— 7 en Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und weſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Puches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für ubchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: *——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 6 S 0 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene ober deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— S. — 8 —— Blumenhagen's ſämmtliche Schriften. ———— —4 § . — W. Blumenhagen's ſämmtliche Schriſten. Zweite verbeſſerte Auflage in 16 Bänden mit 17 Stahlſtichen. Sechster Zand. —— 6 Stuttgart: Scheible, Bieger* Sattler. 18¹138. —— Inhalt: Die Katzianer von Katzenſtein. 3.. Seite 1 Die Bürger zu Wien 1 Schatten auf Bergen 1225 3 Spaniſche Rache 6 389 Die Fremde „— 8 S ——*——— I. Sie Ratzianer von Ratzenſtein. Ein hiſtoriſches Gemälde. Blumenhagen. VI. 1 Meber eines der ſchönſten Thäler Slavoniens goß der Mond ſein mitternächtiges Silberlicht. Kein Luftzug regte ſich; ſtill, wie die Furcht oder die Erwartung, ſchien die Natur ſammt ihren Geſchöpfen zu lauſchen mit verhaltenem Athemzuge. Das Thal breitete weit im Zirkel ſeine ſammetgrünen Teppiche aus; weſtlich ſenkte ſich ein kahler Bergrücken mählig zu dem weichen Schvoße hinunter, als habe ſich die Gebirgesgnome die⸗ ſen Weg gebahnt, darauf hinabzuſteigen zu den Quell⸗ Nymphen, welche drunten ihr Silberwaſſer in vielen Bächen ſpielend miſchten, und vom ungeheuren Walde her, der ſüdlich an das Thal ſich ſchloß, ihre unverſieg⸗ baren Urnen in die geſchlängelten Waſſerbecken ausgoſſen. Nördlich rauſchte der Drauſtrom reißend durch die hohen Ufer, und umſpülte die ſtarke Feſte Eſſegg, auf deren Mauer an hoher Stange der türkiſche Halbmond glänzte, des kriegeriſchen Sultans Soleiman Feldzeichen, hier be⸗ wacht durch den Mahomet Jahiaoglis, ſeinen Statthal⸗ ter zu griechiſch Weißenburg, unterdeß der grimme Er⸗ oberer ſelbſt in einem andern Welttheile die Perſer das Gewicht ſeines Zornes fühlen ließ. Auf der Gebirgsfläche im Weſten lagerte das Heer des römiſchen Königs Ferdinand des Erſten, des Bruders und Stellvertreters Kaiſer Karls; die freien Sandplätze wurden bedeckt von langen Reihen weißer Gezelte, und wo der Wald heranreichte, hatten die leichten Ungarn und die gewandten Böhmen die Zweige der Eichen und Buchen zu dichten Laubhütten verflochten, und mit ihren kleinen Reiterfahnen, den Wappenſchildern ihrer Führer und den bunten Muſchelzäumen und Silberdecken ihrer trefflichen Roſſe verziert. Wachtfeuer brannten und kni⸗ ſterten im großen Halbzirkel, leuchteten aber nur matt unter dem reinen Mondlichte; dunkle geſpenſtige Schat⸗ ten bewegten ſich am trüben Holzfeuer, und zuweilen tönte nur ein dumpfer, heiſerer Anruf durch die tiefe Stille.— Ganz vorn, auf der letzten Abdachung des Berges gegen das Thal hin, ſtand vor dem verglimmenden Wachtfeuer ein ſchweres Geſchütz, eine Karthaune der größten Art, und öffnete ihren gelben, blanken Schlan⸗ genrachen gegen die öſtlich gelegene Feſte. Auf dem glat⸗ ten Rücken des dräuenden Mordſchlundes ſaß Scipio von Landenberg, ein deutſcher Junker, den müden, kraus⸗ lockigen Kopf auf den Ellenbogen geſtützt, und neben ihm lehnte an dem ſchweren Radgeſtell Franciscus von Steinbrunn, ein Ritter aus Kärnthen, jener im leichtern Kriegerputz, mit Blechhaube und Küraß, dieſer in ſchwerer Reitertracht, von dem Scheitel bis zur Sohle mit Stahl bedeckt. Rechts vor ihnen ſchlummerte ein Haufen deut⸗ ſcher Landsknechte auf dem Sandboden zuſammenge⸗ drückt und geballt wie ein hundertköpfiger Drachenleib; links des Geſchützes ſtand eine Anzahl ſchwerer Pferde gekoppelt, und vor den ſchönen Thieren lagerte, an der Erde in gerader Linie hingeſtreckt, ein Dutzend ſchwerer Reiter, deren Eiſenzeug raſſelte bei jeder Bewegung, die einer der wackern Kriegsleute im Halbſchlummer machte. — * 5 Was ſtrrſt Du in die Nacht hinaus mit weitaufge⸗ riſſenen Augen, Franciscus? unterbrach Scipio die lange Stille. Gönne dem Leib die Ruhe; lege Dich nieder auf das harte Bett; müſſen doch Deine Gebeine erlahmt ſein vom geſtrigen Scharmützel, bei dem Dein gutes Schwert allein fünfzehn Ungläubige vom Roſſe warf. Laß mich wachen; ward mir doch träge Ruh mit meinen Leuten, ſeit wir auf dem verdammten Fleck liegen und hungern für das Vaterland.— Meine Knochen ſind todtmüde, erwiderte Steinbrunn, ohne ſeine Stellung zu verändern, aber meine Seele iſt wach und lebendig und in Beſorgniß krank.— Wenn euch ältere, erfahrene Männer die Furcht quält, plauderte der Landenberger fort; wie ſolls denn ſein mit uns, die wir zum erſten Mal im Felde liegen, die Sporen zu verdienen? Da hat man uns in dieſes 63 vertrackte Land hereingeführt, und gegen dieſes barbari⸗ ſche Volk, welches den Krieg führt, als wäre er eine Tigerjagd, aus jedem Strauͤche mit Speer und Pfeil wirft, keine ritterliche Haft kennt, ſondern nur ein hen⸗ keriſches Kopfab, und Naſen und Ohren, die Zierden des Menſchenangeſichts, ſackweiſe nach Hauſe ſendet als jämmerliche Trophäen. Und obendrein kommt nun die⸗ ſer Zug von Copreinitz bis hieher ohne Proviant, ohne Biscoten und Weinſchläuche, durch eine Flur, auf wel⸗ cher das türkiſche Sichelſchwert nicht einen Halm gelaſſen oder einen Obſtbaum. Allen Reſpekt gegen unſern Ge⸗ neral⸗Feldoberſten! Aber dieſer Mahomet⸗Beg iſt ſchlauer, ₰ als der ehrliche Krainer; er hat Slavonien und das ſchöne Poſſega aufgegeben, hat uns in dieſen Teufels⸗ winkel gelockt, um die ohnmächtigen Hungerleider be⸗ guem zu ſchlachten, und die kopfloſen Leichname dann 8—— 6 auf der Drau und Donau hinunter zu flößen bis in das ſchwarze Meer, damit ſeinen Landen der deutſche Leichen⸗ duft keine Peſtſeuche einimpfe, und die Majeſtät zu Wien die Begräbnißkoſten von dreißigtauſend wackern Solda⸗ ten erſpare.— Junker Scipio, wahre Deine Zunge! antwortete Franciscus. Der Feldmarſchall iſt ein braver Degen, aber auch ein grimmiger. Hörte er den Hauptmann ſei⸗ ner Vorwacht alſo murren, möchte morgen das Kriegs⸗ gericht den Plaudermund ſtumm machen für ewig. Der Katzenſteiner folgt ſeiner Ordre. Er ſoll Slavonien rei⸗ nigen von den Turbanträgevn; er ſoll die Uebergänge und Brücken der Drau frei machen für Oeſterreichs Heeresmacht, daß der Weg ſich öffne nach Ofen, um dem Erzfeind, dem Johannes von Japolia, der es wagt, ſich König von Ungarn und Siebenbürgen zu ſchreiben, den Garaus zu ſpielen.— Der Anſchlag iſt gut, entgegnete Scipio, wäre die Ausführung nur ebenſo. Daß man den Feldzug eröff⸗ nete, ehe denn der wilde Soleiman aus Perſien heran⸗ fliegt, iſt geſcheit; denn er iſt der Krieges⸗ und Sieges⸗ gott dieſer Barbarenhorden, und wo er fehlte, jagten die deutſchen Schwerter immer die Sarazenenbrut; daß man dem Japolia auf den Leib rückt, iſt gut, iſt gerecht; ſoll doch dieſer Abtrünnige, welcher die unbefleckte Krone der tapfern Ungarn, ſich und ſie beſchimpfend, vom Sul⸗ tan zum Lehen nahm, freventlich verwogen geprahlt ha⸗ ben, käme er mit dem Soleiman nach Wien, wie vor acht Jahren, ſo wolle er den Ferdinand mit einer glü⸗ henden Eiſenkrone krönen laſſen, wie er es einſt that mit dem Georg Zecho, dem ungariſchen Bauern⸗Rebell. Aber wer reitet mit einem Hengſte zum Turnier, der 7 acht Tage keinen Hafer roch? Wer ſicht mit einer Klinge, die voll Roſtflecke iſt, und bei jedem Hiebe ausbricht? Der hungernde Soldat verliert das Vertrauen auf ſich ſelbſt, und läuft lieber rückwärts nach der heimathlichen Schüſſel, wohin ſein Magen drängt, als vorwärts der Schlachttrompete nach, wo er ſeinen Leib den Raben zur Mahlzeit bringt.— Der Soldat ſoll nicht murren! antwortete Steinbrunn ſtreng. Schnalle Deinen Seitengurt feſter um den hoh⸗ len Leib, und denke, daß das Lagerleben kein Ballfeſt iſt, wo vom gaſtfreien Wirth der Ueberfluß zum Gott des ſchwelgeriſchen Tages geſetzt wurde. Entbehrungen gehören zu den Alltagstugenden des Kriegsmanns; er hungert, damit die Brüder ſicher ſpeiſen; er ſtirbt, da⸗ mit die Brüder ſicher leben; das iſt die Glorie ſeines Standes, nach der Du ringen mußt. Vertrauen auf den Feldherrn macht eine kleine Heerſchaar unüberwindlich; wo es ermangelt, werden Hunderttauſende zur Lämmer⸗ heerde vor einem kühnen Schlächter. Und dürfen wir nicht vertrauen? Hat dieſer Johann Katzianer von Katzen⸗ ſtein bei Wiens gräuelvoller Belagerung nicht ſein ſchö⸗ nes Theil gethan zur Rettung der Kaiſerſtadt? Hat er nicht am Kärntherthore den wilden Türkenſturm abge⸗ ſchlagen, und dadurch Oeſterreich errettet von Schmach und Verwüſtung? Ernannte ihn nicht dafür die Maje⸗ ſtät zum General der Beſatzung und zum Landeshaupt⸗ mann in Krain? Hat er nicht im Sternberger Thale mit dem Pfalzgrafen den ſtolzen Caſſan⸗Beg niederge⸗ ſchlagen ſammt allen ſeinen Janitſcharen? War es nicht er, der mit dem Wakiſch Paul bei Grätz den grauköpfi⸗ gen Oberſt⸗Paſcha erſchlug, für deſſen Leben der weinende Sultan gern zwanzigtauſend Andere verloren? Hat er 8 nicht ſchon einmal Peſth und Ofen genommen mit kühn⸗ geſchickter Feldherrnhand?— Wo ſolche Thaten auf der Tafel der Geſchichte ſprechen, da geziemt es nicht, zu zweifeln. Die Tuba der Fama klingt hell zu allen Erd⸗ theilen und Geſchlechtern, und wir ſollten ihr das Ohr verſtopfen, weil wir einige Tage lang den gewohnten Becher und die Fleiſchſchüſſel entbehrten? Schäme Dich, Scipio!— Ihr' habt gut reden, ihr Reiter auf ſtarkem Roſſe, das überall Weide findet, ſprach der Landenberger mür⸗ riſch. Wenn ihr auf dem Streifzuge das Lager umkreiſet, ſo trifft eure Lanze dort im Forſte den Feiſthirſch; ſchnell iſt der Braten zerlegt, das Gewehr, welches ihn tödtete, wird zum Bratſpieß, und die Mannſchaft zehret, in das Moos gelagert, am Leckerbiſſen; oder ihr quartirt euch in die Hütte des Bauern, und ſprecht ſeiner Milchkam⸗ mer zu, werdet ſelbſt zum bärtigen Milchmädchen bei+ Kuh und Geiß, und ſtoßt als Habichte in ſeinen Hühner⸗ hof; der Hakenſchütz aber muß fortziehen in Reih und Glied, und geduldig harren, bis des Proviantmeiſters Küche ſich ihm öffnet. O hätteſt Du es angeſehen, wie die armen Burſche niederſanken auf dem Marſche, wie 1 jedes Dorf einige Hundert behielt für ſeinen Kirchhofz 4 1 1 11 1 hätteſt Du den Grafen Hardeck, meinen mannlichen Ju⸗ lius, vor ſeiner Fahne ſinken ſehen zu Valpo, wie er dreimal ſich aufraffte, dreimal ihn Fieber und Ohnmacht niederwarfen, und ſeine bleichen Schützen ihn in die nächſte Bettlerhütte trugen, drin ein armſelig Sterbebett zu fin⸗ den, Du würdeſt murren wie ich, fluchen wie ich. Er iſt hin, der edelſte und der ſchönſte unſerer Waffenbrüder, und Tau⸗ ſende werden ihm nachfolgen. Und was wird werden allhier?— Alle waren vertröſtet auf Eſſeggs ſchnelle ——— ————————————————— —— — — ———— . g. — 9 Eroberung. Nun kam das Geſchütz endlich dem Heere nach; das ſchönſte Geſtück ward hier aufgeführt; Alles lauerte ängſtlich auf den gewaltigen Donnerſchuß. Da hatten die Herren Arkebuſiere blöde Augen gehabt, kaum über das halbe Thal reichte die Kugel, und die Gene⸗ rale ſtanden mit blaſſen Wangen, und den Kriegsräthen ſchien der Rath ſelbſt zu gebrechen. Wie ſoll da der Soldat nicht zagen, wenn er in den Blicken der Feld⸗ oberſten den Muth erlöſchen ſieht!— Still! fiel Stein⸗ brunn ein. Ich höre Hufſchlag vom Lager her!— Beide ſtellten ſich gerade neben einander; die Schildwacht rief an, das Loſungswort tönte zurück, und ein halbes Dutzend Reiter kamen im Schritt herangeritten. Der General⸗Oberſt ſelbſt war es, Johann von Katzenſtein, und mit ihm More Laßlaw, der Oberſt der Huſaren, und Chunrik, der Sachſengeneral. Majeſtätiſch prangte auf dem ſchweren Hengſte die kräftige Geſtalt des Feld⸗ herrn, hoch und breitſchulterig, wie ein Hünenbild; der vergoldete Küraß engte die breite Bruſt, und unter dem langbefiederten Hute dräuete ein Heldenantlitz mit dun⸗ keln Blitzaugen und wohlgeformten Zügen, umflattert von dicken Graulocken, Gewitterwolken gleich, die zer⸗ ſtörende Wetterſtrahlen einhüllen. Da iſt der Platz, General! ſagte er zu dem Sach⸗ ſen, dicht neben der Karthaune ſein Roß parirend und mit ſtarren Augen hinunterblickend in das mondbeleuch⸗ tete Thal. Von hier aus iſt es unmöglich. Darum muß das Lager verlegt werden, trotz aller Widerſpre⸗ cher und Neider, denn ich muß die Stadt haben, und ſollte ich den Mond, der drüben am Himmel hängt, auf ſie herabſchmettern.— Chunrik ritt vor mit dem Huſaren⸗ Oberſten, und beide vertieften ſich in ein angelegentliches 10 Geſpräch über die Gegend. Indeß fielen des Feldherrn Blicke rechts und links auf die Vorwachten. Die kärn⸗ thiſchen Reiter waren aufgeſprungen, und ſtanden in militäriſcher Ordnung neben ihren Pferden; die Fuß⸗ knechte jedoch lagen noch im vorigen Knäuel am Boden, und regten kein Glied. Stutzig ſah der General⸗Oberſt auf den Hauptmann Scipio, und ſein Blick erglühte in ſprühendem Zorne. Was iſt das, Herr Hauptmann? fuhr er auf, und trieb ſein Roß mitten zwiſchen die erſchreckenden Schläfer. Hat man Euch auf ein Faulbett beordert oder zur erſten Vorwacht? Und Ihr, Junker Landenberger, ſeid Ihr doch ausſtaffirt mit ſammetner Pluderhoſe und Silberſchnä⸗ beln, als ginge es zum Hofballe in der Burg zu Wien, und nicht gegen blutgieriges Feindesvolk. Im Elends⸗ koller und dem Frieswammſe haben wir uns geſchlagen am Wiener Thurm, und ſo bin ich geworden der erſte Mann im Reiche. Iſt der Führer ein äffiſcher Thor, werden die Soldaten Müßiggänger und Faulbäuche.— Zuſam⸗ men fuhr der Junker, und ſeine Rechte fiel an den De⸗ gen; doch beſann er ſich zeitig, neigte das junge Haupt in kriegeriſchem Gehorſam, und ſagte im verbiſſenem Groll: Der Sinn und die Fauſt macht den Krieger aus, nicht das Kleid, mein Feldherr! Die Antwort möget Ihr ſuchen, wenn Ihr mich morgen fechten ſehet im Thale, und falle ich, wird der plündernde Muſelmann, der mich entkleidet, meinen, es ſei der Mühe werth geweſen, Schwert und Geſchoß an dem Landenberger zu verſuchen.— Die Lanzenknechte hatten ſich jetzt gleichfalls in zwei Glieder ger tz ein grauer Korporal trat vor, dicht an den Steigbügel des Feldherrn, und legte ſalutirend die Linke an die Blechkappe. † 11 Haltet zu Gnaden! ſprach er trotzig, und ſchimpft unſern Hauptmann nicht ohne Recht. Iſt wer zu ſchim⸗ pfen, ſo ſind es die, welche uns hieher getrieben, an Hunger und Peſt zu verenden, wie abgejagtes Bagage⸗ vieh. Gebt halter Wein und Semmeln, und Ihr wer⸗ det die alten Schützen finden. So ſtirbt die beſte Mann⸗ ſchaft an den Straßen, und Ihr könnt nach einer Woche verſuchen, ob Ihr mit Eurer Rieſenfauſt allein jene Mauern umzubrechen vermöget, und ob der türkiſche Halbmond ſich neiget vor Eurer einſamen Hoheit.— Scharf faßte Katzianer den kecken Sprecher ins Auge, ſein Mund zuckte dabei unter dem Knebelbarte, und müh⸗ ſam ſammelte und zwang er das aufbrauſende Meer der Leidenſchaften. Du biſt der NRickel Eichſcheit, ſagte er langſam mit verhaltener Stimme. Du ſtandeſt treulich bei mir zu Wien in der Breſche, und ſollteſt ſtolz auf die Ehre ſein, die Du dort mit dem Katzenſteiner theilteſt. Dein Trotz iſt Sünde an mir und Dir. Die ſächſiſchen Völker ſind eben angekommen, mit ihnen der Biſchof von Agram, der uns den verſprochenen Proviant herbeiführt; doch der Gilgenberg, unſer Proviantmeiſter, iſt ausge⸗ blieben, und welcher Hauptmann ihn betrifft, mag ihn hängen laſſen; denn er allein iſt Schuld an der Noth unſerer lieben Soldaten. Du ſollſt eſſen, Eichſcheit, aber in Ketten und enger Baracke bei dem Strickreiter; denn Muth und Treue geben keinen Freiſchein für In⸗ ſubordination.— Er winkte, und einige ſeiner Ordon⸗ nanzen führten den betroffenen Korporal ab in das — Lager.— w* Sind ſie noch nicht zurück? Habt Ihr nichts vernom⸗ men? wandte ſich jetzt der General⸗Oberſt zu dem Rei⸗ terhauptmann von Steinbrunn.— P 2 — 12 Kein Mann von den Hinausgerittenen iſt herein, ant⸗ wortete Franciscus. Gegen Mitternacht fielen fernhin, rechts im Thale, ein Dutzend Schüſſe vom Piſtol oder aus leichtem Rohre, und bald darauf donnerten zwei ſchwere Geſtücke los; hoch tönte der Schall, als käme er vom Berg, doch nicht von Eſſeggs Zinnen. Seitdem iſt die Gegend grabſtill worden, und nichts Lebendiges hat ſich vor uns gerührt.— Ich wollte, der Wakiſch Paul wäre allein geſchickt, ſprach Katzianer vor ſich hin, und ich hätte den Michael bei mir behalten. Zu tollkühn, überſchreitet der Ungar leichtlich die Ordre, und könnte die Schwarzen mitgeſtürzt haben in das Verderben. Sen⸗ det mir Botſchaft in das Hauptquartier, ſobald nur irgend ein Reitersmann zurückkommt, und haltet Euch kriegsmuthig; es iſt ja der Katzenſteiner, deſſen hel⸗ ler Stern noch immer den falben Türkenmond ver⸗ dunkelte.— Feſter preßte er den Federhut auf die grauen Locken, drückte dem Roſſe die Sporen ein, und galoppirte am Bergrande hin zum nächſten Poſten. Die Generale und Ordonnanzen folgten ihm. Lange ſahen ihm die beiden Hauptleute der Vorwacht nach, ohne ihr unterbrochenes Geſpräch neu zu beginnen. Der Landenberger ging mit untergeſchlagenen Armen umher, bis ſein Gefühl über⸗ gährte, und er mit glühendem Geſicht dicht vor dem Stein⸗ brunn anhielt. Iſt das ein Ehrenmann? fragte er heftig. Darf er des Königs Offiziere alſo öffentlich beſchimpfen? Und was muß ich thun dabei?— Still ſchweigen! antwortete Franciscus. Es nehmen, wie Wort der düſtern Laune von Vatersmunde, und bei der nächſten Aktion zeigen, daß er ſich irrte in Dir. Ich 13 wette, dann wird das öffentliche Lob den Scheltſpruch dreifach gut machen. Wären nur die ſchwarzen Panzer⸗ reiter erſt wieder hinter dem Wachtfeuer!— Und ihr Oberſt, Dein Michael! fiel der Landenberger ein. Nun weiß ich, warum Du in die Nacht hinaus⸗ blickteſt, wie ein ſehnſüchtiges Mädchen. Aber der Mi⸗ chael iſt auch ein Anderer als der Vater. Alle ſeine Tugenden hat er geerbt, doch die Flecken ihm gelaſſen. Der Alte iſt ein Kind des Krieges, voll wüſter, unbe⸗ zähmter Leidenſchaften, rauh, hart und grauſam. Jäh flammt ſein zerſtörender Zorn auf, und unverſöhnlich iſt ſein Haß.— Der Sohn iſt wie vom Mars und Venus erzeugt, mild, menſchlich, treu und wahr, ein Adonis im Eiſenkleide. An jenen baue ich kein Hüttendach; denn fürchten müßte ich den Vulkan in jedem Schlummer; an dieſen lehnte ich gern mein liebes Haus; denn Schutz und Mitgefühl wäre mir ſicher.— Und dieſer kehret vielleicht nicht mehr, iſt geweſen, und Du hältſt ihm den Leichenſermon ſo eben! ſeufzte Steinbrunn, indem er mit Wärme des pvetiſchen Jun⸗ kers Hand drückte.— Da rief wiederum die Schildwacht ihr: Wer dal und zugleich ſchallte der Schlag vieler Hufe aus dem Thale her. Vivat Ferdinandus! Georgius sanctus cum nobis! tönte mit ungariſchem Accente das Feldgeſchrei herauf, und eine dunkle Reitermaſſe trabte gegen den lehnanſteigenden Hügel; frohſinnig traten ihnen die Haupt⸗ leute entgegen. Voran den Reitern ritt der kühne Wakiſch Paul, ein kurzgedrungener, derb gebauter Mann, in ungariſcher, mit goldenen Schnüren beſetzter Tracht; das wirre Kraus⸗ haar deckte die ſchwarze Spitzenmütze, auf der ein breiter 14 Adlerfittich wehte; ſtatt des Mantels umflatterte ihn ein Tigerfell, und ein ſchwarzer Bart hing zottig vom aufgeworfenen Munde nieder. Mit dem Gruße: lo Reggel Kedves Barätom! galoppirte er eilig, ſowie er+ die Höhe gewonnen, auf ſeinem ſchlanken, lichtbraunen Pferde dem Lager zu, und ihm folgte die Schwadron leichter Ungarn, in deren Mitte man einige gefangene Muſelmänner bemerkte. Auf ihre eigenen arabiſchen Pferde hatte man dieſe Elenden feſtgebunden; ihre Arme und Füße waren um den Leib des Thieres geknebelt, und jeder ſcheue Seitentritt der flüchtigen Roſſe erſchütterte ſchmerzhaft den gefeſſelten Gebieter; die weiße Kleidung der Armen war vom Blute geröthet, das aus Schultern und Schenkeln quoll, welche die muthwilligen Huſaren mit den Spitzen ihrer Säbel nur leicht, aber ſchmerzhaft ſtachelten. Kein Wehgeſchrei ließen die Söhne Mahoms— hören; nur ein leiſes Allah! ſtießen ſie hervor, und wen⸗ deten zuweilen den kahlgeſchorenen Kopf, den man des Turbans beraubt, rollten die großen, grimmfunkelnden Schwarzaugen und knirſchten mit den weißſchimmernden Zähnen. Hinter den ſchnell und ordnungslos vorbeiſprengenden Ungarn folgten die ſchwarzen Panzerreiter, deutſche, geſetzte Krieger, trotz der Nacht Glied und Schluß hal⸗ tend. Auch zwiſchen ihnen ritt ein gefangener Türk, jedoch feſſelfrei, und an ihrer Spitze glänzte in blanken Stahlwaffen Michael Katzianer von Katzenſtein, ihr Oberſt, eine hohe, herrliche Geſtalt, mit der Majeſtät des Vaters 1. die Blüte und Lieblichkeit des ſchönſten Jugendalters ver⸗ einigend. Der junge Held wechſelte einige Worte mit ſeinem Hauptmann; dieſer ließ hierauf ſeine Leute ab⸗ ſchwenken und commandirte ſie, im Schritt gegen die 15 Zelte zu maſchiren, indeß der Oberſt ſeinen ſtolzen Gold⸗ fuchs zu der Vorwacht lenkte, und dicht neben der Kar⸗ thaune abſaß. Willkommen Michael! rief Hauptmann Steinbrunn. Ihr ſeid lange geblieben, und habt uns Angſt gemacht.— War es doch auch eine heiße Racht! antwortete der Katzenſteiner, tief Athem ſchöpfend, und den Helm vom Haupte auf den Sand werfend, daß das lange, gelockte Haar in dunkeln Schweifen ſein edles Geſicht und den muskelvollen Hals umwogte. Und baldigſt, Freund, wäre mir der Heimritt erſpart worden. Ich ſah Deinen Lahner bei Dir, Franciscus, den kundigſten Wundarzt unſerer Reiter. Rufe ihn her, denn meine Schulter brennt, und mein Koller iſt naß, wie ein Schwamm vom Blute.— Du biſt wund? rief der Kärnthner erſchrocken, und ſprang hin, den gewünſchten Reiter zu rufen. Der Lan⸗ denberger half unterdeß die Panzerſtücke des Oberſt löſen, und fragte zugleich neugierig: Ihr habt Feinde einge⸗ bracht? Habt Ihr vergeſſen, daß bei Trommelſchlag der Befehl verkündet wurde, keinem Ungläubigen Pardon zu ſchenken?— Wir hatten andere Ordre! antwortete Michael, indem er ſich auf den Boden ſetzte, und den Rücken gegen das Geſtück legte, während deſſen der wundenkundige Lahner die Schulter unterſuchte, und Franciscus mit einem bren⸗ nenden Kienſcheit dazu leuchtete. Der Vater wünſchte einige lebende Moslems, und ſein Wunſch iſt erfüllt, koſtete er auch ſechs wackere Kriegsleute. Er wird von ihnen erpreſſen, was zu wiſſen Noth thut, klingen auch die Nachrichten vielleicht nicht ſonderlich ſeinem Ohre.— 16 Wiederum näherten ſich jetzt vom Lager her zwei Männer, und als die Offiziere ſie im Mondlicht erkann⸗ ten, ſtellten ſie ſich gerichtet auf, und begrüßten ſie re⸗ ſpektvoll. Der Erſte war der Graf Ludwig von Ladron, 5 der General der italiſchen Hakenſchützen, eine trockene, lange Geſtalt, Stolz im tiefliegenden Auge, der gewölb⸗ ten, kahlen Stirn und der Römernaſe, als Hauptzug ſeines charaktervollen Geſichts, bloßtragend für den erſten Anblick. Die reiche römiſche Kleidung von gelbem Sam⸗ met, der blutroth ſcheinende Federwald auf dem breitge⸗ randeten Biberhute zeigte den Mann von hohem Range und höherm Dünkel. Neugierig trat er herzu, und als er bei dem Lichte der Kienfackel den jungen Katzenſteiner erkannte, zogen ſich ſeine ſchwarzen Augbraunen dicht zuſammen. Was ſehe ich, Herr Oberſt? ſprach er mit tiefer Stimme. Den wichtigſten Auftrag gab dem jungen Blut der hohe Herr Vater, und Ihr ſäumet, den Rapport zu bringen, auf den ein halbes Hundert gedienter Offiziere „ in höchſter Spannung wartet? Habt Ihr auch ſchon ein Theilchen gewonnen vom Uebermuthe des General⸗Ober⸗ ſten, daß Ihr koſet mit den Freunden in beleidigender Nachläſſigkeit? Haltet auch Ihr die Kriegesgefährten nur für ſchlechte Monde, die den Glanzplaneten gehorſam und dienend umwandeln müſſen, die nur als Folie glän⸗ zen für Euern erträumten Sonnenglanz?— Ich bin verwundet, verehrter Graf, wenn auch nur durch einen Streifſchuß, doch derb verblutet und erſchöpft, antwortete mit Tönen der Liebe und Ehffurcht der junge 3 Katzenſteiner. Schon ſteht der Wakiſch Paul im Zelte des Feldherrn, und ſtattet den Bericht ab über den ge⸗ lungenen Nachtzug. Wie möget Ihr zürnen, daß mir 17. das Leben lieb wurde, ſeit ſich die Hoffnung auf mich niederſenkte, ſein ſchönſtes Juwel aus Eurer Hand zu empfangen? Soll ich das junge, thatenloſe Daſein nicht ſparen, damit ich verdienen darf, worauf mir das Schickſal den Anſpruch ſchenkte, damit mein Name, gleich gerühmt, wie der des Vaters, würdig eintreten möge in den Stammbaum der tapfern Ladrons, und die edle Ermuda nicht einen dunkeln Rittersmann be⸗ glücke?— Wir ſtehen im Felde, Herr Oberſt, entgegnete finſter blickend der General, und ſchlagen nicht die Laute unter dem Balkon eines liebeſiechen Fräuleins. Vergeſſet das nicht, mein Herr von Katzenſtein.— Liebe und Ehre, und Ehre und Liebe, ſind des Ritters Paniere, antwortete innig und warm der Jüngling, und was ſeit der Tafelrunde, was ſeit Carolus Magnus Hel⸗ denkreiſe bis jetzt vom adeligen Blute Großes geſchah, vollbrachte man unter dieſen Fahnen, und unter ihnen reichten ſich der edle Römer und der edle Deutſche die verwandten Hände.— Und wird mir die Verwandtſchaft lieb bleiben? ſprach der Graf vor ſich hin, mit ernſtem, hartem Ausdrucke. Erſchrocken ſah Michael auf zu ihm.— Welch' böſer Geiſt hat Euch heute gefaßt? fragte er ſchmerzlich. Könnt Ihr, der mir den Sohnesnamen gab, der mir in ſeinem Schloſſe die Werbung erlaubte um die holde Tochter, der unſere Wonnen mit zu fühlen ſchien, als ſich in Wien die jungen Herzen verſtändigten, könnt Ihr ſolch' herbes Wort mich hören laſſen in dem⸗ ſelben Augenblicke, wo ich blutend von einer Sarazenen⸗ kugel vor Euch liege, da mich der S durchzuckt aus heißer Wunde?— Blumenhagen. VI.. 2 18„ Du biſt ein wackerer Junge, fiel der Graf, ſich be⸗ ſinnend, ein; doch wer verbürgt, daß nicht in Dir ver⸗ ſteckt derſelbe böſe Same ſchlummere, den die Sonne des Glücks aufgehen ließ in Deinem Vater zu einer Di⸗ ſtelflur, die Jeden tödtlich ſticht, der ſich ihr unbedacht zu nähern wagt? Meineſt Du, ich hätte den Kern der italieniſchen Jugend geworben und hergeführt auf Ferdi⸗ nands Befehl, daß die tolle Unbeſonnenheit dieſes Sohns der Fortuna ſie ſchlachten ſolle ſeinem Dünkel, der nicht auf Rath hört, nicht gelten läßt die Erfahrung Anderer? Iſt es nicht Raſerei, die ſtärkſte Feſte des Landes neh⸗ men zu wollen mit halbverhungerten Soldaten? Warum gilt dieſer Böhmen⸗General, der Albrecht Schlick, ihm mehr, als ich und meine Freunde? Aus dem Huſſiten⸗ lande kam dem Kaiſerhauſe ſchon des Böſen viel, und dieſer Böhme bringt mit ſeinem großſprecheriſchen Maul⸗ werk ohne That uns auch nichts Gutes. Ihr traget die weiße Katze im Schilde, die auf dem güldenen Berge ſitzt. Der goldenen Schätze gab Ferdinandus Euch die Fülle, und ſchnurrend bewacht ſie der Kater. Ein Bild der Vorſichtigkeit nennt es der Wappenherold; ich habe die Kralle gefühlt und den weißen Zahn, und nenne es ein Bild der Falſchheit und Rachſucht, die von hinten anfällt, was ſie haſſet.— Herr Graf von Ladron! fuhr Katzianer in die Höhe, und ſchlug mit dem ehernen Handſchuh gegen das me⸗ tallene Geſchütz, daß ſolches laut erklang.— Was be⸗ liebt, mein Oberſt? fragte der General höhniſch. Reget ſich in Euch das Katzenſteiner Geblüt?— Ihr ſeid ja Ermuda's theurer Vater! ſetzte der Jüng⸗ ling dem heftigen Ausrufe zu. Nur Ihr dürfet unter dieſen Tauſenden Euerm Unmuthe ſolche Worte geben.— 8 Seht da, des Vaters ächter Sohn! lächelte der ita⸗ liſche Graf mit Spott. Für Wahrheit Schwertſchlag, für guten Rath Todeswunde. Und meine weiße Taube ſollte ich in die befleckten Krallen jagen? Suchet Euch einen Schwiegervater auf Deutſchlands Felſenhorſten, wo der Raubvogel niſtet.— Und habt Ihr gute Bot⸗ ſchaft mitgebracht? Iſt die Feſte übermorgen unſer, wie es der große Held von Wien geträumt? Wird ſie ein Lazareth uns bieten für unſer Fußvolk, das wie geſpen⸗ ſtige Todtenſchatten der tolle Führer gegen hohe Mauern treibt.— Die Botſchaft wird den Vater nicht erfreuen, ent⸗ gegnete Michael zu Boden blickend und ſein Gefühl be⸗ zähmend. Von hier aus iſt Eſſegg nicht zu nehmen. Der Beg hat ein Kloſter rechts auf der Höhe zu einer unbe⸗ zwinglichen Schanze gemacht. Die Stücke von da be⸗ ſtreichen das ganze Thal, und legte man das Lager weiter vor, würde es in einer Stunde ein Aſchenhaufen und Todtenhügel werden. Ich trage eine Probe der ſichern Traubenſchüſſe von dort an meiner Schulter. Auch iſt die Macht des Mahomet nicht ſo gering, als wir ge⸗ glaubt. Von Ofen, Weißenburg, Samandria hat er die Beſatzungen an ſich gezogen, rüſtige Janitſcharen und Martelloſen; die Sanzacken haben von Oſt und Süd ihm ihr leichtes Volk geſchickt, das jubelnd und beutegierig ſich ihm ſtellte, und was das Böſeſte, auch der Ustreff⸗Paſcha ſandte ihm ſeine Bosniaken, ein treff⸗ lich ausgerüſtetes Reitergeſchwader, welches Amurath aus Sebeniko befehligt, der beſte Reitergeneral des Sultans, derſelbe wüthende Renegat, der Cliſſa nahm, und die Thore dieſes Schloſſes mit vielen edlen Chriſtenhäuptern ſchmückte.— ———————— 20 Amurath iſt uns gegenüber, der Kirchenſchänder, der gottloſe Läſterer? fuhr der alte General wie ein kampf⸗ luſtiger Jüngling auf. Katzianer! Das bläſet meinen Unmuth empor zur Flamme des Haſſes. Hätteſt Du mein Kriegsvolk nicht hungern laſſen, ſo dürften wir morgen hinaus in das Blachfeld; dann wäre mein der ſchönſte Tag geworden, mich zu meſſen mit dieſem Re⸗ negaten, mit dieſem Judas auf Klinge an Klinge! Scheltet den Biſchof von Agram und den Schlicken⸗ berg, anwortete Michael unwillig. Wird denn der Haß auch in dem Gerechteſten zum heilloſen Gifte, das auch das reinſte Auge blind macht? Verlangt Ihr vielleicht, der Vater ſollte die Hofbäckerei von Wien mitgenommen haben, und ſelbſt am Ofen wachen über die Kuchen für Euern Mund.— Der Graf drehte ſich abwärts mit zu⸗ ſammengebiſſenen Lippen, da ſtürmte ein Ordonnanz⸗ Offizier heran, fragte nach dem Oberſt, erzählte von des Vaters Angſt um ihn, und dieſer ſtand auf, ehr⸗ furchtsvoll von dem General Abſchied nehmend, ordnete ſeine Rüſtſtücke wieder, und folgte dem Boten lin des Lagers leichtgebauete Stadt. Am Morgen nach dieſer Nacht ſaß der Kriegsrath des Heeres verſammelt im Prachtgezelte des General⸗ Feldoberſten. Der ſchwarze Adler in weiße Seide ge⸗ ſtickt, flatterte von der Kuppel des blendenden Leinen⸗ hauſes, deſſen Eingang mit Purpurdecken verhangen, deſſen Boden mit koſtbaren Teppichen belegt war. Ueber den Zeltſtangen des Einganges prangte auf einem gro⸗ ßen Silberſchilde das Wappen der Feldmarſchalls, die 21 weiße Katze auf güldenem Berge, im rothen Felde, und eine Schützencompagnie, Hauptmann Ernſt von Bran⸗ denſtein, an ihrem rechten Flügel, hielt Wache bei der Fahne, dem Geſchütz und den Trommel⸗Pyramiden, welche auf dem runden Platze vor dem Hauptquartiere dräuend und zierend zugleich aufgeſtellt ſtanden. Drinnen im Gezelt ſaßen um einen Feldtiſch Herr Johann Katzianer, der Graf Ladron und Albrecht Schlick, der Böhme, der Freiherr Hans Ungnad von Sonnegk, Landeshauptmann in Steyer, und Herr Hans Mager von Fuchsſtadt; an den Leinenwänden umher ſtanden die tapfern Oberſten des chriſtlichen Heeres, das würdevolle, ruhmbedeckte Alter mit der kernvollen Kraft der Jugend gemiſcht. Vor dem Tiſche befanden ſich fünf türkiſche Gefangene, und der Geheimſchreiber des Feldherrn be⸗ endete ſo eben das Protokoll ihrer Ausſagen. Es iſt hinreichend, ſprach jetzt der alte Katzenſteiner. Führet die Ungläubigen hinaus, und tretet ab, ihr Herrn Offiziere, damit wir im engern Ausſchuſſe beſchließen, was in des Königs Dienſte das Beſte ſei.— Herr Wakiſch Paul! ſetzte da der Böhme Schlick hinzu, indem ſeine ſtechenden Blicke an den Wänden umherliefen; Ihr habt dieſe Hunde eingebracht; habt nun auch die Güte, ſie ſofort draußen zuſammenwerfen zu laſſen durch Eure ungariſchen Säbel! Nehmet ihnen ſchnell Augen und Zunge, damit Keiner dem Erzfeinde des Kreuzes berichte, wie er hier des Reichs beſte Offi⸗ ziere habe bleich werden ſehen vor türkiſcher Aufſchnei⸗ derei und Lüge.— Vier der Muſelmänner warfen ſich, da die Huſaren⸗ wache, die ſie umſtellte, die Säbel erhob, auf die Erde, ſchlugen mit den kahlen Häuptern den Sand, und erhoben 2an ——— — S die Hände bittend unter einem ſchauerlichen Wehgeheule. Der fünfte, ein blutjunger Menſch, den der farbige Turban mit dem Reiherbuſche und die goldenen Sporen als einen Mann von Stande verkündeten, ſtand uner⸗ ſchüttert, erhob ſtolz den ſchönen Kopf, und ſeine ſchwar⸗ zen Gazellenaugen fuhren wie ſuchend an dem Kreiſe der kaiſerlichen Offiziere hin. Da trat Oberſt Michael Katzianer hervor und ſtellte ſich raſch zwiſchen die Gefangenen, mit ſeinem Leibe den jungen Türken deckend gegen die Waffen der Huſaren. Mit Verlaub, meine hohen Generale! ſprach er erhitzt, dieſe 3 feindlichen Männer bekamen unſer Ehrenwort als Le⸗ bensverſicherung, wenn ſie frei und wahrhaft beantwor⸗ teten, was ihnen abgefragt würde. Verzeihet, daß ich daran erinnere und eurer Vergeßlichkeit zu Hülfe komme.— Bürgeſt Du, daß ſie uns Wahrheit ſagten, fragte der General⸗Oberſt, ſtutzig ob des kecken Benehmens des Sohnes.— Der Erfolg wird es lehren; bis dahin müſſen ſie verwahrt werden, antwortete Michael.— Müſſen ſie? entgegnete mit Spott Graf Albrecht Schlick. Meinet Ihr das ſo feſt, Herr Oberſt der ſchwarzen Reiter? Ich meine das anders. Ungläubigem Heidenvolke ſein Wort zu halten, davon ſteht nichts in unſerer Glaubenslehre, und im Kriegsgebrauch hat ihr Sultan uns das Beiſpiel des Gegentheils hundertfach vorgezeichnet. Hinaus, Herr Wakiſch, mit den Hunden, und thut an ihnen, was befohlen worden!— Nein! ſage ich, nein! rief mit einer Donnerſtimme 1 der junge Reiteroberſt, und ſeine Geſtalt ſchien rieſen⸗ † lang zu wachſen, als er zornig den Helm auf das Haupt warf und die Hand legte an das lange Schwert. Soll 23 der Chriſt dem ſchlechten Muſter der Heiden folgen? Soll der deutſche Ritter ſeinen Adelſpiegel ſuchen bei dem arabiſchen Raubgeſindel? Dieſer Bosniak iſt mein Gefangener; mein Schwert hat ihn entwaffnet, meine Schwarzen haben ihn eingebracht. Er hat mein Ritter⸗ wort für ſein Leben, und wo iſt der Mann in ganz Oeſterreich, der ſagen könnte, Michael Katzianer habe jemals von ſeinem Worte ein Titelchen unerfüllt gelaſſen2 Wer meiner Ehre ſolchen Flecken anhängen möchte, müßte zuvor den Michael zum Leichname machen. Mag Herr Wakiſch Paul mit ſeinem ungariſchen Schwure es hal⸗ ten, wie er will; ſein ſind die Vier; mein iſt der Einez dieſer ſteht hinter meinem Schilde; ich werde ihn zu ſchirmen wiſſen, und drängten alle Speere Eurer Böh⸗ men auf mich ein.— Mit ſtarker Hand faßte er die Rechte des bosniſchen Kriegers; er riß ihn mit ſich hin⸗ aus aus dem Zelte, und Niemand wagte ihn zu hindern. Graf Schlick wandte ſich erbost zu dem Feldherrn. Und Ihr duldet ſolches vom eigenen Sohne, Herr von Katzenſtein? fragte er heftig; duldet das in Gegen⸗ wart der Generale Eures Heeres? Der alte Katzenſteiner hatte mit ſcharfen Blicken der Scene zugeſchaut, und man ſah, daß nicht der Unwille vorwaltete in ſeiner Seele. Wer den Feind fing, dem iſt er eigen; antwortete er ernſt. Findet Ihr darin etwas Unrechtes und Außergewöhnliches? Und ich meine, ein Katzenſteiner darf immer ſeinen eigenen Weg gehen in des Königs Dienſten; das Kaiſerhaus hat bis jetzt nicht Schaden gehabt dabei.— Und wer dem Feinde alſo Wort hält, dem darf der Freund vertrauen! ſetzte der Graf von Ladron halblaut hinzu, als ſpräche er mit ſich ſelbſt. Der Böhmen⸗ SMdkten————— ———— 24 General warf feindſelige Blicke links und rechts auf ſeine beiden Nachbaren, winkte grimmig dem Oberſt der Hu⸗ ſaren zu und die Gefangenen wurden vor das Gezelt geſchleift und niedergeſtoßen. Der Kriegsrath, welcher darauf gehalten, artete in einen heftigen Wortkrieg der Meinungen aus. Der Ober⸗ feldherr wollte kein großes Gewicht auf die Ausſagen der Gefangenen legen; er beſtand feſt auf ſeinem Vor⸗ ſatze, Eſſegg zu nehmen, und dem Könige Ferdinand das gegebene Verſprechen zu halten. Wäre die jetzige Lagerſtatt nicht der rechte Platz dazu, ſo ſei ein anderer zu ſuchen. Daß der Feind ſich nicht herauswagt in das Blach⸗ feld der Schlacht, zu der das weite Thal den Raum darbeut, ſprach er, iſt ein ſicheres Zeichen ſeiner Schwäche und Furcht. Mein Auge hat ſchon den rechten Fleck er⸗ kundet; der Wald muß umgangen werden; an ſeiner Spitze liegt eine Höhe, der Stadt gleich; von dort ſoll das Geſchütz die Mauern niederſchmettern, und durch die Breſche führt mein Feldherrnſtab Ferdinands Völker zum gewohnten Siege.— Allen Reſpekt Euerm Glücke und Eurer tapfern Fauſt! entgegnete der Graf von Ladron. Aber hier gilt es nicht, Huſaren in den Feind zu führen mit wildem Halloh, ſondern mit dem Vortheile des Kaiſerhauſes die Sorge zu verbinden für einige zwanzig tauſend brave Solda⸗ ten. Ihr, Herr General⸗Oberſt, habt nur die Reiterei um euch gehabt auf dem Zuge; ich habe das Fußvolk fallen ſehen vor Erſchöpfung, wie die Fliegen im erſten Deremberfroſt. Darum rathe ich, keine Schlacht und 25 keinen Sturm, ſondern einen Rückmarſch nach Walpach, wo der Soldat Magazine findet. Dort den Jobſt von Gilgenberg gehangen, den Krieger und ſein Roß auf⸗ gefüttert, und dann den Doppeladler vorwärts getragen zum ſichern Siegesfluge.— Rückmarſch? fragte Katzianer verächtlich. Dieſe Ara⸗ ver ſollten die kaiſerliche Fahne fliehen ſehen, bevor ein Schwertſchlag geſchah? Wem von euch, ihr Herren, kann ſolch ein Vorſchlag genügen? Sprechet freimüthig.— Der Ungar Bamphi Waltſſar ſtand auf und ſprach: Wahr iſt es, was der italieniſche Herr geäußert, das Fußvolk trägt kaum die Waffen mehr, der Türke kennt die Noth, darum hält er ſich fein ruhig in ſeinen Mauern, und denkt nach wenigen Tagen ohne Wehr zu ſchlachten. Wie wäre es, mein Feldherr, wenn wir ohne Rückzug auf kürzerem Wege gewönnen, was dem Heere mangelt? Zwei Meilen von hier liegt Schloß Hermand; gefüllt ſind dort die Kornhäuſer; ein Ueberläufer verrieth mir's; das Schloß iſt ſchwach und leicht zu nehmen, und ſchnell kehrt dann die geſtärkte Schaar zu Eſſeggs Thürmen.— Ziehet nach Walpach! Kranke erſtürmen keinen Meier⸗ hof! rief Graf Ladron dazwiſchen.— Mit Euerm Walpach! unterbrach ihn der von Fuchs⸗ ſtadt. Zeiget dieſen feigen Hyänen die Flucht, und Ihr werdet ſie alle augenblicks an Eure Ferſen locken. Ein Schlag muß geſchehen, und ſie betäuben. Nach Eſſegg! ſtimme ich, und ginge der Weg dahin durch die Hölle.— Nach Eſſegg! rief auch der Freiherr von Sonnegk. Iſt auch der Marſch dahin gefährlich, wird die Erſtür⸗ mung dagegen deſto leichter ſein. Das Geſchütz in der Stadt hat kein Räderwerk; und an zweihundert Stücke find in dieſes Thal gerichtet. Nicht ſchnell genug wird 26 Mahomet es nach jener Seite zu bringen vermögen, die wir zum Sturme auserſahen. Die Chriſten der Vor⸗ ſtädte werden den Glaubensbrüdern zufallen, und dieſe eine Anſtrengung wird uns mit dem Siege allen Ueber⸗ fluß gewähren.— Ziehet nach Walpach! murrte der alte Ladron fort. Ich höre ſchon das Flattern der Raben und Geier über den Leichenhaufen der Unſern.— Ihr ſeid überſtimmt! und könnt Eure Prophezeihung für Euch behalten! antwortete Johann Katzianer mit Hitze. Graf Albrechts auserleſene Reiterſchaar wird un⸗ ſern Marſch decken, und daß die Reider nicht ſprechen, der Feldherr ſchone ſein Blut, ſoll mein Michael mit ſeinen Schwarzen die Arriergarde bilden. Sobald der Morgen dämmert, brechen wir auf.— Wohl denn! entgegnete der Italiener mit düſtern Blicken. So laßt auch meine Fähnleim im Zuge an dieſem Platze wehen, den Ihr für den gefährlichſten hal⸗ tet. Man ſoll nicht ſagen, daß der Graf Ladron aus Furcht zum Rückzuge gerathen habe.— Alle Generale erhoben ſich von den Feldſeſſeln; Graf Ladron aber trat beim Scheiden nochmals dicht vor den General⸗Oberſten hin, und ſagte leiſe, ihn ſcharf an⸗ blickend: Ich achte den tapfern Kriegsmann in Euch, Katzia⸗ ner; aber die Vorſichtigkeit Eures Wappenbildes hätte dieſes Mal mehr gelten ſollen, als das Vertrauen auf die ſcharfe Kralle. Wohl dem von uns beiden, der einen Ehrentod findet von Feindes Hand.— So verließ er das Gezelt zuletzt; der alte General⸗ Oberſt ſah ihm gedankenvoll nach, und ging mit lang⸗ ſamen Schritten in das Innere ſeines leinenen Palaſtes. eh 27 Die Befehle für die Veränderung der Lagerſtatt wur⸗ den ſchleunigſt ausgefertigt, und kaum verkündete das Dämmerlicht den Tag, ſo ſanken die weißen Häuſer; in einzelnen Abtheilungen brachen die Regimenter auf, und nach einander ſchlugen ſie die Straße ein, welche in einem großen Bogen durch die Waldung zu dem von dem Feldherrn beſtimmten Ziele führte. Die Böhmen und die Italiener ſchloſſen den langen Zug, und die letzte Colonne bildete Oberſt Michael von Katzenſtein mit ſeinen Panzerreitern. Der prächtige Wald wölbte ſich zu einem Laubdome mit ſeinen thurmhohen Bäumen und üppigem Blätter⸗ wuchſe über der Kriegerſchaar, und geſchützt vor den Pfeilen der Sonne, vom erquicklichen Duft der blühen⸗ den Geſträuche angehaucht, athmete der Soldat wieder freier, und die Hoffnung gab ihm den verlorenen Muth zurück. In der Mitte der bärtigen, ſchwarz geharniſch⸗ ten Männer ritt der gefangene Bosniak, dem man ſein perſiſches Roß zurückgegeben. Ingrimmig ſah der ſchlanke Mann auf ſeine Begleitung; nur auf ihrem Anführer weilte oft ſein Feuerauge mit mildern Empfindungen, und ſcharfe Blicke des ſpähenden Falken warf er rechts und links im Dickicht umher, wenn hie und da ein ſchmaler Seitenpfad ſich öffnete, als erwarte er Befreier und Rächer. Wortlos war Michael der Schaar vorangeritten. Als der Wald ſich jetzt lichtete, die Straße ſich in mehre Wege ſpaltete, als ihr äußerſter Bogen ſich näherte und man vom Gebirg herab durch die dünneren Baumgrup⸗ pen hie und da die Feldflur ſchimmern ſah, befahl er Halt, vertheilte ſein Regiment in Compagnien, und ließ die Hauptleute mit dieſen die einzelnen Seitenpfade ————————— 28 durchtraben, um nachzuforſchen, ob keine feindlichen Streifer der Arriergarde gefährlich werden könnten. Er ſelbſt hielt unter einem Laubgewölbe mit ſeiner Leib⸗ ſchwadron, und ließ ſie abſitzen und ſich erquicken. Auch der Bosniak wollte vom Sattel ſteigen, doch der Oberſt ſelbſt verhinderte ihn daran; er ritt mit ihm abſeits zu einer lichten Stelle des Holzes, und verlangte laut von ihm, daß er ihm die Namen der Dorfſchaften und Schlöſſer nennen möchte, die man rundum aus dem Getreidefeldern ſich erheben ſah. Verwundert ſah der feindliche Mann ihn an; aber ſein Erſtaunen wuchs, als der Jüngling jetzt ſeinen Goldfuchs dicht zu ihm lenkte, und ſeine Rechte ſanft drückend auf die Linke legte, mit welcher der Muſelmann den Zügel hielt. Osmanli! ſprach er zugleich mit angehaltener und milder Stimme, Du biſt ein junger, tapferer Degen; wäre Dein Stahl nicht zerſprungen an meinem guten Helmkamme, ſo hätteſt du mir vielleicht obgeſiegt, und ich hätte Dein Gefangener werden mögen. Die Tapfern ſind ſich freundlich verwandt in allen Weltgegenden. Trotz dem Blutdurſte meiner Waffenbrüder gelang mir's geſtern, Dein Leben zu retten, Mailat Ibrahim; ich möchte nicht immer Dir Wort halten können, wenn ich wund läge, oder gar ein geübter Scythe mich nieder⸗ ſchöſſe. Drum laſſe ich Dich los aus der Haft, ſo lange es noch in meiner Macht ſteht. Wir ſind die letzten im Zuge; Du kennſt die Gegend; ſprenge ſchnell hinab auf dieſem ſchmalen Fußpfade, wo Dir Keiner der Meinigen begegnen wird.— Mailat ſchaute dem Edeln mit Freude in das Hel⸗ denauge, mit einem Ausdrucke, als zweifle er an ſei⸗ nem guten Gehör. Dann beſann er ſich, und ſchlug 29 ſeine Rechte feſt um den Eiſenhandſchuh des Reiterober⸗ ſten. Chriſt, ſagte er herzig, Du verdienteſt ein Mu⸗ ſelmann zu ſein, denn unter Soleimans Baſſen iſt kei⸗ ner tapferer und edelmüthiger.— Fort, ehe meine Hauptleute kehren! rief Michael. Gedenke meiner! Und willſt Du vergelten, ſo ſchone die Deutſchen, welche das Schlachtenſchickſal gefangen in Deine Hände gibt.— Der Türke nickte mit dem ſchö⸗ nen Kopfe, warf ſein Pferd herum, ſchnalzte mit der Zunge und wie ein Windſtoß ſchnell flog das ſchmale Thier über die Baumwurzeln und das Geſtein, und war in wenigen Sekunden mit dem Herrn verſchwunden. Ei⸗ nige der Panzerreiter ſprangen vom Boden auf, und liefen zu ihren Gäulen; aber der Obriſt gebot ihnen Ruhe; Alle waren ſo gewohnt, den Willen ihres jungen Führers zu ehren, daß auch nicht ein Mund ſein Er⸗ ſtaunen in Worte und Fragen umſetzte. Und nicht Zeit wäre auch dazu geblieben, denn we⸗ nige Minuten danach hörte man vor ſich im Holze klin⸗ genden Waffenlärm, und von den alten Baumſtämmen gebrochen, mancherlei Streitrufe und Commandoworte. Schüſſe fielen dicht nach einander, und der Oberſt Katzia⸗ ner ließ ſchnell durch ſeinen Trompeter die zerſtreuten Schwadronen aus dem Walde zurückcommandiren, zog das lange Schwert, und ſprengte der Erſte vor ſeinem Regimente dem Getümmel zu. Der Aufbruch der Chriſten von der alten Lagerſtelle war dem Mahomet⸗Beg nicht unverrathen geblieben. Wenn er auch den gefaßten Kriegsplan nicht aus den Augen verlor, wenn er auch den erhaltenen Befehlen ſeines Sultans, für die ſein Kopf bürgte, nicht unge⸗ horſam wurde, ſo ergriff er in grauſamer Luſt dennoch jede kleinſte Gelegenheit, dem Gegner zu ſchaden. Auf näheren, den Seinigen bekannten Wegen hatte er tau⸗ ſend Spahis und ein Corps ſeiner Hakenſchützen queer durch den Wald geſchickt, und ſie in ſichere Verſtecke der Felſentrümmer und des Dickichts gelegt, um der Nach⸗ hut des voreilenden Heeres verderblich zu werden. Vor Michaels ſchnaubendem Roſſe lichtete ſich der Wald baldigſt, und ein Wieſenplatz, rund von hohen Bäumen umkränzt, empfing ihn. Es war Noth, daß er kam, denn jenſeits ſah er die böhmiſchen Scharf⸗ ſchützen flüchtig und zerſtreut die ſichern Gebüſche ſuchen, und verlaſſen lagen zwei Fähnlein Italiener, die ſich in ein Viereck zuſammengedrückt hatten, mitten auf dem Wieſenplatze, hielten, in die Knie geworfen, mit gefäll⸗ ten Hellebarden den Angriff der wüthenden Türkenreiter ab, ſchoſſen brav und beſonnen aus ihren innern Gliedern auf die anſtürmenden Janitſcharen, deren lange Röhre, ſicher auf Baumſtämme geſtützt, ſchon tüchtig unter ihnen aufge⸗ räumt; ihr General, der Graf von Ladron, den die vöhmiſchen Reiter im Stiche gelaſſen hatten, war ſchon von feindlichen Pferden umringt, und wehrte ſich er⸗ mattet mit ſeinen Offizieren gegen den mächtigen An⸗ drang der jubelnden Gegner. Michaels Erſcheinen machte der Gefahr ein ſchteuniges Ende. Das Allah der Tür⸗ ken übertönte ein: Gott mit Fersinand! aus den tiefen Kehlen ſeiner Schwarzen; wie ein Hagelſchauer raſſel⸗ ten ſie geſchloſſen heran; der alte Ladron wurde augen⸗ blicklich befreit, die Sichelſchwerter der Spahis brachen unter den mächtigen Schlägen der deutſchen ſchweren Waffen; die italieniſchen Schützen lösten muthig ihr Viereck und ſtürzten in die Gebüſche, aus denen die tödtlichen Kugeln zu ihnen hergeſauſet; in wenigen 31 Minuten war der Platz rein und geſaubert, nur die Bekanntſchaft mit den ſchmalen Gebirgspfaden ließ einen kleinen Theil der Feinde entkommen. Und der alte Graf von Ladron drückte des Heldenjünglings Hand, er nannte ihn Sohn vor dem ganzen Heerhaufen der blutenden, athemloſen Männer; Michael ſah mit dem Blicke eines Seligen zu den Wipfeln der Rieſenbäume empor; er dachte der Geliebten, und fühlte ſich glücklicher, als hätte des Königs Hand das goldene Vließ um ſeinen Hals gehangen für die Waffenthat dieſer Stunde. Ein böſes Verhängniß ſchien auf allen Vorſätzen die⸗ ſes Feldzuges zu ruhen, und ihre Ausführung zu ſtören. Wohl war die auserwählte breite Höhe gewonnen, das neue Lager geſchlagen, und mit dem nächſten Morgen rückten alle Truppen Oeſterreichs heraus, dem Muſel⸗ manne die Schlacht anzubieten. Aber die Turbanträger rührten ſich nicht. Eingegraben, gleich Ratten und Mäuſen, lagen ſie hinter ihren Bollwerken; man hörte ihr Gelreiſch, ſah hie und da eine Reiherfeder über die Wälle herwehen; doch nur ſichere Kanonenſchüſſe, deren Kugeln in die deutſchen Kolonnen ſchlugen, verriethen, daß Leben ſei in der Feſtung. Johann von Katzenſtein ließ auf den vorderſten Hügel ſeines Standes zwei ſchwere Geſchütze fahren. Schon die erſten Kugeln trafen die Mauer, und warfen große Steine daraus in die Gräben. Das Jauchzen der Deutſchen begleitete den Erfolg; drinnen entſtand eine ſichtliche Unruhe, und Turbane, Helme und Federbüſche ſah man ſich der Breſche zudrängen, die nach jedem Schuſſe der öſterreichiſchen Arkebuſiere größer ward, und einen 32 unwillkommenen Zugang zur Stadt öffnete. Schon am folgenden Mittag ſchien der Raum zum Sturm geeignet⸗ und triegsmuthit ſtürzten die Krainer Fußknechte durch den trocknen Graben über die Trümmer hinauf der Mauerſchlucht zu, die ihre Karthaunen ihnen geöffnet hatten. Sieh da! rief der Feldherr, dem die Freude aus den Augen leuchtete, indem er vom Hügel ihren Bewegun⸗ gen nachſah, iſt das da vorn nicht der Landenberger? Habe ich mich geirrt in Dir, braver Scipio? Sieh nur, Michael, wandte er ſich zu dem Sohne, ſchon ſteht er oben, ſchon beiritt er die Breſche; Alle ſtürzen ihm nach, und achten die Steinwürfe nicht, nicht die langen Speere der Martelloſen. Bravo! Da ſind ſie an den ſpaniſchen Reitern, welche Mahomet in der Nacht hinter die Bre⸗ 3 ſche geſtellt. Sie haben ſie überſtiegen. Auf, rührt alle Trommeln; das ganze Fußvolk ſoll den Tapfern nach! Flüchtig ihr Herren Adjutanten! Die Noth hat ein Endez Katzianers altes Glück ziehet vor den Seinen her, und Eſſegg iſt über!— Die Trommeln raſſelten durch die ganze Fronte; aber zu frühzeitig hatte der ſtolze Feldherr triumphirt. Ein furchtbares Krachen erſcholl plötzlich von der be⸗ ſtürmten Stelle her. Die Türken hatten ſich hinter eine verdeckte Geſchützreihe geflüchtet; dieſe, auf einmal los⸗ gebrannt, warf mit Kettenkugeln die kühnen Stürmer 12 nieder, und zerriß ihre Gliedmaßen auf das Schreck⸗ lichſte. Bald ſah man einzelne Schützen in Todesangſt zurückklettern über die ſpaniſchen Reiter, mehr und mehr folgten; die neu anrückenden Compagnien wurden durch ſie von der Breſche weggedrängt und in ihrer Flucht zu⸗ rückgeriſſen. Unter den Letzten ſah man auch den Junker u 1 33 Seipio; er ſprang über den Verhack; doch ſein Schickſal ereilte ihn, denn die faltigen Prunkkleider des eiteln Junkers, die er auch im Felde nicht abgelegt, blieben an den ſpitzen Pfählen hängen, und ſechs türkiſche Speere durchſtachen ſeinen Leib, als wäre es eine Luſtſcheibe, die man aufgehangen beim Vogelſchießen. Das hat er von ſeinen weitläuftigen Teufelshoſen! rief der Feldherr unwirſch. Hätte er das Ballkleid zu Hauſe gelaſſen, wäre uns ein Tapferer mehr geblieben, denn unter dem Seidenwammſe ſchlug doch ein Soldakenherz.— Drei folgende Stürme wurden eben ſo fruchtlos gewagt, und brachten keinen Schritt näher zum Ziele. Drinnen war der Mannſchaft genug, um immer friſch die Wachpoſten zu wechſeln; der Ueberfluß herrſchte dort vom Befehlshaber bis zum gemeinſten Bogenſchützen; draußen verringerte ſich die Mannſchaft mit jedem Tage; der Proviantmeiſter Jobſt von Gilgenberg ließ nichts von ſich hören; Muth und Hoffnung ſtarb, ſowie der Hunger wuchs; Krankheiten rafften ganze Zeltkameradſchaften hinweg in einer Nacht; die Arkebuſiere ſanken neben den Geſchützen nieder, und der trotzige General⸗Oberſt er⸗ kannte zu ſpät, daß ſeine Unbeſonnenheit mit der ſchönen Heeresmacht auch ſeinen ſchwer erworbenen Kriegsruhm auf's Spiel geſetzt habe. Zieht nach Walpach! krächzte eintönig immer noch der alte Ladron ſeinen prophetiſchen Rabengeſang. Wal⸗ pach oder Verderben iſt die Wahl.— Aber der Haß gegen den vorlauten Nebenbuhler ließ bei dem ſtolzen Katzianer noch immer nicht zu, den beſten Rathſchlag anzunehmen, weil er aus verhaßtem Munde erklang. Die Meinung des Ungars Bamphi Waltſſar ward jetzt von ihm aufgegriffen, und er befahl, auf das nahe Blumenhagen. VI. 3 34 Schloß Hermand hinzuziehen.— Schon der Zug dahin gab dem Beobachter ein Vorbild der künftigen Begegniſſe. Kaum hatte Trommel und Trompete zum Abmarſch gerufen, ſo brachen die Soldaten aller Waffenarten ohne Ordnung auf, kein Fähnlein hielt ſeine Leute zu⸗ ſammen; mühſam gelang es den Offizieren endlich im Dorfe, welches das Schloß Hermand umkreiſete, die Untergebenen wieder zu ſammeln, und nur die Gefahr, die in nächſter Stunde dräuen konnte, nur das Wort Sturm und Schlacht vermochte die zerrütteten Gemüther wieder zur Beſinnung und Ordnung zu führen, aus der ſie der thieriſche Drang, Nahrung zu ſuchen, geriſſen hatte. Das Schloß war nur durch eine Mauer und einen Graben gedeckt; nur eine ſchwache Beſatzung lag darin, die ſich gleichwohl mannlich wehrte, bis das Geſchütz gegen Mittag ihre Bollwerke niederwarf, und die wenigen Türken davon von den wüthend eindringenden Deutſchen unter die Füße getreten wurden. Fünfzig Chriſten fielen in der Breſche; doch die Freude über das ſchnell gelungene Wagſtück ließ die Kriegsoberſten ihre Todten nicht zählen; deſto größer war aber ihr Schrecken, als ſie nicht die gehofften Magazine, ſondern nur einen Vorrath Lebensmittel, der für das Chriſtenheer etwa auf zwei Tage reichte, im Schloſſe vorfanden. Selbſt dem alten Katzenſteiner ſank jetzt der Muth; er befahl, den geringen Fund den Soldaten zu verhehlen, ſchloß ſich den Tag über ein in das innerſte Zimmer des Schloſſes, wo ihn ſein Sohn Michael fand, wie er ſtumm und düſter den Silberſchild mit ſeinem Wappen betrachtete, mit dem Finger auf die drei Standarten deutete, die ihm zum Helmzeichen gegeben waren, und leiſe dazu ſprach: Nichael, die Zeit iſt hin! Eine 35 andere ſteigt ſchwarz und ſchwer vor mir auf; aber ſie ſoll eben den Mann an mir finden, wie ihn die leuch⸗ tende fand!— Durch ſeinen Sohn ließ er den Gene⸗ ralen die Ordre bringen, ſich zum Rückzuge zu bereiten, und die regelrechte Marſchordnung dabei zu beachten. Der Gemeine hatte gegeſſen und getrunken; der Muth war zurückgekommen, und willig ging er wieder im ehernen Joche des ſchweren Dienſtes. Man ſchlug eine Brücke über den Bodrogus, und verwahrte während dieſer Arbeit das Lager durch eine Wagenburg. Der Feldherr ſelbſt nebſt ſeinem tapfern Sohne wagte ſich weit in die Gegend, und da nirgends ein feindlicher Reiter zu treffen war, ſo dämmerte ihnen die Hoffnung, die Retirade ohne Unterbrechung vollführen zu dürfen. Die Brücke wurde vollendet; die Armee zog glücklich über das Waſſer, und erſt unter den letzten Geſchützen brach das leichtgebaute Werk zuſammen. Man ſetzte nun durch die ſeichten Furthen der Poſſega, und beſchloß, auf dem Rückmarſche das Schloß Juvanchen und her⸗ nach die Stadt Gara zu nehmen, denn in beiden befand ſich, wie man erkundſchaftet, wenig feindliches Volk; aber deſto gefülltere Kornkammern und Rüſthäuſer wußte man dort. Raſch und ſiegesluſtig zogen die Regimenter durch die Gegenden; die Retirade ſchien ein Vormarſch zu ſein, ſo glänzte der Triumph auf jedem bärtigen Antlitz. Aber ſchon drängte ſich neue Beſorgniß in die Herzen der Führer, denn auf den waldigen Berghöhen zu beiden Seiten blinkten oftmals, wenn die Mittags⸗ ſonne die Gebüſche vergoldete, die Speerſpitzen der Spa⸗ his, und hie und da flatterte über einem Hügel das bunte Lanzenfähnlein des Bosniaken hervor. Da lag das Schloß Juvanchen auf der Höhe iſtill 36 und verſchloſſen, wie ein Grabgewölbe. Die Mündungen der Kanonen ragten mit weitoffenem Schlunde durch die Schießſcharten heraus; aber keine menſchliche Geſtalt zeigte ſich, und ſchweigend dräueten die eiſernen Unholde wie warnende Geiſter herab. Ein kleines Städtlein dehnte ſich aus am Fuße der Burg; aber Alles, was muſelmänniſch war, hatte daſſelbe verlaſſen, und die zurückgebliebenen chriſtlichen Einwohner öffneten der erſten Anforderung das Thor.— Es iſt das erſte Zeichen mir des neuen Glücks, ſprach der Feldherr, wieder hochtra⸗ gend das Haupt, zum Sohne, da ſie neben einander auf dem Markte hielten. Der Name Katzianer hat ſeinen alten Klang noch, und die Barbaren zagen, wo er erklingt.— Michael ſah tiefſinnig, wie in Ahnungen verſunken, auf das Gewühl der eindringenden Fußknechte hin. Mit tollem Jubel erbrachen die Soldaten die verlaſſenen Wohnungen; jedes Gelüſt wurde frei im Gefühl der wiedergewonnenen Bequemlichkeit; aus den erbrochenen Weinkellern wälzte man die vollen, dunkeln Fäſſer an das Tageslicht herauf; jede Pickelhaube wurde zum Pokale; das rothe Feuerblut des Bacchus rann vergeudet auf das Pflaſter der Straße, und manch ſchöner Ziegen⸗ ſchlauch, von ungariſchem Nektar voll, platzte in der rohen Hand, und verduftete unter den Füßen der Un⸗ mäßigen. Michael deutete unwillig auf das Gewühl der Trunkenen, doch der Alte ſprach lächelnd in ſeltſamem Unbedacht: Laſſe ſie einen Schwelgetag feiern; haben ſie doch ehrlich gehungert und gedürſtet wochenlang. Mor⸗ gen ſchlagen ſie deſto kräftiger, weil die Erinnerung ſie nachſättigt, und die Hoffnung auf ein gleiches Ueber⸗ morgen ihre finnliche Begier kitzelt. Laſſ nur gute 3 37 Vorwachen ſtellen; der feige Mahomet wagt ſich nicht an uns, ſo lange wir zuſammengeballt dräuen, wie der Drache mit hundert Köpfen.— Wohl hatte der Alte recht gemeint; doch ſo ganz unthätig war der verachtete Feind nicht geblieben. Die Gegend um Juvanchen hatte wenig flaches Land; Hol⸗ zungen deckten die Höhen, von kleinen Thälern durch⸗ brochen; überall gab es Schluchten und Engpäſſe. Wie ein ſchwarzer Dämon, der ob dem Menſchen ſchwebt und ihn begleitet, den Augenblick ſeiner Schwäche er⸗ ſpähend, um ihn in günſtiger Minute zum Verderben zu verlocken, hatte Mahomet den Zug der Chriſten in der Ferne begleitet, zu beiden Seiten in den Verſtecken der Gebirge ſeine blutdürſtigen Völker heranführend. Alle ſeine Kapitäns kannten jeden Winkel des Landſtrichs, und wußten, wo der Fleck kam, der die Gelegenheit bot, mit leichter Mühe das ganze Chriſtenheer zu vernichten. Trunken ruhete das öſterreichiſche Fußvolk auf den weichen Polſtern der fremden Häuſer, da flackerte die Flamme auf in der Stadt, hier und dort und drüben, und die Lärmtrommel rief die taumelnden Schläfer aus den Träumen der Wolluſt. Mit Staunen ſah die Reiterei das ſchnell aufbrauſende Feuermeer, hörte das Gekrach der einſtürzenden Gebäude, die manchen der Söhne Deutſchlands begruben; aber nicht zur Hülfe ward ihnen Zeit, denn mit dem erſten Schimmer des Tages rauſchte von allen Seiten das eintönige Kriegsgeſchrei der Türken heran, und von den Höhen ſauſeten die Kugeln der Falkonette zwiſchen die aufreitenden Geſchwader. Petrus Ratſchin, der Böhmen Marſchalk, hatte zuerſt ſeine wackern Reiter in Ordnung, und wie ein zürnender Achill ſtürzte er ſich auf den hochmüthigen Feind. In 38 ſchimmernd Erz verluppt vom Bügel bis zur Stirne, drang er vor wie ein verheerender Rachegeiſt, und vor ihm her floh, was ſein Schwert bedräute. Aber zu unvorſichtig folgte er der innern Kriegswuth; in enger Waldſchlucht eingekeilt, ſah er aus jedem Dickicht neue Feinde erwachſen; um ihn fielen die Böhmen in tapferer Wehr, und ihn ſelbſt ſchlug des wilden Amuraths Streit⸗ hammer mit zerſchmettertem Helmkamme und Schädel vom hohen Streitroſſe. Nicht beſſer ging es den heiß⸗ blütigen Ungarn auf des Städtchens anderer Seite, wo ein freierer Raum ſich darbot zum geregeltern Kampfe. Dem mächtigen Wakiſch Paul, ihrem bisher unbezwungenen Führer, fuhr eine Kugel durch die Bruſt, und der ſtolze Adlerfittich ſeiner Mütze küßte die ſchmutzige Erde. Todesſchrecken kam mit ſeinem Sturze unter ſein Volk; war doch ohne ihn nichts Namhaftes geſchehen in den Kriegszügen des Kaiſers ſeit Jahren, war doch er gleichſam der ſchützende Schlachtenengel ſeiner Lands⸗ leute geweſen. In verwirrte Flucht löſeten ſich die Schaaren auf; in die Wälder flüchteten einzeln die Hu⸗ ſaren, und mit Erſtarren wurde das Unerhörte vom aus⸗ rückenden Heere geſehen, wie der Ungar ohne Wehr ſich vom grimmſchnaubenden Spahi ſchlachten, und ſich durch den Rücken aufſpießen ließ vom höhniſch lachenden Bos⸗ niaken. Kaum aber hatte der Katzianer ſeine Macht geordnet, und rückte in Schlachtzügen in die Thäler, ſo verſchwanden überall die türkiſchen Zeichen, wie auf zauberiſchen Befehl eines unſichtbaren Dämons, und nur die blutigen Todten am Walde ließen den Beweis zurück von den geſchehenen Gräueln dieſer Morgenſtunde. Fort von hier! Entzieht dem Heere dieſen ſchänd⸗ lichen Anblick, der es entmuthigt! rief, Zorn im Geſichte, 39 der Graf von Ladron, auf ſeinem Schimmel herſprengend zu dem Feldherrn, der im Centro verdutzt hielt, und mit todtſtarren Augen in das leere Grabesfeld hinabſah. Schon murrt es in den Schwadronen der ſteiriſchen Rei⸗ ter, und Wakiſch's Leiche, vom Brandfeuer der Stadt beleuchtet, wird zum Schreckbilde, das den Fußknechten das Gewehr aus der Hand wirft. Säumet Ihr wenige Minuten, ſo folgt das ganze Heer, ohne den Feind zu ſehen, der ſchändlichen Huſarenflucht, und entſchaart ſich vor unſern Augen.— Der Feldherr ſtieß einen Seufzer des Ingrimms her⸗ vor, und gab Befehl zum raſchen Marſche, welcher un⸗ unterbrochen und ohne Beunruhigung fortging bis zu dem weiten Felde, welches in der Nähe der Stadt Goriän zwiſchen den Gebirgen ſich ausdehnt. Der Soldat war erſchöpft vom Eilmarſche; die Pferde brachen faſt zuſam⸗ men unter den ſchweren Panzermännern; das Lager wurde geſchlagen, und nach einer Stunde der Erquickung rief der General⸗Feldoberſt den Kriegsrath zuſammen, jetzt, da es zu ſpät ſchien, da er ſelbſt den Glauben an ſein Glück verloren hatte, die Erfahrungen ſeiner gedie⸗ genen Helden zu benutzen. Wortarm und finſter traten die Kriegsoberſten in das Zelt ihres Anführers, und ihre düſteren Blicke, ihre ge⸗ bleichten Wangen klagten ihn der Schuld an, das beſte Heer des Reiches dem Verderben entgegengeführt zu ha⸗ ben durch ſeinen Trotz und Unverſtand. Beſchwichtigend ging Michael unter den Murrenden umher, und ſeine Leutſeligkeit, die Achtung, welche der junge Held ſich überall gewonnen, hielt den Vulkan der brauſenden Ge⸗ müther, daß er nicht losbrach gegen den Vater. Da trat die Verzweiflung in ihren Kreis in der Geſtalt des * 40 More Laßlaw, der mit mehren Huſaren von dem Flucht⸗ ritt zurückkehrte, zu dem auch er im Gedränge ſeiner Leute fortgeriſſen worden. Verräther! rief ihm Johann Katzianer entgegen, wagſt Du, Deinen Hals ſelbſt zum Stricke zu tragen?— Hänget mich, entgegnete Laßlaw, aber laſſet mich reden zuvor. Nicht den Namen des Schimpfes verdiene ich, denn ich allein hätte wohl den Fluchtweg finden mögen durch das dem Jäger bekannte Gebirg, und mein Stammſchloß Zenturzebet hätte mir die Sicherheit gebo⸗ ten, die für Euch nirgend mehr zu finden iſt. Ich kehre zurück, weil ich warnen muß, weil ich meine Waffenge⸗ ſellen nicht dem unausweichbaren Tode entgegen treiben mag. Höret mich! Ihr ſeid rings umgeben von Ma⸗ homets zahlloſen Völkern. Hinter Euch, vor Euch, zur Seite liegen ſeine Bluthunde, die, kräftiger als wir, unſern Märſchen vorauseilten. Die Straße durch den Wald vor uns iſt nicht zu paſſiren; der Janitſcharen Beile haben die Bäume gefällt, und ſo den Weg un⸗ gangbar gemacht; jedes Gebüſch iſt mit Schützen belegt, jede Klippe mit leichten Feldſtücken beſetzt. Zieht Ihr hinein in das ſchlau geſtellte Fuchseiſen, kommt kein Glied von Euch wiederum heraus.— Todesrabe! rief Michael Katzianer erbittert dazwiſchen. Du krächzeſt ein gräßliches Lied. Halte ein damit, und mache die Helden nicht zittern. Du ſpracheſt nicht von Warnuug allein, ſondern auch von Errettung. Der Warnung iſt es übergenug, komm nun zu dem freund⸗ lichern Theile.— Ich kenne jeden Jägerwinkel dieſes Waldes, fuhr Laßlaw fort, grenzen doch meine eigenen Erbgüter daran. Rur zwei der Wege ſind, durch welche wir möchten . „ 41 davonkommen. Der erſte iſt ein ſchmaler Felſenpfad, der, zwei Meilen lang, auf Walpach führt, und weil er nicht mit Kriegesgezeug zu befahren iſt, von den Ungläu⸗ bigen unbeſetzt blieb; wollet Ihr ihn erwählen, ſo müßt Ihr Geſchütz und Wagen zurücklaſſen. Der zweite, kür⸗ zere, geht zu meinem Schloſſe Zenturzebet; nur ein ſchwacher Haufe Schythen deckt ihn, weil man dorthin ebenfalls den Rückzug eines zahlreichen Corps nicht ver⸗ muthet.— Rehmet den Letztern! ſprach Ladron. Wer von uns möchte es verantworten, ſo ſchönes Geſchütz im Stich zu laſſen, ſo lange die Pferde ziehen und die Stränge halten?— Nach Walpach wolltet Ihr ja vorhin, Herr Graf2 antwortete Johann Katzianer mit hämiſcher Miene. Warum ändert Ihr jetzt die Meinung, einer Wetterfahne gleich? In Walpach iſt Proviant und Kriegeskaſſe; einen Winter hindurch könnte die Armee dort ſich halten, ſich nähren, ſich ſammeln; und wir wollen mit Gott noch vor dem Fall des Laubes wieder hier ſein, unſer Geſchütz neu zu erobern. Nach Walpach geht's, die ganze Sicher⸗ heit zu gewinnen und die Leiden des Soldaten vollkom⸗ men zu beendigen.— Nach Walpach! tönte das Echo der Generale nach.— Ihr ſeid der Feldherr; Euer iſt die Verantwortung! ſagte geſetzt der italieniſche Graf. Nach Walpach alſo!— Zerſchlaget die Wagen, verbrennet die Bagage! be⸗ fahl jetzt der General⸗Oberſt. Schmettert mit Hämmern die Geſtücke zuſammen oder vernagelt ſie. Vollgerüſtet bleibe der Soldat, wohl verſehen mit Munition, doch alles nutzloſen Plunders entledigt. Jeder Oberſt halte ſein Regiment, jeder Hauptmann ſein Fähnlein geſchloſſen zuſammen. Wenn die zweite Nachtwacht beginnt, ſoll 42 ein Hornſtoß vor meinem Gezelte das Zeichen zum Auf⸗ bruche geben; bis dahin herrſche Todesſtille im Lager.— Und wird der Hornſtoß nicht die Feinde erwecken und locken? fragte Ladron. Widerwärtiger Gegenredner! fuhr Katzianer zornig auf. Schlägt doch der Muſelmann nie gern bei Nacht, und wiſſet Ihr ein ſicherer Zeichen, ſo gebraucht es für Euer Hülfscorps allein.— Der Graf von Ladron verließ erbittert das Zelt, und Michael folgte ihm eilig, den Beleidigten zufrieden zu ſtellen; der alte Katzenſteiner aber dräuete ihm nach, und ſagte in ſich: Herriſcher Römer! Du bereueſt mor⸗ gen Deinen Widerſpruch! Dann winkte er die deutſchen Offiziere zu ſich, und Alle horchten beifällig ſeinen ge⸗ geſprochenen Befehlen. Eine finſtere Nacht ſenkte ſich auf das ſlavoniſche Thal. Wie ein eiſernes Grabgewölbe lag der Himmel über dem Chriſtenlager, getragen rundum von den Gra⸗ nitſäulen der Gebirge. Schweres Gewittergewölk hing wie ein Trauerbaldachin über einer Königsleiche herab, und ſchien die vergoldeten Knäufe der höchſten Gezelte und die flimmernden Spitzen der aufgepflanzten Fahnen zu berühren; nirgends zeigte ſich eine helle Lücke, durch welche ein freundliches Sternbild ermunternd herabge⸗ leuchtet hätte; in ſtürmiſchen Strichſtößen tobte der Südwind, und raſſelte mit den Zeltſtangen und aufge⸗ ſtellten Lanzenhaufen, ſummte über die Heerpauken und Feldtrommeln hin, und rauſchte dann weiter durch die Laubwälder, einem durchziehenden, finſtern Luftgeiſte ähnlich, der die ſichern Sterblichen aufſtören möchte 1 43 aus träger Ruh, und ihnen warnend die böſe Stunde verkündet, die dicht hinter ihm ſchreitet.— Die Wachtfeuer des Lagers erloſchen ſämmtlich, und die Soldaten müheten ſich vergebens, dieſelben im Wind⸗ ſtrich neu zu entflammen. Hingeſtreckt vor den Reihen der Leinenhäuſer lagen die Krieger, Fähnlein an Fähnlein, Alle gerüſtet, Jeder ſeine Waffe im Arm. Die ſchwüle Gewitterluft drückte die Augen der Ermatteten zu, aber der kältende Wind und die Furcht des Kommenden riß die Augenlieder gewaltſam wieder auf nach jedem Mi⸗ nutenſchlummer, und das Ohr horchte durch das Sauſen des Sturmes auf den verſprochenen Klang des Bügel⸗ horns, der ſie hinwegrufen ſollte aus dieſem Schlunde des Verderbens. Vor dem linken Flügel, den die italieniſchen Hülfb⸗ völker formirten, zog ſich in dunkler Reihe das Regiment der kärnthiſchen Küraſſiere hin, jeder Reiter lag neben dem Roſſe. Die edeln Thiere ſchüttelten unwillig die beſtahlten Köpfe im Unwetter, und ihr Gebraus klang dem Sturme nach, wie ein ſpottend Echo. Das behelmte Haupt geſenkt, die eiſenbedeckten Arme feſt um die Bruſt gedrückt, ſchritt unruhig und von Gedanken gequält Franciscus von Steinbrunn auf und ab vor dem Gene⸗ ralszelte, in welchem der Graf von Ladron auf ſeinem Feldbette ſchlief, krank vom Aerger des letzten Kriegsraths, matt von den Strapazen der wüſten Tage des Rückzuges. Ein Gewappneter kam durch die Nacht und hielt den Gang des Steinbrunns auf. Bei den leichten Blitzen, welche jetzt am Horizonte zückten, erkannte der Haupt⸗ mann an der leichten Geſtalt und dem bekannten Anrufe den Oberſt Michael von Katzenſtein. Iſt der Graf wach? fragte der Führer der Schwarzen 44 den Kärnthner mit bewegter Stimme. Gehe hinein zu ihm, Franciscus, und melde mich.— Der General ſchläft, und will nicht geſtört ſein vor der zweiten Nachtwache, antwortete Steinbrunn. Ich hörte ihn böſe Worte reden über Deinen Vater; darum möchte er von Dir wohl am wenigſten gern ſich den nöthigen Schlummer verſcheuchen laſſen.— Ounglückſeliger Zwiſt des Ehrgeizes! rief Michael laut gegen den Him⸗ mel hinauf. Du raubſt mir den Gleichmuth des ſchuld⸗ loſen Gemüths, entfremdeſt mich denen, die ich ſo kind⸗ lich ehre, und wirfſt uns Alle hinab in die ſchwarze, ewige Nacht.— Nimm mir's nicht übel, Michael, erwiderte Francis⸗ cus treuherzig, indem er ich an des Starken Schulter lehnte; die beiden Alten kommen mir vor, wie zwei thörichte Trunkenbolde, die an eines Gletſchers Rande ſich um die leere Flaſche zanken, und mit erfrorenem Finger drum würfeln. Vertrauen und Eintracht macht aus zwei geſunden Fäuſten ein Dutzend. Das haben wir Beide erlebt, als bei Peſth die Garniſon Nachts den Ausſall that, und wir allein im Dunkeln zwiſchen die langen Albaneſen geriethen, welche die Fahnjünkerchen gar gern zu Eunuchen verkauft hätten. Wären wir nur erſt aus dieſer Fuchsfalle. Aus jedem Gebüſche ſieht Hans Mors hervor, und die klugen Grauköpfe zanken ſich eigentlſch nur, wer mit ihm den Vortanz haben ſoll. Für einen deutſchen Junkerkopf iſt das, auf Ehre, zu ſpitzfindig, und ich wollte drum, Deines Vaters Trompete ließe ſich hören.— Oberſt Michael fuhr aus den Gedanken auf, in welche vertieft er dageſtanden. Das iſt es ja, was mich hertreibt, ſprach er raſch. Habt Ihr den Lärm am andern 45 Flügel nicht vernommen?— Der Sturm ſumſet durch die Eiſenhaube, als hinge die Glocke des Stephanthurms vor dem Ohre; wie Morgenmehlthau auf dem Kraut liegt die Taubheit darauf, anwortete Steinbrunn.— Der Biſchof von Agram hat das erſte Beiſpiel gegeben, erzählte der Oberſt erbittert; auf eigene Hand hat er ſich ſalvirt mit ſeinen Leuten, und ihm ſind alle Huſaren gefolgt, den More Laßlaw an der Spitze, der uns die Wege zeigen wollte, und es vorzog, ſie allein voran zu gehen. Der ganze Flügel wurde nackt dadurch, das deutſche Fußvolk iſt in Verwirrung; einzeln ſtiehlt der Soldat ſich aus den Colonnen, und birgt ſich in die Ge⸗ büſche, wo er dem Tode gerade in die Sprenkel läuft. Hans Ungnad trat ein bei dem Vater, als ich Bericht von der Confuſion und Felonie abſtattete. Er fragte, wie er ſich nun verhalten ſollte bei dem Abzuge. Nicht auf die Loſung dürfet Ihr warten, antwortete der Feld⸗ herr; Graf Ladron fürchtet ja, damit den Feind zu wecken. Brechet auf und marſchirt; ich folge Euch zur Stunde, ehe die lärmende Flucht der ungetreuen Huſaren den Feind aus ſeinen Rattenlöchern locket.— Und weiß der andere Flügel Euern Vorſatz? Habt Ihr dem Gra⸗ fen die Ordonnanz geſandt? fragte ich mit Haſt, als der Steirer das Gezelt eilig verließ. Ein grauenvolles Antlitz zeigte mir der Vater. Laß Deine Schwarzen auf⸗ ſitzen! befahl er mit ſchneidender Stimme. Oder will auch das Kind den Vater meiſtern? Der Herr von La⸗ dron bedarf unſerer Vorſorge nicht, und der Bote wird zeitig genug bei ihm eintreffen. So winkte er mich hin⸗ weg, rief ſeinen Stallmeiſter, ihn zu rüſten, und als ich herſchritt, waren die ſteiriſchen Reiter bereits in vollem Abmarſche. Thue drum raſch, was die Klugheit 46 Dir eingibt; ich muß zu meinen Schwarzen, damit ich den Vater und den General⸗Oberſten nicht zugleich er⸗ zürne.— Beide drückten ſich feſt die Hände, und die Herzen wußten, was der Händedruck in ſolcher Stunde verſprach.— Kaum war der junge Krieger unter den leuchtenden Blitzen hinweggeſchritten, ſo öffnete ſich der Vorhang des Gezeltes, und der alte General trat in den Eingang. Sein Antlitz war bleich, wie das eines Todten; die ſilbergrauen Haare hingen ſchlicht um das edle Haupt, und die lange, hagere Geſtalt glich einer Erſcheinung aus den Gräbern, ſo daß der Ordonnanz⸗ hauptmann erſchüttert zurücktrat.— Wer ſprach hier? fragte Ladron! Und habt Ihr das Zeichen noch nicht vernommen?— Es war der Oberſt Katzenſtein, ant⸗ wortete Franciscus ehrerbietig. Er kam beſorgt, Euch zu ſprechen. Die leichten Reiter des rechten Flügels find entflohen; die Steirer und der Feldherr ſelbſt bre⸗ chen auf in dieſer Minute; Ihr ſollet nicht ſäumen, ein Gleiches zu thun, denn das Horn wird nicht erſchallen. — Es wird erſchallen, es muß erſchallen! erwiderte heftig der Graf, und ſeine Augen flammten, wie des Adlers Augen, wenn er den Raub ſieht. So ſchändlich kann kein Offizier des Königs ſeine Kameraden hinter⸗ gehen. Aber, Hauptmann, erkennt Ihr nicht wiederum den boshaften Katzenſtreich darin? Uns legt der Rach⸗ ſüchtige die Schlinge. Wir ſollen uns verleiten laſſen, aufzubrechen, ehe das Heerhorn das Zeichen gab. Thä⸗ ten wir es, und beträfe dann das Heer ein Unfall, ſo würde der Schimpf, des Königs Zorn, ſeiner Räthe Urtheil auf uns fallen, und der, welcher wie ein unbe⸗ ſonnener Knahe ſich in ſolchen Feldzug warf, ginge frei aus in kecker Entſchuldigung. Katzenſteiner, wir durch⸗ 47 ſchauen Deine Liſt, zu der nur Dein Sohn das geheime Werkzeug ſein durfte, daß kein Verräther derſelben lebe im Lager.— Oberſt Michael iſt ein Ehrenmann, antwortete Fran⸗ ciscus mit Feuer, doch in den Grenzen der Ehrerbietung. Kein beſſerer Offizier dient in des Königs Heere, und wären alle Deutſche ihm gleich, hätte nie der Türk den Stephansthurm geſehen, hätte der Chriſtenfeind nie mehr eine ſtolze Stimme auf Europa's Boden, ſondern hauſete längſt flüchtig in den Wüſten Afrika's bei Tiger und Leopard, welche ſeine natürlichen Geſellen ſind.— Kennt Ihr ihn ſo durch und durch? fragte der Ge⸗ neral nicht ohne Freundlichkeit. Der glatte Pelz weiß Manches zu verhüllen. Das Gift ſchmeckte unſchuldiger im blanken Goldgefäß, darum wohl ſendete gerade ihn der Hinterliſtige.— Wollt Ihr aber nicht einen Officier abſchicken, die Wahrheit zu erforſchen?— mahnte der Hauptmann. Es iſt nichts! entgegnete heftig der Graf. Horcht auf das Zeichen, und wecket mich, ſobald es tönet. Ich fühle die Gebrechlichkeit des Alters, und will mich wie⸗ derum niederlegen, um Kräfte zu ſammeln, damit ich ſtark mit Euch ſtehe, wohin Gott ruft und des Krieges Lvos.— Zurück in ſein Gezelt ging der hohe Greis, und tiefſinnig begann der Hauptmann ſeinen Spazier⸗ gang auf das Neue, oft horchend durch den murrenden Donner, und oft nach dem Oſten ſchauend, ob nicht bald ein heller Strahl von dort das Grauen dieſer Nacht verſcheuchen und die Räthſel derſelben aufdecken möchte.— 48 Der Tag brach an. Ein ſcharfer Morgenwind rollte die Gewitterwolken auf, und im Aufrollen wurden ſie ſchwärzer noch und ſchwerer, und ſenkten ſich tiefer. Dann ward der öſtliche Horizont ein rothes Blutmeer, aus welchem zuckende Lichter herauffuhren, wie unter⸗ irdiſche Flammen, die den Erdball zu verzehren droheten. und wie ein Krieger in feuriger Rüſtung ſtieg die Sonne auf. Mit der erſten Helle kam eine ſchnelle Unruhe in den linken Flügel des Lagers, und trat grell auf gegen die Grabesſtille der Nacht. Die Oberſten der kärnthi⸗ ſchen, ſächſiſchen, öſterreichiſchen und böhmiſchen Reiter⸗ Regimenter ſah man zuſammenſprengen; Grimm leuchtete aus ihren Augen; Grimm ſprach aus den bärtigen Ge⸗ ſichtern, und im Geſpräch ſchwangen ſie mit zornigen Bewegungen die Schwerter. Es war geſchehen. Das Centrum und die rechte Seite des Lagers war öde, die Gezelte ſtanden verlaſſen, der Feldherr war abgezogen mit dem deutſchen Fußvolke, den Ungarn, Steirern und Krainern. Die Oberſten ſprengten nach dem Quar⸗ tiere des Grafen von Ladron, und ſtürmten auf ihn ein, die Stelle des verrätheriſchen General⸗Oberſten einzu⸗ nehmen, und ſie zu führen aus dieſer Gefahr mit ſeiner bekannten Umſicht und Kriegsklugheit. 3 Nur Ferdinands Hand vertheilt ſolches Amt, ant⸗ wortete der Graf mit einem düſtern Blicke in das ſchau⸗ rige Morgenroth; aber voran Euch ziehen will ich, und ſollte die Blutfahne am Himmel dort unſere Todesſtunde andeuten.— Auch Dein Michael iſt fort, ſetzte er hinzu, nach Steinbrunn ſich wendend. O Du guter Träumer!— Ruhig und kalt, als gälte es einen Parademarſch vor der Hofburg zu Wien, gab er Befehle, ordnete ſelbſt die Schaaren, und brach auf gegen den Waldweg hin, und 49 ſchon hörte man rundum hinter den Gebüſchen die dumpfe Heerpauke der Janitſcharen, die, wie zu einem Opferfeſte rufend, in langen Wirbeln das Echo der Höhen vom Schlummer weckte. Da braufete ein hohes Thier durch die Morgennebel über die Hügel heran, Silberwaffen ſchimmerten, ein blauer Helmbuſch flatterte herüber. Es iſt der Goldfuchs! Mein Michael iſt es! jubelte Fran⸗ ciscus von Steinbrunn, und bald hielt der athemloſe Reiter auf dampfendem Roſſe dicht vor dem Italiener und mitten im Kreiſe der Oberſten, die faſt verächtlich und ohne Gruß ihn anſtarrten. Du kehreſt, Knabe2 fragte der ſtaunende General. Warum bliebſt Du nicht unter der Pfote Deines klugen Vaters? Das Schlechte ſchied von uns, und darum ſind wir noch einmal ſo ſtark geworden.— Frei und freund⸗ lich ſchweiften Michaels Augen im düſtern Kreiſe umher. Verdiene ich ſolchen Empfang der Waffenbrüder? fragte er zurück, mild, doch vorwurfsvoll. Dem Vater gehörte zuerſt Herz und Arm; der Oberſt mußte gehorchen und ſein Regiment in Sicherheit bringen. Sie ſind durch den Hohlweg, und jetzt kehre ich. Der Ritter kommt zurück, ſeine Ehre einzulöſen, und ſollte es ſein Herzblut koſten. Auf, Herr von Ladron! die Minuten ſind koſtbar. Noch können auch wir vielleicht die Felſenſchlucht errei⸗ chen, in der ein kleiner Spartanerhaufe den Rückzug zu decken vermag. Und das Commando des Jetzten Ge⸗ ſchwaders fordere ich von Euch, um von dem Schilde der Katzenſteiner jeden Makel zu verlöſchen.— Meine Kärnthner ſind dabei! ſprach Franciscus; der General nickte mit dem Haupte, und ſein Auge ruhete mit Wohlgefallen auf der jugendlichen Heldengeſtalt, die im Morgenſchimmer dem Erzengel Michael glich, wie Blumenhagen. vI. 4 50 er auf ſchäumendem Roſſe und mit feurigem Schwerte gegen die Höllengeiſter zu Felde zieht. Ohne Verweilen brach das kleine Heer auf, und ſuchte, Gezelte und Ge⸗ ſchütz hinter ſich laſſend, im angeſtrengten Marſche das niedere Waldgebüſch zu gewinnen, zu welchem jene ſchrof⸗ fen Klippen mit ihren Rettung verheißenden Gewölben ſich herabneigten.— Der unſichtbare Herr der Heerſchaaren hatte in ſei⸗ nem unbegreiflichen Rathſchluſſe es anders geordnet. Kaum waren die Fahnen aufgerichtet, kaum lag das Lager hinter den letzten Pferden, kaum hatte die Spitze des Zuges den Wald erreicht, ſo wurde das Gemurr der feindlichen Heerpauke zu einer wilden Kriegsmuſik, durch welche hundert Hörner und Schallmeien von allen Sei⸗ ten gellend hervorſchrien. Wie ein ſturmbewegtes Meer Welle auf Welle an das Sandufer wirft, zahllos und ſtets neu gebärend, ſo drängte ſich aus jeder Wald⸗ ſchlucht, hinter jedem Dickicht ein tobender Haufe türki⸗ ſcher Soldaten hervor. Allah! Al Allah! ſchallte es rundum; Schüſſe don⸗ nerten, krumme Sichelſäbel klirrten vorn, hinten, zu beiden Seiten, und mit der Wuth wilder Thiere, die der Käſig umſchloß, und die des Treibers Hand durch die aufgezogene Fallthür in den Circus einläßt, ftürzte Albaneſe und Afrikaner, Bosniak, Spahi und Janitſchar in dichten Rotten auf die kleine Macht der chriſtlichen Krieger heran. Die böhmiſchen Reiter empfingen den erſten Wetterſchlag. Ihr General, Graf Schlick, der des Feldherrn linke Hand geweſen, war auch unter dem Schatten der Nacht mit dieſem verſchwunden, und unter ihrem älteſten Hauptmann bildeten ſie den Vortrab. Eine verdeckte Batterie leichter Stücke öffnete ihren Mantel, ſo wie die Reiter den Wald berührten, und die heran⸗ ſauſenden Eiſenballen ſchmetterten Mann und Roß zu Boden. Wie Jäger, die des Ebers Zahn ſcheuen, rottete ein Kreis von Aſapen und Janitſcharen ſich um ſie; von fern ſchlug die Büchſenkugel durch manchen Lederpanzer, der befiederte Pfeil ziſchte hinein in den nervigen, nackt getragenen Hals des ſchlanken Böhmen, und öffnete die Kanäle des Lebens. Als dann die Ueberraſchten ſich ſammelten, die zerſtückelten Haufen ſich ordneten und gegen den unſichtbaren Feind im ſcharfen Ritte hinan⸗ trabten, da fiel von den Seiten auf ſie das alle Ge⸗ ſchwader der ſchthiſchen Kavallerie. Wie ein gelöſeter Berggipfel, der Thäler und Dörfer verſchüttet, und alles Lebende erdrückt, überrollte die zahlloſe Rotte den tapfern Volksſtamm, die Kinder der Libuſſa, die ſtarken Söhne der Bojer; ihre Lanzen prachen unter den ſchar⸗ fen Klingen Damaskus, die ſchwere Puſſigän zerſchlug ihre Blechhauben, ihre Standarten ſanken in den feuch⸗ ten Sand und in das Blut, welches die heiligen Bilder darin bis auf den letzten Mann vertheidigt hatte. Nicht geeignet war dieſes Schauſpiel, die Fußvölker zu ermuthigen; erſchrocken wichen ſie aus ihren Gliedern, und waren im Begriff, ſich aufzulöſen in verderbliche Flucht, der Heerde gleich, die das Gevrüll des Löwen gehört. Wie konnten ſie Stand halten, wo die Reiter niederlagen?— Da ſprang Graf Ludwig von Ladron vom Streitroſſe, zerhieb des Thieres Vorderbeine mit ſcharfem Schwertzuge, und rannte dann dem Lieblings⸗ ſchimmel die Spitze durch die breite Bruſt. Nicht beſſer will ich ſein als einer von euch! rief er. Aber Fluch nun über den, der ſeines Königs Fahne und ſeinen Ge⸗ neral verläßt!— Und wie vom Himmel kam höchſter 52 Muth in die Stutzenden; zu einem Keile geordnet, bra⸗ chen ſie vorwärts in die kreiſchenden Feindeshaufen; der unerwartete Angriff öffnete ihnen eine Bahn und gab ihnen eine kurze Hoffnungsfreude.—. Den kärnthiſchen Regimentern erging es auf der Nachhut nicht viel beſſer, als der böhmiſchen Vorhut. Das Heuſchreckenheer des afrikaniſchen Geſindels, wel⸗ ches Mahomet⸗Beg wie ſchlechte Treiber in den Hinter⸗ grund des große Jagezirkels poſtirt hatte, da er ſeine Tapferſten vorn gebrauchte, fiel mit dem widrigen Ge⸗ ſchrei eines hungrigen Rabenſchwarmes über den Feind, ſo wie es ihn zum Abzuge ſich bewegen ſah. Es irrte ſich in dem Glauben an einen leichten Sieg— ein Glaube, der bei dieſen Horden feſt wurzeln mußte, indem der Türk das Meiſterſtück der Kriegskunſt, die geordnete Retirade, nie kannte und zu bilden wußte, ſondern bei ihm von jeher der Rückzug eine regelloſe und verderbliche Flucht war. Michael von Katzenſtein und ſein Freund Franciscus fochten hier wie das griechiſche Zwillingspaar, und bald häufte ſich rund um ſie und ihre Schwadronen ein Hügel von ſterbenden Arabern, vor deren Wehgeheul das Schwertgeklirr kaum gehört wurde, und deren ver⸗ zerrte, zerfetzte, braune Geſichter ein Bild der Hölle gaben, als die Blitzſtrahlen des Allmächtigen die re⸗ belliſchen Teufel hinabgeſchleudert in den Abgrund der Schrecken und des Verderbens. Aber nicht gar lange erfreueten ſich die deutſchen Herzen des Triumphs, Ihr Befehlshaber, Hans Mager von Fuchsſtadt, ein ritter⸗ licher Fechter, zog das Gewitter auf ſie heran. Da die Saumroſſe und Wagen alle zurückgeblieben, hatte der ſolze Erblandſtallmeiſter ſein beſtes Gezeug angethan, um, gälte es den Tod, im gewohnten Glanze ſeines 53 hohen Stammes zu liegen auf dem Blachfelde. Seine ver⸗ goldete Rüſtung, mit Ehrenketten behangen, die Krone, welche unter dem ſchwarzen Federwalle ſeinen Helm um⸗ gab, der große Schild, auf dem der ſilberne Fuchs und die bunte Lilie weithin leuchteten, ließ die feindlichen Großen in ſeiner Perſon den Feldherrn vermuthen, und nachdem der Vortrab zernichtet, warf ſich die ganze blut⸗ berauſchte Macht der beſten türkiſchen Völker auf die Kärthner. Zweimal trieben die deutſchen Reiter die Ungläubigen zurück, vor ſich hin den Wäldern zu, aber da ſank der von Himmelberg, dort der von Ernaw; da ſchmetterte ein Traubenſchuß den von Schulenburg, den Schellenberger und den von Lambert zugleich zuſammen; da ward die Linie der Roſſe durchbrochen, die Fähndriche wurden aus den Sätteln geriſſen, und die Kolbenſchläge der Albaneſen, die wie Hagelwetter rundum auf den goldenen Harniſch des Fuchsſtadt niederraſſelten, ſtürzten auch ihn vom Hengſte; ſein Leib wurde eine Wunde unter den Stößen und Fußtritten der Raſenden, und er verhauchte das edle Leben unter hundert rohen Fäuſten, die ſchon mit einander um die reiche Beute kämpften, ehe ſie noch den finſtern Mächten der Vernichtung ver⸗ fallen war.— Die beiden ritterlichen Männer, Michael und Fran⸗ eiscus, hatten lange dicht bei einander geſtritten, Einer den Andern deckend und löſend aus dem Gedränge. Wo ihre langen Schwerter blitzten, lichtete ſich der Menſchen⸗ wald, und Flüchtige und Stürzende gaben Raum. Plötz⸗ lich vermißte Katzianer ſeinen Caſtor neben ſich, und ſein Adlerauge entdeckte bald Steinbrunns Helmzeichen fern, getrennt von ſich durch neu anſtürmende bosniſche Geſchwader. Er ließ den Feind vor ſich; wie der Würg⸗ 54 engel dieſes Schlachttages flog er auf dem erhitzten Gold⸗ fuchs durch das Blachfeld, auf dem die Raubluſt der Afrikaner plünderte, und nach verruchter Sitte ihres Volks die Köpfe der Sterbenden vom Rumpfe ſchnitt, die Gliedmaßen aller Art zu ſo varbariſch⸗grauſenvollen, wie armſeligen Trophäen einſammelte. Hier warf unſer Held im Anſprunge ſeines ſtarken Roſſes ein Dutzend ſolcher Henker unter die ſchlagenden Hufe; dort hieb ſein Stahl zwei kecke Spahis aus den Bügeln, daß das ſpritzende Blut der geſpaltenen Schädel gegen ihn auf⸗ flog; hier durchbrach er eine Colonne türkiſcher Schützen, die ſiegestrunken gegen einen Platz marſchirten, wo der Kampf allein noch ernſthaft andauerte; die rücklings An⸗ gegriffenen und Verwundeten platzten im Schrecken vor dem Kampfruf des Einzelnen auseinander, wähnten, ein neues Feindesheer rauſche hinter ihnen, ſtürzten mit weg⸗ geworfenen Waffen übereinander, wie Garben vor dem Schnitter, und wichen überall, bis er zu dem Orte kam, wo der Tumult unermeßlich war, und ſein Auge noch die Adlerfahne Oeſterreichs wehend erblickte.— Welch ein Anblick empörte ſein Herz und machte ſein ſchon ſchon erhitztes Blut zu einem ſiedenden Strome, der die Adern alle zu zerſprengen drohte!— Am Fuße einer ungeheuern Eiche, deren hundertjähriger Stamm zu einer Schutzwehr des Rückens diente, lag der Graf von Ladron; Blut bedeckte ſein Geſicht, Blut den Schnee ſeiner Schärpe; vor ihm fochten noch einige Fähnlein der Lanzenknechte, die ſein Schlachtruf, ſein Commando⸗ wort, das, immer noch ſtark wie ſonſt, vom erblichenen Munde tönte, mit ſeinem Heldenmuthe zu erfüllen ſchien. Wie eine Meute Hunde den Edelhirſch, umkreiſete den alten Helden und ſein Häuflein ein zahlloſer Schwarm 55 Janitſcharen; hinter ihnen ſah man einen hochgewachſe⸗ nen Offizier des Soleiman, der auf einem goldgezäum⸗ ten Pferde rieſengroß die Krieger überragte. Ein blauer Stahlhelm deckte ſein Haupt, der goldene Geierflügel auf dem Helmkamme und ein köſtlicher Reiherbuſch zeich⸗ neten ihn aus vor Allen; einen gewaltigen Fauſthammer von Eiſen ſchwang er um den Kopf; er trieb damit die Weichenden vorwärts, und mit gellender Stimme ſchrie er beſtändig dazu: Fanget mir den Italiener, aber le⸗ bendig! Zehn Beutel dem, der mir den Italiener ein⸗ fängt, lebendig und unverſehrt!— Mitten in dieſen Tumult warf ſich der junge Katzen⸗ ſteiner, ſprang vom Roſſe, ließ den Zügel fahren und ſetzte ſich an die Spitze des Keiles, der vor dem Gene⸗ rale focht, mit ſeinem langen Schwerte ſogleich vornweg Raum ſchlagend, und dem Fußvolk Gelegenheit zum beſſern Gebrauch ſeiner Waffen und Partiſanen gebend. Sein Goldfuchs ſah mit den blanken Augen eine Se⸗ kunde lang dem Herrn nach, der ihn verließ, und wie⸗ herte laut, wie in Verwunderung; als aber zwanzig gelbe Hände nach der ſtattlichen Beute griffen, bäumte das Thier ſich hoch auf, faßte mit ſtarkem Maule einen hagern Aräber an der Schulter, quetſchte und ſchüttelte ihn, daß er ſchrie und ſank, ſchlug mit dem Stirnſtachel und den Hufen alle ſeine Jäger auseinander, und dort⸗ hin flog er über die Hügel, wiehernd die Spur der deut⸗ ſchen Roſſe witternd, mit denen er immer in die Schlacht gezogen, und welche der kleinen Cohorte Sachſen und Oeſterreicher gehörten, mit denen ſich der Oberſt Niklas von Thurn durchgeſchlagen hatte, der Einzige, dem das Wagſtück gelang und dem die Glücksgöttin heute lächelte. Indeſſen tobte der Kampf an der alten Eiche ununter⸗ 56 prochen fort. Schuß fiel auf Schuß in die Heldenſchaar, und immer ſchmaler wurde die Phalanx, immer näher drängten die Muſelmänner, wüthende Thiere der Wüſte, die der Blutdurſt hetzt. Bald war Michael faſt allein, als von der andern Seite der Steinbrunn heranſtürzte, gleichfalls zu Fuß,— ſein Pferd war erſchoſſen;— und dieſe Hülfe verzögerte den Untergang der Verthei⸗ diger des alten Grafen noch um etwas. Da traf ein ſcharfer Hieb den Fauſthandſchuh des Katzenſteiners dicht über der Handwurzel, daß das Blut nachſprang und das Schwert der tapfern Hand entfiel. Vater! rief er verzweifelnd, und den großen Schild vor den Grafen werfend, Vater, wer bleibt Ermuden?— Gottes Zorn waltet heute und ſchlägt Sünder und Gerechte! ſeufzte der verwundete Greis; und der Hammer jenes Rieſen mit dem goldenen Geierflügel auf dem Helme ſchmet⸗ terte indem auf den wehrloſen Katzianer herab. Der Jüngling taumelte, Nebel umflorte ſein Auge; ſein mächtiger Leib gehorchte noch dem letzten Lichtfunken des Geiſtes; er warf ſich über den Vater der Geliebten und deckte in ſeiner Ohnmacht mit Rüſtung und Schilde den General gegen die von allen Seiten herabfallenden Schwertſtreiche; der Graf Ladron aber legte die erlahm⸗ ten Arme um das behelmte Haupt des Sinneberaubten, faltete ſegnend die Hände über ſeine Stirn, und ſein maiter Blick fragte hinauf in die Wetterwolken nach den Räthſeln, die ſich hier nicht löſen.— Franciscus ſah des Freundes Sturz; zur Raſerei entflammte ihn der Anblick; er ſchleuderte ſein Schwert zwiſchen den Feind, ſtürzte ſich in die Janitſcharen, ſchlug mit der Eiſenfauſt nieder, was ihm nahe trat, würgte, was ſeine Arme um⸗ ſchlangen, bis den Erſchöpften eine Meute der Barbaren 57 hinterrücks erfaßte, er wie die gefällte Eiche mehre der Fällenden niederriß und die ſtarken Arme, von einer Unzahl Riemen gebunden, erlahmten. Die wenigen Fuß⸗ knechte, welche noch eine Waffe führten, riefen jetzt Par⸗ don; die kaiſerliche Fahne neigte ſich, und Soleimans Kriegsheer erhob ein grelles Siegsgeſchrei, durch wel⸗ ches die Wehklagen der zahlloſen Verwundeten herüber⸗ ſchrien, die deutſche Verzweiflung ſich als Rachopfer des Verraths geſchlachtet hatte. Die Sonne brannte ſcharf nieder aus der Mittags⸗ gegend und ſengte die grünen Halme der Wieſenflur, auf welcher Mahomet⸗Beg vor dem Zelte des öſterreichi⸗ ſchen Feldherrn in der Mitte ſeiner Großen die Sieges⸗ feier beging. Von dem goldenen Knauf des deutſchen Hauptquartiers wehete der ſilberne Türkenmond; die gelben und ſchwarzen Männer der fremden Welttheile plünderten die Wagen der Chriſten; ſie ſchleppten aus den Zelten die zurückgelaſſenen Schätze zuſammen, und rund umher tönte die gellende, lärmende Feldmuſik, der Muſelmänner höhnende Siegsmelodieen und Triumph⸗ märſche. Auf einem ausgebreiteten Scharlachteppich, auf gel⸗ ben Sammtpolſtern lag der türkiſche Feldherr, und zu ſeiner Rechten ſtand Amurath, der rieſige Anführer der Bosniaken, mit den goldenen Geierflügeln auf dem Helmkamme. Hinter ihm im weitgeöffneten Gezelt des Katzenſteiners bereiteten ſeine ſchwarzen Sklaven ein üp⸗ piges Feſtmahl; vor ihm auf dem Anger thürmten die gewandten Araber Siegesdenkmale auf, von denen ſich das Auge mit Entſetzen hätte abwenden müſſen, pätte — — —— ——— — — 58 hinter dem Auge eine fühlende Seele gelebt. In der Mitte des Wieſenplanes häuften ſich die Rüſtungen der gefallenen Ritter, eine köſtliche Beute, reich an ſilberner und goldener Zierrath; aber blutbegoſſen waren die edeln Wappenbilder der deutſchen Schilde, und zerknickt und genäßt hingen die ſtolzen Büſche der Helme, als trauer⸗ ten ſie um den Tod ihrer vorigen Beſitzer. Eine Un⸗ zahl von Fahnen und Fähnlein umflatterte den kriege⸗ riſchen Sarkophag. Rechts davon ſtellten die geübten Barbaren Pyramiden auf von abgeſchlagénen Köpfen, unerſchreckt durch die verzerrten Züge der bleichen, bär⸗ tigen Geſichter, die im Tode noch zu dräuen ſchienen. Links trug man in große Schilde geworfene Ohren und Hände zuſammen; manch koſtbarer Siegelring ſchimmerte an den Fingern und verbürgte den Rang und Werth der Erſchlagenen. Ein grimmiges Entzücken wurde ſichtbar auf dem Antlitze Mahomets, wie er wollüſtig auf den weichen Kiſſen ſich dehnte, und dieſes Schauſpiel, wel⸗ ches nur einen türkiſchen Geſchmack kitzeln konnte, be⸗ trachtete; als aber jetz ein Offizier der Spahis in einem großen Silberbecken die Häupter des Wakiſch Paul und des Hans von Fuchsſtadt herantrug, als man des Un⸗ gars blutigen Tigermantel vor ihm hinbreitete, und mit gebogenen Knien das gräßliche Schaugericht ihm zu Füßen ſetzte, da jubelte der phlegmatiſche Türk hoch auf, und drehete teufliſch lächelnd ſein Geſicht dem bosniſchen Füh⸗ rer zu. Lächeln wird Soleiman, der Beherrſcher der Welt, die Sonne des Erdballs, der König der Könige, ſprach er laut; lächeln und loben, und den Strom ſeiner Gnade ergießen aus dem Füllhorn ſeiner Macht auf ſeinen Skla⸗ ven. Einen ſchönern Tribut hat der Herr der Pforte 59 niemals noch empfangen aus den ſchmutzigen Händen ſeiner Diener, und gelobt ſei Allah und der Prophet, der ſolches gewirkt in uns Schlechten und Schwachen, und dieſe elenden Chriſtenhunde geſchlachtet durch unſere gebrechliche Hand.— Stolz ſah der rieſige Amurath auf den demüthig⸗ eiteln Gebieter herab. Unſere Damascener waren Feuer⸗ zungen des Himmels, entgegnete er mit tiefer, eintöniger Stimme; unſere Arme ſchlugen nieder, wie Donnerkeile der Wetterwolke; aber keine Knechte haben wir beſiegt, keine kriechenden Satrapen des Herrn der Welt. Schauet in das Feld, Herr, zählt die Turbane, die auf dem Blutſee ſchwimmen; jeder dieſer Köpfe vor uns legte zwei Gläubige neben ſich zur Geſellſchaft. Zwiefacher Ruhm bekränzt darum Soleimans Heer; und, ſetzte er wilder und aufflammender hinzu, iſt der leere Platz hier in der Silberſchüſſel neben dem ungariſchen Wolfe mit noch einem verhaßten Chriſtenhaupte gefüllt, wird So⸗ leiman ſeine Helden für ſolch fürſtlich Geſchenk heben auf den elfenbeinernen Stuhl ſeiner Gnade. Ein jun⸗ ger, wohlgebildeter Türk, leicht bewaffnet, doch durch den Reiherbuſch als ein Vornehmer bezeichnet, trat jetzt dreiſt zu dem rieſigen Krieger und flüſterte ihm in das Ohr. Amuraths zornglühendes Antlitz wurde ſogleich milde und freundlich, und er antwortete leiſe mit dem Lächeln der Liebe und des Wohlwollens. Der junge Türk ſprang befriedigt von ihm hinweg, und miſchte ſich in das Gedränge, eiliger, wie es ſchien, durch den Be⸗ fehl, den er aus Mahomets Munde hörte, die gefange⸗ nen Chriſten vorzuführen.— Zur Seite des Lagers ſtand ein einzelner Baum; eine Stücktugel hatte den Stamm in der Mitte der Höhe 60 zerſplittert, und der Gipfel mit den grünen Zweigen läg neben dem Rumpfe am Boden. Auf dieſen Rumpf hat⸗ ten die Janitſcharen zwei Speere geſteckt, die ein Paar blutige Köpfe trugen; darüber wehete ein Roßſchweif mit dem kleinen Halbmonde, und darunter hing der große Feldkeſſel, den ihr Aga zum Feldſignal zu ſchlag⸗ gen pflegte. Um den gräulichen Baum, welcher das Schickſal des deutſchen Heeres ächt türkiſch allegoriſirte, waren die unglücklichen Gefangenen dieſes Tags zuſam⸗ mengetrieben, mit Stricken und Wagenketten gefeſſelt, wie eingefangenes Schlachtvieh, und rund um den blei⸗ chen Haufen dräuete ein Kreis braungelber Halbwilden, die ihre Speere wie zur Treibjagd ſtarr auf die Verlo⸗ renen gerichtet hielten, und mit Ungeduld des Aagas Commandowort erwarteten, das ihnen ein Luſtgemetzel ohne Kampf verſprach. Auch die edeln Ritter waren jedes Abzeichens beraubt; man hatte ihnen die reichen Rüſtungen, den Schärpen⸗, Ketten⸗ und Sporenſchmuck genommen, und nur die freieren Mienen und das gelbe Wamms von feinem Hirſchleder unterſchied ſie vom Troß der Fußknechte. Der Graf von Ladron lag auf einer Tragbahre dicht an dem Baume, ein Strohbündel diente dem reichen Römer zum Kopfpolſter, ſchlecht verbunden waren die vielen Wunden ſeines tapfern Leibes, und mit Wehmuth richteten ſich ſeine matten Augen auf den bra⸗ ven Michael, welcher neben ihm auf dem Hauptzweige des abgeſchoſſenen Baumwipfels ruhete. Auch der junge Held war waffenlos, ein Tuch umwand den blutigen ſchönen Kopf; die Locken hingen blutnaß drunter her, ſeinen linken Arm hielt ein Seil dicht an den ſchlanken Leib geknebelt, und der zerhauene rechte hing in einer dünnen Kette. Tiefſinnig ſah er zu dem Sandboden it —= ge ge en er, ken ner en 61 nieder, indeß Franciscus von Steinbrunn mit auf den Rücken gebundenen Händen an dem Rumpf des Baumes lehnte und unter dem Zottenbarte hervor deutſche Flüche und Schimpfreden als Erleichterungen der gepreßten Bruſt in die heißen Mittagslüfte und zur ſtechenden Sonne, die ſeinen Scheitel brannte, hinaufſtieß. Sie wollen uns zu Stockfiſchen dörren, oder unſer Fleiſch nach tatariſcher Sitte in der Sonne gar machen, ſprach er ingrimmig. Wenn ſie es lange alſo treiben, wird mich die Hundswuth faſſen, und ich ſtürze mich zwiſchen ſie, und vergifte ſie beißend mit dem Höllen⸗ ſchaume, den ich an den trockenen Lippen fühle.— Ruhig, Franz! fagte Michael, und ſchlug das ernſte, große Auge zu ihm auf. Die Ungläubigen haben Deine Großthaten geſehen; willſt Du jetzt ihre Meinung von Dir herabſetzen und mit Deiner Ohnmachtswuth die Stolzen zu ergötzen? Gott iſt über uns und er ſchickt dieſe Buße!— Hätten ſie mich nur nicht geknebelt wie einen tollen Wolf, murrte der Steinbrunn fort, ſo könnte ich doch mein Krucifixlein unter dem Bruſtkoller hervorlangen, und mich zum langen Marſche in das fremde Stand⸗ guartier chriſtlich bereiten. Schau nur einmal da über uns hinauf, da ſteht ein erbauliches Memento Mori. Erkennſt Du den braven Himmelberger und den von Ernaw, unſern frohherzigen Chriſtoph 2 Sie haben droben einen ſchlechten Wachtpoſten bekommen, machen erbärm⸗ liche Geſichter, und der Böſe hole die Schmutzhunde, die ſie auf ſo unritterlichen Stuhl geſtellt.— Sie ſind gefallen wie Helden; wohl uns, theilten wir ihren Platz! ſeufzte Michael aus ſchwerer Bruſt her⸗ aus, traurig auf den Vater ſeiner Verlobten blickend.— „ 62 Zu dem Wunſche kann Rath werden; mich dünkt, ich höre ſchon ihres Scharfrichters Schritte, antwor⸗ tete Franciscus. Und gut das, denn der Tod iſt nicht ſo ſchlimm, als ſolche Leibeigenſchaft eines ritterlichen Leibes.— Und wirklich ſchien Steinbrunns Vermuthung Grund zu haben, denn in den ſtarren Kreis der Speerträger kam eine plötzliche Unruhe; der Zirkel öffnete ſich, und mehre türkiſche Krieger eilten gerade auf den Platz zu, wo unſere Ritter gezwungen lagerten. Der jüngſte und geſchmückteſte unter ihnen ſchritt gegen den Oberſt Katzen⸗ ſtein, und redete mit freundlicher Miene in italieniſcher Sprache ihn an. Erkennſt Du mich, Chriſt? fragte er, als dieſer zu ihm aufſah. Mailat Ibrahim iſt fröhlich, ſeinen Erlöſer nicht unter den Todten dieſes blutigen Morgens zu wiſſen. — Beſſer todt als ehrlos und in Sklavenbanden! ant⸗ wortete Michael eintönig.— Wem das holde Leben noch lächelt, dem blühet auch noch die Roſe der Hoffnung, entgegnete Mailat. Ich habe das Goldpfand eines Verſprechens vei Dir einzu⸗ löſen, und Du ſollſt erfahren, daß auch der Moslemin ſeine Schwüre hält. Deine Seele wußte damals nicht, welch ein Goldfaſan gefangen in Deiner Hand flatterte. Ich bin des gefürchteten, unbezwinglichen Amuraths Lieblingsſohn, ein zahmes Lamm, vom goldmähnigen Löwen erzeugt. Sein Sonnenauge beleuchtete heute meine erſten Waffenthaten, und er gelobte mir bei ſeinem Barte dafür ein Geſchenk, wie das junge, begehrliche Herz es wünſchen möchte. Als ich Dich, das Jungfrauenherz mit der Rieſenfauſt, unter den Gefangenen erkannte, patte mein Wunſch ſein Ziel. Ich erbat mir ein 63 Sklavenpaar nach meiner Wahl, und der Vater gewährte. Hülle Deinen Namen und Stand in den Schleier des Stillſchweigens; ergib Dich drein, einen Tag lang mein Sklave zu heißen, und Du ſollſt Dein Vaterland wie⸗ derſehen.— Was ſollte mir die feige Rettung mitten im Verder⸗ ben der Freunde? ſagte Michael. Rette dort den edeln, wunden General, rette hier meinen Waffenbruder mit mir, oder laß auch mich umkommen mit ihnen; Dein Schwur ſoll durch den edeln Willen, den Du zeigteſt, bezahlt ſein.— Deinen Freund kann ich retten, gleich Dir, erwi⸗ derte Mailat. Der deutſche Vezier dort iſt ein Knecht des großen Soleiman, nur er hat ein Recht über ſeinen Athem und ſein Blut, doch wird ein Löſegeld auch ſeine Ketten brechen. Darum weigere Dich nicht, ſtöre nicht mein freudiges Werk, und reiße nicht durch den feinen Blumenkranz meiner Dankbarkeit mit trotziger Eiſen⸗ hand.— Gedenke an Ermuda! Sie iſt einſam! Trage ihr des Vaters Segensſpruch hinüber! ſprach der alte Graf, ſich aufrichtend. Und jetzt ſtürzten mehre Agas heran und gaben rauhe Befehle. Mailat ließ die beiden Freunde von ſeinen Begleitern umgeben; die Tragbahre mit dem General wurde aufgehoben, und der traurige Zug der chriſtlichen Gefangenen ging, umringt von Spießen und Säbeln, bis zu dem Sitze Mahomets, wo man die Bahre niederſtellte. Die Glut eines brennenden Vulkans flog auf an dem dunkeln Geſichte des rieſigen Amuraths, als der General vor ſeinen rollenden Augen daſaß, auch in ſeiner Schmach den Helden zeigte im unerſchrockenen Blicke und der wür⸗ devollen Geſtalt, und das Haupt, von dünnen Silber⸗ 64 locken umwallt, aufrecht trug im Stolz ſeines Standes und ſeines weltbekannten Waffenruhmes. Zu ihm hin trat der wilde Mann, und auf den Wink ſeiner Hand folgten ihm zwei Schwarze in dunkelgelben Kleidern, welche breite Schwerter hielten. Willkommen, Graf von Ladron! Kennſt Du mich nicht? fragte er herriſch. Der Alte ſchüttelte wortlos den Kopf. So iſt Dein Gewiſſen eingetrocknet und Dein verbrecheriſches Herz ein Kieſel geworden, wüthete der Grimm des Türken höher auf. Einſt hieß ich Ascanius Columna. Deine Nichte, Du ſtolzer Chriſt, wollte mein Weib werden, aber Dein Hochmuth warf ſie in ein Kloſter. Meine Treue wagte es, die Mauern der Non⸗ nen zu beſtürmen; da triebſt Du mich in die Hände der Schergen Eurer Inquiſition. Wunderbar errettete mich das Schickſal, und ich wurde Moslemin, und Allah hat mich geſegnet, denn ich ſehe den Erzfeind meiner Seele vor mir, gebrochen, gebeugt, entehrt und ein Spiel mei⸗ nes Hauches.— Ich erkenne Dich, raſender Columna! antwortete Ladron, ohne eine Miene zu ändern. Ja, ich bin ge⸗ brochen, aber nicht gebeugt, nicht entehrt. Das Schickſal der Schlacht hat auch mich ereilt, aber mein Bewußtſein ſtellt mich höher als Dich, denn ich höhnte Keinen von den Hunderten, die oft früherhin vor mir ſo waren, wie ich vor Dir.— Amurath biß die Zähne zuſammen. Du ſollſt zu des Sultans Hofe, ſagte er mit Spott; mit all' dieſen Gaben des Sieges ſollſt Du hinziehen, den Bezwinger der Parſen in ſeinem Serail zu erfreuen. So erhebe Dich denn von Deinem Faulbette, Du unge„ veugter Held, beſteige das Roß und ziehe gen Stambul, daß der Liebling des Propheten richte über Dich.— 3 65 Armſeliger Spötter, entgegnete mit Ruhe der Gene⸗ ral, indem er ſein Angeſicht verächtlich zur Seite wandte. Mein Schenkel iſt zerſchoſſen, meine Wunden brennen; laß mich ruhig ſterben auf dieſem ſchlechten Bett; mein Haupt kühlt den Lorbeer des Kriegers, und in meinem Herzen wohnt der Gott, der den Haß mit Verzeihung vergelten lehrte.— Du kannſt nicht zu Roſſe ſi ihenz fragte wild der Rieſe, indem er mit der Hand den Schwarzen winkte. Soleimans Auge liebt nicht den Anblick der Gebrechlich⸗ keit. Aufbrechen mußt Du heute noch gen Stambul; ſo mache denn den Weg auf ſtillere Weiſe in der Ge⸗ ſellſchaft Deiner Freunde!— Und der Mohr hob das Schwert; die breite Klinge ziſchte durch die Luft, und das Haupt des Grafen flog vom Rumpfe. Michael war herangeſtürzt, ſo wie das Schwert ſich hob. Mit einem lauten Wehſchrei ſank er finnlos zur Erde dicht neben der Bahre, und die ſpringenden Blutguellen des ſchänd⸗ lich gemordeten Greiſes übergoſſen ſein Lederkoller mit den warmen Strömen des geliebten Herzens.— Ein plötzlich einbrechendes, ungeheures Unglück, ein furchtbarer, unerſetzlicher Verluſt iſt immer die höchſte Prüfung der menſchlichen Natur und Seelenkraft. Ent⸗ weder zerbricht dieſe für immer, oder ſie erſtarkt zur Unverwüſtlichkeit. So wurzelt feſter der Eichbaum für Jahrhunderte, wenn der zerſchmetternde Orkan in ſeine Wipfel griff, ſo wird das Eiſen in der Glut und unter dem iregenden dammer zum Kernſtahl, und zerbricht nimmer.— In der armſeligen Strohhütte eines Ziegenhirten, Blumenhagen, VI. 7 5 die mitten im Gebirg lag, erwachte der Oberſt Katzianer aus den ſchweren Fieberträumen einer böſen Krankheit. Sein Lager beſtand aus einer Streu und einer Matte; neben ihm ſaß der getreue Franciscus, und die Hirten⸗ frau kochte am Heerde neuen Balſam für ſeine faſt ver⸗ harſchten Wunden. Mit froher Zuſprache begrüßte Stein⸗ brunn das wiedergewonnene Leben des Waffenbruders, und beantwortete mit ſanfter Schonung die vielen Fra⸗ gen des Kranken, dem es zuerſt vorkam, als habe er alle die Schreckensſcenen, durch welche das Schickſal ihn wie durch ein Fegefeuer gepeitſcht, nur geträumt in einer langen, böſen Nacht.*. Michael verfiel in ein tiefes Brüten und Sinnen, welches tagelang andauerte. Als aber der junge Körper wieder die Kraft der Geſundheit errungen, als er drau⸗ ßen ſaß in dem grünen Gebüſch oder auf der ſonnbe⸗ ſchienenen Klippe, da tauchte ſein Geiſt wieder auf aus den düſtern Nebeln des Grames, wie ein geſundeter Adler, und gewann baldigſt wieder die Höhen des Lich⸗ tes, in welchen er vordem die Fittiche zu ſchwingen ge⸗ wohnt war. Mache Anſtalten zum Aufbruche in das Vaterland, Franz! ſagte er, ſich ermuthigend. Ermuda jammert! Ermuda vergeht im Grame! Und auch der Vater be⸗ darf vielleicht des Sohnes, wenn meine Ahnungen nicht lügen.— Da brachte Franciscus zwei Mönchskleider hervor, die Mailat Ibrahim aus der Beute des deutſchen Lagers für ſie ausgeſucht, um ihre Heimreiſe zu ſichern; da zeigte er den gefüllten Beutel, den Mailat, als er von dem Todtkranken ſcheiden mußte, auf ſein Bett gelegt; da zog er ein Seidentüchlein hervor, und wickelte daraus die goldene Ordenskette des Grafen von Ladron und eine Silberlocke von dem gefallenen Haupte deſ⸗ ſelben, die der dankbare Türk, nachdem er ſeine Gefan⸗ genen durch treue Bosniaken in Sicherheit gebracht, auf Steinbrunns Bitte als ein Andenken für die Verwandten des Generals ſich zu verſchaffen gewußt hatte.— Traurige Schätze! ſeufzte Michael mit überfließenden Augen. Mit euch ſoll ich hinkreten vor die geliebte Jungfrau? Das ſoll ihr Erſatz ſein für den verlorenen Vater, mir für die Ehre des Namens vielleicht? O wie ſchwer liegt das Leben auf mir, und es drängt mich recht, es freiwillig hinzuwerfen, denn ſeine Felder ſind abgeerntet und ſeine Gärten ſind kahl. Ermuda, Dir muß ich es erhalten; weiß ich doch nicht, ob Du nicht des jammervollen Daſeins Deines Freundes bedarfſt.— Laſſ' uns nur erſt wieder deutſche Luft einathmen! tröſtete der lebensmuthige Franz. Seit dem verdamm⸗ ten Siegesfeſte der Türkenbrut riecht mich hier herum Alles an wie Blut; aus jedem Buſch glotzet mich ein ſchwarzes Halbmondsgeſicht an, und hinter jeder Klippe lauert in meiner Phantaſie ein liſtiger Ohrenabſchneider. Solche Beſtien gehören in die ſengenden Sandwüſten, und alle Könige Europa's ſollten aufſtehen gegen dieſes Gezücht der Hölle, das zur Schande der Menſchheit das Paradies unſeres Welttheils mit Gräueln befleckt. Wäre ich ein Kaiſer oder König, ſo duldete ich nicht, daß ſolch ein Scharfrichtermeiſter ſich auch einen Fürſten der Völ⸗ ker nennen dürfte. Aufgebrochen, Bruder! Zurück in das Land, wo die Menſchlichkeit wohnt, wo das Geſetz richtet und nicht die Mordluſt, wo gute Regenten ihre Bürger wie Kinder lieben, und von ihnen wie Väter geliebt werden!— Schrecklich, daß ich zum erſten Male 68 vor dem Geſetz zittere, zum erſten Male das Angeſicht des väterlichen Fürſten fürchten muß, wenn auch nicht für mich! murmelte Michael für ſich hin. Stutzig ſah ihn der Freund an, aber ſchnell ſein Herz verſtehend, entgegnete er: Ja, ja! der General⸗Oberſt mag einen harten Stand haben bei den weichhändigen, feinen Kriegs⸗ räthen, die nie ein Feldlager geſehen, nie den Hunger gefühlt. Nun, mit Gott wird er durchkommen, denn ſeine Kläger ſchlummern bei Eſſegg und Juvanchen.— Auch der Kläger in ſeiner innerſten Bruſt? fragte der Katzenſteiner heftig. Und wird nicht die Schamröthe auf des Sohnes Wangen den Vater verklagen bei der erſten Begegnung?— Franciscus zuckte die Achſeln und ging, die Anſtalten zum Abmarſche zu beſorgen. Er gab dem Hirten eine anſehnliche Belohnung, und dieſer verſah die Gäſte mit einem Querſacke voll guter Lebensmittel, bewaffnete ſie mit zwei Ochſenſtecken, die ſcharfe Eiſenſpitzen trugen, half ſie einhüllen in die Mönchskutten der Feldprediger, und begleitete ſie dann auf ſichere Fußpfade, bis ſie au⸗ ßer dem Bereich der türkiſchen Streifpartien waren, und die Straße zur Heimath nicht mehr von ihnen verfehlt werden konnte. Ihre Reiſe ging langſam, denn Michaels Schwäche erlaubte keine langen Märſche, und die Be⸗ drücktheit ſeines Geiſtes mehrte die Mattigkeit ſeiner Glieder, ſo daß ſie oft bei den Hirten am Ufer des Draufluſſes, deſſen Lauſe ſie entgegenwanderten, ſchon am Mittag Halt machten, oder in der Laubhütte eines armen Wildhüters einen Raſttag feiern mußten, wenn auch dieſe Naturmenſchen überall die Ermatteten freund⸗ licher aufnahmen, als die Entblößten der Schloßbewohner pder Städter empfangen haben würde. Mit Vorbedacht 69 ließen ſie jetzt die Stadt Warasdin rechts liegen, und wandten ſich bei Studmitz in die Gebirge von Krain, be⸗ grüßten mit Wohlbehagen die väterliche Erde, und hier ſchickte ihnen ſofort die Vorſicht ein Zeichen ihrer ihnen wieder geſchenkten Gunſt entgegen. Manches Rudel hoch⸗ endiger Hirſche hatten ſie am Waldwege geſehen, man⸗ cher borſtige Eber war durch den Unterbuſch neben ihnen vorbeigebrauſet; die edle Luſt am Weidwerk, die dem Kriegsmuthe das Verwandteſte iſt, glühete zum öftern auf in des Steinbrunns Bruſt; er wetterte, daß es am Geſchoß, am Wurfſpeere und Jagdpferde mangelte, und er dem ſchönen Wilde läſtig nachſchauen mußte. Als ſie nun eines Morgens am Gebirgshange ruhe⸗ ten und der Feldflaſche zuſprachen, fuhr Franciscus plötz⸗ lich vom Mooſe auf, ſchützte das Auge mit der Hand vor dem Sonnenſtrahle und rief: Sieh dort, Bruder! Siehſt Du das glänzende Thier? Solch Wild iſt mir kundigem Jäger nie in der Wildbahn vorgekommen. Iſt es das fabelhafte Einhorn oder ſonſt eine Mißgeburt? Es äſet ſich am Buſch; jetzt tritt es auf die Ebene. Sieh nur hin; mich blendet die Sonne. O warum iſt dieſer Ochſenſtecken kein Jagdſpieß! Der Kopf mit dem blanken Geweihe müßte meinen Trinkſaal zu Steinbrunn zieren.— Nur dem Freunde zu gefallen hob der Katzenſteiner das müde Haupt, aber immer ſchärfer ſtrengte er ſein großes Auge an; langſam erhob er ſich vom Hügel und ſtellte ſich hoch mit angeſpannter Aufmerkſamkeit. Ein ſeltſam Wild iſt das, Du Blinder! ſagte er lebhafter, als er auf der ganzen Reiſe geſprochen. Bei dem hei⸗ ligen Hubertus! Ein gerüſtet Streitroß iſt es mit dem ſtacheligen Stirnſchilde und hochgewölbten Sattel. So — 70 Gott mir helfe, ich glaube, es iſt mein Roland, mein getreuer Goldfuchs.— Auf dem Finger that er einen grellen Pfiff, und das Thier ſtutzte, horchte mit geſtreck⸗ tem Halſe und ſchritt langſam durch das hohe Gras heran. Der Oberſt pfiff mehre Male, und Roland! Roland! rief er mit weitſchallender Stimme, das zehn Echos wiedertönten. Mit einem lauten Wiehern antwor⸗ tete das Roß, und in Sprüngen kam es zum Walde. Stutzend ſtand es dann in der Nähe der vermummten Männer; als aber Michael die Mönchskappe zurückwarf, die Kutte aufſchlug, es mit Schmeichelworten anſprach und die Hand nach ihm ausſtreckte, da glänzten die Au⸗ gen des Thieres, ſeine Mähne ſträubte ſich, es wieherte hell und laut, kam dreiſt heran, drückte ſeine Lefzen an den Arm des geliebten Herrn, und preßte„als dieſer es umfing, ſeinen Hals gegen des Ritters Schultern, in⸗ dem es mit den Hufen ſcharrte und mit dem Pracht⸗ ſchweife ſchlug. So biſt auch du gerettet aus der Mordſchlacht, treuer Kumpan! rief Michael aus mit inniger Freude. Und du haſt dich nicht fangen laſſen von fremder Hand, und haſt den Herrn hier erwartet auf unwirthbarer Heide?— Es möchte antworten! jubelte Franciscus. Sieh nur, wie es die Glanzaugen rollt. Der Teufel hole alle Ge⸗ lahrte, die ſolch edelm Thiere die Seele abſprechen! Nun du kommſt gelegen, treuer Fuchs! Dein Sattelzeug iſt zwar zerfetzt und ſchmutzig; haſt auch wohl ſchlechte Nächte gehabt unter Gottes freiem Himmel, und die gute Pflege des Leibknechts iſt dir abgegangen, das ſieht man am rauhen Haar und den kothigen Feſſeln; aber Weide haſt du genug gefunden; der Herr⸗Gott kleidet die Lilien und nährt die Spatzen im Felde. Nun, Michael, ſitze auf! Du bedarfſt der Erquickung; Dein Ro⸗ land freut ſich darob; er wird den vermißten Herrn willig tragen. Erfülle ſeine Sehnſucht, und wird mein Gebein müde, ſo nehme ich Platz hinter Dir; wir rei⸗ ten dann gleich den erſten Tempelherren auf einem Rü⸗ cken; ſind wir doch eben ſo arm, vielleicht auch eben ſo brav, als ſie dazumal.— Die Erſcheinung ſeines Leib⸗ roſſes wirkte wohlthätig auf den kranken Kriegsmann. Er ſah darin die wiederkehrende Gunſt des Himmels, und nachdem Franciscus unter Scherzreden das zerſtörte Sattelzeug, ſo gut es gehen mochte, in Ordnung ge⸗ bracht, ſetzten ſich beide auf, und der Goldfuchs trabte mit der Doppellaſt ſtolz durch den Wald; war er doch gewohnt, zentnerſchwere Panzerſtücke des von der Ferſe zum Scheitel verluppten Junkers mit ihm wie ſpielend durch Turniere und Fehden zu tragen. Bequemer ging nun die Reiſe weiter, obgleich die Einwohner der Dörfer, welche ſie paſſirten, mit Ver⸗ wunderung, oft ſogar mit Spott, die ſeltſame Cavalcade anſchauten und ſich nicht in die geiſtlichen Herren zu fin⸗ den wußten, die lang und ſchmächtig, ohne Kugelbauch und barfuß, nichts Klöſterliches an ſich trugen, als das härene Gewand, die ſtatt des geduldigen Eſeleins ein kriegeriſches Roß ritten und geſchickt zu lenken wußten. Ohne Unfall kamen ſie nach Rattmannsdorf und ſahen in der Abenddämmerung den Katzenſtein mit ſeinen feſten Mauern, Zinnen und Warten vor ſich aufſteigen. Keine Trompete ertönte, kein Wachthorn ſchallte, als ſie den ſchmalen Burgpfad hinaufritten; als aber auf ihren oft⸗ maligen Ruf endlich ein träges Geſicht in dem Luftloche über der Zugbrücke erſchien, und der Oberſt ſich nannte, vekreuzte ſich der alte Knecht und fuhr zurück, als habe 72 er ein Geſpenſt geſehen. Doch gar bald ward es leben⸗ dig in der Burg. Windlichter zogen durch den Hof, und als die Kettenbrücke fiel, erſchien der Kaſtellan ſelbſt im Thore, ſich von dem Wunder zu überzeugen und den todt geglaubten Sohn ſeines Hauſes zuerſt zu begrüßen. Ein freudiges Gemurmel bewegte die Schaar der Wapp⸗ ner, als Michael vom Roſſe ſtieg und milde grüßend unter ſie trat; als er aber auf die Frage: Iſt der Va⸗ ter da?— vom Kaſtellan die traurig geſprochene Ant⸗ wort bekam: Seine Gnaden ſind längſt zu Wien!— und nun wortlos mit hängendem Haupte die breite Stein⸗ treppe im Schloſſe hinaufſtieg, da ſchüttelten die Burg⸗ leute die Köpfe und meinten: der Junker ſei ebenfalls als ein ganz anderer Menſch heimgekehrt, und die ein⸗ ſtige Herrlichkeit auf dem Katzenſteine würde ſobald nicht wiederkommen.— Der Kaſtellan ſchloß den Prunkſaal auf und leuchtete den Freunden voran. Aber wie von einem Zauberſtabe berührt, ſtand Michael ſtarr bei dem erſten Blicke, den er durch den hochgewölbten Saal geworfen. Das große vergoldete Wappen der von Katzenſtein, welches über dem Kamine, gerade der Flügelthür gegenüber prangte, war von einem breiten Trauerflor verhangen; alle die blanken Rüſtungen an den mächtigen Pilaren, theils eigene Erbwaffenſtücke, theils eroberte Trophäen, hatte man mit ſchwarzem Tuche halb verdeckt oder mit Leichen⸗ flören geputzt; dazwiſchen ſchaueten die lebensgroßen Bilder der Katzenſteiner wie mitternächtige Erſcheinungen dräuender Gruftbewohner von den Wänden herab, und machten das Blut der Eintretenden erkalten in ſeinen Kanälen. Wer hat das befohlen? fragte der Oberſt barſch den 73 grauen Diener. Der Herr Landeshauptmann gebot es, antwortete unterthänig der Kaſtellan. Die Excellenz be⸗ trauerte recht bitterlich den Tod des lieben Sohnes. Euer Oheim Franz, der hochwürdige Biſchof zu Laibach, hat viele Seelenmeſſen geleſen für Euch, edler Junker, da Ihr ohne Sakrament dahingefahren; aber oft zürnte der edle Burgherr mitten im Gebet für die arme Seele, und ſchalt läſterlich die Tollheit, die Euch in den Tod getrieben, da Ihr auf ſicherem Neſt ſitzen könntet gleich ihm.— Mit ſtarken Schritten ging der Oberſt zun Kamine und riß mit einem Zuge der Hand die Trauerdecke vom bunten Wappen herunter. Nein, ihr edeln Voreltern, rief er wie außer ſich, ihr ſollt nicht in Gram und Scham hin⸗ ſchauen auf den verhangenen Schild. Hier ſteht ein Katzianer, der die fleckenloſe Hand dennoch aufheben darf, der ſtolz ſagen darf, ich verſöhnte des Vaters Schuld und darf frei hineinſchauen in eure geſpenſtiſchen Glutaugen.— Was redet Ihr für Worte voll Entſetzens, Junker? fragte der Kaſtellan erſchrocken. Alſo iſt es ſo, wie die Gerüchte plauderten? O dann laßt die Flöre immerhin hangen; der Tod will dann ſein Recht, und dieſe ſtarre Hand ſoll einem beſchimpften Herrn das Grabgewölbe der hohen Ahnen aufſchließen.— Was faſelſt Du, alter Schalksnarr? ſprach haſtig Franciscus dazwiſchen, denn er ſah, wie Michael die Augen rollte, ſie dann ſtarr auf dem Munde des Ka⸗ ſtellans haften ließ, und an der Hüfte nach dem Schwert⸗ griffe ſuchte. Sprich heraus, welche Gerüchte machten Dich fürchten? und wohin iſt der Burgherr?— Der gnädige Landeshauptmann war nur kurze Zeit hier auf der Burg, erzählte der Kaßtellan mit ängſtlicher 74 Geberde. Mürriſcher und aufbrauſender hatten wir den edeln Herrn nimmer geſehen. Er ſaß halbe Tage mit dem hochwürdigen Biſchofe eingeſchloſſen, und dann ſchickten ſie den Kurt als Eilboten nach Wien mit der Relation über den Feldzug, wie ich aus ihrer Zwie⸗ ſprache erhorchte. Nicht lange nachher kam der Haupt⸗ mann von Brandenſtein von der Trabantengarde hier an mit einem königlichen Sendſchreiben, und unſere bei⸗ den Herren brachen ſogleich auf nach der Kaiſerſtadt, um bei des Königs Majeſtät ſelbſt ihr Recht zu erlan⸗ gen und ſchwerer Anklage zu begegnen, Der Kurt iſt ſeitdem heimgekehrt, er brachte die Schreckensmähr mit zu Hauſe, der Herr ſei zu Wien auf Hochverrath ange⸗ klagt, er ſäße in einem Thurme der Hofburg, und Ge⸗ richt würde über ihn gehalten werden auf Leben und Tod; die Leute zu Wien meinten, der König ſei im wilden Zorne, und der Herr würde dem Richtbeile nicht entgehen.— Richter über den Wolken! rief der Oberſt wie außer ſich, wirf nicht mehr auf meine Bruſt, als ich zu tra⸗ gen vermag! Womit habe ich Deine glühende Strafruthe verdient, daß ſie ſo gnadenlos meine Seele geißelt bis zur Verzweiflung?— Auf, Kaſtellan! Bringe uns Wein und Brod, ſattele zwei friſche Roſſe für uns! Ich darf die weichen Pfühle dieſes Schloſſes nicht berühren; das Ziel meiner Reiſe liegt noch weit hinter dem Katzenſtein. Was beſchließeſt Du, Bruder? Und bedenkſt Du nicht Deinen kranken Leib? fragte Steinbrunn, als der Kaſtellan fortgegangen.— Und Du fragſt? entgegnete Michael heftig. Zu Wien iſt mein Platz an des Vaters Seite. Iſt er nicht zu vertreten bei dem Könige, ſo iſt vielleicht ſein Leben zu retten durch einen Gang auf Kampf um den Tod.— —————— 75 Ich gehe mit und ſtehe neben Dir unter den Schran⸗ zen und Pfaffen, wo es vielleicht heißer ſein möchte für Dich als in der wildeſten Feldſchlacht! antwortete Fran⸗ ciscus. Mit Heftigkeit warf ſich der Oberſt in des Freundes Arme und die hohen Männer hielten ſich feſt umſchlungen, indeß durch die buntgemalten Fenſterſchei⸗ ben der Zugwind hereinſtrich, mit grauenhaftem Flüſtern an den Wänden hinzog und die Trauerflöre bewegte. In dem Palaſte des Grafen von Ladron zu Wien lag im ſtillen Betſtübchen Fräulein Ermuda vor dem Bilde des Gekreuzigten, traurigen Troſt für ihren bren⸗ nenden Schmerz ſchöpfend in dem Gedanken, wie viel mehr der Erlöſer gelitten, und eben ſo ſchuldlos und um fremder Sünde willen, wie ſie. Tiefe Trauerkleidung umwallte die zarte Geſtalt des frommen Mägdleins, und höher ſchimmerte dadurch der lilienweiße Hals aus den dunkeln Locken durch das ſchwarzbehangene Kämmer⸗ lein. Eine kleine Silberampel beleuchtete von dem Haus⸗ altare her das liebliche Oval ihres ausdrucksvollen Ge⸗ ſichts; die Roſen darauf waren freilich erloſchen, aber in dem dunkeln Augenpaar glühete ein höheres Leben als das der armſeligen Erde, und eine höhere Hoffnung, als hier unten erfüllt zu werden vermag. Ihre zarten Finger zählten am Roſenkranze, die ſchmalen Lippen be⸗ wegten ſich; doch der Geiſt ſchien verloren in höhern Regionen, ſchien droben zu koſen mit dem abgeſchiede⸗ nen Geliebten Ihres Herzens.— Leiſe klopfte es jetzt an die Thür des Gemachs und die Betende ſchrack ſichtlich zuſammen; ſich ermuthigend, 76 erhob ſie ſich aber bald von dem Betſchemel, ging langſam hin und öffnete. Und herein trat Pater Bernhardus, ein Dominikaner und ihr Beichtvater; ſie beugte demü⸗ thig ihr Haupt vor ihm, und er ſegnete ſie mit dem heiligen Zeichen, indeß ſein Begleiter in der engen Thür verweilte, und aus der Mönchskapuze hervor mit glü⸗ henden Augen, in denen heftige Seelenbewegung leuch⸗ tete, der frommen Gruppe zuſchauete. Noch ſo ſpät beſucht Ihr Eure Tochter? fragte Er⸗ muda dann mit einer Stimme, der man es abhorchte, daß ſie lange ſich zu dem Tone des Schmerzes ge⸗ wöhnt hatte, und die darum rührend zu jedem Herzen ſprach. Habt Ihr etwa eine gute Poſt für mein zerriſſe⸗ nes Herz? Hat Graf Thurns Schreckensbotſchaft ſich nicht beſtätigt? Sind Botſchaften da aus Slavonien? Lebt der Vater? Habt Ihr dem Könige unſern Familien⸗ ſchmuck, den Werth unſerer Güter bei Milano, den Palaſt zu Rom angetragen als Löſegeld für den grau⸗ ſamen Türkenkaiſer? O ſo ſprechet doch, ehrwürdiger Herr, und erleichtert der Jungfrau bedrücktes Gemüth, das in der Einſamkeit verzweifelt, und es nicht faſſen kann, daß dieſes Herz für die Zukunft ſo ganz allein ſchlagen ſoll in der vollen Welt.— Niemand ſtehet allein, anwortete ernſt der Domini⸗ kaner. Gott und ſeine Heiligen begleiten die Schritte der Frommen und führen ihm gute Brüder zu, wenn er ſchwankt und ſtrauchelt, die ſeine matten Glieder zu ſtützen vermögen. Und hat Ermuda Niemand beweinet als den Vater? Hat Ermuda's Herz Niemand ſonſt ver⸗ mißt?— In die Knie warf ſich die Jungfrau vor dem Mönche. Ihr wolltet mir Troſt bringen, rief ſie mit herzzerſchneidenden Tönen, ehrwürdiger Vater; o warum — wühlt Ihr denn mit neuen Dolchen in meiner blu⸗ tenden Bruſt? Iſt es nicht ſchrecklich genug, daß der verblichene Geliebte einen Namen trug, der ſich mit Schauder auf meine Lippe drängt? Muß mir nicht jede Thräne, jeder Seufzer um ihn als eine Beleidigung ge⸗ gen den zürnenden Schatten meines Vaters erſcheinen, deſſen tückiſcher Mörder ſein Erzeuger war, deſſen Ver⸗ derber mit ihm denſelben Namen trägt? O rettet meine Seele aus dieſem Zwieſpalt der Gefühle, aus dieſem Gewirr von Schmerz und Reue, von Buße und Ver⸗ ſündigung, ehe Verzweiflung mir Wahnſinn bringt, der mit dem Leibe den Geiſt verderben könnte!— Ermuda, was ſpricht Dein treuer, frommer Mund? ſtieß da heftig der Begleiter des Dominikaners hervor, indem er das härene Gewand von ſeinen Schultern riß und in des jungen Katzianers Geſtalt vor der emporfah⸗ renden Jungfrau ſtand, ein bleiches Bild des männlichen Grames. Soll auch dieſer Donner noch herabſchmettern auf meinen unſchuldigen Scheitel, daß ich irre würde an meiner Liebe und an mir ſelbſt, wie ich irre wurde an ſo vielen der Menſchengeſtalten um mich her?— Mi⸗ chael! Mein Michael! ſchrie das Fräulein, warf ſich in ſeine Arme und ſank in halber Ohnmacht an ſeine Schulter.— Nein, er zürnet nicht, Dein edler Vater zürnet nicht, wenn Dein frommes Taubenherz ſchlägt an meiner Bruſt! ſagte Katzianer mit Wehmuth. Sein verklärter Schat⸗ ten ſieht milde herab auf ſeine vereinigten Kinder, deren Bund ſein Wort noch ſegnete wenige Minuten zuvor, ehe ſein Leben im edeln Blute verſtrömte.— Alſo todt für immer! jammerte die zitternde Ermuda. Und WMichael konnte ihn nicht beſchirmen, nicht erretten?— 78 Sein Wort war es, das mein Leben ſchützte, ent⸗ gegnete Michael, trübſinnig vor ſich hinausblickend; ſein Wort rief mich auf, zu dulden und die drückende Bürde weiter zu ſchleppen. Sein Wort erinnerte mich an die Geliebte und meine Pflichten gegen ſie, als meine blu⸗ tende Hand gelähmt hing, und ſein ſpritzendes Blut wie ein hölliſcher Feuerregen tödtend brannte in meine Glie⸗ der.— Ermuda fuhr erſchüttert zurück. Sein Blut! rief ſie kreiſchend. Dieſe Flecke auf Deinem Koller ſein Blut? O laß ſie mich küſſen, einſaugen in mein Herz dieſe letzten, köſtlichen, einzigen Reliquien von ihm!— Wie im Wahnſinne preßte ſie unzählige Küſſe auf das Lederwamms des Oberſten, bis ſie erſchöpft vor ihm in die Knie ſank und Michael ſie unter ſanftem Weinen aufhob und in einen Lehnſeſſel trug. Ich bringe Dir mehr, ſprach er halblaut. Hier ſeine Ritterkette!— Er hing ſie um ihren Hals;— hier eine Locke ſeines heiligen Hauptes! Weine über den köſtlichen Pfändern! Weine Dich aus, Du armes Mädchen. Thränen geben Linderung, Thränen ſind götilicher Himmelsthau, den der Vater der Liebe ſendet, die welke Menſchenpflanze aufzufriſchen, daß ſie nicht für immer dürr werde in der Glut des Kummers.— Mit Haſt ergriff Ermuda Kette und Haar; inbrünſtig drückte ſie den Mund bald auf dieſes, bald auf jene, bald auf des lieben Gebers Hand; ihrer Zähren Quell brach auf, und ihre ſchönen Augen ergoſſen Bäche der Wehmuth, die dem beklommenen Her⸗ zen Erleichterung gaben, die weicheren Gefühle aufthaue⸗ ten in dem erſtarrten Gemüth.— Der Menſch iſt ein Sinnenweſen; wo die Vernunft nichts über ihn vermag, wo er im Zorn wie das gereizte Raubthier oder im Schmerz wie der andaluſiſche Kampfſtier alle Zügel des —— 1⁸ —— ————————— innern Führers zerreißt, da zähmet ihn oftmals ein Sinneneindruck, eine Anſchauung, und ſtatt ſich zu er⸗ heben über die Erde und ihre Leiden, ſtatt ſo die Wunde zu heilen durch ſelbſtige Hochſtellung, läßt er ſich lieber hinabziehen durch einen Gemüthsreiz, durch eine kindliche Tändelei, deckt ein Blumenblatt über die Wunde und wähnt darin die beſte Arznei gefunden zu haben. Solche Wetterableiter waren für des Fräulein tiefen, zerſtören⸗ den Schmerz die traurigen Geſchenke, die ihr der Bräu⸗ tigam mitgebracht, und über welchen ſie den lebendigen, ihr faſt durch ein Wunder wiedergeſchenkten Geliebten ſelbſt zu vergeſſen ſchien. Mit ſtiller Rührung ſahen der Oberſt und der Dominikaner dem betrübenden Spiele zu, welches das Mädchen mit den Angedenkenspfändern des Todten trieb, wie ſie koſete mit ihnen, wie ſie ſprach zu ihnen, wie ihre ganze Zärtlichkeit ſich ausgoß über ſie, als ſei der Gemordete ſelbſt in ihnen ihr wiedergekehrt. Zuſammenſchaudernd unterbrach ſie dann ſelber ihr ſinn⸗ verwirrendes Treiben. Sie antworten mir nicht, Michael! rief ſie auffah⸗ rend aus ihren Träumen. Unter der kalten Kette pocht kein Herzſchlag; dieſem weißen Haare fehlt die Stimme, mich zu liebkoſen und zu ſegnen. O Michael, warum hat Dein Vater das verſchuldet?— Stürmiſch aufgeregt warf ſich der Oberſt vor ſie hin in die Knie, umfaßte ſie mit beiden Armen und zog ſie dicht an ſeine Bruſt. Richte nicht, Mädchen, ſprach er mit Heftigkeit, richte nicht, wo ich nur Räthſel ſehe, der ich doch all das Schreckliche mit erleben mußte. Johann Katzianer hat immer ſo groß und herrlich zwiſchen uns geſtanden, wie ein homeriſches Muſterbild der Kriegsju⸗ gend; er kann nicht muthwillig mit ſolchem Roſtflecken 80 die ganze Glorie ſeines Lebens geſchwärzt haben. Aber, Ermuda, Du biſt glücklicher als ich. Nicht Dich zu tröſten ſuchte ich Dich, nein! ich, der ſtarke Mann, komme zu Dir wie ein Flehender, Tröſtung zu ſuchen bei Dir, Heil, Rettung, Leben und Ehre zu erflehen von Dir, dem einzigen Weſen in der Schöpfung, dem ich vertrauen darf und dem ich vertrauen mag.— Was kann das arme Mädchen Dir geben? fragte die Jungfrau, und ſah mit dem Unſchuldsauge tief hinein in ſeine rollen⸗ den Augenſterne. Michael! Selbſt der Kranz meiner Liebe hängt welk, und wird Dir keine Freude mehr duften wie vordem; habe ich doch dem Bräutigam nichts zu bringen, als ein zerbrochenes Hers und eine ewige Thräne.— Ermuda! fuhr er fort mit beklommener Bruſt, er⸗ hebe Dich an dem Unglücke Deines Freundes, gegen welches das Deine bleich iſt, wie die brennende Hütte neben dem glühenden Veſuv. Preiſe Dein Loos in de⸗ müthigem Danke gegen die Vorſicht und bejammere das meine. Dein Vater fiel wie ein Held in ſeinem Berufe, ſchön wie ein verlöſchender Stern. Geprieſen iſt ſein Rame im Vaterlande, geprieſen bei den Barbaren, denen er erlag. Schau dort durchs Fenſter hin, wo das Mond⸗ licht die Thürme der Hofburg beleuchtet; dort liegt mein Vater, auch ein hochſinniger Kriegsmann, den man zählte zu den Rettern der Kaiſerſtadt, der unumſchränkte Feldherr, der geprieſene Landeshauptmann, dort liegt er auf dem Strohlager des Verbrechers; der Mörder und der Dieb find ſeine Geſellen; blutige Schatten ſcheuchen ſeinen Schlaf, und das Holz iſt ſchon gehauen zum Hoch⸗ gerichte, auf dem man ſeinen Schild zerbrechen wird, auf dem Henkershand ſich wagen wird an ſein einſt 81 benridetes Leben. Ermuda! Kann ein Sohn das ertragen ohne Vernichtung? Ermuda, Du ſchworeſt mir Treue. Ich mahne Dich an Deinen Schwur, jetzt in der ſchwer⸗ ſten Stunde Deines Lebens. Ermuda, rette die Seele Deines Freundes aus Verzweiflung; Ermuda, errette Du mir den Vater!— Auf ſprang das Mädchen. Ich? rief ſie bebend und mit plötzlich glühenden Wangen. Ich, den Mörder meines Vaters retten? Gott iſt gerecht! Und könnte ichs, ewigen Haß, ewigen Fluch—— Halte ein! rief Michael und zog die Weichende wie⸗ der in ſeine Arme. Deines Vaters Geiſt umſchwebt uns; ich fühle ſeine Nähe in der ſanftern Stimmung meines Gemüths, in der erwachten⸗ Hoffnung auf Glück und Zukunft. Er⸗ mächte mich, den Sohn ſeines Wider⸗ ſachers, zum Boten ſeines Vaterſegens; o ſchon darin lag Vergebung, Verſöhnung und Vergeſſen für jeden Katzenſteiner; damals ſchon umwehte den herrlichen Mann der Friede jener Welt, wo aller Haß aufhört und die Liebe alle zu Brüdern macht. Ermuda, ſanftes, from⸗ mes n! Gib mir, was ich bitte, zum Willkom⸗ mensgeſchenk, oder auch ich bin Dir verloren. Stürbe etn Katzianer auf dem Hochgerichte, würde es mich, den itentehrten, nicht dulden im dentſchen Lande, würde * mich treiben i die krummen Säbel der Türken. Ich könnte hintreten vor König Ferdinand, ich könnte das Zeugniß Niklas von Thurns fordern für mich, und mein Verdienſt werfen in die Wagſchale. Aber noch hat kein Katzenſteiner geprahlt mit ſeinen Thaten, mit ſeiner erfüllten Pflicht vor einem Fürſten. Der König iſt gut, aber heftig; ein übles Wort weckt ſeinen Jähzorn, und er iſt höchſt erbittert, das weiß ich; hat er doch auch ſein beſtes Heer verloren; viele Söhne edler Geſchlechter Blumenhagen. VI. 6 * liegen auf Slavoniens Sande, und ihre Väter klagen und hetzen am Throne. Darum muß ich todt bleiben, bis des Vaters Banden gelöſet find, bis er frei und ge⸗ fichert ſelbſt führen kann das Wort für ſich gegen die Feindſeligen. Dieſe eine Pflicht liegt mir klar vor Augen, die FPflicht des Blutes, des Kindes; weiter in die Zukunft wagt der verirrte Sinn nicht zu blicken⸗ Hilf mir löſen die Pflicht, Ermuda! Tauſchten wir doch Seele und Herz, find wir doch ein Weſen worden und ich habe gethan, als wäre ich ein Ladron, ſo thue Du, als wäreſt Du eine Katzenſteinerin.— Ermuda ſah ihn lange tieffinnig an, dann hob ſie betend die zarten Hände gegen das Krurifix, holte einen langen Athemzug und reichte alsdann beide Hände dem Geliebten entſchloſ⸗ ſen hin.— Ja, Du haſt gethan als ein Ladron, da Du kehrteſt zu denen, welche dem Tode verfallen waren! ſagte ſie lebhaft. Der Thurn hat gezeugt für Dich bei Hofe und bei mir. So iſt es meine Pflicht, Dich zu lohnen für die Edelthat, da es derjenige nicht mehr vermag, dem Du ſie erwieſen. Ja, ich fühle ein fremdes, ſtarkes Leben in mir, ſeit die väterliche, heilige Ritterkette meine ſchwache Bruſt berührte; die Taube wird zum Falken und ſchießt den Wolken zu. Du forderſt viel zum Lohne, mehr als Jungfrauen zu geben pflegen, deren höchſter Schatz Liebe iſt und keuſche Treue; aber ſei es das Schwerſte: hier lege ich meine Rechte auf dieſes Herz⸗ in dem Du wohneſt, und ſchwöre Dir bei dem Gedächt⸗ niſſe meines Vaters: kann ein Weib erfüllen, was Du wünſcheſt, ſo will ich es.— Höher ſchien die Jungfrau dem Himmel zuzuwachſen, als ſie ſo daſtand in ſchöner Glut; aber ſchnell kam die Milde zurück in das ſtille P 83 Herz, und in des Ritters Arme ſinkend, ſetzte ſie leiſe hinzu: Haſt Du doch mehr gethan, haſt das Uebermenſch⸗ liche geleiſtet, als Du die Sicherheit Deines Vaters verließeſt, und zurückſprengteſt in den gewiſſen Tod zu meinem Vater.— Ermuda! Du biſt mein Lebensengel! rief der Oberſt mit bewegter Seele. Du wrirſt auch der Engel werden für den Herabgeſtürzten und Zerbrochenen dort in der finſtern Burg; und hat er gefrevelt an Freundſchaft und Ehre, ſo muß er erſchüttert umkehren zu ſeinem Gotte und dem Rechten, wenn gerade Du ihm erſcheinſt mit der Palme und dem Labungskelche. Dort der ehrwür⸗ dige Vater, der meine Jugend bewachte, den das Band der Dankbarkeit feſſelt an meinen Stamm, wird Dich leiten auf dem rauhen Pfade, den Du wandern mußt. Sein Kopf erſann, wo ich im ſtumpffinnigen Schmerz verzweifeite; er wird's vollenden helfen.— Er neigte ſein Haupt an ihre Bruſt, und des alten Beichtigers Hand ſegnete den hehren Bund der Thränen ein mit dem heiligen Wort der Weihe und des Glaubens der Liebe. Eine trübe, ſtürmiſche Nacht hatte ihre rauhe Decke über die Kaiſerſtadt gebreitet und die Unfreundliche ver⸗ gönnte keinem Sternlein, mit Luſt hinabzuſchauen in das fröhliche Leben der geſelligen Wiener, das ſelbſt die Fin⸗ ſterniß und der Sturm nicht zu unterbrechen vermochte. Ihr zum Trotz ſchien in den Gaſthäuſern und Paläſten der genußliebenden Oeſterreicher mit der Nacht das Ver⸗ gnügen erſt recht aufzuglänzen; nur in einem Theile der Stadt war die Schauerſtille der Einſamkeit zu Hauſe, 84 und nur der Wachtruf mürriſcher Hellebardierer kündete an, daß nicht der Tod daſelbſt ſeinen Wohnſitz habe. Zwei verhüllte Geſtalten gingen vorſichtig der unge⸗ heuern Steinmaſſe zu, die ſich aus der Finſterniß erhob; ein Prieſter ſchien es und ein Page, wenigſtens ließ der kleine Federhut und der weiße Mantel ſolch ein Bürſch⸗ chen in der zarten, kleinen Geſtalt vermuthen.— Ihr zittert, Fräulein, ſprach der Erſtere halblaut; freilich iſt dieſe Stunde nicht für ſolche Wangen zum Spaziergange da, das rauhe Pflaſter nicht für ſolch zarten Fuß gelegt, und die Wetterhähne kreiſchen Eurem Ohre eine böſe, ungewohnte Nachtmuſik. Aber ihr geht einen chriſtlichen Gang, und das muß Euren Muth auf⸗ recht halten. Rache üben verbeut die Religion; aber Eure Rache iſt die der Wohlthat und Beſchämung, iſt im wahren Sinne des Glaubens und ſichert Euch droben den Platz unter den Gerechten.— 5 Ich zittere nicht aus Furcht, aber die Nacht iſt kalt und die Windſtöße ſind Eis, antwortete Ermuda von Ladron, denn dieſe war unter dem Mantel. Meine Wangen glühen, mein Herz ſchlägt heftig, ſoll ich doch ihn ſehen, den Verderber meines Geſchlechts, den Feind.— Still, meine Tochter! fiel der Dominikaner ein. Ge⸗ denkt an nichts, als an den braven Oberſt, wie er zu⸗ rückſprengt auf ſeinem Roland, und wie ſein Schwert und Schild Euern Vater deckte in der Mordſtunde, bis er mit ihm ſank in das eigene Blut.— Ich denke nur an ihn! flüſterte Ermuda, und darum laßt uns ſchneller gehen.— 3 Wüßte die Königin, fuhr der Dominikaner fort, wozu wir dieſes Pergament, das ſie auf Eure Bitte Euch ver⸗ ſchaffte, gebrauchen wollen, ſie würde es nicht vom hohen 85⁵ Gemahle erbeten haben. Aber hoch geehrt hättte ſie Euch darum, denn Oeſterreichs Fürſten find Muſter des Edel⸗ muths, und ehren Ihresgleichen in der Tugend. Nicht der Haß, wie ſie meinen muß, führt Euch in den Kerker, Ihr wollet nicht den Vorwurf hineintragen und den Fluch, nicht durch Euer Stachelwort den ſtolzen Gefangenen zur Reue beugen und in ſein Gewiſſen den Mordbrand ſchleudern. Nein! Wie die Sonne ſcheinet dem Ge⸗ rechten und Ungerechten, werdet Ihr aufgehen in der Racht ſeiner Schmäch, ein Stern der Hoffnung, der aus den ſchwarzen Wolken ſeine Strahlenblumen ent⸗ faltet.— Das Wer da? des Hellebardierers am Burgthore unterbrach ihr Geſpräch, und als der Mönch dem Haupt⸗ manne der Wache ſeinen Einlaßpaß vorgezeigt hatte, rief dieſer den Thürſchließer, und durch lange Gänge, in denen eine dumpfige Luft die Bruſt bedrückte, enge Win⸗ delſteigen hinauf, folgten ſie der trüben Leuchte des Füh⸗ rers, bis er die raſſelnden Schlöſſer einer Eiſenthür auf⸗ ſchloß, ſie hineinließ in ein matterleuchtetes Gemach, und ſie verlaſſend, hinter ihnen die Pforte ſchloß, die er von außen verriegelte. Sie ſtanden in der halbrunden Halle eines Thurmes; eine Ampel, die hoch am Ge⸗ wölbe in Ketten hing, erleuchtete matt den Ort; durch eine niedere Thür ſah man in ein enges Nebengemach, wo vor einem dürftigen Bett eine Lampe ſchimmerte. Nichts regte ſich, und die beiden Boten mußten vor⸗ wärts ſchreiten zu dem Kämmerlein, obgleich man jetzt ſelbſt dem Prieſter die heimliche Scheu anſah, ſeitdem der ſchwere Riegel ihn an dieſem Schauerorte der Knecht⸗ ſchaft eingeſchloſſen hielt. Er nahm ſich jedoch bald zu⸗ ſammen. —— ——— 86 Herr Landeshauptmann von Katzenſtein! rief er, in das Pförtchen tretend. Seid Ihr noch unter den Leben⸗ digen? Oder hat Euch der Bote des Herrn ſchon hin⸗ übergeführt vor den Thron des Richters der Thaten und der Gedanken?— Ein langer, bärtiger Mann mit bleichem Angeſichte richtete ſich raſch auf aus den Decken und dem Lailach⸗ ſetzte ſich aufrecht im Bett und ſchoß wilde Blicke auf die unerwarteten Gäſte. Hat König Ferdinandus nicht Genüge daran, daß er Schmach ausgießt auf die Feld⸗ herren und die Größten ſeiner Krone? fragte er barſch. Schickt er vor dem Gericht ſeine Henker ab, grauſam den Schlaf der Geſchlagenen zu ſtören und die Nacht⸗ ruhe des Kranken zu verderben?— Ich bin ein Prieſter des Herrn, antwortete der Do⸗ minikaner ſanft; und mit mir kommt ein Bote des Frie⸗ dens, ein Engel in menſchlicher Geſtalt. Es beliebe Euer Excellenz nur aufzuſchauen, und Ihr werdet den Frater Bernhardus nicht verkennen, der einſtmals Capel⸗ lanus war auf Eurem Stammſchloſſe.— ₰ Mit Kraft erbob ſich der General⸗Oberſt von ſeinem Lager, ſtand hoch aufrecht vor den Beiden und beleuch⸗ tete aufmerkſam mit dem Lämpchen ihre Geſtalten. Ich ſehe Dich mit Verwunderung, entgegnete er. Kommſt Du, Deinen Patron zu beſuchen im Hauſe der Mörder, in der Schmach, in welcher königlicher Undank ihn hinabſtieß? Oder geht hinter Dir der blutgierige Henker, und bringſt Du die Abſolution und das letzte Del der Heiligung dem lebendig Begrabe⸗ nen? Und was will der ſchmächtige Leibbub? Hier ſind nicht Liebesbriefchen einzuſchwärzen; die Ammen⸗ mährchen, welche dieſe Wände erzählen, machen Män⸗ 87 nergebeine morſch und bringen Manneshirn zur Toll⸗ wuth.— Und doch trägt dieſer Leibbub ein Brieflein der Liebe an Euch mit ſich, antwortete der Mönch lächelnd, das Euch mehr erlaben möchte als jene, welche die ſchönſte Wienerin vom dunkeln Balkon Euch zuwarf, als Ihr zwanzig Jahre zähltet. Nehmet und leſet, ehe der Wächter ſtörend wiederkehrt.— Ermuda ſtreckte die bebende Hand unter dem Mantel aus, und bot dem Ueberraſchten den verborgen gehalte⸗ nen Brief dar. Scharf ſah er ſie an, dann ergriff er das Schreiben und trat zur Lampe. Mein Wappen? fragte er, das Siegel anſtarrend. Iſt denn noch eine ritterliche Hand der Katzenſteiner unter den Lebendigen, die dieſes Wappen aufdrücken kann mit dem Schwertknopfe? O Michael, unkluger Knabe, du kannſt deine Schwarzen nicht mehr heran⸗ führen zur Rettung des Vaters!— Leſet nur! drängte der Mönch. Noch bleicher wurde der Rittersmann, als er das Schreiben entfaltet hatte und die Züge erkannte. Michael iſt zurück! Michael iſt mir nahe! rief er mit Feuer. So lebt mir ein Erretter oder doch ein Rächer! — Er iſt mein Sohn, unterbrach er ſich während des Leſens. Er will mich retten:— er fragt, wie es möglich ſei— er ſchwört mir ſein Leben zu;— Licht in meiner Nacht! Gott der Rache, ich höre Deinen ehr⸗ nen Schritt! Brechen wird dieſe Mauern der Katzianer, und dann wehe dem Undankbaren, dann wehe dir, Fer⸗ dinandus!— Betet zu dem Gott der Gnade, daß er Euch erlöſe! Danket ihm, daß er Euch den Engel ſandte von da, von wo Ihr ihn nie hoffen konntet, und beſchwört nicht 88 den ſtrafenden Gott. Solche wilde Reden möchten den Engel vertreiben aus dieſen Grabgewölben der Hoff⸗ nung! fiel der Mönch mit Strenge ein. Der alte Feld⸗ herr beſann ſich. Und warum kommt mein Sohn nicht ſelbſt?— fragte er nachſinnend. Konntet Ihr dieſes fremde Bürſchchen bei mir einführen, ſo hättet Ihr auch ihm die Thür öffnen mögen. Ein Verdacht furchtbarſter Art ſteigt auf in mir. Den gebundenen Löwen fürchten die Thiere des Feldes nicht mehr. Und warum verhüllt ſich der kindiſche Knappe ſo ängſtlich? Herunter mit der Larve, wenn ich vertrauen ſoll!— Da ließ Ermuda den Mantel ſinken, nahm den Hut von ihren dunkeln Locken und ſtand da im Trauerkleide, ernſt und bewegungslos, bei dem düſtern Lampenſchim⸗ mer mehr einer vom Grabe Kehrenden, als einer Le⸗ bendigen ähnlich. Mit einem dumpfen Schrei, wie ihn der Tiger ausſtößt, wenn er den Pfeil des indiſchen Jägers in der Bruſt fühlt, trat der alte Katzenſteiner zurück und ſetzte ſich, wie geſchlagen von einer unſichtbaren Hand, auf das Bett. Der Kampf in ſeinem Innern zeigte ſich durch das hervorquellende Auge, und die kurz⸗ abgeſtoßenen Athemzüge.— Fräulein von Ladron? ſtammelte er. Was wollt Ihr mir gegenüber?— Hohn und Spott?— Verrath und Rache?— Führen dieſe Furien Euch her, und be⸗ zwangt Ihr um dieſe die Zartheit Eurer Natur?— Ha! Umſonſt ſei die Freude. Eure Flucht hemmet jener Riegel der Tyrannei. In das Verderben ſeid Ihr ge⸗ rannt und dieſer undankbare Pfaff mit Euch. Dieſe meine Arme ſollen Euch erdroſſeln, der gefeſſelte Sim⸗ ſon ſoll ſterben mit ſeinen Feinden!— Er verſuchte auf⸗ zuſtehen mit hochgeworfenen Armen und geballten Fäuſten; 89 aber als ſein Blick das fromme Antlitz Ermuda's traf, verließ jede Kraft die gewaltigen Sehnen; ſeine Arme ſanken ſchlaff, und er konnte ſich nicht vom Bett erheben. Mit Muth und Würde trat das Fräulein ihm einen Schritt näher. Schrecklicher, ſinnverworrener Mann, ſprach ſie, hat auch das Unglück Deine Wild⸗ heit nicht gebändigt, und haben dieſe Schreckensmauern Deinen Uebermuth nicht bezwungen? Ja, die Tochter des Mannes, den Du verdarbſt, ſteht vor Dir, des Mannes, deſſen blutiger Schatten verklagend an Dei⸗ nem mitternächtigen Lager wandelt. Höre es, ich haſſe Dich, wenn auch Liebe mich zu Dir treibt. Wie könnte ich auch dem Räuber meiner Lebensſchätze zugethan ſein? Aber Du haſt einen Sohn, der neben Dir glänzt, wie der Sonnenſtern neben dem bleichen Komet; ihn zu loh⸗ nen bringt Ladrons Tochter Dir Verſöhnung; ihn zu beglücken, fragt Ladrons Tochter Dich: Wie kannſt Du gerettet werden aus dieſer Todeshöhle 2— Langſam erhob ſich der Landeshauptmann vom Bett, nahm Michaels Brief und ſtarrte lange in die verſchlun⸗ genen Züge. Zaudert Ihr noch, fragte der Dominika⸗ ner, und legte ſeine Hand ſanft auf des Alten Arm. Iſt Eure Zunge erlahmt im Erſtaunen über die Hoch⸗ herzigkeit einer Jungfrau, die ſich rächt, wie eine Chri⸗ ſtin ſich rächen darf? Ihr habt an der Menſchlichkeit gezweifelt; das Mißtrauen iſt mit Euch gegangen auf Eurer glorreichen Bahn. Hättet Ihr nicht allein ſtehen, allein glänzen wollen, Ihr ſtändet noch, Ihr glänztet noch; denn nur was der Menſch mit Brüdern bauet, ſtehet Jahrhunderte, indeß des Egoismus kecker Obelisk kein Menſchenalter überdauert.— Wer ſagt, daß ich nicht mehr ſtehe, daß mein Glanz ———— —— 90 erloſchen? fuhr der Gefangene heftig empor aus ſeinem Sinnen. Des Katzenſteiners Licht wird neu aufgehen, wird mit Kometenglut durch den Himmel ziehen, und wehe denen, welche ſeine Flammenruthe berührt!— Milder wandte er ſich alsdann zu Ermuden.— Du biſt ein gutes Kind, ſagte er, und ich wollte, mein Geſchick hätte meinen Feuerpfad nicht durch Dein Haus gezogen. Möge mein Michael Dir erſetzen, was der Gott des Krieges Dir nahm. Kehre zu ihm, ſprich: Ich bedürfe ſeiner nicht, um hinauszukommen aus dieſen Mauern; aber erleichtern ſoll er mir die Pilgerfahrt, die mich aus dem Lande der Undankbaren zu einem Jeruſalem führen wird, wo mir ein neues Leben der Herrlichkeit winkt.— Ihr ſprecht uns Räthſel, fiel ihm Bernhardus in das Wort. Wollt Ihr trotzig die Hülfe verſchmähen? Wollt Ihr vom Stolze Euch hinführen laſſen, wo Blutgericht und Henker warten?— Richt doch, antwortete der Kriegsmann bitter; im Gegentheil habe ich einen Gang im Freien mit dieſem Könige beſchloſſen. Hat er mir ſelbſt doch Zeit und Einſamkeit geſchenkt, den Entſchluß wohl zu erwägen und mir die beſten Waffen auszuwählen für dieſes glän⸗ zende Turnſpiel. Zum Freimachen hat ein Katzenſtein immer ſelbſt der Stärke genug. Schauet!— er erhob den Teppich ſeiner Lagerſtätte;— unter dieſem Bett iſt der Boden hohl; Ziegel und Backſtein liegen locker, und drunter ſind die Dielen zerſchnitten bis auf den Mörtel der untern Gallerie. Meine Henker, die ſo Vieles ver⸗ gaßen, hatten auch vergeſſen, daß ihr Gefangener einſt der Hauptmann war in dieſer Burg, daß ſein Schwert, ſein Banner zur Vertheidigung dräute von 94 dieſen Zinnen, daß ihm hier jeder Winkel bekannt iſt, als wäre er in ſeinem Familienſchloſſe. Der düſtere Gang unter dieſem Gemach hat ein unvergittert Fenſter gen Oſten, drunter läuft der Wall, und die Gegend draußen iſt öde und unbewohnt. Der verſtellte Kranke bekam beſſere Koſt und ſtärkte ſich daran zu der Arbeit der Diebsgenoſſen, die ihm die Langeweile vertrieb; der Kranke bekam beſſere Pfühle und mehr Leinwand auf ſein Lager, und dieſe ſoll trefflich nutzen, das Seil daraus zu ſchneiden, von dem der Siedler des Thurms ſich eine Brückt bauen wird, die ihn zurückträgt in die Welt, von der ihn Thrannei geſchieden.— Er nahm die Lampe und führte beide zurück in die halbrunde Halle. Sehet das Fenſter dort in der Höhe, ſprach er weiter. Es hat die Ausſicht über die Stadtmauer hin auf das Dorf Simoning. Dort iſt ein hochgelegener Wieſenplatz, bekannt jedem Schäferbuben, davon dort bei Wiens Belagerung des Sultans Prachtgezelt Verderben dräuete der Kaiſerſtadt. Nun ſaget dem Oberſt Michael, er ſolle dort auf der grünen Höhe von morgen an in jeder Nacht zwei tüchtige Rennpferde bereit halten; er ſolle auf den Waoll, von wo man dieſes Fenſter ſieht, in je⸗ der Mitternacht einen treuen Wächter ſtellen; wenn dicht hinter dem Gitter dieſes Lämpchen flimmert, ſo thut der Katzenſteiner den Rettungsſprung; unten am Thurme muß der Sohn den Vater erwarten und ſorgen, ihn aus den Thoren zu den Pferden der Flucht zu ſchaffen. Mehr für mich zu thun erlaube ich nicht, denn mißlingt die Flucht, will ich Niemand mit in mein Verderben ziehen.— Ihr ſeid ein wagiger Held, verſetzte der Mönch mit Ehrfurcht; welch einen Schirmvogt verliert Oeſterreichs Krone an Euch durch einen Augenblick.— ——— 92 Was wollt Ihr ſagen? fiel der Katzenſteiner mit ſtechenden Blicken ein. Ferdinandus und ſeine Schran⸗ zen lagen auf weichen Polſtern, wie wir draußen naß wurden vom Schlagregen, und keinen Schritt Raumes fanden, die matten Gebeine bequem zu lagern; fie ſchwelgten ſich voll bei der Tafel und aus dem Römer, als wir die Raben und Spatzen beneideten um den Fraß⸗ den ihnen die Natur aufgetiſcht. Wie können ſolche Prunkjunker Richter ſein über die Thaten des Krieges und die Launen der Schlachtengbttin?— Gehet jetzt und ſeid meine Boten, und Ihr, Fräulein, grüßet mir den Sohn und reicht mir die zarte Hand, daß ich mei⸗ nen ſegnenden Handdruck Euch mitgebe für ihn.— Das Fräulein von Ladron ſchien zu zaudern; ein Schauder überlief ſie, als die magere Manneshand ſich gegen ſie ausſtreckte, die ihr befleckt däuchte vom Blute des Va⸗ ters. Da ſprach der Dominikaner: Gott iſt barmherzig! und ſich zuſammennehmend legte ſie ihre Hand ſchnell in die des General⸗Oberſten, der mit feſtem Drucke die zarten Finger umſchloß. Haſtig fuhr er ſich dann über die große Stirn ſchritt in ſeine Zelle zurück und warf ſich über ſein Bett. Der Dominikaner klopfte derb an der Kerkerthür, bald kam der Schließer; ſie verließen eilfertig die dumpfige Halle und gelangten ohne Anfech⸗ tung aus der Burg in den Palaſt, wo mit Michael auch der angekommene Biſchof von Laibach ſie mit Bangen erwartete.— — 93 Zwei Nächte hatten die Verbündeten ſchon in Sorge und Zagen hingebracht, aber vergebens ſich die Augen müde geſehen nach dem mitternächtigen Lichtzeichen. Oberſt Michael erlag faſt der Anſpannung des Gemüths, da ihm keine Zerſtreuung den Tag verkürzte, weil er das Haus der Braut nicht verließ und für die Wiener noch unter den Todten in Slavonien ſchlummerte. Selbſt die Liebkoſungen der holden Ermuda, die er ſeit dem gelun⸗ genen Gange wie eine Heilige verehrte, vermochten ſeine Unruhe und ſeinen Trübſinn nicht zu bezwingen. Vergib mir, Geliebte! ſagte er traurig. So lange der Vater noch unter dem Schwerte des Henkers athmet, gibt es kein Leben für mich. Hat er die Mauern der Kaiſerſtadt im Rücken, dann ſollſt Du den einſtigen Freund wieder erkennen, dann hängt Dein Gatte das Schwert und den Küraß auf im Saale ſeiner Burg, und lebt fortan nur Dir und den Freuden der Häuslichkeit, welche die einzig reinen bleiben auf dieſem ſchmutzigen Erdballe. Wenn die Mitternacht kam, ging er dann allein hin⸗ aus, ganz verluppt in düſteres Eiſenzeug, nahm ſelbſt den Poſten auf dem öden Walle ein, und umwanderte den Thurm, wie das Geſpenſt eines darin Erwürgten. Außer der Stadt harrte indeß der Biſchof von Laibach, Michaels Ohm. Er ſelbſt hatte den Platz ſich erkoren; ein nahes Kloſter verbarg den geehrten Prieſter am Tage, und ſeine beſten Leibroſſe hielt er Nachts bereit für den Bruder auf der bewußten grünen Höhe. Mit dem Ein⸗ bruche der dritten Nacht erſchien Franciscus von Stein⸗ brunn in dem Gemache des Fräuleins von Ladron. Er hatte ſich längſt bei dem Könige gemeldet, als aus der Türkenhaft entronnen, und hatte ſeinen Dienſt im Regimente wieder angetreten. Ich bringe eine Freuden⸗ poſt, Herr Bruder! rief er dem trübſinnigen Katzianer zu. Trügt mich meine Ahnung nicht, ſo geſchieht heute Nacht, worauf wir ſo brünſtig hoffen, und kommt es ſo, dann iſt auch der letzte Anſtoß weggeräumt, ſobald dem alten Herrn in der Burg nur ſeine kecke Seiltänzerei gelingt. Ich habe heute die Wacht am Kärntherthor, und das ſchwarze Reiterregiment gibt das Piket am Schlagbaume. So bedarfs weder der Gewalt, noch der Beſtechung.— Wäreſt Du ein guter Prophet! verſetzte Michael ſchwermüthig. Aber mich drückt ein feindlicher Dämon und flüſtert mir zu, all unſere Sorgfalt würde zu kei⸗ nem guten Ende führen.— Beide tafelten mit dem Fräu⸗ ein und dem getreuen Mönch; doch nur die Gäſte führ⸗ ten das Wort, das Fräulein ſprach nur in Seufzern und ſtillte ihren Hunger durch die Liebesblicke, die ſie vom Auge des Geliebten wegſog. Kam doch für ſie auch im glücklichſten Falle vielleicht eine lange, gefährliche Tren⸗ nung von dem eben erſt wiedergefundenen Freunde. Nit einem heißen Kuſſe ſchied der Oberſt um Mitter⸗ nacht von ihr und ging mit dem Hauptmann. Beide trennten ſich aber bald; dieſer zog zum Thore, jener ſtieg den verfallenen Wall hinauf. Doch welch freudiges Erſchrecken befiel ihn, als er ſchon das Flämmchen dicht hinter dem Gitter leuchten ſah. Mit flüchtigen Schritten näherte er ſich ſchnell der Thurmwand und lehnte ſich an das alte Gemäuer, äußerlich einem ſchwarzen Thurm⸗ pfeiler ähnlich, innerlich voll hochwallenden Blutes und ſpringenden Herzens. Ein leiſes Geräuſch zog ſeine Auf⸗ merkſamkeit nach oben, ſobald vom Stephansthurme Mit⸗ ternacht ausgeſchlagen. Hoch, nahe der Zinne, flammte noch das Lämpchen, aber niedriger aus einer offenen 95 Schießſcharte flatterte ein langes Leinenband bis zum Boden; bald rauſchte es ſchwer daran herunter, und wenige Augenblicke hernach lag der Vater in des Sohnes Armen. So ſehen wir uns wieder? Aber willkommen im Leben! ſprach der Alte beklommen, als Michael ſeine Hand ergriff und ſich bog, ſie an die Lippen zu führen. Du biſt mein betrauerter Benjamin, mein Schmerzens⸗ kind geweſen, Du ſollſt von nun an den Namen Er⸗ retter tragen, wenn auch vielleicht in einer andern Sprache. Hinweg führe mich von hier, wo die Luft Peſt bringt.— 3 Der Oberſt vermochte nichts zu antworten; er führte den Befreiten durch einige Gaſſen zu dem Portale eines Palaſtes, wo ein Leibdiener wartete, der den Leichtbe⸗ kleideten mit Panzer, Blechhaube und Mantel verſah, und dann eilten Beide dem Kärntherthore zu. Schon von fern kam ihnen Hauptmann Steinbrunn entgegen; wie Bekannte führte er ſie im leichten Geſpräch den Wachen vorüber, ſchloß ſelbſt das Gatterthor auf und ließ ſie mit dem Wunſche einer guten Reiſe hinaus. Mit beeiltern Schritten durchwanderten ſie die winkeligen Außenwerke und die Brücken, bis ſie zum äußerſten Zin⸗ gel kamen, wo zwei ſchwarze Reiter am Schlagbaum lehnten und vom eben aufgehenden Monde beleuchtet wurden. Oberſt Michael ſchritt feſt auf ſie zu, der Va⸗ ter folgte. Gebet das Wort! rief der eine der gedienten Solda⸗ ten, indem er das Schwert ſchulterte und in die Mitte des Weges trat.— Ich und der Augenblick wider ihrer Zwei!—(aiſer Carls Wahlſpruch) antwortete Mi⸗ chael nach Steinbrunns Vorſchrift mit dumpfer Stimme 96 aus dem Viſir hervor. Und Euer Name, Herr Ritter? fragte der Reiter weiter.— Begnüge Dich mit der Pa⸗ role, Kamerad! entgegnete der Gefragte. Ich reiſe in geheimem Hofdienſt; öffne den Baum, Du haſt Deine Pflicht gethan.— Im Dienſt wollet Ihr hinaus, ſeid gewappnet von der Stirn bis zur Sohle, und dennoch ohne Roß; erwiderte der gewandte Reiter. Und außer⸗ dem kennt der Herr Ritter den Spruch des neuen Be⸗ fehlbuchs nicht, daß jeder Poſten den Namen der Aus⸗ paſſirenden melden ſoll bei der Ablöſung? Nehmt mir's nicht übel, aber Ihr müßt Euch zum Wachthauſe bemühen, dem Korporal Rede zu ſtehen.— Der alte Landeshauptmann hob ſchon zornig den Arm, aber der Oberſt ſchritt vor bis zu der ihm vor⸗ gehaltenen Schwertſpitze des Soldaten. Du willſt mei⸗ nen Namen hören, Baſtian Raab? fragte er laut und heftig. So ſchaue mein Geſicht und nenne Dir ihn ſel⸗ ber.— So ſchlug er den raſſelnden Helmſchirm in die Höhe und ſah, vom Mondlicht beleuchtet, mit ſtarrem Blicke in des Soldaten Geſicht. Aber nur einen Augen⸗ plick gaffte dieſer neugierig in den geöffneten Helm hin⸗ ein. Schon durch die Stimme ſtutzig geworden, ſchrie er jetzt mit Entſetzen; Martin, ein Geiſterſpuk! Ein Geſpenſt! Unſer erſchlagener Oberſt! Er ſchilt, er will uns verderben!— Und mit einem; Marie und Joſeph ſchützet uns! bekreuzten ſich die Wachen und ſtürzten fort zu dem Blockhauſe, wo ihre Kameraden ſchliefen. Mi⸗ chael ſchlug ſogleich den Baum des Zingels in die Höhe, und ſie kamen ohne Widerwärtigkeit zu dem Platze, wo der Biſchof von Laibach und die Roſſe ſich befanden. Die Brüder Franz und Johann herzten ſich inniglich, und dann war der General⸗Oberſt der Erſte, der ſich ohne 97 Beiſtand kräftig auf den Rappen ſchwang. Was willſt Du mit uns? fragte er aber mit finſterem Geſicht, als Franz ſeinen Prieſtermantel einem Leibdiener zuwarf, in ritterlicher Tracht daſtand und gleichfalls ein Roß be⸗ ſtieg. Auf dem Wege, den ich zu machen gedenke, be⸗ darf ich guter Soldatenarme, aber keine Monſtranz und keinen Chorgeſang.— Der Name Katzianer iſt verrufen im Lande, bis wir ihn mit neuer Glorie umgeben oder die alte Glorie durch Deine Rechtfertigung geltend machen, antwortete der Biſchof mit Feſtigkeit. Sollen in Wien die Buben auf des Entſprungenen Bruder mit Fingern deuten? Ich verlaſſe Dich nicht, bis Du ganz in Sicherheit biſt; ich ſehe mein Bisthum und den Hof nicht wieder, bis die Katzenſteiner wieder rein daſtehen, wie ihre Ahnen. Er⸗ laube mir das Recht der Erſtgeburt und füge Dich mei⸗ nem Entſchluſſe. Eine innere Stimme ſagt mir, Du bedürfteſt meiner vielleicht von dieſer Stunde an mehr, denn je zuvor, und was der Gott in des Menſchen Seele ſpricht, ſoll der Menſch nicht überhören. Außer⸗ dem bin ich ja Dein Säckelmeiſter, denn aus dem Thurme wirſt Du nicht eine Schaumünze mitgebracht haben.— Der Landeshauptmann ſah finſter nach dem Monde hin⸗ auf, murmelte unverſtändliche Worte, drückte jedoch dem Rappen die Sporen in die Weichen, und die drei Katzen⸗ ſteiner, von eben ſo vielen handfeſten Knechten begleitet, flogen auf wohlbekannten Wegen durch die Felder und bald verſchwanden hinter ihnen die Thürme Wiens in dem ungewiſſen Lichte der Nacht. Blumenhagen. VI. 7 98 Ohne Raſt ging von da die Reiſe fort, ſo wie es die Pferde auszuhalten vermochten, immer nach Süden zu. Am Tage lagerten ſie oft in abgelegenen Herbergen, und ihre weiteſten Märſche vollendeten ſie unter dem Mantel des ſommerlichen Halbdunkels. So paſſirten ſie Edenburg, ſetzten über den Leithafluß, ritten Grätz vor⸗ über und kamen bei Pettau über die Drau. Längſt war es dem Oberſten Michael aufgefallen, daß in den letzten Quartieren der düſtere, wortkarge Vater mehre Male bedeutende Summen aus dem Beutel des Biſchofs ge⸗ nommen, lange Briefe geſchrieben und zwei der Knechte geheimnißvoll damit abgefertigt hatte, welche ſeitwärts über die Grenzen Slavoniens ihren Botenritt antraten. Der Biſchof fragte mehre Male, doch der mürriſche Bruder antwortete: Ein Feldherr hält ſeinen Plan ge⸗ heim, bis er reif geworden. Bete Du für die Ausfüh⸗ rung.— Und im frühen Kloſterleben weich und nach⸗ giebig geworden, von jeher Johanns Verſtand wie ſeinen Muth hochhaltend, ſchwieg der gute Prieſter. Auch der Oberſt hatte bis jetzt aus Reſpekt nicht gefragt; als aber jenſeits des Drauſtromes der Vater ſich links den Mar⸗ ken Croatiens näherte, nahm er ſich den Muth. Als ſie in einer Gebirgsgegend ruheten und die Pferde gefüttert wurden, trat er zu dem Landeshauptmann, welcher eben veſchäftigt war, auch dem letzten der Knechte einen Brief einzuhändigen und ihm die Inſtruktion dazu dringlich einzuſprechen. Vater, Ihr habt mich oft mündig geſprochen durch Euer Vertrauen in der Schlacht; Ihr habt mir den Ruhm gewährt, Euch geführt zu haben aus den Thoren Wiens: ſo verzeihet mir, wenn ich mich zu Euch dränge und frage: welchen Plan Eure Klugheit erſonnen hat. — 99 Es muß ein klarer, feſter Plan ſein, da Ihr ſo beſtimmt dafür zu handeln ſcheint. Ihr bauet auf alte Freunde, auf Kriegskameraden, wie es anläßt. Trauet nicht Je⸗ dem; nennet mir die Erwählten, denn während ich wie ein Lebendigtodter lebte in dem Hauſe der Ladrons hörte ich manches harte Urtheil über Euch erzählen, das Män⸗ ner geſprochen, die ehemals durch die Bande der Dank⸗ barkeit und Kameradſchaft Euch zugehört hatten. Alſo ſprach Michael, und der Alte nahm des Sohnes Hand und ging mit ihm von der Hirtenhütte weg, um ein dichtes Gebüſch hin, bis daſſelbe ſie den Blicken und Horchohren der Andern entzog. Du biſt meines Vertrauens werth, ſagte dann der Alte ſtillſtehend, und faßte ſcharf den Jüngling in das Auge. Hältſt Du den alten Katzenſteiner für ſo uner⸗ fahren, daß Du glaubſt, er würde ſein Geſchick noch einmal in die Hand der höfiſchen Ritter dieſes unge⸗ treuen Königs werfen?— Aber wohin geht denn die Reiſe? erwiderte Michael beſtürzt über des Vaters barſchen und höhniſchen Ton. Sollten wir nicht lieber rechts uns wenden zum feſten Katzenſtein? Mondenlang widerſteht er ſelbſt einem kai⸗ ſerlichen Heere, und bis dahin muß Eure Rechtfertigung den Weg zum Throne gefunden haben, bis dahin müßt Ihr den Verdacht von Euch auf die Schuldigen gewor⸗ fen haben, auf die Statthalter des Biſchofs von Agram, auf den verrätheriſchen Gilgenberg, der dem Galgen⸗ berge nicht entlaufen wird;z bis dahin muß König Fer⸗ dinand klar ſchauen, daß Ihr nicht mit dem Feinde heim⸗ lich hantirtet, und muß vergeben und gut machen.— Was iſt zu rechtfertigen, was zu vergeben und gut zu machen? ſprach der Alte mit wildlodernder Heftigkeit 100 zurütt. Die gekränkte Ehre des Ritters, des Soldaten, wird nur im Blute des Beleidigers rein gewaſchen.— Um Gott, mein Vater! rief der Oberſt. Er iſt Euer Fürſt, Euer König, Eures Kaiſers Bruder; die Majeſtät kann den Unterthan nicht beleidigen, und ein Wort ihrer Huld nimmt jedes Brandmal von der Haut und aus dem Herzen.— Haſt Du auch die Sprache ihrer Höflinge ſo geleh⸗ rig eingenommen? fragte der Landeshauptmann zurück. In meinem Kopfe, der unter Schwerterdächern grau wurde, denkt ſich das anders; in meinem ſtarren Her⸗ zen klingt ein härter Wort. Was wäre dieſer König und ſein Wien geworden ohne mich? Treubrüchig und undankbar hat er ſein Gedächtniß betäubt, und darum will auch ich Alles aus meinem zerhauenen Schädel wer⸗ fen, was früher mein Wahn heilig hielt und ehrte. Rache iſt mein Gedanke, Rache mein Geſchäft. Die Hölle jenes Thurms hat ausgebrütet, was früher nur wie ein ſchwar⸗ zer Traum mein Hirn berührt hatte. Der König ſelbſt hat mit der Ampel ſeines Kerkers in meinen Traum ge⸗ leuchtet, bis er mir hell wurde wie Mordbrandsflamme. Ich denke einen Blutgang mit ihm zu thun, offen vor der Welt, daß die Fürſten aufwachen und das Verdienſt nicht ferner mit Füßen treten; und wenn Du ein Katzen⸗ ſteiner biſt, der in mir den Namen ſeines Stamms be⸗ leidigt fühlt, ſo wirſt Du bei mir ſtehen, wenn ich den Ferdinandus mit Joſuasdrommeten vor ſeiner ſchwan⸗ kenden Königsburg begrüße und lade zum Todesgange.— Nichael ſtarrte beſtürzt in des Vaters Augen. Ihr ſprecht wirre Reden, ſagte er bebend. Was könntet Ihr der Majeſtät thun, Ihr, der Flüchling, der Verbannte? Und welche Drommeten könnt Ihr meinen?— Traulich 101 „legte der Alte ſeinen Arm auf des Oberſten Schulter * und ftützte ſich auf ihn, indem zugleich eine wunderbare Freude ſein faltiges Angeſicht überſtrahlte. Fragſt Du, was zwei Männer können, wie wir? verſetzte er mit ſonderbarer Ruhe. Du biſt ein ſelbſtſtändiger, tapferer Soldat. Du biſt Oberſt in Oeſterreichs Heere. Ich, der flüchtige Vater, der entſetzte Feldherr, habe Dir nichts zu befehlen, und ſelbſt mußt Du entſcheiden, raſch und ſogleich, denn Du ſtehſt hier mit mir, wie auf einer Gletſcherſpitze, die ſo ſchmal iſt, wie der Rücken Deiner Schwertklinge, und von der wir rechts oder links uns wer⸗ fen müſſen, da ſie dem Fuße nicht eine Minute des Wei⸗ lens und Bedenkens zuläßt. Ich ſelbſt hätte noch in dieſer „Nacht bei Dir angefragt.— Als ich auf dem Katzenſtein weilte und meine Relation an dieſen Ferdinand entwarf, trafen zwei vornehme Siebenbürgen bei mir ein und hielten Nachtruhe in meinem Schloſſe. Sie hatten ſich mit ſchwerem Golde aus der Gefangenſchaft gelöſet und reiſeten in ihr Vaterland. Traulich warnten mich die wackern Männern beim Becher, erzählten mir von der Stimmung des Hofes gegen mich, zürnten ob der Ver⸗ achtung meiner Verdienſte und boten mir Freiſtatt an, bürgten mir für den glänzendſten Empfang bei dem Jo⸗ hannes Waiwoda, verſicherten mich, wie ſelbſt der Türk, der Mahomet⸗Beg, meinen Namen ehre und mich froh zu den Seinen zählen werde, ſollte mein Schickſal eine ſolche Zuflucht fordern.— Entſetzlich! rief Michael, und faltete die Hände im Krampf der Seelenangſt. Ein deutſcher Ritter wollte ein Verräther werden am Kaiſerhauſe, wollte— ſchreck⸗ licher Gedanke!— zu den Feinden und Verfolgern des Glaubens hinüberſchreiten, wollte wohl gar abſchwören 102 ſeinen Erlöſer, ſein Seelenheil hinwerfen und ſeinen alten Ruhm mit dem Namen einen Renegaten verfin⸗ ſtern für jede Zeit und Zukunft! Vater! Ihr prüfet mich nur. Nicht wahr, ein Scherzwort war es, den Sohn zu erforſchen? Denn anders wollte ich, wir Beide lägen jetzt im Wiener Thurm und erwarteten ein gnä⸗ diges Urtheil. Der Alte zog ein furchtbares Schlacht⸗ geſicht, doch dämpfte er die Glut des Grolls, die ſchon in ihm aufſtieg und erwiderte mit leichtem Spott: Hat der Türk doch auch ſeinen Einen Gott, auch ſein Para⸗ dies, und verſchmäht er den Wein, weiß er an andern Freuden ſich ſchadlos zu halten. Aber nein, Michael! Gar ſo arg ſind die ſchwarzen Gedanken noch nicht, die dieſer Ferdinand meiner reinen Seele aufdrängte. Nur einen Schwertſtreich muß ich dem Undankbaren verſetzen, der dicht neben ſeinem Herzen eindringt. Meine Boten ſind fort an den Waiwoda; mein Geſandter ritt fort nach dem Schloſſe des Niklas Zrini, zu dem Ban von Croatien. Der ſtolze Tavernicus von Ungarn hat oft gemurrt gegen mich über den Stolz des deutſchen Für⸗ ſtenhauſes; das ungariſche Blut ſprudelt mit Unmuth unter der deutſchen Kette, und überdies ward gerade jetzt ſeinem Sohne ein böhmiſcher Grafenſohn in der Armee vorgeſetzt. Niklas lernte den Dienſt unter mir bei Wiens Belagerung; wie einen Sohn hielt ich den Jüngling, und er wird mir jetzt vergelten. Croatien, abgeriſſen von Oeſterreich, Ungarn im Auftuhr, mit So⸗ leimans Bundesheere vielleicht einen zweiten, glücklichern Marſch gegen die Kaiſerſtadt! Vielleicht dann eine Her⸗ zogskrone auf dieſem beſchimpften Haupte!— Ferdinan⸗ dus, zittere auf Deinem Faulbette, wenn der Katzenſteiner 103 die Roßſchweife gegen die Mauer Deiner ſchwankenden Burg heranführt!— Der Oberſt Michael ſchüttelte ſich wie ein Fieber⸗ kranker, wiſchte mit der Eiſenhand über ſeine Stirn, als wollte er ſich wecken aus krankem Schlafe. Dann trat er, ſich löſend aus des Vaters Armen, von ihm weg, kehrte um, warf ſich an des Erſtaunten Bruſt, riß ſich wieder los von ihm und ſtellte ſich wieder feſt in männliche Haltung. Vater! ſagte er ernſt, in den Tod mit Euch, aber nimmer auf dieſem Wege. Lebt wohl, Vater! Es iſt mir, als ſähen wir uns nie mehr wieder, aber mein Herz gebietet mir, ich ſoll ſcheiden von Euch. Der Chriſt, der deutſche Rittersmann, des Königs Offi⸗ zier hat ſchon zu viel gehört. Ich laſſe Euch in der Obhut zweier Engel. Biſchof Franz mag Eure kranke Seele heilen und den Chriſten retten; der mannhafte Graf Zrini wird dankbar für Eure einſtige Freundſchaft Euch die verblendeten Augen öffnen über das politiſche Unheil, das aus Eurer kranken Seele wie ein verhee⸗ render Waldſtrom hervorbrauſet. Ich gehe zu des Kö⸗ nigs Thron, trete frei hin in die Brunſt ſeiner Zornglut, und vertheidige die Sache unſeres Namens. Vater! bei dem Erlöſer am Kreuze! beſinnet Euch, kehret um von dem Wege des Verderbens, zu dem der böſe Feind Euch verlockte. Lebt wohl, Vater! Ferſönlich ſeid Ihr ſicher; Zrini's Gaßtlichkeit ſchirmt Euch. Laßt mich hören von Euch zu Wien. Ich ſcheide; ſo wahr mir Gott helfe, ich kann nicht anders, und verblutete mein Herz an dieſer neuen Wunde.— Mit raſchen Schritten ging der Oberſt zur Hütte zu⸗ rück. Der Landeshauptmann ballte die Fauſt; er wollte rufen, aber er beſann ſich. Auch ein Undankbarerk 104 lachte er zu dem Himmel hinauf, und folgte langſam. Schon hatte ſich Michael auf das Roß geſchwungen. Ohm! Verlaſſet den Vater nicht! rief er dem Biſchof zu, warf noch einen ſchmerzlichen Blick zurück und ſprengte rechts durch die Gebirge in das Krainer Land hinein. Mit Verwunderung trat der Biſchof dem in tiefes Sinnen verſunkenen Bruder vor der Hütte enigegen. Auch den Michael ſchickſt Du fort? fragte er mit Ban⸗ gigkeit und Vorwurf. Das iſt zu übermüthig und ver⸗ wegen von Dir. Er iſt das treueſte Herz und der beſte Degen von ganz Oeſterreich, und käme uns jetzt ein feindſeliger Verfolger nach, wären wir verlaſſen und ver⸗ loren.— Quälet Dich die Furcht, Biſchof, ſo zäume Dein Roß und machs wie er! antwortete Katzianer dü⸗ ſter und eintönig. Ich halte euch nicht, und wenn auch mein Herz ſpricht: Mit dem Michael ſchied Dein guter Engel von Dir! ſo iſt mir doch wohler, ſeit er ſchied; ich ſcheine mir feſter zu ſtehen und gehe lebensmuthiger und ſorgenloſer den Weg, den ich mir auserwählt.— Er ſchied ohne Deinen Willen? fragte Franz mit wachſender Unruhe. So ſtanden Deine Plane ihm nicht an? Er wußte freilich, wie Du von jeher Anderer Rath verachteteſt, nur dem eigenen Sinne folgteſt, und uner⸗ ſchütterlich ausführteſt, was Du einmal gebrütet in der finſtern Höhle Deines Gemüths. Doch fange auch ich jetzt an, Deine Plane zu fürchten. Nicht allein gefähr⸗ lich ſind ſie; wo hätte unſern Michael die Gefahr er⸗ ſchreckt? Unrecht und böslich muß ihm erſchienen ſein, was Du bereiteſt, und darum rettete er durch ſchnelle Flucht die reine Seele.— Die Jugend fühlt, denkt, urtheilt anders, als das Alter, entgegnete der Landeshauptmann. Hat doch der . ——— 3 ——— n— —,———— — — 105 Frühling ſeine eigenen Blumen, der Herbſt die eigenen; die Maienglocke und der Sternaſter ſind nicht Kinder deſſelben Monats. Gott ſegne ſeinen Weg! Möge er erſehen ſein, den ritterlichen Stamm der Katzenſteiner für Deutſchland zu erhalten! Möge ihm zur Krone wer⸗ den, was mir das Schickſal, was mir Tyrannei ent⸗ riß! Möge er ernten auf des Vaters erloſchenem Fuß⸗ tritt.— Gerührt umfaßte der Biſchof den Bruder. So weich und mild ſprachſt Du noch niemals, ſagte er. Halte dieſe Stimmung feſt und wirf das Gewaltthätige von Dir. Es iſt Dein Fürſt, der Dich gekränkt; Du biſt ſein Vaſall, und er kann die Gnade doppeln.— Damit iſts vorüber, erwiderte Johann. Verſöhnung iſt nicht möglich zwiſchen Verdienſt und Undank, zwiſchen Offenheit und Heuchelei; eher könnten die Pole ſich fin⸗ den und die Firſterne zuſammenſtoßen. Mein Name ſei verloſchen; eine andere Zone gebe mir den andern Na⸗ men und ein anderes Glück. Wir reiten über Carlſtadt in Croatien ein. Den Tavernicus, den Zrini habe ich mir beſtellt zum Stelldichein an jener Stelle, wo, Du kennſt ja den Ort, drei ſteinerne Kreuze ſtehen, im Angeſichte von Caſtanowitz, als Denkmal eines Bruder⸗ mordes.— Das iſt kein guter Platz, kein gutes Zei⸗ chen! fiel der Biſchof ein.— Mein Zeichen iſt der ſilberhelle Mond, der dort im ſchmalen letzten Viertel ſich über den Bergen erhebt, antwortete der Katzianer mit Freudigkeit. Wenn er auf⸗ taucht, ſchläft die Sonne; der Felſenadler flüchtet ſich dem Horſte zu und birgt die Kralle. Laß uns reiten in die friſche Nacht hinein, bald bedürfen wir des ſchimpf⸗ lichen Eulenflugs nicht mehr und find am Ziele.— 106 Thu', was Du mußt! verſetzte der Biſchof, doch nichts darüber, jenſeits liegt meiſt der Frevel und die Sünde. Ich halte bei Dir aus, wie einſt im jugendlichen Fehde⸗ ſpiel. Wir ſind alt geworden, und da ſteht ſich's beſſer zu Zwei.— Der Landeshauptmann brach raſch das Geſpräch ab; Beide ſtiegen auf und ritten der Straße nach, welche in die Marken des rauhen Croatiens führt. Der Südwind trieb die dicke, ſchwere Luft von den Landſeen und Moräſten herüber. Nebel umhüllten der Sonne Licht, als am Morgen die ungleichen Brüder jenſeits Carlſtadt den bezeichneten Ort, das Ziel ihrer überſchnellen Reiſe, erreichten. Das Schloß Caſtanowitz dräuete wie ein grauer Rieſenſitz in ſeinem gigantiſchen Mauerwerke von der Höhe herab. Der Knecht war in der Nacht zurückgekehrt und führte die dampfenden Pferde auf einem feuchten Anger umher. Johann Katzianer ging unruhig mit verſchränkten Armen am Holze auf und nie⸗ der und blickte erwartungsvoll oft nach der Burg hinüber. Der Biſchof hatte ſich auf eines der ſchauerlichen Stein⸗ kreuze geſetzt, ſein Geſicht nach Oſten gewendet, und betete andächtig ſeinen Morgenpſalm. Der eingeladene Herr der Burg ließ nicht lange auf ſich warten. Bald ſtieg von der Höhe hernieder der Ban von Croatien, Graf Niklas Zrini, eine herviſche Geſtalt, mit charaktervollem, bärtigem Geſicht, Lebhaftigkeit der Seele im Auge, den parteiloſen Ernſt auf der Stirn, und in den Zügen alle den Adel und die kriegeriſchen Tugenden klar zeigend, die ihn zum Abgott ſeiner Un⸗ garn, zum Schrecken ſeiner Feinde gemacht. Er war in ² 107 reicher Landestracht; das goldene Bild des Täufers Johannes prangte an ſeiner Mütze unter dem reich⸗ umfaßten Reiherbuſche, doch nur ein Leibdiener gelei⸗ tete ihn. Der Katzenſteiner ging ihm raſch entgegen, führte ihn nach Handdruck und Kuſſe abwärts, und mit ängßtlicher Spannung ſah der Prieſter ihrem langen Geſpräche zu das die wichtigſten Intereſſen des Lebens zu verhandeln ſchien. Der Katzianer redete heftig, aufmerkſam hörte ihm der Tavernicus zu. Einige Male blitzten die Au⸗ gen des Letztern hell auf, faſt verzehrend, und ſeine Linke fiel auf den Goldgriff des breiten Säbels. Der Katzenſteiner wurde dann nur heſtiger noch in der Rede, denn es deutete Blick und Bewegung auf Theilnahme an ſeinem erlittenen Unrecht. Mit einem Händedrucke ſchieden beibe, und Graf Niklas kehrte in ſeine Burg zurück. Er geht von uns? fragte der Biſchof beſorgt, als Johann Katzianer dem Knechte befahl, die Roſſe her⸗ anzuführen. Verweigert er den Schutz? Will er nicht Rath und Hülfe geben dem Waffenmeiſter und Kampf⸗ genoſſen?— Er iſt der Meinige! antwortete der Landeshauptmann triumphirend. Empört von der Beleidigung, die in mir dem ganzen Soldatenſtande Oeſterreichs geſchehen, theilt er meinen Groll. Er nimmt uns ſchützend auf in ſein Schloß, dort zu beſprechen, was geſchehen ſoll. Doch ehrt er mich zu ſehr, als daß er litte, den Landeshaupt⸗ mann von Krain ſeinen Rittern in dieſer armſeligen Kleidung vorzuführen. Nach jenem Maierhofe wird er mir Schmuck und Kleidung ſenden; auch für Dich den Prieſtermantel ſeines Capellans, und Mittags ſollen wir den Einzug halten.— 108 Und wie der ungariſche Graf verſprochen, ſo geſchah es. Der ſchönſte Federhut, geſticktes Wamms und Sei⸗ denmantel, Goldwaffen und Steinketten ſchmückten den General⸗Oberſt, als er auf ſeinem Rappen über die Zug⸗ prücke von Caſtanowitz trabte. Ehrenvoll war ſein Em⸗ pfang: eine ſtattliche Wache von Huſaren ſalutirte dem ehemaligen Feldherrn, und im Prunkſaal empfing ihn der Ban in einer Geſellſchaft von Rittern und Junkern der edelſten Geſchlechter. Die Tafel war fürſtlich; eine Menge Pagen kredenzten die Becher, und in den Schüſ⸗ ſeln von edelm Metalle wurden die leckerſten Gerichte aufgeſetzt. Johann von Katzenſtein hatte im fröhlichen Wechſelgeſpräch alle Schwermuth von ſich geworfen, und durch die heißen Weine des ſüdlichen Croatiens erhitzt, träumte er die hehrſten Triumphe gelöſchter Rachgier. Biſchof Franz hingegen wurde ftiller und befangener bei dem oftmaligen Umgange des großen Familienpokals; denn ſein nüchterner Sinn bemerkte, wie immer glühen⸗ der und feindſeliger des Grafen Zrini lebhafte Augen auf dem Bruder hafteten, wenn dieſer mit einem Nach⸗ bar in einem ernſten Zwieſprach verflochten war, er beobachtete, wie die vom feurigen Tokayer halbtrunkenen Ungarn gar oft die rothen Geſichter mit den glattge⸗ ſtrichenen Haarflechten zu einander neigten, heimliche Worte flüſterten und wilde Seitenblicke auf die Gäſte ſchoſſen. Doch konnte er vor dem Geſchmetter der Trom⸗ peten und dem Geraſſel der Keſſelpauken, das jeden der zahlloſen Trinkſprüche begleitete, nichts erlauſchen, was ſeine Beſorgniß hätte zerſtören oder zur Gewißheit er⸗ heben mögen. Flößzlich erhob ſich der herriſche Graf Niklas Zrini und ergriff das vor ihm ſtehende grüne Paßglas. Freunde 109 und Herren! ſprach er mit hallender Stimme, indem ſich zugleich ſein Angeſicht verdüſterte, wie die Sonne, wenn ſchweres Hagelgewölk vor ihr hinrauſcht. Ihr kennt den tapfern Gaſt, der unſere Schwelle überſchritt und unſer Mahl geehrt, ihr kennt durch mich ſeit heute früh ſein herbes Schickſal, des Königs Urtheil und ſeine Flucht zu uns. Die Blüten der Ritterſchaft von Ungarn und Croatien ſind hier verſammelt; unter ſie iſt er getreten und fordert ſie und unſere tapfern Geſchwader auf, mit ihm ſeine Rache auszufechten gegen das ſtolze Kaiſerhaus, dem wir geſchworen Unterthaneneid und Soldateneid. Er will uns vereinigen mit dem Feinde der Chriſtenheit, mit dem blutgierigen Soleiman, mit ihm will er uns führen als Feinde gegen die Mauern Wiens. Was denkt die Blume der Ritterſchaft von Ungarn und Croatien davon? Dieſer Becher ſei die Loſung für und wider! Und ich, der Ban Croatiens, der Tavernicus von Un⸗ garn, rufe: Vivat Ferdinandus! Treue dem Könige und Verderben dem Verräther!— Der alte Katzenſteiner hatte ſich vom Seſſel erhoben bei dem Beginn der Rede; immer freundlicher wurde ſeine Miene; bei dem unerwarteten Schluſſe derſelben, und als der Donnerhall von dreißig rauhen Kehlen das Uurtheil Zrini's nachbrüllte, ſtutzte er, ward bleich wie der Tod, warf mit dem Fuß den Seſſel zurück und ſah ſich nach dem abgelegten Schwerte um. Doch ehe ſeiner ſtarren Lippe noch ein Wort der Gegenrede gelungen, hatte ein junger Ungar den Degen entblößt und rannte ſeinen ſcharfen Stahl dem Unglücklichen hinterrücks durch den Leib, daß er lautlos zur Seite in die Arme des Biſchofs fiel, und in einem breiten Strome dunkeln Blu⸗ tes ſein Leben ausgoß⸗ So mögen alle Feinde Oeſter⸗ reichs ſtürzen in ihr Blut! rief Graf Zrini, doch ſein Wort erſtarb auf der bärtigen Lippe, als er den grau⸗ ſen, ſtarren Blick auffing, mit dem der Sterbende ihn ins Auge faßte, als er die geballte, zuckende Fauſt ſah, mit der er zu ihm aufdräuete, ehe er leblos zuſam⸗ menſank.— Furchtbarer Frevel! rief der Biſchof da mit der Kraft und Würde ſeines Standes, mit dem wieder gewonnenen Muthe, der durch den Anblick des brüderlichen Blutes in ihm erweckt wurde. Freundes Mord! Kains That! Bruch der Gafffreundſchaft! Unauslöſchliche Schande für alle edeln Geſchlechter im Ungarnlande! Wer hat euch eingeſetzt zu Blutrichtern vor dem Urtheile? Wer zeugte von ſolch teufliſchem Gedankenſpiele im Hirn des Katzen⸗ ſteiners?— Sein eigenes Wort, ſeine eigene Hand, ſein Schrift⸗ zug, ſein Inſiegel! ſprach ernſt der Zrini, und zog einen Brief aus dem Buſen. Er war ein Hochverräther an dem Reiche; noch mehr, Du frommer Biſchof, zu dem Feinde des Erlöſers wollte er ziehen, ſich abſchwören von der heiligen Kirche, wenn das Gelüſt der wilden Rachluſt nicht ohne dieſes Opfer zu befriedigen geweſen. Unterthanenpflicht, Soldatenſchwur gilt vor allen andern Gelübden, und Ferdinandus richte, ob ich Unrecht gethan. Jammernd neigte ſich der Biſchof auf den zuckenden Leichnam des Geliebten.— Du armer Verirrter! Du geiſteskranker Sohn der Kirche! ſchluchzte er: warum blieb mir Dein Herz ein verſchloſſener Schrein? Ohne Sakrament und Abſolution biſt Du fortgeriſſen durch die Grauſamen mitten in den Sünden Deiner Gedanken. Mein Leben ſoll ein Tag der Faſteiung werden, Deine Seele zu löſen. Aber auch * 111 ihr, erhob er ſich zürnend und in einer Hoheit, die ſelbſt die ſtolzeſten Ritterhäupter beugte; auch ihr werdet nicht ohne Buße den Bruch des Heiligſten, der Freundſchaft und der Gaßtlichkeit, gewagt haben im thörichten Wahne einer Edelthat. Nicht Segen gibt der Gott der Barm⸗ herzigkeit für ſolch thieriſche Rohheit. Der Fuchs lud den Kranich zu Gaſte, ihn zu erwürgen; das ſei das Denkbild auf dem Grabe dieſes ſchmachvoll Ermordeten; aber ich ſehe den Wolf kommen, den Fuchs zerreißen und der Schmach preis geben eure Leiber; ich ſehe eure Häupter im Sonnenbrande dörren; ich ſehe Deinen Enkel, übermüthiger Zrini, verbluten unter eines Hen⸗ kers Beile, wie Du unberufen des Henkers Amt an dieſem nicht verſchmähteſt zu üben; denn wer den gifti⸗ gen Schirling pflanzte, der trinket ihn aus dem unfrei⸗ willigen Becher.— Halb ohnmächtig ſank der Prieſter auf den Todten; die Ungarn alle aber ſtanden wie Statuen im Saale umher, und ihre weinglühenden Wangen wurden bleich wie die Wände, an denen ſie lehnten. Es war einige Zeit ſpäter, als im kaiſerlichen Ge⸗ mach der Hofburg zu Wien König Ferdinand gedanken⸗ voll und ernſt einen großen Brief durchlas und wieder durchlas. Forſchend hing ſeines Stallmeiſters, des Niklas von Thurn, Auge auf des hohen Herrn Geſichte; er be⸗ obachtete den tiefen Eindruck, den des Schreibens Inhalt auf den gefühlvollen Herrſcher machte, und neben einem Tiſche, worauf ein Korb ſtand, den ein ſchwarzes Tuch bedeckte, lehnten auf den Säbeln zwei ungariſche Herren, kalt und finſter durch das Zimmer blickend und die Kai⸗ ſerbilder muſternd, welche die Pfeiler zierten. 112 Mein Bannus von Croatien hat es gut gemeint, iſt er Uns auch in das Amt gefallen, hat er auch ſo raſch gerichtet, daß die Gnade, das ſchönſte Recht der Krone, Uns genommen ward! ſagte der König, indem er ſich an die Fremden wandte. Es wäre Uns lieber geweſen, den ſchwer Verklagten als Gefangenen vor Uns zu ſehen. Meldet ihm das, Graf Nadaſti und Ihr, Ritter Pethai; verſichert ihn zugleich Unſerer königlichen Huld, und wenn auch die Güter des Erſchlagenen, welche er für ſich fordert, als Lohn der Treue, nicht ſo erblos ſind, als er meinet, und es Uns darum nicht frei ſteht, ſie zu verſchenken an velobte Freunde und Diener, ſo kann er doch des Gedächeniſſes ſeiner Thaten gewär⸗ tig ſein.— Hier iſt der neueſte Zeuge ſeiner Treue! Das Haupt des Verführers, das der Tavernicus an Eure Maje⸗ ſtät ſendet durch uns! antwortete Nadaſti mit einer Baßſtimme, und zog zugleich das ſchwarze Tuch fort, welches den blutigen Kopf des alten Katzenſteiners ver⸗ barg. Mit unverhehltem Abſcheue wendete der König ſich weg von dem grauſen Anblicke.— Wir ſind kein Baſſa, kein Türkenkaiſer, ſprach er heftig, daß Unſer Auge an ſolchem Schauſpiele ſich ergötzen könnte. Tra⸗ get hinaus, ihr Herren aus Ungarn, was Unſer Herz empört; liefert es dem Kaſtellan, daß er für ein ehr⸗ liches Begräbniß dieſes Hauptes ſorge, welches oftmals unſern Heeren ſiegreich vorgeleuchtet. Hinweg, ich höre Unſere Königin kommen, und ihrer Geſellſchaft möchte dieſer Anblick noch ſchreckenvoller ſein als Uns.— O Thurn! fuhr er zu dem Oberſten fort, als die Fremden mit ihrem traurigen Schatze ſich entfernt hatten, wie brav und rauh zugleich iſt dieſes Volk! Brauſend 113 und zernichtend ſind ſie, wie die Ströme ihrer Gebirge; feuerſprühend, wie die Weine ihrer Berge; tapfere Sol⸗ daten darum; aber als Richter kennen ſie nur das ſcharfe Schwert und nicht das Geſetzbuch der Barmherzigkeit. Waren es nicht die Huſaren, die bei Goriän zuerſt die Flucht ergriffen, und dieſen Katzianer zum verderblichen Verrathe hinriſſen? Und dieſelben krummen Säbel rich⸗ teten ſpäter ſeine Uebelthat. Seltſam waltet das uner⸗ bittliche Schickſal.— Die Königin! rief Oberſt Thurn, und öffnete die Flügelthüren. Und ein trat die würdevolle Königin Anna, an ihren Händen führend das Fräulein Ermuda von La⸗ dron und den Oberſten Michael von Katzenſtein. Tief Athem ſchöpfend ging der König ihnen entgegen. Ihr ſeid mir erhalten? Seid glücklich gekehrt aus böſer Haft, mein Oberſt? Gedankt ſei Gott dafür! redete Ferdinand den jungen Helden an, der mit geſenktem Blick und trüben Mienen vor ihm ſtand. Ihr wißt es ſchon? Euer Vater iſt gefallen.— Und ich ſtand ihm nicht zur Seite! War nicht dabei, ihn zu ſchirmen mit meinem Leibe, zu verſpritzen mein Blut für ihn, zu fordern als Rächer das Blut ſeiner verrätheriſchen Freunde! ſieß Michael mit Ingrimm und Schmerz hervor. Das wird der Scorpion bleiben in meiner Bruſt, bis der Tod mich einigt mit dem Vollen⸗ deten.— Schluchzend warf ſich Ermuda an das Herz des Tief⸗ gebeugten; Ferdinand aber faßte kräftig ſeine Hände. Nicht alſo, Du Geprüfter und Wohlbeſtandener! ſprach er feierlich. Wir danken dem Herrn der Schick⸗ ſale, daß er Dich erhalten zur Stütze Unſeres Reichs, daß Wir die Vorzüge zweier Helden Unſerer Monarchie, die Blumenhagen. VI. 8 114 uns entriſſen worden, in Dir vereinigt und verſchmolzen ſehen, die Tapferkeit Johanns, die weiſe Vorſicht La⸗ drons. Komm an Unſer königliches Herz, Du unſer General, Du Michael, Graf von Katzenſtein; was Du verloreſt, ſollſt Du in Unſern Armen wiederfinden.— Mein gnädiger Fürſt! rief Michael überraſcht und bog ſeine Knie vor dem gütigen Herrſcher; die Königin Anna umfing das Fräulein, und ſprach mit Innigkeit: Das Beſte auf Erden habt ihr verloren als Opfer im Dienſte eurer Fürſten; doch gute Könige vergeſſen nie und wiſſen zu vergelten. M. Die Zürger zu Wien. Eine hiſtoriſche Erzählung. Ein furchtbarer Donnerſchlag erſchütterte die Stadt Wien, der Boden erbebte, als wäre Weltuntergang nahe, die Häuſer ſchienen zu wanken, die Wachtpoſten auf der Burgbaſtei fühlten den Druck der Luft ſo heftig, daß ihnen Per Athem ſtand, und die nächſten Außenwerke waren dem ängſtlichen Blicke verhüllt durch eine unge⸗ heure graue Dampfwolke, in welcher, wie aus dem Krater eines Vulkans geſchleudert, dunkele Steinmaſſen himmelan flogen. Sankt Stephan ſchütze die Stadt! ſprach aus tiefer Bruſt herauf der Freiherr von Kielmansegge, indem er die Hand krampfhaft auf den Arm des neben ihm ſtehen⸗ den Grafen Rüdiger Starhemberg preßte. Das iſt eine Hauptmine, und ſehe ich recht im Morgenlicht, ſo lie⸗ gen an ſechs Klafter der Mauer im Graben. Camucci und Kühn! ſchnell dort hinab in unſere Flattermine, nicht zu früh die Lunte an den Faden, horcht bis das Allah über euch, dann mit Gott in die Luft!— Du haſt Recht, entgegnete der Graf beſonnen und kalt, ſein Auge in das Feld gerichtet, das iſt fürchter⸗ licher Ernſt, und Gott ſchenke uns heute einen guten Abend. Schau dort hinter der Wolke das bunte Ge⸗ dränge von Janitſcharenmützen und Turbanen! Hörſt Du die Keſſelpauken, ſiehſt Du die Fahne des Veziers? Haltet 118 feſt heute, ihr altöſterreichiſchen Klingen! O Lothringen, Lothringen, wo bleibſt Du!— Raſch ſich dann umwen⸗ dend rief er ſeinem Neffen zu: Hinunter, Guido, und zu Roß! Regiment Kaiſerſtein und Baden ſollen heran vor die Breſche, mit ihnen Hauptmann Mied und ſeine Batterie. Zwei Fahnen Trautmannsdorf und Oberſt⸗ lieutenant Wels mit dem Studentenregimente und Dü⸗ pigni's Dragoner an das nächſte Thor zum Ausfall bereit!— 2 Noch ſprach der Graf, da rauſchte es durch die Lüfte daher, und ein menſchlicher Körper ſchoß herunter, und fiel dicht vor den zurückweichenden Officieren auf einen großen Sandhaufen, den man die Nacht zur Ausbeſſe⸗ rung der Werke angefahren. Herantretend erkannten die Staunenden einen Soldaten der Beſatzung; er lag auf dem Rücken mit geſchloſſenen Augen, ſchwarze Flecke machten ſein Geſicht unkenntlich, und ſeine Glieder wa⸗ ren geſtreckt wie die eines Todten; aber mit größerer Verwunderung ſah man, wie nach wenigen Sekunden der Todtgeglaubte die Augen öffnete, den Oberleib er⸗ hob und ſitzend rund um ſich herum ſchauete wie ein Träumender.— Wo kamſt Du her, Unglücklicher? fragte der Frei⸗ herr, ſich ſchüttelnd vor Entſetzen.— Woher? So eben ſtand ich noch auf dem Werke Nu⸗ mero Neun, antwortete mit ſtammelnder Zunge der Ge⸗ fragte, und richtete die trüben, gerötheten Augen einen Augenblick ſtarr auf den Oberſt der Minirer, zugleich ſeinen blauen Polenrock befühlend, deſſen Oberärmel zer⸗ fetzt an ſeiner Schulter baumelte. Menſch! Wer biſt Du? fragte Graf Rüdiger. Und von welchem Corps?— Georg Foltſchützly, von Hauptmann Frank's Frei⸗ compagnie, antwortete kräftiger der Soldat, indem er ſich bemühete aufzuſtehen, und als es nicht gelingen wollte, die Rechte militäriſch an ſein ſchwarzes, verwirr⸗ tes Stirnhaar drückte und mit der Linken ſich den lan⸗ gen Schnautzbart vom Munde ſtrich.— Ein braves Corps, entgegnete der Graf. Aber bleibe nur liegen, Kamerad, denn Du haſt einen Marſch ge⸗ macht ohne Quartiermeiſter, von welchem außer Dir nicht leicht ein Zweiter Rapport abſtatten möchte. Laß Dich in's Hoſpital bringen, und kommſt Du durch, ſo melde Dich bei uns.— Der Commandant ging mit ſeinen Adjutanten dem Platze zu, von wo ſchon das wilde Sturmgeheul der Muſelmänner durch das Gelärm der Trommeln, durch das Flintengeknatter und den einzelnen Donner der Wall⸗ geſchütze ſich hören ließ. Ein Mann im Frieſterrocke, auf dem aber ausge⸗ zeichneter Weiſe das weiße Malteſerkreuz leuchtete, trat jetzt zu dem Soldaten hinan und beugte ſich mit dem filberumlockten Greiſenhaupte mitleidig zu ihm, faßte ſeine Hand und forſchte, wo er verwundet und welche Glieder ihm gebrochen. Der Soldat betaſtete ſich über⸗ all und ſagte dann mit Laune: Alles ganz, nur ein Weniges ſteif und wie geprügelt. Aber Bruderherz, Hochwürdiger Herr wollt' ich ſagen, einen friſchen Trunk laßt mir reichen, denn mich dürſtet, als hätte ich zehn Tage nichts als Sauergurken gegeſſen, und meine Zunge wäre der Stockfiſch dazu geworden.— Der Biſchof, denn es war Graf Koloniks,— einſt der Held auf Kandia, in dieſer Nothzeit jetzt der Vor⸗ ſtand der Spitäler, nahm ſogleich die Korbflaſche, die 120 er an ſeinem Gürtel trug, und reichte ſie dem Fordern⸗ den, der ſie bis zum Grunde leerte, und dann ſich mit Hülfe einiger Soldaten auf die Beine half. Alſo auf der Baſtei ſtehen wir? murrte er in ſich, und ſchien den Bogen bis zur Baſtion, den er in der Luft gemacht, mit den Augen zu meſſen. Bei der Krone der Piaſten, das iſt die ſonderbarſte Contreescarpe, Bru⸗ derherz, durch welche jemals ein Adamsſohn in eine Feſtung hineinſpaziert.— Ein Wunder der Allmacht hat Dich erhalten, mein Sohn, fiel Koloniks ihm in die leichtfertige Rede; dar⸗ um richte Dein Auge ab von dieſer blutigen Erde zu den höhern und reinern Regionen, denen Deine Seele faſt ſchon angehörte. Der Himmel hat Dich vielleicht zum beſondern Dienſte des Vaterlandes beſtimmt, wie er auch mich durch hundert wilde Seeſchlachten und Mauer⸗ kämpfe führte, daß ich am Rande des Grabes noch Wun⸗ den binden ſollte, die ich ſonſt ſo gern geſchlagen, und Sterbenden Troſt und Abſolution geben, über welche ſonſt meine Füße im leichtſinnigen Triumph hinwegſchrit⸗ ten. Führet ihn hinab, ſetzte er hinzu, als einige Ku⸗ geln herüberziſchten; hier iſt keine Sicherheit für Bleſſirte. Ich möchte lieber wieder dort hinaus, Hochwürdiger, antwortete Koltſchützky, und meinen Säbel und die Flinte wieder ſuchen, die mir ohne meine Schuld abhanden ge⸗ kommen.— Eine Bombe fauſete heran, wühlte ſich in den Bo⸗ den und beſpritzte Alle mit einem Sandregen, erſtickte ſich aber in dem Bett, das ſie gefunden. Eine zweite platzte einige hundert Schritte weiter, tödtete einige Soldaten und brachte den dort haltenden Wachtpoſten in Schrecken und Verwirrung. Raſch ging der Biſchof an 121 die Stelle, ließ mit ernſtem Befehlswort, als ſtände er als Malteſer noch auf Valetta, die Eiſenſtücke der Ku⸗ geln ſammeln, weihete ſie mit dem dreimal gezogenen Kreuzeszeichen, und befahl ſie in ein Geſtück zu laden und den Ungläubigen zurück zu ſenden. Ein Jubelruf begrüßte den prieſterlich⸗ſoldatiſchen Einfall, jeder Kano⸗ nier trat wieder auf ſeinen Poſten, und muthig brüllten die Geſchütze ihren dumpfen Todesruf auf den Glaubens⸗ feind hinaus.— — Ein Mann von der Miliz, dem die Pflicht dieſes Liebesdienſtes vielleicht nicht unwillkommen kam, hatte indeß den Koltſchützly langſam in die Stadt hinab ge⸗ führt; ihr Marſch wurde jedoch überall aufgehalten, und ſie mußten von den Hauptſtraßen gar oft in kleine Sei⸗ tengäßchen ausweichen. Ueberall fanden ſie die Gaſſen mit Ketten geſperrt; dichte Haufen von Greiſen und Wei⸗ bern waren beſchäftigt, die Eingänge zu den Märkten abzugraben und mit Balkenwerk, Steinhaufen und Wa⸗ genburgen zu verrammeln, und der Bürgermeiſter Lie⸗ benberg zeigte ſich überall an der Spitze und legte ſelbſt Hand an, denn der tapfere Starhemberg hatte beſchloſſen, jede Straße im Unglücksfalle einzeln zu vertheidigen. In andern Gegenden der Stadt raſſelten ihnen Reſerve⸗ geſchütz entgegen oder die in geſchloſſenen Gliedern an⸗ marſchirenden Regimenter hemmten ihre Schritte. In der Nähe eines Hauſes, über deſſen Thür an einer Stange vier gelbe, blankgenutzte Becken hingen, hielt Koltſchützky plötzlich an, ließ ſeinen Arm von der Schulter des Führers fallen, und machte ſeine gebeugte Geſtalt gerade. Bruderherz, ſagte er, das Spital iſt 122 mir zu weit; ich fühle mich gar müd und trotz der köſt⸗ lichen Flaſche des hochwürdigen Herrn von einem Höl⸗ lendurſte geplagt; dazu brennt mir dieſe Hand und iſt, ſeit wir marſchiren, verteufelt fett geworden. Dort iſt die Badſtube, wo ich ſchon Hülfe finden mag; darum geht zurück an Euren Poſten.— Kamerad, antwortete der Andere, Ihr werdet doch nicht eintreten zu dem ſtolzen Narren, dem Flaſchner, von dem Ihr, wie die Leute ſprechen, erſt vor wenigen Wo⸗ chen aus dem Hauſe geworfen? Und überdem der Be⸗ fehl des Biſchofs.— Koltſchützky faßte ihn mit ſeinen ſchwarzen, funkelnden Augen feſt. Marſch, marſch, mein Herr Ellenjunker Schlagnitweit! rief er im ernſten Spott. Euer Haupt⸗ mann Pöller wird längſt den längſten ſeiner Scharf⸗ ſchützen vermißt haben, und um meinetwillen ſoll die Baſtei ihren Goliath nicht entbehren, ſo herzlich ich auch für den Liebesdienſt danke. Geht, Bruderherz, Ihr hört ja, wie die Trommeln und das Kanonen⸗Gewitter Euch rufen, und ladet auf jeden Schuß zwei Kugeln, eine für mich als Dankſagung für den vermaledeiten Paſcha, der mich zu der hölliſchen Luftreiſe forcirte. Marſch, marſch, und thut das Gegentheil vom Namen, den Ihr vom Vater empfangen.— Der junge Schlagnitweit zog ein verdrießlich Geſicht; indeß nahm er ſich zuſammen, vrückte ſeufzend des Schwarzbärtigen Hand, und ſchritt, jedoch ohne merkliche Eile, den Weg zurück, den ſie ge⸗ kommen.— Sich an den Wänden der Hausreihe ſtützend, erreichte Koltſchütztly das Haus des Stadtbaders Flaſch⸗ ner, das Ziel ſeiner Wünſche, aber ſtutzig ſtand er ſtill neben der Pforte, denn ein Mann kam eilig heraus im Federhute und trotz des warmen Herbſtwetters in einen 1 3 123 feinen, braunen Mantel gewickelt, in welchem er den bekannten Marquis von Aronches, den durch ſeinen zü⸗ gelloſen Wandel berüchtigten portugieſiſchen Geſandten, nicht verkennen konnte. Koltſchützky's Herz pochte lau⸗ ter, er ließ den Knebelbart mehre Male ſcharf durch die Finger laufen, ehe er in das Haus trat, aber auch hier auf dem Vorplatz ward er wiederum aufgehalten durch einen lauten Zwieſprach ihm wohlbekannter Stim⸗ men, der in dem Wohnzimmer ſchallte, und den er zu behorchen ſich nicht verſagen konnte. Der reiche Stadtbader und Feldſcherer Flaſchner hatte zwei Töchter, die ſich beide unter den Töchtern der Kai⸗ ſerſtadt ſehen laſſen durften. Die adeligen Junker, welche in beſonderer Herablaſſung ſich zur Flaſchnerſchen Bad⸗ ſtube bemüheten, um ſich den Bart ſtutzen oder das Lockenhaar kürzen zu laſſen, ſchienen uneinig, welcher von beiden Schweſtern ſie den Schönheitsapfel zutheilen ſollten; denn ſchien ihnen heute die rundarmige, eitle Ferdinande, die ihr niedliches Stutznäschen hoch zu tra⸗ gen wußte wie eine Edeldame in der Burg, und die ihr reiches, goldblondes Haar ſtets zu ordnen verſtand, wie es die kaiſerlichen Prinzeſſinnen bei der letzten Galla getragen, als das würdigſte Ziel ihrer Courtoiſie, ſo fanden ſie morgen dagegen die ſchlanke Leopoldine mit den kaſtanienbraunen, von der Natur geringelten Kin⸗ derlocken, mit dem griechiſchen Profil und den Tauben⸗ augen trotz ihres beſcheidenen Weſens, das ſchon die etwas gebogene Haltung des Nackens andeutete, der Er⸗ oberung würdiger und als etwas Beſonderes unter den Wiener kecken und eben nicht klöſterlich geſinnten Bür⸗ germädchen des Freiſes ihrer hohen Gunſt und des ge⸗ brachten Opfers ihres Adelſtolzes werther.— Dieſe 124 beiden Jungfrauen waren es, deren Stimmen Koltſchütz⸗ ky's Ohr feſſelten, da ihr Wechſelgeſpräch lauter und wärmer, wie er es gewohnt war, zu ihm ſchallte, und dieſe Unbeſonnenheit einen ungewöhnlichen Gegenſtand deſſelben vermuthen ließ. Ei, wie mütterlich predigſt Du mein tugend⸗ ſames Kind! tönte Ferdinandens ſcharfe Stimme im ho⸗ hen Sopran. Wie iſt Deine ſtumme Schweſterliebe heute urplötzlich ſo beredt geworden! Die ältere Schweſter müßte ſich wohl gar für Warnung und guten Rath in⸗ niglichſt und gerührt bedanken, wäre ſie nicht von der Mutter her mit der nöthigen Klugheit verſehen, um den Neid und die Scheelſucht hinter dem Schleier des heiß⸗ blütigen Nönnchens zu erblicken. Dein Spott, Deine Beleidigung werden mich nicht irre machen, antwortete Leopoldine im reintönenden Alt. Mein Herz, das Dich liebt, obgleich Du es ſchmäheſt, mein Herz, dem des alten Vaters Ruhe und Ehre über Alles gilt, obgleich er Dich vorzieht, drängt mich zu ſprechen, wenn es mir auch ſchwer fällt, die ältere Schweſter zu hofmeiſtern.— Ruhe und Ehre? fragte Ferdinande ſpitz. Das klingt gewaltig gefährlich. Und welche Unthat wagte denn ei⸗ nen ſolchen tückiſchen Angriff auf den Vater?— Du frägſt noch, Schweſter? ſagte Leopoldine bewegt. Der Leichtſinn iſt freilich keine Unthat, aber er bietet nur zu gern die glatte Hand dazu. Als ich Dein Verſtänd⸗ niß mit dem jungen Halwill bemerkte, erſchrack ich. Er iſt Graf, iſt reich, und gehört zu den Junkern, die ſich gern mit einem Bürgermädchen einen Scherz erlauben, aber nie es ehrlich meinen können, und ſelbſt ihre Hai⸗ ducken zu gut halten für ein Mädchen ohne Namen und 125 Rang. Ich ſchwieg dazu, weil ich wähnte, die weiſe Jungfer Flaſchner werde dem Junker ein Näschen dre⸗ hen wollen, ihre Narrethei mit ihm treiben, und ihn dann zum Exempel von Seinesgleichen ablaufen laſſen. Leider meinſt Du es anders, und Du ſcheinſt bethört von dem hübſchen Wildfange; aber da nun gar der Zweite, der Marquis mit dem zitrongelben Geſicht, ſich auch hier zu thun macht, wenn den Vater ſein Amt in's Spital ruft, und da der widrige Menſch heute gar es gewagt, vor meinen Augen mit Dir ſchön zu thun, Dir den Ring an den Finger zu ſtecken, und mich auf ſolche Art als eine Mitgenoſſin und Vertraute zu betrachten, ſo geht mir das Herz über, und Angſt und Scham preſſen mir das Wort auf die Zunge.— Iſt er nicht ſchön, der Ring? lachte die Sopraniſtin. Sieh nur, wie der große Stein in der Sonne funkelt und wie ein Regenbogen ſpielt! Wohl manches Edel⸗ fräulein verſchenkte einen Kuß, um ſolch Kleinod zu be⸗ ſitzen, und das Brunnenwaſſer, um den Mund abzuſpü⸗ len, hat uns der Türk noch nicht abgegraben, auch wächst kein Bart nach einem Männerkuſſe, wie die Großmütter verwarnen; Du ſiehſt, unter meinem Näschen iſt Alles noch glatt und ſauber.— Schweſter, denke des Vaters und Deines guten Na⸗ mens! rief entſetzt über dieſe Leichtfertigkeit Leopoldine— Wahre Du ſelbſt Dein blankes Schild, antwortete ernſter und mit Schärfe Ferdinande. Deine Geſchichte mit dem jämmerlichen Polaken hat Dich in der Leute Mäuler gebracht und dem armen Vater der Galle genug in das Blut gejagt. Setzet ſich auch die Jungfrau Schwe⸗ ſter tief in den Staub, und hält ſich nicht gut genug für einen Pagen oder Haiduck, wir ſind nicht alle ſo 126 demüthig und werfen uns nicht ſo weg wie ſie. Ich bin eine Wiener Bürgerin, meines Vaters Name iſt alt wie der Stephansthurm, des Vaters eiſerne Kiſte iſt voll Kronenthaler und Goldgülden, wie es ſich mancher pol⸗ niſche Staroſt wünſchen möchte, und es wäre nicht das erſte Mal, daß eine Wiener Bürgerin ſich auf einem Gra⸗ fenſtuhl oder Fürſtenthrone gar gut ausgenommen hätte. Mein Ferdinand iſt verliebt in mich wie ein Spatzen⸗ männchen, treu wie ein Täuber, und wird mich zur Grä⸗ fin machen, und wenn Du für Neid darüber Dich blind weinteſt, ſobald ſein gichtlahmer Vater die Augen ge⸗ ſchloſſen, das hat er mir geſchworen bei dem Wappen der Halwills und auf das Bild ſeines Schutzheiligen. Der Vater wird ſich ſchon erfreuen, wenn er zur Zeit die kluge Wahl ſeines Nanerl erfährt, und auf ihrem ſteyriſchen Schloſſe ſich ausruhen darf nach ſeiner müh⸗ ſamen und ekelhaften Hantirung.— Leopoldine war bleich geworden zu Anfang der hefti⸗ gen Stachelrede. Recht ſanft ſagte ſie jetzt: Aber wenn es denn mit dem Halwill ſo ſicher und ehrlich iſt, wenn Du ihn liebſt von Herzen, wie kannſt Du den Junker betrügen um des Marquis willen, der in all ſeinem Silberprunk einem ausgekleideten langarmigen Affen gleicht, wie ihn die böhmiſchen Bärenführer zum Markte bringen? Könnteſt Du dem Halwill gerade ins Auge ſchauen, wenn er jetzt zu uns einträte? Könnteſt Du ihn liebkoſen ohne zu zittern? Ich könnte das nicht mit ſolchem Truge im Gewiſſen, ſetzte ſie ſeufzend und das Auge ſenkend hinzu.— Die Jugend muß des Lebens Freude nicht verſchmä⸗ hen, lachte Ferdinande, wir werden früh genug zur Ma⸗ trone, die Niemand anſieht. Iſt der Marquis nicht gar * — 127 zu hübſch, ſo iſt er doch ein feiner Herr und galant wie kein Wiener. Welche Wienerin, die nicht die Tuckmäu⸗ ſerin ſpielt wie Du, und der ihr Spiegel etwas Artiges ſagt, trüge nicht gern ein ſolches Prunkſtück aus vor⸗ nehmer Hand, wenn ſie nicht mehr dafür zahlen darf, als das, was man nach dem Feſtmahl dem Nachbar nicht abſchlägt, oder was man dem Gevattersmanne nicht wehrt nach einem Kindtaufsfeſte? Wenn der Ferdinand kommt, werde ich ihm ſelbſt berichten von meiner neuen Eroberung, und er wird lachen mit mir über den ſtei⸗ fen Galan aus dem Lande der Orangen, wird meine kleine Hand noch ſchöner finden durch den blitzenden Stein daran und ſich an meiner Freude darüber ergötzen.— — Du rechneſt vielleicht ohne Wirth, antwortete die ſchöne Altiſtin. Ich möchte wahrlich keinen Liebhaber, der ohne Groll das Liebespfand eines Andern an meinem Finger ſähe oder gar zuließe, daß ein Zweiter meinen Mund begierlich küßte, der ihm ſelbſt heilig ſein ſollte. Nein, ſagte ſie haſtiger, ich muß Dich warnen, Dich bitten, laß ab von dem leichtfertigen Treiben, oder Du wirſt mich aus dem Hauſe ſcheuchen, denn ich will nicht Zeuge davon ſein, wie Du des Vaters Liebe für Dich mit Undank belohneſt. Es iſt ſündhaft, was Du thuſt, ſündhaft gegen Deine jungfräuliche Ehrbarkeit, ſündhaft gegen uns und ſelbſt gegen Deinen, wie Du ihn nenneſt, getreuen, ehrlichen Halwill. Hoch auf vlähete ſich die Schweſter, und ihr blüten⸗ weißes Lärvchen färbte ſich mit dem Karmin des Zornes. Was unterfängt ſich die Zierpuppe? ſprach ſie mit In⸗ grimm. Ei, ſieh einmal, iſt ſie denn beſſer als ich? Hat ſie ſich nicht ſelbſt weggeworfen an den ſchmutzigen Po⸗ laken, der nichts hat als ſeinen Aermelmantel und ſeine * 128 rothe Droddelmütze, ſeit ihm ſeine luftige Hütte in der Leopoldſtadt, ſeine Herberge für Vagabunden und Kreu⸗ zerreiſende niedergebrannt worden?— Auch der Wurm kümmt ſich gegen den Fuß des ſtol⸗ zen Verderbers. Leopoldine ſtand raſch auf von ihrer Arbeit, und ihr Nacken hob ſich, und ihr ſanftes Auge leuchtete. Ja, ich liebe den Georg, ſagte ſie mit der Stimme eines Märtyrers, den die Flamme des Schei⸗ terhaufens umfackelt; ich werde es gegen Niemand ver⸗ läugnen, denn er iſt ſo prav als er arm iſt, und hat ihm der Krieg ſein Letztes geraubt, ſo wird meine Treue ihm bleiben, bis man mich zu Grabe trägt mit dem grünen Kranze auf dem Deckel, den Niemand bemakeln wird. Auch darfſt Du uns nimmer gleichſtellen mit Dir und Deinen Geſponſen, denn wir haben unſere Liebe dem Vater nicht verheimlicht, und als er uns hart zurückge⸗ wieſen, als er unſere Bitten mit dem Schwure ver⸗ ſcheucht, er würde ſeine Tochter nie einem Ausländer, nur einem Bürger der Kaiſerſtadt, nur einem reichen und geehrten Wiener Bürger geben, da haben wir unſere Sache Gott heimgeſtellt, uns noch einmal Treue gelobt mit ſchwerem Gelübde, und der tägliche Gruß vom Fen⸗ ſter iſt Alles geweſen, was wir uns ſeitdem erlaubt als Troſt im tiefen Schmerz, den eine Herzloſe freilich nicht nachzuempfinden vermag.— Nun ich gratulire der Liebesheldin zum vierzigjäh⸗ rigen, unverwelklichen Kränzlein, und werde ſie nicht beneiden! lachte Ferdinande laut und unweiblich. Viel⸗ leicht gibt's ein Wunder; Dein Held erobert mit ſeiner rauhen Fauſt das Zelt des Veziers, das von lauter Per⸗ len und Brillanten gebaut ſein ſoll, und dann kauft er ſich die halbe Stadt, wird ein Prinz und der Vater legt 129 die Hände des neuen Prinzen und ſeiner Schäferin zu⸗ ſammen. Nicht wahr, mein Chriſtpüppchen, auf ſolch eine Wunderhiſtorie warteſt Du Po träumeſt von ihr in Deinem Kämmerlein?— Ja, Georg iſt brav n die Schweſter mit leiſerer Stimme; viele wackere Männer haben in der Barbierſtube von ſeinem Muthe geſprochen. Aber meine Träume ſind nicht ſo woſenroth, wie Du meinſtz ich ſeht ihn oft blutig, ſehe ihn ſterbend, wie ſeine Hand mir zum Abſchiede winkt, und wenn Du auch meine Schwe⸗ e ſter biſt, ſo muß ich doch Pfui über die Wienerin rufen* die eines tapfern Soldaten ſpotten mag, der jetzt gerade außen auf dem ſchwerſten Fleck zum Schutz unſerer Stadt, unſerer Freiheit, unſerer Ehre Wache hält, indeß Dein blonder Junker im ſichern Eck der Kaiſerburg ſeinen Po⸗ ſten hat, oder zu den zwei Jeſuiter⸗Vätern auf den Ste⸗ phansthurm ſteigt und durch ihr Fernrohr ſich das Lager beſieht auf der Höhe, wohin keine Kugel reicht.— Sie hatte ſich wieder niedergeſetzt und das thränende Auge auf ihre Nähterei geſenkt. Ferdinande trat erbost ihr näher. Draußen iſt er heute auf Wacht? ſprach ſie hämiſch. Nun ſo ſind wir vielleicht ſchon von dem Pfla⸗ ſtertreter befreit, und unſer Fenſter und der Vater haben vor ſeinen albernen Werbungen Friede, und Du biſt Deines Gelübdes entbunden. Hörteſt Du denn nicht, als die Studioſen vorbeizogen, was der hübſche Trüblern dem Doktor Sorbert zurief? Alles vor der Baſtei haben die Türken genommen und zerſtört, und ſie ſtürmen jetzt gerade herauf, und Franks Freicompagnie iſt im vorder⸗ ſten Werk geſtanden.— Unmenſchliche! rief da Leopoldine mit brechender Stimme. Ja, ich hörte die ſchreckliche Botſchaft, aber Blumenhagen, vI. 9 130 Du haſt mein Zittern nicht gemerkt bei jedem Kanonen⸗ ſchuß, der herüberhallte, haſt meine Thräne nicht geſehen bei jedem Trommelwirbel, der von der Straße tönte, denn Du hatteſt ja niemals ein Auge für die Schweſter und ein Mitleid.— Sie hob die Hände gefaltet in die Höhe und blickte mit den großen Seelenaugen, die voll Thränenperlen hingen, zur Decke empor. Gott iſt mäch⸗ tig und gütig! ſprach ſie dann ſtärker und feſter. Sein Wille geſchehe! O möge er Dich nicht ſtrafen, meinen Gram nicht rächen an Dir, wenn der Chriſtenfeind in unſere Thüre bricht und Niemand zu unſerer Rettung uns zur Seite ſteht.— Bah! lachte die Schweſter und drehte ſich auf dem Abſatz herum. Die Türken ſind auch Männer, und re⸗ ſpektiren ein ſchönes Geſicht ſo gut wie ein Wiener Jun⸗ ker und ein Marquis aus Portugal. Und lieber doch die Beute eines ſtattlichen Muſelmanns, wie der Spahi war, den ſie heute gefangen hier vorüber brachten, als die Braut eines Polaken im ungewaſchenen Bärenpelze!— Hollah! rief außen auf dem Vorplatze eine tiefe Stimme. Andreas, Daniel! Iſt Niemand da von den Pflaſterſchmierern, der einem wunden Soldaten zu helfen verſteht?— Die Schweſtern horchten beide verſtummt, Ferdinande jedoch ſtieß die Thür auf, fuhr aber mit einem Schrei zurück, als ſie den Koltſchützky mit geſchwärztem Geſicht und ohne Mütze, im verwirrten Haarwald daſtehen ſah. Mit Gunſt, liebe Jungfrauen, ſprach er eintretend, ich ſah keinen Gehülfen in der Badſtube, und das Spital iſt weit, und es iſt Pflicht, einen guten Soldatenarm der Stadt zu erhalten zum Junkerſchutz und der Frauen Rettung.— 131 Um Gott, wie ſeht Ihr aus, Georg! rief da Leopol⸗ dine und flog ohne Scheu herbei und faßte den Mann mit ihren beiden bebenden Händen an. Verwundet, blu⸗ tig! Setzt Euch hier, und Schweſter, wenn Du an die Schmerzensmutter glaubſt, ſo rufe die Leute!— Sorbert nahm Alle mit zur Baſtei, antwortete kalt und vornehm Ferdinande, aber dort iſt ja des Vaters Schrein, und Du ſuchteſt ja immer eine Liebhaberei darin, dem Bettelvolke Pflaſter zu legen und Salben zu rühren; ſo erprobe Deine Kunſt auch jetzt an ſolch wür⸗ digem Gegenſtande. Ich bin eine nachſichtigere Schwe⸗ ſter als Du, und laſſe Dich allein in lieber Geſellſchaft, die mir zu galant iſt.— Mit einem verächtlichen Blick auf den Kriegsmann verließ ſie das Zimmer.— Koltſchützky hatte ſich niedergeſetzt, ſtreckte jetzt ſeine Linke nach dem Mädchen aus und zog ſie zu ſich. Arme Poldl, ſagte er mit finſter zuſammengezogenen Augen⸗ braunen, was mußt Du wohl alles um mich ertragen, und wendeſt Dich doch nicht ab von mir.— Liebe trägt leicht, antwortete ſie mit einem Seelen⸗ blicke in ſein ſchwarzes Glutauge; aber laß das jetzt, und ſage nur, warum Du ſo zugerichtet biſt und was Dich jetzt hier herein führte. Ach, Georg! es kam eine ſchreckensvolle Mähr ins Haus.— Ja, ja, der Nannerl malitiöſer Wunſch, der den Georg zu den Schwarzen ſchickte, klang glücklicherweiſe ein Stündchen zu ſpät, lachte Georg wieder frei und ſorglos und wie erſtarkt am Auge der Jungfrau. Gib nur Seifenwaſſer, mein liebes Kind, dann wird ſich der Mohr ſogleich wiederum in Deinen Europäer verwan⸗ deln, und ſchlage mir ein Weniges Wundwaſſer oder ſonſt einen Spiritus um die Hand, die verſtaucht oder 132 gegquetſcht ſein mag, als ich aus der Luft zur Erde kam.— Zur Erde? fragte das Mädchen erſtaunt, indem ſie* eiligſt ſich an die Hand machte, wie der ſorgſamſte Chi⸗ rurg viſitirte, und den kunſtgerechteſten Verband von feinſten Leinen und zarter Binde unter Klagen und Seuf⸗ zen ordnete.— Ja, mein Poldl, fuhr der Pole indeſſen fort und ſchlug dazu ſeinen linken Arm um ihren Wuchs, bei dem raſenden Schleifer, den mich die lieben Engelein haben. tanzen laſſen, möchte ich Dich nicht zu meiner Tänzerin gefordert haben. Unſere halbe Compagnie hatte den Nachtpoſten in der großen Schanz, und ich ſtand auf dem höchſten Ravelin, und ſchauete auf die Büchſe ge⸗ lehnt als Wachtmann in das Feld hinaus, was von dem erſten ſchwachen Morgenlicht beſtrichen wurde. Wohl hatten wir in der Nacht hie und da in den Laufgräben Laternenlicht bemerkt, und der Hauptmann hatte einen Mann hinein zur Stadt geſchickt und Rapport gemacht; auch war vor Tage noch der Starhemberg auf dem Walle deßhalb; aber was mit uns geſchah, davon hatte Keiner eine Ahnung empfunden. Ich dachte gerade an mein Goldkind, und ob mir der Dienſt erlauben würde, Dich heut noch am Fenſter zu ſchauen, und achtete kaum 6 darauf, daß ſich in den Laufgräben mehr wie gewöhnlich ₰ Türkenköpfe ſehen ließen, da wankte mit einmal die Erde unter mir und ich ſchwankte mit wie ein Trunkenbold, daß mir die Büchſe aus den Händen fiel. Ein Schlag dröhnte dann von unten herauf, der die Ohren taub machte; die Welt drehete ſich mit mir im Kreiſeltanz; Funken und Flammen ſah ich um mich zacken und flackern; tauſend bunte Regenbogen und ein Meer von rothen . * 133 Sternblumen; die Stimmen aller fingenden Engelein und aller kreiſchenden Teufel hörte ich zugleich, und es war, als wären mir Flügel gewachſen, und ich flog wirklich, doch wie im Schwindel und Traum, und als ich die Augen wieder aufſchlug, ſaß ich recht weich und faſt unanſtändig⸗bequem oben auf der Baſtei zu Füßen des tapfern Commandanten, und hörte ſeine Stimme, die mich fragte: wer ich ſei? und wer mich zum Rap⸗ port daher geſchickt?— So hat Dich die Pulvermine in die Stadt geſchleu⸗ dert und Du biſt ganz geblieben an allen Gebeinen 2 rief Leopoldine entſetzt und war bleich bei ihm in die Knie geſunken.— Steh nür auf, mein Herzlieb! Du haſt und ſiehſt mich ja mit geſunden Knochen, ſcherzte er und ſtrich ihr das Seidenhaar von der glatten, weißen Stirn. Deine Schutzheilige hat mich auf ihrer Hand ſanft hereingetra⸗ gen, und ich meine, hat ſie das ſeltene Stück um Dei netwillen vollbracht, kann ſie mich auch einmal mit um meinetwillen an eine ſchönere Stätte tragen, wo ich Him⸗ mel und Seligkeit ſchon auf Erden finden würde. Und wahrlich, ſo oft ich die Letzt an unſerm Glück verzagt, ſo feſt iſt mein Glaube geworden ſeit meiner Luftfahrt; es iſt mir, als wäre ich ſtich⸗ und ſchußfeſt gegen alles Unglück von jetzt an, und ſo ein auserwählter Fortunatus, dem kein Wunſch unerfüllt bleiben dürfte, wenn auch etwa nach einer kurzen Geduldsprobe.— Die Jungfrau drückte ihr Geſicht an ſein Kleid und ſeufzte: Ach! dies Probejahr dauerte faſt ſchon lange genug, und dieſe Kriegszeit hat Alles noch ſchlimmer für uns geſtellt.— Du meinſt, weil mein Häuschen in der Vorſtadt 134 drauf ging? erwiderte Koltſchützly. O das bezahlt mir mein gnädiger Kaiſer vielleicht, und überdem hat mich der Starhemberg ins Auge gefaßt. Hoffe, Poldelchen, denn der Verzagte iſt immer ſchon halb verloren. Aber nun auch fort, damit der Herr Flaſchner nicht herein⸗ kommt und mich da findet, und Dir, Du ſanfter Feld⸗ ſcherer, für den Liebesdienſt eine ſchlechte Zahlung beut. Ich bin friſch und geſund durch Deinen Anblick gewor⸗ den, und es dauert mich ordentlich, daß dieſe meine rechte Hand mir auf einige Zeit untreu geworden, und ich nicht auf der Stelle wieder verſuchen kann, was Deine Schutzvatronin für eine mächtige Perſon iſt.— Schone Dich um meinetwillen, bat das Mädchen, und nimm die Flaſche, und waſche fleißig die Hand damit.— Die ſchöne, blaue Flaſche? Darf ich, da ſie dem Vater eigen iſt? fragte der Kriegsmann. Nun, Gottes Lohn dafür, und gebe der Himmel, daß der Stadt heute ſolcher Friede komme wie mir, und dem ſchwarzen Aoler ſolch ein Siegesgefühl, wie in dieſem Augenblicke in Dei⸗ nem reichen Georg aufgeſtiegen.— Ein noch und er verließ das Haus. 3 — Es geſchah in dem Schankhaus zum weißen Lamm in der Naglergaſſe, daß am ſelbigen Abende ſich eine größere Geſellſchaft wie gewöhnlich in dieſer ſorgenreichen Zeit zuſammenfand, denn wo die höchſte Noth ſo dicht vor den Thoren liegt, wie damals zu Wien, da vergißt ſelbſt der Schwelger die üppige Gewohnheit, und Jeder, der etwas zu verlieren hatte, und wär's auch nichts als der eigene Kopf des Dummbarts oder Wüſtlings, 135 der nur ihm werthvoll war, blieb ſorgenvoll daheim, und die Hausväter gar, wenn ſie Wehrdienſt oder Schanz⸗ „ arbeit gethan, ſaßen gern bei ihrem Weibe und ſpielten in wehmüthiger Freude mit ihren krausköpfigen Buben; wußten ſie doch nicht, ob morgen das Familienhaus ſie noch ſchütze, ob morgen nicht ſchon alle die Lieben ihres Herzens einem unerbittlichen Feinde zum Opfer des fa⸗ natiſchen Glaubens geſchlachtet waren. Heute aber drängten ſich ganze Haufen zu den Wein⸗ ſchanken und Zechbuden, als wäre der Martinsabend ſchon da, oder gar das Chriſtfeſt, und ſelbſt die wacker⸗ ſten Bürgersmänner, welche den ganzen Tag heiß auf Wällen und am Thore gefochten, traten nur auf eine kurze Weile in ihr Haus, die Geliebten zu herzen und die Kleider zu tauſchen, dann zog es ſie in den Kreis ihrer Kampfgenoſſen, denn ihr Herz ſchwoll gegen die breite Bruſt im Hochgefühl des errungenen Triumphs, und ſie mußten es leicht machen im traulichen Wechſel⸗ wort; ward doch der wüthigſte, der gewaltigſte Sturm von den unzähligen, bisher verſuchten, abgeſchlagen, und Kara Muſtapha, der Großvezier, hatte in eigener Perſon dieſen Sturm befehligt.— Zuerſt, als die Dämmerung kam, blieb es noch einſam im langen Trinkſaale, über deſſen braunen Gaſttafeln eine hängende Ampel nur ſchwaches Licht verbreitete. Der Pole Koltſchützky ſaß allein in dem Sorgenſtuhle des Wirths, nahe dem Ka⸗ min, und der Schankwirth Lamprecht, ein eisgrauer, gebückter, aber ſonſt noch rühriger Greis, hatte ein Tiſchlein vor den Gaſt gepflanzt und einen großen Deckel⸗ krug darauf geſtellt, und nöthigte ihn, dem gern geſpen⸗ deten Feſttranke zuzuſprechen, indem er ſelbſt ab und zu trippelte, Kellner und Mägden Befehle gab, in den 136 Zwiſchenräumen mit ihm kurzes Geſprächswort tauſchte, das die Begebniſſe des heutigen wichtigen Tages betraf. — Ernſt und wortarm traten dann ein Dutzend Männer nach einander ein, drückten einzeln dem Schankvater die Hand, manche auch dem Koltſchützky, und alle ſetzten ſich dann zuſammen in die düſtere Gegend des Saals, und ihr Geſpräch tönte flüſternd, einſilbig, und hatte etwas Schauerliches; denn es ſchien, als wenn Niemand von ihnen den Muth hätte, das auszuſprechen, was das Innerſte von Allen ſo beſonders bewegte. Es waren ſämmtlich Wirthe und Weinhändler, welche der tapfern Freicompagnie zugehörten, deren größere Hälfte heute das Hauptunglück des Tages betroffen hatte. Der alte Lamprecht trat zu ihrem Kreiſe, und pflanzte zwei hell⸗ brennende Kerzen zwiſchen ihnen auf die braune Tafel. Nun, potz Zapfen und Spundloch! rief der Alte aus, nachdem er ſich einzeln die ernſten Geſichter betrachtet; was ſollen mir denn ſolche Karthäuſerlarven an meinem Tiſche, der nur für luſtige Wienerleute geſcheuert wor⸗ den? Ehrſame Genoſſen und Nachbarn, feiert ihr denn den großen Tag nicht mit, dem jeder Bettelbude auf der Gaſſe ſein Vivat ruft, und dem zu Ehren ſelbſt der ärmſte Laſtträger und Straßenkehrer ſich ſein Seidl voll Heurigen aus meiner Schankbude geholt hat. Potz Zapfen und Spundloch! Auch Ihr, mein munterer Herr Kaſpar Pötzinger, dem ſelbſt der Witz nicht ausging, als der Brand aus den Vorſtädten herüberſchlug, und Euch bei dem Löſchen im Schottenhofe und dicht am großen Pulverhauſe die langen goldenen Locken drauf⸗ gegangen waren, und Ihr den Feuergeiſt für den flink⸗ ſten Haarfriſeur erklärtet, auch Ihr ſitzt da wie ein Wachsbild, und traget dazu hier auf der Stirn ein —— — —— — —— 137 neues Ehrenzeichen, das ſchwarze Pflaſter, um das Euch mancher Kaiſerjunker und jeder unſerer Bürger beneiden wird, wenn ſich die blutrothe Feuernarbe erſt darunter geſtaltet.— Der Angeredete, ein junger Mann mit einem edeln, angenehmen Antlitz, ſchlug das dunkele Augenpaar gegen den Greis auf, und eine zuckende Flamme ſchien daraus gegen den weißen Bart des Alten zu fahren.— Vater, ſagte er mit tiefer, zürnender Stimme, und Du frägſt uns noch? Ein Todtenmahl iſt es, zu dem wir bei Dir eintraten. Liegen nicht außen in den Trümmern der Schanz hundert und zehn der Unſrigen, zerriſſen vom heißen Pulverfeuer, zertreten vom breiten Fuß der Ssyp ter, und Du frägſt, Vater?— Weiß, weiß! nickte der Schankwirth. Auch Haupt⸗ mann Ambroſius, der hochherzigſte aller Rathsmänner, liegt dabei. Aber ſie ſind wie der heilige Elias gerade auf in den Himmel gefahren, ohne lange Pein und Krankheit, und Sankt Michael und Georg, die gewal⸗ tigen Hauptleute der himmliſchen Leibwacht, werden ſie wie tapfere Kameraden empfangen, und ihnen ein beſſe⸗ res Ehrenmahl bereitet haben, als euch der Wirth zum Lamm für heut Abend vorzuſetzen vermag. Iſt denn der alte Lamprecht nicht auch dabei geweſen in Un⸗ garn und an der Sau, dem verdammten Schlamm⸗ fluſſe, deſſen Waſſer ſelbſt der ſchlechteſte Weinſchank nicht gebrauchen könnte? Die Stadt muß die ta⸗ pfern Männer betrauern, denn ſie werden ihr mangeln; ich kann ſie nur beneiden, denn in ſolch großer Zeit gibts nichts Jämmerlichers, als einen verkrüppelten, lahmen Mann wie mich, der höchſtens dazu taugt, hin⸗ ter den Palliſaden die leeren Feldflaſchen wiederum zu 138 füllen. Zapfen und Spundloch! Solch ein ſchneller Ehrentod bringt Erlöſung und ewige Ruhmeskrone zu⸗ gleich. Ich mag wohl ein zu ſchlechter Kerl geweſen ſein, daß mich der Herrgott eines ſolchen Valets nicht werth gehalten.— Der junge Pötzinger ſtand raſch auf und legte ergrif⸗ fen ſeine beiden Hände auf des Greiſes Schultern. War⸗ um kann ich Dir nicht das Mark meiner Knochen geben, Du grauer Roland? fragte er. Du könnteſt uns den verlorenen Frank erſetzen. So ſind wir eine Meute Hunde ohne Jäger geworden. Aber, Vater, ſagte man Dir noch nichts? Iſt der Stephan heute Abend bei Dir vorge⸗ ſprochen? ſetzte er mit weicher Stimme hinzu.— Still, ſtill! erwiderte der Schankwirth, indem er mit den grauen Augenwimvern blinkte und ſich mit dem Rücken der Hand über die Stirn ſtrich. Ich weiß, der gute Junge hat auch die Luftreiſe mitgemacht; ſie haben ihn hereingebracht in den Paſſauer Hof mit zerſchlagenen Gliedmaßen, und ich hade dem Gevatter Flaſchner zwei neue Dukaten geſchickt, damit er ſich meines Bruderſohnes beſonders annähme. Er iſt hin; Gott ſchenke ihm eine leichte Erlöſungsſtunde, und ich muß mich ietzt nach einem andern Erben umſchauen. Aber ich bleibe dabei, hätte ich ſieben Buben, und ſie lägen alle ſieben heute ſtill und bleich im Thor, ich würde doch ſprechen: wer für den Kaiſer fiel und zum Heil unſerer Stadt, der iſt ein vom Herrgott Begnadigter, und man rufe ein: Wohl ihm! an ſeinem Grabe. Mein Bruder iſt von meinem Blut und wird eben ſo thun.— Er rückte ſein Woll⸗ käppel und drehete ſich vom Lichte weg, um das Waſſer zu bergen, welches ihm gegen ſeinen Willen in die alten Augen getreten. ——— ———————— ——————— . 139 Focky, Popowitſch, ſoll der Graukopf uns beſchä⸗ men? rief der Pötzinger aus. Er hat Recht, ſie ſind eines ſchönen Todes geſtorben, und ihr Gedächtniß wird nicht verlöſchen, ſo lange der Stephansthurm zum Him⸗ mel emporragt. Wer weiß, was uns bevorſteht? Dar⸗ um den tapfern Brüdern noch einen ernſten Weihetrunk gebracht, und dann laßt uns gewaltſam den Gram aus der Bruſt werfen, daß drin Platz wird für unſere Pflicht, zu der ihre Schatten uns von morgen an dop⸗ pelt treiben müſſen. Hebt die Becher und trinkt! Es gilt dem Andenken der Todten! Mögen ihre tapfern Seelen nach kurzem Fegfeuer eingehen zur himmliſchen Herrlichkeit. Alle waren aufgeſtanden, und wie dumpfes Glocken⸗ geläut erklangen die langſam zuſammengeſtoßenen Römer; auch der Pole ſtand auf und hob ſein Glas, und der Pötzinger, als er es ſah, trat raſch zu ihm heran. Auch Dich trifft der Trinkſpruch, ſprach er im Gemiſch von Ernſt und leichter Laune, denn Du haſt ja mit in des Petrus Pforte da oben geſchauet, und gehörſt ſo eigent⸗ lich nicht mehr zu den Lebendigen, ſondern ſtehſt wie ein Geſpenſt zwiſchen uns, das Deine Kameraden her⸗ geſandt, uns ihr gemeinſames Valet zu ſprechen.— Auf Koltſchützky's Munde erſtarb in unverhehlter Rüh⸗ rung das Gegenwort, aber er ſtieß auch traulich an des reichen Pötzingers Glas und neigte ſich dabei in dankba⸗ rer Demuth. Aber ein arges Gelärm im Vorhauſe ſtörte jetzt die Todtenfeier; weit ward die Saalthür aufgeriſſen, und herein ſtürmte ein faſt zahlloſer Haufe erhitzter Männer, durch einander prahlend und ſich ſtoßend und drängend in ihrem Jubel, bis ſie nach und nach in der weiten 140 Halle Platz gefunden. Es waren junge Kaufherren, Studioſen und Gewölbdiener, alle in beſchmutzter, zer⸗ fetzter Kleidung, viele Geſichter darunter am Munde ge⸗ ſchwärzt von Pulver, auf manchen ſogar noch eine unverbundene Wundſchramme, an deren Rändern das getrocknete Blut klebte. Viele warfen ſich erſchöpft auf Bänke und Seſſel, indeſſen die Mehrzahl wie ein ſau⸗ ſender dunkeler Bienenſchwarm, deſſen Königin ſich feſt auf einen Baumaſt geſetzt, in der leeren Mitte des Saales einen Knäuel bildete, der ſich nicht aufwickeln wollte. Guten Abend, treue Nachbarn! rief der hochgewach⸗ ſenſte von den Eingetretenen, der Sammethändler Hirn⸗ eis, den Sitzenden zu. Iſt's vergönnet an eurer Tafel Platz zu nehmen? denn bei dem heiligen Laurentius, wir ſind heiß und gedörrt innen und außen, als hätten wir auf ſeinem Roſt gelegen.— Ihr Herren kommt ſpät, antwortete Pötzinger, Platz machend, und ſtecket, wie wir ſehen, noch in den Kriegs⸗ kleidern. Seid ihr bis jetzt draußen geweſen, da doch die Trommel auf der Baſtei längſt die Retraite ge⸗ ſchlagen?— Wir waren die Letzten, die wieder hereingezogen, und haben die Kahlköpfe weit ins Feld gejagt über ihre Lauf⸗ gräben hinaus; dann halfen wir Jüngern, nachdem die Alten Ruhe geſucht, an der Breſche, ſperrten ſie mit Balken und Dachſtühlen, ſpannten Rindshäute davor und ſchleppten aus Hopfers Magazin einen ganzen Berg von Wollſäcken hinein, ſo daß die alte Mutter Wien dieſe Nacht wiederum ruhig zu Bett gehen kann.— So ſprach mit rauher Stimme der Sammethändler und drehete ſich dann, das wüſte Haar von der großen Stirn 141 ſtreichend, nach der Küchenthür hin und rief: Aber wo bleibt der faule Kellner und das Madel vom Haus? Auf, Vater Lamprecht, rührig herbei, was das Haus vermag! Ich ſehne mich nach Deinem ſauren Roſtbratl und den Speckknödeln daran, oder nach einem Schöpſen⸗ ſchlegel, der aber von keinem Methuſalem genommen ſein muß.— Mir Schnitzeln und Kappern! rief ein Nachbar von dem Vorſprecher.— Mir eine Keule vom Schuſtervogel! ein Zweiter. Haſt Du noch einen Indian, Papachen? donnerte der Hirneis dazwiſchen. Bring ihn heil auf den Tiſch, mein Säbel ſoll ihn ſchon zerſtückeln. Heute iſt kein Aſchermittwoch, ſondern es ſoll ſein wie Oſtermontag, und ich, als ihr Oberſt, dispenſire alle meine Leute von der Faſtenſpeiſe. Und Wein auf den Tiſch, das beſte Faß Maidlinger aus Deinem Keller herauf, und haſt Du noch vom Aus⸗ bruch, ſo laß uns mit dem edeln Ungarn Freundſchaft machen. Alles mir auf das Kerbholz, denn meine Bur⸗ ſchen haben's verdient und vorausbezahlt mit rothem, edlen Lebensblute.— Ja, Freund Kaſpar, fuhr er dann wiederum fort, einen heißern Tag haben meine Augen nicht geſehen, ſeit ich des Großvaters krummen Türkenſäbel an meine Hüfte ſchnallte. Es ging ſo dicht daneben vorbei, daß nicht der Satanas, der vermaledeite Muſtapha, ſeinen Mond auf unſere Kirchthürme pflanzte ſtatt des heiligen Kreu⸗ zes. Die Palliſaden brannten wie Fackeln und Leucht⸗ feuer; vierzig Janitſcharen ſtanden ſchon in der Stadt, eine ganze Rotte der Tiger ſaß ſchon feſt im Ravelin, und die Wagehälſe hatten ſich bereits auf die Mauer geſchwungen und vier der häßlichen Pferdeſchweife waren . 3 — —— 142 eingepflanzt und flatterten zum Spott für uns im Winde. Regiment Kaiſerſtein lag zur Hälfte am Boden und der hochherzige Starhemberg ſaß mitten im Gedränge, da ſtürmten wir heran und die Spanier und die deutſchen Landsknechte, und machten Licht und Luft, und das Spiel drehete ſich um.— Heida! Wie ſauſeten des Mied's Traubenkugeln zwi⸗ ſchen die Opiumfreſſer, es war wie Hagelſchauer in ein weißes Kohlfeld, jauchzte ein blondhaariger Gewand⸗ ſchneider dazwiſchen; Alles purzelte über und über, und die Turbane flogen wie Spielbälle, und die glatten Kahlköpfe tanzten durcheinander wie Faſtnachtsnarren und Pickelhäringe, denen der Schalmeipfeifer einen Schleifer aufgeſpielt. Dem armen Mied wurden beide Hände durch eine Kugel abgeſchoſſen, fiel ernſt der Hirneis dem jungen Lacher in das Wort; aber er commandirte fort bei ſeinem Geſchütz, bis er verblutet auf die Lavette ſtürzte.— Saheſt Du den tollkühnen Scharfenberger Grafen? fuhr ein Anderer wie in ſeliger Erinnerung vom Seſſel auf. Dicht neben mir metzelte er zwei Janitſcharen nie⸗ der, daß mir der heiße Saft aus dem nackten Halſe des einen über die Wangen ſpritzte. Meiſter Kopfab hätte mit ſeinem Beil nicht kunſtfertiger ſchlagen können, und der edle Herr ſah auch dem dicken Schlachtmeiſter neben der Rumorwacht am Saumarkt ähnlicher als einem kai⸗ ſerlichen Stallmeiſter. Sieh hin, da ſitzt das Türken⸗ blut noch auf der Halskrauſe.— Alles Lumperei gegen die Saujagd im Keſſel, fiel der Felsberger ein, ein kleiner drolliger Menſch mit ho⸗ her Schulter, der den Innungsnarren zu ſpielen ge⸗ wohnt war. An hundert der Pantoffelhelden ſaßen in 1 ——— ————— 143 dem Erdloch, ſchanzten friſch, als ſäßen ſie unter Ma⸗ homeds weitem Mantel. Längſt hatten wir alle ihre Glaubensbrüder über ſie weg gepeitſcht, bis zu ihrem bunten Feldlager, und die eingeſperrten Sauen im Keſſel wagten nicht einmal die Rüſſel herauszuhalten, und wir hörten nichts als ihr Gegrunz, das einem Teufelsge⸗ ſange ähnlicher klang als einem menſchlichen Wort⸗ wechſel. Da ließ Hauptmann Heiſtermann, der wüthig geworden über ſeines Kameraden, des Mied's, Unglück, Granaten in den Keſſel werfen, daß es drin praſſelte. und blitzte, wie bei dem Feuerwerk zur Kaiſerkrönung. Alleſammt kamen nicht wieder zu Tage, und zuletzt be⸗ gruben wir ſie mit ihren eigenen Schaufeln in dem Grabe, was ſie ſich ſelber zurecht gemacht.— Ja, ja, Mancher, der vom Weibe geboren, ging heute ſchlafen im unwillkommenen Bett. Auch der Sta⸗ rhemberg ſoll geblutet haben, ſprach man, als wir ein⸗ zogen. Gott erhalte ihn, denn ohne ihn wären doch all die Opfer nutzlos und würden nur das Verderben ver⸗ größern; ſo ſprach düſter der Sammethändler, ſich noch⸗ mals durch die rauhen Haare ſtreichend, dann fuhr er aber wieder herum auf dem Seſſel, und ſich gewaltſam zum luſtigen Humor ſtimmend, rief er: Aha, da kommt endlich unſere Hauptperſon und unſire neue Fahne mit ihm!— Eine Fahne? fragte der Pötzinger verwundert. Hat euch der Commandant ein Ehrenzeichen ertheilt?— Das Gedränge an der Thür lüftete ſich jetzt; ein langer junger Menſch mit leichenbleichem Angeſichte er⸗ ſchien aus dem geöffneten Knäuel und wurde unter Ju⸗ belgeſchrei vorgeſchoben; er trug ein türkiſches Kriegs⸗ zeichen, einen Roßſchweif, an langer Stange und mit 144 dem ſilbernen Halbmonde oben auf der Spitze in der Rechten, und ſtand verlegen in der Mitte des Saals, und grüßte ungeſchickt nach allen Seiten.— Nicht geſchenkt, antwortete der Hirneis, nein, wir haben die Fahne uns ſelbſt gewonnen, und ſie ſoll han⸗ gen in unſerem Innungsſaale für ewige Zeiten. Unſer Flügelmann, der ſie trägt in ſeiner Rieſenfauſt, hat ſie auf der Mauer genommen, wo ſie, ſchon voreiligen Sieg verkündend, ſich feſtgeſtellt.— WMein guter Nachbarsſohn, der weichherzige Schlag⸗ nitweit? ſtaunte der Pötzinger. Nun, es geſchehen noch Wunder, und die Liebe für die Vaterſtadt wandelt Läm⸗ mer zu Löwen.— O der Schlagnitweit ließ es nicht dabei, ſprach Hirneis fort. Er hat ſich nicht gefürchtet vor dem zot⸗ tenbärtigen Aga, der das Ding aufgepflanzt, hat ihn am langen Bocksbarte zur Erde geriſſen und, wie eine Rieſenſchlange den Tiger, ihn mit ſeinen langen Armen umwunden, bis ihm der Athem ausging und er ſich ge⸗ fangen gab.— Was muß ich hören? rief da der Studioſus Trüb⸗ lern, indem er ſich vordrängte und ſeinen linken Arm um den Roßſchweifträger ſchlug. Bravo, Junker Schlag⸗ nitweit! Wir ſind uns lange aufſäſſig geweſen um die Elsbeth im Winterbierhauſe, und mein Dornſtock juckte mir jedesmal in der Hand, wenn ich unter den Tuch⸗ lauben ging und Dich wirthſchaften ſah zwiſchen Deinen Packen und Kiſten. Komm an mein Herz, mein Junge, und laß uns Smollis trinken von ganzer Seele.— Schau, fuhr der wilde, ſchöne Burſch fort, nachdem er den ſteif Daſtehenden abgeſchmatzt, ich dachte wunder, welch Ehrenkleinod ich heute mitgebracht, und wollte 145 ſtolziren damit vor der ſtattlichen Geſellſchaft, und es dann meinem Vater ſenden, dem ehrenwerthen Profeſſor zu Heidelberg. Aber mein Siegeszeichen dünkt mich jetzt wie ein Fuchsbalg neben einer gewonnenen Löwenhaut, und ich ſchenk Dir's, daß Du es hängen kannſt an Deine gewaltige Paſchas⸗Fahne.— Er hielt eine kupferne Feldflaſche in die Höhe, in deren Bauche ein langer Pfeil ſteckte, und ſie durchboh⸗ rend hier mit der ſcharfen Eiſenſpitze, dort mit den fei⸗ nen Adlerfedern herausragte.— 6 Schau, fuhr der Student fort, meine Herren Brüder trieben ein Dutzend erbeuteter Büffel zum Thor, herrli⸗ che Beſtien, um daran cum amore Anatomie zu ſtudi⸗ ren; Altmanns Compagnie beſſerte eilig an der wieder⸗ gewonnenen Schanze, indeß die Spahis ſich gegenüber wieder geſammelt und doch den Angriff verzögerten; da trat ich in toller Laune hinaus ins Feld und hielt ihnen die Flaſche hin, und trank ihnen zu auf baldigen Abzug. Ein flüchtiger arabiſcher Reiter, den ich nicht bemerkt, jagte indem neben mir vorüber, ſein Bogen ſchnarrte, und wie ihr ſchauet, ſein Pfeil fuhr mitten durch mein Gefäß und warf es mir dicht vor dem Munde weg. Ich hob's auf, lachte den Schützen laut aus, trank den Reſt über den Pfeil weg und rief ihnen ein donnerndes Pereat. Aber was bleibt mein luſtiger Schwank neben Deinem Heldenſtück? Nimm's hin, Du Alexander und Pompejus zugleich, ich laſſe Dir die Kleopatra aus dem Winterbierhaus und mein Siegeskleinod obendrein, bis auch ich es mit ſo einem pferdehaarenen Fliegenwedel wiederum einlöſe.— Die Geſellſchaft brüllte ein Vivat. Aufgepflanzt dort Blumenhagen. VI. 10 146 über dem Kamine und die Flaſche darunter geſtellt! rie⸗ fen Mehre, und der bleiche Schlagnitweit folgte gehor⸗ ſam und ſtumm dem Befehle ſeiner Gefährten. Glück zu, Bruderherz! kam da eine halb verhaltene Stimme zu ſeinem Ohre. Zwiſchen Frühroth und Abend⸗ licht ſeid Ihr ein Cavalier geworden, und ein ächter. So etwas zu ſchaffen möchte ſelbſt kaiſerlicher Majeſtät nicht leicht werden.— Scheu blickte der Roßſchweifträger zur Seite, und als er den bärtigen Koltſchützty ſah, der hinter ſeinem Tiſchchen ſtand, ſchlug das helle Blut auf ſeinen Wan⸗ gen aus. Er wandte ſich, und da er die ganze Geſell⸗ ſchaft bei Becher und Schüſſel beſchäftigt ſchauete, ſagte er leiſe aber mit Wärme: Was ich that, habt Ihr in mir gethan! Euer Wort fuhr wie ein Scorpionſtachel mir in das Herz; Verzweiflung der Scham machte mich taub und blind, und, ſo wahr ich getauft bin, ich weiß nicht, wie das Ding da in meine Fauſt gekommen und wie der wüthige Muſelmann unter meine Füße gerathen. Sicher hat Euer ſcharfes Auge auch wohl bemerkt, wie die Lobſprüche mich beſchämt und meine Zunge gelähmt.— Getroſt, wackeres Jungherrlein! entgegnete der Pole launigt lächelnd. Iſt doch mancher gerühmte Held auf ſolche Weiſe zu ſeinem erſten Lorbeer gekommen. Aber luſtig anjetzs, Bruderherz! Nehmt, was Euch das Schick⸗ ſal zuwarf, mit Freude und Dank!— Dir werd' ich's danken mein Lebenlang! ſagte der Jüngling und ging zur Tafel.— Meſſer und Gabeln klirrten angenehmer wie Schwer⸗ terkuß, die Becher und Gläſer klangen heller wie Küraß⸗ Geraſſel, hundert Stimmen murmelten wie in einer Synagoge während der Hamansnacht, und ſo wurde ein 147 neuer Gaſt nicht ſogleich bemerkt, der durch die Thür getreten. Es war ein wohlbeleibter Mann mittlerer Sta⸗ tur, gekleidet in einen rothen Scharlachrock mit Goldtreſſen beſetzt; aus einer ziegenhaarigen gelockten Perüke und der gefalteten Radkrauſe des Halſes ſchauete ein verwun⸗ dertes, faltenvolles Angeſicht auf die Tafelnden, und un⸗ ter den buſchigten grauen Braunen thaten ſich zwei trübe, rothgeränderte Augen wie im Krampfe wechſelnd auf und zu, als hätte der Kerzenglanz ſie geblendet. An ſei⸗ nem langen Rohrſtocke, den ein ſchwerer Goldknauf zierte, trippelte der Mann nach einer Weile näher durch die hin und her eilenden Kellner, und berührte mit ſeinem Stabe den Rücken des Schankwirths Lamprecht, der eben bemüht war, über die Schultern der unruhigen Gäſte einen duftenden Puterbraten glücklich auf die Mitte der Tafel zu bringen. M Lamprechti! ſagte der Rothrock zu dem mit un⸗ williger Geberde ſich zu ihm Kehrenden, habt Ihrkwohl eine Minute— Halt ſtill!— bei Eurem ſobaritiſchen Geſchäft für mich und für einen Auftrag aus hochwür⸗ digem Munde?— Ei, ſieh da, Herr Flaſchner! rief freundlich der Wirth. Willkommen zu ſolch ungewohnter Stunde.— Willkommen, Herr Flaſchner! ſtimmte zugleich der baumlange Hirneis an. Platz gemacht dem Ehrenmanne, der auf einem Felde ficht, das nicht weniger ſchauervoll iſt und gleich gefährlich wie der Brennkaſten im Burg⸗ ravelin, den der Vezier den chriſtlichen Zaubertopf zu nennen beliebte.— Brüder, ein Vivat hoch der krummen Nadel, die wieder zuſammenflickt, was krumme Damascener aus⸗ einander riſſen! rief der bucklichte Felsberger, indem er 148 ſich an die friſche Narbe ſeiner Wange faßte. Vater Flaſchner, Vivat hoch!— Und mit ihm die erbliche Schönheit in ſeiner Fami⸗ lie, die Fräuleins Haltſtill! Hoch! ſchrie der weinglü⸗ hende Trüblern zwiſchen das donnernde Echo, welches hundertfach das ausgebrachte Vivat wiedergab.— Danke ſchön! erwiderte der alte Chirurg, erhob aber dabei ſein Haupt auf dem gekrümmten Nacken vornehm und mißbilligend, ſtatt es zu neigen, und ſetzte mit kal⸗ tem Tone zu dem Wirth gewandt hinzu: Ich glaubte Euer Haus heute einſamer zu finden, mein guter Freund, denn ich komme ſo eben aus einer Geſellſchaft— Halt ſtill!— die nicht träumet von ſolch üppigem Mahle ihrer Mitbürger. Es fehlt im Franziskanerkloſter an Wein für die Preßhaſten, die Lazarethfieber nehmen überhand, Halt ſtill!— und der hochwürdige Biſchof, der edle Herr Koloniks, läßt Euch durch mich auffordern, ohne Weile noch einige Eimer hinüber zu ſpediren. Ihr kennt die Sorte und ſetzet es auf Rechnung des Hochwürdigen, der ein Schutzpatron iſt für alle die Tauſende, welche für unſere Stadt zu Krüppeln und Siechen geworden.— Gott ſegne den edlen Herrn, antwortete Lamprecht, die Mütze rückend. Aber Ihr ſetzet Euch doch und ge⸗ nießt etwas?— Wäre wohl nöthig, denn die Tagesarbeit war ſauer! ſprach der alte Chiron, indem er die Aufſchläge des Scharlachrocks, die noch vom Hoſpitaldienſt her zurück⸗ geſchlagen waren, über die breiten Hände herunter zog. Ein Seidl Grinzinger! Wenn Ihr in Eurem Stübchen— Nicht doch, fiel Lamprecht ein, der Wein mundet nicht, wenn man ihn allein trinkt, und wie Ihr ſehet, hält mich die Pflicht dahier feſt. Nur her zu mir, 149 verehrter Gevattersmann, hier am Kamin auf meinem Haustiſchlein ſollet Ihr ſogleich bedient werden.— Der alte Rothrock nahm Platz in dem für ihn hin⸗ geſchobenen Lehnſeſſel, aber kaum hatte er die trüben, blöden Augen aufgeſchlagen und erkannt, wer ihm ge⸗ genüber ſaß, ſo ſtieß er mit der Ferſe den Seſſel zurück, und fuhr empor, als habe ſein Fuß in einen Dornſtrauch getreten. Iſt das Spott, Halt ſtill! rief er mit blau⸗ rothem Geſicht, und habt Ihr die Abſicht, einen Riß zu thun durch unſere alte Freundſchaft? Und das Rohr zitterte in ſeiner zuſammengekrallten Fauſt und ſeine Lippen zuckten wie in Gichtern.— Bleibt ſitzen, Gevatter! entgegnete der Wirth, ihn gewaltſam niederdrückend. Zapfen und Spundloch! Was meinet Ihr? Und was ſicht Euch an?— Der Pole da? Der Judenwirth? Ihr wißt ja! Halt ſtill! Da ſitzet ja der Verführer, Betrüger und Unver⸗ ſchämte!— ſtammelte Flaſchner, vor Grimm wie ein Verrückter ſich geberdend. Lamprecht zog ſchnell einen Schemel unter ſich, nahm Platz darauf, und hielt zu⸗ gleich den Chirurg mit der ſtarken Hand feſt, obgleich dieſer mit allen Gliedern zur Flucht ſparrlte wie ein bunter Hampelmann, den ein Knabe am Faden zieht und tanzen macht.— Halt ſtill, verehrter Gevattersmann, ſagte er dabei derb, doch im Tone des Scherzes; das da iſt mein Tiſch⸗ lein, und es hat noch nie ein Geſell daran geſeſſen, der Unehre hinzugebracht. Eure Augen trogen Euch vielleicht, daß Ihr glaubtet einen diebiſchen Croaten oder einen böhmiſchen Galgenſtrick vor Euch zu ſehen, wie derer viele in Eurem Hoſpitale liegen. Es iſt der Georg, mein guter Herr, der, ſeit in des Kaiſers Namen ſein 150 Häuschen in der Vorſtadt niedergebrannt, bei mir Ein⸗ lager genommen, den ich ſeit Jahren gekannt als einen redlichen Zahler und treuen Mann, der mir zu lieb, weil ich kein Kind habe, und jedes Haus ſeinen Mann ſtellen mußte, eingetreten in unſere Compagnie, und gegen welchen Keiner meiner Kollegen Einſpruch gethan hat.— Keiner! rief der Pötzinger, der mit Mehren herzu getreten war. Und gilt das böſe Wort dem Kameraden da, der immer vorn war, und dem Mancher von uns das Leben dankt, Kreuz und Schwert, ſo ſoll ja der alten, bluͤtigen Verbindtaſche das Wetter— Still, fiel Lamprecht ein, wer den Georg beleidigt, Zapfen und Spundloch! der thut mir's an, denn er hat mich in der Compagnie präſentirt, und ich werd's nicht geduldig anſehen, und hätte ich zu dreien Malen Dril⸗ linge mit ihm über das Taufbecken gehoben. Aber der Gevattersmann wird bekennen, daß er falſch ſah, weil ihm die Brille fehlte.— Aber Ihr wißt ja, daß ich— und wie der— So faßt mich doch nicht ſo hart an, wie ein ungariſcher Fanghund! Halt ſtill!— ſtotterte der Rothrock, der ſich in der Klemme fühlte und nicht in ſein Vornehmthun wieder hinein finden konnte.— Ich weiß, fuhr Lamprecht ruhig fort, daß der Georg ſo frech geweſen, auf Euere Tochter ſein Auge zu wer⸗ fen; nun die Liebe ſchauet nicht auf den Schlepprock und auf den Pfauenfederbuſch am Barett, und Vater Adam machte dem Fräulein Eva den Hof, ehe ſie ſich noch einmal mit dem Feigenblatte herausgeputzt. Ihr habt den ehrlichen Freier fortgeſtoßen, habt geſchworen, Ihr gäbet das Poldl Niemanden als einem Altbürger, — 151 der ſein Goldkettlein trüge am Halſe und ſeinen grünen Seidenſäckel voll Adlersdukaten am Gurt wie Ihr. Za⸗ pfen und Spundloch! Der Herrgott erleuchte jedes Chri⸗ ſtenmenſchen Verſtand, daß er das Beſte erwählt. Die Sache iſt damit abgethan; der Georg hat Euer Haus gemieden, und beim heiligen Petrus und ſeinen Schlüſ⸗ ſeln, es iſt doch keine Unehre, mit einem Menſchen ein Maß Wein zu trinken, der uns die Ehre anthat, den Bindeſchlüſſel von uns zu begehren und unſer gehorſamer Sohn werden zu wollen.— Iſt heute denn Allen ein Splitter vom Cranio ins Gehirn gefahren und delirirt Alles in dieſem Hauſe? fragte Flaſchner, der ſeine Kraft und Zunge wieder ge⸗ wonnen. Wer erkühnt ſich, mich zu meiſtern? Halt ſtill! Kann ich nicht ſitzen und trinken wo mir's beliebt und„ nicht beliebt?— Eine ſchöne Ehrlichkeit, der Ihr Euer Rabenlied ſingt! Mag der polniſche Landſtreicher ſeine ſchmutzigen Stiefel hinſetzen, wohin er will, meinen Eſtrich ſollen ſeine Schuhnägel nicht verderben. Heute noch iſt der Schleicher da geweſen hinter des Vaters Rücken, und hat ſich füttern laſſen an meinem Tiſch, hat gedahlt und ſich geherzt mit meinem Kinde. Halt ſtill! und das leid' ich nicht, und wär's nicht Kriegszeit und trüge der Schultheiß nicht ſtatt der Schreibfeder die Kugelbüchſe, heute noch klagte ich, und der Mädchenverführer müßte mir in den Thurm. Die Umſtehenden warfen ſcharfe Blicke auf den Ver⸗ klagten, und auch Lamprechts Geſicht verzog ſich zu un⸗ willigem Ernſt. Foltſchützly hatte ohne eine Miene zu verziehen, dem langen Wortſtreite zugehört und nur zu⸗ weilen ſeinen Schnauzbart mit beiden Händen am weiß⸗ zähnigen Munde herunter geſtrichen; doch ſeinen ſchwarzen 152 funkelnden Augen ſah man die innere Bewegung an, welche mehr von Schmerz als Zorn, mehr von Weh⸗ muth als Groll erweckt zu ſein ſchien. Jetzt blickte er frei und gutmüthig auf die, welche ſich zu dem Tiſchchen gedrängt, ſtand auf, machte ſeine ſchlanke Figur recht gerade und ſprach in die auf einmal entſtandene Stille hinein: Werthe Freunde und Kampfgefährten! Ich bin ein freigeborner Warſchauer und Niemanden eigen oder gehörig. Solche böſe Worte ſchlagen darum an Herz und Ehre, denn nur der leibeigene Knecht iſt ihrer gewöhnt und ihn wundern ſie nicht. Wäre der harte Mann da, mir gegenüber, ein Mann des Schwertes, ſo wäre der Handel freilich verdrießlich. Aber ſeine Knochenſäge und mein krummer Sarras müßten ſich gar kurios mit ein⸗ ander kreuzen, dazu ehre ich einen grauen Bart, wie mir's von früh auf gelehrt, und zuletzt iſt er des treff⸗ lichſten Mägdleins Vater, und ich würde mich lieber in den Feuerſchlund einer fliegenden Flattermine ſtürzen, als dem engelgleichen Geſchöpf eine böſe Stunde machen durch die ſtrenge Rechenſchaft, die Mannesehre von dem Beleidiger zu fordern hätte. Sprechen von meiner Wer⸗ bung, die ihm ein Gräuel iſt, die Mägde am Brunnen, ſo iſt das ſeine eigene Schuld; ſein wilder Eifer allein hat mein tiefſtes Geheimniß zur Schau geſtellt; beſchul⸗ digt er mich aber, ich hätte, nachdem er mir die Tochter verſagt, heimlich gedahlt mit ſeiner Tochter, ſo ſchwör⸗ ich bei den Leiden des Gekreuzigten, daß ſolchem nicht ſo iſt, daß ich ehrlich gemieden haben ſein Haus und kein Liebeszeichen unter Vaterfluch verlangt von der, die mir einſt eine ewige Treue gelobt. Liebe läßt ſich nicht ablegen wie ein Feierkleid, Licht und Luft iſt freie Got⸗ tesgabe, und einen Grames blick aus der Ferne zu Troſt — 153 und Stärkung werdet ihr nicht zu meinen Sünden rechnen.— Bravo! riefen mehre Stimmen. Der alte Chirurg aber ſprach ungeduldig: Halt ſtill! Er lügt, denn heute Morgen noch—— Sind die blanken, gelben Becken über Eurer Thür zu Lug und Trug ausgehängt? fiel der Pole mit finſtern Blicken ihm ins Wort. Sind ſie nicht für Jedermann, der Eurer edlen Kunſt bedarf? Der Luftſprung lag in allen meinen Gebeinen, todesmatt kroch ich an den Haus⸗ wänden hin, und dieſe Hand brannte wie Höllenfeuer, und meine Pflicht gebot mir, ſie der Stadt zu erhalten. Kein Geſchenk habe ich von der Jungfrau genommen, ſelbſt den köſtlichen Ring nicht, den ſie mir einſt gebo⸗ ten; nur dieſe blaue Flaſche drängte die Herzige mir heute auf, mit Wundbalſam gefüllt, und aus ihr will ich meinen letzten Trunk thun, wenn's zum Sterben geht. Daß ich heute ihre Lippen nicht berührt habe, was einem heißblütigen Liebhaber wohl zu verzeihen geweſen, ver⸗ ſichere ich zuletzt noch, mag es auch Manchem hier im Saale unglaublich ſcheinen, ſo wahr ich ein Mann bin, der Pulver roch und Blut ſah. Und jetzt, geſtrenger Herr Flaſchner, gebt Euch zufrieden; nur wenn ich ein Altbürger der Kaiſerſtadt geworden und goldene Prunk⸗ ketten am Halſe trüge, ſoll ich Euer Tochtermann wer⸗ den? Gut, ich acceptire den Spruch, obgleich das eben ſo unmöglich ſcheint, als daß ich noch einmal geboren werden könnte. Mein Wort iſt zu Ende, und ich werde jetzt allen Euren bittern Reden ſtill halten,— er lä⸗ chelte dabei gutmüthig— und denken, ich läge im Spi⸗ tal und Eure heilenden Meſſer ſchnitten in meinen Gliedmaßen; Ihr habt es ja mit dem Himmel auszu⸗ 154 machen, wenn Eure beſte Tochter vor Euren Augen ſich verzehrt im Grame treuer Neigung, und Ihr vielleicht zu ſpät und vergebens in Eurem Medizinkaſten nach einem Mittel ſucht, das gute, tugendſame Kind Euch zu erhalten.— Er ſetzte ſich und neigte den Kopf und ſchauete in ſein Deckelglas. Faſelei, polniſch Gewäſch! murmelte der Alte, ob⸗ gleich er ſich getroffen fühlte; doch eine neue Scene gab der Stimmung der verſtummten Gäſte abermals eine andere Richtung. Ein ſilberner Ritterhelm zeigte ſich in der Thür des Zimmers und man erkannte in dem Eintretenden den allbeliebten jungen Grafen Guido von Starhemberg, den Neffen des gewaltigen Comman⸗ danten, und Jedermann machte dem vornehmen Beſuche Platz.— Ei, ſo luſtige Geſellſchaft hier? ſprach freundlich der blühende, junge Kriegsheld. Die Kunde wird dem Ohm Freude machen, denn ſo lange dem Wiener ſein Gebra⸗ tenes ſchmeckt, iſt nicht Furcht und Sorge in ihm, und dieſe wären die gefährlichſten Bundesgenoſſen des un⸗ gläubigen Großveziers.— Gnaden taxiren uns wie der beſte Makler, erwiderte der lange Hirneis, indem er militäriſch ſalutirend vor⸗ trat. Graf Rüdiger hat geſorgt, daß Wein und Roſt⸗ braten nur weniges theurer geworden, als in ſchöner Friedenszeit; und da wir heute aus Gnaden eigenem Munde gehört, daß binnen einer Woche das Ding ſich enden müſſe zu gut oder ſchlimm, ſo ſchmauſen wir dar⸗ auf los; wird's zum Schlimmen, ſo laſſen wir dem häß⸗ lichen Moslemin leere Schüſſeln, wirds zum Guten, ſo bringt uns der gnädigſte Kaiſer in eigener Perſon — 155 wiederum Vorrath herein.— Graf Guido nickte mit dem Kopfe, der alte Flaſchner aber hatte ſich vorgedrängt und fragte mit tiefem Bückling, ob vielleicht die Excellenza ihn beſchickt, da man von einer Verwundung geſprochen, die den hohen Herrn getroffen.— Nichts davon! Nicht Euch ſucht man! Der Graf iſt wohlauf und ſitzt dem Kriegsrath vor in dieſer Stunde! ſtieß Guido mit ſichtlichem Unwillen hervor, da er rund⸗ um ſtutzige Geſichter erblickte. Ich ſuche einen ganz an⸗ dern Mann, ſuchte ihn in allen Spitälern, und wurde hierher gewieſen als zu ſeinem Quartier. Mein Mann ſoll von Geburt ein Pole ſein, jetzt aber ſtehen in dem Milizregiment des Oberſtwachtmeiſters Schütz, und Georg Koltſchützky iſt ſein Name.— Koltſchützky? Koltſchützky? flüſterte es wie ein Pelo⸗ tonfeuer durch die Geſellſchaft.— Hier, Euer Gnaden! rief jedoch aus ſeinem Winkel der Pole und legte die Hand an die Stirn.— Ja, Du biſt es, den ich verlange! antwortete lebhaft der Graf. Sind Deine Glieder ganz und darfſt Du einen Nachtweg mit mir unternehmen?— Seele und Leib zu Befehl! ſagte der Gefragte mit volltönender Stimme.— So komm mit mir ohne Zögerung, erwiderte Guido mit ſichtlicher Freude. Graf Rüdiger will dich ſehen von Auge zu Auge, und fordert Dich zu ſeinem Palais, wenn es dem Luftſpringer nicht ganz unmöglich.— Mit glühendem Auge verbeugte ſich der Pole, und beeilte ſich, ſein Aermelkleid, ſeine rothe Mütze und ſei⸗ nen Sarras zu nehmen, unterdeß der Graf ſich herab⸗ laſſend mit dem Nächſten unterhielt, und den dargebote⸗ nen Willkommenstrunk nicht verſchmähete. Als beide dann — 156 mitſammen den Saal verlaſſen hatten, ſetzte ſich der alte Flaſchner mit Geräuſch nieder und führte, ſeinen In⸗ grimm zu verhehlen, das Glas an die Lippen; der alte Lamprecht aber ſchlug vor ſich auf den Tiſch und ſprach mit fröhlichem Geſicht: Was ſagt Ihr jetzt, Gevatters⸗ mann? Wem dankt mein Haus den vornehmen Beſuch, der noch nie meine Schwelle beehrt? Gehen ſolcher Art Leute Landſtreichern und Bettelbuben nach, und beſchicken ſie bei Nacht, ja ſuchen nach ihnen in höchſt eigener gnädiger Perſon? Zapfen und Spundloch! Mir ahnen ſeltſame Dinge, und Ihr könnet nur auf eine Abbitte ſtudiren, die Kopf und Füße hat; aber freilich iſt der Georg ſo ein Lamm von Gemüth, wie ſein Bart einem Bärenbarte ähnlich, und würde Euch ſicherlich ſogar das Bußwort erlaſſen. Im Starhembergiſchen Palaſte fand ſich zwar auch in dieſer Nacht noch Lebendigkeit und rege Geſellſchaft, aber ſie war von ganz anderer Art und ſtand im ſtreng⸗ ſten Gegenſatze mit der eben beſchriebenen. Zwei heulende Knaben, von etwa fünfzehn Jahren, trieb der dürre Stockknecht, mit Stricken zuſammen gekoppelt, aus der Pforte vor ſich her, wie der Metzgerknecht ungeberdige Schöpſe vor ſich her peitſchet. Zwiſchen vier Musketieren wankte ein todesbleicher Soldat die breite Hauptſteige herunter, und die Hand⸗ und Fußſchelle, die ihn als Verbrecher kund that, klirrte ſchauerlich, gleich einem wimmernden Todtenglöcklein. Drinnen im Hauptzimmer ſaß der Graf Rüdiger bequem geſtreckt im Polſterſeſſel; ſein Haupt umgab eine ſchmale Leinenbinde, denn ein abgeſprungener Steinſplitter 157 von einem Wachthauſe, das eine Bombe zertrümmerte, hatte ihn am Kopfe verletzt. Neben ihm am Tiſch hat⸗ ten ihre Plätze der Feldzeugmeiſter Caplies, der Land⸗ marſchall Molaſt, der alte Cornelius von Rumlingen und der Freiherr Kielmansegge, und vor der Tafel ſtand ein junger Offizier ohne Degen, Schärpe und Hut, blaß und mit geſenkten Augen. Es bleibt beim Spruch, ſprach der Graf mit ſtren⸗ gem Tone; die Löwelbaſtei iſt in des Feindes Beſitz durch Eure Schuld; warum ſchlieft Ihr, ſtatt zu wachen wie der kluge Kranich, und hörtet nicht, wie die Chri⸗ ſtenfeinde ſich eingruben? Bis zum Tagesanbruch habt Ihr die Wahl, hinaus zu fallen mit vier und zwanzig Mann und das Werk zu nehmen, oder auf dem Sand⸗ haufen von dem Blei der Büchſenſchützen Eure Strafe zu empfangen. Ich meine, für einen Soldaten iſt ſolch Urtheil ein gelindes und willkommenes, denn fehltet Ihr aus Leichtſinn, ſo bietet dem Reuigen ſich die Gelegen⸗ heit, ſeinen Ehrenmakel wieder zu verlöſchen durch eine Soldatenthat; fehltet Ihr aus Feigheit und Vorſatz, ſo iſt der Tod verdient und gerecht.— Ein Adjutant führte auf einen Wink des ernſten Rich⸗ ters den Verurtheilten aus dem Zimmer. Die Laſt wird erdrückend für Euch, Commandant, ſagte beſorgt Graf Molaſt, als er bemerkte, wie ſich der alte Held an die Stirn faßte und ſein Haupt gegen die Polſter ſenkte. Ihr ſolltet auf Eurem Bett in erquicklicher Einſamkeit der Ruhe pflegen, denn Eure erſte Pflicht iſt, Euch der Stadt und dem Kaiſerhauſe zu erhalten. Acht Stunden im Kampfgewühl, und jetzt dieſe traurigen Geſchäfte; eine Rieſennatur müßte erliegen.— Starhemberg erhob ſich augenblicks und ſaß ſtark da 158 und gerade, wie vor ſeinen Reitern auf dem Roß, und ſeine Augen blickten klar und hell. Haben wir Zeit, auf morgen zu ſchieben, was heute drängt? fragte er vorwurfsvoll. Der neue Tag wird auch ſeine Arbeit bringen. Sorget nicht um meine Wunde; Gott kann mich nicht ſo hart ſtrafen, daß ich preßhaft würde, ehe ich mein Werk vollendet, welches ich Kaiſers Majeſtät in die Hand gelobt. Morgen wer⸗ det ihr mich ſitzen ſehen in meinem Stuhle oben auf dem Stephansthurme wie immer, und verborgen bleibe dem Volke der kleine Unfall, damit es nicht entmuthigt werde, denn der Zaghaften ſind immer genug unter dem Haufen, und darum muß ſtrenges Gericht an der Tages⸗ ordnung ſein, das Herz muß nicht ſprechen, und wir dürfen nicht weiße Kugeln werfen, wie unſer mitleidiger Freund gethan.— Aber die Knaben hätteſt Du doch begnadigen ſollen, Rüdiger, entgegnete der Freiherr Kielmansegge. Peit⸗ ſche und ſchmale Koſt im Thurm züchtigt ſolche Buben genugſam.— Sie haben ſich zu Kundſchaftern gebrauchen laſſen, fiel der Commandant lebhaft ein. Im Kinderkleide iſt der Spion der gefährlichſte, weil ihn Niemand ſucht darin. Jeder Verrath kann uns verderben, denn die Stadt iſt nicht ohne ſchwache Seiten. Ihre Köpfe müſ⸗ ſen fallen, gerade des beſondern Beiſpiels wegen, denn nur die Furcht hält das Geſindel und die Schlechten in Zaum und Zügel.— Aber die Eltern? ſtieß mit einem Seufzer der Frei⸗ herr hervor.— Haben ſie durch ſchlechte Zucht die Brut verderbt, durch Sittenloſigkeit ihnen böſes Muſter geſtellt, durch ——— 159 Habſucht ſie vielleicht ſelbſt angewieſen, ſo fällt das Ver⸗ derben der Ihrigen auf ſie und ſie tragen die Blutſchuld, nicht wir, antwortete Starhemberg. Wer von uns darf es ſich verhehlen, ſetzte er langſamer hinzu, indem ſeine Augen düſter auf der Flamme der vor ihm ſtehenden Wachskerze hafteten, daß jeder Abend uns einen Strahl der Hoffnung mehr verlöſcht. Schwamm auch der kecke Götziſche Küraſſier durch den Strom und brachte uns vom Herzoge das Verſprechen baldigen Entſatzes, kam auch der Gregorowich hinaus und gab uns das Feuer⸗ zeichen auf dem Biſamberge, er und kein ſpäterer Kund⸗ ſchafter iſt zirückgekehrt; wir wiſſen nichts vom Heere des Kaiſers, nſere beſten Werke liegen in Trümmern, ſechstauſend Streiter haben wir begraben, die Hoſpitäler ſind voll vom Keller bis zum Giebelſtock und die peſt⸗ artigen Fieber werfen täglich ein halb Hundert braver Bürger in die Grube. Glaubt auch das Volk die Stadt reich an Lebensmitteln, und laſſen wir die Menge in dem Glauben, kaum eine Woche noch und man wird leere Magazine finden. Kommen uns des Himmels feurige Heerſchaaren nicht zu Hülfe, ſo wird Muſtapha's Mord⸗ fackel unſere heiligen Kirchen anzünden und ſein krummer Damascener ein Schlachtfeſt halten auf unſern Märkten, denn tödten wir ihm auch heute Tauſende, morgen treibt ſein grauſamer Sporn hunderttauſend friſche Wölfe heran; wie der Sand der Wüſte, wie die Heuſchreckenwolke ſehen wir ja das fremde Volk lagern auf unſern zertretenen Fruchtfeldern. Darum muß ein letzter Verſuch geſchehen, ohne Säumen geſchehen, und ich glaube meinen Mann dazu gefunden zu haben, wenn ihn nicht Wunde und Krankheit hindert. Gott iſt mit uns, ich ſehe ſchon unſer Rüſtzeug in der Nähe.— 160 Der junge Graf Guido war eingetreten, hinter ihm Koltſchützky reſpektvoll und an der Thür weilend. Tritt näher, Freund, rief Graf Rüdiger. Du biſt der Mann, der heute auf einem Feuerroß in die Baſtei einritt? Nicht wahr?— Und Du biſt ein Pole, kein geborener Wiener?— Wie Gnaden geſagt, antwortete Koltſchützky freimü⸗ thig. Der weiße Adler hat mich verſtoßen, der ſchwarze Adler unter ſeine Flügel genommen, und ich bin ein dankbarer Mann, und glaube, daß ich Schritt gehalten in der Treue mit den Söhnen meines neuen Vaterlan⸗ des. Leider iſt die Hand hier beſchädigt, wenn auch nur leicht, und es thut mir tief im Herzen weh, einige Tage hindurch meine Pflicht nicht thun zu können wie ich möchte.— Kannſt Du nicht fechten, erwiderte der Graf, kannſt Du dennoch vielleicht uns, der Stadt, Deinem Kaiſer einen größern Dienſt erweiſen, als der war, den Dein Arm bislang und Dein Schwert gethan.— Sprecht, Gnaden, ſagte Koltſchützty mit Wärme. Leib und Blut iſt Euch eigen, wenn es eine That iſt, die ihrem Manne Ehre macht.— Ich kenne Dich ſchon länger als von heut, fuhr der Graf fort; Du biſt der türkiſchen Sprache kundig, wenn ich nicht irre.— Ich ſtand als Dolmetſch bei der orientaliſchen Com⸗ pagnie, antwortete der Pole aufhorchend, war am Kauka⸗ ſus und in der Sultansſtadt, und nehm's mit jedem Molla oder Iman der großen Moſchee auf im Disput.— Aber es gilt ein wahrhaft Lebensſtück für die Stadt. Haſt Du Muth dazu im Herzen? fragte der Starhem⸗ berger.— 161 Koltſchützky warf die Bruſt vor, dreiſt durch die ver⸗ trauliche Zuſprache ſeines Feldherrn, und mit der Linken faßte er den Griff ſeines Säbels und ſtieß ihn leicht gegen den Boden. Ich bin ein Pole und mit Weichſel⸗ waſſer getauft, ſagte er, und wer in der Stadt ſetzte nicht anjetzo jeden Tag ſein Leben ein für die Stadt?— Getrauteſt Du Dir denn mitten durch's Feindeslager einen Brief von mir zu tragen an den Herzog von Lothrin⸗ gen? fragte der Graf weiter.— Mitten durch die Hölle! erwiderte mit Frohmuth und Entſchloſſenheit der Pole. Aber ihr thätet beſſer, meine hohen Herren, ſetzte er leichtfertig hinzu, meinen Leib in eine Karthaune zu laden und über die Donau hinweg zu ſchießen, denn ihr wiſſet ja, ich bin Pulverfeſt und fliege wie ein Schwälbchen durch die Luft. Gnaden von Lothrin⸗ gen dürften dann ein Gleiches thun, und die Sache wäre in einem Stündlein abgethan.— Muthwilliger Patron, entgegnete der Graf verwei⸗ ſend, ſcherze nicht ſo leichtfertig mit ernſten Dingen. Dein Leib wiegt uns nicht ſo viel, wie die Botſchaft, die Du uns zurück tragen mußt; denn dieſes doppelte Wagniß haſt Du zu beſtehen, und die glückliche Rückkunft allein macht Dein Unternehmen nützlich und gewonnen. Willſt Du die Reiſe verſuchen?— Mit Gott und ſeinen Heiligen! antwortete Kolt⸗ ſchützky.— Wohlan denn! wir legen das Schickſal der Kaiſer⸗ ſtadt in Deine Hände, ſagte da ſehr ernſt der Graf; den Verräther trifft Kains Fluch und die Verachtung ſeiner Mitbürger. Vollendeſt Du unſern Auftrag, ſoll Dein Lohn nicht ausbleiben, und unſere Dankbarkeit verſuchen, Deine Wünſche zu überbieten.— Du wirſt nicht mehr Blumenhagen. VI, 11 162 aus dieſem Hauſe gehen; man wird Dich hier verſorgen mit allem, was Dir nöthig; einen ganzen Tag ſollſt Du haben, Dich zu ruhen und zu pflegen; aber wenn die nächſte Sonne ſinkt, mußt Du gerüſtet ſein zum Aufbruch. Guido, führe den Mann zu unſerm Haushofmeiſter und empfiehl ihn ſeiner Sorgfalt, als wäre er ein Sohn des Hauſes.— Koltſchützky folgte dem freundlich winkenden Junker, aber im Weggehen murmelte er unter ſeinem Bart vor ſich hin: Ohne Abſchied, das iſt das Harte bei dem Ge⸗ ſchäft. Bruderherz, ich wüßte den beſſern Stärkungs⸗ trank dazu, den kein Haushofmeiſter unter ſeinem Ver⸗ ſchluſſe hat.— Eine Hand legte ſich außer dem Zimmer leicht auf ſeine Schulter, und als er ſich umſah, ſtand der Freiherr Kielmansegge hinter ihm.— Ich kann Dich nicht laſſen, braver Pole, ſagte der bleiche Edelherr, ohne Dir einen Auftrag zu vertrauen, der meine gedrückte Seele leich⸗ tert, wenn er auch vielleicht nutzlos geſprochen werden möchte.— Befehlt, Gnaden! antwortete Koltſchützky reſpekt⸗ voll.— Im Kriegsrath vermochte ich nicht, das Wort darüber auf die Zunge zu bringen, fuhr der Freiherr mit weh⸗ müthiger Bewegung fort. Vor der Sache des Vaterlan⸗ des mußte mein beklommenes Herz verſtummen. Du kennſt vielleicht ſchon das Unglück, welches mich betroffen. Am 13. Juli, als ſich die erſten arabiſchen Reiter an den Vorſtädten ſehen ließen, war mein Weib mit meinen vier Kindern auf der Reiſe hieher. Sie fielen alle, alle in die Hände des Feindes. Ein flüchtiger Knecht ſah die Freifrau, die ihren Säugling wie eine Löwenmutter . 163 vertheidigt, fallen durch den Piſtolenſchuß eines Barbaren; weiter weiß ich nichts von ihnen, konnte nichts von ihnen erfahren. Mann, wenn Dir Gelegenheit ſich darbeut, forſche nach den Kindern. Freilich möchte ich meinen Knaben und die lieben Mägdlein mir lieber todt denken, als zu Sklaven gepreßt, zu Abtrünnigen erzogen von den rohen Hände der Feinde des Glaubens; doch das ver⸗ zweifelte Vaterherz hält den Anker der Hoffnung feſt und läßt ihn nur los im Tode.— Armer Mann, entgegnete der Pole gerührt, und Ihr lebt noch?— Der Kampf für das Kaiſerreich hielt mich aufrecht; Ein Tag der Ruhe würde mich verzehren, antwortete der Freiherr. Gott hat heute ein Wunder an Dir gethan, darum drängte es mich, mit Dir zu reden, obwohl ich weiß, daß Dein gefährlicher Dienſt Dir vielleicht keinen Augenblick bieten möchte, um für mich zu handeln. Aber beut ſich die Gelegenheit, wirſt Du dann dieſer Stunde und des unglücklichen Vaters gedenken?— So wahr ich hoffe, noch einmal ein glücklicher Va⸗ ter zu werden! verſicherte der Pole raſch, und ſchlug ſeine derbe Rechte in die dargebotene des Ritters. Aber nun erfüllt mir auch zwei Wünſche. Sorget, daß man mir einen Pater ſende, einen Beichtiger; ein guter Chriſt tritt eine ſolche Wanderung am ſorgenfreiſten an, iſt er zu einer größern völlig bereitet; und für's Zweite ſchickt nach meinem Knecht Michalowitſch, er iſt ein Menſch, treu wie Stahl von Damaskus und ſchlau wie ein Ar⸗ menier; er hat mich begleitet auf allen meinen Fahr⸗ ten in Aſien und Afrika. Ein kühnes Wagniß thut ſich am beſten zu Zwei; mißglückt es, hat man denn doch 164 eine tröſtende Compagnie am Spieß oder bei dem fata⸗ len Gurgelſchnitt.— Der Freiherr verſprach ihm die Erfüllung ſeiner Bitte und ſchied, als er den Grafen Guido mit dem Hauskaſtellan ſich nähern ſah, den Jener während des kurzen Zwiegeſprächs herbei gerufen. Es war eine düſtere Nacht, ſchwere, tiefhängende Wolken drängten ſich am Himmel und nicht das kleinſte Himmelslicht ſchimmerte droben. Ein Offizier führte zwei türkiſch gekleidete Männer zur Verwunderung der Poſten durch das Stadtthor bei dem rothen Thurme und über alle Außenwerke hinweg bis zur letzten Verſchan⸗ zung. Er zeigte Brief und Siegel des Commandanten den befehlenden Hauptleuten vor, und an dem letzten Aufwurf drückte er dem hochgewachſenſten der Männer in der feindlichen Kleidung die Hand und flüſterte: Mit Gott und in Chriſtus Namen! und ſah den Scheidenden nach, ſo lange die Dunkelheit ihre Schattengeſtalten zu erkennen erlaubte. Herr Georg, ſagte der kürzere und dickere der beiden Wandernden nach einer Weile halblaut im Gehen, es bleibt doch eine alberne Tracht, die wir angethan, und ſie kommt mir heute beſonders läſtig vor, obgleich ich ſie vordem gar oft getragen. Der gefangene Jenkids⸗ ſchari, von dem man ſie geborgt, muß um einen gan⸗ zen Kopf länger geweſen ſein denn ich, der Kaftan ſchlägt mir auf die Ferſen und es iſt mir, als wenn das Geſpenſt des beraubten Goliaths mich bei jedem Schritte feſthielte am Schlepp feines Schlafrockes, und der baumelnde Aermel an der weißen Mütze flattert dazu „5 ——, 165 mir um die Augen, daß mir das letzte Reſichen Licht verlöſcht.— Still, Michalowitſch, entgegnete verweiſend der An⸗ dere, jeder Ton Deiner Baßſtimme kann ein osmaniſches Meſſer gegen unſere Kehle locken.— Nun, die feinen Stahlpanzer aus der gräflichen Waffenkammer, die uns heimlich decken, fangen ſchon ven erſten Stoß, und unſere Fäuſte würden den Feind demnächſt am zweiten hindern, antwortete der Diener. Ueberdem iſt's ja, als wäre der Vezier mit all ſeinen Bocksbärten abgezogen, denn ich ſehe kein Wachtfeuer, nicht einmal einen glimmenden Kohlenhaufen vor uns.— Still, flüſterte Koltſchützly anhaltend im Marſch; hörteſt Du nicht das Schütteln einer Pferdehaut? Dort iſt ein Poſten der Tſchaus am Laufgraben. Vir müſſen rechts in die Brandruinen ausweichen.— Die Vorſichtsmaßregel ward ſogleich befolgt, und da Koltſchützky jedes Fleckchen um Wien kannte, ſo hoffte er auf einem Umwege leichter zum Lager zu gelangen und jedes vorgeſchobene Wachtpiquett zu vermeiden, fand aber vald, daß durch die Zerſtörung des Krieges die ganze Umgebung bis zur Unkenntlichkeit verändert wor⸗ den. Sie hatten ihre Kaftans aufgeſchürzt und ſtiegen beſchwerlich über verkohltes Balkenwerk, halb zerſtörte Mauern, niedergeſchlagene Bäume, und ermüdeten auf dieſe Weiſe ihre Kräfte, ehe noch die Hauptgefahr ihnen entgegen getreten. Als ſie jetzt eine Zeitlang auf offener Feldflur behutſam fortgeſchritten, blieb Michalowitſch plötzlich ſtehen und flüſterte: Herr, was ſagt Ihr zu der Geſchichte?— Nun? fragte Koltſchützky verwundert.— Die Nacht iſt keines Menſchen Freund, und uns hat der Satanas im Kreiſe herum geführt wie einen blinden 166 Gaul in der Oelmühle. Strenget Eure Augen nur an, ſo viel es das bischen Himmelsſchein zuläßt, das durch die ſchwarzen Wolkenberge herabfällt. Wir ſtehen wahr⸗ lich wieder an der Stadt; da ſehet nur dort das Rothe⸗ thurmthor vor uns, und dahinter die hohe, graue Klo⸗ ſterkirche.— Narr! ſprach der Pole, zähme Deinen Athem! Dort hinüber liegt Sankt Ulrich, und der himmelhohe Bau vor uns iſt des Veziers Prachtgezelt. Zähme Deinen Athem wie ein Perlentaucher, denn wir ſind wenige Schritte vom Lager.— Der Herr muß Recht behalten gegen den Knecht, murmelte Michalowitſch. Aber iſt's, wie Ihr meinet, ſo hat das Teufelsvolk durch ſeine Hexenmeiſter das ganze Iſtambol an die deutſche Donau verzaubert.— Koltſchützty hatte recht geſehen; baldigſt ſtanden ſie an dem trockenen Graben, der das türkiſche Lager um⸗ gab, und nur durch die angeſtrengteſte Aufmerkſamkeit und Wechſelhülfe gelang es ihnen, unbeſchädigt über die Palliſaden und durch die ſchwarze Tiefe zu kommen, wo ihnen hingeworfene Wolfsfallen und Fußeiſen gefährlich werden konnten. Sie waren im Lager; ein Gedräng unordentlich aufgeſchlagener Leinenhäuſer und Baracken umgab ſie, und im Fortſchreiten ſtießen ſie hier gegen einen Pfahl, an den ein Roß gebunden, dort ſtolperten ſie über ausgeſpannte Seile und Zeltpflöcke, dazu war es ſchauerlich ſtill in der ganzen, unabſehbaren Solda⸗ tenſtadt, nichts verkündigte eine menſchliche Nähe, kein irdiſcher Laut die ungeheure Waffenmacht, die auf dieſen Fleck zuſammengedrängt ausruhete von grauſamen Tha⸗ ten der Wuth und zu neuen ſich erſtärkte. Könnte ich die Eule, welche eben vorüberſchoß, zur ——— — 167 Stadt ſenden mit einer Botſchaft! ſeufzte Georg ingrim⸗ mig. Die Beſtien ſchlafen, als wenn Gott ſelbſt nur über ſie Wacht hielte. Iſt's nicht, als zögen wir durch eine Stadt jenſeits des Balkan, worin die Peſt den Letzten aufgezehrt? O wäre Schützens Regiment und der Hauptmann Cammucci mit ſeinen Feuerwerkern bei der Hand, welch einen Tanz könnten wir aufführen, wenn ſeine Pechkränze dazu leuchteten. Der Himmel ſchien ſeinen Mordbrennertraum ſogleich beſtrafen zu wollen! Der Wind ſauſete auf einmal durch die höheren Lufträume und unterbrach durch ſeine dumpf⸗ rollenden Stöße die vorige Stille. Schwärzere Wolken⸗ maſſen flogen heran und berührten faſt die Erde. Alle Schleußen des Luftreichs ſchienen ſich auf einmal auf⸗ zuthun, und ein Regen praſſelte in Strömen nieder, als wäre die alte Sündflut vor der Thür, und obgleich die verlaſſenen Nachtwanderer glücklich in eine ebene Lager⸗ ſtraße gelangt waren, ſo machte die jetzt undurchdring⸗ lich herein gebrochene Finſterniß jeden Schritt unſicher, und gar zu bald waren ſie wieder zwiſchen die Zelte gerathen, und fühlten die ſchlimme Unmöglichkeit, weiter zu kommen. Wer doch ein Kater wäre, Herr! ſeufzte Michalo⸗ witſch. Ich tauſchte ohne Wahl meine ſchwarzen Augen für ſolche grüne Nachtlaternen. Was meint Ihr, wär's nicht das Beſte, in das nächſte Zelt zu brechen, und ſich zwiſchen die bärtigen Topſchies oder Sakkas zu werfen, die uns vielleicht als berauſchte Opiumfreſſer gaſtlich auf⸗ nähmen? Und wenn ſie nicht wollen, machen wir ſie kalt mit dem Handſchar. Vielleicht führt uns gar das Glück auf die Polſter einer Odaliske, deren warme, weiche Haut uns trocknet, und die Fiſche in Salamander verwandelt.— 168 Horch, was regt ſich da? fiel Georg erſchrocken ein. — Kennt Ihr denn das liebe Vieh und ſein gutmüthig Gegrunz nicht mehr? entgegnete Michalowitſch mit hei⸗ term Tone. Nur hierher zu mir, die langen Lefzen einer Kameels ſchnauze haben ſo eben mein Geſicht geküßt, und ich ſitze ſchon auf ſeinem traulichen Halſe.— Wirklich befanden ſie ſich auf einem Platze, wo das Laſtvieh der Armee in langen Reihen neben einander ge⸗ lagert war, und Koltſchützky's unbeſiegbare Beſonnenheit gab ihnen ſogleich den Vorſatz ein, hier unter den treuen Gefährten der Pilger, unter den gutmüthigen Thieren der Wüſten des Orients Schutz gegen das Ungewitter, den Nachtfroſt des Nordens und die tödtliche Bedräuung der Menſchen zu ſuchen. Mitten zwiſchen die ruhenden Ungeheuer drängten ſie ſich, ſchnitten ihnen die wollenen Rückendecken ab, und hüllten ſich hinein, und die langen Hälſe der Dromedare, welche von den beunruhigten, durch den Sturm geängſteten Thieren gekreuzt über ein⸗ ander gelegt wurden, bildeten ein Dach über ihnen, das ſie nothdürftig ſchützte. Die Nacht dauerte lang. Anfangs hatten die Ge⸗ fährten ſie durch Plaudern zu kürzen geſucht, ſpäter wurden Beide ſtill; der derbe Knecht war in der Wärme der nahen rauhen Thierleiber eingeſchlafen, Koltſchützky aber fühlte mit Schrecken ein Wundfieber in ſeinen Adern und Gebeinen; trübe Bilder flogen an ſeiner Phantaſie vorüber, auch ſeine Leopolde ſtand vor ihm bleich und wie in Trauerſchleiern; doch zuletzt kam auch über ihn ein unruhiger, leichter Schlummer, oft durch⸗ brochen freilich von fieberhaftem Auffahren, ängſtlichem Halbwachen, und die Bruſt umſchnürenden Schreckens⸗ träumen.— —ꝛ 169 Es iſt hohe Zeit! rief er halblaut jetzt dem Gefähr⸗ ten zu; ſchon wird es weiß in Oſten, jede Minute kann den Tod bringen. Auf die Beine, Du Siebenſchläfer! — Es bedurfte einiger Fauſtſtöße, um dem Knecht die Augen zu öffnen, der verwundert, ehe er ſich erhob, die Blicke in der Dämmerung umherſchweifen ließ, den wolkenleeren Himmel anſtaunte, und erſt dann, als er ſeine feuchte Kleidung betaſtet, zu klarem Bewußtſein ſeiner Lage gelangte. Schnell ſtand auch er jetzt auf den Beinen, doch folgte er dem fortſchreitenden Herrn nicht eher, bis er zuvor die Schnauzen der nächſten Thiere geküßt, und ihnen eine leiſe Dankſagung für die treue Nachtherberge zugeflüſtert hatte. Sicherer wandelten ſie jetzt wie im Sturmſchritte durch die Straßen des Feldlagers, in welchem noch keine Menſchengeſtalt ſichtbar geworden. Dann und wann hörten ſie ein tiefes Schnarchen der Morgenſchläfer, die Stimme der Träume, die dem Erwachen voran zu ge⸗ hen pflegen; zweimal vernahmen ſie in einem Gezelt das Frühgebet eines andächtigen Muſelmanns, Sprüche des Korans, durch die ihr Schritt beſchleunigt wurde. Bereits befanden ſie ſich jetzt in den hinterſten Revieren der Lagerſtadt, ſie erkannten die Hütten der Araber und Syrer, die zur Deckung des Rückens der Armee dort lagerten, das Gezelt des Paſchas von Großwardein er⸗ hob ſich ihnen zur Seite, und mit freierem Athem ſahen ſie die Weinberge hinter dem Lager durch die Dämmerung ſich heben mit ihren Thyrſusſtäben und weithin erkenn⸗ baren zacken⸗ und gatterförmigen Umriſſen. Freundlich ſich einander zunickend, bogen ſie jetzt in die letzte Zelt⸗ reihe und— Beider Füße ſtanden erlahmt und wie an den feuchten Boden feſtgeklebt.. 170 Eines der größern Zelte lag, ſchon geöffnet, ihnen gegenüber, und aus ſeinem Vordergrunde fiel ein ſchar⸗ fes menſchliches Augenpaar gerade auf ſie. Es war ein Scheik von edelm Stamme, darauf deutete das Grün an ſeinem Turban und der reiche Shawl ſeines Nackens; lang hing der blaugefärbte Kinnbart über die Bruſt hinab und auf ſeinem Polſter ſitzend blies der Araber aus ſeinem Munde langſam ſteigende Rauchwirbel und Dampfringe in die kühle Luft; vor ihm ſtand auf dem niedern Tiſchlein die duftende Kaffeeſchale und daneben das Rauchbecken, in welchem wohlriechendes Zedernholz und Myrrhe verbrannte; ein Knabe kauerte neben ihm am Boden, und ſchien mit einem Stilett von Elfenbein der Glut des Pfeifenkopfs nachzuhelfen, und ein raben⸗ ſchwarzer Mohr ſtand hinter ſeiner Schulter, und ließ ſeine Augen mit ihrem weißen Email auf und ab rollen, mit dem ſcharfen Blick der Schlange die Fremden be⸗ äugelnd. Die Gefahr war da; hier Rhodus, hier tanze! ſprach das Schickſal zu den Verwegenen, die es heraus gefor⸗ dert. Sing das Lied von der Gazelle von Damask! flüſterte Koltſchützly, und Michalowitſch begann die ara⸗ biſche Romanze zu trällern. Nur Allah iſt Gott! ſprach Koltſchützty ernſt und die Arme kreuzend auf der Bruſt, als ſie jetzt am Zelt vorübergingen. Und Mahomed iſt ſein Prophet! antwortete die tiefe Stimme des Scheiks, aber zugleich erhob er ſeine Linke und winkte ſie zu ſich, dreimal bedächtig die Hand bewegend. Sie mußten ge⸗ horchen und traten reſpektvoll in die Oeffnung des Zel⸗ tes, dem Herrn der Welten ihr Leben in einem heimli⸗ chen Gebet empfehlend. Friede ſei mich euch! grüßte ſie der Alte, indem er ſie prüfte von Kopf bis zum Fuß. — 171 Der Vogel, welcher früh fingt, kann bis Abends eine Hamaſah vollenden; aber welcher Ghol ſtörte euren Schlummer, welcher böſe Geiſt ſchlief unter eurer Decke, und ſtieß euch ſo früh hinaus?— Der Pole hob ſeine verbundene Hand auf. Es fehlt mir der Hakim und iſt ſäumig mit ſeinem Balſam, ſagte er, darum will ich ſelbſt gehen mit dem kundigen Freunde, Kräuter, in welchen die Geſundheit ſchläft, zu ſuchen am Gebirg, denn die Wunde, die ich im letzten Sturm empfing, brennt wie Natterzahn.— Die räudigen Hunde treffen ſcharf! antwortete der Scheik. Auch Selim, der Leopard des Stammes, die ſchönſte Zeder im Garten Tariks, iſt gefallen unter der Schärfe ihres verfluchten Eiſens. Allah iſt Allah! Der Erzengel Gabriel mag ſeine Seele tragen durch alle ſie⸗ ben Himmel in den Schooß der Propheten, denn er hat ſeiner Adern Blut für den Ruhm des Islams auf das Kleid des Feindes geſpritzt, und ſelig ſind die, welche für den Glauben im Schmerz verkommen. Der greiſe Araber neigte ſein Haupt und murmelte einige Sprüche des Korans in den Bart, indeß den Ver⸗ kleideten die Pantoffeln unter ihren Sohlen brannten wie geglühete Stahlplatten.— Von welcher Oda? fragte dann der Scheik, und winkte zum Niederlegen, und Beide mußten ihre Beine kreuzen auf den ihnen jetzt unwillkommenen Polſtern.— Der Beherrſcher der Gläubigen verlieh ſeinem nie⸗ drigſten Sklaven die Ehre, dem Keſſel der Achtzigſten folgen zu dürfen, antwortete Koltſchützkly. Aber ver⸗ zeihe, o Herr, ſetzte er hinzu, als er bemerkte, daß der Mohr Pfeifen herbeitrug und des Scheiks eigene Hand zwei Schalen füllte mit dampfendem Mockatrank; Deine 172 Seele iſt eine Sonne der Gnade und eine Palme der Wohlthätigkeit, aber vergib, daß wir die Blume Dei⸗ ner Liebe nicht pflanzen dürfen an unſere Herzen. Gaſt⸗ lichkeit iſt die Krone des heiligen Geſetzes, und Undank die Peſtbeule, welche den Verworfenen zeichnet, daß die Brüder fliehen ſein Angeſicht und ſeine unreine Schwelle. Wir aber ſuchten früh den Weg des Morgenlichts, da⸗ mit wir zurückkehren möchten, ehe denn die Zunge des Schiurbaschis die Namen abruft und die Hand des Kochs mit den ſilbernen Löffeln klappert.— Geſegnet ſei der Krieger, welcher die Tapferkeit bin⸗ det an den Gehorſam, der allein die Heerſchaaren gleich macht den ſtarken Schaaren des unbeſiegten Abu⸗Bekrs! Geſegnet ſei, der mit wunder Fauſt in den Kampf ſpringt, wie der blutende Löwe der Wüſte, geſegnet, der ſich nicht birgt unter der Decke des Hakims und ſein Verbot zum Mantel der Feigheit gebraucht. Dein Antlitz iſt mir wie ein Stern, Du Tapferer, und Du darfſt nicht ſchei⸗ den, ohne Deine Lippen erquickt zu haben in meinem Hauſe; denn Dein Kaftan iſt feucht, Deine Füße ſind ſchmutzig durch die Bäche, welche der Zorn des Him⸗ mels in die niedern Ruheſtätten der Gläubigen ſandte, ſie büßen zu laſſen für den verzögerten Kampf der Ra⸗ che.— Auf, Du kleiner Sohn der Hündin, trage die Schale zu dem Gaſt und beuge Dein Knie vor den Starken, die Allah geſandt zur Vertilgung Deines gott⸗ loſen Geſchlechts.— Mit Freundlichkeit hatte der alte Fürſt der Wüſte die erſtern Worte geſprochen und die Hand ſegnend gegen den Polen bewegt; mit finſtern Ge⸗ berden und mit Verachtung richtete er den Schluß an das Kind zu ſeinen Füßen, und als der Knabe nicht ſogleich gehorchte, hob er die kurze Riemenpeitſche, die —— 173 an ſeinem Gürtel hing und ſtieß einen wilden Fluch aus. Mit einem lauten Schrei ſprang der Knabe von ihm weg, gleitete dabei auf den Boden, hob halb aufgerich⸗ tet in bängſter Angſt die Händchen auf und ſtammelte in deutſcher Sprache: Nicht ſchlagen wieder! O thut gar zu weh! Bin gut geweſen und ſtill, und habe nicht mehr gerufen nach der Mama und der kleinen Reſia!— Wie ein Dolch, den eines grauſamen Feindes Hand zehnmal in dieſelbe Wunde ſtößt, fuhren die Worte des Knaben durch Koltſchützky's Herz, und als auf den Ruf: Abdal! der Häßliche ihm die Schale darbot, zuvor aber mit dem Fuß nach dem Knaben ſtieß, und dabei: Gefut! Räudiger Hund! murmelte, zuckte ſeine geſunde Hand nach dem Dolch im Gurt, und er nahm ſchnell die Schale aus der dunkeln Hand und leerte ſie, ſeine Wallung zu verbergen. Warum zürneſt Du dem Pagen, ſprach er dann ge⸗ faßter, den der Herr lieblich gemacht hat, als hätte eine Houri des Paradieſes ihn an ihrem jungfräulichen Bu⸗ ſen getragen? Seine Augen ſind blau und hell wie die Augen der Gazelle, und ſeine Locken glänzen goldig und weich, wie der Seidenſchleier der Tochter Georgiens, die Gnade gefunden vor den Blicken des Beherrſchers der Welt.— In ſeinem Ohre ſchläft die Rede ſeines Gebieters; ſeine Zunge bellt wie die widrige Stimme des Schakals, erwiderte der Scheik mit gehäſſigen Mienen. Ich nahm ihn, damit er daheim im Oſten wandeln ſollte im Schat⸗ ten der Tochter, aber ſeit Selim lag auf den Roſen ſeines Blutes, ſpricht's in meiner Bruſt, es ſei gegen das Geſetz, daß der Hund ſchlafe auf dem Bett des Leo⸗ parden. Gefällt Dir die Brut, ſo iſt ſein Kopf und 174 ſein Leib Dir geſchenkt, damit Du meine Augen befreieſt von dem gehäſſigen Anblick.— Koltſchützky ſprach ein Dankwort, in welchem er ſein verrätheriſches Gefühl gewaltſam zurück drücken mußte, als er aber jetzt die Hand nach dem Kinde ausſtreckte, floh dieſes bebend und erblichen an die Zeltwand, wo es der Mohr ergriff und wüſt lachend gegen den Polen ſchleuderte, der es glücklich fing, auf ſeinen Arm hob und mit ihm aus dem Zelte ſchritt, mit drohenden Wor⸗ ten in türkiſcher Mundart des Knaben Jammergeſchrei übervietend, der wimmernd bat, ihm nichts Böſes zu thun, wie man der Mutter gethan und dem alten Do⸗ minikus. Aus dem Gezelt tönte Hohngelächter ihnen nach, aber kaum drei Schritte davon ſprach Georg leiſe in des Kindes Ohr: Sei ſtill, mein Bübchen! Ich trage Dich zum Vater, Du kleines Bruderherzchen! wenn Du gehorſam biſt— und plötzlich verſtummte der Knabe vor den deutſch geſprochenen Worten und umklammerte feſt des Trägers Hals, und ſchauete ſtarr in des Mannes ſchwarze Augen, in denen eine Empfindung glühete, wie ſie vielleicht ſelbſt die ſchöne Leopoldine nie darin hatte leuchten ſehen.— Die vollbelaubten Weinberge waren erreicht, und wohl ihnen, daß der Traubengott, der fröhliche Diony⸗ ſos, ſein dichtes Verſteck von Reben und Ranken um ſie geſchlungen, denn herüber zu den Höhen ſchallten ſchon die Stimmen der Daniſchmende, die zum Gebete riefen, und bald nachher die Töne der Hörner und Keſſelpauken vor den Gezelten der Paſcha's und Sandſchak's. Sie beſchleunigten ihre Schritte und wechſelten wenige Worte bis ſie den Wald erreicht hatten, der ſich nach Kloſter⸗ neuburg ausdehnt. Hier unter den hohen Schatten⸗ — 175 bäumen ſank Koltſchützly in die Knie, und der rauhe, bärtige Mann betete laut und mit Inbrunſt zu dem Erlöſer, der ihn mitten durch ſeine Erzfeinde geleitet, der ihm erlaubt, eine Chriſtenſeele vom Verderben und ſchändlicher Sklaverei zu erretten, und ihm dadurch ein Pfand ſeiner göttlichen Gnade mitgegeben. Jetzt erſt fragte er das etwa fünfjährige Knäblein, welches zwiſchen den Knien des Betenden geſtanden und ſeine Händchen gefaltet gehalten, wie in früher, frommer Gewöhnung, nach Heimath und Eltern, aber das Kind erzählte in traulicher Redſeligkeit nur von einem Schloſſe und von einem großen Blumengarten, und von den Schweſtern, mit denen es am Spingbrunnen geſpielt, und dem guten Dominikus, der ihm Pferde geſchnitzt; und das Sichere, was herauszubringen war, beſtand darin, daß man den Knaben Junker Clamor genannt, und daß ſein Vater der große Baron ſei, der den blanken Goldfuchs geritten; doch ſagte eine Ahnung dem Polen, daß ſein ſchwerſter Auftrag wahrſcheinlich ohne ſein Zuthun bereits erfüllt worden. Langſamer verfolgten ſie jetzt ihren Weg, denn die zwei ſtarken Männer fürchteten auch ſelbſt ein Halb⸗ dutzend Streifer des feindlichen Heeres nicht; ſie trugen das liebliche Kind wechſelnd und gelangten, als der Tag ſchon weit vorgerückt war, zum Kahlenberger Dörfel, und von da an den Strom, den ſie paſſiren mußten, wollten ſie ihr Ziel erreichen. Verlegen ſtanden ſie aber an dem rauſchenden, vaterländiſchen Waſſer, denn die Bewohner der Gegend hatten ſämmtlich ihre Heimath verlaſſen, kein Menſchenbild regte ſich nah oder fern, kein Schifferkahn wiegte ſich an dem ehemals ſo lebenvollen Strande, und die große, von dichtem Unterbuſch bedeckte Inſel in der Mitte des breiten Stromes hinderte ſie, ſich 176 den jenſeitigen Freunden vemerklich zu machen. Uneni⸗ ſchloſſen wandelten ſie am Strome, da knallte ein Gewehr fern und ſchwach im Inſelbuſch, und eine Kugel ziſchte über das Waſſer, ſchlug auf Koltſchützky's Bruſt, fiel aber matt herab in den Uferſand.— Geſegnet ſei des Grafen Stahlhemd, rief der Pole, als er ſich von der Erſchütterung des Schlages wieder⸗ um feſtgeſtellt, der Schütz von drüben hatte gezielt wie ein Tiroler Gemsjäger.— Heil für Oeſterreich! Bru⸗ derherz! Rühr' Dich und ſchwimme herüber! ſchrie er aber jetzt mit weitſchallender Mannesſtimme über das Waſſer hin und ſchwenkte zugleich hoch das losgeriſſene, ſchneeweiße Gehänge ſeines Turbans. Menſchenköpfe erſchienen über dem Buſch wie ſchnellwachſende Wunder⸗ früchte, aber er mußte nochmals und mehrfach rufen: Gelobt ſei Jeſus Chriſt! Helfet den Bekennern des hei⸗ ligen Kreuzes!— Da liefen deutſche Männer zum Ufer, ein großes Boot durchſchnitt die Stromflut, und glücklich betraten ſie den ſichern Boden der Inſel und ſahen mit Entzücken, als ſie das Hölzchen durchwandert, über den andern Arm des Fluſſes herleuchten die weißen Zeltreihen der Ihrigen, ſahen die geliebten Fahnen des Kaiſers flat⸗ tern auf den fernen Hügeln, und begrüßten die deutſchen Zeichen mit einem weittönenden Halloh. Ihre Fährleute waren Flüchtlinge aus Nußdorf, die ſeit dem Einfall der mordenden Osmanen auf der Inſel ein nomadiſches Leben getrieben; willig wurden ſie von dieſen weiter durch den Strom geſchifft, wo General Heiſter ſie mit Staunen empfing, und ohne Sãäumniß ſie zu dem commandirenden Herzog Karl von Lothringen nach Stillfried an der March begleiten ließ. „Keine Zeit mehr verlieren, gnädigſter Herr; ja keine 177 Zeit mehr verlieren!“ ſo lautete das lakoniſche Schreiben des Starhembergers an den Herzog; doch mit ſichtlicher Freude empfing der Fürſt den kühnen Boten, forſchte mit heißer Theilnahme nach der Lage der bedrängten Kaiſer⸗ ſtadt, hörte lobend von den abgeſchlagenen Stürmen, von den Opfern der Vertheidiger, nahm den Polen mit zu ſeiner Abendtafel und erwies ihm mehr Ehre, als Georg zu erwarten ſich befugt gehalten. Herr Flaſchner, der Feldſcherer, ſaß, ſpät heimgekom⸗ men, in ſeinem Hauſe bei der Abendmahlzeit. Er ſchien bei beſſerer Laune als gewöhnlich, und doch ſchalt er die finnige Leopoldine, welche die Aufwärterin an ſeinem Tiſchchen machte; das Tiſchtuch hatte den Fettflecken von geſtern, der Endivienſalat war zu grün und das gebra⸗ tene Hähndel zu hart und zäh, was doch wohl nur an dem Speiſenden lag, da er gegen ſeine Gewohnheit mit beſonderer Unruhe und Eilfertigkeit tafelte, und ohne die ſonſtige Behaglichkeit die Biſſen faſt ungekäut verſchluckte, auch ohne die ſonſtige Abgemeſſenheit ein Glas Grinzin⸗ ger nach dem andern hinabſtürzte. Die blonde Ferdinande trat jetzt in das Zimmer und äußerte ihre Verwunde⸗ rung, den Vater noch im Scharlachrocke und der Perüke zu finden.— Halt ſtill! rief der Alte freundlich. Amtsgeſchäfte! Muß noch hinaus zum Pallfy, den eine Stückkugel zer⸗ quetſcht; kannſt nur den Roquelor parat halten. Aber Töchterchen, komm heran, habe ein Stück erobert ohne Schwertſchlag und Blut, deßgleichen der Hofjuwelier ſicherlich niemalen auf ſeinem Laden gehabt, ein Kleinod, das mein Töchterchen in geheimen Verwahrſein nehmen Blumenhagen, VI. 42 178 ſoll, bis ſie einmal— halt ſtill! mit einem wackern Schatzel zur Kirche geht.— Und aus ſeiner Taſche zog er ein Prunkſtück, welches wirklich des Lobes werth ſchien, das ihm geſpendet wor⸗ den. Ein goldenes Doppeldreieck bildete der Schmuck, mit den feurigſten Rubinen beſetzt, und im Mittelraum deſſelben ſtrahlte ein funkelnder Brillant, den Apfel eines menſchlichen Auges nachäffend. Väterchen, das iſt präch⸗ tig, rief die eitle Tochter aus, indem ſie die Steine an der Kerze funkeln ließ.— Nicht wahr, wenn Dich ein Edelknecht freiete, dürfteſt Du damit zur Kaiſerburg fah⸗ ren2— Wer weiß, Väterchen! lachte ſie. O woher der herrliche Schatz? Wie nur kamet Ihr dazu?— Unſere lieben Bürger, halt ſtill! antwortete Herr Flaſchner, ſind Narren, die nicht zu finden verſtehen, was ihnen nicht nackt vor der Naſe liegt und nicht nach Trüf⸗ feln und Zwiebeln riecht. Der Oda⸗Baſchi, Ihr wißt ja, den der Graf Guido mit eigener Hand am Thore fing, und der wegen ſeiner Wunden im Ballhauſe lag, iſt heute Abends verſtorben. Ehe denn er zur Hölle fuhr, gab er mir das Kleinod von ſeiner Bruſt, das kein Plünderer gefunden, für meine Liebesdienſte. Ich habe ihn in den Keller tragen laſſen durch den Andres und Daniel, und da ſitzt er jetzt in weichem Stroh.— Sitzet? Der Todte? fragte Ferdinande ſtutzend.— Halt ſtill! fiel der Alte ein. Liegt im Stroh, denn ſo ein Vornehmer ſoll nicht bei dem Plebs eingeſcharrt werden, ſondern ein Skelett will ich machen aus ihm, aufſtellen in meiner Barbierſtube, ſoll die Leute locken, valt ſtill! daß ſie ſich zweimal barbieren laſſen an einem Tage.— Laßt ihn aus dem Hauſe, rief die Jungfrau ſich ſchüt⸗ 179 telnd; ſcharret ihn ein, der Ketzer holet ſonſt Nachts ſeinen Steinſchmuck wieder, und das ſchöne Geſchenk würde mir nur Grauen machen.— Sorge nicht Nannerl, ſchmunzelte der Alte und klopfte ihre heißen Wangen; Gebeine ohne Fleiſch gehen nicht ſpazieren, und ohnedies iſt der türkiſche Offizier ein Bild von einem Manne(war es vielmehr), wie die ganze Kaiſerſtadt nicht aufzuweiſen hat, und dazu ſprach er deutſch, freilich nicht wieneriſch, aber wenn er die weißen, ſchmalen Finger und die großen Augen mit gebrauchte, verſtand ein Kind was er gewollt. Der Teufel mag gnädig mit ihm umgehen bei ſeiner Abfahrt, halt ſtill! er war ein herablaſſender, gnädiger Herr, und nicht ſo oben hinaus und hochmüthig grob, wie manche unſerer Hochgebornen.— Aber Ihr ſolltet doch heim bleiben und zu Bette gehen, ſchmeichelte die Tochter; es iſt ſo unruhig in den Gaſſen; hört Ihr nicht das Gelauf und das wüſte Geſchrei? Euch könnte ein Unfall begegnen.— Und warum ſchreit das Volk? fiel der alte Flaſch⸗ ner auffahrend ein. Weil Graf Rüdiger und die Ge⸗ waltsherren es auf die Spitze treiben, weil man die Bürger in den Tod hetzt und doch Alles vergeblich ſein wird. Wie die Dezemberfliegen ſterben ſie in den Ho⸗ ſpitälern, halt ſtill! Bald wird kein Hähndel mehr auf auf einem Wiener Hofe krähen— er ſchmiß dabei das letzte Knöchelchen ſeines Gerichts in die Schüſſel— und obendrein ſchlachtet man die chriſtlichen Bürgerſöhne und läßt die gefangenen Türkenhunde am Leben. Das heißt mit Vorſatz böſes Blut machen. Werden nicht die Offi⸗ ziere gehängt, wenn ihnen einmal auf dem Poſten die Augen zufielen, und den lieben Schlaf ſchickt doch der 180 Herrgott; zwei unmündigen Kindern hat man die Köpfe abgeſchlagen, und der herrliche Pole, der Koltſchützky — er warf einen giftigen Seitenblick auf die im Winkel ſitzende Leopoldine— an dem die Narren von Schank⸗ wirthen und Wandſchneidern einen Narren gefreſſen, und über welchen ich mich mit dem verrückten Gevatter Spund⸗ loch entzweit, iſt auch verſchwunden, als hätte ihn die Erde verſchluckt; liegt gewiß in einem tiefen Thurmloch, denn ſo eine fremde Guckuksbrut kann's ja nicht getreu mit der Stadt meinen, und hat ſicherlich ſpionirt und gemauſchelt.— Leopoldine drückte das Sacktuch vor die Augen und verließ mit ſchwankendem Schritt das Zimmer. Halt ſtill! ſprach er fort und dräuete ihr nach. Da geht ſie hin, die vertrackte Polenbraut, die einen reichen Altbür⸗ ger in die Mäuler der Waſchweiber und Laſtträger ge⸗ bracht. Aber was ſchwätze ich, halt ſtill, und verſäume die Zeit um den Lumpenkerl? Schließe den Schatz hübſch ein, mein Nannerl, und laß keine Nachbarin hinter das Schloß ſchauen, denn der Neid iſt nicht weit und bringt Leid. Den Roquelor, Töchterchen, und ſtell' den Daniel hinter die Thür, daß er mich einläßt.— Der Alte ſchob ſich mit ſeinem Laternchen davon, und Ferdinande konnte ſich nicht finden in des Vaters Redſeligkeit und ſeinen Geſchäftstrieb, der ihm ſonſt nicht beſonders eigen war. Sie theilte der Schweſter des Vaters Befehle mit, und ging zu ihrem Kämmerlein, da Leopoldine in kindlicher Sorgfalt die Heimkehr des Ungerechten, den ſie darum nicht weniger liebte, zu er⸗ warten beſchloß. Das Haus des Feldſcherers bildete die Ecke der Hauptſtraße, ſein Seitenflügel ſtieß aber an ein ſchmales 181 Gäßchen, von hohen Hauswänden dermaßen eingezwängt und beſchattet, daß kaum ein ſchwacher Mondſtrahl ſich hineinzuſtehlen vermochte. Ein ſcharfer Nachtwind fuhr durch die ſchmale Schlucht, und der Laden einer Stall⸗ öffnung, die etwa ſechs Fuß über dem Pflaſter lag, ſchlug geräuſchvoll hin und her im Luftſtoß, und ſeine roſtigen Angeln kreiſchten widerlich durch die nächtliche Ruhe. Ein großer Mann, dicht in ſeinen dunkeln Mantel gewickelt, ſtand dem Laden gegenüber, trat jetzt horchend näher hinan, entfernte ſich wieder und barg ſich zuweilen zwiſchen den Pfeilern eines nahen Thor⸗ weges.— Beim Sankt Jago, murmelte er zuletzt ungeduldig, was weile ich hier wie ein wimmerndes Knäbchen? War⸗ um rufe ich nicht meine Leute dort von ihrem Poſten und breche hinein, und ſtrafe die Verrätherin und ihren Buhlen mit einem Stoße dieſes ſichern Stahls? Zwei⸗ felſt du etwa noch? Dem braunen, ſtillen Nönnchen konnte der kecke Beſuch nicht gelten; nein, du hörteſt ja der blondgelockten Donna Stimme, ihren Liebesruf, ſaheſt den glücklichen Schurken ſeinen Himmel erklettern. Was du deinen Spähern nicht glaubteſt, zwang dein eigen Auge dich zu glauben. O verdammt, ſo ſind ſich die Weiber denn gleich in allen Zonen, gleich an Liſt, an heimlicher Lüſternheit, und was die Donna zu Liſſa⸗ bon hinter dem düſtern Schleier des Ernſtes und der Frömmelei verſteckt hält, birgt die nordiſche Dirne hin⸗ ter dem bunten Flor der Schelmerei und der kindlichen Fröhlichkeit. Aber kennen will ich den Nebenbuhler, er ſoll mein ſein, ich werde ihn fangen oder dort meine Wächter, und dann—— Er ſpielte mit dem Goldgriff des Dolches, der in 182 ſeinem Gürtel glänzte, doch ein Geräuſch ſchüchterte ihn in ſein Verſteck zurück. Geflüſter ward laut hinter dem Laden, dann ließ ſich vorſichtig ein ſchlanker Mann von der Oeffnung herab, eine unſichtbare Hand ſchloß hinter ihm den Laden, und der Entlaſſene ging, nachdem er ſich ſorgſam umgeſchauet, ſchnellen Schrittes von dem Stand⸗ ort des Mantelträgers ſich entfernend, dem andern Aus⸗ gang des Gäßchens zu. Der Verſteckte trat haſtig mitten in die Gaſſe, unentſchloſſen, ob er bleiben, ob er nach⸗ ſetzen ſollte; doch bald ſagte ihm ein erwachendes Gelärm und rauhe Zankworte, daß ſeine Diener ihre Pflicht nicht verſäumt hatten. Haltet ihn feſt! Laßt ihn nicht durch! Fanget ihn! ſchrien mehre harte Stimmen. Es iſt der Dieb! Einer von den Schurken, welche die Nächte unſicher machen. Wir ſahen ihn einſteigen in das Fenſter. Packet ihn! Zum Galgen mit ihm!— Eine helle Stimme ſchallte zornig dazwiſchen, aber bald flog der ſchlanke Mann durch die Gaſſe zurück, früchtig vor den langſamen Verfolgern, denen es nicht Ernſt geweſen, und bald prallte er gegen den feſtſtehen⸗ den Verhüllten an, der ihn mit ſtarker Hand ergriff und einfing.— Laßt mich durch oder ſchützet mich, wenn Ihr ein ritterlicher Mann ſeid! ſtammelte der Flüchtling. Gedun⸗ gene Mörder ſind hinter mir!— Ei, Junker Halwill, ſo ſpät auf der Jagd? er⸗ widerte der Andere mit dem Erſtaunen der Ueberra⸗ ſchung.— Aronches, Ihr? ſtutzte der junge Edelmann. O Ihr kamet als mein Schutzengel, Marquis; ich bin 183 unbewaffnet, aber neben Euch nehme ich's auf mit den betrunkenen Schurken.— Still, Freund, befahl der Marquis. Nehmet meinen Arm, ſchlaget den Zipfel meines Mantels über Euren hellen Leibkoller. Es iſt beſſer für uns beide, auf ſolchen Spaziergängen das Incognito zu bewahren.— Mit dem Junker ging er jetzt gerade den Verfolgern entgegen, die ſcheltend und fluchend näher kamen, ſich aber ohne Aufenthalt bei den beiden ruhig Daherſchrei⸗ tenden vorbeidrückten. Sehet Ihr, mein Freund, lachte der Marquis, als ſie auf die mondhelle Straße traten, was die Furchtloſig⸗ keit thut. Lernet dabei, wie man auf der Peninſula ſolche Abenteuer beſteht, und gehet künftig nicht ohne Waffen zu Damen; denn Euer heißes Antlitz, Euren fliegenden Athem darf ich doch nur der beſtandenen ſüßen Stunde zurechnen, und nicht der Bangigkeit vor ſolchem Lumpengeſindel?— O Marquis, ſagte der Junker mit Glut, die Ueber⸗ raſchung nur verwirrte mich; ja die rauhen Stimmen der Unholde fielen mitten in den Erinnerungstraum, durch den der Wohllaut der lieblichſten Stimme noch mit allen Harmonien der Engel tönte.— Es wohnet eine kleine Blonde da? forſchte der Portugieſe, und ſein Auge flammte im Halblicht der Nacht.— Auch Euren finſtern Blicken entging die Herrliche nicht?2 fragte Halwill mit Entzücken zurück. Wohl möchte ein König um ihren Beſitz ſeine Krone geben. Der Zufall macht Euch plötzlich zu meinem Vertrauten, aber Ihr ſeid Fürſt, ſeid ein Ehrenmann, und ſo wird Euer Wort mich ſichern, Ihr werdet ſchweigen gegen Jedermann, 184 und des Freundes Glück wie ſeine Ritterehre wird Euch heilig bleiben.— Ich werde ſchweigen, antwortete der Marquis mit ſchwerer Betonung, ſchweigen wie Ihr ſelbſt, wie der ſtille Tod ſchweigt. Aber kommt zu meinem Zimmer, ſetzte er mit heiterem Tone hinzu; unſere Freunde find dort zum Spiele verſammelt, und Ihr, ein Liebling der Fortuna, machet ja überall den Volksſpruch zu Schan⸗ den, denn Ihr habt ſo Glück im Spiel, wie Glück bei der Dame; eine Schale glühenden Weins thut überdies herrlich nach ſolcher Schäferſtunde, und Ihr müßt mir mehr erzählen, viel erzählen; iſt mein ernſtes, ſtarres Weſen, der ſtrenge Poſten eines Botſchafters mir auch im Wege, mit den deutſchen Donna's einen galanten Roman zu wagen, ſo wird es mich doch ergötzen, das aufmerkſame Ohr meinem jungen Freunde zu leihen und zu erfahren, wie man in dieſem rauhen Lande liebt und geliebt wird.— In traulichen Geſprächen gingen ſie fort durch die Nacht; ſo hüpft das Lamm am Faden neben dem Schlachter und ahnet daß es ſpielend die Hand des Todfeindes leckt, und ihn mit ſeinen Sprün⸗ gen ergötzt.— Es iſt ein betrübter Anblick, wenn ein einzelner Menſch ſeinem böſen Geſchick unverſchuldet erliegt, wenn er vergebens kämpft, im Lebensſtrome ſich einen feſten, ſichern Platz zu gewinnen, wenn ſeine Anſtrengung un⸗ erkannt bleibt, ſein Verdienſt verdunkelt wird durch die künſtlichen Fittige der Glücksritter, die kühn auf ihnen neben ihm vorbeiſchießen und leicht ſich zum Ziele tragen laſſen, das ſeinem beſten Streben unerreichbar bleibt; 185 wenn Nepotismus und ererbte Anſprüche, und Geldari⸗ ſtokratie ihm überall den Weg verſperren, an kriechende Heuchler die Ehre verſchwendet wird, die ihm gebührt, Undank ſeine Hoffnungen erſtickt, Freundſchaft und Liebe ihn verräth; er daſteht erlahmt in ſeinen ſchönſten Kräf⸗ ten, menſchenfeindlich gegen die ungerechten Brüder, got⸗ tesläſterlich gegen die Mächte des Himmels, von denen er ſich verworfen glaubt ohne Selbſtſchuld. Es iſt ein betrübterer Anblick, wenn eine Familie mit jedem Tage ihrem Untergange zueilt, wenn der Fleiß des Hausva⸗ ters, die Sorge der Mutter vergeblich entgegenkämpft dem ſchwarzen Verhängniß und beide mit Verzweiflung auf den Kreis der unmündigen Kleinen ſchauen, für de⸗ ren Glück ſie gern das Herzblut verſpritzten, denen aber ſelbſt dieſes Opfer keine Rettung brächte. O wie weit betrübter iſt aber der Anblick eines kräftigen Volkes, das am Abgrunde der Weltvernichtung ſteht, das ein über⸗ müthiger Feind zu vertilgen droht bis auf das Gedächt⸗ niß ſeiner Altvordern, ſeiner ruhmvollen Vorzeit, bis auf ſeinen Namen hinaus; wie betrübt, wenn ſeine höchſten Opfer, ſeine kühnſten Großthaten mehr ſeinen Fall be⸗ ſchleunigen als aufhalten: da blickt die ganze Menſchheit mit wehmuthsvoller Trauer auf das Golgatha einer ganzen Nation, und der Engel der Weltgeſchichte hebt den ehernen Griffel nur mit zitternder Hand, mit einem ſchmerzlichen Schauder und mit einem bittenden Blick zu der räthſelvollen, unſichtbaren Allmacht, deren Wink über Menſchen und Nationen entſcheidet.— Die Lage der großen Kaiſerſtadt war in der letzten Woche ſtets bedrängter und rathloſer geworden. Man erfuhr es, daß der Großvezier Kara Muſtapha um jeden Preis vor dem Ende des Herbſtes die Stadt zu gewinnen 186 entſchloſſen ſei, das Herz der Monarchie zerquetſchen wollte, um dadurch dem ganzen deutſchen Reiche einen Todesſtreich zu verſetzen. Täglich ſtürmte ſein Heer, und der grauſe Schlachtruf: Allah! Allah! wurde die Mor⸗ gen⸗ und Abend⸗Muſik der Wiener. Schlug Soldateska und Bürgerſchaft auch mit unerhörter Tapferkeit die Stürmer zurück, verbluteten auch tauſend Feinde an den Wällen, die Kadmusſaat erwuchs neu nach jeder Nacht, und immer geringer ward dagegen die Anzahl der Ver⸗ theidiger. Vierzig Tage dauerte bereits die Berennung. Die Feſtungswerke lagen theilweiſe zerſtört, jede Straße war abgegraben und verrammelt; die Lebensmittel, frü⸗ her zu leichtfinnig verſchwendet, fingen an zu mangeln, Seuchen wurden furchtbare Bündner des Feindes, und zog auch die brave Bürgerſchaft unermüdlich auf die Poſten, ſobald die Trommel rief, und warf wie ſonſt die Bruſt dem krummen Säbel und der Kugel entgegen, die Geſichter ſahen bleich, die Augen glänzten nicht mehr im Licht des Muthes, ſondern im rothen Geſpenſterfeuer der Verzweiflung. Da ſah man eines Morgens den Grafen Rüdiger mit ſeinem Gefolge zur höchſten Stelle der Baſtei eilen und dort mit ſcharfen Augen, mit guten Fernröhren in das Feld blicken, als wartete man auf eine willkommene Erſcheinung. Und es war alſo. In der Nacht nach Koltſchützky's kühnem Abmarſche hatten die Vertrauten des Generals das verabredete Zei⸗ chen ſeiner glücklichen Ankunft, das Feuer zu Stammers⸗ dorf, mit Frohlocken geſehen. Geſtern Abend hatte man endlich daſſelbe Loſungsfeuer auf demſelben Platze er⸗ blickt, welches die begonnene Rückkehr des Polen ankün⸗ digen ſollte. Aber vergebens warteten die beauftragten — „— 16 ₰ Offiziere an den Thoren, um dem willkommenen Bot⸗ ſchafter ohne Zögerung den Einlaß zu erleichtern; die Nacht verlief, mehre Morgenſtunden waren ſchon ver⸗ floſſen, und kein Pole zeigte ſich, und die weiten Felder vor dem türkiſchen Lager lagen leer, denn dem feindli⸗ chen Heere war ein Ruhetag bewilligt, und nur einzelne Streifkorps ließen ſich hier und da ſehen, und zogen zur Plünderung zu den fernern Dorfſchaften. Jetzt rief die Stimme des aufmerkſamen Guido alle durch das vergebliche Ausſchauen Ermüdeten zu ſich her⸗ an und hinter die aufgeſtellten Sehröhren. Zwei Türken kamen zur Seite des Lagers gegen die Stadt zu; man glaubte den verwegenen Polen und ſeinen Knecht zu erkennen, aber ein türkiſcher Reiter ritt zwiſchen ihnen, und dieſe Begleitung, die Traulichkeit, die zwiſchen ihm und den Fußſoldaten zu walten ſchien, zerſtörte durch Zweifel die keimende Hoffnung. Vom fernen Lager her ſah man jetzt einen Trupp Spahis hervorbrechen und im Galopp mit geſenkten Lanzen oder über dem Haupte geſchwungenem Wurfſpieße gegen die Stadt heranfliegen. Doch augenblicks änderte ſich die Scene. Der einzelne türkiſche Reiter lag plötzlich, wie vom Wetterſtrahl her⸗ abgeſchmettert, neben einem Berberroß, wie durch eine Wunderhand gehoben, ſaßen ſeine beiden Gefährten auf dem Rücken des Thiers, und wie ein Rabe vor dem Winde ſchoß das gepeitſchte Pferd mit ſeiner Doppellaſt daher, an den ſtaunenden Poſten der Türken, an den verwunderten öſterreichiſchen Kanonieren der Vorwerke vorbei dem Schottenthore zu, und die Jubelrufe: Sie ſind's, die Tauben Noah's, die Verkündiger des Heils. 2 Sie bringen den grünen Zweig der Hoffnung! tönten von allen Zungen, und man ſtürzte ihnen entgegen, ſie 188 zu heben vom Roſſe, und in das nahe Haus, wo der Starhemberg ſie erwartete, zu tragen. Ja, der Pole ſelbſt ſtand wohlbehalten vor dem al⸗ ten Helden, der kaum eine Frage wagte, um das Ret⸗ tungswort nicht aufzuhalten im Munde des willkomme⸗ nen Boten. Koltſchützky hatte denſelben Weg bei ſeinem Rückmarſch gewählt, aber er war irre gegangen im Walde, und kam erſt mit Tagesanbruch an das türki⸗ ſche Lager, welches er glücklich umging, und ſich zu ſei⸗ ner Seite mit dem Gefährten in dem Keller eines zer⸗ ſtörten Hauſes verbarg. Nach einem kurzen Schlafe, der Beiden Noth gethan, ſaßen ſie im Halbdunkel und pflogen Rath, was zu thun, ob ſie den wagigen Spa⸗ ziergang am lichten Tage unternehmen oder die nächſte Nacht dazu beſtimmen ſollten. Sie hatten in dem ab⸗ gelegenen, ſichern Orte in deutſcher Mundart ſich be⸗ ſprochen, wie groß mußte daher ihr Entſetzen ſeyn, als ſie aufblickend über einer halbzertrümmerten Mauer das zitrongelbe Geſicht, den nackten Hals und den Lederhelm eines Aſiaten hervorragen ſahen, und die funkelnden Krö⸗ tenaugen aus den ſchmalgeſpaltenen Augenliedern auf ſie herabſtarrten. Wildaufſchreiend ſprangen ſie vom Boden, griffen zu den Schwertern, und eilten zum Ausgange des Gewölbes, den Horcher verſtummen zu machen. Der feige Aſiat floh ſchon weithin, leichtfüßig wie die gejagte Tigerkatze den nahen Gezelten zu, und des Verraths ge⸗ wiß, beſchloſſen ſie, die einzige Rettung, die ihnen ge⸗ blieben, zu verſuchen, und mit beflügeltem Schritt der Stadt zuzueilen, die nahe vor ihnen, doch kaum als ein eerreichbarer Rettungsport zu betrachten war. Ein neues Hinderniß warf ſich in ihre Bahn; ein feindlicher Reiter trabte quer über die Fläche, ihre Flucht 189 kreuzend, und als er auf ſie ſtieß, wurde er von ihnen und ſie von ihm erkannt. Es war der Mohr des ara⸗ biſchen Scheiks, der ſie in ſeinem Zelt bewirthet hatte; er ritt die filbergraue Stute ſeines Herrn ſpazieren; ohne Sattel ſaß der Afrikaner auf einer ſchwefelgelben, breiten Decke und lenkte das treffliche Roß am leichten arabiſchen Zügel, eitel, als ſei er ſelbſt der Herr und nicht der elendeſte der Sklaven. Er rief ſie an mit dem Selam, dem Friedensgruße, hemmte des Pferdes Schritt und fragte im Tone des Gönners nach ihrem Marſch. Der Pole vergaß trotz ſeiner innern Beklemmung den Stolz des Jenkidsſchart nicht, deſſen Maske er trug. Verkaufter Sohn der hei⸗ ßen Sonne, antwortete er kalt, wir gehen geſendet von der rechten Hand des Herrn der Erde auf einen Poſten der Ehre, wo Deinesgleichen keinen Platz finden.— Der Mohr ſtimmte ſeinen Ton herab, forſchte wie mitleidig nach der wunden Hand des Kriegers, fragte auch nach dem jungen Gefut mit den Seidenhaaren der Angora⸗ Ziege, und erkundigte ſich grinſend, ob die Geißel dem kleinen Trotzkopf Gehorſam gelehrt, oder ob der neue Herr die ungehorſame Krokodillenbrut ſchon dem ſchwar⸗ zen Ghol geopfert. Unter ſolchem Zwieſprach waren ſie mitſammen eine Strecke fortgekommen, und Koltſchützky verlor beinahe ſeine Beſonnenheit, da er kein Mittel ſah, den Begleiter los zu werden, der bis zu dem vorge⸗ gebenen Poſten ſie zu begleiten den Willen zeigte. Da wuchs die Todesgefahr bis zum Höchſten, denn ein wüſtes Geſchrei erhob ſich yinter ihnen; ein Dutzend Lanzenreiter ſprengte zwiſchen den Gezelten hervor, und Koltſchützky griff an ſeinen Säbel, ſein Leben wenig⸗ ſtens nicht wohlfeil zu verkaufen. Der rüſtige, tollkühne 190 Michalowitſch durchhieb den Knoten des Schickſals. Auch der Mohr hatte ſich verwundert zurückgewandt und ſein Pferd angehalten. Der ſchnell entblößte Stahl des Mi⸗ chalowitſch fuhr in ſeinen Leib, daß er mit einem Todes⸗ ſchrei von ſeiner Prachtdecke herab in den Sand ftürzte; der Zügel der Stute war ſogleich in der Hand ſeines Verderbers, der mit der Rechten ſeinen Herrn am Fuß⸗ knöchel packte und ihn auf den Rücken des ſcheu zur Seite weichenden Thiers erhob, ſelbſt ſich dann auf ſeine Croupe ſchwang, und als Koltſchützky den Zaum gefaßt, mit der bloßen Klinge in die Weichen des Pferdes ſchlug. Schlage tüchtig zu, Bruderherz! rief der Pole im Da⸗ vonfliegen. Kommen wir durch, ſo ſollſt Du nicht mehr leibeigen ſein, und was ich habe, werde ich mit Dir theilen, bis man uns chriſtlich begräbt. Die Flucht gelang, und auf dem zitternden, ſchweiß⸗ bedeckten Pferde ſahen ſich Beide in dem Thore, um⸗ drängt, jubelnd begrüßt von den wachthaltenden Solda⸗ ten, von dem herbeigeſtrömten Volke, als hätten ſie ein Befreiungsheer mitgebracht und die heilige Fahne des Propheten erobert. Vor dem Commandanten, den die erwartungsvollen Oberſten umringten, ſtand der Pole und mußte zuvor tief Athem ſchöpfen, ehe die erhitzte Bruſt der Rede mäch⸗ tig wurde. Gnaden, ſprach er dann, könnet immer Euer finſteres Geſicht mit etwas Sonnenſchein beleuchten, bringe ich Euch auch nur ein Bild von dem, was mit Gott der tapfere Herzog gar bald Euch in aller Herr⸗ lichkeit vor Augen ſtellen wird. Ich habe in Mitte der Retter geſtanden und die hundert und aber hundert Fah⸗ nen geſehen, die dem Feinde der Chriſtenheit zum Ver⸗ derben flattern. Eurer⸗Landsleute Schwerter ſind nackt 191 und ſcharf, und blinken in Rachluſt. Die Kurfürſten von Sachſen und Baiern ſah ich eintreffen mit ihren blanken Schaaren. Schwaben und Franken lagen an der Donau. An dreißig fürſtliche Herren ſah ich ſitzen im Kriegsrathe, alle in Stahl gerüſtet für Euch, ein Anblick, deſſen Herrlichkeit dem Krieger das Herz groß machte, bis zum Zerſpringen, aber auch Freudenwaſſer ihm in die Augen drückte. Nur den Polenkönig und ſeine Zwanzigtauſend erwartet man noch; doch als ich am Abende mich zum Rückmarſch anſchickte, zeigte ſich ihre Vorhut fern an den Bergen, ich hörte den Trom⸗ petermarſch meiner Landsleute, und ſchied traurig, denn ich habe ja kein Vaterland. Der tapfere Ludwig von Baden trug mir einen Gruß auf an Euch, und Herr Eugen von Savoyen, das junge Heldenblut, gab mir am Ausgange des herzoglichen Gezeltes die eiſerne Hand und ſprach: Sage den Chriſtenbrüdern in Wien, ſie ſollen ſtehen vor ihrem Heerde nur noch einige Tage lang, ſollen an den unſterblichen Ruhm, den ſie gewon⸗ nen vor ganz Europa, noch die letzte Kraft wagen, da⸗ mit wir das Siegesfeſt mit ihnen theilen mögen, wel⸗ ches der am Kreuz Geſtorbene ſeinen Getreuen bereitet hat.— Und daß es Wahrheit iſt, was ich geſprochen, mag dieſes Schreiben des edlen Herzogs von Lothringen beglaubigen.— Aus ſeinem Turban wickelte er einen Brief, und die Generale hörten mit tiefer Stille der Vorleſung zu, die des Boten Bericht vollauf beſtätigte, und Freudenlicht funkelte aus den Augen der erprobten Kriegsmänner. Nur der alte Starhemberg blieb ernſt und ſprach mit einem tiefen Seufzer: Sie haben den Teckely geſchlagen bei Preßburg und ihm zehn Fahnen abgenommen; aber n —————————— ——ů m ˙ ůũů= ů Ü“·————————— 192 der Ungar liſt nicht der Muſtapha!— Gebe der Herr der Völker ſeinen Segen zu dem Werke der edeln Be⸗ freier und unſers Kaiſers Majeſtät den Sieg! Wir wol⸗ len das Unſrige thun, und fände der Lothringer nur einen Aſchenhaufen auf dem Platze, wo die Kaiſerſtadt ſtand, ſoll er uns darauf hingeſtreckt finden, Alle mit der To⸗ deswunde vorn auf der Bruſt, und unſer Requiem mag ſeine Siegestrompete feiern.— Indeſſen hatte der Freiherr Kielmansegge, deſſen Auge ſchon lange in banger Bedrängniß auf dem Geſicht des Polen geruht, den Augenblick benutzt und ſich zu ihm gedrängt und heimlich gefragt, ob er ihm keinen beſon⸗ dern Palmzweig gebracht.— Herr, ſagte Koltſchützky ehrerbietig, jedoch mit hoch⸗ aufglühenden Wangen; den Glauben belohnt die göttliche Vorſehung, ſo lehrt der Prieſter, und Wunder geſchehen noch jetzt, wie damals, als der Herr auf Erden ging; Ihr, edler Herr, und ich könnten davon Zeugniß geben. — Rdde ſchnell und martere mich nicht! rief der Frei⸗ herr mit beklemmter Bruſt.— Ja, Herr, laßt nur die Freude los, fuhr der Pole mit vor Rührung bebender Stimme fort; ein Unwetter ſandte der Himmel, meinen Fuß zu feſſeln; ein aſiatiſcher Fürſt mußte eine kurze Freundſchaft mit mir ſchließen, und mir zum Pfand der⸗ ſelben einen Knaben ſchenken, den er wie einen Hund auf ſeinen Fußteppich geworfen. Ja, mein wackerer Herr, wenn Ihr einen Diener hattet, der Dominikus hieß, wenn Ihr der große Baron auf dem Goldfuchs ſeid und Euer Junker Clamor genannt wurde, ſo ſchläft Euer Söhnlein jetzt ſicher und geſund in dem Daunen⸗ bett des Lothringers, und er wird es Eurem Kuß ent⸗ gegentragen, denn ich wagte nicht das koſtbare Kleinod 193 nochmals preis zu geben, wenn ich auch dem Herzoge die ſchönſte Lebensſtunde dadurch abgetreten, die einem Menſchenherzen ſchlagen kann hier unten auf Erden.— Ein Freudenſchrei tönte aus des Freiherrn voller Bruſt, aber höchſte Freude iſt zernichtend wie höchſter Schmerz; er taumelte, konnte nicht reden, zwiſchen beiden Händen drückte er des Polen Hand, ſtammelte nur: Gott vergeſſe mich, wenn ich Dich vergeſſe! und mußte von den glück⸗ wünſchenden Freunden, welche ihn umringten, gehalten werden, daß er nicht zu Boden ſank.— Auch der alte Commandant trat jetzt zu dem Polen, dankte ihm im Namen der Stadt, und verhieß ihm die verdiente Be⸗ lohnung, indem er ihn in Gnaden entließ. Doch draußen wartete ſchon der Lohn, der Georgs Herzen der ange⸗ nehmſte war; ſeine Botſchaft hatte ſich bereits verbreitet, ſeine Bekannten, das Volk waren herzugelaufen, und auf ſeiner erbeuteten filbergrauen Stute ritt er wie im Triumphzuge durch die Stadt. Auch die Straße mußte er paſſiren, in welcher das Haus ſtand mit den blanken Becken über der Thür, und er ſah Leopoldinchen am Fenſter und der ganze offene Himmel thronte auf ihrem Geſichte, wenn es gleich bleicher geworden, und ihr ſchnee⸗ weißes Sacktüchlein winkte ihm geheim, wie ein Sieges⸗ wimpel. Freilich verdarb ihm des alten Flaſchner's ſtarrgeſchnittene Larve das erquickende Gefühl, den die Neubegier ebenfalls an das Fenſter gelockt, der aber ihm eine widrige Fratze ſchnitt und ſich ſchnell wieder zurück⸗ zog. Deſto herzlicher empfing ihn dagegen der Schank⸗ wirth Lamprecht, indem er ihn väterlich umhalſete und wie ausgelaſſen rief: Zapfen und Spundloch! Kerlchen, haſt Du dem Großvezier aus dem Sattel geholfen und kommſt auf ſeinem Leibroß? Solch ein Thier hat mein Blumenhagen. vI. 13 194 3 Stall noch nie gefüttert, und ich ſehe Dich ſchon darauf zur Burg reiten, wo des Kaiſers Majeſtät Dir den Rit⸗ terſchlag ertheilt, alle die ſeligen Gebeine Deiner Groß⸗ väter adelt, und Dir die goldenen Sporen anſchnallen läßt; denn weniger kann doch für ein ſolch' Heldenſtück nicht geboten werden. Der große, längſterſehnte Tag, den Lothringen ver⸗ heißen, den Koltſchützky angeſagt, der 12. September des Jahres 1683, erſchien. Schon ſeit mehren Tagen hatte man von den Wällen aus eine beſondere Unruhe in dem türkiſchen Lager bemerken können. Wohl verſuchte der Feind noch einige Stürme, aber ſie geſchahen nicht mit dem Ernſte und der Ausdauer wie vorher. Die Geſchütze in den Laufgräben fuhren fort von Stunde zu Stunde Kugeln in die Stadt zu ſenden, doch die Völker des Paſcha's von Meſopotanien zogen ſich aus der Leopold⸗ ſtadt zum Lager. Auf den Flügeln ſah man viele Gezelte der unregulirten, leichten Heerhaufen verſchwinden, und lange Züge von bepackten Kameelen wurden auf der Straße nach Ungarn hingetrieben. Die Spannung in der Stadt ſtieg mit jeder Minute, denn es mußte im Rücken des Feindes etwas vorgehen, was dieſe Unruhe bewirkte, und Graf Starhemberg ſaß von Morgen bis Abend in ſeinem Seſſel auf dem Stephansthurm, beun⸗ ruhigt und hoffend zugleich nach einem Zeichen ausblickend, das die Unruhe ſeines Gemüths tilgen und die Hoffnung ſeines Herzens beleben möchte. Da zeigten ſich plötzlich, als ſchon der Tag ſeinem Ende nahe, überall auf den Höhen dunkele Gruppen, die ſich mit jedem Augenblick mehrten, vergrößerten, ausdehnten, und bald die ganze 195 Reihe, den Kahlenberg, den Hermannskogel bis zum Sauberg bedeckten. Und ſiehe, eine große Blutfahne er⸗ hob ſich auf dem Leopoldsberg, und die letzten Strahlen der ſinkenden Sonne warfen ihr blitzendes Licht auf das flatternde Liebeszeichen, ſo daß man das mächtige Kreuz darauf erkennen konnte. Welch ein Anblick! Die Retter waren da, und Starhemberg ließ feurige Raketen vom Thurme in die Wolken ſenden, ihnen zu verkünden, daß tauſend geänſtigten Seelen ihnen den dankenden Brüder⸗ gruß entgegen brachten. Auch drüben von dem Berge ziſchten ähnliche Feuerzeichen durch das Abendgewölk und ſtreueten zerpraſſelnd ihre Lichtſterne umher, und drei ſchwere Kanonenſchü ſſe donnerten fern, und wurden durch drei gleiche Donner von der Möllerbaſtei beant⸗ wortet.— Die dunkele Nacht ſank auf Wien herab, aber Niemand ſchlief, als die Todten auf den Friedhöfen; in keinem Hauſe verlöſchte die Lampe; die Männer ordneten ihre Waffen in freudiger Ungeduld, die Soldaten ſtanden auf den Wällen und Lärmplätzen, alle Kirchen waren geöffnet und erleuchtet, und Weiber und Greiſe und Kin⸗ der lagen auf den Knieen und beteten zu dem Gott des Lichts und der Gnade um Sieg für den entſcheidenden Morgen. Er kam, der große Tag, deſſen Großthaten die Welt⸗ geſchichte verewigt hat, da er der letzte war, an welchem die Krieger Mahomeds auf deutſchem Boden ihre Da⸗ mascener zur Vertilgung des Kreuzes zu ſchwingen ge⸗ wagt. Die Baſteien und Wälle der Kaiſerſtadt waren bei dem erſten Lichtſtrahle des anbrechenden Tages mit einer Menſchenflut bedeckt, über der eine grauſe Stille lag, ſo daß man den lautklopfenden Herzſchlag ver⸗ nehmen konnte. Jetzt begann endlich das aufgezogene 196 Gewitter ſich langſam zu entladen. Bei Nußdorf don⸗ nerte es los zuerſt und der tollkühne Osman Oglu ließ nicht warten auf die tödtliche Antwortsſtimme. Und jetzt leuchtete es, blitzte und wetterte überall; wildeſte Bewe⸗ gung kam in die zuſammengeballten Maſſen dieſer Hun⸗ derttauſende, die ſich gegenſeitig zu vernichten ſtrebten; der blutige Mord ward losgelaſſen, kein menſchlicher Fürſtenruf vermochte ihn wiederum zu feſſeln, und in der Hand des kalten Fatums ſchwankte die Wagſchale der Entſcheidung.— Grauenvoll war die Lage der Helden Wiens, der ſchwergeprüften und ſo herrlich beſtandenen Bürgerſchaft. Der Tag leuchtete, den ſie erbetet vom Herrn der Völker, aber auf ſeiner Glückstafel lag das letzte Gut Germa⸗ niens, und fielen heute die Schickſalswürfel falſch, blieb kein Hoffen mehr und nur ein ungeheures Grab das Aſyl der Verlorenen. Wie ſtarrten die Augen hinaus auf das weite Feld; wie verwünſchte man die furchtbaren Pulverwolken, welche Feinde und Freunde in ihre Todes⸗ mäntel einhüllten; mit welcher Beklemmung wurde das Feldgeſchrei behorcht, das zuweilen durch das wüſte Ge⸗ lärm auf den Fittigen der Winde herüber drang, und jetzt das fürchterliche: Allah! jetzt das entzückende: Oeſterreich oben! jetzt das beglückende: Jeſus Chriſt die Ehre! vernehmen ließ.— Und die ſchleichende Sonne ſtand im Mittag und ſie ſank zum Weſten, und noch keine Entſcheidung! Da tönte hell und hehr das Ge⸗ ſchmetter der Trompeten gegen das Schoitenthor heran. Der Baden Markgraf flog herbei mit ſeinen Dragonern, herauszufallen, Theil zu nehmen am herrlichen Tagewerk mit ſeinen Tapfern, rief er dem Starhemberg zu. Der rechte Flügel der Türken hatte ſich zur Flucht gewendet, 197 Kaiſerliche und Sachſen hatten geſchlagen und Roſſau war beſetzt. Wiens Legionen goſſen ſich aus in das Feld, und bald ſchallte ihnen auch der Siegesruf des Polenheeres entgegen. Rabatta mit dem Fußvolk, Wal⸗ deck mit den Baiern erſtürmten die große Türkenſchanze, die Stundenlang Verderben ausgeſpieen und der letzte Anhalt des Veziers geblieben, die grüne Fahne mit dem ſilbernen Halbmonde verſchwand; zerſtäubt in wirrer Flucht verloren ſich die zahlloſen Schaaren des Osma⸗ nenheeres, wie die Sandwüſte den reißenden Strom ver⸗ ſchluckt; mit ihnen zugleich trafen die ſchnellen Polen⸗ reiter in Herrnals ein, und das Heer der verbündeten chriſtlichen Streiter überſchwemmte das Lager Muſtapha's. — Majeſtätiſch ſank die Sonne hinter die Berge, über den ganzen Abendhimmel die goldene Fahne des Heils ausbreitend, und in der Stadt tönten feierlich die Glocken der Thürme und erinnerten die im Siegesrauſch Jubeln⸗ den an das Dankgebet, das ſie dem unſichtbaren Helfer ſchuldeten, ohne den alle irdiſche Gewalt ohnmächtig iſt und wie Spreu vor dem Winde. Viele Feſtzüge hatte ſchon die Stadt des Glanzes und der irdiſchen Herrlichkeit geſehen, aber wenige derſelben kamen an ächtem Männerprunk, keiner derſelben kam an innerer Bedeutſamkeit demjenigen gleich, den am nächſten Mittage die Kaiſerſtadt durch ihre Straßen ziehen ſah. Es war ein Triumphzug, bei welchem auch der niedrigſte Bürger ſeinen gerechten Antheil von Ehre empfing, bei dem Keiner Zuſchauer war als das wehrloſe Geſchlecht und Alter, denn alle Uebrigen hatten mitgeſchlagen und mitgewirkt; und außerdem galt die Feier nicht allein einem gewöhnlichen Siege des Volkes über ein feindlich Volk, nein, Religion und Menſchlichkeit ga ben ihr die 198 heiligſte Weihe, das Kreuz hatte den falſchen Propheten geſchlagen, die Fahne der göttlichen Liebe hatte die Ban⸗ ner der Barbarei in den Staub geworfen. Johannes Sobiesky, der Polenkönig, der als ein chriſtlicher Ritter und wackerer Nachbar ſechsundzwan⸗ zigtauſend auserleſene Krieger herbeigeführt, erſchien als der Held des Tages auf dem Leibpferde des Großveziers und führte den Zug, der durch das Stubenthor herein⸗ wallte. Seine Staroſten ritten ihm vorauf, die roth und grüne Seide des türkiſchen Hauptbanners entfaltend, rechts ihm der tapfere Graf Starhemberg, links auf einem beſcheidenen Maulthiere der ſteinalte Prophet des Volks, der Kapuziner Awianus, welcher vor der Schlacht dem Heere der Chriſten die Meſſe geleſen, dann folgte der Herzog von Lothringen, der Polenprinz Jakob, der vor Wien ſich die erſten Ritterſporen verdient, dann die Kurfürſten, Markgrafen und Prinzen, die mannlichen Kriegsfürſten der deutſchen Volksſtämme, und alle, nicht im Hermelin und Fürſtenhute, ſondern verluppt vom Scheitel zur Sohle in koſtbarer Kriegsrüſtung, ſchrecklich ſchön in der vernichtenden Kraft ihres Anblicks, die ſich im Kampfe, wo 80,000 gegen 200,000 fochten, ſo herr⸗ lich bewährt hatte. Ein Theil der Truppen jedes Landes, auserwählte Mannen, zogen hinterdrein, ungezählte Fah⸗ nen jeder Farbe flatterten über den behelmten Häuptern und rauſchende Kriegsmuſik miſchte ſich mit dem unge⸗ heuern Jubelgeſchrei des drängenden Volkes, das die Straßen füllte vom Stubenthor bis zur Lorettokapelle, wo der Polenkönig ſelbſt das Te Deum anſtimmte, in⸗ deß dreihundert Kanonenſchüſſe dem Lande den großen Tag verkündeten, und den flüchtenden Glaubesfeinden nachſandten den Spottruf der Schmach und ihre bebenden 199 Sohlen beflügelten. Doch die zuletzt einzogen in die heilige Kapelle der liebenden Gnadenmutter waren der göttlichen ſicherlich die Willkommenſten; der biſchöfliche Malteſer Koloniks hatte die verlaſſenen Chriſtenkinder geſammelt im türkiſchen Lager, und paarweiſe folgten ihm die verwaiſeten Kleinen, an fünfhundert, und am Altare der ſchmerzensreichſten Mutter gelobte ihnen der ächte Prieſterfürſt und hochherzige Kreuzesheld, ihr Vater zu ſein, bis die geraubten Lämmer von ihren natürlichen Beſchützern zurückgefordert werden möchten. Der Einzug des Kaiſers Leopold, welcher zwei Tage ſpäter Statt hatte, wiederholte das Feſt der Wiener, und blieb am Glanze dem erſten Aufzuge nicht nach; die letz⸗ ten grünen Zweige des Herbſtes wurden auf den Triumph⸗ pfad des geliebten Herrſchers geſtreut, und die letzten Blumen des Jahres flogen in Kränzen und Sträußen auf ihn und ſeine Begleiter hernieder.— Siehſt Du meinen Ferdinand? flüſterte die eitele Ferdinande Flaſchner der Schweſter zu, als der Kaiſerzug an ihrem Hauſe vorüberwogte. O wie ſchön iſt der Halwill und wie ſchmückt ihn das ſilberſtrahlende Prunk⸗ kleid! Saheſt Du, wie die Liebe winkte mit der Hand und ſein blauer Federbuſch ſich in Reſpekt verneigte Dicht hinter des Kaiſers Majeſtät reitet er. Gewiſſe andere Leute ſind freilich nicht zu ſehen, und thun gut, ſich verſteckt zu hatten, wo ſie keine Ehre zu holen haben, ſetzte ſie verächtlich ſpottend hinzu; und dieſe Klugheit dürfte man ihnen faſt als ein Verdienſt an⸗ rechnen, denn ſie erſparen dem verirrten Geſchmacke der Geliebten wenigſtens die Schamröthe.— Die traurige Leopoldine ſchwieg, und ihn Auge ſchlug ſich wehmüthig bittend zu der Schweſter außß längſt hatte ſie ihren Buſen 200 umpanzert gegen die ſcharfen Reden der Mitleidsloſen, aber heute traf der Stachel ihr Herz, denn ſie hatte ihren Georg zu finden erwartet in den Reihen der ge⸗ rüſteten Bärgercompagnie, die ihren Kaiſer auf der Straße von Linz eingeholt, und nur ſeinetwillen ſtand ſie am Fenſter, den kleinen Aſterkranz mit der einzelnen Spätroſe darin verborgen haltend; aber der Mann ihres Herzens wurde vergebens vom Auge der Liebenden geſucht, und verſchmähete den Lohn, den ihm die Liebe bereitet. Die allgemeinen Freuden⸗ und Feiertage hatten längſt ihre Endſchaft erreicht. Der Polenkönig war mit dem Herzoge von Lothringen und dem Kern der Heeresmacht nach Ungarn abgezogen, um die Ueberbleibſel der türki⸗ ſchen Armee zu vernichten. Das Leben der Wiener Bür⸗ ger trat in das alte freundliche Gleis: die Hausväter kümmerten ſich um ihre Familienwohlfahrt; die Vorſtädter reinigten ihr Grundeigenthum von den Brandhaufen und dachten an den Neubau, und mit wunderſamer Schnellig⸗ keit verſchwanden die Spuren der kriegerichen Verwüſtung, denn Mancher beſaß jetzt mehr, als er vorhin gehabt, da die Soldateska ſolchen Reichthum an edeln Metallen und Steinſchmuck im eroberten Türkenlager gefunden, daß ſie dem herausſtrömenden Volke alle übrigen werth⸗ vollen Gegenſtände und Vorräthe zur Plünderung über⸗ laſſen hatte. Im Schankhauſe zum Lamm in der Naglergaſſe ſtieg der grauköpfige Wirth zu dem Hinterſtübchen hinauf, welches er dem Polen Koltſchützky eingeräumt. Er fand ſeinen Miethsmann im Winkel ſitzen, den Ellenbogen 201 auf den Tiſch und den Kopf in die Hand geſtützt, düſte⸗ ren Angeſichts, wie er ihn ſchon ſeit längerer Zeit zu finden gewohnt worden. Georg bot dem Greiſe die Hand zum Gruß, und der Alte pflanzte ſich ihm gegenüber auf einen Stuhl und verzog die Runzeln ſeines Geſichts zu einer ſo ernſthaften Maske, daß der Pole aufmerkſam den Kopf erhob und ihn fragend betrachtete. Schauſt Du mich an und ſchlägt Dir's Gewiſſen 2 polterte der Alte los. Ich duld's nicht länger, daß Du da ſitzeſt mit einem Leichenträgergeſicht und Dich ein⸗ ſperrſt wie ein Kloſterbruder, der in der Pönitenz iſt. Biſt Du krank, ſo ſchicke zum Medikus; fehlt Dir ſonſt etwas, ſo beichte es Deinem Freunde; Zapfen und Spund⸗ loch! ich meine, ich hab's wohl verdient um Dich, daß Du zu mir ſprichſt, wie das Kind zum Vater.— Wahrlich, das habt Ihr, antwortete Georg, und Gott vergelt's Euch. Aber, ſetzte er weich und wehmüthig hinzu, mir fehlet nichts, als was Ihr längſt gewußt, und kann ich nicht lachen wie ſonſt, iſt mir die läſtige Geſellſchaft zuwider geworden, ſo mag das vielleicht an dem großen Freudenjubel liegen, der die letzten Wochen mich umgab, und in dem ich zum erſten Male empfand, wie verlaſſen und allein und ausgeſtoßen der Georg auf der Erde hingeht.— Du biſt ein Narr, fiel der Alte aus, der ſein eignes Glück verſcherzt, und entweder zu träge oder zu hochmü⸗ thig iſt, die Hand auszuſtrecken, wenn der Himmel Manna regnen läßt. Warum gingeſt Du nicht hinaus, wie die Andern, und ſammelteſt Dir Deinen Sack voll Reichthü⸗ mer, an denen Du gerechtere Anſprüche hatteſt als man⸗ cher Faulpelz? Warum haſt Du Dich nicht gemeldet auf der Burg, als die kaiſerliche Gnadenhand ſich 202 aufthat, jeden Dienſt zu belohnen, der unſerer Stadt er⸗ wieſen worden?— Der Starhemberg iſt Feldmarſchall und Miniſter und darf den Stephansthurm im Schilde führen; den hochwürdigen Koloniks hat man zum Car⸗ dinal erhoben; Stadtrichter und Kämmerer ſind kaiſer⸗ liche Räthe geworden, und goldene Ketten hat's geſchneit; trägt doch der Pötzinger und Schlagnitweit auch ſolch ein Prunkſtück unter der Halskrauſe. Zapfen und Spund⸗ loch! Ich meine, auf Deiner breiten Bruſt wäre auch Platz für ein goldenes Kaiſerbild. Aber nein, da ſitzet er, Tag aus, Tag ein, und nur im Zwielicht, wenn die Eulen fliegen, ſpaziert er hinaus wie ein armer Sün⸗ der, dem es um's Herz nicht richtig, ſchleicht in ſeinem Mantel unter einem gewiſſen Fenſter hin, macht der Lampe ſeine Reverenz und kommt zu Haus, um wieder⸗ um in ſeinem Winkel zu hocken, und durch ſein bleiches Antlitz ſeinen alten Vater zu kränken. Gönnet Ihr mir denn meine einzige ſtille Freude nicht? fragte unwillig der Pole.— Gönne Dir mehr, antwor⸗ tete haſtiger Lamprecht; aber will's nicht leiden, daß ein wackerer Mann ſich abhärmt um ein Mädchenbild; denn wäre ſie auch ein Wunderſtück, ein Tugendſpiegel ohne Gleichen im ganzen römiſchen Reich, ſo iſt ſie mir doch nicht werth, daß ein Mann wie Du um ſie zu Grunde geht.— Läſtere nicht, Graukopf! fiel Georg erregt in ſein Wort.— Zapfen und Spundloch! rief der Alte, wer läſtert hier? Du läſterſt Gott und Dich und jede Menſchlichkeit. Hoffſt Du auf das Mädchen, ſo ringe um ſie; haſt Du keine Hoffnung, ſo gib ſie auf wie ein Mann und ſtürze Dich ins Weltgewühl, ein Geſchäft ſuchend, was Dir 203 das Vergeſſen erleichtert. Zu Deinem herrlichen Polen⸗ könige hätteſt Du Dich drängen ſollen; der Chriſtenheld hätte Dir ſchon den rechten Platz anweiſen wollen, auf dem ein braver Mann alle Jungfrauen der Welt zu verſchmerzen vermocht.— Koltſchützty hob erſchüttert ſeine rechte Hand gegen den Alten auf. Wollet Ihr mein ſpotten, Vater? ſagte er recht ſchmerzlich. Vergeſſet Ihr, daß dieſe Fauſt ſteif geworden und keinen Säbel mehr führen wird auf die⸗ ſer Welt? O ich mußte ja heim bleiben, als die Ge⸗ noſſen ſich dem ſchönen Tode entgegenwarfen!— Der Greis nahm den bewegten Mann erſchrocken in ſeine dürren Arme und ſprach ablenkend: Nicht einmal an Dein Eigenthum haſt Du gedacht, an Deine Brand⸗ ſtätte in der Leopoldſtadt. Du mußt doch aufbauen, und für den Vorſchuß dazu laß mich ſorgen. Koltſchützty ließ ſchlaff die Arme ſinken und ſtarrte den Boden an. Laßt liegen, was einmal zernichtet, ſagte er halblaut; hat man es nicht eine Herberge ge⸗ nannt für Geſindel und Indenvolk? Mag der Platz leer bleiben, es iſt denn doch ein Fleck da, wo man mich zu⸗ letzt einſcharren kann. Aber fort will ich, fort von hier. Hinaus nach Oſten will ich wieder ziehen, zu der Sand⸗ wüſte, will den alten grauſamen Scheik aufſuchen, wenn er nicht am Kahlenberg verblutet iſt, der mir ein Pol⸗ ſter gab und ſeinen Kaffee mit mir theilte, obgleich ich zu ſeinem Schaden ausgegangen, und ihm nichts im Leben als den Salem geboten.— Da hab' ich Dich; da ſitzt der Pfeil! rief der alte Wirth vorwurfsvoll. Drei Teufel hauſen in Deiner Bruſt, wovon Einer genug iſt, eine Hölle anzublaſen; zuerſt der Ehrgeizteufel, der Dich damit ärgert, daß Du 204 nicht haſt mit hineinſchlagen können, den Großvezier nicht haſt abſchlachten können und Dir einen Namen machen vor ganz Europa; daneben ſitzt der Hochmuths⸗ teufel, der Dir zuflüſtert, Du dürfeſt keinen Schritt aus⸗ gehen nach verdientem Lohn, und Kaiſers Majeſtät müßte ſich ſelbſt herab bemühen von der Burg, und Dir Ihre Schatzkammer in den Schooß ſchütten; und dazu kommt noch der dritte, der Liebesteufel, der kleinſte, aber ſtach⸗ lichſte, der da ſpricht, es gäbe nur einen Mann in Oeſterreich, dem jedwedes Mägdlein in Deutſchland nach⸗ laufen müßte, wenn er pfiffe wie der hölliſche Ratten⸗ fänger.— Still, Bruderherz! fuhr Koltſchützky drein und legte dem alten Freunde die Hand auf den Mund, und ſeine Wangen waren angebrannt wie rothe Leuchtfeuer. Der Alte aber machte ſich los und ſprach hitzig fort: Aber ich will ſie austreiben, die Teufelchen, wie ein Vater und guter Freund es muß. Den erſten laſſen wir, es iſt ein Narrenteufel und er ſtirbt von ſelbſt an der dür⸗ renden Zeit. Den zweiten verrathe ich dem Herrn Feld⸗ marſchall, damit Dir werde, was Du verdient, und über den dritten will ich noch ein Wdrt mit dem Ge⸗ vatter Bartputzer reden, und Zapfen und Spundloch! will ſelbſt nochmals alle Liebespein von vorn durchma⸗ chen, die mich in ſiebenundſiebenzig Jahren moleſtirt, wenn mein Wort nicht Breſche ſchießt in den hochmüthi⸗ gen Steinbauch des Rothrocks.— Wahrhaft zürnend tollte jetzt der Pole auf. Nein⸗ nein, nein! rief er. Bei dem Sankt Georg! wer ſich in meine Ehrenſachen miſcht, den könnte ich niederſchlagen gleich dem Lindwurme, wäre er auch Bruder oder Va⸗ ter mir! Gehet hin, gebet meinen Namen nochmals 205 preis, wie ihn der ehrloſe Flaſchner preisgegeben, aber erwartet nicht, daß Ihr noch einen Zipfel vom Rock des Koltſchützkly in Eurem Hauſe findet, wenn Ihr abgewie⸗ ſen heimkehret.— Der alte Wirth ſtand verdutzt; da hörte man die klappernden Holzſchuhe der Kuchelmagd außen, und das blaurothe Apfelgeſicht wurde ſichtbar in der Thürſpalte, und ſie ſtotterte herein: daß unten im Hauſe ein langer Haiduck eingetreten und nach dem Herrn Georg fragen thue, und daß der Herr Georg auf dem Fleck mit ſpa⸗ zieren ſolle zu dem Freiherrn, der das große Haus habe auf dem Minoritenplatz, deſſen Namen ſie jedoch ver⸗ geſſen.— Der Greis drehete ſich auf der Ferſe herum und ju⸗ belte, indem er den Freund, der ſich grollend niederge⸗ ſetzt, an beiden Schultern faßte: Das iſt der Freuden⸗ bote, von dem ich längſt geträumt. Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. In die Luft, mein Junge; Zapfen und Spundloch! ich wette, Du kehrſt nicht zurück, ſo wie Du hinausmarſchirt.— Ich ſollte nicht gehen, ſagte Koltſchützky verdüſtert, aber ſanfter: Was wird der Edelherr wollen? Sie ha⸗ ben ihm ſein Söhnchen herübergeſendet und nun drückt ihn die Schuld, und er will mir mein Botenlohn mit einigen kalten Dukaten richtig machen.— Aber Lamprecht hatte ſchon die rothe Mütze und den Aermelrock herbeigeſucht; er ſelbſt zwang wie ein flinker Kammerlakai dem Freunde die Kleider auf, bürſtete und zupfte Alles zurecht und ſchob ihn faſt zum Stübchen und zum Haus hinaus, indem er mit lauter ſüßen Propheten⸗ worten ſeinen Gang begleitete und ſeinen ſtarren Sinn umzuſchmelzen verſuchte. 206 Der lange Haiduck meldete die Ankunft des Frem⸗ den im Zimmer und öffnete ihm hernach daſſelbe zum Eintritt. Auf einem Ruhebett befand ſich der Freiherr von Kielmannsegge halb ſitzend, halb liegend. Medizin⸗ flaſchen ſtanden auf dem Tiſche am Bett, und ein Nachtſchirm hielt das Licht der Kerze ab vom Bett, und beſchattete einen Mann, der daneben ſaß. Der Knabe des Freiherrn ſtand geſchmiegt an den Vater. Der Pole grüßte reſpektvoll und fiellte ſich feſt in der Mitte zwi⸗ ſchen Thür und Tiſch; da ſprang der Knabe, nachdem er ihn nur einige Augenblicke ſtarr betrachtet hatte, raſch zu ihm heran, umfaßte ſeinen Schenkel und rief freude⸗ voll: Väterchen, das iſt der gute Mann, der mich von dem häßlichen Schwarzen wegnahm, der Deinen kleinen Clamor auf dem Arm trug, als er ſo müde war, und der mich mit ſüßen Beeren fütterte.— Koltſchützly neigte ſich zu dem Kinde, legte ihm die Hand auf den lockichten Kopf und ſagte mit Rührung: Gott ſegne Euren Einzug, Junker, und bewahre ferner⸗ hin Euer Leben vor ähnlicher Noth.— Gott ſegne den Retter und gebe ihm den beſten Lohn, den freilich kein König der Erde zu zahlen vermag! be⸗ gann da der Freiherr. Tretet näher, mein wackerer Freund, und erkläret mir das Räthſel, warum Ihr Euch nicht ſehen ließet in meinem Hauſe, dem Ihr das höchſte Glück zurückgebracht und das Euch zu tief verſchuldet worden.— 6. Edler Herr! antwortete der Pole, was der Zufall gethan, durfte ich nicht mir zum Verdienſte anrechnen; aber wohl habe ich gedacht an Euch und den lieben Junker und habe in meiner Einſamkeit mein Theil Freude daran mir ſelbſt genommen.— 207 Ich vergaß Dich nicht, erwiderte der Freiherr mit Lebhaftigkeit; aber ein böſes Fieber warf mich auf das Lager, doch in meinem Fiebertraume habe ich gar oft gerufen nach Dir, wie mir meine Leute erzählt, die freilich nicht wußten, wen ich gemeint und zu wem ich ſolche Liebesworte geredet.— Da erhob ſich der andere Mann von ſeinem Seſſel und trat in das Kerzenlicht, und Koltſchützky erkannte mit Staunen in ihm den Feldmarſchall, den Grafen von Starhemberg. Mehr als der Baron habe ich Dir zu zürnen, ſprach er ernſt und mit ſeinen Feuerblicken den Erſchütterten faſſend, denn Du haſt mich eine Sünde begehen laſſen, die mir ſonſt nicht eigen; Du biſt Schuld, daß ich mich der Vergeßlichkeit und des Undanks ankla⸗ gen muß, und das thut weh, vor Allem dann, wenn die Haare in Ehre grau geworden, mag ſich auch der Sturm der Zeitbegebenheiten, der Drang der Geſchäfte in etwas entſchuldigen. Es war nicht recht gethan, daß Du Dich nicht meldeteſt. Und warum ließeſt Du Dich nicht ſehen, warum verbargſt Du Dich mir und der kaiſerlichen Majeſtät, die ſo gnadenvoll jedes Verdienſt zu belohnen bemüht geweſen?— Gnaden, antwortete Koltſchützky, der ſeine Beſonnen⸗ heit, ſeinen Freimuth völlig wieder gewonnen; man ſagt, Fürſten ſäßen an Gottes Statt, ihre Hand reiche weit durch das ganze Land und träfe gleich mächtig hier wie an der letzten Grenze; ſo meinen wir niedern Leute denn auch, der Fürſten Augen müßten reichen weit wie Gottes Sonnenlicht, und das wahre Verdienſt könne ſich nirgend vor ihren Blicken verborgen halten. Uebrigens that ich, was ich damals gethan, auf Euern Befehl, der Ihr ſtandet an Kaiſers Platz, und des Kaiſers 208 Befehl zu erfüllen, muß jeder Wiener für eine Ehre halten, und in der Schuldigkeit ſeinen Dienſtlohn abge⸗ than vermeinen.— Du ſprichſt dreiſt, aber gut, lächelte der Feldmar⸗ ſchall; doch Du biſt kein Sohn Oeſterreichs und die Unterthanenpflicht rief Dich nicht zu dem kühnen Wag⸗ ſtück. Dazu waren Deine tapfern Landsleute in unſern Mauern; man hätte Dich Deinem Könige vorſtellen können, und der Held Sobiesky würde ſich an Dir er⸗ freut haben, und doppelter Preis möchte Dir dann ge⸗ worden ſein.— Koltſchützky's Geſicht verfinſterte ſich. Herr, ſagte er bewegt, ich habe kein Vaterland; daß ichs verloren, em⸗ pfand ich brennend im Herzen, als ich die Kriegsmuſik meiner Landsleute in dieſen Mauern vernahm, und mich bergen mußte vor den Augen des tapferſten Kriegsfür⸗ ſten. Ihr ſehet mich ſcharf und ſtaunend an, und fürch⸗ tet vielleicht einen Miſſethäter vor Euch zu haben? Aber nein, ſo iſt es nicht. Der König und ſeine Reiter ſind fern, und in Eure Bruſt kann ich ſicher niederlegen, wie das Schickſal mich aus der Heimath ſtieß und mich im fremden Lande die Zuflucht ſuchen ließ. Jung ſchon war ich Soldat; unter jenen Lanzenreitern, die Wien bewun⸗ derte, habe auch ich geritten; jene goldene Standarte des weißen Adlers führte auch mich in das Feld. Mein Vater hatte mir die Stelle eines Wachtmeiſters gekauft und die Bahn zu höhern Würden ſtand mir geöffnet; da mißhandelte mich mein Hauptmann, die Säbel wur⸗ den blank, und er fiel von meiner Hand. Er war ein Staroſtenſohn, und Polens Kriegsgeſetze ſind gar ſcharf. Ich mußte es für hohe Himmelsgnade anſehen, daß ich glücklich davon kam, daß meine Flucht zu dem fernſten — 209 Oſten gelang, und ich hier im Kaiſerlande zuletzt eine friedliche Ruheſtatt finden durfte.— Den Soldaten hatte ich längſt in Dir erkannt, ent⸗ gegnete der Graf lebhafter, indem er näher trat und dem ſichtlich Bewegten die Hand auf die Schulter legte; vielleicht wäre Dir ein Platz in der Armee lieb geweſen, aber geſtern hörte ich, daß Deine Hand unbrauchbar ge⸗ worden im Kampfe für unſere Stadt. Wir mußten darum auf etwas Anderes denken für Dich, Du ſtarr⸗ köpfiger Gläubiger. So darf ich Dir denn zuerſt ver⸗ künden, daß des Kaiſers Majeſtät Dir erlaubt, ein Gnadengeſchenk zu erbitten, wie Du es für Deine Zu⸗ kunft am nützlichſten erachteſt, und fürs Zweite darf ich für mich hinzufügen, daß auf mein Anſuchen der innere Stadtrath Dir das Bürgerrecht der Stadt Wien zu ertheilen bereit iſt, und daß Du morgen auf dem Stadthauſe erſcheinen magſt, die Urkunde in Empfang zu nehmen.— Ja, mein lieber Freund, ſetzte raſch der Freiherr hin⸗ zu, als der Pole verſtummt und faſt beſtürzt daſtand, zehn tüchtige Bürgersleute haben für Dich Zeugniß ab⸗ gelegt, und freuet Dich der neue Stand, der Dir ein Vaterland wiedergibt, ſo ſuche Dir in der beſten Straße Wiens das beſte Haus, welches käuflich iſt; mein Hof⸗ meiſter ſoll es erſtehen und zahlen für Dich, und Du wirſt mir die Freude gönnen, die innere Einrichtung zu beſorgen nach Deinem Gefallen. Die Dankbarkeit, die ich und dieſer Kleine Dir ſchulden„der ſein Auge nicht von Dir läßt und dem Du ein Engel geworden für Leib und Seele, drückt ſchwer, und Du biſt zu brav, uns nicht einen kleinen Theil derſelben abnehmen zu wollen. Nicht wahr, Du verſchmäheſt nicht, was mein kleiner Blumenhagen. VI, 14 210 Clamor Dir bringt als eine Ausſteuer für Dein neues Leben.— Liebe Herren, antwortete Koltſchützto mit unſicherer Stimme und bebenden Händen, der Himmelsſegen ſtrömt herab auf mein Haupt wie damals der Platzregen in der türkiſchen Schreckensnacht, und verwirrt mir die Sinne und betäubt mein Gemüth wie damals. O mein Junker, wer weiß, welcher von uns Beiden des Andern beſter Engel geworden! Nehmt indeß das naſſe Auge für Dank, und vergebt, was mein Starrſinn vielleicht heimlich gegen Euch verſchuldet. Aber da es doch nun einmal heute für mich der Tag der überſchwänglichen Weihnachtsgabe geworden, ſetzte er heiterer und faſt lau⸗ nig hinzu, ſo erlaubt, damit das Maß üvervoll werde, daß ich ohne Bedenken und auf der Stelle die Gnade in Anſpruch nehme, die des Kaiſers Majeſtät mir ſo huld⸗ reich geöffnet.— Rede, fordere! ſprach der Feldmarſchall neugierig. Ich bin begierig zu wiſſen, wie ein Mann von Deinem Charakter eine ſo ſeltene Gunſt benutzen mag.— Gnaden, die Schankwirthſchaft in der Vorſtadt hat mich zwei Jahre lang rechtlich ernährt, entgegnete der Pole, und den Freund, der uns in der Noth die Hand geboten, ſoll man im Glück nicht von ſich ſtoßen. Nun hat der Haß und Neid meine damalige Wirthſchaft eine Bettlerherberg geſcholten, weil ich den Fußgänger nicht von meiner Thür ſtieß nach unchriſtlicher Weiſe der Großſtädter, da ich ſelbſt erfahren, daß auch ganz ehr⸗ liche Leute mit der angeborenen Equipage reiſen, und wie wohlthätig ein gewärmtes Bett ſolchen Wandersleu⸗ ten thut nach ſaurem Tagesmarſche. Möchte ich nun aber ein Schankwirth bleiben, ſo möchte ich zugleich den 21 neuen Mitbürgern zeigen, daß ich meine Sache im Gro⸗ ßen verſtehe, möchte überdieß noch etwas Beſonderes ſchaffen, das dem Wiener neu und niegeſehen wäre und mir ſofort gute Kundleute lockte. Was meinet Ihr, Gnaden? Sollte nicht ein türkiſches Kaffeehaus, ſo nett und einladend, wie ſich nur eines in Iſtambol findet, die Kaiſerſtadt zieren, der es mangelt, und dem hohen Adel und der Bürgerſchaft angenehm ſein? Wirkt mir ganz insgeheim die kaiſerliche Erlaubniß dazu aus, und wollet Ihr dem Unverſchämten gänzlich Genüge leiſten, ſo gebt mir ein paar Fuder Mokkabohnen obendrein, ich weiß, es iſt ein ganz Magazin davon aus dem La⸗ ger hereingebracht; dann will ich den Wiener lehren, wie er ſich den edelſten Trank des Orients bereiten muß. Es ſteht ein edles arabiſches Mutterpferd in meinem Stalle, mein Beutepferd; der polniſche Wachtmeiſter hätte es um keinen Preis herausgegeben, aber dem Kaffeeſchenken iſt es unnütz und zu köſtlich für ihn; die gnädige Frau Kaiſerin hat kein beſſeres Thier im Mar⸗ ſtall; will man das ſilbergraue Pferdchen gnädigſt an⸗ nehmen zum Tauſch, geſchieht mir Ehre und Freude dadurch.— Wahrlich, Du brandſchatzeſt Deinen Kaiſer nicht, ſagte lächelnd der Graf, und Deine beſcheidenen Wünſche ſollen darum ſämmtlich gekrönt werden. Iſt Dein Roß Dir feil, ſo zahle ich Dir den Preis, und Du ſollſt Deine Kaiſerin darauf reiten ſehen. Aber mache Dich bereit, der Majeſtät vorgeführt zu werden, denn das hohe Paar wird ſich das Vergnügen nicht verſagen, den Luftritter über der Pulvermine und den beſcheidenen Bittſteller von Angeſicht kennen zu lernen.— Und baue und wirthſchafte nur ſchnell und tüchtig, 212 ſetzte der Freiherr hinzu; ſpare nichts an türkiſchen Tep⸗ pichen, weichen Polſtern und koſtbarem Geſchirr; je tie⸗ fer Du in meinen Beutel greifſt, je lieber wird mir's ſein, und bin ich völlig geneſen, ſoll mein erſter Weg mich mit meinem kleinen Clamor an der Hand zu Dir vringen, und Du ſollſt uns die duftige Schale kre⸗ denzen.— Gott iſt groß, ſagte andächtig und mit gehobenem Blick der beglückte Pole; und er ſchuf den Menſchen ſich zum Ebenbilde! O ihr edeln Herren, die ihr zu ſcherzen ſcheint über die Gaben, die ihr geſpendet, ihr wißt wahrlich nicht, was für mich darin verborgen gleich einem vergrabenen Zauberſchatze, der köſtlicher als die Schatzkammern aller Könige der Welt, und theurer als der florentiniſche Diamant auf der Burg iſt. Aber ihr werdet es erfahren mit Gott, und werdet es erkennen, daß ihr einen Glücklichen gemacht, und das Bewußt⸗ ſein ſoll ja das größte Glück bringen für ein edel Herz⸗ und ſoll den beſten Dank gewinnen; möge es denn zah⸗ len für mich, dem ſelbſt das Wort fehlt, die ewige Dankbarkeit aus dem Innern euch ans Licht zu legen. An einem Sonntagsmorgen eine geraume Zeit nach⸗ her, benutzte der Feldſcherer und Stadtbader, Herr Flaſchner, die Muße zwiſchen Kirchgang und Mittags⸗ mahl, in ſeinem Kabinet Goldſtücke zu zählen und Sil⸗ bergeld zu ſortiren und einzurollen. Nachdem der Friede und die bürgerliche Ruhe wiederum walteten in der Kai⸗ ſerſtadt, hatten ſich auch nach und nach dankbare Zahler eingeſtellt, welche die Sorge für ihren Leib, die der alte Aeskulap ihnen in der Zeit des Schreckens ange⸗ 213 deihen laſſen, jetzt, da die Sicherheit des Eigenthums zurückgekehrt, mit klingender Belohnung vergalten. Der alte Herr war recht innerlich vergnügt bei dem angeneh⸗ men Geſchäft geworden, und drehete ſich, wenn auch ge⸗ ſtört und verwundert, doch nicht mürriſch auf ſeinem Rollſtuhle herum, als er Mannesſchritte im Wohnzim⸗ mer hörte, und ein Fremder dreiſt in das Thürlein ſei⸗ nes Geheimgemachs einzutreten ſich unterfing. Schau einmal, rief er, Gevatter Lamprecht! Ei, ei, ein ſeltener Beſuch, lang nicht bei mir geſehen, halt ſtill! Und dazu im ſchwarzen Feſtkleide und herausgeputzt, als gäbe es bei dem alten Wittmann nochmals ein Töchter⸗ lein über das Taufbecken zu halten.— Fröhlichen Sinnes, guter Laune? Deſto beſſer, ent⸗ gegnete der Schankwirth, indem er ohne Umſtände den nächſten Stuhl nahm. Treibt Ihr doch da eine Arbeit, die Jedermann auf Erden gern thut. Zapfen und Spund⸗ loch! Ihr ſeid ein Mann, der immer ſchwerer wiegt, und rathe ich ſo gut wie ehemals, ſo zählt Ihr die Mit⸗ gift ab für eines Eurer netten Madels oder wohl gar für zwei.— Immer noch der alte Fuchs! lächelte Flaſchner, die Hände behaglich reibend. Weiß ſchon, warum Ihr kommt, halt ſtill! Habt vernommen von der Anwerbung des Junkers von Halwill um mein Nannerl, und bringt als alter Hausfreund die Gratulation. Hättet nicht nö⸗ thig gehabt, darum den Staat anzuthun; kennt ja den alten Flaſchner; kein Hochmuth in ihm, keine Ceremo⸗ nien bei ihm, Hausmannstoſt für Tiſch und Herz, halt ſtill!—„ Der Halwill und Euer Nannerl? fragte der Wirth ſtutzend. Vater Flaſchner ſeht Euch vor, die Wiener 214 Hofherren legen gar gern ein Satansei in ein bürgerlich Neſtlein.— Purer Ernſt, pure Ehrbarkeit, antwortete der Chi⸗ rurg. Der Herr Graf, der alte nämlich, des kaiſerlichen Kammerherrn und Geheimenraths Excellenza, ſind ſelig entſchlafen. Machten die ganze Schule des Hydropes durch, vom Oedema zur Acites, von da zum Anasarca, pitſch ging das Lebenslicht im Waſſer aus, halt ſtill! Hat ſich lang genug gequält, der alte, gute Edelherr. Der Junker thut nun, was er längſt im Sinne ge⸗ hegt, und ſetzt mein friſches Röschen in ſein Wappen; freilich eine Ehre, die nicht jedem Wiener Altbürger zu Theil wird.— Was kümmert's Andere, erwiderte Lamprecht; Ihr ſeid der Vater, und ein halbwege vernünftiger Mann. Und faſt freuet mich die Geſchichte, denn Ihr ſchauet mich in einer ähnlichen Angelegenheit vor Euch, von der ich hoffe, daß ſie Euch eben ſo lieblich klingen möge.— Herr Flaſchner rückte ungeduldig auf ſeinem Stuhle und riß die Augen weit auf, daß die breiten, grauen Braunen ſich hoch in die runzlichte Stirn hinaufzogen. Als ein Werbemann komme ich, fuhr Lamprecht ruhig fort, und zwar gilt mein Anliegen meinem frommen Pathchen, der ſtillen Poldl, die längſt wie ein reifer Apfel am Baum die jungen heirathsluſtigen Wiener er⸗ götzte, und die den beſten Mann verdient, weil ſie in Zucht und Sittſamkeit allen Jungfrauen voranging.— Halt ſtill! Halt ſtill! murrte der Hausherr, wagte aber aus Wißbegier den Sprecher nicht zu unterbrechen.— Als ein Bevollmächtigter ſitze ich alſo hier, ſprach der Wirth weiter, um nach Gebühr und Sitte ehrerbietigſt von Euch das liebe Kind zu begehren für einen Ehren⸗ 215 mann, der ſie zu ſeiner Hausfrau erkieſen möchte, je bälder, je beſſer, weil eine ſolche ihm gebricht in ſeinem weitläufigen, neuen Geſchäft, dem ohne ſolchen Sifnb das Beſte ermangelt.— Viel Ehre, viel Ehre! ſtieß Flaſchner hervor. Aber der Name, der Name! Eure Worte fließen ſo langſam wie das Blut aus der Ader eines Erhängten.— Es iſt ein junger Bürger unſerer Stadt,— Lam⸗ precht erhob ſeine Stimme laut und ſchallend bei dieſen Worten;— es iſt ein Mann, geehrt bei Vornehm und Gering; er trägt ſein Goldkettlein am Halſe und ſchöner noch manche Wundnarbe, die er für uns empfangen; auch fehlt ihm nicht das Säcklein mit Adlerdukaten. Am Stephansfreithof hat er ſein neues Kaffeehaus, genannt zur blauen Flaſche, ſeit geſtern eröffnet, und ſeine ſtatt⸗ lichen Schankzimmer ſind gefüllt mit Gäſten, Rittern und Bürgersleuten, mit zahlenden Kunden jedes Standes, und kein Altbürger Wien's würde ihm ſeine Tochter ver⸗ ſagen, denn ſie könnte niemalen in eine treuere, redlichere Hand gerathen.— Der alte Flaſchner ſprang hoch auf und ſchlug haſtig die Klappe ſeines Schreibepults ins Schloß, daß die Geldhaufen innen klingend durch einander flogen. Dacht' ich's doch, rief er wild, daß eine Eule geſeſſen hätte hinter der Saalbaderei. Der Foltſchützky iſt es, nicht wahr, des Herrn Gevatters Schooßkind? Halt ſtill! Der vertrackte Pole, den ganz Wien Bruderherz titulirt, würde ſich trefflich ſchicken zum Schwager eines Grafen⸗ ſohnes. Nichts da! Mag immer ſeinen heidniſchen Trank brauen, womit er ſchwache Mägen und hyſteriſche Däm⸗ chen curiren will. Niemand von meiner Familie hat Begehr, davon zu koſten, und ſich Schwindel und 216 Apoplexie zu holen. Mag ſich wo anders eine Schank⸗ wirthin ſuchen, eine Heidin oder Türkin, halt ſtill! Bei mir iſt keine Köchin für ſeinen Hexenbrau zu finden. Punktum!— Gevatter, Gevatter, denkt an Euer Wort! warnte Lamprecht. Halb Wien hat's gehört, ganz Wien würde Euch einen unredlichen Mann ſchimpfen. Was der brave Georg nie zu hoffen wagte, iſt gekommen; was Ihr damals von Eurem Tochtermanne gefordert, hat Gottes wunderbare Gnade ihm geſchenkt. Wollet Ihr Euch auf⸗ ſtellen gegen Gottes Schickung? Und denkt Ihr denn ſo gar nicht an mein gutes Pathchen, das mit treuer Seele an dem Georg hängt, und deren ſchweren, nagenden Seelengram der Himmel auf Euer Kerbholz ſchreibt.— Mag ſich grämen, mag vergehen an Atrophie und Herzſpann, die ungehorſame Närrin, tobte Flaſchner. Andere Symptomata, andere Heilmittel; halt ſtill! Was heute gut, morgen ſchlecht! Schriftlich hat Niemand etwas von mir, und was im Zorn geſprochen und im Glauben der Unmöglichkeit gilt wie der Schnickſchnack, den ein Trunkenbold in Eurer Boutike geführt.— Der alte Lamprecht betrachtete ein Weile den aufge⸗ regten, in dem Kabinet herumtrippelnden Menſchen mit Blicken, in welchen ſich zuerſt Mitleid, dann Widerwille, zuletzt ſogar ein Anflug von Verachtung und Feindſelig⸗ keit ausſprach. Langſam ſagte er dann, indem er den grauen Kopf ſchüttelte: Es geht mit dem Menſchen ge⸗ rade wie mit dem Weine. Iſt der von gutem Gewächs, und liegt er allein für ſich im reinen Gefäß, ſo wird er edler mit jedem Jahre, nimmt an Geiſt und Feuer zu, was er vielleicht an jugendlichem Wohlgeſchmack einbüßt, und kann zum Präſentwein werden, der nur auf fürſt⸗ 5 6 217 liche Tafeln geſetzt wird. Kommt dagegen ein Giftmi⸗ ſcher darüber, der die gute Natur verbeſſern möchte, und dem edlen Sgafte die ſchlechte Compagnie von Schwefel, Spiritus und Blei zulegt, da ſchmeckt der Trank gut auf der Zunge, aber Magen und Hirn fühlt ſeine Tücke, und wer dreimal ſein Seidl davon geleert, ſchickt das vierte beiſeit. Ihr waret ein ganz guter Geſelle, Flaſchner, damals, als Eure Muhme Euch das ſchöne Geld ver⸗ machte, mit dem ihr dieſe Badſtube erſtanden. Eure Kunſt hat tauſendfache Ernte getragen, wohl bekomm's Euch! aber für Eure alten Freunde ſeid Ihr ungenießbar geworden, und, Zapfen und Spundloch! das ärgert mich um Euret⸗ und unſertwillen mehr, als hätte man mir Melmicker ſtatt Ofner in meinen Keller geſchwärzt. Je⸗ der iſt ſeines Glückes Schmied und wir ſind über die Jahre der Vormundſchaft weit hinaus. Freilich glaubte ich bislang, das Wort eines Wiener Altbürgers müſſe gelten im ganzen deutſchen Reiche wie Kaiſerſpruch und bedürfe keines Wachsſiegels und keiner Schnirkelſchrift. Bei den großen Herren mag das anders gelten, und Ihr habt viel verkehrt mit ſolchen, habt Prinzeſſinnen die Hühneraugen geſchnitten und Prälaten den Bauch ausge⸗ fegt, habt Euch einen gräflichen Schwiegerſohn erkoren, und Euer Umgang hat ſich ſogar bis zu türkiſchen Hohei⸗ ten hinauf verſtiegen. Der Bauer, der zum Ritter ge⸗ worden, legt die Hand nicht mehr an die Pflugſchaar; wer mit einem Oda⸗Baſchi Arm in Arm ſpazirt, macht ſich nicht mehr gemein mit einem Gevattersmanne, der den Gäſten ihr Maß zumißt.— Halt ſtill! ſchrie Flaſchner plötzlich, und ſeine Füße ſtanden wie eingewurzelt in der Mitte des Gemachs, und ſein dunkeles Geſicht war wachsbleich geworden, 218 als hätte er ein Geſpenſt erblickt. Welches Eſelsohr ſchau't aus dem Schnickſchnack? ſtotterte er halblaut und langſamer.— Freilich iſt es wunderbar zu glauben, fuhr der Schank⸗ wirth fort, wie ein Wiener Altbürger ſo allen Patriotis⸗ mus und ſeinen eigenen Hals ſollte vergeſſen haben in Mitten der allgemeinen Noth, daß er einem Erzfeinde der Stadt zur Freiheit geholfen, ja ſogar ſeine Recht⸗ lichkeit ſollte um elende Demanten und Rubinen ver⸗ ſchachert haben. Käme das Geſpräch davon unter die Fiſcher, die Fuhrleute und die Vorſtädter, bezahlte ich für ſeine Haut und ſeine Gliedmaßen nicht einmal den Werth eines Pergamentblattes oder einer magern Ham⸗ melskeule.— Schnickſchnack! Dummes Zeug! Was geht's mich an! ſchrie der Feldſcherer, im Verſuch ſich durch die eigene, tönende Stimme zu ermuthigen.— Wer den Warner nicht hört, darf ſich nicht beklagen, kommt der Schaden, erwiderte Lamprecht mit eiſiger Kälte, die den Zuhörer ſichtlich ſchüttelte. Man ſpricht, der Oda⸗ Baſchi, den Ihr in die Todtenkammer bringen ließet, habe ſchon vor dem jüngſten Tag ſeine Auferſtehung gefeiert, und ſei in Eurem eigenen Roquelor, mit Eurem Geleite hinausſpazirt.— Ich bekam ein Grauen vor Euch, und als Euer Famulus um Mitternacht zum n ich's vernahm, denn des Schwarzkünſtlers Fauſt Courage und Höllenmantel muß auf Euch vererbt worden ſein, daß Ihr den Wiener Hoheiten ſolch einen Poſſen zu ſpielen wagtet. Käme es vor den Starhemberg oder gar an die Majeſtät auf der Burg, möchtet Ihr den Wienern ein jämmerlich Spektakel geben; wurde doch unter dem Fer⸗ dinand ſchon einmal ein Flaſchner, der ein ſo guter Bürger 219 war als Ihr, und weit weniger geſündigt hatte, höber befördert, als er wünſchen konnte.— Beweiſe! ſtammelte der bleiche Hausherr verwirrt. Ihr müßt mir vor Gericht, halt ſtill! Wer kann mich ſo ſchwer beſchuldigen? Wer hat ſpionirt an meiner Thür⸗ ſchwelle?— Haltet Euch ruhig und thut vernünftig, was ich Euch rathe, ſagte Lamprecht; Zapfen und Spundloch! es ſollte mir doch leid thun, meinen Schulkameraden und Gevatter im Scharlachrock an dem häßlichen Dreibein baumeln zu ſehen.— Der Feldſcherer zuckte zuſammen und griff nach ſeiner Kehle.— Ich meine es redlich mit Euch, darum ſollt Ihr reinen Wein haben. Sehet, der dumme, aber ehrliche Daniel ſchleicht ſich denn zuweilen des Abends in mein Hinterſtübchen, und wenn er daſitzt, und mit wei⸗ ten Naſenlöchern den Bratenduft aus der nahen Küche einzieht, ſo dauert mich der alte Burſch, der ſo lange bei Euch ausgehalten, obgleich er zum Geripp geworden, weil Ihr ihn nicht ſatt füttert und auf die Finger klopft, hat er einmal einem Bauersmann auf eigene Rechnung den Bart geſchunden. Ich habe ihm denn zuweilen einen Reſt von einer Kalbskeule und eine Halbi Nußdorfer vor⸗ geſetzt. Wer immer Entenwein trinkt, den macht ein Fingerhut Spiritus redſelig, und da hat er denn in aller Unſchuld erzählt, daß der Oda⸗Baſchi, den er mit auf's Stroh getragen, ein gar kurioſer Todter geweſen, daß ihm das Herz noch gar lebendig geklopft und ihm die Finger gar merklich gezuckt. Er ſei darum wiederum zum Leichenhaus gegangen, um ſeine Beobachtungen als ein guter Medikus zu machen, aber da habe er gefunden, daß ſein gelehrter Prinzipal ſchon ſein Meiſterſtück ge⸗ macht, habe geſehen und gehört, daß der Türke lebendig 220 geworden, einen ſaubern Handel mit Euch geſchloſſen, und ſo weiter, ſo weiter, was hernach geſchehen.— Arſenik in ſeinen Hals, ein Scheermeſſer durch ſeine Kehle! kreiſchte Flaſchner. Der Judas! Der Spion! Der dürre Maniakus!— Ich bin ein verlorener Menſch, wo iſt die Lanzette, daß ich mir ſelbſt Blut laſſe, ehe es Andere thun.— Ruhig, Gevatter! entgegnete der Wirth. Habe ich den Schaden aufgedeckt, will ich auch einmal den Medikus ſpielen. Freilich ſaß der Koltſchützky dabei und hörte die ſaubere Geſchichte mit an, und das iſt ſehr bös, da Ihr dem guten Burſchen nun einmal ſo ſpinnefeind geworden, und Haß den Haß erzeugt, wie der Sumpf den faulen Rebel. Dem armen Daniel habe ich ſeinen Judasſchnack tüchtig verwieſen und er hat Schweigen gelobt, und ſchweigt ſicherlich, wenn Ihr ihm künftig den Magen vollſtopft, von Eurem Tiſchwein ſein ſchwaches Gemüth erſtärkt, und ihm ein Kapitälchen ausſetzt für's Alter. Für mich dürft Ihr nicht ſorgen, denn geſchehen iſt die Sünde nun einmal, und ich will Niemanden verderben. Der Georg iſt das einzige Obſtakel; ein Schwiegerſohn würde freilich den Großvater ſeiner Kinder nicht an den Galgen ſpediren; aber Ihr könnet und wollet nun ein⸗ mal mit Eurer Poldl höher hinaus.— Soll ſie haben, haben! ſtammelte der Schweißbedeckte, indem er Lamprechts Hände faßte und krampfhaft quetſchte. Macht was Ihr wollt! Verfreiet meine Kinder, greift in meinen Geldkaſten, halt ſtill! Aber ruft mein Kind; laßt Wein bringen für Euch, mir friſches Waſſer, ein ganzes Maß; ich habe Feuer im Hirn, Eis im Leibe, und mich rührt der Schlag, wird mir nicht geholfen.— Der alte Wirth ging zur Thür und befahl, was der 221 Hausherr gewünſcht, dann trat er zum Fenſter und winkte mit ſeinem Sacktuch hinaus. Flaſchner, ſagte er dann, alter Andreas, Ihr dauert mich. Es hat mir wahrlich heiße Mühe gekoſtet, Euch auf den rechten Weg zu bringen, zu dem die Natur, die Ihr ſtudirt habt mehr als Andere, Euch hätte leiten müſſen. Laſſet das eine Radikalkur ſein, wie Ihrs nennt; irdiſche Schätze ohne ein reines Gewiſſen find Teufelsgeſchenke, und werden Sand und Aſche gerade dann, wenn man damit ſich das beſte Glück kaufen möchte. Leopoldine trat jetzt ein mit Flaſche und Glas, und ſah ſchweigend, aber verwundert auf den Vater„der im Lehnſeſſel keuchte, und auf den alten Freund, der ſie lächelnd begrüßte und ihr unter das runde Kinn griff. Aber ihr Staunen wurde Erſchrecken, als jetzt ihr Georg im netteſten Bürgerputz ſich in der Thür zeigte, zögernd ſtand und ein: Darf ich näher? flüſterte.— Darfſt, ehrlicher Junge! rief fröhlich der Wirth. Der Gevatter hat mich zu ſeinem Generalwachtmeiſter⸗ Lieutenant gemacht, und ich gebe Dir das Mädchen, das Du verdienſt, und die Dein werth iſt. Friſch in die Arme! Herzet euch, küßt euch, habt ja lange genug ſchmachten müſſen. Und eine Hochzeit will ich euch aus⸗ richten, Zapfen und Spundloch! Ganz Wien ſoll die Braten ſchmecken bis über Sankt Tiepold hinaus.— Herr Flaſchner, Vater, Bruderherz, Ihr öffnet einem ehrlichen Menſchen den Himmel, und ein treuer Sohn wird's Euch danken, und Gottes Lohn wird Euch ſegnen bis in Methuſalems Jahre hinauf, ſagte Koltſchützky wie außer ſich vor Entzückung, und haſchte nach den Händen des Feldſcherers, die dieſer abwehrend hoch über ſeinen Kopf ſtreckte.— Erlaubt Ihr denn wirklich, Vater? fragte dagegen 222 ſcheu und ungläubig die Jungfrau. Flaſchner ſprang unwillig auf, ſtampfte mit dem Fuße, nahm jedoch beider Arme und riß ſie gewaltſam gegen einander. In des— in Gottes Namen! rief er wild. Weil es denn ſo ſein muß, und der Satanas mich— halt ſtill!—— Die Liebenden flogen zuſammen, überhörten den ſelt⸗ ſamen väterlichen Segensſpruch und hielten ſich innig umfaßt, und bebten Beide in unerſchütternder Ueberra⸗ ſchung. Hinter ihnen ward jedoch eine feindſelige Stimme wach, und Ferdinande ſtand unvermuthet zwiſchen der Geſellſchaft mit hochglühendem Angeſicht. Seid Ihr trun⸗ ken, Vater Flaſchner, daß Ihr Schande zugebt? keifte ſie. Iſt Euer Gedächtniß verloſchen, daß Ihr Eure Ehre und die meinige und all Euer Verſprechen alſo vergeſſen könnt? — Der Vater zog die Erhitzte ſchnell in einen Winkel des Zimmers und ftürmte mit beſänftigenden Worten auf ſie ein. Es ſei nicht anders; Noth kenne kein Gebot, ſprach er mit Haſt halblaut zu ihr; es ſei das Beſte für ſie ſelbſt, man würde die Jammerprinzeſſin los, Umgang zu pflegen mit der Kaffeeſchenkin hätte man ja nicht nöthig; ſeine Badſtube ſei ja ſo gut wie verkauft an den jungen Trübler; er werde ſich einen Palaſt bauen in der neuen Vorſtadt, dicht neben des Kaiſers neuer Favorita, wie keiner in Wien, und einen Haiducken halten, welcher Nie⸗ manden von der Polenfamilie über die Schwelle ließe.— Nichts davon, rief Ferdinande laut, den Vater zur Seite ſchiebend; die älteſte Tochter vom Hauſe hat mit zu reden, und haben ſie dem Vater den Kopf verrückt, ſo ſteht meiner feſt, und ich dulde den Schimpf nicht und will keine ſolche Verwandtſchaft von polniſchen Juden und unſaubern Schafpelzen. Endet Ihr nicht augenblicks den Skandal, Vater, ſo ſchicke ich nach meinem gräflichen —— 223 Bräutigam, und der wird mit ſeiner hohen Vetterſchaft ſchon die tüchtigſten Mittel finden, ſolchem bettelhaften Hausfriedenſtörer ſein Handwerk zu legen.— Ein lauter, lärmender Tumult auf der Gaſſe außen unterbrach ihre Zornrede. Das iſt Feuerlärm vder Rebel⸗ lion! rief der erſchrockene Lamprecht, und Alle, mit Aus⸗ nahme der grimmerfüllten Ferdinande, traten gegen die Fenſter, und beachteten einen Volksſturm gegen ein großes Haus am Ende der Gaſſe; da polterte es hinter ihnen, und der hereintaumelnde, dürre Daniel zog ihre Augen auf ſich, deſſen Füße ſo unſicher auftraten, als ſäße das Zip⸗ perlein in ihnen, deſſen Angeſicht vor Entſetzen lang und ſchmal geworden, wie eine Waſſermelone, und der ſich mit den dürren Händen an den Thürpfoſten feſthielt, um anſtändig vor der Herrſchaft erſcheinen zu können.— Herr Prinzipal, rief ſeine Krähenſtimme ſtoßweiſe, weil ihm der Athem nicht gehorchte, Herr Prinzipal, ſie haben ihn gebracht. Um Jeſu willen, Schnepper und rothe Binde! Der Leichnam iſt ausgegraben am Riederberg, und das Volk will ihn ſteinigen— die Hunde kratzten ihn heraus— er ging aber huſch zum Thor hinaus.— Der alte Flaſchner fuhr ingrimmig auf den verwirrten Geſellen los, faßte ihn am Ohrzipfel und zerrte ihn vol⸗ lends ins Zimmer herein. Was ſchnackt der Spion? ſchalt er giftig. An welchem Schlüſſelloch hat er wieder das Eſelsohr gehabt? Wie viel Seidl fremden Weines haben ihm wieder das Kalbsgehirn in Unordnung gebracht? Was für ein Leichnam huſchte zum Thor hinaus?— Nüchtern, Prinzipal, nüchtern wie eine friſche Nuß, auf Ehre! ſtotterte der Erſchreckte. Aber der Todte iſt todt, auf der Jagd erſchlagen und eingeſcharrt. Der Plebs will den Mörder zerreißen und Feuer werfen in ſein Haus, 224 und der Vetter hat geſchworen, er wollte ihm nachreiten bis an das Ende der Welt. Aber der portugieſiſche Herr hat Wind gehabt und iſt pfeifen gegangen zum Thor hin⸗ aus. O Jeſu mein, welch ein Jammerbild; denn der Todte iſt todt, Prinzipal, und war ſo ein lieber junger Herr, und hat mir manchen blanken Zwanziger in die Hand gedrückt, und ich wäre ins Waſſer gegangen für das feine Junkerlein, und habe ihm oft geſagt: Gnaden ſind gar zu großmüthig, aber Gott wird ſegnen, was Sie an einem armen Hungerleider thun, ſegnen an dem ganzen großen Hauſe der gnädigen Herren von Halwill.— Halt ſtill! ſchrie Flaſchner, und alle riefen mit Ent⸗ ſetzen den Namen Halwill nach und verſtummten dann plötzlich in Grabesſtille; aber hinter ihnen tönte ein gel⸗ lender Wehſchrei, und als ſie ſich dreheten, lag die blonde Ferdinande ſinnlos am Boden und wälzte ſich in ſchreck⸗ lichen Krämpfen. Die arme Schweſter! O wie jammert ſie mich! ſeufzte Leopoldine zu ihrem Geliebten auf, die Sinnloſe ſchmerz⸗ bewegt im Arme haltend, nachdem dieſe von den Män⸗ nern in den Lehnſeſſel gehoben worden, und der Vater nebſt dem Daniel nach Medikamenten ſuchten.— Der Herrgott wandelt ſichtlich auf Erden nach wie vor, aber die Blinden ſehen ihn nicht und die Leichtfer⸗ tigen glauben ihn ſchlafend, jagte Georg mit ernſter An⸗ dacht; und er trifft die Uebermüthigen mit ſchwerer Hand auf dem Stuhle ihres Stolzes, und iſt gnädig denen, welche kindlich auf ihn harren. Möge ſeine Barmherzig⸗ keit neben ihr ſein in ihrer ſchweren Buße.— Amen! ſprach der greiſe, tief erſchütterte Lamprecht. ——— MI. Schatten auf Pergen. Eine hiſtoriſche Erzäblung. Blumenhagen, VI. Ein Reitersmann von hohem Wuchs trabte durch die rauhe Novembernacht, ungeſtüm wie das Verlangen, über die Sandebene daher. Hut und Mantel verriethen den Kriegerſtand. Zwei berittene Diener folgten ihm in kurzer Entfernung. Ein großes einſam ſtehendes Ge⸗ bäude, von deſſen Giebeln mächtige Hirſchgeweihe ihre Zackenäſte zu dem kalten Sternenhimmel hinauf ſtreckten, und in deſſen Fenſtern noch Licht ſchimmerte, das einzige Zeichen von Leben in der mächtigen Oede, ſchien das Ziel ſeines Rittes. Er hielt an vor dem Jagdhauſe, ſchwang ſich kräftig und leicht aus dem Sattel, warf den Zügel des dampfenden Roſſes dem nächſten Diener zu, und klopfte ungeduldig an die verſchloſſene Pforte. Ein Kopf wurde oben am Fenſter ſichtbar und ſchauete ſorgſam und neugierig in das Dunkel herunter. Siebenſchläfer, befolgt Ihr ſo meine Befehle? rief der Reiter mit einer zürnenden Commandoſtimme hin⸗ auf. Warum die Pforte nicht weit auf? Wo iſt der Oberjägermeiſter, der doch meinen Boten empfing?— O mein Gott, der Prinz! tönte eine bebende dumpfe Stimme herab. Sogleich, Durchlaucht!— und drin⸗ nen wurde es plötzlich laut und wach, Hunde ſchlugen an, Lichter flackerten vor den Fenſtern hin, polternde Schritte ſchallten auf den Treppen und Steingängen und 228 vald raſſelten die Schlüſſel und die Pforte flog auf, und ein alter Graukopf im grünen Jagdrocke ſtand bleich und athemlos da, in jeder Hand einen Silberleuchter tragend, auf dem die Wachskerzen ein im Windzuge zit⸗ terndes Licht verbreiteten. Pardon, Durchlaucht! rief der Alte. Wer konnte Gnaden ſo ſpät noch erwarten? Aber Alles iſt bereitet, die Oefen geheizt, die Zimmer nach Befehl möblirt, weiche Betten und gedeckter Tiſch.— Brav, Wildmeiſter, entgegnete der Prinz milder und den Alten auf die Schulter klopfend. Aber Herr Otto?— Sind zur Stadt geritten vor Nacht, weil Durchlaucht vor Abend eintreffen wollten, und wir nun erſt morgen Dero Ankunft vermutheten, verſetzte der Jägersmann ſcheu.— Faulpelz von einem Weidmanne! brauſete der Prinz wiederum auf. Hat auch ihn die fränkiſche Hofſitte ver⸗ dorben, daß er das Zipperlein fürchtet, wenn er einmal Nachts auf dem Anſtande bleiben ſoll? Sogleich einen Burſchen hinein, ihn heraus gezerrt aus dem Daunen⸗ beit und herbeigeſchafft. Sagt ihm: der Mar ſei da und habe die Parforcepeitſche mitgebracht!— Er kennt mich, und wird den Novemberwind und den Schnupfen nicht länger fürchten.— Und dann hinauf, Alter, Ker⸗ zen und Fackeln auf Gang und Treppe, die Dienerſchaft ins Gezeug, Wein und Schüſſel auf den Tiſch! Es kom⸗ men Gäſte, vor denen ihr die Knie beugen und ſie im Staube anbeten müſſet.— Der Wildmeiſter keuchte fort; eine faſt tolle Lebendigkeit bewegte das Haus; alles was darin menſchlichen Athem hatte, flog herbei auf ſeinen Poſten; der Prinz aber ſchritt auf den Steinplatten des Vorplatzes einige Male hin und zurück, warf ſeinen Mantel dabei ab, ordnete . 229 ſeinen Anzug, rückte die Goldſchärpe und das Schwert⸗ gehäng zurecht, und trat dann wiederum in die Pforte, mit dem Feueraug durch die Nacht ſpähend in die Ferne hin.— Was ſein Blick ſuchte, fand ſich bald. Ein großer, ſchwerfälliger Reiſewagen, von vier Maulthieren gezogen und von einem Halbdutzend bewaffneter Reiter umgeben, näherte ſich langſam. Jetzt hielt er, und raſch trat der Prinz ſelbſt an den Schlag, ihn zu öffnen. Gar beſonders war die Geſellſchaft, die ſich nach und nach dem Fuhrwerke entlud. Zuerſt ſprangen vom breiten Bock zwei fremde Geſtalten, ihren ſchwarzen Ge⸗ ſichtern nach im heißen Nubien geboren, auch faſt noch angethan mit dem Coſtüm ihres Vaterlandes, mit Tur⸗ ban und vrientaliſchem Gewande, wenn auch etwas ge⸗ modelt, nach der Sitte des Orients. Dann ſtieg aus der Karoſſe ſelbſt ein ſchwarzgekleidetes männliches We⸗ ſen, lang und dürr, ſpinnengleich mit den Spindelbei⸗ nen voraustaſtend, ob der Fuß ſichern Grund gefunden, und als die dunkle Menſchenſtange ſich herabgelaſſen zur Erde, rund forſchend aus tiefliegenden ſchwarzen Augen, die ein eckiges Mützchen beſchattete, auf des Hauſes er⸗ hellte Flur hinſtarrend, als ſei der Seele ganze Anſtren⸗ gung darauf hingerichtet, ob Gefahr oder Sicherheit für ſie in der unbekannten Behauſung warte. Nachdem das ſtelettirte Menſchenbild langſam an dem Prinzen vorüber⸗ geſchritten und der neugierige Wildmeiſter in der Pforte vor ihm erſchreckt zurück gewichen, ſtieg im grellſten Contraſt mit dem Vorgänger ein buntfarbig gekleideter Mann ihm nach, dem der Prinz ſorgſam unter die Ach⸗ ſelhöhlen griff. Auf den erſten Blick erkannte man in ihm einen Vornehmen des Orients; in Scharlach und 230 5 Himmelblau ſchimmerte Kleid, Mütze und mantelartiger Ueberwurf, ein krummer Dolch mit edeln Steinen be⸗ ſetzt dräuete im Gurt, lang und zottig hing der ſchwarze Knebelbart an beiden Seiten des Mundes herunter, und als er auf dem Boden ſtand, ging Ehrfurcht und Scheu von der impoſanten Geſtalt auf den Beſchauer über, und nur das graugemiſchte, ſchlicht geſtrichene Haar und die Falten des gebräunten Angeſichts ließen die reiferen Jahre und die Narben eines ſchwerdurchkämpften Lebens in dem Fremdlinge erkennen. Jetzt trat der Prinz mit vor⸗ geſtreckten Armen dicht vor die offene Kutſchthür, und ſelbſt das Halblicht der flackernden Kerzen enthüllte die höhere Glut in dem männlich ſchönen Antlitz und das funkelndere Auge.. Ilithya, Perle Griechenlands, rief er mit dem Klange der Freude, willkommen in meinem Vaterlande! Heraus in die Arme Deines Max, Du zarte Granatblüte! Wir ſind am Ziele.— Die heilige Jungfrau ſegne es! flüſterte eine ſanfte Stimme zurück, und ein Mädchen beugte ſich vor, und ließ ſich hingebend von des Prinzen ſtarken Armen her⸗ ausheben, vor deren Anblick ſelbſt des alten Jägers Augen größer und weiter ſich aufthaten. Schwanenweiß, von Thibets feinſter Lämmerbruſt gepflückt, leuchtete der Stoff ihres Kleides, doch hatte Sorgfalt wegen der Winterreiſe es mit aſchfarbenem Pelzwerk beſetzt; unter dem gekürzten Gewande wurde das faltige Beinkleid von Amaranthfarbe ſichtbar; bunte Tücher banden das üppig quellende Haar von Farbe des Ebenholzes, Geſtalt und Geſicht waren dabei ſo zart und von ſo ſeltener Schöne, daß dem Wildmeiſter die heidniſchen Weibergeſtalten bei⸗ fielen, die ein fremder Maler vor Kurzem auf die Wände 231„ des herzoglichen Luſtſchloſſes gepinſelt, und er ſah ver⸗ wirrt von Einem zum Andern der ſeltſamen Gäſte ſei⸗ nes verehrten Herrn, bis er tröſtend das goldene Kreuz erblickte, das ſchwer und reich von einer fünffachen Per⸗ lenſchnur gehalten am ſchlanken Halſe der fremden Jung⸗ frau hing, und das dem alten Jagdgeſellen wenigſtens die Verſicherung gab, daß ſein Prinz nicht in unchriſt⸗ liche und ſataniſche Compagnie gerathen, was dem frommen Nimrod wirklich zuerſt durch die Gedanken ge⸗ fahren. Wie eine Schneeflocke am dunkeln Fels hing eine Sekunde lang die Jungfrau an des Mannes Bruſt, dann ließ er ſie ſanft nieder und führte ſie, den Andern vor⸗ austretend, an der Hand in das Haus, über den Vor⸗ platz die Steige hinauf. Der alte Grieche folgte ihm, ſah mit ſcharfem Blick über die Falkennaſe weg auf die Hecke, welche ein Dutzend Jägerburſchen an der Treppe gebildet, und ſein Mund warf ſich verächtlich auf. Mit leiſem, unhörbarem Schritt ging langſam der lange Schwarze dem Morgenländer nach, blickte ſcheu rechts und links auf die rothwangigen derben Geſtalten, und ſchlug mechaniſch im Vorübergehen das Segenkreuz, doch ohne die Hand dabei zu erheben. Demüthig ſchlichen die Afrikaner hinter drein, eine alte, wohlbeleibte Die⸗ nerin in der Mitte, welche ſich zuletzt und unbeachtet noch aus der Reiſekaleſche gewälzt, und der Wildmeiſter beſchloß dieſen Zug, deßgleichen das einſame Jagdhaus wohl noch nimmer geſehen.— Prinz Max ſtieß ſelbſt die pforte des Saales auf, und ſein Auge leuchtete im Gefühl der Zufriedenheit, als er den ſchönen Gaſt hinein leitete. Eine erquickende Wärme füllte das Zimmer, und der Duft lieblicher 232 Spezereien ſchlug den Reiſenden entgegen. Ein bunter Teppich ſchmiegte ſich an die erkälteten Füße, mehre ſei⸗ dene Divans luden zur gewünſchten Ruhe, und im hellen Kerzenſcheine glänzte eine Tafel mit Silber und Kryſtall überladen, auf der unter Speiſe und Wein die Vaſen voll Orangenlaub und Herbſtblumen und die Schale voll Treibhausfrüchte nicht mangelten. Wildmeiſter, rief der Prinz mit Ausgelaſſenheit, als die ſchöne Griechin auf dem Divan FPlatz genommen; dürfte ich, ſollteſt Du morgen Oberjägermeiſter ſein, denn ſeinen trägen Ungehorſam haſt Du halb gut ge⸗ macht.— Bis Mitternacht wollten wir harren, Durchlaucht, entgegnete der geſchmeichelte Alte mit einer tiefen Reve⸗ renz; von alter Zeit wußten wir ja, daß Prinz Mari⸗ milian zu halten weiß, was er geſchrieben.— Recht ſo, antwortete der Prinz, ihm auf die Schulter klopfend. Wir ſind Dir in Gnaden gewogen. Aber nun hinunter und ſende den Boten ab. Der Faulpelz ſoll zur Strafe wieder heraus aus ſeinem Daunenbett. Die Leute ſchicke ſchlafen, wir bedürfen nichts mehr, als was Du uns aufgeſtellt, und die Mohren ſind uns Be⸗ dienung genug.— Der Wildmeiſter empfahl ſich reſpektvoll, und der Prinz warf ſich neben Jlithya auf die Polſter. Schon hatte der Grieche Platz genommen, und auch der Schwarze ſich auf einen Seſſel am Rande der Tafel niedergelaſ⸗ ſen; die Afrikaner ſtanden mit gekreuzten Armen an der Thüre. Was wirſt Du machen mit dem ungehorſamen Knecht, wenn man ihn bringt? fragte der Grieche, indeß der Prinz ſelbſt die Kryſtallbecher mit ſüßem Cyper füllte. 233 Tauros dort verſteht trefflich Kopf und Rumpf auf ei⸗ nen Streich auseinander zu bringen, und der kleine Ko⸗ laphos legt die Schnur gleich dem beſten Verſchnittenen des Großſultans, den die Peſt verzehre.— Edler Dynaſtes, erwiderte lachend der Prinz, Du haſt vergeſſen, auf welchem Boden wir ſtehen. Weit liegt Morea hinter uns, und im Norden iſt man nicht verſchwenderiſch mit dem Menſchenleben, da die Frucht weitläuftiger aufſchießt in der kalten Zone. Hat Venedig und Wien Dich nicht ſchon eingeweiht in die deutſche Sitte, und möchteſt Du, ein Chriſt wie ich, des Mos⸗ lemins barbariſche Gebräuche üben fern von der Heimath der Tyrannei?— Herr und Knecht, ſo hat der Herr der Heerſchaaren die Kinder der Erde geſchieden, ſprach der Grieche rau⸗ hen Tones. Biſt Du nicht Herr Deines Knechts, was biſt Du denn?— Der, den Du meinſt, iſt kein Sklave, verſetzte der Prinz, er iſt edeln Stammes und ſteht zu meinem Hauſe, wie Dein Geſchlecht ſtand zu dem Throne des Großherrn.— Und hätten die Janitſcharenhunde des Paſcha uns ergriffen am Strande, wie die Schaluppe zögerte, wür⸗ den wir, Du und ich, noch die Köpfe hochtragen im Lichte? fragte mit Hohn und Ingrimm der Grieche.— Freue Dich darum, Vater, daß mein deutſches Schwert feſt hielt und das Pulver meiner Venetianer nicht naß geworden, entgegnete der Prinz launig. Wirf hinter Dich die alte Zeit und die verlorenen Hoffnungen. Dei⸗ nen größten Schatz haſt Du gerettet; er drückte der Jungfrau Hand innig und ſein Auge traf glühend und ſchwärmeriſch in das ihrige;— wie iſt die ganze 3— W 234 verödete, blutgedüngte Gräcia preislos dieſem Paradieſes⸗ bilde gegenüber! Friede und Glück ſoll ihr werden, ſoll Dir werden auf dieſer Flur, und wenn mir der Him⸗ mel vergönnte, dieſen ſeinen Liebling zu retten aus gie⸗ rigen Barbarenklauen, zu retten von der Schmach einer Sklaverei, in der das Himmliſche, die Engelsſeele, ver⸗ achtet bleibt, und man nur den Körperreiz mit Beuteln bezahlt, ſo wird der Herr der Himmel mir auch die Seligkeit ſpenden, dieſem ſeinem Meiſterwerke den Platz zu geben, der ihm gebührt, der ihm entriſſen worden, den Platz, wo ſie ein ganzes Volk beglücket, den Platz, wo ſie mich als ihren erſten Unterthan zum Kaiſer der Welt erhebt.— Die ſchwarzaugige Jungfrau lächelte und drückte die Hand des ſchönen Mannes; der Grieche lächelte auch, aber das Lächeln war ein Halbkind der Verachtung. Nordiſche Rieſen, ſprach er dumpf, ſtehen da im Pulverdampf und Schwertgeklirr wie der Olympos, wenn winterlicher Schnee ſein Haupt bedeckt, aber dem Irr⸗ licht eines Weiberblickes gegenüber ſind ſie Pygmäen, die der erſte Athemſtoß des Sirocco in den Sand drückt. Es iſt meine Tochter, der letzte Zweig der gebrochenen Palme meines Stammes, aber der Vater ſchämt ſich in aller Männer Namen, wenn er einen Mann, der ihm das Leben gerettet, vor einem Weiberohre ſprechen hört, wie ein gemietheter Harfenſchläger am Hochzeitabend der Braut ſingt.— Zürneſt auch Du, Jlithya, gleich dem Vater, daß ich Dich in ein Land entführte, wo das Weib gleiche Rechte hat mit dem Manne, und die Liebe das Höchſte wie das Kleinſte theilt? fragte der Prinz zärtlich ſeine lächelnde, ſchweigſame Nachbarin, und den Becher hoch — 235 haltend, rief er: Willkommen in meiner und in Euerer neuen Heimath! Alle ſtießen an und leerten den Becher; der alte Griechenfürſt ſchauete aber ernſt eine Zeitlang in den leeren Pokal, dann hob er das finſtere Auge und ſchoß einen ſtechenden Blick auf ſeinen fröhlichen Wirth. Dein Wein iſt gut, Herr, ſagte er, und dieſer Saal iſt Deiner Gäſte würdig. Aber ziemt es auch dem Gaſte in erſter Stunde nicht, ſeine Augen weiter zu ſchicken beim Empfangsbecher als auf das bereitete Mahl und das Bett ſeiner Ruhe, ſo magſt Du, bei dem Verſpre⸗ chen, das Du uns gethan, und bei den Zukunftsbildern die Du uns gemalt, entſchuldigen, daß ich ſchon jetzt frage: Warum ſind wir hier? Warum hielt Dein Roß an dieſer Villa und ritt Deinen Gäſten nicht vor bis zu dem Schloſſe Deiner Väter und in Deine Fürſtenſtadt? Du verſprachſt eine Krone zu ſetzen auf das Haupt der Jungfrau dort, die letzte Blume vom Stamme der Pa⸗ läologen und Komnenen; nur gegen eine Krone kannſt Du den feuerfarbenen Schleier lüften von den Locken der Braut, und haſt Du uns getäuſcht, haſt Du uns hergelockt in das Land, wo Du Gewalt haſt, und wo Du vielleicht vermeinſt, der Vater müßte ſich Deinem Willen beugen wie die Pappel des Mäander dem Wind⸗ ſtoße, ſo ſchwöre ich Dir nochmals bei dem heiligen Michael, mein Kind ſoll nie eigen ſein einem Vaſallen, und kann ich in ihr nicht aufblühen ſehen einen Schein der alten Ehre und des alten Ruhmes, ſoll ſie welken ohne Frucht, und wenn ſie den alten Andronikos Laska⸗ ris in ſein Grab legen, auf ſeinem Grabſteine ſitzen als bleiches Thränenweib, und wenn der Morgenwind von Oſten heranrauſcht, ihren Athem verhauchen im ſelbſt⸗ gewählten beſchworenen Tode.— 236 Der Prinz war während der langen Apoſtrophe des ungeberdigen Gaſtes aufgeſtanden und hatte ſich ihm mit gerunzelter Stirn und verfinſterten Augen gegenüber ge⸗ ſtellt. Mühſam kämpfte er den ſteigenden Zorn zu Bo⸗ den, aber ſcharf war der Ton, mit dem er dem Belei⸗ diger Antwort gab. Ich habe die Blätter meines Lebens Dir aufgeſchla⸗ gen, Laskaris, ſagte er ernſt, als ich warb um die Liebliche dort, und kein Buchſtabe iſt Dir verborgen ge⸗ blieben. Das Land meiner Väter iſt ein Zwillingsreich und nur die beiden älteſten Söhne der Herrſcherfamilie haben Anſpruch auf ſeinen Thron, und werden unab⸗ hängige Herzöge der durch feſte Verträge geſchiedenen Länder. Ich war Dein Lebensretter, mein Arm führte Dein Kind aus den Gefahren Morea's an die ſichere Friedensküſte der heiligen Italia, dennoch zerſchnitt meine Hoffnung Dein undankbares, unväterliches Wort, weil mir zwei ältere Brüder lebten, denen das Regiment meiner Heimath gehörte. Ich fügte mich dem ſtolzen, unbeugſamen Willen, und huldigte Deiner Ilithya wie ein Bruder der Schweſter, und zwang die glühende Lei⸗ denſchaft mit der Kraft des Mannes der Schlacht. Da kam die Botſchaft, die im Trauerflor mir die Roſe brachte. Bruder Friedrich fiel in Siebenbürgen durch das Blei eines ſchlechten Janitſcharen, ich ward Erb⸗ prinz und theilte mit dem Aelteſten, wenn der Vater heimgegangen. Jetzt warb ich mit neuer lodernder Glut um Dein Kind, und Du ſagteſt mir das Kleinod mei⸗ ner Wünſche zu. In der Kirche, wo die Gebeine mei⸗ ner Ahnen ruhen, ſoll ſie mein werden unter Vater⸗ und Mutterſegen. Kannſt Du mehr verlangen? Ziemt die Ungeduld Deinem grauen Haupte? Oder iſt das 237 lateiniſche Sprichwort von griechiſcher Treue wahr, und iſt bei Euch das Mißtrauen die Frucht der eigenen Un⸗ treue, die bei euch heimiſch geworden? Wer warf Dich auf zum Richter meines Thuns? Du biſt ein länder⸗ loſer Fremdling im Abendlande; auch mein Stamm hat ſeinen Stolz, und um Deinetwillen verzögerte ich die Freude, mich zu werfen an die Bruſt der herrlichen Mutter, um Deinetwillen den Triumph, einzuziehen nach langen Jahren in mein Ahnenſchloß durch die Reihen der Jugendgefährten als ein Kriegsmann, der ſeine Lor⸗ beeren mitbringt und ſein Schwert ohne Erröthen auf⸗ hängen darf im Waffenſaale ſeines Geſchlechts. Frage den da, ob ich ſolchen Undank verdient, und erröthe bis in Deine kalte Bruſt hinab.— Sich abwendend ſchritt er durch den Saal hinweg, und lehnte am fernſten Fenſter und ſtarrte hinaus in die unruhige Nacht.— Laskaris Geſicht war während der kräftigen Straf⸗ rede von einer dunkeln Röthe überzogen worden, und ſeine linke Hand haftete wie unwillkürlich am Griffe ſeines krummen Dolchs. Der ſchwarze Nachbar ſchoß einen durchdringenden, vielſagenden Blick auf ihn, legte die feine, wachsweiße, lange Hand auf ſeinen hellblauen Aermel und ſprach mit einer feinen Tenorſtimme: Durch⸗ laucht hat nicht Unrecht in ſeinem Unwillen über Euch, denn der Zweifel an ſeinem Wort iſt für einen deut⸗ ſchen Ritter höchſte Beleidigung, und Ihr, mein edler Andronikos, habt von allen lebenden Menſchenſeelen die geringſte Urſache, ſolch einen Zweifel auszubrüten. Wollt Ihr dicht am Hafen euch mit dem braven Lootſen ent⸗ zweien, und Euer leckes Fahrzeug durch ſolche Zwie⸗ tracht nochmals den Klippen und Stürmen preisgeben? 238 Durchlaucht ſind ein gar verſtändiger Herr, und haben über das Kriegsweſen nicht die Politik vergeſſen. Nicht allein in den Harems Eurer Baſſen lebt die Kabale, auch den nordiſchen Höfen iſt ſie nicht fremd, und Ihr Griechen ſolltet deßhalb die fremde Vorſicht ehren, die ja bei Euch als Tugend gilt, wenn ſie auch die Feinde Eures Volks Liſt tituliren und ſie als ein Sündenkind der Falſchheit betrachten. Drei Tagereiſen von hier bekamen Durchlaucht einen reitenden Boten entgegengeſchickt. Er brachte Briefſchaften vom Herzog Anton von Wolfenbüt⸗ tel, von des Prinzen treuem Vetter, von einem klugen, wohlerfahrenen und unſerer Mutterkirche ergebenen Herrn, er brachte Briefe von einem andern Getreuen ſeiner Durchlaucht, welche Warnungsworte enthielten, unſerm lieben Prinzen empfahlen, vorſichtig aufzutreten an ſeines Vaters Hofe, da während ſeiner vieljährigen Abweſenheit Manches ſich anders geſtaltet, und er un⸗ vermuthete Widerſacher finden möchte. Unſer edler Herr ſtutzte ob der räthſelhaften Warnung, und ſein Helden⸗ herz wollte ihrer nicht achten und verſchmähete den Schild der Vorſicht. Da wandelte ſeinen ſtarren Sinn mein Rath, dem er ſchon lange die Ehre der Achtſam⸗ keit geſchenkt, und was daher Euch hier ſeltſam dünkt, kam von mir, und auf mich muß die geballte Fauſt ſich werfen, will ſie den Gegner Eures unzeitigen Ehrgeizes ſuchen.— So weit hatte er laut und mit Salbung ge⸗ redet, als aber jetzt ſein wachſames Auge ſah, wie die ſchöne Jlithya aufgeſtanden und ſich dem Prinzen im fernen Winkel genähert, quetſchten ſeine langen Finger des Griechen Arm, und leiſer und mit ſchnell bewegter Zunge ſetzte er hinzu: Hat Euch die Tarantel geſtochen, Laskaris, und wollt Ihr uns das Spiel verderben, da 249 die Würfel ſchon zum Venuspatſch auf die Tafel roll⸗ ten? Habt Ihr den heiligen Vater vergeſſen, die Sum⸗ men vergeſſen, die in Euren Schooß glitten aus der Hand Seiner Eminenz des Cardinals Großſchatzmeiſters? Ich meine, es gilt hier mehr als eine Hochzeit und einen jungfräulichen Schleier. Oder war Eure Apoſtaſie nur griechiſche Tücke, und ſeid Ihr nur zum Schein gut lateiniſch geworden? Hütet Euch; dieſer Arm führt zwar nur Brevier und Rauchfaß, aber eine heilige Vollmacht ruht in der ſchwachen Hand, und der verrätheriſche Bündner würde keinen Schutz finden in der ganzen Chriſtenheit, und ſich hinaus betteln müſſen über ihre Grenzen.— Laut ſetzte er dann wiederum die Rede fort: Ihr bereut Euren Ungeſtüm, Euren Unmuth, den nur die lange, mühſelige Reiſe erweckt? Durchlaucht ver⸗ zeiht gern dem Vater der herrlichſten Blume des Orients, ich kenne Durchlauchts Edelſinn. Heran, mein Prinz, reicht dem finſtern Moreoten die Hand, ſetzt Euch zum Mahle, es iſt Sünde gegen den unſichtbaren Geber, ſeine Geſchenke ſo lange ungekoſtet zu laſſen, und dieſer Becher klinge auf: Ewige Eintracht zum Heil des gro⸗ ßen Zweckes und zu unſer Aller Wohlfahrt!— Ilithya, beängſtigt durch das heftige Wort der Män⸗ ner und im Schmerz über des Freundes Kränkung, hatte die Scheu vor des Vaters hartem Sinn vergeſſen, und war dem Prinzen zum Feuſter gefolgt. Leicht legte ſie die zarte Hand auf ſeine Schulter, und als er raſch ſein Geſicht zu ihr gekehrt, und ſein helles großes Auge in die Nacht ihres Auges traf, entwich wie durch Zauber⸗ ſchlag der größere Theil des Wettergewölks, welches das gekränkte Bewußtſein auf ſeiner Stirn gehäuft. Zürneſt Du auch mir, fragte die Jungfrau, daß Dein 240 Blick lieber mit der Finſterniß koſet, als mit der Freun⸗ din Angeſicht? O rechne dem gefallenen Andronikos nicht an, was nur ſein düſteres Geſchick ihm auf die Lippe warf! Wer ſolchen Schiffbruch litt wie er, ſchauet auch auf hellſter Meeresfahrt in jedem flatternden Wölkchen den Boten des neuen Orkans.— Der Prinz faßte heiß bewegt ihre beiden Hände und zog ſie gegen ſeine breite Bruſt. Und Du, Jlithya, Du räthſelhaftes Weſen, das mich, der nie zuvor einem Weibe gehuldigt, mir ſelbſt geraubt) mich wie den wil⸗ lenloſen, abhängigen Planetſtern in Deine Sonnenbahn geriſſen, zweifelſt Du auch an mir?— Nimmer! ſprach das Mädchen mit kindlicher Inbrunft. Neben dem Glauben an Gott, den Retter aus höchſter Noth, neben dem Glauben an die Heiligen, die für uns bitten und Fürſprache thun, ſtehet der Glaube an Deine treue Freundſchaft feſt in mir wie der leukadiſche Fels in der ſchäumenden Brandung des Meeres. Als ich Dich zuerſt ſah durch den Nebel meines Schleiers, in dem Moment der höchſten Herzensangſt, als der bärtige wuthſchäumende Seraskier nach meinem Schleier griff, und Du plötzlich wie ein vom Olymp niederſtürzender Apoll mir zur Seite ſtandeſt, und der Moslemin ſich augenblicks neben mir im Blute wälzte, da ſagte eine Stimme in meinem Herzen: Jlithya, jetzt haſt Du einen Mann geſehen!— Du kümmerteſt Dich ſpäterhin nicht um mich, aber Jlithya war immer mit Dir beſchäftigt. Als dann der Sturm aus Weſten das Schiff ergriff und gegen die Klippen von Korfu zu ſchleudern drohete, als wir nach einer im Schrecken durchwachten Nacht des An⸗ dronikos Stimme auf der Kajütentreppe vernahmen, die Worte hörten: Betet, ihr Weiber, flehet zur Jungfrau, 241 denn unſer Aller Grab iſt offen! Als wir dann verzwei⸗ felnd heraufſtürzten, die Sitte vergeſſend in der Todes⸗ furcht, als unſer Auge ſiel auf die zerſplitterten Maſten, die flatternden, zerriſſenen Segel, auf die bleichen, be⸗ benden Seeleute, auf die hochgeſchwollene heulende Waſ⸗ ſerwelt, da traf mein Auge auf Dich. Stark und hehr und ruhig ſtandeſt Du an dem Stumpfe des Maſtes, Dein blondes Haar flog unbedeckt im Winde, auch Dein Geſicht war bleich, aber von anſtrengender Nachtwache, nicht von Furcht, denn Dein Auge leuchtete frei wie dort auf Morea's Küſten, und Deine Stimme übertönte den Sturm, Befehle gebend den zagendeu Schiffs männern. Staunend ſtarrte ich Dich an und es faßte mich ein Sturmſtoß und ſchleuderte mich gegen die Gallerie, da ergriff mich Dein Arm und zog mich zu ſich, und wie das Kind die Mutter umklammerten Dich meine Hände, und mein Schickſal ward entſchieden in dieſem Augen⸗ blicke, und ich ſagte mir: Nur dieſem Manne kannſt Du die Myrthe ſchenken!— Der Prinz ließ ihre Hand und legte leicht ſeinen Arm um ihren ſchlanken Wuchs.— Du haſt Recht, Jlithya, ſagte er mit gedehnten Tö⸗ nen, indem ſein Auge gedankenſchwer ſich auf ihr zu ihm gehobenes liebliches Antlitz ſenkte, Du haſt Recht, der Augenblick war ſchwer und bedeutungsvoll. Unſere Fre⸗ gatte ſchien der Wellen Raub; der Kapitän, ein feiger Neapolitaner, hatte den Kopf verloren und lag berauſcht unter dem Deck. Wenig bekannt mit dem Dienſt der Marine hatte ich alles aufgeboten, Güte und Härte, um die verwirrte Mannſchaft die furchtbare Nacht hindurch an der Notharbeit zu erhalten. Meine Rechte war in die zerriſſenen Taue des Maſtbaumes gewickelt, blutig waren die Finger, und auch meine Kraft begann zu Blumenhagen. VI. 16 242 erlahmen. Der erſte Schimmer des Tages zeigte uns die nahe Vernichtung, die uns das Dunkel der Nacht bis da mitleidig verborgen hatte, und meine Befehle, mein Aufruf verklangen fruchtlos am Ohre der verzwei⸗ felnden Gefährten. Ich ſtarrte hin auf das trübe öſt⸗ liche Licht, und dicht an der Todesgruft flogen nochmals die Bilder meines Lebens an meiner Seele vorüber, ſchwankend wie das lecke Gebäude, das mich trug, wech⸗ ſelnd wie die Wellenberge, die an mir vorüberſchoſſen. Von hohen Eltern geboren, hatte ein unlöſchbarer, bren⸗ nender Trieb nach dem Scheine von Unabhängigkeit, nach freierem Daſein, nach Selbſtthat und Selbſtwillen mich in den Kriegsdienſt einer fremden Macht gezogen, in den Dienſt einer Republik gegen den erſten Thrannen Europa's. Der Zwang der Lehrſtube, des ſteifen Hofmeiſters war von mir abgefallen, ich hatte fdei geathmet in der herr⸗ lichen Südluft; ich hatte die Paradieſe des Erdballs geſehen und in ihren Zaubergärten ein höheres Leben gelebt; die zerdrückende Geringſchätzung des Nachgebore⸗ nen, die mir in der Heimath geworden, hatte ich vergeſ⸗ ſen im Gedräng des Kriegslebens, im Siegesflug der Schlacht; ſchnell war ich Mann geworden in den heißen Jahren des ununterbrochenen Kampfes, in denen das Leben ſich austreibt in ſtarken Aeſten und hochrothen Blüten, weil jeder Augenblick ein vollendetes und ſelbſt⸗ ſtändiges Weſen fordert; ich hatte mehr als meine Pflicht gethan, ich hatte die Löwenahnherrn geehrt, und fühlte meine Würde. Aber nur einer fremden Fahne hatte ich gedient, einen fremden Namen groß gemacht, und wenn jetzt das Bretterhaus unter mir zerbrach, verſank mit ihm mein Name in das Meer, und von mir blieb kein Gedächtniß übrig. Die Religion meiner Heimath war 243 ein Kind der Vernunft, ſtreng waren mir ihre Lehrſätze eingeſprochen, aber mein wilder Jugendmuth pielt wenig von ihnen feſt; bilderlos und kalt hafteten ſie nicht im unſteten Geiſte und reizten nicht die feurige Phantaſie, Gedanken: Wenn der ehrwürdige Greis in dem Prieſter⸗ gewande doch recht hätte, als er die Völker des Nordens Ketzer nannte und Abtrünnige?— und ich fühlte eine weite, wüſte Leere zwiſchen mir und dem Gott und dem Himmel, die mich ängſtete. Das Kriegsleben verwiſchte den Eindruck, als ich aber ſtand an dem Maſt, Tod rund um, da ſchoß der Gedanke an den allmächtigen Gott wie ein ſengender Blitz durch mein Gehirn, und das Blut ſiedete wie Flammenlohe aus meinem Herzen auf bis zur erkalteten Stirn. Biſt Du? fragte ich wild. Kannſt Du gebieten dem Wetter und der Welle? Oder haſt Du nur geſchaffen und geordnet, und gehen die Elemente und der Menſchenwille jetzt ihren Gang ohne Dich, bis Deine Schöpfung wiederum in ein Chaos zu⸗ ſammenfällt? Kümmerſt Du Dich um ein vor ſeiner Vollendung bedräuetes Leben, wie das meine iſt? Haſt Du Heilige und Engel, abzuſenden zu Schirm und Schutz2 — Nnd ehe denn ich ausgedacht, ausgeſprochen, ſtandeſt Du neben mir wie aus dem Meere geſtiegen, und das Morgenroth leuchtete wieder aus Deinem blütenweißen Engelsgeſicht, und ich faßte Dich, hielt Dich verſtum⸗ mend, aber wunderbar bewegt und erſtarkt im Innern, und— Wunder des Himmels!— rein ſtrahlte die Sonne zu uns nieder, der Athem des Windes erſtarb 244 allgemach, das große Kriegsſchiff erſchien vor uns, flog vor dem Winde heran und nahm uns auf. Jlithya, die ſchwere Stunde war mir eine neue Geburtsſtunde, ich hatte einen Engel geſehen, meinen Engel gefunden, und die wüſte Leere zwiſchen mir und meinem Gott war ver⸗ ſunken, und ich kniete dicht am Throne des Vaters.— Thränen glänzten in der Jungfrau Augen, heftig drückte ſie ihr Geſicht an des hohen Mannes Bruſt, der wie ein Sankt Michael hehr und ſchön in frommer Glut vor ihr ſtand. Ja, Dein bin ich, auch ohne Krone, hier und dort, ſo lange dieſe Seele fühlt und denkt! liſpelte ſie; da klang des ſchwarzen Gefährten irdiſcher Anruf zu ihnen herüber und mahnte ſie an die Erde und und ihre Umge⸗ bung, und erſchreckt löſete die Jungfrau ſich aus des Freundes Umarmung, welche die Vorhänge des Fenſters beſchattet hatten, und führte ihn an ihrer Hand zu dem Mahle zurück. Andronikos reichte dem Prinzen die Hand, wenn auch mit dem finſtern Ernſt, der, ſeit er ſeine Familie vor ſich hatte ſchlachten ſehen, der ſtehende, un⸗ löſchbare Zug ſeines Geſichts geblieben war. Die Grie⸗ chin ſpielte die Wirthin und legte die Speiſen vor; der Schwarze verſah des Kellners Amt und ließ keinen der Becher lange leer bleiben, und die Mohren bedienten gewandt die Gäſte. Doch die beſte Würze des Mahles fehlte, der Prinz blieb verſtimmt durch das ungeziemende Wort des Vaters ſeiner Geliebten, und ſo ſchwebte über der reichen Bewillkommnungstafel der düſtere Geiſt des Stillſchweigens, und der fürſtliche Wirth wurde dadurch von Ahnungen gemartert, die ihm ſelbſt dem ſchönen Kinde des Orients gegenüber immer unerträglicher wurden. Der alte Wildmeiſter löſete ihn aus den Banden dieſes 245 drückenden Alps, indem er die Ankunft des Oberjäger⸗ meiſters meldete, und der Prinz nahm auch keinen An⸗ ſtand, das noch nicht vollendete Mahl zu verlaſſen, bat die Gäſte, ſich nicht zu ſtören, zeigte auf die drei Sei⸗ tenthüren des Saals, als zu den Zimmern führend, worin jede Partie ihre nächtliche Ruhe finden würde, und verließ nach einem herzlichen: Schlaft in Frieden! und einen Liebesblick auf Ilithya den Saal. Im untern Schoß, woſelbſt, freilich eng genug, des Prinzen Cavaliere, die Dienerſchaft und er ſelbſt ein⸗ quartirt worden, traf Max in ſeinem Zimmer den Er⸗ warteten, der den Eintretenden mit Entſchuldigungen und reſpektvollen Redensarten empfing. Der Prinz reichte ihm die Hand und zog ihn neben ſich auf die nächſten Seſſel. Fort mit dem ſteifen Wortkrame, dem galanten Luftſchwall, der mit fränkiſchem Winde auch über den Hof des Herzogs Ernſt ſeine Nebel geworfen, ſagte er mit Haſt. Graf Otto findet mich wieder, ſo wie ich ging vor ſieben Jahren; ich will ihn wiederfinden, wie ich ihn verließ.— Der Graf holte freier Athem. Ich konnte Euch nicht mehr erwarten, mein Prinz, entgegnete er lebhaft, ich mußte glauben, Ihr hättet zu rechter Zeit noch den Bo⸗ ten Eurer durchlauchtigen Mutter empfangen.— Briefe der Herzogin, und welchen Inhalts? fragte ſtutzend der Prinz.— Der Freiherr G. ward damit nach Wien geſandt, antwortete der Graf. Er ſollte Eure Abreiſe verhindern, aufhalten, verbieten; neue Wechſelbriefe nahm er mit zu Eurem Bedarf.— 246 Wie iſt das? fuhr Prinz Max empor. Will man mich nicht ſehen im Vaterlande? Bin ich der Mutter, deren Liebling der Max war, ein Fremdling geworden? Bruder Friedrich iſt todt; ſo mußte man erwarten, daß ich als Erbprinz von Hannover mich zeigen würde in der Heimath, daß ich weilen würde unter meinem Volke, denn des Vaters Haar iſt weiß, und der kränkelnde Oheim Wilhelm wankt zum Grabe.— Verlegen rieb der Graf die Hände und ſeine Augen hafteten am Boden, als lähme irgend eine Furcht ſeine Zunge. Heraus, Freund, Lehrer meiner Jugend, heraus mit dem Verhehlten, rief der Prinz ſtürmiſch und unge⸗ duldig; es ſind hier Dinge vorgegangen, die mich nicht freuen dürften, ich leſe es auf Deinem zuckenden Munde. Heraus, Otto, Euer Max hat, ſo jung er iſt, allen Gräueln und Schrecken der Erde ins Auge geblickt, und der Maskeradenſpuk einer deutſchen Höflingscompagnie wird ihm kaum das Blut um einen Grad wärmer machen.— Der Graf zog ein bedenkliches Geſicht. Mein Prinz, Ihr werdet in meinen Briefen niemals den alten Freund vermißt haben; auch werdet Ihr Eure einſtigen Verehrer finden, wie Ihr ſie verlaſſen. Aber, verzeihet mir, ich gäbe mein beſtes Landgut darum, Ihr wäret allein ge⸗ kommen und nicht in ſolcher Geſellſchaft. Ein flüchtiger Griechenhäuptling und ein Jeſuit? Ihr müßt gänzlich vergeſſen haben, wie man im Vaterlande denkt und was man mehr als den Höllenfürſten fürchtet, ſeit Euer treff⸗ licher verehrter Ohm Johann den herzoglichen Zepter und das Krucifix in einer Hand getragen. Was der bran⸗ denburgiſche Geſandte der erlauchten Schweſter, was die Furfürſtin über den Bruder hierher berichtet von Eurem 247 Leben, von Eurem Wandel in Rom und der Kaiſerſtadt, wird nun wahr ſcheinen und die verwandten Gemüther von Euch wenden.— Teufel! fuhr der Prinz auf. Alſo Spione und ge⸗ heime Zuchtmeiſter auf meinen Wegen?— Kalt ſetzte er iedoch hinzu, indem er ſich nachläſſig in den Seſſel warf: Aber ich dachte mir's ja, und yielt's nicht der Mühe werth, mich um die Schleicher, die Taranteln und Scor⸗ pionen in Menſchengeſtalt zu kümmern. Und auch Ihr, Otto, ſehet zu ſchwarz. Pater Ambros, Vienna's wacker⸗ ſter Prädikant, hat nur die Reiſe mit mir gemacht, um im ſicheren Geleit durch die ketzeriſchen Länder zu fah⸗ ren; morgen ſchon ziehet er weiter zu Vetter Antons Re⸗ ſidenz, an den er eine Sendung trägt von Wichtigkeit. Der alte Laskaris iſt mein verarmter Waffenfreund, dem ich ein Aſyl angeboten, weil er Heimath, Reichthum, Alles verloren hat im öſtlichen Vertilgungskriege.— Alles? fiel der Graf leiſe und mit ſchlauem Seiten⸗ blicke in des Prinzen Rede.— Davon hernach, verſetzte der Prinz ſchnell und ſchon mit ſteigender Wärme. Und bin ich denn immer noch Sklav, und dürfte nicht in meinem Erbe die erſte Tugend, die Gaftfreundſchaft üben, die ſelbſt im Zelte des arm⸗ ſeligſten Beduinen heimiſch iſt? Sie haben hier vergeſſen, daß der Max ſchon als Knabe ſeinen Willen hatte, und daß der Max nur in die Fremde zog, weil er der geehr⸗ ten Mutter kein Aergerniß geben wollte durch ſeinen täg⸗ lichen Streit mit der Kleinmeiſterei eines Hofes, wo der Feuerbeuter und die Zofe ſo keck und fein ihre Intriguen ſpannen, wie der Kammerherr und der Marſchall, wo der ſchöne Morgen durch des Kapellans ſalbungsreiche Wort⸗ klauberei mir geſtohlen ward, und im Geheimzimmer der 248 Eltern die philoſophiſche Luftfahrt des Profeſſors in der ziegenhaarigen Perüke mich ſchlaftrunken machte, wo als wichtigſte Begebenheit vielleicht einmal der Plan eines Maskenballs tauſend hirnloſe Köpfe in Bewegung brachte, und das wochenlange Kreiſen dann Geſtalten gebar, ſo todt und ſteif wie die ſteinernen Statuen im großen Luſt⸗ garten. Otto! der Mar iſt als Mann wiedergekommen, er hat einen Kaiſerhof geſehen, er iſt mitten in das tau⸗ ſendarmige Leben einer Republik verwickelt geweſen, er hat vetäubt geſtanden in der Stadt der Wunder, wo der Stellvertreter der Allmacht Kaiſer und Könige knien fieht vor ſeinem Fußſchemel; er iſt durch Schlachten geſchrit⸗ ten, gegen deren wilde Gräuel und blutige Gefahren eure Kriege eines Caprara's und Boufleur's, ja Tilly's und Friedland's Mordbrände, gleich einer Wachtparade und Muſterung, zahm und friedlich erſcheinen; ſo wird denn der Max auch als Mann auftreten, und ſich keinen Schritt breit nehmen laſſen von dem Raume, der ihm gebührt als Fürſt und Erbprinz. Und wer wollte ihm auch in den Weg treten, der frei und eben vor ihm liegt? Ich ärgere mich über mich ſelbſt, daß ich mich warm machen ließ durch Deine warnenden Sibyllen⸗ ſprüche, und mich peinigt die Reubegier, die Gründe zu erfahren, die den alten furchtloſen Nimrod zum Zi⸗ geunerweibe wandeln konnten, das ſchwarze Zukunft prophezeiht und irrfinnig ſelbſt an ſeine leeren Träume glaubt!— Man ſah dem Grafen an, wie angenehm ihm die Stimmung und die Kraftſprache erſchien, die er an dem Prinzen gefunden; doch blieb ſeine Stirn verfinſtert, und im düſtern Tone ſetzte er das Geſpräch fort. Prinz, begann er, Ihr findet die Luft nicht mehr ſo leicht und ———— „ 249 flüchtig an dieſem Hofe, wie Ihr ſo eben geſchildert. Schwere Dünſte ſteigen aus dem Boden, dichte Wetter ziehen am Himmel. Wir Alle fühlen die Nähe und das Walten eines unſichtbaren Geiſtes, der uns ängſtet. Die verehrte Herzogin Mutter iſt eine Königstochter, eines Königs Nichte, und war auch des Vaters Krone nur ein Meteor, zerbrach auch des Ohms Krone auf den Stufen eines Schaffots, der königliche Sinn gährt in der hohen Frau, und weitgreifende Pläne zu feſter Größe ihres Hauſes gebiert ihr Frauengemach. Um die Kurwürdt rin⸗ gen ihre Geſandten am Kaiſerhofe, und der kluge Herzog Anton wird vergebens ſich mühen, der jüngern Linie den Rang abzugewinnen; die Vermählung Herzog Ludewigs mit der Baſe von Celle war ſo wenig ein Kind der Nei⸗ gung wie des Zufalls, und eine tiefe innere Stimme ſagt mir, hinter dieſer ſtillen Maske drohe ein wildes Geſicht, und dieſe lautloſe Schwüle künde Gewitter.— Weiter, weiter! rief der Prinz geſpannt. Ihr, der erſte, älteſte Günſtling des Herzogs, werdet ja längſt die Maske durchſchaut haben.— Das iſt ja meine Sorge, Durchlaucht, fuhr der Graf lebhafter auf, das hat die Winterkälte meines Lebens in Unmuth und Haß aufgethaut. Vergebens forſchte mein Auge, mein Ohr; Kanzler und Geheimerath blieben mir verſchloſſene Gräber. Ich lockte die bohe Familie auf mein Schloß zu Salzderhelden, in einſamer Stunde das alte Recht des Vertrauten zu nützen. Man ſchwieg mir dort wie hier, und darum ahne ich, der ſtille Plan trifft Euch und Eure Rechte, denn wo ich Eurer erwähnte, wo ich nach Eurer Zurückberufung fragte, hieß es: Das eilt nicht, Wichtigeres fordert der Räthe Anſtrengung! und man ſah ſcheel auf mich, wie auf einen Verdächtigen, der ſich ſelbſt angeklagt.— 250 Was kann man wollen? zürnte der Prinz. Was mein Herz empfand, was mein Kopf gedacht, iſt mein, und nur der unſichtbare Herr über uns hat davon Re⸗ chenſchaft zu fordern. Mein Erbrecht iſt unantaſtbar, denn des Großvaters Teſtament iſt heilige Urkunde und ſichert mir den Herzogshut.— Sekretär Blum, Euer Jugendgeſpiele, ſcheint mehr zu wiſſen, ſagte der Graf halblaut, aber auch ſeinen Mund bindet für mich die Scheu.— Der Prinz brach raſch auf. Gute Nacht, Graf Otto, ſprach er heiter. Morgen reite ich ein in die Reſidenz, und mir wird man Rede ſtehen, wenn es überhaupt Noth thut, Eure Geſpenſter zu entlarven, die vielleicht nur Geburten Eurer Vorliebe für mich geweſen. Vor Tage reiſet der Pater, und des Griechen Anweſenheit mag ver⸗ ſchwiegen bleiben, bis ich ſelbſt mich feſtgeſtellt; ordnet das an bei dem Wildmeiſter und ſeinen Hausgenoſſen. Uebrigens wird der Herzog May Euch und Allen, die er liebt und ehrt, halten, was Prinz Max verſprochen. Nicht Schmeichler werden an meinem Hofe kriechen, Freunde, treue Rathgeber, Waffengefährten werde ich ſammeln in meinem Herzogſitze, denn ich bedarf ihrer zu dem Werke der Wiedergeburt, die in meinen Träumen lebt. Grüßet Alle, und verſichert ſie meiner gnädigſten Zuneigung.— Freundlich entließ er den ſichtlich Befriedigten, aber noch lange ſchritt er auf und ab in ſeinem Gemach, bis er das Gedankenmeer, welches in ihm wogte, zu Ruhe bringen konnte, und ſchon krähete der Hahn außen, als er den Diener rief, der ihn zu entkleiden gewohnt. 251 Der Cavalier, welcher die Ankunft ſeines fern ge⸗ glaubten Herrn am andern Morgen im Schloſſe zu Hannover anmeldete, ſetzte alle zum Hofe gehörigen Perſonen in Staunen und beſondere Aufregung, da Je⸗ dermann gewußt, daß ſie dem Wunſche und Willen der regierenden Herrſchaft entgegen trat. Wenige Stunden nachher ritt Prinz Max in venetianiſcher Generalsuni⸗ form mit einem ſtattlichen Geleit, dem auch die beiden Mohren angeſchloſſen waren, in den Schloßhof. In kleinern Reſidenzen, wo Hofbediente und Bürger durch Verwandtſchaft und ſtündlichen Verkehr amalgamirt le⸗ ben, wird jede Neuigkeit im Schloſſe ſchnell Volkseigen⸗ thum. So war denn auch eine Menge der Einwohner aller Stände und jedes Alters zuſammengelaufen, um den Prinzen wieder zu ſehen, der die entſetzlichen Kriege gegen die Ungläubigen und Heiden glücklicher durchge⸗ fochten hatte, als ſeine Brüder, von denen zwei kurz nach einander in Siebenbürgen und Albanien gegen den⸗ ſelben Feind geblieben, und den die Politiker ſeitdem als den künftigen Erben von Hannover in ihren heimlichen Conventen zu nennen gewohnt worden. Die dienſtthuende Leibgarde, unter deren Fahnen der Prinz den kleinen Dienſt gelernt, trat in das Gewehr, und die Mehrzahl der Schnurrbärte blickte rechts hin mit freundlichem Ge⸗ ſicht auf den ſtattlichen, blühenden Herzogsſohn, der ſich ächt männlich auf ſeinem arabiſchen, langmähnigen Streithengſte zeigte, und den ſie werth hielten, trotz ſei⸗ nes aufbrauſenden, heftigen Gemüths, weil Milde und Zutraulichkeit dieſen Eigenſchaften, welche der Soldat überhaupt nicht zu den Untugenden rechnet, immerdar das Gleichgewicht gehalten. Als die Garde mit dem Gewehr ſalutirte, brach das Volk vor dem Schloßhofe in ein ———————— 252 prauſendes Vivatrufen aus, und der Ernſt auf des Prin⸗ zen Geſicht verſchwand faſt gänzlich, indem er den Feder⸗ hut gegen Soldaten und Bürger ſchwenkte, und der an⸗ geſpornte Gaul ihn in ſtolzem Galopp unter dem Bogen des Schloßthores hinein trug. Freier im Gemüth und Geiſt ſaß er im innern Schloßhofe ab, aber ſchwer fiel es wiederum auf ſein Herz, als der Oberſtlieutenant, Graf von Moltke, ein alter Degen und Bruder des Oberjägermeiſters, ihm an der breiten Treppe entgegen⸗ kam und nach der Begrüßung flüſterte: Muth, mein junger, herzoglicher Held! Feſt geſtanden für das Recht! Die Getreuen ſind wachſam und bereit!— und dann wieder reſpektvoll zurück trat und dem Obermarſchall Platz machte, der mit verlegenen Mienen langſam die ſteinernen Stufen herabſtieg, den Sohn ſeines Herrn zu empfangen und einzuführen.— Max fragte ſogleich nach der verehrten Mutter und dem Vater. Durchlaucht, der gnädige Herr ſind unpaß und hüten das Bett, laſſen den gnädigen Prinzen willkommen heißen, und verſparen das Wiederſehen, antwortete ceremoniös der Marſchall.— Das Kind ſollte doch zum Bett des Vaters treten dürfen, antwortete Max verſtimmt. Aber die Mutter? Die geliebte Frau?— Durchlaucht, die gnädige Frau Herzogin ſind bei der Toilette; doch in kleiner Friſt ſind ſie geneigt, dem gnä⸗ digen Prinzen Audienz zu ertheilen im Kabinet, wohin Hochdieſelben zu führen ich beehrt ſein werde, antwortete der Obermarſchall im gleichen Tone.— Audienz? verſetzte der Prinz barſch und unfreundlich. Bin ich ein Fremdling, ein Ambaſſador oder— Eures⸗ gleichen? Wählt Eure Worte beſſer, Herr Obermar⸗ ſchall. Den Weg zu meiner Mutter Zimmer werde ich w— — 253 finden ohne Euch, ſobald ſie das Zeichen der Erlaubniß gibt, und damit Gott befohlen.— Vor dem ſtutzigen Hofmanne, der ſich beleidigt auf die Lippen biß, ſchritt der Prinz raſch voraus, die Steige hinan, und ließ den Keuchenden weit hinter ſich. Die Flügelpforte des Vorſaals ſtieß er auf, und zwei Knaben ſprangen ihm entgegen in türkiſcher Tracht; ſie ſchienen ihm den Eintritt wehren zu wollen, wichen aber zurück, als ſie den hohen Mann im fremden Kriegerkleide an⸗ blickten. Mehmet, Abdul, rief der Prinz, den gehabten Aerger vergeſſend, ihr ſeid es? Wie groß ſeid ihr gewachſen und wie hübſch dazu. Wurdet ihr aber auch brav zu⸗ gleich und habt ihr mir Ehre gemacht?— Prinz Mar! Der edle Vezier! Unſer Vater! ſo ſchrien die beiden Pagen, und ſtürzten herbei und griffen und küßten des Prinzen Hände, und der ältere Mehmet beugte ſeine Knie und ſah mit den funkelnden großen Augen, die wie Feuer durch tiefe Mitternacht leuchteten, ſtarr zu dem Herrn auf, als ſöge er ſein Bild mit wollüſtiger Freude ein. Die beiden Knaben waren wirklich türkiſcher Abkunft. Bei einem der erſten Siege auf Morea nahmen die Ve⸗ netianer in Verbindung mit einigen rebelliſchen Griechen⸗ häuptlingen durch einen nächtlichen Ueberfall das Lager des Soliman Baſſa, und während der Plünderung ge⸗ rieth ein Theil der Zelte in Brand. Der Prinz, welcher ſo eben unter dem General Guadagne in das Heer ge⸗ treten„kam gerade, als die Feuersbrunſt zu lodern be⸗ gann, von der Verfolgung des Seraskiers zurück. Krei⸗ ſchende Weiberſtimmen, das Gebrüll berauſchter Sieger, die grauſamſte Metzelei und losgelaſſene Begier des 254 Kriegsvolks waren ihm noch zu unbekannte Erſcheinun⸗ gen, als daß der zwanzigjährige Jüngling ruhig dabei den Zuſchauer hätte abgeben können. Er commandirte ſeine Leute zur Löſchung des Brandes, der die ſchöne Beute zehrte, und eilte von Zelt zu Zelt, um, ſo viel er vermochte, der Mordgier und ſchamloſen Zuchtloſig⸗ teit Schranken zu ſetzen. Ein Jammergeſchrei, welches aus einem hohen, ausgezeichneten Prachtzelte tönte, zog ihn an. Mehre Sklaven wälzten ſich vor dem Seiden⸗ teppich des Einganges röchelnd im Blute. Als er raſch eindrang, fand er das Innere voll griechiſcher Soldaten, ſah ein ermordetes Weib am Boden und mehre andere Weiber in den Armen der bärtigen Krieger fortgezerrt. Doch ein Anblick im Hintergrunde des Zeltes zog beſon⸗ ders ſeine Aufmerkſamkeit an, und ſein raſcher Männer⸗ ſchritt folgte dem Auge. Ein wilder Häuptling trieb zwei zarte Knaben hinter einem Vorhange heraus, hinter dem die angſtgequälten Kinder ſich verborgen hatten. Die Tracht der Knaben war reich und glänzend, und als ſie Beide ſich wie Schlachtlämmer auf die Knie warfen, die ſprechenden Geſichter von dem langen dunkeln Haargelock umflogen, bittend zu dem rachluſtigen Griechen aufſahen, der mit teufliſcher Wuth grauſam ſeinen krummen Säbel über die gehobenen Hände der Kinder herſchwirren ließ, ehe er den Todesſtreich führte, da ließ der Prinz ſeinem Gefühle den Lauf, ſtürzte ohne Vorſicht hinzu, und ſein preites Schwert ſchlug dem Griechen den krummen Sar⸗ ras mächtig aus der Fauſt. Wuthgebrüll, Geziſch der Waffen umdrängte ſofort den Retter, der die zitternden Knaben gegen die Zeltwand ſchob und ſie mit dem vor⸗ gebogenen Leibe und dem rundum geſchwungenen Schwerte 255 ſchützte. Die berauſchten Griechen nahmen keine Rück⸗ ſicht auf ſeine Uniform, noch auf den Namen, den er ihnen nannte, noch auf ſein Verſprechen des Löſegeldes für die Knaben. Ich muß Blut haben für meine ge⸗ würgten Küchlein; beim Sankt Michael hab' ich's ge⸗ ſchworen! brüllte der Häuptling, und Max wäre ein Opfer ſeines Edelmuthes geworden, hätte nicht des Schick⸗ ſals Gunſt den Generals Guadagne ſelbſt in die Nähe geführt, der vom Schwertgeklirr gelockt mit ſeiner Leib⸗ compagnie in das Zelt drang, die zuchtloſe Griechen⸗ bande vertrieb, den Prinzen frei machte, und ihm auch die Türkenknaben als wohl erworbene Beute überließ. Vergebens forſchte Mar nach den Eltern oder der Her⸗ kunft ſeiner Gefangenen; ſo ſandte er ſie mit erſter Ge⸗ legenheit in ſeine Heimath, ſie als Pagen für ſeine Mut⸗ ter beſtimmend, und ſie wurden, als etwas Eigenes und Beſonderes, wirklich zu dieſem Dienſte beſtellt, wurden getauft, erhielten den Namen Königstreu, und die Her⸗ zogin verſäumte nicht, geiſtig und körperlich für ihre Ausbildung zu ſorgen. Der Prinz nahm den Jüngern der kleinen Moslems auf ſein Knie, und fragte und ſchwatzte traulich mit ihnen, und hatte in der Erinnerung an jene ſchöne, glorreiche Zeit die trübe Stunde, der er entgegen ging, ſo ſehr vergeſſen, daß er verwundert aufſah, als eine Seidenſchleppe über den blanken Tafelboden des Saales rauſchte, und eine der Hofdamen der Herzogin ſich ihm näherte. Gräfin Moltke, die Gattin des Oberjägermei⸗ ſters, wurde von der umſichtigen Herzogin Mutter ge⸗ ſendet, den Sohn zum Kabinet zu laden, da der Bericht des Obermarſchalls der klugen Fürſtin dieſe Aenderung des Ceremoniells eingegeben. Die Gräſin, eine anſehnliche — 256 Dame, noch in den Jahren der Anſprüche und Intri⸗ guen des Herzens, ſah lächelnd auf die Gruppe, und ſagte dann mit weicher Stimme: Ihr kehret, Durch⸗ laucht, wie Ihr ſchiedet, und wer im Probefeuer ſieben⸗ jähriger Trennung die Probe der Freundſchaft beſtand, ruft Euch darum ein freudiges Willkommen. So ritt mein fünfjähriger Ernſt auf Eurem Knie am Abende vor Eurer Abreiſe. O es war ein herziges, unvergeßliches Abſchiedsfeſt.— Der Prinz ſetzte ſchnell den kleinen Türken vom Knie, trat galant der Dame entgegen, und führte ihre feine Hand an ſeine Lippen. Gräfin Mathilde! rief er freu⸗ dig. Daß Ihr mich einführt an dieſem Hofe, dem ich fremd geworden ſcheine, das ſegne ich als eine günſtige Vorbedeutung. Der Abſchiedskuß, den dieſe ſchönen, gü⸗ tigen Lippen dem wilden, achtzehnjährigen Knaben ge⸗ währten, hat lange nachgebrannt auf meinem Munde, und meine Bruſt im einſamen Kriegsgezelt mit Sehn⸗ ſuchtsträumen gequält, wenn der Sturm die Leinenſtadt zu zerſtören drohete, oder der Regenguß durch das dünne Dach ſtäubte. Der Mar wurde hier ſchnell und leicht vergeſſen.— Wayrlich, nein! fiel die Dame' lebhaft ein. Wenig⸗ ſtens bei uns fülltet Ihr manches Abendgeſpräch, und unſere Gedanken flogen oft zu den fernen Inſeln des alten Götterlandes. Und wenn bei Manchem hier das Gedächtniß des hoffnungsvollen Jünglings in Schatten trat, dem wird es, meine ich, der vollendete Mann, der Held, der Türkenzwinger, zurück zu rufen wiſſen.—* Werde ich den Helm zum Taubenneſte herleihen fönnen? Oder werde ich die Eigenſchaften des Kriegs⸗ mannes auch hier noch bedürfen? fragte der Prinz mit 257 ſcharfer Betonung. Die Gräfin ſah mit blitzendem Auge in ſeinen lauernden Blick. Die Marſchallin, die Günſtlinge, der Erbprinz, ja die regierenden Hoheiten ſelbſt wünſchen ſicherlich von Herzen, Prinz May möchte ſich zu dem Erſtern beque⸗ men, erwiderte ſie ſchnell; aber die es gut mit dem Prinzen meinen, möchten rathen, gewappnet zu bleiben, bis der Helm zur Krone wird.— Ich verſtehe, ſchöne Frau, verſetzte der Prinz raſch. Weibliche Sinnen find feiner und ſchärfer überall, wie um ſo mehr auf den glatten Parketts der Fürſtenſchlöſ⸗ ſer. Graf Otto's Bangen ſchien mir ein Kind des Un⸗ muths über geſchmälerte Fürſtengunſt; Gräfin Mathilde macht mich glauben, daß ich gerüſtet gegen ein heimli⸗ ches Nachtgeſpenſt eintreten muß in den väterlichen Rit⸗ terſaal, und ſo bin ich denn gerüſtet innen und außen, und folge Euch zur Mutter. Er warf einen freundlichen Abſchiedswink den Pagen zu, nahm dann die Linke der Gräfin und ging mit ihr zu den Gemächern des Her⸗ zogsſchloſſes, heimlich und weniger laut das Geſpräch fortſetzend. Mit der ihr eigenen Würde empfing die Herzogin Sophie den Sohn im Geheimzimmer, aus dem alle ihre Damen entfernt waren; auch auf ihn wirkte die geiſtige Hoheit, die ihre Zeitgenoſſen dieſer ausgezeichneten Für⸗ ſtin beilegen und unwiderſtehlich nennen, aber Maximi⸗ lians ſcharfes Kriegerauge bemerkte dennoch in der Freund⸗ lichkeit, mit der ihr Muttergruß ihn empfing, mit der ſie ihn zu ſich auf den Divan winkte, eine ſchlecht verhehlte Unruhe und ein ängſtliches Forſchen, was ihn erinnerte, Blumenhagen. vI. 17 —————————— ———— 258 um was es wahrſcheinlich bei dieſem Zwieſprach ſich han⸗ deln möchte, und was ſein kindlich aufwallendes Herz in Feſſeln ſchlug. Ich komme unerwartet, Mutter, begann er das ver⸗ hängnißvolle Geſpräch, aber mit Gott hoffe ich, nicht unerwünſcht. Zwei liebe Brüder hat das Schickſal uns entriſſen in einem Jahre und dazu fern vom Vaterlande; da erwachte meine Sehnſucht unwiderſtehlich; ein ſchwei⸗ zeriſches Heimweh machte mich krank, ich meinte, der Max müſſe mit Euch trauern; und nicht wahr, Mutter, Eure Sehnſucht kam der meinigen entgegen?— Dem wackern, gehorſamen Sohne kann das Vater⸗ haus ſich nie verſchließen, entgegnete die Herzogin, mit ihrem großen, glanzvollen Auge wie in ſeiner Seele ſuchend;z doch kamſt Du unerwartet, unangemeldet, und Dein Bleiben in der Kaiſerſtadt wäre gerade jetzt dem Vater Ernſt zur Unterſtützung wichtiger Pläne vielleicht ſehr angenehm, und wir glaubten, der Freiherr G... würde unſere Briefe an Dich mit mündlichen Erläute⸗ rungen begleitet haben.— Ich ſah den Freiherrn nicht, ſah keine Briefe von Euch, antwortete Max lebhaft. Und offen geſagt, Mut⸗ ter, der G. würde mir meinen Heimkehrsplan nicht fortgeſchwatzt haben. Wohl hörte ich von fremden, kai⸗ ſerlichen Hofherren, daß Vater Ernſt um den Kurhut wirbt für ſeinen Stamm, und mit Scham hörte ich's, da man mir, dem nächſten nach dem Erbprinzen, nichts davon vertrauet; aber ich tröſtete mich mit dem Gedanken, daß des Vaters Räthe mich von Kindheit an untauglich für die feingefädelten und krummwegigen Staatsgeſchäfte erkannt, tröſtete mich mit dem ſchmeichelnden Gedanken, daß Ihr Euch den Maꝝ als einen derben Soldaten denken 5 — 259 mußtet, der zum Geſchäftsträger an Leopolds Hofe ſo ſchlecht tauge, wie der Elephant zum Seiltänzer.— Die Anweſenheit eines Prinzen unſeres Geſchlechts, Deine Männlichkeit, konnte den heimlichen, ſchleichenden Widerſachern imponiren, konnte unſerm Ambaſſador Un“ terſtütznng und einen feſten Haltpunkt geben, verſetzte die Herzogin vorwurfsvoll.— Hat unſer Haus je dergleichen gebraucht? fragte Mar mit Wallung. Groß ſtanden unſere Ahnen da, ſelbſt im Unglück, denn nur gerechte Anſprüche vertheidigte ihr Arm, und was ſie beſaßen, war ein rechtliches Erbe. Es iſt eine Gunſt des Schickſals, daß ich dem Auftrage ent⸗ rann, und, Mutter, ich meine, meine Anweſenheit möchte hier nöthiger geweſen ſein als dort, denn ſeit mich Got⸗ tes unerklärliche Fügung zum Erben dieſes Landes be⸗ ſtimmte, iſt mir's Pflicht, daheim zu leben, mein Haus einzurichten, damit mein Volk mich kenne, mich lieben lerne, und ich des verdienten Vertrauens verſichert bin, wenn des Vaters Zepter einſt, was die Vorſehung noch lange verzögern möge, zu gleichen Hälften zerſpalten in Ludwigs und in meine Hand gelegt werden möchte.— Die Herzogin ſtutzte ſichtlich, und vielleicht zum erſten Male in ihrem bewegten Leben ſchien ihr das Wort zu mangeln, und ſie fragte ſcheu: Du glaubſt alſo?—— Du bedenkſt nicht— 2— Ich glaube, fuhr der Prinz mit feſter Stimme fort, daß durch das Teſtament des Großvaters Georg und bei der Erbloſigkeit der Krone des Ohms ich in ein gleiches Recht trete mit dem erſtgeborenen Bruder, daß nach des Vaters und des Oheims Ableben dem Ludwig Celle, mir unſer Hannover anheimfallen müſſe, wie es geſchah mit den ältern Brüdern des Vaters und mit ihm ſelbſt.— ——— 260 Das iſt klar wie Sonnenlicht, Mutter, und darum zog mich Pflicht ins Vaterland, und der Vorſatz, eiferſüch⸗ tig zu ringen mit dem Bruder um die Liebe des Volkes, damit er mir mein Theil derſelben nicht durch meine eigene Säumniß entwände.— Höre mich, Max, begann da die Herzogin mit Faſ⸗ ſung und gewonnener, an ihr gewöhnlichen Beſonnen⸗ heit. Du wareſt lebhaft, heftig, ja jähzornig als Jüng⸗ ling; Du biſt Mann geworden, und das vielbewegte, gefahrvolle, ruhmbekränzte Leben, was Du gelebt, wird dieſen Fehler gemildert haben; ſo höre mich denn ruhig an, mein Sohn, und vergiß nicht, daß die Mutter zu Dir ſpricht, die Dich immer geliebt, Dich vorgezogen, und darum auch Deine veſondere Liebe, Dein höchſtes Vertrauen verdient.— Redet, Mutter, redet! fiel der Prinz mit Haſt ein. Meine Seele horcht mit tauſend Ohren auf das Liebes⸗ wort der Mutter.— Du kennſt die Geſchichte unſeres Hauſes, ſprach die Fürſtin ernſt, unſer Stammherr ſtand dicht am Kaiſer⸗ throne, ſein Sohn ſelbſt trug die kaiſerliche Krone, und kein Schwertſtreich geſchah vom nordiſchen Belt bis zu der Sohle Italia's, bei dem nicht unſer Geſchlecht ſeine Stimme gehabt und meiſt entſcheidend zugegen geweſen. Die Ahnen vermochten ſolches, denn ihr Erbe war reich und weit, und zahlloſe Vaſallen folgten ihrem Heerhorne. Aber die Nachkommen verſanken von Schwäche zu Schwäche, weil ihre Selbſtſucht das feſte Bündel unzerbrechlicher Pfeile gelöſet, weil ihre Selbſtſucht das ſchöne Erbe theilte und immer wieder theilte, und der breite, rieſige Strom in Bäche und Kanäle geleitet mit jedem Menſchen⸗ alter an Kraft und Fülle verlor, ſo daß er unſcheinar n e ar 261 wurde und Niemand ſein mehr achtete. Wer von un⸗ ſerm Stamme, dem des Löwenherzogs Blut unverfälſcht in den Adern ſprudelt, hätte das nicht mit Scham er⸗ kannt, und gäbe nicht gern Blut und das Leben ſelbſt dahin, jene einſtige, herrliche Zeit wieder herauf zu ru⸗ fen? Die Zeit iſt da, mein Mar!— Die Zeit iſt da? fragte der Prinz, ſeltſam ergriffen die Mutter anſtarrend. Wollt Ihr conſpiriren gegen Kaiſer und Reich? Oder könnet Ihr alte Schätze graben oder Geiſter beſchwören, und die alten vermoderten Her⸗ zöge mit allen ihren Bündnern lebendig hinſtellen, Euch das alte Welfenland zu erobern?— Nichts will ich beſchwören als Dein Herz, fuhr die Herzogin mit Ruhe fort. Ja, die Zeit iſt da, wo wir wiederum einnehmen können den Platz im Kreiſe der Fürſten Europa's, der uns gebührt. Der Gemahl Dei⸗ ner Schweſter Charlotte ſetzt ſich die Preußenkrone auf, ſollen wir nachbleiben? Vier Augen dürfen ſich nur ſchließen in einem großen, weſtlichen Inſellande, und uns winkt vielleicht die reichere, glänzendere Krone. Aber auf uns ziehen müſſen wir die Augen jenes ſtolzen Vol⸗ kes und ihm würdig erſcheinen, als ſein künftiges Herr⸗ ſchergeſchlecht. Dazu iſt die Zeit da. Mehr als Kaiſer Max dem Herzog Erich, iſt uns Kaiſer Leopold verpflich⸗ tet. Seit zehn Jahren wurde das deutſche Reich uns immer tiefer verſchuldet. Unſere Braven halfen Wien entſetzen, und den Halbmond, der mit blutigem Schim⸗ mer vor ſeinen Wällen leuchtete, vernichten; unſere Lan⸗ deskinder ſchirmten den Rhein gegen den Erzfeind Deutſch⸗ lands, und warfen die Lilienfahne von den Thürmen der alten Grenzſtädte; unſere Krieger fochten für Oeſter⸗ Feich in Ungarn, und wir vpferten dem Kaiſerhauſe 262 unſer liebſtes Gut, die eigenen Söhne gaben für das Adlerbanner ihr Heldenleben. Die Zeit iſt da, Vergel⸗ tung zu fordern. Unſer wird die Kurwürde und das Erzamt; aber um beide mit Glanz zu tragen, müſſen wir alle Kraft unſeres Hauſes ſammeln und vereinen, und die Glieder der Familie müſſen Alle, Alle dazu veitragen, die alte Größe ihres Geſchlechts wiederum herzuſtellen.— Beglückt der Mann, der berufen, ſolch Herkuleswerk zu vollführen, und wie der Zauberer Merlin zu tilgen bis auf Narbe und Riß, was Zeit und Fürſtenſchwäche geſündigt! rief der Prinz; aber nicht ohne Schärfe ſetzte er hinzu: Wahrlich, Mutter, Ihr ſeid eine Meiſterin der Rhetorik, und Euer Leibnitz muß ſich an der Schü⸗ lerin erfreuen. Nur Eins würde er tadeln, denn Eurer feurigen Oration fehlt das Schlußglied, und ich muß Euch dringend erſuchen, mich nicht länger darauf warten zu laſſen.— Und mein ſcharfſinniger, umſichtiger Sohn könnte das einzige Mittel zu ſolchem Zwecke ſich nicht ſelbſt nennen? fragte die Herzogin mit Schmeicheltönen. Der Schwager Wilhelm kränkelt und iſt ohne Sohn; ſeine Tochter iſt Deinem Bruder vermählt. Vereinigung der beiden ſtattlichen Lande unter einem Herzogshute wird die Baſis ſein zu der neuen Größe des Hauſes, und da⸗ mit der Grundſtein ohne Zaudern feſt liege, hat Deines Vaters Teſtament neue Entzweiung des Landes verboten, und durch das feſtgeſtellte Erſtgeburtsrecht auf ewige Zeiten aus dem Wege geräumt.— Der Prinz ſaß leichenblaß und verſtummt vor der Fürſtin. Ihr ſcherzt, Frau Mutter, ſtammelte er endlich, eine gewaltſame Faſſung erzwingend. Der ſtrenge Vater 263 Ernſt konnte nimmer es gerecht halten, alte Hausgeſetze umzuſtürzen.— Herzog Ernſt iſt ein neuer Stammherr, er allein un⸗ ter vier Brüdern gab dem Lande ein friſches Fürſten⸗ haus, ſo ſteht ihm zu, neue Geſetze zu ſchaffen für dieſes Haus, gleich dem Ernſt von Lüneburg und dem Groß⸗ vater Georg; und des Vaters Teſtament wird den Söh⸗ nen heilig ſein, denn Sophie gebar keine ungerathene Kinder, verſetzte die Herzogin mit Strenge.— Max war aufgeſprungen und maß mit kräftigen Schritten das Zimmer; ſeine Züge waren entſtellt, die Blitze der Leidenſchaften zuckten darüber hin, und das Auge haftete, weit offen wie das eines Geiſterbeſchwö⸗ rers, am Boden; ſeine Sporen klirrten, ſein Schwert raſſelte ihnen nach, und die Mutter ſah mit Scheu dem ſeltſamen Benehmen des hochgewachſenen Kriegsmannes zu. Da hemmte er plötzlich ſeinen Schritt und trat dicht vor ſie hin; die Glut ſeiner Augen ſchien gänzlich er⸗ loſchen, und ſeine Stimme klang kalt und hohl und ſchauerlich, ähnlich den fernen Tönen eines verdeckten Vulkans, der nicht zu Tage kann. Mutter, ſagte er, Ihr habt ein Meiſterſtück vollbracht. Ihr habt es ſelbſt als ein Kind der Nacht getauft, denn warum hätte ſonſt die hohe Frau, die ſo gern leuchtet vor der Welt und deſſen kein Hehl hat, es vergraben in wohlverwahrte Archive und Geheimſchränke, vergraben vor den Näch⸗ ſten, die es anging, vor mir und meinen Brüdern, bis ich es gewaltthätig herausforderte? Mutter, es war ein ſchönes Liebeswerk, wie die Mutterhand den Erſtge⸗ bornen ſatt fütterte und die Nachgeborenen zum Hunger verurtheilte oder zum Gnadenbrod, das der Hochbegabte, der Auserwählte ihnen wie ſeinem Hündlein von der N j 3 ₰ 3 1 1 6 ———— —— 264 reichen Tafel zuwerfen möchte. Mutter, habt Ihr Euren Gott vergeſſen, als Ihr Euch beſchwatzen ließet von weiſen Phariſäern Eures Hofes, von den Kreaturen des ſtolzen, herrſchſüchtigen Ludwigs? Aber ſchon ſchwebte Gottes Racheengel über Eurem Haupte. Zagtet Ihr nicht, erwachte Euer Gewiſſen nicht, als er zwei Eurer beſten Söhne niederſchlug mit dem Feuerſchwerte? Zer⸗ riß nicht der Vater ſein Teſtament, als man ihm den hochherzigen, ernſten Friedrich, als man den wackern, lebensfrohen Karl wiederbrachte aus dem fernen Oſt⸗ lande ſtill und kalt aus dem ſchwarzen Bett, aus dem kein Morgen weckt? O er wird alle ſeine Kinder ver⸗ lieren, da er ſich ihrer unväterlich entäußerte; die Heili⸗ gen werden ſie mitleidig abrufen zum Schvoße der Gnade, weil der eigene Vater ihnen lieblos und ungnädig ge⸗ worden; der einzige Begünſtigte wird ihm bleiben; mag er ihn dann nicht als Strafe behalten, wenn der hoch⸗ fliegende Geiſt Vater und Mutter überfliegt.— Welche Sprache, Max, zürnte die Herzogin, gegen Deine Eltern? Welch ein heimlicher, grauenvoller Sinn in Deinen Reden, der mich ſchaudern macht und dem ich in dieſer Stunde nicht nachforſchen möchte. Mar, Du warſt ein guter Sohn; Du warſt heftig und leicht ge⸗ reizt, aber Dein Herz ſtand den weichſten und zarteſten Gefühlen offen. Iſt herrſchen denn ſo hohes Glück, und liegen alle Freuden des Lebens nur in dieſem Zau⸗ berzirkel? O mein Sohn, denke an die Tage Deiner Kindheit zu Herzberg und Iburg! Ohne Hoffnung auf einen Fürſtenhut lebten wir in ſtiller Einſamkeit das Familienleben des Bürgers, unſere Sonne war die Liebe, unſere Feſtfreuden ſchmückte der Kranz unſerer Kinder. Gottes heiliger Wille rief uns aus dem friedlichen Rit⸗ 265 terſchloſſe in den Fürſtenſaal, in das Gedräng der Welt, das wir längſt vergeſſen hatten; aber glaube dem Worte Deiner Mutter, jene Tage bleiben meiner innerung die glücklichſten. Solche Tage kannſt auch D ir be⸗ reiten; kannſt ungequält von der Noth eines verarmten Volks, unbeſchränkt durch die frechen Anſorderungen ſeh⸗ ſüchtiger Va ſallen, unbeſorgt um die eiferſüchtige Befein⸗ dung kriegsluſtiger Nachbarn, nur Deinem Herzen und der Freiheit leben, und Entbehrung ſoll Keines meiner Kinder fürchten; was Du forderſt für Deine Zukunft ſoll Dir bewilligt ſein. O Max, wer König iſt in ſeinem Hauſe, tauſcht mit keinem Weltenherrn.— Warum aber dieſe Heimlichkeit, Mutter? fiel Max ein, mit düſteren Geberden, aber gemäßigter Glut. War⸗ um ließ man uns mündig werden und uns wiegen in den Träumen fürſtlicher Hoheit? Der Knabe hätte ſich gewöhnen können an die Unterthänigkeit gegen den Bru⸗ der, ihm hätte Vaters Wille in kindlicher Gewohnheit als Himmelsſpruch geklungen. Der Mann gibt nicht auf, was des Himmels Gunſt ihm zugeworfen, am wenigſten, wenn es ihm ſo unerwartet ſchnell geworden, wie mir. Und jetzt mein letztes Wort: Ich kann und will nicht weichen von dem Platze, der mir gebührt! Wird mir am Heerde, wo ich geboren bin, mein Eigen⸗ thum geraubt, ſo ſoll der Reichstag, worin die Fürſten Deutſchlands zu Gericht ſitzen, ſo ſoll der Kaiſer, ja ſelbſt der Pabſt auf Petri Stuhle Recht ſprechen zwi⸗ ſchen mir und dem Bruder, und auf Euer Haupt falle Alles, was geſchehen könnte, wenn ich dieſe Freunde und Vertheidiger aufrufe zum Kampfe um mein höch⸗ ſtes Gut.— 6 „ Wie zu einem Schwure hob er die Finger der nhten. 266 Hand, indeß die Linke den breiten Kreuzgriff ſeines Schwer⸗ tes ans Herz preßte, und ſo wandte er ſich und verließ raſch das Gemach, und umſonſt mühete ſich die edle Frau, ihn mit ihrem mütterlichen Rufe aufzuhalten, ver⸗ gebens ſandte ſie Diener nach, ihn einzuholen und zu⸗ rück zu bringen. — Im Vorſaale vertrat dem Prinzen, der, ohne ſich um die ihm begegnenden Perſonen zu kümmern, mit dem Schritte eines Schanzenſtürmers hindurch eilte, der Erb⸗ prinz den Weg. Sieh da, der Herr Bruder! ſagte er, und ſein großes dunkles Auge maß den Erhitzten mit herriſchen Blicken. Ihr kommt von der Frau Mutter und habt klüglich die Fürſprache der Gütigen gewonnen?— Wann und bei Wem hätte Mar der Fürſprache be⸗ durft? fragte der Prinz ſtutzig zurück.— Ueberall ſind jüngere Fürſtenſöhne abhängig von dem Regierenden, und es iſt nicht Sitte, daß ſie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, noch die Länder durchziehen im Fluge wie Gaukelſpieler und Zigeunervolk, antwor⸗ tete der Erbprinz rauhen Tones.— Der Prinz faßte unwillkürlich nach ſeinem Schwert⸗ griff, doch ſich beſinnend, entgegnete er: Vater Ernſt regiert in dieſem Schloſſe, und erſt nach ſeinem Tode Ihr und ich. Ein Thor, wer um Worte Euch Rede ſtände.— Ihr und ich? fragte der Erbprinz, und ſein ernſter Mund verzog ſich zum ſpöttiſchen Lächeln. Warum bliebt Ihr nicht draußen und gewannt Euch ein Inſelreich un⸗ ter den Fahnen des heiligen Markus? Ihr hättet dann 267 eine Sicherheit gehabt ſtatt einer Irrlichtshoffnung, und die Krone eines hydriotiſchen Räubervolks glänzt immer wie die geträumte Knabenkrone von Flittergold.— Ihr wollt den Bruder reizen, damit er den Gottes⸗ frieden der Burg verletze, entgegnete Max mit Kälte. Aber Ihr verlockt mich nicht, wie Ihr den Vater verlockt habt, daß er das eigene Kind wunden mußte. Eurer herrſchſüchtigen Selbſtſucht iſt heute der Gleisnermantel entfallen; aber glaubt mir, der Mar hat größern, kräf⸗ tigern Gegnern geſtanden, hat Jahre lang geſtritten gegen den Obermeiſter der Tyrannenkunſt, und wird für ſein gutes Recht die reine Waffe zu führen wiſſen, wenn Ihr ihn zwingt.— Meint Ihr? lachte der Erbprinz. Flüchtige Beduinen und nackte Araber ſind gefällige Feinde, und wo der Lor⸗ beer an der Straße wächst, iſt es leicht, ſich ein Zweig⸗ lein mühelos zu brechen.— Mar trat dem Bruder einen Schritt näher und legte ihm ſeine rechte Hand auf den Arm. Des Bruders Werth gering zu ſchätzen iſt nicht meine Weiſe, ſprach er mit Wärme und treffendem Vorwurf; ich achte Dich, Lud⸗ wig, denn Du fochteſt brav vor Wien, ſchlugſt Dich wie ein deutſcher Reitersmann auf der Mainzer Schanze, und man ſagte mir, Du ſeieſt ein hochgebildeter Herr geworden, und ſuchteſt Deinesgleichen an Verſtand und Charakterſtärke. Aber gerade darum warne ich Dich, denn der ſtärkſte Gegner iſt mir von je der liebſte ge⸗ weſen. Der Löwe in den Waldſchluchten Afrika's iſt weder blutgierig noch räuberiſch, gleich dem aſiatiſchen Tiger, aber wenn ihn der unbeſonnene Jäger aus ſeinem Lager ſcheucht und auf die Ebene treibt, ſo ſtürzt er auf den übermüthigen Verderber, und in zu ſpäter Reue 268 fühlt der Stolze die ſcharfe Kralle des Starken. Ich warne Dich, Bruder, denn wehe mir und Dir, wenn die unglücklichen Brüder von Theben ſich in uns wieder⸗ holen ſollten, als zweites Schauerbild für die Völker der Erde.— Er ſetzte ſeinen Weg fort, und der Erbprinz ſah ihm verſtummend nach, warf dann aber entſchloſſen den ſchöngeformten Mund auf und ging zu den Zimmern des herzoglichen Vaters weiter. —— — zürſtengunſt und Herrſchbegier ſind die beiden Pole an der Achſe des Hoflebens; nur um ſie drehet ſich das Leben der Höflinge. Der Nächſte, der Unentbehrlichſte zu ſein am Throne iſt das Streben ihres Daſeins, ſie athmen nur im Hauch der Majeſtät, und fällt kein Strahl der fürſtlichen Gnade auf ſie, ſo welken ſie hin wie der Blütenſtrauch, dem das Sonnenlicht mangelt. So erklärt ſich das unermüvliche Ringen, das raſtloſe Kämpfen dieſer Menſchenkaſte, dieſe demüthige Geduld im Gegenſatze zu den höchſten Opfern, ſelbſt der Ehre, der Unſchuld, des Rufs und der Glücksgüter, dem ſtau⸗ nenden Pſychologen; es iſt Kampf um die Exiſtenz, ſtil⸗ ler, heimlicher, verhehlter, und darum deſto gefährliche⸗ rer Kampf, deſſen Zweck freilich nur der zu erkennen vermag, der ſelbſt in dieſem Zauberkreiſe als ein für immer hinein Gebannter lebt, den aber der ihm Fremde nicht begreift, und darum kopfſchüttelnd das ſeltſame vunte Stillleben betrachtet, das ſeinem Auge fade und unbeweglich ſcheint, obgleich es dem Flammenrade des Kunſtfeuerwerkers ähnelt, welches für den Blick nur eine große, ſtillſtehende Sonne vildet, und doch aus tauſend 269 ſich mit ungemeſſener Schnelligkeit im Kreiſe bewegender Funken und Lichtern beſteht. An dem kleinen Hofe zu Hannover hatte dieſes ge⸗ wöhnliche Treiben und Ringen ſchon ſeit geraumer Zeit einen ernſten Charakter angenommen. Das regierende Fürſtenpaar ſtand hoch über dieſem Hofleben durch ächten Seelenadel, durch reinen Willen, durch hohe Fürſtentu⸗ gend und durch gereifteres Lebensalter geheiligt, und von Jedermann mit ſcheuer Achtung betrachtet. Aber man dachte auf die Zeit, wo Herzog Ernſt hinab getra⸗ gen werden würde in die Gruft unter der Schloßkapelle. Der Erbprinz war den meiſten zu ſtrenge und herriſch, zu umſichtig und unzugänglich, zu ſelbſtſtändig und eigen⸗ willig; ſeine Günſtlinge waren erprobt und er tauſchte ſie nicht leichtfertig; dadurch hatte er die weiſen Staats⸗ männer ſeiner Zeit und die Vaterlandsfreunde für ſich gewonnen; aber Partei machten gegen ihn Alle, die in ſeiner Denkungsart und Handlungsweiſe keine Hoffnung für ihre Wünſche und Begierden fanden, alle jene höfi⸗ ſchen Kleinmeiſter, die an ihm ihre Künſte ſcheitern ſahen, die Hofdamen ſelbſt, die ſich zurückgeſetzt fühlten um der Einzigen willen, welcher der Herzogsſohn huldigte, und die Ankunft des Prinzen Max, der heftige Wortſtreit, den er mit dem ältern Bruder nicht unbehorcht im großen Salon in der erſten Stunde ſeines Wiedererſchei⸗ nens gehabt, ſchürte das verſteckte Feuer der Hofkabale zu wilder Brunſt, die, wenn auch noch nicht zu Tage gebrochen, Gefahr und Verderben dräuete. Im Geſellſchaftsſaale der Gräfin Mathilde fanden ſich am Abend unter dem Schleier eines fröhlichen Gaſt⸗ gebots die Befreundeten ein, und unter dieſen Unzufrie⸗ denen waren Viele der bedeutendſten und gewaltigſten — ——— ——————————————— ———. 270 Perſonen der Reſidenz. Man tafelte nach franzöſiſcher Sitte an kleinen runden Tafeln, und die ſchöne Wirthin hatte die jüngere Welt, die Offiziere der Garden, die jüngeren Räthe in ihren Kreis gezogen. Prinz Max und ſein gekränktes Recht waren das Tagsgeſpräch, ſein Lob ſchallte von allen Lippen, und Gräfin Mathilde ſchien unerſchöpflich in ſeiner Vergötterung, und da ihr Herz und die Hoffnung durch den ihr ſchon als Jüngling ge⸗ wogenen Prinzen dereinſt eine glänzende Rolle zu ſpie⸗ len, ihr die Worte diktirte, ſo fühlten ſich die Zuhörer durch die Wahrheit und das Feuer derſelben ergriffen, und ſtimmten in den angeſchlagenen Akkord. Der Ober⸗ jägermeiſter hatte weiterhin im Grunde des Saales die Vertrauteren verſammelt, und was dort an der Tafel⸗ runde ſeiner Gemahlin nur in jugendlicher Aufwallung mit Galanterie und leichtem Witz gemiſcht erklang, tönte hier an ſeiner Tafelrunde als düſtere, ſcheu geflüſterte Berathung eines Schöffenſtuhls, als dräuender Vehm⸗ ſpruch oder als fernes, dumpfhallendes Sturmgeläut. Alle kamen darin überein, daß man die unverhoffte An⸗ kunft des Prinzen als des Schickſals Ruf zur That be⸗ trachten müſſe; man fand es thöricht, länger unter dem Regiment eines anarchoretiſchen, ſparſamen, überweiſen Gr. und einer übermüthigen Hofmarſchallin auszuhal⸗ ten; jenen ſchalt man herriſcher als Mazarin, und der Sekretär Blum meinte ſarkaſtiſch: Nächſtens würde der dünkelvolle Mann des vierzehnten Ludwigs Worte: Etat Cest moi! auf ſich ſelbſt bezogen, proklamiren laſſen. Die Marſchallin beſchuldigte man, ſie ſtrebe mit ihren Dutzenden gallonirter Lakaien, ihre Cour vor jeder Tafel, ihren fürſtlichen Gallatagen und berauſchenden 271 Leib und Seele die regierende Familie immer feſter in ihr Feyennetz ² verwickeln. Der Oberſtlieutenant 8 Moltke pries, vom Burgunder erhitzt, die Stimmung der Hauptleute in der Leibgarde, und vermaß ſich mit wilden Schwüren, alle Degen und Helebarden dieſer Rolande gehörten ihm, wenn nur endlich einmal zum Losſchlagen der Signalſchuß donnere, und der Ober⸗ jägermeiſter, die günſtige Aufregung benutzend, krönte die Unterredung durch Vorlegung mehrer geheimer Briefe des Herzogs von Wolfenbüttel, in denen der eiferſüch⸗ tige Nachbarfürſt, allen denen Schutz und reichen Lohn zuſagte, die das Projekt der Kurwürde, auf die er als Sohn der älteren Linie Anſprüche zu haben glaubte, ſcheitern machten, oder den Plan der Vereinigung von Celle und Hannover durch Erſtgeburtsrecht im Keime er⸗ tödteten. Immer lebhafter wurde das Geſpräch, immer raſcher kreiſeten die Becher, man deklamirte und radotirte ſelbſt ohne Scheu vor der Dienerſchaft, als plötzlich die Flügelthür ſich öffnete und der Prinz Max ſelbſt im weißen Reitermantel mitten in die Geſellſchaft trat, und ſeine unerwartete Erſcheinung Jedermann auf einige Augenblicke verſtummen machte.—— Max hatte am Morgen in der Empörung aller ſei⸗ ner Gefühle ohne Zögern das Schloß verlaſſen und ſich nach dem in einem entfernten Quartiere der Stadt lie⸗ genden Fürſtenhofe begeben, woſelbſt für hohe Gäſte immer Wohnungen bereit gehalten wurden. Er ſchloß ſich dort mit einem ſeiner Cavaliere ein, dem er den ganzen Tag hindurch Briefe nach Berlin und Wien, nach en, Paris und Rom diktirte, und nahm ſelbſt ſabung zur Tafel nicht an, welche ihm von der rzogin Mutter durch den Hoffoutier überbracht worden. 272— Als es dämmerte, entligß er ſeinen Mnn und ſetzte ſich allein nieder, um nach gefaßten politiſchen Entſchlüſ⸗ ſen auch nun ſeinem Herzen Audienz zu geben, und mit ſeinen innerſten heiligſten Gefühlen ſich zu berathen. Wie ſollte er dem jähzornigen, durch Unglück erhärteten Va⸗ ter ſeiner Geliebten mit der Botſchaft von den Vorgän⸗ gen dieſes Tages entgegen treten? Mußte nicht der wilde Laskaris dem ſchon geſtern ſo rückſichtslos aus⸗ geſprochenen Argwohn in ſeinem mißtrauiſchen Gemüth eine feſtere Wohnung geben? Konnte Max nicht durch ein unbedacht dem rohen Häuptlinge entgegengeworfe⸗ nes Wort ſeine angebetete Ilithya auf immer verlieren? Dieſer düſtere Gedanke überwog alles weitere Bedenken, und er beſchloß zu reiſen und die Geliebte nicht wieder zu ſehen, bis er alle ſeine Verſprechungen ihr zu er⸗ füllen vermöchte. Ein Brief ſollte ſie beruhigen, und nie war ihm ein Schreiben ſchwerer geworden. Kaum hatte er das zarte Brieflein geſiegelt, und ſann, ob er einen ſeiner Diener oder die Gräfin Mathilde zum Liebesboten erkieſen ſolle, da ward der Page der Herzo⸗ gin gemeldet, und der kleine Mehmet ſtand vor ihm und überreichte ein Handbillet. Die Erſcheinung des Knaben ſchien ihm ein Wink vom Himmel, und nur mit dem Bilde ſeiner Huldin beſchäftigt, durchlas er flüchtig das mütterliche Schreiben. „Du trotzeſt Deiner Mutter, mein lieber Sohn? ſchrieb die edle Frau. Du flieheſt den Platz, wo Du allein Troſt ſuchen ſollteſt, wenn die Vorſehung Dir unabwend⸗ bares Leid zuſchickt? Auch Deine Mutter hat harte Prü⸗ fungen beſtanden, hat manche Hoffnungen in der Blüte welken ſehen. Doch je höher die ewige Vorſicht den WMenſchen ſtellte, je unerſchütterlicher ſoll er ſtehen den 5 273 Schickſalsſtürmen, und der nur war der ſchönſten Krone würdig, der ſie mit fürſtlicher Hochherzigkeit hinzugeben vermag, wenn es das Wohl ſeines Volks und der be⸗ fährdete Glanz des Diadems ſeiner Väter erheiſcht. Mein Mar dachte von jeher groß und königlich, und darum muß das Mutterherz beſorgen, daß noch andere tiefere Motive ihn verleiteten, gegen Mutter und Bruder alſo zu thun, wie er that. Sohn, vertraue mir! Das ſicherſte Aſyl, der verſchwiegenſte, ſchonendſte Rathgeber iſt ja das Mutterherz. Hüte Dich vor den Rathgebern draußen, die nur Selbſtſucht erwärmt, und die, mögen ſie ſchmeicheln oder dräuen, nur ſich ſelbſt bedenken. Max, ich warne Dich mit mütterlicher Angſt vor jugendlicher Uebereilung, die jetzt nur Dein Verderben gebären könnte. Max, beginne nichts ohne Deine Mutter, die alle ihre Kinder gern mit dem Herzblut fütterte, wenn es Noth thäte.“— Der Prinz knitterte den Brief in der Hand zuſam⸗ men und zog zugleich den freundlichen Knaben an ſein Knie. Sage der durchlauchtigen Herzogin, die Dich ſandte, ſprach er feſt, Prinz Max bedaure, daß ſein Reiſeroß ſchon geſattelt ſtehe; aber er verſichere der Mutter, er werde unerſchütterlich ſtehen im Schickſalsſturme, wie es ihrem Sohne gezieme. Haſt Du begriffen, verſtanden, kluger Bube? und als der Knabe nickte, ſchlug er ſei⸗ nen Arm um ſeinen Nacken und fuhr alſo fort zu ihm. Du weißt, Mehmet, wie ich Dich ſchützte vor dem blut⸗ dürſtigen Griechenhauptmann, wie ich ſelbſt Dich in mein Zelt trug, wie ich den erſchrockenen, fiebernden Knaben bettete in mein Bett, ihm ſelbſt die Arzenei rreichte, für ihn ſorgte, wie ein Vater für ſein Kind. Blumenhagen. VI, 18 274 Willſt Du mir vergelten heute? Mir Treue und Liebe zurückgeben?— Der Knabe kreuzte beide Arme über der Bruſt, ſah mit hellen Augen zu ihm auf und ſagte: Bei dem Chri⸗ ſtengott, Mehmet liebt Euch vor allen Menſchen, und Mehmet iſt nicht dumm geblieben wie die Andern, und weiß recht wohl, daß man ſeinem guten Vater heute Leids gethan im Schloſſe, und er hat ſich recht ſehr ge⸗ kümmert deßhalb.— Nun dann, Knabe, ſo höre mit Ohr und Seele, entgegnete der Prinz, und richte treu, verſchwiegen und klug wie ein Mann, aus, was ich Dir befehle. Du darfſt zu Deinen Spielkameraden gehen in der Stadt, wenn Du nicht Dienſt haſt; Du kennſt das Jagdhaus hinter den Sandbergen, dahin trägſt Du dieſen Brief, und frägſt bei dem Wildmeiſter nach der fremden Dame, und läſſeſt Dich von ihm durch die Geheimtreppe auf ihr Zimmer führen, und gibſt ihr den Brief zu eigenen Händen. Dem Wildmeiſter ſagſt Du, Prinz Max habe ſolches befohlen, und auf Deinem Herzen trägſt Du den Brief, und müßteſt lieber das Blatt verſchlucken oder Dich mit ihm in den Fluß werfen, ehe Du es einer fremden Hand überließeſt. Verſprichſt Du mir das?— Der Knabe reichte mit ſtolzer Miene dem Prinzen die Hand, nahm und barg den Brief, und wurde mit einem Kuſſe entlaſſen. Raſch aufſpringend rief der Prinz dann ſeine Cavaliere, befahl zu ſatteln, aufzubrechen und ihn vor dem Thore nach Celle zu erwarten; er ſelbſt begab ſich dann zu dem Hauſe des Oberjägermeiſters, ſeine hohe Geſtalt in den Gaſſen durch den feſtgewickel⸗ ten Reitermantel verhüllend.—— Die Gräfin Mathilde flog ihm ſogleich, mit von Stolz und Freude glübenden 275 Wangen, aus dem verſtummten Kreiſe ihrer Gäſte ent⸗ gegen. Hochwillkommen, mein edler Herr! rief ſie ihm zu. Was alle Herzen wünſchten, hat Euer gnädiger Beſuch unverhofft erfüllt. Werft den Mantel ab, Ihr ſeid un⸗ ter den Eurigen, denn Keiner iſt unter uns, der für Euch nicht ohne Bedenken Gut und Leben zu opfern ver⸗ möchte.— Des Prinzen Feuerauge überlief die Geſellſchaft und man ſah ihm an, wie wohlthuend der Anblick ſo man⸗ ches wichtigen Mannes auf ihn wirkte. Ihr macht mir mein Schickſal herber, ſchöne Frau, antwortete er ga⸗ lant, aber es ruft dennoch unerbittlich. Ich bin drüben im Schloſſe nicht gern geſehen, und mag Niemanden beläſtigen. Doch hielt ich für Vergehen, das Haus, wo meine ſchönſten Maienſtunden ſchlugen, vorüber zu gehen; darum freundlichen Gruß herein, freundliches Wieder⸗ ſehen zum Abſchiede.— Ihr wollt fort, Durchlaucht? fragte Graf Otto er⸗ ſtaunt.— Bleibt und ſtellt Euch an unſere Tete! rief der er⸗ hitzte Oberſtlieutenant. Bei meinem Wappen, die Herren Nichtgernegeſehen ſollen ihre höhniſchen Geſichter alſo⸗ bald in gar klägliche verwandeln.— Ich reiſe zum Ohm Wilhelm, antwortete der Prinz leiſer. Er wird ſeinen Liebling nicht ohne Rath und Hülfe laſſen. Und nun nochmals Adio, Ihr verehrten Herren! Gedenket mein, und Ihr, ſchöne Frau, betet für die Erfüllung meiner Wünſche!— So verließ er wiederum den Saal, doch ein bedeu⸗ tender Wink rief die Zunächſtſtehenden ihm nach, und der Graf, ſein Bruder und der Sekretär Blum folgten 276 ihm in das Vorgemach, und an den Letztern wandte ſich Max zuerſt. Du biſt mein Spielkamerad, Friedrich, ſagte er, Du wirſt mir zur Seite ſtehen als treuer Knapp wie in unſern kindiſchen Ritterſpielen, nicht ſo?— Befehlt über mich, über Leib und Seele! antwortete der junge Mann, von der Huld des Fürſten begeiſtert.— Du bewahrſt das Archiv, fuhr der Prinz haſtig fort; ſuche das Teſtament meines Großvaters auf, und ſende es mir nach durch einen ſichern Boten. Eine Copei magſt Du an ſeine Stelle legen mit Siegel und Bulle, vamit Niemand die Lücke entdeckt. Wirſt Du, Friedrich 2— Er wird, er ſoll! antwortete Graf Otto, als Blum betroffen mit der Antwort zögerte. Wird er zurückge⸗ ſetzt, unbeachtet bleiben wollen ſein Leben lang, wenn ihm auf der gerechten Seite Ehre und hohe Würde im Dienſt eines ſolchen gnädigen Fürſten winkt? Aber was wollt Ihr bei dem ſchwachen, kranken Ohm, der ſelbſt ſeine Zuſtimmung, wenn auch nach langer Zögerung, zu dem Erbgeſetz gegeben?— Es iſt der letzte Verſuch der Güte! ſprach Max mit Feſtigkeit; man ſoll mir nicht den Vorwurf machen kön⸗ nen, wie ein brauſender Jüngling den Kampf aus Luſt gerufen zu haben. Dann aber keine Schonung weiter! Herrſchen oder gehorchen! Herr oder Knecht! Das iſt dann meine Wahl, und wem die Natur ſelbſt das beſ⸗ ſere Loos zuwarf, den mag man eine Memme ſchelten, zöge er feig die Hand zurück, weil er den Schatz aus der Lava eines gährenden Aetna erretten muß. Und, meine Freunde, der Max ſteht nicht allein mit ſeinem befährdeten Recht. Meines Heerhornes Hülferuf wird wiederhallen an allen deutſchen Bergen, wird weit ſchallen über die Grenzen Germania's hinaus, bis zur 277 mächtigen Lutetia und bis in den Stiefel Europa's, und jene Schloßpfeiler werden wanken in ſeinem Schall über des Schooßſöhnleins ſtolzem Haupte. Dänens König wartet nur auf eine günſtige Gelegenheit, ſich für Ham⸗ burg zu rächen; der tapfere Kurfürſt Friedrich wird mir Hülfe geben gegen den Schwiegervater, in dem er den zu hoch fliegenden Nachbar fürchtet; und brächen alle Ankertaue der Hoffnung, ſo bedarf es nur meines Federzugs unter einen Pakt mit dem Kaiſer und dem heiligen Vater zu Rom, und ſolch Zauberblatt wird alle hochfahrenden Träume meiner Feinde in Rauch wandeln, und möchte alle meine Verächter leichtlich zur Verzweif⸗ lung bringen.— Nähere Hülfe ſagt uns Herzog Anton zu, und hat nicht vergeſſen, daß der Erbprinz ſeinem Sohne die rei⸗ che Braut dicht vor dem Verlobungsſchmauſe entführte, ſtieß triumphirend Graf Otto heraus, ich hab's in Briefen.— Nun ſorget denn für mich wie für euch ſelbſt, ent⸗ gegnete der Prinz; lauſcht für mich mit den Ohren der Fama und den Augen des Argus; handelt für mich mit raſcher, eherner Freundeshand. Hoch belohnt ſoll wer⸗ den, was ihr gethan für mich, das gelobt euch Mar bei ſeinem Herzogsſchilde, und was ihr thatet, und wie ihr's thatet, ſoll mir recht ſein, als hätte ich's ſelbſt gethan. Ich kehre bald, aber dann ſoll mein Klopfen an die Thore dieſer Herzogsſtadt in das Gewiſſen der Ungerechten donnern und Herzen zittern machen, ſchlügen ſie auch unter einem Fürſtenpanzer oder gar unter einem ſtichſeſten Lilienbuſen.— Er ging zur Steige, doch kehrie er nochmals ſich um zu dem ihn begleitenden Hausherrn. Graf, ſagte 278 er halblaut, Eines noch lege ich Euch zuletzt an das Herz. Begebt Euch, ſobald Ihr's unhemerkt vermöget, zu dem Jagdhauſe. Mit Eurem Kopfe haftet Ihr mir für die Sicherheit der jungen Griechin, welche ich dort zurückgelaſſen. Entſchuldigt meine ſchnelle Reiſe durch die Wahrheit, enthüllt ihr, was mich traf. Bringet mir ſie nach, ſobald Ihr den leiſeſten Funken Gefahr für ſie erblickt. Euer Dienſt bei ihr ſei Euch ſo wichtig, wie die Sorge um meinen Herzogshut, denn, ich ver⸗ traue es dem Erprobten, Ihr ſchirmet ja in ihr Eure künftige Herzogin.— Die Fremde? Die Flüchtige? rief Graf Otto, be⸗ ſtürzt zurücktretend.— Eleonore d'Olbreuſe, die Madame des Harbourg theilte des Oheims Bett und Prinz Ludwig verſchmähete ihre Tochter nicht, entgegnete Max mit Feſtigkeit; edler Blut fließt in den Adern meiner Braut und ſie zählt die Kaiſer des Orients zu ihren Ahnen. So verließ er das Haus, wo ſein unglückſeliges, un⸗ bedachtes Wort wie der heimliche Funke in ein Pulver⸗ magazin gefallen war, und des Beſitzers und ſeiner Freunde Hirn bis zu einer Raſerei erhitzt hatte, welche die verwegenſten Gedanken und Entwürfe auszubreiten, keine Scheu trug. Für einen feinen Beobachter im Felde der Phyſio⸗ gnomik hätte der Hof zu Hannover in den nächſten Ta⸗ gen ein reiches Theatrum abgegeben. Die Außenſeite noch dieſelbe, in dem gewöhnlichen Ceremonienleben ſchien nichts geändert, aber die Augen waren überall größer, beweglicher auch im ſteinernen Kopfe des älteſten Hof⸗ manns, und wenn ein paar Würdeträger heimlich flü⸗ 279 ſterten, bogen ſich alle Hälſe magnetiſch nach der Ge⸗ gend gezogen, um eine Silbe zu erlauſchen. Die fürſt⸗ lichen Perſonen wurden ein beſonderer Gegenſtand der Aufmerkſamkeit, doch das alte herzogliche Paar zeigte ſich ruhig und gleichmüthig, wie beſtändig vorher, und der Erbprinz griff der Jahreszeit voraus, und die winter⸗ lichen Feſte, zu denen ſonſt nur die erſte Schneefahne das Zeichen gab, Maskenbälle, galante Ritterſpiele im Luſt⸗ ſchloſſe der begünſtigten Marſchallin wechſelten Tag um Tag mit den Luſtſpielen der franzöſiſchen Komödianten und den Opern des Abbe Stephani, zu denen das neue Schauſpielhaus des Baudirektors Quirini ſeit Kurzem, für damalige Zeit wahrhaft glänzend, eingerichtet wor⸗ den. Maximilians Freunde nutzten dieſe Luſtbarkeiten, die ihnen einen willkommenen Schleier für ihre Unter⸗ nehmungen darboten; unter dem Kleide des Harlekins und Pierrots wurden gar ernſte Worte getauſcht, und mitten im ſchimmernden Kerzenlichte traten die Kinder der Finſterniß dichter zuſammen. Graf Otto hatte vorſichtig einige Tage vorübergehen laſſen, ehe er des Prinzen Auftrag, betreff der Fremden im Jagdhauſe, berückſichtiget. Als er zu dem alten Griechenhäuptling in der Abenddämmerung eintrat, fand er denſelben mit finſterm Geſicht im Divan ruhend, und aus der langen Türkenpfeife ungeheure Tabakswolken zur Zimmerdecke hinauf blaſend. Ihm gegenüber ſaß die ſchöne Griechin, ihm den Thee bereitend. Androni⸗ kos Laskaris empfing den Eintretenden ſehr kühl und dankte kaum ſeiner Begrüßung, Jlithya aber ſprang be⸗ wegt auf, als der Graf kaum des Prinzen Namen ge⸗ nannt, und fragte lebhaft: So kommt er ſelbſt, und Ihr bringt ihn zurück wie Aurora den Helios?— k . — —ÜÜYÜ ——— 280 Als der Graf achſelzuckend verneint und neben dem Alten Platz genommen, ſeufzte die Jungfrau tief, und verließ langſam hinwegſchreitend, gleich einer ſtummen Prieſterin der eleuſiniſchen Myſterie, das Gemach nach Sitte ihres Landes, wo das Weib weicht, wenn Män⸗ ner ſich zu Rathe ſetzen. Der deutſche Herr ſchickt ſeinen Abgeordneten ſpät, und ich werde ihn Rede ſtehen laſſen für die Nachläſ⸗ ſigkeit, ſagte der Grieche mit innerm Grimm. Hätte die Tochter mich nicht mit ihrer Bitte gefeſſelt, wäre Laskaris längſt im Schloſſe aufgetreten, und würde mit dem alten Herzog ein ernſtes Wort geſprochen haben über den Sohn, der ſein Kind verlockt in das froſtige Nordland, wo Natur und Menſchen den kalten, unbe⸗ weglichen Statuen auf der Akropolis gleichen. Was flüchtet Euer Herr, wie ein Knabe vor der Ruthe, wenn ihm Vater und Bruder ſein Erbe weigern? Er hat ei⸗ nen ſtarken Arm und ein braves Schwert; warum ge⸗ braucht er es nicht hier, wo es mehr gilt für ihn, als dort, wo er es wie ein Heros gebrauchte in dem Dienſte ſchachernder Kaufleute? Er mag ſich klar rechtfertigen, ſoll ihn Laskaris fernerhin der Tochter würdig finden.— Erſtaunt fragte der Graf, wie dem Griechen ſchon Kunde geworden von dem kaum am Herzogshofe in's Licht ge⸗ tretenen Geheimniß?— Ein Liebesblatt ſendete er dem Mädchen, entgegnete Laskaris; Honig von Himettus überzog die Worte, aber das Gewichtigere, die Auslö⸗ ſung ſeines Wortes, die Sache ſeiner Ehre, war nur mit dem Griffel des zagenden Gewiſſens angedeutet, doch Licht genug für den Scharfblick eines Mannes aus Oſten. Ich meine, Ihr ſeid geſendet, um dieſe Hiero⸗ glyphenſchrift uns zu dolmetſchen, und Ihr werdet einer 281 guten Zunge bedürfen, um aus meiner Seele das Bild eines feigen Flüchtlings und Wortbrüchigen zu tilgen. Mein Ohr dürſtet nach Eurem Wort, denn warum kam er nicht zu mir, dem alten Schlachtgefährten, warum rief er nicht ſein Volk, ſeine Vaſallen zu ſich heran, kreuzte ſein Schwert mit meinem krummen Damascener, und wagte in ſolch wackerer Geſellſchaft, was der ge⸗ meinſte Moreot oder Mainotte für ſeine elende Hütte gewagt?— Der Graf fühlte ſich imponirt durch den Fremdling, fühlte ſich wunderbar ergriffen durch den gewaltigen Ton, mit dem der Graukopf ſprach, und ihn als einen will⸗ kommenen Verbündeten betrachtend, nahm er keinen An⸗ ſtand, über die politiſchen Verhältniſſe ſeines Hofes ihm den genaueſten Aufſchluß zu geben, ja ihn ſogar in die Entwürfe und Hoffnungen der zu Gunſten des Prinzen Mar Verſchworenen einzuweihen. Der Grieche hörte ihm aufmerkſam und ſchweigend zu; als er jedoch geendigt, ſtrich er heftig mit den Fingern durch ſeinen Knebelbart, und ſchlug dabei ein lautes, höhniſches Gelächter an. Armſelige Kinder ſeid ihr Nordlandsſöhne! rief er aus. Brüſten mögt ihr euch überall mit eurer zarten Sitte, mit eurer Wiſſenſchaft, euren Erfindungen, eurer Ge⸗ lahrtheit, aber eng und ohnmächtig bewegt ihr euch, wie die Ruderknechte der Galeere in den ſelbſtgeſchmie⸗ deten Ketten, die ihr dazu einen Prunk nennt. Die Le⸗ bensweisheit wohnt nur im Geburtslande des jungen Lichts, und die ächte Freiheit, die Freiheit der Kraft, die darf, was ſie will, ſobald ſie es kann. Wenn der regierende Großherr einen Bruder hat oder ſelbſt einen Sohn, der ſeinen Beſitz gefährdet, oder den er ſonſt zu fürchten hat, ſo macht ganz in der Stille eine ſeidene 2—————— ——————— 282 Schnur oder ein Schierlingstrank den Gegner zum ſtil⸗ len, unſchädlichen Manne. Wenn in unſerem Griechen⸗ lande dergleichen vorkommt, ein Blutsfreund das Erbe nicht herausgeben will, und der Familienrath dem Un⸗ redlichen Beiſtand beut, ſo wetzt der Mainot den Da⸗ mascener, ladet die Piſtolen und ſattelt ſein Roß. Stellt ſich der Gegner zum Blutkampfe am Gebirg, ſo ent⸗ ſcheidet die Fauſt; ſtellt ſich der Feigling nicht, ſo ſchießt der Uebervortheilte ihn nieder, wo er ihn findet, und tritt als Sieger in ſein Erbe.— Wir ſind in Deutſchland, Herr! verſetzte ſtutzig der Graf.— Leider! entgegnete der Dynaſt, wild erglühend. Als es galt um den Beſitz meiner Erbgüter, da ſchaarten ſich um mein Roß meine Brüder, meine Söhne, mein ganzer Stamm und Alle, die ich Freund genannt, und die aus meinem Becher getrunken. Die Brüder, die Söhne, die Freunde fielen alle, alle für mein Recht und meine Ehre, und keiner ſeufzte über die Todeswunde, und jeder ſtieß noch mit letzter Kraft nach meinem Feinde. Armer Max! Mich friert unter dem Pelze, wenn ich Deine Freunde erblicke. Alle wollen rathen, warnen und überlegen, und nennen das: handeln für Dich. Iſt der Erbprinz der Räuber ſeines Rechts, ſei⸗ nes Erbes, warum laſſet ihr ihn feige im Beſitz und ſtraft ihn nicht mit ritterlicher Fauſt? Iſt er vertilgt, ſo liegt ferner kein Stein mehr im Wege, und der ſcheue Rath darf ſchlafen, und die ſchleichende Vorſicht darf ausruhen. O Max, der alte Laskaris hat große urſache, Dir zu grollen, aber brächte mich das Schickſal auf Pferdeslänge Deinem Gegner nah, Du ſollteſt er⸗ fahren, daß Du einen Freund beſitzeſt, der mehr wiegt, 283 als ein Dutzend Deiner Vaſallen und Landsleute, die an Deiner Bruſt ſchwelgten und die Deine Gnade ſatt gefüttert!— Der Graf ſprang erhitzt in die Höhe. Lebt wohl, fremder Herr! rief er aus. Vielleicht höret Ihr bald Angenehmeres von mir, vielleicht rufe ich bald Euren Arm und Eure Klinge, die ſo locker in der Scheide klappert. Lebt wohl für jetzt! Ihr habt einen Skorpion in meine Bruſt geworfen, der mich hinaus ängſtigt aus dem heißen Gemach, daß ich wie ein Fiebernder dürſte nach kalter Winterluft. Im Schloſſe hatte an demſelben Tage ein ſonderba⸗ res Ereigniß die Gemüther bewegt. Fern vom Thore der Reſidenz war der Page, der kleine Mehmet, ohn⸗ mächtig im Felde gefunden worden. Seine Kleider waren beſchmutzt, doch ſchien er ſonſt unverletzt; die Aerzte fan⸗ den aber ſeinen Zuſtand gefährlich, denn auch nach dem Erwachen aus der Ohnmacht folgte dem frei gewordenen Athemzuge die Freiheit der Seele nicht, der Knabe ſprach heftige, unzuſammenhängende Traumworte, und Geſichts⸗ glut und Puls verkündeten die Erſcheinung des heftigſten Fiebers. Der freundliche, kluge Knabe war bei Jeder⸗ mann beliebt, und Alle kümmerte ſein Zuſtand, und Alle müheten ſich vergebens das Räthſel zu löſen, wie der Knabe, der zur Winterszeit nie die Stadt verließ, an jenen Ort und in ſolchen Zuſtand gerathen. Am dritten Tage begab ſich die gütige Herzogin Mutter in eigener Perſon zu dem Krankenzimmer des Kleinen. Als der phantaſirende Knabe die Stimme der Fürſtin hörte, ſchien ein Theil ſeiner Beſinnung zurückzukehren, er 284 richtete ſich auf im Bett, ſah ſie ſtarr an und griff dann mit heftiger Bewegung nach ihrer Hand. Walidet⸗Sul⸗ tanin, rief er angſtvoll und mit wie im Schreck verzerr⸗ ten Geſichtszügen, gehe nicht hinaus! Er iſt da, der ſchwarze Capitano; er wird Dich und mich und den Prinzen umbringen. Auf dem Hofe ſtand er und zückte den Dolch, aber ein Engel trug mich auf ſeinen Flügeln über das Feld. Sultana, ſchließ die Thüre Deines Se⸗ rails; rufe den Kislar, den Vezier, den Aga, daß ſie fechten mit dem Blutigen wie der Prinz Max. Sieh, dort, dort ſteht er und ſchüttelt den Bart! O ruft den lieben Prinz, daß er nicht allein hinaus geht zum Jagd⸗ hofe, denn der gierige Löwe hat ſeine Höhle dorten, und lauert auf ihn.— Das ſtieß der Knabe in abgebroche⸗ nen Sätzen und mit kurzen Worten hervor, und ſank dann wieder in neue Betäubung. Herzogin Sophie aber horchte mit Verwunderung auf die fiebergeborene Rede, empfahl der Wärterin die ſtrengſte Sorgfalt für den Kna⸗ ben, und ging, ohne ſich über das Gehörte zu äußern, gedankenvoll zu ihren Zimmern zurück. In dem Herzen des Grafen Otto gährte unterdeß das Schlangengift mächtig, welches der alte Grieche hinein⸗ geſpritzt, und Gedanken voll Grauen, wie er ſie ſonft nie gewagt, ließen ihn Tages und Nachts ohne Ruhe. Die Vertrauteſten unter den Feinden des Erbprinzen Lud⸗ wigs kamen faſt täglich zu geheimer Berathung zuſam⸗ men, und in einer dieſer mitternächtlichen Sitzungen wagte er, gehetzt von dem innern Feinde, dem er Raum in der Bruſt gegeben, das Wort Fürſtenmord auszu⸗ ſprechen. Alle fuhren wie vom Wetterſtrahl getroffen zuſammen, nur der Oberſtlieutenant jubelte auf und rief: Bruder, Du haſt die Pforte des finſtern Labyrinths — 285 aufgeſprengt, haſt Breſche geſchoſſen und führſt uns zum ſchnellſten Siege! Was ſitzen die Memmen da und haben lahme Zungen, und der Blum ſieht aus, als wäre er ſchon drei Tage eine Leiche? Könnet ihr nur ſchwatzen beim Wein, und ſeid ſcheue Jungfern, wenn es eine That gilt? Rebellen wollt ihr ſpielen, aber im ſichern Zim⸗ mer; wollt euch Würden und Ehrenſtellen erobern, aber nur durch Vivatrufen und Schimpfen hinter dem Rücken des Feindes. Pfui! die Grafen Moltke find andere Leute, und an allem, was ſie ſind und haben, hing ein Wag⸗ ſtück. Warum ſollen wir nicht anfangen mit dem, was doch das beſte Ende ſein wird? Wenn die Bundesgenoſ⸗ ſen des Prinzen in das Land fallen, wenn wir die Bürger hetzen zu innerer Gährung, kann da nicht auch der Erb⸗ prinz an der Spitze ſeiner Leibreiter getroffen werden von der erſten und ſchlechteſten Kugel? Wäre unſer Ge⸗ wiſſen alsdann weniger belaſtet, wenn es ſubtil genug iſt, von ſo etwas ſich drücken zu laſſen 2— Wer möchte ſeine Hand hergeben zu ſolcher Blutthat? fragte der Sekretär Blum mit ſichtlichem Entſetzen.— Ich ſelbſt! antwortete Graf Otto, der ſich beleidigt fühlte durch den Einwurf des jüngſten unter den Ver⸗ ſchworenen, deſſen er gewiß war, da er in den Banden der ſchönen Gräfin Mathilde eng gefeſſelt ging.„Was ihr thatet für mich und wie ihr es thatet, ſoll mir recht ſein, ſoll ſein, als hätte ich es ſelbſt gethan.“ Habt ihr dieſe gewichtigen Worte des Prinzen vergeſſen? Erſt jetzt iſt mir ihr Sinn klar geworden, und ich will ihm zei⸗ gen, wer ſein beſter und kühnſter Freund geweſen, und wer ſeine Gunſt am meiſten verdient.— Der Herzog iſt alt, ſprach der Oberſtlieutenant, ſo⸗ bald nur der Erbprinz fort, einerlei wie, wird ihm der ———— 286 nächſte Stammhalter der liebſte ſein; er wird nicht lange unterſuchen, wie dieſer dazu kam, und ſich dem Muß ohne Wahl geduldig fügen. Aus dem Wege, was un⸗ ſerm Abgott feind iſt!— Er ſtürzte den heißen Trank hinunter, der vor ihm im Becher dampfte, und ein all⸗ gemeiner, wirrer Wortwechſel entſtand, deſſen letztes Pro⸗ dukt der Entſchluß wurde, den Vorſchlag in Ueberlegung zu ziehen, und dann, wenn die Gelegenheit ausgefunden, ihn heimlich und ohne Gefahr zu vollführen, darüber neu zu berathſchlagen. Aber für den ungeſtümen Geiſt und unruhigen Sinn der beiden Grafen war dieſe Verzögerung nicht. Da der Gedanke einmal geboren, das Wort einmal geſprochen worden, ſchien ihnen die That ein Leichtes und ein Noth⸗ wendiges. Bei dem Oberjägermeiſter kam noch ein per⸗ ſönlicher Haß hinzu, indem er den Erbprinzen für die geheime Triebfeder ſeiner Vertreibung aus der ehemali⸗ gen unumſchränkten Gunſt des Herzogs hielt, ein Haß, der um ſo brennender und giftiger war, weil er ihn nir⸗ gend, nicht in Wort und That, bis jetzt zu befriedigen vermocht. Die Ausführung des Attentats erſchien ſchwie⸗ rig, faſt unmöglich und höchſt gefährlich; aber nichts reizt ja die Menſchennatur mehr als der Gedanke: Wirſt du es vermögen? Wird dir's gelingen? und das Drängen dieſer Ungewißheit hat manches Verbrechen ge⸗ voren. Bald kamen jedoch noch Umſtände hinzu, welche den Grafen Otto zu der Beſchleunigung ſeines Blutvor⸗ ſatzes antrieben. Mehre Perſonen des Hofes, welche ſonſt ſich fern von ihm gehalten, drängten ſich auffallend an ihn und ſelbſt in die Zirkel ſeines Hauſes, und er ſah in ihnen Laurer und Spione. Der alte Wildmeiſter meldete ihm, wie der Jagdhof jetzt oft von vermummten 287 Männern Abends und Nachts umſchlichen würde, wie er ſelbſt von manchem Hofherrn flüchtig hingeworfen nach des Prinzen Max Ankunft daſelbſt und nach den Beſuchen des Oberjägermeiſters im Jagdhofe befragt worden. Haß und Furcht zugleich kochten immer höher auf in des Grafen Bruſt, und als der Erbprinz ihm mit herriſchem Tone die Anordnung einer großen Jagd und Sauhatz auf den einundzwanzigſten Dezember befahl und wie mit verächtlichem Spott hinzuſetzte: Man muß euch Herren beſchäftigen, daß ihr das Handwerk und die Büchſe nicht verlernt, und aus Faulheit anfangt in der Politik zu pfuſchen!— da brannte ſein Blut wie freſſendes Feuer am Herzen, und er riß zu Hauſe das ſichere Jagdgewehr von der Wand und preßte es feſt und entſchloſſen gegen die wogende Bruſt. Der neunzehnte Dezember 1691 traf auf einen Sonn⸗ abend, und, nach gewohnter Weiſe war der Hof an die⸗ ſem Tage im engern, kleinen Zirkel⸗zum Abendſpiele verſammelt. Graf Otto hatte Morgens die Gegend am Gebirg beritten und den Wildmeiſter mit der Anſtellung der Herrſchaften beauftragt, am dichten mit Unterbuſch durchwachſenen Sumpfthale den Platz beſtimmt, wo der Erbprinz mit einigen jungen Jagdleuten ſeinen Stand haben ſollten, ſich ſelbſt eine alte, gekrümmte Zwergeiche ausgeſucht, von wo aus ſeine Büchſe das beſtimmte Ovfer ſicher erreichen konnte. Der Graf ſtand jetzt hin⸗ ter dem Stuhle des regierenden Herzogs, welcher Karte ppielte, und ſah von da mit verſtecktem Triumphgefühl auf die vergnügte Geſellſchaft hinab. Stolze Träume gingen an ſeinem innern Auge vorüber, wenn er ſich — 288 dachte, welche Umgeſtaltung nach zwei Morgenröthen dieſen Hof würde treffen durch ſeine Hand. Seine Augen funkelten hin zu den aufgeblaſenen Würdeträgern, deren Pläne ſein Wille zum Staube warf, auf die verwöhnten Günſtlinge, die übermorgen in ihr Nichts zurück ſanken; er kniff in tückiſcher Wolluſt und teufliſchem Ergötzen die Lippen zuſammen bei dem Gedanken an das Graus und das Entſetzen, was den Platz des kalten, langwei⸗ ligen Ceremoniels von heute einnehmen würde, bei dem Gedanken, wie der hier kaum genannte Prinz dann den Ehrenplatz haben und Er, als der Gefeierte, in ſeiner Nähe walten würde. Ein Cavalier näherte ſich dem alten Herzog und flü⸗ ſterte ihm eine Meldung in das Ohr. Ruhig ſtand der ehrwürdige, weißlockige Fürſt vom Seſſel auf, ſah ſich um und ſagte gütig: Monſieur Moltke, nehme Er meine Karte!— Geehrt durch das lange nicht gehörte Gna⸗ denwort nahm der Oberjägermeiſter den Ehrenplatz, und es war ihm recht, daß der Herzog nicht wieder erſchien und er den Sitz behalten durfte, bis die Partie zu Ende ging. Er blieb faſt bis zuletzt im Salon, warf im Vor⸗ gefühl der künftigen Mitregentſchaft einen ſcharfen Blick durch die offen ſtehenden Gallerien, in denen die Herzo⸗ gin und der Erbprinz im lauten, ſcherzreichen Geſpräch hinabgingen, und flüſterte halblaut? Warnet Euch denn kein Teufelchen, citirt durch die Geheimformel eurer Philoſophie? Flüſtert euch keine Stimme des Gewiſſens den Namen des beraubten Max in das ſchlafende Ohr? Ich will euch wecken mit der Poſaune des jüngſten En⸗ gels! Uebermorgen! Zwei Nächte noch und ein kurzer Wintertag! Triebe ein Weltſturm dieſe Stunden flüch⸗ tiger hinab!— Langſam ging er über den erleuchteten 289 Corridor, langſam ſtieg er die breiten Steinſtufen der Haupttreppe hinunter. Aber welches Entſetzen zuckte zu ſeinem Herzen, als ihm unten im äußern Pfeilergange, der den innerſten Schloßhof umgab, der Generalmajor von Weihe entgegentrat und ſeinen Degen forderte.— Entſchloſſen riß er den Stahl heraus, drückte ſich an die Wand und ſtotterte: Warum und auf weſſen Befehl 2 und ſetzte heftiger und ſich ermannend hinzu: Begehet keinen Irrthum; ein Wann, wie ich, verkauft ſein Leben theuer!— Der Generalmajor ſenkte ſeinen Degen und reichte ihm den Verhaftbefehl, zugleich winkte er jedoch vier Gardereitern, die von den Pfeilern beſchattet ge⸗ ſtanden, und als der Graf bei dem trüben Lampenlicht die Ordre entfaltet hatte, war ſein Geſicht leichenbleich, alle ſeine Männlichkeit entwich und mit ihr ſank der Degen aus ſeiner Hand; er wurde umringt auf die Marſchallsſtube geführt, und von da um Mitternacht in das Staatsgefängniß am Clevethor gebracht. Düſter brannte die Lampe im Kabinet des alten Her⸗ zogs, bei deren Scheine der Geheimſchreiber Blum noch ſpät einige wichtige Depeſchen zu vollenden befehligt wor⸗ den, denn der ſonſt ſo leicht arbeitende Sekretär malte langſam und gedankenlos die Buchſtaben und achtete nicht auf das trübe Licht, ſeit vom Hoffourier die beiden fremden Offiziere eingeführt worden, die er nicht anzu⸗ ſprechen wagte, aber oft mit geheimer Scheu von der Seite betrachtete. Der Eine trug die brandenburgiſchen, der Andere die celliſchen Feldzeichen. Das Zuſammen⸗ treffen dieſer beiden Couriere, die ſo ſpät noch den re⸗ gierenden Herrn zu beläſtigen wagten, weil die Ordre Blumenhagen. VI. 19 290 ihrer Fürſten ſie dazu verpflichtet hatte, mußte ihm be⸗ denklich erſcheinen. Herzog Ernſt trat ein, nahm ſeinen gewohnten Ar⸗ beitsplatz, empfing die Briefe aus den Händen der Frem⸗ den, und vertiefte ſich bei dem Leſen derſelben. Blums Auge haftete gedankenvoll und forſchend auf dem Ge⸗ ſicht des Greiſes, und er fuhr wie aus tiefem Traume empor, als dieſer ihm mit ſichtlicher Aufregung befahl, noch zwei Wachskerzen anzuzünden, und dann von vorn an zu leſen begann. Die Sendſchreiben waren von Ber⸗ lin und Celle. Das erſtere hatte die Kurfürſtin an den Vater gerichtet, das Vertrauen ihres Gemahls, der ver⸗ geſſen, daß ſie eine Hannoveranerin war und nie ihrem lieben Heimathlande untreu zu werden vermochte, hatte ſie tief in die Pläne des Bruders Max ſchauen laſſen, und ſie warnte den Vater, andeutend, daß des Bruders kühne Vorſätze auf Anreizer und Helfershelfer am han⸗ noverſchen Hofe ſelbſt gebaut ſein müßten. Das zweite Schreiben war vom Herzog von Celle. Ein Brief des Grafen Otto an den Prinzen Mar kam in die Hände des Herzogs, weil die vorſichtige Herzogin Sophie den trefflichen Bernſtorf und die Räthe zu Celle inſtruirt hatte, auf die Korreſpondenz des im gefährlichen Groll von ihr geſchiedenen Sohnes zu wachen. Dieſer beige⸗ legte Brief des Grafen trug das jüngſte Datum, und ſeine myſteriöſen, finſtern, in höchſter Aufwallung gebo⸗ renen Worte ließen ein nahes, gefährliches Attentat ver⸗ muthen, wenn ſie es auch nicht klar und deutlich aus⸗ ſprachen.— Des alten Herzogs Hand ſank mit dem Briefe auf ſeine Knie, er holte ſchwer Athem, und ſein gefurchtes, blaſſes Angeſicht war leichenweiß geworden, ſo daß Blum 291 und die fremden Offiziere ihm zum Beiſtande, den Re⸗ ſpekt vergeſſend, heran traten. Da ermannte ſich der alte Herr, ſtieß die helfenden Arme mit Heftigkeit zurück, und erhob ſich mit jugend⸗ licher Kraft vom Seſſel. Bin ich denn ſo ſchwach ge⸗ worden an Geiſt und Leib, rief er zornerglühend, daß man mich lebendig als einen Todten betrachtet und zu ſpielen wagt mit meinem Zepter und meiner Krone, als lägen Beide wie Prunkſtücke auf meinem Sargdeckel 2 Und habe ich denn ſo ſchlecht und tyranniſch regiert, daß ſelbſt die Geſchöpfe meiner Gnade von mir abfallen und mein ſchönſtes, letztes Regentenwerk, den Denkſtein auf meiner Gruft, umzuſtürzen verſuchen?2 Und bin ich denn ein ſo harter Vater geweſen, daß ſelbſt das eigene Blut gegen mich die Mörder dingt und fremde Kriegsleute wirbt gegen das Haus, in dem es geboren? Es iſt ab⸗ ſcheulich. Leſe Er, Blum, und theile er mein Entſetzen. — Nicht geglaubt habe ich, was ſchon wochenlang mir zugeflüſtert worden. Aber ſie ſollen den alten Löwen erkennen, ſollen beben, wenn er die greiſen Mähnen ſchüttelt! Meine beſten Söhne hat mir Gott geraubt, aber trotz dem werde ich wie Brutus Gericht halten über den Abtrünnigen, der das Unglück meines Volkes her⸗ auf beſchwört mit ſeiner frechen Knabenſtimme!— Aber ſo leſe Er doch, und was zittert Er, Blum, wie ein Fiebernder?— Blum hatte nur einen Blick auf das verhängniß⸗ volle Blatt geworfen, da fuhr es wie ein eiskaltes Sti⸗ lett durch ſein Herz, und das zerſchmetternde Wort des alten, ehrwürdigen Herrn tilgte den Reſt der Männ⸗ lichkeit in ſeiner Seele. Bleich, bebend ſank er zu des Herzogs Füßen. 3 —— 292 Kennt Er den Inhalt? fragte der Greis zurückwei⸗ chend; und der Geheimſchreiber bekannte Alles, und wie er der Jagd erwähnte und der Mordanſtalten auf über⸗ morgen, ſank der Herzog in ſeinen Seſſel und bedeckte mehre Minuten ſein Geſicht mit beiden Händen. Lang⸗ ſam erhob er ſich dann und nahm die Tiſchglocke. Schlan⸗ gen dicht an meiner alters ſchwachen Bruſt! ſprach er mit dumpfem Tone. Ein Baſiliskenei in Sophiens Wiege! Elender Menſch, Er hat den erſten Nagel in meinen Sarg geſchlagen. Aber zweifach Wehe Ihm, wagt Er eine boshafte Lüge, vielleicht um einen Feind zu verder⸗ ben durch meine Hand.— Der eintretende Ordonnanzoffizier mußte den Geheim⸗ ſchreiber auf die Hauptwache bringen; der Geheimrath Grotte ward herbeſchieden; geheime Befehle wurden ge⸗ geben, und mit eilig entworfenen Depeſchen die fremden Boten wiederum zurück geſendet. Die hundertzüngige Fama weckte am nächſten Mor⸗ gen die ganze Reſidenz mit ihren Gerüchten, die anfangs, unglaublich ſcheinend, für Lügen gehalten wurden, ſpäter jedoch, als eine Baſis ihrer Wahrheit gefunden, von Mund zu Mund wachſend ſich geſtalteten. Ein Dutzend der angeſehenſten Hofherren waren Nachts aus ihren Betten geriſſen und in die Staatsgefängniſſe geſchleppt; Graf Moltkens Haus war viſitirt, ſeine Zimmer ver⸗ ſiegelt; ein ungeheures Complot war entdeckt, die Ver⸗ brecher hatten die ganze regierende Familie in einer Minute durch ein Attentat gleich der engliſchen Pulver⸗ verſchwörung vernichten wollen. In allen Zeitaltern fin⸗ det man, daß die untern Klaſſen der Unterthanen einen 293 Lieblingszeitvertreib darin finden, die Maßregeln ihrer Regierung zu beſprechen, zu bekritteln, ja ſelbſt auf dem Reißbrette ihrer Weisheit Pläne des Beſſermachens keck in die Luft zu zeichnen; die Familie der politiſchen Zinn⸗ gießer iſt die älteſte auf Erden und wird nie ausſterben; aber zugleich überbringt uns die Geſchichte die ſchöne Erfahrung, daß ſelbſt in den unruhigſten Zeiten das grauſe Wort: Fürſtenmord! von der Mehrzahl der Bür⸗ ger mit Abſcheu und Entſetzen gehört wurde, und ſelbſt die Schwindler und vorwitzigſten Volksredner abkühlte, wie ein plötzlich herabrauſchender Regenguß. Wohl hat⸗ ten auch die Bürger der Herzogsſtadt ſich überlaut aus⸗ geſprochen gegen die neue Einführung der Lieentſteuer und den Vicekanzler, deſſen Werk ſie war, nicht eben höf⸗ lich betitelt, doch war das alles über den neueſten Schrecken vergeſſen; wo ſich Haufen des Volks ſammelten, hörte man den Verſchwörern fluchen, das Regentenhaus ſeg⸗ nen, in den Kirchen ſammelten ſich gedrängte Beter, die inbrünſtig der Vorſehung dankten für das abgewendete Schreckenswetter, und die Regierung hätte der ſchnell herbei beorderten auswärtigen Regimenter nicht bedurft, da ſelbſt die Nachricht von der Gefangennehmung des Prinzen Max in Celle und ſeine Fortſchaffung nach der Feſtung Hameln ohne Theilnahme vernommen wurde und ſelbſt die, welche dem unglücklichen, verirrten Her⸗ zogsſohne kürzlich ein rauſchendes Vivat geſchrieen, ſei⸗ ner jetzt kaum mit Mitleidsgefühlen gedachten. Der alte Herzog war noch nie in ſeinem vielbeweg⸗ ten Leben in ſolcher Entrüſtung geſehen worden. Er ſelbſt betrieb die Unterſuchung mit größter Strenge, und alle Fürſprachen, ſelbſt das oft befolgte und geehrte Wort ſeiner Gemahlin, vermochte in vieſer Sache nichts bei 294 ihm. Man brachte ihm den zwölfiährigen Sohn des Oberjägermeiſters und ließ den Knaben einen Fußfall thun. Herzog Ernſt hob ihn gutmüthig aber ohne Freund⸗ lichkeit auf, gab dem zitternden Junker Confekt, ſprach aber dazu die bittere Rede: Er mag ein ganz guter Cavalier ſein; Sein Vater aber hat es zu bös gemacht! und entließ das Kind ohne Gnadenwort. Gegen Oſtern des kommenden Jahres war die Unter⸗ ſuchung vollendet, und das Urtheil der Kriminalrichter ſprach über den hochverrätheriſchen Graf Otto die Strafe des Rades aus, geſchärft durch vorhergehendes Angrei⸗ fen mit glühenden Zangen und nachheriges Viertheilen des Körpers. Des Herzogs Gnade verwandelte die Strafe in Tod durch das Schwert; der Oberſtlieutenant wurde des Landes verwieſen, auf der Herzogin Sophie Bitte der junge Geheimſchreiber begnadigt. Wie ein Donnerſchlag traf dieſer Spruch die Verwandten und Befreundeten des Oberjägermeiſters, und auf den ganzen Adel wirkte erſchütternd die Idee, Einen aus ihrer Klaſſe den Tod des gemeinſten Sünders ſterben zu ſehen, Einen der Auserwählten im Angeſicht des gemeinen Volks alſo ge⸗ ſchändet zu wiſſen. Man flehete um Milderung, wenig⸗ ſtens um geheime Hinrichtung im Kerker; der Herzog blieb unerbittlich. Da machte man den letzten Verſuch, das ſchuldige Opfer der gerechten Buße zu entziehen. Die Nacht vor dem Auferſtehungsfeſte wurde zur Ret⸗ tung des Eingekerkerten beſtimmt und alles klüglich berei⸗ tet. Ein Diener des Grafen, Buchholz nennt ihn die Chronik, hatte die Erlaubniß, den Kerker ſeines Herrn zu betreten und für ſeine Bedürfniſſe zu ſorgen. Dieſer durchätzte mit Scheidwaſſer das Gitter des Gefängniſ⸗ ſes, und übernahm es, ſeinen Herrn an einem Stricke 295 herab zu laſſen. Ein zweiter Vertrauter war beſtellt die äußere Schildwache, im unſchuldigen, kameradlichen Verkehr mit ihr, durch berauſchende Getränke unſchädlich zu machen. Graf Otto ſollte alsdann den Strom durch⸗ ſchwimmen, um die Brückenwache zu vermeiden, welches dem kräftigen Nimrod ein Leichtes ſchien, und jen ſeits des Stromes wartete ein Knecht mit Pferden und jedem Reiſebedarf. Der Anſchlag ſchien ſicher, ſcheiterte jedoch an der unbeſonnenen Voreiligkeit der Vollſtrecker. Noch war der Soldat, ein derber Kalenberger, nicht trunken genug, als ſchon Graf Otto ſich herabließ; das Ohr der Schildwache hörte das Geräuſch des Niederlaſſens, hörte den Fall des Flüchtlings als der Strick brach; der Schütz riß ſich los von ſeinem Verführer, ſprang zu, faßte den Grafen, und ſelbſt das Gebot von hundert Silberthalern konnte den braven Dienſtmann nicht ver⸗ führen, er ſchrie die Thorwache herbei, und bald ſaß der troſtloſe Verbrecher wiederum in einem feſtern und engern Kerker. Um Alles zu thun, die Gerechtigkeit ihres Spruchs vor der Welt leuchtend hinzuſtellen, verſandte die Re⸗ gierung das Urtheil an die erſten Univerſitäten Deutſch⸗ lands, und ſo verzögerte ſich Moltke's Hinrichtung bis zum 15. Julius 1692.. Trauernd über den Zwang der Nothwendigkeit, ver⸗ ließ die fürſtliche Familie ihre Reſidenz, und begab ſich für dieſen Tag nach Lindsburg. Morgens zehn Uhr fuhr man den Grafen in ſeiner eigenen, ſchwarzbeklei⸗ deten Staatskaleſche durch eine vierfache Soldatenreihe zu einer alten Baſtion in der Nähe des jetzigen Prin⸗ zenwalles. Die Hofprediger begleiteten ihn zu dem Halsgericht, was auf dem äußerſten Cavalier von dem — 296 Gerichtsſchulzen Salder, Beiſitzern und Geſchworenen der Stadt gehalten wurde. Unerſchüttert ging der Graf im Trauerkleide die Baſtion hinauf, zu dem Sandhügel, wo der furchtbare Mann des Todes ſeiner wartete. Selbſt entkleidete er ſich, ſah wie verächtlich umher auf das Volk, kniete hin und ließ ſich von einem dazu be⸗ ſtellten Soldaten das Tuch vor die Augen legen, ja ſein kalter, ſeltener Gleichmuth ging ſo weit, daß er, als er unter dem Tuche aus an den Strümpfen des Scharf⸗ richters ſah, wie dieſer ihm zu nahe trat, aufſprang, das Tuch abriß, und dem Diener des Gerichts zornig zurief, ihn nicht anzutaſten. Das ſchuldige Haupt fiel auf einen Streich, aber die Erbitterung der Bürgerſchaft hatte durch den Anblick ſolch trotzigen, reueloſen Benehmens eine ſolche Höhe er⸗ reicht, daß keine Gemeinde der Leiche auf ihrem Todten⸗ acker einen Ruheplatz vergönnen wollte, und daß ſelbſt die Leichenfrau, die ſich zur Zuſammenheftung des zer⸗ ſchnittenen Halſes hergegeben, ihren Dienſt verlor. Auf Befehl des Hofes wurde der Körper des Unglücklichen an der Mauer des Kirchhofs der neuſtädter Hofkirche verſcharrt, und hundert Jahre nachher erkannte man die Ueberreſte deſſelben bei dem Abbruch der genannten Mauer noch an dem zerhauenen Halsknochen und dem gleich einem Strohdache im Nacken verſchnittenen Haare. Die Volksſage ließ den Gerichteten auf dem Boden ſeines Hauſes noch bis zur neueſten Zeit um Mitternacht mit ſeinem Kopf Kegel ſchieben zur ewigen Strafe eines Verbrechens, das in der Geſchichte des Vaterlandes ſo einzig daſteht, und darum ſelbſt den ſpäteſten Enkeln, welche die unbefleckte Treue und Revlichkeit der Väter geerbt, zwiefach grauenvoll erſcheint. —— 297 Schreibet, Nachkommen, in das Denkbuch der han⸗ noverſchen Geſchichte, ſagt einer unſerer beſten Hiſtorio⸗ graphen, daß die unglücklichſte Geheimhaltung der Haus⸗ und Familenverträge faſt völligen Ruin der Landesreligion veranlaßt hätte;— und welches andere Schreckniß über⸗ dies!— ſchreibet in das Denkbuch, daß nie noch ein Fall war, wo freie, hiſtoriſche Publicität geſchadet habe, und nie noch ein Fall war, wo unterdrückte Publicität auch nur ſcheinbar genutzt hätte. Die Wahrheit des eben angeführten Ausſpruchs wird klar aus dem, was von den ferneren Schickſalen des Prinzen Max auf die Nachwelt gekommen. Von dem ſchützenden Ohm verlaſſen, von der Ueber⸗ macht überwältigt, war der Prinz zu Celle verhaftet und nach der Feſtung Hameln am Weſerſtrome gebracht wor⸗ den. Sein Ingrimm äußerte ſich laut und furchtbar, und wie ein eingefangener junger Leu tobte er an den Wänden ſeines wohlverwahrten Gemachs. Sein Ver⸗ ſchluß war feſt und er ward ſtreng bewacht, im Uebri⸗ gen hielt man ihn anſtändig und ſeinem Range gemäß, und ſeine Cavaliere wie ſeine Dienerſchaft hatten freien Zutritt bei ihm. Zur Wuth ſteigerte ſich jedoch ſein Grimm, als die von ihm heimlich ausgeſendeten Freunde ihm eine Trauerpoſt zurückbrachten, welche ſeinem Her⸗ zen eine tiefere Wunde ſchlug, als Arreſt und Verrath gethan. Die Griechin nebſt ihrem Vater war verſchwun⸗ den; den Wildmeiſter und alle ſeine Hausgenoſſen hatte man auf ferne Jagdſchlöſſer verſtreut; keine Nachricht von den Fremden, keine Spur von ihnen wurde durch die ſtrengſte Forſchung, durch reichlich vergeudete Geld⸗ 298 ſummen aufgetrieben. Man fürchtete für den Verſtand des Prinzen, denn er fluchte ſich ſelbſt und allen denen, die ihm befreundet und verwandt, nahm kaum die nö⸗ thige Nahrung zu ſich, und ſein Leben theilte ſich in Ausbrüche des höchſten Zorns und der faſt ſinnloſen Er⸗ ſchöpfung nach denſelben. Die Unterhandlungen ſeines väterlichen Hofes mit ihm wies er verächtlich von ſich und verlangte geſetzliche Unterſuchung, möchte ſie auch Tod oder ewiges Gefängniß bringen. Da empfing er die Nachricht von der Hinrichtung des Grafen Otto, und die Erſchütterung, die ihm durch dieſe Botſchaft wurde, hatte eine zauberiſche Verwand⸗ lung ſeines ganzen Weſens zur Folge. Wortlos ſaß er im dunkelſten Winkel ſeines Zimmers, geiſtige Abſpan⸗ nung und düſtere Melancholie wurde in allen ſeinen Zü⸗ gen ſichtbar, und ſein kräftiger, männlicher Körper ver⸗ fiel zuſehends. Er las jetzt die Briefe, welche ſein Ohm, Herzog Georg Wilhelm von Celle, an ihn geſchrieben, und erklärte ſich bereit zu eidlicher und ſchriftlicher Ent⸗ ſagung aller ſeiner Anſprüche auf den Herzogshut, er⸗ klärte ſich bereit, das bedeutende Jahrgeld, welches ihm auf dem Landtage zu Celle ausgemacht worden, anzu⸗ nehmen, und fern von ſeinem Vaterlande zu leben. Die Akten darüber wurden mit Eile vollzogen, und in einer dunkeln Nacht verließ der Prinz die Feſtung und ſprengte wie von Furien gejagt aus den Grenzen des Landes hinaus, das ihn geboren, und das er zuletzt mit ſo ſtolzen Hoffnungen betreten.— Nach Wien rief ihn eine innere unermüdlich mah⸗ nende Stimme, und raſtlos betrieb er die Reiſe bis an die Thore der Kaiſerſtadt. Sein erſtes Streben beſtand in der ſtrengſten Forſchung nach dem alten Laskaris und der ſchönen Jlithya; doch Niemand konnte ihm A über die Verlorenen geben. Ermattet, gleich einem wu den, abgehetzten Edelhirſche verſchloß er ſich in tiefe Ein⸗ ſamkeit, lebte in der Geſellſchaft einiger ihm längſt be⸗ kannter Geiſtlichen, vertieft in myſteriöſe Unterhaltungen und trat bald nachher zur katholiſchen Glaubenslehre öffentlich über. Der Hof zu Wien hatte längſt ſeine Schickſale erfahren, man ſah in ihm einen Märtyrer des allein ſeligmachenden Glaubens; Kaiſer Leopold zog ihn an ſich, und der Prinz nahm den ihm gebotenen Ehren⸗ poſten eines General⸗Feldmarſchall⸗Lieutenants nach kur⸗ zem Bedenken an, ſich den Heldentod ſeiner Brüder im nächſten Feldzuge als Ziel ſeines finſtern Daſeins erſeh⸗ nend, und durch die freundlichſten Troſtworte ſeines jün⸗ gern Bruders Chriſtian, der bereits einige Jahre in kaiſerlichen Dienſten ſtand, und ſpäterhin ebenfalls in dieſem Dienſte als Generalwachtmeiſter bei der Retirade vor dem franzöſiſchen Feldherrn de Heron in den Wellen der Donau ſeinen Tod fand, dazu bewogen. Am Hofe des Kaiſers traf er zufällig bei einem Feſt⸗ gelage auf den Pater Ambros. Wie der Edelfalk auf den erſchrockenen Reiher, fuhr der Prinz durch alle ver⸗ worrenen Kreiſe der Gäſte auf den Jeſuiten los, und in bebenden Tönen kam der Name Laskaris über ſeine Lippen. Der Jeſuit ſtand ihm ohne Zögern Rede, und hohe Freudenglut flog das bärtige Antlitz des jungen Helden hinan, als der Pater von ihnen zu wiſſen er⸗ klärte; die Glut der Wangen wandelte ſich aber wie⸗ derum ſchnell in Bläſſe, nachdem er die geforderte Auf⸗ klärung empfangen. Der alte Griechenhäuptling war wirklich in Wien geweſen und hatte den Pater Ambros aufgeſucht. In einer rauhen Winternacht hatte man ihn t der Tochter im Jagdhauſe aufgehoben und in em verſchloſſenen Wagen über die Landesgrenze ge⸗ bracht, mit Androhung ſchimpflichſter Tovesſtrafe, wenn er es je wagte, zurück zu kehren. Gräulich hatte der alte wilde Dynaſt gewüthet gegen die nordiſchen Fürſten, ge⸗ gen den Prinzen, gegen das eigne Kind, und ſich ver⸗ ſchworen, ſich nie ſeine Einwilligung zu einem Verhält⸗ niſſe zwiſchen der Tochter und dem Prinzen ablocken zu laſſen, wenn auch das Schickſal dieſen wieder mit ihm zuſammenführen möchte. Bald darauf waren in Wien Nachrichten aus Griechenland von glücklichen Schlachten gegen die Türken verbreitet worden, und Laskaris hatte ohne Aufſchub ſeine letzten Habſeligkeiten in Geld um⸗ geſetzt, und ſich ſchleunigſt auf die Reiſe gemacht, um noch einmal den Erzfeind ſeines Volkes zu bekämpfen. Jetzt eben war bei einigen Kaufmannshäuſern, welche nach Morea Verkehr trieben, die Botſchaft angelangt, der alte wilde Häuptling ſei kurz nach ſeiner Ankunft auf heimathlichem Boden von einem ſtreifenden Haufen der Spahis gefangen genommen und grauſamlich zu Tode gemartert worden. Von der ſchönen Griechin wußte man nichts, vermuthete jedoch, ſie habe ſein Unglück ge⸗ theilt und ſchmachte wahrſcheinlich in dem Harem eines der ſieggekrönten Baſſen des Türkenheeres.— In allen ſeinen Hoffnungen getäuſcht, verfinſterte ſich die Zukunft des Prinzen immer dichter, aber die Leere, die ihm das Leben bot, das Gefühl der Abgeſchieden⸗ heit, des Alleinſtehens, erſchuf eine kalte Reſignation in ſeiner Seele, welche ſeiner Männlichkeit wiederum aufhalf und ihn mit einer wahrhaft grauſamen, eiſigen Freude auf den nächſten Krieg hoffen ließ, den die ver⸗ wirrten Verhältniſſe der Staaten Europa's in Oſten oder — 301 Weſien erzeugen mußten. Mit Vorſatz ſtürzte er ſich jetzt in die rauſchenden Geſellſchaften ſeiner Waffengefährten und trieb außerdem die Kriegsübungen der ihm anver⸗ trauten Schaaren bis zur Ermattung ſeines kräftigen Körpers. So ſaß er eines Tages gegen Abend von einem an⸗ ſtrengenden Kavallerie⸗Manöver heimgekehrt, als der Mohr Tauros athemlos in's Zimmer ſprang und ihm ein unartikulirtes Freudengeſchrei entgegen jauchzte. Sie iſt gefunden, ich habe ſie geſehen, die weiße Lotosblume! ſchrie der treue Schwarze, und rollte die brennenden Augen wie in Verzückung, daß oft das weiße Schmelz derſelben allein zu ſehen blieb.— Wen, Menſch? fragte Max emporfahrend in berau⸗ ſchender Ahnung.— Sie ſelbſt, das Kind des mächtigen Graubartes, ſtotterte der Mohr weiter; den Stern, deſſen Untergang Dich in Trauer warf, o Herr!— An der düſtern Mo⸗ ſchee, ſie nennens Klarenkloſter, kam ſie unter den Bäu⸗ men daher, rechts ging die alte Sklavin, links der gelbe Prieſter, der mit uns gereiſet in Dein Vaterland.— Pater Ambros? fragte der Prinz zweifelnd. Ich grüßte ihn noch dieſen Mittag vom Pferde herab; wüßte er um ſie, er würde mich angerufen haben.— Laßt mich in die Zähne des Krokodills werfen, Herr, wenn ich unrecht geſehen, betheuerte der Mohr. Ich feilſchte in der Bude der Obſthändlerin um eine Hand⸗ voll Pflaumen, als ſie vorübergingen, dicht an mir vorüber, kaum Dein Feldtiſch hätte Platz gehabt zwiſchen mir und dem dürren Prieſter.— Sahen ſie Dich? forſchte der Prinz haſtig?— Das Bretterhaus verhüllte mich, antwortete der Mohr; 302 ſie gingen in den offenen Kloſterhof, und Tauros ſchar⸗ fes Auge folgte dem Flattern ihres Schleiers bis in die Thür des langen, weißen Schloſſes, wo die frommen Jungfrauen wohnen.— Mantel und Hut! befahl Mar ſchnell entſchloſſen. Du folgſt mir, Du allein, und Dein Turban voller Silbermünzen ſei der Lohn, haſt Du keine Lüge geſagt. Es dämmerte ſchon, da ſtand der Mond am klaren Himmel und beleuchtete den Pfad zwiſchen den Schat⸗ tenalleen am Kloſter, als der Prinz eilfertig dort an⸗ kam. Lange ging er mit dem Begleiter auf und nieder, die Rücktehr der Geſuchten erwartend, und ſchon ver⸗ zweifelte er und gab der Furcht Raum, die Erſehnte habe vor ſeiner Ankunft den Rückweg angetreten. Da tönte das Glöcklein des Kloſters hell und rufend; die bemalten Fenſter der Kirche leuchteten vom Kerzenſcheine und feierlich ſchallte der dumpfe Geſang nach Außen. Das Completorium, der Schlußgottesdienſt, wurde ver⸗ richtet, und mit den frommen Klängen der ſtillen Schwe⸗ ſtern erwachte eine neue Hoffnung im Herzen des unru⸗ higen Kriegers. Er ließ ſeinen Mohren auf der Wacht und ſchritt, in den Mantel gewickelt und entſchloſſen, zu der Kloſterthür, und trat in die Kirche. Wenig Volk kniete vereinzelt in den Betſtühlen, die Nonnen ſangen im vergitterten Chor, ſchwach erhellt war der weite Raum. Vorſichtig ſchritt er hin unter dem Schatten der Pfeiler, da traf ſein ſcharfes Auge auf zwei knieende, weibliche Geſtalten, von dunkeln Schleiern umfloſſen, und ſein Herzſchlag drückte faſt ſei⸗ nen Athem zuſammen. Jetzt hob ſich der Kopf der nächſten, die heilige Ampel ließ ihr weißes Licht voll auf ihr Geſicht fallen— ſie war es, Jlithya war es, 303 wohl etwas bleicher geworden, aber noch immer die Krone aller Jungfrauen der Erde. Kaum konnte der Prinz den Freudenſchrei unterdrücken, doch bezwang er ſich, hielt den ganzen Gottesdienſt aus, weidete ſich mit einer Wonne, die den Schöpfer ehrte durch die reine Treue, welche ſie geboren, an dem langentbehrten Anblick der in der Dämmerung halbzerfließenden Formen ſeiner Ge⸗ liebten, und ſchritt langſam zurück, als die Feier zu Ende, tiefes Schweigen die Beter band, und die Geſuchten mit geſenkten Blicken dem Ausgange der Kirche ſich näherten. Doch hier konnte er nicht länger ſein Herz bezwin⸗ gen; er nahm die Schale und bot ihnen das geweihte Waſſer. Ohne die Augen zu erheben, tauchte die Grie⸗ chin ihre zarten Finger in das Gefäß und beſprengte Stirn und Brußt. Ilithya! ſtieß er da hervor, denkſt Du nur an den Himmel, und haſt kein Gefühl mehr für den verwaiſeten Freund auf Erden?— Die Jung⸗ frau ſchlug erſchrocken die großen Augen zu ihm auf; ein Kreiſch tönte von ihren Lippen, und zurück trat ſie bis zum Pfeiler der Pforte, ſchlug angſtvoll ein Kreuz vor ſich hin und ſtammelte: Die guten Geiſter loben Gott den Herrn!— Da faßte der Prinz raſch und ge⸗ waltſam ihre Hand und riß ſie mit ſich aus dem Hei⸗ ligthume, und als ſie vom betäubenden Schreck zu ſich kam, ſaß ſie neben ihm auf einer Bank unter den be⸗ ſchattenden Linden, ſein ſtarker Arm hielt ſie umfaßt, und ſie fühlte ihr Herz klopfen an ſeiner Bruſt und empfand ſeine heißen Küſſe auf ihrer kalten Stirn. Iſt's möglich? fragte ſie mit bebenden Tönen. Nicht Dein Geiſt, Du ſelbſt biſt bei mir? Oder iſt es doch Dein verkörperter Schatten, welcher liebend kehrt, ſeine Jlithya abzuholen 2— 304 Bin's ſelbſt! antwortete Max mit freudig⸗ſtarker Stimme. Und warum ſollte ich's nicht ſein? Und war⸗ um barg ſich mir ſo lange mein Mädchen?— Sie ſah ſcheu umher, dann ſprach ſie: Der Mönch ſagte, ſie hätten dort, wo Du mich zuletzt im Arme hielteſt, alle Deine Freunde auf dem Schaffot geſchlachtet, und Du ſelbſt wäreſt hinabgeſtoßen in einen Kerker voll Schlan⸗ gen und Molche, und Gift oder Hungertod ſei Dein Loos geworden. Ich glaubte es wohl, denn das rohe Volk war ja auch mit uns, den fremden Gaſtfreunden, gar unſittlich und barbariſch umgegangen, wie ich's nie von den Landsleuten meines Max erwartet. Als dann der Vater wieder zur Heimath reiſete, und ich allein bei vem griechiſchen Kaufmanne verblieb, mochte ich die Sonne nicht ſchauen, weil ſie das nicht beleuchtete, was mir allein noch lieb auf Erden, und die Nacht war mir furchtbar, denn Dein Geſpenſt, blaß, ausgezehrt, mit gräßlichen Todeswunden bedeckt, ſtieg mit ihr vor mei⸗ nen Augen auf. Der Mönch beſtärkte mich in meiner Abgeſchiedenheit, denn er warnte mich vor den Verfol⸗ gungen Deines Geſchlechts, welches Mörder und Häſcher nach mir ausgeſendet, und als des Vaters Tod mir be⸗ richtet worden, lobte er meinen Entſchluß, das einſame, verwaiſete Leben in den Mauern eines Kloſters ſicher zu ſtellen, und meine Phantaſie machte mir dort das Leben erträglicher, weil ich dann ungeſtört denken durfte an Dich, ungeſtört trauern um Dich, hoffen auf Dich, wenn auch mir die Erlöſungsſtunde kommen würde. Vor ei⸗ ner Stunde ſprach ich mit der Priorin dieſes Schweſtern⸗ kloſters; morgen ſchon ſollte ich eintreten als Novize, und nun iſt die Welt anders, der Himmel anders, das ganze Leben ein neues geworden, denn Mar iſt da, und 305 die Rebe hat einen Stab, Jlithia's Schutzengel ſteht wieder am gebrochenen Maſt und beſchwört den Sturm, und Jlithya fürchtet neben ihm nicht den Mönch mehr, nicht die Häſcher und Mörder mehr, denn ruft der düſtere Engel, ſo trifft er mich im Arme des Freundes und nimmt uns zuſammen in ſeinen mächtigen Mantel.— Verkümmere mir dieſe Feſtfreude nicht mit düſtern Schattenbildern, entgegnete der Prinz in höchſter Auf⸗ regung und von vielfachen Gefühlen beſtürmt. Das Mädchen meiner Seele liegt an meinem Herzen, meine verlorene Seligkeit iſt gefunden, das Einzige, was mir das verödete, beraubte Leben wieder werth machen konnte, halte ich feſt, und keine Erdenmacht ſoll es mir noch einmal nehmen. O nun iſt wieder Tag um mich, das kalte, ſtockende Blut fließt wieder heiß und kräftig durch meine Adern, und ich feiere den Geburtstag eines fri⸗ ſchen Daſeins. Aber der Mönch ſoll büßen, da er mich und Dich ſo teufliſch, ſo unbarmherzig betrog. Meinen Zorn fühle ich wie Höllenbrand glühen bei dem Gedan⸗ ken einer möglichen ſelbſtſüchtigen Abſicht!— Die Jungfrau ſchlang ängſtlich beide Arme um des kräſtigen Mannes Hals. O laß ihn, wage Dich nicht an ihn, flüſterte ſie bittend; er iſt ein Gewaltiger in dieſer Stadt, ich weiß davon; Menſchen und Geiſter müſſen ihm dienen, wenn er ruft.— Haſt Du den Max je etwas fürchten ſehen, außer ſeinem Gott? fragte der Prinz. Nicht laſſe ich Dich mehr aus meinen Armen; zu meinem Hauſe gehſt Du mit mir, mein Mohr mag Deinen bisherigen Schützern berichten, wo Du hingekommen! morgen verbindet uns Prieſterſegen, und dann wird das Sakrament Dich Blumenhagen. vI. 20 — ——— 306 ſchirmen gegen geiſtliche und weltliche Gewalt, Dich ſchirmen gegen die Furcht des eigenen Herzens.— Die Jungfrau bebte vor Entzücken und Erſchrecken zugleich. Max, und Dein Vater und ſeine rauhen Leib⸗ garden? fragte ſie erſtaunt. Sie werden Dein Weib an Deiner Bruſt ermorden?— Ich vin nicht Fürſt mehr, nicht Sohn, nicht Bruder! antwortete ernſt der Prinz. Rang ich nach einer Krone, that ich's um Dich; warf ich ſie hin, that ich's, weil ich Dich verloren, und ohne Dich der Schmuck des Her⸗ zogs mir ein Cypreſſenkranz däuchte. Ich bin nichts mehr als ein wackerer Soldat, wozu ich geboren, bin nichts als Jlithya's Verlobter, und dieſe beiden Ehrenſtellen ſoll mir Jeder unangetaſtet laſſen, er müßte denn Leben einſetzen gegen Leben. Mädchen, wirſt Du morgen mei⸗ nen Ring nehmen? Und der zürnende Geiſt des alten Laskaris? fragte die Jungfrau da mit verhaltener Stimme. Dürfen wir auch ihn nicht ſcheuen? Wird ſein Fluch nicht wie ein Peſthauch unſern Frühling vergiften?— Max ſah frei zum mondhellen Himmel auf. Gerei⸗ nigt ſtieg er aus ſeinem Grabe empor, ſagte er; wo er jetzt wandelt gibt es nicht Haß und Fehde und Herrſch⸗ begier. Liebte er ſein letztes Kind wirklich mit heißer Inbrunſt, ſo hat er längſt ſeinen Grimm und die ſchwere Sünde ſeines Fluchs reuig abgebüßt, ſo wird er ſegnen ven Bund der Kinder, ſegnen mich, den Mann, von dem er weiß, daß er ſein Kind geliebt, wie Menſchen hier unten im Staube nur irgend zu lieben vermögen.— Amme! rief da die Griechin. Was ſoll Deine ſchwa⸗ che Tochter thun?— Folge der Stimme des Himmels, antwortete die die Schiffbrüchigen zum hellen Pharus lockt.— Da warf ſich die Jungfrau ſtürmiſch in des Gelieb⸗ ten Arme und rief: So ſei es! Neue Trennung wäre la doch Tod. Mag ihn denn der Mönch bringen oder die Trabanten Deines Vaters; ſo bei Dir wird ſein Gift zum Kuß, ſein Dolch zum Roſendorn, und wäre nur ein Liebestag unſer geweſen, ſo hat Jlithya doch zuletzt des Lebens Krone getragen.— Aber der bangen, durch ein leidenvolles Leben ein⸗ geſchüchterten Jungfrau Ahnen blieb nur ein düſterer Traum, und die neidiſche Schickſalsgöttin ſchien ver⸗ ſöhnt. Durch die Sorgen der Braut bewogen, bezog der Prinz in nächſter Frühe mit ihr ein einſames Land⸗ haus nicht fern von der Kaiſerſtadt, und der Ehe heili⸗ ges Band wurde dort ein heilender Talisman für ihr erſchüttertes Gemüth. Ohne der Gattin davon zu ſagen, ſuchte er dann den Bruder Ambros auf; es drängte das männliche Gemüth, den falſchen Freund zur Rechenſchaft zu ziehen; aber der Jeſuit war abgereiſet, wie es hieß, nach Wolfenbüttel, um durch die Bekehrung des Herzogs Anton zum allein ſeligmachenden Glauben eine neue Himmelskrone zu verdienen. Gottesfriede waltete über dem Schlößchen, wo zwei vom Leben tief verwundete, von allen Blutsfreunden ver⸗ laſſene Weſen nur ſich lebten und einer nimmer erkalten⸗ den Liebe. Prinz Max war in ſeinem Vaterlande ver⸗ geſſen, und er dachte der Heimath nicht mehr, und ſeine frühere Zeit verloſch ihm ſo ganz vor dem Lichtſchim⸗ mer der beglückenden, wunſchloſen Gegenwart, daß ſelbſt dann, als der Erbprinz Ludwig den Kurhut ſeines Va⸗ ters empfing, als der Bruder überdies Großbritanniens treue Dienerin, welche laut ruft durch die Nacht, und — 6 308 glänzende Krone auf ſeinem Haupte fühlte, und als Georg der Erſte den Herrſcherſtab im deutſchen Heimath⸗ lande mit dem fremden Inſelthrone vertauſchte, ſein Ehrgeiz ſich nicht regte und keine der alten Hoffnungen wieder wach wurde. Er ſah das Vaterland nicht wie⸗ der; ob er weniger glücklich war als ſein Bruder, den die Geſchichte den Stolz zweier Völker nennt, vermag kein Richter auf Erden zu entſcheiden. Eine der Er⸗ denwonnen nur ward ihm verſagt, denn ſeine Ehe blieb kinderlos; doch tröſtete er ſich mit dem Gedanken: es ſei beſſer ſo, denn er habe den Sproſſen zweier edlen Häuſer doch keinen Namen und kein Erbe zu bieten, wie es ihrem Blute gebührt hätte. —,. w. Die ſchwarzen Cage. ———— Eine Erzäblung. —————— — In einer der ſchönſten Gegenden des deutſchen Lan⸗ des, dort, wo der majeſtätiſche Rhein ſeine dumpfrau⸗ ſchenden Wogen und Wirbel, welche die Hauptepochen der germaniſchen Geſchichte den Enkeln erzählen, durch Gegenden drängt, die hier durch blühende Anmuth das Auge ergötzen, dort durch romantiſche Wildheit den Geiſt ergreifen und die Phantaſie beflügeln, ſteht mitten in einem der kleinern und verborgenern Thälern ein Haus, welches ſich durch edlere Bauart und freundliches Aeußere vor den meiſten dieſer Gegend auszeichnet. Lehnanſtei⸗ gende Hügel umgeben daſſelbe, zur Sommerszeit ganz verhüllt von dem üppigen, krauſen Grün der Weinſtöcke; zwei große Linden beſchatteten ſeinen Eingang und die Steinſitze vor der mit glattgehauenen Pilaren gezierten Pforte; der kleine Hofraum davor iſt höchſt reinlich ge⸗ halten, mit dem Kiesſande des Fluſſes ausgeſtreut und durch grüne, niedrig gezogene Hecken umgeben, und ob⸗ gleich keine Heerſtraße vorüberführt, ſo bleibt es doch den meiſten Reiſenden nicht unbekannt, die, indem ſie das Paradies des⸗ Vaterlandes beſuchten, auf ihren Streifzügen durch jene geſegneten Thäler angelockt und feſtgehalten wurden von der gaſtlichen Außenſeite des Gebäudes, welche laut auszuſprechen ſchien, daß nur 312 das Glück und der Frieden als Hausgötter unter ſeinem rothen Dache wohnen könnten.— Der Eigenthümer des Hauſes war in der Zeit, worin dieſe Erzählung fällt, ein Landwirth, den ſeine Nach⸗ barn und die Winzer des ganzen Gaues mit dem Namen des grauen Mannes bezeichneten. Vor etwa zehn Jahren hatte er das kleine Eigenthum nebſt den anlie⸗ gen Weinbergen gekauft und baar bezahlt, hatte das Wohnhaus neu aufgebauet, hatte ſich als ein rechtlicher, verſtändiger, umſichtiger Landwirth kund gegeben, gab einer Menge der ärmern Weinbauern Arbeit und Brod, unterſtützte die Kranken und Gebrechlichen mit auffallen⸗ der Verſchwenduug, und wurde von den geringern Klaſ⸗ ſen daher wie ein König des Thales geachtet und mit unverhehlter Ehrfurcht betrachtet. Sein Hausgeſinde nannte ihn ſchlechtweg Herr Treu, und wenn auch an⸗ fangs ſeine Erſcheinung, die Wohlhabenheit, welche ſeine innere Einrichtung verrieth, ſein fremder Dialekt und das Sonderbare ſeines ernſten, verſchloſſenen, faſt men⸗ ſchenſcheuen Benehmens die Aufmerkſamkeit der reichen benachbarten Gutsbeſitzer erweckte, ſo verlor ſich dieſelbe doch bald, als alle Verſuche mißglückten, in ein näheres Verhältniß mit ihm zu kommen, als der fremde Anfied⸗ ler jeden Beſuch kalt und einſilbig annahm, nie erwi⸗ derte, und jede Einladung von ſich zu weiſen wußte. Die Vornehmen nannten ihn ſeitdem den grauen Men⸗ ſchenfeind; er hörte ruhig und ohne Groll den neuen Titel, vermehrte von da an aber ſein Beſtreben, ihn durch Wohlthätigkeit gegen wahre Noth Lügen zu ſtrafen, und wurde in ſeiner Abgeſchiedenheit vergeſſen, ein Schick⸗ ſal, welches mit ſeinen eigenen Wünſchen im Einklang zu ſtehen ſchien. — 313 Die Menſchenklaſſe, mit welcher er täglich zu thun hatte, gewann ihn dagegen immer lieber; dem Kern des Volks gilt es überall gleich, woher der Mann ſtammt, wenn nur die Tüchtigkeit nicht mangelt; und die Haus⸗ leute allein, welche wechſelnd im Hauſe des Herrn Treu dienten, fanden es auffallend, daß derſelbe Mann, wel⸗ cher jeden Reiſenden, war es ein ſtreifender Studioſus oder ein wandernder Geſell, gaſtfrei aufnahm, ſobald eine Equipage mit dem goldenen Wappen am Kutſchen⸗ ſchlage und Livreen auf dem Bock im Thalwege ſich ſehen ließ, in ſein Geheimzimmer ſich verſchloß, und wenn gar eine militäriſche Uniform an ſeiner Thür er⸗ ſchien, den Anklopfer durch ſeinen alten Diener faſt un⸗ freundlich abweiſen ließ.— Es kam jedoch eine neue Zeitperiode, wo Herr Treu den erſten abgemachten Kampf um ſtille Ruhe nochmals durchkämpſen ſollte. Bei ſeiner Ankunft im Rheingau hatte er ein ſechsjähriges Töchterchen mitgebracht, deſſen Erziehung er ſelbſt und allein übernommen, und das jetzt zur ſechszehnjährigen Jungfrau heraufgeblüht war. Die jungen Winzer ſchwatzten in der Umgegend gar viel von den ſchwarzen funkelnden Augen des Fräuleins, von ihrem Wuchs, ſchlank wie eine Rebſtange, nannten ſie die ſchönſte Traube am ganzen Rhein und prieſen den freundlichen Mund, der wie eine reife Weintraube zart geſchwollen, nur immer lächle, und dann Zahnreihen zeigte, ſo rein und glänzend, wie die geſchliffenen Rheindiamanten. Der Burſch, mit dem ſie in der Weinleſe, wo Herr Treu ſeinen Arbeitern, aber nur ihnen, jedesmal ein Feſt gab, am meiſten getanzt, ging den ganzen Winter ſtolzirend zwiſchen den Kamera⸗ den umher, und prunkte mit der Erinnerung, als hätte —— — ů— — ————— —————.˖.˖——————— 314 er von der Hand einer Königin den Ritterſchlag be⸗ kommen. Natürlich brachte ein ſolches Gerücht die benachbar⸗ ten Edeljunker in Allarm. Man wallfahrtete wiederum zu Fuß und Roß in das Thal des grauen Mannes, man fand das Lob der Winzer nicht übertrieben, und mancher kecke Ritter verſuchte ſein Spiel bei Vater und Tochter, welche ſich ohne Zwang und Scheu im Weinberge und in dem Gaſtzimmer ſehen ließ, doch Alle wurden bald der Werbung überdrüſſig; des Vaters einſilbige Gerad⸗ heit ließ die feinen Sermone der Schmeichelredner von ſich abgleiten, wie der Uferfels den Schaum der Bran⸗ dung, und Conſtanze ſchien in ihrer Natürlichkeit die myſteriöſen Sentenzen, die man ihr entgegentrug, nicht zu verſtehen; man vermißte die geprieſene Freundlich⸗ keit und fand dagegen nur froſtige Höflichkeit, und an einer dreiſteren Befehdung des Mädchens, wenn ſie, gleich einer Ariadne auf den Traubenhügeln des Dio⸗ nyſos, ſich erging, fehlte ſelbſt dem Kühnſten der Junker der Muth, denn Fräulein Conſtanze hatte in ihrem Weſen etwas ſo Beſtimmtes, in ihrer Haltung, trotz der Feinheit und Harmonie der jugendlichen Formen, etwas ſo kräftig Männliches, daß die Ritter lieber ihre Brautſchau aufgaben, als ſolcher Amazone den Krieg auf Triumph oder Schande zu erklären wagten. Das Schneegänschen des Grauen tauften ſie von da an die unbeſiegte Siegerin, vergaßen jedoch auch die Jungfrau jetzt eben ſo bald, wie ihre Väter einſt Herrn Treu ver⸗ geſſen hatten. Wenige Monden nach dieſer Epiſode im Leben der Thalbewohner ging jedoch eine merkwürdige Aenderung in der Lebensweiſe derſelben vor. Die feſtliche Zeit der ——————— 315 Weinleſe hatte begonnen, und das herrlichſte Herbſtwetter begünſtigte ſie. Auf allen Hügeln donnerten wechſelnd die kleinen Böller, und aus den dichtbelaubten Reben⸗ wäldern ſchallte fröhlicher Geſang und muthwilliges Jauchzen. Wie Ameiſen um ihren Bau ſah man Jung und Alt, Männer, Weiber, Jungfrauen und Kinder beſchäftigt, in unermüdeter Thätigkeit die Trauben zu ſchneiden, zu ſammeln und zu Moſt geſtampft heim zu tragen. Es ſchien keine Arbeit, ſondern eine Luſt; Necke⸗ rei und Gelächter begleitete überall das Tagwerk; vom Genuß der reifen Traube erhitzt, verſagte die ſprödeſte Winzerin den Kuß nicht länger, und ſelbſt die halbnackten Kleinen, welche die Mütter in die Schatten der breit⸗ blättrigen Weinſtöcke gelegt, kollerten, vom Raſchen be⸗ rauſcht, kreiſchend vor Uebermuth, ſich durcheinander vom Abhange der grünen Hügel hinab. Schnell gingen die Wochentage vorüber, denn die Hoffnung auf den Sonn⸗ tagabend, wo es immer Muſik und Tanz gab, machte die Stunden kürzer und flüchtiger. An einem dieſer Sonntagabende begab ſich's, daß Herr Treu, aufgeregter und weniger ſchweigſam, als man an ihm gewohnt war, in die Halle trat, wo unter den Auſpizien ſeiner Conſtanze bereits die Luſtbarkeiten der Winzer ihren Anfang genommen. Doch noch auf⸗ fallender wurde ſein Eintritt, da er nicht allein erſchien, ſondern ein fremder junger Mann mit ihm kam, der frei⸗ lich nur wie ein ſchlichter Jäger gekleidet war, aber in ſeinem Aeußern den Mann von Bildung und von Stande verrieth. Herr Treu führte den Gaſt zu ſeiner Tochter und empfahl ihr denſelben mit ſo beſonderm Ausdruck und einer Bewegung, die der Tochter, welche jede Schattirung in 316 der Gemüthsſtimmung des geliebten Vaters ſeit Jahren zu ſtudiren gewohnt war, nicht entgehen konnte und ihre Aufmerkſamkeit erregte. Als Herr Treu aber den Fremden Graf von Torneck nannte, da ſtieg ihre Ver⸗ wunderung bis zum Erſtaunen, und ihr ſchärfſter Blick fiel auf das gar angenehme Geſicht des jungen Man⸗ nes, der ein Geſpenſterbeſchwörer ſein mußte, da ihm das von ihr gekannte, tiefgewurzelte Vorurtheil des Vaters gewichen ſchien. Eine hohe Röthe auf Conſtan⸗ zens Wangen wurde die Folge dieſes Blicks. Sie ſah den Grafen nicht zum erſten Male. Sie hatte dieſen wohlgewachſenen jungen Jäger ſchon ſeit Wochen durch die Weinhügel ſtreifen ſehen, hatte nach Mädchenart nicht unbemerkt gelaſſen, wie er oft hinter den Reben⸗ wänden gelauſcht, wenn ſie den Arbeitern den Labetrank vertheilt, oder ſich ſorgfältig um die von den Müttern verlaſſenen Kleinen am Rande des Hügels bekümmert hatte. Daß er immer in ſeltſamer Scheu ſich fern ge⸗ halten, war ihr aufgefallen; ſie hatte nach ihm gefragt und von den Winzern gehört, wie der junge Menſch ſchon mehre Wochen im Hauſe des Förſters wohne, deſſen Waldrevier die Weinberge begrenzte, ein ange⸗ hender Forſtmann und mit dem alten Grünrock ver⸗ wandt ſei. Schnell beſonnen jedoch erwiderte ſie die höfliche An⸗ rede des Grafen mit unbefangener Freundlichkeit, und da er ſie zum Tanze führte, entwickelte ſich bald eine anſtändige Vertraulichkeit zwiſchen ihnen, welche allen fremden Zwang verſcheuchte, und welche die ſchöne Con⸗ ſtanze nicht von ſich wies, da ſie auf dem Antlitze des zuſchauenden Vaters, obgleich ſein dunkles Auge mit beſonderem Ernſt und ungewöhnlicher Achtſamkeit ſie in 317 den Verſchlingungen des Wirbeltanzes zu verfolgen ſchien, doch ein halbverſtecktes Wohlgefallen an ihrem Beneh⸗ men zu leſen glaubte. Die Bekanntſchaft zwiſchen Herrn Treu und dem Fremden war ganz neu, und ſo ſchnell als ſeltſam ent⸗ ſtanden. Der umſichtige Thalherr hatte die Gewohn⸗ heit, am Sonntage, wenn die Hügel leer waren, von den ruhenden Arbeitern, eine einſame Promenade durch ſein ganzes Gebiet zu machen, um genau nachzuſehen, was geſchehen, und zu überſchlagen, was für die nächſte Woche zu thun. Ein ächter Gottesfrieden ruhete auf den Bergen, durch die er langſam hinſchritt; kein Lüft⸗ chen bewegte das üppige Laubgeflecht; nur hie und da hüpfte ein munteres Finkenpaar über ſeinen Weg, oder ein aufgeſcheuchtes Häschen ſprang flüchtig den Schlan⸗ genpfad vor ihm hinauf. So kam er auf die höchſte Spitze der Hügel, von wo man das ganze Thal mit einem Blicke überſchauen konnte, und von wo die Aus⸗ ſicht nach dem Rheine und den fernen Gebirgen ſich zu einem der ſchönſten Panoramen im ganzen Rheingau geſtaltete. Die Winzer hatten dort eine Laube von Gat⸗ terwerk erbaut, über welches hochgezogene Weinſtöcke ihre vollblättrigen Ranken ausbreiteten und das dichteſte Schat⸗ tendach bildeten. Es war ein Werk der Anhänglichkeit für ihr Fräulein, denn dieſe Stelle kannte man als Con⸗ ſtanzens Lieblingsplatz, und kein heiterer Tag verlief, ohne daß ſie nicht ein Stündchen auf dem Sitze in der Laube verweilt hätte. Als Herr Treu auf die Höhe ge⸗ langte und ſich ermüdet nach dem Sitze umſah, fand er mit Verwunderung den Platz ſchon beſetzt und noch dazu von einem Unbekannten. Ein junger Mann, deſſen feine und ſchmucke Tracht mehr als einen gewöhnlichen —————————— 318 Jägerburſchen verrieth, ſaß in der Laube, lehnte gedan⸗ kenvoll ſein auf die Hand geſtütztes Haupt an die Gat⸗ terwand und zeichnete mit ſeinem Stöckchen in den weißen Kiesſand. Sein grünes Mützchen lag am Boden, und unter dem von der Natur gekräuſelten Blondhaar leuch⸗ tete ein friſches Geſicht hervor, durch regelmäßige und angenehme Züge ausgezeichnet, wie man ſie nicht unter den niedern Ständen zu finden gewohnt iſt, die auf den erſten Blick den Mann von Geiſt verriethen, ja etwas Vornehmes auszuſprechen ſchienen, und deren genauer Anblick Herrn Treu wie eine Erinnerung aus alter Zeit anſprach. Behutſam näherte ſich Herr Treu, und ſein Befremden ſtieg, als ſein ſcharfes Auge die geheime Malerei des Fremden entdeckte, und ſein Blick, dem langſam und faſt mechaniſch zeichnenden Stöckchen des in ſein Gedankenſpiel vertieften Eremiten folgend, den Namen Conſtanze im Sande erkannte. Feſter auftretend näherte er ſich, und der Fremde trat raſch ihm entgegen, ſichtlich bei ſeinem Anblicke erröthend und ſeine Verle⸗ genheit nur mühſam bergend. Mit dem Takte des er⸗ fahrenen Weltmannes führte Herr Treu ſeinen Findling in den erſten Wechſelworten ſchnell über die Klippen der Beſchämung hinweg. Die reizende Ausſicht, die Schön⸗ heit der Jahreszeit, das Feſt der Weinleſe gaben den Stoff, das Geſpräch des Fremden zu erwärmen; der Jäger gab ſich als einen reiſenden Ausländer kund, den die Naturwunder des Rheines angelockt und feſtgehal⸗ ten, und erzählte, daß er für länger bei dem fürſtlichen Förſter ſeine Hütte aufgeſchlagen. Herr Treu erwi⸗ derte die Offenheit des Fremden durch eine gaſtliche Ein⸗ ladung in ſein Haus, und da der Geladene mit ſicht⸗ licher und unerwarteter Freude dieſelbe annahm, ſtiegen 319 Beide von dem Hügel hinab und wandelten traulich dem Thale zu. Schon lachte ihnen das freundliche rothe Dach, da blieb auf einmal der Jäger ſtehen und faßte herzlich die Hand ſeines Wirthes. Ihr Benehmen gegen mich, mein lieber Herr, ſagte er, ſteht ſo ſehr im Gegenſatz mit allem, was mir bis⸗ her von Ihnen kund geworden, daß ich es für Pflicht halte, die Gaſtlichkeit Ihres Empfangs mit Offenheit zu verdienen, wenn mir auch eine innere Stimme warnend ſagt, ich könnte durch dieſe Offenheit das Gewonnene wiederum verlieren.— Und was ward Ihnen denn kund von mir, mein junger Freund? fragte Herr Treu mit launigem Lächeln.— Man ſchilderte Sie als den finſterſten, murrköpfigſten Iſegrim des Gaues, antwortete freimüthig der Fremde, als einen abgeſchmackten, rohen und harten Wächter einer ſo liebenswürdigen als unglücklichen Tochter.— Unglücklich? Und durch mich? fuhr Herr Treu haſtig auf. Nun, ſetzte er aber ſogleich ſich beſinnend hinzu, das Gemälde kommt aus dem Pinſel eines der irrenden Ritter, eines der Guckuksſöhnleins, vor denen jedes ehr⸗ liche Neſt ſich hüten muß. Sie werden bald ſelbſt das unglückliche Kind in all ihrem Elende zu betrachten Ge⸗ legenheit haben. Aber wie kamen Sie denn zu der Ge⸗ ſellſchaft, die, wie ich längſt weiß und mir nach Wunſch, ſolche Urtheile von mir abgibt?— Ich hatte Empfehlungsbriefe an alle Edelleute dieſer Gegend, antwortete der Fremde.— Stutzend trat Herr Treu einen Schritt zurück. Sie ſind? fragte er heftig. — Ein Edelmann, entgegnete der Gefragte, mein Vater, der Graf Thorneck, erſter Miniſter am Hofe zu***. — — 6 320 Ich weiß, Sie haſſen den Adel; ſeit ich Sie reden hörte, bin ich verwundert, daß ein Mann wie Sie ein ſolches Vorurtheil hegen konnte. Hätte ich in unſerem kurzen Geſpräch nicht den Mann von Bildung, von Geiſt und Gefühl in Ihnen erkannt, würde ich vielleicht unter einer Maske mich bei Ihnen eingeſchwärzt haben; ſo aber wider⸗ ſtand meine innerſte Empfindung dieſer Täuſchung, und ich entſage der ſchönen Hoffnung, Ihr Haus betreten zu dürfen, wenn ein Mann Ihresgleichen auch in mir den Stand, den Namen ohne Urſache vorabſcheuet.— Herr Treu hatte während dieſer Rede ſichtlich bewegt, ja erſchüttert dageſtanden. Unter der gefurchten, großen Stirne und den dichten⸗Augenbögen ſchoſſen ſeine Augen gefährliche Blicke auf den Fremden. Als er jedoch geen⸗ det, klärte ſich die Stirne auf, eine räthſelhafte Lebhaf⸗ tigkeit, von der man nicht wiſſen konnte, ob ſie Ingrim oder Wohlwollen, bewegte die markirten Züge ſeines Geſichts; er haſchte nach der losgelaſſenen Hand des jun⸗ gen Grafen und drückte ſie mit ſeltſamer Heftigkeit. Ich haſſe nicht Namen, noch Perſon, ſagte er mit ungewiſſer Stimme, der er mit Gewalt Feſtigkeit zu ge⸗ ben bemüht war. Was ich haſſe, iſt etwas Verderb⸗ licheres. Haßt doch die Gazelle den Tiger, der nach ihrem Blute dürſtet, haßt doch der treue Schäferhund den Wolf, der die ihm vertraute Heerde zerfleiſcht, haßt doch—— Doch ſtill davon, unſere Bekanntſchaft iſt ja erſt Minu⸗ ten alt. Willkommen ſind Sie mir, mein Herr Graf von Thorneck, und mein Pforte ſteht Ihnen offen.— Der Graf ſtutzte zwar bei dem Accente, mit dem Herr Treu die letzten Worte ſprach und bei dem faſt höh⸗ niſchen Lächeln, was ſich zugleich um den Mund des Einladenden gelegt, doch ein inneres, längſt gehegtes 1. — hige Geſpräch von vorhin perſtellte. 321 Gefühl drängte ihn, trotz der Seltſamkeit des Eigen⸗ thümers, das Haus im Thale näher kennen zu lernen, und er folgte Herrn Treu, der bald wieder die gewohnte Herrſchaft über ſich gewonnen und das abgebrochene ru⸗ War ſchon der Graf überraſcht von der Aufnahme, welche er von jenem Abende an in dem Hauſe des ver⸗ meintlichen Timon gefunden, ſo war er es noch mehr über die Liebenswürdigkeit und die geiſtige Ausbildung der ſchönen Conſtanze. Er kam und ging, aber bei jedem Abſchiede blieb ein Theil mehr von ſeiner Seele in dem Thale zurück. Conſtanze erſchien ihm als die ſchönſte weivliche Natur, von der Kunſt nur freier und voller entwickelt, doch nirgend gehemmt oder entſtellt, und Alles, was Erziehung und Geiſteskultur ihr gege⸗ ben, war nur eine reine Folie, über welcher das klare Kryſtall ihres Weſens unverändert, nur noch leuchtender ſtrahlte. Conſtanze kannte nur eine Perſon auf Erden, der ſie Eyrfurcht zollte, an der ſie mit leidenſchaftlicher Liebe und innigſter Dankbarkeit gehangen, deren Willen und Wink die Richtſchnur ihres ganzen Thuns und Laſ⸗ ſens geworden; dieſe Perſon war ihr Väter. Sie ſah, daß dieſer auf ganz ungewöhnliche Weiſe den jungen Grafen behandelte, und ſo modelte auch ſie ihr Beneh⸗ men gegen den Gaſt in derſelben Weiſe. Sie geſtand ſich ohne Heuchelei gegen ſich ſelbſt, daß der Umgang mit dem angenehmen, wohlgebildeten, unterrichteten und feinen Fremdlinge die Annehmlichkeiten ihres Lebens vermehrte, daß ſie ihn gern kommen ſah, daß nächſt dem Vater noch kein Menſch ihr ſo ganz zugeſagt, und Blumenhagen. VI. 21 ———— 5 322 ſolchergeſtalt wurde natürlich ihr Benehmen gegen den Grafen mit jedem Tage offener, freundſchaftlicher, ja vertrauter, und ſie ſcheuete ſich nicht in kindlicher Wahr⸗ haftigkeit unaufgefordert dem Vater zu bekennen, daß ihrem Daſein, nach ihrer Meinung, nichts fehlen würde, hätte das Schickſal ihr einen Bruder gegeben, der dem Thornecker ganz ähnlich geweſen.— Herr Treu ant⸗ wortete ihr durch eine kurze Beiſtimmung zum Lobe des Grafen, jedoch bemerkte ſeitdem Conſtanze, und mit ihr der Graf, eine Unruhe, Zerſtreutheit, einen Wechſel der Laune, welche oft von freundlicher Heiterkeit zu wort⸗ kargeſter Finſterniß überging, an ihm, und er ſchien mit einer Unentſchloſſenheit zu kämpfen, welche Beiden uner⸗ kärlich blieb. Die Weinleſe und ihre Freudentage waren indeß vor⸗ übergegangen; die Natur verlor nach und nach ihren Glanz, die Gärten und Holzungen wechſelten das grüne Feſtkleid mit dem triſteren gelbbunten Mantel; rauher wurde die Luft, düſterer der Himmel, und der mächtige Strom, der Grenzwächter zweier Länder, rauſchte ge⸗ waltiger an ſeinen Ufern hin. Ein herbſtliches Gewitter, furchtbar, wie ſie gewöhnlich ſind auf dem Scheidepunkte der Jahreszeiten, hatte eines Abends früh ſchon alles Lebendige unter das ſchützende Dach getrieben, und als der Graf ſich zum Rückmarſche zu ſeinem Förſterhauſe anſchickte, fand ſich das Thal durch den das Wetter be⸗ gleitenden Wolkenbruch alſo überſchwemmt, daß der Marſch für einen Fußgänger gefährlich, ja unmöglich würde. Ein Nachtquartier ward ihm angeboten und freudig angenommen. Welches neue Gefühl von Glückſeligkeit dieſe Gunſt des Zufalls keimen ließ, kann nur der nach⸗ 323 empfinden, der je in gleicher Lage geweſen. Schon das trauliche Nachteſſen, wo Conſtanze im Hauskleide die Wirthin ſpielte, ſetzte ihn in wahrhaft fröhliche Stim⸗ mung; er wähnte ſich heimiſch unter dem Dache der Geliebten, und überſah, wie der Vater heute ſo ganz beſonders tiefſinnig da ſaß und kaum Schüſſel und Glas berührte. Als ihm die ſchöne Jungfrau dann herzlicher als ſonſt die gute Nacht wünſchte, und er in den Tönen ihrer Stimme den Gleichklang ſeiner Empfindungen zu vernehmen gewähnt, kam er wie ein Träumender auf dem ihm angewieſenen Oberſtübchen an, und der Ge⸗ danke an Ruhe und Schlaf war ihm fremd geworden. Lange blieb er unentſchloſſen, ſich zu entkleiden; dieſe Nacht ſchien ihm eine Feier, und die Hingebung in die Arme des Schlafes däuchte ihm Entheiligung derſelben. Nicht weit von ihm weilte ja das Mädchen ſeiner Liebe, und ſein Bild ſtörte vielleicht auch ihren Schlummer in angenehmer Aufregung. Dieſes reinliche einladende Bett war unter ihrer Aufſicht für ihn bereitet, ja ſie ſelbſt hatte vielleicht den Nachttrunk im Silberbecher neben die Lampe ſorgſam für ihn hingeſtellt. Er koſtete davon, doch der Wein ſchmeckte ſtark und heiß, und ſein Blut bedurfte keiner Aufreizung. Er trat an das Fenſter, welches die Ausſicht in das Thal gewährte, das von Nebelſchleiern verhüllt da lag. Noch zogen die Gewik⸗ terwolken in den Geſtaltungen furchtbarer Ungethüme langſam vor dem Winde am Himmel hin, und der Voll⸗ mond ſchauete wie ein feuriges Cyklopenauge durch ihre Spalten und Riſſe, und verbarg ſich dann wieder, wie geſchloſſen durch ein ſchwarzes eiſiges Augenlied, hinter ihnen. Lange wandelte er ſinnend hin und her im engen Gemach, die ſeltſame Stellung ſeines Lebens betrachtend. 324 Er liebte und ward geliebt; Conſtanzens reine Natur hatte ihm ohne Worte ausgeſprochen, was ſein Herz er⸗ fleht, wie der Spiegel des klaren See's deutlich die Bil⸗ der zurückgibt, welche die Umgebungen ihm bringen. Herr Treu, wenn auch vis jetzt noch ein verſchloſſener Born für ihn, verhehlte die Achtung nicht, die der Graf ihm abgewonnen, und ſein Schweigen ſchien eine ſtille Zuſtimmung ſeiner zarten Werbung zu enthalten. Streifte ſein Gedanke dann aber hinüber in ſein Vaterland, ge⸗ dachte er ſeines Vaters, der nur in dem Puppenleben der höhern Stände, nur in dem maſchinenartigen Ge⸗ triebe des Hoflebens ſein Glück fand, dachte er an die hochgebornen Vettern und Tanten und Coufinen, ſo fuh⸗ ren Schattenwolken über ſein Traumparadies, ſchwärzer und dräuender als die natürlichen, welche dort am Berge das Mondlicht der Erde entzogen. Ermattet endlich von dem Gedankenſpiele entkleidete er ſich nur halb, löſchte die unnütze Lampe und ſtreckte ſich auf das Lager, ſicher, daß ihm in der ſchwachen Erleuchtung der Mondesſtrah⸗ len und bei der Bewegung ſeines Gemüths der Schlaf nicht in ſeinem wachen, ihm ſo wohlthuenden Träumen der Zukunft als ein heute unwillkommener Mohnkorn⸗ ſtreuer ſtören würde. Eine Stunde mochte er ſo gelegen haben, und die jugendliche Natur begann gerade ihr Recht zu fordern, ſeine Gedankenbilder wurden trüber, verworrener, und ſein Gehirn, gedrückt vom wallenden Blutſtrom, übte ſchon weniger ſcharf ſeine Gedankenſchöpfung, die Nacht lag ſtill um ihn wie ein Gottesfrieden, ſelbſt die hohe Linde draußen rauſchte nicht mehr, und der frei gewor⸗ dene Mond erfüllte das Zimmer mit ſeinem falben, ge⸗ ſpenſtigen Halblichte, da rief ihn ein nahes, beſonderes 325 Geräuſch aus dem ſchon begonnenen Schlummer auf und machte alle ſeine Sinne wiederum wach. Er horchte, und leiſe Tritte näherten ſich ſeinem Schlafgemach, und die unverſchloſſene Thür wurde geöffnet— behutſam— langſam— und ganz ohne Geräuſch. Der Graf hielt ſeine Augen feſt auf den Eingang gerichtet, und mit nicht geringem Erſtaunen erkannte er in dem leiſe Eintretenden augenblicklich ſeinen Wirth. Das weiße Nachtkleid gab dem Herrn Treu wirklich das Anſehen einer geſpenſtigen Erſcheinung; dazu war ſein hageres Antlitz bleicher als ſonſt, ſeine grauen, ſchlich⸗ ten Haare hingen lang um den entblößten Hals, und in ſeiner linken Hand trug er einen prachtvollen Degen, wie man nur an Höfen als Ehrengeſchenk der Fürſten⸗ gnade zu ſehen pflegt, und den ſchimmernden Griff deſ⸗ ſelben hatte er feſt gegen ſeine Bruſt gepreßt. So trat er langſam zum Lager des Grafen und ſtarrte mit den weit offenen, unbeweglichen Augen nach dem Ruhenden hin. Der Graf ſah ſich in einer wahrlich beängſtigten Lage; Furcht war ſein Fehler nicht und ſeiner Jugend⸗ kraft bewußt, konnte es ihm nicht mißglücken, durch einen gewandten Aufſprung jedem Angriff zu entgehen und den Alten zu entwaffnen; aber die Ehrfurcht, welche ihm Herr Treu bisher eingeflößt, die Ungewißheit, was die⸗ ſer ſeltſame Beſuch bezwecke, machte ihn bewegungslos; er hielt ſogar den Athem an, und wagte nur unter den halbgeſchloſſenen Augenliedern hervor, in banger Erwar⸗ tung und mit geſpannter Neugierde das Thun des Alten zu beachten. Lange ſtand Herr Treu in derſelben Stel⸗ lung, dann bewegten ſich ſeine Lippen, er murmelte unver⸗ ſtändliche Reden in ſich hinein, von denen der Graf nichts verſtand als die einzelnen Worte: Thorneck! Conſtanzens nachdenkend im Zimmer auf und nieder. Mit einem ernſten 326 Glück! Späte Rache!— Dann bewegte ſich auf einmal die Rechte des Herrn Treu nach dem Degengefäß, ſeine Augen blitzten, er zog raſch die Klinge halb aus der ſil⸗ bernen Scheide, und ſchon wollte der Graf aufſpringen, da—— ſenkte der Angreifer den blanken Stahl wieder in ſeine Hülle, ſchüttelte mehre Male das Haupt, ſeufzte tief, und— verließ dann eben ſo vorſichtig das Gemach, wie er gekommen.— In höchſter Aufregung erhob ſich jetzt der Ruhende vom Bette; aber er vernahm die Schritte des ſich Ent⸗ fernenden deutlich auf dem Vorplatze, und erſt als ſie gänzlich verhallt waren, ſtand er vollends auf, und ſchob den Thürriegel vor. Was ſollte er denken? War Herr Treu ein kranker, gefährlicher Nachtwandler, oder lag in dieſem Auftritte eine tiefere Bedeutung? Schlaflos ging für ihn dieſe Nacht vorüber und mit Beſorgniß und ängſt⸗ licher Spannung ging er Morgens in das Geſellſchafts⸗ zimmer zum Frühſtück hinunter.— Seine Verwunderung wuchs, als er hier Vater und Tochter in der ruhigſten Haltung fand, Conſtanze ihn auf das Freundlichſte begrüßte und Herr Treu ihm wie ſonſt die Hand bot; auffallender jedoch wurde es ihm noch, als er im Laufe der Unterhaltung bemerkte, daß die Unruhe ſeines Wirthes, die Unbeſtimmtheit und das Abgebrochene ſeiner Geſpräche ganz verſchwunden ſchien und er die Ruhe und Beſtimmtheit wiederum zeigte, welche im Anfange ihrer Bekanntſchaft den Grafen ſo ſchnell für den Thalherrn eingenommen hatten. Conſtanze verließ bald das Zimmer, von häuslicher Geſchäften ge⸗ rufen, und kaum hatte ſie ſich entfernt, ſo brach Herr Treu das Geſpräch ab, ſtand auf, und ſchritt einige Male ——— 327 Geſicht, jedoch mit einem Blick voll Güte und Milde, trat er dann vor den ſitzenden Grafen hin.— Torneck, ſprach er, und des Herzens Bewegung klang durch die Stimme, Sie ſind mir werth geworden; Ihr freundſchaftlicher Umgang hat ſich mir in eine liebe Ge⸗ wohnheit verwandelt. Aber Vaterpflicht ſteht über Freund⸗ ſchaftsgruß. Mein Auge iſt alt, aber ſcharf. Sie ſind jung, doch Ehre und Rechtlichkeit ſind Ihnen heilig, ſo an ſich, ſo an Fremden. Darum muß ich Sie aufmerk⸗ ſam machen, muß Sie anrufen, wie ein treuer Wächter, muß Ihnen erklären, die Tochter des alten Treu kann nie die Gattin eines Edelmanns oder Soldaten werden. Reden Sie nicht, ſetzte er heftiger hinzu, ein Eid ver⸗ pflichtet den Vater zu dieſer Erklärung.— Bewegt ver⸗ ließ auch er dann das Zimmer, und der Graf ſah ihn vom Fenſter aus mit ſtarken Schritten den nächſten Wein⸗ hügel hinaufſteigen. Der junge Mann fühlte ſich im Innerſten erſchüttert und die Heftigkeit dieſer Gemüthsbewegung gebar Gedan⸗ ken, die ihm bisher fremd geweſen, oder die wenigſtens ſehr unklar in ihm geſchlummert hatten. Heirath? Das enge, unauflösliche Band zwiſchen ſich und ihr, deren freundſchaftlicher, immer doch halb⸗ fremder Umgang ihm ſchon ſo beſondern, nie vorher ge⸗ kannten Genuß gegeben, mit ihr, an der Sinn und Geiſt Alles aufgefunden, was zu den Vorzügen und Voll⸗ kommenheiten des Weibes gezählt wird? Heirath? Con⸗ ſtanze ſeine Gattin!— Er taumelte auf und ſchwankte durch's Zimmer wie ein Trunkenbold, als die Idee leuchtend geworden von ſeinem innern Auge. Er ſchalt ſich, daß er ſich nicht ſelbſt längſt dieſen Wunſch ausge⸗ ſprochen, daß ein fremder Mund ihn daran erinnern 328 mußte. Und was konnte er anders gewollt haben? In der Bewerbung um die Freundſchaft einer Conſtanze mußte ja der Gedanke ſolch geheiligten und ewigen Bundes der erſte und einzige Grund geweſen ſein!— So fragte, ſo ſchalt er ſich ſelbſt, und nach kurzer Ueber⸗ legung war ſein Entſchluß wie ſein Plan zur Ausfüh⸗ rung fertig. Durch kurze Säumniß beſonnen und entſchloſſen ge⸗ worden, verließ er das Zimmer und ſuchte die Geliebte auf. Er fand ſie im Küchengarten, wo ſie mit der Auf⸗ ſicht über die Einbringung der letzten Winterfrüchte be⸗ ſchäftigt war. Mit einer männlichen Dreiſtigkeit, welche Conſtanzen befremdete, nahm er ihre Hand und führte ſie in einen Laubengang, dem der Herbſt noch nicht ganz ſein grünes Dach von Geißblatt und Jasmin genommen. Dort ließ er ihre Hand und ſah die Verwunderte mit ernſten, durchdringenden Blicken eine Weile an. Was haben Sie, Thorneck? fragte ſie muthwillig und im Tone des Scherzes. Habe ich das Frühſtück ſchlecht bereitet, und wollen Sie mit Dolch und Mord dafür Rache an mir nehmen? Sehen Sie ſich vor, denn macht mich Ihr ſtechender Blick noch länger zittern, ſo rufe ich Hülfe gegen den Meuchler.— Ernſt iſt mein Geſchäft, entgegnete der Graf, doch bedarf Conſtanze keiner Helfer gegen mich, ſondern ge⸗ rade ich will ihr einen Schützer anbieten, der, ver⸗ ſchmäht ſie ihn anders nicht, bis zum Grabe bei ihr ſtehen wird, und dem Herzblut und Leben kleine Opfer ſein werden, wenn es für ihr Glück ein Opfer bedürfte.— Bin ich denn eine Schutzloſe? fragte Conſtanze noch ſchäkernd, jedoch geſpannt durch die beſondere Feierlich⸗ keit der Anrede. Habe ich denn nicht einen Vater? Iſt — 5 2—— ——— ·————— 329 er nicht kräftig, entſchloſſen, klug? Könnte ein Mädchen ſich einen beſſern Schützer erkieſen unter Vielen?— Eben dieſer Vater! fuhr Thorneck mit höherer Wal⸗ lung fort. Indem er ein grauſames Vorurtheil aus⸗ ſprach, welches in der ſeltſamſten Anwendung ein Wie⸗ dervergeltungsrecht üben will gegen einen Stand, den er zu haſſen ſcheint, zog er plötzlich einen Schleier von meinen Augen. Ich bin entſchloſſen, in einen Kampf mit dem lieben, ſonderbaren Mann zu gehen, doch kann ich den erſten Angriff nicht wagen, ſo lange nicht Conſtanze meine Alliirte iſt. Ich in einen Kampf mit dem Vater? fragte die Jung⸗ frau betroffen. Nein! Ihr Feind müßte ich ja werden aus kindlicher Pflicht, ſo ungern ich es würde.— Mit glühendem Geſicht faßte der junge, hübſche Mann jetzt wieder ihre beiden Hände, preßte ſie auf ſein Herz, ſo daß Conſtanze ſich plötzlich dicht zu ihm hingezogen fand und ihr erröthendes Antlitz ſehr nahe dem ſeinigen ſah. Ungern! rief er. Ja, ich wußte es, Conſtanze achtet mich, Conſtanze iſt mir eine getreue Freundin ge⸗ worden, und mein Glück liegt ihr am Herzen. Mein Lebensglück hängt an Conſtanzens Beſitz; aber dieſes Glück kann nur dann vollkommen ſein, wenn auch ihr Glück durch meinen Beſitz beſtimmt würde. Sprich es aus, Mädchen! Sprich das eine Wort, und ich gehe mit der Gewißheit des Sieges zu Deinem Vater.— Herr Graf, ſagte ſie mit ſcharfer Betonung und feſtem Blick der ſchönen Augen, Scherz kann nicht in Ihrer Rede walten, und dieſer Ernſt fällt auf mein Herz wie eine ſchwere Laſt. Haben Sie bedacht, was Sie thun wollen? Haben Sie auch daran gedacht, daß die⸗ ſer Schritt alle künftigen Freuden unſeres Umganges — —— 330 vernichten könnte? O ſie waren ſo freundlich die Tage ſeit jenem Abende, wo Sie vom Vater mir zugeführt wurden, und ich glaube faſt, ich könnte nicht wieder froh werden, wenn ein unglückliches Schickſal dieſe ſtillen Freuden zerſtörte. Könnteſt Du nicht, Du liebes, wahrhaſtiges Kind! rief der Graf, indem er ihre Hände losließ, ſie umfaßte, ganz an ſeine Bruſt zog und ſeinen Mund auf ihr ge⸗ ſenktes Augenlied preßte. Dank Dir für dieſes zarte Geſtändniß. Bete für unſer Glück, ich gehe und rede mit dem Vater. Er ließ ſie frei und eilte erhitzt durch den Lauben⸗ gang zur kleinen Gartenthür, und die brennenden Augen weit im Thale umherſendend, ſuchte er mit haſtigen Schritten den Mann, von dem er den entſcheidendſten Richterſpruch über ſein Lebensglück zu fordern entſchloſ⸗ ſen geworden.— Herr Treu ſaß finſter und gedankenvoll in Conſtan⸗ zens Hütte oben auf dem Weinhügel, und begrüßte den Jüngling kaum, als dieſer freudig ſich ihm näherte und traulich Platz nahm neben ihm. Wie ein Sturmſtoß rollten die Worte von Thorneck's Lippen, die dringendſte Werbung entfaltete ſich vor dem Vater, auch Conſtanzens verſchleierte Zuſtimmung verſchwieg der offene junge Mann dem ernſten Alten nicht, und in tiefer, innigſter Bewegung ſchloß er mit der dringenden Bitte, dem Bunde zweier reinen Seelen ſeinen Segen nicht zu ver⸗ ſagen, und ſich ſtatt eines Kindes ein Kinderpaar zu gewinnen, eine Doppelliebe, eine Doppelpflege für ſein nahendes Alter. Ruhig hatte Herr Treu ihm zugehört und kein Zug patte ſich in ſeinem faltenvollen Antlitz verändert. Jetzt 331 aber funkelte ſein tiefliegendes Auge, und er erhob ſich raſch von der Bank und ſtand in feſter, würdevoller Haltung vor dem Erſchreckten da. Glauben Sie, Graf, ſprach Herr Treu mit dumpfer Stimme, die Warnung, welche ich Ihnen vor einer Vier⸗ telſtunde ſprach, jei ein müßiges Scherzwort geweſen? Sie kennen mich und kennen das nicht glauben. Offen⸗ heit denn gegen Offenheit! Wären Sie der Sohn mei⸗ nes ärmſten Winzers, und ich hätte Sie gefunden, wie ich Sie fand, ich würde den Winzer um den Sohn be⸗ neidet haben; aber über Ihrer Wiege hing ein Perga⸗ ment, bemalt mit dreißig Schildern, und jedes dieſer Schilder ruft Ihnen ein ſtolzes: Zurück, Du Schänder unſerer Ehre! zu, indem Sie die Hand nach meiner Tochter ausſtrecken. Hyänenhaß, Gift und Dolch würden mein einziges Kind bedräuen, wenn ich in väterlicher Schwäche vergäße, was unauslöſchlich eingegraben ſteht auf der Tafel meiner Vergangenheit. Nein, nimmer⸗ mehr ſoll mein Kind das Klippenmeer befahren, das es verſchlingen würde, verließe es die Grenzen dieſes Tha⸗ les. Sie ſagen, Ihr Glück hänge an Conſtanzens Be⸗ ſitz. Wohlan denn, ich will die Verfolger nicht achten, will mir einbilden, wir Beide möchten Manneskraft ge⸗ nug zuſammen bringen, die Geliebte im Verſteck dieſer Hügel zu ſchützen gegen Spürer und Meuchler; wohlan denn, legen Sie ab Ihren Namen und Stand, werden Sie, was. ich geworden, ein freier Mann, ein Bauer, wie es der erſte Menſch geweſen, der unſer aller Ahn⸗ herr war, dann iſt Conſtanze die Ihrige. Der Sohn des ſogenannten grauen Mannes darf nicht mehr Titel und Ahnen haben, als dieſer ſelbſt.— Herr Treu wandte ſich und ging, aber nochmals kam — —— —— 332 er zurück, legte ſeine Hand ſchwer auf die Schultern des verſtimmt und gebückt ſitzenden Grafen, und ſagte noch: Seien Sie nicht leichtſinnig, Graf! Wägen Sie ab dort in Ihrem Waldhäuschen, was Ihnen die frühern Pflich⸗ ten auferlegt; doch bedenken Sie auch, wie ein Ehren⸗ mann nach dieſer meiner letzten Erklärung thun muß, wenn er dem Vater und ſeiner Tochter ohne einen be⸗ friedigenden Entſchluß wiederum entgegentritt. Mein Haus bleibt Ihnen offen, denn der Wirth reichte Ihnen Salz und Brod, als Sie die Schwelle zuerſt betratenz aber der Werber muß draußen weilen, kommt er ohne den ſchlichten bürgerlichen Trauring, oder der Vater würde den Beleidiger, den Verführer, in ihm zu befehden haben.— Des Grafen Zuſtand wurde ſeitdem wahrlich bekla⸗ genswerth. Jung, talentvoll, reich, einer der erſten Familien ſeines Vaterlandes angehörig, ſchon auf der Grenze zwiſchen Jüngling und Mann, wo die Vernunft ſich bereits ein Recht gewann über den Leichtſinn und die Unbeſonnenheit, blieb die ihm geſetzte ſchroffe Wahl eine Folter und ſchien ihm mit jedem Tage mehr eine abſicht⸗ liche Verſpottung des alten Menſchenfeindes, wie ihn die Edelleute oft gegen den Thornecker genannt. Es ſtahl ſich allmälig ein Gefühl von Haß gegen den Feind ſei⸗ nes Glückes in ſeine Seele, und er vermied einige Zeit das Thal ſeiner Liebe. Zu frei und fein war er jedoch erzogen, um lange dieſen Haß gerecht finden zu können. Bald fragte ſein eigener Verſtand, wie es denn ſo eigent⸗ lich möchte geworden ſein, hätte Herr Treu als ein gut⸗ williger Komödien⸗Papa ohne Beſinnung die Einwilli⸗ gung zur Hochzeit gegeben? Da trat ſeines Vaters, des 333 allgewaltigen Miniſters, herriſche Geſtalt, mit den ſchar⸗ fen Falkenaugen, die Gehorſam forderten und dem Wi⸗ derſpenſtigen Verderben dräueten, vor ſeine Phantaſie; da ſah er die eiteln Vettern in Uniform und geſtickten Röcken, die pfauengleichen Couſinen in atlaſſenen Schlep⸗ penkleidern, wie ſie bei jeder fremden Vermählung die Ahnen zählten und die Erb⸗ und Lehngüter taxirten, wie ſie ſtrafend ziſchelten, wenn auch nur ein einzig Schild des Stammbaumes einen zu friſchen Anflug von Jugend trug, und das Verbannungswort: Mesalliance! donnerte wie der Zornruf des verjagenden Engels am Paradieſe vor ſeinen Ohren. Wenn ſein höchſter Wunſch erfüllt worden, wenn Conſtanze ihm geſchenkt worden, wie hätte er dann ſich aus dem Labyrinthe finden wollen, in wel⸗ ches er ſich und das ſchuldloſe, liebe Mädchen geſtürzt? ſo fragte er ſich ſelbſt. Hätte er nicht daſſelbe thun müſ⸗ ſen, was der umſichtige Vater von ihm gefordert? Wäre nicht nach langen Widerwärtigkeiten, nach dräuenden Verfolgungen, nach unausweichbarem Zwieſpalt mit ſei⸗ ner ganzen Familie, das einzige Rettungsſchiff ſeiner Liebe, die Flucht in ein fernes, verſtecktes Aſyl geweſen, wo Titel, Rang und Name doch hätten verlöſchen müſſen? Die öftere Wiederholung dieſer Betrachtungen ſöhnte ihn völlig wieder aus mit dem Herrn Treu, aber aus ihnen keimte ihm kein Reſultat, kein Entſchluß für ſein künftiges Handeln. Flucht ſchien ihm die einzige Ret⸗ tung; aber ſollte er durch ſie Conſtanzens Achtung ſelbſt vernichten, und konnte er ſich mit dem Gedanken befreun⸗ den, die Geliebte nie wieder zu ſehen?— Er zeigte ſich wiederum in dem Hauſe des Thales; er wurde gaſtlich empfangen wie vorhin, aber der nicht genug verhehlte Triumph im Auge des Vaters, die ſichtliche Trauer auf 334 Conſtanzens weißer Stirn und das erzwungene Fremde in ihrem Benehmen gegen ihn, entzweite ihn noch mehr mit ſich ſelbſt und der Welt. Er verwünſchte die For⸗ men, die ihm ehedem ſo heilig geſchienen hatten, die der Menſch ſich ſelbſt als Feſſeln geſchmiedet, und doch konnte er im nächſten Augenblicke wieder das Gerechte und aus dem Gange des Weltlebens natürlich Entſprungene der⸗ ſelben im einſamen Selbſtgeſpräche vertheidigen und auf thörichten Bürgerſtolz ſchelten, und fühlte ſich immer unglücklicher in dieſer Verworrenheit ſeiner Ideen. An einem unfreundlichen Abende, wo die Entzweiung der drei, ſonſt ſo freundſchaftlich⸗vertraueten Perſonen im einſilbigen, oft ſtockenden Geſpräche beſonders her⸗ vorſpringend geweſen, unterbrach die ängſtliche Situation ein ſpäter Beſuch. Ein Reiter mit ſeinem Diener hielt am Hauſe, und ließ bitten, ihm ein Obdach auf kurze Zeit zu vergönnen, damit Mann und Roß ſich zur Fort⸗ ſetzung der Reiſe im rauhen Herbſtwetter verſchnaufen möchten. Die Erlaubniß ward vom Herrn Treu gewährt, als aber der Eintretende, ein hochgewachſener Mann in militäriſcher Tracht, ſich ſogleich als Herrn von Bügel und Major einführte, da trat die alte Laune des Haus⸗ herrn wiederum einmal recht grell an das Licht, mit ſichtlichem Widerwillen nöthigte er den Reiſenden zum Seſſel und befahl mit ſchroffer Kälte die Bewirthung, indem er ſelbſt die Gelegenheit zu ſuchen ſchien, von dem Zwiegeſpräch mit dem Gaſte loszukommen. dieſe Gelegenheit fand ſich ſofort. Mit nicht geringem Schreck erkannte Gaf Thorneck in dem Angekommenen einen Landsmann und Jugend⸗ freund, und dieſer ſchien nicht weniger verwundert, den Grafen in dieſer Abgeſchiedenheit anzutreffen. Als Beide —,— —— 335 von den erſten Umarmungen, Begrüßungen, Fragen und Antworten zu einem ruhigern Geſpräch zurückgekommen, fanden ſie ſich allein, Wirth und Wirthin waren ver⸗ ſchwunden, und der alte Diener brachte Flaſche und Be⸗ cher, und verließ dann ſtumm und mit einem finſtern Blick auf den Major das Zimmer.— Bei meinem Säbel, eine kurioſe Geſellſchaft, in wel⸗ cher ich Dich finde, Freund Adolphus, indeß ich und die ganze Reſidenz Dich jenſeit des Meeres und in den Freu⸗ denſtrudeln des goldenen Londons glaubt! rief der Ma⸗ jor. Hätte nicht Deine Stimme mich von Deinem Leben im Fleiſch überzeugt, ich hätte Dich für eine Erſcheinung gehalten, die mir als dem Freunde Deine Sterbeminute in der Ferne verkündet. Sage mir, in welches traurige Neſt bin ich gerathen? In einem Kloſter von la Trappe könnte man nicht ſeltſamer empfangen werden. Man rühmt die deutſche Gaſtlichkeit in den Weinländern über⸗ all, aber gibt der lange dürre Herr, der einer menſch⸗ lichen Heuſchrecke ähnelt, das Muſter dazu ab, ſo iſt mir der maſſive holländiſche Kneipwirth und ſelbſt der hä⸗ miſche, prellende italiſche Hoſte anmuthiger.— Hätteſt Du nur Namen und Stand nicht genannt, ſtieß der Graf unbedacht heraus, der Willkommen in dieſem Hauſe würde Dir nichts zu wünſchen übrig ge⸗ laſſen haben.— Namen? Stand? fragte der Major geſpannt. Nun, ich hoffe, beide haben guten Klang in der ganzen Chri⸗ ſtenheit und noch einige Meilen drüber hinaus.— Wer zweifelt? fiel Thorneck verwirrt ein. Aber nur hier ſind beide nicht beſonders beliebt. Dieſer Herr Treu iſt ein Ehrenmann, für den ſich der halbe Gau todt ſchlagen ließe, aber in ſeinem Gemüth hauſet ein böſer 6 2 3 336 Spleen, und eine Monomanie in ſeinem Hirn läßt ihn Alles haſſen, was Edelmann heißt oder einen Degen trägt.— Seltſam! erwiderte der Major, gedankenvoll die Augen im Zimmer umher werfend. Iſt er vielleicht ein Klubbiſt, ein Illuminat oder dergleichen? Freund Thor⸗ neck, mir wird unheimlich in ſolch gefährlicher Nähe— ſetzte er ſpöttiſch hinzu.— Gefährlich iſt er nicht, antwortete der Graf lächelnd, jedoch verzog ſich dieſes Lächeln augenblicklich, weil die Erinnerung an jene räthſelhafte Nachtſcene in ihm auf⸗ dämmerte. Sein Vorurtheil iſt Idee ohne That, Theo⸗ rie ohne Praxis. Seine Vernunft iſt zu umſichtig, ſein Verſtand zu klar, ſein Gemüth zu friedlich, als daß er durch weitſchweifende Umtriebe ſein ſtilles Glück auf's Spiel ſetzen möchte. Sein Vorurtheil, ſein Haß, wenn ich das ſchwere Wort gebrauchen darf, iſt ſicher ein Kind böſer Erfahrungen, aber darum leider tief ge⸗ wurzelt.— Du ſprichſt dieſes Leider! ſo herzbrechend, Freund, fiel der Major ein, als wäre dieſer Stockbürger Dir eine wichtige Perſonage geworden. Und wie kommt's, daß Du hier der Hausfreund ſcheinſt, da Du doch zu der älteſten Ritterſchaft Germaniens gehörſt? Oder biſt Du, gleich dem Apoll, zu der ſchönen Hirtin im frem⸗ den Kleide herabgeſtiegen? Du glühſt auf! Traf ich die rechte Fährte?— Wirklich fühlte Thorneck ſelbſt das Feuer auf den eigenen Wangen, doch ſo kalt als möglich erwiderte er: Freund Bügel, Du bleibſt der Alte! Wein und Weiber ſind die einzigen Hebel der Weltordnung in Deinem Auge. Auf's Wort! Der Wirth dieſes Hauſes kennt 337 mich wie ich bin, aber er hat eine ſeltſame, unerklär⸗ liche Ausnahme mit mir gemacht.— Der Major liebäugelte bei Adolphs Rede mit dem gefüllten Becher und ſchien den Schluß zu überhören. Wein! lallte er nach. Da ſteht ſo ein Sorgenbrecher, und wer wie ich drei Meilen im Strichregen zwiſchen dieſen vertrackten Hügeln irr geritten, bedürfte wohl die Herzſtärkung. Doch in ſolch einer Mörderherberge könnte die Flaſche vergiftet ſein, um wie zum Spaß den letz⸗ ten Sproß eines berühmten Geſchlechtes von der ſchönen Erde zu tilgen.— Selbſt durch den Scherz ſchien der Graf ſich beleidigt zu fühlen; er faßte raſch das Glas, trank, und reichte es dann dem Gaſt, der es zu dreien Malen füllte und leerte und bei jedem Zuge freier zu blicken begann.— Und nun weiter, ſagte er dann mit tiefem Athem⸗ zuge; die Roſſe werden getrunken haben, und dieſe Nacht müſſen wir in den Daunenbetten der Rohrberger Frei⸗ frau uns behaglich dehnen. Laß mir den nächſten Pfad dahin zeigen, oder beſſer, gib einen Boten, und mor⸗ gen ſprich ſelbſt dort ein, wo der Thornecker eine beſ⸗ ſere Figur ſpielen möchte als hier.— Der Graf hatte ſeines Förſters Polacken im Stall, da bei der jetzigen Lage der Verhältniſſe er ſchon ſeit lange ein Nachtquartier im Thalhauſe zu vermeiden ge⸗ ſorgt. Als der Major jedoch an der Pforte weilte, Thorneck, nach dem Herrn Treu fragend, vom alten Diener die Entſchuldigung einer plötzlichen Unpäßlichkeit des Herrn hörte, und erbittert über die eigenſinnige Laune des Wirths ſtürmiſch nach den Pferden rief, ſah er oben im offenen Fenſter Conſtanzens Lockenkopf; ſie hielt ein Tuch an die Augen gedrückt, und wie ein Blumenhagen. VI. 2 338 Giftſtilett fuhr der Anblick in ſein Herz, und ſich ſelbſt und ſein Schickſal verwünſchend, trabte er auf dem ſichern Polenpferde dem Major voran durch das Dunkel und über die ſteinigten Bergpfade. Mehre Wochen waren verlaufen, Thorneck hatte ſich nicht ſehen laſſen, des Freundes Ankunft hatte ihn feſt⸗ gehalten in den Zirkeln der Edelleute, welche die letzten Tage der Herbſtzeit in Feſten jeder Art begingen, um dann, den klugen Zugvögeln gleich, wärmere Zonen in benachbarten Städten und Reſidenzen zu ſuchen. Finſter trat Herr Treu eines Abends vor Conſtanze hin, die mit naſſen Augen am Fenſter ſaß und in die trübe Däm⸗ merung ſtarrte. Weineſt Du um die Puppe? fragte der Vater mit bitterer Heftigkeit. Spare Deine Thränen für etwas Beſſeres und Schwereres.— Ich weine nicht, antwortete ſie leiſe; ich traure nur um den Freund, den Du wie ich verloren. Es iſt mein erſter Verluſt, und darum darfſt Du mir die Trauer nicht verübeln.— Deine Trauer iſt ein Vorwurf für mich, fiel Herr Treu ihr mit ſteigender Bitterkeit in's Wort. Warum brach ich mir ſelbſt meinen Eid? Warum nahm ich die Falkenbrut in mein ſicheres Neſt? Freundſchaft, Liebe! Ehrenſtellen und Ordensbänder, das ſind ihre Herzens⸗ ſehnſuchten, und nur für dieſe Flitter kennen ſie Opfe⸗ rung. Ich mag Deine Trauer nicht ſehen, Conſtanze, jetzt gar nicht, denn ganz andere Sorgen drücken mich, und da kein Freund mehr als Helfer uns zur Seite ſteht, müſſen wir Beide die Sorge theilen.— Welche Sorge, Vater? fragte Conſtanze aufhorchend. 339 Es gährt drüben im Nachbarlande, fuhr der Vater fort; die Bauern ſind im Aufſtande, bedeutende Aus⸗ ſchweifungen ſind vorgefallen, und wir, der Grenze die Nächſten, könnten leicht von Streifzüglern dieſer rohen Haufen zu leiden haben. Darum packe unſere beſte Habe zuſammen, verbirg in den Kellern, was werthvoll und nicht mitzunehmen iſt; ſei gefaßt auf ſchreckhafte Sce⸗ nen; doch zage nicht und zeige Dich als meine Tochter. Du allein biſt die Seele meines Lebens, Du der Zweck meines Daſeins, und deßwegen darſt Du vertrauen ohne Furcht, ſo lange der Vater Dir zur Seite ſteht.— Conſtanzens Augen waren ſchnell trocken geworden, doch mit bleichen Wangen ſtarrte ſie den Vater an, um auf ſeinem Geſichte zu leſen, wie viel ſie zu fürchten hahen möchte. Ehe ſie ſich jedoch zu einer Frage ſam⸗ meln konnte, wurde die Thür haſtig aufgemacht, und ein Stelzfuß klapperte herein. Der Stelzfuß gehörte dem Zollwächter Roſt, einem ehrlichen, verkrüppelten Invaliden mit von Hiebwunden zerfetztem Geſicht. Ohne Penſion verabſchiedet, kam der Jammermann vor mehren Jahren bettelnd an die Pforte des Herrn Treu. In ſeinem zerlumpten Anzuge erkannte der Angeſprochene die Uniform ſeines Vaterlandes, in dem Manne ſelbſt einen ihm wohlbekannten verdienten Kriegsknecht. Ohne Bedenken nahm er ihn auf, und ſein Fürwort und ſein Geld verſchaffte dem Stelzfuße den bequemen und einträglichen Dienſt des Einnehmers an der Brücke des kleinen Fluſſes, der ſich nicht weit von Herrn Treu's Thale in den Rhein ergoß. Er allein im ganzen Gau kannte die Vorzeit ſeines Wohlthäters, wurde eine Art Vertrauter von ihm und hatte ſich bis⸗ her beeifert, jede Gelegenheit zum Beweiſe ſeiner treuen 340 Dankbarkeit zu nutzen.— Der Stelzfuß ſchnaufte lange, ehe die Erhitzung ſeines Eilmarſches ihm die Sprache erlaubte. Herr, ſagte er dann, des verwunderten und fragenden Hausherrn Arm mit ſeiner derben Fauſt ängſt⸗ lich umfaſſend, es iſt nicht richtig in den Weinbergen. Schon ſeit mehren Tagen kamen allerlei Leute an meinen Schlagbaum, und obgleich jeder einen andern Rock trug, ſo hütten ſie doch Alle nur einerlei Neube⸗ gier, und gafften nach dem Hauſe hier hinüber und fragten nach dem Eigenthümer hin und her. Ich ſtellte mich dumm; ſie waren jedoch zu pfiffig, meiner Dumm⸗ heit zu viel anzuvertrauen. Heute kamen wieder ihrer Zwei; daſſelbe Gaffen, dieſelben Fragen, und mit Schreck erkannte ich die Sprache unſeres Landes, und an Manier und Geſicht die Soldaten. Ich wollte her, doch der Teufel war los an der Brücke vom Morgen bis Abend, und der Dienſt hielt mich feſt. Als ich je⸗ doch in der Dämmerung meinen Schlagbaum geſchloſſen und mich in der Gegend beſehen, fuhr mir's in alle Glieder, bis in den Stumpf des Beines hinunter. An dem Strome trabten Reiter zu zwei und drei, und meine Augen ſollen blind werden, waren's nicht Burſche von unſerem Leibregimente. Und als ich mich zum ſchnellen Marſche hieher rüſtete, zog ein Piket von einem Dutzend Schützen über die Brücke; der Offizier trug gleichfalls unſern Buſch und unſere Schärpe, und in Angſt um Euch ſprang ich zum Hinterpförtchen hinaus und hinkte den Fußſteig im Galopp hinauf. Salvirt Euch, Sen mir ſchwanet nichts Gutes. Was können ſie von uns? Was kunn den Vater bedräuen, der Niemanden Böſes thut und in Frieden lebt mit aller Welt? fragte Conſtanze beſorgt ——— 341 »und ſchlang den weißen Arm um Herrn Treu's Schul⸗ tern.— Das verſteht Ihr nicht, Fräulein! antwortete der Alte mit Haſt. Vorbedacht iſt wohlgemacht. Soll ich ſatteln, Herr? Jedes Winzers Dach beſchützt Euch und verſteckt Euch getreulich ſo lange, bis man weiß, was die Kriegsleute hier jenſeits ihrer Grenze gewollt.— Herr Treu hatte gedankenvoll vor ſich hingeſtarrt. Deine Treue quält Dich ohne Noth, alter Geſell, ſprach er jetzt ernſt und drückte des Boten ſchwieligte Hand mit dankbaren Blicken. Ich bin vergeſſen, bin todt und begraben für Jene dort. Vielleicht ſtreift eine militäri⸗ ſche Vorwacht bis zum Rhein, aus Fürſorge wegen der Unruhen im Nachbarreiche. Stärke Dich bei dem Se⸗ bald in der Dienſtſtube, und humple dann heim und lege Dich ruhig auf's Ohr. Wem könnte ich noch wich⸗ tig ſein oder gefährlich ſcheinen?— Ehe der alte beſorgte Invalide ſeine Widerrede von ſich geben konnte, entſtand außerhalb dem Zimmer ein ungewöhnliches Geräuſch, und in ſeiner ſchnellen Ent⸗ räthſelung wurde die Widerrede unnütz. Da haben wir's! rief der Stelzfuß unwillig und machte ein Schlachtgeſicht dazu. Der Feind iſt ſchon in der Breſche, und nun ſei uns Gott gnädig.— Und herein trat ein Offizier, kenntlich durch Schärpe und Federhut; zwei Schützen traten, ihre Büchſen im Arm, mit ihm ein, blieben jedoch an der Thür, durch die man auf dem Vorplatze gegen die Hauspforte hin wenigſtens noch ein Halbdutzend ihrer Kameraden erblicken konnte. Mit einem Angſtſchrei umklammerte Conſtanze ihren Vater, dieſer machte aber, mit Ruhe im Benehmen und 342 allen Geſichtszügen, ſich los von des Mädchen Armen, führte ſie zu einem Seſſel und ging dann den Einge⸗ tretenen mit faſt ſtolzer Haltung entgegen. Der Offizier zog den Hut und fragte: Mein Herr, Sie nennen ſich Warnetreu?— Es ſind lange Jahre verfloſſen, ſeid ich nicht mehr ſo hieß, antwortete der Hausherr mit feſter Stimme; jetzt heißt man mich Treu ſchlechtweg, und bin hier freier Herr auf dieſem meinem Boden.— Sie ſind mein Arreſtant und müſſen mir augenblick⸗ lich folgen, entgegnete der Offizier, in welchem Herr Treu längſt den Major von Bügel erkannt hatte, denſel⸗ ben, welcher kürzlich hier ſeinen Abendtrunk empfangen.— Sie vergeſſen, daß Sie auf fremdem Lande ſtehen, ſagte Herr Treu bedeutend; Sie werden nicht wagen, in mir die Perſon des Fürſten zu beleidigen, dem ich Un⸗ terthan geworden.— Der Major nahm ſeine Brieftaſche heraus, entfaltete ſie und präſentirte dem Herrn des Hauſes zwei beſiegelte Papiere. Hier die Ordre meines Gebieters, hier die Erlaubniß des Fürſten, in deſſen Schutz Sie geflüchtet, um gerechter Strafe zu entgehen.— Herr Treu wurde bleich, als er die Ordre geleſen, aber ſogleich ſtieg wiederum die Röthe des Unwillens auf ſein Antlitz, und mit bitterer Kälte erwiderte er: Gerechter Strafe?— Das Unglück findet freilich nur in den Wäldern unciviliſirter Wilden ein Aſoyl, das hätte ich bedenken ſollen. Thun Sie Ihre Pflicht; jedoch müſ⸗ ſen Sie wiſſen, daß ich nur mit Gewalt mich aus mei⸗ nem Eigenthume fortſchleifen laſſe.— Sie wollen's ſo? fragte der Major mit düſtern Bli⸗ cken. Burſchen vor! Ergreift den Mann da.— 343 Conſtanze ſchrie nochmals auf, wollte ſich vom Seſſel erheben, ſank aber von ihrer Schwäche gebunden zurück, und auch des Invaliden Dornſtock, der ſich gehoben, neigte ſich wieder zur Erde, als die kräftigen Schützen ſchnell gehorſam heran ſchritten. Da wurde ein heftiger Lärm auf dem Vorplatze wach, eine Menge dunkeler Geſtalten drängte ſich mit wüſtem, wirren Geſchrei in das Haus und drückte die Soldaten an die Wände, und durch ſie hervor preßte ſich ein einzelner Mann, und erhitzt, den blanken Hirſch⸗ fänger in der Rechten, ins Zimmer ſtürzend, warf er die Schützen zurück, und ſtellte ſich zur Wehr an des Hausherrn Seite. Mit lautem Jubelruf erkannte Con⸗ ſtanze in dem Retter, der wie vom Himmel kam, den Grafen.— Was thuſt Du, Thorneck? fuhr der Major ihm ent⸗ gegen. Biſt Du ein Raſender, der ſich ſelbſt zu verder⸗ ben im Sinne hat?— Schau hinaus auf die Winzer draußen und ziehe ab, ſtieß der Graf athemlos aus voller Bruſt heraus. Danke mir, daß ich das verrätheriſche Kunſtſtückchen nicht am Freunde entgelte, denn es bedarf nur eines Winkes, und die nervichten Arme meiner Begleiter brechen Dir und Deinen Geſellen die Knochen, und erſparen Euch den Rückmarſch.— E Zch bin im Dienſte und fürchte ſolch Bauernvolk nimmer, ſo lange dieſer Freund bei mir iſt, antwortete der Major, an das Degengefäß ſchlagend. Lies meine Ordre, und Du wirſt aufhören, einen Landesverräther zu ſchützen.— Leſen Sie, Graf! ſagte Herr Treu mit Bitterkeit. — —— S 344 Leſen Sie, der Name Ihres erlauchten Vaters prangt auf dem Blatte.— Und ſtände mein Vater ſelbſt hier, verſetzte der Thor⸗ necker hitzig, ich würde ſolch unrechtlichem Ueberfalle in gleichem Maße begegnen. Noch einmal, zieh ab, Major! Jene draußen warten nur meines Winks. Willſt Du Beulen und Blut, auf Dich die Folge.— Einen Schuß zu dem Fenſter hinaus, Schütz; rief da der Major mit losbrechender Aufwallung. Er wird die Reiter heranrufen, und bis dahin wollen wir dieſe kläffenden Hunde uns ſchon vom Leibe halten.— Er zog den Degen, und commandirte hinaus: Kameraden, ge⸗ braucht die Waffen!— Der Schuß donnerte durch's Fenſter; der Graf je⸗ doch blickte nur eine Sekunde lang im Zimmer umher, dann ergriff er Herrn Treu bei dem Arme, und riß ihn in jugendlicher Kraft mit ſich fort durch die Seiten⸗ thüre, die er hinter ſich ins Schloß warf. Durch einige Nebenkammern zog er den Alten, ſtieß ein Fenſter auf, ſprang voran hinaus und half dem faſt mit Gewalt Entführten nach, und Hand in Hand flohen beide jetzt zum Garten hinaus, und zu den Schlangenpfaden der Weinhügel hinauf, die ihnen Rettung verſprechen konn⸗ teu. Geſchrei tönte hinter ihnen drein, Büchſenſchüſſe fielen, der Graf ſtrauchelte, raffte ſich jedoch wieder⸗ um auf; Herr Treu hörte das Ziſchen der Bleikugeln dicht an ſeinem Kopfe vorüber, doch ſie erreichten die gewundenen Labyrinthe der Rebenwälder, immer ferner tönte der Verfolger Ruf, immer ſchwächer der Com⸗ mandoton des Horniſten, und bald durften ſie Luft ſchö⸗ pfen an dem kleinen Waldhäuschen, welches Thorneck am Saume der Holzungen von dem Förſter gemiethet hatte. 8 345 Sein Jockei ſaß darin mit Licht, und öffnete auf des Herrn Wort.— Sie bluten, Graf! rief Herr Treu, ſo wie ſie ins Helle getreten. O mein Gott, und Sie ſagten nichts, nnd der Schuß ſcheint gefährlich.— Ich fühle nur gelindes Weh und Sie ſelbſt mögen mein Chirurg werden, antwortete der Graf und ließ ſein Verbindekäſtchen herbeibringen. Ein Streifſchuß hatte die Wange getroffen, das Fleiſch war zerriſſen, die Blutung war ſtark genug; doch das Arquebuſade⸗ waſſer und einige Heftpflaſter ſtillten bald das Blut und einten den Riß, und ungeduldig bei der genauen Sorg⸗ falt des Herrn Treu, der dazu ſehr erſchüttert ſchien, ſprang Graf Adolph vom Seſſel, und packte jetzt mit Eile zwei Jagdranzen voll Lebensmittel und Flaſchen, reichte dem Flüchtling zwei Terzerole und ein Weid⸗ meſſer, nahm ſelbſt Büchſe, Pulver und Blei, und trieb dann zum Abmarſche.— Hier iſt keine Sicherheit, ſprach er dazu mit Lebhaf⸗ tigkeit; der Major kennt mein Waldhäuschen. Du, Jean, ſetzte er herriſch hinzu, den Reitknecht ſtreng an⸗ ſchauend, verräthſt nicht, wie wir gegangen, und was wir mitgeſchleppt. Du ſprichſt, wenn man fragt, Dein Herr und ein Fremder wären hier eingetroffen, ein un⸗ bekannter Knecht mit zwei guten Reitpferden hätte ſchon vor unſerer Ankunft am Holze gehalten, wir hätten Geld eingeſteckt, uns in die Sättel geworfen⸗ und wä⸗ ren dort die Straße hinunter gejagt, dem Fiſcherdorfe zu, wo die Fähre im Strome liegt. Merke Dir's! Ein Wörtchen anders, und mein Zorn jagt Dich zum Teufel.— Der Bube nickte verſtändig, und die beiden Männer 346 der Nacht ſchritten jetzt wiederum hinaus waldeinwärts, und verließen bald die breite Holzſtraße, im Dunkel auf ſchmalen Pfaden, die jedoch dem Grafen als Jagdfreund wohl bekannt ſchienen, vorſichtig forttappend. Lange gingen ſie ſtumm hinter einander, Thorneck voran, nur ſeine Warnung vor Baumwurzeln oder tief⸗ hängenden Fichtenäſten unterbrach die Stille der Nacht. Herr Treu ließ das erſte Wort hören, als jetzt der Pfad breiter wurde und das Beiſammengehen erlaubte. Ein wunderbarer Tag, ſagte er; er machte die böſe Sieben meiner ſchwarzen Lebenstage voll; wird er der letzte ſein, und meine ſchiffbrüchige Fahrt beenden?— Muth behalten, Freund! erwiderte der Graf. Für jetzt wenigſtens ſind wir am Ufer. Das Uebrige müſſen wir dem großen Schickſalsherrn anheim ſtellen, deſſen Sterne dort durch die Eichengipfel leuchten.— Der Muth brach nie, antwortete der Alte kalt; aber das Leben wird immer leichter im Preiſe, wenn das letzte Brett im Wellenſtrome entgleitet.— Die arme Conſtanze! ſagte da der Graf bewegt und ſtillſtehend. O hätten wir ſie mitnehmen können! Wie wird ſie ſich ängſtigen, verzweifeln vielleicht in der Be⸗ drängniß dieſer Stunde!— Sorgen wir nicht darum! verſetzte der Vater ruhig. Mein Kind iſt ſtark und für die Gefahr und die Sorge erzogen. Sie iſt keine weichliche Zierpuppe der Reſidenzen. Wie ſie zu handeln hat, wird ihr der g und die Vernunft zurufen.—— Aber wenn das Soldatenvolk bös im Huuſe tobte; wenn man ſie als Geiſel mitſchleppte? fragte der Graf beſorgt.— Frauenwürde hält die Rohheit leicht im Sun⸗ 347 antwortete Herr Treu; und meine Winzer laſſen ihr kein Leid thun.— Wenn der Vater ſo ruhig iſt, was darf denn ich fürchten? erwiderte der Graf düſter und faſt empfindlich, und ſetzte ſeinen Weg fort.— Nach einer Weile unterbrach der Alte auf's Neue das Schweigen. Wie war es Ihnen aber möglich, Graf, fragte er, ſo recht zur Zeit zwiſchen uns zu treten?— Des Majors Erſcheinung wurde mir gleich anfangs verdächtig, obgleich ich keine Ahnung hatte von Ihren Verhältniſſen, antwortete Adolph. Zu oabſichtlich hielt er mich feſt auf dem Edelhofe, verſpottete zu auffallend hart mein Verhältniß zu Ihnen, und machte mich da⸗ durch zu ſeinem geheimen Beobachter. Wenn ich Sie und Conſtanzen wochenlang verſäumte, ſo geſchah es nur in einer dunkeln Ahnung des Unheimlichen, was zu dräuen ſchien, ſo geſchah es nur in einer räthſelhaften Angſt, etwas zu verſäumen. Und doch hätte ich nichts erfahren, denn der Major hatte ſeit geſtern in Folge eines vor⸗ geblichen Sturzes auf der Jagd das Bett gehütet, und würde mich betrogen haben. Aber der Rohrberger Neffe, der Junker Tiefenbach, konnte das Geheimniß nicht im engen Herzen behalten, und kündete mir ſpöttiſch vor zwei Stunden an, daß die herrliche Wirthſchaft des grauen Mannes im Thale noch heute zu Ende gehen würde, daß der hochmüthige Bürger derb geſtraft werden ſollte für das Majeſtätsverbrechen, den ſtolzen Selbſt⸗ herrſcher ſpielen zu wollen; daß die Vermuthung, es ſtecke im grauen Rocke ein irgend einem Gericht Entlaufener, wahr geworden, daß auch ich ſelbſt mich morgen ſchämen würde, jemals das Haus im Thale betreten zu haben. — Ich verſchluckte meinen Grimm, bis ich mehr gehört, 348 dann ließ ich den Junfer ſtehen, nahm den Hirſchfänger, eilte durch die Weinhügel, klopfte überall die jungen Burſchen heraus, und trat leider erſt dann ein, als es faſt zu ſpät war; denn hätte der Major nicht ſo unvor⸗ ſichtig ſeine mitgebrachte Macht vereinzelt, wir gingen nicht auf dieſem weichen Moosboden.— Und was konnte Sis antreiben, für mich, den Ver⸗ ächter Ihres Standes, den Geächteten Ihres Vaterlan⸗ des, den Feind Ihres Vaters— denn das erzählte Ihnen doch Alles der edle Junker gewiß!— Ihre Ehre und Ihr Leben einzuſetzen? fragte Herr Treu mit Bitterkeit im Tone.— Meinen Stand, meinen Namen habe ich Ihnen nicht geopfert, verſetzte der Graf mit Heftigkeit. Was mir Gott gab, woran mich alte Pflichten knüpfen, das glaubte ich nicht dem Eigenſinne und einer ſchwarzen Laune opfern zu dürfen. Aber mein Blut für Conſtanzens Vaters zu geben, trieb mich das Herz, und ein Gefühl, das, wie ich meine, in jeder geſunden Menſchenbruſt wohnen muß, und das eine höhere Heimath hat als Adelsbrief oder Bettlerſack.— Und wenn Sie dieſes edle Blut nun für einen Schurken, einen Vaterlandsverräther verſpritzt hätten? fragte der Alte mit ſcharfem Accent.— Ihr Geſicht iſt nicht das eines Verbrechers, antwor⸗ tete der Graf mit feſter Stimme; und Conſtanze— Nein! Nein!— Conſtanze kann nicht das Kind eines Verachtungswerthen ſein. Doch wir ſind zur Stelle.— Herr Treu ſchwieg, aber ein tiefer Athemzug bezeugte, daß er ungewöhnlich im Gemüth ergriffen ſei. Ein Ur⸗ baum des Waldes ſtand in ſeiner dunkeln Rieſengeſtalt vor ihnen. Thorneck machte ſeinen Begleiter mit dem 349 beſondern Verſteck bekannt, welches die ſeltſame Spiele⸗ rei des Förſters ihnen bereitet. Im höchſten Gipfel des Baumes hing ein Hüttchen von Reiſig geflochten und mit Moos und Tanngeflecht umſtopft; zum Vogelfange war der geräumige Käfig ein⸗ gerichtet, und von unten hinauf hatte der Forſtmann durch eingeſchlagene kurze Zapf oder tiefe Einſchnitte in die dicke Rinde des Stammes eine geheime Treppe bereitet, die freilich nicht ohne Gefahr zu beſteigen war, jedoch bei angewandter Aufmerkſamkeit und behutſamen Anſtalten an die hie und da gebliebenen Reſte der untern Zweige den gewandten Steiger zu der kleinen Laubfeſtung führte. Der Graf war der Meinung, am Fuße des Baumes zu lagern, bis der Morgen tage, und nur bei wirklich naher Gefahr früher den Weg in die Lüfte zu wagen; da jedoch gerade ein Strahl des eben aufgehen⸗ den Mondes durch eine Schlucht des Gehölzes hervor⸗ brach, ſo rieth Herr Treu, ohne Aufſchub die ſichere Lage zu gewinnen. Thorneck verſteckte ſein Gewehr im Buſche und ſtieg voran, der Alte, für ſeine Jahre ſo beſonders rüſtig als geſchmeidig, kletterte nach, und bald waren ſie oben im grünen Käfig, und ſetzten ſich auf das Bänk⸗ chen im erquickenden Gefühle vollkommener Sicherheit, kramten ihre Jagdtaſchen aus und ſtärkten ſich aus der mitgenommenen Flaſche. Eine Pauſe trat jetzt natürlich ein, denn die unge⸗ wöhnliche Abſpannung körperlicher und geiſtiger Kräfte hatte eine eben ſo tiefe Abſpannung zur Folge, nachdem die Urſache der erſtern nachgelaſſen, ihre Federkraft zu üben. Durch die Oeffnung, welche den Kloben des ————— 351 erſcheinen, zu der Ihre Vernunft Ihnen ein Recht gege⸗ ben haben muß.— Wiedervergeltung? Rache? ſprach Herr Treu mit dumpfer Stimme. Sie lag in meiner Hand, aber der Verſucher ging an mir vorüber.— Der Graf dachte an den Nachtbeſuch und ſchauderte. Ruhiger fuhr der Alte fort: Habe ich Rache geſucht oder Vergeltung bereitet? Bei dem Schöpfer dieſes hei⸗ ligen Lichtes, ich habe ſie nicht geſucht, obgleich ich Ver⸗ mögen genug beſaß, die Helfer dazu zu dingen. Was ich that, war nichts als Nothwehr, denn ich wollte nur vergeſſen ſein, wollte nur mein einziges, geliebtes Kind ſchirmen vor den Stürmen, in denen ich geſtrandet.— Der Graf ſeufzte tief auf, denn ſeine Seele flog zu der verlaſſenen Conſtanze. Hören Sie meine Geſchichte, Graf, und nennen Sie dann noch den grauen Mann einen Eigenſinn, einen kal⸗ ten Menſchenfeind, ſo dulde ich die Ekelnamen ohne Murren.— Mein Vater war ein wohlhabender Mann, bürgerlicher Abkunft, und beſaß Häuſer und Grundſtücke im Königreiche***. Das Zuſammentreffen ſeltener Glückszufälle hatte ihn reich gemacht, die Begünſtigungen der Fortuna machten ihn dreiſt, der Geldbeſitz machte ihn begierig nach größern Gütern, und mit ſeltener Treue ſchirmte ihn die ungetreueſte aller Erdengöttinnen und ließ keine Spekulation ihres Günſtlings mißglücken, knüpfte an jeden ſeiner Wünſche eine neue Erfüllung. Schöne Landſchaften hatte er zuſammengekauft, nur ſeine niedrige Herkunft verbitterte ihm den Beſitz, zumal da ſein Nachſuchen um ein Adelsdiplom von dem Könige, der nichts ſo ſehr verachtete, als ſolche jämmerliche Eitel⸗ keit, trotz aller wiederholten Verſuche auf geraden und 350 Vogelſtellers aufnahm, und vor der die Aeſte des Bau⸗ mes ausgeſäget waren, fiel das Mondlicht herein und traf gerade auf des Grafen Geſicht, das recht bleich und von den Pflaſterſtreifen und Blutflecken entſtellt erſchien. Treu's Augen hingen lange auf dem Antlitz des Retters, der mit geſchloſſenen Wimpern an der Mooswand lehnte; leiſe und unwillkürlich legte er ſeine Hand dann auf die Hand des jungen Mannes, und nach und nach ver⸗ ſtärkte ſich der Druck derſelben, bis jener verwundert die Augen aufſchlug und ſeine Züge freundlicher und an⸗ muthiger wurden, wie er den Freundesblicken des Nach⸗ bars begegnete.— Ich bin Euch eine Erklärung ſchuldig, Graf! be⸗ gann Herr Treu; und mir ſcheint dieſer Augenblick beſonders dazu geeignet. Unruhe und Beſorgniſſe quã⸗ len uns, die Zeit ſchleicht in ſolcher Geſellſchaft; ein Blick in die Vergangenheit, in meine Vergangenheit, macht vielleicht der Gegenwart vergeſſen. Und über⸗ dem treibt mich eine innere Stimme dazu; denn wer ſagt uns, was die nächſte Stunde bringt? Der Schütz, der Eure Wange traf, könnte mit einer zweiten, ſiche⸗ ren Kugel mein Herz treffen, und ſeit heute müßte es mir leid ſein, von Euch zu ſcheiden, ohne daß Ihr die Urſache meines Handelns und meiner Grundſätze kenntet.— Lebhaft ſetzte ſich der Graf mehr aufrecht, und ent⸗ gegnete mit raſchem Druck den Druck der Freundeshand. Erzählen Sie, Vater! ſprach er mit Haſt. Nur gar ungewöhnliche Schickſale können in den Geiſt eines Man⸗ nes Ihrer Art ſolche Vorurtheile gepflanzt haben, die man ſonſt nur meinem Stande aufzubürden pflegt, die bei Ihnen als eine Wiedervergeltung oder als eine Rache ——— 352 krummen Wegen, ſtreng zurückgewieſen worden. Eine wahre Verzweiflung bemächtigte ſich des geldſtolzen Man⸗ nes, und er beſchäftigte ſich von da an nur mit der Auffindung eines Mittels, ſeine wahnſinnigen Wünſche wenigſtens dereinſt an ſeinem Sohne oder Enkel erfüllt zu ſehen. Die Zuſammenhaltung ſeines großen Reich⸗ thums ſchien ihm allein eine ſichere Baſis ſeiner Pläne darzubieten; ſo ſtiftete er mit allen möglichen Rechtsfor⸗ men ein bürgerliches Majorat, und ſetzte von ſeinen drei Söhnen nur den Aelteſten zum Erben ſeines Vermögens ein, die andern, in Rückſicht der beſtehenden Landesgeſetze, mit wenig mehr als dem Pflichttheil bedenkend. Ueber⸗ dem beſtimmte er die jüngern in der unväterlichſten Ab⸗ ſicht zum Militärſtande, da eine kriegeriſche Zeit waltete. Ich war der zweite Sohn, hatte eine gute Erziehung genoſſen und meine Schuljahre wohl benutzt; doch eine hohe Vorliebe für den älteſten und erſten Stand auf Erden, den des Landbebauers, trieb mich, als ich kaum den Knabenjahren entwachſen, auf den väterlichen Gü⸗ tern zu wirthſchaften, und mich von den erfahrenen Verwaltern derſelben in die Geheimniſſe der Gärtnerei und des Ackerbaues einweihen zu laſſen. Wie ein Don⸗ nerſchlag aus blauem Himmel erſchütterte mich der Be⸗ fehl des Vaters, von meinem Paradieſe zu ſcheiden und in einer Landſtadt bei einem Regimentschef mich zu mel⸗ den, wo ſchon Alles für meine Aufnahme bereitet wor⸗ den. Hatte ich doch nie mich mit dem Gedanken befreun⸗ den können, daß der Krieg ein nothwendiges Uebel ſei. Hatte ich doch als Knabe ſchon meine Lehrer gequält mit der Bitte um Auflöſung der Frage: Wie der Krieg in die Menſchheit gekommen, und wie es möglich ge⸗ worden, daß Menſchen freiwillig hinaus marſchiren 353 könnten in das Feld, andern Menſchen, die ſie nie zu⸗ vor geſehen, die ihnen nichts Leides gethan, gegen die ſie keinen Haß gehabt, kaltblütig das Leben zu rauben? — Ich eilte zu meinem Vater, ich bat, ich weinte, ich lag ihm zu Füßen, nichts half bei dem harten Manne; Vaterwort iſt ein ſchweres Wort, und es ſtieß mich in die Garniſon, es zwängte mich in den engen Soldaten⸗ rock, und zum erſten Male ſah ich einen Lebenstag ohne Licht, ſchwarz wie ewige Nacht und verſchloſſenes Grab. — Die Nothwendigkeit bezwang meine Qualen, Ge⸗ wohnheit erleichterte meine Laſt, aber mein der Frei⸗ heit, der ſchönſten in freier Natur, gewohnter Sinn rüttelte auch nach Jahren noch an den Stäben des Käfigs, dem eingefangenen Thier der Wälder gleich, das nimmer ſeine frühere Heimath vergißt.— Meine Kenntniſſe, mein Fleiß, mein ernſtes, ſittiges Benehmen verhalfen mir zu der Achtung meiner Vorgeſetzten, ich ſtieg durch die untern Stufen aufwärts, und da den Bürgerlichen der königliche Wille den Offizierrang in den übrigen Zweigen der Armee verſagte, ſo trat ich in die Artillerie und trug bald Epaulette und Schärpe des Commandirenden. Auch hier ſchien mir die Hausgöttin meines Vaters, die Fortuna, hold, und wollte den ent⸗ wandten Reichthum durch Ehre erſetzen. Ich avancirte ſchnell, empfing vom Munde des Königs ſelbſt bei einer Revue eine ſeltene Auszeichnung, ſah aber auch ſeitdem die hämiſchen Blicke des Neides und der Eiferſucht auf mich geheftet. Händelſüchtige Kameraden drängten ſich an mich, und hetzten mich mit Stachelreden, ermüdeten meine Geduld, bis ich Einem derſelben, es war der Sohn des Generals, den Spott, mit dem er meine Ab⸗ kunft geißelte, mich den Mönch hinter der Kanone, den Blumenhagen. VI. 23 354 Philoſoph mit jungfräulichem Degen, den Profeſſor im Küraß nannte, eine kräftige Zurechtweiſung erwiderte, was natürlicherweiſe eine Herausforderung zur Folge hatte. Nachdem ich abgekühlt und zur Beſinnung ge⸗ kommen, war mein Entſchluß auch raſch gefaßt. Ich wollte den Kameraden zeigen, daß Todesfurcht mir un⸗ bekannt ſei, doch zugleich ſollte des Gegners Leben mir heilig bleiben. In einem Wäldchen trafen wir uns; außer den Se⸗ kundanten hatte Neugier und Haß vielleicht ein Dutzend unſerer Waffenbrüder herbeigezogen. Man maß den Raum, wir ſtellten uns; es ſollten Beide zugleich auf Commando ſchießen. Als das Commandowort„Feuer“ befahl, ließ ich meine Piſtole ſinken, meines Gegners Ku⸗ gel riß mir den Hut vom Kopfe. Warum ſchoſſen Sie nicht? rief mein Gegner heftig. Sie wollten Blut für Wort, antwortete ich kalt, nehmen Sie ſich das Blut, ich werde es nicht weigern; aber ich möchte die Gewalt kennen, die mich zwingen könnte, einen Menſchenmord auf mich zu laden. Schießen Sie zum zweiten Male, Baron; Sie haben geſehen, daß ich Ihr Blei nicht fürchte.— Das iſt Verachtung, tobte der Baron. Ich ſchieße nicht eher, bis Sie losgedrückt, und Sie müſſen ſchießen, wenn Sie ein Mann von Ehre ſind.— Ich lä⸗ chelte und ſchüttelte den Kopf. Sie wollen Genugthuung, kann ich mehr thun, als ſie Ihnen bewilligen? Ich bin nicht blutdürſtig und habe keinen Grund Ihren Tod zu wünſchen.— Alles ſtürmte jetzt lärmend auf mich ein. Will er uns meiſtern? fragte der Eine. Wer unſere Ehrengeſetze verachtet, höhnet unſern Stand! ſchrie ein Zweiter. Er will ein Kanonier ſein, und verſteht nicht einmal ein Terzerol zu richten! ſpottete ein Dritter. Der 355 Sekundant des Barons jedoch, ein rieſenlanger Küraſſier⸗ kapitän, trat wüthend auf mich zu und ſprach mit glüh⸗ rothem Geſicht: Herr, Sie wollen die Offiziersſchärpe tragen, und haben noch nicht gelernt, was Duellcomment iſt? Sie haben durch die Verachtung meines Freundes auch mich, ja das ganze Corps beleidigt. Schießen Sie, oder, Mordelement! ich reiße Ihnen den Degen von der Seite und werfe Ihnen das Ding, das Sie nicht zu ge⸗ brauchen verſtehen, zerbrochen vor die Füße.— Gib nach, Warnetreu, bat mich da mein Sekundant, ein wackerer Huſarenhauptmann. Alte Geſetze muß man ehren, wohin Du ſchießen willſt, ſteht ja bei Dir!— So will ich ſchießen! antwortete ich, und der Baron und ſeine Begleiter nahmen ihre alten Plätze ein. Die Herren meinen, ich wüßte nicht mit dem Gewehr umzugehen, ſetzte ich hinzu, indem ich zielte. Freund Huſar, ſiehſt Du den Aſtknorren dort an der Eiche links hinter dem Baron? Gib Acht auf meine Kugel.— Aller Augen ſtarrten auf den angedeuteten Fleck, ich brannte los, die Nächſten eilten zum Baume, und rie⸗ fen: Bravo! Der Aftfleck iſt getroffen, doch die Kugel nicht drin.— Mit einem Angſtgeſchrei ſprang ich jedoch auf meinen Gegner zu, der zuſammengeſtürzt im Arme des Küraſſiers hing und die Todesfarbe ſchon auf den Wangen trug. Die Kugel war von dem harten Fleck zurückgeprallt, und hatte den Baron von hinten getroffen und ſeinen Rückgrat zerſchmettert. Der Ausſpruch des Regimentschirurgus verkündete nahen Tod. Alle, die ſo eben noch mich angefeindet hatten, zeigten jetzt die ängſt⸗ lichſte Sorge um meine Rettung; willenlos, betäubt von meinem grauſamen Schickſale ließ ich mich zur Stadt fortziehen; mein Huſar ſteckte mir meine Kaſſe in die 356 Taſchen, gab mir ſein Pferd, und hinaus ſprengte ich aus dem entgegengeſetzten Thore, von dem Gefühle eines vogelfreien Verbrechers faſt erdrückt, von dem Bewußt⸗ ſein, ein Mörder zu ſein, fortgegeißelt. Ich verwünſchte den Stand, den man mir aufgezwungen, verfluchte mein Schickſal, ich war der Verzweiflung, dem Selbſtmorde nahe, denn meine bürgerliche Natur vergönnte mir keine Entſchuldigung deſſen, was ich, wenn auch zufällig, gethan. Nach einer Pauſe, die er ſeinem bewegten Gemüthe hatte gönnen müſſen, fuhr Herr Treu fort: Lange irrte ich nach dieſem ſchwärzern Tage umher von Land zu Lande mit meinem Kainsgefühl. Da kam ich in Ihre Vater⸗ ſtadt, Graf. Meine Börſe war leer, ich mußte das Pferd meines Freundes verkaufen. Der Mangel trieb mich zur Arbeit, der Zufall warf mich in den Weg des Fürſten L..., des kaiſerlichen Geſandten an Ihrem Hofe, und er nahm mich in ſein Büreau. Meine Kenntniſſe, mein Fleiß blieben nicht ohne Anerkennung. Der Landesherr wurde aufmerkſam auf mich, man zog mich in die Re⸗ gierungskanzlei, und nach ſechs Jahren ſtand ich dem Throne Ihres Fürſten ſehr nahe, und durfte mich ohne Eitelkeit und Prahlſucht zu ſeinen Günſtlingen zählen, da ich mir bewußt war, dieſen Platz nur durch unermüdeten Dienſteifer, ſtrenge Rechtlichkeit und Liebe zu meinem neuen Vaterlande errungen zu haben. Der Menſch iſt leichtſinnig von Natur; auch ich hatte meine beiden ſchwarzen Tage vergeſſen und ſonnte mich behaglich im Glanze der Majeſtät. Durch meine Hochſtellung wuchs mein Ehrgeiz, mein Vertrauen auf mich ſelbſt; das ſchönſte Edelfräulein des Hofes hatte mein Herz gewonnen, meine Sinne berückt; ich wagte die Werbung, und der — 357 Geheimerath, wenn auch bürgerlich, ward nicht ver⸗ ſchmähet; ich feierte meinen Hochzeitstag mit den Träumen einer ungetrübten, glanzreichen Zukunft. Einige glückliche Jahre machten meine Träume wahr, meine Conſtanze ward mir geboren, das Ebenbild ihrer Mutter, mir ein neues ſchönes Pfand der gekehrten Gunſt des Schickſals. — Und ganz auf den glätteſten, höchſten Gipfel ihres Schwindelfelſens wollte die tückiſche Fortuna mich haben, damit der Thor trunken werden ſollte zu ſeinem Ver⸗ derben. Mein Vater ſtarb, mein jüngſter Bruder blieb im Felde, mein älteſter ſuchte nach des Vaters Tode Italiens verlockende Freuden und fand ſeinen Tod um einer ſüdlichen Goldfrucht willen, die ein eiferſüchtiger Dolch bewachte. Durch unſern Geſandten am Königs⸗ hofe reklamirte ich mein Erbe; meine Duellgeſchichte erſchien verjährt, ward beſeitigt, ausgeglichen, und ich durch die ausgelieferte Erbſchaft einer der reichſten Kron⸗ bedienten; mein Glück ſchien vollendet und ihm kein Zu⸗ wachs möglich, und wie ein Polykrates ſtand ich über⸗ müthig da, und kein Gaſtfreund warnte mich.— Um dieſe Zeit kam ein Mann an unſern Hof, den die ewigen Räthſel der unerforſchlichen Vorſehung zu dem böſen Dämon meines Lebens erkoren hatten. Er ſtammte aus der erſten Familie des Landes, und hatte als ein Würdeträger des Fürſtenthumes einen Geſandt⸗ ſchaftspoſten zu Paris bis dahin bekleidet. Seine Gat⸗ tin ſtarb in Frankreich, ſeinen Sohn hatte er dort ge⸗ laſſen. Wohlgebildet, mit einem impoſanten Aeußern von der Natur beſchenkt, durch den langjährigen Aufent⸗ halt in jener Weltſtadt eingeweihet in alle Geheimniſſe der großen Kunſt, ſich geltend und angenehm zu machen überall und bei den verſchiedenſten Menſchenklaſſen, wurde 358 ſein Uebergewicht in den Hofzirkeln gar bald bemerklich. Er faßte mich in's Auge und umſtrickte mich mit den feinen Seidennetzen der entgegenkommenden Freundlich⸗ keit, der geheuchelten Hochachtung, der ſchmeichelnden Vertraulichkeit. Man läugnet, daß der Menſch den Inſtinkt mit den Thieren theile, ja die menſchliche Ver⸗ nunft ſchämt ſich dieſes Vorzugs der Thiergeſchlechter; aber mein inneres Gefühl, als ich dieſen Mann zuerſt erblickte, widerſpricht jener Meinung, denn wie der junge Falk, der nie zuvor eine Giftſchlange geſehen, bei dem erſten Erblicken der Kreuzotter mit geſträubten Federn zurückflattert, ſo ſagte mir auch mein erſter Blick in des Grafen großes Auge und auf ſeinen immer lächelnden Mund: Nimm Dich in Acht! Dein Todfeind iſt Dir heute begegnet!— Und trotz der Annäherung zwiſchen uns, in die mich des Grafen Benehmen willenlos hin⸗ einriß, trotz des befreundeten Umgangs, der nach und nach ſich zwiſchen uns gebildet, wiederholte die geheime Stimme in mir, ſobald mir eine einſame Stunde zum Nachdenken Raum ließ, immerfort dieſe Warnung. Mit denſelben Zauberkünſten, mit denen der Graf meinen natürlichen Widerwillen beſiegt, wußte er auch den ſchon gealterten Fürſten zu umgarnen, und nicht lange, ſo grüßte ihn die Reſidenz als erſten Miniſter und als die rechte Hand des Landesherrn. Es wäre die grauſamſte Selbſtzerfleiſchung, wenn ich die ſchwarzen Tage, die nun folgten, in ihre Stunden zerlegen wollte, und das Grauſenvolle, was ſie mir brachten, ſtückweiſe aus dem düſtern Grabe der Ver⸗ gangenheit hervorzuziehen mich bemühen möchte. Der Miniſter ſchien mich in ſeiner Gunſt immer höher zu ſtellen; ich und meine Gattin fehlten bei keinem ſeiner 359 zahlloſen berauſchenden Feſte; aber nur zu bald merkte ich, daß die Geſellſchaft, nicht er, eine andere Weiſe gegen mich übte. Herabſetzung bürgerlicher Abkunft wurde ein Lieblingsthema der Zirkel, und ſelbſt mein Ehegemahl ſchien mir verändert, ſchien mit jedem Tage erkälteter und verſchloſſener gegen mich zu werden. Hin⸗ weg von dieſem Bilde! Der Miniſter verführte meine Euſtaſia, und als ich tobte, in Rache glühete, entfloh die Mutter meiner Conſtanze aus meinem Hauſe, fand ein Aſyl bei ihren hochadeligen Vettern, einen Schirm⸗ herrn in dem Verführer, und ſchrieb mir ein Scheideblatt in dem Tone der ſchneidendſten, unmenſchlichſten Verach⸗ tung, worin ſie die Stunde verfluchte, in der ſie mit dem unedlen Abenteurer zum Altare getreten, worin ſie mich anklagte, ihren jugendlichen Leichtſinn räuberiſch benutzt zu haben, worin ſie das ſchändende Bündniß mit mir zerriſſen erklärte für ewig. Ich wüthete wie ein Wahnſinniger, ich wollte am Throne des gerechten Fürſten die mir ſo oft geſchenkte Gnade aufrufen, mir meine Rechte zu ſchützen, die Räuber meines Glückes zu züch⸗ tigen. Aber längſt zuvorgekommen war mir das edle Heer meiner hochgeborenen Gegner. Man beſchuldigte mich der höchſten Verbrechen gegen den Fürſten und den Staat; Veruntreuung wichtiger Staatsgeheimniſſe, Be⸗ trügerei, Unterſchleif, Beſtechlichkeit, boshafte Benutzung des fürſtlichen Vertrauens in Bezug auf benachbarte Höfe, ſo klangen die Anklagen der Feinde, und meine eigenen Schreiber und meine Diener hatte man zu Zeugen gegen mich geſtempelt. Oeffentlich ſchwur ich dem Grafen mit einem gräßlichen Eide den Tod von meiner Hand, und dieſer Schwur, den der Ewige nicht gehört haben mag, beſchleunigte mein Schickſal. Meine Verhaftung war 360 befohlen, das Reitercommando, die Karoſſe ſchon beſtellt, die mich nach einer Bergfeſtung bringen, mich ewiger Vergeſſenheit übergeben ſollte, da erhielt ich eine War⸗ nung durch den vertrauteſten Adjutanten des jungen Kron⸗ prinzen, raffte mein Geld, meine Kleinodien zuſammen, nahm mein Kind auf den Arm, und flüchtete aus der Reſidenz und über die Grenzen, kein Bettler, aber doch der Aermſte aller Menſchen, denn das Vertrauen auf menſchliche Tugend hatte ſich in Menſchenhaß und Men⸗ ſchenverachtung verwandelt, das Vertrauen auf die Va⸗ tergüte und Gerechtigkeit des Herrn der Welten war ſchwankend geworden und Zweifel verdüſterten den Glau⸗ ben, der allein des Unglücklichen und Verfolgten Troſt zu bleiben vermag.— Weiter! Vater, Du gemißhandelter Mann! ſiel mit Heftigkeit der Thornecker ein, als Herr Treu eine Pauſe machte. Bring Deine Geſchichte zu Ende! Sie muß zu Ende ſein, denn ärger dürfen ſie es doch nicht getrieben haben.— Ich flüchtete gen Norden, nach einander in zwei ſo⸗ genannten freien Städten Schutz und Friede ſuchend, fuhr der Alte fort, aber der Haß der Großen iſt uner⸗ ſättlich und die Furcht mochte die Schuldigen ſpornen. Spione umringten mich; nur mein ſcharfer Blick, ſchärfte ihn doch die Sorge um mein letztes Gut, mein ſchuld⸗ loſes, liebes Kind, entriß mich zwei Male der drohenden Gefahr, in der Feinde Hände zu fallen. So ſchiffte ich zuletzt mich ein an der Nordküſte, ſtatt aber die vorge⸗ gebene Reiſeroute nach England fortzuſetzen, tauſchte ich auf dem Felſen Helgoland das Schiff, und fuhr nach Holland, kam von da in dieſer unſcheinbaren Maske hie⸗ her, wo ich gerade der Nähe wegen nicht geſucht zu 361 werden vermuthen durfte. Das iſt die Geſchichte meiner ſchwarzen Tage, das iſt der Dornenacker, auf dem die Grundſätze keimten und wuchſen, welche die Welt Eigen⸗ ſinn, Vorurtheil, Menſchenhaß und Verrücktheit ſchalt. Mein Kind und mich wollte ich bewahren vor den Gift⸗ zähnen, die mich gebiſſen. Aber der Fluch, welcher den unvorſätzlichen Mörder verfolgte, iſt noch nicht geſühnt. Wiederum rief der unſichtbare Richter den flüchtigen Kain an, ſo tief er ſich verſteckt hielt, und mit Grauen ſehe ich dem Morgen entgegen, der mich zu meinem verlaſſenen Kinde ziehen, mich in die Hände meines Erzfeindes treiben muß.— Und dieſer Erzfeind? fragte Thorneck. Wer war er? — Doch nein! Nennen Sie mir ihn nicht, ich kenne ihn, ich hörte von der Geſchichte, freilich ganz anders; dieſer Erzfeind? Treu, ja ich kann nicht zweifeln, es war mein Vater?— Der Alte antwortete nicht, aber er drückte krampfhaft die Hand des jungen Mannes, die ſich zitternd auf ſeine Rechte gelegt. Entſetzlich! rief der Graf. Darum nahmen Sie nur mich auf in Ihr Haus. Sie wollten edelmüthig beweiſen, daß Sie des Vaters Schuld nicht im Sohne haßten.— Herr Treu ſchüttelte ſein greiſes Haupt. Nein, nein, ſagte er finſter und wie in ſich hinein. Rachegedanken umgaukelten mich mit Furientänzen, als mir der furcht⸗ bare Name erklang. Ich ſann auf eine Vergeltung ſo einziger Art, wie die Beleidigung des Verfolgers gewe⸗ ſen. Aber ich fiel in die eigene Wolfsgrube. O mein Kind, mein armes Kind!— Dieſe Jammertöne, die wie gebrochene Sterbelaute aus dem Herzen des Vaters herauf erklangen, vollendeten 362 die tiefe Wirkung, welche dieſe ſeltſame Unterhaltung im engen Verſteck auf den Grafen gemacht. Du ſollſt nicht jammern um ſie, Vater! ſprach er erhitzt. Die Schuld meines Vaters hat mich mit ſchwerer Pflicht beladen, und der rechtſchaffene Sohn tilgt ſolche Schuld und ſollte er ein Bettler werden darum. Höre, was ich Dir ſchwöre bei der Ehre meines Stammes und bei meinem Wappen, doch nein! daran glaubſt Du ja nicht; was ich Dir ſchwöre bei dem Richter der Todten! Dein Leben iſt von heute an das meine, meines Vaters Hen⸗ ker müſſen mich vor Dir tödten. Der Fürſt iſt alters⸗ ſchwach, aber gerecht; der Erbprinz liebt und achtet mich. Mein Vater wird nicht in den Kampf treten mit dem einzigen Sohne, ich werde kindlich ſeiner ſchonen, aber ihm den Spiegel ſeiner Thaten nicht verdecken. Doch kann ich Dich nicht rein machen vor der ganzen Welt, Vater meiner Conſtanze, bin ich zu ſchwach gegen die Rotten Deiner Feinde, ſo entſage ich meiner Geburt, meiner Zukunft und Allem, was ſie verſprach, Dein Sohn will ich dann ſein, namenlos, aber in Frieden glücklich mit Dir, ſei es in Arabiens Steppen oder Columbia's Urwäldern, das ſchwöre ich Dir bei dem unerbittlichen Richter der Auferſtandenen.— Es gibt eine Vergeltung! ſagte Herr Treu dumpf vor ſich hin. Sein einziger Sohn fällt ab von ihm und liegt an des Geächteten ſchlechter Bruſt. Aber Du ver⸗ ſprichſt zu viel, junger Menſch, meine Augen ſehen küh⸗ ler in die Ferne, und das Erfüllen wird Dir ſchwer werden.— Was kann der Wille nicht in feſſelloſer Menſchenbruſt! rief der Graf. Aber was Du in meine Seele geworfen, glüht wie hölliſcher Brand, und es duldet mich nicht 363 länger in dieſem dumpfen Käfig. Bleibe hier, Vater, bis Du Nachricht bekommſt von mir; wage Dich nicht von dieſem Baume, bis meine Stimme Dich ruft. Ich muß hinab, muß Nachricht ſuchen, und ich wage ja nichts dabei, denn ſelbſt der tolle Major wird des all⸗ gewaltigen Miniſters Sohn anzutaſten nicht dreiſt ge⸗ nug ſein.— Innig und kindlich legte er ſich nochmals an des Alten Bruſt, preßte einen feſten Kuß auf des Vaters Mund, ließ ihm Gewehr und Jagdranzen, und ſtieg hinab in des düſtern Waldes heimliche Dickung. Herr Treu hatte vom Eingange des Hüttchens dem Gefährten nachgeſehen, hatte ihm nachgeflüſtert: Grüße Conſtanze!— Dann ſetzte er ſich auf die weiche Bank, und ſtarrte in das Mondlicht, und die Geiſter ſeiner entſchwundenen Tage ſtiegen vor ihm auf, und in dem Rauſchen der Tannenäſte vernahm er bekannte Stimmen, und unheimliche Schauer vermehrten den Froſt der rau⸗ hen Nacht, der ihn ſchüttelte. Er hüllte ſich dichter ein und ſchmiegte ſich in ſich zuſammen und drückte die Augen zu. Der Mond ſtieg langſam weiter und verbarg ſich hinter den dichtern Baumgruppen; dunkeler ward es in dem Verſteck; die Erſchöpfung durch die heftigen Auftritte dieſes Abends, durch den Fluchtmarſch zum Walde, durch die Erzählung ſelbſt hervorgerufen, nahm immer fühlbarer an Leib und Seele zu, der aromatiſche Moosdunſt betäubte die Sinne, und der Flüchtige, der Verfolgte entſchlummerte, und ſein Schlaf wurde ſo feſt und ruhig, wie er ihn ſeit lange nicht im warmen und ſichern Polſterbett genoſſen. 364 Herr Treu erſchrack, als er erwachte und das volle Tageslicht durch die Oeffnung der Hütte ihn anſtrahlte. Er ſchaute hinaus; alles lag in friedlicher Waldſtille, nur ein paar Seidenſchwänzchen wiegten ſich auf dem nächſten Tannengeſträuch, und eine Blaumeiſe flatterte von Stamm zu Stamm und fing die im Sonnenſtrahl neu erwachten Fliegen. Der Kundige beachtete den Son⸗ nenſtand, und erſah, daß es bereits über Mittag ſei. Er ſtärkte den fordernden Magen und ſtieg dann hin⸗ aus zwiſchen die mächtigen Zweige, immer von dem Gedanken beläſtigt: Warum der Graf nicht zurückge⸗ kehrt? Warum der Graf ihn vergeſſen?— Der Baum ſtand auf einer der höchſten Regionen der Holzung, er ragte als ein Ahnherr des ganzen Wal⸗ des weit über alle ſeine Nachkommen hervor. Der Herbſt hatte ihn bereits gelichtet, und ſo gewann der forſchende Kletterer bald einen Platz, von wo er eine freie Aus⸗ ſicht auf die Thäler hatte, ja die Hügel unterſcheiden konnte, die ſein liebes Haus umgaben. Aber waren das noch nächtige Nebelballen, die ſich über dem Thale be⸗ wegten und himmelan wirbelten? Nein, der Tag war längſt zu weit vorgeſchritten. So waren es Dampfwol⸗ ken, Brand in ſeinem Eigenthume; zugleich glaubte ſein Ohr Flintenſchüſſe zu vernehmen, und der Nordoſt trug ihm verworrenes Geſchrei herüber. Entſetzt, ſeiner Con⸗ ſtanze gedenkend, kletterte er zurück, warf Terzerol, Ran⸗ zen, Weidmeſſer hinunter, und ſtieg mit Jünglingseile den gefährlichen Pfad am Baumſtamme hinab. Obgleich im Walde unbekannt, fand er doch die Spur der Nacht⸗ wanderung am niedergetretenen Waldkraute und zerbro⸗ chenen Buſch, und nur mit der einen Idee, daß ſein Kind in Gefahr ſei, beſchäftigt, vergaß er die eigene 365 Sicherheit und gelangte bald zu dem Jägerhäuschen am Rande des Waldes. Die Thür fand er unverſchloſſen, doch weder den Grafen noch den Diener daheim. Auch ohne ſie wollte er aufbrechen nach ſeinem lieben Thale, da hörte er Geräuſch im Unterbuſch, eine Menſchengeſtalt entwickelte ſich aus dem Geſtrüpp, und der Zollwächter Roſt ſchwankte auf ſeinem Stelzfuße heran. Sie ſchon hier, Gnaden? fragte der getreue Einbein mit Staunen. Bin ich auch eine Trauerpoſt, ſo iſt doch Glück dabei, denn der Herr Graf hießen mich Courier hinken zum Förſter, der Sie ſuchen ſollte im Vogelhütt⸗ chen, und Ihnen eine treue Sauvegarde ſein.— Und was gibts bei uns, und wo blieb der Graf? fragte der Thalherr mit Ungeſtüm.— Böſe Geſchichten! ſtotterte der athemloſe Bote, indem er ſich auf den Grasboden niedergleiten ließ und die er⸗ lahmten Glieder von ſich ſtreckte. Der vereitelte Arreſt von geſtern iſt nur eine Kurzweil dagegen.— Haben ſie Rache genommen, mein Haus eingeäſchert, mein Kind mißhandelt? O bewege Deine Zunge gelen⸗ kiger, Du alte Kriegsgurgel! Du ſiehſt ja, wie die Angſt mir faſt das Herz abſtößt! rief Herr Treu.— Gnaden ſchießt zu hoch! entgegnete der Invalide. Der Herr Major tobte zwar gewaltiglich, ließen tüchtige Püffe unter den armen Winzern austheilen, warfen ſich auf's Pferd, und trabte in dem ganzen Gau umher, kamen jedoch ganz artig wieder zurück, waren ganz charmant gegen das Fräulein, obgleich ſie äußerten, Quartier ma⸗ chen zu wollen in Herrn Treu's Schlößchen, bis der Hausherr heimgekommen. Mit dem Wollen dauerte es indeß nicht gar lange. Unvermuthet fiel die Nachteule auf den Falken, der ſich ins fremde Neſt geſetzt. Die 366 überrheiniſchen Bauern, wie Gnaden wiſſen, lange ſchon im completen Aufſtande, hatten das Schießen und den Tumult gehört, glaubten, unſere Winzer hätten gethan wie ſie, und da ſolche Raubvögel keine Gelegenheit ver⸗ ſäumen, wo es im Trüben zu ſiſchen gilt, ſo ſetzten einige Hundert im Dunkel auf der Fähre und hier in der Nachbarſchaft und auf den weggekaperten Fiſcher⸗ kähnen über den Strom, und fielen mit ihrem Mord⸗ geheul, einer gar miſerabeln Muſik, gerade in unſere Thäler. Mein Zollhäuschen ging zuerſt in Brand auf, und wäre ich daheim geweſen, hätten ſie mir vielleicht gar das hölzerne Bein unter dem Leibe mit weggebrannt; dann fielen ſie den Rohrbergs ins Schloß und zündeten an, und der Satan weiß, wie ſie's machen, will unſer Einer einmal Nachts die Lampe anzünden, eine Viertel⸗ ſtunde ſchlägt man und der Zunder fängt nicht. Wirft ſo ein Hexenmeiſter ſein Endchen Schwamm in ein Stein⸗ haus, hui! iſt Alles Glut, als könnten ſie Holz und Mauerwerk in Pech und Oel verwandeln.— Aber ich bitte Dich, was geſchah bei mir? fuhr Herr Treu wild auf. Willſt Du mich durch Deine bequeme Erzählweiſe um den Verſtand bringen?— Bei uns? fuhr der Stelzfuß fort. Ja wohl, wir ka⸗ men gegen Mitternacht an die Reihe. Der Major hatte einige Sergeanten auf Kundvſchaft abgeſchickt, und als er wußte, welche Feinde er vor ſich hatte, ſandte er die Reiter zu den nächſten Städten, unſer Militär flugs heran zu fordern. Aber die verdammten Meuterer mit ihren Miſtgabeln und Piken hielten Vorhand. Wie der Blitz waren ſie da, ſteckten den Schoppen am Garten in Brand, und als der Major Feuer geben ließ, fuhr der Teufel in die Lumpenkerls; ſie nahmen im Sturm⸗ 367 lauf das Haus, und die Schützen mit ihrem Comman⸗ danten durften ſich freuen, die Retirade zur Hinterthür hinaus glücklich vollführt zu haben. Die Feinde ſaßen jetzt mitten im Kaſtel, ſpektakelten anfangs gewaltig; doch das Fräulein benahm ſich wie der beſte Feldherr, trat mitten unter ſie, freilich von mir und einem halben Dutzend Winzerburſchen als Garde bedient, und da die Aufwiegler hörten, das Haus ſei kein Edelhof, ließen ſie den Hausherrn hoch leben, ſchmauſeten und ſoffen jedoch kannibaliſch, tranken Brüderſchaft mit den Winzern und ſchwuren, ſie zu lauter Gutsherrn zu machen, wie ſie ſelbſt ſeit Kurzem geworden.— Und meine Tochter? fiel Herr Treu ihm ins Wort.— Sie ſpielte mit unvergleichlicher Courage die Wir⸗ thin, antwortete Roſt; nicht einmal blaß war ſie ge⸗ worden, und das Volk trat ihr ehrfurchtsvoll aus dem Wege, bis auf zwei junge, lange Burſchen mit ſchwar⸗ zen Judenbärten, die gar oft verdächtige Blicke auf ſie warfen. Mir grauete jedoch vor dem Ende, denn die Nacht ſchien mir länger als alle vorigen, und als es zu dämmern begann, ſtahl ich mich hinauf auf die Höhe und ſchauete mich um, ob die Hülfe nicht endlich ſich nahen wollte. Die Hoffnung hatte mich nicht getäuſcht, blanke Bajonette blitzten durch die Rebſtangen, und ehe ich mich beſonnen, ſtand links der Herr Graf und hielt rechts der Herr Major auf ſeinem Rappen neben mir, und fragten und forderten Rapport. Doch die da drinnen waren auch nicht dumm geweſen, und hatten auch ihre Vorpoſten geſtellt. Mit einem Wuthgeſchrei, das weiter ſchallte als die Trommeln und Trompeten einer ganzen Diviſion, fielen ſie heraus, und in ſchwarze Colonnen formirt rückte das Lumpengeſindel im Sturmmarſch an, 368 als hätten ſie Höllenfeuer ſtatt Courage im Leibe, und der Satanas ſelbſt habe ihnen das Kriegswerk gelehrt. Unſere Musketiere ſchoſſen brav, aber auch unſere Weiß⸗ röcke hatten daſſelbe Schickſal wie die fremden Grünröcke in voriger Nacht, und mußten ſich in die Weinberge ziehen, um nicht überlaufen zu werden von der rebelli⸗ ſchen Ochſenheerde. Da ſah mein gutes Auge mitten durch den Pulverdampf vor dem Hauptquartiere eine Marodeur⸗Geſchichte, welche mir wie ein Bajonettſtich in's Herz fuhr. Die beiden Schwarzbärte, die mir ſchon in der Nacht die Erzſpitzbuben geſchienen, hatten nicht aus Fechten, ſondern an ſich gedacht. Der Eine zog das beſte Paar Pferde ans Thor und warf einen ſchwe⸗ ren Sack hinauf, der Andere ſchleifte das arme Fräu⸗ lein herbei, hob's dem Erſten auf den Sattel des Brau⸗ nen, ſetzte ſich dann mit Diebeseile hinter den Sack, der ſicherlich alles Silber im Hauſe barg, auf den Schim⸗ mel, und fort trabten ſie nach dem Strome zu. Herr Treu that einen Angſtſchrei, ließ das Terzerol fallen und ſtand wie ein Marmorbild.— Es war ein Jammeranblick, erzählte der Stelzfuß ohne Unterbrechung, wie das Fräulein ſich wehrte in den Armen des beſtialiſchen Kerls, und ſchrie, daß man es durch das Flintengeknatter hörte. Doch die Buſchklepper nahmen ihren Weg um das Getümmel herum über die Wieſe, und kamen ſo dicht an dem Hü⸗ gel, wo wir ſtanden, und ich längſt die beiden Herrn auf die Schurken aufmerkſam gemacht, vorbei. Der Graf, der eine Büchſe vom Hauſe mitgebracht, ſtürzte ſich ſogleich auf die Wieſe hinunter, legte an, und mit dem Knall lag auch der Vorderſte ſammt ſeinem ge⸗ ſtohlenen Sack im Graſe, doch ſeine S ben* — 369 Schimmel am Zaume feſt, ſo hoch das Thier ſich bockte und mit allen Hufen ſchlug.⸗Der Andere, der den Ma⸗ jor im Karriere auf ſich einſprengen ſah, riß den Brau⸗ nen herum und trieb das Thier im geſtreckten Laufe den entgegengeſetzten Weg nach meinem Schlagbaume hin⸗ unter. Ich hatte auch nicht müßig geſtanden und war dem Grafen nachgehumpelt, ſo ſchnell es ging. Ich traf ihn, wie er mit der Kolbe dem geſtürzten Gauner den Kopf einſtieß, den Schimmel haſchte und ſich hinauf⸗ ſchwang. Da rief er mir die Ordre zu, die mich hieher commandirt, und dorthin flog er dem Räuber mit dem Fräulein und dem Major nach, die jedoch ſchon einen ziemlichen Vorſprung gewonnen.— Herr Zebaoth, Dein Zorn iſt fürchterlich und ohne Ende! rief Herr Treu, aus ſeinem Starrfinn erwachend, ſo wie der Schreckensbote zu reden aufhörte, und warf einen wilden, irren Verzweiflungsblick zu dem Himmel empor, dann griff er das Gewehr auf und ſprach düſter: Willſt Du mit, Roſt, wenn auch gerade in den Tod hinein?— Meinetwegen! antwortete der Invalide, indem er ſich vom Boden aufquälte; Gnaden haben mir aus dem Bettelrocke geholfen, wie ſollte ich denn mich aus der Schußweite machen, wenn's gilt um Ihr Gut. Aber be⸗ denken Sie auch, was dieſe Nacht geſchah? Die Grün⸗ röcke ſind noch in der Nähe, und wir werden doch nicht mit den Ueberrheiniſchen Kameradſchaft machen wollen, gegen Herrn uhd Obrigkeit?— Wo ich gehe, geht die Ehre mit mir! entgegnete Herr Treu. Wie kann von mir die Rede ſein, da mir des Lebens letzter Schatz genommen, und darum mein Leben ohne Preis iſt? Zu ihr muß ich, ſie noch einmal ſehen und an ihrer Leiche ſterben.— Blumenhagen. VI, 24 370 Raſch ſchritt er fort, und der Stelzfuß mühete ſich, ihm nachzufolgen. Deutlicher wurde der Tumult, jemehr die Eilenden vom Walde ſich entfernten. Auf mehren Seiten ſtiegen Rauchſäulen auf, den Mordbrand verkündend, doch ſchien die mächtige Horde der Plünderer auseinander geſprengt, da das Gewehrfeuer, der Pulverdampf, das Kampfge⸗ ſchrei ſich auf verſchiedene Stellen vertheilt hatten, und an mehren Orten die geordneten Reihen der Fußſoldaten ſichtbar wurden. Herr Treu und ſein Begleiter ſahen ſich durch die geſchlängelten Fußſteige aufgehalten, und als der Pfad jetzt über eine Höhe lief, feſſelte ihren Fuß eine Scene ſo ſeltſam als bedeutend. Zwiſchen zwei Weinbergen, die einen breiten Thalweg bildeten, ſahen ſie plötzlich die Hauptmacht der rebelliſchen Bauern aufmarſchirt im bunteſten Gedräng, und ihnen gegen⸗ über mehre Schwadronen Dragoner in ſchimmernder Linie. Die Bauern ſpotteten, lachten, dräueten, und ihre Anführer ſchwenkten die rothen Mützen auf den Spitzen ihrer Piken herausfordernd den Reitern entgegen. Der Oberſt der Dragoner, ein ältlicher aber ſtattlicher Krieger, ritt dicht an die Lärmenden heran und forderte ſie auf, Pardon zu nehmen und die Waffen niederzu⸗ legen. Höhnendes Gebrüll, geſchwungene Knittel und zwei Schüſſe antworteten ihm. Da klang ſein Com⸗ mandoruf, und heran raſſelte im ſchlanken Trabe die Reitermaſſe mit geſchwungenen Stahlklingen, und das lächerlichſte Schauſpiel folgte dem ernſten Eingange. Kaum itraf das Reiterchoc die erſte Linie der Bauern und warf ſie nieder, ſo flüchteten die Entfernteſten 371 bergauf, und was nicht aus dem Gewühl zu fliehen vermochte, lag im Knie oder auf dem Bauch und ließ die Geſchwader über ſich wegſetzen unter dem allge⸗ meinſten Wehgeheul. Die Dragoner gebrauchten keine tödtliche Waffe, aber rechts und links theilten ſie flache Hiebe aus, und nachdem ſie ſich wieder geordnet, hiel⸗ ten ſie ein Schlachtfeld umſchloſſen, das dicht mit ent⸗ ſchaarten lebendigen Leichen bedeckt worden, die nach Pardon jammerten und die waffenloſen Hände bittend emporſtreckten. Der Oberſt ließ nur einige der Anfüh⸗ rer binden und an die Steigbügel der Dragoner feſſeln, die Uebrigen mußten ſich paarweiſe ordnen, und ſo ging zwiſchen den Dragonerreihen der ſonderbare Siegeszug zurück zur Ebene. Roſt hatte mit Bravorufen und Händegeklatſch den ſchnellen Sieg begrüßt; Herr Treu jedoch hatte ernſt hinabgeblickt, und ſetzte nun, mit ſichtlichem Schauder ſeiner ſelbſt gedenkend, den Marſch zu ſeinem Eigen⸗ thume fort. Ueberall hatten die braven Truppen geſiegt, und die fremde Heuſchreckenhorde niedergetreten; im Thale, am Gehöft, im Hauſe wimmelte es von ſchützenden Solda⸗ ten, und gefangenes Bauernvolk lag zwiſchen ihnen in bleichen, wimmernden Haufen; doch der kehrende Haus⸗ herr ſchien keine Augen für ſie zu haben, ſein feſter Schritt ging zu den Stallgebäuden, ſelbſt ſchirrte er das Pferd an und zog es heraus, ſeine Conſtanze zu ſuchen. Da zog ein Jubelgeſchrei ſeinen Blick zum Hauſe. Es war der getreue Roſt, der ſeine ſchwarze Poſt durch eine lichte Freudenbotſchaft gut zu machen ſich beeilte. Sie iſt wieder da! rief er mit Poſaunentönen. Sie haben das Fräulein. Der Graf hat ſie mitgebracht und 372 der Major hat den Schwarzbart erwiſcht, hergeſchleppt am Schweife ſeines Rappen, daß der großmäulige Kerl ausſieht wie ein Mühlenſchwein, das alle Sümpfe durch⸗ gewälzt.— Herr Treu ließ das Pferd, ſeine Augen leuchteten, und er taumelte in das Haus, der Wahrheit kaum Glau⸗ ben ſchenkend. Im Lehnſeſſel fand er die Tochter, bleich aber wohlbehalten, die Arme nach ihm ausſtreckend, und mit unartikulirten Freudentönen den Vater an ihren Buſen preſſend, wie auf nimmer wieder von ſich laſſen. Der Graf legte mit einem unausſprechlichen Wonnege⸗ fühl, das ſelbſt ſein von der Wunde entſtelltes Geſicht mit einer Engelslieblichkeit überſtrahlte, ſeine Arme um die in ihrem Glück Verſunkenen; das von Siegstriumph glühende Antlitz des kräftigen Majors überzog jedoch eine Finſterniß, als er Herrn Treu anſichtig ward, und er wandte ſich mit einem faſt ſchmerzlich ſcheinenden Zu⸗ cken der Mundwinkel von der Gruppe ab, die er ſelbſt mit ſeiner tapfern Hand theilweiſe geſchaffen. Die Erde hatte ſich einmal um ihre Achſe gedrehet, und Alles erſchien im Rheinthale anders geſtaltet. Die Unruhe der Zwietracht war verſchwunden, Friede und Sicherheit waren zurückgekehrt.— Ehe noch der kurze verhängnißvolle Herbſttag vollen⸗ det, bemühete ſich der entſchloſſene Dragoneroberſt, dem ſein Fürſt das Commando gegen die Plünderer ver⸗ trauet, alle Spuren ihrer Gräuel zu verwiſchen. Die Gebliebenen wurden zur Erde beſtattet, die Häupter der Anführer, mit ihnen auch der ſchwarzbärtige Neſſus, mit Stricken gebunden, in Begleitung der Infanterie 373 zur Hauptſtadt geſchickt. Der Reſt der Gefangenen, nachdem man ihnen ihre ſonderbaren mißbrauchten Arma⸗ turen abgenommen, trieben die Dragoner, einer Vieh⸗ heerde gleich, an den Strom, und beſorgten dort ihre Ueberfahrt in die Heimath. Nur die dampfenden Brand⸗ ruinen konnte der brave Oberſt nicht fortzaubern und die Thränen der Winzerinnen nicht ſtillen, welche im Nacht⸗ tumult ihre Männer und Söhne verloren hatten. Auch das Haus im Thale war von den unerwarteten Bacchanalien gereinigt worden, und Herr Treu ſaß mit dem Grafen Thorneck allein im Speiſeſaale, den heimi⸗ ſchen Oberſt und den fremden Major erwartend, der viere von ſeinen grünen Schützen, wie zum Schirmen des Hauſes, bei ſich behalten hatte. Conſtanze, unwohl von den erlebten Schreckniſſen, hütete das Bett in ihrem Zimmer.—— Der Major trat ein, warf Federhut und Pallaſch zur Seite, und grüßte die Harrenden mit einer Miene, in welcher Ernſt und Humor zu kämpfen ſchienen.— Nun mein Herr Regierungsrath Warnetreu, ſagte er, mit zuſammengeſchlagenen Armen ſich vor den Haus⸗ wirth pflanzend, wie ſtehts um Ihre wunderlichen Vor⸗ urtheile, die Sie gleichſam ihren Zeitgenoſſen zum Poſſen als umgekehrte Welt, wo der Ochs den Schlachter ſchlachtet, und der Bock den Gärtner ſpielet, bisher vor⸗ exercirt?— Ein altadeliger Junker hat Sie ſelbſt ſal⸗ virt, und außerdem Euer ſchönes Töchterlein aus den beſtialiſchen Klauen errettet, denn mein Rapp machte mit mir auf dem glatten Boden einen hölliſchen Salto⸗ mortale, und wäre unſer Prinz da auf dem Schimmel nicht herbeigeflogen, wie ein Stoßgeier vor dem Winde, der Uhu dürfte mit dem Täubchen in alle Welt gegangen 374 ſein, und wir hätten Jahre lang umſonſt ſein Neſt in den Ruinen des Rheinufers ſuchen mögen. Es gehört zu ſo etwas doch wohl ein ritterlicher Sinn, der nicht Jedem angeboren. Und wie iſt's mit dem Soldatenhaß? Was würde am vorigen Mittage aus dieſem ſchönen Gau geworden ſein, wären die braven Dragoner nicht zur Stelle geweſen, und hätten Blut und Leben dran geſetzt, jenen ſinnloſen Trunkenbolden, welche die Moſis⸗ tafeln zerſchlagen hatten, mit ihren Klingen das Geſetz auf die Schultern zu ſchreiben?— Nichts davon in dieſem Augenblicke! fiel der Graf veſorgt ein, indem er wie bittend dem Major entgegen trat. Du ſiehſt, unſer Wirth iſt noch erſchüttert vom vielfachen Gemüthsſturme, und wahrlich, er iſt der Schonung würdig.— Er iſt ein Kranker geweſen, entgegnete der Major barſch, und Gott ſelbſt hat an ihm die Kur übernom⸗ men. Nicht wahr, mein Herr, Sie ſind geneſen; und wenn dieſe Lektion nicht alle Spinnenneſter rein aus Ihrem Gehirn fegte, auf Ehre, dann verdienten Sie nicht einen Mann, wie meinen Adolphus da, zum Ver⸗ theidiger und Sekundanten zu haben. Eine gar abſon⸗ derliche Species der närriſchen Käuze, welche die Erde trägt, werden Sie jedoch mir immerdar verbleiben. Sie wollen ein Landmann, ein Gärtner ſein. Vergeſſen Sie denn, daß nicht alle Bäume Aépfel tragen, daß die Eiche in ihrer Frucht ein ſchlechtes Gericht gibt, höch⸗ ſtens einen Weiberkaffee in der Hungerszeit, dagegen derbes Holz zu Mühlwellen und Schiffskielen; daß der Herrgott freilich im unſcheinbaren Roggengras ſein größ⸗ tes Brodmagazin wachſen läßt, doch auch die Ananas ſchuf und die goldene Orange. Herr, wollten wir Alle 375 hinter dem Pfluge hergehen, würde die Welt nicht we⸗ niger kurios ſich geſtalten, als wenn wir Alle nichts thun wollten, als fechten lernen oder hinter dem Dinten⸗ faß Thaten in Worte überſetzen. Laßt uns die Stände in Ehren halten, jeden an ſeinem Flatze und zwiſchen ſeinen Grenzen; ohne eine neue Sündflut kann die Welt keinen entbehren, und nur ein Robinſon Eruſoe darf ſich die traurig⸗langweilige Erlaubniß nehmen, Fürſt, Edelmann, Soldat, Bürger und Bauer, ja auch Weib und Mann ſein zu wollen in einer Perſon. Herr, die Hand her; nicht wahr, der Staar iſt Ihnen geſtochen für immer?— Herr Treu reichte die Hand, und in ſeinem bleichen Geſicht ſpiegelte ſich das Dankgefühl ab, welches in die⸗ ſem Augenblicke das einzige klare Empfinden in ſeinem Gemüthe war. Wüßteſt Du die Geſchichte dieſes Mannes, Bügel, verſetzte der Graf innerlich bewegt, Du würdeſt ſeine Wunden ſchonen und ihn achten wie ich.— Still, Freundchen! ſagte der Maior, düſter werdend. Du erinnerſt mich da zu früh an mein Portépée und das große Wort Subordination. Ich darf von alle⸗ dem nichts hören. Die wilde Epiſode iſt abgeſpielt, und wir ſtehen, wo wir vorgeſtern ſtanden. Meine Ordre iſt nicht Aſche geworden durch den rothen Hahn der Mor⸗ brenner, und leider iſt Herr Warnetreu mein Arreſtant wie vorhin.— Bügel, Du könnteſt wirklich ſo herzlos ſein, nach dieſen erſchütternden Begebenheiten, einem von Menſchen und Schickſale Verfolgten keine Friſt zu geben zur Faſ⸗ ſung des Gemüths? Du könnteſt ſelbſt mir, dem Freunde, die Bitte verſagen, voran zu eilen zum Throne unſers 376 Herrn, und dort ſeine Sache zu verfechten? fragte der junge Graf auffahrend.— Beides muß verweigert werden, antwortete der Ma⸗ jor kaltblütig. Schon verlor ich der Zeit zuviel bei der Forſchung, ob dieſer Mann der ſei, welchen man mich ſuchen hieß. Morgen reiſen wir. Iſt des Herrn Ge⸗ wiſſen rein, wird ihm kein Leides geſchehen, und wenn alle Dächer der Reſidenz voll Drachen ſäßen, die Feuer auf unſern Wagen ſprudelten.— Mann, ſagte Thorneck mit tiefem Ernſte, kannſt Du Deine Ehre dafür verpfänden? Willſt Du ihn bis zu Deinem Herrſcher geleiten und ſorgen, daß er dort ge⸗ hört werde? Vergißt Du die ſteinernen Gräber für Le⸗ bendige, welche unſere Grenzfeſtungen verdecken? Biſt Du gewiß, daß Du Deinen glücklichen Fang nicht am erſten Markſteine in eine andere, härtere Hand zu lie⸗ fern befehligt wirſt?— Der Major verſtummte, und ſein dunkles Auge ſank gedankenlos zu Boden. Herr Treu ſtand aber jetzt entſchloſſen auf und reichte dem Krieger nochmals die Rechte. Sie müſſen Ihre Pflicht thun, Major! ſprach er mit feſter Stimme, und der Himmel mag mich behüten, Sie von der geraden Bahn ableiten zu wollen. Auch bedarf ich der Faſſung nicht. Geſtern, als ich daſtand, wie ein entblätterter, aſtloſer Baumſtumpf, als ich mein Kind verloren achten mußte, da war meine Mann⸗ heit dahin, und ich verzweifelte an Gott und Menſch⸗ heit. Was kann einem Vater Glück und Leben gelten in dem Augenblicke eines ſolchen Verluſtes? Reſigna⸗ tion iſt mein Gefühl geworden, mag der unaufhaltſame Sichelwagen des ehernen Fatums über mich hinraſſeln 377 und meine Glieder zerreißen, laſſe ich doch mein Kind in den Händen dieſes Mannes, der der Prüfungen ſchwerſte beſtanden und ihr den Vater erſetzen wird. Wir reiſen in nächſter Nacht, doch Conſtanze ſoll nichts er⸗ fahren; wie wir die Abſchiedsſtunde ihr verhüllen, wie wir ſie leicht an der ſchwarzen Minute vorüberführen mögen, das ſei der einzige wichtige Punkt gegenſeitiger ueberlegung.— Nein, Vater, fiel Thorneck lebhaft ein, und wäre es möglich, daß ich den Engel, den Du Tochter nennſt, dreimal mehr anbetete, als ich thue, dennoch könnte ich Dir dieſes Mal nicht gehorſam ſein. Was Dir bevor⸗ ſteht, iſt mir klar, ſeit ich weiß, was Dir geſchah. Das iſt hölliſcher Haß, Haß bis zum Tode, der nach zehn Jahren nicht vergeſſen lernte, und ſolche Mittel aufbot, ſeine Rache zu kühlen, das iſt der nach außen brechende Gewiſſenskrebs, der nicht früher Schlaf gewinnt, bis er vertilgt weiß, was als zerſchmetternde Anklage gegen ihn auftreten könnte. O es iſt grauenvoll, daß ich ſo reden muß vom eigenen Vater!— Nein, machte hier der Zufall mein Retteramt unnütz, dort will und kann ich allein Dein Retter ſein. Major, auch ich bin Dein Arreſtant, und das Loos von Conſtanzens Vater muß das meine werden. Ich habe Dir Deine Beute entriſ⸗ ſen, habe geſündigt am Willen meines Herrn, Deine Pflicht iſt, mich ebenfalls der Strafe entgegen zu führen. Verſchließt man dorten auch die Lippen unſers Treu, mich wird der Miniſter, mich wird der Gebieter auf ſei⸗ nem Throne hören müſſen, und Gott wird meine Zunge lenken.— Und was ſoll mit Conſtanzen werden? fragte Herr Treu, bewegt durch die Wärme ſeines jungen Freundes. 1 15 1 ſ 378 Dürfen wir ſie mitnehmen in jene Strudel, die uns ſelbſt bedräuen, dürfen wir ſie hier zurück laſſen ohne Schirm und Schutz?— Das möge ſie ſelbſt entſcheiden, antwortete raſch der Graf; in einem kindlichen Gemüth wohnet ja immer noch die Gottesſtimme, welche am beſten räth in der Ge⸗ fahr und der Wahl des Augenblicks, eine Stimme, die leider entfleucht, wenn vor der Weltbildung die Kindlich⸗ keit entfloh. Wie ſie entſcheiden wird, ſagt mir mein Herz, das dem ihren verwandt.. Und der junge Mann hatte Recht. Mit bewunderungs⸗ würdiger Faſſung nahm die durch Schlaf und Ruhe ge⸗ ſtärkte Jungfrau die Nachricht auf, die ihr nicht uner⸗ wartet zu kommen ſchien. Das Weib hat mehr Phantaſie als der Mann, iſt es doch auch Mitſchöpferin und drückt den formloſen Keimen die Geſtaltung auf, und darum ſetzt es ſich aus dem Geſchehenen deutlicher die Folgen auseinander, wird deßhalb weniger leicht überraſcht, und iſt gefaßter, als der ſtärkſte Mann, wenn drohend Wetter einbricht, und das ſchwache Geſchöpf überfliegt darum, wo es gilt, oftmals den Rieſen. Ihr Entſchluß war ſchnell ausgeſprochen.— Wie könnte ich bleiben ohne euch, ſagte ſie, ſich an des Vaters Bruſt lehnend und die Hand dem Geliebten reichend. Die Geſpenſter der ſchwarzen Räuber würden mir in allen Winkeln ſtehen, und blieben ſie auch aus, würde mich denn nicht die Angſt und Sorge um euch todeskrank machen? Ich theile Alles mit dem Vater, wie er von jeher Alles mit mir getheilt, und kann Adolph den Vater nicht erlöſen, dann muß er ſich auch 379 daran gewöhnen, die Braut in einer Kerkergruft zu wiſ⸗ ſen, bis Gott rettet, der allein weiß, was gut thut.— Thorneck aber wandte, von innerm Schauder bewegt, ſein erbleichend Geſicht ab; die Unſchuldigeß wußte ja nicht, welch ein Schauderbild ſie der Wirklichkeit nach⸗ gezeichnet, wußte nicht, daß die Geſchichte dergleichen der Nachwelt mehr als einmal erzählt. Herr Treu ging vor Abends nochmals durch ſein ganzes Beſitzthum, und ſein getreuer Sebald mußte ihm zur Seite gehen. Ihm übergab er Alles als ſtellvertre⸗ tender Verwalter des Herrn; man ſah ſeinen trüben Augen, ſeinem erblaſſenden Geſichte jedoch an, daß es mehr ein Abſchiednehmen war von allen Plätzen, die ihm lieb geworden, als die Sorgfalt für ſeine Habe und ſein Gut. Als er zurückkehrte, fand er die Tochter beſchäftigt, alle Anordnungen zur bequemen Reiſe zu treffen, als ſollte nur eine Spazierfahrt gemacht wer⸗ den.— Väterchen, ſagte ſie, und ſtrich mit zarter Hand über ſeine gefurchte Stirn, wirf die Laſt fort, die Dich erdrücken will. Sollte der gute Gott wohl dem Men⸗ ſchen mehr zu tragen anſinnen, als ihm möglich iſt? Väterchen, dieſelbe Allmacht, die mich aus den eiſernen Armen des abſcheulichen Menſchendiebes, in denen mir Luft und Muth verging, löſete, kann ja auch unver⸗ hofft Dich frei und Deine Feinde zu Schanden machen; denn daß Du nicht biſt, wie ſie Dich gemalt, das weiß Deine Tochter mehr als Alle, und ſie würde gern die Feuerprobe für Deine Unſchuld auf ſich nehmen, wäre es noch ſo, wie in alter Zeit.— Herr Treu ſelbſt fühlte ſein Gemüth erſtarkt an der Zuverſicht und dem Glauben des frommen Mädchens und als die Vorbereikungen zur frühen Reiſe vollendet 380 worden, der Wagen gepackt ſtand, die Winzer dem alten Diener Gehorſam gelobt hatten, legten ſich alle Haus⸗ bewohner nach einem ſtillen Abſchiedsmahle zum letzten Schlafe in dem Thalſchlößchen nieder, ein Schlaf, der den drei Hauptperſonen natürlicherweiſe als kein ſo g1⸗ ter Freund erſcheinen konnte, wie ehedem, wenn er mit den lieben Erinnerungen des letzten Tages ſie einwiegte, und mit Träumen von dem, was der nächſte Morgen Liebes und Freundliches bringen möchte, die dunkeln Stunden der Mitternacht wie mit Elfentänzen durchwob. Es war ſchon hell, als Graf Adolph durch die Stimme ſeines Burſchen erweckt wurde. Ein feſter Mor⸗ genſchlaf hatte ihm die unruhige Mitternacht zu erſetzen verſucht, und die Anſtrengungen der vorigen Tage ließen den Marmottenſchlaf, welcher ihn nach langem Gedan⸗ kentanz überfallen, ganz natürlich erſcheinen. Erſchrocken ſprang der Graf vom Bett und ſah verwirrt um ſich: Habe ich die Stunde verſchlafen? ſtotterte er. Hat man mich wiſſentlich ungeweckt gelaſſen? Sind ſie fort? Herr Treu und der Major! Gewiß! Gewiß! Ich ſehe Dir's an, ich leſe es in Deinem verſtörten Geſicht. Der Vater will mich und die Tochter nicht in ſein Geſchick verflech⸗ ten, aber es wird ihnen nicht gelingen; Conſtanze und ich reiſen ihm nach zur Stunde.— Reiſen? fragte der Burſch mit weitaufgeriſſenen Augen zurück. Aus dem Reiſen wird für dieſes Mal nichts; die Pferde liegen im Stall auf der Streu und der Kaleſchwagen iſt abgepackt. Niemand iſt fort, ſon⸗ dern alleſammt ſind ſie unten im großen Saale, und der Herr Major ſchicken mich daher, nachzuſchauen, ob der . 381 Herr Graf heute gar nicht mit dem Ankleiden fertig würden.— Was hat's denn gegeben? Vielleicht ein neues Un⸗ heil? rief mit ſteigender Unruhe Thorneck, indem er eil⸗ fertig nach den Kleidern griff.— Kann's nicht ſagen, antwortete gemächlich der Burſch. Aber unruhig ging es die Nacht her im Hauſe, und die liebe Ruhe ward uns oftmalen geſtört. Ich ſchlief bei dem Kunz im Bett am Vorplatze unter der Treppe. Da wurde gepocht am Thor, hart und immer härter, aber der Kunz ſchnarchte wie ein Bär und ich mochte den armen Schelm nicht wecken; hatte er doch einen tüchtigen Puff am Kopfe von dem Raubgeſindel erwiſcht, und die Nacht vorher gar nicht das Bett gefühlt.— Warum ſtandeſt Du Faulpelz denn nicht auf an ſei⸗ ner Statt? zürnte der Graf.— Was Deines Amts nicht iſt, da laß Deinen Vor⸗ witz! entgegnete der Diener. Waren doch auch ſchon Andere bei der Hand und ich hörte öffnen, und Pferde ſchnoben und ſtampften und Sporen klirrten, und hin⸗ auf und herunter ging's auf der Treppe, bis der alte Sebald vor die Lucke trat, und den armen Kunz den⸗ noch aus den warmen Decken heraus commandirte. Ich blieb im Neſt, und ſchlief über dem Spektakel wieder⸗ um ein.— Und ich hörte nichts? War ich denn beſinnungslos2 ſtaunte der Graf. Und was kann von Wichtigkeit ge⸗ ſchehen ſein, wobei man meiner Mitwiſſenſchaft, meines Raths ſich verächtlich entſchlagen hätte? So können mich die Freunde nicht beleidigen, und ich muß nur ſelbſt ſehen, ehe Du blinder Tölpel, der noch jetzt ſchläft, mich ver⸗ rückt machſt mit ſeinen Räthſeln.— 382 Sehen nur ſelbſt der Herr Graf, ich ſah nichts als ganz freundliche Geſichter im Haus! antwortete treu⸗ herzig der Burſch, indem er ſeinem ungeduldigen Herrn mit gewohnter Ordnung in die Kleider half. Thorneck eilte in das Haus hinab, und verwundert ſah er auf dem Vorplatze die Winzerburſchen in ihrem Sonntagsſtaate, die auf ſeine Frage antworteten: Der Herr hat uns vor Tage durch den Hausknecht daher be⸗ ſcheiden laſſen. Geſtern gab's einen trockenen Abſchied, heute gibts wohl ein Feſt zu guter Letzt, denn die Geiger und Pfeifer vom Dorf ſind auch ſchon unterwegs.— Der Graf öffnete die Saalthüre, und ſein Staunen wuchs. Wie zu einem Gelage fand er das Zimmer aufgeputzt. Herbſtblumen ſchmückten die Pfeiler und Tiſche. Mehre nahwohnende Gutsherren, unter ihnen der Pfarrer, waren zugegen, und der Major in Uniform ſpielte den Wirth, und munterte zum elegant ſervirten Frühſtück auf. Am Fenſter ſaß Conſtanze im weißen Morgenkleide, und zu ihr flüchtete ſich der verwirrte junge Mann. Steh mir Rede, theures Weſen, rief er ſie haſtig an; hat die Angſt, hat meine Wunde mir den Verſtand ge⸗ nommen, oder bin ich noch ſchlaftrunken und ſehe ſchöne Traumbilder? Rede, mein geliebtes Mädchen, daß ich erwache.— Conſtanze drückte ſeine Hand und ſah ihm mild in die Augen. Ich weiß nicht viel mehr als Du, mein Freund, antwortete ſie; doch meine ich, es könne nichts Böſes auf uns warten, denn ſieh nur hin, wie trium⸗ phirend der Major auf Dich blickt, und wie er, leichten Spott um den Mund, ſein Bärichen ſtreicht.— Dem Grafen erſtarb die Gegenrede auf den Lippen, ———— — 383 denn die Flügelthüre ging auf, und von dem, was er bis jetzt geſehen, mußten ihn die Eintretenden das Ueber⸗ raſchendſte und Unerwartetſte dünken. Der alte Sebald, friſirt und in gallonirter Staats⸗ livree, öffnete die Thüre, ſchritt ceremoniös herein und hinter ihm erſchien Herr Treu, aber ebenfalls in ſeinem Aeußern wunderbar verändert, und auf den erſten Blick kaum zu erkennen. Ein reichgeſticktes ſeidenes Hofkleid ſchmückte ihn, und von der Friſur bis zum Degen und bis zum goldbeſchnallten Schuh mangelte nichts an dem Gallakoſtüm, und dem Federhute und dem breiten rothen Ordensbande, welches von der Schulter zur Hüfte hinab⸗ hing, hätte jeder Hoffourier ohne Zögern die fürſtliche Antichambre weit aufgethan. Zu Herrn Treu's rechter Seite ging ein Offizier, nach der Uniform von hohem Range, und Thorneck erkannte an ihm die Farben der Leibgarde ſeines heimathlichen Herrſcherhauſes, doch be⸗ merkte er auch eben ſo ſchnell die breite Trauerbinde am linken Arme deſſelben und die mit ſchwarzem Flor um⸗ wickelte Schärpe, mit welcher der ſchlanke Kriegsmann ſich gegürtet hatte. Der Commandant der Dragoner und ſeine Hauptleute ſchloſſen den Zug. Conſtanze flog dem Vater entgegen; ſie hatte nur auf ſein freundliches Antlitz ihre Augen geheftet, doch als ſie näher kam, wich ſie ſcheu zurück, mit unverhehltem Schreck, bis des Vaters Hand ſie zu ſich zog, und der Vatermund einen feſten Kuß auf ihre weiße Stirne drückte. Dann ſchob Herr Treu das verſtummte Mädchen ſanft zur Seite und trat in die Mitte des Saales, ſeine hell⸗ leuchtenden Blicke rund auf alle die erwartungsvollen Geſichter werfend. Meine guten Nachbarn und lieben Freunde, ſprach 384 er, Ihr habt das Leben des grauen Mannes zehn Jahre hindurch geſehen, habt ihn vielleicht oft einen Sonder⸗ ling und Eigenſinn geſcholten, aber, ich weiß es, ihm das Zeugniß eines ehrlichen Mannes nicht verſagt. Seit vorgeſtern erfuhret ihr mehr von mir, und was geſchah, mußte eure Meinungen ſchwanken machen, denn ich konnte ſo gut ein ſchuldiger Flüchtling, als ein ſchuldlos Ver⸗ folgter ſein. Nein, meine Freunde, der graut Mann war kein Verbrecher; er glich dem verwundeten, gehetz⸗ ten Hirſch, der in tiefes Dickicht ſich gerettet, und deſſen Spur dennoch die blutdürſtigen Jäger aufgefunden. Aber es iſt ein Gott, welcher gerecht die eherne Wagſchale hält in ſicherer Hand, und ſein Urtheilsſpruch erſcheint, wenn es Zeit iſt, mag auch der ungeduldige Erdenſohn, der die Zeit nach ſeinen kurzen Wintertagen abmißt, meinen, der große Richter zögere lange. Gott hat ge⸗ ſprochen, rein ſtehe ich unter euch, gewaſchen iſt der be⸗ fleckte Name; wie es geſchah, mag euch hier der wackere Rittmeiſter von Tretow ſelbſt verkünden.— Der Leibgardiſt entfaltete ein großes Blatt und s den Inhalt mit ſonorer Stimme vor. Es war ein Hand⸗ ſchreiven ſeines Herzogs an Herrn Warnetreu. Den al⸗ ten Herzog hatte die Hand des Todesengels berührt, er ſchlief in der Gruft ſeiner glorreichen Väter. Der Erb⸗ prinz, bisher in faſt ſklaviſcher Abhängigkeit gehalten, trug jetzt den Fürſtenhut. Andern Männern wurde das Staatsruder vertrauet, und unter den Entlaſſenen war auch der ſtolze Graf Thorneck. Mit ſeinem Sturze ſtieg manches ſchwarze Geheimniß an das Licht, und durch die neueſten Befehle, welche der Graf zum Verderben des einſt von ihm geſtürzten Warnetreu gegeben, wurde der Herrſcher an dieſen erinnert. Streng forſchte Herzog 385 Wilhelm nach den Aktenſtücken über dieſe Angelegenheit, und als er durch ſie die Gräuel dieſes Gewaltſtreichs klar erſchauet, entſchied ſein gerechter Sinn ohne Auf⸗ ſchub über den Frevler und ſeine Gehülfen. Zur Feſtung mußten ſie wandern; den verdienſtvollen Staatsdiener jedoch ſetzte er in alle ſeine Würden und Aemter ein, rief ihn zu ſich, um ihm in höherer Ehre Erſatz zu geben, und verſicherte ihm Erſtattung ſeines Vermögens und alles erlittenen Schadens. Meine Ehre iſt gerettet, Dank dem edlen Fürſten und⸗ Dank der Vorſicht, die ihn geleitet! rief Herr Treu, als der Rittmeiſter ſeine Vorleſung geendet. Dieſes Papier bleibe ein heiliges Dokument für meine Enkel, es iſt doch der ſchönſte Adelsbrief, den eines Fürſten Hand je einem ehylichen Bürger ausgeſtellt. Aber fern ſei es von mir, daß ich die Gnade meines Herrn mißbrauchte und mir gebotenen Ehrenplatz verdienſtlichern und rüſtig n Männern entzöge. Verwöhnt durch meine ge⸗ ldigen Weinſtöcke vermag dieſe Hand nicht mehr wi⸗ derſpenſtige Menſchen zu regieren. Mein Friedensthal war mir ein heiliges Aſyl, es ſoll, will's Gott! auch mein Grab beſchützen.— So ſprechend legte Herr Treu ſeinen Degen, ſei Ordensband und den Federhut ab, und ſtreckte in alter Traulichkeit ſeine Hände den Freunden entgegen, die ſich, Glück wünſchend, um ihn drängten. Conſtanze lag ſchon mit einem Jubelgeſchrei an ſei⸗ nem Herzen. Recht ſo, mein Väterchen, rief ſie, wo könnte die Welt ſchöner ſein als hier? Und Du ſelbſt wareſt mir ein Fremder geworden in dem fremden Putze.— Blumenhagen. VI. 25 386 Verſchwöre nichts! warnte Herr Treu lächelnd, indem er auf den jungen Grafen zeigte, welcher ſich ebenfalls zu ihm gefunden und ſeine Schultern umfaßt hielt. Wenn nun dieſer da Dich abforderte von mir, und mit ſich nähme in jene fremde Welt, die Dich fürchten macht, würdeſt Du grauſam ſeine Forderung zurückſtoßen, und Dich weigern, ihm in den Glanz zu folgen, der ihn er⸗ wartet und den er ſeinen Nachkommen zu erhalten ver⸗ pflichtet iſt?— O er wird nichts fordern, was mein Herz zerſpalten müßte, entgegnete Conſtanze, einen Blick voll Innigkeit zu dem Geliebten ſendend; und hätte er nicht Genüge an dem Glück, was hier für uns der Himmel bereitet, hätte er mich wohl noch nie ſo recht geliebt.— Sie hat Recht, Vater, antwortete der Graf tief be⸗ wegt, denn ſeit unſerer Nacht im Vogelhäuschen haben die Trauerbilder Deiner ſchwarzen Stunden ſich ſo in meine Phantaſie eingeniſtet, daß der Glanz jener Welt, die ſie gebar, mir faſt roſtig erſcheint und unächt. Die ewige Vergeltung hat die Schmach, die Deinen Namen bedeckte, jetzt auf den meinigen geworfen. Laß mich ver⸗ ſchwinden, wie Du einſt zu verſchwinden wußteſt! Nimm mich auf als Sohn, denn ich bleibe für immer da, wo Du zu weilen gut findeſt, und wo Conſtanze mich als ihren Freund beſeligt.— Wit einer Thräne im Auge umfing der Alte ſeine Kinder, und die ſchöne Conſtanze drückte Thornecks Hand ſo feſt, daß er alle Verheißungen einer glücklichen Zu⸗ kunft, die nur ein Mädchenmund dem erwählten Manne ausſprechen kann, in dieſer Fingerſchrift las, als hätte ſie eine Gerichtsperſon ihm verbrieft und verſiegelt be⸗ ſcheinigt. 387 Ein Feſttag ſchloß die Scene, ſo ſplendid ausgeſtat⸗ tet und von gemeinſamer Fröhlichkeit geweiht, wie ihn das Häuschen im Thale nie zuvor geſehen, und des jungen Paares feierliches Verlöbniß wurde nur eine ernſtere Epiſode in der ununterbrochenen Freude dieſes merkwürdigen Tages, von dem die Winzer noch in man⸗ cher Weinleſe dem jüngern Volke zu erzählen hatten. Leider wurden die Wünſche der Thalbewohner nicht ganz erfüllt. Als der Ausbruch der Revolution im gro⸗ ßen Nachbarſtaate auch über die Grenzen ſchwoll, gab der umſichtige graue Mann früh genug ſeine Beſitzun⸗ gen auf und rettete ſich aus dem verſchlingenden Stru⸗ del in ein nördliches Land, deſſen kräftige, an Leib und Geiſt gleich geſunde Bewohner ſicher waren vor dem kranken Schwindelgeiſte jener Zeit. Bald ſah ſich Herr Treu von einer kleinen Kolonie umgeben, deren helle Engelsgeſichter ihm alle ſeine ſchwarzen Tage vergeſſen machten, und auch Thorneck ſehnte ſich nie zurück nach ſeiner Vergangenheit, denn Conſtanze ſchuf ihm eine Gegenwart, die ihm keinen Blick zurück oder vorwärts vergönnte. ———————————— — — * 3 3 — — S M —,—— — Die Schlacht von Salamanca war geendet. Wie ein ernſtes, durchdringendes Richterauge blickte die Abend⸗ ſonne herab auf den Jammer der Zerfleiſchten, auf die zerriſſenen Leichname der Ebene, beglänzte hier die flat⸗ ternden Fahnen der Sieger, welche erſchöpft am Rande des Blutfeldes gelagert waren, beſchien dort die beſtäubten Goldadler der Flüchtlinge. Dicke Staubwolken wälzten ſich über die Ebene, und unter ihren Schleiern drängten die Ueberbleibſel des franzöſiſchen Heeres in wirrer, unordentlicher Flucht ſich ihrem unbeſonnenen Marſchall nach, beunruhigt von muthigen brittiſchen Huſaren, die auf flinken Rennern noch immer in die letzten Züge ein⸗ brachen, und große Haufen ermüdeter Krieger zurück⸗ trieben unter die ſtolz wehenden Paniere des Herzogs. Da ſprengte mitten durch die letzten Staubnebel auf raſchem, flüchtigem Grauſchimmel ein feindlicher Reiter, und Hauptmann Grimly, von Kampfluſt ergriffen, warf ſein Rothroß herum und ſpornte es aus dem gemeinen Haufen der ſchönern Beute nach. Haltet den Zügel an und gebt Euch! rief der junge Britte dem Franken zu, den jetzt Federhut und reiches Kleid als einen Edeln des feindlichen Heeres verkündete; doch der Franke wandte ohne Antwort ſein Haupt, den Zwiſchenraum der Pferde meſſend, und geſtreckter flog der Grauſchimmel über die Ebene. 392 Gebt Euch, oder ich ſende Kugeln! donnerte der Britte zornig, dem Rothroß die Sporen tief eindrückend; doch wieder ohne Antwort wandte der Franke ſein Haupt, und immer geſtreckter ſauste ſein edles Thier über den Sand hin, und machte den beuteluſtigen Hauptmann nur begieriger. Schon waren Beide fern von dem Blutfelde, ſchon klang ihnen der Waffenlärm leiſer und leiſer, ſchon ſenkte ſich Dämmerung auf die Fluren, da rauſchte zur Seite der Strom, und der flüchtige Ritter bog ſein Roß zu einer Brücke, die hinüber trug. Aber ſein ſchwarzes Schickſal ereilte ihn hier, denn mitten auf der Brücke erhob ſich ein grauer Wartthurm, und das Brückenthor unter ihm war verſchloſſen. Verzweifelnd wandte ſich der Franke zur Wehr, doch wie lähmende Wetterſchläge machten zwei Schwertſtreiche des hohen kräftigen Britten des Feindes rechten Arm un⸗ tüchtig, und, mit wildem Fluche ihm den Säbel entreißend, haſchte er des Grauſchimmels Zaum, mit der mühſam gewonnenen Beute zurückzukehren zu den Waffenbrüdern. Geräuſch auf des Thurmes Spitze zog die Blicke der Kämpfer nach oben, und ſtaunend ſahen Beide droben franzöſiſche Mützen glänzen, und aus blinkendem Ge⸗ wehr fielen zwei Schüſſe auf ſie herab. Die Schleier der Dämmerung ſchützten, die Kugeln ziſchten vorüber, und eiliger riß Hauptmann Grimly ſeines Gefangenen Roß mit ſich auf die Ebene zurück. Elende Schützen! ſchimpfte der Franzoſe, und hob un⸗ muthig über die verwehte Rettungshoffnung den blutenden Arm drohend zum Thurme auf; der Hauptmann dagegen ſprach lächelnd: Mäßigt den Zorn, Ritter! wir kennen ja Beide das Kriegsglück, das heute Lorbeern⸗, morgen ————— 6 393 Diſtelkränze ertheilt, und Abends mit einem Stückchen Blei die Lippe verſchließt, die noch am Morgen in Ju⸗ gendmuth und Lebensluſt Siegeslieder zum vollen Becher ſang, und nur Siegesträume ausſprach. Der Franzoſe fluchte nur noch heftiger, als deutſche Huſaren ihnen jetzt entgegen kamen, die der Spur ihres Rittmeiſters und ſeinem edlen Renner auf ihren ſchlech⸗ tern Thieren beſorgt und unverdroſſen gefolgt waren. Mit Jauchzen und zuſammenklingenden Säbeln begrüßten ſie den geehrten Führer und nahmen den Gefangenen in ihre Mitte. Es war nun volle Nacht geworden; am Horizonte zogen ſchwarze Wolken auf, durch die oft ein heller Wetterſtrahl zuckte; dumpfe Donnerſchläge näherten ſich, und in den Wipfeln der Oliven und Steineichen, an denen ſie jetzt hinritten, rauſchte der Sturm. Still zogen die Huſaren vorwärts, der Franzoſe ſang leiſe vor ſich hin ein Vaudeville. Wenn die Racht mit ihrer Tempelſtille die Erde be⸗ deckt und mit dem ſterngeſtickten Schleier die Natur und die irdiſchen Geſtaltungen verhüllt, dann verſchließt ſich des Menſchen äußerer Sinn, aber der innere Sinn geht dann weit auf wie ein Nachtblumenkelch, und ungeſtört ſtrömt er ſeine Erzeugniſſe aus, ſei es lieblicher Duft, ſei es betäubendes, tödtendes Gift. Darum betet es ſich ſo heilig, ſo innig in einer ſternhellen Mitternacht; darum bird im einſamen Abenddunkel das Schwanken zwiſchen Opfer und ſchöner That ſchnell reife Frucht, feſter Entſchluß; darum iſt die ſcheue Liebe, ſobald die Sonne ſank, eine verwegene Heldin; darum bricht die Miſſethat frech in das Allerheiligſte, wenn die Nacht ihr die eigene Schamröthe verbirgt. 394 So zog auch Rittmeiſter Grimly mit geſchloſſenen Sin⸗ nen ſeinem Häuflein voran. Nachläſſig hing der Zügel auf des Roſſes Halſe; ſo wie ſein Säbel die blutbefleckte Schneide in die Scheide verborgen hatte, war auch die wilde Rohheit des Mannes der Schlacht von ihm gewichen. Der Gewitterſturm wehte wohlthätige Kühlung auf die erhitzten Wangen und in die ſtürmende Bruſt des jungen Kriegers, und von der grauſen Scene des Tages wandte ſich ſeine Phantaſie hinweg zu beſſern Träumen. Seine Seele zog über das Meer hin in das heryliche Vaterland; er ſah den greiſen Vater, ſah die blühenden Geſchwiſter im friedlichen Abendkreiſe des ſtillen Bürgerlebens, ſah ſie ſorgen und beten um den fernen Geliebten, und auch er hob die Hand dankend auf zu der blitzenden Wetter⸗ wolke, dankend, daß der Blutengel auch heute wieder an ihm vorübergezogen war, und Lorbeerzweige, nicht Dornen auf ſeine tapfere Stirn gedrückt hatte. Da weckte ihn plötzlich ein Schuß, ein Sprung ſeines Pferdes und ein brennender Schmerz. Auch auf den gefangenen Franken hatte die Nacht ihres Zaubers nicht verfehlt. Drückender waren ihm ſeine Ketten geworden, bitterer das Gefühl der Schande ſchmerzlicher das Bewußtſein ſeiner Ohnmacht. Im Rauſchen des Nachtſturms, im laut tobenden Donner wuchs ſeine kecke Verwegenheit, wuchs kühne Hoffnung, wuchs die Begier der Rache. Er erkannte die Gegend um ſich im Halbdunkel, verborgene Pfade in den Hol⸗ zungen waren ihm nicht fremd; man hatte ihm ſein herrlich Roß gelaſſen, und auf den Schreck der Ueberraſchung rechnend, brach ſein Unmuth voll aus; mit heimlichem Zähneknirſchen zog er leiſe ſein Sattelpiſtol und drückte es raſch auf den vor ihm reitenden Rittmeiſter ab. — ———=x ——— 395 Aber ſeines Verderbens Lvos hatte er gezogen. Ver⸗ gebens warf er ſeinen Gaul herum und drückte ihm die Sporen tief ein. Die braven Pferde der Huſaren hatten ihn ſchon umzingelt, die Fäuſte der fluchenden, erbosten Männer ihn ergriffen, und drei ſcharfe Klingen wett⸗ eiferten mit Stößen und Todesſchlägen, die Verletzung der Kriegsſitte zu rächen. Ohne Laut ſank der Verwegene bald, durchbohrt und zerfleiſcht, leblos vom Sattel herab. Ich fühle mein Blut! fagte der Rittmeiſter, und doppelt ergrimmt ſtieß der abgeſprungene Wachtmeiſter Wolf ein auf den zuckenden Feind. Dort blinkt Licht⸗ ſchein durch die Baumwipfel, folgt mir dahin. Der Schurke ſoll nicht ſein Raubgut im Tode behal⸗ ten! antwortete Wolf, und nahm Uhr und reiche Börſe und Schultergold dem Todten ab, ſchwang ſich dann wieder auf ſeinen Rappen und trabte, den erbeuteten Grauſchimmel am Zaume leitend, ſeinen Gefährten nach. Der dunkle Laubdom einer hohen Kaſtanienallee nahm ſie auf, und heller und heller blinkte das Licht am äußer⸗ ſten Eingang des grünen Gewölbes. War es die ſchwüle Luft unter dem dichten Bretter⸗ dache der Bäume, war es der Verluſt des Blutes, das er warm an ſeiner Schulter herabrieſeln fühlte, mit Beklommenheit hielt Grimly an dem eiſernen Thore einer hohen Mauer, hinter der ein ſtattliches Gebäude mit einzeln erleuchteten Fenſtern in nächtlich ⸗rieſenhaften Formen emporſtieg. Das Riederſchmettern des letzten Feindes in der Finſterniß, ſeine einzelnen Todeslaute waren ihm, der eben aus dem Gedränge einer Mord⸗ ſchlacht kam, der eben erſt ſein edles Rothroß über Hügel zerriſſener, jammernder Menſchen, durch blutgetränkte Sandbahn getrieben hatte, wunderbar auf's Herz 396 gefallen. So iſt der Menſch immer ein Räthſel. Aengſt⸗ licher und drum immer heftiger ſchlug er gegen das feſte Thor; er ſehnte ſich aus der drückenden Finſterniß in's Licht, und wohlklingend war ihm eine Baßſtimme, die jenſeits der Mauer ſich fragend erhob. Ein verwundeter Hauptmann der Engländer! rief er hin⸗ über, und ſogleich öffneten ſich langſam die ſchweren Flügel, und ein: Willkommen Don Capitano! empfing ihn.— Weit lag der Hof um ihnen, große Hunde ſchlugen an; ſie ſaßen ab am kleinen Vorhauſe des Pförtners, und indeß der Mann, der ihnen das Thor öffnete, den Huſaren Stallung anwies, ließ Grimly vom getreuen Wolf ſich die leichte Schulterwunde im engen Zimmer verbinden, wozu die alte Pförtnerin leuchtete, und in tauſend Jammer über den ſchönen blutenden Herrn und in tauſend Verwünſchungen über die raubſüchtigen, mor⸗ denden Verwüſter ihres lieben Spaniens, über die ver⸗ worfenen Jeſusläugner und Verſpötter des heiligen Kreuzes ausbrach. Die Wunde war verbunden, der Pelz wieder überge⸗ worfen, und man machte ſich bereit, dem befreundeten Krieger ein bequemes Quartier im Schloſſe anzuweiſen und forſchte zugleich ſorgſam, was er zu ſeiner Erfriſchung und Stärkung verlange. Doch Grimly fragte vor Allen nach dem Herrn, und wünſchte ihn zu ſprechen und zu begrüßen. Der alte Graf war todt ſeit Kurzem, der junge Herr draußen im Felde unter den ſpaniſchen Truppen, wahrſcheinlich bei einem Haufen tapferer Guerillas, eine jüngere Tochter vom Hauſe hier auf dem Landſitze vor wenigen Tagen an langſamer Krankheit geſtorben, und Donna Felicitas, die ältere, jetzt die Bewohnerin und Herrin dieſer prächtigen Gebäude. Zu dieſer gebracht 397 zu werden forderte dann der Rittmeiſter, und die Pfört⸗ nerin rief einen kleinen Mohren, der in ſchwarzer, doch reich beſetzter Livree ſogleich mit zwei Lichtern herbei⸗ ſprang, und den Engländer durch ein großes Portal in das weite Hauptgebäude einführte. Geräumige Vorplätze mit ſchön geordneten Säulen und koloſſalen Statuen dehnten ſich vor ihnen aus; breite Marmorſtiegen führten in das Gebäude hinauf, doch Alles war nur ſchwach er⸗ leuchtet, und die einzeln flackernden Wandkerzen in den endloſen Gängen gaben dem Ganzen etwas Schauerliches, Unheimliches. Der Mohr öffnete die Flügelthüren eines großen er⸗ leuchteten Saals, ſetzte die Leuchter nieder, zeigte einla⸗ dend auf eine zweite, halbgeöffnete Thür, und entfernte ſich dann ehrerbietig.— Die Wände des Saals waren reich bekleidet, ſein Geräth koſtbar, doch Grimly ſchritt, immer neugieriger auf die Gebieterin, hindurch, und in einen zweiten Saal. Auch hier war es hell, doch menſchenleer, und er kam ſich wie ein Geiſterbanner vor, als er mitten im Zimmer, auf einem feuergelben Teppich ſtehend, rund um ſchaute, von allen Wänden herab Familiengemälde ihn ſtarr und ernſt anblickten, und über die Ankunft des Fremdlings ſich zu wundern ſchienen. Eine von Waffen aller Art und alten Rüſtungen geſchmackvoll zuſammen⸗ geſetzte Trophäe am Ende des Saals an einer Queer⸗ wand vollendete den Eindruck des Ortes. Nach einem flüchtigen Ueberblick trat der Rittmeiſter in die Thür eines dritten Zimmer, doch da er auch hier wohl Spuren der Bewohnerin, einen Schleier, ein ſilber⸗ nes Krucifix, ein Silberkörbchen voll friſchen Obſtes antraf, aber nicht die Herrin ſelbſt, ſo hielt er es für 398 unanſtändig, tiefer einzudringen, und beſchloß, im Fa⸗ milienſaale, unter den Augen ihrer Verwandten, die Dame vom Hauſe zu erwarten. Eine Weile ſchritt er mit ſtarken Schritten in der hohen Halle auf und nieder, dann fiel ihm die kurze Er⸗ zählung von den Schickſalen dieſer Familie ein, und er ſah an den Wänden umher, ob er nicht die letzten Zweige des alten Stammes auffinden möchte. Bald erkannte er am Glanze der Rahmen, an den hellen Farben, an Klei⸗ dung und Geſtalt die Gemälde, welche er ſuchte, trat näher hinzu, und betrachtete ſie aufmerkſam. Dieſer hohe Mann im Prachtkleide, mit vielen Or⸗ den behängt, war ſicher der letztverſtorbene Graf. Eine kalte Hoheit lag auf dem ernſten Geſicht, ein rückſichts⸗ loſer Stolz ſprach durch die große Stirn, das weit offne ſchwarze Auge und die Adlernaſe,— es war der ächte Cortes des Reichs, deſſen Hut auch vor dem Könige, der Freiheit Zeichen, das Haupt bedeckt. Neben ihm hing ein Frauenbild, ein Geſicht ohne Ausdruck, ein gewöhnlich vornehmes Geſicht; doch ihr zur Seite das Gemälde eines jungen Mannes, deſſen Züge wie feind⸗ ſelig dem Ritter erſchienen, und von dem er ſich mit einer unangenehmen Empfindung wegwenden mußte. Die kleinen dunkeln Augen unter den zuſammengezogenen Braunen herunterſtechend auf den Beſchauer, entſtellten die übrigen ſchönen Theile ſeines Antlitzes; er war in der prächtigen Gardeuniform des Madrider Hofes gemalt, und ſtand in kräftiger, kriegeriſcher Stellung auf ſeinen Degen gelehnt.— Die beiden letzten Gemälde, mit denen ſich dieſe Ab⸗ theilung der weiten Wand, von Säulen begrenzt, er⸗ ſchloß, waren zwei weibliche Brußtbilber, in größter 399 Verſchiedenheit. Die Erſte im ſchwarzen Gewande mit einer Silberperlenſchnur um die hellbraune Locken und den ſchlanken Hals, war ein ſchwärmeriſches, ſanftes Madonnengeſicht, der frommen Liebe Abbild, eine Tau⸗ benſeele im hellen, runden Auge, eine demüthige Erge⸗ bung auf der ſchönen Stirn. Die Zweite, ein Feuer⸗ kopf, Kraft und muthige Lebensluſt im ſchwarzen Auge, Beſonnenheit und Würde und Trotz auf der ſchöngewölb⸗ ten Stirn unter dichten glänzenden Flechten und Locken eine hochgewölbte, üppige Bruſt mit ſchönem Schmuck belegt, zog des jungen rüſtigen Britten Gemüth unwi⸗ derſtehlich an, und feſſelte ſeinen Blick mit Magneten⸗ gewalt. Mit immer enger werdender Bruſt, immer ſchlagendern Pulſen, vertiefte er ſich in die herrlichen Reize der vollendeten Geſtalt, und nie gehegte Wünſche ſchlugen, wie Meereswellen im Sturme, durch ſeine Seele hin, und in der langen Beſchauung des Gemäldes erwachten in ſeiner Phantaſie Ritterthaten und Sonnen⸗ ſcenen, die im wilden Kriegsleben ihn berührt hatten, und alle erſchienen ihm jetzt in lebendiger Beziehung auf ſich und das Original dieſes Bildes. Er würde lange geträumt haben, hätte ihn nicht das langſame, pfeifende Geräuſch einer Thürangel geweckt. Ein Zugwind öffnete langſam eine Seitenthür, aber die Oeffnung blieb leer, und der Hauptmann ſtarrte, wie auf eine erwartete Geiſtererſcheinung, der Bewegung der Pforte nach. Er erwachte, ſtrich ſich über die Stirn, nahm ſeinen Säbel unter den Arm, warf noch einen Blick auf die Donna im feuerfarbenen Sammetkleide; ſeine Gedanken fragten noch einmal: Biſt du die Todte, und ſchläft alle deine Herrlichkeit ſchon abgewelkt und farbelos in der Vätergruft, oder biſt du die lebende 400 Felicitas, und trägſt du mit dem ſprechenden Namen alle Erdenglückſeligkeit einem beneidenswerthen Manne entgegen? Biſt du noch eine freie Krone, das Ziel und der Lohn des ringenden Ritters, oder wurdeſt du ſchon der liebliche, erquickende Rautenkranz auf der Stirn des glücklichſten Kämpfers, dem alle Wagſtücke und Helden⸗ tage des Lebens vergeſſen ſind, ſeit er dich gewann? Raſch riß er ſich los von der geſchmückten Wand und ſchritt, Gewißheit zu ſuchen, durch die offene Thür auf den dämmernden Gang hinaus. Ein luftiger Corridor lockte ihn; kühler Luftzug wehte ſeine Befangenheit hin⸗ weg, die Sterne blickten über das Geländer herein, und die ſtille endloſe Nacht draußen, in die er oft auf ge⸗ fährlichen Nachtpoſten geſchauet hatte, und durch die einige ferne Trompetenſtöße und ein dumpfer Kanonen⸗ ſchuß tönte, kam als eine alte Bekannte und rief ihn aus einer Traumwelt in die Wirklichkeit zurück. Hat ſich das Schönſte bei den Todten verborgen? fragte er, als am Ende des Corridors eine Kapelle ſich vor ihm ausbreitete, zu der mehre breite Stufen hinab⸗ führten und die zu einem prachtvollen Grabgewölbe um⸗ gewandelt war. Wolken von Rauchwerk zogen gegen die gewölbte Decke auf und wickelten ſich wie graue Schleier um die maſſiven Pfeiler. Zwei große Metallbecken zu beiden Seiten des Einganges gaben aus ihrer Glut die Weihrauch⸗ und Ambradüfte her. Mitten in der Halle ſtanden rechts und links, von hohen Kirchenkerzen auf koloſſalen Silberleuchten umringt, zwei Särge. Ge⸗ ſchloſſen, ließ doch der, aus feinem Glaſe zuſammenge⸗ ſetzte Sargdeckel den traurigen Inhalt ſchauen. Rechts lag die einbalſamirte, wohl erhaltene Leiche des alten Grafen, welche Grimly ſogleich erkannte; die Bruſt war 8— 401 halb entblößt und die rechte Hand lag unter einer tie⸗ fen Todeswunde, zornig war das todte Geſicht noch in Stirn⸗ und Augenbrauenfalten verzogen. Links lag eine weibliche Leiche, ein ächtes ſchlafendes Engelsbild, die Se⸗ ligkeit des Himmels auf dem alabaſterweißen Angeſicht. Sie lebt! Sie iſt's, Felicitas droben! ſprach der Rittmeiſter, an das Gemälde denkend, wie froh in ſich hinein, und näherte ſich einem Altare, auf dem eine weitbauchige, vergoldete Lampe brannte. Rothe Sammt⸗ decken bekleideten den Altar, Vaſen von Porphyr, aus denen weiße und feuerfarbene Lilien ſproßten, ſchmückten die Seiten, ein köſtlich Krucifir die Mitte zwiſchen den vollen Blumen, aber an der Wand hing, ſtatt des Kirchen⸗ bildes, eine Tafel mit einer rothen Inſchrift, und darüber in einem großen Rahmen ein faltiger rother Vorhang. „Mann der Ehre und des Muthes,“ ſo lautete die In⸗ ſchrift,„Hen das Schickſal in dieſe Todtenhalle führt, ziehe den Vorhang hinweg, und beſchaue das verhaßte Bild des Vicomte Charles d'Aubiſſon, des Zerſtörers der glücklichen Familie des Grafen von Uzeda. Meineidig verließ der ſpottende Verführer ſeine Verlobte, die Donna Klara, tödtete den Vater, den edeln Don Rodrigo, der das unbefleckte Schwert zog für die Ehre der Tochter und brach durch Selbſtanklage und Gram das Herz der verwaiſeten Braut. „Mann des Muthes und der Ehre, wer Du zü biſt, wirſt Du als Rächer dieſer Uebelthat das Haupt des Verbrechers verſöhnend niederlegen auf dieſen Altar, ſo ſchwört Dir Donna Felicitas die Hälfte ihrer Reichthü⸗ mer zu, und biſt Du ein freier Jüngling, ihre Hand, ihren Beſitz. Die Rache iſt„del! Säume und ver⸗ ſöhne die edeln Todten.“ Blumenhagen. VI. 26 402 In tiefem, düſtern Sinne weilte Grimly's Blick auf den wie mit Blut geſchriebenen Zeichen, da fühlte er ſeine Schulter leicht berührt, und als er ſich wandte, ſtand eine hohe Geſtalt, in ſchwarze Schleier gewickelt, neben ihm. Langſam treibt die Winterblume ihre Blätter und ihre geſchloſſenen einfarbigen Knospen; da kömmt ein Frühlingstag mit ſeinen Sonnenblicken, und plötzlich ſpringt die Hülſe, und ſchnell drängt die prangende, hoch⸗ farbige Blume ſich vor, und der glänzendſte Kelch öffnet ſich dem Lichte weit und im höchſten Leben. So auch die Leidenſchaft im Menſchenherzen, ſo vor Allem die Liebe, die Mutter des Geſchlechts. Des Säuglings An⸗ lächeln des Mutterantlitzes, Geſchwiſterneigung ſind ihre Blätter; Wallung und Unruhe und ſanfter Trieb beim Erblicken des Schönen, im Kreiſe der Geſelligkeit ſind ihre Knospen, dann ſchlägt die ſchönſte Schickſalsſtunde: das Ideal des Traumes, das Vorbild der jungen Phan⸗ taſie tritt plötzlich vor den trunkenen Blick, und das Herz geht ganz auf, und im ſchnellen herrlichen Silberblick zeigt es alle ſeine Schätze und ſeine volle Lebenskraft und den werthvollen Gehalt ſeines verſchloſſenſten Gemüths. O wer nie in ſolcher Stunde ſtand, wo die Erde wie ein Eisfeld unter den Füßen zerrinnt, und der Himmel der aufſtrebenden Seele ſich erſchließt und ſeine Paradies⸗ fluren ausbreitet, deſſen Leben iſt die geſchloſſene Kospe, die trocknete, eh' ihre Blume vollendet war und abfiel, deſſen Lvos iſt das der Arbeitsbiene, ein Tagwerk ohne Lohn, eine Nacht ohne Sterne. So trat auch Eduard Grimly jetzt in ſeine Früh⸗ lingsſtunde, als der ſchwarze Schleier verſchwand, wie eine ſchattende Wolke verzieht, bis das Original des Bildes, Donna Felicitas, in aller Erdenſchönheit vor ————— ———— 403 ihm ſtand. Seine Lebenskraft ſchlug ſtürmend über alle Ufer; er ergriff die weiße feine Hand gewaltig, und ſie hoch erhebend mit ſeiner Linken rief er blitzenden Auges in glühender Bewegung: Ja, ich bin es, der Rächer, der freie Rächer! Blut für Blut! Aber auch dann mein der Preis und das Kleinod!— Donna Felicitas ſenkte das dunkle Auge; da riß er ſeinen Säbel heraus, und wie ein Geiſterbanner zwi⸗ ſchen die beiden Särge tretend, berührte er mit der Spitze die Gegend der beiden erſtarrten Herzen. Ich ſchwöre euch Verſöhnung! ſprach er mit tiefer Stimme. Sei mein Blut vergeudet! Sei mein junger Waffenruhm zertreten! Mag ich nicht heimkehren über die Woge in das heilige Vaterland! Sei es, ich ſchwöre dennoch nicht zu raſten, bis ich den Feind eurer Geiſter ergriff, und er blutige Rede ſtand für den Frevel, und Sühne gab. Und geht mein Leben unter in der Rache —— er bog ſein Knie vor der hohen Spanierin, und drückte ſeine Stirn in ihr faltiges Atlaskleid— Ma⸗ donna, dann gebt dem Todten Eure Achtung, und denkt ſein, wenn Ihr an dieſen Särgen opfert!— Felicitas hob den Knieenden auf, ihr Gefühl verſagte das Wort. Sie zog den Vorhang von dem Rahmen und zeigte den behelmten ſchönen Kopf eines franzöſiſchen Kriegers. Seht das Bild Eures neuen Feindes! ſie. Sinnend betrachtete es Eduard.— Ich habe Dich ſchon geſehen, hämiſch lächelnd, in Schlachtzorn glühend! ſagte er zu dem Bilde auf; doch umſonſt wöht er ſich, wo und wann zu finden in ſeinem Gedächtniß. Aber n Donna gelicitas Ihr Wort nie bereuen? fragte er dann, ſein Sinnen zerſtreuend und ſich zu ihr 404 wendend.— Nimmer! ſagte die Donna ernſt. Wenn des Franken blutiges Haupt am Fuße dieſes Gottesvil⸗ des ruht, bindet dieſer Diamantring mich ewig an den Rächer. Bis dahin, mein Bruder! Sie zog den Vor⸗ hang an den alten Platz und ergriff des Rittmeiſters Hand, ihn aus der Kapelle zu führen.— So lebe denn wohl, ſprach der junge Britte mit glühenden Wangen, lebe wohl, du heiliger Ort, wo meine Augen aufgingen, mein Leben Zweck und Werth erhielt, und zum erſten Mal eine Hoffnung und eine Zukunft mir erſchien. Lebe wohl, heiliger Ort! wenn dich mein Fuß wieder berührt, iſt die Krone mein, und ich bin ein Glücklicher! Zum erſten Male freue ich mich meiner Kraft, meiner Jugend, meiner Waffen. Wie ein geſporntes Schlachtroß ſtürzte ich in den Kampf, ein ſchlachtender Trabant fremder Ehre und fremden Ruhms; jetzt wird meine Thatn mein, meine Kraft ſchafft für mich, und das Feld des Lebens, das ſich vor den erſchloſſenen Augen ausbreitet, iſt rein und weit und glänzend. O wie ſeltſam iſt der Menſch, daß er, was er nie ſah zu⸗ vor, nie kannte, plötzlich als ſein Eignes ergreift, wie ein verlornes, verwandtes Weſen die eben erblickte Ge⸗ ſtalt an ſein Herz preßt, und bis zum Tode feſthält.— Die Spanierin ſah durchdringend, ja faſt in zärt⸗ licher Glut dem glühenden ſchönen Manne in's Auge; doch wandte ſie ſich raſch, als jetzt eine dumpfe Glocke über der Kapelle anſchlug, und führte ihn in ihre Zim⸗ mer zurück. Eine wunderbare Nacht folgte dem gehaltreichen Tage, eine Nacht, die Vieles zerſtörte, aber viel Neues er⸗ baut. Lange ſaß noch Eduard neben der ſchönen Gräfin. Sie erzählte ihm umſtändlich die lange Leidensgeſchichte 405 ihrer Familie; ſie erzählte, wie unter der Tyrannei des fremden Herrſchers ihr hochgefinnter Vater geknirſcht, ihr feuervoller Bruder getobt hätte; wie des letzteren dreiſtes Wort, ſein ewiges Höhnen die neue Regierung erbitterte, wie man ihn verfolgte auf Tod und Le⸗ ben, wie er flüchtig werden mußte und Anführer eines Trupps der Guerillas wurde, und man nichts ſeitdem von ihm hörte; wie der ſchöne Vicomte ſich in Madrid an die ſanfte Schweſter gedrängt, und durch franzö⸗ ſiſche Theaterkünſte das unbefangene Herz trotz Vaters⸗ Stolz und Zorn, trotz Schweſter⸗Warnung umgarnt, dann ſie verlaſſen und öffentlich verſpottet; wie der gewaltige Don Rodrigo den elenden Verführer zum Kampf gefordert und durch die Klinge des gewandten jungen Kriegers gefallen ſei, wie ſie in die Hände des Sterbenden unauslöſchliche Rache für ſich und den Bru⸗ der geſchworen hätte, geſchworen, nie einem Manne ihre Hand zu geben, als dem Rächer des Geſchlechts; wie ſie ſich dann mit der kranken Schweſter auf dieſes Land⸗ haus zurückgezogen, wo Klara langſam unter Gebeten, Gewiſſensbiſſen und dem Grame betrogener Liebe ſich aufgezehrt, bis das Grab alle ihre Zweifel und Wun⸗ den geheilt. Es war eine Trauergeſchichte, wie gewiß in jeder Stadt, die die Peſt des Zeitalters, der große Heuſchrecken⸗ zug aus Süden berührte, eine ſich ergab.— Sie waren beide ſehr ernſt geworden bei der Erzäh⸗ lung; die Spanierin war zugleich von einem kalten Schmerz ergriffen, der jedes leiſe Aufwallen des leiden⸗ ſchaftlichen Mannes, der ſie meiſt ſchweigend betrachtete, zurückhielt. Nur als ſie ſpät ſich trennten, faßte er an der Thür ihre Hand und fragte dreiſt und mit tiefdrin⸗ 406 gendem Blick: Und Ihr, Donna Felicitas, Ihr ginget kalt durch das glänzende Gewühl der Königsſtadt, ſtan⸗ det kalt im Gewühl der herrlichen ſiegstrunkenen jungen Helden? Felicitas, Ihr habt nicht geliebt?— Die Leidenſchaft berührte mich nicht! erwiderte die Spanierin feſt. Ich hegte Alles dem Retter des Vater⸗ landes, dem Rächer des Vaters.— Seine Nacht war voll wacher Träume. Wie war dieſe Mitternachtsſtunde ſo ganz anders geweſen, als ſonſt die Stunden des Spieles und des Bechers? Wie würde die Stunde geweſen ſein, war das ſpaniſche Mäd⸗ chen ſchon ſein Eigenthum!— Sein bisheriges Leben, ſein harter Stand, der auch des Edelſten Hand eiſern macht und mit Blut befleckt, war ihm nicht das Höchſte mehr, das Herrlichſte; Träume der Häuslichkeit und des Friedens zogen aus ſeiner Kindheit heran. O und iſt denn nicht Bauen beſſer als Zerſtören? Iſt denn der Pflug nicht ein edleres Eiſenzeug, als das Herzen zer⸗ ſchneidende Schwert?— Er beſchloß ſeinem Heere zu folgen, bis ſein Rache⸗ ſchwur gelöſet ſei, dann mit der Errungenen ein ſtilles ſeliges Leben zu leben, ſei es tief in Spaniens Gebir⸗ gen, ſei es in Altengland, ſei es auf einer gluͤcklichen Südſeeinſel. Schon ward der Morgen hell, da entſchlief er matt, doch glücklich. Früh waren die Huſaren fortgeſprengt auf Erkundi⸗ gung; Wachtmeiſter Wolf kam bald zurück. Er traf den Rittmeiſter eben aufgeſtanden und drang auf ſchnel⸗ len Abzug, indem ihr Heer ſchon aufgebrochen war und allenthalben verſprengte Trupps die Gegend unſicher machten. Zwei franzöſiſche Dragoner waren auf ihn geſtoßen, hatten aber eilig die Pferde gewandt und das 7 — 407 Gehölz geſucht.— Eduard ſuchte die Donna auf, und fand ſie im Garten. Ich muß reiten! ſagte er. Schon jetzt? antwortete ſie, und die Röthe ihrer Wangen erblich. Doch iſt es recht ſo, ſetzte ſie ſogleich gefaßt hinzu; Eure Schärpe fordert Euch und meine Todten ſtoßen Euch hinaus in Gefahr und Kampf.— Ja, ich ziehe fort, ſprach Eduard in ſteigender Glut, aber ich kehre bald; alle Geiſter der Erde, die in Ahnun⸗ gen zu den Menſchen reden, haben es mir geſagt, ich kehre bald als Sieger; mich begleitet Euer Gebet und meinen Säbel führt die Gerechtigkeit des Himmels, die jeder Unthat die ſtürzende Strafe ſetzt.— Nehmt dies Andenken mit, ſagte die Spanierin leiſe und befeſtigte einen koſtbaren Reiherbuſch an ſeine Bä⸗ renmütze. Es ſei Euren Braven ein Siegspanier im Schlachtgedränge, es ſchütze Eure tapfere Stirn, und der Gott des Himmels laſſe es nie mit Eurem Blute be⸗ fleckt werden.— Das ſtolze Mädchen war ſehr erweicht. Der Haupt⸗ mann umfaßte ſie leicht. Mein Schwur, Eure Särge gaben mir die Hoffnung, die Hoffnung gab Anſprüche, die Anſprüche gaben ein Recht; und bei dieſem Rechte bitte ich Euch, Felicitas, geht mit mir, bleibt nicht in dieſer gefährlichen, verlaſſenen Einſamkeit! Furchtbare Bilder würden mir folgen und meine jugendliche Kraft im Kampfe lähmen; ich würde Euren Hülferuf überall hö⸗ ren im Nachtwinde der ſtillen Feldwache, im Gewinſel des Schlachtfeldes. Ihr kennt die unmenſchlichen Ver⸗ derber Eures Vaterlandes!— Sie zog aus dem Buſen einen blanken Dolch. Da iſt mein Schutz! antwortete ſie. Der Rächer findet eine 408 reine Braut oder einen dritten Sarg. Ich darf nicht ziehen, bis der Racheſpruch erfüllt wurde, ich bin ja der Wächter dieſer Gruft.— Ich gehe beklommen, erwiderte er, denn— o es iſt ächtes, heiliges Wort, nicht Klang und Getändel und Schmeichelrede!— ergriffen hat mich Eure Nähe wie eine Gotteshand; die Liebe drückte zuerſt Euer Bild in das hartgewordene Kriegesherz, aber nun ſteht es ewig drin. Ihr habt einen Mann gewonnen, Felicitas, für das ganze Leben, und glaubt mir, keinen ſchlechten Mann. Ich gelobe Euch heilige Brudertreue, Bruderach⸗ tung, doch zieht mit mir!— Ihr habt eine Pflicht, ſagte ſie ernſt, ich habe eine Pflicht. Drum lebt wohl und gedenkt der Todten.— Gut dann, antwortete Eduard mit zuſammengezoge⸗ ner Stirn. Der Feind meiner Seligkeit lebt in Spanien, ſo muß er bald zu finden ſein. Wo nur ein Heerhaufe der Franken hauſet, dahin ſoll mein Fehdebrief eilen, den Vicomte zu fordern; wo mein Auge die Farbe Franken erblickt, da ſoll mein Ruf, da ſoll mein Trom⸗ peter den Vicomte vorrufen zum Einzelkampfe. Abr, Felicitas, bis Ihr Nachricht bekommt, bis ich den Liebes⸗ gruß oder den blutigen Reiherbuſch als letztes Abſchieds⸗ wort Euch ſende, Felicitas, bis dahin verſchließt die Kapelle und werbt keinen Rächer mehr. Das Auge der Gräfin benetzte ſich ſanft. Sie gab ihm die Hand und ſagte leiſe; So ſei es.— Wortlos ſenkte er ſeinen Mund auf ihre feine Hand; ihre Augen ſahen ſich noch einmal lange an, dann ging er zu ſeinen Pferden. 409 Sie ritten ſchweigend durch die alte Kaſtanienallee zurück. Eduard ſah ſtarr zum Sattelknopf nieder, eine tiefe nächtige Trauer umfing ihn, er grollte mit dem Schickſale, das ihm mit einem Sonnenblicke alle Schätze der Erde gezeigt, dann ihn ſo hart aus dem Paradieſe vertrieben hatte. Im wilden Mißmuthe der begehrlichen, wilden Seele wünſchte er ſich einen neuen Schlachttag, wie geſtern, eine Mordſtunde, wie ſie dieſe Nacht noch in der ſchönen Nachweihe der Liebe ſein Herz verwünſcht und verworfen hatte. Er wußte nicht, wie nahe ſeiner Wünſche Erfüllung war. O ſo ſteht oft der blinde Menſch ſeinem Glücke am nächſten, indem er gerade die heftigſten Verwünſchungen, das bitterſte Murren auf ſein Schickſal wirft! Durch Nächte geht die Erdenbahn, und nur durch die Spalten der Gräber, die wir dunkel ſchelten, fallen einzelnef Lichtſtreifen herein in die Finſterniß, die das Adamsgeſchlecht umgibt.— Sieh da! Muß doch das Blutbad von geſtern alles rälsheriſche Bauernvolk an ſich gelockt haben, wie der Rabihſtein? die Geier, daß dieſer gute Freund noch ſo eytbar und bekleidet daliegt! alſo unterbrach Wachtmei⸗ ſter Wolf die Stille, als ſie jetzt aus der Allee in eine Holzſtraße beugten, und da zugleich Eduards Pferd ſtutzig den Kopf in die Luft warf, ſo ſah der finſtere Reiter auf und erblickte neben ſich den Leichnam des geſtern hier ſ zuſammengehauenen Feindes. Im Schreck des froheſten Erſtaunens und der höchſten Ueberraſchung warf er ſich aus dem Sattel, denn dieſes verzogene Antlitz war das Geſicht des Vicomte d'Aubiſſon, und vor dem Rache⸗ ſchwure war der Schwur erfüllt geweſen durch die ſchwö⸗ rende Hand. Willkommen! rief der Britte. Du biſt mein mit 41⁰ vollem Rechte, denn mein Säbel lockte zuerſt Dein Blut und Du filſt, als mein Eigenthum, in meinen Ketten. So komm denn, Du größter aller Schätze, und verſöhne die Unthat, indem Du Glückliche ſchaffſt.— Mit zwei raſchen Schwertſtreichen trennte er den Kopf vom Rumpfe, zerriß dann den Mantel des Todten und ſchlug das bleiche Haupt in das abgeriſſene Tuch. Zu des Wachtmeiſters großem Staunen ſetzte ſich der Ritt⸗ meiſter ſo beladen wieder auf und ſpornte das Roß ohne Erklärung in die Kaſtanienallee zurück. Alle Bewohner des Schloſſes kamen ängſtlich im Hofe zuſammen, als die Reiter durch das noch nicht geſchloſ⸗ ſene Hofthor ſprengten, einen nahen Ueberfall der Feinde fürchtend. Der Wachtmeiſter beruhigte ſie, indeß Eduard die breiten Stiegen hinauf eilte, wo ihm die Gräfin ſchon beſorgt und erſtaunt entgegen trat. Zur Kapelle! rief er ihr zu und zog ſie eilig mit ſich den offenen Gang hinab. Zu den Füßen des Altars legte er ſeine Bürde nieder, ſchlug das Tuch auf und hob an den dunkeln Scheitel⸗ locken das bleiche Haupt zu dem Krucifix empor. Der Schwur iſt gelöſet, nun gib den Lohn, Du Heißgeliebte! rief er aus, und Donna Felicitas, die ſchaudernd das Geſicht gewandt hatte, drehte ihm wieder die herrlichen Augenſterne zu, und alle Gluten verborgener Leidenſchaft ſchlugen auf ihren Wangen aus und ſie ſenkte in Scham und Liebe ſich in die Arme des freudezittern⸗ den Mannes.— Nimm den Ring! ſagte ſie tief athmend und halb⸗ laut nur, und gab ihm ein koſtbares Geſchenk. Nimm das ganze Mädchen! Seit geſtern wäre ſie nur wie eine Sklavin dem andern Manne gefolgt; Dir folgt ſie wie eine junge Königin.— Ja, die Todten find ————————— 411 verſöhnt; das Schickſal iſt verſöhnt. Ein Fluch lag auf dem Geſchlechte der Uzeda's, vielleicht darauf gelegt durch den Frevel der Vorfahren; denn Herzog Alba war uns verwandt; nur in Wettern zog das Schickſal über die letzten Generationen hin; o ſei nun verſöhnt, Du ewiger Richter, und ſende Frieden und Liebe!— Da ſtürzte das Bild des Franzoſen gewaltig von der Wand hernieder, ſchlug das Krucifix um, zerbrach und knickte alle Lilien in den heiligen Urnen und bedeckte mit ſeinem Blutvorhange den ganzen Altar und ſein gräßlich Opfer; zugleich ſprangen von der Erſchütterung einige Gläſer im Sargdeckel der todten Klara, und widerlich gellend und ſcharf tönte der Klang an den Pfeilern hin. Felicitas ſchauderte tief zuſammen, doch der ſtarke Engländer preßte ſie feſt an ſich und ſagte laut; Du antworteſt, Unſichtbarer, Du verdeckſt den Mord und die Rache!— Ich bin jetzt Dein Schickſal, Felicitas, und ich will Dich unverletzt tragen im ſtarken Arme durch die Welt und ihre Frevel, und nur der Tod ſoll unſere Umarmung löſen.— So trug er ſie im Triumph aus dem Gewölbe und warf die ſchallenden Pforten hinter ſich zu. Welch ein Tag breitete die bunten Glanzfittiche nun über die Glücklichen aus! Es war ein Tag, den Gott gemacht hatte, wie die Kinderſprache des Volkes zu reden pflegt; ein Tag, der mit ſeinem Gottesfrieden, mit allen erfüllten Sehnſuchten, Wünſchen und Gebe⸗ ten nur einmal in jedem Menſchenleben zu erſchei⸗ nen pflegt, wie die Alveblüte nur einmal in einem Menſchenalter die herrlichen Kelche öffnet. Felicitas war ein ganz anderes Weſen geworden. Stolz und Kälte war von ihr geſunken wie ein ſchwerer, goldbe⸗ „ 412 deckter Kaiſermantel, und in Liebe, Zärtlichkeit und Ge⸗ horſam umwand ſie ihren jungen Krieger mit tauſend nie geahneten Lebenskränzen. Ohne Widerrede ergab ſie ſich nun in ſeinen Willen, ihm ſogleich zu folgen. Ihre Koſtbarkeiten wurden raſch in ein Käſtchen gepackt und unter Liebkoſungen und unzähligen Schmeichelwor⸗ ten der jungen Liebe halfen beide einen leichten Wagen mit des Schloſſes beſten Sachen füllen, und ein Die⸗ ner wurde ausgeſandt, vier Maulthiere in der Gegend aufzutreiben, um mit dem nächſten Morgen der ſiegen⸗ den Armee nach der Hauptſtadt zu folgen. So kam der Abend heran. In Eduards Armen ſtand die ſchöne Spanierin am Fenſter, und unter Küſſen ſahen ſie die Sterne all⸗ mälig aus der Dämmerung des Himmels hervortau⸗ chen. Da geſchah ein Schuß am Hofthore, und flu⸗ chend ſtürzte der blutende Pförtner dem Schloſſe zu. Sie eilten auf die Vorhalle und hörten mit Schrecken, daß franzöſiſche Dragoner am Thore tobten, den Eng⸗ länder, den Mörder ihres Oberſten, forderten, Mord und Brand drohten und ſchon die Mauer zu überſteigen verſuchten. Rette Dich hinten hinaus zum nächſten Dorfe! rief der Rittmeiſter ſchnell entſchloſſen. Es können nur We⸗ nige ſein. Bewaffnet Euch Alle! Wolf und ich ſchützen ſo lange das Thor. Laß mich mein Glück noch einmal verſuchen.— Aber Felicitas ließ ihn nicht. Nein! ſprach ſie ängſt⸗ lich, nicht neues Blut ſoll dieſe Schwelle beflecken. Laß mir die Rettung.— Und beſonnen ließ ſie die Pferde durch das Schloß in den Park ziehen, nahm das Käſtchen mit ihren Klei⸗ —= —— * 413 nodien, und führte ſie durch dunkle Gebüſche und über kleine Gewäſſer, deren Brücken ſie zertrümmern muß⸗ ten, einem ſchmalen Eingange zu, der an einer felſig⸗ ten, bewachſenen Gegend ſich öffnete. Wilder Lärm tobte hinter ihnen, Schüſſe fielen, Angſtgeſchrei erhob ſich; Eduard drückte die Gewonnene feſt ans Herz, ſchwang ſich in den Sattel, ließ ſie von dem treuen Wachtmeiſter zu ſich herauf heben, und dahin trabten ſie im frohen Gefühle der Freiheit, der Rettung.— Don Alexander, Graf Uzeda, folgte mit einem Heer⸗ haufen ſpaniſcher Wildſchützen und Rache ſchnaubender Landleute der großen feindlichen Armee in allen ihren Bewegungen. Aus den Bergen, ihr zur Seite, brach er hervor wie ein Würgengel, vernichtete Geſchütz und Wagen, nahm die Lebensmittel, tödtete, was nur kurze Strecke ſich von der Kolonne entfernte und ward, ebenſo ſchnell wieder unſichtbar auf kaum betretbaren Fußpfa⸗ den, ſo ein furchtbarer Feind. Er ſah jetzt die beiden großen Armeen ſchlagfertig neben ſich herziehen; beide ſcheuten den Angriff, beide ſuchten die Grenzpäſſe zu gewinnen; ſo war das Zu⸗ ſammentreffen unvermeidlich, der Schlag mußte fürchter⸗ lich werden; er ahnete den Ort der Wetterentladung, und mit ſeinen beſten Scharfſchützen brach er darum auf, und ſuchte früher ſeine Stammgüter zu erreichen, ſie möglichſt zu ſchützen und die Familienkleinode und die Schweſtern der Raubſucht zu entreißen. Wenige Stunden kam Alexander zu ſpät. Er fand ſein Väterſchloß in Flammen, die Hälfte ſchon zuſam⸗ mengeftürzt, geplündert, zernichtet Alles, einige halb 414 verbrannte Körper im Schutt, die Dienſtleute eniflohen, nur einige Bauern in den Höfen, die Nachleſe hielten unter dem zertrümmerten Hausgeräthe. Mit kalter Wuth ſchauete er in den Brand, hörte, mit glühenden Augen, daß franzöſiſche Krieger, Huſaren, Dragoner und Jäger hier wenige Stunden gehauſet, und Schätze und Weiber, unter ihnen die Gräfin, mit fortgeſchleppt hätten. Ohne ſich um den Brand zu kümmern, ließ er ſich den Weg andeuten, den die Räuber nahmen, und zog mit ſeinen Getreuen ihnen nach. Indeß war Eduard mit der Geliebten glücklich durch die Nacht und die gefährlichen Waldpfade gekommen, aber die leuchtende Morgenſonne zeigte ihnen nur Schrecken des Kriegs und keinen Einklang mit den Gefühlen ihrer Herzen. Zerſtörte, verlaſſene Dörfer ſtießen ihnen auf; einzelne bleiche Greiſe, die ihr Bündelchen noch zu ret⸗ ten ſuchten in die Gebirgsklüfte. Ein zertrümmerter Reiſewagen ſtand am Wege mit noch eingeſpannten ver⸗ laſſenen Maulthieren. Eduard ſpannte das Sattelthier aus, hob die Gräfin hinauf, und hüllte ſie vor dem Morgenwinde in ſeinen Mantel; er ſelbſt und ſein Reiter verbargen Buſch und Schärpe unter dem Pelze, um ſo unbeſorgter durch die unſichere Gegend ſtreifen zu können. Doch immer grau⸗ ſiger wurden die Stätten, welche ſie berührten. Das erboste Landvolk hatte Theil genommen am Schlachten der vorigen Tage; allenthalben lagen todte Körper, oft mit Zeichen der Unmenſchlichkeit und raſendſten Rach⸗ ſucht gemordet. 1 So fanden ſie einen franzöſiſchen Reiter von Wei⸗ berhänden mit hundert Wunden gerichtet; noch ſtacken in Bruſt und Nacken mehre ſcharfe Spindeln, die ſchreck⸗ . 415⁵ liche Todesart und die Henkerhände verrathend. Ein großer Grenadier lag wie ein Andreaskreuz ausgeſpannt, mit Händen und Füßen an vier ſtarke Pfähle gefeſſelt, und auf ſeinem Unterleibe war ein Feuer angemacht; die Glieder und der Kopf waren unverſehrt geblieben, der Rumpf ganz von Flammen verzehrt worden, und unter dem Todesgeheul des Gemarterten hatten die euro⸗ päiſchen Kannibalen auf dem bratenden Leibe mit Hohn⸗ geſängen ihre Speiſe gekocht.* O du Kind der Hölle, würgender Krieg, wie haſt du dich verirrt unter das gutgeborene Menſchengeſchlecht? Wie konnte ein barmherziger Weltenherr dulden, daß du Myriaden Unſchuldige zerfleiſcheſt, mit Blut und Thränen die ſchöne Erde beſchmutzeſt, und in das Men⸗ ſchenherz den Sitz der Liebe, die Dornenſaat des Haſſes und tigriſcher Begierden ausſtreueſt? Räthſel, die keine irdiſche Sibylle auflöſet!— Nein, hier iſt keine Ruheſtätte, kein einſam Plätz⸗ chen des Glücks und der Liebe, ſagte Eduard ſchaudernd. Wir müſſen hinaus aus dieſem Lande, das Unthaten beflecken, die kein Menſchenalter abwäſcht, hinaus, damit auch nicht uns dieſe Gräuel in ihre Untiefen reißen, und ich des Lebens ſchönſte Beute verliere.— Raſcher zogen ſie vorwärts. Der Mittag kam mit ſeiner Schwüle; nahe der Straße nahmen ſie Platz unter ſchattigen Eichen, und erquickten ſich durch Früchte, die Wolf in einer zerſtörten Hütte gefunden. Der treue Deutſche ritt indeß einer Höhe zu, um die Gegend auszukundſchaften. Bald kam er mit Haſt zurück und mahnte zum Aufbruch. Zur Seite in einem Thale lagerten feindliche Jäger, und auf * Wahrheiten. 416 den Höhen hinter ihnen ließen ſich einzelne bewaffnete Spanier blicken.— Der Rittmeiſter reichte der Gräfin die Hand, fie vom Raſen zu erheben, da ſielen mehre Büchſenſchüſſe von den Felſen herab. Felicitas ſprang mit einem Wehe⸗ ſchrei auf, doch hin ſank vor ihr der ſchöne Englän⸗ der tödlich getroffen. Den eigenen Schmerz vergeſſend, warf ſie ſich auf ihn, drückte ihre Lippen an ſeinen er⸗ blaſſenden, zuckenden Mund. Noch einmal öffnete er das große Auge, ſeine Hand zuckte aufwärts: dort im Vaterlande! ſtammelte er. Sie ſank auf den Erbliche⸗ nen zuſammen.— Don Alexander ſtürmte heran. Steh auf, Schwe⸗ ſter! rief er, ſie umfaſſend. Meine Schützen trafen gut den böſen Feind, aber dieſer Platz iſt unſicher; drum komm mit mir raſch in die ſichern Bergſchluchten.— Voreiliger Schütz! ſprach Felicitas mit dumpfer Stimme, erhob ſich vom Boden, und wandte dem Er⸗ ſchreckenden das blaſſe Geſicht und die blutende Bruſt zu. Du haſt den Freund Deines Königs, den beſten Krieger Deines Gottes, den Rächer Deines Vaters, den Retter und Liebling Deiner Schweſter erſchlagen. Der Fluch ruht unverſöhnlich fort auf unſerem Geſchlechte. Flieh, unbeſonnener Schweſtermörder, daß er nicht hier auch Dich erreicht.— In Todeszuckungen fiel ſie an dem Geliebten nie⸗ der. Kriegesgeſchrei ſchallte die Höhe heran; franzöſi⸗ ſche Waffen und Federbüſche wurden ſichtbar. Alexander pallte ſeine zitternde Fauſt und hob ſie dem Himmel zu, dann warf er ſich mit ſeinem Scharfſchützen dem Feinde entgegen. —0— —————— VI. Die Fremde. ———————————————— 27 Blumenhagen, VI. Wo die deutſchen Fichtenwälder ſich dichter drängen, nicht allein die Kuppen und Höhen des Gebirgs über⸗ wuchern und ihre Wurzeln zwiſchen ſeine Eiſenadern einklemmen, ſondern auch hinabſteigen in die ſandigen Flächen und dieſe faſt unabſehbar mit ihren ſpröden, düſtern und einförmigen Holzungen bedecken, in denen für die Reiſenden das Grauen neben der Langeweile ſchleicht, in einer ſolchen ſüddeutſchen Gegend rollte auf ſteiniger Steinſtraße ein kleines, aber vollbeſetztes Fuhr⸗ werk hin. Das Aeußere der Reiſenden ſchien nicht eben recht zu ihrer Equipage zu paſſen, denn das faſt einem Karren gleiche Wägelchen war alt und ſchlecht, ſie ſchie⸗ nen jung und von gutem Stande, und das abgemagerte, glanzloſe Pferd wäre dem Krämer einer Landſtadt für ſeine Handelsreiſen zu armſelig geweſen. Der Mann führte die Zügel, ſeine Kleidung hatte militäriſchen Schnitt, auch ſein Weſen und ſeine Haltung deuteten auf den Wehrſtand, aber der ſchlanke Wuchs zeigte nichts von martialiſcher Kraft und über dem blonden Schnautz⸗ barte ſchimmerte ein mattes Augenpaar und eine kränk⸗ liche Weiße lag auf ſeinem Geſicht, und wurde noch bemerkbarer durch einen Blick auf ſeine Gefährtin. Das Frauenzimmer war nicht ein Kind dieſer kältern Zone, darüber blieb dem erſten Blicke kein Zweifel; ſie war 420 nicht voll, nicht üppig, aber Wuchs und Farbe waren friſch und warm, Augen und Haar reich und blendend wie Alles Lebende in den Ländern, wo die Natur in Blumen und Schmetterlingen, in Goldfrüchten und bunt⸗ ſchillernden Vögeln ihren Bildungstrieb zu erſchöpfen ſcheint, was ſie hat an Schmelz⸗ und Prunkfarben über⸗ all verſchwenderiſch ausſtreut, und durch die phantaſti⸗ ſchen Wunderformen des Geſchaffenen wie durch den Zauber ihrer Malerei dem Fremden, der dieſe Länder zum erſten Male betritt, zu einem ſtarren und verſtum⸗ menden Anſtaunen verſteinert. Weniger klar möchte der erſte Blick über den Charakter und das Seelenleben der Dame entſchieden haben. Das dunkle Auge, mit wel⸗ chem ſie die finſtern Fichtenwände, an denen ſie hinfuh⸗ ren, und den getrübten, herbſtlichen Wolkenhimmel be⸗ trachtete, ſprach von einer lebensmuthigen Entſchloſſenheit, die den Schickſalskampf nicht zu ſcheuen gewöhnt war; doch ſenkte ſie ſpäter gedankenvoll die langen Wimpern über das Auge, ſo entwickelte ſich etwas Schmerzliches und Wehmüthiges in den Zügen des edeln Geſichts, und die Winkel des üppig geſchwollenen Mundes ſenkten ſich wie erſchlafft, und gaben dem Antlitz den vollen Aus⸗ druck der Schwermuth, ſo daß der Forſchende an ſeiner erſten Charakteriſtik irre werden mußte. Kommt denn der Garten noch nicht, Vater, von dem Du erzählt, mit den großen Bäumen und dem Teiche voller Fiſche? Hier iſts gar nicht hüvſch, Vater, und das da, was Du Bäume nennſt, iſt nicht wie Bäume, ſondern läßt wie die großen Binſen in der Steppe am Sumpf, von denen der Aufſeher die Ruthen band, mit welchen er die Schwarzen ſchlug, wenn ſie faul wurden. Auch friert Dein Antonio und möchte zu — 421 „. Bett; der Wind iſt hier noch garſtiger als auf dem großen Waſſer, und die Mama hat den Braſero vergeſ⸗ ſen; Antonio möchte ſich gern die Finger an den heißen Kohlen erwärmen.— So ſprach ein fünfjähriger Knabe, doppelzüngig die weiche fremdländiſche Sprache mit dem harten Deutſchen mengend, und indem er von ſeinem niedern Platze zwi⸗ ſchen den Knien der Mutter die ſchwarzen Augen rechts zum Vater hinauf ſchlug. Die Frau zuckte wie vom Schmerz getroffen auf aus ihren Träumen, und wickelte den Mantel, der ſie deckte, ſchnell bis zu ſeinem Halſe um den Knaben. Sei artig und fromm, Antonio, ſagte ſie dabei. Abends bekommſt Du Deine Jicara mit heißer Chocolade und Kuchen und Obſt, und ſchläfſt dann warm und weich in Mütterchens Armen.— Der Mann ſeufzte tief auf, doch verſchluckte er den Seufzer, ehe er laut geworden.— Noch ein Stündchen, mein Kind, ſprach er, und wir ſind zu Hauſe. Dann wirſt Du Alles haben, wie in Rio,— und beſſer wie dort, ein eigener Burſch wird Dich warten und mit Dir ſpielen, auf einem Pferdchen ſollſt Du reiten, viele der ſchönſten Hunde darfſt Du jagen und hetzen, und wenn Du frierſt, ſetzeſt Du Dich zum war⸗ men Ofen oder trägſt einen Pelz vom weichſten Fuchsfell.— Wird auch der ſchwarze, kleine Tom wieder da ſein und Miami, der kleine Affe? fragte das Kind.— Der Tom iſt verkauft; Vater hat nicht Geld genug, ihn mit auf die lange Reiſe zu nehmen, und Miami— Du weißt es ja!— wurde auf dem Schiffe von dem großen Hunde des Engländers todt gebiſſen, entgegnete der Mann mit verdüſterter Miene. Der Knabe ſtarrte binaus nach dem keuchenden Pferde, als bemühete er ſich, 422 des Vaters Worte zu erläutern. Die Frau legte ihre feinen Finger auf die Zügelhand ihres Gatten. Philippo, fragte ſie mit Herzlichkeit, macht der An⸗ blick Deiner Heimath Dich traurig?— Schön iſt ſie nicht, wenn man von Jenſeits kommt, aber ich meine, die Spielplätze der Kinderjahre müßten jedem Gemüthe die liebſten Stellen auf der weichen Erde bleiben. Lebte ich doch auch ſeit dem zehnten Jahre auf jenen Pracht⸗ fluren, und gäbe doch viel darum, einmal wieder zu wandeln unter den Olivenbäumen, und die hohen Pla⸗ tanen meines Vaterlandes einmal wieder zu ſehen, wo wir Ringeltänze aufführten und Caſtagnetten ſchlugen, obgleich Niemand mehr da ſein mag, der ſich der kleinen Geſpielin erinnert, Niemand dort die Arme zum Will⸗ kommen nach mir ausbreiten möchte.— Die Stimme der Sprechenden ſank am Schluſſe ihrer Anrede und ward ſo gedämpft, daß der Mann davon bewegt ſchien und ſich gewaltſam heiterer zu ſtimmen verſuchte. Es iſt nicht Trauer, Placida, antwortete er wie unbefangen; es iſt nur das natürliche Verſinken und Verdämmern in die Erinnerung früherer Zeiten. Sie waren nicht ſo ſchön wie die Gegenwart, denn ich hatte ja keine Placida zur Seite, hatte keinen Antonio, aber ſie üben dennoch einen mächtigen Zauber aus, denn in ihrem Nebelflore ſteigt die Unbefangenheit, die Sorg⸗ loſigkeit, die Freiheit der Seele empor vor der Phantaſie, die damals in dem Knaben wohnten und jede Kette ſpot⸗ tend verlachten. Glückliche Zeit, wo der Menſch noch nicht ahnet, daß die ganze Erde ein großer Kerker iſt, und nichts thörichter gethan wird, als eine leichte Bande abzuſtreifen, weil man gewiß iſt, in nächſter Minute. ine ſchwerere Feſſel zu fallen.— —, 423 Gehört Placida auch zu Deinen Ketten? fragte ſie fich an ihn ſchmiegend.— Du biſt mein Licht, mein Troſt, mein Balſam! ſiel er mit Haſt in ihre Rede. Wie hätte ich ohne Dich das Leben in jener Fremde, welche unter dem Paradieſes⸗ ſchmuck ihrer Natur nur Gift, Dornen und Schlangen verhüllt, länger ertragen? Wie hätte ich den Haß und die Verächtlichkeit jener europäiſchen Baſtardmenſchen, mit dem ſie die Fremdlinge, die ſie ſelbſt ſich zum Schirm herbeigerufen, wie die Eiferfucht und den Undank zu dulden vermocht, hätte Dein Sonnenauge mir nicht Troſt gelächelt, hätte die Geduld, mit welcher ich Dich Sorge und Noth, die ſteigende Entblößung an allem Nothwen⸗ digen tragen ſah, mich nicht angeſpornt, mannlich dem ſtarken Weibe es gleich zu thun, und durch Seelenkraft dem ſiechen Leibe die Gewalt zu entreißen, die er ſchon auf das Gemüth zu üben begonnen hatte?— Und iſt dieſer Troſt nicht noch, nicht für immer neben Dir?— Die ſchwere Zeit liegt hinter uns; Du biſt dem Vaterhauſe, Deinen Verwandten ſo nahe; ich hoffte Dich hier ſo freundlich zu ſehen, ſo freundlich wie dort im Felſenthale am großen Katarakt; täuſchte ich mich gehſt Du mit Furcht den nächſten Stunden entgegen, wie beklommen müßte ich dann eintreten in das unbe⸗ kannte Haus, ich die Fremde?— Was Furcht? entgegnete er unwillig und mit gerun⸗ zelter Stirn. Ich ziehe in mein Erbe, der Platz iſt mein, wie ihnen, und mein Weib und Kind ſind gleich mir dort heimiſch. Hat auch dieſe Hand der Schuß des wilden Häupt⸗ lings zerſchmettert, darf doch Niemand daran zweifeln, daß ich meinem Weibe und Kinde das Recht zu ſchützen weiß, und wäre es mit Gewalt gegen Ungerechte.— 424 Wie lauſchend und mit einem leichten Zuge von Zweifel ſah ſie zu ihm auf. Warum Gewalt? ſagte ſie dabei. Rühmt ſich nicht überall im Auslande euer Volk der Redlichkeit, der Treue, ſeiner Zucht und Gaſtlich⸗ keit? Wir gehen zu Vater und Mutter; was bedürfte es da anderer Waffen, als des verſöhnenden Wortes? Don Agoſtinho, mein Vater, war heftiger Gemüthsart und heißen Blutes, aber die Mutter und ſeine Placida wußten ſolche Stürme leicht zu beſchwören. Du biſt ein ſo guter Mann, mein Philippo, vielleicht mehr als zu milde und herzig in der feindſeligen, ſtürmiſchen Zeit, worin wir leben, und darauf vertraut Dein Weib ſiche⸗ rer, als auf die Kraft, mit welcher ihr Männer ſo gerne groß thut.—. Eine widerwärtige Empfindung, vielleicht auf Selbſt⸗ erkenntniß gegründet, ſchien ihm die Wendung des Ge⸗ ſprächs unangenehm zu machen, und er entgegnete aus⸗ beugend: Was mich heute ſchweigſamer ſtimmte, mag eine Art von Gewiſſensunruhe ſein, deren Grund Du leichtlich errathen ſollteſt. Ich verließ Vaterhaus, Eltern und Heimath als ein achtzehnjähriger Burſch, ohne Wiſ⸗ ſen und Willen des Vaters, trotzig mich ſtämmend gegen den, den mir der Himmel zum Herrn und Vormund ge⸗ ſetzt. Erſchien er mir auch in jener Zeit als ein Ty⸗ rann, der den Sohn gleich einem willenloſen Knaben, als ſeine Spielpuppe, als ſeinen abgerichteten Jagdhund behandelte, den bereits Erwachſenen, der ſich Mann glaubte, knechtiſch züchtigte um kleinen Muthwillen, ſeine Ehre nicht ſchonte vor Gäſten und Dienſtleuten, ſo däucht mir das Alles jetzt anders und ſündiger, und die ſchöne Parabel vom verlorenen Sohne, an welche ich nie ge⸗ dacht, liegt feſt und quälend in meinem Gedächtniſſe, ſeit 425 dieſe Fichtenwälder vor mein Auge traten. Ich wollte frei ſein und walten, wollte mir ſelbſt ein glänzendes Loos erzwingen, und als ein Hochgeehrter, von einer ganzen Welt rühmlichſt Gefeierter, dachte ich einſt heim⸗ zukehren. O Seifenblaſen der Jünglingsträume! Als ein trauriger Invalide, ruhm⸗ und glanzlos, faſt ein Bettler kehre ich, und die Scham verdirbt mir die Freude des Wiederſehens, ja die ſchwarzen Bilder, ich könnte Vater und Mutter im Sarge finden, und müßte vergebens von den bleichen Leichnamen den Elternſegen erwimmern, preſſen meine Bruſt bis zum Erſticken.— Placida nahm den Knaben und hob ihn mit ſtolzen Mienen und funkelnden Augen gegen den Mann. Kommſt Du ohne Prunk und ohne Schätze? rief ſie mit beben⸗ der Stimme.— Er ließ die Peitſche ſinken und legte die Rechte auf des ſchönen Kindes dunkle Locken! Er wird uns verſöhnen! ſprach er lebhafter.— Dazu liegen zehn Jahre zwiſchen jenen Tagen und dem Heute. Das Alter macht ſtiller und milder, und kam auch lange keine Antwort auf unſere Briefe, ſo ſandte die Vaterhand uns doch das Reiſegeld, und ſchrieb auch nicht ſie, ſondern der Bruder Arnold das kurze, nicht gerade freundliche Beiwort, das Vaterherz wird den bittenden Seelenaugen der neuen Tochter, wird des Enkels freundlicher Engels⸗ geſtalt nicht verſchloſſen bleiben.— Das lebhafte Geſpräch hatte die Achtſamkeit des Wagenlenkers verringert, der Wagen war zur Seite der Straße zwiſchen die Waldwurzeln gerathen, und als der ſeitwärts geleitete Gaul alle ſeine noch übrige Kraft anwandte, zerbrach die Gabeldeichſel. 1 Die heilige Jungfrau tilge die böſe Vorbedeutung! rief Placida mit einem Angſiſchrei.— Der Mann ſprang 426 jedoch ſogleich vom Wagen, faßte das unruhige Pferd und ſah ſich nach Hülfe um. Zwei Hüttenleute, die in der Nähe einen ſchweren Erzkarren vom Berge herab⸗ ſchoben, merkten auf ſeinen Wink und Hülferuf, ſtanden bald mit der bekannten Dienſtfertigkeit der ſchlichten Gebirgsbewohner neben dem Fuhrwerke, hieben, kundig ſolcher Unfälle, eine ſchlanke Tanne zurecht, den Schaden zu erſetzen, und holten Seile herbei, S Nothbaum zu erſetzen. Iſt es noch weit bis Sparneck? fragte der Mann die treuherzigen Menſchen, ſich fremder ſtellend, als er war.— Ein Stündlein kaum, antwortete der berußte Helfer, wenn anders nicht das abgehetzte Thier auf dem rauhen Mönchberg die Eiſen ſtecken läßt.— Wohnt die Herrſchaft oben im Bergſchloß? fragte der Mann wie neugierig weiter.— Der Jüngere der Hüttenleute lachte laut auf. Zwi⸗ ſchen den alten Steinbrocken mit den Raben und Eulen? Das Neſt möchte ihr nicht weich genug ſein, wenn auch ihre Großväter auf dem Berge lange genug rumort haben mögen, und wie die Sage geht, Bürger und Kaufleute dazumal von ihnen viel Böſes geduldet, bis Kaiſer und Burggraf das Fauſtwerk geſtört. Ein kleines Haus und ein Viehhof ſteht oben am Thurm, und wartet bis der wackelnde Graukopf ſeine Dächer einſchlägt; darin wohnt der Bergmeiſter, ſeit ſein Haus an der Eiſenhütte im Feuer aufgegangen.— So lebt die Herrſchaft vielleicht in der nächſten Stadt?— Sie ſitzt auf dem Edelhofe im Lhal; war die Ant⸗ wort. Wenn Ihr den Mönchberg und Ziegelſtein paſſirt, ———— ——— — —— ———— 427 ſchaut Ihr gerade hinein, und zwei Reihen hoher Lin⸗ denbäume werden Euch den Weg zum Schloßhofe ſchon zeigen.— Die Herren von Sparneck ſind alſo reiche Edelleute2 Wälder, Hütten, Bergwerke ſind in ihrem Beſitz; deſto weniger wird unſer Beſuch ſie beläſtigen, den ein Ge⸗ ſchäft nothwendig macht.— Der zweite Hüttenmann, ein runzlichter Weißkopf, warf einen ſcharfen Blick auf die Fremden, und ſchien Kleider, Wagen und die leichte Bagage zu muſtern. Wie's eben kommt, entgegnete er mit dem Tone des Zweifels. Jeder Tag hat ſeine eigene Sonne und ſein eigen Wetter. Es geht jetzt ziemlich ſtill her im Schloſſe.— Wenn der Tiſch magerer wird, bleiben die Gäſte aus! lachte der Jüngere.— Der Alte ſtieß ihn vor⸗ wurfsvoll in die Seite. Schließ den Schnabel, Tölpel! ſagte er barſch. Bislang iſt der Wochenlohn Dir blank hingezahlt worden.— Wohl iſt es nicht ſo mehr wie ſonſt dort im Herrenhauſe, wandte er ſich dann an den Fremden, aber wir geringen Leute haben uns nicht zu kümmern um die hohe Wirthſchaft. Wen hat nicht die Zeit gedrückt und ausgebeutelt? Erſt die langen Krie⸗ gesjahre, dann Kriegspeſt und Unglück in den Heerden; die Kupfergruben ſind auch arm geworden, und zum neuen Schürfen gebraucht man gemünztes Erz. Oben⸗ drein ſind ſolche Herrſchaften zu einem koſtbarern Leben geſchaffen als unſer Einer, ſind das Bequemere gewohnt und können die Kinder nicht in Gottes Hand aufwachſen laſſen, nicht im Hemdchen auf die Weide ſchicken oder am Pochwerk oder bei der Erzwäſche anſtellen. Unſere Reichthümer ſind die geſunden Glieder und die derbe Natur; ihnen mangelt das, und ſie müſſen in den Bädern 428 und am Brunnen die ſchwachen Leiber ſtärken und das bischen Geſundheit hinhalten, und theuer dafür zahlen. Der Gnädigen und dem Fräulein iſt der Winter hier im Walde zu kalt, und die Stadt nimmt theures Pfla⸗ ſtergeld. Der Junker zieht viel in die fremden Land⸗ ſchaften, wo der Pabſt wohnt und wo der Kaiſer Hof hält, um zu lernen, wie man Land und Leute regiert. Nun, jeder Topf hat ſeinen Boden, und kein Teich iſt ſo tief, daß er nicht im Sonnenbrande bis auf den Grund trocknen könnte. Der alte Herr mag ſeine Laſt haben, ſo gut wie unſer Eins, und die chriſtliche Geduld iſt ſolchen Leuten nicht von früh an eingepeitſcht und anerzogen, wie dem, der ſie mit der erſten Milch einſog, und der jeden Tag darin exerzirt wird.— Auf dem Geſicht des Fremden wurde die Betroffenheit ſichtbar, er blickte beunruhigt auf die Gefährtin, welche trotz dem ungewöhnlichen Dialekte der Leute den Inhalt ihrer Reden verſtanden zu haben ſchien. Nach Euern Worten zu ſchließen, iſt der Herr von Sparneck kein gütiger Herr? fragte er, und mit Ueber⸗ windung ſetzte er hinzu: vielmehr ein hartherziger, ja ungerechter Gebieter?— Hund, Dienſtbote, Jäger, Bergmann und Bauer ſtehen bei ihm in einem Gliede und bekommen gleiche Freundlichkeiten, ſtieß raſch der Jüngere heraus; doch der Alte ſprach ſogleich barſch dazu: Marſch an die Ar⸗ beit, Naſeweiß! Deine Plaudereien ſind nichts nutz für fremde Reiſende. Glück auf den Weg! das Fuhrwerk iſt ausgebeſſert und wird bis zum nächſten Werkmeiſter aushalten.— Das dargebotene Geſchenk ſchlugen die beſchmutzten Bergſöhne aus, und die Reiſenden ſetzten ihre Fahrt fort, aber gar ſchweigſam, und Jeder mit ———— 429 ſeinen eigenen Gedanken tief und zur Genüge beſchäftigt, Gedanken, welche keiner dem Andern auszuſprechen ver⸗ mochte, weil wechſelſeitige, gleich innige Liebe das ver⸗ wandte Herz zu verwunden Furcht hatte.— Nur grober Unverſtand kann die ſogenannten vor⸗ nehmern und höhern Stände beneiden, vor allen den Adel, dieſes Kind des Krieges, das nicht mehr ſo recht weiß, wo es ſeinen Platz nehmen ſoll, ſeit Helm und Schwert nicht mehr zu ſeinen alleinigen Schmuckſachen gehört, und man nicht edel geboren zu ſein braucht, um im edeln Kampf für Fürſt und Vaterland Ruhm, Ehre und Hochſtellung, Eichenkranz und Ordenskette zu finden. Entſprang der erſte deutſche Adel aus Eroberern, welche das mit Fauſt und Blut gewonnene Land unter ſich theilten oder von dem Führer, dem ſie in Erz ver⸗ luppt gefolgt, zum Geſchenk empfingen, zugleich mit der großherzigen Erlaubniß, den Eiſenfuß auf den Nacken der ehemaligen Beſitzer zu ſetzen; war der deutſche Edel⸗ mann der Vorzeit fertig und vollendet, wenn er ein unerſchrockenes Herz beſaß, das wildeſte Roß der Steppe bändigen, das mannshohe Schwert ſchwingen, den größ⸗ ten Tummler leeren konnte, ſo ſind ſeine Nachkommen übel daran, da die Pulverſchlachten und lebendigen Ma⸗ ſchinen⸗Kriege das tollkühne Herz und die brave Fauſt nur ſelten vorleuchten laſſen, die hellern Anſichten der Geſetzgeber die Ebenbilder Gottes nicht ferner als Sa⸗ chen oder Eigenthum Ihresgleichen betrachtet wiſſen wollen, und das Preßrecht der Sohlen und Ferſen nicht mehr geduldet wird. Stritten ſich doch die geſcheiteſten Phi⸗ loſophen darum, ob der Adel Schutzwall oder Scheide⸗ 430 wand ſei zwiſchen Fürſt und Volk, wurden aber ber ſolches Fledermausleben nicht einig; aber klar ſteht es vor allen offenen Augen, daß die Vorrechte der höhern Stände an ein ferneres, ſchwieriger zu erringendes Ziel gehangen ſind denn vormals; daß nur die feinſte Aus⸗ bildung aller Geiſteskraft, die höchſte Cultur des Talents, ſtrahlende Hochherzigkeit und Mitopfer für das Allgemeine den Beſitz jenes alten Hochplatzes ſichern und neu zu gewinnen vermögen, und daß die Rivalität der unbe⸗ helmten Häupter den Turnierpreis höher gehangen, aber auch preiswürdiger gemacht. Wohl der Welt, daß die Mehrzahl der ſogenannten Hochgeborenen ſolches längſt erkannt; aber zwiefach bedauerungswerth die ſaumſelig Nachgebliebenen, welche in Namen, Wappen und Reich⸗ thum noch die alten Zaubermittel zu beſitzen wähnen, und zu ſpät, wie zu eigenem Schaden, entdecken, daß der Spuk verſchwunden und die myſtiſche Kraft er⸗ loſchen iſt. Die Sparnecker gehörten zu der letztern Klaſſe, und hatten die Parabel von den thörichten Jungfrauen, denen“ das Oel der Lampen ausgeht, weder beherzigt noch ver⸗ ſtanden. An kleinern und größern Höfen hatte der Ba⸗ ron ſeine Jugendrollen geſpielt, doch war er in den Statiſtenpartien geblieben, und obgleich mit mehrern Geſandtſchaften beehrt, hatte er ſich nicht daraus zu er⸗ heben vermocht. Durch ſeinen heftigen Charakter, durch den eingewurzelten Glauben, auch in den feinen Fäden der Diplomatik gebe der Degen die beſte Löſung, war mehrmals ſein Hof compromittirt worden; er verſtand nicht, die neueſten Wirren der Welt zu überſchauen, der Wechſel des Landesbeſitzes im neugeſtalteten deutſchen Reiche kam dazu, und gealtert entlaſſen, mit für ſeine 431 Ehrfurcht geopferten, höchſt zerrütteten Vermögens⸗Ver⸗ hältniſſen, ſaß er auf ſeinen Gütern, ließ ſeinen Ingrimm an allen ſeinen Gehörigen aus, änderte jedoch wenig in der vorigen Lebensweiſe, und hoffte auf einen geharniſch⸗ ten Meſſias ſeines Standes, der die einſtigen Vorrechte, den einſtigen Schimmer zurückbringen müßte. Was da⸗ bei für ſeine Kinder geſchah, läßt ſich aus dieſer Schil⸗ derung vermuthen. Die Söhne fochten, jagten, ritten gleich den Tſcherkeſſen, das Fräulein hatte alle Tugenden einer Edeldame, aber kannte kein nützliches Geſchäft, und obendrein fehlten am Sparnecker Herde die ſchönſten und ſchützendſten aller Penaten, die Herzlichkeit und das Vertrauen, welche ſelbſt dem Leide den Stachel nehmen und die Entbehrung würzen, denn auch die Mutter ver⸗ mochte nicht die Mittlerin zu ſein, da ſie einerſeits an die ſtrengſte Unterwürfigkeit in Willen und Wünſche des Barons gewöhnt worden, anderſeits, wenn auch mit ge⸗ mäßigter Strenge, dieſelbe von Kindern und Untergebe⸗ nen verlangte. Die Flucht des älteſten Junkers konnte einem alſo conſtruirten Kreiſe keine großen Affekte hervorrufen; nur der Ungehorſam, die rebelliſche Auf⸗ lehnung gegen den alten Reichsritter, gegen das Haupt des Hauſes, und das Schimpfliche eines ſolchen, nach des Barons Claſſifizirung plebejiſchen Schrittes kamen in Betracht, doch ſtahl die Freifrau in Augenblicken, wo die weibliche, nirgend ganz zu tilgende Milde ihr Recht behauptete, zu Zeiten ſich heimlich zu dem Zimmer des verlorenen Sohnes, und man ſah ſie dann mit geröthe⸗ ten Augen zurückkommen. Der Abend war nahe; im Familienzimmer des Schloſ⸗ ſes glänzte bereits die ſilberne Theekanne auf dem run⸗ den Tiſche, um nach altem Gebrauch die Langeweile „ 432 zwiſchen Mittagsmahl und Nachttiſch zu unterbrechen, und die Damen von Sparneck hatten hinter ihr Platz genommen, indeß man durch die Flügelthür des geöffne⸗ ten Seitenzimmers den Schloßherrn mit ſeinen Gerichts⸗ leuten über einem Aktenhügel beſchäftigt ſah, deſſen In⸗ halt dem Anſcheine nach keine erfreuliche Stimmung über die Leſer verbreitete, denn mancher harte, heftige Aus⸗ ruf klang von dort aus dem Munde des Barons herüber und ſchüchterte die horchenden Hausgenoſſen tiefer in ihr ängſtliches Stillleben hinein. Unbedachtſam ſprang da der Junker Arnold, der ſich in der Fenſterniſche auf dem Lehnſeſſel gewiegt und mit einem ſchlanken Windſpiel beſchäftigt hatte, auf und öffnete mit Geräuſch den Fen⸗ ſterflügel. Sogleich ſtand der alte Baron in gewohnter Länge ſeiner dürren Geſtalt auf der Schwelle der Flü⸗ gelthüre, und ſein Ruf: Wer wagt's, zu lärmen gegen mein Gebot? Hinunter, Herr Sohn, in den Stall, wenn man das tolle Blut nicht zu zügeln weiß! zeigte die erprobte Wirkung, denn der längſt mannbare Junker fuhr vom Fenſter zurück und entgegnete, wenn auch noch mit dem Tone des Muthwillens, doch in gebogener Stel⸗ lung: Es kommen Gäſte, und der gnädige Papa wird für dieſe Störer ſeinen Zorn zu verſparen haben, denn irrt meine Ahnung nicht—— Was? Was? unterbrach ihn der Baron, und ſeine Augenbraunen zogen ſich hoch auf, und vermehrten die Runzeln der kahlen und mächtigen Stirn. Der Junker wagte ſeinen Humor loszulaſſen, da die Stoßworte eine Art von Schreck und Verlegenheit des Gebietenden ver⸗ rathen hatten, und im Fenſter lehnend, erklang ſein Be⸗ richt monoton wie der Ruf eines ehrlichen Thurmwächters: Eine Equipage hemmt ihren ſtolzen Lauf an der Schloß⸗ 433 treppe. Ein Prachtſtück, würdig dem Zuge einer Kai⸗ ſerkrönung ſich anzuſchließen, zart und eng wie ein Schneckenhaus oder die Haſelnuß des Prinzen Biribi, und mit einem köſtlichen Roſſe beſpannt, das die Roſi⸗ nante des Ritters von Mancha in allen ihren negativen Tugenden überbietet. Wer könnte anders in einer ſolchen Staatskaroſſe auf Sparneck anfahren, als der ſo ſehn⸗ lichſt erſehnte Erbherr?— Philipp? rief die Mutter und erhob ſich vom Pol⸗ ſterſitz, doch ein Blitz aus dem tiefliegenden Auge des Eheherrn warf ſie verſchüchtert in den Platz zurück.— Ja, er iſt's! fuhr der Wächter am Fenſter fort. Meine dunkle Erinnerung läßt mich trotz dem erlöſchen⸗ den Tagesſchimmer aus der Figur eine Sparnecker Phy⸗ ſiognomie herausfinden. Der irrende Ritter hebt galant ſeine ſchöne Dulcinea herab. Bei unſerm Wappen, ein köſtliches Exemplar aus der goldenen Zeit Jeruſalems, eine ſalomoniſche Saronsroſe, ſchwarz wie Ebenholz und mit echtjüdiſchem Stammbaume im Antlitze, und über⸗ dies ſicherlich eine Prinzeß vom reichen Königshauſe der Davide, denn der Pförter lädt ſich mit einem Griffe den ſtattlichen Mantelſack auf die breite Schulter. Wahr⸗ ſcheinlich hat man verächtlich die gemeinen Stoffe und Sammete zurückgelaſſen, bei dem waſſerreichen Abſchiede unter Freunde und Dienerinnen vertheilt, und ſich nur mit den unſchätzbaren Juwelen und Kleinodien beſchwert, womit man ein deutſches Herzogthum zu erhandeln ge⸗ denkt.— Befehlen der gnädige Papa, daß man in ge⸗ meinſamer Ambaſſade den höchſten Herrſchaften entgegen tritt? ſetzte er lachend hinzu, indem er den Fenſterflügel zuwarf.— Aber ſein Lachen brach mitten entzwei, da er den Baron, nachdem derſelbe die Flügelthüre heftig Blumenhagen. VI. 28 434 hinter ſich geſchloſſen hatte, mit großen Schritten und mit auf den Rücken gelegten Händen auf und ab ſchreiten ſah, ein gewohntes Zeichen, daß es Innen gährte und ein gefürchteter, vulkaniſcher Ausbruch ſich, Zerſtörung murrend, innen vorbereitete. Die Reiſenden hatten die äußere Schloßtreppe erſtie⸗ gen, und Kapitän Philipp hielt einige Augenblicke an, und ſah düſtern Auges über den leeren, umdämmerten Vorplatz hinein, auf dem ſich nichts Lebendiges regte. Durfte ich's anders erwarten? fragte er ſeufzend zurück, zu der Gattin gewandt, und als der Pförtner jetzt mit mißtrauiſchen Blicken fragte: Wen er denn eigentlich bei dem gnädigen Herrn zu melden? antwortete er mit Haſt und Aufwallung: Einen Sparneck, Burſch, und Deinen künftigen Herrn!— Der Diener fuhr erſchreckt durch Wort und Ton zur Seite, aber ein halbblinder Hühner⸗ hund kroch aus ſeinem Winkel heran, und beſpürte des Kapitäns Knie, klaffte dann einige Male mit heiſcherer Stimme und leckte des Mannes ſtreichelnde Hand. Wir find bewillkommt, empfangen, Placida, ſprach dieſer mit Bitterkeit, erkannt gleich dem müden Odyſſeus. Was wollen wir mehr verlangen? Eine treugebliebene Seele nach Jahresfriſt; der alte Actäon mit ſeinem übermenſch⸗ lichen Gedächtniſſe ruft uns Muth und Hoffnung in's Herz, und die Blutsfreunde werden ſich von ihm nicht beſchämen laſſen.— Die Augen der Schloßbewohner hafteten mehr an dem alten Baron, als an den Ankömmlingen, indem dieſe eintraten. Der Freiherr ſtand kerzengerade in des Zimmers Mitte, wie ein König, der Audienz gibt, und als der Kapitän, von der Rührung des Augenblicks er⸗ griffen, ſchwankend auf ihn zutrat und die Hand zu ihm 435 ausſtreckte, nichts als die Worte: Vergebung und Ver⸗ ſöhnung, mein Vater! zu ſtottern vermochte,— ant⸗ wortete er: Willkommen, Herr von Sparneck!— und bewegte die auf dem Rücken verflochtenen Hände nicht. Der Kapitän eilte zur Mutter und bog ſich auf ihre Hand zum Kuß. Die Freifrau hatte in einem Blick die zerſchoſſenen Finger, die rothe Narbe am Kinn, das bleiche, abgeblühete Antlitz des Erſtgeborenen aufgefaßt und halblaut ſchlüpfte über ihre bebenden Lippen: Phi⸗ lipp, konnteſt Du ſo lange Deiner Eltern entbehren?— Der Sohn war im Begriff, vor ihr ſeine Knie zu beugen, da riß ihn die herriſche Stimme des Vaters zurück. Kapitän, rief der Alte, indem ſich wider Erwarten der Gegenwärtigen das Gewitter ſeines Zornes in einen ſtachelnden Schlagregen auflöste, Kapitän Seiner kaiſer⸗ lichen Majeſtät, wie ſteht es in dem Eldorado Eurer Träume, wo der Bach über Goldſand fließt, und man ſich ſtatt der Kieſel mit Silberbarren die Fenſter ein⸗ wirft? Sind Eure Taſchen mit Diamanten vollgeſtopft, und bringt Ihr im Portefeuille den Marſchall zurück?— Der Kapitän wandte ſich erſchüttert zu dem Alten und hob die verſtümmelte Hand empor. Ich ſuchte die Ehre, mein Vater, ſagte er, ſich ermannend, und die heiße Zone hat dem Namen Sparneck keine Schande ange⸗ hangen. Doch das Schickſal zerriß meine Entwürfe, machte mich dienſtlos, und Sie kennen aus den Tages⸗ blättern die Geſchichte der Fremden in jenem Lande, wiſſen, wie Undank und Betrug ihre Opfer lohnte. Ich brachte nichts zurück, als den unbefleckten Namen, und dieſe Schätze, die Niemand, nicht Schickſal, nicht Men⸗ ſchen mir zu entfremden vermochten.— Er zog Frau und Kind an ſeine Seite. 436 Er heißt ja Chriſtoph Philipp, gleich jenem unglück⸗ ſeligen Sparneck, der ſeine Ritterpflicht brach, welchen Kaiſer und Reich verfehmte, und der leichtfertig die Hälfte des Sparnecker Erbes zum Schaden ſeiner Nach⸗ kommen verſchacherte, entgegnete der Alte mit Härte. Und wer iſt die weibliche Perſon?— Placida, mein Weib, mein Schutzengel, mein Arzt in Verzweiflung; antwortete der Kapitän mit Wärme, indem er die Gattin umfaßte, eines der edelſten Weſen, die Gott erſchuf, eine gute Tochter, die um den Vater⸗ ſegen bittet.— Placida ſtand ſtarr in ſeinem Arme. Ihr großes, finſteres Auge war feſt auf den Baron gerichtet, ſo wie der Vogel die Klapperſchlange anſtarrt, und keinen Wil⸗ len zur gewünſchten Flucht hat.— Eine Edle? fragte der Baron ſpöttiſch. Wir freuen uns auf den gewaltigen Stammbaum.— Don Agoſtingho de Calca E Pina war ihr Vater, auf der Peninſula ein nicht unbekannter und nicht unbe⸗ rühmter Name.— Man kennt jene Hidalgos, die in ihren Hütten von Zwiebeln und Quellwaſſer ſchmauſen, einen Mantel und ein lahmes Maulthier beſitzen, und nicht ſelten zu den guten Schuhmachern und Kleiderflickern gehören, lächelte der Alte. Edeln Blutes alſo, wahrſcheinlich einem Du⸗ tzend der Granden des Königreichs verwandt, eine En⸗ kelin des Cid, ſicherlich reich begütert, und ſo eines Sparnecks würdig.— Placida iſt eine Waiſe, entgegnete der Sohn betrübt und vorwurſsvoll. Don Agoſtingho lebte, verbannt durch die Unruhen der Halbinſel, da ſeine Meinungen, ſeine Handlungen nicht im Sinne der herrſchenden Partei ————— — 437 geweſen, jenſeits des Oceans von den ſpärlichen, geret⸗ teten Reſten ſeines Vermögens. Der Wechſel der An⸗ ſichten im Vaterlande drang zu ihm in ſein fernes Aſyl. Der getreue, unerſchrockene Vater machte ſich auf, um den Seinigen ihr Erbe wieder zu gewinnen. Ob der Verſuch ihm zum Schaden mißlang, ob er in einem Schiffbruche umkam; er kehrte nicht, und die Tochter beweint ihn wie einen unvergeßlichen Todten.— Die gewohnte Manier der Abenteurer, ſprach hart der Alte. Er ſuchte ſich abermals den bequemern Platz; was die Heimath ausgeworfen, behilft ſich ſchon in jedem Winkel der Welt.— Placida ſchwankte und man hörte einen leiſen Weh⸗ laut von ihr; Junker Arnold ſchob der Gemarteten mit⸗ leidig einen Seſſel unter. Der Kapitän aber zuckte miz der Hand von dem Säbel zurück, den er unwillkürlich berührt, hob den Knaben in die Höhe und ſtellte ihn dicht vor den Baron. Hier iſt ein Sparnecker, mein Vater, ſagte er mit mühſam unterdrückter Wallung, für den ich einen Platz in dieſem Hauſe erbitte, wenn auch der verlorne Sohn, der mit Reue kehrte, vielleicht noch einmal zur Wanderung gezwungen werden dürfte, um ſich unter Fremden ein Grab zu ſuchen.— Wer ſpricht davon? fiel der Baron herriſch ihm ein. Schloß Sparneck hat Raum genug für Alle, die ſeinen Namen tragen, würdig oder unwürdig; wie die Sonne Gerechte und Ungerechte beſcheint. Das Gewölbe der Ka⸗ pelle iſt groß genug für Alle, die nach uns kommen werden. Wann vertrieb je ein Sparneck den Blutsfreund von ſei⸗ ner Schwelle, wenn auch Keiner den eigenfinnigen Flücht⸗ ling feſtzuhalten geneigt war? Wie heißt der Bube? Hat er ebenfalls ſolch einen papiſtiſchen Kalendernamen?— 438 Anton Hans Babo! antwortete der Kapitän ge⸗ ſpannt.— Der Baron ſtand einige Augenblicke ſchweigend und überraſcht, und betrachtete ſcharf das Kind, das frei und unerſchrocken zu ihm aufſah.— Anton, begrüße den Großvater, rief ihm der Vater ins Ohr.— Das iſt der Großvater? fragte der Knabe laut. Aber warum herzte er mich nicht, und prahlt ſo laut wie der lange Mann auf dem Schiffe mit der Pfeife, der die armen Jungen ſchlug? Ich mag den Großvater wohl leiden, Papa; er ſieht aus wie der General mit den dicken Goldquaſten zu Rio, der mir ſüße Limonen ſchenkte, wenn er vorbei ritt. Nur ſo prahlen mußt Du nicht, Großvater, das thun die groben Leute auf dem Schiff, und die Mutter fürchtet ſich. Antonio wird ſonſt nicht mit Dir ſpielen.— Anton Hans Babo? erwiderte der Baron. Ein guter Name! Sonderbar, daß daran gedacht wurde auf den Irrfahrten und im lockern Leben der Fremde.— Das Menſchliche im Menſchen läßt ſich nicht ver⸗ läugnen, auch wenn es noch ſo tief in Schlacken und Moraſt verſenkt geweſen. Der alte Freiherr ſtreckte die Rechte aus nach dem lockigen Haupte des Kindes, aber Placida hatte den Knaben ſchnell an ſich gezogen, ſie mochte fürchten, daß man ihm ein Leid thun wolle, und preßte ihn ſchmerzlich in ihren Schooß. Finſter zog der Baron die Hand zurück, wandte ſich wie erbittert über ſeine Schwäche, winkte wie zur Entlaſſung und verließ das Zimmer. —— 439 Auch nach der Entfernung des Freiherrn entwickelte ſich keine freundliche Familienſcene, denn der alte Tyrann hielt Alles, was ihm angehörte, in einem ſolchen Bann der Furcht, daß man jedes Gefühl einzwängte, da man nicht wußte, wie nahe ſein Ohr ſei. Die Freifrau knüpfte freilich ein leiſes Geſpräch mit dem Sohne an, worin ſie ihn zu tröſten ſuchte, indem ſie ihre Verwun⸗ derung über die Mäßigung des alten Herrn kund ga und Geduld empfahl; doch kein Lichtblick jener Zärtlich⸗ keit, jener Innigkeit, die des Kapitäns gemartertes Herz bedurfte, ſtrahlte durch das düſtere Gewölk, welches um dieſes Haus ſich einmal gelagert hatte. Der Bruder trällerte am Fenſter, die Schweſter ſaß an der Stickerei, Niemand kümmerte ſich um die fremde Verwandte, und das war ja der Fleck, wo des Kapitäns Herz am leich⸗ teſten verwundet werden konnte. Wie ein Bild der Re⸗ ſignation ſaß die Verlaſſene und ſtarrte auf den bunten Teppich des Fußbodens nieder und nur zuweilen folgte das Mutterauge dem kleinen Antonio, der dreiſt im Zim⸗ mer umhertrat, die großen Familienbilder anſchauete, an den vergoldeten Knöpfen der Stuhllehnen ſpielte oder das große Windſpiel ohne Furcht an den Ohren zerrte. Es war die peinlichſte Viertelſtunde, und der Kapitän durchriß ſie gewaltſam, indem er um Anweiſung der ihnen beſtimmten Zimmer bat, und für den Abend Ein⸗ ſamkeit und Ruhe begehrte. Das kleine Eckzimmer im fernſten Flügel mit dem Kämmerchen daran, wo einſt der Junker Philipp ge⸗ wohnt hatte, war auf Befehl des alten Barons für die Ankömmlinge eingerichtet worden. Kaum hatte der Pfört⸗ ner die Thüre geſchloſſen, ſo warf ſich Placida in hefti⸗ ger Bewegung an ihres Gatten Bruſt, und hielt ihn lange 440 wortlos umſchlungen. Nach einer langen Pauſe dann ihr Antlitz zu ihm erhebend, fragte ſie mit ſtrenger Be⸗ 1 tonung: Wirſt Du hier bleiben, Philipp?— Muth, entgegnete er, Muth und Geduld, mein Weib. Erwarten wir das Morgen und das Uebermorgen.— Und Fegfeuer und Hölle, antwortete ſie heftig, in der wir untergehen! O wie konnteſt Du Dein Weib, Dein Kind in dieſe Schmach ſtürzen, preisgeben ſolcher Erniedrigung? Iſt das die Gaſtlichkeit, die ehrliche Gut⸗ müthigkeit Deiner Landsleute? Iſt das die Duldſamkeit Eures Glaubens, mit welchem Ihr ſo groß thut? Wir haben viel erduldet, aber dieſe Stunde war Placida's Märterthum, dieſes ihr Ignatiusroſt, der ihr das Herz verbrannt.— Tief erſchüttert umfaßte ſie der Kapitän. Dein Knabe wird ein Dach haben über ſich, er wird ein Bett haben, worauf er weich und ſüß ſchlafen darf. Er wird nicht hungern, nicht im Wetter von fremder Thüre geſtoßen werden; Du wirſt ihn erziehen können für ein ſelbſtſtän⸗ diges Leben in Gottesfurcht und Zucht, und er wird nicht, wenn ſeinen Vater, ſeine Mutter Noth und Gram getödtet, unter dem Geſindel des Hafens von Rio oder . der Schlangeninſel verwildern und an Seele und Leib verderben; er wird nicht nöthig haben, unter dem Skla⸗ vendienſte der Muskete zu verkrüppeln, nicht unter den Meſſern der Chiquitos oder der Tupinamber verbluten.* Würdeſt Du ſäumen, Leib und Leben zu opfern, wenn ein Jaguar ſich zum Sprunge nach Deinem Kinde recht geſetzt wenn Du den wilden Alligator im Schilf auf den Knaben lauern ſäheſt, oder der gierige Königs⸗ geier über der Grasbank ſchwebte, wo Dein Kind unter Blumen entſchlafen? Haſt Du Deine zarte Haut nicht 441 dem Schwarm der Mosquitos preisgegeben und ihn in Deiner Mantilla geſchützt?— Placida ſchoß einen Feuerblick auf den Knaben, der ſich an das hingeſtellte Veſperbrod gemacht, und froh⸗ lockend die Eltern zum Schmauſe rief. Wir bleiben! kreiſchte ſie und verbarg ihren Lockenkopf an der Bruſt des Gatten.— Und dulden, bis der Himmel auch dieſe Prüfung endet! fiel dieſer leiſer ein, und ſchlug das matte Auge zur Decke empor. Antonio ſei unſer Ge⸗ danke in jeder trüben Stunde; ihm geben wir Zukunft, Namen und Erbe, in ihm wollen wir leben, unſer Leben iſt ja in den zwei ſeligen Jahren an den des Parana abgeſpiegelt worden.— Er fühlte ſein Weib von Schauder geſchüttelt in ſei⸗ nen Armen und mit Haſt ftürzte ſie ſich auf das geliebte Kind, überdeckte es mit Küſſen und auf ihren bebenden Lippen ſah man den Schwur zittern, den dieſer Stunde die Mutterliebe brachte.— Und das junge Weib hatte Recht, wenn ſie von einem Märterthume geſprochen. Die zum Glück in un⸗ ſerer Zeit nur noch ſeltene Erſcheinung einer Hausdeſpotie hing wie ein ſcharfes Damoclesſchwert über dieſer Fa⸗ milie, und das ganze Leben in dieſen Mauern glich dem bangen Athemholen unter der dumpfen Schwüle einer erſtickenden Gitterwolke. Doch die Fremde empfand den Druck doppelt, denn obgleich Niemand ſich um ſie zu kümmern ſchien, ſo gab ihr dennoch gerade dieſes paſſive Verhalten kund, daß man ſie als eine Ueberläſtige und Unwillkommene betrachtete. Wochen verliefen und es ward nicht anders. Niemand redete zu ihr an der Ta⸗ fel, und dennoch befahl der alte Baron ihr Erſcheinen, nachdem der Kapitän den Vorſchlag geäußert, mit den 442 Seinen abgeſondert zu ſpeiſen. Selbſt die unentbehrlichſten Dienſte der Domeſtiken mußte der Kapitän mit Macht⸗ worten als für ſich gethan erzwingen, da ein eigener Befehl des Barons als Grund ihrer Läſſigkeit von ihnen laut vorgewandt wurde. Verachtung iſt der wahre Tod, und iſt der Tod nur ein düſterer, nur von Thoren zu fürchtender Moment, das Sterben aber meiſt etwas Schwereres und Schrecklicheres, ſo ſah ſich Placida zu einem ſolchen langen und grauſamen Sterben des wah⸗ ren Todes verurtheilt. Sie duldete ſtill, nur Eines quälte ihr Gemüth mehr als Alles. Die fromme Ka⸗ tholikin war der prieſterlichen Tröſtungen gewöhnt, hier gab es kein geweihtes Haupt, dem ſie anvertrauen durfte, was ſie drückte, mit dem ſie gemeinſam betend, ſich er⸗ ſtarken, mit dem ſie ſich berathen konnte über die Mittel, dem härteſten Schickſale zu begegnen; kein Gotteshaus, keinen Altar ihres Glaubens fand ſie in der Nähe, und obgleich der liebende Gatte einen Hausaltar und das heilige Krucifix neben ihr Bett geſtellt, ſo mußte doch ein verſchleierter Vorhang das Heiligthum allen Hausge⸗ noſſen verhüllen, denn ſie wußte ja, daß man ſie mit Haß nur die Papiſtin nannte, und gerade dieſe Verheim⸗ lichung ſchien ihr eine ſchwere Sünde. Kam nun noch in mancher ſchleichenden, einſamen Stunde der Gedanke dazu, daß ihr Antonio unter dieſer Umgebung dem hei⸗ ligen Glauben ihrer Väter entfremdet werden müſſe, ſtiegen die Zweifel an dem Seelenheil des Kindes ge⸗ ſpenſtig vor ihr auf, dann fühlte ſie der Verzweiflung Schlangenbiſſe in ihrer Bruſt, und kaum vermochten dann die Vernunftgründe des geliebten Mannes, denen ſie ſonſt ſo gern und gehorſam gehorcht, den Ausbruch fieberhafter Erklamationen zu hindern. 443 Ihr einziger Troſt blieb die Anſchauung, wie der kecke Knabe ſich täglich mehr ſeinen feſten Platz im frem⸗ den Hauſe ohne Gewalt und Waffen zu nehmen wußte. Es ſchien ein Engel mit einem unſichtbaren Schwert neben ihm zu wachen, und ihm die Worte zuzuflüſtern, die der Augenblick forderte, und wie von einem Inſtinkt ange⸗ wieſen, errang er ſich in kurzer Zeit eine heimliche Herr⸗ ſchaft über Alle, den alten Freiherrn nicht ausgenommen. Es war klar, daß der nur in der glänzenderen Vergan⸗ genheit lebende, vom abſoluten Kaßtengeiſte beherrſchte Edelmann den ſchönen, kräftigen Knaben als den einzi⸗ gen Stammhalter ſeines Namens und Geſchlechts zu betrachten ſich gewöhnte, wenn er auch anfangs einmal dem Junker Arnold zugerufen: Wäre das junge Volk jetzt nicht ſo leichtfertig, und dächte es nicht mehr au die eigene Luſt und wüſtes Vergnügen, als an Wappen und Stammhaus, ſo hätten wir nicht nöthig, in den reinen Baum einen fremdländiſchen Schwarzkopf aufzu⸗ nehmen, deſſen mütterliches Schild dazu verdeckt bleiben muß!— Worauf der Junker leichthin geantwortet: Nicht meine Schuld, gnädiger Papa! die armen und ſchönen Fräulein ſtanden Ihnen nicht an, und die reichen, wenn auch häßlichern verſchmäheten uns bislang!— So duldete es der Alte allmälig ohne Widerwort, daß der Knabe zuerſt den Hauptplatz an der Tafel zwiſchen ihm und der Freifrau occupirte, daß er nach Tiſch zur Sieſta ſich in den großen Prachtſeſſel wie ein Kaninchen im Lager zuſammenſchmiegte, und der Vertreibung die Ge⸗ genrede ſtellte: Der kleine Antonio hat kleine Füße und die wurden müde im Hofe und Garten. Du biſt groß und ſtark wie die Laſtträger auf der Schlangeninſel und kannſt ſchon warten bis die Nacht kommt.— Auch bei 444 der Dienerſchaft wußte ſich gleicherweiſe der Kleine Re⸗ ſpekt zu verſchaffen, und die braſilianiſche Sitte, wenn es Noth that, durch Scheltworte und wohl gar durch Schlag an ihnen zu üben, und man ſah dabei den alten Baron mit einem Lächeln, das bei ihm ſelten kam, zu⸗ ſchauen; es war, als wenn er ſich ſeines verjüngten Spiegelbildes erfreute, und in wohlthuender Eitelkeit ſich zuflüſterte: Es iſt ein Sparneck!— Antonio war der Liebling der Familie; dieſen Troſt erhielt Placida, obgleich der Gewinn keinen Einfluß auf ihr trauriges Verhältniß hatte. Der Baron ließ ſogar noch ein eigenes Zimmerchen im Flügel für den Enkel einrichten, ſtellte einen eigenen Burſchen als ſeinen Die⸗ ner und Spielgenoſſen an, den der Knabe ſogleich Tom taufte, und mit Mühe von dem Verlangen abzubringen war, er ſolle ſein rothes Antlitz ſchwarz färben. Ein kleines Reitpferd wurde Antonio's Eigenthum, und an einer Kuppel geſchmeidiger Dachshunde durfte er ſeine Herrenlaune auslaſſen, und mit ihnen ungeſtraft auf den Weiden die Gänſe und Enten der Bauern hetzen; ja der Baron bezahlte ohne Murren den veranlaßten Schaden. Placida fing an, ſich ſelbſt über den Knaben zu vergeſſen, aber eine neue Sorge keimte vor ihr auf, wenn ſie des Gatten täglich mehr abblühende Kraft, wenn ſie den Tiefſinn bemerkte, dem er ſich hinzugeben ſchien. Es iſt nicht gut ſo mit dem Antonio, ſagte er oft, es wird ein Menſchenquäler aus ihm erzogen, ein Unding in der Zeit, und was wir erlebten, wird ſich wiederholen durch ihn.— Du haſt es ſo gewollt und Antonio iſt gut und ſein Herz wie Deines, antwortete die Mutter; der Muth⸗ wille des Knaben wird verlodern, und der Jüngling 445 dem Vater und der Mutter dann ſich glühender anſchlie⸗ ßen. Laß ihn glücklich ſein, Einer iſt es ja dann von uns.— Der Kapitän hoffte auf den Winter, welche Zeit die Familie in der Stadt zuzubringen pflegte, da er feſt beſchloſſen hatte, mit den Seinigen nicht dorthin zu folgen; aber da hörte er des Barons finſtere Erklä⸗ rung, wie man in Sparneck bleiben würde, weil mehre böſe Prozeſſe die Finanzen alſo verſchlechtert, daß bei geſteigerten Ausgaben das theure Reſidenzleben gemieden werden müſſe. Der Dolchblick auf die Fremde, mit dem dieſe Erklärung begleitet wurde, traf tief in die Bruſt des Kapitäns, und da der Baron nach der Tafel noch einen Geſchäftsritt machte, wagte er es zum erſten Mal, vor der Freifrau ſein Herz zu entlaſten.— Beide trugen erblichene Wangen, als ſie ſich gegen⸗ über ſaßen, ein unnatürliches Bangen erkältete Vertrauen und Zärtlichkeit; die Natur verſagt ihre hellen Far⸗ ben der befleckten Empfindung wie der unreinen Leiden⸗ ſchaft.— Mutter, wie ſoll dieſer unnatürliche Zuſtand enden? fragte der Sohn. Werde ich mit den Meinen nur ge⸗ füttert wie das lahme, ehemalige Paraderoß im Stall, aus Mitleid, nein, nicht einmal aus Mitleid, ſondern aus dem erzwungenen Schamgefühl, welches das ur⸗ theil der Welt ſcheut, wenn es unmenſchlich handelte?2 Mutter, bin ich nicht meines Vaters Sohn, und hat die Mutter kein fürbittend Wort, keinen mächtigen Einſpruch gegen den Mann für den, welchen ſie zuerſt unter dem Herzen trug, und auf deſſen Geſicht ſie täglich die Ver⸗ zerrungen des Grams und der Verzweiflung leſen muß? Ich habe viel erlebt, viel geſehen im Gedränge der Welt, aber ich meine, im ganzen Deutſchland dürfte 446 man nach einem zweiten Beiſpiele einer ſolchen Barberei ſich vergebens umſehen.— Die Freifrau blickte ſcheu durchs Zimmer, dann legte ſie die Hand auf des Sohnes Arm, und ſagte im Kampfe zwiſchen Strenge und Milde: Haſt Du es anders haben wollen, Philipp? Du dauerſt mich, Du—, aber mit weniger Klugheit hätteſt Du vorausſehen können, was erfolgt iſt.— Ich verſtehe Sie nicht, Mutter! entgegnete der Ka⸗ pitän. Unentehrt bin ich gekehrt, wenn auch ein Bettler. Unſer Antonio iſt wohl aufgenommen bei Ihnen; warum nicht ich, nicht die, welche den Kleinen gebar, dieſe Schuldloſe? Warum verſchmäht man, ſie kennen zu lernen? Man wird ſie achten und lieben: denn was mangelt ihr an Körperreiz, an Geiſtesreichthum? Iſt ſie doch fromm und gut, liebt Mann und Kind über Alles. Warum denn dieſe tödtende Verächtlichkeit.— O wäreſt Du allein gekehrt, mein Sohn, ſeufzte die Freifrau, Du würdeſt Vergebung, Vergeſſen, würdeſt offene Arme gefunden haben. Aber dieſe Fremde, mit dem abenteuerlichen, nie gehörten Namen, vielleicht er⸗ funden, Dich zu beſtricken; dieſe Papiſtin—— Mutter, fuhr der Kapitän empor, kann auch in der Bruſt einer deutſchen Frau ſolche längſt ausgemerzte, verſchollene Unduldſamkeit Raum finden? Placida betet zu unſerm Gott, ſie betet vielleicht brünſtiger wie wir; ſie würde ihres Gatten Eltern lieben, hochachten, pfle⸗ gen, ihnen gehorſamen, vielleicht mit höherer Glut als die eigenen Kinder thun. O ſie iſt der höchſten Opfer fähig.— Warum zwangeſt Du ſie nicht zu ſolchem Opfer? Warum führteſt Du ſie nicht zur beſſern Lehre?— 447 Glaubenszwang iſt mir das größte Verbrechen; der Wege zum Himmel ſind viele; find wir des rechten ge⸗ wiß? Nur die Tugend verfehlt ihn nirgend. Und wäre ſie unſeres Glaubens, der Vater würde ſie dennoch ver⸗ werfen, weil ihr Geſchlecht in keinem Turnierbuche ge⸗ nannt worden. Doch warum daran Wort und Zeit verſchwenden? Kam ich doch nur, um von Ihnen, Mut⸗ ter, Liebe und Vertrauen fur die Mutter Ihres Enkels zu erflehen.— Baron Babo iſt Herr Deiner Mutter, ſagte die Freifrau ernſt; betet Deine Fremde auch öfter, brünſti⸗ ger als wir, ſo lebt Deine Mutter ihren Pflichten nach alter Weiſe, und weiß, daß ihres Gatten Wille der ihrige ſein muß, wie ſie vor Gott gelobte. Unglück⸗ ſelige Stunde, in welcher Dir dieſe Ausländerin begeg⸗ net! Sage, Mann, welcher böſe Geiſt Dich verwirrte, ſage, welch ſchwarzer Dämon ſie Dir zuführte.— Ein bitteres Lächeln umzog des Kapitäns Mund. So fragt doch Jemand endlich nach langen Wochen dar⸗ nach! erwiderte er; ſo hat doch endlich die Neubegier das Mutterherz aufgeſchloſſen, daß es ſich um des Soh⸗ nes Vergangenheit kümmert? Gut, vielleicht ſchlüpft das Mitleid und ſeine ſanften Geſchwiſter in die geöff⸗ nete Thüre; ich will erzählen, will mir Luft machen, und dann noch einmal fragen: Was mangelt meiner Gefährtin, um Gattin eines braven Mannes, um Toch⸗ ter wackerer Eltern zu heißen?— Er erzählte.— Iſt Gott dabei, wenn ſich Seelen finden, ihre Verwandt⸗ ſchaft erkennen und ſich verknüpfen für hier und dort, für ewig, ſo war Er's, als Placida und ich uns zum erſten Male erblickten. Es geſchah in den Schreckens⸗ tagen des Kampfes zwiſchen dem braſilianiſchen Kaiſer⸗ 448 reiche und den abgefallenen ſüdlichen Provinzen, die ſich Republiken nannten. Was Ihr hier Krieg nennt, iſt etwas Anderes, als der Blutkampf in jenen heißen Steppen und an jenen, von Felſen umſtarrten Seen, unter aufgebläheten, kenntnißloſen Anführern, die nur gleich Räuberhäuptlingen für Reichthum und Anſehen zu Felde ziehen, und den Krieger als Fröhner und Knecht betrachten. Es war am Jagueraao; der Soldat hatte wochenlang die Steppen von Pedro do Sul durch⸗ ſchlichen, am Arroio do Meio hungern müſſen. Das Fleiſch der Hunde, der verwundeten Pferde hatte uns Nahrung gegeben, Brod und Salz waren Koſtbarkeiten geworden. Rund um das Lager ſchlichen die Schützen der Argentiner, in den Wäldern kauerten die Wilden, und ihr Blei warf nieder, was ſich Nachts heraus gewagt. Ueberall lagen die Pflanzungen, die Höfe verheert; ja die ſpaniſche Wuth zündete die Wälder an, brannte das dürre Gras der Steppe ab, um uns zu verderben. Dem tapfern Marſchall Braun jammerte das Elend der bra⸗ ven Deutſchen, die allein Stand gehalten gegen die zahlloſen Schwärme der Republikaner, allein ſich einen Ehrennamen gemacht in dieſem Kriege der Feigen und Blutdürſtigen. Gegen des Generals Willen führte er uns zum Gefecht über den Strom nach Cisplatina; wir warfen den Feind, nahmen das Lager der Flüchtigen, gewannen im Morgennebel Alles, was wir bedurften, und mit ihm den ſchönſten Tag in der Kriegshiſtorie jenes undankbaren Landes. Aber mir ward ein dunkleres Loos geworfen in jener Stunde. Mutter! die deutſchen Jäger zerſprengten das letzte Heerhäuflein der Feinde, der Kampf hatte ſich ſchon in ein wirres Knäuel verwandelt, da ſah ich im Vordringen ein kupferrothes, entſetzliches 3 449 Geſicht, verzerrt durch den Mundpflock mich anklotzen vom Boden her. Der halbzerſchoſſene Wilde lag in einer Spalte des Steinthales, wie ein der Hölle ent⸗ ſteigender Teufel, ſeine Büchſe krachte, und meine Säbel⸗ hand hing zerſchmettert. In demſelben Augenblick warf eine Stückkugel einen dicht an mir hinſprengenden Lan⸗ zenreiter zuſammt ſeinem Pferde zur Erde, und ich ver⸗ ſank unter dem ſtürzenden Koloſſe, und meine Sinne umfing der Nebel des Todes.— Die Freifrau barg ihr Geſicht in das Tuch, doch horchte ſie geſpannt und ohne Unterbrechung. Der Ka⸗ pitän fuhr fort. Es war Nacht, als meine Augen ſich öffneten. Der große Mond erleuchtete wie eine Trauerfackel das weite Blutfeld, durch den nahen Urwald rauſchte ſchaurig der Wind, Todesfroſt rieſelte durch meine Gebeine, wie eine Felſenlaſt drückte mich das todte Roß, ich verſuchte um⸗ ſonſt und unter Schmerzen mich loszubringen, und meine Angſt wuchs mit jedem beklemmten Athemzuge. Mein Ruf konnte die Kolbe des rachſüchtigen Spaniers auf mein Haupt, das Meſſer des Wilden gegen meine Bruſt locken, aber Tod wäre Erlöſung aus qualvoller Pein geweſen. Ich rief, ich jammerte, lange umſonſt. Da trat ein Schatten vor den Mond, eine menſchliche Ge⸗ ſtalt wurde mir ſichtbar, ich ſchrie um Waſſer, aber ſpaniſche Worte antworteten mir, und bebend erwartete ich den Todesſtoß. Doch die Stimme kam näher und tönte milde; ein Weib ſtand neben mir, wer ihr die Kraft gab, mich zu löſen, den Halbbegrabenen, der Himmel weiß es; aber als der Mond geſunken und der erſte Tagesſtrahl über die Gegend ſtrich, lag ich am Wieſenhang unter einer rothen Rieſen⸗Ceder, ſie ſaß und Blumenhagen. VI. 29 450 hielt mein Haupt in ihrem Schoße, und mit dem zer⸗ riſſenen Gewand hatte ſie meine zerſchoſſene Hand und die im Sturz am Fels zerſchnittene Stirn verbunden. Sie war ſelber eine Flüchtige und hatte irrend durch die Racht nach Hülfe geſucht. Die Zerſtörungswuth der Argentiner ſchonte während des Gefechts ſelbſt das Ei⸗ genthum der Landsleute nicht. Eingebrochen in ihr klei⸗ nes Landhaus, verbreitete die wilde Horde Vernichtung, die Weiber flohen vor der begonnenen Mißhandlung, die Tochter verlor die Mutter im Getümmel, namenloſe Angſt trieb die Jungfrau zum Walde, und erſt im Mondlicht, und nachdem die Gegend ſtill geworden, wagte ſie die Rückkehr. Ich verſuchte, mich zu erheben, es gelang; die Glieder waren ungebrochen, aber jedes ſchmerzte. Gelehnt auf das Mädchen, ſchlich ich mit ihr der Gegend zu, wo ſie heimiſch geweſen. Es war nicht weit, aber mit einem Schreckensſchrei begrüßte ſie den verwandelten Platz. Thor und Befriedigung lagen nie⸗ dergeriſſen, wie bei der Erſtürmung einer tapfer ver⸗ theidigten Feſtung; abgehauene Fruchtbäume, muthwillig niedergeſtoßenes Vieh, zerſchlagene Mobilien bedeckten den wüſten Raum; das niedliche Landhaus ſelbſt war ohne Fenſter und Wände, und über dem ſchauerlichen Monumente, das ſich die Bosheit geſetzt, ſenkte ein gro⸗ ßer Weihrauchbaum ſeine breiten Aeſte wie in zürnender Trauer hernieder. So weit der Blick reichte, fand er die nahen Anpflanzungen zernichtet, von Pferdehufen zer⸗ treten, hie und da von angelegtem Brande verkohlt, und Sklaven und Diener ſchienen geflüchtet oder fortgeſchleppt. Placida ſtand tief erſchüttert, einer Bildſäule gleich, und eine lange Weile ſtarrte ihr ſchwarzes Auge über das Gräuelfeld hin, als könne ſie den Gedanken nicht faſſen, 451 das ſchöne Eigenthum ſo plötzlich bis auf den Grund zernichtet und verloren zu wiſſen. Dann warf ſie auf einmal die Arme auf zum Himmel und kreiſchte den Namen ihrer Mutter. Der Angſtruf des Mädchens weckte etwas Lebendiges, aber nicht die Mutter. Ein junger Neger wickelte ſich unter einigen Rohrbündeln hervor, und ſchauete mit bebenden Lippen rundum und rollte wie in Todesangſt die glänzenden Augen. Tom, wo iſt Donna Maria? ſchrie ihm Placida zu. Er deu⸗ tete mit der dunkeln Hand nach dem Garten; wir eilten hinein; von einer Flintenkolbe zerſchlagen fanden wir einen Leichnam ſtatt der geliebten Frau.— Laßt mich ſchweigen von den nächſten Stunden. Der Deutſche ver⸗ mag ſich nicht zu denken, wie eine Spanierin, eine Toch⸗ ter jener Zone, den Schmerz äußert, wie ihre Verzweif⸗ lung ſich zu wilden Raſereien geſtaltet. Das iſt wie der Brand ihrer Sonne, wie der verheerende Sturm ihrer Steppen, wie der gigantiſche Felſenſturz ihrer Ströme. Aber dem ungebändigten Ausbruche folgt ſchneller die Erſchöpfung, die ſchwermüthige Stille, die Beſonnenheit, die Ermuthigung. Wir begruben die Mutter unter einer Palme, die verſchont geblieben, und ſetzten ein verſtüm⸗ meltes Heiligenbild auf den Hügel, und umpflanzten ihn mit einer Schutzwand von ſtachlichten Agaven. Und was nun, mein Freund? fragte die Jungfrau nach dem trau⸗ rigen Akte. Placida iſt allein, wie der verirrte Fremde in den Pampas; wer wird ihr den Weg zeigen durch das arme Leben, bis auch ſie von der Axt des wilden Abiponen getroffen fällt?— Meine linke Hand drückte die ihrige, es war ein Schwur für ewig, und ſie ver⸗ ſtand ihn und nahm ihn an. Das Wundfieber ergriff mich, gefährlich dort wie in keinem andern Lande. Sie 452 ſuchte Balſam, kühlende Wäſſer aus den Trümmern ihrer Behauſung hervor, ſie erquickte mich mit Paraguaythee, und der ſchwarze Knabe ward ausgeſandt, die Lager⸗ ſtätte der Braſilianer zu erforſchen. Der einſame Tag, wo ſie allein an der Matte ſaß, auf der ich fiebernd lag, entſchied über uns Beide; wir ſchloſſen den Bund, zu dem das Schickſal den Knoten geſchürzt, den Bund, den ſpäter zu Rio de Janeiro die Kirche ihre Weihe gab, und den nur der Tod zu löſen vermag. Nicht wahr Mutter, Du glaubſt an eine Vorſehung? Siehſt Du ſie nicht hier aus ihren Wolkenſchleiern hervortreten? Hörſt Du ſie nicht ſprechen: Ihr beiden ſollet wechſelſeitig einer des andern Engel ſein!— Wir glauben nur an einen unſichtbaren Gott, ſagte die Freifrau, ihre innere Bewegung mühſam zögernd. Aber bring's zu Ende, mein Sohn!— Tom kam zurück, von einem Trupp deutſcher Reiter begleitet. Placida ſuchte im Kellergewölbe einem Käſt⸗ chen nach, das einige Koſtbarkeiten und etwas Geld ent⸗ hielt, und das man in der Kriegszeit dort verborgen. Sie fand dieſe letzten Reſte vom reichen Erbe des ver⸗ unglückten Vaters, betete noch einmal am Grabe der Mutter, und folgte dann unſerm Zuge zum Lager, wo der alte greiſe General Lecor mich gar ehrenvoll empfing, die deutſchen Waffenbrüder mich mit Jauchzen bewill⸗ kommten. Ich war Invalid; nur der Achtung meiner Vorgeſetzten verdanke ich, daß ich auf der Liſte blieb, und der Frteden begünſtigte dieſe Nachſicht. Ich kann kürzer ſein, bei dem, was drüben noch geſchah, obgleich dieſe Jahre die einzigen ſind, Mutter, in welchen Euer Sohn das Schöne des Lebens gekoſtet, die einzigen, in welchen er Gott von Herzen Dank gebracht, daß er ihn 453 geſchaffen. Ein ſchlauer Agent verhandelte Placidas Be⸗ ſitzthum zu gutem Preiſe. Beurlaubt lebte ich mit der Geliebten auf den Plantagen eines Freundes, weit, recht weit vom Getümmel der unruhigen Kaiſerſtadt, von ihren üppigen Genüſſen, von ihren Lüſten und Kabalen, nahe der Stadt Guayra, von einem Paradies umgeben, ein Paradieſesleben in Friede und reiner Seelenfreude. Dort, nicht gar weit von dem furchtbaren Katarakt des Silberſtromes, ſtand das Haus, in dem ſie mir unſern Antonio gebar. Die Erde bebte, wenn der angeſchwollene Strom durch das enge Felſenthor ſeine ſchäumenden Waſ⸗ ſermaſſen herabſtürzte, wir ſchliefen ruhig und bebten nicht, denn wir kannten keinen Feind, keinen Haß und waren uns genug in der vollen Welt. O warum miß⸗ gönnen die böſen Mächte dem Menſchen gerade das kleine, ſtille Glück! Warum verſuchen ſie ſich ſelten da, wo viel verloren werden kann ohne Entbehrung?— Meine Abweſenheit entzog mich den Gräuelſcenen der Soldatenrebellion in Janeiro, die einem Kaiſer den Thron koſtete; aber ihre Folgen trafen mich beſonders, denn ich ſtand nicht allein wie die meiſten meiner Gefährten. Der Sold blieb aus, die Fremden wurden verabſchiedet, theilweiſe mit Gewalt entfernt; von dem kleinen Ver⸗ mögen meiner Placida lebte Euer Sohn; das letzte der Kleinodien ihrer Mutter, das letzte Andenken der ver⸗ lorenen Eltern gab ſie willig hin, um Euerm Sohne das Leben zu friſten; ohne ſie hätte der Erbe von Spar⸗ neck, der Erſtgeborene des ſtolzen Miniſters, in dem zer⸗ riſſenen blauen Poncho vor den Thüren der hartherzigen Portugieſen ſeine zerfleiſchte Hand zeigen müſſen, um ihr Mitleid zu erwecken, hätte winſeln müſſen um die Gunſt der alten ſchmutzigen Negerköchin, damit ſie den 454 Abfall ihres Heerdes zwiſchen ihm und dem Hunde des Herrn getheilt; ohne Placida wäre Dein Sohn, o Mut⸗ ter, vielleicht in einem Winkel des Hafens gleich einem abgetriebenen Wild verendet, und von dem rohen Pöbel unbegraben den Raubvögeln hingeworfen; Mutter, und dieſe Retterin Eures Erſtgeborenen, dieſen frommen Schutzgeiſt Eures frühern Lieblings, muß dieſer da, wo er endlich zu vergelten gehofft, verachtet ſehen gleich einer Verworfenen, und ſie, die vielleicht beſſer als Alle, ſie, die man als einige Heilige verehren ſollte, ſie muß in der Heimath ihres Gatten an jene unglückſeligen Schwarzen erinnert werden, für welche Niemand einen Blick der Liebe hat, an denen man vorüber geht, wie an dem Ausſätzigen und Peſtkranken! Und beim Him⸗ mel, Mutter, jene ſind glücklicher, denn ihr Stumpf⸗ finn läßt ſie nicht fühlen, was ſie getroffen!— Dieſe letzte heiß und heftig ausgeſprochene Apoſtrophe verdarb den ganzen Eindruck, welchen des Sohnes Er⸗ zählung auf die alte Dame gemacht. Es iſt eine allge⸗ meine Erfahrung, daß Ehegatten mit der Zeit ſo am äußern Weſen wie an Geſinnung ſich ähnlich werden, wechſelſeitig ſich amalgamiren, daß ſelbſt eine anfäng⸗ liche Disharmonie durch dieſen Staatsſtreich der Natur ſich in einen erträglichen Accord umwandelt. Auch die Freifrau hatte Manches von ihrem Eheherrn, obgleich nicht zu ihrem Vortheil, ſich angeeignet, und des Kapi⸗ täns Schlußworte berührten empfindlich gerade dieſe Sai⸗ ten. Ihre Rührung, ihre Theilnahme war zerſchnitten, verſchwunden, und mit jener Eiskälte, die in vergange⸗ nen Zeiten in den höhern Ständen Würde geſcholten ward, ſprach ſie, indem ſie ſich erhob: Mein lieber Sohn, daß Du mit uns nicht zufrieden wareſt, gab Dein raſcher 455 Abſchied deutlich zu erkennen. Iſt Deine Donna beſſer als wir, ſo darfſt Du den Reid auf ihre Vollkommen⸗ heiten als eine Erbſünde uns nicht zu vös anrechnen. Heiligenbilder anzubeten verbeut unſere Religion; haſt Du dergleichen im fremden Lande gelernt, ſo findeſt Du Deine Eltern zu gealtert, um Deine Apoſtaten zu wer⸗ ven. Baron Babo iſt das Haupt der Familie, und was Du für Dich und Donna Placida wünſchen möchteſt, mußt Du deßhalb nur ihm, nicht Deiner ſchwachen Mut⸗ ter zu Füßen legen. Wirſt Du den Muth dazu haben, mein Sohn?— Sie lächelte ſelbſtgefällig zu dem Por⸗ trät ihres Eheherrn hinauf.— Ich zweifle faſt, und darum bleibt mein letzter Rath: Willſt Du Frieden haben mit dem Vater, ſo ſchaffe die Fremde fort.— Mutter, rief der Kapitän empört, kann ein ſolcher Rath quellen aus einem weiblichen Herzen, und nach dieſer Stunde der vertraulichſten Entſchleierung unſeres Seelenlebens? O warum habe ich denn meine heiligſten Erinnerungen verſchwendet?— Vielleicht hätteſt Du beſſer geſchwiegen, fiel die Frei⸗ frau ein. Romanhafte Abenteuer paſſen ſelten zu gere⸗ gelten Familienverhältniſſen, und die Perſonen, welche darin mitſpielen, ſtehen ſelten dabei in einem vortheil⸗ haften Lichte, denn der beſonnene, häusliche Sinn denkt auch ohne Abſicht ſich Mannigfaches hinzu, was ſich nicht mit Anſtand erzählen ließ und darum nicht erzählt wurde. — Der Kapitän hätte vielleicht etwas geantwortet, was ihm ſpäter leid geweſen. Eine laute Geſellſchaft, welche eintrat, erſparte ihm die Reue. Sie beſtand aus dem leichtfertigen Junker Arnold, dem Fräulein Chlorinde und einem benachbarten Gutsherrn, dem Herrn Engel⸗ hard von Nothhaft. Mit offenen Armen kam dieſer —————— 456 Letztere, ein derber Jägersmann und Landwirth, auf den Kapitän zu, und empfing den einſtigen Spielkameraden. Unkluger Pbilipp, was haſt Du angeſtiftet? rief er dabei. Wie ſiehſt Du aus, armer Menſch? Bleichſucht, gelbes Fieber, Kriegesnoth liest man ja zum Erbarmen auf Deinem Angeſichte. Ich hätte Dich nicht erkannt, wäre Deine Anweſenheit mir nicht bekannt geweſen. Da ſieh mich an; jung, friſch, geſund bis zum Zerſpringen. Aber das gebiert die vermaledeite Auswanderungsſucht. Nur wo der Vogel aus dem Ei kroch, da findet er das heilſamſte Futter. Man ſollte alle jene Emmiſſarien, ſprechende und ſchreibende, welche den treuherzigen Deut⸗ ſchen in jene heiße Sklaverei verlocken, ohne Pardon bet den Beinen aufknüpfen, oder an der Heerſtraße auf rie⸗ ſige Kreuze nageln. Armer Patron, es wird Zeit koſten, Dich wieder zum deutſchen Ritter heraus zu füttern, und Du wirſt Dich ſputen müſſen, willſt Du anders auf mei⸗ ner Hochzeit mit der ſchönen Chlorinde als mein lieber älteſter Schwager die Polonaiſe commandiren.— Ich wünſche Dir Glück bei der Neuigkeit! antwortete der Kapitän zerſtreut, doch dem ſchlichten Ehrenmanne die Hand drückend.— Neuigkeit? fragte Nothhaft verwundert. Ich werbe wie Jakob um ſeine Lea bereits ein tüchtiges Stück Zeit, aber der gnädige Papa peinigte bislang meine Beharr⸗ lichkeit, weil ich leider nicht ganz zu den Sechzehnendern gehöre, fehlen auch nur einige Zinken daran. Heute ſandte mir jedoch die holde Chlorinde auf einem Seiden⸗ papierchen ſeine plötzliche Umwandlung.— Und mir ward ein Lieutenantspatent in einer trau⸗ rigen Garniſon, ſeufzte Junker Arnold. Der gnädige Papa ſcheint auskehren zu wollen im Hauſe. Ich meine, „ 457 er dürfte gerechter Weiſe damit anderswo den Anfang machen.— Der Kapitän ſchoß einen finſtern Blick auf den Bru⸗ der, doch Nothhaft fuhr redſelig dazwiſchen: Du haſt eine Frau, Philipp? Man ſpricht von der ſchönen, klein⸗ füßigen, ſchwarzgelockten Amerikanerin wie von einer Wunderfee in der Gegend. Und Dein keckes Söhnlein wäre im Schloßhofe beinahe meinem kleinen Polacken unter die Hufe gerathen, ſo muthwillig ſprang er unſerer Cavalkade entgegen. Er wird ein Wagehals werden gleich Dir, der über dem Weltmeer ſein Heil ſuchte, und das größere Wageſtück unternahm, auf die Treue einer Tochter jener Glutſonne ein Verſicherungsbillet zu accep⸗ tiren. Armer Don Philippo, hüte Dich; wir kalten Deutſchländer haben aus den Kriegszeiten auch Notturnos und Canzonen mitgebracht, und nicht umſonſt im Süden Lehrgeld bezahlt.— Ein ſonderbarer Hohn lächelte auf Junker Arnolds Geſicht; der Kapitän bemerkte es, und brach raſch auf, indem er ſagte: Du erinnerſt mich an meine Pflichten, Freund! Die Spanierinnen ſind der Hut gewohnt, doch nur, weil ſie ohne dieſe die Zuneigung erkaltet glauben.— Verwundert und kopfſchüttelnd ſah ihm der ehyrliche Nothhaft nach, doch die Freifrau enträthſelte ihm von den Verhältniſſen des Kapitäns ſoviel ſie nöthig fand, und der weder tiefdenkende, noch eben um fremde Angelegen⸗ heiten bekümmerte Werber vergaß, mit der Braut beſchäf⸗ tigt, leichtlich die Eindrücke dieſes ſeltſamen Wiederſehens. Seit Nothhafts Erſcheinung im Schloſſe ſchien ſich mancherlei anders zu geſtalten. Die Unterhaltung ward — 458 lebhafter, denn der redſelige Naturmenſch ließ ſich nicht einzwängen, und da der alte Freiherr ſeit einiger Zeit in eine ſonderbare Zerſtreutheit und Gedankenloſigkeit verfallen zu ſein ſchien, welche die Seinigen mit Aengſt⸗ lichkeit erkannten, doch nicht nach der uUrſache aus ge⸗ wohntem Reſpekt zu fragen wagten, da er faſt nur in ſeinem Kabinet lebte, ſo durfte auch ein Strahl dieſes, die Sparneck'ſche lange Nacht erhellenden Tageslichtes auf die verwaiſete Placida fallen. Der neugierige Herr von Nothhaft ſprach gern mit ihr und horchte mit Ver⸗ gnügen ihren beſcheidenen Antworten und den Aufſchlüſſen über das Leben der Menſchen jenſeits des Oceans. Doch noch andere kleine Ereigniſſe färbten Placida's Tage mit lebhaftern Farben, wenn ſie auch neue Sorgen mitbrach⸗ ten. Von Zeit zu Zeit fanden ſich nämlich kleine Ge⸗ ſchenke in den Zimmern des Flügels von unbekannter Hand niederlegt, die nur für die Fremde beſtimmt ſein konnten. Frauenputz und Kleinode, wenn auch nicht von großem Werthe, doch ſinnig und geſchmackvoll gewählt, ſeltene Früchte, die an fremde Zone erinnerten, kleine Schnitzwerke aus Elfenbein, die nur der Katholikin be⸗ ſonders liebe Geſchenke ſein konnten, ja ein Gebetbuch ihres Glaubens folgten nach und nach, und der Geber wußte ſich trotz aller Forſchung wie durch Zauberkunſt zu verhüllen. Der Kapitän, der ſeit dem Geſpräche mit der Mutter den Glauben auf Verſöhnung in trauriger Reſignation aufgegeben hatte, und geiſtig wie körperlich kränkelte, träumte jedoch zuweilen, es ſei die Mutterhand, welche heimlich gut zu machen ſuchte, was der Mund Böſes geſprochen, oder er rieth auf den gutherzigen und lebensfrohen Engelhard. Placida widerſprach nicht, doch verrieth ein heimlicher, ſchwerer Seufzer gar oft, daß ———————————* 459 ſie richtiger riethe als ihr Gatte, und peinlichſt gequält wurde durch Selbſtvorwürfe, ihre Gedanken zum erſten Male dem Freunde ihrer Seele nicht vertrauen zu kön⸗ nen. Um die Einſamkeit, den Kloſterzwang, zu welchen man ſie verdammt hatte, in Etwas zu vertreiben, hatte ſie ſich gewöhnt, täglich mehre Stunden im Freien um⸗ her zu ſtreifen, zuweilen mit dem Knaben an der Hand, zuweilen, nachdem ſie in der Gegend bekannter geworden, auch allein. Die rauhere Witterung hielt ſie nicht ab, denn in den öden Schloßgängen ſchien es ihr eiſiger und widerwärtiger. Die fremde Natur, ſchroff, ſtarr, düſter, harmonirte mit ihrer Gemüthsſtimmung, ſie gewann die ſchwarzen Fichtenwälder, die grauen Felſen, die zerriſſe⸗ nen Klüfte immer lieber, ſie wagte ſich in die Viehhöfe, ſogar in die Bergwerksregion, zu den Eiſenhütten und ſprühenden Hochöfen, und ein Geſpräch mit den treuher⸗ zigen Knappen oder einem pflügenden Landmanne konnte ſie für Tage erheitern. Mit Verdruß bemerkte ſie, daß ſeit einiger Zeit Jun⸗ ker Arnold dieſe Ausflüge benutzte, um ſich ihr zu nähern, wurde überraſcht durch eine wachſende Freundlichkeit in ſeinen Anreden, ſtutzig, da er es wagte, ſie zu beglei⸗ ten, empört, da ſeine Worte in Schmeichelreden ſich ver⸗ ſchlichen, und aufs Höchſte erſchüttert, da der leichtfertige Menſch förmlich um ihre Zuneigung zu werben begann, ja mit unverholener Dreiſtigkeit ihr Liebe geſtand und Gegenliebe erbat. Sie verſuchte ſo durch Kälte wie durch Spott die Befehdung abzuweiſen, ſie nahm ſeine Tiraden als ein Scherzſpiel auf, erinnerte, als der Jun⸗ ker dreiſter wurde, ſie ſogar an ihre hülfsbedürftige Si⸗ tuation zu mahnen, ſich als ihren Schirmer, Fürſprecher und Ritter anzubieten, ihren Gatten als durch Gram — 460 und Körperſchwäche kleinmüthig gewordenen und darum nutzloſen Schützer darzuſtellen wagte, erinnerte ihn mit Ernſt an das Verbrechen, das er durch Wort und Ge⸗ danken ſchon gegen einen wackern Bruder, gegen ſie und Gott beginge, mußte jedoch, als lächelnde Antwort ein keckes Kapitel der modernſten Weltweisheit anhören, wel⸗ ches von Freiheit des Begehrens und Gewährens, von Naturgeſetz menſchlicher Satzung gegenüber, von Fflicht das Glück des Augenblicks zu faſſen und zu ſchenken, von Emancipation der Frauen überſchwoll. Placida er⸗ bebte; waren das die Lehren des gereinigten Glaubens, den die Menſchen, unter welche ſie gerathen, ſo hoch prieſen? Sah ſie nicht Herzloſigkeit, Unduldſamkeit, Ver⸗ rath keimen auf dieſem Acker, und Kindesliebe, Ver⸗ trauen und Wohlwollen welk und verdorrt hangen?— Dem Gatten den Bruderverrath zu entdecken, hieß tödtlichen Zwiſt erwecken, hieß dem Gekränkten Gift rei⸗ chen. Wo traf ſie Rath, wo Entladung ihres Herzens 2 — Im Gebirg war ihr ſchon einige Mal ein Mann auf⸗ geſtoßen, der ihre Aufmerkſamkeit einige Augenblicke an⸗ gelockt. Ein grauer Oberrock von eigenem Schnitte, ein beſonders niedriger und breiter Hut, unter welchem ſil⸗ bergraues Haar hervorſchimmerte, zeichnete ihn aus. Er ſchien alt, doch ſah ſie ihn hoch am Felſenhang auf Stein⸗ pfaden rüſtig fortſchreiten, und auch ſie ſchien im Thal von ihm bemerkt zu ſein. Eines Tages kam der Unbekannte auf ſchmalem Wald⸗ wege ihr entgegen, ſein tiefliegendes, aber ſcharfes Auge ruhete ſchon von fern auf ihr, und als er grüßend in das Waldgras trat, um ihr Raum zu geben, flüſterte er kaum hörbar den von ihr ſo lange nicht gehörten Glaubensgruß: Gelobt ſei Jeſus Chriſt! O wie freudig —— 461 erhebend ſprach ſie laut: In Ewigkeit!— Der Mann hob die Rechte unwillkürlich wie zum heiligen Segens⸗ zeichen und ſie ſank in höchſter Aufregung in die Knie am Saume des Weges und rief: Segnet, mein Vater, eine Unglückliche, die ſolches zu ihrer Seele Heil ſo be⸗ dürftig!— Placida's Ahnung ging nicht in Täuſchung über. Der Unbekannte war ein Prieſter ihres Glaubens; durch die Uneinigkeit der Schweizerkantone von dort vertrieben, hatte er ein kurzes Aſyl in dieſer Gegend geſucht, um ſich zu einer Reiſe in die ſüdlichen Länder vorzubereiten, wo ſeine Glaubensgenoſſen die Herren waren, und die Kirche noch in ihrem alten Glanze prangte. Schnell war der Bund zwiſchen der bedrängten Frau und dem Greiſe geſchloſſen. Placida jauchzte und weinte. Wie ein von Gott geſandter Apoſtel erſchien ihr der fromme Mann; mit unbegrenztem Vertrauen enthüllte ſie ihm ohne Auf⸗ ſchub ihre Bekümmerniſſe, ihr Schickſal, und der Alte nahm mit Herzlichkeit die Kindlichkeit ihrer Bekenntniſſe auf, und verhieß ihr den nie verſagenden Troſt der Re⸗ ligion, wo er nicht Beiſtand und Abwehr zu verſprechen wußte. Der vertriebene Prieſter wohnte am jenſeitigen Ab⸗ hange der Bergkette in einer Art Sennhütte, die er einem Hirten abgemiethet. Dorthin gingen von jetzt alle Wallfahrten der ſchönen Placida; in dem Kämmerchen, das mit dem heiligen Zeichen geſchmückt, ihr die Klauſe eines gottesvertrauten Eremiten dünkte, legte ſie Alles nieder, was bis zum Zerquetſchen ihr Herz belaſtet hatte, und freier, muthiger trat ſie von da in das ſchroffe Le⸗ ben zurück. Ihr habt Euer Glück nicht auf einen Fels gebaut, 462 Señora, ſagte der Prieſter beſorglich; der Gemahl, den der Augenblick der Noth, des Schickſals ſeltſame Laune an Euer Herz geführt, ſcheint mir nicht der ſtarke Baum, an welchen die Rebe ſich emporwinden darf mit unge⸗ trübtem Vertrauen auf ſeinen Schutz, auf ſeine Stärke. Er gehört, irre ich nicht, zu jenen gutmüthigen, un⸗ verdorbenen, aber ſchwachen Seelen, die willenlos die ſchwankende Woge des Lebens umherwirft, und deren Name iſt Legion. Ihr Erglühen iſt Leuchtfeuer, aber es zündet nicht. Sie thun Niemanden ein Leid, und man liebt ihre freundliche Erſcheinung, aber ſie haben ein ſtumpfes Schwert in der Stunde der Gefahr, keinen Trotz, wo Widerſtand rettet, und ſind immerdar gleich dem ſchwankenden Rohre im Winde. Aber verzage dar⸗ um nicht, meine Tochter! Unſer Gott iſt überall und ſein Arm ſchirmet, ſein Auge wacht am ſichtlichſten über den Häuptern der Unmündigen und Verlaſſenen. Sieh hinaus dort, wo die blondköpfigen Kleinen am Abgrunde ſpielen, ſich muthwillig wälzen in den Fahrgleiſen der Bergſtraße. Was würde aus ihnen, die vom Mutter⸗ auge verſäumt, bewachte ſie nicht ein helleres Auge, das den Engel geſtellt neben die Todesſchlucht, und das auf⸗ hält den rollenden Wagen, und welches bändigt die ſchnaubenden Roſſe.— Er forſchte, ob Placida nicht noch Blutsfreunde in Spanien habe, und als ſie Cadir und Sovilla als die eigentliche Heimath ihrer Familie nannte, ſo verſprach er Erkundigungen einzuziehen, Briefe abzuſenden, welche durch einen deutſchen Biſchof, der ihm perſönlich gewogen, ihr Ziel finden würden. Ge⸗ dankenvoll kehrte Placida zum Schloſſe zurück; ſie ſagte ſich ſelbſt, daß der Prieſter das Charakterbild ihres Gat⸗ ten mit wahrhaften Farben entworfen, und als ſie dem 463 Kapitän ihren Fund vertraut, dieſer ihr, erfreut über ihre ungewohnte Heiterkeit und lebhaftere Rede, die Er⸗ laubniß zum Verkehr mit dem neuen Freunde zuſtand, ja die Bekleidung des kleinen Antonio zu der Klauſe am Gebirge ihr nicht verſagte, regte ſich neben der Zufrie⸗ denheit dennoch ein trüberes Gefühl in ihrer Bruſt; ſie gedachte der Schilderung des Prieſters und es war ihr, als habe Philippo dieſe Erlaubniß nicht ſo unbedingt geben müſſen.— Wiederum waren einige Wochen in dieſer Weiſe ver⸗ laufen. Der Prieſter hatte ſich entſchloſſen, ſein Aſyl der neuen Tochter wegen zu opfern, und bei einem Berg⸗ manne, näher an Sparneck, ein kleines Quartier einzu⸗ nehmen, da die winterliche Jahrszeit ſtets näher rückte, die Tage ſich kürzten, und die Wege ungangbar zu wer⸗ den drohten. Placida war gewöhnt, bei der Rückkehr vom Gebirg den Weg in das Schloß durch den Garten zu nehmen, um dadurch ihre Gänge den Schloßbewohnern weniger bemerkbar zu machen. Der tröſtende Umgang mit dem Greiſe hatte ihren Geiſt alſo aus den Banden der Schwermuth und Sorge gelöſet, in kurzer Zeit ihren Körper alſo erkräftigt, daß ſie ſich muthig und friſch und frei fühlte wie in den ſchönſten Tagen am Parana, und ſelbſt der Geſellſchaft zu Sparneck der neue Früh⸗ ling, der in den Augen und auf den Wangen der Fremden ſich entfaltete, nicht entging. Auch der böſe Verſucher, welcher einige Zeit, wie die Schlange im Graſe zuſam⸗ mengerollt, ſeine Begier verborgen, wurde neu geweckt durch die wärmeren Frühlingsſtrahlen, welche ihn in ihrer Nähe herührten, ohne daß ſie es gewußt oder ge⸗ wollt. Eines Abends, es dämmerte bereits, ſchloß ſie eben das Gatterthor hinter ſich, da ſah ſie mit Schreck 464 eine dunkele Schattengeſtalt neben ſich, und fühlte ſich von ſtarken Männerarmen dreiſt umfaßt. Du entkommſt mir nicht mehr, ſchöne Korſarin, darum ſenke nur gut⸗ willig Deine Sirenenflagge! tönte Junker Arnolds ge⸗ dämpfte, in Leidenſchaft bebende Stimme.— Nicht Luſt habe ich, den Tod der Sehnſucht zu ſterben, ſetze darum Alles an die Seligkeit, und werde als ein ſiegreicher Freibeuter lieber Schiff und Dich und mich in die Luft ſprengen, als länger den goldenen Raub vor mir ſehen und nichts beſitzen dürfen.— Placida fühlte ſich gehoben in des Frechen Armen, fortgetragen, und der wiederholte Hülfsſchrei, den ihre von Entſetzen zuſammengeſchnürte Bruſt auszuſtoßen ver⸗ mochte, verhallte in der düſtern, endloſen Allee. Niemand antwortete, das Schloß war fern, der Garten um dieſe Stunde menſchenleer, das wußte ſie, und wenn der Pa⸗ villon, zu dem der Entführer ſie trug, hinter ihr ſich ſchloß, meinte ſie dem Aergſten ſich preisgegeben. Nach der Sitte ihres Landes trug ſie ein kleines Stilett im Buſen; die freie Hand, die bislang in dem Haar des Räubers gekrallt gelegen, griff nach der Waffe; der Stoß traf von oben des Junkers Arm, ſie fühlte ihre Hand naß und warm beſpritzt, fiel befreit auf den Boden, und ſchnell aufgerafft flüchtete ſie gleich einem verwundeten, verfolgten Reh durch den alten Baumgang, in jedem blät⸗ terloſen Stamme, der mit kahlen Zweigen über den Weg griff, einen neuen Feind, einen Gehülfen des Räubers erblickend. Athemlos ſaß ſie auf der Steintreppe, die in das Schloß führte, ſtürmiſch flog ihr Buſen, ihr Geſicht brannte. Was ſollte ſie thun? Wie konnte ſie vor den Kapitän treten, ohne daß ihr Aeußeres das Ge⸗ ſchehene verrathen mußte? Da rauſchten Schritte in dem 465 gefallenen Laube der Allee, ſie glaubte des Junkers wim⸗ mernde Schmerzesſtimme zu hören, und entſchloſſen, die Heimlichkeit abzuwerfen, komme auch das Böſeſte, im empörten Gefühl dem frechen Sünder ſein verdientes Geſchick wünſchend, betrat ſie den Flügel. Der Kapitän war nicht allein; Herr von Nothhaft ſaß bei ihm im lebhaften Zwieſprach; die Mantilla barg ihre Verſtörung, ihre Entkleidung ſchenkte ihr Zeit, Faſ⸗ ſung zu gewinnen, und ſie glaubte in dieſem Zufalle den Befehl des Himmels zu vernehmen, der ihr verbot, dem Gemahl die höchſte Kränkung ſeiner Ehre ietzt und auf dieſe Weiſe zu enthüllen. Aber ihr Entſchluß ſtand feſt, den Kapitän zum Vertrauten der ſchimpflichen Nachſtellung zu machen; ſie hoffte, ihre Bitte würde leicht ihn bewe⸗ gen, mit Schonung für ſie durch der Eltern Einfluß den verwegenen, unbrüderlichen Verfolger vom Schloſſe zu entfernen. Mit Beklemmung erwartete ſie den nächſten Tag, aber ſie erhorchte nichts von Bedeutung im Schloſſe. Arnold blieb unſichtbar; es hieß, ein Hirſch habe auf der Jagd ihn ſchwer beſchädigt und er hüte das Bett. Noch ein Tag und noch einer lief hin, und die ſchamhafte, kindliche Frau konnte das erſte Wort zu dem Bekenntniß nicht finden, in welchem ſie doch als eine muthige Märtererin glänzen durfte. Sie hatte nicht gewagt, den Prieſter zu beſuchen, doch da man vom ſteigenden Fieber des Jun⸗ kers ſprach, da ein Arzt aus der Stadt zum Beiſtand des Bergchirurgus geholt wurde, ſo beſchloß ſie den Spaziergang zur Berghütte. Vater Nicaſius hörte ihre Beichte mit Erſtaunen, und ſein Entſchluß ſtand ſogleich feſt, morgen auf das Schloß zu gehen, mündlich dem Kapitän die Anklage kund zu thun, für welche die Lippen Blumenhagen. VI. 30 466 der Gattin zu zart ſchienen, und durch ſeine Gegenwart den erſten hitzigen Ausbruch des Beleidigten zu hemmen oder wenigſtens zu mäßigen. Der Greis geleitete ſeine ſchöne Freundin über die Berge, denn der Abend war rauh und ſtürmiſch geworden, und das erſte Schneege⸗ ſtöber beſtreute die gefährlichen Felspfade mit ſchlüpfriger Decke. Er verließ ſie nicht fern vom Schloſſe, und Pla⸗ cida ſchritt mit klopfendem Herzen der verhängnißvollen Gatterpforte zu, obgleich ſie den Feind gebunden am Krankenlager wußte. Ein Reiſewagen hielt in der Nähe und feſſelte einige Augenblicke ihre Aufmerkſamkeit; raſcher trat ſie durch die Pforte und ſchloß ſie nicht, um den Leuten am Wagen Anweſenheit nicht zu verrathen. Schon hatte ſie den alten Lindengang erreicht, da ſtockte ihr leichter Fuß. War es des Feindes Geſpenſt, das aus dem Boden auf⸗ ſtieg, ſein Blut zu rächen, ſie zu verderben? Sie dachte ſich eine Sekunde lang ihn geſtorben und ſeinen abgeſchie⸗ denen Schatten zürnend ſich gegenüber. Aber die dunkle Erſcheinung ſtand ruhig mitten im Wege, und als ein Männerarm ſich aus dem Mantel gegen ſie erhob, eine Stimme klang, erkannte ſie mit nicht geringerem Er⸗ beben den alten Baron von Sparneck. Sie haben mich lange warten laſſen, Madame, ſprach der Freiherr zu ihr; in unſerm Deutſchland iſt es nicht Sitte, züchtige Frauen ſo ſpät in den Feldern ſtreifen zu ſehen. Doch man muß bei Ihnen ſich an manches Fremd⸗ ländiſche gewöhnen.— Placida fror bei der Eiskälte, die aus dieſen Worten ſie anwehte; ſie war ſich bewußt, der nächſte Augenblick müſſe etwas Böſes, etwas Entſetzliches über ſie herab⸗ 467 ſchütten. Eine kranke Knappenfrau verzögerte meine Heim⸗ kehr, ſtammelte ſie. Oder ein krankes Gewiſſen! fuhr der Baron eintönig fort.— Einerlei, die Schlußfolge wird dadurch nicht geändert. Sie haben uns bislang nicht verſtehen wollen, Madame, und der Zeitpunkt iſt deßhalb da, wo wir eine offene Erklärung Ihnen auszuſprechen gezwungen find. Diejenige, welche ſich eindrängte, welche Zwietracht ſäete, dieſelbe Perſon war auch ſchamlos genug, nicht verſtehen zu wollen, was man ihr aus Zartgefühl nicht in Worte überſetzte, doch deutlich an den Tag legte.— FPlacida athmete kaum. Ich verſtehe Sie auch jetzt nicht, Herr Baron! ſtammelte ſie.— Sie werden nicht in das Schloß gehen; Sie werden nie mehr dahin zurückkehren! entgegnete der Baron ſtark, doch ohne Erhitzung.— Nicht zu meinem Gatten, nicht zu meinem Kinde? rief Placida verwirrt.— Ihre Lebensweiſe iſt uns nicht unbekannt geblieben, fuhr Baron Sparneck mit gehobenem Tone fort, wir haben die Geheimniſſe Ihrer Betkammer geſehen, wir wiſſen, daß Sie mit fremden, verdächtigen Flüchtlingen Verkehr haben, die Unkraut ausſäen unter dem Volke der Gegend. Wir dulden das nicht, und morgen ſchon werden die Gerichte einſchreiten, und dieſe Gefährlichen unſchädlich machen. Nahmen wir den kleinen Antonio, als von Gott in unſern Familiengarten gepflanzt, väter⸗ lich auf, ſo geſchah's mit dem ſtillſchweigenden Vorbe⸗ halte, daß er keinen fremden Glauben in unſern Stamm einſchwärze, denn die Sparneck haben gefochten für die reine Lehre, geblutet für ſie, Gut und Leben geopfert* für ſie, und vhn das nicht umſonſt gethan haben. Iſt 468 unſer thörichter, ſchwacher Sohn leichtfertig in Glaubens⸗ ſachen geweſen, ſo wird es uns Pflicht, ſolches gut zu machen. Aber gleich gewichtig iſt ein anderer Grund, der uns vefiehlt, eine Befleckte von uns auszuſtoßen, eine freche Scheinheilige, welche die Ehre des Namens, den ſie wider unſern Willen trägt, unter die Füße trat.— Herr Baron, das iſt mehr, als auch eine Tochter duldet! ſtieß die Spanierin empört hervor, und trat ei⸗ nen Schritt ihm näher.— Still! unterbrach er ſie. Unnütze Erörterungen rau⸗ pen nur die koſtbare Zeit. Unſer wackerer Sohn Arnold kam den ſpaniſchen Abendpromenaden auf die Spur, er wollte an dem unbekannten, dreiſten Cavallero die ge⸗ kränkte Ehre des Bruders rächen, und blutete unter dem Dolche des fremden Meuchlers, bezahlt vielleicht mit dem Leben die Ritterthat.— Teufliſch, entſetzlich! ſtöhnte die vernichtete Frau. Er ſelbſt! Bei der heiligen Jungfrau, ein Bubenſtück ohne Beiſpiel! So beſcheine denn die Sonne Alles! Vor Ihnen und der Mutter, vor meinem Gatten, vor dem ganzen Hauſe klinge dieſe Anklage, und die Schuldloſe wird antworten.— Richt alſo! antwortete mit Hohn der Baron. Eine edle Familie hütet ſich vor ſolchem Skandal, welcher immer Schmutz auf dem Silberſchilde abſetzt. Sie ge⸗ hen, Madame; Sie reiſen auf der Stelle; Sie ſchwören einen Eid, nicht zurückzukehren, dann bringt Sie ein bequemer Wagen bis an die Grenze Deutſchlands, und mit einem guten Reiſegeld werden Sie von da den Weg zu Ihrer Heimath finden können. Wo nicht, ſo werden Sie dieſen Weg, durch Gewalt gezwungen, machen müſ⸗ 469 ſen, und zwar zu einem Orte, der Ihnen weniger an⸗ genehm ſein möchte.— Nimmermehr! rief Placida und ſtreckte die Hand 1 gegen den Furchtbaren aus. Schnell drückte der Baron eine Geldrolle in dieſelbe, und die Finger der Betäub⸗ ten, faſt Sinnverwirrten, ſchloſſen ſich um dieſe. Sie ſchwankte auf den Füßen, wie Todesnebel ſank es ihr auf Stirn und Augen. Weiß Philipp darum? fragte ſie ſchwindelnd.— Er kennt unſern Willen, er ahnet unſere Entſchlüſſe. Weiß er doch, daß unwiderruflich entweder die Fremde allein und freiwillig Sparneck verlaſſen muß, oder er und Weib und Kind zuſammen in die Welt zu wandern hat! entgegnete der Baron nach kurzem Zögern.— So wird mir doch ein Abſchied von dem Gatten, . ein Abſchied von meinem lieben Knaben vergönnt ſein? fragte Placida angſtvoll, doch ihre Beſonnenheit langſam wieder gewinnend.— Beide ſind nicht im Schloſſe. Der Herr von Noth⸗ haft beredete ſie zu einer Fahrt nach ſeinem Edelhofe; darauf mein Ehrenwort! Nun, Madame, fügen Sie ſich dem Unabänderlichen, ſind Sie bereit? Der Wagen iſt zur Hand; Mantel und nöthige Kleidung werden Sie darin finden. Sie ſchwören mir, und mein Arm geleitet 1 Sie anſtändig an den Schlag. Anderſeits wird mein Ruf die nöthigen Helfer herbeilocken, und Sie zogen vann ſelbſt das ſchwärzere Loos.— Einige Augenblicke noch ſtand Placida unentſchloſſen3 in ihrer Phantaſie jagten mancherlei grauſe Bilder vor⸗ über, die ſie aus Erzählungen ihrer Mutter vom Vater⸗ lande kannte; Kloſter, Kerker, Meuchelmord folgten ſich⸗ wie ſchwarze, zerriſſene Wetterwolken in wechſelnden, 470 grauenvollen Geſtalten am blauen Himmel vorüber trei⸗ ben. Plötzlich raffte ſie ſich auf und flog leichtfüßig den Weg zurück, welchen ſie gekommen. Sie erreichte das Thor, es fiel hinter ihr in das Schloß, und im Nacht⸗ ſturme, der an den dürren Baumäſten brach, verhallte der Zornruf des überraſchten, im eigenen Reiche einge⸗ ſperrten Freiherrn, der durch das Eiſengatter das ſchöne Wild, welches er ſicher eingefangen glaubte, hinter den Schleiern des Schneenebels verſchwinden ſehen mußte. Auch der ſtarrſte Charakter hat ſeine ſchwachen Mo⸗ mente. Der Baron von Sparneck fühlte ſich ſeit lange zum erſten Male in einer Verlegenheit, die er nicht ab⸗ zuwehren vermochte. Seine Herrſchſucht war durch ein elendes Weib zu Spott gebracht; das gelungene Werk hätte er frei vertreten, des mißlungenen ſchämte er ſich vor ſeiner Familie wie vor ſeinem eigenen Solze. So ließ er die Flüchtlingin unverfolgt und das Schickſal walten.— Der Kapitän vermißte bei ſeiner Zurückkunft in der Nacht die Gattin, der kleine Antonio ſchrie eigenſinnig nach der Mutter, auf deren Schooße er zu entſchlafen pflegte. Aufgeriſſen aus ſeiner Schwäche, brachte der erſchreckte Mann das ganze Schloß in Aufruhr, Alles mußte auf die Straßen, um Placida zu ſuchen, die er am Gebirg verunglückt wähnte. Zu ſpät ſchalt er ſeine Nachgiebigkeit gegen die Schwärmerin, ſeine träge Un⸗ achtſamkeit, ihre Begleitung auf ſolchen Wegen verſäumt zu haben. Selber warf er ſich auf's Pferd und durch⸗ ſtreifte die Bergbauregion, und pochte die Hüttenleute heraus. Er kannte aus Placida's Beſchreibung die — 471 Gegend, wo der Prieſter gewohnt; dorthin trieb er die willigen Bergknappen, die mit Kienfackeln die ſchmalen Steige hell machten. Die Klauſe war verſchloſſen, Nie⸗ mand antwortete von innen, und als man die leichte Thüre zerbrochen, fand man leere Räume, das Stroh⸗ bett unberührt, doch ließ die Unordnung der umherge⸗ worfenen Geräthſchaften auf eine in Eile vollführte Ent⸗ fernung ſchließen. Keiner der Hirten auf den nächſten Viehhöfen konnte Auskunft geben, und erſchlafft an Seele und Leib kehrte der Kapitän zum Schloſſe zurück, mit der einzigen Hoffnung ſich ſchmeichelnd, ſie möchte längſt aufgefunden oder zurückgekommen ſein, und ſeine Angſt durch einen freundlichen Willkommenskuß belohnen. Die Täuſchung zerrann mit dem erſten Schritte, den er in das Schloß gethan. Wie er ſelbſt waren alle Nachtſtreifer ohne Fund heimgekommen. Entkräftet ſank er zuſammen, und eine entſetzliche Nacht ward durchwacht, nicht erleichtert durch Mutter und Schweſter, die das Mitleid zu dem Verzweifelten getrieben, aber geſchärft in ihren Foltern durch das harte Vaterwort, das die Meinung ausſprach, Placida's oftmaligen, ihm bekannt gewordenen Abendgänge möchten Vorbereitungen eines Planes geweſen ſein, den ſie heute glücklich ausgeführt. Flucht von hier? Flucht von Mann und Kind? ſtöhnte der Kapitän, einen feindſeligen Blick auf das eiskalte Geſicht des Freiherrn ſchießend. Können verwachſene Herzen getrennt werden ohne fremden Schnitt? Kann das Mark ſcheiden aus dem Baume, ehe das Beil der Gewaltthat ihn in Trümmer ſchlug? Nein, nur der Tod hat die Herrliche von uns geriſſen, und ihr Schickſal laſte auf den Herzen derer, die dieſe offene, freie Seele zu ſolch' gefährlicher Heimlichkeit getrieben!— 472 Der Baron war in der Abſicht zum Sohne gekom⸗ men, den ganzen beleidigenden Argwohn, mit dem er die Spanierin verwundet, auch ihm zu offenbaren, um auf ſolche Weiſe einen vollendeten Schnitt durch das i Band zu thun, und ſelbſt dann, wenn die Vermißte ge⸗ funden werden ſollte, ſein Werk nicht ganz vergebens erdacht zu haben. Aber die Worte des Kapitäns berühr⸗ ten mit ihrer Schärfe das Gewiſſen, trotz ſeiner ehernen Verluppung, und der Baron ſchwieg für jetzt. Der folgende Tag vergrößerte mit ſeinem Lichte den Schmerz;z es ſtrahlte ja nicht zurück aus den lieben Augen, deren Troſtblick dem Kapitän unentbehrlich geworden. Auf's Neue begann das Suchen und Forſchen. Kein Schacht im Gebirg, keine Schlucht, keine Stalactiten⸗ grotte blieb undurchſtöbert. Auch nicht die geringſte Spur von der ſchönen Frau oder dem Prieſter ward gefunden, nur fehlte ein Bergmann Morgens im Zechenhauſe, der ein Ausländer war.— Der Baron lächelte heimlich, in der Art, wie er zu lächeln vermochte. Sein Zweck ſchien erreicht, und ohne Gewaltthat. Das Jammerbild des Sohnes, der jetzt nicht mehr an Placida's Tod glaubte, den aber die fiebernde Phantaſie ein anderes, faſt noch ſchrecklicheres Unglück, was ſie betroffen, vorſpiegelte, die todtbleiche Wange, das eingeſunkene Auge, das ſtille vor ſich Hinbrüten des Kapitäns rührte ihn nicht; ſolcher Gefühlsſpuk war ihm ephemeriſche Gaukelei, an deren Dauer er nicht glaubte, weil ſie im eigenen leeren Herzen nie geniſtet. Langſam, wie ein träger Folterknecht, ſchlich der Tag hinabz Briefe, die er an Bekannte der Umgegend ſchrieb, Eilboten, die er abfertigte, gaben von Zeit zu Zeit dem unglücklichen Gatten eine kurze Linderung. Da trat Abends der vermißte Bergmann in das Schloß, und 8 ——— 473 ein Päckchen für den Kapitän ſtack in ſeinem Ledergurt. Er war der Führer des Prieſters und der Dame durch Berg und Wald geweſen, am Felſenthor hatten ſie Maul⸗ * thiere von dem Wirthe gemiethet, der ſolche für fremd⸗ ändiſche Gäſte bereit zu halten pflegte, und in der Grenz⸗ ſtadt war er von ihnen entlaſſen worden. 7 Die Familie ſtrömte neugierig zuſammen, Jeder mit beſonderem Intereſſe; mit einem Schrei zerriß der Kapi⸗ tän die Umhüllung und hob ſtaunend eine Geldrolle auf, die vor ſeinen Füßen niedergefallen. Hände und Lippen bebten, indem er las. „Ich ſcheide von Dir, mein Philippo,“ ſo ſchrieb Placida,„mit zerfleiſchtem Herzen, weil ich muß. Weiße und ſchwarze Engel haben mir den Willen des Himmels verkündet, und wer dürfte ſich der Stimme Gottes wider⸗ ſetzen? Meine Nähe war unglückbringend für Dich, für unſern kleinen, lieblichen Antonio; das Schickſal forderte ein Opfer, und willig bringe ich mich, mein Leben, meine Zukunft ihm dar für euch. Es iſt nichts Kleines, was ich bringe; es war ein ſchweres, entſetzliches Ringen vor dem Altar des Höchſten; aber die Schmerzensreiche er⸗ ſchien mir und hauchte mir Muth ein und Kraft, daß ich nicht erlag. Es iſt das höchſte Geſchenk der Liebe, was ich Dir bringe; nie hat Placida den Mann ihres Her⸗ zens mehr geliebt, als in der Minute, da ſie ſprach: Ich gehe für immer, ich werde ihn nicht wiederſehen, den ich zuerſt und allein geliebt, ich werde die dunkeln Locken meines kleinen Lieblings nimmer wieder küſſen!— Du erkenneſt das, Du fühleſt das wie ich, nicht wahr, mein 7 Philippo? Es wäre entſetzlich, wenn Du es nicht er⸗ kennteſt!— O möge mein Opfer nicht umſonſt gethan ſein, möge ich das ſchneidende Schwert der Schmerzens⸗ — ₰ 474 ⁰ mutter nicht vergebens in meeine Bruſt geſenkt haben, wo es kalt und heiß zugleich von jetzt ewig ſchneidet! Möge Verſöhnung, Liebe, Vertrauen in das Haus der Zwietracht kehren, wenn die ſchuldlos Verhaßte jene„ Schauerſchwelle nicht mehr berührt.— Wache über unſern Antonio mit vier Augen und zwei Seelen. Du mußt ihm von jetzt an Vater und Mutter ſein, auf Dir laſtet von jetzt die künftige Verantwortung für ſein Glück, für ſein Seelenheil; die Mutter wird beten für euch Beide, und das Gebet der Unglücklichen und Verſtoßenen ſoll am ſchnellſten zum Himmel dringen, weil ihm mitleidige Engel ihre Flügel leihen. Gedenke freundlich der Zeiten am großen Strome und im Lande der Palmen und Cedern, dort wird Placida's Gedanke Dir täglich begegnen, und wenn Du die Stirn unſeres Antonio's küſſeſt und die krauſe Locke ſich leiſe regt, ſo empfinde darin den Geiſtes⸗ hauch der unglücklichen Mutter, die den Kuß mit Dir theilte.— Sorge nicht um mich, ein frommer Apoſtel leitet und bewacht meine Schritte, und in dem Londe, dem ich entgegen pilgere, gibt es noch manches ſichere Schutzhaus für ſolche, die das Leben verſtieß oder die man um den Werth des Lebens beſtahl. Philippo, Du pilgerſt ja mit mir, und wirſt auch dort bei mir ſein, denn was unter meinem Herzen ſchlummert, biſt Du ja ſelbſt, und ein Fürſprecher wird daraus erwachen, deſſen Auge Verzeihung bittet, wenn eine trübe Abendſtunde den Gedanken bei der Einſamen erwecken könnte, Deine Hand hätte mich lieber auf die Bettelſtraße der Welt als in jenes Haus führen ſollen, wo Unmenſchlichkeit, Unduldſamkeit und Hader die Pforte bewachten. Wieder⸗ finden werden wir uns, wo kein Trennen zerreißt. Phi⸗ lippo, Antonio, mein Antonio, lebt wohl!— Einlegendes 475 lege ich auf den Tiſch Deines Vaters. Ich bin reicher als er, denn ich wandere im Vertrauen unter Gottes Hand und im Schirm der Heiligen, und mein Herz ſchlägt, blutet, ringt und duldet für die, welche der Himmel hinan gelegt.“ Das Blatt entſank der Hand des Leſenden; er hob die Geldrolle in der Hand und hielt ſie mit ſtarrem Arme, mit ſtarren, blitzenden Blicken dem Vater hin. Blutgeld! rief er. Iſchariotskauf! So wußte ich's doch? So ward dem Gräuel die Höllenkrone aufgeſetzt, die Mutter gezerrt, geriſſen, geſtoßen vom Herzen des Mannes, vom Herzen des Kindes? Vertrieben, gehetzt in Wetter und Nacht, bloß und allein in die erbarmungsloſe Welt? Und unter ihrem Herzen?— Die Geldrolle entfiel ihm, er ſchwankte.— Tom, kreiſchte er, ein Pferd, augen⸗ blicks ein Pferd! Antonio, komm, Antonio, zur Mutter! — Er taumelte zum Stſſel, Krämpfe verzerrten ſein Antlitz, ſein Bild fackelte auf wie ein Mordbrand. Fluch! ſtöhnte er. Dieſes Haus— Gerechtigkeit— verflucht! — und in wüſten Zuckungen verlöſchten Sprache, Athem und Beſinnung.——— Um ſieben Jahresſtriche war der Zeiger der großen Zeitenuhr ſeitdem fortgerückt. In dem einzelnen Gaſthauſe, die froſtige Herberg genannt, weil es auf einer kahlen, windigen Höhe lag, von welcher man gegenüber den Thurm und die grauen Mauern des alten Sparneck aus dem Fichtenwalde hervorragen ſah, und hinabwärts einen Avlerblick in das ganz freundliche Dorf ſenden konnte; in einem Fenſter dieſes Gaſthauſes lehnte ein Reiſender und ließ ſich von dem Wirth über die Gegend inſtruiren. 476 Der Mann war dem Anſcheine nach über den Wendepunkt des Lebensalters hinaus, aber ſeine Geſtalt ließ rüſtig, ſeine Bewegungen waren lebhaft, ſeine fremdartige Aus⸗ ſprache ſchadete der ſcharfen Betonung und dem feſten Ausdrucke der Worte nicht. Das graue Haar hatte noch hier und da eine ſchwarze Schattenſtelle, ein Probezeichen ſeiner Frühlingsfärbung, vor dem Blitz des düſtern Auges war der ſchmiegſame Wirth ſchon einige Male zurückge⸗ fahren, denn ſo viele Gäſte zur Sommerszeit die froſtige Herberg, angelockt von den Merkwürdigkeiten und rauhen Raturſchönheiten der Gegend, beſucht, und Katarrh und des Hauſes ſchlechte Küche nicht geſcheut, ſo hatte ſein durchlauchtiger, hölzerner Käfig noch keinen Vogel ſolcher Art beherbergt, der zur Sommerzeit ohne Beſchwerde im koſtbaren Pelzrock ging, Eiswaſſer und Melonen begehrte, und den Schnee, den ein Bergknapp, ſplendide bezahlt, aus dem ſogenannten Teufelsloche von einer Bergkuppe herbei ſchaffte, in ſeinen Wein miſchte und mit Behagen hinabſchlürfte. Der Wirth mochte ihn vielleicht für eine prientaliſche Inkognito⸗Majeſtät oder einen maskirten Räubergeneral halten. Das weiße, geräumige Haus im Dorfe dort, von einem Baumwäldchen eingekränzt, wem gehört es? fragte der Reiſende.— Das iſt das Herrenhaus, antwortete der Wirth, oder war es vielmehr, denn es iſt herrenlos ſeit letztem Neu⸗ jahr. Der Tod hat die Pforten zugeſchloſſen und läſſige Wirthſchaft, was er übrig gelaſſen, aus der Hinterthüre vertrieben.— Der Reiſende ſah ſich nach einem Frauenzimmer um⸗ das im Grunde des Zimmers mit einem lachenden kleinen Mägdlein beſchäftigt ſaß. —— 477 Laßt ihn nur weiter ſprechen, ſagte die Dame mit einem feſten, aber wehmüthigen Tone in einer fremden Sprache. Ich wußte das längſt. Konnte er denn leben? Aber nicht Alle ſind geſtorben, nicht Alle. Er ſagte es ja. Fraget nur weiter.— Das Schlößchen macht ſich ganz impoſant und be⸗ herrſcht, wie es ſoll, was um ihn ſich über die Erde wagte, fuhr der Mann im Pelzrock fort. Die Gegend ſcheint nicht arm, das Landvolk der Tracht nach nicht dürftig, Peſt und gelbes Fieber ſind hier nicht zu Hauſe; auf welche Weiſe verſanken denn Herren und Herrſchaft ſo tief?— Der Wirth machte eine ſpitzfindige Grimaſſe und zog die aufgeworfenen Lippen gegen die Zähne hinein. Wer von uns gemeinen Leuten kanns begreifen, wie's die Vor⸗ . nehmen anfangen, das Geld todt zu ſchlagen. Würfen ſie es zum Fenſter hinaus oder ins Waſſer, ſo würden ſich ſchon Hände zum Fangen, kecke Schwimmer zum Fiſchen finden, und wir Gemeinen hätten dann etwas davon. Aber ſo gehts in die Luft, als wiſchte es die heiße Hand des Schwarzen binweg. Daß es aber geſchieht, davon gaben die gnädigen Barone dort unten das neueſte Beiſpiel, die das Sparen trotz ihres Namens nicht vor Augen gehabt. Es iſt dort ein completer abgeernteter Haferacker, nur Stoppeln, auf denen kein Frachtknecht ruhigen Schlaf fände. Meiereien, Viehböfe, Bergwerke, Wald, Feld und Wieſe, Alles iſt verpfändet, die Herren Gläubiger haben eine ehrliche Allianz geſchloſſen, find gleich einer bunten Reichsarmee eingerückt, und in dieſen Tagen wird Schloß und Gut, die Herrſchaft und Alles, was daran hängt, meiſtbietend und öffentlich verſteigert werden. Die guten Leute aus dem Dorfe freuen ſich 478 darauf wie auf das Chriſtfeſt. In ihrer Schenke wurde freilich in den letzten zehn Jahren Manchem von ihnen auf Antrag und Befehl der Barone, Haus und Bett und Kuh unter den Hammer gebracht; aber daß jetzt das böſe Wort: Und Niemand beſſer?— über das Schieferdach des Herrenhauſes kommen ſoll, das iſt ein nie geſehenes Spektakel, iſt ihnen wie verkehrte Welt, wo der Eſel den Müller reitet, wie Feuersbrunſt am Kirchthumsknopf, und darum neugierig erwartet.— Und wo blieb die Familie des Edelmanns?— Der alte Herr und der Junker wohnen im Berg⸗ meiſterhauſe an der Ruine, das ihnen die Gläubiger vorerſt eingeräumt.— Das Frauenzimmer ſprang auf und ſchauerte wie im Fieber. Man ſpricht, es würde nicht gar viel übrig bleiben, wenn die ſchwarzen Raben ſich in den Reſt getheilt, und ſollte Seiner Gnaden der Herr Baron von der Gnade ſeiner Gläubiger ſich den Tiſch decken laſſen müſſen, ſo würde ihnen ſolches hart ankommen, denn ſie haben ihr lebelang eben nicht viel auf die Gnade gehalten.— Fraget, ob Junker Arnold bei dem Vater? ſtieß die Frau heftig heraus. Doch der Wirth war im Zuge und bedurfte der Frage nicht; der geöffnete Hahn ſeines Faſ⸗ ſes ſtrömte ungefordert, und er ſchenkte gern und gratis in dieſem Falle. Arnold? fragte er, da der Name zwiſchen den frem⸗ den Tönen ſein Ohr getroffen. Nicht, der Herr Lieut⸗ nant? den möchten Ihro Excellenz vergebens in der Uniform ſuchen. Es gehen ſeltſame Geſchichten unter den Leuten umher, die man ſich nur heimlich zuflüſtert, weil dem Erzähler die eigenen Worte Grauen und Furcht durch den Leib jagen. Der älteſte Junker kam 479 nämlich heim von langer Reiſe bei den Hottentotten und Lappländern, und brachte Weib und Kind mit von da. Aber der Madame ſchmeckten unſere Suppen und Bra⸗ ten nicht, und ſie ging wieder davon mit einem fremden Liebhaber, und ließ Mann und Kind im Stiche.— Der Wirth ſah den Blick nicht, den der Zuhorchende auf ihn ſchoß, ſonſt würde ihm das nächſte Wort in der Kehle geblieben ſein.— Gleich darauf fiel der Junker in eine ſchwere Krankheit und ſie trugen ihn in das Erbgewölbe.— Ich wußte das, ſeufzte halblaut die Dame. Mein Brief mußte ihn tödten.—— Die Schloßviener ſprachen, der gute Herr habe im Sterben einen Fluch ausgeſtoßen über das ganze Haus, und der harte Fluch muß auf gerechten Grund gebauet geweſen ſein, denn der Himmel ſcheint ihn nicht überhört zu haben. Jedes Jahr nahm ſeitdem das Grab Einen der Familie fort. Zuerſt ſtarb das Fräulein, ſechs Mo⸗ nate nach der Hochzeit, und der Herr von Nothhaft, ein wackerer Edelmann, verkaufte aus Gram ſeine Güter und wanderte aus über die See nach Amerika. Dann kam Feuer aus im Schloſſe und die alte Dame wurde ſchwer im Brande beſchädigt, ein böſes Fieber trat hin⸗ zu, und auch ſie erlag. Im dritten Jahre ſchickte man vom Regimente die Rachricht vom Ableben des zweiten Junkers; er ſollte im Duelle erſchoſſen ſein; Andere meinten aber, er habe ſich ſelbſt aus der Welt befördert, weil er ſein gewohntes Leben, das ein bischen wüſt und unordentlich eingerichtet geweſen, bei den mangelnden Zuſchüſſen aus des Papas Beutel nicht habe fortſetzen können, und zu eigenſinnig geweſen, einen andern Wan⸗ del ſich anzugewöhnen. Nun iſt Niemand übrig, als der ——— 480 Alte und Junker Anton, der Sohn der Fremden. Der Baron ſcheint dem Freund Hain vielleicht ein zu zäher und trockener Biſſen, und das Jünkerchen muß ihm zu friſch und widerſpänſtig ſein. Es iſt ein ſchmuckes Bürſch⸗ chen, und Excellenz können vtelleicht ſeine Bekanntſchaft machen, denn der junge Herr pflegt jeden Morgen mit dem einzigen Hunde, den man ihm gelaſſen, und dem Tom, dem einzigen Diener, der bei dem Herrn geblieben, durch Dorf und Acker bis hier hinauf zu ſtreifen, und blinde Jagd zu ſpielen, da ihm die ſchwarzen Herren ſeine kleine Büchſe verſiegelt und das Pulver im reichen Revier verboten haben.— Die kernigen Schimpfreden angekommener und unge⸗ duldiger Frachtführer riefen den Wirth ab zu Stall und Brunnen. Kaum war er hinaus, ſo ſtand die Dame auf, ging raſch zu dem Begleiter, und umfaßte ſeinen Nacken. Ein tiefer Schmerz brannte aus ihren dunkeln Augen, aber ſie weinten nicht.— Sehet Ihr nun, daß Alles ſo geſchehen, wie mir es in heiliger Zelle die nächtlichen Erſcheinungen angedeu⸗ tet? ſprach ſie träumeriſch vor ſich hinſtarrend. Ihn, den ſchwachen, gutmüthigen Dulder rief der Himmel zu ſich und erlöſete ihn von der langen Marter. Aber das Feuerſchwert des rächenden Engels fuhr in das Pa⸗ radies der Unmenſchlichen, und trieb ſie hinaus in die Wüſte. Wozu mag der Alte noch aufbehalten ſein, daß ihn der tödtende Himmelsſtrahl verſchonte bis jetzt?— Lebt eine Seele in ihm, iſt er mehr als ein wan⸗ delndes Steinvild, ſo fiel eine Strafe auf ihn, härter als je einen menſchlichen Scheitel getroffen, entgegnete finſter der Mann. Wirſt Du mich zu ihm begleiten, Placida?— — 481 Sie ſchauerte wie von Froſt geſchüttelt. Nein, nein! rief ſie. Seine Nähe war mir einſt ſchreckhaft, jetzt müßte ſie unheimlich, geſpenſtiſch, tödtend ſein. Gehet allein, und ſorget nicht um mich, denn ich kenne jeden Winkel dieſer Gegend. Mit meiner Antonia werde ich die Stelle aufſuchen, wo ihr Vater den erſehnten Frie⸗ den gefunden. Der Sakriſtan wird mir ſchon die Pforte aufſchließen, die zu ſeinem ſchwarzen Bette führt. An⸗ tenia muß beten an der ſtillen Stätte, ſein Geiſt muß dort die Waiſe ſegnen, die keinen Vater ſah und mit den Thränen der Wittwe getränkt wurde.— Und Antonio? fragte der Mann.— Eine innere Stimme ruft mir, ich werde ihn finden, ſein Schutzpatron wird ihn in der Mutter Arme tragen, unter dem freien Himmelsdom oder im heimlichen Schat⸗ ten der Baumkapelle werde ich ihn umfangen, und den langgeſparten Mutterkuß auf ſeine hohe, reine Stirne preſſen. O er muß groß und ſchön geworden ſein? Aber der Mutter Bild wird nicht mehr leben in ſeinem heißen Herzen, denn ihr verleumdend Wort, ihr Haß wird jeden Keim darin zerdrückt haben, der zu einer Liebes⸗ vlume für die Mutter aufſproſſen wollte. O das iſt das Bitterſte in unſerm Schickſal!— Und was ſoll werden nachher?— Der Mann faßte die Schwärmerin feſt ins Auge.— Was nachher? Werde ich's nicht dort erfahren, dort, wo Philippo ſchlummert? Gewiß, Don Agoſtinho, es wird nicht ſtill bleiben im Sarge, und was ich von dort mitbringe, muß Euch wie mir ein heiliger Befehl werden.— Der Mann ſchüttelte traurig auf die Gefährtin herabſchauend ſein Haupt. Blumenhagen. VI. ———————— 2———— 482 Der graue Schloßthurm von Sparneck ſtand bemoost, durchlöchert auf dem alten Fels, mit dem er in Freund⸗ ſchaft auf Jahrhunderte verwachſen, er ſtand da als der letzte Reſt alter Herrlichkeit und Kraft; Niemand kümmerte ſie mehr um ihn, und er war doch einſt der Stolz und die Furcht der Landſchaft geweſen; mannliche Ritter und geprieſene Frauen hatten in ſeinem Schirm geminnt und turnirt und fürſtliche Bankette an ſeinem Fuße gefeiert; jetzt beſuchte ihn nur als treugebliebene Gäſteſchaar der krächzende Rabenflug, der nach dem Moder fliegt und nur, wenn die Dämmerung aufſteigt, ſeine Lieblingsplätze begrüßt. Dicht neben ihm, im engen, unſcheinbaren Hauſe ſaß ein Spiegelbild, eine Seelenruine, der alte Baron Anton Hans Babo von Sparneck. Auch er glich einem Grabſtein, auf dem man die Vergangenheit zu leſen ver⸗ gebens bemüht iſt. Auch der Granit, obgleich er nicht fällt und nicht trümmert, verwittert; der Schlagregen ſpült ihm freilich nur die äußere ſchlechte Erdrinde ab, aber das tröpfelnde Kupferwaſſer höhlet ihn, und macht ſein Innerſtes mürbe und bröcklich. Aufgetrocknet, mumiengelb, ein Schatten von ehedem, aber ſtarr wie ſonſt, fein und mit Wahl gekleidet wie ſonſt, ſaß der alte Herr in ſeinem Lehnſeſſel, an welchem freilich der Sammet und die Vergoldung mangelte, und dikitirte den alten einzigen Hausmagd den Küchenzettel zum ſokratiſchen Mittagsmahle mit gleicher Grandezza, wie er es einſt einem Trio ſchneeweiß geputzter Köche gethan, und die alte Dienerin empfing die Befehle fern und re⸗ ſpektvoll, wie Jene, mit der weißen Spitzhaube unter dem Arm, und verweilte geduldig harrend, da die Ordre zum Abmarſche noch nicht gegeben, ſondern der Baron 483 mit den matten Glasaugen durch das offene Fenſter über den Tannenwald hinausſtarrte. Viele Fremde angekommen zu der morgenden— 2 das Wort blieb auf der Lippe, doch die Magd verſtand den Herrn und antwortete ſchüchtern: Es wimmelt in allen Höfen von Edelherren, Pächtern und Anwälten, und jeder Schenkwirth hat die letzte Kammer voller Gäſte. Die Leute jauchzen, denn ſeit lange ſchrieb ihre Kreide nicht ſolchen Verdienſt aufs Brett. Der Baron preßte unmerklich die Zähne aufeinander, ſeine Blicke ſchlugen ſich auf zu den Wolken und er ſprach halblaut: Schläft denn da droben der— Aber auch dieſen Ausruf vollendete er nicht, ſondern ſein Auge ſank wie erſchreckt vor etwas Unheimlichem zu Boden, und ſeine Hand winkte befehleriſch die Alte hin⸗ weg. Eine Weile hatte er ſo geſeſſen wie in agoniſcher Gedankenloſigkeit, da trat Tom, der junge Diener des Junkers Antonio, ſchüchtern herein, und meldete einen Beſuch, hinzuſetzend, daß der Gemeldete anders ausſähe und anders ſpreche wie die Leute hier zu Lande. Der Baron winkte nach der Thüre und als der Diener, an ſtumme Befehle gewöhnt, dieſe öffnete, empfing er ſtehend und mit gewohnter, würdiger Haltung den Eintre⸗ tenden. Es war der Fremde in Pelzrock aus der froſtigen Schenke, und der Zuſchauer, wäre Einer zugegen gewe⸗ ſen, würde das ſeltſame Bild angeſtaunt haben, wie die beiden ſilberhaarigen Greiſe ohne Begrüßung ſich mehre Sekunden gegenüberſtanden, der bleiche, hagere Baron ſtutzend die feindſeligen Blicke des kräftigen, farbigen Spaniers zu erwidern ſtrebte, mechaniſch mit der Rech⸗ ten nach einem Seſſel deutete, und ein trockenes: Was 484 begehrt der Herr? hervorſtieß, und ſich ſelbſt dann er⸗ wartungsvoll wie zur Audienz zuerſt niederſetzte. Ich kam, mit dem Herrn von Sparneck eine Ab⸗ rechnung zu halten; ſprach ernſt der Fremde in gutem Franzöſiſch; ſie kömmt ſpät, aber noch immer zu rechter Zeit, da der Tod dem Schuldner wie dem Gläubiger Friſt gegeben. Erzürnt erhob ſich der Baron mit Haſt. Nicht weiter, mein Herr! ſagte er herriſch. Das iſt ein geſchloſſenes Buch für uns, und man klopft an die unrechte Pforte. Unten im Schloſſe, wo die Gerichtsherren ſich übermüthig einlogirt, wird man die gebührende Antwort nicht ver⸗ weigern.— Ich ſtehe an der rechten Pforte, enigegnete der Fremde mit gehobener Stimme; ich ſchlage mit der Fauſt dagegen, wie Ihr einſt geſtoßen habt mit dem Lanzenſchaft an mein Wappenſchild. Mein Name iſt Agoſtinho Ma⸗ noel Joſe Vicomte de Calca E Pina, mein Vaterland das edle Hispanien.— Der Baron ſchaute verwirrt auf den Sprecher; er ſchien in ſeiner Erinnerung zu ſuchen, doch mußte er den unwillkommenen Fund gethan haben, denn über ſein Geſicht, das nicht bleicher werden konnte, zog ſich dennoch ein aſchgrauer Flor, und ſeine Linke ſtützte den wanken⸗ den Leib an der Fenſterbrüſtung. Ihr habt einſt gezweifelt, Baron, an dem guten Klange dieſes Namens, fuhr Don Agoſtinho gelaſſener fort, und ich ſcheute die weite Fahrt nicht, dieſen Zweifel zu beleuchten. Ihr ſollet Euch gut verſtehen auf das, was edelmänniſch iſt, und darum werdet Ihr erkennen, wie mich der Augenblick erfreut, in dem ich endlich zu erfüllen vermag, was die Titulados und Cavalleros, 485 welche vor mir lebten, von dem Enkel zu fordern hatten.— Ihr zittert, Herr von Sparneck? Doch nur in Freude, dieſe Stunde wird ja einen vermeinten Flecken aus Eurem Stammbaume tilgen, wird Euren Enkel makel⸗ frei machen vor der ganzen deutſchen Ritterſchaft, und Euch überzeugen, daß die Ahnherren ſeiner Mutter in Aranjuez wie in Buon Rediro oder im Pardo heimiſch waren, daß der Gnadenblick der katholiſchen Majeſtät oft auf ihnen geruhet, wenn ſie ihn auch nicht mit unbe⸗ decktem Haupte empfangen durften. Setzt Euch, Baron, denn Ihr dürft mir die Geduld nicht verſagen, die ſolche Prüfung begehrt; gilt es doch Eure eigene, überhoch gehaltene Ehre.— Er hatte eine große, buntbemalte Pergamentrolle hervorgezogen und auf dem Tiſche vor den Baron ausgebreitet, der wie in einer totalen See⸗ lenverwirrung daſaß, als höre er, ohne zu begreifen, und ſähe, ohne zu erkennen. Leſet, Herr Baron, ſtudirt jeden Namen, jedes Wappenbild; Ihr liebt dergleichen und Ihr ſollet Euch darauf verſtehen wie ein Major Domus oder ein Ordensherold. Für jeden Makel zahle ich einen Beutel Dublonen, den letzten Sproß abgerech⸗ net, der ſich in das kalte, dürre Deutſchland verirrte und deſſen ehelige Wahl von dem Ordensſekretär vom Calatrava zu Madrid mit Achſelzucken viſitirt werden dürfte.— Der Vicomte ſtreckte ſich dabei bequem in dem Seſſel aus und plauderte mit vertraulichem Humor weiter, als ſäße er beim Nudelgericht im Commedor mit einem Vetter, indeß der Baron mechaniſch und gedanken⸗ los ſeine Augen auf dem bilderreichen Pergament umher⸗ ſchweifen ließ. Das prangende Sevilla iſt mein eigentliches Heimath⸗ land und meiner Ahnherrn Geſchlecht hatte der blühenden Zweige nicht weniger als der Stamm der Abenceraden ihre reichen Beſitzungen umkränzten nicht allein die Ufer des Guadalquivir, ſondern ſie reichten hinüber in das benachbarte Reich und wurden von der ſanften Guadiang beſpült; ja noch mehr, auch jenſeits des Oceans in den ſpaniſchen Kolonien herrſchte der Name de Calca. Die er⸗ ſten Häuſer Spaniens, und ſeit des großen Königs Philippo ſiegbekrönter Zeit auch die berühmteſten Ritter am Tejo nannten wir Vettern. Aber der Wandel regiert die Welt in Norden und Süden; wir Beiden, Baron, könnten davon ein Lied ſingen, das dem Ohre nicht beſonders melodiſch klänge. Die Grenzen der Calcas wurden mit jedem Jahrhunderte enger, doch blieben ſie groß genug für den beſcheidenen Cavallero, und genügten dem Vater mit dem Sohne, der als der Letzte ſeines Stammes den langen Ritterzug zu beſchließen geboren worden. Krieg wurde die Looſung auf Erden, ſeit der neue Roland von Corſika hergeſchwommen, ſich in ſeinem Panzer geſchüt⸗ telt und auf ſeinen Schild geſchlagen, daß der Mosko⸗ witer und der Nubier aus dem Schlafe fuhr. Auch mir gab der Vater den Degen in die junge Fauſt, und als der Corſikaner alle Völker in einen Schmelztigel warf, um jede Nationaltät zu verwiſchen, damit nur Eine, dazu die ſchwankenſte und pfauenſchweifigſte, bliebe, die des⸗ jenigen Volks, an deſſen Spitze er ſich geſtellt, da ward auch ich mit des wackern Romanas kleinen Heerhaufen nach dem Norden geworfen und ſah das deutſche Land, bis engliſche Schiffe die Entführten von den däniſchen Küſten in das Vaterland zurück brachten, und wir die Scharte am Schwerte auswetzen konnten mit verdoppelter Kriegswuth gegen den Weltenfeind. Das, Baron, war —+ 3 ————— 487 der erſte Abſchnitt meines Lebens, und ich meine ein edelmänniſcher. Parteiung zerriß die geſegnete Halbinſel; was der Franceſo geſchont, verwüſtete ſie. Ich hatte in Deutſch⸗ land, in England einen Theil des veralteten Reifrockes abgeſtreift, hatte gelernt, daß Fortſchreiten das große Signal der Natur iſt, und war ihm nicht zu gehorſa⸗ men trotzig genug, im Stillſtande modert und vermodert wie der Sumpf, den keine friſche Flut durchwühlte. Die Partei, zu welcher ich mich geſchlagen, war die ſchwä⸗ chere; ich mußte flüchten, um Leben und Weib und Kind zu retten, und jenſeits des Weltmeers ein Aſyl ſuchen. Ich fand es und bauete den Acker. Das war nicht eben edelmänniſch; nicht wahr, Baron? obgleich zuweilen Kaiſer und Feldherr gepflügt und gepflanzt, ehe man ſie zum Schwerte und zur Krone gerufen. Und ſchrieb nicht einer Eurer geſcheiteſten Landsleute: Pflügen und Säen iſt ein edles Geſchäft; der Ackersmann verkehrt mit den verſchloſſenſten Gedanken der Erde, er iſt die religiöſeſte Perſon, denn er verkehrt mit Gott in ächter That?— Aber das alte, ritterliche Blut prickelte unter meiner Haut; ich war nicht dürftig, doch jenſeits der Wellen lag das Erbtheil meines Kindes, dort der ihr gebührende Name, wenn auch unter wüſter, unbeackerter Feldflur verſcharrt. Spanien ſchien ruhiger geworden und ver⸗ nünftiger, und ich wagte mich hinüber. Ein böſer Geiſt blähte unſere Segel mit dem günſtigſten Hauche auf, ich ſah das große Sevilla wieder, begrüßte die Silberwelle des Jugendfreundes; er floß nicht blutig mehr, aber den Schlangen, welche ſich unter ſeine Mandelbäume ge⸗ niſtet, waren noch nicht alle Köpfe zertreten. Ein ge⸗ heimer Feind erkannte mich, klagte am Throne gegen 488 mich, und das Fort Matagordo am Trocadero⸗Kanal wurde mein enges Haus auf lange Jahre. Nicht wahr, Baron, es iſt heiße Folter, nicht ungeſchehen machen zu können, was man in unbeſonnener Stunde gefehlt? Ich meine, Ihr müßt die Folter auch erprobt haben. Da ſchauete ich hernieder auf das reiche, lebendige Cadix, hinaus über die Wimpel und Flaggen des Hafens, über das ſtürmende Meer, und war ein gebundener Stier, konnte die Hörner nur an den feſten Mauern wetzen, nicht in den Leib des ſchändlichen Matadors bohren, deſſen Liſt mich gefeſſelt, nicht mit ſtarken Gliedern die Wellen des Weltmeers durchſchneiden, und Weib und Kind warteten jenſeits auf mich. Das war eine ſchwere Büßung, Baron, und ich hatte nicht gefrevelt am Him⸗ mel, nicht an den Menſchen. Ich hatte kein Glück zer⸗ trümmert, keinen Seelenmord auf dem Gewiſſen.— Sei geduldig, alter Mann, ich bin bald zu Ende! War doch auch Dein letzter Lebenspfad hart und ſteinigt, ſo wirſt Du eines Leidensgefährten Geſchichte nicht ohne Theilnahme hören, wenn Du anders zu fühlen vermagſt.— Der alte Sparneck warf verwunderte Blicke, worin ſich Zorn und Verlegenheit miſchten, auf den ſeltſamen Gaſt, deſſen Rede in ihrem Wechſel von Milde und Rauhheit ſeine eigentliche Abſicht nicht errathen ließ, und der zu ihm ſprach, wie noch Niemand zu ihm geſprochen. Doch der Eindruck einer unſichtbaren Gewalt, die von dem Fremden ausging, hielt ihn ſtill und erwartend feſt. Auch meine Sonne ging wieder auf; bleibt doch in der längſten Nacht, auch in der Todesnacht die Hoffnung auf einen Tag, der folgen muß, fuhr der Vicomte fort. Das Wetter am Hofe zu Madrid änderte ſich abermals; die alte Hydra konnte nicht immer neue Köpfe erzeugen N „ 489 unter den cadmeiſchen Keulenſchlägen der jüngeren Be⸗ geiſterung. Ein Blutsfreund gedachte auch meiner, als der Ketten viele zerbrochen wurden, mein Kerker ging auf, ich war frei. Aber welch eine Freiheit! Mein Erbe gab man mir zurück, aber wo waren die, um welche ich nach ihm gerungen? Schon in meinem Kerker hatte ich die Nachricht empfangen, Donna Maria ſchlafe tief und unerweckbar, meine Placida ſei ver⸗ ſchwunden ſeit lange. Ich durchfuhr nochmals das un⸗ getreue Meer, ich ſuchte mein Kind wie der ewige Wanderer das Grab, und kehrte vereiſet und vererzt an 5 Herz und Geiſt in die Heimath zurück, mich in mein graues Schloß zu begraben und an meiner Gruft täglich zu ſcharren, wie der Karthäuſer thut; denn was konnte mich noch kümmern, noch anregen auf der leeren Erde? . Noch einmal beſuchte ich die Kathedrale, wo ich getauft, wo Maria mit mir den heiligen Bund geſchloſſen, um Abſchied zu nehmen von jeder Erinnerung des verdorrten Lebens. Eine klöſterliche Geſtalt kniete am Altare der jungfräulichen Mutter; ſie erhebt ſich gebückt, ſie richtet das Haupt empor, ſie wirft ſich ſchreiend in meine Arme. — Es war Placida, es war meine Tochter.— In großer Bewegung ſtand der Spanier auf und durchſchritt einige Male das Zimmer; als er ſein Ge⸗ ſicht wiederum dem alten Baron zuwandte, war jede ſanfte Gefühlsſpur darauf verwiſcht, es war wieder die kalte Marmorbüſte mit den geiſterhaft blitzenden Augen darüber wie zuerſt, als er mit der Nennung ſeines Namens gleich wie mit ſcharfem Stilett die Bruſt des Barons getroffen. Wir ſind am Abſchluß, mein Herr Baron! ſprach er langſam. Der Mann, der ſich zu Euch drängte, hat ——— 490— Euch zur Genüge dargethan, daß er ein Recht hatte, ſich Euch gegenüber zu ſtellen. Nun fragt dieſer Mann: Wie wollet Ihr gut machen, was Ihr gefrevelt an meiner Ehre? Wie will der deutſche Freiherr den Schimpf verſöh⸗ nen, den er meinem Namen angethan, wie ausgleichen die Unthat, daß er die Tochter des Vicomte de Calca E Pina als eine Landſtreicherin behandelte, als eine Bettlerin ausſtieß in Nacht und Wetter, ſie nackt durch eine Wüſte jagte, wo ſie vom Mitleid leben mußte, von der Barm⸗ herzigkeit frommer Glaubensſchweſtern, welche Euer nor⸗ diſches Gemüth für Lüge hält, daß ſie ihr Lebensglück zerſchnitt wie ein tückiſcher Bravo, ihr Mann und Kind ſtahl, gleich einem gefühlloſen Zigeuner, und ihre ſchöne Seele zerrüttete bis zum Wahnwitz?— Der Edelmann ſühnet nur mit dem Einſatze der höchſten Güter, alſo durch Blut und Leben!— Der Baron hatte ſich gleichfalls erhoben und ſtand 8 ganz ritterlich dem Gegner gegenüber. Ein bitteres Lächeln verzog ſeinen ſchmalen Mund. Wir im weißen Haare? Wir beide mit dem Fuße im Grabe? ſagte er. Die Ehre altert nicht. Gleich dem Phönix verjüngt ſie ſich am ſchnellſten in Flamme und Blut, entgegnete der Vicomte heftig. Könnet Ihr anders gut machen, könnet Ihr Todte erwecken, vertrocknete Herzen, zerrüt⸗ tetes Gehirn in die alte Ordnung bringen? Ihr ſeid zurückgeblieben in der Zeit, habt trotzig nicht mit fort⸗ ſchreiten wollen im großen Freudenzuge zum heller ge⸗ wordenen Oſten; Ihr büßet dafür gerecht, aber bis zum Mitleid, ſelbſt derer, die Euch haſſen müſſen. Doch— Klinge und Fauſt gehören ja zu den Kleinodien der Zeit, die Ihr vergöttert, und ich erwarte Euch drum Morgen um Mittag in der bequemen Schlucht, die hinter der 1 — 491 Schenke auf jener Höhe ſich öffnet. Es bedarf keiner Zeugen, zwei Greiſe müſſen ſich ſelber genug ſein bei dem letzten Ehrengange, und was ich Euch erzählte, wird Euch vergewiſſert haben, weß Geiſtes der Mann iſt, der Euer Gegner geworden.— Der Baron ſtand unentſchloſſen; der Gedanke des nahenden Todes war ihm neu; Menſchen ſeiner Art entſchlagen ſich ſeiner mit trotzigem Gleichmuth, beſtellen kein Haus, und beſtehlen ſich ſelbſt, nur klebend an der Erde, um die Ausſicht in lichtere Gefilde. Nur der wird mit Gemüthsruhe der letzten Stunde entgegen ſehen, welcher früh und furchtlos mit dem Tode Umgang ge⸗ ſucht, dem er wie Hausfreund geworden; ihm klopft der grämliche Gaſt nicht erſchreckend wie Feuerwächter oder Marodeur um Mitternacht an die Pforte.— Die ritter⸗ liche Gewohnheit, der adelige Sinn gewann jedoch ſchon das Uebergewicht in ſeinem zerrütteten Gemüthe; er ſtreckte bereits die Schwerthand aus, um mit einer no⸗ beln Geſticulation die Antwort zu begleiten, da er ſich ſelber ſagen mußte, des Gegners Forderung ſei eine gerechte; da trat ein Störer zwiſchen die Alten, und dem Baron ſchien der Eindringling nicht unerwünſcht zu kommen. Junker Antonio war's. Der ſchlanke, zwölf⸗ jährige Knabe, friſch wie der jüngſte Morgen, gar nett anzuſchauen im ſchmucken Jagdkleide, trug ein todtes Häschen in der Hand, legte jedoch ſittig die Beute, ſo wie er den Fremden erblickte, an der Thürſchwelle nie⸗ der, begrüßte den Gaſt, und ſprang dann fröhlich zu dem Baron, die nicht für ihn ausgeſtreckte Hand ergrei⸗ fend und an den Mund drückend. Warum biſt Du zu Hauſe geblieben, Großpapa? ſagte er mit heller, angenehmer Frühlingsſtimme dabei. ———————————————————————— 3 3 4 * 492 Haben die albernen Menſchen mir auch Büchſe und Pul⸗ verhorn verboten, die Jagd macht ſich doch, und der brave Achil hat den tüchtigen Langohr dort mitten im Lager erwiſcht. Es gibt einen leckern Braten für Dich, Groß⸗ papa!— Der Vicomte trat raſch hinzu, und hob den Kopf des Knaben am Kinne in die Höhe. Das iſt andaluſiſch Blut! Das iſt kein deutſches Geſicht! ſagte er mit Wal⸗ lung, und legte die breite Hand feſt auf des ſtaunenden Knaben ſchwarzumlockte Scheitel. Wackerer Bube, Du weißt nicht, weich eine gewichtige Perſon Du vorſtellſt. Du biſt der letzte grüne Sproß an zwei Urbäumen, die der böſeſte aller Dämonen im wildeſten Sturme zu Zwil⸗ lingsbäumen zuſammengeworfen und ihre Aeſte verwor⸗ ren und unlösbar zuſammengeflochten. Zwei Geſchlechter leuchten in Dir oder gehen mit Dir unter.— Baron, ſetzte er in hoher Lebhaftigkeit hinzu, gebt mir den Kna⸗ ben, gebt ihn mir und der Mutter zurück! Verlöſcht ſei dann der Haß; die Ehre mag ihre rothe Narbe mit einer Liebesſchärpe verhüllen. Was könnet Ihr ſeiner Jugend, ſeiner glühenden, mit jedem Jahre wachſenden Sehnſucht darbieten? Laßt ihn in des Südens herrlicher Sonne, unter den goldenen Fruchtwäldern reifen, unter den Springbrunnen der Alameda, auf Sanct Elmo ent⸗ wickeln die ſchönen Gottesgaben in höchſter Fülle und Pracht, die in Euren kalten Fichtenwäldern nur ver⸗ kümmern müßten. Gebt mir den Knaben, und ich biete Euch Verſöhnung.— Wie in krankhafter Zuckung plötzlich aufgeriſſen aus ſeinem Scheintode griff der Baron nach dem erſchrockenen Antonio, und zog ihn gewaltſam zu ſich. Die matten Augen funkelten auf, das graue Antlitz bekam einen 493 leidenſchaftlichen Ausdruck. Morgen um Mittag in der Schlucht! ſtieß er gewaltſam hervor. Wer übrig bleibt, mag den Schatz, den letzten, behalten.— Der Vicomte warf noch einen Feuerblick auf den Knaben, als wollte er ſein Bild darin aufgreifen für lange, dann verließ er raſch Zimmer und Haus. Nachdem der Spanier verſchwunden, that der Frei⸗ herr einige tiefe Athemzüge, als müſſe er die ſtockende Lebensmaſchine neu anregen, und umarmte dann das ſchlanke Jünkerchen mehre Male mit einer Inbrunſt, wie dieſer niemals an ihm erfahren hatte. Warum durfte der alte, grobe Mann ſo unartig mit Dir reden, Großvater? fragte der Knabe neugierig. Gehört er auch zu denen, welche ſagen, Du ſeieſt ihnen ſchuldig?— Der Tom ſollte die Hausthüre ſchließen und Keinen dieſer häßlichen Menſchen, die uns Alles genommen, zu Dir einlaſſen.— Ja, Antonio, ja! Ich bin ihm ſchuldig! antwortete der Baron aus hohler Bruſt. Antonio, höre ſcharf auf mein Wort, ſetzte er lebhafter hinzu. Der Mann, wel⸗ cher eben da war, iſt ein reicher Mann und von vor⸗ nehmer Geburt. Auch meinte er es nicht übel mit Dir. Er will Dich mit ſich nehmen in das ſchöne Land, was Du aus den Büchern kennſt, wo es keinen Winter gibt, wo die ſüße Orange in den Gärten wächſet, wo goldene Zitronen in jedem Waldgebüſche hangen. Er wird Dir Kleider geben, wie ſie Prinzen tragen, wird Dir einen Degen ſchenken mit ſilbernem Griffe und buntem Ban⸗ delier; ein ſchönes Pferd, einen andaluſiſchen Goldfuchs wird er Dir halten, ja mit einem ganzen Poſtzuge wirſt 5 —= —Üů 494 Du von prächtigem Wagen herab kutſchiren dürfen über Wieſe und Berg; zehn Bedienten werden Deiner Befehle warten, und Du wirſt von ſilbernen Tellern ſpeiſen und jeden Leckerbiſſen darauf finden, den Deine Zunge ge⸗ wünſcht. Antonio, willſt Du reiſen mit dem Manne?— Der Knabe ſann einen Augenblick. Wirſt Du mit reiſen? fragte er darauf.— Was ſollte er mit mir? Mich mag er nicht. Ich werde hier bleiben, bis man mich hinunter in die Kirche trägt; entgegnete der Alte geſpannt und finſter.— Da müßteſt Du immer allein ſitzen, und es wäre Niemand da, der Dich lieb hätte und Dir vorläſe, ant⸗ wortete raſch der Kleine. Nein, laſſen wir den braunen Herrn reiſen, er gefiel mir ſo nicht recht. Was unſer iſt, werden uns die garſtigen Menſchen ſchon wieder geben müſſen, und werde ich groß und ein Soldat, ſo ſoll ſich das ſchon machen, wenn ſie es bis da nicht gethan.— Der Baron herzte das Kind gleich einer Amme; es war noch ein weicher Kern in der harten Schale ge⸗ blieben, und dieſe erſchütternde Stunde hatte die Schale zerſprengt. Vielleicht zum erſten Male fühlte er in dem langgedehnten Leben, was Liebe werth und daß ſie un⸗ entbehrlich. Der Junker, geſpornt durch die Freundlich⸗ keit des Barons, plauderte unbekümmert weiter. Es iſt ſonderbar, was die Leute wollen; ſagte er, an das Knie des Greiſes gelehnt. Sollten ſie doch wiſſen, daß ich Dir gehöre, und daß ich nur thun und laſſen darf, was Du befiehlſt oder erlaubſt. Da ging ich unten am Kirchhof vorüber, als eine fremde Madame durch die Mauer trat, die wunderlich ausſah, denn ſie trug Kopf und Geſicht in ein langhängendes, ſchwarzes 6 —†———— 495 Seidenzeug vermummt, und nur die nackte Schulter ſah zwiſchen dem Umhang und dem dunkeln Trauerkleide hervor. Aber ein Kind ging an ihrer Hand, ein kleines Mädchen, niedlicher und freundlicher als alle Kinder im Dorfe. Und als der Küſter mich ſah, ſprach er: das iſt er! und ſogleich ſtürzte ſie ſich über mich, und be⸗ deckte mein Geſicht, meinen Kopf, meine Schultern mit zahlloſen Küſſen, und rief dabei beſtändig: Antonio, unſer Antonio!— Ich ſtand erſchrocken, und was ich von ihrem Geſicht ſah, war ſo bleich, daß ich mich faſt fürchtete.— Auch ſie da? rief der Baron mit Entſetzen, und fiel in den Stuhl zurück. Alle Todten werden erwachen, werden kommen, werden Dich fordern. Auch Philippo! Komm, brich auf mit mir, Bube! Wir wollen fort, wollen in den tieſſten, unzugänglichſten Höhlen des Ge⸗ birgs uns verbergen.— 9 Sie haben mir nichts gethan, Großvater! ſprach der Knabe ruhig und verwundert weiter. Denn als die Frau mich abgeküßt, kniete ſie an mir nieder und ſah lange in mein Geſicht, und zog dann das niedliche Kind her zu uns und ſagte: Antonia, ſieh her, das iſt An⸗ tonio! und die Kleine mußte mich ebenfalls küſſen und that das ohne Sträuben, und ſprach dazu fremde, hübſch klingende Worte, die ich nicht verſtand, die mir aber klangen, als hätte ich ſie ſchon einmal gehört vor langer Zeit.— Dann ſtand die Frau ſchnell auf und faßte mich und die Kleine mit ihren Händen, zog uns mit ſich und rief dazu: Fort, fort von hier, Antonio! Die Gegend iſt ſtill, wie in jener Nacht. Die Pferde war⸗ ten! Komm mit mir, Antonio; Du gehörſt mein, ich werde Dich ſchützen gegen Jeden, der Dich mir zu rauben 496 verſuche! Komm, wir drei ſid eine ganze Welt, ein ganzer Himmel!— Sie hatte mich ſchon über die Straße gezogen, aber, wenn auch erſchreckt, machte ich mich dennoch los von ihr, hielt mich fern und ſagte: Ich heiße Anton und nicht Antonio, und gehöre zu Nieman⸗ den als dem Baron von Sparneck, dem jenes Schloß und dieſe Felder zuſtehen.— Da ſtand die Frau ganz ſtill und ſagte: Ja, er weiß von ſich zu löſen, was er haßt, und an ſich zu binden, was ihm gefällt! und ließ den Kopf gar traurig ſinken. Ich wollte fortgehen, aber ſie trat nochmals in meinen Weg und ſagte betrübt: Gedenkeſt Du Deiner Mutter, Antonio? und umfaßte mich wieder. Ich habe keine Mutter; antwortete ich. Die Leute ſagen, meine Mutter ſei ſchlecht geweſen und ſei davon gegangen, und habe meinen Vater allein ſter⸗ ben laſſen, uns Allen Schimpf und Schande gebracht, auch ſich nicht um den Anton bekümmert, der damals noch ganz klein geweſen. Was ſollte ich denn an die Mutter denken, die uns nicht lieb gehabt?— Recht ſo, mein Kind! Klug geſprochen! murrte der Alte, beklommen zuhorchend.— Die Frau mochte das nicht meinen, denn ſie ſtand ſchnell auf, und aus der ſchwarzen Kapuze ſahen mich zwei Augen an, o ſo bös, wie ſelbſt Du mich niemals angeſehen. So wartete ſie eine Weile ganz ſteif, und murmelte dann vor ſich hin: Sie mußten's vollenden, Alles ausreißen bis auf Keim und Wurzel, daß nichts übrig bliebe für die Gehaßte. Der Himmel hat es ge⸗ litten, er will's haben. Dann griff ſie mit Haſt mich nochmals, es brannte heiß ihr Mund auf meiner Stirne, ſie ſagte leiſe: Auf immer, Antonio! und fort ſchritt fie mit dem Kinde, das ſich noch mehre Male zu mir 497 herdrehete.— Sage m nun, Großvater, was mas die Frau gewollt haben, und warum herzte ſie mich und ging dann ſo eilig? Glaube mir, als die erſte Furcht vorüber war, gefiel mir die Frau ganz gut, und es war mir, als hätte ich ſie ſchon ſonſt gekannt.— Der Baron ſtand unruhig auf. Du biſt ein hübſcher Bube, und die Frau hat vielleicht einen Sohn, der Dir ähnelt, und Deinen Ramen trägt, und erinnerte ſich an ihn, ſagte er. Du ſollſt heute nicht mehr das Haus ver⸗ laſſen, und rufe mir den Tom; er muß zum Förſter hinab, und mir ſeine Piſtolen leihen, daß wir ſicher ſind vor Einbruch der Fremden, wenn die Nacht kommt.— Der Knabe ſchüttelte ſeinen Lockenkopf; doch der rauhe Ton, in welchem der Baron befohlen, ließ ſeine weitern Bemerkungen verſtummen, und er trug ſeine Jagdbeute zu der Küche. Zu derſelben Stunde la die erſchütterte, faſt ver⸗ nichtete Placida an ihres aters Bruſt. Nun? fragte mit forſchendem Blick der Vicomte.— Ich habe ihn geſehen; ſtieß ſie ſchmerzlich hervor; o er iſt groß und ſchön und herrlich, die Freude jeder Mutter, nur nicht ſeiner eigenen. In ſeinem Gedächtniſſe flimmert keine Spur von dem Bilde der Verſtoßenen; ſeine Worte waren der grauſe Wiederhall des Haſſes, welcher einſt mein Glück zertrümmerte. Placida's Mund hat ſeine Roſenwangen geküßt unter heißen Gebeten für ſein Glück, Antonia hat den Bruder umarmt. Laß es unſere letzte irdiſche Freude geweſen ſein!— Er ſoll uns folgen, er ſoll mit uns ziehen. Dein 3 Mutterrecht gibt ihn Dir zum Eigenthume. Oder ſoll ſeine friſche Blüte hier vertrocknen neben dem Mumien⸗ Manne, der allein ihm noch zur Seite ſteht? ſprach der Vicomte rauh.— Stelle ihm Wächter, wache über ſeinem ſchönen, lie⸗ ben Haupte aus der Ferne, wie Du es gut hältſt; ant⸗ ₰+ wortete ſie mit Entſchloſſenheit. Doch ſeine Mutter muß für ihn todt bleiben, wie ſie es längſt geweſen. Würde ſie es ertragen können, wenn ſein Herz zweifelte an ihr, 3¹ wenn ſein unmündig Wort nochmals ausſpräche, daß ſie ſ eine ſchlechte Mutter geweſen, die den Sohn verlaſſen Blumenhagen. VI. 32 — 498 und beſchimpft? Laß uns reiſen, Don Agoſtinho. Wir haben gefunden, was wir geſucht. Laß die Heiligen walten, denn in Andaluſien fanden die de Calca's keine Glückſeligkeit, und der Boden dort wurde giftig für ihre letzten Wurzeln.— Der Vicomte blickte finſter und wehmüthig auf der Tochter bleiches Geſicht, die mit geſchloſſenen Augen wie eine ſchöne Leiche an ſeiner Schulter ruhte. Armes Mutterherz, ſagte er leiſe, wirſt Du, was aus Deinem Blute entſprang, was ein Theil Deiner Selbſt geweſen, laſſen können ſeitdem Du es wieder ge⸗ ſehen? Im klaren Morgenlichte, nicht in den Schatten des ſinkenden Tages ſoll ſich's entſcheiden. Bringt doch immer der anbrechende Tag dem Menſchen mildere Ge⸗ fühle, klarere Gedanken und freundlichere Entſchließung.— Der nächſte Mittag war gekommen. Mit langſamen Schritten, die Gewehre in den Taſchen, erſtieg der alte Baron die Höhe, und warf, von einem düſtern Vorge⸗ fühle bewegt, noch einmal einen ſcharfen Blick über die ganze Gegend hin, welche er ehedem ſein genannt. Ein tiefer Seufzer enthob ſich ſeiner engen Bruſt, indem er jetzt auf die froſtige Schenke zutrat und den Wirth, der vor ſeiner Thüre weilte, nach dem ſpaniſchen Herrn fragte. Mit ſchlauer Miene und ſchelmiſch lächelnd zeigte dieſer hinab in das Thal, wo eine ſtattliche Kaleſche, mit einem muthigen Poſtzuge beſpannt, durch den Hohlweg hinunter rollte. Der Baron ſtutzte, ſeine Augen ſchienen ſich zu ver⸗ größern, ſein gebeugter Nacken ward ſteifer, ſeine Figur dehnte ſich aus. 15 Ha, murmelte er, mein ſtolzer Don Agoſthino, war es alſo gemeint? Ein Komödienſpiel ſollte den deutſchen Ritter in Furcht jagen, und ihm den Preis aus den Hän⸗ den ſpielen? Und als der alte Stier die Hörner zeigte, entfloh der prahlende Matador?— Die Sparnecks bleiben die Alten, wenn auch ihre Rüſtung roſtig geworden.— Doch hat der braune, wilde Menſch uns mit einem ſpan⸗ niſchen Speer eine Wunde verſetzt, die lange nachbluten 7 — 499 möchte! ſprach er tiefſinnig und mit geſunkener Stimme fort, indem er mit zögerndem Schritte dem ihn mit Bück⸗ lingen traktirenden Wirth in die Gaſtſtube folgte, und dort erſchöpft einen Stuhl nahm. Da trat der Gerichtsbeamte ihm mit reſpektvoller Geberde entgegen und überreichte ihm mit einem unter⸗ thänigen Glückswunſche ein großes und viel beſiegeltes Papier. Der Baron entfaltete die Schrift mißtrauiſch, und im ſtummen Erſtaunen durchlas er ſie zu zweien Malen, und eine feine Fieberröthe ſtieg vom leiſe ſich bewegenden Munde über die weißen, faltigen Wangen hinauf. Er trauete ſeinen Augen kaum, denn er hielt in der Hand— einen Kaufbrief der Herrſchaft Sparneck, und als Käufer war darin genannt: Junker Anton Hans Babo von Sparneck, einziger Sohn des Freiherrn Chri⸗ ſtoph Philipp von Sparneck, und der Freifrau Placida Euphemia Iſabella Maria, einzigen eheleiblichen Tochter des Vicomte de Calca E Pina.— Die Glorie des Hauſes Sparneck iſt gerettet! Es triumphirt über ſeine Feinde! Es wird nicht untergehen! rief er laut aus und ſeine Blicke leuchteten. Aber—— durch wen gerettet? Vicomte, das war ein böſer Pi⸗ ſtolenſchuß! ſetzte er ſogleich hinzu, und wie in Be⸗ ſchömung ſenkten ſeine Augen ſich zum Boden, und die Hand mit dem gewichtigen Papiere ſank erlahmt auf ſein zitterndes Knie. In dieſem Augenblicke ſprang vom Vor⸗ platze her der rothwangige Junker Anton fröhlich und erhitzt in die Stube, und riß ein munteres Mädchen mit ſich herein. Großpapa, rief er, da biſt Du ja! O das iſt ſchön, das iſt herrlich. Sieh, Antonia, das iſt der Großvater. Tritt nur hin zu ihm, und küſſe artig die Hand; er iſt nicht ſo ſchlimm, wie er ausſieht. Großpapa, ſchau ſie nur an, das iſt die Schweſter; meine Schweſter, und Alles iſt wieder unſer, die Pferde, die Hunde und das Schloß und die Jagden. Und Antonia wird mit mir reiten und jagen und hetzen. Wir haben's ſchon probirt heute früh, und ſie hat Muth wie ein Knabe und wird Dir wohl gefallen. Aber ſie will Dir auch vorleſen, und an Deinem Bett ſitzen, wenn Du einmal wieder krank liegſt; ſie hat mir's verſprochen.— 500 Antön! was ſpricht der Bube für Tollſinn! fuhr der Alte vom Schreck üverraſcht wie im Zorn in die Höhe.— Auch die Mutter iſt da, ſprach mit Scheu der Knabe weiter; und ſie iſt nicht ſo finſter und hart wie geſtern, und ſie hat viel geweint, recht viel, Großpapa. Gewiß, ſie iſt nicht ſchlecht, und hat den Anton immer lieb gehabt, wenn auch böſe Menſchen ſie von uns fortgeſtoßen hat⸗ ten weithin, gar weit weg von uns in fremde Länder.— Der alte Baron ſah mit ſichtlichem Erbeben auf; da ſtand Placida in dem Eingange, eine traurige, erſchüt⸗ ternde Schmerzgeſtalt. Sowie ihr Auge dem Auge des Barons begegnet war, zuckten ihre Glieder, ſie ſtürzte auf die Kinder zu und faßte Beider Hände, als wollte ſie Beide fortreißen und ſchirmen; aber von Schwäche übermannt, ſank ſie an ihnen hin in die Knie und ſchluchzte laut. Und der alte Baron legte ſeine Hände von hinten her auf beider Kinder Häupter, als wolle er auf dieſe Weiſe einen Ring bilden zwiſchen ſich und der Beleidig⸗ ten, und man hörte ihn murmeln: Herr, vergib uns unſere Schuld!— 4 3 Eine ſchwere Hand berührte ſeine Schulter und ſtörte ₰ ſein Gebet. Es war Don Ahgoſtinho's Hand. Recht 6 alſo, Baron! ſagte er mit tiefer Stimme. Der Herr der Heerſchaaren überhört das Wort nicht, das aus einem reuigen Herzen quillt. Das Mutterherz war mächtiger, als die Vernunft, und die Natur hat über Nacht den Sieg davon getragen. Und auch Ihr, denke ich, ſeid durch die Wunderthäterin Natur geheilt von einer langen und gar gefährlichen Krankheit des Gemüths. Sollte der Menſch nicht ertragen, was Gottes Langmuth erträgt? Soll der Menſch verfolgen, was der Himmel Soll er verdammen, wo die Gottheit ſchweigt viel Raum in der Welt, und der Wege ſind viele. La Jeden ſuchen den beſten, auf welchem er ſich zum Hims mel zu finden vermeint; ohne Gottes Hand findet ½ ihn Keiner. Aber uns laſſet eifern in Duldung und— Liebe. Ich meine, wer es darin dem Andern zuvor thut, der hat den nächſten Weg zur Himmelsthüre gefunden.— —0—— . 4 ——— —— —— — .* „ — . 4