſetzen, aber der Dragoneroberſt ließ nicht nach mit Bitten, bis Walter einwilligte, im beſten franzöſi⸗ ſchen Weine, den der runde Schweizerwirth ſchaffen konnte, einen Wechſelwillkommen zu trinken, wobei er ihm zugleich den Baron d'Auterive als einen Polyhiſtor Frankreichs, einen Halbkollegen, einen zweiten Mesmer vorſtellte. Der junge Bürger hatte das lebhafte Geſpräch mit einer Art von Erſtaunen angehört: da aber die ſchlanken Champagnergläſer jetzt hell und ſchneidend aneinander klangen, ſchien es ihm durch das Herz zu ſchneiden; er Blumenhagen. VII.„ 20 306 kniff die Zähne in die Lippe, warf einen verächtlichen Blick auf die Gruppe, der auch Waltern nicht verſchonte, und ging trotzig, dicht an dem Ellenbogen des Colonels hinſtreifend, aus dem Zimmer. 3. Walters väterlicher Erbgarten lag an einem der ſchönſten Außenwerke der Hauptſtadt. Dicht an ihm hin ſchlängelte ſich der breite Fluß, beſpülte mit ſeinen ocker⸗ gelben Wellen die grünen Terraſſen, die ein ſaftvolles Gras bedeckte, und auf welchen die Weide von Babylon ihre zarten Zweige tief zum Waſſer hinabſenkte, als wohne in ihr der Geiſt einer in Liebesgram ſich ver⸗ zehrenden Jungfrau, die, Troſt in Grabesruhe ſuchend, ſich hinab ſehne in das verſchlingende Nixenbett. Wohl⸗ geſtellte Sitze unter ſchattigen Bäumen gaben die ſchönſte Ausſicht über fruchtbare Felder hin auf eine lebhafte Heer⸗ ſtraße, auf einen hohen Kalkberg, deſſen kahler Wipfel eine Windmühle trug, deren Rieſenarme in die Luft griffen, und auf das ferne blaue Gebirg mit ſeinen Wäldern, die wallenden Wolken glichen. Die ſchönſten Obſtbäume lockten Augen und Gaumen im Garten; heſpe⸗ riſch glänzte und duftete es rundum, denn Walter zog auf geſchmackvoll geformten Beeten jede heimiſche und fremde Zierpflanze, und dieſe wunderbar geſtalteten Kin⸗ der Florens pflegte er ſeine Sultaninnen, ſein getreues, niemals ſchmollendes, niemals flatterhaftes Serail zu nennen. Auch an ſchattigen Lauben fehlte es nicht, ſo⸗ wohl für den größeren Tafelkreis, für ein Freundesduet, wie für den einſamen Leſer. Seine Mutter bewohnte, da ihm ſein Stand die Wohnung mitten in der Stadt anwies, einen kleinen Pavillon, der nur drei Gemächer — 307 enthielt, und hatte ihm gern nach des Vaters Tode das Hauptgebäude der niedlichen Villa zu einem Hoſpitale für arme Blinde überlaſſen, deren Heilung des guten Sohnes Lieblingsſtudium war, da ihm des Lichtes Ent⸗ behrung als der größte aller Unglücksfälle auf Erden galt.— Auf einem der weißen Lehnſitze am Strome ſaß des Doktors Mutter, eine ehrwürdige Matrone in reinlicher Wittwentracht. Ihr zu Füßen im Graſe ruhete ein from⸗ mes Mutterſchaf; zwei ſchneeweiße, feinwollige Zwil⸗ lingslämmer umhüpften die ſtille Pflegerin mit komiſchen Sprüngen, und ein Kind lag daneben langgeſtreckt auf grünem Boden, und hielt mit ſeinem Aermchen den Hals des Mutterthiers umfaßt, indeß es ſich mühete, mit der Rechten die Lämmer zu haſchen, die ſich bald traulich näherten, das dargebotene Weißbrod aus den kleinen Fingern zu nehmen, bald wieder in Furcht und Schelmerei zurückſprangen. Walter und Graf Hahn waren ſich im Thore begegnet, waren mit einander in die Gartenthür getreten, und ſtanden jetzt beiſammen hinter der Roſenhecke. Beide waren wortlos in dem Anblicke des idylliſchen Bildes verſunken. Die Matrone ſtrickte emſig, verſäumte aber nicht, ihr Auge oft auf das Kind zu richten, da der Strom ſo nahe an der Terraſſe hin⸗ floß. Die Kleine ſchwatzte traulich mit den Thieren, als wären es Spielkameraden vernünftigerer Art und tril⸗ lerte dabei dann und wann Strophen eines Kinderlied⸗ chens. Doch jetzt hatte des Mägdleins ſcharfes Auge die Männer erblickt; mit einem Freudenſchrei ſprang es auf, ſtrich ſittſam ihr Kleidchen zurecht und war in drei Sprüngen bei dem Doktor. Da biſt Du ja endlich, Du lieber, guter, neuer Vater! rief ſie und griff nach ſeiner 308 Hand, und drückte ſich feſt in ſeinen Oberrock. Du biſt ſo lange geblieben, und ich bin doch nur froh, wenn Du ſo lieb mich anfiehſt, ſetzte ſie vorwurfsvoll hinzu.— Und gab ich Dir denn nicht meine Mutter, und theilte mit Dir das ſchönſte Gut? fragte Walter. Oder biſt Du nicht zufrieden, ſeit Du hier wareſt?— Glücklich und froh iſt Lilli! antwortete die Kleine, und ihre ſchwarzen Augenſterne blitzten; und Lilli mag gar niemals wieder weg von hier. Laſſen wir den Onkel, wo er iſt; Lilli hat ihre gute Großmutter wiederge⸗ funden und einen guten Vater dazu, und will nun auch immer gut ſein und gehorſam, und verdienen, daß die guten Menſchen ſie behalten und lieb haben.— Walter küßte ihre Stirn, ſeine Augen wurden feucht, er ſtrich ihr die ſchwarzen Locken zurecht und ſagte: Nun geh mit der Mutter in das Haus und hilf ihr! der Freund da iſt durſtig wie ich, und das Mütterchen wird uns Erfriſchung beſorgen. Die Matrone war aufgeſtanden und hatte des Grafen ehrfurchtsvollen Gruß erwidert; jetzt mußte ſie ſich von der Kleinen fortziehen laſſen, der man das Vergnügen anſah und den Stolz, mit welchem des Doktors Auftrag ſie erfüllte. Armes, verlaſſenes Geſchöpf! ſeufzte Walter, indem er ſich mit dem Freunde auf eine Bank niederließ. Bekenne, Hahn, iſt es nicht eine höhere Luſt, über ein ſolches Schickſal wie mit Zauberkraft Tag und Frühling heraufzurufen, ſolche ſeltene Blume zu ſchirmen vor dem Froſt und der In⸗ ſektenbrut der Welt, als unter den Fenſtern der ſchönſten Aſpaſia verlorene Liebeslieder zu girren?— Ich kenne das Schickſal nicht, deſſen Oberon Du ſein willſt, ant⸗ wortete der Graf. Lilli iſt die Kleine, welche geſtern der Sattel Deines Schimmels trug, aber wie Du zu dieſer ——— 309 Europa oder Dejanira kameſt, blieb mir noch unerklärt. Beſonders muß der Fund geſchehen ſein, und es lebt etwas in des Mädchens Angeſicht, das meine Neugier doppelt.— Du trügſt Dich nicht, Adolph, antwortete der Dok⸗ tor. Der Charakter dieſer Kleinen iſt ſo außergewöhn⸗ lich klar auf ihrem ſchönen Geſichtchen abgedrückt, wie ich ihn nirgends ſo deutlich ausgeprägt fand, der ich doch als Arzt der kleinen, lieben Weſen die Züge ihres Alters zu meinem Lieblingsſtudio habe machen müſſen. Deutſchen Muth, deutſche Beharrlichkeit ſpricht der Mund aus und die gewölbte Stirn, und im dunkeln Auge, in der Wangen beweglichem Muskelſpiele leuchtet orienta⸗ liſche Heftigkeit hervor, leicht gereizte Empfindlichkeit und raſcher Entſchluß. Und ihre kurze Geſchichte entfaltet die Wahrheit dieſer Gotteshandſchrift. Höre zu; ich werde Dir zuſammenhängend erzählen, was meine Fra⸗ gen bei dem Ritte durch den Wald und heute früh nach und nach der kleinen Abenteuerin und Emigrantin ent⸗ lockten!— Der Graf lehnte ſich in geſpannter Neugier vequemer an, und Walter erzählte. Lilli wurde in der benachbarten Provinz auf dem kleinen Edelhofe eines Herrn von Sternſtein erzogen. Sie nannte den Edelherrn Vater, die Edelfrau Mutter, und zwei Kinder, welche ihre erſten Spieljahre theilten, Geſchwiſter. Schon frühzeitig bemerkte ſie freilich, daß ſie nicht der Eltern Liebling war, daß der ältere, bos⸗ hafte Bruder Heinrich und die jüngere, neidiſche Ma⸗ thilde überall ihr vorgezogen wurden, ja, daß ſie die Schelmſtücke der beiden mit unverdienter Strafe büßen mußte. Schon im fünften Jahre pflegte die Kleine im Bette nach dem Abendſegen, den ihnen eine Kammerfrau 310 vorplappern mußte, ihr eigenes Gebet zu ſprechen, das den lieben Gott, den Vater guter Kinder herzlich bat, ihr die Liebe der Eltern zu ſchenken. Das Gebet konnte auf Sternſtein nicht erhört werden, denn mit tiefem, ſtets wachſendem Kummer merkte die Kleine bald, daß ſie faſt ein Fremdling ſei auf dem Boden, den ſie für ihr Erbe gehalten hatte. Vernachläſſigte und ſich ſelbſt überlaſſene Kinder entwickeln meiſtentheils früher als gewöhnlich ihren Verſtand; hart behandelte Kinder be⸗ kommen frühzeitig eine ſcharfe Beobachtungsgabe; gleich dem Inſtinkte der ſchwächern, unbewehrten Thiere ſchenkt ihnen die Natur denſelben als Wehr gegen die grau⸗ ſamen Menſchen, mit welchen ſie umgehen müſſen. So war es auch bei unſerer Lilli. Aus hingeworfenen Reden der Dienerſchaft, aus ſchimpfenden Aeußerungen der Edelfrau, aus Spottreden der falſchen Geſchwiſter ſetzte ſie ſich ihr Schickſal zuſammen. Sie war eine elternloſe Waiſe, ſie aß das harte Brod der Gnade von liebloſen Händen, ihre Mutter war eine Schweſter des Edelmanns geweſen, aber der Geſtorbenen wurde nur mit Abſcheu gedacht, und ihres Vaters hörte ſie niemals erwähnen. Mit jedem Jahre wuchs die harte Behandlung des Kindes von Seiten der Pflegmutter, und artete zuletzt in wirkliche Mißhandlung aus, und Herr von Sternſtein, der früherhin manchesmal die Kleine vertreten und geſchützt, wurde jetzt ebenfalls finſter und rauh, woran ſein geſunkener Vermögens⸗ zuſtand Schuld ſein mochte, den die Durchzüge der Kriegsvölker, die Steuern und Erpreſſungen der egoiſti⸗ ſchen Miniſter des ſchwachen, leichtſinnigen Corſen auf Weſtphalens chimäriſchem Throne mit jedem Jahre ver⸗ ſchlimmerten. Oft hörte Lilli im Abendgeſpräche der ———————— 3¹1 Edelleute damals eines braven, ſteinreichen Onkels er⸗ wähnen, der in der Hauptſtadt der Nachbarprovinz wohnte, und welchen der Herr von Sternſtein als den einzigen Retter nannte, ſollte ſeine ſinkende Einnahme einſt den tiefſten Stand erreichen. Das kleine Mädchen merkte ſich feſt den Namen dieſes geprieſenen Verwand⸗ ten.— Eine tröſtende Erinnerung fand Lilli bei allen ihren frühen Leiden und Entbehrungen in dem Angeden⸗ ken ihrer Großmutter. Ihr kleines Gehirnchen hatte nicht vergeſſen, wie in ihren erſten Lebensjahren da die ehrwürdige Greiſin noch im Edelhofe gewaltet, Alles anders geweſen, wie ſie damals gleiche Rechte mit den Geſchwiſtern gehabt, und ihr ſelbſt der liebe Vorzug faſt immer geworden, in dem Schooße der Großmutter einſchlummern zu dürfen. Der Todestag der Theuren war ihr darum auch der heiligſte Feiertag im Jahre. Mit beſonderer Andacht wurde dieſer Tag in jedem Sommer von dem Edelmanne, der ein ſtrenger Katho⸗ lik war, begangen. Wie an einem Bußtage der Char⸗ woche beſetzte man die Tafel nur mit Faſtenſpeiſen; jede Arbeit mußte im ganzen Dorfe unterbleiben; To⸗ desſtille herrſchte im Schloſſe; die Glocke des Kirch⸗ thurms wurde von Stunde zu Stunde geläutet, und in der Nachmittagsſtunde, in der die alte Edelfrau ver⸗ ſchieden war, hielt der Pfarrer in der Schloßkapelle eine feierliche Todtenmeſſe, an hundert Lichter brannten am Rande der geöffneten Familiengruft, und die ganze Fa⸗ milie, von allem Hausgeſinde umringt, lag kniend in Trauerkleidern am geöffneten Grabe der Ahnen, und richtete lange Gebete an den Richter der Seelen für das ewige Heil der Vorangegangenen. An jedem ſolchen Tage putzte die Kammerfrau auch die ſonſt vernachläſſigte 312 Lilli beſonders heraus, ordnete ihr das ſchöne, ſchwarze Haar in Flechten, das ſonſt die Zielſcheibe des Spottes der blonden Kinder des Edelherrn abgab, legte ihr das ſchwarze Seidenkleid an, und hing ihr ein ſilbernes Kettchen um den Hals, woran ein Kreuz von Ebenholz befeſtigt war, in deſſen Mitte ſich ein weißes, kleines Herz von einem blanken Steine befand, welches wie⸗ derum in ſich einen glänzenden Rubin, gleich einem Blutstropfen, umſchloß. In den drei letzten Jahren, verſicherte Lilli, ſei ihr jedesmal in der Nacht nach die⸗ ſer Todtenfeier die liebe Großmutter erſchienen, habe auf ihrem Bette geſeſſen, ſie getröſtet, zur Frömmigkeit vermahnt, und ihr beim Scheiden jedesmal zugeflüſtert Du mußt Dich aufmachen und den Vater ſuchen!— Die jährige Todtenfeier traf wiederum auf vorgeſtern und die Anſtalten dazu wurden getroffen. Unglücklicher⸗ weiſe beging Lilli Abends zuvor ein kleines Verſehen, und die Edelfrau ſtrafte ſie nicht allein beſonders hart dafür, ſondern nannte ſie auch in Gegenwart der Die⸗ nerſchaft eine Bettlerin, und drohete, ſie aus dem Schloſſe peitſchen zu laſſen. Das arme Kind verbrachte die Nacht in ſchlafloſen Fieberwallungen, und betheuerte heilig, die Großmutter ſei mehre Male in die Thüre der Schlafſtube getreten, und habe gerufen: Komm fort von hier, arme Lilli, ich will Dir ſchon den rech⸗ ten Weg zeigen!— Am andern Tage wurde die Gra⸗ besfeier, wie gewöhnlich, begangen. Lilli war in ihren beſten Kleidern, kniete aber hinten unter dem Geſinde an der erleuchteten Gruft. Wie nun der Prieſter die Meſſe hielt, die Orgel dumpf dazwiſchen tönte, da däuchte ihr, als ſtiege die Großmutter im ſchneewei⸗ ßen Fleide aus dem finſtern Gewölbe herauf, mit 313 einer Glorie um das bleiche Geſicht, und winkte ihr mit der Hand fort, anfangs freundlich, dann befehlend, zuletzt mit zürnender Miene. Zugleich war ihr gewe⸗ ſen, als habe eine leiſe Stimme dicht an ihrem Ohre den Namen des Onkels gerufen, und die Stadt, in der er wohnen ſollte, genannt. Heiß drang das Blut dem Kinde zum Herzen, eine unbeſchreibliche Angſt er⸗ griff Lilli; ſie konnte nicht in der Kirche bleiben, und vorſichtig erhob ſie ſich vom Steinboden, wo ſie gekniet, und verließ unbemerkt das kalte Gebäude. Das Schloß lag am äußerſten Ende des Dorfes, alle Einwohner deſſelben wohnten der Meſſe bei; ſo erreichte ſie unge⸗ ſehen die Heerſtraße, und eilte unbedacht immer derſel⸗ ben nach. Ihr Schutzgeiſt hatte ſie recht geführt, denn als ſie einen Wanderer nach der gedachten Stadt fragte, antwortete derſelbe, ſie ſei auf dem rechten Wege, wun⸗ derte ſich jedoch dabei über die ſonderbare Reiſende, und warnte ſie vor dem weiten Marſche und dem dichten Walde, der auf ihm lag. Lilli eilte weiter, unauf⸗ haltſam getrieben, wie von Verfolgern gehetzt. Ein Bube, der bei ſeiner Schafheerde ſaß, tränkte ſie mit friſcher Milch. Als nun aber die Nacht näher kam in grauen Nebelwolken, als ihre kleinen Füße brannten und die Knie erlahmten, als das Gebirge ſich immer furchtbarer am Ende der Straße aus der Dämmerung erhob, da kam Furcht und Schrecken über die kleine Flüchtlingin, und ſie weinte bitterlich. Am Ende eines Dorfes ſah ſie einen Haufen freundlicher Kinder vor einem weißen Hauſe ſpielen; ſchüchtern näherte ſie ſich ihnen, bat um einen Trunk und einen Biſſen Brod, und ein rothbäckiges Mädchen lief ſogleich in die Thür und kehrte mit einem Manne zurück. Nach Lilli's 314 Beſchreibung zu urtheilen, war der Mann ein Pfarrer; er nahm die Erſchöpfte in ſein Zimmer, ließ ſie er⸗ quicken, und als der matte Körper geſtärkt war, forſchte er nach ihren Schickſalen, die das Kind ihm auch mit frommer Offenherzigkeit beichtete. Er ſchien anfangs mit ihr zu zürnen über den unbedachten Schritt, ver⸗ ſprach aber nachher, die Kleine am anderen Morgen zu dem gewünſchten Ziele bringen zu laſſen. Dieſer Abend war der erſte freudevolle für Lilli ſeit Jahren; wie ein angenehmer Gaſt wurde ſie bewirthet, die Kin⸗ der trugen alle ihre Sächelchen herbei, ihr Spiel und Zeitvertreib zu bereiten, und man bettete ſie mit denſel⸗ ben auf ein weiches Lager. Ein Geſpräch des Pfarrers mit ſeiner Frau ſtörte jedoch des Kindes Ruhe. Ihr ſcharfes Gehör fing durch die halbgeöffnete Thür einige Worte auf, welche ſie ſchließen ließen, man wolle ſie morgen mit einem Boten nach Sternſtein ſchaffen und den Pflegeeltern ausliefern. Wie die Furcht vor dem muthmaßlichen Empfange daſelbſt auf das zarte, er⸗ ſchöpfte Weſen einwirken mußte, läßt ſich denken. Lieber ſterben! ſeufzte die muthige Kleine; aber der Schlaf übermannte ihre Sorge und wiegte ſie auf einige Stun⸗ den in ſeinen warmen Freundesarmen ein. Doch das erſte Geräuſch des munteren Haushahns im Hofe er⸗ weckte ſie, ſchon ſah ſie den Tag ſchimmern, und ihr Entſchluß ward ſchnell gefaßt und vollführt. Leiſe ſtand ſie auf vom Bett und kleidete ſich an; das Fenſter öff⸗ nete ſich leicht und war nur einige Fuß von der Erde; wehmüthig nickte ſie den kleinen, ſtummen Schlafgeſellen zu, die ihr geſtern ſo freundlich zugethan geweſen, flü⸗ ſterte ihnen ein Lebewohl für immer, und ließ ſich zum Fenſter hinaus. Mit verdoppelter Eile ſetzte ſie von da 315 ihre Flucht fort durch den böſen Wald. Aber der Weg wurde immer rauher und ſteiniger. Bald waren die feinen Schuhe zeriſſen, bald ſchmerzten die wunden Füße bis zum Vergehen; keine Menſchenwohnung ſtand am Wege, kein Wanderer begegnete ihr; kein Quell rauſchte vom Fels herab, ſie zu erquicken; nur flüchtige Rudel des Hirſchwildes ſtreiften an ihr vorüber, und ſahen wie neugierig mit den hellen Augen rückwärts auf die Jam⸗ mernde, und der Raben geſchwätziges Heer flatterte neben ihr in den thurmhohen Eichen. So ſank ſie zu⸗ letzt auf eine große Baumwurzel nieder, ſog an den Blättern, die trockenen Lippen zu laben, glaubte zu ſter⸗ ben, rief nach der Großmutter und betete laut in die Baumgipfel hinauf. So fand ich ſie, als ich quer durch den Wald ritt, von einem Krankenbeſuche bei dem Steiger des Kohlenbergwerks heimkehrend. Meine Kür⸗ visflaſche ſtärkte ſie zu rechter Zeit, ich hob ſie auf mein Pferd, wie der Centaur Herkules Braut, und wie ich ſie Dir gebracht und Dein Wagen ſie hieher geführt, weißt Du, aber das Curioſum mußt Du noch wiſſen, daß Lilli ſeit der Ohnmacht im Walde die Namen des Oheims gänzlich vergeſſen hat, und daß ſie vergebens auf die Erſcheinung der Großmutter hofft, die ihrem Gedächtniß, wie ſie glaubt, zu Hülfe kommen wird.— Führwahr, ein Geſchichtchen, Theilnahme und Neu⸗ begier erweckend, Stoff genug zu einem empfindſamen Roman a la Sterne! ſprach der Forſtmeiſter, als Wal⸗ ter einhielt und gedankenvoll über die gekräuſelten Fluß⸗ wellen hinſah. Und was gedenkſt Du mit der kleinen Abenteuerin anzufangen?— Den Onkel auszuforſchen, wäre wohl das Nöthigſie und ſchiene das Klügſte, antwortete der Doktor, und 316 der Name Sternſtein müßte ſchon irgend eine Spur öffnen; indeß, aufrichtig, möchte ich eigentlich gar nichts thun, möchte den Goldfund für mich behalten, dann wüßte ich doch, wofür ich arbeitete, wofür ich mich mühete vom Morgen zum Abende, dann hätte ich der⸗ einſt Jemanden, der ſich um meine einſamen Stunden kümmerte, und das verhaßte Schmutzleben alter Jung⸗ geſellen, die Sterbeſtunde zwiſchen Mops und Kater und der gierigen Haushälterin von Endor könnte mich nicht treffen.— Junggeſell? Hageſtolz? lachte Hahn. Du, der blü⸗ hende Blondin, der Vertraute, der Beichtvater von hun⸗ dert Schönen? Nimm mir's nicht übel, Du faſelſt ſeit geſtern ein bischen; Deine Stunde wird auch ſchlagen früh oder ſpät.— Weil ich der Beichtvater bin ſeiner Schwächen, weil ich tief in ſeine Myſterien blicken darf, gerade darum ward ich kalt gegen das ſchönere Ge⸗ ſchlecht, antwortete Walter. Und wohl dem Arzte, der eine Eisbärennatur mitbrachte von ſeiner Ammenbruſt! War ich unentſchloſſen bis lange, ſo bin ich doch ſeit geſtern entſchloſſen für immer.— Seit geſtern? horchte der Graf auf. Und warum?— Walter wurde hochroth bis zur Stirn hinauf. Weil ſelbſt die Beſſern Quäl⸗ geiſter ſind; Deine Julie— ſtammelte er verlegen; doch ein Beſuch unterbrach das Geſpräch, und ſchien dem Doktor ſehr willkommen. Mit Erſtaunen ſah Graf Hahn ſeinen künftigen Schwiegervater durch den Gärtner herbeiführen, den Präſidenten von Schöll, der nach einer kurzen Begrüßung mit ſeiner gewöhnlichen Geſchäftseile den Doktor am Arm ergriff, ihn zu einem Laubengange zog, und mit ihm im lebhafteſten Geſpräche auf und nieder ging. Der 317 Herr von Schöll war ein Originalmenſch von außen und innen. Sein Aeußeres, die lange, hagere Geſtalt mit dem ſcharfgeformten Geſicht voll rother Flecken ſtieß ab. Er trug ſtets enge anſchließende Kleider, Seiden⸗ ſtrumpf und Schnallenſchuh, wie der Mode zum Poſſen Puder im Haar, und wenn auch keinen widrigen Zopf, doch das ungeſchnittene Silberhaar im Racken mit einem breiten Bande zuſammen geknüpft. Herr von Schöll war ganz Juſtizmann, ſein Aktenzimmer galt ihm für ſeinen Lebensgarten, den er nur verließ, um in ſein Kollegium, zur Tafel oder zur Schlafſtätte zu gehen. Etwas ganz Beſonderes nur konnte dieſen pedantiſchen Geſchäftsmann zu ſolch einer Promenade verlockt haben. So dachte auch Graf Hahn. Sollte er vielleicht mit der kleinen Lilli in Verbindung ſtehen? Aber nein! das Kind trug einen Teller mit Wein und Früchten an dem Lauben⸗ gange vorüber und wurde von den beiden Redſeligen nicht beachtet. Arg wurde der neugierige Forſtmeiſter ge⸗ peinigt. Endlich kam der Doktor eilig zurück, indeß der Präſident auf das Gartenhaus zuging, und ohne Um⸗ ſtände die Pforte eröffnete. Verzeihe, Freund, ſprach Walter, eine Nothſache bindet mich ein Viertelſtünd⸗ chen. Bediene Dich indeß, iß und trink, wie Dir's ge⸗ lüſtet.— Aber was will der alte Präſident bei Dir? Was hat er zu ſchaffen in Deinem Krankenhauſe? fragte Hahn haſtig.— Einen Blindgeborenen beſuchen und trö⸗ ſten! lächelte der Doktor.— Aber Du hatteſt ja nie Be⸗ kanntſchaft bei Schölls?— Geheimniſſe, Freundchen! entgegnete mit einer Catomiene der Befragte. In bin ja der Beichtvater der Menſchheit, der Gutmacher ihrer Sünden, und— darf nicht reden davon.— Fort ſprang er; der Graf aber machte ein ſehr 318 verdrießliches Geſicht. Verdammte Räthſel überal, ſprach er ergrimmt. Unter der Corſenherrſchaft werden die Men⸗ ſchen verſchloſſene Apothekerbüchſen und Gift iſt ihr In⸗ halt. Seit ich fortreiſete, iſt dieſe Stadt ein Sibyllen⸗ tempel geworden, Nacht überhüllt ſie, und nichts als dunkele Sprüche hört man darin. Komm her, Lilli, Du biſt ein offener Blumenkelch, und doch auch ſchon ein Räthſel. Komm, naſche mit mir von den Kirſchen und erzähle mir Dein Fabelgeſchichtchen nochmals, vielleicht gibſt Du mir Licht und Wahrheit, gleich den Kindern des Bramas.— Die Kleine kam dreiſt zu ihm, ließ ſich von ihm auf den Schooß nehmen und mit den ſaftigen Früchten füttern. Indeſſen hatte der Herr von Schöll mit gemeſſenen Schritten das Hoſpital betreten, und ſeine ernſte Phy⸗ ſiognomie wurde beinahe abſtoßend, düſter und häßlich, als ihm jetzt Walter das Zimmer aufſchloß, welches er ſich ſonſt gehegt, theils zu Operationen der kranken Augen, theils zu mancherlei naturhiſtoriſchen Samm⸗ lungen, für die er von Jugend auf eine lernbegierige Liebhaberei gehabt hatte. Seit geſtern aber war auch dieſes weite und helle Lieblingszimmer zur Krankenſtube geworden, und auf einem reinlichen, weichbepolſterten Ruhebette lag die Franzöſin aus der Schenke von Grüne⸗ klee mitten unter den Glasſchränken voll blinkender Erzſtufen und buntfarbiger Conchylien, unter den ausge⸗ ſtopften Faſanen und Falken, den braſilianiſchen Pracht⸗ ſchmetterlingen und rieſigen Laternenkäfern, von allen Weſen der Ratur dennoch das ſchönſte, das herrliche, vollendete Weib, Die deutſche Geradheit des Doktors 319 in Wort und That, ſein zartes, ſittiges Gefühl, wel⸗ ches die weltkluge Frau in der erſten Stunde erkannt, die ſchnelle Linderung, welche ſeine Arznei ihr gab, hat⸗ ten das ganze Vertrauen der Verlaſſenen gewonnen — der ſchönſte Lohn des empfindenden Arztes!— und da Walter, der von Gram, Sorge und weiter Reiſe Erſchöpften ein Fieber vorausſagte, das ohne Ruhe und Pflege den ſchlimmſten Ausgang nehmen dürfte, ſo er⸗ gab ſie ſich ganz ſeinem Willen, und nahm das edel⸗ müthige Anerbietungen an, auf ſeinem Garten verborgen und von ihm behandelt, neue Kräfte zu weiterer Verfol⸗ gung ihres Vorſatzes zu ſammeln. Ein Brief von ihr hatte den Präſidenten gerufen, und die Freude über die ſchnelle Erfüllung ihres Wunſches, die ſie von dem ſtren⸗ gen Mann nicht gehofft, erhöhete die Fieberglut ihrer Wangen, als ſie ſich halb im Bett aufrichtete, und gab ihrer Schönheit den Reiz der Friſche zurück, welchen ihr der Schmerz über die Falſchheit der Menſchen ge⸗ raubt hatte. Der alte Herr ſtand in der Mitte des Zimmers ſtill, richtete feſt ſeine großen, hohlliegenden Augen auf ſie, und ſtieß mehre Male mit ſeinem langen Rohrſtocke auf den Boden, und ſeine Geſichtsmuskeln zuckten auf und nieder in ſeltſamer Beweglichkeit. Theurer, verehrter Onkel! rief tief bewegt die Dame ihm entgegen. Sie kommen ſo bald, ſo gütig zu Ihrer unglücklichen Nichte?— Sollte nicht! ſollte freilich nicht! ſtieß der Präſident hervor. Iſt gegen die Vernunft, iſt ſelbſt gegen die Ge⸗ rechtigkeit. Aber der Casus ſchien dringend, und ſehen Sie hin, Doktor! ſieht ſie nicht gerade aus wie meine treffliche Frau Schweſter, ihre wohlſelige Mutter?— 320 Habe leider nicht die Ehre gehabt, die Wohlſelige zu kennen, entgegnete Walter lächelnd.— Ja ſo! fiel der Alte ein, mit dem langen Zeigefinger ſich behutſam den Puder von der großen Stirn ſtreichend, der mit den Schweißtropfen an den Schläfen niederfloß. Es ſind ſeitdem einige Luſtra verlaufen. Aber, mein Fräulein von Sternſtein, oder Madame de——, wie ſie jetzt heißen mögen; wie kommen Sie ſo als Peccatrix zurück in patriam, das Sie wie eine Triumphatrix im goldenen Wagen verließen? Sternſtein? murmelte Walter aufhorchend nach, denn die Fremde hatte ſich ihm als die Gattin eines franzöſi⸗ ſchen Militärs, Namens Mounier, genannt, und ſein Geſicht überflog die Vorfreude einer Ahnung, die als Glück bringend erſcheinen mußte. Nicht hart, um meiner Leiden, um meiner Reue willen, nicht ſo hart, beſter Oheim! jammerte die Kranke, und der Präſident ſchritt ſchnell zum Bette, reichte ihr die dürre Hand und nahm FPlatz im Seſſel. Nur ruhig! ſtotterte er. Will ja rathen, helfen und gut machen. Ein Präſident der Juſtiz hat nichts zu thun als auszugleichen und ins Gleis zu bringen, was der Unverſtand und die Bosheit der Menſchenkinder entzweiete und aus der Fahrſtraße des Rechts und der Moral her⸗ auswarfen. Nehmen Sie das Wort nicht ſo genau, Frau Nichte; unter berghohen Aktenſtößen und unter Malefi⸗ kanten aller Sorten verlernt ſich die Sprache der Ga⸗ lanterie, welche die Dämchen des neunzehnten Säculi gewohnt ſind vom Freunde und Feinde.— Ihre Güte ſtraft mich ſchwer und brennend, und beugt mich tief! ſchluchzte die Frau, und drückte ihren Mund auf ſeine kalte Hand.— 321 Ja, ja! vorgethan und nachbedacht iſt gegenwärtig das Modeſymbolum unſerer jüngſten Weltbürger, grollte der Präſident in ſich hinein. Da hört man keinen An⸗ walt und vernünftigen Rathgeber, da wird fortgebrauſet, bis der Wagen bricht auf der unbekannten Heerſtraße, und das Schickſal bei verſäumtem Termino in contuma- ciam erkennt. Zwar liegt außer meinen Begriffen, wie ein deutſches Fräulein von alter Familie ſo einem frem⸗ den und unbekannten Manne, einem Verderber und Vampyr des Vaterlandes, das ganze Herz gleichſam nachwerfen konnte, wie ſie ſich verleiten laſſen konnte, von ſo einem Individuo einer hergeweheten Heuſchrecken⸗ wolke, die als egyptiſche Plage niederfiel, ein Matrimo- nium secretum abzuſchließen, der ehrwürdigen Mutter, dem rechtlichen Bruder das eben geborene Kindlein da⸗ zulaſſen, und als eine bösliche Fugitiva auf und davon zu gehen mit dem Verführer. Mir iſt ſo etwas allemal als das größte Paradoxon des menſchlichen Ingenii vor⸗ gekommen, wenn gleich der große Blumenbach, wenn ich nicht irre, die Neigung zu den Fremdlingen als einen Naturtrieb erklärt, indem die fortgehende Vermiſchung verwandter Weſen zuletzt Schwächlinge, Cretins und Albinos hervorbringen ſoll.— Ich werde Sie im Garten erwarten, fiel Walter dem perorirenden Alten in die Rede, da er ſah, wie die ſchöne Frau ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckte und in Scham zu vergehen ſchien. Der Präſident aber hielt ihn feſt am Aermel. Da bleiben und zuhören! ſagte er ſtreng. Soll eine ſolche Patientin völlig ge⸗ neſen, muß der Leibes⸗ und der Seelenarzt gemeinſam wirken, und Beide müſſen nichts thun ohne einan⸗ der. Es iſt ſo meine Art, den Delinquenten ſcharf Blumenhagen. VII. 21 322 anzufaſſen, trage ich auch den Gnadenſpruch ſchon ſchwarz auf weiß in der Taſche. Das Gewiſſen erwacht, das Herz geht auf, und bleibt allem Guten offen nach ſolcher Stunde für Lebelang. Alle die armen Jung⸗ frauen ſehe ich in dieſem Augenblicke vor mir, die über den Rhein gelockt wurden durch ein ſüßes: Ma rose d'amour oder ma déesse! und die in prunkvollen Equi⸗ pagen, mit Poſtzügen, die vielleicht einſt einen Fürſten gefahren hatten, über das Mainzer Castellum romanum hinausführen. Per pedes apostolorum, als Bettlerin⸗ nen, ohne Geld, ohne Ehre kamen die meiſten zurück, als Betrogene, zum Exempel der Schweſtern; ihre Thränen hat der alte ehrwürdige Vater Rhein verſchluckt, und mancher Schmerz, manche Schande hat ſich in ſeine Fluten begraben.— Sie vernichten mich! ſchluchzte die Nichte.— Richt doch! Sie haben einen Onkel, der ſeine Schweſter auch im Grabe noch liebt, wie man im vori⸗ gen Säkulo liebte! beſänftigte der ſonderbare Greis die Weinende, aus dem härteſten Dur der Stimme in das weichſte Moll übergehend. Ich ſtehe hier an Ihrem Bette an Vatersſtelle, und Vaterrecht, wiſſen Sie, iſt weit und groß wie Erde und Himmel, und noch dar⸗ über hinaus vielleicht, was die Verantwortung vor dem höchſten Appellationsgerichte betrifft. Laſſen Sie uns jetzt zur Hauptſache kommen. Ihr Brieflein enthält Ausdrücke und Sentenzen, die weder in meinem Böh⸗ mer, noch Pufendorf mir vorgekommen, und mir alten Aktenwurm darum gleichſam wie böhmiſche Dörfer lau⸗ ten mußten. Ich verſtehe wohl, daß darin von einer Pesertione culposa et malitiosg des Herrn Ehegemahls die Rede iſt, aber die Species facti iſt nicht vollſtändig und die erbitte ich mir, da ohne dieſelbe mir nicht möglich 323 iſt, ein Consilium zu geben oder eine Sentenz zu fällen. — Walter hatte ſich in das Fenſter geſtellt, und ſeine Augen hafteten auf einem vollen Obſtbaume, auf deſſen Zweigen ein kleines Vögelchen ſeiner Neſtbrut mit Em⸗ ſigkeit und unermüdlicher Sorgfalt Futter zutrug. Das Bild reihte ſich zu paſſend anſprechend zu den Phantafie⸗ träumen, die ſeine Seele erfüllten, als daß er ſich nicht hätte in daſſelbe vertiefen ſollen, aber ſeinen Ohren ver⸗ mochte er nicht zu verbieten, dennoch auf die Beichte der ſchönen Sünderin zu horchen, welche ſie dem ſtrengmilden Juſtizmann jetzt offenherzig und treudeutſch, wenn auch mit gebrochener Stimme, ablegte. Das Fräulein von Sternſtein war nach dem frühen Tode ihres Vaters von einer zu liebevollen und nach⸗ ſichtigen Mutter erzogen worden. Der Wille der Jung⸗ frau hatte zu ſehr vorherrſchen dürfen, und das Ver⸗ trauen auf ſich ſelbſt und die Unfehlbarkeit ihrer Vernunft war ein feſter Glaube geworden. Wohl bewahrte der Zufall ſie vor früher Leidenſchaft; als dieſe aber er⸗ wachte, als der ſchmeichelnde, wohlgebildete, charakter⸗ volle, ſieggeſchmückte Kriegsmann in das väterliche Schloß kam, unter allen Jungfrauen des Landes ſie auszeich⸗ nete, da war es geſchehen um ihr Herz und ihre Ver⸗ nunft, und falſch triumphirend beförderte ſie ſeinen Triumph. Er ſchien ſie zu lieben heiß und ehrlich, und da ſie Widerſpruch von allen Gliedern ihrer Familie erfuhr, ſchwoll der zum erſten Mal beſchränkte Strom über die unbewachten Ufer. Ein heimliches Band ver⸗ knüpfte ſie mit dem Ausländer, und ſie vertauſchte den Namen Sternſtein gegen den fremden Namen Mounier. Ein Franzoſe ſelbſt, ein echter Heldenſohn, der auch um ſie geworben ſittiger Weiſe, warnte ſie noch am 324 Vorabende des unglücklichen Tages, aber ſie hörte die ſibylliniſche Freundesſtimme nicht. Erſt als der mütter⸗ liche Segen des Eheſtandes ſich auf ſie geſenkt, entdeckte ſie den dreiſten Schritt, den man nicht zurück thun kann; Haß des Bruders wurde ihr dafür, doch die Verzeihung der ſchwachen Mutter verband die Wunde. Ein neuer Eroberungsplan des Welthelden rief den Ehegatten hin⸗ aus zu den glorreichen Fahnen ſeines Kaiſers; Tren⸗ nung von ihm hätte ſie vernichtet; ſo ließ ſie das jüngſt geborene Kind in den Armen ihrer Mutter, und floh ihm nach in das rohe Gewühl der Welt und mitten in die glutgerötheten Furientänze des Krieges. O wie an⸗ ders fand ſie den Geliebten draußen im bewegten Leben! Nicht mehr als der ſinnige, häusliche und genügſame Mann erſchien er, ſo wie er im ſtillen Schloſſe ihrer Väter geweſen. Das Haſchen und Suchen nach Genuß und Wechſel, welches dem Krieger eigen, weil der Ge⸗ danke: Morgen endet vielleicht ein Eiſenball Alles! ihm ſtets lebendig iſt; der Leichtſinn, den die ſtete Neuheit der Umgebung, das unſtäte Vorwärtsſtreben der Heer⸗ maſſen, der tägliche Umtauſch der Verhältniſſe erzeugt; die Rohheit und Härte, die das ſtündliche Anſchauen des Unmenſchlichen dem Herzen aufdrückt, alle dieſe Flecken des männlichen Charakters fand ſie an dem Ge⸗ liebten, und hätte noch die ſeltene, trauliche Liebesſtunde die einſtige Weihe gebracht, ſie hätte Alles darum ver⸗ ſchmerzt. Aber ſo fühlte ſie mit jedem Mondwechſel klarer, wie die Neigung für ſie erkaltet war, wie die ſeltene Schönheit ihres Körpers, die Liebenswürdigkeit ihres Weſens die Gewalt über den Lüſtling verloren hatte, ſeitdem er ſie beſaß und kein Hinderniß ihm den Beſitz verſperrte. Auch litt er an der Erbſünde der — — 325 Söhne Adams; das Schlechtere, welches ihm fremd war und Eigenthum Anderer, galt ihm mehr als das Sel⸗ tene, welches er ſein eigen nannte. Bald bemächtigte ſich der jungen Frau die Harpye Eiferſucht, die von dem eigenen Herzblute ſich ernährt, doch trug ſie ſtark, wich nicht von der Seite des Gatten und folgte ihm durch die halbe Welt über Oeden, Ströme und Schneegebirge. Da befiel ſie in der Mitte Hispania's, wohin Herrn Mounier des Kaiſers Befehl geſendet, eine bösartige Krankheit, und dieſen Zufall benutzte als erwünſchtes Ereigniß der Falſche, und ließ ſie in dem fremden, von mörderiſchen Soldatenbanden durchzogenen Lande allein. Die Domina eines Nonnenkloſters, welches ſicher und tief im Gebirge lag, nahm ſich der Glaubensgenoſſin gleich einer Mutter an, wenn ſie auch zu den gehaßten Feindesſchaaren gehörte, pflegte ſie ſechs Monate lang, bis die junge Natur den Tod beſiegt hatte, und gab als⸗ dann der Verarmten eine reiche Spende aus dem Klo⸗ ſterſäckel, um den Gemahl aufſuchen und in die Heimath reiſen zu können. War es Verhängniß oder war es tückiſche Sorgfalt ihres Gatten? Nirgends fand ſie ihn, obgleich ſie beſtändig dicht an ſeiner Spur war. Halb Spanien hatte ſie durchſucht, halb Frankreich hatte ſie durchreiſet; wo ſie ankam, da war er kurz zuvor gewe⸗ ſen. Endlich traf ſie ſeine Fährte im deutſchen Vater⸗ lande, aber ihre Börſe war geleert, ihre Kraft war er⸗ ſchöpft, und mit Fieberbewegungen, mit Todesahnungen berührte ſie auf armſeligem Fuhrwerke ihrer Heimath Grenze. Da erwachte endlich der deutſche Familienfinn der Tochter, der Schweſter und der Mutter in ihr. Das Kind, das einzige, das ſie geboren, wollte ſie ſehen oder auf ſeinem kleinen Grabe fterben. Doch dem gehäſſigen 326 harten Bruder vor das Angeſicht zu treten, wagte ſie nicht; des guten Ohms gedachte ſie, ihn wollte ſie ſich zum Verſöhner gewinnen, als die Kraft brach, erſchüttert durch jedes Leid der Erde, und der Sturm der Seelen⸗ krankheit ſie in jenem Dorfe niederwarf, wo Walter ihr als ein Geſandter des Himmels erſchien, und wie die ſpaniſche Domina die ſchöne, lohnende Pflicht des Sa⸗ mariters an ihr übte. Ihre Geſchichte war nicht abenteuerlich, ſie war nur ein Muſterbild zu der Geſchichte hundert leichtgläubiger, deutſcher Jungfrauen, die, wie ſie, der Schmeichelei und der Eitelkeit gefröhnt hatten, wie ſie nur Mitleid und nicht harten Strafſpruch verdienen. Lebt doch das Weib allein für die Liebe, beſchränkt ſich doch das ganze Reich des Weibes auf den Kreis der Hausfrau; ihr Patrio⸗ tismus reicht nicht über die Schwelle ihres Hauſes hin⸗ aus, die Händel der Welt berühren nicht ihre Küche und ihre Kinderſtube; aber darum ziemt doppelte Verachtung dem Manne, der das weiche, liebliche Geſchöpf hinaus reißt in die Strudel der Männerwelt, ihr nicht das gibt, was ihr gebührt, die kleine, liebe Welt des frucht⸗ baren Wirkens, der den Zweck ihres Daſeins vernichtet, und ſie dadurch zerdrückt für ewig. Des alten Präſidenten Rohrſtock hatte während der Beichte ſehr oft hart den Fußboden berührt; er hatte zum Oeftern das weißgepuderte Haupt heftig geſchüttelt, und als die Kranke jetzt erſchöpft in die Kiſſen ſank, drückte er ihre Hand kräftig zwiſchen ſeine beiden Hände, und die Augen verhehlten ihr nicht, wie feucht ſie ge⸗ worden. Nicht verzweifelt, Nichtchen! ſprach er recht väterlich. Der Mann wird ſich finden; laſſen Sie mich ſorgen. — — 327 Iſt es auch kein gutes Mittel; aber unſere geheime Polizei ſoll in wenigen Tagen den Deſerteur aufſpüren oder ich müßte nicht Präſident der Juſtiz ſein. Und für das Uebrige, für die Bußpredigt an ihn, für Geld und RNothbedarf ſoll geſorgt werden. Sind Sie doch in ächt menſchliche Hände gefallen. Der brave Mann da und ich, wir ſind zwei Wächter an ihrem Lebensparadieſe, die ihren Mann zu ſtellen wiſſen.— O mein Hoffen iſt todt! der Sarg wird mein ſanf⸗ teſtes Bett werden! ſtammelte die ſchöne Frau.— Hoff⸗ nung iſt die Amme der Menſchen; trinken Sie die reine Milch der unſterblichen Pflegemutter, der Ama mater, und laſſen Sie uns handeln.— Freundlich ſchied der Greis, und Walter hätte den Mann herzen mögen, der einen ächten Demant in der Bruſt trug, wenn auch un⸗ ter harter und ungeglätteter Schale. 5. Mehre Wochen waren hingelaufen. Der Beſuch des Oheims, die angreifende Erzählung, Gram der Erinne⸗ rung und Furcht der Zukunft hatten verderblich auf Ma⸗ dame Mounier gewirkt und ihre Krankheit in ſolchem Maße geſteigert, daß ſie dem Tode nahe zuſchritt, und des Arztes höchſte Sorgſamkeit, die Anſtrengung alles ſeines Wiſſens kaum ſie vom geöffneten Grabe zurück⸗ führen konnte. Oft drängte es ihn, das große Mittel der Freude zu verſuchen, und die kleine Lilli, die ihre Tochter ſein mußte, zu ihr zu führen; aber welcher Arzt kann berechnen, wo die Grenze der Leidenſchaft liegt, und das Entzücken froher Ueberraſchung tödtete ſchon manchen Glücklichen, und ſprengte die Wände des in Freude überfüllten Herzens. So zögerte er damit, 328 und ließ nur zuweilen, wie zufällig, die Geneſende vom Fenſter aus das Spiel des Kindes im Garten zu den Füßen ſeiner ehrwürdigen Mutter anſehen, wodurch ſich in ihr wunderbare, ahnende Empfindungen zu beleben ſchienen, wenn ſie auch das Mägdlein für die Schweſter ihres Freundes zu halten überredet ward. Eines Morgens wurde Walter mitten in ſeinen Be⸗ rufswegen aufgehalten, und Kiligſt zu dem Präſidenten beſchieden, mit dem er ſeit Kurzem oftmals verkehrt hatte. Gleich bei ſeinem Eintritte in das geräumige Haus ſah er an dem Umherlaufen der Dienerſchaft und ihren verſtörten Geſichtern, daß etwas Außerordentliches in der Familie ſich ereignet haben mußte. Als er zur Treppe ging, hörte er in einem der Zimmer des untern Stocks einen heftigen Zwieſprach in franzöſiſcher Sprache, und unterſchied deutlich des Forſtmeiſters von Hahn tobende Stimme. Ohne Bedenken klopfte er an, und trat, ohne den Ruf des Beſitzers zu erwarten, hinein. Er fand den Colonel Lambert, der hier ſein Quartier genommen, und welcher mit Anſtrengung vor dem lärmenden Grafen ſtand und ihm den Ausgang aus dem Zimmer unter den beſänftigendſten Einreden und eindringlichſten Beſchwö⸗ rungen zu verwehren beſchäftigt war.— Heran, Bruder! Hilf Deinem Freunde gegen dieſes feindliche Volk! rief der Forſtmeiſter, Schlachtglut im Antlitz. Der Eine beleidigt mich vis zum Tode und der Andere will mich abhalten, dieſe Beleidigung blutig zu rächen. Ich muß hinaus und hinterdrein! Er oder ich! Einer von uns darf in der nächſten Stunde nicht mehr auf Erden wandeln.— Sei beſonnen, Adolph, kein Knabe, ſondern ein Mann! fiel erſchreckt Walter dazwi⸗ ſchen. Ich ſtehe feſt bei Dir wie immer ſeit Göttingens ———————————— 329 ſchönen Tagen, aber Ehrenſachen macht der Ehrenmann ab nach den Geſetzen der Ehre, und nicht wie ein Ma⸗ troſe oder Zunftgeſell.— Der Elende hat meine Ver⸗ lobte beleidigt, die Familie, mich ſelbſt beſchimpft, knirſchte der junge Graf, indem er zornerſchöpft in einen Seſſel ſank; er iſt des ehrlichen Degens nicht werth; die deutſche Fauſt muß ihn niederſchlagen.— Der Dok⸗ tor ſah erſtaunt auf den Colonel.— Ich verſtehe Ihren fragenden Blick, nahm der Offizier das Wort; aber nicht mich trifft der Zorn dieſes jungen, braven Herrn, ſondern einen Landsmann von mir, den auch Sie ken⸗ nen, den Baron Mounier d'Auterive, der, wie ich ver⸗ muthe, auch in dieſem Hauſe nach gewohnter Weiſe den Pater Dirrac zu ſpielen verſucht hat.— Mounier? ſtammelte Walter erſchüttert. Sein Familienname, ant⸗ wortete Lambert. Seine Familie emigrirte früherhin, und erſt vor Kurzem gab ihm die Gnade des Kaiſers die eingezogenen Güter und die Titel ſeines Vaters zu⸗ rück, und wer weiß, wie bald der eitel gewordene Ba⸗ ron ſich des erſten franzöſiſchen Marſchalls Schwieger⸗ ſohn nennen wird.— Das wird er nimmer! Halte Dich ganz ruhig, Graf! rief Walter, wie außer ſich mit ſchneller, vor Ueberraſchung zitternder Stimme ſich von dem Oberſten zu dieſem wendend. Bei meiner Freund⸗ ſchaft, bei meinem Mannesworte, Dir ſoll eine Rache und eine Genugthuung werden, wie ſie der Beleidiger verdient; aber keinen Schritt darfſt Du aus dieſem Zim⸗ mer thun, bis ich zurückkehre, Sie haften mir dafür, Colonel.— So verſchwand er eilig und ließ die Beiden verwundert über ſeine plötzliche Aufwallung zurück.— Oben an der Treppe empfing ihn der Präſident in einer ſichtlichen Gemüthsbewegung, wie man ſie bei dem kalten, 330 beſonnenen Manne nicht hätte möglich vermuthen ſollen. Kommen Sie, Doktor, helfen Sie ſchnell! ſagte er. Mein alter Freund, der Leibmedikus, iſt unpaß, da fiel mein Vertrauen auf Sie, da der Nothfall Familienſache und Ehrenſache zugleich iſt.— Walter folgte geſpannt in Neubegier dem Greiſe in das Krankenzimmer der Tochter, und entſetzte ſich über das, was daſelbſt ſeinen Blicken ſich darbot. Zuerſt begegnete ſein Auge der Frau vom Hauſe, die, gleich einer Henne, der man die Küch⸗ lein geraubt, im Zimmer umhertrippelte, die Hände rang, Angſtlaute und Stoßgebete vom Munde ſtieß, und wahre Thränen⸗Kaskaden verſtrömte. Im Bette ſaß Fräu⸗ lein Henriette, ein Jammerbild, mehr dem Todtenreiche gehörig, als der irdiſchen Lebensflur; aber gerade da⸗ durch wurde das ſardoniſche Lachen zwiefach ſchauerlich, das die Kranke im Krampfſtoße unaufhörlich erſchallen ließ, wenn auch die blaſſen verzogenen Lippen und die trüben Schmerzesblicke die entgegengeſetzte Gemüthsſtim⸗ mung in ihr andeuteten. Neben dem Bette lag in einem Fauſtiſchen Feder⸗ ſtuhle Fräulein Julie in ein feines, weißes Nachthabit gekleidet, das Bild eines verklärten Engels, aber in einem nicht minder gefährlich ſcheinenden Zuſtande. Der Körper des Mädchens ſchien erſtarrt und unbeweglich; von ſich geſtreckt hielt ſie die weißen, vollen Arme in unnatürlicher Schwebung; der Helenenbuſen ſchlug hoch auf; zurückgebogen lag der Lockenkopf, krampfhaft gegen die Polſterlehne des Stuhls gepreßt; ihre Geſichtszüge waren wie freudig verzückt; die Augen ſtanden weit auf und ſtarrten gegen die Decke, und der Stern war unbe⸗ weglich und wie erſtorben; das einzige Leben des Ant⸗ litzes gab ſich im kleinen Munde kund, der ſich wie —— —— —— 331 beſtändig fortredend bewegte, und eine leichte Roſenglut lag dicht unter den Augen auf den Wangen, wie vom Pinſel des Malers dorthin gelagert.— Ein Blick auf die beiden armen Mädchen, ein Blick auf die blauen Seidenbänder, mit denen Stuhl und Bett verknüpft wa⸗ ren, auf die gläſernen Amulete, welche Beide an blauen Fäden am Halſe trugen, ließ den Doktor ſogleich er⸗ kennen, welch ein Feind hier ſeine ärztliche Kraft heraus forderte. Plötzlich begann Julie in leiſen, wie überirdiſch klingenden Tönen zu ſprechen, und des Doktors Hände faßten ſchnell Vater und Mutter feſt, damit ſie nicht ſtörend einwirkten, und er horchte aufmerkſam mit ihnen. Wo biſt Du hin, Meiſter? ſagte ſie franzöſiſch mit beſonders reinem Accente. Warum läſſeſt Du Deine Schülerin allein in der weiten, blauen Unermeßlichkeit? O die Stunde war ſo heilig! die Harfen tönten und die Heiligen ſangen. Aber nun iſt das große, ſonnenhelle Kreuz verſchwunden, und die Lichtgeſtalten in den Klei⸗ dern wie Schnee weichen immer weiter fort von mir, und das goldene Sonnenlicht wird wie Dämmerung. Warum fragſt Du mich nicht mehr, Meiſter?— Ach! Alles war mir heute ſo klar und Du hätteſt Vieles hö⸗ ren können, denn der Urgeiſt ſprach ſelbſt mit mir, wie die Sünde zu tilgen ſei, und die höchſte Wahrheit ſchien mir ſo nahe, und ich las ihre Geſetze in dem ſtrahlen⸗ den Sterne, der unter meinem Herzen ſich ausbreitet.— Auf einmal verzog ſich jetzt das vergnügte Geſicht in die Geſtaltungen des bitterſten Schmerzes, die Wangen wurden kalkbleich, die Augen rollten, die ſtarren Arme begannen zu zucken, und in eben dem Maße löſete ſich das Lachen der Schweſter im Bett in ein hohles, 332 ſchreckliches Wimmern auf. Da haſt Du es, unvor⸗ ſichtige Mutter! zürnte der Präſident. Deine Nachläſſig⸗ keit tödtet mir zwei Kinder, anſtatt das eine zu heilen. — Still, ganz ſtill! Wollen Sie nicht ſelbſt morden, ſprach Walter haſtig, indem er langſam dem Bett zu⸗ ſchritt.— Halte mich, Meiſter, ſchrie Julie jetzt. Ich taumle ja auf ſteiler Felſenwand. Das iſt der Abgrund der Sünde. Schrecklich! Flammen ſchlagen herauf. Mei⸗ ſter, wo biſt Du?— Ihre Arme fuhren weit umgrei⸗ fend durch die Luft; aber Walter ſchritt jetzt kühn hin⸗ zu, und legte leicht jeine Hand von oben herab auf ihre Stirn.— Wie ein elektriſcher Schlag erſchütterte die Berüh⸗ rung Juliens ganzen Körper; ſie ſtieß einen grellen Schrei aus und die Glieder fielen wie ohnmächtig zu⸗ ſammen. Der Doktor ließ ſich nicht ſchrecken, ſondern behielt die Hand feſt wo ſie lag, und als er nun durch ſanfte Palmarmanipulationen in Diſtanz jene Kreiſe über Juliens Oberkörper hinzog, mit denen der Magne⸗ tiſeur zu kalmiren verſteht, ſo verwandelte ſich die Ohn⸗ macht bald in einen ſanften Schlummer, welcher alle Eindrücke und Spuren von Krampf und Krankheit von dem lieblichen Mädchenbilde vertrieb. Vorſichtig legte er jetzt Juliens Hand auf den Arm der ſich unruhig umherwerfenden Henriette, welche jetzt die Töne der ſchlagenden Wachtel mit ſchnalzender Zunge nachahmte, und bald nahm auch dieſe Theil an derſelben erquicken⸗ den Himmelsgabe. Mit leichten Schritten entfernte er ſich jetzt von dem Bett, ergriff die Hände der Eltern und führte beide in das Vorzimmer, indeß ſein Auge durch die offene Thür unabläſſig die Kranken bewachte. 8 — 333 Sie ſind auch Magnetiſeur? fragte ſofort der Präſident, und Waltern entging das Mißtrauen nicht, welches auf des Greiſes Geſicht ſich ausprägte.— Nicht in dem Sinn Ihrer Frage, antwortete der Doktor freimüthig; aber Kluge und Wolfart ſind mir Lehrer geweſen, und ich kenne den ſogenannten Lebensmagnetism, wie der Arzt im Kreiſe der Natur jedes Agens kennen muß, dem vom Weltenſchöpfer eine Einwirkung auf das menſch⸗ liche Weſen vergönnt wird.— Und Sie halten davon? fuhr Herr von Schöll fort.— Viel und nichts, entgeg⸗ nete Walter. Eine große Naturkraft iſt dabei im Spiele, vielleicht jenes feinſte Fluidum ſelbſt, das Agens des Lebens, das Prinzip alles Daſeins, vielleicht aber auch nur ein Kind deſſelben, jene perſpirabele Materie, welche bei dem großen Räthſel der Geſchlechtsneigung die Haupt⸗ rolle ſpielt, und unwiderſtehlich den Adonis zu der Tantippe, und die Aſpaſia zu dem Aeſop hinzieht. Aber eben darum, weil wir die zauberhafte Rieſenkraft dieſes Mittels kennen, und doch nicht wiſſen woher ſie kommt und wohin ſie greift, weil wir keine Wagſchale haben, zu meſſen für jedweden Kranken die paſſende Doſis, weil wir nicht wiſſen, wo die Grenze der Wirkung ſteht: darum wird der beſonnene Denker nicht das Heil der ihm Vertrauenden aufs Spiel ſtellen, um dunkele Verſuche zu machen, ſich den Ruf eines Wunderman⸗ nes zu erhaſchen, ſeltſame Kriſen zu beobachten, nutz⸗ loſe Geſpräche mit einer hellſehenden Selbſtbeſchauerin zu halten, wobei zu oft leichtfertiges Komödienſpiel der eitlen Dame mit unterläuft, und der moraliſche Ruf des Arztes gefährdet wird. Der Arzt iſt Menſch; Menſchen beurtheilen ihn menſchlich. Dieſes Alleinſein mit jungen und reizbaren weiblichen Perſonen, dieſe 334 innige Berührung im dämmerungvollen, verhangenen Zimmer, und gar der Rapport, die wunderbare An⸗ hänglichkeit und Abhängigkeit zu dem Magnetiſeur und von ihm, die der Laie aus Büchern kennt, machen den Magnetism gefährlich und wenden jeden vorſichtigen Arzt von ihm ab.— Sie kennen den Zauber, Sie üben ihn geſchickt, und urtheilen ſo, das beweiſet viele Entſagung und ſpricht hoch für Sie, erwiderte der Präſident. Daß mir hier die Hülfe gelang, überraſchte mich ſelbſt, fuhr Walter fort. Ich hörte unten den Namen d'Auterive; ich kenne dieſen Fremden als einen Mann, der ſich für einen zweiten Mesmer hält, und, wie jeder Scharlatan, den Lebensmagnetism dazu benutzt, ſich als ein übermenſch⸗ liches und außerordentliches Weſen anſtaunen zu laſſen, und nebenher böſen Leidenſchaften die Bahn zu erleich⸗ tern. Der Anblick des Fräuleins führte mich ſofort auf das Bild einer Somnambule, und ich wagte den Ver⸗ ſuch durch daſſelbe Mittel, welches ſolchen Sturm erregt hatte, den Orkan zu mildern, ohne im Rapport mit dem gewaltigen Meiſter zu ſtehen. Daß es gelang, verwun⸗ dert mich ſelbſt. Und doch, ſetzte er ſchnell von einem Gedanken ergriffen hinzu, indem er ſich mit der Hand die Stirn drückte, lebte ich denn nicht ſchon Wochen lang in genauer Berührung mit zwei Weſen, die ihm ange⸗ hören, die ſein ſind, welche die Natur mit ſeinen Stof⸗ fen verband und erſchuf daraus? Da iſt das Räthſel gelöſet, und die Jahrbücher des Magnetism werden um eine Erfahrung reicher.— Erklären Sie! Welche zwei Weſen meinen Sie? fragte neugierig der Präſident. — Davon hernach; dieſes Räthſel darf Ihnen ſo kein Geheimniß bleiben, antwortete Walter. Aber zuvor 335 verlange ich von Ihnen einen Bericht über das, was heute Morgen hier vorfiel; der Arzt, ſoll er, von Ihrem Vertrauen beehrt, hier fortwirken und zu heilen ſuchen, kann nicht ohne ſolchen bleiben.— Herr von Schöll und die Präſidentin theilten ſich einander ablöſend in die Er⸗ zählung, welche der Doktor verlangte, und er erfuhr Folgendes: Seit Fräulein Henriette den Kreis der Kin⸗ der verlaſſen hatte, war ſie von jenem Uebel befallen worden, welches man den Tanz des heiligen Veits zu nennen pflegt. Alle jene ſonderbaren Erſcheinungen die⸗ ſer Krankheit einigten ſich bei ihr, jenes wunderbare Hüpfen auf einem Beine, indeß der Kranke das andere wie todt nachſchleift; dieſes kühne, unglaublich leichte Erklettern der Schränke und Oefen mit ſichtbar ſpringen⸗ den Fußmuskeln, jenes unwillkürliche Muskelſpiel des Geſichts, jenes Lachen, Augenrollen und Verzerren der Lippen, jenes meiſterliche Nachahmen aller Thierſtimmen, und alle dieſe Krankheitsſymptome waren plötzlich ohne Vorboten eingetreten an demſelben Nachmittage, wo zu⸗ erſt Frankreichs Krieger die Hauptſtadt beſetzten, und vor der Wohnung des Präſidenten die Elitencompagnie der prächtigen Dragoner, welche zu Marſchall Mortiers Leibwache gehörte, aufmarſchirt ſtand. Alles hatte man ſeitdem verſucht, die unglückliche Kranke zu heilen, kein Geſundbrunnen, kein Bad war unbeſucht geblieben, der alte Leibmedikus hatte vom Galen bis zum Wichmann und Spangenberg alle Folianten und Diſſertatiönchen durchſtöbert; es fand ſich kein Mittel, welches hier an⸗ ſchlagen wollte. Da ſchrieb eine Freundin aus Kaſſel der Präſidentin, wie ein gewiſſer Baron d'Auterive die erſte Hofdame ber Königin, eine liebenswürdige Gräfin, in kurzer Zeit von dem nämlichen Uebel befreiet, und 336 rieth ihr, bei der Anweſenheit deſſelben in der Haupt⸗ ſtadt Hülfe von ihm zu erbitten. Die Präſidentin war mit Julien in einer Geſellſchaft, zu welcher d'Auterive auch geladen worden, und der ernſte, düſtere Mann mit den ſchwer umwölkten Augenbraunen, der kräftigen, tief⸗ tönenden Sprache und der bedachten, ausdrucksvollen Rede geſiel der Mutter, da nichts von dem windigen, leichtſinnigen Weſen ſeiner jüngern Landsleute an ihm geblieben war. Der Leibmedikus willigte in einen Ver⸗ ſuch, der Präſident ſtimmte im Vertrauen auf Arzt und Mutter ein, und Baron d'Auterive begann ſeine myſte⸗ riöſe Cur. Aber nach wenigen Tagen erklärte er der Mutter, wie ſeine Einwirkung auf die Kranke zu hart und heftig ſei, er müſſe ein geſundes Mittelweſen fei⸗ nerer Conſtitution haben, um durch dieſes das heilende Fluidium auf die Kranke zu leiten. Fräulein Julie, gereizt durch Neugierde, wie durch Liebe zu der leiden⸗ den ältern Schweſter, erbot ſich dazu, und auch mit ihr begann der Wundermann ſeine Manipulationen, denen anfangs die Mutter beſtändig beiwohnte. Julie wurde bleich, wie die Schweſter, ihre Laune änderte ſich auf⸗ fallend, der Ton ihrer Reden bekam einen ſeltſamen, fremdartigen Klang, ihr Wort einen ſchwärmeriſch⸗tra⸗ giſchen Schwung; ſie ſprach nur in der fremden Sprache, vermied jedes deutſche Wort, und fiel zuletzt ſelbſt dem Vater auf, der, in ernſte Geſchäfte verwickelt, gewohnt war, ſich wenig um ſein Haus zu kümmern, und die Herrſchaft im Gynäceum der Mutter von jeher über⸗ laſſen hatte. Auch jetzt wäre er aus ſich ſelbſt nicht dazu erregt worden, einen Einſchritt zu thun, hätte nicht der Beſuch des Forſtmeiſters von Hahn, ſeines künf⸗ tigen Schwiegerſohnes, ihn mit Gewalt dazu geriſſen. —————— 337 Der Graf litt ſeit ſeiner Wiederkehr täglich durch das Benehmen ſeiner Braut. Ihre vormalige Neigung für ihn ſchien nicht allein erkaltet, nein ſie war ſogar nahe daran, in Widerwillen überzugehen. Seine Eiferſucht legte ſich auf die Lauer. Der Fremde, den er oftmals in dem Kreiſe der Damen fand, ſchien Juliens ganzes Weſen an ſich gefeſſelt zu haben; nur ſeiner Rede horchte ſie, nur für ihn hatte ſie jene Aufmerkſamkeiten der fei⸗ nen Welt; ihr ſeelenvolles Auge hing in unbedachten Augenblicken ſchwärmeriſch an dem düſtern Geſichte des ſchwarzen Südländers, ſein Wort war Befehl für ſie, ſein Wunſch Geſetz; die Unterhaltungsſpiele, die er an⸗ gab, hatten an Julien die erſte Fürſprecherin; die Speiſe, die er wählte, das Getränk, das er vom Silberteller des Bedienten nahm, war jedes Mal auch Juliens Lieb⸗ lingskoſt, und als der heftige Bräutigam jetzt ſogar durch die verſchmitzten und beſtochenen Bedienten erfuhr, wie der Baron d'Auterive jeden Morgen zur beſtimmten Stunde die Damen des Hauſes beſuche, wie er eine Stunde droben weile, und in dieſer Zeit jeder andere Beſuch, ja er ſelbſt abgewieſen werden ſollte, da fiel der Schwefelflammenregen einer ganzen Hölle auf ihn nieder, und mit dem nächſten Morgen tobte er hinauf in den Seitenflügel, den der Herr von Schöll für ſeine Kanzleizimmer abgelegen erwählt, und Alles, was an ſeinem Herzen nagte, brannte und zehrte, ſtürmte er vor dem künftigen Schwiegervater hervor, ſeine Regent⸗ ſchaft zur Reinigung des befleckten Hauſes aufrufend. Der Präſident, welcher ſcharf ſah und derb auftrat, wurde er nur erſt aus der gewohnten Ruhe aufgeſtört, nahm die Sache ſogleich höchſt ernſthaft, und da ge⸗ rade die Stunde lief, welche in den Klageartikeln einen Blumenhagen. ViI. 22 338 Hauptpunkt ausmachte, ſo erſuchte er den Forſtmeißter, ihn auf der Stelle zu den Mädchen zu begleiten, Zeuge zu ſein ihrer Rechtfertigung oder des Strafaktes, den der ſtrenge Vater zu halten beſchloſſen. Unangemeldet trat das Männerpaar in das Vorzimmer und fand da⸗ ſelbſt die Präſidentin an dem fernſten Fenſter vor ihrem Nähetiſch beſchäftigt. Sie wollte den Eindringenden ent⸗ gegen eilen, und bat ſie durch Zeichen, nicht zu ſtören; doch ein Blick des Gatten, eine Bewegung ſeiner Rech⸗ ten, die ſie zu deuten wußte, drückte ſie geängſtigt auf ihren Stuhl zurück. Die Forſcher traten leiſer noch an die halbgeöffnete Thür, und was ſie erblickten, jagte ſo⸗ gar auf des Greiſes fahle Wangen die Jugendglut des Zornes. Dicht vor der im Lehnſtuhle ſchlummernden Julie ſaß der Baron, ſeine glühenden, ſtarren Augen ſtachen grauenvoll ab gegen die Leichenbläſſe ſeiner bär⸗ tigen Wangen; mit ausgeſtreckten Fingern, die dem Bräu⸗ tigam Teufelskrallen ſchienen, zog er magnetiſche Kreiſe über den ganzen Körper des ſchönen Mädchens, und jetzt ſich über ſie hinbeugend leicht und leiſe, ohne irgend⸗ wo anzuſtoßen, ſchien ſein Mund einen Kuß auf ihre Lippen zu preſſen. Der Forſtmeiſter ſtieß einen Ton des Grimmes hervor, und ſchnell war der Franzoſe auf, ſprang ihnen entgegen in den Vorſaal mit Windesleich⸗ tigkeit und zog die Thür hinter ſich zu. Mit heftiger Rede zürnte er zuerſt über das unbedachte Einſchreiten und über die gefährliche Störung ſeines Meiſterwerkes; als aber ernſte Worte des Vaters, tobende Ausrufungen des Bräutigams ihm begegneten, verſuchte er mit der ganzen Volubilität franzöſiſcher Zunge den beiden An⸗ klägern auseinander zu ſetzen, wie er nur auf der Frau Präfidentin Befehl da ſei, wie er der Familie ein hohes Opfer gebracht, wie alles Vorgenommene der geheimen Wiſſenſchaft gemäß geſchehen, wie die Eiferſüchtelei des jungen Herrn bei ſolchem wichtigen Vorhaben faſt kin⸗ diſch erſcheine, und wie jedes Hindernß der Vollendung ſeiner Cur den Fräulein nachtheilig, ja tödtlich werden könne.— Der Graf ließ den Demoſthenes nicht zum Schluſſe ſeiner Oration gelangen.— Und ſollte Julie in dieſer Minute des Todes Beute werden, und ich an ihrem Grabe mich ſelbſt ſchlachten müſſen ihr zum Sühn⸗ opfer, ſo ſoll dennoch Deine ſchändliche Hand nicht wie⸗ der den Körper dieſes Mädchens berühren, das mir zugeſagt war für immer! ſchrie er mit zornbebender Stimme, und ehe er ausgeredet, hatte der ſtarke Mann ſchon den Fremden gepackt wie der Falke das Birkhuhn, im Zirkel ihn ſchwingend auf den Vorplatz geriſſen und die breite Steige hinunter geſchleift. Colonel Lambert wurde von dem Gelärm aus ſeinem Zimmer gelockt; er befreiete den Landsmann von dem wüthenden Deutſchen, zog dieſen zu ſich herein, indeß der franzöſiſche Baron unter Drohworten dem Hauſe und dem Kreiſe der lachen⸗ den Dienerſchaft entfloh. Sobald des Forſtmeiſters laut ertönende Stimme im Vorſaale den Franzoſen angriff, erſchallte im Kranken⸗ gemach ein doppeltes Wehgeſchrei, und die hinein ſtür⸗ zenden Eltern fanden beide Töchter in jenem ſchrecklichen hülfloſen Zuſtande, den Walter bei ſeiner Ankunft noch erdauernd getroffen. Der Präſident, der niemals der⸗ gleichen angeſehen, kam aus der Faſſung, er jagte ſelbſt die Lakaien zum Leibarzte, zu Walter, und dieſer er⸗ ſchien, und wurde zum rettenden Erzengel des Hauſes.— Sie ſind zu haſtig verfahren, ſprach Walter, als er den Bericht angehört, Beide, Sie und der Herr Sohn 340 in Hoffnung. Das Praesumitur malus der Juriſten hätte hier wahrlich großen Schaden bringen können. Un⸗ ſer Ideal iſt der Normalzuſtand des Menſchen an Geiſte und Leibe, und darum mag ich von dem Baron keine böſe Abſicht annehmen, die des Fräuleins Zartſinne und tugendhaftem Gemüthe gegenüber hätte unfehlbar ſchei⸗ tern müſſen. Der Monſieur Mounier hat nach der Weiſe ſeiner Nation mit großen Dingen geſpielt, ſeiner Eitel⸗ keit eine neue Krone gewinnen wollen, und der Kuß, wel⸗ cher den Liebhaber in den Harniſch gebracht, und den Sie ihm ſo ſchwer in die Richterwage werfen, iſt viel⸗ leicht nichts geweſen, als das bekannte magnetiſche An⸗ hauchen und Ventiliren, das ſchon zu Mesmers Zeit die Sache verdächtig machte, und Geſchrei unter dem hitzi⸗ gen Volke der Liebhaber erregte.— Siehſt Du wohl, Vater! fiel triumphirend die Mut⸗ ter ein. Ihr Männer könnt nur verderben, und ich war überdem ſtets auf der Wache.— Am Fenſter dort, eine verlorene Vedette, murrte der Greis. Eine Henne verläßt ihre Küchlein nicht auf drei Schritte, und iſt der Habicht in der Luft, deckt ſie alle mit den Flügern, und gibt den eigenen Leib preis. Das Bild ſollte jede Mutter auf und in der Bruſt tragen.— Nun, mich konnte doch der Herr d'Auterive nicht mag⸗ netiſiren! meinte die Präſidentin. Ueberlaſſen Sie mir die Kranken voll Vertrauen, Herr von Schöll, und ge⸗ hen Sie jetzt hinab zu dem Colonel, unterbrach Walier die Eheſtandsſcene. Sie werden dort den Forſtmeiſter treffen. Beruhigen ſie ihn. Er iſt einer der glücklichen Menſchen, die fremden Willen gern zum Steuermann ihres Lebensſchiffes nehmen. Verſichern Sie ihn von Ju⸗ liens Liebe und Treue; ſetzen Sie mein Wort ihm zum 341 Unterpfande, daß er bald die Braut zärtlich, wie einſt, in ſeine Arme ſchließen ſoll. Aber hindern Sie jeden Ausbruch ſeiner Leidenſchaftlichkeit gegen den Franzoſen. Wir leben in einer Kriſis, welche die Gemüther geſpannt pält, der höchſte, entſcheidende Schlag muß nahe ſein. Jeder Angriff auf einen Franken würde jetzt als Auf⸗ ruhrſignal betrachtet, und von dem Blei der Schützen des ergrimmten Kaiſers gerächt werden. Verwalten Sie dort Ihr Amt, Herr Präſident, als Vater und Anwalt; ich gehe hier auf meinen Poſten.— Beide drückten ſich die Hände und ſchieden von ein⸗ ander; der Doktor ging zu ſeinen Patienten, der Alte hinab zu dem Oberſten. 6. Es war am Mittage des folgenden Tages, als der Graf von Hahn, den das Vertrauen auf ſeinen erprob⸗ ten Freund und die Ehrfurcht gegen den Vater ſeiner Braut bis dahin im ſelbſtbefohlenen Arreſt auf ſeinem Zimmer gehalten hatte, einen Brief von dem Doktor bekam, in welchem noch ein zweiter lag, den ein be⸗ kanntes und geachtetes Wappen zierte. Mit Haſt durch⸗ flog er die Zeilen. „Dein Herz iſt der Vernunft gehorſam geweſen, ſchrieb Walter, Du haſt die Begriffe von Ehre, die Deinem Stande eigen ſind, im Zaum behalten und nach der Zeit geregelt, und das belohnt Dir das Schickſal. Deine Julie iſt ein ſo liebes Weſen, daß ich Dich beneiden würde, wäreſt Du nicht mein Kaſtor, mein Pythias. Sie war unſchuldig an allen dieſen geheimnißvollen Auftritten, die Dich faſt zwei Monate hindurch gefoltert haben. Er allein iſt der Schuldige, dieſer Monſieur 342 Mounier d'Auterive; aber ich ſchwebe wie ſein Rach⸗ engel über ihm, und er kann der Buße, die Du ganz in meinen Händen laſſen mußt, nicht mehr entgehen. Kenn' ich ihn recht, und der wackere Colonel Lambert hat mich tiefe Blicke in ſein Leben thun laſſen, ſo iſt das, was ich ihm bereite, Strafe für ihn, obgleich es für Dich und mich vielleicht Lohn und Himmelsgabe ſein möchte. — Du wirſt wieder über Räthſel und Geheimniſſe kla⸗ gen; dasjenige, welches Dich zunächſt betrifft, will ich Dir augenblicklich löſen. „Mounier iſt Magnttiſeur, und, wie die Erfahrung der Schöll'ſchen Familie darthut, einer von den Weni⸗ gen, die mit beſonderer Naturkraft dazu beſchenkt wur⸗ den. Er hat das große Mittel gemißbraucht; welche ſeine Abſicht dabei geweſen, ob er eine Herzens⸗Intrigue bei einem der Fräulein dadurch einleiten wollte, ob er die Stelle eines katholiſchen Miſſionärs geſpielt hat, kann ich nicht entſcheiden. Sein Spiel mit dem Mag⸗ netismus hat Deine Julie zu dem höchſten Grade des Hellſehens hinaufgetrieben, denn ſelbſt an dem Berliner Baquet fand ich nie eine Clairvoyante dieſer Art. Da ich, um Licht in dem Dunkel zu bekommen, ſeine Rolle bei den Kranken fortſpielen mußte, ſo erfuhr ich bald, daß ſeine Geſpräche mit Julien während des magneti⸗ ſchen Schlafs nichts von irdiſchen Leidenſchaften enthal⸗ ten haben konnten, ſondern er ihrem Geiſte eine furcht⸗ bare Stimmung ganz entgegengeſetzter Art zu geben beabſichtigt hatte. In jenen fanatiſchen Affekt ſcheint er ſie verſetzt zu haben, der, wie die Geſchichte lehrt, einſt die heiligen Jungfrauen ſüdlicher Nonnenklöſter begei⸗ ſterte. Entſagung aller irdiſchen Freude, Losſagung auf eine beſtimmte Zeit von allem Erdengenuß war die cn.——— 343 Bedingung, unter welcher er verſprach, Julien zu der Lebensretterin der geliebten Henriette zu machen. Jede Annäherung des Bräutigams ſollte das heilige Werk ſtören; daher der ſcheinbare Widerwille bei Deiner Zärt⸗ lichkeit, darum mußteſt Du wie ein Tantalus neben der ſüßen Frucht Faſttag halten. Aber die Verrücktheit oder Bosheit, ein Drittes gibt es hier nicht, des Barons ging noch weiter. Er wußte die Eitelkeit Deiner kleinen, blonden Schwärmerin noch feſter zu binden. Während des kritiſchen Schlafwachens umfing er den Geiſt der armen Gereizten mit folgenden falſchen Syllogismen. Er demonſtrirte ihr, daß der Magnetism einen bei wei⸗ tem höheren Zweck habe, als die gewöhnlichen Aerzte ihm aufdrängen möchten. Die Heilung einzelner Kran⸗ ken ſei nur ein kleinlicher Nebenzweck; Heilung der Welt von ihren Gebrechen, Heilung der ganzen Menſch⸗ heit von den Wunden, welche Sünde und Laſter ihr geſchlagen, die höchſte Erkenntniß der Wahrheiten und Myſterien der Religion, innigſter Verein mit dem Ur⸗ geiſte, mit dem Weltenſchöpfer, das ſei Zweck und Wirkung des Magnetismus.— Die Somnambule, ſprach er, wird entfeſſelt von ihrem Körper; ſie gewinnt in der Ekſtaſe nicht allein innere Selbſtbeſchauung, nein, ſie geht über dieſe hinaus; Raum und Zeit hört auf für ſie, Vergangenheit und Zukunft und ledes Geheim⸗ niß im Reiche der Weſen liegt in hoher Klarheit vor ihrem Seelenauge; Sprache, Gedanke und Schlußkraft veredelt ſich. Richtet nun der Magnetiſeur die Seele der Somnambule auf das Höhere, auf das Ueberir⸗ diſche, ſo wird die reine, fleckenloſe Jungfrau ihm die höchſten Probleme der Religion löſen können; er wird die Aufſchlüſſe ihrer Begeiſterung feſthalten, nieder⸗ 344 ſchreiben; und ſo wird ſie die Prophetin werden, welche der Menſchheit die reinſte, die einzig wahre Religion predigen kann, ſie wird die Bürger der Erde für ewige Zeiten zum höchſten Heile leiten, wohin dieſe ohne ſolche überirdiſch⸗gehobene Retterin nie hätten gelangen können.— Das war der Stoff ſeiner Unterhaltungen mit Julien, und mich ſchaudert, denke ich, zu welchem Wahnfinne dieſes hätte die Unſchuldige führen mögen. Darum ſpukte das goldene Kreuz im Azur ſchwebend in ihren wachen Träumen.— Die Vorſicht hat zu rechter Zeit eingegriffen, und daſſelbe Mittel, welches das liebe Mädchen aus dem Normalzuſtande geiſtigen und leiblichen Wohlbefindens verrückte, ſoll ſie dahin homöopatiſch zurückführen. Sobald ich von jetzt an die Somnambule nicht mehr frage, wird auch ihre Schwin⸗ delei in ſich ſelbſt verglimmen.— Aber Du darfſt ſie bis dahin nicht ſehen, Du mußt ihrem Wohl dieſes bringen, und Deine heiße Liebe zum Vaterlande Dir das Opfer kichtern, und Dir die gewünſchte Rache an dem Franzoſen auf edlere Weiſe erlauben. Lies einliegendes Schreiben. Es iſt von dem Bork unſeres Landes, von dem Grafen an der Elbe. Die Zeit iſt endlich gekommen, wo der Deutſche wieder Deutſcher ſein darf, wieder Hand und Schwert aufheben darf für das unterjochte Land der Väter. Der Graf fordert dringend Dich und Deine Brüder. Er ſchreibt, er habe Euer Wort, und er erwartet herrliche Folgen von Deinem Beitritte zu der Fahne deutſcher Freiheit. Eile auf Deine Güter ohne Verzug; bewaffne Deine Jäger, Deine ſtarken Landleute, und führe ſie hin zu den Ufern des vaterländiſchen Stromes. Ich wache in⸗ deß wie ein getreuer Pylades über Deine Geliebte, 345 und verbürge mich mit meinem Herzblute für ſie. Kehrſt Du dann, mein Adolphus, mit der deutſchen Eichen⸗ krone am beſtaubten Helme zurück, ſo führe ich Dir die geneſene, reine, treue Braut in die Arme, und mit dem feſtgegründeten neuen Glücke des Vaterlandes ſteht dann auch Dein Glück feſt für ewig.“ Dreimal las der Graf von Hahn das gewichtvolle Schreiben durch; er kämpfte lange; als aber der Abend kam, rief er ſeine Leute zuſammen, ließ packen, und das Herausforderungsbillet des Barons, welches am Morgen darauf anlangte, fand im Hahn'ſchen Palais nur einen alten, tauben Verwalter, der es mit der Weiſung zurückſandte, er könne die fränkiſchen Hahnen⸗ füße der Aufſchrift nicht zuſammen buchſtabiren; gälte es aber ſeinem Herrn, ſo glaube er faſt, daß der gnä⸗ dige Herr Graf ſchon dabei ſei, mit ſpitzen Federn und ſcharfen Sporen dem Schreiber eine Antwort anzufer⸗ tigen.—* 78 Der Sommer begann Abſchied zu nehmen von der Erde, und entzog ihr allmälig einen feiner Schätze nach dem andern, um ſie langſam an die unvermeidliche Ent⸗ behrung zu gewöhnen. Das Obſt der Gärten war ab⸗ geerntet; auf den mit Schlingkraut überwucherten Beeten ſah man nur hie und da noch eine einzelne Sternaſter oder eine ſchwarzkernige Sonnenblume, an welcher die flinke und zierliche Blaumeiſe pickte. Die Buchen der Holzungen hatten ihr dunkles Blättergrün in alle Schattirungen von Roth und Gelb gewandelt, ſchon blieſen die Septemberwinde kältend über die Stoppelfel⸗ der, und die Nacht gewann jeden Abend von dem 346 entkräfteten Tage das Viertheil einer Stunde mehr für ihre düſtere Herrſchaft, einem feindlich⸗würgenden Attila ähnlich.— Madam Mounier eilte ihrer Geneſung mit ſchnellen Schritten entgegen, und machte ſich bereit, mit der Mutter ihres Freundes die ſommerliche Gartenwoh⸗ nung gegen das wärmere Haus in der Stadt zu vertau⸗ ſchen. Vorſichtig hatte der Doktor ihr, wie aus Berich⸗ ten des Oheims ſchöpfend, die Familiennachrichten, welche ſie wünſchte, mitgetheilt. Sie beweinte ſanft den Tod ihrer guten Mutter, wenn auch mit Selbſtvorwürfen; ſie beklagte leiſe den fortdauernden Haß des Bruders und die giftkochende Feindſchaft der Schwägerin; Ent⸗ zücken gab ihr die Gewißheit des Lebens der Tochter, deren Bild ihr Walter ſtets mit Vergleichungen der kleinen Lilli vormalte, obgleich er den niedlichen Wild⸗ fang von dem Zimmer der Kranken bis jetzt entfernt ge⸗ halten hatte. Der ſchönſte Tag ſeines Lebens brach an, der Tag, der ihm Lohn geben ſollte für Fleiß und Menſchlichkeit. Denn welcher Augenblick kann dem Pfleger, dem Retter des Kranken höhere Belohnung bieten, als jener, wo er den Geneſenen zum erſten Male hinaus leitet an die erquickende Luft, in die lebenvolle, ſchöne Natur, in den erwärmenden Sonnenſchein? Wie ein Neugeborener be⸗ grüßt der Gerettete mit ſeligen Blicken die befreundeten Geſtalten der Schöpfung, deren Wiederſehen er ſchon aufgegeben, und ſein wärmſter, ſeligſter Blick fällt auf den Pfleger, den Erretter. So war es, als Walter die holde Apollonia an ſeinem Arme, langſam und voll Sorge ihren wanken⸗ den Schritt unterſtützend, an einem ſchönen Herbſttage zum erſten Male hinaus führte in den Garten. Die — — ——— 347 ſchöne Frau war ſchlanker geworden und bleicher, aber ihre Schönheit wurde dadurch noch anziehender. Iſt doch der milde, kühle, wolkenumſäumte Sommerabend er⸗ quicklicher als der ſonnige, glühende Blumentag.— Walters Mutter erwartete ſie mit dem Kaffee in einer Weinlaube, von deren weißem Gegitter nachreifende Purpurtrauben herabhingen. Die kleine Lilli ſaß auf einer Fußbank, eine ſüße Beerendolde im Schooße, wechſelnd vald an einem prangenden Aſterkranze flechtend, bald naſchend von der ſchmackhaften Lieblingsfrucht. Neugier in den Augen, deren Lieder es weit aufgezogen hielt, ſtarrte lange das Kind die fremde Erſcheinung an; ſobald ſich aber Apollonia in dem für ſie bereiteten Sorgeſtuhle niedergelaſſen hatte, ſtand Lilli mit leichtem Anſtande auf und legte mit natürlicher Grazie den buntfarbigen Kranz in den Schooß der Kranken. Nimm den Kranz, liebe, fremde Madame, als Pfand unſerer Freude über Deine Geneſung, ſprach ſie, wie ihr gelehrt, doch mit mehr als kindiſchem Ausdrucke. Dieſe Blumen haben ſich in den Stürmen des Herbſtes entfaltet, aber ſie ſind doch ſchön und farbenreich. Schöpfe Muth und Hoff⸗ nung aus dieſem Bilde. Roſen und Nelken gibt es nicht mehr, ſetzte ſie dann raſcher hinzu, Lilli hätte Dir ſonſt die beſten gepflückt, denn Du ſiehſt ſo ſchön aus und ſo lieb, und der Vater Walter hätte es gewiß er⸗ laubt, denn er iſt ſo gut wie Keiner mehr.— Traulich ſchmiegte ſich dabei die Kleine an des daneben ſtehenden Walters Hüfte. Sowie die Stimme des Kindes ertönte, ging ein Schauder über Apollonia's Glieder hin, ſie umfaßte das pübſche Mädchen, und drückte ihren Mund auf ſeine reine Stirn. 348 Glückliches Kind! ſeufzte ſie wehmüthig, das im Hauſe der Liebe aufwuchs und die Welt nicht ſah. Möge dieſer Garten, möge der Eltern Haus ewig Deine Welt bleiben, und mögeſt Du nimmer nach einer anderen verlangen!— Lilli hatte es nicht immer ſo gut; Lilli hat auch oft geweint, wie Du, antwortete die Kleine.— Sie iſt eine Waiſe, ſagte der Doktor, den fragenden Blick be⸗ friedigend, den Apollonia zu ihm aufſchlug.— So ſind Sie der Schutzengel jedes verlaſſenen Weſens! rief dieſe aus mit beſonderer Wärme. O guter, glücklicher Menſch, dem ein fleckenloſes, geregeltes Leben vom Schickſale beſchieden wurde. Wie werden alle ihre Geretteten Ih⸗ nen danken können?— Und trägt eine ſolche Minute nicht den Kranz des Lohnes unverwelklich für das längſte Menſchenleben? entgegnete Walter in Bewegung. Apollonia, nehmen Sie die gewonnene Lebenskraft ganz zuſammen! Schauen Sie vertrauend auf zu dem Vater aller Menſchen! Er iſt verſöhnt, er hat verziehen den Reuigen! Die Nacht liegt hinter Ihnen mit ihrer Furcht und ihrem Schrecken, der Tag des neuen Frühlings beginnt. Spricht Ihr Herz nicht? Ahnet die Seele nichts von höchſter Freude, welche rein iſt und beglückend wie Himmelslicht?—— Apollonia ſah ihn mit ſtarren, ſich vordrängenden Augen an; Walters Mutter umfaßte ſanft und mit ſtil⸗ lem Weinen die bewegte Frau. Da zog der Doktor das grüne Seidentüchlein weg von des Kindes Nacken und Bruſt, und auf derſelben ſchimmerte zwiſchen den ſchwar⸗ zen Locken das ſilberne Kettchen mit dem Kreuze von Ebenholz und dem weißen Herzen, welches den Bluts⸗ tropfen einſchloß. Einen Schrei ſtieß Apollonia aus; ſie —————————— — — 349 erkannte, wie es der Doktor gehofft hatte, das Kreuz als ein Kleinod, welches auch ſie als Kind getragen hatte, und das in den Händen der Großmutter zurück⸗ geblieben war. Walter! ſtammelte ſie, beide Hände nach der zurück⸗ weichenden Kleinen ausſtreckend. Walter! Iſt es? O täuſchet mich nicht! Sprechet! Fürchtet nichts! Nein, ich ſterbe nicht an dieſer Freude!— Glückliche, nimm Dein Kind! rief Walter da, indem er Lilli ergriff und in Apollonia's Arme trug. Dieſe iſt Deine Tochter! Lilli, das iſt Deine Mutter.— Eine wortloſe Pauſe entſtand, in welcher nur die Seelen ſprachen. Apollonia konnte nicht aufhören, das Kind mit Küſſen zu bedecken, oder mit überfließenden Augen ſeine klaren Züge zu betrachten, indem ſie es von ſich rückte, und mit den Blicken entzückter Mutterliebe das liebe, neue Bild einſog. Alſo Du biſt nicht geſtorben? fragte Lilli freudig. O wie hat das der liebe Gott gut gemacht! Oder hat Herr Walter auch das gethan? denn der kann und weiß ja Alles. Und Du biſt ſo gut und haſt mich ſo lieb. Nun hat ja Lilli Alles wieder auf der Welt: Mutter und Vater und Großmutter!— Apollonia riß mit der Linken die Tochter an das beklommene Herz, dann um⸗ ſchlang ſie plötzlich mit der Rechten Walters Schulter, zog ihn mit unerwarteter Kraft zu ſich herab, und drückte ihren ſchönen, weichen Mund feſt und warm auf ſeine Lippen. Hohe Glut überflog das Antlitz des jungen Mannes, aber ſchnell beſonnen, und nach einem Mittel haſchend, die ſtürmiſche Freude zu dämpfen und unſchäd⸗ licher zu machen, ſagte er mit ſichtlichem Zwange: Meine Freundin, Ihre Lilli fordert den Vater.— 350 Das Wort wirkte erſchütternd auf Apollonia wie der unerwartete Blitzſtrahl, der in einem Hochzeitſaale die Tänzer auseinander wirft. Der Ausdruck des höchſten Vergnügens, mit welchem ihr ganzes Madonnengeſicht übergoſſen geweſen, verwandelte ſich ſchnell wieder in den Ausdruck des Schmerzgefühls einer Ariadne, durch welchen ſogar ein feiner Schattenſtrich der Furcht hin⸗ lief. Lilli's Vater? fragte ſie bebend. Iſt er Bne Wo iſt er?— Scheu irrten ihre Blicke in den palbentblůtterten Buſchgruppen und Lauben des Gartens umher. Der Schrecken und die Furcht ſchien von der Mutter ſogar auf das Töchterchen überzugehen. Hat denn Lilli noch einen Vater? fragte die Kleine furchtſam. Walter, Du haſt ja verſprochen, immerfort Lilli's Vater zu bleiben, und Lilli will keinen andern Vater mehr.— Ihr Gemahl iſt aufgefunden, meine Freundin! ſagte der Doktor. Aber Ihnen bleibt Zeit ſich zu ſammeln. Er weiß noch nichts von Ihrem Hierſein; er iſt nicht in der Nähe. Sie ſelbſt ſollen beſtimmen, wann er ſeine höchſten Güter wieder empfangen ſoll aus meiner Hand.— Iſt denn der Vater ſo bös, daß er Dich weinen macht, Mutter? fragte Lilli kindiſch dazwiſchen, mit der weichen Hand Apolloniens Wange ſtreichelnd. O, dann laß ihn, wo er iſt; wir haben ja die Großmutter und Walter, und der Gärtner hält die Gartenthür ver⸗ ſchloſſen, da wird er uns nicht finden.— Die höchſten Güter? Seine höchſten Güter? ſprach Apollonia gedan⸗ kenvoll. Wären wir das, warum hätte er uns denn von ſich geſtoßen? Warum hätte er denn nicht längſt ſeinem Kinde nachgeforſcht, ſeitdem er in dieſe Gegend 351 kehrte? Alles Leid, was er mir gab, würde ich vergeſ⸗ ſen haben, hätte er ſelbſt dieſen Söhnungsengel zwiſchen uns getragen. Der Tag des neuen Frühlings iſt nicht ganz hell, mein Freund, noch dräuen Stürme und wer⸗ den losbrechen; ich ahne das in meiner Seele Tiefen. Aber ich bin nicht mehr allein; ich habe ein heiliges Polladium an meiner Bruſt, und werde den neuen Sturm kräftiger beſtehen können.— Sie drückte bewegt rund⸗ um die Hände der befreundeten Weſen, und Walter, der beſonnene, feſte Walter war von Allen ſichtlich der Ergriffenſte, und konnte die Erſchütterung ſeines Weſens kaum den Blicken ſeiner Mutter verbergen, welcher man anſah, wie verwundert ſie über die ungewöhnliche Be⸗ wegung des Sohnes war.— Sie ſollen zurück auf das Ruhebett, Apollonia; ſagte er mit Beſorgniß. Wir Alle folgen, auch die Mutter mit dem Kaffeebrett. Ich fürchte für Ihre geſchwächten Nerven.— Fürchten Sie nichts, Walter! antwortete die ſchöne Frau mit ſanfter, lieblicher Stimme, der man ihr Wohlbefinden anhörte. Mehr wie alle theuere Arzneien hat dieſer Freudenbecher, durch Ihre Hand gebracht, mich geheilt. Ich fühle mich ſo wohl, ſo ruhig, wie in den ſchönſten Tagen meiner Jugendzeit. All mein Sehnen iſt getilgt, all das Bren⸗ nen in meinem Herzen iſt gelöſcht, ſeit ich dieſes Kind beſitze, ſeit der Durſt der Mutterliebe geſtillt wurde. Ich wünſche nichts mehr, ich möchte unter den breiten Aeſten der Linde dort mir ein Einſiedlerhäuschen bauen laſſen, und darin wohnen mit meiner Lilli bis zum Tode. Meine kunſtfertigen Hände ſollten mich und die Herzens⸗ tochter ſchon ernähren. Dann könnte ich die Wohlthaten, die Sie auf mich ergoſſen, vielleicht belohnen durch kind⸗ liche, herzige Pflege Ihrer Mutter, und, Walter, Ihre 352 Freundſchaft würde genug der Freuden unter mein Hüt⸗ tendach tragen. O ich fürchte ſeit dieſer ſeligen Stunde alles Neue, allen Wechſel, den ich bis dahin ſo raſtlos ſuchte. Mein Leben hat ein Ziel, einen Zweck gefunden, und das iſt es ja, was der Menſch ſuchen ſoll und nichts darüber. Ich bin eine glückliche Mutter, und Walter, ich bin es durch Sie!— Eine Krankenbotſchaft rief den Doktor, und die Stö⸗ rung kam dem verwirrten, durch und durch erhitzten Manne nicht unerwünſcht. Apollonia drückte ihm herz⸗ lich die Hand, ehe er ging, und ſah ihm tief und feſt in das unruhige Auge. Gehen Sie mit Gott! ſagte ſie dazu. Ihr Beruf iſt ein göttlicher, und hier laſſen Sie Geſunde und Zufrie⸗ dene zurück.— Gedenken Sie Ihrer Pflichten, antwor⸗ tete er faſt zerſtreut, das Kind fordert einen Vater und ſein Erbe.— Apollonia beugte ſich heftig über die Kleine nieder; er eilte dem Rufe nach, und die drei weiblichen guten Weſen ſaßen unter traulichen Geſprächen, bis die Sonne, bleicher und ſchräger die Strahlen ſendend, die Weinblätter beſtrich, und kühler der Wind mit den Ran⸗ ken der Laube ſpielte.— 8. Mehre Tage waren verlaufen, welche die kleine Ko⸗ lonie des Doktors benutzt hatte, um von dem Garten in ſein Erbhaus zu ziehen, das faſt mitten in der Stadt am baumumpflanzten Marktplatze lag. Der Strom der Gefühle floß wieder ruhiger in ſeinem ſchönen Gaſte, das Gleichgewicht zwiſchen Geiſt und Körper war her⸗ geſtellt; Apollonia hatte ſich mit der Wirklichkeit und mit ſich ſelbſt verſöhnt, und gab mit vertrauendem Gemüth 353 es zu, auch das letzte Mißverhältniß ihres Lebens zu löſen, raſch zu löſen; und auf feſten Gewinn oder ewi⸗ gen Verluſt ſchien ſie gleich gefaßt. Auf jenem Kaffeehauſe, welches wir mit unſerm Hel⸗ den ſchon im zweiten Kapitel beſuchten, fand Walter den Colonel und den Baron; auch jener junge Bürgersmann fehlte nicht, ſaß aber im fernſten Winkel mit einem Klee⸗ blatte ſeiner Landsleute, in ein flüſterndes, verſtecktes Geſpräch verſtrickt, deſſen Inhalt freudiger und heftig⸗ erregender Art zugleich ſein mußte, weil aus dem kleinen Zirkel die Blicke bald hellleuchtend wie Lichtkugeln, bald rothglühend, wie zehrende Wetterſtrahlen auf das Fran⸗ zoſenpaar hervorſchoſſen. Walter grüßte die Landsleute freundlich, und trat alsdann freimüthig zu den Landesfeinden, wie es der Zweck erheiſchte, der ihn, ſie hier zu ſuchen, herein trieb. Der Baron dAuterive redete ihn ſogleich an, und erkundigte ſich mit der Leidenſchaftlichkeit des Süd⸗ ränders nach Walters Buſenfreunde, dem Forſtmeiſter von Hahn. Der edle, deutſche Herr, ſetzte er hohnlächelnd hinzu, hat durch ſeine Reiſe, die einer Flucht gleicht, wie das Ei dem andern, mir die Satisfaktion verweigert und ſeinen Leib klüglich vor meiner Degenſpitze ſalvirt; in⸗ deß bin ich gar gleichmüthig dabei, ſeit ich hörte, daß er ſich dem Rebellencorps an der Elbe angeſchloſſen. Die flinken Voltigeurs des tapfern Marſchalls Davouſt wer⸗ den dort ſchon für meine Genugthuung ſorgen. Bei dem lautgeſprochenen Namen jenes Landvogts und Zwingherrns der Hamburger entſtand ein Murren unter den jungen Bürgern, wie man in den Bienen⸗ körben hört, ſobald die jungen Schwärme ſich zum Blumenhagen. VII. 23 354 Ausfluge rüſten; Walter aber, der nichts weniger ſuchte als gefährliche Händel und bitteres Wortgefecht mit dem Gemahle ſeiner Freundin, lenkte das Geſpräch auf d'Au⸗ terive's Lieblingsthema. Er erzählte nämlich, wie er ihn abgelöst in dem Krankenzimmer der Fräulein von Schöll, und lobte zugleich Mouniers Wiſſen wie ſeine myſtiſche Gewalt. Dieſer, im Wahne, einen andächti⸗ gen Schüler gefunden zu haben, ließ ſich ohne Wider⸗ ſtand in das Garn locken; er verbreitete ſich in wort⸗ reicher Deklamation über den Magnetism, und ſchalt dabei tüchtig auf die deutſchen Gelehrten, die ſich zwar mit begieriger Hand alles Ausländiſche anzueignen ſuch⸗ ten, aber nicht den Spiritus, ſondern nur das Phlegma benutzten, und auch das Ueberirdiſche wie eine Kuh be⸗ trachteten, die ihnen Milch geben müßte für das Haus. Mit hohen Phraſen pries er alsdann die Genialität ſei⸗ ner Landsleute, und zuletzt ſich ſelbſt als den Beſitzer der tiefſten Geheimniſſe der Roſenkreuzer und aller vier⸗ zig Grade der Ritter des Lichtes. Aufmerkſam hörte der Doktor ihm zu, machte jedoch zuletzt leichte Ein⸗ würfe gegen die Untrüglichkeit des Eindrucks der mag⸗ netiſchen Kraft auf jeden Körper; nicht bei allen würde die Naturkraft des Barons ſolch einen fruchtbaren Bo⸗ den finden, wie bei dem reizbaren, ſchwärmeriſchen und hochgebildeten Fräulein von Schöll, nicht bei Allen ſo wie da in geringer Zeit Schlaf oder gar Hellſehen und Ekſtaſe zu erſchaffen vermögen. Der Baron erhitzte ſich, erzürnte ſich, da ſelbſt der Colonel Walters Meinung beitrat, und ging zuletzt mit Beiden eine Wette ein, jedes menſchliche Geſchöpf, ſei es ein ſchnurrbärtiger Gre⸗ nadier oder ein zartes Balldämchen, binnen einer Stunde durch ſeine geheime Behandlung in den magnetiſchen eetee 355 Schlummer zu ſtreicheln, ja ſogar zu prophetiſchen Ora⸗ kelſprüchen zu zwingen. Ein üppiges Abendeſſen, dem der Champagner nicht fehlen ſollte, von allen Dreien bei dem Schweizerwirthe verzehrt, wurde als Preis der Wette feſtgeſetzt.— Der Abrede gemäß ſtellten ſich die beiden Franzoſen an demſelben Nachmittage in des Doktors Wohnung ein, der ſie in ſeinem Studirzimmer freundlich empfing und gaſtlich bewirthete. Monſieur dAuterive wurde bald ungeduldig, und fragte, ob der Gegenſtand, an dem er ſeine Meiſterſchaft beweiſen ſolle, nicht erſcheinen würde?— Alles iſt im Nebenzimmer bereitet, antwortete der Doktor. Das Gemach iſt eingerichtet, wie es die ge⸗ heime Wiſſenſchaft vorſchreibt. Kein Geräuſch von außen wird ſtören, die herabgelaſſenen Fenſtervorhänge laſſen nur ſtille Dämmerung ein; Fußſchemel und Lehnſeſſel ſind durch Glasfüße und Harzboden iſolirt. Sie ſollen über nichts Ermangelndes zu klagen haben. Jedoch eine Bedingung iſt von Ihnen zuvor noch einzugehen. Die Ferſon, welcher Sie in der nächſten Minute gegen⸗ über ſtehen werden, iſt eine Dame von Stande, iſt eine Freundin und Pflegetochter meiner Mutter. Sie iſt ent⸗ ſchloſſen, den Verſuch zu wagen, da ſie davon Heilung des bitterſten Uebels, welches das Schickſal ihr zu⸗ theilte, erwartet. Sind Sie der Mann, wie ſie ihn zu hoffen wagt, den ſie längſt vom Himmel flehentlich erbeten, ſo wird ſie mit Hingebung ihr Schickſal ganz in Ihre wohlthätigen Hände legen. Doch bis dahin, vis ſie Ihre ſegnende Einwirkung empfunden hat, will ſie nur verſchleiert ſich zeigen. Das weibliche Scham⸗ gefühl vor fremden Männern muß dieſe Forderung ent⸗ ſchuldigen, und ſelbſt deutſche Aerzte magnetiſirten durch 356 Bettdecken und aus weiter Entfernung.— Die Neube⸗ gier des franzöſiſchen Ritters ward immer geſpannter, und er ging ohne Bedenken und Bedingung ein, prah⸗ lend, auch durch Thür und Wand würde die Donna ſeine Zauberkraft empfinden, hätte er nur ein Mal ſich mit ihr in Rapport geſetzt, und ihr Vertrauen gewon⸗ nen.— Ja, das Vertrauen! ſeufzte Walter tief aus der Bruſt herauf, das möchte hier die Hauptſache ſein.— Und mit zitternder Hand nahm er einen Schlüſſel vom Schreibtiſche, und ſchloß die Thür des Nebenzimmers auf, die drei Herrn traten hinein, und fanden die Ein⸗ richtung der Angabe des Doktors gemäß. Niedergelaſ⸗ ſene blaßgrüne Gardinen warfen ein angenehmes Halb⸗ licht durch das Zimmer; eine pfirſichblütenfarbene Tapete miſchte täuſchend eine Abendröthe dazu; große Gyps⸗ köpfe und ſchöne Porzellanvaſen ſchmückten feſtlich den kleinen Raum; am Fenſter ſaß des Doktors Mutter in ihrem reinlichen Matronenkleide, auf ihrem Schoße die kleine Lilli, die ſich ganz ſtill verhielt, und in der Mitte zeigte ſich ruhend auf dem beſchriebenen Iſola⸗ torio die Dame, und zog des Franzoſen Blicke feſt auf ſich. Man erkannte die hohe, harmoniſch geformte Ge⸗ ſtalt auch in dieſer Lage, wenn auch ein weißes, fal⸗ tiges Morgenkleid ſie wellenähnlich umfloß, und ein langer Spitzenſchleier ſie von dem Scheitel bis zur Hüfte umhüllte, ſo daß nur die zarten, feingeaderten Hände, auf den Knien ruhend, und die zierlichen Füße, auf dem Schemel ſtehend, von den Körpertheilen wirklich ſichtbar blieben. d'Auterive ſah von der Unbekannten auf den Doktor, als erwartete er von dem Munde deſſelben eine Einfüh⸗ rung oder eine Eingangsrede; dieſer winkte ihm jedoch ———— ,—— 357 nur zu und deutete ihm an, das verſprochene Kunſtſtück zu beginnen. Und mit Freude in den finſtern Zügen, mit Augen, aus denen Leidenſchaft, ja faſt Begier blitzte, trat der Baron vor die Dame, und heftete mehre Mi⸗ nuten lang ſeine ſtarren Blicke auf die Gegend des Schleiers, wo man den Glanz und das Leben eines ſchönen Augenpaares durchſchimmern ſah. Unbeweglich hielt die Dame ſein Anſchauen aus. d'Auterive nahm jetzt einen Seſſel und pflanzte ſich ihr gegenüber, und mit ernſthafter, gewichtiger Miene zog er mit der rech⸗ ten Hand drei große Kreiſe über ſie hin, und ſpargirte dann mit ausgeſtreckten Fingern von fern die Stirn bis zum Herzen herab, regelrecht jedesmal den Rückzug des Kreiſes von unten nach oben außer der Sphäre ih⸗ res Körpers vollendend. Der aufmerkſame Walter be⸗ merkte jetzt, wie ein leichtes Zittern ſich über die Glie⸗ der des Frauenzimmers verbreitete, und ſein Geſicht füllte ſich mit dem Ausdrucke der Beſorgniß. Mit bei⸗ den Händen begann jetzt der Magnetiſeur die vagirende Manipulation, berührte dabei leiſe die Stirn, und fuhr alsdann zu den Händen der Dame nieder, faßte dieſe ſanft und die doppelte Pugnalmanipulation vollziehend, drückte er ſeine Daumen gegen die ihrigen. Einen grel⸗ len Laut, wie von innerm Schmerz geboren, ſtieß die Unbekannie hervor; wie vom Schlage des Krampfaals berührt, zuckte ſie zuſammen und ſtieß zugleich ſeine Hände ſo heftig zurück, daß er ſelbſt erſchreckt aufſprang und zurückweichend ſeinen Seſſel fortſchob. Das ſchöne Frauenbild erhob ſich jetzt langſam, und als die Dame gerade aufgerichtet vor ihm ſtand, zog ſie bedächtig mit beiden Händen den großen Schleier bis zu dem Geſicht herauf, und warf ihn dann raſcher über das dunkle 358 Lockenhaupt zurück. Apollonia ſtand da im Glanze ihrer Schönheit, die durch die Bläſſe der Wangen nur reizen⸗ der und dem Herzen gefährlicher ſich darbot, wie die Mondſcheinlandſchaft auf das Auge wohlthätiger einwirkt und die Sinne ſchneller öffnet. Der Baron glich einer Statue; alles Leben entfloh aus ſeinem Geſichte und aus ſeinen Augen, bis Apollo⸗ nia's Mund ſich öffnete, aber in Wehmuth nur einen Seufzer gebar, und dabei mit ſprechender Geberde die Hand ausſtreckte nach dem Gemahle. Da fackelte eine dunkle Glut hinauf über das Antlitz des Mannes, heftig drehte er ſich um gegen den Doktor und rief erbittert: Wer hat es gewagt, mit mir Komödie zu ſpielen?— Walter ſah ihn mit feindlichen Blicken an und entgegnete mit feſtem Tone: Frohe Ueberraſchung hieß das Feſt⸗ ſpiel; ſollte der Ueberraſchte der Feſtgabe nicht werth ſein?— Der beſonnene Colonel, ein Unheil fürchtend, trat ſofort zwiſchen Beide; unwillkürlich fiel ſeine linke Hand auf den goldenen Säbelgriff, und mit bedeutendem Tone, in welchem ein Hauch von Verachtung vorwehete, ſagte er: Liegt es doch allein in Eurem Willen, d'Auterive, Tragödie oder Luſtſpiel daraus zu machen. — Unwillig wandte ſich dieſer wieder von den Män⸗ nern, und fragte heftiger noch: Und wie kommt Madame hieher?— Gehört die Frau nicht zu dem Ehemann? entgegnete Apollonia ſanft.— Zu Paris konntet Ihr mich erwarten, fiel der Mann ihr hitzig ein. Eine treue und ſittſame Frau reiſet nicht ohne Geleitsmann durch die kriegbewegte Welt.— Karl, fuhr ſie fort mit mildem Vorwurfstone, haſt Du vergeſſen, wo Du mich verließeſt? die Reiſe durch ——————— ———— ————— 359 die ſpaniſchen Gebirge, durch die flüchtigen Banden der Guerillas war gefahrvoller für Leben und Frauenehre als die Fahrt durch Provinzen, die dem franzöſiſchen Zepter unterthänig oder verbündet waren. Und ſollte ich ruhig ſitzen in der bewegten Kaiſerſtadt, wo ich keine Nachricht fand von Dir? In Polens Wäldern, in Rußlands verderblichen Steppen hätte ich Dich auf⸗ geſucht, denn Du konnteſt ja meiner bedürfen. Du konnteſt verwundet, konnteſt gefangen ſein unter Frem⸗ den, unter rohen, feindlichen Horden. Hat treue Frauen⸗ liebe ſolchen Dank verdient? Und iſt das all mein Erſatz für namenloſes Leid, Angſt um Dich, und für alle jene Entbehrungen, die vielleicht kein Weib der Erde ſo er⸗ duldete, wie ich?— Madame ſcheint wohl conſervirt, und es fehlt nichts an ihrer Umgebung! warf faſt höhniſch der Franzoſe ein, mit leichtfertiger Geberde den Sinn der Worte verſtär⸗ kend. Das iſt nicht Dein Verdienſt! antwortete Apollonia mit höherer Stimme und Würde. Eine fromme ſpa⸗ niſche Aebtiſſin und die edle deutſche Familie, unter deren Dache wir ſtehen, ſind die Himmelsboten gewe⸗ ſen, die den Glauben an Menſchlichkeit unter Menſchen einer Verlaſſenen erhielten. Karl, ich ſtehe vor Dir, Vergeſſenheit und Vergebung darbietend; nein, Du biſt nicht ſchamlos genug, vor dieſen Zeugen Deine Menſch⸗ lichkeit zu verläugnen.— Die ſchöne Frau ſank erſchöpft auf den Seſſel zurück; an dAuterive's zuckendem Munde und Händen ſah man den inneren Kampf; endlich nahm er ſich zuſammen. Aber wie kommſt Du in dieſes deutſche Haus? ſtieß er hervor. Wie zu dieſem jungen, unvermählten Hausherrn, Du⸗ die ſo Vieles zu vergeſſen und zu vergeben hat?— 3 à 1 5 360 O, Retter meines Lebens, Bewahrer meines höchſten Schatzes, rief Apollonia zu dem Doktor gewandt und die Hände ringend, höre die verbrecheriſchen Schmäh⸗ worte nicht! Er iſt ſinnverwirrt vom Schreck der Ueber⸗ raſchung.— Jetzt aber näherte ſich die Matrone, Walters ehrwürdige Mutter, feierlich, und trat zwiſchen das ſeltſame Gattenpaar. Mein Herr, ſprach ſie mit Würde, ſelbſt in der feinen, altersſchwachen Stimme die ſchla⸗ gende Kraft der Wahrheit und Tugend übend; ich kenne Sie nicht, weiß nicht, wie es Sitte iſt in Ihrem geprie⸗ ſenen Frankreich. Aber ſechzig Jahre der Erfahrung haben mir im guten, deutſchen Lande den Schmerz er⸗ ſpart, einen pflichtvergeſſenen Mann ſo der beleidigten Frau gegenüber zu ſehen. Sie ſind Herr, Sie müſſen mit dem gerechten Gott abmachen, was Sie thaten, aber im Hauſe meines rechtſchaffenen Vaters dulde ich keine Beleidigung, die meinen Sohn trifft, der ehrlich iſt wie ſeine deutſchen Großväter. Meine Stunden ſind gezählt, meine Schritte zur Gruft gemeſſen, und ſo wahr ich bald vor dem ewigen Richter gnädig empfan⸗ gen zu werden hoffe, ſo wahr wünſche ich jeder Mutter einen ſolchen Sohn, und jeder Jungfrau einen ſolchen Erwählten.— Der Baron wankte und ſchlug die bren⸗ nenden Augen zum Fußboden nieder; da ergriff der Colonel, wie außer ſich, die kleine Lilli, und hob das Kind hoch in die Luft vor dem Vater. Menſch, rief er, bei dem heiligen Namen Gottes, ich dulde es nicht, daß auch Du den franzöſiſchen Namen beſchimpfſt vor deutſchen Augen, Du, der mich Freund nennen durſte. Wahnwitziger! die Güte des Himmels hat unverdient allen Segen auf Dich herabgeſchüttet, und Du ſtößeſt frevelnd die Güter von Dir, nach denen der beſte der 361 Erdenſöhne ringen würde mit Herzblut und höchſtem Opfer! Mache mich nicht glauben, der Satan gehe noch lebendig herum unter den Menſchen, und habe Luſt daran, ſie zu verderben. Menſch, ſieh dieſen klei⸗ nen Engel an! Fühlſt Du nicht Dein gefrorenes Blut zu Feuerflammen werden? Erkennſt Du Dein Leben nicht in den Zügen dieſes frommen Lammes, das Du mit dem tödtenden Gefühle vergifteſt, ſeinen Vater, den es zum erſten Male erblickt mit Abſcheu betrachten zu müſſen? O, mein Gut in der Provence, dieſen Orden, alle die Ehre, die ich mit zwölf Wunden erkaufte, gäbe ich hin, würde mir eine ſolche Tochter von einer ſolchen Mutter gebracht!— Die Empfindung überwältigte auch den ſtarken Soldaten, und er mußte das Kind nieder⸗ ſetzen, welches ſich ſogleich in den Schooß der Mutter flüchtete und ſtammelnd fragte: Iſt das der Vater? Aber er iſt nicht freundlich und freut ſich nicht über uns.— Da brach das harte Herz des durch zügelloſes Leben und ein falſches Syſtem des Lebensgenuſſes verwilderten Mannes vor dem Klange der Stimme, die wie zürnen⸗ der Gottesruf alle ſeine Nerven durchſchütterte. Seine wildrollenden Augen blickten ſanfter hin, er beugte ſich nieder, ergriff das Kind und zog es zu ſich her. Eine Tochter? fragte er mit brechender Stimme. Meine Toch⸗ ter? Colonel, iſt es denn wirklich ſo?— Fragt die Mutter und den ehrlichen Doktor hier, antwortete der Gefragte mit dem Tone der Bitterkeit; Beide ſehen nicht aus wie Komödianten, und die Kleine ſpricht nicht wie ein abgerichteter Papagei.— Da ſank d'Auterive in die Knie, preßte das Kind heftig an ſich, und reichte, ſein Geſicht in die ſchwarzen 362 Locken des Kindes wie aus Scham verbergend, Apollo⸗ nien die Hand, die ſie in ſtürmiſcher Freude mit beiden Händen umſchloß. Er iſt ein Menſch, flüſterte Wal⸗ ter, und ich faſſe Vertrauen zu ihm.— Der Colonel ſchüttelte faſt unmerklich das Haupt, aber wie die Anderen ſah auch er mit wehmüthigen Blicken auf die Gruppe.— g. Der erſte Tag des Oktobermonats erſchien mit um⸗ wölktem Himmel und kalten Regengüſſen. Die Bürger der Hauptſtadt hatten in der Nacht eine beſondere Un⸗ ruhe in den ſeit der verringerten, feindlichen Garniſon öden Gaſſen bemerkt, und vorzüglich ſolche, welche dem ſüdlichen Thore näher wohnten, wollten durch das Herein⸗ ſprengen jagender Reitersleute mehrmals in ihrer Ruhe geſtört worden ſein. Kaum daß der trübe Morgen dämmerte, trieb der die Straßen durchhallende Trommelſchlag, Neubegier und geſpannte Erwartung viele der jüngern Einwohner aus den Häuſern, und ihr Erſtaunen wuchs mit jedem Schritte, indem ſie alle Wachen, die an dem eben ge⸗ nannten Thore ausgenommen, von dem Fußvolke ver⸗ laſſen fanden, das einzige Regiment Schützen, welches ſeit einigen Monaten die Beſatzung vorſtellte, auf dem Paradeplatze mit Torniſtern beladen und den grauen Mänteln behangen, aufmarſchirt ſtand, und bald der commandirende Offizier die ganze Mannſchaft im Ge⸗ ſchwindſchritte zum weſtlichen Thore hinausführte. Der Ausgang nach der ſüdlichen Himmelsgegend blieb jedoch mit einem Piket Kavalleriſten beſetzt, meiſt aus Re⸗ convalescenten aller Reiterarten zuſammengeſtellt, die ℳ———— —,— 363 hinter dem geſchloſſenen Gatter Poſten zu Pferde mit dem Karabiner auf dem Sattelknopfe aufgeſtellt erhielten. Gleich einem kriegeriſchen Lauffeuer durchlief dieſe Poſt die Häuſer der Stadt, und erregte vom Marmor⸗ palaſt des Großen bis zur Holzhütte des Taglöhners gleichen, freudigen Enthuſiasmus. Es iſt etwas Ausgezeichnetes, etwas Herrliches ge⸗ ſchehen! flüſterten ſich die Begegnenden zu, und drückten ſich feſt die deutſchen Hände. Oeffentlich ſah man, wie ernſte Freunde auf einander trafen, ſich in die Arme fielen und Herz an Herz preßten. Hoffnung! rief der Eine. Freiheit! antwortete der Andere, als Loſungs⸗ wort des ſtillen deutſchen Bundes, und freudig gingen ſie alsdann auf ihren Geſchäftswegen hin. Junge und alte Politiker, vom Zinngießer Bräme, Friſeur Mehl⸗ ſtaub und Conſorten bis zum deutſchen Sülly und Lou⸗ vois, ſah man den Klubbhäuſern und Kaffeeſchenken zuſtrömen, um dort der lang verſchloſſenen Bruſt die entbehrte Luft zu geben und die gefeſſelte Zunge von jahrelanger Pein zu erlöſen, und nirgend ließ ſich ein rother Federbuſch von dem verhaßten Gendarmecorps vlicken, nirgend ſtörte der klirrende Stiefelſchritt dieſer rieſenlangen Spione wie ſonſt den Ausbruch der deut⸗ ſchen Fröhlichkeit. Was iſt denn vorgefallen? Hat der Kaiſer eine Schlacht verloren? Iſt Hamburg befreit? Iſt die Elbe offen? fragte ein bleicher, hagerer Kauf⸗ mann jenen koloſſalen Bürgersſohn, den wir ſchon kennen.— Laßt nur Büchſen kommen vom Harz und Klingen von Solingen, rief der Gefragte mit glühenden Backen, ſie werden abgehen wie warmes Semmelbrod, und dieſe eine Spekulation erſetzt euch den Schaden der langen Sperre. Bis Nachmittag müſſen auch wir Botſchaft haben von den Freunden an der Grenze. Geduld bis dahin, und ein Glas mit altem Johannisberger gefüllt, das wir trinken auf die Geſundheit des Königs, den wir lieben und der uns liebt!— Der magere Mann zog ſich, ſcheu nach dem Fenſter blickend, aus dem gefüllten Gaſt⸗ zimmer zurück; aber ein Kreis muthiger Jünglinge ſtieß klingende Gläſer zuſammen, und ſprach mit heiliger Glut laut den geehrten Namen des Beglückers ihrer Väter aus.— Ein Huſar erſchien Mittags vor dem verſchloſſenen Thor, ward eingelaſſen, und ſpornte ſein ſchweißbedecktes Polenpferd im Trabe durch die Hauptſtraße, wo Haufen der Einwohner verſammelt ſtanden, die kein Gendarme, wie vordem, auseinander zu treiben wagte. Vor dem Hauſe des Präſidenten von Schöll hielt der erhitzte Kurier, begleitet von einem Gefolge muthwilliger Gaſſenbuben, und gab ſeine Depeſche an den Colonel Lambert ab. Bald ſah man dieſen im vollen Krieger⸗ ſchmucke durch die Straßen dem Stadthauſe zueilen, wo der Magiſtrat verſammelt war; aber umſonſt forſchten die Bürger auf dem Geſichte des ſtattlichen Mannes nach Spuren der Beſtürzung und der Furcht, und da er wie ein Sieger nach der Schlacht, in ſeiner männlichen Schönheit unbekümmert die hohe Steintreppe des Rath⸗ hauſes hinanſtieg mit klirrenden Kriegerſchritten, erkältete ſich der voreilige patriotiſche Enthuſiasmus bei manchem der Umſichtigern. Nicht lange nachher tönte die Tuba des Reitertrom⸗ peters an allen Gaſſenecken, Küraſſiere und Huſaren und Jäger ſprengten einzeln von den Marſtällen heran und ſammelten ſich vor dem Schöll'ſchen Palais, und ſelbſt — traueten Kaſſe nichts entziehen laſſen.— Ihr müßt Eure 365 die Wache des Süderthors zog ab von dem verſchloſſe⸗ nen Gatter, überließ dem Unſichtbaren die Beſchützung, und marſchirte zu dem Quartiere ihres Oberſten. Des Colonel Lambert ſchwarzes Schlachtroß ward vorge⸗ führt, und er ſelbſt trat in die Säulenpforte, auf dem Haupte den goldenen Helm mit dem mächtigen Roß⸗ ſchweife, umgürtet mit dem gewaltigen Schwerte, und auf ſeinen Ruf ordneten ſich die hundert Reiter nach ihren Waffen und bildeten zwei ſtattliche Linien. Da trat der Baron Mounier d'Auterive heran mit Eile. Auch Ihr zieht ab, Colonel? fragte er mit Verwunde⸗ rung. Der Oberſt trat mit ihm auf die Hausflur zu⸗ rück, indem er die großen Stulphandſchuhe über die tapferen Hände zog. Ich habe Ordre, antwortete er, und ich rathe Euch freundſchaftlich, mir mit möglichſter Schnelle zu folgen. Ihr ſeid hier keinen Tag mehr ſicher, und ſetzt Euch, wie Eure Familie, der Mißhand⸗ lung aus.— Und was hat ſich ereignet? fragte Jener beſtürzt. Kaſſel iſt verloren, flüſterte Lambert; vorge⸗ ſtern iſt Czernitſchef mit ſeinen Koſaken erſchienen und hat das junge Königreich in die Luft geſprengt, der König, die Miniſter ſind geflüchtet, der tapfere Allir hat die Stadt nicht halten können. Mainz iſt der Sam⸗ melplatz der königlichen Truppen, von dort gehen die Operationen, wenn Gott will, wieder vorwärts. Folgt mir dahin, aber ſäumet nicht, und wen Ihr von ein⸗ zelnen Militärs auf dem Wege findet, den nehmt zu Eurer Bedeckung, und weist ihn dort zum Hauptquar⸗ tiere.— Ein Geldgeſchäft bindet mich noch, in wenigen Stunden kann es abgemacht ſein, entgegnete d'Auterive, gedankenvoll zum Boden ſchauend; ich kann der mir ver⸗ 366 Pflicht kennen, erwiderte Lambert abbrechend. Indeß iſt Leben und Freiheit mehr als Gold, und der König ſelbſt hat dazu das Beiſpiel geliefert. Noch einmal, ſäumet nicht, denn dieſer Tag iſt kein ſo freundlicher, als jener Sonntag des Roſenmondes, an welchem uns Mortier hereinführte und ich auf dieſem Platze vor meiner ſchönen Elitenſchwadron mit ganz andern Gedanken paradirte. Die Zeit hat ſich gewandelt und der Menſch iſt Sklav der Zeit.— Und bleibt doch das Corps der Gendarmen hier, warf d'Auterive ein, hundert dieſer bürgerlichen Lämmer ſchüchtert ein rother Federbuſch in den Stall zurück.— Der Colonel zuckte die Achſeln, nahm Abſchied von dem Landsmanne, und beſtieg ſein ſtarkes Roß. Die Trompete erklang, alle Waffen klirrten auf einmal, das Commandowort ertönte, und die Reiter ſchwenkten ſich in Zügen zum Abmarſche.— Auf den Geſichtern aller Zuſchauer las man eine geheime und doch unverhehlte Freude; in dem Hauſe des Herrn von Schöll vernichtete jedoch ein ganz unerwar⸗ tetes Ereigniß die patriotiſche Theilnahme an derſelben. Der Colonel hatte ſich in ſeinem Quartier beſtändig wie ein ernſter Kriegsmann gezeigt, der den Krieg als ein unvermeidliches Uebel anſieht, und das freie Soldaten⸗ leben nicht als gewünſchte Gelegenheit betrachtet, alle Lüſte zu entzügeln. Er hatte ſich die Achtung ſeiner mehrmaligen Wirthe zu gewinnen gewußt, und der Ab⸗ ſchied von ihnen war darum faſt ein ſchmerzlicher ge⸗ worden, und Alle ſtanden am Fenſter, der Präſident, die Mutter und das völlig hergeſtellte Fräulein Julie, nebſt dem Doktor Walter, deſſen Freundſchaft der redliche gerade Sinn dieſes feindlichen Kriegsmannes gleichfalls gewonnen hatte. Eine Viertelſtunde zuvor hatte den 367 Doktor ein Geräuſch in Henriettens Krankenzimmer und an das Bett derſelben gelockt. Er fand ſie ſchlummernd, wie ſie immer in der Stunde that, worin einſt des Ba⸗ rons Experimente auf ſie eingewirkt hatten, aber ihr Schlaf war heute unruhiger. Sie ſprach darin Worte ohne Zuſammenhang und ohne Sinn, wenigſtens für den horchenden Arzt.— Der Stundenzeiger rückt, flüſterte ſie. Jetzt! da iſt die Zeit.— Leonore fuhr um's Morgenroth— Siehſt Du, wie der Rappe ſcharrt?— Nimm die Braut mit, Bräutigam!— Du ſchüttelſt den Kopf? Es ginge nicht?— Sie kommt nach! Ja, ja, die Todten reiten ſchnell!— Zu einem Lächeln verzog ſich ihr Geſicht bei den letzten Worten, ihr Schlummer wurde feſt und ruhig, und der Doktor verließ ſie, mit dem Gedanken beſchäftigt, wie die Treibhausbildung der Kinder unſerer Jetztzeit dem Geſchlechte der Nervenübel Thür und Thor öffne, und ihrem Wachsthume bis zum tödtenden Auf⸗ ſchießen in kraftloſe, vergelbte Zweige Nahrung biete, und ſo trat er wieder zu dem geöffneten Balkonfenſter, wo die Familie geſammelt ſtand. Die Eskadron zog ab, und ihr wackerer Führer drehte ſich noch einmal um im Sattel, und winkte dem Hausherrn mit geſenk⸗ tem Schwerte einen ehrfurchtsvollen Abſchiedsgruß her⸗ auf. In dieſen Augenblicken hörten die Nachſchauenden mit Schrecken einen ſeltſamen Schmerzeston dicht hinter ſich im Zimmer, und als Alle zugleich zurückblickten, fuhren ſie vor Entſetzen auseinander, denn die kranke Henriette, welche ſeit Monaten mit keinem Fuße ihr Lager verlaſſen hatte, befand ſich dicht hinter ihnen. Wie eine geſpenſtige Erſcheinung ſtand das kranke Mäd⸗ chen da, in ihre rothſeidene Bettdecke gewickelt; ihre 368 Magerkeit verlängerte die Geſtalt ſcheinbar bis zum Ueber⸗ menſchlichen; das bleiche Geſicht war unbeweglich wie eine Marmorbüſte, und die großen, blauen Augen ſtarr⸗ ten dem Reiterzuge nach mit dem ſprechendſten Ausdrucke eines unendlichen Schmerzes. Lambert! rief ſie mit heiſerer Stimme. Lambert! und Alle ſahen ſich verwundert und erſchrocken an. Dann kam das Lächeln von vorhin auf Henriettens Wangen zurück, mit hellem Tone und blitzenden Augen deklamirte ſie die Worte der Braut von Korinth: Die an Dich nur denkt, die ſich liebend kränkt, in die Erde bald verbirgt ſie ſich!— doch die Erde kühlt die Liebe nicht!— ſetzte ſie ſchwächer und mit brechender Stimme hinzu, und ſank mit langſam ſich zuſchließenden Augen in die Arme des Doktors. Die Verwandten ſchrien laut, faßten zu und bemüheten ſich mit Herzensangſt um ſie; man trug ſie auf ihr Bett zurück, aber ſie blieb ſtumm, erſtarrt, erkaltet, todt; Walter verſuchte umſonſt, ſie zu erwecken. — Als der Doktor das entſetzte Trauerhaus nach eini⸗ gen Stunden verließ, ſah er mit ſchmerzlichem Blick zum Himmel auf. Ihr Räthſel des Lebens, wann und wo werdet ihr gelöst? fragte er. O du göttlicher Haller, den kein Mann der Nachwelt erreicht, wohl ſangeſt du recht: Ins Innere der Natur dringt kein erſchaffener Geiſt!— 10. Der Baron Mounier d'Auterive hatte ſeit dem Tage der Verſöhnung eine ſehr räthſelhafte Rolle geſpielt. Zwar ſchien er damals erwärmt für Kind und Weib, und benahm ſich gegen Lilli vorzüglich herzlich; indeß hat er noch an demſelben Abende die Madame Walter, 369 die Seinigen bei ſich zu behalten, da ſein Quartier kei⸗ nen anſtändigen Raum darböte für Alle, und ſetzte ein bedeutendes Mieth⸗ und Koſtgeld für ſie feſt. Wohl kam er in den nächſten Tagen, Apollonia zu beſuchen, trug Confekt und kleine Geſchenke für das Töchterchen in den Taſchen, aber gar weniger Freundesworte und gar kei⸗ ner traulichen Annäherung hatte die ſchöne Frau ſich zu erfreuen, und ſeltſam genug, fühlte ſie ſich nicht da⸗ durch gekränkt und erbittert, wie in vergangener Zeit, ſondern war zufrieden damit, ſich nicht mehr als eine ehrloſe Verſtoßene zu fühlen, und ihr volles Herz in Mutterliebe über das herrliche Kind ausgießen zu dür⸗ fen. Auch an Walter fand eine ſichtbare Veränderung Statt. Er ſchien gehäufte Geſchäfte zu haben, denn er war weit ſeltener zu Hauſe als ehemals, und ſchlief ſogar meiſtentheils in dem Gartenhauſe, unter dem Vorwande, einem bedroheten Kranken ſeines Augenhoſpi⸗ tals immer nahe ſein zu müſſen. Kam er in die Zim⸗ mer der Mutter oder der Madame Mounier, ſo ſchien er zerſtreut, ſeine Rede war herzig wie ſonſt, aber kür⸗ zer, und ſein Umgang befangener, und der Beobachter wenn er ſich unbeachtet glaubte, mit beſonderem Aus⸗ drucke auf der ſchönen Mutter ruhete, indem ſie, herab⸗ gebeugt auf das liebe Kind, das ideale Bild der Chari⸗ tas verſinnlichte.— er früher als gewöhnlich nach Hauſe, erzählte den ſtau⸗ nenden und weinenden Frauen die unglückliche Geſchichte, welche bei Schölls ſich ereignet hatte, und drängte mit ſichtbarer Beſorgniß Apollonien, ihre Koffer zu packen, da ſie noch heute mit ihrem Gemahle abreiſen müſſe⸗ Blumenhagen. VII. 24 ertappte oft ſein ſchwärmeriſches blaues Auge, wie es, An dem Mittage, wo Colonel Lampert abzog, kam 370 Iſt der Feind ſo nahe? fragte die Frau erſchrocken.— Noch weiß man nichts Gewiſſes; noch iſt kein deutſcher Bote zur Stadt herein, antwortete Walter, aber ein Theil der Bürger iſt aus dem Zeughauſe bewaffnet wor⸗ den und beſetzte Thore und Wachen; die reichern Ein⸗ wohner ſind zuſammen getreten, ſchnell eine Bürger⸗ kavallerie zu bilden; das ſind Anzeigen, welche ſagen, wie die Deutſchen ſelbſt den Ausbruch der Volksfreude fürchten. Der Baron muß darum mit Ihnen reiſen in der nächſten Stunde, und ich gehe, ihn zu ſuchen.— Reiſen? Scheiden? Und ſo ſchnell? ſeufzte Apollonia. Werde ich ſolche Herzen wiederfinden auf dem Lebenswege, mein Freund?— Sie reichte ihm die Hand und das Kind ſchmiegte ſich an ſeine Knie. Aber wenn der Papa uns mitnimmt, ſo gehſt Du doch auch mit uns, Wal⸗ ter? fragte die Kleine treuherzig. Sonſt wollen wir hier bleiben bei der Großmutter und Dir, ich und die Mutter. — Der Doktor küßte das Mädchen heftig und zerdrückte eine Thräne in ſeinem Auge mit den Wimpern, und ent⸗ fernte ſich raſch. Gleich nach ihm kam ein Brief von dem Baron, welcher den Seinigen befahl, ſchnell Alles zur Abfahrt zu ordnen und jede Minute ſeinen Reiſe⸗ wagen vor der Thür zu erwarten. Aber der Nachmittag verlief, und kein Baron er⸗ ſchien; es dämmerte und immer noch ſah Apollonia nach dem Wagen vergebens, und ihre Aengſtlichkeit wuchs, da auch Walter ſich nicht ſehen ließ. Sie wußte nicht, daß ſein Diener den Befehl hatte, ihn erſt im letzten Augenblicke des Scheidens von dem Garten abzurufen, wo er in ſehr trüber Stimmung zwiſchen ſeinen natur⸗ hiſtoriſchen Sammlungen kramte, ohne mit der Seele dabei zu ſein, Der franzöſiſche Baron wurde auf andere —, —.———— 371 Weiſe zur Verzögerung ſeiner Abreiſe gezwungen. Der Bankier, von welchem d'Auterive eine bedeutende Summe zu erheben hatte, mußte politiſchen Wind ge⸗ wittert haben und dachte patriotiſch genug, den Abſchluß des Geſchäfts von einer Stunde zur andern hinzuhalten. Dann erſt, als der Franzoſe Ernſt machte und mit einem Gendarmen zurück zu kehren dräuete, überwand die Furcht den Patriotismus des Iſraeliten und er zahlte. So ge⸗ ſchah es, daß nicht früher als mit der einbrechenden Dunkelheit der Wagen vor des Doktors Haus raſſelte, und mit ihm zugleich der Herr eintraf von ſeinem Pari⸗ ſer Burſchen begleitet, der den Regenmantel über dem Arme und die Reiſepiſtolen in den Händen trug. Apol⸗ loniens Koffer wurde aufgebunden; die alte Kammerzofe beſtieg die Kaleſche, um innen einige Schachteln und Bündelchen, ohne welche die Damen nun einmal nicht reiſen können, an das Verdeck zu knüpfen oder ihnen in den Sitzkäſten Platz zu geben, und der Burſch ſtand auf der Hausflur an die Pforte gelehnt, des Herrn Befehle erwartend. Oben im Zimmer dankte der Baron der Madame Walter höchſt artig für die den Seinigen bewieſene Freundſchaft, zahlte in blanken Napoleons für Quartier und Koſt, und legte ein geſiegeltes Päckchen bei als Ho⸗ norar für den Arzt, indeß Apollonia mit bleichen Wan⸗ gen die Kleine in ihr Reiſekleidchen knöpfte, oft dabei nach der Thür ſchauete, und nicht fertig werden konnte. Da tönten harte Schritte die Treppe herauf, und er⸗ hitzt, mit glühendem Geſicht, ſchweißtriefend und athem⸗ los trat Walter in das Zimmer. Sind Sie noch nicht fort, Baron? rief er. Hinunter in den Wagen! Laßt die Pferde peitſchen aufs Blut, hinter den Wällen hin 372 zum nächſten Thor hinaus, dann um die Stadt auf die Straße! Noch iſt nicht Thorſperre, und rufen die Bür⸗ ger Euch an, ſo jagt im Galopp hindurch; Niemand wird Luſt haben, Euch zu verfolgen.— Fliehen? Wir, flüchten vor armſeligen Bürgern? fragte d'Auterive ver⸗ ächtlich. Der Name des Kaiſers ſchützt uns ſchon, mein guter, beſorgter Freund.— Und hätten wir reiſen kön⸗ nen als Undankbare, ohne ein Abſchiedswort? ſetzte Apol⸗ lonia hinzu. Walter ſah ſie mit einem ſchmerzlich glü⸗ henden Blicke an, dann ſprang er an das Fenſter, riß es auf und fuhr zurück. Da habt Ihr's, Baron! rief er wie außer ſich. Es iſt zu ſpät, und Ihr ſeid verlo⸗ ren!— Ein wildes, unangenehm tönendes Gebrüll, welches über den Markt her ſchallte, ſchien ſeine Worte zu beſtätigen und machte die Frauen zu Marmorbildern. Mit der beginnenden Nacht war ein deutſcher Bote in die Stadt geritten und hatte ſprachſelig ſofort der Wache am Thore alle die Ereigniſſe, welche die Reſidenz be⸗ troffen hatten, die Flucht des aufgedrungenen Königs, Czerniſchefs Einzug verrathen, Alles was ſeine Depeſche an den Präfekt und Magiſtrat enthielt. Mehre Bürger geringeren Standes, welche gerade keine Poſten zu beſetzen hatten, liefen in die engeren Stadtquartiere und poſaunten die Freudenpoſt durch alle Gaſſen aus. Man umgab die Sprecher; Weib und Burſch drängte ſich heran, wie eine zerſtörende Schneelawine der Gletſcher mehrte ſich mit jeder Minute der ſchwarze Menſchenball; derbknochige Tagelöhner, die von der ſchweren Arbeit eben heimkamen, kräftige Zunftgeſellen, die von der Werkſtatt zu den Quartieren gingen, dräng⸗ ten ſich an einander und durch einander, und ein Heer halbaufgeſchoſſener Gaſſenbuben umtanzte den großen, —— — — 6 373 dunkeln Kreis wie leichte Völker die Kerntruppen, und ihr Gejauchz und tolles Geſchrei hob die wilde Begeiſte⸗ rung der ernſten Männer zum Rauſche, der ein wirk⸗ licher ward, als die Wirthe der Herbergen und Gaſt⸗ häuſer in patriotiſcher Uneigennützigkeit überall heiße Getränke herbeitrugen und gratis vertheilten. Der illu⸗ minirte Heerhaufe haͤtte aber bald die Erzähler völlig ausgehört, und wurde jetzt unruhiger und verlangte nach Handlungen, die ſein Entzücken verkünden und in das Leben tragen ſollten, und der lange verſchloſſene Haß brach nun aus wie die Brunſt des im Felſen eingeker⸗ kerten vulkaniſchen Feuers, und fuhr zerſtörend in das Freie hinaus. Wie das tobende Meer, das Dämme und ufer zerbrach, fürchterlich herein rauſcht in das zagende Land, ſo wälzte ſich die ſchwarze, unkenntliche Volks⸗ maſſe mit ſchaudererregendem, unverſtändlichem Gebrüll aus den kleinern Stadtquartieren in die Hauptſtraßen und an die Märkte. Zuerſt erbrach man die Pforten des Zeughauſes, und vewaffnete ſich mit jedem Gegen⸗ ſtande, der in die Hand fiel, und Büchſe, Streitkolbe, Partiſan, Wagenachſe und Säbel dräueten in den Fäu⸗ ſten der erbitterten Volksmänner. Bald warfen ſich die Kräftigeren zu Anführern auf, führten die Tobenden zu den Wohnungen Jener, die man als Freunde und Agen⸗ ten der Unterjocher erkannt hatte, und gerecht und un⸗ gerecht riß man eine Menge der Einwohner, Männer und Greiſe, unter Mißhandlung aus dem Kreiſe ihrer Familien, vom friedlichen Vesperbrode weg, und ſtieß ſie in die Gefängniſſe und in die Wachtſtuben, wie ſolche am nächſten lagen. Da traf jener junge, derbe Bürgersmann, den wir ſchon kennen, mit einem Schwarm gleichgeſinnter Freunde 374 auf das wilde Heer, und ſeine Stentorſtimme, ſeine be⸗ kannte Körperſtärke imponirte dem Haufen, und er warf ſich zu ihrem Generaliſſimus auf. Was plagt ihr die armſeligen Schlucker, rief er, deren Gericht morgen doch nicht ausbleibt? Mir nach! Ich weiß, wo die Hetz⸗ hunde mit den rothen Blutbüſchen ſtecken; wir wollen ihnen die Blauröcke herunterziehen, und ſollte die Haut daran bleiben. Keiner von ihnen darf mehr in nächſter Mitternacht den Spionengang thun und kein Wappen des Afterkönigs ſoll mehr zu unſerer Scham vom näch⸗ ſten Morgenlichte beleuchtet werden!— Die Hauptwache war in der Nähe; dahin folgte ihm der brüllende Zug, und bald hatte ein kecker Schornſteinfegerburſch die Pi⸗ laren erſtiegen: ein Beil ward ihm gereicht, und in Trümmern fiel das bunte Wappenſchild des Unterjochers krachend herab auf's Pflaſter, von unendlichem Jubel der Menge begrüßt. So ging es fort von Wache zu Wache, vom Zollhauſe zu den öffentlichen Gebäuden, und allenthalben begann dieſelbe Komödie, und endigte mit einem Vivat für den rechtmäßigen, angebetenen Herr⸗ ſcher. Ein flüchtiger Gendarme, der unvernünftig ſein Verſteck verlaſſen, um das Thor zu erreichen, gab der allgemeinen Wuth eine ſchrecklichere Richtung. Man er⸗ griff ihn mit kannibaliſchem Jauchzen, und der rieſige Soldat ſah ſich von hundert Fäuſten der Männer, Wei⸗ ber und Knaben wie von einem Hagelſchauer getroffen, ſein Blut rann aus unzähligen Wunden, durch den Koth ſchleifte man ihn zum Kerker, und weiter raſete das Volk, immer wilder, aufgeregter, zügelloſer, wie der ge⸗ zähmte Löwe, wenn die ſcharfe Zunge einmal Blut ge⸗ leckt, ſeine friedliche Natur abwirft und gierig und nach Raub lechzend dahin raſet.— Walter war auf ſeinem — ——— 375 Gange durch die Stadt mitten in den Tumult gerathen, und hatte die blutige Scene gezwungen anſehen müſſen. Die höchſte Angſt beſchleunigte ſeine Schritte; aber er kam nicht frühzeitig genug, denn denſelben Weg hatte die wilde Schaar genommen, und ſie füllte jetzt den weiten Platz vor ſeiner Wohnung. Ein Franzoſenwagen! rief drunten der junge Bürger. Verdamm mich Gott, ich kenne das Fuhrwerk! das iſt unſer, und Wagen und Herr ſind willkommene Beute. Bürger, laßt den Fuchs nicht entwiſchen!— Man umzingelte ſogleich die Kaleſche, und riß die alte Zofe heraus, deren franzöſiſche Angſtrufe die Wahr⸗ heit der Meinung beſtätigten. Des Barons Diener war veſonnen genug, die Hausthür zu verriegeln, und, zurück gegen die Treppe flüchtend, den Mantel hinzuwerfen, und zur Wehr gegen die an der Pforte donnernden Stür⸗ mer beide Piſtolen zu ſpannen. Indem ſtürzte d'Aute⸗ rive die Stiege herunter; weder Walter noch Apollonia hatten den Ungeſtümen halten können.— Ein Franzoſe, und flüchten? rief er wild lachend, riß dem Diener die ſcharfgeladenen Gewehre aus der Hand, ſprang zur Hausthür, und ſchlug ſelbſt den Riegel zurück.— Wer wagt des großen Kaiſers Eigenthum anzuta⸗ ſten? ſchrie er hinaus, wie ein Rachegeiſt zwiſchen die Zurückweichenden tretend. Zurück in eure Häuſer, Re⸗ bellen, oder morgen liegen eurk Leiber arkebufirt an den Schießbergen.— Ein lautes Gelächter tönte ihm entge⸗ gen.— Eure Sergeanten treffen nicht mehr, ſprach höh⸗ niſch der junge Bürger, indem er aus dem dunklen Kreis vortrat. Eure Douanenjagd auf ehrliche Landes⸗ kinder iſt aus, und Ihr ſelbſt ſeid unſer Gefangener.— Zurück, noch ein Mal, ihr deutſchen Bläffer! Zurück, 376 wem ſein Leben lieb iſt, rief Mounier, und zielte mit der Piſtole in der Rechten. Da traf ihn ein Knittel⸗ ſchlag auf den Hut; auflodernd zähmte ſich das kochende, ſüdliche Blut nicht länger, und er drückte los auf den Haufen, der mit einem gellenden Schrei auseinander ſtob. Aber ein Geſell, welcher ſeitwärts ſtand, ſchlug in demſelben Augenblicke mit einer alten Hellebarde nach ihm; der Schlag traf des Franzoſen linke Hand, mit welcher er das zweite Terzerol hielt, das er bei dem Zurückſtoßen des Thürriegels oben am Laufe ergriffen hatte; es brannte ebenfalls los und der Schuß fuhr rückwärts auf den Schützen ſelbſt hinein, und mit einem Klagetone ſank dAuterive blutend an den Stufen der Hausthür nieder. Für den friedlichen Bürger iſt Mord das Wort des höchſten Entſetzens. Man ſah den Fremdling ſtürzen; man ſah bei dem Scheine der Straßenlaterne das ſpritzende Blut ſeine weißen Unterkleider färben. Mord ſchrie der Diener und die Zofe. Wer den Schuß gethan, oder ob die Hellebarde getödtet, wußte Keiner. So kam ein paniſcher Schrecken, Alle erkältend, unter die Verſam⸗ melten, und als jetzt Walter von innen hervorſtürzte, als zugleich die Bürgerkavallerie herantrabte, und ihr ſtattlicher Commandant mit dem blinkenden Säbel durch das Gewühl ſprengte, und heftige Zornworte von ſeinem Schimmel herab donnerte, da ward das wilde Gelärm plötzlich zur Kirchhofsſtille, und nach allen Seiten ſah man die Weltenſtürmer auseinander flüchten, von denen Keiner, die böſen Folgen erwägend, jetzt erkannt ſein mochte. Baron d'Auterive hatte ſich ſchwer, ja tödtlich ge⸗ troffen. Die Kugel, dicht an der Bruſt losgeſchoſſen, —— ——— —— 377 zerriß die Lunge und bahnte ſich unter dem Schulter⸗ blatte wiederum den Ausweg. Das Blut goß furchtbar, und obgleich man den Verwundeten raſch hinein trug, wo der Jammer ihn empfing, obgleich der Doktor alle Kunſt anſtrengte, den Bluterguß zu hemmen, ſo ließ das Schickſal dem ſtolzen Unglücklichen dennoch nur gerade ſo viele Zeit übrig, ſein Unrecht zu erkennen, die ge⸗ kränkte Gattin um Vergebung zu flehen und in den Ar⸗ men der Verſöhnten das mißbrauchte Leben zu verhauchen. d»Auterive's Eigenthum ward unverſehrt den Erben gerettet; nur die Kammerzofe behielt geraume Zeit einige blaue Gedächtnißzeichen deutſcher Liebkoſung.— Die Anſtalten zur Herſtellung alter Ordnung wurden geregelter vorgenommen, und als am 25. Oktober 1813, dem Krönungstage des geliebten alten Königs, das erſte Corps vaterländiſcher Jäger in die Stadt einzog, empfing daſſelbe des Volkes feſtlicher Gruß, und geſittete Freude brachte dem Anführer die ſolenne Fackelmufik. Auch der Forſtmeiſter von Hahn ritt an der Spitze ſeiner Com⸗ pagnie in das Thor, und Julie im Trauerkleide fiel ihm beſchämt und abbittend in die Arme, und ließ im erſten Kuſſe, im Genuſſe des langentbehrten Glücks, ihn alles Geſchehene vergeſſen. Von allen Seiten ſtrömten die jungen Deutſchen herzu, hefteten den verehrten Namens⸗ zug an Hut und Mütze und zogen aus, die Befreiung des Vaterlandes vollenden zu helfen, die ſchon kräftig begonnen hatte. Auch Doktor Walter folgte der Armee, doch nicht als einer, der da Wunden ſchlug, ſondern als einer, der ſie heilte am Freunde und am Feinde. Als nach einem Jahre die Glocken der Thürme die Feier des Friedens anſagten, kehrten die beiden Freunde zurück, Beide geehrt im Heere, Beide mit den Ordens⸗ 378 zeichen der verbündeten Fürſten geſchmückt, und als der Graf Hahn ſeine Julie zum Altare führte, trat auch der Stabsmedikus Walter mit der ſchönen Apollonia herzu.— Soll ich verrathen, was Du einſt dem Hippokrates und Bartholus nachſagteſt, Du bekehrter Weiberfeind? fragte Adolphus.— Auch Klaſſiker können irren, antwortete Walter. Und daß ich zu Oppofition übertrete, verkünde ich die That. Ein Segen ſenkte ſich auf die befreundeten, in Leib und Seele künftig verwandten Paare; und als Walter daheim in ſtiller Seligkeit die lange heimlich Geliebte umfing, und als ſie ausrief von dem ſeelenvollſten Blicke . ihrer herrlichen Augen begleitet: Du Einziger! Du Mann des Edelmuths, nun kann ich Dir danken!— da ſprang die kleine Lilli ausgelaſſen um die Beglückten her und jubelte: Seht ihr! das iſt der rechte. und den behalten wir nun für—— — V. Die neue Penelope. Die Nachtwolken jagte der Herbſtſturm, wie ein ge⸗ krümmtes Türkenſchwert blinkte der ſchmale Mondrand am Weſthimmel, bald im zuckenden Licht, bald hinter Schleiern des grauen Gewölks. Auf dem kleinen See ſchwamm das gelbe Laub des Wäldchens, und jenſeits ſchaute über Waſſer und Gewölk ſtill von der grünen Höhe das weiße Schloß herab, hoch in ihm das einzelne erleuchtete Fenſter, wo das ſchönſte Weib des Landes am Bett des kleinen Lieblings ſaß, und um verronnene Freuden weinte.— Zwei große dunkle Geſtalten ſtießen dieſſeits des Sees im Gebüſch, das einen kleinen Meierhof umgab, wie feindſelig auf einander. Was ſucht der irrende Ritter? fragte die eine im barſchen Tone. Bruder Rittersmann auf der Wallfahrt! entgegnete ſpottend die andere, und ließ den Mantel fallen vom Antlitze.— Laßt nur verhüllt das Geſicht, Oberſt! fuhr die erſte fort. Ich kannte Euch längſt und Eurer Wünſche Land.— Wir ſprengen in einer Bahn zum holden Ziele! ſprach der Oberſt. Keiner ſtöre den Andern. Oder ſoll dieſes Geſträuch, dieſen Raſen noch einmal Blut beflecken, Mord entweihen um ſie, deren Herz ſo mild, ſo menſchlich — 382 iſt, daß, wäre ſie Königin der Erde, ewiger Friede be⸗ glücken würde?— Die Stelle iſt bös und gefährlich! antwortete finſter der hohe Mann.— Schmerzt die Bruſtnarbe? fragte der Oberſt leicht⸗ hin. Ja, die Stelle war nicht gut für Euch. Der Glück⸗ liche ward dürch ſie verjagt, aber zeinen Gewinn brachte das feine, blutige Stückchen, denn nimmer kann die hohe Herrin den lieben, der ihr den Geſpons raubte. Das grollt in Euch, Graf, das fürchtet Ihr. Aber laßt das, und beruhigt Euch; auch ich bin kein glücklicher Neben⸗ buhler, und ſchaue mit gleich ſcharfer Sehnſucht nach dem hellen Fenſter da oben hin, und meine Nächte ſind 5* nicht ruhiger als die Euren.— Vergleicht beſſer! erwiderte in Aufwallung der Graf. Mein Herz hat Hoffnung da, wo Ihr verzweifeln müßt.— Meinet Ihr, weil Ihr des Fürſten Günſtling ſeid? fiel der Oberſt ſtechend ein. Der Geſchmack der Damen iſt oft feiner wie eine Königswahl, und wenn die Krone vielleicht den demüthigen Schmeichler gern hak, ein edel Weiberherz liebt nur das Selbſtgefühl und die ſtolze Stärke.— Ein verbiſſener Zornlaut fuhr über des Grafen Lippe; Beide traten einen Schritt zurück, Beide ſchlugen die Mäntel dus einander, und zwei Männerfäuſte, die an das Degengefäß gegriffen, wurden ſichtbar; da trat aus den Birken eine fremde Männergeſtalt zwiſchen ſie, und hob drohend den Arm. Der Mond ſchlich hell hervor, und ein bleiches, aber kühnes Geſicht in ſchwarzen Locken und dichtem Barthaar wurde von ihm beſchienen; die bei⸗ den Streiter ſtutzten, ſtarrten, und eilten nach verſchie⸗ denen Richtungen davon, Der bleiche, bärtige Mann 383 1 drohte ihnen nach, dann legte er die Hand auf die hohe Bruſt, und ſein tiefes Auge ruhte fern auf dem hellen Fenſter des Schloſſes. Das Fenſter ging jetzt auf, eine weibliche Geſtalt legte ſich lang heraus, lag einige Mi⸗ õ nuten, winkte herüber, ſchloß das Fenſter, und verlöſchte das Licht. Der bleiche Mann ſtarrte noch hinüber, ſtill und wie todten Blicks, da tönte ein Saitenſpiel dieſſeits vom ufer des Sees, und eine weiche Stimme ſang zarte Worte..„ Blume wendet ihre Blicke 3 Zu dem ſchönen Sonnenſtrahl! 2 Feſtgebannt von Schickſals Tücke In das dunkle Klippenthal Schaut ſie in das gold'ne Licht; Sehnt ſich, doch erreicht es nicht, Bis im Sturm ſie bricht. Aus dem kalten Norden ziehen 8 Leichte Vögel durch die Nacht Hin, wo Hellas Lüfte glühen, Zu des Südens Blütenpracht. WMreer und Tod ſcheut nicht der Mulh, Gilt es um das theure Gut Seiner Liebesglut. Späte Nachtigall, warum ziehſt Du nicht hinüber in das Paradies? fragte der Mann, in die Gebüſche tretend.—. Wohl eine ſpäte Nachtigall! antwortete eine milde . Stimme, und ein blondes jugendliches Geſicht ſah in den Mond und des Fragers Augen hinauf, und leicht hob ſich ein ſchlanker Jüngling, faſt noch Knabe, vom Raſen uf. Der Maienmond iſt vorüber, und die verſpätete Nachtigall ſingt nun einſam ihr Lied.— Kennſt Du das Haus da drüben?— Ihr meint die Gottheit und nennt den Tempel! O 384 kennt' ich ſie nicht, ſo wäre die Sonne aus meinem Leben gewichen. Sie iſt das einzige, herrliche, vollendete Weib; eitle Fratzen iſt das andere Frauengedräng. Ohne ſie wäre mein Saitenſpiel ohne Klang, und alle Preiſe, die mein Lied gewann, hat ihr Auge verdient, das mir das Herz erſchloß. Folge mir! ſagte wie in heftiger Bewegung der Dunkle, und ſchritt durch die Gebüſche; der Sänger ſtand ver⸗ wundert auf und folgte. An des Meierhofs Rand ſchritten ſie fort, der hohe Mann klopfte, die Pforte ſprang auf und ein Mohr in den Kleidern des Orients beugte ſein Haupt tief vor ihm, ſchritt ihnen voran durch des Hauſes Thor und die mit blühenden, hohen Orangenbäumen und Lorbeeren beſetzte Flur, öffnete ihnen dann eine Thür, und ſie tra⸗ ten in ein helles und buntes Zimmer ein. Auf türkiſche Weiſe war Alles verziert, Polſterbetten, Baldachin, rei⸗ ches Silberzeug mit Früchten gefüllt, Blumen und hoch⸗ farbige Decken, Alles faßte das Auge mit ſeinem Glanze, doch Alles war nur todte Umgebung eines Mädchens, das wie hingewehte Blütenflocke auf dem Divan ruhte, und eine Laute im Arme hielt. Die reichen Steine ihres Diadems waren matt gegen ihre glänzenden Augen, die weiße Seide ihres Gewandes gelblich gegen ihre Haut, die volle Roſe auf dem Tiſchchen vor ihr bleich gegen das Frühlicht ihrer Wange. Leicht erhob ſich das liebliche Geſchöpf der Freude des Herrn der Welt, und legte ſich in des hohen Mannes Arme. Du bleibſt lange, mein Herr und Freund! ſagte ſie. Und nicht allein kommſt Du? ſetzte ſie verſchämt hinzu, und wollte den Schleier über ihr Geſicht herabziehen. Laß das! ſprach der Mann ſie hindernd. Dieſe Augen ſcheinen mir ſo 385 rein, daß man ihnen wohl ein Mädchenherz, geſchweige denn ein Mädchenantlitz vertrauen könnte.— Der fremde Jüngling legte, die Augen nicht abwendend von dem ſchönen Antlitz des Weibes, ſtumm, wie ſchwörend, die Hand auf das Herz. Wie Du willſt, Robert! antwor⸗ tete ſich neigend die holde Dirne. Polſter legte ſie dann zurecht, die Männer ſetzten ſich, und ſie kredenzte Obſt und Wein. Nun, junger Mann, begann Robert nach einer Weile, Du wollteſt mir erzählen von dem Hauſe drüben und ſeinen Inwohnern. Fang an Deinen Spruch, der Fremde muß ſeine Nachbarn kennen. Der Jüngling holte tief Athem, dann begann er: Iſt mir doch, als ſollte ich nicht erzählen jetzt, ſondern mein Saitenſpiel nehmen und ſingen; aber Du willſt, ich verſprach's, ſo höre denn!— In Frieden und Lieben ohne Betrüben wohnte drü⸗ ben ein gar adeliger Herr, genannt von Leuen, mit ſei⸗ nem herrlichen Weibe, das er ſich aus dem fremden Lande mitgebracht. Alle Frauen der Heimath ſahen ſie neidiſch an, alle Männer voll Liebe; Eugenie gewann in wenig Zeit alle Frauenherzen, entfernte in wenig Zeit alle Männerherzen in Ehrfurcht. Da ſtarb der alte König, und der neue Fürſt kam mit ſeinem Günſt⸗ linge, Grafen Orni, aus Siciliens Paradieſe ins rauhe Vaterland zurück. Den Günſtling entflammte die ſchöne Frau, er lockte und ſchmeichelte und drohte ohne Erfolg; da ward er endlich in frecher Bosheit dreiſt bei einem öffentlichen Feſte des Fürſten, und der hochadelige Herr von Leuen ergriff den Frechen an der Schulter und ſchüt⸗ telte ihn derb mit harten Mannesworten. In den Bü⸗ ſchen, wo Ihr mich fandet, trafen am andern Morgen Blumenhagen. VII. 25 386 ſich die Streiter: eine Kugel ziſchte auf des Günſtlings Bruſt; Freunde riſſen den Beleidigten und Gerächten fort der Grenze zu. Der junge König wüthete, Preiſe wur⸗ den, ſolange der Liebling mit dem Tode rang, auf des Mörders Kopf geſetzt, aber man hörte nirgend von ihm. Seine Güter ſollten eingezogen werden, doch des Königs Schweſter, Eugeniens Freundin, hinderte die Ausführung des ſtrengen Spruchs; der Günſtling genas, Jahre ver⸗ liefen, die Wunde vernarbte, der Herr von Leuen blieb verſchwunden. Und Eugenie? fragte Robert heftig.— Sie wurde Mutter in Thränen, ohne Vater, ſagte leiſe der Jüngling.— Mutter! und treulos doch! fiel dumpf der Finſtere ein.— Treulos? lallte der Sänger nach. Wer ſagt dase Welche Raupe beſchmutzt dieſe Roſe?— O nein, nein! Ich war ein Knabe nur, als ſie noch glücklich war, mein erſtes Saitenſpiel erklang ihr, mein erſtes Lied war ihrer Schöne Preis; ſie kennt mich nicht, aber um⸗ ſchwebt hat ſie Guido, ſolange er empfunden, wie der Zwiefalter den duftenden Lindenbaum. O ſie iſt rein wie Engel und Cherubim Graf Orni, der König ſelbſt, der herrlichen und herriſchen Freier Hunderte umdrängten ſie: ſie lebt im Wittwenſchleier treu und ſtill, pflegt den kleinen Erben ihrer Liebe, und begrüßt, wenn die Sonne ſteigt, wenn die Sonne ſinkt, den Platz, wo eine Blutthat ihren Himmel zerriß; und dann ſitze ich, wenn die Sonne ſteigt, wenn die Sonne ſinkt, und grüße die Treue mit Geſang, und bin auch treu, und doch ohne Wunſch.— Sie beſucht die bunten Feſte des Hofes! ſagte der Finſtere wie zu ſich ſelbſt. ——————— ————— —— —————————————— 387 Weil ſie muß, weil Prinzeß Roſalie mit Bitten und Befehlen der Freundſchaft ſie zwingt! antwortete Guido. Aber warum befeindet Euer Wort die, welche Ihr nicht kennt, und die, wenn Ihr ſie auch nur ſahet, Euch Achtung lehren mußte durch die reine Herrlichkeit ihres Anblicks?— Wir werden ja ſehen, ſagte Robert wie zu der Jung⸗ frau, und drückte ſanft die Holde an ſein Herz. Wie im Schmerz ſchmiegte dieſe ſich an des Mannes breite Bruſt. So lagen ſie eine lange Zeit. Guido! ſprach dann ſanft der Mann. Du mußt mir mehr erzählen. Robert und Amanda werden Dich immer gern ſehen. Jttzt iſt die Nacht gekommen, leb' wohl bis morgen.— Amanda reichte dem Sänger die Hand, er ſah ernſt in die thränenſchweren Augen, und ſein Saitenſpiel klang noch lange leiſe in den Geſträuchen, die den Meierhof umgaben. Prinz Alexius hielt hoch auf einem grünen Hügel, von ſeinem glänzenden Generalſtabe umgeben, die weite Ebene des Orients überſchauend. Sein Tatarſchimmel ſtampfte ungeduldig das bethaute Gras, ſein wolkiger Reiherbuſch war geröthet vom ſchönen Morgenroth, ſtill ſchaute er hinab in die weite Fläche, wo ſeiner Reußen Heer in dunkler Linie ſtand, ein gewaltiger Koloß, die belebende Seele des Befehlswortes erwartend, um zu zer⸗ malmen. Gegenüber ſchimmerte das bunte Türkenheer in getheilten Maſſen; Roßſchweife, Standarten und gol⸗ dene Monde ragten hervor; der Spahis leichte Haufen waren voran und fochten gewandt mit den ſpeergewohnten 388 Donkoſaken. Nur dann und wann fil ein einzelner Kanonenſchuß, auf den Hügel gerichtet, wo der Feldherr hielt, doch die Kugeln hatten zu weites Ziel. Größere Schaaren der Spahis ſtürmten jetzt heran, Meiſter des Säbelkampfes, gelenkig den Lanzenſtichen ausbeugend, warfen ſie die bärtigen Koſaken, und das ſiegende Schlachtgebrüll der Mahomedaner hallte über die ganze Ebene. Da ſah man am ruſſiſchen Heere hin vom rechten Flügel einen Reiter ſprengen, ſein Mohren⸗ kopf tanzte nur unter ihm, ſein Säbel war ein Blitz im Frühlicht, des Zaars herrlichen Namen rief er laut und ſammelte die flüchtigen Reiter: in einem Sturme ging's dann ein auf der Spahis zerſtreute Horde, in wenig Minuten waren ſie geworfen, zurückgetrieben in die Vierecke der Janitſcharen; Hunderte deckten heulend den grünen Boden, und des Oda⸗Baſchi's ſchäumend und königlich Roß am Zügel lenkend, galoppirte der fremde Reiter auf dem Mohrenkopf zu dem Hügel, wo Prinz Alexius hielt. Aufmerkſam hatte dieſer mit Theilnahme dem Kampfe zugeſchaut, und als jetzt der Fremde in Jäger⸗ kleidern, die ein weißer Mantel deckte, vor ihm hielt, reichte er ihm die Heldenhand, und fragte: Wer? und woher?— Ein Verbannter, antwortete der Reiter, Robert von Leuen genannt, Euch ſeine Dienſte bietend, und als erſten Tribut Euch dieſes geſchmückte Roß bringend, ſeines Schwertes erſten Preis.— Mir zur Seite der nächſte heut! entgegnete der Feld⸗ herr; des ſichern Sieges Zeichen iſt mir Euer Gruß!— Und die Schlacht begann. Losgelaſſen war die Wuth, heißer geſpornt durch des Orients glühende Sonne und den dörrenden Südwind. Treue und Ehrgefühl hier, dort — c— 389 Fanatismus und wilder Sinn, Einzelkampf faſt überall, mehr Kampf der Muskelkraft als des zerſtörenden Gewehrs, ſo tobte die Schlacht hinüber, herüber, ohne Entſcheidung. Gelbes Geſindel würgte mit langen Meſſern unter den Verwundeten da, wo der Kampf ſich wegzog; abgeſendet von dem Prinzen, eilte mit leichten Reitern Robert her⸗ bei, die Gräuel zu verhindern; doch als er kehrte, den edlen Alexius ſuchend, wehe! da hatte ſich übel das Schauſpiel geändert. Von einem eben angelangten Baſſa mit neuen Truppen abgeſchnitten, kämpfte der kaiſerliche Prinz in einem Speer⸗ und Säbelgedräng von wenigen Braven umringt und geſchützt. Der Augenblick war hier ein Menſchenalter werth; Itzouer Huſaren, mir nach! rief Leuen. Nicht auf den Prinzen zu, gerade auf den Baſſa ein, den ſein demantengeſchmückter Turban und die drei Roßſchweife dicht hinter ihm verriethen, ſtürmte wie ein niederwerfender Samum der deutſche Ritter, die Blauen ihm nach. Alles wandte die Schwerter auf ſie, Alexius bekam Raum, er wand ſich los, ſein Ruf rief Alles auf dieſen Platz, die Türken wurden geworfen, Alles floh im bunten Gedränge, aber auf dem blutigen Platze lag mit vier ſchweren Wunden der edle Herr von Leuen, über ihn gebeugt der Feldherr, ihn für den Mann des Tages erklärend, mit ſeinen Orden ihn behängend und ihm ewige Dankbarkeit gelobend. Auch die trauerndè, getrennte, verlaſſene Liebe hat einen Troſt, der neben ihr ſteht, ein weißbefiederter Engel, der ſie mit fernhertönenden, holden Wiegenliedern einlullt und mit Träumen vergnügt, ſein Name iſt Erinnerung. 390 Auch neben Eugenien von Leuen ſtand der Engel von Tröſtung in der Geſtalt ihres zarten Knäbleins, das noch der Vater nicht geſegnet hatte. Waren es nicht des Vaters ſchwarze Augen, mit denen der Kleine ſo keck in die Welt ſchaute? War es nicht des Vaters Trotz, der die kleine Stirn unter dunkeln Seidenringeln furchte?— Alle Umgebungen hatte ſie unverändert gelaſſen ſeit dem Scheidemomente; noch hingen ſeine Waffen, ſein Jagd⸗ geräth an derſelben Wand; noch ſeine Hauskleider an ihrem einſamen Lager, und ſo lebte ſie von Minute zu Minute in der Hoffnung, er werde jetzt in die Thür treten, und in einer Umarmung mit dem Schleier der Vergeſſenheit alle ihre Entbehrungen, allen ihren Jammer bedecken. Arme Eugenie! Schwärzer noch ſollte der Tag Deinen Himmel färben, an welchem ſo nur ein Sternbild ſchimmerte, die Gotteskrone, die jenſeits das unſchuldige Leid krönend ſchmückt.—— Der Oberſt Wildung ſaß neben ihr mit dem Knaben ſpielend, mit zartem Geſpräch, erzählend und tändelnd, ihr die lange Zeit zu kürzen. Da meldete der Diener einen Fremden, und herein trat eine ausländiſche Ge⸗ ſtalt, in weiten, faltigen Kleidern, mit Piſtolen und krummem Säbel bewaffnet, auf dem wilden, ſchmutzigen Haar eine hohe Mütze tragend, gelb das Geſicht, unge⸗ ordnet der lange Bart. Er neigte ſich tief vor der edlen Frau, und fragte: Ihr ſeid die hohe Frau von Leuen, meines Herrn Gemahl?— Wie fuhr Eugenie auf, ihm entgegen, lautlos in erwartender Freude! Aber erſchrocken wankte ihr Schritt, als der Koſak hinzuſetzte: Ich bin ein böſer Bote, zu ſolcher holden Herrin geſendet, denn ich bringe den letzten 391 Gruß meines edlen Reiterhauptmanns, und ſein Erbe in dieſem Käſtchen.— Er ſtarb! lallte Eugenie.— Ich ließ ihn auf den Tod verwundet, antwortete leiſe der wilde Krieger. Eine Stückkugel hatte ihn vom Pferde geworfen. Die Feinde ſtreiften nahe heran, da reichte er mir dieſes Käſtchen, ließ mich ſchwören auf das Hei⸗ ligenbild an meiner Bruſt, ohne Raſt Euch zu ſuchen, und ſeinen letzten Gruß Euch zu bringen. Da bin ich denn und habe meine traurige Pflicht erfüllt!— Er ſetzte das Käſtchen nieder. Eugenie wollte fragen, doch verſtummend im Schmerz winkte ſie den Boten hinweg, und rief dem Traurig⸗Scheidenden leiſe nach: Ich werde Euch noch rufen laſſen!— Mit Haſt ergriff ſie das Käſtchen und öffnete es. Oben auf lag ein gol⸗ dener Ring auf einen edeln Reiherſtrauß gezogen, ein Schatz von Juwelen lag drunter. O es war ſein Ring, ihr Ring, ihm am Brauttage gegeben; kein Zweifel ſeines Todes blieb ihr, ſie ſank halb ohnmächtig in des Oberſten Arme. Leiſe küßte der Oberſt ihre blonde Locke, und ſagte in ſich: Iſt meiner Hoffnung heute auch der unerſchütterlichſte Fels aus dem Wege geräumt worden, o ich gäbe in dieſem Augenblicke doch gern die ganze Hoffnung hin, Euch den Todten zu erwecken.— Leiſe drückte Eugenie des ſchönen Mannes Hand, er nahm leiſe die drückenden Finger an den Mund, und ging dann mit naſſen Blicken, den großen Schmerz des großen Herzens nicht zu entweihen.— Frohlocken im wilden Auge, begegnete Graf Orni dem Oberſten auf der Vorhalle. Iſt es wahr? fragte er laut. Der Todesbote war bei ihr? Ich habe den Unbeſonnenen ſogleich an der Thüre verhaſten laſſen, 392 der uns die ſchönſten Augen zu trüben wagte, ſie ſoll ihn nie wieder ſehen; Gefängniß zur Strafe, dann über die Grenze!— Sie will ihn noch ſehen, fragen! entgegnete finſter der Oberſt.— Was ſoll's? Er iſt todt! Warum den Schmerz ihr in Entfaltung und Zergliederung ſeiner Wunden und Schmerzen mehren?— O Ihr verſteht Euch wohl auf Eures Königs Launen, doch ſchlecht auf ein empfindend Herz! ſprach Wildung, und ging. Der Graf lächelte ihm höhniſch nach und ſchritt dem Zimmer der Frau von Leuen zu.— Von ihrem Betaltar erhob ſich zürnend Eugenie, warf noch einen bittenden Blick auf das Jeſusbild drü⸗ ber, zog ihren Schleier vor die genäßten Augen, und trat im haſtigen Schritt dem Verfolger entgegen. Ein Unbeſonnener hat es gewagt— ſagte der Graf. Er hat mich geſchieden von der Welt auf ewig!— War er ja doch für Euch todt ſchon lange, ſchöne Frau! fiel Orni ein; war er doch lange ſchon nicht werth Eures Grams, Eurer Thränen, da er durch die Fremde ſchwärmte und aller Herrlichkeiten ſeiner Heimath vergaß.— Graf! Kein ſolches Wort, oder wir ſehen uns zum letzten Male.— Er iſt todt. Hier iſt Liebe, hier iſt Anbetung. Das einzige Hinderniß meiner Wünſche iſt vom Schickſale hinweggeräumt. Verweſung gegen Lebensfreude, Gram und Einſamkeit gegen Glut der Leidenſchaft und Welten⸗ pracht; wie kann da die Wahl ſchwer ſein? Ihr kennt mein Sehnen, meinen Wunſch, wenige Trauermonde, und Ihr müßt die Meine ſein.— —————————————————— 393 Wie ich nur ein Leben habe, ſo habe ich nur ein Liebe! ſagte Eugenie ernſt und hehr. Auch dem Todten halte ich meine Schwüre.— Schwärmerei ohne Sinn! lachte der Graf. Ihr werdet mein Weib; der König iſt mein; eine Krone, ein Königreich lege ich Euch zu Füßen; was wiegt dagegen das Angedenken an einen ritterlichen Abenteurer?— Soll ich den Mann, den Edelmann in Euch achten, ſo verlaßt mich ſofort! fuhr die edle Frau auf, und wandte ſich zur Seitenthüre. Der Graf haſchte ihre Hand und umfaßte ſie heftig. Hier iſt mein Platz, ſagte er, fortgeriſſen von ſeiner Leidenſchaft. Mein ſeid Ihr, ſollt Ihr ſein; das Höchſte meiner Welt kann ich nicht in andern Armen ſehen, und verſchmähtet Ihr, o beim Gott der Rache, ehe verderbe ich Euch, als daß ich Euch entbehre.— Eugenie zitterte im Tone ſeiner wilden Worte wie die Lilie vor dem Nord. Sie ſtreckte ihre Hand nach dem Krucifir aus, wie Hülfe ſuchend. Da rauſchten die Flügel der Thüre auf, Prinzeß Roſalie trat ein. Herr Oberſtallmeiſter, ſagte ſie ernſt, die ganze Lage des Augenblicks mit dem Feuerblick durchſchauend, mein königlicher Bruder iſt krank, ſchon ſandte man nach dem Leibarzte und nach Euch!— Der Graf biß die Lippen, nahm den Federhut und ging. Schluchzend ſank Eugenie an der herrlichen Freun⸗ vin Bruſt. Armes, gequältes Weib! ſagte die Prinzeß. Ruhe hier aus am befreundeten Herzen, es ſoll Dir eine Aegide ſein, ein ehern Schild in jedem Wetter.— Ihre Arme durchſchlangen ſich. 394 Ein Jahr ſchon hatte der blutigſte Krieg im Oſten gewüthet. Bald ſtand der Adler als herrſchendes Stern⸗ bild am Abendhimmel, bald der rothe Türkenmond; hin und her ſchwankte der Sieg. Mit friſchen, jugendlichen Schaaren drang jetzt der Reußen Feldherr vor bis in das Herz des Türkenreichs; die Hauptſtadt war bedroht; alle Baſſen führten zum Schutze des Großherrn ihre Heerhaufen auf den Platz der Entſcheidung; ein Schlag mußte hier die Krone gewinnen. Ein Nebel, ſelten unter dieſem Himmel, ſenkte ſich langſam im Morgenlichte auf die blumichten Thäler; die nahen Städte, die herrlichen Kuppeln der Moſcheen, die hohen Landhäuſer ragten aus den wallenden Thau⸗ wolken in das frühe Licht hinaus; dann erſchienen über ihnen gehelmte Häupter, flatternde Fahnen, bis ſie plötz⸗ lich, wie ein Vorhang fallend, eiſerne Reihen, glühende Antlitze, ganze Wälder ſchimmernder Waffenträger ent⸗ hüllten.— Auf ſeinem Mohrenkopfe hielt der Herr von Leuen vor einem Geſchwader, ernſt, in ſtiller Erwartung, Hel⸗ denruhe auf der fleckenloſen, nur vom Unglücke, nicht von der Schuld gefurchten Stirne. Graf Romanzow, des Prinzen Adjutant, ſprengte flüchtig heran und reichte ihm eine Ordre. Leuen las. Ich weiß des Blattes Wort, ſprach Romanzow, indeß Leuen über das Papier die Blicke hinſchweben ließ. Dem Bravſten wird der böſeſte Platz. Dort ſteht die furchtbarſte Batterie und der Janitſcharen Kern, denn dort gleich hinter der Waf⸗ fenlinie glänzen des Großveziers herrlichſte Schlöſſer; weder Weiber noch Schätze hat er flüchten können, denn unſere Baſchkiren waren hinter ſeiner Fronte auf allen Wegen, und zu raſch trieben wir ihn hierher; 6 395 nun gilt es ſein Alles. Braver Leuen, Du haſt einen böſen Auftrag; indeß, ſchweigen jene Donnerbüchſen, kömmſt Du geſund hinter jene weißen Mauern, ſo biſt Du auch im Paradieſe und zu beneiden. Glück auf, mein Held!— Leuen reichte dem edeln Wildfange die Hand, da fielen drei Kanonenſchüſſe, das Signal zur Schlacht, und der Graf ſprengte weiter. Furchtbar öffnete ſich der Vulkan Leuens Eiſenreitern gegenüber; die Stille ward plötzlich ein wildes Wetter, die Erde erbebte, Wolken hüllten des Tages junges Licht, Blut tropfte von den grünen Halmen der zagenden Flur. Dreimal warf Leuen vergebens ſeine Schaaren auf den Feind, immer ſträubte die furchtbare Gewalt des zerſchmettern⸗ den Geſchützes ſie zurück; immer ſammelte ſeine Achil⸗ lesſtimme die Zerſtreuten. Schon brannte die Sonne hoch, da rief er ein flüchtendes Jägerregiment zu ſich, hinter den Küraßträgern ſammelten ſich die Schützen; von ihnen gedeckt, drang der Haufen, die erlittene Schmach abzuwaſchen, raſch im Sturmlaufe hin, wo das blanke Schwert des gewaltigen Führers hindeutete, durch die Wolken: geworfen war der Mahomedaner dichtes Centrum, die Batterie erſtiegen, und in einen dichten Haufen vornehmer Türken warf ſich noch zuletzt Robert, riß die große Reichsfahne zu ſich, die tiefe Kopfwunde nicht fühlend im Glühen der Siegesluſt. Nitten in dieſem Haufen floh der Großvezier, ſein Lieb⸗ ſtes in wüthenden Händen laſſend, das Leben hier zu gewinnen, um in des Großherrn Stadt vielleicht die tödtende Schnur ſich zu holen. Flucht war überall, das flatternde eroberte Panier in der Rechten, ſprengte Leuen jetzt in ſchneller Ueberſicht dem nächſten Landhauſe zu, in 396 welchem ſchon ruſſiſche Schaaren die Schrecken der Plün⸗ derung verbreiteten und Mordbrände in die geſchloſſenen Gemächer ſchleuderten. Er drang in das Innere, ge⸗ bietend, Ordnung fordernd. O wie blutete ſein ehrlich deutſches Herz bei dieſen Scenen losgelaſſener, nicht zu bezwingender Wuth. Schrecklich iſt die Schlacht; aber ſo lange der Führer Befehl die Heerhaufen bindet, iſt ſie nur ein ſtürmendes Meer, das mit geregelten Wel⸗ len dem Sturmſtoße nach die Felſen, ſich thürmend, be⸗ kämpft; ein zerſtörendes, nächtliches, alles in Chaos wandelndes Erdbeben iſt die Stunde des Sieges, wenn das Befehlswort ſchweigt, wenn die wilden Gemüther Lohn ſuchen für das gewagte Daſein, und die Freude des geborgenen Lebens alle Sinne räuberiſch genießen läßt ohne Wahl und Maaß in ungebändigter Trunken⸗ heit. Die ſchönſten Weiber wanden ſich in rohen Krie⸗ gerarmen, zerſchlagene Kiſten lagen umher, die herr⸗ lichſten Teppiche Aſiens wurden zerriſſen, um glänzende Silbergefäße hineinzuſchlagen, duftender Zyperwein floß über ſammtne Polſter aus zerſchmettertem Kryſtall. Ein Jammergeſchrei drang jetzt zu Roberts Ohren in Tö⸗ nen, die ſeine ganze Seele empörend aufriefen; er riß den Vorhang eines Eingangs nieder, und ſah eine Scene, die ſein Herz nicht in Geduld zu ertragen ver⸗ mochte. Ein Mädchen, ſchön wie des Paradieſes Hul⸗ dinnen, friſch wie die Roſe des Mai's, weiß wie Tauben⸗ fittiche, kämpfte gegen drei der ſchmutzigſten Baſchkiren des Heeres. Ihre Kleider waren zerfetzt, ihr Schleier zerriſſen; blutig glänzten die zarten, ringenden Hände in den Bärten der wilden Wütheriche; ihre löwenmuthige Wehr hatten den einen niedergeſtürzt, doch hing er an ihren Knien wie ein Zottenhund am edlen Wilde; der 397 zweite hatte ihren Leib umfaßt, der dritte riß am langen, ſchwarzen Lockenhaare ſie rückwärts und zuckte ſein Meſſer nach ihrer Gurgel. Mit dem Schafte der Türkenfahne ſchlug Leuen die Mörder über die Scheitel. Mein iſt dieſe Beute! ſchrie er herriſch. Zu gut für euch dieſes Weib; ſucht euch geringer Gut für eure Ti⸗ gergier! Gewaltig hatte er ſie herausgeriſſen und in ſeine Arme gefaßt, doch die Baſchkiren lachten tückiſch grinſend und griffen nach den Meſſern; da raſſelten Panzer; herein traten Küraſſiere, ihren Oberſt ſuchend, die Baſchkiren flüchteten in die Seitengänge, und auf ſeine weite Fahne mit dem Mädchen niedertaumelnd, empfand Robert die Anſtrengung des Tages und die zer⸗ ſtörende Aufwallung der letzten Augenblicke in plötzlicher Erſchöpfung. Die Schlacht war von den größten Folgen geweſen. Friedensboten zogen hin und her; die Armee der Reußen pflegte ſich im herrlichſten Lande der Welt, was dank⸗ varere, frohere Bewohner verdiente. Robert wohnte auf dem eroberten Landgute, ſeine bedenkliche Kopfwunde heilend; eine Pflegerin hatte er ſich erbeutet, wie er ſie nur wünſchen konnte. O ihr Männer, dann, wenn eure Gewalt gebrochen liegt in Ohnmacht auf dem La⸗ ger des Schmerzes, dann erkennt ihr das Weib, die Samariterin, deren mildes Wort mehr iſt als das Oel, was ſie in die Wunde tropft, die Johanniterin, deren ſanfte Hand der leichteſte Verband wird, und die in unermüdlicher Aufopferung, in ewig wacher Sorgfalt zeigt, daß ſie dem Engel verwandter iſt, als der rohe, am Leide und Elende vorüberrauſchende Mann!— Kei⸗ nen Wundarzt, keinen Wächter duldete die neue Freundin 398 um ihren Beſieger; alles wollte ſie ihm ſein; das Obſt, den Wein, der ihm wurde, mußte ſie ihm reichen, ſie ordnete ſeine Polſter, ſie ſang ihm zur Laute Lieder des Morgenlandes, ſie brachte ihm täglich neue Kränze, ſein Bett zu zieren, und mit dem Dufte der Blumen ſeine Sinne zu friſchen. Wochen ſchlichen hin, ſie ward ihm unentbehrlich; jeder Tag verband ihn neu und feſter mit ihr. Früh war ſie aus Georgien in den Dienſt des Großveziers gekommen, ſie hatte keinen Mann geſehen, als ſeine Schwarzen, mit unbeſchreiblicher Liebe hing ſie ſich jetzt an den hochherzigen Krieger, der ihr wie ein Gott er⸗ ſchienen war. Der Friede kam, die Heere zogen heim, doch blie⸗ ben die Ruſſen an den Grenzen. Die Georgierin war unzertrennlich von Roberten, wurde es noch mehr im müßigen Leben der Waffenruhe. Er ward ihr Lehrer, er gab ihr das Licht des Glaubens. Cäcilia Amanda nannte er ſie bei der Taufe, ſein Gefühl für ſie in den Namen ausdrückend, und Amanda rief er ſie immer, wenn er ſie nicht Geliebte rufen wollte und durfte. Doch immer ſchwerer wurde die Lage für das glü⸗ hende Mädchen, wie für den kraftreichen Mann. Sie lag an ſeiner Bruſt jeden Abend in kühler Laube, fragte nach manchem Räthſel der Natur, ließ ſich erzählen von Weltengeſchichte und Völkern und Ländern; er tän⸗ delte in ihren Locken, ſie hing ſich an ſeinen Mund, und wenn er ſich dann mit blitzenden Augen plötzlich aufriß und ſchnell in ſein Schlafgemach eilte, da warf ſich das liebeathmende Mädchen traurig auf ſeine Pol⸗ ſter und ſeufzte: Amanda iſt doch nicht ſchön, denn Er liebt ſie ja nicht!— 399 Auch eines Abends ſaßen ſie ſo, da nahm ſich Ro⸗ bert zuſammen und ſprach: Wir ſind uns gut, meine Amanda, und doch quälen wir uns, verwirren unſere Sinne und könnten unſchuldig und willenlos recht elend werden. Höre mich drum recht ruhig an!— Und nun erzählte er ihr ſeine Schickſale, und von ſeinem edel⸗ herzigen Weibe, und wie er eines Königs Günſtling ge⸗ tödtet und darum flüchtig geworden, wie Preiſe auf ſei⸗ nen Kopf geſetzt, und er endlich Schutz gefunden hatte unter dem mächtigen Adlersbanner des Zaars.— Still⸗ weinend legte Amanda ihr Geſicht in ſeinen Schooß.— Nicht alſo! ſprach der edle Herr von Leuen zu ihr. Wir ſcheiden nie mehr, ich bleibe ewig Dein Freund, Dein Bruder, Dein Vater; unſerer Herzen Band iſt ein Himmelsknoten, von keiner Menſchenhand zu löſen. Aber wir wollen Entſcheidung ſuchen, ſo oder ſo, ehe das Erdenfeuer uns verzehrt oder befleckt mit unauslöſch⸗ lichen Narben. Dieſes Kleid ſchützt mich, wir wollen in mein Land zurück. Iſt treu geblieben die Frau von Leuen, hauſet ſie noch als trauernde Wittwe im Schloſſe am See, ſo bringe ich ihr eine Schweſter; iſt es etwa anders geworden dort auf irgend eine Weiſe, dann, Amanda, dann—— Er ſprach nicht aus, denn Amandens üppige, volle Arme umpreßten gewaltſam ſeine Bruſt.— Beide reiſeten nun zum Prinzen Alexius. Ein un⸗ ermeßlicher Schatz in Juwelen, der verborgen in heim⸗ lichen Gemächern des Großveziers gelegen hatte, war durch die Georgierin zu Roberts Händen gekommen; er wurde eingepackt und mit den ſchützenden Papieren des Zaars durch den Feldherrn verſehen, mit neuen Würden belohnt, zogen ſie dem Weſten zu, und betraten mit halb — —— Khkie 400 bangenden, halb hoffenden Empfindungen die einfacheren, rauheren Fluren des Abendlandes. Die deutſche Königsſtadt war in voller Bewegung; das Volk flutete durch die Gaſſen den Thoren der Schloß⸗ höfe zu, alles Militär war geſchmückt unter den Waf⸗ fen, glänzende Wagen rollten zum Schloſſe, denn heute war ein Ehrentag für die geliebte, wohlthätige, ſo be⸗ ſcheidene Prinzeß Roſalie. Ein mächtiger fremder Herr⸗ ſcher hatte ſich ihre Hand erbeten; heute war der Tag der feierlichen Anwerbung durch einen ausgezeichnet em⸗ pfohlenen Geſandten. In den vrientaliſchen Gemächern des verſchloſſenen Meiergehöftes ſtand General Leuen vor Amanden. Des Kaiſerhofes höchſter Kriegerſchmuck umgab ihn, Orden an Orden glänzten auf der breiten Heldenbruſt. Amanda warf ſich vor ihm auf die Knie. O ſo wareſt Du, Herrlicher, rief ſie, in jener Stunde der Noth, ſo trat mein Cherub zu mir in der Verzweiflung, und ſein Bild herrſcht darum ewig allein in meinem Herzen!— Meine Cäcilia! antwortete der edle Herr, iſt fromm und gut. Nicht im Beſitz liegt ja der Liebe Glück. Nein, das geliebte Weſen glücklich ſehen und glücklich machen iſt der Liebe Höchſtes.— Nie ſcheidet ſich der Vater von dem Kinde. Doch kann ich vielleicht den Frühlingsgarten jugendlicher Liebe Dir öffnen, und Cäcilia wird dann ſeliger ſein, als wenn der finſtere, erkältete Mann die ſchöne Blüte zerblät⸗ tert hätte.— Er ſagte das mit tiefem Gefühle und erhobener Stimme; ſie begegnete den Worten mit leiſem Weinen, — † * — ——— 401 denn es war das erſte Mal, daß er ſie Cäcilia ge⸗ nannt hatte.— Amanda iſt eine Waiſe, antwortete ſie mit geſenkter Stirn, ſie hat nichts als Dich, nur im Schatten des Eichbaumes hat dieſe Lilie Schirm und Leben; muß ſie hinaus, tödtet ſie Mittagsglut und Sirocco.— Der ſchimmernde, langbeſpannte Wagen raſſelte vorz er küßte ihre ſchönen Augen und warf ſich hinein. Die weiten Zimmer der königlichen Burg faßten kaum die Gäſte; gedrängt voll war die Reihe der hel⸗ len Säle, Muſik überall, tanzende Colonnen im höch⸗ ſten Schmuck; draußen Volksjubel, mit tauſend Lam⸗ pen erleuchtete Gärten, alle Springbrunnen plätſchernd, ſilbern glänzend im Lichte des Feuerwerks.— Eugenie von Leuen ſchwarz gekleidet, nur das Diamantenkreuz auf der hohen Bruſt, ſtand im gewölbten gothiſchen Fen⸗ ſter. Roſalie trat freudig auf ſie zu. Du kamſt doch, ſprach ſie ſchmeichelnd; du gute Seele, die in der Freundin Glück das eigene Weh vergißt.— Du wirſt glücklich? fragte Eugenie ernſt.— Die Hoffnung wohnt mir im Herzen, entgegnete die Fürſtin. Hochherzig und edel nennt den künftigen Ge⸗ mahl die Welt; ſein Bild kündet den ſchönen Mann; mich lockt vor Allem der Wunſch, nützlich zu werden, meinen Platz zu haben in der Welt, nicht die Schma⸗ rotzerpflanze zu bleiben, die nur zehrt und keine Frucht gibt.— Segen über Dich! ſagte Eugenie warm.— Sahſt Du den Geſandten? fragte die Prinzeß weiter. Es iſt ein Deutſcher, doch hat er ſich im Türkenkriege Blumenhagen. VII. 26 402 mit Ehrenwunden einen fremden Ehrennamen verdient; beſinn' ich mich doch nicht ſogleich. Du mußt ihn ſe⸗ hen: eine ſchöne, herrliche Geſtalt, nur finſter, wie ein Schlachtengott, das wäre ein Mann für Dich, und wir trennten uns dann nimmer!— Roſalie ſpottet der Freundin und reißt an meiner Wunde! entgegnete die Frau von Leuen ergriffen.— O Vergebung! Roſalie iſt heute Muthwill' und Leichtſinn!— Sie küßten ſich und gingen dem Prunkſaale zu. Graf Orni und Oberſt Wildung begegneten ſich auf derſelben Stelle. Die Todten ſtehen auf! Wie iſt Euch, Graf?— So habt auch Ihr ihn erkannt? O es iſt kein Zwei⸗ fel, ich weiß Alles, auf dem Meierhofe hat er gelebt ſchon lange, das Schloß beobachtend und die Frau.— Und hat ſie treu gefunden, ſiel Wildung ein, und wird ſie nun ihrem Schmerz entreißen und lohnen und lieben. Wie freue ich mich ihrer Seligkeit.— Das kann Euer Ernſt nicht ſein, antwortete ſtutzig der Königsgünſtling; Ihr liebet ſie ja auch. Aber ich bin der Teufel in dieſem Himmel.— Wißt Ihr noch, Graf, wie Ihr mich den irrenden Ritter ſchaltet und das Geſpenſt uns zuerſt erſchien? Nun ſind wir beide irrende Ritter, und dürfen beide weiter ſuchen. Nur hattet Ihr damals doch Recht, es war ein Unterſchied zwiſchen unſerm Lieben, denn das meine war ein Kind der Achtung, das Eure war Be⸗ gier und thieriſches Gelüſt.— Was zanke ich mit Euch, unterbrach ihn der Graf ² 8 „ 4— — zu edel iſt die Zeit, auf ein ander Mal die Antwort zu Euren Luftſtreichen! Noch iſt die Erkennungsſcene nicht erfolgt, ich verhindere ſie heute, und bei der Hölle ſchwöre ich's, glücklich ſoll er ſie nicht beſitzen!— Ihr ſcherzet grimmig, entgegnete ſtreng der Oberſt, doch ſchwöre ich Euch hingegen bei dem Himmel, ſtöret Eure Hand auf's Neu' des Weibes Glück, ſo bricht Euch dieſe Fauſt den frechen Nacken.— Raſch verließ der Brave den Schurken, doch lächelte dieſer verachtend ihm nach, und winkte dem Diener und Vertrauten, einem ſchieläugigen Neapolitaner, der fern umherſchlich. Haſt Du Alles beſorgt? fragte er.— Alles! flüſterte der Schielende. Der Gärtner, der Nim⸗ merſatt, iſt unſer, die Fackeln und Zünder liegen bereit, ein Wink von Euch, und das Feuerwerk beginnt.— Drohend hob der Graf die Fauſt gegen den Prunk⸗ ſaal, nickte gnädig dem Diener und verließ ihn. Furchtbar ſchwarz hing die Nacht herab; dicke Wol⸗ ken hüllten des Himmels Azur; der See ſchlug Wellen, als wäre ſeine Nire unruhig und ängſtlich in propheti⸗ ſcher Ahnung des Künftigen. Dem heimkehrenden Ro⸗ bert trat freundlich Amanda entgegen. Biſt Du gekehrt zu Deinem heimathlichen Herzen 2 fragte ſie.— Ich habe ſie geſehen, die Dulderin, antwortete er. Sie war werth meiner Treue, iſt werth meiner Opfer und des höchſten Lohnes.— Und wenn gibt mein theurer Bruder mir die herr⸗ liche Schweſter?— Morgen! Guido und Prinzeß Roſalie bereiten ſie 404 vor auf die Ueberraſchung des trauernden Herzens. Nur von Ferne ſah ſie mich, und erkannte nicht durch das bärtige, benarbte Geſicht ihren Liebling. Lange ſaßen ſie noch in der Nacht, und er erzählte von ſeinen Hoffnungen, von Bildern lachender Zukunft: Amanda hörte ſtill zu, oft wie ungläubig; auch Guido's ward gedacht, und ſeines zarten, reinen Gemüths, und wie er in kurzer Zeit ſo heimiſch geworden bei ihnen. Robert berührte mit mancher Frage das Herz der errö⸗ thenden Jungfrau. Endlich ſtanden ſie auf, die Ruhe zu ſuchen; da ſchlug es plötzlich heftig an des Gehöftes Pforte, alle Hunde wurden laut, und von der Stadt her klang es dumpf wie Glockenton und Hörnerruf. Wer da ſo ſpät? fragte Robert.— Um Gottes willen, kommt heraus, öffnet ſchnell, edler Herr von Leuen! rief Guido's Stimme. Euer Lager iſt bedroht! Euer Liebſtes! des Löwen junge Brut tödten Schlangen!— Haſtig eilten ſie hinaus, welch ein Anblick ergriff ſie! In Flammen ſtand das weiße Schloß am See, ringsum hell wie am Tage war die Gegend, die Wellen zitterten im Feuerſchein, und der Sturm trieb ſein zerſtörend Spiel mit den immer höher zackenden Feuerzungen. Kähne! ſchrie Robert furchtbar, und eilte in das Gebüſch, brach mit ſtarker Fauſt der Fiſcherbarke Kette, hineinſpringend und mit Guido die Ruder greifend. Auf die Knie am ufer warf ſich, Hülfe kreiſchend, Amanda. Siehe, da kam wie eine Scene des letzten Gottesgerichts ein ſeltſam Bild vor ihre Augen. Jenſeits auf des Fel⸗ ſens Ecke nämlich erſchien eine ſchwarze, große Geſtalt, in einen Mantel gehüllt, ſtreckte den Arm über den See aus, und rief mit des Grafen Orni dumpfer Stimme: ————— — 405 Erwache, Robert von Leuen! Erwache, und ſammle in eine Trauerurne die Aſche Deines Weibes und Deines Knäbleins!— Ein Hohngelächter ſcholl hinterher, doch ehe es noch verhallt war, trat eine zweite Geſtalt raſch zu der erſten, ergriff wie ein Geſandter der Hölle den teufliſchen Lacher, Oberſt Wildung's Stimme donnerte: Mordbrenner! Hin⸗ unter zur Strafe ſanatiſchen Frevels! und den Felſen her⸗ ab flog der ſchwarze Rufer, und das Waſſer empfing ihn mit praſſelndem Getöſe und verſchlang ihn. Mit ſtarken Armen hatten die Männer das Fahrzeug dem Schloſſe nahe getrieben. Aufgeſtoßen wurde jetzt das Fenſter; Eugenie, das Kind auf dem Arm, erſchien in Verzweiflung und höchſter Angſt. Herab! Herab in Deines Gatten Arm! rief Robert im furchtbarſten Gefühle der Gefahr, die ſein Liebſtes umſchwebte. Rufſt Du? rief ſie zurück. Rufſt Du, meines Gat⸗ ten Geiſt? Ich komme, und bringe Dir treu Deinen Knaben. Schnell entſchloſſen ſtürzte ſie ſich herab von dem Bal⸗ kon. Das Kind entfiel ihr, Guido warf ſich zur Seite aus dem Kahn, es zu faſſen; geſchickt den Kahn wendend, hatte bald Robert die Ohnmächtige den Wogen entriſſen, ſanft in das Boot gelegt, und ruderte jetzt mit über⸗ menſchlicher Kraft dem Ufer zu. Amanda und ſeine Dienſtleute empfingen ſie; auf weichem Lager erwachte Eugenia bald in des Todtgeglaubten Armen. Welch ein Augenblick! Nur Ausrufe, nur halbe Worte bezeichneten das Entzücken der trunkenen Seelen!— Da faßte ein eiskalter Schreck Eugeniens heiße Stirn, den Gatten zu⸗ rückſtoßend, fuhr fie empor. Mein Kind! lallte ſie. Dein 406 Ebenvild! Mein Robert! Wo iſt er? O ich ſelbſt warf ihn in den Tod hinab!— In den ſtarren Todesſchrecken trat Guido, und legte den weinenden, geängſteten Kna⸗ ben in die Vaterarme, an das Mutterherz, und von einem Munde ward er zum andern geriſſen, bis alle drei in einer langen Umarmung ſich vermählten. 8 Still lag Guido's Auge auf Amandens Antlitz, die von einem Lächeln, was Wiederſchein des Himmels war, verſchönt mit betend⸗gefalteten Händen da ſtand; aber Robert ſtand auf und ergriff Guido's Hand. Du haſt den höchſten Schatz mir zurückgebracht, gerettet mir des Lebens ſchönſtes Kleinod, ich will Dir danken, wie ich danken kann! Und ſchnell zog er ihn zu Amanden hin und warf den Sänger an der Jungfrau Bruſt. Der reine Sänger iſt des Kranzes werth, der üppig in dem ſchönſten Lande ſproßte und unter Myrt' und Lorbeer ihm erwuchs. Und als einige Monate verronnen waren, da erhob ſich auf der Höhe am See wieder ein neues weißes Schloß, und drinnen herzte der tapfere und edle Herr von Leuen ſein treues Weib und krauslockiges Knäblein; und gegen⸗ über wohnte auf dem ſchönen Meierhofe der Sänger Guido mit ſeinem wunderſchönen Weibchen, und ſang im Syringeſchatten Wonnelieder auf Frühling und Maien⸗ zeit, und Hymnen auf die ſegnende Vorſicht; doch kein Lied gelang ihm ſo gut als das Wiegenlied, das er für ſeine Cäcilia Amanda dichtete, und welches gar bald alle Weiberchen, hoch und gering, im Lande ihren Kindlein ſangen an Bett und Wiege, und was angenehm blieb für ſpäte Zeiten. —